3—= 2— 4 8— N Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 wird. 5 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Nr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 7 57„ 2„„ 1— 11 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Plan zum„Bravo“ wurde während eines kurzen Aufenthaltes in Venedig, im Frühling des Jahres 1830, entworfen. Jene großen Ereigniſſe, die ſeitdem die politiſche Phyſiognomie Europa's ſo ſehr verändert haben und ver⸗ muthlich noch mehr verändern werden, waren noch nicht zu ihrer Reife gediehen, wenn auch die ſteigende Macht jenes un⸗ aufhaltſamen Strebens nach Dem, was ewig wahr bleiben wird, in den Gemüthern nicht zu verkennen war. Das Werk wurde größtentheils in Paris geſchrieben und zu einer Zeit, die dem Verfaſſer manche neue Belege für ſeinen Grundgedanken dar⸗ VIII bot; denn ſie lehrte, wie Falſchheit und Hinterliſt mit den gerechten Erwartungen der Menge ihr Spiel trieben, indem ſie das Vertrauen des Volkes täuſchten und die Früchte ſeines Schweißes zu feilen, ſelbſtiſchen Zwecken mißbrauchten. So⸗ mit wird unnöthig ſein, zu bemerken, daß die Tendenz dieſes Buches eine politiſche iſt; es will vornehmlich zweierlei— einmal: zeigen, wie die Menge in den Netzen einer Geheim⸗ politik ſich verfängt, zu Zeiten, da ſelbſt die Wohlmeinendſten der Macht der Umſtände unterliegen; ſodann: darzuthun, was die Nichtverantwortlichkeit einer ariſtokratiſchen Regierungs⸗ form heißen will, wo das Gehäſſige ſelbſt der ſchlechteſten That allein auf eine Korporation ohne Herz und Seele fallen muß, die— um unſerem Werke ſelbſt einen Gedanken zu entlehnen— weder den Vortheil eines despotiſch regierten Staates gewährt, wo die perſönlichen Eigenſchaften des Ro⸗ genten mitunter ſo viel gut zu machen vermögen; noch den einer Demokratie, in welcher das menſchliche Gefühl einer Stimmen⸗Mehrheit allein den Ausſchlag geben darf. Zu der Charakterzeichnung der Hauptperſon, des„Bravo“, IX gab eine Reihe venetianiſcher Regierungsmaximen Anlaß, die in den Archiven dieſes mitleidloſen Staates aufgefunden wurden, als die Franzoſen im Revolutionskriege die Republik in Beſitz nahmen. Wie ſehr auch der Ausgang dieſer Er⸗ zählung jedes geſunde menſchliche Herz empören wird, ſo glauben wir uns doch hierin, weder in Beziehung auf die Grundſätze noch auf die Handlungsweiſe der venetianiſchen Republik— irgend einer Uebertreibung zeihen laſſen zu dürfen. Schon in dem Vorworte zur erſten Ausgabe erklärte der Verfaſſer, daß er Sitten nur ſchildern wollte, ſo weit ſie mit Grundſätzen zuſammenhiengen. Die Einführung wirk⸗ licher hiſtoriſcher Charaktere und Ereigniſſe iſt abſichtlich ver⸗ mieden worden; Alles, was etwa hieran erinnern möchte, ſollte nur dazu dienen, dem Gemälde venetianiſchen Lebens durch eine gehörige Miſchung der Lokalfarben um ſo größere Wahrſcheinlichkeit zu leihen. Die Moral des Ganzen ſollte nur aus der Erzählung ſelbſt fließen, daher un ſo paßen⸗ der erſcheint, dem Leſer jede derartige Nutzanwendung aus⸗ ſchließlich zu überlaſſen. . XI Der Druck des Originals ging während der Abweſen⸗ heit des Verfaſſers in einem andern Lande vor ſich, was einige nicht unweſentliche Druckfehler herbeiführte. Auch iſt durch falſche Interpunktion hie und da der Sinn entſtellt worden oder gänzlich verloren gegangen. Alle dieſe Mängel, ſo weit ſte dem Verfaſſer bekannt geworden— ſind in der vorliegenden Ausgabe verbeſſert worden und wir hoffen ſomit, daß das Werk in ſeiner neuen Geſtalt die Mühe des Leſers wenigſtens eher als zuvor belohnen werde. London, October 1833. Erſtes Kapitel. Hier ragt ein Kerker, dort ein Schloß; es war Venedigs Seufzerbrücke, wo ich ſtand. Ich ſah Gebäu den Wellen wunderbar Entſteigen, wie durch Zauber hingebannt; Sah ein Jahrtauſend um mich, das entſchwand. Zurück des Ruhmes Abſchiedslächeln ſchaut Auf alte Zeit, da manch bezwungnes Land Venedigs Flügellöwen hat vertraut, Wo's ſeine Macht auf hundert Inſeln hat gebaut. Byron. Die Sonne war hinter den Tyroler⸗Alpen verſchwunden und ſchon begann der Mond über die niedere Fläche des Lido heraufzu⸗ ſteigen. Gleich einem Strom, der ſich durch einen engen Kanal in ein geräumiges, ſchäumendes Becken ergießt, zwängten ſich aus den ſchmalen Gaſſen Venedigs Hunderte von Fußgängern hervor nach dem St. Markusplatze. Stolze Cavalieri und gravitätiſche Cittadini, dalmatiſche Krieger und venetianiſche Matroſen, ehrſame Bürger⸗ frauen und Damen von feineren Sitten, Juwelenhändler von Rialto und Kaufleute aus der Levante, Jude, Türke, Chriſt, Reiſender, Abenteurer, Podeſta, Kammerdiener, Advokat und Gondoliere— Alle zogen nach dem einen gemeinſchaftlichen Mittelpunkte der Er⸗ holung. Der geſchäftige und der nachläſſige Blick, der gemeſſene Schritt und das prüfende Auge, Scherz und Gelächter, der Cantatrice Lied und die Melodie der Flöte, die drolligen Geberden eines Luſtig⸗ machers und das tragiſche Zürnen des Improviſators, das gezwungene melancholiſche Lächeln des Harfners und das Geſchrei der Waſſer⸗ Der Bravo. 8 1. verkäufer, Moͤnchskaputzen, Federbüſche— dieß Durcheinander⸗ geſumme, dieſes mannichfache Hin⸗ und Herdrängen, verbunden mit den unbeweglichern Gegenſtänden des Ortes, machte den Auftritt zu dem eigenthümlichſten, den man in der ganzen Chriſtenheit finden konnte. Auf der Grenzlinie liegend, die das weſtliche Europa von dem öſtlichen ſcheidet, und mit dem letzteren in ununterbrochenem Verkehr, beſaß Venedig eine größere Miſchung der Charaktere und der Co⸗ ſtüme, als irgend einer der zahlreichen Häfen dieſer Region. Noch jetzt, da ſein Stern längſt untergegangen iſt, ſind die Spuren dieſer Eigenthümlichkeit zu ſehen; doch damals als ſich das begab, was wir erzählen wollen, war es noch reich und mächtig, wenn auch nicht mehr Herrin des Mittelmeers oder ſelbſt des adriatiſchen Buſens. Damals wog es noch etwas in der Wagſchale der Regierungen ge⸗ bildeter Völker, und ſein Handel, freilich ſchon im Abnehmen begriffen, war doch noch ſo bedeutend, daß die Enkel Derer, welche ſich im höchſten Flor der Republik zu Reichthum und Glanz emporgeſchwungen hatten, den ererbten Beſitz behaupten konnten. Kurz, jene Lethargie, welche den moraliſchen wie den phyſiſchen Verfall eines Staats be⸗ zeichnet, fing nur eben an, die Bewohner dieſer Eilande zu beſchleichen. Zur genannten Stunde waren die Kaffeehäuſer und Caſinos in den die drei Seiten der länglich viereckigen großen Piazza um⸗ gebenden Porticos mit Geſellſchaft ſchon überfüllt, und das Men⸗ ſchengewimmel auf dem freien Platze ſelbſt ward daher zuſehends größer. Tauſende von Fackeln und Lampen erleuchteten die Arkaden mit hellem Glanze, während die Procuratien, eine Flucht von groß⸗ artigen Gebäuden, der maſſive Palaſt des Dogen, die Kirche, eine der älteſten in der ganzen Chriſtenheit, die Granitſäulen der Piazetta, die Siegesmaſten des großen Platzes und der ſchwindelerregend hohe Thurm der Campanile in dem mildern Mondesſtrahle ſchlummerten. Der geräumigen Fläche des großen Platzes die Vorderſeite zu⸗ kehrend, ſtand die groteske und ehrwürdige Kathedrale des San Marco. Ein Tempel von Trophäen, Zeuge von der Tapferkeit und Froͤm⸗ 3 migkeit der Gründer, überragte dies merkwürdige Gebäu die übrigen Monumente des Platzes, als ein Denkmal von der alten Herrlichkeit und Größe der Republik. Seine ſaraceniſche Architektur, die Reihen ſchmuckreicher aber nutzloſer Säulchen, die niedrigen aſtatiſchen Kup⸗ peln, ſeit einem Jahrtauſende auf dem Gemäuer ruhend, der rohe Prunk der Moſaikarbeit, und vor allem die erbeuteten Pferde von Korinth, die aus der düſtern Maſſe im Glanze griechiſcher Kunſt hervortreten, Alles erhielt in der ernſten eigenthümlichen Beleuchtung einen ſo melancholiſchen, ſo geheimnißvollen Anſtrich, wie er wohl zu den zahlreichen Erinnerungen paßt, welche dieſer mächtige Ueberreſt der Vergangenheit in der Seele des Beſchauers hervorruft. Neben dieſem Bau that ſich manch' andre eigenthümliche Zier des Platzes hervor. Der Fuß der Campanile lag tief im Schatten, während die Oſtſeite des grauen Gipfels wohl hundert Fuß abwärts vom vollen Mondlichte beglänzt war. Daneben dämmerten in dunkeln geſpenſtigen Linien die Maſte, welche erbeutete Fahnen von Candia, Conſtantinopel und Morea zu tragen beſtimmt waren⸗ Aber am andern Ende des kleinern Platzes, nahe der Seeküſte, erhoben ſich auf ihren Säulen von afrikaniſchem Granit hier der geflüͤgelte Löwe, dort der Schutzheilige der Stadt, gegen den azurnen Hintergrund ſich deutlich abſetzend. Am Fuße der erſtern von dieſen Steinmaſſen ſtand ein Mann, der in die belebte und auffallende Scene vor ſeinen Augen, wie es ſchien, mit der achtloſen Gleichgültigkeit der Gewohnheit ſchaute. Die Menge, zum Theil maskirt, zum Theil nicht vermeidend, daß man ſie kenne, war den Damm entlang in die Piazetta geſtrömt, um den Hauptplatz zu erreichen, während jener Mann, wie vor Ermüdung, kaum einen Blick ſeitwärts warf, kaum ein Glied rührte. Er ſtand wie Jemand, der gewohnt iſt, mit Geduld und Gehorſam dem Vergnügen Anderer zu dienen. Seine verſchränkten Arme, ſein auf einem Beine ruhender Körper und ſein müßiger gutmü⸗ thiger Blick ſchienen auf den Wink eines Herrn zu warten, ehe er 8 ſich vom Fleck rührte. Eine ſeidene Jacke mit Blumen in glän⸗ zenden Farben durchwirkt, der umgelegte Scharlachkragen, und die mit einem Wappen vorn geſtickte Sammtmütze verriethen einen Gondolier in Privatdienſten.* Ueberdrüßig der Poſſen einer etwas entfernten Gauklerbande, deren lebendige Pyramiden er eine Weile angeſchaut hatte, wandte er ſich dem leichten Lüftchen zu, welches aus dem Waſſer aufſtieg, als plötzlich die Freude des Wiedererkennens durch ſeine Züge leuchtete, und in einem Augenblick waren ſeine Arme verſchlungen mit denen eines ſchwarzbraunen Seemannes, der die loſe Kleidung und die phrygiſche Mütze ſeines Standes trug. Der Gondolier begann die Unterhaltung in der wohlklingenden Ausſprache ſeiner Geburtsſtadt. „Du biſt's, Stefano! ſagten ſie doch, Du wärſt den verdammten Barbaren in die Klauen gerathen, und pflanzteſt Blumen für einen Ungläubigen mit Deinen Händen und begöſſeſt ſie mit Deinen Thränen.“ In der härteren Mundart Calabriens und mit der derben Ver⸗ traulichkeit eines Seemannes ward erwiedert: „La bella Sorrentina iſt keine Köchin eines Prieſters! Keine Dirne, die mit einem tuneſiſchen Kaper, der ſie umſchwaͤrmt, Sieſta hielte. Wärſt Du je über den Lido hinausgekommen, ſo wüßteſt Du, daß es was anders iſt, Jagdmachen auf die Feluke, und was anders: ſie fangen.“— „Auf's Kniee, und danke San Teodoro für die Rettung. Es ward wohl viel gebetet auf Deinem Verdeck, caro Stefano, obgleich in dem ganzen Gebirg von Calabrien kein Menſch kühner iſt, wenn Deine Feluke nämlich erſt ſicher auf den Strand es gezogen iſt.“ * Auch die öffentlichen Gondolieri hatten früher ihre eigene Tracht, wie alle dienſtthuenden Klaſſen in Europa. Jetzt tragen nur noch die Gondolieri in Privatdienſten eine Art von Livree. 3 „* Dieß„Stranden“ der kleineren Schiffe findet man längs der ganzen Küſtenausdehnung des Mittelmeeres, die zwar faſt durchgehends felſig iſt, aber doch ſandiges Vorland genug beſitzt, um dieſen dem Auge wohlthuenden Brauch zu geſtatten. 5 Der Seemann warf einen halb komiſchen, halb ernſten Blick hinauf zum Bilde des Schutzpatrons und ſagte dann: „Die Flügel Deines Löwen hätten wir beſſer gebrauchen können⸗ als die Gunſt deines Heiligen. Ich verſteige mich mit den Bitten um Beiſtand nicht weiter nördlich als zum heiligen Januarius, und wenn ein Orkan los heulte.“ „Deſto ſchlimmer für Dich, caro, denn der gute Biſchof ver⸗ ſteht ſich wohl darauf, die Lava zu hemmen, aber nicht die Winde zu ſtillen. Aber war's denn rechte Gefahr, die Feluke und ihre brave Mannſchaft an die Türken zu verlieren?“ „Ja wahrhaftig, es ſchwärmte ein Tuneſer zwiſchen Stromboli und Sicilien, aber Ali di San Michele! leichter hätte er die Wolke über dem Vulkan gehaſcht, als die Feluke im Sirocco!“ „Du warſt wohl ein Haſe, Stefano?“ „Ich!— Eher war ich wie Dein Löwe da, einige Ketten und Maulkörbe zugerechnet!“ „Das war wohl aus der Eilfertigkeit der Feluke zu ſehen?“ „Cospetto! Ich habe mich tauſendmal während der Jagd zum Johanniterritter gewünſcht, und la bella Sorrentina zu einer tüch⸗ tigen Maltheſergaleere, und wärs nur um die chriſtliche Ehre! Der Ungläubige war mir beinah drei Stunden lang ſo nahe, daß ich Dir genau ſagen konnte, welcher von den Schuften ſchmutziges Zeug in ſeinem Turban hatte, und welcher reines. Es war ein jämmer⸗ licher Anblick, Stefano, für einen Chriſtenmenſchen, den Heiden ſo auf ſich losſegeln zu ſehen.“ „Dir ſind wohl die Sohlen heiß geworden beim Gedanken an die Baſtonade, caro mio?“ „Ich bin zu oft barfuß über unſre calabriſchen Berge gerannt, als daß mir bei derlei Einbildungen die Sohlen jucken ſollten.“ „Jedweder Menſch hat ſeinen empfindlichen Fleck. Der Deinige iſt Furcht vor Türkenhänden. Die Berge in Deinem Vaterlande haben ihre weichen Stellen eben ſo gut als ihre harten, aber die Tuneſen, ſagt man, wählen eine Diele ſo knorrig wie ihre eigenen Herzen, wenn's drauf ankommt, ſich am Jammer eines Chriſten zu erluſtigen.“ „Pah! der größte Glückspilz von uns allen muß es nehmen, wie es das Glück bringt. Sollen meine Sohlen durchaus geſtrichen werden, nun ſo wird der ehrliche Prieſter von Sant' Agata um ein Beichtkind geprellt ſeyn. Ich hab's abgemacht mit dem guten curato, daß alle ſolche unvorhergeſehene Leiden mit zählen ſollen in der Generalrechnung meiner Bußen. Aber wie ſteht's in Venedig?— und Du, was thuſt Du derzeit in den Kanälen, um die Blumen auf Deiner Jacke friſch zu erhalten?“ „Heut wie geſtern, und morgen wie heute. Ich rudre die Gondel vom Rialto zur Giudecca, vom San Giorgio zum San Marco, vom San Marco zum Lido, und vom Lido nach Hauſe. Auf dem Wege giebt's keine tuneſiſchen Kaper, die das Herz ſtarr machen und die Fußſohlen heiß.“ „Genug der Freundſchaft! Aber iſt nichts los in der Re⸗ publik? Kein junger Edler ertränkt, kein Jude gehängt?“ „Nichts das ich wüßte von Bedeutung— außer das Unglück, das dem Pietro begegnet iſt. Du erinnerſt Dich noch des Pietrillo? ddeer einſt mit Dir nach Dalmatien kreuzte als Supercargo, weil er u—nſt in Verdacht war, dem jungen Franken geholfen zu haben, der mit einer Senatorstochter durchging.“ „Ob ich noch denk' an die letzte Hungersnoth? Der Spitz⸗ bube that nichts als Maccaroni freſſen und den lacrymae christi ſchlürfen, den der dalmatiſche Graf an Bord hatte.“ „Poverino! Seine Gondel ward von einem Anconaſchiff nieder⸗ gerannt. Das ging darüber weg wie ein Senator, der eine Fliege zertritt.“. „Klein Fiſch muß nicht in tief Waſſer!“ „Der ehrliche Kerl fuhr über die Giudecca mit einem Fremden, der gemeint war, ſein Gebet im Redentore zu verrichten. Da ſchoß 8 „ 7 ihm die Brigg in den Baldachin, und ſchlug die Gondel in Stücken, als wär's'ne Waſſerblaſe geweſen, die der Bucentaur zurückläßt.“ „Der Padrone hätt' ſo großmüthig ſeyn ſollen über Pietro's Dummheit nicht zu klagen, da der ja ſeine Strafe ohnehin hatte.“ „Madre di dio! Der Padrone ging zur Stund' in See, oder er wäre Futter für die Fiſche in den Lagunen geworden! Da iſt kein Gondelier in ganz Venedig, der nicht den Schimpf im Herzen fühlte. Wir wiſſen uns ſo gut Recht zu ſchaffen als unſre Herren.“ „Ei nun, eine Gondel iſt ſo gut ſterblich wie eine Feluke, und jedes hat ſeine Zeit. Beſſer, am Stoß einer Brigg ſterben, als in die Klauen eines Türken fallen!— Was macht Dein junger Herr, Gino? Iſt's zu hoffen, daß er ſeine Anſprüche beim Senat durchſetzt?“ „Morgens kühlt er ſich in der Gindecca ab, und willſt Du wiſſen, was er Abends macht, ſieh Dich nur um unter den Edlen im Broglio.“ Indem er ſprach, warf der Gondelier einen Blick ſeitwärts, auf eine Gruppe Patricier, die unter den ſchattigen Arkaden am Palaſt des Dogen umherwandelten, einem Ort, welcher zu gewiſſen Zeiten nur den Bevorrechteten verſtattet war. „Mir iſt nicht unbekannt, daß die Edlen von Venedig zur Abendzeit die niedrige Colonnade da zu beſuchen pflegen, aber daß ſie in der Giudecca ſich baden, habe ich mein Lebtage nicht gehört.“ „Und würf ſich der Doge ſelbſt aus einer Gondel, er müßte ſinken oder ſchwimmen ſo gut wie ein ſchlechteres Chriſtenkind.“ Acqua dell' Adriatico! Wollt' der junge Herzog auch zum Redentore, da zu beten?“ „Er kam zurück und hatte es gethan— doch was verſchlägt's, in welchem Kanal ein junger Edelmann ſeine Nacht verſeufzt? Wir waren eben in der Näh', als das Anconaſchiff das Kunſtſtück machte. Während Giorgio und ich vor Wuth ſchäumten über die Tölpelei des Fremden, ſprang mein junger Herr, der, was Gondelfahren anlangt nicht viel Geſchmack und Kenntniß hat, in's Waſſer und rettete die junge Dame, damit es ihr nicht wie ihrem Onkel erginge.“ „Diavolo! Du haſt mir noch keine Silbe geſagt von einer jungen Dame und dem Tod ihres Onkels.“ „Ach, Du hatteſt Deinen Tuneſen im Kopf und haſt's ver⸗ geſſen. Ich muß Dir ja doch geſagt haben, wie nah die ſchöne Signora daran war, das Schickſal der Gondel zu theilen, und wie der Padrone den Tod des römiſchen Marcheſe auch auf ſeiner Seele hat.“ „Santo Padre! daß ein Chriſt den Tod eines gehetzten Hundes ſterben ſoll durch die Unachtſamkeit eines Gondeliers!“ „Es mag ein Glück für den von Ancona geweſen ſeyn, daß es ſo kam, denn der Römer, ſagen ſie, war ein Mann von Bedeu⸗ tung, daß er allenfalls hätte auch einen Senator über die Seufzer⸗ brücke ſpediren können.“ „Hol' der Teufel alle unachtſamen Schiffsleute,“ ſag' ich!— Was iſt aus dem linkiſchen Schurken geworden?“ „Ich ſag' Dir, er machte, daß er aus dem Lido kam, oder—“ „Pietrillo?“ „Den holte Giorgio mit der Ruderſtange herauf, denn wir⸗ waren alle beide hinterher, die Kiſſen und andere Sachen von Werth aufzuſiſchen.“ „Konnteſt Du für den armen Römer gar nichts thun? Es kann ja der Brigg Uebeles begegnen um ſeinen Tod!“ „Immerhin, immerhin ſag' ich Dir, bis ſie ihre Rippen auf einen Felſen legt, der härter iſt als das Herz ihres Padrone. Für den Fremden konnten wir nichts thun als beten zu San Teodoro, denn der iſt nicht wieder aufgeſtanden.— Aber was hat Dich her⸗ gebracht nach Venedig, caro mio? denn Dein letztes Unglück mit den Orangen hat Dir ja den Platz unerträglich gemacht.“ Der Calabreſe legte einen Finger auf die eine Backe und zog da⸗ mit die Haut nach unten, ſo daß ſein duniles, ſchelmiſches Auge —— 9 ein poſſenhaftes Ausſehen bekam, während auf dem übrigen Theil ſeines wirklich ſchönen griechiſchen Geſichts ein Anflug roher Laune durchblickte. „Schau doch, Gino;— fordert nicht Dein Herr manchmal ſeine Gondel zwiſchen Sonnenuntergang und Morgen?“ „Eine Eul' iſt nicht wachſamer als er in der letzten Zeit war. Dieſer mein Kopf lag auf keinem Kiſſen ehe die Sonne über den Lido heraufkam, nun ſchon ſeit der Schnee ſchmolz von Monſelice.“* „He? und wenn die Sonne des Angeſichts Deines Herrn unter iſt in ſeinem Palaſte, dann läufſt Du zur Brücke von Rialto,* zu den Juwelieren und Fleiſchern und poſaunſt aus, was er die Nacht durch gethan hat?“ „Diamine! Das wär' die letzte Nacht meines Dienſtes beim Herzog von St. Agata, wäre meine Zunge ſo ſchlüpfrig! Der Gondelier und der Beichtiger, das ſind die beiden Geheimräthe eines Edlen, Meiſter Stefano;'s iſt nur der kleine Unterſchied, daß der letztere bloß weiß, was der Sünder ihm enthüllen will, der erſtere aber weiß manchmal mehr. Da kann ich was Beſſeres thun, als mit meines Herrn Geheimniſſen in den Straßen umherlaufen!“ „Und ich bin auch klüger, als daß ich jeden jüdiſchen Trödler von San Marceo ſollt' in meinen Frachtbrief gucken laſſen!“ „He, alter Freund,'s iſt bei allem dem ein Unterſchied zwiſchen unſer beider Geſchäft. Ein Padrone von einer Feluke kann ſich „billigerweiſe nicht meſſen mit dem ſo überaus vertrauten Gondelier * Die einzigen Berge— zoder richtiger Hügel der Lombardei, die ver⸗ muthlich als Golf⸗Inſeln aus dem das jetzige Feſtland bedeckenden Waſſer her⸗ vorragten. Sie ſind dreißig und etliche Meilen von Venedig entfernt, auf dem Wege nach Ferrara. s* Dieſe berühmte Brücke wird von zwei Budenreihen in drei Gänge ge⸗ theilt. Im mittlern Gange ſind hauptſächlich Goldſchmiede, in den beiden andern Fleiſcher. Der Rialto iſt eine Inſel und die Rialtobrücke, die erſte Venedig’s— führt zu verſelben. Mit dem Rialto des Shakeſpeare iſt ohne Zweifel letztere gemeint, die als eine Art von Börſe diente. 10 eines neapolitaniſchen Herzogs, der Anwartſchaft hat auf einen Sitz im Rathe der Dreihundert.“ „Juſt der Unterſchied zwiſchen ſtill Waſſer und rauhem.— Du kräuſelſt die Oberfläche eines Kanals mit Deinem ſchläfrigen Ruder. Ich aber, ich durchlaufe den Kanal Piombino unter einem Wind⸗ ſtoß, den Faro von Meſſina vorbei im hellen Sturm, umſegle Santa Maria de Leuca unter einem levantiniſchen Winde, und ſtreiche übers adriatiſche Gewäſſer, vor einem Sirocco her, der heiß genug iſt, meine Maccaroni zu kochen und die See ſchäumen zu machen, toller als der Seylla ihr Keſſel.“ „St!“ unterbrach ihn jählings der Gondelier, der mit italieni⸗ ſchem Humor, doch ohne wirklichen Eifer, in den Rangſtreit ſich eingelaſſen hatte.„St! da kommt Einer, der ſonſt glauben möchte, wir bedürften ſeiner Fauſt, um den Streit zu ſchlichten— Eccolo!“ Der Calabreſe trat einen Schritt zurück, und betrachtete ſchwei⸗ gend und mit düſterem, angeſpannten Blick den Vorübergehenden, welcher dieſe ſchnelle Bemerkung veranlaßt hatte. Der Fremde ging langſam vorbei, ein Mann noch nicht dreißig Jahr alt, obwohl der ruhige Ernſt ſeiner Züge ein vorgerückteres Alter vermuthen ließ. In ſeinen Wangen war kein Blutstropfe— aber mehr geiſtige Leiden als körperliche ſchienen ſie gebleicht zu haben. Geſundheit verrieth ſonſt der ſtarke muskulöſe Bau ſeines Körpers, der, gewandt und ſchmeidig, doch alle Zeichen der Kraft an ſich trug. Sein Schritt war ſicher, feſt und gleichförmig; er hielt ſich aufrecht und leicht. In ſeinen Mienen konnte dem Beobachter ein hervorſtechender Zug von Selbſtbeherrſchung kaum entgehen. Seine Bekleidung aber ge⸗ hörte dem niederen Stande an. Ein Wams von geringem Sammt, eine dunkle Montero⸗Mütze, dergleichen in den ſüdlichen Gegenden Europa's damals gebräuchlich war, und andere Kleidungsſtücke ähn⸗ licher Art, machten ſeinen Anzug aus. Sein Blick war eher ſchwer⸗ müthig als finſter, und deſſen Feſtigkeit ſtimmte gut zu der ruhigen Haltung des ganzen Körpers. Die Geſichtszüge waren kühn und ◻̈——+½ 11 wohl edel zu nennen, ſich hervorthuend in jener kräftigen mäͤnnlichen Zeichnung, welche den ſchöneren Männern in Italien eigen iſt. Aus dieſen auffallenden Zügen hervor blitzte ein Auge voll Feuer, Klug⸗ heit und Leidenſchaft. Indem der Fremde vorüberging, ſtreiften ſeine glänzenden Au⸗ gen den Gondelier und deſſen Gefährten, aber dieſer Blick, obgleich durchdringend, war doch antheillos, einer von jenen Streifblicken, welche Menſchen, die zu Mißtrauen Urſach haben, in die Menge zu werfen pflegen. Derſelbe Blick traf jeden Nächſten, der entgegen⸗ kam, und ehe ſich die feſte gehaltne Geſtalt im Haufen verlor, hatte das unſtäte Auge mit ſeinem ſchnellen blitzenden Strahl wohl zwanzig Andere berührt. Der Gondelier und der Seemann ſchwiegen ſtill, bis ſie den Fremden, dem ſie ſtarr nachſahen, gänzlich aus den Augen verloren. Dann ſtieß der erſtere eintönig und mit tiefem Athemzuge hervor: „Jacopo!“ Sein Kamerad hob drei Finger auf, verſtohlen auf den Palaſt des Dogen deutend: „Laſſen ſie Den ſo frei umherlaufen, ſelbſt in San Marco?“ fragte er mit unverſtelltem Erſtaunen. „s iſt nicht leicht, caro amico, Waſſer Strom auf treiben, oder den Strom, wo er hinabſtürzt, hemmen. Die meiſten Sena⸗ toren, ſagt man, würden lieber ihre Ausſicht auf die gehörnte Mütze fahren laſſen als dieſen Jacopo! Er kennt mehr Familiengeheimniſſe als der gute Prior von San Marco, und doch ſitzt der arme Mann die Hälfte ſeiner Zeit im Beichtſtuhl.“ „Aha, ſie haben Furcht, ihm ein eiſern Wams anzulegen, da⸗ mit nicht Geheimniſſe ungeſchickt ausgepreßt werden.“ „Corpo di Bacco!'s wär' wenig Frieden in Venedig, wenn der Rath der Dreie ſich's einfallen ließe, die Zunge jenes Mannes ſo plump frei zu machen.“ „Man ſagt aber, Gino, daß der Rath der Dreie eine Manier 12 hat, die Fiſche der Lagunen zu füttern, welche den Verdacht auf irgend ſo ein unglückliches Anconaſchiff werfen könnte, wenn man je den Leichnam fände.“. „He, Du brauchſt das nicht ſo laut zu ſchreien, als grüßteſt hält. Wahrhaftig, es gibt wenig Geſchäftsleute, denen man mehr Kundſchaft zutraut als dem, welcher eben nach der Piazetta ging.“ „So, für zwei Zechinen!“ ſetzte der Calabreſe mit einer er⸗ läuternden Geberde hinzu. „Santa Madonna! Du vergiſſeſt, Stefano, daß der Beichtvater keine Mühe hat, wenn dieſer Einen erpedirt. Von ſeiner Fauſt haſt Du den Stoß nicht einen Deut* wohlfeiler als hundert Zechinen. Deine Sorte für zwei Zechinen läßt ja einem Manne Zeit, Ge⸗ ſchichten zu erzählen, oder gar ſeinen Segen zu beten während der halben Arbeit.“ „Jacopo!“ rief der Andre mit einem Nachdruck, der all ſeinen Abſcheu und ſein Entſetzen gleichſam in einen Laut zu faſſen ſchien. Der Gondelier zuckte die Achſeln, und in der Geberde lag ſoviel, als ein Mann von der Oſtſeeküſte nur in Worten ſagen könnte, aber auch ihm ſchien die Sache zur Genüge verhandelt. „Stefano Milano,“ ſagte er nach einer Pauſe,„es gibt Dinge in Venedig, die ein Mann, der ſeine Maccaroni in Frieden eſſen will, wohl thut, zu vergeſſen. Mag Dein Geſchäft hier ſeyn, welches es wolle, Du kommſt gelegen, dem Wettfahren beizuwohnen, das der Skaat ſelber morgen gibt.“ „Wirſt Du bei dem Rennen dabei ſeyn?“ „Georgio oder ich, unterm Schutz des heiligen Teodoro. Der Preis iſt eine ſilberne Gondel für Den, der durch Glück oder Ge⸗ ſchicklichkeit den Sieg davon trägt. Dann werden wir auch noch die Hochzeit mit dem Meere haben.“ „ Im Original ſteht caratano, die niedrigſte Münze Venedig's— im Werthe etwa ein Pfennig. Das Wort ſcheint aus quaranta(40) verderbt zu ſeyn. Du einen Sieilianer durch's Sprachrohr, wenn ſich's auch ſo ver⸗ D 1 ☛ 13 „Deine Edlen ſollten nur recht ernſtlich um die Braut freien, denn's gibt Ketzer, die ihr die Cour machen. Ich bin da einem Streifer von abſonderlichem Getakel und wunderſamer Behendigkeit begegnet, als ich die Spitzen von Otranto umfuhr. Der ſchien große Luſt zu haben, der Feluke zu folgen in die Lagunen hinein.“ „Haſt Du bei dem Anblick wieder heiße Sohlen bekommen, mein Lieber?“ „Es war kein Turban auf dem Deck, ſondern jede Seemütze ſaß auf einem behaarten Schopf mit geſchornem Kinn. Dein Bucen⸗ taur iſt nicht mehr die tüchtigſte Barke, die zwiſchen Dalmatien und den Inſeln ſegelt, wenn auch ihre Vergoldung am meiſten glänzt.'S gibt Leute jenſeit der Herkulesſäulen, die ſind nicht zu⸗ frieden zu ſchaffen, was an ihren Küſten zu ſchaffen iſt, ſondern haben Luſt auch Vielerlei zu ſchaffen, was es an der unſern zu ſchaffen gibt.“ „Die Republik iſt ein Bischen alt, caro, und das Alter be⸗ darf der Ruh. Die Fugen des Bucentauren ſind geborſten von der Zeit und den vielen Fahrten zum Lido. Meinen Herrn habe ich ſagen hören, daß der geflügelte Löwe nicht mehr ſo große Sätze macht, als ehedem, ſelbſt in ſeinen jungen Tagen.“ „Don Camillo hat den Ruf dafür, daß er kühnlich über die Grundlagen dieſer Pfahlſtadt abſpricht, wenn er das alte Dach von St. Agata ſicher über'm Kopfe hat. Spräch' er ehrerbietiger von der gehörnten Mütze und vom Rathe der Dreie, ſo möͤchten auch ſeine Anſprüche auf die Berechtigungen ſeiner Vorfahren in den Augen ſeiner Richter billiger erſcheinen. Die Weite aber verſchmilzt die Farben und verkleinert die Furcht. Meine eigne Anſicht über die Eil der Feluke und die Tüchtigkeit eines Türken iſt auch anders im Hafen als in offener See; und ich hab' Dich geſehn, guter Gino, wie Du in Neapel den heiligen Theodor vergaßeſt und zum heiligen Januarius ganz wacker ſchrieſt, als ob Du wirklich gedacht hätteſt, der Berg könnt' Dir's anhaben.“ 14 „Ja, man muß ſich an den nächſten wenden, ſo wird man am ſchnellſten erhört,“— entgegnete der Gondolier, indem er einen Blick, der halb launig halb abergläubiſch war, zu dem Heiligen⸗ bild hinaufwarf, an deſſen Fußgeſtell er gelehnt ſtand.—„Das iſt eine Wahrheit, die uns zur Vorſicht ermahnt, denn jener Jude dort wirft einen Blick her, als wär's wider ſein Gewiſſen, eine unehr⸗ erbietige Bemerkung von unſrer Seite paſſiren zu laſſen, ohne uns anzugeben. Der bärtige, alte Schurke ſoll ohnedieß mit den Drei⸗ hunderten mehr zu thun haben als bloß das Geld einzufordern, das er ihren Söhnen geliehen hat. Und ſo meinſt Du, Stefano, die Republik wird keinen Siegesmaſt mehr aufpflanzen in San Marco und der ehrwürdigen Kirche keine Trophäen mehr bringen?“ „Napoli ſelber, mit all' ſeinem ewigen Herrenwechſel, könnte ebenſo gut eine große That zur See thun, als Deine geflügelte Beſtie dermalen! Du verſtehſt's wohl, eine Gondel in den Kanälen zu rudern, Gino, oder Deinen Herrn nach ſeinem Schloß in Calabrien zu begleiten, aber um zu wiſſen, was in der weiten Welt vorgeht, da ſey zufrieden, wenn Du von einem Seemann, der weit herum⸗ kommt, etwas zu hören kriegſt. Der Tag von San Marco iſt aus und es kommt der der Ketzer weiter im Norden.“ „Du warſt neuerlich viel im Lügenland, bei den Genueſen, da kommſt Du denn her mit ſolch müſſigem Geſchwätz von dem, was ein Ketzer vermag. Genova la Superba! Was iſt ſo eine Stadt von lauter Mauern gegen eine von Kanälen und Inſeln, wie dieſe hier?— und was hat die Apenninenrepublik denn ge⸗ leiſtet, daß man ſie mit der Köͤnigin des adriatiſchen Meeres ver⸗ gleichen darf? Du vergiſſeſt, Venedig war——„ „Zitto, zitto! war, war, caro mio, das iſt ein wichtiges Wort in ganz Italien. Du biſt ſo ſtolz auf's Vergangene wie ein Römer auf ſein Traſtevere⸗“ ⁸ a2 Traſtevere, der Stadttheil in Rom öſtlich von der Tiber. Die Bewohner er 15 „Und der Römer mit ſeinem Traſtevere hat Recht. Gilt Dir's denn nichts, Stefano Milano, von einem großen und ruhmreichen Volke abzuſtammen?“ „'s iſt beſſer, Gino Monaldi, von einem Volk zu ſeyn, das eben noch groß und ruhmreich iſt. Die Freud' an der Vorzeit iſt wie das Vergnügen des Narren, der vom geſtern getrunkenen Weine träumt.“ „Gut das für einen Neapolitaner, deſſen Land niemals eine Nation geweſen iſt,“— verſetzte ärgerlich der Gondolier.—„Ich hab' oft gehört von Don Camillo, der geboren und erzogen iſt in dem Lande, daß halb Europa euer Sicilien als Pferd gebraucht und eure neapolitaniſchen Beine ſtrapazirt hat; nur Die haben's nicht gethan, die das nächſte Recht dazu hatten.“ „Wenn auch! Die Feigen ſind doch ſo ſüß, und die Feigen⸗ ſchnepfen ſo zart wie immer. Die Aſche vom Vulkan deckt Alles.“ „Gino,“ ſagte eine befehlende Stimme neben dem Gondolier. „Signore.“ Der, welcher das Geſpräch unterbrochen hatte, deutete auf das Boot, ohne weiter ein Wort zu ſagen. „A rivederti,“ murmelte der Gondolier in Haſt. Sein Ka⸗ merad drückte ihm ganz freundſchaftlich die Hand— denn eigentlich waren ſie geborne Landsleute, obgleich das wandelbare Schickſal den Einen in die Kanäle geführt hatte— und im nächſten Augenblick ordnete Gino die Kiſſen für ſeinen Herrn, nachdem er zuvor ſeinen ihm untergebenen Rudergeſellen aus tiefem Schlaf geweckt hatte. deſſelben geben vor, von den alten Herren der Welt abzuſtammen und blicken mit Verachtung auf die übrigen Römer als Barbaren. . 16 Zweites Kapitel. Schwammſt je in einer Gondel zu Venedig? Shakeſpeare. Als Don Camillo Monforte in die Gondel getreten war, ſetzte er ſich nicht in den Pavillon derſelben. Einen Arm auf das Dach des Baldachins gelehnt, den Mantel nachläſſig über eine Schulter geworfen, ſtand der junge Edle in Gedanken vertieft, bis ſeine ge⸗ ſchickten Dienſtleute das Fahrzeug mitten aus der kleinen Flotte, die am Quai ſich drängte, losgewirrt und in's offne Waſſer gebracht hatten. Nach dieſem erſten Geſchäft griff Gino an ſeine Scharlach⸗ mütze und ſah ſeinen Herrn fragend an, des Befehls, nach welcher Richtung er rudern ſolle, gewärtig. Eine ſtillſchweigende Bewegung, welche auf den großen Kanal deutete, diente zur Antwort. „Du ſetzeſt eine Ehre darin, Gino, Deine Geſchicklichkeit in der Regattas zu zeigen?“ bemerkte Don Camillo nach einer kleinen Weile.„Dies Streben verdient durch Erfolg belohnt zu werden. Du ſpracheſt da mit einem Fremden, als ich Dich zur Gondel rief?“ „Ich erkundigte mich, was es auf unſeren calabriſchen Höhen Neues gäbe bei Einem, der mit ſeiner Feluke in den Hafen kam, ob⸗ gleich er beim heiligen Januarius geſchworen hatte, daß ſeine vorige unglückliche Reiſe hieher die letzte ſeyn ſollte.“ „Wie nennt er ſeine Feluke und wie heißt der Padrone?“ „Das Schiff heißt la bella Sorrentina und wird von einem gewiſſen Stefano Milano, dem Sohn eines alten Dieners auf Sant' Agata kommandirt. Was die Schnelligkeit anbetrifft, iſt das Schiff keins der ſchlechteſten, und gilt auch für ziemlich ſchön. Es muß überdieß mit Glück geſegnet ſeyn, denn der gute Prieſter hatte es mit manch' andächtigem Gebet der heiligen Jungfrau und dem hei⸗ ligen Franciscus empfohlen.“ * Regatta, Wettfahren mit Gondeln. nem ant' chiff muß e es hei⸗ 17 Der Edle ſchien jetzt dem Geſpräch mehr Aufmerkſamkeit zu ſchenken, da er es bisher in dem gleichgültigen Tone geführt hatte, mit dem ein herablaſſender Vorgeſetzter ſeinen Untergebnen zu er⸗ muntern pflegt.. „La bella Sorrentina! Sollte ich nicht das Fahrzeug kennen?“ „Ei freilich, Signore! Der Padrone hat Verwandte zu Sant' Agata, wie ich Ew. Excellenz berichtet habe, und ſein Schiff hat manch froſtigen Winter beim Schloſſe auf dem Strand gelegen.“ „Was führt ihn nach Venedig?“ „Wenn ich das erfahren könnte, ich gäb' meine neueſte Livree⸗ jacke drum. Es iſt grade meine Sache nicht, mich um andrer Leute Thun zu kümmern, und freilich wohl iſt Beſcheidenheit die Haupt⸗ tugend eines Gondoliers. Indeß ich brachte ſo einen geheimen Wink über ſein Gewerb' hier an, wie alte Nachbarn wohl mögen, da war der Menſch aber ſo zurückhaltend, als hätt' er die Beichten von fünfzig Chriſtenſeelen in Fracht genommen. Aber, wenn's Ew. Ex⸗ cellenz gelegen iſt, mir Vollmacht zu geben, ihn auszufragen, ſo müßt's ja mit dem Teufel zugehn, wenn wir nicht ſo mit dem Re⸗ ſpekt vor Ew. Excellenz und mit guter Manier etwas mehr von ihm herausbrächten als einen falſchen Frachtzettel?“ „Du magſt unter meinen Gondeln eine zur Regatta auswäh⸗ len, Gino!“ bemerkte der Herzog von Sant' Agata und trat in den Pavillon, wo er ſich auf die glatten ſchwarzledernen Kiſſen warf, ohne weiter auf das Geſchwätz ſeines Dieners zu achten. Geräuſchlos flog die Gondel dahin in jener geſpenſtigen Weiſe, welche dieſer Art von Fahrzeugen eigen iſt. Gino, welcher als der Vorgeſetzte ſeines Gehülfen, auf dem kleinen, geſchweiften Verdeck des Hintertheils ſtand, bewegte ſein Ruder mit gewohnter Behen⸗ digkeit und Geſchicklichkeit, indem er das leichte Boot bald zur Rechten bald zur Linken ſchwenken ließ, während es zwiſchen den zahlloſen Barken von allerlei Form und Beſtimmung, die entgegenkamen, hindurchglitt. Ein Palaſt nach dem andern, und mancher von den Der Bravo. 2 18 Hauptkanälen, welche nach den verſchiednen Schauſpielhäuſern und den übrigen Vergnügungsorten führten, die ſein Herr zu beſuchen pflegte, blieben dahinten, ohne daß Don Camillo eine neue Anwei⸗ ſung gab. Endlich befand ſich das Boot einem Hauſe gegenüber, welches mehr als gewöhnliche Erwartung zu erregen ſchien. Giorgio führte ſein Ruder nur mit einer Hand und ſah über ſeine Schulter nach Gino, und dieſer ließ das ſeinige gemächlich auf dem Waſſer ſchleppen. Beide ſchienen weiteren Befehl zu erwarten, nach Art jener mechaniſchen Uebereinſtimmung mit der Gewohnheit des Gebie⸗ ters, welche ein langgebrauchtes Pferd in der Nähe einer Thür, die ſein Herr ſelten unbeſucht läßt, zu zeigen pflegt. Das Gebäude, welches die Gondoliere ſo zögern machte, war eine von denjenigen Wohnungen Venedig's, die durch äußre reiche Verzierung ebenſo ſehr auffallen, als durch ihre ſeltſame Lage mitten im Waſſer. Ein plumper, maſſiver Sockel von Marmor wuarzelte ſo feſt in der Flut, als wüchſe er aus lebendigem Felſen, während Stockwerk auf Stockwerk merklich aufgeſetzt war, in muthwilliger Anwendung der eigenſinnigſten Regeln einer ausſchweifenden Archi⸗ tektur, bis zu einer Höͤhe hinauf ſich thürmend, wie man ſonſt nur an Paläſten der Fürſten zu ſehen gewohnt iſt. Colonnaden, Medail⸗ lons und maſſive Karnieße ſchwebten über dem Kanal, als hätte menſchliche Kunſt einen Stolz darin geſetzt, in der ſchweren Fülle des oberen Baues das unſtäte Element an ſeinem Fuße zu hoͤhnen. Eine Reihe Stufen, an welche jede leichte, von der vorüberfahrenden Barke erregte Wallung, eine Welle antrieb, führte zu einem geräu⸗ migen Hausflur, welcher in verſchiedner Beziehung die Dienſte eines Hofraums that. Zwei bis drei Gondeln, welche dicht dabei lagen, zeigten, unbemannt, daß ſie für den Gebrauch der Hausbewohner da waren. Die Gondeln wurden vor dem Anreiben der vorüber⸗ fahrenden Barken durch ſchräg in den Grund getriebne Pfäͤhle ge⸗ ſchützt. Dergleichen Prellpfähle, bunt gemalt und mit verzierten Köpfen, oft das Wappen und die Farben des Eigenthümers tragend, * 1 ͤ ——— † 5 5 19 bilden vor der Thür eines jeden irgend bedeutenden Hauſes eine Art kleinen Hafen für die dem Haushalt nöthigen Gondeln. „Wohin belieben Ew. Excellenz?“ fragte Gino, als er merkte, daß ſein ſympathetiſches Zögern keinen weitern Auftrag bewirkte. „Nach dem Palazzo!“ Giorgio warf einen Blick der Verwundrung auf ſeinen Kame⸗ raden, jedoch die folgſame Gondel ſchoß, wie auf plötzlichen innern Antrieb, der düſtern aber reichen Wohnung vorüber. Einen Augen⸗ blick darauf drehte ſie ſich ſeitwärts, und an dem hohlen Rauſchen wie Waſſer von hohen Mauern eingedämmt es erzeugt, war zu merken, daß man in einen engern Kanal einfuhr. Mit verkürzten Rudern ließen die Leute das Boot nach vorwärts gehn, jetzt in einen neuen Kanal kurz einbiegend, jetzt unter einer niedrigen Brücke hin⸗ ſchlüpfend, jetzt den bei Bootsleuten des Landes üblichen hellen, aber wohlklingenden Laut ausſtoßend, welcher den Entgegenſchiffenden zur Warnung dient. Bald jedoch wandte Gino mit einer Rückbewegung des Ruders den Bord des gehemmten Fahrzeugs einer kleinen Treppe zu. „Du folgſt mir,“ ſagte Don Camillo, indem er ſeinen Fuß mit gewohnter Vorſicht auf die naſſen Steine ſetzte, und legte eine Hand auf Gino's Schulter.„Ich habe einen Auftrag für Dich.“ Weder der Hausflur, noch der Eingang und was ſonſt von der Wohnung zunächſt in die Augen ſiel, verrieth ſoviel Pracht und Reichthum, als jener Palaſt im großen Kanal, doch war immer noch die Wohnung eines Edelmanns von Bedeutung daran zu erkennen. „Du wirſt wohl thun, Gino, Dein Glück der neuen Gondel anzuvertrauen,“ ſagte der Herr, die ſchweren Steinſtufen zu einem obern Flur hinanſteigend, und wies auf ein neues, ſchönes Boot, welches in einem Winkel der geräumigen Halle lag, wie man etwa anderswo Kutſchen im Hofe ſtehn ſieht.„Du weißt, Freund, wer Gunſt finden will bei Jupiter, muß ſelber Hand an's Werk legen.“ Gino's Auge glänzte vor Freude und er ergoß ſich in Dank⸗ ſagungen. Der erſte Flur war erreicht und ſchon befanden ſich die 20 Beiden in einer Reihe düſterer Gemächer, ehe ſich die Dankbarkeit und der Handwerksſtolz des Gondoliers hinlänglich Luft gemacht hatten. „Mit einem tüchtigen Arm und einer behenden Gondel kannſt Du ſo gut ſiegen, Gino, als ein Andrer, ſagte Don Camillo, indem er die Thür ſchloß, ſobald ſein Diener im Zimmer war.„Jetzt kannſt Du mir einen neuen Beweis von Deinem Eifer in meinem Dienſte geben. Iſt Dir ein Mann Namens Jacopo Frontoni per⸗ ſönlich bekannt?“ „Excellenz!“ rief der Gondolier, nach Luft ſchnappend. „Ich frage Dich, ob Du einen, der Frontoni heißt, von An⸗ geſicht kennſt?“ „Von Angeſicht, Signore?“— „Woran ſonſt wollt'ſt Du einen Mann erkennen?“ „Einen Mann, Signor' Don Camillo!“. „Haſt Du Deinen Herrn zum Beſten, Gino? Ich habe Dich gefragt, ob Dir ein gewiſſer Jacopo Frontoni von Perſon bekannt iſt, der hier in Venedig wohnt?“ „Ja, Excellenz!“ „Ich meine den, welcher längſt durch das Unglück ſeiner Familie bekannt iſt; ſein Vater ſoll auf der dalmatiſchen Küſte oder anderswo in Verbannung leben.“ „Ja, Excellenz!’“ „Es giebt viele dieſes Namens, es iſt daher wichtig, daß Du den rechten Mann nicht verfehlſt. Der Frontoni, den ich meine, heißt Jacopo, iſt ein junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, hat eine behende Geſtalt, ein ſchwermüthiges Geſicht, und kein ſo lebhaftes Weſen, als man in ſeinen Jahren zu haben pflegt⸗“ „Ja, Excellenz!“ 4 „Er unterhält nur wenig Umgang mit ſeines Gleichen, und zeichnet ſich mehr durch ſein ſchweigſames Betreiben ſeiner Geſchäfte als durch die gewöhnlichen Tändeleien und Vergnügungen von Leu⸗ —= ⸗ 21 ten ſeines Schlages aus. Alſo, ein gewiſſer Jacopo Frontoni, der irgendwo in der Nähe des Arſenals wohnt, iſt's, den ich meine.“ „Cospetto! Herr Herzog, uns Gondolieren iſt der Menſch ſo bekannt, wie die Rialto⸗Brücke, Excellenz brauchen ſich mit ſeiner Beſchreibung nicht zu mühen.“ Don Camillo ſuchte unter den Papieren in ſeinem Schreibtiſche. Bei der Bemerkung ſeines Dieners blickte er etwas überraſcht auf, fuhr dann aber gelaſſen wieder fort zu ſuchen, indem er ſagte: „Wenn Dir der Mann bekannt iſt, deſto beſſer.“ „Ja Excellenz! Und was iſt Ihr Begehren von dieſem ver⸗ wünſchten Jacopo?“ Der Herzog von Sant' Agata ſchien jetzt das Geſuchte gefun⸗ den zu haben, legte die umhergeworfenen Papiere wieder zuſammen und ſchloß den Schreibtiſch zu. „Gino,“ redete er nun ſeinen Diener in einem vertrauten und freundſchaftlichen Tone an,„Du biſt auf meinen Gütern geboren, und obgleich in Venedig zum Schiffer erzogen, ſo haſt Du doch Dein Leben in meinem Dienſte zugebracht.“ „Ja, Excellenz!“ „Es iſt mein Wunſch, daß Du Dein Leben beſchließen ſollſt, wo Du es begannſt. Ich hab' in Deine Verſchwiegenheit bisher immer viel Vertrauen geſetzt, und es freut mich, ſagen zu können, daß es mich nie getäuſcht hat, wiewohl Du Zeuge warſt von einigen meiner Jugendthaten, die Deinem Herrn manche Verlegenheit zuziehn konnten, wenn Du minder verſchwiegen warſt.“ „Ja, Exrellenz!“ Don Camillo lächelte, aber dies heitre Aufleuchten machte ſchnell einem ernſten und beſorgten Blicke Platz. „Da Du den Mann, den ich Dir genannt habe, kennſt, ſo iſt unſer Geſchäft einfach. Nimm dies Packet,“ ſagte er und legte einen verſiegelten Brief von mehr als gewöhnlicher Größe in die Hand des Gondoliers, zugleich einen Siegelring vom Finger ziehend, 22 „und dies zum Wahrzeichen Deiner Sendung. In dem Bogen des Dogenpalaſtes, welcher zum Kanal San Marco führt, unter der Seufzerbrücke, wirſt Du Jacopo finden. Gieb ihm das Packet, und ſollte er es fordern, ſo vorenthalte ihm auch den Ring nicht. Erwarte ſein Geheiß, und bringe mir Antwort.“ Gino vernahm dieſen Befehl mit vollkommner Ehrerbietung, aber mit unverſtellbarem Schrecken. Die gewohnte Unterwerfung unter den Willen ſeines Herrn ſchien in ihm mit tiefem Abſcheu gegen das ihm aufgetragne Geſchäft zu kämpfen. Es zeigte ſich ſogar in ſeinem, wenn auch unterwürfigen Zaudern eine Spur davon, daß der Grund zu ſeinem Widerwillen tiefer lag. Wenn dem Don Camillo der Blick und die Geberdung ſeines Dieners überhaupt nicht entgingen, ſo that er doch, als merkte er nichts. „Beim gewölbten Durchgange des Palaſtes unter der Seufzer⸗ brücke,“ ſagte er nochmals kaltblütig.„Mach, daß Du zeitig hin⸗ kommſt, möglichſt kurz vor der erſten Stunde der Nacht.“* „Ich wollte, Signore, es häͤtte Euch beliebt, Giorgio und mir zu befehlen, Euch nach Padua zu fahren.“ „Das iſt weit. Warum haſt Du mit einem Male Luſt, Dich ſo müde zu machen?“ „Weil es da auf den Wieſen keinen Dogenpalaſt giebt, und 1 keine Seufzerbrücke, und keinen Hund von Jacopo Frontoni.“ „Mein Auftrag iſt Dir nicht genehm, aber Du ſollſt wiſſen, daß ein treuer Diener gewiſſenhaft auszuführen hat, was ſein Herr ihm befiehlt. Du biſt geboren auf meinem Grund und Boden, Gino Monaldi, und obgleich Du von Jugend auf dies Geſchäft eines Gondoliers verſehen haſt, biſt Du doch eigentlich mein Vaſall in Neapel.“ „St. Januarius verleih mir Dankbarkeit für ſolche hohe Ehre, Signore! Aber es gibt keinen Waſſerhändler in den Straßen von Venedig und keinen Schiffer auf den Kanälen, der nicht dieſen Ja⸗ * In Venedig zählt man die Stunden nach dem Sonnenuntergang. 23 copo überall hinwünſchte, nur nicht in Abraham's Schooß. Er iſt der Schrecken aller jungen Liebhaber und aller dringenden Gläu⸗ biger auf den Inſeln.“ „Du ſiehſt, einfältiger Schwätzer, daß es noch von den erſteren einen gibt, der ſich nicht vor ihm fürchtet. Du ſuchſt ihn auf unter der Seufzerbrücke, zeigſt ihm den Siegelring und übergiebſt ihm das Packet, wie ich Dir befohlen habe.“ „Ich bin um meine ganze Ehre, wenn man mich mit dem gott⸗ loſen Kerl reden ſieht. Erſt geſtern fagte Annina, die hübſche Tochter des alten Weinhändlers auf dem Lido, in Jacopo Frontoni's Ge⸗ ſellſchaft geſehen zu werden, ſey eben ſo ſchlimm, als wenn Einer zweimal dabei ertappt wird, altes Tau aus dem Arſenal zu ent⸗ wenden, wie es ihrer Mutter Vetter, dem Roderigo, erging.“ „Dein Gleichniß ſchmeckt nach der Moral vom Lido. Vergiß nicht den Ring zu zeigen, damit er Deiner Botſchaft nicht mißtraue.“ „Hätte mir Ew. Excellenz nicht befehlen können, die Flügel des Löwen zu kappen, oder ein beßres Gemälde zu malen als Ti⸗ ziano di Vecelli? Es iſt mir in den Tod zuwider, auch nur gegrüßt zu werden von einem von euern Kehlabſchneidern. Säh mich einer von unſern Gondolieren mit dem Manne reden, Ew. Excellenz ganzer Einfluß reichte nicht hin, mir einen Platz bei der Regatta zu verſchaffen.“— 4 „Wenn er Dich bleiben heißt, Gino, ſo warte ab, was ihm beliebt, wenn er Dich aber gleich wieder fortſchickt, ſo eile zurück⸗ zukommen, damit ich Beſcheid erhalte.“ „Ich weiß ſehr wohl, Signore Don Camillo, daß die Chre eines Edelmannes von zarterer Natur iſt als die ſeines Bedienten, und daß ein Fleck auf der ſeidenen Senatorsrobe weiter geſehen wird als der Schmuz auf einer Livreejacke. Wenn aber Einer, der Ew. Excellenz Aufmerkſamkeit nicht werth iſt, eine Beleidigung ge⸗ wagt hat, ſind Giorgio und ich jederzeit bereit zu beweiſen, wie ſehr es uns am Herzen liegt, daß unſers Herrn guter Name nicht 24 angetaſtet werde. Aber ſo ein Miethling für zwei oder zehn oder auch hundert Zechinen!“ „Ich danke Dir für den Wink, Gino. Geh' ſchlafen in Deine Gondel, und ſchicke Giorgio in mein Kabinet.“ „Signore!“ „Biſt Du denn entſchloſſen keinen von meinen Aufträgen aus⸗ zuführen?“ „Befehlen Ew. Excellenz, daß ich auf dem Fußweg zur Seufzer⸗ brücke gehe oder durch die Kanäle?“ 4 „Du könnteſt einer Gondel bedürfen— zu Waſſer.“ „Ehe ſich ein Gaukler umdrehen kann, ſoll Antwort da ſeyn von Jacopo.“ So ſeine Abſicht plötzlich ändernd, verließ der Gondolier das Zimmer; ſein Widerwille verſtummte augenblicklich, als er ſah, daß ein Andrer das ihm vom Herrn geſchenkte Vertrauen genießen ſollte. Er ſtieg ſchnell eine geheime Treppe hinunter, um den Hausflur zu vermeiden, wo ein halbes Dutzend Dienſtleute verſchie⸗ dentlich beſchäftigt war. Ein enger Korridor des Palaſtes führte ihn in einen innern Hof, und dann durch eine niedrige, unſchein⸗ bare Thür in einen dunklen Weg, der mit der nächſten Straße zuſammenhing. 3 Unſre Zeit iſt zwar reich an Betriebſamkeit und Kenntniß, und der atlantiſche Ocean keine Schranke mehr, ſelbſt für Vergnügungs⸗ reiſen, aber doch haben ſehr viele Amerikaner nie Gelegenheit ge⸗ habt, mit eigenen Augen das Land zu ſehen, in welchem die Stadt, die jetzt Gino ſo eilig durchwandelte, nicht das letzte des Merk⸗ würdigen iſt. Die ſo glücklich waren, Italien beſucht zu haben, werden daher entſchuldigen, wenn wir eine kurze, aber wie uns dünkt, nützliche Abſchweifung zum Beſten Derer machen, die ſich dieſes Vorzugs nicht erfreuen.. Venedig ſteht auf einer Gruppe niedriger, ſandiger Inſeln. n 18 15 en en ie⸗ ete in⸗ aße und igs⸗ ge⸗ adt, terk⸗ aher liche zugs iſeln. 25 Wahrſcheinlich iſt das Land, welches dem Meerbuſen am nächſten liegt, wenn nicht gar die ganze ausgedehnte Ebene der Lombardei, angeſpülter Boden. Wie aber auch dies weite fruchtbare Koͤnigreich entſtanden ſeyn mag, der Urſprung der Lagunen, und Venedigs mit ſeiner einzigen und maleriſchen Lage, iſt zu unzweideutig. Mehrere Ströme, die von den Alpenthälern herabkommen, zollen hier dem adriatiſchen Meer ihren Tribut, Bergtrümmer führend, die faſt in ihre urſprünglichen Beſtandtheile zerſtäubt ſind. Solche Theilchen mußten, ſobald ſie der Macht des Stromes entgingen, da wo ſie zuerſt der Gewalt des Meeres anheim fielen, im Meerbuſen abge⸗ ſetzt werden. Unter dem Einfluß von Gegenſtrömungen, Waſſer⸗ wirbeln und Wellenbewegung, thürmten ſie ſich unterſeeiſch auf, und einige dieſer Bänke ſtiegen endlich über der Oberfläche der See empor, Inſeln bildend, deren Erhebung durch verweſende Pflanzen allmählig vermehrt ward. Ein Blick auf die Landkarte wird lehren, daß Venedigs Golf, wenn auch nicht buchſtäblich, doch der Sache nach, und mit Rückſicht auf die Wirkungen des Südoſtwindes, den man Sirocco nennt, als Vorland im adriatiſchen Meere anzuſehen iſt. Aus dem erwähnten Umſtande iſt es zu erklären, warum die Lagunen an den Mündungen der kleinern Ströme, die ſich hier in die See ergießen, einen entſchiedneren Charakter haben als an den Mündungen der meiſten größeren Flüſſe, welche von den Alpen oder Appenninen in die Seichten deſſelben Meeres fallen. Wo ein Fluß in ein weites Waſſerbecken ſtrömt, ohne auf Felſengrund zu gerathen, iſt die natürliche Folge, daß da, wo gegenwirkende Urſachen zuſam⸗ mentreffen, eine Bank gebildet wird, die man Barre nennt. Die Küſte der amerikaniſchen Staaten giebt einen augenſcheinlichen Be⸗ weis für die Wahrheit dieſer Theorie, da jeder Strom ſeine Barre hat mit Kanälen, welche durch den Wechſel von friſchen Waſſern, Winden und Ebb' und Fluth bald verſetzt, bald geklärt werden. Bei den Lagunen von Venedig hat die unabläſſige, gewaltige Wir⸗ kung der Südoſtwinde, im Zuſammentreffen mit dem periodiſchen 26 Anwachſen der Alpenſtroͤme, eine lange grade Reihe niedriger Sand⸗ inſeln, quer durch die Mündung des Golfs, gebildet. Die Ströme haben ſich Kanäle zwiſchendurch gebahnt, ſonſt wäre, was jetzt La⸗ gune iſt, ein See geworden. In tauſend Jahren vielleicht kann der Charakter dieſer merkwürdigen Bucht ſich ſo weit ändern, daß die Kanäle Ströme, die Lagunen Sümpfe und Wieſen werden, ähnlich denen, die man jetzt ſo viele Meilen landeinwärts ſieht. Der niedrige und ſandige Strich, ohne welchen der Hafen von Venedig keinen Schutz gegen die See hätte, heißt der Lido di Pa⸗ leſtrino. An vielen Stellen iſt er durch Kunſt verbunden und ge⸗ ſichert; der Damm des Lido(wörtlich: Strand), obgleich unvollendet, wie die meiſten berühmten und großen Werke Europa's, und beſon⸗ ders Italien's, kann ſich wohl meſſen mit dem Steindamm von An⸗ cona und dem von Cherburg. Einen Kanonenſchuß weit von dieſer natürlichen Grenze liegen die hundert Inſeln beiſammen, welche die Reſte jener Herrlichkeit des Mittelalters tragen, wo noch Venedig der Markt des mittelländiſchen Meeres war. Natur und Kunſt haben ſich vereinigt, das ganze aufs Beſte zu geſtalten, und abgeſehen von moraliſchen Urſachen, der Nebenbuhlerſchaft einer benachbarten, durch politiſche Sorgfalt gehobenen Stadt, und dem allmähligen Ausfüllen des Waſſers durch den beſtändigen Niederſchlag der Ströme, iſt es faſt unmöglich, ſich einen bequemeren Hafen zu denken, und einen, der innerhalb mehr Sicherheit gewährte, als der von Vene⸗ dig auch noch heut zu Tage. Da die tieferen Kanaͤle der Lagunen ſämmtlich erhalten ſind, ſo iſt die Stadt in allen Richtungen von kleinen Armen der See durchſchnitten, welche der äußern Aehnlichkeit wegen Kanäle genannt werden. An deren ufern ſteigen die Gebäude im eigentlichen Sinne des Worts aus der Fluth empor, weil die Eigenthümer zur Raum⸗ erſparung bis dicht an den Rand des Waſſers gebaut haben, wie man bei uns zu Lande Quais und Dämme bis hart an die Flüſſe führt. Die Inſeln ſelbſt ſind hie und da nicht viel mehr als Sand⸗ NK& n 8 8 27 bänke geweſen, die nur bei der Ebbe ſichtbar waren, und überall hat man Pfähle einrammen müſſen, um die Laſt von Paläͤſten, Kir⸗ chen und öffentlichen Denkmälern zu tragen, die im Laufe der Zeiten den armen Sandhaufen aufgebürdet wurden. Das vielfache Treiben in den Kanälen, und vielleicht auch Rück⸗ ſicht auf Erleichterung des Geſchäftsverkehrs, haben bewirkt, daß man bei weitem die meiſten Häuſer mit Zugängen von der Waſſer⸗ ſeite verſah, während die Htntergebäude mit den innern Straßen der Stadt in Verbindung ſtehen. Es iſt der Fehler der meiſten Beſchreibungen von Venedig, daß ſie von den Kanälen viel zu rühmen wiſſen, aber nichts melden von den ſtillen, engen, gepflaſterten, be⸗ quemen Straßen, welche alle Inſeln durchſchneiden, und mit ein⸗ ander durch zahlloſe Brücken zuſammenhängen. Man hört nie den Hufſchlag eines Pferdes oder das Rollen eines Rades in dieſen ſchmalen Gängen, aber ſie ſind dem Verkehr des gewöhnlichen Lebens förder⸗ licher als ſelbſt die Kanäle. In eine von dieſen Straßen gelangte Gino, als er aus dem geheimen Gange trat, der zu dem Palaſt ſeines Herrn führte. Er machte ſich durch die hin⸗ und herziehende Menge Bahn, geſchickt wie ein Aal, der ſich durch die Wucherpflanzen der Lagunen ſchmiegt. Nickend nur beantwortete er die häufigen Grüße ſeiner Kameraden, und hemmte ſeinen ſchnellen Schritt erſt, als er, in einem Stadt⸗ viertel, welches Leute niederen Standes bewohnten, in die Thür einer niedrigen dunkeln Wohnung trat. Zwiſchen Fäſſern, Tauwerk und Wegwurf aller Art umhertappend, gelang es dem Gondolier eine innere verſteckte Thür zu finden, welche in ein kleines Zimmer führte, das ſein Tageslicht nur aus einer Art Spalt zwiſchen dieſem und dem Nachbarhauſe erhielt. „Gebenedeite St. Anna! Biſt Du's, Gino Monaldi!“ rief eine lebhafte venetianiſche Dirne, in deren Ton und Geberde Ko⸗ ketterie und Erſtaunen ſich miſchten.„Zu Fuß und durch die ge⸗ heime Thür. Iſt dies eine Stunde zu Geſchaͤften Deiner Art?“ 28 „Du haſt recht, Annina. Zu einem Handel mit Deinem Vater iſt es nicht Zeit, und für einen Beſuch bei Dir iſt es zu früh. Aber hier gilt's nicht ſchwatzen, ſondern thun. Um San Theodors und eines einfältigen und getreuen Burſchen willen, der, wenn nicht Dein Sklav, doch zum mindeſten Dein Hund iſt, gieb mir die Jacke, die ich trug, als wir mit einander zu der Luſtbarkeit nach Fuſina gingen.“ „Ich weiß nichts von Deinem Handel, Gino, und von Deinen Gründen, die Livree Deines Herrn mit dem Anzug eines gemeinen Schiffers zu vertauſchen. Dieſe ſeidnen Blumen ſtehn Dir viel beſſer, als der verblichne Sammet, und wenn ich den einmal gelobt habe, ſo geſchah es bloß⸗ weil es eben auf die Luſtbarkeit abgeſehn war, und weil es filzig geweſen wäre, wenn man doch von der Parthie iſt, ſolch einem Gefährten, der, wie Du weißt, ein artiges Lob gern hört, ein Wörtchen des Beifalls vorzuenthalten.“ „Zitto, zitto! hier iſt nichts von Luſtbarkeit und Gefährten, ſondern eine wichtige Sache, die gleich zu Ende gebracht werden muß.„Die Jacke, wenn Du mich lieb haſt!“ Annina, welche über die theoretiſche Verhandlung das Weſent⸗ liche nicht verſäumt hatte, warf das Kleidungsſtück auf einen Stuhl, den der Gondolier von dem Ort erreichen konnte, wo er dieſe An⸗ forderung an ihre Gefühle that, und zeigte deutlich, daß ein Bekennt⸗ niß dieſer Art auch im unbewachteſten Augenblick ihr nicht zu ent⸗ locken war. „Wenn ich Dich lieb habe? o ja! Da haſt Du die Jacke, Gino, und Du magſt Dir in den Taſchen dis Antwort auf den Brief ſuchen, den Du von des Herzogs Schreiber haſt anfertigen laſſen, was mir aber nicht lieb iſt. Ein Mädchen muß vorſichtig ſeyn in dergleichen Angelegenheiten; man weiß ja nicht, ob er nicht einen Nebenbuhler zum Vertrauten macht.“ „Jedes Wort darin ſo ehrlich, als hätt's der Teufel ſelber für mich beſorgt, Mädchen!“ brummte Gino, indem er ſeine geblümte 29 Jacke abwarf und die einfachere geſchwind anzog, welche er verlangt hatte.„Die Mütze, Annina, und die Maske!“ „Eine ſo falſche Phyſiognomie, wie Deine, bedarf doch nicht erſt des ſeidnen Läppchens, um ſich zu verſtecken,“ ſagte ſie, ihm deſſenungeachtet beides hinwerfend. „Gut ſo— Pater Baptiſta ſelber, der ſich rühmt, er könne einen Sünder von einem Reuigen durch den bloßen Geruch unterſcheiden, ſoll doch in dieſen Kleidern nicht Don Camillo Monforte's Diener ahnen! Cospetto! Ich habe halb Luſt, dem Schuft von Juden, bei dem Deine goldne Kette verſetzt iſt, einen Beſuch zu machen, und ihm einen Wink über die Folgen zu geben, wenn er drauf beſteht, die accordirten Zinſen doppelt zu nehmen.“ „S wär chriſtliche Gerechtigkeit! Was ſoll aber unterdeſſen aus der wichtigen Sache werden, Gino, die Du ſo eilig zu Stande bringen mußt?“ „Du haſt Recht, Mädchen. Pflicht über Alles; obſchon es ſo gut Pflicht wie irgend etwas iſt, einem diebiſchen Juden einen Schrecken einzujagen. Sind Deines Vaters Gondeln alle in Waſſer?“ „Wie ſollt' er denn ſonſt nach dem Lido gekommen ſeyn, und mein Bruder nach Fuſina, und die zwei Arbeitsleute an ihre gewöhn⸗ lichen Geſchäfte auf den Inſeln, oder woher ſollt' ich ſonſt allein im Hauſe ſeyn?“ „Diavolo! iſt kein Boot im Kanal?“ „Du haſt ungewöhnliche Eil, Gino, jetzt mit Deiner Maske und Sammetjacke! Ich weiß nicht, ob ich einen darf in meines Vaters Haus herein laſſen, wenn ich allein bin, daß er dann ſo verkleidet und zu dieſer Tageszeit fortſchleiche. Du mußt mir Dei⸗ nen Auftrag ſagen, damit ich urtheilen kann, ob das zuläſſig iſt.“ „Fordre lieber von den Dreihunderten, daß ſie Dir ihr Cri⸗ minalbuch aufmachen! Gieb mir den Schlüſſel von der Vorderthür, Mädchen, daß ich meiner Wege gehn kann.“ „Wenn ich erſt wiſſen werde, ob dies nicht ein Handel iſt, der 30 meinem Water beim Senat Ungelegenheit machen könnte. Du weißt, Gino, ich bin—“ „Diamine! da ſchlägt der Thurm von San Marco, und ich zaudere über die befohlene Zeit. Wenn ich mich verſpäte, ſo iſt's Deine Schuld.“† 8 „Es wäre nicht das erſte Mal, daß ich Deinen Nachläſſigkei⸗ ten zur Entſchuldigung dienen müßte. Hier biſt Du und hier ſollſt Du bleiben, bis ich den Auftrag erfahre, der eine Maske und eine Jacke nöthig macht, und alles um Deine Sache von Bedeutung.“ „Du ſprichſt wie ein eiferſüchtiges Weib, und nicht wie ein vernünftiges Mädchen, Annina! Ich habe Dir geſagt, daß ich ein Geſchäft von der äußerſten Wichtigkeit habe, das nicht ohne ſehr üble Folgen aufgeſchoben werden kann.“ „Bei wem? was für ein Geſchäft? Warum willſt Du, den man ſonſt nicht eifrig genug treiben kann, dies Haus zu verlaſſen, jetzt ſo haſtig fortlaufen?“ „Hab' ich Dir nicht geſagt, Mädchen, daß es eine Sache von Belang iſt, die ſechs adlige Familien angeht, und daß, wenn ich die Sache nicht zeitig beſorge, ein Streit daraus entſtehen kann— eh, zwiſchen dem Florentiner und der Republik!“ „Du haſt mir nichts der Art geſagt, und ich glaub' auch nicht dran, daß Du ein Geſandter von San Marco biſt. Sag doch nur einmal die Wahrheit, Gino Monaldi, oder leg' die Maske und die Jacke hin und nimm wieder Deine Livree von St. Agata.“ „Nun denn, weil wir Freunde ſind, und weil ich Dir zutraue, daß Du verſchwiegen biſt, Annina, Du ſollſt die Wahrheit von A bis Z wiſſen, zumal ich hoͤre, daß die Glocke nur die Viertel ge⸗ ſchlagen hat, und mir alſo noch ein Augenblick Zeit übrig bleibt, Dir's mitzutheilen.“ „Du ſiehſt nach der Wand, Gino, und ſuchſt eben Deinen Witz zuſammen zu einer ſcheinbaren Lüge.“ „Ich ſeh nach der Wand, weil mir auf's Gewiſſen fällt, daß —— 31 meine allzu große Schwäche für Dich mich von meiner Pflicht abführt. Was Du für Verſtecktheit hältſt, iſt bloß Scham und Beſcheidenheit.“ „Das werden wir ſehn, wenn die Geſchichte erzählt iſt.“ „So höre! Du haſt von dem Abenteuer gehört, das meinem Herrn mit der Nichte des römiſchen Marcheſe begegnete, welcher in die Gindecca fiel durch die Unvorſichtigkeit eines Anconafahrers, der über die Gondel hinging, als wäre ſeine Feluke eine Galeere vom erſten Rang geweſen.“ „Seit einem Monat ſpricht man ja hier auf dem Lido von nichts anderem; die aufgebrachten Gondoliers haben die Geſchichte mit allen möglichen Variationen ſchon bis zum Ueberdruß wiederholt.“ „Gut, dieſe Sache ſcheint's, wird heut Nacht zu Ende kommen. Mein Herr, fürcht ich, wird einen rechten Narrenſtreich ausführen.“ „Sich trauen laſſen?“ „Oder noch was Schlimmeres.— Ich ſoll möglich ſchnell und heimlich einen Prieſter holen.“ Annina hörte mit großer Theilnahme dem Mährchen des Gon⸗ doliers zu. Aber war es mißtrauiſches Temperament, oder alte Gewohnheit, oder Bekanntſchaft mit der Art und Weiſe ihres Ge⸗ fährten, genug es regten ſich in ihr einige Zweifel an die Wahr⸗ heit der Geſchichte. „Das wird ein ſehr plötzliches Hochzeitfeſt ſeyn!“ ſagte ſie nach einer Pauſe.„'s iſt gut, daß nur Wenige dazu gebeten ſind, ſonſt möchten die Dreihundert die Freude verderben! Zu welchem Kloſter biſt Du geſchickt?“ „Ich hab' keinen beſtimmten Auftrag. Der erſte Beſte kann's ſeyn, wofern er ein Franziskaner iſt, und ein Prieſter, der Herz hat für Liebende, denen Eil noth thut.“ „Don Camillo Monforte, der Erbe eines alten berühmten Geſchlechts, vermählt ſich nicht mit ſo wenigen Umſtänden. Dein Lügenmaul, Gino, hat mich betrügen wollen, aber Du ſollteſt doch 32 längſt wiſſen, wie Du damit bei mir unrecht ankommſt. Sag' mir die Wahrheit, oder Du ſollſt nicht an Dein Geſchäft kommen, ſon⸗ dern hier mein Gefangner bleiben, ſo lang mir's beliebt.“ „Vielleicht, daß ich Dir nicht von Geſchehenem geredet habe, ſondern was ich denke, daß binnen kurzem geſchehen wird! Aber Don Camillo hat mich neuerlich ſo auf dem Waſſer erhalten, daß ich faſt alles im Traum thue, ſobald ich nicht beim Ruder bin.“ „Du ſuchſt mich umſonſt zu hintergehn, Gino! denn Dein Auge ſagt mir die Wahrheit, und wenn⸗ Deine Zunge und Dein Hirn wer weiß wohin gerathen. Trink da einen Schluck und entlaſte Dein Gewiſſen als ein Mann.“ „Ich wollte, Dein Vater machte mit Stefano Milano Bekannt⸗ ſchaft,— ſagte der Gondolier nach einem langen Athemzuge und noch längeren Trunk.— Das iſt ein Padrone aus Calabrien, der oft köſtliches Getränk aus ſeiner Gegend in den Hafen bringt, und der Dir ein Faß rothen lacrymae christi durch den Broglio ſelbſt ſchafft, ohne daß es ein einziger von den Herren gewahren ſoll. Der Mann iſt gegenwärtig hier, und wenn Du willſt, ſo könntet ihr bald um einige Schläuche Handel eins werden.“ „Ich bezweifle, daß er beſſeres Getränk hat, als was hier im Sande des Lido gereift iſt. Trink noch einen Schluck, es ſchmeckt, wie man ſagt, das zweitemal beſſer als das erſte.“ „Wenn der Wein ſich auf ſolche Weiſe verbeſſert, ſo muß Dei⸗ nem Vater das Herz ſchwer werden, wenn er die Hefen ſieht. „S wär ein Werk der Barmherzigkeit, ihm Stefano's Bekanntſchaft zu verſchaffen.“ 3 „Nun, und warum nicht jetzt gleich? Seine Feluke, ſagſt Du, iſt im Hafen, und Du kannſt ihn ia herführen durch die geheime Thür und die Gäßchen.“ „Du vergißt mein Geſchäft. Don Camillo iſt nicht gewohnt, zuletzt bedient zu werden. Cospetto!'S wär ein Jammer, wenn ——.———., 814189 33 ein Anderer den Wein bekäme, den der Calabreſe gewiß heimlich mitgebracht hat.“ „Dein Geſchäft kann nicht ſo dringend ſeyn als das, einen Wein von ſo beſondrer Güte, wie Du ſagſt, zu erlangen; oder wenn ja, ſo magſt Du erſt Deines Herrn Auftrag beſorgen, und dann zum Hafen und Stefano aufgeſucht. Damit wir um den Kauf nicht kommen, will ich ſelber eine Maske nehmen, und mit Dir gehn, um den Calabreſen zu ſprechen. Du weißt, mein Vater hat in ſolchen Angelegenheiten viel Zutrauen zu mir.“ Während Gino über dieſen Vorſchlag halb verdutzt und halb erfreut da ſtand, wechſelte die hurtige verſchmitzte Annina einige ihrer Kleidungsſtücke, nahm eine ſeidne Maske vor's Geſicht, ver⸗ ſchloß ſorgfältig die Thüre, und hieß dem Gondolier ihr folgen. Der Kanal, mit welchem die Wohnung des Weinhändlers in Verbindung ſtand, war eng, düſter und wenig befahren. Eine Gondel der einfachſten Art lag dicht beim Hauſe angebunden; das Mädchen ſprang ohne weitere Umſtände hinein. Don Camillo's Diener zau⸗ derte nur einen Augenblick, denn er merkte, daß der Plan, welcher ihm durch den Kopf fuhr, mit Hülfe einer andern Gondel zu ent⸗ fliehn, unausführbar war, weil es an Geräth fehlte, und ſo nahm er ſeinen gewöhnlichen Platz im Hintertheil des Fahrzeugs ein und fing an, mit mechaniſcher Geläufigkeit zu rudern. Drittes Kapitel. Welch' wackrer Führer ſteht uns gegenüber? König Heinrich VI. Annina's Gegenwart ſetzte Gino ſehr in Verlegenheit. Er hatte ſeine geheimen Wünſche und ſeinen beſondern Ehrgeiz ſo gut als andere Menſchen, und unter den erſteren vorzüglich den, die Der Bravo. 3 34 Tochter des Weinhändlers ſich geneigt zu erhalten. Aber das ge⸗ wandte Mädchen hatte ſeinen Gaumen mit einem Wein gekitzelt, der unter Leuten ſeines Standes nicht minder durch ſeine Stärke als durch ſeinen Wohlgeſchmack berühmt war; dieſer hatte in Gino's Kopf eine Verwirrung hervorgebracht, die ſich nicht ſo geſchwind zerſtreuen ließ. Das Boot ſchwamm im großen Kanal, und hatte ſchon ein gutes Stück von ſeinem Wege zurückgelegt, ehe die Sinne des Gondoliers wieder hinlänglich klar geworden waren. Endlich brachte das Rudern, die friſche Abendluft und der Anblick ſo vieler gewohnter Gegenſtände ſeinen Verſtand allmählig wieder in einige Ordnung. Sobald das Boot ſich dem Ende des Kanals näͤherte, ſchaute er umher, die wohlbekannte Feluke des Calabreſen zu ſuchen. Obgleich Venedigs Glanz ſchon damals ſich ſehr verringert hatte, war der Handel der Stadt doch noch nicht ſo geſunken als jetzt. Der Hafen war noch von Schiffen aus ſehr entfernten Ge⸗ genden belebt, und man ſah die Flaggen der meiſten Seemächte Europa's in gemeſſenen Entfernungen innerhalb der Grenzen des Lido. Der Mond ſtand hoch genug, um ſein mildes Licht über das ſchimmernde Baſſin zu ergießen, und die Raaen der Lateyſegel, die ſchlankeren Maſte der Polacken und die ſtaͤrkeren und ſchwer⸗ fälligeren Windfänge regelmäßig aufgetakelter Schiffe, ſtarrten über dem ſchweigenden Waſſer wie ein dichter Wald empor. „Du verſtehſt nichts von der Schönheit eines Schiffes, Annina,“ ſagte der Gondolier, der tief hinten im Boote ſtand,„ſonſt hätt' ich Dir gerathen, dieſen Fremden von Candia anzuſehn. Ein ſch⸗ nerer Bau ſoll nie innerhalb des Lido geſehn worden ſeyn als eben ☛ „Wir haben nichts mihe dem Kaufmann von Candia zu ſchaffen, Gino; daher rudre nur zu, die Zeit eilt.“ „Er hat viel herben griechiſchen Wein im Raume, aber wie Du ſagſt, wir haben nichts mit ihm zu thun. Jenes ſtolze Schiff, welches abgeſondart liegt von den übrigen kleinern Fahrzeugen unſrer 35 Gewäſſer, gehört einem Ketzer von den engliſchen Inſeln.'S war ein Unglückstag für die Republik, Mädchen, an welchem ſie dieſen Fremden zuerſt erlaubte, das adriatiſche Meer zu befahren.“ „Iſt's denn gewiß, Gino, daß San Marcus Arm ſtark genug war, es ihnen zu verwehren?“ „Element! ich wollte, Du thätſt eine ſolche Frage nicht an einem Ort, wo ſo viele Gondeln in Bewegung ſind! Hier ſind Ra⸗ guſaner, Malteſer, Sicilianer, Toskaner in Unzahl, und dort liegt an der Einfahrt der Giudecca eine kleine Anzahl franzöſiſcher Schiffe dicht bei einander.'Siſt ein Volk, das zu Waſſer und zu Lande immer zuſammenhält, weil's das Schwatzen liebt. Doch hier ſind wir am Ende unſrer Fahrt.“ Gino's Ruder machte eine Rückbewegung, und die Gondel hielt neben einer Feluke ſtill. „Einen guten Abend der bella Sorrentina und ihrem ehren⸗ werthen Padrone,“ grüßte der Gondolier, indem er auf das Ver⸗ deck des Schiffs trat.„Iſt der wackre Stefano Milano an Bord der behenden Feluke?“ Der Calabreſe antwortete ohne Verzug, und in wenigen Augen⸗ blicken war der Padrone mit ſeinen beiden Gäſten in ein Geſpräch vertieft. 4 „Ich habe Dir hier Jemanden gebracht, der Luſt hat, gute venetianiſche Zechinen in Deine Taſche zu ſchaffen, oaro,“ ſagte der Gondolier, nachdem die erſten Vorläufer der Unterhaltung in beſter Form erledigt waren.„Es iſt die Tochter eines höchſt reellen Wein⸗ händlers, und iſt eben ſo bereit, Eure ſiciliſche Trauben in die Inſeln zu verſetzen, als ſie im Stand' und geſonnen iſt, ſie zu bezahlen.“ „Und gewiß auch eben ſo ſchön,“ ſagte der Seemann mit plum⸗ per Galanterie,„wenn die ſchwarze Wolke vor ihrem Antlitz be⸗ hend weggezogen würde.“ 4 „Eine Maske hindert nicht bei'm Handel, wofern nur ordent⸗ lich bezahlt wird. Wir haben hier in Venedig immerwährend Car⸗ 36 neval, und der Käufer wie der Verkäufer hat es frei, ſein Geſicht zu verſtecken ſo gut als ſeine Gedanken. Was haſt Du im Artikel verbotner Weine, Stefano, damit meine Gefährtin den Abend nicht mit müßigen Worten verliere?“ „Per Diana! Meiſter Gino, Du biſt ohne Umſtände in Dei⸗ nen Fragen. Der Raum der Feluke iſt leer, wie Du Dich über⸗ zeugen kannſt, wenn Du die Treppe hinunter ſteigen willſt. Was aber Wein anbelangt, ſo lechzen wir nach einem Tropfen unſer Blut zu wärmen.“ „Statt alſo herzukommen, ihn hier zu ſuchen,“ ſagte Annina, „hätten wir beſſer gethan, nach der Cathedrale zu gehen und ein Ave zu beten für Deine glückliche Heimfahrt. Und nun, da unſer Witz aus iſt, wollen wir gehn, und einen Andern ſuchen, der we⸗ niger pfiffig im Antworten iſt, als Du, Meiſter Stefano.“ „Cospetto! Du weißt nicht, was Du ſprichſt,“ flüſterte Gino, als er ſah, daß die vorſichtige Annina nicht bleiben wollte,„der Mann beſucht nicht die kleinſte Bucht in Italien, ohne auf eigne Rechnung etwas Nutzbares in der Feluke verſteckt mitzubringen. Ein einziger Kauf von ihm entſcheidet die Frage, ob Deines Vaters Weine oder die von Baptiſta beſſer ſind. Da iſt kein Gondolier in ganz Venedig, der nicht in Deinen Laden läuft, wenn Du mit dem Burſchen da ein Geſchäft abſchließen kannſt.“ Annina ward nachdenklich. Die lange Uebung in dem kleinen, aber geheimen und überaus gefährlichen Handel, den ihr Vater, trotz der wachſamen und ſtrengen venetianiſchen Polizei, bisher glück⸗ lich geführt hatte, machte ihr es einerſeits bedenklich, einem gänz⸗ lich Unbekannten ihre Abſicht zu zeigen, andrerſeits aber ein Ge⸗ ſchäft aufzugeben, wobei etwas zu gewinnen ſeyn konnte. Daß Gino in Bezug auf ſeinen Auftrag ſie geäfft hatte, war ganz klar, da ein Diener des Herzogs von San Agata nicht leicht einer Verklei⸗ dung bedürfen konnte, um ſo einen Prieſter aufzuſuchen, doch kannte ſie 4 A 37 ſeine Sorge für ihr perſönliches Wohl zu gut, um in einer Sache, die ihre eigne Sicherheit anging, ihm zu mißtrauen. „Wenn Du Furcht haſt, daß hier Polizeiſpione ſind,“ ſagte ſie zu dem Padrone in einem Tone, der ihren Wunſch verrieth,„ſo kann Gino Dich leicht enttäuſchen. Bezeug ihm doch, Gino, daß bei einem Geſchäft der Art kein Verdacht eines Verraths mich tref⸗ fen kann.“ „Laß mich dem Calabreſen ein Wort in's Ohr ſagen,“ erwie⸗ derte der Gondolier mit Nachdruck.—„Stefano Milano, wenn Du mich lieb haſt,“ ſprach er, als ſie ein wenig bei Seite getre⸗ ten waren,„ſo verwickle das Mädchen hier in Unterredung, und handle mit ihr auf gut Glück.“ „Soll ich ihr Don Camillo's Weinärndte oder die des Viee⸗ königs von Sicilien verkaufen, caro? ˙S iſt von beiden ſoviel Wein an Bord der bella Sorrentina, daß die Flotte der Republik darin ſchwimmen könnte.“ „Wenn Du wirklich trocken biſt, ſo ſtelle Dich wenigſtens, als hätteſt Du etwas, und mach' Schwierigkeiten mit dem Preiſe. Halte ſie nur eine Minute mit Redensarten hin, daß ich inzwiſchen un⸗ bemerkt in meine Gondel kommen kann, und dann, einem alten ge⸗ prüften Freund zu Liebe, bringe ſie ſänftiglich auf den Quai mit der ſchönſten Manier, die nur möglich iſt.“ „Aha! ich fange an, den Sinn von der Sache zu begreifen,“ ſagte der gefällige Padrone, einen Finger ſeitwärts an die Naſe legend.„Ich will mit dem Frauenzimmer eine Stunde lang von der Blume meines Weins, oder, wenn Du willſt, von ihrer Schön⸗ heit ſchwatzen; aber aus den Rippen der Feluke einen Tropfen beſ⸗ ſeres als Lagunenwaſſer preſſen, wäre ein Wunder San Theo⸗ dors würdig.“ „Du brauchſt nicht eben von was anderem zu ſprechen als von der Güte des Weins. Das Mädchen iſt nicht wie andere, und ſie nimmt's bald übel, wenn man von ihrem Aeußern ſchwatzt. Wahr⸗ 38 haftig, die Maske trägt ſie mehr, um ein Geſicht zu verbergen, das nicht grade gemacht iſt, die Augen zu reizen, als etwa weil hier Heimlichkeit nöthig wäre.“ „Da Gino ſich offenherzig über die Sache ausgelaſſen hat,“ nahm der gewandte Calabreſe das Wort, als hätte er plötzlich Zu⸗ trauen gefaßt,„ſo fang ich an zu glauben, daß wir doch noch einig werden können. Beehrt mich, ſchöne Donna, in meine arme Kajüte zu treten, da wollen wir mit Ruhe ſprechen, wie es unſer beider⸗ ſeitiger Vortheil und unſre beiderſeitige Sicherheit erfordern.“ Annina hatte im Stillen wohl Bedenklichkeiten, dennoch aber ließ ſie ſich vom Padrone an die Stufen führen, als thäte ſie es mit der größten Bereitwilligkeit. Kaum wandte ſie den Rücken, ſo ſchlüpfte Gino in die Gondel, die ein einziger Druck ſeines kräfti⸗ gen Arms über eines Mannes Sprungweite vom Schiffe abtrieb. So ſchnell und geräuſchlos dies geſchah, hatte Annina's eiferſüch⸗ tiges Auge dennoch die Flucht des Gondoliers entdeckt. Nicht im Stande, dieſe zu verhindern, ließ ſie ſich, ohne Unruhe zu verra⸗ then, hinunter führen, als wäre alles ſo verabredet geweſen. Mit einer Geiſtesgegenwart, welche zufällig mit dem Plan ihres vorigen Gefährten zuſammentraf; warf ſie hin:„Gino ſagte mir, Ihr hättet ein Boot, welches mir nach beendigter Unterredung den freundlichen Dienſt erweiſen würde, mich an den Quai zu ſetzen.“ „Die Feluke ſelber ſollte es thun, wenn andre Mittel fehlten,“ verſetzte der Seemann galant, als ſie in die Kajüte eintraten. Gino, nunmehr ungehindert, ſeine Schuldigkeit zu thun, be⸗ trieb ſeine Arbeit mit verdoppeltem Eifer. Das leichte Boot glitt durch die geſchickte Handhabung des einzigen Ruders zwiſchen den vielen Fahrzeugen in ſolchen Windungen hin, daß alles Zuſammen⸗ ſtoßen vermieden ward, bis er in den engen Kanal einfuhr, welcher den Dogen⸗Palaſt von dem in ſchönerem und gediegnerem Styl er⸗ bauten Gefängniſſe der Republik trennt. Er paſſirte erſt die Brücke, welche zur Verbindung der Quais ̈—,.,S= ——,—— n——— 39 gehöͤrt. Dar auf ſtahl er ſich unter jenen berühmten Bogen, den Träger einer bedeckten Galerie, die das obere Stockwerk des Pa⸗ laſtes mit dem des Kerkers vereinigt. Es iſt dies der Gang, durch welchen die Gefangenen geführt werden, um vor ihren Richtern zu ſtehen, und man hat ihm deshalb den pathetiſchen Namen der Seuf⸗ zerbrücke gegeben. Gino's Ruder ließ jetzt ein wenig nach und die Gondel näherte ſich einer Treppe, über welche, wie gewöhnlich, leichte Wellen hin⸗ ſchlugen. Indem er auf die unterſte Stufe trat, warf er ein klei⸗ nes, eiſernes Anker, welches an einem Tau hing, in eine Spalte zwiſchen zwei Steinen und überließ ſein Boot der Sicherheit dieſer eigenthümlichen Befeſtigung. Darauf ſchritt er die Stufen unter dem gewölbten Waſſerthor des Palaſtes hinauf und trat in den weiten, düſteren Hof. Dieſer war beinah ganz menſchenleer, denn es war ſpät und Alles zog ſich nach dem dicht dabei gelegenen munter belebten Platze. Nur eine Waſſerträgerin ſtand am Brunnen, und wartend bis das Baſſin voll wäre, um daraus ihre Eimer zu füllen, horchte ſie gleichgültig nach dem Geſumme der Volksmenge außen. In der offnen Galerie am Eingang der Rieſentreppe ſchritt ein Hellebar⸗ dier auf und nieder, und hier und da ſcholl der Fußtritt andrer Schildwachen unter den gewölbten, ſchweren Bogen der langen Kor⸗ ridor. Aus den Fenſtern blinkte kein Licht, ſondern das Gebäude gab ein paſſendes Bild jener geheimnißvollen Macht, welche das Geſchick Venedig's und ſeiner Bürger leitete. Che ſich Gino aus dem Schatten des Ganges wagte, durch welchen er eingetreten war, bemerkte er am andern Ende des Hofes zwei bis drei neugierige Geſichter, welche einen Augenblick ſtehen blieben, um ſich dem dü⸗ ſtern und gewaltigen Eindruck des furchtbaren Palaſtes hinzugeben, ehe ſie in dem Gewühl verſchwanden, welches ſo ganz in der Nähe des geheimen und unerbittlichen Gerichtshofes umhergaukelte, wie 40 der Menſch auch auf der Schwelle einer unabſehbaren und unge⸗ ahnten Zukunft ſorglos tändelt. 1 Da der Gondolier die Hoffnung ſeinen Mann unter dem Bo⸗ gen zu finden, getäuſcht ſah, ging er weiter; er ſchmeichelte ſich, ihn gar nicht mehr zu treffen, und das ermuthigte ihn, durch ein lautes Hm! ſeine Gegenwart bemerklich zu machen. In dieſem Au⸗ genblick glitt von der Seite des Quais eine Geſtalt in den Hof und ging ſchnell bis in deſſen Mitte. Gino's Herz pochte heftig, aber er nahm ſich zuſammen und trat dem Fremden entgegen. Da zeigte das Mondlicht, welches auch in dieſen düſtern Raum drang, daß der Fremde ebenfalls maskirt war. „San Teodoro und San Marco mögen Euch behüten,“ hob der Gondolier an.„Wenn ich mich nicht irre, ſeyd Ihr der Mann, den ich hier treffen ſoll.“* Der Fremde ſtutzte, und ſchien anfangs ſich ſchnell davon ma⸗ chen zu wollen, beſann ſich aber plötzlich und entgegnete: „Kann ſeyn, oder auch nicht. Nimm die Maske ab, daß ich ſehen kann, ob dem ſo iſt, wie Du ſagſt.“ „Mit Eurer gütigen Erlaubniß, würdiger und werther Herr, und wenn's Euch und meinem Herrn genehm iſt, möchte ich's vor⸗ ziohn, die Abendluft abzuhalten durch dies Stückchen Pappe und Seidenzeug,“ „Hier iſt Keiner, Dich zu verrathen, und wärſt Du nackt, wie Dich Gott geſchaffen hat. Wenn ich nicht weiß, wer Du biſt, wie ſoll ich Dir traun?“ „In der That, Signore, ich weiß wohl, was ein unmaskir⸗ tes Geſicht vermag, und drum bitt ich Euch ſelbſt, mir zu zeigen, was die Natur an Eure Geſichtsbildung gewendet hat, denn ich, der ich Euch etwas anzuvertrauen habe, muß wiſſen, öb es an den rechten Mann kommt.“ „Das iſt gut und zeugt von Deiner Klugheit, doch hab' ich nicht Luſt, meine Maske abzulegen, und da wenig Ausſicht iſt, daß 41 wir uns verſtändigen werden, ſo will ich meiner Wege gehn. Schöne gute Nacht.“ „Cospettol“ Signore, Ihr ſeyd zu eilig mit Euren Gedan⸗ ken und Manieren für mich, der ich an ſolche Unterhandlungen nicht gewöhnt bin. Hier iſt ein Siegelring, der uns vielleicht ver⸗ ſtändigen kann.“ „Der Fremde nahm den Juwel und hielt ihn gegen das Mond⸗ licht, wobei ſich Ueberraſchung und Vergnügen in ſeiner Bewe⸗ gung verriethen. „Das iſt der Falkenbuſch des Neapolitaners— deſſen, der Herr von Sant' Agata iſt.“ „Ja, und von manchen andern Lehen, guter Signore, nicht zu gedenken der Ehrenſtellen, auf welche er in Venedig Anſpruch hat. Hab' ich Recht, daß mein Auftrag Euch angeht?“ „Es iſt wahr, daß mein gegenwärtiges Geſchäft eben Nieman⸗ den betrifft, als Don Camillo Monforte. Aber Dir war doch nicht bloß aufgetragen, den Ring vorzuzeigen?“ „O nein, hier iſt ein Packet, welches nur darauf wartet, daß ich über die Perſon deſſen, mit dem ich rede, Gewißheit erlange, um es in ſeine Hände zu geben.“ Der Fremde dachte einen Augenb lick nach, dann umherblickend ſprach er haſtig: „Hier iſt nicht der Ort, Freund⸗ ſich zu demaskiren, und wenn wir uns auch nur zum Spaß verkleidet hätten. Wart' hier, ich will gleich wieder kommen und Dich an einen gelegneren Platz führen.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, ſo ſah ſich Gino allein mitten im Hofe. Der maskirte Fremde war ſchnell fortgegangen und befand ſich ſchon am Fuße der Rieſentreppe, ehe der Gondo⸗ lier Zeit hatte, ſich zu beſinnen. Mit leichtem, ſchnellem Schritt und ohne den Hellebardier zu beachten, ſtieg er hinauf und näherte ſich der erſten von den drei bis vier Oeffnungen der Mauer, die berühmt ſind als die Behälter zur Aufnahme geheimer Anklagen, 42 und denen die geſchnitzten Thierköpfe umher den Namen der Löwen⸗ rachen gegeben haben. Er warf etwas in den gähnenden Marmor⸗ ſchlund hinab; die Entfernung und Dunkelheit der Galerie verhin⸗ derten Gino zu bemerken, was es war. Darauf aber ſah er die Geſtalt wie einen Schatten die maſſiven Stufen hinunter ſchweben. Gino hatte ſich nach dem Bogen des Waſſerthores zurückge⸗ zogen und erwartete, daß der Fremde im Schatten deſſelben ſich zu ihm geſellen würde; er ſah aber, zu ſeiner großen Beſtürzung, die Geſtalt durch das äußere Portal des Palaſtes dem St. Marcus⸗ platz zueilen. Im Augenblicke jagte er mit athemloſer Eil ihm nach. Er erreichte die glänzende, munterbelebte Piazza, die gegen den düſtern Hofraum abſtach wie Tag gegen Nacht. Hier ſah er, wie ganz vergeblich eine weitere Verfolgung des Fremden ſeyn würde. Doch, geängſtet durch den Verluſt des Siegelringes, warf ſich der unvorſichtige, aber ehrliche Gondolier in die dichte Volksmenge und ſuchte umſonſt ſeinen Dieb aus tauſend Masken herauszufinden. „Heda, Signore!“ murmelte er halbverſtört einem Manne zu, der ihn mißtrauiſch angeſehn hatte, und Luſt verrieth, ihn zu ver⸗ meiden,„wenn Deine Finger ſich nun hinlänglich an meines Herrn Siegelring ergötzt haben, ſo iſt Gelegenheit da, ihn zurückzuliefern.“ „Ich kenne Dich nicht,“ erwiederte eine Stimme, die Gino's Ohren ganz fremd war.. „Es iſt nicht wohlgethan einen, wie Ihr wißt, ſo mächtigen Herrn zu reizen,“ flüſterte er einem Andern zu, den er in Verdacht hatte.„Den Siegelring, wenn Dir's beliebt, und unſer Handel braucht nicht weiter zu gehen.“ „Wer ſich drauf einläßt, mit oder ohne ſolch Pfand, würde gut thun, ſtill zu ſchweigen.“ Der Gondolier wendete ſich einem Dritten zu:„Der Ning,“ ſagte er,„paßt zu Deiner Verkleidung nicht, lieber Freund! Wes⸗ halb willſt Du den Podeſta um ſolche Kleinigkeit bemühn?“ 43 „So ſchweig, daß er Dich nicht höre.“ Die Antwort war, wie alle andern, ungenügend und auf's Gerathewohl gegeben.— Gino fragte nun keinen mehr, ſondern muſterte nur mit wach⸗ ſamen Auge die Menge. Funzig Mal war er im Begriff zu reden, und eben ſo oft zeigte ihm eine kleine Verſchiedenheit des Wuchſes oder Anzugs, ein Gelächter oder ein leicht hingeworfnes Wort, daß er ſich geirrt habe. Er drang bis zum Ausgang der Piazza, dann nahm er ſeinen Weg zur andern Seite durch das Gedränge der Portikos, blickte in jedes Kaffeehaus und betrachtete jeden Vor⸗ übergehenden, bis er wieder zurück zur Piazzetta gelangte. Da fühlte er ſeinen Elbogen leicht geſtreift und hemmte ſeinen Schritt, indem er ſich umſah. Ein Frauenzimmer, gleich einer Contadina(Bäue⸗ rin) gekleidet, redete ihn wie gewöhnlich mit verſtellter Stimme an: „Wohin ſo ſchnell? Was haſt Du in dieſem luſtigen Haufen verloren? Wenn's ein Herz iſt, ſo paſſ' auf; es giebt hier Viele, die nach dem Juwel lüſtern ſind!“ „Corpo di Bacco!“ rief der abermals getäuſchte Gondolier. „Wer ſolch ein Ding, wie das meinige, gefunden hat, möge ſein Glück behalten. Iſt Dir nicht ein Domino begegnet, der etwa ſo ausſieht, wie andre ordentliche Leute, und einen Gang hat unge⸗ fähr wie ein Senator, oder ein Padre, oder ein Jude, und der eine Maske trägt, welche tauſend anderen hier auf dem Platze ſo ähnlich iſt, wie eine Seite der Campanile der andern?“ „Du zeichneſt den Mann ſo vortrefflich, daß man ihn nicht verfehlen kann. Da ſteht er neben Dir.“ 4 Gino drehte ſich geſchwind um und ſah an dem Orte, wo er den Fremden zu finden gedachte, einen grinſenden Harlekin Poſ⸗ ſen treiben. „Deine Augen, ſchöne Contadina, ſind ſo blöd wie eines Maul⸗ wurfs.“ Er unterbrach ſeine Worte, denn ſobald die, welche ihn angeredet hatte, ſah, daß ſie ſich in der Perſon geirrt habe, war ſie verſchwunden. So immerfort getauſcht, drängte er ſich dem 44 Waſſer zu, bald den ungeſtümen Gruß eines Poſſenreißers erwie⸗ dernd, bald Frauenzimmer abweiſend, die weniger als jene Conta⸗ dina verſtellt waren. Endlich erreichte er einen Platz am Quai, welcher mehr Raum für Beobachtungen darbot. Er blieb ſtehen, unent⸗ ſchloſſen, ob er zurückkehren und ſeinem Herrn ſeine Unvorſichtigkeit eingeſtehen, oder ob er den Verſuch zur Wiedererlangung des ſo albern eingebüßten Ringes noch einmal erneuen ſollte. Auf dem leeren Raum zwiſchen den beiden Granitpfeilern befand ſich Niemand als er und noch ein Andrer, der regungslos wie eine Bildſäule am Fußgeſtell des Löwen von St. Marecus ſtand. Zweie oder dreie ſtreiften dicht an dem unbeweglichen Fremden hin, ſey es aus Neugier, ſey es, weil ſie Jemanden ſuchten, der ſich hier einfinden ſollte, aber, wie zurückprallend vor ſeiner Stein⸗Phyſiognomie, glitten ſie vorüber. Da Gino mehrmals dies auffallende Zurückſchrecken vor dem Unbe⸗ kannten bemerkt hatte, fühlte er ſich bewogen, ſich dieſem über den Platz hin zu nähern und die Urſach zu erforſchen. Bei'm Schalle der Tritte drehte ſich der Fremde ein wenig, und, als das volle Mondlicht jetzt auf ſeine Züge fiel, zeigten ſich dem Gondolier das ruhige Geſicht und forſchende Auge deſſen, an den er abgeſchickt war. Zuerſt durchzuckte den Gondolier wie alle Anderen die Luſt, ſich ſchnell zu entfernen, aber er gedachte ſeines Auftrags und ſei⸗ nes Verluſtes, und ſuchte ſeinen Widerwillen und ſeine Beſtürzung zu bemeiſtern. Noch ſprach er nicht, ſondern ſtarrte nur den Ban⸗ diten mit einem Blick an, welcher zugleich die Verwirrung ſeines Gemüths und halbe Luſt zur Anrede kund gab. „Willſt Du etwas von mir?“ fragte Jacopo, da beide ſich länger angeſehn hatten als bei zufälligem Hinblicken zu geſchehn pflegt. „Meines Herrn Siegelring!“ „Ich kenne Dich nicht.“ „ Dies Bild San Theodor's, wenn es reden könnte, müßte be⸗ zeugen, daß ich die heilige Wahrheit ſage. Ich hab' die Ehre nicht, Euch bekannt zu ſeyn, Signore Jacopo, aber man kann auch 4 . 5 45⁵ mit einem Fremden Geſchäfte haben. Wenn Ihr es war't, der mit einem friedlichen und unſchuldigen Gondolier im Hofe des Palaſtes zuſammentraf, eben als der Thurm der Piazza das letzte Viertel ſchlug, und von dieſem einen Ring erhielt, der keinem als dem 2 rechtmäßigen Eigenthümer etwas nützen kann, ſo wird ein ſo edel⸗ müthiger Mann nicht anſtehn, ihn zurückzugeben.“ .„Hältſt Du mich für einen Juwelier vom Rialto, daß Du von Ringen mit mir ſprichſt.“ „Ich halte Euch für einen Mann, der gar wohl bekannt und geſchätzt iſt bei vielen Leuten von Rang und Bedeutung hier in Ve⸗ nedig, wie der Auftrag meines Herrn an Euch beweiſen kann.“ „Nimm die Maske ab. Ehrliche Leute brauchen das Geſicht nicht zu verſtecken, womit ſie geboren ſind.“ „Ihr ſprecht gar ſehr wahr, Signore Frontoni, was nicht zu verwundern iſt, da Ihr ſo oft Gelegenheit habt, in die Handlungs⸗ weiſe der Menſchen zu ſchauen. Aber mein Geſicht hat nichts, das 6 die Mühe verlohnte, es anzuſehn; und ich möchte gern wie alle Andern thun in dieſer luſtigen Zeit, wenn's Euch beliebt.“ „Wie Du willſt. Ich bitt' Dich aber, laſſ' mich desgleichen thun.“ „Wer wollte ſo verwegen ſeyn, Euch Euer Belieben ſtreitig zu machen, Signore?“ „Mir beliebt, allein zu ſeyn.“ „Cospetto! kein Menſch in Venedig hülf' Euch lieber dazu als ich, wenn nur meines Herrn Auftrag beſorgt wäre,“ murmelte Gino zwiſchen den Zähnen.„Ich habe hier ein Packet, Signore, das ich Euch und keinem Andern abgeben ſoll.“ „Ich kenne Dich nicht.— Haſt Du einen Namen?“ „So wie Ihr's meint, eben nicht, Signore! In der Art von 8 Ruf bin ich ſo namenlos wir ein Findelkind.“ „Wenn Dein Herr nicht mehr bedeutet als Du, ſo kann das Packet zurückgegeben werden.“ „'S giebt Wenige im Gebiet von St. Marcus, die edleren 46 Stammes find und ſchoöͤnere Ausſichten haben als der Herzog von Sant' Agata.“. Die Kälte in den Zügen des Banditen verſchwand. „Wenn Du von Don Camillo Monforte kommſt, warum zoö⸗ gerſt Du, mir das zu ſagen? Was verlangt er?“ „Ich weiß nicht, ob das, was in dieſem Papiere ſteht, von ihm ſelber iſt, oder von irgend einem Andern, aber ſo, wie es da iſt, Signore Jacopo, ward mir befohlen, es Euch abzuliefern.“ Er nahm ſchweigend das Packet; der Blick aber, welchen er auf das Siegel und die Aufſchrift warf, ſchien dem ſchüchternen Gondolier der Blick eines Tigers zu ſeyn, der Blut ſieht. „Du ſprachſt etwas von einem Ringe. Haſt Du den Siegel⸗ ring Deines Herrn mitgebracht? Ich bin gewohnt, Wahrzeichen zu ſehen, ehe ich Zutrauen faſſe.“ „Wollte Gott, ich hätt' ihn noch! und wär' er ſo ſchwer wie ein Schlauch Wein, ich trüg' ihn mit Vergnügen, aber Jemand, den ich fälſchlich für Euch hielt, Meiſter Jacopo, hat ihn an ſei⸗ nem eignen langen Finger, fürcht' ich.“ „Das magſt Du mit Deinem Herrn ausmachen,“ erwiederte der Bandit kalt und betrachtete das Siegel von Neuem. „Wenn Ihr die Handſchrift meines Herrn kennt,“ fiel der Gondolier haſtig ein, der für das Schickſal ſeines Packets fürchtete, „ſon werdet Ihr in dieſen Zügen ſeine geſchickte Hand erkennen. Wenig Leute in Venedig, oder gar in ganz Sieilien, ſchreiben eine beſſere Hand mit ihrem Gänſekiel als Don Camillo Monforte. Ich Ich ſelbſt kann's nicht halb ſo ſchön machen.“ „Ich bin kein Schreiber,“ ſagte der Bandit, ohne ſich dieſes Geſtändniſſes zu ſchämen.„Ich hab's nicht gelernt, ſolche Schrei⸗ berei zu entziffern. Wenn Du die Kunſt ſo gut verſtehſt, ſag' mir, an wen die Auſſchrift lautet.“ „Es wäre ſehr unziemlich, auch nur ein Silbchen auszuſpre⸗ chen von den Geheimniſſen meines Herrn,“ erwiederte der Gondo⸗ „ 49 aber in Venedig erlag die Heiterkeit der eigenthümlichen Regierungs⸗ form und der langen Gewöhnung des Volks an Argwohn und Mißtrauen aller Art. Es gab allerdings Zeiten und Orte, welche der Beweglichkeit der Jugend und dem Leichtſinn Gelegenheit boten, ſich auszulaſſen, und das nicht ſelten. Aber ſobald das Gelüſte des Augenblicks und der Hebel der Geſelligkeit aufhörten, nahm der Cha⸗ rakter der Venetianer ein ſo düſteres Weſen an wie ihre Stadt. Während jenes lebendigen Treibens auf der Piazza San Marco, welches das vorige Kapitel geſchildert hat, lag der Ueber⸗ reſt der Stadt ſtill und einſam im Lichte des Mondes, der ſo hoch ſtand, daß ſein Schein zwiſchen die Häuſer fiel, und hier und da auch die Oberfläche des Waſſers flimmernd berührte; die Kuppeln und Thürme ruhten von ihm beglänzt in feierlicher Majeſtät. Zu⸗ weilen entfaltete ein Blick ſeines Lichtes auf die ſchweren Karnieſſe eines Palaſtes den merkwürdigſten Contraſt finſterer Einſamkeit von innen, und glänzend reicher Architektur des äußern Gebäudes. Zu einem von dieſen Edelſitzen erſten Ranges führt uns gegenwärtig unſre Erzählung. Eine ſchwerfällige Pracht herrſchte in der Bauart des Hauſes. Der geräumige Flur war maſſiv gewölbt, die marmornen Stufen breit und ſchwer. Die Zimmer überraſchten durch Bildwerk und Vergoldung, und die Wände waren reichlich geſchmückt mit unzäͤh⸗ ligen Meiſterwerken der größten italieniſchen Künſtler. Der Ken⸗ ner konnte unter dieſen Denkmälern einer ſchöneren Zeit der Kunſt leicht den Pinſel eines Titian, eines Paul Veroneſe, eines Tinto⸗ retto, erkennen, jener Dreie, die mit Recht Venedigs Stolz ſind. Dieſen Gemälden ſchloſſen ſich andere an, von Bellino, Montegna und Palma Vecchio, Meiſter, die nur den berühmteren Coloriſten der venetianiſchen Schule nachſtanden. Da wo keine Gemälde hin⸗ gen, liefen große Spiegel über die Wände hin; die Vorhänge wa⸗ ren von Sammet und Seide, das ganze eine wahrhaft königliche Pracht. Die kühlen, ſchönen Moſaikfußböden von den koſtbarſten Der Bravo. 4 oooſſoſſſſ 50 Marmorarten Ikaliens und des Oſtens, auf's künſtlichſte polirt und zierlich gefächert, vollendeten den ſtolzen Styl, welcher Glanz und Geſchmack vereinigte. Das Gebäude, welches auf zwei Seiten unmittelbar aus dem Waſſer hervorſtieg, hatte in der Mitte, wie gewöhnlich, einen dun⸗ klen Hof. Den verſchiedenen Seiten des Hauſes folgend, konnte man durch manche zu dieſer Stunde dem kühlen Zug der Seeluft geöffnete Thür, in die langen Reihen der Gemächer blicken, deren Ausſtattung wir eben beſchrieben haben, und in denen umſchattete Lampen ein ſanftes angenehmes Licht verbreiteten. Wir müſſen ohne Unterſchied durch Beſuchzimmer und Schlafgemächer, welcher letzteren Einrichtung die gemeinen Bedürfniſſe des Lebens zu ver⸗ ſpotten ſchien, den Leſer in einen Theil des Palaſtes führen, zu welchem der Fortgang unſrer Geſchichte uns ruft. In der Ecke des Hauſes, an dem kleineren der beiden Kanäle, und ganz entfernt von dem Hauptkanale der Stadt, dem das Ge⸗ bäude die Fronte zukehrte, befand ſich eine Reihe von Zimmern, welche nicht mindere Pracht, als die zuvor beſchriebenen, verriethen,⸗ aber zugleich mehr Rückſicht auf die Bequemlichkeiten des gewoͤhn⸗ lichen Lebens. Die Vorhänge waren vom ſchwerſten Sammet oder von glänzendem Seidenzeuge, die Spiegel waren groß und äußerſt rein, die Fußböden wieder von gefälligen heitern Farben, und die Wände mit Kunſtwerken bedeckt. Aber das Ganze bot mehr ein Bild häuslicher Behaglichkeit dar. Die Wandbekleidungen und Vor⸗ hänge hingen in ungezwungnen Falten herab, die Betten waren zum Schlafen eingerichtet, die Gemälde waren zarte Kopien von der Hand einer jungen Liebhaberin, deren Muße in dieſer artigen und weiblichen Beſchäftigung ſich ergötzte. Die Schöne, welche früh unterrichtet ſo viele geſchickte Nach⸗ dildungen der goͤttlichen Geſtalten Raphael's, oder der herrlichen Färbung Titian's, in's Leben gerufen, hatte eben in ihrem Gemach eine Unterredung mit ihrem geiſtlichen Rathgeber und mit einer 51 Perſon ihres Geſchlechts, welche lange bei ihr die Stelle einer Er⸗ zieherin und Mutter vertreten hatte. Die Herrin des Palaſtes war noch in ſo zartem Alter, daß ſie in nordlicherer Gegend für kaum mehr als ein Kind gegolten hätte, während in ihrem Lande das Ebenmaaß und die Ausbildung ihrer Formen, und der Ausdruck eines dunkeln, ſprechenden Auges, weibliche Reife in koͤrperlicher und geiſtiger Hinſicht kund gaben. „Für den guten Rath danke ich Euch, mein Vater; und meine vortreffliche Florinde wird Euch noch mehr dafür dankbar ſeyn, denn Eure Anſicht ſtimmt mit der ihrigen immer ſo ganz überein, daß ich mich oft gewundert habe, wie die Erfahrung auf eine ge⸗ heimnißvolle Art den Weiſen und den Tugendhaften gleiche Gedan⸗ ken eingiebt, und noch dazu über einen Gegenſtand von ſo wenigem perſönlichen Intereſſe.“ Ein leichtes verſtohlenes Lächeln umzog den abgeſtorbenen Mund des Carmeliters, als er die naive Bemerkung ſeines freimüthigen Zöglings vernahm. „Du wirſt lernen, mein Kind,“ erwiederte er,„wenn die Zeit Dich mit Weisheit ausgerüſtet haben wird, daß wir in den Dingen, welche unſre Leidenſchaften und Intereſſen am wenigſten berühren, gerade am fähigſten ſind, vorſichtig und unparteiiſch zu urtheilen. Wenn Donna Florinde auch noch nicht das Alter erreicht hat, in welchem man endlich die Begierde unterjocht, und obgleich noch ſo vieles ſie an die Welt feſſelt, ſo wird ſie Dir doch dieſe Wahrheit bezeugen können, oder ich müßte mich ſehr irren über die Vortreff⸗ lichkeit dieſes Gemüths, welches ſich bisher tadellos geleitet hat auf der Pilgerfahrt, die wir alle vollbringen müſſen.“ Obgleich der Redner, ſich offenbar eben zum Fortgehen rüſtend, die Kutte über den Kopf gezogen hatte, und ſein tiefliegendes Auge mit unverändertem Wohlwollen auf dem ſchönen Antlitz ſeiner Schülerin ruhte, rötheten ſich doch die bleichen Wangen der müt⸗ terlichen Freundin, und ihr Lob ergoß einen Schein über ihre 52 Züge, wie das plötzliche Leuchten des Winterhimmels beim Unter⸗ gange der Sonne. „Ich darf glauben, daß Violetta dies nicht erſt jetzt erfährt,“ ſagte Donna Florinde mit merklich weicher und zitternder Stimme. „Es wird wenig geben, das einem ſo unerfahrenen Mädchen als ich bin, geſagt werden kann, was ſie mich nicht gelehrt hätte,“ entgegnete ſchnell ihr Zögling, und ergriff, ohne es ſelbſt zu merken, und ohne vom Geſicht des Carmeliters den Blick abzuwenden, die Hand ihrer treuen Führerin.„Aber warum verlangt der Senat über ein Mädchen zu verfügen, das, wie bisher, auch ferner leben moͤchte, glücklich in ihrer Jugend, und zufrieden mit der Zurückge⸗ zogenheit, die ihrem Geſchlechte geziemt?“ „Die Jahre ſind unaufhaltſam; ſelbſt ein unſchuldiges Kind, wie Du, muß einſt das Unglück und die Verſuchungen eines vor⸗ gerückteren Alters fühlen. Es gibt in dieſem Leben gebieteriſche, oft tyranniſche Pflichten. Du weißt, welche Politik in einem Staate herrſchen muß, welcher ſich durch hohe Waffenthaten, durch Reich⸗ thümer und weit verbreiteten Einfluß, ſo berühmt gemacht hat wie dieſer. Es giebt ein Geſetz in Venedig, welches Jedem, der in den Angelegenheiten der Stadt irgend eine Stelle einzunehmen be⸗ rechtigt iſt, verbietet, ſich mit Ausländern der Art zu verbinden, daß ſeine Ergebenheit für die Republik dabei in Gefahr käme. So darf kein Patricier des San Marco in einem andern Staate Güter beſitzen, keine Erbin eines ſo hohen und geehrten Nameus, wie Du, ſich einem Ausländer von Bedeutung vermählen, es ſey denn mit dem Wunſch und der Bewilligung Dererg welche über das Gemein⸗ wohl zu wachen eingeſetzt ſind.“.— „Hätte die Vorſehung mir durch die Geburt einen geringern Stand angewieſen, ſo wäre Alles dies anders. Mich dünkt, es ſtimmt nicht wohl zum weiblichen Glück, dem Rathe der Zehn be⸗ ſonders am Herzen zu liegen.“ 11 „Du ſprichſt unbeſcheiden, und ich beklage es, ſagen zu müſſen, & 53 gottlos. Es iſt unſre Schuldigkeit, uns den weltlichen Geſetzen zu unterwerfen, und mehr als Schuldigkeit, die Ehrfurcht gebietet uns, gegen die Vorſehung nicht zu murren. Aber die Laſt ſcheint mir aber auch gar ſo ſchwer nicht, gegen welche Du Dich auflehnſt, meine Tochter. Du biſt jung, reicher als ein vernünftiger Wunſch zu be⸗ gehren erlaubt, von einem Adel, der einen verderblichen, weltlichen Stolz erregen könnte, und ſchön genug, um Dir ſelbſt der gefähr⸗ lichſte von allen Feinden zu werden— warum murrſt Du gegen ein Loos, das ja doch allen Deines Geſchlechtes und Deiner Ver⸗ hältniſſe zu Theil wird?“ „Wenn ich gegen die Vorſehung gemurrt habe, ſo fühle ich jetzt ſchon Reue darüber,“ entgegnete Donna Violetta,„aber für⸗ wahr, es würde weniger unangenehm ſeyn für ein Mädchen von ſechzehn Jahren, wenn die Väter des Landes ſo viel Wichtigeres zu thun hätten, daß ſie des Mädchens Stand und Alter, und etwa 4 auch ihren Reichthum darüber vergäßen.“ „Es wäre kein Verdienſt eben, mit einer Welt zufrieden zu ſeyn, die wir nach unſeren Grillen zugeſchnitten hätten, und es iſt die Frage, ob wir, wenn alles nach unſerm Wunſch ginge, glück⸗ licher wären als jetzt, wo wir uns fügen müſſen in die Ordnung, wie ſie einmal beſteht. Den Antheil, welchen die Republik an Deinem beſondern Wohl nimmt, meine Tochter, mußt Du Dir ge⸗ fallen laſſen, und ſo ihr vergelten für die Sicherheit und Herrlich⸗ keit, welche ſie Dir gewährt. Wer in dunklerem Stande, weniger geſegnet mit Glücksgütern geboren wird, kann mehr Freiheit ſeines Willens haben, muß aber dafür den Glanz entbehren, welcher die Wohnung Deiner Väter erfüllt.“ „Ich wollte, es wäre weniger Pracht und mehr Freiheit darin.“ „Die Zeit wird Dich lehren, anders hierüber zu denken, Dein Alter ſieht Alles in goldigen Farben; das Leben erſcheint dann gleich zwecklos, ſobald auch ſelbſt der unbeſonnenſte Wunſch uner⸗ füllt bleibt. Indeſſen läugne ich nicht, daß gerade Dein Schickſal 54 mit ganz beſondern Umſtänden verbunden iſt. Es herrſcht eine Po⸗ litik in Venedig, die viel berechnet, und die mancher darum viel⸗ leicht für grauſam hält.“ Die Stimme des Carmeliters war ge⸗ ſunken und einen Augenblick innehaltend, warf er einen unruhigen Blick unter ſeiner Kutte hervor. Dann fuhr er fort:„Die Vor⸗ ſicht erheiſcht vom Senate, daß er ſolchen Intereſſen, welche gegen einander ankämpfen und wohl gar die des Staates ſelbſt gefährden, die Wage halte. Daher kommt es, wie ich ſagte, daß ohne Erlaubniß und Aufſicht der Republik Niemand, der zum Stande der Senatoren gehört, Grundbeſitzer im Auslande ſeyn, und keine Perſon von Be⸗ deutung ſich mit Fremden, die einen gefährlichen Einfluß beſitzen, verheirathen darf. Der letztere Fall iſt der Deinige; von den ver⸗ ſchiedenen Großen des Auslandes, welche um Deine Hand anhalten, kann der Senat keinen begünſtigen, ohne zu fürchten, daß ein Fremder hier mitten in der Stadt eine ungebührliche Macht er⸗ werbe. Don Camillo Monforte, der Kavalier, welchem Du Dein Leben verdankſt, und deſſen Du neulich voll Erkenntlichkeit gedachteſt, hat wahrhaftig mehr Urſache ſich über die Härte dieſer Beſchlüſſe zu beklagen, als Du irgendwie haben kannſt.“ „Mein Kummer,“ fiel Violetta ſchnell ein,„würde noch größer ſeyn, wenn ein Mann, der für mich ſo viel Muth bewieſen hat, Grund hätte zu empfinden, wie gerecht dieſer Kummer iſt. Was hat den Herrn von Sant' Agata grade mir zum Glücke nach Venedig gebracht, wenn es anders für ein erkenntliches Mädchen nicht un⸗ ziemlich iſt, ſo zu fragen?“ 2 „Dein Antheil hieran iſt ganz natürlich und lobenswerth,“ er⸗ wiederte der Carmeliter mit einer Einfalt, die ſeiner Kutte mehr Ehre machte als ſeiner Beobachtungsgabe.„Er iſt jung und zweifels⸗ ohne durch ſeine Reichthümer und die Leidenſchaftlichkeit der Jugend zu manchem Leichtſinn geneigt. Schließ ihn in Dein Gebet ein, meine Tochter. Dies iſt der Dank, welchen Du ihm abſtatten 3 magſt. Das weltliche Inkereſſe, welches er hier hat, iſt aber all⸗ 5⁵ gemein bekannt, und ich kann Deine Unwiſſenheit darüber nur Deiner zurückgezogenen Lebensweiſe zuſchreiben.“ „Mein Pflegling hat an andere Dinge zu denken, als an die An⸗ gelegenheiten eines jungen Fremden, der in Geſchäften nach Venedig kommt,“ bemerkte Donna Florinde ſanft. „Aber wenn ich für ihn beten ſoll, mein Vater, ſo würde mein Gebet mehr Beſtimmtheit haben, wenn ich wüßte, weſſen der junge Edelmann am meiſten bedarf.“ „Bitte nur allein für ſein geiſtliches Wohl. In Wahrheit, von den zeitlichen Gütern dieſer Welt fehlt ihm wenig, obgleich die fleiſch⸗ lichen Begierden den, welcher am meiſten hat, verführen, immer mehr noch verlangen. Es hat den Anſchein, als ob ein Vorfahr Don Camillo's vor Zeiten Senator in Venedig geweſen, als der Tod eines Verwandten calabriſche Güter in ſeiner Beſitz brachte. Von ſeinen Söhnen übernahm der jüngere dieſe Güter in Folge eines Geſetzes, welches zu Gunſten einer Familie, die dem Staate treu gedient hatte, ausdrücklich war erlaſſen worden. Auf den älteren Sohn dagegen und auf deſſen Nachkommen ging die Senatorwürde und das Familienbeſitzthum in Venedig über. Die ältere Linie iſt nun ausgeſtorben, und Don Camillo beſtürmt ſeit Jahren den Rath, ihn wieder in die Rechte einzuſetzen, denen ſein Ahnherr entſagt hat.“ „Können ſie ihm dies verweigern?“ „Um es zu gewähren, müßten ſie vom Geſetz abgehn. Wenn er ſeinen calabriſchen Beſitzungen entſagen wollte, ſo würde er mehr verlieren als gewinnen. Soll er aber beides haben, ſo wird gegen ein Geſetz gehandelt, welches man nur ſehr ſelten ſuspendirt. Ich verſtehe nicht viel, meine Tochter, von den Verhältniſſen des Lebens, aber es giebt Feinde der Republik, welche ſagen, daß ſie eine ſchwere Knechtſchaft übt, und ſelten eine Gunſt gewährt ohne reich⸗ lichen Erſatz dafür zu fordern.“ „Iſt das aber Recht? Wenn Don Camillo Monforte Anſprüche 56 hat in Venedig, betreffe es nun Paläſte an den Kanälen, oder Ländereien auf dem Feſtlande, oder Ehrenſtellen, oder einen Sitz im Senat, immer ſollte ihm Gerechtigkeit werden ohne Verzug, damit es nicht heiße, die Republik prahle mehr mit dieſer heiligen Tugend, als ſie dieſelbe übe.“ „So heißt Dich Dein argloſer Sinn reden. Es gehört zur Gebrechlichleit des Menſchen, meine Tochter, daß er ſeine öffent⸗ lichen Handlungen von der ängſtlichen Gewiſſenhaftigkeit ſeines Thuns als Privatmann fernhält, als ob Gott, den Menſchen zu⸗ gleich mit Vernunft und mit dem herrlichen Troſt des Chriſten⸗ thums beſchenkend, ihm zwei Seelen gegeben hätte, für deren eine nur allein zu ſorgen wäre.“ „Giebt es nicht Leute, mein Vater, welche glauben, es werde nur dasjenige Boͤſe an uns geſtraft, welches wir als Einzelne be⸗ gehn, was aber von Staats wegen geſchieht, falle der Nation auch zur Laſt?“ „Der Stolz der menſchlichen Vernunft hat manche Spitzfindig⸗ keiten erſonnen, ſeinen eignen Begierden zu fröhnen, aber er findet an keiner unglückſeligeren Täuſchung, als dieſe iſt, Nahrung. Die Sünde, welche Andere mit fortreißt in ihre Schuld oder in ihre Folgen, iſt eine doppelte Sünde, und wenn es auch die Natur der Sünde iſt, ihre eigne Strafe nach ſich zu ziehen, ſogar ſchon in dieſem Leben, ſo ſchmeichelt Derjenige ſich doch mit falſcher Hoff⸗ nung, welcher meint, die Größe des Vergehens werde ihm zur Entſchuldigung dienen. Die größte Sicherheit für uns Menſchen iſt, uns von der Verſuchung zurückzuziehen; der iſt am meiſten ge⸗ borgen vor den Lockungen der Welt, wer ſich von ihren Laſtern am meiſten entfernt hält. Ich wünſche zwar, daß der edle Neapo⸗ litaner ſein Recht erlange, doch kann es vielleicht um ſeines ewigen Heiles willen ſeyn, daß ihm dieſe Vergroͤßerung ſeines Reichthums, nach welcher er trachtet, vorenthalten wird.“ „Ich kann mir nicht einbilden, mein Vater, daß ein Cavalier, — 57 welcher ſich ſo bereitwillig zeigte, dem Unglücklichen beizuſpringen, die Gaben des Glücks ſo leicht mißbrauchen werde.“ Der Carmeliter heftete einen unruhigen Blick auf die klaren Züge der jungen Venetianerin. Väterliche Beſorgniß und Ahnung ſprachen aus ſeinem Auge, doch war der Ausdruck durch die Milde eines beherrſchten Gemüthes gemindert. „Dankbarkeit für Deinen Lebensretter geziemt ſowohl Deinem Stande als Deinem Geſchlechte, und iſt eine Schuldigkeit. Halte dies Gefühl werth, denn es iſt der Verpflichtung des Menſchen gegen ſeinen Schöpfer gar ſehr verwandt.“ „Iſt es denn genug, Dankbarkeit bloß zu fühlen?“ fragte Violetta.„Eine Perſon von meinem Namen und Einfluſſe ſollte doch mehr thun. Wir können die Patrizier, welche mir verwandt ſind, zu Gunſten des Fremden bewegen, ein ſchnelleres Ende dieſes langwierigen Prozeſſes herbei zu führen.“ „Ei behüte, Tochter! der Eifer einer jungen Dame, an welcher die Republik ſo vielen Antheil nimmt, könnte dem Don Camillo eher Feinde als Freunde erwecken.“ Donna Violetta ſchwieg. Der Mönch und Donna Florinde betrachteten ſie mit beſorgter Theilnahme; der Erſtere brachte da⸗ rauf ſeine Kutte in Ordnung, und rüſtete ſich zum Aufbruch. Die edle Jungfrau trat dem Carmeliter näher, und mit unverſtelltem Zu⸗ trauen und gewohnter Ehrerbietung ihn anſchauend, bat ſie um ſeinen Segen. Nach dieſer feierlichen Handlung wandte ſich der Mönch zu der Gefährtin ſeiner Fürſorge. Donna Florinde ließ das Sei⸗ denzeug, an welchem ſie nähete, in ihren Schooß fallen, und ſaß demüthig ſchweigend mit gebeugtem Haupt, während der Carmeliter ſeine Hande über ſie hinſtreckte. Seine Lippen bewegten ſich, aber man hörte die Worte des Segens nicht. Wäre das feurige Mäd⸗ chen, welches ihrer beiderſeitigen Sorge anvertraut war, minder mit eignen Gefühlen beſchäftigt oder mit den Intereſſen der Welt, in welche ſie erſt eintreten ſollte, bekannter geweſen, ſo hätte ſie wieder einen Beweis entdeckt von jener tiefen und ſanften Gemüths⸗ verwandtſchaft, welche in dem ſchweigenden Verſtaͤndniß ihres geiſt⸗ lichen Vaters mit ihrer Erzieherin ſich kund gab. „Du wirſt uns nicht vergeſſen, mein Vater?“ ſagte Violetta mit einnehmendem Ernſt.„Eine Waiſe, mit deren Schickſal die klugen Herren des Staates ſich ſo ernſtlich beſchäftigen, bedarf eines zuverläſſigen Freundes.“ „Geſegnet ſey Dein Fürſprecher,“ ſagte der Mönch„und der Friede der Unſchuldigen ſey mit Dir.“ Er erhob ſeine Hand noch einmal. Dann drehte er ſich um und verließ das Zimmer. Donna Florinde's Auge folgte den weißen Gewändern des Carmeliters ſo lange ſie ſichtbar waren, und als es wieder auf den Seidenſtoff in ihrem Schooß ſiel, ſchloß es ſich für einen Augenblick, als ſchaute es innen hinein auf Regungen des Gewiſſens. Die junge Herrin des Palaſtes rief indeß einen Bedienten und befahl ihm, ihrem Beichtvater bis zu ſeiner Gondel das Geleite zu geben. Dann begab ſie ſich zu dem offnen Balkon. Es folgte ein langes Schweigen, ſinnig, überſchwenglich, jene italieniſche Ruhe athmend, wie ſie dieſer Stadt und der Abendſtunde angemeſſen war. Plötzlich trat Violetta beſtürzt einen Schritt vom offnen Fenſter zurück. „Iſt ein Boot unten?