deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6 3 von. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. V 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von n angenommen. . ſedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗* 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 ines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 1. Abonnement. Daſſelbe muſt voraus bezahlt werden und beträgt. 4 4 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 I. Ff. 1 N 55 Ff. 2 r. Ff. 3 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5„ 3 ℳ 4 ℳG —*. . 3. . 1 —— 4. ——————— 2 J. f. Cooper's neu aus dem Engliſchen übertragen. Dreizehnter Band. Die beiden Admirale. Zweite Auflage. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 1851. Amerikaniſche Romane, 8 6 — 2 3 — Die beiden Admirale. Ein See⸗Roman von James Fenimore Cooper. Aus dem Engliſchen von Eduard Mauch. Kommt, all' ihr Krieger aus des Meeres Grunde! Kein Flüſtern darf des Bruders Schlummer wecken: Schaart Euch um ihn in feſtem, mächt'gem Bunde— Bewacht die Lorbeern, die den Freund bedecken! Zu„Tripp's“ Gedächtnis. Zweite Auflage. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 1851. Druck von J. Kreuzer in Stuttgart. 3 — Vorwort des Verfaßers. Alnter allen See⸗Romanen, welche die zwei letzten Jahr⸗ zehnte haben erſcheinen ſehen, kennen wir keinen, in dem die Bewegungen ganzer Flotten weſentliche Lineamente gebildet hätten. Wir beſitzen zwar treffliche Gemälde, voll von Schil⸗ derungen der Manövers einzelner Fahrzeuge, reich an charak⸗ teriſtiſchen Zügen aus der Schifffahrtskunde überhaupt; aber ihre Urheber ſcheinen ſich ohne Ausnahme und mit der be⸗ wußteſten Abſicht davon fern gehalten zu haben, jenen Beruf im Großen zeichnen zu wollen. Wir ſelbſt haben früher jeden ähnlichen Verſuch unterlaſſen, theilweiſe weil wir unſere Schwäche kannten, hauptſächlich aber aus dem Grunde, weil wir bei allen unſern poetiſchen Wanderungen zur See ſo weit VII als möglich unter der Flagge zu bleiben wünſchten, an welche die Gewohnheit und das Heimathsrecht uns feſſelten. Wir tadeln laut und entſchieden jenen kleinlichen Pa⸗ triotismus, der empfindlich wird, wenn es ſich um die Ehre von Hunden oder Katzen handelt— der die Nationalität daͤmit behaupten will, daß er geringfügige Dinge preist, blos weil ſie ſeinem Lande entſtammen: der es wagt, die lächerliche Doetrin aufzuſtellen(eine Doctrin, in den Annalen der Literatur ſo neu, daß ſie allein in ſenmerlichem Provinztalgeiſte eine nothdürftige Erklärung findet): daß Laſter, Thorheit, Ge⸗ meinheit und Unwiſſenheit deshalb entſchuldbar würden, weil ſie Amerikaniſche Unarten ſeyen; doch wahrlich Grunds genug für alle Amerikaniſchen Federn, ſie aufs lebhafteſte zu be⸗ kämpfen. Ein ſolcher Patriotismus verkehrt jene Großmuth Domitian's in's gerade Gegentheil, womit er Juvenal in ſeiner Nähe duldete,, ſo lange dieſer ſeine Satiren nur auf das große Publikum im Allgemeinen richtete, ihn aber aus Rom ver⸗ bannte, ſobald er ſich zu verleumderiſchen Angriffen auf Ein⸗ 3 zelne erniedrigte. Ein eben ſo verwerfliches Vorurtheil muß es genannt werden, ſeine poetiſche Produktivität ällein auf das Geburtsland beſchränken zu wollen— ein Vorurtheil wie es eine Nation von ausgeprägtem Charakter und um⸗ faſſender Welt⸗Anſicht wohl nicht in ihrer Mitte hegen kann, IX und in unſern Augen nahezu ſo verächtlich, als jenes eben gerügte maaßloſe Selbſtlob. Wir für unſern Theil dürfen uns wohl einfach auf unſere Neigung berufen in einer Wahl, über die doch am Ende mehr oder weniger nur die Indivi⸗ dualität des Schriftſtellers entſcheiden kann: ein innerer Drang führte uns dazu, die vorliegenden Schilderungen zu verſuchen, und in dieſem Gebiete iſt ein ſolcher Drang immerhin ein leidlich ſicherer Führer. Deſſenungeachtet aber muß ſich der Amerikaner, wenn er Flotten zum Gegenſtande ſeiner Darſtellungen machen will, wohl oder übel entſchließen, ſeine Flagge zu verlaſſen. Eine eigentliche Amerikaniſche Flotte war noch nie verſammelt, und wenn die Freiſtaaten auch das Material reichlich beſitzen, um ein ſolches Phänomen zu ſchaffen, ſo ſchien doch ſeither immer noch der Wille zu fehlen. Sogar die Creirung des mili⸗ täriſchen Ranges, der von der nöthigen Autorität über eine ſolche Schiffsmacht unzertrennlich iſt, begegnete bis jetzt einem wunderlichen, ja gefährlichen Widerſtande innerhalb der Räume der Nationalverſammlungen, und wäre der Titel dieſes Buchs „der Admiral“ anſtatt:„die beiden Admirale“ geweſen, ſo hätten wir uns nur um ſo mehr nach einem Helden außerhalb unſeres Landes umſehen müſſen. Unſere Geſetzgeber erwarten vielleicht Wunder von ihren Würdeträgern ohne jene Reiz⸗ mittel, die doch in der Regel allen menſchlichen Beſtrebungen zu Grunde liegen. Wie lange ſich aber eine ſolche Politik mit der Klugheit vertragen wird, möchte ſchwer zu ſagen ſeyn. Während wir übrigens nur unſere Unabhängigkeit durch den Anſpruch auf Schauplätze zu wahren glauben, wie ſie eben unſerer Neigung am beſten zuſagten, geſtehen wir nicht minder bereitwillig, daß wir mit Freuden für die gegenwärtige Erzählung die Flagge unſerer Heimath gewählt hätten, wären uns dabei nicht die Forderungen der poetiſchen Wahrſchein⸗ lichkeit zu gebieteriſch im Wege geſtanden. Wenn auch nicht ganz durch Geburt und Abſtammung, ſo ſind wir doch durch Erziehung durch und durch Amerikaniſch geſinnt, und bekennen offen unſere entſchiedene Vorliebe für die„Sterne und Streifen“, jene freilich für ein Kenner⸗Auge etwas geſchmackloſen Symbole der Union, gegenüber dem breiten weißen Felde und dem St. Georgenkreuz des edlen brittiſchen Wahrzeichens: gegenüber dem fleckenloſen Banner von Frankreich, wie es in der Periode unſerer Erzählung wehte, oder ſelbſt jener ſchönſten aaller Beſanflaggen— dem Tricolore unſerer Tage. Wenn uns die geſetzgebenden Verſammlungen einmal eine Flotte und Admirale für unſere Feder ſchaffen, ſo ſoll es ein Hochgenuß für uns ſeyn, die Verherrlichung ihrer Heldenthaten zu verſuchen. Uebrigens ſteht es den Koloniſten wohl zu, ihren Theil XI an allem Ruhme Englands bis vor 1775 in Anſpruch zu nehmen, und ihre Nachkommen mögen ſich mit den Söhnen des jetzigen Mutterlandes darüber ſtreiten, wie viel von dem Glanze der Heldenthaten eines Oakes und Bluewater auf jede Seite fallen ſoll. Unſere Landsleute werden bei unſern inlän⸗ diſchen Verlegern, Lea und Blanchard in Philadelphia, alle Documente vorfinden, die wir über den Stoff der„beiden Admirale“ beſitzen, und zudem haben wir zum Beſten aller unſerer Freunde in England bei Herrn Richard Bentley, Newburlington Street, London, Duplikate aller der Quellen⸗ nachweiſungen niedergelegt, auf welche unſere Erzählung ſich gründet, indem wir zugleich alle Geſchäftsfreunde dieſer beiden großen Verlagsbuchhandlungen bitten, ſich allen desfallſigen Mittheilungen, woher ſie immer verlangt werden möchten, willig und ohne Rückhalt zu unterziehen.. Hoffentlich wird der Rechtsſinn des Leſers„die beiden Admirale“ durchweg als ein See⸗Gemälde und nicht als eine Liebesgeſchichte betrachten. Unſere Admirale ſind unſere Helden, und da es eben zwei Helden ſind, ſo haben alle Krittler volle Freiheit, nach ihrem Belieben den einen ſich zur Heldin zu wählen. Wir überlaſſen die Entſcheidung ganz ihnen, ohne die mindeſte Ausſchließlichkeit von unſerer Seite. Mit dieſen wenigen Begleitworten laſſen wir unſere Flotten vom Stapel; mögen ſie treiben auf den Winden und Wogen der öffentlichen Meinung, die nicht ſelten ſo widrig und aufrühreriſch— ganz gewis aber auch nicht minder launiſch ſind, als die des Oceans.— New⸗York, März 1842. Nachſchrift des Aeberſetzers. Daß der Ueberſetzer eines Seeromans bei der Beſchränktheit unſerer Sprache gerade in dieſem Gebiet mit unendlichen Schwierigkeiten zu käm⸗ pfen habe— iſt eine Wahrheit, welche alle Sachverſtändigen gerne zugeſtehen werden; mit um ſo größerer Zuverſicht hofft daher auch der Bearbeiter gegen⸗ wärtiger Erzählung auf die gütige Nachſicht der geneigten Leſer rechnen zu dürfen. Da der Herr Verleger bereits einem der früheren Romane: dem rothen Freibeuter, ein erklärendes Verzeichnis der gewöhnlichſten Seeausdrücke zur Bequemlichkeit der Leſer beigefügt hat, ſo konnte ſich der Ueberſetzer vorlie⸗ gender Geſchichte darauf beſchränken, nur die in jenem Verzeichniſſe nicht enthaltenen Benennungen in erläuternden Noten dem Texte beizufügen, und den geehrten Leſer über alle ſonſt gebrauchten Wendungen auf das genannte Verzeichnis zu verweiſen, wobei er von der Ueberzeugung geleitet wurde, daß die durch dieſes Nachſchlagen verurſachte Mühe in dem Intereſſe der Erzäh⸗ lung ſelbſt die beſte Belohnung finden werde. Die beiden Admirale. 4 1* 8 Erſtes Kapitel. 3 4 War er von meinem Bruder, So konnt' ihn der nicht ferdern; Euer Vater Ihn nicht verläugnen, war er auch nicht ſein. Kurz meiner Mutter Sohn zeugt Eures Vaters Erben, Dem Erben kommt das Gut des Vaters zu. König Johann.(Ueberſ. v. A. W. Schlegel.) Die Ereigniſſe, welche wir hier zu berichten im Begriffe ſtehen, fallen ungefähr in die Mitte des vorigen Jahrhunderts, und gehen ſogar noch bis über den Beginn jenes Kampfes zurück, der in Amerika gewöhnlich nur ‚der alte franzöſiſche Krieg' genannt wird. Die Eröffnungsſcene unſerer Erzählung dagegen muß in der andern Hemiſphäre auf der Küſte des Mutterlandes ſelbſt geſucht werden. In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts konnten die ame⸗ rikaniſchen Kolonien noch als wahre Muſter der Loyalität aufgeſtellt werden; eben jener Krieg aber, deſſen wir kaum vorhin erwähnten, hatte ſo bedeutende Ausgaben verurſacht, daß ſich das Miniſterium veranlaßt ſah, zu dem verpönten Auflagenſyſtem ſeine Zuflucht zu nehmen, welches ſpäter mit der bekannten Revolution endete. Der innere Hader hatte damals noch nicht ſeinen Anfang genommen. Der Kampf mit dem Ausland, der bald darauf eben ſo ſehr zum Ruhm der brittiſchen Waffen als zum entſchiedenen Vortheil der engliſch⸗amerikaniſchen Beſitzungen beendigt wurde, beſchäftigte da⸗ mals die Gemüther ausſchließlich und nie vielleicht waren die Be⸗ wohner der Provinzen beſſer gegen das Mutterland geſinnt geweſen, als eben zu der Zeit, mit welcher wir unſere Erzählung eröffnen. Die beiden Admirale. 2. Au. — Die frühere Vorliebe der Amerikaner für das Land ihrer Abſtammung ſchien eher an Stärke zu gewinnen als zu verlieren und wie in der Natur bekannter Maaßen dem Sturme immer die Windſtille folgt, ſo war auch umgekehrt die blinde Anhänglichkeit der Kolonien an ihr Stammland nichts weiter als der Vorläufer jener Entfremdung und gewaltſamen Trennung, welche ſo bald nachher eintreten ſollte. Die zahlloſen Seegefechte, die zwiſchen den Jahren 1740 und 1763 geliefert worden waren, hatten zwar die Ueberlegenheit der engliſchen Marine genügend ans Licht geſtellt; gleichwohl trugen aber die Seekriege jener Zeit noch keineswegs jenen entſchiedenen Cha⸗ rakter an ſich, welcher ein Vierteljahrhundert ſpäter bemerkt werden konnte. In unſern Zeiten ſcheint die brittiſche Seemacht an Treff⸗ lichkeit zugenommen zu haben, während die ihrer Feinde ſichtlich im Rückſchreiten begriffen iſt; im Jahr 1812 aber, als der längſt erwartete Krieg endlich zum Ausbruch kam, durfte man mit Recht behaupten, daß ‚Grieche gegen Grieche: im Kampfe lag. Die große Veränderung, die bei den übrigen Marinen Europa's ſichtbar wurde, war die ganz einfache Folge der Revolutionen, welche faſt alle Männer von Erfahrung in die Verbannung getrieben und Seeunternehmungen überhaupt immer mehr in Schatten geſtellt hatten, je wichtiger und unentbehrlicher die Landarmeen für die Exiſtenz der verſchiedenen Staaten wurden, und je mehr ſich dadurch dem Talente und dem Muthe der thatluſtigen Jugend eine andere Sphäre der Wirkſamkeit eröffnete. So lange Frankreich, anfangs für ſeine Unabhängigkeit, und ſpäter um die Oberherrſchaft auf dem Kontinent im Kampfe lag, war eine Seemacht für ſeine Zwecke nur von untergeordneter Bedeutung, da Wien, Berlin und Moskau ebenſo gut mit als ohne eine ſolche erobert werden konnten. Dieſe und andere ähnliche Urſachen mögen wohl die ſcheinbare Unüber⸗ windlichkeit der engliſchen Waffen zur See während der letzten großen europäiſchen Kriege genugſam erklären— eine Unüber⸗ windlichkeit, welche übrigens mehr nur dem Scheine als der Wirk⸗ 3 lichkeit nach exiſtirte, da ſelbſt damals unter den tauſend Siegen, die ſie erfocht, auch manche tüchtige Niederlage aufgezählt werden konnte. Von der Zeit an, da die Koloniſten vermöge ihrer Anzahl zur Unterſtützung in dieſen Seekriegen beigezogen werden konnten, bis herab auf die Periode der Trennung— hatten die Amerikaner ihren vollen Antheil an den Heldenthaten der brittiſchen Seetruppen ge⸗ nommen. Der Adel in den Kolonien ſuchte gerne und begierig ſeine Söhne in der königlichen Marine unterzubringen und ſogar noch im neunzehnten Jahrhundert blieb in der engliſchen Flotte mancher Flaggenoffizier aufzuzählen, deſſen Ahnen urſprünglich in Amerika zu ſuchen waren. Ein vielgeſtaltetes Leben, das uns abwechslungsweiſe mit einer Anzahl von Perſonen des verſchiedenſten Ranges, Standes und Charakters in Berührung brachte— ein Leben, ſo wunderbar, wie das Schickſal es nur je dem Menſchen zutheilen kann, führte uns auch im Verlaufe der Zeiten mit nicht weniger als acht engliſchen Admiralen von amerikaniſcher Abkunft zuſammen; gleichwohl wollte es uns noch niemals gelingen, auch nur einen einzigen Landsmann zu treffen, der von ſeiner eigenen Regierung mit dieſem Range be⸗ kleidet geweſen wäre. Ein Engländer, der früher in ſeinem vater⸗ ländiſchen Seeminiſterium die höchſte Stelle eingenommen hatte, bemerkte eines Tags gegen uns: der einzige Mann in der ganzen brittiſchen Marine, dem er mit vollem Vertrauen ein wichtiges Kommando übertragen würde, ſey eben einer jener transatlantiſchen Admirale, und dabei kam uns denn unwillkürlich der Gedanke, jener ausgezeichnete Seeoffizier möchte wohl ſehr gut daran gethan haben, daß er ſein natürliches Vaterland mit dem von ihm ſelbſt erwählten vertauſchte und letzterem ſeine Dienſte widmete, da er im andern Falle recht wohl ein halbes Jahrhundert im Dienſte ſeines Geburtslandes hätte zubringen und endlich zu guter Letzt, im günſtigſten Falle, den Rang eines Obriſten in der Landarmee als Belohnung hiefür erhalten können! Wie lange dieſe ſchreiende Ungerechtigkeit und eine ſo kurzſichtige Politik noch ferner fortdauern ſoll, iſt Niemand im Stande vorherzuſagen; gleichwohl darf man ſich dreiſt dem Glauben überlaſſen, daß es wohl immerhin noch ſo lange anſtehen mag, bis ein einflußreicher Geſetzgeber die einfache Wahrheit erkannt haben wird, daß nämlich der geträumte Widerwille von Volksregierungen, dem Einzelnen gerecht zu werden, weit öfter in den Beſorgniſſen ihrer Repräſentanten als in der Wirklichkeit begründet iſt.— Doch nun zu unſerer Erzählung. England genießt wegen ſeiner Nebel eines weitverbreiteten Rufes; in welchem Grade übrigens ein ſolcher Nebel zur Verſchönerung einer Gegend beizutragen vermag, fühlt man nur dann, wenn man an Ort und Stelle ſelbſt die zauberiſche Wirkung deſſelben zu be⸗ obachten Gelegenheit findet: wenn man ſieht, wie er eine reizende Landſchaft in ſeine geheimnißvollen Schleier hüllt und ſie in anmuthiger launenvoller Abwechslung mit dem Auge des Zuſchauers kokettiren läßt.— Mit einem dieſer oft belächelten Nebel, der übrigens, wie wir wohl zu bemerken bitten, nicht im November, ſondern im Juni Statt hatte, werden wir nun auch unſere Geſchichte eröffnen. Auf einer hochgelegenen Landſpitze an der Küſte von Devon⸗ ſhire ſtand ein kleiner Signalthurm, der zu dem Zwecke errichtet worden war, um von hier aus mit der Flotte, welche zu Zeiten auf einer nahe befindlichen Rhede vor Anker lag, zu kommuniciren. Etwas weiter landeinwärts lag ein Dorf oder Weiler, dem wir für unſern Zweck am paſſendſten den Namen Wychecombe geben wollen; nicht weit von da in einem kleinen Parke ſtand ein Haus aus dem Zeitalter Heinrichs des Siebenten— die Wohnung Sir Wycherly Wychecombe's, eines Baronet's aus den Zeiten König Jakobs des Erſten. Er war Beſttzer eines nicht eben im höchſten Flor befind⸗ lichen Landgutes von drei bis viertauſend Pfund jährlicher Einkünfte, und hatte dieſes ſein Eigenthum ſeit undenklichen Zeiten von ſeinen Vorfahren ererbt, deren Stammbaum bis zu den Zeiten der Plan⸗ tagenets hinaufſtieg. 5 Weder der Flecken Wychecombe, noch die nahegelegene Land⸗ ſpitze oder die angrenzende Rhede waren Orte von ſonderlicher Bedeutung, denn weit größere, günſtiger gelegene Weiler, Dörfer und Städtchen waren ringsum in dieſem ſchönen Theile von England aufzuzählen; die Nachbarſchaft barg für die ankommenden und ab⸗ gehenden Schiffe viel beſſere Ankerplätze und Buchten und unter den Signalſtationen dieſer Küſte waren wohl mehrere weit wichtiger als die obengenannte. Nichtsdeſtoweniger war die Rhede, ſo oft Windſtillen oder widrige Stürme dieß nöthig machten, fortwährend mit Schiffen angefüllt, der Weiler wurde öfter beſucht und bot, wie die meiſten engliſchen Flecken, ſeine Annehmlichkeiten und man⸗ nigfachen Naturſchönheiten; Schloß und Park von Wychecombe endlich ermangelten durchaus nicht ihrer eigenthümlichen Anſprüche auf Großartigkeit und ländliche Pracht. Vor hundert Jahren war ein engliſcher Baronet, beſonders einer von anno 1611, eine weit wichtigere Perſon als dieß wohl heutiges Tags der Fall iſt, und ein jährliches Einkommen von 4000 Pfund war, was auch Blackſtone oder die Rangtabellen da⸗ gegen ſagen mögen, vornehmlich wenn die Rente nicht nur aus bloßem Pachtzinſe beſtand— faſt eben ſo bedeutend und verſchaffte beinahe oder auch ganz denſelben Einfluß auf die nähere Umgebung, als der dreifache Betrag jener Summe in gegenwärtiger Zeit zu gewähren im Stande iſt. Neben dem aber genoß Sir Wycherly eines weitern Vortheils, der anno 1745 von viel größerer Be⸗ deutung und damals auch weit allgemeiner als jetzt verbreitet war. Auf fünfzehn Meilen im Umkreis war nirgends ein Nebenbuhler für ihn zu finden: der ihm zunächſt wohnende Gutsbeſitzer war ein Edelmann, der als einer von des Königs Lieblingen am Hofe lebte und deſſen Rang und Vermögen jeden Gedanken an eine Mitbe⸗ werbung außer Frage ſtellten, ſo daß ſich der Baronet ganz nach Belieben und voöllig ungeſtört der Huldigung der Umgegend er⸗ freuen konnte. Sir Wycherly war ein Mal, aber auch nur ein einziges Mal Parlamentsmitglied geweſen. In ſeiner Jugend ein leidenſchaftlicher Fuchsjäger, hatte er einen kleinen Landſitz in Yorkſhire, den ſeine Familie eben für dieſen Zweck ſchon ſeit langen Zeiten inne gehabt, oft und mit Vorliebe beſucht; als er aber einſtmals auf einer ſeiner Jagden das Bein gebrochen, hatte er ſich vor der ihm drohenden Langweile dadurch zu ſchützen geſucht, daß er ſich von einem Flecken in der Nachbarſchaft ſeines Jagdſchlößchens in's Unterhaus wählen ließ und eine Seſſion als Mitglied deſſelben durchmachte.— An dieſer einzigen Probe bekam er genug für ſein ganzes Leben, denn der gute Baronet nahm die Sache ſo buchſtäblich genau, daß er ge⸗ wiſſenhaft jeder einzelnen Sitzung anwohnen zu müſſen glaubte— eine Zeitverſchwendung, welche, da ſie vollends ohne allen Neben⸗ gewinn für ihn blieb, die Geduld eines alten Fuchsjägers nothwendig ſehr bald erſchöpfen mußte. So verzichtete er alſo auf ſeinen Sitz und zog ſich von nun an ganz nach Wychecombe zurück. Hier hatte er denn die letzten fünfzig Jahre in Ruhe verlebt; ſein einziges Geſchäft war— Eſſen und Trinken, gewürzt mit leidenſchaftlichen Lobeserhebungen auf England und beſonders auf denjenigen Theil deſſelben, worin ſeine eigenen Beſitzungen lagen, nicht zu vergeſſen die gewaltigen Schmähungen, die er gegen die Franzoſen und gelegentlich auch gegen Spanier und Holländer vom Stapel ließ. Reiſen hatte er niemals gemacht; zwar kam es ſchon vor hundert Jahren häufig vor, daß Engländer ſeines Standes den Kontinent beſuchten, aber weit häufiger noch wurde dieß unter⸗ laſſen. Nur der Hofadel und was dieſem zunächſt ſtand, betrachtete damals das Reiſen als ein Mittel, Geiſt und Lebensart dadurch zu verfeinern; ſie alle aber bildeten eine Klaſſe von Leuten, wozu ein Baronet wenigſtens ex officio niemals gehörte. Kurz, Sir Wycherly zählte jetzt vier und achzig Jahre und war dabei immer noch ein geſunder, kräftiger Junggeſelle. Er war der älteſte von fünf Brüdern; die jüngeren hatten, ͤnͤneͤ u—— 7 wie gewöhnlich, bei der Juſtiz, im Schooße der Kirche, in der Armee und in der Marine ein Unterkommen geſucht und genau in der hier aufgezählten Reihenfolge ihre Anſtellung gefunden. Der Advokat hatte ſich mit dem Titel— Baron Wychecombe— bis zum wirklichen Richter emporgeſchwungen; ſeine Haushälterin hatte ihm drei uneheliche Kinder geboren und als er ſtarb, hinterließ er dem älteſten das während ſeiner Amtsführung erworbene Vermögen; den beiden jüngeren hatte er Stellen in der Armee gekauft. Der Geiſtliche brach noch als Vicar auf einer Fuchsjagd den Hals; er ſtarb unvermählt und— ſo viel man wenigſtens wußte— kinder⸗ los. Er war unter allen Brüdern Sir Wycherly's Liebling geweſen und Letzterer pflegte oft von ihm zu ſagen:„er hahe gerade durch ſeinen Tod ſeinen Pfarrkindern das würdige Beiſpiel eines tüchtigen Jägersmannes hinterlaſſen.“ Der Soldat ſiel ſchon vor ſeinem zwanzigſten Jahre in einer Schlacht und ein Vierteljahrhundert vor dem Beginne unſerer Erzählung war auch der Name des Jüngſten in Folge eines Schiffbruchs aus der Liſte der königlichen Marine⸗ lieutenants verſchwunden. Zwiſchen dieſem Marineoffizier und dem Haupt der Familie hatte übrigens niemals beſondere Sympathie geherrſcht, und zwar, wie man ſich allgemein zuflüſterte, weil eine gewiſſe Schönheit Jenem vor dem älteren Bruder den Vorzug eingeräumt hatte, was jedoch ohne weitere Folgen geblieben war, da die Dame noch im jungfräulichen Stande vom Tode weggerafft wurde. Mr. Gregory Wychecombe, der fragliche Lieutenant, war ein ſogenannter ‚wil⸗ der Bube“ geweſen, und als ſeine Eltern ihn auf die See ſchickten, hatte ſich die allgemeine Meinung dahin ausgeſprochen, daß der Ocean in ihm einen würdigen Gegner ſinden würde. Nach dem Tode des Geiſtlichen waren die Hoffnungen der Familie auf dem Richter concentrirt und alle Diejenigen, welche ſich für den Ruhm und den Fortbeſtand des Hauſes intereſſirten, ſahen mit großem Bedauern, daß Seine Ehrwürden ſich nicht vermählten, trotz dem, daß der frühe Tod aller übrigen Söhne Schloß, Park und Wappenſchild der Familie noch ohne geſetzlichen Erben gelaſſen hatte. Mit einem Worte— ſobald Sir Wycherly die Augen ſchloß, war mit ihm auch dieſer Zweig der Wychecombe's erloſchen, und Nie⸗ mand vorhanden, der das Familiengut in Beſitz nehmen konnte. Nicht einmal ein weiblicher Erbe oder irgend ein ſonſtiger Seiten⸗ verwandter war aufzufinden und ſo blieb Sir Wycherly nichts anders übrig, als ein Teſtament aufzuſetzen, um das Erbgut nicht gar, Gott weiß in weſſen Hände, übergehen, oder, was noch ſchlimmer war, zuletzt noch an den Lehensherrn heimfallen zu laſſen. Zwar ſprach Tom Wychecombe, des Richters älteſter Sohn, in allerhand dunklen Andeutungen von einem noch obſchwe⸗ benden Geheimniß, betreffend die zeitige Vermählung ſeiner beiden Eltern— eine Thatſache, welche allerdings alle weiteren Teſta⸗ mentsverordnungen unnöthig gemacht hätte, da das Familiengut, ſoweit es die direkten Abkömmlinge eines gewiſſen alten Sir Wycherly betraf, immer ſtreng auf den Aelteſten vererbte; doch hatte unſer Sir Wycherly ſeinen Bruder während deſſen letzter Krankheit beſucht und bei dieſer Gelegenheit folgende Unterredung mit ihm gehalten. „Und nun, Bruder Thomas,“ ſagte der Baronet in freund⸗ lichem, tröſtendem Tone,„da Du denn doch durch Dein Gebet und das reumüthige Bekenntniß Deiner Sünden Deine Seele gewiſſer⸗ maßen für den Himmel vorbereitet haſt, ſo darf wohl auch noch ein vernünftiges Wort über die Angelegenheiten dieſer Welt ge⸗ ſprochen werden. Du weißſt, ich bin kinderlos— das heißt—“ „Ich verſtehe Dich ſchon, Wycherly,“ unterbrach ihn der Ster⸗ bende;„du biſt ein Junggeſelle.“ „So iſt's, Thomas; und Junggeſellen ſollten wenigſtens keine Kinder haben. Hätte unſern armen Bruder James nicht jenes Unglück betroffen, ſo ſäße er jetzt an Deinem Bette und hätte uns Alles gehörig erklären können. Den heiligen James habe ich ihn immer genannt und er verdiente wahrlich dieſen Namen.“ 9 „Nun jedenfalls, Wycherly, wäre er St. James, der Zweite, geweſen.“ „Es iſt doch recht ſchlimm, Thomas, ſo gar keine Erben zu haben. Haſt Du je waͤhrend Deiner ganzen Prarxis einen ähnlichen Fall erlebt, wo ein anderes Gut eben ſo, wie das unſere, ganz ohne alle Erben geblieben wäre?“ „Der Fall iſt ſelten, Bruder; gewöhnlich gibt es immer weit mehr Erben, als Güter, um ſolche damit auszuſtatten.“ „So dacht' ich auch.— Wird denn der König Herrſchaft und Titel an ſich ziehen, Bruder, wenn unſer Lehen, wie Du's nennſt, an ihn heimfallen ſollte?“ „Da er ſelbſt die Quelle aller Ehre iſt, ſo wird ihm wohl, denk ich, an der Baronetswürde nicht allzuviel gelegen ſeyn.“ „Die Sache würde mir weit weniger Sorge machen, wenn meine Lehenswürde auf den nächſten Souverain aus engliſchem Blute überginge. Wychecombe hat von jeher nur Engländern angehört.“ „So iſt's, mein Bruder, und ſoll, wie ich hoffe, auch ewig ſo bleiben. Bin ich todt, ſo haſt Du nichts weiter zu thun, als Dir einen Erben auszuwählen und ein Teſtament mit den gehoͤrigen Formalitäten aufzuſetzen— dann wird Dein Gut nicht Fremden anheimfallen. Vergiß dabei ja nicht, die Vererbung auf ewige Zeiten recht deutlich darin feſtzuſetzen.“ 3 „Ach, Bruder,“ ſagte Sir Wycherly, in ſeiner Unruhe raſtlos umhertrippelnd,„wie war doch Alles ſo ganz nach meinen Wünſchen, ſo lange Du noch friſch und geſund einhergingſt; Du warſt mein natürlicher Erbe—“. „Dein Erbe vermoͤge des Majoratsrechts,“ unterbrach ihn der Richter. „Ja, ja, auf alle Fälle mein Erbe und dieß allein ſchon war für einen Mann, wie ich, der bei dem Gedanken an ein Teſtament ſo eine Art religiöſen Skrupels in ſich verſpürt,— ein wunderbarer Troſt und mächtiges Labſal. Man hat mir in die Ohren 10 geflüſtert, Du ſeyſt mit Martha wirklich vermählt geweſen und in dieſem Falle könnte Tom augenblicklich und ohne dieſes langweilige Siegeln und Verklauſuliren in unſer Beider Fußſtapfen eintreten.“ „Ein fllius nullius iſt er, nichts weiter,“ erwiederte der Andere, der viel zu gewiſſenhaft war, als daß er ſich, ſelbſt als Vater, zu einem ſolchen Truge hergegeben hätte. „Ei, Bruder, mir ſcheint doch, Tom begünſtige zuweilen ſelbſt einen ſolchen Glauben.“ 4 „Das iſt eben kein Wunder, Wycherly, denn jener Glaube würde gerade ihn in hohem Grade begünſtigen. Tom und ſeine Brüder ſind ſämmtlich fllii nullorum— Gott möge mir mein Un⸗ recht ihnen gegenüber verzeihen.“ „Ich wundere mich doch, das weder Charles noch Gregory an's Heirathen dachten, ehe ſie ihr Leben für König und Vaterland zum Opfer brachten,“ begann Sir Wycherly abermals im Tone des Vorwurfs, wie wenn ſeine mittelloſen Brüder dadurch, daß ſie ihm einen Erben zu hinterlaſſen vergeſſen hatten, ein großes Unrecht gegen ihn begangen hätten, ohne dabei zu bedenken, daß er ſelbſt dieſe wichtige Pflicht ſo gut wie ſie verabſäumt hatte.„Ich ging auch früher damit um, eine Bill ins Unterhaus zu bringen, welche unverheiratheten Perſonen beſtimmte Erben feſtgeſetzt und ihnen die Mühe und Verantwortlichkeit einer Teſtamentsabfaſſung er⸗ ſpart hätte.“ „Das waͤre allerdings eine große Verbeſſerung für unſere Erb⸗ ſchaftsgeſetze geweſen— ich hoffe doch, Du würdeſt die Vorfahren dabei nicht überſehen haben?“ „Sicherlich nicht; Jedermänniglich wäre dabei zu ſeinem Rechte gekommen. Unſer armer Charles ſoll zwar nach dem Schuß, den er erhalten, kein Wörtchen mehr geſprochen haben; wäre uns aber die volle Wahrheit bekannt, ſo bin ich überzeugt, daß er es auf⸗ richtig bereute, niemals vermählt geweſen zu ſeyn.“ „Hierin, Wycherly, glaub' ich doch faſt, daß Du dem armen 11 Burſchen Unrecht thuſt. Une femme seule— ohne Einkommen, iſt doch wahrlich eine höchſt hülfloſe Perſon.“ „Ei was, ich wollte doch, er hätte geheirathet. Was würde es denn mir verſchlagen haben, wenn er auch ein Dutzend Wittwen hinterlaſſen hätte?“ „Ei, es würde jedenfalls einige widrige Fragen wegen des Witthums zu löſen gegeben haben; und wenn jede vollends einen Sohn hinterlaſſen hätte, ſo wäre Dein Titel und Beſitzthum doch wahrlich ſchlimmer daran geweſen, als gegenwärtig— ohne Wittwen oder geſetzmäßige Kinder.“ „Ach, ich hätte jedenfalls alles Andere dem jetzigen Zuſtand ohne Erben vorgezogen. Ich glaube, ich bin der erſte Baro⸗ net von Wychecombe, der ſich genöthigt ſieht, ein Teſtament zu machen.“ 4 „Mag wohl ſeyn,“ antwortete ſein Bruder trocken;„ich kann mich wenigſtens nicht erinnern, daß ich auf dieſem Wege von Deinem Vorgänger irgend Etwas bekommen hätte; auch Charles und Gre⸗ gory fuhren um kein Haar beſſer. Doch iſt das keineswegs ein Vorwurf gegen Dich, Wycherly, denn Du haſt jederzeit wie ein Vater an uns allen gehandelt.“ 2„Eine Banknote zu unterzeichnen— da mache ich mir gar nichts draus; aber ein Teſtament— das hat in meinen Augen einen höchſt irreligiöſen Anſchein.— Gleichwohl gibt es eine Menge Wychecombe's in England; ſollten denn nicht einige derſelben zu unſrer Familie gehören? Man ſagt ja, ein Vetter im hundertſten Grad tauge eben ſo gut zum Erben als ein erſtgeborner Sohn.“ „In Ermangelung näherer Verwandtſchaft— ja. Wir haben aber keinen Vollblutvetter, ſelbſt nicht im hundertſten Grade.“ „Da ſind zum Beiſpiel die Wychecombe's von Sorrey, Bru⸗ der Thomas—?“ „Stammen von einem Baſtard des zweiten Baronets ab und gehoͤren ſammt und ſonders nicht auf unſeren Stammbaum.“ 12 „Die Wychecombe's von Hertfordſhire aber— die ſind doch ächt und, wie ich immer gehört habe, von unſerer Familie?“ „Was ihre Verehelichung betrifft, vollkommen wahr und— nebenbei bemerkt, nur allzu richtig. Sie wurden übrigens ſchon anno 1487 ein Nebenzweig der Familie, noch lange zuvor, ehe das Fideikommiß in unſerem Hauſe feſtgeſetzt wurde und haben deßhalb auch keinen Anſpruch auf die Erbſchaft. Der Erſte ihrer Linie leitet ſeine Abkunft von Sir Michael Wychecombe, Sheriff von Devonſhire, aus deſſen Ehe mit ſeiner zweiten Frau, Margaretha, ab, während wir ſelbſt durch Wycherly, den einzigen Sohn von Sir Michaels erſter Frau, Johanna, von dem nämlichen Ahne abſtammen. Wycherly und Michael, der Sohn Michaels und Margarethens, waren Halbbrüder und konnten ſich als ſolche niemals beerben— was von den Vorfahren galt, iſt ebenſo noch für die Nachkommen gültig.“ „Wir ſtammten aber doch von dem gleichen Urahn ab und unſer Familiengut datirt von einer weit frühern Zeit als das Jahr 1487.“ „Vollkommen richtig, Bruder; nichtsdeſtoweniger gilt nun aber einmal das Halbblut nicht, ſo will's wenigſtens die menſchliche Ver⸗ nunft in ihrer Verfeinerung.“ „Ich konnte dieſe Spitzfindigkeiten des Geſetzes nie recht ver⸗ ſtehen,“ bemerkte Sir Wycherly mit einem Seufzer,„und gleichwohl glaube ich an ihre Rechtmäßigkeit. Es ſind aber doch ſo viele Wychecombe's über ganz England zerſtreut, daß ich wohl meinen ſollte, unter ihnen allen könnte ich doch einen Einzigen zum Erben bekommen.“ „Jeder derſelben trägt entweder einen Querbalken in ſeinem Wappenſchild oder ſtammt er vom Halbblute ab.“ „Biſt Du denn auch ganz gewiß, Bruder, daß Tom ein fllius nullus iſt?“(Der Baronet hatte nämlich von dem wenigen Latein, das er jemals verſtanden, das Meiſte wieder vergeſſen und ſprach den Terminus ſeines Bruders, wie wenn es in der Ueberſetzung ‚kein Sohn“ und nicht Keines Sohn’ gelautet hätte.) „Filius nullius, Sir Wycherly, der Sohn von Niemand; Deine 13 Lesart würde buchſtäblich meinen Tom zum Niemand ſelber machen, während er in Wirklichkeit nur der Sohn von Niemand iſt.“ „Aber, Bruder, er iſt doch Dein Sohn und Dir ſo ähnlich, wie nur immer zwei Jagdhunde von demſelben Wurfe ſeyn können.“ „Ich ſelbſt bin ein nullus in den Augen des Geſetzes, ſo weit es meinen armen Tom betrifft, und auch er wird erſt dann, wenn er heirathet und ehliche Kinder bekommt, ein Recht erhalten, von eigener geſetzlicher Verwandtſchaft zu ſprechen. Auch wüßte ich nicht, wie ſelbſt die rechtmäßigſte Abkunft an meinem Tom noch etwas beſſer machen ſollte, denn für einen unanfechtbaren Thron⸗ folger iſt er ſchon jetzt doch wahrlich keck und anmaßend genug.“ „Nun ſieh' mal, da iſt der junge Seemann, der ſich in der letzten Zeit ſo oft auf der Signalſtation zeigte, ſeitdem er von ſeinem Kommandanten zur Heilung ſeiner Wunden auf dem Lande zurück⸗ gelaſſen worden. Es iſt ein feuriger, muthiger Junge und der erſte Lord der Admiralität hat ihm bereits zur Belohnung ſeiner Tapferkeit, mit der er damals den Franzmann kaperte, ein Lieutenantspatent überſendet. Ich betrachte ihn als Einen„ der unſerem Namen Ehre machen wird, und zweifle nicht im Mindeſten, daß er auf irgend heine Art mit unſerer Familie verwandt iſt.⸗ *„Macht er für ſeine Perſon Anſprüche auf ſolche Verwandt⸗ ſchaft?“ fragte der Richter etwas raſch, denn er war im Allgemeinen mißtrauiſch gegen die Menſchen, und vermuthete nach Allem, was er gehört hatte, es möͤchte bei ſeinem Bruder ein Verſuch gemacht worden ſeyn, um deſſen Einfalt zu hintergehen.„Ich meine doch, Du ſagteſt mir, er komme aus den amerikaniſchen Kolonien?“ „So iſt es auch wirklich; er wurde in Virginia geboren, wo vor ihm auch ſein Vater lebte.“ „Ein transportirter Verbrecher vielleicht und hochſt wahrſcheinlich ein Diener, der den Namen ſeines früheren Herrn mehr als ſeinen eigenen nach ſeinem Geſchmacke fand. Aehnliches ſoll jenſeits des Oceans nur zu häufig vorkommen.“ „Ja, meinetwegen dürfte er alles Andere, nur nicht ein Ame⸗ rikaner ſeyn, und ich würde mir ihn gern als Erben wünſchen,“ verſetzte Sir Wycherly in traurigem Ton;„denn einen Amerikaner zum Herrn vom Wychecombe einzuſetzen, das wäre doch wahrlich noch ſchlimmer, als wenn ich die Ländereien, wie Du's nennſt, an den Lehnsherrn heimfallen ließe. Unſere Güter haben, Gott ſey Dank, bis auf den jetzigen Augenblick, noch immer ihren engliſchen Herren angehört.“ „Ja, Wycherly, und Dein Fehler wäre es allein, wenn ſie jemals einem andern angehören ſollten. Nach meinem Tode— und der kann in wenigen Wochen eintreten— iſt kein einziges menſch⸗ liches Weſen mehr vorhanden, das nach Deinem eigenen Hintritte die Herrſchaft anders als entweder vermöge Deines Teſtaments oder in Folge einer neuen Belehnung erben könnte. Du haſt, wie Du weißſt, weder einen direkten, noch überhaupt einen geſetzmäßigen Erben, und kannſt, wen Du willſt, zum Herrn vom Wychecombe machen, vorausgeſetzt, daß Du keinen Fremden dazu auserwählſt.“ „Keinen Amerikaner meinſt Du wohl, Bruder— ein Ameri⸗ kaner iſt ſchon an ſich ſelbſt ein Fremder.“ 3 4 „Hum!— dem Geſetze nach gerade nicht, was auch immer unſere Gebräuche darüber feſtſetzen mögen. Hörſt Du, Bruder Wycherly, ich habe niemals von Dir verlangt oder Dich gebeten, Deine Herrſchaft meinem Tom oder ſeinen jüngern Brüdern zu hin⸗ terlaſſen, denn er und alle zuſammen ſind filii nullorum— ſo pflege nämlich ich ſie zu nennen, wenn auch mein Collega Record behauptet, es müſſe heißen üllii nullius, ſo gut man ſage üllius nullius. Doch mag dem ſeyn wie ihm wolle— ein Baſtard wenigſtens ſollte niemals Herr von Wychecombe werden und ehe der König die Lände⸗ reien erbte, um ſie wieder an einen ſeiner Günſtlinge zu verſchenken, wollte ich ſie noch lieber auf das Halbblut übergehen ſehen.“ „Kann dieß vielleicht ohne Teſtament geſchehen, Bruder Thomas?“ 5 —, 15 „O nein, Sir Wycherly, und ſo lange noch ein direkter Erbe aufgefunden werden kann, darf es ſogar nicht einmal mit einem Teſtamente Statt finden.“⸗ „Iſt es denn gar nicht möglich, Deinen Tom zu einem filius Irgendwer zu machen, ſo daß er in die Erbſchaft eintreten könnte?“ „Nach unſern Geſetzen nicht. Nach der früheren Civilpraxis oder nach dem ſchottiſchen Geſetzbuch, ja, da hätte ſo Etwas ſchon angehen mögen— bei unſerem vollendeten Vernunftrecht aber iſt die Sache unmöglich.“. „Ich wollte, Du kennteſt dieſen jungen Virginier. Der Burſche führt dazu noch meine eigenen beiden Namen— Wycherly Wychecombe.“ „Iſt er nicht etwa gar ein filius Wreherly— nun, Baronet, iſt er es nicht?“ „Pfui, pfui, Bruder Thomas! Trauſt Du mir denn weniger Aufrichtigkeit als Dir ſelbſt zu, ſo daß ich mein eigen Fleiſch und Blut nicht anerkennen ſollte? Ich hatte den Wildfang nie zuvor geſehen, und ebenſowenig von ihm gehört, bis er vor einem halben Jahr an unſerer Rhede landete und zur Heilung ſeiner Wunden nach Wychecombe gebracht wurde. Als man mir ſagte, daß auch er Wycherly Wychecombe heiße, konnte ich doch nichts anderes thun, als ihn beſuchen und mich nach ihm erkundigen. Der arme Burſche lag vierzehn Tage lang auf den Tod darnieder, und eben in jener Zeit, als wir wenige oder gar keine Hoffnung für ſein Aufkommen hatten, erhielt ich von ihm die wenigen Notizen, die ſeine Familie berühren. Das wäre doch ein Umſtand, Thomas, der, wie ich glaube, ſeine Ausſage geſetzlich beglaubigen würde.“ „In gewiſſer Hinſicht— ja, wenn er nämlich wirklich geſtorben wäre. So aber, da er wieder am Leben iſt, muß er perſönlich vernommen werden und ſeine Ausſagen mit einem Eid bekräftigen.— Wie lautete denn aber ſeine Erzählung?“ „Die war ganz kurz und bündig. Sein Vater hieß, wie er *. mir ſagte, gleich ihm und mir ebenfalls Wycherly Wychecombe und 16 ſein Großvater war ein virginiſcher Pflanzer geweſen. Das war Alles, was er von ſeinen Ahnen zu wiſſen ſchien.“ „Und wahrſcheinlich auch Alles, was er überhaupt von ihnen wiſſen konnte. Mein Tom iſt nicht der einzige ſilius nullius, den es in unſerer Familie gegeben, und wenn alſo ſein Großvater den Namen nicht förmlich geſtohlen, ſo wird er allem Anſchein nach auch auf dieſe zweifelhafte Art dazu gekommen ſeyn. Was den Namen Wycherly betrifft, ſo will das vollends gar nichts bedeuten. Sobald man einmal wußte, daß eine Linie von Baronets dieſes Namens exiſtire, ſo konnte Jeder, der auf Verwandtſchaft mit der Familie Anſpruch machen wollte, ſeinen Sohn ohne Weiteres Wycherly taufen.“ „Die Linie der Baronets wird bald zu Ende gehen, Bruder,“ erwiederte Sir Wycherly ſeufzend.„Nach alle Dem wünſchte ich doch von Herzen, daß Du Dich täuſchen moͤchteſt und Tom nicht der ſilius, wie Du ihn nennſt, ſondern ein rechtmäßiger Sohn wäre.“ Baron Wychecombe war nicht nur vermöge eines gewiſſen esprit de corps, ſondern überhaupt in Folge ſeiner moraliſchen Grundſätze in Allem, was ſich auf das Mein und Dein bezog— ein Mann von der ſtrengſten Rechtlichkeit; ganz beſonders ſtreng aber war er in ſeinen Anſichten über das Erſtgeburtsrecht und die Vererbung von Familiengütern. In ſeinen früheren Jahren hatte natürlich die Welt an dem Privatleben eines ſimplen Advokaten ſehr wenig Antheil genommen; ſein erſter Sohn war noch vor ſeiner Erhebung auf den Richterſtuhl zur Welt gekommen, und ſo galt er ſelbſt unter dem Publikum für einen Wittwer und Vater viel⸗ verſprechender Jungen. Unter Hunderten ſeiner Bekannten ahnte auch nicht einer den wahren Stand der Sache und nichts wäre ihm leichter geworden, als ſeinen Bruder zu täuſchen und ihn unter irgend einem trügeriſchen Geſetzesvorwande zur Abfaſſung eines Teſtamentes zu verleiten, ſo daß Tom Wychecombe vermöge unbe⸗ ſtreitbarer Anſprüche in das fragliche Erbe hätte eintreten können. Selbſt wenn ſein Sohn endlich nach dem Hinſcheiden des jetzigen 17 Beſitzers ſein Recht auf die Baronie geltend machen wollte, waren nur ſehr wenige Schwierigkeiten zu erwarten, da erſtens einmal kein zweiter Mitbewerber vorhanden war und ferner die Kronbeamten bei der Prüfung von Anſprüchen auf Titel, welche keine beſonderen politiſchen Privilegien mit ſich brachten, nicht ſonderlich ſtreng zu verfahren pflegten. Trotz dem war er weit en tfernt, einem ſolchen Plane Gehör zu geben. Nach ſeiner Anſicht mußten bei der Wycherombe'ſchen Herr⸗ ſchaft dieſelben Grundſätze, wie ſte in andern ähnlichen Fällen gültig waren, in Anwendung gebracht werden, und wenn er auch dem Wortlaute des Geſetzes, ſo weit es nämlich die Ausſchließung des Halbblutes von der Erbſchaft betraf, mit der ganzen Ergebenheit eines engliſchen Advokaten anhing, ſo ſah und fühlte er dennoch, daß Whchecombe in Ermanglung direkter Nachkommenſchaft auf die Kinder von Sir Michaels zw eitem Sohne übergehen mußte und zwar aus dem einfachen Grund, weil ſie ebenſo gut als ſein Bruder Wycherly und er ſelbſt von dem erſten Ahn, der einſt die Baronie erworben, ihre Abſtammung herleiteten. Waͤren Abkömmlinge einer weiblichen Linie dabei ins Spiel gekommen, dann allerdings hätte ſeine Meinung ganz anders gelautet; ſo aber blieb ja nur die Wahl zwiſchen einem Heimfalle der Lehe nſchaft oder einem Teſtamente zu Gunſten von einem filius nullius oder gar von einem Abkömmling eines Solchen, und unter den gen annten Umſtänden gab er noch immer dem Halbblute entſchieden den Vorrang. Vor ſeinem juridiſchen Blicke galt Geſetzmäßigkeit vor Allem, trotz dem daß er ſelbſt keinen Anſtand genommen, ſieben unrechtmäßige Kinder in die Welt zu ſetzen, denn dieß war accurat die Zahl, welche Martha, wie das Gerücht wiſſen wollte, ihm geboren hatte, wenn ſchon nur noch drei davon am Leben waren. Nachdem er ſo eine Zeit lang nachgeſonnen, nahm er zuerſt, um ſich für die Gelegenheit zu ſtärken, einen Schluck von ſeinem Elixir und wandte ſich dann mit mehr Ernſt, als er in dem Die beiden Admirale. 2. Aufl.„ 2 3 ——— 18 bisherigen Geſpräche an den Tag gelegt hatte, an den Baronet, der neben ihm ſaß. „Höre mich, Bruder Wycherly,“ ſprach der Richter mit einer Gravität, welche augenblicklich die Aufmerkſamkeit des Andern feſſelte,„Du kennſt ja wohl unſere Familiengeſchichte und ich brauche alſo für meinen Zweck nur leicht darauf hinzudeuten. Unſere Vor⸗ fahren waren ſchon Jahrhunderte vorher, ehe König Jakob die Baronetswürde ſchuf, die ritterlichen Beſitzer von Wychecombe geweſen. Als unſer Urgroßvater, Sir Wycherly, das Patent vom Jahr 1611 annahm, hatte er eben nicht ſonderlich für ſeine Chre geſorgt, denn er hätte eben ſo gut höher hinaufſteigen und eine Peerswürde davon tragen können. So wurde er nun aber einmal Baronet und von dieſer Zeit an blieb Wychecombe, um den neuen Rang auch aufrecht zu erhalten, eine Majoratsherrſchaft. Nun hatte aber der erſte Sir Wycherly drei Söhne und gar keine Tochter. Dieſe drei Söhne folgten ſich nach einander in der Baronie; die beiden älteren als Junggeſellen, der jüngſte war unſer Großvater. Dieſer Sir Thomas, der vierte Baronet, hatte einen einzigen Sohn, Wycherly, unſern Vater. Sir Wycherly, unſer Vater, 2 fünf Söhne: Dich ſelbſt, Wycherly, ſeinen Nachfolger als ſechster Herr der Baronie, mich, James, Charles und Gregory. ⸗James brach an Deiner Seite den Hals; die beiden Letzteren verloren unvermählt ihr Leben in des Königs Dienſten und auch von uns Beiden iſt keiner in den heiligen Stand der Ehe getreten. Ich werde höchſtens noch einen Monat zu leben haben und ſo beruhen alſo alle Hoff⸗ nungen auf Fortpflanzung der geraden Linie unſeres Hauſes auf Dir, mein Bruder. Dieß wären denn ſämmtliche Abkömmlinge Sir Wycherly's, des erſten Baronets, und nun kämen wir an die Frage wegen des Majoratserben, da nach mir kein ſolcher mehr vorhanden iſt.— Gehen wir zurück bis über die Zeiten König Jakob's I., ſo finden wir, daß die älteren Linien der Wychecombe's in der Periode zwiſchen Richards II. und Heinrichs VII. Regierung zweimal 19 ausſtarben, worauf das letzte Mal Sir Michael nachfolgte. In beiden Faͤllen hatte das Geſetz über die Nachfolge beſtimmt und die jüngern Zweige der Familie hatten in beiden Fällen die Herrſchaft erhalten. Daraus folgt, daß— übereinſtimmend mit geſetzlichen Verfügungen, welche zu einer Zeit getroffen wurden, wo man mit den Fakten vollkommen bekannt ſeyn mußte— die Wychecombe's auf dieſe jüngeren Linien reducirt waren. Sir Michael hatte zwei Frauen: von der erſten ſtammen wir, von der zweiten die Wychecombe's von Hertfordſhire— ſeitdem in jener Grafſchaft als Baronets bekannt, deren Aelteſter den Titel: Sir Reginald Wychecombe von Wychecombe⸗Regis, Herts— führt.“ „Der jetzige Sir Reginald hat, da er vom Halbblut iſt, auch keinerlei Anſpruch zu machen,“ warf Sir Wycherly ziemlich hitzig ein und bewies dadurch, wie unangenehm ihm dieſe neue Ausſicht war.„Das Halbblut iſt wohl eben ſo ſchlimm als ein nullius, wie Du Tom zu nennen beliebſt.“ „Doch nicht ſo ganz. Ein Abkömmling aus dem Halbblut iſt wenigſtens eben ſo gut berechtigt als des Königs Majeſtät ſelber, wogegen ein nullius eigentlich von gar keinem Blute abſtammt. Nun denk' Dir einmal, Sir Wycherly, Du wäreſt der Sohn der erſten Gemahlin und ich dagegen der der zweiten geweſen— glaubſt Du, daß dann gar keine Verwandtſchaft zwiſchen uns beſtanden hätte?⸗ „Aber, Tom, wie kannſt Du nur eine ſolche Frage an Deinen eigenen Bruder richten!“ „Ja, ſiehſt Du, mein Beſter, ich wäre ja dann nicht einmal Dein rechter, ſondern nur Dein Halbbruder— vom halben und nicht vom ganzen Blut.“ „Warum nicht gar?— Das wäre nicht übel!— Dein Vater wäre ja auch der meinige— wir führten denſelben Namen— hätten gleichen Antheil an der Geſchichte und an den Geſinnungen unſerer Familie— pah! pah!— wir wären beide Wychecombe's geweſen und um kein Haar anders, als wir es jetzt auch ſind.“ —— — —— 20 „Ganz richtig— und doch hätte ich weder Dich, noch Du mich jemals beerben können. Statt auf mich überzugehen, würde Dein Lehengut zuvor dem Könige anheimfallen, gleichviel ob dieſer ein Schotte oder gar ein Hannoveraner wäre. Mir würde es nie und unter keiner Bedingung zukommen.“ „Thomas, Du ſpielſt mit meiner Unwiſſenheit und machſt die Sachen weit ſchlimmer als ſie wirklich ſind. So lange Du lebteſt, wäreſt doch gewiß Du und kein anderer mein Erbe.“ „Von den zwanzigtauſend Pfund, die in den Fonds ſtecken— ja, aber in der Gutsherrſchaft und Baronetswürde von Wychecombe — niemals. So weit die beiden letzteren dabei ins Spiel kommen, wäre ich allerdings der Blutsverwandte und zunächſt berechtigte Erbe, weil ich wie Du von Sir Wycherly Wychecombe, dem erſten Baronet und Begründer der Majoratsherrſchaft, in gerader Linie abſtamme.“ „Beſtünde kein Majorat und waͤre ich als Kind geſtorben, wer wäre dann unſerem Vater gefolgt, vorausgeſetzt, daß wir zwei Mütter gehabt hätten?“ „Ich, als der nächſte überlebende Sohn.“ „Siehſt Dul ich wußte wohl, daß es ſo kommen mußte!“ rief Sir Wycherly triumphirend;„ich ſehe nun klar, daß Du die ganze Zeit über nur Scherz mit mir getrieben.“ „Nicht ſo raſch, mein theurer Bruder— nicht ſo raſch. Was unſern Vater und die ihm vorangegangenen Wychecombe's betrifft, da wäre ich allerdings vom vollen, Dir gegenüber aber doch nur vom halben Blut. Von unſerem Vater hätte ich allerdings das Majorat als geſetzmäßiger Erbe anſprechen können; von Dir aber niemals, da ich im letzteren Falle nur vom Halbblut geweſen wäͤre.“ „O, in dieſem Falle hätte ich ein Teſtament gemacht und Dir jeden Heller überlaſſen, Thomas,“ ſprach Sir Wycherly voll Herzlichkeit. „Das iſt's gerade, was Du, wie ich wünſche, bei Sir Regi nald Wychecombe thun ſollteſt. Du mußt ihn nehmen, Wycherly; wir — 21 ſind in der eigenthümlichen Lage, daß wir weder von väterlicher noch mütterlicher Seite irgend einen bekannten Verwandten haben, denn auch die mütterliche Linie iſt ebenſo arm an Erben wie die unſeres Vaters, und ſo haſt Du denn nur drei Fälle vor Dir— entweder Du nimmſt einen ſilius nullius in der Perſon meines Sohnes Tom— oder einen ganz Fremden— oder die Lehensherrſchaft fällt dem Könige anheim. Unſere Mutter war die natürliche Tochter des dritten Earls von Prolifie; unſere Großmutter, die letzte ihres Geſchlechts, ſo weit wenigſtens der menſchliche Blick zu dringen vermag; unſere Urgroßmutter ſoll halb und halb königliches Blut, das aber nicht durch den Spruch der Kirche geweiht war, in den Adern gehabt haben und weiter hinauf die Blutsverwandtſchaft unſeres Geſchlechtes zu verfolgen, wäre zwecklos und ohne Erfolg. Nein, nein, Wycherly, glaub' mir, Sir Reginald hat von allen das beſte Recht auf Deine Güter; nach ihm kommt Tom oder einer ſeiner Brüder— dann folgt ein Fremder und endlich Seine Majeſtät, der König. Vergiß auch nicht, daß Gutsherrſchaften von viertauſend Pfund des Jahrs heut zu Tage nur höchſt ſelten an den Oberlehensherrn zurückfallen.“ „Wenn Du mir das Teſtament aufſetzen willſt, ſo will ich Alles Deinem Tom überlaſſen, Bruder,“ rief der Baronet, der ſich plötzlich entſchloſſen zu haben ſchien.„Von dem nullius braucht man ja nichts zu erwähnen und ſo kann er dann, wenn ich erſt heimgegangen bin, in aller Ruhe an meine Stelle treten.“ „Es darf nicht ſeyn, Sir Wycherly,“ erwiederte der Richter nachdenklich.„Tom hat kein Recht auf Wychecombe, Sir Re⸗ ginald dagegen die triftigſten moraliſchen Anſprüche von der Welt, 22 wenn auch das ſtrenge Geſetz ihn ausſcheidet. Hätte Sir Michael, ſtatt unſeres Urgroßvaters, das Majorat geſtiftet, ſo würde es ſich jetzt ganz von ſelbſt verſtehen, daß er Dein Nachfolger würde.“ „Ich konnte Sir Reginald Wychecombe niemals leiden,“ ver⸗ ſetzte der halsſtarrige Baronet. „Was thut denn das?— So lange Du lebſt, wird er Dich nicht beunruhigen und biſt Du todt, ſo iſt's ja doch ganz einerlei. Komm, komm, ich ſelbſt will das Teſtament aufſetzen und die Namen noch unausgefüllt laſſen; iſt's dann einmal geſchehen, ſo wirſt Du mit frohem Herzen Dein Siegel drunter ſetzen. Es iſt der letzte richterliche Akt in meinem ganzen Leben und paßt gewiß am Beſten für einen Mann, der den Tod beſtändig vor Augen hat.“ So endete das Zwiegeſpräch zwiſchen den Beiden. Das Te⸗ ſtament ward verſprochenermaßen aufgeſetzt; Sir Wycherly nahm es auf ſein Zimmer, um es durchzuleſen, ſetzte ſorgfältig den Namen Tom Wychecombe in alle leeren Stellen, brachte es zurück, unter⸗ zeichnete das Inſtrument in gehöriger Form in ſeines Bruders Gegenwart und übergab das Papier ſodann ſeinem Neffen zur Aufbewahrung mit dem ſtrengen Befehl, die Sache ſo lange geheim zu halten, bis das Inſtrument durch ſeinen Tod in Wirkung treten würde. Sechs Wochen darauf ſtarb Mr. Baron Wychecombe und der Baronet kehrte in tiefer Trauer über den Verluſt dieſes einzigen Bruders nach ſeinem Landſitze zurück. Eine unglücklichere Erben⸗ wahl als dieſe hätte nie getroffen werden können, denn Tom Wyche⸗ combe war eigentlich der Sohn eines Rechtsanwalts im Tempel* und die eingebildete Aehnlichkeit mit ſeinem vermeintlichen Vater be⸗ ſtand nur in der Einbildung des leichtgläubigen Oheims. „ So heißt die Akademie für die Studirenden der Jurisprudenz in London. D. U. — 23 Zweites Kapitel. Wie grauenvoll lind ſchwindelnd iſt's, ſo tief hinabzuſchauen!— Die Kräh’n und Dohlen, die die Mitt' umflattern, Seh'n kaum wie Käfer aus— halbwegs hinab Hängt Einer, Fencheln ſammelnd— ſchrecklich Handwerk! König Lear(überſ. v. A. W. Schlegel). Die obige Abſchweifung über die Wychecombe'ſche Familie hat uns von unſerer Signalſtation, der Landſpitze und dem Nebel, womit wir die Seene eröffnet, ziemlich weit abſeits geführt. Das kleine Wohnhaus, das zu der Station gehörte, ſtand nur wenige Schritte von dem Signalhügel entfernt; durch ſeine Lage vor den rauhen Kanalwinden geſchützt, war es von blühenden Büſchen und Stauden rings umgeben. In demüthiger Zurückgezogenheit barg ſich das beſcheidene Landhäuschen hinter ſeiner Umgebung und dabei zeugte die Art ſeiner Ausſchmückung von einem feineren Geſchmacke, als er in der Regel zu damaliger Zeit in England angetroffen wurde. Die weißen Mauern mit dem Strohdach darüber, der eingezäunte Garten und der mit einem Gitter umſchloſſene Vorhof verriethen eine Sorgfalt, ja eine Geiſtesbildung auf Seiten der Bewohner, wie man ſie von Leuten in ſo beſcheidener Stellung, wie der Aufſeher bei einem Signalpoſten und deſſen Familie war, wohl kaum erwarten konnte. Die ganze Umgebung des Hauſes bewies dieſelbe treffliche Pflege: denn während die Landſpitze frei und von allen Seiten zugänglich da lag, waxen in der Nähe des Gebäudes zwei oder drei nette, wohlgehaltene Felder zu bemerken, auf denen ein Pferd und einige Kühe ruhig grasten. Hecken waren zwar keine zu ſehen, da der Dornſtrauch in dieſer windigen Gegend nur kümmerlich fortkam; dagegen waren die Felder durch niedlich gearbeitete Zäune geſchieden, die ſchon in ihrer Zuſammenfügung die Spuren ihres Urſprungs als Inhölzer und Planken eines Wracks an ſich trugen und da das Ganze weiß übertüncht war, ſo gewährten ſie in einem Klima, wo die Sonne ſelten in vollem Glanze erſcheint, einen ländlichen und keineswegs unangenehmen Anblick. An einem ſchoͤnen Julitage ungefähr um die ſiebente Stunde des Morgens ſaß auf einer Bank am Fuße des Signalhügels ein großer ſtarkgebauter Mann, deſſen Geſtalt übrigens durch die Laſt des Alters oder der Krankheit auffallend gebeugt erſchien. Ein einziger Blick auf ſein rothes, aufgedunſenes Geſicht würde einem Arzte deutlich genug verkündet haben, daß laſterhafte Gewohnheit mehr als natürliche Zerrüttung ſeiner phyſiſchen Organe die Urſache ſeiner zunehmenden Körperſchwäche ſeyn mochte. Das Geſicht des Alten war auffallend männlich geformt und mußte früher ſogar recht hübſch geweſen ſeyn, wie denn ſelbſt jetzt noch die Spuren einer Schönheit nicht zu verkennen waren, welche freilich in Folge ſeiner Unmäßigkeit die traurigſten Verwüſtungen erlitten hatte. Er mochte etwa fünfzig Jahre alt ſeyn und ſein ganzes Aeußere, wie auch ſeine Tracht, verkündeten den Seemann und zwar weder einen gemeinen Matroſen noch auch einen Offizier, ſondern einen Mann in jener mittleren Stellung, wie ſie im Seeleben eine ganze Klaſſe von Individuen bezeichnet, welche zwar zu der Ehre des Quarterdecks berechtigt ſind, dabei aber keinen Anſpruch auf regelmäßige Beförderung beſitzen. Mit einem Wort — er trug die anſpruchsloſe Uniform eines Quartiermeiſters. Vor hundert Jahren war die Tracht der engliſchen Seeoffiziere zwar ausnehmend einfach, aber eben darum für ihren Dienſt vielleicht weit paſſender, als die ſchönere, prunkvollere Uniform, die ſeitdem eingeführt wurde. Epauletten waren damals nirgends Mode; der Schiffsanker auf der dunkelblauen Jacke, deren Farbe— Marineblau genannt— das tiefe Dunkel des Oceans nachahmen ſollte, nebſt weißen Aufſchlägen bildete die Hauptauszeichnung bei den Offizieren der Marine. Der Mann, den wir dem Leſer vorgeführt haben— ſein Name war Dutton und er ſelbſt der Aufſeher des Signalpoſtens — zeigte an ſeiner wohlgehaltenen Uniform, der ſauberen Wäſche⸗ 25 überhaupt in ſeinem ganzen Anzug eine Reinlichkeit, eine Accurateſſe, welche vermuthen ließ, daß wohl eine zweite Perſon, die mit ſolchen Dingen vertrauter ſeyn mochte, als man dieß bei einem Manne von ſeinen Gewohnheiten erwarten konnte— die Sorge für ſeine Garderobe übernommen haben mußte. In dieſer Hinſicht war ſeine äußere Erſcheinung in der That untadelhaft und es lag in ſeinem ganzen Weſen ein gewiſſes Etwas, welches verrieth, daß die Natur, vielleicht auch die Erziehung, den Mann zu etwas Beſſerem beſtimmt hatte, als er nun in Wirklichkeit zu ſeyn ſchien. Dutton befand ſich ſchon um dieſe frühe Stunde auf ſeinem Poſten, um den Moment abzuwarten, wo der Nebelſchleier, der die See verhüllte, ſich lüften würde, um ſich dann zu überzeugen, ob nicht etwa ein Segel zu erblicken ſey, das irgend eine ſeiner einfachen Dienſtverrichtungen nöthig machen könnte. Daß noch irgend Jemand auf der Landſpitze in ſeiner Nähe ſeyn mußte, erhellte aus ſeinen öfteren gelegentlichen Anreden— doch war außer ihm ſonſt Niemand zu ſehen. Der Richtung der Töne nach zu ſchließen, hätte man glauben ſollen, jene zweite Perſon müſſe ſich oben auf der Höhe, etwa hundert Fuß von dem Sitze des Meiſters entfernt, auf dem Kamm der Klippe befinden. 3 „Ci, ei, Mr. Wychecombe,“ rief Dutton in warnendem Tone, „vergeßt nur nie den Seemannsſpruch; ‚eine Hand dem König, die andere Dir ſelbſt!e Die Klippen da haben gar kitzliche Stellen und an einem Seefahrer, wie Ihr, erſcheint es in der That etwas un⸗ natürlich, wenn er eine ſolche Paſſion für Blumen an den Tag legt, daß er ſich nicht ſcheut, eines Straͤußchens wegen ſeinen Hals zu riskiren.“ „O fürchtet nichts für mich, Mr. Dutton,“ antwortete eine volle, männliche Stimme, welche, man hätte darauf ſchwören mögen, von einem Jünglinge herrühren mußte;„für mich braucht Ihr nichts zu fürchten; wir Seeleute ſind ja daran gewoͤhnt, in freier Luft zu hängen.“ „Ja, ja, junger Herr, aber nicht ohne ſtarke dreiſträngige Taue, woran man ſich halten kann. Und eben jetzt, da Seiner Majeſtät Regierung Euch kaum noch zum Offizier ernannte, habt Ihr gewiſſermaßen noch mehr die Verpflichtung, Euer Leben zu ſchonen, damit Ihr's in ſeinem Dienſte verwenden und wenn's Noth thut, für ihn hingeben könnt.“— „Sehr wahr— vollkommen wahr, Mr. Dutton— ſo wahr, daß ich mich nur wundere, wie Ihr für nöthig halten könnt, mich daran zu erinnern. Ich bin Sr. Majeſtät Miniſterium zu großem Danke verpflichtet und——“ Während dieſer Rede ſchien der Sprechende immer tiefer herab⸗ zuſteigen und ſeine Stimme ward mit jedem Augenblicke undeutlicher, bis ſie zuletzt ganz unhoͤrbar wurde. Dutton ſchaute ſich unruhig um, denn in dieſem Augenblicke ließ ſich ein Geräuſch vernehmen und es blieb kein Zweifel, daß ein ſchwerer Gegenſtand über die Klippen hinabpolterte. In ſolchen Augenblicken war es, wo unſer Seemann den Mangel guter Nerven am deutlichſten empfand und ſich eines demüthigenden Gefühls nicht erwehren konnte, welches durch das Bewußtſeyn, ſie ſelbſt durch ſeine Ausſchweifungen zerſtört zu haben, jedesmal von Neuem in ihm rege wurde. Er zitterte an allen Gliedern und war im Anfang gänzlich außer Stand, ſich zu erheben. Ein leichter Fußtritt neben ihm zog jedoch bald ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich und ſein Bick ſiel auf ſeine eigene Tochter Mildred, eine liebliche Mädchengeſtalt von neunzehn Jahren. „Ich hörte Euch nach Jemand rufen, Vater,“ ſprach das Mädchen und ſchaute nachdenklich und zweifelnd ihrem Vater in's Geſicht, wie wenn ſie ſich wunderte, daß er ſchon ſo früh am Morgen von ſeinem Anfalle heimgeſucht worden;„kann ich Euch mit irgend Etwas dienen?“ „Armer Wychecombe!“ rief Dutton.„Er ſtieg auf die Klippe, um einen Blumenſtrauß für Dich zu ſuchen und— und— ich fürchte— fürchte ſehr——“ 4 27 4 6 „Was, mein Vater?“ fragte Mildred; ihre Stimme bebte vor Schrecken, die hohe Röthe verſchwand aus ihren Zügen und Todten⸗ bläſſe bedeckte das liebliche Antlitz.„Nein— nein— nein— er kann nicht gefallen ſeyn!“ Dutton ſenkte das Haupt, ſchöpfte tief Athem und ſchien dann wieder mehr Herr ſeiner Nerven zu werden. Eben wollte er auf⸗ ſtehen, als der Klang von Pferdehufen ſich vernehmen ließ und Sir Wycherly Wychecombe auf einem ruhigen Pony die Anhöhe zu dem Signalſtock langſam hinanritt. Es war etwas ganz Gewöhn⸗ liches, wenn der Baronet früh am Morgen auf den Klippen erſchien; daß er ſich aber ohne Begleitung ſehen ließ, das war bei ihm ein ſeltener Fall. Sobald Mildred, welche den Baronet recht wohl zu kennen und mit der Vertraulichkeit eines anerkannten Lieblings ſich ihm zu nähern ſchien, die edle Geſtalt des ehrwürdigen alten Mannes gewahr wurde, rief ſie voll inniger Beruhigung: „O, Sir Wycherly, wie glücklich hat ſich das getroffen! wo iſt Richard?“ „Guten Morgen, meine hübſche Milly!“ antwortete der Baronet in munterem Tone;„glücklich oder nicht, hier bin ich einmal und fühle mich nichts weniger als geſchmeichelt, daß Ihre erſte Frage nur den Diener, und nicht den Herrn ſelbſt betrifft. Ich habe Dick* mit einer Botſchaft an den Vicar abgeſchickt. Seitdem mein armer Bruder, der Richter, geſtorben iſt, wird Mr. Rotherham mir immer unentbehrlicher.“. „Ach, theurer Sir Wycherly— Mr. Wychecombe.— Lieute⸗ nant Wychecombe— ich meine den jungen Offtzier aus Virginia— der ſo gefährlich verwundet wurde— an deſſen Geneſung wir alle ſo innigen Antheil nahmen—“ „Nun, was iſt's denn mit ihm, Kind— Sie werden ihn doch nicht gar mit Mr. Rotherham, was nämlich religiöͤſen Troſt an⸗ langt, in gleiche Linie ſtellen wollen? was ſeine ſonſtigen Verhältniffe * Abkürzung für Richard. 28 betrifft, ſo beſteht keinerlei Blutsverwandtſchaft zwiſchen den Wyche⸗ combe's aus Virginia und meiner eigenen Familie. Er iſt vielleicht ein filius nullius von den Wychecombe's auf Wychecombe⸗Regis aus Hertfordſhire, ſteht aber in keinerlei Verbindung mit denen von Wychecombe⸗Hall in Devonſſhire.“ „Dort, dort— die Klippe!— die Klippe!“ rief Mildred, un⸗ fähig, ſich deutlicher zu erklären. Das Mädchen deutete, ein Bild des Entſetzens, nach dem vor ihren Blicken ſich ausdehnenden Abgrund. Dieſe Gebärde brachte endlich den gutherzigen alten Baronet der Wahrheit einigermaßen auf die Spur; wenige Worte von Seiten Dutton's vervollſtändigten die Trauerbotſchaft, ſo daß er bald eben ſo viel als ſeine beiden Begleiter von der Sache wußte. Alsbald ſtieg er mit einer für einen Mann von ſeinen Jahren allerdings ſtaunenswerthen Geſchwin⸗ digkeit von ſeinem Pony und ſobald er auf ſeinen Füßen ſtand, folgte eine Art wirrer Berathung zwiſchen den Dreien. Von den beiden Männern mochte ſich keiner der Klippe nahen, welche ſich von der Landſpitze aus beinahe ſenkrecht gegen das Meer hinabſenkte und für nervenſchwache Perſonen, welche vor dem Rande eines Abgrunds zurückſchrecken, immerhin ein höchſt gefährlicher Standpunkt war. Wie gelähmt ſtanden ſie da, bis ſich Dutton end⸗ lich ſeiner Schwäche ſchämte; ſo vieler tauſend Proben eines kalten, entſchloſſenen Muthes ſich erinnernd, die er ſelbſt bei ſeinem früheren, männlichen Gewerbe erlebt hatte, machte er eine Bewegung, wie wenn er an den Rand der Klippe vortreten wollte, um ſich von dem wahren Stand der Sache zu überzeugen. Auch Mildred kehrte das Blut wieder auf die Wangen zurück; ihr natürlicher Muth ſtellte ſich theilweiſe wieder ein, als ſie den Geiſt von den Banden des erſten Schreckens befreit fühlte. „Halt, Vater,“ ſagte ſie haſtig;„Ihr ſeyd ſchwach und zittert ja noch an allen Gliedern. Meine Nerven find feſter, drum laßt mich an den Rand der Klippe vorgehen und ſehen, was vorgefallen iſt.“ 29 Dieſe Worte ſprach ſie mit einer erzwungenen Faſſung, wodurch ſie ihre Zuhörer täuſchte, welche ſich allerdings beide, der eine aus Alters⸗ der andere aus Nervenſchwäche, nicht in der Lage befanden, denſelben Dienſt perſönlich zu verrichten. Nur das allſehende Auge des Höchſten, der Herz und Nieren prüft, vermochte die an Todesangſt gränzende Spannung zu ſchauen, in welcher dieſes junge, ſchöne Weſen der Stelle ſich nahte, wo ſie die Klippenwand in ihrer ganzen furchtbaren Höhe von dem ſchwind⸗ lichen Gipfel bis zu dem Fuße, den die See beſpülte, mit einem Blicke zu überſehen vermochte. Das Meer konnte man zwar eigentlich von oben nicht überblicken, denn die Wogen hatten den Felſen ſo weit unterhöhlt, daß dadurch ein Vorſprung gebildet wurde, der den Punkt, wo Felſen und Waſſer in unmittelbarer Berührung mit einander kamen, dem Auge verhüllte. Der obere Theil der wetter⸗ zerſchlagenen Felswände dagegen hatte ſich etwas einwärts geſenkt, ſo daß eine wilde, zerriſſene und zerklüftete Oberfläche übrig blieb, welche hin und wieder mit kleinen Fleckchen von Erde und Raſen bedeckt und mit Blumen, wie ſie ſolcher Lage eigenthümlich ſind, geſchmückt war. Noch verhinderte der Nebel jede Ausſicht; wie ein bodenloſer Abgrund lag die ſchief abſtürzende Klippenwand vor Mildred's Blicken. Wäre das Leben, ſelbſt des gleichgültigſten Menſchen, in Gefahr geſchwebt.— das Mädchen würde unter den obwaltenden Umſtänden gewiß die innigſte Theilnahme, aber ſicherlich auch die unüberwind⸗ lichſte Scheu näher zu treten, in ſich gefühlt haben; hier aber kämpfte ein Strom zarter Empfindungen! welche bis jetzt noch in der geheiligten Stille ihrer jungfräulichen Bruſt geſchlummert hatten, mit ihrem natürlichen Entſetzen, während ſie leiſen Schritts bis dicht an den Rand des Abgrundes vortrat und einen furchtſamen, aber angeſtrengten Blick in die Tiefe hinabwarf. Dann trat ſie einen Schritt zurück, erhob die Hände wie in Todesangſt und be⸗ deckte ſich die Augen, als ob ſie ein ſchrecklich es Schauſpiel vor ihrem inneren Blicke verſchließen wollte. 30 Unterdeſſen war Dutton wieder zu ſich ſelbſt gekommen, ſo daß ihm all' ſeine praktiſche Kenntniß wieder zu Gebote ſtand. Wie dieß bei Seeleuten gewöhnlich iſt, die ſelbſt in den ſchwärzeſten Nächten die verwickeltſte Eintheilung des Schiffstauwerks noch klar und lebhaft im Kopfe haben, ſo überſchaute er in Gedanken mit einem Blick alle ſich darbietenden Möglichkeiten und erhielt dadurch ein getreues Bild des wirklichen Faktums. „Selbſt wenn kein Nebel da wäre, könnte der Junge dennoch nicht geſehen werden, wenn er ganz hinabgeſtürzt wäre, denn die Klippe ſenkt ſich heimwärts, Sir Wycherly,“ bemerkte der Alte eifrig, indem er ſich einer nur in der Schiffsſprache verſtändlichen Wendung bediente, um ſeine Meinung auszudrücken.„Er muß an der Seite des Abgrundes und zwar noch oberhalb des Felsvorſprunges hängen.“ Einem gemeinſamen Antriebe folgend, eilten die beiden Alten haſtig bis an den Rand des Hügels vor und auch ſie erkannten auf den erſten Blick die volle Wahrheit von Dutton's Vermuthung. Der junge Wychecombe hatte ſich beim Pflücken einer Blume zu weit vorgelehnt und die ganze Schwere ſeines Körpers auf den einen Fuß geſtützt, bis das Felsſtück unter ihm ſich löste und er dadurch das Gleichgewicht verlor. Seine faſt übermenſchliche Geiſtesgegenwart und hohe Entſchloſſenheit retteten ihn allein vom ſichern Untergang; ohne ſie wäre er hülflos an den Felſen zer⸗ ſchmettert worden. So wie er fühlte, daß der Boden unter ihm wich, that er einen Sprung vorwärts und ſchwang ſich auf eine ſchmale Felszacke, welche ſich wenige Schritte unterhalb der Stelle, auf der er bisher geſtanden, und wenigſtens zehn Fuß ſeitwärts von derſelben befand. Doch die Felszacke ſelbſt beſtand aus zerbröckeltem Geſtein und war höchſtens zwei bis drei Fuß breit, ſo daß ſie für ſich allein ſeinen Fall nur wenig hätte verzögern können, wenn nicht zu allem Glück oberhalb derſelben einige Büſche geſtanden hätten. An dieſen hielt ſich der junge Mann feſt, nachdem er mit ſo gewaltiger Schwungkraft den Vorſprung erreicht hatte, daß er - *ε————— 31 noch einen Augenblick im vollſten Sinne in der freien Luft ſchwebte. Glücklicherweiſe aber war das Geſträuch ſo feſt gewurzelt, daß es nicht nachgab und ſo kletterte der junge Lieutenant mit der ganzen Behendigkeit eines Seemannes rund herum und erreichte augenblicklich feſten Boden und einen vergleichungsweiſe ſichern Standpunkt. Dem Sprunge folgte ſeiner Seits ein augenblickliches Still⸗ ſchweigen als Folge der tiefen Erſchütterung, die er empfand, als er ſich plötzlich in einer ſo gefährlichen Lage erblickte. Der Gipfel der Klippe ragte ungefähr ſechs Klafter über ihm empor; die Fels⸗ zacke, auf der er ſtand, hing ſenkrecht über dem jähen Abgrund und lief weit über die Linie der kleineren Felsvorſprünge hinaus, auf denen er noch kaum zuvor ohne alle Beſorgniß ſeine Blumen geſammelt hatte. Es war für jedes menſchliche Weſen abſolut unmöglich, ohne fremden Beiſtand aus einer ſolchen Lage herauszukommen. Dieß erkannte auch Wychecombe auf den erſten Blick und benützte die paar Minuten, welche zwiſchen ſeinem Fall und der Ankunft ſeiner Retter auf dem Felsgipfel verſtrichen, um mit aller Anſtrengung über die Mittel nachzudenken, die zu ſeiner Befreiung nöthig ſeyn mochten. Nur wer die ſchwindlichen Höhen der Schiffsmaſten zu erklettern gewöhnt war, konnte Kaltblütigkeit und Geiſtesgegenwart genug bewahren, um ſich auf der Stelle, die er einnahm, zu be⸗ haupten, und auch ein Solcher hätte ſich ohne das Geſträuch, woran Jener ſich anklammerte, nicht daſelbſt erhalten können. Kaum hatten der Baronet und Dutton mit einem Blick die gefährliche Lage des jungen Wychecombe überſchaut, als ſie entſetzt vor dem Anblick zurückſchauderten, wie wenn ſie befürchteten, dem Unglücklichen am Ende noch auf den Kopf zu ſtürzen. Beide legten ſich alsbald auf den Raſen nieder und krochen ſo abermals bis an den Rand der Klippe vor, von wo fie, ſelbſt in dieſer Stellung noch zitternd, mit vorgebeugtem Haupte auf das unter ihn ſchwe⸗ bende Opfer angſtvoll hinunterſtarrten. 32 Der junge Mann konnte von allem Dem nichts bemerken, denn er ſtand mit dem Rücken gegen die Felswand gewendet und hatte nicht Raum genug, um ſich umzudrehen oder auch nur einen Blick in die Höhe zu werfen. Mildred ſchien indeſſen bei dem Anblick der tödtlichen Gefahr, worin der Jüngling unter ihr ſchwebte, jeden Gedanken an ſich ſelbſt und das etwa ihr drohende Verderben vergeſſen zu haben. Auf der Gränzlinie des Abgrundes ſtehend, blickte ſie ſtarr und unbe⸗ weglich in die Tiefe, was ihr unter anderen weniger ergreifenden Umſtänden wohl gänzlich unmöglich geweſen wäre; wild flatterten ihre reichen Locken um das ſchöne Antlitz, ſo daß ſelbſt der junge Mann bei einer augenblicklichen Wendung dieſelben theilweiſe ge⸗ wahr wurde. „Um Gotteswillen, Mildred,“ rief der Jüngling,„halten Sie ſich weiter von der Klippe entfernt— ich ſehe Sie wohl und wir können ja nunmehr einander hören, ohne ſo Viel auf's Spiel zu ſetzen.“ „Was kann ich thun, um Sie zu erlöſen, Wychecombe?“ fragte das junge Mädchen haſtig;„ſagen Sie mir's, ich beſchwöre Sie, denn Sir Wycherly und mein Vater ſind beide außer Stands, etwas zu wagen!“ „Himmliſches Weſen! und Sie gedenken meiner Gefahr! doch ängſtigen Sie ſich nicht, Mildred; thun Sie nur, was ich Ihnen ſage und Alles wird noch gut gehen. Ich hoffe, Sie hören und verſtehen doch, was ich ſpreche, theures Mädchen?“ „O ganz gut,“ antwortete Mildred, während die Anſtrengung, die es ſie koſtete, um ruhig zu erſcheinen, ihre Stimme beinahe zu erſticken drohte.„Ich höre jede Sylbe— ſprechen Sie nur weiter.“ „So gehen Sie denn und holen Sie die Signalleine— das eine Ende machen Sie los, das andere ziehen Sie durch die Rolle, bis die ganze Leine unten iſt; iſt dieß geſchehen, dann kehren Sie zurück und ich will Ihnen das Weitere ſagen: aber bleiben Sie um's Himmelswillen weiter von der Klippe entfernt!“ Khe ee e — 8 — ͤ—— 8——. 2 33 Der Gedanke, daß das Tau, ſo dünn und gebrechlich es auch ſchien, für die beabſichtigte Rettung dennoch von Nutzen ſeyn könne, leuchtete dem Mädchen augenblicklich ein und im nächſten Moment ſtand ſie bereits neben der Signalſtange. Schon oft, wenn Trun⸗ kenheit ihren Vater unfaͤhig gemacht hatte, ſeinen Dienſt zu ver⸗ richten, hatte Mildred für ihn die Signale empfangen und neue aufgeſteckt; dieß war ein Glück für ſie, denn ſo verſtand ſie gehörig mit der Signalleine umzugehen. In einer Minute hatte ſte dieſelbe losgewunden und ihrer ganzen Länge nach zuſammengerollt zu ihren Füßen liegen. „Ich bin fertig, Wycherly, rief ſie abermals und ſchaute über die Klippe hinab;„ſoll ich Ihnen das eine Ende des Tau's zu⸗ werfen?— aber ach! ich ſelbſt bin nicht ſtark genug, um Sie emporzuziehen, und Sir Wycherly, wie mein Vater ſcheinen Beide außer Stande, mir Hülfe zu leiſten!“ „Uebereilen Sie ſich nur nicht, Mildred, und Alles wird gut gehen. Sie dürfen nur das eine Ende der Leine um die Signal⸗ ſtange wickeln, beide Enden an einander binden und in einen Knoten zuſammenknüpfen: iſt die Schlinge fertig, dann werfen Sie ſie mir über den Kopf. Aber nehmen Sie ſich ja recht in Acht, daß Sie der Klippe nicht zu nahe kommen, denn——, Die letztere Ermahnung war unnothig, denn bereits war Mildred davon geeilt, um dieſen Auftrag zu vollziehen. Ihr raſcher Ver⸗ ſtand begriff augenblicklich, was jetzt von ihr erwartet wurde, und ihre flinken Fingerchen waren ſogleich mit der neuen Aufgabe be⸗ ſchäftigt. Wie der Jüngling ſie angewieſen, knüpfte ſte die beiden Enden der Leine in einen Knoten zuſammen und bald hing die ſchwache Schlinge über die Klippe hinab, ſo daß ſte Wychecombe mit dem Arme erreichen konnte. Für einen Landbewohner hält es ſchwer, die feſte Zuverſicht zu begreifen, womit ein Seemann an Tauen und Seilen jeder Gattung zu hängen pflegt. Man gebe ihm nur ein ſchwaches, Die beiden Admirale. 2. Aufl. 3 4 34 halbverfaultes Stück gedrehten Hanfs in die Hand und er wird mit gewohnter Kühnheit die lebensgefährlichſten Dinge unternehmen, während er ohne dieſe Hülfe vielleicht furchtſam davor zurückgebebt wäre. Von Jugend auf daran gewöhnt, in freier Luft an einem Tau zu hängen, worauf er entweder ſeine Füße ſtützt oder woran er ſich mit der Hand feſthält, lernt ſein Auge ſchnell unterſcheiden, was ihm als Stütze dienen kann und er wird ohne Zaudern ſein Leben einigen, wenn auch ſcheinbar noch ſo ſchwachen Strängen anvertrauen, ſelbſt wenn dieſe einem unerfahrenen Zuſchauer jedes Vertrauens unwerth erſcheinen ſollten. Die Taue an den Signalleinen ſind dünner als ein kleiner Mannsfinger, werden dabei aber mit Sorgfalt gedreht und nur das beſte Kabelgarn darf dazu verwendet werden. Ueberdieß wußte Wychecombe, daß Mildred's Leine ein ganz neues Stück Tau war, da er ſie erſt die Woche zuvor ſelbſt hatte aufmachen helfen. Gerade dieſem Umſtand war es zu danken, daß das Seil lang genug war, um ihn noch zu erreichen, denn als er das Stück vom Schlage abgeſchnitten, hatte er abſichtlich noch ziemlich viel zugegeben, für den Fall, daß die Leine eingehen oder vielleicht gar abreißen ſollte. So reichte ſie bis auf etwa zwanzig Fuß unterhalb der Stelle, wo er ſich im Augenblicke befand. „ Jetzt iſt's gewonnen, Mildred!“ rief der junge Mann trium⸗ phirend, ſobald ſeine Hand die beiden Enden der Leine erfaßt hatte. Raſch ſchwang er ſie dann in der Höhe der Arme um den Leib, um ſich durch dieſe Vorſichtsmaßregel gegen alle Unfälle zu ſichern. „Nun iſt Alles gut, theures Mädchen; Sie dürfen ſich meinetwegen jetzt nicht mehr ängſtigen.“ Mildred zog ſich nunmehr zurück, denn nicht um eine ganze Welt hätte ſie den verzweifelten Verſuch mit anſehen können, der, wie ſie wohl wußte, jetzt noch bevorſtand. Mittlerweile hatte auch Sir Wycherly, der bis jetzt ein theil⸗ nehmender Zeuge des vorhergehenden geweſen war, die Sprache ₰ 35 wieder gewonnen und übernahm nun das Amt eines Leitenden bei der Sache. „Halt, halt, junger Namensvetter,“ rief er eifrig, als er ſah, daß der Seemann im Begriffe ſtand, ſich mit der höchſten Anſtren⸗ gung die Klippen hinanzuziehen—„halt, ſo geht's nicht; laßt wenig⸗ ſtens Dutton und mich Euch dabei helfen, ſo gut wir's vermögen. Wir haben alles Bisherige mit angeſehen und ſind nun ſchon im Stande, etwas für Euch zu thun.“ 4 „Nein— nein, Sir Wycherly— Ihr dürft um keinen Preis die Leine berühren. Wolltet Ihr ſie über die Spitze der Klippe emporheben, ſo würde ſie wahrſcheinlich abgeſchnitten oder aus einander geriſſen und dann wäre ich rettungslos verloren!“ „Ach, Sir Wycherly,“ flehte Mildred mit emporgehobenen Händen, wie wenn ſie ihre Bitte dadurch eindringlicher machen wollte;„bitte— bitte— berühren ſie die Leine nicht!“ „Am Beſten wird es ſeyn, wenn wir den Jungen ganz allein gewähren laſſen,“ war Dutton's Meinung; er iſt raſch, entſchloſſen, ein ganzer Seemann und wird wohl beſſer für ſich zu ſorgen ver⸗ ſtehen, als wir, fürcht' ich, zu thun vermöchten. Er hat die Leine um ſeinen Körper geſchlungen und iſt jetzt ſo ziemlich gegen jedes Ausrutſchen und ſonſtiges Unglück geſichert.“ Sobald er ausgeſprochen, zogen ſich die Drei auf kurze Strecke zurück und warteten in tiefer Herzensangſt des Ausgangs. Dution hatte unterdeſſen wieder ſo viel Beſinnung erlangt, daß er aus dem am Fuß der Signalſtange angebrachten Kaſten ein Stück der alten Leine hervorholte und einen Verſuch machte, über die beiden Theile des ſchwachen Tau's, woran der Jüngling hing, einen feſten Stopper zu winden; ohne dieſe Vorſicht hätte ſich das Tau, wenn es an irgend einer Stelle gebrochen wäre, unvermeidlich von der Signalſtange losgemacht und jeder Anhaltspunkt wäre dann für den Unglücklichen verloren geweſen. Die Länge der Leine erſchwerte das Geſchäft ungemein, doch ruhte er nicht eher, bis 36 er ſeinen Schutzbefohlenen ſo gut als möglich geſichert zu haben hoffen durfte. Während dieſer ganzen Zeit hatte auch der junge Wychecombe, von den Zuſchauern ungeſehen, ſeine Vorbereitungen auf der Fels⸗ zacke getroffen, und bald verkündete die Spannung der Signalleine, daß ſein Körper mit ſeiner ganzen Schwere daran hing. Mildred's Herz ſchien jeden Augenblick ihren Lippen entſtrömen zu wollen, während ſie jedes Zerren an der Leine aufmerkſam beobachtete; auch ihr Vater bewachte alle Bewegungen mit einer Spannung, als ob er in der nächſten Sekunde die endliche Kataſtrophe zu er⸗ leben erwartete. Es bedurfte von Seiten des jungen Mannes der ungeheuerſten Anſtrengung, um ſich mit der ganzen Schwere ſeines Körpers auf ſolche Entfernung an ſo dünnen Stricken emporzuziehen. Wäre das Tau nur um Weniges dicker geweſen, ſo hätte ein Seemann von ſeiner Stärke und Gewandtheit die Sache als eine wahre Kleinigkeit hingenommen, um ſo mehr, da er ſich beim Klettern auch ſeiner Füße bedienen und dieſe gegen die Felſen ſtemmen konnte; ſo aber war es ihm gerade, als ob er das ganze Vorgebirge hinter ſich nachzöge. Endlich ſah man ſein Haupt einige Zoll über den Klippenrand hervorragen; ſeine Füße hatte er gegen die Klippen geſtemmt und ſein Körper war unter einem Neigungswinkel von fünf und vierzig Graden auswärts gebogen. „Helft ihm— helft ihm, Vater!“ rief Mildred und bedeckte ihr Antlitz mit den Händen, um Wychecombe's verzweifelten Kampf nicht mit anſehen zu müſſen.„Wenn er jetzt fällt, ſo wird er zerſchmettert. Ach, rettet ihn, Sir Wycherly,— rettet ihn um's Himmels willen!“ Doch von den Beiden, die ſie angerufen hatte, konnte Keiner irgend eine Hülfe leiſten. Bei ihrem Vater hatte ſich das gewöhnliche Nerven⸗ zittern wieder eingeſtellt und von dem betagten Baronet ließ ſich bei ſeiner Unerfahrenheit nur wenig erwarten. 37 „Habt Ihr kein Seil, Mr. Dutton, das Ihr mir über die Schulter werfen könntet?“ rief Wychecombe und hielt vor lauter Erſchöpfung inne, während er, ohne den gewonnenen Vortheil fahren zu laſſen, mit dem Kopf nach außen, das Antlitz gen Himmel gewendet, über dem gähnenden Abgrund da hing.„Werft mir ein Seil über die Schulter und zieht meinen Körper gegen die Klippe.“ Dutton hätte für's Leben gern dem Wunſche gewillfahrt, aber ſeine Nerven waren noch nicht durch den üblichen Trunk aufgeregt und ſeine Hände zitterten dergeſtalt, daß es noch höchſt zweifelhaft ſchien, ob er nur dieſen einfachen Dienſt würde verrichten können. Wäre ſeine Tochter nicht geweſen, ſo würde er in der That kaum damit zu Stande gekommen ſeyn. An die Handhabung der Signal⸗ leine gewöhnt, holte Mildred raſch das alte Tau herbei und hãn⸗ digte es ihrem Vater ein, der ſich in der Art, wie er es handhabte, als wohlgeübten Seemann bewährte. Eiligſt ſuchte er die Leine zu verdoppeln und warf Wychecombe endlich den Schlupfen über die Schulter; dann verſuchte er mit Mildred's Hülfe, den Körper des jungen Mannes aufwärts und gegen die Klippen heranzuziehen. Aber ſelbſt ihre vereinigte Kraft war dieſer Aufgabe nicht ge⸗ wachſen. Von der bisherigen Anſtrengung ermüdet und unfähig, ſich bei ſeiner Koͤrperſchwere noch länger an dem ſchwachen Taue „Beruhige Dich, Milly,“ ſagte ihr Vater;„noch iſt er ge⸗ borgen, wie Du an der Leine ſehen kannſt und wahrlich das Zeug hält gut zuſammen. So lange das Tau ganz bleibt, kann der Junge nicht fallen; er hat ja das Ende zweimal um ſeinen Leib geſchlungen. Sey gutes Muths, mein Kind; ich befinde mich jetzt beſſer und ſehe meinen Weg klar vor mir. Habt keine Angſt, Sir Wycherly; in zehn Minuten haben wir den Jungen heil und ſicher auf der Terra firma. Ich kann eigentlich nicht recht begreifen, was mich heute Morgen angekommen iſt; ich habe meine Glieder gar nicht wie ſonſt in der Gewalt gehabt. Furcht kann's nicht ſeyn, denn ich habe ſchon zu viele Männer in Gefahr geſehen, um gerade bei dieſem ſo außer Faſſung zu gerathen; ich glaube, Milly, es muß der Rheumatismus ſeyn, von dem ich Dir ſchon oft geſagt, und den ich von meiner armen Mutter, der guten alten Seele, geerbt habe. Glaubt Ihr nicht auch, Sir Wycherly, daß der Rheumatismus, wie die Gicht, erblich ſeyn kann?“ „O ja, ich glaube wohl— ja, ja, ich glaub' es, Dutton— denkt jetzt aber nicht an die Krankheit, ſondern helft meinem jungen Namensvetter hier auf den Raſen herauf und ich will Euch dann anhören, ſo lang Ihr nur wollt. Die ganze Welt möcht' ich darum geben, wenn ich Dick heute Morgen nicht zu Mr. Rotherham ge⸗ ſchickt hätte. Könnten wir nicht den Verſuch machen, ob mein Pony den Jungen nicht herauf zu ziehen vermag?“ „Die Stränge ſind ſchwerlich ſtark genug zu einem ſolchen Stück Arbeit. Habt nur ein wenig Geduld, Sir Wycherly, und ich will Euch das ganze Ding ‚mit ſaubrer Tackelage und unver⸗ ſehrten Inhölzern“, wie wir zur See zu ſagen pflegen, auf die Höhe heraufbringen. Hallo, Maſter Wychecombe, hallo— ant⸗ wortet nur meinem Ruf und Ihr ſollt bald wieder in tiefem Fahr⸗ waſſer ſeyn.“ „Ich ſtehe unverletzt auf meinem Poſten,“ antwortete Wyche⸗ combe's Stimme von unten;„ich wünſchte, Ihr würdet nach der 39 Signalleine ſehen, Mr. Dutton, damit ſie ſich nicht an den Felſen zerreibe.“ „Alles in Ordnung, Sir, Alles in Ordnung. Macht die Leine etwas locker und laßt mich ſo viel davon erfaſſen, als Ihr entbehren könnt, ohne ſie Euch vom Leibe zu wickeln. Haltet nur das Ende feſt, für den Fall, daß Euch ein Unglück zuſtieße.“ Im Augenblick wurde die Leine lockerer und Dutton, wenn gleich noch ſchwach und durch ſeine Lebensweiſe während der letzten fünfzehn Jahre entnervt, hatte endlich doch ſeine volle Gewalt über ſich ſelbſt wieder erlangt, ſo daß er die Schlinge ſo weit über die Klippen zog, bis ſie über einen Vorſprung des Felſens zu liegen kam, wo ſie ganz von ſelbſt feſt hielt. Auf dieſe Art erſtreckte ſich jetzt die Leine über den Theil der Klippen, von wo der junge Mann hinab⸗ geſtürzt war und wo eine ſtäte Hand und kräftige Glieder durchaus keine Schwierigkeit darin finden konnten, ſich ringsum ungehindert zu bewegen und Blumen abzupflücken. Wychecombe hatte alſo gar nichts anderes zu thun, als auf dieſer Seite des Abhanges feſten Fuß zu faſſen, um dann ohne weitere Mühe bis zu dem Gipfel hinaufzuſteigen. Allerdings befand er ſich jetzt unterhalb des Punktes, den er vor ſeinem Falle eingenommen hatte; doch konnte er ſich leicht von der Seite hinaufſchwingen, oder, von der Leine getragen, einen Sprung dahin verſuchen und nicht ſo bald hatte der junge Mann die Wichtigkeit der getroffenen Aenderung begriffen, als er ſich auch ſchon an die Ausführung ſeines Planes machte. Das feſte Ver⸗ trauen, welches Dutton bewies, ermuthigte auch den Baronet und ſelbſt das zitternde Maͤdchen; beide näherten ſich wieder dem Klippen⸗ rande, ſtellten ſich aber doch hinter dem Theil des Felſens auf, von wo aus man mit weniger Beſorgniß vor den Folgen hinabklimmen konnte. Sobald Wychecombe alle nöthigen Vorkehrungen getroffen hatte, ſtellte er ſich auf den Rand der Felszacke, zog die Leine feſt an ſich, ſchaute ſich ſorgfältig nach einem Stützpunkte auf der andern Seite der Kluft um und— that ſeinen Sprung. Raſch von Spitze zu Spitze ſich ſchwingend, bis die Leine endlich ſenkrecht ͤber ſeinem Haupte ſchwebte, gelangte der junge Mann bis an den Rand des Felſens, deſſen Oberfläche er ſo zerbröckelt fand, daß ihm das d Emporklimmen mit Hülfe der Signalleine, die ihn immer noch feſt hielt, nichts weniger als ſchwierig wurde. Bald hatte er ſeinen Weg zurückgelegt und die Leine von ſich werfend, ſprang er endlich auf den Gipfel und ſtand vor ſeinen ängſtlichen Zuſchauern.— Im nämlichen Augenblick ſank Mildred beſinnungslos auf den Raſen nieder⸗ Drittes Kapitel. Mir fehlt ein Held:— ˙s iſt wunderbar zu hören, Wo Helden dutzendweis erſteh'n mit jedem Jahr; Bis dann die Zeitungen, die ihn gekrönt mit Ehren, — Zuletzt geſteh'n, wie's nicht der Rechte war. Byron. Bei der Nervenſchwäche des Vaters fiel es dem jungen Manne als ſchöne Pflicht anheim, die ohnmächtige Mildred auf ſeine Arme zu nehmen und in ihre Wohnung zurückzutragen. Dieß that er denn auch mit einer Bereitwilligkeit und einer Fürſorge, welche deutlich zeigte, wie tief der Antheil war, den er an ihrer Lage nahm; dabei war die körperliche Kraft, die er jetzt entwickelte, ein hinlänglicher Beweis, daß ſeine Stärke durch die dem Mädchen zugeſtoßene Ohnmacht eher vermehrt als vermindert worden war. Pfeilſchnell eilte er mit ihr von dannen, ſo daß Niemand den Kuß bemerken konnte, den er auf die bleiche Wange des ſüßen Mädchens drückte, deſſen lebloſe Geſtalt er mit Inbrunſt an ſich geſchloſ⸗ ſen hielt. In dem Augenblicke, als er die Hausthüre erreichte, begann das liebliche Kind in Folge der raſchen Bewegung in freier Luft ſich allmählig wieder zu erholen und ſo überließ ſte Wychecombe nach einigen haſtigen, erläuternden Worten der Sorgfalt ihrer ängſtlich dei e eetdee eerheccch, d eTeee 88* „* 8 41 ver heigeeilten Mutter. Er vermochte übrigens das Haus noch eine ganze Viertelſtunde lang nicht zu verlaſſen und rief Dutton nur einmal von Weitem zu, daß Mildred wieder zu ſich gekommen, ſo daß er alſo ihretwegen keine weiteren Beſorgniſſe hegen dürfe. Warum er ſo lange verweilte— dieß zu entſcheiden, überlaſſen wir der Einbildungskraft unſerer Leſer, denn das Mädchen war ſogleich auf ihr eigenes Stübchen gebracht worden und blieb noch mehrere Stunden lang für ihn unſichtbar. Als der junge Seemann die Klippe abermals erreichte, fand er die Geſellſchaft beim Flaggenſtock um zwei weitere Mitglieder vermehrt. Dick, des Baronets Reitknecht, war von ſeiner Verſen⸗ dung zurückgekehrt, und Tom Wychecombe, Sir Wycherly's auser⸗ ſehener Erbe, hatte ſich ebenfalls eingeſtellt und zwar noch in tiefer Trauer um ſeinen verehrten Vater, den Richter. Dieſer junge Mann hatte in neuerer Zeit den Stationspoſten ſehr häufig beſucht, wobei er ſeinem Oheim zu lieb eine leiden⸗ ſchaftliche Vorliebe für die Seeluft und die Fernſichten des Oceans affectirte. Er war dabei ſchon mehrere Mal mit ſeinem Namens⸗ vetter zuſammengetroffen, und es hatte ſich dabei deutlich gezeigt, daß jede folgende Zuſammenkunft immer unfreundlicher endete als die vorhergehende— der Grund davon war den beiden jungen Leuten genugſam bekannt. Als ſie daher bei gegenwärtiger Veranlaſſung wieder zuſammen⸗ trafen, wurden blos kalte, ſtolze Verbeugungen und feindſelige Blicke gewechſelt, wobei ein Ausdruck finſteren Spottes in Tom Wyche⸗ combe's Geſicht zu bemerken war. Trotz dem ließ ſich der Letztere durch ſeine vorherrſchende Abneigung nicht abhalten, den Kommenden ſcheinbar freundlich und verbindlich anzureden. „Man ſagt mir, Mr. Wychecombe,“ bemerkte des Richters Erbe(denn dieſen Titel mochte Tom Wychecombe geſetzlich anſprechen), „man ſagt mir, Mr. Wychecombe, Ihr habt heute Morgen eine kleine Lektion in Euren Berufsgeſchäften genommen und ſeyd an & 4² einem Tau die Klippen hinangeklettert? Nun, meiner Anſicht nach iſt dieß eine Heldenthat, die mehr in dem Geſchmack eines Ameri⸗ kaners, als in dem eines Engländers liegt. Aber ich glaube ſelbſt, daß man in den Kolonien wohl häufig genöthigt iſt, Dinge zu verrichten, von denen wir uns hier zu Hauſe wohl kaum etwas träumen laſſen.“ Dieß wurde zwar mit anſcheinender Gleichgültigkeit geäußert, war aber dennoch von dem Sprechenden ſeinem Oheim gegenüber fein und ſchlau berechnet. Sir Wycherly's Hauptſchwäche beſtand in einer dünkelhaften und dabei unwiſſenden Bewunderung ſeines Vaterlandes und Alles deſſen, was dazu gehörte. Auch hegte er keine geringe Portion von Verachtung gegen die auswärtigen Pro⸗ vinzen des Reichs— ein Gefuhl, das von der politiſchen Verbindung zwiſchen dem Volke des Stammlandes und dem ſeiner Kolonien un⸗ zertrennlich zu ſeyn ſcheint. Zu vollkommener Achtung gehört unbedingt in allen Lagen des Lebens eine völlige Gleichheit der beiderſeitigen Verhältniſſe, und es darf als allgemeine Regel geltend gemacht werden, daß die Menſchen von der Ueberlegenheit, welche dem Lande oder der Pro⸗ vinz, der ſie angehören, zugeſtanden werden mag, ſich jederzeit ihren vollen Antheil anzumaßen geneigt ſind. Nach dieſem Grundſatze iſt es zu erklären, warum der Bewohner einer Dachkammer zu Paris oder London ſich gar zu leicht aufgefordert fühlt, ſelbſt gegen den Beſitzer der behaglichſten Wohnung auf einem Dorfe die höchſten Anſprüche auf Vorrang geltend zu machen. Gerade bei England und ſeinen nordamerikaniſchen Kolonien trat dieſes Gefühl insbe⸗ ſondere wegen der frühzeitig vorwaltenden demokratiſchen Tendenzen der Letzteren noch weit ſtärker hervor, als dieß gewöhnlich der Fall ſeyn mag. Die genannten Tendenzen waren zwar noch keineswegs Gegenſtand politiſcher Eiferſüchteleien geworden, hatten aber gleich⸗ wohl allerlei ſchädliche Eindrücke zurückgelaſſen, welche bei einem Volke, das ſo eigenſinnig an ſeinen künſtlichen Gewohnheiten hält 4 4 4 —— „—— u SG—·— 8 S=g= N 8ð&᷑ 8&* 43 und ſo ſehr geneigt iſt, Alles und Jedes, ſelbſt bis zu den allge⸗ meinſten Grundſätzen, durch das Medium willkürlicher conventio⸗ neller Gebräuche zu betrachten— ganz beſonders geeignet waren, ein Gefühl von Verachtung gegen die Koloniſten zu erwecken. Zwar läßt ſich auf der andern Seite auch nicht läugnen, daß die Amerikaner in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts in Sitten und Anſichten ein ausnehmend ſpießbürgerliches, in manchen Bezie⸗ hungen ſogar engherziges Völkchen waren, ein Vorwurf, der ſogar bis auf den heutigen Tag noch nicht völlig von ihnen abzuwälzen iſt; aber damals hatte auch das eigene Stammland noch nicht jene ungeheuren Fortſchritte in der Civiliſation gemacht, wodurch es ſich in neuerer Zeit ſo beſonders auszeichnet. Ueberdieß verleitete die Gleichgültigkeit, womit ganz Europa den geſammten amerika⸗ niſchen Kontinent betrachtete und wovon England ſelbſt trotz ſeiner weitlaͤufigen transatlantiſchen Beſitzthümer keine weſentliche Ausnahme machte, bei allen Urtheilen, welche der eine Erdtheil über den an⸗ dern fäͤllte, zu den graſſeſten Mißverſtändniſſen, welche nur zur Verſtärkung jener Geſinnungen, auf die wir eben angeſpielt haben, beitragen konnten. Sir Wycherly fühlte und dachte über Amerika gerade ebenſo, wie die Mehrzahl ſeiner Landsleute im Jahre 1745 in dieſem Punkte zu fühlen und zu denken gewohnt waren. Ausnahmen hievon machten blos vorzugsweiſe hellſehende Köpfe oder ſolche Perſonen, deren beſondere Verhältniſſe eine genauere Kenntniß jenes Landes nöͤthig machten; und ſelbſt dieſe nicht in allen Fällen. Man ſagt, der engliſche Miniſter habe ſich aus dem zufälligen Umſtande, daß er einen reichen Virginier eine große Summe Geldes im Spiel verlieren ſah, den Plan abgeleitet, Amerika mit Auflagen zu belegen— ein argumentum ad hominem, das ihn zu einer Folgerung verleitete, die bei der Gattung von Leuten, mit denen er zu thun hatte, ſo gefährlich anzuwenden war. Laſſen wir dieß übrigens ganz dahingeſtellt— ſo iſt wenigſtens 44 darüber keine Frage, daß zu der Zeit unſerer Erzäͤhlung in dem Mutterlande allgemein die tiefſte Unwiſſenheit über Amerika herrſchte, ſo wie umgekehrt in Amerika die devoteſte Verehrung für Alles, was engliſch war, zu der Tagesordnung gehörte. Die Wahrheits⸗ liebe nöthigt uns noch, beizufügen, daß trotz aller ſpäteren Ereigniſſe der cisatlantiſche Antheil an dieſer Schwäche die Einwirkung der Zeit und eines vermehrten Verkehrs am längſten überlebt hat. Der junge Wycherly war, wie dieß gewöhnlich der Fall iſt, für alle Verdächtigungen, welche gegen den Theil des Reichs ge⸗ richtet ſchienen, dem er ſelbſt als Eingeborner angehörte,— hoͤchſt empfindlich. Sich ſelbſt zwar betrachtete er als einen Engländer, war auch ein höchſt loyaler Unterthan und jederzeit geneigt, für die Ehre und die Intereſſen des Sitzes der Herrſchaft in die Schran⸗ ken zu treten: wenn aber Fragen zwiſchen Europa und Amerika aufgeworfen wurden, dann war er ganz Amerikaner, wie er ſich in Amerika ſelbſt im Gegenſatze zu allen übrigen Kolonien als bloßen Virginier betrachtete. Er verſtand Tom Wychecombe's ſpöttiſche Abſicht recht wohl, ſuchte aber aus Achtung für den Baronet ſeinen Unwillen niederzukämpfen; vielleicht daß auch das Nachgefühl des Entzückens, das kaum noch ſeine Bruſt erfüllt hatte, einigen Ein⸗ fluß auf ſeine Handlungsweiſe ausübte. „Die Herren, die etwa geneigt ſind, ſich ſolche Dinge von den Kolonien einzubilden, thäten wohl am Beſten, ehe ſie ihre Anſichten zu laut ausſprächen, jenen Welttheil ſelbſt zu beſuchen,“ antwortete er kalt,„damit ſie nicht manches ſagen, was ſie bei ſpäterer Beobachtung gerne widekrufen würden.“ Wahr, vollko lmen wahr, mein junger Freund,“ unterbrach 6 ihn der Baronet in der freundlichſten Abſicht von der Welt;„ſo wahr, wie das Evangelium ſelber. Wir können wohl niemals etwas von Dingen verſtehen, von denen wir nichts verſtehen, das müſſen ſogar alte Leute wie wir, Meiſter Dutton, zugeben, und ich dächte, auch Tom müßte die Gründlichkeit dieſes Beweiſes anerkennen. Es ₰ 45 waäͤre unvernünftig, wenn man in Amerika Alles ſo hübſch und bequem anzutreffen erwartete, wie wir es hier in England haben; auch glaube ich nicht, daß die Amerikaner im Allgemeinen ſo leicht, wie ein Engländer, über eine Klippe wegkommen werden. Aber keine Regel iſt ohne Ausnahme, wie mein armer Bruder James zu ſagen pflegte, wenn er an der Rede eines Prälaten irgend Etwas auszuſetzen hatte. Ich glaube, Dutton, Ihr habt meinen armen Bruder nicht mehr gekannt: er hatte wohl gerade um die Zeit, als Ihr geboren wurdet, bereits ſeinen Tod gefunden— ich nannte ihn gewöhnlich nur den heiligen James, trotzdem daß mein Bruder Thomas, der Richter und Vater unſeres Tom hier, mir jedesmal entgegnete, er müſſe jedenfalls St. James, der Zweite, genannt werden.“ „Ich glaube, Sir Wycherly, Seine Hochwürden, Mr. Wyche⸗ combe, waren ſchon todt, ehe ich in das Alter kam, um mich ſeiner Tugenden erinnern zu können,“ antwortete Dutton ehrerbietig; „doch hörte ich meinen eigenen Vater oft von Eurer ganzen ver⸗ ehrten Familie erzählen.“ „Ja, ja, Dutton, Euer Vater war Gerichtsanwalt in der nächſten Stadt, und wir Alle haben ihn wohl gekannt. Ihr habt vollkommen Recht daran gethan, daß Ihr zu uns zurückgekehrt ſeyd, um den Abend Eures Lebens hier zuzubringen. Wie kann es einem auch beſſer ergehen, als wenn man einem kräftigen Baume gleich in dem Boden ſeines Geburtsortes wurzelt und treibt und dieß noch um ſo mehr, wenn dieſer Boden unſerem guten Altengland und dem geliebten Devonſhire angehört! Ihr zählt nicht zu unſeren Landsleuten, junger Herr, wenn gleich der Zufall will, daß Euer Name Wychecombe iſt; nun immerhin— iſt ja doch keiner von uns allen für ſeine Geburt oder Geburtsſtätte verantwortlich.“ Die Wahrheit dieſer Rede, welche, obwohl im Munde von Tauſenden, doch nur in äußerſt wenigen Herzen wurzelt, war von Sir Wycherly durchaus gut gemeint, nur etwas zu deutlich aus⸗ geſprochen. Der Jüngling antwortete ganz einfach darauf,„er ſey * in den Kolonien geboren und ſeine Eltern ſeyen ebenfalls Koloniſten geweſen“— eine Thatſache, welche die Andern bereits zum zehenten oder zwölften Male gehört hatten. „Es iſt doch wahrlich ſonderbar, Mr. Wychecombe, daß Ihr gerade meine beiden Namen führen und doch kein Verwandter von mir ſeyn ſollt,“ fuhr der alte Baronet fort.„Der Name Wycherly kam in unſere Familie durch den alten Sir Hildebrand Wycherly, der auf dem Schlachtfelde zu Bosworth erſchlagen und deſſen einzige Tochter mit meinem und Toms Urältervater vermählt wurde. Seit jener Zeit blieb Wycherly der Lieblingsname unſerer Familie. Ich glaube nicht, daß die Wychecombe's aus Hertfordſhire jemals daran dachten, einen ihrer Söhne Wycherly zu nennen, obgleich ſie, wie mein armer Bruder, der Richter, zu ſagen pflegte, mit uns, wenn auch nur durch Halbblut, verwandt ſind. Ich denke, Thomas, Dein Vater wird Dich wohl gelehrt haben, was unter Halbblut zu ver⸗ ſtehen iſt?“ Tom Wychecombe's Geſicht wurde ſcharlachroth; mit unſtäten Blicken muſterte er ſeine ganze Umgebung und ſchien beſonders zu erwarten, daß er in dem Auge des Lieutenants einem Ausdruck von Schadenfreude begegnen würde. Zu ſeiner großen Beruhigung fand er indeſſen, daß Keiner von den Dreien mehr verſtand oder ausdrücken wollte, als ſeines Oheims einfache Rede angedeutet hatte. Letzterer hatte nicht entfernt die Abſicht, eine Anſpielung auf die nicht ganz regelrechte Abſtammung ſeines Neffen zu machen, und die beiden Andern glaubten, wie überhaupt die ganze Welt, der vermeintliche Erbe gelte mit vollem Rechte als ein ſolcher. So ſchöpfte Tom wieder Muth aus den Blicken ſeiner Gefährten und antwortete ſeinem Onkel mit einer Ruhe und Feſtigkeit, welche nichts von ſeiner Aufregung bemerken ließen: „Ganz gewiß, heuerſten Sie mein trefflicher Vater hat im Geringſten Nichts vergeſſen, er als nützlich für mich erachtete, um in Zukunft die Ehre und die chte unſerer Familie aufrecht im 47 zu erhalten. Ich weiß recht gut, daß weder die Wychecombe's aus Hertfordſhire noch irgend ein anderer Wychecombe, der nicht von unſerem ehrwürdigen Großvater, dem letzten verſtorbenen Sir Wy⸗ cherly, abſtammt, ein Recht auf Verwandtſchaft mit uns beſitzen.“ „Ei, Mr. Thomas, jener Sir Wvycherly muß wohl einer der erſten, nicht aber, wie Ihr ſagt, der letzten Wycherly's geweſen ſeyn,“ bemerkte Dutton und lachte laut über ſeinen eigenen Einfall; „denn ſeit den letzten fünfzig Jahren kann ich mich gar keines an⸗ dern als des hochverehrten Baronets hier vor uns erinnern.“ „Ganz richtig, Dutton, vollkommen richtig,“ erwiederte freund⸗ lich Sir Wycherly, auf welchen Dutton ſo eben angeſpielt hatte. „Ganz eben ſo wahr, wie das gute Sprüchlein: ‚Zeit und Fluth vergehen bald, warten auf Niemand und wär' er auch alt.’ Wir an der Küſte hier wiſſen am beſten, was ſolche Verslein zu bedeuten haben. Letzten Oktober war es gerade ein halbes Jahrhundert, ſeit ich meinem verehrten Vater in dieſer Herrſchaft folgte; bis ich übrigens einen Nachfolger erhalten werde, wird es wohl keines ſo langen Zeitraumes mehr bedürfen.“ Sir Wycherly war für ſeine Jahre ein kerngeſunder, kräftiger Mann und hegte auch keineswegs eine unmännliche Furcht vor ſeinem Ende; doch fühlte er wohl, daß es nicht mehr ſehr ferne ſeyn konnte, da er bereits in einem Alter von vier und achtzig Jahren ſtand. Nichtsdeſtoweniger wollte Dutton die Gelegenheit nicht vor⸗ über gehen laſſen, ohne die mancherlei Phraſen, welche bei ſolchen Veranlaſſungen üblich ſind, gebührender Maaßen anzubringen; ſo wandte er ſich alſo gegen den Baronet, und ſchien mit Bewunderung deſſen immer noch roth ſtrahlendes Antlitz zu betrachten, ein Kunſt⸗ griff, wodurch er ſeinen Worten größeren Nachdruck zu geben hoffte. „O, Sir Wycherly,“ erwiederte er,„Ihr könnt uns recht wohl faſt ſammt und ſonders im Grabe ſehen und immer noch ein mun⸗ terer, kräftiger Herr dabei bleiben. Freilich wird wohl in fünfzig Jahren keiner von uns mehr am Leben ſeyn; ſelbſt Mr. Thomas hier ſo wie auch Euer junger Namensvetter dürfen wohl ſchwerlich hoffen, daß ihre Lebensleine ſich gar noch länger als dieſe Friſt abwickeln werde. Was mich ſelbſt betrifft— nun, ich wünſche nur noch ſo lange das Leben zu behalten, bis dieſer Krieg beendigt iſt, damit ich Seiner Majeſtät Waffen noch einmal triumphiren ſehen kann. Zwar ſagt man, der Krieg könne recht gut ſeine dreißig Jahre andauern: doch hat ſchon mancher ſo lange gewährt wie jener, Sir Wycherly, und ich ſehe eben nicht, warum er gerade kürzer als ein anderer ſeyn ſollte.“ „Ganz richtig, Dutton; dieß iſt nicht nur möglich, ſondern ſogar wahrſcheinlich; und ich hoffe, wir Beide, Ihr und ich, werden wohl noch ſo lange leben, bis wir unſeren Blumenjäger von heute Morgen zum Wenigſten als zweiten Kapitän wiederſehen,— als Admiral ihn noch zu begrüßen, das möͤchte freilich zu viel ver⸗ langt ſeyn. Einen Admiral unſeres Namens hat es ſchon einmal gegeben und ich geſtehe, ich möchte gerne noch einen zweiten des⸗ gleichen vor mir ſehen.“ „Hat nicht Mr. Thomas einen Bruder im Dienſt?“ fragte der Quartiermeiſter,„ich glaubte wenigſtens, Seine Wohlehrwürden, der Herr Richter, habe uns einen ſeiner jüngern Soͤhne anvertraut.“ „Er hatte es anfangs im Sinne; doch änderte er ſpäter ſeinen Plan und die beiden Jungen traten ſofort in die Landarmee ein. Dein Gregory, Tom, hätte Seekadett werden ſollen und da er ſchon von Anfang an von meinem armen Bruder zum Seemanne beſtimmt war, ſo erhielt er auch den Namen ſeines unglücklichen Oheims, den wir einſt durch einen Schiffbruch verloren haben. Ich bat Thomas öfter, er möchte doch einen ſeiner Jungen nach den Namen meines geliebten Bruders; des heiligen James, taufen laſſen; aber ich weiß nicht, wie es geſchah, es gelang mir nie, ihn zur vollen Anerkennung der Tugenden jenes gottesfürchtigen jungen Mannes zu bewegen.“ Dutton war einigermaßen in erlegenheit, denn der heilige — 49 4 James hatte alles Andere weit eher, als den Geruch eines gottes⸗ fürchtigen Mannes hinterlaſſen, und der Quartiermeiſter, der lieber das Gegentheil der Wahrheit beſtätigen als Gefahr laufen wollte, ſeinen Grundherrn zu beleidigen, ſchickte ſich eben an, Sir Wycherly's Behauptung mit ſo vieler Keckheit, als er nur immer aufbieten konnte, zu wiederholen, als glücklicherweiſe in dem Stande des Nebels eine Aenderung vorging, die ihm eine günſtige Gelegenheit bot, dem Geſpräche eine paſſendere Wendung zu geben. Den ganzen Morgen über hatte, ſo weit das Auge reichte, ein dichter Nebeldunſt die See bedeckt und dieſe ihrer ganzen Aus⸗ dehnung nach in eine einzige weiße Rauchwolke eingehüllt, ſo daß auf dem Gipfel des Stationshügels auch nicht das Mindeſte zu ſehen war. Die leichteren Dunſtwölkchen hatten im Anfange auch die Landſpitze umzogen und dieſe auf eine weitere Entfernung unſichtbar gemacht; allmählig aber hatte ſich alles Gewölk in eine einzige dichte Maſſe geſammelt, die von dem Spiegel des Meeres bis etwa auf zwanzig Fuß unterhalb des Gipfels ſich ausbreitete. Es war zwar noch ſehr früh am Tag, doch äußerte die Sonne immer mehr ihre Kraft, indem ſie raſch die feineren Nebeltheilchen einſog, ſo daß die Atmoſphäre über der dünnen Wolkenſchichte, die noch auf den Gewäſſern ruhte, rein und klar hervortrat und meilenweit die Gegenſtände deutlich erkennen ließ. Es herrſchte eben ein leichter Seewind, von der Art, wie's die Seeleute eine ‚fächelnde Briſe“ zu nennen pflegen, d. h. ein Lüftchen, gerade ſtark genug, um die leichteren Segel eines Schiffs unter der gedoppelten Einwirkung des Windes und der Bewegung des Rumpfes bald anſchwellen und bald wieder zuſammenſinken zu laſſen— ein Manöver, das in gewiſſem Grade mit dem Schwenken eines Damenfächers Aehnlichkeit hat und davon wohl auch ſeinen Namen erhalten haben mag. Dutton's Auge hatte über dem Nebel das oberſte Segel eines Schiffs entdeckt, das gerade in einer ſolchen Bewegung begriffen Die beiden Admirale. 2. Aufl. 4 s, der ihm zu ſeiner großen Erleich⸗ terung die gewünſchte Gelegenheit gewaͤhrte, die Aufmerkſamkeit ſeiner Gefährten auf denſelben Gegenſtand hinzulenken. „Seht, ſeht, Sir Wycherly— da ſchaut mal, Mr. Wyche⸗ combe,“ rief er eifrig und deutete nach dem fernen Segel,„dort iſt ein königliches Schiff nach unſerer Rhede im Anzug oder ich müßte mich ſehr ſchlecht auf die Stellung des großen Oberbram⸗ ſegels bei einem Linienſchiffe verſtehen. Für ein ſo luftiges Segel iſt's traun ein tüchtiges Stück Tuch, Herr Lieutenant.“ „Es iſt das Oberbramſegel von einem Zweidecker, Meiſter Dutton,“ erwiederte der junge Seemann;„und jetzt, da das Schiff ſeitwärts ſchwenkt, könnt Ihr auch Fock⸗ und Hauptmaſt deutlich erkennen?“ „Nun,“ bemerkte Sir Wycherly in reſignirtem Tone,„ich habe doch ſchon meine achtzig Jahre an dieſer Küſte verlebt, und bin doch mein ganzes Leben lang noch nie im Stande geweſen ein Vor⸗ bram⸗ von einem Bramkreuzſegel“ oder das Kreuzſtengen⸗ von Stengenkreuzſtag e*r zu unterſcheiden. Für mich iſt dieß das kon⸗ fuſeſte Zeug, das ich mir nur zu denken vermag und ich kann wahr⸗ haftig nicht begreifen, wie Ihr an jenem Segel da drüben, das ich auch ganz deutlich vor Augen ſehe, erkennen wollt, daß es das große Oberbramſegel und nicht vielmehr der Klüver“ ſey.“ Dutton und der Lieutenant ſahen ſich lächelnd an. Sir Wy⸗ cherly's Einfalt war übrigens von einer ſolchen Wahrheit und Natür⸗ lichkeit durchdrungen⸗ daß wohl ſchwerlich Jemand auf den Gedanken * Beides ſind Bramſegel, erſteres am Fock⸗, letzteres am Beſanmaſt. ** Stag iſt überhaupt ein Tau, wodurch jeder Maſt und jede Stenge ihre Befeſtigung nach vorn erhält. Kreuzſtengen⸗ und Stengenkreuz⸗ ſtag, ſind die beiden Stags, welche, erſteres das obere, letzteres das un⸗ tere Ende der Kreu zſtenge mit dem großen Maſt verbinden. en Iſt ein ſtarker genannte Segel iſt vier⸗ war und dieſer Umſtand war e Beweis von des Baronets Unwiſſenheit, denn das erſt⸗ das Klüverſegel dagegen nur dreieckig. D. U. 51 kommen konnte, ſich über den alten Baronet luſtig machen zu wol⸗ len, deſſen Rang, Reichthum und Anſehen bei ſolchen Veranlaſſungen unter ſeiner Umgebung gleichfalls nicht wenig in Anſchlag kam. „Da drüben weiter öſtlich iſt ein zweiter Burſche,“ rief Dutton und wies mit dem Finger nach der bezeichneten Himmelsgegend, „und zwar Zoll für Zoll ſo groß wie ſein Gefährte. Ha! welch erfreulicher Anblick für meine Augen, wenn ſie nach Allem, was ich zum Beſten unſerer Rhede geſagt und gethan habe, dieſelbe endlich auf ſolche Art in Aufnahme kommen ſehen!— Aber halt! wer iſt denn das?— ein Zwillingsbruder, allem Anſchein nach; vermuthlich ein müßiger Kreuzer, der mit Depeſchen an's Land geſchickt worden.“ „Dort iſt ein zweiter Burſche weiter öſtlich und Zoll für Zoll ſo groß wie ſein Gefährte,“ rief Wychecombe, wie wir in Zukunft unſern Schiffslieutenant zur Unterſcheidung von ſeinem Namensvetter Tom nennen wollen, mit Dutton's eigenen Worten und wies dabei mit ſchnell beſonnenem Witz auf zwei Fremdlinge, welche auf einem Fußpfade, der von dem Strande aufwärts führte, nach den Signal⸗ poſten heranſtiegen.„Gewiß ſtehen dieſe beiden Herren in Sr. Majeſtät Dienſten und ſind wohl eben von jenen Schiffen, die wir da draußen in der See erblicken, an's Land geſtiegen.“ Dutton erkannte auf den erſten Blick das Richtige dieſer Ver⸗ muthung. Die beiden Fremdlinge trafen nach einiger Zeit unter⸗ wegs mit einander zuſammen und der, den man zuletzt wahrgenommen hatte, ging ſodann dem Andern voran; ſein Alter, die zuverſichtliche Art ſeines Auftretens, ſo wie überhaupt ſein ganzes Weſen ließ die beiden Seeleute vermuthen, daß er wohl der Kommandant eines jener Schiffe ſeyn möchte, welche eben erſt vor ihren Blicken auf⸗ getaucht waren. „Guten Morgen, Ihr Herren,“ begann der ſo eben Geſchilderte, als er der Geſellſchaft am Fuß des Flaggenſtocks ſo nahe gekommen war, daß ſein Gruß vernommen werden konnte;„guten Morgen 52 Euch Allen! Ich bin herzlich froh, daß ich endlich unter Euch ſtehe, denn dieſer Pfad da, an dem Felsabhange aufwärts, iſt wahrhaftig kaum beſſer als eine Jakobsleiter zu nennen.— He! Atwood!“ rief er überraſcht, als er ringsum auf das Nebelmeer hinabſchaute, „was zum Teufel iſt denn aus unſerer Flotte geworden?“ „Sie liegt im Nebel begraben, Sir; hier oben ſtehen wir üͤber dem Gewölk; ſo lange wir mit unſeren Schiffen in gleicher Höhe waren, konnten wir mehr, als jetzt, von ihnen ſehen oder wenigſtens zu ſehen uns einbilden.“ „Hier ſind die Oberſegel zweier großen Schiffe, Sir,“ bemerkte Wychecombe und deutete auf die beiden bereits erwähnten Fahr⸗ zeuge;„ja, ja— und dort draußen ſind noch zwei weitere: nichts als ihre Oberbramſegel ſind gegenwärtig ſichtbar.“ „Zwei weitere!— ich hatte eilf Zweidecker, drei Fregatten, eine Schaluppe und einen Kutter vor meinen Augen, als ich in's Boot ſtieg. Ihr hättet ſte alle mit einem Taſchentuche zudecken können— nicht wahr, Atwood?“ 3 „Sie waren allerdings ſehr dicht neben einander aufmarſchirt, Sir, ob aber gerade ganz ſo nahe, wie Ihr bemerktet, das moͤchte ich denn doch nicht behaupten.“ 3 „Ach was, Ihr ſeyd Eures Gewerbs ein Diſſenter und wollt niemals an ein Wunder glauben. Saure Arbeit das, ihr Herren, wenn man mit Fünfzig auf dem Rücken einen ſolchen Hügel hinanklettern ſoll.“ „Allerdings, Sir, das iſt es wirklich,“ antwortete Sir Wycherly ſehr freundlich.„Wollt Ihr Euch nicht gefälligſt unter uns nieder⸗ laſſen, Sir, um Euch nach einer ſo ſtarken Anſtrengung wieder zu erholen. Der Felſen iſt wahrlich ſchwierig genug zu erſteigen, ſelbſt wenn man ſich pünktlich an den Fußpfad hält und da haben wir nun gar hier einen jungen Herrn, den kaum vorhin die Luſt an⸗ wandelte, ohne Pfad die Klippe hinabzuklettern und Alles aus dem einzigen Grunde, um einem hübſchen Mädchen ein Blumenſträußchen zum Frühſtück anzubieten.“ 5³3 Der Fremde betrachtete Sir Wycherly einen Augenblick mit vieler Aufmerkſamkeit, muſterte dann mit raſchem Blick den Reit⸗ knecht mit ſeinem Pony und wandte ſich hierauf zu Tom Wyche⸗ combe, dem Lieutenant und dem Quartiermeiſter. Er war, wie es ſchien, gewöhnt, mit ſcharfem, ſchnell auffaſſendem Blicke ſich um⸗ zuſehen, und hatte ſich bereits, vielleicht mit einziger Ausnahme Tom Wychecombe's, ein Charakterbild von der ganzen Gruppe entworfen; ja ſelbſt von dieſem war eine ziemlich ſchlimme Vermu⸗ thung in ſeinem Geiſte aufgeſtiegen. Aus Sir Wycherly machte er augenblicklich den Squire der nächſt gelegenen Beſitzung; Dut⸗ ton's Stand war ihm keinen Augenblick räthſelhaft, denn er erkannte in ihm ſogleich einen heruntergekommenen Quartiermeiſter, der jetzt die Aufſicht auf dem Signalpoſten zu führen hatte, und Wychecombe mußte, nach ſeinem Anzug und ſeiner ganzen Miene zu ſchließen, nothwendig ein Schiffslieutenant in königlichen Dienſten ſeyn. Tom Wychecombe erſchien ihm mit vieler Wahrſcheinlichkeit als Sohn und Erbe des Gutsherrn, da beide gleichermaßen Trauerkleidung trugen; doch war ihm alsbald völlig klar, daß zwiſchen ihnen auch nicht die geringſte Familienähnlichkeit beſtehe. Der Fremde verbeugte ſich höflich wie ein Mann, der eine Artigkeit anzuerkennen weiß, und nahm ohne weitere Umſtände den angebotenen Sitz neben Sir Wycherly ein. „Wir müſſen den Jungen mit uns auf die See hinaus nehmen, Sir,“ begann er auf's Neue,„das wird ihn ſchon von ſeiner Sucht kuriren und ich wette, daß er dann nicht mehr an ſo kitzlichen Stellen nach Blumen ſuchen wird. Seine Majeſtät bedarf in dieſem Kriege aller ſeiner Diener und ich wollte ſchwören, junger Herr, daß Ihr nicht gar zu lange hier am Ufer unter den Maͤdchen verweilt habt.“ „Nur ſo lange, als die Heilung einer ziemlich ſcharfen Wunde erforderte, die ich beim Entern eines Luggers an der gegenüberliegenden Küſte davontrug,“ antwortete Wychecombe mit geziemender Beſcheiden⸗ heit, doch nicht ohne das gehörige Feuer und Selbſtvertrauen. — ha wie!— Atwood? Ihr meint doch „Eines Luggers! r e nicht la Voltigeuse, junger Her „Dieß war der Name des Schiffs, Sir— wir trafen es auf der Rhede von Croix.“ „So habe ich das Vergnügen, Mr. Wychecombe vor mir zu ſehen— den jungen Offizier, der jenen tapferen Angriff leitete?“ Bei dieſer hochſt ſchmeichelhaften Anrede erhob ſich der Fremde und nahm den Hut ab; ſeine Worte verriethen dabei eine Wärme, eine ungekünſtelte Herzlichkeit, welche deutlich bewies, wie ſehr ſeine Gefühle mit dem, was er ſprach, im Einklange ſtanden. „Ich heiße Wychecombe, Sir,“ antwortete der Andere und erröthete bis über die Schläfe, während er den Gruß höflich erwie⸗ derte;„übrigens hatte ich nicht die Ehre, den genannten Angriff ſelbſt zu kommandiren, denn einer unſerer Schiffslieutenants befand ſich auf dem zweiten Boote.“ „Ja, ja— ich weiß das Alles— er wurde zurückgeſchlagen und Ihr habt einſtweilen geentert und die Eroberung vollendet. Was haben nun unſere Lordkommiſſäre in der Sache gethan?“ „Alles, mas nöthig iſt, ſoweit es nämlich mich ſelbſt betrifft, Sir, das kann ich Euch verſichern; ſchon die Woche darauf wurde mir ein Lieutenantspatent überſendet. Ich wünſchte nur, ſte wären gegen Mr. Walton gleich großmuthig geweſen, denn er erhielt ebenfalls eine ſchwere Wunde und benahm ſich ſo tapfer, wie nur ein Mann ſich benehmen konnte.“ „Das wäre nicht eben ſo weiſe geweſen, Mr. Wychecombe, denn eine fehlgeſchlagene Unternehmung wäre dadurch auch noch belohnt worden,“ antwortete der Fremde kalt.„Das Gelingen einer Sache gilt uns im Kriege am Höchſten.— Hal jetzt endlich fangen die Burſche an, ſichtbar zu werden, Atwood.“ Dieſe Bemerkung zog Aller Augen wieder nach der See, wo ſich nunmehr ein Schauſpiel eröffnete, das in der That eines flüch⸗ tigen Blickes wohl würdig war. Der Nebel ſchien ſich jetzt in eine 4 4 — 8— 5⁵ dichte Maſſe von etlichen achtzig bis hundert Fußen Höhe zuſammen⸗ gedrängt zu haben; oberhalb deſſelben war der Himmel vollkommen rein und hell und die höheren Spieren und Segel der ganzen von den Fremden erwähnten Flotte waren ſcharf gegen den klaren Hin⸗ tergrund abgezeichnet. Im Ganzen zaͤhlte man ſechzehn Segel; nämlich eilf Zweidecker und drei Fregatten, welche, unter einer Pyramide von Segeln daher ſchwimmend, gegen den Ankerplatz der Rhede herſteuerten, der un⸗ gefähr einen Piſtolenſchuß vom Ufer entfernt war. Von den beiden noch übrigen Schiffen ſchien die Schaluppe mit ihrem Oberbram⸗ und dem höchſten Theile des Bramſegels einem Denkmale gleich auf dem nebligen Hintergrunde ſich abzudrücken und nach einer kleinen Weile entdeckte Wychecombe ſogar den Top von dem Hauptmaſte des Kutters, von deſſen Spitze die Flagge, theilweiſe in Nebel ge⸗ hüllt, nachlaͤſſig herabflatterte. Der Nebel ſchien, ſtatt aufwärts zu ſteigen, ſich im Gegentheil immer mehr herabzuſenken und wälzte ſich, wie man deutlich an der zunehmenden Bewegung des Ganzen bemerken konnte, in langſamem Zuge über die Oberfläche des Waſſers hin. Kurz darauf, nachdem die Topsdder Linienſchiffe aus dem Dunſtmeere herausgetreten waren, wurden auch zum erſten Male lebende Weſen unter den wogenden Maſſen ſichtbar. „Ich denke, die Marspoſten auf den Schiffen können uns eben ſo gut entdecken, als wir ſie von hier aus im Auge haben,“ be⸗ merkte der Unbekannte.„Sie müſſen dieſe Landſpitze mit dem- Flaggenſtock darauf ſehen, und ſo wird wohl keine Gefahr dabei ſeyn, wenn ſie ſo nahe herankommen; nicht wahr, Mr. Wychecombe?“ „Ich ſollte kaum glauben, Sir; jedenfalls muß die Mannſchaft auf den oberen Ragen die Klippen eben ſo gut über den Nebel hervorragen ſehen, als wir die Spieren der Schiffe erkennen. Ha! Mr. Dutton, dort drüben auf dem öſtlichen Flügel der Schiffslinie weht eine Contreadmirals⸗Flagge!“ „Ja, ja, Sir, ich bemerke ſie wohl; aber ſeht einmal dort 56 das dritte Schiff vom weſtlichen Flügel an gerechnet— da werdet Ihr am Fockmaſt ein Stückchen Tuch gewahren, das Euch ver⸗ kündet, daß ſich ein Vieeadmiral am Bord deſſelben befindet.“ „Wahrhaftig, Ihr habt Recht!“ rief Wychecombe, der für Alles, was ſeinen Stand berührte, enthuſtaſtiſch eingenommen war;„es iſt ein Biceadmiral von der rothen Flagge, und demnach der Nächſte zum wirklichen Admiral. Das muß Sir Digby Downes Flotte ſeyn!“ „Nein, junger Herr,“ erwiederte der Fremde, der an des Andern Blicke bemerkte, daß dieſer eine indirekte Frage an ihn zu richten beabſichtigt hatte;„es iſt das ſüdliche Geſchwader. Die Biceadmiralsflagge, die Ihr ſeht, gehört Sir Gervaiſe Oakes und am Bord jenes Schiffs mit der Flagge am Beſanmaſt befindet ſich Admiral Bluewater.“ „Die beiden Offiziere ſind immer beiſammen, Sir Wycherly,“ fügte der junge Mann erläuternd bei.„So oft wir Sir Gervaiſe Namen hören, dürfen wir darauf zählen, daß der von Bluewater gewiß daneben ſtehen wird. Eine ſolche Freundſchaft im Dienſte iſt wahrlich ein herrlicher Anblick.“ „Wohl ziemt's den Beiden, Mr. Wychecombe, daß ſie ſich jederzeit neben einander ſehen laſſen,“ erwiederte der Unbekannte, nicht ohne einige Bewegung zu verrathen.„Oakes und Bluewater waren beide unter dem alten Breaſthook zu gleicher Zeit als Kadetten auf der Mermaid, und nachdem der Erſte als Lieutenant auf den Squid verſetzt worden, folgte ihm der Letztere als Kadett eben dahin. Oakes war erſter und Bluewater dritter Lieutenant auf dem Briton und ſie beſtanden damals mit einander jenen berühmten Kampf mit den ſpaniſchen Fregatten. Für die Tapferkeit, welche er damals bewieſen, wurde Oakes mit dem Kommando einer Schaluppe belohnt, wohin ihn ſein Freund als erſter Lieutenant begleitete. Das Jahr darauf fügte es das Glück, daß ſie ein Schiff eroberten, das weit bedeu⸗ tender als ihr eigenes war, und jetzt zum erſten Male während ihrer ganzen Dienſtzeit mußten ſich die beiden Freunde trennen: * ä 57 Oakes bekam eine Fregatte, Bluewater dagegen den Squid zu kommandiren. Aber noch immer kreuzten ſie wenigſtens in Gemein⸗ ſchaft mit einander, bis der Aelteve von Beiden mit der Comodo⸗ re's Flagge zum Kommando eines fliegenden Geſchwaders abgeſendet wurde und der Jüngere, der unterdeſſen zweiter Kapitän geworden war, ſeinen alten Tiſchgenoſſen am Bord ſeiner eigenen Fregatte aufnahm. Auf dieſe Art dienten beide Offiziere bis zu dem Augen⸗ blick, wo der Erſtere die Admiralsflagge aufzog. Von jener Zeit an trennten ſich die zwei alten Seemänner nie wieder; Bluewater begleitete ſeinen Admiral als Linienkapitän, bis auch er durch die Admiralsflagge geehrt wurde. Der Viceadmiral führte ſeitdem nie⸗ mals die Avantgarde, ohne daß der Contreadmiral die Reſervedi⸗ viſton kommandirt hätte und nun, da Sir Gervaiſe der Oberadmiral der Flotte geworden, ſeht Ihr ſeinen Freund, Richard Bluewater, abermals in ſeiner Geſellſchaft.“ Während der Unbekannte den Lebenslauf der beiden Admirale halb ernſt⸗ halb ſcherzhaft erzählte, waren die Augen ſeiner Ge⸗ fährten aufmerkſam auf ihn geheftet. Er war ein Mann von mitt⸗ lerer Größe, mit röthlichem Geſicht, einer Adlernaſe und feurigen hellblauen Augen; dabei deutete ſein Mund weitmehr auf die fei⸗ neren Sitten und Bedürfniſſe des höheren Lebens, als man dieß aus ſeinem Anzuge oder ſeiner für gewöhnlich höchſt unbekümmerten Miene hätte ſchließen ſollen. Es iſt ſchon ſo Vieles über die Vor⸗ nehmheit der Ohren, der Hände oder des Fußes geſprochen worden; aber von all' dieſen oder auch noch anderen Körpertheilen ſind Mund und Naſe offenbar die wichtigſten, wenn es ſich darum han⸗ delt, einem Antlitze den Ausdruck des Adels zu verleihen. Dieß war ganz beſonders bei dem Fremden der Fall; ſeine Vogelnaſe deutete, gleich dem Schiffsſchnabel einer alten Galeere, auf ſtatt⸗ liche Bewegungen des Beſitzers, während die ſchönen Zähne und das gewinnende Lächeln des Mundes den häufig ſehr ernſten Aus⸗ druck ſeines Geſichtes milderten und erheiterten. Nachdem der Unbekannte zu ſprechen aufgehört hatte, erhob ſich Dutton mit auffallender Ehrerbietung, entblößte ſein Haupt und machte eine tiefe Verbeugung, ſo daß der obere Theil ſeines Körpers mit dem unteren beinahe einen rechten Winkel bildete. „Wenn mein Gedächtniß mich nicht irre führt, ſo glaube ich die Ehre zu haben, den Contreadmiral Bluewater in eigener Per⸗ ſon vor mir zu ſehen; ich diente als Bootsmann auf dem Med⸗ way, während er die Chloe kommandirte, und wenn er ſich in den letzten fünf und zwanzig Jahren nicht mehr verändert hat, als ich für wahrſcheinlich halte, ſo muß er ſich jetzt auf dieſem Hügel befinden.“ „Euer Gedächtniß iſt nicht ſonderlich treu, Mr. Dutton, und Euer Hügel trägt auf ſeinem Gipfel einen in jeder Beziehung ge⸗ ringeren Mann, als Admiral Bluewater iſt. Man ſagt ja, daß Mann und Frau— wenn durch längeres Zuſammenleben gleiche Denkungsweiſe und gleiche Neigungen ſich erzeugen und wenn die⸗ ſelben Dinge gemeinſchaftliche Gegenſtände der Liebe oder des Haſſes auf beiden Seiten werden— allmählig auch eine gewiſſe äußere Aehnlichkeit annehmen— und darum mag es wohl ſeyn, daß ich aus demſelben Grunde Bluewater ähnlich geworden bin; meint Ihr nicht auch, Atwood? Uebrigens iſt es heute das erſte Mal, daß ich dieſe Behauptung ausſprechen hörte.— Mit Eurer Erlaubniß, Sir, bin ich Sir Gervaiſe Oakes ſelber.“ Dutton's Verbeugung wurde nun noch viel tiefer als zuvor und auch der junge Wychecombe nahm ſeinen Hut ab, Sir Wy⸗ cherly aber ſtand auf und ſtellte ſich dem Admiral unter den herz⸗ lichſten Begrüßungen vor, wobei er nicht unterließ, ihn und alle ſeine Offiziere gaſtfreundlich auf ſein Schloß einzuladen. „Nun das heiße ich einmal eine offene, herzliche Einladung, ganz nach der guten alten engliſchen Sitte!“ rief der Admiral, nachdem er die Begrüßung des Baronets erwiedert und ihm für ſein Anerbieteu herzlich gedankt hatte.„Da nehmt zum Beiſpiel 5 59 einmal Schottland— wählt Euch zwiſchen dem Tweed und John o'Groat's Haus einen Landungspunkt, welchen Ihr wollt, man wird Euch nicht einmal einen Haferkuchen zum Willkomm an⸗ bieten— doch nein, halt, den Thau der Gebirge;“ den dürfen wir freilich nicht vergeſſen— nicht wahr, Atwood?“ „Sir Gervaiſe läßt ſich nun ſchon einmal ſeine Stichreden gegen meine armen Landsleute nicht nehmen, und ſo vermag ich auch nichts Weiteres über die Sache zu ſagen,“ antwortete der Sekretär, denn in dieſem Rang ſtand der ſchon erwähnte Begleiter des Admirals.„Ich könnte mich zuweilen dadurch verletzt fühlen, Sir, wenn ich nicht wüßte, daß Ihr auf Eurem eigenen Schiffe ſo viele Schottländer, als nur immer möglich iſt, anſtellt und eine Flotte um ſo höher in Eurem Urtheile ſteht, wenn je die Hälfte der Kapitäns aus dem Lande der Haferkuchen abſtammt.“ „Habt Ihr je ſo Etwas gehört, Sir Wycherly? Weil ich einen Menſchen, den ich gern habe, auch bei mir zu behalten wünſche, kömmt er nun gar und beſchuldigt mich, daß ich eine Vorliebe für ſein ganzes Vaterland hege. Da iſt Atwood zum Beiſpiel; er war mein Schreiber, als ich noch eine Schaluppe kom⸗ mandirte, und iſt mir auch auf den Plantagenet gefolgt; weil ich ihn nun nicht über Bord werfe, ſo möchte er der Welt weiß machen, ich führe halb Schottland auf meinem Schiffe mit mir.“ „Nun da iſt doch weiter der Chirurg, der Zahlmeiſter, einer von den Kadetten, einer von den Marineoffizieren und endlich noch der vierte Lieutenant, die mir ſämmtlich Geſellſchaft leiſten, Sir Ger⸗ vaiſe,“ erwiederte der Sekretär und lächelte wie ein Mann, der an die Scherze ſeines Vorgeſetzten gewöhnt iſt und ſich keineswegs dadurch außer Faſſung bringen läßt.„Wolltet Ihr nun alle nach „* So nennt man euphemiſtiſch den Branntwein der Hochländer, der jedem Fremden von Bedeutung, ſogar den engliſchen Regenten bei ihren Beſuchen, von einem vornehmen Repräſentanten des Landes zum Willkomm angebo⸗ ten wird. D. U. 60 Schottland zurückſchicken, Sir, ſo mein' ich doch, würde es manche leere Stelle auf Eurer Flotte geben.“ „Die Schotten wiſſen ſich jederzeit ſehr nützlich zu machen, Sir Gervaiſe,“ warf Sir Wycherly ein, und ſuchte den ſcheinbaren Streit zu beſchwichtigen;„und jetzt, da ein braunſchweigiſcher Prinz auf unſerem Throne ſitzt, haben wir Engländer weit weniger Grund zur Eiferſucht als früher. Ich würde mich gewiß ſehr glücklich fühlen, wenn ich all' die Herren, deren Mr. Atwood erwähnte, in Wychecombe⸗Hall beiſammen ſehen könnte.“ „Nun, da werdet Ihr, ſo lange die Flotte auf dieſer Rhede ſich befindet, ſtets volle Quartiere in Eurem Hauſe haben. Uebri⸗ gens danke ich Euch, Sir Wycherly, im Namen von Schottland.— Was das aber ein außerordentlicher Anblick iſt, Atwood! Schon oft habe ich den Rumpf der Schiffe geſehen, während ihre Spieren in Nebel gehüllt waren; aber ich erinnere mich nicht, daß ich jemals Maſten und Tackelwerk von ſechzehn Segeln im Dunſtgewölke hätte daherkommen ſehen, ohne auch nur einen einzigen Rumpf, der ſie trüge, zu erblicken. Die Topmaſten der Zweidecker ſind alle ſo deutlich zu erkennen, als ob ſich kein einziges Nebelwölkchen in der Atmoſphäre befände, und doch iſt von den Schwigtingen der Putting⸗ taue abwärts Alles in eine Dunſtmaſſe eingehüllt, die faſt eben ſo dicht iſt als der Pulverdampf wäͤhrend einer Schlacht.— Ich muß übrigens geſtehen, Mr. Dutton, Bluewater's Aufſtellung ſo nahe bei den Klippen will mir nur halb gefallen; am Ende ſehen ſie die Klippen doch nicht, denn ich verſichere Euch, wir ſelbſt bemerkten ſte erſt, als wir ganz nahe davor ſtanden. Wir näherten uns dem Lande mit Hülfe des Senkblei's und unſere Steuermänner mußten ſich ihren Weg wie blinde Bettler blos durch's Taſten herausſuchen!“ „Unſer Neunpfünder hier iſt ſtets geladen, Sir Gervaiſe!“ antwortete der Stationsaufſeher,„um ſolche Schiffe, die zu nahe herankommen, durch Signalſchüſſe zu warnen; wenn Mr. Wyche⸗ combe, der jünger iſt als ich, nach meinem Hauſe zurückgehen und 61 dieſe Lunte daſelbſt anzünden will, ſo kann ich in weniger als einer Minute losbrennen und ihnen ein Warnungszeichen geben, damit ſie merken, wo ſie ſich befinden.“ Der Admiral billigte dieſen Vorſchlag ſehr gerne und die be⸗ treffenden Perſonen ſchickten ſich augenblicklich an, denſelben auszu⸗ führen. Wychecombe war herzlich froh, daß er auf dieſe Art wieder Gelegenheit fand, ſich nach Mildred's Befinden erkundigen zu können und beſchleunigte deßhalb ſeine Schritte nach dem Hauſe, wo er die Lunte anzünden wollte. Dutton zog indeſſen ſein Pulver⸗ horn aus einer Art Protzkiſte, die neben der Kanone ſtand und ſetzte Letztere in gehörigen Stand, um ſie augenblicklich losfeuern zu können. Der junge Mann war kaum eine Minute abweſend und wandte ſich, als Alles fertig war, wieder nach dem Admiral, um deſſen fernere Befehle abzuwarten. „Nur losgefeuert, Mr. Wychecombe,“ rief Sir Gervaiſe lächelnd;„ich denke, Bluewater wird dann ſchon erwachen und uns vielleicht zur Erwiederung mit einer vollen Lage beehren.“ Die Lunte fuhr an das Zündloch und alsbald hörte man den Donner der Kanone. Wohl länger als eine Minute war alles ſtill— dann aber zerſtob mit einem Male der Nebel, welcher den Dauntleß*(das Schiff mit der Contreadmiralsflagge) eingehüllt hatte, ein Blitz⸗ ſtrahl ſchlug durch die dicke Wolkenſchichte und nach einiger Zeit hörte man den Knall eines ſchweren Geſchützes. Faſt in demſelben Augenblicke zeigten ſich drei kleine Flaggen auf dem oberſten Maſte des Dauntleß, denn Sir Gervaiſe hatte, ehe er ſein eigenes Schiff verließ, ſeinem Freunde durch eine Ordonnanz melden laſſen, daß er während ſeiner Abweſenheit das Kommando der Flotte über⸗ nehmen möchte. Dieß war das Zeichen zum Ankern. Von der Höhe herab geſehen gewährte die Bewegung, welche * Auf deutſch der ‚Unverzagte“. 62 dieſem Signale folgte, einen überraſchenden Anblick.— Der Nebel hing immer noch feſt an der Oberfläche des Waſſers, ſo daß nicht ein einziger Rumpf ſichtbar war und ſelbſt die unteren Raaen der Zweidecker dem Auge verborgen blieben. Darüber ſchien die Sonne hell und glänzend und das Ganze war den Zuſchauern ſo nahe ge⸗ rückt, daß man ſogar einzelne Perſonen unterſcheiden konnte. Reges Leben herrſchte in den oberen Regionen, während eine Art über⸗ natürlichen Geheimniſſes die unteren Parthien verhüllte. Jedes Schiff hatte einen Offizier auf dem oberſten Marſe, der nach den Signalen ausſchauen mußte; kaum hatte daher der Dauntleß ſeine drei kleinen Flaggen gezeigt, die er ſchon lange zuvor, in ſchwarze Ballen gehüllt, zu dieſem Zwecke parat gehalten hatte, als man auch ſogleich die beantwortenden Zeichen auf allen Schiffen von einem Top zum andern hinüberfliegen ſah. Kaum war dieß geſchehen, als die Zuſchauer ein noch weit merkwürdigeres Schauſpiel, als dasjenige wur, das bis jetzt ihre Blicke gefeſſelt hatte— vor ihren Augen ſich entwickeln ſahen. Auf der Flotte begannen die Taue ſich in Bewegung zu ſetzen und die Segel wurden, ſcheinbar von unſichtbaren Händen, in langen Feſt⸗ gewinden an den Raaen feſtgebunden. Von jeder ſichtbaren Ver⸗ bindung mit dem Ocean oder dem Rumpf der Schiffe abgeſchnitten ſchienen die Spieren der verſchiedenen Fahrzeuge von eigenthümlichem Leben beſeelt zu ſeyn, jede einzelne Maſchine ſpielte ihre Rolle unabhängig von den übrigen, nur daß ein gemeinſamer Zweck ſie alle zu leiten ſchien. Nach wenigen Minuten waren die Segel eingebunden und die ganze Flotte ſchaukelte ſich auf ihren Ankern. Ein Kopf nach dem andern tauchte in dem Nebel empor; die oberen Raaen wimmelten von Leuten, welche die Segel handhabten. Nach dieſem wurden die Raaen ins Kreuz gebraßt, was man aber nicht ſo deutlich ſehen konnte und mehr aus der angedeuteten Bewegung muthmaßen mußte. Die Matroſen kletterten wieder an den Maſten herab und 63 die ſtolze Flotte lag vor Anker, ohne daß man auf den Klippen mehr als die Marſen und oberen Spieren derſelben gewahren konnte. Sir Gervaiſe Oakes hatte während der ganzen Zeit, da das Ankern der Flotte vor ſich gegangen war, nicht eine Sylbe ge⸗ ſprochen, ſo ſehr war er von der Schönheit eines Anblicks betroffen und ergötzt, der ihm bis jetzt noch völlig neu geweſen. In der That kann wohl Mancher ſein ganzes Leben auf der See zubringen, ohne jemals eine ſolche Scene mit anſehen zu können; wer aber ſchon einmal einen ähnlichen Anblick genoſſen hat, der weiß auch, daß es eines der ſchönſten, prächtigſten Schauſpiele iſt, welches die Wunderwelt über der großen Tiefe für unſere neugierigen Blicke aufbewahrt. Mittlerweile war die Sonne ſo hoch heraufgekommen, daß ſie den Nebel zu zerſtreuen begann, und gleich dem Rauch aus einer Kohlengrube wogten nun die Dunſtſtreifen die Küſte entlang. Dazu erhob ſich noch der Wind und rpollte die Nebelwolken in dicken Ballen vor ſich her, bis endlich, in weniger als zehn Minuten, der Schleier ſich hob, ein Schiff nach dem andern aus der Umhüllung heraustrat und die ganze Flotte in ihren wahren Verhältniſſen auf der Rhede vor Anker geſehen wurde. „Bluewater iſt doch ein glücklicher Junge,“ rief endlich Sir Gervaiſe.„Sieht da ſeinen Erbfeind, das Land vor ſich und weiß ſogleich auch, wie er mit demſelben umzuſpringen hat.“ „Ich war immer der Meinung, die Franzmänner ſeyen dier Erb⸗ und Todfeinde jedes brittiſchen Seemannes,“ bemerkte Sir Wycherly in ſeiner Einfalt, aber dießmal ganz paſſend. „Hum— auch daran iſt etwas Wahres. Nur iſt das Land ein Feind, den man zu fürchten hat, was der Franzoſe dagegen nicht iſt— nicht wahr, Atwood?“ Es war in der That ein wundervoller Anblick, wenn man die ſchöne Flotte am Fuß der Klippen von Wychecombe vor Anker liegen ſah. Sir Gervaiſe Oakes wurde eben dazumal für einen 64 glücklichen Flottenkommandanten angeſehen und war darum ein Lieb⸗ ling der Admiralität wie der ganzen Nation. Seine Popularität erſtreckte ſich uͤber die fernſten Kolonien ſeines Landes, da er faſt in allen mit Eifer und Glück gedient hatte. Wir ſchreiben übrigens hier noch nicht von einem Zeitalter der Heldenthaten und Wunder, wie ſie in der darauf folgenden Periode, gegen das Ende des Jahrhunderts, zur See ausgeführt wurden. Die Franzoſen, die Holländer, ja ſelbſt die Spanier waren damals alle noch als Seemächte furchtbar; denn noch hatten Revolutionen und Aenderungen aller Art das Marinecorps der übrigen Nationen nicht zerſtört, und noch lagen die übrigen Seemächte vor dem fort⸗ währenden Aufſchwung der engliſchen Marine noch nicht ſo gänzlich darnieder, wie dieß ſpäter der Fall war und ſchon oben als eine der beiden großen Urſachen der ſcheinbaren Unüberwindlichkeit dieſes Volkes angeführt wurde. In jenen Tagen wurden noch heiße See⸗ ſchlachten geliefert und blieben, beſonders wenn ganze Flotten ein⸗ ander gegenüber ſtanden, oft ohne entſcheidenden Erfolg. Einzelne Gefechte waren in der Regel entſcheidender, doch war man damals noch weit entfernt, den jedesmaligen Sieg der brittiſchen Flagge als eine natürliche und unfehlbare Folge der Sache ſelbſt anzuſehen, wie dieß ſpäter allerdings Mode wurde. Mit einem Wort, die Krieg⸗ führung zur See hatte noch nicht jene großen Fortſchritte gemacht, welche Englands ſpätere Laufbahn bezeichnen, und war eben ſo wenig bei deſſen Feinden ſo weit zurückgeſchritten, daß ihre Niederlage in einem Kampfe mit brittiſchen Seeleuten ſo gut wie zur Gewiß⸗ heit erhoben wurde. Immerhin aber war Sir Gervaiſe ein glücklicher Offizier, denn er hatte in mehreren blutigen Kämpfen verſchiedene einzelne Schiffe erobert, hatte in vier oder fünf der großen Schlachten ſeiner Zeit ganze Flotten mit Ruhm angeführt und überdieß mehreren anderen Gelegenheiten als Zweiter oder Dritter im Kommando mit Ehren angewohnt. Mochte anderen Schiffen begegnen, was da wollte— 8 N*RN 8=8 ð& Go V N uu ⏑—— 65 ſein eigenes durfte immer darauf zählen, einen Gegner zu finden. Selbſt während ſie noch als Kapitäns und Flaggenoffiziere zuſammen gedient, war die Nation mit den beiden Namen Oakes und Blue⸗ water vertraut geworden und ſchätzte ſie als Männer, welche man ſtets in der dichteſten Schlacht neben einander kämpfend geſehen hatie. Noch ſey uns erlaubt, hier beizufügen, daß dieſe beiden be⸗ rühmten Seemänner aus angeſehenen Familien— oder was wenigſtens unter dem niedern engliſchen Adel als ſolche galten— abſtammten. Sir Gervaiſe hatte den Rang eines Baronets durch erbliche Nach⸗ folge erhalten; ſein Freund dagegen gehörte einer jener Seelinien an, welche jede folgende Generation mit einem Admiral verſor⸗ gen. Sein Vater hatte die weiße Flagge am Hauptmaſte geführt: ſein Großvater war für ſeine tapferen Dienſte in den Adelſtand erhoben worden und hatte als Vice⸗Admiral von England ſeinen Tod gefunden. Dieſe glücklichen Umſtände mochten vielleicht dazu beitragen, Beide bei Hofe nur um ſo mehr beliebt zu machen. Viertes Kapitel. Drei ausgenommen, iſt ſonſt Alles da; Die ſind im Dienſt: auch Ifrael, der Führer, Der jeden Augenblick erwartet wird. Marino Faliero. Als Sir Gervaiſe Oakes ſeine Flotte ſo ſicher und in der ſchön⸗ ſten Ordnung vor Anker liegen ſah, ſchickte er ſich an, ſeine fer⸗ neren Abſichten zu verfolgen. „Das war ein hübſcher Anblick,“ begann er nach einer langen Pauſe;„— in der That ein ſehr hübſcher An blick, an dem ein alter Seemann ſeine Freude haben konnte; aber die Sache muß einmal ein Ende nehmen. Die Bewegungen einer Flotte haben immer Intereſſe in meinen Augen, Sir Wycherly, und ich komme Die beiden Admirale. 2. Aufl. 5 perſpektive zu beobachten; kein W noch um Entſchuldigung bitte.“ deren bedarf es wahrlich durchaus die Krone verpachtet und Niemand „Wenn mir irgend Etwas ein wurde. Wir Beide, Atwood und 5 um einige wichtige Depeſchen an abzuſenden; wenn Ihr uns in de „Braucht Ihr vielleicht einen genau mit dem Lande bekannt iſt?“ fragte der Lieutenant beſchei⸗ den, dabei aber mit einer Theilnahme, welche zeigte, daß blos Dienſteifer ihn zu ſeiner Frage veranlaßte. nur ſelten dazu, die Manöver meiner eigenen in dieſer Vogel⸗ under alſo, wenn ich mich ſo ohne alle Umſtände bei Euch eingeführt habe, Sir, weßhalb ich „Bitte, bitte, Sir Gervaiſe, nur keine Entſchuldigungen, denn nicht. Dieſe Landſpitze gehört zwar zu dem Wychecombe'ſchen Erbgut, iſt aber ſchon längſt an hat wohl zu deren Beſitznahme ein beſſeres Recht, als die Diener Seiner Majeſtaͤt des Königs. Wychecombe⸗Hall i*ſt allerdings mehr Privateigenthum, aber auch dieſes mein Haus zählt keine einzige Thüre, die ſich nicht willig vor unſeren tapferen Seehelden öffnen würde. Es iſt nur ein kurzer Spaziergang bis dahin und ich würde mich äußerſt glücklich ſchätzen, wenn ich Euch den Weg nach meiner armen Wohnung zeigen und Euch unter ihrem Dache ganz ebenſo zu Hauſe ſehen könnte, als Ihr nur immer in der Kajüte des Plantagenet Euch fühlen mögt.“ Haus eben ſo heimiſch als ein Schiff machen könnte, ſo wäre es Euer freundlicher, herzlicher Empfang, und ſo will ich denn ein ſo gaſtfreundliches Anerbieten mit derſelben Freimüthigkeit annehmen, mit der es ausgeſprochen ich, ſind an's Land geſtiegen, den erſten Lord der Admiralität Stand ſetzen könntet, dieſer Pflicht auf die ſicherſte und ſchnellſte Weiſe zu genügen, ſo wären wir Euch für dieſen Dienſt zu beſonderem Danke verbunden. Neu⸗ gierde und Ueberraſchung haben mich bereits eine volle halbe Stunde verlieren laſſen, während doch weder Soldat noch Seemann jemals auch nur eine halbe Minute verlieren ſollte.“ n Kourier, Sir Gervaiſe, der 67 Der Admiral ſchaute ihn einen Augenblick aufmerkſam an und ſchien den in der Frage enthaltenen Wink wohlgefällig aufzu⸗ nehmen. „Koͤnnt Ihr reiten?“ fragte Sir Gervaiſe lächelnd.„Ich hätte zwar ein halbes Dutzend Junker mit mir an's Land bringen können; aber erſtens zweifelte ich, ob ein Pferd zu haben ſeyn würde— von einer Chaiſe iſt ja ohnedem gar nicht die Rede— und dann fürchtete ich noch überdieß, die jungen Herrn möchten zu Roß nur Schimpf und Schande davon tragen.“ „Das iſt wohl nur Euer Scherz, Sir Gervaiſe,“ antwortete Wychecombe;„wenigſtens müßte der ein ſonderbarer Virginier ſeyn, der ſich nicht auf's Reiten verſtünde!“ „Und— würde Bluewater ſagen— ein ſonderbarer Engländer noch nebenbei! Und dennoch ſehe ich ihn niemals mit ausgeſpreizten Beinen zu Pferde ſitzen, ohne daß ich wünſchte, ſein Roß wäre eine Leeſegelſpiere und würde gerade gegen den Wind auslaufen. Wir Seeleute bilden uns ein, wir könnten reiten, Mr. Wychecombe, ungefähr gerade ſo, wie die Marineſoldaten etwa mit den Topkreuzhöͤlzern an unſeren Fockmaſten umzuſpringen zu können wähnen.— Iſt wohl bis auf das nächſte Poſtamt, das eine tägliche Eilpoſt abſendet, ein Pferd zu bekommen?“ „Ja wohl, Sir Gervaiſe,“ gab Sir Wycherly zur Antwort. „Da iſt Dick's Renner— ein beſſeres Pferd iſt in ganz Eng⸗ land nicht aufzutreiben; für die Bereitwilligkeit meines jungen Namensvetters, die Geſchwindigkeit des Thieres auf die Probe zu ſtellen, will ich zur Noth noch ſelbſt einſtehen. Der Bote von Wychecombe hat uns bereits verlaſſen und geht erſt in vierund⸗ zwanzig Stunden wieder ab; wenn aber der Lieutenant die Beſtie tüchtig vorwärts treibt, ſo kann er die Landſtraße noch zeitig genug erreichen, um mit der großen Londoner Poſt zuſammenzutreffen, welche gegen Mittag durch den nächſten Marktflecken kommt. Zehn Meilen hin und wieder zurück— die wird Mr. Wychecombe im vollen 68 Galopp zurücklegen, und ich wette darauf, um vier Uhr wieder zu Tiſch bei uns eintreffen.“ Der junge Wychecombe erklärte ſich bereitwillig, all das und im Nothfall noch weit mehr zu leiſten, und ſo war die Sache bald im Reinen. Dick ſtieg ab, der Lieutenant empfing ſeine Depeſchen und die nöthigen Inſtruktionen, beurlaubte ſich dann und war in den nächſten fünf Minuten ſeinen Zuſchauern im geſtreckteſten Galopp aus den Augen verſchwunden. Der Admiral erklärte ſich nunmehr den Reſt des Tages über für vollkommen frei und nahm Sir Wy⸗ cherly's Einladung zum Frühſtück und Mittageſſen auf Wychecombe⸗ Hall mit derſelben Freimüthigkeit an, mit welcher ſie von dieſem an ihn gerichtet worden war. Sir Wycherly fühlte ſich dadurch ſo froh und munter geſtimmt, daß er den Ritt auf ſeinem Pony verſchmähte und darauf beſtand, ſeinen Gaſt, trotz dem, daß die Entfernung über eine Meile betrug, zu Fuß durch das Dorf und den Park nach ſeiner Wohnung zu führen. Eben als ſie im Begriff ſtanden, den Signal⸗ poſten zu verlaſſen, nahm der alte Mann den Admiral auf die Seite, um ſich im vollſten Ernſt, aber auf die ehrerbietigſte Weiſe einer Sorge zu entledigen, die ihm ſchon ſeit einiger Zeit ſchwer auf dem Herzen gelaſtet hatte. „Sir Gervaiſe,“ begann er,„ich bin kein Seemann, wie Ihr wißt, und bekleide noch weniger einen Rang in Seiner Majeſtät Marine, obwohl ich in der Grafſchaft die Stelle eines Friedens⸗ richters vertrete; wenn ich mir alſo irgend einen kleinen Verſtoß zu Schulden kommen laſſe, ſo müßt Ihr die Güte haben, ihn zu überſehen, denn ich weiß, daß die Etikette auf dem Quarterdeck eine ſehr ernſte Sache iſt, womit ſich keineswegs ſpaßen läßt. Da iſt aber Dutton, in ſeiner Art der trefflichſte Burſche auf der ganzen Welt; ſein Vater war gewiſſermaßen auch Edelmann, da er lange Zeit die Stelle eines Sachwalters in der Nachbarſchaft bekleidete und der alte Mann war vor vierzig Jahren ein regelmäßiger Gaſt an meinem Tiſche——“ == NN 2— 69 „Ich glaube Euch zu verſtehen, Sir Wycherly,“ unterbrach ihn der Admiral,„und danke Euch für die Aufmerkſamkeit, die Ihr meinen Vorurtheilen zu zollen gedenkt. Uebrigens ſeyd Ihr Herr auf Wychecombe und ich müßte mich in der That für einen ſehr ſtörenden Gaſt anſehen, wenn Ihr nicht Jeden nach Belieben zu Eurem Mittagstiſch einladen wolltet.“ „Das iſt's noch nicht ganz, was ich meine, doch habt Ihr nicht weit vom Ziele getroffen. Dutton iſt nur Quartiermeiſter, wie Ihr wißt, und mir ſcheint, ein Meiſter am Bord ſeines Schiffes und einer auf dem Lande ſind zwei durchaus verſchiedene Perſonen— ſo hat mir wenigſtens Dutton ſelbſt ſchon oft geſagt.“ „Nun ja, was königliche Schiffe betrifft, ſo hat Dutton aller⸗ dings Recht; dagegen ſind bei allen andern Fahrzeugen die beiden Aemter ſo ziemlich gleich. Uebrigens, mein theurer Sir Wycherly, kann es einem Admiral keineswegs Schande bringen, wenn er mit einem Oberbootsführer Geſellſchaft pflegt, ſo fern dieſer überhaupt ein anſtändiger Menſch iſt. Wir haben allerdings unſere beſonderen Gebräuche und unterſcheiden zwiſchen Quarterdecks⸗ und höheren Offizieren, wie wir ſie nennen— auf unſeren Schiffen ungefähr eben ſo, wie es Stadt und Hof bei Euch zu Lande thun. Ein Quartier⸗ meiſter aber gehört zu der erſteren Klaſſe und Sandy M'Yarn, mein Maſter auf dem Plantagenet, ſpeist jeden Monat einmal eben ſo regelmäßig bei mir zu Mittag, als er pflichtſchuldigſt jede Seite ſeines Logbuchs mit einem neuen Buchſtaben anfängt. Ich bitte deßhalb, daß Ihr Eure Gaſtfreundlichkeit ganz nach Eurem Belie⸗ ben ausdehnen mögt, oder“— fuhr der Admiral zögernd fort und warf einen freundlichen Blick auf den Quartiermeiſter, der noch immer unbedeckten Hauptes daſtand und das Abgehen ſeines Vor⸗ geſetzten abwarten wollte—„erlaubt mir Sir Wycherly vielleicht, einen Freund zur Theilnahme an unſerer Geſellſchaft einzuladen?“ „Das iſt's, was ich wollte, Sir Gervaiſe,“ erwiederte der gutherzige Baronet;„und Dutton wird dadurch der glücklichſte 70 Burſche in ganz Devonſhire. Ich wünſchte, wir könnten noch Mrs. Dutton und Milly dabei haben, dann würde unſere Tafel auch mathematiſch ausſehen, wie mein armer Bruder James— der heilige James, wie ich ihn zu nennen pflegte— d. h. Seine Ehrwürden, James Wychecombe— zu ſagen gewohnt war. Er meinte nämlich, an einer Tafel ſollten immer alle Seiten und Winkel vollauf beſetzt ſeyn. James war ein höchſt angenehmer Geſellſchafter, Sir Gervaiſe, und was ſeine Gelahrtheit betrifft, ſo glaube ich wahrhaftig, er hätte es wohl ſelbſt mit den Apoſteln aufnehmen können!“ Mit einer Verbeugung gegen den Baronet wandte ſich der Admiral nun an den Quartiermeiſter und lud ihn ein, an der Parthie in Wychecombe⸗Hall Theil zu nehmen; er that dieß mit jener freien, gewinnenden Herzlichkeit, welche er in ſeiner Stellung längſt anzunehmen gewöhnt war und wodurch er alle Artigkeiten von ſeiner Seite doppelt verbindlich zu machen wußte. „Sir Wycherly beſteht darauf, daß ich ſeinen Tiſch ganz eben ſo betrachten ſoll, als ob er in meiner eigenen Kajüte aufgeſchla⸗ gen wäre,“ fuhr er fort;„ich kann ihm daher meine Dankbarkeit wohl nicht beſſer beweiſen, als wenn ich ihn beim Worte nehme, und ſein Haus mit ſolchen Gäſte anfülle, wie ſie uns Beiden am angenehmſten ſeyn müſſen. Ich glaube, da iſt auch noch Mrs. Dutton und eine Miß— a— a— a“ „Milly;“ ſetzte der Baronet eifrig hinzu;„Miß Mildred Dutton — die Tochter unſeres guten Freundes Dutton hier und dabei ein Mädchen, das der feinſten Damengeſellſchaft in London alle Ehre machen würde.“ „Unſer gütiger Wirth kommt, wie Ihr bemerken werdet, Sir, den Wünſchen eines alten Junggeſellen, faſt möͤcht' ich ſagen aus Inſtinkt— zuvor, und erbittet ſich auch die Geſellſchaft der Damen. Miß Mildred wird wenigſtens zwei junge Männer bei Tiſche finden, die ihren Reizen die geziemende Huldigung darbringen können— 71 und außerdem noch drei alte Knaben, die in der Entfernung ſchmachten— nicht wahr, Atwood?“ „Mildred war zwar, wie Sir Wycherly weiß, dieſen Morgen etwas unwohl, Sir,“ erwiederte Dutton mit den feinſten Manieren, die er bei ſolcher Gelegenheit zu entfalten vermochte;„doch wird ſie, wie ich gar nicht zweifle, für die ihr zugedachte Ehre viel zu dankbar ſeyn, um nicht mit Aufbietung aller Kräfte ihre Erkenntlichkeit ſelbſt beweiſen zu wollen. Was mein Weib betrifft, ihr Herren—“* „Nun, was in aller Welt kann denn Mrs. Dutton abhalten, an unſerer Geſellſchaft Theil zu nehmen,“ fiel Sir Wycherly ein, als er bemerkte, daß der Quartiermeiſter unentſchloſſen inne hielt; „ſie erfreut mich doch ſonſt zuweilen mit ihrer Geſellſchaft.“ „Ei, Sir Wycherly, ich glaube, ſte wird auch heute nicht fehlen wollen, beſonders wenn Mildred wohl genug iſt, um das Haus verlaſſen zu koͤnnen; die gute Frau läßt ihre Tochter ſelten ohne Gängelband umhergehen. Sie hält das Mädchen, wie ich zu ſagen pflege, fortwährend ſtreng unter ihrer eigenen Klüſe, Sir Gervaiſe.“ „Das finde ich ſehr weiſe von ihr gehandelt, Meiſter Dutton,“ bemerkte der Admiral etwas ſpitzig.„Der beſte Lootſe für ein junges Mädchen iſt ſtets eine gute Mutter und da Ihr jetzt eine Flotte auf Eurer Rhede vor Anker liegen habt, ſo brauche ich einem See⸗ manne von Eurer Erfahrung nicht erſt zu ſagen, daß Ihr Euch auf einem Grunde befindet, wo Lootſen nöthig ſeyn dürften— hab' ich nicht Recht, Atwood?“ Hiemit trennte ſich die Geſellſchaft. Dutton blieb noch ſo lange mit unbedecktem Haupte ſtehen, bis ſein Vorgeſetzter um die Ecke ſeiner kleinen Wohnung herum und ihm ganz aus dem Geſicht war. Dann begab ſich der Meiſter in ſein niedliches Häuschen, um Frau und Tochter auf die ihnen bevorſtehende Ehre vorzube⸗ reiten. Ehe er ſich aber an die Ausübung dieſer Pflicht machte, öffnete der unglückliche Alte ein Schiebfach, wie er's nannte— eine Hausfrau würde es wohl einen Speiſeſchrank geheißen haben— und ſtärkte ſeine Nerven durch einen tüchtigen Zug von ſeinem ächten Nanteſer Liqueur— einem Getränk, welches weder Kriege, noch Zollabgaben, noch Nationalfeindſchaft jemals in gänzlichen Mißkredit auf den brittiſchen Inſeln zu bringen im Stande waren. unterdeſſen verfolgten die beiden Baronets mit ihren Beglei⸗ tern den etwas weiten Weg nach Sir Wycherly's Schloſſe. Das Dorf oder der Weiler Wychecombe lag ungefähr halb⸗ wegs zwiſchen der Signalſtation und dem Wohnſitze des Eigen⸗ thümers der Gutsherrſchaft. Es beſtand aus wenigen, äußerſt länd⸗ lichen und abgelegenen Pächterswohnungen; weder Arzt noch Apo⸗ theker oder Rechtsanwalt war da zu finden, der dem Orte einige Bedeutung gegeben hätte. Ein unbedeutendes Wirthshaus, zwei oder drei Kaufläden von der einfachſten Art und etliche zwanzig Taglöhners⸗ und Handwerkershäuschen bildeten das Ganze, das zu jener frühen Periode nicht einmal eine Kapelle oder ein Bethaus beſaß, indem die Diſſenters damals noch ſehr geringe Fortſchritte in England gemacht hatten. Die Pfarrkirche, eines jener alten Ge⸗ bäude aus den Zeiten der Heinriche— ſtand einſam und mehr als eine Meile von dem Ort entfernt, mitten im Felde; noch eine volle halbe Meile darüber hinaus gerade am Rande des Parks ſah man das Vikariatsgebäude— das anſehnlichſte Haus in der Umgebung. Kurz— Wychecombe war eine jener heruntergekommenen Ort⸗ ſchaften, wo nur noch wenige oder faſt gar keine Spuren einer früheren Wichtigkeit, wie ſie der Ort wohl einmal beſeſſen haben mochte, entdeckt werden konnten, und bildete jetzt bloß noch einen Weiler, der ſeine Anſprüche auf eine Stelle in der Landkarte und in den Tagblättern einzig und allein ſeinem Alter, ſo wie dem Namen verdankte, den er einer der erſten ritterlichen Familien Englands gegeben hatte. unter dieſen Umſtänden war es wohl nicht zu verwundern, daß die Ankunft einer Flotte am Fuße der Landſpitze große Aufregung 73 in dem Dörſchen hervorbrachte. Der Ankerplatz war, was Grund und Boden betraf, vortrefflich, konnte aber in jeder andern Beziehung kaum eine Rhede genannt werden, da er die Schiffe vor keinem andern als vor dem direkten Landwinde zu ſchützen vermochte, der zufällig in dieſem Theil der Inſel nicht der vorherrſchende war. Manchmal ließ ſich wohl ein kleiner Kreuzer auf der offenen See erblicken; auch hatten ſich ſchon einzelne Fregatten bei ungünſtiger Witterung daſelbſt vor Anker gelegt, um eine Aenderung des Wetters abzuwarten: von Flotten aber war dieß die erſte, die man ſeit Menſchengedenken in der Bucht unterhalb der Klippen vor Anker geſehen hatte. Der Nebel hatte die ehrlichen Dorfbewohner verhindert, ſich von der unerwarteten Ehre, die ihnen widerfahren war, ſogleich ſelbſt zu überzeugen; erſt als die beiden Kanonenſchüſſe ihnen zu Ohren drangen, verbreitete ſich die wichtige Nachricht mit entſpre⸗ chender Geſchwindigkeit über die ganze umliegende Gegend. Der Flecken Wychecombe lag zwar nicht geradezu im Ange⸗ ſichte der See: doch fanden Sir Wycherly und ſeine Geſellſchafter beim Eintritte in das Dörfchen die kleine Gaſſe bereits mit Be⸗ ſuchern von der Flotte angefüllt. Jedes Schiff hatte wenigſtens ein Boot, manche ſogar deren drei und vier an's Ufer geſendet; Hofmeiſter und Kanonendecks⸗Aufſeher, Küchenjungen und Kadetten⸗ diener und andere ſolche Harpien waren ſchaarenweiſe an's Land geſtrömt; hier hatten ſie einen Winkel der Erde vor ſich, wo Pro⸗ viantboote noch unbekannt waren und wollte demnach der Berg nicht zu Mahomet kommen, ſo mußte dieſer wohl oder übel den Berg aufſuchen. Eine einzige halbe Stunde hatte genügt, um die noch unverdorbene Einfalt des Weilers zu Grabe zu tragen und Milch, Cier, friſche Butter, Gemüſe, alle ſonſtigen Lebensmittel und reifen Früchte waren bereits um volle hundert Procent im Marktpreiſe geſtiegen. Sir Gervaiſe hatte ſeine Flotte das ſüdliche Geſchwader genannt, weil er mit derſelben in den letzten ſechs Monaten in der Bai von Biscaya gekreuzt hatte. Es war eine böſe Winterſtation geweſen und die Wuth der Elemente hatte die Flotte mit weit größeren Gefahren bedroht, als von dem Feinde zu erwarten geweſen waren. Gleichwohl war der Dienſt ſtreng und pünktlich von Statten ge⸗ gangen: verſchiedene weſtindiſche und ein werthvoller oſtindiſcher Transport waren glücklich escortirt und eben ſo einige herumſtrei⸗ chende feindliche Fregatten aufgefangen worden; dabei war aber die Station für alle Betheiligten äußerſt anſtrengend und voller Ent⸗ behrungen geweſen. Von den ſo eben Gelandeten hatten die Meiſten ſeit einem halben Jahr das feſte Land nicht mehr betreten und es war demnach nicht zu verwundern, wenn alle Offiziere, welche der Dienſt nicht auf den Schiffen zurückhielt, mit Freuden die Gelegen⸗ heit ergriffen, um wieder einmal ihre Sinne an dem duftenden Grün ihrer Heimathinſel zu weiden. Gegen hundert Gaͤſte dieſer Art tummelten ſich in der einzigen Gaſſe des Fleckens oder ſchwärmten um die ringsum gelegenen Pachthöfe; die jüngeren ſchäckerten mit den linkiſchen, leicht erroͤthenden Mädchen, vergaßen aber dabei keineswegs, ihr Hauptaugenmerk auf die ſo wünſchenswerthe Ver⸗ ſorgung ihres Mittagstiſches zu richten. 7 „Unſere Jungen haben dem Nebel zum Trotz Euer Dörſchen bereits aufgewittert, Sir Wycherly,“ bemerkte der Viceadmiral in der beſten Laune, als er das muntere Treiben auf der Straße ge⸗ wahrte,„und die ägyptiſchen Heuſchrecken werden wohl kaum ſchneller als ſie eine Hungersnoth nach ſich gezogen haben. Nach der Maſſe der herumlaufenden Hofmeiſter zu ſchließen, ſollte man glauben, in jeder Kajüte meiner Flotte ſey ein großes Feſtmahl in petto— was meint Ihr, Atwood? Ich ſelbſt habe neun dieſer Harpien mit eigenen Augen geſehen und die ſieben andern werden wohl auch nicht weit ſeyn.“) „Hier iſt Galleygo, Sir Gervaiſe,“ antwortete der Sekretar lächelnd;„obwohl er kaum der Hofmeiſter eines Kapitäns genannt 7⁵ werden kann, da er einen Viceadmiral und Kommandirenden en Chef zu bedienen die Ehre hat.“ „CEi, wir haben ja auch zuweilen die ganze Flotte zu füttern und verdienen darum wohl einige Nachſicht, wenn wir manchmal gewaltſame Requiſitionen veranſtalten. Hör' einmal, Galleygo, Du mußt Dir ein Fuhrwerk nebſt Beſpannung verſchaffen und vier oder fünf Meilen weiter ins Innere eindringen, denn eben ſo gut fönnte man in Fiſchaugen achte Perlen zu finden erwarten, als man unter dieſer Unzahl von Küchenmeiſtern und Jungen noch etwas Feines aufzutreiben hoffen dürfte. Ich ſelbſt ſpeiſe für heute am Land; Kapitän Greenly aber iſt ein großer Freund von Hammelsrippen— nicht zu vergeſſen!“ Dieß ſprach der Admiral mit der freundlichen Gutmüthigkeit eines Mannes, der ſeine Dienerſchaft auf dem vertrauten Fuße untergeordneter Freunde zu behandeln gewohnt iſt. Galleygo war als Proviantmeiſter von ſo wenig verſprechendem Aeußern, daß ein Edelmann auf dem Lande ihn kaum bei ſich ge⸗ duldet haben würde; dafür hatte er aber das gegenwärtige Amt bei ſeinem jetzigen Herrn von dem Augenblicke an bekleidet, da dieſer ſeine Laufbahn mit dem Kommando einer Schaluppe eröffnete. Seine ganze Jugend hatte er unter den Marsgaſten verlebt und war auch in der That ein trefflicher Matroſe; durch Zufall war er für einige Zeit auf ſeinen jetzigen Poſten verſetzt worden und Kapitän Oakes war mit ſeinem Dienſteifer, beſonders aber mit ſeiner Ordnungsliebe ſo ausgezeichnet zufrieden geweſen, daß er ihn ſpäter trotz der Sehnſucht, die der ehrliche Burſche nach ſeiner geliebten Luftregion verſpürte, in der Kajüte zurückbehielt. Zeit und Gewohnheit verſöhnten den Hofmeiſter zuletzt mit ſeiner Stellung, doch war er nicht dazu zu bewegen, ſie anders als unter der aus⸗ drücklichen Bedingung anzunehmen, daß er bei keiner Gelegenheit, wo man der Dienſte eines tapferen Matroſen bedürfen würde, als ein bloßer ‚Faullenzer’ betrachtet werden ſollte. Auf dieſe Art war David(ſo hieß er nämlich mit ſeinem eigentlichen Namen) ein Individuum von ganz beſonderer Art, das keiner auf einem Kriegsſchiffe vorkommenden Gattung zugetheilt werden konnte; der Erſte voran bei jedem hitzigen Handgemenge: der Kom⸗ mandant einer Kanone— ließ er ſich häufig auch als kühner Kletterer auf den Raaen ſehen und zwar allemal, um, wie er ſagte, ſeine Hand auch ſo ein wenig bei der Sache im Spiel zu haben, bis er dann wiederum in friedlichen Zeiten und bei gutem Wetter zu dem Dienſt in ſeiner Kajüte herabſtieg. Faſt dreißig Jahre hatte er ſo halb als Hofmeiſter und halb als Matroſe auf der See verlebt; auf dem Lande dagegen war er eher geheimer Rath und Cabinets⸗ miniſter als ſeines Herrn Diener, denn ſo wie er das Schiff ver⸗ laſſen hatte, war er zu jedem andern Dienſte gänzlich unbrauchbar, obwohl er ſeinen Herrn niemals weder zu Land noch zu Waſſer auf länger als eine Woche verlaſſen hatte. Der Name Galleygo endlich, ein Spitzname, den ſeine Nebenmarsgaſten ihm aufgetrieben hatten, war in den letzten zwanzig Jahren ſo allgemein gebraucht wor⸗ den, daß viele ſeiner Schiffsgenoſſen ihn für ſeinen wirklichen Tauf⸗ namen hielten. Als dieſe Miſchung von einem Kajütendiener und einem Vor⸗ kaſtellmatroſen den oben erwähnten Befehl erhielt, berührte er— eine Ceremonie, die er jedesmal befolgte, ſobald er mit Sir Ger⸗ vaiſe ſprach, die Haarlocke auf ſeiner Stirne mit der einen Hand— den Hut hatte er nämlich ſchon in einer Entfernung von zehn bis zwölf Schritten abgenommen— und gab dann ſeine gewöhn⸗ liche Antwort: „Ja, ja, Sir— Euer Gnaden ſind ſelber einmal jung ge⸗ weſen und wiſſen, wie es in dem Magen eines jungen Herrn, der ſechs Monats lang in der Bai von Biscaya gefaſtet— und dann vollends gar in dem Magen eines Dieners von einem ſolchen jungen Herrn ausſehen mag. Jedesmal, ſo oft ich ſechs oder acht dieſer leichten Kreuzer in meiner Nachbarſchaft ſehe, weiß ich ſchon zum ““ Voraus, daß für unſer Einen nur wenig mehr zu machen iſt; es geht mit ihnen gerade wie mit den Schaluppen und Kuttern der Flotte, die auch alle Priſen allein auffiſchen.“ „Ganz richtig, Meiſter Galleygo; wenn aber auch die leich⸗ ten Kreuzer die Priſen auftreiben, ſo ſollteſt Du wenigſtens wiſſen, daß der Admiral ſtets auch ſeinen Antheil an den Priſen⸗ geldern erhält.“ „Ja wohl, Sir, ich weiß recht gut, daß wir auch unſer Theil bekommen, das geſchieht aber nach dem Geſetz und weil's die Kommandanten der leichteren Fahrzeuge nicht anders machen können. Laßt ſie nur einmal das Geſetz auf ihre Seite bringen, und nicht ein halber Pfennig wird mehr in unſere Taſchen ſchlüpfen! Nein, nein, Sir; was wir erhalten, das bekommen wir durch's Geſetz und da nun einmal kein Geſetz beſteht, das junge Herrn oder ihre Diener, die ihre Einkäufe baar beſorgen, aufzugreifen erlaubte, ſo werden wir auch nie Etwas auftreiben, ohne daß ſie oder ihre Jungen die Hand darauf legten.“ „Ich möchte faſt behaupten, David, Du haſt, wie faſt immer, auch dießmal wieder Recht. Es wäre wirklich gar nicht ſo übel, wenn eine Parlamentsakte ſich darüber ausſpräche, daß einem Admiral der zwanzigſte Theil von den Fouragevorräthen der übrigen Flottenküche zukommen ſollte— ſo könnten die alten Knaben wieder Manches von ihrem eigenen Geflügel und ihren Früchten zurück erhalten— nicht wahr, Atwood?“ Der Sekretär bezeugte durch ein Lächeln ſeine Zuſtimmung; Sir Gervaiſe entſchuldigte ſich hierauf bei ſeinem Wirth wegen der eingetretenen Unterbrechung, wiederholte ſeinen Befehl an den Hofmeiſter und die Geſellſchaft ſetzte ſodann ihren Weg weiter fort. „Mein Burſche da kümmert ſich eben nicht viel um Perſonen, die nicht zum Dienſtperſonal eines Kriegsſchiffs gehören,“ fuhr der Admiral fort und ſuchte ſich bei dem Baronet noch weiter zu ent⸗ ſchuldigen.