“ fragte ihre Gefährtin, deren Auge die plötzliche Bewegung Violetta's natürlich auf ſich gezogen hatte. „Das Waſſer war niemals ruhiger. Aber hörſt Du nicht dieſe Töne von Hoboen?“, „Sind die ſo ſelten auf den Kanälen, daß ſie Dich vom Bal⸗ kon treiben können?“ „Es ſind Cavaliere unter den Fenſtern am Mentoni⸗Palaſt, die ohne Zweifel unſerer Freundin Olivia ein Ständchen bringen.“ „Auch dieſe Galanterie iſt ganz gewöhnlich. Du weißt, daß 59 Olivia binnen kurzem ihren Verwandten heirathen wird, nun bezeigt er ihr ſeine Verehrung wie gewöhnlich.“ „Findeſt Du nicht, daß ſolch ein öffentliches Liebeszeichen läſtig iſt? Wollte man um mich werben, ſo wünſchte ich, daß Niamand davon hörte als eben ich.“ „Dieſe Geſinnung iſt ſchlimm für eine Dame, deren Hand der Senat zu vergeben hat. Ich fürchte, ein Mädchen Deines Standes muß ſich darein ſinden, daß ihre Schönheit geprieſen und ihre Talente beſungen werden, vielleicht bis zur Uebertreibung, und zwar ſelbſt von Miethlingen unter einem Balkon.“ „Ich wollte es wäre aus,“ rief Violetta, ſich die Ohren zu⸗ haltend.„Niemand kennt die Vortrefflichkeit unſrer Freundin beſſer als ich; doch dieſe offne Darlegung von Gefühlen, die im Stillen bleiben ſollten, muß ſie verletzen.“ „Geh' nur wieder auf den Balkon. Die Muſik hört auf.“ „Dort ſingen Gondoliers am Rialto; das iſt eine Muſik, die ich liebe. Dieſe ſüßen Töne beleidigen nicht unſre heiligſten Gefühle. Willſt Du heut Abend fahren, liebe Florinde?“ „Wo wollteſt Du hin?“ „Ich weiß nicht, aber der Abend iſt ſchön und ich habe ein Verlangen den Glanz und die Freude da außen zu genießen.“ „Tauſende giebt es auf den Kanälen, die ein Verlangen haben, den Glanz und die Freude da innen zu genießen. So iſt es immer im Leben, was wir beſitzen vird gering geachtet, und was wir nicht haben, iſt uns unſchätzbar⸗ „Ich bin meinem V einen Beſuch ſchuldig,“ ſagte Vio⸗ letta,„wir wollen nach ſeinem Palaſte fahren.“ Trotz der moraliſchen Predigt meinte es Donna Florinde ſo ſtreng nicht. Sie warf ihre Arbeit bei Seite und machte ſich bereit, ihrer Pflegebefohlnen zu willfahren. Es war die gewöhnliche Stunde für Standesperſonen auszufahren, und die Lockung, das Freie zu ſuchen, ſo reizend, wie ſie nur Italien mit ſeinem milden Klima, Venedig mit ſeinem bunten Gedränge bieten konnte. Einer Dienerin ward befohlen, das Zimmer zu hüten; die Gondoliere wurden ge⸗ rufen; die Damen nahmen ihre Mäntel und Masken und waren geſchwind im Boote. Fünftes Kapitel. — Will dein Herr, Daß eine Kön'gin bei ihm bettele, ſag' ihm, Der Majeſtät gezieme nicht zu bitten Um Mindres, als ein Königreich. Antonius und Eleopatra. Der Flug der Gondel mit ſeiner Todtenſtille brachte die ſchöne Venetianerin und ihre Erzieherin bald zu dem Waſſerthore des Edlen, dem vom Senate die beſondre Aufſicht über die Perſon der vor⸗ nehmen Erbin anvertraut war. Seine Wohnung war düſterer als gewöhnlich, und bekundete alle die feierliche, ſchwerfällige Pracht,„ welche die Privatwohnungen der Patricier in dieſer Stadt des Reich⸗ 3 thums und des Stolzes auszeichnete. Der Umfang und die Archi⸗ 4 tektur des Gebäudes waren weniger großartig als an Donna Vio⸗ letta's Palaſte, zeigten aber doch ein Privathaus erſten Ranges und verriethen in allen ihren äußeren Zierrathen die Wohnung eines Mannes von großer Bedeutung. 3 der geräuſchloſe Schritt und die mißtrauiſche Miene der zu der finſteren Größe der Zimmer, um dieſer Behauſun eer ganzen Republik im Kleinen zu geben. Da die beiden Beſucherinnen Signor Gradenigo's(ſo hieß der Beſitzer des Palaſtes) unter ſeinem Dache nicht fremd waren, ſo ſtiegen ſie die maſſiven Steinſtufen hinan, ohne ſich mit Betrachtung 4 3 der eigenthümlichen Bauart eines ſolchen Hauſes, die des Fremden Auge gefeſſelt haben würde, aufzuhalten. Der Rang und das Anſehn der Donna Violetta ſicherten ihr einen bereitwilligen Empfang, und „ 61 während ein Haufe bückender Bedienter ſie nach der obern Zimmer⸗ reihe hinaufführte, lief einer, mit geziemender Eil ihre Ankunft ſeinem Herrn zu melden. Im Vorzimmer verweilte die junge Dame, um die Bequemlichkeit und Einſamkeit ihres Vormundes nicht zu ſtören, aber nur einen Augenblick; denn kaum erfuhr der alte Senator ihre Gegenwart, ſo eilte er aus ſeinem Kabinet zu ihrem Empfange mit ſolchem Eifer herbei, daß zu erkennen war, wie er das ihm anvertraute Amt ſich angelegen ſeyn ließ. Das Geſicht des alten Patriciers, welches Nachdenken und Sorge mit dem Alter in Gemeinſchaft gefurcht hatten, glänzte in unzwei⸗ deutiger Freude, als er ſich beeilte, ſeine ſchöne Mündel zu begrüßen. Er hörte nicht auf die halb geſagten Entſchuldigungen wegen ihres Eindringens, ſondern führte ſie hinein, ſein Vergnügen galanterweiſe ausſprechend, daß ihn ihr Beſuch auch zu einer Zeit beehre, welche der ängſtlichen Zurückhaltung ſonſt ungelegen erſcheinen könnte. „Du kommſt nie zur unrechten Zeit, da Du das Kind meines alten Freundes biſt und die Sorge der Republik,“ ſetzte er hinzu. „Die Thüren des Palaſtes Gradenigo würden ſich von ſelbſt öffnen, und wäͤre es in der ſpäteſten Stunde der Nacht, um ſolchen Gaſt aufzunehmen. Außerdem iſt dieſe Stunde die paſſendſte für eine Perſon Deines Standes, welche die Abendfriſche auf den Kanälen genießen will. Wollte ich Dich auf Stunden und Minuten beſchräͤnken, ſo könnte leicht manch' augenblieklicher Wunſch, manche unſchuldige Jugendlaune unbefriedigt bleiben.— Ach, Donna Florinde, wir haben wohl zu beten, daß nicht unſre Zuneigung, oder ſoll ich's Schwäche nennen, für dies einnehmende Mädchen am Ende ihr ſelbſt zum Nachtheil gereiche.“ „Ich bin Beiden ſür ihre Nachſicht dankbar,“ ſagte Violetta. „Nur fürchte ich, Euch mit meinen kleinen Anliegen zu beläſtigen, wenn Eure Zeit eben würdiger für das Wohl des Staates in Anſpruch genommen iſt.“. „Du überſchätzeſt meine Wirkſamkeit. Ich beſuche wohl bisweilen ◻ᷣ 44 — 62 den Rath der Dreihundert, aber mein Alter und meine Kränklichkeit verhindern mich jetzt, dem Staate, ſo wie ich gern möchte, zu dienen. Gelobt ſey unſer Patron Sanct Marcus. Seine Angelegenheiten ſtehen nicht ſchlecht im Verhältniß zu unſerm abnehmenden Glücke. Wir haben die Ungläubigen jüngſt ganz tapfer geſchlagen, der Vertrag mit dem Kaiſer iſt nicht zu unſerm Schaden, und der Zorn der Kirche über unſern anſcheinlichen Treubruch neulich hat ſich gelegt. In der letztern Angelegenheit verdanken wir Etwas einem jungen Neapolitaner, der ſich in Venedig aufhält und der nicht ohne Einfluß beim heiligen Stuhle iſt, denn ſein Oheim iſt Cardinal⸗Sekretär. Freunde zur rechten Zeit gebraucht können viel helfen. Dies iſt Venedig's Staats⸗Kunſtſtück; was die Macht nicht zu Stande bringen kann, muß man mit Gunſt und kluger Mäßigung ausrichten.“ „Eure Rede ermuthigt mich zu einer neuen Bitte, und ich will Euch geſtehn, daß außer dem Verlangen, Euch meine Ehrfurcht zu beweiſen, der Wunſch mich hergeführt hat, Euren großen Einfluß in Bezug auf ein ernſtliches Anliegen, welches ich habe, in Anſpruch zu nehmen.“ „Sieh' da! Unſere junge Schutzbefohlne, Donna Florinde, hat mit den Gütern ihrer Familie zugleich deren alte Liebe zur Fürſprache und Protection geerbt! Wir wollen ihr aber dieſe Geſinnung nicht verwehren, denn derſelben liegt etwas Gutes zu Grunde, und wenn ſie recht angewendet wird, kann dadurch der Vornehme und Mäch⸗ tige ſich befeſtigen in ſeiner Stell „Und ſollen wir nicht ſagen, „daß der Reiche und vom Glück Beg Aermeren ſich bemühet, eine heilige P kräftig und heilſam dadurch bildet?“ „Ohne Zweifel! Nichts kann heilſamer ſeyn, als jedem Stande in der Geſellſchaft einen gehörigen Sinn für ſeine Obliegenheiten und ein richtiges Gefühl für ſeine Pflichten beizubringen. Dieſe Anſicht billige 15 ich gar ſehr, und wünſche, daß meine Mündel ſie ſich ganz aneigne.“ 4 A — onna Florinde ſanft, gte, wenn er für den t übet und ſeine Seele 8 ᷣ S 63 4 „Sie iſt glücklich, ſo tüchtige Lehrer zu beſitzen, und die ſo bereitwillig ſind, ihr alles Wiſſenswerthe beizubringen,“ ſagte Vio⸗ letta.„Demnach darf ich Signor Gradenigo bitten, meinem Geſuche ein Ohr zu leihen?“ „Deine kleinen Anliegen ſind immer willkommen. Ich wollte nur noch bemerken, daß hochherzige und feurige Geiſter einem ent⸗ fernten Gegenſtand oft ſo eifrig nachjagen, daß ſie andre überſehen, die näher liegen und dringender ſind, und auch leichter zu erlangen. Indem wir dem Einen nützlich ſeyn wollen, müſſen wir uns vorſehn, nicht vielen Andern Nachtheil zuzufügen. Hat vielleicht ein Verwandter eines Deiner Hausleute ſich unachtſamerweiſe anwerben laſſen?“ „Wenn das wäre, ſo hoffe ich, daß der Rekrut nicht ſo un⸗ männlich ſeyn wird, ſeine Fahnen zu verlaſſen.“ „Oder Deine Amme, welche wenig dazu gemacht iſt, den Dienſt, welchen ſie Deiner Kindheit geleiſtet hat, zu vergeſſen, wünſcht vielleicht ein Aemtchen für einen ihrer Verwandten beim Zollweſen?“ „Ich glaube, es giebt in ihrer ganzen Familie keinen Unange⸗ ſtellten mehr,“ ſagte Violetta lachend,„wir müßten denn der guten Mutter ſelbſt einen Ehrenpoſten geben wollen. Nein, meine Bitte betrifft ſie heute nicht.“ „Oder Deine Erzieherin, unter deren pflegender Hand Du ſo ſchön und geſund herangewachſen biſt, wünſcht einen ſtattlichen Anzug? Meiner Meinung nach aber thäte ſie beſſer, zu bleiben wie ſie iſt, wenn auch ein wenig träge, und wie ich fürchte, überfüttert durch Deine Freigebigkeit. Die vielen Bitten um Almoſen haben auch wohl Dein Taſchengeld erſchöpft; oder vielleicht hat Dich eine wun⸗ derliche Mode viel gekoſtet?“ „Nichts von dem allen. Des Goldes bedarf ich wenig, da eine ſtandesmäßige Pracht in meinem Alter noch nicht unumgänglich noͤthig iſt. Nein, mein Vormund, ich komme mit einer viel wich⸗ tigeren Bitte.“. „Sie betrifft doch nicht etwa Jemanden, dem Du wohl willſt, 64 und der ſich mit unziemlichen Reden vergangen hat!“ rief Signor Gradenigo, einen haſtigen und forſchenden Blick auf ſeine Mündel werfend. „Nein, wer ſich in ſo weit vergeſſen hat, möge auch die Strafe ſeines Vergehns leiden.“ „Du haſt vollkommen Recht. Man kann in dieſem Zeitalter neuer Meinungen, und aller Arten von Neuerungen, die Leute nicht ſtreng genug halten. Wenn der Senat die wüſten Theorien der Gedankenloſen und Thörichten unbeachtet laſſen wollte, da würden ſie bald zu den untergeordneten Gemüthern der Unwiſſenden und Faullenzer dringen, Geld fordre von mir, zwanzigfach, wenn Du willſt, nur nicht Verzeihung für einen Störer der öffentlichen Ruhe.“ „Ich begehre keine Zechine. Ich habe ein edleres Geſchäft.“ „So rede denn, und laſſe mich nicht länger rathen.“ Jetzt, da ſie nun, was ihres Herzens Wunſch im Stillen geweſen war, in eigene Worte faſſen und ausſprechen ſollte, ſchien Donna Violetta ſich davor zu fürchten. Sie wechſelte mehrmals die Farbe, und ſuchte im Auge ihrer aufmerkſamen und verwunderten Gefährtin Rath. Dieſe aber, die ihr Vorhaben nicht kannte, ver⸗ mochte die Supplikantin durch nichts zu ermuthigen, als durch jenen Blick des Mitgefühls, den Frauenzimmer einander nicht vorenthalten, wann ihre eigenthümlich weiblichen Empfindungen irgend in's Ge⸗ dränge kommen. Violetta ſtockte, ſich ſelber mißtrauend, dann aber lachte ſie über den eignen Mangel an Selbſtbeherrſchung, und fuhr fort zu reden. „Ihr wißt, Signor Gradenigo,“ ſagte ſie mit einem Nachdruck, der, wenn auch bei weitem verſtändlicher, doch nicht minder auffallend war, als ihre Gemüthsbewegung einen Augenblick früher;„Ihr wißt, daß ich von einem Geſchlecht ſtamme, das ſeit Jahrhunderten groß war in Venedig.“ „So meldet unſre Geſchichte.“ 65 „Daß ich einen altberühmten Namen führe, den von aller Befleckung rein zu erhalten mir perſönlich obliegt.“ „Das iſt ſo wahr, daß es kaum einer ſo deutlichen Auseinan⸗ derſetzung bedarf,“ entgegnete der Senator trocken. „Und daß ich trotz dieſer reichen Geſchenke des Glücks und der Geburt eine Gabe, die ich empfing, nicht vergolten habe, ſo daß es dem Hauſe Tiepolo keine Ehre macht.“ „Das wird ernſthaft. Donna Florinde, unſere Mündel iſt heut über allen Begriff feierlich geſtimmt, und ich muß Euch um Auf⸗ klärung darüber bitten. Es ziemt ihr freilich nicht, Gaben der Art von irgend Jemanden anzunehmen.“ „Ich kenne zwar ihr Verlangen nicht,“ entgegnete ſanft die Gefäͤhrtin,„doch denk' ich, ſie ſpricht von der Rettung ihres Lebens.“ Signor Gradenigo's Geſicht verfinſterte ſich. „Ich verſtehe Euch,“ ſagte er kalt.„Es iſt wahr, der Nea⸗ politaner war ſchnell bereit, Dich zu retten, als Deinen Oheim von Florenz das Unglück betraf, aber Don Camillo Monforte iſt kein gemeiner Taucher vom Lido, dem man für das Auffiſchen einer Kleinigkeit, die aus einer Gondel ſiel, ein Trinkgeld giebt. Du haſt dem Cavalier gedankt. Ich glaube, daß ein edles Mädchen in ſolchem Falle nichts weiter thun kann, als dies.“ „Wohl hab' ich ihm gedankt, und recht herzlich gedankt,“ be⸗ theuerte Violetta feurig.„Wenn ich ſeine Wohlthat vergeſſe, heiligſte Maria und ihr lieben Heiligen, ſo vergeſſet mich!“ „Mir kommt vor, Signora Florinde, als habe Euer Pflegekind mehr Zeit mit den leichtſtnnigen Büchern in ihres Vaters Bibliothek, und weniger Zeit mit ihrem Meßbuche zugebracht, als für ihren Stand geziemend iſt.“ Violetta's Auge glühete, und ſie ſchlang einen Arm um ihre bebende Gefährtin, welche bei dieſem Vorwurf den Schleier fallen ließ, und kein Wort entgegnete. „Signor Gradenigo,“ ſagte die junge Erbin,„ich mag meinen Der Bravo. 5 66 Lehrern Schande gemacht haben. Aber wenn der Zögling träg' geweſen, ſoll der Tadel doch keinen Unſchuldigen treffen. Indeß hat es nicht den Schein, als würden die Vorſchriften der heiligen Kirche verletzt, wenn ich für einen Mann, der mein Leben gerettet hat, ein gutes Wort einlege. Don Camillo Monforte macht ſchon lange ohne Erfolg ſo gerechte Anſprüche geltend, daß, wenn auch kein andrer Grund wäre, ihm zu willfahren, die Würde Venedig's ſchon allein den Senatoren gebieten ſollte, ihn nicht länger hinzuhalten.“ „Meine Mündel hat zur Erholung bei den Doktoren von Padua ſtudiert! Die Republik hat ihre Geſetze, und Keiner, der ein Recht hat, wendet ſich an ſie vergeblich. Deine Dankbarkeit iſt nicht zu tadeln, iſt vielmehr Deines Standes und Deiner Stellung würdig. Aber, Donna Violetta, wir ſollten uns erinnern, wie ſchwierig es iſt, die Wahrheit von der Spreu der Täuſchung und ſpitzfindigen Verkehrung zu ſichten; vor allem aber ſollte ein Richter, bevor er ein Dekret erläßt zu Gunſten eines Bittſtellers, erſt gewiß ſeyn, ob er nicht einen Andern dadurch beeinträͤchtige.“ „Sie ſchalten mit ſeinen Rechten! Weil er in einem fremden Staat geboren iſt, verlangt man von ihm, daß er im Auslande weit mehr aufopfre, als er in der Republik gewinnen kann. Er verſchwendet ſein Leben und ſeine Jugendkraft an ein Phantom. Ihr vermögt viel im Senate, mein Vormund; wenn Ihr ihm die Hülfe Eurer einflußreichen Stimme und Eurer wichtigen Belehrung ange⸗ deihen ließet, ſo würde ein Fremder, dem Unrecht geſchieht, zu ſeinem Recht gelangen, und Venedig würde vielleicht eine Kleinigkeit ein⸗ büßen, dafür aber ſeine Würde rechtfertigen, auf die es ſo eifer⸗ ſüchtig iſt.“ „Du biſt ein beredter Advokat, und ich will mir die Sache überlegen,“ ſagte Signor Gradenigo, den finſtern Zug, der um ſeine Brauen ſpielte, mit der Leichtigkeit Deſſen, der gewohnt iſt, ſeine Mienen jedesmal ſeiner Politik anzupaſſen, in einen Blick des Wohlwollens verwandelnd.„Ich ſollte den Neapolitaner nur als 67 Richter, meinem öffentlichen Charakter gemäß, hören, aber der Dienſt, welchen er Dir geleiſtet hat, und meine Liebe zu Dir, beſtimmen mich, Dir zu willfahren.“ Douna Violetta empfing dies Verſprechen mit leuchtendem, treu⸗ herzigen Lächeln. Sie küßte die Hand, welche er ihr zum Pfande darbot, mit einer Glut, welche ihrem aufmerkſamen Vormund ernſt⸗ liche Beſorgniſſe erregte. „Du bitteſt zu einnehmend,“ ſagte er,„als daß Dir Jemand widerſtehen könnte, auch wer ſchon bis zum Ueberdruß unzählige, ſcheinbare Anſprüche in ſeinem Leben hat abweiſen müſſen. Junge und edle Gemüther, Donna Florinde, meinen, alle Menſchen wären gerade ſo, wie ihr Wunſch und ihre Einfalt ſie gern haben möchte. Was Don Camillo's Recht betrifft— aber nichts weiter!— Du willſt es ſo haben, gut, es ſoll unterſucht werden mit der Blindheit, welche ja ein Fehler der Gerechtigkeit ſeyn ſoll.“ „Das Bild meintz aber doch nur blind gegen Vorliebe, keines⸗ wegs unempfindlich gegen das Recht.“ „Ich fürchte, in Bezug auf dieſen Sinn des Worts könnten unſre Hoffnungen getäuſcht werden— allein wir wollen ſehen! Mein Sohn, Donna Violetta, hat doch neuerlich nicht etwa ſeine ſchul⸗ dige Ehrerbietung verſäumt? Man braucht freilich den jungen Menſchen nicht zu treiben, daß er meiner Mundel, der ſchönſten Dame von Venedig, ſeine Aufwartung mache. Du empfängſt ihn doch freundſchaftlich wegen der Liebe zu mir?“ Donna Violetta verneigte ſich mit jungfräulicher Zurückhaltung. „Die Thür meines Palaſtes iſt dem Signor Giacomo zu jeder ſchicklichen Zeit offen,“ ſetzte ſie gleichgültig hinzu.„Signor, der Sohn meines Vormunds, kann mir nur ein ehrenwerther Gaſt ſeyn.“ „Ich wünſchte dem Jungen einige Auſmerkſamkeit— und mehr noch, ein wenig von jener hohen Achtung— doch wir leben in einer eiferſüchtigen Stadt, Donna Florinde, in einer Stadt, welche Vorſicht zur größten Tugend macht. Wenn der junge Menſch weniger eifrig 68 ſich zeigt als ich wünſche, glaubet mir, ſo geſchieht es nur aus Beſorgniß, Diejenigen, welche ſich um unſerer Pflegebefohlenen Schick⸗ ſale kümmern, voreilig aufmerkſam zu machen.“ Beide Damen verbeugten ſich und verriethen durch die Art, wie ſie ihre Mäntel zuſammennahmen, daß ſie ſich zu entfernen wünſchten. Donna Violetta bat, ſie zu ſegnen, und nach den üblichen Abſchiedsgrüßen zog ſie ſich mit ihrer Gefährtin in ihr Boot zurück. Signor Gradenigo ging das Zimmer, in welchem er ſeine Mündel empfangen hatte, mehrere Minuten lang ſchweigend auf und nieder. Kein Laut war hörbar in dem ganzen weiten Hauſe, und der leiſe vorſichtige Tritt der Bewohner entſprach der Ruhe, welche draußen auch in der Stadt herrſchte; endlich aber feſſelte ein junger Mann, der, alle Spuren der Laſterhaftigkeit von gutem Tone in ſeinem Geſichte, durch die Zimmer ſchlenderte, das Auge des Senators und er hieß ihn näher kommen. „Du haſt Unglück wie gewöhnlich, Giacomo,“ ſagte er halb mit dem Tone väterlicher Zuneigung, halb des Vorwurfs.„Donna Violetta war noch vor wenigen Minuten hier und Du warſt nicht zugegen. Eine unwürdige Intrigue mit der Tochter eines Juweliers oder ein noch ſchlimmerer Handel mit ihrem Vater hat Dir Aine Zeit geraubt, die ehrenvoller und vortheilhafter angewendet werden konnte.“ „Ihr thut mir Unrecht,“ erwiederte der junge Mann.„Mein Auge hat dieſen Tag weder Jude noch Jüdin geſehn.“ „Das ſollte man im Kalender anmerken! Ich moͤchte wiſſen, Giacomo, ob Du die ſchöne Gelegenheit, welche meine Vormund⸗ ſchaft Dir bietet, zu Deinem Vortheil auch recht benutzeſt, und ob Du die Wichtigkeit deſſen, worauf ich dringe, mit hinlänglichem Ernſte bedenkſt?“ „Zweifelt daran nicht, Vater. Wer ſo ſehr Mangel an dem gelitten hat, was Donna Violetta ſo reichlich beſitzt, bedarf nicht eban, daß man ihn treibe in ſolchen Dingen. Ihr habt's mir dadurch 69 abgenöthigt, daß Ihr Euch weigert, mir ſoviel zu geben, als ich brauche. Kein Narr in ganz Venedig ſeufzt lauter unter dem Fenſter ſeiner Gebieterin, als ich der Dame die Wünſche meines Herzens vorbringe— wenn Zeit und Gelegenheit iſt und ich bei Laune bin.“ „Du kennſt die Gefahr den Senat aufmerkſam zu machen?“ „Habt keine Furcht. Ich mache im Stillen und nur allmählig Fortſchritte. Weder meinem Geſicht noch meiner Seele iſt die Maske ſo ungewohnt— Dank ſey es der Noth! Mein Geiſt war zu ſpru⸗ delnd, als daß er mich nicht hätte mit der VBerſerläung vertraut machen ſollen.“ „Du ſprichſt, undankbarer Menſch, als ob ich Dir die Freiheit, welche man der Jugend Deines Standes und Alters vergönnt, ent⸗ zogen hätte. Deine Ausſchweifungen habe ich beſchränken wollen und nicht Deinen Geiſt. Doch mag ich Dich jetzt nicht mit Vor⸗ würfen beläſtigen. Giacomo, Du haſt in dem Fremden einen Neben⸗ buhler. Seine That in der Giudecca hat ihm die Phantaſte des Mädchens gewonnen, und wie edle und feurige Gemüther pflegen, hat ſie, obgleich von ſeinen übrigen Verdienſten nichts wiſſend, ſich doch ſeinen Charakter mit allen Tugenden, die ihr offner Sinn kennt, ausgeſchmückt.“ „Ich wollte, ſie machte es mit mir ſo.“ „Bei Dir, Spitzbube, hätte meine Mündel eher zu vergeſſen als zu erfinden. Haſt Du Bedacht genommen, den Rath auf die Gefahr aufmerkſam zu machen, welche ſeiner Erbin droht?“ „Allerdings.“ „Und wie?“ „Auf die einfachſte und ſicherſte Weiſe— durch den Löwenrachen.“ „Hal das iſt wahrhaftig ein keckes Unternehmen.“ „Und gelingt wie alle kecken Unternehmungen am leichteſten. Fortuna hat diesmal nicht geknickert gegen mich.— Ich habe zum Beweiſe des Neapolitaners Siegelring beigelegt.“ „Giacomo! weißt Du auch, was Du bei Deiner Verwegenheit wagſt! Ich hoffe doch, Du wirſt Dich nicht durch irgend ein Kenn⸗ zeichen in der Handſchrift verrathen haben, oder durch die Art, wie Du Dir den Siegelring verſchafft haſt?“ „Wenn ich Deine Rathſchlaͤge, Vater, auch in minder wichtigen Angelegenheiten, oft in den Wind geſchlagen habe, ſo vergeſſe ich doch Deine Winke über Venedigs Politik nicht. Der Neapolitaner iſt angeklagt, und wenn Dein Collegium auf Treu und Glauben hält, wird er verdächtig, wenn nicht gar verbannt werden.“ „Daß der Rath der Dreie ſein Amt verwalten wird, iſt gar kein Zweifel. Wäre ich nur eben ſo gewiß, daß nicht ein unvor⸗ ſichtiger Eifer Dich irgend wie bloß giebt.“ Der ſchamloſe Sohn ſtarrte den Vater einen Augenblick zwei⸗ felhaft an, und ging dann in die innern Gemächer des Palaſtes, wie Jemand, der an zweideutiges Handeln zu ſehr gewöhnt iſt, um eine Sache zweimal zu überlegen. Der Senator blieb zurück. Er ging ſchweigend auf und ab, augenſcheinlich in großer Unruhe. Dann und wann fuhr er mit der Hand über ſein Geſicht, wie bei ſchmerzlichem Nachdenken. Inzwiſchen ſtahl ſich eine Geſtalt durch die lange Reihe der Vorzimmer, und blieb an der Thür des Gemachs, in welchem der Senator ſich befand, ſtehen. Es war ein bejahrter Mann, mit gebräuntem Geſicht und dünnem, altergrauem Haar, in der armſeligen und groben Tracht eines Fiſchers. Aber ein ange⸗ borner Adel, und ein freies, verſtändiges Weſen ſprach ſich in ſeinem kühnen Auge und in ſeinen hervorſtechenden Zügen aus, während die entblößten Arme und die nackten Beine, wohlgebaut und mus⸗ kulös, die Kraft des Mannes eher in ihrem Stillſtand, als im Abnehmen zeigten. Er ſtand einige Augenblicke mit abgezogener Mütze, mit gewohnter Ehrerbietung, aber unbefangen, ehe ſeine Gegenwart bemerkt wurde. „Ha, biſt Du da, Antonio,“ rief der Senator, als er ihn ſah. „Weshalb kommſt Du?“ „Signore, mein Herz iſt ſchwer.“ 71 „Hat der Kalender keine Heilige, der Schiffer keinen Schutz⸗ patron?— Der Sirocco hat wohl das Waſſer der Bucht gerüttelt, und Deine Netze ſind ledig. Wart! Du biſt mein Milchbruder, und ſollſt nicht Noth leiden.“ Der Fiſcher trat mit Würde zurück, und lehnte ſo, einfach und entſchieden, das Geſchenk ab. „Signore, wir haben von der Zeit an, daß wir unſre Milch von derſelben Bruſt empfingen, bis in unſer Alter hier gelebt. Habt ihr mich je als einen Bettler gekannt?“ „Du pflegſt zwar nicht um Geſchenke zu bitten, Antonio, aber das Alter bezwingt unſren Stolz, wie unſre Kraft. Wenn Du nicht um Geld kommſt, ſage, was Du ſonſt wünſcheſt!“ „Giebt es nicht andre Bedürfniſſe als die des Körpers, Signore, und andre Leiden als den Hunger?“ Das Geſicht des Senators verdüſterte ſich. Er warf einen ſtechenden Blick auf ſeinen Milchbruder, und ſchloß, ehe er antwor⸗ tete, die Thür, welche nach dem äußern Zimmer führte. „Deine Worte verkündigen Unzufriedenheit, wie gewöhnlich. Du haſt Dich gewöhnt, über Maaßregeln und Verhältniſſe abzu⸗ ſprechen, die über Deinen beſchränkten Verſtand weit hinausgehen, und Du weißt, daß Deine Meinungen Dir ſchon Tadel zugezogen haben. Die unwiſſenden Leute des niederen Standes ſind im Staate wie Kinder, deren Schuldigkeit es iſt, zu gehorchen, und nicht zu klügeln.— Aber Dein Geſchäft?“ „Ich bin nicht der Mann, für den Ihr mich haltet, Signore, an Armuth und Entbehrung gewöhnt, bin ich mit Wenigem zufrieden. Den Senat ehre ich als meinen Herrn, aber ein Fiſcher hat ſo gut Gefühl, als der Doge.“ „Wieder!— Dies Dein Gefühl, Antonio, macht allzu hohe Anſprüche. Du bringſt es bei jeder Gelegenheit vor, als wäre das die Hauptſorge im Leben.“ „Signore, und iſt ſie es nicht für mich? Obgleich ich genug 72 an meine eigne Sorge zu denken habe, bleibt mir doch noch Gefühl für die Leiden Derer, die mir werth ſind. Als Ew. Excellenz Tochter⸗ die junge ſchöne Dame, abgerufen ward, und zu den Heiligen ver⸗ ſammelt, da fühlte ich den Schlag, als wäre mein eignes Kind geſtorben. Und es hat Gott gefallen, wie ihr wohl wißt, Signore, mich nicht unbekannt zu laſſen mit dem Jammer eines ſolchen Verluſtes.“ „Du biſt ein wackrer Burſch, Antonio,“ verſetzte der Sena⸗ tor, heimlich eine Thräne aus dem Auge wiſchend,„ein redlicher und hochherziger Menſch für Deinen Stand.“ „Die, von der wir beide unſre erſte Nahrung erhielten, Signore, hat mich oft ermahnt, nächſt meinen eignen Verwandten, beſonders das edle Geſchlecht zu lieben, zu deſſen Erhaltung ſie das ihrige gethan hat. Ich rechne mir ein natürliches Gefühl nicht zum Ver⸗ dienſt an, denn es iſt eine Gabe vom Himmel; um ſo weniger aber ſollte der Staat ſolche Gefühle leichthin behandeln.“ „Wieder der Staat!— Sage mir Dein Geſchäft!.“ „Ew. Excellenz kennet meine traurige Lebensgeſchichte. Ich brauche Euch nicht zu erzählen, Signore, von den Soͤhnen, die es Gott gefallen hat, durch die Hülfe der Jungfrau und. des heiligen Antonius, mir zu ſchenken, noch wie mir ſein Rathſchluß einen nach dem andern wieder genommen hat.“ „Du haſt Kummer erlebt, armer Antonio; ich weiß, daß Du viel gelitten haſt.“ „Ja wohl, Signore! Fünf kräftige, wackere Söhne zu ver⸗ lieren iſt ein Unglück, das einen Stein rühren muß. Aber ich habe gelernt, Gott verehren und für Alles danken.“ „Braver Fiſcher, der Doge ſelbſt könnte Dich beneiden um dieſe Ergebung. Es iſt aber oft leichter, den Tod eines Kindes, als ſein Leben zu ertragen, Antonio!“ „Signore, meine Söhne haben mich nie betrübt, als durch ihren Tod. Und auch da,“ der alte Mann wendete ſich ſeitwärts, um die Bewegung ſeines Geſichts zu verbergen,„auch da habe ich —— 73³ gerungen, mir nur allein vorzuſtellen, wie vielem Kummer, wie vielen Mühen und Leiden ſie entnommen ſind, um zu einem ſeligen Zuſtand überzugehn.“ Signor Gradenigo's Lippe bebte, und er ging mit ſchnelleren Schritten auf und nieder. „Ich denke doch, Antonio,“ ſagte er,„ich denke doch, mein wackrer Antonio, daß ich für ihre Seelen habe Meſſe leſen laſſen.“ „Das habt Ihr, Signore; der heilige Antonio gedenk' Euch Eure Liebe in Eurer letzten Stunde. Ich ſagte mit Unrecht, daß die Knaben mich einzig durch ihren Tod betrübt haben. Denn es giebt einen Gram, den kein Reicher kennt, wenn man zu arm iſt, um für ſein geſtorbenes Kind ein Gebet zu bezahlen.“ „Willſt Du mehr Meſſen haben? Deinen Kindern ſoll die Für⸗ ſprache der Heiligen nicht fehlen zu ihrer Seelen Seligkeit.“ „Ich danke Euch, Excellenz, aber ich verlaſſe mich auf das, was geſchehen iſt, und mehr noch auf Gottes Varmherzigkeit. Doch mein jetziges Geſchäft betrifft Lebende.“ Das Mitgefühl des Senators wurde plötzlich erkältet und er horchte mit einer zweifelhaften und forſchenden Miene. „Dein Geſchäft?“ wiederholte er einſylbig, „Iſt, Euch zu bitten, Signore, daß Ihr mir die Loslaſſung meines Enkels von den Galeeren auswirkt. Sie haben den Bur⸗ ſchen, der erſt vierzehn Jahre alt iſt, ergriffen und ihn zum Kriege gegen die Ungläubigen verdammt, ohne an ſein zartes Alter zu denken, ohne an das böͤſe Beiſpiel zu denken, ohne an mein ver⸗ laßnes Alter zu denken, ohne alles Recht, denn ſein Vater iſt in der letzten Schlacht gegen die Türken geblieben.“ Als der Fiſcher ſeine Rede beſchloß, blickte er in die Marmar⸗ züge deſſen, zu dem er ſprach, ſehnſüchtig ſpähend, ob ſeine Worte Eindruck gemacht hätten. Aber jene Züge blieben kalt, theilnamlos, ohne menſchliches Mitleid. Die empfindungsloſe Ausübung einer ſcheinbaren Staatsklugheit hatte längſt in dem Senator bei den⸗ 74 jenigen Angelegenheiten, die mit einem in ihm ſo lebendigen In⸗ tereſſe als Venedig's Seemacht war, zuſammenſtießen, alles Ge⸗ fühl getödtet. In dem kleinſten Anlauf gegen ſo delikate Rückſichten ſah er das Wagſtück einer Neuerung, und die Politik hatte ſein Gemüth zu einer unbarmherzigen Härte gewöhnt, wann es das Recht des heiligen Markus, die Dienſte ſeines Volkes zu fordern galt. „Ich wollte, Du wärſt gekommen, mich um Seelmeſſen oder um Geld oder um irgend ſonſt etwas zu bitten, Antonio, nur nicht um dies!“ erwiederte er nach einer kleinen Pauſe.„Du haſt, wenn ich nicht irre, den Jungen von ſeiner Geburt an immer um Dich gehabt?“ „Signor, ja, ich hatte dieſe Freude. Er ward als Waiſe geboren, und ich hätte ihn gern behalten, bis er tüchtig geweſen wäre in die Welt zu treten, ausgerüſtet mit Redlichkeit und Glaube, um ihn vor Unbill zu behüten. Wäre mein eigner tapfrer Sohn hier, er würde auch um kein andres Glück für den Jungen bitten, als ihm den Rath und Beiſtand nicht zu rauben, denn auch ein armer Mann das Recht hat, ſeinem Fleiſch und Blut angedeihen zu laſſen!“ „Er fährt nicht ſchlimmer als Andere, und Du weißt, daß der Staat eines jeden Armes bedarf.“ „Excellenz! als ich in den Palaſt trat, ſah ich Signor Gia⸗ como aus ſeiner Gondel ſteigen.“ „O über Dich, Geſell! Machſt Du keinen Unterſchied zwiſchen dem Sohn eines Fiſchers, zwiſchen einem, der von Rudern und von Handarbeit lebt, und dem Abkömmling einer alten Familie! Geh, anmaßender Mann, und denke an Deinen Stand, und an den Un⸗ terſchied, den Gott zwiſchen unſre Kinder geſetzt hat.“ 3 „Ja wohl, die meinigen haben mir niemals Kummmer ge⸗ macht, als in ihrer Sterbeſtunde,“ ſagte der Fiſcher mit dem Ton eines ernſten aber ſanften Vorwurfs. Signor Gradenigo fühlte die Schärfe dieſes Tadels, der aber der Sache ſeines rückſichtsloſen Milchbruders keinesweges frommte. 7⁵ Er ging ſehr aufgeregt im Zimmer einigemal hin und wieder, be⸗ zwang aber ſeinen Unwillen in ſo weit, daß er mit der Milde ant⸗ worten konnte, die ſeinem Stande geziemte. „Antonio,“ ſagte er, Deine verwegene Geſinnung iſt mir nicht fremd. Wenn Du Seelmeſſen für die Todten verlangteſt, oder Geld für die Lebendigen, Du ſollteſt es haben; aber mich um Verwen⸗ dung beim General der Galeeren bitten, das heißt um etwas bitten, was in ſo kritiſchen Zeiten auch dem Sohne des Dogen nicht könnte zugeſtanden werden, wäre der Doge ſelbſt....“ „Ein Fiſcher,“ fiel Antonio ein, da er bemerkte, daß der Sena⸗ tor ſtockte,„lebt wohl. Signorel! ich möchte nicht im Groll von meinem Milchbruder ſcheiden. Mögen die Heiligen Euch ſegnen, Euch und Euer ganzes Haus. Möget Ihr nie den Schmerz er⸗ leben, ein Kind ſchlimmer als durch den Tod zu verlieren— durch Untergang in Sünde.“ Nachdem Antonio geendigt hatte, verbeugte er ſich, und ging denſelben Weg zurück, den er gekommen war. Der Senator be⸗ merkte ſein Weggehn nicht, denn er hatte ſich abgewendet, in ſeinem Innern, das Gewicht der Worte fühlend, die der Andere in ſeiner Einfalt geſprochen hatte. Erſt nach einer Weile bemerkte er, daß er allein ſey. Aber ein anderer Fußtritt feſſelte alsbald ſeine Auf⸗ merkſamkeit; die Thür ging wieder auf, und ein Diener erſchien. Er meldete Jemanden, der eine Privat⸗Audienz nachſuchte. „Laſſ' ihn herein,“ ſagte der Senator bereitwillig, und ordnete ſeine Züge zu ihrem gewöhnlichen, vorſichtigen und mißtrauiſchen Ausdruck. Der Diener entfernte ſich, und ein maskirter Mann, in einen Mantel gehüllt, trat ſchnell ein. Er warf die Hülle über den Arm, und nahm die Maske ab. Da zeigten ſich die Züge und die Geſtalt des gefürchteten Jacopo. 76 Sechstes Kapitel. Arbeit hat Cäſar ſelbſt, und unſer Druck Iſt ſchwerer als wir dachten. Shakſpeare. „Haſt Du Den bemerkt, welcher eben von mir ging?“ fragte Signor Gradenigo eifrig. „O jal⸗ „Hinlänglich, um ſeine Geſtalt und ſeine Züge wieder zu er⸗ kennen.“ „Es war ein Fiſcher von den Lagunen, Namens Antonio.“ Der Senator ließ ſeinen ausgeſtreckten Arm ſinken, und ſah den Bravo mit einem Blick an, in welchem ſich Erſtaunen und Be⸗ wunderung miſchten. Er fuhr fort, das Zimmer auf und nieder zu gehn, während der Andere auf ſein Geheiß wartete, in einer ruhigen, ja würdigen Stellung. So gingen ein paar Minuten hin. „Du haſt ein ſcharfes Auge, Jacopo,“ hob der Patrizier nach dieſer Pauſe wieder an.„Haſt Du mit dem Mann zu thun gehabt?“ „Niemals.“ „Und Du weißt gewiß, daß es—“ „Ew. Excellenz Milchbruder iſt.“ „Ich habe nicht gefragt, ob Du von ſeiner Jugend und von ſeiner Geburt weißt, ſondern von ſeinen gegenwärtigen Umſtänden,“ ſagte Signor Gradenigo, und wendete ſich ab, ſein Geſicht vor dem brennenden Blicke Jacopo's zu verbergen.„Hat ihn Dir irgend ein Mann von Bedeutung bezeichnet?“ „Nein! mein Beruf hat mit Fiſchern nichts zu thun.“ „Unſre Schuldigkeit, junger Mann, kann uns noch in niedrigere Geſellſchaft führen. Wer die ſchwere Laſt des Staates auf ſeinen Schultern hat, muß nicht die Beſchaffenheit deſſen, was er trägt, anſehn. Wie iſt Dir dieſer Antonio bekannt geworden?“ — „Ich hab' ihn als einen Mann kennen gelernt, den ſeine Ka⸗ meraden ſchätzen, der ſein Gewerbe verſteht, und ſehr gewandt iſt in den Kunſtſtücken der Lagunen.“ „Du meinſt, er iſt ein Schmuggler?“ „Nicht doch. Er arbeitet zu viel von früh bis ſpät, als von etwas Anderem zu leben, denn von ſeinem Gewerbe.“ „Du weißt, Jacopo, wie ſtreng unſre Geſetze in Bezug auf die Steuern ſind.“ „Ich weiß, daß die Gerechtigkeit San Marco's nirgend leiſe auftritt, wo ſein eigner Vortheil angetaſtet wird.“ „Du biſt nicht aufgefordert, über dieſen Punkt Betrachtungen zu machen. Jener Mann pflegt um das Wohlwollen ſeiner Kame⸗ raden zu buhlen, und ſeine Stimme zu erheben in Dirgen, d dariber nur ſeine Obern richtig urtheilen können.“ „Signore, er iſt alt, und das Alter löſt die Indgen „Das iſt nicht Antonio’s Fall. Die Natur hat ihn nicht ſtief⸗ mütterlich behandelt. Wäre ſeine Geburt und ſeine Erziehung ſeinen Fähigkeiten angemeſſen, ſo würde er im Senat gern gehört worden ſeyn.— Jetzt aber fürchte ich, er ſchwatzt ſich um ſeine eigne Ruhe.“ „Freilich, wenn er ſpricht, was San Marco's Ohr nicht gern hört.“ Ein lebhafter, mißtrauiſcher Blick des Senators traf den Bravo, als ſollte er den wahren Sinn ſeiner Worte ergründen. Da aber der Senator den gewohnten Ausdruck von Selbſtbeherrſchung in den Zügen fand, welche er durchforſchte, nahm er wieder das Wort. ſich ſtellend, als wäre ihm nichts aufgefallen. „Wenn er, wie Du ſagſt, dergleichen ſpricht, was die Repu⸗ blik gefährdet, ſo haben ihn ſeine Jahre nicht beſonnen gemacht. Der Mann iſt mir lieb, Jacopo! Man iſt gewöhnlich eingenommen für Die, welche dieſelbe Bruſt genährt hat.“ „O ja, Signore.“ „Und da meine Schwachheit für ihn ſo groß iſt, ſo wünſchte ich, daß man ihn zur Vorſicht ermahnte. Du kennſt ohne Zweifel ſeine 78 Anſichten über die neuliche dringende Maßregel, alle jungen Leute von den Lagunen zum Dienſt in den Flotten des Staats einzuſtellen?“ „Ich weiß, daß die Aushebung ihm den Jungen, der in ſeiner Geſellſchaft arbeitete, entriſſen hat.“ „Um ehrenvoll, und vielleicht nicht ohne Gewinn, für das Wohl der Republick zu arbeiten.“ „Möglich, Signore!“ 5 „Du biſt heute Abend kurz in Deinen Reden, Jacopo! Wenn Du aber den Fiſcher kennſt, ſo ermahne ihn zur Behutſamkeit. Sankt Marcus duldet die dreiſten Anſichten ſeiner Klugheit nicht. Es iſt ſchon das drittemal, daß man dieſen Fiſcher weges ſeines Vorwitzes hat tadeln müſſen; die väterliche Fürſorge des Senats darf nicht Mißvergnügen in den Gemüthern einer Klaſſe, die er ſeiner Pflicht gemäß und mit Freuden beglücken möchte, ſich ein⸗ niſten laſſen. Suche Gelegenheit, ihn dieſe erſprießliche Wahrheit hören zu laſſen. Ich möchte wirklich nicht gern, daß ein Unglück den Sohn meiner alten Amme beſonders in ſeinen letzten Jahren beträfe.“ Der Bravo beugte ſeine Geſtalt, zum Zeichen, daß er den Auf⸗ trag übernehme, während Signor Gradenigo im Zimmer auf und niederging, aufrichtige Theilnahme in ſeiner Haltung verrathend. „Du haſt gehört von dem Rechtsſpruch in Sachen des Genue⸗ ſen?“ hob er wieder an, nachdem eine neue Pauſe ihm Zeit gegeben hatte, ſeine Gedanken anderswohin zu lenken.„Die Tribunale haben ſchnell entſchieden, und obgleich eine Mißhelligkeit zwiſchen den bei⸗ den Staaten bevorzuſtehn ſcheint, wird die Welt nun ſehen, wie ſtreng dennoch auf unſern Inſeln Gerechtigkeit geübt wird. Ich vernehme, man wird dem Genueſer anſehnliche Geldbußen geben, und einige von unſern eignen Bürgern werden um große Summen geſtraft werden.“ 4 „So habe auch ich ſeit Sonnenuntergang auf der Piazetta ge⸗ hört, Signore!“ „Und ſprechen die Leute nicht von unſrer Unparteilichkeit, und 79 mehr noch von unſrer Schnelligkeit? Bedenk' doch, Jacopo, es ſind erſt acht Tage, daß die Sache vor den Senat gebracht wurde.“ „Keiner zweifelt an der Schnelligkeit, mit welcher die Republik Beleidigungen ahndet.“ „Noch an der Gerechtigkeit, will ich hoffen, lieber Jaeopo! Es iſt eine ſolche Schönheit und ein ſolches Ebenmaaß in den Bewe⸗ gungen der Staatsmaſchine bei unſrer Verfaſſung, daß der Beifall der Menſchen uns zu Theil werden muß. Die Gerechtigkeit hilft den Bedürfniſſen der Geſellſchaft ab und zähmt die Leidenſchaften mit einer ſo ſtillen und würdigen Kraft, als kämen ihre Beſchlüſſe vom Himmel herab. Ich vergleiche öfter den ruhigen Gang unſres Staates neben den ſtürmiſchen Bewegungen einiger ſeiner italieniſchen Schweſtern mit der Stille unſrer ſchweigenden Kanäle gegenüber dem Lärmen einer geräuſchvollen Stadt. Alſo haben die Maskirten heute von der Rechtlichkeit unſers letzten Dekrets geſprochen?“ „Signore! Die Venetianer ſind kühn, wenn Gelegenheit da iſt, ihre Herren zu loben!“ „Meinſt Du, Jacopo? Mir ſcheinen ſie immer geneigter, ihr aufrühreriſches Mißbehagen zu äußern. Aber es iſt den Menſchen eigen, karg im Lob, und im Tadel ausſchweifend zu ſeyn. Das Dekret des Tribunals muß im Geſpräch bleiben, nicht bloß die baare Gerechtigkeit gelobt werden. Unſere Freunde ſollten auf den Kaffee⸗ häuſern und dem Lido viel darüber ſprechen. Sie brauchen nichts zu fürchten, wenn ſie dabei ihxe Zungen ein wenig gehen laſſen. Eine gerechte Regierung ſieht ie Bemerkungen der Leute nicht ſcheel an.“ „Freilich, Signore!“ „Ich rechne auf Dich und Deine Kameraden, daß die Sache nicht zu ſchnell vergeſſen werde. Die Erwägung von ſolchen Hand⸗ lungen wie dieſe muß in der öffentlichen Meinung die verborgne Saat der Tugenden zeitigen. Wer immerfort Exempel der Recht⸗ lichkeit vor Augen hat, muß dieſe Eigenſchaft am Ende lieben ler⸗ nen. Der Genneſe, hoſſe ich, wird zufrieden abreiſen?“ * — ☚ 80 „Ohne Zweifel, Signore! ihm ward alles was einen Gekränk⸗ ten zufrieden ſtellen kann, ſein Eigenthum mit Wucher zurück und Rache an ſeinen Beleidigern.“ „Ja, ſo lautet das Dekret, vollſtändige Erſatzleiſtung und Zucht⸗ ſtrafe. Wenige Staaten würden ſo gegen ihren eignen Vortheil erkennen, Jacopo!“ „Geht denn die Sache des Kaufmanns den Staat an, Signore?“ „Als ſeines Bürgers, freilich! Wer ſeine eignen Glieder ka⸗ ſteiet, leidet doch. Wer kann ſich von ſeinem eignen Fleiſch ſcheiden ohne Betrübniß? Sag', Burſch?“ „Es gibt Nerven, die empfindlich gegen Berührung ſind, Sig⸗ nore, und ein Auge oder ein Zahn iſt koſtbar; aber ein beſchnitte⸗ ner Nagel oder ein ausgefallenes Haar iſt nicht von Belang.“ „Wer Dich nicht kennt, Jacopo, ſollte meinen, Du ſteheſt im Intereſſe des Kaiſers. Es fällt kein Sperling vom Dache in Ve⸗ nedig, ohne daß die väterlichen Gefühle des Senats den Verluſt beklagten. Genug. Geht unter den Juden noch immer das Gerede von einer Abnahme des Goldes? Zechinen ſind freilich nicht ſo in Ueberfluß da, als früher, und die Prellerei dieſer Klaſſe ſieht das nicht ungern, in Hoffnung größeren Gewinnes.“ „Ich habe neuerlich Geſichter auf dem Rialto geſehen, die nach leeren Börſen ſchmecken. Die Chriſten ſcheinen ängſtlich und in Noth, während die Ungläubigen ihre Kittel mit zufriedneren Mienen als ſonſt tragen.“ „Man hat das erwartet. Macht das Gerücht irgend einen Juden namhaft, der jungen Adligen Geld auf Wucherzinſen zu leihen pflegt.“ „Zu der Klaſſe können alle gezählt werden, die etwas zu ver⸗ leihen haben; die ganze Synagoge, Rabbinen und alles iſt dabei, wenn es ſich um chriſtliche Geldbeutel handelt.“ 5 „Du liebſt die Juden nicht, Jacopo, aber ſie leiſten doch der Republik gute Dienſte. Wir zählen alle zu unſern Freunden, die im Nothfall mit ihrem Geld zur Hand ſind. Doch ſoll die junge ‿ N —2— 81 Blüthe Venedigs ihr Vermögen nicht im unvorſichtigen Handel mit dieſer geldgierigen Race vergeuden, und wenn Du von einigen Vor⸗ nehmen höorſt, welche recht in ihren Klauen ſtecken, ſo wirſt Du wohl thun, die Beaufſichtiger des Gemeinwohls davon zu unter⸗ richten. Wir müſſen behutſam mit Denen umgehen, welche den Staat ſtützen helfen, aber wir müſſen auch vorſichtig mit Denen um⸗ gehen, welche ihn nun bald ausmachen ſollen. Haſt Du mir in der Art nichts zu ſagen?“ 3 .„Man ſpricht davon, daß Signor Giacomo ihre Gunſt am allertheuerſten bezahlt.“ „Jeſu, Maria! mein Sohn und Erbe! Betrügſt Du mich nicht, Menſch, um Deinen eignen Haß gegen die Hebräer zu befriedigen?“ „Ich hege gegen dies Volk ſonſt keine Bosheit, als nur einen heilfamen chriſtlichen Widerwillen. So viel, denk' ich, muß einem frommen Mann erlaubt ſeyn, außerdem aber haſſe ich keinen Men⸗ ſchen. Es iſt allbekannt, daß Euer Sohn mit ſeinem dereinſtigen Vermögen etwas frei ſchaltet, und ſelbiges zu einem Preiſe hingibt, wie geringere Ausſichten ihn nur auferlegen könnten.“ „Das iſt wichtig! Der Junge muß ſo ſchnell als möglich an die üblen Folgen erinnert werden, und man muß Sorge tragen, daß er künftig vorſichtiger ſey. Der Jude ſoll beſtraft werden zum feierlichen Exempel für das ganze Volk, und die Schuld ſoll einbe⸗ halten werden zum Beſten des Schuldners. Wenn ſie dies Beiſpiel vor Augen haben, werden die Schurken nicht ſo bereitwillig ſeyn mit ihren Zechinen. Großer Sankt Theodor, es wäre Selbſtmord, wenn man einen jungen Mann von ſolchen Erwartungen durch einen Mangel an Vorſicht zu Grunde gehen ließe. Ich will mir ſelber die Sache als eine beſondere Pflicht angelegen ſeyn laſſen, und der Senat ſoll nicht ſagen können, daß ich ſeine Intereſſen vernach⸗ läſſige. Haſt Du neuerlich Beſchäftigung gehabt in Deinem Beruf als Rächer von Privatbeleidigungen?“ Der Bravo. 6 „Nichts von Bedeutung— es ſucht jemand meine Hülfe eifrig nach, aber ich weiß noch nicht vollſtändig, was er wünſcht.“ „Dein Geſchäft iſt von zarter Natur und heiſcht Vertrauen; ſein Ertrag aber, wie Du wohl weißt, iſt gewichtig und ſicher.“ Er ſah die Augen des Bravo funkeln, und hielt unwillkürlich inne. Bald aber herrſchte wieder jene merkwürdige Ruhe auf Jacopo's bleichem Geſichte, und der Redner fuhr fort, als hätte keine Unter⸗ brechung ſtatt gefunden.„Ich wiederhole es Dir, der Staat wird ſeine Belohnung und Milde nicht vergeſſen. Im Punkte der Ge⸗ rechtigkeit iſt er unerſchütterlich ſtreng, aber im Verzeihen herzlich und freigebig in ſeinen Gunſterweiſungen. Ich habe mir viel Mühe gegeben, Dir dieſe Thatſachen zu beweiſen, Jacopo. Gelobter St. Marcus! daß eines von den Reiſern deines großen Stammes ſeine Kraft vergeuden ſollte für eine Race von Ungläubigen! Aber Du haſt mir Den nicht genannt, der ſo ernſtlich um Dich wirbt.“ „Da ich ſeinen Handel noch nicht kenne, wird es gut ſeyn, Signore, ehe ich etwas Weiteres thue, zu erfahren, was er wünſcht.“ „Dieſe Zurückhaltung iſt am unrechten Ort. Du brauchſt der Klugheit der Staatsbeamten nicht zu mißtrauen, und es ſollte mir leid thun, wenn die Inquiſitoren eine üble Meinung von Deinem Eifer bekämen. Jenes Individuum muß namhaft gemacht werden.“ „Ich klage ihn nicht an. Alles was ich ſagen kann, iſt, daß er Luſt hat, heimlich mit Jemandem ſich einzulaſſen, mit dem ſich einzulaſſen faſt ein Verbrechen iſt.“ „Ein Verbrechen verhüten iſt beſſer, als es beſtrafen, das iſt das Hauptaugenmerk beim Regieren. Du wirſt mir den Namen Deines Correſpondenten nicht vorenthalten!“ „Nun denn, es iſt ein edler Neapolitaner, der wegen wichtiger Angelegenheiten und wegen des Anrechts auf einen Sitz im Senat, ſich ſeit einiger Zeit hier in Venedig aufhält.“ „Ah! Don Camillo Monforte! Hab' ich Recht, Burſche?“ „Allerdings, Signore!“ G——* + 8&᷑ it, —— 8³ Es erfolgte eine Pauſe, nur unterbrochen durch die Thurmuhr vom großen Platze, welche elf ſchlug, die vierte Stunde der Nacht nach italieniſcher Weiſe. Der Senator fuhr auf, ſah auf eine Uhr ſeines Zimmers und ſagte darauf: „Es iſt gut. Deiner Aufrichtigkeit und Pünktlichkeit ſoll ge⸗ dacht werden. Sieh nach dem Fiſcher, Antonio. Man muß nicht zugeben, daß das Murren des alten Mannes Mißfallen erwecke, um eine ſolche Kleinigkeit, daß man ſeinen Enkel von einer Gondel zu einer Galeere verſetzt hat. Beſonders aber beobachte die Gerüchte auf dem Rialto. Der Glanz und das Anſehen eines adligen Na⸗ mens ſoll nicht wanken um einiger Jugendverirrungen willen. Aber dieſer Fremde— geſchwind Deine Maske und Deinen Mantel— gehe aus dem Hauſe, als wärſt Du nur ein Freund, der die müßi⸗ gen Spielereien dieſer Tageszeit mittreibt.“ Der Bravo verhüllte ſich mit der Gewandtheit, welche die lange Uebung ihm gab, aber mit einer Ruhe, welche ſich nicht ſo leicht aus ihrer Haltung bringen ließ, als die des Senators. Dieſer ſagte nichts weiter, aber ein ungeduldiger Wink ſeiner Hand bedeu⸗ tete Jacopo, ſich eilig zu entfernen. Als die Thüre ſich geſchloſſen hatte und Signor Gradenigo allein war, ſah er noch einmal nach der Uhr, fuhr mit der Hand langſam und nachdenkend über ſeine Stirn und ging wieder auf und ab. Beinahe eine Stunde dauerte dieſe Uebung, oder vielmehr dieſe Mitleidenſchaft des Leibes mit einer vielleicht überarbeiteten Seele, ohne äußere Unterbrechung fort. Da ward leiſe an die Thür ge⸗ klopft, und nach dem gewöhnlichen Herein⸗Ruf erſchien ein andrer dicht maskirter Mann, wie denn dies allgemeiner Gebrauch zu jener Zeit in Venedig war. Der Senator ſchien ſeinen Gaſt an der Ge⸗ ſtalt zu erkennen und empfing ihn mit dem zierlichen Anſtand, wel⸗ cher damals herrſchte, aber wie Jemanden, der erwartet kommt. „Der Beſuch Don Camillo Monforte's iſt mir eine Ehre,“ ſagte er, waͤhrend dieſer Mantel und Maske abſtreifte.„Ihr kommt 8⁴4 aber ſo ſpät, daß ich ſchon dachte, irgend ein Zufall hätte mich des Vergnügens beraubt, Euch zu ſehen.“ „Ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung, edler Senator, jedoch die Kühle auf den Kanälen, die Heiterkeit des Platzes und dann auch die Furcht, Euch die koſtbare Zeit zu früh zu rauben, haben mich verſpätet. Indeß hoffe ich von der allbekannten Güte des Signor Gradenigo für meine Vertheidung—“ „Pünktlichkeit iſt nicht das größte Verdienſt der vornehmen Herren in Unter⸗Italien,“ erwiederte Signor Gradenigo trocken. „Die jungen Leute ſind ſo darauf erpicht, zu leben, daß ſie daruͤber die Minuten vergeſſen, die ihnen entwiſchen; wir Alten laſſen es uns hauptſächlich angelegen ſeyn, die Verſäͤumniſſe der Jugend einzu⸗ bringen. So iſt es das Tagesgeſchäft der Menſchen, Herr Herzog! zu fündigen und zu bereuen, bis zu beiden nicht mehr Gelegenheit iſt. Wir wollen aber nicht verſchwenderiſcher mit den Augenblicken umgehen, als nöthig iſt.— Können wir von dem Spanier beſſere Anſicht der Sache erwarten?“ „Ich habe nichts verſäumt, was irgend auf einen vernünftigen Mann wirken kann, beſonders habe ich ihm vorgeſtellt, welche Vor⸗ theile die Achtung des Senats ihm gewähren würde.“ „Daran habt Ihr klug gethan, Signore, ſowohl in Rückſicht auf ſeinen als auf den Euren. Der Senat iſt Denen, welche ihm dienen, ein freigebiger Zahlmeiſter und Denen, welche dem Staate ſchaden, ein furchtbarer Feind. Ich hoffe, die Sache wegen der Succeſſion iſt ihrem Schluſſe nahe.“ „Ich wünſchte, daß man dies ſagen könnte. Ich liege dem Tribunal an mit allem erforderlichen Eifer, und verſäume keine Pflicht perſönlicher Aufwartung und Bitte um Verwendung. Es gibt kei⸗ nen gelehrteren Doktor von Padua, als meinen Anwalt, und doch zieht ſich die Sache hin, wie in einem Schwindſüchtigen das Leben. Wenn ich mich nicht als würdiger Sohn des heiligen Marcus in dieſer Angelegenheit mit dem Spanier erwieſen habe, ſo iſt die S 8⁵ Schuld auf meine Ungeübtheit in politiſchen Verhandlungen, aber nicht auf meinen Eifer zu ſchieben.“ „Die Wagſchaalen der Gerechtigkeit müſſen ſehr gleich abge⸗ wogen ſeyn, daß keine weder fallen noch ſteigen will. Ihr müßt noch ferneren Fleiß anwenden, Don Camillo, und Euch mit großer Behutſamkeit die Gunſt der Patricier gewinnen. Es wird gut ſeyn, durch fernere Dienſtleiſtungen bei dem Geſandten Eure Anhänglich⸗ keit an den Staat kenntlich zu machen. Man weiß, daß Ihr in ſeiner Achtung ſtehet, und daß Eure Rathſchläge ihn zu beſtimmen vermögen. Es ſollte auch einen ſo wohlgefinnten und hochherzigen jungen Mann der Gedanke zu Anſtrengungen befeuern, daß er, dem Vaterlande dienend, die Sache der Menſchheit überhaupt fördert.“ Von der Richtigkeit der letzteren Bemerkung ſchien Don Ca⸗ millo nicht ſehr überzeugt zu ſeyn. Indeſſen verbeugte er ſich, des Senators Anſicht höflich zugebend. „Es iſt angenehm, Signore, ſolche Ueberzeugung zu haben,“ ſagte er.„Mein Verwandter aus Caſtilien iſt ein Mann, der Ver⸗ nunft annimmt, möge ſie kommen woher ſie wolle. Er begegnete meinen Argumenten zwar mit einigen Anſpielungen auf die abneh⸗ mende Macht der Republik, doch bemerke ich in ihm deshalb nicht eine Verringerung ſeiner Ehrfurcht vor dem Einfluſſe eines Staates, der ſich ſo lange durch ſeine Thatkraft ausgezeichnet hat.“ „Venedig, Signore Duca, iſt nicht mehr das, was die Inſel⸗ ſtadt ehedem war; aber ohnmächtig iſt ſie noch nicht. Die Flügel unſers Löwen ſind ein wenig beſchnitten, aber noch ſpringt er weit und ſeine Zähne ſind gefährlich. Wenn der neue Fürſt ſeine her⸗ zogliche Krone feſt haben will auf ſeinem Kopfe, wird er wohl thun, ſich die Anerkennung ſeiner nächſten Nachbarn zu erwerben.“ „Das iſt einleuchtend, und das Wenige, was mein Einfluß bei der Sache vermag, ſoll nicht unterbleiben. Nun aber möochte ich von Eurer Freundſchaft Rath erbitten, was ich für meine eignen, lange vernachläſſigten, Rechte thun ſoll.“ 86 „Ihr werdet wohl thun, Don Camillo, die Senatoren durch öftere Beobachtung der Höflichkeit, die Ihr ihrem und Eurem Range ſchuldig ſeyd, an Euch zu erinnern.“ „Das vernachläſſige ich nie, da mein Stand und meine Ange⸗ legenheit es auf gleiche Weiſe mir zum Geſetz machen.“ „Man ſoll auch die Richter nicht vergeſſen, junger Mann, denn es iſt klug, zu bedenken, daß die Gerechtigkeit ein Ohr für Bitten hat.“ „Es kann Niemand eifriger dieſe Pflicht erfüllen, als ich; und ich gebe auch Denen, welchen ich mit meinem Geſuche zur Laſt fallen muß, die handgreiflichſten Beweiſe meiner Achtung.“ „Beſonders eifrig müßt Ihr es Euch aber angelegen ſeyn laſ⸗ ſen, die Achtung des Senats zu verdienen. Dieſer Körper überſieht keinen dem Staate geleiſteten Dienſt, und die geringſte That für deſſen Vortheil wird den beiden Rathskollegien kund.“ „Könnt' ich nur mit dieſen ehrwürdigen Vätern zuſammen kommen! ich glaube, die Gerechtigkeit meiner Anſprüche würde bald ſelber ihr Recht geltend machen.“ „Nein, das geht nicht,“ erwiederte der Senator ernſt.„Dieſe erhabnen Körperſchaften halten ihre Sitzungen geheim, damit nicht ihre Majeſtät, mit gemeinen Intereſſen zuſammentreffend, ſich beflecke. Gleich der unſichtbaren Macht des Geiſtes über den Leib regieren ſie, und bilden die Seele des Staates, deren Sitz gleich dem der Vernunft im Menſchen, allem Scharfſinn verborgen bleibt.“ „Ich muß mein Verlangen hier als einen bloßen Wunſch anſehn, nicht als etwas, das ich zu erreichen Ausſicht hätte,“ erwiederte der Herzog von St. Agata, und hüllte ſich wieder in Mantel und Maske, die er beide nicht ganz abgelegt hatte.„Lebt wohl, edler Herr, ich werde nicht aufhören, dem Kaſtilianer fleißigen Rath zu ertheilen. Dafür gebe ich meine Angelegenheit der Gerechtigkeit der Patricier und Eurer Freundſchaft anheim.“ 7 Signor Gradenigo geleitete ſeinen Gaſt mit Verbeugungen bis in das aͤußerſte Zimmer, wo er ihn der Sorgfalt ſeines Hauswarts überließ. —„. 87 . „Man muß den Gang des Geſetzes hemmen, um den jungen Mann zu größerer Emfigkeit in dieſer Sache zu treiben. Wer die Gunſt des heiligen Markus nachſucht, muß ſie durch Eifer für ſein Beſtes verdienen.“ Dieſe Betrachtung machte Signor Gradenigo, langſam nach ſeinem Gemache zurückgehend, ſobald er im äußern Zimmer von ſeinem Gaſte foͤrmlich Abſchied genommen hatte. Er ſchloß die Thüre und fing wieder an, die kleine Stube zu durchmeſſen, mit dem Schritte und Auge eines Mannes, der ſorgliche Gegenſtände denkt. Nach einem Weilchen tiefer Stille wurde eine Tapetenthür vorſichtig geöffnet und das Geſicht eines andern Beſuchers erſchien. „Nur herein!“ ſagte der Senator, ohne Ueberraſchung zu ver⸗ rathen,„die Stunde iſt ſchon vorbei, ich habe auf Dich gewartet.“ Das herabfließende Kleid, der graue, ehrwürdige Bart, die edel geformten Züge, das ſchnelle, gierige, lauernde Auge und ein Ausdruck von Weltklugheit und rauh zurückgewieſener Gefühle machten einen Juden vom Rialto kenntlich. „Nur herein, Hoſea, entlaſte Dein Gewiſſen,“ fuhr der Senator im Tone eines gewohnten Verkehres fort.„Giebt es etwas Neues, was das öffentliche Wohl betrifft. „Geſegnet iſt das Volk, für welches ein ſo väterliches Auge wacht! Kann der Republik, edler Signore, Gutes oder Böſes wie⸗ derfahren, ohne daß der Senat ſein Herz gerührt fühle, gleich wie der Vater um ſein Kind ſorgt. Glücklich iſt das Land, wo Männer von ehrwürdigem Alter und grauen Haaren die Nacht zum Tage machen und alle Müdigkeit vergeſſen, um dem Staate Gutes und Ehre zu bereiten.“ „Du liebſt die morgenländiſchen Bilder aus dem Lande Deiner Väter, guter Hoſea, und vergiſſeſt, daß Du jetzt nicht auf den Stufen des Tempels wachſt. Was hat der Tag Wichtiges gebracht?“ „Sagt lieber die Nacht, Signore! Denn es iſt heute nichts Erhebliches, daß Ihr es anhört, vorgefallen, außer eine Sache von einiger geringen Bedeutung, die aus dem Treiben des Abends her⸗ vorging.“ „Sind Stilette auf der Brücke geſchäftig geweſen?— Ha!— oder freut ſich das Volk weniger an ſeinen Tändeleien als ſonſt?“ „Es iſt Niemand verbrecheriſch umgekommen, und die Plätze ſind fröhlich wie die Weingärten von Engadi. Vater Abraham! was für ein Platz iſt Venedig für ſeine Luſtbarkeiten und die Herzen Aller, Alt und Jung, wie ausgelaſſen ſind ſie in ihrer Freude! Faſt möchte man das Taufbecken in der Synagoge aufſtellen, wenn man ſieht, wie gut es die Bewohner dieſer Inſeln unter ihrer Re⸗ gierung haben. Ich hatte nicht gehofft, noch die Ehre zu haben, Euch heut' Nacht zu ſehen, Signore, und ich verrichtete eben mein Gebet, bevor ich mein Haupt niederlegte, als ein Bote vom Rathe mir einen Juwel brachte, um das Wappen und die anderen Sym⸗ bole des Beſitzers zu entziffern. Es iſt ein Ring mit den gewöhn⸗ lichen Kennzeichen, welche eine geheime Anver trauung begleiten.“ „Haſt Du den Siegelring 2“ ſagte der Senator die Hand aus⸗ ſtreckend. „Hier iſt er, und es iſt ein gutes Steinchen, ein theurer Türkois.“ „Wo kommt er her, warum hat man ihn Dir geſchickt?“ „Er kommt, Signore, wie ich mehr aus Winken und Andeu⸗ tungen des Boten, als aus ſeinen Worten entnehme, von einem Orte, der jenem gleicht, woraus der gottſelige Daniel entkam.“ „Du meinſt den Löwenrachen?“— „So ſagen unſre heiligen Schriften, Signore, in Anſehung des Propheten, und ſo ſchien der Bote des Raths anzudeuten in Anſehung des Ringes.“ 3 „Hier iſt nichts als ein Federbuſch und der Ritterhelm— gehoͤrt das Einem in Venedig?“ „Salomo's Weisheit leite das Urtheil ſeines Knechtes in einer t! Der Juwel iſt von rarer Schoͤnheit, wie ſo ſeinen Angelegenhei ihn nur Solche beſitzen können, die auch ſonſt Gold in Ueberfluß ie ß 89 haben. Seht nur ſeinen angenehmen Schein im Lichte und bemerket die lieblichen Farben, wenn ich ihn drehe.“ „Ja— s iſt gut.— Aber wem kann das Wappen gehören?“ „Es iſt wundervoll zu betrachten, was für ein großer Werth in ſo kleinem Raume liegen kann. Ich habe vollwichtige, ſchwere Zechinen bezahlen ſehen, für Dingelchen, die nicht ſo koſtbar waren wie dieſer.“ „Wirſt Du denn Deine Bude und Deine Handelsleute vom Rialto nun und nimmermehr vergeſſen? Ich ſage Dir, Du ſollſt mir Denjenigen nennen, deſſen Familienwappen dieſer Ring trägt.“ „Cdler Signore, ich gehorche. Der Buſch gehört der Familie Monforte, aus welcher der letzte Senator vor etwa fünfzehn Jahren geſtorben iſt.“ „Und ſeine Juwelen?“ „Die ſind mit andern beweglichen Gütern, davon der Staat keine Notiz nimmt, an ſeinen Verwandten und Nachfolger— wenn es anders dem Senate beliebt, daß dies alte Geſchlecht einen Nach⸗ ſolger haben ſoll— an Don Camillo von Sant' Agata gekommen. Der reiche Neapolitaner, der jetzt hier in Venedig ſeine Anſprüche vorbringt, iſt der Beſitzer des Steins.“ 3 „Gieb mir den RNing. Man muß die Sache erwägen— haſt Du ſonſt noch Etwas zu ſagen?“ „Nein, Signore— bloß noch die Bitte, wenn der Juwel ſollte verkauft werden, daß er zuerſt möchte angeboten werden einem alten Diener der Republik, der viel Urſach hat zu klagen, daß ſein Alter nicht ſo viel Segen bringt wie ſeine jungen Jahre.“ „Du ſollſt nicht vergeſſen werden. Ich höre, Hoſea, daß meh⸗ rere junge Edelleute die Läden Deiner Juden beſuchen und Geld borgen, das ſie jetzt verſchwenden, ſpäterhin aber mit bitterer Reue und Selbſtverläugnung, und mit Unannehmlichkeiten, die für die Erben edler Namen unziemlich ſind, wiederbezahlen müſſen. Nimm Dich in Acht in dieſem Punkte— denn wenn das Mißfallen des 90 Rathes einen von Deinem Stamme treffen ſollte, ſo wird es weit⸗ läuftige und ernſtliche Abrechnungen geben. Haſt Du neuerlich mit anderen Siegelringen zu thun gehabt, außer dem des Neapolitaners?“ „Bloß auf dem gewöhnlichen Wege unſeres täglichen Geſchäfts, ſonſt nichts von Bedeutung, gnädiger Herr!“— „Betrachte dies,“ fuhr Signor Gradenigv fort, und gab ihm ein mit einem Wachsſiegel verſehenes Streiſchen Papier, welches er aus einem geheimen Schubfache hervorſuchte.„Giebt Dir dieſer Abdruck vielleicht eine Vermuthung über den Eigenthümer des Pettſchafts 2 Der Juwelier nahm das Papier, und hielt es gegen das Licht, während ſein blitzendes Auge angeſpannt das darauf befindliche Siegel unterſuchte⸗ „Das wäre über die Weisheit von David's Sohne“— ſagte er nach einer langen und ſcheinbar fruchtloſen Unterſuchung—„hier iſt nichts als eine grillenhafte Liebhaber⸗Deviſe, wie luſtige Cavaliere in der Stadt zu gebrauchen pflegen, wenn ſie das ſchwächere Ge⸗ ſchlecht mit ſchönen Worten und verlockenden Tändeleien in Verſu⸗ chung führen.“ „Es iſt ein Herz von einem Liebespfeil durchbohrt, mit der Umſchrift: pensa al cuore trafitto d'amore.“ „Weiter aber nichts, wenn meine Augen mich nicht betrügen. Ich mein', es iſt niche viel geſagt mit den Worten, Signore!“ „So viel, als darin liegt. Haſt Du nie einen Edelſtein mit dieſer Gravirung verkauft?“ 4 „Gerechter Samuel! Wir ſetzen dergleichen ab, alle Tage, an Chriſten beiderlei Geſchlechts, und an Alt und Jung. Ich weiß keine Deviſe, die beſſer ginge, woraus ich ſchließe, daß viel Verkehr mit der Art von leichter Waare getrieben wird.“ „Wer das Siegel benutzte, hat wohlgethan, ſeine Geſinnung unter ſo allgemeiner Chiffer zu verbergen! Hundert Zechinen aber Demjenigen, welcher den Eigenthümer ausfindig macht.“ Hoſea war eben im Begriff, das Siegel, als etwas, wovon 91 er nichts wüßte, zurückzugeben; da gerade entfuhr den Lippen Signor Gradenigo's dieſe Aeußerung. Im Augenblicke waren die Augen des Juweliers mit einem Vergrößrungsglas bewaffnet, und das Papier wieder bei der Lampe. „Ich habe einen Karneol von geringem Werth, worein daſſelbe geſchnitten war, an die Frau des kaiſerlichen Geſandten verkauft; weil ich aber glaubte, daß ſie ihn bloß aus einer wunderlichen Grille nahm, ſo habe ich nicht die Vorſicht gebraucht, mir den Stein zu merken. Ein Herr in dem Hauſe des Legaten von Ravenna handelte mit mir auch um einen Amethiſt mit derſelben Deviſe; ich habe aber auch bei dem nicht eben beſondre Umſtändlichkeit für nöthig gehalten. Ha! da iſt ein beſondres Kennzeichen, das wahrhaftig von meiner Hand zu ſeyn ſcheint.“ 8 „Find'ſt Du ein Merkmal? Was iſt es für ein Zeichen, von welchem Du ſprichſt?“ „Edler Senator, bloß ein Strichelchen in dem einen Buchſtaben, welches einem leichtgläubigen Mädchen nicht eben in die Augen fallen würde.“ „Und wem haſt Du dies Siegel verkauft?“ Hoſea ſtand an; denn er dachte an die Gefahr, ſeine Belohnung durch eine voreilige Mittheilung der Wahrheit zu verlieren. „Wenn es wichtig iſt, das genau zu wiſſen, Signore!“ ſagte er,„will ich meine Bücher nachſehn. In einer Sache von Bedeutung ſoll der Senat nicht falſch berichtet werden.“ „Du haſt Recht. Die Sache iſt wichtig, und daß ſie uns ſo erſcheint, beweiſt Dir ja die Größe der Belohnung.“ „Es fiel da ein Wort von hundert Zechinen, ſehr edler Signore; aber mein Herz denkt an ſolche Nebenſachen nicht, wenn es ſich um Venedig's Wohl handelt.“ „Hundert Stück habe ich Dir verſprochen.“ „Ich habe einen Siegelring mit ungefähr dieſer Zeichnung an ein Frauenzimmer verkauft, die bei dem vornehmſten Herrn im Ge⸗ 92² folge des Nuntio dient. Aber dies Siegel kann von ihr nicht kommen, da ein Frauenzimmer ihres Standes—“. „Weißt Du das gewiß?“ fiel Signor Gradenigo ſchnell ein. Hoſea ſah ihn aufmerkſam an, und las in ſeinem Geſicht, daß die Auskunft erwünſcht war. Geſchwind antwortete er: „So gewiß ich unter Moſes Geſetz ſtehe! Das Dingelchen hat mid lange da gelegen, und um mein Geld nicht ruhen zu laſſen, habe ich es hingegeben.“ 4 „Die Zechinen ſind Dein, vortrefflicher Jude! Jetzt iſt die Sache klar über allen Zweifel. Geh, Du ſollſt Deine Belohnung haben, und wenn Du irgend etwas Bemerkliches in Deinem geheimen Re⸗ giſter haſt, ſetze mich ſchleunigſt davon in Kenntniß. Geh nur, guter Hoſea, und ſey pünktlich wie bisher. Die beſtändigen Anſtren⸗ gungen meines Geiſtes haben mich müde gemacht.“ Der Hebräer, in deſſen Gemüth gewohnte Habgier und unter⸗ würfige Schlauheit jedes andere Gefühl vollkommen bemeiſtert hatten, empfahl ſich vergnügt über ſein Glück, und verſchwand durch dieſelbe Thür, durch welche er eingetreten war. Es ſchien, daß Signor Gradenigo heute Niemanden mehr zu empfangen hatte⸗ Er unterſuchte ſorgfältig die Schlöſſer einiger geheimen Schubfächer in ſeinem Kabinet, löſchte die Lichter aus, verſchloß und verriegelte die Thüren, und entfernte ſich. Noch einige Minuten durchſchritt er in der äußern Zimmerreihe eines der Haupt⸗ gemächer, bis ſeine gewöhnliche Stunde zum Schlafengehen erſchien. Der Palaſt wurde nun für dieſe Nacht geſchloſſen. Der Leſer wird den Haupthelden der eben beſchriebnen Auftritte einigermaßen kennen gelernt haben. Signor Gradenigo war ſo gut als andre Menſchen mit einem mitleidigen und fühlenden Herzen geboren, aber ſeine zufällige Stellung und Erziehung, welche nach den Einrichtungen der Republik, wie ſie ſich nannte, ſtark gefärbt war, hatten aus ihm ein Geſchöpf der herkömmlichen Staatsklugheit gemacht. Venedig ſchien ihm ein freier Staat zu ſeyn, denn er 93³ felbſt genoß die Vortheile ſeiner bürgerlichen Verfaſſung im Ueberfluß, und einerſeits in den meiſten Weltangelegenheiten bewandert und geübt, wurde er, in Hinſicht auf die politiſche Moral ſeines Landes, von einer ſeltnen anſchmiegenden Stumpfheit beherrſcht. Als Se⸗ nator ſtand er in einer Beziehung zum Staat, wie der Leiter eines Geld⸗Inſtituts zu ſeiner Körperſchaft, ein Verwalter allgemeiner Maaßregeln ohne perſönliche Verantwortlichkeit. Er konnte mit Wärme, auch wohl mit Schärfe, über die Grundſätze des Regierens ſprechen, und es würde ſchwer ſeyn, auch in dieſer geldnehmenden Zeit einen eifrigeren Anhänger der Meinung zu finden, daß Beſitzthum nicht eine untergeordnete, ſondern eine Hauptangelegenheit des ge⸗ ſitteten Lebens ſey. Er konnte mit Fähigkeit über Charakter, Ehre und Tugend, über Religion und perſönliche Freiheit ſprechen, aber wenn es galt, für dieſe Intereſſen zu handeln, ſo trieb ihn die Richtung ſeines Geiſtes, ſie alle mit einer weltlichen Politik zu ver⸗ mengen, die nicht mindre Schwerkraft hatte, als die Körper im freien Falle. Als Venetianer war er der Herrſchaft eines Einzigen eben ſo ſehr, als der Herrſchaft Aller, entgegen. Im Verhältniß zur erſteren Staatsform war er wüthender Republikaner; in Be⸗ ziehung auf die letztere, zu jener ſeltſamen Spitzfindigkeit geneigt, welche die Majoritäts⸗Verfaſſung eine Regierung vieler Tyrannen nennt; kurz er war ein Ariſtokrat, und hatte geſchickter und glücklicher als irgend jemand ſich ſelbſt überredet, daß alle jene Dogmen, nach welchen ſein Stand der bevorrechtete war, auf dem Grunde der Wahrheit ruheten. Er war ein gewaltiger Vertheidiger angeſtammter Rechte, denn ihr Beſitz brachte ihm Vortheil. Er war überaus lebhaft gegen Neuerungen in Sitten und Gebräuchen, und gegen Veränderungen in den geſchichtlichen Verhältniſſen der Familien, denn an die Stelle ſeiner Liebe zu Grundſätzen trat Berechnung; und er unterließ nicht, gelegentlich zur Vertheidigung ſeiner Mei⸗ nungen von den Schickungen der Vorſehung die Analogie zu ent⸗ nehmen. Mit einer Philoſophie, welche ihn ſelber zu befriedigen 2— 94 ſchien, behauptete er, da Gott abſteigende Stufen vom Engel bis zum Menſchen in ſeiner Schöpfung eingeſetzt, ſo wäre es das Beſte, dem Beiſpiel zu folgen, welches die unendliche Weisheit gäbe. So richtig dieſe Grundlage ſeines Syſtems auch war, ſo lag doch in der Anwendung der große Irrthum, daß unter dem Titel der Nach⸗ ahmung die Ordnung der Natur verkehrt wurde. Siebentes Kapitel. Der Mond ging unter, und man ſah nichts mehr, Als wo vor einem Mutter⸗Gottesbild Ein Lämpchen flimmerte. Rogers. Eben als die geheimen Audienzen im Palaſte Gradenigo beendigt waren, verlor auch der St. Marcus⸗Platz zum Theil ſeine Leben⸗ digkeit. In den Kaffeehäuſern ſaßen nur noch einzelne Geſellſchaften, welche Mittel und Luſt hatten, koſtbareren Vergnügungen zu froͤhnen, als vorübergehendem Geſpött und müßigem Gelächter, während die Uebrigen, welche ihre Gedanken von dem Leichtſinn des Augenblickes den Sorgen des nächſten Tages zuwenden mußten, ſchaarenweiſe zu ihren beſcheidnen Wohnungen und harten Lagerſtätten zurückkehrten. Einer jedoch, von der letztern Klaſſe, blieb zurück an der Stelle, wo die beiden Plätze zuſammenſtießen, bewegungslos, als wären ſeine nackten Füße mit dem Stein zuſammengewachſen, auf welchem er ſtand. Es war Antonio. Die Stellung des Fiſchers brachte ſeine muskulöſe Geſtalt und ſeine ſtarren Züge ganz in die Beleuchtung des Mondes. Er heftete ſeinen dunklen, kummervollen Blick feſt auf die mildglänzende Scheibe, als wollte er in einer andern Welt den Frieden ſuchen, welchen er in dieſer nicht gefunden hatte. Sein gebräuntes Geſicht trug den Ausdruck des Leidens; es war aber das Leiden eines Mannes, deſſen 1 X⸗ —-—. 2— 95 Gefühle durch allzu vertraute Bekanniſchaft mit dem Schickſale der Schwachen an ihrer Reizbarkeit ſchon verloren haben. Wer das menſchliche Leben und ſeine Verhältniſſe aus einem höhern Standpunkt betrachtet, der würde in Antonio das rührende Bild einer Natur erblickt haben, deren edler Stolz von den Trüb⸗ ſalen der Welt ſich nicht ganz unterdrücken ließ; die Alltagsmenſchen, welche keine andere Nothwendigkeit kennen als die zufälligen Ein⸗ richtungen der Geſellſchaft, zu der ſie gehören, hätten hier nur einen mürriſchen, unzufriedenen Menſchen geſehen, deſſen unruhige Projekte nur durch heilſame Gewalt gebändigt worden. Ein tiefer Seufzer kämpfte ſich aus der Bruſt des alten Mannes hervor, dann ſtrich er ſich die wenigen Haare, welche die Zeit ihm noch gelaſſen hatte, hob ſeine Mütze vom Pflaſter auf und wollte fortgehen. „Du biſt ſpät auf, Antonio,“ ertönte eine Stimme dicht neben ihm.—„Die Fiſche müſſen hoch im Preiſe ſtehen, oder Du mußt einen guten Fang gethan haben, daß Du bei Deinem Gewerbe noch in dieſer ſpäͤten Stunde Dich in der Piazza zu erluſtigen Zeit findeſt. Du hörſt, es ſchlägt eben die fünfte Stunde der Nacht.“ Der Fiſcher drehte den Kopf nach der Seite hin und blickte den Redenden, welcher maskirt war, einen Augenblick gleichgültig an, dann antwortete er: „Da Du mich kennſt, ſo weißt Du wahrſcheinlich auch, daß meiner nur eine leere Wohnung wartet. Wenn ich Dir ſo bekannt bin, ſo iſt Dir ja wohl auch die Unbill nicht unbekannt geblieben, welche mir widerfahren.“ „Wer hat Dich beleidigt, guter Fiſcher, daß Du ſelbſt unter den Fenſtern des Doge ſo kühn davon ſprichſt?“ „Der Staat.“ „Das iſt eine dreiſte Rede für das Ohr des heiligen Marcus! Zu laut geſprochen, könnte ſie den Löwen dort zum Zorne reizen, Weſſen klagſt Du die Republik denn an?“ „Führ' mich nur hin zu Denen, die Dich ſchicken, ſo will ich — . 96 ihnen die Mühe eines Unterhändlers erſparen. Ich bin bereit, ſelbſt dem Dogen auf dem Throne mein erlittenes Unrecht zu klagen, ein armer Greis, wie ich, hat von ihrem Zorne wenig mehr zu fürchten.“ „Du glaubſt alſo, ich ſey geſendet, um Dich zu verrathen.“ Der Andere nahm nun die Maske ab und im Mondenlicht erkannte Antonio ſeinen Gefährten. 3 3 3 3„Jacopo!“ rief der Fiſcher erſtaunt, und ſtarrte die ausdrucks⸗ 1 vollen italieniſchen Züge an;„ein Mann Deines Gewerbes kann mit mir nichts zu ſchaffen haben.“ Eine Röthe, die ſelbſt bei dem ſchwachen Mondlicht ſichtbar war, überflog das Geſicht des Bravo; durch nichts anderes verrieth er die Aufwallung ſeines Gefühls. „Du irrſt Dich. Ich habe mit Dir zu ſchaffen.“ „Achtet der Senat einen Fiſcher von den Lagunen der Mühe werth, daß er durch ein Stilett falle? So ſtoß denn zu,“ ſagte er, und blickte auf ſeine braune entblößte Bruſt,„hier iſt nichts, das 3 Dich hindern könnte.“ „Antonio, Du thuſt mir Unrecht. Der Senat hat ſolche Abſicht gar nicht. Vielmehr, weil ich gehört habe, daß Du Grund zur Unzufriedenheit haſt und nun öffentlich auf dem Lido und zwiſchen den Inſeln über Dinge ſprichſt, welche die Patricier Leuten Deines Standes gern aus dem wäſn rücken, ſo komme ich als Freund, Dich vor den Folgen ſolche Unvorſichtigkeit zu warnen, nicht aber Dir Uebles zuzufügen.“ „Biſt Du abgeſchickt, mir dies zu ſagen?“ „Alter Mann, die Erfahrung Deiner Jahre ſollte Dich gelehrt „haben, Deine Zunge im Zügel zu halten. Was nützen eitle Klagen über die Republik, oder was für Früchte können ſie bringen als Unheil für Dich und das Kind, welches Du lieb haſt.“ „Ich weiß nicht— aber wenn das Herz voll iſt, ſo läuft der Mund über. Sie haben meinen Knaben hinweggenommen und haben ——————— „Du magſt Deine Sendung am beſten kennen.“ mir wenig gelaſſen, das Werth für mich hätte. Das Leben, dem ſie Gefahr drohen, iſt zu kurz, um ſich darum zu grämen.“ „Du ſollteſt Deinen Kummer klug mäßigen. Signor Gradenigo hat ſich Dir immer freundlich bewieſen, und Deine Mutter, hab' ich gehört, war ſeine Amme. Wende Dich mit Bitten an ihn, aber höre auf, den Zorn der Republik durch Klagen zu reizen.“ Antonio lauſchte ſeinem Gefährten mit Sehnſucht. Als er aber geendigt hatte, ſchüttelte er traurig das Haupt, als wollte er aus⸗ drücken, daß auch von jener Seite keine Hoffnung mehr für ihn ſey. „Ich habe ihm alles geſagt, was ein Mann, der auf den La⸗ gunen geboren und gezogen iſt, zu ſagen Worte hat. Er iſt ein Senator, Jacopo! und hat keinen Sinn für Leiden, welche ernicht fühlt.“ „Iſt es nicht unrecht, alter Mann, dem, welcher im Ueberfluß geboren iſt, Hartherzigkeit vorzuwerfen, bloß weil er das Elend nicht fühlt, welches auch Du, wenn Du könnteſt, gern von Dir wieſeſt? Du haſt Deine Gondel und Deine Netze, und biſt geſund und geſchickt in Deinem Handwerk, und ſo biſt Du glücklicher als der, welcher auch das entbehrt.— Willſt Du etwa Dein Gewerbe liegen laſſen, und Deinen kleinen Vorrath mit dem Bettler von San Marco theilen, damit Euer Vermögen gleich ſey?⸗ „Du magſt Recht haben in dem, was Du über unſre Arbeit und unſre Hülfsmittel ſagſt, aber was unſre Kinder betrifft, da iſt die Natur dieſelbige in Allen. Ich ſehe nicht ein, warum des Pa⸗ triciers Sohn frei gehn ſoll, und der Sohn des Fiſchers bluten. Haben die Senatoren nicht Glücks genng an ihren Reichthümern und an ihrer Hoheit, daß ſie mir mein Find rauben?“ „Du weißt, Antonio, daß der Staat bedient ſeyn will, und wollten die Staatsdiener in den Paläſten ſtarke Matroſen für die Flotte ſuchen, meinſt Du, ſie möchten Leute finden, die dem geflüͤ⸗ gelten Löwen in der Stunde der Noth Ehre machen würden? Dein alter Arm iſt muskelfeſt, und Dein Fuß wankt nicht auf dem Waſſer, und ſie ſuchen Solche, die, wie Du, für Schifferarbeit erzogen ſind.“ Der Bravo. 7 * 98 „Du hätteſt noch hinzufügen können, und Deine alte Bruſt hat Narben. Ehe Du geboren warſt, Jacopo, zog ich gegen die Türken, und mein Blut ward für den Staat verſchüttet wie Waſſer. Aber das haben ſie vergeſſen, und haben reiche Marmorſteine in den Kirchen aufgerichtet, die Thaten der Edlen zu rühmen, welche doch ohne Wunde aus dem Kriege zurückkehrten.“ „Ich habe auch meinen Vater davon erzählen hören,“ verſetzte der Bravo düſter und mit verändertem Tone der Stimme.„Auch er hat geblutet in jenem Kriege, aber es iſt vergeſſen.“ Der Fiſcher warf einen Blick umher, und da er mehrere Gruppen auf dem Platze ganz in ſeiner Nähe ſich unterhalten ſah, bedeutete er ſeinen Gefährten, ihm zu folgen, und ſchritt den Quais zu. „Dein Vater,“ ſagte er, während ſie langſam neben einander gingen,„war mein Kamerad und mein Freund. Ich bin alt, Jacopo, und arm; meine Tage gehen hin mit Arbeit auf den Lagunen, und meine Nächte mit Erholung und Stärkung für neues Tagewerk; aber bekümmert hat es mich, zu hören, daß der Sohn eines Mannes, den ich lieb hatte, und mit dem ich ſo oft Gutes und Böſes, Wohl und Weh getheilt habe, eine Lebensart ergriffen hat, wie die iſt⸗ welche Du Dir erwählt haben ſollſt. Gold, das für Blut bezahlt wird, hat noch niemals, weder dem Geber noch dem Empfänger, Segen gebracht.“ Der Bravo hörte ſchweigend zu, aber ſein Gefährte, der in einem anderen Augenblick, und weniger aufgeregt als eben jetzt, ihm ausgewichen wäre wie der Peſt⸗ bemerkte, indem er ihm traurig in's Geſicht ſah, daß ſich deſſen Muskeln leicht bewegten, und daß eine Bläſſe die Wangen überzog, welche das Morndlicht geſpenſtig machte. „Deine Armuth hat Dich zu ſchwerer Sünde verführt, Jacopo. Aber es iſt nimmer zu ſpät, die Heiligen um Beiſtand anzurufen und das Stilett bei Seite zu legen! Es dient einem Manne in Benedig nicht zum Ruhm, Dein Gefährte zu heißen, aber der Freund Deines Vaters wird den nicht verlaſſen, der ſeine Sünden bereuet. — 99 Wirf den Dolch weg und komm mit mir nach den Lagunen. Du wirſt die Arbeit leichter zu tragen finden, als die Schuld, und ob⸗ ſchon Du mir niemals das werden kannſt, was mir der Junge war, den ſie mir genommen haben, denn der war unſchuldig wie ein Lamm! ſo wirſt Du mir immer der Sohn eines alten Kameraden ſeyn, und ein reuiges Gemüth. Komm mit mir zu den Lagunen, denn ſolche Armuth und ſolch Elend, als ich erdulde, können nicht noch verächtlicher werden, auch nicht dadurch, daß Du mein Geſell biſt.“ „Was ſagen denn die Menſchen von mir, daß Du mich ſo be⸗ handelſt?“ fragte Jacopo mit leiſer, bebender Stimme. „Ich wollte, ſie ſagten Unwahrheit! Aber wenige ſterben in Venedig eines gewaltſamen Todes, ohne daß man Dich nennte.“ „Würden ſie denn leiden, daß ein ſo berüchtigter Menſch frei auf den Kanälen und auf dem Marcus⸗Platze umhergehe?“ „Wir kennen nie die Gründe, nach welchen der Senat handelt. Einige ſagen, Deine Stunde ſey noch nicht gekommen, Andre ſa⸗ gen, Dein Einfluß ſey zu groß in Venedig, um Dich zu richten.“ „Du hältſt von der Thätigkeit der Inquiſition nicht mehr, als von ihrer Gerechtigkeit. Aber wenn ich heut Nacht mit Dir gehn wollte, wirſt Du Dich dann mehr mäßigen unter Deinen Kameraden vom Lido und den Inſeln?“ „Wenn das Herz beladen iſt, ſo ſucht die Zunge ihm Erleich⸗ terung zu ſchaffen. Ich wollte Alles thun, um meines Freundes Sohn von ſeinen ſchlimmen Wegen abzuwenden, nur nicht meinen eignen vergeſſen. Du biſt gewohnt, Jacopo, mit den Patriciern zu thun zu haben. Könnte wohl Einer in dieſen Kleidern und mit einem ſo ſonnverbrannten Geſicht dazu gelangen, mit dem Dogen zu reden?“ „Es fehlt in Benedig nicht an ſcheinbarer Gerechtigkeit, An⸗ tonio; der Mangel liegt in der wirklichen. Ich zweifle nicht, daß Du gehört werden würdeſt.“ „So will ich hier warten auf den Steinen des Platzes, bis 100 der morgende Prachtzug kommt, und ſein Herz zur Gerechtigkeit zu bewegen ſuchen. Er iſt ein Greis, wie ich, und hat auch geblutet für das Vaterland, und was noch mehr iſt, er iſt Vater.“ „Das iſt auch Signor Gradenigo.“ „Du zweifelſt an des Dogen Mitgefühl?— Wie?“ „Du kannſt es ja verſuchen. Der Doge von Venedig wird das Geſuch des geringſten Bürgers anhören. Ich denke,“ ſetzte Jacopo ſo leiſe als möglich hinzu,„er würde ſelbſt mir Gehör geben.“ „Zwar bin ich nicht im Stande, meine Bitte in geziemenden Reden einem ſo großen Fürſten vorzuſtellen, aber er wird die Wahr⸗ heit von einem gekränkten Mann hören. Sie nennen ihn den vom Staat Erwählten, nun, ſo ſollte er auch mit Freuden der gerechten Sache ein Ohr leihen. Dies iſt ein hartes Bett, Jacopo,“ fuhr der Fiſcher fort, indem er ſich auf das Fußgeſtell der Bildſäule St. Theodors ſetzte,„ich habe aber ſchon auf kälterer und eben ſo harter Lagerſtätte gelegen, um geringerer Urſach willen, und treff⸗ lich geſchlafen.“ Der Bravo ſtand noch einen Augenblick neben dem alten Mann, der ſeine Arme über der dem Seewind offnen Bruſt verſchränkte, und ſich anſchickte, auf dem Platze Nachtruh zu halten, wie dies unter Leuten ſeines Standes nicht ungebräuchlich war; als er aber bemerkte, daß Antonio ungeſtört zu ſeyn wünſchte, machte er ſich auf und ließ den Fiſcher allein. Die Nacht war ziemlich vorgerückt, und nur wenige Leute ſtreiften noch auf den beiden Plätzen umher; Jacopo ſchaute ſich um, und bemerkend, wie ſpät es ſey und daß der Platz faſt men⸗ ſchenleer war, ging er an den Rand des Quais. Hier lagen wie gewöhnlich die Böte der öffentlichen Gondolieri vor Anker und über der ganzen Bucht herrſchte eine tiefe Stille. Das Waſſer wurde von einem Windhauch, der ſeine Oberfläche kräuſelte, kaum getrübt; kein Ruderſchlag war hörbar unter dem Walde maleriſcher und alterthümlicher Maſtbäume, welcher zwiſchen der Piazzetta und Giu⸗ d&———— 2 101 decca den Raum ausfüllte. Der Bravo hielt an, warf noch einen vorſichtigen Blick umher, that ſeine Maske vor, machte ein Boot von ſeinen leichten Banden los, und glitt im Augenblick mitten in das Baſſin hinein. „Wer da?“ fragte Jemand, der, wie es ſchien, auf einer etwas abſeit liegenden Feluke Wache hielt. „Ein Erwarteter!“ war die Antwort. „Roderigo?“ „Derſelbe.“ „Du kommſt ſpät,“ ſagte der Scemann von Calabrien, als Jacopo auf dem niedrigen Deck der bella Sorrentina ſtand.„Mein Volk iſt längſt unten, und ich hab' ſchon dreimal von Schiffbruch und zweimal von ſchwerem Sirocco geträumt, ſeit ich Dich erwarte.“ „So haſt Du mehr Zeit gehabt, den Zoll zu betrügen. Iſt die Feluke fertig zur Arbeit?“ „Was den Zoll betrifft, ſo iſt wenig zu lukriren in ſolch einer gierigen Stadt. Die Senatoren nehmen allen Proſit für ſich und ihre Freunde, und wir armen Schiffsleute haben niedrige Fracht und ſchlechten Gewinn. Ich habe ein Dutzend Fäſſer lacrymae christi die Kanäle hinaufgeſchickt, ſeit die Masken umherſtreiften, außerdem hat ſich nichts dargeboten. Dich zu ſtärken iſt aber zur Noth noch genug da. Willſt Du trinken?“ „Ich habe der Nüchternheit Treue gelobt. Iſt Dein Fahrzeug zu dem Geſchäft bereit wie gewöhnlich?“ 3 „Iſt der Senat ebenſo bereit mit ſeinem Gelde? Dies iſt meine vierte Reiſe in ſeinem Dienſte, und ſie dürfen nur in ihre eignen Geheimniſſe gucken, ſo werden ſie wiſſen, wie ich ihr Geſchäft ausgeführt habe.“ 8 „Sie ſind zufrieden, und man hat Dich gut bezahlt.“ „Sage das nicht. Ich habe durch eine glückliche Verladung in Früchten von den Inſeln mehr Gold verdient, als bei all' ihrer nächtlichen Arbeit. Wenn Die, welche mich brauchten, der Feluke 102 erlauben wollten, einigen Privathandel im Hafen zu treiben, ſo könnte Vortheil bei der Sache ſeyn.“ „St. Marcus beſtraft nichts ſchwerer, als die Umgehung ſeiner Zoͤlle. Nimm Dich in Acht mit Deinen Weinen, daß Du nicht Schiff und Reiſe und auch ſelbſt Deine Freiheit verliereſt.“ „Das iſt es gerade, worüber ich mich beſchwere, Signor Ro⸗ derigo. Schurke und Nicht⸗Schurke, das iſt der Wahlſpruch der Republik. Hier ſind ſie ſo ſtreng gerecht, wie ein Vater unter ſei⸗ nen Kindern, dort haben ſie wieder Geſchäfte, die mitten in der Nacht gethan werden müſſen. Ich liebe den Widerſpruch nicht, denn gerade wenn meine Hoffnungen ein wenig geſtiegen ſind durch das, was ich vielleicht ein Bischen zu nahe geſehen habe, werden ſie in alle Winde gejagt von einem ſolchen Blitzblick, wie ihn nur der heilige Januarius ſelbſt auf einen Sünder werfen mag.“ „Bedenke, daß Du nicht in Deinem weiten Mittelmeere biſt, ſondern auf einem Kanal von Venedig. Dieſe Sprache möchte Dir nicht wohl bekommen, wenn minder freundliche Ohren ſie vernähmen.“ „Ich dank Dir für Deinen guten Rath, aber der alte Palaſt dort iſt ſchon eine gute Warnung für loſe Zungen, wie ein Galgen an der Küſte für einen Piraten. Ich habe um die Zeit, da die Masken herein kamen, mit einem alten Kameraden auf der Piazetta geſprochen, und wir ſchwatzten über dieſelbe Sache. Der hat mir erzählt, daß jeder zweite Mann in Venedig bezahlt iſt, zu hinter⸗ bringen, was der erſte redet und thut.'S iſt ein Jammer, guter Roderigo, daß der Senat mit all ſeiner ſcheinbaren Liebe zur Ge⸗ rechtigkeit, ſo manche Schurken frei umhergehn läßt, Menſchen, deren Anblick die Steine erröthen macht in Scham und Verdruß.“ „s iſt mir nicht bewußt, daß man ſolche Leute öffentlich in Venedig ſieht. Was heimlich geſchieht, mag eine Zeit lang geduldet werden, weil ſich den Thätern vielleicht nichts beweiſen laäßt, aber—“ „Cospetto! Man ſagt mir, der Senat habe eine ſchnelle Manier, einem Sünder das Unrechtthun zu verbieten. Da, da iſt 10³ der gottloſe Jacopo,— was fehlt Dir, Mann? Der Anker, auf den Du Dich lehnſt, iſt doch nicht glühend.“ „Er iſt aber auch nicht von Flaum. Nichts für ungut, daß einem die Knochen können weh thun, wenn man ſich auf dies harte Eiſen lehnt.“ „Das Eiſen iſt von Elba— iſt in einem Vulkan geſchmiedet. Der Jacopo iſt ein Menſch, den ſie in einer rechtſchaffnen Stadt nicht ſollten frei umhergehen laſſen, und doch ſieht man ihn ſo ge⸗ laſſen auf dem Platze ſpazieren, wie einen Edlen im Broglio.“ „Ich kenn' ihn nicht.“ „Daß Du von der verwegenſten Fauſt und dem ſicherſten Sti⸗ lett in Venedig nichts weißt, ehrlicher Roderigo, gereicht Dir zur Ehre. Aber wir vom Hafen, wir kennen ihn gut, und wenn wir ihn ſehen, dann fallen uns unſre Sünden ein und die Bußen, die wir verſäumt haben. Ich wundre mich ſehr, daß die Inquiſitoren ihn nicht bei irgend einer öffentlichen Feierlichkeit dem Teufel über⸗ liefern, zum Beſten der kleineren Sünder.“ „Sind ſeine Verbrechen ſo erwieſen, daß ſie ihn ohne Beweis verurtheilen dürften?“. „Frag' nur auf den Straßen. Es kommt keine Chriſtenſeele in Venedig unverhofft um's Leben, was doch, die Staats⸗Fieber abgerechnet, nicht ſelten geſchieht, ohne daß die Leute einen Stoß von ſeiner zuverläſſigen Hand vermutheten. Signor Roderigo, Eure Kanäle ſind bequeme Gräben für plötzlich Geſtorbene!“ „Mich dünkt, Du ſprichſt ungereimt. Erſt ſagſt Du von Spu⸗ ren einer Erdolchung und dann ſagſt Du wieder, die Kanäle dienten dazu, den ganzen Leichnam zu verbergen. Es wird dem Jacopo gewiß Unrecht gethan, und es iſt vielleicht alles bloße Verläumdung.“ „Man ſpricht wohl bei einem Prieſter von Verläumdung, denn das ſind Chriſten, die ihren Namen rein halten müſſen, zur Chre der Kirche; aber von Unrecht gegen einen Bravo zu reden, iſt mehr, als die Zunge eines Advokaten durchſetzen kann. Wenn die 104 Hand mit Blut gefärbt iſt, was thut es, ob die Schattirung ein wenig dunkler iſt oder nicht.“ „Du haſt Recht,“ erwiederte der vorgebliche Roderigo, und holte tief Athem.„Es thut nichts, ob einer um vieler oder weni⸗ ger Verbrechen willen verurtheilt wird.“ „Weißt Du, Freund Roderigo, dieſer Gedanke hat mich weniger bedenklich gemacht in Hinſicht auf die Ladung, welche ich bei dieſem unſerem geheimen Handel führe. Du biſt ja im Dienſte des Se⸗ nates, werther Stefano, ſage ich zu mir ſelber, darum iſt keine Urſach, Umſtände zu machen, wegen der Art der Waare. Dieſer Jacopo hat ein Auge, einen Blick, die ihn verrathen würden, und ſäße er auf St. Peter's Stuhle. Aber nimm doch die Maske ab, Signor Roderigo, und laß Dir die Seeluft das Geſicht kühlen. „S iſt Zeit, daß dieſes argwöhniſche Weſen zwiſchen alten und ge⸗ prüften Freunden ein Ende nehme.“ „Wenn mir es nicht meine Verpflichtung gegen Die, welche mich ſchicken, verböte, wollte ich Dir gern von Geſicht zu Geſicht gegenüber ſtehen, Meiſter Stefano.“ „Schön.! trotz Deiner Vorſicht, ſchlauer Herr, wollt, ich von den Zechinen, die Du mir bezahlen ſollſt, zehn Stück verwetten, daß ich morgen früh unter die Haufen des Marcusplatzes gehen will, und Dich öffentlich bei Namen anrufen, unter Tauſenden. Du kannſt Dich dreiſt demaskiren, denn ich ſage Dir, ich kenne Dich ſo gut wie die Latei⸗Segelſtange meiner Feluke.“ „Um ſo weniger brauche ich die Maske abzunehmen. Es gibt freilich gewiſſe Zeichen, an denen Leute, welche ſo oft mit einander zu thun haben, ſich wiedererkennen mögen.“ „Du haſt eine ſchmucke Geſichtsbildung, Signore, und brauchſt ſie nicht zu verſtecken. Ich habe Dich wohl erkannt unter den Herumzüglern, und Du haſt Dich unbemerkt geglaubt. Und ich will Dir ſoviel von Dir ſelber erzählen, ohne dadurch einen Deut bei unſerm Handel verdienen zu wollen, ein ſo ſchmucker Kerl wie 105 Du, Signore Roderigo, ſollte lieber offen gehn als ſich hinter ſo einer Wolke verſtecken.“ „Ich habe Dir geantwortet. Dem Befehl des Staates muß Folge geleiſtet werden, aber da ich ſehe, daß Du mich kennſt, ſo nimm Dich in Acht, es weiter zu plaudern.“ „Du biſt bei Deinem Beichtvater nicht ſicherer. Diamine! Ich bin nicht der Mann, unter den Waſſerhändlern herumzuſcharwenzen mit einem Geheimniß im Maule. Aber Du lugteſt ſeitwärts, als ich Dir zuwinkte auf dem Quai beim Tanze mit den Masken. Nicht ſo, Roderigo?“ „Du biſt geſchickter, Meiſter Stefano, als ich gedacht hätte⸗ abgerechnet Deine Gewandtheit im Seefahren, die bekannt genug iſt.“ „Es gibt zwei Dinge, Signor Roderigo, auf welche ich ſtolz bin, daß heißt, immer in chriſtlicher Demuth, mein’ ich. Als Küſten⸗ fahrer gibt es wenige, die mir es gleich thun unter allerlei Winden, Sirocco, Levantwind und Weſtwind. Und zweitens, wenn es gilt, einen Bekannten auf der Maskerade zu erkennen, da will ich Dir des Teufels Bocksfuß, unter welche Verkleidung er ſich ſtecke, ſicher⸗ lich herausfinden. Ja, ja, einem Wind es abzugewinnen und hinter eine Maske zu kommen, ſind zwei Sachen, in denen ich meines⸗ gleichen nicht habe unter allen ungelehrten Leuten.“ „Das ſind allerdings große Gaben für einen Mann, der von der See und einem gefährlichen Handel lebt.“ „Da kam ein gewiſſer Gino, Don Camillo Monforte's Gon⸗ dolier, ein alter Kamerad von mir, an Bord der Feluke, und brachte ein maskirtes Frauenzimmer mit. Er hat das Mädel geſchickt ge⸗ nug hier ausgeſetzt, unter Fremden dachte er; aber ich habe ſie auf den erſten Blick für die Tochter eines Weinhändlers erkannt, der ſchon von meinem lacrymae christi geſchmeckt hat. Das Frauen⸗ zimmer war ärgerlich über den Streich, aber wir benutzten die Ge⸗ legenheit und wurden einig um die Paar Fäſſer, die unter dem 106 8 Ballaſt lagen, während Gino auf dem Marcusplatz ein Geſchäft für ſeinen Herrn beſorgte.“ „Was das für ein Geſchäft war, haſt Du nicht erfahren, gu⸗ ter Stefano?“ „Wie ſollt' ich, Meiſter Roderigo; der Gondolier goͤnnte ſich kaum Zeit zum Gruß; aber Annina—“ „Annina?“ „Ja wohl. Du kennſt Annina, des alten Tomaſo Tochter; ſie tanzte ja in derſelben Reihe, in der ich Deine Geſtalt erblickte. Ich würde nicht ſo von dem Mädchen ſprechen, wenn ich nicht wüßte, daß Du ſelber der Letzte nicht biſt, der unverzolltes Getränk annimmt.“ „Was das betrifft, ſey ohne Furcht. Ich habe Dir geſchworen, daß kein Geheimniß dieſer Art über meine Lippen kommen ſoll. Aber dieſe Annina iſt eine lebendige und kühne Dirne.“ „Unter uns, Signore Roderigo, es iſt nicht leicht, zu ſagen, wer im Solde des Senats ſteht, und wer nicht, hier in Venedig. Ich habe mir oft eingebildet, nach Deinen Manieren und dem Ton Deiner Stimme zu urtheilen, daß Du der Galeeren⸗General ſelber unter Verkleidung ſeyſt.“ „Und das mit Deiner Menſchenkenntniß?“. „Wenn der Glaube niemals gegen Zweifel zu kämpfen hätte, ſo gälte er für kein Verdienſt mehr. Du biſt noch nicht von einem Türken gehetzt worden, Meiſter Roderigo, ſonſt würdeſt Du wiſſen, wie ein Menſch von der Hoffnung zur Angſt, vom Großthun zum demüthigen Stoßgebet überſpringen kann. Ich habe einmal in der Verwirrung und dem Drange ſauſender Winde und pfeifender Ku⸗ geln, wo ich nichts als Turbane vor Augen und Baſtonade im Kopfe hatte, den heiligen Stefano angeſchrieen wie einen Hund, und dem Schiffsvolke vorgewinſelt wie eine junge Katze. Corpo di Bacco! Man braucht Erfahrung in dieſen Dingen, Signor Roderigo, um ſeine eignen Talente zu kennen.“ „Ich glaub's wohl. Aber wer iſt der Gino, von dem Du ge⸗ ———4 107 ſprochen haſt, und was hat ſein Gewerbe als Gondolier mit einer Deiner Jugendbekanntſchaften in Calabrien zu thun?“ „Es ſind Sachen dabei, von denen ich nichts weiß. Sein Herr, und ich kann auch ſagen, mein Herr, denn ich bin auf ſeinen Gütern geboren, iſt der junge Herzog von St. Agata— derſelbe, welcher beim Senate Anſprüche macht auf die Reichthümer und Ehrenſtellen des letzten Monforte, der im Rathe ſaß. Die Rechtsſache dauert ſchon ſo lange, daß aus dem Burſchen ein Gondolier geworden iſt, denn er hat immer hin und her rudern müſſen zwiſchen dem Palaſt ſeines Herrn und den Paläſten der Edlen, denen jener ſein Anliegen vorzubringen hat— wenigſtens erzahlt Gino ſeine eigne Geſchichte ſo.“ „Ich kenne den Mann. Er trägt die Farben ſeines Herrn. Hat er Verſtand?“ „Signor Roderigo, nicht alle, die aus Calabrien kommen, können ſich dieſes Vorzugs rühmen. Wir find nicht beſſer als unſre Nachbarn, und in allen Gemeinden, wie in allen Familien, gibt es Ausnahmen. Gino führt ſein Ruder geſchickt genug, und iſt ein ſo guter Junge, nach ſeiner Art, als noth iſt. Aber ein Bischen tiefer zu ſehen als bloß obenauf, nun! wir müſſen die Feinheit einer Feigenſchnepfe nicht in einer Gans ſuchen. Die Konige können aus Menſchen Adlige machen, darum bleiben ſie aber doch ſo, wie die Natur ſie gemacht hat— Gino iſt ein Gondolier.“ „Und geſchickt in ſeinem Fach?“ „Von ſeinem Arm und Bein ſag' ich nichts, die mögen beide gut genug an ihrem Flecke ſeyn. Aber wenn es auf Kenntniß von Menſchen und Sachen ankommt— da iſt der arme Gino bloß ein Gondolier. Der Burſch iſt außerordentlich gutmüthig und nicht faul, einem Freunde zu dienen. Ich bin ihm gut, aber ich kann doch nicht mehr von ihm ſagen, als wahr iſt.“ „Gut, halt' Deine Feluke in Bereitſchaft, denn wir wiſſen nicht, wie ſchnell ſie gebraucht werden wird.“ 10⁰8 „Bring nur Deine Fracht, Signore! Der Handel ſoll gleich abgemacht ſeyn.“ „Adieu— Ich wollt' Dir empfehlen, Dich aller anderen Ge⸗ ſchäfte zu enthalten, und aufzupaſſen, daß Deine Leute nicht im Saus und Braus des morgenden Tages die nöthige Nüchternheit verlieren.“ „Gott geleit' Dich, Signor Roderigo.— Es ſoll an nichts fehlen.“ Der Bravo ſprang in ſeine Gondel, und dieſe flog mit einer Schnelligkeit dahin, daß man ſah, welch ein geübter Arm das Ruder regierte. Er winkte mit der Hand noch ein Lebewohl, und das Boot verſchwand unter den Schiffen, welche den Hafen erfüllten. Noch einige Minuten lang ging der Padrone der bella Sor- rentina auf dem Verdeck auf und nieder, und athmete die friſche Seeluft, die über den Lido kam. Dann legte er ſich ſchlafen. Die dunklen, ſchweigenden Gondeln, welche hundertweiſe das Baſſin durch⸗ ſchwommen hatten, waren alle verſchwunden. Kein Geſang ward mehr gehört auf den Kanälen, und die allezeit geräuſchloſe, eigen⸗ thümliche Stadt ſchien jetzt den Todesſchlaf zu ſchlafen. Achtes Kapitel. Da kam der Fiſcher Von ſeiner grünen Inſel, und mit ihm Sein Weib und Kind, da kam vom feſten Land Der Landmann, und es kamen Nonn'’' und Mönch, Dorfmädchen auch, ihr erſter Ausflug war's, Die alle drängten ſich zur Fähr’. Rogers. Ein ſchönerer Tag, als jener Nacht folgte, von der wir zuletzt erzählt haben, war noch nie heraufgekommen über die mächtigen Dome, über die prächtigen Paläſte und ſchimmernden Kanäle Vene⸗ 2 ————— * 1⁰9 digs. Die Sonne ſtand noch nicht hoch über dem Horizont des Lido, als Hörner und Trompeten vom Marcusplatze ertönten. Wie ein ſtarkes Echo antworteten andere vom Arſenal. Tauſend Gon⸗ deln glitten aus den Kanälen hervor, und durchkreuzten in allen Richtungen den Hafen, die Gindeecca und die verſchiedenen Außen⸗ Kanäle, während die wohlbekannten Fahrwege von Fuſina und den benachbarten Inſeln mit endloſen Reihen von Boͤten betuppt waren, welche der Hauptſtadt zueilten. Die Bürger fingen früher an ſich zu verſammeln in ihrem Sonntags⸗Putz, und zahlloſe Contadini landeten an den verſchiedenen Brücken in der muntern Tracht des Feſtlandes. Der Tag war noch nicht weit vorgerückt, als alle Zugänge zum Marcusplatz wieder voll Gedränge waren, und während das Glockengeläͤute der ehrwürdigen Kathedrale freudige Klänge erſchallen ließ, wimmelte der Platz wie⸗ der mit ſeiner frohen Menge. Wenige kamen in Masken; in jedem Auge aber blitzte die Luſt, während das Antlitz frei und unverhüllt gern dem Anblick und der Mitwonne der Nachbarn ſich hingab. Kurz, man ſah Venedig und ſein Volk in aller Heiterkeit und Sorg⸗ loſigkeit eines italieniſchen Lieblingsfeſtes. Die Fahnen bezwungener Nationen falteten ſchwer auf den Siegesbäumen; von jedem Kirch⸗ thurm ſchwebte das Bild des Flügellöwen herab, und jeder Palaſt ſchmückte ſeine Fenſter und Balkone reich mit Tapeten und Seiden⸗ gehängen. Mitten aus dieſem erheiternden und glänzenden Schau⸗ ſpiel erhob ſich das Geräuſch unzähliger Stimmen. Das beſtändige Geſumme derſelben übertönte von Zeit zu Zeit Trompeten⸗Ge⸗ ſchmetter und reiche Symphonien. Hier, am Fuße der Bäume, welche die von Candia, Creta und Morea erbeuteten Fahnen trugen, erzählte der Improviſator, den die verſteckte Politik der Regierung heimlich dafür bezahlte, mit hinreißender Beredtſamkeit und in einer für die Menge paſſenden Sprache, die alten Siege der Republik; dort pries ein Balladenſänger dem begierigen Haufen den Ruhm und die Gerechtigkeit des heiligen Marcus. Jede glückliche Anſpie⸗ 110 lung auf den Glanz der Nation wurde mit ſchallenden Beifallsbe⸗ zeugungen aufgenommen, und ein lautes, oft wiederholtes Bravo belohnte die Söldlinge der Polizei gerade dann am häͤufigſten, wenn ſie der Selbſttäuſchung und Eitelkeit ihrer Zuhörer am beſten fröhnten. Inzwiſchen begannen reich verzierte und vergoldete Gondeln, in denen Frauen von berühmter Anmuth und Schönheit ſaßen, zu Hunderten ſich im Hafen zu verſammeln. Die Schiffe kamen ſämmt⸗ lich in Bewegung, und eine breite Straße ward eröffnet vom Quai, am Ende der Piazetta, bis zu dem entfernten Damm, welcher den Fluten des adriatiſchen Meeres wehrt. In der Nähe dieſer Waſſer⸗ ſtraße ſammelten ſich ſchnell Böte von allen Formen und Größen, die mit Neugierigen und Zuſchauern angefüllt waren. So wie der Tag zunahm, vergrößerte ſich die Volksmenge; die weiten Ebenen Padua's ſchienen alle ihre Bewohner herzugeben, um die Zahl der Fröhlichen zu vermehren. Einzelne Masken zeigten ſich im Gedränge ſchüchtern und unentſchloſſen; es waren ſolche, die aus der Zurückgezogenheit und Eintönigkeit ihres Kloſterlebens, durch das Maskenrecht der Venetianer begünſtiget, ſich unter die vergnügte Menge ſtahlen. Dann kamen die reichen Fahrzeuge der fremden Geſandten, und dann unter dem Klang der Klarinetten und dem Geſchrei des Volkes ruderte der Bucentaur aus dem Kanal des Zeughauſes hervor, und ſchwebte ſeinem Standorte am Quai des Marcusplatzes zu. Nach dieſen Präliminarien, welche einige Stunden währten, ſah man die Pikenträger und andre Dienſtleute des Staatsober⸗ haupts eine Gaſſe im Gedränge eröffnen. Darauf verkündigten die Harmonien vieler Inſtrumente die Ankunft des Dogen. Wir wollen den Lauf der Erzählung nicht ſtöͤren durch die Beſchreibung alles Glanzes, durch welchen eine prachtliebende, reiche Ariſtokratie, die den vertraulicheren Verkehr mit ihren Unterthanen gewöhnlich vermied, an einem allgemeinen Freudentage ihre ganze 111 Herrlichkeit dem Volke darzulegen ſuchte. Lange Reihen Senatoren in ihren Amtskleidern, von großem Dienertroß begleitet, zogen unter den Galerien des Palaſtes hervor, und ſtiegen die Rieſentreppe hinab, in den düſteren Hofraum. Von dort begaben ſie ſich ſämmt⸗ lich in guter Ordnung in die Piazetta, und nahmen alsdann auf dem reich überdachten Verdeck des wohlbekannten Fahrzeuges ihre verſchiedenen Plätze ein. Jeder Patricier hatte ſeinen beſtimmten Ort, und ehe noch der Nachzug des Prunkgefolges den Quai ver⸗ laſſen hatte, ſaßen die geſetzgebenden Männer in langer, Ehrfurcht gebietender Reihe ernſt und nach ihrem Range geordnet. Die Ge⸗ ſandten, die hohen Würdenträger des Staats, und der Greis, wel⸗ cher gewählt war, die leeren Auszeichnungen der Souveränität auf ſich zu nehmen, ſtanden noch am Ufer und erwarteten mit ange⸗ lernter Geduld den Augenblick der Einſchiffung. Da drängte ſich durch die Wachen ein Mann mit gebräuntem Geſicht, mit bis an's Knie nackten Beinen und offner Bruſt, und warf ſich auf den Stei⸗ nen des Quais dem Dogen zu Füßen. „Gerechtigkeit!— großer Fürſt!“ ſchrie der kühne Fremde. „Gerechtigkeit und Gnade! Höre einen Unterthan, der für St. Marecus geblutet, und der ſeine Narben zu Zeugen hat.“ „Gerechtigkeit und Gnade ſind nicht immer Gefährten!“ be⸗ merkte ruhig der Mann, welcher die gehörnte Mütze trug, und bedeutete ſein Gefolge den Eingedrungenen nicht zu verſcheuchen. „Mächtiger Fürſt, ich komm' um Gnade zu bitten.“ „Wer biſt Du und was treibſt Du?“ „Ein Fiſcher von den Lagunen. Ich heiße Antonio, und bitte um Freiheit für die Stütze meines Alters— einen prächtigen Kna⸗ ben, den die Politik des Staates mir gewaltſam entriſſen hat.“ „Das ſollte nicht ſeyn. Gewalt iſt nicht eine Eigenſchaft der Gerechtigkeit— aber der junge Menſch hat wohl die Geſetze ver⸗ letzt und büßt ſeine Verbrechen?“ „Seine Schuld, großer und erhabner Gebieter, iſt Jugend, 112 nige Geſchicklichkeit im Schifferhand⸗ haben ſie ihn dienſt, und ich bin allein in meinem Alter.“ Der theilnehmende Ausdruck, welcher über die ehrwürdigen Geſundheit und Kraft, und ei werk. Ohne ein Wort zu ſagen, ohne ſeine Zuſtimmung, hinweggeführt zum Galeeren ch ergoſſen hatte, verwandelte ſich augenblicklich in einen unruhigen, mißtrauiſchen Zug. Das Auge, welches noch eben von Mitgefühl erglänzte, wurde kalt und der Blick entſchloſſen; und indem er ſeinen Wachen winkte, verbeugte er ſich mit Würde gegen die fremden Geſandten, welche aufmerkſam und neugierig um⸗ herſtanden— zum Zeichen, daß er aufbrechen wolle. „Schafft ihn hinweg!“ rief ein Offizier, der des Dogen Blick verſtanden hatte.„Die Feierlichkeiten ſollen um ſolch' ein müßiges Geſuch nicht verzögert werden.“ Antonio widerſtand nicht, ſondern von De ten, gedrängt, wich er beſcheiden zurück unter die Menge, und der Schmerz getäuſchter Hoffnung wich auf einen Augenblick vor dem vorüberziehenden Pomp, den ein Mann in ſeiner Lage und mit ſeinen Gewohnheiten unmöglich ohne Bewunderung und Ehrfurcht betrachten konnte. In wenigen Augenblicken war die durch dieſe kurze Scene hervorgebrachte Unterbrechung durch das höhere Inter⸗ eſſe der Feierlichkeit ſelber vergeſſen. Als der Fürſt mit ſeinem Gefolge Platz genommen, und ein ausgezeichneter Admiral ſich an das Steuerruder geſtellt hatte, be⸗ wegte ſich das große prächtige Schiff mit ſeinen vergoldeten Galerien und ganz erfüllt von Menſchen— ſchwer und gewaltig vom Quai hinweg. Seine Abfahrt wurde wieder von einer Fanfare der Trom⸗ peten und Klarinetten und von neuem Jauchzen des Volkes begleitet. Ddie Haufen drängten ſich nun an den Rand des Waſſers, und als der Bucentaur etwa die Mitte des Hafens erreicht hatte, war die Fluth ſchwarz von den Gondeln, die ſich anſchloſſen. Einige flogen dem Hauptfahrzeuge voran, andre ſchwammen ihm zur Seite, ſo nah als der Zug der ſchweren Ruder erlaubte, wie kleinere Fiſche Züge des Fürſten ſi nen, die ihn umring⸗ 8 ——————- -„— 113 neben dem Leviathan. So wie mit jedem neuen Ruderſchlag die Galeere weiter vom Lande abtrieb, ſchien ſich die belebte Kette hinter ihr durch irgend eine verborgne Kraft der Ausdehnung zu verlängern, und brach nicht eher ab, als bis der Bucentaur bei der durch ihr Armenierkloſter allberühmten Inſel vorüberfuhr. Er be⸗ wegte ſich hier langſamer, um alle den tauſend Gondeln Zeit zu laſſen, daß ſie herankämen. Darauf zog die ganze Flotte, faſt in einer einzigen dicht geſchloſſenen Reihe, dem Landungsplatze des Lido zu. Die Vermählung mit dem adriatiſchen Meere, die ſeltſame Be⸗ zeichnung der nun erfolgenden Ceremonie, iſt zu oft ſchon beſchrieben worden, um hier einer ausführlichen Schilderung zu bedürfen. Wir haben es mehr mit Vorfällen zu thun, welche einzelne Perſonen näher und inniger angehen, als mit der Darſtellung öffentlicher Er⸗ eigniſſe, und werden alles übergehn, was mit dem Intereſſe unſrer Geſchichte nicht nothwendig zuſammenhängt. Der Bucentaur machte endlich Halt, ein Raum um ihn her wurde von allen Barken frei gemacht und der Doge trat auf eine Galerie, die ſo hoch war, daß jeder ihn ſehen konnte. Er erhob einen von Edelſteinen glänzenden Ring und nachdem er die Trau⸗ ungsworte geſprochen, ſenkte er dieſen in den Schooß ſeiner einge⸗ bildeten Gemahlin. Beifallsgeſchrei erhob ſich, Trompeten ſchmet⸗ terten, und jede Dame wehete mit ihrem Schnupftuche, die freudige Verbindung zu beglückwünſchen. Mitten unter dem Lärmen, welchen beſonders der Kanonendonner vom Bord der Kreuzer im Kanal und vom Geſchütze des Zeughauſes vergrößerte, glitt ein einzelnes Boot in den unter der Galerie des Bucentaur gelaſſenen offnen Raum. Die leichte Gondel regierte ein geſchickter und noch kräftiger Arm, obgleich das Haar des Ruderers ſpärlich und grau war. Ein flehender Blick traf die freudeglänzenden Geſichter im Gefolge des Fürſten; darauf wandte ſich das Auge aufmerkſam dem Waſſer zu. Eine kleine Fiſcherboje ſiel aus dem Boote, das ſo ſchnell ver⸗ ſchwand, daß unter dem Leben und Getümmel des Augenblicks Der Bravo. 8 114 die ganze Erſcheinung von der aufgeregten Maſſe kaum wahrge⸗ nommen wurde. Die Prozeſſion ſchiffte nun wieder der Stadt zu. Das Volk erfüllte die Luft mit Freudengeſchrei über die glückliche Beendigung einer Ceremonie, der ihr Alter und die Sanction des Papſtes eine Art Heiligkeit gegeben hatte, welche noch durch Aberglaube ver⸗ mehrt ward. Einigen freilich, von den Benetianern ſelber, war die berühmte Vermählung mit dem adriatiſchen Meere ganz gleichgültig⸗ und manche Geſandte der bedeutenderen nördlichen Seemächte, welche der Feierlichkeit beiwohnten, warfen einander wohlverſtandene Blicke des Stolzes zu, und bargen kaum ihr Lächeln. Aber der Einfluß der Gewohnheit, weil auch ſelbſt Anmaßung, wenn ſie lange und mit Ausdauer behauptet wird, unter den Menſchen ſich in Geltung ſetzt, war noch ſo mächtig, daß weder die zunehmende Ohnmacht Venedig's, noch das bekannte Uebergewicht anderer Mächte auf dem Elemente, welches durch dieſes Prunkfeſt als Beſitz des heiligen Marcus zur Schau geſtellt ward, die Anſprüche Venedig's ſo lächer⸗ lich machte, als ſie verdient hätte. Die Republik hat ſeitdem die⸗ ſelbe leere Täuſchung lange hindurch fortgeſetzt, gegen alle Vernunft und Beſcheidenheit; zu der Zeit jedoch, von welcher wir ſchreiben, ſing der ehrgeizige, parteiſüchtige, künſtliche Staat die Symptome ſeines Verfalls wohl zu fühlen an, aber er ahnte nicht, daß ſeine Größe ſo ſchnell verſinken wuͤrde, als geſchehen iſt. So nähern ſich Gemeinſchaften eben ſo gut, als einzelne Menſchen ihrem Tode, ohne die Vorboten der Vernichtung zu merken, bis das Schickſal ſie plötzlich übereilt, und die Reiche ſammt ihrer Hoheit dem ge⸗ meinſamen Looſe der Vergänglichkeit dahingibt. Der Bucentaur kehrte nicht geradesweges zum Quai zurück, um ſeine ſchwere und würdereiche Laſt abzuſetzen; ſondern mitten im Hafen warf das verzierte Schiff Anker, der weiten Mündung des großen Kanals gegenüber. Hier waren Beamte ſeit dem frühen Morgen geſchäftig geweſen, alle großen Fahrzeuge und ſchweren — 12—,„„.. & 8—„ S . rück, itten dung ühen deren 115 Böte, deren Hunderte im Hauptkanal der Stadt lagen, aus der Mitte der Straße hinwegzuräumen. Jetzt luden Herolde die Bürger ein, der Regatta beizuwohnen, welche die öffentlichen Feierlichkeiten des Tages beſchließen ſollte. Venedig iſt in dieſer Art von Kampfſpiel durch die eigenthüm⸗ liche Geübtheit und zahlloſe Menge ſeiner Bootsleute ſeit alter Zeit berühmt geweſen. Ganze Familien wurden in den Ueberlieferungen der Stadt gefeiert, wegen der ihnen eignen Gewandtheit in der Ruderführung, wie dies im alten Rom um weit unnützere und grau⸗ ſamere Geſchicklichkeiten geſchah. Man wählte gewöhnlich unter den Bootsleuten die ſtärkſten und geſchickteſten; man rief die Hülfe der Schutzheiligen an; man erregte den Stolz und die Erinnerung an alte Vorbilder durch Geſänge, welche die Thaten der Vorfahren rühmten, und befeuerke die Kämpfer ſo durch alle Lockungen der Auszeichnung und der Siegesehre, dem Ziele zuzuſtreben. Die mei⸗ ſten dieſer alten Gebräuche wurden damals noch beobachtet. So⸗ bald der Bucentaur ſeinen Stand eingenommen hatte, wurden einige dreißig bis vierzig Gondoliere, auf's Beſte geputzt, im Kreiſe vieler beſorgten Freunde und Verwandten, vorgeführt. Man erwartete, daß ſie den altbegründeten Ruhm ihrer verſchiednen Familien auf⸗ recht erhalten würden, und man erinnerte ſie an die Schande des Unterliegens. Die Männer ſuchten ſie durch Beifallrufe aufzumun⸗ tern, die Weiber befeuerten ſie durch Lächeln oder Thränen. Man rief ihnen die Belohnungen des Sieges in das Gedächtniß; ſie ſtärkten ſich durch Gebete zu den Heiligen; endlich wurden ſie unter dem Zurufe und den Segenswünſchen der Menge entlaſſen, um ihre be⸗ ſtimmten Plätze dicht an dem Spiegel des Prunkſchiffes einzunehmen. Es iſt ſchon erwähnt worden, daß Venedig durch ſeinen brei⸗ teſten Kanal in zwei beinahe gleiche Hälften getheilt wird. Dieſer heißt der große Kanal, wegen ſeiner Breite und Tiefe und wegen ſeiner größeren Wichtigkeit für die Stadt. Sein Lauf beſchreibt eine Wellenlinie, und er gewinnt dadurch beträchtlich an Länge. Da 116 er von den größeren Fahrzeugen vielfach befahren wird, denn man kann ihn recht gut als einen zweiten Hafen betrachten, und da er ſo breit iſt, führt über denſelben nur eine einzige Brücke, die unter dem Namen Rialto bekannt iſt. Auf dieſem Kanal ſollte die Regatta vor ſich gehen, weil er hinreichend lang und geräumig war und weil die Paläſte der angeſehenſten Senatoren, die ſeine Ufer ſäum⸗ ten, den Zuſchauern des Kampfes die meiſte Bequemlichkeit darboten. Waͤhrend die zur Wettfahrt beſtimmten Bootsleute von dem einen Ende dieſer langen Bahn zum andern fuhren, durften ſie ſich dabei durchaus nicht anſtrengen. Ihre Augen ſchweiften über die reichen Gehänge, welche, nach einer Sitte, die durch ganz Italien bei feſt⸗ lichen Gelegenheiten herrſcht, aus allen Fenſtern herabwalleten, und über die Balkone, die mit reich gekleideten Damen, in allen Reizen der berühmten venetianiſchen Schönheit ſtrahlend, erfüllt waren. Diejenigen, welche in Privatdienſten waren, ſtanden auf und dankten für die Ermunterungen, die ihnen, wann ſie an den Paläſten ihrer Herren vorüberfuhren, von oben zugewinkt wurden, während die öffentlichen Gondoliere in den theilnehmenden Geſichtern der Menge Hoffnung zu leſen ſuchten. Jede Förmlichkeit war endlich gehörig beobachtet, und die Be⸗ werber nahmen ihre Plätze ein. Die Gondeln waren bei weitem größer, als die gemeinhin üblichen, und eine jede war mit drei Bootsleuten bemannt, und wurde von einem vierten gelenkt, der auf dem kleinen Verdeck des Hintertheiles am Ruder ſtand, und ſteuernd, zugleich das Boot beſchleunigen half. An den Seiten waren kleine Stäbe mit Flaggen aufgeſteckt, welche mit den Farben verſchiedner edlen Familien der Republik, oder mit andern einfachen Deviſen, nach der Erfindungsgabe ihrer Beſitzer geziert waren.