„Ich glaube, ſelbſt Seine Majeſtät würde eine Abhandlung r über irgend einen Theil der Kajütenökonomie zu hören bekommen, wenn Galleygo Gelegenheit fände, ſein Herz vor ihm auszuleeren. Auch erwartet der Narr alles Ernſtes, eines Tags dieſe Gunſt zu genießen, denn als ich das letzte Mal zu Hofe ging, fand ich meinen ehrlichen David, vom Schnabel bis zum Stern in ſeinem beſten Putze, blau und roth aufgetackelt und zwar in der feſten Ueber⸗ zeugung, daß er, wie er ſich ausdrückte ‚mit oder ohne Signal in meiner Geſellſchaft ſegeln werde“!“ „Daran war eben nichts Ueberraſchendes, Sir Gervaiſe,“ bemerkte der Sekretär.„Galleygo iſt ſo lange und durch ſo viele fremde Länder in Eurer Geſellſchaft geſegelt, hat ſo manche Gefahren an Eurer Seite beſtanden und ſich dadurch ſo ganz gewöhnt, ſich ſelbſt als ein Glied Eurer eigenen Familie zu betrachten, daß es wohl die natürlichſte Sache von der Welt war, wenn er erwartete, mit Euch zu Hofe gehen zu dürfen.“ „Das iſt allerdings wahr. Der Burſche würde an meiner Seite dem Teufel ſelber ins Auge ſchauen; ich ſehe alſo auch nicht ein, warum er ſich ſcheuen ſollte, dem Koͤnig ins Antlitz zu ſehen. Ich nenne ihn zuweilen meine Lady Oakes, Sir Wycherly, denn er ſcheint wahrlich zu glauben, daß er eine Art Witthumsrecht oder einen an⸗ dern derartigen Advokatenanſpruch an meine Beſitzungen habe und von der Flotte ſpricht er gar vollends, als ob wir beide ſie gemeinſchaftlich kommandirten. Ich wundere mich nur, wie Bluewater es mit dem Narren aushalten kann, denn unſerem David kommt es gar nicht darauf an, dem Admiral zu verſtehen zu geben, daß er unter unſeren Befehlen ſtehe! Wenn mir je einmal etwas Menſchliches begegnet, ſo gerathen Dick und David wegen der Nachfolge im Kommando ganz gewiß in Bürgerkrieg mit einander— meint Ihr nicht auch, Atwood?“ „Ich denke doch, Sir Gervaiſe, wenn je ein ſolches Unglück ſich ereignen ſollte,— was der Himmel noch viele Jahre ab⸗ wenden möge!— ſo wird die militäriſche Subordination unſern 79 Galleygo ſchon zur Vernunft bringen.— Doch da kommt eben Admiral Bluewater ſelbſt die Straße herauf, Sir.“ Bei dieſer plötzlichen Ankündigung wandte ſich die ganze Ge⸗ ſellſchaft um und ſchaute dahin, wo der Sekretär mit dem Finger hindeutete. 2 Sie hatten mittlerweile das eine Ende der kurzen Straße erreicht und ſahen von dem unteren Eingange her einen Mann auf ſich zukommen, der in Gang, Miene, Anzug und Haltung einen auffallenden Gegenſatz gegen die raſchen, jugendlichen Seeleute bildete, welche ſich mit fröhlichem Lärm auf der Straße des Dörſchens drängten. Admiral Bluewater war ausnehmend hoch und ſchlank gewachſen. Wie die meiſten Seeleute von dieſer Art phyfiſcher Konſtitution, ging er aber gebückt, was ihn weit älter und ſchwächlicher erſcheinen ließ, als er in Wirklichkeit war. Dieſe gebückte Haltung benahm zwar ſeinem Aeußeren in hohem Grade jenes kräftige, martialiſche Ausſehen, das jedem Beſchauer an ſeinem Vorgeſetzten auffiel: ſie verlieh dagegen ſeiner ganzen Erſcheinung eine Ruhe, eine Würde, deren ſie ſonſt vielleicht entbehrt haben würde. So viel iſt gewiß— wäre dieſer Offizier in gewöhnlichem Civilanzuge erſchienen, ſo würde ihn wohl Niemand für einen der tapferſten und thätigſten Seekapitäne von ganz England angeſehen, ſondern weit eher für einen gedankenvollen, gründlich gebildeten, feingeſitteten Herrn, einen Mann, der, ohne allen Ehrgeiz, die Einſamkeit liebte und voll Beſcheidenheit ſeinen eigenen Vorzügen mißtraute— gehalten haben. Er war noch in ſeinem militäriſchen Morgennegligee und hatte auch ſeine Contreadmiralsuniform ſo nachläßig umgeworfen, als ob er ſie nur trüge, weil er mußte, oder als ob er ſich wohl be⸗ wußt wäre, daß ihm keine Sorgfalt von ſeiner Seite ein militä⸗ riſches Ausſehen verleihen könne. Trotz dem war Alles an ſeiner ganzen Erſcheinung tadellos, zierlich und Achtung gebietend. Sein Geſicht war ſchön, edel geformt, von feinem Ausdruck und männlich 80 in ſeinen Umriſſen: nur die dunkle Färbung deſſelben war das un⸗ trügliche Zeichen eines allem Unwetter ausgeſetzten Seemannes. Mit einem Wort— nur ein mit dem Seeleben völlig vertrauter Beobachter hätte in dem Contreadmiral auch ohne Uniform einen Seemann vermuthet und ſelbſt ein Solcher würde häufig in Verlegenheit geweſen ſeyn, wenn er außer den ſchon angegeben en Zügen noch weitere Charaktermerkmale ſeines Standes an ihm hätte entdecken ſollen. Dieſe ſeine äußere Erſcheinung abgerechnet, war übrigens an Bluewater auch keine Spur von unſeemänniſchem Weſen zu benesn Admiral Oakes hatte oft erklärt:„Dick Bluewater verſtehe mehr von— einem Schiff als jeder andere Mann in England,“ und was die Führung einer Flotte betrifft, ſo war ſeine Manier als die beſte im Dienſte und als ein Muſter eingeführt worden. Sobald Sir Gervaiſe ſeinen Freund erkannte, äußerte er den Wunſch, auf ihn zu warten, wogegen Sir Wycherly augenblicklich den höflichen Vorſchlag machte, umzukehren und ihm entgegen zu gehen. Admiral Bluewater war übrigens ſo zerſtreut, daß er die Geſellſchaft, die auf ihn zukam, nicht eher bemerkte, als bis Gervaiſe, der den Uebrigen einige Schritte vorausging, dicht neben ihm ſtand. „Guten Tag, Bluewater,“ begann der Letztere in ſeiner ver⸗ traulichen, offenherzigen Weiſe;„ich bin herzlich froh, daß Du Dich endlich von Deinem Schiffe losgemacht haſt. Das muß ich übrigens geſtehen, die Art, wie Du bei dieſem Nebel in die Rhede eingelaufen biſt, hatte für mich etwas Unbegreifliches und konnte nur von dem feinſten Inſtinkte herrühren. Ich beſchloß, noch wäh⸗ rend ich es mit anſah, Dir dieſes ſogleich zu ſagen, ſobald wir uns treffen würden; denn ich glaube faſt, daß nicht ein einziges Schiff, und wäre es auch nur um ſeine halbe Länge, aus ſeiner mathematiſchen Linie gekommen iſt, trotz dem daß die Fluth hier trotz einem Wettrenner hereinbricht.“ „Das danke ich Euren Kapitäns, Sir Gervaiſe,“ erwiederte 81 der Andere mit jener Ehrerbietung, welche der Niedere gegen den Hoͤheren bei nur einigem Rangunterſchied, ja ſelbſt trotz der innigſten Freundſchaft bei jeder andern Gelegenheit— im Dienſte und vollends im Seedienſte niemals aus den Augen läßt:„gute Kapitäns— lenkſame Schiffe. Die unſrigen ſind nun ſchon ſo lange beiſammen geweſen, daß ſie ſich trefflich auf ihre gegenſeiti⸗ gen Bewegungen verſtehen, und ſo hat jedes Schiff in der Flotte ſo gut wie deſſen Kommandant ſeinen eigenthümlichen Charakter!“ „Sehr richtig bemerkt, Admiral Bluewater, und doch iſt kein zweiter Offizier in Seiner Majeſtät Dienſten, der eine Flotte bei einem ſolchen Nebel in dieſer muſterhaften Ordnung vor Anker ge⸗ bracht hätte, und Ihr müßt mir erlauben, Sir, Euch meinen beſonderen Dank für die Belehrung auszudrücken, welche Ihr da⸗ durch nicht nur den Kapitäns, ſondern auch dem Oberkommandanten ertheilt habt. Ich meines Theils muß jedenfalls eine ſolche Geſchick⸗ lichkeit bewundern, wenn ich ſie auch nicht auf's Haar hin nach⸗ zuahmen im Stande bin.“ Der Contreadmiral lächelte blos und berührte ſeinen Hut zum Danke für das Kompliment, gab aber keine direkte Erwiederung auf die verbindliche Rede ſeines Freundes. Unterdeſſen war auch Sir Wycherly mit den Uebrigen herangekommen und die übliche Vorſtellung nahm ihren Anfang. Sir Wycherly drang mit ſo vieler Herzlichkeit in ſeinen neuen Bekannten, daß dieſer die Einladung, als weiterer Gaſt mit ihm auf's Schloß zu gehen, un⸗ möglich ausſchlagen konnte. „Die beiden Herren, Sir Wycherly und Sir Gervaiſe, beſtehen ſo ernſtlich auf der Sache, daß ich meine Zuſtimmung wohl nicht länger verweigern kann,“ erwiederte endlich der Contreadmiral. „Da es übrigens unſerer Vorſchrift für den auswärtigen Dienſt zuwiderläuft— und eine uns gänzlich unbekannte Rhede, wie dieſe, darf ich doch wohl eine auswärtige Station nennen— da es alſo gegen unſere Dienſtvorſchrift wäre, wenn beide Flaggenoffiziere fern Die beiden Admirale. 2. Aufl. 6„ 8² von der Flotte übernachteten, ſo muß ich mir die Erlaubniß erbitten, daß ich noch vor Mitternacht nach meinem Schiffe zurückkehren darf. Das Wetter ſcheint ziemlich beſtändig, Sir Gervaiſe, und ſo können wir die Flotte ſchon auf ſo lange ohne Gefahr verlaſſen.“ „Pah, pah, Bluewater, Du denkſt Dir die Schiffe auch immer im Sturm und unter'm Legerwall. Gib Dich zufrieden und folge jetzt Sir Wycherly's Einladung zu einem konfortablen Mittags⸗ mahle. Gewiß finden wir dort ein Londoner Zeitungsblatt, das uns nebenbei einen Blick in die Staatsgeheimniſſe geſtatten wird. Wie lauten denn die Nachrichten von unſerer Armee in Flandern?“ „Da ſteht Alles noch ſo ziemlich beim Alten,“ erwiederte Sir Wycherly;„ſeit der letzten furchtbaren Schlacht, worin der Herzog die Franzoſen beſiegte bei— ach, wie heißt's denn nur?— ich kann auch nie einen ausländiſchen Namen behalten— es hat ſo etwas von einer chriſtlichen Taufe. Wenn mein Bruder, der hei⸗ lige James, noch am Leben wäre, der könnte uns Alles haarklein erzählen.“ „Wie— von einer chriſtlichen Taufe! das iſt doch eine ſonder⸗ bare Analogie für ein Schlachtfeld. Die Armeen können doch nicht etwa gar zu Jeruſalem an einander gerathen ſeyn— oder meint Ihr, Atwood?“ „Ich glaube eher, Sir Gervaiſe,“ bemerkte der Sekretär ruhig, „Sir Wycherly Wycherombe meint die Schlacht, welche im ver⸗ gangenen Frühjahr bei Font— ja, ein Font war doch dabei— kurz daherum in den Niederlanden geſchlagen wurde; und ein Font“ — hat doch gewiß ziemlich viel mit einer Taufe zu ſchaffen.“ „Das iſt's, das iſt's,“ rief Sir Wycherly ziemlich hitzig; „Fontenoi iſt der Name des Orts, wo der Herzog“* Alles vor ſich hergetrieben und den Marſchall von Sachſen mit all' ſeinen *„Taufſteine, auf deutſch. es Von Cumberland— Heerführer der brittiſchen Truppen in Flandern. D. U. rn. e 83³ Froſcheſſern kriegsgefangen nach England gebracht haben würde, wenn unſere deutſchen und holländiſchen Verbündeten ſich beſſer bei der Sache benommen hätten. So, ihr Hexrn, geht's aber jedes⸗ mal mit unſerem armen Altengland: was es gewinnt, verlieren ſeine Verbündeten wieder und ſo wird es ewig, bald durch die Deutſchen, bald durch die Koloniſten, in Noth und Unruhe verſetzt!“ Sir Gervaiſe und ſein Freund waren beide Männer von vieler Erfahrung; ſie glaubten keineswegs an eine allgemeine Ueberlegen⸗ heit ihrer eigenen Nation, ſondern wußten recht gut, daß, ſo oft ſte mit Holländern oder Franzoſen zuſammengetroffen, ſte jedesmal auch ſo ziemlich ihre würdigen Gegner gefunden hatten. Die Kriegs⸗ gerichte, welche ſo oft auf größere Gefechte folgten, hatten ſie zur Genüge belehrt, daß unter ihrem eigenen Volke der ſeltenſte, kühnſte Muth, aber auch eben ſo gut der gänzliche Mangel deſſelben getroffen wurde, und Beide waren viel zu vernünftig⸗ um ſich durch die pathetiſchen Phraſen der Zeitungsſchreiber und durch die hohlen Deklamationen, wie ſie bei Tiſchreden oder im Hauſe der Gemeinen zu hoͤren waren, täuſchen zu laſſen. So viel hatten ſie ſelbſt durch Erfahrung kennen gelernt, daß Krieger unter tüchtigen Führern doppelt ſo viel werth waren als unter ſchlechten Kommandanten; ſte brauchten alſo auch nicht erſt darüber belehrt zu werden, daß die moraliſche Kraft einer Armee oder Flotte, wovon zuletzt aller⸗ dings jeder Erfolg im Kriege abhängt, nicht blos durch Heimath, Abſtammung oder Farbe der Mannſchaft, ſondern weit mehr noch durch das Vertrauen und die unerſchütterliche Standhaftigkeit der Truppen beſtimmt wird, welche ein energiſcher, einflußreicher Füh⸗ rer denſelben einzuhauchen verſteht. Beide Admirale warfen ſich bedeutende Blicke zu; über Sir Gervaiſe's Geſicht zog ſogar ein ſarkaſtiſches Lächeln, wogegen ſein Freund den gewohnten Ernſt in ſeinen Mienen behauptete. „Ich glaube, Sir Wycherly, le grand Monarque und der Marſchall von Sachſen berichten die Sache auf ganz andere Art,“ bemerkte der Erſtere trocken;„und gut wird es immerhin ſeyn, wenn man ſich erinnert, daß jedes Ding ſeine zwei Seiten hat. Was man auch über Dettingen“ ſagen mag, ſo viel wenigſtens iſt gewiß⸗ daß Fontenoi Seiner königlichen Hoheit keine Siegesfeder auf den Hut ſteckte.“ 4 „Sir Gervaiſe Oakes! Ihr glaubt doch nicht im Ernſte an die Möglichkeit, daß die Franzoſen jemals eine brittiſche Armee zu über⸗ wältigen im Stande wären!“ rief der kurzſichtige Provinzbewohner, denn ein Solcher war Sir Wycherly Wychecombe, trotzdem, daß er einſt im Parlament geſeſſen hatte, viertauſend Pfund jährlicher Einkünfte genoß und einer der älteſten Adelsfamilien in ganz England angehörte.„Das klingt ja faſt wie Verrath, wenn man ſo etwas auch nur als denkbar zugeben wollte!“ „Bewahre uns der Himmel, mein theuerſter Sir! Ich bin eben ſo weit entfernt, etwas Aehnliches annehmen zu wollen, als der Herzog von Cumberland ſelbſt nur immer es ſeyn kann, der, nebenbei bemerkt, gerade eben ſo viel engliſches Blut in ſeinen Adern hat, als etwa die Oſtſee von dem Waſſer des mittelländiſchen Meeres mit ſich führt— nicht wahr, Atwood? Dabei fällt mir eben ein, Sir Wycherly— ich muß Euch einigermaßen um Nachſicht für meinen Freund, den Sekretär hier bitten, der als Schotte eine ſtarke Nationalvorliebe für den Prätendenten und den ganzen Klan der Stuarts hegt.“ „Ich hoffe nicht— wahrhaftig von ganzem Herzen hoff' ich das nicht, Sir Gervaiſe!“ rief Sir Wycherly mit einer Wärme, die nicht ganz frei von Unruhe war, da ſeine eigene Ergebenheit * Die Schlacht bei Dettingen wurde(27. Juni 1743) von Georg II. perſönlich gegen die Franzoſen unter Noailles geliefert und endeter mit der Niederlage der Letzteren. In der Schlacht bei Fontenoi dagegen(11. März 1745) wurde das vereinigte Heer der Holländer und Engländer unter dem Herzoge von Cum⸗ berland von dem todtkranken Marſchall von Sachſen aufs Haupt geſchlagen, was den Verluſt von Tournai und ganz Flandern zur Folge hatte. D. U. 8⁵ für das neue Königshaus gänzlich rein und untadelhaft genannt werden mußte.„Mr. Atwood ſcheint mir ein Gentleman von zu guten Grundſätzen zu ſeyn, als daß er nicht einſehen ſollte, auf welcher von beiden Seiten die wahre religiöſe und politiſche Freiheit zu finden iſt. Gewiß, Sir Gervaiſe, Ihr beliebt nur zu ſcherzen, denn ſchon der Umſtand, daß er ſich in Eurer Geſellſchaft befindet, iſt eine Bürgſchaft für ſeine Loyalität.“ „Nun ja, Sir Wycherly, ich möchte Euch freilich, ſo viel möglich, keine falſche Idee über meinen Freund Atwood beibringen und ſo darf ich alſo wohl geſtehen, daß während ſein ſchottiſches Blut ihn ſtark zum Torysmus hinüberzieht, ſeine engliſche Vernunft ihn doch zu einem ſtandhaften Anhänger der Whigs ſtempelt. Wenn Karl Stuart ſeinen Thron nicht früher wieder erlangt, als bis Stephen Atwood ihm dazu verhilft, ſo mag er nur dem Ehr⸗ geiz für immer Lebewohl ſagen!“ „Das habe ich mir auch gedacht, Sir Gervaiſe— Euer Sekretär kann unmöglich der Lehre vom ‚duldenden Gehorſam und der Unterlaſſung jedes Widerſtandes anhängen.— Es iſt dieß ein Grundſatz, Admiral Bluewater, der mir für Seeleute beſonders unpaſſend erſchiene.“ In Admiral Bluewater's ſchönem, blauem Auge leuchtete etwas wie feiner Spott, doch antwortete er dem Baronet nur durch ein leichtes Neigen des Hauptes. Eigentlich war er ein Jakobite:* doch wußte dieß Niemand als ſein unmittelbarer Vorgeſetzter. Als Seemann war er einzig zum Dienſte ſeines Vaterlands berufen und wie dieß bei Militärs ſehr häufig der Fall iſt, ſo war auch er bereit, unter jedem Vorgeſetzten zu dienen, den der Zufall über ihn ſetzte, welches auch immer deſſen politiſche Geſinnungen ſeyn mochten. Während des Bürgerkriegs im Jahre 1715 war er noch * Anhänger Jakob's III., des ſogenannten Prätendenten, und ſeines Sohnes Karl Eduard, der eben in dem J. 1745 ſeinen verunglückten Verſuch zur Wiedereroberung des väterlichen Thrones wagte. D. U. 86 zu jung und von zu niederem Range geweſen, als daß ſeine An⸗ ſichten irgend von Gewicht hätten ſeyn können und ſeine auf fernen Stationen geleiſteten Dienſte konnten blos die allgemeine Theil⸗ nahme der Nation erwecken, ohne auf den Streit zu Hauſe irgend einen Einfluß auszuüben. Seit jener Zeit hatte er bei ſeinem fort⸗ währenden Dienſte zur See keine Gelegenheit gefunden, ſich endlich⸗ einmal völlig für einen der beiden Herrſcher zu entſcheiden, welche an ſeine Treue Anſpruch machten. Sir Gervaiſe hatte ihn immer wieder mit der Behauptung beruhigt, daß er für die Ehre und die Intereſſen ſeines Vaterlandes kämpfe, und daß dieſer Dienſt, wer immer auch den Thron ſeiner Heimath einnehmen möge, für einen wahren Patrioten vollkommen genüge. Trotz der weiten Kluft, welche die beiden Admirale ihren voli⸗ tiſchen Anſichten nach trennte— Sir Gervaiſe war nämlich ein eben ſo entſchiedener Whig, als jener ein Tory war— wurde doch die perſönliche Eintracht zwiſchen Beiden niemals beeinträchtigt. Im Punkte des Vertrauens kannte Sir Gervaiſe ſeinen Unterge⸗ benen ſo genau, daß er, um ſeinen Freund davon abzuhalten, daß er offen für die Jakobiten Parthei nahm oder ſie durch geheime Dienſte unterſtützte— als ſicherſten Ausweg den wählte, dem Con⸗ treadmiral die volle Macht zu einem großen Treubruch in die Hand zu legen. So lange man nur Letzterem Vertrauen zu Theil wer⸗ den ließ, war Sir Gervaiſe ſicher, daß ſein Freund Bluewater es reichlich verdiente, und ſollte auch jemals der Augenblick kommen, wo der Andere die Dienſte des Hauſes Hannover zu verlaſſen beab⸗ ſichtigen könnte, ſo wußte er recht wohl, daß jener offen und frei⸗ müthig ſeine Stelle niederlegen und zu der feindlichen Fahne ſtoßen würde, ohne das früher genoſſene Vertrauen auf unedle Weiſe zu benützen. Eben ſo muß der Leſer wiſſen, daß Admiral Bluewater ſeine politiſchen Geſinnungen Niemand als ſeinem Freunde anvertraut hatte: weder der Prätendent und deſſen Rathgeber, noch Georg II. —— n & G A. 87 oder ſeine Miniſter hatten jemals etwas davon erfahren. So hatte die Politik keinen andern Einfluß auf ſeine Handlungsweiſe geäußert, als daß ſie ihn zur Ablehnung jedes ſelbſtſtändigen Kommandos, wie deren mehrere ihm angeboten worden waren, veranlaßt hatte, ein Opfer, wofür er übrigens durch Sir Gervaiſe Oakes' freundlichen Umgang reichlich entſchädigt wurde. „Nein, nein, Sir Wycherly,“ antwortete der Viceadmiral auf des Baronets Bemerkung, und der ernſte, gedankenvolle Ausdruck ſeines Geſichts zeigte deutlich, wie wenig ſeine Gefühle im jetzigen Augenblick mit ſeinen ironiſchen Worten übereinſtimmten,—„auf einem Linienſchiffe beſonders hat man keine Idee von ‚leidendem Gehorſam und Unterlaſſung jedes Widerſtands⸗— denn dieß iſt eine Lehre, die nur für Papiſten und Tories verſtändlich iſt.— Bluewater iſt in ernſte Studien vertieft: ohne Zweifel denkt er jetzt eben darüber nach, wie er jenen Monſieur de Gravelin nieder⸗ donnern will, wenn wir je wieder das Glück haben ſollten, mit dem beſagten Herrn zuſammen zu treffen; und ſo, wenn es nämlich den Herrſchaften genehm wäre, könnten wir zu einem andern Ge⸗ genſtande übergehen.“ „Von ganzem Herzen, Sir Gervaiſe,“ antwortete der gutmü⸗ thige Baronet;„überdieß wäre es ja doch ſo ziemlich unnütz, wenn wir die Angelegenheiten des Prätendenten noch länger beſprechen wollten, denn ſeit König Ludwig XV. ſeinen letzten unglücklichen Verſuch unternommen, ſcheint keine Seele mehr an den Prinzen zu denken.“ „Ja, Norris hat die junge Viper in ihrer eigenen Höhle zer⸗ ſchmettert und ſomit können wir die Sache als beendigt betrachten.“ „So hat auch mein verſtorbener Bruder, Baron Wyche⸗ combe, die Sache von jeher angeſehen, Sir Gervaiſe. Er ver⸗ ſicherte mich einſt, daß die zwölf Richter durchaus gegen die Anſprüche des Prätendenten wären und daß das Haus Stuart nichts von ihnen zu erwarten habe.“ 88 „Hat er Euch nicht auch geſagt, Sir, aus welchen Gründen jene hochgelahrten Herrn zu dieſer Entſcheidung gelangten?“ fragte Admiral Bluewater mit der größten Ruhe von der Welt. „O ja, ganz gewiß; denn er kannte meinen eifrigen Wunſch, die Tories in ihrer eigenen Sache zu ſchlagen, ſo gut, daß er mir das ganze Geſetz klar und deutlich auseinander legte. Ich bin aber ein ſehr ungeſchickter Redner und kann ſogar nicht einmal wieder⸗ holen, was ich in früheren Zeiten darüber gehört habe; mein armer verſtorbener Bruder freilich, Seine Ehrwürden, Mr. James Wyche⸗ combe— der heilige James, wie ich ihn zu nennen pflegte— der konnte halbe Stunden lang unausgeſetzt fortſprechen, ohne daß ihm auch nur ein einziges Wort gemangelt hätte. Faſt kommt mir's vor, als ob Thomas und James das Gedächtniß der ganzen übrigen Familie mit ſich genommen hätten. Nichtsdeſtoweniger weiß ich doch noch ſo viel, daß Alles von einer Parlamentsakte abhing, welche jedenfalls unumſtößlich iſt, und da das Haus Hannover durch eine Parlamentsakte in die Regierung eingeſetzt wurde, ſo kann kein Hof der Welt dieſen einmal vorhandenen Rechtsanſpruch wieder aufheben.“ „Die Erklärung iſt vollkommen deutlich, Sir,“ fuhr Bluewater fort;„und dabei erlaubt mir noch, zu ſagen, daß Eure frühere Entſchuldigung wegen Eures Gedächtniſſes durchaus unnöthig war. Doch hat vielleicht Euer Bruder nicht deutlich genug auseinander geſetzt, was eine Parlamentsakte eigentlich iſt; denn zur Abfaſſung einer ſolchen ſind alle Gewalten— König, Lords und Gemeine — von Nöthen.“ „Freilich, freilich— das wiſſen wir Alle, mein theurer Admiral, wir armen Landbewohner ſo gut, wie Ihr draußen auf der See. Die Erbfolge des Hauſes Hannover wurde von allen Dreien gut geheißen.“ „Auch von dem König?“ „Dem König? Ganz gewiß— oder wenn auch nicht von ihm, ſo doch von Jemand, den wir Junggeſellen noch bei Weitem höher achten ſollten— nämlich von der Königin. Die Königin Anna 89 genehmigte die Akte und ſo ward ſie zur Parlamentsakte erhoben. Ich kann Euch verſichern, bei den öfteren Beſuchen des Barons in Wychecombe habe ich mir während der angenehmen Stunden, die wir mit einander auf ſeinem Zimmer zu verplaudern pflegten, ein tüchtig Stück Rechtsgelehrſamkeit geſammelt!“ 4 „Und wer unterzeichnete denn jene Parlamentsakte, welche Anna zur Königin erhob? oder folgte ſie etwa vermöge regelmäßigen Erbrechts ihrem Vorgänger auf dem Throne? Maria und Anna regierten beide in Folge einer Parlamentsakte, und wir müſſen alſo ſo weit zurückgehen, bis wir auf einen Fürſten ſtoßen, der als legaler Abkömmling die Krone ſeines Hauſes trug und jener Akte ſeine Genehmigung ertheilte.“ „Komm— komm, Bluewater,“ fiel Sir Gervaiſe ernſthaft ein;„auf dieſe Art glaubt Sir Wycherly am Ende, er habe ein Paar wüthender Jakobiten in ſeiner Geſellſchaft. Die Stuarts wurden durch eine Revolution vom Throne geſtoßen, und dieſe entſpringt aus einem Naturgeſetz und geht unter Gottes beſonderer Zulaſſung vor ſich; ſie ſtößt, wie ſich von ſelbſt verſteht, alle andern Geſetze über den Haufen; wenn ſie einmal die Uebermacht errungen hat, wie Du auf's Deutlichſte gerade an dieſem letzten Falle erkennen kannſt.— Das ſind wohl die Thore zu Eurem Park, Sir Wy⸗ cherly, und dieß da drüben iſt Wychecombe⸗Hall?“ Dieſe Bemerkung gab der Discuſſion eine andere Wendung und unter den mannigfaltigſten Geſprächen über die Schönheit der Lage des Wohnhauſes, über ſeine Geſchichte, ſo wie über die Annehmlichkeiten der Umgebung näherte ſich die Geſellſchaft all⸗ mählig dem ſtattlichen Gebäude, bis ſie endlich das Hofthor er⸗ reicht hatten. 90 Fünftes Kapitel. Monarch— Miniſter— ſind ehrwürd'ge Namen, Und wer ſie trägt, verdient Ergebenheit. Boung. Unſer Plan erheiſcht eben keine ausführliche Beſchreibung von Sir Wycherly's Wohnſitze. Das Schloß war früher weder eine Priorei oder Abtei, noch auch eine alte Ritterburg geweſen, ſondern war vor etwa zwei bis dreihundert Jahren von einem gewiſſen Sir Michael Wychecombe zur Wohnung für ſich ſelbſt und ſeine Nachkommenſchaft erbaut und ſeit der Zeit immer in gutem Stand erhalten worden. Wie die meiſten derartigen Gebäude, ſo hatte auch dieſes ſeine hohen, ſchmalen Fenſter, die Mauern waren mit Zinnen und deren Ecken mit Thürmchen verſehen, die Halle hatte eine entſprechende Größe und die übrigen Gemächer zeigten die übliche Verkleidung mit Tafelwerk. Das Ganze war weder weitläufig noch eng, weder hübſch noch häßlich, weder groß noch winzig klein, ſondern zeigte vielmehr ein ſchmuckes, reſpektables Aeußere und war als Wohnſitz höchſt bequem und behaglich eingerichtet. Den beiden Admiralen waren ſogleich nach ihrer Ankunft jedem ein Schlaf⸗ und ein Wohnzimmer angewieſen worden und ebenſo wurde Atwood in der Nähe ſeines Kommandanten untergebracht, um, wenn ſolches nöthig wäre, ſogleich bei der Hand ſeyn zu können. Sir Wycherly war ſchon von Natur gaſtfreundlich, und ſein abge⸗ legener Aufenthalt hatte noch eine beſondere Vorliebe für geſelligen Umgang in ihm hervorgerufen, die ſeine angeborne Neigung noch um ein Bedeutendes vermehrte. Sir Gervaiſe ſollte— ſo war unterdeſſen ausgemacht worden — die Nacht in ſeinem Hauſe zubringen, und der Baronet hegte noch immer die lebhafte Hoffnung, daß auch des Admirals Freund ſich endlich zu dem gleichen Entſchluſſe verſtehen würde. Auch für Dutton, ſowie für deſſen Frau und Tochter wurden Betten beſtellt ——B—V—, 6+— 8x&ᷣ—— 8— 91 und ebenſo erwartete er, daß ſein Namensvetter, der Lieutenant, die heutige Nacht unter ſeinem Dache zubringen würde. Der Tag verſtrich auf die gewöhnliche Weiſe, wie dieß auf ſämmtlichen Landſitzen der ganzen Welt und, wie wir glauben, auch zu allen Zeiten Sitte geweſen ſeyn muß: nach dem Frühſtück trennte ſich die Geſellſchaft und Jeder ging derjenigen Beſchäftigung nach, die für ſeinen Geſchmack oder ſeine Stellung am paſſendſten erſchien. Sir Gervaiſe hatte einen Boten nach dem Plantagenet geſendet, um dort einige Papiere für ihn zu holen und brachte den übrigen Theil des Morgens mit Schreiben zu; Admiral Bluewater ging allein im Park ſpazieren; Atwood war bei ſeinem Vorgeſetzten beſchäftigt; Sir Wycherly ritt auf's Feld, um nach ſeinen Taglöhnern zu ſehen, und Tom Wychecombe nahm eine Angelruthe— zum Fiſchfang wie er vorgab, in Wirklichkeit aber, um nach der Landſpitze zurück⸗ zukehren und in der Hütte oder deren Nachbarſchaft herumzuſpioniren, bis die Zeit zur Heimkehr herangekommen wäre. Zur beſtimmten Stunde ſandte Sir Wycherly ſeinen Wagen, um die Frauen ab⸗ zuholen, und einige Minuten vor dem feſtgeſetzten Zeitpunkte begann ſich die Geſellſchaft in dem großen Speiſezimmer zu verſammeln. Als Sir Wycherly in die Halle trat, fand er die Familie Dutton bereits anweſend und Tom damit beſchäftigt, die Honneurs des Hauſes zu machen. Von dem Quartiermeiſter und ſeiner Tochter brauchen wir wohl nicht mehr zu berichten, als daß Erſterer in ſeiner beſten Uniform erſchien— und dieſe war, wie damals überhaupt die ganze Seemannsgarderobe, ausnehmend ſchmuck und reinlich— ſowie daß Letztere ſich wieder von ihrem Unwohlſeyn erholt hatte, wie die blühende Geſichtsfarbe bewies, welche bei einem fortwährenden ſanften Erröthen ihr liebliches Geſichtchen nur noch reizender machte. Ihr Anzug war ganz ſo wie er ſeyn mußte— niedlich, einfach und zu dem Ganzen trefflich paſſend. Ihrem Wirthe zu Ehren hatte ſie heute ihren beſten Putz angelegt; doch war dieſer ganz nach ihrem Stande eingerichtet, obgleich der wenige Schmuck, der für ein 92² Mädchen von ihren Verhältniſſen faſt zu koſtbar erſchien, ihr den Schein einer beſcheidenen Eleganz verlieh. Mrs. Dutton war eine ein⸗ fache, ehrbare Matrone, die Tochter eines Rentmeiſters bei einem Edel⸗ manne in der nämlichen Grafſchaft; ſie zeigte in ihrem Geſichte Spuren eines tiefen Seelenleidens und eines Kummers, den ſie bis jetzt vor der Herzloſigkeit der Welt verſchloſſen gehalten hatte. Der Baronet war ſo ſehr daran gewöhnt, ſeine demüthigen Nach⸗ barn bei ſich auf Beſuch zu ſehen, daß ſich eine Art von Vertrau⸗ lichkeit zwiſchen ihnen entſponnen hatte. Sir Wycherly, der überhaupt alles Andere, nur nicht ein ſcharfer Beobachter war, fühlte, ohne eigentlich ſelbſt zu wiſſen, warum— oder wenigſtens ohne den wahren Grund dieſer ſteten Trauer zu ahnen, eine innige Theilnahme für die melancholiſch ausſehende Mutter, deren Herz durch fortwährende Leiden beinahe gebrochen zu ſeyn ſchien. Mildred's jugendliche Schön⸗ heit aber hatte auch bei dem Baronet ihre gewöhnliche Wirkung nicht verfehlt und ihr den alten Junggeſellen zum Freunde gewonnen. Herzlich ſchüttelte er daher Allen in der Runde die Hände, indem eer Mrs. Dutton ſeine Freude über ihr Erſcheinen ausdrückte und der Tochter zu ihrer völligen Wiederherſtellung Glück wünſchte. „Tom hat, wie ich ſehe, ſeine Schuldigkeit nicht vernachläͤſſigt,“ fuhr er fort,„während ich ſelbſt durch einen dummen Burſchen mit einer Klage gegen einen Wilderer aufgehalten wurde. Mein Namens⸗ vetter, der junge Wycherly, iſt noch nicht zurück, obſchon bereits zwei Stunden über ſeine Zeit verfloſſen ſind und Mr. Atwood be⸗ hauptet, der Admiral ſey wegen ſeiner Depeſchen einigermaßen in Unruhe. Ich kann ihm aber gleichwohl verſichern, daß, obwohl ich nicht die Ehre habe, Mr. Wycherly Wychecombe, der von Ge⸗ burt blos ein Virginier iſt, unter meine Verwandten zu zählen— der junge Mann dennoch äußerſt zuverläſſig iſt und daß, was auch den Kourier auf ſeinem Wege aufgehalten haben mag, ſeine Depeſchen dennoch ſicher geborgen ſeyn werden.“ +—K—— G—8 2 2 8 2* 93 „Und warum, Sir Wycherly, ſollte ein Virginier nicht ebenſo flink ſeyn und in jeder Beziehung unſer Vertrauen ebenſo gut wie ein Engländer verdienen?“ fragte Mrs. Dutton.„Er iſt ja doch ein Engländer und blos durch das Waſſer von uns getrennt.“ Dieß ſprach Mrs. Dutton in mildem Tone, wie Jemand, der daran gewöhnt iſt, in gedrückter Stimmung zu reden: dabei klang jedoch ihre Stimme ernſt und ſelbſt ein leiſer Vorwurf war darin zu vernehmen, während die Augen der Sprechenden mit natürlicher Theilnahme auf das ſchöne Antlitz ihrer Tochter gerichtet waren. „Warum nicht? nun freilich, meine liebe Mrs. Dutton; wem wird es einfallen, daran zu zweifeln?—“ wiederholte der Baronet.„Sie ſind Engländer wie wir ſelbſt, nur gleichſam außerhalb des Königreichs geboren und deßhalb ohne Zweifel von uns etwas verſchieden. Sie ſind unſere Mitunterthanen, Mrs. Dutton, und das iſt ſchon ein wichtiger Punkt. Dann ſind ſie wahre Wunder der Loyalität, denn, wie man mir ſagt, ſoll ſich in den geſammten Kolonien faſt nicht ein einziger Jakobite befinden.“ „Mr. Wycherly Wychecombe iſt ein ſehr achtbarer junger Herr,“ ſagte Dutton;„und ich höre, er ſoll für ſeine Jahre ein vortreff⸗ licher Seemann ſeyn. Er hat zwar nicht, wie Mr. Thomas hier, die Ehre, mit dieſer hochanſehnlichen Familie verwandt zu ſeyn, wird ſich aber, aller Wahrſcheinlichkeit nach, bald ſelbſt einen wohl⸗ klingenden Namen ſchaffen. Wenn er erſt einmal ein Schiff kom⸗ mandirt und noch mehr ſo hübſche Thaten verrichtet, wie er be⸗ reits vollführt hat— wird Seine Majeſtät ihn wahrſcheinlich zum Ritter ſchlagen und dann hätten wir ja gar zwei Sir Wycherly Wychecombe's mit einem Schlage!“ „Ich hoffe nicht— das hoff' ich wirklich nicht!“ rief der Baronet hitzig;„ich denke, dagegen beſteht gewiß ein Geſetz bei uns. Da müßte ich ja, um eine Verwechslung zu vermeiden, das Wörtchen Bart.* jedesmal hinter meinen eigentlichen Namen ſetzen, wie mein * Baronet. H. U. 94 würdiger Großvater zu thun pflegte. England kann abek ebenſo wenig zwei Sir Wycherly's brauchen, als die Welt zwei Sonnen auf einmal brauchen kann. Iſt das nicht auch Ihre Meinung, Miß Mildred?“ Der Baronet hatte über ſeine eigene Anſpielung gelacht, zum Beweis, daß er halb im Scherze rede; da aber die Frage zu direkt an Mildred gerichtet war, als daß ſie der allgemeinen Aufmerkſam⸗ keit hätte entgehen können, ſo ſah ſich das verwirrte Mädchen ge⸗ nöthigt, eine Antwort zu geben. „Ich möchte faſt behaupten, Mr. Wychecombe wird nie einen ſo hohen Rang einnehmen, daß eine derartige Verlegenheit dadurch entſtehen könnte,“ ſprach ſie und zwar aus vollem, aufrichtigem Herzen; denn ohne vielleicht ſelbſt daran zu denken, hoffte ſie doch insgeheim, daß nie ein ſolcher Unterſchied des Ranges zwiſchen dem Jünglinge und ihr ſelbſt geſchaffen werden würde.„Sollte dieß aber dennoch der Fall ſeyn, ſo, denke ich, würden ſeine Rechte eben ſo gut wie die eines anderen ſeyn, denn es iſt ja Pflicht für ihn, ſeinen Namen mit Ehren aufrecht zu erhalten.“ „In einem ſolchen Falle, der allerdings, wie Miß Mildred ſehr richtig bemerkte, unwahrſcheinlich genug iſt,“ warf Tom Wyche⸗ combe ein,„könnten wir freilich gegen die Ritterwürde gar nichts einwenden, denn dieſe kommt vom König und er kann, wenn's ihm beliebt, einen Kaminfeger zum Ritter ſchlagen; was aber den Namen betrifft, da ließe ſich wieder eine andere Frage aufwerfen. So wie die Sache jetzt ſteht, iſt ſie ſchon ſchlimm genug: wenn es aber vollends gar zwei Sir Wycherly's gäbe, dann, glaube ich, würde mein theurer Oheim ſehr Unrecht thun, wenn er einen ſolchen Ein⸗ griff in das, was einer ſeine Perſönlichkeit nennen könnte, geduldig hinnehmen wollte, ohne zuvor darüber Nachforſchung anzuſtellen, mit welchem Rechte der Herr den einen oder andern der beiden Namen trägt— und da möchte das Reſultat am Ende wohl gar 95 erweiſen, daß der König einen Herrn Irgendwo und Nirgendan zum Ritter erhoben hätte.“ Der Hohn und Aerger, womit dieß geſprochen wurde, war zu auffallend, um unbeachtet zu bleiben, und Dutton und ſeine Frau fühlten wohl, wie unangenehm die weitere Verfolgung dieſes Gegen⸗ ſtandes werden mußte; doch ſelbſt die Letztere fühlte bei all ihrer demuthsvollen Schüchternheit und Herzensmilde eine hohe Gluth auf ihrer eigenen bleichen Wange aufſteigen, als ſie die tiefe Röthe auf ihrer Tochter Antlitz bemerkte und den heftigen Drang der Leidenſchaft gewahrte, der jetzt das edelgeſinnte Mädchen zu einer Erwiederung hinriß. „Wir kennen jetzt Mr. Wychecombe ſeit mehreren Monaten,“ bemerkte Mildred und heftete ihr volles, blaues Auge auf Tom's finſterblickendes Geſicht,„und haben nie etwas bei ihm geſehen, was uns zu dem Glauben veranlaſſen dürfte, daß er einen oder gar mehrere Namen führen könnte, wenn er ſich nicht für vollkommen dazu berechtigt hielte.“ Dieß ſprach ſie mit ſanfter Betonung, aber gleichwohl mit ſo entſchiedenem Ausdruck, daß jedes ihrer Worte tief in Tom Wyche⸗ combe's Seele eindrang. Er warf einen raſchen, mißtrauiſchen⸗ Blick auf die ſchöne Sprecherin, wie wenn er ſich hätte überzeugen wollen, in wie weit ſie eine Anſpielung auf ihn ſelbſt beabſichtigt habe. Da er aber nichts als den Ausdruck der edelſten Theil⸗ nahme in dem lieblichen Antlitze bemerkte, ſo gewann er endlich ſeine Selbſtbeherrſchung wieder und gab ſeine Antwort mit ziem⸗ licher Ruhe ab. 3 „Auf mein Wort, Mrs. Dutton,“ rief er lachend;„wir jungen Leute müſſen wohl noch alle nach der Klippe gehen und uns über dem Abgrund an einem Stückchen Seil hin und her ſchaukeln, um bei Miß Mildred ein ähnliches Intereſſe für unſere Vertheidigung zu erwecken, wenn wir der Geſellſchaft einmal zufällig den Rücken zugewendet haben. Eine ſo beredte— und vollends eine ſo liebliche, 96 bezaubernde Fürſprecherin iſt überall eines ſicheren Erfolges ſchon zum Voraus gewiß und mein Oheim muß ſomit, wie ich ſelbſt, das Recht des abweſenden Herrn auf unſern Namen anerkennen, wenn er gleich, dem Himmel ſey Dank, bis jetzt weder den Titel noch die Herrſchaft geerbt hat.“ „Ich hoffe, ich habe nichts geſagt, was Ihnen, Sir Wycherly, mißfällig ſeyn könnte,“ begann Mildred mit Nachdruck auf's Neue; dabei war ihr Antlitz von brennender Röthe übergoſſen und noch tauſendmal ſchöner, als es je zuvor geweſen.„Nichts würde mich mehr ſchmerzen, als der Gedanke, daß ich mich ſo ungeſchickt hätte benehmen können. Ich wollte ja nur andeuten, daß wir niemals glauben können, Mr. Wycherly Wychecombe wäre im Stande, mit ſeinem Wiſſen einen Namen anzunehmen, worauf er kein Recht hat.“ „Mein theures Kind,“ ſprach der Baronet und dabei nahm er das tiefbetrübte Mädchen bei der Hand und küßte ſie mit väterlicher Zärtlichkeit auf die Wangen, wie er früher ſchon oft gethan hatte: „mich zu beleidigen iſt für Sie nicht ſo leicht und Sie dürfen überzeugt ſeyn, daß ich dem jungen Manne meine beiden Namen von Herzen gönne, wenn Sie überhaupt wünſchen, daß er ſie beſitze.“ .„Und ich, Miß Mildred,“ ſuchte Tom einzulenken, da er bereits fürchtete, zu weit gegangen zu ſeyn,„meinte blos, der junge Herr möchte— ganz ohne ſein eigenes Verſchulden— am Ende ſelbſt nicht wiſſen, wie er eigentlich zu einem Paar Namen gelangte, welche ſchon ſo lange Zeit dem Haupte einer uralten, angeſehenen Familie angehört haben. Es gibt wohl manchen jungen Mann, der ein Earl zu ſeyn verdiente, den aber das Geſetz als einen—“ Hier hielt Tom inne, um einen für ſeine Zuhörerin paſſenden Ausdruck zu wählen— als mit einem Male der Baronet fortfuhr: „Als einen filius nullius betrachtet— das iſt das rechte Wort, Tom; ich hörte es aus Deines eigenen Vaters Munde.“ Tom Wychecombe ſchrack zuſammen und ſchaute verſtohlen in 97 1 der Runde umher, um ſich zu überzeugen, ob irgend Jemand eine . Ahnung von der Wahrheit habe. „Ein flius nullius, Miß Mildred,“ fuhr er eifrig fort und ſuchte das Terrain, das er in des Mädchens Gunſt verloren zu haben fürchtete, durch einen neuen Verſuch wieder zu gewinnen—„be⸗ deutet eben das, was ich auszudrücken wünſchte— nämlich eine Familie ohne geſetzliche Abſtammung. Uebrigens ſoll, wie ich mir ſchon ſagen ließ, in den Kolonieen nichts häufiger vorkommen, als daß geringere Leute die Namen von großen Familien aus ihrer Heimath annehmen und ſich nach einer Weile gar eine Verwandt⸗ ſchaft mit denſelben einbilden.“ „Ich habe von Mr. Wycherly Wychecombe nie ein Wort ge⸗ hört, Sir, was uns zu der Vermuthung hätte verleiten können, daß er auf irgend eine Art mit Ihrer Familie verwandt ſey,“ antwor⸗ tete Mildred ruhig, aber ſehr verſtändlich. „Hörten Sie ihn jemals ſagen, er ſey nicht mit uns verwandt, Miß Mildred?“ „Ich kann nicht ſagen, ob ich dieß je gehört habe, Mr. Wyche⸗ combe. Es iſt dieß überhaupt ein Gegenſtand, worüber nur ſehr ſelten in meiner Gegenwart geſprochen wurde.“ „Deſto öfter aber in der ſeinigen. Ich muß geſtehen, Sir Wycherly, es iſt mir ſchon manchmal als höchſt ſonderb ar aufge⸗ fallen, wie jener Herr, trotz dem, daß wir beide, Ihr und ich, uns ſchon häufig in ſeiner Gegenwart darüber ausgeſproch en haben, wie unſere Familien auf keinerlei Weiſe mit einander verwandt ſeyen, dennoch niemals auf irgend eine Art, ſelbſt nicht mit einem Kopf⸗ nicken oder einem beiſtimmenden Blicke eine Sache beſtätigt hat, von deren Wahrheit er doch vollkommen überzeugt ſeyn muß. Doch ich denke: wie die meiſten Coloniſten, ſo wollte auch er ſeinen An⸗ haltspunkt an den alten Stamm nicht aufgeben.“ Der Eintritt Sir Gervaiſe Oakes' führte hier eine Aenderung in der Unterhaltung herbei. Der Viceadmiral zeigte gleich im Die beiden Admirale. 2. Aufl. 7 wie man ſie gewoͤhnlich in eine Geſell⸗ längere Zeit mit dringenden Angelegen⸗ heiten beſchäftigt war und ſtch der gebotenen Erholung mit dem Bewußtſeyn pünktlicher Pflichterfüllung hingeben darf. „Wenn man die Bequemlichkeiten eines Hauſes, wie das Eure, wie das dieſer jungen Sir Wycherly, und ſo hübſche Geſichtchen, Dame, mit ſich auf die See nehmen könnte,“ rief Sir Gervaiſe in fröhlichem Tone, nachdem er der Geſellſchaft ſein Kompliment gemacht—„ſo hätte die Abſchließung unſeres Standes den ande⸗ ren gegenüber ein Ende, denn jeder petit maitre von Paris oder London würde nichts natürlicher finden, als ſogleich ſich zum Ma⸗ Ein ſechsmonatlicher Aufenthalt in der troſen anwerben z laſſen. Näran bei einem alten Knaben, wie ich, die Em⸗ n, gerade wie der ichkeit für ſolche Genüſſe nur noch erhöhen, ſchmackhaft macht, obwohl ich weit, ja wahr⸗ ken entfernt bin, dieſes Haus oder ft— und ſpräche ich ſelbſt als der eifrigſte Epiku⸗ räer— mit einem geringen Mahle vergleichen zu wollen.“ „Das Erſtere, Sir Gervaiſe, ſteht mit Allem, was es enthält, vollkommen zu Euren Dienſten„“ erwiederte der Wirth,„und die Letztere wird gewiß Allem aufbieten, um ſich Euch ſo angenehm als möglich zu erweiſen.“ „Aha! da kommt Bluewater! nun der wird beſtimmt alle n.— Ich erkläre meine Worte und Gefühle getreulich wiederhole wie glücklich wir Nord⸗ ſo eben Sir Wycherly und den Damen, kaper uns fühlen, wenn wir endlich unter einem Dache, wie dieſes, und in einem Geſellſchaftszirkel Aufnahme finden, wo ein ſuͤßes Frauenantlitz einen Schimmer von Glückſeligkeit um ſich verbreitet.“ Admiral Bluewater hatte der Mutter bereits ſein Kompliment gemacht; als aber ſein Auge auf Mildred's Züge und Geſtalt fiel, da leuchtete einen Augenblick lang aus ſeinem ganzen Weſen ein feierlicher Ernſt, eine Ueberraſchung, ja eine Bewunderung, die Jedermann in ſeine Geſellſcha 99 der Geſellſchaft auffallen mußte, obwohl ſich Niemand dieſelbe zu deuten wußte. „Sir Gervaiſe iſt ein ſo erklärter Bewunderer des ſchönen Geſchlechts,“ bemerkte der Contreadmiral nach einer Weile, als er ſich wieder gefaßt hatte,„daß ich nie erſtaunt bin, wenn ich ihn über dem Anblick einer Dame entzückt finde. Doch übt das Salz⸗ waſſer auch bei ihm ſeine gewöhnliche Wirkung, denn ich kenne ihn nun ſchon länger, als er ſich wohl gerne erinnern läßt, und habe noch immer gefunden, daß ſein Schiff die einzige Geliebte iſt, die ihn beſtändig zu feſſeln vermag.“ „Ja, wohl darf ich behaupten, daß ich dieſ⸗ von jeher die ſtandhafteſte Treue bewahrt hab ob es Euch eben ſo geht, wie mir, Sir Wych rly— aber Alles, woran mich die Gewohnheit feſſelt, das muß ich nun einmal lieben. Ich ſegle mit dieſen beiden Herren hier ſchon ſo lange auf allen Meeren, daß ich eher daran denken könnte, ohne mein Fernrohr, als ohne ſie in See zu gehen— nicht wahr, Atwood? Und was das Schiff betrifft, ſo weht meine Flagge nun ſchon ſeit zehn Jah⸗ ren auf dem Plantagenet und obgleich Bluewater ſchon nach drei⸗ jährigem Dienſte behauptete, das gute alte Schiff ſey zu ſchlecht für meines Gleichen, ſo wäre ich doch um keinen Preis im Stande, es aufzugeben. Ich muß den jungen Leuten immer und ewig wie⸗ derholen, daß ſie gar nicht lange genug auf einem Schiffe dienen, um deſſen gute Eigenſchaften gehörig würdigen zu können. Und doch bin ich noch nie auf einem trägen Segler geweſen.“ „Aus dem einfachen Grunde, weil Du niemals einen Schnell⸗ ſegler beſteigſt, ohne ihn, ehe Du ihn aufgibſt, vorher von Grund aus abzunützen. Der Plantagenet, Sir Wycherly, iſt nämlich unter allen Zweideckern der raſcheſte Segler in Seiner Majeſtät Dienſten und der Viceadmiral kennt ihn viel zu gut, als daß er einen von uns feſten Fuß darauf faſſen ließe, ſo lange ſeine Hölzer noch irgend zuſammenhalten.“ neiner Liebe, 100 ſeyn, wie Du behaupteſt, ſo be⸗ „Nun, mag's auch immer ſo ſe weist es wenigſtens, Sir Wycherly, daß ich mir meine Freunde niemals um ihrer ſchlimmen Eigenſchaften willen wähle.— Doch Sie, meine junge Dame, müſſen mir jetzt die Frage erlauben, ob Sie einen gewiſſen Mr. Wycherly Wychecombe kennen— er iſt ein Namensvetter, aber, wie ich höre, kein Anverwandter von unſerem verehrten Wirthe und dient als Lieutenant in Seiner Majeſtät Flotte.“ „Ei freilich, Sir Gervaiſe,“ antwortete Mildred, und ſchlug zitternd, ohne eigentlich zu wiſſen, warum— die Augen zu Bo⸗ den;„Mr. Wychecombe hält ſich ſchon einige Monate in der hieſigen Gegend auf und da müſſen wir doch wohl etwas von ihm wiſſen?“ „Dann koͤnnen Sie mir vielleicht auch ſagen, ob er wohl ſonſt im Dienſte zu ſäumen pflegt. Dabei will ich aber keineswegs fra⸗ gen, ob er vielleicht ſchon in Ihrem Dienſte gezaudert hat, ſondern ob er z. B. auf einem guten Renner ſeine zwanzig Meilen nicht etwa in acht bis zehn Stunden zurücklegen könnte?“ „Ich denke, Sir Wycherly wird Ihnen am Beſten ſagen kön⸗ nen, Sir, daß Mr. Wychecombe dieß recht wohl verm ag.“ „Ja, ja, Sir Wycherly, was das Segeln betrifft, da mag er wohl ein Wychecombe ſeyn— ein Plantagenet aber iſt er nicht, ſonſt hätte der junge Herr ſchon ſeit mehreren Stunden un fehlbar zurück ſeyn müſſen!“ „Ich bin auch ſehr überraſcht darüber, daß er ſeitdem noch nicht zurückgekehrt iſt,“ bemerkte der gutherzige Baronet.„Er iſt doch flink, kennt die Gegend und in der ganzen Grafſchaft iſt kein beſſerer Reiter— nicht wahr, Miß Mildred ²“ Mildredefand nicht für nöthig, auf dieſe direkte Aufforderung eine Antwort zu geben. Sie hatte ſich zwar ſeit dem Unf alle auf der Klippe alle Mühe gegeben, ihre Gefühle zu bemeiſtern; den⸗ noch überzog Todtenbläſſe ihr liebliches Antlitz, wenn ſie ſich vor⸗ ſtellte, daß den Abweſenden ein neues Unglück betroffen haben — 101 könnte, und erſt bei Sir Wycherly's unerwarteter Frage kehrte die Röthe wieder auf ihre Wangen zurück. Sie wandte ſich ab, um ihre Verwirrung zu verbergen— da begegnete ſie Tom Wyche⸗ combe's Auge, das mit ſo finſterem Ausdruck auf ihre Züge gehef⸗ tet war, daß ſie ein unwillkürliches Beben überſtel. Glücklicher Weiſe drehte Sir Gervaiſe in dieſem Augenblicke der Geſellſchaft den Rücken und führte ſeinen Freund in leiſem Geſpräche nach der entgegengeſetzten Seite der weiten Halle. „Zum guten Glück,“ begann der Admiral,„hat Atwood ein Duplikat meiner Depeſchen mit ſich genommen und wenn daher jener langſame junge Herr bis nach dem Mittagsmahle noch nicht zurück iſt, ſo werde ich einen zweiten Kourier abgehen laſſen. Meine Botſchaft iſt zu wichtig, Bluewater, als daß man Zeit dabei ver⸗ lieren dürfte; denn nachdem ich die Flotte gegen Norden abgeführt habe, um bei den gegenwärtigen dringenden Zeitumſtänden zu jedem Dienſte bereit zu ſeyn, wäre es doch wahrlich die reine Tollheit, wenn ich das Miniſterium über die Gründe in Ungewißheit ließe, welche mich zu dieſer Verfahrungsweiſe bewogen haben.“ „Nichts deſto weniger wäre das Migiſterium wenigſtens eben ſo gut berichtet, als ich ſelbſt es bin,“ erwiederte der Contreadmi⸗ ral etwas ſpitzig, doch ohne die mindeſte Bitterkeit.„Der einzige Vorzug, den ich vor demſelben voraus habe, iſt der, daß ich wenig⸗ ſtens weiß, wo die Flotte ſich befindet, und dieß iſt jedenfalls mehr, als ſich der erſte Lord zu wiſſen rühmen kann.“ „Wahr, vollkommen wahr— ich hatte vergeſſen, mein Freund — doch mußt Du wiſſen, daß die Sache einen Gegenſtand betrifft, worüber ich Dich weit beſſer nicht zu Rathe ziehe. Ich habe wichtige Nachrichten erhalten, welche— bei mir zu bewahren mein Verhältniß als kommandirender Admiral mir dringend zur Pflicht macht.“ Sir Gervaiſe ſelbſt lachte über dieſen Schluß, ſchien aber gleichwohl etwas ärgerlich und verlegen. Admiral Bluewater ver⸗ rieth weder Verdruß noch unangenehme Ueberraſchung, dagegen 102 war eine heftige, faſt unbezähmbare Neugierde in ſeinem hellen, blauen Auge zu leſen, und ſeine ganze Miene ſchien von einem Gefühle beherrſcht, das ſeinem ſonſtigen Weſen gänzlich fremd war. Allein die Gewohnheit der Disciplin und der pflichtmäßigen Unter⸗ ordnung unter den Höheren gab ihm genugſame Selbſtbeherrſchung, um eine freiwillige Mittheilung ſeines Freundes geduldig abzuwarten. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre und Wycherly trat in dem Zuſtande, wie er eben vom Pferd geſtiegen war, ins Zimmer. Ein einziger Blick auf ſein haſtiges Weſen, ſo wie auf ſeine ganze Erſcheinung genügte, um zu erkennen, daß er Etwas von Wichtigkeit mitzutheilen habe, und Sir Gervaiſe machte ihm auch ſogleich ein Zeichen, daß er ſchweigen ſollte. „Es gilt den Dienſt des Königs, Sir Wycherly,“ ſprach der Biceadmiral,„ich hoffe deßhalb, daß Ihr uns auf einige Minuten entſchuldigen werdet. Ich bitte, daß ihr Euch, ſobald die Eſſens⸗ zeit erſchienen iſt, mit der verehrten Geſellſchaft zu Tiſche ſetzet und uns als alte Freunde betrachtet und behandelt, gerade ſo wie ich Euch betrachten würde, wenn wir uns am Bord des Plantagenet befänden.— Admiral Bluewater, wollt Ihr gefälligſt an unſerer Berathung Theil nehmen?“ Ohne ein weiteres Wort zu ſprechen, verließen die beiden Ad⸗ mirale mit dem jungen Lieutenant die Speiſehalle, um ſich in Sir Gervaiſe's Beſuchzimmer wieder zu vereinigen. Dort angekommen, wandte ſich Letzterer mit der Miene des Vorgeſetzten an Wycherly. „Eigentlich,“ ſo begann er,„hättet Ihr wegen Eurer Säum⸗ niß meinen Tadel verdient, junger Herr, wenn ich nicht Eurem Aeußeren nach vermuthen müßte, daß irgend ein wichtiges Ereig⸗ niß an Eurem längeren Ausbleiben Schuld iſt. Hatte etwa die Poſt den Marktflecken ſchon paſſirt, Sir, noch ehe Ihr ihn errei⸗ chen konntet?“ 3 „Das nicht, Admiral Oakes; vielmehr habe ich das Vergnü⸗ gen, Euch zu vermelden, daß Eure Depeſchen ſchon ſeit mehreren —2SS= 103 Stunden nach London unterwegs ſind. Ich erreichte das Poſtamt gerade noch zeitig genug, um ſie gehörig abliefern zu können.“ „Hum! am Bord des Plantagenet iſt es Sitte, daß ein Offi⸗ zier, der einen wichtigen Dienſt zu verrichten gehabt, ſo bald dies ge⸗ ſchehen iſt, Meldung an ſeinen Vorgeſetzten erſtattet!“ „Ich denke, Sir Gervaiſe Oakes, dieſer Gebrauch wird auf allen königlichen Schiffen beobachtet; gleichwohl wurde ich aber auch belehrt, daß eine beſondere Umſicht in Verrichtung von Dienſt⸗ geſchäften, ſo lange ſie der poſitiven Ordre nicht widerſtreitet, ja ſelbſt manchmal, wenn dieſes Letztere wirklich der Fall ſeyn ſollte— ein ſichrerer Beweis für die Brauchbarkeit eines Offiziers ſey, als ſelbſt die ſklaviſchſte Befolgung der gegebenen Regel ihn liefern könnte.“ „Eure Definition iſt zwar vollkommen richtig, junger Herr, nur dünkt mich, daß ſie in den Händen eines Kapitäns ſicherer, als in denen eines Lieutenants ſeyn möchte,“ bemerkte der Viceadmiral mit einem Seitenblick auf ſeinen Freund, während er insgeheim des Jünglings Geiſtesgegenwart bewundern mußte.„Umſicht im Dienſt iſt ein ſehr allgemeiner Ausdruck und kann bei verſchiedenen Perſonen ſehr Verſchiedenes bedeuten. Darf ich mir vielleicht erlau⸗ ben, zu fragen, was wohl Mr. Wycherly Wychecombe im gegen⸗ wärtigen Falle unter der genannten Umſicht verſteht?“ „Dazu habt Ihr das vollkommenſte Recht, Sir, und ich war⸗ tete nur auf Eure Erlaubniß, um Euch meine ganze Geſchichte zu erzählen.— Während ich auf der Station wartete, um die Lon⸗ doner Poſt mit Euren Depeſchen abgehen zu ſehen und meinem Pferd einige Ruhe zu gönnen, langte eine Poſtchaiſe mit einem Edelmanne an, der im Verdacht ſteht, ein Jakobite zu ſeyn, und eben nach ſeinem Landſitze, etliche dreißig Meilen weiter weſtlich von da, unterwegs war. Dieſer Herr hielt eine geheime Conferenz mit einer andern Perſon, welche derſelben Partei angehört und bei Beiden war alsbald ein Rennen und eine Haſt im Ausſenden von Boten zu bemerken, die mir die Vermuthung aufdr ang, daß * 104 etwas Wichtiges vorgefallen ſeyn müßte. Ich ging in den Stall, um nach Sir Wycherly's Renner zu ſehen, denn ich weiß, wie ſehr ihm das Thier am Herzen liegt; dort traf ich einen von des Edel⸗ manns Bedienten, der mit dem Hausknecht im Geſpräch begriffen war. Letzterer ſagte mir, als die Chaiſe endlich fort war, daß in Exeter, noch ehe die Reiſenden die Stadt verlaſſen hätten, höchſt wichtige Neuigkeiten angekommen ſeyen. Alles, was ich hierüber aus ihm herausbringen konnte, lief übrigens auf die Sage hinaus, „Charley ſey nun nicht mehr über'm Waſſer. Einen Dummkopf, wie dieſen, noch weiter zu befragen, wäre nutzlos geweſen und obgleich man in dem Gaſthofe ſelbſt die Haſt und Heimlichkeit des Reiſenden und ſeines Beſuchs recht wohl bemerkt hatte, ſo konnte mir dennoch auch dort Niemand etwas Gewiſſes angeben. Unter dieſen Umſtänden warf ich mich in die Retourchaiſe und fuhr bis Fowey, wo ich die wichtige Nachricht vernahm, daß Prinz Karl in Wirklichkeit gelandet ſey und ſich in dieſem Augenblicke in Schott⸗ land befinde.“ 4 „So iſt alſo wirklich der Prätendent von Neuem unter uns!“ rief Sir Gervaiſe, wie Einer, der die Wahrheit ſchon zum Voraus halb und halb geahnt hatte. „Nicht der Prätendent ſelbſt, Sir Gervaiſe— wie ich wenig⸗ ſtens die Nachricht verſtand— ſondern ſein jugendlicher Sohn, Prinz Karl Eduard, ein Jüngling, der weit fähiger iſt, das Königreich in Unruhe zu verſetzen. Die Nachricht iſt vollkommen ſicher, wie ich glaube, und da ich mir dachte, daß es für den Kommandanten einer ſo ſchönen Flotte, wie gegenwärtig eine am Fuß der Landſpitze von Wychecombe vor Anker liegt— von Wichtigkeit ſeyn mochte, meine Kunde zu vernehmen, ſo verlor ih keine Zeit, um ſchleunigſt mit meiner Neuigkeit zurückzukehren.“ „Ihr habt Eure Sache brav gemacht, junger Herr, und mir dadurch den Beweis geliefert, daß Umſicht in der That bei einem Lieutenant ebenſo nützlich und ſchätzenswerth iſt, als ſie ſelbſt bei 105 einem Admiral der weißen Flagge nur irgend erſcheinen koͤnnte. Geht jetzt und macht Euch bereit, einen Platz neben einem der zarteſten, füßeſten, weiblichen Weſen von ganz England einzunehmen, wo ich Euch in einer Viertelſtunde treffen will.— Nun Bluewater,“ fuhr er fort, ſobald ſich die Thüre hinter Wycherly geſchloſſen hatte,„das iſt doch gewiß eine wichtige Neuigkeit!“ „In der That. Vermuthlich enthält die Depeſche, die Du kaum vorhin an den erſten Lord abgeſendet, die nämliche Neuigkeit oder hängt wenigſtens mit ihr zuſammen? Wenigſtens hat es Dich nicht ſehr überraſcht, als die Sache vorhin gemeldet wurde.“ „Ich muß geſtehen— nein. Du weiißſt, welch' trefflichen Korreſpondenten wir früher an unſerem Agenten in Bordeaur be⸗ ſaßen: durch ihn erhielt ich ſo triftige Beweiſe von dieſer beab⸗ ſichtigten Expedition, daß ich für rathſam hielt, mich zur Vermeh⸗ rung unſerer heimiſchen Streitkräfte mit unſerer Flotte nordwärts zu dirigiren, um die Schiffe, je nachdem die Noth es geböte, ver⸗ wenden zu können.“ „Gott ſey Dank, bis nach Schottland hinauf iſt's ein weiter Weg und wir werden wohl ſchwerlich, bevor Alles ſchon vorüber iſt, die Küſte jenes Landes erreichen können. Ich wollte, wir hätten den Herrn gefragt, welcher Art und wie ſtark die Seemacht ſeyn mag, von welcher der Prinz begleitet werde. Soll ich nach ihm ſchicken, um ihn darüber zu befragen?“ „Es iſt beſſer, wenn Ihr Euch ganz paſſiv in der Sache verhaltet, Admiral Bluewater. Ich gebe Euch hiemit das Ver⸗ ſprechen, daß Ihr Alles, was mir zu Ohren kommt, erfahren ſollt und unter den gegenwärtigen Umſtänden, denke ich, ſollt Ihr Euch hiemit zufrieden geben.“ Damit trennten ſich die beiden Admirale, doch kehrte für den Augenblick keiner von beiden zu der Geſellſchaft zurück. Die eben erhaltene Nachricht war zu wichtig, um nur ſo leichthin genommen zu werden, und beide Veteranen gingen wohl eine Viertelſtunde 106 lang, jeder auf ſeinem Zimmer, auf und nieder und überdachten die wahrſcheinlichen Folgen, welche dieſes neue Ereigniß für ihr Land und ſich ſelbſt nach ſich ziehen konnte. Sir Gervaiſe Oakes hatte einen derartigen Vorfall erwartet, und war daher weit weniger überraſcht als ſein Freund; doch betrachtete er die Kriſis immerhin als außerordentlich bedenklich, ſo daß ſeine Beſorgniß nichts weniger als ungegründet erſchien: das Glück der Nation wie der Friede der Familien möchte wieder auf lange Zeit zerſtört werden. 1 Wie dieß noch heute zu Tage der Fall iſt und wohl für alle Zeiten der Fall ſeyn wird, ſo gab es auch damals zwei Partheien in England. Die eine derſelben klammerte ſich an die Vergangen⸗ heit mit allen ihren ausſchließenden Erbrechten, während die andere weit eher von einem Umſchwunge der Dinge jene Vortheile und Ehrenſtellen erwartete, wonach ſie ſich ſehnte.— Die Religion bildete dazumal das Steckenpferd der Politiker, wie dieß heute zu Tage mit der Freiheit auf der einen und mit der Ordnung auf der anderen Seite der Fall iſt; auch waren die Anhänger beider Partheien um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts gerade eben ſo blind, heftig und ohne Rückſicht auf Grundſätze, wie wir dieß noch jetzt um die Mitte des neunzehnten von ihren beiderſeitigen Erben rühmen können. Zwar war die Handlungsweiſe zum Theil eine andere und die Looſungsworte und Einigungspunkte nicht ganz dieſelben wie in unſeren Zeiten: dagegen war England in Allem, was unwiſſende Zuverſichtlichkeit, wüthende Verleumdung und maaß⸗ loſe, unter dem Mantel des Patriotismus kaum halb verdeckte Selbſtſucht betrifft, mit ſeinen erſten Whigs und Tories daſſelbe England, wie zur Zeit des Conſervatismus und der Reform; ebenſo wie das Amerika von anno 1776 noch daſſelbe Amerika iſt, wie es im Jahre 1841 ſich darſtellt. 4 Bei allen politiſchen Kämpfen werden übrigens Tauſende von Streitenden, wenn ſie ſich gegenſeitig auch noch ſo bitter befehden, 107 von den edelſten Abſichten geleitet. So oft Vorurtheile das Reiz⸗ mittel für die Unwiſſenheit werden, läßt ſich überhaupt kein anderes Ergebniß erwarten, und die Erfahrung der Welt hat bei der Leitung der menſchlichen Dinge den Redlichen und Einſichtsvollen— als Lohn für die Mühen und Drangſale, womit politiſche Revolutionen in der Regel bewerkſtelligt werden— nur ein einziges Reſultat übrig gelaſſen: die Ueberzeugung nämlich, daß ſich überhaupt gar keine Einrichtungen treffen laſſen, welche nicht nach kurzer Zeit durch den Scharfſinn der jedesmaligen Machthaber aus ihrer urſprüng⸗ lichen Bahn geriſſen und wohl gar zum direkten Gegentheil verkehrt werden können. Mit einem Wort— wie die phy⸗ ſiſche Konſtitution des Menſchen unfehlbar zur Abnahme der Kräfte und zu allmähliger Schwäche führt: wie ſie zur Erfüllung der Zwecke der Vorſehung ein neues Weſen, eine neue Exiſtenz gebie⸗ teriſch fordert— ganz ebenſo enthalten die moraliſchen Konſti⸗ tutionen— als Früchte der menſchlichen Weisheit— ſchon in ſich ſelbſt den Keim jeden Mißbrauchs und endlichen Verfalls, einen Keim, welchen die Selbſtſucht des Menſchen ebenſo gewiß zu nähren ſich bemühen wird, als ſeine Nachſicht ſtets bereit iſt, unſerer Natur, wie ſie glaubt, zu Hülfe zu kommen und gerade dadurch die Annäherung des Todes zu beſchleunigen. So haben wir auf der einen Seite den fortwährenden Beweg⸗ grund der Täuſchung und Hoffnung, der uns zu dem Wunſche nach Umänderungen der geſelligen Ordnung verleitet— und auf der andern die Erfahrung von Jahrhunderten, welche beweist, wie ungenügend ſie Alle für die von uns erſehnte Glückſeligkeit bleiben. Macht die Welt wirklich Fortſchritte in der Humanität und Civiliſation, ſo geſchieht dieß aus dem einzigen Grunde, weil die menſchliche Erkenntniß ihre Früchte aus jedem Boden und unter jedweden Bedingungen des Anbaus und der Verbeſſerung emporkeimen läßt. Sir Gervaiſe Oakes und Admiral Bluewater glaubten den 108 reinſten Grundſätzen zu folgen, indem ſie ſich dem Drange einer Neigung hingaben, die ſie für die widerſtreitenden Anſprüche der Häuſer Braunſchweig und Stuart in dem Kampf gehen hieß. Vielleicht gab es nicht leicht zwei andere Männer in England, welche ſich ihrer Beweggründe bei dieſer ihrer politiſchen Neigung weniger als unſere beiden Freunde zu ſchämen brauchten, und dennoch waren ſie, die ſonſt, wie wir geſehen haben, in den meiſten andern Dingen ſo ſehr mit einander übereinſtimmten, in dieſem einen Punkte diametral von einander verſchieden. So viele Jahre hindurch hatten ſie in langem, hartem Dienſte Freude und Leid mit einander getragen und ſtets war Eiferſucht, Mißtrauen und Unzufriedenheit ihrem Herzen fremd geblieben, denn jeder von den Beiden hatte nie einen Augenblick gezweifelt, daß ſeine eigene Ehre, ſein Glück und Wohlergehen von dem Freunde eben ſo hoch geſchätzt und eben ſo eifrig erſtrebt wurde, als dieß von ſeiner eigenen Seite nur immer geſchehen konnte. Ihr ganzes Leben beſtand aus einer ununterbrochenen Reihe gegenſeitiger, an⸗ ſpruchsloſer Beweiſe ihrer innigen Freundſchaft und Alles das war unter Umſtänden geſchehen, welche die edelſten, männlichſten Gefühle ihrer Natur von ſelbſt erwecken mußten. Noch als Jünglinge waren ſie bei ihren lachenden Tiſchgenoſſen unter dem Namen „Pylades und Oreſtes“ bekannt; in ſpäteren Jahren nannte man das tapfere Paar, das alle ſeine Fahrten zuſammen ausgeführt hatte, in der ganzen Marine nur die ‚Zwillings⸗Kapitäne. Sie hatten bei verſchiedenen Gelegenheiten feindliche Fregatten ange⸗ griffen und erobert. Natürlich trug bei ſolchen Veranlaſſungen der Aeltere von den Beiden den größeren Ruhm bei der Nation davon; dagegen hatte Sir Gervaiſe in ſeinem Edelmuthe von jeher ſich alle nur erdenkliche Mühe gegeben, auch dem jüngeren Freunde ſeinen vollen Antheil an der Ehre des Tages zu ſichern und ſeiner Seits ſprach Kapitän Bluewater niemals von dieſen Affairen, ohne ſie als Siege ſeines Freundes, des Commodore, darzuſtellen. Mit einem Wort, 109 bei allen Gelegenheiten und unter allen Umſtänden ſchien den beiden edelgeſinnten tapferen Seemännern nur das eine Ziel vor Augen zu ſchweben— nämlich das, einander gegenſeitig gefällig zu ſeyn, und dieſer Zweck war bisher erreicht worden ohne alle ſonderliche Bemühung oder ein Haſchen nach Effekt, rein nur aus natürlichem, freiwilligem Triebe des Herzens. Jetzt aber zum erſten Male in ihrem Leben waren Ereigniſſe eingetreten, welche die Harmonie ihrer Herzen mit einer ſtarken Diſſonanz bedrohten oder gar Handlungen in Ausſicht ſtellten, welche Beide unausbleiblich in offener, erklärter Feindſchaft einander gegenüberſtellen mußten. Kein Wunder alſo, wenn ſie mit düſteren Vorahnungen und mit einem Mißtrauen in die Zukunft ſchauten, welches Beide, wenn auch nicht unglücklich, ſo doch höchſt unruhig machte. Sechstes Kapitel. Der Kreis iſt fertig und wir ſitzen ſtumm, Wie auf dem Zifferblatt die Zeichen rings herum; Und alle fünf Minuten zeigt ein Ziſchen „Ja“ oder„Nein, Madame!“— wie traurig die Minuten uns entwiſchen. Cowper. Es iſt wohl kaum nöthig, dem Leſer zu ſagen, daß England, was materiellen Fortſchritt betrifft, vor hundert Jahren gegen ſeinen heutigen Standpunkt noch ſehr weit zurück war. Das Jahr⸗ hundert, von dem wir ſchreiben, war das Zeitalter der ſchweren Wagen, der ſechsſpännigen Kutſchen und vierſpännigen Poſtchaiſen, nicht aber die Periode der macadamiſirten Straßen und der Dampf⸗ wagen. Heutiges Tags kann Einer auf einem ſechszig bis achtzig Meilen entfernten Landſitze bequem bis zum Mittageſſen eintreffen und dieß noch dazu nur mit einem einzigen Paar Pferde; im Jahre 1745 aber hätte man bei einer ſolchen Einladung wenigſtens den 110 Tag zuvor aufbrechen müſſen und würde in vielen Theilen der Inſel vorgezogen haben, der Sicherheit halber zwei volle Tage dazu zu verwenden. Schottland war damals von Devonſhire weiter als heut zu Tage die Stadt Genf entfernt und alle Neuigkeiten verbreiteten ſich nur langſam und mit all der Uebertreibung und unſicherheit, wie ſie ſtets mit langem Verzuge verknüpft iſt. So war es alſo kein Wunder, wenn ein Jakobite auf dem Weg nach ſeinem Landſitze— dem wahren Heerde des Anſehens und des Einfluſſes bei einem engliſchen Gutsbeſitzer— eine Bot⸗ ſchaft, welche ihm durch den Eifer thätiger, politiſcher Anhänger zugekommen war, um mehrere Stunden früher erfahren konnte, als die gewöhnliche Poſt ihre regelmäßigeren Neuigkeiten zu ver⸗ breiten im Stande war. Das Wenige, was dieſem Edelmanne oder vielmehr ſeinem Diener entſchlüpft war— er ſelbſt nämlich war noch ſo ziemlich verſchwiegen und vertraute ſich auf jeder Station blos einem oder zwei ſeiner intimeren Freunde— war weder ſonderlich genau noch auch ſehr allgemein bekannt geworden. Wycherly hatte bei ſeinem Nachfragen viele Vorſicht bewieſen und war insbeſondere mit der ganzen Klugheit eines Offtziers darauf bedacht geweſen, ſeine Neuigkeiten einzig und allein für das Ohr der Vorgeſetzten aufzubehalten. Als daher Sir Gervaiſe wieder in das Geſellſchaftszimmer . trat, bemerkte er ſogleich, daß Sir Wycherly von dem, was im Norden vorgefallen war, noch nichts erfahren hatte; er verſäumte auch nicht, dem Lieutenant mit einem freundlichen Blicke ſeinen herzlichen Dank für die von ihm bewieſene Verſchwiegenheit zu bezeugen. Dieſe Enthaltſamkeit erhob den jungen Offizier in den Augen ſeines wohlerfahrenen, aufmerkſamen Admirals noch weit höher, als die Klugheit und Energie, womit der Jüngling kaum vorher ſeinen Auftrag vollzogen hatte, denn er erkannte recht wohl, daß von All' denen, welche ſich in dem genannten Falle unzweifel⸗ haft eben ſo brav benommen hätten, doch nur wenige unter den 111 obwaltenden Umſtänden die Klugheit und Selbſtbeherrſchung be⸗ ſeſſen haben würden, welche einzig und allein einen Mann zu der Uebernahme wichtiger Staatsgeſchäfte befähigen können. Der Beifall, der ſich bei Sir Gervaiſe ausſprach und den er auch dem jungen Offizier für ſeine Klugheit zu bezeugen wünſchte, beruhte übrigens weit mehr auf ſeinen Grundſätzen, als auf einer Nothwendigkeit; denn es war kein genügender Grund vorhanden, warum man das Geheimniß einem ſo konſequenten Whig, wie ihr Wirth einer war, vorenthalten ſollte. Im Gegentheil, je ſchneller die Anſichten, welche beide als die einzig geſunden und richtigen erkannten, ſich in der Nachbarſchaft ausbreiteten, um ſo beſſer mußte ſich dieß für die gute Sache ſelbſt erweiſen. So beſchloß alſo der Viceadmiral, ſo bald die Geſellſchaft ſich zu Tiſch geſetzt haben würde, ihr ohne Zögern eben jenes Geheimniß mitzutheilen, deſſen Geheimhaltung er dem jungen Manne ſo hoch angerechnet hatte. Admiral Bluewater trat in dieſem Augenblick in's Zimmer und Sir Wycherly beeilte ſich alsbald, Miſtreß Dutton zu Tiſche zu führen. Unter den Gäſten war nirgends eine Veränderung zu bemerken, außer daß Sir Gervaiſe das rothe Band des Bathordens an ſich trug — ein Zeichen, daß ſein Freund als offenbaren Beweis anſah, daß Erſterer damit die Fahne des Hauſes Hannover aufgepflanzt hatte. „Wer ſich, ſo wie wir, in dieſer ehrbaren Geſellſchaft an Eurer gaſtlichen Tafel niedergelaſſen hat, Sir Wycherly,“ begann der Viceadmiral, nachdem Alle ihre Sitze eingenommen hatten, wobei er ſeine Blicke rings im Kreiſe umherwarf,„der ſollte kaum glau⸗ ben, daß wir mit dem Ausbruch eines Bürgerkriegs bedroht, wenn nicht gar ſchon mitten in einer ernſtlichen Revolution begriffen ſind.“ Jede Hand blieb regungslos, jedes Auge war auf den Spre⸗ chenden geheftet; ſelbſt Bluewarer ſah ſeinen Freund ernſthaft an, als ob er zu wiſſen wünſchte, was wohl zunächſt nachfolgen würde. „Ich denke, mein Haushalt zeigt doch den gehöͤrigen Gehor⸗ ſam,“ antwortete Sir Wycherly, und ſchaute dabei bald rechts, 112 bald links, wie wenn er erwartete, daß ſein Mundſchenk ſchon im nächſten Augenblick einen Aufſtand erheben würde;„die einzige Veränderung, die wir heute, wie ich denke, zu ſehen bekommen kön⸗ nen, wird darin beſtehen, daß ein Gericht nach dem andern abge⸗ nommen und durch neue erſetzt werden wird.“ „Ja, ja, ſo ſpricht der muntere, behagliche Devonſhirer Baro⸗ net, der mitten unter ſeinem Ueberfluß, von warmherzigen Freunden umgeben, an ſeinem heimathlichen Heerde ſitzt. Aber faſt moͤchte es ſcheinen, als ob die Schlange nur auf gut ſchottiſch zerhauen, und noch nicht ganz getoͤdtet ſey.“ „Sir Gervaiſe Oakes iſt plötzlich mit ſeinem ſchottiſchen Zerhauen der Schlangen in die bildliche Redeweiſe verfallen,“ bemerkte der Contreadmiral etwas trocken. „Allerdings, Bluewater, iſt hier von ſchottiſchem Zerhauen die Rede, wie Du ſelbſt mit ſo viel Nachdruck bemerkt haſt.— Ich denke, Sir Wycherly— ebenſo auch Mr. Dutton und Sie, meine hübſche junge Dame— Sie alle haben vermuthlich ſchon von dem Prätendenten reden hören— und einige gar wohl denſelben ſchon geſehen!“ Sir Wycherly ließ Meſſer und Gabel fallen und ſtarrte dem Sprechenden verwundert in's Geſicht. Ihm ſchien die chriſtliche Re⸗ ligion, die Freiheit der Unterthanen— und ganz beſonders die der Baronets und Gutsherren mit viertauſend Pfund jährlicher Ein⸗ künfte— ſelbſt die proteſtantiſche Thronfolge— Alles, Alles ſchien ihm von plötzlichen Gefahren bedroht. „Ich habe meinem Bruder, dem Richter— dem jüngſt ver⸗ ſtorbenen Mr. Baron Wychecombe— von jeher geſagt, daß England wegen der Franzoſen, des Schelms von einem Pabſt und der un⸗ ächten Nachkommenſchaft König Jakobs II.— noch unruhige Zeiten erleben würde! Und jetzt, Sir, ſind meine Prophezeihungen ein⸗ getroffen!“ „Was England ſpeziell betrifft— nein, mein theurer Sir. ——.——— v. 11³ Von Schottland habe ich Euch freilich keine ſo guten Nachrichten mitzutheilen, denn Euer Namensvetter hier überbrachte uns die Neuigkeit, daß der Sohn des Prätendenten in jenem Königreiche gelandet ſey und die Clane daſelbſt zum Kampfe um ſich verſammle. Er iſt, wie es ſcheint, ohne alles Geleite von Seiten der Franzoſen in's Land gekommen und hat ſich einzig und allein dem irregelei⸗ teten Adel, unter dem die Anhänger ſeines Hauſes zu ſuchen ſind, vertrauensvoll in die Arme geworfen.“ „Das iſt wenigſtens eine ächt ritterliche— eines Prinzen vollkommen würdige That!“ rief Admiral Bluewater. „Ja— in ſo fern ſie an unbeſonnene Tollheit gränzt. Eng⸗ land läßt ſich nicht nur ſo mit einem Schwarm halbnackter Schott⸗ länder erobern!“ „Ganz richtig— aber England kann nichts deſtoweniger durch England ſelbſt erobert werden.“ Sir Gervaiſe zog hier vor, zu ſchweigen, denn nie zuvor war Bluewater ſo nahe daran geweſen, ſeine politiſchen Geſinnungen in Gegenwart dritter Perſonen zu verrathen. Dieſe Pauſe machte es Sir Wycherly möͤglich, endlich wieder zu Wort zu kommen. „Laß doch mal ſehen, Tom,“ ſprach jetzt der Baronet,„fünf⸗ zehn und zehn ſind dreißig und zehn ſind fünf und vierzig— es iſt jetzt gerade dreißig Jahre, ſeit die Jakobiten ihren letzten Auf⸗ ſtand verſucht haben! Es ſcheint, ein halbes Menſchenleben genügt noch nicht, um den Heißhunger eines ſchottiſchen Magens nach engliſchem Golde ſtillen zu können.“ „Selbſt zweimal dreißig Jahre würden kaum das Drängen eines edlen Geiſtes zu ſtillen vermögen, wenn gerechte Anſprüche ihm den Weg auf den engliſchen Thron eröffneten,“ bemerkte Blue⸗ water kalt.„Mir meines Theils gefällt der hohe Muth dieſes jungen Prinzen, denn nur wer muthig wagt, verdient ſich auch der Kühnheit Lohn. Was ſagen Sie dazu, meine ſchöne Nachbarin?“ „Wenn Sie mit Ihrer allzuartigen Anrede mich gemeint haben, Die beiden Admirale. 2. Aufl. 8 114 Sir,“ antwortete Mildred in ihrer Beſcheidenheit, doch nicht ohne jenen Nachdruck, welchen ſelbſt die Sanfteſte ihres Geſchlechts dann anzunehmen weiß, wenn ſie lebhaft fühlt,„ſo möchte ich um die Erlaubniß bitten, die Hoffnung ausſprechen zu dürfen, daß jeder Engländer zur Vertheidigung ſeiner Freiheit mit derſelben Kühn⸗ heit handle und eben ſo ſchönen Lohn ſich verdienen möge.“ „Komm— komm, Bluewater,“ fiel Sir Gervaiſe mit einem Ernſte ein, der ſich faſt zum Vorwurfe ſteigerte;„ſolche Anſpie⸗ lungen vor einer ſo jungen und unerfahrenen Perſon kann ich nicht zugeben. Die junge Dame könnte wahrhaftig durch Deinen kühlen Scherz zu dem Glauben verleitet werden, als ob Seiner Majeſtät Flotte Leuten anvertraut ſey, welche ſich des Vertrauens ihres Herrn gänzlich unwürdig zeigen. Ich mache nunmehr den Vor⸗ ſchlag, Sir Wycherly, daß wir unſer Mahl in Frieden einnehmen und der tollkühnen Expedition nicht weiter erwähnen, bis wenig⸗ ſtens das Tiſchtuch abgeräumt iſt. Es iſt ein weiter Weg von Schottland herunter und ſo iſt wohl kaum zu fürchten, daß jener junge Abenteurer, noch ehe die Nüſſe vor uns ſtehen, bis Devon⸗ ſhire vordringen werde. „Es wären in der That nur Nüſſe für uns, wenn er's auch thäte, Sir Gervaiſe,“ warf Tom Wychecombe ein und belachte ſeinen eigenen Witz aus vollem Herzen.„Ich wüßte nichts, was meinem Oheim größere Freude gewähren würde, als wenn er jenen Afterkönig auf ſeinem Landſſitze hier und in den Händen ſeiner eigenen Vaſallen ſehen könnte. Ich denke doch, Sir, in Verbindung mit den paar nächſten Herrſchaften könnte Wychecombe mit dem ſaubern Herrn ſchon fertig werden.“ „Das möchte wohl von den Umſtänden abhängen,“ antwortete der Admiral etwas trocken.„Dieſe Schotten haben ſo ein gewiſſes Ding, das man den Elaymore“ nennt und ſollen ganz verzweifelte Burſche bei einem Angriffe ſeyn. Schon der einzige Umſtand, daß * Das kurze Schwert der Hochländer. D. U. 115 ſie ihre Krieger mit kurzen Schwertern bewaffnen, zeigt ihre blut⸗ dürſtige Geſinnung.“ „Ihr vergeßt, Sir Gervaiſe, daß wir hier im Weſten von England unſere Korniſchen Umarmungen“ haben; ich will unſere Burſche gegen jedes ſchottiſche Regiment führen, das jemals einen Feind angegriffen hat.“ Tom lachte abermals über ſeine eigene Anſpielung, die ſich auf ein unter den Ringkämpfern der benachbarten Grafſchaften übli⸗ ches Sprüchwort bezog. „Dieß iſt Alles recht gut, Mr. Thomas Wychecombe, ſo lange Devonſhire im Weſten von England und Schottland nördlich vom Tweed liegt. Da könnte aber Sir Wycherly die Sache ebenſogut dem Herzog und ſeinen regulären Truppen anvertrauen, wenn ſich's nur darum handelte, jedermann ſeinem eigenen Willen folgen zu laſſen.“ „Mir kommt der Verſuch eines ſo niedrig geborenen Jungen, wie dieſer Prätendent der engliſchen Krone iſt, ſo ausnehmend un⸗ verſchämt vor, daß ich kaum mit Gelaſſenheit davon ſprechen kann. Wir alle wiſſen, daß ſein Vater ein Wechſelbalg war; der Sohn eines untergeſchobenen Erben aber kann eben ſo wenig ein Recht als dieſer ſelbſt beſitzen. Ich weiß nicht genau, wie das Geſetz ſolche Prätendenten betitelt; das aber darf ich jedenfalls behaupten, daß das Ganze etwas ungemein Gehäſſiges an ſich hat.“ „Filius nullius, Thomas, das iſt der wahre Ausdruck!“ ſagte Sir Wycherly mit nicht geringem Eifer, um ſeine Gelehrſamkeit an den Mann zu bringen.„Ich habe ihn aus der beſten Quelle, nämlich von meinem verſtorbenen Bruder, Baron Wychecombe, der mich in eigener Perſon in einer Angelegenheit darüber belehrte, welche eine tiefe Kenntniß der Sache erforderte. Der Richter war ein höchſt accurater Rechtsmann, vornehmlich in Allem, was Namen betraf, und wenn er noch lebte, ſo wollte ich drauf wetten, daß er * So nennen die Ringer in Cornwales den Kunſtgriff, womit ſie ihrem Gegner ein Bein zu ſtellen wiſſen. D. U. 116 mir Recht gäbe, wenn ich behaupte, daß filius nullius die geſetzliche Benennung für einen Wechſelbalg iſt.“ Trotz ſeiner natürlichen Unverſchämtheit und des feſten ihm angeborenen Entſchluſſes, ſich ohne allzuviele Rückſicht auf Wahrheit . ſeinen Weg durch die Welt zu bahnen— fühlte Tom Wychecombe bei dieſer unſchuldigen Anſpielung ſeines geachteten Oheims ſeine Wange ſo tief erglühen, daß er in der That das Geſicht abwenden mußte, um ſeine Verwirrung zu verbergen. Wäre in ſeines Oheims Bemerkung irgend eine Anſpielung auf ein von ihm ſelbſt began⸗ genes moraliſches Verbrechen gelegen, ſo würde er beſtimmt Mittel gefunden haben, ſich gegen eine derartige Verlegenheit zu ſtählen: ſo aber war er, wie dieß nur zu oft der Fall iſt, weit mehr über ein Unglück beſchämt, deſſen Schuld ihm gar nicht beigemeſſen werden konnte, als er ſich wegen eines Verbrechens geſcheut haben würde, wofür ſein Gewiſſen ihn verantwortlich gemacht hätte. Sir Gervaiſe lächelte über Sir Wycherly's Kenntniß der Rechtsausdrücke, wenn nicht gar über ſein Latein überhaupt; dann wandte er ſich voll Gutmüthigkeit an ſeinen Freund, den Contreadmiral, und ſuchte ſeinen innigen Wunſch, die alten freundſchaftlichen Verhält⸗ niſſe mit demſelben wieder feſtzuknüpfen, ohne Verzug ins Werkzu ſetzen. „Sir Wycherly muß wohl Recht haben, Bluewater,“ bemerkte er mit kaum bemerkbarem Spott.„Ein Wechſelbalg iſt kein Mann oder Niemand— das heißt, er iſt nicht der Mann, der er zu ſeyn behauptet, was in der Hauptſache gerade ſo viel als Niemand bedeutet, und daß der Sohn eines Niemands ein filius nullius iſt, das iſt wohl klar und nicht zu beſtreiten. Da ich nun⸗ mehr die eigentliche Rechtsſeite der Sache, wie man's nennen könnte, erledigt habe, ſo verlange ich einen Wafefenſtillſtand auf ſo lange, bis wir an unſere Nüſſe kommen; denn um noch an Mr. Thomas Wychecombe's Nüſſe zu gelangen, die er ſich ſchon heute zu knacken geben möchte— dazu hoffe ich, möchten doch noch zu viele loyale Unterthanen im Norden zu treffen ſeyn.