— Einige Schwenkungen mit den Rudern wurden gemacht, denen des Fecht⸗ meiſters vor dem Contraſchlagen ähnlich; die Böte tanzten, ſo wie die Rennpferde zu kurbetiren pflegen, und als zum Signale eine Kanone geloſt wurde, flogen die Gondeln wie von ſelbſt bewegt dahin. d 4 b 117 Ihrem Laufe folgte ein Zurufen den Kanal entlang, und eine eil⸗ fertige Bewegung der Köpfe ging ſchnell von Balkon zu Balkon, bis ſie ſich auch den ernſthaften Gruppen mittheilte, unter deren Laſt der Bucentaur ſeufzte. Einige Minuten lang war der Unterſchied der Kraft und Ge⸗ ſchicklichkeit nicht ſehr merklich. Jede Gondel glitt das Waſſer entlang, und ſchien ſo ruhig hinzuſchweben, wie die leichtbeſchwingte Schwalbe, die über den See ſtreicht. Keine von den zehn Gondeln zeigte ſich im Vortheile. Nun aber, als die überwiegende Kunſt des Steuer⸗ mannes, oder die größere Ausdauer der Rudernden, oder ein ver⸗ borgner Vorzug des Bootes ſelber hie und da wirkſam zu werden anfing, theilte ſich allmählig der Haufe der Fahrzeuge, der an⸗ fangs einem Fluge Vögel geglichen hatte, welcher verſchüchtert in dichter Menge flieht, und es bildete ſich eine lange, ſchwankende Linie mitten auf der Bahn. Der ganze Zug ſchoß unter der Brücke durch, ſo nah einer dem andern, daß der Sieg noch zweifelhaft war, und nun kam die wetteifernde Reihe dem Geſichtskreiſe der vornehm⸗ ſten Perſonen des Staates näher. Hier aber zeigten ſich diejenigen Vorzüge, welche bei Kämpfen dieſer Art den Sieg herbeiführen. Die Schwächeren fingen an nachzulaſſen, der Zug verlängerte ſich, und Hoffnung und Furcht wuchſen, bis die Vorderſten das fröhliche Schauſpiel glücklichen Er⸗ folges zeigten, während die Hinteren den noch ergreifenderen Anblick hoffnungslos ringender Männer darboten. Nach und nach wurden die Entfernungen zwiſchen den einzelnen Böten größer, während die Entfernung vom Ziel geringer wurde; endlich ſchoſſen drei Böte, wie fliegende Pfeile, kaum eine Bootslänge auseinander, unter das Vordertheil des Bucentauren. Der Preis war gewonnen, die Sieger erhielten ihre Belohnungen, und die Artillerie that ihre üblichen Freudenſchüſſe. Dem Kanonendonner und Glockengeläute antwortete die Muſik, und die Theilnahme für den Erfolg Anderer, welche in Natur ein ſo vorherrſchender und oft ſo gefährlicher Grund⸗ zug iſt, entlockte ſelbſt den Beſiegten frohen Beifallsruf. Der Lärm ſchwieg und ein Herold verkündigte, daß ein neuer Wettkampf anderer Art beginne. Dieſer, der ein Nationalrennen heißen könnte, ſtand nach altem Herkommen nur den anerkannten Gondolieren Venedigs offen. Der Preis war vom Staate feſtge⸗ ſetzt, und das Ganze hatte einen förmlichen, faſt politiſchen Cha⸗ rakter. Es wurde indeſſen bekannt gemacht, daß ein Wettlauf ſtatt finden ſollte, an welchem ein Jeder Theil nehmen dürfte, ohne Rück⸗ ſicht auf Rang und Stand. Ein goldenes Ruder, welches an einer Kette von demſelben koſtbaren Metalle hing, ward als das Geſchenk des Dogen für Denjenigen, welcher die meiſte Geſchicklichkeit und Kraft entwickeln würde, vorgezeigt. Der zweite Preis war eine ähnliche Zierrath von Silber, und der dritte ein kleines Boot von geringerem Metall. Die Fahrt ſollte in den gewöhnlichen leichten Fahrzeugen der Kanäle ausgeführt werden, und da es galt, jene der Inſelſtadt eigenthümliche Kunſt zu zeigen, ſo durfte nur ein Ruderer die Gondel regieren, dem alſo das Forttreiben und Lenken des Fahrzeugs zugleich oblag. Die an dem vorigen Kampfe Theil genommen hatten, wurden auch zu dieſem zugelaſſen; alle aber, die ſich anzuſchließen wünſchten, erhielten die Weiſung, ſich nach dem Spiegel des Bucentauren binnen einer feſtgeſetzten ganz kurzen Friſt zu begeben, damit ihr Wunſch vorgemerkt würde. Da dieſe Anzeige ſchon früher bekannt gemacht worden war, ſo verging nicht viel Zeit zwiſchen den beiden Wettkämpfen. Aus der Schaar von Böten, welche den für die Bewerber offen gelaſſenen Platz umringten, fuhr zuerſt ein öffentlicher Gondolier hervor, der wegen ſeines geſchickten Ruders und wegen ſeines Ge⸗ ſanges auf den Kanälen berühmt war. „Wie heißeſt Du und welchem Namen vertraueſt Du Dein Glück an?“ fragte ihn der Herold. „Bartolomeo heiß' ich, wie alle wiſſen, und befinde mich ſtets unſerer * „ 119 zwiſchen der Piazetta und dem Lido. Als ein ergebner Venetianer vertraue ich auf San Teodoro.“ „So biſt Du wohl beſchützt. Nimm Deinen Platz ein und erwarte Dein Glück.“ Voll Selbſtbewußtſeyn ſchlug der Gondolier das Waſſer mit einer Rückbewegung ſeines Ruders, und die leichte Barke flog mitten in den leeren Naum hinein, wie ein Schwan, der eine plötzliche Wendung zur Seite macht. „Und wer biſt Du?“ fragte der Beamte den nächſten. „Enrico, Gondolier von Fuſina. Ich komme, um es mit den Prahlhänſen der Kanäle durch mein Ruder aufzunehmen.“ „Auf wen ſetzeſt Du Dein Vertrauen?“ „Auf Sant Antonio di Padua.“ „Du wirſt ſeine Hülfe nöthig haben; wir loben aber Deinen Muth. Fahre hinein und nimm Platz.“ „Und wer biſt Du?“ fuhr er zu einem Dritten gewendet fort, als der Zweite die kunſtreiche Leichtigkeit dem Erſten nachgethan hatte. „Ich bin Gino von Calabrien, Gondolier in Privatdienſten.“ „Welchem Edlen dieneſt Du?“ „Dem erhabnen und vortrefflichen Don Camillo Monforte, Herzog und Herrn von Sankt Agata in Napol i, und der ſeinem Recht nach Senator von Venedig iſt.“ „Du mußt von Padua hergekommen ſeyn, Freund, weil Du die Geſetze ſo gut kennſt. Vertrauſt Du dem, welchem Du dienſt, auch Dein Heil im Kampfe?“ Unter den Senatoren war eine Bewegung bei Gino's Antwort entſtanden, und der halb erſchreckte Burſche glaubte ſaure Blicke auf manchen Geſichtern wahrzunehmen. Er ſchaute ſich nach Dem um, welchen er geprieſen hatte, als ſolle ihm Der zu Hülfe kommen. „Willſt Du Deinen Schutzpatron in dieſem großen Wettkampfe nicht nennen?“ hob der Herold wieder an. 120 „Mein Gebieter,“ ſagte der beſtürzte Gino,„und St. Janua⸗ rius und St. Marcus.“ „Du biſt wohl beſchützt. Sollten Dir die beiden Letzteren fehlen, ſo kannſt Du auf den Erſten doch mit Sicherheit zählen.“ „Signor Monforte hat einen berühmten Namen, und iſt uns willkommen bei unſern Spielen in Venedig,“ bemerkte der Doge, ſich leicht verbeugend gegen den jungen calabriſchen Edlen, der ganz in ſeiner Nähe aus einer Prunk⸗Gondel dem Schauſpiel mit großer Theilnahme zuſah. Er dankte dem Dogen mit einer tiefen Verbeu⸗ gung dafür, daß er die Spöttereien des Beamten unterbrochen hatte, und das Geſchäft ging ſeinen Gang fort⸗ „Begib Dich an Deinen Platz, Gino von Calabrien, und das Glück geleite Dich,“ ſagte der Beamte, und ſich dem nächſten Be⸗ werber zuwendend, fragte er verwundert:„Weshalb kommſt Du hierher?“ „Um die Schnelligkeit meiner Gondel zu verſuchen.“ „Du biſt alt und dieſem Kampfe nicht mehr gewachſen. Spare Deine Kraft für Dein Tagewerk. Ein übel angebrachter Ehrgeiz hat Dich zu dieſem nutzloſen unternehmen bewogen.“ Der neue Bewerber hatte ein gemeines Fiſcherboot von gutem Bau und hinlänglicher Leichtigkeit, aber abgenutzt durch den täg⸗ lichen Gebrauch, unter die Galerie des Bucentaurs gebracht. Er nahm den Vorwurf demüthig hin, und war ſchon im Begriff, ſein Boot mit trauriger, gekränkter Miene umzuwenden, als ein Zeichen des Dogen ihn zurückhielt. „Frage ihn wie gewöhnlich,“ ſagte der Fürſt. „Wie heißeſt Du?“ fuhr der Beamte widerſtrebend fort, denn er war, wie Unterbeamte pflegen, weit eiferſüchtiger auf die Würde der Spiele, denen er vorſtand, als ſein Vorgeſetzter. „Ich bin Antonio, ein Fiſcher von den Lagunen.“ „Du biſt alt.“ „Signore, das weiß Niemand beſſer als ich, denn es ſind ſind 121 ſechzig Sommer, ſeitdem ich zum erſtenmale Netz oder Schnur in das Waſſer warf.“ „Du biſt auch nicht ſo gekleidet, wie ſich's bei einer Regatta vor dem Adel Venedigs geziemt.“ „So gut als ich's habe. Mögen Die, welche den Edlen mehr Ehre machen wollen, ſich beſſer kleiden.“ „Deine Glieder ſind unverhüllt, Deine Bruſt entblößt, Deine Sehnen ſind ſchwach. Geh! Du haſt es übel bedacht, daß Du kommſt, das Vergnügen der Cdlen ſo leichtſinnig zu ſtören.“ Antonio würde auch nach dieſer Rede vor den zahlloſen Augen, welche auf ihn ſahen, zurückgewichen ſeyn, wäre ihm die ſanfte Stimme des Dogen nicht abermals zu Hülfe gekommen. „Der Kampf ſteht Allen offen,“ ſagte der Fürſt.„Doch würde ich dem armen, alten Manne empfehlen, Rath anzunehmen. Man gebe ihm Geld, denn gewiß treibt die Noth ihn zu dieſem hoff⸗ nungsloſen Verſuch.“ „Du hoͤrſt es, Almoſen wird Dir geboten. Mache nur Denen Platz, die zum Spiele tüchtiger und beſſer angethan ſind.“ „Ich will gehorchen, denn es iſt das Loos eines in Armuth gebornen und an Armuth gewöhnten Mannes. Der Kampf, ſagten ſie, ſtehe Allen offen, und ich bitte die Edlen um Verzeihung, weil ich nicht gemeint habe, ihnen Unehre zu machen.“ „Gerechtigkeit im Palaſte und Gerechtigkeit auf den Kanälen,“ fiel der Fürſt haſtig ein.„Wenn er darauf beſteht, ſo hat er ein Recht dazu. Es iſt der Stolz der Republik, daß ſie die Waage im Gleichgewicht erhält.“ Ein Murmeln des Beifalls folgte dieſer prunkenden Rede; denn die Maͤchtigen maßen ſich niemals einen Schein von Gerech⸗ tigkeit an, wie beſchränkt ſie dieſelbe auch ausüben mögen, ohne daß ihre Rede ein Echo in den Zungen aller Selbſtſüchtigen fände. „Du hörſt, daß Se. Hoheit, Deſſen Stimme die Stimme eines mächtigen Staates iſt, Dir zu bleiben erlaubt,— indeß iſt Dir noch immer der Rath ertheilt, zurückzuſtehen.“ „So will ich denn verſuchen, was dieſer nackte Arm noch ver⸗ mag,“ ſagte Antonio und warf einen traurigen Blick auf ſeinen dürftigen Anzug, einen Blick, der nicht frei war von der tief ver⸗ ſteckten Eitelkeit des menſchlichen Herzens.„Meine Gliedmaßen ſind voll Narben, aber die Türken haben ihnen vielleicht doch noch Kraft genug gelaſſen zu dem wenigen, was ich begehre.“ „Auf wen ſetzeſt Du Dein Vertrauen?“ „Auf den gelobten St. Antonius vom wunderbaren Fiſchzug.“ „So nimm Deinen Platz! Ha, hier kommt Jemand, der nicht gekannt ſeyn will. Heda, wer erſcheint mit einem ſolchen falſchen Geſicht?“ „Nenn' mich Maske!“ „Ein ſo tüchtiger Schenkel und kräftiger Arm brauchen ihr Brüderchen Geſicht nicht zu verſtecken. Iſt es Ew. Hoheit Wille, daß ein verkleideter Mann am Spiele Theil nehme?“ „Ohne Zweifel. Eine Maske iſt geheiliget in Venedig. Es iſt der Ruhm unſrer vortrefflichen und weiſen Geſetze, daß ſie einem Jeden, der ſeine eignen Gedanken will für ſich haben, oder der die Züge ſeines Geſichtes vor der Neugier bergen will, verſtatten, unſere Straßen und Kanäle zu durchziehn, ſo ſicher, als wäre er in ſeinem eignen Hauſe. Dies ſind die heiligen Vorrechte der Freiheit, und das will es ſagen, ein Bürger zu ſeyn in einer hoch⸗ herzigen, edelgeſinnten, freien Republik.“ Tauſende verneigten ſich dieſem Ausſpruche beifällig, und es verbreitete ſich von Mund zu Munde das Gerücht, ein junger Ad⸗ liger ſey im Begriffe, ſeine Tüchtigkeit in der Regatta zu verſuchen, zur Ehre einer eigenfinnigen Schönen. „Das iſt Gerechtigkeit!“ rief der Herold mit lauter Stimme, als bezwänge in dem Feuer des Augenblicks die Bewunderung ſelbſt ſeine Ehrerbietung⸗„Glücklich, wer in Venedig geboren iſt; des 9 u S 123 Neides werth iſt das Volk, in deſſen Rathsverſammlungen Weisheit und Milde den Vorſitz führen, wie liebenswürdige freundliche Schweſtern. Auf wen verläſſeſt Du Dich?“ „Auf meinen eignen Arm!“ „Ha, das iſt gottlos! Ein übermüthiger ſoll nicht das Vor⸗ recht dieſer Spiele genießen.“ Ein allgemeines Murren, wie es bei plötzlicher und heftiger Aufregung der Menge ſich zu erheben pflegt, folgte der ſchnellen Aeußerung des Heroldes. „Die Kinder des Staates,“ bemerkte der ehrwürdige Fürſt, „ſtehen alle unter einer unparteiiſchen Behörde. Das iſt unſer ge⸗ rechter Stolz, und verhüte Sanct Marcus, daß dabei etwas eitler Prahlerei ähnliches geäußert würde! Wir rühmen uns billigerweiſe deſſen, daß wir keinen Unterſchied machen zwiſchen unſern Bürgern von den Inſeln und Denen von der dalmatiſchen Küſte, zwiſchen Padua und Candia, Corfu und St. Giorgia. Doch das iſt keinem vergönnt, die Anrufung der Heiligen abzulehnen.“ „Nenne Deinen Patron oder verlaſſ' dieſen Ort,“ fuhr der gehorſame Herold fort. Der Fremde ſchwieg einen Augenblick, als leſe er in ſeinem Innerſten, und erwiederte dann:„St. Johannes von der Wüſte.“ „Du nennſt einen Namen von geſegnetem Andenken.“ „Ich nenne einen, der ſich vielleicht über mich erbarmt in dieſer belebten Wildniß.“ „Du mußt die Stimmung Deines Gemüthes am beſten ſelbſt kennen, aber dieſe ehrwürdige Verſammlung von Patriziern, dieſer glänzende Kreis von Schönheiten und dieß ſtattliche Volk heiſchen eine beſſere Bezeichnung. Nimm Deinen Platz ein!“ Während der Herold noch drei oder vier andere Gondoliere, die in Privatdienſten ſtanden, als Theilnehmer vermerkte, lief ein Gemurmel durch die Haufen der Zuſchauer, welches den Antheil und die Neugier verkündete, die durch das Auftreten und die Ant⸗ 124 worten der beiden zuletzt erwähnten Bewerber erregt wurden. Zu⸗ gleich fuhren die jungen Edlen, deren Dienſtleute ſich mit zum Kampfe gemeldet hatten, hin und wieder, um ihren Damen, wie es den Sitten und Bräuchen der Zeit gemäß war, ihre ritterliche Zuvorkommenheit und perſönliche Ehrerbietung zu beweiſen. Der Herold machte kund, daß die Liſte geſchloſſen ſey, und die Gondeln wurden, wie zuvor, nach dem Platze des Auslaufs bugſirt, ſo daß der Raum am Spiegel des Bucentaur leer blieb. Die folgende Scene ging daher gerade unter den Augen jener ernſten Männer vor, die ſich mit den meiſten Privatverhältniſſen der Familien nicht minder, als mit den öffentlichen Angelegenheiten Venedigs zu be⸗ ſchäftigen pflegten. Es ſchwärmten nämlich viele Gondeln umher, und unmaskirte Damen von hoher Geburt ſaßen darin, begleitet von Cavalieren in reichem Putz. Hier und da blitzten ein paar ſchwarze, leuchtende Augen durch die ſeidne Maske, welche das Antlitz einer Schönen barg, die noch zu jung war, um ſie dem luſtigen Treiben dieſes Feſtes bloß zu ſtellen. Eine Gondel vor allen andern trug eine herrliche Geſtalt, deren Schönheit und Anmuth ſogar durch die halbe Verkleidung, in welche ſie ſich hüllte, hindurchſchimmerten. Das Fahrzeug, die Diener und die Damen, denn es waren ihrer Zwei im Boote, zeichneten ſich aus durch jene ſtrenge und vollen⸗ dete Einfachheit des Aeußern, welche häufiger bei einem vornehmen Stande und gebildeten Geſchmack angetroffen wird, als prunkende Ueberladung des Schmuckes. Ein Carmeliter, deſſen Geſicht ſich in der Kutte barg, ließ auf den hohen Stand der Damen ſchließen, und verlieh, als ein ehrwürdiger, ernſter Beſchützer, ihrer Erſchei⸗ nung Würde. Hundert Gondeln näherten ſich dieſer Einen, und ſchlüpften nach vergeblichem Bemühen, die Damen durch die Ver⸗ kleidung zu erkennen, wieder hinweg. Geflüſter und Fragen über Namen und Stand der jungen Schönheit liefen aber von Einem zum Andern. Endlich fuhr in den Kreis der Neugierigen eine ſtatt⸗ rer len⸗ nen ende ſich ßen, chei⸗ und Ver⸗ über inem ſtatt⸗ 125 liche Barke ein, mit wohlberechneter Pracht ausgeſtattet, und mit Gondolieren in prächtiger Livree bemannt. Ein einzelner Cavalier ſaß darin. Er erhob ſich, denn an dieſem Tage waren von den meiſten Gondeln die düſteren, unheimlichen Gezelte hinweggenommen, — und begrüßte die maskirten Damen mit der Sicherheit eines an vornehmen Umgang gewöhnten Mannes, aber mit der Zurückhaltung tiefer Ehrerbietung. „Mein Lieblingsdiener,“ ſagte er galant,„nimmt an dieſem Rennen Theil, und ich kann auf ſeine Geſchicklichkeit und Kraft Vertrauen ſetzen. Ich habe bisher vergeblich nach einer ſo ſchönen und tugendhaften Dame mich umgeſchaut, daß ich ſein Glück an ihr wohlwollendes Lächeln knüpfen könnte; nun aber ſuche ich nicht weiter.“ „Ihr habt ein durchdringendes Auge, Signore, daß Ihr auch unter dieſen Masken das entdeckt, was Ihr ſuchet,“ erwiederte eine von den Damen, während ihr Begleiter, der Carmeliter, ſich mit Anſtand bei der Höflichkeit des Fremden verbeugte, die mehr aus⸗ zudrücken ſchien, als bei ſolchen Gelegenheiten ſonſt üblich war. „Erkennt man ſich denn nur an den Augen, meine Damen, und bewundert nur mit den Sinnen? Ihr mögt Euch verſtecken, wie Ihr wollt, ich weiß es dennoch, daß das ſchönſte Geſicht mir nahe iſt, das wärmſte Herz und das reinſte Gemüth in ganz Venedig.“ „Eine kühne Prophezeihung, Signore!“ ſagte die, welche offen⸗ bar die älteſte von den beiden Frauen war, und ſah auf ihre Ge⸗ fährtin, als wollte ſie erforſchen, welche Wirkung auf dieſe die galante Rede hervorbringe.„Venedig iſt berühmt durch die Schön⸗ heit ſeiner Frauen, und Italien's Sonne erwärmt manch edles Herz.“ „So herrliche Gaben ſollten lieber zum Preiſe des Schöpfers als des Geſchöpfes angewendet werden,“ murmelte der Möoͤnch. „Es gibt doch Leute, heiliger Vater, die für beide Bewun⸗ derung hegen. Dieß, darf ich hoffen, iſt wenigſtens das glückliche Loos Derjenigen, welcher der geiſtliche Nath eines ſo tugendhaften und weiſen Mannes, als Ihr ſeyd, zu Gute kommt. Ihr überlaſſe 126 ich mein heutiges Glück, komme was da wolle, und ihr moͤcht' ich gern wohl mehr überlaſſen, wenn ich dürfte.“ So ſagte der Cavalier und überreichte der ſchweigenden Schönen einen Strauß der lieblichſten, duftigſten Blumen. Es waren auch ſolche darunter, denen die Dichter die Bedeutung der Liebe und Treue beilegen. Die Dame, der dieß artige Geſchenk dargeboten ward, war unſchlüſſig, ob ſie es annehmen dürfte. Denn in ihrem Alter und bei ihrer Stellung im Staate ging es weit über die Grenzen der üblichen Sitte hinaus, einem Manne ſolche Huldigung zu geſtatten; obgleich allgemein angenommen war, daß die Gele⸗ genheit dieſes Feſtes mehr als die ſonſt gewöhnliche Galanterie zu⸗ ließe, widerſtrebte ihr an ſolche Gefühle nicht gewöhntes Gemüth ſichtbar einer ſo öffentlichen Huldigung. „Nimm die Blumen, meine Liebe!“ flüſterte ihr die Geſährtin ſanft zu.„Der Cavalier, welcher ſie darbietet, will nur einen Beweis ſeiner guten Lebensart geben.“ „Das wird ſich am Ende zeigen,“ verſetzte haſtig Don Camillo — denn er war es.„Signore, lebet wohl. Wir ſind uns auf dieſem Waſſer wohl begegnet, wo weniger Zurückhaltung uns auferlegt war.“ Er verneigte ſich und gab ſeinem Gondolier ein Zeichen. So⸗ gleich verlor er ſich unter der Menge der Gondeln. Jedoch ehe ſich die Böte von einander trennten, lüftete die Schöne ihre Maske ein wenig, als ſuchte ſie Kühlung durch die friſche Luft, und der Neapolitaner ward für ſeine Galanterie belohnt durch einen flüch⸗ tigen Blick in Violetta's glühendes Geſicht. „Dein Vormund blickt ſehr verdrießlich her,“ bemerkte Donna Florinde ſchnell.„Ich wundere mich, daß man uns erkannt hat.“ „Ich würde mich mehr wundern, wenn man uns nicht erkannt hätte. Ich würde den edlen neapolitaniſchen Cavalier unter Millionen herausfinden! Du denkſt nicht an Alles, was ich ihm ſchuldig bin.“ Donna Florinde erwiederte nichts, aber im Stillen ſchickte ſie ein heißes Gebet empor, daß Don Camillo’s Wohlthat der Em⸗ 127 pfängerin zu ihrem künftigen Glücke geſegnet ſeyn möchte. Sie wechſelte mit dem Carmeliter verſtohlen einen Blick voll Beſorgniß; ſte ſchwiegen aber Beide, und es folgte dem Begegnen eine lange, gedankenvolle Pauſe. Da weckte ein Kanonenſchuß und ein Getümmel auf dem großen Kanale, dem Orte des beginnenden Kampfes zunächſt, und danach eine helle Trompeten⸗Fanfare die kleine Geſellſchaft aus ihrem Sinnen, und erinnerte die ganze fröhliche, lachende Menge an ihren gegenwärtigen Zweck. Aber damit die Erzählung regelmäßig fort⸗ ſchreite, wird es dienlich ſeyn, das inzwiſchen Geſchehene nachzuholen. Neuntes Kapitel. Hier biſt Du, ausgeſtattet, froh und friſch, Und eil’ſt der Zeit voran mit keckem Muthe. Shakſpeare. Wir haben geſehen, daß die zur Wettfahrt beſtimmten Gon⸗ deln an den Ort des Auslaufs bugſirt wurden, damit die Gondo⸗ liere den Kampf mit unverringerten Kräften beginnen könnten. Bei dieſer Vorſichtsmaßregel hatte man auch den demüthigen, halb⸗ bekleideten Fiſcher nicht vergeſſen, und auch ſein Boot mit an die größeren Barken befeſtigt, denen dies Geſchäft oblag. Nun aber, als er den Kanal entlang, an den vollgedrängten Balkonen und ächzenden Schiffen, welche auf beiden Seiten ihn ſäͤumten, vorüber⸗ kam, erhob ſich ein hämiſches, verſpottendes Gelächter, denn es ſcheint, je größerer Schade einen Menſchen trifft, deſto ärger und dreiſter wird der Spott. Dem alten Manne entgingen die Bemerkungen nicht, die über ihn gemacht wurden, und wie unſer Ehrgefühl ſelten mit unſerm Glücke zugleich ſtirbt, ſo kannte auch er ſeine niedrige Lage zu gut, 128 um nicht eine ſo laut geäußerte Verhöhnung derſelben ſchmerzlich zu empfinden. Er ſchaute ſehnſüchtig umher, und ſchien in jedem Auge, dem er begegnete, ein wenig von dem Mitleid zu ſuchen, danach noch ſein gedemüthigtes, gedrücktes Herz begehrte. Aber ſelbſt ſeine Handwerksgenoſſen ließen ihn Spottreden hören, und obgleich er vielleicht der Einzige war von allen Bewerbern, deſſen Ehrbegier ein trefflicher Beweggrund rechtfertigte, ſo galt er doch Allen für die beſte Zielſcheibe ihres Witzes. Um dieſen empörenden Zug im menſchlichen Charakter zu deuten, dürfen wir nicht erſt Venedig und ſeine Einrichtungen in’s Auge faſſen; denn es iſt bekannt, daß gerade der Unterworfenſte der Hochmüthigſte iſt, und daß Niedrigkeit und Anmaßung gewöhnlich bei einander in einer Seele wohnen. Die Bewegung der Böte brachte den maskirten Schiffer neben den beſpöttelten Alten. „Du biſt nicht der Liebling der Menge bei dieſem Kampfe,“ bemerkte der Erſtere, als eine neue Flut von Spöttereien ſich über ſeinen Nachbar ergoß.„Du warſt nicht ſorgfältig genug in Deinem Anzug. Denn dieſe Stadt liebt die Pracht, und wer ihren Bei⸗ fall begehrt, muß nicht auf den Kanälen ſo erſcheinen mit den Spuren der Armſeligkeit in ſeinem Aeußern.“ „O, ich kenne ſie, ich kenne ſie!“ entgegnete der Fiſcher.„Sie überheben ſich in ihrem Stolz, und denken ſchlecht von Jedem, der ihre Eitelkeiten nicht mitmachen kann. Aber, unbekannter Freund, ich habe ein Geſicht mitgebracht, das zwar alt ſeyn mag, und runzelig, und verwittert wie das Geſtein am Strande, aber das ſich doch vor keinem Auge zu verſtecken braucht.“ „Daß ich eine Maske trage, kann wohl Gründe haben, die Dir fremd ſind. Aber wenn auch mein Geſicht verhüllt iſt, meine Arme ſind entblößt, und Du ſiehſt, daß meine Sehnen meinem Unternehmen einen glücklichen Erfolg verheißen. Du hätteſt Dir die Sache beſſer bedenken ſollen, ehe Du Dich ſo vieler Kränkung — zlich dem noch ſeine ch er egier n für g im nedig 8 daß rigkeit en. neben mpfe,“ ) über Deinem n Bei⸗ nit den „Sie em, der Freund, g, und ber das een, die , meine meinem tteſt Dir Tränkung 429 ausſetzteſt. Wenn Du unterliegſt, ſo wird das Volk Dich nicht mit größerer Schonung behandeln.“ „Meine Sehnen ſind wohl alt und ſteif, Signor Maske, jedoch ſie ſind an harte Arbeit gewöhnt. Was Ihr aber von Schande ſagt, wenn es eine Schande iſt, nicht ſo glücklich zu ſeyn, wie andere Menſchen, ſo wird dies mir nicht zum erſten Male begegnen. Mich hat eine ſchwere Trübſal betroffen, und vielleicht trägt dieſer Wettlauf dazu bei, die Laſt meines Kummers zu vermindern. Ich kann nicht ſagen, daß ich all' dies Gelächter und dieſe verächtlichen Reden anhöre, wie man dem Abendwinde auf den Lagunen horcht — denn ein Menſch bleibt ein Menſch, und wenn er unter den Aermſten lebt und ſein Unterhalt der kümmerlichſte iſt. Aber laſſet es gut ſeyn, St. Antonio wird mir Kraft geben, es zu ertragen.“ „Du haſt einen wackern Sinn, Fiſcher, und ich wollte gern auch meinen Patron bitten, Deinen Arm zu kräftigen, wenn ich nicht ſelber des Sieges ſehr benöthiget wäre. Willſt Du aber mit dem zweiten Preiſe Dich begnügen, wenn ich durch irgend eine Praktik Dich in Deiner Anſtrengung begünſtigen kann?— Denn das Metall des dritten Preiſes wird, denk' ich, Dir eben ſo wenig behagen als mir.“ „Was mich betrifft, ſo zähle ich weder auf Gold noch Silber.“ „Kann es denn bloß die Ehre des Kampfes ſeyn, wonach ein ſo alter Mann trachtet?“ Der Greis ſah ſeinen Gefährten ernſt an, ſchüttelte dann aber ohne zu antworten den Kopf. Neue Späße auf ſeine Koſten be⸗ wogen ihn, ſich nach den Spottvögeln umzuſchauen, und er ſah, daß ſie eben bei einer Schaar ſeiner eignen Kameraden von den Lagunen vorüberkamen; die ſich einzubilden ſchienen, daß ſein un⸗ verzeihliches Streben auf die Ehre ihres ganzen Standes gewiſſer⸗ maßen ein ſchlechtes Licht würfe. „Heda, alter Antonio,“ rief der Dreiſteſte des Haufens,„biſt Der Bravo. 9 130 Du nicht zufrieden, daß Du mit dem Netze Dank gewonnen haſt, und willſt noch ein goldnes Ruder um den Hals haben?“ „Wir werden ihn noch im Senate ſitzen ſehen!“ ſchrie ein Zweiter. „O, er braucht die gehörnte Mütze für ſeinen kahlen Scheitel,“ fügte ein Dritter hinzu.„Wir werden den edelen Admiral Antonio im Bucentaur daherfahren ſehen mit den Edelen des Landes.“ Ihrem Witz ſolgte immer ein wieherndes Gelächter. Selbſt die Schönen auf den Balkonen wurden mit angeſteckt durch das unaufhörliche Geſpött und durch das ſo augenſcheinliche Mißver⸗ hältniß zwiſchen dem Zuſtande und den Mitteln des ſeltſamen Be⸗ werbers und dem Sieg bei der Regatta. Das BVorhaben des alten Mannes fing ſchon an, ſchwankend zu werden, aber ein innerer Trieb ſchien ihn zu nöthigen und zu kräftigen, daß er Stand hielt. Sein Nebenmann beachtete mit Aufmerkſamkeit den wechſelnden Ausdruck eines Geſichtes, welches nicht genug an Verſtellung ge⸗ wöhnt war, um innere Gefühle zu verbergen; und als ſie ſich dem Drte des Auslaufs näherten, begann er von neuem: „Noch haſt Du Zeit, Dich zurückzuziehen! Warum ſollte ein Mann von Deinen Jahren die wenige Zeit, die ihm noch vergönnt iſt, ſich verbittern laſſen durch den Spott ſeiner Kameraden, der, ſo lang' er lebt, nicht enden wird?“ „Sanct Antonius hat ein größeres Wunder gethan, als er die Fiſche heraufkommen hieß, um ſeine Predigt anzuhören, darum will auch ich nicht Feigheit verrathen in einem Augenblick, wo es Ent⸗ ſchloſſenheit gilt.“ 4 Der maskirte Schiffer bekreuzte ſich fromm, und da er nicht mehr hoffte, Jenen zu bereden, daß er von ſeinem vergeblichen Bemühen abſtehe, ſo richtete er alle ſeine Gedanken auf ſeinen eignen Vortheil in dem bevorſtehenden Kampfe. Die meiſten Kanäle in Venedig ſind eng und bilden viele Ecken; die Paſſage iſt außerdem ſehr lebhaft. Dieſe Umſtände haben dem Bau der Fahrzeuge und der Art des Ruderns in dieſer Stadt und lbſt das ver⸗ Be⸗ lten terer jielt. nden ge⸗ dem e ein znnt der, er die n will Ent⸗ nicht blichen eignen Ecken; n dem dt und 131 ihren nächſten Umgebungen eine ganz eigenthümliche Geſtaltung gegeben. Der Leſer hat vermuthlich ſchon gemerkt, daß die Gon⸗ deln lange, ſchmale und leichte Böte ſind, dem Bedürfniß der Stadt angemeſſen, und den Fahrzeugen anderer Städte ganz unähnlich. Bei den meiſten Kanälen Venedigs ſtehen die begränzenden Häuſer einander ſo nah gegenüber, daß die enge Durchfahrt zwiſchen den⸗ ſelben nicht Ruder auf beiden Seiten zugleich zuläßt. Die Noth⸗ wendigkeit des beſtändigen Wendens beim Ausweichen, und die Menge der Brücken und Straßenecken machen es nothwendig, daß der Gondolier ſein Geſicht derjenigen Gegend zukehre, nach welcher hin er fährt, und daß er ſtehend rudere. Jede vollſtändig ausge⸗ rüſtete Gondel hat in der Mitte ein Gezelt; der Steuernde muß nun ſo hoch ſtehen, daß er über dieſes hinwegſehen kann. Daher wird ein einruderiges Boot in Venedig von einem Gondolier regiert, der auf einem kleinen im Hintertheile angebrachten Verdeck ſteht, welches dem ſtachen Dache eines Hauſes gleicht; das Ruder wird nicht zugweiſe, wie anderswo ublich iſt, ſondern ſtoßweiſe geführt. Die Sitte im Stehen und mit einer Bewegung des Körpers nach vorn zu rudern, iſt übrigens in allen Häfen des mittelländiſchen Meeres nichts Seltenes, aber nirgend findet man die Fahrzeuge durchaus ſo gebaut und benutzt wie in Venedig. Weil der Gon⸗ dolier ſteht, muß die Gabel, auf welcher das Ruder liegt, eine angemeſſene Höhe haben; man bringt deshalb gewöhnlich eine Art Knie an der Seite des Bootes an, das erforderlich hoch iſt, und aus einem gekrümmten, unregelmäßigen Aſte gefertigt, zwei bis drei Haken über einander bildet, um der verſchiednen Statur der Bootsleute angemeſſen zu ſeyn, oder zum Behuf größerer und klei⸗ nerer Ruderſtöße, je nachdem die Schnelligkeit der Gondel größer oder geringer ſeyn ſoll. Dieſe Haken ſind nicht ſehr umgebogen, weil die Ruderſtange oft von einem auf den andern geworfen, oder ganz auf die andre Seite gebracht werden muß; ſie wird nur durch Geſchicklichkeit in ihrer Lage erhalten, und durch genaue Kenntniß 13² der Handgriffe, welche die Kraft und Schnelligkeit des Schwunges, entſprechend der Bewegung des Bootes und dem Widerſtand des Waſſers, vermehren oder vermindern. Dieſe Schwierigkeiten zu⸗ ſammengenommen, machen das Geſchäft des Gondellenkens zu einer der feinſten Aufgaben in der Steuermannskunſt; denn es iſt klar, daß Muskelkraft allein, obgleich ſie viel hilft, doch nicht alles bei dieſer Handthierung ausmacht. Der große Kanal, wenn man ſeine Windungen einrechnet, iſt über eine halbe Meile lang. Man nahm daher zu dem Wettfahren nur etwa die Hälfte ſeiner Länge, und beſtimmte zum Punkte des Auslaufs den Rialto. Dort wurden alle Gondeln hingebracht, in Menſchenmenge, welche vorher den ganzen Kanal entlang vertheilt drängte, ſo zeigte der lange anmuthige Gang nun eine Ausſicht auf lauter Menſchenköpfe. Dieſe glänzende, lebendige Gaſſe bot einen überraſchenden Anblick dar, und die Herzen der Bewerber ſchlugen hoch, je nachdem Hoffnung, oder Stolz, oder Beſorgniß ſie eben erfüllte. „Gino von Calabrien,“ rief der ordnende Marſchal.„Du ſtellſt Dich zur Rechten auf. Sankt Januarius geleite Dich!“ Don Camillo's Diener ergriff ſein Ruder, und ſein Boot glitt zierlich an den angewieſenen Platz. „Du biſt der Nächſte, Enrico von Fuſina. Ruf Deinen Schutz⸗ patron von Padua nur wacker an und ſey ſparſam mit Deiner Kraft. Denn noch hat Keiner vom Feſtland je einen Preis gewonnen in Venedig.“ Darauf nannte er der Reihe nach Diejenigen, deren Namen wir nicht angeführt haben, und ließ ſie neben einander mitten im Kanal aufſtellen. „Hier iſt Dein Platz, Signore!“ fuhr der Marſchal fort, ſich dem unbekannten Gondolier zuneigend. Denn auch er hatte den Eindruck aufgenommen, daß hinter der Maske das Geſicht eines Begleitung Derer, welche ſie ordnen ſollten. Da die geſammte geweſen war, ſich jetzt zwiſchen der Brücke und dem Bucentaur iſt ren des „in imte heilt taur auf einen ugen üllte. „Du 3 glitt ſchutz⸗ deiner onnen tamen ten im tt, ſich te den teines 13³ jungen Patriciers ſich berge, welcher dem Einfalle einer launiſchen Schönen willfahre.„Der Zufall hat Dir die äußerſte linke Seite beſtimmt.“ „Du haſt vergeſſen den Fiſcher aufzurufen,“ bemerkte der Maskirte, während er ſeine Gondel in die angewieſene Lage brachte. „Beſteht der grauköpfige Narr noch darauf, ſeine Eitelkeit und ſeine Lumpen vor den Beſten Venedigs zur Schau zu ſtellen?“ „Ich kann den Nachtrab bilden,“ erwiederte Antonio geduldig. „Mögen die in der Linie bleiben, für die es ſich nicht ſchickt, einem Menſchen wie ich bin ſich zu zugeſellen. Ein Paar Stöße mit dem Ruder mehr oder weniger können bei einer ſo langen Fahrt wenig austragen.“ „Es würde beſſer ſeyn, wenn Du ſo beſcheiden als anſpruchlos wäreſt, und zurückbliebeſt.“ „Wenn's Euch beliebt, Signore, will ich lieber verſuchen, was der heilige Antonius für einen alten Mann thun mag, der Abends und Morgens ſeit ſechzig Jahren zu ihm gebetet hat.“ „Es iſt Dein Recht, und da Du zufrieden damit ſcheinſt, ſo behalte Deinen Platz im Nachzuge. Du haſt ihn ſo nur einige Augenblicke früher als Du ihn ſonſt gehabt haben würdeſt. Erinnert Euch jetzt an die Regeln des Kampfes, kühne Gondoliere, und rufet Eure Schutzheiligen noch einmal an. Kein Ausfahren, noch andere ſchlechte Mittel dürfen angewendet werden: es gilt nichts als flinke Ruder und hurtiges Gelenk. Wer unnütz aus der Linie weicht, ehe er an der Spitze iſt, ſoll beim Namen zurückgerufen werden, und wer ſchuldig befunden wird, das Spiel irgendwie geſtört oder die Patricier auf andere Weiſe erzürnt zu haben, ſoll angehalten und außerdem beſtraft werden.— Haltet Euch bereit zum Signale.“ Der Spielgehülfe, der in einem ſtark bemannten Boote ſich befand, fuhr ein wenig zurück, während Eilböte, ähnlich ausgerüſtet, voranflogen, die Neugierigen vom Waſſer zu vertreiben. Kaum waren dieſe Vorbereitungen gemacht, ſo flatterte vom nächſten Dome 134 ein Zeichen; ein ähnliches erſchien alsbald auf dem Kampanile, und vom Arſenale ward eine Kanone gelöſt. Ein dumpfes unterdrück⸗ tes Murmeln erhob ſich unter der Menge, und eine erwartungsvolle Pauſe folgte. 3 Jeder Gondolier hatte die Seite ſeines Bootes ein wenig dem linken Ufer des Kanales zugewendet, wie der Jockei zu thun pflegt mit ſeinem Renner, um deſſen Feuer zurückzuhalten oder ſeine Auf⸗ merkſamkeit zu zerſtreuen. Aber der erſte lange und breite Schwung des Ruders brachte ſie alle wieder in eine Linie, und in einem Zuge flogen ſie dahin. Während der erſten Paar Minuten war in der Geſchwindigkeit der Gondeln kein Unterſchied und der Kundige konnte aus keinerlei Wahrzeichen auf den muthmaßlichen Erfolg ſchließen. Die zehn, welche die Vorderreihe bildeten, durchſtrichen die Flut mit gleich⸗ förmiger Schnelligkeit einer neben dem anderen, als hielte ſie eine geheime Kraft zuſammen, während die anſpruchloſe, aber ebenfalls leichte Barke des Fiſchers im Nachzuge blieb. Bald gewann ein Jeder Gewalt über ſein Fahrzeug. Die Ruder bewegten ſich im richtigſten Gleichgewicht und weiteſten Schwunge, und die Handge⸗ lenke ihrer Führer wurden geſchmeidig. Nun begann die Linie zu ſchwanken. Sie wallte hin und her, indem ein flimmerndes Schiffs⸗ vordertheil dem andern zuvorſtrebte; da gewann das Ganze eine andere Geſtalt. Enrico von Fuſina war der vorderſte und nach dem Vorrecht dieſes Gewinns trieb er unmerklich der Mitte des Kanales zu, und vermied durch dieſen Wechſel die Kreiswellen und ſonſtigen Hinderniſſe des Ufers. Dies Mandver, in der Kunſtſprache das„Gewinnen des Gleiſes,“ brachte ihm außerdem den Vortheil, daß die von ſeiner Gondel zurückgeworfenen Wellen ſeinen Hintermann ein wenig hinderten. Zunächſt kam der ſtarke und gewandte Bartolomeo vom Lido, wie ihn ſeine Kameraden nannten, und ſchlug eine ſolche Bahn hinter ſeinem Vordermanne ein, daß die Rückwirkung von deſſen Ruder ½ em egt luf⸗ ung uge keit erlei ehn, eich⸗ eine falls r ein h im adge⸗ ie zu hiffs⸗ eine nach e des n und eiſes,“ Hondel derten. , wie hinter Ruder 135 ihm keinen Schaden that. Bald ſchoß auch Don Camillo's Diener aus der Reihe hervor und man ſah ihn weiter zur Rechten, aber ein wenig hinter Bartolomeo, ſeine Arme kräftig rühren. In der Mitte des Kanals, und möglichſt dicht hinter dem Schiffer vom Feſt⸗ lande, folgte ein geſchloßner Haufe ohne viel Ordnung und mit wechſeln⸗ dem Vortheil, in welchem einer den Andern zum Ausweichen zwang, oder auf andere Weiſe die Schwierigkeit der Fahrt vermehrte. Weiter zur Linken und den Häuſern ſo nah, daß er nur eben Raum genug für die Bewegung ſeines Ruders hatte, fuhr der maskirte Mitkämpfer, deſſen Eile durch eine verborgene Urſach gehemmt ſchien, denn er blieb hinter allen anderen zurück, und endlich war eine Entfernung von einigen Bootslängen zwiſchen ihm und den ungenannten Mit⸗ kämpfern. Doch bewegte er ſeine Arme mit Ausdauer und mit hinlänglicher Geſchicklichkeit. Da ſein geheimnißvolles Auftreten ihm Theilnahme erweckt hatte, ſo lief ein Gerücht den Kanal ent⸗ lang, daß der junge Kavalier in der Wahl des Bootes unglücklich geweſen ſey. Andere, die tiefer auf Gründe eingingen, flüſterten von der Tollheit, ſich als Adliger der Kränkung auszuſetzen durch eine Concurrenz mit ſolchen Leuten, welche ihre Sehnen in täglicher Arbeit gehärtet haben, und welche durch Uebung im Stande ſind, jeden Vortheil der Fahrt recht und ſchnell zu benutzen. Wann aber die Augen der Zuſchauer von dem Haufen der vorbei eilenden Böte ſich der einſamen Barke des Fiſchers zuwendeten, welche allein hinten nachkam, ſo verwandelte ſich die Verwunderung wieder in Spott. Antonio hatte die Mütze, welche er gewoͤhnlich trug, abgeworfen, und ſein ſpärliches Haar einzeln und dünn um die Schläfen flat⸗ ternd, ließ ſein ſchwarzbraunes Geſicht ganz offen. Mehr als ein⸗ mal wendeten ſich, indem die Gondel vorüberging, ſeine Augen mit einem Blicke des Vorwurfs zur Seite, als fühlte er recht durchdringend die Stacheln ſo vieler frecher Zungen gegen ſein Gefühl gerichtet, das durch Lebensgewohnheit und Stand zwar ab⸗ O[ièqq—ᷣ—- 136 geſtumpft, nicht aber erloſchen war. Allein das Gelächter nahm zu, und die Schmähreden wurden bitterer, als die Böte zu den prächtigen Paläſten gelangten, welche den Kanal, dem Ziele der Fahrt näher, einſchließen. Nicht, daß die Eigenthümer jener Herren⸗ ſitze ſo gefühlloſer Luſt Raum gaben; ihre Diener aber, häufig ſelbſt Herabwürdigungen durch ihre Herrſchaften ausgeſetzt, ließen dem lang gedämmten Strom ihres Muthwillens gegen den erſten beſten Wehrloſen freien Lauf. Männlich, wenn auch innerlich bekümmert, ertrug Antonio alle Sticheleien, bis er ſich wieder dem Platz näherte, den ſeine Kame⸗ raden eingenommen hatten. Hier ſenkte ſich ſein Auge und ſein Ruder zitterte. Das Necken und Fingerweiſen nahm zu, ſo wie er aus der Haltung kam, und es war ein Augenblick, in welchem der mit Ta⸗ del überhäufte, entwürdigte Mann bereit ſchien, den Kampf aufzugeben. Schnell aber ſuhr er mit der Hand über die Augen, als wollte er ſeinen Blick, vor dem alles ſchwirrte, klar machen, und indem er ſein Ruder zu fuͤhren fortfuhr, kam er glücklich dem Fleck vorüber, der für ſeinen Entſchluß der gefährlichſte war. Von dieſem Augen⸗ blick an verminderte ſich das Geſchrei gegen den Fiſcher, und als der Bucentaur nun ſichtbar vurde, obgleich noch entfernt, verſchlang das Intereſſe am Ausgange des Kampfes jede andere Regung. Enrico war noch an der Spitze, aber die Kenner der Gondolier⸗ Kunſt entdeckten ſchon Zeichen von Erſchöpfung an ſeinem ſchwan⸗ kenden Ruder. Der Schiffer vom Lido war hart hinter ihm, und der Calabreſe kam faſt in eine Linie mit Beiden. In dieſem Augen⸗ blicke entwickelte auch der maskirte Mitkämpfer eine Kraft und Ge⸗ ſchicklichkeit, die Niemand bei einem Manne von ſeinem vermeinten Stande erwartet hatte. Sein Korper legte ſich mehr in die Kraft des Ruders; ſein Bein war zur Unterſtützung des Stoßes rückwärts geſtemmt, und bot eine muskulöſe Fülle und ein Ebenmaß den Augen der Beſchauer dar, daß ein Beifallsgemurmel ſich rings er⸗ hob. Bald zeigte ſich der Erfolg. Seine Gondel glitt an den 137 Anderen, in der Mitte des Kanals Rudernden vorüber, und er wurde der Vierte im Zuge. Kaum hatte die Menge, ihn dafür zu belohnen, einen Beifallsruf erhoben, als ein neues ganz unerwar⸗ tetes Schauſpiel ihre Bewunderung auf ſich zog. Antonio nämlich, ſeinen eignen Anſtrengungen jetzt mehr über⸗ laſſen, und minder von Verachtung und Spott gequält, hatte ſich dem Haufen ſeiner ungenannten Kampfgenoſſen bald genähert. Unter dieſen ſah man Gondoliere, die zwar unſere Erzählung nicht weiter zu beachten hat, die aber auf den Kanäaͤlen von Venedig ſich be⸗ rühmt gemacht hatten, und auf deren Geſchicklichkeit und Koͤrper⸗ kraft die Stadt ſtolz war. Ob nun begünſtigt durch ſeine einſame Stellung, oder frei von den Hinderniſſen, die Jene ſich ſelber be⸗ reiteten, genug man ſah den verachteten Fiſcher ihnen zur Linken heraufkommen mit einem kräftigen Schwung des Ruders, der wei⸗ teren Erfolg verhieß. Bald erfüllte ſich die Erwartung. Er über⸗ holte ſie Alle, unter einem regungsloſen, bewundernden Schweigen der Zuſchauer, und ward jetzt der Fünfte im Zuge. Von nun an war alles Intereſſe an der größeren Maſſe der Böte verloren, und jedes Auge wendete ſich den Vorderſten zu, unter denen der Wetteifer mit jedem Ruderſchlag zunahm, während der Ausgang einen neuen zweifelhaften Charakter zu gewinnen ſchien. Die Anſtrengungen des Schiffers von Fuſina ſchienen ſich zu ver⸗ doppeln, ohne daß ſein Boot darum geſchwinder ging. Bartolo⸗ meo's Gondel ſchoß an ihm vorbei, dieſem folgten Gino und der maskirte Gondolier, während kein Laut die Theilnahme der Zu⸗ ſchauer verrieth, die ſich kaum zu athmen getrauten. Als aber auch Antonio's Boot ihm vorbeiflog, da erhob ſich ein Brauſen von Stimmen, wie wenn in einer großen Menge die Stimmung ihrer wunderlichen Laune plötzlich und gewaltſam wechſelt. Enrico war raſend über ſein Mißgeſchick. Er ſtrengte mit der verzweifelten Heftigkeit eines Italieners alle Kraft ſeines Körpers an, um die Schande von ſich abzuwenden; dann aber warf er ſich auf den 138 l und raufte ſein Haar, in tödtlicher Wuth Boden ſeiner Gonde weinend. Die, welche nachgeblieben waren, folgten ſeinem Beiſpiele, aber mit größerer Faſſung, indem ſie ſeitwärts unter die Böte ſchlüpf⸗ ten, welche den Kanal ſäumten, und ſich nicht weiter blicken ließen. Dieſes offene und unerwartete Aufgeben des Kampfes zeigte den Zuſchauern, wie verzweifelt er ſtand. Aber da man mit einem verunglückten Preisbewerber nicht viel Mitleid zu haben pflegt, ſo waren die Beſiegten bald vergeſſen. Bartolomev's Name ward von tauſend Stimmen hoch in die Lüfte getragen, und ſeine Kame⸗ raden von der Piazetta und dem Lido ſchrien ihm laut zu, für die Ehre ihrer Kunſt zu ſterben. Der kräftige Gondolier entſprach ihren Wünſchen; Palaſt auf Palaſt blieb dahinten, und die Boͤte befanden ſich in demſelben Verhältniſſe ihrer Stellung gegen einander. Aber wie ſein Vorgänger verdoppelte der jetzige Vordermann ſeine An⸗ ſtrengung mit verringertem Erfolge, und Venedig erfuhr die Krän⸗ kung, einen Fremden an der Spitze einer der glänzendſten Regatta's zu ſehen. Denn kaum hatte Bartolomeo ſeinen Platz aufgegeben, ſo ſchoß Gino ihm vorüber, dann der Maskirte, und zuletzt der verachtete Fiſcher; er, welcher bisher der Erſte geweſen war, blieb nun der Letzte. Er gab aber den Kampf nicht auf, ſondern fuhr fort, mit einer Anſtrengung zu rudern, welche ein beſſeres Glück verdient hätte. Als die Gondelreihe dieſe ganz unerwartete und neue Geſtalt gewonnen hatte, war doch immer noch eine beträchtliche Strecke bis zu dem Ziele. Gino war voran, und manch günſtiges Zeichen verhieß, daß er ſeinen Vortheil würde behaupten können. Der Zuruf der Menge ermuthigte ihn, denn ſie hatten jetzt vergeſſen, daß er ein Calabreſe war, und viele von den Dienſtleuten ſeines Herrn riefen ihn anfeuernd bei Namen. Es half aber alles nicht. Der Maskirte verwendete jetzt erſt ſeine ganze Kunſt und Stãrke auf ſein Ruder; die eſchene Stange fügte ſich der Gewalt eines Arms, deſſen Kraft nach Willkür erhöhbar ſchien, und die Bewe⸗ =— v— 139 gungen ſeines Körpers wurden ſchnell, wie die Sprünge des Wind⸗ hunds. Die fügſame Gondel gehorchte und ſchoß unter dem Zu⸗ rufen, welches von der Piazetta bis zum Rialto ſich fortpflanzte, an die Spitze der übrigen. Wie glücklicher Erfolg Kraft giebt, und die geiſtige und kör⸗ perliche Thätigkeit ſtärkt, ſo hat das Unterliegen die entgegengeſetzte traurige Wirkung. Don Camillo's Diener machte keine Ausnahme von dieſer Regel, und als ſein maskirter Mitbewerber an ihm vor⸗ beiflog, folgte dieſem auch Antonio's Boot, als würde es durch dieſelben Ruderſtöße getrieben. Nun ſchien ſogar die Entfernung zwiſchen den beiden vorderſten Gondeln ſich zu verringern, und ſchon erwarteten Alle mit athemloſer Theilnahme den Fiſcher, trotz ſeinen Jahren und ſeinem Boote, voraneilen zu ſehen. Dieſe Erwartung aber ward getäuſcht. Dem Maskirten, wie groß auch die Anſtrengung war, ſchien Arbeit ein Spiel, ſo flink zeigte ſich ſein Ruder, ſo ſicher ſein Stoß, ſo kräftig ſein Arm. Aber Antonio war auch kein verächtlicher Gegner. Wenn gleich ſeine Stellungen weniger die Zierlichkeit eines geübten Gondoliers erreichten, als die ſeines Nebenmannes, ſo war doch die Kraft ſeiner Sehnen nicht erſchlafft. Sie hielten bis zuletzt aus, denn ſie waren durch ſechzig Jahre unausgeſetzter Arbeit gehärtet, und indem ſeine athletiſche Geſtalt ſich der äußerſten Anſtrengung hin⸗ gab, merkte man kein Nachlaſſen ſeiner Rüſtigkeit. Die vorderſten Gondeln waren in wenigen Augenblicken um ein paar Bootslängen von den übrigen voraus. Der dunkle Schnabel des Fiſcherbootes hing dicht am Hintertheil der glänzenden Gondel, die ſein Gegner führte; mehr aber war nicht zu erreichen. Vor ihnen lag der Hafen offen, und immer in demſelben Verhältniß der Entfernung von einander flogen ſie an Kirche, Palaſt, Barke, Miſtik und Feluke vorüber. Der maskirte Bootsmann warf einen Blick zurück, als wollte er ſeinen Vortheil berechnen. Dann beugte 140 er ſich wieder ſeinem Ruder zu und ſagte grade ſo laut, daß ihm nur der hören konnte, welcher dicht hinter ihm war: „Ich habe mich in Dir getäuſcht, Fiſcher. Du biſt kräftiger als ich dachte.“ „Wenn meine Arme noch kräftig ſind, ſo iſt doch mein Herz kindiſch und kummervoll,“ erwiederte der Fiſcher. „Liegt Dir ſoviel an einem goldnen Tand? Du biſt der Zweite, ſey zufrieden mit Deinem Glücke.“ 3 „Das hilft mir nichts. Ich muß der Vorderſte ſeyn oder ich habe meine alten Knochen umſonſt angeſtrengt.“ Dieſes kurze Geſpräch wurde mit einer Leichtigkeit geführt, welche hinlänglich bewies, wie Beide an heftige Körperanſtrengun⸗ gen gewöhnt waren, und mit einer Feſtigkeit der Stimme, die wenigen Andern in einem Augenblicke ſo großen Koſtenaufwandes möglich geweſen wäre. Der Maskirte ſchwieg, aber ſein Vorſatz ſchien wankend zu werden. Noch zwanzig Stöße ſeines ſtarken Ruders und das Ziel war erreicht; aber ſeine Sehnen waren nicht mehr ſo angeſpannt und jenes Glied, welches zuvor ſo ſchönen Muskelbau entwickelt hatte, ſchwoll wieder kräftig an. Antonio's Gondel ſchoß vorwärts. „Leg' Deine Seele in's Ruder,“ murmelte der Maskirte,„oder Du unterliegſt dennoch.“ Der Fiſcher ſtrengte ſeinen Körper auf's äußerſte an und ge⸗ wann einen Vorſprung⸗ Ein Ruderſtoß machte das Boot bis in die Mitte erzittern, daß von ſeinen Seitenwänden Waſſer brandete wie Wellen eines Strudels. Dann flog die Gondel zwiſchen die beiden Barken des Ziels, und die Fähnchen, welche den Sieges⸗ punkt bezeichneten, fielen in's Waſſer. Man merkte dies kaum, als auch ſchon des Maskirten glänzendes Boot vor den Augen der Rich⸗ ter vorbeiſchoß, ſo daß ſie einen Augenblick in Zweifel waren, wer geſiegt habe. Gino blieb nicht lange zurück und nach ihm kam 141 Bartolomeo, als der vierte und letzte in der vollkommenſten Wett⸗ fahrt, die man je auf den Waſſern in Venedig geſehen hatte. Als die Fähnchen fielen, hielt jeder der Zuſchauer voll Er⸗ wartung den Athem an. Wenige wußten wer geſiegt habe, ſo nahe waren die Kämpfer an einander geweſen. Ein Trompetenzeichen gebot Ruhe und ein Herold rief nun öffentlich aus, daß „Antonio, ein Fiſcher von den Lagunen, mit Hülfe ſeines Schutzpatrons vom wunderbaren Fiſchzug, den goldnen Preis davon getragen habe, während einem maskirten Schiffer, welcher ſich der Obhut des heiligen Johannes von der Wüſte anvertraut habe, der ſilberne Preis zugefallen ſey, der Dritte aber dem Calabreſen Gino, einem Diener Don Camillo Monforte's, des Herzogs von Sanct Agata, eines Herrn vieler Beſitzthümer in Neapel.“ Dieſer feierlichen Bekanntmachung folgte zuerſt eine Grabes⸗ ſtille. Darauf erhob ſich der laute Jubelruf der Menge, welcher Antonio's Namen zu den Wolken trug, als würde der Sieg eines großen Helden gefeiert. Alle Verachtung war über ſeinen Triumph vergeſſen. Die Fiſcher von den Lagunen, welche noch kürzlich ihren alten Kameraden mit Schimpf überhäuft hatten, prieſen jetzt ſeinen Ruhm mit einem Eifer, welcher ſchnellen Uebergang vom Verdruß zum Stolze kund gab, und wie es immer der Preis eines glück⸗ lichen Erfolges war und immer ſeyn wird, ſo wurde Der, welcher zuvor am wenigſten des Lobes würdig ſchien, jetzt deſſen am mei⸗ ſten theilhaftig, ſobald ſich zeigte, daß er gegen Aller Erwartung der Sieger war. Zehntauſend Stimmen erhoben ſich, ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit und ſeinen Sieg zu rühmen. Jung und Alt, die Schö⸗ nen, die Stutzer, die Edelen, die welche Zechinen gewannen und die welche verloren, alle bemüheten ſich, einen Blick des demüthigen alten Mannes zu erhaſchen, der ſo unerwartet dieſen Wechſel der Empfindung in den Gemüthern der Menge hervorge⸗ . rufen hatte. Antonio trug ſeinen Triumph beſcheiden. Als ſeine Gondel 142 das Ziel erreicht hatte, hielt er ſie an, ohne,⸗ wie ſonſt zu geſchehen pflegt, ein Zeichen von Erſchöpfung zu verrathen. Er blieb ſtehen, obgleich das mächtige Wogen ſeiner breiten, gebräunten Bruſt be⸗ wies, daß er ſeinen Kräften das Aeußerſte geboten hatte. Er lächelte, als er den Zuruf der Menge vernahm, denn Lob iſt auch dem Demüthigen ſüß⸗ Doch belaſtete ihn etwas noch immer; nicht Stolz, eine tiefere Regung beherrſchte ſein Gemüth. Das Alter hatte ſein Auge ein wenig verdunkelt, es glänzte aber jetzt von Hoffnung. Seine Züge arbeiteten und eine brennende Thräne lief über jede ſeiner rauhen Backen. Dann athmete der Fiſcher freier. Auch der maskirte Gondolier verrieth kein Zeichen von Ent⸗ kräftung. Seine Kniee bebten nicht, ſeine Hände hielten das Ruder noch feſt, und ſeine ſichere Stellung ließ die natüͤrliche Vollkommen⸗ heit ſeiner Geſtalt bemerken. Gino und Bartolomeo aber ſanken in ihre Böte zurück, ſo wie ſte das Ziel nach einander erreichten. Dieſe berühmten Gondoliere waren beide ſo erſchöpft, daß einige Augenblicke vergingen, ehe ſie zum Reden Athem gewannen⸗ Wͤh⸗ rend dieſer augenblicklichen Pauſe drückten die Zuſchauer dem Sieger ihren Beifall durch den anhaltendſten und lauteſten Zuruf aus. Kaum erſtarb das Getöſe, ſo forderte ein Herold Antonio von den Lagunen, den maskirten Schiffer vom gelobten St. Johannes von der Wüſte, und Gino den Calabrier vor den Dogen, von deſſen fürſt⸗ licher Hand ſie die verheißenen Preiſe der Regatta empfangen ſollten. — — 143 Zehntes Kapitel. Nicht gar ſo große Zeit mehr wird vergehn, Bis wir abrechnen nun mit eurer Liebe Und uns mit euch vergleichen. Macebeth. Sobald die drei Gondeln die Seite des Bucentaur erreichten, blieb der Fiſcher ein wenig zurück, als mißtrauete er ſeinem Rechte, vor die Augen des Senats zu treten. Man befahl ihm indeß hinaufzuſteigen, und bedeutete ſeinen beiden Gefährten, ihm zu folgen. Die Edlen in ihrer Amtskleidung bildeten eine lange impoſante Reihe vom Schiffsgange bis zum Spiegel, wo der Schein⸗Souverain dieſer Schein⸗Republik ſaß, von ſeinen hohen Staatsbeamten um⸗ ringt, in ernſter Pracht ſeiner geborgten Würde und ſeiner natür⸗ lichen Haltung. „Tritt näher,“ ſagte der Fürſt mit mildem Tone, da er be⸗ merkte, daß der alte halbbekleidete Mann, welcher die Sieger an⸗ führte, vorzutreten zögerte.„Du biſt der Sieger, Fiſcher, und Dir habe ich den Preis zu überantworten.“ Antonio beugte ſein Knie auf dem Verdeck und ſenkte ſein Haupt tief, bevor er gehorchte. Dann faßte er Muth, trat dem Dogen näher, und ſtand nun mit verwirrtem Blick, mit beſtürzter Miene, den weiteren Willen ſeiner Oberen erwartend. Der fürſt⸗ liche Greis hielt ein wenig inne, bis unter der Menge die kleine durch Neugier hervorgebrachte Bewegung nachließ. Als er darauf redete, war vollkommene Stille. „Es iſt der Stolz unſerer ruhmvollen Republik,“ ſagte er, „daß die Rechte keines Unterthans gemißachtet werden, daß die Geringen ihren verdienten Lohn erhalten ſo ſicher als die Großen, daß Sanct Marcus die Wage gleichförmig hält, und daß dieſem unbekannten Fiſcher, da er die Auszeichnung der Regatta verdient Aantt, dieſe von dem Verleiher derſelben mit eben ſo viel Bereit⸗ 144 willigkeit ertheilt werden wird, als ob er der beliebteſte Diener unſers eignen Hauſes wäre. Edele und Bürger von Venedig, lernet bei dieſer Gelegenheit Eure vortrefflichen, unbeſtechlichen Geſetze ſchätzen! denn gerade in den Handlungen des gewöhnlichen Lebens wird der väterliche Charakter einer Regierung ſichtbar, während auf Sachen von höherer Bedeutung die Augen einer Welt gerichtet ſind, Willfährigkeit für ihre Meinungen heiſchend.“ Der Doge ſprach dieſe einleitenden Bemerkungen mit feſter Stimme, wie Derjenige pflegt, welcher des Beifalls ſeiner Zuhörer gewiß iſt. Er täuſchte ſich nicht. Kaum hatte er ausgeredet, ſo durchlief die Verſammlung ein beifälliges Gemurmel, und theilte ſich auch den Tauſenden mit, die ſeine Stimme nicht vernahmen, und noch viel Mehreren, die ſeinen Sinn nicht errathen konnten. Die Senatoren beugten ihre Köpfe als Anerkennung, daß ihr Ober⸗ haupt nur Wahrheit ausgeſprochen, und der Fürſt ſelbſt fuhr fort, nachdem er der Loyalität volle Zeit gelaſſen hatte, ihren Beifall zu äußern: „Es iſt meine Pflicht, Antonio, und weil meine Pflicht, auch meine Freude, Dir dieſe goldne Kette umzuhängen. Das Ruder, welches ſie trägt, iſt ein Symbol Deiner Geſchicklichkeit, und wird unter Deinen Standesgenoſſen ein Zeugniß ſeyn von dem Wohl⸗ wollen und der Unpartheilichkeit des Staates und von Deinem Ver⸗ dienſte. Nimm es denn hin, kräftiger alter Mann, denn Dein Haupt hat das Alter kahl gemacht und Deine Wangen gefurcht, auf die ſeltne Kraft Deiner Sehnen aber, und auf Deinen kühnen Muth hat es keinen Einfluß gehabt.“ „Hoheit!“ erwiederte Antonio, einen Schritt zurücktretend, als er ſah, daß man erwartete, er möge ſich buͤcken, um das Kleinod in Empfang zu nehmen,„es ziemt ſich für mich nicht, ein ſolches Zeichen der Größe und des Glücks zu tragen. Der Glanz des Goldes würde meine Armuth höhnen, und eine Koſtbarkeit aus ſo fürſtlicher Hand fände eine ſchlechte Stelle auf meiner nackten Bruſt.“ 4 —3— 145 Dies unerwartete Ablehnen erregte allgemeines Erſtaunen, und eine augenblickliche Pauſe entſtand. „Du haſt den Kampf doch nicht unternommen, Fiſcher, ohne nach deſſen Preis zu trachten? Recht aber haſt Du, daß der goldne Schmuck zu Deinem Stande und Deinem täglichen Mangel nicht recht paſſen würde. So trage ihn für jetzt, weil es gut iſt, daß Jedermann die Gerechtigkeit und Unpartheilichkeit unſrer Entſchei⸗ dung ſehe; nach den Spielen aber bringe ihn meinem Schatzmeiſter, und er ſoll Dir dafür geben, was Deinen Wünſchen mehr ent⸗ ſprechen wird; ein ſolches Verfahren iſt nicht ohne Beiſpiel, und ſoll auch diesmal ſtattfinden.“ „Erlauchter Fürſt! Freilich habe ich nicht ohne Hoffnung auf Belohnung meine alten Glieder in ſo hartem Kampfe verſucht. Aber nicht Gold, noch die Eitelkeit, mich unter meinen Kameraden mit dieſem glänzenden Schmucke zu zeigen, hat mich vermocht, die Verachtung der Gondoliere und das Mißfallen der Großen zu ertragen.“ „Du irreſt Dich, Fiſcher, wenn Du glaubſt, daß Deine gerechte Chrliebe uns mißfallen habe. Es iſt uns lieb, einen hochherzigen Wetteifer in unſerem Volke zu bemerken, und wir ergreifen alle geeigneten Maßregeln, dieſen aufſtrebenden Sinn, welcher Ehre dem Staate und unſeren Küſten Glück bringt, zu ermuntern.“ „Ich bin nicht ſo anmaßend, meine armen Gedanken denen meines Fürſten gegenüber zu ſtellen,“ erwiederte der Fiſcher;„aber meine Angſt und Scham bewogen mich zu vermuthen, daß die edlen und ſtattlichen Herren lieber einen Jüngeren und Reicheren haͤtten mit dieſer Ehre geſchmückt geſehen.“ „Du mußt das nicht glauben. Beuge denn deine Knie, damit ich Dir den Preis ertheilen kann. Um Sonnenuntergang wirſt Du in meinem Palaſte Diejenigen finden, welche Dir für den Schmuck ein entſprechendes Geſchenk geben ſollen.“ „Hoheit!“ ſagte Antonio, den Dogen ernſt anblickend, der abermals voll Erſtaunen mit ſeiner Bewegung inne hielt,„ich bin Der Bravo. 10 146 alt und das Glück hat mich nie verwöhnt. Für meine Bedüͤrfniſſe reicht hin, was die Lagunen mit der Hülfe des heiligen Antonius mir bieten. Aber es iſt in Deiner Macht, die letzten Tage eines alten Mannes glücklich zu machen, der Deiner in redlichem, wohl⸗ gemeinten Gebete immer gedenken wird. Gib mir mein Kind zurück, und verzeih' einem zerriſſnen Vaterherzen dieſe Dreiſtigkeit.“ „Iſt das nicht derſelbe Menſch, welcher uns heute ſchon wegen eines jungen Rekruten zur Laſt ſiel!“ rief der Fürſt, über deſſen Geſichtszuͤge jene gewohnte Zurückhaltung zuckte, welche ſo oft alle menſchlichen Gefühle verbergen mußte. „Derſelbe,“ ſagte kalt eine andere Stimme, welche Antonio wohl kannte. Sie kam vom Signor Gradenigo⸗ „Mitleid mit Deiner Unwiſſenheit, Fiſcher, bemeiſtert unſern Zorn. Nimm Deine Kette und geh!“ Antonio's Auge war unbeweglich Ehrfurchtsvoll kniete er nieder, faltete ſeine Hände auf der Bruſt und ſagte: 3 „Mein Elend hat mich kühn gemacht, gefürchteter Herr! Was ich ſage, kommt aus einem geängſteten Herzen, nicht von einer frechen Zunge, und ich flehe, daß Euer fürſtliches Ohr mit Nachſicht höre.“ „So rede kurz, denn die Spiele erleiden ſchon Verzug.“ „Mächtiger Doge! Reichthum und Armuth haben eine weite Kluft zwiſchen uns geſtellt, Kenntniſſe und Unwiſſenheit haben ſie noch weiter gemacht. Meine Rede iſt roh, und ſchickt ſich nicht für dieſe erhabne Verſammlung. Aber, Signore, Gott hat dem Fiſcher dieſelben Gefühle gegeben, und dieſelbe Liebe für ſeine Kinder⸗ wie dem Fürſten. Solli' ich mich hier auf meine Gelehrſamkeit verlaſſen, ſo müßt' ich ſtumm bleiben, aber ich habe eine Kraft da inwendig, die mir Muth macht, zu den Vornehmſten und Edelſten von Venedig zu reden, wenn es das Glück meines Kindes gilt.“ „Du kannſt die Gerechtigkeitspflege des Senates nicht anklagen, alter Mann, und kannſt nichts mit Wahrheit vorbringen gegen die anerkannte Unpartheilichkeit der Geſetze.“ 147 „Mein Fürſt und Herr! Habet die Gnade, mich nur anzuhören. Ich bin, wie Ihr ſeht, arm, und nähre mich von meiner Arbeit, und die Stunde iſt nah, wo ich werde an die Seite des gelobten Sanct Antonius von Rimini abgerufen werden, und vor einem Höheren ſtehen werde als hier. Ich bin nicht ſo eitel zu glauben, daß mein demüthiger Name unter denen der Patricier zu finden ſey, welche der Republik in ihren Kriegen gedient haben— auf dieſe Ehre kann nur der Hohe, der Adlige, der im Glück Geborne An⸗ ſpruch machen; wenn aber das Wenige, das ich für mein Vaterland gethan habe, auch nicht im Goldnen Buche verzeichnet ſteht, ſo iſt es hier doch geſchrieben;“— er deutete auf ſeine Narben—„dieſe Wunden, von den Türken mir geſchlagen, mögen eben ſo viele Bitten ſeyn, die ich an die Milde des Senats richte.“ „Du ſchweifſt von Deiner Sache ab. Was begehrſt Du?⸗ „Gerechtigkeit, mächtiger Fürſt. Sie haben den einzigen kräf⸗ tigen Zweig des welkenden Stammes mit Gewalt abgebrochen— haben den einzigen Gefährten meiner Mühen und Freuden, das Kind, welches mir die Augen, hofft' ich, ſchließen würde, wenn es Gottes Wille iſt, mich abzurufen, dies Kind, das noch jung iſt, ſowohl an Jahren als an Grundſätzen der Redlichkeit und Tugend, das noch unerfahren iſt, dies haben ſie all' der Verführung und Sünde, der gefährlichen Geſellſchaft der Galeeren ausgeſetzt.“ „Iſt das alles? Ich hätte gedacht, Deine Gondel wäre in üblem Zuſtande, oder es handle ſich um Dein Recht in den Lagunen!“ „Iſt das alles!?“ wiederholte Antonio und blickte in bitterer Schwermuth umher.„Doge von Venedig, es iſt mehr als das gebrochne Herz eines alten beraubten Mannes tragen kann?“ „Geh' nur, nimm Dein goldnes Ruder und Kette und zieh' zu Deinen Kameraden im Triumphe ab. Sey froh, daß Du einen Sieg davongetragen, der Dir nach Aller Urtheil unerreichbar war, und überlaſſe die Intereſſen des Staates Denen, die weiſer ſind als Du und fähiger für dieſelben zu ſorgen.“ — V 148 Der Fiſcher ſtand auf mit einem Blick tiefer Unterwürſigkeit, das Reſultat eines langen, in politiſcher Unterordnung zugebrachten Lebens. Den dargebotenen Preis aber zu empfangen trat er nicht näher. „Neige Deinen Kopf, Fiſcher, daß Seine Hoheit Dir den Preis verleihen kann,“ befahl ein Beamter. „Ich bitte nicht um Gold und mag kein anderes Ruder, als das, welches mich Morgens in die Lagunen fährt und Abends zurück in die Kanäle. Mein Kind gebt mir oder gebt mir nichts.“ „Fort mit ihm,“ murrten ein Dutzend Stimmen, oer ſpricht Aufruhr, er ſoll das Schiff verlaſſen.“ Man entfernte Antonio ſchnell und trieb ihn mit unzweideuti⸗ gen Zeichen des Mißfallens in ſeine Gondel. Die Reizbarkeit eines venetianiſchen Edelen war ſchnell rege, politiſche Unzufriedenheit als Immoralität dem Schuldigen zu verweiſen, daher die ungewöhnliche Unterbrechung manches Auge umdüſterte, obgleich die ſtandesmäßige Würde jede andere unzeitige Aeußerung des Uebelwollens verwehrte. „Laſſet den nächſten Bewerber vortreten,“ fuhr der Fürſt fort, mit einer Faſſung, welche ihm die Gewohnheit ſich zu verſtellen leicht machte. Der unbekannte Schiffer, deſſen heimlicher Begünſtigung An⸗ tonio ſeinen Erfolg verdankte, trat näher, noch immer maskirt, wie ihm denn dies frei ſtand. „Du haſt den zweiten Preis gewonnen,“ ſagte der Fürſt,„und ginge es ſtreng nach dem Rechte, ſo ſollteſt Du den erſten auch haben, da man nicht ungeſtraft unſere Gunſt ablehnt.— Kniee nieder, daß ich Dir das CEhrenzeichen ertheilen kann.“ „Verzeihung, Hoheit!“ fiel der Maskirte ein, ſich mit großer Ehrfurcht verbeugend, aber vor der dargebotnen Auszeichnung einen Schritt zurückweichend.„Wenn es Cuer gnädiger Wille iſt, mir ein Geſchenk zu verleihen für meinen Sieg in der Regatta, ſo werde ich ebenfalls bitten, daß es mir in anderer Geſtalt zu Theil werde.“ „Das iſt ganz außer der Art! Es iſt nicht der Brauch, daß ——y,·. 149 Geſchenke von der Hand eines venetianiſchen Dogen ſich anbetteln müſſen.“ „Ich möchte nicht den Schein haben, in ſo hoher Gegenwart ungeſtümer zu fordern, als die Ehrerbietung zuläßt. Ich fordre nur Geringes, und was dem Staate weniger koſten dürfte, als was mir jetzt dargeboten wird.“ „So ſprich es aus!“ „Auch ich bitte auf meinen Knieen und in gebührender Hul⸗ digung vor dem Oberhaupte des Staates, daß das Geſuch des Fiſchers erhört, und der Sohn dem Vater möge zurückgegeben werden. Denn freilich wird der Dienſt das zarte Alter des Knaben vergiften und die letzten Jahre des alten Mannes unglücklich machen.“ „Das gränzt an Unverſchämtheit! Wer biſt Du, der ſo ver⸗ ſteckt kommt, eine ſchon abgeſchlagne Bitte zu unterſtützen?“ „Hoheit! der zweite Sieger in der Regatta des Dogen!“ „Wagſt Du es, mit Deinen Antworten zu ſpielen. Das Masken⸗ recht wird in allem, was nicht darauf ausgeht, den Frieden der Stadt zu ſtoren, heilig gehalten. Aber hier ſcheint Grund zu näherer Prüfung zu ſeyn.— Nimm Deine Maske weg, daß ich Dich von Aug' zu Auge ſehe.“ „Ich habe gehört, wer in ſeinen Reden vorſichtig iſt und ge⸗ gen die Geſetze nicht verſtößt, mag nach Belieben ſich verkleiden in Venedig, und hat über ſein Geſchäft und ſeinen Namen keine Auskunft zu geben.“ „Sehr wahr, ſobald St. Markus nicht gefährdet ſcheint. Aber hier iſt ein Einverſtändniß, dem man auf die Spur kommen muß. Ich befehle Dir, nimm die Maske ab!“ Der Schiffer, der in jedem Geſichte ringsum die Nothwendig⸗ keit zu gehorchen las, nahm langſam die Maske herunter, und zeigte die bleichen Züge und das funkelnde Auge Jacopo's. Ein unwillkührliches Zurückweichen Aller, die in der Nähe ſtanden, ließ 150 dieſen Mann allein dem Fürſten von Venedig gegenüber, in der Mitte eines weiten Kreiſes Erſtaunter und Neugieriger. „Ich kenne Dich nicht!“ rief der Doge, mit deutlicher und aufrichtiger Verwunderung, nachdem er ihn einen Augenblick ernſt angeſehen hatte.„Sorge, daß die Gründe Deiner Verkleidung beſſer ſeyen als Deine Gründe zur Ablehnung des Preiſes. Signor Gradenigo trat näher zum Dogen und flüſterte ihm etwas in's Ohr. Darauf warf dieſer einen Blick, worin Erſtaunen und Abſcheu ſich ſeltſam miſchten, auf das vielſagende Geſicht des Bravo, und winkte ihm dann ſchweigend, ſich zu entfernen. Der den Fürſten umſtehende Kreis zog ſich, wie inſtinktmäßig zu ſeinem Schutz bereit, enger zuſammen und ſchloß den Raum vor ihm. „Wir wollen die Sache bei Muße näher erwägen,“ ſagte der Doge, nlaſſet die Feſtlichkeiten wieder anheben.“ Jacopo verbeugte ſich tief und ging. Während er über das Verdeck des Bucentauren ſchritt, machten die Senatoren Platz, als zöge die Peſt daher, obgleich ihre Geſichter zeigten, daß ſehr ver⸗ ſchiedne Empfindungen in ihnen wechſelten. Der gemiedene aber noch immer geduldete Bravo ſtieg in ſeine Gondel, und die ge⸗ wöhnlichen Zeichen wurden der Menge unten gegeben, welche glaubte, die Preisertheilung wäre erfolgt. „Laſſet Don Camillo Monforte's Gondolier vortreten!“ rief ein Herold, dem Winke eines Oberen gehorſam. „Hier, Hoheit!“ erwiederte Gino verlegen und eilfertig. „Du biſt aus Calabrien?“ „Ja, Hoheit.“ „Aber Du mußt Dich lange geübt haben auf unſern Kanälen in Venedig, ſonſt könnteſt Du es nicht unſern tüchtigſten Ruderern zuvorgethan haben. Du dienſt einem adeligen Herrn?“ 1„a, Hoheit. „Es ſcheint, daß der Herzog von St. Agata das Glück hat, in Dir einen redlichen und wackeren Diener zu beſitzen?“ 151 „Das große Glück hat er, Hoheit!“ „Knie nieder und empfange die Belohnung Deines Muthes und Deiner Geſchicklichkeit.“ Gino machte es nicht wie ſeine Vorgänger, ſondern beugte willig ein Knie auf dem Verdecke, und nahm den Preis mit einer 3 tiefen, demüthigen Verbeugung ſeines Oberleibes hin. In dieſem 8 Augenblicke ward die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer von der kurzen 1 und einfachen Ceremonie durch das Freudengeſchrei abgelenkt, wel⸗ 2 ches ſich nicht weit von dem Schiffe des Senats auf dem Waſſer erhob. Eine allgemeine Bewegung führte Alle an die Seite des 3 Schiffes, und der ſiegreiche Gondolier war ſchnell vergeſſen. Hunderte von Fahrzeugen bewegten ſich in einer Maſſe dem der Lido zu, und man ſah ein dichtes Gedränge rother Fiſchermützen, mitten darunter aber den entblößten Kopf Antonio's, der von der da wogenden Menge, ohne ſich ſelber zu regen, daher getragen wurde. als Der eigentliche Antrieb ging von den kräftigen Armen einiger dreißig oder vierzig aus, welche in drei bis vier zuvorderſt fahrenden grö⸗ dere ßern Barken, ſämmtliche aneinander gebundene Gondeln bugſirten. ber Was dieſe ſonderbare und charakteriſtiſche Prozeſſion bedeute, ge⸗ war nicht zu verkennen. Die Anwohner der Lagunen hatten mit ibte, der Wandelbarkeit, die rohen Naturen in ihrer Leidenſchaft eigen „ iſt, die Geſinnung für ihren alten Kameraden gänzlich geändert. rieſ Ihn, den ſie eine Stunde zuvor als einen eitlen, lächerlichen Nar⸗ ren verſpottet, über den ſie bittre Verwünſchungen ſo reichlich ergoſſen hatten, prieſen ſie jetzt mit Triumphgeſchrei. Die Gondoliere von den Kanälen wurden übermüthig verlacht, näl ja der ausgelaſſne Haufe ſchonte ſelbſt die Ohren der Vornehmen Nälen nicht, deren Diener ſie als verzärtelte Püppchen verhöhnten. Kurz, derern wie in allen Ständen und Kreiſen der Geſellſchaft gar häufig ge⸗ ſchieht, des Einen Verdienſt ſiel eng und unzertrennlich mit dem Nuhm und der Freude Aller zuſammen. f hat, Hätte der Triumph der Fiſcher ſich auf dieſen natürlichen und 3. 8 gewöhnlichen Herzenserguß beſchränkt, ſo wäre dadurch die wach⸗ ſame, eiferſüchtige Macht, welche für Venedigs Ruhe ſorgte, nicht aufgeregt worden. Aber in den Nuf des Beifalls miſchte ſich ein Geſchrei des Tadels. Schwere, bedeutſame Worte ſogar wurden gehört, Diejenigen anklagend, welche dem Antonio ſein Kind nicht zurückgeben wollten; und auf dem Verdeck des Bucentaur flüſterte man ſich zu, die verwegene, aufrühreriſche Bande, voll von der ein⸗ gebildeten Wichtigkeit dieſes vorübergehenden Triumphes, wage zu drohen, daß ſie auf dem Wege der Gewalt durchſetzen wolle, was ſie frech ihre gute, gerechte Sache heiße. Dieſem Ausbruch des Volksgefühls ſah der verſammelte Senat mit düſter brütendem Stillſchweigen zu. Wer nicht gewöhnt iſt, ſolche Lagen zu beachten und das Leben nicht gehörig kennt, ſollte meinen, da müßte ſich Unruhe und Beſorgniß in den ernſten Geſich⸗ tern der Patricier abgeſpiegelt haben, und die Zeichen der Zeit müßten bedenklich geweſen ſeyn für die Dauer eines Uebergewichts, welches ſich mehr auf die Gewalt des Herkömmlichen als auf wirk⸗ lich materielle Ueberlegenheit ſtützte. Aber wer im Stande war, einen Unterſchied zu machen zwiſchen der Macht politiſchen Ueber⸗ gewichts, welches auf Ordnung und Zuſammenhang begründet iſt, und dem augenblicklichen Ausbruch der Leidenſchaft, wie laut und lärmend er auch ſey, der konnte leicht gewahren, daß der letztere ſich dieſesmal noch nicht mit hinlänglicher Kraft äußerte, um die von dem erſteren aufgerichteten Schranken umzuſtürzen. 3 Man ließ die Fiſcher ungehindert ihres Weges ziehen; hier und da aber ſtahl ſich zum Lido hin eine Gondel, welche einige von den geheimen Agenten der Polizei trug, deren Pflicht es war, die Regierung von etwaniger Gefahr bei Zeiten in Kenntniß zu ſetzen. Unter den letztern war das Boot des Weinhändlers, welches von der Piazetta abſtieß, mit einem Vorrath ſeiner Waare und Annina, gleichſam in der Abſicht, von der jetzigen Verwirrung unter ihren gewoͤhnlichen Kundsleuten Vortheil zu ziehen. Unterdeß nahmen * vermiſchte ſich mit den Tönen der Flöten, Guitarren und Harfen, 153³ die Spiele ihren Fortgang, und die augenblickliche Störung war vergeſſen; oder wenn noch daran gedacht wurde, ſo geſchah es in der Weiſe jener geheimen furchtbaren Gewalt, welche die Schick⸗ ſale dieſer merkwürdigen Republik lenkte. Es fand noch eine dritte Regatta für Leute von minderer Ge⸗ ſchicklichkeit ſtatt; aber wir wollen den Leſer nichi mit einer Be⸗ ſchreibung derſelben aufhalten. Die ernſten Herren auf dem Bucentaur, oögleich ſcheinbar auf das achtend, was unmittelbar unter ihren Augen vorging, horchten doch auf jedes Geräuſch von Stimmen, welches der Abendwind vom fernen Lido herübertrug, und mehr als einmal ſah man den Dogen ſelbſt ſeine Blicke jener Gegend zuwenden, die Beſorgniß verrathend, welche ſein Gemüth erfüllte. Doch ging der Tag wie gewöhnlich vorüber. Die Sieger triumphirten, die Zuſchauer jubelten, und der verſammelte Senat ſchien die Freude des Volkes zu theilen, welches er mit einer, dem furchtbaren, geheimen Gange des Schickſals nicht unähnlichen Sicher⸗ heit der Gewalt beherrſchte. Eilftes Kapitel. Wer iſt der Kaufmann hier, und wer der Jude? Kaufmann von Venedig. Den Abend eines ſolchen Tages konnten die Einwohner Vene⸗ dig's unmöglich in langweiliger Einſamkeit zubringen. Wiederum füllte ſich der große Marcusplatz mit ſeiner geſchäftigen und ge⸗ miſchten Menge, und die ſchon früher beſchriebenen Scenen begannen von Neuem mit erhöhter Lebendigkeit. Seiltänzer und Taſchenſpieler zeigten ihre Künſte; das Geſchrei der Frucht⸗ und Delikateſſenhändler 154 während der Müſſiggänger und der Geſchäftige, der Gedankenloſe und der Ränkeſchmied, der Verſchworne und der Polizeigehulfe ſich in privilegirter Sicherheit begegneten. Schon war Mitternacht vorüber, als eine Gondel, mit leichter, ſchwanenleiſer Bewegung durch die Fahrzeuge glitt und mit ihrem Schnabel* den Quai berührte, wo ſich der Marcuskanal mit der Bai vereinte. „Willkommen Antonio„u rief ein Mann dem einſamen Gondel⸗ führer zu, als dieſer den eiſernen Haken ſeines Taues in die Fugen der Steine befeſtigt, wie dies bei den Gondolieren Gebrauch,„von Herzen willkommen, Antonio, wenn gleich etwas ſpät.“ „Trotz Deines maskirten Antlitzes erkenn' ich die Stimme,“ ſagte der Fiſcher.„Deiner Güte, mein Freund, danke ich den Er⸗ folg dieſes Tages; und habe ich gleich den gewünſchten und gehofften Zweck nicht erreicht, ſo bin ich Dir doch nicht mindern Dank ſchuldig. Die Welt muß rauh mit Dir umgegangen ſeyn, ſonſt hätteſt Du Dich wohl eines alten, verachteten Mannes nicht ſo angenommen, als Triumphrufe Deinem Ohr erklangen und Dein junges Blut von Stolz und Sieg bewegt ward.“ „Die Natur gab Dir eine kräftige Sprache, Fiſcher. Freilich! in Spiel und Scherz verfloſſen die Stunden meiner Jugend nicht; das Leben war kein Feſttag für mich— doch, was thut's. Es hat dem Senat nicht gefallen, die Anzahl des Galeerenvolks zu verrin⸗ gern, Du mußt auf eine andere Belohnung ſinnen. Hier iſt die Kette und das goldne Rnder, ich hoffe, es ſoll noch immer will⸗ kommen ſeyn.“ Der erſtaunte Antonio gab dem Drange einer natürlichen Neugier nach und blickte den Preis einen Augenblick verlangend an. Dann trat er ſchaudernd zurück und ſagte mit dumpfer, entſchiedener Stimme: „Ich müßte ja glauben, man habe das Spielwerk aus meines „ Die Venetianiſche Gondel führt am Buge einen hohen metallnen Schnabel, ähnlich dem der altrömiſchen Galeeren. 155 Enkels Blut geformt! Behalt es! Dir hat man es anvertraut und Dein iſt es von Rechtswegen; und nun ſie ſich weigern, meiner Bitte Gehör zu geben, iſt es Jedem nutzlos, außer dem, der es ehrlich verdient hat.“ „Du denkſt nicht an den Unterſchied der Jahre und der Muskel⸗ kraft, Fiſcher. Mich dünkt, bei Zuerkennung eines ſolchen Preiſes, müßte man auch darauf Rückſicht nehmen, und dann hätteſt Du uns wahrlich Alle übertroffen. Heiliger Theodor! ich habe meine Kind⸗ heit am Ruder zugebracht, und nimmer hat Jemand in Venedig a meiner Gondel ſo hart zugeſetzt! Du berührteſt ja das Waſſer ſo leis und zart, wie der Jungfrau Finger die Saiten ihrer Harfe, und dennoch mit der Kraft der rollenden Welle am Lido.“ r⸗„Ich weiß die Zeit, Jacopo, da ſelbſt Dein jugendlicher Arm 2n ermüdet wär' in einem ſolchen Kampf zwiſchen uns Beiden. Es war g⸗ vor der Geburt meines älteſten Sohns, der gegen die Ottomanen du fiel, als der liebe Knabe, den er mir hinterließ, noch auf den en, Armen getragen wurde. Sahſt Du jemals den ſchmucken Jungen, on guter Jacopo?“ „Ich war nicht ſo glücklich, guter Alter; doch, wenn er Dir ch! glich, ſo magſt Du ſeinen Verluſt mit Recht betrauern. Bei Diana! ht; ich habe wenig Urſach, mich des Vortheils zu rühmen, den Jugend hat und Stärke mir gaben.“ rin⸗„Eine innere Kraft trieb mich und das Boot vorwärts— doch die welchen Vortheil hat's gebracht? Deine Güte, und die Mühe, die will⸗ ſich ein altes, von Leid und Armuth zerſtörtes Gebäu gegeben, Alles ſcheiterte an den Felſenherzen der Edlen.“ igier„Das kann man noch nicht wiſſen, Antonio. Die guten Hei⸗ trat ligen erhören wohl unſer Gebet, wenn wir es am wenigſten glauben. nme: Komm jetzt mit mir, denn man ſandte mich ab, Dich zu ſuchen.“ reines Der gute Fiſcher ſah ſeinen neuen Freund mit Erſtaunen an, allnen beſorgte, wie es ſeine Gewohnheit, das Boot, und erklärte dann wohlgemuth, er ſey bereit, zu folgen. Sie ſtanden ein wenig ent⸗ fernt von der Durchfahrt der Quais, und trotz des hellen Mond⸗ ſcheins konnten zwei Männer in ihrer Tracht nur wenig Aufmerk⸗ hier noch immer nicht ſamkeit erregen; doch dem Bravo ſchien es ſicher genug⸗ Er wartete bis Antonio das Boot verlaſſen hatte und warf ihm dann, ohne weitere Erlaubniß, einen Mantel um, den g. Eine Mütze, der ſeinigen ähnlich, auf je Metamorphoſe. nachdem er ſeinen rd Antonio in dieſem Aufzug ſuchen.“ 1— p Iſt all dies nöthig, Jacopo? Ich bin Dir Dank ſchuldig für Deinen wohlgemeinten und— wären nicht die harten Herzen der Neichen und Mächtigen— für Deinen wohlthätigen Dienſt. Doch muß ich Dir ſagen, eine Maske trug ich noch nie; denn warum ſollte Jemand, der mit der Sonne aufſteht, um ſein ſchweres Werk zu beginnen, und der ſich auf den Segen des heiligen Antonius verläßt, gleich einem Stutzer ausgehn, um den guten Namen einer Jungfrau zu ſtehlen, oder wie ein Räuber in der Nacht?— „Du kennſt ja unſere venetianiſche Sitte, und es möchte über⸗ dies nicht unnöthig ſeyn, bei unſerem Geſchäft etwas vorſichtig zu Werke zu gehen.“ „Du vergißt, daß Deine Abſichten mir noch verborgen ſind. Ich ſag es nochmals, und ſag es mit Aufrichtigkeit und Erkennt⸗ lichkeit, ich bin Dir vielen Dank ſchuldig, obgleich der Zweck ver⸗ fehlt iſt, und der Junge noch immer feſt ſitzt in der ſchwimmenden Schule der Gottloſigkeit— doch Jacopo, Du trägſt einen Namen, von dem ich wünſchte, er gehoͤrte Dir nicht. Es wird mir ſchwer, Alles zu glauben, was ſie heute am Lido von Einem ſagten, der für den Schwachen, dem man Unrecht gethan, ſo viel Theilnahme bewieſen.“ Der Bravo fuhr nicht weiter fort, ſeinen Gefährten zu ver⸗ kleiden, und das tiefe Stillſchweigen, welches dieſer Bemerkung folgte, 157 war ſo drückend für Antonio, daß es ihm eine Art Erlöſung ſchien, als mit tiefem Odemzug Jacopo ſich wieder zu faſſen ſchien. „Ich wollte willentlich nichts ſagen—“ „Es hat nichts zu bedeuten,“ unterbrach ihn Jacopo mit dumpfer Stimme.„Es hat nichts zu hedeutenz wir wollen ein andermal darüber ſprechen. Jetzt folge, und ſchweig.„ Antonio's ſelbſtbeſtellter Führer ſchlug den Pfad vom Waſſer weg ein, und deutete Letzterem an, ihm zu folgen. Der Fiſcher ge⸗ horchte; dem Armen, Herzbedrückten war es gleich, wohin er ge⸗ führt ward. Jacopo trat zuerſt in den Hof dor dem Palaſt des Doge; ſeine Schritte waren gemächlich, und der vorüberziehenden Menge ſchienen ſie, gleich tauſend Anderen, nur hier zu wande um ſich der friſchen Nachtluft, oder der Vergnügungen der Piazz zu erfreuen. Im dunklen und gebrochnen Licht des Hofes blieb Jacopo ſtehn, ſichtlich um die Perſonen zu betrachten, die dieſer enthielt. Vermuthlich ſah er keinen Grund zum Zögern, denn nach einem, ſeinem Begleiter gegebenen Zeichen, durchſchritt er den Platz und ſtieg die wohlbekannten Stufen hinauf, von denen Faliero's Haupt einſt hinabrollte, und die, von den oben ſtehenden Statuen, die Rieſentreppe genannt werden. Vorüber zogen ſie dem berühm⸗ ten Löwenrachen, und wollten raſch die offne Galerie entlanggehn, als ihnen ein Hellebardier der herzoglichen Garde entgegentrat. „Wer da?“ fragte der Miethling, ihnen ſeine lange, gefährliche Waffe vorhaltend. „Freunde des Staats und des heiligen Marcus.“ „Niemand paſſirt zu dieſer Zeit ohne die Parole.“ Jacopo deutete Antonio an, ſtill zu ſtehn, er ſelbſt näherte ſich dem Hellebardier und lispelte ihm einige Worte ins Ohr. Alſobald richtete er die Waffe auf, und ſchritt mit gewohnter Gleich⸗ gültigkeit die lange Galerie auf und ab. Die Beiden gingen weiter; Antonio, nicht wenig erſtaunt über alles was er geſehn, folgte eil⸗ fertig ſeinem Führer, ſein Herz ſchlug lebhaft in unbeſtimmter Hoff⸗ 158 nung. Der Welt Lauf war ihm nicht ſo unbekannt, als daß er nicht hätte wiſſen ſollen, daß die Mächtigen zuweilen im Geheim gewähren, was Politik ihnen öffentlich zu thun verbeut. Voller Er⸗ wartung, den Doge vielleicht ſelbſt zu ſehen, und ſein theures Kind zurück zu erhalten, ſchri Alte die lange, dunkle Galerie mit leichten Schritten ent fand ſich endlich, immer Jacopo fol⸗ gend, am Fuß eine inernen Treppe. Der Weg ward nun für unſern Fiſcher zu ih, denn ſein Gefährte verließ jetzt die öffentlichern Ausg des Palaſtes und führte ihn durch eine geheime Thür mehrere ſchi ch erleu chtete, oder auch ganz finſtere Korridors entlang. Trepp auf, Trepp ab ging es, von Zimmer zu Zimmer, bis Antonio ſchwindelte und er ganz die Richtung des Weges verlor. Endlich hielten ſie an, in einem dunklen, ſchlecht möblirten Zimmer, durch die ſchwache Erleuchtung nur noch dunkler gemacht. „Du biſt gut bewandert in der Wohnung unſeres Fürſten,“ ſagte der Fiſcher, als ſeines Gefährten Stillſtand ihm zu ſprechen erlaubte.„Dem älteſten Gondelführer ſind die Krümmungen der Kanäle nicht beſſer bekannt, als Dir dieſe Galerieen und Korridors.“ „Mein Geſchäft war, Dich hieher zu leiten, und was ich zu thun habe, trachte ich gut zu thun. Antonio, Du biſt ein Mann, der die Gegenwart der Großen nicht fürchtet, dieſer Tag hat es bewieſen. Nimm allen Deinen Muth zuſammen, denn ein ſchwerer Augenblick ſteht Dir bevor.“ „Kühn ſprach ich mit dem Dogen. Wen hätt' ich, außer dem heiligen Vater ſelbſt, noch zu fürchten auf dieſer Erde? „Wohl magſt Du zu kühn geſprochen haben, Alter. Mäßige Deine Worte, die Großen hören nicht gern die Sprache der Nicht⸗ achtung.“— „Gefällt ihnen die Wahrheit ſo wenig?“ „Dem ſey wie ihm wolle, ſie hören ſich gern rühmen, wenn ſie Lob verdienten; doch Tadel iſt ihnen zuwider, ſelbſt wenn ſie fühlen, daß er gerecht iſt.“ 159 „Ich fürchte,“ ſagte der Alte, den Andern unbefangen anſehend, „ich fürchte, es iſt nur wenig Unterſchied zwiſchen dem Mächtigen und Schwachen, wenn beide entkleidet ſind, und der bloße Menſch dem Menſchen gegenüber ſteht.“ „Die Wahrheit moͤchte hier kein willig Ohr finden.“ „Wie!l läugnen ſie, daß ſie Chriſten, Sterbliche, Sünder ſind?“ „Sie rühmen ſich des Erſtern, Antonio,— vergeſſen des Zweiten und hören ſich nicht gern die Dritten nennen, außer von ſich ſelbſt.“ „Ich fange doch an zu zweifeln, daß ich des Knaben Freiheit erlangen werde, Jacopo.“. „Sprich mild mit ihnen; ſag' nichts, was ihre Eigenliebe ver⸗ wunden, oder ihre Autorität bedrohen könnte— ſie verzeihen viel, beſonders wenn Letztere geachtet wird.“ „Doch eben dieſe Autorität nahm mir mein Kind! Kann ich zu Gunſten einer Macht ſprechen, die ich für ungerecht erkenne?“ „Wenigſtens mußt Du ſo thun, ſonſt ſchlägt Dein Geſuch fehl.“ „Laß mich nach meinen Lagunen zuruckkehren, lieber Jacopo, denn meine Zunge bewegt ſich nur nach dem Gebot meines Herzens. Ich fürchte, ich bin ſchon zu alt, um zu ſagen, daß ein Sohn dem Vater mit Recht entriſſen werden könne. Sag' Du ihnen, in mei⸗ nem Namen, daß ich hieher kam, um ihnen meine Achtung zu be⸗ weiſen, daß ich aber, weil ich ſah, wie fruchtlos ferneres Bitten ſeyn würde, zu meinen Netzen und Gebeten heimgekehrt ſey.“ Nach dieſen Worten ſchüttelte er die Hand ſeines bewegungs⸗ loſen Gefährten und ſchickte ſich zum Fortgehn an. Ehe noch ſein Fuß die Marmorhalle verlaſſen, zielten ſchon zwei Hellebarden nach ſeiner Bruſt; er ſah jetzt zum erſtenmal, daß bewaffnete Maͤnner den Eingang beſetzt, und er ſo eigentlich ein Gefangner ſey. Die Natur hatte dem Fiſcher einen richtigen und ſchnellen Blick gegeben, und lange Gewohnheit ſeine Nerven geſtählt. Als er ſeine wahre Lage bemerkte, wandte er ſich, ſtatt aller nutzloſen Vorſtellungen und ohne Schrecken zu verrathen, mit ruhigem, ergebenen Blick zu Jacopo. „Gewiß wollen die Durchlauchtigen Herren mir Gerechtigkeit widerfahren laſſen,“ ſagte er, den Ueberreſt ſeiner grauen Haare ſtreichelnd, wie gewöhnlich Leute ſeines Standes thun, wenn ſie vor Vornehmern erſcheinen ſollen;„und es würde einem niedrigen Fiſcher ſchlecht anſtehen, ihnen die Gelegenheit dazu zu rauben. Beſſer wär' es freilich, man wendete hier in Venedig weniger Gewalt an, wenn es auf die einfache Entſcheidung von Recht und Unrecht ankommt. Doch, die Großen mögen gar gern ihre Macht zeigen, und der Schwächere muß nachgeben.“ „Wir werden ja ſehn,“ antwortete Jacopo, der bei dem ver⸗ unglückten Verſuch des Andern, fortzukommen, keine Theilnahme geäußert. Ein langes Stillſchweigen erfolgte. Die Hellebardiere verharrten in ihrer ſteifen Haltung, im Schatten der Wände, gleich zwei unbeweglichen Statuen im Gewande und der Bewaffnung des Zeitalters, während Jacopo und ſein Gefährte, faſt eben ſo ſtarr und unbeweglich, die Mitte des Zimmers einnahmen. 4 Es wird hier nicht überflüſſig ſeyn, dem Leſer einige beſondere Staatseinrichtungen des Landes, von dem wir ſchreiben, und die mit der Scene, die jetzt folgt, in Verbindung ſtehn, zu erläutern: denn der Name Republik— ein Name, der, wenn er überall etwas bedeutet, recht eigentlich das allgemeine Intereſſe an die Spitze ſtellt, und doch ſo oft zum Vorrecht und Monopol privilegirter Klaſſen geworden,— mag ihn wohl zu dem Glauben verleitet haben, hier, — wenigſtens in Hinſicht der Grundzüge der Regierungsform— einige Aehnlichleit mit den gerechten, und daher populären Inſtitu⸗ tionen ſeines eigenen Landes* zu finden. In den Zeitaltern, als die Herrſcher noch profan genug waren, zu behaupten, und die Beherrſchten ſchwach genug, es zuzugeben, daß das Recht eines Mannes, Seinesgleichen zu beherrſchen, ein „ Der Verfaſſer ſpricht natürlich zu nordamerikaniſchen Leſern. —-—9=—6* 161 unmittelbares Geſchenk Gottes ſey, hielt man eine, wenn auch nur angebliche, Abweichung von dieſem kühnen und egoiſtiſchen Grund⸗ ſatz, hinreichend, einer Nation den Charakter von Freiheit und Ge⸗ meinſinn zu geben. Dieſer Glaube iſt auch nicht ganz unrichtig, da er,— theoretiſch wenigſtens,— den Grund der Regierung auf eine Baſis ſtellt, die weſentlich von der unterſchieden iſt, welche alle Macht als das Eigenthum eines Einzelnen betrachtet, und dieſen Einzelnen für den Repräſentanten des unfehlbaren und allmächtigen Beherrſchers der Welt hält. Mit dem erſten dieſer Grundſätze haben wir nichts zu ſchaffen; denn, es gibt Behauptungen, die ſo durchaus falſch ſind, daß, um ſie zu widerlegen, man ſie nur klar darzulegen braucht; dagegen zwingen uns die Irrthümer, zu denen der zweite derſelben in Venedig Anlaß gab, einen Augenblick in unſerer Er⸗ zählung anzuhalten. Wahrſcheinlich glaubten die Patricier von St. Marcus, als ſie eine Gemeinſchaftlichkeit der politiſchen Rechte unter ſich bildeten, ihr Stand habe nun Alles gethan, was nöthig war, um ſeinen hohen und ehrenvollen Titel zu verdienen. Sie waren von einem allgemein angenommenen Grundſatz ab⸗ gewichen, und können keinesweges Anſpruch machen, die Erſten und Letzten zu ſeyn, die da glaubten, mit den rohen Anfangsſchritten zur politiſchen Verbeſſerung ſchon die höchſte Stufe der Vollkommen⸗ heit erreicht zu haben. Venedig kannte kein göttliches Recht, und da deſſen Fürſt wenig beſſer als eine Puppe war, ſo machte es kühn auf den Namen einer Republik Anſpruch. Es glaubte, daß die Re⸗ präſentation der Vornehmſten und Glänzendſten aus der Geſellſchaft, das Hauptaugenmerk der Regierung ſeyn müſſe, und treu dem ver⸗ führeriſchen, allein gefährlichen Irrthum, hielt es bis zuletzt, collec⸗ tive Macht für allgemeines Glück.. In allen ſtaatlichen Verhältniſſen kann man als herrſchenden Grundſatz annehmen, daß die Starken ſo lange ſtärker, und die Schwachen ſchwächer werden, bis die Erſtern zum Regieren, und Der Bravo. 11 die Letztern zum Gehorchen unfähig werden. Dieſe wichtige Wahr⸗ heit enthätt das Geheimniß des Umſturzes aller derjenigen Staaten, die unter dem Gewicht ihrer eignen Mißbräuche zermalmt wurden. Grundlage der Geſellſchaft ſo Sie zeigt die Nothwendigkeit, die zu erweitern, daß ihre Baſis ausgebreitet genug iſt, das Intereſſe eines Jeden zu repräſentiren; ohne dies iſt die Maſchine der Ge⸗ ſellſchaft in Gefahr, durch ihre eigne Bewegung unterbrochen und zuletzt durch ihre eignen Exceſſe zerſtört zu werden. Venedig, wenn gleich eifrig den Namen einer Republik feſt⸗ haltend, war in der That nur eine ausſchließliche, eine gemeine, aͤußerſt herzloſe Oligarchie. Zu erſterem Beinamen gab ihr bloß die Verläugnung des oben ſchon erwähnten Grundſatzes ein Necht, während ſie durch ihre Handlungen den Vorwurf der beiden letztern verdiente; durch ihr unmännliches und engherziges Ausſchließungs⸗ prinzip, wie durch die Maaßregeln ihrer innern und äußern Politik. Einer Ariſtocratie wird immer das hohe perſönliche Gefühl fehlen, welches oft den Despotismus eines einzelnen Oberhauptes, oder den großmüthigen und menſchlichen Impuls einer Volksregierung mäßigt. Sie hat das Verdienſt, Dinge an die Stelle von Men⸗ ſchen zu ſetzen, das iſt wahr, doch unglücklicher Weiſe, Dinge we⸗ niger Menſchen, für's große Ganze. Immer nimmt ſie Theil, und immer hat ſie Theil genommen— wenn gleich durch Umſtände und Meinungen verſchiedener Zeitalter, nothwendig in andrer Form, an dem Egoismus aller Corporationen, in welchen die Verant⸗ wortlichkeit des Einzelnen, während er ſich in ſeinen Handlungen durch die Intereſſen eines größern Ganzen offenbar beſchränkt füh⸗ len muß, ſich in der großen Menge verliert. In dem Zeitalter, von dem wir ſchreiben, beſaß Italien mehrere dieſer ſogenannten Freiſtaaten; doch in keinem einzigen darunter war dem Volke ein billiger Antheil an der Gewalt geſtattet, und doch hat man bald aus dem einen, bald aus dem andern den Beweis zu führen geſucht, daß die Voͤlker ſich nicht ſelbſt zu regieren vermögen! Aus dem * 8 58 163 Sturze der transatlantiſchen* Freiſtaaten des Mittelalters möchte man ſo gern ableiten, daß unſerm eignen ein ähnliches Schickſal bevorſtehe; allein ſolche Argumente zu entkräften, reicht hin, daß wir die Art und Weiſe auseinanderſetzen, wie man in der wichtig⸗ ſten jener Republiken zur Gewalt gelangte, und wie man, im Beſitz derſelben, ſie übte. Der Unterſchied des Ranges, ganz getrennt vom Willen der Nation, bildete die Baſis des venetianiſchen Staates. Autorität war hier, wenn gleich vertheilt, nicht minder ein Geburtsrecht, als in denjenigen Ländern, wo ſie als eine Gabe der Vorſehung angeſehn ward. Die Patrizier hatten hohe, ausſchließliche Rechte, die mit Anmaßung und Eiferſucht bewacht und aufrecht erhalten wurden. Wer nicht zum Herrſchen geboren war, hatte wenig Hoffnung, je⸗ mals zum Beſitze ſeiner natürlichen Rechte zu gelangen, während der zufällig dazu Geborne die ſchrecklichſte, despotiſchſte Macht aus⸗ übte. Ein beſtimmtes Alter brachte Alle vom Senatoren⸗Rang** in den Nationalrath. Die Namen der Hauptfamilien wurden in das ſogenannte„goldne Buch“ eingetragen, und der beneidenswerthe Nachkömmling dieſer regiſtrirten Vorfahren konnte, mit wenigen Ausnahmen(wie bei Don Camillo z. B. die Montforte), im Senat auftreten und auf die Ehre der„gehörnten Mütze“ Anſpruch machen. — Weder die Grenzen, noch der Zweck dieſes Werkes erlauben uns eine genügſame Ausbreitung über diefen Gegenſtand. Genug, das grundfalſche Regierungsweſen ward den Unterthanen nur durch die Beiträge der eroberten und zinspflichtigen Provinzen erträglich, denn dieſe, wie bei jeder Central⸗Regierung, fühlten den Druck am meiſten. Aber der Leſer wird bald gewahr werden, daß eben dieſelbe Urſache, die den Despotismus der ſogenannten Republik „ Der Verfaſſer ſpricht hier wieder als Amerikaner und zunächſt zu Ame⸗ rikanern; daher das„transatlantiſch“ hier ſo viel als europäiſch. ⸗»* Denn ſo umging man— um beſſer täuſchen zu können— den Stamm des Adels. * 164 den Bürgern Venedigs erträglich machte, nur eine zweite Urſache ihres Falles ward, weil ihr Gedeihen von äußern und ungewiſſen Umſtänden abhing. Als der Senat zu zahlreich geworden, um die verwickelten Geſchäfte des Staats mit gehöriger Verſchwiegenheit und Eile zu leiten, wurden die wichtigern Gegenſtände einem Rathe von drei⸗ hundert Mitgliedern anvertraut. Um der Oeffentlichkeit und Ver⸗ zoͤgerung noch mehr vorzubeugen, machte man einen noch kleineren Ausſchuß, den ſogenannten Rath der Zehnmänner, dem man einen großen Theil der executiven Gewalt, welche in den Händen des Titular⸗Oberhauptes zu gefährlich werden konnte, anvertraute. Dies hatte wenigſtens, wie fehlerhaft auch das Ganze war, den guten Erfolg, daß es den Gang der Geſchäfte einfacher und offenbarer machte. Die Agenten der Regierung waren bekannt, und obgleich alle Verantwortlichkeit gegen die Nation durch den höhern Einfluß und die engherzige Politik der Patricier verloven ging, ſo konnten doch die Herrſcher dem öffentlichen Tadel nicht ganz entgehn, wenn ſie ſich ein ungerechtes und unrechtmäßiges Verfahren erlaubten. Doch hatte ein Staat, deſſen Gedeihen hauptſächlich von Abgaben und Zuſchüſſen der Untergebnen abhing, und deſſen Exiſtenz eben ſo ſehr durch ſeine eignen falſchen Grundſätze, als durch die an⸗ wachſende Größe benachbarter Staaten bedroht ward, in Abweſen⸗ heit einer executiven Gewalt in den Händen der Bürger Venedigs, einer wirkſamern Macht nöthig. Eine politiſche Inquiſition, die mit der Zeit das furchtbarſte polizeiliche Werkzeug wurde, war die Folge dieſer Nothwendigkeit. Eine Gewalt ohne Schranken und Verantwortlichkeit ward periodiſch einem noch kleinern Ausſchuſſe, der ſeine despotiſchen und geheimen Functionen unter dem Namen der Dreimänner ausübte, übertragen. Das Loos entſchied die Wahl dieſer drei Herrſcher, und zwar ſo, daß ſie nur ihnen ſelbſt und wenigen der vertrauteren Staatsdiener bekannt ward. So exiſtirte zu allen Zeiten im Herzen 165 von Venedig eine geheime und allgewaltige Macht, von Männern ausgeübt, die als ſolche der menſchlichen Geſellſchaft ganz unbekannt waren, und den gewöhnlichen gemüthlichen Umgebungen des Lebens ſich hinzugeben ſchienen; die aber in der That von ſo tyranniſchen, egoiſtiſchen politiſchen Maximen geleitet wurde, wie ſie nur jemals der böſe Genius der Menſchheit erfunden hat. Kurz, es war eine Macht, die ohne Mißbrauch nur der unfehlbaren Tugend und der unendlichen Weisheit,— verſteht ſich, nach Maaßgabe menſchlicher Kräfte,— anvertraut werden durfte; und dennoch ward ſie hier Männern anvertraut, deren Anſprüche ſich nur auf Geburt und den verſchiedenen Farben der Kugeln gründete, und denen nicht einmal die Schranke der Publicität geſetzt war.— Der Rath der Drei⸗ männer verſammelte ſich im Geheim, erließ gewöhnlich ſeine Deerete ohne Berathung mit den andern Gerichten, und bekräftigte ſie durch die Furchtbarkeit der Myſterioſität und plötzlichen Ausführung, die den ſchnellen Schlägen des Schickſals glich. Selbſt der Doge ver⸗ mochte nichts gegen ihre Autorität, noch war er geſchützt vor ihren Beſchlüſſen; man weiß ſogar, daß einer der privilegirten Drei von ſeinen Gefährten denuncirt wurde. Es exiſtirt noch ein langes Verzeichniß der Staatsmaximen, die dieſes geheime Tribunal zur Richtſchnur ſeiner Handlungen nahm, und es iſt nicht zu viel geſagt, daß ſie alles Andere, außer Erreichung des vorgeſetzten Zweckes, aus den Augen ſetzten— alle anerkannten göttlichen Geſetze, und jeden unter den Menſchen geachteten Grundſatz der Gerechtigkeit. Die Fortſchritte des menſchlichen Geiſtes, unterſtützt durch Oeffent⸗ lichkeit, würden in unſerm Zeitalter die Ausübung einer ähnlichen Gewalt ohne Verantwortlichkeit zwar mäßigen; doch iſt dieſe Ein⸗ richtung einer ſeelenloſen Corporation, anſtatt eines vertretenden Wahlkörpers, in keinem Lande gemacht worden, ohne daß daraus ein Regierungsſyſtem hervorgegangen wäre, das die natürlichen Geſetze der Gerechtigkeit und die Rechte des Bürgers hintangeſetzt hätte. Das Gegentheil wird wohl oft vorgeſchützt, indem man 166 in an die Stelle der Wirklichkeit ſetzt, allein dies fügt nur noch Heuchelei zur Anmaßung. Mißbräuche ſind unvermeidlich, w nämlich Sche enn die Gewalt in den Händen m verantwortlichen, Richters ruht, von ird dieſe Gewalt im um ſo drückender⸗ 3 eines unabſetzbaren, Keine dem keine weitere Appellation ſtatt findet. W Geheim ausgeübt, ſo werden die Mißbräuche Bemerkenswerth iſt auch, daß in den Staaten, wo dieſe verderb⸗ lichen und gefährlichen Grundſätze herrſchen oder geherrſcht haben, die höchſten, übertriebenſten Anſprüche auf Gerechtigkeit und Groß⸗ muth gemacht werden; denn, während der furchtloſe Demoerat ſeine perſönlichen Klagen laut ausſpricht, und die Stimme des anerkannt despotiſch Beherrſchten gänzlich unterdrückt wird, ſchreibt Nothwen⸗ digkeit dem Oligarchiſten die Rettung des Scheins als ein Beding⸗ niß ſeiner eignen Sicherheit vor. So rühmte ſich Venedig der Gerechtigkeit des heiligen Marcus, und wenige Staaten wußten ſich mehr, oder machten höhere Anſprüche auf den Beſitz dieſer heiligen Eigenſchaft, als dieſer, deſſen wahrhafte Regierungsmarimen in einen myſteriöſen Schleier gehüllt waren, weil ſie ſelbſt bei der läſ⸗ ſigen Moralität jenes Jahrhunderts nicht öffentlich aufzutreten wagten. Den als Motto dieſes Werkes gebrauchten Wahlſpruch vernahm man oft im Munde der Venetianer, die mit dem Glauben an die Gerechtigkeit ihrer Regenten geſchmeichelt wurden, während ſie in der That die Knechte eines Geſetzes waren, das kein Mittel zu Erreichung ſeines Zweckes ſcheute. —2 ꝙ* 167 Zwölftes Kapitel. Wer auch im Zufall nur, Sey's wo es wolle, nannte dieſe Macht, Der dämpfte ſeine Stimme und erhob Geſenkten Auges himmelwärts die Hand. Rogers. Daß Antonio jetzt im Vorzimmer des eben beſchriebenen ge⸗ heimen und ſtrengen Tribunals ſtand, wird der Leſer wohl ſchon geahnt haben. Wie alle Leute ſeines Standes hatte der Fiſcher eine dunkle, unſichere Idee von dem Daſeyn und den Attributen des Gerichtshofes, vor dem er jetzt erſcheinen ſollte. Doch ſein einfacher Verſtand war weit entfernt, den ganzen Umfang, oder die Beſchaffenheit der Geſchäfte deſſelben, die eben ſowohl die wich⸗ tigern Angelegenheiten der Republik, als die geringern der Patricier⸗ Familien in ſich ſchloſſen, zu erkennen und zu begreifen. Während ſeine Seele ſich mit dem möglichen Erfolg der erwarteten Zuſammen⸗ kunft beſchäftigte, öffnete ſich eine innere Thür und ein Diener gab Jacopo ein Zeichen zum Näͤhertreten. Das tiefe, feierliche Schweigen, welches nach ihrem Eintritt in den Rath der Drei⸗ männer erfolgte, gab ihnen Zeit genug, das Zimmer und die darin Befindlichen näher zu betrachten. Erſteres war nicht groß für das Land und Klima, wohl aber der geheimen Rathsverſammlung, die es enthielt, angemeſſen. Der Fußboden beſtand aus ſchwarz und weiß gewürfelten Marmorſtücken; die Wände waren mit ſchwarzem Tuch beſchlagen; eine einzige Lampe von dunkler Bronze hing über einem in der Mitte ſtehenden Tiſch, der, wie alle übrigen geringen Möbel, mit Schwarz behangen war. In jedem Winkel des Ge⸗ machs ſah man vorſpringende Kammern, die vielleicht waren, was ſie ſchienen, vielleicht auch als Eingänge zu den andern Zimmern des Palaſtes dienten. Alle Thüren wurden durch Vorhänge dem Blicke entzogen, wodurch das Ganze einen einförmigen und ſchauder⸗ erregenden Charakter der Düſterkeit erhielt. An der einen Seite des Zimmers, Antonio gegenüber, ſaßen drei Männer auf kuruli⸗ ſchen Stühlen, doch konnte man ſie, da ihre Geſichtszuge und Ge⸗ ſtalten durch Masken und weite Anzüge verhüllt waren, nicht er⸗ Einer dieſer Machthaber trug eine carmoiſinfarbne Robe, als Repräſentant des Gerichtshofes des Dogen. Die beiden An⸗ dern in Schwarz waren diejenigen, die aus dem Rathe der Zehn⸗ männer, ſelbſt nur ein temporärer, gelegentlich berufener Gerichts⸗ hof, die glücklichen oder vielmehr unglücklichen Kugeln gezogen. Zwei oder drei Subalternen, nahe dem Tiſche, ſo wie die noch niedrigern Beamten des Orts waren durch ähnliche Verkleidungen, wie die der Oberhäupter, unkenntlich gemacht. Jacopo ſchien dies 4 Schauſpiel, wenn gleich mit Achtung und Scheu, doch wie Jemand, der deſſen ſchon gewohnt, zu betrachten; der ſichtliche Eindruck aber, den es auf Antonio machte, war nicht zu verkennen. Wahr⸗ 4 e, die nach ſeinem Eintritt erfolgte, ſcheinlich ſollte die lange Pauſ dieſen Erfolg hervorbringen, denn von allen Seiten bewachten ihn ſcharfe Blicke. „Man nenni Dich Antonio von den Lagunen?“— fragte einer der Secretäre nahe dem Tiſche, nachdem er von dem carmoiſin⸗ farbnen Mitglied ein geheimes Zeichen zum Befragen erhalten. „Ein armer Fiſcher, Excellenz, der dem heiligen Antoniv vom wunderbaren Zuge viel verdankt.“ „Und Du haſt einen Sohn, der Deinen Namen trägt und Dein Gewerbe treibt?“ „Es iſt Chriſtenpflicht, ſich dem Willen Gottes zu unterwerfen. Mein Sohn iſt ſeit zwoͤlf Jahren todt, ſeit dem Tage, als die Galeeren der Republik die Ungläubigen von Corfu nach Candia zagten. Er ward mit vielen Andern von ſeinem Beruf in jenem blutigen Gefecht getödtet, edle Signori.“ Eine Bewegung des Erſtaunens zeigte ſich unter den Schrei⸗ 1 bern, ſie flüſterten einander zu und ſchienen die in ihren Händen kennen. 3 169 befindlichen Papiere mit Eile und Verlegenheit zu unterſuchen. Blicke wurden den unbeweglichen, in das undurchdringliche Geheim⸗ niß ihrer Function gehüllten Richtern zugeſandt. Ein geheimes 8 Zeichen indeß veranlaßte die bewaffneten Diener bald, Antonio und ſeinen Gefährten aus dem Zimmer zu führen. „Hier mangelt etwas am Bericht!“ ſagte eine ſtrenge Stimme aus der Zahl der Dreimänner, ſobald die Fußtritte der Abgeführ⸗ ten verhallten.„Es iſt nicht ſchicklich, daß die Inquiſition von St. Marcus hiebei eine Unwiſſenheit offenbare.“ „Es betrifft ja bloß die Familie eines niedrigen Fiſchers, durch⸗ lauchtiger Signor,“ erwiederte der zitternde Diener;„vielleicht ſucht er uns beim Eingange des Verhörs durch Liſt zu betrügen.“ „Du irrſt,“ unterbrach ein Andrer der Dreimänner;„der Mann heißt Antonio Vecchio, und, wie er geſagt, ſein einzig Kind fiel in der heißen Schlacht mit den Ottomanen. Der, von dem jetzt die Rede iſt, iſt ſein Enkel, und noch ein Knabe.“ „Der edle Signor hat Recht!“ erwiederte der Schreiber.„In der Eil haben wir ein Factum mißverſtanden, welches die Weisheit des Raths ſchnell berichtigt. St. Marcus iſt glücklich, unter ſeinen ſtolzeſten und älteſten Namen Senatoren zu haben, die ſich ſo genau des Intereſſes ſeiner geringſten Kinder annehmen.“ „Führt den Mann wieder herein,“ nahm der Richter das Wort, ſich für das Compliment leicht verneigend.„Dergleichen Vorfälle ſind unvermeidlich im Drange der Geſchäfte.“ Die nöthigen Befehle wurden gegeben und Antonio, mit ſeinem Gefährten ſtets zur Seite, trat zum zweiten Male ein. „Dein Sohn ſtarb im Dienſte der Republik, Antonio?“ fragte der Sekretär. „So iſt's, Signor. Die heilige Maria mag ſich ſeiner erbar⸗ men und mein Gebet erhören! So ein gutes Kind und ein ſo tapfrer Mann wird wohl vieler Seelenmeſſen nicht bedürfen, ſonſt ————ÿe 170 müßte ſein Tod doypelt betrübt für mich ſeyn, da ich zu arm bin, ſie zu bezahlen.“ „Du haſt einen Enkel?“ „Ich hatte einen, edler Senator; „Arbeitet er nicht mit Dir auf den Lagunen?“ es wäre ſo! er iſt aufgegriffen, „Wollte der heilige Theodor, rtem Alter, für die Galeeren, von Signor, mit vielen Andern von za denen ihn unſre liebe Frau erlöſen mag! Wenn Ew. Excellenz Ge⸗ legenheit hätten, mit dem General der Galeeren, oder irgend ſonſt Jemand, der in dieſen Sachen einige Autorität hat, zu ſprechen, ſo flehe ich hier auf meinen Knieen, ſprechen Sie zu Gunſten meines Kindes, eines guten, frommen Buben, der ſelten ſeine Leine in's Waſſer wirft, ohne vorher ein Ave zu ſprechen, oder ein Gebet an den heiligen Antonio zu richten, und der mir nie bevor Unruh ge⸗ macht, bis er in die Klauen des heiligen Marcus gefallen.“ „Steh auf.— In dieſer Angelegenheit habe ich Dich nicht zu fragen. Du haſt heute von Deiner Bitte an unſern durchlauch⸗ tigen Doge geſprochen?“ „Ich habe Se. Hoheit gebeten, „Und das haſt Du öffentlich, un die hohe Würde und den heiligen Cha Republik gethan!“ „Ich that es al ich hoffe, er lebt noch.“ den Knaben frei zu geben.“ d mit wenig Ehrfurcht gegen rakter des Oberhaupts der Vater und Menſch. Wenn nur die Hälfte von dem wahr wär', was man von der Güte und Gerechtigkeit des Staates ſpricht, ſo hätten Se. Hoheit mich angehört als Vater und Menſch.“ Eine leiſe Bewegung unter den furchtbaren Dreimännern ver⸗ anlaßte eine kurze Pauſe von Seiten des Sekretärs; als er aber ſah, daß ſeine Obern ſchwiegen, fuhr er fort: „So thatſt Du einmal öffentlich und unter den Senatoren; als man Dich aber zurückwies mit Deiner am unrechten Ort ange⸗ brachten und unverſtändigen Bitte, ſuchteſt Du andere Mittel, Dein Anliegen vorzubringen?“ 171 „Es iſt wahr, erlauchter Signor.“ „Du erſchienſt unter den Gondolierern der Regatta in unziem⸗ licher Kleidung und ſtellteſt Dich in die vordern Reihen mit denen, die ſich um die Gunſt des Senats und des Fürſten bewarben.“ „Ich erſchien in derſelben Kleidung, die ich vor der heiligen Jungfrau und St. Antonio trage, und wenn ich im Wettlauf der Vorderſte war, ſo verdanke ich dies vielmehr der Güte und Gunſt meines Nachbars, als irgend einer übrigen Kraft in dieſen ver⸗ witterten Sehnen und ausgetrockneten Knochen. St. Marcus mag ſich ſeiner in der Noth annehmen für ſeine Gutthat, und mag die Herzen der Großen erweichen, damit ſie das Flehen eines kinder⸗ loſen Vaters erhören.“ Wieder erfolgte eine leiſe Bewegung der Ueberraſchung oder der Neugier unter den Inquiſitoren, und eine Pauſe beim Sekretär. „Du hörſt, Jacopo,“ ſagte einer der Dreimänner;„was haſt Du dem Fiſcher zu antworten?“ „Signor, er ſpricht die Wahrheit.“ „Und Du wagteſt zu ſcherzen mit der Feſtlichkeit der Stadt, und die Wünſche des Dogen gering zu achten?“ „Wenn es ein Verbrechen iſt, erlauchter Senator, mit einem alten Mann Mitleid zu haben, der um ſein Kind trauerte, und meinen eigenen einzelnen Triumph um ſeiner Vaterliebe willen auf⸗ zugeben, ſo bin ich ſchuldig.“ Eine lange ſchweigſame Pauſe erfolgte auf dieſe Antwort. Jacopo hatte mit ſeiner gewohnten Ehrfurcht, doch mit der ernſten Ruhe, die die Grundlage ſeines Charakters ausmachte, geſprochen. Die Bläſſe ſeiner Wangen blieb dieſelbe, und das glühende Auge, welches ſo ſonderbar ſein, gleichſam mit dem Schatten des Todes bedecktes Antlitz aufklärte und belebte, veränderte kaum den Blick während der Antwort. Auf ein gegebenes geheimes Zeichen fuhr der Sekretär fort: a dem Wohl⸗ inen Sieg in der Regatt egenwärtigen Mitkämpfers, Antonio?“ St. Antonio's, der Stadt „Du verdankſt alſo De wollen Deines hier g „Unter der Gunſt St. Theodor's und und meines Schutzheiligen.“ „Dein ganzes Begehren wa ſichts des jungen Schiffers zu wiederholen?“ „Ich hatte kein Anderes, Signor. Was iſt der Triumph unter den Gondolieren und das Spielzeug nachgeahmter Kette und Ruder für Jemanden meines Alters und Standes?“ „Du vergißt, daß Kette und Ruder von Gold ſind.“ „Excellenz, Gold kann die Wunden des verſchmachtenden Her⸗ zens nicht heilen. Gebt mir mein Kind zurück, damit nicht fremde Hände mein Auge zudrücken, und damit ich ſeinen jungen Ohren gute Lehren gebe, ſo lange noch Hoffnung iſt, daß meine Worte gehört werden, und alles Metall des Rialto ſoll mich nicht reizen! Damit ihr ſehet, daß ich nicht eitle Worte mache, biete ich mit ſchuldiger Ehrfurcht vor ihrer Weisheit und Größe, den Edlen dieſe Koſtbarkeit an.“ Bei dieſen Worten näherte ſich der Fiſcher mit den furchtſamen Schritten eines Mannes, der nicht gewohnt iſt, ſich in Gegenwart Vornehmerer zu bewegen, und legte auf die dunkle Decke des Tiſches einen Ring, der, wenigſtens wie es ſchien, von edlen Steinen fun⸗ kelte. Der erſtaunte Sekretär nahm den Ring und hielt ihn erwar⸗ tungsvoll den Richtern vor. „Was iſt dies?“ rief der, de öftern Theil am Verhör genommen,„ unſerer Verlöbniß!“ „Nicht anders, ſich der Doge mit dem adriati Geſandten und des Volks.“ „Hatteſt Du damit au der Richter ſtreng. r alſo, die abgewieſene Bitte, Hin⸗ r unter den Dreimännern am das ſcheint ja das Pfand erlauchter Senator: mit dieſem Ringe vermälte ſchen Meere, in Gegenwart der ch etwas zu ſchaffen, Jacopo?“ fragte 173 Der Bravo ſah den Juwel mit Theilnahme an, doch behielt ſeine Stimme, als er antwortete, die gewöhnliche Tiefe und Feſtigkeit: „Signor, nein— erſt jetzt erfahre ich vom Glück des Fiſchers.“ Auf ein Zeichen hob der Secretär von neuem an: „Du mußt ſagen, und zwar aufrichtig ſagen, wie dieſer geheiligte Ring in Deine Hände gekommen; half Dir jemand zu ſeinem Beſitz?“ „Ja, Signor.“ „Nenn ihn uns, damit wir Maaßregeln treffen, uns ſeiner zu verſichern.“ „Das wäre nutzlos, Signor; ihn erreicht Venedigs Macht nicht.“ „Was meinſt Du, Mann? Kein Menſch, der in ihren Grenzen lebt, ſteht höher als das Recht und die Macht der Republik. Ant⸗ worte ohne Umſchweife, ſo lieb Dir Dein Leben.“ „Da würde ich gar hoch ſchätzen, was wenig Werth hat, Signor, und mich einer großen Thorheit und einer großen Sünde ſchuldig machen, wenn ich Euch betrügen wollte bloß um einen alten und werthloſen Leichnam, wie der meinige, vor Schlägen zu retten. Wenn Ew. Excellenzen mich hören wollen, ſo bin ich bereit und willig zu erzählen, wie ich zu dieſem Ring gekommen.