“ —— 117 Zwei Freunde, die ſich ſo genau kennen, wie dieß bei den beiden Admiralen der Fall war, haben tauſenderlei geheime Mittel an der Hand, nicht nur um ſich gegenſeitig zu verletzen, ſondern auch das auf Augenblicke unterbrochene Freundſchaftsverhältniß wieder herzuſtellen. Admiral Bluewater bemerkte recht gut, daß Sir Gervaiſe über die unter den gewöhnlichen Whigs allgemein verbreitete Meinung weit erhaben war, wonach dieſe dem Mährchen von einer unächten Abkunft des Prinzen Gehör ſchenkten; die ge⸗ heime, ironiſche Anſpielung, die der Viceadmiral über dieſen Gegen⸗ ſtand gemacht, wirkte vollends wie Oel auf ſeinen erhitzten Geiſt und ſtimmte denſelben wieder zur Mäßigung. Dieß war auch Sir Gervaiſe's Abſicht geweſen und beide lächelten ſich wieder ſo freund⸗ lich an, daß man deutlich erkennen konnte, wie das geiſtige Ein⸗ verſtändniß wenigſtens für die nächſte Zeit unter ihnen hergeſtellt war. Aus Gefälligkeit für ſeine Gäſte gab Sir Wycherly ſeine Ein⸗ willigung zu der vorgeſchlagenen Aenderung der Unterhaltung; doch blieb es ihm immer noch etwas räthſelhaft, wie die beiden Admirale vor der Beſprechung einer Unternehmung, die, nach ſeinen Begriffen von der Sache, jedem Engländer das Höchſte und Wichtigſte ſeyn mußte— ſo offenbaren Widerwillen an den Tag legen konnten. Tom war auf eine Art zurückgewieſen worden, daß er ſich während der ganzen übrigen Mahlzeit ſchweigend verhielt— die Uebrigen begnügten ſich mit Eſſen und Trinken, wie wenn überhaupt nichts von Bedeutung vorgefallen wäre. Wohl ſelten wird ſich eine Geſellſchaft zu Tiſche ſetzen, ohne daß geheime Intriguen wegen der Nachbarsſitze vorkommen, ſo lange natürlich nicht beſondere Rang⸗ oder ſonſtige Verhäͤltniſſe zwiſchen die perſönlichen Wünſche treten. Sir Wycherly hatte Sir Gervaiſe zu ſeiner Rechten und Mrs. Dutton zu ſeiner Linken ge⸗ ſetzt; Admiral Bluewater hatte glücklicher Weiſe— den ihm von dem Wirthe angewieſenen Platz vermeidend, ſeinen Sitz neben Mildred eingenommen, welche Tom Wychecombe am untern Ende der Tafel 118 12 dicht neben ſich zu placiren Sorge getragen hatte. Wycherly ſaß ihr gegenüber und ſo war Dutton und Mr. Rotherham, der Vicar, genöthigt, die beiden übrigen Stühle einzunehmen. Der gute Ba⸗ ronet hatte zwar ein ſaures Geſicht gemacht, als er den Contread⸗ miral ſo ganz gegen ſeinen Willen untergebracht ſah; da ihm jedoch Sir Gervaiſe verſicherte, ſein Freund ſey nie glücklicher, als wenn er der Schönheit huldigen könne, ſo mußte er ſich, wohl oder übel, in die getroffene Anordnung fügen. Daß Admiral Bluewater von Mildred's Schönheit betroffen war und an ihrem natürlichen, ächt weiblichen Weſen, das alle Erwartungen, die man ihrem Stande gemäß von ihr hegen konnte, bei Weitem übertraf, Gefallen fand— blieb Allen am Tiſche nicht lange ein Geheimniß; doch war dabei ſein Benehmen gegen ſie ſo offenherzig, ja faſt väterlich zu nennen, daß man ſeine Bewunde⸗ rung unmöglich für etwas Anderes als für den Ausdruck ſeines Wohlgefallens nehmen konnte, das überdieß durch den Unterſchied des Lebensalters, ſo wie durch ihre verſchiedene Lage und Erfah⸗ rung ganz wohl gerechtfertigt werden konnte. Mrs. Dutton war auch weit entfernt, über die Aufmerkſamkeiten des Contreadmirals Unruhe zu fühlen,— im Gegentheile bemerkte ſie dieſelben mit innerlicher Freude und empfand wohl einen heimlichen Stolz in dem Bewußtſeyn, daß ſie wirklich ſo wohl verdient waren. Es wurde ſchon früher geſagt, daß ſie die Tochter eines Rent⸗ meiſters bei einem Edelmanne in der benachbarten Grafſchaft war; ſie hatte ſich in der Familie von ihres Vaters Gönner ſo wohl daran zu machen gewußt, daß ſie, als ein Liebling der Töchter vom Hauſe, gewiſſermaßen in deren Geſellſchaft zugelaſſen worden war und an den Vortheilen ihrer Erziehung Antheil genommen hatte. Lady Wilmeter, die Mutter der jungen Damen, bei welchen ſie als eine Art niederer Geſellſchafterin zugelaſſen wurde, hatte ſich in den Kopf geſetzt, daß es dem Mädchen zum groͤßten Nutzen gereichen müßte, wenn ſie zur Erzieherin herangebildet würde; ſie 119 2₰ dachte in ihrer eigenen Stellung nur wenig daran, daß dadurch Martha Ray— dieß war Mrs. Dutton's früherer Familienname— eine Lebensbahn eröffnet wurde, welche vielleicht unter all' denen, die ſich einem tugendhaften, verſtändigen Mädchen darbieten, am allerwenigſten zu beneiden ſeyn möchte— was, nebenbei bemerkt, noch ganz beſonders vor hundert Jahren der Fall wahr, wo Er⸗ ziehung überhaupt und weibliche Erzieherinnen insbeſondere noch nicht ſo geſchätzt waren wie heutiges Tags, da die Welt, trotz all' ihrer Fehlerhaftigkeit und Ueberfeinerung, in der wahren Civiliſa⸗ tion und geiſtigen Ausbildung nach tauſend verſchiedenen Geſichtspunk⸗ ten hin unbeſtreitbar die größten Fortſchritte gemacht hat. Nichts⸗ deſtoweniger erhielt Martha jene feinere Bildung, welche in vielen Beziehungen Gefühle, Anſichten und Neigungen in ihr begründeten, die auf das künftige Leben der Pflegebefohlenen von dem ent⸗ ſcheidenſten Einfluße ſeyn mußten— ob ſie wirklich mehr zum Glück oder Unglück derſelben beitrugen, dieß iſt eine Frage, deren ſpätere Beantwortung wir der Einſicht unſerer Leſer überlaſſen wollen. Frank Dutton, damals ein hübſcher, wenn auch ſehr ungebil⸗ deter, junger Schiffslieutenant, vereitelte Lady Wilmeters Plane und heirathete Martha Ray in ihrem zwei und zwanzigſten Jahre. Die Parthie war faſt in jeder Hinſicht ſehr paſſend, mit einziger Aus⸗ nahme der beiderſeitigen Verſchiedenheit in Charakter und Erziehung — allerdings eine höchſt wichtige Ausnahme. Da übrigens eine Frau recht wohl feiner gebildet und in manchen Dingen ſogar verſtändiger ſeyn darf als ihr Mann— da überdieß die Seeleute zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts eine, der übrigen Geſell⸗ ſchaft gegenüber, viel verſchiedenartigere Menſchenklaſſe ausmach⸗ ten— ſo wäre das Verhältniß des jungen Paares mit ihrem künftigen Wohlergehen durchaus nicht unverträglich geweſen, wenn Jedes von Beiden ſeine Laufbahn in der mit ihren eigenthümlichen Pflichten am Beſten übereinſtimmenden Weiſe verfolgt hätte. Der junge Dutton hatte ſeine hübſche Frau nebſt den zweitau⸗ —-—õñʒõ 5 120 ſend Pfunden, die er von ihrem Vater erhalten, mit ſich genommen und war dann lange Zeit in ſeinem Geburtslande nicht mehr ge⸗ ſehen worden. Nach einer Abweſenheit von etlichen zwanzig Jahren kehrte er endlich— im Range degradirt und mit zerrüttetem Kör⸗ per— nach Hauſe zurück, um den im Eingang unſerer Erzählung erwähnten Poſten bei der Signalſtation einzunehmen. Mrs. Dutton hatte ein einziges Kind mit ſich gebracht; es war eben jenes ſchöne Mädchen, das wir unſern Leſern bereits vor Augen geführt haben. Dieſer ihrer Tochter all; jene Bildung mitzutheilen, die ſie ſelbſt auf die oben beſchriebene zufällige Weiſe erworben hatte— war das unaufhörliche, eifrige Beſtreben der Mutter; ſo kam es denn, daß auch Mildred durch dieſelben Mittel, wie ihre Mutter, eine über ihren Stand gehende Erziehung erhalten hatte, und Mrs. Dutton, die doch aller Wahrſcheinlichkeit nach ſo wenig Urſache hatte, ſich zu dem Beſitze einer Lebens⸗ und Gefühls⸗ bildung Glück zu wünſchen, welcher in ihrer wirklichen Lage ſo wenig Schätzung oder Sympathie zu Theil wurde— war dennoch emſig bemüht, eben jene Sitten und Anſichten bei ihrer Tochter auszubilden, wobei ſie nicht ſelten eine gewiſſe reizbare Unzufrieden⸗ heit— eine Folge ihres kränklichen Zuſtandes— über das Benehmen und den Geſchmack ihrer Tochter an den Tag legte. Wahrſchein⸗ lich hatte das Mädchen, was dieſe ihre Ausbildung betraf— ihrem oftmaligen einſamen Zuſammenſeyn mit der Mutter mehr, als jeder Belehrung von Seiten derſelben zu verdanken, denn der langjährige Einfluß des guten Beiſpiels konnte bei ihr am allerwenigſten ſeine gewohnten Wirkungen verfehlen. In Wychecombe wußte Niemand die Geſchichte von Dutton’s dienſtlicher Degradation genau anzugeben. Er hatte ſich niemals höher als bis zum Lieutenant emporgeſchwungen und war durch den Spruch eines Kriegsgerichts von ſeinem Poſten abgeſetzt worden. Seine Wiederanſtellung im Dienſt, freilich mit dem niedrigeren und faſt keine weitere Ausſicht gewährenden Range eines Quartier⸗ —„ —„———— 8—2 8— 121 meiſters, war, wie man glaubte, durch Mrs. Dutton's Einfluß auf Lord Wilmeter, den Bruder ihrer ehemaligen Jugendfreun⸗ dinnen, zu Stande gekommen. Daß ihr Mann das Vermögen ver⸗ geudet, war eben ſo gewiß, als daß ſeine Gewobhnheiten, wenigſtens was Mäßigkeit betraf, höchſt ſchlimmer Natur waren, wodurch ſein Weib, wenn auch nicht voöllig aufgerieben, doch jedenfalls ein höchſt unglückliches Weſen werden mußte, das ebenſowohl Mitleid als Bewunderung verdiente. So wenig ſich auch Sir Wycherly auf Menſchenkenntniß ver⸗ ſtand, ſo mußte er doch ſehr bald den höheren Werth von Weib und Tochter, vor dem des Gatten und Vaters, anerkennen und auch ſeinem jungen Namensvetter müſſen wir die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, daß die unverkennbare Bewunderung, welche er Mildred zollte, ebenſoſehr ihrem trefflichen Gemüth und Charakter, ſo wie der anziehenden Natürlichkeit ihres ganzen Weſens— als den aus⸗ nehmenden Reizen ihrer Perſon galt. Dieſe kleine Abſchweifung wird vielleicht in den Augen des Leſers um ſo eher die beſondere Theilnahme entſchuldigen, welche Admiral Bluewater unſerer Heldin bezeugte. Mit dem Takte eines Mannes von Welt, welcher Jahre und vornehme Stellung gänzlich bei Seite gelegt zu haben ſchien, gelang es ihm, dem Mädchen ihre Schüchternheit zu benehmen und ſie nach und nach geſprächiger zu machen. Bald entdeckte er an ihr zu ſeinem Erſtaunen eine Zartheit des Gefühls und eine Gediegenheit der Kenntniſſe, wie er ſte hier am allerwenigſten erwartet hatte. Er war ein zu feiner Geſellſchafter und beſaß einen viel zu richtigen Takt, als daß er mit ſeinen eigenen Anſichten zu glänzen verſucht hätte; dagegen wußte er es mit jener ruhigen Weiſe, welche einem Manne, der mit den verſchiedenen Anſichten und Geſchmacksrichtungen der Welt vertraut iſt, ſo leicht und geläufig wird— bald ſo weit zu bringen, daß die bewunderte Schöne auf ſeine eigenen Bemer⸗ kungen antwortete, daß ſie mit ſeinen Gefühlen ſympathiſirte, lachte, 122 wenn er lachte und wiederum einen mißbilligenden Blick annahm, wenn ſie Mißbilligung gerechtfertigt glaubte. All' dieſes beobachtete Wycherly mit hohem Entzücken: er nahm ſogar einigermaßen an der Unterredung Theil, denn es war offen⸗ bar, daß der Contreadmiral ſeine ſchöne Nachbarin keineswegs für ſich allein in Beſchlag zu nehmen wünſchte. Vielleicht war es gerade der Platz, welchen der junge Mann ihr gegenüber einnahm, der Mildred veranlaßte, dem alten Officier ſo manchen dankbaren Blick, ſo manches ſüße Lächeln zuzuwenden, denn nie konnte ſie über die Tafel hinüberſehen, ohne Wycherly's Blick zu begegnen, der in ſtiller Bewunderung auf ihr erröthendes Antlitz geheftet war. So viel iſt gewiß, wenn unſere Heldin im Laufe des Abends auch keine Eroberung— was man nämlich im gewöhnlichen Leben ſo nennt— an Admiral Bluewater machte, ſo wurde er doch ihr warmer, aufrichtiger Freund. Selbſt Sir Gervaiſe fühlte ſich im erſten Augenblick durch den ganz beſonderen, hingebenden Eifer be⸗ troffen, womit ſein alter Tiſchgenoſſe dem ſchönen Mädchen neben ihm ausſchließlich ſeine Aufmerkſamkeit widmete. Ein oder zweimal kam ihm ſogar der Gedanke, ob es wohl möglich wäre, daß ein ſo erfahrener, verſtändiger und mit den erſten Hofſchönheiten ſo ver⸗ trauter Mann wie Bluewater, ſich noch in ſeinem fünfzigſten Jahre in das hübſche Geſicht eines Landmädchens vergaffen könnte. Doch bald mußte er dieſe Idee als völlig widerſinnig verwerfen, worauf er jedesmal ſeine ungetheilte Aufmerkſamkeit wieder dem geſprächigen Wirth an ſeiner Seite ſchenkte, der ihn mit einer weitläufigen Ab⸗ handlung über Kaninchen und deren Gehege zu unterhalten bemüht war. Auf dieſe Art verſtrich die Zeit des Mittageſſens. Mrs. Dutton erbat ſich, ſo bald nur immer der Anſtand es zulaſſen wollte, die Erlaubniß ihres Wirths, ſich mit ihrer Tochter zurückziehen zu dürfen. Während ſie das Zimmer verließ, warf ſie noch einen ängſtlichen Blick auf das Geſicht ihres Gatten, das von dem häufigen Genuſſe des Portweins bereits hochroth zu glühen 123 begann; mit Mühe zwang ſie ſich beim Abſchied zu einem freund⸗ lichen, muntern Lächeln, aber ihre Lippen zitterten und als ſte mit Mildred das Geſellſchaftszimmer erreichte, ſtrömten ihr die hellen Thränen über die Wangen herab. 3 Noch nie hatte ſich Mrs. Dutton, ſelbſt nicht gegen ihre Tochter, über das unverbeſſerliche, entehrende Laſter ihres Gatten geäußert; doch war es ihr unmoͤglich geweſen, die traurigen Folgen deſſelben vor der Welt und noch viel weniger vor Jemand, der im Schooß der Familie ſelbſt lebte, geheim zu halten. Einen Fehler, den die Mutter mit ſolcher Zartheit behandelte, konnte die Tochter natürlich nicht berühren; doch hatten beide dafür Einen Erſatz— den gemein⸗ ſchaftlichen Erguß ihrer Thränen, und dieſer war ihnen ſo ſüß ge⸗ worden, daß ſie in den letzten Jahren ſehr häufig Troſt darin ge⸗ ſucht und gefunden hatten. „In der That, Mildred,“ begann die Mutter endlich, nachdem ſte ihre Bewegung glücklich bemeiſtert und ihre Thränen abgetrocknet hatte, ſo daß ſie dem lieblichen, hingebenden Kinde wieder zärtlich in das holde Antlitz lächeln konnte,„in der That, dieſer Admiral Bluewater thut ſo bekannt mit Dir, daß ich kaum weiß, was ich von der Sache halten ſoll.“ „O, Mutter, er iſt ein köſtlicher, alter Herr! Er iſt ſo freundlich und dabei ſo offenherzig, daß er, faſt noch ehe wir's wiſſen, unſer Vertrauen gewinnt. Wundern ſollte mich's aber doch, wenn das, was er über die edle Kühnheit und den hohen Muth des Prinzen Cduard geſagt, wirklich ſein Ernſt geweſen wäre!“ „Natürlich ſprach er im Scherze; das Miniſterium wird wohl Niemand, als einem ächten Whig, das Kommando einer Flotte an⸗ vertrauen. Ich kannte noch als Mädchen mehrere Mitglieder ſeiner Familie und habe immer nur mit Achtung und Verehrung von ihnen ſprechen gehört. Lord Bluewater, der Vetter dieſes Herrn, war ein vertrauter Freund von Lord Wilmeter und kam mit dieſem oft auf's Schloß. Er ſelbſt ſoll, wie ich mich gehört zu haben erinnere, 124 als ganz junger Mann in ſeiner Liebe ſich getäuſcht und ſeit der Zeit als unverbeſſerlicher Junggeſelle gelebt haben. So nimm Dich alſo in Acht, meine Liebe.“ „Die Warnung war unnöthig, theure Mutter,“ antwortete Mildred lächelnd,„ich könnte den Admiral kindlich lieben, wie einen Vater. doch wirſt Du mir vergeben, wenn er mir zu einem innigeren Bande nicht jung genug erſcheint.“ „Und doch gehört er jenem vielbewunderten Stande an—“ be⸗ merkte die Mutter mit zärtlichem und doch etwas ſchelmiſchem Lächeln.„Ich habe Dich ja oft von Deiner leidenſchaftlichen Vor⸗ liebe für das Seeleben reden hören.“ „Das war früher, Mutter, da ich noch wie eines Seemanns Tochter und nicht viel beſſer, als ein unbeſonnenes Mädchen ſprach. Ich wüßte eben nicht, warum ich jetzt den Stand eines Seemannes höher als irgend einen andern achten ſollte. Ich fürchte, Soldaten⸗ und Seemannsfrauen haben oft nur allzuviel Elend und Jammer zu befürchten.“ Der Mutter Lippe zitterte abermals; doch als ſie Jemand der Thüre nahe kommen hörte, raffte ſie ſich zuſammen, um wenigſtens ruhig zu erſcheinen und in demſelben Augenblick trat Admiral Blue⸗ water in das Zimmer. „Ich bin der Flaſche davongelaufen, Mrs. Dutton, gerade wie ich vor einem um's Doppelte ſtärkeren Feind davonrennen würde— um Sie und Ihre ſchöne Tochter wieder zu ſehen,“ begann er und gab jeder von den beiden Frauen ſo freundlich die Hand, daß dieſe Artigkeit für weit mehr als eine Gunſt, ja daß ſie als ein beſon⸗ derer Beweis von Herzensgüte aufgenommen werden konnte.„Oakes iſt eben im Begriff, mit ſeinem Bruder Baronet den Klüver ein⸗ zuholen, wie wir Seeleute zu ſagen pflegen, und ich— bin alsbald ohne Signal aus der Linie herausgebrochen.“ „Ich hoffe, Sir Gervaiſe Oakes betrachtet es nicht als eine Nothwendigkeit, mehr Wein zu ſich zu nehmen, als für Leib und 4 R— A 125 Seele gut iſt,“ bemerkte Mrs. Dutton mit einer Haſt, welche ſie augenblicklich wieder bereute. 3 „Nein, das nicht. Gewiß iſt Oakes in Allem, was die Tafel betrifft, ſo enthaltſam, wie ein Einſiedler, und dabei hat er doch eine Manier an ſich, daß man ihn für einen Trinker halten könnte und durch die er ſogar einem Vierflaſchenmann als ein willkommener Zech⸗ bruder erſcheinen wird. Wie er das anfängt, kann ich Ihnen wahrhaftig nicht ſagen, aber das kann ich Sie verſichern, er macht es ſo gut, daß man behaupten könnte, er treibe ſeines Königs Feinde auf hoher See kaum mächtiger zu Paare, als er ſeine Freunde zu Haus unter den Tiſch zu bringen verſteht. Sir Wycherly hat ſeine Ge⸗ ſundheiten mit einem Toaſt auf das Haus Hannover begonnen, und da kann's denn wohl noch eine lange Sitzung geben.“ Mrs. Dutton trat an's Fenſter, um die Bläſſe ihrer Wangen zu verbergen. Admiral Bluewater war zwar für ſeine eigene Perſon im Ge⸗ nuſſe des Weins vollkommen enthaltſam, betrachtete aber, wie die meiſten Männer jener Zeit, die uneingeſchränkte Freiheit bei der Flaſche nach dem Mittageſſen als eine ſehr verzeihliche Schwäche und ließ ſich deßhalb vollkommen beruhigt an Mildred's Seite nieder, mit der er alsbald ein Geſpräch begann. „Ich hoffe, meine junge Dame, als eines Seemanns Kind hegen Sie eine angeerbte Nachſicht gegen die Plauderei und Unterhaltung eines Seemanns. Bedenken Sie nur, daß wir den größten Theil des Jahres auf unſern Schiffen eingeſchloſſen ſind, und darum ſehr arm an Ideen über ſo mancherlei Gegenſtände bleiben müſſen— denn wollte man gar an Einem fort nur über Winde und Wogen ſich unterhalten, das würde ja ſelbſt einen Dichter ermüden.“ „Als eines Seemanns Tochter ehre ich meines Vaters Beruf, Sir, und als ein engliſches Mädchen weiß ich die tapferen Ver⸗ theidiger dieſes Eilandes hochzuſchätzen. Doch wüßte ich nicht, warum Seeleute weniger als andere Leute zu ſprechen wiſſen ſollten.“ 126 „Ich bin herzlich froh, dieſes Bekenntniß aus Ihrem Munde zu vernehmen, denn— ſoll ich offenherzig ſeyn und mir eine Frei⸗ heit erlauben, die einem ſeit zwölf Jahren mit Ihnen vertrauten Freunde wohl eher als einem eintägigen Bekannten zukommen moͤchte — und doch, ich weiß nicht, wie es kommt, mein theures Kind, aber trotzdem, daß ich gewiß weiß, daß wir uns nie zuvor getroffen haben, iſt mir doch gerade ſo, als ob ich Sie ſchon längſt gekannt hätte.“ „Vielleicht iſt dieß ein Vorzeichen, Sir, daß wir uns in Zu⸗ kunft noch lange bekannt bleiben ſollen,“ ſagte Mildred mit der ein⸗ nehmenden Vertraulichkeit argloſer, unſchuldiger Jungfräulichkeit. „Ich hoffe, Sie werden mir nichts vorenthalten.“ „Nun gut; ſo will ich Ihnen denn, auf die Gefahr, einen argen Mißgriff zu begehen, geradezu bekennen, daß ‚mein Neffe Tom meinetwegen Alles andere, nur nicht ein einnehmender Junge iſt und daß ich ferner die Hoffnung hege, er möchte vor Aller Augen in dem nämlichen Lichte erſcheinen, in welchem ein Seemann von Fünfundfünfzig ihn betrachtet.“ „Ich kann nur für die eines neunzehnjährigen Mädchens ein⸗ ſtehen, Admiral Bluewater,“ bemerkte Mildred lachend,„darf Ihnen aber als ſolches wohl bekennen, daß ich ihn weder für einen Adonis noch auch für einen Crichton halte.“ 3 „Bei meiner Seele! das höre ich von Herzen gern, denn der Burſche beſitzt zufällige Vortheile genug, die ihn wohl furchtbar machen könnten. Er iſt der Erbe der Baronetswürde und dieſer Herrſchaft, wie ich glaube?“ „Ich vermuthe ſo. Sir Wycherly hat keinen andern Neffen— oder wenigſtens iſt er, wie man ſagt, der älteſte von drei Brüdern — und da Sir Wycherly ſelbſt kinderlos iſt, ſo muß es wohl ſo ſeyn. Mein Vater ſagt mir, Sir Wycherly ſpreche immer von Mr. Thomas Wychecombe als ſeinem künftigen Erben.“ „Ihr Vater! Ja, die Väter betrachten derartige Dinge mit ganz andern Augen als ihre Töchter!“ 127 „Nun, die Seeleute haben doch etwas an ſich, was uns bei einer Bekanntſchaft mit ihnen ſehr ſicher macht,“ ſagte Mildred lächelnd—„ich meine ihre Freimüthigkeit.“ „Ja, das iſt einer meiner Fehler, wie ich mir ſchon oft ſagen laſſen mußte. Doch müſſen Sie mir ſchon eine kleine Unbeſcheiden⸗ heit verzeihen, wenn ſie, wie bei mir, aus Theilnahme für Ihr Wohl entſpringt. Der älteſte von drei Brüdern ſagten Sie— ſo iſt der Lieutenant demnach ein jüngerer Sohn?“ „Er gehört gar nicht zu der Familie, wie ich glaube,“ ant⸗ wortete Mildred, indem ſie trotz ihres feſten Entſchluſſes, keine Verwirrung blicken zu laſſen, dennoch leicht erröthete.„Mr. Wy⸗ cherly Wychecombe iſt, wie ich höre, kein Anverwandter unſeres Wirths, obgleich deſſen beide Namen auch die ſeinigen ſind. Er ſtammt aus den Kolonien und wurde in Virginien geboren.“ „Er iſt ein edler Junge von kühnem, offenem Weſen! Wäre ich der Baronet, ich würde lieber die Erbfolgeordnung verletzen und ſtatt meine Ländereien auf dieſen finſterblickenden Neffen über⸗ gehen zu laſſen, ſie weit eher meinem Namensvetter verleihen.— Aus Virginien, und überhaupt gar kein Verwandter des Hauſes?“ „So wenigſtens verſichert Mr. Thomas Wychecombe und ſelbſt Sir Wycherly beſtätigt es. Mr. Wycherly Wychecombe ſelbſt habe ich noch nie über dieſen Gegenſtand reden hören.“ „Auch eine von den Schwächen der menſchlichen Natur! der Junge findet hier eine uralte, angeſehene, vermögliche Familie und hat, da er zufällig denſelben Namen führt, nicht den Muth, zu ge⸗ ſtehen, daß er in keiner Weiſe mit ihr verwandt iſt.“ Mildred zögerte mit ihrer Antwort; doch bald gewann ihr edleres Gefühl die Oberhand über ihr Mißtrauen. „Ich habe niemals in Mr. Wycherly Wychecombe’s Benehmen irgend Etwas bemerkt, was mich zu dem Glauben verleiten könnte, daß er jemals eine ſolche Schwäche an ſich getragen,“ ſagte ſie mit hohem Ernſt.„Er ſcheint eher auf ſeine Abſtammung aus 128 den Kolonien ſtolz zu ſeyn, als ſich derſelben zu ſchämen, und Sie wiſſen doch, daß wir in England die Leute in den Kolonien kaum als unſers gleichen betrachten.“ „Und beſitzen etwa auch Sie, junge Dame, das nämliche, weit⸗ herrſchende Vorurtheil ihres eigenen Eilandes?“ „Ich hoffe nicht; doch ſind, wie ich glaube, die meiſten Men⸗ ſchen davon eingenommen. Mr. Wycherly Wychecombe gibt ſelber zu, daß Virginia in tauſend Dingen ſich nicht mit England meſſen kann und doch ſcheint er auf ſein Geburtsland ſtolz zu ſeyn.“ „Jedes Gefühl dieſer Art hängt mit unſerer Eigenliebe zu⸗ ſammen. Wir wiſſen, daß die Sache nun doch einmal nicht zu ändern iſt und mühen uns, auf Etwas ſtolz zu ſeyn, wofür wir doch nicht verantwortlich ſind. Der Türke wird Ihnen ſagen, daß er die Ehre hat in Stambul geboren zu ſeyn, der Pariſer rühmt ſich ſeiner Faubourg und das Londoner Stadtkind triumphirt über ſein Wapping. Perſönliche Eitelkeit— und nichts anderes iſt bei alle dem im Spiele. Wir glauben, der Ort, dem wir angehören, könne unmöglich ein ſolcher ſeyn, deſſen wir uns zu ſchämen brauchten.“ „Und doch traue ich Mr. Wycherly nichts weniger als eine beſondere Eitelkeit zu. Er iſt im Gegentheil höchſt anſpruchslos und mißtrauiſch gegen ſich ſelbſt.“ Dieß ſprach das Mädchen in ſeiner unſchuldigen Einfalt mit ſolchem Nachdruck, daß ihr Zuhörer unwillkürlich ſein durchdrin⸗ gendes blaues Auge auf die Sprechende richtete, die nun erſt mit einem Male zuſammenſchrack, da ſie fühlte, daß ſie wohl etwas zu viel geſagt haben mochte. In dieſem Augenblick traten die beiden jungen Männer in das Zimmer und mit ihnen erſchien ein Diener mit der Bitte an Admiral Bluewater, daß Letzterer ſeinen Freund, Sir Gervaiſe Oakes, auf deſſen Zimmer mit einem Beſuche be⸗ ehren möchte. Nach Tom Wychecombe's Bericht befand ſich die Zechgeſellſchaft bereits in einem Zuſtande, der jedem Andern als einem Drei⸗ oder 129 Vierflaſchenmann einen Rückzug von da höͤchſt wünſchenswerth machen mußte. Toaſte und Lobeserhebungen auf das hannöver'ſche Regentenhaus folgten ſich in ſteigender Anzahl und Derbheit, und allem Anſchein nach war es die Abſicht der Zurückgebliebenen, die ganze Nacht vollends auf dieſe Weiſe zuzubringen. Dieß war allerdings eine traurige Botſchaft für Mrs. Dutton; ſie war den Eintretenden in ängſtlicher Spannung entgegen ge⸗ gangen, um ihren Bericht zu vernehmen, kehrte nun aber wieder zu ihrem Fenſter zurück und ſchien unentſchloſſen, was ſie im Augen⸗ blicke thun ſollte. Die beiden jungen Männer blieben bei Mildred zurück, mit welcher ſich alsbald ein Geſpräch entſpann und ſo hatte die Mutter hinlängliche Muße, ohne weitere Unterbrechung zu einer Entſcheidung zu gelangen. Siebentes Kapitel. Es ſoll etwas geſchehen! Bin ich einſt König, dann verlange nur Die Grafſchaft Hereford und die Güter alle Die einſt mein Bruder noch als Köonig hatte. Nichard III. Contreadmiral Bluewater traf Sir Gervaiſe Oakes, wie er eben mit haſtigen Schritten in ſeinem weiten Wohngemache auf und ab ging, als ob dieſes das Quarderdeck geweſen und er ſelbſt von einem läſtigen Geſchäft, das ihn lange Zeit in ſeiner Kajüte zurückgehalten— ſo eben erſt befreit worden wäre. Da die zwei Freunde mit ihren gegenſeitigen Gewohnheiten vollkommen vertraut waren, ſo ſiel es keinem von beiden ein, von ſeiner üblichen Be⸗ quemlichkeit abzuweichen; der zuletzt Gekommene nahm vielmehr uhig in einem weiten Armſtuhle Platz und ſetzte ſich auf eine Weiſe arin zurecht, welche verrieth, daß er, was auch noch folgen Die beiden Admirale. 2. Aufl. 9 130 möge, vor allen Dingen ſeine eigene Behaglichkeit zu Rathe zu ziehen entſchloffen war. „Bluewater,“ begann Sir Gervaiſe nach einer kleinen Pauſe, „das iſt eine recht thörichte Geſchichte, dieſe Unternehmung des jungen Prätendenten. Sie kann ja nur zu ſeinem Untergange führen und Jedermann muß den Plan als einen durchaus unglück⸗ lichen betrachten.“ 5 „Nun, je nachdem es endet. Kann ja doch keiner ſagen, was der nächſte Tag, die nächſte Stunde ſogar mit ſich bringen wird. So viel weiß ich gewiß— eine ſolche Schilderhebung war das Letzte, was ich noch neulich, als wir in der Bai von Biscaya kreuzten, für möglich gehalten hätte.“ „Ich wünſchte von ganzem Herzen, wir hätten ſie gar nicht verlaſſen,“ murmelte Sir Gervaiſe ſo leiſe, daß ſein Freund ihn nicht hören konnte. Dann fuhr er lauter fort:„Unſere Pflicht iſt übrigens in dieſem Falle höchſt einfach. Wir haben einzig den gegebenen Befehlen zu gehorchen und überdieß ſcheint der junge Mann nicht einmal eine Flotte zu ſeiner Unterſtützung bei ſich zu haben. Wahrſcheinlich werden wir wieder zur Bewachung von Breſt oder L'orient oder eines andern Hafens abgeſendet. Monſieur muß um jeden Preis zu Haus eingeſperrt werden.“ „Ich hielte es bei Weitem für beſſer, wenn man ihn auslaufen ließe, denn unſere Hoffnung, auf hoher See zu ſiegen, iſt jeden⸗ falls eben ſo groß wie ſeine eigene. Ich bin gar kein Freund von Blokaden, die mir immer als eine durchaus un engliſche Art von Kriegführung erſcheinen.“ „In der Hauptſache haſt Du allerdings recht, Dick,“ erwie⸗ derte Sir Gervaiſe lachend. „Ja, und auf die Hauptſache habe ich gleichfalls ein Recht, Oakes. Ich hoffe von ganzem Herzen, daß der erſte Lord der Admiralität zu einem ſo jämmerlichen Dienſte, wie der einer Blo⸗ kade iſt, nicht einen Mann wie Dich abſenden wird, der Du in eeseneeg eeis eee 13¹1 jeder Beziehung ſo trefflich im Stande biſt, bei gehoͤrigem Seeraume von Deinem Feinde Rechenſchaft zu geben.“ „Einen Mann wie mich! Warum gerade einen Mann wie mich? Ich denke doch, ich würde auch dießmal das Vergnügen haben, Admiral Bluewater's Geſellſchaft, Rath und Beiſtand zu genießen?“ „Ein Untergeordneter kann niemals wiſſen, Sir Gervaiſe, wo⸗ hin es ſeinen Oberen belieben mag, ihn zu beordern.“ „Dieſe Unterſcheidung zwiſchen Untergebenen und Vorgeſetzten kann Dich, ſo fürcht' ich ſehr, noch eines Tags in eine ſchlimme Falle locken. Wenn Du Karl Stuart als Deinen Souverain be⸗ trachteſt, ſo iſt es kaum wahrſcheinlich, daß die Befehle von einem von König Georg's Dienern ſonderlich viel von Dir werden beachtet werden. Ich hoffe, Du wirſt Dich nicht übereilen und nichts unter⸗ nehmen, ohne Dich zuvor mit Deinem älteſten und treueſten Freunde darüber zu berathen!“ „Du kennſt meine Anſichten, Oakes, und ſo wird es wohl nicht viel helfen, wenn wir auch länger dabei verweilten. So lange der Streit zwiſchen meinem Vaterlande und einer fremden Macht ge⸗ führt wurde, konnte ich's wohl zufrieden ſeyn, meinem eigenen Lande zu dienen; wenn aber mein geſetzmäßiger Fürſt oder deſſen Sohn und Erbe ſo recht wie ein ächter, tapferer Ritter auftritt und ſich ſeinen Unterthanen voll Vertrauen auf ihre Loyalität und ihren Muth gleichſam in die Arme wirft— ſo iſt dieß ein Auf⸗ ruf an meine edelſten Gefühle, welchen mein Herz nur ſehr ſchwer von ſich abzuweiſen vermag. Mit Norris hätte ich mit dem beſten Willen von der Welt anbinden und die Flotte, welche Ludwig XV. in dieſer nämlichen Sache gegen uns ausrüſtet, zerſtreuen und ver⸗ nichten können— hier aber iſt Alles engliſch und wir Engländer haben jetzt den Streit unter uns auszufechten. Ich ſehe wahrlich nicht ab, wie ich mich als ein treuer Unterthan meines erblichen Fürſten noch länger mit gutem Gewiſſen von ſeiner Fahne entfernt halten kann.“ „Wie, Dick Bluewater! Du, der Du ſchon in Deinem zwölften 13² Jahre auf die See kamſt und nun ſchon an die vierzig Jahre mit Leib und Seele als ein ächter Seeheld auf Deinem Schiffe dienſt — Du könnteſt wirklich die ſeeblaue Uniform, die Deine alten Glieder ſo lange bedeckte und ihnen ſo wohl anſtand, mit einem Male abſtreifen und Dich gleich einem Landſoldaten auftakeln— einen Federhut aufſetzen— und— hol's der Teufel— einen Feld⸗ keſſel unter'n Arm nehmen und einem Trommler nachlaufen, wie einer von Deines Vetters, Lord Bluewater's, Garde⸗Grenadieren! — denn was Seeleute betrifft, ſo hat Dein geſetzmäßiger Prinz, wie Du ihn nennſt, deren nicht einmal ſo viel, um ſein Gewiſſen damit zuzuſtopfen oder ihm die Rockſchleppe zu tragen, damit ihm dieſe nicht von dem ſchottiſchen Haidekraut in Stücke zerfetzt werde. Wollteſt Du überhaupt dem Abentheurer folgen, ſo müßte es in der genannten Eigenſchaft geſchehen, denn ich frage— kann er auch nur einen einzigen Seemann aufweiſen, der Dir zu ſagen im Stande wäre, um wie viel London höher als Perth gelegen iſt?“ „Bin ich erſt bei ihm, ſo wird er ſchon beſſer daran ſeyn!“ „ und was könnteſt ſelbſt Du ſo allein ausrichten, mitten unter einem Häufchen Schotten, die ſämmtlich mit eingezogenen Segeln auf ihren Hügeln umherrennen? Mit Deinen Signalen komman⸗ dirſt Du keine Regimenter und von dem übrigen Manövriren ver⸗ ſtehſt Du ja doch nichts. Nein— nein; bleib', wo Du biſt, und unterſtütze Deinen alten Freund mit Deinen Kenntniſſen, die ihm ſo trefflich zu Statten kommen. Ich müßte mich wirklich ſcheuen, etwas Großartiges zu unternehmen, wenn ich nicht gewiß wüßte, daß Du entweder die Avantgarde kommandirſt, um den erſten Schlag mit ihr zu führen, oder meine Arriergarde befehligſt, um mich hübſch ordentlich herauszuhauen.“ „Du würdeſt Dich vor Nichts ſcheuen, Gervaiſe Oakes, mag ich nun neben Dir oder fern von hier in Schottland ſtehen. Nicht Jurcht, ſondern weit eher Tollkühnheit könnte man als einen Deiner Fehler anführen.“. 13³3 „Dann bedarf ich Deiner jedenfalls, um mich in den Gränzen der Vernunft zurückzuhalten,“ fuhr Sir Gervaiſe fort, indem er plötzlich in ſeinem Spaziergange inne hielt und ſeinem Freunde lächelnd ins Geſicht ſchaute.„Auf die eine oder andere Weiſe biſt Du mir immer unentbehrlich.“ „Ich verſtehe recht wohl die Abſicht Eurer Worte, Sir Ger⸗ vaiſe, und weiß die freundliche Geſinnung zu ſchätzen, welche ſie dictirte. Auf alle Fälle dürft Ihr vollkommen überzeugt ſeyn, daß ich keine Uebereilung und noch viel weniger einen Treubruch be⸗ gehen werde. Wenn ich auch König Georg den Rücken kehre, ſo thue ich's in einer Beziehung wenigſtens als treuer Unterthan, was er auch ſonſt von der Sache halten mag, und wenn ich zu Karl Eduard, meinem wahren Fürſten ſtoße, ſo wird dieß jedenfalls mit reinem Gewiſſen geſchehen und er wird ſich keinen Augenblick ſcheuen dürfen, daſſelbe auf die Probe zu ſtellen.— Schon die Namen, die er trägt, müſſen uns die alten Fürſten dieſes Landes ins Gedächtniß zurückrufen: ſie ſollten ſchon von ſelbſt die Theil⸗ nahme jedes Engländers erwecken.“ „Ach ja, ganz beſonders der Name Karl,“ bemerkte der Vice⸗ admiral mit einem leichten Naſenrümpfen.„Da iſt zum Beiſpiel der zweite Karl— der heilige Karl, wie unſer guter Wirth, Sir Wycherly ihn nennen würde— der iſt ja ein wahres Muſter von einem Prinzen und verdient die Bewunderung aller Engländer. Und ſein Vater— der ſtammte aus der Schule der Märtyrer von der Sternkammer!“ 5 „Beide ſtammten in gerader Linie von dem Eroberer und zu⸗ gleich von den ſächſiſchen Königen ab und vereinigten alſo in ihrer geheiligten Perſon gedoppelte Anſprüche auf den Thron dieſes Landes. Ich habe von jeher Karl II. nicht ſowohl für laſterhaft gehalten, als vielmehr das Opfer des rebelliſchen Benehmens ſeiner Unterthanen in ihm erkannt und bedauert. Er wurde aus dem Lande ſeiner Väter in eine höͤchſt verderbte Geſellſchaft hinaus⸗ 134 geſtoßen und verſchlimmerte ſich nur in Folge unſerer eigenen Gott⸗ loſigkeit. Sein Vater vollends, der war in Wirklichkeit ein heiliger Karl und ſtarb als frommer Märtyrer für die wahre Religion, ſo wie für ſeine geſetzlichen Rechte. Dann die Eduards! glorreichen Angedenkens!— erinnere Dich nur, daß ſie alle, bis auf einen, lauter Plantagenets waren— ha, wahrlich ein Name, der ſchon von ſelbſt jeden Engländer begeiſtern könnte!“ „Und doch beſteht der ganze Unterſchied zwiſchen den Anſprüchen, welche dieſe nämlichen Plantagenets auf den Thron beſaßen und dem Rechte unſeres jetzt regierenden Fürſten einzig und allein darin, daß der Eine mit eigener gewaltſamer Hand eine Revolution her⸗ vorrief, während der Andere durch eine vom Volk ausgegangene Umwälzung auf den Thron gehoben wurde. Ich weiß nichts davon, daß Deine Plantagenets jemals etwas für die Flotte— die einzige wahre Quelle von Englands Macht und Ruhm— gethan hätten. — Beim Henker, Dick, ich halte im Ganzen nicht ſonderlich viel von Deinen Plantagenets!“ „Und doch trifft man den Namen Oakes mitten unter ihren tapferſten Rittern und treueſten Anhängern!“ „Die Oakes,“ wie auch die Fichten waren ſtets als Inhölzer auf dem jedesmaligen Staatsſchiffe zu finden,“ bemerkte der Vice⸗ admiral, indem er ſein eigenes Wortſpiel im erſten Augenblicke beinahe ſelbſt nicht merkte. Wohl länger als eine Minute ſetzte Sir Gervaiſe, das Haupt etwas vorwärts geneigt, ſeinen Spaziergang fort und ſchien über einen wichtigen Gegenſtand angeſtrengt nachzudenken. Dann plötzlich ſtehen bleibend wandte er ſich nach ſeinem Freunde um und ſchaute ihn faſt wieder eine Minute unverwandt an, ehe er das frühere Geſpräch wieder aufnahm.“ „Ich wollte, ich könnte Dich dazu bringen, daß Du Deinen trefflichen Verſtand auch an dieſem Gegenſtande verſuchteſt, Dick,“ *„Oake“ heißt nämlich auf deutſch ‚Eicher. D. U. 135 ſprach er nach einer kleinen Pauſe;„dann wüßte ich gewiß, daß Du der Sache der Freiheit niemals verloren gehen könnteſt.“ Admiral Bluewater ſchüttelte blos den Kopf, ohne etwas zu erwie⸗ dern, als ob er jede Diskuſſion für vollkommen zwecklos erachte. Wäͤhrend dieſer Pauſe verkündigte ein leiſes Klopfen, daß ein Beſuch vor der Thüre war und auf Sir Gervaiſe's: Herein! erſchien Atwood vor den beiden Admiralen. Er hielt ein großes Paket in der Hand, das auf dem Umſchlag den gewöhnlichen Dienſtſtempel trug, zum Zeichen, daß es von einer öffentlichen Behörde kam. „Ich muß Sir Gervaiſe um Entſchuldigung bitten,“ begann der Sekretär, der immer ſogleich zu ſeinem Geſchäfte ſchritt, ſo bald ein ſolches zu verrichten war;„aber des Königs Dienſt erlaubt keinen Aufſchub. Dieſes Paket iſt ſo eben durch einen Expreſſen über⸗ bracht worden, der das Admiralitätsamt erſt geſtern Mittag verließ.“ „Und wie zum Teufel wußte er mich denn aufzufinden?“ rief der Viceadmiral, die eine Hand dem Ueberbringer entgegenſtreckend. „Das verdanken wir Alles der Vorſicht des jungen Lieute⸗ nants, der die Nachricht jenes Jakobiten bis in den nächſten Markt⸗ flecken verfolgte. Der Konrier hatte den Befehl, ſo ſchnell, als Poſtpferde ihn nur immer weiter fördern könnten, nach Falmouth zu eilen; da hörte er zum Glück, daß die Flotte bei der Landſpitze von Wychecombe vor Anker liege und zu noch größerem Glück war er ein Offizier, der ſo viel Einſicht beſaß, um zu begreifen, daß er Euch die Depeſchen früher überliefern könnte, wenn er ſich ſeit⸗ wärts wendete und zu Land hieher eilte, als wenn er nach Fal⸗ mouth ginge, dort die für ihn beſtimmte Schaluppe beſtiege und über die Bay von Biscaya zu Waſſer wieder hieher käme.“ Sir Gervaiſe lächelte über Atwood's Ausfall, der deſſen Inneres vollkommen preisgab. Man muß nämlich wiſſen, daß der Sekretär ein neues Syſtem der Exrpreſſen ausſtudiert hatte, das zu ſeinem höchlichen Verdruſſe von ſeinem Herrn unter Lachen verworfen und von der Admiralität gänzlich unbeachtet gelaſſen wurde. 1 136 Beide machten ſich übrigens, ohne weitere Zeit zu verlieren, an ihr Geſchäft; der Sekretär ſtellte die Kerzen auf den Tiſch, Sir Gervaiſe nahm einen Stuhl und erbrach das Siegel. Doch mitten unter dem Leſen ſchaute der Viceadmiral plötzlich auf und unterbrach ſich mit dem Ausruf: „Wie, Du willſt uns doch nicht verlaſſen, Bluewater?“ „Ihr habt vielleicht geheime Geſchäfte mit Mr. Atwood, Sir Gervaiſe, und ich thäte dann beſſer, mich zu entfernen.“ Nun hatte aber Atwood, trotz dem, daß Sir Gervaiſe Oakes, wie er ſteif und feſt glaubte, das Geheimniß von der jakobitiſchen Vorliebe ſeines Freundes niemals weder durch Wort noch durch Blick verrathen hatte— das Vorhandenſeyn einer ſolchen Geſinnung dennoch ergründet, und zwar ohne dabei zu unwürdigen Hülfsmitteln ſeine Zuflucht zu nehmen. Er war weder ein Horcher, noch hatte er jemals, wie dieß bei Männern in der Umgebung hochgeſtellter Per⸗ ſonen ſo häufig geſchieht, die geheime Korreſpondenz ſeines Herrn erbrochen, er verdankte vielmehr ſein ganzes Wiſſen lediglich einem natürlichen Scharfſinn und einigen unvermeidlichen glücklichen Zu⸗ fällen. Bei der gegenwärtigen Veranlaſſung fühlte der Sekretär, mit dem Takte eines Mannes von Erfahrung, daß man ſeiner Gegenwart wohl entbehren konnte und er machte demgemäß der Discuſſion zwiſchen den beiden Admiralen durch eine höchſt zeitige Bemerkung von ſeiner Seite ein Ende. „Ich bin mit dem Abſchreiben der Briefe noch nicht fertig, Sir Gervaiſe, und will gehen, um dieſes Geſchäft zu beendigen,“ ſagte er.„Solltet Ihr meiner heute Nacht noch bedürfen, ſo werde ich auf Locker's Ruf“— ſo hieß nämlich der Kammerdiener des Admirals—„augenblicklich wieder bei Euch erſcheinen.“ „Dieſer Atwood beſitzt für einen Schotten einen ſtaunens⸗ werthen Inſtinkt,“ rief der Viceadmiral, ſobald ſich die Thüre hinter dem Sekretaͤr geſchloſſen hatte. Er weiß nicht nur, wann man ſeiner bedarf, ſondern auch, wann dieß nicht der Fall iſt. 8 137 Letzteres— für einen Mann ſeines Volks— ein außerordentlicher Vorzug!“ „Welchen jeder Engländer recht wohl nachahmen dürfte,“ er⸗ wiederte Bluewater.„Möglicherweiſe könnteſt Du vielleicht auch meiner Geſellſchaft in dieſem wichtigen Augenblicke entbehren.“ „Du haſt doch keine ſolche Furcht vor den Hannoveranern, Dick, daß Du vor ihrer bloßen Handſchrift davonliefeſt, oder doch? — Ha, was iſt das?— ſo wahr ich lebe, ein Paket an Dich ſelbſt, mit der Adreſſe an ‚Contreadmiral Sir Richard Bluewater, K. B.“* Gott ſey Dank! mein alter Knabe, ſo haben ſie Dir das rothe Band endlich auch gegeben? Du haſt die Ehre reichlich verdient und wirſt ſie gewiß auch mit Würde tragen.“ „Ich muß geſtehen, das kommt unerwartet. Der Brief kann übrigens nicht an mich gerichtet ſeyn, da ich nicht Ritter des Bath⸗ ordens bin.“. „Reiner Unſinn. Oeffne einmal das Paket oder ich thue es ſtatt Deiner. Gibt's etwa zwei Dick Bluewaters auf der Welt, oder kennſt Du einen andern Contreadmiral dieſes Namens?“ „Faſt möchte ich vorziehen, einen Brief nicht anzunehmen, der nicht genau meine Adreſſe trägt,“ gab der Andere kalt zur Antwort. „Ich ſchwoͤre aber darauf, die Adreſſe iſt richtig. Doch da Du nun ſchon einmal ſo gewiſſenhaft biſt, ſo gib ihn mir her, ich will Dir dieſen kleinen Dienſt ſchon erweiſen.“ Mit dieſen Worten erbrach Sir Gervaiſe das Siegel und als⸗ bald ſiel das rothe Band, aus ſeinem Umſchlage losgemacht, auf den Teppich vor ihm nieder. Die weiteren Inſignien des Bath⸗ ordens folgten und unter anderem auch ein Brief, der die ganze Sache erklärte. Das Schreiben war in gehöriger Form an Contre⸗ admiral Bluewater gerichtet; derſelbe ſollte daraus erfahren, daß Seine Majeſtät ſich bewogen gefunden habe, ihm als Belohnung * K. B. ‚„Kommandeur des Bathordens“. D. U. 138 für ſeine außerordentlichen Dienſte bei verſchiedenen Veranlaſſungen eines der vakant gewordenen rothen Bänder in Gnaden zu verlei⸗ hen. Selbſt von dem Premier war eine kurze Note beigeſchloſſen, welche beſagte, daß das Miniſterium ſich außerordentlich freue, den königlichen Willen mit der herzlichſten Bereitwilligkeit von ſeiner Seite in Vollzug ſetzen zu können. „Nun, was hältſt Du jetzt von der Sache, Richard Blue⸗ water?“ fragte Sir Gervaiſe triumphirend.„Habe ich Dir nicht immer geſagt, daß es früher oder ſpäter doch noch ſo kommen müſſe?“ „So iſt es denn zu ſpät gekommen,“ antwortete Bluewater kalt, und legte Band, Inſignien und Briefe ruhig auf den Tiſch. „Es iſt dies eine Ehre, die ich jetzt nur von meinem rechtmäßigen Fürſten annehmen darf. Kein anderer kann mich geſetzlich zum Ritter des Bathordens erheben.“ „Nun, Mr. Richard Bluewater, ſagt mir doch gefälligſt, wer hat Euch denn zum Kapitän, dann zum Commodore und end⸗ lich zum Contreadmiral gemacht? Bin ich etwa ein Betrüger, weil ich dieſes Band aus keinen beſſern Händen als denen eines Königs aus dem hannöverſchen Hauſe empfangen habe? Bin ich nach Deiner Anſicht ein wirklicher Viceadmiral der rothen Flagge oder bin ich es etwa nicht?“ „Ich mache einen ſtrengen Unterſchied, Oakes, zwiſchen Dei⸗ nem Rang in der Marine und zwiſchen bloßer perſönlicher Würde. Im erſten Falle dienſt Du Deinem Vaterlande und giebſt gerade eben ſoviel, als Du empfängſt, wogegen es ſich im zweiten um eine beſondere Gnade handelt, welche der geehrten Perſon ein größeres Anſehen verleiht, ohne daß dieſe ein entſprechendes Aequivalent bieten könnte, durch welches die Annahme eines ungeſetzlich ver⸗ liehenen Ranges entſchuldigt würde.“ „Der Teufel hole Deine Unterſcheidungen, die Alles über den Haufen werfen und den Dienſt am Ende zu einem wahren Babel ine ent er⸗ den bel 139 machen würden. Bin ich wirklicher Viceadmiral von der rothen, ſo bin ich auch Ritter vom Bathorden, und biſt Du Contreadmiral von der weißen, ſo biſt auch Du nicht minder ein Ritter dieſes hochgeehrten Ordens. Beides kommt aus der nämlichen Quelle von Autorität und Ehre.“ „Ich kann die Sache nicht auf dieſe Art anſehen. Unſere Anſtellung haben wir von der Admiralität und durch dieſe im Namen des Landes; Ehrenverleihungen aber kommen von dem jedesmaligen regierenden Fürſten, welches auch immer ſein Titel ſeyn möge.“ „Nun, ſag mir doch— hältſt Du Richard III. für einen Uſurpator oder für einen geſetzlichen Fürſten?“ „Für einen Urſurpator ohne allen Zweifel und für einen Mör⸗ der noch obendrein. Sein Name ſollte von der Liſte der engliſchen Könige geſtrichen werden; ich kann ihn niemals hören, ohne ihn und ſeine Thaten zu verfluchen.“ „Puh, puh, Dick, das heißt mehr wie ein Dichter, als wie ein Seemann geſprochen. Wenn Du nur bei der Hälfte der Könige, die unſern Fluch verdienen, den Namen ausſtreichen woll⸗ teſt, ſo würde ſelbſt die Liſte unſerer engliſchen Könige ziemlich kurz werden und manche Länder würden deren ſogar ganz entbeh⸗ ren. So ſehr nun auch Richard III. eine ſolche ſummariſche Kaſ⸗ ſation verdienen mag— ſeine Peers, ſeine Geſetze ſind doch eben ſo gut, als die jedes andern Fürſten. Da nimm zum Beiſpiel nur einmal den Herzog von Norfolk.“ „Ja, verhindern kann ich's freilich nicht, aber das wenigſtens liegt in meiner Macht, daß ich Richard Bluewater nicht durch Georg II. zum Ritter des Bathordens erheben laſſe— und ich werde meine Macht zu gebrauchen wiſſen.“ „Scheint doch nicht ganz, da Du bereits dazu ernannt und gewiß auch ſchon in der Zeitung als ſolcher proklamirt biſt.“ „Der Eid wurde noch nicht empfangen und es gehort wenig⸗ ſtens zu des Engländers Geburtsrechten, daß er eine Ehre ableh⸗ nen darf, wenn dieſes überhaupt für eine Ehre gelten kann.“ „Auf mein Wort, Contreadmiral Sir Richard Bluewater, Ihr ſeyd heute Abend ganz abſonderlich höflich. Der unwürdige Ritter vor Euch und alle übrigen Mitglieder des Ordens ſind Euch ganz unendlich verbunden.“ „Dein Fall, Oakes, und der meine ſind weſentlich verſchieden,“ erwiederte der Andere, nicht ohne einige Bewegung in Ton und Weiſe zu verrathen.„Dein Band wurde ehrlich gewonnen, wurde in Englands Schlachten erkämpft und kann mit voller Ehre für Dich und Dein Land getragen werden; mir aber wurde dieſes Spielzeug in einem Augenblicke überſendet, wo ein Aufſtand vorausgeſehen wurde: faſt wie ein Brocken, um mich bei guter Laune zu erhalten und zugleich die ganze Bluewater'ſche Familie an das Intereſſe des Königs feſtzuknüpfen.“ „Das iſt eine bloße Vermuthung, die ſich beſtimmt als ein Mißverſtändniß erweiſen wird. Hier ſind die Depeſchen, die für ſich ſelber reden und da es doch wohl kaum möglich iſt, daß das Miniſterium von dieſer raſchen Bewegung des Sohnes Deines Prätendenten früher als höchſtens ſeit einigen Tagen Kenntniß gehabt haben ſollte, ſo will ich mein Leben darauf wetten, und das Datum wird meine Behauptung beſtätigen— daß das Band, ſelbſt noch ehe man eine Ahnung von der Unternehmung des Prinzen hatte, für Dich beſtimmt wurde.“ Während ſich Sir Gervaiſe mit dem ihn charakteriſirenden Eifer an die Unterſuchung der Briefe machte, welche nun einmal für den Augenblick ſein Hauptaugenmerk geworden war, nahm Admiral Bluewater in aller Ruhe ſeinen früheren Sitz wieder ein, um das Reſultat der begonnenen Nachforſchung mit nicht geringer Neugier und nicht ohne ein leichtes, ungläubiges Lächeln abzuwarten. Sir Gervaiſe Oakes fand ſich bald durch die angeſtellte Unterſuchung enttäuſcht: die Daten der Briefe bewieſen, daß die 141 Miniſter beſſer unterrichtet geweſen, als er vermuthet hatte, denn es zeigte ſich, daß ſie um dieſelbe Zeit, wie er ſelbſt, von der be⸗ abſichtigten Bewegung benachrichtigt worden waren. Die an ihn gerichteten Befehle lauteten dahin, daß er ſich mit der Flotte nord⸗ wärts wenden und der Hauptſache nach eben das ausführen ſollte, was ſein eigener Scharfblick ihn bereits zu thun angewieſen hatte. So weit war Alles gut, und er durfte keinen Augenblick daran zweifeln, daß er ſich durch ſein ganzes Verfahren den vollſtändig⸗ ſten Beifall ſeiner Vorgeſetzten erwerben würde. Hiemit endete aber auch ſeine innerliche Zufriedenheit, denn als er das Datum der verſchiedenen Mittheilungen verglich, zeigte ſich nur zu deutlich, daß das rothe Band erſt in dem Augenblicke ver⸗ liehen worden war, als die Nachricht von der Bewegung des Prä⸗ tendenten London bereits erreicht hatte. Ein Privatſchreiben von einem ſeiner Freunde auf dem Admiralitätsamte ſprach ſogar von ſeiner eigenen wahrſcheinlichen Beförderung zu dem Range eines Admirals von der blauen Flagge und erwähnte noch verſchiedener anderer Begünſtigungen auf ſo auffallende Weiſe, daß man ſehr gut daraus erkennen konnte, wie die Regierung in der gegenwär⸗ tigen Kriſe ſich ſo viel als möglich durch Gunſtbezeugungen zu befeſtigen ſtrebte. Dieß hätte allerdings bei Leuten von gewöhnlichem Schlage eine ſehr erfolgreiche politiſche Maßregel ſeyn können; bei Offizieren von ſo unabhängigem Charakter, wie unſere beiden Admirale, war ſie aber aller Wahrſcheinlichkeit nach nur dazu geeignet, das ent⸗ ſchiedenſte Mißfallen derſelben hervorzurufen. „Verdammt auch, Dick,“ rief Sir Gervaiſe, indem er den letzten Brief des Paketes mit allen Anzeigen des höchſten Unwil⸗ lens von ſich warf,„da nehme einer St. Paul oder ſelbſt Wyche⸗ combe's verſtorbenen Bruder, St. James, den Zweiten, und bringe ihn an den Hof— in einer Woche wird er ihn als einen voellendeten Schuft von dort zurück kommen ſehen.“ —— * 142 „Nun, das iſt eben nicht die gewöhnliche Meinung über die Erziehung an Höfen,“ gab ſein Freund ruhig zur Antwort;„die meiſten Leute glauben, daß ein ſolcher Ort wenigſtens die Sitten, wenn auch nicht gerade das Herz veredle.“ „Pah, pah,— wir beide haben doch wohl kein Wörterbuch nöthig, um uns einander verſtändlich zu machen. Einem Mann, der nie einem edlen Motive ſeinen Glauben ſchenkt— der fort⸗ währende Beſtechungen und Schmeicheleien für nöthig hält— der keinen Begriff davon hat, daß man irgend Etwas auch ohne ſein quid pro quo zu leiſten bereit ſeyn kann— einen ſolchen Mann nenne ich einen elenden Schurken, wenn er ſchon, wie hier der Fall iſt, die graziöſe Miene und das gebietende Aeußere eines Philipp Stanhope oder eines Cheſterfield an ſich trägt. Was meinſt Du wohl, daß jene ſaubern Herren im Admiralitätsamte noch Alles vorbringen werden, um ſich in dieſen geſegneten Zeitumſtänden meiner Loyalität zu verſichern?“ „Ohne Zweifel werden ſie Dich noch zum Peer erheben. Ich ſehe auch gar nichts ſo Befremdendes in der Sache. Du ſtammſt von einer der älteſten Familien in ganz England, biſt der ſechste erbliche Baronet Deiner Familie und beſitzſt ſchöne Landgüter, die durch die gewonnenen Priſengelder nicht eben im Werthe herunter⸗ gekommen ſind. Sir Gervaiſe Oakes von Bowldero würde ſich trefflich zum Lord Bowldero eignen.“ „Wäre es nur das— darum würde ich mich nicht ſonderlich viel kümmern, denn nichts iſt leichter, als die Peerswürde auszu⸗ ſchlagen. Ich habe es bereits zweimal gethan, und könnte es im Nothfalle auch zum dritten Male verſuchen. Aber eine Beförde⸗ rung in ſeiner eigentlichen Stellung kann man nicht wohl zurückweiſen und hier gerade ſind dieſe Höflinge, ſtatt wie wahre Ehrenmänner den Grundſätzen eines Offiziers zu vertrauen, bei ihrem eigenen boͤfen Gewiſſen auf das Auskunftsmittel verfallen, dem Gervaiſe Oakes die Admiralsſtelle von der blauen Flagge als beſchwichtigenden 143 Brocken vorzuwerfen!— und das mir, der ich erſt vor ſechs Monaten zum Viceadmiral der rothen Flagge ernannt wurde und mit erlaubtem Stolze mich rühmen darf, meine ſämmtlichen Stel⸗ len von der niederſten bis zur höchſten in der Schlacht mir redlich erkämpft zu haben!“ „Vielleicht halten ſie's in gegenwärtiger Zeit, wo ein ſo lauter Aufruf an unſere angeborne Loyalität ergeht, für einen weit kitzlicheren Dienſt, wenn ein Gentleman dem regierenden Hauſe treu bleibt; und ſtellen deßhalb dieſe Selbſtüberwindung mit einem zur See erfochtenen Siege in Eine Reihe!“ „Niedrige Höflingsſeelen ſind ſie, ſammt und ſonders! und ſehr gerne möchte ich einmal Gelegenheit finden, ihnen allen tüchtig meine Meinung zu ſagen. Ich will die neue Stelle nicht anneh⸗ men, denn Jedermann muß ja ſehen, Dick, daß es nur ſo ein hingeworfener Brocken iſt.“ „Nun ſieh, das iſt eben auch meine Meinung mit dem rothen Band; Du magſt jenes, ich will dieſes nicht annehmen. Du haſt das Band ſchon ſeit zehn Jahren, haſt die Peerswürde bereits zum zweiten Male abgelehnt, ſo bleibt ihnen alſo nichts übrig, als Dich in Deinem Amte zu befördern. Uebrigens ſollſt Du und mußſt es eigentlich annehmen, denn dadurch bekommſt Du ein Mittel an die Hand, etliche vier oder fünf arme Teufel, die ſeit ihrer Ernennung zum Kapitän immer auf dieſe Weiſe fortgekeilt wor⸗ den ſind, wieder einmal zu einem Avancement zu bringen. Ich bin nur froh, daß ſie nicht von meiner Beförderung ſprechen, denn ich wüßte wahrlich kaum, wie ich eine ſolche Gnade ausſchlagen ſollte. Das Pergament ſteht doch bei uns Militärs in gar zu großem Anſehen.“ 4 „Ja, aber dann muß es auch ehrlich verdient ſeyn. Ich glaube übrigens dennoch, Bluewater, daß Du in Deinem Falle Unrecht haſt, wenn Du Dich weigerſt, das Band anzunehmen, das Dir aus hundert Gründen mit der vollſten Gerechtigkeit zukommt. Es 144 iſt kein Mann in unſerm Dienſt, der für das, was er gethan hat, weniger als Du belohnt worden wäͤre.“ „Es thut mir leid, dieſe Anſicht bei Dir zu vernehmen, denn gerade in dieſem Augenblick glaube ich am wenigſten Grund zu haben, mich über die regierende Familie und die Miniſter deßhalb zu beklagen. Ich trat ja auch als blutjunger Menſch in den Dienſt und ſeitdem wurde wenigſtens keiner meiner Altersgenoſſen mir vorgezogen.“ 3 nie zuvor hatte er eine ähnliche Stimmung bei ihm getroffen, welche, wie er ſich dachte, ſo ſehr ſeinen feſten Entſchluß verrieth, den Dienſt des jetzt regierenden Herrn zu verlaſſen— wie eben jetzt. Von Kindheit an mit allen Seelenzuſtänden ſeines Freundes be⸗ kannt, erſchaute er mit raſchem Blick, daß dieſer, eben als er ſelbſt mit ſeiner eigenen Aeußerung hervorbrach, wie nämlich kein Offi⸗ zier für ſeine kriegeriſchen Verdienſte mit weniger Freigebigkeit als der Contreadmiral belohnt worden ſey— in demſelben Augen⸗ blicke ſich zu überreden geſucht hatte, der von ihm beabſichtigten Handlung, welche rein nur aus ſeiner aufopfernden, ritterlichen Geſtnnung hervorging, könne keinerlei ſelbſtſüchtiger, unwürdiger Dem ächten Egoiſten wird nichts ſchwerer, als einen Mann 3 von wahrhaft uneigennütziger Gefinnung zu begreifen, während Leute, die für edle Eindrücke empfänglich und bereit ſind— die ſich nur durch ſolche leiten zu laſſen, einander mit inſtinkt artiger Leichtigkeit verſtehen. Wenn ein Einzelner dem Glauben ſich hingibt, daß in der Welt das gute Element vor dem ſchlimmen vorherrſche, ſo iſt dies ein Zeichen von Unerfahrenheit oder Geiſtes⸗Schwäche; wenn einer aber immer ſo handelt und denkt, als ob alle Tugend und Ehre von der Erde verſchwunden wäre, ſo liefert er ſelbſt den beſten Beweis gegen ſeine eigenen Abſichten und ſeinen Charakter. 8 2 D. U. 145 Es wurde ſchon oft die Bemerkung gemacht, daß zwiſchen Perſonen von verſchiedenartigen perſönlichen Eigenſchaften eine engere Freundſchaft zu Stande kommt, als zwiſchen Solchen, wo völlige Aehnlichkeit in Gefühlen und Anſichten das Intereſſe weit weniger lebendig zu erhalten vermag; wo aber immer ein inniges Freundesverhältniß beſtehen ſoll, da muß in Allem, was mit den Motiven des Handelns zuſammenhängt, eine große Ueber⸗ einſtimmung in Grundſätzen und Meinungen vorhanden ſeyn, wenn bei denen, deren Glaubensbekenntniß über den gewöhnlichen Weltan⸗ ſichten ſteht, die verbindende Achtung und da, wo die Ausbildung des Charakters noch auf einer tieferen Stufe ſich beffindet, wenig⸗ ſtens Sympathie bei beiden Theilen hervorgerufen werden ſoll. Erſteres war bei Admiral Oakes und Bluewater der Fall. Phyſiſch und in gewiſſer Hinſicht auch geiſtig betrachtet, konnten nicht leicht zwei Menſchen in Temperament und Charakter einan⸗ der unähnlicher ſeyn als ſie; ſo wie man aber auf Grundſätze und all' die Anſichten und Gefühle, die ſich auf Grundſätze beziehen, Rückſicht nahm, beſtand die innigſte und zwar nicht nur angeborne, ſondern erworbene Geiſtesverwandtſchaft zwiſchen Beiden. Dieſe Einheit in ihren Geſinnungen wurde noch vermehrt durch ihre gemeinſchaftlichen Gewohnheiten, ſowie durch die Gleichheit einer Laufbahn, welche Beide ſo lange und ſo innig mit einander ver⸗ bunden hatte, daß eine beinahe durchgängige Identität zwiſchen ihnen hergeſtellt worden war.. So wurde Sir Gervaiſe Oakes nichts leichter, als Admiral Bluewater's innerſte Motive zu verſtehen, wenn dieſer verſucht war, ſich dem Glauben hinzugeben, daß er von der beſtehenden Regie⸗ rung nur nach Verdienſt behandelt worden ſey. Natürlich bedurfte Sir Gervaiſe, während er dieſe Ideen an ſeinem Geiſte vorüber⸗ gehen ließ, zu ſeinem Räſonnement weit weniger Zeit, als wir zu. deren Erkläͤrung nöthig haben; er ſchaute alſo, wie ſchon berichtet, ſeinem Freunde einige Sekunden lang aufmerkſam ins Geſicht und Die beiden Admirale. 2. Aufl. 10 146 begann dann nicht ohne die wohl bemerkliche Abſicht(was ihm vielleicht ſelbſt nicht auffallen mochte) die jakobitiſche Vorliebe ſei⸗ nes Freundes zu dämpfen— ſeine Erwiederung folgendermaßen: „Es thut mir leid, Dick, daß ich nicht in Deine Anſicht ein⸗ ſtimmen kann,“ begann er etwas hitzig.„Weit entfernt, die Be⸗ handlung, wie Du ſie ſeit zwanzig Jahren von dem Miniſterium erfahren, eine gute zu nennen, halte ich vielmehr dafür, daß Dir von jeher gar übel mitgeſpielt wurde. Zu Deinem Rang biſt Du ohne alle Frage mehr als berechtigt, denn in einem wohlgeregelten Dienſt kann ein braver Offtzier ohnehin nie deſſelben beraubt wer⸗ den. Aber ſag' mir einmal— haſt Du auch jemals ein Ober⸗ kommando geführt, wie es Dir mit Recht zugekommen wärez — Ich war ſchon als Contreadmiral der blauen Flagge komman⸗ dirender Chef einer Flotte und dann, wie lange führte ich die breite Wimpel, noch ehe ich überhaupt die Admiralsflagge bekam?“ „Du vergißt, wie oft ich mit Dir ausgezogen bin. Wenn zwei Admirale neben einander dienen, muß immer der eine kom⸗ mandiren und der andere gehorchen. Ich meines Theils beklage mich keineswegs über die hannöverſchen Miniſter und unſere erſten Lords von der Admiralität— glaube vielmehr, daß ſie von jeher die Falſchheit der neueren Thronanſprüche im Auge gehabt und brave Männer durch Gunſtbezeugungen ſich zu erkaufen geſtrebt haben.“ „Dick Bluewater, Du biſt doch der ſonderbarſte Menſch, mit dem ich je in meinem Leben zuſammengetroffen bin. Ich will verdammt ſeyn, wenn ich glaube, daß Du es jedesmal auch nur weißt, wenn Du übel behandelt wurdeſt. Wir haben die Männer dutzendweiſe in unſerm Dienſt, welche abgeſonderte Commandos geführt haben und nicht halb ſo gut, wie Du, dazu berechtigt waren.“ „Komm, komm, Oakes, für zwei alte Knaben in den Fünf⸗ zigen heißt das doch wahrlich— ſich kindiſch geberden. Du weißt recht gut, daß mir eine eben ſo treffliche Flotte, wie Deine eigene angeboten, ja daß mir ſogar die Wahl eines jüngern Comman⸗ 147 danten aus der ganzen Liſte der hinter mir ſtehenden Flaggenoffi⸗ ziere frei geſtellt wurde— und ſo wollen wir nicht weiter von der Sache reden. Was übrigens das rothe Band betrifft, das mag meinethalben bleiben, wo es will.“ Sir Gervaiſe war eben im Begriff, in ſeiner frühern Weiſe zu antworten, als ein Klopfen an der Thüre einen abermaligen Beſuch ankündigte. Diesmal war es Galleygo, der ſich unter der geöffneten Thüre zeigte; er war nämlich ebenfalls von Sir Wycherly nach dem Schloſſe eingeladen worden, denn dieſer ging in ſeiner Gaſtfreundlichkeit ſo weit, daß er Alles, was zu Sir Gervaiſe's unmittelbarem Gefolge gehörte, in die demſelben gewährte Bewirthung bereitwillig einſchloß. „Was zum Teufel hat denn Dich hierher gebracht?“ rief der Viceadmiral etwas heftig, denn die Unterbrechung kam ihm gerade in dieſem Augenblick höchſt ungelegen. Du biſt bekannt⸗ lich hier nicht am Bord des Plantagenet— was haſt Du in der Wohnung eines Edelmanns zu ſchaffen, wo Mundſchenken und Haus⸗ hälterinnen genug vorhanden ſind und es alſo weder Deines Raths noch Deiner Befehle bedarf, um die Sachen in Ordnung zu halten?“ „Nun ſeht einmal, Sir Gervaiſe, da kann ich auch nicht ein Bischen mit Euch übereinſtimmen, denn ich meine, ein Hofmeiſter auf einem Kriegsſchiff— das heißt nämlich ein Kajüten hofmei⸗ ſter und das erſt noch ein guter— iſt ganz dazu gemacht, gerade in dieſem Hauſe mannigfache Verbeſſerungen einzuführen. Ich habe bereits mit der Köchin eine Unterredung über allerlei Gegenſtände gehabt; dabei wußte ich ihr die Namen von ſieben verſchiedenen Gerichten aufzuzählen, und ſie hat ſo gut wie eingeſtanden, daß ſie ihr ſammt und ſonders wie lauter böhmiſche Dörfer vorkämen.“ „Mir ſcheint, Bluewater, ich werde den Burſchen in den langen Piecke ſtecken und ihm dort Quarantäne auferlegen müſſen. Ich * Vieck iſt der hinterſte Theil im Schiffsraum, wo die Arreſtanten unter⸗ gebracht werden. D. U. 148 glaube, wenn ich ihn in den Lambeth⸗Palaſt oder am Ende nach St. James mitnähme, er würde ſelbſt den Erzbiſchof in ſeinem Segens ſpruche unterbrechen oder ſeine Naſe gar noch in der Kö⸗ nigin Suppenſchüſſel hineinſtecken.“ „Nun, Sir Gervaiſe, was könnt' es denn viel ſchaden, wenn ich's auch thäte. Wer einmal weiß, wozu er ſeine Naſe hat, warum ſollte der ſie nicht auch in einer Kirche oder Abtei gebrau⸗ chen? Wenn Euer Gnaden erſt noch hören würden, was das für Gerichte waren, von denen Sir Wycherly's Köchin noch niemals gehört hatte— Ihr würdet es für ein eben ſo großes Wunder anſehen, wie ich ſelbſt. Wenn ich ſie nur einmal nennen dürfte! — ich glaube, die beiden Herren würden die Sache höchſt bemer⸗ kenswerth finden.“ „Nun, welche waren's denn, Galleygo?“ fragte Bluewater und legte eines ſeiner langen Beine über den nebenſtehenden Arm⸗ ſtuhl, um mit deſto größerer Bequemlichkeit der endloſen Geſchichte ſeines Freundes, des Hofmeiſters, zuzuhören. Er fand nämlich hohes Ergötzen an Galleygo's Sonderbarkeiten, da er nur gerade ſo viel von dem Burſchen zu ſehen bekam, um ſeine Späſſe unterhaltend und nicht am Ende langweilig zu finden.„Ich will an Sir Gervaiſe's Statt antworten, denn der iſt noch immer etwas ungläubig, ſo oft man ein Schiff großartiger und ſchöner als ein Haus finden will.“ „Ja, Euer Gnaden, das iſt er wahrlich— es iſt nun einmal eine von Sir Jarvy's“ ſchwachen Seiten, wie man's nennen könnte. Nein, nein, ich meines Theils gehe nie an's Land, ohne Jeder⸗ mann, mit dem ich zuſammengerathe, die Klüſen tüchtig auszufegen und querüber zu lufen; das iſt dann ebenſo viel, als wenn ich ihnen ſagte: ich gehöre zu einem Flaggenſchiff, einem Schnellſegler, der auf dem Salzwaſſer nirgends ſeines Gleichen hat; damit will ich übrigens der Flagge am Kreuzbramſtangenkopf des Cäſar oder auch dem Schiffe, das ſie trägt, keineswegs etwas Ungehöriges nach⸗ „ So lautet nämlich„Gexrvaiſe“ im ſchottiſchen Dialekt. D. U. 149 ſagen. Ich hoffe, Admiral Bluewater, da wir ſo gut mit einan⸗ der bekannt ſind, werdet Ihr mir dies nicht übel nehmen.“ „Wo keine Beleidigung beabſichtigt wird, kann ich auch nichts übel nehmen, mein Freund. Jetzt laß uns aber einmal Deinen Speiſezettel hören.“ „Nun, Sir, das erſte Gericht, das ich mit Mrs. Larder, Sir Wycherly's Köchin, verhandelte, war ein Lobscous;* und— die Herren werden mir's kaum glauben— die arme Frau hatte noch nie davon gehört. Ich wollte mein Examen erſt noch recht leicht einrichten, um ſie, ſo zu ſagen, durch meine Gelehrſamkeit nicht auf den erſten Schlag niederzuſchmettern, gerade wie Sir Jarvy die franzöſiſche Fregatte blos mit der obern Kanonenreihe über⸗ wältigte, um das arme Ding lebendig in die Hand zu kriegen.“ „Und die Köchin wußte nichts von einem Lobscous, auch nicht von ſeiner Eſſenz oder ſonſtigen Beſchaffenheit?“ „Ei was, Admiral Bluewater, in einen Lobscous kommen keine andere Eſſenzen als Kartoffeln; ſo machen wir's auf dem alten Planter— nautice heißt das„Plantagenete— dabei darf der Liqueur nicht vergeſſen werden und da könnt Ihr leicht denken, daß wir nur ächten Jamaika nehmen. Nein, nein, die Kartoffel— das iſt die wahre Eſſenz für einen Lobscous, und es iſt erſt noch ein gutes Ding um eine Kartoffel, Sir Jarvy, beſonders wenn die Herren bei mehrmonatlicher Seefahrt auf geſalzenes Pöckel⸗ fleiſch beſchränkt waren.“ „Nun, Galleygo, was war denn nun das nächſte Gericht, womit Du die gute Frau in Verlegenheit brachteſt?“ fragte der Contreadmiral, welcher ſeinen Freund daran verhindern wollte, daß er den Koch aus dem Zimmer gehen hieße, da er deſſen Anweſen⸗ heit aus dem Grunde wünſchte, um jeder ferneren politiſchen Dis⸗ kuſſion überhoben zu ſeyn. * Ein Gericht aus Pöckelfleiſch, Kartoffeln und Zwiebeln, das auf Schiffen eigenthümlich zubereitet wird. D. U. 150 „Ja denkt nur, Sir, ſie wußte ebenſo wenig, was ein Chow⸗ der iſt— als ob ſie nicht die See in ihrer Nachbarſchaft hätte und in ganz England kein ſolches Ding, wie ein Fiſch, aufzutrei⸗ ben wäre. Als ich von meinem Chowder zu ſprechen anfing, da gab ſie weich, wie ein Spanier bei der vierten oder fünften Lage.“ „Eine ſolche Unwiſſenheit iſt doch wahrlich ſchmachvoll und der beſte Beweis, daß die Civiliſation im Rückſchritte begriffen iſt! Aber Du wirſt doch Deine Gelehrſamkeit zum Nutzen der armen Frau noch höher aufgehißt haben, Galleygo— in kleinen Doſen beigebracht, nützt die Wiſſenſchaft nur wenig.“ „Ja, ja, Euer Gnaden, gerade wie ſchwacher Grog die Zündung aufbrennt, ohne daß die Kanone losgeht. In der That, ich machte es auch ſo, Admiral Blue. Ich nannte ihr auch noch Burgoo und Duff(anglice— Schiffsteig)— ſie aber behaup⸗ tete geradezu, ſo etwas ſtehe gar nicht im Kochbuch. Wißt Ihr auch, Sir⸗Jarvy, daß dieſe Landratten gerade ſo zu ihrem Eſſen kommen, wie unſer Quartiermeiſter zu der Sonne— Alles wird gleichſam aus Büchern zuſammenſtudiert.— Schreckliche Neuigkeiten nebenbei, ihr Herrn, von dem Sohne des Präten⸗ denten; ich glaube faſt, wir werden mit der Flotte nach Schott⸗ land hinauf müſſen, denn ich denke mir wohl, daß dieſe Land⸗ ratten doch zu nicht viel gut ſeyn werden, Geſetz und Recht zu ſchützen.“ „Und haſt Du uns etwa deßhalb mit Deinem Beſuche beehrt, um uns eine Vorleſung über Kochkunſt zu halten und uns Deine Plane in Betreff der Flotte preiszugeben?“ fragte Sir Gervaiſe, diesmal etwas ernſthafter, als er ſonſt mit ſeinem Hofmeiſter zu ſprechen gewohnt war. 1 „Der Herr ſegne Euch, Sir Jarvy; ich dachte an das Eine ſo wenig, wie an das Andere! Ich ſollte Euch oder Admiral „ Ein Gericht von Seefiſchen, auf Seemannsweiſe gekocht. D. U. 151 Blue(ſo nannten die Seeleute den zweiten im Rang) von Lobs⸗ cous und Chowder oder ſolchen Dingen vorſprechen?— das hieße ja gerade ſoviel, als wenn ich Kohlen nach Newkaſtle führen wollte. Hab' ich Euch doch beide mit all dieſen Gerichten gefüttert, als Ihr weiter nichts als ganz junge Herrchen waret und auch noch ſpäter, als Ihr keine kleine Herrlein mehr, ſondern ein Paar ſtattliche Rangen von neunzehn geworden waret. Und was das Manövriren der Flotte betrifft, ſo weiß ich recht wohl, daß es damit doch nichts iſt, wenn wir uns nicht vorher in der Kajüte des alten Planter's darüber beſprochen haben. Dort iſt allerdings auch ein weit ge⸗ eigneterer Ort, um über ſolche Dinge zu reden, als hier oder in jedem Hauſe in England.“ „Darf ich mir alſo die Freiheit nehmen, zu fragen, was Dich eigentlich hieher gebracht hat?“ „O ja, von Herzen gern, Sir Jarvy, das dürft Ihr gewiß⸗ denn ich liebe es ſehr, auf Eure Fragen zu antworten. Mein Gang gilt übrigens diesmal nicht Euer Gnaden, obwohl Ihr eigent⸗ lich mein wahrer Herr ſeyd. Doch will's im Ganzen nicht ſonder⸗ lich viel heißen, denn ich habe Admiral Blue blos dieſes Fetzchen von einem Briefe einzuhändigen.“ „Und woher kam dieſer Brief und wie gerieth er in Deine Hände?“ fragte Bluewater und beſah ſich die Handſchrift der Adreſſe, deren Züge er zu kennen ſchien. „Er kommt von Lun'nun, wie ich höre, und man ſagt mir, es müſſe ſehr geheim gehalten werden, daß er überhaupt in Eure Hände gelange.— Die Sache iſt kurz folgende. Heute Nacht langte ein Offizier mit Befehlen für uns an, und hatte dabei ſeine Segel ſo ſtraff geſpannt, als ſeine Stenge(anglice Deichſel) nur immer vertragen wollte. Es ſcheint, er ſtieß, als er ans Land ſtieg, auf Mr. Atwood, den er von früher kannte, ſo daß er ſeine Befehle nur aus der Taſche nehmen und an den rechten Mann übergeben durfte. Dann nahm er ſeinen Kurs nach dem Landungs⸗ 152 platze, da er an Bord des Duplin, wohin er beordert iſt, zu ge⸗ langen wünſchte; auf dem Platze aber ſtieß er auf unſere Barke, in der ich eben landete, und da wünſchte er denn zu wiſſen, wo Admiral Bluewater zu treffen ſey— er glaubte nämlich, der befinde ſich auf der Flotte. Einer von den Leuten ſagte ihm, daß ich ſo zu ſagen der Freund und Diener der beiden Admirale ſey und da wandte er ſich denn an mich und fragte mich um meinen Rath. So verſprach ich ihm, ungeſäumt den Brief zu überliefern, da ich ſchon tauſende zuvor überliefert hatte und recht wohl wußte, wie man das angreifen müſſe— und er gibt mir den Brief mit dem beſon⸗ deren Befehl, das heißt— er ſollte den Eontreadmiral unter der Leeſeite des Kreuzbramſegels, nämlich— privatim übergeben werden. Nün ſeht, Ihr Herren, Ihr beide wißt, daß ich mich hierauf verſtehe und ſo übernahm ich denn das Aemtchen.“ „Und ich bin für Dich eine ſo unbedeutende Perſon geworden, Meiſter Galleygo, daß ich vor Deinem klug unterſcheidenden Ver⸗ ſtande für gar Niemand gelte!“ rief der Viceadmiral ſpitzig.„Ich habe mir doch ſchon ſeit fünf und zwanzig Jahren etwas der Art gedacht.“ „Der Herr ſey mit Euch, Sir Jarvy— was doch Flaggen⸗ offiziere ſich manchmal täuſchen können! Auch ſie find ſterblich— ſo pflege ich oft den Leuten in der Kombüſe“ zu ſagen— und haben öfter einen unrichtigen Appetit, gerade wie unſere jungen Herren, wenn ſie jemand quer über die Klüſen kommen, ſag' ich. Nun zähle ich aber Admiral Bluewater und Euch ſelbſt ſo ziemlich nur als einen Mann, da ich ſehe, daß Ihr nur wenig oder gar keine Geheimniſſe vor einander habt. Ich kannte Euch noch als⸗ junge Herren und damals liebtet Ihr Euch wie Zwillingsbrüder; dann kannte ich Euch, als Ihr erwachſen waret und die ganze Nacht⸗ wache hindurch miteinander auf dem Verdeck auf und abginget und Euch ellenlange Geſchichten erzähltet, und endlich kannte ich * Schiffsküche. D. u. 153 Euch als Pillardees und Arrestee“, obwohl ein Kiſſen für beide hingereicht hätte und was vollends den Arreſt betrifft, ſo habe ich nie gehört, daß Einer von Euch in eine ſolche Schlamaſſe gerathen wäre. So habe ich's alſo, wenn ich dem Einen ein Ge⸗ heimniß ſagte, ſo ziemlich für's Nämliche gehalten, als ob ich's auch dem Andern geſagt hätte.“ Die beiden Admirale ſahen ſich an: jeder begegnete in dem Auge des Andern einem Ausdrucke der innigſten Seelenfreundſchaft, der auch alsbald jeden Schatten von Mißvergnügen entfernte, wel⸗ chen ihr früheres Geſpräch auf ihrer Stirne hervorgerufen hatte. „Nun ſo will ich mir's gefallen laſſen, Galleygo,“ erwiederte Sir Gervaiſe mit mildem Tone.„Du biſt, wenn auch zuweilen ein verdammt rauher Geſelle, im Ganzen doch ein guter Burſche.“ „Ich habe ſo Etwas vom alten Boreus, Sir Jarvy,“ be⸗ merkte der Hofmeiſter mit grimmigem Lächeln; aber auf der See bläst's auch ſchärfer als hier am Ufer. Dieſe Laffen da am Land herum ſind nicht gegen ſolche Stürme herausgefüttert und gekal⸗ fatert, wie wir Söhne des Neptun ſie ſo oft auszuſtehen haben.“ „Ganz richtig bemerkt und ſomit gute Nacht! Admiral Blue⸗ water und ich wünſchen noch ein halbes Stündchen miteinander zu verplaudern. Was Du etwa ſonſt noch zu wiſſen brauchſt, kann Dir ein ander Mal mitgetheilt werden.“ „Gute Nacht! und Gott ſegne Euer Gnaden! Gute Nacht, Admiral Blue! Wir drei ſind ganz die Männer dazu, um jedes Geheimniß, das nur je daherſegelte, treu zu bewahren, und ſollte es auch Waſſer ziehen, ſo viel es immer möchte.“ Sir Gervaiſe hielt in ſeinem Spaziergange inne und ſchaute mit offenbarer Neugier nach ſeinem Freunde, denn er bemerkte, * Hier macht Galleygo zwei köſtliche qui pro quo's. Unter ſeinem Pil- lardees und Arrestee meint er nämlich Pylades und Orestes und denkt ſich noch überdieß das erſtgenannte Wort mit Pillow— ‚Kiſſen’— das letztere aber mit— ‚Arreſte verwandt. D. n. 154 daß dieſer den erhaltenen Brief ſchon zum dritten Male überlas. Da er jetzt ohne Zeugen war, ſo zögerte er nicht, ſeine Beſorg⸗ niß laut werden zu laſſen. „Es iſt, wie ich fürchtete, Dick!“ rief er.„Der Brief kommt von irgend einem vornehmen Anhänger dieſes Eduard Stuart?“ Der Contreadmiral richtete ſeine Augen mit ſchwer verſtänd⸗ lichem Ausdruck auf ſeines Freundes Geſicht und durchlas dann den Inhalt der Epiſtel zum vierten Male. „Eine koſtbare Bande Schurken ſind ſie doch, Gervaiſe!“ rief der Contreadmiral endlich.„Wollte man auch den ganzen Hof durchmuſtern, ſo möchte ich erſt noch fragen, ob man nur ſo viele Ehrlichkeit vorfinden würde, um einen einzigen purita⸗ niſchen Schuft damit durchzuſäuern. Sag' mir einmal, Oakes — kennſt Du dieſe Hand? Ich frage Dich, haſt Du ſie je zuvor geſehen?“ 3 Mit dieſen Worten bot er Sir Gervaiſe die Aufſchrift des Briefes hin und dieſer erklärte nach genauer Unterſuchung, daß ihm die Handſchrift gänzlich unbekannt ſey. „Dacht' ich mir's doch,“ fuhr Bluewater fort, und trennte ſorgfältig Sigel und Unterſchrift von dem Rande des Schreibens, um ſie alsbald an dem Lichte zu verbrennen.„Laſſen wir wenig⸗ ſtens dieſen ſchmählichen Theil des Geheimniſſes für immer begra⸗ ben ſeyn. Der Burſche, der's geſchrieben, hat das Wort ver⸗ traulich an die Spitze ſeines erbärmlichen Gekritzels geſetzt— und wahrlich, ein ächter Schurke iſt er, nach der Mühe, die er ſich gegeben hat. Doch hat Niemand ein Recht, ſich auf dieſe plumpe Manier zwiſchen mir und meinem älteſten Freunde einzu⸗ drängen und am allerwenigſten bin ich geſonnen, dieſes verrätheriſche Stückchen Dir vorzuenthalten. Indem ich ſeinen Namen verbrenne, thue ich mehr, als der Schurke eigentlich verdient; nichts deſtowe⸗ niger aber will ich mir das Vergnügen nicht verſagen, ihm eine Antwort zuzuſenden, wie er ſie nicht beſſer verdient hat. So lies 155 denn, Oakes, und ſage mir alsdann, ob Kielholen für den Schreiber nicht noch zu gut wäre.“ Sir Gervaiſe nahm den Brief ſchweigend, doch nicht ohne große Ueberraſchung aus der Hand ſeines Freundes und begann ihn durchzuleſen. Je weiter er kam, deſto höher ſtieg ihm das Blut in die Schläfe; einmal ſenkte er ſogar die Hand und warf einen Blick voll Verwunderung und Unwillen auf ſeinen Gefährten. Damit der Leſer ſehen moge, wie ſehr er zu beiderlei Gefühlen Ver⸗ anlaſſung hatte, wollen wir ihm das Schreiben vollſtändig mit⸗ theilen. Daſſelbe lautete woͤrtlich alſo: „Theurer Admiral Bluewater! „Unſer altes Freundſchaftsverhältniß, ſo wie eine Blutsver⸗ wandtſchaft, worauf ich ſtolz zu ſeyn alle Urſache habe, beſtimmen mich gleicher Maßen, in dieſem hochwichtigen Augenblicke Vorlie⸗ gendes an Euch zu richten. Ueber den Ausgang, welchen der übereilte Verſuch des Prätendentenſohnes nehmen wird, kann wohl kein vernünftiger Mann einen Augenblick im Zweifel ſeyn. Doch wird uns der Knabe noch mannigfach zu ſchaffen machen, bis wir uns ſeiner endlich entledigt haben werden. Deßhalb ſchauen wir uns bei allen unſern Freunden nach ihrem wirkſamſten Beiſtande und ihrem gemeinſchaftlichen wohlüberlegten Zuſammenwirken um. Auf Euch beruht unſer volleſtes Vertrauen: könnte ich doch von jedem Flaggenoffizier unſerer Flotte das Nämliche behaup⸗ ten! In einer ſehr hohen Region herrſcht einiges Mißtrauen— ich hoffe von ganzem Herzen, daß es unverdient ſeyn möge— gegen die Loyalität eines gewiſſen kommandirenden Chefs, der Eurer Beobachtung ſo vollkommen bloß gegeben iſt, daß ein Wink über dieſes Faktum einem Manne von Eurem politiſchen Scharfſinn voll⸗ kommen genügen wird. Der König ſagte heute Morgen: ‚Wohl, da iſcht ja Bluewater: ſeiner ſind wir ſo ſicher wie där Sonne.“ Ihr ſeyd zu meiner großen Freude höchſten Orts ausgezeichnet gut 156 angeſchrieben und ich brauche ſomit blos zu ſagen: ſeyd wachſam und ſchnell. 3 „Mit der aufrichtigſten Treue und Ergebenheit, mein theurer Bluewater der Eurige ꝛc. ꝛc. „An Contreadmiral Bluewater.“ „P. S.— So eben höre ich, daß man Euch das rothe Band zugeſchickt hat. Dahinter ſteckt der König ſelber.“ Nachdem Sir Gervaiſe dieſe koſtbare Epiſtel zu Ende geleſen hatte, begann er den Brief langſam, aber mit feſter, ſicherer Stimme laut vorzuleſen. Als er geendet hatte, faltete er das Papier wieder zuſammen und ſchaute ſeinem Freunde ſchweigend ins Geſicht. „Faſt könnte man hinter dem Burſchen einen feinen Satyriker vermuthen,“ begann Bluewater lachend.„Ich ſoll wachſam ſeyn, und darauf ſehen, daß Du keine Meuterei anfängſt und an einem dieſer nebligen Morgen mit Deiner Flotte nach den Hochlanden davon fliegſt! Ja, ja, daß Du ſie nicht nach Schottland hinauf⸗ führeſt, wie ſchon Galleygo meinte! Nun, ſag mir einmal Deine Meinung über dieſen Brief!“ „O, die iſt kurz beiſammen— alle Höflinge ſind Buben und alle Fürſten undankbar. Das hätte ich am allerwenigſten erwartet, daß meine Anhänglichkeit, wenn auch nicht an die Perſon, doch wenigſtens an die gute Sache von England jemals verdächtigt werden köͤnnte.“ „Dieß iſt auch nicht im Mindeſten der Fall. Mein Leben will ich wetten, weder der regierende Monarch noch ſeine vertrauten Diener ſind ſolche heilloſe Wichte, daß ſie ſich einer derartigen Schwäche ſchuldig machen könnten. Nein, nein, dieſer Meiſterſtreich iſt einzig und allein auf mich berechnet, denn durch ein Vertrauen, das, wie ſie glauben, ein edelgeſinnter Mann niemals verrathen 157 kann, wollen ſie ſich meiner noch beſſer verſichern. Dieß iſt ein Netz, um einen Gründling darin zu fangen, nicht aber, um ſich damit eines Wallfiſches zu verſichern.“ „Können die Schurken ſo niederträchtig ſeyn— ja, dürfen ſie ſich ſolcher Keckheit unterfangen! Sie mußten doch wiſſen, daß Du mir den Brief vorzeigen würdeſt.“ „Sie?—o nein! Sie haben ſich meine Handlungsw eiſe ſo gedacht, wie etwa die ihrige ſeyn würde. Mit Nichts fängt man einen ſchwachen Menſchen leichter, als mit einer vorgeblich vertraulichen Eröffnung dieſer Art. Der Schandbube ſtellt mich gerade noch hoch genug, daß er ſich denkt, ich werde mich auf ſo plumpe Art an der Naſe herumführen laſſen. Beruhige Dich, Freund; König Georg weiß, daß er auf Dich vertrauen darf, wogegen ich glauben muß, daß ich bereits verdächtig bin.“ „Ich hoffe, Dick, Du wirſt meiner Verſchwiegenheit nicht mißtrauen! Mein eigenes Geheimniß wäre mir nicht halb ſo heilig als das Deine.“ „O das weiß ich vollkommen wohl. Dir kann ich keinen Augenblick mißtrauen— nein, nein— weder Deinem Kopf noch Deinem Herzen dürfte ich ſolches Unrecht thun!— meiner ſelbſt aber bin ich nicht eben ſo ſicher. Wo unſere Gefühle mit hereingezogen werden, da iſt auch unſer Rechtthun gefährdet, und bei der Sache iſt eben ſo viel Gefühl, als ſonſt etwas anderes mit im Spiele.“ „In allen meinen Depeſchen iſt auch nicht eine Zeile, die irgend ein Mißtrauen von meiner oder irgend einer andern Seite verrathen könnte. Es iſt darin allerdings von Dir die Rede, aber auf eine Weiſe, die Dich eher erfreuen als beunruhigen würde. Nimm fie, lies ſie alle; ich hatte mir ſchon längſt vorgenommen, ſie Dir ſämmtlich vorzuzeigen, ſobald wir mit dieſer verdammten Diskuſſion zu Ende gekommen wären.“ Mit dieſen Worten warf Sir Gervaiſe das ganze Paket mit Briefen auf den Tiſch, an welchen ſein Freund ſich lehnte. 158 „Dazu iſt's Zeit, wenn Du mich zu einem rregelmäßigen Kriegsrathe berufen läßſt,“ erwiederte Bluewater und legte die Briefe höflich bei Seite.„Vielleicht thäten wir beſſer, die Sache zu beſchlafen; morgen früh ſehen wir uns wieder mit kühlerem Kopfe und eben ſo warmem Herzen.“ „Gute Nacht, Dick,“ ſprach Sir Gervaiſe und ſtreckte dem Freunde, während er ſich nach der Thüre wandte und an ihm vor⸗ überging, beide Hände entgegen, die jener auch mit längſtgewohnter Herzlichkeit ſchüttelte. „Gute Nacht, Gervaiſe; wirf den erbärmlichen Wicht über Bord und denke nicht mehr an ihn. Ich habe nicht übel Luſt, Dich morgen um Urlaub zu bitten, um ſelbſt nach London zu eilen und ihm die Ohren gehörig zu ſtutzen.“ G Sir Gervaiſe lachte und nickte mit dem Kopf; beide Freunde aber trennten ſich mit einer Herzlichkeit, wie ſie von jeher ihre denkwürdige Laufbahn ausgezeichnet hatte. Achtes Kapitel. Seht zu, bedenkt! ich pflege nicht zu ſpaßen. Der Donnerſtag iſt nah': die Hand auf's Herz! Und biſt Du mein, ſo ſoll mein Freund Dich haben; Wo nicht: geh'— bettle— hung're— ſtirb am Wege! Romeo und Julie.(Ueberſ. v. A. W. Schlegel.) Wychecombe⸗Hall zeigte in ſeinem Inneren viele von den Eigen⸗ thümlichkeiten einer Junggeſellenwohnung und war, was Moden, Gebräuche und Luſtbarkeiten betraf, in keiner Beziehung hinter ſeiner Zeit zurückgeblieben, oder beſſer geſagt, eher von früherem Datum als jene. Sobald der Gutsherr nur ein wenig ſich dem Vergnügen überließ, waren die Diener ſogleich bereit, einmüthig deſſen Bei⸗ ſpiel nachzuahmen. Sir Wycherly hielt ſtets reichliche Tafel und den einzigen Artikel— Wein— ausgenommen, war der Bedienten⸗ N SGS u— 159 tiſch faſt eben ſo wohl verſehen wie die Herrentafel. Statt des Weins erfreute ſich die Dienerſchaft des unbeſchränkten Genuſſes von doppeltgebrautem Ale und der Unterſchied der beiderſeitigen Getränke beſtand mehr in dem Namen als in der Beſchaffenheit derſelben. Wie die meiſten Engländer in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, ſo trank auch der Herr von Wychecombe⸗Hall Porto⸗ wein und zwar nicht einmal von der feinſten Sorte, ſondern von einer Qualität, die eben ſo rauh, ehrenfeſt und ſtark wie der Trin⸗ kende ſelbſt war; die Dienerſchaft dagegen genoß ein Malzgebräu, das in Stärke und Wohlgeſchmack den höchſten Grad der Trefflich⸗ keit erreicht hatte. Zwiſchen mittelmäßigem Wein und vorzüglichem Ale iſt die Entfernung nicht eben unbegränzt— eine Wahrheit, wovon ſich Sir Wycherly's Haushalt ſchon längſt durch häufig an⸗ geſtellte practiſche Vergleichungen überzeugt hatte, ſo daß, Mrs. Larder und den einzigen Mundſchenk ausgenommen, die ganze übrige Dienerſchaft zu dem wohlweiſen Entſchluſſe gelangt war, lieber bei dem heimiſchen Gebräue ſtehen zu bleiben. Bei gegenwärtiger Veranlaſſung war auch nicht eine einzige Seele in dem ganzen Hauſe mit dem Grunde unbekannt, der den Baronet beſtimmte, die Nacht durchſchwärmen zu wollen. Sämmt⸗ liche, männliche ſowohl wie weibliche Einwohner in und um Wyche⸗ combe waren, ſogar bis auf die Kinder herab— treu ergebene Anhänger des hannöver'ſchen Hauſes und ſobald man nur erſt wußte, daß dieſe ihre Geſinnung durch mannhaftes Zechen an den Tag gelegt werden ſollte, ſo ertönten an allen Ecken und Enden die loyalen Trinkſprüche:„Heil unſerem König Georg, den Gott ſegnen möge!