“ „Sprich denn, und ſuche nicht, die Wahrheit zu umgehen.“ „Ich weiß nicht, Signori, ob ſie ſo gewöhnt ſind, Unwahr⸗ heiten zu hören, daß ſie mich ſo ſehr dagegen warnen; wir Leute von den Lagunen fürchten uns nicht auszuſprechen, was wir geſehn und gethan, denn unſer Hauptgeſchäft iſt mit Wind und Wellen, und dieſe erhalten ihre Befehle von Gott ſelbſt. Unter uns Fiſchern giebt es eine Sage, Signori, daß vor langer Zeit einer von uns den Ring, mit welchem ſich der Doge mit dem adriatiſchen Meere vermählt, aus dem Hafen hervorgeholt habe. Ein ſo koſtbarer Juwel war für Jemanden, deſſen Netze ihm täglich Brot und Oel verſchafften, von geringem Nutzen, er brachte ihn daher zum Do⸗ gen, wie's einem Fiſcher zukam, in deſſen Hände die Heiligen einen 174 Schatz geworfen, auf den er keine Anſprüche hatte, grade als woll⸗ ten ſie ſeine Ehrlichkeit auf die Probe ſtellen. Von dieſer Hand⸗ lung unſers Gefährten wird viel geſprochen auf den Lagunen und am Lido, und man ſagt, einer unſerer venetianiſchen Meiſter habe ein ſchönes Bild davon gemacht, welches in der Halle des Palaſtes hängt, und die ganze vorgefallene Geſchichte erzählt. Es ſtellt den Fürſten dar auf ſeinem Thron und den glücklichen Fiſcher mit ſeinen nackten Beinen, Sr. Hoheit wiederbringend,; was Sie ver⸗ loren. Ich hoffe, daß dieſe Erzählung wahr iſt, Signori, ſie ſchmeichelt unſerm Stolz ſehr und hält manchen von uns feſter an's Rechtthun und in größerer Gunſt bei dem heiligen Antonio, als außerdem geſchehn möchte.“ 3 „Die Sache verhält ſich ſo.“ „Und das Gemälde, Signor? ich hoffe unſere Eitelkeit hat uns darin nicht getäuſcht?“ „Das erwähnte Bild iſt im Palaſte zu ſehen.“ „Corpo di Bacco! ich hatte meine Zweifel in dieſer Hinſicht, denn es iſt nicht gewoͤhnlich, daß die Reichen und Glücklichen ſo viel Aufhebens machen von dem, was der Arme thut. Iſt das Werk vom großen Titian ſelbſt, Excellenz?“ „Nein, das nicht; ein geringerer Name ſteht auf dem Gemälde.“ „Man ſagt, daß Titian die Kunſt verſtand, ſeinen Werken das Anſehen und die Fülle des Fleiſches zu geben, und man ſollte mei⸗ nen, daß ein gerechter Mann in der Ehrlichkeit des Fiſchers Glan⸗ zes genug gefunden hätte, um ſelbſt Titian's Auge zu befriedigen. Aber vielleicht ſah der Senat Gefahr dabei, uns Lagunenbewoh⸗ nern alſo zu ſchmeicheln.“ „Fahre nun fort, Deine eigene Begebenheit mit dem Ringe zu erzählen.“ „Erlauchte Signori, oft traͤumte mir von dem Glück meines Kameraden aus der alten Zeit; und mehr als einmal zog ich im Traum mein Netz herauf, mit dem G nken, den Edelſtein viel⸗ 175 leicht in den Maſchen deſſelben, oder im Leibe irgend eines Fiſches zu finden. Was ich mir ſo oft eingebildet, geſchah endlich wirklich. Ich bin ein alter Mann, Signori, und es giebt nur wenig Teiche und Sandbanken zwiſchen Fuſina und Giorgio, die meine Angeln nicht ausgemeſſen und meine Netze nicht bedeckt hätten. Der Ort, nach dem der Bucentauro bei dieſen Ceremonien ſegelt, iſt mir gar wohl bekannt, und ich trug Sorge den Grund rund umher mit meinen Netzen zu bedecken, in der Hoffnung, den Ring mit herauf zu ziehn. Als Seine Hoheit den Juwel hinabwarf, belegte ich mit einer Boye die Stelle— Signori, das iſt Alles— mein Gehülfe war St. Antonio.“ „Hatteſt Du denn einen Beweggrund dies zu thun?“ „Heilige Mutter Gottes! War es nicht genug, meinen Kna⸗ ben aus den Griffen der Galeeren zurück zu erhalten?“ rief An⸗ tonio mit einer Energie und Einfalt zugleich, wie beide oft in einem und demſelben Charakter ſich vereinigen.„Ich dachte, wenn der Doge und der Senat geneigt waren, Gemälde malen zu laſſen und einem armen Fiſcher ſo viel Ehre anzuthun für einen Ring, ſie vielleicht auch gern einen Anderen durch die Freilaſſun eines Knaben, welcher der Republik ſo wenig Dienſte leiſten kann und ſeinem Va⸗ ter Alles iſt, belohnen würden.“ „Deine Bitte an Se. Hoheit, Dein Kampf in der Regatta und Dein Aufſuchen des Ringes, alles geſchah für denſelben Zweck?“ „Das Leben hat nur dieſen einen für mich, Signor.“ Eine leiſe, unterdrückte Bewegung unter dem Rathsperſonal. „Als Deine Bitte von Sr. Hoheit abgewieſen ward, als zur ungelegenen Zeit gethan—“ „Ach! Excellenz, wenn das Haupt ergraut iſt und der Arm unſicher wird, kann man die ſchicklichen Augenblicke für ſolche Dinge nicht abwarten,“ fiel der Fiſcher mit etwas von dem glühenden Un⸗ geſtüm ein, der den Hauptgrund des italieniſchen Charakters ausmacht⸗ „Als Dir Deine Bitte abgeſchlagen ward, und Du den Lohn 2 176 * en Siegers zurückgewieſen hatteſt, gingſt Du nicht unter Deine Kameraden und nährteſt ihre Ohren mit Klagen über die Ungerech⸗ iiggkeit des St. Mareus und die Tyrannei des Senats?“ „Nein, Signor. Ich ging traurigen, zerriſſenen Herzens fort, denn ich hatte nicht gedacht, daß der Doge und die Edlen einem ſiegreichen Gondolier einen lagen würden.“ „Und Du zögerteſt nicht, dies unter die Fiſcher und Müßig⸗ gänger des Lido zu verkünden?“ „Excellenz, das war nicht nöthig— meine Mitbrüder kannten mein Unglück, und es bedurfte meiner Zunge nicht, das Schlimmſte weiter zu verbreiten.“ „Ein Tumult entſtand, Du an der Spitze; geſprochen, und groß Rühmens gemacht von dem, der Lagunen gegen die der Republik thun könnte.“ „Es iſt wenig Unterſchied zwiſchen Beiden, Leute der Einen in Gondeln mit Netzen, und die Galeeren des Staates auslaufen. Wozu ſollte ein Brude Blut ſuchen?“ Jetzt ward die Bewegung unter den Rathsherren ſichtlicher als je. Sie flüſterten unter einander, und überreichten dem exami⸗ nirenden Sekretär ein Papier, worauf einige ſchnell geſchriebene Worte ſtanden. „Du ſprachſt zu Deinen Genoſſen ganz öffentlich über das Dir vermeintlich zugefügte Unrecht; Du machteſt Anmerkungen über die Geſetze, welche die Dienſte der Bürger begehren, wenn die Republik iſt, eine Flotte gegen den Feind zu ſenden.“ von Aufſtand ward was die Flotte außer, daß die Anderen in den r des andern —— genöthigt „Es iſt nichts Leichtes, Signor, zu ſchweigen, wenn das Herz voll iſt.“ unter Euch, in Gemeinſchaft nach „und Berathungen waren dem Palaſt zu kommen und vom Doge im Namen des Pöbels vom Lido, die Freilaſſung Deines Enkels zu begehren... „Signor, es waren Einige ſo großmüthig, dies Anerbieten zu 177 machen, doch Andere meinten, es ſey wohl zu überlegen, ehe man ſo kühne Maaßregeln ergriffe.“ „Und Du— was meinteſt Du in dieſer Hinſicht?/ „Excellenz, ich bin alt und wenn gleich nicht gewohnt, von ſo erlauchten Senatoren ausfragt zu werden, hatte ich doch ge⸗ nug von St. Marcus Regierung erfahren, um einzuſehen, daß einige Haufen unbewaffneter Fiſcher und Gondoliere nicht würden angehört werden mit der..“ „Wiel! waren denn die Gondoliere von Deiner Partei? ich ſollte meinen, ſie wären neidiſch und erzürnt geweſen über den Sieg eines Mannes, der nicht zu ihrer Zunft gehört?“ „Ein Gondolier iſt ein Menſch, und obgleich ſie das natür⸗ liche menſchliche Gefühl von Beſiegten hatten, ſo hatten ſie doch auch das natürliche menſchliche Gefühl für einen Vater, dem man ſeinen Sohn geraubt. Signori,“ fuhr Antonio mit großem Ernſt und ganz beſonderer Einfalt fort,„es wird groß Mißvergnügen entſtehen auf den Kanälen, wenn die Galeeren mit dem Knaben davon ſegeln.“ „Das iſt Deine Meinung;— waren viele Gondoliere am Lido?“ „Als die Spiele beendet waren, kamen ſie zu Hunderten, und ich muß den großmüthigen Burſchen Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ſie hatten ihren Mangel an Glück in der Liebe zur Gerechtigkeit vergeſſen. Diamine! Dieſe Gondoliere ſind nicht ſo ſchlecht als Einige vorgeben, ſie ſind Menſchen wie wir, und haben für einen Chriſten eben ſo gut Gefühl wie ein Anderer.“ Der Secretäͤr ſchwieg nun, denn ſein Geſchäft war beendet; eine tiefe Stille herrſchte im ganzen Zimmer. Nach einer kurzen Pauſe hob einer der Dreie an: „Antonio Vecchio, Du haſt auf denſelben Galeeren gedient, denen Du jetzt ſo entgegen biſt, und brav gedient, wie ich erfahren.“ „Ich that meine Pflicht gegen St. Marcus, Signor. Ich Der Bravo. 12 179 Mareus kennt keine größere Freude als die Wünſche ſeiner Kinder anzuhören.“ „Ich glaube, man hat der Republik Unrecht gethan, als man — ihre Oberhäupter herzlos und dem Ehrgeize verkauft, genannt,“ 1 ſagte der Alte mit hochherziger Wärme, ohne den ſtrengen miß⸗ billigenden Blick zu bemerken, der in Jacopo's Augs glühte.„Ein Senator iſt auch nur ein Menſch, und unter ihnen gibt's auch Väter und Kinder, wie unter uns auf den Lagunen.“ „Sprich, nur hüte Dich vor aufrühreriſchen und ungebührlichen Reden,“ ſagte einer der Secretäre halblaut.„Fahre fort!“. „Ich habe nur noch wenig zu ſagen, Signoriz; ich bin es nicht gewohnt, mich meiner dem Staate geleiſteten Dienſte zu rühmen, Excellenzen; doch kommen zuweilen Zeiten, wo menſchliche Beſchei⸗ denheit der menſchlichen Natur nachgeben muß. Dieſe Narben er⸗ — hielt ich an einem der ruhmvollſten Tage von St. Marcus, und t zwar auf den vorderſten Galeeren, die zwiſchen den griechiſchen 2 Inſeln fochten. Der Vater meines Knaben weinte damals über 4 mich, wie ich jetzt über ſeinen Sohn.— Ja— ich ſollt mich ſchä⸗ men, dies unter Männern zu geſtehn; doch, da einmal Wahrheit 5 geſprochen werden muß,— der Verluſt des Knaben hat bittere 3 Thränen aus meinen Augen gelockt, wenn in dunkler Nacht ich lag es auf den einſamen Lagunen. Ich lag viele Wochen, Signori, mehr 6 einem Leichnam, als einem Menſchen aͤhnlich, und als ich wieder heimkehrte zu meinen Netzen und meinem Tagewerk, da hielt ich 26 meinen Sohn nicht zurück, wie die Republik ſeiner begehrte. Er Du ging ſtatt meiner, mit den Ungläubigen zu kämpfen— einen Kampf, nt⸗ von dem er nie wiederkehrte. Es war dies eine Pflicht für Män⸗ g.“ ner, die ſchon Erfahrung hatten, und die ſich nicht mehr zum Bö⸗ doch ſen verführen ließen durch die ſchlechte Geſellſchaft auf den Galeeren. gen Doch dieſes Wegrufen der Kinder in die Schlingen des Satans 3 bekümmert einen Vater, und— ich geſtehe meine Schwachheit, wenn un es eine iſt— ich bin jetzt nicht mehr ſo muthig und ſtolz, mein 180 Fleiſch und Blut in die Gefahren und Verderbniſſe des Krieges und ſchlechter Geſellſchaft zu ſchicken, als damals, da die Kraft des Herzens der Kraft der Glieder gleichkam. Gebt mir denn zurück mmeinen Knaben, bis er mein altes Haupt in's Grab gelegt, und bis ich, mit Hülfe des heiligen Antonius und ſolcher Rathſchläge als ein armer Mann geben kann, ich ihm mehr Feſtigkeit zum Rechten beigebracht, und ſein Leben ſo geſtaltet habe, daß nicht jeder willkürliche, betrügeriſche Wind, der ſeine Barke trifft, ihn hin und her werfe. Signori, Sie ſind reich, mächtig und geehrt, und wenn Sie auch zuweilen in Verſuchung gerathen, ein Unrecht zu thun, das Ihren großen Namen und Vermögen angemeſſen, ſo kennen Sie doch wenig die Prüfungen, denen der Arme ausgeſetzt iſt. Was ſind ſelbſt alle Verſuchungen des heiligen Antonius gegen die der übeln Geſellſchaft auf den Galeeren! Und nun, Signori, wenn Sie auch zürnen ſollten, es zu hören, ſo muß ich es doch ſagen, daß, wenn ein alter Mann keinen Angehörigen mehr auf Erden hat, oder keinen, der ihm ſo nahe iſt, daß er die Wärme des dünnen Blutes des Armen fühlt, als einen einzigen armen Knaben, St. Marcus wohl thun würde, daran zu denken, daß ein armer Fiſcher von den Lagunen eben ſo gut Gefühl hat, wie der Doge auf ſeinem Thron. Ich ſage dies, erlauchte Senatoren, im Schmerz, nicht im Zorn; denn ich moͤchte mein Kind gern zurück ha⸗ ben und mit meinen Obern in Frieden ſterben, wie mit meines Gleichen.“ „Du kannſt jetzt gehn,“ ſagte einer der Dreie. „Noch nicht, Signor; ich habe noch mehr zu ſagen von den Männern der Lagunen, die mit lauter Stimme über das Weg⸗ ſchleppen der Knaben zum Dienſt der Galeeren ſprechen.“ „Wir wollen ihre Geſinnung hören.“ „Edle Herren, wenn ich hier alles ausſprechen ſollte, was ſie geſagt, Wort für Wort, ſo möchte das Ihren Ohren nicht ange⸗ nehm klingen! Der Menſch iſt Menſch, wenn gleich ſein Ave an die Jungfrau, und ſeine Gebete an die Heiligen, unter einer wollenen 181 Jacke und Fiſchermütze hervorkommen. Alllein ich kenne mei Pflicht gegen den Senat zu gut, um ſo dreiſt zu ſprechen. Signori, ſie ſagen, abgeſehn der Dreiſtigkeit ihrer Rede, daß St. Marcus Ohren haben ſollte, ebenſo gut für den Niedrigſten ſeines Volkes, als für den reichſten Edeln, und daß kein Haar eines Fiſchers von deſſen Haupt fallen ſollte, ohne eben ſo gut gezählt zu werden, wie die Locken unter der gehörnten Mütze, und daß, wo Gott kein Zeichen ſeines Mißfallens gegeben hat, die Menſchen es auch nicht zeigen ſollten.“— „So wagen ſie zu klügeln?“ „Ich weiß nicht, ob dies Klugheit iſt, erlauchte Signori, doch iſt es das was ſie ſprechen, und heilige, aufrichtige Wahrheit. Wir ſind arme Arbeitsleute von den Lagunen, die mit Tagesanbruch aufſtehen, um ihre Netze auszuwerfen, und Abends heimkehren zu ihrem harten Lager und noch ſchlechterer Koſt; aber damit wollten wir gern zufrieden ſeyn, wenn der Senat uns nur als Menſchen und Chriſten betrachten wollte. Daß Gott nicht einem Jeden daſ⸗ ſelbe Schickſal beſtimmte, weiß ich wohl, denn wie oft zieh ich mein Netz leer heraus, wenn meine Cameraden unter der Laſt ihres Fanges ſtöhnen; doch dies geſchieht meiner Sünden wegen, und um mein Herz zur Demuth zu neigen; dahingegen überſteigt es jedes Menſchen Macht, die Geheimniſſe der Seelen zu erſpähen, oder die Uebelthaten des noch unſchuldigen Kindes vorher zu ſagen. Der heilige Antonius mag wiſſen, wie viele Leidensjahre dieſer Aufent⸗ halt auf den Galeeren dem Kinde am Ende noch verurſachen wird. Ueberlegen Sie dies, Signori, ich bitte Sie, und ſenden Sie Leute von feſten Grundſätzen in den Krieg.“ „Du kannſt jetzt gehn,“ ſagte der Richter nochmals. „Es ſollte mir leid thun, wenn irgend Jemand, der von mei⸗ nem Blute ſtammt,“ fuhr der vom Eifer hingeriſſene Antonio fort, „Schuld ſeyn ſollte am boſen Willen zwiſchen Denen, die da herr⸗ ſchen und Denen, die zum Gehorchen geboren ſind. Allein die * und ich würde ihre Gefühle nicht ehren, wenn ich fortginge, ohne als Vater geſprochen zu haben. Sie haben mir mein Kind genommen, und es auf die Gefahr ſei⸗ nes Leibes und ſeiner Seele dem Dienſte des Staates gewidmet, ohne mir nur einen Abſchiedskuß, einen letzten Seegen zu erlauben; Sie haben mein Fleiſch und Blut behandelt, wie das Holz des Ar⸗ ſenals, und haben es auf die See geſandt, gleich dem fühlloſen Metall der Kugeln, die Sie gegen die Ungläubigen werfen; mei⸗ nen Bitten haben Sie Ihre Ohren verſchloſſen, als wären es Worte von Gottloſen geſprochen, und als ich Sie anrief auf mei⸗ nen Knien und meine ſteifen Glieder Ihnen huldigend ermüdete; als ich den, mir durch St. Antonius zugekommenen Ring zurück⸗ gab, damit er Ihre Herzen erweichen möchte, und ruhig mit Ihnen über Ihre Händlungen rechtete, wandten Sie ſich kalt von mir, als wär' ich unfähig zur Vertheidigung des Kindes, das Gott meinem Alter gelaſſen! Das iſt nicht die gerühmte Gerechtigkeit von St. Mar⸗ cus, Senatoren Venedigs; es iſt Herzenshärtigkeit und Verſchwendung der Mittel der Armen, die ſelbſt dem geldgierigſten Hebräer vom Rialto ſchlecht anſtehn würde.“ 3 „Haſt Du noch mehr vorzubringen, Antonio?“ fragte der Richter mit der hinterliſtigen Abſicht, des Fiſchers ganze Seele aufzudecken. „Iſt es nicht genug, Signor, daß ich meiner Jahre, meiner Armuth, meiner Narben und meiner Liebe für das Kind erwähnt? Ich kenne Sie nicht; doch wenn auch verborgen hinter Gewändern und Masken, immer müſſen Sie doch Menſchen ſeyn. Vielleicht befindet ſich unter Ihnen ein Vater, oder wohl auch Jemand, dem eine noch heiligere Pflicht obliegt, die Sorge für das Kind eines todten Sohnes; zu ihm will ich ſprechen. Vergebens redet Ihr von Gerechtigkeit, wenn die Laſt Eurer Macht auf den fällt, der ſie am wenigſten zu tragen vermag; und wenn Ihr Euch auch ſelber täuſcht, der geringſte Gondolier des Kanals weiß...“ Natur iſt ſtärker als das Geſetz, 183 Sein Gefährte legte ihm hier plötzlich die Hand auf den Mund, und hinderte ſo ſeine weitere Rede. „Warum unterſtehſt Du Dich, den Klagen Antonio's Einhalt zu thun?“ fragte ſtreng der Richter. „Es iſt nicht anſtändig, ſo unehrerbietige Reden in ſo edler Verſammlung anzuhöͤren,“ antwortete Jacopo, ſich ehrfurchtsvoll verneigend.„Dieſer alte Fiſcher, gefürchtete Signori, iſt erhitzt von Liebe für ſein Kind, er ſpricht jetzt, was in kühleren Augen⸗ blicken ihn gereuen wird.“— „St. Marcus fürchtet die Wahrheit nicht! Hat er mehr zu ſagen, ſo laß ihn ſprechen.“ Doch der aufgeregte Antonio begann ſich zu beſinnen. Die Hitze, die ſein Geſicht überflogen, verſchwand, und die nackte Bruſt hob ſich ruhiger. Er ſtand da, wie Jemand, den Beſcheidenheit und Anſtand mehr verdammten als ſein Gewiſſen, mit ruhigem Blick, mit der Gelaſſenheit, die ſeinen Jahren, und der Chrfurcht, die ſeinem Stande geziemte. „Hab' ich beleidigt, erhabne Patricier,“ ſagte er ſanfter,„ſo bitt' ich, vergeſſen Sie den Eifer eines unwiſſenden Alten, deſſen Gefühle den Anſtand überwältigt, und der weniger geſchickt iſt, die Wahrheit edlen Ohren angenehm zu machen, als ſie auszuſprechen.“ „Da magſt jetzt gehn.“ Die Bewaffneten näherten ſich und führten Antonio und ſeinen Gefährten auf erhaltenen Wink durch dieſelbe Thür ab, durch die ſie gekommen. Die andern Beamten des Tribunals folgten, und die geheimen Richter blieben allein im Urtheils⸗Zimmer. 184 Dreizehntes Kapitel. O, der Tage, die wir geſehn Shelton. Eine Pauſe der Ueberlegung und vielleicht der Ungewißheit, was hierbei zu thun, erfolgte. Sodann erhoben ſich die Drei zu gleicher Zeit und legten die Verkleidung ab. Nach abgelegten Masken zeigten ſich die ernſten Geſichter bejahrter Männer, die die Sorgen und Leidenſchaften der Welt mit tiefen, weder von ſpäterer Ruhe, noch Reſignation wieder auszugleichenden Furchen, durch⸗ zogen. Während des Entkleidens ſprach keiner von ihnen, denn das eben abgethane Geſchäft hatte neue und unangenehme Gefühle in Allen erregt. Sie näherten ſich jetzt dem Tiſche und ſuchten Erholung von dem lang erduldeten Zwange.. „Man hat Briefe vom König von Frankreich aufgefangen,“ ſagte Einer, nach dem ſie Zeit genug gehabt, ihre Gedanken zu ſam⸗ meln; ves ſcheint, ſie handeln von den neuen Abſichten des Kaiſers.“ „Sind ſie dem Geſandten wiedergegeben worden, oder ſollen die Originale dem Senat vorgelegt werden?“ fragte ein Anderer. „Darüber wollen wir uns zu gelegener Zeit berathen. Ich habe nun nichts weiter mitzutheilen, außer, daß der Befehl, den Bot⸗ ſchafter des heiligen Stuhls aufzufangen, ſeinen Zweck verfehlt hat.“ „Davon haben mich ſchon die Secretäre benachrichtiget. Wir muüſſen die Nachläſſigkeit unſerer Agenten unterſuchen; denn man hat guten Grund zu glauben, daß dieſer Fang uns manche nütz⸗ liche Kenntniß gebracht hätte.“ 3 „Da der Verſuch ſchon bekannt, und viel darüber geſprochen worden, ſo müſſen Befehle zur Feſtnehmung der Räuber ergehn, damit die Republik ihren guten Ruf nicht verliert bei ihren Freun⸗ den. Es ſind Namen auf unſeren Liſten, die ſich zur Beſtrafung eignen, wie es denn in dieſer Hinſicht bei uns nie an Proſeribirten fehlt, mit denen man Vorfälle dieſer Art verwiſchen kann.“ 4 185 „Die Sache iſt, wie ſie ſagen, von Bedeutung und muß mit gutem Bedacht dabei verfahren werden. Die Regierung, oder das Individuum, das ſeines Rufs nicht achtet, kann auf die Achtung von Seinesgleichen nicht lange Anſpruch machen.“ „Das Verfahren des Habsburgiſchen Hauſes raubt mir allen Schlaf!“ rief der Andere aus, die Papiere mißmuthig über Seite werfend, in die er eben einen flüchtigen Blick geworfen.„Heiliger Theodor! welche Geißel des Menſchengeſchlechts iſt die Begierde, ſeine Beſitzungen zu vermehren und ein ungerechtes Regiment über die Grenzen der Vernunft und Natur auszudehnen! Wir waren hier in Venedig Jahrhunderte lang im unbeſtrittenen Beſitz von Provinzen, die unſern Einrichtungen angemeſſen, unſern Bedürf⸗ niſſen gelegen und unſern Wünſchen genehm ſind. Und dieſe Provinzen, die die Tapferkeit unſerer Vorfahren erobert, die uns gleich alten Gewohnheiten ankleben, find dennoch jetzt der Gegenſtand des be⸗ gehrlichen Ehrgeizes unſerer Nachbarn geworden, und zwar aus dem eitlen Vorwande einer Politik, die, wie ich fürchte, durch unſere eigne wachſende Schwäche, an Stärke zunimmt. Mir ekelt vor meiner eignen Menſchenachtung, je mehr ich ihre Geſinnungen und Wünſche ergründe, und oft wär' ich lieber ein Hund, wenn ich ihre Neigungen kennen lerne. Zeichnet ſich der Oeſtreicher mit ſeiner Macht⸗Begier nicht vor allen andern Fürſten aus?“ „Wohl nicht mehr, edler Signor, als der Caſtilier. Sie über⸗ ſehen die unerſättliche Begierde des Königs von Spanien, ſeine Herrſchaft über Italien auszubreiten.“ „Habsburg oder Bourbon; Türke und Engländer; alle ſcheint derſelbe Durſt nach Gewalt zu beſeelen; jetzt, wo Venedig nichts mehr zu hoffen hat, als die Erhaltung ſeiner gegenwärtigen Vor⸗ theile, wird das geringſte unſeres Eigenthums zum Gegenſtand begehr⸗ lichen Neides für unſere Feinde. Dies ſind wirklich Leidenſchaften, die das Herrſchen verleiden und zum Bußſtrick und Kloſter führen können.“ „Immer höre ich mit Erbauung Ihre Bemerkungen! Es iſt gien zu nahe zu wahr, dieſe Begierde der Fremden unſern Privile die wir mit un⸗ treten— und wohl kann man ſagen, Privilegien, ſern Schätzen und unſerm Blute gewonnen— wird täglich ſicht⸗ licher. Wird dieſem Unweſen nicht geſteuert, ſo behält St. Marcus zuletzt nicht einmal einen Landungsplatz für eine Gondel auf dem Feſtlande.“ „Der Sprung des Löwen iſt ſehr abgekürzt, Excellenz, ſonſt wär' es nicht ſo! Es ſteht nicht länger in unſerer Macht, zu über⸗ reden oder zu gebieten, wie ehmals; und unſere Kanäle fangen an, ſich mit Schneckenkraut, anſtatt mit wohl beladenen Silberſchiffen und ſchnellſegelnden Feluken zu bedecken.“ „Der Portugieſe hat uns unerſetzlichen Schaden zugefügt, denn ohne ſeine afrikaniſchen Entdeckungen wär' uns der Handel mit indiſchen Produeten geblieben. Ich haſſe dies gemiſchte Geſchlecht, halb Gothe und halb Maure, von ganzem Herzen.“ „Ich wage weder ihres Urſprungs, noch ihrer Thaten zu ge⸗ denken, damit nicht Vorurtheile Gefühle in mir erwecken, die eines Menſchen und Chriſten unwürdig ſind.— Was giebt's, Signor Gradenigo; ſo in Gedanken?“ Das dritte Mitglied des geheimen Raths, das ſeit dem Ver⸗ ſchwinden des Angeklagten noch kein Wort geſprochen hatte, und niemand Anderes als des Leſers alter Bekannter dieſes Namens war, erhob ſich bei dieſer Anrede langſam aus ſeiner nachdenkenden Stellung. „Das Verhör dieſes Fiſchers hat Bilder aus meiner Kindheit in meinem Gedächtniß hervor gerufen,“ antwortete der Gefragte mit einer Natürlichkeit, welche ſelten in dieſem Zimmer Zutritt erhielt. „Ich hörte Dich ſagen, er ſey Dein Milchbruder,“ erwiederte der Andere, ſich bemühend, das Gähnen zu verbergen. „Dieſelbe Milch nährte, und dieſelben Spiele erfreu den erſten Lebensjahren.“ „Dieſe eingebildeten Verwandtſchaften beunruhigen uns oft ſehr. Ich freue mich, daß Euer Mißmuth keinen andern Grund hat, ten uns in 2 187 denn, wie ich hörte, ſo hat der junge Erbe Eures Hauſes einige Neigung zur Verſchwendung blicken laſſen, und ich fürchtete, daß Dinge Eure Ohren erreicht hätten, die einem Vater, der im Rath ſitzt, nicht angenehm zu hören wären.“ Die ſelbſtſüchtigen Züge Signor Gradenigo's verwandelten ſich augenblicklich. Er blickte neugierig und mißtrauiſch, doch verſtohlen, in die Augen ſeiner beiden Gefährten, begierig, ihre geheimen Ge⸗ danken zu ergründen, ehe er ſeine eignen ausſprach. „Giebt es irgend eine Klage gegen den Jüngling?“ fragte er zögernd.„Sie begreifen eines Vaters Intereſſe, und werden mir die Wahrheit nicht verhehlen.“ „Sie wiſſen, Signor, daß die Agenten der Polizei thätig ſind, und daß ſie nur wenig erfahren, was nicht die Ohren des Rathes erreicht. Doch, im ſchlimmſten Fall geht die Sache nicht auf Leben oder Tod. Es kann dem jungen Manne höchſtens einen Beſuch nach Dalmatien oder einen Sommeraufenthalt am Fuß der Alpen koſten.“ „Die Jugend iſt die Zeit der Unvernunft, wie Sie wiſſen, Signori,“ erwiederte der Vater, leichter athmend,„und da Nie⸗ mand alt wird, ohne vorher jung geweſen zu ſeyn, ſo habe ich wohl nicht nöthig, Ihre eigne Erinnerung an jugendliche Schwach⸗ heiten zu wecken. Ich will doch hoffen, daß mein Sohn unfähig iſt, etwas gegen die Republik zu unternehmen?“ „In dieſer Hinſicht wird er nicht beargwohnt.“ Ein leichter Schatten von Ironie flog bei dieſen Worten über das Antlitz des alten Senators.„Aber er ſoll ſich zu dreiſt um die Perſon und den Reichthum Eurer Mündel bewerben; und daß dies, da ſie unter beſonderer Aufſicht von St. Marcus ſteht, nicht ohne Bewilligung des Senats geſchehen kann, muß ja einem ſeiner älteſten und ehr⸗ würdigſten Mitglieder wohl bekannt ſeyn.“ „So iſt das Geſetz; und Niemand, der von mir abſtammt, ſoll ihm ſeine Achtung verſagen. Ich habe meine Anſprüche an 188 dieſe Verbindung mit Beſcheidenheit, aber offen ausgeſprochen, und erwarte mit achtungsvollem Vertrauen die Entſcheidung des Staates.“ Seine Collegen neigten ſich höflich, als der Wahrheit ſeiner Rede und der Aufrichtigkeit ſeines Benehmens beiſtimmend; indeß geſchah es auf eine Weiſe, die zeigte, daß an Hinterliſt gewöhnte Männer, wie ſie, nicht leicht zu täuſchen ſind. „Niemand zweifelt daran, würdiger Signor Gradenigo; Deine Treue gegen den Staat wird der Jugend immer als Muſter, und den Erfahrnen als ein Gegenſtand der Anerkennung aufgeſtellt. Haſt Du hinſichts der jungen Erbin etwas mitzutheilen? 4 „Mit Kummer muß ich ſagen, daß die Verbindlichkeit, die ſie gegen Don Camillo Monforte hat, auf ihr Gemüth einen tiefen Eindruck gemacht hat, und ich fürchte, daß der Senat in dieſer Hinſicht mit dem Eigenſinn eines Weibes zu kämpfen haben wird. Die Launen ihres Alters werden ihm mehr zu ſchaffen machen, als die Leitung wichtigerer Gegenſtände.“ „Iſt die Dame in ihrem gewöhnlichen Leben mit angemeſſener Geſellſchaft umgeben?“ „Der Senat kennt ihre Umgebungen. In ſo wichtigen Sachen werde ich ohne deſſen Autorität und Zuſtimmung nichts thun; doch iſt dabei mit großer Delikateſſe zu verfahren. Der Umſtand, daß ſo viele Güter meiner Mündel im Kirchenſtaat liegen, macht es nöthig, den ſchicklichen Zeitpunkt zur Verfügung über ihre Rechte abzuwarten, und den Beſtand davon in die Grenzen der Republik zu verſetzen, ehe wir etwas entſcheiden. Haben wir ihr Vermögen erſt ſicher, ſo mag ohne Verzug über ihr Schickſal entſchieden wer⸗ den, wie es für den Staat am vortheilhafteſten ſcheint.“ „Die Dame iſt von einem R perſönliche Vorzüge, die bei unſern uns ſeit kurzem ſo ſehr hemmen, von großem Einfluß ſeyn könnten. Es gab Zeiten, wo ein Souverän ſich um die Hand einer Tochter Venedig's bewarb, die nicht ſchöner war als dieſe.“ ange, beſitzt Reichthümer und bedenklichen Verhandlungen, de 189 „Dieſe großen, glänzenden Tage ſind nicht mehr, Signor. Sollte es für zweckmäßig erachtet werden, die natürlichen Anſprüche meines Sohnes unberückſichtigt zu laſſen, und meine Mündel zum Beſten der Republik zu vermählen, ſo kann durch dies Mittel doch höchſtens nur eine günſtige Einwilligung bei künftigen Verhandlun⸗ gen, oder eine neue Stütze für eine der vielen zerrütteten Intereſſen der Stadt erlangt werden. In dieſer Hinſicht könnte ſie freilich viel und wohl mehr nützen, als der Aelteſte und Weiſeſte aus unſerer Mitte. Damit ſie aber frei ſchalten könne, und ihrem Glücke nichts im Wege ſtehe, wird es nöthig ſeyn, den Anſprüchen Don Camillo's ein Ende zu machen. Köͤnnen wir dies beſſer bewerkſtelligen, als durch eine ſchleunige Ausgleichung, um ihn zur Rückkehr nach Calabrien zu vermögen?“ „Die Sache iſt von Wichtigkeit, und bedarf der Ueberlegung.“ „Er klagt ſo ſchon über unſer Zögern, und nicht ganz mit Unrecht. Seit fünf Jahren bereits ſind ſeine Anſprüche vorgebracht.“ „Signor Gradenigo, der Kräftige und Geſunde mag ſich thätig zeigen, der Alte und Schwache bewegt ſich mit Vorſicht. Wenn wir, in Venedig, bei ſo wichtigen Gegenſtänden übereilt handel⸗ ten, ohne ein unmittelbares Intereſſe dabei zu ſehen, ſo würden wir Scherz treiben mit dem Sommerlüftchen des Glücks, das nicht jeder Sirocco in die Kanäle treibt. Von dieſem Herrn von St. Agata müſſen Gegenbedingungen gemacht werden, ſonſt ſetzen wir unſern Vortheil gar zu ſehr aus den Augen.“ „Ich erwähnte der Sache vor Ew. Excellenzen, damit Dero Weisheit darüber entſcheide; mich dünkt, es waͤre ſchon etwas ge⸗ wonnen, wenn man einen ſo gefährlichen Gegenſtand aus den Augen und dem Gedächtniß eines liebekranken Mädchens entfernte.“ „Iſt die Jungfrau ſo verliebt?“ „Sie iſt aus Italien und unſere Sonne erzeugt eine feurige Phantaſie.“ „Schickt ſte zum Beichtſtuhl und zum Gebet! Der ehrwürdige 190 rd ihre Phantaſie discipliniren, bis ſie Prior von St. Mareus wi den Neapolitaner für einen Mohren und einen Ungläubigen hält. Gerechter St. Theodor, verzeihe mir's! aber Du entſinnſt Dich der Zeit, mein Freund, als die Büßungen der Kirche nicht ohne guten Erfolg für Dich bei ähnlichen Gelegenheiten waren.“ „Signor Gradenigo war zu ſeiner Zeit ein Verehrer der Schoͤn⸗ heit, wie Jeder weiß, der mit ihm gereiſt iſt. Viel ſprach man von Dir zu Verſailles und Wien— kannſt Du das läugnen gegen Einen, der, wenn er ſich keines andern Verdienſtes rühmt, wenig⸗ ſtens ein gutes Gedächtniß hat?“ „Ich proteſtire gegen dieſe falſchen Erinnerungen,“ erwiederte der Beſchuldigte, während ein leichtes Lächeln über ſein verwelttes Antlitz zog,„wir ſind alle jung geweſen, Signori, aber unter ich keinen, der einen beſſern Ruf genoſſen hätte, als der ſo eben geſprochen.“ „Sprich nicht davon— ſprich nicht davon— es waren die Schwachheiten der Jugen itten der Zeit. Ich entſinne mich, Dich in Madrid geſehn zu haben, Enriev, und am ſpaniſchen dig als Du.“ Hofe war keiner ſo fröhlich und liebenswür „Deine Freundſchaft verblendete Dich— ich war ein Knabe und lebensluſtig; weiter nichts, ich verſichere es Dir. Hörteſt Du von meiner Geſchichte mit dem Musquetaire in Paris?“ „Hört' ich vom allgemeinen Krieg?— hierüber noch in Zweifel zu ſeyn; einen ganzen man in allen Coterien von dieſer Begebenheit⸗ als beträfe es einen Sieg zwiſchen Staaten! Signor Gradenigo, es war eine Freude, ihn damals Landsmann zu nennen, denn ich verſichere Dir, einen heiterern, galanteren Mann gab es nicht auf Erden.“ „Du erzählſt mir, was ich ſelbſt geſehn habe. eben an, als man von n 2 Einen ſchönen Hof ichts anderm ſprach? und angenehme Reſidenz gab's zu unſrer Zeit in Frankreich, Signori.“ „Kein angenehmerer Aufenthalt zum freien Umgang— Kam ich nicht 191 Marcus ſteh mir bei mit ſeiner Fürbitte! Wie viele vergnügte Stunden verbrachte ich zwiſchen Marais und Chateau. Sahſt Du je die Gräfin Mignon in den Gärten?“ „St.— Du wirſt redſelig, caro; nun, es fehlte ihr nicht an Grazie und Freundlichkeit, das muß ich ſagen. Wie ſpielte man damals in den Verſammlungshäuſern!“ „Das hab' ich erfahren, zu meinem Schaden. Könnt Ihr glauben, daß ich einſt tauſend Zechinen am Spieltiſch der ſchönen Herzogin von**s verlor, und doch ſcheint es mir noch jetzt nur ein Augenblick, daß ich geſpielt hatte.“ „Ich entſinne mich jenes Abends.— Du ſaßeſt zwiſchen der Gemahlin des ſpaniſchen Geſandten und einer engliſchen Milady. Du ſpielteſt rouge-et-noir, von zwei Seiten, denn Deine Augen waren bei Deiner Nachbarin, anſtatt bei den Karten. Giulio, ich hätte den halben Verluſt zahlen mögen, bloß um Deines Vaters, des edlen Senators, nächſte Epiſtel zu leſen.“ „Nie hat er's erfahren— niemals— wir hatten unſre Freunde am Rialto, und die Rechnung ward einige Jahre darauf in Ord⸗ nung gebracht. Du warſt bei Ninon gut angeſchrieben, Enrico.“ „Der Gefährte ihrer müßigen Stunden, der ſich im Sonnen⸗ ſchein ihres Witzes wärmte.“ „Man ſagte mehr von ihrer Gunſt.“ „Plaudereien der Salons. Ich verſichere, Signori, eitler Zungen Geſchwätz, obgleich ich nicht ſagen will, daß irgend ein Anderer freien Zutritt gehabt hätte.“ „Warſt Du von der Geſellſchaft, Aleſſandro, die in einem An⸗ fall von Uebermuth von Land zu Land reiſte, bis im Laufe von zehn Wochen eben ſo viele Höfe beſucht waren?“ „War ich's nicht, der ſie dazu bewegte? Welch Gedächtniß bekommſt Du! Es ging um hundert Louisd'or, und ſte wurden mit Ablauf der letzten Stunde gewonnen. Eine Verzögerung unſeres Empfangs beim Kurfürſten von Baiern hätte uns beinah darum nir 193 unmöglich;'s iſt ein düſtrer Aufenthalt, der uns Italienern, im Allgemeinen, wenig zuſagt.“ Vergleiche es nur nicht mit Holland— ſeyd Ihr jemals in Holland geweſen, Freunde?— Wie geſiel Dir das Leben in Amſter⸗ dam und dem Haag? Ich hörte einſt, wie ein junger Römer einem ſeiner Freunde zuredete, doch einen Winter dort zu verleben; denn meinte der junge Witzbold, es iſt das ſchöne Ideal des Landes aller Weiberröcke.“ Die drei grauen Italiener, denen dieſer Scherz eine Menge luſtiger und leichtfertiger Auftritte in's Gedächtniß zurückrufen mochte, erhoben hier ein allgemeines und herzliches Gelächter. Der Ton ihrer ſchallenden Fröhlichkeit wiederhallte im dunklen, feierlichen Gemach, und erinnerte ſie plötzlich an ihre gegenwärtigen Pflichten. Jeder horchte einen Augenblick, wie in Erwartung irgend einer außergewöhnlichen Erſcheinung nach ſo außergewöhnlicher Unter⸗ brechung der an dieſem Orte gewohnten Stille; gleichwie ein Kind aufhorcht, deſſen nichtsnutze Neigungen auf dem Punkt ſtehen, ent⸗ deckt zu werden,— dann wiſchte das Oberhaupt des Raths unbe⸗ merkt die Thränen von ſeinen Augen, und nahm den gewohnten Ernſt an. „Signori,“ ſagte er, in einem Stoß Papiere kramend,„wir müſſen die Sache des Fiſchers vornehmen— doch wollen wir zuvor den Siegelring genauer unterſuchen, den man vergangene Nacht in dem Löwenrachen gelaſſen. Signor Gradenigo, Sie waren beauf⸗ tragt, ihn zu unterſuchen.“ „Meine Pflicht ward erfüllt, edle Signori, und mit einem Er⸗ folg, den ich nicht erwartete. Die Eilfertigkeit unſrer letzten Sitzung verhinderte das Durchleſen des Papiers, an dem er befeſtigt war, aber jetzt iſt zu ſehen, daß beide zuſammengehören. Hier iſt eine Anklage, die Don Camillo Monforte der Abſicht beſchuldigt, Donna Violetta, meine Mündel, aus dem Bereiche des Senats bringen zu wollen, um ſich ihrer Perſon und ihrer Reichthümer zu verſichern. Der Bravo. 13 194 Sie ſpricht von Beweiſen, die ſich im Beſitz des Anklägers, eines von dem Neapolitaner beauftragten Agenten, befänden. Wie ich vermuthe, ſendet er als Pfand ſeiner Glaubwürdigkeit, denn nichts Anderes wird dabei erwähnt, das eigne Handſiegel Don Camillo's, welches er nicht, wenn er nicht des edlen Herrn Vertrauen beſäße, erhalten konnte.“ „Iſt der Ring auch ganz beſtimmt der ſeinige?“ „Davon bin ich vollkommen überzeugt. Sie wiſſen, daß ich beſonders beauftragt bin, ſein perſönliches Begehren beim Senat zu leiten, und ſo haben mir denn häufige Unterredung en Gelegenheit gegeben, zu bemerken, daß er früher den Siegelring trug, der ihm jetzt fehlt. Mein Juwelier auf dem Rialto hat dieſen für den ver⸗ mißten Ring erkannt.“ „In ſo weit iſt die Sache klar; obgleich der. eigenthümliche Umſtand, daß der Siegelring des Angeklagten ſich bei der Anklage vorgefunden, etwas dunkel ſcheint, und die Klage unſicher und un⸗ gewiß macht. Haben Sie einen Schlüſſel zu der Schrift, oder Mittel, zu erfahren, woher ſie kommt?“ Ein kleiner, faſt unbemerkbarer rother Fleck auf der Wange Signor Gradenigo's, entging dem ſcharfen Mißtrauen ſeiner Ge⸗ fährten nicht, indeß verbarg er ſeine Verlegenheit und antwortete vernehmlich, daß er nichts dergleichen beſitze. „So müſſen wir denn die Entſcheidung bis auf weitere Be⸗ weiſe verſchieben. Die Gerechtigkeitspflege des heiligen Marcus iſt zu ſehr hervorgehoben, als daß man ihren Ruf durch einen über⸗ eilten Ausſpruch, bei einer Sache, die einen mächtigen italieniſchen 4 Sbieſ. nahe angeht, auf's Spiel ſetzen ſollte. Don Camillo Mon⸗ forte trägt einen ausgezeichneten Namen und zählt zu viele bedeu⸗ tende Perſonen unter ſeinen Verwandten, als daß man mit ihm wie mit einem Gondolier oder mit dem Boten eines fremden Staates umgehn könnte.“ „In Bezug auf ihn haben Sie unbezweifelt Recht, Signor; 195 werden wir aber durch zu große Delicateſſe unſere Erbin nicht in Gefahr bringen?“ „Es gibt ja viele Klöſter in Venedig, Signor.“ „Ein klöſterlich Leben eignet ſich wenig für meine Mündel,“ bemerkte Signor Gradenigo trocken,„und ich fürchte das Experi⸗ ment; Gold iſt der Schlüſſel zur feſteſten Zelle; übrigens können wir ein Kind des Staates auch nicht mit einigem Schein von An⸗ ſtand unter Gewahrſam bringen.“ „Signor Gradenigo, wir haben über dieſen Gegenſtand ſchon lange und ernſte Berathungen gepflogen, und da dies unſere Geſetze geſtatten, wenn einer aus unſerer Zahl ein augenſcheinliches Inte⸗ reſſe bei der Sache hat, ſo haben wir uns mit Sr. Hoheit berathen, die auch mit unſerer Meinung einverſtanden ſind. Ihr perſönliches Intereſſe hinſichts der Dame könnte Ihr in der Regel vortreffliches Urtheil verdunkelt haben; ſonſt, glauben Sie ſicherlich, hätten wir Sie zu unſerer Conferenz gezogen.“ Der alte Senator, der ſich ſo unerwartet von der Berathung einer Sache ausgeſchloſſen ſah, die vor allen andern ihm ſeine tem⸗ poräre Autorität werth machte, ſtand beſchämt und ſchweigend— ſeine Collegen indeß, den Wunſch, mehr zu erfahren, in ſeinem Ge⸗ ſicht leſend, fuhren fort, ihm mitzutheilen, was er nach ihrer Abſicht hören ſollte. „Es iſt beſchloſſen worden, die Dame nach einem anſtändigen, einſamen Ort zu bringen, und für die Mittel zu dieſem Zwecke hat man bereits Sorge getragen. So wirſt Du auf eine Zeit lang einer unangenehmen Verpflichtung los, die nur zu ſehr Deinen Geiſt ein⸗ genommen, und Deine ſo ſchätzbare Brauchbarkeit für die Republik bei andern Dingen verringert haben muß.“ 1 Dieſe unerwartete Mittheilung geſchah mit ausgezeichneter Höf⸗ lichkeit; aber auch mit einem Nachdruck und einem Ton, der Signor Gradenigo hinlänglich mit der Natur des gegen ihn gefaßten Arg⸗ wohns bekannt machte. Zu lange war er bekannt mit den Schlangen⸗ 196 pfaden der Politik dieſes Raths, in dem er abwechſelnd ſo oft ſelbſt geſeſſen, um nicht zu begreifen, daß er Gefahr liefe, ſich ernſtere Beſchuldigungen zuzuziehn, wenn er zoͤgere, deſſen Gerechtigkeit an⸗ zuerkennen. Daher lehrte er ſeinen Zügen ein eben ſo verrätheri⸗ ſches Lächeln, wie das ſeines liſtigen Gefährten, und antwortete mit ſcheinbarer Dankbarkeit: „Se. Hoheit und Sie, meine vortrefflichen Collegen, haben vielmehr Ihre wohlwollenden Wünſche und Ihr gutes Herz, als die Pflicht eines armen Unterthans von St. Marcus, in ſeinem Be⸗ rufe zu arbeiten, ſo lange er Kraft und Verſtand dazu beſitzt, zu Rathe gezogen. Die Behandlung eines eigenſinnigen Weiberherzens iſt kein leichtes Geſchäft, und, indem ich für die gütige Berückſich⸗ tigung meiner Bequemlichkeit danke, werden Sie zugleich erlauben, meine Bereitwilligkeit auszudrücken, die Verpflichtung wieder zu übernehmen, wenn es dem Staate gefallen ſollte, ſelbige mir wieder zu übergeben.“ „Davon kann Niemand mehr überzeugt ſeyn als wir, und Nie⸗ mand Ihre Fähigkeit, ſich der Verpflichtung treu zu entledigen, beſſer beurtheilen. Doch, Signor, Sie beherzigen all' unſere Be⸗ weggründe, und werden darin mit uns übereinſtimmen, daß es ſo⸗ wohl der Republik, als einem ihrer ruhmwürdigſten Bürger nicht angemeſſen iſt, eine Mündel der Erſteren in einer Stellung zu laſſen, die Letzteren unverdientem Tadel ausſetzt. Glauben Sie mir, wir haben bei dieſer Sache weniger an Venedig, als an die Ehre und das Intereſſe des Hauſes Gradenigo gedacht; denn, ſollte dieſer Neapolitaner unſere Abſichten vereiteln, ſo würde man Ihnen den groößeren Theil der Schuld davon aufbürden.“ „Tauſend Dank, vortrefflicher Signor,“ erwiederte der abge⸗ ſetzte Vormund.„Sie haben mir eine ſchwere Laſt vom Herzen genommen, und mir etwas von der Friſche und Federkraft der Ju⸗ gend wiedergegeben. Die Anſprüche Don Camillo's ſind nun nicht — o— —, * 197 länger drängend, da es Ihr Wille iſt, die Dame auf einige Zeit aus der Stadt zu entfernen.“ „Beſſer wär's, ihn noch in Ungewißheit zu laſſen, wenn auch nur um ihn zu beſchäftigen. Setzen Sie Ihre Verbindung mit ihm fort, und berauben Sie ihn nicht aller Hoffnung, ſie iſt ein Bele⸗ bungsmittel für ein durch Erfahrung noch nicht ertödtetes Gemüth. Wir wollen es einem der Unſern nicht verhehlen, daß wir bald am Schluß einer Unterhandlung ſind, die den Staat der Sorge für die Dame überheben und zum Vortheil der Republik gereichen wird. Ihre Güter, die außer unſern Grenzen liegen, erleichtern die Sache ſehr, deren Kenntniß Ihnen nur vorenthalten worden, weil wir Sie ſeit Kurzem zu ſehr mit Geſchäften überhäuft haben.“ Wieder verneigte ſich Signor Gradenigo unterthänig und mit ſcheinbarer Freude. Er ſah, daß man trotz ſeiner geübten Hinterliſt und ſcheinbaren Offenheit, ſeine geheimen Abſichten recht gut erkannt habe, und unterwarf ſich nun mit der verzweiflungsvollen Reſigna⸗ tion, die bei Menſchen, welche lange unter despotiſcher Regierung gelebt haben, zur Gewohnheit wird, wo nicht gar zur Tugend. Nach Beendigung dieſes delicaten Geſchäfts, das die höchſtmögliche Feinheit venetianiſcher Politik erforderte, da es mit dem Intereſſe eines Mannes verflochten war, der jetzt eben zu demſelben Gerichte gehörte, wandten die Drei ihre Aufmerkſamkeit, mit allem Anſcheine— von Gleichgültigkeit gegen perſönliches Gefühl, den Männern auf den krummen Pfaden der Staatspolitik ſich aneignen, auf andere Dinge. „Da unſere Meinungen in Hinſicht der Donna Violetta ſo glücklich übereinſtimmen,“ bemerkte der älteſte Senator, ein ſeltnes Probeſtück von Gewohnheits⸗ und weltlicher Moralität,„ſo laſſen Sie uns die Liſte unſerer täglichen Pflichten durchmuſtern— was bringt uns heute Abend der Löwenrachen?“ „Einige der gewöhnlichen und unbedeutenden Anklagen, die perſönlicher Haß erzeugt,“ erwiederte ein Anderer.„Da beſchul⸗ digt Jemand ſeinen Nachbar der Hintanſetzung religiöſer Pflichten 198 und der Nichtbeobachtung der Faſttage der heiligen Kirche,— thörichte Verläumdungen, gut für die Ohren eines Prieſters.“ „Giebt's ſonſt nichts?“ „Eine andere Klage beſchuldigt einen Ehemann der Vernach⸗ läſſigung. Es iſt Weibergekrizzel, und trägt deutlich den Stempel weiblicher Rachſucht an der Stirn. „Die bald zu erwecken, und eben ſo bald zu beſänftigen iſt. Mag das Gerede der Nachbarn Ruhe bringen in den Hausſtand.— Was folgt zunächſt?“ „Ein Kläger bei dem Gerichtshofe klagt über die Saumſeligkeit der Richter.“ „Das taſtet den Ruf von St. Marcus an und muß unterſucht werden.“ „Halt!“ unterbrach Signor Gradenigo.„Das Tribunal han⸗ delt mit gutem Bedacht— es betrifft einen Hebräer, der um wich⸗ tige Geheimniſſe weiß. Die Sache verdient Ueberlegung, ich ver⸗ ſichre Euch.“ „Vernichtet die Klage.— Gibt's noch mehr?“ „Nichts Bedeutendes. Die gewöhnliche Anzahl Witzeleien und ſcherzhafter Knittelverſe, die nichts bezwecken. Sammeln wir auch manch gutes Korn unter dieſen geheimen Anklagen, ſo kommt doch bei weitem mehr Unſinn ein. Mit der Ruthe wollt ich einen zehn⸗ jährigen Knaben auspeitſchen, der unſer ſanftes Italieniſch nicht in beſſere Verſe zu bringen verſtände!“ „Das iſt der Uebermuth der Sicherheit. Mag's immerhin durchgehn; denn alles, was zum Zeitvertreib dient, unterdrückt un⸗ ruhige Geſinnungen. Wollen wir nun zu Sr. Hoheit, Signori?“ „Sie vergeſſen den Fiſcher,“ bemerkte ernſthaft Signor Gra⸗ denigo.“ „Da haben Ew. Gnaden Recht. Was das für ein Geſchäfts⸗ kopf iſt! Nichts Nützliches entgeht ſeinem ſtets regen Geiſt.“ — Der alte Senator, wenn gleich zu erfahren, um ſich durch dieſe 3 8 — 199 Sprache beſtechen zu laſſen, ſah die Nothwendigkeit ein, geſchmeichelt zu ſcheinen. Wieder verneigte er ſich, und proteſtirte laut und wiederholentlich gegen Komplimente, die er ſo wenig verdiene. Als dies kleine Zwiſchenſpiel vorüber war, beſchäftigten ſie ſich ange⸗ legentlich mit der vorliegenden Sache. Da die Entſcheidung des Gerichts der Dreimänner im Laufe dieſer Geſchichte bekannt werden wird, ſo wollen wir nicht weiter fortfahren, ihre, bei dieſen Berathungen gehaltnen Geſpräche einzeln zu berichten. Die Sitzung währte lange, ſo lange, daß, als ſie ſich nach Beendigung ihres Geſchäftes erhoben, die ſchwere Glocke des Platzes die Stunde der Mitternacht ſchlug. „Der Doge wird ungeduldig ſeyn,“ ſagte einer der namenloſen Mitglieder vor dem Weggehn, während des Umhängens der Mäntel. „Mir ſchien Se. Hoheit heute mehr ermüdet und ſchwach, als Sie ſonſt bei ähnlichen Stadtfeſtlichkeiten geweſen.“ „Se. Hoheit hören auf jung zu ſeyn, Signori. Wenn mir recht iſt, ſo iſt er uns allen an Jahren weit überlegen. Unſere liebe Frau von Loretto verleihe ihm Kraft, die Herzogs⸗Mütze noch lange, und Weisheit, ſie gut zu tragen.“ „Er ſandte kürzlich Opfergaben nach ihrem Heiligthum.“ „So iſt's, Signor. Sein Beichtvater begleitete das Opfer perſönlich, das weiß ich ganz gewiß. Es iſt keine ernſtliche Gabe, ſondern eher ein Erinnerungsmittel, ſich im Geruch der Heiligkeit zu erhalten. Ich zweifle, daß ſeine Regierung noch lange dauern werde.“ „In Wahrheit, es zeigen ſich Spuren von Hinfälligkeit in ſei⸗ nem Syſtem. Es iſt ein ehrenwerther Fürſt, und wir verlieren einen Vater an ihm, wenn wir ſeinen Verluſt beweinen werden.“ „Sehr wahr, Signor; die gehoͤrnte Mütze iſt kein undurch⸗ dringliches Schild für die Pfeile des Todes. Alter und Hinfällig⸗ keit ſind ſtärker, als unſere Wünſche.“ „Du biſt heut Abend verdrießlich, Signor Gradenigo. Sonſt pflegſt Du unter Freunden nicht ſo ſtill zu ſeyn.“ 200 „Nichts deſto weniger bin ich dankbar für Eure Güte. Scheint mein Antlitz beſchwert, ſo hab' ich ein erleichtert Herz. Wer ſeine Tochter ſo glücklich verheirathet weiß wie Du, kann beurtheilen, von welcher Laſt ich mich befreit fühle, durch die Anordnung über meine Mündel. Die Freude äußert ſich oft wie der Schmerz, ja oft ſogar durch Thränen.“ Die beiden Gefährten blickten den Redenden mit ſcheinbarer Theilnahme an. Dann verließen ſie das Zimmer des Gerichts. Die Diener kamen herein, verlöſchten die Lichter und ließen Alles in einer Dunkelheit, die kein ſchlechtes Bild der düſtern Myſterien des Ortes war. — Vierzehntes Kapitel. „Mir ſchien's, Als hallten Töne durch die ſtille Nacht, Als dräng' ihr Hoffnungshauch durch feſt Gemäu'r.⸗ 7 Italien. Trotz der ſpäten nächtlichen Stunde ließen ſich noch häufig die Töne der Muſik auf dem Waſſer hoͤren. Noch immer glitten Gon⸗ deln durch die dunkeln Kanäle, während Lachen und Geſang unter den Bogen der Paläſte erſchallten. Die Piazza und Piazetta glänzten noch vom Scheine der Lichter und hallten wieder von der Froͤhlich⸗ keit der unermüdlichen Volksmenge. Donna Violetta's Wohnung lag fern von dem Schauplatz allgemeiner Frohlichkeit und dennoch erreichten die von fernher tö⸗ nenden Klänge der Trompeten, gedämpft und zitternd, die Ohren der Bewohner. Die Stellung des Mondes verſchattete den engen Kanal, der unter den Fenſtern ihrer Wohnzimmer vorüber floß. Auf einem, das Waſſer überhängenden Balcon, ſtand das junge, feurige Mädchen, — 2———— 201 und hörte mit bezauberten Ohren und thränenumfloßnen Augen, auf eine der ſanften Melodien, in welcher venetianiſche Stimmen ſich gegenſeitig von entgegengeſetzten Punkten der Kanäle in Gon⸗ dolier⸗Geſängen antworteten. Ihre beſtändige Gefährtin und Er⸗ zieherin war ihr zur Seite, der geiſtliche Vater Beider ſtand weiter im Hintergrunde des Zimmers. „Wohl mag es anmuthigere Städte, lebhaftere Reſidenzen geben, auf dem feſten Lande,“ ſagte die entzückte, ſich aus ihrer lauſchenden Stellung aufrichtende Violetta, nachdem die Stimmen ſchwiegen; „allein welche Stadt mag ſich vergleichen mit Venedig, in ſolcher Nacht und ſolcher zauberiſchen Stunde?“ „Die Borſehung iſt weniger partheiiſch geweſen in Austhei⸗ lung ihrer irdiſchen Güter, als es dem gewöhnlichen Auge ſcheint,“ erwiederte der aufmerkſame Karmeliter.—„Wenn wir unſere eigen⸗ thümlichen Genüſſe und Augenblicke himmliſcher Andacht beſitzen, ſo haben andere Städte wieder ihre beſondern Vorzüge. Genua und Piſa, Florenz, Ancona, Rom, Palermo und hauptſächlich Neapel—“ „Neapel, Vater!“ „Ja, Tochter, Neapel. Unter allen Städten des ſonnigen Italiens iſt dies die ſchönſte und von der Natur am reichſten begabte. Von allen Regionen, die ich während meines Wander⸗ und Büßer⸗ lebens beſucht, iſt dies das Land, wo des Schöpfers Hand ſich am göttlichſten gezeigt!“ „Du lebſt heute in der Phantaſten⸗Welt, guter Vater Anſelmo. Wahrlich! das Land muß ſchöͤn ſeyn, das eines Karmelitermoͤnchs Einbildungskraft ſo erwärmen kann.“ „Der Vorwurf iſt gerecht. Ich⸗ſprach mehr unter dem Ein⸗ fluß von Erinnerungen vergangener Tage des Müßiggangs und des Leichtſinns, als mit dem demüthigen Sinn, der die Hand des Schoͤp⸗ fers auch im einfachſten und geringſten ſeiner wunderbaren Werke erkennen ſollte.“ „Sie machen ſich ohne Urſach Vorwürfe, heiliger Vater,“ be⸗ 202 merkte die ſanfte Florinde, ihre Blicke auf das bleiche Antlitz des Mönches richtend; die Schönheiten der Natur bewundern, heißt Den anbeten, der ſie erſchuf.“ In dieſem Augenblick erhoben ſich melodiſche Toͤne vom Waſſer zu dem Balkon hinauf. Donna Violetta zog ſich beſchämt zurück, und als ſie überraſcht den Athem anhielt und das Entzücken fühlte, welches öffentliche Bewundrung in einem jungen Weiberherzen er⸗ regt, erröthete ſie bis an die Stirn. „Ein Muſikchor zieht vorüber,“ bemerkte ruhig Donna Florinde. „Nein, es iſt ein Kavalier! die Gondelführer ſind Diener, in ſeiner Farbe gekleidet.“ Dies iſt eben ſo kühn, wie es galant ſeyn mag,“ erwiederte der Moͤnch, der Muſik mit ſichtlichem Mißvergnügen zuhörend. Es ließ ſich nicht länger bezweifeln, es war eine Serenade. Obgleich in Venedig eine häufige Sitte, ſo war es doch das erſte Mal, daß eine ſolche Huldigung unter den Fenſtern der Donna Vio⸗ letta erfolgte. Die geſuchte Zurückgezogenheit, in der ſie lebte, ihre bekannte Beſtimmung, die Eiferſucht des Staats, und vielleicht auch die tiefe Achtung, die ein ſo junges Mädchen ihres hohen Standes einflößt, hatte wohl bis jetzt den Verlangenden, den Eiteln und den Eigennützigen zurückgehalten. „Es gilt mir,“ flüſterte die zitternde, die verwirrte, die entzückte Violetta. „Einer von uns;“ antwortete ihre vorſichtige Freundin. „Gelte es, welcher es wolle, es iſt ſehr dreiſtz⸗ fügte der Moöͤnch hinzu. Donna Violetta derBar ſich hinter die Draberfe ihres Fen⸗ ſters, doch erhob ſie entzückt ihre Hand⸗ als die reichen Töne durch das weite Zimmer hallten. „Welcher Geſchmack in dieſer Mufit 4 lispelte ſie halbleiſe aus Furcht, ihrem Ohr einen Ton zu entziehn.„Es iſt die Melodie von einer von Petrarka's Sonetten! Wie unbeſonnen, und doch wie edel!“ 8 203 F „Mehr edel als weiſe;“ ſagte Donna Florinde, indem ſie auf den Balcon trat und mit ſcharfen Blicken das Waſſer unten durch⸗ muſterte.„Da ſind Muſtikanten in der Farbe eines Adligen in einer Gondel,“ fuhr ſie fort,„und ein einzelner Kavalier in einer andern.“ „Hat er keinen Diener bei ſich? rudert er ſelbſt?“ „In Wahrheit, den Anſtand überſah er nicht; Einer, in be⸗ blümter Jacke, führt das Boot.“ „Sprich denn, theuerſte Florinde, ich bitte Dich.“ „Würde ſich das ſchicken?“ „Ich denke ja. Sprich nicht hart zu ihnen. Sage, daß ich dem Senate angehöre.— Daß es nicht anſtändig ſey, um eine Tochter des Staates ſo zu werben— ſag' was Du willſt— nur ſprich nicht hart zu ihnen.“ „Ha! es iſt Don Camillo Monforte! Ich erkenne ihn an ſeiner edlen Geſtalt und den höflichen Wink ſeiner Hand.“ „Dieſe Tollkühnheit richtet ihn zu Grunde! Seine Anſprüche werden zurückgewieſen— er verbannt. Iſt nicht bald die Zeit, daß die Polizei⸗Gondel vorbeikommt? Rathe ihm zum Fortgehn, gute Florinde— und dennoch— können wir gegen einen Signor ſeines Ranges ſo unhöflich ſeyn?“ „Vater, rathen Sie uns; Sie wiſſen, was er wagt, der Nea⸗ politanek, mit ſeiner unbeſonnenen Galanterie— hilf uns mit Dei⸗ ner Weisheit; nicht ein Augenblick iſt zu verlieren.“ Der Karmeliter hatte aufmerkſam und nachſichtig die Bewegung beobachtet, die eine ſo neue Empfindung in dem warmen, unerfahr⸗ nen Herzen der ſchönen Venetianerin erregte. Bedauern, Kummer und Mitgefühl malten ſich in ſeinem blaſſen Antlitz, als er bemerkte, wie das Gefühl ſich eines ſo ſchuldloſen und warmen Herzens be⸗ meiſterte; doch war ſein Blick eher der eines Mannes, der die Gefahr der Leidenſchaften kannte, als der ſie, ohne ihren Urſprung und ihre Macht zu berückſichtigen, verdammte. Als die Gouvernante die Bitte han hatte, verließ er ſchweigend das Zimmer. Donna . 204 Florinde trat vom Balcon und näherte ſich ihrem Zögling. Keine Erklärung, keine hörbare noch ſichtbare Mittheilung erfolgte. Vio⸗ letta warf ſich in die Arme ihrer erfahrneren Freundin und verbarg ihr Geſicht in deren Buſen. Jetzt hörte die Muſik plötzlich auf und ein bloßes Plätſchern der Ruder ließ ſich hören. „Er iſt fort!“ rief die jugendliche Gefeierte der Serenade, deren Gefühle, trotz ihrer Verlegenheit, nichts von ihrer Schärfe verloren.„Die Gondeln ſchwimmen davon und wir haben nicht einmal den gewöhnlichen Dank abgeſtattet für ihre Artigkeit.“ „Es bedarf deſſen nicht— oder vielmehr er würde die Gefahr, die ſo ſchon groß genug iſt, nur vermehrt haben. Gedenke Deiner hohen Beſtimmung, mein Kind, und laß ſie ziehn⸗A4. „Und dennoch, mein' ich, ſollte ein Mädchen meines Ranges es an Höflichkeit nicht fehlen laſſen. Vielleicht meint das Kompli⸗ Dank nicht fortlaſſen ſollen.“ „Bleib drinnen, Kind. Ich will auf die Bewegung der Boote auf⸗ paſſen, denn es geht über weibliche Neugier, ihrer gar nicht zu achten.“ „Dank, theure Florinde! eile, ehe fie in den andern Kanal einlaufen und Du ſie aus dem Geſicht verlierſt.“ Schnell war die Gouvernante auf dem Balcon. Aber wie eilig ſte auch war, die Dunkelheit unten zu durchſpähen, erfolgte noch eiliger die ſchnelle Frage, was ſie ſähe. „Beide Gondeln ſind fort,“ war die Antwort.„Die mit den Muſtkanten tritt ſchon in den großen Kanal; doch die des Kavaliers iſt unbegreiflicher Weiſe ganz verſchwunden!“ „Nein, nein, ſieh nur wieder zu; ſo ſchnell kann er uns nicht verlaſſen.“ 4 „Ich habe nicht die recht Richtung beachtet. Dort iſt ſeine Gondel, nahe der Brücke unſeres Kanals.“ „Und der Kavalier? Er wartet auf irgend ein Zeichen der Höflichkeit; es ziemt nicht, ihm dies vorzuenthalten.“ ————— ment nichts, als die gewoͤhnliche Sitte, und wir hätten ſie ohne E— 205 „Ich ſeh ihn nicht. Sein Diener ſitzt auf den Landungsſtufen, die Gondel ſelbſt ſcheint leer. Der Mann ſieht aus, als warte erz doch ſeinen Herrn ſeh ich nirgend.“ „Heilige Jungfrau! ſollte dem tapfern Herzog von St. Agata etwas zugeſtoßen ſeyn?“ „Nichts, als das Glück, hier zu Ihren Füßen zu liegen,“ rief eine Stimme, nahe der Erbin. Donna Violetta wandte ihren Blick vom Balcon und erblickte den Gegenſtand, der ihre ganze Seele erfüllte, zu ihren Füßen. Das Geſchrei des Mädchens und ihrer Freundin, und die ſchnelle, eifrige Bewegung des Moͤnchs brachte bald die ganze Gruppe zuſammen. „Das darf nicht ſeyn,“ ſagte Letzterer im Tone des Vorwurfs. „Stehn Sie auf, Don Camillo, oder ich muß es bereuen, Ihren Bitten Gehör gegeben zu haben; Sie überſchreiten unſere Be⸗ dingungen.“ „So ſehr, wie dieſes Gefühl meine Hoffnung übertrifft,“ er⸗ wiederte der Edelmann.„Vergebens widerſtrebt man der Vorſehung, heiliger Vater! Die Vorſehung machte mich zum Retter dieſes lieblichen Geſchöpfs, als der Zufall ſie in die Giudecca warf, und wiederum iſt mir die Vorſehung ſo günſtig, mich zum Zeugen ihres Gefühls zu machen. Sprich, ſchöne Violetta, Du willſt nicht ein Werkzeug des Eigennutzes des Senats werden— Du willſt nicht⸗ hören auf ſeine Wünſche, Deine Hand einem Habſüchtigen zu geben, der mit dem heiligſten aller Schwüre ſeinen Spott treiben moͤchte, nur um Deine Reichthümer zu beſitzen.“ „Wem hat man mich beſtimmt?“ fragte Violetta. „Was liegt daran, da Du es nicht für mich biſt. Irgend ein Glücksjäger, irgend ein Unwürdiger, der die Gaben des Schick⸗ ſals mißbraucht.“ 3 „Du kennſt die Sitten Venedigs, Camillo, und mußt wiſſen, daß ich ohne Hoffnung in ihren Händen bin.“ 206 „Stehn Sie auf, Herzog von St. Agata,“ ſagte der Möͤnch befehlend;„als ich Ihnen erlaubte, dieſen Palaſt zu betreten, ſo geſchah es nur, um den anſtößigen Auftritt von den Thoren zu entfornen und Sie ſelbſt zu retten vor der übereilten Nichtachtung des Mißfallens des Staats. Vergebens iſt es, Hoffnungen zu nähren, die den Abſichten der Republik entgegen ſind. Stehn Sie denn auf und achten Sie Ihr Verſprechen.“ „Das wird von der Entſcheidung dieſer Dame abhängen. Machen Sie mir Muth mit einem zuſtimmenden Blick, ſchönſte Violetta, und nicht Venedig mit ſeinem Dogen und ſeiner Inqui⸗ ſition ſoll mich einen Zoll breit von Ihren Füßen entfernen.“ „Camillo,“ antwortete das zitternde Mädchen,„Du, der Retter meines Lebens, bedarfſt des Kniens nicht!“ „Herzog von St. Agata— meine Tochter!“ „Acht' nicht auf ihn, großmüthige Violetta— ſeine Rede iſt nicht die der Natur— er ſpricht wie alle ſeines Alters, wenn die Zunge der Jugend Gefühle verleugnet. Er iſt ein Karmeliter, und muß ſo weiſe ſcheinen. Die Uebermacht der Leidenſchaft iſt ihm ſtets fremd geblieben. Die Kälte ſeiner Zelle erſtarrte die Wärme ſeines Herzens. Wär' er menſchlich, er hätte geliebt; hätt' er ge⸗ kiebt, nie trüg' er die Kapuze.“ Vater Anſelmo trat einen Schritt zurück, als fühlte er ſein „Gewiſſen getroffen, und die Bläſſe ſeiner abgehärmten Züge wurde leichenhaft; ſeine Lippen bewegten ſich, als wollte er ſprechen, doch die Stimme erſtickte wie unter ſchwerem Druck. Die gutmüthige Florinde ſah ſeinen Schmerz, und verſuchte die Vermittlerin zu machen zwiſchen dem ungeſtümen jungen Mann und ihrem Zöglinge. „Wohl kann es ſeyn wie Sie ſagen, Signor Monforte,“ ſagte ſie,„daß der Senat aus väterlicher Sorgfolt einen Gatten ſucht, würdig der reichen Erbin eines ſo berühmten und reichen Hauſes, als das von Tiepolo. Was iſt dabei aber ſo Ungewöhnliches? Suchen nicht alle Edlen Italiens eine, ihrem Stande und ihren ꝑꝑpꝑpꝑpꝑpꝑpꝑĩcĩyÿyy * — 207 Glucksgütern angemeſſene Parthie? Wie können wir wiſſen, ob die Güter meiner jungen Freundin mindern Werth haben in den Augen des Duca von St. Agata, als in den Augen Desjenigen, den der Senat zu ihrem Gemahl erwählt?“ 1 „Könnte dies ſeyn!“ rief Violetta aus. 85 „Glaub' es nicht; meine Reiſe nach Venedig iſt kein Geheimniß. Ich ſuche die Zurückgabe von Ländereien und Häuſern, die man meiner Familie lange vorenthalten hat, in Verbindung mit Senats⸗ würden, die mir von Rechtswegen zukommen. Freudig geb' ich alles auf für Deine Liebe.“ 1 „Hörſt Du es, Florinde? Nein, Don Camillo darf man nicht mißtrauen.“ „Was iſt doch der Senat und alle Macht des St. Mareus, daß ſie unſer Leben elend machen ſollten? Sey mein, geliebte Violetta! und in meinem feſten Schloſſe in Calabrien wollen wir ihrer Rache und ihrer Politik trotzen. Ihre getäuſchte Hoffnung ſoll Stoff zum Scherz für meine Vaſallen liefern, und unſer Glück ſoll das Glück von Tauſenden machen. Ich affectire weder Nicht⸗ achtung der Rathswürde, noch Gleichgültigkeit für das, was ich verliere; doch für mich haſt Du bei weitem mehr Werth, als die gehörnte Mütze ſelbſt mit all' ihrem eingebildeten Ruhm und Einfluß.“ „Großmüthiger Camillo!“ 3 „Sey mein, und erſpare den kalten Rechenmeiſtern im Senat ein neu Verbrechen. Sie gedenken über Dich zu verfügen nach ihrem Vortheil, als ſeyſt Du eine werthloſe Waare. Doch Du wirſt ihre Abſicht vereiteln. Ich leſe Deinen hochherzigen Entſchluß in Deinen Augen, Violetta; Dein Wille wird trinmphiren über ihre Liſt und ihren Egoismus.“ „Verhandelt möcht' ich nicht werden, Don Camillo, wohl aber erworben und gewonnen, wie ſich's ziemt für ein Mädchen meines Standes. Vielleicht laſſen ſie mir auch freie Wahl. Signor Gra⸗ 5 208 e mir neulich mit dieſer Hoffnung, als er von einer, meinen Jahren angemeſſenen Verbindung ſprach.“ „Glaub' ihm nicht; ein kälteres Herz, einen liebloſern Sinn find't man nicht in Venedig. Er ſucht Deine Gunſt für ſeinen verſchwenderiſchen Sohn; einen Kavalier ohne Ehre, der Gefährte nichtswürdiger Menſchen, und das Opfer der Hebräer. Glaub’ ihm nicht, er iſt geübt in der Verſtellung.“ „Wenn das iſt, ſo haben ſeine Künſte ihm wenig geholfen: unter den jungen Männern in Venedig ſchätze ich keinen weniger, als Giacomo Gradenigo.“ „Die Zuſammenkunſt muß endlich zu Ende gehn,“ ſagte der Mönch, kräftig dazwlſchen tretend und den Herzog zum Aufſtehn zwingend.„Leichter iſt es, den Netzen der Sünde entgehn, als den Agenten der Polizei. Ich zittre, daß dieſer Beſuch bekannt wird; wir ſind umgeben von den Gehülfen des Staates, und kein Palaſt Venedig's wird ſo ſtreng bewacht, als dieſer. Würdeſt Du hier entdeckt, unbeſonnener junger Mann, ſo müßte Deine Jugend im Gefängniß verſchmachten, und Du würdeſt dieſem unſchuldigen und unerfahrenen Mädchen Verfolgungen und unverdiente Leiden zuziehen.“ 4 „Im Geſängniß, ſagteſt Du, Vater!“ „Nichts Geringeres, meine Tochter. Leichtere Vergehungen pelegte oft ſchon der Senat mit ſchwerer Strafe, wenn ſeine Ab⸗ ſichten dadurch vereitelt wurden.“. „Zum Gefängniß mußt Du nicht verurtheilt werden, Camillo.“ „Fürchte nichts. Das Alter und der friedliche Stand des guten Vaters machen ihn furchtſam. Lange ſchon bin ich vorbereitet auf dieſen glücklichen Augenblick; nur einer Stunde bedarf ich, Venedig und all' ſeinen Schlingen Trotz zu bieten. Gieb mir die Verſiche⸗ rung Deiner Treue, und vertraue im Uebrigen mir.“ „Hörſt Du, Florinde!“ „Dem Geſchlechte Don Cami denigo ſchmeichelt llo's ziemt ein ſolch Benehmen, 5 en lb⸗ 0.“ tten auf edig iche⸗ men, 209 Theure, doch Dir ſteht es ſchlecht an. Eine Jungfrau von Stande muß der Entſcheidung ihres natürlichen Vormundes harren.“ „Auch wenn die Wahl auf Giacomo Gradenigo fällt?“ „Darauf wird der Senat nicht achten. Die Kunſtgriffe des Vuaters kennſt Du lange; und Du mußt aus der Geheimhaltung — ſeiner Werbung erſehen, daß er deſſen Entſcheidung nicht traut. Der Staat wird Sorge tragen, Dich Deinen Hoffnungen gemäß zu vermählen. Viele werben um Dich, und die Wächter Deines Vermögens warten nur Vorſchläge ab, die Deiner Geburt entſprechen.“ „Meiner Geburt entſprechen?“ „Deinen Jahren, Deinem Stande, Deinen Erwartungen und Charakter.“ 8* „Soll ich Don Camillo als unter meinem Stande betrachten?“ Hier trat der Mönch auf's neue dazwiſchen. „Dieſe Zuſammenkunft muß enden,“ ſagte er.„Die durch Ihre unbeſonnene Muſik auf uns gelenkten Blicke ſind nun auf andere Gegenſtände gerichtet, Signor, und Sie müſſen Ihr Wort brechen oder gehn.“ „Allein, Vater?“ „Soll etwa Donna Violetta ihr Vaterhaus verlaſſen wie eine in Ungnade gefallene Dienerin?“. „Gewiß, Signor Monforte, Sie können vernünftiger Weiſe von dieſer Unterhaltung nicht mehr erwartet haben, als die Hoffnung einer künftigen Beſtimmung über Ihre Werbung— ein Verſprechen—“ „Und dies Verſprechen?“— Violetta wandte den Blick von ihrer Gouvernante auf ihren Geliebten, von dieſem auf den Mönch und dann zur Erde. „Iſt Dein, Camillo.“ „Ein Ausruf entfuhr dem Monch und gleichzeitig der Gouvernanke. „Verzeih mir, vortreffliche Freundin,“ fuhr die erröthende, aber entſchiedene Violetta fort.„Wenn ich Don Camillo auf eine Weiſe Hoffnung gemacht, die Dein em Rathe und der jungfräulichen Der Bravo. 14 210 Sittſamkeit zuwider iſt, ſo überlege nur, daß wenn er gezoͤgert hätte, ſich in die Giudecca zu werfen, es jetzt außer meiner Macht geweſen wäre, ihm dieſe geringe Gunſt zu gewähren. Warum ſoll ich weniger großmüthig ſeyn als mein Erretter? Nein, Camillo, verurtheilt mich der Senat, mich einem Andern zu vermählen als Dir, ſo ſey dies mein Urtheil zum Ledigbleiben; ich verberge meinen Gram in einem Kloſter, bis ich ſterbe!“ Feierlich und ſchrecklich unterbrach dies ſo ſchnell zur Erklä⸗ rung gediehene Geſpräch der Ton der Glocke, die zu läuten der Kammerdiener, ein geprüfter und treuer Diener, bevor er in's Zimmer trete, Befehl erhalten hatte. Da dieſer Befehl mit dem begleitet war, nur dann zu erſcheinen, wenn er aufgefordert oder durch einen dringenden Grund dazu vermocht würde, ſo verur⸗ ſachte der Ton, ſelbſt in dieſem begeiſterten Augenblick, eine plötz⸗ liche Pauſe. 1 „Was iſt das!“ rief der Karmeliter dem raſch eintretenden Diener entgegen.„Was bedeutet dieſe Nichtbefolgung meines Befehls?“ „Vater, die Republik!“ 4 4 „Iſt St. Marcus in Gefahr, daß Weiber und Prieſter zu ſeinem Beiſtand berufen werden?“ „Es ſind Staatsbeamte unten, die Einlaß begehren im Namen der Republik.“ „Das wird ernſthaft,“ ſagte Don Camillo, der allein ſeine Geiſtesgegenwart nicht verlor.„Mein Beſuch iſt bekannt geworden, und die thätige Eiferſucht des Staats ahnet deſſen Zweck. Rufen Sie Ihre Entſchloſſenheit herbei, Donna Violetta, und Sie, mein Vater, ſeyn Sie guten Muths! ich will die Verantwortlichkeit des Verbrechens, wenn es ein ſolches iſt, auf mich nehmen, und alle Andern von der ſchweren Bürde des Vorwurſs befreien.“ 4 „Gieb es nicht zu, Vater Anſelmo. Theure Florinde, wir wollen ſeine Strafe mit ihm theilen!“ rief die erſchreckte, außer aller Faſſung gebrachte Violetta aus.„Ich habe ja auch Theil Nͤ; uren N 211 an ſeiner Unbeſonnenheik; er that ja nichts ohne Aufmunterung von meiner Seite.“ Der Möoͤnch und Donna Florinde blickken ſich in ſtummer Be⸗ ſtürzung an, ihre Blicke ſprachen nicht ohne Theilnahme die Nutz⸗ loſigkeit der Vorſicht aus, wenn Leidenſchaft ſich darauf ſetzt, die Wachſamkeit der bloß Verſtändigen zu täuſchen. Der Moͤnch gebot Schweigen durch einen Wink, indem er ſich zum Diener wandte. „Was für Abgeſandte des Staates ſind es?“ fragte er. „Vater, es find deſſen wohlbekannte Beamte, und tragen die Zeichen ihrer Würde.“ „Und ihr Begehr?“ „Sie verlangen Donna Violetta zu ſprechen.“ „Noch iſt Hoffnung!“ rief der Mönch, freier athmend, aus. Durch's Zimmer ſchreitend öffnete er eine Thür, die zur Hauskapelle führte.„Ziehn Sie ſich zurück in die heilige Kapelle, Don Camillvo, bis wir Aufklärung erhalten über dieſen ungewöhnlichen Beſuch.“ Die Zeit war dringend, der Aufforderung ward ſogleich Ge⸗ nüge gethan. Der Herzog ging in die Kapelle und ſobald die Thür hinter ihm geſchloſſen war, ward dem treuen, des Vertrauens würdigen Diener anbefohlen, die Wartenden einzuführen. Nur Eine Perſon erſchien. Auf den erſten Blick erkannte man in ihm einen öffentlichen und verantwortlichen Beamten der Regierung, der oft geheime und ſchwierige Pflichten auszuführen hatte. Donna Violetta ging ihm, aus Achtung vor Denen, die ihn geſandt, ent⸗ gegen, und zwar mit der Faſſung, die lange Uebung den Großen giebt. „Ich fühle mich geehrt durch die Sorgfalt meiner gefürchteten und erhabenen Vormünder,“ ſagte ſie, ſich verneigend für den tiefen Bückling, mit dem der Abgeſandte die reichſte Erbin von Venedig begrüßte.„Welchem Umſtande verdanke ich dieſen Beſuch?“ Der Beamte blickte mit gewohnter argwöhniſcher Vorſicht umher, wiederholte ſeine Begrüßung und antwortete: „Fräulein, ich habe den Befehl erhalten, der Tochter des 212² Staates, der Erbin des erlauchten Hauſes Tiepolo, ſo wie der Donna* Florinda Mercato, ihrer Geſellſchafterin, dem Vater An⸗ ſelmo, ihrem Beichtvater, und allen Denen, die des Vergnügens ihrer Geſellſchaft und der Ehre ihres Vertrauens genießen, meine Aufwartung zu machen.“ „Die Sie ſuchen, befinden ſich hier gegenwärtig; ich bin Violetta Tiepolo; dieſer Dame bin ich für Mutterſorgfalt verpflich⸗ tet, und dieſer ehrwürdige Karmeliter iſt mein geiſtlicher Rathgeber. Soll ich meinen Haushalt herbeſcheiden?“ „Das iſt unnöthig. Meine Sendung iſt mehr vertraulicher, als öffentlicher Art. Nach dem Tode Ihres verehrten und allge⸗ mein betrauerten Vaters, des erlauchten Senators Tiepolo, über⸗ trug die Republik, Ihre natürliche und ſorgſame Beſchützerin, die Sorge für Ihre Perſon der beſondern Vormundſchaft und Weisheit des Signor Aleſſandro Gradenigo, ausgezeichnet durch hohe Geburt und ſchätzbare Eigenſchaften.“ 3 „Es iſt, wie Sie ſagen, Signor.“ „Wenn die väterliche Liebe des Senats auch zu ſchlummern ſchien, ſo iſt ſie nichts deſto weniger ſtets wachſam geweſen. Jetzt, da Jahre, Unterricht, Schönheit und andere Vortrefflichkeiten ſeiner Tochter zu ſo ſeltener Vollkommenheit gereift ſind, wünſcht er, die Bande, die ſie verbinden, feſter zu knüpfen, und die Sorgfalt für Ihre Perſon unmittelbar ſelbſt zu übernehmen.“ „Soll dieſes mir andeuten, daß ich fernerhin nicht mehr Sig⸗ nor Gradenigo's Mündel bin?“ e Venedig verlieh keinen Titel, wiewohl dem Adel in den ſpäter erwor⸗ benen Provinzen verſtattet war, ſeine vor der Beſitznahme von Seiten der Republik erlangten Prädikate beizubehalten. In Neapel, Rom, Parma ꝛc., nicht aber in Venedig, wurden die Herren von Adel mit Ton, die Damen mit Donna angeredet. Don Camillo, als Neapolitaner, und die beiden Frauen⸗ zimmer, rückſichtlich ihres römiſchen Ranges, werden Don und Donna genannt. Keine rein venetianiſche Standesperſon wird im Laufe unſerer Erzählung je ſo titulirt. 213 „Fräulein, Ihr Scharfſinn hat ſchnell die Auflöſung gefunden. Dem erlauchten Senator ſind ſeine theuren, wohlerfüllten Pflichten abgenommen. Morgen übernehmen andere Vormünder die Sorge für Ihre ſchätzbare Perſon und werden in dieſer ehrenvollen Pflicht verharren, bis die Weisheit des Senats eine ſolche Verbindung für Sie wird erwählt haben, die Ihres hohen Namens und der Eigen⸗ ſchaften, die einen Thron zu zieren verdienten, würdig ſeyn wird.“ „Soll ich getrennt werden von Denen, die ich liebe?“ fragte Violetta ungeſtüm. „Verlaſſen Sie ſich auf die Weisheit des Senats. Ich kenne ſeinen Willen hinſichts Derer, die ſo lange mit Ihnen gelebt, nicht, doch kann kein Grund vorhanden ſeyn, ſeine Klugheit und ſein Zart⸗ gefühl zu bezweifeln. Ich habe bloß hinzuzufügen, daß, bis die von nun an mit dem ehrenvollen Amte Ihrer Beſchützer beauftragten Perſonen ankommen, es wohl gethan ſeyn wird, dieſelbe, wie bis⸗ her gewohnte, ſittſame Zurückgezogenheit bei Empfang von Beſuchen⸗ den zu beobachten, und Ihre Thuͤr, Fräulein, vor Signor Gradenigo, wie vor allen andern ſeines Geſchlechts, verſchloſſen zu halten.“ „Nicht einmal danken ſoll ich ihm für ſeine Sorfalt?“ „Er fühlt ſich durch die Dankbarkeit des Senats zehnfach belohnt.“ „Es wäre freundlich geweſen, meine Gefühle fuͤr Signor Gra⸗ denigo in Worten auszuſprechen; doch, was man der Zunge ver⸗ ſagt, wird wohl der Feder erlaubt ſeyn.“ „Die Zurückhaltung, die den Verhältniſſen einer ſo Begünſtigten zukommt, iſt ohne Einſchränkung. St. Mareus iſt eiferſüchtig, wenn er liebt. Und nun, da mein Auftrag beendet iſt, beurlaube ich mich ergebenſt, mich ſehr geſchmeichelt fühlend, daß man mich ſolcher ehren⸗ voller Pflicht würdig genug achtete.“ Als der Abgeſandte zu ſprechen aufhörte, und Violetta ſeinen Abſchied erwiedert hatte, wandte ſie ihre ängſtlichen Blicke auf die bekümmerten Züge ihrer Gefährtin. Die zweideutigen Worte ſolcher Botſchafter waren zu wohl bekannt, um viele Hoſſnung für die Zu⸗ 214 kunft zu laſſen. Alle ſahen ihrer morgenden Trennung entgegen, obgleich keiner den Grund dieſes plötzlichen Wechſels in der Politik des Staates durchſchauen konnte. Fragen war hier vergebens, denn der Schlag kam ſichtlich vom geheimen Rath, deſſen Motive eben ſo wenig zu ergründen, als ſeine Beſchlüſſe vorherzuſehen waren. Der Mönch erhob ſeine Hand zum ſchweigenden Segen gegen ſeine geiſtliche Pflegebefohlene, und unfähig, ſelbſt in Gegenwart des Fremden ihren Schmerz zurück zu halten, ſanken Donna Florinda und Violetta weinend einander in die Arme. Während deſſen zögerte der Abgeordnete mit ſeinem Fortgehn, gleich Einem, der mit einem Entſchluſſe noch nicht ganz einig iſt. Aufmerkſam betrachtete er den unbefangenen Karmeliter, und zwar auf eine Weiſe, welche die Gewohnheit anzeigte, lange vorher zu denken, ehe er entſchied. 3 „Ehrwürdiger Vater,“ ſagte er,„darf ich wohl um einen Augenblick Eurer Zeit bitten, in Betreff des Seelenheils eines armen 3 Sünders?“ Obgleich erſtaunt, konnte doch der Mönch ſolchen Auf⸗ ruf nicht unbeachtet laſſen. Einer Bewegung des Beamten Folge leiſtend, ging er mit ihm aus dem Zimmer, und blieb, während dieſer die prächtigen Zimmer durchſchritt und zur Gondel hinabſtieg, an ſeiner Seite.„Der Senat muß Sie ſehr ehren, heiliger Mönch,“ bemerkte Letzterer während ihres Ganges,„da er ihnen eine ſo ver⸗ trauliche Stellung zu einer Dame einräumt, für deren Schickſal der Staat ſich ſo ſehr intereſſirt?“ „Ich nehm' es dafür an, mein Sohn. Ein Leben voll Frieden und Gebet ſollte mir wohl Freunde erworben haben.“ „Männer, wie Sie, mein Vater, verdienen das begehrte Ver⸗ trauen. Sind Sie ſchon lange in Venedig?“ „Seit dem letzten Konklave. Ich kam als Beichtvater des ver⸗ ſtorbenen Miniſters von Florenz, nach der Republik.“ „Ein ehrenvoller Poſten. So ſind Sie denn lange genug bei 215 uns geweſen, um zu wiſſen, daß die Republik nie ihre Diener ver⸗ gißt, und nie eine Beleidigung vergiebt.“ Es iſt ein alter Staat, deſſen Einfluß noch immer weit und nahe reicht.“ „Nehmen Sie ſich in Acht auf dieſen Stufen. Ein unſichrer Fuß gleitet auf dieſem Marmor.“ „Der meinige iſt zu geübt im Hinabſteigen, um unſicher zu ſeyn. Ich hoffe, ich ſteige dieſe Treppe nicht zum letzten Mal hinab?“ Der Beamte that, als verſtände er die Frage nicht, und be⸗ antwortete nur die vorhergehende Bemerkung. „Es iſt in Wahrheit ein ehrwürdiger Staat,“ ſagte er,„nur ein wenig ſchwankend vor Alter. Alle Freunde der Freiheit müſſen trauern über die Abnahme einer ſo glorreichen Herrſchaft. Sic tran- sit gloria mundi! Ihr baarfüßigen Karmeliter thut wohl daran, Euer Fleiſch zu kreuzigen in der Jugend, dadurch entgeht Ihr dem Schmerz abnehmender Kräfte. Jemand, wie Ihr, kann nur wenige Jugendſünden abzubüßen haben.“ „Niemand von uns iſt ohne Sünde,“ erwiederte der Möoͤnch, ſich kreuzigend.„Wer ſich damit ſchmeicheln wollte, daß ſeine Seele vollkommen ſey, würde nur noch das ſchwere Gewicht der Eitelkeit zu ſeinem Leben hinzufügen.“ „Männer meines Standes, heiliger Karmeliter, haben wenig Gelegenheit in ihr Inneres zu blicken, und ich ſegne die Stunde, die mich in Geſellſchft eines Gottesmannes, wie Sie, brachte. Meine Gondel wartet— wollen Sie einſteigen?“ Mißtrauiſch blickte der Moͤnch ſeinen Gefährten an, doch wohl wiſſend, daß Widerſtand vergeblich wäre, murmelte er ein kurzes Gebet und ſtieg ein. Ein ſtarker Ruderſchlag verkündete ihre Ab⸗ fahrt von den Stufen des Palaſtes. 216 Fünfzehntes Kapitel. Das Schiff ſtreicht durch die Wellen, Fidolin; Von Oſt die Segel ſchwellen, Fidolin; Verſchwunden iſt der Strand in der Ferne, O! wie gerne wär' ich in der Heimath Land⸗ Roſabella, Fidolin. Der Mond ſtand hoch; flutend fielen ſeine Silberſtrahlen auf Venedig's ſchwellende Kuppeln und maſſive Dächer; den Rand der Stadt begränzte die glänzende Bai. Das herrliche Schauſpiel der Natur verdunkelte alle Pracht menſchlicher Herrlichkeit; denn, wie reich auch die Königin des adriatiſchen Meeres war in ihren Kunſt⸗ werken, in der Erhabenheit ihrer öffentlichen Denkmäler, in der Zahl und dem Glanz ihrer Paläſte und allem andern, was Genie und Ehrgeiz der Menſchen hervorgebracht, ſo nahm ſie in dieſer Stunde doch nur den zweiten Rang des Ruhmes und der Schönheit ein. Hoch am Firmamente funkelten, gleich Edelſteinen, unendliche, erhabene Welten; ruhig wie das Gewölbe des Himmels, welches es zurückſtrahlte, und leuchtend vom erborgten Lichte, breitete ſich unten, endlos dem Auge, das adriatiſche Meer aus. Hier und da zeigte ſich zwiſchen den Lagunen ein Eiland, des Meeres tauſend⸗ jähriges, geduldiges Werk, mit Gruppen klöſterlicher Gebäude oder demüthiger Fiſcher⸗Wohnungen maleriſch beſetzt. Kein Ruderſchlag, kein Geſang, kein Gelächter, kein Flattern der Segel, kein Scherz des Matroſen ſtörte die Stille der Nacht. Alles Nahe war in mitternächtliche Anmuth gehüllt, und alles Ferne ſprach den feier⸗ lichen Frieden der Natur aus. Die Stadt und die Lagunen, der Golf und die träumenden Alpen, die unendliche Ebene der Lombardei und das blaue Gewölbe des Himmels, alles lag in allgemeiner, großer Ruhe da. Plötzlich zeigte ſich eine Gondel. Aus den Kanälen der Stadt trat ſie hervor und glitt leiſe, wie das ideale Schweben eines 217 Geiſtes, über den weiten Buſen der Bai. Ein geübter, nerviger Arm leitete ihre ſchnellen Bewegungen. So ſchnell war der Lauf des Bootes, daß man daraus auf die Eile des einſamen Individuums, welches darin ſaß, ſchließen konnte. Seine Richtung nahm es nach dem adriatiſchen Meere zu, zwiſchen einem der ſüdlichern Ausgänge der Bai und der bekannten Inſel St. Giorgio. Wohl eine halbe Stunde lang ruderte der Gon⸗ dolier unermüdlich fort, dann und wann beſorgliche Blicke hinter ſich werfend, als fürchte er Verfolgung, und eben ſo oft vor ſich ſehend, als wünſche er ſehnlich, einen bis jetzt noch unſichtbaren Ort zu erreichen. Als indeß eine weite Waſſerfläche ſich zwiſchen ihm und der Stadt befand, ließ er ſein Ruder ruhen, und ſchien mit großer Anſtrengung ſeines Auges etwas entdecken zu wollen. Ein kleiner dunkler Fleck zeigte ſich näher nach der See zu. Wiederum ſchlug das Ruder des Gondelführers das Element hinter ſich, und das Boot glitt fort; ſeine Unentſchiedenheit hatte nun offenbar ein Ende. Bald zitterten die Strahlen des Mondes über den benannten dunkeln Punkt, welcher jetzt die Geſtalt und Größe eines vor Anker liegenden Bootes annahm. Abermals hielt der Gon⸗ dolier mit Rudern ein, und blickte ſcharf auf den noch unentſchiednen Gegenſtand, gleichſam der Kraft ſeines Geſichts durch ſeine andern Kräfte zu Hülfe kommend. In dieſem Augenblick tönte ſanfter Ge⸗ ſang von den Lagunen. Die Stimme ſchien ſchwach, ja zitternd, doch beſaß ſie die Anmuth und Richtigkeit der Ausführung, die den Venetianern ſo eigenthümlich iſt. Der einſame Mann, im entfernten Boote, ſang ein Fiſcherlied. Die Melodie war ſanft, klagend und melancholiſch; ein Jeder, der durch die Kanäle ruderte ſang ſie, und unſeres Hoͤrers Ohr kannte ſie wohl. Er wartete, bis der letzte Klang des Verſes verhallt war, dann antwortete er mit einer zweiten Strophe. Die gegenſeitigen Partien wurden auf dieſe Weiſe aus⸗ geführt, bis die beiden Sänger in einem Vers, als Schlußchor, ihre Stimmen vereinigten. 218 Als der Geſang geendet war, bewegte das Ruder des Gon⸗ doliers das Waſſer von Neuem, und bald war er an der Seite des Andern. „Du biſt ſchon früh geſchäftig mit Deiner Angel, Antonio,“ ſagte der eben Angekommene zum alten, den Leſern wohlbekannten Fiſcher, indem er in deſſen Boot trat.„Wie Manchen hätte die Zuſammenkunft mit dem Gerichtsrath der Dreimänner zum Gebet und ſchlafloſen Lager geführt.“ „Es giebt keine Kapelle in Venedig„in der des Sünders Seele ſo ohne Hülle wäre, als hier in dieſer. Hier auf den kahlen Lagunen war ich allein mit Gott, und ſah die Thore des Paradieſes geöffnet vor mir.“ „Ein Mann, wie Du, bedarf keiner Bilder, um ſeine Andacht zu erwecken.“ „Ich ſehe das Bild meines Erlöſers dort in den glänzenden Sternen, im Monde, am blauen Himmelsgewölbe, im Nebel der Gebirge, im Waſſer, auf dem wir ſchwimmen, ja ſelbſt in dieſer meiner hinfälligen Geſtalt, ſo wie in Allem, was ſeine Macht und Weisheit erſchaffen. Viel hab' ich gebetet, ſeitdem der Mond aufging.“ „Iſt Gewohnheit ſo mächtig in Dir, daß Du ſelbſt während des Angelns an Gott und deine Sünden denkſt?“ „Der Arme muß arbeiten und der Sünder muß beten. Der Knabe hat mich die letzte Zeit über ſo beſchäftigt, daß ich der Sorge für meine Nahrung vergeſſen. Wenn ich nun ſpäter oder früher als gewöhnlich fiſche, ſo geſchieht es, weil der Menſch nicht allein vom Grame leben kann.“ „Ich habe an Deine Lage gedacht, ehrlicher Antonio; hier iſt eiwas, was Dein Leben erhalten und Deinen Muth erheben wird. Sieh,“ fuhr der Bravo fort, indem er einen Korb aus ſeinem Boote hob,„hier iſt Brod aus Dalmatien, Wein aus Unteritalien und Feigen aus der Levants— iß denn, und ſey fröhlich.“ Der Fiſcher warf einen begehrlichen Blick auf die Speiſen, ſen, 219 denn der Hunger machte mächtige Anforderungen an die ſchwache Natur, doch ließ ſeine Hand den Faden nicht fahren, mit dem er zu angeln fortfuhr. „Sind dieß Deine Gaben, Jacopo?“ fragte er mit einer Stimme, die, trotz ſeiner Reſignation, ſeinen nagenden Hunger verrieth. „Antonio, es ſind die Gaben eines Mannes, der Deinen Muth achtet und Deine Natur ehrt.“ „Von ſeinem Verdienſte gekauft?“ „Wie könnt' es anders ſeyn!— Ich bettle nicht aus Liebe zu den Heiligen, und nur Wenige geben in Venedig ungebeten. Iß denn, ohne Furcht; nicht oft wird Dir's ſo willig gereicht.“ „Nimm es fort, Jacopo, wenn Du mich lieb haſt. Verſuche mich nicht über Vermögen.“ „Wiel iſt Dir eine Bußübung auferlegt?“ rief der Andre haſtig. „Nein, das nicht— das nicht. Schon lange fand ich weder Zeit noch Herz zum Beichten.“ „Nun, warum willſt Du die Gabe eines Freundes nicht an⸗ nehmen? Denke an Deine Jahre und Deine Bedürfniſſe.“ „Ich kann nicht zehren vom Blutpreiſe.“ Wie elektriſirt zog ſich die Hand des Bravo zurück. Durch dieſe Bewegung fiel der Schein des Mondes in ſein funkelndes Auge, und, wie feſt auch Antonio's Ehrlichkeit und Grundſätze waren, ſo erſtarrte ihm doch das Blut im Herzen, als er dem wilden, feu⸗ rigen Blick ſeines Gefährten begegnete. Eine lange Pauſe erfolgte, während welcher der Fiſcher ſich fleißig mit ſeiner Angel beſchäftigte, ohne dabei an den Zweck zu denken, für den ſie ausgeworfen war. „Es iſt einmal ausgeſprochen, Jacopo,“ fügte er endlich hin⸗ zu,„meine Zunge ſoll niemals die Gefühle meines Herzens Lügen ſtrafen. Nimm das Eſſen fort, ünd vergiß alles Vergangene; was ich ſagte, war nicht böſe gemeint, es geſchah nur zum Heil meiner eignen Seele. Du weißt, wie ich mich grämte über den Knaben, 220 Verluſt könnt' ich über Dich trauern— ja, wohl Gefallnen.“ des Bravo, doch ſchwieg doch nächſt ſeinem ſchmerzlicher, als über irgend einen der Man hörte den ſchweren Athemzug er noch immer. „Jacopo,“ fuhr der beſorgte Fiſcher fort,„Du mußt mich nicht mißverſtehn. Das Mitleid des Leidenden und Armen iſt nicht wie die Verachtung des Reichen und Weltlichen. Wenn ich eine Wunde berühre, ſo zertrete ich ſie nicht mit meinen Ferſen. Dein jetziger Schmerz iſt beſſer als all Deine früheren Freuden.“ „Genug, Alter,“ ſagte der Andere mit gedämpfter Stimme; „Deine Worte ſind vergeſſen. Iß ohne Furcht, denn die Gabe iſt gekauft von einem Verdienſte, ſo rein, wie die Ernte eines Bettelmönchs.“ „Ich verlaſſe mich auf die Güte des heiligen Antonius und auf das Glück meiner Angel;“ erwiederte Antonio ganz einfach. „Wir von den Lagunen gehn ja ſo oft ohne Abendeſſen zu Bett: nimm den Korb fort, guter Jagopo, und laß uns von anderen Dingen ſprechen.“ Der Bravo nöthigte den Fiſcher nicht weiter. Er ſtellte den Korb beiſeite und brütete nachdenkend über das Geſchehene. „Hatteſt Du ſonſt keine Urſach, ſo weit herüber zu kommen, guter Jacopo?“ fragte der alte Mann, in der Abſicht, die zuruͤck⸗ weiſende Antwort wieder gut zu machen.. 5 Die Frage ſchien Jacopo ſeine Fahrt in's Gedächtniß zu rufen. Er ſtand länger als ganz in ſeine Abſicht verſenkt, um ſich. Länger un Blick, den er auf die Stadt richtete, warf, auch lenkte er ihn unwillkürliche Bewegung ſein Erſtaunen und „Iſt das nicht ein Boot, dort, in grader des Campanile?“ fragte er raſch, nach der Stadt hinweiſend. „So ſcheint es. Zwar iſt's noch früh für meine Kameraden, tend geweſen, und aber der Fiſchfang iſt ſeit Kurzem nicht bedeu eine Minute und ſah mit ſcharfen Blicken, und d ernſter war der als den er auf die offne See nicht eher von dort hinweg, als bis eine ſeinen Schreck verrieth. Linie mit dem Thurm —„=„ —S=S,. 221 das geſtrige Feſt zog manchen der Unſern ab von ſeiner Arbeit. Der Patricier muß eſſen, und der Arme arbeiten, ſonſt ſtürben beide.“ Langſam ſetzte ſich der Bravo und warf beſorgliche Blicke auf ſeinen Gefährten. 1„Biſt Du ſchon lange hier, Antonio?“ „Seit einer Stunde. Als ſie uns aus dem Palaſt entließen, da ſagte ich Dir von meinem. Bedürfniß. Im Allgemeinen giebt es keinen ſicherern Fleck in den Lagunen als dieſen, und dennoch angele ich ſchon lange vergebens. Die Verſuchung des Hungers iſt groß, doch muß ſie ertragen werden wie alle andern. Ich habe meinen Schutzpatron dreimal angerufen, und früher oder ſpäter wird er gewiß meiner Noth abhelfen. Du biſt ja bekannt mit den Sitten dieſer maskirten Edeln, Jacopo, glaubſt Du wohl, daß ſie Vernunft annehmen werden? Ich denke doch nicht, daß ich aus Mangel an Erziehung der Sache geſchadet habe, ich ſprach offen und ehrlich, wie zu Vätern und Maͤnnern mit Herzen.“ „Als Senatoren haben ſie keine Herzen. Du begreifſt die Doppelzüngigkeit dieſer Patricier nicht, Antonio. In der Fröͤh⸗ lichkeit ihrer Paläſte, und unter den Gefährten ihrer Vergnügungen. ſpricht Niemand ſchöner über Menſchlichkeit und Gerechtigkeit, ja, ſelbſt über Gott, als ſie; doch in ihren Sitzungen, wo ſie über die ſogenannten Angelegenheiten des St. Marcus berathſchlagen, da giebt es keinen Felſen auf der kälteſten Spitze jener Alpen, der weniger menſchlich, und keinen Wolf in den Thälern, der mehr herzlos wäre!“ „Deine Worte ſind ſtark, Jacopo— ich möchte ſelbſt gegen Die nicht ungerecht ſeyn, die mir Uebles gethan. Die Senatoren ſind Menſchen, und Gott gab Allen gleiche Gefühle und gleiche Naturen.“ „Dann wird die Gabe gemißbraucht. Du haſt den Mangel Deines täglichen Gehülfen gefühlt, Fiſcher, und haſt getrauert über Dein Kind; Dir wird es leicht, eines Andern Gram mitzu⸗ empfinden; allein die Senatoren kennen keine Leiden. Ihre Kinder 222 werden nicht auf die Galeeren geſchleppt, ihre Hoffnungen nicht zer⸗ ſtort durch Geſetze, die von harten Tyrannen ausgehn, noch ver⸗ gießen ſie Thränen über ihre, durch die Geſellſchaft der Hefe der Republik verdorbenen Söhne. Sie ſprechen von öffentlichen Tu⸗ genden, und dem Staat geleiſteten Dienſten. Doch damit meinen ſte, nach ihrer Weiſe, die Tugend des Ruhms und die Dienſte, welche Ehren und Belohnungen bringen. Ihr Gewiſſen heißt: Staatsbedürfniſſe; indeſſen tragen ſie Sorge, daß dieſe Bedürfniſſe ihnen ſo wenig als möglich unbequem werden.“ „Jacopo, die Vorſehung ſelbſt hat einen Unterſchied gemacht zwiſchen den Menſchen. Der Eine iſt groß, der Andere klein; Einer ſchwach, der Andere ſtark; Dieſer weiſe, Jener dumm. Was die Vorſehung geſchaffen hat, darüber ſollten wir nicht murren.“ „Die Vorſehung hat keinen Senat geſchaffen; das iſt Menſchen⸗ Erfindung. Merk' auf, Antonio! Deine Sprache hat beleidigt, und Du biſt nun nicht länger ſicher in Venedig. Sie verzeihen Alles, nur keine Klagen gegen ihre Gerechtigkeit. Die ſind zu wahr, als daß ſie vergeben werden könnten.“ 2„Können Sie wünſchen, Jemanden we ſein Kind ſucht?“ „Wärſt Du groß und geachtet, ſo würden ſie eher Dein Glück und Deinen Ruf untergraben, ehe ſie litten, daß Du ihr Syſtem in Gefahr brächteſt; da Du aber ſchwach und arm biſt, ſo werden ſie Dir irgend ein unmittelbares Leid zufügen, wenn Du Dich nicht mäßigeſt. Vor allen Dingen warn' ich Dich, daß ſie ihren Willen durchſetzen werden.“ „Kann Gott das dulden?“ „Wir können ſeine Geheimni ihe zu thun, weil er ſſe nicht ergründen;“ erwiederte der Bravo, ſich fromm bekreuzigend.„Wenn ſeine Herrſchaft mit dieſer Welt endete, dann waͤre es wohl ungerecht, daß die Gottloſen triumphiren, doch, wie es iſt, ſo—— jenes Boot naht ſchnell! mir gefällt ſein Aeußres und ſeine Bewegung nicht.“ 223 „Es ſind keine Fiſcher, das iſt wahr, denn es hat viele Ruder und einen Baldachin.“ „Es iſt eine Gondel des Staats,“ vief Jacopo aus, und trat in ſein eigen Boot, es losmachend von den ſeines Gefährten; ſicht⸗ lich war er in Zweifel, was ferner zu thin ſey.„Antonio, wir thaͤten wohl, uns davon zu machen.“ „Deine Furcht iſt natürlich,“ ſagte der unbewegliche Fiſcher, „und es iſt ein Jammer, daß Grund dazu da iſt. Für einen wie Du iſt es aber noch Zeit, der ſchnellſten Gondel des Kanals zu entkommen.“ „Geſchwind lichte den Anker, Alter, und mach' Dich davon— ich hab' ein ſichres Auge. Ich kenne das Boot.“ „Armer Jacopo! welch ein Fluch iſt ein ſchuldiges Gewiſſen! Du biſt gütig gegen mich geweſen in der Noth, und wenn Gebete aus aufrichtigem Herzen Dir helfen konnen, ſo ſollen ſie Dir nicht fehlen.“ „Antonio!“ ſchrie der Andere, und ließ ſein Boot davon wir⸗ beln, dann hielt er wieder unentſchloſſen an—„ich kann nicht länger bleiben— trau ihnen nicht— ſie ſind falſch wie Teufel— es iſt keine Zeit zu verlieren— ich muß fort.“ Der Fiſcher murmelte einen Ausruf des Mitleids, als er ihm ein Lebewohl zuwinkte. „Heiliger Antonius, wache über mein Kind, daß es nicht zu ſolch elendem Leben komme,“ fügte er laut betend hinzu.„Guter Same iſt auf Felſengrund gefallen bei dieſem Jüngling, denn kein Menſch hat ein wohlwollenderes und wärmeres Herz. Daß doch ſo ein Menſch, wie dieſer Jacopo, vom Meuchelmorde leben muß!“ Die Annäherung der fremden Gondel nahm jetzt des Alten ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Schnell ſchwebte ſie heran, von ſechs Nudern getrieben; des Alten Blick folgte fieberhaft dem Flücht⸗ ling. Jacopo hatte mit einer Schnelligkeit, welche die Nothwendig⸗ keit und lange Uebung bei ihm faſt zum Inſtinct gemacht, ſeinen Lauf durch einen der glänzenden Streifen genommen die der Schein 224 des Mondes auf dem Waſſer gebildet, und die durch ihr blendendes Licht dem Auge jeden Gegenſtand entzogen. Als der Fiſcher den Bravo verſchwinden ſah, lächelte er und ward ruhig. „Nun laßt ſie nur herkommen,“ ſagte er,„das gibt Jacopo deſto mehr Zeit. Gewiß hat der arme Kerl, ſeit wir den Palaſt verließen, einen Streich geführt, den der Rath nicht vergeben kann. Der Anblick des Goldes war zu mächtig, und er hat Die beleidigt, die ihm ſo lange durch die Finger geſehen haben. Gott verzeihe es mir, daß ich Umgang gepflogen mit ſolchem Menſchen! Doch wenn das Herz ſchwer iſt, ſo thut uns ſelbſt das Mitgefühl eines Hundes wohl. Wenige Menſchen bekümmern ſich jetzt um mich, ſonſt hätte mir die Freundſchaft eines Solchen nicht eben willkom⸗ men ſeyn können.“ Antonio ſchwieg, denn die Gondel des Staats rauſchte jetzt heran und ward plötzlich durch Rückſchlag des Ruders zum Still⸗ ſtand gebracht. Noch war das Waſſer in Bewegung, als ſchon eine Geſtalt in des Fiſchers Boot trat; die größere Gondel ſchoß wieder⸗ um einige hundert Fuß ſort und blieb dann ruhig liegen. Antonio ſah alles dies mit ſtiller Neugier geſchehn; als aber die Gondoliere des Staates auf ihren Rudern ausruhten, da wandte er noch einen flüchtigen Blick nach der Seite hin, wo Jacopo ver⸗ ſchwunden war, überzeugte ſich von deſſen Sicherheit, und betrach⸗ tete dann ſeinen Geſellſchafter mit Zuverſicht. Der helle Mond zeigte ihm den Anzug und das Ausſehen eines baarfüßigen Karme⸗ liters. Letzterer ſchien beſtürzter als ſein Gefährte, ſowohl durch die Schnelligkeit der Fahrt, als auch durch die Neuheit ſeiner Lage. Trotz ſeiner Verlegenheit aber, ſchien er offenbar verwundert, als er die demüthige Verfaſſung, die dünnen, weißen Locken, und das ganze Aeußere und Betragen des alten Mannes wahrnahm, dem er ſich gegenüber befand, und die Worte: 1 „Wer biſt Du?“ entfuhren ihm im erſten Erſtaunen. — 225 „Antonio von den Lagunen, ein Fiſcher, der dem heiligen An⸗ tonius manches unverdiente Gute verdankt.“ „Und wie haſt Du Dir des Senats Mißfallen zugezogen?“ „Ich bin aufrichtig und bereit, Andern Gerechtigkeit widerfah⸗ ren zu laſſen. Wenn das die Großen beleidigt, ſo ſind ſie mehr zu bemitleiden als zu beneiden.“ „Der Ueberführte iſt immer geneigter, ſich für unglücklich als für ſchuldig zu erkennen. Dieſer Irrthum iſt ſehr verderblich und muß ausgerottet werden aus dem Gemüth, ſonſt führt er zum Tode.“ „Sagen Sie das den Patriciern. Die bedürfen guten Raths und Warnung von der Kirche.“ „Mein Sohn, Deine Antwort zeigt Stolz und Zorn und ein verderbtes Herz an. Die Sünden der Senatoren— da ſie Men⸗ ſchen ſind, haben ſie ihre Mängel— können auf keine Weiſe Deine eignen vertilgen. Wenn auch das Urtheil, welches Jemand zur Strafe verdammt, ein ungerechtes iſt, ſo behält doch die Sünde gegen Gott ihre urſprüngliche Mißgeſtalt. Die Menſchen können Den, der den Zorn der Welt mit Unrecht trägt, bemitleiden, doch die Kirche verzeiht nur Dem, der ſeine Vergehungen mit aufrichtiger Anerkennung ihrer Größe geſteht.“ „Sind Sie gekommen, eines Büßenden Beichte zu horen, Vater?“ „Dies iſt mein Geſchäft. Ich beklage die Veranlaſſung; und wenn das, was ich fürchte, wahr iſt, ſo muß ich noch mehr trauern, daß ein ſo bejahrter Mann, ſein, dem Verderben geweihtes Haupt, unter den Arm der Gerechtigkeit gebracht hat.“ Antonio lächelte und wandte ſein Auge wieder dem blendenden Lichtſtreif zu, durch welchen die Gondel und Perſon Jacopo's un⸗ ſichtbar blieb.. „Vater,“ ſagte er, nachdem er ihn lange mit tiefem Ernſte angeſchaut hatte,„es kann wohl wenig ſchaden, vor Jemanden Dei⸗ nes heiligen Amtes die Wahrheit zu ſprechen. Man hat Dir geſagt, Der Bravo. 15 226 en Lagunen einen Verbrecher finden, der ſich zogen?“ . Du würdeſt hier auf d den Zorn des heiligen Marcus zuge „So iſt es!“ „Es iſt nicht leicht, zu erkennen, wann St. Marcus guter Laune iſt und wann nicht,“ fuhr Antonio, gleichgültig mit ſeiner Angel ſpielend, fort;„denſelben Mann, den er jetzt ſucht, hat er lange geſchützt; ja, ſelbſt in des Dogen Gegenwart. Der Senat hat freilich ſeine Gründe, die dem Einfältigen unerreichbar ſind; doch für des armen Jünglings Seele waͤr' es beſſer, und für den Senat ſchicklicher geweſen, hätte man von Anfang an einen miß⸗ billigenden Blick auf ſeine Thaten gerichtet.“ „Du ſprichſt von einem Andern!— Du biſt alſo nicht der Verbrecher, den ſie ſuchen?“ „Ich bin ein Sünder, wie alle vom Weibe Geborne, ehrwür⸗ diger Karmeliter; allein meine Hand hat nie eine andere Waffe ge⸗ führt, als das gute Schwert, das die Ungläubigen ſchlug. Vor kurzem war Jemand hier, der zu meinem Leidweſen dies nicht von ſich ſagen kann.“ „Und er iſt fort?“ „Vater, Sie haben Augen, und können ſich die Frage ſelbſt beantworten; er iſt fort, obgleich er nicht ferne iſt, doch iſt er, Dank ſey dem heiligen Marcus, außer dem Bereich der ſchnellſten Gondel Venedigs.“ Der Karmeliter neigte ſein Haupt auf die Stelle hin, wo er ſaß, und ſeine Lippen bewegten ſich, entweder zum Gebet oder zum Dank. „Trauern Sie, Vater, daß ein Sünder entkam?“ „Ich freue mich, mein Sohn, daß der bittre Kelch mir vorüber⸗ gegangen, allein ich traure auch, daß eine Seele ſo entartet iſt, um deſſen zu bedürfen. Wir wollen die Diener der Republik rufen, um ihnen zu ſagen, daß ihre Botſchaft vergebens geweſen.“ „Sey nicht ſo eilig, guter Vater. Die Nacht iſt mild, und jene Miethlinge ſchlafen auf ihren Rudern, wie die Möwe auf den 227 Lagunen. Der Jüngling gewinnt mehr Zeit zur Reue, wenn man ihm Ruhe läßt.“— Der Mönch, der ſich erhoben hatte, ſetzte ſich ſogleich wieder, als bewegte ihn ein mächtiger innerer Antrieb. „Ich glaubte, er ſey ſchon weit aus unſerm Bereich,“ murmelte er, gleichſam ſich wegen ſeiner Eile entſchuldigend. „Er iſt mehr als kühn, und ich fürchte, er kehrt in die Kanäle zurück; in dieſem Fall begegnet Ihr ihm näher der Stadt— oder vielleicht ſind auch mehr Gondeln des Staats ausgelaufen— kurz, mein Vater, Du wirſt der Beichte eines Bravo gewiſſer entgehn, wenn Du die eines Fiſchers anhörſt, der längſt auf eine Gelegenheit wartet, ſeine Sünden zu bekennen.“ Menſchen, die denſelben feurigen Wunſch hegen, verſtehn ſich bald. Der Karmeliter faßte ſogleich die Meinung ſeines Gefährten, und ſeine Kapuze zurückwerfend, wodurch das Antlitz Vater Anſel⸗ mo's zum Vorſchein kam, bereitete er ſich vor, die Beichte des alten Mannes anzuhöͤren. 4 „Du biſt ein Chriſt; und einem Greiſe wie Dir, darf ich wohl nicht ſagen, wie der Gemüthszuſtand eines Reuigen beſchaffen ſeyn muß,“ ſagte der Moͤnch, als Beide bereit waren. „Ich bin ein Sünder, Vater, gieb mir Rath und Abſolution, damit ich Hoffnung habe.“ „Dein Wille geſchehe,— Deine Gebete werden erhört— naͤhere Dich und knie nieder.“ Antonio, der ſeine Leine an ſeinen Sitz befeſtigt, und ſein Netz mit gewohnter Sorgfalt aufbewahrt hatte, bekreuzte ſich andächtig und kniete vor dem Möͤnche nieder. Sein Sündenbekenntniß begann. Viel geiſtiger Schmerz gab den Worten und Gedanken des Fiſchers eine Würde und Hoheit, die ſein Zuhörer nicht gewohnt war, unter Menſchen dieſer Klaſſe zu finden. Ein, durch ſo lange Leiden gezüch⸗ tigter Geiſt, war erhaben und edel geworden. Er ſprach von ſeinen Hoffnungen in Hinſicht des Knaben, von der Weiſe, wie die unge⸗ 228 rechte und eigennützige Staatspolitik dieſe vernichtete, von ſeinen verſchiedenen Verſuchen, die Freiheit ſeines Enkels zu bewirken, und von ſeinem kühnen Unternehmen auf der Regatta und bei dem Ver⸗ löbniß mit dem adriatiſchen Meere. Als er auf dieſe Weiſe den 1 Karmeliter vorbereitet hatte, den Urſprung ſeiner ſündlichen Leiden⸗ ſchaften, die er jetzt beichten ſollte, zu begreifen, ſprach er von dieſen Leidenſchaften ſelbſt, und von ihrem Einfluß auf ein Gemüth, das gewöhnlich im Frieden mit dem ganzen Menſchengeſchlecht lebte. Die Erzählung geſchah einfach und ohne Rückhalt, doch auf eine Art, welche Achtung einflößte, und das Mitgefühl des Zuhoͤrers mächtig erweckte. „Und dieſe Gefühle nährteſt Du gegen die Mächtigen und Geehrten Venedigs!“ fragte der Mönch mit einer Strenge, die er nicht fühlen konnte. „Vor meinem Gott bekenn' ich dieſe Sünde! in meinem bittern Schmerz verwünſchte ich ſie; denn mir erſchienen ſie wie Menſchen ohne Gefühl für den Armen, und herzlos wie der Marmor ihrer Paläſte.“ „Du weißt, Du mußt vergeben, wenn Du Vergebung erhalten willſt. Gedenkſt Du, im Frieden mit aller Welt, ferner nicht des Dir zugefügten Unrechts, und kannſt Du mit Bruderliebe zu Dem beten, der für's ganze Menſchengeſchlecht geſtorben, auch für Die, welche Dir Leides gethan?“ 5 Antonio beugte ſein Haupt auf die nackte Bruſt und ſchien ſich zu berathen mit ſeiner Seele. „Vater— ſagte er mit gewiſſenhafter Stimme,— ich hoffe, daß ich es kann.“ „Du mußt nicht ſcherzen mit Deinem eignen Heil. Dort oben iſt ein Auge über uns, das das All durchblickt, und den geheimſten Winkel des Herzens durchſpäht, kannſt Du, zerknirſcht im Geiſt über Deine eignen Sünden, den Patrieiern ihr Vergehn vergeben?“ „Heilige Jungfrau, bitte für ſie, wie ich jetzt um Gnade für ſte flehe!— Vater, ich verzeihe ihnen!“ ern hen le. lten des Dem Die, ſich pooffe, oben mſten Geiſt den?“ e für 229 „Amen!“ Der Moͤnch erhob ſich, beugte ſein mildes, vom Monde ver⸗ klärtes Antlitz über den knienden Antonio, ſprach, ſeinen Arm zu den Sternen erhebend, mit inniger Andacht die Worte der Abſo⸗ lution. Des alten Fiſchers erwartungsvoll emporgerichtetes Auge, ſein welkes Antlitz und die heilige Ruhe des Mönchs, ſtellten ein Gemälde der Hingebung und der Hoffnung dar, deſſen Engel ſich gefreut hätten. „Amen! Amen!“— rief Antonio, als er aufſtand und ſich be⸗ kreuzte:—„der heilige Antonius und die Jungfrau mögen mir beiſtehn, dieſen Entſchluß zu halten.“ „Ich will Deiner nicht vergeſſen, beim Dienſte der heiligen Kirche, mein Sohn. Empfange meinen Segen, bevor ich fortgehe.“ Wieder kniete Antonio nieder, der Karmeliter ſprach mit feſter Stimme die Worte des Friedens. Als dieſe letzte Pflicht erfüllt, und ein kurzes, ſtilles Gebet geſprochen war, gab man der Gondel des Staates ein Zeichen, um ſie herbei zu rufen. Kräftig ruderten ſie einher und waren im Augenblick an ihrer Seite. Zwei Männer traten in Antonio's Boot und halfen dienſtbefliſſen dem Mönch hin⸗ über in die Gondel des Staates. „Hat der Büßer gebeichtet?“ fragte der Angeſehenſte der beiden Männer, halb leiſe. „Es iſt hier ein Irrthum vorgefallen. Der, den Du ſuchſt, iſt entflohn. Dieſer alte Mann iſt ein Fiſcher, Namens Antonio, der den heiligen Marcus nicht ernſtlich beleidigt haben kann. Der Bravo iſt nach der Inſel St. Giorgio gefahren, und muß nun wo anders aufgeſucht werden.“ Der Beamte ließ den Mönch, der ſchnell unter den Baldachin trat, fahren, und warf einen ſchnellen Blick auf Antonio's Geſicht. Das Reiben eines Taues ward hörbar, Antonio's Anker fuhr plöͤtzlich heraus. Ein ſtark Geplätſcher erfolgte, und die beiden Boote ſchoſſen zuſammen davon, gehorſam der heftigen Anſtrengung der Ruderer. 230 In der Gondel des Staates ſah man die gewoͤhnliche Anzahl der Gondoliere bei ihrer Arbeit, ſammt dem dunkeln, einer Bahre ähn⸗ lichen Baldachin, doch des Fiſchers Boot war leer. Das Rauſchen der Ruder und Antonio's Sturz verſchlang eine allgemeine Woge. Als der Fiſcher nach ſeinem Falle emportauchte, ſah er ſich ganz allein, mitten auf der weiten, doch ruhigen Waſſerfläche. „Ein Strahl von Hoffnung wär' vielleicht ihm aufgegangen, als er aus der Dunkelheit der See zur glänzenden Schönheit der Mond⸗ ſchein⸗Nacht emporſtieg. Allein die ſchlafenden Kuppeln waren zu fern für menſchliche Kräfte, und die Gondeln rauſchten mit toller Haſt der Stadt zu. Er wandte ſich, ſchwach ſchwimmend, denn Hunger und frühere Anſtrengung hatten ſeine Kräfte erſchöpft, und richtete ſeinen Blick nach dem dunkeln Fleck, den er beſtändig für des Bravo's Boot erkannt hatte. Jacopo hatte mit der größten Anſtrengung ſeiner Sehkraft, das Zuſammentreffen bewacht. Durch ſeine Stellung begünſtigt, konnte er ſehen, ohne deutlich geſehen zu werden. Er ſah, wie der Mönch die Abſolution ſprach, und wie ſich das größere Boot näherte. Er unterſchied den Fall in's Waſſer von dem bloß plätſchernden Ruderſchlag, und ſah Antoniv's Boot leer hinweggleiten. Kaum hatte die Schiffsmannſchaft der Republik mit ihren Rudern die La⸗ gunen durchſegt, als auch das ſeine ſchon das Waſſer bewegte. „Jacopo!— Jacopo!—“ tönte es ängſtlich und ſchwach an ſein Ohr. Die Stimme ward erkannt und die ganze Begebenheit durchblickt. Dem Hülferuf folgte das Rauſchen des Waſſers, das ſich vor dem Schnabel der Gondel Jacopo's aufthürmte. Der Klang des ſich theilenden Elements glich dem Seufzen des Windes. Wellen und Blaſen blieben hinter ihm, wie Sterne hinter der ſchnell vor⸗ überziehenden Wolke, und alle Muskeln, die ſich heute ſchon einmal beim Wettkampf der Gondoliere ſo ſchön entwickelt hatten, dehnten zeigten ſich bei jedem Schlag, und der dunkle Fleck kam, wie eine — ſich nun, wie es ſchien, mit verdoppelter Kraft. Energie und Geſchick 231 Schwalbe, die mit ihren Flügeln das Waſſer beſtreicht, den Licht⸗ ſtreif herab. „Hier, Jacopd! Du ſteuerſt zu weit!“ Der Schnabel des Bootes wandte ſich und das Feuerauge des Bravo erblickte des Fiſchers Haupt. „Schnell, guter Jacopo!— ich kann nicht mehr!“ Wieder erſtickte des Waſſers Gemurmel die Worte. Wüthend ward die Anſtrengung des Ruders, die leichte Gondel ſchien bei jedem Schlage aus ihrem Elemente emporzuſteigen. „Jacopo— hier— lieber Jacopo!“ „Die Mutter Gottes ſteh Dir bei, Fiſcher!— ich komme!“ „Jacopo— der Knabe! der Knabe!“ Das Waſſer gurgelte; ein Arm war zu ſehen in der Luft, jetzt verſchwand er. Die Gondel trieb nach der Stelle, wo das Glied erſchienen, und ein Schlag rückwärts, der das eſchne Ruder wie eine Gerte beugte, legte das zitternde Boot bewegungslos bei. Die wilde Bewegung rührte die Lagunen auf, doch als der Schaum verſchwunden, lagen ſie ruhig da, wie das blaue friedliche Himmels⸗ gewölbe, das ſie zurückſtrahlten. „Antonio!“ erſcholl es von den Lippen des Bravo. Furchtbare Stille folgte dem Ruf. Weder Antwort zu hören, noch Geſtalt zu ſehen. Mit eiſernem Finger drückte Jacopo den Griff ſeines Ruders, und ſein eigner Odem erſchreckte ihn. Nach allen Seiten warf er irre Blicke, und auf allen Seiten ſah er die tiefe Ruhe des trügeriſchen Elements, das ſo ſchrecklich iſt in ſeiner Wuth. Gleich dem menſchlichen Herzen ſchien es zu ſympathiſiren mit der ruhigen Schoͤnheit der Mitternacht; doch gleich dem menſch⸗ lichen Herzen, bewahrte es ſeine furchtbaren Geheimniſſe. —— 232 Sechszehntes Kapitel. „Noch wen'ge Tag' und traumverſtörte Nächte So ſchlummr' ich ſanft,— doch wo?— mir iſt's gleichviel⸗ Leb', Angelina, lebe wohl.“ Marino Faliero. Als der Karmeliter zurückkehrte in das Gemach der Donna Violetta, bedeckte die Farbe des Todes ſein Antlitz, und nur mit Mühe trugen ihn ſeine Füße zu einem Sitze. Er bemerkte kaum, daß Don Camillo Monforte noch immer da war, noch weniger fiel ihm die Heiterkeit und Freude auf, die in den Augen der feurigen Violetta glühte. Seine Ankunft ward auch in Wahrheit von den beiden Glücklichen nicht gleich bemerkt, denn dem Herrn von St. Agata war es gelungen, das Geheimniß aus ſeiner Geliebten Bruſt zu locken, wenn das überhaupt ein Geheimniß zu nennen iſt, was ihr italieniſcher Charakter kaum zu verbergen getrachtet; und ſelbſt der ruhigere Blick der Donna Florinda ruhte erſt auf dem Mönch, als er ſchon durch's Zimmer geſchritten war. „Dir iſt unwohl!“ rief die Gouvernante aus,„Vater Anſelmo iſt gewiß nicht ohne ernſte Urſach aus geweſen!“ Der Mönch ſchlug ſeine Kapuze zurück, um Luft zu ſchoͤpfen, wodurch die Todesbläſſe ſeines Geſichts zum Vorſchein kam. Doch ſein Auge rollte, Entſetzen im Ausdruck, über die Geſichtszüge der zu ihm Eilenden, als ſtrenge er ſein Gedächtniß an, ſich ihrer zu erinnern. „Fernando!— Vater Anſelmo!“— rief Donna Florinda aus, ihre unwillkührliche Vertraulichkeit verbeſſernd, obgleich ſie dem ängſtlichen Ausdruck ihrer aufgeregten Züge nicht gebieten konnte;„Sprich mit uns— Du biſt leidend!“ „Herzenskrank, Florinde.“ „Täuſch uns nicht— Du haſt üble Nachrichten— Venedig—“* „Iſt ein furchtbarer Staat!“ 2222—3 233 „Warum verließeſt Du uns, wie konnteſt Du in einem für unſern Zögling ſo wichtigen Augenblick— in einem Augenblick, der auf ihr Glück vielleicht vom bedeutendſten Einfluß iſt,— eine lange Stunde abweſend bleiben?“ 3 Violetta blickte erſtaunt und überraſcht auf die Uhr, doch ſprach ſie nicht. „Die Diener des Staats bedurften meiner;“ erwiederte der Mönch, ſein Herz durch einen Seufzer erleichternd. „Ich verſtehe Dich, Vater; Du hatteſt einem armen Sünder die Beichte abzunehmen?“ „So iſt es, meine Tochter; und Wenige ſterben ſo in Frieden mit Gott und ihren Brüdern!“ Donna Florinde betete ein ſtilles Gebet für die Seele des Todten und bekreuzte ſich andächtig, als ſie endigte. Ihrem Beiſpiel folgte ihr Zögling, und ſelbſt Don Camilllo's Lippen bewegten ſich ſcheinbar andächtig, während er ſein Haupt nach ſeiner ſchönen Ge⸗ fährtin hinneigte. „War es ein gerechtes Ende, Vater?“ fragte Donna Florinde. „Ein unverdientes!“ ſchrie der Mönch mit Eifer,„oder Alles iſt Heuchelei im Menſchen. Ich ſah einen Menſchen ſterben, der beſſer zum Leben, ja glücklicherweiſe auch beſſer zum Sterben ge⸗ eignet war, als Die, welche ſein Urtheil geſprochen haben. Welch ein furchtbarer Staat iſt Venedig!“ „Und dies ſind Deine Herren, Violetta!“ ſagte Don Camillo, „dieſen mitternächtlichen Mördern ſoll Dein Glück anvertraut werden! Sag' uns, Vater, ſteht Deine ſchmerzliche Tragoͤdie auf irgend eine Weiſe mit den Angelegenheiten dieſes herrlichen Weſens in Verbindung? Denn wir ſind hier von Geheimniſſen umgeben, die eben ſo unbegreiflich und faſt eben ſo ſchrecklich ſind, als das Schickſal ſelbſt.“. Der Moͤnch blickte von Einem zum Andern, und ein menſch⸗ licherer Ausdruck fing an, ſich in ſeinem Geſicht zu zeigen. * 234 „Du haſt Recht,“ ſagte er,„ſo ſind die Männer beſchaffen, die über das Loos unſers Zöglings entſcheiden wollen. Der heilige Marcus verzeihe den Mißbrauch ſeines verehrten Namens und be⸗ ſchütze ſie mit der Kraft ſeines Gebetes!“ „Vater, ſind wir würdig, mehr zu erfahren von dem, was Du ſahſt?“ „Die Geheimniſſe des Beichtſtuhls ſind heilig, mein Sohn; doch war dies eine Beichte, die Lebenden und nicht die Todten zu beſchämen.“ „Daran erkenne ich die droben wieder!“(Denn ſo bezeichnen die Meiſten den Rath der Dreimänner.)„Jahre lang haben ſie mit meinen Rechten geſpielt, um ihre eigennützigen Abſichten zu erreichen, ja, zu meiner Schande muß ich es geſtehn, ſie haben mich, um Gerechtigkeit zu erlangen, zu einer Unterthänigkeit vermocht, die eben ſo wenig mit meinen Gefühlen, als mit meinem Charakter übereinſtimmt.“ „Nicht doch, Camillo, Du biſt dieſer Ungerechtigkeit gegen dich ſelbſt nicht fähig!“ „Es iſt eine ſchreckliche Regierung, Theuerſte, und ihre Früchte ſind gleich ſchädlich für den Herrſcher und den Unterthan. Die größte aller Gefahren, der Fluch des Geheimniſſes bei ihren Abſichten, ihren Handlungen und ihrer Verantwortlichkeit laſtet auf ihr.“ „Du ſprichſt wahr, mein Sohn; es giebt keine andere Sicher⸗ heit gegen Bedrückung und Unrecht in einem Staate, als die Furcht Gottes oder die Furcht vor Menſchen. Von der erſteren weiß Venedig nichts, denn zu viele Seelen theilen die Schuld ſeiner Sünden; und was die letztere anbetrifft, ſo ſind ſeine Thaten Allen verborgen.“ 5 „Für Menſchen, die unter Venedig's Geſetzen leben, iſt das eine kühne Sprache,“ bemerkte Donna Florinde, furchtſam um ſich blickend.„Da wir in der Staatsverwaltung weder etwas ändern noch verbeſſern können, ſo ſollten wir lieber ganz darüber ſchweigen.“ . NE +⁸½— ——— A 23⁵ „Wenn wir die Macht des Staatsraths nicht zu ändern ver⸗ mögen, ſo können wir ihr doch vielleicht entgehn,“ antwortete Don Camillo haſtig, jedoch mit gedämpfter Stimme. Nachdem er, der Sicherheit wegen, das Fenſter zugemacht, warf er ſeine Blicke auf die verſchiedenen Thüren des Zimmers und fragte:„Können Sie ſich auf die Treue der Diener verlaſſen, Donna Florinde?“ „Bei weitem nicht, Signor; wir haben zwar einige alte, be⸗ währte Diener, doch haben wir auch ſolche, die der Senator Gra⸗ denigo erwählte, und die ohne Zweifel nichts als Werkzeuge des Staats ſind.“ „Auf dieſe Weiſe erforſchen ſie alle Familiengeheimniſſe! Ich bin gezwungen, Taugenichtſe in meinem Palaſt zu unterhalten, von denen ich recht gut weiß, daß es ihre Miethlinge ſind; und dennoch find' ich es beſſer, zu thun als bemerkte ich ihre Abſichten nicht, damit ſie mich nicht auf eine Weiſe umgeben, die ſich minder leicht errathen läßt. Glauben Sie, Vater, daß meine Gegenwart hier den Spionen entgangen iſt?“ „Es wäre zu gewagt, ſich darauf zu verlaſſen. Niemand ſah uns hereinkommen, dünkt mich, denn wir benutzten den geheimen Eingang; doch wer iſt ſicher, unbemerkt zu ſeyn, wenn jedes fünfte Auge ein Miethling iſt!“ Die erſchreckte Violetta legte ihre Hand auf den Arm ihres Geliebten. „Vielleicht wirſt Du ſelbſt in dieſem Augenblick beobachtet,“ ſagte ſie,„und ſchon heimlich zur Strafe verurtheilt!“ „Bin ich geſehen, ſo zweifle nicht, St. Marcus wird eine ſo kühne Einmiſchung in ſeinen Willen nie vergeben. Und dennoch, ſüße Violetta, um Deine Gunſt zu gewinnen, hat die Gefahr nichts zu bedeuten; auch eine noch weit größere könnte mich nicht ab⸗ bringen von meinem Vorhaben.“ „Die unerfahrnen und vertrauensvollen Seelen haben meine 236 Abweſenheit benutzt, und ſich mehr mitgetheilt, als ſich geziemte,“ ſagte der Karmeliter, die Antwort vorausſehend. „Vater, die Natur iſt zu mächtig für die ſchwache Vorſicht der Vernunft.“ Die Stirn des Mönches bewölkte ſich. Seine Gefährten be⸗ wachten die Bewegungen ſeiner Seele, die ſich auf ſeinem, gewöhn⸗ lich wohlwollenden, wenn gleich ſtets traurigen Geſichte, ausſprachen. Einige Augenblicke lang ſchwiegen Alle. Endlich fragte der Kar⸗ meliter, ſeinen unruhigen Blick zu Don Camillo erhebend: „Haſt Du auch die Folgen dieſer Uebereilung gehörig überlegt, mein Sohn? Was gewährt Dir ſolche Sicherheit, dem Zorn der Republik zu trotzen, ihre Kunſtgriffe, ihre geheimen Auskundſchafter und ihre Schrecken herauszufordern??? „Vater, ich habe, wie alle meines Alters, überlegt, wenn ſie von ganzem Herzen und von ganzer Seele lieben. Ich fühle, daß jedes Elend Glückſeligkeit für mich ſeyn würde, im Vergleich mit dem Verluſt Violetta's, und daß keine Gefahr dem Lohne ihrer Liebe gleichkommt. Dies ſey genug auf Deine erſte Frage— auf die andere kann ich nur antworten, daß ich der Hinterliſt des Senats zu gewohnt bin, um in den Kunſtgriffen, ihr entgegen zu handeln, ein Neuling zu ſeyn.“ „Die Jugend hat nur eine Sprache, wenn die angenehme Täuſchung, die die Zukunft in goldene Strahlen kleidet, ſie bethört. Mag Alter und Erfahrung ſie immerhin verdammen, die Schwach⸗ heit behält über Alle den Sieg, bis das Leben ſeine wahren Farben annimmt. Herzog von St. Agata, biſt Du gleich von hoher Ab⸗ kunft, berühmtem Geſchlechte und Herr vieler Vaſallen, ſo biſt Du doch keine Macht— Du kannſt Deinen Palaſt in Venedig nicht für eine Feſtung erklären, noch den Dogen durch einen Herold heraus⸗ fordern laſſen.“ „Sehr wahr, ehrwürdiger Mönch, das kann ich nicht; auch wär es nicht wohlgethan, ſein Glück ſo auf's Spiel zu ſetzen. In⸗ ℳ 237 deß ue zeten des St. Marcus bedecken nicht den ganzen Erd⸗ Dyoden— wir koͤnnen fliehen.“ »„Der Senat hat einen langen Arm und tauſend geheime Hände.“ „Das weiß Niemand beſſer als ich; doch übt er keine Gewalt⸗ that ohne Beweggrund; wenn ſeine Mündel erſt mir angetraut iſt, ſo kann er das Uebel, welches ihm daraus entſpringt, nicht mehr ändern.“ „Denkſt Du dies! Mittel, Euch zu trennen, fänden ſich bald. Glaube nicht, daß Venedig ſich ſo leicht ſeine Pläne vereiteln laſſe. Der Reichthum dieſes Hauſes erkauft manchen unwürdigen Freier, und Dein Recht würde nicht geachtet, vielleicht gar geleugnet werden.“ „Sie können doch die Feierlichkeit der Kirche nicht verachten, Vater!“ rief Violetta aus,„ſie kommt vom Himmel und iſt heilig.“ „Meine Tochter, ich ſage es mit Schmerz, aber die Großen und Mächtigen finden ſelbſt Mittel, die ehrwürdigen und heiligen Sakramente der Kirche hinten an zu ſetzen. Dein eigen Gold würde nur dazu dienen, Dein Elend zu beſiegeln.“ „Dies könnte geſchehen, Vater, wenn wir im Bereich von St. Marcus blieben,“ unterbrach ihn der Neapolitaner;„ſind wir aber erſt über ſeine Grenzen, ſo wär' es ein gar kühner Eingriff in die Rechte eines fremden Staats, wenn man Hand an uns legte. Ueber⸗ dieß hab' ich ein feſtes Schloß in St. Agata, das ihren geheimſten Hülfsmitteln Trotz bietet, bis ſich vielleicht Fälle ereignen, die es ihnen wünſchenswerther machen nachzugeben, als auf ihrem Willen zu beharren.“. „Wäͤrſt Du, anſtatt zwiſchen den Kanälen, jetzt innerhalb der Mauern von St. Agata, ſo hätte dieſer Grund allerdings viel Kraft.“ „Es iſt jetzt einer meiner Vaſallen aus Calabrien hier, ein gewiſſer Stefano Milano, und Padrone einer ſorrentiniſchen Feluke, die hier im Hafen liegt; der Mann iſt ein Freund meines Gonde⸗ liers— der der Dritte war in den Wettkämpfen dieſes Tages. Iſt Dir unwohl, Vater, Du ſcheinſt unruhig?“ 238. . 8 „Fahre fort mit Deinem Vorſchlag,“ antwortete der Mönch, andeutend, daß er nicht wünſche, beobachtet zu werden. „Mein treuer Gino brachte mir Nachricht, daß dieſer Stefano, wie er glaubt, jetzt im Auftrage der Republik auf den Kanälen iſt, denn obgleich der Seemann weniger zur Mittheilung geneigt iſt, als gewöhnlich, ſo ließ er doch Winke fallen, die ſo etwas ſchließen laſſen.— Die Feluke iſt jede Stunde bereit, in See zu gehn, und ich zweifle nicht, daß ihr Beſitzer lieber ſeinem natürlichen Herrn als den zweizüngigen Boöſewichtern des Senats dienen wird. Ich kann ſo gut bezahlen wie ſie, wenn ich gut bedient werde; und ich kann auch ſtrafen, wenn man mich beleidiget.“ „Wären Sie außer dem Bereich der Argliſt dieſer myſteriöſen Stadt, Signor, ſo würde dies Alles ganz verſtändig ſeyn. Doch, wie wollen Sie ſich einſchiffen, ohne die Aufmerkſamkeit Derer, die wahrſcheinlich alle unſere Handlungen bewachen, auf ſich zu ziehen?“ „Finden ſich doch zu allen Stunden Verlarvte auf den Kanälen, und wenn auch Venedig in ſeinem Aufpaſſer⸗Syſtem ſehr weit geht, ſo weißt Du doch, Vater, daß ohne außerordentliche Urſachen, Masken Sicherheit genießen. Ohne dies kleine Privilegium würde die Stadt nicht einen Tag zu bewohnen ſeyn.“ „Ich fürchte die Folgen,“ bemerkte der zoͤgernde Mönch, ob⸗ gleich man aus ſeinen gedankenvollen Zügen deutlich ſah, daß er die möglichen Fälle des Abenteuers berechnete.„Wird es bekannt und werden wir angehalten, ſo ſind wir Alle verloren.“ „Vertraue mir, Vater, Dein Schickſal ſoll nicht vergeſſen werden, ſelbſt im ſchlimmſten Fall. Ich habe, wie du weißt, einen Onkel, der bei'm Pabſt hoch angeſchrieben iſt und den Scharlachhut trägt. Ich verpfände Dir mein Ehrenwort, daß ich all meinen Einfluß bei dieſem Verwandten aufbieten will, ſolche Fürbitte der Kirche zu bewirken, daß der Schlag, der ihren Diener treffen ſollte, abgewandt werde.“ Das Geſicht des Karmeliters ward röther, und zum erſtenmal 239 bemerkte der eifrige junge Mann um deſſen ascetiſchen Mund den Ausdruck weltlichen Stolzes. „Du haſt meine Bedenklichkeiten unrecht verſtanden, Herzog von St. Agata,“ ſagte er;„ich fürchte nicht für mich, ſondern für Andere. Dieſes zarte, liebliche Kind iſt meiner Sorge nicht anver⸗ traut worden, ohne einen väterlichen Antheil an ihr Schickſal bei mir erregt zu haben—“ er hielt inne und ſchien mit ſich ſelbſt zu kämpfen.—„Zu lange kenne ich die milden, weiblichen Tugenden Donna Florinda's, um ſie gleichgültig der nahen und ſchrecklichen Gefahr ausgeſetzt zu ſehen. Unſern Zögling verlaſſen, können wir nicht; auch ſehe ich nicht ein, wie wir, als kluge und wachſame Beſchützer, auf irgend eine Weiſe unſere Zuſtimmung zu dieſem Wageſtück geben können. Laßt uns hoffen, daß Die, welche regieren, doch noch die Ehre und das Glück der Donna Violetta berückſich⸗ tigen werden.“ „Das wär als wollten wir hoffen, den geflügelten Löwen in ein Lamm, und den finſtern, ſeelenloſen Senat in eine Geſellſchaft büßender, frommer Karthäuſer verwandelt zu ſehen! Nein, ehr⸗ würdiger Vater, wir müſſen den glücklichen Augenblick ergreifen— und wahrſcheinlich kommt nie ein günſtigerer als dieſer— oder unſere Hoffnungen einer kalten berechnenden Politik, die nichts achtet, als ihre Zwecke, anvertrauen. Eine Stunde, ja, eine halbe, wäre hinreichend, den Seefahrer zu benachrichtigen, und noch bevor der Morgen graute, könnten wir die Kuppeln Venedig's in ihre ver⸗ haßten Lagunen hinabſinken ſehen.“ „Dies ſind Pläne der zuverſichtlichen, von Leidenſchaft beflügelten Jugend. Glaube mir, mein Sohn, es iſt nicht ſo leicht, die Agenten der Polizei irre zu führen. Wir könnten dieſen Palaſt nicht ver⸗ laſſen, die Feluke nicht beſteigen, noch irgend einen, der ſo vielen nöthigen Schritte thun, ohne ihre Blicke auf uns zu ziehen. Horch! — ich höre Rudergeplätſcher— eine Gondel hält eben am Waſſerthor!“ Donna Florinde ging ſchnell auf den Balkon, und kehrte eben 1 240 ſo ſchnell zurück, um zu erzählen, daß ſie einen Beamten der Re⸗ publik hätte in den Palaſt gehen ſehen. Es war keine Zeit zu ver⸗ lieren, Don Camillo mußte von Neuem ſich in die Kapelle verbergen. Kaum hatte man dieſe nöthige Vorſicht beobachtet, als die Thür des Zimmers ſich öffnete, und der privilegirte Bote des Senats ſich ſelbſt anmeldete. Es war daſſelbe Individuum, welches bei der ſchrecklichen Execution präſidirt und die Endſchaft der Macht von Signor Gradenigo angekündigt hatte. Als er in's Zimmer trat, blickte er argwöhniſch im ganzen Zimmer umher; der Karmeliter zitterte an allen Gliedern, wie ſein Blick dem ſeinigen begegnete. Doch alle unmittelbare Furcht verſchwand, als das gewöhnliche, ſchlaue Lächeln, mit dem er ſeine unangenehmen Mittheilungen zu mildern ſuchte, die Stelle des momentanen Ausdrucks eines unge⸗ wiſſen und gewohnten Argwohns einnahm. „Edle Dame,“ ſagte er, ſich mit der, ihrem Range ange⸗ meſſenen Ehrfurcht verbeugend,„aus dem Eifer ſeines Dieners werden Sie den Antheil erkennen, den der Senat an ihrer Wohl⸗ fahrt nimmt. Aengſtlich beſorgt für das Vergnügen und für die Wünſche einer ſo jungen Dame, hat er beſchloſſen, Ihnen den Genuß und den Wechſel eines andern Schauplatzes zu geben, und zwar jetzt in dieſer Jahreszeit, wo die Kanäle der Stadt durch ihre Wärme und die Menſchenmenge, die in der freien Luft lebt, höchſt unangenehm werden. Ich bin daher abgeſandt worden, Sie zu er⸗ ſuchen, daß Sie Einrichtungen treffen, wie ſie zu einem Aufenthalt von wenigen Monaten, in einer reineren Atmoſphäre, Ihrer Be⸗ quemlichkeit angemeſſen ſind, und zwar ſo eilig als möͤglich, indem Ihre Reiſe, um Ihnen Ungemäͤchlichkeiten zu erſparen, ſchon vor Sonnenaufgang beginnen ſoll.“ „Das iſt eine ſehr kurze Friſt für eine Dame, welche die Woh⸗ nung ihrer Ahnen verlaſſen ſoll.“ „St. Marcus' Liebe und väterliche Sorgfalt läßt ihn leere Ceremonien überſehen. So, handelt ſtets der Vater gegen ſein Kind. —————ÿ 241 Es bedarf der großen Vorbereitungen nicht, da es ein Geſchäft der Regierung ſeyn wird, alles Benöthigte nach dem Aufenthalt zu ſen⸗ den, den eine ſo erlauchte Dame mit ihrer Gegenwart beehren wird.“ „Für meine Perſon braucht es weniger Vorbereitungen; allein ich fürchte, daß die Dienerzahl, die meinem Stande angemeſſen iſt, zu ihren Einrichtungen mehr Zeit bedürfen wird.“ „Edle Dame, dieſe Verlegenheit hat man voraus geſehn, und um ihr abzuhelfen, hat der Staatsrath beſchloſſen, Sie mit der einzigen Dienerin zu verſehen, die Sie während einer ſo kurzen Ab⸗ weſenheit von der Stadt bedürfen werden.“ „Wie, Signor! will man mich von meinen Leuten trennen?“ „Von den Miethlingen Ihres Palaſtes, Dame, um Sie mit Solchen zu umgeben, die Ihnen aus edleren Delveggründen er⸗ geben ſind.“ „Und meine mütterliche Freundin,— mein geiſtlicher Rath⸗ geber?“ „Dieſen iſt erlaubt, während Ihrer Abweſenheit zu ruhen von ihren Pflichten.“ Ein Ausruf der Donna Florinde und eine unwillkührliche Be⸗ wegung des Moͤnchs, verrieth ihren beiderſeitigen Schmerz. Donna Violetta unter drückte mit mächtiger Anſtrengung das bittere Gefühl ihres verwundeten Herzens, wobei ihr Stolz ſie kräftig unterſtützte; doch konnte ſie eine andere Sorge, die ihre Blicke ausſprachen, nicht ganz verbergen. „Erſtreckt ſich dies Verbot auch bis auf Diejenige, die gewöhn⸗ lich meine eigne Perſon bedient?“ „So lauten meine Befehle, Signora.“ „Erwartet man, daß Violetta Tiepolo ſich dieſe Dienſte ſelbſt leiſte?“ „Nein, Signora. Man hat eine höchſt liebenswürdige, vor⸗ treffliche Dienerin zu dieſem Geſchaͤft erwählt. Annina,“ fuhr er, Der Bravo. 16 242 ſich der Thüre nähernd, fort,„Deine erlauchte Gebieterin wünſcht Dich zu ſehen.“ Auf ſeinen Ruf erſchien die Tochter des Weinhändlers. Sie hatte den Schein der Demuth angenommen, doch war er von einer gewiſſen Miene begleitet, welche Unabhängigkeit von dem Willen ihrer neuen Gebieterin verrieth. „Dieſe Dirne alſo ſoll meine nächſte Vertraute werden!“ rief Donna Violetta aus, nachdem ſie einen Augenblick mit ſichtlichem Widerwillen ihre Züge gemuſtert. „Die Sorgfalt Ihrer erlauchten Vormünder, edle Dame, hat dieſe Wahl getroffen. Da das Mädchen ſchon von allem Nöthigen unterrichtet iſt, ſo will ich nicht länger beſchwerlich fallen, ſondern mich beurlauben, Ihnen noch zuvor empfehlend, die wenigen Stun⸗ den zwiſchen jetzt und Sonnenaufgang, zu benutzen, um in der Morgenfriſche die Stadt verlaſſen zu können.“ Noch einen Blick warf der Beamte im Zimmer umher, jedoch, wie es ſchien, mehr aus gewohnter Vorſicht, als aus irgend einem andern Grund, verbeugte ſich alsdann und ging. Ein tiefes, ſchmerzliches Stillſchweigen erfolgte. Dann blitzte die Furcht, Don Camillo möchte ſich in Hinſicht ihrer Lage irren und zum Vorſchein kommen, in Violetta's Seele auf, daher beeilte ſie ſich, durch lautes Sprechen mit ihrer neuen Dienerin, ihn von der Gefahr zu unterrichten. „Haſt Du ſchon früher gedient, Annina?“ fragte ſie laut, da⸗ mit ihre Worte in der Kapelle gehört würden. „Nie bei einer ſo ſchönen und erlauchten Dame, Signora. Doch hoffe ich, mich meiner Gebieterin angenehm zu machen, die, wie ich höre, ſo gütig gegen ihre Umgebungen iſt.“ „Die Schmeichelreden Deines Standes ſind Dir nicht fremd; geh' denn, und benachrichtige meine ehemaligen Diener von dieſem plötzlichen Wechſel, damit ich den Senat durch mein Zögern nicht erzürne. Ich vertraue alles Deiner Sorge an, Annina, da Du 4 243 mit dem Willen meiner Vormünder bekannt biſt— die Leute draußen werden Dir beiſtehen.“ Das Mädchen zögerte, und ihre wachſamen Beobachter ſahen Argwohn und Ungewißheit in der läſſigen Art ihres Gehorſams. Sie gehorchte indeſſen und verließ mit dem Diener, den Donna Violetta aus dem Vorſaal herbeigerufen, das Zimmer. So wie die Thüre geſchloſſen war, erſchien Don Camillo, und die ganze Gruppe der Vier ſah ſich mit paniſchem Schrecken an. „Kannſt Du jetzt noch zögern, Vater?“ fragte der Liebende. „Nicht einen Augenblick, ſähe ich Mittel, die Flucht zu bewerk⸗ ſtelligen.“ 3 „Wie! Du willſt mich alſo nicht verlaſſen!“ rief Violetta voller Freude aus und küßte ſeine Hände.„Und auch Du nicht, meine zweite Mutter?“ „Keiner,“ antwortete die Freundin, die wie durch Eingebung des Mönchs Entſchluß begriff.„Wir gehen mit Dir, meine Liebe, nach dem Schloſſe von St. Agata, oder in den Kerker von St. Marcus.“ „Tugendhafte, heilige Florinde, empfange meinen Dank!“ rief die erleichterte Violetta, ihre Hände mit einem gemiſchten Gefühl von Andacht und Dankbarkeit an ihr Herz drückend—„Camillo, wir erwarten Deine Leitung!“ „Halt,“ rief der Mönch,„ein Fußtritt— in Dein Verſteck.“ Kaum war Camillo ihren Blicken entſchwunden, als Annina wieder erſchien; nach der unbedeutenden Frage zu urtheilen, die ſie an ihre Gebieterin hinſichts der Farbe eines Kleides that, war ihr Kommen eher einer andern Urſach als dieſem Vorwande zuzuſchreiben. „Thue, was Du willſt, Mädchen,“ ſagte Violetta ungeduldig; „Du kennſt meinen neuen Aufenthalt und wirſt am beſten beurtheilen können, welches Anzugs ich bedarf. Eile mit Deinem Geſchäft, da⸗ mit ich keinen Aufenthalt verurſache. Enrico, führe meine neue Kammerfrau in die Garderobe.“ ½ 244 Zögernd entfernte ſich Annina, denn zu bewandert war ſie in Argliſt und Verſtellungskunſt, um dieſer unerwarteten Fügung in den Willen des Senats nicht zu mißtrauen, oder den Widerwillen, mit dem ihre Dienſte angenommen wurden, nicht zu bemerken. Da indeß der treue Diener Donna Violetta's ihr zur Seite blieb, mußte ſie, wohl oder übel, gehorchen, und ſich einige Schritte nach der Thüre zu führen laſſen. Plötzlich, als fiel ihr eine neue Frage ein, kehrte ſie mit ſolcher Schnelligkeit zurück, daß ſie ſchon im Zimmer war, ehe noch Enrico ihre Abſicht ahnete. „Tochter, vollbringe Dein Geſchäft, und hüte Dich, uns ferner zu unterbrechen,“ ſagte der Mönch ernſthaft.„Ich will eben dieſe Bußfertige beichten laſſen, die vielleicht lange nach dem Troſt der heiligen Kirche wird ſchmachten müſſen, bevor wir uns wiederſehn. Wenn Du kein dringendes Geſchäft haſt, ſo geh', ehe Du der Kirche ernſte Urſach zum Zorne gibſt.“ Der ſtrenge Ton des Karmeliters, ſein befehlender, wenn gleich zurückgehaltner Blick, ſetzte die Dirne in Schrecken. Zitternd, und wirklich in Furcht vor der Gefahr, Meinungen entgegen zu handeln, die in allen Gemüthern ſo tief wurzelten, und von denen ihr eigner Aberglaube nicht frei war, murmelte ſie einige entſchuldigende Worte und ging endlich, nachdem ſie noch einen ihrer unruhigen, argwöh⸗ niſchen Blicke umhergeworfen hatte. Als man ſich wieder allein ſah, empfahl der Mönch durch einen Wink dem ungeſtümen Don Ca⸗ millo, der ſeine Ungeduld kaum ſo lange im Zaum halten konnte, bis die Ueberläſtige entfernt war, Stillſchweigen. .„Sey vorſichtig, mein Sohn,“ ſagte er,„wir ſind von Ver⸗ räthern umgeben; in dieſer unglücklichen Stadt weiß man nicht, wem man trauen darf.“ „Ich denke, auf Enrico können wir uns verlaſſen,“ ſagte Donna Florinde, obgleich der Ton ihrer Stimme die Zweifel ausdrückte, die ſie nicht zu fühlen vorgab. „Da iſt wenig daran gelegen, meine Tochter. Er weiß nichts u— 245 von Don Camillo's Hierſeyn, und in dieſer Hinſicht ſind wir ſicher. Herzog von St. Agata, können Sie uns aus dieſen Schlingen er⸗ löſen, ſo ſind wir bereit, Ihnen zu folgen.“ Ein Freudengeſchrei ſchwebte auf Violetta's Lippen, doch den Blicken des Mönchs gehorſam, wandte ſie ſich zu ihrem Geliebten, als wolle ſie ſeine Entſcheidung erfahren. Don Camillo's Einwil⸗ ligung war auf ſeinem Geſicht zu leſen. Ohne ein Wort zu ſagen, ſchrieb er eilig einige Zeilen auf das Couvert eines Briefes, wickelte ein Stück Geld hinein und ging mit vorſichtigen Schritten auf den Balkon. Ein Signal ward gegeben und Alle erwarteten ſchweigend und mit angehaltenem Odem die Antwort. Alſobald hörten ſie das Plätſchern eines Bootes unter dem Fenſter. Wieder vorgehend, warf Don Camillo mit ſichrer Hand das Papier hinab, ſo daß er den Fall der Münze auf dem Boden der Gondel hörte. Der Gon⸗ dolier hob kaum ſeinen Blick zum Balkon empor, fing ein auf den Kanälen ſehr gewöhnliches Liedchen an, und ruderte gemächlich, als habe er keine Eile, davon. „Das iſt gelungen!“ ſagte Don Camillo, als er den Geſang Gino's hörte.„In einer Stunde hat mein Geſchäftsträger die Feluke in Beſchlag genommen; Alles kommt nun darauf an, den Palaſt unbemerkt zu verlaſſen. Meine Leute werden uns in Kurzem erwarten, und vielleicht wäͤre es wohlgethan, offen und frei unſrer Schnelligkeit zu vertrauen, um das adriatiſche Meer zu erreichen.“ „Noch iſt eine feierliche und unerläßliche Pflicht zu erfüllen,“ bemerkte der Mönch.„Meine Töchter, geht in Eure Zimmer und beſorgt das Nöthige zu unſerer Flucht; dies kann, ohne Argwohn zu erregen, geſchehn, indem es ſcheinen wird, als wolltet ihr den Wünſchen des Senats genügen. In wenigen Minuten werde ich Euch wieder hieher berufen.“ Verwundert, doch gehorſam, entfernten ſich die Damen. Der Karmeliter machte nun Don Camillo offen und kurz mit ſeinen — 1 246 Abſichten bekannt. Letzterer hörte eifrig zu, und nachdem der Andere geendet, gingen Beide in die Kapelle. Kaum vergingen fünfzehn Minuten, als der Moͤnch ſchon allein zurückkehrte, und die Klingel zog, die in das Kabinet Violetta's führte. Donna Florinde und ihr Zögling erſchienen ſogleich. „Bereite Dich zur Beichte vor,“ ſagte der Prieſter, ſich mit ernſter Würde in den Stuhl niederlaſſend, welchen er gewöhnlich einnahm, wenn er auf die Selbſtanklagen und Geſtändniſſe ſeiner geiſtlichen Tochter hörte. Violetta erblaßte und erröthete wechſelweiſe, als drückte eine ſchwere Sünde ihr Gewiſſen. Sie warf einen flehenden Blick auf ihre mütterliche Rathgeberin, in deren milden Zügen ſie einem er⸗ muthigenden Lächeln begegnete, dann kniete ſie, mit ſchwerem Her⸗ zen und zu ſolcher Feierlichkeit wenig geſammelten Gemüth, doch mit einer dem Gegenſtande angemeſſenen Entſchloſſenheit, auf das Kiſſen nieder, das zu des Mönches Füßen lag. Die leiſen Worte Donna Violetta's waren nur den väterlichen Ohren, für die ſie beſtimmt, und dem gefürchteten Weſen, deſſen Zorn ſie beſänftigen ſollten, hörbar. Don Camillo blickte durch die halb offne Thür der Kapelle auf die kniende Geſtalt, die gefal⸗ teten Hände und das erhobne Angeſicht der ſchönen Reuigen. Als ſte fortfuhr in ihrem Sündenbekenntniß, färbte ſich ihre Wange mit tieferem Noth und frommes Feuer erglühte in den Augen, die er vor Kurzem von anderer Leidenſchaft glänzen geſehn. Das offne und geregelte Gemüth Violetta's konnte ſich nicht ſo ſchnell der Laſt ſeiner Sünden entladen, als es das geübtere des Duca von St. Agata gethan hatte. Der Letztere glaubte, aus der Bewegung ihrer Lippen, den Klang ſeines eignen Namen zu vernehmen; und wohl ein Dutzend Mal meinte er während der Beichte ſogar Worte zu hören, von denen er ſelbſt der Gegenſtand war. Zweimal lächelte der gute Vater unwillkührlich, und bei jeder gebeichteten Unbeſon⸗ nenheit legte er wohlwollend ſeine Hand auf das entblößte Haupt 247 der Beichtenden. Violetta hörte auf zu reden, und die Abſolution ward mit warmer Inbrunſt, die durch die beſondern Umſtände, in denen ſich Alle befanden, noch erhöht ward, geſprochen. Nachdem dieſe Pflicht erfüllt war, trat der Mönch in die Ka⸗ pelle. Mit feſter Hand zündete er die Lichter auf dem Altare an, und beſorgte alles zur Meſſe Nöthige. Während dem ſtand Don Camillo an der Seite ſeiner Geliebten, und lispelte ihr mit der Wärme eines triumphirenden und glücklichen Geliebten leiſe Worte zu. Florinde hielt ſich an der Thür, den Ton der Jußtritte im Vorzimmer bewachend. Der Möͤnch trat vor den Eingang der kleinen Kapelle und wollte eben ſprechen, als Donna Florinda's ſchnelle Schritte ſeine Worte aufhielten. Kaum hatte Don Camillo Zeit, ſich hinter der Draperie eines Fenſters zu verbergen, als auch ſchon Annina die Thür öffnete und hereintrat. Als die Dirne die Zubereitungen des Altars und des Prieſters feierliches Antlitz ſah, trat ſie beſtürzt einen Schritt zurück. Doch mit jener Beſonnenheit, welche ihr eben ihre gegenwärtige Anſtellung verſchafft hatte, ſammelte ſie ihre Gedanken bald, bekreuzte ſich andächtig, und nahm ihren Platz ſeitwärts, wie Jemand, der ſeine Stellung wohl kennt, aber doch an dem heiligen Gottesdienſte Theil zu nehmen wünſcht. „Tochter, Niemand, der dieſe Meſſe mit uns beginnt, kann ſie, bevor ſie geendet iſt, verlaſſen;“ bemerkte der Mönch. „Vater, es iſt meine Pflicht, mich in der Näͤhe meiner Ge⸗ bieterin aufzuhalten, und eine Glückſeligkeit für mich, ihr in dieſer frühen Morgenandacht nahe zu ſeyn.“ Der Mönch war in Verlegenheit; er blickte unentſchloſſen von Einer zur Andern, und wollte eben irgend einen Vorwand erſinnen, ſich der Ueberläſtigen zu entledigen, als Don Camillo mitten in's Zimmer trat. „Fahren Sie fort, ehrwürdiger Vater,“ ſagte er;„ſie iſt nur noch ein Zeuge meines Glückes mehr.“ — —y— 248 Bei dieſen Worten berührte der Edelmann mit einem Finger den Griff ſeines Schwertes, und warf der halb verſteinerten Annina einen Blick zu, der ſehr erfolgreich den Ausruf, der ihr eben ent⸗ ſchlüpfen wollte, zurückhielt. Der Mönch ſchien dieſe ſchweigende Verabredung zu verſtehn, denn mit tiefer Stimme begann er die heilige Meſſe. Die Sonderbarkeit ihrer Lage, die wichtigen Folgen der Handlung, in der ſte begriffen waren, die ausdrucksvolle Würde des Karme⸗ liters, und die große Gefahr, der ſie ſich Alle ausſetzten, verbunden mit der Gewißheit der Strafe, wenn es verrathen ward, daß ſie es wagten, dem Willen Venedigs zuwider zu handeln, machten einen tieferen Eindruck auf ihr Gefühl, als gewöhnlich bei Trauungen zu geſchehen pflegt. Die jugendliche Violetta zitterte bei jedem Ton der feierlichen Stimme des Mönchs, und gegen das Ende der Hand⸗ lung lehnte ſie ſich kraftlos an den Arm des Mannes, dem ſie ſo eben ihre Treue verpfändet hatte. Die Augen des Karmeliters wurden indeſſen immer belebter, je weiter er in ſeinem Vortrage kam, und, noch lange vor dem Schluß, hatte er ſich ſogar der Gefühle Annina's ſo bemächtigt, daß er ihre feile Seele in Ehrfurcht erhielt. Die Endworte der Trauung wurden geſprochen und der Segen ertheilt. „Maria, die Reine, wache über Dein Glück, meine Tochter,“ ſagte der Moͤnch, zum erſten Male in ſeinem Leben die Stirn der weinenden Braut küſſend.—„Herzog von St. Agata, Dein Schutz⸗ patron erhöre Dich nach Maaßgabe Deiner Guüte gegen dies un⸗ ſchuldige, vertrauungsvolle Kind!“ „Amen! Hal wir ſind nicht zu früh vermählt, meine Vio⸗ retta; ich höre Ruderſchläge.“ Ein Blick vom Balkon überzeugte ihn von der Wahrheit ſeiner Worte und von der Nothwendigkeit, jetzt den entſcheidendſten Schritt zu thun. Eine ſechsrudrige Gondel, von einer, den Wellen des —— ⸗ tt 249 adriatiſchen Meeres in dieſer Jahreszeit angemeſſenen Groͤße, und mit einem geräumigen Pavillon, hielt am Waſſerthore des Palaſtes. „Ich bewundre dieſe Kühnheit,“ rief Don Camillo aus.„Wir dürfen nicht zögern, damit die Polizei nicht durch irgend einen Spion der Republik Nachricht erhalte. Fort! theure Violetta— fort! Donna Florinde— Vater fort!“ Die Gouvernante und ihr Zögling eilten ſchnell in die innern Zimmer. Nach einer Minute kehrten ſie mit Donna Violetta's Schmuckkäſtchen und allem zu einer kurzen Reiſe Benöthigten zurück. Alles war bereit bei ihrer Rückkehr; denn Don Camillo hatte ſich auf dieſen entſcheidenden Augenblick längſt vorbereitet, und der ſelbſt⸗ verleugnende Karmeliter bedurfte keiner überflüſſigen Bequemlichkeiten. Es war jetzt nicht Zeit zu unnöthigen Erklärungen oder gewöhnlichen Einwürfen. „Unſere Hoffnung beruht auf unſerer Eil,“ ſagte Don Camillo; „Geheimhaltung iſt unmöglich.“ Noch hatte er nicht vollendet, als der Moͤnch ſchon zur Thüre ſchritt. Donna Florinde und die halb athemloſe Violetta folgten ihm; Don Camillo zog den Arm Annina's unter den ſeinen und gebot ihr mit leiſer Stimme zu gehorſamen, wenn ihr Leben ihr lieb wäre. 3 Die lange Reihe der äußern Zimmer war zurückgelegt, ohne daß irgend jemand dieſen ſonderbaren Zug bemerkt hätte. Doch, als die Flüchtlinge in die große Halle traten, die mit der Haupt⸗ treppe in Verbindung ſtand, ſahen ſie ſich inmitten von wenigſtens zwolf Dienern beiderlei Geſchlechts. „Platz da,“ rief der Herzog von St. Agata, deſſen Perſon und Stimme allen gleich unbekannt war.„Eure Gebieterin will die friſche Luft auf den Kanälen genießen.“ Verwunderung und Neugier zeigte ſich auf allen Geſichtern, doch war in den Zügen Vieler Argwohn und eifrige Auſmerkſamkeit vorherrſchend. Kaum hatte Violetta's Fuß das Pflaſter der unteren 250 Halle berührt, als mehrere Diener die Treppe hinunter ſchlüpften und den Palaſt durch verſchiedene Thüren verließen. Jeder ſuchte Diejenigen auf, die ihn in Dienſt gebracht. Einer floh die engen Gaſſen der Inſeln entlang, um zu Don Gradenigo's Wohnung zu gelangen; ein Anderer ſuchte deſſen Sohn auf; ein Dritter, unbe⸗ kannt mit dem, der ihm für ſeine Dienſte zahlte, ſuchte den Ge⸗ ſchäftsträger Don Camillo's, um ihm Umſtände mitzutheilen, in denen dieſer ſelbſt eine ſo bedeutende Rolle ſpielte. In ſolch einen Zuſtand von Verderbtheit hatte Falſchheit und Hinterliſt den Haushalt der ſchönſten und reichſten Erbin Venedigs verſetzt! Die Gondel lag an den Marmorſtufen des Waſſerthors, zwei Männer hielten ſie feſt an den Steinen. Don Camillo überſah mit einem Blick, daß die maskirten Gondoliere keine der ihnen von ihm vorgeſchriebenen Vorſichtsmaaßregeln verſäumt hatten, und er pries innerlich ihre Pünktlichkeit. Jeder von ihnen trug ein kurzes Rappier im Gürtel und er glaubte, unter den Falten ihrer Gewänder die damals üblichen, ſchwerfälligen Feuergewehre zu bemerken. Dieſe Beobachtungen wurden gemacht, wäͤhrend der Mönch und Violetta iws Boot traten. Donna Florinde folgte und Annina wollte des⸗ gleichen thun, als Don Camillo ſie beim Arm zurückhielt. „Dein Dienſt hat hier ein Ende,“ liſpelte der Bräutigam. „Suche Dir eine andere Gebieterin; in Ermangelung einer Beſſeren rathe ich Dir, Dich Venedig zu weihen.“ Bei dieſer Unterbrechung ſah ſich Don Camillo um und be⸗ trachtete einen Augenblick lang die, in ehrfurchtsvoller Ferne, in der Halle des Palaſtes verſammelte Menge. „Lebt wohl, meine Freunde!“ ſagte er;„Diejenigen, die ihrer Gebieterin treu ſind, ſollen nicht vergeſſen werden.“ Er wollte mehr ſagen, da fühlte er ſich plötzlich und rauh bei den Armen ergriffen. Die beiden Gondoliere am Ufer hatten ihn gepackt; während er ſich ihnen zu entwinden ſuchte, ſchoß Annina, auf einen erhaltenen Wink bei ihm vorbei und ins Boot. Die Ruder +₰⏑½—2—n „.„———,— 9Q X 8 8 N ihn gina, uder 251 fielen in's Waſſer; Don Camillo ward auf eine heftige Weiſe in den Palaſt zurückgedrängt, die Gondoliere nahmen ihre Plätze ein und hinweg glitt die Gondel von den Stufen, und war bald aus dem Bereich des Zurückgebliebenen. „Gind! Böſewicht! Was bedeutet dieſe Verrätherei?“ Die Bewegung der abfahrenden Gondel ward nur von dem Ton des rauſchenden Waſſers begleitet. In ſprachloſem Schmerz ſah Don Camillo das Boot immer ſchneller und ſchneller die Kanäle entlang gleiten und dann, ſich um die Ecke eines Palaſtes wendend, verſchwinden. In Venedig war Verfolgung nicht ſo leicht wie in andern Städten, denn dem Laufe der Gondel auf den Kanälen konnte man nur zu Waſſer folgen. Verſchiedene Familien⸗Boote lagen innerhalb der durch Pfähle abgetrennten Stelle des großen Kanals am Haupteingange, und ſchon wollte ſich Don Camillo in eines derſelben ſtürzen und mit eigner Hand das Ruder führen, als Ru⸗ derſchläge die Annäherung einer Gondel von der Brücke her, die ſeinem Diener ſo lange als Verſteck gedient, ankündigten. Bald trat ſie hervor aus dem dunkeln Schatten der Häuſer, und Don Camillo erblickte eine große Gondel, die, wie die eben abgefahrene, von ſechs maskirten Gondolieren gerudert ward. Die beiden Boote ſahen ſich ſo ähnlich, daß nicht nur Don Camillo, ſondern alle Andere, die zugegen waren, Anfangs glaubten, Letzteres habe, mit außergewöhnlicher Eil, ſchon die Tour um die nahegelegenen Paläſte vollendet, und nähere ſich nun wieder dem Eingange von Donna Violetta's Behauſung. „Gino!“ ſchrie der betäubte Neuvermählte. „Gnädiger Herr?“ antwortete fragend der treue Diener. „Komm näher, Böſewicht. Was ſoll der unnütze Scherz in dieſem Augenblick?“ Don Camillo machte einen furchtbaren Sprung und erreichte glücklich die Gondel. Mit Blitzesſchnelle ſtürzte er mitten durch das 25² Schiffsvolk hindurch, in das Zelt, wo ein Blick umher ihn über⸗ zeugte, daß es leer ſey. „Niederträchtige, ihr habt gewagt, mich zu hintergehn!“ ſchrie der beſtürzte Herzog. In dieſem Augenblick ſchlug die Stadtuhr zwei; und jetzt erſt, als dies verabredete Signal ſchwer und traurig durch die Nachtluft tönte, ging dem enttäuſchten Camillo eine Ahnung von dem wahren Hergang der Sache auf. 3 „Gino,“ ſagte er, ſeine Stimme dämpfend, wie Jemand, der einen verzweifelten Entſchluß aſſen will;„ſind Deine Leute treu?“ „So treu als Ihre eignen Vaſallen, Signor.“ „Und Du gabſt wirklich meinem Agenten das Billet?“ „Er hatte es in ſeinen Händen, noch ehe die Tinte trocken war, Excellenz.“ „Der feile Boͤſewicht! Er ſagte Dir, wo Du die Gondel, ganz ſo wie dieſe ausgerüſtet, finden würdeſt?“ „So iſt's, Signor; und ich muß dem Manne die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, er ſtellte ein Schiff, welches weder an Eil noch an Bequemlichkeit etwas zu wünſchen übrig läßt.“ „Ja! er handelt ſogar mit Duplikaten, ſo zart iſt ſeine Sorg⸗. falt!“ murmelte Camillo zwiſchen den Zähnen.—„Rudert zu, Leute, Eure eigne Sicherheit und mein Glück hängt von Euren Armen ab. Tauſend Dukaten, wenn Ihr meiner Hoffnung entſprecht, meinen gerechten Zorn, wenn Ihr ſie täuſcht!“ Don Camillo warf ſich, in der Bitterkeit ſeines Herzens, bei dieſen Worten auf's Kiſſen, doch machte er dabei eine Bewegung, die den Ruderern gebot, fortzueilen. Gino, der auf dem Spiegel des Schiffes ſtand, und das Steuerruder lenkte, öffnete ein kleines Fenſter im Pavillon, und bückte ſich, um ſeines Gebieters Befehle, beim Abfahren des Boots zu vernehmen. Dann, ſich aus ſeiner gebückten Stellung erhebend, that der geübte Gondolier einen Schlag mit ſeinem Ruder, daß das träge Element in der engen Durchfahrt — 205 253 ſich in brauſenden Wirbeln bewegte, und die Gondel glitt, wie vom Inſtinkte getrieben, in den großen Kanal hinein. Siebenzehntes Kapitel. „Was liegſt Du auf der grünen Erde ſo? Zum Schlummer iſt'’s nicht Zeit;— warum ſo blaß?“ Cain. AUngeachtet ſeiner ſcheinbaren Entſchloſſenheit, wußte der Herzog von St. Agata doch durchaus nicht, wohin er ſich zu wenden, oder was er zu thun habe. Daß er von einem oder mehreren der Un⸗ terhändler, denen er die Vorkehrungen zu der ſeit einigen Tagen beſchloſſenen Flucht hatte anvertrauen müſſen, betrogen war, ſchien gewiß; er ließ ſich daher nicht von der Hoffnung täuſchen, als wäre irgend ein unbegreifliches Mißverſtändniß Urſach ſeines Verluſtes. Er ſah, daß der Senat jetzt Herr ſeiner Braut war, auch war ihm deſſen Macht und gänzliche Nichtachtung aller Menſchenpflichten, wenn irgend ein überwiegendes Intereſſe des Staats dabei in's Spiel kam, zu wohl bekannt, als daß er einen Augenblick an deſſen Entſchluß, ſeinen Vortheil zu benutzen, hätte zweifeln können. Durch den frühzeitigen Tod ihres Onkels fielen der Donna Violetta bedeu⸗ tende Güter im Kirchenſtaate zu, und das eiferſüchtige und herrſch⸗ ſüchtige Geſetz von Venedig, welches allen ſeinen Edeln gebot, Beſitzungen, die ſie in fremden Ländern ererbt, zu verkaufen, ward nur aus Rückſicht auf ihr Geſchlecht und, wie wir bereits geſehn, wegen der Hoffnung, über ihre Hand auf eine der Republik vor⸗ theilhaftere Weiſe zu verfügen, diesmal nicht in Anwendung gebracht. Mit dieſem Ziel vor Augen, und mit den Mitteln es zu erreichen, verſehn, würde man, wie der Bräutigam ſehr wohl wußte, ſeine Vermäͤhlung nicht nur für null und nichtig erklären, ſondern auch 254 mit den Zeugen der Trauung ſo verfahren, daß künftighin ihre Ausſagen nicht mehr in Verlegenheit ſetzen könnten. Für ſich ſelbſt fürchtete er weniger, wenn er gleich einſah, daß er ſeinen Wider⸗ ſachern hinreichende Gründe geliefert, um den unbeſtimmten Zeitraum ſeines beſtrittenen Erbrechts⸗Antritts weiter hinaus zu ſchieben, oder auch ſeine Anſprüche daran gänzlich zu vernichten. Doch hatte er ſich auf dieſen Ausgang ſchon gefaßt gemacht, obgleich es nicht wahrſcheinlich iſt, daß er über ſeine Leidenſchaft für Violetta, die Thatſache, daß ihre römiſchen Beſitzungen ziemlichen Erſatz für ſeinen anderweitigen Verluſt böten, ganz aus den Augen verloren hatte. Er glaubte ohne perſönliche Gefahr nach ſeinem Palaſt zurück⸗ kehren zu dürfen; denn die große Achtung, in der er in ſeinem Vaterlande ſtand, und der hohe Einfluß, den er am römiſchen Hofe beſaß, waren hinreichende Sicherheit gegen offenbare Gewaltthätig⸗ keiten. Der Hauptgrund, warum man ihn mit ſeinen Anſprüchen ſo lange hingehalten, war der Wunſch, ſeine nahe Verwandtſchaft mit dem Favorit⸗Kardinal ſo ſehr als möglich zu benutzen, und obgleich er nie im Stande war, den immer größer werdenden Forde⸗ rungen des Senates zu genügen, ſo nahm er es doch als ziemlich ausgemacht an, daß der Vatican alle ſeine Macht aufbieten würde, um ihn vor jeder größern perſönlichen Gefahr zu ſchützen. Bei alle dem hatte er dem venetianiſchen Staate erhebliche Gründe zur Strenge gegeben, und da ſeine Freiheit ihm in dieſem Augenblick wichtiger war als je, ſo fürchtete er die Möglichkeit, jetzt in deſſen Hände zu fallen, als das größte Unglück, welches ihn treffen könnte. Die politiſchen Schlangenwege Derer, mit denen er zu thun hatte, waren ihm ſo wohl bekannt, daß er ihnen zutraute, ſie möchten ihn feſtſetzen, bloß damit die Regierung ſeine ſpätere Freilaſſung, bei ſo ſcheinbar ernſten Umſtänden, ſich als beſonderes Verdienſt anrechnen könnte. Darum gab er jetzt den Befehl, den Hauptweg zum Hafen einzuſchlagen. Ehe die, bei jeder Anſtrengung der Ruderer wie ein hüpfendes Thier ſich vorwärts bewegende Gondel die Schiffe erreichte, hatte ——— — 255 ihr Herr Zeit gehabt, ſich zu ſammeln und einige ſchnelle Pläne für die Zukunft zu machen. Er gab ein Zeichen zum Anh alten und kam aus dem Pavillon hervor. Trotz der ſpäten Stunde, ruderten noch immer Boote auf dem Waſſer in der Stadt umher, und noch immer hörte man Geſang auf den Kanälen. Doch unter den See⸗ fahrern herrſchte allgemeine Stille, wie ſich's nach ihrem mühſeligen Tagewerk gehörte und bei ihrer Lebensart erwarten ließ. „Rufe den erſten müßigen Gondolier Deiner Bekannt ſchaft herbei, Gino,“ ſagte Don Camillo mit angenommener Ruhe:„ich habe ihn uͤber etwas zu befragen.“ In weniger als einer Minute geſchah ſein Wille. „Haſt Du vor Kurzem eine wohlbemannte Gondel durch dieſen Theil des Kanals rudern ſehn?“ fragte Don Camillo den Mann, den ſie angehalten. 1 „Keine als die Ihrige, Signor, die die ſchnellſte von allen denen iſt, welche heute unter dem Rialto hindurchfuhren.“ „Wie kannſt Du die Schnelligkeit meines Bootes kennen, Freund?“ „Signor, ich habe das Ruder ſechs und zwanzig Jahre auf den Kanälen von Venedig geführt, und doch kann ich mich nicht entſinnen, eine Gondel ſo raſch ſegeln geſehn zu haben, als wie dieſes Boot, da es vor wenigen Minuten, durch die Feluken hindurch weiter hinab nach dem Hafen ſchoß, als wolle es wieder wettrennen um das Ruder. Corpo di Bacco! es muß reiche Weinkeller in den Paläſten der Edlen geben, daß Menſchen bloßem Holz ſolch Leben einhauchen können! „Wohin ſteuerten wir?“ fragte Don Camillo eifrig. „Heiliger Theodor! ich wundere mich nicht über dieſe Frage, Excellenz, denn wenn auch ſeitdem erſt ein Augenblick verfloß, ſo ſeh' ich Sie doch jetzt ſo bewegungslos auf dem Waſſer liegen, wie einen ſchwimmenden Halm.“ „Freund, da iſt Silber— addio!“ Der Gondolier ruderte langſam fort, und ſang ein Lied ſeiner 256 Barke zu Ehren, während Don Camillo's Boot ſchnell dahinflog. Miſtiks, Feluken, Schebecken, Brigantinen und Dreimaſter ſchienen vorüber zu ſchweben, als ſie durch das Labyrinth der Schiffe glitten; da bückte ſich Gino vorwärts und lenkte ſeines Herrn Aufmerkſamkeit auf eine große Gondel, die mit läſſigem Ruder, vom Lido her, auf ſie zukam. Beide Boote befanden ſich auf einer breiten Paſſage zwiſchen den Schiffen, dem gewöhnlichen Wege für ſeewärts gehende Fahrzeuge. Auch nicht der geringſte Gegenſtand war zwiſchen ihnen. Durch eine Wendung ſeines Bootes, ſah ſich Don Camillo bald nur auf eine Ruderlänge von jenem entfernt, und mit einem Blick überzeugte er ſich, daß es die verrätheriſche Gondel war, die ihm den Streich geſpielt hatte. „Zieht, Leute, und folgt mir!“ ſchrie der wüthende Neapolitaner, im Begriff ſich mitten unter ſeine Feinde zu ſtürzen. „Sie ziehen gegen St. Marco,“ rief eine warnende Stimme aus dem Zelt hervor.„Die Kräfte ſind ungleich, Signor, denn das geringſte Signal führt zwanzig Galeeren zu unſerm Beiſtand herbei.“ Doon Camillo hätte dieſer Drohung vielleicht nicht geachtet, wäre ihm entgangen, wie ſie die ſchon halb gezognen Schwerter ſeiner Leute wieder in ihre Scheiden zurückkehren machte. „Räuber!“ antwortete er,„gebt mir die zurück, die Ihr durch Eure Hinterliſt entführt habt.“ Fignor, Euch jungen Edeln gefällt es oft, Euren Uebermuth mit den Dienern der Republik zu treiben. Hier iſt Niemand als die Gondoliere und ich.“ Eine Bewegung des Bootes erlaubte Don Camillo einen Blick in den Pavillon, der ihm bewies, daß Jener die Wahrheit geſprochen. Von der Nutzloſigkeit fernerer Verhand⸗ lungen, und dem Werthe jedes Augenblicks überzeugt, indem er ſich noch immer auf der rechten Spur glaubte, gab der junge Neapo⸗ litaner ſeinen Leuten ein Zeichen zum Weiterfahren. Die Boote trennten ſich ſchweigend, und das von Camillo ſchlug den Weg ein, den jenes eben gekommen war. uth als don ner nd⸗ ſich po⸗ vote ein, 257 In kurzer Zeit befand ſich die Gondel Don Camillo's an einer freien Stelle der Giudecca, und ganz außerhalb der Schiffsreihen. Schon war es ſo ſpät, daß der Mond zu ſinken begann, ſein Licht fiel in ſchräger Richtung auf die Bai, und ſtellte die Oſtſeiten der Gebäude und der anderen Gegenſtände in Schatten. Wohl ein Dutzend Schiffe verſchiedener Art ſteuerte, vom Landwinde unter⸗ ſtützt, nach dem Eingang des Hafens. Die Strahlen des Mondes erhellten die breiten, nach der Stadt zu gerichteten Seiten ihrer Segel, die gleich eben ſo vielen fleckenloſen, über das Waſſer nach der See zu, hinſchwebenden Wolken erſchienen. „Sie führen mein Weib nach Dalmatien!“ rief Don Camillo, wie Jemand, der die Wahrheit endlich zu ahnen beginnt. „Gnädiger Herr!“ rief der erſtaunte Gino aus. „Ich ſage Dir, Burſch, dieſer verwünſchte Senat hat ſich gegen mein Glück verſchworen, und, nachdem er mir Deine Gebieterin geraubt, ſie auf eine der vielen Feluken, die wir hier ſehen, gebracht, um ſie nach irgend einem ſeiner feſten Schloſſer, an der Oſtküſte des adriatiſchen Meeres zu verſetzen.“ „Heilige Maria! Signor Duca, mein geehrter Gebieter; man ſagt, daß ſogar die ſteinernen Bildſäulen in Venedig Ohren haben, und daß die Pferde von Erz ausſchlagen, wenn man Uebles ſpricht von Denen droben.“ „Muß nicht ein Menſch, und wär' er ſo geduldig wie Hiob, zu Verwünſchungen gezwungen werden, wenn ihm ſein Weib geraubt wird, Taugenichts? Haſt Du kein Gefühl für Deine Gebieterin?“ „Ich ließ mir's im Traum nicht einfallen, Excellenz, daß Sie ſo glücklich wären, erſtere, oder daß ich die Ehre hätte, letztere zu beſitzen.“ „Du rufſt mir meine Thorheiten ins Gedaͤchtniß, guter Gino. Wenn Du und Deine Mitgeſellen mir bei Rettung der Dame, der ich mich eben vermählt, nach Kräften beiſtehn werdet, ſo ſoll es Euer Schade nicht ſeyn.“ Der Bravo. 3 17 258 „Der heilige Theodor ſtehe uns bei, und zeige uns was zu thun iſt! Die Dame iſt glückſelig, Signor Don Camillo, und wenn ich wüßte, bei welchem Namen man ſie nennet, ſo ſollte ſie nie vergeſſen werden in den Gebeten, die ein armer Sünder wie ich zu thun wagen darf.“ „Du haſt doch die ſchöne Dame nicht vergeſſen, die ich aus der Giundecca rettete?“ „Corpo di Bacco! Ew. Excellenz ſchwebten wie ein Schwan und ſchwammen raſcher als eine Möve. Vergeſſen! Signor, nein, ich denke jedesmal daran, wenn ich ein Geplätſcher in den Kanälen höre, und ſo oft ich daran denke, verwünſche ich in meinem Herzen das Ancona⸗Schiff. Heiliger Theodor vergieb mir, wenn ein Chriſt unrecht daran thut! Wenn wir aber auch alle Wunder ſchreien, über das was unſer Herr auf der Giudecca gethan, ſo war doch das Untertauchen damals keine Vermählungs⸗Feierlichkeit, auch koͤnnen wir von der Schönheit der Dame nichts mit Gewißheit ſagen, da ihre Lage in jenem Augenblicke eine ſo ungünſtige war.“ „Du haſt Recht, Gino.— Dieſe Dame aber, die erlauchte Donna Violetta Tiepolo, die Tochter und Erbin eines berühmten Senators, iſt jetzt Deine Gebieterin. An uns iſt es nun, ſie nach Schloß St. Agata zu bringen, dort trotze ich dem ganzen Venedig mit allen ſeinen Helfershelfern.“ Gino verbeugte ſich in tiefer Ergebenheit, ſchaute jedoch zugleich hinter ſich, ob auch keiner der Helfershelfer, die ſein Herr eben öffentlich herausgefordert, ſo nahe ſey, um dieſe Worte zu hören, Während dieſer Unterhaltung ging das Boot ununterbrochen fort, denn Gino hielt nicht an in ſeiner Arbeit und ſteuerte immer dem Lido zu. Der Landwind wehte friſcher, die Schiffe glitten vorüber, und als Don Camillo die Sandbarre, die die Lagunen vom adria⸗ tiſchen Meere trennt, erreichte, waren die meiſten von ihnen ſchon durch die Paſſagen geſegelt und nahmen nun, je nach den Orten ihrer Beſtimmung, ihre verſchiedenen Richtungen durch den offenen 259 Hafen. Aus reiner Unentſchloſſenheit hatte der junge Herzog ſeine Leute den Anfangs eingeſchlagenen Weg fortſetzen laſſen. Er war gewiß, daß ſeine Braut ſich in einem der erwähnten Fahszeuge befand, doch konnte er nicht errathen in welchem, und wär' er auch Herr dieſes wichtigen Geheimniſſes geweſen, ſo beſaß er doch zur Verfolgung keine hinreichende Mittel. Als er daher an's Land ſtieg, geſchah es bloß in der Hoffnung, aus den verſchiedenen Richtungen der Feluken eine allgemeine Vermuthung entnehmen zu können, in welchem Theil der venetianiſchen Beſitzungen er die Verlorene zu ſuchen habe. Er war indeß entſchloſſen, ihr unmittelbar zu folgen, und, ehe er das Boot verließ, wandte er ſich nochmals zu ſeinem getreuen Gondolier, und gab ihm die nöthigen Verhaltungsbefehle. „Es iſt Dir doch bekannt, Gino,“ ſagte er,„daß einer meiner Baſallen, mit einer Feluke von der zrrantiniſcßen Küſte, hier im Hafen liegt?“ „Ich kenne den Mann beſſer als meine eigenen Fehler, Signor, ja beſſer als meine eigenen Tugenden.“— „Geh' ſogleich zu ihm, und überzeuge Dich von ſeinem Hierſeyn. Ich habe mir einen Plan erdacht, ihn in meinen Dienſt zu locken; doch möchte ich gern vorher wiſſen, in welchem Zuſtand ſein Schiff iſt.“ Während er die Gondel vom Ufer abſtieß, verſäumte Gino nicht, ſeines Freundes Stefano Eifer und deſſen Schiff, die Bella Sorrentina, zu loben, dann aber ſchlug er mit ſeinem Ruder ins Waſſer, ſeinen Auftrag ſchnell auszurichten. Am Lido di Paleſtrina iſt ein einſamer Ort, den katholiſche Ausſchließungsſucht für die Ueberreſte Derer, welche außerhalb dem Schooße der römiſchen Kirche zu Venedig ſtarben, zur Beerdigungs⸗ ſtätte angewieſen hatte. Obgleich dieſe Stelle nicht gar weit von dem gewöhnlichen Landungsplatz und den wenigen Gebäuden, die am Ufer ſtehn, liegt, ſo iſt ſie doch an und für ſich kein übles Sinnbild der Hoffnungsloſigkeit. Auf dieſem einſamen, den heißen Südlüften eben ſo, wie den eiſigen Alpenwinden ausgeſetzten Fleck, 260 . der oft von den Wellen des adriatiſchen Meeres überſpült wird und auf einer Grundlage unfruchtbaren Sandes ruht, iſt das Hochſte, das menſchliche Kunſt, unterſtützt von einem durch menſchliche Ueber⸗ reſte gedüngten Erdreich, hervorbringen konnte, eine magere, die demüthigen Gräber umgebende Vegetation, die mit der Sandbank überhaupt nur einen geringen Contraſt bildet. Dieſer Begräbnißplatz iſt bis auf den heutigen Tag ohne Eingehäge, ohne irgend einen ſchützenden Baum, und nach der Meinung Derer, die ihn für Ketzer und Juden beſtimmten, ein unheiliger Ort. Und dennoch, wiewohl beide verbannte Klaſſen dieſen letzten Schimpf, den der Menſch ſeinem Nebenmenſchen anthun kann, mit einander theilen, ſo liefern ſie doch einen traurigen Beweis von der Verkehrtheit menſchlicher Leidenſchaften und Vorurtheile, durch ihren Widerſtand, den ge⸗ ringen Antheil von Erde, den ihnen Bigotterie zur ewigen Ruhe gewährt, gemeinſchaftlich zu theilen! Während der Proteſtant an der Seite des Proteſtanten ruht, modern die Kinder Iſraels, abge⸗ ſondert auf derſelben kahlen Heide, eifrig beſorgt, noch im Grabe die äußern Unterſchiede des Glaubens beizubehalten. Wir wollen hier nicht verſuchen, den tiefliegenden Grund, der den Menſchen ſo harthörig gegen die beredteſten Anforderungen der Duldſamkeit macht, zu erforſchen, ſondern zufrieden und dankbar ſeyn, daß wir in einem Lande geboren ſind, in welchem das Intereſſe der Religion ſo wenig als möglich von den Laſtern des Lebens befleckt wird, in welchem chriſtliche Demuth ſich nicht im Purpur brüſtet, noch jüdiſche Hartnäckigkeit durch Intoleranz ſichtbar wird; wo es dem Menſchen überlaſſen bleibt, für das Heil ſeiner Seele zu ſorgen, und wo, ſo weit Menſchenaugen reichen, Gott um ſein Selbſt willen verehrt wird. Don Camillo landete unfern der abgelegenen Gräber der Ver⸗ bannten. Da er die niedrigen Sandhügel, die Wellen und Wind am äußerſten Rande des Lido aufgeworfen, beſteigen wollte, ſo mußte er grade über den geächteten Platz gehen, oder einen höchſt unbe⸗ quemen Umweg machen. Aus Aberglaube, der mit all' ſeinen Ge⸗ - 261 wohnheiten und Meinungen verwebt war, bekreuzte er ſich und ſeinen Stoßdegen losmachend, damit der Beiſtand der guten Waffe ihm nöthigenfalls nicht fehle, ging er durch die, von den verachteten Todten bewohnte Heide, ſorgfältig die modernden Erdhügel, welche die Gebeine der Ketzer und Juden deckten, vermeidend. Noch hatte er nicht die Hälfte der Gräber durchſchritten, als ſich eine menſchliche Geſtalt aus dem Graſe erhob und in Gedanken verſenkt, die vielleicht die Erdhügel zu ihren Füßen erregt, einherging. Wieder faßte Don Camillo den Griff ſeines Degens, dann, ſeitwärts gehend, um den Vortheil des Mondlichts zu haben, näherte er ſich dem Fremden. Sein Fußtritt ward gehört, denn der Andere blieb ſtehen, betrach⸗ tete den Kavalier mit übereinandergelegten Armen, gleichſam ſeine Friedfertigkeit andeutend, und erwartete deſſen Annäherung. „Du haſt eine melancholiſche Stunde zu Deinem Spaziergang erwählt, Freund,“ ſagte der junge Neapolitaner,„und einen noch düſterern Schauplatz. Ich hoffe, daß ich keinen Iſraeliten oder Lutheraner in ſeiner Trauer über geſtorbene Freunde ſtöre?“ „Don Camillo Monforte, ich bin wie Sie ein Chriſt.“ „Ha! Du kennſt mich— iſt's Battiſta, der Gondolier, der einſt in meinen Dienſten ſtand?“ „Signor, es iſt Battiſta nicht.“ Bei dieſen Worten kehrte der Fremde das Geſicht dem Monde zu, ſo daß deſſen ſanftes Licht ſeine Züge erhellte. „Jacopo!“ rief der Herzog, zurücktretend, wie es gewoͤhnlich ein jeder in Venedig that, wenn er dieſem Auge unerwartet begegnete. „Signor, ich bin's.“ Im Augenblick glänzte die Waffe Don Camillo's im Mondſchein. „Nicht zu nahe, Boſewicht, und erkläre Dich über den Grund, der Dich hierher führt, meine Einſamkeit zu ſtören.“ Der Bravo lächelte, doch blieben ſeine Arme übereinander gelegt. „Ich könnte mit eben ſo vielem Recht den Herzog von St. I 262 Agata fragen, weswegen er zu dieſer Stunde unter den Gräbern der Hebräer wandelt.“ 1 „Spare Deinen Scherz: mit Leuten Deiner Gattung ſpaß' ich nicht: wenn irgend Jemand in Venedig es für rathſam gehalten, Dich gegen mich auszuſenden, ſo wirſt Du all' Deines Muthes und Deiner Geſchicklichkeit nöthig haben, bevor Du Deinen Lohn einernteſt.“ „Stecken Sie Ihren Degen ein, Don Camillo; hier iſt Niemand, der Ihnen Leides thun will. Glauben Sie denn, daß ich Sie hier ſuchen würde, wenn ich gedungen wär', wie Sie meinen? Fragen Sie ſich doch ſelbſt, ob ich von Ihrem Beſuch hier wiſſen konnte, oder ob nicht vielmehr die müßige Laune eines jungen Mannes, der ſein Bett weniger bequem als ſeine Gondel findet, ihn veranlaßte. Bei früheren Zuſammenkünften pflegten Sie, Herr Herzog, meiner Ehre weniger zu mißtrauen.“ „Du haſt Recht, Jacopo,“ erwiederte der Herzog, ſeinen Degen ſenkend, doch zögerte er noch, die Spitze wegzuwenden.„Du ſprichſt Wahrheit: mein Beſuch hier iſt freilich Zufall, und Du konnteſt ihn möglicherweiſe nicht vorausſehn. Aber warum biſt Du hier?“ „Warum ſind Dieſe hier?“ fragte Jacopo, auf die Gräber zu ſeinen Füßen deutend.„Wir werden geboren, und ſterben, ſo viel wiſſen wir alle; doch das Wann und Wo ſind Geheimniſſe, die erſt die Zeit enthullt.“ „Du biſt nicht der Mann, der ohne Grund handelt. Wenn auch dieſe Iſraeliten ihren Beſuch hierher nicht vorherſehen konnten, ſo geſchah doch der Deine nicht abſichtslos.“ „Ich bin hier, Don Camillo, weil mein Geiſt mehr Raum verlangt. Ich bedarf der friſchen Seeluft, die Kanäle erſticken mich, nur hier auf dieſer Sandbank kann ich frei athmen.“ „Du haſt andere Gründe, Jacopo.“ „Nun ja, Signor— mirekelt's vor jener Stadt voller Verbrechen.“ Bei dieſen Worten ſchüttelte der Bravo, auf die Kuppeln des — 263 St. Marcus hinzeigend, die Hand, und der tiefe Ton ſeiner Stimme ſchien aus dem tiefſten Grunde ſeines Herzens zu kommen. „Das iſt eine ſonderbare Sprache für einen...“ „Bravo; ſprechen Sie das Wort nur dreiſt aus, Signor, es iſt meinen Ohren nicht fremd. Doch im Vergleich mit dem ſoge⸗ nannten Schwerte der Gerechtigkeit, welches St. Marcus führt, iſt der Dolch eines Bravo ehrenvoll! Der niedrigſte Miethling Italiens, der ſeinen Dolch für zwei Zechinen in ſeines Freundes Herz ſtößt, iſt ein offen handelnder Mann, gegen die ſchonungsloſe Verrätherei Einiger in der Stadt da vor uus!“ „Ich verſtehe Dich, Jacopo; Du biſt endlich verbannt. Die öffentliche Stimme, wie ſchwach ſie auch in der Republik vernommen wird, hat endlich die Ohren Derer erreicht, die Dich gebraucht, und ſie haben Dir ihren Schutz entzogen.“ Jacopo ſah den Herzog einen Augenblick mit ſo zweideutiger Miene an, daß dieſer Letztere unwillkürlich die Spitze ſeines Degens erhob, doch antwortete er mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe. „Herr Herzog,“ ſagte er,„ich darf mich der Ehre rühmen, daß meine Dienſte ſchon von einem Don Camillo Monforte in Anſpruch genommen wurden.“ „Das läugne ich nicht— und jetzt, da Du mich daran erinnerſt, geht mir ein neues Licht auf. Niederträchtiger, durch Deine Treu⸗ loſigkeit verlor ich meine Frau!“ Trotz dem, daß der Degen dicht an Jacopo's Kehle ſchwebte, rührte dieſer ſich nicht. Seinen aufgeregten Gefährten betrachtend, lachte er gedämpft, doch bitter. „Es ſcheint faſt, als wolle der Herzog von St. Agata mich meines Handwerks berauben,“ ſagte er.„Steht auf, ihr Iſraeliten, legt Zeugniß ab, ſonſt zweifeln die Menſchen an der Wahrheit! Ein niedriger Bravo der Kanäle wird zwiſchen Euren verachteten Gräbern von dem ſtolzeſten Edelmann Calabriens angefallen! Sie haben dieſe Stelle aus Erbarmen erwählt, Don Camillo, denn 264 früher oder ſpäter nimmt mich doch dieſe verwitterte, ausgeſchlemmte Erde auf. Und ſtürb' ich auch ſelbſt am Altare, mit den Bußge⸗ beten der heiligen Kirche auf den Lippen, ſo ſchickten die Bigotten meinen Leichnam doch hierher unter dieſe verhungerten Iſraeliten und verdammten Ketzer. Ja, ich bin ein Geächteter, und darf nicht ruhen unter den Gläubigen!“ Jacopo ſprach dieſe Worte mit einem ſo ſonderbaren Gemiſch von Spott und Melancholie, daß Don Camillo ſchwankte. Doch, ſeines Verluſtes gedenkend, zuckte er die Spitze ſeines Degens und fuhr fort: „Deine Ironie und Deine Dreiſtigkeit helfen Dir zu nichts, Schurke; Du weißt, daß ich Dich zum Anführer einer erwählten Bande werben wollte, um die Flucht einer theuren Perſon zu be⸗ werkſtelligen.“ „Nichts iſt wahrer als dies, Signor.“ „Und Du ſchlugſt mir dieſen Dienſt ab?“ „Das that ich, edler Herzog.“ „Nicht zufrieden damit, verkaufteſt Du, als Du die näheren Umſtände meines Planes erfahren, mein Geheimniß dem Senate?“ „Don Camillo Monforte, das that ich nicht. Meine Ver⸗ pflichtung gegen den Senat erlaubte mir nicht, Ihnen zu dienen; ſonſt, bei jenen lichten Sternen des Himmels! hätte es mein Herz erfreut, Zeuge des Glückes eines jungen und treuen Paares zu ſeyn. Nein— nein— neinz die kennen mich nicht, die da glauben, ich könne mich nicht freuen über das Glück Anderer. Ich ſagte Ihnen, daß ich dem Senate verpflichtet wäre,— und damit war die Sache abgethan.“ „Und ich war ſo ſchwach, Dir zu glauben, Jacopo; denn Dein Charakter iſt ein ſo ſonderbares Gemiſch von Gutem und Böſem, und Dein Ruf für Treue und Zuverläſſigkeit iſt ſo groß, daß Deine ſcheinbare Freimüthigkeit mich ſicher machte. Kerl, man betrog mich, und zwar das in demſelben Augenblick, als ich feſt auf den beſten Ausgang rechnete.“ —— 8 — 4 265 Den wachſamen und eifrigen Herzog ſtets zur Seite, bewegte ſich Jacopo hier etwas vorwärts, während er trotz der Theilnahme auf ſeinem Geſichte, ſich eines kalten Lächelns, gleichſam des Andern Leichtgläubigkeit bemitleidend, nicht enthalten konnte. „In der Bitterkeit meines Herzens habe ich das ganze Geſchlecht der Verräther verwünſcht;“ fuhr der Neapolitaner fort. „Dieſe Worte gehören vielmehr vor die Ohren des Priors von St. Marcus, als für Einen, der einen öffentlichen Dolch führt.“ „Meine Gondel haben ſie nachgeahmt— meine Livree copirt — mein Weib geſtohlen.— Du antworteſt nicht, Jacopo?“ „Welche Antwort wollen Sie haben! Sie ſind in einem Staate getäuſcht worden, deſſen Fürſt ſelbſt ſeinem eignen Weibe ſeine Ge⸗ heimniſſe nicht anzuvertrauen wagt. Sie gedachten Venedig einer Erbin zu berauben, und Venedig raubte Ihnen Ihre Frau. Sie ſpielten hoch, Don Camillo, und verloren einen ſchweren Einſatz. Sie dachten an Ihre eignen Wünſche und Rechte, während Sie vorgaben, für Venedig bei dem Spanier zu wirken.“ Don Camillo trat zurück vor Erſtaunen. „Warum nimmt Sie dies Wunder, Signor? Sie vergeſſen, daß ich viel unter Denen lebte, die den möglichen Ausgang jedes politiſchen Intereſſes berechnen. Ihre Heirath iſt für Venedig, welches des Bräutigams faſt eben ſo ſehr bedarf, als der Braut, doppeltunangenehm. Der Rath hatte ſeit lange die Aufgebote unterſagt.“ „ Ja— aber die Weiſe? erzähle mir, auf welche Weiſe, durch was für Mittel ward ich betrogen, ſonſt muß ich Dich ſelbſt des Betrugs beſchuldigen.“ „Signor, ſelbſt die Marmorſteine der Stadt erzählen dem Staate ihre Geheimniſſe. Vieles ſah ich und Vieles verſtand ich, während meine Obern mich nur als ihr bloßes Werkzeug betrach⸗ teten; doch viel von dem Geſehenen haben ſelbſt Diejenigen, die mich gebrauchten, nicht begriffen. Ich hätte Ihnen den Ausgang Ihrer Vermählung vorher ſagen können, wenn ich um dieſe gewußt hätte.“ 266 „Das hätteſt Du doch nur als Mithülfe ihrer Verrätherei thun können.“ „Die Pläne der Eigennützigen kann man allenfalls errathen; nur der Großmüthige und Rechtſchaffne vereitelt alle Berechnungen. Wer das gegenwärtige Intereſſe der Republik zu erkennen vermag, wird Herr ihrer theuerſten Staatsgeheimniſſe; denn ſie verfolgt ihre einmal entworfenen Pläne; es ſey denn, daß ſie ihr zu theuer zu ſtehen kommen. Was die Mittel anbelangt— wie kann's in einem Haushalt wie dem Ihrigen daran fehlen, Signor?“ „Traute ich doch bewährten Leuten nur.“ „Don Camillo, in Ihrem Palaſte iſt kein einziger Diener, Gino allein ausgenommen, den nicht der Senat oder deſſen Hel⸗ fershelfer im Solde hätten. Selbſt die Gondoliere, die Sie tag⸗ täglich nach ihren Vergnügungsörtern rudern, ſind mit den Zechinen der Republik beſtochen. Ja, nicht allein Sie zu bewachen, werden ſie bezahlt, ſondern auch ſich ſelbſt gegenſeitig zu belauſchen.“ „Kann das wahr ſeyn!“ „Zweifelten Sie je daran, Signor?“ fragte Jacopo, als wundere ihn des Andern Einfalt. „Ich kannte ſie wohl als falſch— als Treue heuchelnd, deren ſie im Geheim ſpotten; doch glaubte ich nicht, daß ſie es wagen könnten, ſich unter meine Diener zu miſchen. Durch dies Unter⸗ graben aller Familienſicherheit wird die menſchliche Geſellſchaft bis in die Wurzel zerſtört.“ „Sie ſprechen wie Jemand, der noch nicht lange verheirathet iſt, Signor;“ ſagte der Bravo mit einem hohlen Gelächter.„Nach einem Jahre wiſſen Sie vielleicht, daß Ihr eigen Weib Ihre ge⸗ heimſten Gedanken für Gold verrathen kann. „Und Du dienſt ihnen, Jacopo?“ „Wer thut's nicht auf irgend eine, ſeinen Neigungen angemeſſene Weiſe? Wir ſind nicht Herrn des Schickſals, Don Camillo, ſonſt würde der Herzog von St. Agata ſeinen Einfluß bei ſeinem Ver⸗ ¹ — — 267 wandten nicht zum Vortheil der Republik angewandt haben. Was ich gethan, geſchah nicht ohne es bitter zu bereuen, und ohne einen ſchmerzlichen Seelenkampf, den Ihre leichtere Dienſtbarkeit Ihnen vielleicht erſpart hat, Signor.“ „Armer Jacopo!“ „Wenn ich dies alles überleben konnte, ſo geſchah es, weil ein Mächtigerer, als der Staat, mich nicht verlaſſen hat. Doch es giebt Verbrechen, Don Camillo, die zu ertragen Menſchenkräfte nicht hinreichen.“ Der Bravo ſchauderte und ſchritt ſchweigend durch die verach⸗ teten Gräber. „Alſo ſelbſt für Dich ſind ſie zu unbarmherzig geweſen?“ fragte Don Camillo, die zuſammengezogenen Augenbrauen und die ſich hebende Bruſt ſeines Gefährten erſtaunt betrachtend. „Ja, Signor. Ich war dieſe Nacht Augenzeuge eines Beiſpiels ihrer Herz⸗ und Treuloſigkeit, und das lenkte meinen Sinn auf mein eignes Schickſal. Die Täuſchung iſt vorüber; von jetzt an diene ich ihnen nicht länger.“ Der Bravo ſprach mit tiefem Gefühl, und, wie ſonderbar es auch für einen ſolchen Mann war, mit einer Miene, in welcher der Herzog verwundete Redlichkeit zu erblicken glaubte. Don Camillo wußte, daß es keinen Stand im Leben gäbe, wie verachtet und verlaſſen er auch von der Welt ſey, der nicht ſeine eigenthümlichen Meinungen hegte über die, ſeinen Genoſſen ſchuldige Treue; andrer⸗ ſeits hatte er genug von den Schlangenwegen der venetianiſchen Oligarchie geſehn, um zu begreifen, wie es nicht unmöglich ſey, daß ihre ſchamloſe und unverantwortliche Falſchheit ſelbſt die Grund⸗ ſätze eines Meuchelmoͤrders beleidigen konnte. Das ſchnöde Handwerk dieſer Klaſſe war, in Italien und beſonders in jenen Tagen, mit geringerer Schande verbunden, als man es in einem Lande wie unſres, glauben wird. Denn die Grund⸗Mängel und die ſchlechte Verwaltung der Geſetze, vermochten ein ſo ſehr reizbares Volk nur 268 zu oft, ſich mit eigner Hand Recht zu verſchaffen. Gewohnheit verringerte das Gehäſſige des Verbrechens noch mehr, und wenn auch die Geſellſchaft den Meuchelmörder ſelbſt nicht unter ſich litt, ſo iſt es doch nicht zu viel geſagt, daß derjenige, der ſich ſeiner bediente, kaum mit mehr Abſcheu betrachtet wurde, als unſere frommthuende Zeit den Uebrigbleibenden eines Zweikampfs betrachtet. Doch war es nicht gewöhnlich, daß Edle, wie Don Camillo, außer was den verlangten Dienſt betraf, ſich mit Leuten von Jacopo's Gewerbe einließen; aber die Sprache und das Benehmen des Bravo erregte die Neugier und ſelbſt das Mitgefühl ſeines Gefährten in ſo hohem Grade, daß dieſer Letztere, ohne es zu wiſſen, ſeinen Degen einſteckte und näher trat. „Deine Buße und Reue können Dich der Tugend näher bringen,“ ſagte er,„als das bloße Verlaſſen der Dienſte des Senats. Suche Dir irgend einen frommen Prieſter, und erleichtere Deine Seele durch Beichte und Gebet.“ Der Bravo zitterte am ganzen Leibe und ſein Blick haftete ſehnſüchtig auf dem Geſicht des Andern. „Sprich, Jacopo; ſelbſt ich will Dich anhoͤren, wenn Du Deine Bruſt von der Laſt befreien willſt.“ „Ich danke, edler Signor! ich danke tauſendmal für dieſen Schimmer von Theilnahme, der mir ſeit lange nicht geworden iſt. Niemand weiß beſſer, wie viel ein freundliches Wort werth iſt, als derjenige, der wie ich, von Allen verurtheilt wird. Ich habe ge⸗ beten— ich habe gefleht— ich habe geweint, um ein williges Ohr für meine Erzählung, und ich glaubte Einen geſunden zu haben, der mich ohne Verachtung anhören würde, da traf ihn die kalte Politik des Senats. Ich kam hieher, mich mit den verhaßten Todten zu unterhalten, da brachte uns der Zufall zuſammen. Köͤnnte ich—— der Bravo hielt inne und ſah wieder zweifelhaft den Andern an. „Sprich weiter, Jacopo.“ A& 269 „Ich wagte es nicht einmal, meine Geheimniſſe dem Beichtſtuhl anzuvertrauen, Signor, und ich ſollte ſo dreiſt ſeyn, ſie Ihnen mitzutheilen?“ „Es iſt in Wahrheit ein ſonderbar Begehren!“ „Das iſt es, Signor, Sie ſind ein Edelmann, ich bin von nie⸗ derer Geburt; Ihre Vorfahren waren Senatoren und Dogen von Venedig, während die Meinen, ſeitdem die Fiſcher zuerſt ihre Hütten bauten auf den Lagunen, Arbeiter auf den Kanälen und Ruderer der Gondeln waren; Sie ſind mächtig, reich und geehrt, während ich geächtet, und ich fürchte, im Geheim verurtheilt bin; kurz, Sie ſind Don Camillo Monforte, und ich Jacopo Frontoni.“ Don Camillo war gerührt, denn der Bravo ſprach ohne Bitterkeit und mit tiefem Schmerz. „Ich wollte, Du wärſt am Beichtſtuhl, armer Jacopo,“ ſagte er,„ich bin wenig fähig, Dir den rechten Troſt zuzuſprechen.“ „Signor, zu lange lebte ich ausgeſchloſſen von dem Wohl⸗ wollen meiner Mitmenſchen; ich kann es nicht länger ertragen. Der verfluchte Senat kann mich unvermerkt umbringen laſſen, und wer wird dann nach meinem Grabe ſehen? Signor, ich muß ſprechen oder ſterben.“ „Dein Fall iſt höchſt traurig, Jacopo!— Du bedarſſt geiſt⸗ lichen Raths.“ „Hier iſt kein Prieſter, und ich trage eine Laſt, die mich er⸗ drückt. Der einzige Mann, der mir ſeit drei langen, ſchrecklichen Jahren Theilnahme bewieſen, iſt fort.“ „Er wird ja wiederkehren, armer Jacopo.“ „Signor, der kehrt nie wieder; der iſt bei den Fiſchen der Lagunen.“ „Ungeheuer, durch deine Hand!“ „Durch die Gerechtigkeit der erlauchten Republik,“ ſagte der Bravo mit bitterm Lächeln. 270 „Ha! ſo find ſie denn wach geworden für die Thaten Deines Gewerbes? Deine Reue iſt die Frucht der Furcht.“ Jacopo ſchien zu erſticken. Trotz des Unterſchiedes der Stände hatte er ſichtlich auf die erwachte Theilnahme ſeines Gefährten ge⸗ rechnet, und ſich nun wieder ſo zurückgewieſen zu ſehen, beraubte ihn ſeines ganzen Muthes. Er ſchauderte, und jede Muskel, jeder Nerv ſchien ſeine Kraft zu verlieren. Gerührt durch ſo unzwei⸗ deutige Zeichen ſeines Leidens, blieb Don Camillo dicht an ſeiner Seite, zögernd, tiefer in die Gefühle eines Mannes von ſeiner be⸗ kannten Heftigkeit zu dringen, und doch unfähig, ein ſo ſchmerzlich leidendes Mitgeſchöpf zu verlaſſen. „Herr Herzog,“ ſagte der Bravo mit einem Ausdruck, der in das Herz ſeines Zuhöͤrers drang,„verlaſſen Sie mich. Fragen ſie nach dem Geächteten, ſo mögen ſie kommen: am Morgen ſollen ſie meinen Leichnam bei den Gräbern der Ketzer finden.“ „Sprich, ich will Dich anhören.“ Zweifelhaft blickte Jacopo auf. „Erleichtere Dich von Deiner Laſt; ich will zuhören, wenn Du mir auch den Mord meines liebſten Freundes erzählteſt.“ Der niedergedrückte Bravo ſah ihn an, als bezweifelte er noch immer ſeine Aufrichtigkeit. Seine Geſichtszüge wechſelten, und ſein Blick ward noch ſehnſüchtiger: doch als der Schein des Mondes auf Don Camillo's Antlitz fiel, und ihn den Ausdruck ſeiner Theilname ſehen ließ⸗ brach Jacopo in Thränen aus. 3 „Jacopo, ich will Dich anhören— ich will Dich anhören, armer Jacopo!“ rief Don Camillo, erſchüttert über den Anblick des Schmerzes eines Mannes von ſo kräftiger Natur. Ein Wink des Bravo machte ihn ſchweigen, und Jacopo, nach⸗ dem er einen Augenblick mit ſich ſelbſt gekämpft hatte, ſprach endlich: „Sie retten eine Seele vom Verderben, Signor.— Wenn der Glückliche die Macht eines einzigen freundlichen Wortes kennte — eines theilnehmenden Blickes, dem Verachteten geſchenkt— er A☛— — 271 würde den Elenden nicht ſo kalt anſehn. Dieſe Nacht wäre meine letzte geweſen, hätten Sie mich ohne Erbarmen verſtoßen.— Doch, Sie wollen meine Geſchichte anhören, Signor— Sie werden die Beichte eines Bravo nicht verſchmähen?“ „Ich verſprach es Dir. Sey kurz, denn eben jetzt habe ich ſelbſt großen Kummer.“ „Signor, ich kenne nicht den ganzen Umfang des Ihnen zuge⸗ fügten Unrechts, doch die fromme Handlung, der Sie ſich unterziehen wollen, wird der Wiedergutmachung jenes Unrechts gewiß keinen Eintrag thun.“ Jacopo bemühte ſich Herr ſeiner Empfindungen zu werden, und begann ſeine Erzählung. Der Verfolg dieſer Geſchichte macht es überflüſſig, daß wir dieſen außergewöhnlichen Mann bei der Mittheilung ſeiner Geheim⸗ niſſe an Don Camillo begleiten. Es iſt für unſern Zweck hinreichend, zu bemerken, daß, je weiter er vorrückte in ſeiner Erzählung, je mehr wuchs das Intereſſe des jungen Calabreſen, und je mehr näherte er ſich ihm. Der Herzog von St. Agata wagte kaum zu athmen, während Jacopo ihm, mit den energiſchen Worten und Gefühlen, die dem italieniſchen Charakter ſo eigen ſind, ſeinen ge⸗ heimen Kummer und die Scenen, in denen er als handelnde Perſon aufgetreten, ſchilderte. Er war noch lange nicht am Ende ſeiner Geſchichte, ſo hatte Don Camillo ſchon der eigenen Sorgen ver⸗ geſſen; jede Spur von Widerwillen verſchwand und machte einem unwiderſtehlichen Mitleid Platz. Kurz, die Beredſamkeit des Erzählers und das Intereſſe der Erzählung bemächtigte ſich des ganzen Ge⸗ fühls des Zuhörers, gleichwie die Improviſatoren jenes Landes ſich deer Leidenſchaften der ſie bewundernden Menge zu bemeiſtern wiſſen. Während Jacopo's Erzählung hatte er und ſein erſtaunter Ge⸗ fährte die Grenzen des geächteten Begräbnißplatzes überſchritten, und als Erſterer ſchwieg, ſtanden ſie am äußerſten Strand des Lido. 272 Den tiefen Tönen des Bravo folgte jetzt das dumpfe Spülen des adriatiſchen Meeres. 2 „Das übertrifft allen Glauben!“ rief Don Camillo nach einer langen Pauſe aus, die bloß durch den Zu⸗ und Abfluß der rau⸗ ſchenden Wogen unterbrochen ward. „Signor, ſo wahr mir die heilige Maria gütig ſey, es iſt nur die Wahrheit!“ „Ich zweifle nicht daran, Jacopo, armer Jacopo! eine ſo vor⸗ getragene Erzählung muß ich glauben! Du biſt in der That das Opfer ihrer hölliſchen Falſchheit geworden, und wohl magſt Du ſagen, die Laſt war nicht mehr zu ertragen. Was iſt nun Deine Abſicht?“ „Ich diene ihnen nicht länger, Don Camillo— ich erwarte nur noch den letzten feierlichen Auftritt, der nun gewiß iſt, und dann verlaſſe ich dieſe Stadt des Betruges, und ſuche mein Glück in andern Regionen. Sie haben meine Jugend zerſtört und meinen Namen gebrandmarkt.— Gott lindert vielleicht einſt meinen Schmerz!“ „Mache Dir keine unnöthigen Vorwürfe, Jacopo, denn auch der Glücklichſte und Reichſte iſt der Verſuchung erreichbar. Du weißt, daß ſelbſt mein Name und Rang mich nicht ganz geſchützt haben gegen ihre Argliſt.“ „Ich weiß, daß ſie fähig ſind, Engel zu täuſchen, Signor! Ihre Liſt wird bloß durch ihre Mittel übertroffen, und ihre Anſprüche auf Tugend, durch ihre Gleichgültigkeit ſie auszuüben.“ „Du haſt Recht, Jacopo: nie iſt die Wahrheit in größerer Gefahr, als wenn ganze Geſellſchaften ſich dem betrügeriſchen Anſtrich von Wohlanſtändigkeit hingeben, und ohne Wahrheit gibt es keine Tugend. Das kommt davon, wenn leerer Schein an die Stelle des redlichen Handelns tritt, wenn der Altar zu weltlichen Zwecken gemißbraucht wird, wenn ſich die Gewalt in den Händen einer eigennützigen Kaſte befindet, die keinem verantwortlich iſt, als ſich ſelber! Jacopo— armer Jacopo! Du ſollſt mein Diener 273 werden.— Ich bin Herr auf meinen Herrſchaften, und bin ich erſt mit dieſer ſcheinheiligen Republik auseinander, dann will ſich für Deine Sicherheit und für Dein Glück ſorgen. In Hinſicht Deines Gewiſſens beruhige Dich: ich habe Einfluß beim heiligen Stuhl, und Du ſollſt der Abſolution nicht ermangeln.“ Die Dankbarkeit des Bravo war lebhaft, obgleich ſie ſich mehr in Gefühlen als Worten ausſprach. Er küßte Don Camillo's Hand, doch mit einem Ausdruck von Selbſtachtung, die von ſeinem männlichen Charakter unzertrennlich war. „Bei einem Regierungsſyſtem, wie das venetianiſche,“ fuhr der nachdenkende Herzog fort,„kann Niemand Herr ſeiner Handlungen bleiben. Solch ein Gewebe von Hinterliſt iſt ſtärker als der Wille. Es gibt ſeinen widerrechtlichen Handlungen tauſend trügeriſche Formen, und requirirt das Vermögen eines Jeden, unter dem Vorwande eines Opfers für das allgemeine Beſte. Oft glauben wir bloße Theil⸗ nehmer irgend einer zu entſchuldigenden Staats⸗Intrigue zu ſeyn, wenn wir, in Wahrheit, tief in Sünde verflochten ſind. Die Lüge iſt die Mutter aller Verbrechen, und nie hat ſie eine zahlreichere Nachkommenſchaft, als wenn ſie ſelbſt ihren Urſprung vom Staate empfängt. Ich fürchte, daß ich ſelbſt dieſer verrätheriſchen Macht Opfer gebracht habe, die ich in Vergeſſenheit vergraben wünſchte.“ Obgleich dieſe Worte Don Camillo's mehr ein Selbſtgeſpräch, als eine, an ſeinen Gefährten gerichtete Rede waren, ſo ließ ſich doch deutlich an der Reihefolge ſeiner Gedanken ſehen, daß Jacopo's⸗ Erzählung unangenehme Betrachtungen in ihm anregten über die Weiſe, wie er ſeine eigenen Anſprüche beim Senat geltend zu machen geſucht. Vielleicht fühlte er ſich auch gedrungen, ſich vor einem Manne zu entſchuldigen, der, wenn gleich viel niedrigern Standes, dennoch einen kompetenten Richter ſeiner Handlungen abgeben konnte, und der eben in den ſtärkſten Ausdrücken ſeine eigne unglückliche Dienſtwilligkeit bei den Kunſtgriffen dieſes unverantwortlichen ver⸗ führeriſchen Staatsraths verwünſcht hatte. Der Bravo. 18 274 Jaeopo fagte einige allgemeine Worte, die aber doch die Ab⸗ ſicht hatten, Don Camillo zu beruhigen. Hierauf lenkte er das Geſpräch mit einer, ſeine Fähigkeit zu den vielen und delikaten Ge⸗ ſchäften, welche man ihm übertragen, bekundenden Gewandtheit auf die kürzlich geſchehene Entführung der Donna Violetta, und bot ſeinem neuen Gebieter zur Wiedererlangung ſeiner Frau alle Dienſte an, die er nur immer zu leiſten im Stande ſey. „Damit Du alles weißt, wozu Du Dich verpflichteſt,“ erwiederte Don Camillo,„ſo höre mich an, Jacopo, ich will Deinem Scharf⸗ ſinn nichts verbergen.“ Der Herzog von St. Agata ſetzte nun dem Bravo alle ſeine Abſichten und Pläne, hinſichts ſeiner Geliebten, ſo wie ſämmtliche Begebenheiten, die wir dem Leſer ſchon vorgeführt haben, mit kurzen, doch klaren Worten auseinander. Der Bravo höoͤrte alles mit der groͤßten Aufmerkſamkeit an, und mehr als einmal lächelte er bei der Erzählung des Andern, wie Jemand, dem die geheimen Mittel wohl bekannt ſiud, durch welche dieſe oder jene Intrigue vollbracht worden. Eben war die Erzählung zu Ende, da kündeten Fußtritte die Rückkehr Gino's an. Achtzehntes Kapitel. „Blaß war ihr Angeſicht, Doch heiter, wollt' es auch ein paarmal ſcheinen, Daß ſie ein ſchwellend Thränchen unterdrückte.“ Rogers. Die Stunden verfloſſen gleich als ſey innerhalb der Barrieren der Stadt nichts vorgefallen, ihren Lauf zu ſtören. Den folgenden Morgen gingen die Leute, wie ſeit vielen Jahren geſchehen, an ihre verſchiedenen Geſchäfte oder Vergnügen, und keiner hielt inne, um 275 5 ſeinen Nachbar über das was etwa während der Nacht ſich ereignete, zu befragen. Einige erſchienen heiter, Andere betrübt; Einige müßig, Andere beſchäftigt, hier arbeitete Einer, dort ſcherzte der Andere; und Venedig bot, wie gewöhnlich, und wie es ſchon an viel tauſend ähnlichen Morgen geſchehn, das Bild eines geräuſchloſen, und doch geſchäftigen, geheimnißvollen und dennoch beweglichen Platzes dar. Die Diener ſchlenderten, mit mißtrauiſchen, vorſichtigen Mienen, kaum wagend, ſich gegenſeitig ihre geheimen Vermuthungen über das Schickſal ihrer Gebieterin zuzuflüſtern, um das Waſſerthor von Donna Violetta's Palaſt. Die Reſidenz Signor Gradenigo's zeigte ſich in ihrer gewöhnlichen düſtern Größe, während die Behauſung Don Camillo Monforte's durch kein Zeichen die ſchmerzlich getäuſchte Hoffnung ihres Herrn verrieth. Die Bella Sorrentina lag noch in dem Hafen, mit ausgebreitetem Segel über dem Verdeck, und das Schiffsvolk beſchäftigte ſich, nach der gewöhnlichen trägen Weiſe der Seeleute, wenn nichts Dringenderes zu thun iſt, mit Segel⸗ ausbeſſern. 1 Die Lagunen waren mit Fiſcherbooten überſäet, und Reiſende kamen an und reiſten ab auf den wohlbekannten Kanälen von Fuſina und Meſtre. Hier verließ ein Abenteurer aus dem Norden die Stadt, auf ſeiner Rückreiſe nach den Alpen; ihm ſchwebte das gefällige Bild der mitangeſehenen Feierlichkeiten vor, vermiſcht mit einigen dunkeln Vermuthungen über die den beargwohnten Staat lenkende Gewalt; dort ſuchte ein Pächter vom Feſtlande ſeine kleine Meierei auf, zufriedengeſtellt durch das Schaugepränge und die Regatta des vorigen Tages. Kurz, alles erſchien wie immer, und die Begeben⸗ heiten, die wir erzählt, blieben ein Geheimniß der Mitſpielenden und des dabei ſo betheiligten Senates. Wie der Tag mehr vorrückte, breitete ſich manches Segel aus nach den Säulen des Herkules oder nach der reichen Levante, und Feluken, Miſtiks und Galiotten gingen und kamen, je nachdem der Land⸗ oder Seewind vorherrſchend war. Noch faulenzte der cala⸗ 276 briſche Seefahrer unter dem Zelte, das ſein Verdeck beſchattete, oder hielt ſeine Sieſta auf einem Haufen alter, von der Gewalt manch' eines glühenden Sirocco zerriſſener Segeltücher. Als die Sonne tiefer ſank, da glitten die Gondeln der Großen und Müßigen über das Waſſer; und nachdem die beiden Plätze durch die Luft des adriatiſchen Meeres abgekühlt waren, füllte ſich der Broglio mit Denen, welche das Vorrecht genoſſen, ſeine gewölbten Gänge zu durchſchreiten. Unter ihnen zeigte ſich auch der Herzog von St. Agata, der, obgleich den Geſetzen der Republik ein Fremdling, wegen ſeiner erlauchten Abkunft, und keinesweges ungegründeten Anſprüche, in den Erholungsſtunden von den Senatoren als ein willkommener Theilnehmer dieſer leeren Auszeichnung aufgenommen ward. Er trat zur gewohnten Zeit, und mit ſeiner ihm natürlichen Ruhe, in den Broglio, denn er verließ ſich auf ſeinen geheimen Einfluß in Rom, ja zum Theil auf den guten Erfolg ſeiner Nebenbuhler. Nach reiflicher Ueberlegung ſchien es ihm nämlich gewiß, daß, wenn ſie die Abſicht hegten, ihn feſtzuſetzen, dies ſchon längſt geſchehen wäre; ebenſo glaubte er, daß, um perſönlichen Unannehmlichkeiten zu ent⸗ gehn, es am beſten ſeyn würde, Vertrauen auf eigne Macht zu zeigen. Als er daher am Arm eines hohen Beamten der päpſtlichen Geſandtſchaft erſchien, und mit einem Auge, das Selbſtvertrauen ſprach, um ſich blickte, ſah er ſich, wie immer, von Jedem, der ihn kannte, auf eine, ſeinem Nange und ſeinen Erwartungen an⸗ gemeſſene Weiſe begrüßt. Dennoch wandelte Don Camillo mit neuen Gefühlen unter den Patriziern der Republik umher. Mehr als ein⸗ mal glaubte er in den ſchwankenden Blicken Derjenigen, mit denen er ſich unterhielt, Zeichen ihrer Kenntniß ſeiner vereitelten Pläne zu entdecken, und mehr als einmal, wenn er es am wenigſten arg⸗ wohnte, ſah er ſein Geſicht bewacht, als ſuche man ſeine künftigen Abſichten zu ergründen. Außerdem hätte wohl Niemand entdeckt, daß eine Erbin von ſolcher Wichtigkeit beinah dem Staat entriſſen, oder von der anderen Seite, daß ein Mann ſeiner Frau beraubt 277 worden ſey. Die große Verſtellungskunſt des Staates, ſo wie die Entſchloſſenheit und Vorſicht des jungen Edlen entzogen alles Uebrige der Beobachtung. So verging der Tag: keine einzige Zunge, außer denen, die im Geheim flüſterten, machte irgend eine Anſpielung auf die Be⸗ gebenheiten unſerer Erzählung. Eben als die Sonne unterging, ſchwebte eine Gondel langſam dem Waſſerthore des herzoglichen Palaſtes zu. Der Gondolier landete, band, wie gewöhnlich, ſein Boot an die Treppenſteine feſt, und trat dann in den Hof. Er trug eine Maske, denn ſchon war die Stunde der Verkleidung gekommen, und ſein einfacher Anzug glich ſo ſehr dem von Leuten ſeines Standes, daß er eben durch ſeine Einfach⸗ heit alles Erkennen vereitelte. Nach einem vorſichtigen Blick um ſich her, ging er durch eine geheime Thür in das Gebäude. Der Palaſt, in dem die Dogen von Venedig reſidirten, ſteht noch jetzt als ein düſteres Denkmal venetianiſcher Politik da, und liefert an und für ſich ſchon einen Beweis des zweideutigen Cha⸗ rakters der Fürſten, die es einſt bewohnten. Er umgibt einen weiten, doch dunkeln Hof, wie faſt alle Hauptgebäude Europa's. Die eine ſeiner Fagaden macht die Seite der oft ſchon erwähnten Piazetta aus, die andere ſtößt an den Ouai, zunächſt dem Hafen. Die Archi⸗ tektur dieſer beiden äußeren Fronten erhebt das Gebäude zum Be⸗ merkenswerthen. Ein niedriger Bogengang, der den Broglio bildet, unterſtützt eine Reihe maſſiver, orientaliſcher Fenſter, und über dieſen zieht ſich wieder eine, mit wenigen Oeffnungen verſehene Mauer, die alle ſonſt gebräuchlichen Ordnungen der Baukunſt umſtöͤßt. Die dritte Seite iſt faſt ganz verdeckt durch die Kathedrale St. Mareus, und die vierte wird vom Kanal beſpült. Auf der andern Seite des Kanals liegt das Staatsgefängniß, durch die ſo nahe Verbindung der Kraft der Geſetze und der Kraft der Strafe, ſehr beredt den Charakter der Regierung ausſprechend. Die berühmte Seufzer⸗Brücke iſt das materielle Band zwiſchen beiden, wie ſie denn auch ein Symbol 278 ihres geiſtigen Zuſammenhangs iſt. Letzteres Gebäude ſteht auch auf dem Ouai, und iſt, trotz ſeiner geringeren Höhe und Weitläufig⸗ keit, in Hinſicht architektoniſcher Schönheit dem andern vorzuziehn, wenn gleich der Umfang und die ſeltſame Bauart des Palaſtes ge⸗ eigneter ſeyn mag, Aufmerkſamkeit zu erregen. Bald erſchien der maskirte Gondolier wieder unter dem Bogen des Waſſerthors, und beſtieg ſchleunig ſein Boot. Nur eines Augen⸗ blicks bedurfte er, um über den Kanal zu kommen, am gegenüber⸗ liegenden Quai zu landen und in die öffentliche Thür des Gefäng⸗ niſſes einzutreten. Er mußte wohl ein geheimes Mittel beſitzen, der Wachſamkeit der verſchiedenen Wächter zu genügen, denn Riegel wurden weggeſchoben und Schlöſſer geöffnet, wo er erſchien, ohne daß man viel fragte. Auf dieſe Weiſe durchſchritt er ſchnell alle äußeren Schranken des Ortes und erreichte den Theil des Gebäu⸗ des, der zu einer Familienwohnung eingerichtet ſchien. Nach den Umgebungen zu urtheilen, mußten die, welche hier wohnten, Ueber⸗ fluß und Pracht nicht ſehr hoch ſchätzen, wenn gleich es weder an Geräth, noch an der nöthigen Bequemlichkeit in den Zimmern, wie es ihrem Stande, dem Klima und jenen Zeiten angemeſſen, fehlte. Der Gondolier ſtieg eine geheime Treppe hinauf und ſtand nun vor einer Thür, an der keine der Zeichen eines Gefängniſſes, die ſich ſo häufig in den andern Theilen des Gebäudes befanden, zu ſehen waren. Er ſtand ein wenig ſtill und horchte, dann klopfte er vorſichtig an. „Wer klopft?“ fragte eine liebliche Weiberſtimme, indem ſich die Klinke bewegte, als wolle man nicht eher öffnen, als bis man üͤberzeugt war, wer draußen ſey. „Gut Freund, Gelſomina,“ war die Antwort. „Ja, wenn man Worten trauen dürfte, ſo wär' hier Jeder⸗ mann ein Freund der Wächter. Ihr müßt Euch nennen, oder wo anders Antwort holen.“ 3 279 Der Gondolier lüftete die Maske, die nicht bloß ſein Geſicht * verhüllt, ſodern auch ſeine Sprache verändert hatte. „Ich bin es, Geſſina,“ ſagte er, ſich ihres vertraulichen Namens bedienend. Die Riegel raſſelten und die Thür ward ſchnell geöffnet. „Das iſt wunderbar, daß ich Dich nicht erkannte, Carlo!“ ſagte das Frauenzimmer haſtig und mit Einfalt;„doch Du ver⸗ kleideſt Dich ſeit Kurzem ſo vielfältig, und ahmſt ſo oft fremde Stim⸗ men nach, daß Deine eigne Mutter ihren Ohren nicht getraut hätte.“ Der Gondolier ſchwieg ein Weilchen, um ſich erſt zu über⸗ zeugen, daß ſie allein wären; dann legte er die Maske ab, und die Züge des Bravo erſchienen. „Du weißt, wie nöthig Vorſicht iſt, und wirſt mich deshalb nicht verkennen.“ „Das nicht, Carlo— aber Deine Stimme iſt mir ſo bekannt, und da finde ich es wunderbar, daß Du wie ein Fremder ſprechen kannſt.“ „Haſt Du etwas für mich?“ Die holde Jungfrau— denn ſie war beides— zauderte, ihm zu antworten. „Haſt Du nichts Neues, Gelſomina?“ wiederholte der Bravo, ihre unſchuldigen Züge eifrig muſternd. „Es iſt gut, daß Du nicht früher in's Gefängniß gekommen. Ich hatte eben Beſuch. Du hätt'ſt Dich wohl nicht gern ſehen laſſen, Carlo?“ „Du weißt, daß ich gute Gründe habe, maskirt zu kommen. Vielleicht hätte mir Dein Beſuch gefallen, oder auch mißfallen, wie er nun eben geweſen wäre.“ „Nein, da biſt Du unrecht,“ erwiederte das Mädchen haſtig, „es war Niemänd hier als meine Couſine Annina.“ „Denkſt Du, daß ich eiferſüchtig bin?“ ſagte der Bravo, mit liebendem Lächeln ihre Hand faſſend.„Wär' es Dein Vetter Pietro, Michele oder Roberto, oder irgend ein anderer Jüngling aus Ve⸗ 280 nedig geweſen, ſo hätt' ich doch nichts weiter gefürchtet, als er⸗ kannt zu werden.“ „Es war aber nur meine Couſine Annina— Annina, die Du nie geſehn— und ich habe ja keine Vetter Pietro, Michele und Roberto. Wir ſind unſerer nicht viele. Annina hat einen Bruder, der kommt aber nie her. Es iſt in der That ſchon lange her, daß ſie ihrem Geſchäft ſo viel Zeit entzieht, um dieſen traurigen Ort zu beſuchen. Wenige Geſchwiſterkinder ſehen ſich ſo ſelten, wie Annina und ich.“ „Du biſt ein gutes Mädchen, Geſſina, biſt immer bei Deiner Mutter zu finden. Haſt Du nichts Beſonderes, was mir wichtig wäre?“ Wieder ſenkten ſich die Augen Gelſomina's, oder Geſſina's, wie ſie gewöhnlich genannt ward; indeß erhob ſie ſelbige wieder, bevor er es gewahrte, und fuhr raſch in ihrem Geſpräch fort. „Ich fürchte, Annina kehrt wieder, ſonſt wollte ich gleich mit Dir gehn.“ „Iſt denn Deine Couſine noch hier?“ fragte der Bravo un⸗ ruhig.„Du weißt, ich möchte nicht gern geſehn werden.“ „Fürchte nichts. Sie kann nicht herein kommen, ohne dieſe Klingel zu berühren, denn ſie iſt oben bei meiner bettlägrigen Mutter. Du kannſt, wie gewöhnlich, in's innere Zimmer gehn, wenn ſie kommt, und ihre müßigen Reden mit anhören, wenn Du willſt— oder— doch wir haben keine Zeit— denn Annina kommt ſelten, und ich weiß nicht warum, aber ſie ſcheint die Kranken⸗ zimmer nicht zu lieben, indem ſie immer nur wenige Minuten bei ihrer Tante verweilt.“ „Du wollteſt wohl ſagen: oder ich möchte meinen Gang ab⸗ thun, Geſſina?“ „Das wollt' ich, Carlo— aber ich bin ſicher, daß uns meine ungeduldige Couſine zurückrufen würde.“ „ Ich kann warten; ich bin geduldig, wenn ich bei Dir bin, theure Geſſina.“ 281 „St!— Das iſt der Gang meiner Couſine.— Geh' hinein.“ Während ſie ſprach, klingelte es, und der Bravo ging in's innere Zimmer, ein Verſteck, deſſen er gewohnt ſchien. Er ließ die Thüre ein wenig offen, denn die Dunkelheit der Kammer ver⸗ barg ihn hinlänglich. Unterdeß öffnete Gelſomina die äußere Thür, um ihren Gaſt herein zu laſſen. Beim erſten Ton der Stimme dieſer Letztern erkannte Jacopo, weit entfernt, die Wahrheit aus einem Namen, der ſo gewöhnlich war, zu ahnen, die liſtige Tochter des Weinhändlers. „Du lebſt hier recht bequem, Gelſomina,“ rief Letztere herein⸗ tretend und ſich, wie Jemand, der ermüdet iſt, auf einen Seſſel werfend.„Mit Deiner Mutter geht es beſſer, indeß biſt Du in Wahrheit die Gebieterin des Hauſes.“ „Ich wollte, ich wär' es nicht, Annina, denn ich bin noch zu jung, bei meinem Kummer ſolchem Geſchäft vorzuſtehen.“ „So unerträglich iſt es doch nicht, Geſſina, mit ſiebzehn Jahren Gebieterin des Hauſes zu ſeyn! Herrſchaft iſt ſüß, Gehorſam un⸗ ausſtehlich.“ „Ich finde keines von beiden ſo, und ich will die erſtere mit Freuden aufgeben, wenn meine arme Mutter erſt wieder wird die Sorge für das Hausweſen übernehmen können.“ „Das iſt recht ſchön, Geſſina, und macht dem guten Beicht⸗ vater Ehre. Doch Herrſchaft iſt den Weibern theuer, ſo wie Freiheit. Du warſt geſtern nicht unter den Masken auf dem Platz?“ „Ich verkleide mich ſelten, auch konnte ich meine Mutter nicht verlaſſen.“— „Was doch wohl heißt, Du hätteſt es gern gethan. Du haſt auch Urſache, es zu bedauern, denn eine fröhlichere Vermählung mit dem Meere, oder eine muntrere Regatta hat Venedig ſeit Deiner Geburt nicht geſehn. Aber erſtere konnteſt Du ja aus Deinem Fenſter mit anſchaun.“ 282 „Ich ſah die Staatsgaleere, mit ihren Reihen von Patriciern auf dem Verdeck, nach dem Lido ſegeln; ſonſt wenig.“ „Schad't nichts. Du ſollſt einen eben ſo guten Begriff von der Herrlichkeit haben, als wenn Du des Dogen Rolle ſelbſt geſpielt hätteſt. Erſt kamen die Gardiſten, in ihren antiken Anzügen—“ Das erinnere ich mich, oft geſehn zu haben; dies Schauſpiel kommt alle Jahre vor.“. „Da haſt Du Recht: doch nie ſah Venedig eine ſo lebhafte Regatta! Du weißt, den erſten Verſuch machen immer die viel⸗ rudrigen Gondeln, von den geſchickteſten Gondolieren geführt. Luigi war auch dabei, und obgleich er den Preis nicht gewann, ſo ver⸗ diente er ihn doch durch die Art, wie er ſein Boot regierte. Du kennſt doch Luigi?“ „Ich kenne kaum einen Menſchen in Benedig, Annina, denn die lange Krankheit meiner Mutter, und das unglückliche Amt meines Vaters, halten mich immer daheim, wenn Andere auf den Kanälen ſind.“ „Das iſt wahr. Um Bekanntſchaften zu machen, biſt Du nicht gut geſtellt. Doch Luigi ſteht weder an Geſchicklichkeit, noch an Ruf irgend einem unter den Gondolieren nach, und er iſt bei weitem der fröhlichſte Schelm von allen, die je den Fuß auf den Lido geſetzt.“ „Er war alſo wohl der Vorderſte im großen Wettlauf?“ „Eigentlich hätte er es ſeyn ſollen, aber die Ungeſchicklichkeit ſeiner Leute und einige Unredlichkeiten beim Durchkreuzen brachten ihn in die zweite Reihe. Es war ein Anblick, werth, geſehn zu werden! ſo viele noble Seeleute, kämpfend, um ſich einen Namen auf den Kanälen zu erringen. Santa Maria! ich wünſchte, Du hätteſt es ſehn können, Mädchen!“ „Ich hätte mich eben nicht gefreut, einen überwundnen Freund zu ſehen.“. „Man muß mit dem zufrieden ſeyn, was das Schickſal bietet. Doch das Wunderbarſte von Allem war, daß, obgleich Luigi und —,— 283 ſeine Mitgeſellen ſo viel thaten, ein alter Fiſcher, Namens Antonio, mit bloßem Kopf und nackten Beinen, ein Mann von ſiebzig Jahren, und in einem Boote, das nicht beſſer war als das, womit ich Ge⸗ tränke nach dem Lido führe, mit eintrat in den zweiten Wettlauf, und den Preis davontrug.“ „Da muß er wohl keine kräftigen Nebenbuhler gehabt haben?“ „Die beſten in Venedig; obgleich Luigi, der in dem erſten Wettlauf geweſen, den zweiten nicht mitmachen konnte. Man ſagt auch,“ fuhr Annina, mit gewohnter Vorſicht um ſich ſchauend, fort, „daß Einer, den man kaum in Venedig zu nennen wagt, die Kühn⸗ heit gehabt habe, maskirt in der Regatta zu erſcheinen; und dennoch gewann der alte Fiſcher! Du haſt doch von Jacopo gehört?“ „Den Namen haben Viele.“ „Es trägt ihn jetzt nur Einer in Venedig. Alle meinen nur Ihn, wenn ſie Jacopo ſagen.“ „Ich habe wohl von einem Ungeheuer dieſes Namens gehöͤrt. Gewiß hat er doch nicht gewagt, ſich vor den Edeln an ſolch' einem Feſttage ſehen zu laſſen.“ „Geſſina, wir leben in einem unbegreiflichen Lande! Der furchtbare Mann geht nach Gefallen auf der Piazza mit ſo ſtolzen Schritten einher, wie der Doge, und Niemand ſagt ihm etwas. Oft ſchon ſah ich ihn bei hellem Tage mit ſo ſtolzer Miene an den Triumph⸗Maſt oder an die Säule des St. Teodoro lehnen, als wär' er dort hingeſtellt, einen Sieg der Republik zu feiern!“ „Vielleicht iſt er Herr eines ſchrecklichen Geheimniſſes, von dem ſie fürchten, daß er es enthülle.“ „Du kennſt Venedig wenig, Kind! Heilige Maria! ein ſolch' Geheimniß wär' ſchon an und für ſich ein Todesurtheil. Wenn man mit St. Marcus zu ſchaffen hat, ſo iſt es eben ſo gefährlich zu viel zu wiſſen als zu wenig. Genug, man ſagt, Jacopo ſey dabei geweſen, dem Dogen gegenüber, Aug' in Aug', und die Se⸗ natoren ſchreckend, wie ein ungerufenes Geſpenſt aus der Gruft 284 ihrer Väter. Aber das iſt noch nicht Alles; als ich heute durch die Lagunen ruderte, ſah ich den Leichnam eines jungen Kavaliers aus dem Waſſer ziehn, und die dabei waren, ſagten, er trüge das Zeichen ſeiner mörderiſchen Hand.“ Die furchtſame Gelſomina ſchauderte. „Die Herrſcher werden dieſe Nachläſſigkeit vor Gott zu ver⸗ antworten haben,“ ſagte ſie,„wenn ſie dieſen Elenden länger ſo frei herumgehn laſſen.“ „Der heilige Marcus ſchütze ſeine Kinder! Man ſagt, daß man viele dergleichen Sünden zu verantworten habe,— doch den Leichnam ſah ich mit meinen eignen Augen, als ich dieſen Morgen in die Kanäle einfuhr.“ „Schliefſt Du denn auf dem Lido, daß Du ſchon ſo früh aus warſt?“ „Auf dem Lido— ja— nein— ich ſchlief nicht, Du weißt ja, mein Vater hatte einen geſchäftigen Tag während des Feſtes, und ich bin nicht wie Du, Geſſina, Gebieterin des Hauſes, daß ich thun könnte, was ich will. Doch ich ſtehe hier und plaudre mit Dir, und zu Hauſe thun fleißige Hände Noth. Haſt Du das Packet, welches ich Dir bei meinem letzten Beſuch anvertraute?“ „Hier iſt es,“ antwortete Gelſomina, ein Schubfach öffnend und ihrer Couſine ein dicht eingewickeltes Pack gebend, das, ihr unbewußt, einige verbotne Handelsartikel enthielt, und welches die Andere, in ihrer unermüdlichen Geſchäftigkeit, eine Zeit lang zu ver⸗ bergen genöthigt war.„Ich dachte, Du hätteſt es vergeſſen, und wollte es ſchon Dir zurückſenden.“ 4 „Gelſomina, wenn Du mich liebſt, thue nie eine ſo unüber⸗ legte Handlung! Mein Bruder Giuſeppe— Du kennſt Giuſeppe wohl kaum?“ „Für Verwandte kennen wir uns wenig.“ „Das iſt gut für Dich. Ich darf von einem Kinde meiner Eltern nicht ſagen, was ich wohl mochte, hätte aber Giuſeppe dieſes —,— ———— — 285 Packet durch irgend einen Zufall zu ſehn bekommen, ſo würde es Dir viele Unruh verurſacht haben.“ „Ich fürchte Deinen Bruder nicht, noch ſonſt Jemand,“ ſagte die Tochter des Gefangenwärters mit der Feſtigkeit der Unſchuld; „dafür, daß ich gefällig gegen eine Verwandte war, konnte er mir doch nichts Böſes thun.“. „Du haſt Recht; allein mir hätte er vielen Verdruß verur⸗ ſachen können. Heilige Maria! wenn Du wüßteſt, welchen Kummer dieſer unbedachtſame und mißleitete Junge ſeiner Familie macht! Bei allen dem iſt er mein Bruder, und Du magſt Dir das Uebrige hinzudenken. Leb' wohl, gute Geſſina; ich hoffe, Dein Vater wird Dir endlich einmal erlauben, Die zu beſuchen, die Dich ſo ſehr lieben.“ „Leb' wohl, Annina; Du weißt, daß ich gern käme, allein ich verlaſſe ja faſt meiner Mutter Bett nicht.“ Die liſtige Tochter des Weinhändlers gab ihrer ſchuld⸗ und argloſen Verwandtin einen Kuß, ließ ſich die Thür öffnen und ging. „Carlo,“ rief Geſſina mit ſanfter Stimme,„Du kannſt nun heraus kommen, jetzt haben wir keinen Beſuch weiter zu fürchten.“ Der Bravo erſchien, doch mit noch bläſſeren Wangen als ge⸗ wöhnlich. Er blickte das liebliche Weſen traurig an, und die ver⸗ unglückte Anſtrengung, ihr unſchuldiges Lächeln zu erwiedern, gab ſeinen Geſichtszügen einen geſpenſtiſchen Ausdruck. „Annina hat Dich wohl ermüdet mit ihrem müßigen Geſchwätz von der Regatta, und von Mordthaten auf den Kanälen. Du wirſt ſie, wegen der Art wie ſie von Ginſeppe ſprach, nicht zu hart beurtheilen, er verdient es, und wohl noch mehr. Doch ich kenne Deine Ungeduld, und will Dich nicht noch mehr ermüden.“ „Genug, Geſſina,— dies Mädchen iſt Deine Couſine?“ „Sagt' ich es Dir ja ſchon; unſere Mütter ſind Schweſtern.“ „Und iſt ſie oft hier?“. „Gewiß nicht ſo oft, als ſie wünſchte, denn ihre Tante hat ihr Zimmer ſeit vielen, vielen Monaten nicht verlaſſen.“ 286 „Du biſt eine vortreffliche Tochter, gute Geſſina, und möchteſt Andere eben ſo tugendhaft machen, als Du ſelbſt biſt.— Haſt Du dieſe Beſuche erwiedert??“? „Nie. Mein Vater unterſagte es; denn ſie ſind Weinhändler, und nehmen die ſchwelgenden Gondoliere auf. Aber Annina iſt nicht zu tadeln wegen des Gewerbes ihrer Eltern.“ „Ohne Zweifel— und das Packet? war es lange in Deiner Verwahrung?“ „Ein Monat; Annina ließ es mir hier bei ihrem letzten Beſuch, denn ſie mußte eilig nach dem Lido. Aber warum dieſe Fragen? Dir gefällt meine Couſine nicht, weil ſie ausgelaſſen iſt und müßige Geſpräche liebt, indeß hat ſie, wie ich denke, ein gutes Herz. Hörteſt Du, wie ſie von dem Bravo Jacopo, und von dem letzten Morde ſprach?“ „Ich hörte es.“ „Du ſelbſt hätteſt nicht mehr Abſcheu über des Ungeheuers Verbrechen zeigen können. Nein, Annina iſt wohl unbeſonnen, und könnte weniger weltlich geſinnt ſeyn; allein ſie hat, wie wir Alle, eine heilige Scheu vor der Sünde. Soll ich dich nach der Zelle führen?“ „Ja, geh' voran.“ „Dein redlicher Sinn empört ſich über die kalte Niederträch⸗ tigkeit des Meuchelmörders. Ich habe viel von ſeinen Mordthaten gehört, und von der Weiſe, wie Die droben mit ihm Nachſicht haben. Man ſagt allgemein, daß ſeine éeiſt die ihrige übertreffe, und daß die Beamten nur auf Beweiſe warten, um keine Unge⸗ rechtigkeit zu begehn.“ „Meinſt Du, daß der Senat ſo zartfühlend iſt?“ fragte der Bravo rauh, machte aber zugleich ein Zeichen zum Fortgehen. Das Maädchen blickte traurig, wie Jemand, der das Gewicht dieſer Frage begriff; dann drehte ſie ſich um, öffnete eine geheime Thür, und brachte eine kleine Schachtel zum Vorſchein. „Dies iſt der Schlüſſel, Carlo,“ ſagte ſie, ihm einen in einem — — 287 gewichtigen Bund zeigend,„und ich bin jetzt der einzige Wächter. So viel haben wir wenigſtens ausgerichtet; vielleicht kommt noch die Zeit, wo wir mehr thun können.“ Der Bravo verſuchte zu lächeln, er wollte damit andeuten, daß er ihre Güte zu ſchätzen wiſſe; allein es gelang ihm nur, ihr ſeinen Wunſch, weiter zu gehn, begreiflich zu machen. Der Hoff⸗ nungsſtrahl im Auge des gutmüthigen Mäadchens verwandelte ſich in einen Blick des Kummers, und ſie gehorchte. Neunzehntes Kapitel. Laß uns zum Dach hinauf. Dort ſchweife über See und Land dein Blick, Dann aber weil' er auf den düſtern Zellen, Die hier wie Grab an Grab ſich draͤngen. Der San Marco Platz. Wir wollen es nicht unternehmen, die gewölbten Galerien, dunkeln Korridors und Gemächer, durch die des Gefangenwärters Tochter ihren Gefährten führte, mit zu durchwandern. Diejenigen, die jemals ein weitläufiges Gefängniß beſucht haben, bedürfen keiner Beſchreibung, um ſich die ſchmerzlichen Gefüh le zurückzurufen, die ihnen der Anblick vergitterter Fenſter, klirrender Heſpen, raſſelnder Riegel, und all' der andern Dinge, die zugleich Mittel und Zeichen der Einkerkerung ſind, verurſachten. Dies unglückliche Gefängniß war, wie alle ähnlichen, zur Unterdrückung die Geſellſchaft bedro⸗ hender Laſter beſtimmten Gebäude, weitläufig, feſt und labyrinthiſch von Innen, doch von Außen, wie ſchon früher erwaͤhnt, gleichſam ſeiner Beſtimmung zum Hohn, von reiner einfacher Schönheit. Gelſomina trat in eine niedrige, ſchmale, mit Fenſtern verſehene Galerie, in der ſie ſtehen blieb. 288 „Du ſuchteſt mich wohl wie gewöͤhnlich, zur beſtimmten Stunde, unter dem Waſſerthor, Carlo?“ fragte ſie. „Ich wäͤr' nicht in's Gefängniß gekommen, hätt' ich Dich dort gefunden; denn Du weißt, ich mag wenig geſehen ſeyn. Doch da fiel mir Deine Mutter ein, daher fuhr ich den Kanal herüber.“ „Da irrteſt Du. Meine Mutter ſchläft viel, wie es ſchon ſeit vielen Monaten geſchieht.— Du mußt bemerkt haben, daß wir nicht den gewöhnlichen Weg nach der Zelle genommen haben?“ „Das hab' ich; allein da wir nicht gewohnt ſind, in Deines Vaters Zimmer zuſammen zu kommen, wenn wir dieſen Gang an⸗ treten, ſo dacht' ich, dies ſey der nothwendige Weg.“ „Kennſt Du den Palaſt und das Gefängniß gut, Carlo?“ „Mehr als ich wünſche, gute Gelſomina; doch warum frägſt Du ſo, und grade in einem Augenblick, wo ich wohl anders beſchäftigt ſeyn möchte?“ Das furchtſame und ſich ſelbſtbewußte Mädchen ſchwieg. Ihre Wangen waren immer glanzlos, denn gleich der im Schatten er⸗ zogenen Blume, trugen ſie die Farbe des zurückgezogenen Lebens; doch bei dieſer Frage wurden ſie bleich. Bekannt mit den natürlichen Regungen des gefühlvollen Geſchöpfs an ſeiner Seite, ſtudirte der Bravo ihre ausdrucksvollen Geſichtszüge mit durchdringendem Auge. Dann trat er ſchnell an ein Fenſter, ſah hinaus und ſein Blick fiel auf einen engen, dunkeln Kanal. Nachdem er die Galerie durch⸗ ſchritten, blickte er wieder hinunter und ſah dieſelbe düſtre Waſſer⸗ paſſage, die, zwiſchen den beiden Mauern zweier maſſiven Gebäude, nach dem Quai und dem Hafen hinführte. „Gelſomina!“ rief er, vor dem Anblick zurückbebend aus,„dies iſt ja die ganze Seufzerbrücke!“ „Sie iſt's, Carlo; biſt Du je auf ihr herüber gegangen?“ „Nein; auch begreife ich nicht, warum ich es jetzt ihue. Lange ſchon dachte ich daran, ob es nicht vielleicht einmal mein Schickſal —— — 289 ſeyn möchte, dieſen traurigen Gang zu machen; doch von ſolch einem Führer ließ ich mir nichts träumen.“ Gelſomina's Augen glänzten auf, und ſie lächelte freundlich. „Mit mir wirſt Du nie zu Deinem Schaden hinübergehn.“ „Das bin ich ſicher, gütige Geſſina,“ antwortete er, ihre Hand faſſend.—„Indeß iſt dies für mich ein unauflösliches Räthſel. Gehſt Du gewöhnlich über dieſe Galerie nach dem Palaſt?“ „Der Weg wird nicht benutzt, außer von den Wächtern und den Verurtheilten, wie Du ohne Zweiſel oft gehört haſt; aber dennoch haben ſie mir die Schlüſſel gegeben und mir die Windungen gezeigt, damit ich Dir, wie gewöͤhnlich, als Führerin dienen könne.“ „Gelſomina, ich fürchte, ich bin zu glücklich in Deiner Ge⸗ ſellſchaft geweſen, um zu bemerken, wie die Klugheit es mir hätte eingeben ſollen, welch ſeltne Güte der Rath mir durch dieſe Er⸗ laubniß erzeigt!“ „Bereu'ſt Du es, Carlo, meine Bekanntſchaft gemacht zu haben?“ Der traurige Vorwurf im Ton ihrer Stimme rührte den Bravo, der die Hand, die er hielt, mit italieniſcher Wärme küßte. „Da müßte ich die einzigen glücklichen Stunden, die ich ſeit Jahren gekannt, bereuen,“ ſagte er;„Du warſt mir eine Blume in der Wüſte, Geſſina, ein reiner Quell für einen Fieberkranken, ein Strahl von Hoffnung für einen Verdammten. Nein, nein; nicht einen Augenblick hat mich's gereut, Dich zu kennen, meine Gelſomina!“ „Mein Leben hätte der Gedanke, zu Deinem Kummer beige⸗ tragen zu haben, nicht glücklicher gemacht. Ich bin jung und un⸗ bekannt mit der Welt, doch weiß ich, daß wir denen, die wir achten, Freude und nicht Kummer machen müſſen.“ „Dein natürliches Gefühl hat Dir dieſe milde Lehre gegeben. Iſt es aber nicht ſonderbar, daß einem Manne wie mir, erlaubt wird, das Gefängniß ſo ohne andere Wächter zu beſuchen?“ Der Bravo. 19. 8 290 „Ich habe es nicht ſo gefunden; aber freilich, gewoͤhnlich iſt es nicht.“ „Wir fanden gegenſeitig ſo viel Vergnügen an einander, theure Geſſina, daß wir überſahen, was uns erſchrecken ſollte.“ „Erſchrecken, Carlo?“ „Oder wenigſtens mißtrauiſch machen; denn dieſe liſtigen Se⸗ natoren ſind nie gnädig ohne Urſach. Doch es iſt jetzt zu ſpät, die Vergangenheit zurückzurufen, wenn wir es auch wollten; und in allem was Dich betrifft, möchte ich auch nicht das Andenken an einen einzigen Augenblick verlieren. Laß uns weiter gehn.“ Ddite leichte Wolke verſchwand von dem Geſicht der ſanften Zuhörerin des Bravo; indeß bewegte ſie ſich nicht. „Wenige ſehen die Welt wieder, die über dieſe Brücke gehn,“ fügte ſie zitternd hinzu;„und dennoch frägſt Du nicht einmal, warum wir hier ſind, Carlo!“. In dem ſchnellen Blick, den der Bravo auf das ruhige Auge des unſchuldigen Weſens, welches dieſe Frage gethan, warf, zeigte ſich ein vorübergehender Schimmer von Mißtrauen. Allein er weilte kaum lange genug, um den Ausdruck männlicher Kräftigkeit, den ſie in ſeinen Blicken zu finden gewohnt war, zu ändern. „Wenn Du mich denn durchaus neugierig haben willſt,“ ſagte er,„warum biſt Du hieher gekommen, und vor allem, nun Du hiier biſt, warum bleibſt Du ſtehn?“ „Die Jahreszeit iſt vorgerückt, Carlo,“ antwortete ſie kaum hörbar,„und wir würden ihn vergebens unter den Zellen ſuchen.“ „Ich verſtehe Dich,“ ſagte er,„wir wollen weiter gehn.“ Gelſomina zögerte, um nochmals ſehnſüchtig in's Antlitz ihres Gefährten zu blicken, da ſie aber kein ſichtliches Zeichen des Schmerzes, den er fühlte, wahrnahm, ging ſie weiter. Jacopo ſprach mit etwas rauher Stimme; er war an Verſtellung zu lange gewöhnt, als daß ſie irgend ein Zeichen deſſen, was in ihm vorging, hätte bemerken können. Er wußte, wie ſehr er dadurch dem gefühlvollen und treuen — +8——3 8o v 291 Weſen, das ihm ſeine Zuneigung mit einer Einfalt und Ergebenheit geweiht hatte, die ebenſowohl aus ihrer Lebensweiſe, als aus ihrer natürlichen Unſchuld entſprungen, wehe thun würde. Damit der Leſer die Auſpielungen, die unſern Liebenden ſo klar ſcheinen, verſtehe, wird es nöthig ſeyn, ihn mit einem andern ſchändlichen Zug der venetianiſchen Staatspolitik bekannt zu machen. Welche Vorſpiegelungen ein Staat auch in ſeiner äußern Theorie mache, einen ſichern Schlüſſel zu ſeinem wahren Charakter findet man immer in den Maſchinerien ſeiner Praxis. In den Regierungen, die zum Wohl der Völker errichtet ſind, wird zur Gewalt mit Vorſicht, und zögernd geſchritten, denn der Schutz und nicht der Schade des Schwachen iſt ihr Zweck; da hingegen, je eigennütziger und ausſchließender ein Staatsſyſtem wird, um deſto ſtrenger und grauſamer werden die Strafmittel, welche die Gewalthaber anwenden. So brachte die Eiferſucht des venetianiſchen Senats, deſſen ganzes politiſches Gebäude auf der engen Grundlage einer engen Oligarchie ruhte, die Werkzeuge des Despotismus in unmittelbare Berührung mit der Pracht ſeines Titular⸗Fürſten, und der Palaſt des Dogen ſelbſt ward durch daran befindliche Kerker gebrandmarkt. Im fürſt⸗ lichen Gebäude gab es Sommer⸗ und Winterzellen. Der Leſer wird vielleicht glauben, daß bei dieſer Einrichtung die Barmherzigkeit geringe Erleichterungen für die Unglücklichen beabſichtigt hatte; allein dies hieße einem Collegium Mitleid zuſchreiben, das bis zu ſeinen letzten Augenblicken kein Band kannte, wodurch es mit Ge⸗ fühlen für menſchliche Schwachheit zuſammengehangen hätte. Weit entfernt, die Leiden der Gefangenen zu beachten, hatte man vielmehr ihre Winterzellen unter der Oberfläche der Kanäle und ihre Som⸗ merwohnungen unter den der Sonnenhitze jenes Klima's ausgeſetzten Bleidächern angebracht. Da der Leſer wahrſcheinlich ſchon vermuthet, daß Jacopo eines Gefangenen wegen im Gefängniß herum wandert, ſo wird dieſe kurze Erklärung hinreichend ſeyn, ihm die Anſpielungen ſeiner Gefährtin verſtändlich zu machen. Den Gefangenen, den ſie 292 ſuchten, hatte man in der That kürzlich aus den feuchten Zellen, in denen er den Winter und Frühling verlebt, nach den glühenden Stuben unter dem Dache gebracht. Gelſomina ging immer voran, doch mit ſo traurigem Auge und ſo umwölktem Geſicht, daß man daraus hinlänglich den Antheil erkannte, den ſie an den Leiden ihres Gefährten nahm; längerer Verzug aber ſchien ihr weiter nicht nöthig. Sie hatte nun einen Umſtand mitgetheilt, der ihr Herz ſchwer gedrückt hatte, und, wie alle ihres ſanften Charakters, die eine ſolche Pflicht gefürchtet, fühlte ſie, nun ſie ſich ihrer entledigt, eine weſentliche Erleichterung. Sie erſtiegen ſchweigend mehrere Treppen, öffneten und ſchloſſen zahlloſe Thüren, und durchwanderten einige enge Korridors, ehe ſie den Ort ihrer Beſtimmung erreichten. Während Gelſomina den Schlüſſel zur Thür, vor der ſie ſtill ſtanden, aus einem großen Bunde herausſuchte, athmete der Bravo in der heißen Luft des Daches, wie Jemand, der dem Erſticken nahe iſt. 3 „Sie verſprachen mir doch, daß dies nie wieder der Fall ſeyn ſollte,“ ſagte er,„doch Teufel wie ſie, vergeſſen ihr Verſprechen!“ „Carlo!— Du vergißt, daß dies der Palaſt des Dogen iſt!“ lispelte das Mädchen, einen furchtſamen Blick hinter ſich werfend. „Ich vergeſſe nichts, was mit der Republik in Verbindung ſteht!