“ und„Untergang dem Prätendenten und ſeinem tollen Sohne!“ Alle Hausbewohner ohne Unterſchied machten ſich ſofort mit einem Eifer an die Erfüllung ihrer Pflicht, der, wenn das Trinken allein ausreichen würde, jedweden Uſurpator auf den Thron hätte heben können. Als daher Admiral Bluewater das Zimmer ſeines Freundes 160 verließ, waren die Zeichen von Fröhlichkeit und einer im beſten Gange befindlichen Schlemmerei in allen Theilen des Hauſes ſo deutlich ſichtbar, daß er keine geringe Neugierde in ſich fühlte, das Reſultat der Sache zu beobachten. Da er überdieß noch ſehr wenig Luſt hatte, ſo bald nach ſeinem Schiffe zurückzukehren, ſo entſchloß er ſich geradezu, in die unteren Gemächer hinabzugehen und ſich eine genauere Kenntniß von der Beſchaffenheit des Haus⸗ haltes zu verſchaffen. Während er über die große Halle hinſchritt, die nach dem Wohnzimmer führte, ſtieß er auf Galleygo, mit dem ſich alsbald folgendes Geſpräch entſpann. „Mich dünkt, der Exerziermeiſter hat ſeine Schuldigkeit nicht gethan und die lärmenden Burſche nicht gehörig beohrfeigt, Herr Haushofmeiſter,“ begann der Contreadmiral in ſeiner gewohnten ruhigen Weiſe;„da unten herrſcht ja ein Lachen, Singen und Schlucken, das mir für einen ehrbaren Landſitz beinahe etwas zu uneingeſchränkt ſcheint.“ Galleygo berührte, bevor er antwortete, mit der einen Hand die Haarlocke auf ſeiner Stirn, während er mit der andern an ſeinen Schiffshoſen zupfte. Als er aber endlich mit ſeiner Antwort herausrückte, zeigte ſich ſeine Zunge etwas ſchwerer als gewöhnlich, was einzig daher kam, daß er ſich nach der gewohnten Portion, die er vor ſeinem früheren Beſuche auf Sir Gervaiſe's Wohnzimmer zu ſich genommen, noch ein oder zwei weitere Züge erlaubt hatte, welche weitere Züge ungefähr eben dieſelbe Wirkung hervorbrachten, wie ſie ein einziger Waſſertropfen bei einem Becher, der bereits zum Ueberfließen voll iſt, hervorzurufen pflegt. „Ja, das iſt's gerade, Admiral Blue,“ antwortete der Hofmeiſter in der beſten Laune, doch immer noch nüchtern genug, um den Anſtand nach ſeiner Weiſe zu wahren;„das iſt gerade die Sache, Euer Gnaden. Da unten gilt die Loſung, die Lichter alle bis auf weiteren Befehl brennend zu halten und ſämmtliche Dienerſchaft der Frohlichkeit zu überlaſſen. Solch ein Ale, wie ſie's in dem unteren Kielraum 161 dieſes Hauſes in Tonnen, ſo groß, wie die in dem tiefſten Kanonen⸗ raum unſerer Schiffe, aufgepflanzt haben— das thut einem bis in's innerſte Herz hinein wohl und hält einen im Gleichgewicht. Alles iſt im beſten Zuge, Sir, die Klüver einzuholen, und die alte Halle wird bald ſo viele Segel führen, als ſie nur immer zu tragen vermag. Man hörte nichts mehr als„Laßt los’ und ‚Eingeſchotet!““ „Ei, ei, Galleygo, das mag wohl für die Dienerſchaft des Hauſes angehen, wenn nämlich Sir Wycherly ſo etwas erlaubt; für die Diener ſeiner Gäſte aber will ſich's nur ſehr ſchlecht ziemen, daß ſie an einer ſolchen Unordnung Theil nehmen. Sollte Tom ſich ebenfalls vergeſſen haben, ſo wird er ſchon noch mehr von der Sache zu hören bekommen und da Dein eigener Herr nicht hier iſt, um Dich zu ermahnen, ſo muß ich mir ſchon die Freiheit nehmen, ſolches an ſeiner Statt zu thun; denn ich weiß, daß er ſich ſchwer darüber ärgern würde, wenn er erführe, daß ſein Hof⸗ meiſter etwas gethan hätte, was ihm ſelbſt Schande brächte.“ „Der Herr ſegne Euren edlen Geiſt, Admiral Blue, nehmt Euch nur immer ſo viele Freiheiten, als Ihr für paſſend haltet, und ich will Euch gewiß keine übel nehmen. Ich kannte Euch, als Ihr noch ein ganz junges Herrchen waret und jetzt ſeyd Ihr ein Contreadmiral geworden. Ihr ſeyd uns auch immer dicht auf den Ferſen und wenn wir erſt einmal wirklicher Admiral find, werdet Ihr wohl ſo etwas wie ein Vice ſeyn. Ich betrachte Euch immer als Ein Fleiſch und Blut— Pillardees und Arrestees— und ich beachte einen kleinen Verweis von Euer Gnaden eben ſo gut, als ob er von Sir Jarvy ſelber käme.“ „Ja, ja, Galleygo, das glaub' ich Dir Alles; jetzt aber nimm auch meinen Rath und verſtopfe den Hahn an Deinem Alefaß für heute Nacht. Kannſt Du mir vielleicht ſagen, wie's mit der ibri⸗ gen Geſellſchaft ausſteht?“ „O, da hätten Euer Gnaden keinen Beſſern als mich hefregen können, denn ich bin ſo eben aus einer Art Gewohnheit, die ich Die beiden Admirale. 2. Aufl. 11 162 an mir habe, durch alle Zimmer gekommen. Ich dachte mir näm⸗ lich— müßt Ihr wiſſen— ich ſey auf dem alten Planter und⸗ müſſe, wie gewöhnlich zum Schluſſe, noch nach allem Nöthigen ſehen. Der letzte Zug aus dem Alekrug hat mir dieſen Gedanken in den Kopf geſetzt; jetzt aber iſt Alles vorbei und ich ſehe wohl, wie die Sachen ſtehen. Ja, Sir, das dürft Ihr glauben: der Hauptmaſt an einer Kirche iſt nicht aufrechter und gerader als mein Verſtand in dieſem geſegneten Augenblick. Sir Wycherly gab mir ein Glas von ſeinem Dunkelrothen, als ich eben durch's Tafelzimmer rannte und hieß mich auf den Untergang des Prätendenten trinken, was ich auch von ganzem Herzen that; aber ich finde doch, daß ſein Porto ſich eben ſo wenig mit dem Ale vertragen will, das ich unter der Kuhbrücke“ untergebracht habe, als ein Franzmann mit einem Engländer auszukommen vermag.— Was iſt Eure Meinung, Admiral Blue, von dieſem Kreuzzug, den der Sohn des Präten⸗ denten nach den ſchottiſchen Hochlanden unternommen hat?“ Bluewater warf einen raſchen, mißtrauiſchen Blick auf den Hofmeiſter, denn er wußte, daß ſich der Burſche die halbe Zeit über in der Außenkajüte und Speiſekammer des Plantagenet auf⸗ hielt, und konnte unmöglich wiſſen, wie viel er von den öfteren vertraulichen Unterredungen bei Sir Gervaiſe mit angehört haben konnte. Zum Glücke begegnete er übrigens bloß der ausdrucksloſen Miene eines ſchon halb über der See Befindlichen! und ſo war ſeine Unruhe ſogleich wieder zerſtreut. „Ich halte es für eine ritterliche Unternehmung, Galleygo,“ gab er mit einer offenen Männlichkeit zur Antwort, die ſich ſelbſt hier zu keiner Verſtellung entſchließen konnte,„fürchte aber, wie jeder Kreuzzug wird ſie nicht viel Priſengelder einbringen. Du haſt übrigens vergeſſen, mir zu ſagen, wie's mit den Herrſchaften drüben ſteht. Sir Wycherly, Mr. Dutton, Mr. Rotherham ſind * Der Raum, wo die Wein⸗ und Rumfäſſer des Schiffes liegen. . 163 wohl noch alle bei Tiſch, wie ich denke— ſind dieß aber Alle?— Was iſt aus den beiden jungen Herrn geworden 2“ „Von denen zeigt ſich keiner am Land, Sir,“ antwortete Gal⸗ leygo raſch; er war nämlich gewoͤhnt, nur die Seekadetten mit dieſem Namen zu belegen. „Ich meine die beiden Mr. Wychecombe's; faſt hätte ich's ver⸗ geſſen— der eine von ihnen iſt ja auch Offtzier.“ „Ja, Sir, und noch dazu ein ſtattlicher, trefflicher Offizier, wie Jedermann ſagt. Nun, Sir, Der iſt bei den Damen; ſein Namensvetter dagegen iſt in's Tafelzimmer zurückgekehrt und hat einmal über's Andere tüchtig drauf los gelufft, bis auch er ziemlich leewärts gerathen iſt.“ „Und die Damen— was haben denn ſie bei dieſem lärmenden Gelage angefangen?“ „Dort drüben ſind ſie in jenem Staatszimmer, Euer Gnaden. Sobald ſie fanden, auf welchen Punkt das Schiff losſteure, hielten ſie als ächte Weiber fuüͤr's Beſte, den ruhigſten Hafen, der zu finden wäre, aufzuſuchen. Ja, ja, dort drüben ſind ſie.“ Mit dieſen Worten wies Galleygo nach der Thüre des Zim⸗ mers, das er meinte; Bluewater richtete, wie gewöhnlich, noch einige, wiewohl höchſt nutzloſe Ermahnungen an den Hofmeiſter und ging dann auf die bezeichnete Thüre zu. Sein Klopfen wurde von Wycherly ſelbſt beantwortet, der dem Admiral die Thüre öffnete und mit einer achtungsvollen Verbeugung ſeinem Vorgeſetzten Platz machte. Eine einzige Kerze brannte in dem kleinen Gemach, worin die beiden Frauen bei dem zunehmenden Lärm des nächtlichen Gelages Zuflucht gefunden hatten; Mildred hatte mit zartfühlender Berück⸗ ſichtigung ihrer beiderſeitigen Stimmung die übrigen Kerzen aus⸗ gelöſcht, um die Thränenſpuren zu verbergen, die noch immer auf ihren eigenen und ihrer Mutter Wangen ſichtbar waren. Der Contreadmiral war im Anfang über dieſe vergleichungsweiſe 164 Dunkelheit betroffen, fand ſte aber ſehr bald im Einklang mit den Gefühlen der Geſellſchaft, die ſich in dem Zimmer verſammelt hatte. Mrs. Dutton empfing ihn mit der Feinheit einer Dame von Welt, wie ſie ihr in ihrem früheren Leben zur Gewohnheit geworden war; man konnte auch ein ſolches Zuſammentreffen unter Perſonen, die für einige Zeit unter einem Dach miteinander wohnten, nicht wohl anders als natürlich finden. „Unſere Freunde drüben müſſen ſich trefflich unterhalten,“ be⸗ merkte Bluewater, als das laute Geſchrei aus dem Tafelzimmer den Anweſenden zu Ohren drang.„Sir Wycherly's Loyalität ſcheint die Probe wacker zu beſtehen.“ „O, Admiral Bluewater,“ rief die troſtloſe Frau, deren Ge⸗ fühle für einen Augenblick ſelbſt ihre Vorſicht übermannten,„iſt es möglich— können Sie eine ſolche Entweihung von Gottes Eben⸗ bilde eine fröhliche Unterhaltung nennen?“ „Vielleicht nicht ſo ganz eigentlich, Mrs. Dutton, wiewohl Millionen von Menſchen ſie fälſchlich für eine ſolche nehmen. Dieſe Sitte, jedes wichtige Ereigniß auf ſolche Art zu feiern und dadurch ſogar Dem, was wir unſere Grundſätze nennen, Ausdruck zu geben, iſt, wie ich fürchte, nicht nur unſerer Zeit, ſondern unſerem Lande überhaupt als Fehler anzurechnen.“ „Und doch finden, wie ich ſehe, weder Sie noch Sir Gervaiſe Oakes für nöthig, Ihre Anhänglichkeit an das hannöver'ſche Haus und ihre Bereitwilligkeit, demſelben Ihre Zeit, ſo wie Ihr Leben zu widmen, auf ſolche Art an den Tag zu legen.“ „Sie dürfen nicht vergeſſen, meine gute Mrs. Dutton, daß wir Beide, Oakes und ich, uns als Flaggenoffiziere auf Kommando befinden und uns als Solche um keinen Preis im Angeſicht unſerer eigenen Schiffe einer Schwelgerei überlaſſen dürfen. Uebrigens ſehe ich mit vielem Vergnügen, daß auch Mr. Wychecombe die Geſell⸗ ſchaft, in der ich ihn finde, den Freuden der Tafel vorzuziehen ſcheint.“ Wycherly antwortete mit einer Verbeugung und Mildred richtete 165 einen ausdrucksvollen, wenn nicht gar dankbaren Blick auf den Sprechenden, ihre Mutter aber verfolgte den Faden der Unterhal⸗ tung, die ihrem gepreßten Herzen wenigſtens einigermaßen Er⸗ leichterung gewährte. „Gott ſey gedankt dafür!“ rief ſie, ohne zu bemerken, daß ihre Worte einer ſehr verſchiedenen Deutung fähig waren;„Alles, was wir bis jetzt an Mr. Wychecombe geſehen haben, berechtigt uns zu dem Glauben, daß dieß keine ungewöhnliche oder blos zu⸗ fällige Enthaltſamkeit von ſeiner Seite iſt.“ „Um ſo beſſer für ihn ſelbſt. Zu einem ſolchen Triumph Eurer Grundſätze oder Eures Temperaments oder gar Beider kann ich Euch, junger Herr, blos Glück wünſchen.— Wir gehören einem Stande an, in welchem wir als den ärgſten Feind,— ge⸗ fährlicher, als jeden andern, den der König uns entgegenſtellen könnte— die Flaſche zu fürchten haben, und ein Seemann kann kein wirkſameres Mittel finden, um dieſen unſern Todfeind un⸗ ſchädlich zu machen, als die eigene Bildung und Vervollkommnung ſeines Geiſtes. Wer ernſtlich denkt, trinkt ſelten viel; aber auf einem Schiffe gibt es ſo manche müßige Stunden, ja wohl gar Wochen und Monate, in denen, bei dem Drang nach Vergnügen, die Verſuchung zu ſo unnatürlicher Aufreizung für Geiſter, die nicht die gehörige Kraft zum Widerſtand beſitzen, wirklich zu ſtark iſt. Be⸗ ſonders iſt dieß der Fall bei Schiffs⸗Kommandanten, welche, vermöge ihres Rangs vom Umgang der Uebrigen abgeſchloſſen und überall von Verantwortlichkeit umgeben, ſich in ihrer einſamen Kajüte allein finden und dann bei dem Mangel an paſſender Geſellſchaft vor dem Andrang unbehaglicher Gedanken Schutz bei der Flaſche ſuchen, die ſie dann zu ihrer ausſchließlichen Gefährtin erwählen. Ich ſetze immer die kritiſche Periode in dem Leben eines Seemannes in die erſten paar Jahre eines abgeſonderten Kommandos.“ „O wie wahr! wie wahr geſprochen!“ murmelte Mrs. Dut⸗ ton.„Ach, jener Kutter— jener unglückſelige Kutter!“ 166 Bei dieſer unvorſichtigen Aeußerung, welche die Sprechende auch augenblicklich bereute, erwachte in Admiral Bluewater plötzlich wieder die Erinnerung an einen früher erlebten Vorfall. Vor vielen Jahren, als er ſelbſt noch bloßer Kapitän geweſen, hatte er einem Kriegsgerichte beigewohnt, das einen Lieutenant, Namens Dutton, Kommandanten eines Kutters, wegen eines— in Folge des Trunks entſtandenen— ſchweren Vergehens während der Dauer ſeiner Amtsführung zur Kaſſation verurtheilt hatte. Gleich im Anfange war ihm der Name bekannt vorgekommen; doch hatten ſich waͤhrend ſeiner vierzigjährigen Dienſtzeit ſo manche ähnliche Geſchichten ereignet, daß ihm dieſer einzelne Fall nach und nach aus dem Gedächtniſſe entſchwunden war. Jetzt aber ſtand er mit einem Male wieder lebendig und mit allen begleitenden Nebenum⸗ ſtänden vor ſeinen Augen. Dieſe Erinnerung diente nur dazu, die Theilnahme des Contre⸗ admirals an der unglücklichen Gattin, wie nicht minder an der lieb⸗ lichen Tochter des erbarmenswürdigen Schuldigen, zu vermehren. Er war damals wegen Wiedereinſetzung des ſchuldigen Offiziers oder wenigſtens wegen deſſen Anſtellung auf dem hoffnungsloſen Poſten, den er gegenwärtig wirklich einnahm— um ſeine Verwen⸗ dung angegangen worden, hatte aber ſtandhaft jede Betheiligung an der Wiederherſtellung eines Mannes verweigert, der einem Laſter zum Opfer geworden war, das nicht nur ſeine eigene Perſon ent⸗ ehrte, ſondern auch in ſeiner beſonderen Stellung als Seemann die Ehre ſeines Vaterlandes ſo wie das Leben ſeiner ganzen Um⸗ gebung gleichermaßen gefährdete. Er erinnerte ſich noch, daß die letzte Bittſchrift in Folge eines Einfluſſes vom Hofe aus, der in ſo unbedeutenden Fällen nur höchſt ſelten angewendet wurde,— erfolg⸗ reich geweſen war; dann hatte er viele Jahre lang den Schuldigen, wie deſſen fernere Schickſale aus den Augen verloren. Dieſe unerwartete Auffriſchung früherer Eindrücke machte ihn gewiſſermaßen zu einem alten Freunde der unglücklichen Frau 8. 167 und Tochter, denn recht wohl konnte er ſich noch einer Scene erin⸗ nern, die er mit Beiden gehabt, wobei der heftige Kampf zwiſchen ſeinem Menſchlichkeitsgefühl und ſeinen Grundſätzen ihn ſogar bis zu Thränen gerührt hatte. Mildred wav damals noch ein Kind geweſen und hatte unterdeſſen den Namen jenes Offiziers vergeſſen; Mrs. Dutton aber erinnerte ſich ſeiner recht wohl und war am heutigen Tage mit Furcht und Zittern in Wychecombe⸗Hall erſchienen, wo ſie ihrem alten Bekannten begegnen ſollte. Der erſte Blick hatte ihr gezeigt, daß ſie unterdeſſen vergeſſen worden war und auch ſie hatte einen harten Kampf mit ſich ſelbſt beſtanden, um einen der peinlichſten Auftritte ihres Lebens in Vergeſſenheit zu begraben. Der obige Ausruf, der ſo höchſt unerwartet kam, änderte aber mit einem Male den Stand der Dinge. „Mrs. Dutton,“ begann Bluewater und nahm die trauernde Frau freundlich bei der Hand,„wir ſind alte Freunde, wie ich nunmehr glauben muß, wenn Sie nämlich, nach dem, was vor⸗ gefallen, mir ſelbſt noch erlauben wollen, mich als einen ſolchen zu betrachten.“ „Ach, Admiral Bluewater, mein Gedächtniß bedurfte keines ſolchen Mahners, um mich daran zu erinnern. Ihre gütige Theil⸗ nahme, Ihr Mitleid iſt mir jetzt eben ſo erfreulich, als in jenem ſchrecklichen Augenblicke, da wir früher mit einander zuſammentrafen.“ „So hatte ich alſo bei jener unerfreulichen Veranlaſſung das Vergnügen, ihre Tochter mehr als einmal zu ſehen. Jetzt erſt erklaͤre ich mir die Ahnung, die mich ſchon den ganzen Tag über beſchäftigte: in dem Augenblicke nämlich, da ich Miß Mildred heute zum erſten Mal erblickte, ſiel mir auf, daß ihr ganzes Geſicht, vornehmlich deſſen Ausdruck mir bekannt war. Freilich iſt es auch ein Geſicht, das, einmal geſehen, nicht ſo leicht wieder ver⸗ geſſen wird.“ „Mildred war damals noch ein Kind, Sir, und Ihr Gedächt⸗ niß muß Sie doch getäuſcht haben, da Kinder von ihrem Alter, 4 — 168 beſonders was Geſichtszüge betrifft, nur ſelten einen bleibenden Eindruck in unſerm Geiſte zurücklaſſen.“ „Es ſind auch nicht die Züge, deren ich mich erinnere, ſon⸗ dern der Ausdruck derſelben und er gerade iſt von einer Art, die man nicht ſo leicht wieder vergißt, was ich ihnen als Mutter wohl nicht erſt zu ſagen brauche. Auch Mr. Wychecombe iſt ſicher⸗ lich bereit, die Wahrheit deſſen, was ich ſage, zu beſchwören.“ „Horch!“ rief Mrs. Dutton, welche mit ängſtlicher Aufmerk⸗ ſamkeit auf jedes Zeichen lauſchte, das die Zunahme der ſchwelge⸗ riſchen Unordnung verkündete.„In dem Tafelzimmer ſcheint große Verwirrung zu herrſchen! Ich hoffe, die Herren hegen doch über dieſen neuen Aufſtand in Schottland einerlei Anſichten?“ „Der Jakobite, der etwa unter ihnen wäre, würde allerdings nicht übel warm bekommen, denn Sir Wycherly, ſein Neffe und der Vicar ſind alle drei wahre brüllende Löwen, was Loyalität be⸗ trifft. In der That, es ſcheint etwas Außergewöhnliches vorge⸗ fallen zu ſeyn, denn die Fußtritte, die ich hoͤre, müſſen doch wohl, wie mir ſcheint, von auf und ab rennenden Dienern herrühren. Wenn ſich die Bedientenſtube in dem Zuſtande befindet, in welchem ich ſie vermuthe, ſo wird ſie eben ſo ſehr des Beiſtands des Herren⸗ zimmers bedürfen, als dieſes möglicher Weiſe—— ⸗ Ein Klopfen an der Thüre unterbrach Bluewater's Rede, und als Wycherly öffnete, zeigte ſich Galleygo auf der Schwelle, dießmal aber in einem Zuſtande, der ihn nöthigte, ſich an dem Thürenfutter feſtzuhalten. „Nun, Sir,“ bemerkte der Contreadmiral ernſthaft, denn er war nicht länger aufgelegt, mit einem von der berauſchten Bande Scherz zu treiben—„ agt mir doch gefälligſt, welche Ungeſchlif⸗ fenheit Euch wieder hierher geführt hat.“ „Nichts da von Ungeſchliffenheit, Euer Gnaden, davon wiſ⸗ ſen wir nichts auf dem alten Planter. Es iſt ja auch keiner von den jungen Herrn um die Wege, der das, was vorgeht, melden 169 könnte und ſo dachte ich, ich gehe lieber ſelbſt hinein und verrichte das Geſchäft mit meiner eigenen Zunge. Wir bekommen ſo häufig Rapporte in unſerer Kajüte zu hören, Sir, daß auf der ganzen Flotte kein Offizier iſt, der ſie beſſer als ich ſelbſt erſtatten kann.“ „Hunderte würden aber gewiß weniger Worte dazu brauchen. Wie lautet denn Dein Auftrag?“ „Nun, Sir,'s iſt weiter Nichts, als daß die eine Flagge ge⸗ ſtrichen wurde und der oberſte Kommandant total auf der Seite liegt.“ „Großer Gott! Sir Gervaiſe iſt hoffentlich doch kein Unglück zugeſtoßen? Sprich, Burſche, oder ich will Dich aus dieſem Babel herausbringen und nach dem Schiffe zurückſchicken, und ſollte es noch ſpäter als Mitternacht ſeyn.“ „Ja,'s iſt auch wirklich nicht weit davon, Admiral Blue— ſo gegen ſechs, wie man auf der Schiffsuhr neben der großen Hintertreppe recht gut ſehen kann— ſechſe durch,'s geht ſtark auf ſieben—“ „Zur Sache, Sir! was iſt Sir Gervaiſe zugeſtoßen?“ wie⸗ derholte Bluewater und winkte dem Andern drohend mit dem Finger. „O, wir befinden uns gerade ſo wohl, Admiral Blue, wie damals, als wir zum erſtenmal den Planter beſtiegen. Sir Jarvy ſegelt mit dem Beſten in die Wette, darauf will ich ſchwören, mag nun ſein Schiff in dem alten Hafen von Oporto oder in einem Braukeſſel ſteuern. Bei ſolchen Streichen laßt nur Sir Jarvy allein für ſich ſorgen; er iſt nicht umſonſt einmal jung geweſen.“ „Habt nur einen Augenblick Geduld, Sir,“ ſiel Wycherly ein, „ich will ſelbſt gehen und mich von der Thatſache überzeugen.“ „Ich ſehe ſchon, ich muß meine Frage anders ſtellen,“ fuhr Admiral Bluewater fort, nachdem Wycherly das Zimmer ver⸗ laſſen hatte. 8 „Nun, ſehen Euer Gnaden, der alte Sir Wycherly, der hier am Lande das oberſte Kommando führt, hat ſeine Segel im Ver⸗ gleich zu der jüngern Mannſchaft zu ſtraff gehalten und iſt deßhalb 170 umgeſtülpt; jetzt bugſiren ſie ihn in das Deck, damit er dort ge⸗ viert werde.“ „Und das iſt Alles? Das ließ ſich nach einem ſolchen Gelage wohl gar nicht anders erwarten. Deßhalb hätteſt Du gerade nicht nöthig gehabt, Galleygo, mit Deiner unglückverkündenden Miene unter uns zu erſcheinen.“ „Ja, Sir, ſo dachte ich eigentlich ſelbſt und ich wollte auch nur ungefähr ebenſo melancholiſch ausſehen, wie einer unſerer jun⸗ gen Herren, wenn ſie manchmal melden, daß eine Bramſtenge abgeknickt oder eine Leeſegelſpiere zum Teufel gegangen ſey. Wißt Ihr noch, Admiral Blue, wie Ihr einmal an der Wetterſeite des alten Planters vorbeiluffen und Euch zwiſchen ihn und den fran⸗ zöſiſchen Dreidecker mit ſeinen neunzig Kanonen ſtellen wolltet— wie damals Eure Leeſegel, eins nach dem Andern zu Schanden gingen, nicht anders als wie Erdſchwämme, die beim Schälen zerbröckeln?“ Galleygo, der in ſeiner bilderreichen Sprache ſeine Gleich⸗ niſſe ſtets aus den beiden von ihm betriebenen Gewerben zu neh⸗ men pflegte, hätte wohl noch eine ganze Stunde lang ohne Unter⸗ brechung fortgeplaudert, wäre nicht Wycherly bei ſeiner letzten Rede mit der Nachricht in's Zimmer getreten, daß ihr Wirth ernſtlich, ja ſogar gefährlich krank ſey. Mitten unter den Freuden der Tafel, bei welcher er die Honneurs machte, hatte er einen Anfall erlitten, der ſich, wie der Vicar, ein berühmter Dreiflaſchenmann, fürchtete, wohl als ein Schlagfluß erweiſen konnte. Mr. Rotherham hatte dem Patienten zur Ader gelaſſen, worauf er ſich etwas beſſer be⸗ fand; auch war bereits ein Eilbote nach einem Arzte ausgeſchickt worden. Natürlich hatten ſeine Zechgeſellen alsbald die Tafel ver⸗ laſſen und die Angſt hatte ſelbſt die Diener wieder nüchtern gemacht. Auf Mrs. Dutton's dringende Bitte verließ Wycherly das Zimmer augenblicklich wieder, indem er zugleich Galleygo mit ſich fortnahm— um genauere Nachricht über des Baronets wirkliche 171 Lage einzuziehen. Sir Wycherly hatte nämlich durch ſeine wohl⸗ wollende Freundlichkeit, ſo wie durch ſeine beſtändige Theilnahme an ihrem Wohlergehen die Herzen von Mutter und Tochter für ſich gewonnen und beide fühlten eine aufrichtige Zuneigung für den gütigen alten Mann. „sSie transit gloria mundi,““* murmelte Admiral Bluewater, während ſich ſeine hohe Geſtalt mit der ihm eigenthümlichen ſorg⸗ loſen Weiſe in einem dunkeln Winkel des Zimmers auf einem Stuhle niederließ.„Dieſer Baronet iſt in einem Augenblicke anſcheinenden Glücks und mitten in ſeiner triumphirenden Trunkenheit vom Throne geſtürzt: warum ſollte dieß bei einem Andern nicht ebenſo der Fall ſeyn können?“ Mrs. Dutton hörte des Admirals Stimme, ohne jedoch ſeine Worte deutlich zu verſtehen, und war ſehr bekümmert bei dem Ge⸗ danken, daß der Baronet, den ſie ſo hoch verehrte und liebte, von einem Manne von des Contreadmirals Charakter ſo hart beurtheilt werden ſollte. „Sir Wycherly iſt einer der gutherzigſten Menſchen unter der Sonne,“ bemerkte ſie etwas haſtig,„und in ganz England iſt be⸗ ſtimmt kein beſſerer Gutsherr anzutreffen. Auch iſt er keineswegs den Genüſſen der Tafel eifriger ergeben, als dieß bei Edelleuten von ſeiner Stellung gewöhnlich iſt. Gewiß hat ihn heute Abend nichts als ſeine Loyalität weiter geführt, als vielleicht klug war oder wir etwa wünſchen konnten.“ „Glauben Sie mir, meine theure Mrs. Dutton, ich bin gewiß geneigt, von unſerem Wirthe nur das Beſte zu denken; wir See⸗ leute ſind ja ohnedieß nicht gewöhnt, einen Bonvivant zu ſtreng zu beurtheilen.“ „Ach! und Sie vollends, Admiral Bluewater! der Sie we⸗ gen Ihrer Enthaltſamkeit und geregelten Lebensweiſe eines ſo weit verbreiteten Rufes genießen! Wohl erinnere ich mich noch, wie „So ſchwindet der Ruhm der Welt.“ D. U. 172 ich zitterte, als ich unter den Hauptgliedern jenes ſchrecklichen Ge⸗ richtes Ihren Namen aufzählen hörte!“ „Sie laſſen Ihre Gedanken zu oft bei jenen unerfreulichen Erinnerungen verweilen, Mrs. Dutton; viel lieber würde ich ſehen, wenn Sie Ihrer liebenswürdigen Tochter mit dem Beiſpiele größerer Munterkeit vorangingen. Ich konnte damals ihre Bitte nicht er⸗ füllen, denn mein Eid wie meine Dienſtpflicht waren gleichermaßen dagegen; jetzt aber iſt wohl kein Grund vorhanden, der mir ſol⸗ ches unmöglich machte: im Gegentheil bin ich ſogar ungemein ge⸗ neigt, ſoviel ich nur immer kann, für Sie zu thun, denn dieſes ſüße Kind hier nimmt meine Theilnahme auf eine Weiſe in An⸗ ſpruch, die ich kaum beſchreiben kann.“ Mrs. Dutton ſchwieg, in Gedanken vertieft. Admiral Blue⸗ water's Jahre waren gewiß kein unumſtöoͤßliches Hinderniß für ihn, wenn er Mildred's ausnehmende Schönheit mit den Augen gewöhn⸗ licher Bewunderer hätte betrachten wollen; ſeine Sprache aber und vor Allem ſein Charakter mußten wohl einen derartigen Verdacht augenblicklich wieder verſcheuchen. Nichts deſtoweniger war Mildred über alle Beſchreibung lieblich und ebenſo waren die Männer in Sachen der Liebe von jeher über alle Beſchreibung ſchwach. Wie mancher Held hatte in ſeiner Jugend die höchſte Selbſtbeherrſchung und Enthaltſamkeit bewieſen, um noch im Herbſte ſeines Lebens gerade in dieſem Punkt die thörichteſten, unüberlegteſten Handlun⸗ gen zu begehen!— die bittere Erfahrung hatte ſie ſelbſt über die Nothwendigkeit des Mißtrauens belehrt. Trotz deſſen konnte ſie ſich dennoch unmöglich dazu verſtehen, von einem Manne, deſſen Charakter ſie ſo lange hochgeachtet hatle, Uebles zu denken; zudem war des Contreadmirals ganzes Weſen ſo offen, ſo wahrhaft zart und fein fühlend, wie man es nur im⸗ mer von einem gebildeten Edelmanne und Seeoffiziere erwarten mochte— ſo daß es ziemlich ſchwer war, ſich der Vermuthung hinzugeben: er könnte neben den Beweggründen, die er zu 173 geſtehen für gut fand, noch weitere geheimere in ſich verbergen. Mild⸗ red hatte durch die unwiderſtehliche Zartheit ihres Ausdrucks, die, ſo ſehr die Schönheit von Geſicht und Geſtalt auch anzog, doch immer noch tauſendmal einnehmender war als dieſe— ſchon Man⸗ chen ſich zum Freunde gewonnen; warum ſollte der achtungswür⸗ dige alte Seemann nicht auch unter die Letzteren gehören? In dieſem Gedankengange wurde ſie durch Dutton's plötzlichen, unwillkommenen Eintritt unterbrochen. Er war ſo eben von Sir Wycherly's Krankenlager zurückgekehrt und wollte nun Frau und Tochter aufſuchen, um ihnen die Weiſung zu ertheilen, daß ſie ſich anſchicken ſollten, den ihrer harrenden Wagen zu beſteigen, der ſie nach ihrer Wohnung zurückbringen ſollte. Der arme Unglückliche war gerade nicht in dem Grade be⸗ trunken, daß er des Gebrauchs der Sprache oder ſeiner Gliedmaßen beraubt geweſen wäre; doch aber hatte er gerade ſo viel zu ſich genom⸗ men, daß der böſe Dämon in ihm wach geworden war und die wahren Geheimniſſe ſeines Innern bloß zu legen drohte. Seine Nerven waren heute mehr geſpannt als gewöhnlich und der Wein hatte vollends die ganze Thatkraft eines Mannes aufgeregt, deſſen Entſchlüſſe nur ſelten auf richtiges Gefühl oder rechtſchaffenes Handeln gerichtet waren. 1 Die Dunkelheit des Zimmers, ſowie die leichte Verwirrung, die immer noch in ſeinem Kopfe herrſchte, hinderten ihn, die Per⸗ ſon ſeines Vorgeſetzten in dem finſtern Winkel zu bemerken; ſo glaubte er ſich abermals mit den Perſonen allein, die ſo ganz von ſeiner Willkür abhingen und ſchon ſo lange ſeine brutale Tyrannei geduldig getragen hatten. „Ich hoffe, Dutton, Sir Wycherly befindet ſich beſſer?“ nahm ſeine Frau das Wort, da ſie fürchtete, ihr Gatte moͤchte ſie Beide zu ſehr bloßgeben, noch ehe er die Anweſenheit ſeines Vor⸗ geſetzten bemerkt haben würde.„Admiral Bluewater wünſcht eben ſo dringend, wie wir ſelbſt, den wahren Stand der Sache zu erfahren.“ 174 „Ja, bei Baronets und Contreadmiralen, da ſeyd Ihr Weiber voller Mitleid und Erbarmen,“ antwortete Dutton und warf ſich ohne Weiteres in den nächſten Stuhl, ſo daß er dem Fremden den Rücken kehrte und ihn fortan unmöglich bemerken konnte;„Euer Mann und Vater aber, der könnte hundertmal ſterben, ohne daß ihm ein mitleidiger Blick von Euren ſchönen Augen oder auch nur ein freundliches Wörtchen von Euren verteufelten Zungen ge⸗ ſpendet würde.“ „Weder Mildred noch ich haben dieſen Vorwurf von Dir ver⸗ dient, Dutton.“ „Nein, Ihr ſeyd beide die Vollkommenheit ſelber; wie die Mutter, ſo das Kind. Bin ich nicht ſelbſt mit dem nämlichen Anfall, wie Sir Wycherly heute, ſchon fünfzig Mal am Nande des Grabes geſchwebt, und habt Ihr auch nur ein einziges Mal nach einem Arzte ausgeſendet?“ „Du warſt zu Zeiten unwohl, Dutton, haſt aber noch nie an einem Schlaganfalle gelitten; wir haben allemal gedacht, ein wenig Schlummer würde Dich wieder herſtellen, wie dieß auch wirklich immer der Fall war.“ „Was Teufels haſt Du mit dem Denken zu ſchaffen?— Das iſt das Geſchäft der Aerzte oder Chirurgen und Deine Pflicht war es, nach dem nächſten Kunſtverſtändigen zu ſchicken, um einem Manne Hülfe zu leiſten, dem Du Verehrung und Gehorſam ſchuldig biſt. In gewiſſer Art biſt Du allerdings Deine eigene Herrin, Martha; was nicht mehr abzuändern iſt, muß mit Geduld ertragen werden; Mildred aber iſt mein Kind— von ihr verlange ich Ehrfurcht und Liebe, und ſollte ich Euch beiden das Herz brechen müſſen, um dazu zu gelangen.“ „Eine fromme Tochter ehrt jederzeit ihren Vater, Dutton,“ erwiederte die arme Frau, am ganzen Körper zitternd;„Liebe aber muß freiwillig kommen, denn anders kommt ſie niemals.“ „Das wollen wir ſchon ſehen, Mrs. Martha Dutton; das 175 werden wir ja ſehen. Komm daher, Mildred; ich habe ein Woͤrtchen mit Dir zu reden, das wohl am Beſten jetzt gleich geſprochen wird.“ Mildred, zitternd wie ihre Mutter, trat dem Sprechenden näher; ein Gefühl kindlichen Mitleids, das keine Barſchheit von ſeiner Seite gänzlich zu erſticken vermochte, bewog ſie jedoch zu dem ängſtlichen Wunſche, ihren armen Vater zu hindern, daß er ſich in Admiral Bluewater's Gegenwart nicht noch weitere Blößen geben möchte. In dieſer Abſicht und in ihr allein bot ſie all' ihre Geiſtesſtärke auf und erwiederte auf ihres Vaters Aufforderung: „Vater, würden wir nicht beſſer thun, unſere Familienangele⸗ genheiten ſo lange bei Seite zu laſſen, bis wir allein ſeyn werden?“ uUnter gewöhnlichen Umſtänden würde Bluewater nicht erſt dieſen handgreiflichen Wink abgewartet, ſondern ſich ſogleich im erſten Augenblick zurückgezogen haben, ſobald er die Annäherung einer ſo unangenehmen Scene, wie ein Mißverſtändniß zwiſchen Mann und Frau immer iſt,— bemerken konnte. Doch ſeine un⸗ widerſtehliche Theilnahme an dem lieblichen Weſen, das zitternd vor ihrem Vater daſtand, ließ ihn ſein gewohntes Zartgefühl vergeſſen und verleitete ihn ſogar, die üblichen Regeln der guten Geſellſchaft in dieſem Falle zu überſehen.— Statt ſich alſo zu entfernen, wie Mildred gehofft und erwartet hatte, blieb er regungslos in ſeinem Stuhle ſitzen. Dutton's Geiſtesvermögen war zu ſtumpf, um die Anſpielungen ſeiner Tochter zu begreifen, ſo lange er nicht einen ſichtbaren Be⸗ weis von der Anweſenheit eines Fremden vor Augen hatte; ſein Zorn war überdieß zu ſehr aufgeregt, um ihn noch an etwas an⸗ deres, als an die ſpezielle Urſache ſeines Unwillens denken zu laſſen. „Nur beſſer vor meine Augen, Mildred,“ rief er ärgerlich: „Da, tritt mir näher vor's Geſicht, wie's einer Tochter geziemt, die ihre Pflicht gegen ihren Vater nicht kennt und alſo darüber belehrt werden muß.“ 3 „O Dutton,“ rief ſein betrübtes Weib,„um's Himmelswillen ——— 176 — beſchuldige Mildred nicht der Pllichtvergeſſenheit! Du weißſt nicht, was Du ſprichſt— Du weißſt nicht, wie pflichtgetr— nein, wahrlich, Du kannſt ihr Herz nicht kennen, ſonſt würdeſt Du nicht dieſe grauſamen Beſchuldigungen hören laſſen!“ „Schweigt ſtill, Mrs. Martha Dutton— mit Euch habe ich jetzt nichts zu ſchaffen, wohl aber mit dieſem jungen Mädchen hier, mit der ich, wie ich hoffe, als meinem eigenen leiblichen Kinde, V wohl etwas deutlich reden darf. So ſchweigt denn ſtill, Mrs. Martha Dutton. Wenn mein Gedächtniß mich nicht trügt, ſo ſtandet Ihr einſt mit mir vor Gottes Altare und gelobtet mir Liebe, Achtung und Gehorſam, ja, ja, das war das rechte Wort— Gehorſam; verſteht Ihr mich, Mrs. Martha Dutton?“ V„Und was haſt denn Du damals verſprochen, Frank?“ rief ſein gemartertes Weib, das in ihrem Seelenleiden dieſe mittelbare Anklage nicht unterdrücken konnte. „Nichts, was ich nicht ehrlich und maͤnnlich gehalten habe. Ich verſprach, für Dich zu ſorgen, Dir Nahrung und Kleidung zu geben, Dich meinen Namen führen zu laſſen und vor der Welt in der achtbaren Stellung, wie ſie des ehrlichen Frank Dutton's Weibe zukommt, zu erhalten.“ „Achtbar!“ murmelte ſeine Gattin ſo laut, daß Mildred ſowohl als der Admiral es deutlich vernehmen konnten, doch immer noch mit ſo gedämpfter Stimme, daß ihre Aeußerung dem durch lange Ausſchweifung abgeſtumpften Gehörſtun ihres Gatten völlig entging. 4 Kaum war übrigens dieſes vielſagende Wort ihrem innerſten Herzen entſchlüpft, als ſie mit gewaltſamer Anſtrengung jede weitere Aeuße⸗ rung zurückhielt und ſtumm und reſignirt in einen Stuhl ſinkend, ihr Antlitz in beide Hände begrub. „Mildred, komm daher,“ begann abermals der immer brutaler werdende Vater.„Du wenigſtens biſt meine Tochter, und was Andere auch immer einſt am Altare gelobt und wieder vergeſſen haben— das Geſetz der Natur lehrt Dich, mir zu gehorchen.— ₰ 177 Du haſt zwei Anbeter, welche Du Dir beide zu ſichern bemüht ſeyn ſollteſt, wiewohl ein großer Unterſchied zwiſchen ihnen——“ „Vater!“ rief Mildred, und jede Regung ihrer zartfühlenden Natur empörte ſich bei dieſer gemeinen Anſpielung an eine Verbin⸗ dung und an Gefühle, die ſie als die geheimſten und heiligſten ihres ganzen geiſtigen Weſens zu betrachten gewohnt war.„Gewiß, Vater, Ihr könnt nicht wiſſen, was Ihr ſagt!“ „Wie die Mutter, ſo das Kind! Ja laßt nur erſt Mangel an Gehorſam und Ehrerbietung bei einem Weibe Platz greifen und ihr dürft gewiß ſeyn, daß beide Laſter die ganze Familie, und be⸗ ſtände ſie aus Dutzenden von Kindern, anſtecken werden! Hörſt Du, Miß Mildred: Du ſelbſt biſt es, die nicht weiß, was ſie ſagt, ich aber verſtehe recht gut, was eines Vaters Pflichten und Rechte verlangen. Deine Mutter würde Dir ohnedieß niemals mittheilen, was ich für meine Pflicht halte, Dir klar und offen vor Angen zu legen— und ſo erwarte ich, daß Du mir aufmerkſam zuhörſt, wie es einem gehorſamen, liebevollen Kinde zukommt.— Du haſt zu wählen zwiſchen dieſen beiden Wychecombe's; jeder von beiden muß für die arme, beſchimpfte Tochter eines Quartiermeiſters als gute Parthie erſcheinen.“ „Vater, ich werde noch unter den Boden ſinken, wenn Ihr ein zweites, grauſames Wort dieſer Art hören laſſet!“ „Ei was, Theuerſte— weder ſchwimmen noch verfinken wirſt Du, bis Du erſt eine gute oder ſchlechte Wahl getroffen haſt. Mr. Thomas Wychecombe iſt Sir Wycherly's Erbe und als ſolcher der nächſte Baronet und Beſitzer dieſer Gutsherrſchaft. Natürlich iſt er von beiden bei Weitem der Beſſere und billig ſollteſt Du ihm auch den Vorzug geben.“ „Dutton, kannſt Du, als Chriſt und Vater, Deinem eigenen Kinde einen ſo herzloſen Rath geben?“ rief Mrs. Dutton, unausſprechlich verletzt durch den gänzlichen Mangel an Gefühlen und Grund⸗ ſätzen, der ihr hier in des Gatten Anweiſung ſo ſchroff entgegentrat. Die beiden Admirale. 2. Aufl. — 178 „Ja, Mrs. Martha Dutton, das kann ich und glaube dabei erſt noch, daß mein Rath nichts weniger als herzlos iſt. Willſt Du etwa Deine Tochter als das Weib eines armſeligen Aufſehers einer Signalſtation vor Augen ſehen, während ſie, wenn wir es nur ein bischen klug angreifen, einſtens noch Lady Wychecombe werden und als Herrin dieſes ſtattlichen alten Hauſes und der ganzen, beinahe fürſtlichen Herrſchaft auftreten kann?“ „Vater! Vater!“ ſiel Mildred beſänftigend ein, obwohl ſie bei dem Gedanken, daß Admiral Bluewater eine ſolche Unterredung mit⸗ anhören ſollte, vor Beſchämung nicht anfzuſchauen vermochte;„Ihr vergeßt Euch ſelbſt und überſeht meine eigenen Wünſche. Es iſt ja überhaupt höchſt unwahrſcheinlich, daß Mr. Thomas Wychecombe jemals daran dachte, mich zur Frau zu nehmen— oder daß ſonſt Jemand ähnliche Gedanken in ſich nähren ſollte.“ „Das Alles, Milly, wird ſich fügen, je nachdem Du es engreiſſt Mr. Thomas Wychecombe denkt allerdings im jetzigen Augenblicke ſchwerlich daran, Dich zur Frau zu nehmen, aber gerade die größten Wallſiſche werden mit den kleinſten Leinen gefangen, wenn man dieſe nur gehörig zu handhaben verſteht. Der junge Lieutenant, der würde Dich gleich morgen heirathen, obwohl ich mir unter allen möglichen Fällen nichts Thörichteres als eine Heirath zwiſchen Euch Beiden erdenken könnte. Er iſt ſimpler Lieutenant und mag ſein Name auch noch ſo gut klingen, ſo ſcheint es ja erſt nicht einmal, daß er ein wirkliches Recht darauf beſitzt!“ „ Und doch, Dutton, warſt auch Du ein bloßer Lieutenant, als Du Dir eine Frau nahmſt und Dein Name trug nichts dazu bei, ein Intereſſe oder einen Vorzug für Dich zu erwecken,“ bemerkte die Mutter, ängſtlich bemüht, bei ihrem Gatten ein neues Gefühl für ihre Tochter hervorzurufen und die grauſame Schlußfolgerung des letzten Theils ſeiner Rede zu verwiſchen.„Damals lag die Zukunft noch lächelnd und freundlich vor unſeren Augen!“ „Und würde bis auf dieſe Stunde noch eben ſo vor uns liegen, 179 Mrs. Dutton, wenn nicht dieſe Eine thörichte Handlung von meiner Seite dazwiſchen getreten wäre. Ein Mann mit geringer Beſol⸗ dung, ohne Vermögen und mit Familienſorgen, die auf ihm laſten, wird leicht zu tauſend Thorheiten verleitet, um ſein Elend vor ſich ſelbſt zu verbergen. Es beſſert übrigens Deine Sache keineswegs, wenn Du mich an jene Unklugheit erinnerſt.— Ich muthe jedoch Mildred keineswegs zu, den jungen Virginier auf's Gerathewohl abzuweiſen; er kann im Gegentheil in mehr als einer Beziehung von Nutzen ſeyn. Erſtens kannſt Du ihn gegen Mr. Thomas Wychecombe ſpielen laſſen, zweitens kann ein Lieutenant aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach eines Tages noch Kapitän werden und die Frau eines Kapitäns in Sr. Majeſtät Marine— hm! das iſt denn doch nicht ganz zu verachten. Ich rathe Dir alſo, Mädchen, dieſen Junker als Köder bei dem Fange des Erben zu gebrauchen und ſollte der Letztere mißlingen, ſo kannſt Du den Burſchen ja immer noch haben.“— Dieß ſprach der Elende mit einer gebieteriſchen Gemeinheit, welche mit ſeiner Grundſatzloſigkeit und dem gänzlichen Mangel an Zartgefühl, der allein einen ſolchen Rath erfinden konnte— voll⸗ kommen harmonirte. Mrs. Dutton ſeufzte tief, als ſie ihren Gatten alſo ſprechen hörte, denn nie zuvor hatte er die ſchwache Maske des äußeren Anſtands, die er gewöhnlich trug, ſo ganz bei Seite ge⸗ worfen. Mildred aber war nicht länger im Stande, ihr tief em⸗ pörtes Gefühl zu bemeiſtern; ſie floh haſtig aus der Nähe ihres Vaters, als ob ſie um jeden Preis eine ſichere Zuflucht und freund⸗ lichen Schutz ſuchen wollte und fand ſich bald ſchluchzend, als ob ihr das Herz brechen wollte,— in Admiral Bluewater's Armen. Dutton folgte dieſem unwiderſtehlichen Antriebe ſeiner Tochter mit den Augen und bemerkte jetzt zum erſten Male, in weſſen Ge⸗ genwart er ſeine ganze, angeborene Gemeinheit aufgedeckt hatte. Noch war der Wein nicht ſo ganz Herr über ihn geworden, daß er für alle möglicherweiſe hieraus entſpringenden Folgen blind geweſen wäre; doch ſteigerte ihn ſeine Trunkenheit wenigſtens ſo weit, daß er im Stande war, der augenblicklichen Beſchämung ſeiner Lage zu trotzen. „Ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung, Sir,“ begann er aufſtehend und ſich tief vor ſeinem Vorgeſetzten verbeugend:„ich beſaß keine Ahnung davon, daß ich die Ehre hatte, in Admiral Bluewater's Geſellſchaft zu ſeyn— Jack nennt Euch den Admiral Blue, Sir, ha! ha! ha!— und dieſe Vertraulichkeit iſt ein ſicheres Zeichen ſeiner Liebe und Achtung. Ich kannte nie einen Kapitän oder Flaggenoffizier mit einem regelmäßigen, bezeichnenden Schiffs⸗ namen, der nicht auch der Liebling der ganzen Mannſchaft geweſen wäre. Ja Sir, ich finde, die Leute nennen Sir Gervaiſe den klei⸗ nen Jarvy und Euch den Admiral Blue! ha! ha! hal ein untrüg⸗ liches Zeichen von Verdienſt bei den Höheren und von Liebe auf Seiten der Mannſchaft.“ „Ich ſollte mich eigentlich darüber entſchuldigen, Mr. Dutton, daß ich, für mich ſelbſt ſo unerwartet, in Euren Familienrath beigezogen wurde,“ erwiederte der Contreadmiral.„Was unſere Leute betrifft, ſo ſind ſie eben keine großen Philoſophen, obwohl ſte recht gut zu unterſcheiden wiſſen, ob ſie gut kommandirt und behandelt werden oder nicht.— Es iſt jetzt übrigens ſchon ziemlich ſpät und meine Abſicht war, die heutige Nacht auf meinem eigenen Schiffe zuzubringen. Sir Wycherly's Wagen iſt beordert, mich auf den Landungsplatz zu führen und Ihr werdet mir, wie ich hoffe, die Erlaubniß nicht verſagen, die Damen mit derſelben Gelegenheit nach Enrer Wohnung zu bringen.“ Dutton gab ſeine Erlaubniß mit vollkommener Selbſtbeherr⸗ ſchung, ein Beweis, daß er bei entſprechender Laune die gewöhnlichen Artigkeiten eben ſo wohl auszuüben als zu empfangen verſtand. „Das iſt eine Ehre, Sir, welche Beide, wenn mein Rath gehört wird, gewiß nicht abzulehnen wünſchen werden. Komm, Milly, närriſches Mädchen! trockne Deine Thränen und danke Admiral Bluewater mit einem Lächeln für ſeine Herablaſſung. Junge Mädch en 181 verſtehen doch faſt nie, einen Scherz einzuſtecken und unſere Schiffs⸗ witze, Sir, ſind freilich manchmal etwas ſtark für ſie zu verdauen, Ich pflege manchmal meinem lieben Weibe hier zu ſagen— ‚Weib,“ ſage ich,„wenn Seine Majeſtät ſtarkherzige, rieſenkräftige Seeleute haben ſoll, ſo können ſie nicht wohl die Eigenſchaften von Damen⸗ Dichtern und ſchmachtenden Schäfern in einer Perſonen vereinigen,“ ſag ich. Mrs. Dutton verſteht mich auch, Sir, und ſo auch die kleine Milly, die im Ganzen ein treffliches Mädchen iſt, Sir, nur manchmal ihre Augenpumpen, wie wir's früher auf den Schiffen nannten, etwas zu oft in Bewegung ſetzt.“ „Und nun, Mr. Dutton, da wir darüber einig ſind, daß ich die Damen nach Haus geleite, ſo habt Ihr wohl die Güte und erkundigt Euch nach Sir Wycherly's Befinden. Ich möchte ſein gaſtfreundliches Dach doch nicht gerade in der Ungewißheit über ſein gegenwärtiges Befinden verlaſſen.“ Dutton fühlte recht wohl, daß er vor ſeinem Vorgeſetzten eine höchſt linkiſche Rolle ſpielte; er benutzte daher dieſen Auftrag mit Freuden, um das Zimmer zu verlaſſen, und that dieß mit ſo feſtem, aufrechtem Schritte, als ob er gar nicht getrunken hätte. Dieſe ganze Zeit über lehnte Mildred weinend an Admiral Bluewater's Seite und wollte ſich nicht entſchließen, eine Stelle zu verlaſſen, die ihr in ihrer furchterfüllten Aufregung faſt wie ein Heiligthum vorkam. „Ihnen, Mrs. Dutton,“ ſprach Bluewater und küßte erſt ſeine liebliche Schutzbefohlene mit einer wahrhaft väterlichen Zärtlichkeit auf die Wange, ſo daßsſelbſt die zarteſte Empfindlichkeit ſich un⸗ möglich daran ſtoßen konnte—„der Mutter wird es wohl beſſer als mir gelingen, dieſe kleine Zitternde wieder etwas zur Ruhe zu bringent. Ich brauche Ihnen wohl nicht erſt du ſagen daß Alles, was ich zufällig zu hören bekam und wenn es auch eigentlich nicht für mich beſtimmt war, als unverbrüchliches Geheimniß bei mir ſo ſicher wie bei Ihrem leiblichen Bruder bewahrt bleiben ſoll. Ihr 182 eigener, wie Ihrer Tochter Charakter kann durch die mißverſtan⸗ denen, aufgeregten Berechnungen eines Einzelnen nicht berührt wer⸗ den und ſo hat dieſe Gelegenheit nur dazu gedient, mich mit Ihnen und Ihrer bewundernswerthen Tochter näher bekannt zu machen, als ich ſonſt wohl durch Jahre langen Verkehr geworden wäre.“ „O, Admiral Bluewater! beurtheies Sie ihn nicht allzu ſtreng! Er iſt wieder zu lange an jener unglückſeligen Tafel ge⸗ ſeſſen, die, wie ich fürchte, dem armen guten Sir Wycherly den Untergang gebracht hat,— er wußte nicht, was er ſagte. Noch nie zuvor habe ich ihn neß ſchrecklicher Laune geſehen; noch nie⸗ mals zeigte er Luſt, mit den Gelchlen dieſes ſüßen Kindes zu ſcherzen oder ſie gar zu verwunden!“ „Ihre außerordentliche Aufregung iſt der beſte Beweis dafür, meine gute Frau, und beſtätigt Ihre Ausſage vollkommen. Be⸗ trachten Sie mich als Ihren aufrichtigen Freund und haben Sie zu meiner Verſchwiegenheit das vollſte Vert zen.“ Mit dalkharem ße lauſchte die betrübte Mutter ſeinen tröſtenden Worten. ildred aber wand ſich undert aus ihrer ungewöhnlichen Lage und wußte ſich nicht recht zu erklären, durch welche Verblendung ſie eigentlich darein gerathen ſeyn konnte. 7— Neun Kapitel. 4 2 5* ch, Montague! Biſt Du es, Bruder, br“ meine Hand, Und meine Seel' leg' ichehlr auf die Lippen! Du liebſt mich nicht, denn, Bruder, thäteſt Du's, So würden Deine Thränen dieſes Blut, —(e kalt, geronnen, mir die Lippen ſchließet, ₰△ aſchen.— Komm, komm, Montague, ſonſt Kerd ich! — König Heinrich VI. Sir Wycherly lag in der That an einem Schlaganfalle dar⸗ nieder. Es war die erſte ernſtliche Krankheit, von der er während 183 eines langen Lebens voll Glück und Geſundheit befallen worden war, und der Anblick ihres herablaſſenden, ſonſt immer ſo gut ge⸗ launten, nachſichtsvollen Herrn, der ſich nunmehr in ſo ſchlimmer Lage befand, machte einen überraſchenden Eindruck auf die erhitzten Köpfe ſeines ganzen Haushaltes. Mr. Rotherham, der im Nothfalle recht gut drei Flaſchen auf ſich zu nehmen vermochte, hatte die Kunſt des Aderlaſſens er⸗ lernt; demgemäß öffnete er dem Patienten, noch während er auf dem Boden, worauf er gefallen— hingeſtreckt lag, eine Ader, welche glücklicherweiſe einen ſolchen Blutſtrom von ſich gab, daß der Ba⸗ ronet dadurch nicht nur zum Leben, ſondern großentheils auch zum Bewußtſeyn zurückgeführt wurde. Sir Wycherly war kein Trunkenbold wie Dutton, ſondern nur ein gelegentlicher Trinker wie Mr. Rotherham und der größere Theil des wohlbepfründeten Klerus jener Zeit. Mangel an Uebung in ſeinen alten Tagen hatte eben ſo gut wie das Uebermaß des genoſſenen Weins zu dieſem unerwarteten Anfalle beigetragen; auch hegte man bereits die beſten Hoffnungen, daß der Patient, unter⸗ ſtützt von ſeiner guten Körperkonſtitution, denſelben wohl überleben werde. Zu allem Glück war der Apotheker eben beſchäftigt geweſen, dem Gärtner ein Recept zu verſchreiben, ſo daß er ſchon fünf Mi⸗ nuten nach dem Schlaganfalle am Krankenlager eintraf; der Haus⸗ arzt nebſt dem Chirurgen udes beide noch im Laufe des Mor⸗ gens erwartet.„.* Sir Gervaiſe Oakes hatte ſeines Wirthes Zuſtand durch ſeinen wenigſtens ſeinen eigenen Beiſtand anzubieten. An der Thüre des Zimmers traf er mit Atwood zuſammen, der von ſeinem Geſchäfte abgerufen worden war; Beide traten mit 184 einander in das Gemach und der Viceadmiral ſuchte dabei in ſeinen Taſchen nach einer Lanzette, denn auch er hatte die Kunſt des Aderlaſſens erlernt. Hier endlich erfuhren ſie den wahren Stand der Dinge. „Wo iſt Bluewater?“ fragte Sir Gervaiſe, nachdem er ſeinen Wirth einen Augenblick voll Beſtürzung und Mitleid betrachtet hatte. „Ich hoffe, er wird doch jetzt das Haus nicht verlaſſen haben?“ „Er befindet ſich noch hier, Sir Gervaiſe, iſt aber, wie ich glaube, auf dem Punkt, ſich zu entfernen. Trotz all' der freund⸗ lichen Verſuche Sir Wycherly's, der ihn hier zurückhalten wollte, hörte ich ihn gleichwohl ſagen, daß er auf ſeinem Schiffe zu ſchlafen beabſichtige.“ „Daran habe ich nie gezweifelt, obſchon ich mich ſtellte, als ob ich das Gegentheil glaubte. Geht zu ihm, Atwood, und ſagt ihm, ich laſſe ihn bitten, daß er bei ſeiner Rückkehr am Planta⸗ genet vorüberfahre und Mr. Magrath erſuche, ſo bald als möglich an’s Land zu kommen. Zugleich muß man für ein Fuhrwerk ſorgen, das ihn vom Landungsplatze hieher bringt und ebenſo möge er, wenn es anders in ſeinen Wünſchen liegt, ſeinen eigenen Chirurgen gleichfalls hieher beordern.“ Mit dieſen Aufträgen verließ der Sekretär das Zimmer, wäh⸗ rend ſich Sir Gervaiſe nach Tom Wychecombe wandte und ihm einige Worte der Theilnahme zuflüſterte, wie ſie bei ſo traurigen Veranlaſſungen natürlich ſind. ³ „Ich denke, es iſt Hoffnung vorhanden, Sir,“ fuhr er fort; „ja, Sir, ich denke, wir dürfen Hoffnung hegen, obwohl Euer verehrter Oheim kein Jüngling mehr iſt— jedenfalls hat ihm dieſer frühzeitige Aderlaß ſehr gut gethan und können wir nur noch für den armen Sir Wycherly einige Zeit gewinnen, ſo werden unſere Anſtrengungen wohl nicht weggeworfen ſeyn. Ein plötzlicher Tod iſt etwas Schreckliches, Sir, und Wenige von uns find weder in ihrem Geiſte noch in ihren Geſchäften auf einen ſolchen vorbe⸗ 185 reitet. Wir Seeleute tragen allerdings unſer Leben in der Hand, doch geſchieht's bei uns wenigſtens für König und Vaterland und wir hoffen auf Gnade für alle Diejenigen, die in der Erfüllung ihrer Pflichten den Tod finden. Ich meines Theils habe mich ſtets mit einem Teſtamente vorgeſehen, das über alle meine weltlichen Intereſſen verfügt, während ich wegen des Jenſeits vertrauensvoll auf meinen heiligen Mittler blicke. Ich hoffe, Sir Wycherly iſt mit ſeinen weltlichen Angelegenheiten eben ſo vorſichtig verfahren?“ „Mein Oheim wird ohne Zweifel noch wünſchen, ſeinen we⸗ nigen Vertrauten einige unbedeutende Andenken zu hinterlaſſen,“ erwiederte Tom mit niedergeſchlagener Miene,„doch hatte er, ſo viel ich weiß, vor einiger Zeit ein Teſtament aufgeſetzt. Ich denke, auch Ihr werdet mit mir in der Anſicht übereinſtimmen, Sir, daß er, falls kein ſolches vorhanden ſeyn ſollte, im jetzigen Augenblick wohl nicht im Stande wäre, etwas der Art abzufaſſen!“ „Vielleicht nicht gerade in dieſem Augenblick, doch wird er wohl noch mehr zu ſich kommen und dann kann ſich ſchon Gele⸗ genheit dazu bieten. Das Gut iſt eine Majoratsherrſchaft, wie mir Mr. Dutton bei der Tafel berichtete.“ „Ja, ſo iſt es, Sir Gervaiſe, und ich bin der Unwürdige, der nach gewöhnlichem menſchlichen Ermeſſen aus dieſer Einrichtung Nutzen ziehen ſoll, obwohl ich es, wie der Himmel weiß, für alles Andere eher als für einen Gewinn anſehe. Wie dem auch ſey, ich bin der Unwürdige, dem nach meines Onkels Hingang das Lehen gebührt.“ „Euer Vater war des Baronets nächſter Bruder?“ bemerkte Sir Gervaiſe zufällig und ein Schatten von Mißtrauen erwachte plötzlich in ſeinem Geiſte, ohne daß er ſich zu erklären wußte, aus welcher Quelle er gekommen und welchem Ziele er entgegengehe. „Mr. Baron Wychecombe war, wie ich glaube, Euer Vater?“ „Ja, Sir Gervaiſe, und dazu der zrtlichſte, nachſichtigſte Vater, den ich nur jemals ſinden konnte. Er hinterließ mir die Früchte ſeines Fleißes, gegen ſiebenhundert Pfund jährlicher Renten 186 und wahrlich, Sir Wycherly's Tod kommt mir um ſo unerwünſchter, als meine Umſtände ihn keineswegs für mich nothwendig machen.“ „Naturlich wollt Ihr, wie in der Herrſchaft, ſo auch in der Baronetswürde Eurem Oheim nachfolgen?“ fragte Sir Gervaiſe mechaniſch, indem er ſich mehr durch Toms übertriebene Aeußerungen als durch gewöhnliche Neugierde veranlaßt fühlte, an den Letzteren Fragen zu richten, die er unter anderen Umſtänden wohl ſelbſt für unpaſſend gehalten haben würde. „Natürlich, Sir. Mein Vater war Sir Wycherly's einziger überlebender Bruder— der einzige, der ſich je vermählte— und ich bin ſein älteſter Sohn. Da dieſes traurige Ereigniß nun ein⸗ mal eingetreten iſt, ſo trifft es um ſo glücklicher für mich, daß in neueſter Zeit das Certifikat über die Vermählung meiner Eltern in meine Hände gelangte— meint Ihr nicht auch, Sir?“ Hier zog Tom ein ſchmutziges Stück Papier aus ſeiner Taſche, das ſich als ein Heirathszeugniß zwiſchen Thomas Wychecombe, Advokat, und Martha Dodd, Jungfrau ꝛc. ꝛc. erwies. Das Do⸗ kument war in aller Form von dem Prediger einer Pfarrkirche in Weſtminſter unterzeichnet und trug ein ziemlich altes Datum, wo⸗ durch die rechtmäßige Abkunft des jetzigen Inhabers genügend bewieſen war. Dieſe außergewöhnliche Vorſicht hatte den ſehr natürlichen Erfolg, daß der Verdacht des Vice⸗Admirals dadurch nur noch ver⸗ mehrt und demſelben gewiſſermaßen erſt jetzt die wahre Richtung gegeben wurde. „Ihr ſeyd wohl bewaffnet, Sir,“ bemerkte Sir Gervaiſe trocken. „Iſt es Eure Abſicht, für den Fall der Nachfolge das Baronets⸗ Patent und die Erbſchafts⸗Dokumente in der Taſche mit Euch herum zu tragen?“ „Aha! ich merke, der Umſtand, daß ich dieſes Dokument bei mir führe, fällt Euch als eine Sonderbarkeit auf, Sir Gervaiſe; doch kann ich Euch leicht Auskunft hierüber geben. Zwiſchen meinen 187* beiden Eltern beſtand ein großer Unterſchied im Rang und einige böswillige Perſonen haben ſogar aus dem Stande meiner Mutter den Schluß gezogen, daß ſie überhaupt gar nicht vermählt geweſen ſey.“ „In welchem Falle Ihr am beſten thun würdet, Sir, einem halben Dutzend dieſer Ungläubigen die Ohren abzuſchneiden.“ „Damit gibt ſich aber das Geſetz in meinem Falle nicht zu⸗ frieden, Sir Gervaiſe. Mein Vater prägte mir von jeher die Nothwendigkeit ein, Alles, was ich thue, nach dem Geſetz zu ver⸗ richten, und ich bin ſtets bemüht, ſeiner Vorſchriften zu gedenken. Er beſtätigte ſeine Vermählung auf dem Sterbebette, leiſtete meiner verehrten und tief gekränkten Mutter jede mögliche Entſchädigung und belehrte mich, in weſſen Händen ich dieſes Certificat finden würde. Erſt dieſen Morgen habe ich es erhalten und dieß iſt der Grund, warum ich es jetzt bei dieſer traurigen, unerwarteten Kriſe in meines Oheims Geſundheits⸗Zuſtand in meiner Taſche trage.“ Der letztere Theil von Tom's Erklärung war wirklich der Wahrheit gemäß. Nachdem er nämlich alle nöthigen Nachforſchungen angeſtellt und ſich die Handſchrift eines längſt verſtorbenen Geiſt⸗ lichen verſchafft hatte, war es ihm gelungen, das Certificat am heutigen Tage auf ein Stück beſchmutztes Papier mit dem Waſſerzeichen 1720 höochſt eigenhändig nachzukopiren. Uebrigens trug ſeine ganze Redeweiſe nur noch mehr dazu bei, ihm das Vertrauen ſeines Zuhörers zu entfremden, denn Sir Gervaiſe war ſo ſehr an ein gerades, offenes Handeln gewöhnt, daß er bei Allem, was entfernt den An⸗ ſchein von Verſtellung und Heuchelei an ſich trug, den tiefſten Unwillen fühlte. Nichts deſto weniger hatte er ſeine eigenen Be⸗ weggründe, den Gegenſtand weiter zu verfolgen, da ohnedieß keiner der beiden Sprechenden im jetzigen Augenblick an dem Krankenbette des Leidenden nöthig war. „Und dieſer Mr. Wycherly Wychecombe“— fuhr er fort,„Eures DOnkels Namensvetter, der ſich in neuerer Zeit ſo ſehr ausgezeichnet hat, — iſt's denn wahr, daß er mit Eurer Familie nicht verwandt iſt?“ „Nicht im Geringſten, Sir Gervaiſe,“ antwortete Tom mit ſeinem gewohnten widrigen Lächeln.„Er iſt blos ein Virginier, wie Ihr wiſſet, Sir, und kann nicht wohl zu uns gehören. Ich habe meinen Oheim öfter ſagen hören, daß der junge Mann wahrſchein⸗ lich von einem alten Bedienten ſeines Vaters abſtamme, der we⸗ gen Diebſtahls in einem Silberladen auf Ludgate⸗Hill deportirt und ſchon früher wegen lügenhaften Vorgebens, daß er zu der Familie Wychecombe gehöre— arretirt worden war. Man ſagt mir, Sir Gervaiſe, daß ſich in den Colonien mehr als genug Perſonen vorfinden, die von derartigen Vorfahren abſtammen.“ „Ich kann nicht ſagen, daß ich es ſo gefunden hätte, trotzdem daß ich als Kommandant einer Fregatte mehrere Jahre lang auf der nordamerikaniſchen Station diente. Der größere Theil der Amerikaner beſteht, wie die Mehrzahl der Engländer, aus niederen Taglöhnern, die ſich in einer entfernten Colonie niedergelaſſen haben, wo die Civiliſation noch nicht weit vorgeſchritten iſt. Die Bedürf⸗ niſſe ſind dort gar mannigfaltig, die Mittel dagegen ſehr beſchränkt. Was übrigens den Charakter der Bewohner anbetrifft, ſo möchte ich beinahe vermuthen, daß ſie denen, welche ſie hier im Stamm⸗ lande verlaſſen, durchaus nichts nachgeben; unter dem Adel der Kolonieen habe ich vollends Männer aus dem beſten Blute des Mutterlandes getroffen— natürlich lauter jüngere Söhne und deren Abkömmlinge, aber Alle von ehrwürdigem, geachtetem Stamme!“ „Ei, Sir, das wundert mich wahrlich! So viel weiß ich übrigens gewiß, die allgemeine Meinung lautet ganz anders. Jedenfalls hat die Sache keine Beziehung auf unſern fraglichen Herrn— oder Fremdling, wie ich ihn nennen möchte, denn ein ſolcher iſt er in Wychecombe— und zwar Einer, der nicht das geringſte Recht zu der Behauptung beſitzt, daß er zu uns gehöre.“ „Habt Ihr jemals vernommen, Sir, daß er auf dieſe Ehre Anſpruch macht?“ „Auf direktem Wege nicht, Sir Gervaiſe, doch ſoll er, wie 189 man mir ſagt, mancherlei Winke in dieſem Sinne gegeben haben, ſeit er in der Gegend landete, um ſich von ſeinen Wunden heilen zu laſſen. Beſſer hätte er gethan, wenn er ſeine vorgeblichen Rechte lieber dem Gutsherrn, ſtatt deſſen Dienern auseinandergeſetzt hätte; das werdet Ihr als Mann von Ehre wohl ſelbſt zugeben, Sir Gervaiſe?“ „Ich kann niemals eine Heimlichkeit billigen, Mr. Thomas Wychecombe, wo offenes, ehrliches Handeln am Platze wäre. Doch ſollte ich eigentlich um Entſchuldigung bitten, wenn ich bei Euren Familienangelegenheiten verweile, die mich nur in ſo fern berüh⸗ ren, als ich an den Wünſchen, wie an dem Wohlergehen meines neuen Bekannten, unſeres trefflichen Wirthes, den innigſten An⸗ theil nehme.“ „Sir Wycherly hat noch abgeſondertes Vermögen in den Fonds angelegt, das nicht zu dem Majorate gehört— gerade tauſend Pfund jährlichen Ertrags, ohne die Herrſchaftsrente— auch weiß ich, daß er ein Teſtament hinterläßt,—“ fuhr Tom fort, indem er ſich in der ächten Kurzſichtigkeit eines Schurken mit der Hoffnung ſchmeichelte, daß er einen günſtigen Eindruck auf ſeinen Gefährten gemacht habe, den er auch augenblicklich zu ſeinem Nutzen auszubeuten ſuchte, da der Zuſtand ſeines Oheims, wie ihm zu ſeiner innigen Freude faſt alle Umſtände anzeigten, doch der Art war, daß er wahrſcheinlich mit deſſen ſchleunigem Tode endigen mußte.„Ja, ja, ein volles Tauſend in den Fünfprocentigen— lauter Geld, das er ſich während eines langen Lebens von ſeinen Renten er⸗ ſparte. Er wird dieß wahrſcheinlich meinen jüngern Brüdern, vielleicht gar dieſem ſeinem Namensvetter vermacht haben“— Tom wußte recht wohl, daß jeder Schilling des geſammten Vermögens ihm ſelbſt zugedacht war—„denn ein beſſeres Herz, als das ſeine, ſchlägt nirgends auf der Erde. In der That, mein Oheim hat dieſes Teſtament in meine, als des geſetzlichen Erben, Hände gelegt, da er dieß wahrſcheinlich meinen Anſprüchen ſchuldig zu ſeyn glaubte— doch habe ich mir niemals herausgenommen, einen Blick hinein zu werfen.“ 190 Dieß war der zweite Beweis einer ungemeinen Feinheit, wo⸗ mit Tom— eben durch ſein Bemühen Verdacht zu bekämpfen— nur neuen Argwohn erregte. Sir Gervaiſe fand es höchſt unwahr⸗ ſcheinlich, daß ein Menſch, wie dieſer Neffe, das Teſtament ſeines Onkels lange Zeit in Händen haben und kein Verlangen fühlen ſollte, deſſen Inhalt zu erfahren. Schon durch ſeine Aeußerung hatte der junge Mann wenigſtens indirekt zugegeben, daß er, falls er Luſt dazu gefühlt, das Teſtament dennoch unterſucht haben würde, und der Admiral war ſehr geneigt, zu vermuthen, daß Tom das, was er ſo leicht hätte thun können, auch wirklich gethan habe. Das Geſpräch der Beiden wurde übrigens durch Dutton unter⸗ brochen, der in dieſem Augenblicke mit Admiral Bluewater's Auf⸗ trag ins Zimmer trat, worauf Tom ſeinem alten Bekannten alsbald entgegenging. Sir Gervaiſe Oakes war über die Lage ſeines Wirthes zu tief bekümmert und außerdem noch zu ſehr mit ſeinen eigenen Sorgen beſchäftigt, um über das, was zwiſchen ihm und Tom Wyche⸗ combe vorgefallen war, lange oder tief nachdenken zu können. Hätten ſich Beide heute Nacht getrennt, ſo wäre das vorangegan⸗ gene Geſpräch, ſowie der ungünſtige Eindruck, den es hinterließ⸗ wohl bald vergeſſen worden; ſo aber vereinigten ſich alle nachfolgen⸗ den Umſtände, um ihm ſpäter das Ganze wieder ins Gedächtniß zurückzurufen.— Die Folgen ſollen im Verlauf unſerer Geſchichte berichtet werden. Dutton ſchien doch etwas erſchüttert, als er Sir Wycher⸗ ly's bleiche Züge gewahr wurde und fühlte ſich ſehr erleichtert, als ihn Tom bei Seite führte und ein vertrauliches Geſpräch über die Zukunft und über das wahrſcheinlich ſehr nahe Ende ſeines Oheims mit ihm begann. Wer in dieſem Augenblicke die Macht beſeſſen hätte, in den Herzen der Menſchen zu leſen, der müßte wohl einen tiefen Abſcheu vor der menſchlichen Gebrechlichkeit ge⸗ fühlt haben, wenn ihm jetzt die Habgierde und Schlauheit dieſer 191 beiden unreinen Geiſter ſo offenbar vor ſein geiſtiges Auge ge⸗ treten wäre. Aeußerlich zeigten ſich beide als gegenſeitige Freunde, die den ihnen wahrſcheinlich bevorſtehenden Verluſt mit einander betrauerten; inwendig aber war Dutton's einziges Streben darauf gerichtet, Tom's Vertrauen in ſo weit zu gewin⸗ nen, daß ihm dadurch der Weg zu ſeinem zukünftigen Ziele— der unverhofften, hohen Stellung eines Schwiegervaters eines ſo reichen Baronets— angebahnt wurde, während der Neffe be⸗ müht war, den Quartiermeiſter nur ſo lange in ſeinem Irrthum zu erhalten, daß er ihn im Falle der Noth als Zeugen zur Behaup⸗ tung ſeiner Anſprüche benützen könnte. Auf welche Art er übrigens dieſes ſein Ziel zu erreichen ſtrebte— dieß zu errathen, müſſen wir der Einbildungskraft unſerer Leſer überlaſſen, da wir, beſon⸗ bers in dem jetzigen Augenblicke, weit wichtigere Gegenſtände zu verhandeln haben. Von dem Augenblicke an, da Sir Wycherly zu Bett gebracht worden war, ſaß Mr. Rotherham dem Kranken zur Seite, bewachte den Verlauf ſeiner Krankheit und ſuchte die Wünſche des Patienten, welche dieſer nur ſchwach und undeutlich kundzugeben vermochte, ſeiner Umgebung begreiflich zu machen. Wir ſagen abſichtlich un⸗ deutlich, denn auch die Sprachorgane des Baronets hatten eine leichte Lähmung erlitten, ſo daß ein ähnlicher Zuſtand bei ihm eingetreten war, wie man ihn im gemeinen Leben mit dem Aus⸗ drucke einer ſchweren Zunge zu bezeichnen pflegt. Wir haben oben Mr. Rotherham als einen wackern Helden bei der Flaſche geſchildert, doch war er bei Veranlaſſungen, wie die heutige, keineswegs ohne warmes, theilnehmendes Gefühl und verrichtete alle ſeine geiſtlichen Funktionen mit einer Salbung, wie die Sitten des Landes und die Anſichten der Zeitgenoſſen dieß nur immer von einem Manne ſeines Standes verlangten. Er hatte ſich ſogar, ſobald er bemerkte, daß der Patient wieder zu ſich ge⸗ kommen war, freiwillig erboten, demſelben die Krankengebete 192 vorzuleſen; ſein gutmüthiges Anerbieten war jedoch von Sir Wy⸗ cherly mit jenem zarten Schicklichkeitsgefühle abgelehnt worden, das ſich bei Annäherung des Todes nur noch mehr zu verſchärfen ſcheint und das im jetzigen Falle den Kranken belehrte, daß die verſammelte Geſellſchaft nicht eben in der Lage war, um ein ſo heiliges Amt mitanzuhöͤren. Endlich hatte ſich Sir Wycherly wieder ſo weit erholt, daß er mit zunehmendem Bewußtſeyn um ſich ſchauen konnte; zuletzt wanderten ſeine Blicke im Zimmer umher, indem ſie jeden Einzelnen der Um⸗ ſtehenden mit beſonderer Bedachtſamkeit eine Weile zu muſtern ſchienen. „Ich kenne Euch alle— jetzt,“ begann der gutherzige Baronet mit heiſerer Stimme, der man anhörte, daß ihm das Sprechen Mühe verurſachte;„thut mir leid, daß ich Euch— ſo viele Mühe verurſache. Ich habe— nur noch kurze Zeit vor mir.“ „Ich hoffe nicht, Sir Wycherly,“ ſiel der Vicar mit tröſten⸗ dem Tone ein,„Ihr habt einen ſchweren An fall gehabt, doch er⸗ freut Ihr Euch einer feſten Geſundheit, die Vielem zu widerſtehen vermag.“ „Meine Zeit— kurz— ich fühl' es hier,“ wiederholte der Kranke und fuhr mit der Hand über die Stirne.“ „Bemerkt es wohl, Dutton,“ flüſterte Wychecombe.„Mein armer Oheim geſteht ſelbſt, daß ſein Geiſt etwas erſchüttert iſt. Unter ſolchen Umſtänden wäre es eine Grauſamkeit, wenn wir ge⸗ ſtatteten, daß er ſich durch vorzunehmende Geſchäfte ſelbſt Scha⸗ den zufüge.“ „Geſetzlich kann es gar nicht geſchehen, Mr. Thomas. Ich denke, Admiral Oakes würde ſchon dazwiſchen treten, um dieß zu verhindern.“ „Rotherham,“ fuhr der Kranke fort,„ich will mich— mit der— mit der Welt abfinden,— und dann— meine Gedanken — auf Gott richten. Haben wir— Gäſte— im Haus?— Männer von Stand— Familie?“ 1 193 „Gewiß, Sir Wycherly, Admiral Oakes ſelbſt iſt hier im Zimmer und Admiral Bluewater verweilt, wie ich glaube, auch noch im Hauſe. Ihr ludet Beide ein, die Nacht bei Euch zuzubringen.“ „Ich erinnere mich— jetzt,— mein Geiſt— noch verwirrt.“ Hier nickte Tom Wychecombe dem Quartiermeiſter abermals zu. „Sir Gervaiſe Oakes— Admiral— Baronet von altem Stamme— höchſt ehrenwerther Mann. Admiral Bluewater gleichfalls— Ver⸗ wandter— von Lord Bluewater; Edelmann— allgemein geachtet. Auch Ihr, Rotherham; wäre doch mein armer Bruder James— der heilige James— wie ich ihn nannte— noch am Leben;— Ihr— guter Nachbar— Rotherham.“ „Kann ich irgend Etwas thun, mein theurer Sir Wycherly, um Euch dieſes zu beweiſen? Nichts würde mich glücklicher machen, als in einem ſo wichtigen Augenblicke alle Eure Wünſche zu kennen und zu erfüllen.“ „Alle ſollen das Zimmer verlaſſen— Euch ausgenommen— im Kopfe wird's ſchlimmer— ich kann's nicht länger aufſchieben—“ „Es iſt doch grauſam, meinen armen Oheim in ſeinem jetzigen Zu⸗ ſtande mit Geſchäften oder anſtrengender Unterhaltung zu beläſtigen,“ ſiel Tom Wychecombe mit Nachdruck und ſogar mit einem gewiſſen, befehlenden Ernſte ein. Alle Anweſenden fühlten die Wahrheit des Geſagten und ebenſo, daß der Sprecher durch ſeine Verwandtſchaft das volle Recht beſaß, auf die Art, wie er gethan, einzuſchreiten. Trotz deſſen konnte ſich Sir Gervaiſe Oakes nur mit tiefem Widerſtreben in dieſe Anordnung fügen, denn neben dem Mißtrauen, das er neuerdings gegen Tom Wychecombe gefaßt, dünkte es ihm, ſein Wirth wünſche ihnen, in Beziehung auf ſeinen neuen Liebling, den Lieutenant, etwas Wichtiges mitzutheilen. Doch ſah er ſich genöthigt, den anerkannt beſſeren Anſprüchen des Neffen nachzugeben und erhielt ſich deß⸗ halb jeder Widerrede. Zum Glück war aber Sir Wycherly noch ſelbſt im Stande, die Erfüllung ſeiner Wünſche nnhgaſ den Die beiden Admirale. 2. Aufl. 194 „Alle ſollen das Zimmer— verlaſſen,“ wiederholte er mit einer Stimme, die durch ihre unerwartete Feſtigkeit, wie durch ihre ebenſo un⸗ verhoffte Deutlichkeit in Erſtaunen ſetzte.„Alle— ausgenommen Sir Gervaiſe Oakes— Admiral Bluewater— Mr. Rotherham. Dieſe Herren— haben die Güte zu bleiben.— Die Uebrigen gehen ab.“ An pünktlichen Gehorſam gegen ihres Herrn Befehle gewöhnt, beſonders wenn ſie in ſo entſchiedenem Tone gegeben wurden, ver⸗ ließ die Dienerſchaft in Dutton's Begleitung das Zimmer. Tom Wychecombe aber zog es vor, zu bleiben, als ob ſeine Gegenwart ſich eigentlich von ſelbſt verſtünde. „Erweist mir— den Gefallen— entfernt Euch— Mr. Wy⸗ checombe,“ begann der Baronet von Neuem, nachdem er ſeinen Neffen, vielleicht in der Erwartung, daß er ſich ohne fernere Auffor⸗ derung zurückziehen würde, eine Zeit lang aufmerkſam angeſehen hatte. „Ich bin es ja, mein geliebter Onkel— Thomas, Eures leiblichen Bruders Sohn— Euer nächſter Blutsverwandter— der mit ängſtlicher Sorgfalt neben Eurem Krankenlager harrt. Bitte — bitte— verwechſelt mich nicht mit Fremden. Eine ſolche Ver⸗ geſſenheit würde mir das Herz brechen!“ „Vergib mir, Neffe— aber ich wünſche— mit dieſen edlen — allein— mein Kopf— wird wieder— verwirrt—“ „Ihr ſeht ſelbſt, Sir Gervaiſe Oakes, wie die Sachen ſtehen — auch Ihr, Mr. Rotherham, bemerkt wohl, wie es ausſieht. Ach, da geht auch ſchon der Wagen ab, der Admiral Bluewater wie⸗ der nach ſeinem Boote führt. Mein Oheim wünſcht aus irgend einem Grunde drei Zeugen zu haben und ſo kann ich als einer von den Dreien zurückbleiben.“. „Iſt es Euer Wille, Sir Wycherly— wünſcht Ihr uns wirklich allein bei Euch zu ſehen?“ fragte Sir Gervaiſe mit einem Ernſte, welcher deutlich zeigte, daß er für den Fall, daß der Ba⸗ ronet auf der Entfernung ſeines Neffen beſtehen ſollte, des Erſte⸗ ren Wunſch mit allem Nachdruck durchzuſetzen entſchloſſen war. 195 Der Kranke nickte bejahend und zwar mit ſolchem Eifer, daß nicht wohl länger ein Mißverſtändniß obwalten konnte. „Ihr ſeht jetzt, Mr. Wychecombe, wohin Cures Onkels Wünſche zielen,“ bemerkte Sir Gervaiſe ſo ziemlich in der Art, wie ein fein gebildeter Vorgeſetzter zu verſtehen giebt, daß er die Erfüllung eines geäußerten Wunſches beſtimmt erwartet.„Ich hoffe, ſein Begehren wird in einem Augenblicke, wie der jetzige, nicht unbeachtet bleiben.“ 3 „Ich bin Sir Wycherly Wychecombe's nächſter Blutsver⸗ wandter,“ entgegnete Tom in ziemlich polterndem Tone;„Niemand hat wie ich— ſein Verwandter und ſo zu ſagen, ſein Erbe— ein Recht, an ſeinem Krankenlager zu verharren.“ „Das, Sir, hängt lediglich von Sir Wycherly Wychecombe's eigenen Wünſchen ab. Er iſt hier der Herr und da er mir die Ehre erwieſen, mich als Gaſt unter ſein Dach einzuladen und jetzt eben das Verlangen äußerte, mich ſelbſt, nebſt einigen An⸗ dern, die er ausdrücklich genannt— und wozu Ihr nicht gehört — allein zu ſprechen, ſo halte ich es für meine Pflicht, auf pünkt⸗ liche Erfüllung ſeiner Wünſche zu dringen.“ Dieß ſprach Sir Gervaiſe in dem feſten, ruhigen Tone, wie ihn die Gewohnheit des Befehlens bei ihm zur Sitte erhoben hatte und Tom fing an, zu begreifen, daß längerer Widerſtand zuletzt doch gefährlich werden könnte. Ueberdieß war es für ihn von Wich⸗ tigkeit, daß für den Fall fernerer Verhandlungen ein Mann von des Viceadmirals Charakter und Stellung nichts wider ihn vorzu⸗ bringen hätte. So verließ er denn endlich das Gemach, nachdem er ſeinem Oheim wiederholt ſeine Achtung und Hingebung in deſſen Willen betheuert hatte. Ein Strahl der Freude leuchtete auf dem Antlitze des Kranken, als er ſeinen Neffen verſchwinden ſah; dann richtete ſich ſein Auge langſam auf die Geſichter der Zurückbleibenden. „Bluewater,“ ſprach er und die Schwere ſeiner Zunge ſchien 196 zuzunehmen und ihn immer mehr im Sprechen zu hindern;„der Contreadmiral— ich brauche alle— ehrbare— Zeugen im Hauſe.“ „Mein Freund hat uns, wie ich höre, verlaſſen,“ erwiederte Sir Gervaiſe,„und iſt auf ſeiner Gewohnheit beſtanden, niemals außerhalb ſeines Schiffes zu ſchlafen; Atwood aber muß bald zu⸗ rückkommen; ich hoffe, der wird genügen!“ Der Kranke gab ein Zeichen des Beifalls; dann folgte eine Pauſe von einigen Minuten, bis der Sekretär im Zimmer erſchien. Sobald dieſer zurückgekehrt war, ſammelten ſich die Drei um des Baronets Bett, nicht ohne einigen Antheil an jener Schwäche, welche wir Menſchen von unſerer Stammutter Eva geerbt haben— einer Schwäche, die übrigens im gegenwärtigen Fall, bei dem ſonder⸗ baren Beginnen des Baronets— nicht ſo unerklärlich war. „Sir Gervaiſe— Rotherham— Mr. Atwood,“ wiederholte der Patient langſam und ſein Blick ſchweifte von einem Geſichte zum andern, während er den Namen eines jeden Einzelnen aus⸗ ſprach;„drei Zeugen— das genügt— Thomas ſagte— man müſſe drei Zeugen— und zwar drei gute Zeugen haben.“ „Womit können wir Euch dienen, Sir Wycherly?“ fragte der Admiral mit aufrichtiger Theilnahme.„Ihr dürft Euer Verlangen nur nennen, und könnt verſichert ſeyn, daß es pünktlich vollzogen werden wird.“ „Der alte Sir Michael Wychecombe, Ritter— zwei Frauen — Margaretha und Johanna. Zwei Frauen— zwei Söhne— Halbblut— Thomas, James, Charles und Gregory, ganz; Sir Reginald Wychecombe, halb. Die Herrn— hoffe— verſtanden?“ „Das iſt freilich nicht ſonderlich klar,“ flüſterte Sir Gervaiſe; „doch wenn wir das andere Ende des Taus feſthalten, ſo können wir ihn vielleicht unterlaufen, wie wir Seeleute es nennen und ſeine Meinung endlich doch erfahren— laſſen wir alſo den armen Mann weiter fortfahren.— Vollkommen klar, theurer Sir, was habt Ihr uns jetzt zunächſt zu ſagen? Ihr ſchloßet damit, daß Ihr Sir Reginald— halb— nanntet.“ 197 „Halbblut— blos halb— Tom und die Uebrigen ganz. Sir Reginald, kein nullius— der junge Tom— ein nullius.“ „Ein nullius, Mr. Rotherham! Ihr verſteht Latein, Sir; was kann wohl nullius bedeuten? He, Atwood! habt Ihr kein ſolches Tau im Schiff?“ „Nulllus oder nullius, wie es zuweilen ausgeſprochen werden ſollte, iſt der Genitiv, Singular, von dem Pronomen nullus; nullus, nulla, nullum; bedeutet, ‚keiner’, ‚keine“, keines“. Nullius heißt alſo, keines Mannse, ‚keiner Frau', ‚keines Dings“.“ Der Vicar gab ſeine Erklärung gerade ſo, wie etwa ein Schul⸗ meiſter die Sache ſeinen Schülern auseinander geſetzt haben würde. „Ei ja doch— jeder Schulknabe hätte das herſagen können, das ſteht ja in der erſten Formenlehre. Was zum Teufel kann aber— ‚Nominativ nullus, nulla, nullum, Genitiv nullius, nullius, nullius- mit Mr. Thomas Wychecombe, dem Neffen und Erben gegenwärtiger Baronie— zu ſchaffen haben?“ „Das iſt mehr, als ich Euch ſagen kann, Sir Gervaiſe,“ antwortete der Vicar ſteif;„mein Latein aber, dafür will ich ſtehen, das iſt gut.“ Sir Gervaiſe war zu fein gebildet, um zu lachen, konnte aber doch nur mit vieler Mühe ein Lächeln unterdrücken. „Gut, Sir Wycherly,“ wiederholte der Viceadmiral,„das Alles iſt vollkommen klar—„Sir Reginald iſt blos halb, wäh⸗ rend Euer Neffe Tom und die Uebrigen ganz ſind— Margaretha und Johanna und alle. Habt Ihr uns noch mehr zu ſagen, theurer Sir?“ „Tom nicht ganz— nullus, wollt' ich ſagen. Sir Reginald halb— kein nullus.“ „Das iſt gerade, wie wenn man eine Woche lang auf der See herumſchwimmt, ohne jemals einen Sonnenblick zu erhalten! Jetzt, ihr Herren, bin ich am Ende.“ „Sir Wycherly beachtet die Caſus nicht gehörig,“ warf At⸗ 198— wood trocken ein.„Einmal ſpricht er im Genitiv, dann kommt er wieder auf den Nominativ zurück und läͤßt uns ſelbſt im Voca kiv.“ „Geht, geht, Atwood, bleibt mir bei einer ſo feierlichen Ver⸗ anlaſſung, wie dieſe, mit Euren Kanonendeckswitzen vom Leibe.— Mein theurer Sir Wycherly, habt Ihr uns noch irgend Etwas zu ſagen? Ich glaube, wir verſtehen Euch jetzt ganz genau. Tom iſt nicht ganz— Ihr wollt ſagen nullus und nicht nullius. Sir Reginald iſt blos halb, aber kein nullus. „Ja, Sir,— ſo iſt's,“ erwiederte der alte Mann lächelnd. „Halb, aber kein nullus. Meinen Sinn geändert— von dem Andern neuerdings zu viel geſehen— von Tom, meinem Neffen— möchte ihn zu meinem Erben machen.“ „Jetzt wird die Sache ohne Widerrede klarer. Ihr wünſcht, Euren Neffen Tom zum Erben einzuſetzen. So aber verfügt ſchon das Geſetz— oder nicht, Sir? Mr. Baron Wychecombe war des Baronets nächſter Bruder; nicht wahr, Mr. Rotherham?“ „So habe ich die Sache von jeher verſtanden und Mr. Thomas Wychecombe muß der geſetzliche Erbe ſeyn.“ „Nein— nein— nullus— nullus,“ wiederholte Sir Wy⸗ cherly mit ſolchem Eifer, daß ſeine Stimme beinahe unverſtändlich wurde;„Sir Reginald— Sir Reginald— Sir Reginald!“ „Sagt mir doch, Mr. Rotherham, wer mag dieſer Sir Re⸗ ginald ſeyn? Vermuthlich ſo ein alter Baronet von der Famlie?“ „Nichts weniger als das, Sir Gervaiſe; er meint Sir Regi⸗ nald Wychecombe von Wychecombe⸗Regis, Hertfordſhire— einen Baronet aus der Zeit der Königin Anna, der, wie man mir ſagt, von einem jüngeren Zweige der Familie abſtammt.“ „Das nenn' ich endlich auf Ankergrund gerathen. Ich hatte mir in den Kopf geſetzt, dieſer Sir Reginald müſſe ſo ein alter Knabe aus den Zeiten der Plantagenets ſeyn.— Nun, Sir Wy⸗ cherly, wünſcht Ihr vielleicht, daß wir einen Eilboten nach Hert⸗ fordſhire abſenden und Sir Reginald Wychecombe, Euren vermuth⸗ 199 * lichen Teſtamentsvollſtrecker, herbeirufen laſſen? Gebt Euch nicht die Mühe zu ſprechen— ein Zeichen genügt uns.“ Sir Wycherly ſchien ſehr betroffen über dieſen Wink, der, wie der Leſer ſich wohl einbilden kann, durchaus nicht in ſeiner Abſicht lag; nach einer Weile lächelte er jedoch wieder und nickte bejahend. Sir Gervaiſe wandte ſich augenblicklich mit der Eilfertigkeit eines ächten Geſchäftsmannes nach dem Tiſche, wo der Vicar eben dringende Einladungen an die Aerzte erließ und diktirte ſeinem Sekretär ein kurzgefaßtes Schreiben. Der Brief wurde geſiegelt und in fünf Minuten verließ Atwood das Zimmer, um unverzüglich einen Eilboten an die Adreſſe abgehen zu laſſen. Sobald dieß ge⸗ ſchehen war, rieb ſich der Admiral vergnügt die Hände, in dem Bewußtſeyn, daß er ſich mit vieler Geſchicklichkeit aus einem ſchwie⸗ rigen Falle herausgewunden hatte. „Bei all' Dem ſehe ich nicht ein, Mr. Rotherham,“ bemerkte er gegen den Vicar, während Beide in einer Ecke des Zimmers ſtanden und die Rückkehr des Sekretärs abwarteten,„zu welchem Zweck er ſich mit dieſem Abeſchützen⸗Latein— dem ewigen nullus, nulla, nullum herumſchleppte! Könnt Ihr mir darüber vielleicht eine Aufklärung geben?“ „Vielleicht wollte Sir Wycherly damit andeuten, daß Sir Reginald, als ein Abkömmling von einem jüngeren Sohne, eigentlich „Keiner ſey— oder bis jetzt keine Frau habe— ich glaube über⸗ dieß, daß er noch unvermählt iſt— oder daß er arm ſey, d. h⸗ „Nichts’ beſitze?“ „Iſt denn aber Sir Wycherly ein ſo verzweifelter Schulge⸗ lehrter, daß er ſich ſogar auf ſeinem Todtenbette— denn ſo, fürcht' ich, mag es wohl mit ihm ſtehen— in dieſer hierogly⸗ phiſchen Weiſe ausdrücken ſollte?“ „Nun ſeht, Sir Gervaiſe— Sir Wycherly wurde wohl wie alle jungen Edelleute erzogen, hat aber im Laufe eines langen Lebens voll Behaglichkeit und Ueberfluß ſeine klaſſiſchen Studien 200 zum größten Theile wieder vergeſſen. Iſt es nun nicht denkbar, daß in Folge dieſes jetzigen Gehirnleidens ſeine früheren Erinne⸗ rungen plötzlich wieder erwacht ſeyn könnten? Ich meine ſchon merk⸗ würdige Beiſpiele der Art geleſen zu haben, wo das Gedächtniß bei einem Krankheitsanfall oder gar auf dem Todtenbette, wie hier, auf's Neue wieder belebt wurde!“ „Nun das mag wohl ſeyn!“ rief Sir Gervaiſe lächelnd,„und der arme, gute Sir Wycherly hat dann auf's Neue da begonnen, wo er früher ſtehen geblieben war.— Doch da iſt Atwood wieder zurück.“ Nach kurzer Berathung verſammelten ſich die drei erwählten Zeugen wieder an dem Krankenlager; der Admiral machte abermals den Sprecher. „In zehn Minuten iſt der Eilbote fort, Sir Wycherly,“ be⸗ gann er von Neuem;„ſo dürft Ihr hoffen, Euren Verwandten im Lauf der nächſten zwei oder drei Tage zu ſehen.“ „Zu ſpät— zu ſpät,“ murmelte der Kranke, der innerlich ſeine wahre Lage recht wohl fühlte; nzu ſpät— dreht das Teſta⸗ ment um— Sir Reginald, Tom;— Tom— Sir Reginald. Dreht den Willen um.“ „Dreht den Willen um!— das iſt wohl recht verſtändlich, ihr Herrn, nämlich für Einen, der's verſtehen kann. Sir Reginald, Tom;— Tom, Sir Reginald. Auf alle Fälle aber geht ſo viel daraus hervor, daß ſein Geiſt mit Verfügungen über ſein Eigen⸗ thum beſchäftigt iſt, denn er ſpricht ja vom letzten Willen. Notirt Euch das, Atwood— damit es kein Mißverſtändniß gibt. Ich wundere mich, daß er noch kein Wort von unſerem braven jungen Lieutenant, ſeinem Namensvetter, geſprochen. Es iſt wohl kein Unrecht, Mr. Rotherham, wenn ich in einem Augenblicke, wie dieſer, eines ſo hübſchen Jungen erwähne?