— Es ſteht alles hier,“ an ſeine erhitzte Stirn ſchlagend, „und was nicht hier ſteht, iſt in meinem Herzen!“ „Armer Carlo! das kann ja nicht immer währen— es wird ja ein Ende nehmen.“ „Du haſt Recht;“ antwortete der Bravo dumpf.„Das Ende iſt näher als Du denkſt. Es thut nichts; dreh nur den Schlüſſel um, damit wir hineinkommen.“ Zögernd weilte die Hand Gelſomina's an dem Schloſſe; doch angeregt durch ſein ungeduldiges Auge, öffnete ſie, und ſie traten ein. „Vater!“ rief der Bravo aus, und eilte zu einem auf der Erde ausgebreiteten Strohlager. 1 Die abgezehrte und ſchwache Geſtalt eines alten Mannes er⸗ hob ſich bei dieſem Worte, und ein Auge, das innere Schwäche vertieth, und doch in dieſem Augenblick ſelbſt glänzender als das ſeines Sohnes war, blickte auf Gelſomina und ihren Gefährten. „Du haſt nicht gelitten, wie ich fürchtete, Vater, durch dieſen plötzlichen Wechſel!“ fuhr Letzterer, an das Strohlager niederkniend, fort. Dein Auge, Deine Wange und Dein ganzes Anſehn iſt beſſer als unten in den feuchten Kellern!“ „Ich bin hier glücklich,“ erwiederte der Gefangene;„hier iſt Licht, und wenn ſie mir auch zuviel davon gegeben haben, ſo kannſt Du doch nicht begreifen, wie groß das Vergnügen iſt, Tageslicht nach einer ſo langen Nacht zu ſehen.“ „Er iſt beſſer, Gelſomina!— Sie haben ihn noch nicht zer⸗ ſtört. Sieh! ſeine Auge iſt glänzend, und ſeine Wange hat Gluth!“ „Sie ſind immer ſo, nachdem er den Winter in den untern Kerkern verlebt hat;“ liſpelte das ſanfte Mädchen. „Haſt Du mir was Neues zu erzählen, mein Sohn?— Wie ſtehts mit Deiner Mutter?“ 3 Jacopo beugte das Haupt, um den Schmerz nicht zu zeigen, den ihm dieſe Frage, die er nun ſchon hundertmal gehört, verurſachte. „Sie iſt glücklich, Vater,— ſo glücklich, wie Jemand ſeyn kann, der, entfernt von Dir, Dich ſo ſehr liebt.“ „Spricht ſie oft von mir?“ „Das letzte Wort, was ich von ihren Lippen hörte, war Dein Name.“ „Heilige Maria, ſegne ſie! ich hoffe, daß ſie meiner in ihren Gebeten gedenkt?“ „Zweifle nicht daran, Vater, es ſind die Gebete eines Engels.“ „Und Deine geduldige Schweſter? 2— Du haſt ihrer noch nicht gedacht, mein Sohn.“ „Ihr iſt auch wohl, Vater.“ „Hat ſie aufgehört ſich zu grämen, weil ſie die unſchuldige Urſach meiner Leiden geweſen?“ 8 294 „Ja, mein Vater.“ „So quält ſie ſich nicht mehr über ein Unglück, dem nicht ab⸗ zuhelfen iſt.“ . Der Bravo ſchien in dem theilnehmenden Auge der blaſſen und ſprachloſen Gelſomina Troſt zu ſuchen. „Sie hat aufgehört, ſich zu quälen, Vater,“ ſagte er mit er⸗ zwungener Ruhe.— „Du haſt Deine Schweſter immer mit männlicher Zärtlichkeit geliebt, mein Sohn. Dein Herz iſt gut, wie ich aus Erfahrung weiß. Hat Gott mir Kummer gegeben, ſo hat er mich dagegen ge⸗ ſegnet in meinen Kindern.“ Eine lange Pauſe erfolgte, während welcher der Vater über die Vergangenheit nachzudenken, und der Sohn ſich über das Auf⸗ hören von Fragen, die ſeine Seele marterten,— indem Diejenigen, von denen der Andere ſprach, längſt als Opfer des Familienunglücks gefallen waren,— zu freuen ſchien. Der Greis, denn das war der geſchwächte Gefangene, wandte ſeine gedankenvollen Blicke auf den noch immer knieenden Bravo, und fuhr fort: „Es iſt wenig Hoffnung, daß Deine Schweſter ſich verheirathen werde. Niemand mag ſich gern mit den Geächteten verbinden.“ „Sie wünſcht es nicht— ſie wünſcht es nicht— ſie iſt glücklich bei der Mutter.“ „Dies Glück wenigſtens wird ihnen die Republik nicht mißgönnen. Iſt gar keine Hoffnung, daß wir uns bald wieder ſehen?“ „Du wirſt meine Mutter ſehen,— ja, dieſe Freude kommt endlich.“ „Es iſt eine ſchwere, langweilige Zeit, ſeit ich keinen meiner Blutsverwandten, außer Dich geſehen habe. Knie nieder, damit ich Dich ſegne.“ Jacopo, der ſich unter ſeinen Seelenqualen erhoben hatte, beugte nun in Demuth ſein Haupt, um den väterlichen Segen zu empfangen. Die Lippen des Alten bewegten ſich, und ſeine Augen blickten zum Himmel, doch ſprach ſein Herz mehr als ſeine Zunge. Gelſomina's — 2 3 295 Haupt ſank auf ihren Buſen; ſie ſchien ihre Gebete mit denen des Vaters zu vereinigen. Als die ſtille, feierliche Handlung beendet war, machte jeder das gewöhnliche Zeichen des Kreuzes, und Jacopo küßte die runzlige Hand des Gefangenen. „Haſt Du Hoffnung für mich?“ fragte der Alte, nachdem die fromme, dankbare Pflicht ausgeübt war.„Verſprechen ſie noch immer, daß ich das Licht der Sonne wiederſehen ſoll?“ „Ja, ſie verſprechen alles Gute!“ „Ich wollte, ihre Worte wären wahr! ich lebe ſeit langer Zeit von dieſer Hoffnung— mich dünkt, ich bin ſchon länger als vier Jahre in dieſen Mauern?“ Jacopo ſchwieg, denn er wußte, daß ſein Vater nur die Zeit nannte, ſeit welcher es ihm ſelbſt erlaubt geweſen war, ihn zu ſehen. „Ich baute auf die Hoffnung, daß der Doge ſich ſeines alten Dieners erinnern, und die Thür meines Gefängniſſes öffnen würde.“ Immer noch ſchwieg Jacopo, denn der Doge, von dem der Andere ſprach, war längſt todt. „Und dennoch wär' ich dankbar, denn Maria und die Heiligen vergeſſen meiner nicht. Ich bin nicht ohne Freuden in meiner Ge⸗ fangenſchaft.“ „Gott ſey gelobt!“ rief der Bravo aus.„Wie erleichterſt Du Dir Deinen Kummer, Vater?“ „Sieh hierher, mein Sohn,“ erwiederte der Alte, in deſſen Auge ſieberhafter Wahnſinn durchſchimmerte, erzeugt durch die kürz⸗ liche Veränderung ſeines Kerkers, und durch die, aus Mangel an Uebung wachſende Schwaͤche des Geiſtes;„ſiehſt Du die Spalte in jenem Stückchen Holz? Sie öffnet ſich nach und nach durch die Hitze, und ſeit ich hier wohne, iſt die Spalte zweimal ſo lang ge⸗ worden. Ich bilde mir manchmal ein, wenn ſie den Knoten dort erreicht, dann werden die Herzen der Senatoren ſich erweichen und meine Thür wird ſich öffnen. Ich habe meine Freude dran, ſie ſo Jahr für Jahr einen Zoll nach dem andern wachſen zu ſehen.“ 296 „Iſt dies alles?“ 3 „Nein, ich habe noch andere Freuden. Vergangnes Jahr war eine Spinne hier, die ihr Gewebe an jenen Balken hängte; auch ſie war mir eine Geſellſchaft, die ich liebte. Willſt Du wohl nach⸗ ſehen, mein Sohn, ob Hoffnung da iſt, daß ſie wiederkomme?“ „Ich ſehe ſie nicht,“ ſtammelte der Bravo. „Nun wohl!, ſo habe ich doch die Hoffnung, daß ſie wiederkehrt. Die Fliegen kommen bald, dann ſieht ſie ſich nach Beute um. Sie können mich wegen falſcher Anklage einſperren, und mich Jahre⸗ lang von Weib und Tochter trennen, all' meine Freuden können ſie mir doch nicht rauben.“ Der greiſe Gefangene ſchwieg gedankenvoll. Eine kindiſche Ungeduld glühte in ſeinen Augen, und er blickte von der Spalte, der Gefährtin ſo vieler einſamer Jahre, auf ſeinen Sohn, als fürchte er, ſeiner Freuden beraubt zu werden. „Wohll moͤgen ſie mir auch dieſe nehmen,“ ſagte er, und zog die Decke über ſein Haupt;„ich will ihnen dennoch nicht fluchen!“ „Vater!“ Der Gefangene antwortete nicht. „Vater!“ „Jacopo!“ Jetzt war es der Bravo, welcher ſprachlos daſtand. Er wagte ſelbſt nicht einmal einen verſtohlenen Blick auf die athemlos aufmerk⸗ ſame Gelſomina zu werfen, obgleich ihm das Herz vor Verlangen ſchlug, ihre offnen Züge zu leſen. „Hörſt Du mich, mein Sohn?“ fuhr der Gefangene, ſein Haupt aufdeckend, fort;„denkſt Du wirklich, daß ſie das Herz haben werden, die Spinne aus meiner Zelle zu jagen?“ „Sie werden Dir dieſe Freude laſſen, Vater; denn ſie thut weder ihrer Macht, noch ihrem Ruhme Abbruch. So lange der Senat ſeinen Fuß auf des Volkes Nacken und ſich den Schein eines guten Namens erhalten kann, werden ſie Dir dies nicht mißgönnen.“ 4 mein Kind; denn es iſt nicht erfreulich, den einzigen Freund in der Zelle zu verlieren.“ Jacopo beruhigte das Gemüth des Gefangenen, und leitete 5* ſeine Gedanken nach und nach auf andere Gegenſtände. Er legte einige Nahrungsmittel, die man ihm erlaubt hatte mitzubringen, an das Lager nieder, ſprach nochmals von der Hoffnung der Befreiung und ſchickte ſich zum Fortgehn an. „Ich will verſuchen, Dir zu glauben, mein Sohn,“ ſagte der alte Mann, der gute Gründe hatte, ſo oft gethanen Verſicherungen 297 „Heilige Maria, mach' mich dankbar!— Ich hatte Furcht, nicht zu trauen.„Ich will alles thun was ich kann, um es zu glauben. Du wirſt der Mutter ſagen, daß ich nicht aufhöre, an ſie zu denken und für ſie zu beten; und wirſt Deine Schweſter, im Namen ihres armen, gefangenen Vaters, ſegnen.“ Der Bravo verbeugte ſich bejahend, erfreut, des Sprechens überhoben zu ſeyn. Auf ein Zeichen des Alten kniete er nieder und empfing den Abſchiedsſegen. Nachdem er ſich mit Ordnen des weni⸗ gen Geräthes in der Zelle beſchäftigt, und eine oder zwei Spalten, um mehvr friſche Luft hinein zu laſſen, zu erweitern verſucht hatte, verließen ſte das Gemach. Auf ihrem Rückwege durch das Labyrinth, welches ſie nach dem Dache geführt, ſprach weder Gelſomina noch Jacopo eher ein Wort, als bis ſie ſich auf der Seufzerbrücke befanden. Selten be⸗ trat dieſe Galerie ein menſchlicher Fuß, daher erwählte Erſtere mit der ſchnellen Faſſungsgabe des Weibes ſie, als den zur weitern Unterhaltung bequemſten Ort. „Findeſt Du ihn verändert?“ fragte ſie, unter dem Bogen ſtill⸗ ſtehend. „Sehr!“ „Deine Worte haben eine traurige Bedeutung!“ „Ich habe meinen Zügen nicht gelehrt, Dich zu täuſchen, Gel⸗ ſomina.“ ——ᷓ——— 298 „Doch iſt noch Hoffnung.— Du ſagteſt ihm ſelbſt, es ſey noch Hoffnung.“ „Heilige Maria, vergib den Betrug! ich konnte ſeinem Funken Leben den einzigen Troſt nicht rauben.“ „Carlo!— Carlo!— warum biſt Du ſo ruhig? Nie höoͤrte ich Dich von dem Deinem Vater angethanen Unrecht und ſeiner Ge⸗ fangenſchaft ſo ruhig ſprechen.“ „Das macht, weil ſeine Befreiung ſo nahe iſt.“ „Eben dieſen Augenblick war er ohne Hoffnung, und jetzt ſprichſt Du von Befreiung!“ „Die Befreiung durch den Tod. Selbſt der Zorn des Senats muß das Grab achten.“ „Glaubſt Du ſein Ende ſo nahe? Ich hätte die Veränderung nicht bemerkt.“ „Du biſt gütig, theure Geſſina, treu Deinen Freunden und ohne Argwohn der Verbrechen, die Deine Unſchuld nicht kennt. Aber Jemanden, der ſo viel Schlechtigkeit geſehn, wie ich, kommt bei jeder Gelegenheit ein mißtrauiſcher Gedanke. Die Leiden mei⸗ nes armen Vaters ſind ihrem Ende nah, denn ſeine Natur iſt er⸗ ſchöpft; wär' dies aber auch nicht, ſo ſehe ich voraus, daß man Mittel finden würde, ſie zum Ende zu bringen.“⸗ 1 „Du kannſt doch unmöglich glauben, daß ihm hier irgend Jemand etwas zu Leide thun wird?“ „Niemand, der Dir angehört. Dich und Deinen Vater, Gel⸗ ſomina, haben die Heiligen hierher geſetzt, damit die Teufel nicht zu viel Macht auf Erden haben möchten.“ „Ich verſtehe Dich nicht, Carlo,— doch Du biſt oft ſo. Dein Vater bediente ſich heut im Geſpräch mit Dir eines Wortes, von dem ich wünſchte, er hätte es nicht geſprochen.“ Der Bravo warf einen haſtigen, unruhigen, argwöhniſchen Blick auf ſeine Begleiterin, und wandte ſich ſchnell wieder ab. „Er nannte Dich Jacopo,“ fuhr das Mädchen fort. 299 „Den Menſchen wird oft durch die Güte ihrer Schutzpatrone ein Schimmer ihrer Schickſale zu Theil.“ „Meinſt Du damit, Carlo, daß Dein Vater argwohnt, der Senat würde ſich des genannten Ungeheuers gegen ihn bedienen?“ „Warum nicht?— Sie haben ſich wohl ärgerer Menſchen bedient. Wenn man der Sage trauen darf, ſo iſt er ihnen nicht unbekannt.“ „Kann das wohl ſeyn!— Du biſt erbittert gegen die Republik, weil ſie Deiner Familie Unrecht gethan; aber Du kannſt doch nicht glauben, daß ſie je den Dolch eines Banditen beſoldet?“ „Ich ſagte nicht mehr, als was man ſich täglich auf den Kanälen zuflüſtert.“ „Ich wünſchte, Dein Vater hätte Dich bei dieſem ſchrecklichen Namen nicht genannt, Carlo!“ „Du biſt zu weiſe, um Dich durch ein Wort irre leiten zu laſſen, Gelſomina. Aber was denkſt Du von meinem unglücklichen Vater?“ „Dein Beſuch war nicht wie die früheren Beſuche, die Du ihm in meiner Begleitung gemacht haſt. Ich weiß nicht warum, aber mir ſchien es, Du hegteſt ſonſt ſelbſt die Hoffnungen, mit denen Du den Gefangnen aufzuheitern ſuchteſt, während Du jetzt ein ſchreckliches Vergnügen in der Hoffnungsloſigkeit zu finden ſcheinſt.“ „Deine Furcht täuſcht Dich,“— ſagte der Bravo kaum hörbar. „Deine Furcht täuſcht Dich, und wir wollen darüber nicht weiter ſprechen. Der Senat wird uns endlich Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Es ſind ehrenwerthe Herren, hochgeboren und berühmt. Es wäre Tollheit, den Patriciern nicht zu trauen. Weißt Du nicht, Mädchen, daß der, welcher aus adlichem Blut entſprungen, über alle Schwachheiten und Verſuchungen, die uns von niedriger Geburt einengen, erhaben iſt? Sie ſind Menſchen, die ſchon ihre Geburt über die Schwachheit der Sterblichen erhoben hat, und da ſie Niemandem Rechenſchaft zu geben haben, ſo ſind ſie ſicher, immer 300 Necht zu thun. Das iſt vernünftig, wer kann daran zweifeln?“ Der Bravo lachte bitter, als er dieſe Worte endete. „Nein, Carlo, jetzt ſcherzeſt Du mit mir; Niemand iſt über die Gefahr, Unrecht zu thun, erhaben, als Derjenige, den die Heiligen und die Jungfrau beſchützen.“ „Solche Anſichten bekommt man, wenn man in einem Ge⸗ fängniß lebt und Morgens und Abends betet! Nein— nein— albernes Mädchen, es giebt Menſchen in der Welt, die, von Ge⸗ ſchlecht zu Geſchlecht, weiſe, ehrlich tugendhaft, brav, unbeſtechlich geboren werden, in jeder Hinſicht befugt, einzuſchließen und einzu⸗ kerkern, alle Die, welche von niedriger, unedler Geburt ſind. Wo haſt Du Deine Tage verlebt, thörichte Gelſomina, daß Du dieſe Wahrheit nicht bei jedem Athemzuge fühlteſt? Sie iſt ja klar, wie der Sonne Licht, und handgreiflich— ja handgreiflich, wie dieſe Gefängnißmauern!“ Das furchtſame Mädchen bebte zurück und dachte einen Augenblick daran, zu fliehen; denn nie hörte ſie in ihren zahlreichen, vertrau⸗ lichen Unterhaltungen ein ſo bittres Lachen, und nie ſah ſie eine ſo wilde Glut in ihres Geſellſchafters Auge. „Faſt möcht' ich glauben, Dein Vater gebrauchte den rechten Namen, Carlo,“ ſagte ſie, als ſie ſich faſſend, einen vorwurfsvollen Blick auf ſeine, noch immer aufgeregten Züge warf. „Eltern kommt es zu, ihren Kindern Namen zu geben;— doch genug. Ich muß Dich verlaſſen, gute Gelſomina, und ich verlaſſe Dich mit ſchwerem Herzen.“ Die argloſe Gelſomina vergaß ihren Schreck. Sie wngte nicht warum, aber wiewohl der vermeintliche Carlo ſie nie verließ, ohne daß es ſie traurig machte, ſo fühlte ſie doch, als er jetzt dieſe Worte ſprach, ihr Gemüth mehr als ſonſt bedrückt. „Du haſt Dein Geſchäft, und das darf nicht verſäumt werben. Faſt Du in der letzten Zeit Glück gehabt mit Deiner Gondel, Carlo? 24 „Gold und ich, wir ſind uns faſt fremd. Die Republik hat mir 301 die Laſt aufgebürdet, den ehrwürdigen Gefangenen vom Ertrag meiner Arbeit zu ernähren.“ „Ich beſitze nur wenig, wie Dir bekannt iſt, Carlo,“ ſagte Gelſomina halblaut,„doch gehört es Dir. Daß mein Vater nicht reich iſt, kannſt Du begreifen; ſonſt würde er nicht von den Leiden Anderer leben und die Schlüſſel zu ihren Gefängniſſen bewahren.“ „Sein Geſchäft iſt beſſer als das Derjenigen, die ihm dieſe Pflicht auferlegten. Hätt' ich die Wahl, ob ich lieber die gehörnte Mütze tragen, den Feſten in ihren Hallen beiwohnen, in ihren Paläſten leben, das glänzendſte Spielwerk ihrer Prachtgelage, wie des geſtrigen, vorſtellen, in ihren Gerichtshöfen Ränke mitſchmieden, und einer der herzloſen Richter, die ihre Mitmenſchen zum Elend verdammen, ſeyn— oder der bloße Aufbewahrer der Schlüſſel und Schließer ſeyn wollte— ſo würde ich freudig das letztere Amt ergreifen, nicht nur als das unſchuldigere, ſondern auch als das bei weitem ehrenvollere!“ „Du urtheilſt nicht wie die Welt urtheilt. Ich fürchtete, Du würdeſt Dich ſchämen, eines Gefangenwärters Tochter zum Weibe zu nehmen; ja, ich mag Dir es nicht länger verbergen, da Du nun ſo ruhig ſprichſt:— ich habe geweint, daß es ſo ſeyn müſſe.“ „Dann haſt Du weder die Welt, noch mich begriffen. Wäre Dein Vater beim Senat oder unter dem Gerichtshof der Drei⸗ männer(wenn man überhaupt je erfahren könnte, wer zu dieſer furchtbaren Dreizahl gehöre), dann hätteſt Du Urſache zum Gram. Doch, Gelſomina, die Kanäle werden dunkel, ich muß fort.“ Das zögernde Mädchen ſah die Wahrheit ſeiner Worte ein, drehte den Schlüſſel und öffnete die Thür der bedeckten Brücke. Einige Windungen und eine kurze Treppe brachten den Bravo und ſeine Gefährtin zu den Quais hinab. Hier nahm Erſterer haſtig Abſchied und verließ das Gefängniß. Zwanzigſtes Kapitel. Wer noch ſo ſtümpert, iſt ein Lehrling nur. 3 Don Juan. Die Stunde war gekommen, wo die Piazza von Herumſchwär⸗ mern und die Kanäle von Gondeln zu wimmeln pflegten. Masken ſtahlen ſich, wie gewöhnlich, längs den Porticos, Geſang und Ge⸗ ſchrei ließ ſich hören; Venedig war wiederum der trügeriſchen Hei⸗ terkeit hingegeben. Als Jacopo aus dem Gefängniß auf den Quai herauskam, miſchte er ſich unter den Menſchenſtrom, der nach den Plätzen hin⸗ wogte, durch ſeine Maske gegen alle Beobachtung geſichert. Wie er über die Brücke des Kanals von St. Markus kam, blieb er einen Augenblick ſtehen, um nach der eben verlaſſenen Galerie hinauf zu ſchauen, dann zog er weiter mit der Menge, das Bild der kunſt⸗ loſen und vertrauensvollen Geſſina im tiefſten Herzen bewahrend. Unter den dunkeln Bogen des Broglio ſuchten ſeine Blicke Don Camillo. An der Ecke des kleinen Platzes begegneten ſie ſich, wech⸗ ſelten geheime Zeichen, und der Bravo entfernte ſich unbemerkt. Hunderte von Böten lagen am Fuß der Piazzetta: unter dieſen ſuchte Jacopo ſein eigenes, und ruderte es aus der ſchwimmenden Maſſe nach dem Stromwaſſer hin; wenige Ruderſchläͤge, ſo lag er an der Seite der bella Sorrentina. Der Schiffer ſchritt das Verdeck auf und ab, mit italieniſcher Indolenz der friſchen Abendluft ge⸗ nießend, waͤhrend ſein Schiffsvolk am Vordertheil der Feluke grup⸗ pirt, ein kalabriſches Schifferlied ſang. Die Begrüßung war gut⸗ herzig, aber kurz, wie ſie unter Männern dieſer Klaſſe gebräuchlich iſt. Aber der Padrone ſchien den Beſuch zu erwarten, denn er führte ſeinen Gaſt fern von den Ohren ſeiner Leute, an's andere Ende der Feluke.. 3 „Haſt Du was Beſonderes, guter Roderigo!“ fragte der See⸗ ₰—— 4- 2 mann, der Jacopo an einem Zeichen zu erkennen pflegte, und den⸗ noch ihn nur unter jenem erdichteten Namen kannte.„Du ſi ſtehſt, wir ſind nicht müßig geweſen, obgleich geſtern Feſttag war.“ „Biſt Du zur Fahrt in den Golf fertig.“ „Nach der Levante oder nach den Säulen des Herkules, wie es dem Senat gefällig iſt. Wir haben unſere Segelſtangen auf⸗ gezogen, ſeit die Sonne hinter den Gebirgen ſank, und trotz unſerer anſcheinenden Gemächlichkeit bedürfen wir nur einer Stunde, um uns für die Außenſeite des Lido zu rüſten.“ „Dann nehmt Eure Maaßregeln.“ „Meiſter Rodrigo, Ihr bringt Eure Neuigkeiten auf einen über⸗ füllten Markt. Man hat mich ſchon unterrichtet, daß man uns dieſe Nacht brauche.“ Eine ſchnelle Bewegung des Mißtrauens von Seiten des Bravo, entging dem Padrone, deſſen Augen den Windfang der Feluke, mit der dem Seemann eigenen Aufmerkſamkeit für dieſen Theil des Schiffes, wenn ſein Dienſt begehrt wird, überliefen. „Du haſt Recht, Stefano. Indeß doppelte Vorſicht ſchadet nicht. Bei einem ſchwierigen Auftrag iſt Vorbereitung die Hauptpflicht.“ „Wollen Sie ſich ſelbſt überzeugen, Signor Roderigo?“ ſagte der Seemann mit leiſer Stimme. Die bella Sorrentina iſt nicht der Bucentaurus, auch keine Galeere des Großmeiſters von Malta; doch im Verhältniß ihrer Größe ſind in des Dogen Palaſt ſelbſt keine beſſeren Zimmer zu finden. Als ich erfuhr, daß eine Dame zur Fracht gehoͤre, da kam die Ehre Calabriens in's Spiel, ihr alles recht bequem zu machen.“ „Gut. Wenn man Dir alle Umſtände mitgetheilt hat, ſo wirſt Du gewiß Alles thun, um Ehre einzulegen.“ „Ich ſage nicht, daß man mir die Hälfte davon mitgetheilt hätte, guter Signor,“ unterbrach ihn Stefano.„Die Heimlichkeit bei Euren venetianiſchen Ladungen iſt eben das, was mir das Ge⸗ werbe am meiſten verleidet. Mehr als einmal iſt es geſchehen, daß — 304 ich wochenlang in den Kanälen gelegen, meine Räume ſo rein wie ein Mönchsgewiſſen, und dann kam Befehl, die Anker zu lichten, und ein Bote, der, während wir durch den Hafen ſegelten, einſtieg, ging als Fracht mit, um an der Küſte von Dalmatien, oder an den griechiſchen Inſeln wieder hinaus zu kriechen.“ „Bei ſolchen Fällen haſt Du Dein Geld leicht verdient.“ „Diamine! Meiſter Roderigo, hätt' ich einen Freund in Venedig, der mir bei Zeiten Nachricht gäbe, ſo könnte man die Feluke mit ſolchem Ballaſt beladen, der auf der jenſeitigen Küſte Gewinn brächte. Diene ich den edlen Herren nach Pflicht treu, was ginge es dann den Senat an, wenn ich nun auch zu gleicher Zeit meine Pflicht thäte für mein gutes Weib und ihre kleinen braunen Kinder, da⸗ heim in Calabrien?“ ¹ 4 „Es iſt viel Vernunft in dem, was Du ſagſt, Stefano; allein Du weißt, die Republik iſt ein ſtrenger Gebieter. Ein Geſchäft dieſer Art will mit leiſer Hand berührt werden.“ „Das weiß Niemand beſſer als ich; denn als ſie den Handels⸗ mann mit all' ſeinen Geräthſchaften aus der Stadt ſandten, da mußte ich gewiſſe Kiſten in die See werfen, um Raum zu machen für ſeinen nichtswürdigen Plunder. Der Senat iſt mir Erſatz ſchuldig für dieſen Verluſt, werther Signor Rodrigo.“ „Den Du Dir wohl gern dieſe Nacht zueignen möchteſt?“ „Allerheiligſte Maria! Sie können der Doge ſelbſt ſeyn, Signor, ſo wenig kenne ich von Ihrem Angeſtcht; doch ich möchte am Altar drauf ſchwören, daß Sie, Ihres Scharfſinns wegen, zum Senat gehören müſſen.— Wenn die Dame nicht gar zu ſehr mit Sachen beſchwert, und es noch Zeit iſt, ſo möchte ich wohl ein wenig für den Geſchmack der Dalmatier ſorgen, mit gewiſſen Artikeln, die aus den Ländern hinter den Herkulesſäulen herkommen.“ „Du kannſt ja ſelbſt darüber urtheilen, da man Dich von der Art Deines Geſchäfts unterrichtet hat.“ „St. Januarius von Neapel, öffne meine Augen!— Man ☛ 83 22 dA „ ſagte nicht ein Woͤrtchen weiter, als daß eine junge Dame, für die ſich der Staat ſehr intereſſire, dieſe Nacht die Stadt verlaſſen wolle, um nach der Oſtküſte zu gehn. Wenn es für Ihr Gewiſſen nicht zu unangenehm wäre, Meiſter Roderigo, ſo würde es mich ſehr beglücken, zu hören, wer ihre Geſellſchafter ſeyn werden?“ „Davon ſollſt Du zur rechten Zeit mehr erfahren. Bis dahin empfehle ich Dir eine vorſichtige Zunge; denn St. Marcus ſpaßt nicht mit Denen, die ihn beleidigen. Ich freue mich, Dich ſo vor⸗ bereitet zu ſehen, werther Padrone, und Dir eine gute Nacht und glückliche Reiſe wünſchend, empfehle ich Dich Deinem Schutzpatron. Doch halt— ehe ich Dich verlaſſe, moͤchte ich wohl die Stunde wiſſen, wann der Landwind eintritt?“ „Ihr ſeyd in Euern Sachen exact, wie ein Kompaß, Signor; doch habt Ihr wenig Erbarmen mit Euren Freunden! Nach der heutigen brennenden Sonnenhitze zu urtheilen, müſſen wir die Alpen⸗ luft um Mitternacht haben.“ „Wohl,— mein Auge wird Dich bewachen. Nochmals, Addio.“ „Cospetto! Du haſt ja vom Cargo gar nichts geſagt?“ „Der wird am Werth beträchtlicher als am Umfang ſeyn,“ antwortete Jacopo nachläſſig und ſtieß ab von der Feluke. Wäh⸗ rend Stefano auf dem Verdeck ſtand und über den wahrſcheinlichen Crtrag ſeiner Spekulation nachdachte, glitt das Boot ſchnell und behende nach dem Quai. Gleich den Windungen des liſtigen Fuchſes durchkreuzt Betrug oft ſeine eignen Wege; demgemäß fallen in ſeine Schlingen nicht nur die, welchen ſie gelegt wurden, ſondern auch die, welche ſie legten. Als Jacopo ſich von Don Camillo trennte, verabredeten ſte, daß Erſterer all' ſeinen angebornen Scharfſinn oder ſeine Er⸗ fahrung anwenden ſolle, um mit Gewißheit die Abſichten des Senats, hinſichts Donna Violetta, zu erfahren. Dies war auf dem Lido geſchehen, und da Niemand außer ihm von ihrer Unterredung etwas wußte, und Niemand ihre neuerlich geknüpfte Verbindung ahnen Der Bravo. 20 Ausſicht auf einen glücklichen Erfolg, worauf außerdem wohl ſchwer⸗ lich zu rechnen war. Bei ganz beſonders delikaten Geſchäften ihre Agenten zu wechſeln, war ein ſehr gebräuchliches Mittel der Re⸗ publik, um dadurch Nachforſchungen zu eentgehn. Oft war Jacopo bei ihren Unterhandlungen mit dem Seefahrer, der häufig gebraucht ward, geheime, vielleicht zu entſchuldigende polizeiliche Maaßregeln auszuführen, ihr Werkzeug; doch nie hatte man es für nöthig ge⸗ halten, zwiſchen Anfang und Ende eines Unternehmens ſich eines zweiten Geſchäftsträgers zu bedienen, außer im gegenwärtigen Falle. Er hatte den Befehl bekommen, den Padrone aufzuſuchen und ihm zu empfehlen, daß er ſich jeden Augenblick zum Dienſte bereit halten möge; ſeit dem Verhör Antonio's aber waren ihm von ſeinen bis⸗ herigen Prinzipalen keine Inſtruktionen mehr ertheilt worden. Man hielt dieſe ungewöhnliche Vorſicht für um ſo nöthiger, als die Ge⸗ fahr, den Agenten Don Camillo's die geringſte Wahrſcheinlichkeit eines Zutritts zu ſeiner Vermählten zu laſſen, einleuchtend genug 2 war. Unter dieſen nachtheiligen Umſtänden alſo war es, daß Jacopo ſeine neuen wichtigen Pflichten anzutreten hatte.. . Daß die Liſt, wie geſagt, ſich oft ſelber überliſte, iſt ſprüch⸗ wörtlich und bewährte ſich auf's neue in dem gegenwärtigen Falle mit Jacopo und ſeinen Herren. Sie hatten ihn bisher bei ähnlichen Gelegenheiten aufgeſucht, jetzt ſchwiegen ſie; dieſer Umſtand war ihm nicht entgangen, als er daher auf ſeinem Gange längs dem Quai die Feluke erblickte, ſo leitete der Zufall ſeine Nachforſchungen, und wie ſehr ihm dabei die Habgier des Calabreſen zu Hülfe kam, haben wir eben erzählt. Kaum hatte Jacopo den OQuai erreicht, und ſein Boot ange⸗ bunden, als er wieder auf den Broglio eilte, der in dieſem Augenblick von Maskirten und den Pflaſtertretern der Piazetta angefüllt war. Die Patrieier waren nicht mehr da, ſie hatte ſich zurückg ezogen, entweder, um in ihren Paläſten zu ſchwelgen oder um ſich, wie es konnte, ſo übernahm der Bravo ſeinen neuen Auftrag nicht ohne 1 4 5 2 307 ihrer myſteriöſen Politik angemeſſen war, während dieſer Stunden der Ausgelaſſenheit, dem Auge des Publikums zu entziehen. Jacopo, ſchien es, hatte gemeſſene Befehle; denn nachdem er ſich überzeugt hatte, daß Don Camillo nicht mehr auf dem Platze war, drängte er ſich durch die Menge, wie Einer, der einen be⸗ ſtimmten Gang zu thun hat. Beide Plätze waren jetzt voll, und wenigſtens die Hälfte Derjenigen, welche in dieſen Vergnügungsörtern die Nacht zuzubringen gedachten, erſchien maskirt. Der Bravo, obgleich eine entſchiedene Richtung nehmend, ſchritt nicht ſo eilig einher, daß er nicht im Gehen die ſich auf der Piazetta bewegenden Geſtalten, und nach Umſtänden ihre Geſichtszüge hätte muſtern können. So kam er bis an den Punkt, welcher beide Plätze ver⸗ einigt, wo er ſeinen Ellbogen leiſe berührt fühlte. Er war nicht gewohnt, auf dem St. Marcus⸗Platze, noch dazu in ſolcher Stunde, unnöthigerweiſe ſich durch Sprechen zu verrathen. Aber ſeinem fragenden Blicke erwiederte ein Zeichen, daß er folgen möchte. Die Geſtalt, welche ihn angehalten hatte, war ſo vollſtändig in ihrem Domino verhüllt, daß er ſich vergeblich bemühte zu erkennen, wer es wäre. Da jedoch der Theil des Platzes, wo ſie ihn hinwinkte, leer war, und in der Richtung lag, die er eben nehmen wollte, ſo gab der Bravo ein einwilligendes Gegenzeichen und folgte. Sobald ſie ſich außerhalb des Gedränges und an einem Orte befanden, wo kein Lauſchender ſich verbergen konnte, ſtand der Fremde ſtill, unterſuchte unter ſeiner Maske hervor Jacopy's Perſon, Wuchs und Anzug, und endigte zuletzt mit einer Geberde, welche anzeigte, daß er den Rechten vor ſich habe. Jacopo erwiederte ebenfalls in Zeichenſprache, behauptete aber ſtrenges Still⸗ ſchweigen, bis jener ſich gezwungen ſah, das Geſpräch zu eröffnen. „Gerechter Daniel,“ brummte er,„ſollte man nicht glauben, erlauchter Signor, Ihr Beichtiger habe Ihnen Stillſchweigen zur Begrüßung auferlegt? warum reden Sie Ihren Diener nicht an? „Was willſt Du?“ 308. „Da hat man mich hierher in die Piazza geſchickt unter die Gauner, Kammerdiener, Gondoliers und alle Arten von Zechern und Schmauſern, welche dieſes chriſtliche Land zieren, und da ſoll ich den Erben von einem der älteſten und geehrteſten Häuſer Ve⸗ nedigs ſuchen.“ 3 „Wie, ſo weißt Du denn, daß ich Der bin, den Du ſuchſt?“ „Signor, ein weiſer Mann ſieht Manches, was dem Unacht⸗ ſamen entwiſcht. Wenn junge Kavaliere Geſchmack daran finden, ſich vornehm maskirt unter's Volk zu begeben, wie bei einem gewiſſen jungen Patricier dieſer Republik der Fall iſt, ſo brauchen ſie eben nicht den Mund aufzuthun, man kennt ſie ſchon an ihrer Haltung.“ „Du biſt ein ſchlauer Bote, Hoſea; doch Dein Stamm lebt ja von ſeiner Schlauheit.“ „Sie iſt das einzige, was wir dem Unrecht des Drängers entgegenſetzen können. Gehetzt ſind wir wie Wölfe, warum ſollten wir alſo nicht bisweilen zeigen die wilde Natur der Beſtien, für die ihr uns haltet. Doch was erzähle ich die Trübſale unſerer Leute Einem, welcher glaubt, daß das Leben eine Maskerade iſt?“ „Und den es eben nicht verdrießen würde, mein geiſtreicher Hoſea, wenn die Maskerade aus lauter Juden beſtände. Aber zu Deinem Auftrag! ich wüßte nicht, daß ich ein Pfand auszulöſen hätte, auch bin ich Dir kein Gold ſchuldig.“ „Gerechter Samuel! Ihr Kavaliere vom Senat gedenkt nicht immer an das, was vergangen iſt, Signor, oder Ihr hättet Euch dieſe Worte ſparen können. Wenn Ew. Excellenz ſind geneigt, Pfänder zu vergeſſen, kann ich was dafür? ſicherlich, was anbelangt die Rechnung, welche nun ſchon ſo lange unter uns iſt angewachſen, da iſt auf dem ganzen Rialto kein Handelsmann, welcher die Beweiſe wird ziehen in Zweifel.“ „Und wär's auch ſo, kommſt Du hierher auf den vollen St. Marcus⸗Platz als Gläubiger, meines Vaters Sohn zu mahnen?“ „Wo werd' ich Schande anthun, Signor, irgend Einem, der 84 — 309 da kommt von dieſem erlauchten Geſchlecht! darum wollen wir von der Sache jetzt nicht weiter ſprechen, wohl zu merken allerdings, daß Ihr, wenn die Zeit da iſt, Euch bekennet zu Eurer Handſchrift und Siegel.“ „Deine Klugheit gefällt mir, Hebräer; ſie iſt mir Bürgſchaft, daß Dein Geſchäft diesmal nicht von der gewöhnlichen unangenehmen Art iſt. Da ich eben nicht viel Zeit habe, ſo wirſt Du wohl ſo gut ſeyn, und damit herausrücken.“ Hoſea ſah ſich noch einmal verſtohlen, aber genau auf dem menſchenleeren Fleck um, trat dann näher auf den vermeintlichen Edelmann zu, und fuhr fort: „Signor, Ihre Familie iſt in Gefahr, einen großen Verluſt zu erleiden! Sie wiſſen, daß der Senat hat gänzlich und plöͤtzlich entfernt die Donna Violetta von der Bewachung des treuen und erlauchten Senators, Ihres Vaters.“ Jacopo trat erſchrocken einen Schritt zurück, doch ſo leiſe, daß die Bewegung für einen Liebhaber, deſſen Hoffnung vereitelt worden, nur natürlich erſchien, und den Irrthum des Juden noch beſtärkte. „Beruhigen Sie ſich, junger Signor,“ ſetzte Hoſea hinzu, „dieſe Striche durch die Rechnung erfahren wir alle in der Jugend, wie ich weiß, durch gar ſchwere Verſuchungen. Leah iſt auch nicht ohne Mühe gewonnen worden, und zunächſt dem Glück im Handel, iſt Glück in der Liebe vielleicht das, worauf am wenigſten kann gerechnet werden. Aber Gold thut viel bei beiden, und in der Regel ſetzt es die Sache durch. Aber Sie ſind näher daran, die Dame, die Sie lieben, und ihre Beſitzthümer zu verlieren, als Sie ſich einbilden, denn ich bin hergeſchickt, ausdrücklich, daß ich Ihnen ſoll ſagen, daß ſie ſoll werden entfernt aus der Stadt.“ „Wohin?“ fragte Jacopo haſtig, und der vermuthete Liebhaber ward dem guten Hoſea dadurch nur um ſo deutlicher. „ Das iſt es ja eben, was noch zu erfahren iſt, Signor. Dein Vater iſt ein ſcharfſinniger Senator, und bisweilen tief eingeweiht 8 — 310 in die Geheimniſſe des Staats. Doch wenn ich von ſeinem Schwanken bei dieſer Gelegenheit etwas darf ſchließen, ſo kommt's mir vor, als wenn er ſich mehr richtete nach Berechnungen, als nach ſicherm Wiſſen. Gottſeliger Daniel! es hat gegeben Augenblicke, wo ich hab' vermuthet, daß der ehrwürdige Patricier ein Mitglied des Rathes der Dreimänner iſt!“ „Sein Adel iſt alt, ſeine Privilegien wohlbegründet— warum ſollte er nicht?“ 4 „Ich ſage ja nichts dagegen, Signor. Es iſt ein weiſes Col⸗ legium, das viel Gutes thut und viele Uebel verhütet. Niemand auf dem Rialto ſagt den geheimen Berathungen Böſes nach; dort legen ſich die Leute auf Broterwerb und klügeln nicht über die Handlungen ihrer Beherrſcher. Aber, Signor, er möge nun zu dieſem oder jenem Rathe gehören, oder bloß Senatsmitglied ſeyn, ſo hat er einen behutſamen Wink fallen laſſen über die Gefahr des Verluſtes, in der wir uns—“ „Wir! Haſt Du etwa Abſichten auf Donna Violetta, Hoſea?“ „Das verhüte Leah und das Geſetz! Wenn die ſchöne Königin von Saba ſelbſt mich verſuchte, und die ſündhafte Natur Schwäche zeigte, ſo würden unſere Rabbiner, aller Wahrſcheinlichkeit nach, Gründe zur Selbſtverleugnung finden! Ueberdies iſt die Tochter Levi's keine Begünſtigerin der Vielweiberei, noch irgend eines andern Vorrechtes unſeres Geſchlechtes. Ich ſagte darum Wir, Signor, weil bei dieſer Heirath das Intereſſe der Leute auf dem Rialto eben ſo gut auf dem Spiele ſteht, als das des Hauſes Gradenigo.“ „Ich verſtehe, Du fürchteſt für Dein Gold.“ „Wenn ich in dieſer Sache ſo leicht Beſorgniſſe ſchöpfte, Signor Giacomo, ſo würde ich es ſo bereitwillig nicht hergegeben haben. Indeſſen, iſt auch die einſtige Erbſchaft von Deinem Vater voll⸗ kommen hinlänglich, jede Anleihe, die ich, armer Mann, machen kann, ſicher zu ſtellen, ſo würde die Sicherheit doch dadurch nicht —“ —.— — 311 geringer werden, wenn die Reichthümer des Signor Tiepolo noch hinzukämen.“ „Du biſt ſcharffinnig, das geb' ich zu, auch begreife ich die ganze Wichtigkeit Deiner Warnung; allein ſie ſcheint keinen andern Zweck, noch Grund zu haben, als Deine perſönlichen Befürchtungen.“ „Und einige hingeworfene Winke Ihres geehrten Vaters, Signor.“ „Was ſagte er denn noch Weiteres über den Gegenſtand?“ „Er ſprach in Gleichniſſen, junger Edelmann, Gleichniſſe aber ſind für orientaliſche Ohren nicht in den Wind geſprochen. Daß man im Begriffe ſteht, die reiche junge Dame wegzubringen aus Venedig, iſt gewiß, und zum Beſten des Bischen Intereſſes, welches ich an ihrem Schickſale habe, gäbe ich den ſchönſten Turquois in meinem Laden darum, wüßte ich, wohin.“ „Weißt Du gewiß, daß es dieſe Nacht geſchehen ſoll?“ „Ich verpfände mich zu nichts, wenn's etwa anders ausfallen ſollte, aber ich habe Gewißheit genug, junger Kavalier, um un⸗ ruhig zu ſeyn.“ „Genug— ich werde meine eigne Angelegenheit und die Deinige im Auge behalten.“ Jacopo machte ein Abſchiedszeichen mit der Hand und verfolgte ſeinen Weg, die Piazza hinauf. „Was meine Angelegenheit betrifft,“ brummte der Hebräer für ſich,„ſo wollte ich nur, ich hätte ſie ſelbſt beſſer im Auge behalten, wie ſich für Einen geziemt, der mit der verfluchten Race Geſchäfte machen muß; was ging' es dann mich an, heirathete die Dirne Dich, oder einen Türken!“ „Pſt, Hoſea!“ rief eine Maske ihm hier ins Ohr;„ein Wörichen allein mit Dir.“ Der Jude ſchrack zurück, als er fand, daß er im Eifer ſich denn doch von Jemand hatte belauſchen laſſen. Auch dieſer Fremde war in einem Domino und durchaus unkenntlich. „Was beliebt, Signor Maske?“ fragte der umſichtige Jude. —*“ eeee 1„Ein Wort in Freundſchaft und Vertrauen.— Du leiheſt Gelder auf Wucherzinſen aus, nicht wahr?“ „Die Frage wäre in der Schatzkammer der Republik eher am rechten Ort! Ich habe viele Steine, die weit unter ihrem Karat⸗ gewicht taxirt ſind, und lieb wär's mir, könnte ich ſie bei Jemand unterbringen, der beſſer im Stande iſt, als ich, ſie zu behalten.“ „Nein, das hilft Dir nichts— man weiß recht gut, daß Du Zechinen haſt, die Hülle und Fülle; ein reicher Jude aber ſagt nicht Nein, wenn es gilt, ſein Geld auf Hypotheken anzulegen, die ſo ſicher ſind, wie Venedig's Geſetze. Tauſend Dukaten in Deiner bereitwilligen Hand iſt keine Seltenheit.“ „Die mich reich nennen, Signor Maske, belieben ihren Spott zu treiben mit dem unglücklichen Sohn eines verfolgten Volkes. Daß ich vor Mangel geſchützt, daß ich ſogar nicht geradezu dürftig bin, iſt vielleicht nicht unwahr; wenn man aber von tauſend Du⸗ katen ſpricht, ſo ſind das Dinge, zu gewichtig für meine belaſteten Schultern. Geruhten Sie vielleicht, einen Amethyſt oder einen Rubin zu kaufen, galanter Signor, ſo dürften wir wohl Handels einig werden.“ „Juwelen hab' ich ſelber, alter Hebräer, Gold iſt's, was ich brauche, dringend brauche, gleich und ohne viele Worte haben muß— nenne nur Deine Bedingungen.“ „Wer ſo gebieteriſch in Geldangelegenheiten ſpricht, Signor, der muß gute Sicherheiten ſtellen können.“ „Du haſt gehört, daß die Geſetze Venedig's nicht ſicherer ſind. Tauſend Zechinen, geſchwind! Die Höhe der Wucherzinſen ſetze nach Deinem eigenen Gewiſſen feſt.“ Das hieß nun freilich, der Unterhandlung weiten Spielraum geben, und Hoſea fing an, die Sache ernſtlicher in Erwägung zu ziehen. „Signor,“ ſagte er,„tauſend Dukaten liest man nicht beliebig vom Pflaſter des großen Platzes auf. Wer ſie darleihen will, — der muß ſie erſt durch lange, geduldige Arbeit verdienen, und wer ſie borgen—“ „Will, der ſteht neben Dir—“ „Will, der muß einen Wnen n und ein Geſicht haben, welche auf dem Rialto ereditfähig ſind.“ „Nun, Du verleiheſt ja wohl auch an Masken, bedächtiger Hoſea, wenn anders der Ruf Dir nicht zu viel Gutes nachſagt.“ „J nun, ein hinlängliches Pfand macht mir freilich die Sache klar genug, der Borgende mag nun ſo verborgen ſeyn, wie der Rath der Dreimänner ſelbſt. Aber ich ſehe nichts. Morgen komm⸗ zu mir, mit oder ohne Maske, ganz wie es Dir beliebt, denn ich verlange nicht, mich in anderer Leute Angelegenheiten weiter zu miſchen, als meine eignen es erfordern, und dann will ich nach⸗ ſehen in meinen Koffern, wiewohl kein präſumtiver Erbe in Venedig leerere haben kann, als ich.“ „Ich brauche das Geld gleich, ohne allen Verzug. Haſt Du es, unter der Bedingung, Dir ſelbſt den Zinsfuß ſtellen zu können, ſo ſprich.“ „Bei hinlänglicher Bürgſchaft in Edelſteinen könnte ich vielleicht unter unſern zerſtreuten Leuten die Summe zuſammenſcharren, Sig⸗ nore. Doch wer auf der Inſel umhergeht, um zu borgen, wie ich werde thun müſſen, muß beſchwichtigen können alle Zweifel hin⸗ ſichts der Bezahlung.“ „Alſo das Gold iſt zu haben, das iſt ausgemacht?“ Hoſea zauderte, denn er hatte ſich vergeblich bemüht, durch des Andern Verhüllung zu dringen, und obgleich deſſen Zuverſicht ihm ein günſtiges Zeichen ſchien, ſo wollte doch ſeinem Leih⸗Inſtinkt deſſen Ungeduld nicht recht gefallen. „Ich habe geſagt, durch den freundſchattichen Beiſtand unſerer Leute;“ antwortete er vorſichtig. „Dieſe Ungewißheit verträgt ſich nicht mit meinem Bedürfniß, leb' wohl, Hoſea, ich muß anderswo ſuchen.“ „ignor, Sie eilen ja, als brauchten Sie das Geld, um Ihre Hochzeitskoſten damit zu beſtreiten. Wenn ich Iſaak und Aaron ſo ſpät noch zu Hauſe fände, ſo glaube ich, ohne Gefahr, für einen Theil des Geldes ſtehen zu können.“ „Auf dieſen Zufall kann ich mich nicht verlaſſen.“ „Nun, Signor, der Zufall iſt nur klein, da Aaron bettlägrig iſt, und Iſaak niemals verfehlt, ſeine Bücher durchzuſehen, ſobald die Mühe des Tages vorüber iſt. Der ehrliche Hebräer findet darin eine hinlängliche Erholung, wiewohl ich es nicht recht begreifen kann, da unſre Leute ſeit einem Jahre nur Verluſte erlitten haben.“ „Ich ſag' Dir, Jude, unſre Sache muß durchaus frei von aller Ungewißheit ſeyn. Das Geld gegen Unterpfand und mit Deinem eigenen Gewiſſen als Schiedsrichter in der Zinsangelegen⸗ heit, aber keine Winkelzüge, die Dir nachher die Wahl laſſen, zu⸗ rückzutreten, unter dem Vorwand, die Zwiſchenhändler wollten nicht.“ „Gerechter Daniel! Ihnen einen Gefallen zu thun, Signor, glaube ich, es wagen zu können!— Da hat mir der wohlbekannte Hebräer aus Livorno, Levi, einen Beutel zur Aufbewahrung gegeben, welcher genau die verlangte Summe enthält. Unter den genannten Bedingungen will ich ihn in meinen Geſchäften verwenden, und dem guten Juwelier ſein Gold ſpäter aus meinen eignen Mitteln zahlen.“ „Dank für die Mittheilung, Hoſea,“ ſagte der Andere, indem er die Maske ein wenig lüftete, doch ſchnell wieder zurecht ſetzte. „Sie kürzt unſere Verhandlung bedeutend ab. Trägſt wohl den Beutel des Livorneſer Juden unter Deinem Domino?“ Hoſea ſtand ſprachlos da. Das Lüften der Maske hatte ihn von zwei weſentlichen Dingen in Kenntniß geſetzt, einmal, daß er ſeinen Verdacht wegen der Abſichten des Senats mit Donna Vio⸗ letta, einem Unbekannten, vielleicht gar einem Polizeibeamten, an⸗ vertraut hatte, und zweitens, daß er ſich des einzigen Grundes begeben, der ihm je gegen die dringenden Zumuthungen Giacomo —— . 3 Gradenigo's etwas geholfen, indem er dieſem ſelbſt ſo eben ein⸗ räumte, daß die verlangte Summe in ſeinem Beſttze ſey. „Ich hoffe, das Geſicht eines alten Kundmanns zerſchlägt unſern Handel nicht, Hoſea?“ ſagte der verſchwenderiſche Erbe des Senators, kaum ſich die Mühe gebend, das Ironiſche der Frage zu verbergen. „Vater Abraham! Hätte ich gewußt, daß Sie es ſind, Signor Giacomo, ſo hätten wir ſchneller fertig werden können.“ „Ja, ja, indem Du, wie ſo oft ſeit Kurzem, kein Geld zu haben vorgabſt.“ „J nun, ich pflege meine Worte nicht zu verſchlucken, Signor; aber meiner Pflicht gegen Levi muß ich doch eingedenk bleiben. Der ſorgfältige Hebräer hat mich auf den Namen unſeres Stammes ein Gelübde thun laſſen, daß ich ſein Gold Niemanden geben wolle, welcher nicht die Mittel beſäße, die Wiederbezahlung außer allen Zweifel zu ſetzen.“ 1 „Das gehört nicht hieher, Du borgſt das Geld von ihm und leiheſt es mir.“ „Signor, Sie verſetzen mein Gewiſſen in eine kitzliche Lage. Sie ſchulden mir bereits etliche ſechstauſend Zechinen, wenn ich nun dieſes anvertraute Geld verborge, und Sie es auch zurückzahlen— was ich Beides nur als Vorausſetzung geſagt haben will— ſo könnte die natürliche Vorliebe für mein Eigenthum mich verleiten, die Zahlung auf meine eigne Rechnung zu ſtellen und Levi's Schuld in Gefahr zu bringen.“ „Mach' Du das mit Deinem Gewiſſen ab wie Du willlſt, Hoſea. Du haſt Dich zu dem Gelde bekannt, und hier ſind die verpfändeten Juwelen— her mit den Zechinen!“ Wahrſcheinlich würde bei dem ſteinernen Gemüth des Hebräers, dem alle einem von der öffentlichen Meinung Verworfenen eigen⸗ thümlichen Gebrechen anklebten, die Vorſtellung Giacomo Grade⸗ nigo's ohne Wirkung geblieben ſeyn; allein nachdem er ſich von ſeiner Beſtürzung erholt hatte, ſetzte er dem Wüſtling ſeine Beſorg⸗ 316 niſſe in Beziehung auf Donna Violetta, deren Vermählung, wie man ſich erinnern wird, nur den Trauzeugen und dem Rathe der Dreie bekannt war, auseinander, und da fand er denn, daß das Gold dazu gebraucht werden ſollte, die Dame an einen ſichern Ort zu ſchaffen. Da aber dies ſeinem eignen Zwecke ſo ſehr entſprach, ſo gewann der Handel dadurch freilich eine ganz andere Wendung. Ueberdies waren die dargebotenen Juwelen wirklich ein genügendes Unterpfand für die darzuleihende Summe, und Hoſea, welcher die Wahrſcheinlichkeit, durch die Güter der Erbin auch zu ſeinen früher geliehenen Geldern zu kommen, mit in Anſchlag brachte, glaubte endlich, die Zechinen des angeblichen Freundes Levi nicht beſſer an⸗ legen zu können. Sobald ſich die Parteien vollkommen verſtändigt hatten, ver⸗ Aießen ſie zuſammen den Platz, um den Handel abzuſchließen. 6 Einundzwanzigſtes Kapitel. Wir folgen Cade, wir folgen Cade. Heinrich VI. Die Nachtſtunden nahten ihrem Ende. Melodiſche Töne unter⸗ brachen wieder die gewöhnliche Stille der Stadt, auf's Neue ſah man alle Kanäle von den Fahrzeugen der Großen wimmeln. Aus den Fenſtern der kleinen, finſtern Bootpavillons winkten wohl Einige im Vorbeifahren einander zu, doch nur Wenige wagten es, zum Austauſch der Begrüßungen anzuhalten, ſo ſehr fürchtete Jeder den in allen Ecken lauſchenden Verdacht. Selbſt die Abendluft ſchöpfte Niemand ohne Aengſtlichkeit, ſo ſehr war dieſe zur zweiten Natur der Bürger geworden. Mitten durch die leichtern und geſchmücktern Barken der Pa⸗ tricier kam eine gemeine Gondel von mehr als gewöͤhnlicher Groͤße den großen Kanal gemächlich dahergefahren; die Gondoliers hatten 317 das Anſehn von Leuten, die ermüdet oder eben nicht fonderlich eilig ſind. Der am Ruder, ein Virtuoſe in ſeinem Fach, leitete das Boot bloß mit der einen Hand, während ſeine drei Gehülfen ihre Ruder müßig das Waſſer nur beſtreichen ließen, nur dann und wann mit einem Schlage nachhelfend. So ungefähr nahm ſich ein Fahrzeug aus, wenn es auf ſeinem Rückwege von einem Ausflug auf die Brenta oder nach einer der etwas entfernter gelegnen Inſeln war. Aber plötzlich ſchwenkte die mehr ſchwimmende als geruderte Gondel aus der Mitte des Fahrwegs, und im Nu war ſie in einem der am wenigſten belebten Kanäle. Schneller und regelmäßiger ging es jetzt vorwärts nach einem Stadttheile hin, den nur Leute der unterſten Klaſſe bewohnten. An der Seite eines Magazins ward angehalten, und einer von der Mannſchaft erſtieg die Brücke, während die Uebrigen wie zum Ausruhn ſich auf ihre Ruderbänke hinwarfen. Der an's Land Geſtiegene wand ſich durch einige kleine Durchgänge, wie ſie in Venedig ſo zahlreich ſind, und klopfte end⸗ lich an einem Fenſter an. Bald ward aufgemacht, und eine weib⸗ liche Stimme fragte, wer draußen ſey. „Ich bin's, Annina,“ erwiederte Gino, der ohnehin kein ſeltner Supplikant an dieſer Hinterthüre war.„Mach' nur auf, Mädchen, mein Geſchäft hat große Eile.“ 1 Annina verſicherte ſich erſt, ob ihr Bewerber auch allein ſey, und that dann, was er verlangte. „Du kommſt aber recht ungelegen, Gino,“ hob die Wein⸗ händlerstochter an;„eben wollte ich nach dem Marcusplatze, um die Abendluft zu genießen. Vater und Brüder ſind ſchon fort, ich wollte nur noch die Thüren verſchließen.“ „Konnte ihre Gondel nicht noch eine vierte Perſon faſſen?“ „Sie haben den Fußweg genommen.“ „Und Du getrauſt Dir zu dieſer Stunde allein auf den Straßen zu gehen, Annina?“ „Was haſt denn Du darnach zu fragen?“ erwiederte ſie ſchnip⸗ 318 piſch.„Dank ſey dem heiligen Theodoro, daß ich noch nicht die Sklavin des Bedienten eines Neapolitaners bin.“ „Der Neapolitaner iſt ein mächtiger Herr, Annina, der den Willen und die Gewalt hat, ſeinen Dienern Achtung zu ſichern.“ „Es wird ſich zeigen, was er mit ſeiner Gewalt auszurichten vermag. Doch was willſt Du von mir in dieſer unzeitigen Stunde? Wiſſe, Gino, daß ich mir aus Deinen Beſuchen überhaupt nicht viel mache, wenn ſie mich aber vollends in meinen Geſchäften ſtören, ſo ſind ſie mir geradezu unangenehm.“ Wäre die Leidenſchaft des Gondoliers ernſtlicher Art geweſen, ſo würde ſolche unumwundne Sprache ihn gekränkt haben, allein er empfing die Zurückweiſung mit derſelben Gleichgültigkeit, mit der ſie gegeben wurde. .„An Deine Launen, Ninchen, bin ich ſchon gewoͤhnt,“ ſagte er, und warf ſich auf eine Bank, entſchloſſen, nicht zu weichen. „Gewiß hat ein junger Patricier Dir einen Handkuß zugeworfen, oder Dein Vater hat heute ein gutes Geſchäftchen gemacht: ſeine Börſe und Dein Stolz halten ja immer gleichen Schritt.“ „Ei, hör' einer den Burſchen! ſollte man nicht glauben, ich hätte ihm ſchon mein Jawort gegeben, und es fehlte weiter nichts, als die Kerzen in der Sakriſtei anzuzünden, um die Trauung zu vollziehen! Was habe ich nach Dir zu fragen, Gino Monaldini, daß Du Dir mit einem Male dergleichen herausnimmſt?“ „Und was habe ich nach Dir zu fragen, Annina, daß Du den Vertrauten des Don Camillo mit dieſen abgenutzten Kunſt⸗ ſtückchen hinhalten willſt?“ „Fort, Unverſchämter! ich mag meine Zeit nicht an Dich ver⸗ ſchwenden.“ „Biſt dieſen Abend gewaltig eilig, Annina.“ „Deiner los zu werden. Merk' Dir wohl, was ich Dir jetzt ſage, Gino, denn es ſind die letzten Worte, die Du von mir zu hören bekommſt. Mit Deinem Herrn iſt's bald zu Ende; nicht ——,———— beſtimmt ſind, zuſammen vor dem guten Prior hinzuknien. Ich 319 lange, ſo wird er mit Schande die Stadt räumen müſſen, und ſeine ſämmtlichen Diener mit ihm. Ich aber ziehe es vor, in der Stadt zu bleiben, wo ich geboren bin.“ Der Gondolier lachte hell auf, denn ihn rührte ihre angenom⸗ mene Verachtung in der That ſehr wenig. Doch ſchnell erinnerte er ſich ſeines Auftrags wieder, gewann den vorigen Ernſt und ver⸗ ſuchte nun durch ein angelegentlicheres Benehmen des Unwillens ſeiner wankelmüthigen Gebieterin Meiſter zu werden. „Behüte mich der heilige Marcus, Annina! warum ſollten wir nicht ein Geſchäft in Wein abmachen können, wenn wir auch nicht winde mich durch die dunkeln Kanäle bis Steinwurfsweite von Dei⸗ ner Thür, und führe Dir eine Gondel voll alten lacrymae christi zu, wie der ehrliche Tomaſo, Dein Vater, ihn ſelten noch zu kaufen bekommen, und Du behandelſt mich wie einen Hund, wenn er einer Kirche zu nahe kommt.“ „Ich habe dieſen Abend weder für Dich, noch Deine Weine Zeit übrig. Ohne Dein Geſchwätz wäre ich nun ſchon fort und guter Dinge.“ „Schließ Du nur die Thüre zu, Mädchen, brauchſt mit einem alten Freund keine Umſtände zu machen.“ Dabei bot er ihr dienſt⸗ fertig ſeine Hülfe beim Verſchließen an, was ſie denn auch bereit⸗ willig zugab, ſo daß das Haus bald in Sicherheit und die Eigen⸗ finnige mit ihrem Bewerber im Freien war. Ihr Weg führte über die ſchon erwähnte Brücke, Gino wies auf die Gondel hin mit den Worten:„So fühlſt Du denn gar keine Verſuchung, Annina?“. „Deine Unvorſichtigkeit, die Schmuggler bis vor meines Vaters Hausthür zu bringen, ſtürzt uns noch ins Unglück, alberner Knabe.“ „Du irrſt, gerade dieſe Kühnheit ſchläfert allen Verdacht ein.“ „Von welchem Weinberg iſt das Getränk?“ „Vom Fuße des Veſuv, die Beeren hat die Hitze des Vulkans — 320 gereift. Wenn die Leute das Weinchen Deinem Feinde, dem alten Beppo, zuſchlagen, wird Dein Vater untröſtlich darüber ſeyn.“ Annina, die zu keiner Zeit ihren Vortheil aus dem Auge ver⸗ lor, blickte jetzt das Boot lange an. Das Zelt war zu, allein ihre einmal in Gang geſetzte Einbildungskraft füllte ohne Mühe den ganzen Raum deſſelben mit neapolitaniſchen Schläuchen an. „Kommſt Du aber auch nicht wieder vor unſre Hausthür, Gino?“ „Das ſoll von Dir abhängen. Jetzt komm nur mit hinab und koſte.“ Sie zauderte und— that, was die Frauen ſtets thun, wenn ſie zaudern— ſie willigte ein. Schnell war das Boot erreicht, die Leute lungerten noch auf ihren Ruderbänken, aber Annina glitt, ohne ſie anzuſehn, bei ihnen vorbei in das Zelt. Jedoch ſtatt Schläuchen und Gepäcks, wie in einem dem Schmuggelhandel gewidmeten Fahr⸗ zeuge, fand ſie hier die gewoͤhnliche Einrichtung einer Kanalbarke, Polſter und darauf einen fünften Gondolier ausgeſtreckt. „Hier ſeh' ich nichts, was mich anginge!“— rief die Getäuſchte.— „Wollen Sie etwas von mir, Signor?“ „Willkommen. Diesmal trennen wir uns nicht ſo bald wieder.“ Der Fremde war beim Sprechen aufgeſtanden und legte mit dem letzten Worte die Hand auf die Schulter des Mädchens, welche ſich keinem Andern gegenüber ſah als dem Don Camillo Monforte. Annina war in Verſtellungskünſten zu geübt, um ein Zeichen wirklichen oder geheuchelten Schreckens zu verrathen. Ihre Glieder oebten zwar, aber mit voller Gewalt über ihre Züge und mit er⸗ künſtelter Heiterkeit ſagte ſie: 3 „Viel Ehre für den Schleichhandel, den edeln Herzog von St. Agata in ſeinen Dienſten zu haben!“ „Ich bin zum Scherz nicht au gelegt, Dirne, wie Du ſehen ſollſt. Wähle: offenherziges Bekenntniß, oder meinen gerechten Zorn.“ Dieſe Worte wurden mit Ruhe geſprochen, doch ſo, daß Annina 321 ohne Mühe merſen konnte, ſie habe es nit einem entſchloſſenen Manne zu thun. „Was für Bekenntniß verlangen Ew. Herrlichkeit von der Tochter eines armen Weinhändlers?“ fragte ſie, unwillkürlich erzitternd. „Die Wahrheit, und bedenke, daß Du diesmal nicht entkommſt, bis ich zufrieden geſtellt bin. Zwiſchen der venetianiſchen Polzei und mir iſt es nun einmal zum offenen Bruch gekommen; mein Plan reift und Du biſt die Erſtlingsfrucht davon.“ „Signor Herzog, ſolches Verfahren mitten in Venedig iſt ſehr kühn.“ „Mein iſt die Gefahr; Dich aber wird Dein eigener Vortheil lehren zu bekennen.“ 5 „Ich werde es mir zu keinem ſonderlichen Verdienſt anrechnen, Signor, wenn ich das thue, was ich nothgedrungen thun muß. Da es Ihr Wille iſt, das Wenige was ich weiß zu erfahren, ſo ſoll es mir Vergnügen machen, es Ihnen mittheilen zu bürſen. 5 „So ſprich, die Zeit iſt kurz.“ „Signor, leugnen will ich's nicht, es iſt Ihnen ſchlimm mitge⸗ ſpielt worden. Capperi! welches Verfahren von dem Rathe! einen edlen Kavalier, aus fremdem Lande, mit den gerechteſten Anſprüchen auf die Ehre im Senat zu ſitzen, wie Jedermänniglich in Venedig bekannt iſt, einen ſolchen Mann ſo zu behandeln, macht der Republik Schande! Kein Wunder, daß Ew. Herrlichkeit nicht gut auf ſte zu ſprechen ſind: würde doch der gebenedeite St. Marcus ſelbſt alle Geduld dabei verlieren.“ „Nichts davon, Dirne; heraus mit der Sache.“ „Die Sache, Signor Herzog? ei nun, die iſt tauſendmal klarer als die Sonne und ſteht ganz Ew. Herrlichkeit zu Befehl. Wüßte ich nur mehr, da Sie Gefallen daran zu finden geruhen.“ „Genug der Ceremonie, ſprich mir von den Thatſachen.“ Annina, geübt in leerem Wortſchwall, wie Alle es ſind, die ſich in den Intriguen einer großen Stadt bewegen, that einen Blick Der Bravo. 21 322 ſeitwärts auf's Waſſer und bemerkte, daß das Boot den Kanal ſchon hinter ſich hatte und ſich den Lagunen näherte. Völlig in der Ge⸗ walt Don Camillo's, fühlte ſte wohl, daß ihr längeres Ausweichen nichts helfen würde. „Daß der Rath in Erfahrung zu bringen gewußt habe, daß Sie mit Donna Violetta aus der Stadt entfliehen wollten, das haben Ew. Herrlichkeit ſich wohl ſelbſt ſchon gedacht.“ „Verſteht ſich.“ b „Mir iſt's unerklärlich zu errathen, warum man gerade mich zur Dienerin der edlen Donna auserſah. Heilige Maria von Loretto! ich bin nicht die Perſon, an die ſich der Staat zu wenden hat, wenn er zwei Liebende auseinander bringen will!“ „Jetzt iſt die Gondel außerhalb der Stadt, Annina, und nun iſt's aus mit meiner Geduld. Weg mit Deinen Ausflüchten, heraus mit der Sprache! Wo haſt Du meine Frau gelaſſen?“ „Glauben denn Ew. Herrlichkeit, daß der Staat Ihre Heir ath für geſetzmäßig anerkennen werde?“ „ Antwort, Dirne, oder ich finde Mittel, ſte Dir abzuzwingen. Wo haſt Du meine Frau gelaſſen?“ „Gebenedeiter San Teodoro! Signor, die Handlanger der Republik bedurften meiner Hülfe nicht, bei der erſten Brücke, durch die wir kamen, ſetzten ſie mich aus.“ 4 „Dein Streben mich zu täuſchen, iſt vergeblich. Du warſt noch in ſpäter Stunde auf den Lagunen, und als Du von dem Boote der Donna Violetta zurückkamſt, gegen Sonnenuntergang, warſt Du im St. Marcusgefängniſſe zu Beſuche, das weiß ich.“ Annina erſtaunte nun wirklich.. „Santissima Maria! Sie ſind beſſer bedient, Signor, als der Nath ſich einbildet!“ „Wie Du zu Deinem Schaden finden ſollſt, wenn Du nicht die ganze Wahrheit geſtehſt. Aus welchem Kloſter kamſt Du?“ „Signore, aus keinem. Wenn Ew. Herrlichkeit herausgebracht * 323 haben, daß der Senat die Signora Tiepolo im Gefängniß des hei⸗ ligen Mareus eingeſchloſſen hat, ſo bin ich daran nicht ſchuld.“ „Fruchtloſe Liſt, Annina,“ erwiederte Don Camillo mit Ruhe. „Was Du im Gefängniß zu thun hatteſt, iſt mir wohl bekannt; Du holteſt gewiſſe Schmuggelwaaren dort ab, die Deine Baſe Gel⸗ ſomina, des Wärters Tochter, für Dich hatte aufheben müſſen ohne zu wiſſen was es war. Längſt ſchon misbrauchteſt Du ihre Unſchuld und Unbefangenheit zu Deinem eigennützigen ſchuldigen Zweck. Donna Violetta iſt keine gemeine Verbrecherin, daß man ſie in einem Gefängniß einſchließen ſollte.“ „Heilige Mutter Gottes!“ rief ſie voller Erſtaunen. „Du ſiehſt, mich kannſt Du nicht betrügen. Deine Bewegungen ſind mir hinlänglich bekannt, daß ich durch Deine Künſte nicht irre geführt werden kann. In der Regel pflegteſt Du Deine Baſe nicht zu beſuchen; doch dieſen Abend als Du in den Kanal kamſt— Ein toſender Laͤrm vom Waſſer unterbrach Don Camillo's Worte. Er ſchaute hinaus und erblickte einen gedrängten Schwarm von Booten, ſämmtlich als wie mit Einem Ruderſchlage der Stadt entgegentreibend. Tauſend Stimmen ſchwirrten durcheinander, von Zeit zu Zeit ein gemeinſchaftliches Trauergeſchrei erhebend, was ſchließen ließ, daß die rudernde Menge von einem und demſelben Ge⸗ fühl beſeelt war. Der eigenthümliche Auftritt und der Umſtand, daß die Hunderte von Booten geradesweges auf ſeine Gondel losſteuerten, nahmen den Edelmann ſo in Anſpruch, daß er für den Augenblick das eben vorgenommene Verhör ſeiner Gefangenen ganz vergaß. „Was iſt das, Jacopo?“ fragte er leiſe den Gondolier der am Steuer ſtand. „Fiſcherleute, Signor; und ſchwerlich auf einer friedlichen Fahrt begriffen, wenn ich mich auf ihre Art, ſich der Stadt zu nähern, gut verſtehe. Schon ſeit der Zeit, daß der Doge ſich geweigert hat, den Knaben ihres Kameraden von den Galeeren zu befreien, herrſcht Unzufriedenheit unter ihnen.“— 324 Einen Augenblick zauderten Don Camillos Leute, neugierig das Schauſpiel anſtaunend, dann aber überzeugten ſie ſich von der Noth⸗ wendigkeit Platz zu machen, denn die Maſſe von Booten kam wie ein wüthender Strom herangefluthet, da die Fiſcher ihre Fahrzeuge mit jenem Ungeſtüm regierten, der ſo häufig an italieniſchen Ru⸗ derern bemerklich iſt. Allein jetzt erſcholl der drohende Befehl zu halten, und Don Camillo ſah ein, daß zwiſchen offenbarer Flucht und Gehorſam keine Wahl übrig blieb; er wählte das Letztere, als am wenigſten ſeinem Plane entgegen. „Wer biſt Du?“ fragte Einer, der die Rolle eines Anführers übernommen hatte.— Seyd ihr Lagunenleute und Chriſten, ſo ſtoßt zu Euren Freunden, und vorwärts nach St. Marcus, Gerechtigkeit zu fordern!“ „Was bedeutet dieſer Aufruhr?“ fragte Don Camillo, deſſen Kleidung ſeinen Rang verbarg, und der des venetianiſchen Dialekts mächtig genug war, um ſich durch die Sprache nicht zu verrathen. „Warum ſeyd Ihr in ſolcher Anzahl verſammelt, Freunde?“ „Schau her!“ Don Camillo wendete ſich hin, und erblickte die blaſſen Züge und offnen Augen des alten Antonio, ſtarr vom Tode. Hundert Stimmen zugleich erzählten ihm den Hergang, aber ſo verwirrt und mit ſo vielen bitteren Verwünſchungen vermiſcht, daß, wenn er nicht ſchon durch Jacopo vom Ganzen unterrichtet geweſen wäͤre, er nichts daraus hätte entnehmen können. Antonios Leiche hatten die Leute beim Fiſchen gefunden, die nächſte Folge war eine Berathung über die muthmaßliche Art, wie er zu ſeinem Tode gekommen ſeyn möchte, dann rottirten ſie ſich in immer größerer Anzahl zuſammen, was den eben beſchriebenen Auf⸗ tritt herbeiführte. 1 „ Gerechtigkeit!“ ſchrie es aus fünfzig Kehlen, wie das grimme Antlitz des Todten im Mondenlicht ſchimmerte;„Gerechtigkeit im Pa⸗ laſte und Brot für das Volk!“ — 1 325 „Tragt Eure Forderung dem Senate vor!“ erwiederte Jacopo, ohne ſich zu bemühen, das Ironiſche in ſeinem Tone zu verbergen. „Glaubſt Du, daß unſer Kamerad wegen der Kühnheit, die er geſtern bewies, beſtraft worden?“ „Das wäre nicht das Seltſamſte, was ſich ſchon in Venedig zugetragen.“ „Ha, ſie verbieten uns, im Kanale Orfano* das Netz auszu⸗ werfen, damit die Geheimniſſe der Juſtiz nicht herauskommen, und doch nehmen ſie ſich nun ſchon heraus, einen unſrer Leute mitten unter unſern Gondeln zu erſäufen!“ „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit!“ ſchrieen zahlloſe Stimmen bis zum Heiſerwerden. „Fort nach St. Marcus! Legt die Leiche dem Dogen zu Füßen! Fort, Brüder! Sie haben Antonio's Blut auf ihren Seelen!“ Ohne geordneten Plan nur von dem erlittenen Unrecht erfüllt, gaben ſie ſich nun wieder ans Rudern, und die ganze Flotille fuhr dahin, als beſtände ſie aus einer zuſammenhängenden Maſſe. Nur wenige Minuten hatten ſie angehalten, doch fehlte es während derfelben nicht an allen jenen Zeichen der Wuth, die bei dieſen reizbaren Menſchen einen Volkstumult zu begleiten pflegen. Nicht ohne ſichtbare Wirkung blieb dies auf die Nerven Annina's, und Don Camillo benutzte ihre Angſt, um ihr die Wahrheit abzu⸗ trotzen, denn zum Zaudern war nun keine Zeit mehr. 5 Durch ihre Ausſagen beſtimmt, ließ Don Camillo, während die tobende Menge in die Mündung des großen Kanals einfuhr, ſeine Gondel quer über die weite ruhige Fläche der Lagunen gleiten. * Im Kanal Orfano wurden die geheimen Hinrichtungen vorgenommen. Damit nicht etwa die furchtbaren Geheimniſſe an den Tag kämen, war das Fiſchen hier verboten. 326 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Ein Clifford, ein Clifford! wir folgen dem König und Clifford. Heinrich VI. Durch einen plötzlichen Aufruhr von Unzufriedenen kann auch die Ruhe des wohlgeordnetſten Staates zu jeder Zeit unterbrochen werden. Gegen ein ſolches Unglück laſſen ſich eben ſo wenig Vor⸗ kehrungen treffen als gegen die Ausübung der gewöhnlicheren Ver⸗ brechen. Wenn aber eine Regierung bei jeder Volksbewegung für ihr Daſeyn zittern muß, ſo darf man mit Necht ſchließen, daß ihre Zuſammenſetzung nichts tauge. Sind die Einrichtungen in einem Lande wohlthätig, ſo werden ſie von ſeinen Bewohnern gewiß nicht minder eifrig vertheidigt, als jedes andere ihnen theure Gut; daher gibt es kein zuverläſſigeres Zeichen, daß jene Einrichtungen werthlos ſeyen, als wenn jeder Hauch der Menge den Herrſchenden ernſtliche Beſorgniſſe einſloßt. In keinem Staate hat ſich bei inneren Unruhen dieſes Symptom politiſcher Krankheit unverkennbarer gezeigt als in der vorgeblichen Republik von Venedig, deren erkünſteltes Gebäu beſtändig den Einſturz drohte, und nur durch die Wachſamkeit der Ariſtokratie und die künſtlichen Stützen, die ſie erſann, zuſammen⸗ Sehalſn wurde. Alles, was von dem ehrwürdigen Charakter der venetianiſchen Politik und von der Sicherheit, welche die Republik gewähre, geſagt wurde, war Erfindung der Selbſtſucht, hält nicht Stich gegen das Licht der Wahrheit; wie denn überhaupt von allen Trugſchlüſſen, die der Menſch erfunden, um ſeine ſchlechten Mittel zu beſchönigen, keiner leichter zu widerlegen iſt, als der, welcher von der Länge der Zeit, die ein Staatsſyſtem gedauert hat, auf deſſen Güte und künftige Fortdauer ſchließt. Eben ſo vernünftig wäre es, zu behaupten, daß ein Greis von Siebzig dieſelbe Wahrſchein⸗ lichkeit auf ein laͤngeres Lebensalter habe, als ein Jüngling von Siebzehn, oder zu leugnen, daß Alles, was ſterblichen Urſprungs iſt, 327 nothwendig einem Untergange entgegengehe. Im menſchlichen Daſeyn gibt es eine Periode, in der das Lebensprincip mit der Schwachheit des Kindesalters zu kämpfen hat; iſt aber der Prüfungszuſtand vor⸗ über, ſo tritt der Menſch in dasjenige Alter, welches die wahrſchein⸗ lichſte Ausſicht auf längeres Leben darbietet. Mit der Stäatsmaſchine iſt es eben ſo, iſt ſie erſt lange genug im Gange geweſen, um ihre Brauchbarkeit zu bekunden, ſo darf man mit ziemlicher Zuverläſſigkeit auf ihre fernere Dauer rechnen. Daß ein Jüngling das Greiſen⸗ alter erreichen werde, iſt freilich nur eine Wahrſcheinlichkeit, daß aber der Greis das Jünglingsalter ſchon hinter ſich habe, iſt eine Gewißheit. Das chineſiſche Reich ſtand einſt in derſelben Jugend⸗ blüthe, in welcher gegenwärtig unſer Freiſtaat prangt, wenn man aber an ſeiner jetzigen, dem Alter natürlichen Hinfälligkeit ſchließen wollte, daß es uns überdauern werde, ſo beginge man einen offen⸗ baren Fehlſchuß. Zur Zeit unſrer Erzählung, wußte Venedig ſich viel um ſein Alter, und war in gleichem Maaße um ſein Ende beſorgt. Es zeigte allerdings noch Kraft in ſeinen Maaßregeln, nur litten ſie an dem weſentlichen Irrthum, daß ſie nur zum Beſten der Wenigen entworfen waren; den mimiſchen Feſtungen in einem Drama ähn⸗ lich, verſchwand ihre ſcheinbare Stärke bei einer etwas helleren Beleuchtung. Der Schreck, welcher die Patricier erfüllte, als ſie das Geſchrei der Fiſcher hörten, während ſie auf ihrem Wege nach dem großen Platze bei den Reihen von Paläſten vorüberfuhren, läßt ſich leicht denken. Einige fürchteten, das letzte Ende ihrer künſtlichen Exiſtenz, das ein geheimer politiſcher Inſtinkt ſie längſt vorausſehen ließ, ſey nun endlich gekommen, und dachten ſchon an Mittel zu ihrer perſönlichen Sicherheit. Andere im Gegentheil gaben erſtaunte Zuhörer ab; denn trotz der innern Erſchlaffung hatten ſie ſich doch gewöhnt, an eine Identität zu glauben zwiſchen dem Staat und weit dauerhafteren Dingen; daß jener wirklich im Verfall begriffen ſey, konnten ſich dieſe abgeſtumpften Seelen nicht zwar die Nämlichen, denken, daher wähnten ſie vielmehr, das Volk jauchze über einen Sieg, welchen der Staat davongetragen habe. Nur Wenige, und welche alle Vortheile des Staats an ſich zu reißen wußten, faßten mit richtigem Blick die Gefahr in's Auge, erkannten ihren Umfang und die Mittel, ſie zu entwaffnen. Auf der andern Seite waren die Aufrührer keiner Würdigung ihrer Kräfte fähig, und wenig geſchickt, ihre zufälligen Vortheile zu berechnen; ſie folgten blind dem erſten Antriebe. Was ihre Ge⸗ müther zum Aufruhr vorbereitete, war der Triumph ihres bejahrten Gefährten am vorhergehenden Tage, die kalte Zurückweiſung, die er vom Dogen erfuhr, und der Auftritt auf dem Lido, der eigent⸗ lich die nächſte Veranlaſſung zu Antonio's Tode abgab. Nachdem daher die Leiche gefunden war, ſo warteten ſie nur ſo lange, bis ſich ihre Kameraden alle verſammelt hatten, und der Leidenſchaft gehorchend, eilten ſie, wie beſchrieben, dem St. Marcus⸗Palaſte zu⸗ ohne ſich vorher über ihr Vorhaben einen klaren Begriff zu machen. Sobald ſie in den Kanal einfuhren, drängte der enge Weg die Böte ſo dicht aneinander, daß dadurch die Ruder gewiſſermaßen nutzlos wurden, und die Menge nur langſam vorwärts konnte. Alle wollten gern der Leiche Antonio's ſo nahe als möglich ſeyn, und wie immer bei Volksaufläufen, ging auch hier durch ſchlecht gelei⸗ teten Eifer der Zweck verloren. Ein Paar Mal hörte man laut die Namen einiger unbeliebten Senatoren, als wenn die Fiſcher damit umgingen, dieſe einzelnen Beamten für die Verbrechen des Staats verantwortlich zu machen. Dieſe Verwünſchungen verſchollen in der Luft und zogen keine Folgen nach ſich. An der Rialto⸗Brücke angekommen, ſtieg mehr als die Hälfte der Menge an's Land und nahm den kürzern Weg durch die Straßen nach dem verabredeten Verſammlungspunkt, und auch die in den Vorderreihen Rudernden legten jetzt, frei von dem Gedränge in ihrem Rücken, den Weg ſchneller zurück. Wie ſie dem Hafen näher kamen, nahmen die Böte gröͤßere Entfernungen von einander an, und das Ganze ge⸗ wann ſo das Anſehn eines Leichenzuges. 329 Wäͤhrend dieſe Veränderung in der Stellung der Fahrzeuge vorging, kam eine ſtark bemannte Gondel, von gewaltigen Ruder⸗ ſchlägen getrieben, aus einem Seitenkanal heraus in den großen, ſo daß der Zufall ſie der Schaar von Böten, welche eben dieſen Kanal hinanfuhr, gerade entgegenführte. Die Mannſchaft ſtutzte bei dem außerordentlichen Anblick, der ſich ihr ſo plötzlich darbot, und blieb einen Augenblick unentſchloſſen, ob ſie vorwärts rudern ſolle. „Eine Gondel der Republik!“ ſchrieen fünfzig Fiſcher. Eine einzelne Stimme ſetzte hinzu:„Kanal Orfano!“ Der bloße Verdacht, den dieſe Worte rege machten, war in. ſolchem Augenblicke hinlänglich, den Pöbel aufzuregen. Ein Aus⸗ ruf der Verwünſchung, und ſogleich machten einige zwanzig Gondeln zu wüthender Verfolgung Anſtalt. Es hatte indeß bei dem drohen⸗ den Vorhaben ſein Bewenden, denn geſchwinder als die Verfolger trieben die Gondoliere der Republik dem Ufer zu, ſprangen auf einen von den Brettergängen, welche ſo viele Paläſte Venedig's umgeben, und verſchwanden in einem Seitengange. Die Fiſcher, durch dieſen Erfolg ermuthigt, ergriffen das Boot als herrnloſes Gut und bugſirten es unter Triumph ihrer eignen Flotte zu. Einige traten aus Neugier in das Zelt, das einem Leichen⸗ wagen glich, und ſchleppten alsbald einen Prieſter darunter hervor. „Wer biſt Du?“ fragte mit heiſerer Stimme der, welcher den Anführer vorſtellte. „Ein Karmeliter und Diener Gottes.“ „Dienſt Du dem heiligen Marcus? Warſt Du im Kanale Or⸗ fano, um eines Unglücklichen Beichte zu hören?“ „Ich bin hier in Begleitung einer jungen und edelen Dame, die meines Raths und meiner Fürbitte bedarf. Für Glückliche und Unglückliche, Freie und Gefangene ſorg' ich auf gleiche Weiſe!“ 330 „Ha! Du wirſt alſo thun, was Deines Amtes iſt!— Du wirſt Seelmeſſe abhalten für einen armen todten Mann?“ „Mein Sohn, ich mache, dies anbelangend, keinen Unterſchied zwiſchen dem Dogen und dem ärmſten Fiſcher. Doch möcht' ich die Frauenzimmer nicht gern im Stiche laſſen.“ „Es ſoll den Damen nichts zu Leide geſchehen. Komm in mein Boot, hier iſt Deine heilige Verrichtung Noth.“ Pater Anſelmo— daß er es war, wird der Leſer ſchon ge⸗ merkt haben— trat unter die Verdachung, ſeinen zitternden Ge⸗ fährtinnen in wenigen Worten Auſſchluß zu geben, und dann den Fiſchern zu willfahren. Er ward bis zur vorderſten Gondel geru⸗ dert und auf ein Zeichen zu dem Leichnam gebracht. „Siehſt Du dieſe Leiche, Vater?“ ſagte ſein Führer,„es iſt die Geſtalt eines Mannes, der ein aufrichtiger und frommer Chriſt war!“ „Das war er!“. „Wir alle kennen ihn für den älteſten und geſchickteſten Fiſcher von den Lagunen, und der immer bereit war, einem unglücklichen Kameraden beizuſtehn.“. „Ich kann Dir glauben!“ „Das kannſt Du. Deine heiligen Schriften ſind nicht wahr⸗ haftiger als meine Worte. Geſtern kam er im Triumph dieſen ſelbigen Kanal herunter, weil er, den ſtärkſten Ruderern von Ve⸗ nedig zuvor, den Ehrenpreis der Regatta davontrug.“ „Ich habe von ſeinem Glücke gehört.“ „Jacopo, der Bravo, der vordem das beſte Ruder führte in den Kanälen, ſoll dabei geweſen ſeyn! Santa Madonna! Solch ein Mann war zu gut um zu ſterben!“ „Es iſt das Schickſal Aller, reich und arm, ſtark und ſchwach, glücklich und unglücklich, ſo geht es mit Allen zu Ende.“ „Nicht ſo, ehrwürdiger Karmeliter, denn ſie haben Antonio, weil er mit ſeinen Bitten, wegen ſeines Enkelkindes, das ſie aus⸗ N— RN 331 gehoben haben für die Galeeren, ihr Mißfallen erregte, in's Fege⸗ feuer fahren laſſen, ohne eine chriſtliche Hoffnung für ſeine Seele.“ „Es gibt ein Auge, das über den Geringſten von uns wacht, mein Sohn, wir müſſen glauben, daß ſeiner nicht vergeſſen ward.“ „Cospetto! Es heißt, daß die Kirche Denen, welchen der Senat nicht grün iſt, nicht viel beiſteht. Willſt Du für ihn beten, Kar⸗ meliter, und Dein Wort wahr machen?“ „Das will ich,“ ſagte Vater Anſelmo mit Feſtigkeit.„Mach' Platz, mein Sohn, daß keine Gebühr meines Amtes fehle.“ Die gebräunten ausdrucksvollen Fiſchergeſichter glänzten vor Freude, denn mitten im roheſten Tumult bewahrten ſie ihre tief⸗ eingewurzelte Ehrfurcht für die heiligen Verrichtungen der Kirche, in welcher ſie erzogen waren. Bald war alles ſtill und die Böte zogen in größerer Ordnung als zuvor. Es war ein auffallendes Schauſpiel.— Vorn fuhr die Gondel, welche die Ueberreſte des Verſtorbenen trug. Wo der Kanal, dem Hafen näher, ſich erweitert, fielen die Strahlen des Mondes auf die ſtarren Züge des alten Antonio, in denen man das Todesgefühl eines ſo plötzlich und ſchrecklich vernichteten Mannes recht wohl wahrnehmen konnte. Der Karmeliter, ſein entblößtes Haupt ge⸗ beugt, mit gefalteten Händen und frommem Herzen, ſtand zu den Füßen des Leichnams; ſein weißes Kleid flatterte im Mondenlicht. Nur ein Gondolier führte das Boot, und kein Laut war hörbar als das Plätſchern des Waſſers, beim langſamen Fall der Ruder. Wenige Minuten dauerte dies Schweigen der Proceſſion. Dann hörte man die zitternde Stimme des Mönches, die Gebete für den Todten anſtimmen. Die Fiſcher, deſſen kundig, wie denn ſelten Jemand in jener Kirche der Zucht, in jener Zeit des Gehorſams, unerfahren in den heiligen Gebräuchen war, nahmen die Reſponſen auf in jener Sangweiſe, die Jeder kennt, der je italieniſche Töne gehört hat. Das Plätſchern des Waſſers begleitete ſanft ihre Stimmen. Die Fenſter öffneten ſich, wo ſie vorüberfuhren, und 33² Tauſende von neugierigen und beſorgten Geſichtern erſchienen auf den Balkonen gedrängt, und ſahen den Leichenzug langſam dahinziehen. In der Mitte des Haufens ward die Gondel der Republik von fünfzig leichteren Böten bugſirt, denn die Fiſcher hielten ihre Priſe feſt. So kam der feierliche Zug in den Hafen und näherte ſich dem Quai am Fuße der Piazzetta. Während zahlloſe Hände ſich beeiferten, Antonio's Leichnam an's Land zu bringen, erhob ſich ein Geſchrei mitten aus dem herzoglichen Palaſte, zum Zeichen, daß der übrige Theil der Mannſchaft ſich bereits im Hofraum des Schloſſes befinde. Jetzt boten die Plätze des heiligen Marcus ein neues Schau⸗ ſpiel dar. Dort die im reichſten orientaliſchen Style erbaute Kirche, die Reihen maſſiver reicher Architektur, der hohe Thurm des Cam⸗ panile, die Granitſäulen, die Triumphmaſte, alle dieſe ſonderbaren, merkwürdigen Zeugen der Gewalt und des Genuſſes, der Trauer und der Freude, ſie ſtanden wie Grenzmarken der Erde, trotzend der Zeit, ehrwürdig und herrlich erhaben über all das mannichfal⸗ tige Spiel menſchlicher Leidenſchaft, das zu ihren Füßen ſich täglich wiederholte. Aber Geſang und Lachen und Spiel waren verſtummt, verſchwunden die Lichter in den Kaffeehäuſern, die Schwaͤrmer der Nacht hatten ſich ihre Häuſer geſucht, aus Furcht, mit Denen ver⸗ mengt zu werden, welche ſich vermaßen gegen den Zorn des Senats. Auch die Luſtigmacher und Gaukler und Balladenſänger hatten ihre angenommene Fröhlichkeit mit ſolchen Mienen vertauſcht, die mehr in Einklang mit den wahren Gefühlen ihrer Herzen ſtanden. „Giustizia!“ ſchrieen tauſend tiefe Stimmen, während Anto⸗ nio's Leiche in den Hof getragen ward.„Ruhmwürdiger Doge! Giustizia in palazzo, e pane in piazza! Gerechtigkeit! wir betteln um Gerechtigkeit!“ 4 Der weite dunkle Hof war beſäet mit den braunen Geſichtern und blitzenden Augen der Fiſcher. Der Leichnam ward niedergelegt am Fuße der Rieſentreppe, und der zitternde Helebardier, der dieſe t ſe Treppe bewachte, fühlte kaum Kraft genug in ſich, die Miene von Feſtigkeit zu behaupten, welche ihm Disciplin und Soldatenſtolz auferlegten. Sonſt war keine militäriſche Macht herbeigeſchafft, denn die Staatsgewalt Venedig's kannte ihr Unvermögen im drän⸗ genden Augenblicke zu gut, um zu reizen, wo ſie nicht bezwingen konnte. Der Haufe unten beſtand aus unbekannten Widerſpenſtigen, deren Beſtrafung zu nichts weiter führen konnte, als zu augenblick⸗ lichen Dämpfung der Gefahr. Indeß auch hiezu nicht einmal waren die Häupter der Republik vorbereitet. Der Rath der Dreie hatte Kunde von der Ankunft der em⸗ pörten Fiſcher, und hielt, als der Haufe in den Hof drang, eine geheime Berathung, ob ſich vermuthen ließe, daß der Aufſtand be⸗ deutungsvoller ſeyn könnte, als der Augenſchein zunächſt lehrte. Der Kreisgang der Amtsthätigkeit hatte die Männer, welche der Leſer ſchon kennen gelernt hat, ihrer gefährlichen deſpotiſchen Gewalt noch nicht beraubt. „Hat man die Dalmatier in Kenntniß geſetzt von dieſem Auf⸗ ruhr?“ fragte ein Mitglied des geheimen Tribunals, deſſen Nerven⸗ ſtärke ſeiner hohen Stellung nicht zu entſprechen ſchien.„Wir könnten ihrer Kugeln bedürfen, ehe dieſe Empörung gedämpft ſeyn wird.“ „Was das betrifft, Signore, ſetzt Euer Vertrauen nur auf die gewöhnlichen Autoritäten,“ erwiederte der Senator Gradenigo. „Ich beſorge jedoch, daß hier bloß die Ankündigung einer noch verborgenen Verſchwörung ſey, in welcher auch die Treue des Mi⸗ litärs verwickelt ſeyn könnte.“ „Die böſen Leidenſchaften des Menſchen kennen keinen Zügel. Was wollen die Elenden? Für einen Staat, deſſen Glanz abnimmt, iſt Venedig glücklich genug. Unſer Seehandel gedeiht, die Bank hat Segen an tüchtigen Dividenden. Und ich verſichere Euch, Signori, ſeit vielen Jahren habe ich nicht ſo bedeutenden Gewinn in allen Zweigen unſerer Verwaltung bemerkt als heut zu Tage. Alle freilich können nicht zugleich Vortheil haben.“ 3 334 „Ihr habt gerade mit den blühenden Angelegenheiten zu thun, Signore, es gibt aber andere, mit denen es nicht ſo gut ſteht. Unſre Regierungsform iſt ein wenig ausſchließend, und für die Vor⸗ theile, welche ſie gewährt, haben wir auf der andern Seite den Nachtheil, daß wir jähen und übelwollenden Anſchuldigungen aus⸗ geſetzt ſind, ſobald irgend ein Mißgeſchick die Republik trifft.“ „Kann denn nichts dieſe gierigen Gemüther zufriedenſtellen? Sind ſie nicht frei— ſind ſie nicht glücklich?“ „Es ſcheint, daß ſie dafür beſſere Bürgſchaft verlangen, als unſre Abſicht oder unſre Verſicherung.“ „Der Menſch iſt ein neidiſches, unzufriedenes Geſchöpf. Die Armen wollen reich ſeyn, die Schwachen ſtark.“ „s gibt aber wenigſtens Eine Ausnahme von Eurer Regel, Signore, ſintemal die Reichen ſelten arm, oder die Starken ſchwach zu ſeyn wünſchen.“ „Ihr verſpottet heut meine Bemerkungen, Signor Gradenigo. Ich denke aber, daß ich ſpreche, wie es einem Senator von Ve⸗ nedig zukommt, und wie ihr zu hören gewohnt ſeyd.“ „Allerdings, die Sprache iſt die übliche. Ich fürchte jedoch, , in dem beſchränkenden und eingeſchnürten Geiſt unſrer Geſetze iſt etwas, das für einen ſinkenden Staat ſich nicht gar gezieme. Iſt ein Reich in ſeiner ſchönſten Blüthe, ſo überſehen die Unterthanen in ihrem beſondern Glück die allgemeinen Maͤngel; iſt aber ein Handelsſtaat erſt in Abnahme, ſo bekrittelt jeder Kaufmann die geringſte wie die höchſte Staatsmaaßregel.“ „Das iſt ihre Dankbarkeit! Haben wir nicht dieſe verſchlamm⸗ ten Inſeln in einen Markt für die halbe Chriſtenheit umgewandelt? nun aber ſind ſie unzufrieden, daß ſie nicht alle die Vorrechte behalten fönnen, welche die Weisheit unſrer Vorältern ſich zu verſchaffen wußte.“ „Sie beklagen ſich nicht anders als Ihr ſelber thut, Signore, aber Ihr habt Recht, daß man den gegenwärtigen Aufſtand nicht vernachläſſigen darf. Seine Hoheit ſoll hinaus zum Volk mit den⸗ —,— — 335 jenigen Patriciern, welche eben zugegen ſind, und mit einem aus unſrer Mitte als Augenzeuge. Mehr als dies können wir nicht thun, ohne uns der Entdeckung unſers Amtes auszuſetzen.“ Der geheime Rath brach auf, um ſogleich dieſen Beſchluß in Ausführung zu bringen, gerade in dem Augenblick, als die Fiſcher ihre Verſtärkung vom Waſſer her erhielten. Keine Schaar legt mehr Gewicht auf ein materielles Anwachſen als ein Pöbelhaufe. Ohne Disciplin, zum Siege bloß durch Ueber⸗ macht der Maſſen fähig, beſitzt er das Gefühl ſeines Daſeyns nur bei dem wirklichen Vorhandenſeyn phyſiſcher Kraft. Als ſie die Menge lebendiger Weſen ſahen, die im herzoglichen Palaſte ſich verſammelt hatten, wurden die Verwegenſten des Haufens dreiſter, und auch die noch Schwankenden wurden feſt. Dies iſt die Kehr⸗ ſeite deſſen, was in den Gemüthern Solcher vorgeht, die beauftragt „ſind, dergleichen Gewaltauftritte zu unterdrücken, und die gemei⸗ niglich muthig werden, wenn es am wenigſten Noth thut. Eben erhob die gedrängte Maſſe im Hofe ihr lauteſtes und drohendſtes Geſchrei, als der Zug des Dogen in einer der langen, offnen Galerien erſchien, welche den Hauptflur des Gebäudes bilden. Die Gegenwart des ehrwürdigen Mannes, welcher dem Namen nach dies künſtliche Staatsgebäude leitete, und die lange Gewöh⸗ nung der Fiſcher, Hochachtung für die obern Behörden zu hegen, verurſachte, der gegenwärtigen mißvergnügten Stimmung ungeachtet, plötzlich eine tiefe Stille. Ein Gefühl der Ehrfurcht überſchlich allmählig die Tauſende von dunkeln Geſichtern, welche hinaufſtarr⸗ ten, dem kleinen Zuge der nahenden Patricier entgegen. So tief war die plöͤtzliche Stille, daß man das Rauſchen der herzoglichen Gewänder hörte, als der Fürſt ſeiner Alters wegen und der Würde ſeiner hohen Stellung gemäß, langſam daherſchritt. Die vorige Heftigkeit der ungebildeten Fiſcher und ihre jetzige Ehrfurcht vor dem äußern Prunk, der ihre Augen beſtach, hatten beide dieſelben Quellen— Unwiſſenheit und Gewohnheit. 336 „Weswegen ſeyd Ihr hier verſammelt, meine Kinder?“ fragte der Doge, als er bis an den Rand der Rieſentreppe vorgetreten war,„und vor allem, warum kommt Ihr in den Palaſt Eures Fürſten mit ſo unziemlichem Geſchrei?“ Die zitternde Stimme des Greiſes war deutlich zu vernehmen, denn kaum ein Athemzug unterbrach ſein leiſeſtes Wort. Die Fiſcher ſahen einander an, und ſchienen Den zu ſuchen, welcher kühn genug ſeyn würde zu antworten. Endlich ſchrie Einer, der mitten im Haufen ſtand und gefliſſentlich ſich nicht ſehen ließ:„Gerechtigkeit!“ „Das iſt auch unſer Zweck,“ fuhr der Fürſt mit ſanftem Tone fort„und das iſt, will ich hinzufügen, was wir täglich üben. Wes⸗ wegen ſeyd Ihr aber hier verſammelt in einer Art, die dem Staate beleidigend und unehrerbietig gegen ſeinen Fürſten iſt?“ Wiederum antwortete Niemand. Die Hülle des einzigen Geiſtes unter ihnen, der ſich hätte frei machen können von den Banden der Gewohnheit und des Vorurtheils, lag, von ihm verlaſſen, auf der unterſten Stufe der Rieſentreppe. „Will Keiner reden?— Seyd Ihr ſo kühn mit Euren Stimmen bereit, wo es nicht verlangt wird, und ſo ſchweigſam, wo es gilt?“ „Sprecht gelinde mit ihnen, Hoheit,“ flüſterte Derjenige vom Rathe, welcher beauftragt war, ein geheimer Zeuge der Zuſammen⸗ kunft zu ſeyn.„Die Dalmatier ſind kaum fertig.“ Der Fürſt beugte ſich vor einem Rathſchlag der, wie er wohl wußte, nicht unberückſichtigt bleiben durfte, und nahm ſeinen vorigen Ton wieder an. „Wenn Keiner mir ſagen will, weſſen Ihr bedürft, ſo muß ich Euch befehlen, Euch zurückzuziehen, und während es meinem väter⸗ lichen Herzen wehe thut—“ „Giustizia!“ wiederholte der verſteckte Schreier aus dem Haufen. „Nenne Dein Begehr, daß wir's erfahren!“ „Hoheit, habe die Gnade auf Dieſen zu blicken!“ Einer, der kühner war als die Uebrigen, wendete Antonio's 337 Leichnam dem Mondlichte zu, daß deſſen geſpenſtige Züge ſichtbar wurden, und deutete, während er ſprach, auf das Schauſpiel, welches er ſo bereitet hatte. Der Fürſt ſtaunte bei dem unerwarteten An⸗ blick, und nachdem er, ſeine Gefäͤhrten und Wachen dicht hinter ſich, die Treppe hinuntergeſtiegen war, blieb er eine Weile ſchweigend bei der Leiche ſtehen. „Hat dies ein Mörder gethan?“ fragte er, auf den todten Fiſcher blickend und ſich bekreuzend.„Was konnte der Tod eines ſolchen Mannes einem Bravo einbringen? Vielleicht iſt der Unglück⸗ liche bei einer Schlägerei mit ſeines Gleichen gefallen?“ „Keins von beiden, durchlauchtiger Doge! Wir beſorgen, daß Antonio den Unwillen von St. Marco hat entgelten müſſen.“ „Antonio! Iſt dies der dreiſte Fiſcher, welcher bei der Regatta uns lehren wollte, wie wir regieren müßten?“ 3 „Derſelbe, Excellenz!“ erwiederte der einfache Arbeitsmann von den Lagunen,„und eine tüchtigere Hand beim Netz, oder ein treuerer Freund in der Noth hat nie eine Gondel gerudert nach dem Lido oder von dort her. Diavolo! Es müßt' eine Freude für Eure Hoheit geweſen ſeyn, den armen alten Chriſten unter uns zu ſehn am Tage eines Heiligen, wenn er unſre kleine Feierlichkeit anführte, oder wenn er uns lehrte, wie unſre Aeltern dem Handwerk Ehre zu machen pflegten.“ „Oder bei uns zu ſeyn, durchlauchtigſter Doge,“ ſchrie ein Anderer, denn wenn einmal Bahn gebrochen iſt, ſind die Zungen des Volks bald kühn,„bei einer Luſtbarkeit auf dem Lido, wo der alte Antonio immer der erſte war im Lachen und immer am beſten wußte, wann es Zeit war ernſthaft zu ſeyn.“ Der Doge fing an, den Zuſammenhang der Sache zu ahnen und warf einen Blick ſeitwärts, um die Mienen des ungekannten Inquiſttors zu erforſchen.. „Es iſt bei weitem leichter,“ ſagte er, da das abgerichtete Ge⸗ ſicht, welches er angeſchaut hatte, ihm keinen Aufſchluß gab,„die Der Bravo. 22 338 Verdienſte des unglücklichen Mannes zu erfahren, als die Art ſeines „Todes. Kann einer unter Euch erzählen, wie es zugegangen iſt?“ Der Hauptſprecher der Fiſcher übernahm dies Geſchäft gern, und erzählte dem Dogen mit allen bei Leuten ſeines Standes be⸗ liebten Abſchweifungen die Umſtände von der Wiederfindung des Leich⸗ nams. Als er fertig war, ſuchte das Auge des Fürſten wiederum eine Crläuterung im Geſichte des Senators neben ihm, denn er wußte nicht, ob die Politik des Staats ein Exempel ſtatuiren wolle, oder bloß den Tod dieſes Einzelnen für nöthig erachtet habe. „Ich finde in dem allen nichts, Ew. Hoheit,“ bemerkte der vom Rathe„als was einem Fiſcher wohl begegnen kann. Der un⸗ glückliche alte Mann wird durch Zufall umgekommen ſeyn, und es würde eine fromme Handlung ſeyn, ein Paar Meſſen für ſeine Seele leſen zu laſſen.“ „Edler Senator,“ rief der Fiſcher mit zweifelndem Tone,„San Marco war beleidigt.“ „Es ſind viele müßige Gerüchte von San Marco's Gewogen⸗ heit und Ungewogenheit in Umlauf. Wenn wir glauben wollen, was die Leute erdenken in Angelegenheiten dieſer Art, ſo werden die BVerbrecher nicht in den Lagunen, ſondern im Kanal Orfano erſäuft.“ „Ganz recht, Excellenz! und wir dürfen dort unſre Netze nicht auswerfen, bei Strafe mit den Aalen auf dem Grunde zu wohnen.“ „um ſo mehr iſt Urſache, zu glauben, daß dieſer alte Mann durch einen Zufall umgekommen iſt. Läßt ſich keine Spur eines ge⸗ waltſamen Todes an der Leiche wahrnehmen?— Denn obſchon der Staat ſich nicht mit einem ſeines Gleichen in der Art beſchäftigen würde, kann doch irgend ein Einzelner es gethan haben. Hat man den Inſtand der Leiche unterſucht?“ 3 „Excellenz, es war hinreichend, einen ſo alten Mann mitten in die Lagunen zu werfen. Der ſtärkſte Arm von Venedig hätte ihn nicht retten können.“ „Es kann bei einem Zank zur Gewaltthätigkeit gekommen ſeyn le n⸗ as die t.“ cht n.“ inn ge⸗ der gen nan tten ihn leyn 339 und die betreffende Behörde ſollte die Sache unterſuchen. Hier iſt ein Karmeliter!— Vater, wißt Ihr etwas von der Sache?“, Der Mönch verſuchte zu antworten, aber die Stimme verſagte ihm. Er ſtarrte wild umher, denn das ganze Schauſpiel glich dem furchtbaren Phantaſteſtück eines Malers. Endlich faltete er die Arme auf die Bruſt und ſchien ſein Gebet wieder anzufangen.. „Du antworteſt nicht, Moönch?“ bemerkte der Doge, der durch das natürliche gleichgültige Benehmen des Inquiſitors wirklich ge⸗ täuſcht war, wie alle anderen.„Wo fandſt Du dieſen Leichnam?“ Vater Anſelmo erzählte kurz, wie er von den Fiſchern zum Dienſte gezwungen worden. Neben dem Fürſten ſtand ein junger Patricier, der keine beſondere Würde im Staate hatte, als die allgemeine ſeines Standes. Getäuſcht, gleich den Uebrigen durch die Ruhe des einzigen, der von Antoniv's Tode die wirkliche Urſach wußte, fühlte er ein menſchenfreundliches und lobenswerthes Verlangen ſich zu vergewiſſern, daß dem armen Schlacht⸗ opfer nicht irgend ein ſchändlicher Streich geſpielt worden wäre. „Ich habe gehört von dem Antonio,“ ſagte dieſer Herr, der Senator Soranzo, dem die Natur ein empfindendes Herz gegeben, welches ihn unter jeder andern Staatsverfaſſung zum Philantropen gemacht hätte,—„ich habe gehört von ſeinem Glück bei der Re⸗ gatta. Hieß es nicht, daß Jacopo, der Bravo, ſein Mitbewerber war?“ Ein dumpfes, bedeutungsvolles Gemurmel durchlief die ganze Menge. „Ein ſo leidenſchaftlicher, verwegener Mann als dieſer, kann wohl ſeine Niederlage durch Gewaltthat haben rächen wollen.“ Ein zweites lauteres Gemurmel zeigte, was die der Sache für Eindruck mache. „Excellenz, Jacopo gebraucht nur ſein Stilett,“ ſagte der halb ſchon gläubige aber doch noch ſchwankende Fiſcher. „Wo er's für nöthig hält. Ein Mann von ſeinem Charakter und Argliſt kann auch wohl zu andern Mitteln, ſeine Bosheit zu ſe Erklärung 4— 55 340 befriedigen, Zuflucht nehmen. Seyd Ihr nicht meiner Meinung, Signore?“ Dieſe Frage richtete der Senator Soranzo in ſeiner Unſchuld an das unbekannte Mitglied des geheimen Rathes. Dieſer ſchien überraſcht von der Wahrſcheinlichkeit der Vermuthung, die ſein Ge⸗ fährte aufſtellte, begnügte ſich aber, ſeine Anerkennung durch ein Nicken mit dem Kopfe kund zu thun. „Jacopo! Jacopo!“— wiederholte eine Stimme nach der andern im Haufen.—„Jacop o hat's gethan! Der beſte Gondolier in Venedig iſt von einem alten Fiſcher beſiegt worden, und nichts als Blut konnte die Schande auswiſchen!“ „Es ſoll unterſucht werden, meine Kinder, und die Gerechtig⸗ keit ſoll ihren Gang gehen,“ ſagte der Doge, indem er ſich an⸗ ſchickte, ſich zuru ckzuziehn.„Leute,“ ſich an einige Beamten wendend, „bezahlet Meſſen, daß die Seele des unglücklichen Mannes zum mindeſten nicht dabei leide. Ehrwürdiger Karmeliter, Deiner Sorg⸗ falt vertraue ich den Leichnam an, und Du kannſt keinen beſſern Dienſt verrichten, als die Nacht über bei demſelben zu beten.“ Tauſend Mützen wurden geſchwenkt, den Beifall, den dieſer gnädige Befehl fand, auszudrücken, und der ganze Haufe ſtand ſchweigend in Ehrfurcht, als der Fürſt mit ſeinem Gefolge, wie er gekommen war, durch die lange gewoͤlbte Galerie oben ſich entfernte. Ein geheimer Befehl der Inquiſition ließ das Anrücken der Dalmatier abſagen. Wenige Minuten ſpäter war alles vorbereitet. Eine Bahre mit einem Zelt darüber ward von der anſtoßenden Kathedrale* her⸗ geholt, und der Leichnam auf dieſelbe gelegt. Vater Anſelmo an der Spitze, zog die Prozeſſion durch das Hauptthor des Palaſtes auf den Platz, die gewöhnliche Andacht abſingend. Beide Plätze, der groͤßere und der kleinere, waren noch menſchenleer. Hier und .* Die St. Marcuskirche wuͤrde, ohne die eigentliche Metropolitankirche des Sprengels zu ſeyn, doch in der Regel eine Kathedrale genannt. 341 da blickte das neugierige Geſicht eines Handlangers der Polizei oder eines etwas kühneren Beobachters unter den Bögen der Portiko's hervor auf die Bewegungen des Pöbels, obſchon keiner wagte, ſelbſt in deſſen Bereich zu kommen.. Aber die Fiſcher dachten nicht mehr an Gewalt. Mit der Unbeſtän⸗ digkeit von Leuten, die wenig an Ueberlegung gewöͤhnt, ſich ſchnellen und heftigen Aufregungen hingeben,(woraus denn eine ſelbſtiſche Po⸗ litik Gründe herzwängt, jede Verbeſſerung zu vermeiden) hatte ſie alle Gedanken an Rache gegen die Diener der Polizei aufgegeben, und ihre Aufmerkſamkeit gänzlich dem frommen Dienſte zugewendet, der vom Fürſten ſelbſt befohlen, für ihren Stand ſo ſchmeichelhaft war. Einige ſtärkere Naturen unter ihnen miſchten wohl auch Dro⸗ hungen gegen den Bravo in die Gebete für den Todten, aber dieſe hatten keine andere Bedeutung für die gegenwärtige Handlung, als die Nebenperſonen zu haben pflegen für den Hauptverlauf eines Stücks. Das große Portal der eehrwürdigen Kirche ward aufgethan, und feierlicher Geſang drang, in Reſponſen, unter den zierlichen Säulen und gewölbten Kuppeln des inneren Raumes hervor. Man trug die beſcheidene Leiche des hingeopferten Antonio unter den Bogen, welcher die koſtbaren Reliquien griechiſcher Kunſt ſtützt, und ſetzte ſie in das Schiff der Kirche nieder. Kerzen brannten vor dem Altare und um⸗ gaben die geſpenſtige Geſtalt des Todten die ganze Nacht hindurch⸗ und die Kathedrale San Marco's war erfüllt von den impoſanten Gebräuchen der katholiſchen Kirche, bis der Tag wieder heraufkam. Ein Prieſter folgte dem andern, um die Meſſe zu wiederholen, und der Haufe hörte aufmerkſam zu, als fühlte ein Jeder ſich ſelber geehrt und erhoben durch dieſe Auszeichnung eines Mannes aus ſeinem Stande. Die Masken auf dem Platze waren allmählig wieder zum Vorſchein gekommen, obgleich die Unruhe zu heftig und zu plötzlich geweſen, um eine ſchnelle Rückkehr dem Leichtſinn zu ge⸗ ſtatten, welcher gewöhnlich zwiſchen Sonnenuntergang und Aufgang auf dieſem Flecke zu ſchauen war. 342 ‿ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Wohl einer Dam' in ihrer Jugendblüthe, Dem letzten Sproß' von jenem edlen Stamm. Rogers. Als die Fiſcher auf dem Quai landeten, verließen ſie die er⸗ oberte Gondel des Staats bis auf den letzten Mann. Donna Vio⸗ letta und ihre Gouvernante hörten mit Beſtürzung, wie ihre Räͤuber ſich nach einander lärmend entfernten, denn ſie wußten beinahe gar nicht, aus welchem Grunde man ihnen den Schutz des Vater An⸗ ſelmo entriſſen, und was ſie zu handelnden Perſonen in dem unge⸗ gewöhnlichen Schauſpiel gemacht. Der Mönch hatte ihnen nur geſagt, daß ſein Dienſt zum Beſten eines Todten verlangt würde, während die Beſorgniß, unnöthigen Schrecken zu erregen, ihn ab⸗ hielt, hinzuzufügen, daß ſie ſich in der Gewalt eines Pöbelhaufens befänden. Donna Florinde jedoch, welche durch die Fenſter der Ver⸗ dachung geſchaut hatte und aus dem Geſchrei ringsumher einen Schluß zog, ahnte die Wahrheit ſo ziemlich. Es ſchien ihr das gerathenſte unter dieſen Umſtänden, ſich ſo viel wie möglich unbemerkt zu halten. Als die tiefe Stille, welche der Landung der Aufrührer folgte, ver⸗ rieth, daß ſie allein waren, bemerkte ſie und ihr Zögling dieſe günſtige 4 Veränderung ſogleich. „Sie ſind fort,“ flüſterte Donna Florinde, mit zurückgehaltenem 4 Athem horchend, ſobald ſie geſprochen hatte. „Und die Polizei wird bald hier ſeyn, uns zu ſuchen!“ Es bedurfte keiner weiteren Erklärung, weil auch Jugend und Unſchuld in Venedig argwöhniſch werden mußte. Donna Florinde warf noch einen verſtohlenen Blick hinaus. „Sie ſind fort, Gott weiß wohin! Laß uns gehn!“ Im Augenblicke ſtanden die zitternden Flüchtlinge auf dem Quai. 4 Keine menſchliche Geſtalt, außer ihren eigenen, war auf der Piazetta. Kᷓ— A N& K— ð —₰ 343 Aber ein dumpfes brauſendes Geräuſch erſcholl vom Hofe des herzog⸗ lichen Palaſtes, ähnlich dem Geſumme eines anfgeſtörten Bienen⸗ ſchwarms. Kein Laut war deutlich zu vernehmen. „Man hat Gewaltthaten vor,“ ſagte die Gouvernante wiederum flüſternd.„Wollte Gott, Vater Anſelmo wäre hier.“ Ein vorſichtiger Fußtritt ließ ſich hören, und Beide, ſich um⸗ kehrend, ſahen einen Knaben, der Kleidung nach von den Lagunen, welcher aus der Gegend des Broglio her ſich näherte. „Ein ehrwürdiger Karmeliter hat mir dies für Euch gegeben,“ ſagte der Burſche, verſtohlen umherblickend, als fürchte er, entdeckt zu werden. Dann legte er in Donna Florinde's Hand ein Streif⸗ chen Papier, und ſeine eigene gebräunte Hand, in welcher eine kleine Silbermünze blitzte, dem Mondlichte zukehrend, verſchwand er. Mit Hülfe deſſelben Lichtes gelang es der Gouvernante, die Züge einer Hand zu entziffern, die ihr in jüngeren Tagen wohl bekannt geweſen war:„„Rette Dich, Florinde. Kein Augenblick iſt zu verlieren. Vermeide öffentliche Plätze und ſuche ſchnell einen Zufluchtsort.““ „Aber wohin?“ fragte die Beſtürzte, nachdem ſie den Zettel laut geleſen. „Ueberall, nur nicht hier,“ ſagte Donna Violra,„komm mit mir!“ Die Natur erſetzt oft durch ihre Gaben allein mehr als hin⸗ länglich die Vortheile, welche Erziehung und Erfahrung gewähren. Hätte Donna Florinde die natürliche Feſtigkeit und Entſchiedenheit ihres Zöglings beſeſſen, ſo würde ſie nicht in dem einſamen Verhält⸗ niſſe gelebt haben, welches der weiblichen Natur wenig entſpricht, und Vater Anſelmo wäre kein Moͤnch geworden. Beide hatten ihre Liebe dem zum Opfer gebracht, was ſie für ihre Pflicht hielten, und wie das unangemeſſne Lebensverhältniß der Gouvernante aus einem dem Sturm der Leidenſchaften unzugänglichen Gemüthe hervorging, ſo vermuthlich aus gleich ehrenwerther Quelle auch die Ausnahme, 344 daß es ohne ſeine Strafe blieb. Nicht ſo Violetta. Sie war immer ſchneller bereit zum Thun als zum Ueberlegen, und obgleich in den meiſten Fällen wohl die beſonneneren Gemüther im Vortheil ſeyn mögen, ſo giebt es doch auch hiervon Ausnahmen. Der gegen⸗ wärtige Augenblick war eine von den Lagen des Lebens, wo es immer beſſer iſt, irgend etwas, als gar nichts zu thun. Kaum hatte Donna Violetta geſprochen, ſo war ihre Geſtalt im Schatten unter den Bogengängen des Broglio. Ihre Gouver⸗ nante hielt ſich dicht an ihrer Seite, mehr aus Liebe zu ihr als aus Willfährigkeit gegen den Nath des Moͤnchs oder das Gebot ihrer eignen Vernunft. Ein unbeſtimmter, abenteuerlicher Gedanke, ſich dem Dogen, der ein Seitenverwandter ihres eignen alten Hau⸗ ſes war, zu Füßen zu werfen, ſtieg in der jungen Braut anfänglich auf; aber kaum hatten ſie den Palaſt erreicht, ſo belehrte ſie ein Geſchrei vom Hofraume her über deſſen Lage und die Unmöglichkeit in das Innere einzudringen. „Wir wollen uns durch die Straßen nach Deiner Wohnung zurückziehn, Kind,“ ſagte Donna Florinde, mit weiblichem Anſtand ſich in ihren Mantel hüllend.„Niemand wird Frauen unſers Standes beleidigen. Auch der Senat muß am Ende doch unſer Geſchlecht reſpektiren.“ „Das von Dir, Florinde!— Du, die ſo oft vor ſeinem Zorn gezittert hat! Aber geh', wenn du willſt. Ich gehöre dem Senate nicht länger. Don Camillo Monforte hat meine Treue.“ Donna Florinde war nicht Willens, dieſen Punkt zu beſtreiten, und da der Augenblick gekommen war, wo Geiſtesſtärke zum Führen berechtigte, ſo unterwarf ſie ſich ſtill dem Willen ihres Zöglings. Donna Violetta hielt ſich immer im Schatten der Arkaden. Als die Flüchtlinge bei dem Thore vorbeikamen, welches auf der See⸗ ſeite liegt, konnten ſie einen Blick auf die Scene im Hofe werfen. Der Anblick dieſes Schauſpiels beſchleunigte ihre Schritte; ſie liefen nicht, ſie flogen die Bogenhalle entlang. Bald befanden ſie ſich —— 345 auf der Brücke, welche über den Kanal St. Marco führt, noch immer in voller Flucht begriffen. Ein paar Matroſen ſahen von, ihren Feluken aus neugierig zu, aber zwei erſchreckte Frauenzimmer, die vor dem Pöbel flohen, waren nichts ſo gar Auffallendes. In dieſem Augenblick erſchien eine Maſſe dunkler Geſtalten, welche ſich von der andern Seite her den Quai entlang bewegten. Waffen blitzten im Mondlicht und man vernahm den abgemeßnen Tritt bewaffneter Männer. Es waren die Dalmatier, deren Trupp vom Zeughauſe heranrückte. Vorwärts und rückwärts ſchien jetzt den athemloſen Frauen die Flucht gleich unmöglich. Da Entſchloſ⸗ ſenheit und Beſonnenheit ſehr verſchiedne Tugenden ſind, dachte Donna Violetta nicht ſo ſchnell, als die Umſtände erfordert hätten, daran, daß die Miethsſoldaten der Republik höchſt wahrſcheinlich ihre Flucht für etwas ſehr Natürliches halten würden, ſo gut als die neugierigen Gaffer im Hafen. Aber der Schreck raubte den Flüchtlingen die Beſinnung. Sie dachten an nichts als an einen Zufluchtsort, und würden ſelbſt das Gerichtszimmer dazu erwählt haben, wäre Gelegenheit dazu ge⸗ weſen. Sie wendeten ſich um und eilten in die erſte und in der That einzige offne Thüre, welche ſich darbot. Es trat ihnen ein Mädchen entgegen, in deren ängſtlichen Zügen jene ſonderbare Miſchung von Hingebung und Angſt ſich malte, welche ihren Grund wahrſcheinlich in dem Drange weiblichen Mitgefühls hat. „Hier iſt Sicherheit, edle Damen,“ ſagte die junge Venetia⸗ nerin, mit der auf ihren Inſeln herrſchenden ſanften Ausſprache. „Keiner wird Euch innerhalb dieſer Mauern zu verletzen wagen!“ „In welchem Palaſte befinden wir uns?“ fragte die faſt athem⸗ loſe Violetta.„Wenn der Beſitzer einen Namen hat in Venedig, wird er einer Tochter vom Geſchlecht Tiepolo die Gaſtfreundſchaft nicht verſagen.“ „Ihr ſeyd willkommen, Signora,“ entgegnete das freundliche Mädchen, ſich tief verneigend, und führte ſie noch weiter in das 346 Innere des geräumigen Gebäudes.„Ihr führt den Namen einer erlauchten Familie.“ „Wenige von Bedeutung ſind in der Republik, auf deren freundliche Geſinnung ich nicht, entweder um alter, enger Freund⸗ ſchaft, oder um der Verwandtſchaft willen, Anſpruch hätte. Dienſt Du einem Edelmanne?“ „Dem vornehmſten in Venedig, Signora!“ „Nenne ihn, damit wir ſeine Gaſtfreundſchaft erbitten mögen, wie ſich's geziemt.“ „San Marco.“ Donna Violetta und ihre Gouvernante blieben erſtaunt ſtehen. „Sind wir, ohne es zu wiſſen, in ein Portal des Palaſtes getreten?“ „Das wärs unmöglich, Signora, da der Kanal zwiſchen uns und dem Palaſte des Dogen iſt. Dennoch iſt hier San Marco Herr. Ich hoffe, Ihr werdet Eure Sicherheit für nicht geringer halten, wenn Ihr ſie auch im Staatsgefängniß findet, und Euch des Hauswarts Tochter dazu verhilft.“ 4 Der Augenblick übereilten Handels war voruͤber und die Be⸗ ſinnung nun zurückgekehrt. „Wie heißeſt Du, Kind?“ fragte Donna Florinde, ihrem Zög⸗ ling vortretend und die Unterredung aufnehmend, während Violetta vor Erſtaunen ſtill ſchwieg.„Wir ſind Dir aufrichtig dankbar für die Bereitwilligkeit, mit welcher Du die Thür öffneteſt und uns einließeſt in einem Augenblick ſolcher Beſtürzung. Wie heißeſt Du?“ „Gelſomina,“ erwiederte das beſcheidne Mädchen.„Ich bin des Hauswarts einziges Kind. Als ich Damen Eures Standes auf dem Quai fliehen ſah und auf der einen Seite die Dalmatier in Anmarſch, auf der andern den tobenden Pöbel, da dachte ich, auch das Gefängniß würde Euch willkommen ſeyn.“ „Deine Herzensgüte hat Dich nicht irre geleitet.“ „Wenn ich gewußt hätte, daß es eine Dame vom Geſchlechte —— 347 Tiepolo war, ſo würde ich mich noch mehr beeifert haben, denn es ſind wenige dieſes berühmten Namens übrig, uns Ehre zu erweiſen.“ Violetta verneigte ſich wegen dieſer Artigkeit, aber ſie ſchien unruhig, daß Uebereilung und Adelſtolz ſie verleitet hatten, ſich zu verrathen. „Kannſt Du uns an einen minder öffentlichen Platz führen?“ fragte ſie, als ſie bemerkte, daß ihre Führerin in einem freien Gange ſtehn geblieben war, um ihre Erklärung zu geben. „Hier werdet ihr ſo zurückgezogen ſeyn, wie in Euren eignen Paläſten, hohe Damen!“ erwiederte Gelſomina, indem ſie in einen Seitengang einbog und die Fremden den Wohnzimmern zuführte, von denen aus ſie zuvor die Verlegenheit ihrer Gäſte am Fenſter ſitzend bemerkt hatte.„Hier kommt Niemand ohne Urſach her, außer meinem Vater und mir, und mein Vater iſt mit ſeinem Dienſte ſehr beſchäftigt.“— „Haſt Du keinen Dienſtboten?“ „Nein, Signora! Eines Hauswarts Tochter darf nicht zu ſtolz ſeyn, um ſich ſelbſt zu bedienen.“ „Du haſt recht. Ein ſo feinfühlendes Mädchen wie Du, Gel⸗ ſomina, wird einſehen, daß es für Frauen von Stande nicht gezie⸗ mend iſt, in ein Haus wie dieſes, wenn auch nur durch Zufall zu gerathen, und Du wirſt uns einen großen Gefallen erweiſen, wenn Du mehr als gewöhnliche Vorkehrung triffſt, daß man uns hier nicht ſehe. Wir machen Dir viel Mühe, aber ſie ſoll nicht unbe⸗ lohnt bleiben. Nimm dies Gold.“ Gelſomina antwortete nicht, aber als ſie mit niedergeſenkten Augen da ſtand, ſtahl ſich eine Röthe in ihre Wangen, daß ihr zuvor bleiches Geſicht ſanft erglühte. „Nein, ich habe Dich verkannt,“ ſagte Donna Florinde, indem ſie die Zechinen wieder einſteckte, nnd ergriff die Hand des Mädchens, welche es ſchweigend geſchehen ließ.„Wenn ich Dich durch meine 348 Unbeſcheidenheit gekränkt habe, ſo ſchreibe dies Anerbieten einzig unſerer Furcht vor der Schande zu, hier geſehen zu werden.“ Das Mädchen erglühete noch mehr und ihre Lippen bebten. „Iſt es denn eine Schande, unſchuldig hier zu wohnen, Sig⸗ nora?“ fragte ſte mit abgewendetem Auge.„Ich habe das lange geargwöhnt, aber ich habe es bisher noch von Niemanden ſagen gehört 1 „Heilige Maria, verzeihe mir! Wenn ich eine Silbe ausge⸗ ſprochen habe, die Dich kränken kann, treffliches Mädchen, ſo iſt es unwiſſentlich und ungern geſchehen.“ „Wir find arm, Signora, und der Bedürftige muß ſich ge⸗ fallen laſſen, auch das zu thun, was ſeinen Wünſchen entgegen iſt. Ich verſtehe Eure Meinung und will dafür ſorgen, daß Ihr ver⸗ vorgen bleiben ſollt; mög' Euch die heilige Jungfrau eine größere Sünde verzeihen, als Ihr hier begangen habt.“ Während die Damen verwundert waren über ſolche Beweiſe von Zartgefühl und Empfindung an dieſem eigenthümlichen Ort, entfernte ſich das Mädchen. „Das hätte ich nicht erwartet in einem Kerker!“ rief Violetta. „Wie nicht alles edel und gehörig iſt in einem Palaſt, ſo iſt auch nicht alles zu verwerſen, was in einem Kerker vorkommt. Aber dieß iſt fürwahr ein außerordentliches Mädchen für ihren Stand, und wir müſſen dem gelobten S. Teodor(ſie bekreuzte ſich) danken, daß er ſie uns in den Weg geführt hat.“ „Können wir beſſeres thun, als ſie zu unſrer Vertrauten und Freundin machen?“ Die Gouvernante war älter und weniger geneigt, als ihr Zög⸗ ling auf den Schein hin zu trauen. Aber das ſeurigere Gemüth und der höhere Stand der letzteren hatten ihr einen Einfluß gege⸗ ben, dem Florinde nicht immer glücklich widerſtand. Gelſomina kam zurück, ehe es Zeit war zu überlegen, ob Violetta's Vorhaben auch der Klugheit gemäß wäre. „Du haſt einen Vater, Gelſomina?“ fragte die venetianiſche 349 Erbin und ergriff die Hand des artigen Mädchens, indem ſie dieſe Frage that.. „Gelobet ſey die heilige Jungfrau, daß ich dies Glück habe.“ „Es iſt ein Glück. Denn gewiß, ein Vater würde nicht das Herz haben, ſein Kind dem Ehrgeiz und gewinnſüchtigen Hoffnun⸗ gen aufzuopfern. Und Deine Mutter?“ „Iſt ſchon ſeit langer Zeit bettlägrig. Ich glaube, wir hät⸗ ien ſonſt nicht hier zu ſeyn brauchen; bei ihren Leiden aber paßt kein andrer Ort ſo gut für ſie, als dieſes Gefängniß.“ „Gelſomina, Du biſt glücklicher, als ich, ſelbſt in Deinem Ge⸗ fängniß. Ich habe keinen Vater, keine Mutter, faſt muß ich ſa⸗ gen, keinen Freund.“ „Und dies das Schickſal einer Dame aus dem Hauſe Tiepolo!“ „Es iſt nicht alles wie es ſcheint in dieſer argen Welt, gute Gelſomina! Wir haben viele Dogen in der Familie gehabt, aber auch viele Leiden. Du haſt vielleicht gehört, daß von derſelben nichts mehr übrig iſt, als ein einziges Mädchen, jung wie Du, die der Obhut des Senats anvertraut iſt?“ „Es wird in Venedig wenig von dieſen Sachen geſprochen, Signora, und von Allen geht Niemand ſo ſelten auf den Platz als ich. Doch von der Schönheit und dem Reichthum der Donna Violetta habe ich wohl gehört. Das letztere, hoff' ich, wird wahr ſeyn, das erſtere ſeh' ich jetzt ſelber.“ Die junge Tiepolo wurde ihrerſeits roth, aber freilich nicht aus verletztem Gefühl. „Sie ſagen zu viel Gutes aus Mitleid für die arme Waiſe,“ erwiederte ſie,„obſchon dieſer unglückſelige Reichthum vielleicht nicht überſchätzt wird. Du weißt, daß der Staat ſich's angelegen ſeyn läßt, alle Frauen von Adel, die vaterlos ſind, zu hüten und unter⸗ zubringen.“ „Nein, Signora. Das iſt aber ſchön von St. Marco.“ 350 „Du wirſt bald anders darüber denken. Du biſt jung, Gel⸗ ſomina, und haſt wohl Dein Leben in Zurückgezogenheit zugebracht?“ „Ja, Signora. Ich gehe ſelten weiter als in meiner Mutter Stube oder in die Zelle eines kranken Gefangnen.“ Violetta ſah ihre Gouvernante an, als wollte ſie ſagen, daß ſie ſich wohl ſchwerlich einem Mädchen würde verſtändlich machen können, die den Gefühlen der Welt ſo wenig zugänglich wäre. 1„So wirſt Du freilich nicht begreifen, daß eine Frau von Adel wenig Luſt haben mag, ſich dem Verlangen des Senats zu fügen, wenn er über ihre Pflichten und Neigungen gebieten will.“ Gelſomina ſah die ſchöne Rednerin ſtarr an, aber es war ſichtlich, daß ſie die Frage nicht recht begriff. Violetta ſah wieder die Gouvernante an, als wollte ſie dieſe zu Hülfe rufen. „Die Pflichten unſeres Geſchlechtes ſind oft ſchwer,“ ſagte Donna Florinde, denn ſie verſtand durch ihren weiblichen Takt Violetta's Begehren.„Unſre Anhänglichkeit trifft nicht immer mit den Wünſchen unſrer Freunde zuſammen. Wir haben die Wahl nicht, aber wir können nicht immer gehorchen.“ „Ich habe gehört, daß die Damen von Adel Diejenigen, mit denen ſie verheirathet werden ſollen, nicht ſehen dürfen, Signora; wenn es dies iſt, was Ew. Excellenz meinen. Mir hat dieſe Sitte immer ungerecht oder vielmehr grauſam geſchienen.“ „Und iſt es Frauen Deines Standes erlaubt, ſich Freunde zu erwerben, von denen Einer ihnen dereinſt theuer werden kann?“ fragte Violetta haſtig. „Signora, ſo viel Freiheit haben wir auch im Gefängniß.“ „O, dann biſt Du glücklicher, als die in Paläſten wohnen! Ich will Dir vertrauen, edles Mädchen, denn Du wirſt die Schwache, Bedrängte, die Deines Geſchlechtes iſt, nicht verrathen.“ Gelſomina hob ihre Hand auf, als wollte ſie dem ungeſtümen Zutrauen ihres Gaſtes Einhalt thun, und horchte aufmerkſam. „Wenige kommen hierher,“ ſagte ſie dann, aber mancherlei —— 351 Wege hinter Geheimniſſe zu kommen gibt es in dieſem Hauſe, die ich noch nicht kenne. Tretet tiefer in die Wohnung ein, edle Da⸗ men, hier iſt ein Ort, der, wie ich Urſach habe zu glauben, auch vor Lauſchern ſicher iſt.“ Des Hauswarts Tochter ging voran in das kleine Gemach, wo ſie ſich mit Jacopo zu unterhalten pflegte. „Ihr ſagtet, Signora, daß ich Gefühl hätte für die Schwäche und Hülfloſigkeit unſeres Geſchlechtes, und darin laßt Ihr mir Gerechtigkeit widerfahren.“ Violetta hatte Muße, einen Augenblick nachzudenken, während ſie aus dem einen Zimmer in das andre ging, und ſie fing an, ihre Mittheilungen mit mehr Behutſamkeit zu machen. Aber der lebhafte Antheil, den ein Weſen von ſo freundlicher Natur und ſo abgeſonderter Lebensweiſe als Gelſomina an der Erzählung nahm, gab ihrer natuͤrlichen Offenherzigkeit den Sieg, und auf eine ihr ſelbſt faſt unbewußte Weiſe ſetzte ſie des Hauswarts Tochter von beinah den meiſten Umſtänden in Kenntniß, welche ſie bis in das Gefängniß geführt hatten. Gelſominas Wangen wurden farblos, während ſie zuhörte, und als Violetta geendet hatte, zitterte ſie an allen Gliedern ihres zarten Köoͤrpers vor Theilnahme. „Es iſt furchtbar, ſich der Macht des Senats zu widerſetzen,“ ſagte ſte leiſe, daß es kaum zu hören war.„Habt Ihr bedacht, Signora, was Eure That für Folgen haben kann?“— „Wenn auch nicht, ſo iſt es jetzt doch zu ſpät, mein Vorhaben zu ändern. Ich bin des Herzog von St. Agata Weib, und kann nie eines Anderen Gattin werden.“ 8 „Jeſus! das iſt wahr!— Und doch, ich glaube, ich möchte lieber im Kloſter ſterben, als den Rath gegen mich aufbringen.“ „Du weißt nicht, gutes Mädchen, welches Muthes auch ein junges Weib fähig iſt. Du hängſt noch an Deinem Vater, in der Unterweiſung und Gewohnheit des kindlichen Alters, aber Du kannſt wo alle Deine es noch erfahren, daß die Zeit im Leben kommt, Hoffnung ſich in einem Andern vereinigen werden.“ Gelſomina zitterte nicht mehr und ihr ſanftes Auge glänzte. „Der Staatsrath iſt fürchterlich,“ erwiederte ſie,„aber es muß noch fürchterlicher ſeyn, Den zu verlaſſen, dem man Pflicht und Liebe am Altare gelobt hat.“ „Haſt Du Mittel uns zu verſtecken, gutes Mädchen?“ unter⸗ brach ſie Donna Florinde,„und kannſt Du uns, wenn dieſer Tumult vorüber ſeyn wird, irgendwie zu fernerer Verborgenheit oder zur Flucht verhelfen?“ „Nein, Signora. Sogar Venedigs Straßen und Plätze ſind mir beinahe fremd. O heiligſte Maria! Was gäbe ich darum, wenn ich die Wege der Stadt ſo gut wüßte als meine Couſine Annina, die, wenn es ihr nur behagt, von ihres Vaters Laden bis nach dem Lido geht, und vom Marcusplatz zum Rialto, ganz wie es ihr gefällt. Ich will nach meiner Couſine ſchicken, die wird uns rathen in dieſer ſchrecklichen Noth.“ „Deine Couſtne! Haſt Du eine Couſine, die Annina heißt?“ „Annina, Signora, meiner Mutter Schweſterkind.“ „Die Tochter des Weinhändlers Tomaſo Toſti?“ „Gedenken die edlen Damen der Stadt ſo Derer, die geringer ſind? Das wird meine Couſine erfreuen, denn ſie hat es gern, wenn die Vornehmen ſie auszeichnen.“ „Und kommt Deine Couſine hierher?“ „Selten, Signora! Wir ſind nicht ſehr vertraut mit einander. Ich meine, Annina achtet mich einfaches, ungelehrtes Mädchen zu gering für ihre Geſellſchaft. Aber ſie wird uns ihren Beiſtand in ſolcher Gefahr nicht verſagen. Ich weiß, ſie häͤlt nicht viel von der Republik, denn ich habe ſie von deren Angelegenheiten reden hören, kuhner als für ein Mädchen ihres Alters ſich geziemt, und in dieſem Gefängniß.“ „Gelſomina, Deine Couſine iſt eine geheime Dienerin der Polizei und Deines Vertrauens unwerth.“ „Signora!“ „Ich ſpreche nicht ohne Grund. Glaube mir, ſie läßt ſich zu Geſchäften brauchen, die ſich für ihr Geſchlecht nicht geziemen und ſte Deines Vertrauens unwerth machen.“ „Edle Damen, ich will nichts reden, was bei Eurem hohen Stande und gegenwärtigem Mißgeſchick übel angebracht wäre, aber Ihr ſolltet mich nicht nöthigen, ſo von meiner Mutter Nichte zu denken. Ihr ſeyd unglücklich geweſen, und mögt Grund haben, mit der Republik unzufrieden zu ſeyn, und hier ſeyd Ihr ſicher— aber ich wünſche keinen Tadel über Annina zu hören.“ Donna Florinde und ihr Zögling kannten die menſchliche Natur hinlänglich, um dieſe edle Ungläubigkeit als ein günſtiges Zeichen für die Reinheit der Geſinnung in ihrer jungen Wirthin anzuſehen, und begnügten ſich mit dem Erſuchen, daß Annina auf keine Weiſe von ihrer gegenwärtigen Lage Nachricht erhalte. Nach dieſer Ver⸗ ſtändigung beſprachen ſich die Drei mit mehr Muße über die Ausſicht der Flüchtlinge, den Ort, ſobald es Zeit wäre, unentdeckt zu verlaſſen. Auf Antrieb der Gouvernante ſchickte Gelſomina einen Diener des Gefängniſſes hinaus, um zu erfahren, wie es auf dem Platze ſtehe. Er erhielt beſonders den Auftrag, er ſolle, ohne Verdacht zu erregen, nach einem Karmeliter vom Orden der Barfüßermönche ſuchen. Bald kam er mit der Nachricht zurück, daß der Pöbel aus dem Hofe des Palaſtes gewichen und zur Kathedrale gezogen ſey mit der Leiche des Fiſchers, der am vorigen Tage in der Regatta ſo unerwartet den Preis davongetragen hatte. „Betet Eure Ave's ab, und geht zu Bett, ſchöne Gelſomina!“ ſchloß der Unter⸗Gefangenwärter,„denn die Fiſcher haben aufge⸗ hört zu ſchreien, um nunmehr zu beten. Per Diana! Die kahl⸗ köpfigen und kahlbeinigen Schufte ſind ſo unverſchämt, als ob St. Marco ihr Eigenthum wäre! Die edlen Patricier ſollten ihnen An⸗ Der Bravo. 23 354 ſtand lehren und jeden zehnten von den Schurken auf die Galeeren ſchicken. Hunde! Die Ruhe einer ordentlichen Stadt mit ihren ge⸗ meinen Beſchwerden zu ſtören!“ „Aber Duſagſt nichts von dem Mönche, iſt er bei den Aufrührern?“ „Es iſt ein Karmeliter am Altare— aber mein Blut kochte, als ich ſolche Bagabonden achtbaren Leuten die Ruhe ſtoren ſah, und ich habe wenig auf ſein Geſicht und ſein Alter Acht gegeben.“ „Dann haſt Du die Hauptſache verſäumt, um deren willen ich Dich geſchickt habe. Es iſt jetzt zu ſpät, den Fehler wieder gut zu machen. Du kannſt wieder an Dein Geſchäft gehen.“ „Bitte tauſendmal um Verzeihung, ſchoͤnſte Gelſomina, aber ein Mann im Amte muß unwillig werden, wenn er ſeine Rechte von dem Pöbel angetaſtet ſieht. Schickt mich nach Corfu, oder nach Candia, wenn's Euch beliebt, und ich will die Farbe von jedem Stein in ihren Gefängniſſen mitbringen, aber ſchickt mich nicht unter die Rebellen. Mir ſchwillt die Kehle, wenn ich Schufte ſehe!“ Da des Hauswarts Tochter ſich entfernte, während ihres Vaters Gehülfe dieſe Betheurung ſeiner Loyalität ergehen ließ, ſo ſah der Letztere ſich genöthigt, dem Reſt ſeines Unwillens in einem Selbſt⸗ geſpräch Luft zu machen. Eine von den Abſichten der Bedrückung iſt das Entſtehen einer Stufenleiter der Tyrannei von denen abwärts, die den Staat regieren, bis auf Diejenigen, welche über einen Einzelnen den Herrn ſpielen. Wer gewöhnt iſt, die Menſchen zu beobachten, weiß ohne uns, daß Niemand ſeine Untergebnen abſcheulicher behandelt, als wer ſelbſt von ſeinen Obern gedrückt wird, denn die armſelige Natur des Menſchen hat das geheime Verlangen, einen Schwächeren hüßen zu laſſen für das von einem Stärkeren erlittene Unrecht. Auf der andern Seite iſt, wenn es nicht als Pflicht von ihm gefordert wird, kein Stand ſo bereitwillig zu der Ehrerbietung, welche eine der Beloh⸗ nungen der Tugend, Erfahrung und Einſicht iſt, als Derjenige, welcher weiß, daß er auf allen Seiten geſichert iſt vor neuernden 355 Angriffen gegen ſeine angebornen Rechte. Daher iſt mehr Sicher⸗ heit vor Pöbelwuth und Gewaltthat in unſern freien Staaten, als irgend ſonſt wo auf der Erde, weil kein Bürger auf ſo niedriger Stufe ſteht, daß er nicht fühlen ſollte, wie jedes auch nur ſchein⸗ bare Verlangen, ſich zu rächen für die Ungunſt des Schickſals, dem andern eine ihm nicht gebührende Ueberlegenheit einräumt. Wenn der Strom künſtlich eingedämmt wird, ſo entſteht die Gefahr, daß er die ſeiner Natur fremden Schranken durchbreche; überläßt man ihn ſeinem eignen Lauf, ſo fließt er im tiefen Bette ruhig fort, bis er den Ueberfluß ſeiner Waſſer in den allgemeinen Behälter, den Ocean, ergießt. Gelſomina kehrte zu ihren Gäſten mit beruhigenden Nachrichten zurück. Der Tumult im Hofe des Palaſtes und das Ausrücken der Dalmatier hatte alle Augen genugſam beſchäftigt, und wenn auch einige neugierige Gaffer die Damen in das Gefängniß hätten ein⸗ treten ſehen, ſo war dieſer Umſtand doch ſo natürlich, daß es keinem einfallen konnte, daß Frauen von ſo hohem Rang dort auch nur einen Augenblick länger bleiben würden, als nöthig wäre. Ihre Sicherheit ward dadurch noch größer, daß auch die wenigen Ge⸗ fängnißwärter nicht zugegen geweſen, indem ſie ſich um die offnen Theile des Hauſes überhaupt nicht ſonderlich bekümmerten, und außer⸗ dem jetzt durch die Neugier hinausgelockt waren. Das anſpruchloſe Zimmer, in welchem die Damen ſich eben befanden, war ausſchließlich für den Bebrauch ihrer artigen Beſchützerin beſtimmt, und eine Störung kaum möglich, ſo lange der Senat noch nicht Zeit und Macht zur Anwendung jener furchtbaren Mittel, die alles Verborgne aufſpürten, wiedererlangt hatte. Mit dieſer Erklärung waren Donna Violetta und ihre Begleiterin ſehr zufrieden. Sie gewannen Muße, Mittel zu ihrer Flucht zu erſinnen, und die erſtere glühte von Hoffnung, ſich bald ihrem Camillo wiedergegeben zu ſehen. Doch war der Umſtand noch boͤſe, daß ſte den Letztern auf keine Weiſe von ihrer Lage in Kenntniß ſetzen 356 konnten. Als der Tumult aufhörte, beſchloſſen ſie ein Boot zu ſuchen, und in ſolcher Verkleidung als Gelſomina herbeiſchaffen könnte, nach ſeinem Palaſte zu rudern. Indeß überlegte Donna Florinde, daß dieſer Schritt zu gefährlich ſey, weil der Neapolitaner, wie bekannt, von der geheimen Polizei beobachtet wurde. Der Zufall, der zur Bekämpfung verwickelter Verhältniſſe oft wirkſamer iſt als die Liſt, hatte ſie an einen Ort geführt, der für den Augenblick Sicherheit gewährte, und dieſe vortheilhafte Stellung hätten ſie eingebüßt, wenn ſie ſich ohne die allergrößeſte Vorſicht allen auf den öffentlichen Kanälen mög⸗ lichen Gefahren preisgegeben hätten. 1 Endlich ſiel es der Gouvernante ein, die Dienſte in Erwägung zu ziehen, welche ihnen das niedliche Mädchen leiſten konnte, das ſchon ſo viel Theilnahme für ihr Schickſal bewieſen hatte. Wäͤhrend der Geſtändniſſe ihres Zöglings hatte Donna Florinde vermoͤge ihres weiblichen Takts die geheimen Triebfedern wohl bemerkt, welche die Gefühle der unerfahrnen Zuhörerin in Bewegung ſetzten. Gelſo⸗ mina hatte mit athemloſer Bewunderung gehört, wie Don Camillo ſich in den Kanal geworfen, um Violetta's Leben zu retten. Alle ihre Gedanken malten ſich in ihren Zügen, als die junge Tiepolo von den Gefahren ſprach„ die er beſtanden, um ihre Liebe zu ge⸗ winnen. Weiblichkeit blickte aus jedem Zuge ihres ſanften Geſichts, während die junge Braut das engere Band erwähnte, welches ſie jetzt vereinigt hielte, ein Band viel zu heilig, als daß die Politik des Senats es zerreißen dürfte. „Wenn wir Mittel hätten, Don Camillo von unſerer Lage zu unterrichten,“ ſagte die Gouvernante,„ſo könnte alles noch gut gehn. Sonſt aber wird uns dieſer ſo glücklich gefundne Zufluchts⸗ ort nichts helfen.“ „Iſt die Kühnheit des Kavaliers denn ſo gewaltig, daß er gar nicht vor Denen droben zittert?“ fragte Gelſomina. B„Er würde ſeine Getreuen aufbieten, und ehe der Tag an⸗ bricht, könnten wir außer dem Bereich ihrer Macht ſeyn. Dieſe ——-— 357 ſchlauen Senatoren wollen mit den Gelübden meines Zöglings um⸗ ſpringen, als wären es kindiſche Schwüre, und werden den Zorn des heiligen Stuhls ſelber herausfordern, wenn es ihr Intereſſe gilt.“ „Aber das Sakrament der Ehe iſt nichts Menſchliches. Da⸗ vor werden ſie wenigſtens Achtung haben.“ „Glaube das nicht. Keine Verpflichtung iſt ſo heilig, daß ſie Achtung davor haben ſollten, wenn ihre Politik auf dem Spiele ſteht. Was ſind die Neigungen eines Mädchens, was iſt das Glück einer verlaſſnen, hülfloſen Frau gegen ihren Vortheil? Daß mein Zögling jung iſt, führt Jene wohl zu dem Gedanken, mit ihrer Weisheit ihr beizuſtehen, nicht aber zu dem, daß das Elend, welches ſie ihr bereiten wollen, um ſo länger dauern wird. Die heilige Verpflichtung der Dankbarkeit bringen ſie nicht in Anſchlag. Die Bande der Zuneigung ſind ihnen bloß Mittel um ihre Unterthanen in Furcht zu ſetzen. Nichts wiſſen ſie von Nachſicht. Die Hin⸗ gebung weiblicher Liebe verſpotten ſie als eine Narrheit, an der man ſich bei Muße erluſtigt, um die Schärfe des Ungemachs in wichtigeren Angelegenheiten abzuſtumpfen.“ „Kann es etwas Wichtigeres geben, Signora, als die Ehe?“ „Sie iſt auch für ſie wichtig, als das Mittel, ihre Auszeichnungen und ihre ſtolzen Namen fortzupflanzen. Sonſt aber kümmern ſich die Räthe nicht viel um häusliche Angelegenheiten.“ „Sind ſie doch Väter und Gatten!“ „O ja, weil ſie, um mit Recht das erſtere ſeyn zu können, zuvor das letztere werden müſſen. Die Ehe iſt für ſie nicht ein Band heiliger und theurer Verwandtſchaft, ſondern ein Mittel, ihre Reichthümer zu vermehren und ihren Namen zu erhalten.“ So ſagte die Gouvernante, und beobachtete die Wirkung ihrer Rede auf dem Ge⸗ ſicht des unverſtellten Mädchens.„Heirathen aus Liebe nennen ſie Kin⸗ derſpiel, und handeln mit den Neigungen ihrer eignen Töchter wie mit ihren Waaren. Wenn ein Staat einmal ein goldnes Idol als ſeinen Gott aufſtellt, ſo werden Wenige ſich weigern, ihm zu opfern!“ 358 „Ich wünſchte wohl, daß ich für die edle Donna Violetta etwas thun könnte.“ „Du biſt zu jung, gute Gelſomina, und wie ich fürchte, nicht bekannt genug mit venetianiſcher Verſchlagenheit.“ ‧„Deswegen ſeyd unbeſorgt, Signora; ich kann in einer guten Sache ſo gut als ein andrer meine Schuldigkeit thun.“ „Wenn es möglich wäre, Don Camillo Monforte von unſerer Lage zu unterrichten,— aber Du haſt nicht Erfahrung genug, uns dieſen Dienſt zu leiſten.“ „Glaubt das nicht, Signora,“ ſiel Gelſomina ein, deren Stolz als eine neue Triebfeder nun hinzukam zu dem natürlichen Mitge⸗ fühl für ein Frauenzimmer, das faſt in einem Alter mit ihr und derſelben Leidenſchaft, welche ein weibliches Herz groß macht, un⸗ terworfen.„Ich kann wohl faͤhiger dazu ſeyn als mein Aeußeres ſollte denken laſſen.“ „Ich will Dir vertrauen, gutes Kind, und wenn die heilige Jungfrau uns beſchützt, ſo ſoll Dein Glück nicht vergeſſen werden.“ Die fromme Gelſomina bekreuzte ſich. Darauf unterrichtete ſie ihre Gefährtinnen von ihrer Abſicht, und ging hinein die nöthigen Vorbereitungen zu machen, während Donna Florinde ein Zettelchen ſchrieb in ſo vorſichtigen Ausdrücken, daß es bei einem ſchlimmen Ausgange nicht zu ihrer Entdeckung führen konnte, aber doch hin⸗ reichte, um den Herzog von St. Agata über ihre gegenwärtige Lage einen Wink zu geben. In wenigen Minuten kam des Hauswarts Tochter zurück. Ihr gewoͤhnlicher Anzug, die Tracht einer ſittſamen Venetianerin aus dem niederen Stande, machte keine Verkleidung nöthig, ihre Züge verdeckte die Maske, ein Stück der Kleidung, welches Jedermann in dieſer Stadt beſaß. Donna Florinde gab ihr nun den Zettel, be⸗ zeichnete die Straße und den Palaſt, den ſie aufzuſuchen hatte, ſo wie die Perſon des Herzogs von Agata, empfahl ihr nochmals die größte Vorſicht und entließ ſie. 4 — 6 — n 8 359 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Was iſt das Klügere hier? Recht oder Unrecht? Maaß für Maaß. In dem beſtändigen Kampfe zwiſchen der Unſchuld und der Ver⸗ ſchlagenheit, iſt die letztere ſo lang im Vortheil, als ſie ſich auf ge⸗ wöhnliche Lebensverhältniſſe beſchränkt. Sobald aber die erſte ihren Widerwillen gegen Beobachtung des Laſters bekämpft, ſo gewährt ihr der angeborne Adel, der natürliche Muth der Tugend ſicherern Schutz gegen die Berechnungen der Gegnerin, als wenn ſie von deren ſchlauen Hülfsmitteln die allerfeinſten anwendete. Die Natur hat einem Jeden von der Sünde gerade genug gegeben, um über die Regungen der Selbſtſucht und des Truges in Anderen ein Urtheil fällen zu können; ihre Lieblinge aber ſind diejenigen, deren Abſichten und Beweggründe ein ſolches Gepräge der Gerechtigkeit und Un⸗ eigennützigkeit tragen, welches allein hinreicht, die Pläne der Arg⸗ liſtigen zu Schanden zu machen. Unzählige verſtehen es, ſich vor den Geboten eines konventionellen Rechtes zu beugen, aber Wenige nur wiſſen ſich in neuen und ſchwierigen Lagen zu entſcheiden. Daher kommt es, daß Leute, die allzubewandert ſind in dem Treiben des Lebens, ſich doch beſtändig vergreifen, ſobald ſie mit der edlen Einfalt, mit der wahren Weisheit in Berührung kommen. Die Erfahrung eines jeden Tages beweiſt, daß, gleichwie kein Ruhm dauert, als der auf Tugend begründete, ſo auch keine Politik Si⸗ cherheit gewähre, als die im Gemeinwohl wurzelt. Gewöhnliche Geiſter können die Angelegenheiten der Geſellſchaft überſehen, ſo lange dieſe den gewöhnlichen Gang gehen. Weh aber dem Volke, welches bei großen Ereigniſſen Andern vertraut, als den Redlichen, Edlen, Weiſen und Menſchenfreundlichen. Denn ungewiß wird der Ausgang, wenn bloß gemeine Gewandtheit die zufälligen, unvorher⸗ geſehenen Umſtände handhabt, welche zur Wiedergeburt einer Nation 360 führen. Mehr als die Hälfte des Elends, welches den Bildungsgang der Menſchheit bald vereitelte, bald mit Schande beſleckte, rührt her von Verſäumniß in der Anſtellnng der großen Talente, welche durch große Zeiten immer geweckt werden. Wiewohl wir von den großen Gebrechen des venetianiſchen Regierungsſyſtems handeln, haben wir uns doch zu dieſer Abſchwei⸗ fung hinreißen laſſen, weil die Nutzanwendung unſrer Lehre nur aus den kommenden Ereigniſſen unſrer Erzählung abgeleitet werden kann. Wir bemerkten ſchon, daß Gelſomina gewiſſe wichtige Schlüſſel des Gefängniſſes in Verwahrung hatte. Ihr dies Vertrauen zu ſchenken, fühlten ſich die verſchmitzten Wächter des Gefängniſſes bewogen, durch Hoffnung, daß ſie arglos ihren Befehlen gehorchen würde, ohne zu vermuthen, daß ſie, dem Drange eines edlen Herzens nach⸗ gebend, dieſelben in einer, jener Hoffnung gefährlichen Weiſe ge⸗ brauchen konnte. Der Dienſt aber, den die Schlüſſel jetzt leiſten ſollten, bewies, daß die Schließer, und unter dieſen ihr Vater, ſelbſt nicht genügend wußten, wie viel Unſchuld und Einfalt vermögen. Gelſomina verſah ſich mit den erforderlichen Schlüſſeln, nahm eine Lampe und ſtieg vom Entreſol,* wo ſie wohnte, nach dem erſten Stockwerke des Gebäudes hinauf, ſtatt nach dem Hofe hinunter zu gehen. Thür auf Thür öffnete ſich, und manchen düſtern Gang durchmaß das ſchuldloſe Mädchen mit der Sicherheit deſſen, der ein gutes Werk vorhat. Bald ſchritt ſte über die Seufzerbrücke, ohne auf dieſem unbeſuchten Gange eine Störung zu befürchten, und ging in den Palaſt. Hier erreichte ſie eine Thür, welche nach den öffent⸗ lichen Ausgängen des Gebäudes führte. In der Sorge, ihre un⸗ ſträfliche That der Entdeckung zu entziehen, löſchte ſie ihr Licht aus und drehte den Schlüſſel. Im nächſten Augenblick befand ſie ſich auf der großen dunklen Treppe. Schnell ſtieg ſie hinunter und gelangte zu der bedeckten Gallerie, welche den Hof umgab. Wenige Schritte von ihr ſtand eine Schildwache. Der Soldat ſah das * Im Original ſteht mezzinino, was dem franzöſiſchen entresol entſpricht. 361 unbekannte Frauenzimmer neugierig an, da ihm aber nicht oblag, Diejenigen auszufragen, welche das Gebaͤude verließen, ſo ſprach er kein Wort und Gelſomina ging weiter. Da warf eben halbzögernd ein rachſüchtiges Weſen eine Anklage in den Löwenrachen. Unwill⸗ kürlich blieb Gelſomina ſtehen, bis der geheime Ankläger nach ſeinem 8 verrätheriſchen Werke ſich entfernte. Als ſie ihren Weg nun fortſetzen wollte, ſah ſie, daß der Hellebardier oben auf der Riefentreppe über ihre Verwunderung lächelte, wie Einer, der an ſolche Scenen gewöhnt iſt. „Iſt es gefährlich, den Palaſt zu verlaſſen?“ fragte ſie den rauhen Bergbewohner. „Corpo di Bacco! Vor einer Stunde mochte es ſo ſeyn, ſchönes Mädchen, aber den Aufwieglern iſt nun das Maul geſtopft und jetzt ſind ſie beim Gebete.“ Gelſomina zögerte nicht länger. Sie ſtieg die wohlbekannte Treppe, über welche einſt Falierv's Kopf dahinrollte, hinab, und ſtand bald unter dem Bogen des Thores. Hier zauderte das ſchüch⸗ terne und unerfahrne Mädchen wieder, denn gleich einem Reh, das ſein Lager verläßt, wagte ſie nicht auf den Platz hinauszugehen, ohne ſich vorher zu überzeugen, daß alles dort vollkommen ruhig ſey. Die Diener der Polizei waren zu ſehr durch den Aufſtand der Fiſcher aufgeſchreckt worden, um nicht alle ihre Geſchicklichkeit und Feinheit ſpielen zu laſſen, nachdem die Empörung gedämpft war. Man hatte die Balladenſänger und Marktſchreier dafür bezahlt, ſich wieder zu zeigen, und Gruppen gemietheter Leute ſtanden, zum Theil maskirt, zum Theil ohne Verkleidung, recht augenfällig auf der Piazza beiſammen. Kurz, man nahm zu den Mitteln ſeine Zuflucht, welche zur Beſchwichtigung des Volks in denjenigen Staaten üblich ſind, deren Civiliſation noch ſo neu oder doch ſo beſchränkt iſt, daß man dem Volk die Sorge für ſeine eigne Sicherheit nicht auzuvertrauen wagt. Wenige Kunſtgriffe ſind ſo abgenutzt, daß ſie nicht doch noch Manchen berücken ſollten. Die Müßiggänger, die Neugierigen, die wirklich Unzufriednen, die Aufrühreriſchen, die Hinterliſtigen, eine hinlängliche Beimiſchung von Unbedachtſamen und Solchen, die nur für die Freude der flüchtigen Stunde leben, eine der Anzahl nach nicht unbedeutende Klaſſe, hatten ſich den Ab⸗ ſichten der Polizei hergegeben. Gelſomina, im Begriff, die Piaz⸗ zetta zu betreten, fand daher beide Plätze großentheils mit Menſchen angefüllt. Einige aufgeregte Fiſcher umdrängten die Thüren der Kathedrale, wie Bienen die vor dem Stocke ſchwärmen, aber dieſ⸗ ſeits der Kirche war kein Grund zu Beſorgniß vorhanden. Wie wenig auch an ſolch ein Schauſpiel gewöhnt, ſo begriff das ſanfte Mädchen doch auf den erſten Blick, daß gerade die Menſchenmenge ihr Unbemerktheit gewähren würde. Sie zog ihren einfachen Mantel dichter um ihre Geſtalt, befeſtigte ihre Maske ſorgfältiger und ging mit ſchnellem Schritt mitten in die Piazza hinein. Wir wollen den weiteren Weg unſerer Heldin nicht ausführlich beſchreiben, noch wie ſie auf ihrem Gange, zur Ausführung eines Liebeswerkes, der Galanterie des Marktes, welche ihr Ohr beſtuͤrmte und beleidigte, auszuweichen bemüht war. Jung, behende und von ihrem Zweck befeuert, hatte ſie die Piazza bald hinter ſich und erreichte den Platz San Nicolo, wo eine Landeſtelle der öffentlichen Gondeln war. Es war aber in dieſem Augenblicke kein Fahrzeug da, weil Neugier oder Furcht die Gondoliere bewogen hatte, ihren Standort zu verlaſſen. Das Mädchen beſtieg daher die Brücke und ſtand eben auf der Höͤhe des Bogens, als ein Gondolier von der Seite des großen Kanals gemächlich daherruderte. Ihr zoͤgerndes, unſchlüſſiges Benehmen feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit und er machte das gewöhnliche Zeichen zur Erbietung ſeiner Dienſte. Da ſie faſt fremd war in den Straßen Venedigs— wahren Labyrinthen, dem Ungeübten ſchwieriger zu entwirren als in irgend einer andern Stadt derſelben Größe— ſo ging ſie auf das Anerbieten freudig ein. Die Stufen hinabſteigen, in das Boot ſpringen, das Wort„Rialto“ ausſprechen und ſich im Zelte verbergen, war das Werk eines Augenblicks. Das Boot war ſogleich in Bewegung⸗ —— 363 Gelſomina durfte nun ihres Erfolges ziemlich gewiß ſeyn, denn von der Kenntniß und den Plänen eines gewöhnlichen Booismanns konnte ſie wenig zu fürchten haben. Auch konnte er ihr Vorhaben nicht ahnen, und es war ſein Vortheil, ſie ſicher nach dem ver⸗ langten Orte zu bringen. Aber es lag ihr an dem glücklichen Ausgange ſo viel, daß ſie ihn nicht für gewiß halten konnte, ehe nicht alles gethan war. Sie ſammelte indeß ihre Entſchloſſenheit wieder ſo weit, daß ſte hinausſchaute auf die Paläſte und Fahr⸗ zeuge, denen ſie vorbeifuhr; da fühlte ſie die erfriſchende Luft des Kanals ihren Muth beleben. Nun wendete ſie ſich, um das Geſicht ihres Gondoliers zu betrachten, und bemerkte, daß ſeine Züge durch eine ſo ſchlau verfertigte Maske verborgen waren, daß ein zufälli⸗ ger Beobachter beim Mondlicht ſie nicht zu erkennen vermochte. Obſchon es üblich war, daß die Schiffsleute der Vornehmen gelegentlich ſich maskirten, ſo war dies doch bei einem öffentlichen Gondolier etwas ganz Ungewöhnliches. Dieſer Umſtand an ſich konnte wohl eine leichte Beſorgniß erregen, aber Gelſomina fand bei weiterer Ueberlegung nichts darin, als daß der Mann vielleicht von einer Ergötzlichkeit eben zurückgekommen war, oder von einer Serenade, bei welcher die Vorſicht des Liebhabers ſeine Begleiter genoͤthigt hatte, ſich ſo zu verbergen. 3 „Wollt Ihr auf dem öffentlichen Quai landen, Signora,“ fragte der Gondolier,„oder ſoll ich Euch nach der Thür Eures Palaſtes fahren?“ Gelſomina's Herz ſchlug hoch. Der Ton der Stimme, obgleich durch die Maske gedämpft, gefiel ihr. Aber nicht gewohnt, Anderer Angelegenheiten, am wenigſten ſo wichtige, zu beſorgen, erzitterte ſie vor der Rede, als wäre ſie nicht in ſo gutem Werk begriffen. „Kennſt Du den Palaſt eines gewiſſen Don Camillo Monforte, eines Adligen aus Calabrien, der hier in Venedig wohnt?“ fragte ſie nach einer augenblicklichen Pauſe. Der Gondolier wurde merk⸗ lich überraſcht durch dieſe Frage.. „Soll ich Euch dorthin rudern, Signora?“ „Wenn Du gewiß biſt, den Palaſt zu kennen.“ Raſch drehte er die Gondel und ſchnell glitt ſie zwiſchen hohen Mauern hin. Gelſomina merkte an dem Schall, daß ſie ſich in einem der engern Kanäle befand, und ſchloß daraus, daß der Gon⸗ dolier wohl bewandert in der Stadt ſeyn müſſe. Bald hielten ſie dicht vor einem Waſſerthore an, und der Mann erſchien auf der Treppe, ſeinen Arm darreichend, um ihr beim Ausſteigen zu helfen, wie Leute ſeines Gewerbes pflegen. Gelſomina hieß ihn ihre Rück⸗ kehr erwarten und ging hinein. Es war eine merkliche Verwirrung in Don Camillo's Haushalt, die einer erfahrneren Beobachterin gewiß aufgefallen wäre. Die Diener verriethen ſelbſt bei Verrichtung der allergewöhnlichſten Ge⸗ ſchäfte Ungewißheit, ihre Blicke wanderten mistrauiſch von einem zum andern, und als die ſchüchterne Fremde in den Hausflur trat, ſprangen Alle auf, keiner aber kam ihr entgegen. Ein maskirtes Frauenzimmer war kein ungewöhnlicher Anblick in Venedig, da wenige dieſes Geſchlechts die Kanäle beſuchten, ohne ihre Züge zu verhüllen. Aus dem unentſchloſſenen Benehmen der Diener Don Camillo's ging jedoch hervor, daß der Eintritt eines Frauenzimmers diesmal aufſiel. „Bin ich in der Wohnung des Herzogs von St. Agata aus Calabrien?“ fragte Gelſomina, welche einſah, wie nöthig es ſey, Feſtigkeit zu zeigen. „Signora, ja!“ „Iſt Euer Herr im Palaſte?“ „Signora, ja— und auch nein! Welch ſchöne Dame ſoll ich ihm melden, die ihm die Ehre erweiſt?“. „Wenn er nicht zu Hauſe iſt, ſo iſt es unnöthig, ihm irgend etwas zu melden. Iſt er aber da, ſo wünſchte ich ihn zu ſprechen.“ Die Diener, deren mehrere zugegen waren, ſteckten die Köpfe zuſammen, und ſchienen ſich zu ſtreiten, ob es rathſam ſey, den — 365 Beſuch anzunehmen. In dieſem Augenblick trat ein Gondolier in geblümter Jacke in den Hausflur. Gelſomina faßte Muth, als ſie ſein gutmuthiges Auge und ſein offenes Benehmen ſah. „Dient Ihr dem Don Camillo Monforte?“ fragte ſie, als er dem Kanal zu an ihr vorbeiging. „Mit dem Ruder, ſchönſte Donna,“ erwiederte Gino nach der Mütze greifend, aber ſich kaum nach ihr umſehend. „Kann man ihm nicht melden, daß ein Frauenzimmer angele⸗ gentlich wünſcht, ihn allein zu ſprechen?“ „Ein Frauenzimmer! Santa Maria! ſchöne Donna, die Frauen⸗ zimmer, die in ſolchen Geſchäften kommen, nehmen kein Ende in Venedig. Ihr könntet eher der Statue des heiligen Theodor auf der Piazza einen Beſuch machen, als gegenwärtig meinen Herrn ſehen. Der Stein würde euch beſſer aufnehmen.“ „Heißt er Euch allen meines Geſchlechtes, die da kommen, ſolche Antwort geben?“ „Diavolo! Signora, Ihr verſteht das Ausfragen. Vielleicht möchte mein Herr eine Eures Geſchlechts, die ich nennen könnte, nöthigenfalls empfangen, aber auf Gondoliersehre, er iſt in dieſem Augenblick eben nicht der galanteſte Kavalier in Venedig.“ „Wenn er Einer dieſen Vorzug geben würde— ſo ſeyd Ihr ſehr kühn für einen Diener: wie wißt Ihr denn, daß ich nicht dieſe Eine bin?“* Gino ſtutzte. Er betrachtete die Geſtalt der Anredenden und verbeugte ſich, indem er ſeine Mütze zog. „Signora, ich weiß gar nichts von der Sache,“ ſagte er, „Ihr möget ſeine Hoheit der Doge ſeyn oder der Geſandte des Kaiſers. Ich maße mir ſeit kurzem nicht mehr an, irgend etwas zu wiſſen in Venedig.“ Gino's Worte wurden durch den öffentlichen Gondolier unter⸗ brochen, der haſtig eingetreten war und ihm auf die Schulter klopfte. Dann flüſterte er dem Diener Don Camillo's in das Obr: 34 ————õÿ 366 „Dies iſt nicht der Augenblick, Jemanden abzuweiſen. Laß die Fremde hinauf!“ Gino zögerte nicht länger. Mit der Entſchiedenheit eines Lieblingsdieners drängte er den Kammerdiener bei Seite und erbot ſich, Gelſomina ſelber zu ſeinem Herrn zu führen. Als ſie hinauf⸗ gingen, entfernten ſich Dreie von den untern Bedienten. Don Camillo's Palaſt hatte einen Anſtrich von mehr als venetianiſcher Düſterkeit. Die Zimmer waren ſpärlich erleuchtet, viele Wände waren ihrer koſtbarſten Gemälde beraubt, und auch in andrer Beziehung konnte ein aufmerkſames Auge Spuren von eVia des Eigenthümers, hier nicht für immer wohnen zu bleiben, wahrnehmen. Dieſe Umſtände bemerkte aber Gelſomina nicht, als ſie dem Gondolier durch die Gemächer bis in die innern Theile des Hanſes folgte. Hier ſchloß der Gondolier eine Thür auf, und ſeine Begleiterin mit einem halb zweifelhaften, halb ehr⸗ furchtsvollen Blick betrachtend, nöthigte er ſie durch ein Zeichen, einzutreten. „Mein Gebieter,“ ſagte er,„empfängt Damen gewöhnlich hier. Belieben Excellenz einzutreten, während ich gehe, ihm ſein Glück zu melden.“ 3 Gelſomina that entſchloſſen, obgleich es ihr gewaltig auf das Herz fiel, als ſie hinter ſich den Schlüſſel im Schloſſe drehen hörte, Sie befand ſich in einem Vorzimmer, und da das Licht, welches durch die Thür eines anſtoßenden Gemaches fiel, ſie ſchließen ließ, daß ſie weiter gehen ſollte, ſo trat ſie hinein. Hier ſah ſie ſich plötzlich einem andern Frauenzimmer gegenüber. „Annina!“ rief das unerfahrne Mädchen vom Gefängniſſe im erſten Erſtaunen. „Gelſominal ei, die einfache, ſtille, halblaute, ſittſame Gelſo⸗ mina!“ entgegnete die Andre.. Annina's Worte ließen nur eine Auslegung zu. Verwundet, gleich einer zerdrückten Sinnpflanze, nahm Gelſomina die Maske ab, —.. —— „Du hier?“ nahm Annina daſſelbe Wort auf, mit dem Ge⸗ 367 denn theils gekränktes Gefühl, theils Erſtaunen drohten, ſie des Athems zu berauben. „Du hier?“ fügte ſie hinzu, kaum wiſſend was ſie ſagte. lächter der Gefallenen, wenn ſie die Unſchuld zu ihrer eignen Nie⸗ drigkeit herabgeſunken glauben. „Was mich betrifft, ſo führte Mitleid mich hierher.“ „Santa Maria! da haben wir ja beide gleichen Zweck!“ „Annina! ich weiß nicht was Du ſagen willſt! Iſt denn dieß der Palaſt Don Camillo Monforte's— eines edlen Neapolitaners, der auf einen Sitz im Senat Anſpruch macht?“ „Der galanteſte, hübſcheſte, reichſte und unbeſtändigſte Kavalier in Venedig. Wärſt Du ſchon tauſendmal hier geweſen, Du könnteſt nicht beſſer unterrichtet ſeyn?“ Gelſomina hörte ſchaudernd dieſe Worte. Ihre ſchlaue Couſine, welche ihren Charakter ſo vollkommen kannte, als nur immer das Laſter die Unſchuld kennen kann, beobachtete ihre farbloſen Wangen und ihre ſich zuſammenziehenden Augen mit geheimen Triumphe. Im erſten Augenblick hatte ſie alles, was ſie zu verſtehen gegeben, wirklich geglaubt, aber eine zweite Erwägung und der Anblick der ſichtlichen Angſt, in welche das erſchreckte Mädchen geſtürzt war, gaben ihrem Argwohn eine neue Richtung. „Aber ich ſage Dir ja nichts Neues,“ fuhr ſie ſchnell fort. „Es thut mir nur leid, daß Du mich findeſt, wo Du ohne Zweifel den Herzog von St. Agata ſelber anzutreffen erwarteteſt.“ „Annina! das von Dir!“ „Du kamſt doch gewiß nicht nach ſeinem Palaſte, um Deine Couſine aufzuſuchen!“ Gelſomina war mit dem Kummer lange vertraut geweſen, hatte aber nie bis dieſen Augenblick die tiefe Demüthigung der Schande gefühlt. Thränen brachen aus ihren Augen und unfähig ſich auf⸗ recht zu halten, ſank ſie in einen Seſſel. 368 „Ich wollte Dich nicht ſo unerträglich kränken,“ ſetzte die ſchlaue Tochter des Weinhändlers hinzu.„Aber daß wir beide in dem Kabinet des galanteſten Kavaliers von Venedig uns befinden, iſt doch außer allem Zweifel.“ „Ich habe Dir geſagt, daß Mitleid mit einem Andern mich hie⸗ her geführt hat.“ „Nun ja, Mitleid mit Don Camillo.“ „Mit einer edlen Dame— einer jungen, tugendhaften, ſchönen Frau— einer Tochter des Hauſes Tiepolo— bedenke, Annina, des Hauſes Tiepolo!“ „Wie ſollte eine Tiepolo zu den Dienſten eines Mädchens aus dem Staatsgefängniſſe kommen?“ „Doch! Weil Die droben ungerecht geweſen ſind. Die Fiſcher haben einen Tumult gemacht, und die Dame mit ihrer Gouvernante ſind durch die Aufwiegler befreit worden,— und Seine Hoheit hat mit ihnen im großen Hofe geſprochen,— und auf dem OQuai waren die Dalmatier,— und da konnte auch das Gefängniß Damen ihres Standes in ſo großer Noth zum Zufluchtsort dienen— und die heilige Kirche ſelbſt hat ihre Liebe geſegnet—“ Gelſomina konnte nicht weiter reden: athemlos durch den Eifer, ſich zu rechtfertigen, und in die Seele verwundet durch die ſeltſame Verlegenheit, in die ſie gerathen war, ſchluchzte ſie laut. So un⸗ zuſammenhängend ihre Rede auch geweſen war, ſo hatte ſie doch genug geſagt, um Annina die Sache unzweifelhaft zu machen. Sie ſelbſt war ja ſowohl mit der geheimen Heirath, als mit dem Auf⸗ ſtand der Fiſcher und mit der in der vorigen Nacht erfolgten Ab⸗ fahrt der Damen nach einem Kloſter auf einer entfernten Inſel, und ihrer Entfernung von dort genau bekannt; ſie ſelbſt war ja ge⸗ zwungen worden, Don Camillo dorthin zu führen, ſobald dieſer die Abreiſe derer, welche er ſuchte, erfahren hatte; bekannt mit dieſem allen begriff die Tochter des Weinhändlers ſogleich, nicht bloß den Auftrag ihrer Couſine, ſondern auch die ganze Lage der Flüchtigen. W. G——, — d& 8KL— U AU 188 RK 369 „Und Du ſchenkſt dieſem Mährchen Glauben, Gelſomina?“ ſagte ſie, ſich ſtellend, als ob ſie ihrer Couſine Leichtgläubigkeit bedauerte. „Diejenigen, welche den Sanct Marcus⸗Platz beſuchen, wiſſen recht gut, weß Geiſtes Kinder Deine Tiepolo und ihre Gouvernante ſind.“ „Hätteſt Du nur die Schönheit und Unſchuld der Dame geſehen, Annina, Du würdeſt ſo nicht reden.“ „Gelobter San Teodor! Was iſt ſchöner als das Laſter! Es iſt das wohlfeilſte Kunſtſtück des Teufels, um ſchwache Sünder zu betrügen. Wenn Dein Beichtvater Dir das noch nicht geſagt hat, Gelſomina, ſo nimmt er es eben nicht ſo genau mit guten Sitten als der meinige.“ „Aber weshalb ſollte ein Frauenzimmer von ſolcher Lebensart ſich in das Gefängniß flüchten?“ „Gewiß hatten ſie alle Urſache, ſich vor den Dalmatiern zu fürchten. Aber ich kann Dir mehr noch von Denen ſagen, welche Du aufgenommen haſt zur größten Gefahr Deines eignen Rufes. Es giebt Weiber in Venedig, die auf verſchiedne Weiſe ihr Geſchlecht verunehren, und dieſe, hauptſächlich die ſogenannte Florinde, ſind berüchtigt wegen ihres Geſchäfts, den Staat um ſeine Einkünfte zu bringen. Sie hat von dem Neapolitaner ein Geſchenk an Weinen bekommen, die auf ſeinen calabriſchen Bergen wachſen, und da ſie meine Ehrlichkeit zu verführen wünſchte, ſo bot ſie mir das Ge⸗ tränk an, und bildete ſich ein, daß eine Perſon wie ich ihre Pflicht vergeſſen und den Staat betrügen würde.“ „Das läßt ſich ſchwer glauben, Annina.“ „Weshalb ſollte ich Dich täuſchen? Sind wir nicht Schweſter⸗ kinder, und obſchon meine Geſchäfte auf dem Lido mich Deiner Ge⸗ ſellſchaft viel entziehen, herrſcht nicht natürliche Liebe zwiſchen uns? Ich führte Klage bei der Obrigkeit, auf die Weine ward Beſchlag gelegt, und die angeblich adligen Damen mußten ſich eben heute verſtecken. Man glaubt, ſie wollen mit ihrem liederlichen Neapolitaner aus der Stadt fliehen. Genöthigt, Zuflucht zu ſuchen, haben ſie Der Bravo. 24 370 Dich abgeſchickt, ihm ihren Verſteck anzuzeigen, damit er ihnen zu Hülfe kommen möge.“ „Und weshalb biſt Du hier, Annina?“ „Ich wundere mich, daß Du das nicht eher gefragt haſt. Gino, Don Camillo's Gondolier, hat mir lange vergeblich die Cour ge⸗ macht, und als dieſe Florinde ſich beſchwerte, daß ich, was doch jedes ehrliche Mädchen in Venedig thun müßte, ihren Betrug bei Gericht angezeigt hätte, rieth er ſeinem Herrn, mich ergreifen zu laſſen, theils aus Nache, theils in der eitelen Hoffnung, ich würde mich bewegen laſſen, meine Klage zurückzunehmen. Du haſt wohl ſchon gehört von der verwegnen Gewaltthätigkeit dieſer Kavaliere, wenn man ihrem Willen entgegenhandelt?“ Annina erzählte hierauf mit hinlänglicher Genauigkeit die Um⸗ ſtände ihrer Gefangennehmung, nur das verheimlichend, was ſie nicht, ohne ſich zu verrathen, ſagen durfte. „Aber Annina, es giebt doch eine Erbin von Tiepolo.“ „So gewiß, als es Couſinen giebt wie wir ſind. Santa Madre di Dio! daß dieſe verrätheriſche, freche Weiber auf ſolche Unſchuld ſtoßen mußten, wie Du biſt! Sie hätten nur in meine Hände kom⸗ men ſollen, denn obgleich ich fuͤr ihre Liſt auch zu unwiſſend bin,— die gelobte Santa Anna weiß es— ſo kenne ich doch ſchon ihren wahren Charakter.“ „Sie haben auch von Dir geſprochen, Annina!“ Des Weinhändlers Tochter ſchoß einen Blick auf ihre Coufine, wie die tückiſche Schlange auf einen Vogel. Aber ſie verlor ihre Beſonnenheit nicht und ſagte: „Gewiß nicht zu meinen Gunſten. Es ſollte mir leid thun, wenn ſolche Perſonen mich lobten!“ „Sie ſind Deine Freundinnen eben nicht, Annina.“ „Sie haben Dir vielleicht geſagt, Kind, daß ich im Sold des Senats ſtände!“ „Das haben ſie in der That!“ 371 „Es wundert mich nicht. Dies unehrliche Geſindel kann ſich nicht einbilden, daß man etwas blos wegen des Gewiſſens thun könne. Aber da kommt der Neapolitaner.— Sieh nur den Lüderjan an, Gelſomina, und Du wirſt ihn ſo ſehr als ich verabſcheuen.⸗ Die Thür ging auf, und Don Camillo Monforte trat ein. Es war ein Mistrauen in ſeinem Benehmen, welches ſchließen ließ, daß er eine Liſt von Seiten des Raths der Dreimänner vermuthete. Gelſomina erhob ſich, und obgleich durch die Erzählung ihrer Couſine und die vorangehenden Eindrücke aufgeregt, ſtand ſie doch während ſeines Herannahens da, wie ein anmuthiges Bild der Sittſamkeit. Der Neapolitaner ward von ihrer Schönheit und von ihrem einfachen Weſen ſichtlich ergriffen, aber ſeine Stirn war gerunzelt wie die eines Mannes, der ſein Inneres gegen alle Täuſchung ſtählen will. „Du wollteſt mich ſprechen?“ fragte er. „Ich hatte dieſen Wunſch, edler Herr, aber— Annina—⸗ „Da Du eine andre ſiehſt, haſt Du Deine Abſicht geändert.“ „Ja, Signore.“ Don Camillo ſah ſie ernſtlich und mit männlichem Bedauern an, „Du biſt jung für Deinen Stand— hier iſt Gold. Geh wie Du gekommen biſt. Aber halt— kennſt Du dieſe Anning?“ „Sie iſt meiner Mutter Schweſtertochter, edler Duca!“ „Per Diana, eine würdige Verwandtſchaft. Geht mit einander, denn ich bedarf keiner von beiden. Aber höre!“ hierbei faßte er Annina beim Arme und führte ſie bei Seite, wo er mit leiſer aber drohender Stimme fortfuhr:„Du ſiehſt, daß ich, ſo gut wie Dein Senat, mich furchtbar machen kann. Nicht über die Schwelle Deines Vaters kannſt Du gehen, ohne daß ich es erfahre. Wenn Du klug biſt, ſo wirſt Du Deine Zunge im Zaum halten. Thu' was Du willſt, ich fürchte Dich nicht. Aber nimm Dich in Acht, wenn Du klug biſt.“. Annina machte eine tiefe Verbeugung, gleichſam die Weisheit ſeiner Mahnung anerkennend, nahm ihre halb bewußtloſe Couſine 372 beim Arm, verneigte ſich abermals und eilte aus dem Zimmer. Da, wie die Diener wußten, ihr Herr in ſeinem Kabinet geweſen, hielten ſte es für unnöthig, der Flucht der Damen ſich zu widerſetzen. Gel⸗ ſomina, die noch ungeduldiger war als ihre verſchmitzte Gefährtin, einem Orte zu entgehen, den ſie für befleckend hielt, war faſt ohne Athem als ſie die Gondel erreichte. Ihr Beſitzer wartete auf der Treppe und in einem Augenblicke entſchwebte das Boot dem Hauſe, welches beide Frauenzimmer, obgleich aus ganz verſchiedenen Grün⸗ den, froh waren, verlaſſen zu dürfen. 3 Gelſomina hatte ihre Maske in der Eile vergeſſen, und die Gondel war nicht ſobald im großen Kanal, als ſie ſich dem Fenſter des Pavillons näherte, um die Abendluft zu genießen. Die Strahlen des Mondes ſielen auf ihr ſchuldloſes Auge, und ihre Wange glühete jetzt, theils vor gekränktem Ehrgefühl, theils vor Freude, daß ſie einer ſo entehrenden Lage entronnen war. Da ward ihre Stirn von einem Finger berührt, und als ſie ſich wendete, bemerkle ſie, daß der Gondolier ihr ein Zeichen machte, ja vorſichtig zu ſeyn. Dann luͤftete er ſeine Maske ein wenig. „Carlo!“ wäre beinah ihren Lippen entfahren. Aber ein zweites 13 verhinderte den Ausruſ. Gelſomina zog ihren Kopf zurück, und ſobald ihr klopfendes Herz zu pochen nachließ, ſenkte ſie ihr Geſicht und lispelte ein Dankgebet, daß ſie ſich in ſolchem Augen⸗ blick im Schutz eines Mannes fand, der ihr ganzes Vertrauen beſaß. Der Gondolier fragte nicht, wohin er ſeine Fahrt richten ſolle. Das Boot lief dem Hafen zu, und beiden Frauenzimmern ſchien dies ganz natürlich. Annina vermuthete nämlich, daß es zum Platze zurückkehre, wohin ſie ſich auch begeben hätte, wenn ſie allein ge⸗ weſen wäre, und Gelſomina, welche ihren Carlo für einen Gondolier vom Handwerk hielt, bildete ſich demgemäß ein, daß er ſie nach ihrer Wohnung zurückbringe. Aber wenn der Unſchuldige auch die Verachtung der Welt er⸗ tragen kann, ſo iſt es viel härter für ihn, ſich Denen, die er liebt, -— — 373 verdächtig zu wiſſen. Alles, was Annina ihr vom Charakter Don Camillo's und ſeiner Befreundeten geſagt hatte, fiel der ſanften Gel⸗ ſomina nach und nach ein, und ſie fühlte, wie ihr Blut zu den Schläfen ſtieg, als ſie an die Auslegung dachte, welche ihr Geliebter ihrem Betragen geben könnte. Zehnmal ſagte das unſchuldige Mäͤd⸗ chen ſich ſelbſt zur Beruhigung:„er kennt mich ja, und wird das Beſte denken,“ und eben ſo oft drängte ſie ihr Gefühl, ihm alles zu erzählen. Ungewißheit iſt in ſolchen Augenblicken weit peinlicher als die Vertheidigung ſelbſt, welche an ſich eine demüthigende Pflicht für den Tugendhaften iſt. Unter dem Vorwande, daß ſie friſche Luft ſchöpfen wolle, ließ ſie ihre Couſine allein unter dem Zelte, und Annina bedauerte dies ganz und gar nicht, denn es that ihr Noth, über alle die Windungen des krummen Weges, den ſie eingeſchlagen hatte, nachzudenken. Gelſomina kam glücklich an dem Pavillon vorbei zur Seite des Gondoliers. „Carlo,“ ſagte ſie, da ſie merkte, daß er ſtillſchweigend weiter⸗ ruderte. „Gelſomina?“ „Du denkſt doch nichts Arges von mir?“ „Ich kenne Deine ſchäͤndliche Couſtne und kann mir denken, daß ſie Dich zu ihrem Spielzeug macht. Ich werde ſchon ſeiner Zeit die Wahrheit erfahren.“ 4 „Kannteſt Du mich nicht, Carlo, als ich Dich von der Brücke rief?“ „Nein. Jedes Geſchäft war mir willkommen, um nur die Zeit hinzubringen.“ „Warum nennſt Du Annina ſchändlich?“. „Weil es in Venedig kein hinterliſtigeres Herz und keine fal⸗ ſchere Zunge giebt.“ Gelſomina dachte an Donna Florinde's Warnung. Begünſtigt durch die Blutsverwandtſchaft und das Vertrauen, welches der Un⸗ erfahrene immer in die Redlichkeit ſeiner Freunde ſetzt, bis einmal der 374 Schaden ihn enttäuſcht, hatte Annina ihre Couſine ſo leicht überreden können, daß ihre Gäſte nichts taugten. Jetzt aber hoͤrte ſie einen Mann, der ihre ganze Liebe beſaß⸗ Annina ſelbſt beſchuldigen. In ſolcher Un⸗ gewißheit that das in Verwirrung gebrachte Mädchen, was die Natur und ihr Gefühl geboten. Sie erzählte leiſe und ſchnell die Vorfälle des Abends und Annina's Erdichtung von dem Betragen der Frauen⸗ zimmer, welche ſie im Gefängniſſe zurückgelaſſen hatte. Jacopo hörte ſo aufmerkſam zu, daß ſein Ruder im Waſſer hinſchleppte. „Genug— ſagte er, als Gelſomiua über ihren eignen Eifer ſich vor ihm zu reinigen, vollendet hatte.— Ich verſtehe alles. Traue Deiner Couſine nicht, denn der Senat ſelbſt iſt nicht argliſtiger.“ Der vorgebliche Carlo ſprach mit Vorſicht, aber mit feſter Stimme. Gelſomina verſtand ihn, obgleich ſeine Worte ſie in Er⸗ ſtaunen ſetzten, und ging wieder hinein zu Annina. Die Gondel ſetzte ihren Lauf fort, als wäre nichts geſchehen. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 21 Genug. Jetzt könnt' ich luſtig ſeyn. Hubert, Dich lieb' ich, Wohlan, nicht ſag' ich was ich mit Dir vorhab': Denk daran. 3 König Johann. Jacopo kannte die Schliche venetianiſcher Hinterliſt genau. Er wußte, daß der Rath mit Hülfe ſeiner Agenten immerwährend Die⸗ jenigen im Auge behielt, an denen ihm etwas gelegen war, und verließ ſich deshalb nicht allzuſehr auf die Vortheile, welche die Umſtände ihm in den Weg geführt zu haben ſchienen. Annina hatte er zwar in ſeiner Gewalt, und es war unmöglich, daß ſie die von Gelſomina erhaltenen Nachrichten ſchon einem Beamten mit⸗ getheilt haben konnte. Aber eine Gebärde, eine Miene im Vor⸗ — — — — - - 8o¼½g= 375 H überfahren bei den Thüren des Gefängniſſes, der Anſchein, daß man ſie gefangen halte, ein Schrei konnte einige von den tauſend Spionen der Polizei in Bewegung bringen. Daher war das nächſte und wichtigſte Geſchäft, Annina an irgend einem ſichern Orte unter⸗ zubringen. Zum Palaſte Don Camillo's zurückkehren, hätte geheißen, den Miethlingen des Senats in die Falle laufen. Freilich hatte der Neapolitaner, ſich auf ſeinen Rang und Einfluß ſtützend, dieſen Schritt ſchon einmal gethan; allein damals lag weniger daran, das Mädchen feſt zu halten, da alles, was ſie wußte, ohnehin ſchon ver⸗ rathen war, jetzt aber verhielt die Sache ſich anders, weil ſie den Beamten zur Auffindung der Flüchtlinge zu verhelfen im Stande war. Die Gondel ſetzte ihre Fahrt fort. Ein Palaſt nach dem andern blieb zurück, und Annina warf ſich ungeduldig in das Fenſter, um zu ſehen, wie weit man gekommen wäre. Da das Boot ſich mitten unter den Schiffen im Hafen befand, vermehrte ſich ihre Unruhe ſichtlich. Unter einem ähnlichen Vorwand, wie zuvor Gelſomina, verließ die Tochter des Weinhändlers den Pavillon und ſtahl ſich an die Seite des Gondoliers. „Ich wünſche ſogleich bei dem Waſſerthore vom Palaſte des Dogen gelandet zu werden,“ ſagte ſie, und ließ eine Si ermünze in die Hand des Gondoliers gleiten. „Ihr ſollt bedient werden, Bella Donna. Aber— Diamine! ich wundre mich, daß ein ſo kluges Mädchen die Schätze, die jene Feluke enthält, nicht wittert.“ „Meinſt Du den Sorrentiner?“ „Welch andrer Patrone bringt ſo blumenreichen Wein nach dem Lido! Sey nicht ſo ungeduldig zu landen, Tochter des ehrlichen alten Maſo, und ſchließe mit dem Schiffer einen Handel, daß wir Leute von den Kanälen etwas zu ſchmecken bekommen.“ „Wie, Du kennſt mich alſo?“ „Die hübſche Weinhändlerin vom Lido. Corpo di Bacco! Du biſt ſo bekannt bei uns Gondolieren wie der Waſſerdamm.“ 376 IT „Warum biſt Du maskirt? Sollteſt Du Luigi ſeyn? Unmöglich.“ „Es kommt wenig darauf an, ob ich Luigi, Enricv oder Giorgio heiße, ich bin Dein Kunde, und mir iſt das kleinſte Härchen Deiner Augenbrauen werth. Du weißt, Annina, daß die jungen Patricier ihre Späße haben, und ſie laſſen uns Gondoliere ſchwören, daß wir uns verborgen halten wollen, bis die Gefahr der Entdeckung vorüber iſt. Wenn ein unberufenes Auge mir nachblickte, ſo könnte ich am Ende darüber befragt werden, wie ich die Frühſtunden zugebracht hätte.“ „Mich dünkt, Dein Patricier hätte beſſer gethan, Dir Gold zu geben und Dich ſogleich nach Hauſe zu ſchicken.“ „Damit man mir nachkäme bis an meine Thüre, gleich einem verdächtigen Juden? Nein, nein, wenn mein Boot ſich unter tauſend andere gemiſcht haben wird, dann wird es Zeit ſeyn, mich zu de⸗ maskiren. Nun, willſt Du zur bella Sorrentina?“ 5 „Es bedarf ja der Frage nicht, da Du von ſelbſt dahin fährſt.“ Der Gondolier lachte und nickte mit dem Kopfe, als wollte er ſeiner Gefährtin zu verſtehen geben, daß er ihre geheimen Wünſche kenne. Annina war noch im Ueberlegen, auf welche Weiſe ſie ihn bewegen ſollte, ſeine Abſicht zu ändern, als die Gondel ſchon die Feluke A. dun „Wir wollen hinaufgehn und mit dem Padrone reden,“ fluͤſterte Jacopo. „Es wird nichts helfen. Er hat keinen Wein.“ „Trau' ihm nicht.— Ich kenne den Mann mit ſeinen Ausflüchten.“ „Aber Du vergiſſeſt meine Couſine.“ 4 „Sie iſt ein unſchuldiges Kind, ohne allen Argwohn.“ Jacopo hob Annina, während er ſprach, auf das Verdeck des Sorrentiner Schiffes halb galant und halb gewaltſam; darauf ſprang er ihr nach. Ohne Zögern, ohne ſie ihre Gedanken ſammeln zu laſſen, führte er ſie zur Treppe der Kajüte, und ſie ſtieg hinunter, verwundert über ſein Benehmen, aber feſt entſchloſſen, ihre geheimen Sünden gegen das Zollrecht nicht vor einem Fremden zu verrathen. 377 Stefano Milano ſchlief auf dem Verdeck in einem Segel. Eine Berührung weckte ihn, und ein Zeichen gab ihm zu verſtehen, daß der vermeintliche Roderigo vor ihm ſtände. „Bitte tauſendmal um Verzeihung, Signore,“ ſagte der See⸗ mann gähnend.„Iſt die Ladung da?“ „Nur zum Theil. Ich habe Dir eine gewiſſe Annina Torti gebracht, die Tochter des alten Tomaſa Torti, eines Weinhändlers auf dem Lido.“ „Santa madre! Hält es der Senat der Mühe werth, ſolch eine Perſon heimlich aus der Stadt zu ſchicken?“ „Ja— und zwar legt er auf ihre Aufbewahrung großen Werth. Ich habe ſie hergebracht, ohne daß ſie meine Abſicht merkte, und habe mich eines Weingeſchäftes zum Vorwand bedient, um ſie hin⸗ unter zu bringen in die Kajüte. Unſerer frühern Verabredung ge⸗ mäß wird es nun Deine Sache ſeyn, Dich ihrer Perſon zu verſichern.“ „Das iſt leicht gemacht,“ erwiederte Stefano, indem er hin⸗ ging und die Kajütenthüre zumachte und verriegelte.„Sie iſt nun allein mit dem Muttergottesbilde, und hat die ſchönſte Gelegenheit ihre Aves zu beten.“ „Es iſt gut, wenn Du ſie ſo feſthalten kannſt. Jetzt aber iſt es Zeit die Anker zu lichten, und mit der Feluke die Reihen der übrigen Schiffe zu verlaſſen.“ „Signore, in fünf Minuten ſind wir damit fertig.“ „So thue es in aller Eil, denn von der Erledigung dieſes wichtigen Geſchäfts hängt viel ab. Ich werde bald wieder bei Dir ſeyn. Höre, Meiſter Stefano, nimm die Gefangne in Acht, denn dem Senat liegt viel daran, daß ſie ſicher verwahrt ſey.“ 3 Der Calabreſe machte ein Zeichen wie Verſchmitzte pflegen, wenn ſie andeuten wollen, daß man ſich auf ihre Schlauheit verlaſſen könne. Während der angebliche Roderigo wieder in ſeine Gondel ſtieg, weckte Stefano ſeine Leute, und als die Gondel in den Kanal San Marco einlief, fielen ſchon die Segel der Feluke, und das 378 calabriſche Schiff mit ſeinem niedrigen Deck ſtahl ſich längs der Reihe der Fahrzeuge in das offne Waſſer. Das Boot legte ſchnell bei der Treppe des Waſſerthores des Palaſtes an. Gelſomina ging unter den Bogen, ſchlich die Rieſen⸗ treppe hinauf, denſelben Weg, auf welchem ſie den Palaſt verlaſſen hatte. Der Hellebardier, welcher Wache ſtand, war noch derſelbe. Er ſagte ihr eine Galanterie und ließ ſie ungehindert hinein. „Schnell, edle Damen, ſchnell, um die Liebe der heiligen Jung⸗ frau willen!“ ſchrie Gelſomina, in das Zimmer ſtürzend, in welchem Violetta und ihre Gefährtin ſie erwarteten.„Ich habe durch meine Schwäche Eure Freiheit in Gefahr gebracht, und es iſt kein Augen⸗ blick zu verlieren. Folgt mir, ſo lange es noch Zeit iſt, und gönnt Euch nicht die Muße, ein Gebet zu flüſtern.“ „Du biſt eilig und athemlos,“ erwiederte Donna Florinde,„haſt Du den Herzog von St. Agata geſprochen?“ „Fragt mich nicht, folgt mir nur, edle Damen.“ Gelſomina ergriff die Lampe und mit einem Blick, welcher ihre Gaͤſte aufforderte, ſtillſchweigend zu folgen, führte ſie dieſelben in die Korridors. Man kam ſicher aus dem Gefängniſſe und über die Seufzerbrücke, denn Gelſomina hatte die Schlüſſel noch, und die Geſellſchaft eilte die große Treppe des Palaſtes hinab zur offnen Galerie. Man legte ihnen kein Hinderniß in den Weg, und ſo ge⸗ langten ſie in den Hof, indem ſie für Frauenzimmer galten, welche in Geſchäften ausgehen. Am Waſſerthore wartete Jacopo. In weniger als einer Minute kreuzte ſeine Gondel den Hafen, dem Laufe der Feluke folgend, deren weißes Segel im Morndlicht ſichtbar war, bald im Winde ſchwellend, bald ſchlaff an die Stangen ſchlagend, wenn die Schiffer ſte an⸗ zogen, um die Schnelligkeit der Fahrt ein wenig zu vermindern. Gelſomina beobachtete mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit den Flug des Bootes, dann ging ſie über die Brücke des Quais und zur ge⸗ woͤhnlichen Thür ein das Gefängniß zurück. 1 —— 379 „Haſt Du auch des alten Maſo's Tochter in ſicherer Verwahrung?“ fragte Jacopo, als er das Verdeck der bella sorrentina wieder er⸗ reicht hatte. d „Sie iſt wie Ballaſt, der hin und her fährt, bald auf einer Seite der Kajüte, bald auf der andern; aber Ihr ſeht, der Riegel iſt noch vor.“ „Gut; hier iſt wieder ein Theil der Fracht— Du haſt doch die gehörigen Päſſe für die Wachtgaleere?“ „Alles in beſter Ordnung, Signore. Wann hat Stefano Milano in einer dringenden Angelegenheit je etwas verſäumt? Diamine, laßt den Wind kommen, und wenn der Senat uns wieder zurück⸗ haben wollte, alle ſeine Sbirren ſollte er umſonſt hinterdrein ſchicken.“ „Trefflicher Stefano! geh mit vollen Segeln, denn unſre Herren ſind aufmerkſam auf Dein Thun, und legen einen Werth auf die größte Eile.“ Während der Calabreſe gehorchte, half Jacopo den beiden Frauen aus der Gondel, und im Augenblick ſchwangen die ſchweren Segel ſich wie im Fluge empor, und die Blaſen, welche an den Seiten der bella sorrentina aufblickten, verriethen ihren ſchnellen Lauf. „Du haſt edle Damen zu Paſſagieren,“ ſagte Jacopo zu dem Padrone, als dieſer von der Arbeit, ſein Schiff in Gang zu bringen, verſchnaufte.„Obgleich die Klugheit verlangt, daß ſie für einige Zeit die Stadt verlaſſen, ſo wirſt Du Dir doch Gunſt erwerben, wenn Du ihnen Dich aufmerkſam erweiſeſt.“ 1 „Laßt mich nur ſorgen, Signor Roderigo; aber vergeßt nicht, daß ich noch keine Inſtruktion zur Fahrt habe. Eine Feluke ohne Kurs iſt ſo ſchlimm daran wie eine Eule im Sonnenſchein.“ „Das wird ſich finden. Es wird ein Offizier der Republik an Bord kommen und das mit Dir abmachen. Dieſe Damen, wünſche ich, ſollen nicht erfahren, daß eine Perſon wie Annina ihre Reiſege⸗ fährtin iſt, ſo lange ſie noch in der Nähe des Hafens ſind, ſie möchten ſich ſonſt über Geringſchätzung beklagen. Du verſtehſt, Stefano?“ 380 „Cospetto, bin ich ein Narr? ein Stümper? Wenn ich's bin, warum gebraucht mich der Senat? Sie hören hier nichts von der Dirne, und die mag bleiben wo ſie iſt. So lange die edlen Damen die Nachtluft hier oben zu athmen wünſchen, ſollen ſie von ihrer Geſellſchaft nicht beläſtigt werden.“ „Sey unbeſorgt. Die Landbewohner haben kein Verlangen nach dem Dunſt Deiner Kajüte. Haſt Du den Lido hinter Dir, ſo erwarte meine Ankunft, Stefano. Wenn Du mich vor Ein Uhr nicht wiederſiehſt, ſo ſegle nach dem Hafen von Ancona, wo Du weitre Anweiſung erhalten wirſt.“ Stefano, welcher von dem angeblichen Roderigo oft ſeine In⸗ ſtruktionen bekommen hatte, nickte bereitwillig, und ſie trennten ſich. Es iſt kaum nöthig hinzuzufügen, daß die Flüchtlinge in Kenntniß geſetzt waren, wie ſie ſich zu benehmen hätten. Jacopo's Gondel war noch nie ſchneller geflogen, als jetzt dem Lande zu. Bei der lebhaften Paſſage ſo vieler Fahrzeuge war die Bewegung eines einzelnen Bootes nicht leicht zu bemerken, und als er den Quai des Platzes erreichte, fand er, daß Niemand auf ſeine Abfahrt und Ankunft geachtet habe. Dreiſt nahm er die Maske ab und landete. Es war beinahe die Zeit herangekommen, auf welche er dem Don Camillo ein Rendezvous in der Piazza zugeſagt hatte, und er ging langſam den kleinern Platz entlang nach dem Begegnungsorte. Jacopo war, wie in einem frühern Kapitel erzählt worden, gewohnt, unweit den Granitſäulen in den erſten Stunden der Nacht auf und niederzugehen. Nach der allgemeinen Annahme wartete er auf Kundſchaft in ſeinem blutigen Geſchäft, ſo wie Leute von un⸗ ſchuldigerem Beruf auch ihren Stand an beſuchteren Orten nehmen. Jeder, dem ſein Ruf lieb war, oder der den Schein vermeiden wollte, pflegte, wenn er ihn dort ſah, ihm auszuweichen.. Der vedfolgte und doch ſonderbarer Weiſe geduldete Bravo ſchritt auf ſeinem Wege langſam üher die Flieſen hin, denn er 381 wollte nicht vor der verabredeten Zeit ankommen, als ihm ein Laquai ein Zettelchen in die Hand ſteckte und ſich davon machte, ſo ſchnell ihn die Beine tragen wollten. Wir haben ſchon früher geſehen, daß Jacopo nicht leſen konnte, denn man hielt Leute ſeines Standes damals gefliſſentlich in der Unwiſſenheit. Er wendete ſich daher an den erſten Vorübergehenden, der ihm fähig ſchien ſeinen Wunſch zu erfüllen, und bat dieſen um die Gefälligkeit, die Schriftzüge ihm zu erklären. Er hatte ſeine Bitte an einen ehrlichen Krämer aus einem ent⸗ fernten Stadtviertel gerichtet. Der Mann nahm das Blatt und fing gutmüthig an, den Inhalt zu leſen:„Ich bin abgerufen worden und kann Dich nicht treffen, Jacopo!“ Bei dem Namen Jacopo ließ der Handelsmann das Blatt fallen und entfloh. Der Bravo ging langſam wieder zurück nach vem Quai, über den widerwärtigen Zufall nachſinnend, der ſeine Pläne durchkreuzte. Da ward ſein Arm berührt, und als er ſich umdrehte, ſtand eine Maske ihm gegenüber. „Du biſt Jacopo Frontoni?“ fragte der Fremde. „Der bin ich.“ „Deine Fauſt iſt bereit, einem Andern getreulich zu dienen, nicht wahr?“ „Ich pflege Wort zu halten.“ „Gut, Du wirſt hundert Zechinen in dieſem Beutel finden.“ „Weſſen Leben verlangt Ihr für dies Gold?⸗“ fragte Jacopo mit gedämpfter Stimme.. „Don Camillo Monforte's.“ „Don Camillo Monforte!“ „Ja, kennſt Du den reichen Edelmann?“ „Ihr bezeichnet ihn ſo gut, Signore, er würde ſeinem Barbier ebenſoviel für einen Aderlaß zahlen.“ „Führe Deine That gut aus, ſo ſoll der Lohn verdoppelt werden.“ 4* 382 „Um ſicher zu ſeyn, muß ich Euren Namen wiſſen. Ich kenn' Euch nicht, Signor.“ Der Fremde ſah ſich vorſichtig um, dann lüftete er die Maske ein wenig und es zeigte ſich das Geſicht Giacomo Gradenigo's. „Reicht dieſe Bürgſchaft hin?“ „Ja, Signor. Wann ſoll die That geſchehen?“ „In dieſer Nacht, ja noch in dieſer Stunde.“ „Soll ich einen Mann ſeines Standes in ſeinem Palaſte mitten unter ſeinen Freuden treffen?“ „Tritt hierher, Jocopo, ſo ſollſt Du mehr erfahren. Haſt Du eine Maske?“ Der Bravo bejahte. 3 „So umwölke Dein Geſicht, das nicht in der beſten Gunſt hier ſteht, und begib Dich in Dein Boot. Ich komme nach.“ Der junge Patricier, deſſen Geſtalt durch ſeinen Anzug un⸗ kenntlich gemacht war, verließ ſeinen Gefährten mit der Abſicht, ihn wieder zu treffen, wo ſeine Perſon nicht geahnt werden könnte. Jacopo trieb ſein Boot aus dem Gewirre des Quais hinaus in den Raum zwiſchen den Schiffsreihen, dann ruderte er nicht weiter, darauf rechnend, daß man ihn beobachte, und ihm folgen werde. Er ſchloß richtig, denn in wenigen Augenblicken flog eine Gondel dicht an die Seite der ſeinigen, und zwei Masken ſtiegen aus dem fremden Boote in das des Bravo, ohne zu reden. „Nach dem Lido,“ ſagte eine Stimme, in welcher Jacopo die ſeines neuen Kunden erkannte. 5 Jacopo gehorchte, und Giacomos Boot folgte in einer kleinen Entfernung. Als ſie außerhalb der Reihen waren, und demnach nicht mehr in Gefahr behorcht zu werden, verließen die beiden Paſſagiere den Pavillon, und machten dem Bravo ein Zeichen, nicht weiter zu rudern. 4 „Du willſt alſo den Dienſt übernehmen, Jacopo Frontini?“ fragte der ruchloſe Sohn des alten Senators. 383 „Soll ich den Herrn mitten in ſeinen Vergnügungen nieder⸗ ſtoßen, Signore?“ 3 „Das iſt nicht nothig. Wir haben Mittel gefunden, ihn aus ſeinem Palaſte zu locken, und er iſt in Deiner Gewalt, ohne andre Vertheidigung als ſeinen eigenen Arm und Muth. Willſt Du das Geſchäft übernehmen?“ „Gern, Signore— es macht mir Freude, einem Tapfern ent⸗ gegenzutreten.“ „Da wirſt Du zufrieden ſeyn. Der Neapolitaner iſt mir in die Queere gekommen in meiner— ſoll ich ſagen Liebe, Hoſea? oder haſt Du ein beſſeres Wort?“ „Gerechter Daniel! Signore Giacomo, Ihr habt keine Ach⸗ tung für Reputation und Sicherheit! Ich ſeh' gar nicht ein, warum man ihn gerade zu Tode ſtechen ſoll, Herr Jacopo; eine küchtige Wunde, die dem Herzog wenigſtens auf einige Zeit die Eheſtands⸗ gedanken aus dem Kopf brächte und Bußgedanken an deren Stelle, wäre beſſer.“ „Stoß ihm in's Herz!“ fiel Giacomo ein.„Nur um der Si⸗ cherheit Deines Stoßes willen habe ich gerade Dich aufgeſucht.“ „Das iſt wucheriſche Rache, Signor Giacomo,“ verſetzte der minder entſchloſſene Jude.„Es wird für unſern Zweck mehr als hinreichend ſeyn, wenn wir den Neapolitaner zwingen, einen Monat lang das Haus zu hüten.“ „In'’s Grab mit ihm. Hörſt Du, Jacopo, hundert Zechinen für den Stoß, hundert für die Gewißheit daß er tief geht, und hundert daß die Leiche im Kanal Orfano ſo verſunken liege, daß das Waſſer das Geheimniß nicht wieder zurückgiebt.“ „Wenn das erſte und zweite durchaus geſchehen muß, ſo wird das dritte kluge Vorſicht ſeyn,“ murmelte der Jude, der ein behut⸗ ſamer Schurke war, und immer Beimittel vorzog, welche die Laſt ſeines Gewiſſens ein wenig leichter machten.„Wollt ihr's nicht wagen, junger Herr, auf eine tüchtige Wunde?“ gungen an, Jacopo?“ „Ja.“ „So rudere zum Lido. Unt unter den Gräbern von Hoſ in dieſer Stunde antreffen. ſeyn, weil er auf Flucht denkt. ſchleunigen, „Vollkommen, Signore.“ „Genug, Du kennſt mich, abhängen, in welcher Du mir die Giacomo Gradenigo n Schurke als Böſewicht. Die die Ausſicht auf eine no geſicherte Summe, wenn Glück hätte, waren eine zu u der zeitlebens chelmörderiſchen Plan damit tr bensgenüſſen verhelfen würde, daß Giacomo die Sache ſo we Brav „Du haſt den Ruf für Eine Fauſt, wie die Deinige, 384 „Nicht eine Zechine. Das würde nur d taſie mit Hoffnung und Mitleid erhitzen. — was zupfſt Du mich am Aerme dieſes Charakters mit einer ſchabigen das Volke wirſt Du Don Camillo noch Ein erdichteter Brief von der Dame, der wir beide nachgehen, hat ihn getäuſcht, u wenigſtens für den Neapolita nähern; er ließ einen Beutel fallen, blutige Geſchäft enthielt, und ſtieg ein, Menſchen, der daran gewöhnt worden, ſeines Zweckes für erlaubt zu halten. gleiche Weiſe Verlangen tragen. eem Madchen die Phan⸗ Nimmſt Du die Bedin⸗ er den Gräbern von Hoſeas Volke l, Jude? denkſt Du einen Mann Lüge zu hintergehen?— Alſo ud er wird allein Dieſe wirſt Du auch, hoffe ich⸗ be⸗ ner. Verſtehſt Du mich?“ und Dein Lohn wird von der Art nſt. Hoſea, unſer Geſchäft iſt aus.“ nachte ſeiner Gondel ein Zeichen ſich zu der das Miethsgeld für das mit der Gleichgültigkeit eines ſolche Mittel zur Erreichung Nicht ſo Hoſea; er war mehr Erhaltung ſeines Darlehens, und ch größere von Vater und Sohn ihm zu⸗ Letzterer in der nwiderſtehliche Lockung für einen Mann, von ſeinen Mitmenſchen verachtet, ſich bei dem meu⸗ Bewerbung um Violetta öſtete, daß er ihm zu denjenigen Le⸗ nach welchen Chriſten und Juden auf Dennoch erſtarrte ihm das Vlut, it treiben wolle, und er lauerte, dem o noch ein leiſes Wort beim Abſchiede zu ſagen. ein ſicheres Stilet, ehrlicher Jacopo. muß ebenſo gut bloß verſtümmeln als tödten können. Verſetze dem Neapolitaner einen wackern Stoß, aber ſchone ſein Leben. Auch der Führer eines öffentlichen Dolchs, wie Du, wird darum nicht ſchlechter beſtehen wenn der Meſſias kommt, daß er bei Gelegenheit ſeine Kraft geſpart hat.“ „Du vergiſſeſt das Gold, Hoſea!“ „Vater Abraham! Was bekomm ich für ein ſchwach Gedächtniß in meinen alten Tagen! Du haſt Recht, achtſamer Jacopo; das Gold ſoll auf jeden Fall gezahlt werden— das heißt, wenn nur die Sache ſo gemacht wird, daß mein junger Freund ſein reiches Mädchen bekommt.“ Jacopo machte ein Zeichen der Ungeduld, denn er ſah eben einen Gondolier ſchnell einem geſonderten Orte des Lido zufahren. Der Jude lief ſeinem Gefährten nach und das Boot des Bravo ſchoß fort. Es dauerte nicht lange, ſo hielt es an dem Strande des Lido. Mit ſchnellen Schritten eilte Jacopo demſelben Begräb⸗ nißplatze zu, auf welchem er dem nämlichen Manne, den er jetzt zu morden abgeſchickt war, ſeine Bekenntniſſe gemacht hatte. „Biſt Du geſendet, mich hier zu treffen?“ fragte Jemand, der ſich hinter dem Sandhügel Ahud, vorſichtigerweiſe aber ſeinen Degen vorhielt. „Ja, Herr Herzog,“ otgegnet⸗ der Bravo, die Maske abnehmend. „Jacopo! das iſt beſſer als ich hoffen konnte! Haſt Du Nach⸗ richten von meinem Weihe?“, „Kommt mit, Don Camillo, Ihr ſollt ſogleich bei ihr ſeyn.“ Einer weiteren Unterredung bedurfte es nicht, bei ſolchem Verſprechen. Erſt als beide in Jacopo's Gondel und auf dem Wege nach einer von den Paſſagen des Lido, welche dem Golf zuführt, ſich befanden, fing der Bravo zu erzählen an. Er war ſchnell da⸗ mit fertig und vergaß auch nicht Giacomo Gradenigos Anſchlag gegen das Leben ſeines Zuhörers. Die Feluke, welche ſchon vorher von den Polizeibeamten ſelber mit dem erforderlichen Paſſe verfehen worden war, hatte den Hafen mit leichtem Segel auf demſelben Wege verlaſſen, der die Gondel Der Bravo. 25 eeeEee— 8 386 jetzt in das adriatiſche Meer führte. Das Waſſer war ſtill, der Landwind friſch, kurz alle Umſtände den Flüchtigen günſtig. Donna Violetta und ihre Gouvernante ſtanden an einen Maſt gelehnt und beobachteten un⸗ geduldig die fernen Kuppeln und die nächtliche Schönheit Venedig's. Gelegentlich drangen von den Kanälen Muſik⸗Töne bis zu ihren Ohren und es war natürlich, daß Schwermuth Violetta's Seele er⸗ füllte, da ſie befürchtete, zum letzten Male dieſe Klänge ihrer Ge⸗ burtsſtadt zu hören. Aber reine Freude verdrängte jeden Kummer aus ihrem Gemüthe, als Don Camillo aus der Gondel ſprang und ſie triumphirend an ſein Herz drückte. Stefano Milano war leicht überredet, die Dienſte des Senates mit denen ſeines Lehnsherren zu vertauſchen. Die Verſprechungen und Befehle des Letzteren waren an ſich hinlänglich, ihn mit dieſem Tauſche zu befreunden, und alle waren überzeugt, daß man keine Zeit verlieren dürfte. Die Feluke breitete ihr Segel bald dem Winde dar, und entflog dem Strande. Jacopo ließ ſeine Gondel eine See⸗ meile weit bugſiren, ehe er wieder einſtieg. 1 „Ihr ſteuert nach Ancona, Signor Don Camillo,“ ſagte der Bravo, an der Seite der Feluke gelehnt, ſich ſchwer zum Scheiden entſchließend;„begebt Euch ſogleich unter den Schutz des Kardinal⸗ Sekretairs. Wenn Stefano auf der See bliebe, könnte er leicht auf die Galeeren des Senats ſtoßen.“ „Verlaß Dich auf uns.— Aber Du, trefflicher Jacopo— was ſoll aus Dir werden, in ihren Händen?“ 3 „Seyd unbeſorgt um mich, Signore. Gott verhängt über alle wie er für Recht findet. Ich habe Ew. Excellenz geſagt, daß ich Venedig noch nicht verlaſſen kann. Wenn mir das Glück günſtig iſt, ſo bekomm ich vielleicht noch Euer ſtarkes Schloß Sant' Agata zu ſehn.“ „Keiner wird willkommner ſeyn in ſeinen ſichern Mauern. Aber ich habe große Beſorgniß um Dich, Jacopo!“ „Signore, denkt daran nicht. Ich bin an Gefahren gewöhnt, 387 und an Elend und— an Hoffnungsloſigkeit. Habe ich doch dieſe Nacht die Freude erfahren, Zeuge ſeyn zu können von dem Glück zweier jungen Herzen, eine Freude, wie der Himmel ſie mir Sünder lange nicht gegönnt hat. Signora, moͤgen die Heiligen Euch be⸗ hüten, und Gott, der über Alle iſt, Euch vor Leid bewahren!“ Er küßte Donna Violetta's Hand, die, nur halb bekannt mit ſeinen Dienſtleiſtungen, verwundert ihm zuhörte. „Don Camillo Monforte,“ fuhr er fort,„traut Venedig nie⸗ mals wieder. Laßt Euch durch keine Verſprechungen, keine Aus⸗ ſichten, kein Verlangen, Eure Ehrenſtellen und Reichthümer zu ver⸗ mehren, jemals verleiten, Euch in ihre Gewalt zu geben. Niemand kennt die Falſchheit dieſes Staates beſſer als ich, und meine letzten Worte ermahnen Euch zur Vorſicht.“ „Du ſprichſt, als ſollten wir uns nicht wiederſehen, edler Jacopo?“ Der Bravo wendete ſich ab, und das Mondlicht ſiel auf ſein Antlitz. Ein Lächeln der Schwermuth und ein inniges Wohlgefallen an dem Glück der Liebenden miſchte ſich in dieſen Zügen mit einer Vorahnung ſeines eignen Schickſals. „Nur das Vergangne iſt gewiß,“ ſprach er leiſe. Er ergriñ Don Camillo's Hand, warf ihm eine Kußhand zu und ſprang haſtig in ſeine Gondel. Sie ward losgemacht, die Feluke glitt dahin, und der außerordentliche Menſch ſah ſich allein gelaſſen auf dem Waſſer. Der Neapolitaner lief an die Schiffſeite, und das letzte, was er von Jacopo ſah, war, wie der Bravo langſam zurückruderte zu jenem Schauplatze der Gewalt und des Betruges, dem er ſelbſt zu entrinnen ſo froh war. 388 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Wie find erſtarrt die Glieder mein, Von Arbeit nicht, von ſchnöder Ruh, Die Beute grauſer Kerkerpein; . Mich zählt mein Schickſal denen zu, Die, von der ſchönen Erd' und Luft Getrennt, vergehn in öder Gruft. Gefangener von Chillon. Als der nächſte Morgen heraufdämmerte, war der Marcus⸗ platz leer. Die Prieſter ſangen noch ihre Todtenmeſſen bei des alten Antonio Leiche, und einige Fiſcher zauderten noch in der Kathedrale und in deren Nähe, nur halb überzeugt von der Art, wie ihr Kamerad um das Leben gekommen ſeyn ſollte. Aber die Stadt, wie es um dieſe Tageszeit gewöhnlich war, ſchien vollkommen ruhig, denn obgleich bei den Bewegungen der Aufrührer einige Beſtürzung die Kanäle durchflogen hatte, ſo war dieſe doch untergegangen in jener ſcheinbaren und mißtrauiſchen Stille, die mehr oder minder unvermeid⸗ liche Folge eines Regierungsſyſtems iſt, welches nicht im freiwilligen Gehorſam der Menge die Grundlage und Stütze ſeines Beſtehens hat. Jacopo war wieder in dem obern Stockwerk des Dogenpalaſtes, in Begleitung der ſanften Gelſomina. Während ſie durch die Windun⸗ gen des Gebäudes hindurchgingen, erzählte er der begierig horchenden Gefährtin alle einzelnen Umſtände, die bei der Flucht der Liebenden ſich zugetragenz nur Giacomo Gradenigo's Anſchlag auf Don Camillo's Leben ließ er vorſichtiger Weiſe aus. Das unerfahrne und einfache Mädchen hörte mit athemloſer Aufmerkſamkeit zu, während die Röthe ihrer Wangen und das umherſchweifende Auge ihre lebhafte Theil⸗ nahme bei jedem Wendepunkt des kühnen Abenteuers verriethen. „Und glaubſt Du, daß ſie Denen droben noch entrinnen können?“ flüſterte Gelſomina, denn nur Wenige in Venedig häͤtten es ge⸗ 389 wagt, ſolch eine Frage laut auszuſprechen.„Du weißt, daß de Republik immer Galeeren im adriatiſchen Meere hat.“ „Wir haben das bedacht und dem Calabrier Anweiſung ge⸗ geben nach dem Hafen von Ancona zu ſteuern. Iſt er nur erſt im Kirchenſtaate, ſo wird Don Camillo durch ſeinen Einfluß und die Rechte der edlen Geburt ſeiner Gattin geſchützt ſeyn. Iſt hier ein Ort, wo wir auf die See hinaus ſehen können?“ Gelſomina führte den Bravo in ein leeres Zimmer des oberen Stockwerks im Dogenpalaſt, welcher eine Ausſicht auf den Hafen und das jenſeitige Gewäſſer darbot. Der Landwind blies ſtark über die Dächer der Stadt, machte die Maſten im Hafen ſchwanken und ſtrich über die Lagunen außerhal lb der Schiffsreihen. Von dort an bis zu der Sandbarre war an den niedergelaſſenen Segeln und der Anſtrengung der Gondoliere, welche dem Quai zuruderten, merkbar, daß der Wind ſehr lebhaft wehete; außerhalb des Lido ſelbſt war das Waſſer ſchon getrübt und bewegt, während noch weiter in's Meer hinaus, die krauſen, ſchäumenden Wellen die Macht des Sturms verriethen. „Santa Maria ſey gelobt!“ rief Jacopo, als ſein geübtes Auge dies Schauſpiel nahe und fern überſah,„ſie ſind ſchon weit an der Küſte hinab, und werden mit ſolchem Winde unfehlbar in wenigen Stunden den Hafen erreichen.— Laß uns nach der Zelle gehen.“ Gelſomina lächelte, als er die Sicherheit der Flüchtlinge für zuverläſſig erklärte, aber als er das Geſpräch ablenkte, trübte ſich ihr Blick. Ohne zu antworten, that ſie, wie er verlangte, und in wenigen Augenblicken ſtanden ſie neben dem Lager des Gefan⸗ genen. Dieſer ſchien ihr Eintreten nicht zu bemerken, und Jacopo war genöthigt ihn anzurufen. „Vater,“ ſagte er mit dem ſchwermüthigen Tone, der ſeiner Stimme jedesmal, wenn er mit dem Greiſe redete, eigen war: „ich bin da.“ Der Gefangne drehte ſich um, und obgleich ſeine Schwäche — ſeit dem letzten Beſuche ſichtbar zugenommen hatte, glomm ein bleiches Lächeln in ſeinen erſtorbnen Zügen. „Und Deine Mutter, Sohn?“ fragte er ſo heftig, daß Gel⸗ ſomina ſich ſchnell abwendete. „Iſt glücklich, Vater, recht glücklich.“ „Glücklich ohne mich?“ „Sie iſt immer bei Dir im Geiſte, Vater. Sie gedenkt Deiner in ihrem Gebete, Du haſt eine Heilige zur Fürbitterin an meiner Mutter— Vater!“ „Und Deine gute Schweſter?“ „Auch glücklich— glaube mir, Bater. Sie ſind beide geduldig und ergeben.“ „Und der Senat, Sohn?“ „Immer der alte, herzlos, ſelbſtſüchtig, vermeſſen,“ antwortete Jacopo ſtreng. Dann wendete er ſich ab vor bitterem Weh und verfluchte ihn mit unhörbar leiſen Worten. „Die edlen Signori haben ſich getäuſcht, daß ſie mich in dem Anſchlage zur Umgehung der Zölle verwickelt glaubten,“ entgegnete der geduldige alte Mann.„Einſtmals werden ſie ihr Unrecht ein⸗ ſehen und anerkennen.“ 3 3 Jacopo gab keine Antwort, denn obgleich er ununterrichtet war und aller Kenntniſſe entbehrte, mit welchen eine väterliche Re⸗ gierung ihre Unterthanen auszurüſten ſorgt, hatte die natürliche Scharfe ſeines Geiſtes ihm doch gezeigt, daß eine Verfaſſung, deren Grundzug offenbar die Ueberlegenheit weniger Bevorrechteter war, am wenigſten geneigt ſeyn könnte, einen Mißgriff ihrer Theorie zuzugeben durch das Geſtändniß, daß ſie geirrt habe. „Du thuſt den Edelen Unrecht, mein Sohn; ſie ſind erlauchte Patricier und haben keine Veranlaſſung einen Mann wie mich zu bedrücken.“ „Keine, Vater, als die Nothwendigkeit, die Strenge ihrer 2— 2 2— 391 Geſetze aufrecht zu erhalten welche ſie zu Senatoren und Dich zum Gefangnen machen.“ „Mit Nichten, Sohn, ich habe würdige Herren vom Senate gekannt! Da war der letzte Signor Tiepolo, der mir in meiner Jugend viel Liebes erwies. Ohne dieſe falſche Anklage könnte ich jetzt einer der Wohlhabendſten in meinem Gewerbe ſeyn von ganz Venedig.“ „Vater, wir wollen für die Seele des Signor Tiepolo beten.“ „Iſt der erlauchte Senator geſtorben?“* „So meldet ein prächtiges Grabmal in der Kirche des Rebentore. 4 „Wir müſſen endlich Alle ſterben,“ flüſterte der Greis und be⸗ kreuzte ſich,„Doge wie Patricier, Patricier wie Gondolier.— Jaco—“ „Vater!“ rief der Bravo ſo ſchnell dazwiſchen, daß er das Wort unterbrach. Dann kniete er an das Strohlager des Gefan⸗ genen nieder, und flüſterte ihm in das Ohr:„Du vergiſſeſt, daß Grund vorhanden iſt, mich nicht bei dieſem Namen zu nennen. Ich habe Dir oft geſagt, daß meine Beſuche aufhöͤren müſſen, wenn Du mich ſo heißeſt.“ Der Gefangene blickte verwirrt umher, denn die zunehmende Schwäche machte ihm undeutlich, was er einſt klar eingeſehen hatte. Er ſah den Sohn lange ſtarr an, dann, bald auf ihn, bald auf die Mauer blickend, lächelte er kindiſch.. „Sieh doch nach, mein guter Junge, ob die Spinne ſchon wieder da iſt.“ Jacopo ſeufzte, aber er ſtand auf, ihm zu willfahren. „Ich ſehe ſie nicht, Vater: es iſt noch nicht warm genug.“ „Nicht warm! Mir iſt heiß, als wollten die Adern ſpringen. Du vergiſſeſt, daß hier das obere Stockwerck iſt, und hier die Blei⸗ dächer, und dann die Sonne— ach die Sonne! Die erlauchten Senatoren bedenken die Qual nicht, den kalten Winter unterhalb der Kanäle und den brennenden Sommer unter glühendem Metall zuzubringen.“ „Sie bedenken nichts als ihre Macht,“ ſagte Jacopo halblaut, „was mit Unrecht beſeſſen wird, muß durch unbarmherzige Ungerech⸗ tigkeit behauptet werden: aber was wollen wir davon reden, Vater? haſt Du Alles, deſſen Du bedarfſt?“ „Luft, Sohn, Luft!— gieb mir ein wenig von der Luft, die Gott ſeinem geringſten Geſchöpfe gönnt.“ Der Bravo lief zu den Spalten der altehrwürdigen durch Ver⸗ 8 brechen befleckten Mauern, die er ſchon früher zu öffnen bemüht war, und ſtrebte mit der Kraft des Wahnſinns, ſie mit ſeinen Händen zu erweitern. Das Gemäuer widerſtand der verzweifelten Anſtren⸗ gung, obgleich das Blut aus ſeinen Fingern ſpritzte. „Die Thüre, Gelſomina, die Thüre weit auf,“ ſchrie er, ſich von dem Platze abwendend, erſchöpft durch die vergebliche Anſtrengung. „Laß es, jetzt leide ich nicht, mein Kind, aber wenn Du weg⸗ gegangen biſt, und ich allein bin mit meinen Gedanken, wenn ich Deine weinende Mutter ſehe, und Deine verlaſſene Schweſter, dann fühl' ich, daß mir Luft fehlt— find wir nicht in dem brennenden „Auguſt, mein Sohn?“ „Vater, es iſt noch nicht, Juni.“ „So werde ich noch mehr Hitze aushalten müſſen. Gottes Wille geſchehe, und die gelobte Santa Maria, ſeine unteftoit Mutter gebe mir Kraft es zu ertragen.“ Jacopo's Auge blitzte wild, faſt ebenſo fürchterlich als der geſpenſtiſche Blick des alten Mannes. Seine Bruſt flog, ſeine Fauſt ar geballt, und er athmete hörbar. „Nein,“ ſagte er mit leiſem, aber entſchiednem Tone, daß die Feſtigkeit ſeines Entſchluſſes klar ward,„Du ſollſt ihre Qualen nicht wieder erwarten. Auf, Vater, komm mit mir. Die Thüren ſind offen, die Wege durch den Palaſt kenne ich in der finſterſten Nacht und die Schlüſſel ſind zur Hand. Ich will Mittel finden, Dich zu verſtecken bis es dunkel iſt, und wir wollen die verfluchte Republik für immer verlaſſen.“ 1 3 —e — 9 393 Ein Hoffnungsſtrahl glänzte in dem Auge des alten Gefangenen, als er dieſen wahnſinnigen Vorſchlag anhörte, aber der Ausdruck ſeines Geſichts ging ſogleich in Mißtrauen an die Moͤglichkeit über. „Du vergiſſeſt Die droben, Sohn.“ „Ich denke nur an Einen wahrhaft droben, Vater.“ „Und dieß Mädchen, wie kannſt Du hoffen, ſie zu hintergehen?“ „Sie wird an Deiner Stelle bleiben— ſie iſt im Herzen die unſrige und wird ſich zu einem ſcheinbaren Gewaltſtreich hergeben. Verſpreche ich umſonſt in Deinem Namen, beſte Gelſomina?“ Das erſchreckte Mädchen, welches nie zuvor einen ſolchen Aus⸗ bruch der Verzweiflung bei ihrem Gefährten geſehen hatte, war ſprachlos auf ein Stück des Hausraths geſunken. Der Gefangene ſah von der Einen zum Anderen, dann machte er eine Anſtrengung aufzuſtehen, ſiel aber vor großer Schwaͤche ſogleich wieder zurück. Da ſah Jacopo erſt wie unausführbar in vielerlei Beziehungen das war, was er in einem Augenblicke der Verzweiflung vorge⸗ ſchlagen hatte. Es folgte eine lange Pauſe. Jacopo's ſchweres Athmen ließ allmählig nach und ſein Geſicht nahm wieder die ge⸗ wöhnliche ruhige und geſammelte Miene an. „Vater,“ ſagte er,„ich muß Dich verlaſſen, unſer Elend iſt ſeinem Ende nah.“ „Wirſt Du mich wieder beſuchen?“ „Wenn es die Heiligen vergönnen.— Deinen Segen, Vater!“ Der Greis faltete ſeine Hände über Jacopo's Haupte und ſprach leiſe ein Gebet. Nach dieſer frommen Pflicht waren der Bravo und Gelſomina einige Zeit geſchäftig, für die Bequemlichkeit des Gefangenen zu ſorgen. Dann gingen ſie mit einander. Jacopo ſchien mit ſchwerem Herzen aus der Nähe des Vaters zu ſcheiden. Es war, als hätte eine trübe Ahnung ſeine Seele erfüllt, daß dieſe verſtohlnen Beſuche bald aufhören würden. Nach kurzem Zögern jedoch gingen ſie nach den untern Zimmern hinab, und da Jacopo den Palaſt zu verlaſſen wünſchte, ohne wieder das Gefängniß zu 394 betreten, ſchickte Gelſomina ſich an, ihn durch den Hauptkorridor hinauszulaſſen. „Du biſt mißmüthiger als ſonſt, Carlo,“ bemerkte ſie, mit weiblicher Sorglichkeit ſein abgewendetes Auge beobachtend.„Mich dünkt, Du ſollteſt Dich freuen über das Glück des Neapolitaners und der Dame von Tiepolo.“ „Daß dieſe entkommen ſind, iſt ein Sonnenſtrahl an einem Wintertage. Gutes Mädchen— aber man beobachtet uns, wer iſt es, der dort unſre Bewegungen ſpionirt?“ „Ein Diener des Palaſtes; ſie kommen uns immer in die Quere in dieſem Theile des Gebäudes. Tritt hier herein, wenn Du müde biſt. Dieß Zimmer iſt wenig in Gebrauch und wir können wieder auf die See hinausſchauen.“ Jacopo folgte ſeiner ſanften Führerin in eines von den unbe⸗ nutzten Gemächern des zweiten Geſchoſſes, denn es war ihm in der That erwünſcht, einen Blick auf den Stand der Dinge in der Piazza zu werfen, ehe er den Palaſt verließ. Er betrachtete zuerſt das Waſſer, welches noch immer nach Süden flutete, vom Alpenwinde getrieben. Befriedigt durch dieſe für die Fliehenden günſtige Ausſicht ſchaute er auf den Platz hinunter. In dieſem Augenblick trat ein Beamter der Republik aus dem Thore des Palaſtes; ein Trompeter ging voran, wie üblich war, wenn der Senat irgend einen Beſchluß proklamiren wollte. Gelſomina öffnete die Fenſterlade und beide beugten ſich vor, um zu hören. Als der kleine Zug vor der Kathedrale ſich befand, blies der Trompeter und darauf rief der Beamte aus: „In Erwägung, das neuerlich viele frevelhafte und ruchloſe Mordthaten an verſchiedenen redlichen Bürgern von Venedig verübt worden, hat der Senat, in ſeiner väterlichen Sorgfalt für alle, deren Schutz ihm obliegt, für Recht befunden zu außerordentlichen Mitteln zu greifen, zu Verhütung erneuter Verbrechen, die den göttlichen Geſetzen und der Sicherheit der menſchlichen Geſellſchaft ſolchermaßen zuwider ſind. Daher bieten die erlauchten Zehn öffentlich eine Belohnung von hundert Zechinen dem, welcher den Thäter einer von dieſen höchſt abſcheulichen Mordthaten entdecken wirdz und dieweil in der verwichenen Nacht der Leichnam eines gewiſſen Antonio, eines wohlbekannten Fiſchers und ehrenwerthen Bürgers, der von den Patriciern höchlichſt geſchätzt wurde, iſt in den Lagunen gefunden, dieweil viel Grund iſt zu dem Verdacht, daß ſelbiger zu Tode gekommen durch die Hand eines gewiſſen Jacopo Frontoni, welcher im Gerücht ſteht, ein gemeiner Bravo zu ſeyn, von der Obrigkeit aber lange vergeblich beobachtet worden iſt, in der Hoff⸗ nung ihn bei Verübung einer der vorbenannten gräulichen Mord⸗ thaten zu betreffen: ſo werden jetzt alle guten und redlichen Bürger der Republik insgemein aufgefordert, der Obrigkeit zu verhelfen zur perſönlichen Verhaftung des beſagten Jacopo Frontoni, und wenn ſte ihn aus dem Heiligthum reißen ſollten, weil Venedig nicht länger einen Menſchen, der ſolch blutiges Geſchäft treibt, in ſeiner Mitte dulden kann, und verheißt der Senat in ſeiner väterlichen Sorgfalt zur Aufmunterung eine Belohnung von dreihundert Zechinen.“ An⸗ rufung Gottes und Hinweiſung auf die Souveränität des Staats machten wie üblich den Beſchluß. Da es nicht gewöhnlich war, daß Die, welche ſo viel im Dun⸗ keln thaten, ihr Vorhaben öffentlich kund machten, ſo horchten Alle die nahe ſtanden, mit Verwundrung und Furcht dem neuen Verfahren. Einige zitterten, daß die geheimnißvolle und vielgefürchtete Macht ſich gleich jetzt zu zeigen beginnen würde; die meiſten aber fanden Gelegenheit, ihre Bewunderung für die väterliche Sorgfalt der Re⸗ gierung hörbar zu machen. Niemand ward von den Worten des Beamten lebhafter ergriffen, al omina. Sie beugte ſich weit aus dem Fenſter, damit ihr eine Sylbe entgehen möchte. Du gehört, Carlo?“ fragte ſie eifrig, als ſie ihren Kopf zurückzog, wendlich bieten ſie eine Belohnung aus für die Gefangen⸗ nehmung des Unmenſchen, der ſo viele Mordthaten verübt hat!“ 396 Jacopo lachte, aber dem Ohre ſeiner beſtürzten Begleiterin ſchien der Ton ſeines Gelächters unnatürlich. — „Die Patricier ſind gerecht, und was ſie thun iſt Recht,“ ſagte er;„ſie ſind erlauchte Männer und können ſich nicht irren! Sie wollen ihre Pflicht thun.“ „ Aber hier iſt keine andere Pflicht, als die ſie Gott und dem Volke ſchuldig ſind.“ „Von der Pflicht des Volks habe ich viel reden hören, nichts aber von der des Senats.“ „Nein, Carlo, wir wollen ihnen unſre Billigung nicht entziehn, wenn ſie ſich bemühen, die Bürger vor Schaden zu behüten. Dieſer Jacopo iſt ein Ungeheuer, den Alle verabſcheuen, und ſeine Blut⸗ thaten ſind zu lange ſchon ein Flecken für Venedig geweſen. Du ſtehſt, daß die Patricier mit ihrem Gold nicht knauſern, wenn Hoff⸗ nung iſt, ſeiner habhaft zu werden. Horch, ſie rufen wieder aus.“ Die Trompete ertönte und die Proklamation wurde zwiſchen den Granitſäulen der Piazzetta wiederholt, ganz nahe dem Fenſter, an welchem Gelſomina und ihr unbewegter Begleiter ſtanden. „Warum maskirſt Du Dich, Carlo?“ fragte ſte, als der Beamte fertig war.„Es iſt nicht Sitte um dieſe Zeit maskirt zu ſeyn im Palaſte.“ „Sie werden glauben, es iſt der Doge, der ſich ſchäme, ſeine eigne liberale Gerechtigkeit anzuhören, oder ſie mögen mich auch für einen von den Dreien ſelbſt halten.“ „Sie gehen über den Quai nach dem Zeughauſe. Da werden ſie ein Boot nehmen nach dem Rialto, wie gewöhnlich geſchieh 4 „Und werden dieſem fürchterlichen Jacopo Zeit laſſe verſtecken! Eure Nichter ſind geheimnißvoll, wo ſie offe ſollten, und verfahren offen, wo Heimlichkeit Noth thäte. Ich m Dich verlaſſen, Gelſomina. Gehe zurück zum Zimmer Deines Wntees und ich will durch den Hof des Palaſtes hinausgehen.“. „Das geht nicht, Carlo— Du kennſt die Erlaubniß der 397 Obrigkeit— ich habe ſie übertreten— warum ſollte ich es Dir zu verheimlichen ſuchen? Aber Du durfteſt nicht herein kommen um dieſe Zeit.“ „Und Du haſt den Muth gehabt, die Erlaubniß zu überſchreiten um meinetwillen, Gelſomina?“ Das verſchämte Mädchen ließ den Kopf hängen und um ihre Wangen glomm eine Roͤthe, wie das ihrem Italien ſo eigene Roſenlicht. „Du haſt es ſo gewollt,“ ſagte ſie. „Tauſend Dank, theure, liebe, getreueſte Gelſomina, aber zweifle nicht daran, daß ich unbemerkt mich aus dem Palaſte ſtehlen werde. Hineinzukommen war gefährlich; aber die hinausgehn haben das Anſehen, als ob ſie ein Recht dazu hätten.“ „Niemand darf bei Tage maskirt bei den Hellebardieren vorbei, Carlo, wer nicht das Merkwort hat.“ Dem Bravo ſchien die Wahrheit dieſer Bemerkung einzuleuchten, und große Verlegenheit drückte ſich in ſeinem Benehmen aus. Er kannte die Bedingungen, unter welchen er zugelaſſen worden, ſelber ſo gut, daß er dem Verſuche mistrauete, durch das Gefängniß auf den Quai zu gelangen, auf welchem Wege er hereingekommen war; denn er zweifelte nicht, daß ihm der Rückzug von den Wachen des äußern Thores, welche jetzt vermuthlich ſchon von ſeinem wahren Charakter unterrichtet waren, abgeſchnitten werden würde. Der Aus⸗ gang auf dem andern Wege ſchien nicht minder gefährlich. Es war nicht ſo ſehr der Inhalt der Proklamation, welcher ihn in Erſtaunen ſetzte, als die Oeffentlichkeit, welche der Senat für gut befand, ſeinem Verfahren zu geben, und er hörte die öffentliche Anklage ſeiner, zwar mit innerem Weh, aber doch ohne Schrecken. Indeſſen kannte er ſo viele Mittel ſich zu verbergen, und die Freiheit des Maskirens war ſo allgemein in Venedig, daß er ſich um den Aus⸗ gang nicht eher beſorgt fühlte, als bis er ſich in dieſer häßlichen Klemme ſah. Gelſomina las ſeine Unentſchiedenheit in ſeinen Augen, und beklagte, ihn ſo unruhig gemacht zu haben. 398 „Es iſt nicht ſo ſchlimm, als Du zu glauben ſcheinſt, Carlo,“ bemerkte ſie;„haben ſie Dir doch erlaubt, Deinen Vater zu gewiſſen Zeiten zu beſuchen, und dadurch bewieſen, daß ſie nicht ohne Mit⸗ leid ſind. Jetzt, da ich aus Nachſicht für Deine Wünſche eine von ihren Vorſchriften vergeſſen habe, werden ſie nicht ſo hartherzig ſeyn, dieſen Fehler für ein Verbrechen zu rechnen.“ Jacopo ſah ſie mitleidig an, denn er wußte gar wohl, wie wenig ſie die wahre Beſchaffenheit und liſtige Politik des Staates kannte. „Es iſt Zeit, daß wir ſcheiden,“ ſprach er,„damit Du Unſchul⸗ dige nicht für meinen Fehler büßeſt. Ich bin jetzt unweit des öffent⸗ lichen Korridors und muß es meinem Glück anvertrauen, mich auf den Quai zu bringen.“ Gelſomina hing ſich an ſeinen Arm, und wollte ihn in dem fürchterlichen Hauſe nicht ſich ſelber überlaſſen. „Es wird nicht gehen, Carlo, Du wirſt auf einen Soldaten ſtoßen und Dein Vergehen wird kund werden. Dann laſſen ſie Dich vielleicht nie wieder herein, oder verſchließen Dir ein für alle Mal die Zelle Deines armen Vaters.“ 4 Jacopo machte ihr ein Zeichen voranzugehen und folgte. Mit klopfendem, aber doch ein wenig erleichtertem Herzen ſchlüpfte Gel⸗ ſomina durch die Gänge und ſchloß ſorgfältig, ihrer Gewohnheit nach, jede Thür hinter ſich zu. Endlich erreichten ſie die wohlbe⸗ kannte Seufzerbrücke. Das ängſtliche Mädchen ging geflügelteren Schrittes, als ſie ſich ihrer eignen Wohnung näherte, denn ſie ſann auf Mittel, ihren Gefährten in ihres Vaters Stube zu verſtecken, wenn der Ausweg aus dem Gefängniß bei Tage zu gefährlich ſeyn ſollte. „Nur eine einzige Minute, Carlo,“ flüſterte ſie und ſteckte den Schlüſſel in die Thür, welche zu dieſem Gebäude führte— das Schloß ging auf, aber die Angeln der Thür wollten ſich nicht be⸗ wegen. Gelſomina wurde bleich und rief:„Sie haben die Riegel inwendig vorgeſchoben!“ ́ꝑꝓò— — ₰ 399 „Thut nichts, ich ſteige in den Hof des Palaſtes hinab und gehe bei den Hellebardieren dreiſt ohne Maske vorüber.“ Gelſomina hielt es ſelbſt für ſehr unwahrſcheinlich, daß er von den Lohnſoldaten des Dogen bemerkt würde, und ängſtlich, ihn aus einer ſchlimmen Lage zu befreien, flog ſie zurück an das andre Ende der Galerie. Sie ſteckte den gehörigen Schlüſſel in die Thüre, durch welche ſie eben gekommen waren, aber mit demſelben Erfolge. Gelſomina ſchwankte zurück und hielt ſich an der Mauer. „Wir können weder vorwärts noch rückwärts!“ ſchrie ſie, er⸗ ſchreckt, ohne zu wiſſen warum. „Ich ſeh es alles,“ erwiederte Jacopo,„wir ſind Gefangene fauf dieſer Unglücksbrücke.“ Der Bravo nahm, während er ſprach, die Maske ruhig ab, und zeigte die Züge eines Mannes, deſſen Entſchluß feſt ſteht. „Heilige Mutter Gottes! Was hat das zu bedeuten?“ „Nichts, als daß wir einmal zuviel über die Brücke gegan⸗ gen ſind, Liebe! Der Rath iſt eiferſüchtig auf dieſe Beſuche.“ Die Riegel beider Thüren wurden zurückgeſchoben und die Angeln knarrten zu gleicher Zeit. Ein bewaffneter Offizier der Inquiſition trat ein, Handfeſſeln tragend. Gelſomina ſchrie auf, aber Jacopo bewegte kein Glied, keine Muskel, während man ihm die Ketten anlegte. 1 „Mich auch!“ ſchrie ſeine Gefährtin im Wahnſinn.„Ich bin die Schuldigſte— bindet mich— werft mich in das Gefängniß— aber laßt den armen Carlo gehen.“ „Carlo?“ wiederholte der Officier mit fühlloſem Lachen. „Iſt es ein ſo großes Verbrechen, einen Vater im Gefängniſſe zu beſuchen? Sie wiſſen von ſeinen Beſuchen— haben ſie ſelbſt erlaubt— er hat nur die Stunde verfehlt.“ „Mädchen, weißt Du auch, für wen Du dich verwendeſt?“ „Für das beſte Herz, für den treueſten Sohn in Venedig! O, wenn Ihr ihn hättet weinen ſehen wie ich, über die Leiden des * 400 alten Gefangenen, wenn Ihr ſeinen ganzen Körper hättet in Todes⸗ angſt beben ſehen, Ihr würdet Mitleid mit ihm haben.“ „Horch einmal,“ entgegnete der Officier mit hochgehobnem Finger. Der Trompeter blies auf der Marcusbrücke, dicht unter ihnen, und die Proklamation, welche Gold für die Einſangung des Bravo bot, wurde wiederholt. „Das iſt der Beamte der Republik, der einen Preis ſetzt auf den Kopf eines Menſchen, der ein feiles Stilett führt!“ ſchrie Gel⸗ ſomina faſt ohne Athem, und ohne viel auf den Vorgang unten in dieſem Augenblicke zu achten,„er verdient ſein Schickſal.“ „Nun, warum bitteſt Du noch für ihn?“ „Ihr ſprecht ohne Sinn!“ „Närriſches Mädchen, dieſer hier iſt der Jacopo Frontoni!“ Gelſomina würde ihren Ohren nicht geglaubt haben, wenn ſie nicht Jacopo's banges Auge bemerkt hätte. Die gräßliche Wahr⸗ heit brach über ihre Seele herein und leblos ſiel ſie zu Boden. In demſelben Augenblick ward der Bravo ſchnell von der Brücke geführt. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Laßt uns den Vorhang lüften, um zu ſchaun Was ſich begiebt in dieſem Zimmer. Nogers. An dieſem Tage flüſterte man in den Straßen von Venedig in der furchtſamen, geheimnißvollen Weiſe, welche dieſe Stadt charakteriſirte, gar manche Gerüchte einander zu. Hunderte gingen bei den Granitpfeilern vorüber, als erwarteten ſie, den Bravo auf ſeinem gewohnten Platze zu ſehen, kühnlich der Proklomation trotzend. Denn man hatte ihm, ſeltſam genug, ſo lange Zeit geſtattet, ſich öffentlich zu zeigen, daß Niemand ſich einbilden konnte, er würde ſo ſchnell ſeine Gewohnheit aufgeben. Daß dieſe wunderliche Erwartung 401 getäuſcht wurde, brauchen wir nicht erſt anzuführen. Vieles ward auch geredet zum Ruhm der gerechtigkeitliebenden Republik, denn Unterdrückte ſind immer kühn im Lobe ihrer Beherrſcher, und da wagt wie ein furchtlos freier Mann auch Der zu reden, welcher Jahre lang in allen öffentlichen Angelegenheiten ſtumm war. Der Tag verging jedoch ohne irgend ein neues Ereigniß, welches die Bürger von ihren gewöhnlichen Geſchäften abgerufen hätte. Die Gebete für den Todten wurden mit geringer Unterbrechung fort⸗ geſetzt und in halb Venedig wurden Meſſen für die Seele des armen Fiſchers vor den Altären geleſen. Seine Kameraden, wenn auch ein wenig argwöhniſch, dennoch höchlichſt geſchmeichelt, behielten ein Auge auf die Ceremonien mit einem wunderlichen Gemiſch von Miß⸗ trauen und Triumph. Noch ehe die Nacht herankam, gehörten ſie wieder zu den gehorſamſten Unterthanen, auf deren Nacken die Oli⸗ garchie zu treten pflegte. Denn ſolche Wirkung hat dieſe Art von Regierung, daß ſie die Macht erlangt, durch Schmeichelei Diejenigen zu beſchwichtigen, welche ſie durch Ungerechtigkeit mißmüthig ge⸗ macht hat. So iſt der Menſch: aus der Gewöhnung an Unter⸗ würfigkeit entſpringt ein künſtliches, aber tief gewurzeltes Gefühl von Ehrfurcht, welches dem ſo Geleiteten ein wahres Wohlbehagen einflößt, wenn Derjenige, welcher ſo lange den Höheren ſpielte, von ſeinen Stelzen herabſteigt und ſich zu der, allen Menſchen gemein⸗ ſamen Schwäche bekennt. Der Marcusplatz füllte ſich zur gewöhnlichen Stunde, die Patri⸗ cier verließen den Broglio, wie ſie pflegten, und ehe noch die Uhr die zweite Stunde der Nacht ſchlug, herrſchte wieder die alte Luſtig⸗ keit auf dem Platze. Gondeln, mit Damen von Adel beſetzt, er⸗ ſchienen auf den Kanälen, die Fenſterjalouſien der Paläſte wurden aufgezogen, um die Seeluft einzulaſſen, und Muſik ließ ſich hören im Hafen, auf den Brücken und unter den Balcons der Schönen. War's ja nicht der Mühe werth, den Gang des geſelligen Verkyhrs Der Bravo. 25. 40⁰² zu hemmen, bloß weil das Unrecht ungeſtraft blieb und die Un⸗ ſchuld litt! Damals ſtanden an dem großen Kanale, wie noch jetzt, viele Paläſte von beinah königlicher Pracht. Der Leſer hat Gelegenheit gehabt, mit einem oder zweien dieſer glänzenden Gebäude bekannt zu werden; jetzt müßen wir ſeine Phantaſte nach einem dritten verſetzen. Die eigenthümliche Bauart Venedigs, welche von ſeiner Lage auf dem Waſſer herrührt, giebt allen vornehmeren Gebäuden dieſer merkwürdigen Stadt im Allgemeinen faſt denſelben Charakter. Das Haus, in welches der Faden der Geſchichte uns jetzt führt, hatte ſeine Thür an der Waſſerſeite, ſeine Flure, ſeine ſchweren Mar⸗ mortreppen, ſeinen innern Hof, ſeine Reihe prächtiger Zimmer im obern Stockwerk, ſeine Gemälde und Kronleuchter, und ſeine koſt⸗ bar mit Moſaik ausgelegten Fußböden, gleich den übrigen, die wir ſchon zu beſchreiben für nöthig gefunden haben. Es war, nach unſerer Art, die Stunden zu zählen, zehn Uhr. Ein kleines freundliches Bild der Häuslichkeit bot ſich innerhalb der patriciſchen Wohnung dar, auf welche wir hingedeutet haben. Der Vater, ein Mann in den mittleren Jahren, in deſſen Auge Geiſt, Einſicht, Menſchenfreundlichkeit, und in dieſem Augenblick väterliche Liebe glänzten, drückte in ſeinen Armen mit Vaterſtolz ein lächelndes Bübchen von drei bis vier Jahren, welches an dem Getändel ſich freute, das den Urheber ſeiner Tage ihm ſelbſt gleich zu ſtellen ſchien. Eine ſchöne Venetianerin mit goldnem Haar und glühenden Wangen, ſo wie Titian ihr Geſchlecht zu malen liebte, lehnte ſich daneben auf ein Sopha, folgte den Bewegungen Beider, die Ge⸗ fühle der Mutter und Gattin in ſich vereinend, und lachte in reiner Freude über die laute Luſt ihres hoffnungsvollen Kindes. Ein Mädchen, das jugendliche Abbild ihrer ſelbſt, mit langen herunterhängenden Haarflechten, bemühete ſich mit einem ſchreienden Kinde von ſo zartem Alter, daß kaum ſchon Bewußtſeyn in ihm rege geworden zu ſeyn ſchien. Dies war die Scene, als eben die Thurmglocke der ——— 40³ Piazza die angedeutete Stunde ſchlug. Bei dieſem Schall ſetzte der Vater den Knaben nieder und ſah nach ſeiner Uhr. „Wirſt Du heut Abend ausfahren, Liebe?“ fragte er. „Mit Dir, Paolo?“ „Nein, mein Herz. Ich habe Geſchäfte, die mich bis zwölf in Anſpruch nehmen.“ „Ach, Du biſt immer in dem Falle mich fortzuſchicken, wenn Du wunderliche Launen haſt.“ „Sage das nicht. Ich habe auf dieſen Abend eine Zuſammen⸗ kunft mit meinem Geſchäftsführer verabredet, und kenne Dein mütter⸗ liches Herz zu gut, um zu zweifeln, daß Du mich ſo lange entbehren wolleſt, als die Sorge für das Wohl dieſer theuern Kinder es erfordert.“ Donna Giulietta ſchellte nach ihren Dienern und ihrem Mantel. Der kleine Schreihals und der luſtige Knabe wurden zu Bette ge⸗ bracht, und die Frau vom Hauſe beſtieg mit der ältern Tochter ihre Gondel. Der Mann ließ Donna Giunlietta nicht ungeleitet zur Gondel gehen, denn dieſe Familie war eine von denen, in welcher glücklicher Weiſe die Neigung mit den gewöhnlichen Berechnungen der Vor⸗ theile zuſammentraf, als das eheliche Band geknüpft werden ſollte. Ihr Mann küßte ihr zärtlich die Hand, als er ihr in die Gondel half, und das Boot flog ſchon fern von dem Palaſte dahin, bevor er die naſſen Stufen des Waſſereinganges verlaſſen hatte. „Haſt Du das Kabinet zum Empfang meiner Freunde in Be⸗ reitſchaft geſetzt?“ fragte Signor Soranzo, denn es war derſelbe Senator, der ſich bei dem Dogen befand, als Letztexer zu den Fiſchern hinausging. „Ja, Signore!“ „Und alles ſtill, und Licht, wie ich befohlen?“ „Excellenz, alles wird bereit ſeyn.“. „Du haſt Stühle für ſechs geſtellt— wir werden Sechſe feyn.“ „Signore, ſechs Lehnſtuͤhle.“ 404 „Gut. Wenn die erſten von meinen Freunden kommen, ſo will ich zu ihnen gehn.“ „Excellenz, es ſind ſchon zwei Cavalieri in Masken drinnen.“ Signor Soranzo ſtutzte, ſah wieder nach der Uhr, und ging in Eil nach einem entfernten, ſehr ruhigen Theile des Palaſtes. Er erreichte ohne Begleitung eine kleine Thür, ſchloß ſie hinter ſich zu und ſtand plötzlich vor den Männern, die ihn offenbar erwarteten. „Bitte tauſendmal um Verzeihung, Signori!“ rief der Herr vom Hauſe.„Dieſe Pflicht iſt wenigſtens mir ſo neu— ich weiß nicht, wie ſo ehrenwerthe Herren es gewohnt ſeyn mögen— daß die Zeit mich unvermerkt überraſchte. Bitte um Nachſicht, meine Herren, künftig ſoll mein Eifer die heutige Nachläſſigkeit wieder gut machen.“ Die beiden Gäſte waren älter als ihr Wirth, und ihre gehärteten Züge verriethen mehr Bekanntſchaft mit der Welt. Sie nahmen ſeine Entſchuldigung höflich an, und die Unterhaltung bewegte ſich eine Zeit lang in den gewöhnlichen Umgangsformeln. „Sind wir hier ganz in der Stille, Signore?“ fragte der eine von den Gäſten, nachdem ein Weilchen ſo verſtrichen war. „Wie im Grabe. Niemand kommt unaufgefordert hier herein, als meine Frau, und dieſe genießt den Abend zu Waſſer.“ „Ihr ſteht in dem Rufe einer glücklichen Che, Signor Soranzo. Ich hoffe, Ihr habt gehörig erwogen, wie nöthig es iſt, heut Abend die Thür auch vor Donna Giulietta zu ſchließen.“ „Seyen Sie unbeſorgt, Signori. Die Angelegenheiten der Republik gehen allem vor.“ 1. „ Ich fühle mich dreimal glücklich, Signori, daß ich, durch das Loos in den Rath der Dreie gelangt, ſo vortreffliche Kollegen er⸗ halten habe. Glaubet mir, ich habe dies beſchwerliche Amt in meinem Leben ſchon mit nicht ſo erfreulichen Genoſſen verwaltet.“ Dieſe ſchmeichelhafte Rede, welche der verſchlagene alte Senator regelmäßig allen auftiſchte, mit denen der Zufall ihn in der In⸗ 40⁵ quiſttion während ſeines langen Lebens zuſammengeführt, ward wohl aufgenommen und mit ähnlichen Höflichkeiten beantwortet. „Es ſcheint, daß der würdige Signor Aleſſandro Gradenigo unter unſern Vorgängern war,“ fuhr er fort, unter einigen Papieren blätternd. Denn obgleich die Drei, welche den Rath bildeten, ſo lange ſie im Amte blieben, Niemanden bekannt waren, außer einigen wenigen Sekretairen und Beamten, ſo überlieferte die venetianiſche Staatsklugheit ihren Namen doch ihren Nachfolgern und ſo ab⸗ wärts—„ein braver Edelmann und dem Staate ſehr ergeben!“ Die Anderen ſtimmten bei, als Männer, die gewohnt ſind, vorſichtig zu reden. „Wir hätten unſeren Beruf beinahe in einem ſtürmiſchen Augen⸗ blick antreten müſſen, Signori,“ bemerkte der Dritte;„doch ge⸗ winnt es den Anſchein, als ſey dieſer Aufſtand der Fiſcher bereits gedämpft. Ich glaube die Schufte hatten einigen Grund mißtrauiſch gegen die Regierung zu ſeyn.“ „Die Sache iſt glücklich beigelegt,“ verſetzte der Senior der Dreie, der ſehr geübt war in der Kunſt alles zu vergeſſen, was die Politik nicht gern aufbewahrt haben mochte, ſobald die Sache durchgeſetzt war.„Die Galeeren müſſen bemannt ſeyn, ſonſt wird die Republik bald ſich ſchämen müſſen, den Kopf zu erheben.“ Signor Soranzo, welcher einige vorläuſige Belehrungen über ſeine neue Pflichten erhalten hatte, blickte ſchwermüthig vor ſich hin, aber auch er war nun das Geſchöpf eines ſtarren Syſtems. „Haben wir diesmal über irgend einen dringend wichtigen Gegen⸗ ſtand zu berathen?“ fragte er. „Signori, wir haben Urſach anzunehmen, daß die Republik ſo eben einen ſchweren Verluſt erlitten hat. Ihr kennt beiderſeits die Erbin von Tiepolo, wenigſtens dem Rufe nach, wenn auch ihre ein⸗ gezogene Lebensweiſe Euch ihre nähere Bekanntſchaft nicht machen ließ.“ „Donna Giulietta iſt voll vom Lobe ihrer Schönheit,“ ſagte der junge Gatte. 406 „Wir hatten kein beträͤchtlicheres Erbgut in ganz Venedig,“ ſetzte der dritte Inquiſitor hinzu. „Vortrefflich wie ſie iſt an Tugenden und noch mehr an Reich⸗ thümern, fürchte ich, haben wir ſie verloren, Signori! Don Ca⸗ millo Monforte, den Gott behüte, bis wir ſeines Einflußes nicht weiter bedürfen, hätte faſt den Sieg über uns davon getragen; aber eben als der Staat nahe daran war, ſeine wohlangelegten Pläne zu vereiteln, ſiel die Dame durch Zufall in die Hände der Aufwiegler, und ſeitdem haben wir keine Nachricht von ihr.“ Paolo Soranzo hoffte im Stillen, daß Sie in den Armen des Neapolitanes ſeyn werde. „Ein Secretair hat mir mitgetheilt, daß auch der Herzog von Sant' Agata verſchwunden ſey,“ bemerkte der Dritte.„Ferner iſt die Feluke, welche gewöhnlich bei entfernten und ſchwierigen Geſchäften gebraucht wurde, nicht mehr vor Anker.“ Die beiden alten Männer ſahen einander an, als ob ſie zu argwöhnen anfingen, was ſich zugetragen habe. Sie ſahen, daß die Sache nichts mehr hoffen ließ, und wie denn ihre Pflicht eine ganz practiſche war, verloren ſie keine Zeit mit unnützem Bedauern. „Wir haben zwei dringende Angelegenheiten,“ bemerkte der ältere.„Die Leiche des alten Fiſchers muß ruhig in die Erde kommen, wobei ſo viel als möglich allem künftigen Tumult zu begegnen iſt. Und dann müſſen wir über den berüchtigten Jacopo verfügen.“ „Der Letztere muß zuerſt eingefangen werden,“ ſagte Signor Soranzo. „Das iſt bereits geſchehen. Solltet Ihr's glauben, Ihr Herren! im Palaſte des Dogen ſelber ward er ergriffen!“— „Nun denn, zum Schaffot mit ihm, ohne Verzug.“ Die beiden Alten ſahen wieder einander an, als ob ſie ſchon vorläufig berathen und eine Uebereinkunft getroffen hätten, von welcher ihr Genoſſe nichts wußte. In ihren Blicken malte ſich auch 7 — 912— 407 etwas wie ein Verlangen, ſeine Gefühle zu prüfen, ehe ſie offener mit der Uebung ihres Amtes hervortraten. „Um des gelobten St. Mareus willen, Signori, laßt die Ge⸗ rechtigkeit frei walten in dieſer Sache,“ fuhr das unbefangne Mit⸗ glied der Dreie fort.„Auf welches Mitleid kann ein feiler Bandit Anſpruch machen?. Und welche ſchönere Pflichten hätten wir zu üben, als die, ein öffentliches Beiſpiel ſtrenger und unerläßlicher Gerechtig⸗ keit zu geben?“ Die alten Senatoren verbeugten ſich, die Geſinnung ihres Collegen anerkennend, welche dieſer mit der Hitze junger Erfahrung und der Freimüthigkeit eines aufrichtigen Gemüthes ausſprach; denn es giebt eine feſtſtehende Moral, der man herkömmlich huldigt und ihr wenigſtens dem Schein nach, verſtattet, auch auf den krümmſten Wegen der Politik mit beizuſpielen. „Vielleicht wird es für zweckmäßig befunden, Signor Soranzo, der Gerechtigkeit dieſe Huldigung darzubringen,“ ſprach der Aeltere. „Hier find eben in etlichen Löwenrachen* unterſchiedliche Beſchwerden gegen den Neapolitaner Don Camillo Monforte gefunden worden. Ich überlaſſe es Eurer Weisheit, verehöte Kollegen, zu entſcheiden, welche Beachtung ſie verdienen.“ „Wenn die Bosheit zu weit geht, ſo verräth ſie ſich ſelbſt!“ rief das neueſte Mitglied der Inquiſition.„Ich verbürge mein Leben, Signori, daß dieſe Anklagen von Privat⸗Verdruß herrühren und der Aufmerkſamkeit des Staats völlig unwürdig ſind. Ich bin viel mit dem jungen Herrn von Sant' Agata zuſammengeweſen: es wohnt kein ehrenwertherer Mann unter uns.“ „Doch hat er Abſichten auf die Hand einer Erbin aus dem alten Hauſe Tiepolo!“ * Obgleich man von dieſen Behältern geheimer Anklagen in der Regel nur im Singular ſpricht, gab es doch deren an allen vielbeſuchten Plätzen Venedigs. Der Leſer wird noch nicht vergeſſen haben, daß der geflügelte Löwe das Stammbild dieſer Republik war. 408 „Iſt es wohl ein Verbrechen für die Jugend, der Schönheit nachzugehn? Er hat der Dame große Dienſte geleiſtet in ihrer Noth, und daß junge Leute Neigung für einander haben, iſt nichts Neues.“ „Venedig hat feine Neigungen ſo gut, wie der Jüngſte von uns allen, Signor.“ 1 „Aber Venedig kann die junge Erbin doch nicht heirathen.“ „Freilich nicht! St. Marcus muß ſich damit begnügen, die Stelle eines klugen Vaters zu erſetzen. Ihr ſeyd noch jung, Signor Soranzo, und Donna Giulietta iſt eine Dame von ſeltener Schoͤn⸗ heit. Seyd ihr Beide erſt etwas älter geworden, werdet Ihr Staaten⸗ ſchickſal ſowohl, als Familienglück ganz anders anſehen. Aber wir verſchwenden unſeren Athem unnütz in dieſer Sache, da unſere Agenten noch nicht berichtet haben, ob ſie beim Nachſetzen glücklich geweſen ſind. Die dringendſte Angelegenheit iſt jetzt die Verfügung über den Bravo. Hat Euch Seine Hoheit den letzten Brief Seiner Heiligkeit des Papſtes in Betreff der aufgefangenen Depeſchen ge⸗ wieſen, Signore?“ „Allerdings. Unſere Vorgänger haben eine begütigende Ant⸗ wort erlaſſen, dabei muß es ſein Bewenden haben.“ „So wollen wir denn ungehindert Jacopo Frontoni's Sache vornehmen. Es wird aber nöthig ſeyn, daß wir im Zimmer der Inquiſition zuſammenkommen, um den Gefangenen mit ſeinen An⸗ klägern zu confrontiren. Es iſt ein wichtiges Verhör, Signori, und Venedig würde ſehr in der Achtung der Menſchen verlieren, wenn nicht das höchſte Tribunal an der Entſcheidung Antheil nähme.“ „Zum Block mit den Schurken!“ rief Signor Soranzo wieder. „Dies Schickſal kann ihn vielleicht betreffen, oder etwa gar die Strafe des Rades. Eine reiflichere Erwägung wird uns ſehr aufklären über den Gang, welchen die Staatskunſt hierbei vor⸗ ſchreiben mag.“ „Es kann die Staatskunſt nur Einen Weg haben, wenn das ——ꝛ—ꝛ———— ——·,— 409 Leben unſerer Bürger in Rede ſteht. Ich bin nie zuvor ungeduldig geweſen, Jemandem ſeine Tage zu verkürzen, aber bei dieſer Unter⸗ ſuchung verdrießt mich jeder Verzug.“ „Eure edle Ungeduld wird ſich befriedigt fühlen, Signor So⸗ ranzo; denn in Erwägung der Wichtigkeit der Sache haben mein Kollege, der würdige Senator, der uns in dieſer hohen Pflicht bei⸗ geſellt iſt, und ich, bereits die dem Gegenſtande entſprechenden Be⸗ fehle erlaſſen. Die Stunde iſt nah und wir wollen uns zeitig nach dem Zimmer der Inquiſition begeben, um unſerer Pflicht nachzu⸗ kommen.