“ „Ich meines Theils kann keines darin ſehen, Sir. Iſt es ja doch unſere Pflicht, Kranke an die ihrigen zu erinnern.“ „Wünſcht Ihr vielleicht nicht, Sir Wycherly, Euren jungen „—“ 201 Namensvetter, Lieutenannt Wycherly Wychecombe, vor Euch zu ſehen?“ fragte der Admiral, indem er auf den Taufnamen beſon⸗ deren Nachdruck legte.„Er muß ſich im Hauſe befinden und würde ſich gewiß äußerſt glücklich fühlen, wenn er Eurem Wunſche ge⸗ horchen dürfte.“ „Ich hoffe, er iſt wohl, Sir— trefflicher junger Mann— eine Ehre für unſern Namen, Sir.“ „Ganz richtig bemerkt, Sir Wycherly, und nicht nur Eurem Namen, auch der Nation macht er Ehre.“ „Wußte nicht, daß die Vinginier eine Nation ausmachen— um ſo beſſer für ſie— feiner junger Virginier, Sir.“ „Ohne Zweifel von Eurer Familie, Sir Wycherly, wie er denn auch Euren Namen trägt,“ fuhr der Admiral fort, der ins⸗ geheim vermuthete, der junge Seemann möchte trotz all' dem, was er vom Gegentheile gehört, am Ende doch ein Sohn des Baronets ſeyn.„Ein ausnehmend feiner junger Mann, der jedem Hauſe in England Ehre machen würde!“ „Ich denke, ſie haben Häuſer in Virginia— ſchlimmes Klima; Häuſer nothwendig. Kein Verwandter, Sir; vermuthlich ein nullus. Viele Wychecombe's Nulluſſe. Tom ein nullus— die⸗ ſer junge Mann ein nullus— die Wychecombe's aus Surrey lauter Nulluſſe— Sir Reginald kein nullus; aber halb— Thomas, James, Charles und Gregory alle ganz. So ſagte mir mein Bruder, Baron Wychecombe— ehe er ſtarb.“ „Was ganz, Sir Wvycherly?“ fragte der Admiral, etwas ärgerlich über die Unverſtändlichkeit des Sprechenden. „Blut— Vollblut, Sir. Kapitalgeſetz, Sir Gervaiſe; hab's von dan Baron— aus erſter Hand.“ Nun gehört es aber zu den Eigenthümlichkeiten Englands, daß bei der dortigen Geſchäftsvertheilung außer den eigentlichen Rechts⸗ gelehrten faſt Niemand etwas vom Geſetz verſteht. Selbſt die Rechts⸗ wiſſenſchaft iſt in Abtheilungen und Unterabtheilungen geſchieden, 202 damit ſich der Gewinn unter den Männern vom Fach hübſch ordentlich ausgleiche. So iſt der Notar kein Prokurator, dieſer wiederum kein Gerichtsanwalt und ein Advokat beim Kanzleihofe würde ebenſo einen ſchlechten Rathgeber für einen gewöhnlichen Gerichtshof abgeben. Eben jene Verordnung des Landrechts, welche Baron Wyche⸗ combe gegen ſeinen Bruder als Regel für das Halbblut anführte, iſt erſt vor etwa zehn Jahren durch ein beſonderes Statut aufge⸗ hoben oder modificirt worden, doch ſelbſt wenn ein ſolches Geſetz beſtünde, würden wahrſcheinlich nur wenige engliſche Advokaten von einer derartigen Nachfolgeordnung Kenntniß haben, denn eine Satzung, wie die vorliegende, die jedem natürlichen Rechtsgefühle Gewalt anthat, wurde als ein Standesgeheimniß vor Andern ver⸗ ſchloſſen gehalten. Man denke ſich tauſend verſtändige, dabei aber rechtsunkundige Engländer, und trage ihnen den Fall vor, daß Brüder von ver⸗ ſchiedenen Muttern, die beide gleichermaßen von dem Begründer eines Majorats abſtammen, einander nicht anders als durch aus⸗ drückliches Vermächtniß oder beſondere Uebereinkunft beerben kön⸗ nen— und man darf mit Sicherheit darauf zählen, daß gewiß neun Zehntel das Vorhandenſeyn eines ſolchen Geſetzes geradezu in Abrede ſtellen würden, wobei noch dazu dieſe Art von Räſonne⸗ ment ihrem natürlichen Sinne für Gerechtigkeit alle Ehre machen würde. Nichtsdeſtoweniger lautete bis zu der neuerlichen Reform der engliſchen Geſetze die„Vollendung der Vernunft“ um kein Haar anders, als wir oben angeführt haben und wir mußten mit großer Verwunderung bemerken, daß ein geiſtreicher Romanſchriftſteller, der ſeine Leſer erſt kürzlich mit einer Erzählung beſchenkte, deren Intereſſe ſich hauptſächlich um die Wechſelfälle der Rechtspraris dreht, dieſer Eigenthümlichkeit ſeiner vaterländiſchen Geſetze nicht gedacht hat, da doch eben der erwähnte Fall Verwicklungen genug für ein Dutzend gewöhnlicher Romane gewährt und vollends Unwahr⸗ ſcheinlichkeit für ein volles Hundert liefern könnte. N d&—— X N dA NXE In NK X * 2 4 203 1 Daß ſomit Sir Gervaiſe und ſeine Gefährten mit dem ‚Geſetze über das Halbblut“ unbekannt waren, verſteht ſich nach dem bisher Geſagten ſo ziemlich von ſelbſt und Niemand darf ſich alſo darüber wundern, daß die wiederholten Anſpielungen des würdigen Baro⸗ nets auf das ‚halb“ und ‚ganze— undurchdringliche Räthſel für ſie waren, zu deren Löſung Keiner von Allen genügende Kennt⸗ 1 niſſe beſaß. „Was kann der Aermſte wohl meinen?“ fragte der Admiral in einer Verwirrung, wie er, ſo lange er ſich erinnern konnte, nie eine ähnliche bei ſolcher Veranlaſſung gefühlt hatte.„Ich wünſchte ja von Herzen, ihm nach allen meinen Kräften zu dienen, aber dieſes ewige ‚nullus“ und„Vollblut“ und ‚halbe iſt für mich ein völlig unverſtändliches Kauderwelſch— könnt Ihr irgend etwas daraus machen, Atwood?“ „Auf mein Wort, Sir Gervaiſe, das Ding ſcheint für einen Richter, aber keineswegs für Seeleute zu paſſen, die, wie wir, ihr Leben lang auf Kriegsſchiffen gedient haben.“ „Es kann doch nichts zu ſchaffen haben mit dieſer Erhebung der Jakobiten? Es iſt dies allerdings ein Gegenſtand, der ſogar die letzten Augenblicke eines loyalen Unterthans zu trüben vermöchte — meint Ihr nicht auch, Mr. Rotherham?“ „Sir Wycherly's Alter und Gewohnheiten laſſen keineswegs dem Gedanken Raum, Sir, daß er von dieſer Sache mehr, als wir anderen, gewußt habe. Die eine ſeiner Forderungen, nämlich die, den Willen umzukehren,— finde ich übrigens durchaus erklär⸗ lich. Es ſind in letzter Zeit einige treffliche Abhandlungen über den ‚menſchlichen Willen’ erſchienen und, zu meinem Bedauern muß ich's geſtehen, mein verehrter Freund und Patron war in dieſem Punkte nicht immer ſo rechtgläubig, wie ich wohl hätte wünſchen können. Ich nehme ſomit ſeine Worte als den Beweis einer herz⸗ lichen Reue. Sir Gervaiſe ſchaute ſich um, wie er jedesmal that, wenn 204 ihm ein drolliger Gedanke in den Sinn kam; doch auch jetzt über⸗ wan er ſeine Lachluſt und antwortete mit geziemendem Ernſt: „ Ich verſtehe Euch, Sir; Ihr glaubt, all' dieſe unerklärlichen Ausdrücke ſtehen mit Sir Wycherly's religiöſen Gefühlen im Zu⸗ ſammenhang. Ihr mögt allerdings Recht haben, denn es überſtiege auch wirklich all' meine Kenntniß, wenn ich ſie mit etwas Anderem in Verbindung bringen wollte. Nichtsdeſtoweniger aber wünſchte ich, er hätte unſern edlen jungen Lieutenant nicht verläugnet. Iſt's denn ganz gewiß, daß der junge Mann ein Virginier iſt?“ „So habe ich von jeher gehört, Sir. Man hatte ihn nie zuvor in dieſem Theile von England geſehen, bis er von einer Fre⸗ gatte an der Rhede an's Land geſetzt wurde, um ſich von einer ſchweren Wunde heilen zu laſſen. Ich glaube, daß keine von Sir Wycherly's Anſpielungen auf ihn den mindeſten Bezug hat.“ Sir Gervaiſe legte nun die Hände auf den Rücken und ging eine Zeit lang in dem Zimmer auf und ab, gerade wie er auf ſeinem Quarterdecke zu thun gewohnt war. Bei jeder Wendung fielen ſeine Augen auf das Bett, und jedesmal fand er den Blick des Kranken ängſtlich auf ſeine Perſon geheftet. Dieſe Bemerkung überzeugte ihn wenigſtens davon, daß die Religion mit dem offen⸗ baren Verlangen ſeines Wirthes, ſich verſtändlich zu machen— nichts zu ſchaffen hatte; ſeine eigene Unruhe wurde aber dadurch nur noch vermehrt. Es kam ihm vor, als ob ein Sterbender un⸗ aufhörlich ſeine Hülfe anriefe, ohne daß es in ſeiner Macht ſtand, ſolche zu gewähren. Für einen Mann von Sir Gervaiſe's edlen Geſinnungen war es unmöglich, ſich einem ſo troſtloſen Gefühle ohne Widerſtand gefangen zu geben und ſo trat er bald wieder an das Bett des Leidenden, feſt entſchloſſen ,die Sache zu irgend einem verſtändlichen Ausgange zu bringen. „Glaubt Ihr nicht, Sir Wycherly, daß Ihr vielleicht einige Zeilen niederſchreiben könntet, wenn wir Euch Tinte, Feder und Papier vor⸗ legten?“ fragte er, um noch den letzten verzweifelten Verſuch zu machen. 205 „Unmöglich— vermag kaum, zu ſehen— habe nicht die Kraft— halt— will's verſuchen— wenn's Euch ſo recht iſt.“ Sir Gervaiſe war hierüber hoch erfreut und wandte ſich un⸗ verzüglich an ſeine Gefährten, um ihren Beiſtand zu erbitten. At⸗ wood und der Vicar richteten den alten Mann auf und ſtützten ihn mit Kiſſen; der Admiral legte ihm dann die Schreibmaterialien zurecht, während eine große Bibel in Quart ſeine Unterlage bildete. Nach mehreren nutzloſen Verſuchen bekam endlich Sir Wycherly die Feder in die Hand und kritzelte damit ſechs oder ſieben faſt ganz unlesbare Worte, die quer in der Diagonale über das Papier hinliefen. Mit dieſer Anſtrengung waren aber auch ſeine Kräfte vollkommen erſchöpft— er ſank zurück, ließ die Feder fallen und ſchloß in theilweiſer Bewußtloſigkeit die Augen. In dieſem kritiſchen Momente erſchien der Chirurg und machte der ferneren Unterredung mit einem Mal ein Ende, indem er jetzt die Pflege des Kranken übernahm und verordnete, daß mit Aus⸗ nahme von einem oder zwei unentbehrlichen Gehülfen Alle übrigen das Zimmer verlaſſen ſollten. Die drei erwählten Zeugen der vorangegangenen Seene ver⸗ ſammelten ſich wieder in dem Geſellſchaftszimmer; Atwood hatte dabei in einer Art mechaniſcher Gewohnheit das Papier mit ſich genommen, worauf der Baronet die eben erwähnten Worte ge⸗ kritzelt hatte. Dieß legte er, ſobald ſie in's Zimmer traten, faſt eben ſo mechaniſch in Sir Gervaiſe's Hände, wie er ſeinem Vorge⸗ ſetzten einen Befehl zum Unterzeichnen hingehalten oder die Abſchrift eines Briefs an den Sekretär des Marineamts übergeben hätte. „Das iſt faſt eben ſo ſchlimm, wie der ‚nullus“!“ rief Sir Gervaiſe, nachdem er vergeblich das Gekritzel zu entziffern verſucht hatte.„Was iſt wohl dieſes erſte Wort, Mr. Rotherham?— Jriſch⸗ — nicht?— was meint Ihr, Atwood?“ „Ich glaube, es iſt nicht mehr als ‚JI-ne— wozu er freilich weit mehr Papier brauchte, als gerade nöthig geweſen wäre.“ 206 „Ihr habt ganz Recht, Vicar, das nächſte bedeutet ‚dem', ſieht aber aus wie lauter ſpaniſche Reiter,— was kommt aber dann? Faſt ſcheint es ein Linienſchiff zu ſeyn,— meint Ihr nicht auch, Atwood 2 „Bitte um Verzeihung, Sir Gervaiſe: der erſte Buchſtabe iſt wohl ein verzogenes— n, der nächſte ganz gewiß ein— a, der dritte gleicht den Wellen eines Flußes— aha, es iſt ein— m und der letzte iſt ein—en am e n, nun das macht; Na⸗ mene, ihr Herrn.“: „Ja,“ fuhr der Vicar eifrig fort„und dieß nächſte Wort heißt ‚Gottes“.“ „So wäre es alſo nach Allem dem ſein Seelenheil, was den Geiſt des armen Mannes beſchäftigte!“ rief Sir Gervaiſe, einiger⸗ maßen enttäuſcht, wenn wir die Wahrheit geſtehen ſollen.„Was bedeutet dieſes A—m— e— n?„‚Amen?:— nun es iſt eine Art Gebet.“ „Das iſt, wie ich glaube, die Formel, Sir Gervaiſe, womit man ein Teſtament einzuleiten pflegt,“ bemerkte der Sekretär, der ſeiner Zeit ſchon manches auf der Flotte abgefaßt hatte.„Im Namen Gottes, Amen!““ „Beim heiligen Georg! Ihr habt Recht, Atwood und der arme Mann war die ganze Zeit über damit beſchäftigt, wie er uns die Willensverfügung über ſein Eigenthum mittheilen könnte. Was konnte er aber nur mit ſeinem nullus meinen— es iſt doch nicht möglich, daß der alte Herr nichts zu hinterlaſſen haben ſollte?“ „Dafür wenigſtens will ich ſtehen, Sir Gervaiſe, daß dieß nicht die richtige Erklärung iſt,“ erwiederte der Vicar.„Sir Wy⸗ cherly's Angelegenheiten ſind in der beſten Ordnung und außer der Gutsherrſchaft beſitzt er noch ein ſchönes Kapitalvermögen.“ „Nun denn, ihr Herrn, ſo können wir wohl für heute Nacht nichts Weiteres vornehmen. Ein Arzt iſt bereits da und Bluewater wird noch einen oder zwei Andere von der Flotte herüberſenden. Mor⸗ gen früh, wenn Sir Wycherly im Stande iſt, ſich auszuſprechen, wollen wir die Sache weiter verhandeln.“ — 9Q ◻ W 207 0 4 Damit trennten ſich die Drei. Für den Vicar war ebenfalls ein Bett zugerichtet worden: der Admiral und ſein Sekretär aber begaben ſich jeder auf das ihm angewieſene Zimmer. Zehntes Kapitel. Laßt Aerzte die Natur uns ändern, Und neue Pulſe durch Beweiſe ſchaffen: Dann, Herr, verſucht's, in Liebe drein zu reden. Boung. Waährend die eben erwähnte Scene in dem Krankenzimmer Statt hatte, verließ Admiral Bluewater mit Mrs. Dutton und Mildred das Haus in der alten Familienkutſche. Der Admiral war hart⸗ näckig auf ſeinem Entſchluſſe beſtanden, und ſeiner alten Gewohn⸗ heit, auf ſeinem Schiffe zu übernachten, getreu geblieben; die Art, wie er ſeinen beiden ſchönen Freundinne denn auch Mrs. Dutton verdiente noch immer dieſen Namen— Sitze in ſeinem Wagen an⸗ geboten, haben wir ſchon oben erzählt. Der Bet veggrund, der ihn hiebei leitete, war einzig der— die beiden Frauen vor jeder wei⸗ teren Brutalität von Seiten Dutton's zu ſchützen ſo lange dieſer in ſeiner rohen Laune verharrte; in dieſer Stimmung war es denn auch nicht ſehr wahrſcheinlich, daß der feinfühlende alte Seemann in ſeinen Geſprächen länger, als gerade unumgänglich nöthig war, bei der unerfreulichen Scene verweilte, deren Zeuge er geweſen war. In der That wurde auch während der Viertelſtunde, welche die Fahrt von Wychecombe⸗Hall nach dem Stationshauſe hinnahm, nicht die geringſte Anſpielung auf das Vorgefallene gemacht. Alle ſprachen mit innigem Bedauern— Mildred ſogar mit liebevoller Zärtlichkeit— von dem armen Sir Wycherly und während ſich der Wagen langſam fortbewegte, erzählten die beiden Frauen ihrem 208 Beſchützer verſchiedene Anekdoten als Beweis von der Herzensgüte des alten Herrn.— In der ſchon erwähnten Zeit ſtand der Wagen vor der Thüre des niedlichen Häuschens und alle Drei ſtiegen aus. Der Morgen des heutigen Tages war zwar ziemlich neblig geweſen; dagegen erſchien der Himmel bei Sonnenuntergang rein und wolkenlos, und einer jener herrlichen Abende, wie ſie auf der groß⸗ brittaniſchen Inſel nicht ſelten find, war über das Land hereinge⸗ brochen. Im jetzigen Augenblicke herrſchte die ſchönſte, prachtvollſte Mondnacht, die zwar die Tageshelle nicht, wie dieß in noch reinerer Atmoſphäre der Fall iſt, bis zur Täuſchung nachahmte, dagegen aber das Panorama von der Landſpitze aus in ein ſanftes, zaube⸗ riſches Halbdunkel einhüllte, das die Gegenſtände noch deutlich genug erkennen ließ und Allem einen wunderbaren Reiz verlieh. Gegen das Land gewendet erblickte das Auge die runden, wel⸗ lenförmigen Erhöhungen des Bodens in ihrem ſanften, ſaftigen Grün; die ſchönen Eichen des Parks bildeten einen ſchattigen Hin⸗ tergrund in dem aundiden Gemälde. Seewärts glänzte der Ocean, ſo weit das Auge reichte, und man glaubte die umgekehrte Wölbung des Firmaments vor 3 zu ſehen. Wenn unſere eigene Hemiſphäre in dieſer Breite ſich eines reineren Himmels rühmen kann, als dieß bei dem Mutterlande vielleicht der Fall iſt, ſo hat dieſes, was die Färbung des Waſſers betrifft, vor jener einen entſchiedenen Vorzug. Während die ganze amerikaniſche Küſte von dem unbegränzten düſteren Elemente in ſeinem Seegrün beſpült wird, ſcheint das tiefe Blau des weiten Oceans auf die heimathlichen Ufer Europas beſchränkt zu ſeyn. Dieſe herrliche Farbe, welche auch dem Ultramarin den Namen ge⸗ geben hat, erſcheint am reinſten in der mittelländiſchen See, dieſer Perle der Meere; doch findet man es auch an den felſigen Ufern der pyrenäiſchen Halbinſel, längs des brittiſchen Kanals und bis zu den ſandigen Untiefen der Nordſee, wo es zwar von ſeiner ur⸗ ſprünglichen Schönheit einigermaßen verliert, doch nur um ſich im 209 tiefen Norden Norwegens an den wild romantiſchen Geſtaden jenes Landes auf’s Neue zu verjüngen. „Das iſt heute eine herrliche Nacht,“ rief Bluewater, während er Mildred als die Letzte aus dem Wagen hob;„kaum kann man ſich entſchließen, die Hängematte zu beſteigen und wenn ſie auch noch ſo angenehm ſchaukeln mag.“ „An Schlaf iſt ohnedieß nicht zu denken,“ erwiederte Mildred kummervoll.„Es iſt heute eine jener Nächte, wo ſelbſt der Ermü⸗ dete ſich nur mit Widerſtreben der Bewußtloſigke it hingibt und wie ſollten wir vollends ſchlafen können, ſo lange wir um den theuern Sir Wycherly in Ungewißheit ſchweben!“ „Das vernehme ich mit Freuden aus Ihrem Munde, Mildred“ — denn ſo begann jetzt der Admiral, ohne es ſelbſt zu wiſſen oder Widerſpruch zu erfahren, ſeine ſüße Freundin zu nennen—„ja wahrlich, mit Freuden höre ich Sie alſo ſprechen, denn ich ſelbſt bin ein unverbeſſerlicher Sternſeher und Mondſcheinſpaziergänger und hoffe Sie und Mrs. Dutton wohl zu überreden, daß Sie noch ein Stündchen länger mit mir auf dieſer Anhöhe luſtwandeln.— Aha! dort unten iſt Sam Yoke, mein Bootsführer, der auf die Abfahrt der Barke wartet; nun, ich kann Sir Gervaiſe's Auffor⸗ derung an die beiden Chirurgen auch durch einen Dritten an ſie abſenden und ſo habe ich dann gar keine Veranlaſſung, dieſen lieblichen Punkt und Ihre angenehme Geſellſchaft ſo eilig zu verlaſſen.“ Der Bootsführer hatte bald die nöthigen Befehle erhalten. Trotz der ſpäten Mitternachtsſtunde waren noch faſt ein Dutzend Boote am Strand, die, wie es ſchien, die Ankunft ihrer am Land befindlichen Offiziere erwarteten; zwei derſelben wurden zum Ab⸗ ſtoßen beordert, um die verlangten Aerzte herbeizuholen. Der Wagen wurde um den Hügel herumgeſchickt, um Letztere nach ihrer Landung einzunehmen,— dann war Alles wieder ſtill auf der Anhöhe. Mrs. Dutton ging in ihre Wohnung, um einige häusliche Die beiden Admirale. 2. Aufl. 14 210 Geſchäfte zu beſorgen; während deſſen nahm der Admiral Mildred's Arm und Beide wandelten zuſammen bis an den Rand der Klippen. Ein ſchöneres Mondſcheingemäͤlde als das, welches jetzt vor Admiral Bluewater's und Mildred's Blicken ausgebreitet dalag, mochte ſich wohl noch ſelten dem Auge eines Seemannes dargeboten haben. Unter ihren Füßen lag die Flotte vor Anker; ſechszehn Segel verſchiedener Größe, eilf davon Zweidecker von der erſten Größe, welche damals im Seekriege bekannt war, und dazu alle in jener vollendeten Ordnung, wie ſie ein thätiger, einſichtsvoller Kom⸗ mandant ſelbſt bei trägen, gleichgültigen Unterbefehlshabern her⸗ vorzurufen verſteht. Admiral Bluewater war im Manövriren einer Flotte als Mei⸗ ſter berühmt und verſtand ſelbſt bei einer meilenlangen Linie jedes Schiff und zwar an ſeinem rechten Platze zu verwenden. Sir Gervaiſe Oakes dagegen hatte den Ruf eines der beſten engliſchen Seeoffiziere im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Noch nie hatte ein Schiff von vernachläßigtem Aeußern unter ſeinem Kommando ge⸗ ſtanden, und war jemals ein ſolches unter ſeine Flotte gerathen, ſo hatte es auch unfehlbar in kurzer Zeit einen andern Anſtrich be⸗ kommen. Der Viceadmiral war ſehr wohl mit der allvermögenden Wichtigkeit des Satzes bekannt,— der von Kongreß⸗ wie Parla⸗ mentsmitgliedern nur allzu leicht vergeſſen oder gänzlich verkannt wird— daß nämlich die Wirkſamkeit einer Flotte als ſolcher noth⸗ wendig durch den Zuſtand ihrer ſchlechteſten Schiffe bedingt wird. Wozu ſoll es nützen, wenn ſich auch vier oder fünf Schiffe in einem Geſchwader als Schnellſegler und kühne Enterer auszeichnen, wenn dagegen die acht oder zehn übrigen nur langſam fortkommen und keine Bravour an den Tag legen? Sind dann die Eigenſchaften der verſchiedenen Fahrzeuge auch gehörig erprobt, ſo iſt eine Trennung des Geſchwaders die unvermeidliche Folge und die Theilung der Streitkräfte iſt eben ſo ſicher der erſte Schritt zu einer Niederlage, wie die geeignete Concentrirung derſelben die erſte Bedingung des 211 Sieges iſt. Die ſchwächeren Schiffe können es den beſſeren un⸗ möglich gleich thun und ſo müſſen die Letzteren ihre Bewegungen nach den ſchlechteren einrichten und dieß heißt doch wahrlich die beſten Schiffe einer Flotte mit den ſchlechteſten auf gleiche Linie herabbringen— was wir eben beweiſen wollten. Sir Gervaiſe Oakes war bei der Admiralität ſo ſehr beliebt, daß ihm Alles, was er verlangte, gewöhnlich auch gewährt wurde. Eine von ſeinen Bedingungen war die, daß alle ſeine Schiffe gleich gute Segler ſeyn ſollten.„Gebt Ihr mir raſche Schiffe,“ pflegte er zu ſagen,„ſo kann ich den Feind überholen; habe ich dagegen nur faule Enten, ſo überholt er mich; welcher von beiden Fällen am eheſten ein Gefecht herbeiführen wird— das könnt Ihr Euch wohl ſelbſt beantworten. Auf alle Fälle gebt mir gleiche Fahr⸗ zeuge, nicht das eine ein Flügel⸗, das andere ein Schleppſchiff, ſondern Segler, die ſich auch ohne zu ankern auf Anrufweite neben einander zu halten im Stande ſind.“ Die Admiralität zeigte den beſten Willen, die Forderung des tapferen Kommandanten zu erfüllen und da er entſchloſſen war, den Plantagenet nicht eher zu verlaſſen, als bis er gänzlich ab⸗ genützt wäre, ſo wurde es unumgänglich nöthig, ſo viele Schnell⸗ ſegler als möglich zu ſeinem Gefolge herauszufinden. Das Reſultat war, daß Sir Gervaiſe eine Flotte von ‚Roſſen⸗, wie Galleygo ſie nannte, zu führen bekam und in der ganzen Marine galt das Sprüchwort ‚Oakes kommandire ein Geſchwader von Fliegern, wenn nicht gar ein fliegendes Geſchwader“. Schiffe, wie die eben erwähnten, ſind gewöhnlich auch ſymme⸗ triſch gebaut und nicht nur raſch im Segeln, ſondern auch ange⸗ nehm für's Auge. Dies ſiel im erſten Augenblicke ſogar Mildred auf, die doch an den Anblick von Schiffen gewöhnt war; ſie theilte dieſe Bemerkung auch ſogleich ihrem Begleiter mit, nachdem Beide eine volle Minute ſchweigend auf dem Hügel dageſtanden und das groß⸗ artige Schauſpiel zu ihren Füßen angeſtaunt hatten. 212 „Ein Schiff gewährt mir jeder Zeit einen höchſt anziehenden Anblick,“ begann das Mädchen;„doch Ihre Schiffe, Admiral Blue⸗ water, erſcheinen mir viel hübſcher als gewöhnlich.“ „Das macht, ſie ſind auch hübſcher als gewöhnlich, meine ſchöne Beobachterin. Viceadmiral Oakes iſt ein Offizier, der eben ſo wenig ein häßliches Schiff in ſeiner Flotte duldet, als einer unſerer Reichspeers eine andere als eine hübſche Frau ehelichen wird, wenn ſie nicht etwa über die Maßen reich wäre.“ „Ich habe ſchon gehört, daß die Männer unter ſolchen Um⸗ ſtänden gar leicht ihre Herzen verlieren,“ bemerkte Mildred lächelnd; „das wußte ſie aber bis jetzt noch nicht, daß ſie auch freimüthig genug ſind dieß einzugeſtehen!“ „Dieſe Wahrheit wurde Ihnen vermuthlich von Ihrer klugen Mutter mitgetheilt,“ erwiederte der Contreadmiral in Nachſinnen vertieft;„ich wollte, meine junge Freundin, ich ſtünde Ihnen als Verwandter nahe genug, um Ihnen ebenfalls ſo ein Bischen mei⸗ nen Rath ertheilen zu können. Noch nie zuvor fühlte ich ſo ſehr den Wunſch in mir— wenn ich mir überhaupt dieſe Freiheit nehmen darf— ein menſchliches Weſen vor einer großen Gefahr zu warnen, von der es, wie ich fürchte, bedroht iſt.“ „Es iſt nicht eine Freiheit, die wir uns nehmen, ſondern ſogar eine heilige Pflicht, wenn wir Jedermann vor einer Gefahr warnen, die wir ſelbſt zwar kennen, die aber der Perſon, welcher ſie droht, noch fremd iſt. So wenigſtens erſcheint die Sache den Augen eines noch ſehr jungen Mädchens.“ „Ja, wenn's ſich davon handelte, daß Jemand Gefahr liefe, von dieſen Klippen herabzuſtürzen oder ein Haus anzuzünden oder in ein derartiges ſichtbares Unglück zu gerathen. Etwas anderes iſt es aber, wenn junge Mädchen und ihre Herzen dabei in Betracht kommen.“ „Nun, dieſe Unterſcheidung iſt mir freilich begreiflich,“ ant⸗ wortete Mildred nach kurzer Pauſe;„ich finde es erklärlich, daß 213 dieſelbe Perſon, die keinen Augenblick anſtehen würde, vor einer phyſiſchen Gefahr zu warnen, ſich zuvor ängſtlich bedenkt, wenn ſich's darum handelt, auf ein moraliſches Uebel hinzudeuten. Wenn übrigens Admiral Bluewater einem einfachen Mädchen, wie ich, überhaupt ſo viel Wichtigkeit beilegt, daß er ſich die Mühe nehmen will, ſich für ihr Wohlergehen zu intereſſiren, ſo moͤchte ich nichts⸗ deſtoweniger hoffen, daß er nicht zaudern werde, ihr die Gefahr zu bezeichnen. Gefahr iſt ein ſchreckliches Wort, um es mit in die Nacht hinein zu nehmen, und ich bekenne, daß ich neben einiger Aengſt⸗ lichkeit auch ziemlich viel Neugierde in mir fühle, etwas mehr von der Sache zu erfahren.“ „Dies ſprechen Sie, Mildred, weil ſie noch nicht an die Erſchütterungen gewöhnt ſind, welche die Zunge eines rauhen Mannes in Ihrem zartfühlenden Herzen hervorzubringen vermag.“ „Nicht daran gewohnt!“ erwiederte Mildred und zitterte dabei ſo heftig, daß es ihrem Begleiter auffallen mußte.„Nicht daran gewöhnt! Ach, Admiral Bluewater! wäre dieß noch möglich nach dem, was Sie ſelbſt geſehen und gehört haben?“ „Verzeihung, theures Kind! nichts war meinen Gedanken fremder, als der Wunſch, dieſe unerfreulichen Erinnerungen auf's Neue in Ihnen anzuregen. Wenn ich Ihrer Verzeihung gewiß ſeyn dürfte, ſo würde ich es jetzt wagen, Ihnen mein Geheimniß zu enthüllen; denn— glauben Sie mir, obwohl ich mir den Grund einer ſo plötzlichen und ſo außerordentlichen Theilnahme nicht er⸗ klären kann, welche mich, der ich beinahe ein Fremdling——“ „Nein, nein, kein Fremdling, theurer Herr! Nach all' dem, was ſich heute zugetragen, nachdem Sie, wenn auch durch Zufall, in unſer heiligſtes Familiengeheimniß eingeweiht wurden— nach Allem, was wiährend unſerer Herfahrt beſprochen worden und nach den ſchrecklichen Auftritten, die meine geliebte Mutter vor vielen Jahren ſchon in Ihrer Gegenwart erlebte— können Sie uns kein Fremder mehr ſeyn, ſogar wenn Sie ſelbſt noch wünſchen ſollten, ſich als ſolchen zu betrachten.“ „Mädchen! es iſt kein Zauber, iſt nicht Entzücken, was mich mit einer Macht an Dich feſſelt und alle meine Gefühle Dir un⸗ terwirft, wie ich es nie bei einem menſchlichen Weſen für möglich gehalten hätte.“ 3 Dieß ſprach der Admiral mit ſo viel Feuer, daß Mildred im erſten Augenblicke ſeinen Arm los ließ und wenn nicht aus Angſt, doch wenigſtens vor Erſtaunen einen Schritt zurücktrat. Als ſie aber ihrem Begleiter in's Geſicht ſchaute und große Thränentropfen auf ſeinen Wangen bemerkte; als ſie ſein weißes Haar betrachtete, das äußere Stürme und innerliche Sorgen vor der Zeit gebleicht hatten— da kehrte ihr ganzes Vertrauen wieder zurück und ſie nahm freiwillig und mit eben ſo viel Kindlichkeit den Platz, den ſie verlaſſen, wieder ein, wie eine Tochter ſich an den Vater ange⸗ ſchmiegt haben würde. „Gewiß, Sir, meine Dankbarkeit für dieſe Theinahme muß eben ſo groß ſeyn, wie die Ehre, die ſie mir dadurch erweiſen,“ ſprach Mildred in feierlichem Ernſt.„Und nun, Admiral Bluewater, zaudern Sie nicht länger, ſprechen Sie zu mir mit eben der Of⸗ fenheit, wie ein Vater thun würde. Ich will Ihnen mit der Er⸗ gebenheit und Ehrfurcht einer Tochter zuhören.“ „Nun, ſo hören Sie, was ich ſage, und antworten Sie mir nicht, wenn Sie ſich durch die Freiheit, die ich mir nehme, verletzt fühlen.— Faſt moͤchte es ſcheinen, es gebe nur einen Gegenſtand, worüber ein Mann, alt oder jung, mit einem lieblichen jungen Mädchen ſprechen kann, wenn er bei ſo lieblichem Mondſchein mit ihr allein iſt, und dieſer Gegenſtand iſt— die Liebe. Nein, er⸗ ſchrecken Sie nicht wieder, meine Theure, denn wenn ich auch im Begriff ſtehe, von einer ſo kitzlichen Sache zu ſprechen, ſo geſchieht es wenigſtens nicht um meiner ſelbſt willen. Ich weiß kaum, ob Sie ſich irgend Jemand denken, für den ich ſpräche, denn was ich zu ſagen habe, iſt nicht eine Aufforderung an Ihr Herz, ſondern vielmehr eine Warnung, daſſelbe nicht zu verſchenken.“ 215 „Eine Warnung, Admiral Bluewater! Halten Sie wirklich eine ſolche für nöthig?“ „Nein, mein Kind, das wiſſen Sie ſelbſt am Beſten. Das Eine weiß ich gewiß: der junge Mann, den ich im Auge habe, affektirt zwar Bewunderung für Sie; ob er ſie aber wirklich fühlt, das iſt noch ungewiß und ich denke, wenn junge Mädchen nur erſt einmal ſo weit ſind, daß ſie ſich geliebt glauben, ſo iſt dieß ſchon eine ſtarke Auffordernng an all' ihre edlen Gefühle, um die Leiden⸗ ſchaft, wenn auch nicht ganz mit derſelben Wärme, ſo doch wenig⸗ ſtens nicht viel ſchwächer zu erwiedern.“ „Affektirt Bewunderung, Sir! Und warum ſollte ſich denn irgend Jemand die Mühe nehmen, Gefühle gegen mich zu affek⸗ tiren, wenn er ſie nicht auch wirklich empfindet? Ich beſitze ja weder Rang, noch Vermögen, um einen Mann zu einer ſo niedri⸗ gen und in dieſem Falle ſo zweckloſen Heuchelei zu verleiten.“ „Als ob es zwecklos wäre, das lieblichſte Weſen in ganz England für ſich zu gewinnen! Doch gleichviel. Wir wollen da, wo es ſich um Thatſachen handelt, uns nicht mit der Zergliede⸗ rung von Beweggründen abgeben. Ich ſollte meinen, hinter der ganzen Bewerbung des jungen Mannes halte ſich doch einige Leiden⸗ ſchaft verborgen, und dieß kann ihn für Sie, den Gegenſtand der⸗ ſelben, nur um ſo gefaͤhrlicher machen. Jedenfalls trage ich die tiefe Ueberzeugung in mir, daß er ihrer gänzlich unwürdig iſt. Es iſt dieß allerdings eine kühne Aeußerung für die Bekanntſchaft eines einzigen Tags; doch ſind ſo viele Gründe dafür vorhanden, daß ſich ein Mann von meiner Lebenserfahrung, der ohne Vorur⸗ theil iſt, wohl kaum darin täuſchen kann.“ „Das iſt doch höchſt ſonderbar und ‚beunruhigend“, Sir, wie ich beinahe mit Ihren eigenen Worten ſagen möchte,“ antwortete Mildred, in ihrer Neugierde mehr ergötzt als beunruhigt.„Ich will eben ſo freimüthig ſeyn wie Sie ſelbſt und Ihnen ſagen, daß Sie den Herrn zu hart beurtheilen. Mr. Rotherham mag vielleicht 246 nicht alle die Eigenſchaften beſitzen, die ein Geiſtlicher beſitzen ſollte; jedenfalls iſt er aber weit entfernt, ein ſchlechter Menſch zu ſeyn. Mag er übrigens gut oder ſchlimm genannt werden, ſo iſttes kaum wahrſcheinlich, daß er in ſeiner vorübergehenden Partheilichkeit irgend weiter gehen wird, als er bereits gegangen iſt.“ „Mr. Rotherham! An den frommen Viear habe ich weder gedacht, noch iſt mir eingefallen, von ihm zu ſprechen.“ Jetzt war es an Mildred auf's Tiefſte verwirrt zu ſeyn. Mr. Rotherham hatte ihr erſt den Tag zuvor ſeine Anträge gemacht und war zwar mit Schonung, aber auch mit Feſtigkeit zurückge⸗ wieſen worden. Natürlich war dieſer neuliche Vorfall noch friſch in ihrer Erinnerung und die Vermuthung, ihr abgewieſener Be⸗ werber könnte, vom Wein erhitzt, ſeine Wünſche, oder was er wenigſtens dafür hielt, ihrem jetzigen Gefährten mitgetheilt haben — lag ſo nahe, daß ſie faſt ohne alles Nachdenken in dieſen Irr⸗ thum verfallen war. „Ich bitte um Entſchuldigung, Sir,— ich dachte wirk⸗ lich—“ antwortete das verwirrte Mädchen;„da aber Mr. Rother⸗ ham die einzige Perſon iſt, welche jemals mit meiner Mutter von ſo Etwas wie von einer Vorliebe für mich geſprochen, ſo war es für mich wohl ſehr natürlich, wenn ich vermuthete, daß Sie Mr. Rotherham meinten.“ „Glauben Sie mir, Mildred,— vor Perſonen, welche mit Ihrer Mutter ſprachen, habe ich weit weniger Furcht, als vor ſolchen, die nur mit Ihnen geſprochen haben. Da mir übrigens jede Zweideutigkeit verhaßt iſt, ſo will ich Ihnen nur gleich ſagen, daß meine Anſpielung auf Mr. Wychecombe gehen ſollte.“ „Mr. Wychecombe, Admiral Bluewater!“ rief ſie und der Veteran fühlte, wie ihr Arm, der ſich auf ihn lehnte, heftig zu zittern begann, ſo daß ſich ſeine Beſorgniß ſogar noch in höherem Grade, als er gefürchtet, zu beſtätigen ſchien, da er ſonſt wohl nicht ſo raſch unterbrochen worden ſeyn würde.„Wahrlich, wahrlich, Ihre 217 beabſichtigte Warnung kann oder ſollte wenigſtens einen Herrn von Mr. Wychecombe's Stellung und Charakter nicht treffen.“ „So iſt einmal die Welt, Miß Dutton; das erfahren beſon⸗ ders wir alten Seeleute, ob wir wollen oder nicht, mit jedem Tage deutlicher. Meine plötzliche Theilnahme für Sie, die Erinnerung an frühere, wenn gleich peinliche Scenen, ſo wie die Ereigniſſe des heutigen Tages haben mich wachſam und, wie Sie vielleicht beifügen werden, ſogar kühn gemacht— doch bin ich entſchloſſen, zu ſprechen, ſelbſt auf die Gefahr hin, Sie mir dadurch für immer zu ent⸗ fremden— und ſo muß ich Ihnen denn ſagen, daß ich noch nie⸗ mals einen jungen Mann getroffen habe, der einen ſo unvortheil⸗ haften Eindruck, wie dieſer nämliche Mr. Wychecombe, auf mich gemacht hätte.“ Mildred zog, ohne es ſelbſt zu bemerken, ihren Arm zurück und erſtaunte nun zum erſten Mal über die Unbeſonnenheit, womit ſie in ihrer plötzlichen Vertraulichkeit gegen einen Fremden ſo weit gegangen war, daß ſie dieſem erlaubt hatte, ſogar einen erprobten Freund auf ſolche Art zu verunglimpfen. „Ich bedaure aufrichtig, Sir, daß Sie von einem Manne, der, wie ich glaube, der allgemeine Liebling dieſer ganzen Gegend i*ſt, eine ſo ungünſtige Meinung hegen,“ gab ſie mit auffallender Kälte zur Antwort. „Ich ſehe ſchon, auch ich werde das Loos aller unwillkommenen Rathgeher theilen, kann aber einzig mich ſelbſt wegen meiner An⸗ maßung tadeln. Mildred! wir leben in einer ſehr wichtigen Zeit, und Gott allein weiß, was in den nächſten paar Monaten mit mir ſelbſt vorgehen mag— aber ſehen Sie, ſo ſtark iſt dieſe unerklär⸗ liche Theilnahme, die ich für Ihr Wohlergehen fühle, daß ich mich nochmals Ihrem Unwillen bloß zu ſtellen wage. Ich liebe dieſen Mr. Wychecombe nicht, der— ob mit aufrichtigem Herzen oder nicht, mag dahin geſtellt bleiben— ein ſo großer Verehrer von Ihnen iſt; daß er, der Erbe einer ſo bedeutenden Herrſchaft, von Denen, die von ihm abhängen“, geliebt wird, iſt etwas ſo Natür⸗ liches, daß ich es gar nicht in Anſchlag bringe.“ „Der Erbe einer ſo bedeutenden Herrſchaft!“ wiederholte Mildred mit der ganzen natürlichen Anmuth ihrer Stimme, und nahm wieder ruhig den Arm, den ſie ohne alle Umſtäͤnde ver⸗ laſſen hatte.„Theurer Sir, Sie ſprechen doch hoffentlich nicht von Mr. Thomas Wychecombe, Sir Wycherly's Neffen?“ „Von wem ſollte ich denn ſonſt ſprechen? Hat er Sie nicht gleich einem Schatten den ganzen Tag begleitet?— und iſt er nicht ſo auffallend in ſeinen Aufmerkſamkeiten, daß er kaum für nöthig hält, ſeine Bewerbung geheim zu halten?“ „Iſt Ihnen dieſes wirklich aufgefallen, Sir? Ich geſtehe, ich habe es nicht ſo angeſehen. Wir ſind in Wychecombe⸗Hall ſo genau bekannt, daß wir ſogar erwarten, die ganze dortige Familie gütig gegen die unſrige zu finden. Doch mögen Sie nun mit Ihrer Vermuthung Recht haben oder nicht— Admiral Bluewater— ſo viel iſt gewiß: Mr. Thomas Wychecombe wird mir ſtets gleichgül⸗ tig bleiben, und als Beweis, daß ich Ihre Warnung eben ſo auf⸗ richtig und freundlich aufnehme, wie ſie von Ihnen ertheilt wurde — will ich noch hinzufügen, daß er nicht gerade zu meinen beſon⸗ dern Lieblingen gehört.“ „Das höre ich mit Vergnügen. Da iſt ſein Namensvetter, unſer junger Lieutenant, ein ſtattlicher, trefflicher Junge, wie nur je einer lebte— wollte der Himmel, er würde ſich nicht ſo aus⸗ ſchließlich nur ſeinem Stande widmen, daß er dadurch für jede andere Schönheit als die eines Schiffes gänzlich unempfindlich werden muß. Wären Sie meine eigene Tochter, Mildred, dieſem Jungen könnte ich ſie eben ſo bereitwillig übergeben als ich ihm meine Güter verleihen würde— wenn er mein Sohn wäre.“ Mildred lächelte— doch war der ſchelmiſche Ausdruck ihres Geſichts nicht ganz ohne Beimiſchung von Kummer. Sie beſaß übrigens Selbſtbeherrſchung genug, um ihre Gefühle in ſich zu — 219 verſchließen, und empfand viel zu viel mädchenhafte Schüchtern⸗ heit, um ſich nicht ſorgfältig zu hüten, daß ſie einem Mann ihre Schwäche verrieth, der ihr im Ganzen doch ziemlich fremd war. „Ich darf wohl ſagen, Sir,“ antwortete ſie mit wohl ver⸗ zeihlicher Zweideutigkeit,„daß Ihre Weltkenntniß die beiden Herren vollkommen richtig beurtheilt hat. Mr. Thomas Wychecombe wird übrigens, trotz alles deſſen, was ſie von meinem armen Vater gehört haben, wohl kaum im Ernſte an mich denken; und was meine eigenen Geſinnungen gegen ihn betrifft, ſo kann ich voll⸗ kommen für dieſelben bürgen. Ich bin in keinem Falle die Perſon, die zu einer Lady Wychecombe paſſen möchte und hoffe, ſo viel Klugheit zu beſitzen, daß ich die Ehre, ſelbſt wenn ſte mir ange⸗ boten wuͤrde— abzulehnen wüßte. Glauben Sie mir, Sir, ohne Sir Wycherly's Wein und die vielen loyalen Toaſte, welche ge⸗ trunken wurden, würde mein Vater heute Abend eine ganz andere Sprache geführt haben. Er m uß ja doch in ſeinen hellen Momen⸗ ten einſehen, daß ſein Kind nicht für eine ſo hohe Stellung geeignet iſt. Unſere Lebensausſichten waren zwar früher beſſer, als ſie es gegenwärtig ſind, Admiral Bluewater, hätten uns aber wohl nie⸗ mals zu ſo hohen Erwartungen berechtigen können.“ „Die Tochter eines Offiziers, meine Theure, darf wohl immer⸗ hin erwarten, eines Edelmanns Frau zu werden, und als ſolche könnten Sie ſogar eines Herzogs Gemahlin werden, wenn ein ſolcher Sie liebte. Da ich übrigens meine Warnung nunmehr un⸗ nöthig finde, ſo wollen wir von etwas Anderem reden.— Hat ſich nicht dieſen Morgen ein außergewöhnliches Ereigniß auf dieſer Klippe zugetragen, was mit eben dieſem Mr. Thomas Wychecombe in Verbindung ſteht? Sir Gervaiſe ſprach von etwas der Art mit mir, war aber nicht ſonderlich klar in ſeiner Erzählung.“ Mildred erklärte ihm das Mißverſtändniß und gab dann eine höchſt lebendige Schilderung von der Gefahr, worin der junge Lieutenant geſchwebt, ſo wie gpn der Art und Weiſe, wie er ſich 1 220 wieder befreit hatte. Beſonders verweilte ſie bei ſeiner außeror⸗ dentlichen Geiſtesgegenwart und Entſchloſſenheit, wodurch er damals, als der Stein zuerſt unter ſeinen Füßen wich, ſein Leben gerettet hatte. „Das Alles iſt wohl gut und ganz ſo, wie ich es von einem ſo raſchen, entſchloſſenen Jünglinge erwarten würde,“ antwortete der Contreadmiral ziemlich ernſthaft;„aber dennoch muß ich ge⸗ ſtehen, daß ich es lieber hätte, wenn es gar nicht geſchehen wäre. Unbedachtſame, ſorgloſe Jünglinge, die ihr Leben an ſolchen Stellen zwecklos der Gefahr ausſetzen, haben meiſtens nur wenig inneren Gehalt. Hätte er irgend einen beſonderen Grund gehabt, ſo würde dieß allerdings den Fall durchaus geändert haben.“ „Eil er hatte aber wirklich einen Beweggrund, Sir, umſonſt etwas der Art zu wagen, dazu war er lange nicht thöricht genug!“ „Und was war denn dieſer Beweggrund, wenn ich fragen darf? Ich ſehe keine genügende Veranlaſſung, warum ein verſtän⸗ diger Menſch ſein Leben an einer ſo drohenden Klippe, wie dieſe hier, wagen ſollte. Bei Mondſchein kann man ſich ſchon heranwagen, doch bekenne ich offen, daß ich bei Tag nicht daran denken würde, mich dem Rande ſo ſehr, wie in dieſem Augenblicke, zu nähern.“ Mildred war ſehr verlegen um eine Antwort. Ihr eigenes Herz erklärte ihr zwar Wycherly's Beweggrund zur Genüge; doch ſo glücklich ſie ſich auch fühlte, wenn ſie ſich denſelben eingeſtand, ſo konnte ſie doch niemals daran denken, ihn ihrem Gefährten zu bekennen. Mit Freuden wäre ſie zu etwas Anderem übergegangen; da dies aber nicht wohl geſchehen konnte, ſo folgte ſie der Offen⸗ heit und Unſchuld ihres ganzen Weſens und erzählte die Wahrheit in der Sache, ſo weit dieß überhaupt möglich war. „Die Blumen, die auf der Südſeite dieſer Felſen wachſen, ſind beſonders ſchön und wohlriechend, Admiral Bluewater,“ erwie⸗ derte ſte zögernd; und da er meine Mutter und mich ſelbſt davon ſprechen hörte und vernahm, mit welchem Entzücken jene, ſo ſelten ſie auch zu haben ſind, ihrer gedachte, ſo wagte er ſich denn auf 221 die Klippe; aber nicht hier, Sir, wo der Felſen ſo gar ſenkrecht iſt, ſondern dort drüben, wo man mit einiger Sorgfalt wohl hinab⸗ klimmen kann. So kam es, daß er ſich nur ein wenig und nur ein ganz klein wenig zu weit vorwagte, wie er mir heute nach dem Mittageſſen ſelbſt ſagte, worauf einer der Steine nachgab und, wie bekannt, jenes Unglück herbeiführte. Ich halte Mr. Wy⸗ cherly Wychecombe für nichts weniger als tolldreiſt und glaube keineswegs, daß er durch thörichte Wagſtücke eine thörichte Bewun⸗ derung einzuärndten bemüht iſt.“ „Jedenfalls hat er eine höchſt liebenswürdige und ſehr beredt⸗ ſame Vertheidigerin,“ erwiederte der Admiral lächelnd, obwohl der Ausdruck ſeiner Züge tiefe Betrübniß, ja ſogar ſchweren Kummer verrieth,„und damit iſt er vollkommen entſchuldigt. Ich glaube, wenige Maͤnner von ſeinen Jahren würden ſich lange beſinnen, wenn es gälte, ihr Leben für ſo ſchöne und wohlriechende Blumen zu wagen, vornehmlich wenn Ihre Mutter, Mildred, ſich ſo ſehr danach geſehnt hätte.“ „Und beſonders ein Seemann, Sir, der ſich ſo wenig daraus macht, an ſchlüpfrigen Stellen zu ſtehen und der bei Gefahren dieſer Art nur zu lachen gewöhnt iſt?“ „Ganz richtig, wenn es auch auf Schiffen nur wenig Klippen gibt. Bei uns ſind es Taue, die den Muth beleben.“ „Das ſollte ich wohl glauben, nach dem, was heute vorge⸗ fallen iſt,“ erwiederte Mildred lachend.„Mr. Wycherly rief nach einem Tau und wir warfen ihm auch eines zu, um ihm aus ſeiner Noth zu helfen. Sobald er das Tau in der Hand hatte, das zwar blos aus jener dünnen Signalleine beſtand, fühlte er ſich ſo ſicher, als ob er hier auf der Anhöhe ſtünde und ganze Felder feſten Bodens um ſich hätte. Daß er überhaupt je erſchrocken war, glaube ich nicht; als er aber erſt jenes ſchmale Tau erfaßt hatte, da zeigte er ſich wieder völlig muthig.“ Mildred verſuchte über ihre eigene Erzählung zu lachen, um 222 ihre Theilnahme an dem Ereigniſſe um ſo beſſer zu verbergen; doch ihr alter Freund war zu erfahren und zu ſcharfblickend, um ſich ſo leicht täuſchen zu laſſen. Schweigend führte er ſie wieder von der Klippe zurück und als er in ihre Wohnung trat, bemerkte Mildred beim Schein der Kerzen, daß ſeine Miene immer noch traurig war. Admiral Bluewater verweilte noch eine weitere halbe Stunde in dem Stationshäuschen, bis er ſich endlich aus einer Geſellſchaft losriß, die für ihn einen Reiz beſaß, den er nicht recht zu erklä⸗ ren, ja bis jetzt nicht einmal gehörig zu würdigen wußte. Schon war die erſte Stunde nach Mitternacht vorüber, als er von Mrs. Dutton und deren Tochter Abſchied nahm, wobei er verſprach, daß er Beide vor Abfahrt der Flotte noch einmal beſuchen wolle. So ſpät es auch war, ſo fühlten doch, nach den aufregenden Scenen, die ſie erlebt hatten, weder Mildred noch ihre Mutter irgend Luſt, ſich zur Ruhe zu begeben. Ihr Gemüth hatte ſich unterdeſſen nach der rohen Unterbrechung, welche durch Dutton's Brutalität veranlaßt worden war, allmählig wieder beruhigt und ſo entſchloßen ſie ſich noch, nach der Klippe hinzuwandeln, um in der Geiſterſtunde der kühlen Nachtluft zu genießen und ſich an der ſchönen Ausſicht auf der Landſpitze zu ergötzen. „Dieſe ausnehmende Aufmerkſamkeit der meiſten Männer gegen Dich, mein Kind, könnte mich eigentlich beunruhigen,“ bemerkte die verſtändige Mutter, während Beide das Haus verließen; ndoch Admiral Bluewater's Jahre, beſonders aber ſein Charakter bürgen mir dafür, daß er weder Thorheit noch Unrecht im Schilde führt.“ „Seine Jahre wären ſchon hinreichend, Mutter,“ rief Mildred lachend, denn jetzt, nachdem ſte den Admiral noch eben erſt von Wycherly's Vorzügen hatte ſprechen hören, war ſie ausnehmend froh geſtimmt;„den Charakter könnte man ganz bei Seite laſſen.“ „Für Dich vielleicht, Mildred, nicht aber für ihn ſelber. Die Männer halten ſich ſelten für zu alt, als daß ſie nicht noch junge 223 Mädchen für ſich zu gewinnen hofften, und was ihnen an Anziehungskraft abgeht, das ſuchen ſie meiſtens durch Liſt und Schmeichelei zu erſetzen. Doch unſeren neuen Freund will ich gerne von alledem freiſprechen.“ „Wäre er mein leiblicher Vater geweſen, theuerſte Mutter, ſeine Sprache, ſo wie die Theilnahme, die er mir ſchenkte, hätte unmöglich zärtlicher ſeyn können. Ich habe es in der That ent⸗ zückend gefunden, dem Rathe eines ſolchen Mannes zuzuhören; denn in der Regel behandeln mich die Männer nicht auf dieſe aufrichtige, väterliche Weiſe.“ Mrs. Hutton's Lippe bebte, ihre Augenlieder zitterten und ein paar Thränen rollten ihr über die Wangen herab. „Für Dich iſt es noch etwas Neues, Mildred, die Sprache der uneigennützigen Liebe und der Lebensweisheit von einer Perſon ſeines Alters und Geſchlechts zu vernehmen. Ich tadle es nicht, wenn Du mit Vergnügen ſeinen Worten lauſcheſt und will Dich blos erinnern, daß Du jederzeit die Zurückhaltung beobachteſt, wie Deine Jugend und Dein Stand ſie von Dir erheiſchen.— Doch horch! dort hörſt Du die Ruder ſeiner Barke im Waſſer plätſchern.“ Mildred lauſchte; der abgemeſſene aber raſche Ruck der Ruder in den Rojeklampen ſtieg ebenſo vernehmlich in die ſtille Nachtluft empor, als er wohl in dem Boote ſelbſt gehört wurde. Im näch⸗ ſten Augenblicke ſchoß eine achtrudrige Barke raſch unter der Klippe hervor und glitt in ſchnurgerader Linie auf eines der Siffe zu, das am Ende ſeiner Gaffel ſo wie am Top des Beſanmaſtes je eine Laterne aufgehißt hatte, waͤhrend an der Spiere ſeines Kreuz⸗ ſegels die Nachtflagge eines Contreadmirals herabflatterte. Der Kutter lag dem Landungsplatz am nächſten und ſo wie die Barke ſich demſelben näherte, hörten die beiden Frauen den lauten Anruf:„Boot ahoy!“ Die Antwort wurde von Bluewater ſelbſt gegeben, und war an dem milden, wahrhaft feingebildeten Ton ſeiner Stimme deutlich zu erkennen. Sie lautete einfach: *„Contreadmiralsflagge!“ 224 Todtenſtille folgte, ſo bald der Ofſtzier in dem vorüberziehenden Boot ſeinen Rang angekündigt hatte und wurde nur durch die ab⸗ gemeſſene Bewegung der Ruder unterbrochen. Ein⸗ oder zweimal glaubte Mildred wirklich, ihr feines Gehör laſſe ſie ſogar das ge⸗ meinſame Einſenken der acht Ruder, ſo wie das Plätſchern des Waſſers vernehmen, wenn ſie wieder aus dem Elemente empor⸗ tauchten, um zu einem neuen Zuge auszuholen. Bei jedem Schiff, an dem die Barke vorüberkam, wiederholte ſich Anruf und Antwort auf's Neue, worauf jedesmal wieder die tiefe Stille der Mitternacht in ihre Rechte eintrat. en Endlich ſah man, wie die Barke an dem Hintertheil des Cäſar, — des Contreadmirals eigenem Schiffe— vorbeiruderte und jetzt ertönte der Anruf zum letzten Male. Dießmal entſtand einiger Lärm auf dem Schiffe und bald nachdem die Ruder ihre Bewegung eingeſtellt hatten, wurden die Laternen von den Punkten, die ſte ſeit Einbruch der Nacht eingenommen hatten, herabgelaſſen. Zwei oder drei weitere Laternen waren übrigens an den Spieren anderer Schiffe noch ſichtbar, zum Zeichen, daß ſie ihre Kapitäne nicht am Bord hatten; ob dieſe aber am Lande oder auf anderen Fahr⸗ zeugen zum Beſuch waren, das mochten ſie wohl ſelbſt am Beſten wiſſen. Der Plantagenet hatte kein Licht, da man wußte, daß Sir Gervaiſe das Land heute nicht mehr zu verlaſſen beabſichtigte. Als dieß alles vorüber war, ſuchten auch Mrs. Dutton und Mildred ihr Lager. Für ſie war ja der heutige Tag voll Aufre⸗ gung geweſen und ſollte erſt noch wichtigere Folgen nach ſich ziehen, als ſie ſelbſt bis jetzt ſich denken konnten. 225 2 Eilftes Kapitel. Betrachten wir das Leben— Trug iſt's, was wir ſehen! Der Menſch, er liebt ihn, läßt ſich ewig von der Hoffnung hintergehen— Vertraue nur und hoff' vom Morgen Lohn für Deine Sorgen: — Noch falſcher als das Heute iſt das Morgen! Dryden. Admiral Bluewater hatte ſich zwar gewöͤhnt, dem Schlummer nur ſehr wenig Zeit zu widmen, doch war er nicht, was die Franzoſen matinal“ nennen. Am Bord der Kriegsſchiffe tritt Morgens eine Periode ein— wo nämlich die Decks abgewaſchen werden— welche ſich am Beſten mit der Unbehaglichkeit einer amerikaniſchen Reinigung— dem ſogenannten„Hausfegen:— vergleichen läßt. Es geſchieht dieß täglich mit Aufgang der Sonne und kein Offizier, den ſein Rang irgend von einem Befaſſen mit dieſem Dienſte freiſpricht, denkt je daran— den Fall außerordent⸗ licher Veranlaſſungen, die ihre Gegenwart um anderer Zwecke willen erfordern, natürlich ausgenommen— ſich in die geheiligten My⸗ ſterien dieſes Geſchäftes einzumiſchen. Dieß iſt ‚die böſe Stunde⸗ auf einem Schiffe; alle Müßiggänger*s und wachhabenden Offi⸗ ziere, die nicht zu dieſem Dienſte gehören, können nichts Beſſeres thun, als ſich zwiſchen die Lucken zu verkriechen, wenn dieß ge⸗ rade mit ihrer Bequemlichkeit übereinſtimmt. Wer aber eine Flagge führt, ruht gewöhnlich während dieſes kritiſchen Moments in ſeiner Hängematte und verrichtet, wenn er ſchon aufgeſtanden iſt, ähnliche tägliche Waſchungen an ſeiner eigenen Perſon. Admiral Bluewater öffnete eben die Augen, als ſich das Spritzen des erſten Waſſereimers am Bord des Cäſar vernehmen ließ. In der beſten Laune gab er ſich ganz dem Genuſſe hin, dem Seeoffiziere ſo gerne nachhängen, wenn ſie ſich einmal bis zu dem Range eines Kommandirenden emporgeſchwungen haben. Es iſt * Früh auf. D. U. ** Wie die Marineſoldaten genannt werden. D. U. Die beiden Admirale. 2. Aufl.. 15 ⸗ dies gewiſſermaßen ein halbverzückter Zuſtand; der Geiſt ruft dann alle Bilder der Vergangenheit vor ſein Auge; hier ſieht er ſich wieder als Schiffsjungen im Sturm und Regen die Topſegel ein⸗ reffen, ſteigt auf das Ende einer Raae und ruft:„Ahoy! lee⸗ wärts gehalt!“ dort guckt er über die Hängmattentücher, um nach dem Wetter zu ſchauen, während ihm der Schnee gleich Na⸗ deln ins Geſicht prickelt— dann kommt gar noch das Abwaſchen des Decks und ähnliche Annehmlichkeiten des Seelebens!— All dieſe Traumbilder aus der Vergangenheit werden aber nur deßhalb heraufbeſchworen, um das Gefühl der gegenwärtigen Behaglichkeit noch mehr zu erhöhen. Sie bilden dann lauter wohlerſonnene Folien, die, ſo zu ſagen, dem Diamant einer behaglichen Hängematte und dem ſüßen Bewußtſeyn, daß man nicht länger einem allzu frühzeitigen Aufrufe auf's Verdeck ausgeſetzt iſt— nur um ſo größe⸗ ren Werth und Glanz verleihen. Unſer Contreadmiral war übrigens bei ſolchen Gelegenheiten kein gewöhnlicher Träumer. Er dachte überhaupt nur wenig an perſönliche Bequemlichkeiten, wenn nicht gerade das leibhafte Ge⸗ gentheil ſich ſeinem Geiſte zu lebendig aufdrängte. So verſtand er wenig oder gar nichts von der Feinſchmeckerei, wogegen ſein Freund ein wohlerfahrener Koch war und in den Tagen der Prüfung als Proviantmeiſter ſich ausgezeichnet hatte. Dafür war aber Bluewater, ſelbſt wenn die Sonne in ſeinem Zenithe ſchien, einer eigenthüm⸗ lichen Träumerei ergeben, und oft war es ſchon geſchehen, daß er mitten unter ſeinen Offtzieren in der tiefſten Zerſtreutheit auf dem Quarterdeck umhergegangen war. Am heutigen Morgen jedoch, da das Plätſchern auf dem Deck kein Ende nehmen wollte, konnte er ſich nicht enthalten, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, und ſich die Zeit ins Gedächtniß zurückzurufen, von der es heißt: magna pars quorum FuIT!* * Do i: wo der größere Theil der Mühen des Lebens an uns vorüber iſt. D. U. 227 In dieſem köſtlichen Augenblicke zeigte ſich das blühende Ge⸗ ſicht eines ‚jungen Herrn’ unter der Thüre ſeines Staatszimmers und nachdem ſich der Junker überzeugt, daß ſein Vorgeſetzter bereits die Augen geöffnet hatte, begann er: „Ein Billet von Sir Gervaiſe an Admiral Bluewater.“ „Sehr wohl, Sir“— mit dieſen Worten empfing der Contre⸗ admiral das Schreiben.—„Wie ſteht's mit dem Wetter, Lord Geoffrey?“ „Ein iriſcher Orkan, Sir; Alles in der ſchönſten Ordnung. Unſer Premier ſagt, Sir, er habe nie ſchöneres Canalwetter erlebt.“ „Unſer Premier iſt ein großer Aſtrolog. Haben wir noch Fluth auf unſrer Rhede?“ „Nein, Sir, wir haben todtes Waſſer, oder vielmehr, die Ebbe hat ſo eben begonnen.“ „Geht auf's Deck, Mylord, und ſeht, ob der Dover ſein Steuerbord weiter beigedreht hat, ſo daß er unſerm Hintertheile näher iſt.“ „Ja, ja, Sir.“ Und damit ſchwang ſich der Kadett, der Sprößling einer der vornehmſten Familien Englands, die Leiter hinauf, um ſeinen Auftrag auszurichten. Mittlerweile ſtreckte Bluewater den einen Arm aus dem Bett, zog den Vorhang von ſeinem kleinen Fenſter, tappte eine Zeit lang in ſeiner Hängematte umher, um ſeine Brille zu ſuchen, und öffnete dann das Billlet. Die frühzeitige Epiſtel lautete Wort für Wort alſo: „Mein theurer Blue! „Ich ſchreibe Dir Vorliegendes in einem Bett, das groß genug wäre, um einen Neunziger darin aufzunehmen. Ich habe die halbe Nacht, ohne es ſelbſt zu wiſſen, mit umgekehrtem Borde* zugebracht. Galleygo kam ſo eben und erſtattete Rapport, daß es bei unſerer Flotte nichts Neues gebe und dieſe in ſchönſter Ordnung * D. h. ich bin verkehrt im Bett gelegen. D. U. 1 228 vor Anker liege! Es ſcheint, auf dem Dache des Hauſes iſt ein guter Ausgucker, von wo man einen Theil der Rhede überſehen kann. Magrath und die Andern haben, wie ich höre, die ganze Nacht bei dem armen Sir Wycherly zugebracht; doch geht's mit ſeinem Kopfe immer noch nicht beſſer. Ich fürchte ſehr, der gute alte Mann wird nicht mehr ganz aufgetackelt werden können. Ich werde ſo lange hier bleiben, bis ſich's mit ihm entſchieden hat, und da wir unſere Ordren im günſtigſten Falle doch erſt bis übermor⸗ gen erwarten dürfen, ſo bin ich ebenſo gut hier als auf meinem Schiffe. Komm' an's Land und frühſtücke mit uns, dann wollen wir zuſammen berathen, ob es beſſer iſt, hier zu bleiben oder das Wrack zu verlaſſen. Adieu! Oakes.“ „An Contreadmiral Bluewater.“ „P. S.— Es iſt heute Nacht etwas vorgefallen, was mit Sir Wycherly's Teſtamente zuſammenhängt und mich ganz beſon⸗ ders zu dem Wunſche veranlaßt, Dich heute Morgen, ſo bald als möglich bei mir zu ſehen. O.“ Sir Gervaiſe hatte, wie dieß ſonſt bei Frauen gewöhnlich iſt, der Hauptſache erſt in ſeinem Poſtſeripte erwähnt. Die Scene der vergangenen Nacht hatte ſich beim Erwachen gewaltſam ſeiner Er⸗ innerung aufgedrängt und ſo hatte er bei Tagesanbruch ſein Schreib⸗ zeug verlangt und obenerwähntes Billet abgeſendet, weil er ſelbſt für die erſte paſſende Stunde, die ſich finden ließe, eine zweite Unterredung bei dem Kranken nachzuſuchen beabſichtigte und zu dieſem Behufe möglichſt viele gewichtige Zeugen um ſich zu ver⸗ ſammeln wünſchte. „Was Teufels kann denn nur Oakes mit Sir Wycherly's Te⸗ ſtamente zu ſchaffen haben!“ dachte der Contreadmiral.„Uebrigens erinnert mich dieß nebenbei an mein eigenes und an meinen neu⸗ lichen Entſchluß. Was wären meine armſeligen 30000 Pfund für 229 einen Mann von Lord Bluewater's Vermögen? Ich habe weder Weib noch Kind, weder Bruder noch Schweſter und ſo will ich nach eigenem Belieben über mein Geld verfügen. Oakes wird nichts davon wollen. Zudem beſitzt er übrig genug eigene Reich⸗ thümer: ein jährliches Einkommen von 7000 Pfund und eine Maſſe von Priſengeldern in den Fonds. Ich darf wohl ſagen, daß ſich ſeine Jahresrente auf 12000 Pfund belaufen wird und zu dem Allem hat er einen einzigen Neffen, der ihn beerben wird. Ich bin entſchloſſen, mit meinem Gelde anzufangen, was ich will. Ich ſelbſt habe mir jeden Schilling davon zuſammengeſpart. ſo will ich es auch wiederum geben, wem es mir beliebt.“ Dieſe ganze Zeit über lag Admiral Bl. ter mit geſhloſfe nen Augen in ſeiner Hängematte und ſeine Zunge blieb ſo regungs⸗ los, wie wenn ſie ſich gar nicht zu rühren im Stande geweſen wäre. Bei all' ſeiner Laissez-aller-Manier beſaß er übrigens, ſobald er ſich erſt für etwas entſchieden hatte, die ganze Entſchloſ⸗ ſenheit eines Seemannes, und vollführte dann ſeinen Plan in der ihm eigenthümlichen Weiſe. Aufſtehen, ſich ankleiden und alle nöthigen Vorbereitungen zum Aufbruche treffen— das war bei ihm das Werk nur weniger Minuten und noch war kaum eine Viertelſtunde verfloſſen, ſeit die eben erwähnten Gedanken ſeinen Geiſt beſchäftigt hatten, ſo ſaß er auch ſchon an ſeinem kinenen „Schreibtiſche in der Hinterkajüte. Das erſte, was er vornahm, war, daß er ein zuſammenge⸗ faltetes Papier aus einem geheimen Schubfache nahm und daſſelbe mit ziemlich gleichgültigem Blicke überlas. Es war dieß ſein eige⸗ nes Teſtament, das er früher zu Gunſten Lord Bluewater's auf⸗ geſetzt hatte. Es war in ſehr bündigen Ausdrücken abgefaßt und füllte nur die erſte Seite eines Bogens. Dieſe begann er den verbatim et literatim abzuſchreiben, indem er den Namen des Erben noch offen ließ und wie in dem bereits verſiegelten Exemplar Sir Gervaiſe Oakes zum Teſtamentsvollſtrecker beſtimmte. 230 Als er damit fertig war, ſchickte er ſich an, die leeren Stel⸗ len auszufüllen. Einen Augenblick lang fühlte er ſich verſucht, den Namen des Pratendenten einzutragen; doch über ſeine eigene Thorheit lächelnd, ſchrieb er endlich in alle Stellen, wo dieß nö⸗ thig war—„Mildred Dutton, Tochter von Francis Dutton, Quartiermeiſter in Seiner Majeſtät Marinecorps.“ Dann druckte eer ſein Siegel darauf, ſchlug das Papier ſo übereinander, daß man den Inhalt von Außen nicht leſen konnte und klingelte ſofort mit einer kleinen ſilbernen Glocke, die immer neben ihm auf dem Tiſche ſtand. Die Schildwache öffnete die äußere Kajütenthüre und ſtreckte den Kopf zum Zimmer herein. 3 „Einer der jungen Herren ſoll erſcheinen, Schildwache,“ be⸗ fahl der Contreadmiral. Die Thüre ging wieder zu und in der nächſten Minute zeigte ſich Lord Geoffrey's lachendes Geſicht am Eingang der Hinterkajüte. „Wer iſt außer der Wache noch ſonſt auf dem Deck, Mylord,“ fragte Bluewater. „Niemand, Sir. Die Müßiggänger ſtecken ſo dicht bei einan⸗ der, wie die Füchſe, ſo lange die Decks geſäubert werden und daß einer unſerer eigenen Schnarcher ſich vor ſechs Uhr ſehen ließe, daran iſt gar nicht zu denken, Sir.“ „Irgend jemand muß doch im jetzigen Augenblick auf dem Kanonendeck umherſtöbern? Geht und bittet den Kaplan oder den Marinekapitän, daß ſie mich mit ihrem Beſuch in der Kajüte beehren möchten— meinethalben auch den erſten Lieutenant oder den erſten Quartiermeiſter oder irgend einen von den Müßiggängern.“ Der Kadett war kaum zwei oder drei Minuten fort, als er mit dem Zahlmeiſter und dem Kaplan wieder zurückkehrte. „Der erſte Lieutenant iſt in dem vorderen Kielraum, Sir; die von der Marine haben noch ſämmtlich die Kajütenfenſter geſchloſſen und der Quartiermeiſter iſt an ſeinem Logbuch, wie mir der Ka⸗ nonendecksaufſeher ſo eben gemeldet. Ich hoffe, die da werden's 231 auch thun, Sir: nach meiner Meinung ſind ſie jedenfalls die größ⸗ ten Müßiggänger auf dem Schiff.“. Lord Geoffrey Cleveland war der zweite Sohn des Herzogs gleichen Namens, des Dritten am Rang im ganzen brittiſchen Reich, was er ſo gut, wie irgend einer an Bord wußte. Admiral Bluewater fühlte zwar keine ſklaviſche Verehrung für hohen Rang, hegte aber nichts deſto weniger, wie alle Männer, die unter dem Einfluſſe eines ariſtokratiſchen Syſtems erzogen wurden, die tiefſte Achtung vor hochgeſtellten Perſonen und dieß in einem Grade, den er ſelbſt weit entfernt war, ſich einzugeſtehen. Der junge adelige Sprößling wurde zwar in allen dienſtlichen Verhältniſſen nichts weniger als begünſtigt, denn dieß würde ſein eigener Ehr⸗ geiz zurückgewieſen haben; dagegen ſpeiste er zweimal ſo oft als die übrigen Kadetten bei dem Admiral und hatte für ſeine Perſon eine Art Zungenfreiheit erlangt, welche ihm den Muth gab, alle anzüglichen Redensarten, die im Kadettenzimmer oder auf dem Ka⸗ nonendecke üblich waren und die ohne Zweifel faſt überall als vor⸗ laute Aeußerungen aufgenommen worden wären, auch in Gegen⸗ wart des höchſten Vorgeſetzten kunterbund herauszuſagen. So kam es, daß weder der Kaplan noch der Zahlmeiſter die Freiheit übel nahmen, die er ſich bei gegenwärtiger Veranlaſſung genom⸗ men hatte. Der Contreadmiral hatte gar nicht gehört, was geſprochen worden war, ſondern winkte nur den Ankömmlingen, ſobald er ſie in ſeiner Kajüte gewahr wurde, und bedeutete ihnen, ſeinem Schreib⸗ tiſche näher zu kommen; dann wies er auf das zuſammengefaltete Papier. „Jeder verſtändige Mann,“ ſprach er,„und beſonders jeder verſtändige Seemann und Soldat, ſollte ſich, beſonders in Kriegs⸗ zeiten, mit einem Teſtamente verſehen. Hier iſt das meinige, das ich ſo eben ſelbſt aufgeſetzt habe: dieſes Inſtrument hier enthäͤlt eine ältere Verfügung, die ich jetzt in Eurer Gegenwart vernichte. 232 Ich erkenne dieß für meine Unterſchrift und Siegel“— dabei ſchrieb er ſeinen Namen und berührte, während er ſprach, das Sigill mit dem Finger—„was Ihr hier meinem letzten Willen und Teſtament beigefügt findet.— Wollen die Herren die Güte haben, mir bei dem Akte als Zeugen zu dienen?“ Der Kaplan und der Zahlmeiſter unterzeichneten ihre Namen; noch blieb aber ein leerer Raum für eine dritte Unterſchrift übrig. Dieſe füllte der lachende Kadett auf einen Wink ſeines Vorgeſetzten mit ſeinem eigenen Namen aus. „Ich hoffe, Ihr habt Euch erinnert, Sir,“ rief der Knabe mit munterem Scherz, während er ſich niederſetzte, um dem Wunſche zu gehorchen, daß die Bluewater's und die Cleveland's mit ein⸗ ander verwandt ſind. Ich würde mich bitter getäuſcht fühlen, wenn dieſes Teſtament dereinſt geöffnet werden und ich meinen Namen nicht irgendwo wieder finden ſollte!“ „Ich gleichfalls, Mylord,“ erwiederte Bluewater trocken, „denn ich erwarte zuverſichtlich, daß er als der eines Zeugen zu Tage kommen wird und dieß iſt ein Charakter, der ſich gewöhnlich allen Anſprüchen auf eine Erbſchaft höchſt ungünſtig erweist.“ „Nun, Sir, ich denke jedenfalls: ſo gut unſere Flaggenoffi⸗ ziere mit den Schiffen und Allem, was darauf iſt, vornehmen können, was ſie nur wollen, ſo werden ſie wohl auch mit ihrem Gelde ſchalten dürfen, wie's ihnen beliebt. So muß ich mich denn um ſo feſter an meine beiden alten Tanten halten, da ich mich doch einmal, wie mir ſcheint, bei dieſer Geſchichte den Klüſen meines Glücksſterns gegenüber gelegt habe!“ „Meine Herren!“ ſagte der Contreadmiral mit höflicher Würde, nich bedaure, daß ich für heute nicht das Vergnügen haben kann, Sie an meinem Tiſche zu ſehen. Ich bin von Sir Gervaiſe an's Land berufen, und weiß nicht beſtimmt, wann ich zurück ſeyn werde. Dagegen hoffe ich, daß mir morgen dieſes Vergnügen nicht verſagt ſeyn wird.“ 233 Die Offiziere verbeugten ſich zum Dank, nahmen die Einla⸗ dung an, machten jeder noch ein bis zwei Verbeugungen und ver⸗ ließen die Kajüte mit Ausnahme des Kadetten. „Nun, Sir—“ rief Admiral Bluewater nach einer Minute tiefer Zerſtreutheit, als er ſich zu ſeiner Verwunderung nicht allein fand; „welcher Bitte verdanke ich noch das Vergnügen Eurer Gegenwart?“ „Ei, Sir, es ſind gerade vierzig Meilen nach meines Vaters Hauſe in Cornwall und ich weiß, die ganze Familie iſt dort verſam⸗ melt: ſo dachte ich eben, daß ein Wagen mit zwei Exrtrapoſtpfer⸗ den mich ungefähr in fünf Stunden an die Parkthore bringen könnte. Wenn ich mich dann morgen um dieſe Zeit wieder auf den Weg machte, ſo meine ich, würde der alte Cäſar unterdeſſen einen närriſchen Kadetten mehr oder weniger nicht eben vermiſſen.“ „Sehr ſinnreich vorgebracht, junger Herr, und im Ganzen höchſt annehmbar. Als ich in Eurem Alter war, ſtand es vier Jahre an, ohne daß ich weder Vater noch Mutter geſehen hätte.“ „Ja, Sir, aber das iſt ſchon gar lange her! Heutiges Tags können’s die Jungen kaum halb ſo lang aushalten als damals, wie alle alten Leute behaupten.“ Des Contreadmirals Lippen verzogen ſich leicht, als ob ſein Mund mit einem Lächeln kämpfte, dann aber erhielt ſein Geſicht mit einem Male einen andern Ausdruck und erſchien tief bekümmert. „Ihr wißt, Geoffrey, ich bin nicht Kommandirender en Chef. Sir Gervaiſe allein kann einen ſolchen Urlaub ertheilen.“ .„Ganz recht, Sir; aber Sir Gervaiſe thut jedesmal das, was Ihr verlangt, beſonders wenn es die von Eurem Flaggenſchiffe betrifft.“ „Das mag wohl ſeyn. Doch leben wir in bedenklichen Zeiten, mein Knabe, und müſſen vielleicht eine Stunde nach erhaltener Ordre die Anker lichten. Wißt Ihr denn nicht, daß Prinz Karl X Eduard in Schottland gelandet iſt, und daß die Jakobiten ſich waacker regen? Wenn die Franzoſen ihm den Rücken decken, werden wir hier im Kanal alle Hände voll zu thun bekommen.“ 234 „Dann muß meine theure Mutter für die nächſten zwölf Mo⸗ nate ſchon auf einen Kuß verzichten!“ rief der hochherzige Knabe, fuhr aber, trotz ſeines männlichen Entſchluſſes, mit der Hand den⸗ nooch verſtohlen über die Augen.„Der Thron von Alt⸗England muß aufrecht erhalten werden und ſollten auch alle Mütter und Schweſtern auf der ganzen Inſel ihre Kadetten auf Jahre lang nicht wieder ſehen!“ „Edel geſprochen, Lord Geoffrey, was auch im Hauptquartier gehörig bekannt werden ſoll. Eure Familie gehört zu den Whigs und Ihr thut wohl daran, Euer Leben lang der Politik Eurer Familie zu folgen.“ „Ein kleiner Ausflug an's Ufer, Sir, würde mir nach ſechs⸗ monatlichem Aufenthalte zur See ein großes Vergnügen gewähren.“ „Da müßt Ihr Kapitän Stowel um Urlaub bitten. Ihr wißt, daß ich mich niemals in den innern Dienſt der Fregatte miſche.“ „Ja, Sir, aber wir ſind unſerer ſo viele und Alle haben eine Sehnſucht nach der terra firma. Dürfte ich wohl Kapitän Stowel ſagen, daß ich Eure Genehmigung dazu habe, mir von ihm ein wenig Landurlaub zu erbitten?“ „Das könnt Ihr thun, Mylord, wenn's Euch Vergnügen macht. Stowel weiß ja doch, daß er immer noch thun kann, was er will.“ „O, Sir, er müßte doch ein recht wunderlicher Linienkapitän ſeyn, wenn er es jetzt nicht thun wollte. Ich danke Euch, Admiral Bluewater. Ich will meiner Mutter ſchreiben und weiß gewiß, daß ſie den Grund, der mich von einem Beſuche bei ihr abhält, billigen wird. Guten Morgen, Sir.“ „Guten Morgen.“ Noch hatte der Knabe die Hand an der Thürklinke, da rief der Admiral: „Mylord?“ „Habt Ihr noch irgend Etwas zu befehlen, Sir?“ —— 235 „Wenn Ihr ſchreibt, ſo vermeldet der Herzogin meine freund⸗ lichen Empfehlungen. Wir waren in unſerer Jugend die vertrau⸗ teſten Bekannte und liebten einander, wie ich wohl ſagen darf.“ Der Kadett verſprach, ſeines Admirals Wunſch zu erfüllen und ließ denſelben ſofort allein. Eine halbe Stunde lang ging Bluewater in der Kajüte auf und ab, in tiefem Nachdenken über die Art, wie er über ſein Eigenthum verfügt, ſo wie darüber, was er in Bezug auf den Prätendenten thun ſollte. Dann ließ er plötzlich ſeinen Bootsführer rufen, ertheilte ihm einige Weiſungen, und ſchickte den Befehl auf's Deck, daß ſeine Barke bemannt werden ſollte. Die üblichen Meldungen gingen ihren gewöhnlichen Gang und liefen in drei weiteren Minuten zur Kajüte zurück, indem Lord Geofrey ſie daſelbſt hinterbrachte. „Die Barke iſt bemannt, Sir,“ ropportirte der Knabe, der in der niedlichen Landungstracht eines Seekadetten unter der Ka⸗ jütenthüre ſtand. „Seyd Ihr bei Kapitän Stowel geweſen, Mylord?“ fragte der Contreadmiral. „Ja, Sir, und er hat mir Landurlaub bis Sonnenuntergang gegeben! mit der Abendkanone des Contreadmirals muß ich wieder zurück ſeyn.“ „Dann ſeyd ſo gut und nehmt Euren Sitz in meiner Barke, wenn Ihr voͤllig bereit ſeyd.“ Das Anerbieten wurde angenommen; nach wenigen Minuten waren die üblichen Cermonien auf dem Verdeck vorüber und der Contreadmiral ſaß in ſeiner Barke. Es war bereits ſo ſpät am Morgen, daß die volle Schiffs⸗Etikette beobachtet werden mußte und kein Pünktchen derſelben wurde bei gegenwärtiger Veranlaſſung verſäumt. Der Kapitän ſtand in Perſon auf dem Verdeck, neben ihm die Offiziere der Conſtabelkammer, als Repraäſentanten ihres Corps; die Wache paradirte unter dem Commando ihrer Offiziere; die Trommel wirbelte und der Oberbootsmann pfiff den Admirals⸗ 236 gruß; beim Einſteigen hüpfte Lord Geoffrey zuerſt in das Boot und blieb reſpektvoll ſtehen, bis ſein Vorgeſetzter ſich niedergelaſſen hatte. Nachdem endlich alle dieſe Einzelheiten vorüber waren, ſtieß das Boot von dem Schiffe ab; die acht Ruder fielen mit gleich⸗ förmigem Schlage, als ob es nur ein einziges wäre, in's Waſſer und die Barke ſchwamm dem uUfer entgegen. Alle Kutter, Barken, Jollen oder Ausſchiffboote, denen ſte be⸗ gegneten, erhoben ohne Unterſchied, wenn ſie nicht etwa ſelbſt einen Offizier von Rang enthielten, ihre Ruder zur Begrüßung der Barke, die mit der Contreadmiralsflagge in ihrem Bug an ihnen vorüber zog, während die Andern die ihrigen auflegten und die Herren zum Gruß die Hüte abnahmen. Auf dieſe Art zog die Barke an der Flotte vorüber und näherte ſich endlich dem Ufer. Am Landungsplatze erhob ſich auf dem natürlichen Quai, der durch einen flachen, niedrigen Felsvorſprung gebildet wurde, eine allgemeine geſchäftige Bewegung, ſobald man die Flagge des Con⸗ treadmirals herankommen ſah; ſelbſt die Boote der Kapitäns wur⸗ den bei Seite gerudert, um dem Admirale den freien Durchgang zu eröffnen. Sobald Letzterer übrigens das Land betreten hatte, wurde die kleine Bootsflagge wieder herabgelaſſen und als eine Minute ſpäter ein Kutter mit einem einzigen Lieutenant anlangte, befahl dieſer Offizier mit hoher, gebietender Miene, daß nunmehr die Barke ihm Platz zu machen habe. Vielleicht war in der ganzen brittiſchen Marine kein einziger Offizier, dem die Dienſtetikette gleichgültiger war, als unſerem Contreadmiral. In dieſer Hinſicht war er das gerade Gegentheil von ſeinem Freunde, denn Sir Gervaiſe hatte von jeher das vor⸗ geſchriebene Ceremoniell nicht nur für ſeine eigene Perſon auf's Pünktlichſte beobachtet, ſondern auch bei andern auf deſſen ſtrenge Befolgung gehalten. Es war dieß übrigens keineswegs der einzige dienſtliche Punkt, worin dieſe beiden ausgezeichneten Offiziere von einander abwichen. A———— 4 1 237 Wir haben ſchon oben erwähnt, daß der Contreadmiral der beſte Taktiker in England war, während der Viceadmiral in dieſem Dienſt⸗ zweige nicht gleich jenem hervorragte. Auf der andern Seite wurde Sir Gervaiſe für den beſten praktiſchen Seemann der Flotte ge⸗ halten, ſo weit es auf den inneren Dienſt und die Führung eines einzelnen Schiffes ankam— ein Fach, worin Bluewater hinwie⸗ derum ſich nicht ſonderlich hervorthat. Auch in Beziehung auf Mannszucht beſtand der gleiche Un⸗ terſchied zwiſchen den Beiden. Der Commandirende war ein wenig, was man in Landarmeen einen Kamaſchenknopf nennt, d. h. er hielt ſich feſt und bis in die kleinſten Details an die beſtehenden Reglements; ſein Freund dagegen hatte ſchon als Kapitäͤn die Auf⸗ rechthaltung des inneren Dienſtes auf ſeinem Schiffe dem ſoge⸗ nannten dienſtthuenden Offtzier oder erſten Lieutenant übertragen, ſo daß dieſer wichtige Beamte alle erforderlichen Anweiſungen zur Erhaltung der Ordnung und Reinlichkeit auf dem Schiffe zu er⸗ theilen und auszuführen hatte.— Nichtsdeſtoweniger war Blue⸗ water ſelbſt in dieſem beſonderen Dienſtzweige nicht ohne eigen⸗ thümliches Verdienſt. Er war für ſeinen Freund der beſte Kapitän in der Flotte geweſen, den dieſer nur jemals getroffen hatte. Sein Dienſt als ſolcher korreſpondirte gewiſſermaßen mit dem eines Ge⸗ neraladjutanten in einer Landarmee und paßte vortrefflich zu ſeiner philoſophiſchen Geiſtesrichtung, die alle Dinge nur in ihrem Zu⸗ ſammenhange zu dem Ganzen betrachtete; ſo hatte er denn alle Dienſtverrichtungen ſeiner damaligen Stellung unter gewiſſe allge⸗ meine, einfache Geſichtspunkte gebracht, die ihm die Erfüllung derſelben angenehm und leicht machten. So oft er bei Sir Gervaiſe's häufiger Abweſenheit auf eine oder zwei Wochen das Obercommando führte, hatte man noch jedesmal bemerkt, daß der Dienſt auf der Flotte pünklich wie ein Uhrwerk zuſammenſtimmte, denn ſein Geiſt ſchien wirklich allein das Große und Allgemeine zu umfaſſen, während er nur mit Widerſtreben ſich zu den Details herabzulaſſen vermochte. 4 238 In Folge dieſer perſönlichen Eigenthümlichkeiten hatten die Kapitäne ſchon häufig die Bemerkung gemacht, daß Bluewater eigentlich der Aeltere und Oakes der Jüngere unter den beiden Befehlshabern hätte ſeyn ſollen, in welchem Falle gewiß ihr ver⸗ einigtes Kommando nichts zu wünſchen übrig gelaſſen hätte. Doch müſſen dieſe kritiſchen Bemerkungen auch großentheils auf Rechnung der allgemeinen Vorliebe der Menſchen geſchrieben werden, womit ſie ſelbſt an Dingen, welche an und für ſich vortrefflich ſind, einen Fehler finden zu müſſen glauben, um mit der Angabe der Wege und Mittel, wodurch dieſelben ſich etwa verbeſſern ließen, ihre eigene Ueberlegenheit zu beweiſen. Hätten beide in der Armee gedient, ſo möchte dieſe Anſicht allerdings mehr praktiſche Wahrheit für ſich gehabt haben; bei den gewöhnlichen Seegefechten aber, wo es hauptſächlich nur auf ein keckes Angreifen des Feindes an⸗ kam, waren Sir Gervaiſe's Kühnheit und Ungeſtüm fein ſchlechter Erſatz für mangelnde Taktik. Kehren wir übrigens wieder zu unſerer Erzählung zurück. Bluewater wurde bei ſeiner Landung von Allen, die ſich am Landungsplatze oder in deſſen Nähe befanden, mit tiefer, allgemeiner Ehrfurcht begrüßt; er ſelbſt erwiederte dieſe Artigkeit mit einer flüchtigen, doch höflichen Verbeugung, welcher man übrigens die Zerſtreutheit ſeines Weſens wohl anmerkte, und begann alsbald den Abhang hinanzuſteigen. Er hatte bereits die graſige Auffahrt auf der Höhe erreicht, ehe er überhaupt gewahr wurde, daß noch Je⸗ mand hinter ihm war. Indem er ſich umwandte, bemerkte er, daß ihm der Kadett auf den Ferſen folgte; es war der lautere Reſpekt, der einen Jungen von ſeiner Jugend und Behendigkeit abhielt, an ſeinem Vorgeſetzten vorbei den Abhang hinanzuhüpfen. Dem Ad⸗ miral ſiel es ſogleich bei, wie wenig Unterhaltung ein Knabe von ſeinen Gewohnheiten an einem Orte wie Wychecombe finden würde, und ſo beſchloß er in ſeiner Gutmüthigkeit, denſelben mit ſich zu nehmen. „Ihr werdet hier wohl ſchwerlich irgend eine Unterhaltung 239 finden, Lord Geoffrey, bemerkte er gegen den Knaben;„wollt Ihr Euch aber mit der Geſellſchaft eines mürriſchen, alten Knaben, wie ich, begnügen, ſo ſollt Ihr wenigſtens Alles ſehen, was ich ſelbſt ſehe, mag dieß dann viel oder wenig ſeyn.“ „Es war mir ja um einen Kreuzzug zu thun, Sir; ich bin voll⸗ kommen bereit und fühle mich ſehr glücklich, Euren Weiſungen mit oder ohne Signale zu folgen,“ antwortete der lachende Junker. „Ich denke, Wychecombe wird wohl eben ſo gut wie Porthsmouth oder Plymouth ſeyn und jedenfalls ſind dieſe grünen Felder ſchöner als die ſchmutzigen Straßen der Städte, die ich bis jetzt betreten habe.“ „Ja, in der That, ſolche grünen Felder ſind für Seeleute, die, wie wir, ganze Monate lang nichts als Waſſer vor ſich ſahen, ein höchſt lieblicher Anblick. Wendet Euch gefälligſt rechts, Mylord; ich wünſche auf meinem Weg nach dem Schloſſe in jener Signal⸗ ſtation dort drüben einzuſprechen.“ Der Knabe that, wie ihm befohlen worden und ſchlug— in ſeinem Alter ein ungewöhnlicher Fall—„den Weg ein, den er zu gehen geheißen ward;“ in wenigen Minuten ſtanden Beide auf der Landſpitze. Da es für einen Mann ſeines Amtes nicht wohl angegangen wäre, wenn er an einem Tage, wo eine Flotte auf der Rhede vor Anker lag, auf ſeinem Poſten gefehlt hätte, ſo war Dutton auch bereits auf ſeinem Plätzchen; er war, wie gewöhnlich, höchſt reinlich gekleidet, zitterte aber wieder bedeutend, denn die Ausſchweifung der vergangenen Nacht hatte ihre Einwirkung auf ſeine Nerven nicht verfehlt. Er erhob ſich zum Empfange des Contreadmirals mit großer Unterwürfigkeit, doch nicht ohne allerhand Mahnungen ſeines Gewiſſens, denn ſein Gedächtniß gab ihm von dem, was während ſeines Zuſammenſeyns mit Frau und Tochter vorgefal⸗ len war, in allgemeinen Umriſſen ein ziemlich deutliches Bild; zu gleicher Zeit hatte der Wein jetzt ſeine Wirkung auf ihn verloren, und half ihm nicht länger ſeine Selbſtbeherrſchung aufrecht zu 240 erhalten. Doch fühlte er ſich ſehr erleichtert, als er bemerkte, wie Bluewater ihm ſelbſt auf die ſchonendſte Weiſe begegnete. „Wie ſteht's mit Sir Wycherly?“ fragte der Admiral und begrüßte den OQuartiermeiſter, wie wenn gar nichts vorgefallen wäre.„Sir Gervaiſe benachrichtigt mich in einem Billet, das er gegen Tagesanbruch geſchrieben, daß damals noch keine weſentliche Beſſerung eingetreten war.“ 1 „Ich wollte, es ſtünde in meiner Macht, Sir, Euch günſtige Nachrichten hierüber zu geben. Jedenfalls muß er ſich jetzt wieder bei Bewußtſeyn befinden; denn Dick, ſein Reitknecht, kam ſo eben mit einem Brieſchen von Mr. Rotherham, worin er uns mittheilte, daß der treffliche alte Herr ein ganz beſonderes Verlangen habe, meine Frau und Tochter zu ſehen und daß der Wagen in wenigen Minuten hier ſeyn werde, um Beide abzuholen. Wenn Ihr heute Morgen gleichfalls auf das Schloß zu gehen beabſichtigt, Sir, ſo werden Euch die beiden Frauen ohne Zweifel mit größtem Ver⸗ gnügen einen Sitz anbieten.“ „Nun ſo will ich auch von ihrer Güte Gebrauch machen,“ erwiederte Bluewater, und ſetzte ſich auf die Bank am Fuße des Signalſtocks nieder;„beſonders wenn Ihr glaubt, daß ſie mir er⸗ lauben werden, die Geſellſchaft durch Lord Geoffrey Cleveland, einen von Stowel's Seekadetten, zu vermehren. Der junge Herr hat ſich mir angeſchloſſen und will mir überallhin und zwar mit oder ohne Signale folgen.“ Dutton nahm den Hut von Neuem ab und machte eine tiefe Verbeugung, als er des Knaben Namen und Rang verkünden hörte. Dieſer ſelbſt erwiederte den Gruß zwar artig, doch ziemlich gleich⸗ gültig, als ob er die Verehrung der Menge bereits vollkommen ſatt hätte und ſchaute ſich unterdeſſen mit ziemlicher Neugierde um, wobei beſonders die Landſpitze und der Flaggenſtock ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit erregte. „Das gibt hier einen trefflichen Ausgucker, Sir,“ bemerkte 241 der Kadett;„dabei iſt er noch etwas luftiger als unſere Kreuz⸗ hölzer. Ein Paar ſcharfe Augen können ja von hier aus Alles erblicken, was ſogar auf zwanzig Meilen Weite herankommt, und zum Beweis will ich jetzt als der Erſte den Ruf anſtimmen: ‚Ein Segel, ho, ein Segel!““ „Wo denn, mein junger Lord?“ fragte Dutton mit rühriger Behendigkeit, wie wenn er fürchtete, ſeine Pflicht in Gegenwart eines Höheren vernachläßigt zu haben.„Ich bin gewiß, Eure Lord⸗ ſchaft kann nichts anderes bemerken als die Flotte, die da unten vor Anker liegt und die wenigen Boote, die zwiſchen den einzelnen Schiffen und dem Landungsplatze hin und hergehen.“ „Ganz richtig; Junker, wo wollt Ihr denn etwas erblicken?“ begann der Admiral gleichfalls.„Ich ſehe allerdings einige Möven ein oder zwei Meilen jenſeits der Schiffe auf der Oberfläche des Waſſers glänzen! doch von einem Segel iſt nirgends etwas zu bemerken.“ Der Knabe nahm Dutton's Glas, das auf der Bank lag und noch war keine Minute vorüber, ſo hatte er es ſchon auf die Waſ⸗ ſerfläche gerichtet. Es dauerte einige Zeit, bis er die Züge des Inſtruments ſo weit zurecht gerichtet hatte, daß ſie für ſein Ange paßten. „Nun, Meiſter Scharfauge,“ fragte Bluewater trocken; iſt g ein Franzmann oder ein Spanier?“ „Habt nur einen Augenblick Geduld, bis ich dieſes ungeſchickte Glas erſt recht gerichtet habe.— Ha! nun hab' ich's; jedenfalls iſt’'s nur ein ganz kleines Ding— Bram⸗ und Oberbramſegel— nein, Sir, bei St. Georg,'s iſt unſer eigener Kutter, der Aetive; er hat die Brefocke herabgelaſſen und ſeine unteren Segel werden ſo eben aufgehißt. Ich kenne ihn an der Art, wie er ſeine Gaffel trägt.“ „Der Active!— der bedeutet Neuigkeiten,“ bemerkte Blue⸗ water nachdenklich, denn der Gang der Ereigniſſe mußte im gegen⸗ wärtigen Moment nothwendig auch eine Kriſe in ſeiner eigenen Die beiden Admirale. 2. Aufl. 16 242 Laufbahn herbeiführen.„Sir Gervaiſe hat ihn ausgeſchickt, um nach Cherburg hinein zu ſpioniren.“ „Ja, ja, Sir, das wiſſen wir alle. Und da kommt er denn hoffentlich, um uns zu melden, daß Monsieur de Verrillin ſich endlich aufgerafft hat und uns wie ein Mann unter's Geſicht tre⸗ ten will. Wollt Ihr auch nach dem Segel ſchauen, Sir?“ Bluewater nahm das Glas, fuhr damit am Horizonte hin und hatte bald den gewünſchten Gegenſtand im Auge. Ein kurzer Ueberblick genügte für einen ſo erfahrenen Seemann! dann gab er dem Knaben das Glas wieder zurück. „Ihr habt flinke Augen, Sir,“ ſprach er, während er dies that;„es iſt in der That ein Kutter, der auf die Rhede losſteuert und ich glaube, Ihr habt vollkommen Recht, wenn Ihr ihn für den Active haltet.“ 8 „Das wäre doch eine weite Entfernung, um ein ſo kleines Fahrzeug zu erkennen!“ meinte Dutton und richtete ſein Glas gleichfalls nach dem Fremden. 1 „Ganz richtig, Sir,“ erwiederte der Knabe;„einen Freund muß man aber auch ſogleich erkennen, ſobald man ihn gewahr wird. Der Active führt eine längere und niedrigere Gaffel als jeder andere Kutter in der Marine und das iſt's gerade, wodurch wir ihn von dem Gnat— dem Kutter, den wir bei uns führen— unterſcheiden.“ „Ich bemerke mit Vergnügen, wie Eure Lordſchaft bereits ein ſo ſcharfer Beobachter geworden,“ antwortete Dutton verbindlich; vein ſicheres Zeichen, Mylord, daß Eure Lordſchaft ſeiner Zeit ein tüchtiger Seemann werden wird.“ „Geoffrey iſt bereits ein guter Seemann,“ bemerkte der Ad⸗ miral, welcher recht gut wußte, daß er dem Junker keine größere Freude machen konnte, als wenn er jeden Unterſchied des Ranges fallen ließ und ohne ſeinen Titel zu nennen, mit ihm oder über ihn nur als Verwandter ſprach, was er in Wirklichkeit auch war.„Er iſt 243 nun ſchon ſeine vier Jahre bei mir und kam im Alter von Zwoͤlfen auf mein Schiff. Zwei Jahre weiter und er gibt einen ſtattlichen Offizier.“ „Ja, Sir,“ antwortete Dutton, ſich erſt gegen den Einen und dann gegen den Andern verbeugend.„Ja, Sir, mit ſeinen be⸗ ſonderen Verdienſten, mit Eurer hochanſehnlichen Gunſt und ſeinem eigenen großen Namen darf ſich Seine Lordſchaft kecklich dieſen Ausſichten überlaſſen. Aha, Sir, da unten auf der Flotte haben ſie den Ankömmling auch ſchon bemerkt; die Flaggen ſind bereits in Bewegung.“ Beim Ankern der Flotte hatte Admiral Bluewater ſeine Schiffe ſo nahe beiſammen gehalten, als der Nebel nur immer erlauben wollte; denn eine der großen Schwierigkeiten für einen Komman⸗ danten zur See beſteht eben darin, in trübem, nebligem Wetter ſeine Schiffe in feſter, geſchloſſener Ordnung zu erhalten. Der Vorſicht halber hatte er übrigens am Tage zuvor den Befehl ge⸗ geben, daß, ſobald der Nebel ſich zertheilt hätte, eine Fregatte nebſt einer Schaluppe die Anker lichten und eine oder zwei Meilen in die offene See hinausſteuern ſollte, um einen möglichſt großen Theil des Horizonts zu überſehen. Um ſich bei dem leichten Winde und der heftig ſtrömenden Fluth auf der Stelle zu erhalten, hatten die beiden Schiffe Anker geworfen, das Eine ungefähr eine Meile von der Flotte entfernt, das Andere eine oder zwei Meilen darüber hinaus und weiter öſtlich. Die Schaluppe lag dem ankommenden Kutter am nächſten und ihre Signale flogen alsbald von dem großen Oberbramſtengentop zu der Fregatte, welche ſie unverweilt wiederholte, und dem Flaggenſchiff des oberſten Kommandirenden mittheilte. Bluewater war mit den gewöhnlichen Signalen ſo vertraut, daß er bei ihrer Erklärung nur ſelten zu dem Signalbuch ſeine Zuflucht nehmen mußte; im gegenwärtigen Falle gewahrte er augen⸗ blicklich, daß es wirklich die Nummer des Active war, welche ſigna⸗ 244 liſirt wurde. Dann folgten aber noch andere Signale, die der Contreadmiral ohne Hülfe ſeines Buchs nicht zu erkennen vermochte; aus Allem konnte er übrigens zu ſeiner Zufriedenheit ſo viel zu⸗ ſammen kombiniren, daß der Kutter wichtige Neuigkeiten über⸗ brachte, die er aber blos mit Zuratheziehung ſeines beſondern Signalbuchs verſtehen konnte. Während dieß Alles auf der Flotte vor ſich ging, langte der Wagen an, der Mrs. Dutton und Mildred nach dem Schloſſe ab⸗ holen ſollte. Bluewater ſtellte ſich nunmehr den Damen vor und wurde mit derſelben Freundlichkeit von ihnen aufgenommen, mit der ſie ſich wenige Stunden zuvor von ihm getrennt hatten. Beide waren nichts weniger als unangenehm überraſcht, als ſie vernah⸗ men, daß er ſie nach Sir Wycherly's Wohnung zurückgeleiten wollte. „Ich fürchte nur, dieſe Aufforderung bedeutet nichts Gutes,“ meinte Mrs. Dutton:„der alte Herr würde wohl ſchwerlich daran denken, uns zu ſich zu berufen, wenn ſein Geiſt nicht mit etwas ſehr Ernſtem beſchäftigt wäre; auch ſagte der Bote ausdrücklich, er befinde ſich noch nicht beſſer.“ „Das Alles werden wir erfahren, meine liebe Frau, ſobald wir das Schloß erreicht haben werden,“ erwiederte Bluewater;„je früher wir dahin gelangen, um deſto eher werden auch unſere Zweifel zerſtreut ſeyn. Ehe wir in den Wagen ſteigen, erlauben Sie mir, Sie mit meinem jungen Freunde, Lord Geoffrey Cleve⸗ land, bekannt zu machen, den ich mir die Freiheit nahm, zu unſerer Parthie einzuladen.“ Der hübſche junge Kadett wurde ſehr gut aufgenommen; doch war Mrs. Dutton durch ihr früheres Leben zu ſehr gewöhnt, mit Leuten von Stand umzugehen, als daß ſie dieſelbe Unterwürfigkeit wie ihr Gatte vor dem Rang des Knaben an den Tag gelegt hätte. Die Damen nahmen wie gewöhnlich den hinteren Sitz im Wagen ein, ſo daß ihren männlichen Begleitern der vordere über⸗ laſſen blieb. Dieſe Einrichtung brachte zufällig Mildred und den * 245 Kadetten einander gegenüber— ein Umſtand, der ſehr bald die Aufmerkſamkeit des Admirals auf eine wohl etwas ſonderbare, ja ſogar auffallende Weiſe auf ſich zog. Die Jugend birgt einen Reiz in ſich, wie keine andere Periode des Lebens ihn beſitzt und wie ſelbſt die Kindheit in ihrer hülfloſen Schöne kaum mit gleicher Gewalt— Einbildungskraft und Gefühl eines jeden Menſchen in Anſpruch nimmt. Die beiden jungen Leutchen beſaßen dieſen Vortheil in hohem Grade und wäre auch keine andere Eigenthümlichkeit hinzugekommen, ſo würde ſchon dieſer Anblick allein für einen Mann von Bluewater's wohlwollendem und richtig fühlendem Gemüth ein höchſt erfreulicher geweſen ſeyn. Der Knabe war ſechzehn vorüber— ein Alter, wo in Eng⸗ land wenigſtens der Jüngling noch nicht das Aeußere des Mannes an ſich trägt; er zeigte in ſeiner ganzen Erſcheinung noch den edlen, munteren Knaben, deſſen aufgewecktes Weſen durch einen Anflug von Schelmerei, Schalkhaftigkeit und Witz, wie ihn ein begabter Jüngling auf einem Kriegsſchiffe faſt immer anzunehmen pflegt, noch piquanter gemacht wurde. Nichtsdeſtoweniger ver⸗ kündeten ſeine Züge ein zartes Gefühl, verbunden mit einer ge⸗ wiſſen, treuherzigen Offenheit, die an einer Perſon ſeines Geſchlechts beſonders aufſtel und ſelbſt Mildred's Lieblichkeit gegenüber, bei all' ihrer Schönheit in Zügen, Haaren und Geſichtsfarbe, eine ganz beſondere Anziehungskraft ausübte. Es war ganz derſelbe Aus⸗ druck, der Bluewater'n an dem Mädchen ſo ſehr betroffen und entzückt hatte— der ihm ſeit dem geſtrigen Tage nicht mehr aus dem Sinne kam, da er ihm, neben dem, daß er ſo außergewöhnlich war, auch noch ganz beſonders bekannt erſchien, ohne daß er im Stande geweſen wäre, irgend ein Urbild dazu aufzufinden. Als aber das Mädchen nunmehr Lord Geoffrey gerade gegenüber ſaß, da fand der Contreadmiral mit einem Male zu ſeinem großen Erſtaunen zwiſchen ihr und dem hübſchen Knaben eine auffallende Aehnlichkeit gerade in demſelben Ausdruck der Geſichtsbilgung, welcher ——õõõlll—l—·8»-— 246 ihn an dem lieblichen Kinde ſchon ſo ſehr entzückt hatte. Jene geiſtvolle, herzgewinnende Miene war zwar bei dem jungen Cle⸗ poeeland bei Weitem nicht ſo auffallend, wie bei Mildred, und in der ſonſtigen Bildung der Züge und der Geſichtsform beſtand nur wenig Aehnlichkeit zwiſchen den Beiden; aber eben jener Aus⸗ druck war bei ihm wie bei ihr, und zwar ſo unverkennbar vorhanden, daß er dem Beſchauer, beſonders wenn beide, wie jetzt, in ſo naher Berührung miteinander waren— wohl kaum entgehen konnte. „Geoffrey Cleveland galt dafür, daß er ſeiner Mutter ſehr ähnlich ſehen ſollte— mit dieſer Bemerkung hatte Bluewater end⸗ lich einen Anhaltspunkt gewonnen und jetzt mit einem Male ward es ihm klar, daß das Weſen, welchem Mildred ſo durchaus und auffallend glich, eine verſtorbene Schweſter der Herzogin und ſeine eigene ihm ſo theure Couſine geweſen ſey. Miß Hedworth, die fragliche junge Dame, war ſchon lange todt; aber Alle, die ſie gekannt hatten, ſprachen noch immer mit der freundlichſten Erinnerung von den Reizen ihrer Perſon, wie ihres Geiſtes. Zwiſchen ihr und Bluewater hatte ein zartes Freund⸗ ſchaftsverhältniß beſtanden, das übrigens durch keinen Schatten von Leidenſchaft getrübt worden war— ein Umſtand, der, da Kapitän Bluewater faſt doppelt ſo alt wie ſeine Couſine war, eines Theils dem Unterſchied der Jahre, andern Theils aber auch wahrſcheinlich der unzertrennlichen Anhänglichkeit des Letzteren an ſeinen Stand und ſein Schiff zugeſchrieben werden mußte. Agnes Hedworth war übrigens aus verſchiedenen Gründen unſerem Seemanne ſehr theuer und ſogar noch weit werther geweſen, als ihre Schweſter, die Her⸗ zogin, obwohl dieſe zu ſeinen Lieblingen gehörte; und ſo fand der Contreadmiral mit wahrer Herzensfreude, indem er mit Blitzesſchnelle dem Ideengange folgte, der ihm ſo unerwartet Mildred's Aehnlich⸗ keit mit jenem hochverehrten Gegenſtande klar machte— daß er hier, 3 ohne es ſelbſt zu wiſſen, durch ein Weſen angezogen worden war, an dem nun jedes Lächeln, jeder Blick ihm mit Gewalt das Bild ☛ 147 einer andern Perſon aufdrängte, die er ſeiner Zeit nahezu für vollkommen gehalten und deßhalb ſo innig verehrt hatte. Seine Freude blieb übrigens aus verſchiedenen Urſachen durch Trauer getrübt und die kurze Fahrt nach dem Schloſſe geſchah deßhalb in einer ſo melancholiſchen Stimmung, daß wohl Niemand von der Geſellſchaft es bedauerte, als ſie zu Ende war. Zwölftes Kapitel. Nat. In der That, Meiſter Holofernes, Ihr wechſelt recht anmu⸗ thig mit denen Prädikaten, recht wie ein Schriftgelehrter; allein laßt mich Euch verſichern, Sir, es war ein Bock vom erſten Geweih.. Hol. Sir Nathanael, haud credo. Bull. Es war keine Hautkrähe, ſondern ein Spießer. Der Liebe Müh’ umſonſt. Jede Spur der für das Leben zu Wychecombe⸗Hall ſo charak⸗ teriſtiſchen fröhlichen Sorgloſigkeit war verſchwunden, als die alte Herrenkutſche in den Hofraum fuhr, um die Geſellſchaft, welche ſie von dem Stationshauſe hereingeführt hatte, ausſteigen zu laſſen. Da Niemand als Mrs. Dutton und ihre Tochter erwartet wurde, ſo erſchien nicht ein einziger Bedienter, um den Wagenſchlag zu öffnen; der Pöbel unter der Dienerſchaft ſucht ſich ja gewöhnlich für die Huldigungen, die er dem Mächtigen darbringt, dadurch zu rächen, daß er gegen Schwächere ſo viel Geringſchätzung als mög⸗ lich an den Tag legt. Galleygo half den Angekommenen aus dem Wagen und war ſomit auch der Erſte, an welchen Nachfragen über den Stand der Dinge im Hauſe gerichtet werden konnten. „Nun, Galleygo,“ begann Admiral Bluewater, mit ernſtem Blick an den Hofmeiſter ſich wendend;„wie ſteht's mit Sir Wy⸗ cherly und was gibt's Neues?“ 248 „Sir Wycherly ſteht noch auf der Krankenliſte, Euer Gnaden, und ich glaube, ſein Fall iſt als ein ſehr gefährlicher aufgezeichnet. Wir ſelbſt befinden uns ſo wohl, als ſich erwarten läßt und ſind noch immer gutes Muths. Sir Jarvy ſtand ſchon mit Sonnen⸗ aufgang auf und war doch erſt um die Hälfte der Mittelwacht zu Bett gegangen— um 2 Uhr, wie man's hier im Hauſe nennt— auf dem alten Planter würden wir's 4 Uhr heißen— und die Hühner ſind, wie ich hore, um einen Schilling das Stück geſtiegen, ſeit wir mit unſerem erſten Boote landeten.“ „Es iſt eine traurige Geſchichte, Mrs. Dutton; ich fürchte, es iſt nur wenig Hoffnung vorhanden.“ „Ja, ja, Admiral Blue, ſo ſteht's jetzt,“ fuhr Galleygo, welcher der Geſellſchaft in das Haus gefolgt war, unverdroſſen fort, trotz dem daß Niemand als er ſelbſt, ein Wort von dem, was er ſprach, vernahm:„und's wird wohl noch ſchlimmer werden, ehe ſich's beſſer geſtaltet. Ich höre, die Kartoffeln haben auch noch aufgeſchlagen; nun wenn einmal all' die Burſche unſerer geſammten jungen Herren auf der Flotte wie eben ſo viele wilde hegyptiſche Heuſchrecken ausgeflogen ſind— dann erwarte ich auch gar nichts Beſſeres, als daß unſer Tiſch ſo ärmlich ausſehen wird, wie jener der Kinder Iſrael auf ihrem Rückzug.“ Im Schloſſe trat Tom Wychecombe und ſein Namensvetter, der Lieutenant, zu der Geſellſchaft. Der Erſtere beſtätigte in ſeiner angenommenen Hoffnungsloſigkeit alle ihre Beſorgniſſe. Der Letztere dagegen war fröhlicher geſtimmt und nicht ganz ohne Hoffnung, was er auch ohne Zögern offen bekannte. „Was mich betrifft,“ ſprach er,„ſo muß ich geſtehen, ich halte Sir Wycherly's Zuſtand für weit beſſer, wenn gleich meine Meinung durch die der Aerzte eben nicht beſtätigt wird. Schon ſein Wunſch, die Damen hier zu ſehen, iſt ein günſtiges Zei⸗ chen und dann ſind durch den Boten, der erſt vor acht Stunden an ſeinen Anverwandten, Sir Reginald Wychecombe, abgeſendet 249 worden, bereits ſehr gute Nachrichten eingelaufen. Seit dieſe Meldung ihm überbracht wurde, iſt der Kranke wieder ſichtlich aufgelebt.“ „Ach, mein theurer Namensvetter!“ erwiederte Tom mit trau⸗ rigem Kopfſchütteln;„Ihr könnt meines geliebten Oheims Konſti⸗ tution und Stimmung unmöglich ſo gut kennen als ich ſelbſt! Verlaßt Euch drauf, die Aerzte haben Recht und Eure Hoffnungen ſind nur trügeriſch. Daß mein verehrter Onkel Mrs. Dutton und Miß Mildred, die er beide verehrt und hochſchätzt, zu ſich berufen ließ, ſieht eher aus, als ob er von Ihnen Abſchied nehmen wollte, und was Sir Reginald Wychecombe betrifft— der zwar ohne Zweifel ein Anverwandter iſt— ſo glaube ich, daß ſeine Berufung auf einem Mißverſtändniſſe beruht, denn er wird von dem älteren Zweige der Familie kaum als Seitenverwandter anerkannt und ſtammt nur von dem Halbblute.“ „Halb— was, Mr. Thomas Wychecombe?“ hörte man den Viceadmiral ſo unerwartet hinter dem Sprechenden fragen, daß alle Anweſenden plötzlich zuſammenſchracken. Sir Gervaiſe hatte ſich nämlich beeilt, ſeinem Freunde ſo wie den beiden Damen ent⸗ gegen zu gehen, ſo bald er deren Ankunft erfahren hatte.„Ich bitte wegen meiner plötzlichen Frage um Verzeihung, Sir; da ich übrigens derjenige war, der Sir Reginald Wychecombe herbeirufen ließ, ſo fühle ich ein beſonderes Intereſſe, ſeine Verwandtſchaft mit meinem Wirthe genau kennen zu lernen.“— Tom war bei der unerwarteten Frage zuſammengeſchrocken und ſehr blaß geworden; nach einiger Zeit ſtieg ihm jedoch das Blut wieder bis in die Schläfe— er wurde ruhiger und gab endlich mit feſter Stimme zur Antwort: „Halbblut, Sir Gervaiſe. Es iſt dieß ein Verwandtſchafts⸗ grad, der den Betheiligten aus der Liſte der zur Nachfolge Berech⸗ tigten ausſtreicht und der hier ſomit natürlich auch jede Nothwendig⸗ keit oder den Wunſch, Sir Reginald zu ſehen, von ſelbſt aufhebt.“ „Halbblut— habt Ihr's gehört, Atwood 2“ flüſterte der 250 Viceadmiral ſeitwärts gegen ſeinen Sekretär gewendet, der ihm die Treppe herab gefolgt war. Das könnte endlich das Räthſel löſen! Wißt Ihr vielleicht, was Halbblut bedeutet? Es kann doch nicht wohl heißen, Sir Reginald ſtamme von einer Perſon, die keinen Vater hat und deren ganze Ahnenreihe aus der einzigen Mutter beſtünde?“ „Ich denke nicht, Sir Gervaiſe. In dieſem Falle würde man Sir Reginald wohl kaum eine ſo ehrbare Abſtammung zuſchreiben, wie dieß wirklich der Fall zu ſeyn ſcheint. Ich habe nicht die ge⸗ ringſte Idee davon, Sir, was Halbblut bedeuten mag; vielleicht wäre es nicht ſo übel, wenn wir die Aerzte darüber befragten. Magrath iſt eben jetzt oben; vielleicht daß er es uns ſagen kann.“ „Ich glaube eher, das Ding hängt mit dem Jus zuſammen. Wenn nur dieſer außer aller Welt gelegene Ort wenigſtens irgend einen auch noch ſo lumpigen Anwalt aufzuweiſen hätte, dann könnten wir wohl Alles erfahren. Hört Ihr, Atwood, Ihr müßt Sir Wycherly's Teſtament aufſetzen helfen, wenn er noch einmal davon anfangen ſollte. Habt Ihr die Einleitung ſchon fertig, wie ich gewünſcht habe?“ „Iſt Alles fertig, Sir Gervaiſe— beginnt, wie gewöͤhnlich: „Im Namen Gottes, Amen!“ Ich bin ſogar ſchon weiter gekom⸗ men und habe des Erblaſſers Titel und Wohnort ꝛc. ꝛc. aufge⸗ zeichnet: ‚Ich, Sir Wycherly Wychecombe, Baronet auf Wyche⸗ combe⸗Hall in Devonſhire, thue hiemit kund und zu wiſſen, daß dieß mein letzter Wille und Teſtament iſte ꝛc. ꝛc. Es fehlt nichts mehr als die Legate ſelbſt, wie's die Advokaten nennen. Ich kann, glaub' ich, ſchon mit dem Abfaſſen von Teſtamenten umgehen, Sir Gervaiſe. Schon vor fünf Jahren iſt eine derartige Urkunde von meiner Hand vor den Gerichtshof gekommen und ſoll dort, wie man mir ſagt, eben ſo gut erfunden worden ſeyn, als ob ſie im Tempel ſelbſt aufgeſetzt worden waͤre.“ „Ja, ja, Eure Geſchicklichkeit iſt mir recht wohl bekannt. ₰ 80 251 Jedenfalls wird es aber nichts ſchaden, wenn wir Magrath um Rath fragen, obwohl das Ganze beſtimmt mit dem Geſetze zuſam⸗ menhängt. Geht einmal hinauf, Atwood und fragt ihn, Ihr könnt mir hernach die Antwort in das Geſellſchaftszimmer bringen, wohin Bluewater, wie ich ſehe, mit ſeinen Begleitern bereits vorausge⸗ gangen iſt; und hört Ihr, vergeßt mir ja nicht, den Doktoren zu ſagen, daß ſie's uns augenblicklich wiſſen laſſen ſollen, ſobald der Kranke irgend etwas von ſeinen zeitlichen Angelegenheiten zu ſprechen anfängt. Die Zwanzig Tauſend in den Fonds find jedenfalls ſein Eigenthum, und darüber kann er nach Belieben verfügen, wie dann auch ſeine Herrſchaft ſich vererben mag.“ Während dieſes„bei Seite auf dem Korridor vor ſich ging, war Bluewater mit dem Reſt der Geſellſchaft in ein kleines Wohn⸗ zimmer getreten, das beſtändig im Gebrauch war, und noch immer handelte ihr Geſpräch von Sir Wycherly's Zuſtand. Da mit Aus⸗ nahme der beiden jungen Männer die ganze übrige Geſellſchaft mit dem Zweck der an Sir Reginald Wychecombe ergangenen Botſchaft, ſo wie mit dem Reſultat der von letzterem Herrn eingelaufenen Antwort unbekannt war, ſo hatte Mrs. Dutton um eine Erläu⸗ terung gebeten; dieſe wurde auch von Wycherly mit einer Bereit⸗ willigkeit gegeben, welche bewies, daß er wenigſtens in der Sache nichts zu fürchten hatte. „Sir Wycherly wünſchte, Sir Reginald, ſeinen entfernten Verwandten, bei ſich zu ſehen,“ bemerkte der Lieutenant;„glück⸗ licher Weiſe erfuhr der Bote, der nach ihm ausgeſchickt worden war, von einem Poſtknecht, daß der Hertfordſhirer Baronet im gegenwärtigen Augenblick in Gemeinſchaft mit mehreren anderen Edelleuten eine Tour durch den Weſten von England mache und heute Nacht nur zwanzig Meilen von hier auf einem Landſitze über⸗ nachtet habe. So traf ihn der Eilbote ſchon vor mehreren Stunden und brachte die Antwort zurück, daß wir ihn in einer oder zwei Stunden erwarten dürften.“ So weit ging Wycherly's Bericht. Wir ſelbſt wollen den⸗ ſelben vervollſtändigen, indem wir den Leſer benachrichtigen, daß Sir Reginald Wychecombe ein Katholik— wie man damals die Anhänger der römiſchen Kirche nannte— und insgeheim auch Ja⸗ kobite war und daß ſeine in Gemeinſchaft mit mehreren Konfeſſions⸗ verwandten im Weſten unternommene Reiſe keinen andern Zweck hatte, als wo möglich in dieſem Theile des Königreichs einen Auf⸗ ſtand zu organiſiren, um dadurch jeden Verſuch, den jungen Prä⸗ tendenten im Norden zu verdrängen, nach dieſer Richtung abzuleiten. Da die Verſchwörer nur mit der äußerſten Vorſicht zu Werke gingen, ſo ahnte außer Denen, die in das ganze Geheimniß ein⸗ geweiht waren, ſonſt Niemand etwas von der Sache. Sir Regi⸗ nald wußte, daß ſein Anverwandter ein einflußloſer alter Mann war und ſo hatte er ſelbſt, als thätiger und ſcharfſinniger Intri⸗ guant, den Beſchluß gefaßt, ſich dem alten Stammſitze ſeiner Familie zu nähern, um ſich ſelbſt zu überzeugen, ob ſein Name und ſeine Abkunft ihm nicht behülflich ſeyn könnten, unter den erblichen Pächterfamilien des Guts für ſeine Zwecke Rekruten zu werben. Es war ſogar ſeine Abſicht geweſen, am heutigen Tage verkleidet und unter einem angenommenen Namen in Wychecombe ſelbſt auf⸗ zutreten. Er wollte dieſen Schritt aus dem Grunde wagen, weil die Umſtände es in ſeine Hände legten, ſein Vorhaben, auch wenn es Tadel erwecken ſollte, dennoch, wie er glaubte, genü⸗ gend zu entſchuldigen. Sir Reginald Wychecombe war ein Charakter, in welchem Verſchlagenheit und Rechtlichkeit auf eigenthümliche, obgleich keines⸗ wegs unnatürliche Weiſe gepaart waren. Seine Stellung als Papiſt hatte ihn zur Intrigue getrieben und ſeine Verhältniſſe als ein durch religiöſen Haß Proſcribirter ihn hinwieder zu einem um ſo eifrigeren Anhänger des Papismus gemacht. Tauſende werden durch Aechtung und Verfolgung zu unternehmenden und ſogar wichtigen Männern geſtempelt, welche ihre Tage ruhig und unbemerkt verlebt haben 253 würden, wenn nicht die vermittelnde Hand menſchlichen Vorbedachts ſie in Lagen geführt hätte, die ihre Feindſeligkeit erweckten und ihre moraliſche Kraft in der Entwicklung beſchleunigten. Der Baronet glaubte ſteif und feſt an alle Ueberlieferungen ſeiner Kirche, wenn gleich ſeine Gelehrſamkeit ſich kaum über das Meßbuch erſtreckte, und ſetzte das unbedingteſte Vertrauen in die ſo unwahrſcheinliche und darum ſo abgeſchmackte Geſchichte mancher Heiligſprechung, ohne es nur ein einziges Mal für nöthig zu halten, einen Blick in jene Urkunde zu werfen, welche allein einen ſolchen Streit entſcheiden konnte. Mit einem Wort, er war ein abermaliger Beleg für die Erfahrung, was alles religiöſe In⸗ toleranz aus einem ſo wunderlichen Geſchöpfe, wie der Menſch eines iſt, zu ſchaffen vermochte und aller Wahrſcheinlichkeit nach auch in Zukunft zu ſchaffen vermögen wird. Abgeſehen von dieſer Schwäche war Sir Reginald Wyche combe ein ſchlauer, ſcharfblickender Mann. In Religionsſachen ließ er größtentheils die Prieſter walten; ſeine zeitlichen Angelegenheiten aber behielt er ſelbſt als kluger Mann höchſt vorſichtig im Auge. Er war viel reicher als das Haupt der Familie und dabei nichts weniger als ein filziger Geizhals zu nennen; dennoch hätte er gar nichts dagegen gehabt, wenn die alte Familienherrſchaft ſein Eigen⸗ thum geworden wäre. Sein eigener Verwandtſchaftsgrad mit dem Haupte der Familie war ihm recht wohl bekannt und der Umſtand mit dem Halbblut nebſt deſſen geſetzlichen Folgen war ihm kein Geheimniß. Sir Reginald Wychecombe war nicht der Mann, der eine ſolche Lage nicht benützt und zu allen geeigneten Mitteln ſeine Zuflucht genommen hätte, um ‚ſeine Stellung zu definiren, wie man dieß in neuerer Zeit mit einem Modeausdruck zu benennen pflegt. Mit Huülfe eines pfiffigen Advokaten von ſeiner eigenen politiſchen Parthei, wenn auch nicht von denſelben religiöſen An⸗ ſichten— hatte er ſich und zwar aus Martha's eigenem Munde von der Thatſache überzeugt, daß Baron Wychecombe niemals verhei⸗ rathet geweſen war und folglich Tom und ſeine Brüder mit keinem beſſeren Rechte als er ſelbſt auf die Wychecombe'ſche Herrſchaft Erbſchaftsanſprüche erheben konnten. Auch begriff er vollkommen, daß gar kein geſetzlicher Erbe vorhanden war und daß die Güter ſomit an die Krone heimfallen mußten, wenn nicht etwa der zeit⸗ liche Beſitzer ein Teſtament hinterließe; was dieſes Letztere betraf, ſo wußte er auch aus ſehr guter Quelle, daß Sir Wycherly einen unüberwindlichen Widerwillen dagegen hegte. Unter ſolchen Umſtänden wird es wohl kaum überraſchen, wenn der Hertfordſhirer Baronet bei dieſer unerwarteten Einladung an das Krankenlager ſeines entfernten Verwandten ſich nichts anderes einbildete, als daß ſeine eigenen Anſprüche zuletzt doch noch, wenn auch ſpät, anerkannt worden ſeyen und daß er nun ſelbſt in den Beſttz der Güter ſeiner anerkannten Vorfahren eingeſetzt werden ſollte. Noch weniger wird man ſich wundern, wenn er, von dieſer Anſicht ausgehend, der Aufforderung ohne Zaudern zu willfahren verſprach, und ſeine politiſchen Intereſſen auf Augenblicke hintan⸗ zuſetzen beſchloß, um doch auch ein wenig auf ſeinen zeitlichen Vortheil Bedacht zu nehmen. Der Leſer wird ſich übrigens erinnern, daß Sir Reginald's erwartete Ankunft und den Umſtand mit dem Halbblute ausgenom⸗ men— letzteren wußte übrigens Tom allein in ſeiner wahren Bedeutung zu würdigen— alle übrigen Details den Bewohnern von Wychecombe— unbekannt waren. Ihre Gedanken waren auf den Zuſtand ihres Wirthes gerichtet und deßhalb wurde denn auch nur wenig geſagt oder gethan, was nicht dieſe ſeine beſondere Lage zum Gegenſtande gehabt hätte. Da man übrigens wußte, daß die Aerzte das Krankenzimmer vor jedem Beſuche ſtreng ver⸗ ſchloſſen hielten, ſo nahm die ganze Geſellſchaft einſtweilen in melancholiſchem Schweigen ein Frühſtück ein und erwartete gedul⸗ dig den Augenblick, wo ſie bei dem Patienten vorgelaſſen werden 255 würden. Als das freudenloſe Mahl vorüber war, lud Sir Gervaiſe ſeinen Freund Bluewater ein, ihm auf ſein Zimmer zu folgen, wohin er ihm in eigener Perſon voranging. „Es iſt allerdings möglich, daß Vervillin ausgeflogen iſt,“ begann der Viceadmiral, ſobald ſie allein waren;„doch werden wir bald mehr von der Sache erfahren, wenn der Kutter mit ſei⸗ nen Berichten bei uns angelangt ſeyn wird. Du ſahſt blos die Nummer— nicht wahr, ſo ſagteſt Du mir doch?“. „Er ſteckte eben ſeine geheimen Signale auf, als ich die Land⸗ ſpitze verließ; natürlich konnte ich ſie ohne Beihülfe meines Buchs nicht wohl verſtehen.“ „Dieſer Vervillin iſt ein braver Burſche,“ erwiederte Sir Ger⸗ vaiſe und rieb ſich die Hände— was er immer that, wenn er ver⸗ gnügt war—„und's iſt auch was Tüchtiges hinter ihm. Er hat dreizehn Zweidecker bei ſich, Dick; ſo kommt gerade auf jeden un⸗ ſerer Kapitäns ein Schiff und dann iſt noch eines für unſere bei⸗ den Flaggenſchiffe übrig. Ich glaube doch, es iſt kein Dreidecker unter ſeinem Geſchwader?“ „Darin, Sir Gervaiſe, irrt Ihr Euch ein klein wenig, denn der Graf von Vervillin hat ſeine Flagge auf dem größten Drei⸗ decker von Frankreich— dem Bourbon von 120 Kanonen— aufgepflanzt. Seine übrigen Schiffe ſind unſern eigenen gleich, nur viel zahlreicher bemannt.“ „Thut nichts, Blue— hat nichts zu ſagen:— wir wollen zwei gegen den Bourbon ſchicken und dann gehörigen Gebrauch von unſern Fregatten machen. Ueberdieß haſt Du ja eine beſon⸗ dere Fertigkeit darin, Deine Flotte ſo dicht beiſammen zu behalten, daß ſie faſt nur eine einzige Batterie bildet.“ „Darf ich mir wohl die Frage erlauben, ob Du für den Fall, daß des Schooners Neuigkeiten Deine jetzige Vermuthung beſtätigen ſollten, ohne weiteren Verzug auszulaufen gedenkſt?“ Sir Gervaiſe warf einen raſchen, mißtrauiſchen Blick auf ſeinen Freund und hätte gar zu gern den Beweggrund zu dieſer Frage in deſſen Geſichte geleſen, ohne zu gleicher Zeit ſeine eige⸗ nen Geſinnungen zu verrathen; dann ſchien er ſich auf eine Ant⸗ wort zu beſinnen. Es iſt nicht ſonderlich angenehm, hier zu liegen und uns an den Ankertauen wund zu reiben, während ein franzöſiſches Geſchwader im Kanale umherſchwärmt,“ bemerkte er endlich;„unter den gegenwärtigen Umſtänden halte ich es aber doch für meine Schuldigkeit, zuvor die Befehle der Admiralität abzuwarten.“ „Glaubſt Du, die Lords werden Dich durch die Meerenge von Dover zur Blokade des Frith abſenden?“ „Wenn ſie's thun, Bluewater, ſo hoffe ich, wirſt Du mir Geſellſchaft leiſten. Ich hoffe, Dein eigenes Nachdenken während der heutigen Nacht wird Deine Anſichten über die Pflichten eines Seemanns, deſſen Vaterland mit ſeinen älteſten und mächtigſten Feinden in offenem Kampfe begriffen iſt, um ein Gutes geändert haben.“ „Es gehört zu den Prärogativen der Krone, den Krieg zu erklären— ſo weit haſt Du Recht, Oakes. Aber Niemand als ein geſetzmäßiger Souverain kann einen geſetzmäßigen Krieg beginnen.“ „Ach, da kommen ſchon wieder Deine verdammten Unter⸗ ſcheidungen über das de jure und de facto.— Halt, da fällt mir etwas ein, Dick; Du biſt ja doch ſo eine Art von Gelehrtem: kannſt Du mir ſagen, was man darunter verſteht, wenn man Je⸗ mand einen Nullus nennt?“ Admiral Bluewater hatte bereits wieder in dem bequemſten Stuhle, den er finden konnte, ſeine gewöhnliche nachläſſige Stel⸗ lung eingenommen, während ſein ungeduldiger Freund fortwährend im Zimmer auf und ab ging; jetzt aber richtete er voll Erſtaunen ſeine Blicke empor und folgte den raſchen Bewegungen des Andern, als zweifelte er, ob er deſſen Frage auch recht verſtanden habe. 257 „Es iſt doch deutliches Engliſch, oder nicht? meinethalben auch deutliches Latein— wenn Du ſo willſt; was verſteht man darunter, wenn man Jemand einen Nullus nennt?“ wiederholte Sir Gervaiſe, den andern ſcharf beobachtend. „Das Latein iſt allerdingsdeutlich genug,“ antwortete Bluewater lächelnd:„Du meinſt doch nicht etwa gar— nullus, nulla, nullum?“ „Nichts anderes: Du haſt's bis auf's Genus genau getroffen. Nullus, nulla, nullum. Keiner, keine, keines. Masculinum, Femininum, Neutrum.“ „Den Ausdruck habe ich noch nie gehört. Wenn er überhaupt gebräuchlich iſt, ſo muß er wohl irgend ein thörichtes Wortſpiel bedeuten— vielleicht heißt es ſo viel wie— Einfaltspinſel— oder iſt es auch eine hämiſche Anſpielung auf den Stand eines Men⸗ ſchen, indem man ihn einen Niemand' nennt. Wer zum Teufel hat es aber gewagt, in Gegenwart des kommandirenden Admirals des ſüdlichen Geſchwaders einen Andern einen— Nullus— zu heißen?“ „Sir Wycherly Wychecombe, unſer unglücklicher Wirth; der⸗ ſelbe arme Mann, der in unſerer Nähe auf ſeinem Todtenbette liegt.“ Bluewater erhob abermals das Haupt und noch einmal ſuch⸗ ten ſeine Augen in des Anderen Zügen zu leſen. Sir Gervaiſe hatte in ſeinem Spaziergange inne gehalten und ſtand, die Arme über den Rücken gekreuzt, vor ſeinem Freunde, den er, in Erwar⸗ tung einer Antwort, aufmerkſam anſah. „Ich hätte geglaubt, die Schwierigkeit rühre von der Flotte her— vielleicht irgend ein Narr, der ſich über einen noch größeren Narren beklagte, weil dieſer jenes Wort gebrauchte!— Sir Wycherly?— der arme Mann muß irre geredet haben!“ „Ich glaube nicht; und wenn auch, ſo iſt„Methode in ſeinem Wahnſinne, denn er blieb zu unſerem höchſten Erſtaunen mit uner⸗ ſchütterlicher Beharrlichkeit bei dieſem ſeinem Ausdrucke ſtehen. Sein Neffe, Tom Wychecombe, der muthmaßliche Erbe, iſt, wie er ſteif und feſt behauptet, ein nullus, und dihſer Sir Reginald, Die beiden Admirale. 2. Aufl. deſſen Ankunft wir jeden Augenblick erwarten, iſt, wie er ſagt, blos halb oder vom Halbblut, wie uns unterdeſſen erklärt wurde.“ „Ich fürchte ſehr, dieſer Neffe wird ſich, wenn er erſt einmal Titel und Beſitz der Herrſchaft erlangt, als etwas ganz anderes denn als ein nullus erweiſen,“ gab Bluewater ernſthaft zur Antwort. „Ein finſtrerer, unheimlicherer Geſelle iſt mir noch nie vor Augen gekommen.“ „Das iſt gerade auch meine Meinung; zudem ſteht er der Familie auch gar nicht ähnlich.“ „Das Kapitel der Aehnlichkeiten iſt ein Thema, Oakes, das nicht leicht zu erklären iſt. Wir finden oft Aeltern und Kinder ohne die geringſte Aehnlichkeit unter einander, während wir wieder bei völlig fremden Perſonen die erſtaunlichſte Gleichartigkeit antreffen.“ „Junggeſellen⸗Kinderl ja, bei denen mag das wohl vor⸗ kommen, ſonſt aber wohl nicht. Ich habe noch nie ein Kind be⸗ trachtet, ohne daß ich irgend eine Aehnlichkeit mit beiden Eltern entdeckt hätte, welche, wenn auch verſteckt und nur vorübergehend vorhanden, doch jedenfalls ſo deutlich war, daß kein Zweifel an einer Verwandtſchaft bleiben konnte.— Was das aber für ein verdammter Zufall iſt, daß unſer ſtattlicher junger Lieutenant kei⸗ nerlei Anſprüche an dieſen alten Baronet beſitzen ſoll, während dieſer verteufelte nullus geſetzlicher Majoratserbe iſt. Noch nie in meinem Leben habe ich nur halb ſo viel Antheil an dem Erbe eines Menſchen genommen, als ich mich jetzt für die Feſtſetzung der Nach⸗ folge bei unſerem armen Wirthe intereſſire.“ „Das iſt wieder ein kleines Mißverſtändniß, Oakes; an mei⸗ nem Teſtamente haſt Du noch bedeutenderen Antheil genommen; denn als ich eines Tags ein ſolches zu Deinen Gunſten verfaßte und Dir zu leſen gab, riſſeſt Du's entzwei und warfſt es mit eige⸗ ner Hand über Bord.“ „Ja, ja, und dazu hatte ich auch alles Recht. Als Dein Vorgeſetzter mußte ich jenes Teſtament niederſchlagen. Ich hoffe, 8ι△ 8ι△ 259 Du haſt ein anderes abgefaßt und Dein Vermögen Deinem Vetter, dem Viscount, vermacht. „Ein neues habe ich zwar gemacht, doch theilt es in dieſem Punkte wenigſtens das Loos des früheren. Ich hielt dafür, daß wir am Vorabend wichtiger Ereigniſſe ſtehen, und daß Bluewater überdieß reich genug ſey; ſo vernichtete ich das Inſtrument, das ich zu ſeinen Gunſten angefertigt hatte, und ſetzte erſt heute Morgen ein neues auf. Da Du, wie gewöhnlich, deſſen Vollſtrecker biſt, ſo werde ich wohl gut thun, wenn ich Dich daſſelbe leſen laſſe.“ „Dick! Du biſt doch hoffentlich nicht ſo thöricht geweſen, und haſt das Haupt Deiner eigenen Familie, Dein eigen Fleiſch und Blut, aus Deinem Teſtamente getilgt, um die paar tauſend Pfund, die Du beſttzſt, dieſem tollen ſchottiſchen Abenteurer zu hinterlaſſen?“ Bei dieſem neuen Beweiſe von der Vertrautheit ſeines Freun⸗ des mit ſeiner eigenen Art zu denken und zu fühlen— mußte Blue⸗ water unwillkürlich lächeln. Im erſten Augenblicke wollte er ſo⸗ gar bedauern, daß er ſein früheres Vorhaben nicht wirklich ausgeführt hatte, wodurch die Dioinationsgabe des Viceadmirals allerdings noch klarer an's Licht getreten wäre; doch zog er endlich das Inſtrument aus ſeiner Taſche und überreichte es Sir Gervaiſe mit gleichgültiger Miene. „Hier iſt das Teſtament,“ ſprach er;„überlies es, dann wirſt Du erfahren, was ich gethan habe. Ich wünſche, Du möchteſt es bei Dir behalten, denn gleich wie ‚das Unglück uns mit den ſon⸗ derbarſten Bettgenoſſen zuſammenführt“, ſo können uns Revolu⸗ tionen oft in die unerwartetſten Situationen verſetzen und das Pa⸗ pier iſt bei Dir jedenfalls ſicherer als bei mir aufgehoben. Natür⸗ lich bewahrſt Du mein Geheimniß, bis die geeignete Zeit zur Ent⸗ hüllung deſſelben gekommen ſeyn wird.“ Der Viceadmiral wußte recht wohl, daß bei der Vermö⸗ gensverfügung ſeines Freundes ſein eigenes Intereſſe nicht berührt ſeyn konnte, empfing aber das Inſtrument dennoch mit ziemlicher 260 Neugierde zur Durchſicht. Ein ſo kurzes Teſtament war bald ge⸗ leſen; ſein Auge haftete aber aufmerkſam auf dem Papier, bis er mit dem letzten Worte fertig war. Dann ließ er die Hand ſinken und ſchaute Bluewatern mit einem Erſtaunen an, das er weder zu erkünſteln brauchte noch auch zu verbergen ſtrebte. Er zweifelte keineswegs an ſeines Freundes geſundem Verſtand; dagegen ſchien ihm deſſen Klugheit ſtark in Frage zu ſtehen. „Das iſt nun allerdings eine höchſt einfache, aber auch höchſt ſinnreiche Verfügung,“ begann er,„wenn ſich's drum handelt, die Ordnung der menſchlichen Geſellſchaft zu ſtören und ein höchſt be⸗ ſcheidenes und anſpruchloſes, wenn auch noch ſo liebenswürdiges Mädchen in ein anmaßendes, aufgeblaſenes altes Weib zu verwan⸗ deln! Was in aller Welt kann dieſe Mildred Dutton Dir ſeyn, daß Du ihr 30,000 Pf. vermachſt?“ „Sie iſt eine der Sanfteſten, Edelſten, Reinſten und Lie⸗ benswürdigſten unter ihrem ganzen ſanften, edlen, reinen und liebenswürdigen Geſchlechte; dabei wurde ſie nur durch den Fluch eines brutalen, trunkſüchtigen Vaters in ihre gegenwärtige Lage herabgedrückt und es iſt nun einmal mein feſter Wille, daß das Leben hier wenigſtens für das Elend, das es auferlegt, auch einigermaßen Vergütung leiſten foll.“ „Daran darfſt Du niemals zweifeln, Richard Blu ewater, ge⸗ wiß— niemals. Es iſt ſo unzweifelhaft wahr, daß jedes Laſter oder Verbrechen ſchon in dieſem Leben ſeine Strafe zu tragen hat, daß man wohl fragen könnte, ob es noch einer weiteren Hölle für den Menſchen bedürfe? Darum verlaß Dich darauf, Dein Id eal ſanfter, edler Beſcheidenheit wird nicht ohne Belohnung ausgehen.“ „Vollkommen richtig, ſo weit es den Geiſt betrifft; ich will aber auch ein wenig auf das Wohlergehen des Körpers bedacht ſeyn. Du erinnerſt Dich doch noch der Agnes Hedworth, oder nicht?“ „Ob ich mich ihrer erinnere!— welche Frage! Hätte mir der Krieg Zeit zur Liebe gelaſſen, Dick, von allen Frauen, die ich 261 kannte, ſie wäͤre die einzige geweſen, zu deren Füßen ich mich— und zwar wie ein Hund hätte niederlegen können.“ „Erkennſt Du keine Aehnlichkeit zwiſchen ihr und dieſer Mildred Dutton? Sie liegt mehr im Ausdruck, als in den Geſichtszügen, aber eben der Ausdruck iſt es ja, der allein den Charakter verkündet.“ „Bei St. Georg! Du haſt Recht, Bluewater; und dieß be⸗ nimmt mir wieder einigermaßen die Verlegenheit, worin ich mich eben wegen jenes Ausdruckes befand, von dem Du jetzt ſprichſt. Sie iſt ganz wie die arme Agnes, die viel früher, als jeder von uns wünſchen konnte, zu den Heiligen verſammelt wurde. Lebend oder todt, Agnes Hedworth muß ein Engel ſeyn! Du liebteſt ſie wie ich glaube, mehr als jedes andere weibliche Weſen! Einmal ſogar glaubte ich, Du würdeſt ihr Deine Hand anbieten.“ 4 „Meine Zuneigung war nicht von dieſer Art; Du mußt auch die geheime Geſchichte ihres Lebens nicht gekannt haben, ſonſt hätteſt Du nicht an ſo Etwas denken konnen. Meine eigen⸗ thümliche Stellung ihr gegenüber war der Art, daß Agnes, ob⸗ wohl mit mir nur Geſchwiſterkind, doch die nächſte weibliche Ver⸗ wandte war, die ich beſaß und ich betrachtete ſie mehr wie eine Schweſter als wie ein Weſen, das dermaleinſt mein Weib werden könnte. Sie war um ſechszehn Jahre jünger als ich, und als ſie endlich das nöthige Alter zum Heirathen erreicht hatte, war ich ſchon gewöhnt, ſie als eine Perſon zu betrachten, die für eine an⸗ dere Stellung beſtimmt war. Auch ihrer Schweſter, der Herzogin, gegenüber, beſtand von meiner Seite daſſelbe Gefühl, obwohl in weit ſchwächerem Grade.“ „Arme, ſüße Agnes! Und wegen dieſer zufälligen Aehnlichkeit haſt Du beſchloſſen, die Tochter eines Trunkenbolds von einem OQuartiermeiſter zu Deiner Erbin einzuſetzen?“ „Das nicht gerade. Das Teſtament war fertig, noch ehe ich wußte, daß eine ſolche Aehnlichkeit erxiſtirte. Doch hat dieſer Um⸗ ſtand höchſt wahrſcheinlich, ohne daß ich es ſelbſt bemerkte, mich 262 ſehr dafür geſtimmt, ſie mit günſtigen Augen zu betrachten. Denn bemerke nur, Gervaiſe, Agnes ſelbſt war nicht ſchöner von Perſon oder nicht liebenswürdiger an Geiſt als eben dieſe Mildred Dutton!“ „Nun, nun, ſie wenigſtens biſt Du noch nicht gewöhnt, als Deine Schweſter zu betrachten; und heirathsfähig iſt ſie auch, Dick, ohne daß Du bis jetzt Gelegenheit gefunden hätteſt, ſie als ſo beſonders heilig anzuſehen!“ erwiederte Sir Gervaiſe, mit halb unterdrücktem Lächeln, während er dem Freunde einen ruhigen Blick zuwarf. „Du weißt, das iſt Alles umſonſt, Oakes. Irgend jemand muß mein Vermögen erben. Mein Bruder iſt ſchon lange todt; ſelbſt die arme, arme Agnes iſt dahingegangen; ihre Schweſter bedarf es nicht; Bluewater ſelbſt iſt bereits ein überreicher Jung⸗ geſelle; Du willſt es nicht; was kann ich alſo Beſſeres damit an⸗ fangen? Hätteſt Du mit angeſehen, wie grauſam Mutter und Toch⸗ ter von dieſem Unthier von einem Gatten und Vater in der ver⸗ gangenen Nacht mißhandelt wurden— Du hätteſt beſtimmt auch ein Verlangen in Dir gefühlt, das Elend beider zu erleichtern und hätte es Dich ſelbſt Dein Bowldero und Dein halbes Vermögen in der Bank gekoſtet.“ 3 „Hum! Bopldero iſt nun ſchon ſeit fünf Jahrhunderten in meiner Familie, Meiſter Bluewater, und wird wohl noch fünf wei⸗ tere dabei verbleiben, wenn nicht etwa Dein ſtürmiſcher Prätendent den Thron beſteigt und daſſelbe konfisciren läßt.“ „Dann hatte ich auch noch einen weiteren Grund. Hinter⸗ laſſe ich meine Baarſchaft einem Reichen und ſollte mich dann der nächſte Kampf etwa auf die ſchwächere Seite führen, ſo nimmt der König, der es— de facto iſt, mein ganzes Vermögen weg; dagegen wird ſelbſt ein Deutſcher nicht ſo hartherzig ſeyn, daß er ein armes Geſchöpf, wie Mildred, ihrer einzigen Hülfe berauben könnte.“ „Die Schotten ſind in ſolchen Sachen als beſonders ge⸗ fühlvoll bekannt. Doch, gehe Deinen eigenen Weg, Dick. Es iſt 263 ja überhaupt ziemlich einerlei, was Du mit Deinem Priſengelde anfängſt; ich meines Theils hatte immer vermuthet, es würde die⸗ ſem Knaben Geoffrey Cleveland zufallen, der Deinem Blute wahr⸗ lich keine Schande macht.“ „Mit fünf und zwanzig Jahren hat er ſeine hunderttauſend Pfund, die ihm von ſeiner Großtante, der alten Lady Greenfield, vermacht wurden, und das iſt jedenfalls mehr, als er jemals auf⸗ zuzehren im Stande iſt. Nun aber genug davon.— Haſt Du ſeit geſtern Nacht weitere Nachrichten aus dem Norden erhalten?“ „Keine Sylbe. Wir ſind hier in einem gar abgelegenen Theil des Landes; ich bin überzeugt, halb Schottland könnte in einen ſeiner Seen geſtürzt ſeyn, ohne daß wir hier unten in Devonſhire eine ganze Woche lang auch nur eine Sylbe davon erführen. Er⸗ halte ich übrigens in den nächſten ſechs und dreißig Stunden weder Ordre noch Nachricht, ſo gedenke ich ſelbſt nach London zu eilen, und Dir das Kommando der Flotte zu übertragen!“ „Das möchte nicht ſehr weiſe ſeyn! Du wirſt doch nicht ein ſo wichtiges Kommando in einer ſolchen Kriſe einem Manne von meinen politiſchen Gefühlen— ich will nicht ſagen Anſichten— anvertrauen, da Du ja doch Alles auf das Gefühl zu beziehen geneigt biſt.“ 3„Dir, Richard Bluewater? Ich würde Dir Leben und Ehre mit dem vollſten Vertrauen auf deren Sicherheit anheimgeben, ſo lange Beide von Deinen eigenen Handlungen und Neigungen ab⸗ hingen. Erſt aber müſſen wir ſehen, was uns der Active für Nachrichten bringt; denn, iſt de vervillin wirklich ausgeflogen, ſo erachte ich es für die erſte Pflicht eines engliſchen Seemannes, vor allen weiteren Rückſichten den Franzmann zu ſchlagen.“ „Wenn er kann,“ bemerkte der Andere trocken und erhob ſein rechtes Bein ſo hoch, daß er den Fuß auf die Lehne eines altmodiſchen Stuhles legen konnte— eine Anſtrengung, die ſeinen Rücken beinahe in eine horizontale Linie brachte. 264 „Ich bin weit entfernt, Admiral Bluewater, dieß geradezu als etwas Natürliches zu betrachten; es iſt aber ſchon oft genug aus⸗ geführt worden, ſo daß die Möglichkeit wenigſtens nicht eben bei den Haaren herbeigezogen erſcheint.— Ha! hier kommt Mag⸗ rath, um uns über die Lage des Patienten Bericht zu erſtatten.“ Der Chirurg des Plantagenet trat in dieſem Augenblick in's Zimmer und gab dadurch dem Geſpräche eine andere Wendung. „Nun, Magrath,“ begann Sir Gerpaiſe und hielt plötzlich in ſeinem Quarterdecksſchritte inne, welche Neuigkeiten bringt Ihr uns von dem Patienten?“ „Er erholt ſich, Admiral Oakes,“ antwortete der phlegmatiſche Doktor;„es iſt aber wie das Glühen der Sonne, wenn ſie hinter die fernen Hügel hinabſinkt und die über ihr ſchwebenden Wolken noch einmal mit ihren Strahlen vergoldet—“ „Ei, Doktor, ſo bleibt mir doch mit Eurer Poeſte vom Leibe; heute Morgen wollen wir's nur mit reinen Thatſachen zu thun haben.“ „Nun denn, Sir Gervaiſe, Ihr ſeyd kommandirender Admiral und ſo muß ich Euch wohl gehorchen. Sir Wycherly Wychecombe liegt an einem Schlagfluſſe oder einer dτiees, wie's die Griechen nennen, darnieder. Die Diagnoſe der Krankheit iſt nicht leicht zu verkennen, obwohl ſie ſo gut wie andere Krankheiten ihre Ver⸗ wandtſchaften hat. Oefter haben die Mittel, die man für die Gicht oder arthritis gebraucht, einen Schlaganfall zur Folge: der Unterſchied zwiſchen beiden Krankheiten beſteht aber darin, daß die eine ihren Sitz im Kopf, die andere dagegen gewöhnlich in den Füßen hat. Die Herren werden mich um ſo leichter verſtehen, wenn ſie beden⸗ ken, daß ein Dieb, ſo wie er aus einem Verſtecke herausgetrieben iſt, ſich meiſtens auch ſogleich einen andern ſucht. Ich bin der An⸗ ſicht, daß die Phlebotomie,“ die man nach dem erſten Anfalle bei dem Kranken in Anwendung brachte, ſehr unglücklich gewählt war.“ „Was Teufels meint er mit ſeiner Phlebotomie?“ rief Sir * Aderlaß. D. U. 265 Gervaiſe, der, obwohl ſelbſt mit der Kunſt des Aderlaſſens ver⸗ traut, dennoch eine Abneigung gegen die Heilkunſt überhaupt hegte und nur die wenigſten von den üblichen Kunſtausdrücken verſtand. „Ich meine das, was Ihr und Admiral Bluewater gegen Seiner Majeſtät Feinde ſo häufig in Anwendung bringt, wenn Ihr zur See mit ihnen zuſammen gerathet; Hil! hil! hi!“ antwortete Magrath, über ſeine eigene gute Laune kichernd, die, wenn auch an Quantität gering, in der Qualität um ſo beſſer war. „Er meint doch nicht gar Pulver und Schrot? Den Franzoſen geben wir Schrot zu koſten! Sir Wycherly hat doch keinen Schuß erhalten?“ „Das nicht, Sir Gervaiſe, aber Ihr habt ihm in Ermanglung eines Arztes zur Ader gelaſſen und dieß war eine etwas zu vor⸗ eilige Maßregel, die ich nach meiner Anſicht nur tadeln kann.“ „Nun wahrhaftig, jedes alte Weib wird uns richtiger beleh⸗ ren, als dieſer Doktor. Das Aderlaſſen iſt doch ein Alltagsmittel für derartige Anfälle.“ „Ich ſtreite nicht gegen die Dogmata von aͤlteren Perſonen des andern Geſchlechts, Sir Gervaiſe und eben ſo wenig gegen Eure Alltagsremedia. Wenn ‚Alltagsdoktoren' den Kranken das Leben retten und ihre Schmerzen lindern könnten, ſo wären unſere Diplome ſo ziemlich unnütz und wir könnten alle nach Eurem eigenem Grundſatze, ‚der Teufel hole den Hinterſten’ verfahren, nach welchem Ihr ſelbſt, Sir Gervaiſe, beim Entern des El Lirio unter den Don's herum handthiertet. Damals war ich auch dabei, wie die beiden Herren ſich erinnern werden, und hatte alle Hände voll zu thun, um die Schrammen wieder zuzunähen, die Ihr mit Euren rückſichtsloſen, gottloſen Händen angerichtet hattet.“ Dieſe Rede bezog ſich auf einen der verzweifeltſten, hartnäckig⸗ ſten Kämpfe, worein die beiden Flaggenoffiziere jemals verwickelt geweſen waren. Jenes Gefecht hatte ihnen— damals noch ganz jungen Männern— Gelegenheit gegeben, ſich durch perſönliche 266 Tapferkeit auszuzeichnen, und ſo blickten Beide gewöhnlich mit roßer Selbſtzufriedenheit darauf zurück und zwar Sir Gervaiſe noch mehr als ſein Freund, da dieſer ſchon oft erklärt hatte, daß ſie Beide damals eigentlich umzukommen verdient hätten als billige Strafe für die Tollkühnheit, womit ſie das Leben ihrer Mannſchaft in jenem, wenn gleich äußerſt glänzenden und erfolgreichen Unter⸗ nehmen gewagt hatten. „Nun, Magrath, das war eine Affaire, die man mit Zwei und zwanzig unternehmen kann,“ bemerkte Bluewater, bei der man ſich aber ſchon mit Dreißig wohl etwas beſinnen würde.“ „Ich würde es heute noch verſuchen, wenn ſich die Moͤglich⸗ keit dazu darböte!“ rief Sir Gervaiſe und ſchlug dabei ſeine Hände mit einer plötzlichen Kraftanſtrengung zuſammen, welche bewies, wie ſehr er durch die bloße Erinnerung an jene frühere Scene aufgeregt war. „Ja, ja, das glaub' ich wahrlich!“ rief Magrath, der immer mehr, je wärmer er wurde, den Schotten hervorblicken ließ,„Ihr würdet lieber ein Mackrelenboot entern, als ganz ohne Kampf aus⸗ gehen. Ihr ſeyd ein Kapitalviceadmiral von der Rothen, Sir Ger⸗ vaiſe; zum Unterarzte dagegen würdet Ihr, glaub' ich, nur ſehr ſchlecht paſſen!“ „Bluewater, ich muß am Ende doch noch mein Schiff mit dem Deinigen vertauſchen, um nur dieſe alten Murrköpfe auf dem Plantagenet los zu werden! Sie ſtechen mich gleich Blutegeln und ſind allmählig ſo familiär geworden, daß ſie alle meine Be⸗ fehle bekritteln und nebenbei immer nur halb befolgen!“ „Kein Einziger wird Eure Flottenbefehle bekritteln, Sir Ger⸗ vaiſe, was aber die Heilkunſt— Viſſenſchaft ſollte ſie eigentlich heißen— betrifft— da würde ich Euch nicht mehr als jedem von unſern jungen Herren zutrauen. Ich habe mir ſagen laſſen, Ihr hättet Eure Lancette bei dem armen Sir Wycherly auf eine Art geſchwungen, wie Ihr etwa mit Eurem Säbel auf einen Feind losſtürzen würdet!“ N———̃ — 8 F8 qK 267 „In der That, Sir, das that ich! Doch hatte Mr. Rother⸗ ham die Anwendung des Inſtrumentes bereits überflüſſig gemacht. Ein Schlaganfall iſt nichts anderes als ein Blutandrang gegen den Kopf; wenn man alſo die Maſſe des Bluts in den Arm⸗ oder Schläfenadern vermindert, ſo wird dadurch auch der Druck auf das Gehirn geſchwächt.“ „Nichts als Laienweisheit, Sir, nichts als Laienweisheit! Wollt Ihr mir aber vielleicht ſagen, ob der Patient dabei roth oder bleich ausgeſehen? Davon hängt jetzt Alles ab, denn hierin liegt die wahre Diagnoſe der Krankheit.“ „Roth, glaub' ich. Meinſt Du nicht, Bluewater? Roth, ungefähr wie alter Porto, von dem der alte Herr überhaupt, wie ich glaube, mehr als genug bei ſich führte.“ „Nun in dieſem Fall hättet Ihr allerdings nicht ſo ganz Un⸗ recht, man ſagte mir aber, ſein Geſicht ſey bleich und todtenähn⸗ lich geweſen und iſt dieß wirklich der Fall, ſo ſeyd Ihr nahe daran geweſen, einen Mord zu begehen. Es gibt einen Grundſatz, der für die Diagnoſe ſämmtlicher Schlaganfälle bei dieſen Landedel⸗ leuten gültig iſt und der lautet dahin, daß ihr ganzes Nervenſyſtem durch ihre gewöhnlich allzu große Vorliebe für die Flaſche ge⸗ ſchwächt und zerrüttet iſt. In ſolchen Fällen kann man gar nichts Schlimmeres thun, als dem Kranken zur Ader laſſen. Ich will Euch übrigens nicht allzu hart tadeln, Sir Gervaiſe, und ſo wol⸗ len wir den Gegenſtand verlaſſen, obwohl ich, um die Wahrheit zu geſtehen, die Art, wie Ihr mir in's Handwerk gepfuſcht, nicht ſonderlich bewundern kann. Sir Wycherly iſt bedeutend beſſer und hat ſchon— ſo weit dieß nämlich einem Manne, ohne den Ge⸗ brauch ſeiner Zunge, möglich iſt— den dringenden Wunſch geäuſ⸗ ſert, ſeinen letzten Willen und Teſtament aufzuſetzen. In gewöhn⸗ lichen Fällen von Apoplexie iſt es zwar beſſer, ſich einem ſolchen Wunſche zu widerſetzen; da übrigens meine feſte Ueberzeugung dahin geht, daß Nichts des Kranken Leben zu retten im Stande 268 iſt, ſo will ich in dieſem beſondern Falle nichts gegen dieſe Maßregel einwenden. In meiner Jugend, ihr Herren, erlebte ich einmal zu Edinburg eine merkwürdige Diseuſſion über die Frage, welche von beiden Rückſichten, ob die, welche mit einer Vermögens⸗ verfügung, oder jene, die mit der Geſundheit des Patienten zuſam⸗ menhänge, in dem Urtheil des Arztes das Uebergewicht erhalten ſolle, da man doch nicht ſo recht wiſſen könne, ob die Abfaſſung eines Teſtaments das Nervenſyſtem wirklich angreife und die körperlichen Funktionen ſtöre oder nicht. Jede der beiden Parthien verfaßte eine eigene Abhandlung im trefflichſten Edinburger Latein. Ich glaube, die Phyſtei hatten doch Recht in der Sache, denn ſie hatten auf ihrer Seite ein weſentliches gegenwärtiges Uebel, während auf der andern nur ein mögliches, entferntes Gut zu ſehen war.“ „Hat Sir Wycherly heute Morgen meinen Namen genannt?“ fragte der Viceadmiral mit vieler Theilnahme. „Ja wohl, Sir Gervaiſe, und zwar in ſo engem Zuſam⸗ menhaug mit ſeinem Teſtamente, daß ich Euch recht wohl die Hoffnung eröffnen darf, daß derſelbe bei den Legaten gewiß nicht vergeſſen bleiben wird. Auch Bluewater's Name war in ſeinem Munde.“ „In dieſem Falle dürfen wir keine Zeit verlieren, denn ich habe noch nie in meinem ganzen Leben ſo viel Intereſſe für die Teſtamentsverfügung eines Fremden empfunden. Horch! ſind das nicht Wagenräder, die da unten über den Hof raſſeln?“ „Eure Sinne ſind äußerſt fein, Sir Gervaiſe, und das, habe ich immer geſagt, iſt einer von den Gründen, warum Ihr ſo ein großer Admiral geworden ſeyd,“ erwiederte Magrath.„Doch wohl⸗ gemerkt— nur Einer, Sir Gervaiſe, denn in einem wahrhaft großen Manne müſſen ſich nothwendig viele große Vorzüge ver⸗ einen. Ich ſehe einen Herrn in mittleren Jahren ausſteigen; er iſt von Bedienten umringt, welche dieſelbe Livree wie die im 269 Hauſe hier tragen. Ohne Zweifel ein Verwandter, der gleichfalls nach den Legaten ſehen will.“* „Das muß Sir Reginald Wychecombe ſeyn; es wäre wohl nicht unpaſſend, Bluewater, wenn wir ihm zum Empfange ent⸗ gegen gingen.“ 2 Bei dieſer Aufforderung zog der Contreadmiral ſeine Beine, die trotz der Anweſenheit des Doktors ihre Lage nicht verändert hatten, wieder an ſich, ſtand auf und folgte Sir Gervaiſe, als Letzterer das Zimmer verließ. Dreizehntes Kapitel. videsne qui venit? Siehſt Du nicht, wer kommt? video et gaudeo. O ja, und zwar mit Freuden. Nathanael und Holofernes. Tom Wychecombe hatte ſeit der Zeit, da er erfahren, daß ſein verehrter Oheim einen Boten an das„Halbblut“ abgeſendet „hatte, um dieſes in das Schloß zu beſcheiden— eine Unruhe in ſich gefühlt, die wir dem Leſer wohl nicht des Näheren zu ſchil⸗ dern nöthig haben. Von dem Augenblicke an, da er einen Schlüſſel zu dieſem Vorhaben erlangt zu haben glaubte, gab er ſich alle erdenkliche Mühe, um zu erfahren, was vorging, und als Sir Reginald Wychecombe das Haus betrat, war die erſte Perſon, mit welcher er zuſammentraf— eben dieſer unächte Erhalter der Ehren ſeines Namens. „Sir Reginald Wychecombe, wie ich nach Wappen und Livreen vermuthe?“ begann Tom und ſuchte die Weiſe des Hauswirths anzunehmen.„Es iſt erfreulich, zu bemerken, wie alle angeerbten Gebräuche der Familie in beiden Zweigen derſelben, obwohl dieſe durch zwei volle Jahrhunderte von einander getrennt find, dennoch gleichmäßig bewahrt und geachtet werden.“ 270 „Ich bin Sir Reginald Wychecombe, Sir, und war von jeher bemüht, der ehrwürdigen Ahnenreihe, von der ich abſtamme, nicht zu vergeſſen. Darf ich fragen, welchen Verwandten ich vor mir zu ſehen das Vergnügen habe?“ 0,Mr. Thomas Wychecombe, Euch zu dienen, Sir, den älte⸗ ſten Sohn von Sir Wycherly's nächſtem Bruder, dem verſtor⸗ benen Mr. Baron Wychecombe. Ich hoffe, Sir Reginald, Ihr habt uns nicht als ſo entfernte Blutsverwandte betrachtet, daß Ihr unſere Geburten, Trauungen und Todesfälle ganz und gar über⸗ ſehen hättet?“ „O nein, Sir,“ erwiederte der Baronet trocken und mit einem Nachdruck, der ſeinen Zuhörer ſehr in Verwirrung ſetzte, wenn auch das kalte, jeſuitiſche Lächeln, das dieſe Worte begleitete, ſeine lebhaften Beſorgniſſe wieder einigermaßen beruhigte.„Alles, was das Haus Wychecombe betrifft, iſt in meinen Augen von In⸗ tereſſe und ich war, wie ich hoffe, nicht ohne Erfolg bemüht, Alles, was ſich auf Geburten, Trauungen und Todesfälle in der Familie bezieht, genau zu erfahren. Ich bedauere unendlich, daß jetzt, da ich zum zweiten Mal dieſe ehrwürdige Wohnung betrete, eine ſo traurige Veranlaſſung, wie die, weßhalb ich hier⸗ her beſchieden worden, mich einführen mußte. Wie befindet ſich Eurer verehrter— d. h. ich wollte ſagen, wie geht es mit Sir Wycherly Wychecombe?“ Wenn man die überlegte, vorſichtige und doch bezeichnende Weiſe des Sprechenden mit dem Inhalt der Antwort zuſammenhielt, ſo hatte Tom allerdings Grund genug zur Unruhe, obgleich er über die wahre Abſichts ſeines Namensvetters noch immer in Zweifel gelaſſen wurde. Die Worte, worauf Letzterer den Hauptnachdruck legte, wurden nur leicht, aber dabei ſehr kenntlich berührt; dabei war das kalte, argliſtige Lächeln, welches dieſelben begleitete, ganz dazu gemacht, den Scharfſinn eines ſo gewöhnlichen Schurken, wie dieſer Erbſchaftserſpektant einer war, vollkommen irre zu führen. 271 Dann war es ja auch leicht möglich, daß die plötzliche Aenderung in der Konſtruktion der letzten Phraſe und die Subſtitution des Perſonennamens ſtatt des Verwandtſchaftsgrades, worin Wycherly, wie man allgemein glaubte, zu Tom ſtand— nichts weiter als eine ſtrenge Beobachtung des guten Geſellſchaftstones war— oder konnte die Sache ja auch völlig nichtsbedeutend ſeyn. All' dieſe kleinen Zweifel glimmten in Tom Wychecombe’s Innerem, doch war jetzt nicht der Augenblick, um eine ſolche Nach⸗ forſchung weiter zu verfolgen. Die Hoͤflichkeit verlangte von ihm eine augenblickliche Antwort: dieſe gab er denn auch dem äußeren Anſcheine nach mit ziemlicher Feſtigkeit, obwohl ſein ſcharfblickender, erfahrener Gegner ſogleich bemerkte, daß ſeine Worte die beabſich⸗ tigte Wirkung nicht verfehlt hatten, denn er hatte dadurch zugleich ein gewiſſes Anſehen über den jungen Mann erlangen wollen. „Mein verehrter und geliebter Oheim hat ſich zwar, wie man mir ſagt, ein wenig erholt,“ ſagte Tom;„ich fürchte aber, dieſer Schein von Hoffnung wird wohl trügeriſch ſeyn. Mit Vierundachtzig hat der Tod ein allzu gegründetes Recht auf ſeine Beute, Sir! Das Schlimmſten an der Sache iſt, daß meines armen Oheims Geiſteszuſtand ſichtlich erſchüttert iſt, ſo daß es rein unmöglich er⸗ ſcheint, ſeine wenigen Wünſche durch Dokumente oder ſonſtige Be⸗ ſtellungen zu erfahren.“ „Wie kam es dann, Sir, daß Sir Wycherly mich mit der Einladung, ihn zu beſuchen beehrte?“ fragte der Andere höchſt ſpitzig und treffend. „Vermuthlich hat er Euren Namen vor ſich hingeflüſtert, Sir, und die Auslegung deſſen, was er damit meinte, war dann in einem ſolchen Augenblicke ſehr natürlich. Sein Teſtament wurde, ſo viel ich weiß, ſchon vor längerer Zeit abgefaßt; daſſelbe iſt aber in einen Umſchlag gehüllt und mit Sir Wycherly's Wappen verſiegelt, weß⸗ halb ich nicht einmal den Namen des Vollſtreckers kenne. Es wird alſo wohl nicht wegen ſeines letzten Willens ſeyn, warum er 272 Euch rufen ließ, Sir. Ich denke mir eher, daß er Euch als den nächſten Anverwandten von der Seitenlinie zum Vollſtrecker ſeines bereits verfaßten Teſtamentes beſtimmte und deßhalb für paſſend hielt, Euch von der Sache in Kenntniß zu ſetzen.“ „Mag ſeyn, Sir,“ erwiederte Sir Reginald in ſeiner gewohn⸗ ten kalten, vorſichtigen Weiſe;„doch wäre es in dieſem Falle mehr im Einklang mit den beſtehenden Gebräuchen geweſen, wenn in dem an mich erlaſſenen Schreiben der Zweck, warum meine Anwe⸗ ſenheit erbeten wurde, bemerkt worden wäre. Der Brief trägt die Unterſchrift Gervaiſe Oakes“ und da ſich eine Flotte in der Nach⸗ barſchaft befinden ſoll, ſo dachte ich mir, der berühmte Admiral dieſes Namens könnte mir wohl gar die Ehre erwieſen haben, an mich zu ſchreiben.“ „Ihr habt Euch nicht getäuſcht, Sir; Sir Gervaiſe Oakes befindet ſich in unſerem Hauſe— ha! hier kommt er ſelbſt, Euch zu empfangen; der Mann neben ihm iſt Contreadmiral Bluewater, den die Seeleute nur ſeinen Hauptmaſt nennen.“ Die eben erzählte Unterredung hatte in einem kleinen Wohn⸗ zimmer Statt gefunden, wohin Tom ſeinen Gaſt von der großen Halle aus geführt hatte und wo nunmehr die beiden Admirale den⸗ ſelben empfingen. Eine Vorſtellung war kaum nothwendig; Uni⸗ form und Stern— denn damals erſchienen Offiziere gewöhnlich in großem Koſtüm— Uniform und Stern verkündeten ſogleich Sir Gervaiſe's Rang und Namen, und zwiſchen Bluewater und Sir Re⸗ ginald beſtand ſogar eine oberflächliche perſönliche Bekanntſchaft, die ſich von ihren ſtillen, aber tiefgewurzelten jakobitiſchen Sym⸗ pathien herleitete. „Sir Gervaiſe Oakes?“ und„Sir Reginald Wychecombe!“ war Alles, was die beiden Herrn ſprachen; der Admiral ſchüttelte dabei dem Angekommenen herzlich die Hand, was dieſer mit einer kalten Berührung der Finger erwiederte,— eine Begrüßung, welche recht wohl für das wahre Muſter des herzloſen Händereichens in ** 273 neuerer Zeit hätte gelten können, dießmal aber mehr in dem Temperamente als in der Mode ihren Grund hatte. Sobald dieſe Ceremonie vorüber war, folgten die üblichen Höflichkeitsphraſen und dann wandte ſich der Neuangekommene mit der Miene großer Freimüthigkeit an Bluewater und begann mit den Worten: „Auch Ihr hier, Sir Richard Bluewater! Ich freue mich ſehr, bei dieſer traurigen Veranlaſſung wenigſtens einem alten Bekannten zu begegnen.“ „Ich bin ſehr erfreut, Euch zu ſehen, Sir Reginald; nur habt Ihr mir da einen Titel gegeben, worauf ich kein eigentliches Recht beſitze.“ „Nicht!— die Zeitungen wenigſtens melden uns, daß Ihr eines der neuerlich vakant gewordenen rothen Bänder erhalten habet?“ 2 „Ich glaube, dieſe Ehre ſtand allerdings in Ausſicht—“ „Ausſicht!— Ich kann Euch verſichern, Sir, Euer Name ſteht klar und deutlich in der Zeitung, wie ich Euch ſogleich be⸗ weiſen werde, indem ich nach meinem Wagen hinabſchicke. So bin ich alſo der Erſte, der Euch mit ‚Sir Richarde anredet!“ „Entſchuldigt mich, Sir Reginald, in der Sache herrſcht noch ein kleines Mißverſtändniß; ich ziehe es vor, einfach wie bisher Contreadmiral Bluewater zu bleiben. Die Sache wird ſich ſeiner Zeit aufklären.“ Beide Parthien wechſelten Blicke mit einander, welche in Zeiten wie die, worin ſie lebten, gehörig verſtändlich waren; und der Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung ward alsbald geändert. Ehe Sir Reginald Bluewater's Hand los ließ, drückte er ſie herzlich— ein Wink, der auch von dem Letzteren mit einem warmen Händedruck erwiedert wurde. Die Geſellſchaft fing nun an, ſich über Sir Wycherly, ſein jetziges Befinden, ſo wie über den wahrſcheinlichen Grund zu beſprechen, der ihn zu dem Wunſche veranlaßt haben mochte, ſei⸗ nen entfernten Verwandten ſehen zu wollen. Als Urſache hiefür Die beiden Admirale. 2. Aufl. 18 274 bezeichnete Sir Gervaiſe, trotz Tom Wychecombe's Anweſenheit, des Erblaſſers Wunſch, ſeinen letzten Willen aufzuſetzen, wobei der Baronet, wie er glaube, die Abſicht hege, Sir Reginald zum Voll⸗ ſtrecker deſſelben, wenn nicht gar zu etwas ganz Anderem zu ernennen. „So viel ich weiß,“ fuhr der Viceadmiral fort, beſitzt Sir Wycherly eine bedeutende Summe, worüber ihm die freie Verfü⸗ gung zuſteht. Ich muß geſtehen, ich ſehe es gerne, wenn ein Mann in ſeinen letzten Augenblicken ſeiner Freunde und Diener großmüthig gedenkt. Die Herrſchaft iſt ein Majorat, wie ich höre, und ich denke, Mr. Thomas Wychecombe wird ſich bei dieſer Vorſichtsmaß⸗ regel ſeiner Ahnen um nichts ſchlechter befinden; ſo laßt denn den alten Herrn mit ſeinen Erſparniſſen ſchalten und walten, wie er will.“ Sir Gervaiſe war ſo ſehr an's Befehlen gewöhnt, daß er das Sonderbare ſeiner Einmiſchung in die Angelegenheiten einer ihm doch eigentlich fremden Familie nicht bemerkte; Sir Reginald dagegen konnte nicht umhin, die Sache ziemlich auffallend zu finden. Nichts deſtoweniger hatte Letzterer bei ſeiner tiefen Menſchenkenntniß des Viceadmirals Charakter auf den erſten Blick erkannt und ſein eigen⸗ thümliches Weſen hinterließ daher bei ihm keinen bleibenden Eindruck. Da übrigens Sir Gervaiſe auf Tom's Nachfolge als auf eine Sache anſpielte, die ſich eigentlich ganz von ſelbſt verſtehe, warf er einen kalten, ſengenden Seitenblick auf den vermeinten Erben,— einen Blick, der dem eiferſüchtigen Schurken beinahe das Mark in den Beinen gerinnen machte. „Könnte ich mit Euch ein Wort auf Eurem Zimmer allein ſprechen, Sir Gervaiſe?“ fragte Sir Reginald, indem er Letzteren bei Seite führte.„Dieſe Dinge dürfen nicht ungebührlich übereilt werden und ehe ich weiter vorangehe, wünſche ich Grund und Boden näher kennen zu lernen.“ Bluewater hatte dieſe Frage gehört; er bat die Herrn ſogleich, zu bleiben, wo ſie waren, worauf er ſich mit Tom Wychecombe aus dem Zimmer entfernte. 275 Sobald ſie allein waren, wußte Sir Reginald durch äußerſt kluge und vorſichtige Fragen von ſeinem Gefährten Alles zu er⸗ forſchen, was ſich in den letzten vier und zwanzig Stunden zuge⸗ tragen hatte— Sir Wycherly's wahrhaft hoffnungsloſen Zuſtand, ſo wie die Art, wie er ſelbſt nach dem Schloſſe eingeladen worden war. Als der Fremde endlich Alles erfahren hatte, was er zu wiſſen für nöthig hielt, drückte er den Wunſch aus, den Kranken ſehen zu dürfen. „Halt, da hätte ich beinahe etwas vergeſſen, Sir Reginald,“ bemerkte der Viceadmiral, der, mit der Hand bereits an der Thür⸗ klinke, in ſeiner Bewegung inne hielt, um auch ſeiner Seits eine Frage zu ſtellen. An Eurer Art, Euch auszudrücken, bemerke ich, daß das Studium des Geſetzes bei Eurer Erziehung nicht ganz überſehen worden iſt. Wißt Ihr vielleicht, was man unter Halbblute begreift; es iſt entweder ein juriſtiſcher oder mediciniſcher Ausdruck und ich ſelbſt verſtehe mich faſt nur auf die nautiſchen.“ „Ihr hättet Euch in ganz England an keinen geeigneteren Mann wenden können, Sir Gervaiſe,“ antwortete der Hertfordſhirer Baronet mit vielſagendem Lächeln.„Ich gehöre zu den Rechts⸗ kundigen von Middle⸗Temple, wurde als jüngerer Sohn zum Rechts⸗ ſtudium angehalten und bin erſt in meinem ſieben und zwanzigſten Jahre meinem älteren Bruder auf dem Gute gefolgt. Ueberdieß ſtehe ich ſelbſt zu eben dieſer Herrſchaft, von der wir kaum noch geſprochen, in der unglücklichen Beziehung des„Halbblutse.“ Sir Reginald begann ſofort, dem Andern das betreffende Ge⸗ ſetz zwar bündig aber vollkommen klar zu erläutern, wie wir ſchon früher bei unſern Leſern es verſucht haben. „Halt, halt! Sir Reginald!“ rief der geradherzige und rechtlich geſinnte Seemann;„beim Himmel! da muß ein Mißverſtändniß obwalten! Ein Vetter im vierzigſten Grade oder auch der König ſollte dieſe Herrſchaft vor Euch ſelber erben, obgleich Ihr in ge⸗ rader Linie von den alten Wychecombe's aus den Zeiten der Plan⸗ tagenets abſtammt?“ 276 „So ſpricht das Landesgeſetz, Sir Gervaiſe. Wäre ich Sir Wycherly's Halbbruder, d. h. der Sohn der zweiten Frau von unſerem gemeinſchaftlichen Vater, ſo könnte ich ihn nicht beerben und wenn unſer Vater das Gut ſogar durch eigenes Glück oder Verdienſt erworben hätte.“ „Das iſt abſcheulich, Sir— wirklich abſcheulich— und Ihr müßt mir ſchon verzeihen, ich kann kaum glauben, daß in den gu⸗ ten, ehrlichen, wohlmeinenden Geſetzen des guten, ehrlichen, wohl⸗ meinenden Altenglands ein ſo monſtröſer Satz enthalten ſeyn kann.“ Sir Reginald gehörte zu den wenigen Rechtskundigen ſeiner Zeit, welche die Vortrefflichkeit dieſer beſonderen Beſtimmung des gemeinen Rechts nicht anerkannten, was wohl auf ſeiner Seite dem Umſtande zuzuſchreiben war, daß er von jetzt ab an den Geheim⸗ niſſen des Advokatenſtandes ſo geringes, an der Familienſtiftung der Wychecombe's dagegen, ſo fern ſie durch jenes dictum aufgehoben wurde, ſo großes Intereſſe zu nehmen hatte. Demnach war er auch über die offene Weiſe, womit der Seemann ſeine Behauptung als gleichermaßen der Vernunft, der Gerechtigkeit und Wahrſchein⸗ lichkeit widerſtreitend— verwarf, nicht ſehr überraſcht und nichts weniger als gekränkt. „Das gute, ehrliche, wohlmeinende Altengland duldet gleich⸗ wohl noch manche drückende Geſetze, Sir Gervaiſe,“ antwortete er, „und unter anderen eben dieſes Geſetz über das Halbblut. Viel hängt dabei von der Art ab, wie man die Dinge betrachtet; was dem Einen als Gold erſcheint, hält der Andere für Silber. So zum Beiſpiel“— dieß ſagte er mit einem ſpähenden Lächeln, das für ironiſch oder vertrauensvoll gelten konnte, je nachdem der Zu⸗ hörer es auslegen wollte—„würden die Klane gegen uns be⸗ haupten, daß England einen Uſurpator auf dem Throne hat, während ſein geſetzmäßiger Prinz in der Verbannung ſchmachtet— was Ihr übrigens ſo wenig als ich zuzugeben geneigt ſeyn werdet.“ Sir Gervaiſe fuhr auf und warf einen raſchen, mißtrauiſchen f 277 Blick auf den Sprechenden; dieſer aber zeigte in ſeinen hübſchen Geſichtszügen einen ſo offenen, argloſen Ausdruck, wie er ihn kaum jemals auf dem Antlitze eines vertrauensvollen, ſechzehnjährigen Jünglings getroffen hatte. „Euer vermeintlicher Fall bietet keine Parallele,“ antwortete der Viceadmiral, der jeden Schatten von Mißtrauen vergaß, als er dieſer ſorgloſen Offenheit begegnete;„denn wir Männer laſſen uns in unſerer Unterthanentreue häufig nur vom Gefühle leiten, wäh⸗ rend das Geſetz eigentlich immer nur von Vernunft und Gerechtigkeit regiert werden ſollte.— Doch da wir ſchon einmal bei dieſem Gegenſtande verweilen, wollt Ihr mir nicht ſagen, Sir Reginald, ob Ihr nicht auch wißt, was ein nullus iſt?“ „Davon verſtehe ich nichts weiter,“ antwortete der Andere, dießmal mit unverſtelltem Lächeln,„als was man in lateiniſchen Wörterbüchern und Grammatiken findet.“ „Ja, Ihr meint auch nullus, nulla, nullum. Das verſteht ſogar ein Seemann wie ich, denn wir gehen alle vorher in die Schule, ehe wir auf die See kommen.— Sir Wycherly aber gab die größte Mühe ſich verſtändlich zu machen und nannte Euch dann ein ‚Halbblut'.“ „Und mit vollkommenem Recht— ich gebe zu, daß dieß wirk⸗ lich ſo iſt und daß ich keine größeren geſetzlichen Anſprüche als Ihr z. B., an dieſe Herrſchaft zu machen habe. Mein morali⸗ ſches Recht aber— damit mag's ſchon beſſer ſtehen.“ „Es macht Euch alle Ehre, daß Ihr dieß ſo freimüthig be⸗ kennt, Sir Reginald; denn ſeht, Ihr dürft mich hängen, wenn ich glaube, daß die Richter auch nur im Traume daran denken würden, ſolche Einwürfe gegen Eure Nachfolge zu erheben, wenn ſie nicht eben darauf aufmerkſam gemacht werden.“ 4 „Darin thut Ihr ihnen Unrecht, Sir Gervaiſe; denn es iſt ja ihre Pflicht, auf die Befolgung der Geſetze zu achten, mögen die Letzteren auch beſchaffen ſeyn, wie ſie wollen.“ 278 „Vielleicht habt Ihr Recht, Sir. Der Grund aber, warum ich Euch frage, was ein nullus bedeutet, liegt darin, daß Sir Wy⸗ cherly, der nur mit der angeſtrengteſten Mühe zu ſprechen ver⸗ mochte, ſeinen Neffen und Erben, Mr. Thomas Wychecombe, zu wiederholten Malen mit dieſem Beiworte benannte.“ „That er das wirklich! Sagte er vielleicht nicht— ſtatt Eures Ausdrucks— fllius nullius?“ „Ich glaube eher, es war nullus— doch kann's wohl ſeyn, daß ich auch das Wort filius ein oder zwei Mal von ihm flüſtern hörte.“ „Ja, ja, Sir, das wird's geweſen ſeyn; und ſehr lieb iſt mir's, daß Sir Wycherly von der Sache weiß, da ſich der junge Mann, wie ich höre, die Miene gibt, als ob er die Sache unter einem andern Geſichtspunkt betrachten dürfe. Filius nullius iſt nämlich der geſetzliche Ausdruck für„Sohn von Niemand'’ oder ‚Baſtard', wie Ihr jetzt wohl verſtehen werdet. Ich weiß zuverläßig, daß dieſes unglückliche Beiwort Mr. Thomas Wychecombe gebührt, deſſen Vater, wie ich durch die triftigſten Beweiſe erhärten kann, niemals mit ſeiner Mutter vermählt geweſen iſt.“ „Aber, Sir Reginald, der unverſchämte Schuft trägt doch zum Beweiſe des Gegentheils ein Certificat in ſeiner Taſche, das von einem Prediger an einer Londoner Pfarrkirche unterzeichnet iſt.“ Der Baronet aus Hertfordſhire ſchien bei dieſer Verſicherung ſeines militäriſchen Gefährten überraſcht; doch Sir Gervaiſe erklärte ihm, was zwiſchen ihm ſelbſt und dem jungen Manne vorgegangen war, und ſo blieb kein weiterer Zweifel über die Thatſache übrig. „Da Ihr das Dokument ſelbſt geſehen habt,“ begann Sir Reginald von Neuem,„ſo muß ſich die Sache wohl ſo verhalten und dieſer irregeleitete Knabe ſcheint darauf gefaßt, jeden, auch noch ſo verzweifelten Schritt zu wagen, um ſich des Titels und der Herrſchaft zu bemächtigen. Alles, was er über ein ſchon vor⸗ handenes Teſtament ſagt, iſt wohl nur reine Fabel, denn kein Menſch von geſundem Verſtande wird wohl ſeinen Hals daran 279 wagen, um eine ſo nichts bedeutende Auszeichnung, wie die Baronets⸗ würde zu erlangen— da wir beide gleichfalls Mitglieder dieſer Klaſſe ſind, ſo darf ich ſchon offen mit Euch ſprechen, Sir Ger⸗ vaiſe. Wäre ein Teſtament vorhanden, ſo würde dieſes die Nach⸗ folge ſicher ſtellen. Ich kann alſo nicht glauben, daß bis jetzt ein ſolches wirklich exiſtire.“ „Wäre dieſes Teſtament nicht ganz nach des Burſchen Wün⸗ ſchen, würde dann nicht jene Trauung, neben der werthloſen Ehre, von der Ihr geſprochen, auch den ganzen Länderbeſitz dieſer Herr⸗ ſchaft dem Majoratserben zuwenden?“ „Ja wahrhaftig, in der That; ich bin Euch für dieſen Wink höchſt dankbar. Wünſcht übrigens Sir Wycherly jetzt, ein neues Teſtament abzufaſſen und beſitzt er Kraft und Beſinnung genug, um ſeinen Willen durchzuſetzen, ſo darf das alte uns nicht mehr beunruhigen. Für einen Mann in meiner Lage iſt es eine höchſt ſchwierige Aufgabe, Sir, in dieſer Sache handelnd aufzutreten und ich bin höͤchlich erfreut, ſo höchſt ehrenwerthe, hochgeſtellte Zeu⸗ gen in dieſem Hauſe vorzufinden, die meinen Ruf zu verfechten im Stande ſind, falls irgend etwas vorfallen ſollte, was eine ſolche Rechtfertigung nöthig machen könnte. Einerſeits, Sir Gervaiſe, droht Gefahr, dieſe alte Herrſchaft in die Hände der Krone und zwar noch bei Lebzeiten eines Namens zurückfallen zu ſehen, an deſſen Blute keinerlei Makel haftet und der von denſelben ehrwur⸗ digen Ahnen, wie der letzte Beſitzer, abſtammt; auf der andern Seite könnte ſie gar noch einem Menſchen von unedler Abkunft und höchſt zweifelhaftem Charakter als Beute anheimfallen. Der Um⸗ ſtand, daß Sir Wycherly meine Anweſenheit verlangte, iſt von großer Wichtigkeit und ich habe zu Euch und Euren Begleitern das volle Vertrauen, daß Ihr die Ehrenhaftigkeit meines Verfahrens bezeugen werdet. Doch jetzt, Sir, wenn's Euch beliebte, könnten wir uns in das Krankenzimmer verfügen.“ „Von Herzen gern,“ ſagte der Admiral, indem er ſich der 280 Thüre näherte.„Ich denke übrigens, Sir Reginald, ſelbſt in dem Falle, wenn die Herrſchaft an den Lehnsherrn zurückfiele, würdet Ihr ſo viel Großmuth bei unſern braunſchweigiſchen Fürſten finden, daß ſie Euch das Gut wieder anheimſtellten. Für dieſe herumzie⸗ henden Schotten, die ſo viele nacktbeinige Edelleute zu bereichern haben, möchte ich Euch freilich nicht gut ſtehen; dagegen glaube ich, daß Ihr bei den Hannoveranern vollkommen geborgen wäret.“ „Die Letzteren haben jedenfalls eine Empfehlung für ſich,“ erwiederte der Andere mit artigem, aber auch ſo zweideutigem Lächeln, daß ſelbſt Sir Gervaiſe im erſten Augenblick davon betroffen war; „ſie haben ſich unterdeſſen an der Krippe ſo vollgemäſtet, daß ſie unmoͤglich denſelben Heißhunger verſpüren können, wie Diejenigen, welche lange gefaſtet haben. Jedenfalls aber wäre es weit ange⸗ nehmer, dieſe Ländereien aus der Hand eines Wychecombe's— ein Wychecombe von dem andern— zu empfangen, als dieſelben ſelbſt von dem erſten Plantagenet, der ſie urſprünglich verlieh, auf's Neue anzunehmen.“ Hiemit endete die geheime Unterreduug, denn die Sprechenden traten in demſelben Augenblicke in die große Halle, als Sir Regi⸗ nald ſeine Rede ſchloß. Wycherly war in dem Moment, da die beiden Baronets eintraten, gerade in ernſtem Geſpräche mit Mrs. Dutton und Mildred begriffen; doch raſch den Blick des Admirals auffaſſend, ſprach er einige haſtige Worte zu ſeinen Freundinnen und ſchloß ſich dann den beiden Herren an, die eben auf dem Wege nach dem Zimmer des Kranken begriffen waren. „Hier, Sir Reginald, ſeht Ihr einen Namensvetter, wenn nicht gar einen Anverwandten,“ bemerkte Sir Gervaiſe, den Lieu⸗ tenant vorſtellend;„einen Jüngling, auf den ſelbſt Eure geachtete Familie mit vollem Rechte ſtolz ſeyn dürfte.“ Sir Reginald's Kompliment war artig und verbindlich, während der Admiral in ſeiner Vorſtellung fortfuhr; Wycherly aber fand den ſchar⸗ fen, forſchenden Blick, welchen jener auf ihn heftete, höchſt unangenehm. 281 „Ich weiß durchaus Nichts davon, daß ich auch nur den ge⸗ ringſten Anſpruch auf die Ehre hätte, Sir Reginald Wychecombe’'s Verwandter zu ſeyn,“ ſprach er mit kalter Zurückhaltung.„In der That erfuhr ich geſtern Abend zum erſten Mal, daß in Hertford⸗ ſhire eine Seitenlinie der Familie exiſtire und Sir Gervaiſe wird ſich erinnern, daß ich ein geborener Virginier bin.“ „Ein Virginier!“ rief ſein Namensvetter, von ſolchem Erſtau⸗ nen überraſcht, daß ſogar ſeine Selbſtbeherrſchung ihn einigermaßen zu verlaſſen drohte.„Davon wußte ich allerdings nichts, daß Abkömm⸗ linge unſeres Stammes ihren Weg in die Kolonien gefunden hätten.“ „Und wenn ſie es auch gethan hätten, Sir, ſo würden ſie dort jedenfalls eine Klaſſe von Menſchen getroffen haben, die in jeder Beziehung zu ihren Gefährten taugten, Sir Reginald. Wir Engländer hängen noch zu ſehr an dem Syſteme der Klanverwandt⸗ ſchaften— ich haſſe zwar das Wort, denn es erinnert zu ſehr an das Schottiſche— aber nichtsdeſtoweniger iſt es wahr, wir hängen noch ſehr an der Einrichtung der Klane, wenn wir auch großentheils nicht mehr mit nackten Beinen herumgehen, und ſehen oft hochmü⸗ thig ſogar auf den eigenen Sohn herab, wenn ihn die Liebe zu Abenteuern nach jenem fernen Welttheile führte. Meiner Anſicht nach bleibt der Engländer immer Engländer, aus welchem Theile des Reichs er auch kommen mag. Das allein iſt es, Sir Regi⸗ nald, was ich edle Freiſinnigkeit nenne.“ „Vollkommen wahr, Sir Gervaiſe; ſo bleibt auch der Schott⸗ länder ein Schotte und wenn er gleich vom Norden des Tweed herkäme.“ Dieß ſprach der Baronet mit voller Ruhe, doch fühlte der Viceadmiral recht gut den wohlverdienten Vorwurf, der darin lag; er war aber vernünftig und gutmüthig genug, um ſeine eigenen Vorurtheile zuzugeben und herzlich darüber zu lachen. Während dieſes kleinen Wortgefechtes gelangten die Drei an Sir Wycherly's Thüre, wo ſie ſtehen blieben, bis ſie Gewißheit erlangt hatten, daß der Eintritt wirklich erlaubt ſey. Die nächſte Viertelſtunde brachte in der Lage Aller, die wir bis jetzt als Hauptperſonen in Wychecombe⸗Hall geſchildert haben, eine bedeutende Veränderung hervor. Das Einlaßverbot in Sir Wycherly's Zimmer war aufgehoben und ſämmtliche Herrn, ſo wie Mrs. Dutton und ihre Tochter nebſt drei oder vier der älteren Diener des Haushalts waren jetzt daſelbſt verſammelt; ſelbſt Galleygo hatte es gewagt, ſich mit ſeiner ungeſchlachten Geſtalt unter den Uebrigen hereinzudrängen, beſaß aber doch ſo viel Einſicht, daß er unter ſeinen Standesgenoſſen verborgen im Hintergrunde zurückblieb. Mit einem Wort— Wohnſtube und Krankenzimmer waren beide voll von Gäſten: nur hatte ſich in letzterem hauptſächlich das ärztliche Perſonal nebſt denjenigen Perſonen verſammelt, denen ihr Rang einen Anſpruch darauf gab, in der unmittelbaren Nähe des Kranken zu verweilen. Es war nun keine Frage mehr, daß Sir Wycherly auf ſeinem Sterbebette lag. Sein Geiſt hatte ſich zwar merklich erholt, auch ſeine Sprache war vernehmlicher geworden; aber ſein ganzes phy⸗ ſiſches Syſtem hatte einen Stoß erlitten, der ein Wiederaufkommen unmöglich machte. Die Aerzte waren der Anſicht, daß er mög⸗ licher Weiſe noch mehrere Tage leben, aber auch bei einer Wieder⸗ holung ſeiner Schlaganfälle augenblicklich hingerafft werden konnte. Der Baronet ſelbſt ſchien ſeine Lage vollkommen zu fühlen, wie ſchon aus der Aengſtlichkeit, mit der er ſeine Freunde um ſich zu verſammeln wünſchte und mehr noch aus der dringenden Sehn⸗ ſucht erhellte, mit welcher er ſeine zeitlichen Angelegenheiten noch gehörig zu ordnen verlangte. Beiden Wünſchen hatten ſich die Aerzte lange Zeit widerſetzt, bis ſie endlich in der Ueberzeugung, daß es ſich doch nur um wenige Stunden mehr oder weniger handle und die Verweigerung dieſes Verlangens auf den Kranken am Ende gar noch einen nachtheiligeren Einfluß als die Erfüllung deſſelben äußern könnte, einſtimmig ihre Zuſtimmung gegeben hatten. „Es heißt der menſchlichen Schwäche nicht allzuviel nachgeben, 283 wenn wir einen Sterbenden ſeinen eigenen Weg verfolgen laſſen,“ flüſterte Magrath den beiden Admiralen bei ihrem Eintritte in's Ohr. „Sir Wycherly iſt rettungslos verloren und da er es ſo dringend wünſcht, ſo wollen wir ihn ſeine wenigen Codieille noch machen laſſen— vielleicht bleiben weniger hoffnungsloſe Teufel an ſeinem Sarge zurück, wenn er dermaleinſt zu ſeinen Ahnen verſammelt ſeyn wird.