“ Das Geſpräch drehte ſich nun um allgemeinere Angelegenheiten. Dieſes geheime und außerordentliche Tribunal, welches nicht genö⸗ thigt war, an irgend einem beſtimmten Orte ſeine Zuſammenkünfte zu halten, ſondern ſeine Beſchlüſſe überall faſſen durfte, auf der Piazza oder im Palaſte, unter dem Gewirr der Maskerade oder vor dem Altare, in luſtiger Geſellſchaft oder im eigenen Kabinet, hatte natüͤrlich viele ganz gewöhnliche Angelegenheiten ſeiner Beurtheilung zu unterwerfen. Da der Zufall der Geburt hier ſeine eigentliche Geltung hatte, und Gott nicht allen Menſchen zu ſolch einem herz⸗ loſen Amte die Fähigkeit giebt, ſo geſchah es zuweilen, wie in dem gegenwärtigen Falle, daß die bewanderteren Mitglieder des Rathes erſt die großmüthige Geſinnung eines Kollegen bekämpfen mußten, ehe die fürchterliche Maſchine in Gang kommen konnte. Es iſt bemerkenswerth, daß Gemeinſchaften ſtets einen höheren Begriff von Gerechtigkeit und Wahrheit aufſtellen, hinter welchem ihre einzelnen Mitglieder jedes für ſich weit zurückbleiben. Der Grund iſt leicht zu finden, da die Natur Allen wenigſtens einen Begriff giebt von dem Rechte, welches aber unter dem mäch⸗ tigen Einfluſſe perſönlicher Verſuchung hintangeſetzt wird. Wir können die Tugend recht gut predigen, welche wir ſelber nicht aus⸗ zuüben wiſſen. Daher iſt denn auch in ſolchen Ländern, wo die oöffentliche Meinung den größeſten Einfluß hat, das öffentliche Ver⸗ 410 fahren immer am reinſten. Es ergiebt ſich als ein Folgeſatz aus dieſer Lehre, daß die Volksvertretung ſo viel möglich eine wirkliche ſeyn müſſe, weil durch ſie die Sittlichkeit der Nation unfehlbar ge⸗ hoben wird. Elend aber iſt der Zuſtand eines Volkes, in welchem die Grundſätze und Maaßregeln der Regierung unter den Standpunkt der in Einzelnen herrſchenden Redlichkeit hinabſinken, denn dieſe Thatſache beweiſt, wie wenig ein ſolches Volk ſein eigenes Schickſal in Händen hat, und die noch ſchrecklichere Wahrheit, daß die Ge⸗ ſammtmacht dem unglückſeligen Geſchäfte obliegt, alle diejenigen Anlagen zu untergraben, die zur Tugend weſentlich nöthig ſind, und welche doch ſchon an ſich ſchwach genug ſind in dem beſtändigen Kampfe gegen die perſönliche Selbſtſucht. Eine ſtrenge geſetzliche Vertretung aller Intereſſen iſt einem im Weltzuſammenhange ſtehenden Volke noch bei weitem nothwendiger, als einem einfachen, weil die Verantwortlichkeit, welche das Hauptelement einer freien Regierungs⸗ form iſt, dazu dient, die Vertreter einer Nation dem Maßſtabe der Nationaltugend näher zu halten, als auf andre Weiſe geſchehen kann. Die geltende Anſicht, daß eine Republik nicht ohne einen hohen Grad von Tugend in ihren einzelnen Bürgern beſtehen könne, ſchmeichelt uns Amerikanern ſo ſehr, daß wir uns ſelten die Muͤhe geben, die Wahrheit derſelben ernſtlich zu prüfen. Uns aber er⸗ ſcheint es ganz klar, daß in dieſer Behauptung Wirkung und Urſach verwechſelt werden. Man ſagt, weil das Volk eigentlich Herr iſt in einer Republik, ſo muß das Volk auch tugendhaft ſeyn, um gut zu herrſchen: ſo lange man dieſen Satz nur gradweiſe gelten läßt, paßt er eben ſo gut für jede andere Regierungsform. Aber es herrſchen Könige, und ſicherlich ſind doch nicht alle tugendhaft ge⸗ weſen; und daß Ariſtokratien mit einem Minimum von Tugend ver⸗ waltet worden ſind, lehrt der Inhalt unſerer Erzählung zur Genüge. Daß unter übrigens ganz gleichen Umſtänden die Bürger einer Republik auf höherer Tugendſtufe ſtehen werden, als anders regierte Unterthanen, können wir, als Wirkung dieſer Berfaſſung, gelten ——— 411 laſſen; denn wenn alle Verwaltungszweige der öffentlichen Meinung verantwortlich ſind, ſo wird jene herkömmliche Moral, die Geſammt⸗ anſicht der Geſellſchaft, frei auf die Menge wirken können, ohne zu einem fürchterlichen Werkzeug des Verderbens zu werden, was immer nothwendig der Fall iſt, wo künſtliche Einrichtungen ihrer Wirk⸗ ſamkeit eine falſche Richtung geben. Die Wahrheit des eben Geſagten beweist auch unſer vorlie⸗ gender Fall. Signor Soranzo war von Natur ein Mann von trefflichem Charakter und die freundliche Geſtalt ſeiner Häuslichkeit hatte ſeinen natuͤrlichen Anlagen neue Stärke gegeben. Gleich andern Männern ſeines Standes und ſeiner Ausſichten, hatte er die Geſchichte und politiſche Handlungsweiſe ſeiner ſich ſo nennenden Republik zu ſeinem Studium gemacht, und da ließen ihm die Größe der Geſammtintereſſen und die ſcheinbare Nothwendigkeit Theorien annehmlich erſcheinen, welche er, unter andern Umſtänden dargeboten, mit Abſcheu zurückgewieſen haben würde. Und doch war Signor Soranzo noch weit davon entfernt, die ganze Wirkung des Syſtems zu kennen, zu deſſen Stütze auch ihn die Geburt beſtimmt hatte. Selbſt Venedig zollte der öffentlichen Meinung die Huldigung, von welcher eben geredet worden, und hielt der Welt nur ein Trugbild ſeiner wahren Staatsmaximen vor. Indeſſen gab es noch immer viele darunter, die zu auffallend waren, um nicht hervorzutreten, und einem unbefleckten Gemüthe Widerwillen einzuflößen. Der junge Senator ſuchte ſich dabei ihren Zweck lieber ſelber zu verbergen;. oder, wenn er bemerkte, wie ihr Einfluß ſich auf Alles erſtreckte, nur nicht auf die arme, vernachläßigte, abſtrakte Tugend, deren Lohn ſo fern lag, ſo ſuchte er ſich irgend ein Palliativ vorzuſpiegeln, oder einen ſcheinbaren und indirekten Nutzen zur Entſchuldigung, daß er zu dem allen ſtille ſchwieg. In dieſer Gemüthsſtimmung ward Signor Soranzo unerwarteter Weiſe Mitglied im Rath der Dreie. Oft in ſeinen Jugendträumen hatte er den Beſitz dieſer, keiner Verantwortung unterworfenen 41² Macht als das hoöͤchſte Ziel ſeiner Wünſche angeſehen. Tauſend Bilder von dem Guten, welches er ſtiften wollte, waren in ſeinem Kopfe aufgeſtiegen, und erſt in ſpäteren Jahren, als er das Trug⸗ gewebe, welches auch den Beſtmeinenden umſpann, näher kennen lernte, konnte er ſich von der Unausführbarkeit ſeiner Pläne überzeugen. Wie die Sache ſtand, trat er in den Rath mit Zweifeln und böſen Ahnungen. Hätte er ſpäter gelebt, auch unter ſeinem eignen Syſtem, aber in der Geſtalt, wie es modificirt ward durch die mit der Erfindung der Buchdruckerkunſt hervorgerufene Bildung, ſo haͤtte wahrſcheinlich Signor Soranzo eine edle Stelle in der Oppoſition eingenommen, bald eine Maaßregel des Gemeinwohls eifrig unterſtützend, bald mit Anſtand den Anforderungen einer ſtrengeren Politik nachgebend, beſtändig aber unter dem Einfluſſe der poſſitiven Vorzüge, die er durch ſeine Geburt beſaß, wiewohl kaum ſich ſelber bewußt, daß er nicht ganz das war, was er, ſeiner Stellung nach, ſeyn ſollte. Gegenwärtig lag die Schuld weniger an dem Patricier, als an den Umſtänden, welche, das Intereſſe der Pflicht verfeindend, ein wohlwollendes Gemüth oft zu noch größerer Schwachheit verlocken können. Signor Soranzos Collegen fanden deſſenungeachtet die Aufgabe, ihn vorzubereiten zu den Pflichten des Staatsmannes, welche ſo ſehr von denen abwichen, die er als Mann zu üben gewöhnt war, bei weitem ſchwieriger, als ſie vermuthet hatten. Sie glichen zwei gezähmten Elephanten des Oſtens, ausgerüſtet mit allen ſchönern Anlagen und vorzüglichen Eigenſchaften des edlen Thieres, aber durch eine, ihrem natürlichen Zuſtande ganz widerſtrebende Gewalt, zu bloß gehorſamen Geſchöpfen herabgewürdigt, welche einen jüngern Bruder, friſch von der Ebne eingefangen, in die Mitte nehmen, um ſeinem Rüſſel neue Dienſte, ihm ſelbſt neue Begierden und etwa die Geſchicklichkeit beizubringen, den Howdah eines Rajah mit Anſtand zu tragen. Mit mancherlei Anſpielungen auf ihre Politik, aber ohne —*—— 8 8— ———— 5———— — — 413 beſtimmte Aufklärung über ihr Vorhaben, ſetzten die Senioren des Rathes die Unterredung fort, bis die Stunde der Zuſammenkunft im Palaſte des Dogen nahe war. Da trennten ſie ſich einzeln, wie ſie zuſammengekommen waren, damit das Geheimniß ihres officiellen Charakters keinem uneingeweihten Auge ſich enthüllte. Der gewandteſte von den Dreien beſuchte eine Geſellſchaft Adliger, welche vornehme und ſchöne Damen mit ihrer Gegenwart beehrten, ſchlüpfte aber bald darauf hinweg, ohne daß die Geſellſchaft⸗ wußte, wohin. Der Andere eilte an das Todtbette eines Freundes und ſprach dort lange und vortrefflich mit einem Mönche über die Unſterblichkeit der Seele und die Hoffnungen eines Chriſten. Als er ging, gab ihm der gute Mann ſeinen Segen und die Familie war ganz voll von ſeinem Lobe. Signor Soranzo gab ſich den Ergötzungen ſeines Familien⸗ kreiſes bis zum letzten Augenblicke hin. Donna Giulietta war zurückgekommen, von der Seeluft belebt, friſcher und liebenswürdiger als jemals, und in ſeinen Ohren klang noch ihre ſüße Stimme, noch das tönende Lachen ſeiner Erſtgebornen, des blühenden, lockigen Mädchens, als ihn ſein Gondolier ſchon unter der Brücke des Rialto an das Land ſetzte. Hier maskirte er ſich, nahm ſeinen Mantel um und ging mit dem Strome der Menge durch die engen Gaſſen nach dem St. Mareusplatze. Einmal im Gewühle, war von zudringlicher Beobachtung nicht mehr viel zu fürchten. Die Verkleidung war den venetianiſchen Oligarchen eben ſo oft nützlich als ſie unentbehrlich war, ihrem Despotismus zu entgehen und dem Bürger die Stadt leidlich zu machen. Paolo ſah gebräunte barfüßige Lagunen⸗ Männer hin und wieder in die Kathedrale treten. Er ging ebenfalls hinein und ſtellte ſich neben den ſchwacherleuchteten Altar, wo noch immer Seelmeſſen für Antonio geleſen wurden. „Iſt dies einer von Deinen Kameraden?“ fragte er einen Fiſcher, deſſen dunkles Auge das Licht wiederblitzte, wie ein Bafiliskenblick,— 414 „Signore, das war er— ein braverer und ehrlicherer Mann hat nie ein Netz in den Golf geworfen.“ „Iſt er ein Opfer ſeines Berufs geworden?“ „Cospetto di Bacco! Niemand weiß recht, wie er ums Leben gekommen iſt. Einige ſagen, St. Marcus habe ihn gern bald wollen ins Paradies befördern, Andere meinen wieder, er ſei durch die Fauſt eines Bravo, Namens Jacopo Frontoni, gefallen.“ „Warum ſollte ein Bravo ſich an das Leben eines ſolchen Mannes vergreifen?“ „Wenn Ihr ſo gütig wäret, Signore, Euch ſelber auf Eure Frage zu antworten, ſo ſpartet Ihr mir einige Mühe. Freilich, warum ſollte er? Sie ſagen, Jacopo ſey rachſüchtig, und Scham und Verdruß über ſeine Niederlage in der Regatta durch einen ſo alten Mann, ſeyen die Urſach.“ „Iſt er ſo eiferſüchtig auf ſeine Ehre im Rudern?“ „Diamine! Ich habe die Zeit geſehen, wo Jacopo lieber ge⸗ ſtorben wäre, als im Wettfahren zu verlieren. Das war jedoch, ehe er das Stilett führte. Wäre er beim Ruder geblieben, ſo konnte dergleichen geſchehen; nun aber, da er einmal als Bravo bekannt iſt, hat es gar keinen vernünftigen Anſchein, daß er ſo gewaltig an dem Wettpreiſe auf den Kanälen hängen ſollte.“ „Kann der Mann nicht zufällig in die Lagunen gefallen ſeyn?“ „O ja, Signore! Das begegnet unſer einem alle Tage. Aber dann däucht es uns geſcheidter zum Boote zu ſchwimmen, als zu ertrinken. Der alte Antonio hatte einen Arm in ſeiner Jugend, der ihn vom Quai bis zum Lido trug.“ „Vielleicht hat er ſich im Fallen verletzt, ſo daß er unfähig ward, ſich ſelbſt zu helfen.“ „Da müßten ſich Spuren zeigen an der Leiche, Signore!“ „Wurde aber nicht Jacopo ſein Stilett gebraucht haben?“ „Vielleicht nicht bei einem Manne wie Antonio. Man fand das Boot des alten Mannes in der Mündung des großen Kanals, —, ———— —4j,— ———X——— 415— eine halbe Meile von der Leiche, und gegen den Wind! wir geben auf ſolche Dinge Acht, Signor, weil wir ſie verſtehen.“ „Gut Nacht, Fiſcher.“ „Schöoͤn gut Nacht, Excellenza!“ erwiederte der Lagunenmann, ſehr zufrieden, daß er ſo lange mit einem Manne hatte reden dürfen, den er als einen bei weitem Vornehmern anſah. Der maskirte Senator fand es nicht ſchwer, unbemerkt aus der Kathedrale zu kommen, und er hatte ſeinen geheimen Weg in den Palaſt, wo kein unberufener Beobachter ihm hinderlich war. Er ſah ſich bald mit den Räthen des fürchterlichen Tribunals zuſammen. Achtundzwanzigſtes Kapitel. „Dorten bleiben die Gefangnen mit einander, und hören nicht die Stimme ihres Unterdrückers.“ Hiob. Die Weiſe, in welcher der Nath der Dreie ſeine offenen Zu⸗ ſammenkünfte hielt, wenn irgend etwas, das dieſe miſteriöſe Ver⸗ ſammlung anging, offen genannt werden kann, iſt bereits erzählt worden. Es waren wieder dieſelben Anzüge, Masken und Officianten der Inquiſttion, wie bei jenem in einem früheren Kapitel beſchriebenen Auftritte. Nur der Charakter der Richter war ein andrer, ſo wie der des Angeklagten. Durch eine beſondere Einrichtung der Lampe ward das meiſte Licht auf den Fleck geworfen, wo der Gefangene ſtehen ſollte, während die Seite des Zimmers, an welcher die In⸗ quiſttoren ſaßen, in einem Dunkel blieb, welches zu ihrem düſteren, geheimnißvollen Amte gar wohl ſtimmte. Ehe die Thür ſich öffnete, durch welche der Inkulpat eintreten mußte, hörte man das Klirren der Ketten, ein ſicheres Anzeichen, daß der vorliegende Fall als ſehr ernſtlich angeſehen ward. Die Angeln drehten ſich, und der 416 Bravo ſtand vor den unbekannten Männern, welche über ſein Schick⸗ ſal zu entſcheiden hatten. Da Jacopo oft vor dem Rath erſchienen war, obgleich nie⸗ mals als Gefangener, ſo verrieth er weder Ueberraſchung, noch Be⸗ ſtürzung bei dem finſtern Anblick umher. Sein Geſicht war bleich aber gefaßt, ſeine Glieder unbeweglich und ſeine Miene beſcheiden. Als das kleine Geräuſch, welches bei ſeinem Eintritt entſtand, ſich gelegt hatte, herrſchte in dem Zimmer tiefe Stille.— „Du heißeſt Jacopo Frontoni?“ ſagte der Sekretair, welcher das Mundſtück der Dreie bei dieſer Gelegenheit abgab. „Ja.“ „Du biſt der Sohn eines gewiſſen Ricardo Frontoni, eines durch Zoll⸗Diebſtahl berüchtigten Mannes, von dem man glaubt, daß er nach den entfernten Inſeln verbannt oder anderweitig be⸗ ſtraft worden?“ E „Signore— oder anderweitig beſtraft worden.“ „Du warſt Gondolier in Deiner Jugend?“ „Das war ich.“ „Deine Mutter iſt—“ „Todt,“ ſagte Jacopo, als er bemerkte, daß der andere ſchwieg, um ſeine Inſtruction anzuſehen. Der tiefe Ton, mit welchem er dieſes Wort ſprach, erregte eine Stille, welche der Secretair erſt unterbrach, nachdem er einen Blick hinter ſich auf die Richter geworfen. „Sie war nicht der Theilnahme an dem Verbrechen Deines Vaters angeklagt?“ „Und wäre ſie es geweſen, Signore, ſie iſt längſt nicht mehr im Bereiche der Macht dieſer Republik.“ „Bald nachdem Dein Vater das Mißfallen des Staates erregt hatte, gabſt Du Dein Geſchäͤft als Gondolier auf?“ „Signore, ja.“— es e⸗ 417 „Du biſt angeklagt, Jacopo, das Ruder mit dem Stilett ver⸗ tauſcht zu haben.“ „Signore, ja.“ „Die Gerüchte von Deinen Blutthaten haben ſeit mehreren Jahren zugenommen in Venedig, bis in der letzten Zeit Keiner mehr eines unzeitigen Todes ſtarb, deſſen Ermordung man nicht Dir zu⸗ geſchrieben hätte.“ „Dies iſt nur zu wahr, Signore Segretario.— Ich wollte dem wäre nicht ſo.“ „Die Ohren Seiner Hoheit und der Rathskollegien ſind nicht verſchloſſen geblieben vor dieſen Gerüchten, ſondern haben dieſelben lange mit dem Ernſt einer väterlichen und ſorgſamen Regierung er⸗ wogen. Wenn ſie Dich frei herumgehen ließen, ſo geſchah es nur, um nicht den Hermelin der Gerechtigkeit durch ein übereiltes und nicht hinlänglich begründetes Erkenntniß zu beflecken.“ Jacopo neigte ſein Haupt und gab keine Antwort. Aber ein Lächeln ſo wild und bedeutungsvoll glitt bei dieſer Erklärung über ſeine Züge, daß der Officiant des geheimen Tribunals, der als Organ der Mittheilung diente, auf das Papier niederblickte, welches er in der Hand hielt, als wollte er tiefer in die Schriften hineinſehen. Möge der Leſer, wenn die Geſchichte wird ausgeführt ſeyn, nicht dieſe Stelle mit Verwunderung wieder anſehen: es ſind eben ſo handgreifliche, wenn auch nicht ſo grauſame Myſtificationen von poli⸗ tiſchen Körperſchaften in ſeiner eignen Zeit öffentlich ausgegangen. „Es iſt nunmehr eine ganz beſondere und fürchterliche Beſchwerde gegen Dich beigebracht worden, Jacopo Frontoni,“ fuhr der Seere⸗ tär fort;„und aus Fürſorge für das Leben ſeiner Bürger hat der ge⸗ fürchtete Rath ſelbſt die Sache zu Handen genommen. Haſt Du einen gewiſſen Antonio Vecchio, Fiſcher hier auf unſeren Lagunen, gekannt?“ „Ja, Signore, in der letzteren Zeit, und ich bedaure, ihn nicht ſchon früher gekannt zu haben.“ Der Bravo. 27 418 „Du weißt auch, baß ſein Körper erſäuft in der Bay gefun⸗ den worden?“ Jacopo ſchauderte und bejahete die Frage bloß durch ein Zeichen. Die Wirkung, welche dieſe ſchweigende Bejahung auf den Jüngſten der Dreie hervorbrachte, war unverkennbar, denn er wendete ſich zu ſeinen Kollegen, in der Ueberzeugung, daß dieſes Zeichen einem Geſtändniſſe gleichkomme. Die beiden Anderen machten zur Er⸗ wiederung würdevolle Verneigungen, und damit war die ſtillſchweigende Mittheilung beendet. „Sein Tod hat Unzufriedenheit unter ſeinen Kameraden erregt, und die Veranlaſſung deſſelben iſt ein Gegenſtand ernſtlicher Unter⸗ ſuchung für den hohen Rath geworden.“ „Der Tod des geringſten Mannes in Venedig muß den Patri⸗ ciern angelegen ſeyn, Signore.“ „Weißt Du, Jacopo, daß Du angeklagt biſt, ihn ermordet zu haben?“ „Signore, ja.“ „Man ſagt, Du ſeyeſt unter den Gondolieren in der letzien Regatta geweſen, und würdeſt ohne dieſen alten Fiſcher den erſten Preis gewonnen haben.“ „Darin hat das Gerücht nicht gelogen, Signore. 4 „Du leugneſt alſo nicht?“ rief der Inquirent mit ſichtlichem Erſtaunen. „Es iſt gewiß, daß ich ohne dieſen Fiſcher gewonnen hätte.“ „Und Du haſt den Preis gewünſcht, Jacopo?“ „Gar ſehr, Signore,“ erwiederte der Angeklagte mit einem Ausdruck des Gefühls, den er bisher noch nicht gezeigt hatte.„Ich war bei ſeinen Kameraden ein verachteter Menſch und doch iſt das Ru⸗ der mein Stolz geweſen von meiner Kindheit an, bis zu jener Stunde.“ Eine Bewegung des dritten Inquiſitors verrieth wieder deſſen Antheil und Erſtaunen. „Geſtehſt Du Dein Verbrechen?“ 419 Jacopo lächelte, aber mehr aus Spott als aus einem andern Gefühle. „Wenn die erlauchten Senatoren hier gegenwärtig ihre Masken abnehmen wollen, ſo kann ich dieſe Frage vielleicht mit größerer Zuverſicht beantworten,“ ſagte er. „Dein Verlangen iſt verwegen und außer der Ordnung. Nie⸗ mand kennt perſönlich die Patricier, welche im Staate die letzte Ent⸗ ſcheidung haben. Bekennſt Du Dein Verbrechen?“ In dieſem Augenblicke trat ein Officiant haſtig herein, legte eine Schrift in die Hand des rothgekleideten Inquiſttors und ent⸗ fernte ſich. Nach einer kleinen Pauſe befahl man den Wachen, mit dem Gefangnen abzutreten. „Hohe Senatoren,“ ſagte Jacopo, indem er ernſt an den Tiſch trat, als wollte er den Augenblick benutzen, um durchzuſetzen, was er zu fordern im Begriff ſtand.„Gnade! Verſtattet mir, einen Gefangnen unter den Bleidächern zu beſuchen! Ich habe wichtige Gründe dies zu wünſchen, und bitte Euch als Menſchen und Väter es mir zu erlauben.“ Das lebhafte Intereſſe der Zweie für die ebengebrachte Nach⸗ richt, über welche ſie ſeitwärts ſich beſprachen, verhinderte ſie, auf ſein Geſuch zu achten. Der dritte Inquiſitor, Signor Soranzo, war der Lampe näher getreten, begierig in den Zügen eines ſo be⸗ rüchtigten Menſchen zu forſchen, und ſtaunte ſeine auffallende Ge⸗ ſichtsbildung an. Gerührt durch den ergreifenden Ton ſeiner Rede und zum Wohlwollen geſtimmt durch die Züge, welche er muſterte, übernahm er die Verantwortlichkeit, allein den Wunſch des Ge⸗ fangnen zu gewähren. „Erfüllt ihm, was er verlangt,“ ſagte er zu den Hellebar⸗ dieren,„aber haltet ihn bereit wieder vorzutreten.“ Jacopo dankte ihm durch einen Blick, aber in Beſorgniß, daß die Andern noch plötzlich ſeinem Verlangen in den Weg treten möchten, verließ er eilig das Zimmer. 420 Der Weg der kleinen Proceſſion, welche ſich vom Zimmer des heimlichen Gerichts nach dem Sommeraufenthalt ſeiner Schlachtopfer begab, bezeichnete auf traurige Weiſe den Ort und die Regierung. Er führte durch finſtre verdeckte Corridore, die dem uneinge⸗ weihten Auge verborgen waren, während nur dünne Wände ſie von den Zimmern des Dogen trennten, weiche gleich jenem äußern An⸗ ſtrich des ganzen Staates hinter Pracht und Glanz nichts als Nackt⸗ heit und Elend verſteckten. Als das Obergeſchoß erreicht war, blieb Jacopo ſtehen und redete ſeine Führer an: „Wenn Ihr Menſchen ſeyd, von Gott geſchaffen, ſo nehmt mir, wenn auch nur für einen Augenblick, dieſe klingenden Ketten ab.“ Die Schließer ſahen überraſcht einander an, keiner wollte dies Liebeswerk über ſich nehmen. „Ich will,“ fuhr der Gefangne fort,„vermuthlich zum letzten Mal, einen bettlägrigen oder auch ſchon ſterbenden Vater beſuchen, und er weiß nichts von meiner Lage; ſoll er mich in dieſem Zu⸗ ſtande ſehen?“ Maächtig mehr durch Ton und Geberde als durch Worte, ver⸗ fehlte dieſe Anrede ihre Wirkung nicht. Ein Schließer nahm ihm die Ketten ab und hieß ihn hineingehen. Mit vorſichtigem Tritt ging Jacopo, als die Thür geöffnet war, allein in das Zimmer, denn keiner nahm an der Zuſammenkunft eines gemeinen Bravo mit ſeinem Vater ſo vielen Antheil, daß er ſich deshalb hätte der brennen⸗ den Hitze dieſes Ortes ausſetzen ſollen. Hinter ihm ſchloß ſich die Thür, und das Gemach wurde dunkel. Ungeachtet ſeiner angenommenen Feſtigkeit blieb Jacopo er⸗ ſchüttert ſtehen, als ſich ihm ſo plötzlich das ſtille Elend des un⸗ glücklichen Gefangnen veranſchaulichte. Ein ſchweres Athmen ließ ihm den Ort des Strohlagers errathen, denn die Mauern, welche auf der Seite des Corridors maſſiv waren, verhinderten das Ein⸗ dringen des Lichtes durchaus. 4 „Vater!“ ſagte Jacopo ſanft. Er erhielt keine Antwort. 421 „Vater!“ wiederholte er lauter. Das Athmen wurde hörbarer; darauf ſprach der Gefangne: „Die heilige Maria erhört mein Flehen,“ ſagte er mit ſchwacher Stimme.„Gott hat Dich mir geſchickt, mein Sohn, mir die Augen zuzudrücken.“ „Verläßt Dich Deine Kraft, Vater?“ „Sehr; mein Stündlein iſt gekommen— ich hatte gehofft, das Tageslicht wiederzuſehen, Deine theure Mutter und Schweſter zu ſegnen— Gottes Wille geſchehe!“ „Sie beten für uns Beide, Vater. Sie ſind nicht mehr in der Gewalt des Senates.“ „Jacopo— ich verſteh Dich nicht!“ „Meine Mutter und Schweſter ſind todt, ſind Heilige im Himmel, Vater!“ Der alte Mann ſtöhnte, denn die Bande der Erde waren noch nicht ganz gelöſt. Jacopo hörte ihn ein Gebet murmeln und kniete neben ſein Vett nieder. „Das iſt ein plötzlicher Schlag!“ ſprach der alte Mann leiſe. „Nun, ſo ſcheiden wir zuſammen.“ „Sie ſind längſt todt, Vater.“ „Warum haſt Du mir das nicht früher geſagt, Jacopo?“ „Hatteſt Du nicht ohnehin des Grams genug? Jetzt, da Du im Begriff ſteheſt, zu ihnen zu gehen, wird es Dir Freude machen zu erfahren, daß ſie ſchon lange ſelig ſind.“ „Und Du, Du wirſt allein zurückbleiben— gieb mir Deine Hand— armer Jacopo.“ Der Bravo griff hin und faßte die ſchwache Hand ſeines Vaters. Sie war ſteif und kalt. „Jacopo!“ fuhr der Gefangene fort, denn ſein Geiſt hielt noch den Körper,„ich habe dreimal ſeit einer Stunde gebetet— einmal für meine eigene Seele— einmal für den Frieden Deiner Mutter— und endlich auch für Dich!“ 422 4 „Dank, Vater, Dank! mir thut Fürbitte Noth!“ „Ich habe Gottes Gnade für Dich angerufen— Ich habe mich erinnert— aller Deiner Liebe und Sorgfalt— aller Deiner Er⸗ gebung in mein Alter und meine Leiden. Als du ein Kind warſt, Jacopo— verleitete mich— Zärtlichkeit für Dich— zur Schwach⸗ heit.— Da zitterte ich, daß Dein Mannesalter— Leid und Reue über mich bringen würde.— Du kennſt nicht die Sorgen— eines Vaters um ſein Kind— aber Du haſt ſie wohl vergolten. Knie hin, Jacopo— daß ich Gott noch innal— bitten möge, Deiner zu gedenken.“ „Ich bin neben Dir, Vater.“ Der alte Mann hob ſeinen ſchwachen Arm empor und mit einer Stimme, deren Kraft ſich neu zu beleben ſchien, ſprach er einen glühenden feierlichen Segen. „Der Segen eines ſterbenden Vaters wird Deine Tage verſüßen, Jacopo,“ ſagte er nach einer Pauſe,„und Deinen letzten Augen⸗ blicken Frieden geben.“ „Das wird er, Vater.“ Ein rauher Ruf von der Thüre her, unterbrach ſie. „Komm, Jacopo,“ ſagte einer von den Schließern,„der Rath verlangt Dich.“ Jacopo fühlte das krampfhafte Zucken ſeines Vaters und gab keine Antwort. „Wollen ſie Dich nicht— noch ein Paar Minuten hier laſſen?“ ſtammelte der alte Mann;„ich werde Dich nicht lange mehr aufhalten.“ Die Thüre ging auf und ein Strahl der Lampe fiel auf die Gruppe im Gemach. Der Schließer war ſo menſchlich wieder zuzumachen, und Alles im Dunkel zu laſſen. Jacopo gewann durch dies Streiflicht einen letzten Blick in ſeines Vaters Geſicht. Der Tod hauſte darin entſetzlich, aber die Augen waren in unaus⸗ ſprechlicher Liebe dem Sohne zugekehrt. o Qnn u —* 423 „Das iſt ein barmherziger Mann— er will Dich nicht ausſperren,“ ſagte der Vater leiſe. „Sie können Dich nicht allein ſterben laſſen, Vater.“. „Sohn, mein Gott iſt bei mir— doch hätte ich Dich freilich gern neben mir— haſt du nicht geſagt— Deins Mutter und Schweſter ſind todt?“ „Todt.“ „Deine junge Schweſter auch?“ „Alle beide, Vater. Sie ſind Heilige im Himmel.“. Der alte Mann athmete ſchwer und es ward ſtille. Jacopo fühlte die Bewegung einer Hand im Dunkeln, als ſuchte ſie ihn, er ergriff ſie und legte ſie in Ehrfurcht auf ſein eigenes Haupt.“ „Maria die Reine, und ihr Sohn, der Gott iſt— ſegne Dich, Jacopo!“ flüſterte eine Stimme, welche der aufgeregten Einbildungskraft des Bravo aus der Luft herabzuſchweben ſchien. Den feierlichen Worten folgte ein bebendes Seufzen. Jacopo barg ſein Geſicht im Betttuch und betete. Darauf ward tiefe Stille. „Vater,“ fragte er, zitternd vor ſeiner eigenen gedämpften Stimme. Keine Antwort. Er ſtreckte die Hand aus und berührte das Geſicht eines Leichnams. Mit einer Gewalt, welche an Verzweiflung grenzte, beugte er abermals ſeinen Kopf nieder und betete inbrünſtig für den Todten. Als die Thür der Zelle ſich öffnete, erſchien Jacopo vor den Schließern mit einer Würde der Haltung, welche nur wirklichem Charakter eigen iſt und jetzt noch erhöhet war durch die eben erlebten Augenblicke. Er bot ſeine Arme dar und ſtand unbeweglich, als ſie ihm die Feſſeln wieder anlegten. Darauf gingen ſie mit einander nach dem geheimen Zimmer, und es währte nicht lange, ſo ſtanden alle wie vorher vor dem Rathe der Dreie. „Jacopo Frontoni,“ nahm der Secretär das Wort,„Du biſt noch einer andern ſchwarzen That verdächtig, welche ganz kürzlich 424 in unſerer Stadt begangen worden. Haſt Du einen edlen Calabrier gekannt, welcher auf die Senatorwürde Anſpruch machte, und lange ſich hier in Venedig aufhielt?“ „Ja, Signore.“ „Haſt Du mit ihm zu thun gehabt?“ „Ja, Signore.“ Eine Bewegung unter den Zuhörern verrieth den Antheil, welchen Alle nahmen. „Weißt Du, wo Don Camillo Monforte ſich gegenwärtig befindet?“ 2 Jacopo zauderte. Er kannte die Mittel, welche dem Senat zu Gebote ſtanden, um ſich von allem in Kenntniß zu ſetzen, ſo gut, daß er in Zweifel gerieth, in wiefern es räthlich wäre, ſeinen Antheil an der Flucht der Liebenden zu leugnen. Außerdem hatte ſich in dieſem Augenblick ein tiefes heiliges Gefühl ſür Wahrheit in ſeinem Gemüthe eingedrückt. „Kaunnſt Du Auskunft geben, warum der junge Herzog nicht in ſeinem Palaſte gefunden wird?“ wiederholte der Secretär. „Illuſtriſſimo, er hat Venedig für immer verlaſſen!“ „Woher weißt Du das? Hat er einen gemeinen Bravo zu ſeinem Vertrauten gemacht?“ Ein Lächeln voll überlegenen Selbſtbewußtſeyns blitzte über Jacopos Züge, und veranlaßte den wohlunterrichteten Agenten des geheimen Tribunals tief in ſeine Papiere hinein zu blicken, gleich Einem, der ſich getroffen fühlt. „Biſt Du ſein Vertrauter? Ich frage noch einmal.“ „Signore, in dieſer Sache, ja! Ich habe die Verſicherung aus Don Camillo Monfortes eignem Munde, daß er nicht wider⸗ kommen wird.“ „Das iſt unmöglich, da er ſomit all ſeine ſchönen Hoffnungen und glänzenden Güter aufopfern würde.“ er e 42⁵ „Er tröſtete ſich mit dem Erſatze, Signore, den ihm die Liebe der jungen Tiepolo und deren Reichthümer bieten.“— Abermalige Bewegung unter den Dreien, welche alle ihre Geübtheit in der Selbſtbeherrſchung und die mechaniſche Gravität ihres geheimnißvollen Amtes nicht zurückzuhalten vermochte. „Die Schließer ſollen ſich entfernen,“ ſagte der Inquiſitor im Scharlachkleide. Sobald der Gefangene mit den Dreien und ihrem immerwährenden Secretär allein war, ging das Verhör fort, und ſelbſt die Senatoren, im Vertrauen auf ihre Masken und einige Verſtellung der Stimme, ſprachen gelegentlich mit. „Es iſt ein wichtiger Aufſchluß, den Du uns gegeben haſt, Jacopo!“ fuhr der im rothen Kleide fort.„Es kann noch Dein Leben retten, wenn Du klug genug biſt, die Gelegenheit zu benutzen.“ „Was wünſchen Ew. Excellenz von mir? Offenbar hat der Rath Kenntniß von Don Camillos Flucht, und ich kann nicht glauben, daß Augen, die ſo ſelten ſich ſchließen, die Erbin von Tiepolo noch nicht vermißt haben ſollten.“ „Beides iſt wahr, Jacopo. Aber was weißt Du von den Mitteln zur Flucht? Bedenke, daß Dein eignes Schickſal von der Gunſt abhängt, welche Du Dir bei dem Rathe erwirbſt.“. Der Gefangene ließ wieder einen von jenen erſtarrenden Blicken über ſein Geſicht leuchten, vor welchem ſeine Richter jedesmal niederſahen. „An Mitteln zur Flucht kann es einem kühnen Liebhaber nicht fehlen, Signore,“ erwiederte er.„Don Camillo iſt reich und konnte tauſend Diener in Bewegung ſetzen, wenn es nöthig war.“ „Du ſuchſt auszuweichen. Es iſt Dein eigner Nachtheil, wenn Du den Rath zum Beſten haſt! Welche Diener benutzte er 2* „Er hatte eine ihm ergebene Dienerſchaft, Excellenz,— viele dreiſte Gondoliere und Leute aller Art.“ „Von dieſen wollen wir nichts wiſſen. Er iſt durch andre Mittel 426 entkommen; oder biſt Du denn überhaupt ganz ſicher, daß er ent⸗ kommen iſt?“ 3 „Signore, iſt er noch in Venedig?“ „Danach fragen wir Dich eben. Hier iſt eine Anklage im Löwenrachen gefunden worden, welche Dich zeiht, ihn ermordet zu haben?“ „Und Donna Violetta auch, Excellenza?“ „Von ihr haben wir nichts gehört. Was erwiederſt Du auf dieſe Anklage?“ „Signore, warum ſollte ich meine eignen Geheimniſſe verrathen?“ „Ha, biſt Du doppelzüngig und treulos? Beſinne Dich, daß wir einen Gefangenen unter den Bleidächern haben, welcher Dir die Wahrheit wohl abpreſſen kann!“ Jacopo richtete ſich zu einer ſolchen Höhe auf, als man ſich nur vorſtellen kann, um die Erhebung eines freien Geiſtes auszu⸗ drücken. Sein Auge aber war dennoch traurig und ſeine Stimme, trotz der Anſtrengung ſie zum Gegentheil zu zwingen, ſchwermüthig. „Senatoren,“ ſagte er,„Euer Gefangener unter den Blei⸗ dächern iſt frei.“— „Was! Du ſcherzeſt noch in Deiner Verzweiflung!“ „Ich ſpreche wahr. Die ſo lang verzögerte Befreiung iſt endlich gekommen.“ „Dein Vater—“ „Iſt todt,“ fiel Jacopo mit feierlichem Tone ein. Die beiden älteren Mitglieder des Raths ſahen einander über⸗ raſcht an, während ihr jüngerer Kollege mit der Theilnahme zuhörte, welche ein Neuling in geheimen und verwickelten Geſchäften zu haben pflegt. Die Erſteren beriethen ſich leiſe nnd ſagten dann dem Signor Soranzo ſo viel von ihrem Beſchluß, als ſie in dieſem Falle für nöthig erachteten. „Wirſt Du Deine eigne Sicherheit in Erwägung ziehn, Jacopo, und uns eröffnen, was Du von der Sache des Neapolitaners — 427 weißt?“ ſuhr der Inquiſttor fort, als dieſes Zwiſchenſpiel zu Ende war. 3 Jacopo verrieth keine Schwäche bei der Drohung des Senators, aber nach kurzer Ueberlegung antwortete er mit ſo viel Freimü⸗ thigkeit, als er nur im Beichtſtuhl an den Tag legen konnte: „Ihr wißt, erlauchter Senator, daß dem Staate daran lag, die Erbin von Tiepolo zu ſeinem eigenen Vortheile zu verheirathen, daß aber der neapolitaniſche Edelmann ſie liebte, und daß ſie, wie unter jungen und empfſindungsvollen Herzen zu geſchehen pflegt, ſeine Liebe erwiederte in dem Maaße, als einem Mädchen ihres Ranges und ihrer Iugend geziemend war. Iſt da etwas Erſtaun⸗ liches in dem Umſtande, daß zwei Perſonen von ſo glänzenden Ausſichten ſich bemühten, ihr Unglück abzuwehren? Signori, in der Nacht, da der alte Antonio ſtarb, war ich unter den Gräbern des Lido allein mit meiner Schwermuth und meinem bittern Herzen, und mir war das Leben zur Laſt. Hätte der böſe Geiſt, der damals die Oberhand gewonnen hatte, ſeine Meiſterſchaft behauptet, ſo wäre ich als ein hoffnungsloſer Selbſtmörder geſtorben. Gott ſandte aber Don Camillo Monforte, mich zu retten— geprieſen ſei die unbefleckte Maria und ihr gelobter Sohn für dieſe Gnade!— Dort lernte ich die Wünſche des Neapolitaners kennen und begab mich in ſeine Dienſte. Ich ſchwor ihm, Senatoren, gewiſſenhaft zu ſeyn, für ſeine Sache zu ſterben, wenn es nöthig wäre, und ihm zu ſeiner Braut zu verhelfen. Dieſe Verpflichtung habe ich erfüllt. Die glücklichen Liebenden ſind jetzt im Kirchenſtaate und unter dem mächtigen Schutze des Kardinalſekretärs, welcher Don Camillos Mutterbruder iſt.“ „Narr, warum haſt Du das gethan? Haſt Du nicht an Dich ſelbſt gedacht?“ „Sehr wenig, Excellenz. Ich dachte mehr an die Wonne, mein Leid in eine menſchliche Bruſt ausſchütten zu köͤnnen, als an Euer hohes Misvergnügen. Seit Jahren habe ich keinen ſo ſüßen Augen⸗ 428 blick gehabt, als da ich den Herzog von Sant' Agata ſeine ſchöne und vor Freuden weinende Braut an ſein Herz drücken ſah.“ Die Inquiſitoren waren überraſcht durch den ſtillen Enthuſias⸗ mus des Bravo und die Verwunderung erregte wieder eine Pauſe. Endlich nahm der Aelteſte von den Dreien das Verhör wieder auf. „Wirſt Du uns die Art ihres Entkommens mittheilen, Jacopo?“ fragte er.„Bedenke, daß Du noch ein Leben zu retten haſt.“ „Signore, dieſes eine iſt kaum der Mühe werth. Aber Euch zu gefallen ſoll nichts verſchwiegen bleiben.“ Jacopo erzählte nun einfach und ungeſchminkt die Mittel, welche Don Camillo zur Be⸗ werkſtelligung ſeiner Flucht angewendet hatte, die Hoffnungen der⸗ ſelben, die Hinderniſſe und das endliche Gelingen. Er verheimlichte nichts bei dieſer Erzählung, als den Ort, wo die Damen auf kurze Zeit eine Zuflucht gefunden hatten, und Gelſomina's Name. Sogar Giacomo Gradenigo's Anſchlag auf das Leben des Neapolitaners und die Geſchäftigkeit des Juden in dieſer Sache machte er kund. Keiner hörte den Bericht ſo aufmerkſam an, als der junge Ehemann. Unbeſchadet ſeiner öffentlichen Pflichten, klopften ſeine Pulſe, als der Gefangene bei den wechſelvollen Schickſalen der Liebenden verweilte, und als endlich ihre Vereinigung erzählt ward, hüpfte ſein Herz vor Freuden. Auf der andern Seite hörten ſeine verſchmitzteren Collegen die Erzählung des Bravo mit berechnender Kälte. Alle künſtliche Verfaſſungen bewirken eine Unterordnung der Gefühle unter den Geſchäftsgang. Uebereinkunft und Heuchelei treten an die Stelle der Leidenſchaft und des geraden Handelns, und wie der Muſelmann bei ſeiner Vorherbeſtimmungslehre, beruhigt ſich Niemand leichter beim Mislingen ſeines Vorhabens, als wer der Natur und der Ge⸗ rechtigkeit die Argliſt entgegenzuſtellen hat; ſeine Reſignation iſt gemeiniglich ſo entſchieden, wie ſeine vorgängige Anmaßung uner⸗ träglich war. Den beiden Senatoren ward auf einmal klar, daß Don Camillo und ſeine ſchöne Gefährtin ihrer Macht entronnen wären, und ſogleich ſahen ſie ein, daß man aus der Nothwendigkeit — —— N —— 429 eine Tugend machen müſſe. Da ſie Jacopo's nicht weiter bedurften, ſo ließen ſie die Schließer kommen und ſchickten ihn in ſein Ge⸗ fängniß zurück. „Es wird geziemend ſeyn, dem Kardinal⸗Sekretär ein Glück⸗ wunſchſchreiben wegen der Heirath ſeines Neffen mit einer ſo reichen Erbin unſerer Stadt zuzuſenden,“ ſagte der Inquiſitor von den Zehnen, als die Thür ſich hinter den Weggehenden geſchloſſen hatte. „Wir müſſen uns den großen Einfluß des Neapolitaners geneigt halten.“ „Aber wenn er nun auf den Widerſtand unſeres Staates gegen ſein Vorhaben Gewicht legte?“ wandte Signor Soranzo ein, ſchwach genug gegen einen ſo kühnen Plan. 1 „So legen wir die Sache allein dem vorigen Rathe zur Laſt. Solche Misgriffe ſind unausbleibliche Folgen des Eigenwillens in einer freien Verfaſſung, Signore. Das Roß, welches im Natur⸗ zuſtande über die Ebene ſtreift, kann nicht gleicherweiſe gelenkt wer⸗ den, wie das träge Thier, welches den Karren zieht. Ihr ſitzet heut zum Erſtenmal unter den Dreien, aber die Erfahrung wird Euch lehren, daß, wie vortrefflich wir auch in der Theorie ſind, die Praxis nicht immer gleich vollkommen ſeyn könne. Das iſt eine wichtige Sache mit dem jungen Gradenigo, Signori!“ „Ich habe ihn längſt als einen Taugenichts gekannt,“ verſetzte ſein älterer College.„Jammerſchade, daß ſolch ein ehrenwerther und edler Patricier ein ſo unwürdiges Kind gezeugt hat. Aber weder der Staat noch die Stadt darf Mordanſchläge ungeahndet laſſen.“ „O, kämen ſie doch nur ſeltner vor!“ rief Signor Soranzo in aller Aufrichtigkeit. „Ja wohl, ja wohl. Es ſind einige Winke in unſerer geheimen Information, welche Jacopo's Ausſage beſtätigen. Auch hat lange Erfahrung uns gelehrt, daß man ſeinen Berichten vollkommen Glau⸗ ben beimeſſen kann.“ „Wie?— iſt denn Jacopo ein Agent der Polizei?“ „Davon mehr bei größerer Muße, Signor Soranzo. Gegen⸗ wärtig müſſen wir dieſen Anſchlag gegen das Leben eines unter dem Schutze unſerer Geſetze geſtandnen Mannes in Erwägung ziehn.“ Nun entſpann ſich unter den Dreien eine angelegentliche Dis⸗ cuſſion über die beiden Verbrecher. Venedig war, wie alle despo⸗ tiſche Regierungen, ausgezeichnet durch ſeine Criminalpolizei, wenn es ihm nämlich beliebte, dieſelbe in Thätigkeit zu ſetzen. In allen Faällen, welche nicht die Politik des Staates angingen, oder keine Beſtechung zuließen. war die Juſtizpflege vollkommen zuverläſſig. Beſtechung kam übrigens bei weitem nicht ſo häufig vor als in anderen Geſellſchaften geſchieht, wo die Reichen minder in das Staatsintereſſe verflochten ſind, denn Venedig war eiferſüchtig und nutzte die beſtändige Thätigkeit ſolcher Leute, die man vor der Ver⸗ ſuchung dadurch bewahrte, daß man ihnen durch mancherlei Mono⸗ pole Gewinn ſicherte. Signor Soranzo hatte nun eine ſchöne Gelegenheit ſeine hochherzige Geſinnung geltend zu machen. Er war zwar ein Verwandter des Hauſes Gradenigo, nahm aber doch keinen Anſtand, das Betragen des jungen Adeligen ernſtlich zu rügen. Er begehrte zuerſt, daß ein ſchreckendes Exempel ſtatuirt und der Welt bewieſen würde, daß in Venedig. die Geburt nicht zu Ver⸗ brechen bevorrechte. Von dieſer Anſicht der Sache ward er jedoch durch ſeine verſchlagenen Kollegen zurückgebracht, welche ihn erin⸗ nerten, daß die Geſetze zwiſchen beabſichtigten und begangenen Ver⸗ brechen einen Unterſchied machten. Von ſeiner erſten Meinung ab⸗ gelenkt durch die kältere Erwägung ſeiner Kollegen, ſchlug der junge Inquiſitor vor, die Sache zur Entſcheidung den gewöhnlichen Ge⸗ richten zu übergeben. Es fehlte nicht an Beiſpielen, daß die ve⸗ netianiſche Ariſtokratie Einen aus ihrer eigenen Mitte dem Scheine der Gerechtigkeit zum Opfer gebracht hatte; denn ſolche Fälle, mit Klugheit geleitet, ſtatt ihre eigene Macht zu ſchwächen, vergrößerten ſie nur. Allein das vorliegende Verbrechen war ein zu gewöhnliches, als daß es ſich verlohnt hätte, ſo überſchwenglich freigebig in Auf⸗ opferung eigener Gerechtſame zu ſeyn, und die alten Inquiſitoren —— — — ————— —⏑⏑——— 43¹1 widerſetzten ſich dem Verlangen ihres jüngeren Kollegen mit ſehr ſcheinbaren Gründen und einen Anſtrich von Rechtmäßigkeit. Es blieb endlich dabei, daß ſie ſelber die Sache entſcheiden müßten. Die nächſte Frage war, welche Strafe zuerkannt werden ſollte. Der verſchmitzte Senior des Nathes brachte eine Verbannung auf einige Monate in Vorſchlag, denn Giacomo Gradenigo hatte ſchon ſonſt in mehr als einer Rückſicht den Zorn der Regierung verdient. Signor Soranzo widerſetzte ſich dieſer Strafe mit dem Feuer eines unverderbten edlen Herzens. Er trug endlich den Sieg davon, indem ſeine ſchlauen Amtsgenoſſen beſonders hervorhoben, daß ſie ſeinen Argumenten nachgäben. Das Reſultat des ganzen Manövers war, daß der junge Gradenigo auf zehn Jahre in die Provinzen ver⸗ wieſen, Hoſea aber auf Lebenszeit verbannt ward. Sollte der Leſer ſtrenge Gerechtigkeit in dieſem Erkenntniß vermiſſen, ſo geben wir ihm zu bedenken, daß der Jude froh ſeyn mußte, noch ſo mit blauem Auge davon zu kommen. „Wir dürfen dieſe Entſcheidung und deren Veranlaſſung nicht geheim halten,“ bemerkte der Inquiſitor von den Zehnen, ſobald die Sache beendet war.„Es iſt kein Nachtheil für den Staat, wenn bekannt wird, wie er die Gerechtigkeit handhabt.“ „Und wenn ſie wirklich geübt wird, will ich hoffen,“ entgegnete Signor Soranzo.„Da aber unſere heutigen Geſchäfte beendiget ſind, beliebt es den Herren, daß wir nach Hauſe zurückkehren?“ „Vorher haben wir noch die Sache des Jacopo abzumachen.“ „Den möoͤgen wir doch immerhin den ordentlichen Tribunälen überlaſſen!“ 3 „Wie Euch beliebt. Iſt es ſo Enre Meinung, Signori?“ Die beiden Andern ſtimmten durch Verbeugungen bei und man ſchickte ſich zur Heimkehr an. Bevor aber die beiden älteren Mitglieder des Rathes den Pa⸗ laſt verließen, hielten ſie miteinander eine lange und geheime Con⸗ ferenz, deren Reſultat eine Privatinſtruction für den Criminalrichter 432 war. Dann gingen ſie in vollkommener Gewiſſensruhe nach Hauſe. Auch Signor Soranzo begab ſich nach ſeiner prächtigen und be⸗ glückten Wohnung. Zum Erſtenmal in ſeinem Leben betrat er ſie mit einem Mißtrauen in ſich ſelbſt. Ohne zu wiſſen wodurch, fühlte er ſich verſtimmt, denn der erſte Schritt war gethan auf jenem ver⸗ ſchlungenen und verderblichen Wege, der unfehlbar zur Vernichtung aller edlen und reinen Geſinnungen führt, und nur durch die So⸗ phiſtereien und Täuſchungen der Selbſtſucht unterhalten werden kann. Er trug Verlangen nach derſelben Freudigkeit ſeines Herzens, mit welcher er ſeiner ſchönlockigen Lebensgefährtin kurz zuvor in die Gondel geholfen hatte; aber ſein Kopf lag manche Stunde auf dem Kiſſen, ehe der Schlaf ſeinen Schleier zog über das feierliche Spiel mit den ernſteſten Pflichten, wobei er mitgewirkt hatte. Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Biſt Du nicht ſchuldig?— Nein, wahrhaftig nicht!“ Rogers. Am folgenden Morgen wurde Antonio beſtattet. Die Agenten der Polizei gebrauchten die Vorſicht in der Stadt auszubreiten, daß der Senat dieſe Ehre dem Andenken des alten Fiſchers erweiſe wegen ſeines Sieges in der Regatta und als eine Art von Erſatz für ſeinen unverſchuldeten und geheimnißvollen Tod. Alle Lagunen⸗ männer verſammelten ſich zur feſtgeſetzten Stunde auf dem Platze, in anſtändiger Kleidung, ſich geſchmeichelt fühlend durch die ihrem Stande erwieſene Ehre und mehr als zur Hälfte geneigt, allen früheren Groll vor der gegenwärtigen Gunſt zu vergeſſen. So leicht wird es Denen, welche durch die Geburt oder das mittelſt künſtlicher Organiſation herbeigeführte Vorurtheil höher, als ihre Mitmenſchen geſtellt ſind, ſo leicht wird es ihnen, durch ein wenig Herablaſſung ihr wirkliches Unrecht vergeſſen zu machen. 1 . 43³ Noch immer wurden vor dem Altar des heiligen Marcus Meſſen geleſen für die Seele des alten Antonio. Voran war unter den Prieſtern der gute Karmeliter, welcher nicht an Müdigkeit noch Hunger dachte, in der frommen Begierde, die Dienſte der Kirche zum Beſten eines Mannes zu verrichten, von deſſen Schickſal man faſt ſagen kann, daß er Augenzeuge geweſen. Doch blieb ſein Eifer in dieſem Augenblicke der Aufregung Aller unbemerkt, nur nicht Denen, deren Geſchäft es war, jedes auffallendere Benehmen, jeden ungewöhnlichen Umſtand argwöoͤhniſch zu belauern. Als der Kar⸗ meliter ſich endlich vom Altare entfernte, kurz ehe die Leiche weg⸗ getragen wurde, fühlte er ſich leiſe am Aermel ſeines Kleides fort⸗ gezogen. Er folgte der Bewegung und befand ſich alsbald zwiſchen den Säulen der dunklen Kirche einſam einem Fremden gegenüber. „Vater, Du haſt manchem Sterbenden die Abſolution ertheilt!“ ſagte der andere mehr mit zuverſichtlichem, als mit fragendem Tone. „Es iſt die Pflicht meines heiligen Amtes, mein Sohn.“ „Der Staat wird Deine Dienſte anerkennen. Man wird Deiner bedürfen, ſobald die Leiche dieſes Fiſchers beerdigt iſt.“ Der Mönch ſchauderte, aber ſich verbeugend, ſenkte er ſein bleiches Geſicht zum Zeichen, daß er bereit ſey, ſeine Pflicht zu er⸗ füllen. In dieſem Augenblicke ward der Leichnam aufgehoben, und die Proceſſion begab ſich hinaus auf die Piazza. Zuerſt gingen, wie gewöhnlich, die Laienbrüder der Kathedrale. Dann folgten die⸗ jenigen, welche die erforderlichen Gebete abſangen. Unter ihnen nahm der Karmeliter eilig ſeinen Platz. Hierauf kam die Leiche, aber nicht in einem Sarge, denn dieſen Luxus bei der Beerdigung kennen auch die heutigen Italiener aus dem Stande des alten An⸗ tonio noch nicht. Die Leiche war mit den Feiertagskleidern eines Fiſchers angethan; Hände und Füße waren nackt; ein Kreuz lag auf der Bruſt; die grauen Haare flatterten im Winde; und das Geſpenſtige des Todes ward furchtbar gehoben durch einen an den Mun gelegten Blumenſtrauß. Die Bahre war reich an Vergoldung Der Bravo. 28 434 und Schnitzwerk, wiederum ein trübes Zeichen, wie thöͤricht das Streben, wie falſch die Richtung menſchlicher Eitelkeit iſt. Dieſem eigenthümlichen Aufzuge folgte ein Knabe, deſſen braune Farbe, halb nackter Körper und dunkles unſtätes Auge, ihn als das Enkelkind des Fiſchers kenntlich machten. Venedig verſtand wohl, zur rechten Zeit mit Anſtand nachzugeben, und der Knabe war ohne weiteres von den Galeeren freigelaſſen worden, aus Mitleid, wie man umherſagte, mit dem vorzeitigen Tode ſeines Großvaters. Der aufſtrebende Blick, der kühne Geiſt, und die ſtrenge Redlichkeit An⸗ tonio's ſprachen ſich auch in dem Benehmen des Knaben ſchon aus; aber dieſe charakteriſtiſchen Züge wurden verſchleiert durch einen An⸗ ſtrich von Kummer, und wie auch bei dem, deſſen Leichenzuge er folgte, der Fall geweſen war, ein wenig getrübt durch das harte Schickſal, welches ihm zu Theil geworden. Von Zeit zu Zeit hob ſich die Bruſt des gefühlvollen Knaben, während ſie über den Quai zogen, dem Arſenal zu, und bisweilen bebten ſeine Lippen, daß der Schmerz ſeine männliche Kraft zu überwältigen drohte. Keine Thräne netzte ſeine Wangen, bis endlich der Körper ſeinen Blicken entzogen ward. Da ſiegte die Natur. Er ſtahl ſich aus dem Kreiſe, ſetzte ſich bei Seite, und weinte, wie eben ein Kiud in ſeinem Alter und in ſeiner Einfalt weint, wenn es ſich allein findet auf dem wüſten Pfade durch das Leben. So endete alles, was ſich mit Antonio Veecchio dem Fiſcher be⸗ gab, und ſein Name war bald nicht mehr genannt in der geheim⸗ nißvollen Stadt, wohl aber auf den Lagunen, wo die Genoſſen ſeines Handwerks noch lange ſeine Geſchicklichkeit in Handhabung des Netzes rühmten und ſeinen Sieg über die beſten Ruderleute von Venedig. Sein Enkel lebte und arbeitete gleich andern ſeines Standes und wir wollen uns begnügen, von ihm nur noch als Beiſpiel, wie ganz er die Sinnesweiſe ſeines Großvaters geerbt hatte, dies an⸗ zuführen, daß er es vermied, ſich in die Menge zu miſchen, welche einige Stunden ſpaͤter aus Neugier und Nachluſt nach der Piazelta zog 8ð&☛ 8 — 8—0 8n—-8GE d N ◻ I,, O N nU 435 Vater Anſelmo kehrte in einem Boote nach den Kanälen zuruͤck und landete auf dem Quai des kleineren Platzes mit der Hoffnung, jetzt Diejenigen aufſuchen zu dürfen, an denen er ſo lebhaften An⸗ theil nahm und von deren Schickſal er nichts weiter erfahren hatte. Aber nein. Der Mann, welcher ihn in der Kathedrale angeredet, ſtand dort, ihn offenbar erwartend, und da der Karmeliter wußte, daß ſeine Weigerung eben ſo fruchtlos als gefährlich ſeyn würde, weil der Staat mit im Spiele war, ſo ließ er ſich führen, wohin Jenem beliebte. Die Beiden gelangten auf einem Umwege in das Gefängniß. Hier wies man den Prieſter in das Zimmer des Haus⸗ warts und hieß ihn die weiteren Aufträge ſeines Führers erwarten. Unſre Geſchichte führt uns jetzt in Jacopo's Zelle. Von dem Verſammlungszimmer der Dreie war er in ſein düſteres Gemach zurückgeführt worden, wo er die Nacht zubrachte. Mit anbrechen⸗ dem Tage ward der Bravo vor Diejenigen geſtellt, welche dem Scheine nach beauftragt waren, Recht über ihn zu ſprechen. Wir ſagen: dem Scheine nach, weil Gerechtigkeit in einem Lande nicht herrſchen kann, in welchem die Regierenden durchaus ganz andre Intereſſen haben, als die Regierten; weil bei einem ſolchen Syſtem immer, wann das Uebergewicht der beſtehenden Autoritäten ins Spiel kommt, der Trieb der Selbſterhaltung ſo gewiß auf ihre Entſcheidung Ein⸗ fluß haben wird, als er den Menſchen überhaupt treibt, Gefahren zu fliehen. Wenn es in Ländern von milderer Regierung ſo zugeht, wird ſich der Leſer um ſo weniger wundern, daß es in einem Staate, wie Venedig, der Fall war. Wie im Vorigen ſchon angedeutet worden, hatten Die, welche über Jacopo zu Gerichte ſaßen, ihre Inſtruktionen, und das Verhör, welches er ausſtand, war eher ein dem äußern Schein gebrachtes Opfer, als eine Huldigung der Ge⸗ ſetze. Alle Anklagepunkte wurden gehörig beigebracht, Zeugen wurden verhört, oder doch angeblich verhört, und man ſorgte dafür, das Gerücht in der Stadt zu verbreiten, daß die Tribunäle ſich endlich 436 damit beſchäftigen, die Sache des merkwürdigen Menſchen, welcher ſo lange ſeine blutigen Thaten ſelbſt mitten in der Stadt ungeſtraft verübt hatte, nunmehr zu entſcheiden. Während des Morgens waren die leichtgläubigen Handelsleute ſehr emſig, einander die Unthaten zu erzählen, die im Laufe der letzten drei oder vier Jahre verübt, ihm zur Laſt gelegt wurden. Einer ſprach von der Leiche eines Ausländers, welche in der Nähe der Spielhäuſer, wohin die Frem⸗ den zu gehen pflegen, war gefunden worden. Ein Anderer erzählte von dem jungen Adligen, der ſogar auf dem Rialto erſchlagen ward, und ein Dritter wußte ausführlich von einem Morde zu ſagen, welcher eine Mutter ihres Sohnes und eine junge Patricierin ihres An⸗ beters beraubte. Indem ſo Einer nach dem Andern ſeinen Beitrag zollte, rechnete ein Häuflein, das auf dem Quai beiſammen ſtand, nicht weniger als 25 Mordthaten zuſammen, die Jacopo verübt haben ſollte, wobei die rachſüchtige und zweckloſe Ermordung des Mannes, den man eben beſtattet hatte, noch nicht einmal mitgezählt war. Zum Glück vielleicht für ſeine Gemüthsruhe wußte Derjenige, über welchen dieſe Gerüchte ſich verbreiteten, nichts von ihnen und von den Verwünſchungen in ihrem Gefolge. Vor ſeinen Richtern ließ er ſich auf keinerlei Vertheidigung ein, und verweigerte ſtand⸗ haft die Beantwortung ihrer Fragen. „Ihr Herren wiſſet, was ich gethan habe,“ ſagte er ſtolz. „Und was ich nicht gethan habe, wißt Ihr auch. Sorget Ihr nur für das, was Euch ſelber betrifft.“ Als er wieder in ſeinem Kerker war, begehrte er Speiſe und aß ruhig, aber wenig. Jedes Werkzeug, womit er ſich möglicher⸗ weiſe ſelbſt tödten konnte, wurde hierauf entfernt, ſeine Ketten wurden zum letztenmal ſorgfältig unterſucht und ſodann überließ man ihn ſeinen Gedanken. So blieb er eine Zeit lang, da ließen ſich Fuß⸗ tritte vernehmen, die ſeiner Zelle näher kamen. Die Schlöſſer wurden gedreht und die Thür ging auf. Zwiſchen ihm und dem Lichte er⸗ ſchien nunmehr die Geſtalt eines Prieſters. Dieſer trug eine Lampe, 437 welche er, ſobald die Thür hinter ihm wieder verſchloſſen war, auf das Brettchen ſtellte, worauf des Gefangenen Brod und Waſſerkrug waren. Jacopo empfing ſeinen Gaſt ruhig und mit der tiefen Ehr⸗ furcht eines der Kirche ergebenen Mannes. Er ſtand auf, bekreuzte ſich und ging ihm ſo weit zum Empfange entgegen, als die Ketten es erlaubten. „Sey mir willkommen, Vater,“ ſprach er,„ich ſehe, daß die Rathsherren mich zwar von der Erde, aber doch aus dem Himmel nicht verdrängen wollen.“ „Das ginge über ihre Macht hinaus, mein Sohn. Der für ſie geſtorben iſt, hat auch für Dich ſein Blut vergoſſen, wofern Du ſeine Gnade nicht von Dir weiſeſt. Aber— der Himmel weiß, wie ungern ich ſo rede— ein Sünder, wie Du biſt, Jacopo, kann an keine Hoffnung denken, ohne eine tiefe und herzliche Reue.“ „Kann das irgend Jemand, Vater?“ Der Karmeliter ſtaunte, denn die Schärfe der Frage und der ruhige Ton des Sprechers waren von gewaltiger Wirkung bei einer ſolchen Zuſammenkunft. „Jacopo, Du biſt nicht, wofür ich Dich hielt!“ erwiederte er. „Deine Seele iſt nicht ganz verfinſtert, und Du mußt trotz Deiner Verbrechen ein lebendiges Bewußtſeyn von deren Sündhaftigkeit in Dir tragen.“ „Das iſt, fürcht' ich, wahr, ehrwürdiger Mönch!“ „Ihr Gewicht muß Dir fühlbar ſeyn in der Bitterkeit des Schmerzens— in—⸗ Vater Anſelmo hielt inne, denn ein Schluchzen ließ ſich hören, welches bewies, daß ſie nicht allein waren. Der Möͤnch trat überraſcht ein wenig zur Seite, und die zitternde Gelſomina, welche durch die Gunſt der Schließer mit hereingekommen war, und ſich hinter dem Gewande des Karmeliters verſteckt hatte, wurde ſichtbar. Jacopo ſtöhnte, als er ſie erblickte, und lehnte ſich m ogewendeten Geſichte gegen die Mauer. 438 „Meine Tochter, was willſt Du hier— und wer biſt Du?“ fragte der Monch. „Die Tochter des Oberſchließers,“ ſagte Jacopo, da er bemerkte, daß ſie nicht zu antworten vermochte:„ich habe ſie bei meinen mancherlei Geſchäften im Gefängniſſe kennen gelernt.“ Vater Anſelmo ſah die beiden abwechſelnd an. Seine Miene war anfangs ſtreng, milderte ſich dann und wurde endlich ganz theilnehmend, als er ihren beiderſeitigen Kampf bemerkte. „Das iſt die Folge menſchlicher Leidenſchaften,“ ſagte er halb im Tone des Troſtes, halb des Vorwurfs.„So ſind die Früchte des Verbrechens immer.“ „Vater,“ ſagte Jacopo ernſt.„Mir allein mag dies Wort gelten, denn die Engel im Himmel ſi ſind nicht unſchuldiger als dies weinende Mädchen.“ „Das höre ich gern. Ich will Dir glauben, unglücklicher Mann, und freue mich, daß Deine Seele nicht belaſtet iſt mit der Sünde, ſolch junges Geſchöpf verführt zu haben.“ Die Bruſt des Gefangenen hob ſich und Gelſomina ſchauderte. „Warum haſt Du Deiner Schwachheit nachgegeben und biſt in den Kerker gekommen?“ fragte der Karmeliter, indem er ſich zwang, eine tadelnde Miene anzunehmen, der jedoch das Gefühl und die Milde ſeines Tones widerſprachen.„Haſt Du den Charakter des Mannes gekannt, den Du liebteſt?“ „Unbefleckte Maria!“ ſchrie das Mädchen,„nein— nein— nein!“ „Nun, ſo biſt Du jetzt, da Du die Wahrheit erfahren haſt, gewiß nicht mehr das Opfer thörichter Einbildungen.) Gelſominas Blick war verwirrt, obgleich Angſt jeden andern Ausdruck verdrängte. Sie ſenkte den Kopf vor Scham und Schmerz und ſchwieg ſtille. „Ich weiß wicht, Kinder, wozu dieſe Zuſammenkunft dienen ſoll,“ fuhr der Moͤnch fort.„Ich bin hergeſchickt, die letzte Beichte eines Bravo anzuhören, und Du, die Du gewiß ſo viel Urſach —é— 439 haſt, ſein betruͤgliches Handeln zu verdammen, kannſt nicht wün⸗ ſchen, ſeine einzelnen Thaten mit anzuhören.“ „Nein— nein— nein!“ ſprach Gelſomina leiſe, indem ſie den Worten durch wilde Handbewegung einen fürchterlichen Nach⸗ druck gab. 4 „Es wird beſſer ſeyn, Vater, daß ſie mich für das abſcheu⸗ lichſte Ungeheuer halte, welches ihre Phantaſie nur erſinnen kann,“ ſagte Jacopo mit faſt erſtickender Stimme.„So wird ſie ſich gewöhnen, mein Andenken zu haſſen.“ Gelſomina erwiederte nichts, aber ſie wiederholte ihr vernei⸗ nendes Zeichen mit der Geberde des Wahnſinns. „Das Herz des armen Kindes iſt gar ſchmerzlich berührt,“ ſagte der Karmeliter theilnehmend.„Wir müſſen eine ſo zarte Blume ſchonend behandeln. Höre mich an, meine Tochter, und laß Deine Vernunft über Deine Schwachheit Herrin werden.“ „Fragen Sie ſie nicht, Vater! Laſſen Sie ſie mich verfluchen und gehen.“ „Carlo!“ ſchrie Gelſomina auf. Eine lange Pauſe folgte. Der Monch ſah, daß ſeine Kunſt 4 hier nichts gegen die Leidenſchaft vermochte, und daß die Sache der Zeit müſſe überlaſſen bleiben; der Gefangene ſeinerleits beſtand einen härteren Kampf in ſich, als ſein Schickſal ihm noch bisher auferlegt hatte. Das unaustilgbare Sehnen nach der Welt ſiegte endlich und er brach das Schweigen. „Vater,“ ſagte er feierlich und würdevoll, indem er ſo weit vortrat, als ſeine Kette verſtattete.„Ich hatte gehofft, ich hatte Gott gebeten, daß dieß unſchuldige Geſchöpf ſich von ihrer Liebe mit Schaudern abwenden möchte, wenn ſie erführe, daß ihr Ge⸗ liebter ein Bravo ſey.— Aber ich habe dem weiblichen Herzen Unrecht gethan!— Sage mir, Gelſomina, und ſo lieb Dir Deine Seligkeit iſt, täuſche mich nicht— kannſt Du mich anſehen ohne Abſcheu?“ Ge omina zitterte, aber ſie ſchlug die Augen auf, und lächelte 440 ihn an, wie das weinende Kind den zärtlich ernſten Blick der Mutter erwiedert. Dieß Lächeln wirkte ſo mächtig auf Jacopo, daß von dem Beben ſeines kräftigen Körpers der verwunderte Karmeliter die Ketten raſſeln hörte. „Genng,“ ſagte er, und ſuchte Faſſung zu erzwingen.„Gelſo⸗ mina, Du ſollſt meine Beichte hören. Du haſt ſo lange das eine große Geheimniß beſeſſen— es ſoll Dir auch kein anderes ver⸗ borgen bleiben.“ 8 „Antonio!“ ächzte das Mädchen.—„Carlo, Carlo! was hatte jener alte Fiſcher Dir gethan, daß Du ihm nach dem Leben ſtandeſt?“ „Antonio?“ wiederholte der Mönch,„hat man Dir ſeinen Tod zur Laſt gelegt?“ 5„Um dieſes Verbrechens willen bin ich zum Tode vernrtheilt.“ Der Karmeliter ſank auf den Stuhl des Gefangenen und ſaß ohne Regung, den Blick mit Entſetzen von dem Geſichte des bewe⸗ gungsloſen Jacopo zur zitternden Gelſomina lenkend. Die Wahrheit fing an zu tagen in ſeiner Seele, vobgleich ſie ſich noch nicht ganz aus dem venetianiſchen Truggewebe herauszuwinden vermochte. „Hier herrſcht ein fürchterlicher Irrthum,“ ſagte er leiſe.„Ich will zu Deinen Richtern eilen, ſie zu enttäuſchen!“ Der Gefangene lächelte ruhig und ſtreckte die Hand aus, um der Haſtigkeit des einfachen Karmeliters Einhalt zu thun. „Es wird nichts helfen,“ ſagte er.„Die Dreie belieben einmal, mich für den Tod des alten Antonio büßen zu laſſen.“ „So wirſt Du ungerechter Weiſe ſterben: Ich war Zeuge, daß er durch andre Hände fiel.“ „Vater!“ ſchrie Gelſomina.„O, wiedechol dies Wort— ſage, daß Carlo dieſe grauſame That nicht kann gethan haben!“ „An dieſem Morde wenigſtens iſt er unſchuldig.“. „Gelſomina,“ ſagte Jacopo, und verſuchte, ſeine Arme nach ihr auszuſtrecken, indem ſein volles Herz überſtrömte,„und dn jedem anderen auch.“ n 8 441 Ein wilder Schrei des Entzückens von den Lippen des Mädchens, und im nächſten Augenblick lag ſie beſinnungslos an ſeiner Bruſt. Wir ziehen den Schleier über die Scene, welche nun folgte. Faſt eine Stunde laſſen wir vorübergehn, ehe wir den Leſer wieder in die Zelle führen; dort bietet ſich jetzt dem Auge eine Gruppe dar, in welcher das matte Licht der Lampe die Geſichter durch ſtarke Farben und tiefe Schatten mit aller Kraft italieniſchen Ausdrucks markirt. Der Karmeliter ſaß auf dem Stuhle, und vor ihm knieten Jacopo und Gelſomina. Jacopo ſprach angelegentlich, während ſeine Zuhöͤrer jede Sylbe haſchten, die von ſeinen Lippen kam, mehr aus Freude an ſeiner Unſchuld als aus Neugier. „Ich habe Euch erzählt, Vater,“ fuhr der Gefangne fort, „wie eine falſche Anklage, daß mein Vater die Zollgeſetze übertreten habe, dieſem unglücklichen Mann den Unwillen des Senates zuzog, weshalb man ihn viele Jahre lang in einem dieſer verfluchten Löcher unſchuldig eingeſperrt hielt, während wir ihn auf die Inſeln ver⸗ bannt glaubten. Endlich gelang es uns, dem Rathe Beweiſe vor⸗ zulegen, welche hinreichend waren, die Patricier ihrer Ungerechtig⸗ keit zu überführen. Ich fürchte, daß Diejenigen, welche annehmen, die Gewalt auf dieſer Erde werden von Auserwählten geübt, wenig ge⸗ neigt ſeyn mögen, deren Fehlbarkeit zuzugeben, weil dies den Irr⸗ thum ihrer Annahme beweiſen müßte. Der Rath ſchob es lange auf, uns Gerechtigkeit zu gewähren— ſo lange, daß meine arme Mutter endlich ihren Leiden erlag. Meine Schweſter, ein Mädchen in Gelſomina's Jahren, folgte ihr bald nach— denn die Regierung gab, zum Beweiſe gedrängt, keinen andern Grund an, als den Ver⸗ dacht, daß der Gelieble meiner Schweſter des Verbrechens ſchuldig ſeyn möchte, um welches mein Vater verſchmachtete.“ „Und haben ſie ſich geweigert, ihre Ungerechtigkeit wieder gut zu machen?“ rief der Karmeliter. „Sie konnten es nicht, Vater, ohne öffentlich den Ruf ihrer unfehlbarkeit zu gefaͤhrden. Das Anſehn einiger Vornehmen von Adel * * 442 kam in das Gedränge, und ich fürchte, in dieſen Rathscollegien herrſcht eine Sittlichkeit, der die That des Menſchen für eine andre gilt als die des Senators, und welche die Politik höher ſtellt, als die Gerechtigkeit.“ „Das mag wahr ſeyn, mein Sohn. Wenn eine Verfaſſung auf falſchen Grundſätzen beruht, ſo kann ſie natürlich nur durch Lug und Trug erhalten werden. Gott wird dieſe Sache anders anſehen!“ „Sonſt wäre auch kein Troſt in der Welt, Vater! Nach jahre⸗ langen Bitten und Verwenden erhielt ich, nachdem man mir einen feierlichen Eid abgenommen, Zutritt zum Gefängniß meines Vaters. Ich fühlte mich glücklich, daß ich für ſeine Bedürfniſſe ſorgen, ſeine Stimme hören, vor dem Segnenden knien durfte. Gelſomina war damals ein Kind nahe zur Jungfrau. Mich zu meinem Vater zu führen, gebrauchte man ſie, ich wußte nicht weshalb, obgleich es mir ſpaͤter klar geworden iſt. Als ſie mich genugſam in ihren Schlingen verſtrickt glaubten, verleiteten ſie mich zu den Mißgriffen, welche alle meine Hoffnungen zerſtört und mich in dieſe Lage ge⸗ bracht haben.“— „Du haſt Deine Unſchuld erwieſen, mein Sohn.“ „Keines Blutvergießens bin ich ſchuldig, Vater, wohl aber des Frevels, mich zu ihren Kunſtgriffen hergegeben zu haben. Ich will Euch nicht die langwierige Geſchichte der Mittel, durch welche ſie mein Gemüth bearbeiteten, hererzählen, frommer Mönch. Man vereidete mich, dem Staate eine Zeit lang als geheimer Agent zu dienen. Der Lohn ſollte meines Vaters Freiheit ſeyn. Hätten ſie mich mitten aus dem Leben heraus und während ich Herr meiner Sinne war, gefaßt, nimmer würden ſie geſiegt haben; aber da ich täglicher Augenzeuge war von den Leiden Deſſen, der mir das Leben geſchenkt, der mir nunmehr alles war, was ich noch übrig hatte, ſo waren ſie zu mächtig für meine Schwachheit. Sie ſprachen mir heimlich von Foltern und Rädern, zeigten mir Gemälde von ſterben⸗ den Märtyrern, um mir die Qual begreiflick zu machen, welche ſie anwenden konnten. Morde fſielen häufig vor und machten der Polizei — —— 2æœæ⏑—& 2— 2 8* 443 Sorge— kurz, Vater!“ Jacopo verbarg ſein Geſicht in Gelſo⸗ mina's Gewändern,„ich willigte ein, daß man Gerüchte ausſprengte, welche die Aufmerkſamkeit des Publikums auf mich ziehen mußten. Ich brauche nicht zu ſagen, daß Wer zu ſeiner Schande ſich ſelber herleiht, bald von ihr ereilt werden muß.“ „Wozu ward aber dieſer elende Betrug erfunden?“ „Vater, man wendete ſich an mich, als an einen öffentlichen Bravo, und meine Denunciationen waren dem Rathe in vielerlei Beziehung von Nutzen. Wenigſtens iſt für den Fehltritt, für das Verbrechen, darein ich verfallen bin, ein kleiner Troſt, daß ich einige Menſchenleben retten konnte.“ „Jetzt verſtehe ich, Jacopo. Ich habe gehört, daß Venedig keiſan Anſtand nimmt, feurige und wackere Männer auf ſolche Weiſe zu gebrauchen. Heiliger Marcus! Kann ſolch arger Betrug unter dem Schilde deines gelobten Namens geübt werden!“ „O ja, Vater, und noch ärgerer. Ich hatte mich der Re⸗ publik auch noch zu andern Dienſten verpflichtet, in deren Ausübung ich denn auch Gewandtheit erlangte. Die Bürger wunderten ſich, daß ein Menſch, wie ich, frei umhergehn durfte, während die Rach⸗ ſüchtigen es für einen Beweis von Geſchicklichkeit hielten. Wenn das Gerücht einmal zu anſtößig wurde, ſo trugen die Dreie Sorge, es anders wohin zu lenken, und wenn es ihnen zu ſchwach dünkte, ſo wußten ſie es anzufachen. Kurz, drei lange bittere Jahre habe ich dies Leben eines Verdammten geführt— nur durch die Hoffnung aufrecht gehalten, daß ich meinen Vater befreien würde und be⸗ glückt durch die Liebe dieſes ſchuldloſen Weſens.“ „Armer Jacopo, wahrlich Du verdieneſt Mitleid! Ich will in meinem Gebete Deiner nicht vergeſſen.“ „Und Du, Gelſomina?“ Ddie Tochter des Schließers gab keine Antwort. Sie hatte begierig jede Silbe ſeiner Rede eingeſogen, und da nun die ganze 444 Wahrheit in ihrer Seele aufſtieg, glänzte ihr Auge mit einem Glanze, der Anweſenden übernatürlich ſchien.. „Wenn ich Dich nicht überzeugt habe, Gelſomina, daß ich nicht ſolch elender Menſch bin, als ich ſchien,“ fuhr Jacopo fort,„ſo wollte ich lieber, ich wäre verſtummt.“ Sie ſtreckte eine Hand nach ihm aus, ſenkte ihr Haupt auf ſeine Bruſt und weinte. „Ich ſehe, wie ſie Dich in Verſuchung geführt haben, armer Carlo!“ ſagte ſie ſanft,„ich weiß, wie groß Deine Liebe zu Deinem Vater war.“ „Vergiebſt Du mir, theure Gelſomina, daß ich Deine Unſchuld hintergangen habe?“ „Du haſt mich ja nicht hintergangen. Ich habe Dich für einen Sohn gehalten, der für ſeinen Vater ſterben könnte, und ich finde nun, daß Du biſt, wofür ich Dich hielt.“ Der gute Karmeliker betrachtete dieſe Scene mit theilnehmenden nachſichtsvollen Blicken. Thränen netzten ſeine Wangen. 4. „Eure Liebe, Kinder,“ ſagte er,„iſt ſo, daß Engel ihr ver⸗ zeihen müſſen. Hat Euer Umgang mit einander lange gedauert?“ „Jahre lang, Vater!“ „Und Du, meine Tochter, haſt mit Jacopo die Zelle ſeines Vaters beſucht?“ „Ich war immer ſeine Führerin bei dem frommen Gange, Vater!“ Der Mön8ch verſiel in tiefes Sinnen. Einige Minuten lang herrſchte Schweigen, dann erfüllte er die Obliegenheiten ſeines heiligen Amtes. Er empfing die Beichte des Gefangenen, und er⸗ theilte die Abſolution mit einem Feuer, welches ſeine innige Theil⸗ nahme an dem Schickſale des jungen Paares bewies. Hierauf gab er Gelſomina ſeine Hand und nahm mit milder Zuverſicht in ſeinen Mienen von Jacopo Abſchied. „Wir verlaſſen Dich,“ ſagte er,„aber ſey muthig, mein Sohn. Ich kann mir nicht denken, daß ſelbſt Venedig vor einer Geſchichte, 445 wie die Deinige iſt, die Ohren verſchließen ſollte! Vertrau' vor allem Deinem Gotte— und glaube, daß dies treue Mädchen ſo wenig als ich einen letzten Verſuch zu Deiner Rettung verſäu⸗ men werden.“ Jacopo nahm dieſe Verſicherung hin, wie ein Mann, der an Wagniſſe gewöhnt iſt. Aber in ſeinem Lächeln beim Abſchiede miſchte ſich Unglauben und Schwermuth. Zugleich glänzte jedoch darin doch die Freude eines erleichterten Herzens. Dreißigſtes Kapitel. Euer Herz Iſt frei, und eifrig will's mit edlem Zorn Den Schein verklagen; denn es ſieht Verbrecher Im Schatten gehn der Unſchuld. Werner. Die Schließer erwarteten den Karmeliter und Gelſomina, und verwahrten, ſobald dieſe fort waren, die Thür für die Nacht. Da ſie nichts weiter mit den Leuten vom Gefängniſſe zu thun hatten, ſo ließ man ſie ungeſtört gehen. Aber am Ende des Korridors, welcher zu den Gemächern des Hauswarts führte, blieb der Moͤnch ſtehen. „Fühlſt Du Dich ſtark zu einem großen Unternehmen, das den Unſchuldigen retten könnte?“ fragte er ſchnell und doch mit ſo feierlichem Tone, daß ſich darin die Wichtigkeit ſeines Vorhabens erkennen ließ. „Vater!“ „Ich möchte wiſſen, ob Deine Liebe zu dem jungen Manne Dich mit Muth genug beſeele zu einem gewagten Verſuche. Denn ohne einen ſolchen muß er denn unvermeidlich ſterben.“ „Ich wollte ſterben, um Jacopo einen Seufzer zu erſparen.“ „Täuſche Dich nicht ſelbſt, meine Tochter! Kannſt Du Deinem gewöhnlichen Benehmen entſagen; die Aengſtlichkeit, welche Dein —————— 446 Alter und Dein Stand mit ſich bringen, überwinden; furchtlos da⸗ ſtehen und ſprechen vor den Hohen und Gefürchteten?“ „Ehrwürdiger Karmeliter, ſprech' ich doch täglich ohne Furcht, wenn auch nicht ohne Ehrerbietung zu Einem, der furchtbarer iſt, als irgend Jemand in Venedig.“ Der Möͤnch ſah bewundernd auf das ſanfte Weſen, in deſſen Zügen mild die Entſchloſſenheit glühte, welche Unſchuld und Liebe verleihen. Er machte ein Zeichen, ihm zu folgen. „So wollen wir denn, wenn nichts anderes hilft,“ ſagte er⸗ „vor den Stolzeſten und Furchtbarſten der Erde hintreten. Wir wollen unſere Schuldigkeit nicht verſäumen, weder gegen den Be⸗ drücker, noch gegen den Unterdrückten, auf daß keine Unterlaſſungs⸗ ſünde unſer Gewiſſen beſchwere.“ Ohne weiteren Aufſchluß zu geben, führte Vater Anſelmo das bereitwillige Mädchen in den Theil des Palaſtes, der als die Privat⸗ wohnung des ſogenannten Oberhauptes der Republik bekannt war. Geſchichtlich iſt die Eiferſucht der venetianiſchen Patricier, welche den Dogen zu einem Spielzeug in ihren Händen machten, indem ſie ihn, ihrer Regierungsmethode gemäß, zu nichts weiter gebrauchten, als zu einer Prunkfigur bei den impoſanten Ceremonien, die ihr Schein ſuchendes Syſtem erforderte, und bei den Verhandlungen mit dem Auslande. Er wohnte in ſeinem Palaſte wie die Bienen⸗ königin im Stocke, äußerlich geehrt und gepflegt, in Wahrheit aber von Denen abhängig, welche allein die Macht haben zu verletzen, und, gleich demſelben Inſekt, mehr als einen gewöhnlichen Theil von den Früchten des gemeinſamen Fleißes verzehrend. Vater Anſelmo verſchaffte ſich durch ſeine Entſchloſſenheit und durch die Zuverſichtlichkeit ſeines Benehmens Intritt zu den inneren Gemächern eines Fürſten, der ſo abgeſchloſſen und bewacht lebte. Mehrere Schildwachen ließen ihn durch, aus ſeinem heiligen Stande und ſeinem gemeſſenen Schritte ſchließend, daß der Moͤnch in ſeinem gewöhnlichen Dienſte herkomme, der ihm ein Vorrecht vor allen Anderen gab. Durch dies ruhige ſtille Verfahren gelangte. der Karmeliter mit ſeiner Gefährtin bis in das Vorzimmer des Fürſten, welches Tauſende durch weit künſtlichere Mittel zu erreichen „ vergeblich ſich bemühet hatten. Nur zwei oder drei niedere Beamte vom Hauſe hielten ſchläfrig 1 Wache. Einer ſtand jedoch ſchnell auf, als er die unbekannten Gäſte ſo unerwartet hereintreten ſah und drückte durch das Ueberraſchte und Verwirrte ſeines Blickes ſein Erſtaunen über den ungeahnten . 4 Beſuch aus. „Seine Hoheit erwartet uns wohl ſchon?“ fragte Vater Anſelmo ganz einfach, und zwang ſeine bekümmerte Miene zu einem ⸗ Blicke voll ergebener Höflichkeit.. „Santa Maria, heiliger Vater, das müßt Ihr am beſten 8 wiſſen, aber— .„So wollen wir denn die Zeit nicht mit müßigen Worten 1 verlieren, mein Sohn, da wir ſchon zu lange gezögert haben— 2 führe uns in das Gemach ſeiner Hoheit.“ 1„Wir dürfen Niemanden ungemeldet vor— -„Du ſiehſt, dieß iſt kein gewöhnlicher Beſuch.— Geh, ſage r dem Dogen, daß der Karmelitermönch, welchen er erwartet, und n das junge Mädchen, an welchem ſein fürſtliches Herz einen ſo 5 väterlichen Antheil nimmt, ſeine Befeble erwarten.“ r„Alſo hat ſeine Hoheit befoh...⸗ „Sage ihm ferner, daß die Noth dringend iſt, denn die Stunde 4 ſteht nahe bevor, in welcher die Unſchuld leiden ſoll.“ Der Diener ließ ſich durch den Ernſt und die Zuverſicht des d Möͤnches täuſchen. Erſt beſann er ſich noch, dann warf er eine Thür auf, und führte die Gäſte in ein inneres Zimmer, wo er ſie bat, ſeine Rückkehr zu erwarten. Demnächſt begab er ſich in das Kabinet ſeines Herrn, um ſeinen Auftrag auszurichten. h Es ward ſchon angeführt, daß der regierende Herr, wenn r anders dieſer Titel einem Fürſten beigelegt werden kann, der nur 448 eine Puppe der Ariſtokraten iſt, daß dieſer ein bejahrter Mann war. Er hatte die Sorgen des Tages bei Seite geworfen und bemühte ſich in ſeiner Einſamkeit ſolchen Gefühlen nachzuhängen, zu welchen die gewöhnlichen Pflichten ſeiner künſtlichen Stellung ihm wenig Raum vergönnten— er las nämlich einen der Claſſiker ſeines Vaterlandes. Seinen Putz hatte er, um ſich bequemer und freier bewegen zu koͤnnen, abgelegt. Der Moö3nch konnte keinen glücklicheren Augenblick für ſein Geſchäft gewählt haben, denn der Mann war nicht verſchanzt mit den öffentlichen Inſignien ſeines Ranges, und ſanft geſtimmt durch das Eingehen in einen Schriftſteller, der es wohl verſtand, des Leſers Gefühle nach ſeinem Belieben zu erregen und zu lenken. Eben war der Doge ſo vertieft in ſeinen Gegenſtand, daß er den eintretenden Kämmerling nicht bemerkte, und daß dieſer ſchon eine Minute lang da ſtand, den Wink des Herrn erwartend, ehe er geſehen wurde..— „Was willſt Du, Marco?“ fragte der Fürſt, als er von dem Buche aufſah.. „Signor,“ entgegnete der Diener in der vertraulichen Weiſe, welche denen verſtattet iſt, die der Perſon des Fürſten am nächſten ſtehen,—„draußen wartet der ehrwürdige Karmeliter und das junge Mädchen.“ 4 „Was ſagſt Du?— Ein Karmeliter und ein Mädchen?“ „Ja, Signor. Dieſelben, welche Ew. Hoheit herbeſtellt haben.“ „Was iſt dies für ein freches Vorgeben!“ „Signore, ich wiederhole bloß die Worte des Mönches.— Sage Seiner Hoheit— ſprach der Pater— daß der Karmeliter, welchen er zu ſprechen wünſcht, und das junge Mädchen, an deſſen Wohl ſein fürſtliches Herz ſo väterlichen Antheil nimmt, ſeine Befehle erwarten.“. Ueber die alten Züge des greiſen Fürſten zog die Glut des Unwillens roͤther als die der Scham, und ſein Auge blitzte. r, ie 449 „Dies bietet man mir— in meinem eignen Palaſte!“ „Verzeihung, Signore! Dieſer Prieſter iſt nicht ſchamlos, wie ſo viele, welche die Tonſur in Unehren bringen. Der Mönch und das Mädchen ſehen beide unſchuldig aus und arglos, und Eure Hoheit haben vielleicht vergeſſen—“ Die Röthe von den Wangen verſchwand und ſein Auge nahm wieder einen väterlichen Ausdruck an. Aber ſein Alter und die Er⸗ fahrungen ſeiner ſchwierigen Stellung hatten dem Dogen Vorſicht gelehrt. Er wußte recht gut, daß er nichts vergeſſen hatte und ahnte, daß die ungewöhnliche Meldung eine verborgene Bedeutung haben müſſe. Es konnte ein Anſchlag ſeiner Feinde ſeyn, denn er hatte deren viele und thätige, oder es war vielleicht ein anderer verzeihlicher Beweggrund, welcher zu einem ſo kecken Mittel, ſich Zutritt zu verſchaffen, geführt hatte. „Hat der Karmeliter ſonſt noch etwas geſagt, guter Marco?“ fragte er nach tiefem Sinnen. „Signor, er ſagte, daß die Sache dringend wäre, denn die Stunde ſey nahe, wo die Unſchuld leiden könnte. Ich zweifle nicht, daß er kommt, für irgend einen jungen Extravagant zu bitten; denn es ſollen mehrere Jünglinge von Adel wegen ihrer Tollheiten beim Carneval verhaftet worden ſeyn. Das Frauenzimmer mag eine verkleidete Schweſter ſeyn.“ „Laß einen von Deinen Kameraden hereinkommen, und Du, führe die Gäſte mir zu, ſobald ich klingle.“ Der Diener entfernte ſich und ging auf einem andern Wege in das Vorzimmer, um ſich den Wartenden nicht zu früh zu zeigen. Der zweite Kämmerling erſchien ſogleich vor dem Dogen und wurde von dieſem abgeſchickt, einen vom Rathe der Dreie her⸗ beizurufen, welcher in einem nahen Zimmer mit wichtigen Papieren beſchäftigt war. Der Senator leiſtete dem Rufe ſogleich Folge, denn er trat hier als der Freund des Fürſten auf, und war als Der Bravo. 29 8 450 ſolcher öffentlich und mit den üblichen Ehrenbezeugungen hereinge⸗ laſſen worden. 1 „Man hat mir einen Beſuch ungewöhnlicher Art angekündigt, Signor!“ ſagte der Doge und ſtand auf, den Mann zu empfangen, den er aus Vorſicht gegen ſich ſelbſt herbeſchieden hatte.„Ich wünſchte, daß Ihr Zeuge wäret von ihrem Begehren.“ „Es iſt gut, daß Ew. Hoheit uns Senatoren Antheil an Ihren Geſchäften vergönnt. Aber wenn der Irrthum, daß es durchaus ſo nöthig ſei, Euch bewegen ſollte, die Gegenwart eines Rathes zu verlangen, ſo oft Jemand den Palaſt beſucht— 3 „Ich weiß, Signor,“ unterbrach ihn der Fürſt mit ſanfter 3 Stimme und ſchellte.„Ich hoffe, mein Begehren hat Euch nicht unangenehm geſtört. Da kommen aber ſchon, die ich erwarte.“ Vater Anſelmo und Gelſomina traten mit einander in das 4 Gemach. Der Doge ſah auf den erſten Blick, daß ſie ihm gänzlich fremd waren. Er und das Mitglied des geheimen Rathes blickten einander an, und nahmen gegenſeitiges Erſtaunen wahr. Dem Dogen gegenüberſtehend, warf der Karmeliter ſeine Kutte zurück und enthüllte dadurch ganz ſeine ascetiſchen Züge, während Gelſomina, aus Scheu vor dem hohen Range des Mannes, welcher. ſte empſteng, ſich ſchamhaft zurückzog und hinter dem Gewande des Möoöͤnchs ſich halb verſteckte. 1 „Was bedeutet dieſer Beſuch,“ fragte der Fürſt, indem er auf das ängſtliche Mädchen deutete, während er den Mönch feſt anſah, „und dieſe ungewöhnliche Begleitung? Weder die Zeit, noch die. Art der Meldung iſt herkömmlich.“ Vater Anſelmo ſtand zum erſtenmal vor dem Oberhaupt von Venedig. Gewöhnt aber, wie alle ſeine Landsleute und mehr noch ſeine Altersgenoſſen, vorſichtig die Möglichkeit des Erfolges zu berechnen, ehe er ſeinen Gedanken Worte zu geben wagte, heftete der Moͤnch erſt einen feſten Blick auf den Fragenden. „Erlauchter Fürſt,“ ſagte er dann,„wir kommen um 451 Gerechtigkeit zu bitten. In ſolcher Angelegenheit gilt es kühn ſeyn, um nicht ſeinem eignen Charakter und der guten Sache etwas zu vergeben.“ „Gerechtigkeit iſt der Stolz des heiligen Marcus und das Glück ſeiner Unterthanen. Dein Verfahren, Vater, iſt nicht der beſtehenden Ordnung und den heilſamen Schranken gemäß— doch es findet vielleicht ſeine Vertheidigung— ſtelle Dein Anliegen vor.“ „In den Gefängniſſen ſitzt Einer, den die öffentlichen Gerichte zum Tode verurtheilt haben und der, ſobald der Tag wiederkehrt, ſterben muß, wenn Euer fürſtlicher Machtſpruch ihn nicht rettet.“ „Wenn ihn die Gerichte verurtheilt haben, ſo wird er ſein Schickſal wohl verdienen.“ „Ich bin der geiſtliche Rathgeber des unglücklichen jungen Mannes, und habe bei der Ausübung meines heiligen Amtes er⸗ mittelt, daß er unſchuldig iſt.“ „Sagteſt Du, verurtheilt von den gewöhnlichen Gerichten, Vater?“ „Zum Tode verdammt, Hoheit, durch einen Spruch des Cri⸗ minalgerichtes.“ 4 Der Fürſt ſchien erleichtert. So lange die Sache öffentlich war, hatte er wenigſtens Hoffnung, ſeiner natürlichen Menſchen⸗ freundlichkeit nachzuhängen und weiter zu hören, ohne der ver⸗ ſchlungenen Staatspolitik zu nahe zu treten. Er warf einen Blick auf den unbeweglichen Inquiſitor, gleichſam forſchend, ob dieſer es billige, und trat dem Karmeliter einen Schritt näher, mit zunehmen⸗ der Theilnahme an dem Geſuche. „Mit welcher Berechtigung, ehrwürdiger Prieſter, widerſetzeſt Du Dich dem richterlichen Ausſpruch?“ fragte er. „Signor, wie ich eben ſagte, in Folge der Kenntniß, welche ich bei Ausübung meines heiligen Amtes gewonnen habe. Er hat ſein Innerſtes mir enthüllt als ein Mann, deſſen Fuß bereits im Grabe ſteht, und obgleich ein Sünder vor Gott, wie alle, die vom Weibe geboren ſind, iſt er doch unſchuldig vor der weltlichen Obrigkeit.“ 45² „Denkſt Du, Vater, daß jemals das Geſetz ſein Opfer er⸗ reichen würde, wenn wir nur auf Selbſtanklagen hörten! Ich bin alt, Mönch, und habe lange dieſen mühſeligen Schmuck getragen,“ er wies auf die gehörnte Mütze, das Symbol des Staates, welche neben ihm lag,„und ich erinnere mich nicht, daß jemals ein Ver⸗ brecher die Schuld auf etwas anders geſchoben hätte, als auf un⸗ günſtige Umſtände, deren Opfer er ſey.“ „Daß die Menſchen mit ſo betrüglichem Troſt ihr Gewiſſen beſchwichtigen, weiß ein Mann von meinem Berufe gar wohl. Unſer Tagewerk iſt ja hauptſächlich, Denen ihre Täuſchung nachzuweiſen, welche, ihre eignen Sünden durch Bekenntniß und Selbſt⸗Erniedri⸗ gung verdammend, auf ihre Demuth ſtolz ſind. Aber, Doge von Venedig! es giebt noch eine Kraft in dem heiligen Sacramente, welches ich dieſen Abend zu verwalten bin gerufen worden, welche den Stolz des ausſchweifendſten Gemüthes überwältigen kann. Viele ſuchen ſich ſelber zu betrügen bei der Beichte, aber durch Gottes Macht gelingt es Wenigen.“ „Geprieſen ſey dafür die gelobte Mutter und ihr Sohn, der Menſch geworden,“ erwiederte der Fürſt, von dem ſtillen Glauben des Moͤnchs ergriffen, und bekreuzte ſich fromm.„Vater, Du haſt vergeſſen, den Verurtheilten zu nennen.“ „Es iſt ein gewiſſer Jacopo Frontoni, der als Bravo verrufen iſt.“ Der Fürſt von Venedig ſtutzte, wechſelte die Farbe und ſein Blick verrieth unverſtelltes Erſtaunen. „Sprichſt Du von dem blutigſten Stilett, das je die Stadt geſchändet hat, als von der Waffe eines bloß ſogenannten Bravo? Die Kunſtgriffe des Ungeheuers ſind mächtiger geweſen als Deine Erfahrung, Mönch! Das treue Bekennhiß eines ſolchen Elenden kann nur eine Geſchichte blutiger nnd empörender Verbrechen ſeyn.“ „Als ich in ſein Gefängniß trat, war ich derſelben Meinung, aber ich ging fort in der Ueberzeugung, daß die öffentliche Stimme ihm Unrecht gethan hat. Wenn Ew. Hoheit die Gnade haben will 2 * 453 ſeine Geſchichte anzuhören, werdet Ihr ihn eher für einen Gegen⸗ ſtand des Mitleids, als der Verdammung halten.“ „Unter allen Verbrechern in meinem Reiche hätte ich dieſen für den Letzten gehalten, zu deſſen Gunſten etwas vorgebracht werden könnte! Aber ſprich frei, Karmeliter. Meine Neugier iſt ſo groß als mein Erſtaunen.“ Der Doge ließ ſeinen Gefühlen ſo ganz freien Lauf, daß er im Augenblicke an die Gegenwart des Inquiſitors gar nicht dachte, deſſen Geſicht ihm ſonſt wohl mochte verrathen haben, wie bedenk⸗ lich die Sache zu werden anfing. Der Mönch dankte dem Himmel, denn es war nicht immer leicht in dieſem geheimnißvollen Staate, die Wahrheit vor die Ohren der Mächtigen zu bringen. Wenn ein ſo doppelſinniges Weſen in der ganzen Verfaſſung herrſcht, ſo verwebt ſich der entſprechende Sinn in die Gewohnheiten der Freimüthigſten, wenn ſie es auch ſelber nicht merken. Als daher Vater Anſelmo zu der verlangten Erklärung ſchritt, berührte er ſchonend die Kunſtgriffe des Staates und deutete mit Zurückhaltung die Gebräuche und Meinungen an, welche ein Mann ſeines heiligen Berufes und ſeiner Redlichkeit unter andern Umſtänden furchtlos verdammt haben würde. „Es mag einem ſo hochgeſtellten Herrn als Ihr ſeyd, gebieten⸗ der Fürſt,“ begann der Karmeliter,„vielleicht fremd ſeyn, daß ein niedriger aber fleißiger Arbeiter dieſer Stadt, ein gewiſſer Francesco Frontoni vor langer Zeit wegen Zollverbrechen verurtheilt wurde. Dieſes Verbrechen pflegt der Staat immer ſtreng zu beſtrafen, denn wenn die Menſchen die Güter dieſer Welt allem übrigen vorziehn, ſo verkennen ſie den Zweck, welcher ſie zum geſelligen Verbande zuſammengeführt hat.“ „Vater, wollteſt Du von einem gewiſſen Francesco Frontoni ſprechen?“ .„Ja, Hoheit, ſo hieß er. Der Unglückliche hatte einen Mann zum Freunde und Vertrauten, welcher als Freier ſeiner Tochter um — 454 ſeine Geheimniſſe zu wiſſen ſchien. Als dieſer falſche Freund, welcher Zollverbrechen verübt hatte, ſich auf dem Punkte ſah, entdeckt zu werden, erſann er einen Betrug, durch welchen er ſelbſt entkam und auf ſeinen allzu vertrauensvollen Freund den Unwillen der Regierung lenkte. Francesco wurde zum Gefängniß unter den Bleidächern ver⸗ urtheilt, um ihn zum Geſtändniß von Thatſachen zu bringen, die nie geſchehen waren.“ „Das iſt ein hartes Geſchick, ehrwürdiger Mönch, wenn die Sache ſo erwieſen werden kann!“ „Großer Doge, das iſt das Uebel bei Geheimhaltung und In⸗ trigue in der Verwaltung der öffentlichen Angelegen—“ „Haſt Du noch mehr von dieſem Francesco zu ſagen, Mönch?“ „Seine Geſchichte iſt kurz, Signore. In der Lebenszeit, welche die meiſten Menſchen in Thätigkeit für ihr eignes Wohl verwenden, ſchmachtete er im Kerker.“ „Ich erinnere mich von einer ſolchen Anklage gehört zu haben— aber die Sache fiel während der Regierung des vorigen Dogen vor— nicht wahr, Vater?“ „Und hat faſt bis zum Ende der Regierung des jetzigen ge⸗ dauert, Hoheit.“ „Wie? Der Senat hat doch, von dem Mißgriff in Kenntniß geſetzt, ſein Unrecht ſchnell wieder gut gemacht!“ Der Mö8nch ſah den Fürſten ernſt an, als wollte er ſich Ge⸗ wißheit verſchaffen, ob das Erſtaunen, welches er wahrnahm, nicht ein hoher Grad von Verſtellung wäre. Er überzeugte ſich jedoch, daß die Sache zu denen gehörte, welche, wie ungerecht, grauſam und zerſtörend ſie auch für das Glück eines Einzelnen ſeyn mögen, doch nicht wichtig genug ſind, um vor Diejenigen gebracht zu wer⸗ den, welche an der Spitze einer Verwaltung ſtehen, die mehr ihr eignes Beſtehen als das Gemeinwohl in's Auge faßt. 5 „Signore Doge,“ ſagte er,„der Staat iſt behutſam, wo es ſeinen eignen guten Ruf gilt. Es ſind Gründe, die ich mir nicht heraus⸗ *£ — 455 nehme, zu unterſuchen, welche aber den Kerker des armen Francesco noch immer verſchloſſen hielten, als nach dem Tode und Bekennt⸗ niſſe ſeines Anklägers ſchon längſt ſeine Unſchuld erwieſen war.“ Der Fürſt ſann nach, und ſodann fiel ihm ein, die Mienen ſeines Geſellſchafters zu Rathe zu ziehen. Der Marmor des Pfeilers, an den dieſer gelehnt ſtand, war nicht kälter und unbeweglicher, als das Geſicht des Inquiſitors. Der Mann hatte gelernt, vor den erkünſtelten Pflichten ſeines Amtes jede natürliche Regung ſchwinden zu laſſen. „Und was hat dieſe Sache des Francesco mit der Hinrichtung des Bravo zu thun,“ fragte der Doge nach einer Pauſe, während welcher er ſich vergeblich bemühte, die gleichgültige Miene ſeines Rathes anzunehmen. „Das zu beantworten, werde ich hier der Tochter des Gefäng⸗ nißwärters überlaſſen;— tritt vor, Kind, und erzähle, was Du weißt. Gedenke daran, daß Du vor dem Dogen von Venedig redend, zugleich vor dem Könige der Himmel ſteheſt.“ Gelſomina zitterte. Wie ſie erzogen war, konnte ſie der Güte ihrer Sache ungeachtet, nicht leicht eine natürliche Scheu bekämpfen. Aber getreu ihrem Verſprechen und ermuthigt durch ihre Liebe zu dem Verurtheilten, trat ſie einen Schritt vor und verſteeckte ſich nicht länger hinter dem Gewande des Karmeliters. „Du biſt die Tochter des Gefangenwärters?“ fragte der Fürſt mit mildem Tone, obgleich Erſtaunen ſich in ſeinem Auge malte. „Hoheit, wir ſind arm und unglücklich. Wir dienen dem Staate um Brod.“ „Ihr dient einem edlen Herren, Kind. Weißt Du etwas von dieſem Bravo?“ „Hoher Herr, Die ihn ſo nennen, kennen ſein Herz nicht. Es kann Keinen geben in Venedig, der gegen ſeine Freunde herzlicher, ſeinem Worte getreuer und den Heiligen ergebner wäre, als Jacopo Frontoni.“ 456 „Dieſen Charakter kann die Kunſt auch wohl einem Bravo beilegen. Aber wir verlieren die Zeit. Was haben die beiden Frontoni miteinander gemein?“ „Hoheit, ſie ſind Vater und Sohn. Als Jacopo ſo alt war, daß er das Unglück ſeiner Familie einſehen konnte, lag er den Senatoren mit Bitten für ſeinen Vater ſo lange an, daß ſie befahlen, man ſollte den Kerker deſſelben einem ſo frommen Sohne heimlich öffnen. Ich weiß wohl, daß die Regierenden nicht allwiſſend ſeyn können, ſonſt wäre ſolch Unrecht nie möglich geweſen. Aber Francesco blieb Jahre lang im Gefängniſſe, wo es Winters kalt und dunſtig und Sommers eine glühende Hitze iſt, bis herauskam, daß er falſch angeſchuldigt war. Da ließ man zu einigem Erſatz für die gar nicht verdienten Qualen Jacopo zu ihm.“ „Warum das, Mädchen?“. „Hoheit, war es nicht aus Erbarmen? Sie verſprachen auch, daß die Dienſte des Sohnes zu ſeiner Zeit dem Vater die Freiheit erwerben ſollten. Die Patricier waren aber ſchwer zu überzeugen und machten Bedingungen mit dem armen Jacopo, und er ging darauf ein, ſich einem ſchweren Geſchäͤft zu unterziehn, damit nur ſein Vater noch einmal die freie Luft athmen möchte, vor ſeinem Tode. „Du ſprichſt in Raͤthſeln.“ „Ich bin nicht gewohnt, großer Doge, vor ſo vornehmen Herren zu reden, auch nicht über ſolche Sachen. Aber dieß weiß ich, daß Jacopo drei lange Jahre Zutritt hatte zu ſeines Vaters Zelle, und daß dieß mit Erlaubniß der Obrigkeit geſchah; mein Vater würde es ſonſt nicht gelitten haben. Ich begleitete ihn immer bei dem frommen Gange und will die gelobte Jungfrau und alle Heiligen zu Zeu—. „Mädchen, haſt Du gewußt, daß er ein Bravo iſt?“ „Ach, Hoheit, nein! Er ſchien mir immer ein pflichtliebender Sohn, der Gott fürchtete und ſeinen Vater ehrte. Ich möchte nie wieder ſolchen Schmerz empfinden, als mich damals durchſchauerte, 457 da ſie ſagten, Der, den ich als den guten Carlo gekannt hatte, würde in Venedig verfolgt als der verabſcheute Jacopo! Aber es iſt vorüber, gelobt ſey die Mutter Gottes!“ „Du biſt dieſem verurtheiſten Manne verlobt?“ Gelſominas Wange ward nicht röther bei dieſer abſpringenden Frage, denn zu heilig für die gewöhnliche Schwäche ihres Geſchlechts war das Band geworden, welches ſie mit Jacopo vereinigte. „Ja, Hoheit. Wir hätten uns geheirathet, wenn es Gott und dieſen großen Senatoren, die ſo vielen Einfluß auf das Schickſal der Armen haben, gefallen hätte—" „Und Du biſt noch jetzt, da Du den Mann kennſt, Willens, Dich einem Jacopo anzutrauen?“ „Weil ich ihn ſo kenne, wie er iſt, großer Doge, darum muß ich ihn ehren. Er hat dem Staate ſeine Zeit und ſeinen guten Ruf verkauft, um ſeinen gefangnen Vater zu retten, nnd darin ſeh' ich nichts Abſchreckendes für die, welche er liebt.“ „Die Sache bedarf der Erklärung, Karmeliter. Das Mädchen hat eine erhitzte Phantaſte und verwickelt, was ſie entwirren will.“ „Erlauchter Fürſt, ſie wollte ſagen, daß es der Republik ge⸗ nehm war, dem Sohne den Beſuch bei ſeinem Vater zu verſtatten und ihm Hoffnung zu deſſen Befreiung zu machen, unter der Bedingung, daß der junge Mann ſich zum Vortheil der Polizei für einen Bravo ausgab.“ „Und für dieſe unglaubliche Geſchichte bürgt Euch nichts, als das Wort eines verurtheilten Verbrechers?“ „Der vor ſeinen Augen nichts ſieht, als ſeinen Tod. Es gibt Mittel, die Wahrheit klar zu durchſchauen und ſie ſind Denen bekannt, welche oft ſterbenden Büßern beiſtehen, unbekannt aber den weltlichen Menſchen. Jedenfalls, Signor, iſt die Sache der Unterſuchung werth.“ „Darin haſt Du Recht. Iſt die Stunde zur Hinrichtung beſtimmt?“ 458 „Mit Tages Anbruch, Fürſt!“ „Und der Vater?“ „Iſt geſtorben.“ „Im Kerker, Karmeliter?“ „Im Kerker, Fürſt von Venedig!“ Eine Pauſe. „Haſt Du vom Tode eines gewiſſen Antonio gehört?“ nahm der erſchütterte Doge, ſich faſſend, das Wort. „Ja, Signor. Bei meinem heiligen Amte bezeuge ich, daß Jacopo an dieſem Verbrechen unſchuldig iſt. Ich ſelbſt habe dem Fiſcher zur Beichte geſeſſen.“ Der Doge wendete ſich ab, denn die Wahrheit dämmerte in ihm auf, und die Gluth auf ſeinen greiſen Wangen enthielt ein Geſtändniß, welches nicht jedes Auge merken konnte. Er ſuchte den Blick ſeines Geſellſchafters, aber der Ausdruck ſeines menſchlichen Gefühls traf auf die geregelten Züge des Anderen, wie Licht auf polirten Stein, davon es kalt zurückprallt. „Hoheit,“ ſagte eine zitternde Stimme. „Was willſt Du, Kind?“ „Es gibt einen Gott für die Republik ſo gut, als für den Gondolier! Wird Ew. Hoheit nicht dieſe große Sünde von Venedig abwenden?“ „Du ſprichſt gerade aus, Mädchen.“ „Carlo's große Gefahr hat mich kühn gemacht. Das Volk liebt Euch ſehr, und Keiner ſpricht von Euch, ohne zugleich von Eurer Güte und Eurer Dienſtwilligkeit für die Armen zu ſprechen. Ihr ſeyd der Stamm einer reichen und glücklichen Familie: Ihr wollt nicht, und wenn Ihr wolltet, Ihr könntet nicht für ein Verbrechen halten, daß ein Sohn ſeinem Vater Alles zum Opfer bringe. Ihr ſeyd unſer Vater und wir haben ein Recht zu Euch zu kommen, auch wenn wir um Gnade bitten. Hier aber, Hoheit, fordere ich nur Gerechtigkeit.“— 4 459 „Gerechtigkeit iſt Venedigs Wahlſpruch.“ „Die von der Vorſehung reichlich geſegnet ſind, wiſſen nicht immer, was ein Armer zu tragen hat. Es hat Gott gefallen, meiner eignen armen Mutter ſchwere Leiden aufzuerlegen, die ohne ihre Geduld und ihren chriſtlichen Glauben ſchwer zu überſtehen wären. Das Bischen Sorgfalt, welches ich ihr ſpenden konnte, hat zuerſt Jacopos Augen auf mich gezogen, denn ſein Herz war voll von Kindespflicht. Wenn Ew. Hoheit nur Carlo beſuchen wollte oder ihn hieher bringen ließe, ſo würde ſeine einfache Erzählung alle ſchändliche Unthaten, die ſie ihm aufgebürdet haben, zur Lüge machen.“ „Das iſt nicht nöthig— das iſt nicht nöthig. Dein Glauben an ſeine Unſchuld, Mädchen, iſt beredter als alle ſeine Worte ſeyn können.“ Ein Freudenſtrahl blitzte in Gelſominas Geſicht auf, ſie wandte ſich zu dem Mönche und ſagte:„Seine Hoheit gibt Gehör, und wir werden durchdringen! Vater, ſie mögen drohen in Venedig und den Furchtſamen ängſtlich machen, aber ſie werden das niemals thun, was wir gefürchtet haben. Iſt nicht Jacopos Gott mein Gott und ihr Gott? der Gott des Senates und des Dogen? des Rathes und der Republik? Ich wünſchte, die geheimen Mitglieder vom Rathe der Drei hätten den armen Jacopo geſehen, wenn er nach ſeinem Tagewerk, müde von der Arbeit, gepeinigt von dem ewigen Zögern in die Winter⸗ oder Sommer⸗Zelle trat, wie es nun gerade war, eiſig kalt oder brennend heiß, und ſich zwang, vergnügt zu ſeyn, damit der fälſchlich Angeklagte nicht noch mehr ſein Elend fühlen möchte!— Ach, ehrwürdiger und gütiger Fürſt, Ihr wiſſet wenig von der Laſt, welche die Armen oft zu tragen haben, denn Euch iſt das Leben Sonnenſchein. Aber Millionen ſind da, die thun müſſen, was ſie haſſen, um nur nicht thun zu müſſen, was ſie fürchten.“ „Kind, Du ſagſt mir nichts Neues.“ „Außer, daß ich Euch Beweiſe gebe, Hoheit, daß Jacopo kein 460 ſolch Ungeheuer iſt, als ſie aus ihm machen wollen. Ich weiß nicht, aus was für geheimen Gründen der Rath den jungen Mann zu einem Betruge bewogen hat, der beinahe ſo unglücklich geendet hätte; jetzt aber, da alles aufgeklärt iſt, haben wir nichts zu fürchten. Kommt, Vater! wir wollen den guten und gerechten Dogen zur Ruhe gehen laſſen, wie ſeinen Jahren zukommt, und wollen zurück⸗ gehen, Jacopo's Herz aufzuheitern durch die Nachricht von unſerm Erfolge, und wollen der gelobten Maria für ihre Gnade danken.“ „Halt!“ rief der Greis mit erſtickter Stimme.„Iſt es wahr, was Du mir geſagt haſt, Mädchen? Vater kann es ſo ſeyn?“ „Signor, ich habe alles wahrhaft geſagt, wie mein Gewiſſen mich trieb.“ Des Fürſten Auge ſchweifte wild von dem bewegungsloſen Mädchen zu dem gleichfalls unbewegten Mitgliede der Dreie hinüber. „Tritt hierher, Kind,“ ſagte er und ſeine Stimme zitterte, „tritt her, daß ich Dich ſegne.“ Gelſomina trat ſchnell vor und ließ ſich vor dem Herrn auf ihre Kniee nieder. Nie hatte Vater Anſelmo einen lauteren und glühenderen Segen geſprochen, als jetzt von den Lippen des Dogen von Venedig floß. Der Letztere hob ſodann die Tochter des Gefangenwäͤrters auf und bedeutete die beiden Gäſte, ſich zu entfernen. Gelſomina gehorchte gern, denn ihr Herz, voll Begierde ihren Erfolg mitzutheilen, war ſchon in Jacopo's Zelle; aber der Karmeliter warf noch einen zögernden Blick zurück, als ein Mann, der beſſer bekannt war mit den Wirkungen weltlicher Politik, wenn dieſe mit dem Intereſſe ſolcher Leute zuſammenhängt, welche die Herrſchaft zum Vortheil der Bevorrechteten anwenden. Im Hinausgehen aber ward ſeine Hoffnung neu belebt; denn er ſah den greiſen Fürſten, unfähig ſein Gefühl länger zurückzuhalten, mit ausgeſtreckten Armen, mit thränenerfüllten Augen, mit einem Blicke, in welchem ſich Verlangen nach der Freude menſchlichen Mitgefühls lebendig ausſprach, auf feinen ſchweigſamen Geſellſchafter zueilen. 5 461 Einunddreißigſtes Kapitel. Auf— auf— *s iſt unſre Todtenglocke, oder Venedig's. Auf! Marino Faliero. Wieder rief der Morgen die Venetianer an ihr Tagewerk. Agenten der Polizei hatten geſchäftig die Stimmung des Volks bearbeitet, und ſobald die Sonne über dem Meere emporſtieg, fingen die Plätze an ſich zu füllen. Da fand ſich der neugierige Bürger ein in Mantel und Mütze, da gafften verwundert barfüßige Arbeitsleute, da kam der vorſichtige bärtige Hebräer in ſeinem weiten Rock, Edelleute zeigten ſich in Masken, und manche aufmerkſame Fremde, von den Tauſenden, welche dieſe Stadt, obgleich der Glanz ihres Handels im Abnehmen war, noch immer beſuchten. Man erzählte einander, daß eine Hand⸗ lung der vergeltenden Gerechtigkeit für die Ruhe der Stadt und die Sicherheit der Bürger gehandhabt werden ſollte. Kurz, Neugier, Müßiggang und Rachluſt im Verein mit den andern Leidenſchaften, die aus ihnen entſpringen, hatten alle, welche der Todesqual eines Mitgeſchöpfs beizuwohnen begehrten, in Menge zuſammengeführt. Die Dalmatier waren unfern des Meeres dergeſtalt aufmar⸗ ſchirt, daß ſie die beiden Granitſäulen der Piazzetta umgaben. Ihre ernſten ſoldatiſchen Geſichter waren nach innen, den afrikaniſchen Säulen, jenen wohlbekannten Grenzzeichen des Todes, zugekehrt. Einige grimmige Krieger von höherem Range durchſchritten den Raum vor den Truppen, während ein dichtgedrängter Haufe ſich hinter dieſen anſchloß. Aus beſonderer Gunſt hatte man über hun⸗ dert Fiſchern vergönnt, innerhalb des bewaffneten Kreiſes ſich auf⸗ zuſtellen, damit ſie ſehen ſollten, wie ihr Stand gerächt würde. Zwiſchen den hohen Fußgeſtellen des heiligen Theodor und des Flügellöwen befanden ſich Block und Art, ein Tragekorb und Säge⸗ 462 ſpäne, die damals üblichen Geräthſchaften bei Hinrichtungen. Neben dieſen ſtand der Scharfrichter. Eine Bewegung in der Menge lenkte endlich jedes Auge nach dem Thore des Palaſtes. Ein Gemurmel erhob ſich, die Menge wallete hin und her und eine kleine Schaar Sbirren wurde ſichtbar. Ihr Schritt war ſchnell, wie der Gang des Geſchickes. Die Reihe der Dal⸗ matier öffnete ſich zur Aufnahme dieſer Handlanger des Schickſals, und ſchloß ſich wieder hinter ihnen, als verſchlöſſen ſie dem Ver⸗ 1 urtheilten die Welt mit allen ihren Hoffnungen. Als ſie bei dem Blocke zwiſchen den Säulen ankamen, theilten die Sbirren ſich in Reihen und zogen ſich ein wenig zurück; Jacopo blieb allein vor den Todeswerkzeugen mit ſeinem geiſtlichen Rathgeber, dem Karme⸗ liter, der gaffenden Menge ſichtbar. Vater Anſelmo war in der gewöhnlichen Ordenskleidung der Barfüßer Moͤnche. Die Rapuze des heiligen Mannes war zurück⸗ geſchlagen und zeigte den Umſtehenden ſeine kaſteieten Züge und ſein beſchauliches Auge. Sein Geſicht war ein Bild verworrener Unge⸗ 8 wißheit; oft blitzten Funken von Hoffnung fieberhaft darin auf. Während ſeine Lippen ſich betend bewegten, ſchweifte ſein Blick un⸗ willkürlich von einem Fenſter des Dogenpalaſtes zum andern. Er ſtellte ſich indeſſen neben den Verurtheilten und bekreuzigte ſich drei⸗ mal mit innigem Eifer.. Jacopo ſtand in ruhiger Haltung vor dem Block. Sein Kopf war entblößt, ſeine Wange farblos, Hals und Nacken bis zu den Schultern unbedeckt, ſein Oberleib war mit dem Hemd und ſein übriger Körper nach Brauch der Gondoliere bekleidet. Er kniete nieder, das Geſicht dem Blocke zuwendend, und betete; dann ſtand er auf und überſchaute die Menge mit Würde und Faſſung. Wäh⸗ rend ſein Auge über die Reihe menſchlicher Geſichter langſam hin⸗ ſchweifte, überflog eine flüchtige Glut ſein Antlitz; denn keines von allen verrieth Gefühl für ſein Leiden. Seine Bruſt hob ſich, und die zunächſt ſtanden, bildeten ſich ein, nunmehr verlaſſe den Unglück⸗ 463 lichen ſeine Selbſtbeherrſchung. Aber ſo geſchah es nicht. Er ſchauderte wohl zuſammen, dann aber gewann er wieder die vorige Ruhe. „Du haſt Dich vergeblich unter der Menge nach einem wohl⸗ wollenden Auge umgeſehen!“ ſagte der Karmeliter, dem die konvul⸗ ſiviſche Bewegung nicht entgangen war. „Für einen Mörder hat hier keiner Mitleid.“ .„Denk' an Deinen Erlöſer, Sohn. Er litt Schmach und Tod für ein Geſchlecht, das ſeine Gottheit leugnete und ſeine Qual verhöhnte.“ Jacopo bekreuzte ſich, und beugte ehrfurchtsvoll ſein Haupt. „Haſt Du noch mehr zu beten, Vater?“ fragte der Oberſte der Sbirren, dem die Aufſicht über die ganze Handlung übertragen war.„Obgleich die erlauchten Räthe unerſchütterlich ſind in der Ge⸗ rechtigkeit, ſo haben ſie doch mit den Seelen der Sünder Erbarmen.“ „Haſt Du auch beſtimmte Befehle? fragte der Mönch, indem er ungewiß ſein Auge wiederum auf die Fenſter des Palaſtes heftete. „Iſt es gewiß, daß der Gefangne ſterben muß?“ Der Offizier lächelte über die Einfalt der Frage, und mit der Fühlloſtgkeit eines Mannes, der zu vertraut iſt mit menſchlichen Leiden, um Mitleid zu haben, fügte er hinzu:„Es iſt das Schickſal aller Menſchen, ehrwürdiger Mönch, und namentlich derer, über die das Gericht des heiligen Marcus ergangen iſt. Es wäre beſſer, Euer Beichtling dächt' an ſeine Seele.“ „Du haſt doch auch gewiß beſondern und ausdrücklichen Befehl? Man hat Dir doch die Zeit zur Vollführung des blutigen Werkes genau beſtimmt?“ „Ja wohl, heiliger Karmeliter. Die Zeit wird nicht langſam ſeyn, und Ihr thätet gut, ſie Euch zu Nutze zu machen, wofern Ihr nicht ſchon mit dem Seelenzuſtand des Gefangenen zufrieden ſeyd.“ So ſprechend warf der Offtzier einen Blick auf die Sonnenuhr des Platzes und ging kaltblütig fort, den Prieſter mit dem Gefangnen zwiſchen den Säulen wieder alleinlaſſend. Der Erſtere von dieſen konnte offenbar noch immer nicht an die wirkliche Vollſtreckung des Urtheils glauben. G „Haſt Du Hoffnung, Jacopo?“ fragte er. „Karmeliter, auf meinen Gott!“ „Sie können dies Unrecht nicht begehen! Ich war des Antonio Beichtiger— ich war Zeuge von ſeinem Tode, und das weiß der Fürſt!“ „Was iſt ein Fürſt und ſeine Gerechtigkeit, wo die Selbſtſucht einiger Wenigen regiert. Vater, Du biſt ein Neuling im Dienſte des Senates.“ „Ich vermeſſe mich freilich nicht vorauszuſetzen, daß Gott die Thäter dieſer That niederdonnern wird, denn die Geheimniſſe ſeiner Weisheit ſind unerforſchlich. Dies Leben und alles, was dieſe Welt bieten kann, iſt nur ein Punkt vor ſeinem allumfaſſenden Auge, und was uns als Uebel erſcheint, mag des Guten voll ſeyn. Haſt Du Glauben an Deinen Erköſer, Jacopo?“ Der Gefangne legte ſeine Hand auf das Herz und lächelte mit der ſtillen Zuverſicht, welche nur Denen innewohnt, die ſolchen Troſt haben. „Wir wollen noch einmal beten, Sohn!“ Der Karmeliter und Jacopo knieten neben einander, und der Letztere beugte ſeinen Kopf dem Blocke zu, während der Mönch ſchließlich die göttliche Gnade für ihn erflehete. Der Karmeliter ſtand auf, als der andere noch betend dalag. Der Möoͤnch war ſo voll von heiligen Gedanken, daß er, ſeines früheren Wunſches ver⸗ geſſend, jetzt faſt mit Zufriedenheit daran dachte, wie der Gefangne nunmehr in den Genuß der Seligkeit eingehen ſollte, deren Hoffnung ihn ſelbſt ſo freudig erhob. Der Offizier und der Scharfrichter traten näher; Erſterer ſtieß Bater Anſelmo an, und deutete auf die entfernte Uhr. „Der Augenblick iſt da,“ ſprach er, mehr aus Gewohnheit, als aus Schonung für den Gefangnen, flüſternd. Inſtinetmäßig wendete der Karmeliter ſein Auge nach dem Pa⸗ laſte, in der plötzlichen Aufregung nur ſeines Begriffs von irviſcher 465 Gerechtigkeit eingedenk. Es zeigten ſich Geſtalten an den Fenſtern und er bildete ſich ein, es ſollte ein Signal gegeben werden, um den entſcheidenden Schlag zu hemmen. „Halt!“ rief er.„Um die Liebe der heiligen Jungfrau unbe⸗ ſteckten Andenkens, hemmet Eure Haſt!“ Sein Ausruf wurde von einer durchdringenden Weiberſtimme wiederholt, und in demſelben Augenblick durchbrach Gelſomina, trotz aller Bemühung ſie zurückzuhalten, die Reihe der Dalmatier und erreichte die Gruppe zwiſchen den Granitſäulen. Erſtaunen und Neu⸗ gier ergriff die Menge und ein dumpfes Gemurmel durchlief den Platz. „Es iſt eine Wahnſinnige!“ ſchrie Einer. „Ein Opfer ſeiner Kunſtgriffe,“ ſagte ein Anderer; denn wenn jemand im Nufe eines beſondern Laſters ſteht, unterläßt die Welt gewöhnlich nicht, ihm alle übrigen gleichfalls beizumeſſen. Gelſomina ergriff Jacopo's Bande, und machte wahnſinnige Anſtrengungen, ſeine Arme zu befreien. „Ich hoffte, Du würdeſt Dir dieſen Anblick ſparen, arme Geſſina,“ ſagte der Verurtheilte. „Sey nicht beſorgt,“ erwiederte ſie athemlos.„Es iſt nur Neckerei— es iſt nur eine Liſt von ihnen, um zu berücken— aber ſie könnnen nicht— nein, ſie dürfen kein Haar auf Deinem Haupte krümmen, Carlo!“ „Theuerſte Gelſomina!“ „Nein, halte mich nicht. Ich will mit den Bürgern ſprechen und ihnen alles ſagen. Sie ſind jetzt aufgebracht, aber wenn ſie die Wahrheit hören werden, ſo werden ſie Dich lieb haben, Carlo, wie ich.“ „Gott ſegne Dich— Gott ſegne Dich! Ach wärſt Du doch nicht hergekommen!“ „Sey unbeſorgt um mich! Ich bin nicht gewöhnt an den An⸗ blick ſolcher Menge, aber Du wirſt ſehn, ich kann gut mit ihnen ſprechen und ihnen dreiſt die Wahrheit bekannt machen. Mir fehlt nur der Athem.“ Der Bravo. 30 466 „Geliebte! Du haſt eine Mutter— einen Vater, denen Deine Zärtlichkeit gehört. Deine kindliche Pflicht gegen ſie wird Dich be⸗ glücken.“ „Jetzt kann ich ſprechen, und Du ſollſt ſehen, wie ich Deinen Namen rechtfertigen will.“ Sie riß ſich aus den Armen des Geliebten, der ſie ſeiner Bande ungeachtet feſt umſchlungen hielt. Es wurde ihm ſchwerer, ihre zarte Geſtalt aus ſeinen Armen zu laſſen, als vom Leben zu ſcheiden. Jetzt ſchien der Kampf in Jacopo's Seele nun vorüber. Geduldig legte er ſein Haupt auf den Block, vor welchem er kniete, und ſeine gefalteten Hände ließen vermuthen, daß er für ſie betete, die ihn eben verlaſſen hatte. Gelſomina aber, mit beiden Händen ihr Haar von der blendend reinen Stirn nach den Seiten ſtreichend, trat zu den Fiſchern, welche ſie an den rothen Mützen und nackten Beinen erkannte. Sie lächelte, wie man ſich denken kann, daß Selige lächeln in ihrer Liebe. „Venetianer,“ ſagte ſie,„ich kann Euch nicht tadeln. Ihr ſeyd hier, um Zeugen zu ſeyn vom Tode eines Mannes, der nach Eurer Meinung nicht zu leben verdient.“ „Deſſen, der den alten Antonio gemordet hat,“ murmelte es durch den Haufen. „Ja, des Mörders dieſes alten herrlichen Mannes. Aber wenn Ihr die Wahrheit hört, wenn Ihr erfahrt, daß Ihr den für einen Mörder haltet, der ein frommer Sohn geweſen iſt, ein treuer Diener der Republik, ein gewandter Gondolier, ein aufrichtiges Gemüth, ſo werdet Ihr Euer blutiges Vorhaben ändern, und nach Gerechtig⸗ keit Verlangen tragen.“ Ein allgemeines Murren übertöͤnte ihre Stimme, die ſchon ſo zitternd und leiſe war, daß man nur bei der größten Stille ihre Worte vernehmen konnte. Der Karmeliter war an ihre Seite ge⸗ treten, und bat durch ein Zeichen angelegentlich um Stille. — 4* 467 „Höret ſie, Männer der Lagunen!“ ſagte er,„ſie ſpricht heilige Wahrheit.“ „Dieſer ehrwürdige fromme Moͤnch und der Himmel ſind meine Zeugen. Wenn Ihr Carlo beſſer kennen und ſeine Geſchichte ge⸗ hört haben werdet, dann werdet Ihr von ſelbſt ſchreien, daß man ihn losgebe. Ich ſage Euch dies, damit, wenn der Doge dort am Fenſter das Zeichen der Begnadigung giebt, Ihr nicht ärgerlich werdet und glaubt, Eurem Stande geſchehe Unrecht. Der arme Carlo—“ „Das Mädchen raſt!“ unterbrachen ſie die mürriſchen Fiſcher „Hier iſt kein Carlo, ſondern ein öffentlicher Bravo, Jacopo Frontoni.“ Gelſomina lächelte, in der Sicherheit ihrer Unſchuld und fuhr fort, ſobald ſie wieder zu Athem kam, doch die heftige Aufregung ſtörte noch ihre Rede. „Carlo— oder Jacopo— Jacopo oder Carlo— es kommt darauf wenig an.“ 2 „Hal ein Zeichen vom Palaſt!“ rief der Karmeliter laut, und ſtreckte beide Arme dorthin aus, als wollte er ein Gnadengeſchenk hinnehmen. In demſelben Augenblick tönten die Trompeten und von Neuem wallte die Menge durcheinander. Gelſomina ſtieß ein Freuden⸗ geſchrei aus und wendete ſich ſchnell, um ſich an die Bruſt des Ge⸗ retteten zu werfen, da blitzte die Axt vor ihren Augen nieder und Jacopo's Kopf rollte auf dem Pflaſter dahin, als ſuchte er ſie. Eine allgemeine Bewegung unter der Menge verrieth, daß alles vorbei ſey. Die Dalmatier ſchwenkten in Kolonnen. Die Sbirren drängten das Volk bei Seite, um heimzugelangen; Waſſer aus der Bucht wurde auf die Flieſen gegoſſen, die blutigen Sägeſpäne wurden zu⸗ ſammengerafft, und Kopf und Rumpf, Block, Tragekorb, Beil und Scharfrichter verſchwanden. Der Haufe des Volks ging um den verhängnißvollen Fleck herum. Während dieſes fürchterlichen Augenblickes ſtanden Vater An⸗ „ 468 ſelmo und Gelſomina regungslos. Alles war vorüber und noch ſchien der ganze Vorfall Täuſchung. „Schafft dieſe Verrückte fort!“ ſagte ein Polizeibeamter, und deutete auf Gelſomina. Man gehorchte ihm mit venetianiſcher Be⸗ reitwilligkeit. Der Karmeliter athmete kaum. Er ſtarrte die be⸗ wegliche Menge, er ſtarrte die Fenſter des Palaſtes und ſtarrte die Sonne an, die ſo herrlich am Himmel ſtrahlte.. „Du biſt verloren in dieſer Menge,“ ſprach eine Stimme neben ihm leiſe.„Ehrwürdiger Karmeliter, Du wirſtwohlthun mir zu folgen.“ Der Mönch war zu tief gebeugt, um ſich zu beſinnen. Sein Führer brachte ihn, durch manche verborgne Straße, bis zu einem OQuai, wo er ſogleich eine Gondel beſtieg, die nach dem Feſtlande fuhr. Ehe die Sonne im Mittage ſtand, war der in Gedanken verſunkene, zitternde Mönch auf dem Wege nach dem Kirchenſtaate; und in Kurzem im Schloſſe Sant' Agata wohnhaft. Zur gewöhnlichen Stunde ging die Sonne hinter den Tyroler⸗ Bergen unter, und der Mond kam über dem Lido herauf. Die engen Straßen Venedigs ergoſſen ihre Tauſende wiederum auf die Plätze. Das ſanfte Licht ſtreifte die ſeltſame Architektur und den ſchwindlig hohen Thurm, und warf einen betrüglichen Glanz auf die Inſelſtadt. 4 Die Portikos erglänzten vom Scheine der Lampen. Die Fröh⸗ lichen lachten, die Unbekümmerten tändelten, die Maskirten verfolgten ihre verſteckten Zwecke; die Balladenſänger und Spaßmacher übten ihre Streiche, und Unzählige gaben ſich dem leeren Ergötzen hin, welches gedankenloſe müßige Leute lieben. Jeder lebte für ſich, und die Staatsmaſchine Venedigs behielt ihren laſtervollen Gang nach wie vor, welcher durch das verwegene Trugſpiel, das er mit heiligen Grundſätzen trieb, die in der Wahrheit und im natürlichen Rechte ihre Wurzel haben, Regierer und Regierte entwürdigte und endlich ins Verderben ſtürzte. — Oee ———