“ „Da find wir nun, mein theurer Sir Wycherly,“ begann der Biceadmiral, der niemals eine Gelegenheit verabſäumte, um ſeinen Zweck ohne allen unnöthigen Aufſchub zu verfolgen;„wir ſind verſammelt und von ganzem Herzen bereit, Eure Wünſche zu er⸗ füllen. Euer Verwandter, Sir Reginald Wychecombe, iſt gleich⸗ falls gegenwärtig und wünſcht, wie wir, Euch zu Gefallen zu leben.“ Es war ein peinlicher Anblick, einen Mann auf ſeinem Sterbe⸗ bette ſo ängſtlich bemüht zu ſehen, die äußeren Geſellſchaftsformen nicht zu vernachläßigen— wie es der Herr des Schloſſes in Wirklich⸗ keit zu ſeyn ſchien.— Zwiſchen den Häuptern der beiden Familien⸗ zweige hatte bis jetzt eine unnatürliche Entfremdung beſtanden, welche weder in einem vorangegangenen Streite noch in einer wirk⸗ lichen Urſache zum Mißvergnügen, ſondern einzig und allein in der ſtillſchweigenden Ueberzeugung der beiden Theile ihren Grund hatte, daß keiner von beiden zu dem andern paßte. Sie hatten ſich nur ſelten geſehen und waren jedesmal ohne Bedauern von einander geſchieden.— Jetzt war aber der Fall ein anderer; die Trennung ſollte auf einer Seite wenigſtens eine ewige werden und ſo ſchwan⸗ den alle untergeordneten Rückſichten, alle Launen der Gewohnheit oder eines herriſchen Geſchmacks vor den feierlichen Eindrücken des Augenblicks. Sir Wycherly konnte übrigens noch immer nicht vergeſſen, daß er der Herr von Wychecombe war und daß ſein Namensvetter für einen feingebildeten Edelmann galt; und ſo hätte er ſich in ſei⸗ ner einfachen Denkungsart gar zu gern im Bette aufgerichtet, um 284 ſeinem Gaſte die gebührende Ehre zu erweiſen. Es bedurfte ſogar einiger ſanften Gewalt, um den Patienten in ſeiner Ruhe zu erhalten. „Sehr geehrt, Sir— höchlich erfreut,“ murmelte Sir Wy⸗ cherly mühſam, denn noch immer koſtete ihn das Sprechen bedeu⸗ tende Anſtrengung.„Gleiche Ahnen— gleicher Name— Plan⸗ tagenets— altes Haus, Sir— ein Haupt geht, ein neues kommt. Keiner beſſer, als—“ „Strengt Euch doch nicht zu ſehr an mit unnöthigem Sprechen, mein theurer Sir,“ unterbrach ihn Sir Reginald, mit größerer Berückſichtigung des Patienten als ſeiner eigenen Intereſſen, da die folgenden Worte des Kranken allem Anſchein nach von der Nachfolge im Erbe zu handeln verſprochen hatten.„Sir Gervaiſe Oakes ſagt mir, er kenne im Allgemeinen Eure Wünſche und ſey nun vollkommen vorbereitet, dieſelben zu erfüllen. Entledigt Euch zuvoͤrderſt der Sorge für Eure häuslichen Anliegen, dann werde ich mich ſehr glücklich fühlen, Euch im Uebrigen mit der ganzen Herz⸗ lichkeit eines Verwandten beizuſtehen.“ „Ja, Sir Wycherly,“ fuhr Sir Gervaiſe, dieſen Wink be⸗ nützend, fort;„ich glaube, ich habe jetzt zu All' dem, was Ihr zu ſagen wünſchtet, den wahren Schlüſſel gefunden. Die wenigen Worte, die Ihr vergangene Nacht eigenhändig aufgezeichnet, waren der Anfang eines Teſtaments, deſſen Abfaſſung Euer ſehnlichſter Wunſch iſt. Ihr braucht nicht zu ſprechen, Sir; erhebt nur Eure rechte Hand zum Zeichen, daß ich Euch richtig verſtanden habe.“ Der Kranke ſtreckte wirklich ſeinen rechten Arm über das Betttuch und ſeine trüben Augen leuchteten in einem Strahl von Freude, zum Beweiſe, welch' innigen Antheil ſein Herz an dieſem Reſultate nahm. „Ihr ſeht ſelbſt, meine Herren!“ ſprach Sir Gervaiſe mit Nachdruck.„Niemand kann wohl die Bedeutung dieſes Zeichens mißverſtehen! Kommt näher, Doktor— Mr. Notherham— Alle, welche vorausſichtlich kein perſönliches Intereſſe an der Sache haben. 285 Ich wünſche, daß Jedermann ſehe, wie Sir Wycherly Wychecombe ſein Teſtament zu machen wünſcht.“ Der Viceadmiral wiederholte nun ſeine Frage zum zweiten Mal und erhielt dieſelbe bezeichnende Antwort. „So hab' ich's ſchon früher verſtanden und glaube jetzt auch Euer ‚halb' und ‚ganz' und ebenſo Euer ‚nullus“ vollkommen zu be⸗ greifen. Ihr wolltet uns ſagen, Euer Verwandter hier, Sir Re⸗ ginald Wychecombe, ſey in Beziehung auf Euch ſelbſt vom ‚Halb⸗ blute, Euer Neffe, Mr. Thomas Wychecombe, dagegen ſey, was man mit dem geſetzlichen Ausdruck einen ‚filius nullius nennt— ſo peinlich Letzteres auch in einem ſo feierlichen Augenblicke klingen mag, die Wahrheit, ihr Herrn, muß nichtsdeſtoweniger klar aus⸗ geſprochen werden. Wenn wir auch hierin Eure Meinung richtig verſtanden haben, ſo habt die Güte, Sir, und gebt dieſer Geſell⸗ ſchaft daſſelbe Zeichen Eurer Billigung.“ Die letzten Worte waren noch kaum geſprochen, als Sir Wycherly bereits wieder ſeinen Arm ausſtreckte und mit dem Kopfe nickte. „Hierin kann ſomit kein Mißverſtändniß obwalten und Niemand wird wohl darüber mehr erfreut ſeyn als ich ſelbſt, denn jene un⸗ verſtändlichen Worte haben mich in der vergangenen Nacht außer⸗ ordentlich beunruhigt.— Nun denn, mein theurer Sir, ſo hätten wir alſo Euren Willen richtig verſtanden; in dieſer Vorausſicht hat mein Sekretär, Mr. Atwood, bereits den Anfang eines Teſta⸗ ments in den üblichen Formeln aufgeſetzt. Als Einleitung ſtehen am paſſendſten oben an Eure eigenen frommen Worte— ‚Im Na⸗ men Gottes, Amen!— Mein Sekretär ſelbſt iſt bereit, Eure Legate, ſo wie Ihr ſie ihm zu nennen beliebet, aufzuzeichnen. Wir wollen ſie zuerſt auf ein beſonderes Blatt Papier niederſchreiben, wollen ſie Euch dann vorleſen, um uns zu überzeugen, daß ſie Eure Billigung erhalten und ſie dann erſt zu einem Teſtamente zuſammenfaſſen. Ich denke, Sir, auf dieſe Art können wir am 286 Beſten den Spitzfindigkeiten der Rechtsgelehrten, welchem Gerichts⸗ hofe ſie auch angehören mögen, entgehen?“ „Ja wohl, werther Sir, Eure Art, das Teſtament aufzuſetzen, iſt unter den beſonderen, hier obwaltenden Umſtänden durchaus paſſend und angemeſſen,“ gab Der aus Hertfordſhire zur Antwort.„Doch muß ich noch eines bemerken, Sir Gervaiſe: meine eigene Stellung hier iſt etwas delikater Natur, nicht minder die des Mr. Thomas Wychecombe, ſo wie aller Derjenigen, welche gleichen Namen füh⸗ ren oder ſonſt zur Familie gehören, wenn wirklich noch ſolche vor⸗ handen ſind. Wäre es nicht gut, wenn man bei dem Teſtator an⸗ fragte, ob er unſere Anweſenheit ausdrücklich wünſcht oder nicht?“ „Iſt es Euer Wunſch, Sir Wycherly, daß Eure Verwandten und Namensvettern im Zimmer bleiben, oder ſollen ſie ſich ſo lange zurückziehen, bis das Teſtament fertig iſt? Ich will Euch die Na⸗ men der Anweſenden nennen, und wenn Ihr einen derſelben insbe⸗ ſondere um Euch zu haben wünſcht, ſo dürft Ihr es nur durch ein Nicken mit dem Kopfe zu erkennen geben.“ „Alle— alle dableiben,“ murmelte Sir Wycherly;„Sir Re⸗ ginald— Tom— Wycherly— alle.“ „Das ſcheint deutlich genug, ihr Herrn,“ begann der Vice⸗ admiral von Neuem.„Er will, daß alle bleiben und wenn meine Vermuthung richtig iſt, ſo hat unſer armer Freund mit den Ge⸗ nannten auch Diejenigen bezeichnet, denen er Legate zu vermachen beabſichtigt; vielleicht ſollen ſie auch in eben der Ordnung aufein⸗ ander folgen, wie er ſie genannt hat.“ „Dieß muß ſich unzweifelhaft herausſtellen, wenn Sir Wy⸗ cherly ſeine Abſichten erſt in Worten ausgedrückt hat,“ bemerkte Sir Reginald, welcher ernſtlich wünſchte, daß in einem ſo folgen⸗ reichen Augenblick auch nicht der leiſeſte Anſchein zurückbleiben ſollte, als ob ſein Verwandter zu irgend etwas beſtimmt oder überredet worden wäre.„Ich moͤchte Euch dringend erſuchen, keine einlei⸗ tenden Fragen mehr zu ſtellen.“ 287 „Sir Gervaiſe verſteht ſich auf die Einleitung einer Schlacht beſſer als auf ſolche juridiſche Kreuz⸗ und OQuerfragen, Sir Regi⸗ nald,“ bemerkte Bluewater ſo leiſe, daß Niemand, als der Ange⸗ ſprochene, ſeine Worte vernehmen konnte.„Ich denke, wir werden Sir Wycherly's Wünſche weit beſſer erfahren, wenn wir meinen Freund ſeinen eigenen Weg gehen laſſen.“ Der Andere verbeugte ſich und ſchien ſich gerne zufrieden zu geben. Unterdeſſen wurden alle nöthigen Anſtalten getroſſen, um das gewünſchte Teſtament abzufaſſen. Atwood ſetzte ſich an einen Tiſch neben dem Bett und begann, ſeine Federn zu ſpitzen: die Aerzte reichten dem Kranken einen ſtärkenden Trank; Sir Gervaiſe ließ alle anweſenden Zeugen ſich ſo im Zimmer ordnen, daß jedes den Kranken ſehen und von ihm geſehen werden konnte, wobei er in⸗ deſſen Wycherly wohlweislich ſo placirte, daß deſſen ſchöne Geſtalt dem Sterbenden nothwendig in die Augen fallen mußte. Des Lieutenants Beſcheidenheit würde ſich vielleicht gegen dieſe Anord⸗ nung geſträubt haben, wenn er dadurch nicht zufällig dicht neben Mildred zu ſitzen gekommen wäre. Vierzehntes Kapitel. Nun iſt'’s vorbei!— Furcht, Zweifel ſind dahin, Den edlen Todten lichte Träum“ umzieh'’n! Die Seele hat die letzte Prob' hinieden Beſtanden: auf dem Antlitz wohnt des Himmels Frieden! Mrs. Hemans. Mlan wird ſich leicht denken können, daß Tom Wychecombe die in dem vorhergehenden Kapitel erzählten Vorgänge mit tiefem Schrecken wahrnahm. Der Umſtand, daß er wirklich ein unver⸗ fälſchtes Teſtament von ſeinem Oheim in Händen hatte, das ihn zum Univerſalerben ſeiner ſämmtlichen Verlaſſenſchaft einſetzte, hatte 288 ihn kühn gemacht und ihn zuerſt zu dem kecken Verſuche veranlaßt, auch ſeine rechtmäßige Abkunft durch Beweiſe darlegen und alle daraus entſpringenden Anſprüche durchſetzen zu wollen. Er war feſt ent⸗ ſchloſſen, nach Sir Wycherly's Hingange deſſen Titel anzunehmen, denn, da kein Erbe für die Baronie vorhanden war, ſo konnte er mit ziemlicher Wahrſcheinlichkeit annehmen, daß— wenn ſich einmal die Ländereien in ſeinem ruhigen Beſitze befäaͤnden, wohl Niemand ſoviel Antheil an der Sache nehmen würde, um ihm ſein Recht auf Titel und Rang ſtreitig zu machen. Jetzt aber drohte ein Schlag, der alle ſeine Hoffnungen ver⸗ nichten mußte. Die Unrechtmäßigkeit ſeiner Abkunft ſchien nun auch andern bekannt zu ſeyn und aller Wahrſcheinlichkeit nach ſollte ein neues Teſtament das alte wenigſtens in den wichtigſten Beſtim⸗ mungen verdrängen. Er konnte ſich nicht denken, was wohl dieſe plötzliche Veränderung in den Plänen ſeines Onkels hervorgerufen hatte, denn er kannte ſich ſelbſt nicht hinlänglich, um zu begreifen, daß die wenigen Monate näheren Umgangs, welche auf den Tod ſeines verehrten Vaters gefolgt waren, vollkommen hingereicht hat⸗ ten, um Sir Wycherly über ſeinen wahren Charakter aufzuklären und ein Mißfallen in ihm zu erregen, das ſich bis jetzt, da der Augenblick zu handeln es wecken mußte, nur paſſiv verhalten hatte; am wenigſten von Allem aber konnte er verſtehen, wie der geiſtige Geſichtskreis des Menſchen, ſowohl was Vergangenheit als was Zukunft betrifft, bei der Annäherung des Todes auf ſo überraſchende Weiſe geläutert und erweitert werden konnte. Zwar waren ſeinem Oheime hin und wieder einzelne Aeußerungen ernſtlicher Unzufrie⸗ denheit entſchlüpft, doch hatte derſelbe ſeinen Unwillen ſo viel als möglich gedämpft und vorſichtig die Gelegenheit abgewartet, wo er das beſagte Teſtament am Beſten bei Seite ſchieben oder, was noch beſſer waͤre, ſeinen Neffen, wie jetzt, gänzlich von der Nachfolge ausſchließen könnte. Endlich waren die nöthigen Vorkehrungen getroffen; Atwood 289 — eine geſpitzte Feder, Tinte und Papier vor ſich— war bereit zu beginnen und eine athemloſe Stille herrſchte in dem Zimmer. So wie Sir Gervaiſe dieß bemerkte, nahm er den Gegenſtand, um deſſen willen ſie zuſammengekommen waren, von Neuem wieder auf. „Atwood wird Euch das, was er bereits geſchrieben hat, vor⸗ leſen, Sir Wycherly. Sollte der Styl Eure Billigung erhalten, ſo habt Ihr wohl die Güte, dieß durch ein Zeichen kund zu geben. — Gut denn, wenn Alles bereit iſt, ſo könnt Ihr anfangen, Atwood!“ „Im Namen Gottes, Amen:““ begann der umſtändliche Se⸗ krelär;„Ich Wycherly Wychecombe, Baronet von Wychecombe⸗ Hall in der Grafſchaft Devon, thue hiemit kund und zu wiſſen, daß ich, zwar rüſtig an Geiſt, doch an Geſundheit ſchwach und leidend und die Ausſicht auf den nahen Tod vor Augen— alle andern Teſtamente, Codicille und ſonſtige teſtamentariſchen Verord⸗ nungen jeder Art vernichte und aufhebe und dieſes Inſtrument für meinen letzten Willen und Teſtament erkläre; das will ſagen, Im- primis, ich beſtimme hiermit und bezeichne—— von—— zum Vollſtrecker dieſes meines genannten Willens mit aller Gewalt und Vollmacht, wie das Geſetz ſie ertheilt oder dem Vollſtrecker ſpä⸗ ter noch ertheilen mag. Zweitens beſtimme und vermache ich— — dieß iſt Alles, was bis jetzt geſchrieben wurde, Sir Gervaiſe; dabei habe ich nicht vergeſſen für den Fall, daß der Teſtator es paſſend finden ſollte, mehr als einen Executor zu ernennen— für den oder die Namen des oder der Teſtamentsvollſtrecker, ſowie für das „se oder„re bei dem Artikel der Vollſtrecker weiße Stellen übrig zu laſſen.“*. „Da habt Ihr's, Sir Reginald,“ ſprach der Viceadmiral nicht ganz ohne Triumph;„dieß iſt die Art, wie wir auf Linienſchiffen ſolche Dinge vorbereiten! Der Sekretär eines Flaggenofftziers muß faſt zu allen Verrichtungen brauchbar ſeyn, eine einzige viel⸗ leicht— die Pflege der Seele ausgenommen!“ „Und die des Leibes ditto, Sir Gervaiſe, wenn Ihr mir Die beiden Admirale. 2. Aufl. 19 3 290 erlauben wollt, dieß beizufügen,“ bemerkte Magrath und nahm eine ungeheure Priſe von ſeinem ſtarken, gelben Schnupftaback. „O, o, unſer Sekretär würde ſich wohl recht linkiſch gebär⸗ den, wenn er aus einem Schweinskopf eine delikate Schildkröten⸗ ſuppe herausbringen ſollte, wie wir auf der See ſie ſo oft auf den Tiſch ſtellen,“ flüſterte Galleygo Mrs. Barder in's Ohr. „Ich finde keinerlei Einwendung gegen die Sache, Sir Gervaiſe, wenn die Faſſung Sir Wycherly genehm iſt,“ gab der zwar gelehrte aber nicht ausübende Rechtskundige zur Antwort.„Ich glaube, es wäre räthlich, ſich ſelbſt hiefür von ſeiner Billigung zu überzeugen.“ „Natürlich, Sir; das wollen wir ſogleich thun.— Sir Wy⸗ cherly, findet Ihr dieſe Abfaſſung des Teſtaments nach Eurem Wunſch?“ Sir Wycherly lächelte und machte ein ſehr deutliches Zeichen der Bejahung. „Ich dachte mir's wohl; ſo viel ich weiß, hat Atwood ſchon bei zwei Admiralen und drei Kapitänen denſelben Notars⸗Dienſt geleiſtet und der Lord⸗Oberrichter äußerte ſich über eines ſeiner letzten Teſtamente dahin, daß es dem beſten Rechtsgelehrten in England Ehre gemacht haben würde und nur eines dabei zu bedauern geweſen ſey, daß der Teſtator nichts zu vermachen gehabt habe.— Nun denn, Sir Wycherly, wollt Ihr einen oder mehrere Exekutoren? Im Falle Ihr nur einen wünſcht, dürft Ihr nur einen Finger in die Höhe ſtrecken und für jeden weiteren Exekutor, den ihr in den leeren Stellen aufgeführt zu ſehen wünſcht, allemal einen Finger weiter.— Einen, Atwood;— Ihr ſeht, meine Herrn, daß Sir Wycherly nur einen einzigen Finger emporhebt— ſo könnt Ihr alſo ein ſimples„re an die léere Stelle ſetzen, Atwood, da das Wort im Singular ſtehen ſoll— habt Ihr's, Atwood?“ Der Sekretär that, wie ihm befohlen ward, und erklärte ſich dann bereit, weiter fortzufahren. „Es wird nun noͤthig werden, Sir Wycherly, daß Ihr Euren 291 Exekutor nennt. Strengt Euch ſo wenig als möglich an, nur ſo, daß wir's verſtehen können.“ Sir Wycherly brachte den Namen„Sir Reginald Wyche⸗ combe“ ganz deutlich heraus. „Das iſt vollkommen klar,“ fuhr der Viceadmiral fort.„Wie lautet der Satz nunmehr, Atwood 63 „Imprimis:— Beſtimme und bezeichne ich Sir Reginald Wychecombe von Wychecombe⸗Regis, Baronet aus der Grafſchaft Herts zum Vollſtrecker dieſes meines beſagten Teſtamentes“ u. ſ. w.“ „Wenn dieſer Satz Eure Zuſtimmung hat, Sir Wycherly, ſo habt die Güte und gebt das ausgemachte Zeichen.“ 3 Der Kranke lächelte, nickte mit dem Kopfe, hob ſeine Hand empor und blickte ſeinen Verwandten ängſtlich an. „Ich will Euch recht gern als ſolcher dienen, Sir Wycherly, wenn dieß Euer Wunſch iſt,“ bemerkte der Genannte, als er die Bedeutung des Blickes ſeines Anverwandten erkannte. „Und nun, Sir, fuhr der Viceadmiral fort,„iſt es nöthig, Euch einige Fragen vorzulegen, damit Atwood weiß, was er zu⸗ nächſt zu ſchreiben hat.— Iſt es Euer Wunſch, etwas von Eurem Grundeigenthum zu vermachen?“ Sir Wycherly bejahte. „Wollt Ihr Euer geſammtes Grundeigenthum vermachen?“ Daſſelbe Zeichen der Bejahung folgte. „Wollt Ihr Alles einer einzigen Perſon vermachen?“ Auch hier wieder das nämliche Zeichen der Billigung. „Nun erſt haben wir klare Fahrt vor uns und werden bald zu Ende ſeyn— nicht wahr, Atwood?“ Der Sekretär ſchrieb ſo ſchnell als möglich und nach zwei oder drei Minuten las er, wie folgt: „Zweitens: Mache und beſtimme Ich folgende Vermächtniſſe oder Legate— nämlich ich gebe und vermache dem—— von —— das geſammte Grundeigenthum, in deſſen Beſitz ich ſterbe, 29²2 nebſt ſämmtlichen dazu gehörigen Gebäulichkeiten, Grundſtücken, Erbſchaften und Zubehörden, ſo daß beſagter—— von—— ſo wie—— Erben, Erxekutoren, Adminiſtratoren oder Bevoll⸗ mächtigte daſſelbe als ewiges Lehen nach Recht und Bllligkeit be⸗ ſitzen und genießen ſollen! Für Name, Titel, ſo wie für das Ge⸗ ſchlecht des Erben ſind wieder leere Stellen gelaſſen,“ ſetzte der Sekretär hinzu. „Alles durchaus richtig und geſetzlich— glaubt Ihr nicht auch, Sir Reginald? Es freut mich ſehr, wenn Ihr es auch ſo findet, Sir— Nun, Sir Wycherly, wir warten auf den Namen des Glücklichen, den Ihr alſo zu begünſtigen gedenket. „Sir Reginald Wychecombe,“ brachte der Kranke mit Mühe heraus;„Halbblut— kein nullus. Sir Michaels Erbe— mein Erbe.“ „Das iſt gutes, verſtändliches Engliſch!“ rief Sir Gervaiſe mit dem Tone der Zufriedenheit; ſchreibt, Atwood:— Sir Re⸗ ginald Wychecombe von Wychecombe⸗Regis, Herts— nun ſeht, das füllt die leeren Stellen recht hübſch aus— nun habt Ihr noch in die andern leeren Stellen zu ſetzen— ‚ſeine Erben, Exekutoren“ u. ſ. w.“ „Bitte um Entſchuldigung, Sir Gervaiſe; es ſollte lauten, ‚von ihm ſelbſt, ſeine Erben“ u. ſ. w.“ „Ganz recht, ganz recht, Atwood. Jetzt lest einmal langſam und wenn Sir Wycherly damit einverſtanden iſt, wird er uns wieder ſein Zeichen geben.“ Wie Gervaiſe befohlen, ſo geſchah es; Sir Wycherly gab nicht nur ſein gewöhnliches Zeichen der Bejahung, ſondern that es dießmal mit einem wahrhaften Entzücken, wie alle Anweſenden, den beſchämten und beſtürzten Tom ſelbſt nicht ausgenommen, deutlich bemerken konnten. „Das Grundeigenthum wäre nun verſorgt— nicht wahr, Atwood?“ meinte Sir Gervaiſe, der das vorliegende Geſchäft 293 allmählig mit dem Eifer eines beſtellten Notars oder vielmehr wie ein Mann betrieb, auf deſſen Schultern die Verantwortlichkeit eines glücklichen oder unglücklichen Erfolgs des Ganzen laſtete.„Jetzt kommen wir zunächſt an die Personalia.— Iſt es Euer Wunſch, Sir Wycherly, Eure Hausgeräthe, Weine, Pferde, Wagen und ſonſtige derartige Sachen einer beſondern Perſon zu vermachen?“ „Alles— Sir Reginald— Wychecombe— Halbblut— des alten Sir Michaels Erben,“ gab der Teſtator zur Antwort. „Gut— ſchreibt es nieder, Atwood; das heißt die Sache auf eine Art abmachen, wie ich Familienangelegenheiten gerne abge⸗ macht ſehe. Sobald Ihr fertig ſeyd, laßt uns hören, wie das Ding geſchrieben lautet.“ 1 „Weiter vermache ich beſagtem Sir Reginald Wychecombe von Wychecombe⸗Regis, als vorhin beſagtem Baronet— mein ſämmt⸗ liches perſönliches Eigenthum jeder Art,““ las Atwood, ſobald er fertig war;„nämlich Hausgeräthe, Weine, Gemälde, Bücher, Roſſe und Wagen und ſämmtliches andere Eigenthum, in deſſen Beſitz ich ſterbe; ausgenommen davon ſind übrigens diejenigen Summen, mögen ſie nun beſtehen in baarem Gelde, Staatskapitalien, Obli⸗ gationen, Wechſeln, ſonſtigen Pfandſchaften oder dergleichen, welche ich in dieſem Inſtrument andern Perſonen noch beſonders anwei⸗ ſen werde.— Wir können jetzt an die einzelnen Legate gehen, Sir Gervaiſe, und in einer ſpäteren Klauſel Sir Reginald als Haupt⸗ erben aufführen, der ſämmtliche Legate auszuzahlen beauftragt iſt⸗ wenn es nämlich Sir Wycherly alſo genehm iſt.“ „Wenn dieſe Klauſel Euren Beifall hat, mein theurer Sir, ſo macht das gewöhnliche bejahende Zeichen.“ Sir Wycherly, offenbar äußerſt zufrieden, hob die Hand in die „Höhe und nickte noch überdieß mit dem Kopfe. „Nun, mein guter Sir, kommen wir an die Pfunde— nein — Guineen? Ihr habt das lieber— nun, ich geſtehe, es klingt beſſer im Ohr und vaßt auch mehr zu den Gewohnheiten eines 294 Edelmannes. Wollt Ihr jetzt die Guineen vermachen?— Gut — nennt zuerſt den Erben— iſt's ſo recht, Sir Reginald?“ „Ganz recht, Sir Gervaiſe; Sir Wycherly wird ſchon wiſſen, daß er jetzt die erſte Perſon zu benennen hat, welcher er noch etwas Weiteres zu vermachen wünſcht.“ „Milly,“ murmelte der Kranke. „Was? Mühlen!— Die gehören ja zum Grundeigenthum, Sir Reginald!“ „Er meint Miß Mildred Dutton,“ fiel Wycherly eifrig, aber mit geziemender Beſcheidenheit ein. „Ja— recht— recht,“ fuhr der Teſtator fort.„Kleine Milly“— Milly Dutton— gute kleine Milly.“ Sir Gervaiſe zauderte und ſchaute Bluewater an, wie wenn er hätte ſagen wollen„das heißt ja: die Kohlen nach Neweaſtle tragen;“ doch Atwood faßte die Idee auf und ſchrieb das Legat in der üblichen Form. „Ich verleihe und vermache Mildred Dutton, Tochter von Francis Dutton von der königlichen Marine, die Summe von— — Mit welcher Summe ſoll ich die leere Stelle ausfüllen, Sir Wycherly?“ „Drei— drei— ja, drei——“ „Hundert oder tauſend, mein guter Sir?“ fragte Sir Gervaiſe, durch die Größe des Legats etwas überraſcht. „Guineen— drei— tauſend— Guineen— fünf Procent.“ „Das iſt ſo klar, wie Logarithmen. Gebt der jungen Dame drei tauſend Guineen von den fünfprocentigen, Atwood.“ „„Ich verleihe und vermache Mildred Dutton, Tochter von Francis Dutton von der königlichen Marine, die Summe von drei tauſend Guineen aus den fünfprocentigen Staatskapitalien unſeres Königreichs.— Iſt's ſo recht, Sir Wycherly?“ Der alte Mann ſchaute Mildred an und lächelte freundlich, denn er fühlte in dieſem Augenblicke, daß er das reine, liebens⸗ 295 würdige Geſchöpf dadurch, daß er es unabhängig gemacht, zugleich auch den gewöhnlichen Bedrängniſſen ihrer Lage enthoben habe. „Weſſen Namen ſollen wir jetzt zunächſt einzeichnen; Sir Wycherly?“ begann der Viceadmiral auf's Neue.„Es müſſen noch viele von dieſen Guineen übrig ſeyn.“ 3 „Gregory— und— James— Kinder meines Bruders Tho⸗ mas— Baron von Wychecombe— fünf tauſend Guineen einem jeden,“ fuhr der Teſtator fort und ſuchte mit großer Anſtrengung ſeine Meinung ſo deutlich als möglich auszudrücken. Er wurde verſtanden und Atwood ſchrieb nach kurzer Bera⸗ thung mit dem Viceadmiral das ausgeworfene Legat in das Teſta⸗ ment nieder. „„Ich verleihe und vermache meinen Neffen, Gregory und James Wychecombe, den achtbaren Söhnen meines verſtorbenen Bruders, Thomas Wychecombe, eines der Barone von Seiner Majeſtät Schatz⸗ kammergericht— Jedem die Summe von fünf tauſend Guineen aus den fünfprocentigen Staatsobligationen dieſes Königreichs.““ „Seyd Ihr mit dem Legate zufrieden, Sir Wycherly? Im Bejahungsfalle macht nur Euer gewöhnliches Zeichen.“ Sir Wycherly that, wie er bis jetzt in allen Bejahungsfällen gethan hatte. „Weſſen Namen ſollen wir jetzt zunächſt bereit halten, Sir Wycherly?“ fragte der Viceadmiral. Hier entſtand eine lange Pauſe; allem Anſcheine nach über⸗ dachte der Baronet bei ſich ſelbſt, was er bis jetzt gethan hatte und was noch zu thun übrig blieb. „Vertheilt Euch ſo, meine Freunde, daß der Teſtator Euch alle ſehen kann,“ fuhr der Viceadmiral fort und winkte mit der Hand, daß man den Kreis um das Bett des Kranken, welchen Theil⸗ nahme und Neugier einigermaßen verengt hatten, wieder etwas er⸗ weitern ſollte.„Stellt Euch mehr dort neben hin, Lieutenant Wycherly Wychecombe, daß die Damen ſehen und geſehen ———— 296 werden können und auch Ihr, Mr. Thomas Wychecombe, tretet weiter vor, damit Euer Oheim Euch bemerken könne.“ Damit hatte der Sprechende ſo ziemlich ſeinen eigenen Ideen⸗ gang ausgeſprochen. Der Gedanke, daß Wycherly ein natürlicher Sohn des Baronets ſeyn möchte, wollte ihm trotz der virginiſchen Geſchichte nicht aus dem Sinn: dieſe ſeine Vermuthung, mit den Vorzügen des jungen Mannes zuſammengehalten, beſtimmte ihn zu dem ernſtlichen Wunſche, für denſelben ein Legat zu erhalten. Ob Tom's Name in dem Teſtamente vorkäme oder nicht, das kümmerte ihn nur ſehr wenig. Der Gerechtigkeit war jetzt im Weſentlichen ihr Recht geſchehen und da des Richters Vermögen für die Bedürfniſſe ſeines Sohnes hinreichte, ſo konnte die jetzige Lage des früher ver⸗ meinten Erben nur wenig Mitleid erregen. Dennoch glaubte Sir Gervaiſe unter den gegenwärtigen Umſtänden es ſeiner Großmuth ſchuldig zu ſeyn, daß er den Teſtator daran erinnerte, daß noch ſo ein Weſen, wie Thomas Wychecombe auf der Welt war. „Hier, Sir Wycherly, iſt Euer Neffe, Mr. Thomas,“ ſagte er,„iſt es Euer Wunſch, daß ſein Name in Eurem Teſtamente mit enthalten ſey?“ Der Kranke lächelte kalt und bewegte den Kopf, wie wenn er ein Zeichen der Bejahung hätte machen wollen. „„Ich verleihe und vermache Thomas Wychecombe, dem älte⸗ ſten, achtbaren Sohne meines verſtorbenen Bruders Thomas, eines der Barone von Seiner Majeſtät Schatzkammergericht,““ las At⸗ wood, als die Klauſel fertig war,„„die Summe von—— aus den fünfprocentigen Staatsaktien dieſes Königsreichs.““ „Welche Summe ſollen wir aufzeichnen, Sir Wycherly?“ fragte der Viceadmiral. „Fünfzig— fünfzig— Pfund,“ ſprach der Teſtator ſo hell und deutlich, wie er den ganzen Tag über noch nicht gethan hatte. Die nöthigen Worte wurden augenblicklich ergänzt. Als der 297 Paragraph fertig war, wurde er vorgeleſen und der Kranke be⸗ kräftigte ſeine Zuſtimmung mit einem deutlich geſprochenen Ia. Tom fuhr auf; doch er ſah, daß alle Uebrigen ihre Selbſt⸗ beherrſchung behaupteten, und ſo ging das Geſchäft ungeſtört ſeinen Gang weiter. „Wünſcht Ihr noch weitere Namen in Eurem Teſtamente auf⸗ geführt zu ſehen, Sir Wycherly?“ fragte der Viceadmiral.„Ihr habt bis jetzt verfügt über— ja— wie viel?— nun, Atwood?— ja, zehn und drei macht dreizehn und fünfzig Pfund— macht 13,180 Pfund und Ihr beſitzt, wie ich höre, außer dem baaren Geldvorrath, der ohne Zweifel vorhanden iſt, 20,000 Pfund Staats⸗ kapitalien.“ „Anna Larder— Samuel Cork— Richard Bitts— David Bruſh— Phöbe Keys,“ ſprach Sir Wycherly langſam, um At⸗ wood zwiſchen jeder Pauſe Zeit zum Schreiben zu laſſen; es wa⸗ ren die Namen ſeiner Köchin, des Mundſchenken, Reitknechts, Kammerdieners und der Haushälterin in der Reihenfolge, wie ſie dem Leſer vorgeführt wurden. „Wie viel jedem von ihnen, Sir Wycherly? Ich ſehe, Atwood hat ſich kurz gefaßt und alle in die nämliche Klauſel zuſammenge⸗ ſchrieben— das würde nicht angehen, wenn die Legate nicht ſämmt⸗ lich gleich wären.“ „Gut— gut— recht,“ murmelte der Teſtator;„zweihundert Pfund— jedem— tauſend Pfund— alles— baares— baa⸗ res Geld.“ Damit war auch dieſes beendigt, die Klauſel wurde in der gehörigen Ordnung geſchrieben, vorgeleſen und gebilligt. „Jetzt beträgt die vermachte Summe 14,180 Pfund, Sir Wy⸗ cherly— etliche 6— 7000 Pf. ſind noch zu Eurer Verfügung übrig. Stellt Euch etwas mehr bei Seite, Mr. Wycherly Wychecombe, und laßt den Damen mehr freien Raum.— Weſſen Namen ſollen wir jetzt zunächſt aufzeichnen, Sir?“ 298 Bei dieſem Winke des Admirals, der dem tapferen Lieutenant ſo gerne einen Dienſt zu erweiſen wünſchte, heftete Sir Wycherly ſeine Blicke alsbald auf den jungen Mann und betrachtete ihn eine volle Minute mit ſchweigender Aufmerkſamkeit. „Virginier— gleicher Name— Amerikaner— Kolonien— guter Junge— tapferer Junge— 1000 Pf.,“ murmelte der Kranke zwiſchen den Zähnen; doch ſo athemlos war die Stille, die in dieſem Augenblicke in dem Zimmer herrſchte, daß jede Sylbe von den Anweſenden gehört wurde.„Ja— 1000 Pf.— Wy⸗ cherly Wichecombe— königliche Marine.“ Atwood's Feder flog über das Papier hin und war gerade bis zu den Namen des vorgenannten Erben gekommen— da wurde ſeine Hand durch den Ruf des jungen Mannes ſelbſt im Weiter⸗ ſchreiben gehemmt. „Halt, Mr. Atwood— ich will keine Klauſel zu meinen Gun⸗ ſten!“ rief Wycherly, ſein Geſicht war mit hoher Röthe überzogen und ſeine Bruſt hob ſich unter einer Aufregung, die er nur ſchwer zurückzudrängen vermochte.„Ich muß jedes Legat zu meinem Vor⸗ theile ablehnen— es wäre umſonſt, es niederzuſchreiben, denn ich bin entſchloſſen, auch nicht einen Shilling davon anzunehmen.“ „Junger Herr,“ bemerkte Sir Gervaiſe und ſein Ton lautete dabei etwas ſtreng, wie der Vorgeſetzte ihn gegen den Untergebe⸗ nen annimmt, wenn er Letzteren tadeln will.„Ihr ſprecht ſehr haſtig und übereilt. Es ſteht einem bloßen Zuſchauer oder Zuhöͤrer keineswegs zu, die Güte eines Mannes zurückzuweiſen, der dieſe Erde zu verlaſſen und unmittelbar vor das Antlitz ſeines Gottes zu treten im Begriffe ſteht.“ „Ich fühle alle nur mögliche Hochachtung vor Sir Wycherly Wychecombe, Sir, und hege gewiß die freundlichſten Wünſche für ſeine baldige Geneſung und für ein langes Leben, das ihm noch zu Theil werden möge; trotz dem aber will ich kein Geld von einem Manne annehmen, der mein Vaterland mit ſo unverhehlter 299 Verachtung behandelt, wie dieß offenbar bei dem Teſtator der Fall iſt.“ „Ihr ſeyd ein Engländer, wie ich glaube, Lieutenant Wy⸗ checombe und König Georgs II. Diener?“ „Ich bin kein Engländer, Sir Gervaiſe Oakes, ſondern ein Amerikaner, ein Virginier, der zu allen Rechten und Privilegien eines britiſchen Unterthans befugt iſt. Mein Recht auf den Titel eines Engländers iſt nicht größer, als das, welches Dr. Magrath etwa anzuſprechen vermöchte.“ „Das heißt die Sache haarſcharf nehmen— nicht wahr, Atwood?“ antwortete der Viceadmiral, und konnte trotz der feier⸗ lichen Veranlaſſung ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken.„Ich bin weit entfernt, zu behaupten, Sir, daß Ihr in jeder Bezie⸗ hung ein Engländer ſeyd, Ihr ſeyd es aber jedenfalls in dem Sinne, der Euch Nationalcharakter und Nationalrechte einräumt — Ihr ſeyd nämlich Unterthan von England.“ „Mit nichten, Sir Gervaiſe, Ihr werdet mich entſchuldigen, wenn ich hier widerſpreche. König Georgs unterthan bin ich aller⸗ dings, aber keineswegs ein Unterthan von England. In einer Hinſicht bin ich freilich ein Unterthan des britiſchen Reichs, bleibe aber nichts deſto weniger Virginier und Amerikaner. Und wer jemals gegen eines von beiden Ländern ſeine Verachtung ausdrückt, von deſſen Gelde werde ich niemals auch nur einen Shilling berühren.“ „Ihr vergeßt Euch ſelbſt, junger Mann, und überſeht Eure Zukunft. Die paar hundert Pfund Priſengelder, dir Ihr bei der letzten Affaire zu Croir mit Eurem Blute erkauftet, werden wohl nicht ewig dauern.“ „Die ſind bereits verſorgt, Sir, denn ich habe ſie bis auf den letzten Shilling der Wittwe des Bootsführers überſendet, der an meiner Seite getödtet wurde. Wenn gleich nur Amerikaner, bin ich doch keineswegs ein Bettler, Sir Gervaiſe Oakes. Ich bin 300 Beſitzer einer Pflanzung, die mir ſchon jetzt eine anſtändige Unab⸗ hängigkeit ſichert, und nicht aus Noth, ſondern aus freier Wahl habe ich Dienſte genommen. Wenn Sir Wycherly dieß wüßte, würde er es vielleicht billigen, daß mein Name ausgelaſſen wird. Ich liebe und verehre ihn gewiß, würde ihn auch herzlich gern von körperlicher wie von geiſtiger Krankheit befreien, kann mich aber niemals dazu entſchließen, ſein Geld anzunehmen, wenn es mir in Ausdrücken, die ich als demüthigend betrachten muß, an⸗ geboten wird.“ Der junge Mann ſprach dieß mit Beſcheidenheit, aber auch mit einer Wärme, einer Aufrichtigkeit, welche keinen Zweifel an dem vollkommenen Ernſte des Sprechers aufkommen ließ. Sir Gervaiſe achtete die Geſinnungen des jungen Mannes viel zu ſehr, um noch weiter in ihn zu dringen und ſo wandte er ſich nach dem Bette und wartete ruhig ab, was der Kranke zunächſt vorbrin⸗ gen würde. Sir Wycherly hatte Alles, was vorging, gehört und ver⸗ ſtanden und ſelbſt in ſeinem ietzigen Zuſtande konnte das Geſagte ſeine Wirkung auf ihn nicht ganz verfehlen. Zu gutmüthig und menſchenfreundlich, um auch nur einer Fliege wehe thun zu können, gewann das natürliche Gefühl bei dem alten Manne die Oberhand und herzlich gerne hätte er jeden Shilling ſeines geſammten Ka⸗ pitalvermögens hingegeben, um ſeine Reue darüber zu beweiſen, daß er jemals eine Sylbe geſprochen hatte, welche eine ſo edle, hochſinnige Empfindlichkeit verletzen konnte. Dieß ſtand aber jetzt außer ſeiner Macht und in der peinlichen Lage, in welcher er ſich befand, ſuchte er ſein Unrecht, ſo gut er eben konnte, wieder gut zu machen. „Edler Junge!“ ſtotterte er,„Ehre für den Namen— kommt hierher— Sir Gervaiſe, bringt hierher——“ „Ich glaube, es iſt Sir Wycherly's Wunſch, daß Ihr ſeinem Bette näher tretet, Mr. Wychecombe aus Virginien,“ ſagte der N= v= 301 Viceadmiral mit Nachdruck und bot dem Jüngling mit freundlichem Lächeln die Hand, als derſelbe ſeinem Wunſche gemäß näher kam. Der Kranke zog, nicht ohne bedeutende Kraftanſtrengung, einen koſtbaren Siegelring von ſeinem Finger. Auf dieſem Ringe war das Wychecombe'ſche Familienwappen eingravirt; es zeigte jedoch nicht die blutige Hand des ſpäteren Wappens, denn es war weit älter als die Verleihung der Baronetswürde und, wie Wy⸗ cherly recht wohl wußte, einem der Ahnherrn der Familie von einem Herzoge aus dem Stamme der Plantagenets— während der franzöſiſchen Kriege unter Heinrich VI. und zwar zum Anden⸗ ken an eine beſonders glänzende Waffenthat— verliehen worden. „Tragt dieß— edler Junge— Ehre unſeres Namens,“ ſprach Sir Wycherly—„Muß doch abſtammen— alle Wyche⸗ combe ſtammten— ihre—“ „Ich danke Euch, Sir Wvycherly, für dieſes Geſchenk, das ich nach ſeinem vollen Werthe zu ſchätzen weiß,“ erwiederte Wy⸗ cherly, und jede Spur eines andern Gefühls als des der Dank⸗ barkeit war aus ſeinen Zügen verſchwunden.„Mag es auch ſeyn, daß ich keinen Anſpruch auf Eure Würde oder Euer Vermögen beſitze; dieſen Ring wenigſtens darf ich ohne Beſchämung tragen, da er Euch von einem Vorfahen verliehen wurde, der eben ſo gut mein Ahnherr iſt, als er der Stammvater jedes andern Wychecombe’s in England war.“ „Geſetzmäßig?“ rief Tom, der in einem Anfall wilden In⸗ grimms ſeine frühere Vorſicht und Liſt gleich ſehr vergaß. „Ja, Sir, geſetzmäßig,“ gab Wycherly dem Fragenden mit der Ruhe eines Mannes zur Antwort, welcher ſich der Wahrheit ſeiner Ausſage bewußt iſt; dabei begleitete er ſeine Worte mit einem Blick, wodurch Tom wieder ganz in ſeinen frühern Kreis zu⸗ rückgeſchreckt wurde.„Ich bedarf keines Querbalkens, um dieſes Siegel gebrauchen zu dürfen, das, wie Sir Gervaiſe Oakes bemer⸗ ken wird, ein Facsimile deſſelben Wappens iſt, welches ich gewoͤhn⸗ 30² lich trage und das mir von meinem nächſten Vorfahren übergeben wurde.“ 3 Der Viceadmiral verglich das Siegel an Wycherly's Uhrkette mit dem auf dem Ringe; das Wappenbild bei beiden bildeten Greife, und Sir Gervaiſe fand, daß das eine das vollſtändige Kon⸗ terfei des andern war. Sir Reginald trat einen Schritt näher und nachdem der Viceadmiral ſich hinlänglich von der Wahrheit der Sache überzeugt hatte, nahm auch er die beiden Siegel, um ſie ſorgfältig zu vergleichen. Die ihm bekannten Zweige der Wychecombe's von Wychecombe führten alle daſſelbe Wappen, nämlich Greife von der Herrſchaft Wychecombe und von dem Namen Wycherly drei Sturmböcke in den vier Ecken— der junge Mann trug, wie er jetzt mit dem erſten Blicke ſah, das Zeichen ihres gemeinſamen Urſprungs. Sir Reginald wußte recht wohl, daß Wappen ſo gut wie Namen ſehr häufig von Fremden angenommen werden, und daß ein ſolches Individuum ſich derartige Freiheiten mit um ſo größerer Strafloſigkeit herausnimmt, je dunkler ſein Urſprung geweſen; das Siegel aber, das er jetzt in Händen hatte, war ſehr alt, und zudem fielen derartige Eingriffe in fremde perſönliche Rechte vor hundert Jahren weit ſeltener als heut zu Tage vor. Dazu kam noch, daß Wycherly's Charakter, ſo wie deſſen Aeußeres, jeden Betrug, we⸗ nigſtens was den jungen Lieutenant ſelbſt betraf, ganz außer Frage ſtellte. Der ältere legitime Zweig der Familie war jetzt allerdings auf den einzigen rettungsloſen Greis reducirt, der hier auf ſeinem Sterbebette vor ihnen lag— dagegen war ſeine eigene Linie weit verbreitet und es konnte recht wohl der Fall ſeyn, daß ein jüngerer Sohn von den Wychecombe's auf Wychecombe⸗Regis ſich nach den Kolonien verirrt und Nachkommen daſelbſt hinterlaſ⸗ ſen hatte. Mit dem innerlichen Vorſatze, die Sache näher zu unterſuchen, gab Reginald den Ring mit tiefem Ernſte zurück, bemerkte aber gegen Sir ——— 303 Gervaiſe, daß man wohl beſſer das wichtigere Geſchäft, das ſie vor ſich hätten, wieder aufnehmen würde. Auf dieſen Wink griff Atwood abermals nach ſeiner Feder und der Viceadmiral begann wieder ſein früheres Amt. „Es fehlen noch etwa 7000 Pfund, Sir Wycherly, um die 20,000 voll zu machen, welche Ihr, wie ich höre, in den Staats⸗ fonds ſtehen habt. Weſſen Name oder Namen ſoll nun zunächſt auf die Liſte kommen?“ „Rotherham— Vicar— armer St. James!— dahin; ja— Mr. Rotherham— Vicar.“ Die Klauſel wurde aufgeſetzt, die Summe von oai gfes eingezeichnet und das Ganze ſodann vorgeleſen und gebilligt „Noch immer haben wir 5000 Pfund zu freier Verfügung, mein theurer Sir.“ Eine lange Pauſe folgte, während welcher Sir Wycherley mit ſich zu Rathe ging, was er mit dem übrigen Gelde anfangen ſollte. Zuletzt blieben ſeine umherirrenden Blicke auf Mrs. Dutton's bleichen Zügen haften; ihr Mann genoß aus bloßer Gewohnheit einer ziemlichen Beliebtheit bei ihm ſelbſt und dabei gedachte er auch, daß ſie ſo mancherlei Urſache zu Kummer hatte. 6 Mit einem Gefühle, das ſeinem Herzen Ehre machte, ſtotterte er ihren Namen und die Summe von 2000 Pfund. Die Klauſel wurde demgemäß geſchrieben, vorgeleſen und genehmigt. „Wir haben jedenfalls noch drei, wenn nicht gar vier tauſend Pfund,“ fuhr Sir Gervaiſe fort. „Milly— theure kleine— Milly— hübſche Milly,“ ſtotterte der Baronet mit väterlicher Zaͤrtlichkeit. „Dieß muß in ein Codicill, Sir Gervaiſe,“ ſiel Atwood ein, „da bereits ein Legat zu Gunſten der jungen Dame vorhanden iſt. Wie viel Pfund ſollen es werden zu Gunſten Miß Mildred's, der Ihr bereits 3000 Pfund vermacht habt— ein, zwei, drei oder vier tauſend?“ ——u 304 „Drei tauſend,“ murmelte der Kranke, worauf er nach kurzer Pauſe noch das Wort„Codieill“ beifügte. Sein Wunſch ging in Erfüllung; das Ganze wurde vorge⸗ leſen und bejaht. Hierauf fragte Sir Gervaiſe, ob der Teſtator noch weitere Legate auszuſetzen wünſche. Sir Wycherly, der in der That bis auf wenige hundert Pfund ſein ganzes Vermögen bereits vermacht hatte, beſann ſich einige Augenblicke über den Stand ſeiner Ange⸗ legenheiten und bezeugte dann ſeine Zufriedenheit mit dem, was bis jetzt geſchehen war. „Da es doch möglich wäre, Sir Wycherly, daß Ihr irgend Etwas überſehen haben könntet,“ bemerkte Sir Gervaiſe,„und es jedenfalls beſſer iſt, wenn Nichts an die Krone heimfällt, ſo ſchlage ich als Auskunftsmittel vor, irgend einen verantwortlichen Haupt⸗ erben zu ernennen.“ Der arme alte Mann gab lächelnd ſeine Zuſtimmung zu er⸗ kennen und flüſterte dann mühſam„Sir Reginald Wychecombe.“ Auch dieſe Klauſel wurde, wie alle anderen, niedergeſchrieben, vorgeleſen und gebilligt. Hiermit war das Teſtament fertig und man traf nunmehr die nöthigen Vorkehrungen, um daſſelbe dem Teſtator genau und voll⸗ ſtändig vorzuleſen. Um ſich hiebei gegen alle künftigen Einwen⸗ dungen mit gehöriger Sorgfalt zu verwahren, laſen die beiden Ad⸗ mirale und Atwood, als die drei erwählten Zeugen, ein jeder einzeln das Teſtament durch, um ſpäter mit Recht bezeugen zu koͤnnen, daß dem Teſtator nichts vorgelegt worden, als was er ſelbſt in dem Teſtament deponirt hatte; ferner daß nichts ausgelaſſen worden ſey. Als dieß alles vorüber war, wurde Sir Wycherly das Teſta⸗ ment von dem Sekretär langſam und deutlich von Anfang bis zu Ende vorgeleſen. Der alte Mann höoͤrte mit vieler Aufmerkſamkeit zu, lächelte, als Mildred's Name genannt wurde, und drückte, als alles beendigt 4 305 war, mit Worten und Zeichen ſeine volle Zufriedenheit noch einmal klar und deutlich aus. Es blieb jetzt nur noch übrig, ihm eine Feder in die Hand zu geben und ihn, unter gehörigem Beiſtande, ſeinen Namen zweimal unterzeichnen zu laſſen; nämlich einmal am Schluſſe des Teſtaments und nachdem dieſes auch von den Zeugen in aller Form unterſchrieben worden, auch am Ende des Codieills. Nunmehr glaubte Tom Wychecombe den Augenblick gekommen, wo er gegen die bisherige Verhandlung auftreten müßte. Während des ganzen Vorganges war er wie auf Nadeln geſtanden und hatte die verzweifeltſten Plane geſchmiedet, um mit kühnem Betruge ſeine eigene Abkunft als ächt zu erweiſen und ſämmtliche Ländereien und Güter ſeines Oheims als Majoratserbe einzuziehen. Ihm war nicht unbekannt, daß immer noch die höchſt wichtige Nebenfrage aufgeworfen werden konnte, wie es nun mit der Rechtskräftigkeit der beiden Teſtamente beſchaffen ſey und ob denn auch Sir Wycherly zu der Abfaſſung des Letzteren befugt geweſen. Von dieſem Ge⸗ ſichtspunkte aus betrachtet, war es für ihn weſentlich nothwendig, in der Sache einen Proteſt einzulegen. „Meine Herren,“ ſprach er und trat bis an den Fuß des Bettes vor,„ich fordere Euch ſämmtlich auf, die Art dieſer ganzen Verhandlung wohl in's Auge zu faſſen. Mein armer, geliebter, aber irregeleiteter Oheim hat erſt in der verwichenen Nacht einen Schlaganfall oder etwas dem Aehnliches erlitten, was ihn jedenfalls unfähig machte, in dieſer Sache ein Urtheil zu fällen; hier aber wird er zur Abfaſſung eines Teſtamentes gedrängt——“„ „Von wem, Sir?“ fragte Sir Gervaiſe mit ſo ernſtem Tone, daß der Sprecher erſchrocken einen Schritt zurücktrat. „Nun, Sir, meiner Anſicht nach, von Allen, die hier im Zim⸗ mer anweſend ſind; wenn auch nicht mit der Zunge, ſo doch mit den Augen.“ „Und warum ſollten denn alle Anweſenden Solches unterneh⸗ men? Bin ich etwa einer von den Erben?— oder iſt Admiral Die beiden Admirale. 2. Aufl. 20 8 ☛ 5* Bluewater einer von denen, die bei dieſem Teſtamente zu gewinnen haben?— können überhaupt die Zeugen bei einem Teſtamente zugleich auch deſſen Erben ſeyn?“ 3 „Sir Gervaiſe Oakes, ich wünſche über die Sache keinen Streit mit Euch anzufangen, proteſtire aber jedenfalls feierlich gegen dieſe regelwidrige und höchſt ungewöhnliche Art, ein Teſtament ab⸗ zufaſſen. Mögen Alle, die mich hören, meine Worte wohl im Ge⸗ dächtniß behalten und ſich bereit machen, dieſelben, wenn ſie dazu aufgefordert werden, vor einem Gerichtshofe zu bezeugen.“ Hier verſuchte Sir Wycherly mit gewaltſamer Anſtrengung ſich in dem Bette aufzurichten; er war offenbar in großer Aufre⸗ gung und mühte ſich, durch die heftigſten Geberden ſeinen Unwillen gegen ſeinen Neffen auszuſprechen und ihm den Befehl zu ertheilen, daß er ſich augenblicklich aus dem Zimmer entferne. Die Aerzte verſuchten ihn übrigens zu beruhigen, während Atwood neben ihm ſtand und in aller Kaltblütigkeit nur darauf bedacht war, die nöthigen Unterſchriften zu erhalten, zu welchem Zwecke er Feder und Papier, auf einem Portefeuille ausgebreitet, in Bereitſchaft hielt. Als Sir Wycherly die Feder empfieng, zitterte ſeine Hand ſo heftig, daß für den Augenblick an kein Schreiben zu denken war und ihm ein Stärkungstrank gereicht werden mußte, um die Kraft ſeiner Nerven wieder aufzufriſchen. „Fort— aus den Augen,“ murmelte der aufgeregte Baronet, ſo daß allen Anweſenden kein Zweifel darüber übrig blieb, wie für den Augenblick als vorherrſchendes Gefühl der ſehnliche Wunſch in ſeiner Seele lebte, man möchte den Gegenſtand des Anſtoßes aus ſeiner Nähe entfernen.„Sir Reginald— kleine Milly— arme Diener— Brüder— alle Uebrigen— bleiben.“ „Beruhigt nur Euer Gemüth, Sir Wycherly Wychecombe,“ fiel Magrath ein,„und auch Euer Koͤrper wird durch daſſelbe Mit⸗ tel wieder erſtarken. So wie ſich das Gemüth in einem Zuſtande der Aufregung befindet, leidet das Nervenſyſtem nur gar zu leicht ——2—— 307 unter einem ſympathetiſchen Einfluſſe. Wenn Ihr beide in harmo⸗ niſche Wechſelwirkung bringt, werden die teſtamentariſchen Beſtim⸗ mungen keinen Falls, weder im Schein noch in der Wirklichkeit an Rechtsgültigkeit verlieren.“— Sir Wycherly verſtand die Meinung des Arztes und rang mühſam nach Selbſtbeherrſchung. Er erhob die Feder und brachte ihre Spitze glücklich an die ihr beſtimmte Stelle. Dann leuchtete ſein trübes Auge und ſchoß einen vorwurfsvollen Blick auf Tom. Mit geiſterhaftem Lachen ſchaute er auf das Papier, fuhr mit der Hand über die Stirne, ſchloß die Augen und ſiel auf ſeine Kiſſen zurück; alles Bewußtſeyn des Lebens, ſeiner Intereſſen, ſeiner Pflich⸗ ten oder Gefühle war ihm entſchwunden.— In zehn Minuten hatte er zu athmen aufgehört. So ſtarb nach langem Leben Sir Wycherly Wychecombe. Er war ein Mann geweſen, in deſſen Charakter verſchiedene, höchſt zweifelhafte Eigenſchaften durch ſeine große Herzensgüte und eine mehr paſſive als aktive Menſchenfreundlichkeit aufgewogen wurden. Seinen gewöhnlichen Pflichten hatte er mit gewiſſenhafter Pünktlichkeit und wie ein Mann genügt, in deſſen Herzen keine wahrhaft ſchlimme Neigung Wurzel gefaßt hatte, wohl aber viele weſentliche und wirklich bedeutſame Vorzüge zur Reife gekommen waren. Fünfzehntes Kapitel. Kommt nur, die ihr die ſchwere Laſt des Lebens Gleich Siſyphus hinanſchleppt, und am Ziele, Dem fernen, hofft ein Ende Eures Strebens! — Umſonſt! mit mächt'gem Schwunge donnert wieder Der Stein herab in's Thal, reißt eure Arbeit nieder. Thomſon. Das plötzliche und gewiſſermaßen unvorhergeſehene Ereigniß, das wir am Schluſſe des vorhergehenden Kapitels berichtet haben, 308 brachte in dem Stand der Dinge zu Wychecombe⸗Hall eine große Veränderung hervor. Das Erſte, was vorzunehmen blieb, war, ſich von dem wirk⸗ lichen Tode des Baronets zu überzeugen; Sir Gervaiſe Oakes na⸗ mentlich ſträubte ſich bei ſeiner eigenthümlichen Gemüthsſtimmung lange gegen den Glauben an die Möglichkeit dieſer Thatſache. Waren ja doch ſchon Manche in Ohnmacht gefallen und ſo viel er wußte bedurfte es immer dreier Schlaganfälle, bis wirklicher Tod ein⸗ trat; noch konnte der Kranke ſich erholen und wenigſtens ſo weit wieder aufleben, daß er ſeinen ſo deutlich ausgeſprochenen Willen zu bekräftigen vermochte. „In dieſem Leben wird der hingeſchiedene Sir Wycherly Wychecombe von Wychecombe⸗Hall in Devonſhire keine Handlung irgend einer Art mehr verrichten, ob ſie ſich nun auf Teſtament oder Ehe beziehen und mit den Geſetzen in gutem oder ſchlimmem Einklange ſtehen möge,“ bemerkte Magrath ruhig und ſammelte die verſchiedenen Arzneigläſer und Inſtrumente, die er zu ſeinem Zwecke mitgebracht hatte.„Er iſt längſt jeder Jurisdiction ſowohl von Seiten des Lord Oberkanzlers als auch des Kollegiums der Aerzte und Chirurgen enthoben und derohalben werdet Ihr weiſe handeln, wenn Ihr ihn als verſtorben oder in dem Lichte betrachtet, worin der menſchliche Körper erſcheint, wenn alle animaliſchen Funktionen bei ihm aufgehört haben.“ Damit war die Sache entſchieden. Augenblicklich wurden die nöthigen Befehle ertheilt; außer den hiezu geeigneten Dienern ſoll⸗ ten alle Uebrigen das Zimmer des Todten verlaſſen. Wir würden ein Unrecht gegen die Wahrheit begehen, wenn wir behaupten wollten, Sir Wycherly Wychecombe ſey von Nie⸗ mand betrauert worden. Mrs. Dutton und Mildred grämten ſich Beide über ſein plötzliches Ende und weinten aufrichtig über ſeinen Verluſt, ohne im Geringſten an die Folgen zu denken, welche er für ſie ſelbſt herbeiführen mußte. Die Tochter dachte nicht einmal 309 daran, wie nahe es ihr geſtanden hatte, Beſitzerin von 6000 Pfund zu werden und wie ihr ſo ſehr zur unglücklichen Stunde der Becher vergleichungsweiſen Ueberfluſſes von den Lippen genommen worden war; nur die Mutter erinnerte ſich, wie wir zur Ehre der Wahr⸗ heit geſtehen müſſen, ein einziges Mal dieſes Umſtandes, und ein dem Bedauern ähnliches Gefühl erfaßte ihre Bruſt. Aehnliche Erinnerungen mochten auch bei den Schmerzens⸗ äußerungen der Uebrigen ihren Einfluß ausüben. Die Dienerſchaft beſonders war zu ſehr betäubt, um ſich für jetzt einem beſon⸗ deren Grame hingeben zu können; Sir Gervaiſe und Atwood waren Beide außerordentlich ärgerlich. Mit einem Worte— der äußere Anſtand wurde zwar geziemend gewahrt, doch von den Trauer⸗Gefühlen, wie ſie bei ſolchen Veranlaſſungen hervorzubrechen pflegen, war nur ſehr wenig zu bemerken. Sir Reginald Wychecombe beachtete dieſe Umſtände mit vieler Aufmerkſamkeit und ergriff demgemäß die nöthigen Maßregeln. Er benützte einen günſtigen Augenblick, um ſich mit beiden Admiralen zu berathen, und alsbald war auch ſein Entſchluß gefaßt. Eine Stunde nach dem Hinſcheiden ſeines Verwandten waren ſämmtliche Gäſte, ſo wie die Mehrzahl der höheren Dienerſchaft in einem Zimmer verſammelt, das nach dem im Hauſe üblichen Gebrauche das Bibliothekzimmer genannt wurde, obwohl nur wenige Bücher vorhanden waren und dieſe nur ſelten geleſen wurden. Zuvor hatte eine Berathung zwiſchen Sir Reginald und den beiden Ad⸗ miralen Statt gefunden, woran Atwood ex officio Theil genommen hatte. Da ſonach Alles zum Voraus vorbereitet worden, ſo wollte man auch, nachdem die Geſellſchaft verſammelt war, die Zeit nicht ungenützt verſtreichen laſſen; vielmehr fing der Hertfordſhirer Ba⸗ ronet augenblicklich an, ſeinen Plan ſo klar wie möglich zu entwickeln. „Meine Herrn und Ihr, gute Leute und Diener des verſtor⸗ benen Sir Wycherly Wychecombe,“ begann er;„Ihr alle ſeyd mit ———— 310 dem unglücklichen Zuſtande dieſes Haushaltes bekannt. Durch den Tod ſeines Herrn iſt er ohne Haupt oder Stütze und da der Ver⸗ ſtorbene als Junggeſelle aus dieſem Leben geſchieden iſt, ſo iſt kein Kind vorhanden, das als natürlicher oder geſetzlicher Nachfolger ſeine Stelle einnehmen könnte. In einer Hinſicht zwar könnte ich als der nächſte unter ſeinen Verwandten gelten; doch habe ich nach dem Wortſinne des gemeinen Rechts keinen Anſpruch auf die Nachfolge. Nichtsdeſtoweniger iſt Euch allen bekannt, wie es die Abſicht unſeres verſtorbenen Freundes war, mich zu ſeinem Teſta⸗ mentsvollſtrecker einzuſetzen und ich halte es nun für das Zweck⸗ dienlichſte, nach einem Teſtamente Nachforſchungen anzuſtellen, das, wenn es pflichtgemäß abgefaßt iſt, über Alles in dieſem Hauſe verfügen und uns in Kenntniß ſetzen wird, wer in dieſem feierlichen, gewichtigen Augenblicke berechtigt iſt, den Befehl allhier zu führen. Mir wenigſtens, Sir Gervaiſe Oakes, erſcheinen die Umſtände ſo eigenthümlich, daß ein raſches Verfahren wohl als nothwendig erſcheinen möchte.“ „Ich bin vollkommen Eurer Anſicht, Sir Reginald,“ erwie⸗ derte der Viceadmiral;„ehe wir übrigens weiter gehen, möchte ich als paſſend anrathen, daß wir ſo weit möglich alle diejenigen Per⸗ ſonen um uns verſammeln, welche ein Intereſſe an dem Reſultate haben können. Mr. Thomas Wychecombe, den vermeintlichen Neffen des Verſtorbenen, kann ich nicht unter uns bemerken.“ Bei näherer Unterſuchung fand ſich, daß dieſe Bemerkung richtig war. Augenblicklich wurde Tom Wychecombe's Diener, der von ſeinem Herrn als Spion hierher beordert worden war, mit der Bitte an Letzteren abgeſendet, daß er alsbald erſcheinen möchte. Nach einem Zwiſchenraum von zwei bis drei Minuten brachte der Burſche die Antwort ſeines Herrn zurück. „Sir Thomas Wychecombe,“ ſo meldete er,„läßt ſich den Herrn empfehlen, und wünſcht zu wiſſen, zu welchem Zwecke ſie ihn hierher gebeten haben. Er iſt auf ſeinem Zimmer, um dem 311 natürlichen Kummer über ſeinen neulichen Verluſt nachzuhängen und wenn es den Herrn angenehm wäre, ſo würde er vorziehen, gerade in dieſem Augenblicke mit ſeinem Schmerze allein zu bleiben.“ Dieß hieß für den Anfang einen hohen Ton anſtimmen; zu⸗ dem hatte der Burſche ſeine Rolle wohl einſtudirt und richtete ſeine Botſchaft mit einer Deutlichkeit, einer Feſtigkeit aus, welche ihre Wirkung auf die Dienerſchaft nicht verfehlen konnte. Sir Reginald wurde flammroth, Sir Gervaiſe biß ſich in die Lippen, Bluewater ſpielte in völliger Gleichgültigkeit gegen Alles, was um ihn vorging, mit ſeinem Degengefäß, während Atwood mit den Aerzten die Schultern zuckte und lächelte. Der Erſte von den Genannten wußte recht wohl, daß Tom auch nicht den Schatten eines Anſpruchs auf den Titel beſaß, den er ſich mit ſo vieler Haſt angemaßt hatte und hoffte, daß die Miſchung von Schwäche und Unverſchämtheit, welche ihm in der Botſchaft des Dieners auffiel, ein treues Abbild von dem Ungrund aller einzelnen Rechte ſeines Herrn ſeyn möchte. Feſt entſchloſſen alſo, ſich in ſeinem jetzigen Vorhaben durch gar Nichts ſtören zu laſſen, wandte er ſich von Neuem an den Burſchen und ſchickte ihn mit einem abermaligen Auftrage zurück, der denn auch dießmal ſeinen Zweck nicht verfehlte. Der Diener wurde angewieſen, ſeinen Herrn zu benachrichtigen, daß Sir Reginald Wychecombe im Beſitz von Thatſachen ſey, welche ſeiner Anſicht nach die von ihm einge⸗ ſchlagene Bahn vollkommen rechtfertigten und wenn„Mr. Tho⸗ mas Wychecombe' für gut halte, dabei nicht zu erſcheinen, um ſeine eigenen Intereſſen zu wahren, ſo würde er ohne ihn wei⸗ ter verfügen. 3 Dieſe Botſchaft brachte Tom Wychecombe augenblicklich herbei. Sein Geſicht war bleich, doch eher von Ungewißheit als aus Kum⸗ mer, denn ſeine Seele war von tiefen Beſorgniſſen bewegt, wie jeder, ſelbſt der verworfenſte Böſewicht ſie empfinden wird, wenn er den erſten, wichtigen Schritt zum Schlimmen unternimmt. Uebri⸗ 312 gens verbeugte er ſich gegen die Geſellſchaft mit einer Miene, worin er zeigen wollte, daß er als feiner wohlerzogener Mann die Pflich⸗ ten gegen ſeine geehrten Gäſte wohl zu beobachten wiſſe. „Wenn ich,“ ſo begann er,„irgend eine von den Pflichten des Wirthes zu vernachläßigen ſcheine, ſo werden die Herrn in Betracht meiner gegenwärtigen Gefühle mir hoffentlich ſolches nachſehen. Sir Wycherly war meines Vaters älteſter Bruder und war mir eben ſo theuer als er mir nahe ſtand. Durch dieſen traurigen Tod bin ich plötzlich und unerwartet zum Haupt unſerer uralten, geachteten Familie erhoben worden, Sir Reginald; ich erkenne aber wohl, wie ſehr ich ſelbſt unwürdig bin, eine ſo ausgezeichnete Stellung einzunehmen, und fühle recht gut, wie Ihr ſie um ſo viel beſſer ausgefüllt haben würdet. Das Geſetz hat zwar eine weite und unüberſteigliche Scheidewand zwiſchen Eurer Linie und unſerem Stamme aufgerichtet; trotzdem werde ich ſtets bereit ſeyn, die Ver⸗ wandtſchaft anzuerkennen und frei zu geſtehen, daß ſie uns eben ſo viel Ehre verleiht als ſie gewährt.“ Sir Reginald ſuchte ſich mit großer Anſtrengung ſo weit zu beherrſchen, daß er die Verbeugung des Andern erwiederte und ſeine herablaſſende Sprache mit der nöthigen Achtung anhörte. „Ich danke Euch, Sir,“ gab er mit förmlicher Höflichkeit zur Antwort;„eine Verwandtſchaft, welche wirklich und geſetzlich be⸗ wieſen werden kann, wird nie von mir verläugnet werden. Unter den gegenwärtigen Umſtänden aber, da ich von dem verſtorbenen Sir Wycherly ſelbſt an ſein Sterbebette gerufen und gewiſſermaßen mit ſeinem letzten, erlöſchenden Athemzuge zu ſeinem Teſtaments⸗ vollſtrecker ernannt worden bin— halte ich's für meine Pflicht, die Rechte aller Partheien zu unterſuchen und mich wo möglich zu überzeugen, wer eigentlich der Nachfolger iſt und demgemäß die gegründetſten Anſprüche hat, den Befehl in dieſem Hauſe zu führen.“ „Ihr werdet doch dem beabſichtigten Teſtamente, das auf ſo 313 ſonderbare Weiſe in meines theuren Oheims Gegenwart eine Stunde vor ſeinem Tode aufgezeichnet wurde, nicht etwa Rechtskraftigkeit zutrauen wollen, Sir Reginald? Selbſt wenn jenes höchſt außer⸗ gewöhnliche Inſtrument unterzeichnet und beſiegelt worden wäre, glaube ich kaum, daß es vor einem Gerichtshofe hätte beſtehen können: ununterſchrieben und ungeſiegelt aber iſt es um nichts beſſer als ein leerer Wiſch Papier.“ „Was den Beſitz des Grundeigenthums betrifft, Sir, ſo will ich zugeben, daß Ihr Recht habt, wenn ich gleich derjenige bin, der durch einen Aufſchub von fünf Minuten am Meiſten verlor. Was aber das bewegliche Eigenthum betrifft— da moͤchte ſich denn doch— in Anbetracht der deutlich ausgeſprochenen Abſicht Eures Oheims— eine Frage der Billigkeit erheben, wiewohl ich auch darüber noch nicht völlig im Reinen bin.“ „Nein, Sir; nein!“ rief Tom und trotz der Anſtrengung, mit der er ſich zwang, einen Anſchein der Ruhe beizubehalten, leuchtete dennoch ein Strahl des Triumphs auf ſeinen erröthenden Wangen; gkein engliſcher Gerichtshof wird jemals die Erbſchaft des Grund⸗ beſitzes von der des beweglichen Eigenthumes trennen! Ich bin zwar gewiß der Letzte, der gegen manche dieſer Legate eine Ein⸗ ſprache zu erheben wünſchte— ſo namentlich nicht gegen das für Mr. Rotherham und dieſe armen, treuen Diener“— Tom ſah nämlich wohl ein, wie klug es ſeyn würde, ſich in einem ſo kri⸗ tiſchen Momente Freunde zu gewinnen und ſeine Erklärung hatte auch einen augenblicklichen, mächtigen Erfolg, wie man an den Mienen mancher Zuhörer deutlich erkennen konnte—„auch nicht gegen das von Miß Mildred Dutton; ſie alle ſollen eben ſo pünktlich ausbezahlt werden, als ob mein geliebter Oheim noch bei ſeinem vollen Verſtande geweſen wäre und ſeine Legate mit allem Rechte ausgeſetzt hätte: denn eine ſolche Miſchung von Verſtand und Gerechtigkeit mit wunderlichen, außerordentlichen Einfällen iſt bei Perſonen von hohem Alter, beſonders in ihren letzten Augen⸗ 314 blicken keineswegs ungewöhnlich. Dennoch erſuche ich Euch, Sir Reginald, nur weiter fortzufahren und ganz ſo zu handeln, wie es nach Eurem eigenen Urtheil die außerordentlichen Umſtände eines, wie man wohl ſagen darf, ſo ganz eigenthümlichen Falles erfordern mögen.“ „Ich halte es für unſere Pflicht, Sir, Nachſuchungen nach einem Teſtamente anzuſtellen. Iſt Sir Wycherly wirklich ohne Teſtament geſtorben, ſo iſt es immer noch Zeit, die Frage wegen der Nachfolge nach gemeinem Rechte näher zu unterſuchen. Ich habe hier die Schlüſſel ſeines Schreibtiſches und wie mir Mr. Fur⸗ long, der Landrentmeiſter, der ſo eben angekommen iſt und den Ihr hier vor Euch ſeht— berichtet, hielt Sir Wycherly gewöhnlich alle ſeine werthvollen Papiere in dieſem Schranke aufbewahrt. Ich will alſo damit anfangen, den Schreibtiſch zu eröffnen.“ „Ja, ja, Sir Reginald, thut es nur; Niemand kann ſehnlicher als ich wünſchen, meines geliebten Oheims Willen zu erfahren. Diejenigen, welchen er noch etwas verleihen zu wollen ſchien, ſollen darum nicht leer ausgehen, weil ſeinem Teſtamente die Un⸗ terſchrift fehlt.“ Durch dieſe liſtige Erklärung war Tom in der guten Mei⸗ nung der Mehrzahl der Anweſenden bedeutend geſtiegen und hatte ſich dieſe dadurch ſämmtlich für den Fall zu Freunden gewonnen, daß irgend ein Zwiſchenereigniß eine ſolche Unterſtützung nöthig machen ſollte. Unterdeſſen hatte Sir Reginald mit Hülfe des Rentmeiſters den Schreibtiſch geöffnet und alle daſelbſt hinterlegten Papiere auf⸗ gefunden. Die Pachtkontrakte waren alle in Ordnung, die Eigen⸗ thumsurkunden ſämmtlich vollzählig; Bücher und Rechnungen ſchie⸗ nen ſehr genau geführt zu ſeyn; gewöhnliche Schuldverſchreibungen und Quittungen waren ſyſtematiſch zuſammengeheftet; zwei oder drei Säckchen mit Guineen zeigten, daß es auch nicht an baarem Kaſſen⸗ vorrath gebrach— kurz, Alles bewies, daß der Verſtorbene ſeine 315 Angelegenheiten in vollkommener Ordnung und in einem ſehr leicht zu überſehenden Zuſtande hinterlaſſen hatte. Aber ein Papier nach dem andern wurde geöffnet, ohne auch nur die geringſte Spur eines Teſtamentes, auch weder Skizze noch Kopie eines ſolchen, vorzufinden. Täuſchung war auf allen Geſichtern zu leſen, denn Alle hatten ſich, ohne es zu wiſſen, der Anſicht hingegeben, daß ein vorgefundenes Teſtament auf eine ihnen ſelbſt noch unbekannte Weiſe die Hoffnungen des ſogenannten Sir Thomas Wychecombe zu nichte machen müßte. Tom ſelbſt war nicht ganz ohne Beſorgniß; denn ſeit er be⸗ merkt hatte, daß ſeines Oheims Geſinnung gegen ihn eine andere geworden war, fürchtete auch er insgeheim, es moͤchte irgend ein Papier vorgefunden werden, das ſeinen Hoffnungen ein Ende machen könnte. Allmählig iedoch begann in dem Ausdrucke ſeines Geſichts Triumph an die Stelle der Angſt zu treten und als Mr. Furlong, ein durchaus ehrenwerther Mann, nach vollendeter Nach⸗ ſuchung erklärte, wie ſich ſowohl nach des verſtorbenen Baronets Denkweiſe als nach dem Reſultate ihrer Nachforſchung mit Sicherheit annehmen laſſe, daß kein derartiges Inſtrument eriſtire— da machte ſich ſeine Freude in Worten Luft. „Nicht ſo raſch, Meiſter Furlong, nicht ſo raſch!“ rief er. „Hier iſt Etwas, was ſogar Euer legaler Scharfſinn ein Teſtament zu nennen gewillt ſeyn wird. Die Herren werden bemerken, daß ich es mit vollem Recht in meinem Beſitze habe, da es an mich adreſſirt iſt und dazu Sir Wycherly's eigene Handſchrift trägt. Der Umſchlag iſt mit ſeinem eigenen Petſchaft verſiegelt. Ihr werdet dieß als meines theuren Oheims Hand erkennen, Furlong,“— hier zeigte er ihm die Aufſchrift des Schreibens—„und eben ſo dieſes hier für ſein Siegel erklären?“ „Beide ſind ächt, meine Herren,“ antwortete der Rentmeiſter mit einem Seufzer.„So weit wäre Mr. Thomas allerdings im Recht..⸗ 4 „Mr. Thomas! Ihr Grobian; Warum denn nicht Sir Thomas? Werden Baronets in England etwa ſo wie andere Leute titulirt? Doch gleichviel! Das Alles wird mit der Zeit ſchon kommen.— Sir Gervaiſe Oakes, Ihr ſeyd vollkommen un⸗ partheiiſch in der Sache, und ſo bitte ich Euch um die Gefällig⸗ keit, dieſes Siegel zu eröffnen und die darin enthaltenen Papiers zu unterſuchen.“ Der Viceadmiral öffnete ohne Zögern, denn ſeine Theilnahme an dem Ausgange hatte nunmehr den höchſten Grad erreicht. Wie der Leſer ſchon zum Voraus geahnt haben wird, hatte Sir Gervaiſe von Tom das von deſſen Vater aufgeſetzte Teſtament erhalten, welches Sir Wycherly ſpäter, nachdem er den Namen ſeines ver⸗ meintlichen Neffen eingeſchrieben, in aller Form unterzeichnet und der am meiſten betheiligten Perſon überliefert hatte. Umſchlag, Aufſchrift und äußeres Siegel hatte Tom noch am nämlichen Tage beſorgt, da das Teſtament unterſchrieben worden war, natürlich erſt, nachdem er deſſen Inhalt ſechs⸗ oder achi Mal ſorgfältig über⸗ leſen hatte. Der Viceadmiral las das Inſtrument von Anfang bis zu Ende und reichte es dann Sir Reginald zur näheren Unterſuchung. Letz⸗ terer erwartete zuverſichtlich eine plumpe Verfälſchung vor ſich zu finden; ſobald ſich aber ſeine Augen auf die Faſſung des Ganzen richteten, erkannte er augenblicklich, daß das Teſtament von einem Rechtsverſtändigen abgefaßt worden war. Ein zweiter Blick genügte, um ihm zu ſagen, daß es von Mr. Baron Wychecombe's Hand war. Wie wir ſchon im Anfange erzählten, hatte Sir Wycherly darin Alles, was er auf Erden beſaß, ‚ſeinem Neffen, Thomas Wyche⸗ combe, Sohn u. ſ. w. u. ſ. w.“ vermacht und ſeinen Erben zu⸗ gleich auch zum Vollſtrecker des Teſtamentes eingeſetzt. „Dieſes Teſtament ſcheint mir einen ſehr geſchickten Rechts⸗ mann, nämlich den verſtorbenen Baron Wychecombe, zum Berfaſſer zu haben,“ bemerkte der Baronet. * -*— *— 317 „So iſt es, Sir Reginald,“ gab Tom ſo unbefangen als möglich zur Antwort.„Er that es meinem verehrten Oheime zu Gefallen und ließ dabei die Stellen für den ſpäteren Erben noch offen, da er das Teſtament nicht ſo ausſchließlich zu Gunſten ſeines eigenen Sohnes abzufaſſen wünſchte. Sir Wycherly hat nachher eigenhändig die leeren Stellen ausgefüllt und dadurch wohl keinen Zweifel mehr über ſeine Abſicht übrig gelaſſen.“ „Wie ich ſehe, habt Ihr alle Anſprüche auf die Erbſchaft von Wychecombe, ſowohl auf Grundbeſitz, als auf perſönliches Eigen⸗ thum— für Euch, Sir. Eure Anſprüche auf die Baronetswürde aber werden ganz gewiß beſtritten und niedergeſchlagen werden.“ „Und warum niedergeſchlagen?“ fragte Wycherly, zum erſten Male mit einer Neugierde vortretend, die er kaum mehr zu be⸗ meiſtern vermochte.„Iſt denn Mr. Thomas— Sir Thomas, wie ich eher ſagen ſollte— nicht der älteſte Sohn von dem nächſten Bruder des verſtorbenen Sir Wycherly, und ſomit auch der natür⸗ liche Erbe des Titels, ſowie der Herrſchaft von Wychecombe?“ „O nein, das iſt er nicht, wie ich nach ſorgfältiger Prüfung aller Beweiſe unwiderleglich darthun kann. Mr. Baron Wyche⸗ combe war niemals vermählt und konnte alſo auch keine geſetz⸗ lichen Erben haben.“ „Wäre es möglich! So ſind wir alſo in Amerika alle ge⸗ täuſcht worden!“ „Warum fragt Ihr eigentlich, junger Herr? könnt Ihr viel⸗ leicht irgend einen geſetzlichen Anſpruch erheben?“ „Ich bin Wycherly, der einzige Sohn Wycherly's, des älteſten Sohnes von Gregory, dem jüngeren Bruder des verſtorbenen Ba⸗ ronets und bin ſomit, wenn Eure Ausſage richtig iſt, wenigſtens für die Nachfolge in der Baronetswürde der zunächſt berechtigte Erbe.“ „Das iſt—“ Tom erſtickten die Worte in der Kehle, denn das ruhige, ernſte Auge des jungen Seemanns begegnete ſeinem Blicke und warnte ihn vor jeder Unvorſichtigkeit.„Dieß iſt ein 4 Mißverſtändniß,“ ſtotterte er endlich.„Mein Onkel Gregory verunglückte zur See und ſtarb als Junggeſelle. Er kann keine geſetzliche Nachkommenſchaft hinterlaſſen haben.“ „Ich muß bekennen, junger Mann,“ ſprach auch Sir Reginald mit tiefem Ernſt,„daß die Geſchichte ſeines Lebens von jeher ſo erzählt wurde. Ich hatte ein zu naheliegendes Intereſſe für die Familie, um ihre Geſchichte zu vernachläſſigen.“ „Ich weiß recht gut, Sir, daß dieß wohl länger als fünfzig Jahre hindurch als allgemeine Meinung hier verbreitet war; allein ſte gründete ſich nur auf einen Irrthum. Die Sache iſt einfach dieſe: „Mein Großvater, ein heißblütiger ungeſtümer junger Mann, verging ſich bei einer Landung auf einer der weſtindiſchen Inſeln gegen einen älteren Lieutenant ſo weit, daß er ſogar im Dienſte nach ihm ſchlug. Auf ein ſolches Vergehen iſt bekanntermaßen Todesſtrafe geſetzt; aber weder der beleidigte Theil, noch der Kommandant des Schiffs wollten die Sache auf's Aeußerſte treiben; Letzterer gab vielmehr dem Beleidiger den Rath, im Augenblicke des Ankerlichtens das Schiff heimlich zu verlaſſen. Der Beleidigte wurde zu ſeinem Entſchluſſe durch den Umſtand vermocht, daß mein Großvater in einem frühe⸗ ren Duelle, nachdem der Gegner ſein Feuer abgegeben, in frei⸗ müthiger Anerkennung ſeines Fehlers, daſſelbe zu erwiedern ſich ge⸗ weigert hatte. Das Schiff ſegelte ohne Mr. Gregory Wychecombe ab und ging mit Mann und Maus zu Grunde. „Mein Großvater kam nach Virginien und verweilte daſelbſt ein ganzes Jahr, ohne ſeiner Geſchichte mit einer Sylbe zu er⸗ wähnen, um nicht zuletzt noch zu einer militäriſchen Strafe gezo⸗ gen zu werden. Die Liebe beſiegelte endlich ſein ferneres Schickſal. Er heirathete eine Frau von Vermögen; ſeine Geſchichte wurde zwar im engeren Familienkreiſe wohl bekannt, iſt aber niemals über denſelben hinausgedrungen. Niemand hatte eine Ahnung davon, daß er noch zu der Nachfolge in dem Majorat der Familie gelan⸗ gen könnte, und ſo war alſo auch kein Grund vorhanden, zur 321 der Perſon des andern Bewerbers auch nicht die leiſeſte Spur zu entdecken iſt. Handelte es ſich nur darum, die Frage über die Abkunft von Mr. Thomas Wychecombe feſtzuſtellen, ſo könnten wir ſehr leicht fertig werden, da ich das Zeugniß ſeiner eigenen Mutter nicht nur über ſeine uneheliche Geburt, ſondern auch noch über einen andern höchſt weſentlichen Umſtand in Händen habe, der möglicher⸗ weiſe ſogar das Teſtament des verſtorbenen Barons Wychecombe über den Haufen werfen könnte. Sir Wycberly's teſtamentariſches Vermächtniß aber erſcheint hier ſo vollſtändig, daß nichts als die Majoratserbfolge daſſelbe aufzuheben vermag.— Ihr ſprecht von Beweiſen, wo ſind ſie? Es iſt von der höchſten Wichtigkeit, zu erfahren, welcher von beiden Theilen zu dem Beſitze berechtigt iſt.“ „Hier ſind ſie, Sir,“ antwortete Wycherly, indem er ſeinen Leibgürtel bei Seite ſchob und ſeine Papiere hervorzog;„zwar nicht im Original— denn die meiſten derſelben ſind als offizielle Gerichtsakten in Virginien deponirt— aber in„beglaubigten Ab⸗ ſchriften,“ wie's die Advokaten nennen, und dieſe ſollen in einem Zuſtande ſeyn, daß ſie vor jedem Gerichtshofe in England, der über ſolche Dinge zu erkennen hat, als Beweiſe meiner Behaup⸗ tung beſtehen können.“ Sir Reginald nahm die Papiere und begann ſie, eines nach dem andern, mit tiefer Aufmerkſamkeit zu durchleſen. Der Beweis über die Identität des Großvaters war vollſtändig und ſtand außer allem Zweifel. Er war von einem ſeiner ehemaligen Schulkamera⸗ den, dem Statthalter der Provinz, wieder erkannt worden und eben dieſer alte Freund hatte ihn beſtimmt, ſo viele Mühe auf die Her⸗ ſtellung des Beweiſes ſeiner Identität zu verwenden. Die beiden Trauungsſcheine, der eine über die Vermählung mit Johanna Be⸗ verley, der andere über die mit Rebekka Randolph, nebſt beiden Geburtszeugniſſen, waren in der beſten gerichtlichen Form vorhan⸗ den. Die perſönliche Identität des jungen Mannes und zwar als einzigen Sohns Wycherly's, des äͤlteſten Sohnes von Gregory, war⸗ Die beiden Admirale. 2. Aufl. 21 ebenfalls auf eine Art nachgewieſen, daß nicht wohl ein Zweifel mehr übrig bleiben konnte. Mit einem Worte, die Beweiſe waren der Art, wie ſie ein ſorgfältiger, erfahrener Advokat in einem Falle ſammeln würde, der zwar keine eigentlichen Zweifel zuläßt, aber dennoch der Beſtreitung vor einem Gerichtshofe ausgeſetzt ſeyn kann. Sir Reginald brachte eine volle halbe Stunde mit dem Durch⸗ leſen der Papiere zu. Während dieſer ganzen Zeit war jedes Auge auf ihn geheftet und bewachte den Ausdruck ſeines Geſichts mit der ängſtlichſten Sorgfalt. Endlich hatte er ſeine Aufgabe beendigt und wandte ſich wieder zu Wycherly. „Dieſe Papiere ſind mit großer Umſicht und mit höchſt genauer Kenntniß deſſen, was nöthig war, geſammelt worden,“ ſagte er. „Warum blieben ſie ſo lange unterdrückt und warum ließt Ihr Sir Wycherly hinſterben, ohne ihn über Eure nahe Verwandtſchaft zu ihm, ſo wie über Eure Anſprüche aufzuklären?“ „Meine Anſprüche waren mir ſelbſt unbekannt, denn ich hegte die Meinung, daß nicht nur Mr. Thomas Wychecombe, ſondern auch ſeine beiden jüngern Brüder noch vor mir kämen. Dieß war auch meines Großvaters Anſicht, ſelbſt während er die hier vor⸗ liegenden Beweiſe vorbereiten ließ. Sie wurden mir mitgegeben, damit ich bei meiner Ankunft in England wenigſtens meine Ver⸗ wandtſchaft mit der Familie nachweiſen könnte und mein Großvater trug mir dabei noch beſonders auf, daß ich ſie ſtets mit mir führen ſollte, bis der Augenblick, ſie zu gebrauchen, gekommen ſeyn würde.“ „Das erklärt den einen Punkt, daß Ihr nämlich nicht mit Euren Anſprüchen hervortratet,— warum aber unterließt Ihr, Eure Verwandtſchaft darzulegen?“ „Wozu auch, Sir? Ich fand, daß man in England auf Ame⸗ rika und alle Amerikaner herabſah, daß man von den Koloniſten, als von einer Klaſſe untergeordneter Weſen ſprach, die im Vergleich mit denen, von welchen ſte noch ſo vor kurzer Zeit entſprungen waren, kleiner 323 von Statur, ſchwächer an Verſtand und ärmer an Geiſt ſeyn ſollten — und da war ich denn doch zu ſtolz dazu, um eine Verwandt⸗ ſchaft einzugeſtehen, die, wie ich deutlich erkannte, nicht in den Wünſchen der andern Parthie liegen konnte. Verwundet und dem Tode nahe wurde ich hier auf meinen eigenen Wunſch ans Land geſetzt und damals war ich entſchloſſen, meine Abſtammung bekannt zu machen; mittlerweile gerieth ich aber unter die Pflege zweier hilfreicher Engel“— hier warf Wycherly ſeine Blicke auf Mildred und ihre Mutter—„und ſo fühlte ich den Mangel an Verwandten weniger. Sir Wycherly habe ich ſtets verehrt; aber auch er betrachtete uns Amerikaner zu entſchieden nur wie untergeordnete Weſen, als daß ich den Wunſch hegen konnte, mich ihm als Großneffe vorzu⸗ ſtellen.“ „Ich fürchte, Sir Gervaiſe, wir Alle find nicht ganz von die⸗ ſem Vorwurfe frei zu ſprechen,“ erwiederte Sir Reginald nach⸗ denklich.„Wir ſcheinen Alle zu glauben, dieſer Theil der Inſel trage etwas an ſich, was uns beſſer als andere Leute mache. Ja, wenn je einmal von jenſeits des Waſſers ein Anſpruch irgend einer Art erhoben wird, ſo fällt uns dieß ſogleich als befremdend auf und wir nennen's dann gar zu gerne eine unzuläſſige Forderung. Dem Schickſal, welchem ſelbſt Prinzen nicht entgehen, müſſen doch zuuiß auch geringere Leute ſich unterwerfen!“ 1 „Ich kann dieſes Gefühl wohl begreifen und finde, daß 8 dem jungen Manne alle Ehre macht. Admiral Bluewater hat, e ich ſelbſt, ſchon oft Gelegenheit gehabt, dieſen nämlichen Geiſt unter unſern jungen Offizieren zu tadeln und er wird mir beſtimmt Recht geben, wenn ich behaupte, daß der junge Herr hier nur durchaus naturgemäß gehandelt hat.“ „Ich muß Sir Gervaiſe's Ausſage allerdings beſtätigen,“ antwortete Bluewater,„und als betagter Mann von vielſeitiger Erfahrung, die ich zum Theil in den Kolonieen ſelbſt geſammelt habe, wage ich vorauszuſagen, daß eben dieſes nämliche Gefühl früher oder ſpäter in allen ſeinen Folgen über England herein⸗ brechen und uns für unſern Uebermuth geziemend beſtrafen wird.“ „So weit moͤchte ich doch nicht gehen, Dick— ſo weit denn doch nicht. Aber es iſt jedenfalls unweiſe und unnatürlich, und wir, die wir beide Hemiſphären kennen, ſollten uns ſolcher Ungerechtigkeit zuerſt widerſetzen. Wir haben bereits einige tapfere Jungen aus je⸗ nem Welttheile unter uns, und ich hoffe es noch zu erleben, deren mehrere zu ſehen.“ Dieß wurde, wie wir erinnert haben wollen, geſprochen, noch eehe die Hallowels, Coffins und Brentons unſerer Tage, die ſeitdem ihren Landsleuten ſo fremd geworden ſind, auf den engliſchen See⸗ liſten zu leſen waren; es beweist aber, wie man damals ſchon der Er⸗ ſcheinung ſolcher Helden, ſo wie noch mancher anderer hoher Namen aus den Kolonieen, in den Reihen der brittiſchen Marine entgegenſah. Wycherly lächelte ſtolz, ohne eine Antwort zu geben.— Sir Reginald war dieſe ganze Zeit über ſchweigend dageſtanden und ſchien über das Vorgegangene nachzuſinnen. „Gegen unſere frühere Meinung möchte es nun dennoch ſchei⸗ nen, ihr Herren,“ bemerkte der Letztere endlich,„daß ein Erbe für die Baronetswürde, ſo wie für die Herrſchaft von Wychecombe wirklich vorhanden iſt und all' unſer Bedauern, daß der verſtorbene Beſitzer nicht noch ſo lange am Leben blieb, um das Teſtament, das wir auf ſeine Bitte aufgeſetzt, zu unterzeichnen— iſt demnach unnütz geweſen. Sir Wycherly Wychecombe, ich gratulire Euch von Herzen zu der Nachfolge in der Würde und dem Beſitz unſerer Familie; als ein Mitglied der Letzteren werdet Ihr mir erlauben, allen Verwandten unſeres Namens Glück zu wünſchen, daß ſie in Euch einen ſo würdigen Repräſentanten gefunden haben. Im Na⸗ men der Uebrigen begrüße ich Euch mit freudigem Herzen als Haupt unſerer Familie.“ Wycherly dankte mit einer Verbeugung und empfing eben ſo die Glückwünſche der meiſten Anweſenden. 325 Tom Wychecombe allein machte eine Ausnahme; ſtatt ſich irgend geneigt zu zeigen, ſich dieſer ſummariſchen Verfügung über ſeine Anſprüche zu unterwerfen, brütete er vielmehr über die Mittel, dieſelben aufs Neue geltend zu machen. An den Mienen der höheren Diener konnte er erkennen, daß ſie durch ſein Verſprechen, die Legate des verſtorbenen Baronets ausbezahlen zu wollen, höchſt wirkſam be⸗ ſtochen worden waren und ſo hoffte er, wenigſtens von dieſer Seite, mit ziemlicher Zuverſicht auf Unterſtützung. Er wußte wohl, daß der wirkliche Beſitz an ſich ſchon neun Zehntheile der Advokaten auf ſeine Seite bringen mußte, und ſo wandten ſich ſeine Gedanken ganz natürlich zu den Mitteln, ſich dieſes großen Vortheils zu verſichern. Bis jetzt ſtanden ſich die beiden Bewerber in gewiſſer Be⸗ ziehung gleich; denn eines Theils ſchien zwar das unterſchriebene Teſtament dem Neffen Tom einen höheren Anſpruch zu verleihen, dagegen konnte eine Autorität, wenn ſie aus ungenügender Quelle entſprang, vor dem Geſetz nicht wohl als rechtsbeſtändig gelten, und Sir Wycherly hatte offenbar kein Recht, ſo lange ein Majo⸗ ratserbe übrig war, die Herrſchaft Wychecombe vermöge Teſtaments zu vererben. Ferner waren beide Parthieen eigentlich als Gäſte im Hauſe, ſo daß noch Keiner von ihnen irgend einen Theil in Beſitz genommen hätte, aus welchem das Geſetz ihn nunmehr zu ver⸗ drängen brauchte. Tom war im Tempel unterrichtet worden und beſaß einige Kenntniß des Landrechts, beſonders was den Grundbeſitz betraf: ſo wußte er denn, daß noch immer von den Zeiten des Feudalſyſtems her bei der Beſitzergreifung einer ſolchen Herrſchaft allerhand wunder⸗ liche Ceremonieen exiſtirten, deren genauen Formen ihm übrigens unbekannt waren, ſo daß er mit Recht zweifeln durfte, ob ſie unter den hier obwaltenden Umſtänden ihm überhaupt von Nutzen ſeyn würden. Er nahm ſich alſo vor, das Mittel der Einſchüchterung zu gebrauchen und ſich dabei der ſämmtlichen Vortheile, die er bereits beſaß, ſo wie all der untergeordneteren Gründe zu bedienen, welche die mit ſeinen Anſprüchen verbundenen Thatſachen ihm zu bieten verſprachen. „Sir Reginald Wychecombe,“ begann er demnach ernſthaft und mit ſo vieler Gleichgültigkeit, als er nur immer anzunehmen vermochte,„Ihr ſeyd mit einer Leichtigkeit auf dieſe amerikaniſche Geſchichte eingegangen, die mich an einem Manne von ſo allgemein anerkannter Vorſicht und Beſonnenheit in hohem Grade in Erſtau⸗ nen ſetzt. Dieſes plötzliche Wiederaufleben der Todten mag zwar leichtgläubigen Liebhabern von Wundergeſchichten zuſagen, wird aber vor einer Jury von zwölf nüchternen Geſchwornen von ſehr ge⸗ ringer Wirkung ſeyn. Selbſt zugegeben, daß die Behauptung dieſes Herrn ſich ihrem ganzen Umfange nach als wahr erweiſen ſollte — ſo werdet Ihr doch nicht läugnen, daß der verſtorbene Sir Wycherly— und wenn er auch nur ſeine alten Schuhe verer⸗ ben wollte— das Recht hatte, ein Teſtament zu machen und daß, wenn er ein ſolches Recht beſaß, auch das weitere— ſich einen Exekutor zu ernennen— nothwendig damit verbunden ſeyn mußte. Nach den klarſten Beweiſen iſt nun aber dieſer Exekutor kein an⸗ derer, als ich ſelbſt, Sir, und als ſolcher fordere ich die Erlaubniß⸗ mein Amt in dieſem Hauſe, wenigſtens als deſſen zeitlicher Ge⸗ bieter, geltend zu machen.“ „Nicht ſo raſch, nicht ſo raſch, junger Herr! Teſtamente müſ⸗ ſen erwieſen und Exekutoren auch wirklich qualificirt ſeyn, ehe ſie Rechtskräftigkeit erhalten können. Ueberdieß durfte Sir Wycherly blos darüber, was wirklich ſein Eigenthum war, eine Autorität verleihen. Von dem Augenblick ſeines Todes an iſt ſeines Bruders Gregory Enkel rechtmäßiger Beſitzer dieſer Herrſchaft mit Einſchluß des Hauſes, und als ſolchem rathe ich ihm, ſich dieſes Rechtes zu verſichern, und ſich wegen ſeiner Rechtfertigung vor dem Geſetze— wenn dieß je nöthig werden ſollte— auf die Stärke ſeiner Anſprüche zu verlaſſen. Wer in ſolchen Dingen im Rechte iſt, darf auch ſicher ſeyn, während Der, welcher Unrecht thut, die Folgen ſeiner 327 Handlungen ganz auf ſich nehmen muß.— Mr. Furlong, Cuer Amt als Rentmeiſter hat mit dem Tode Eures Herrn aufgehört; habt Ihr irgend welche Schlüſſel oder Papiere zu übergeben, ſo ermahne ich Euch, ſie in die Hände dieſes Herrn niederzulegen, den ich trotz aller Kritteleien für den rechtmäßigen Sir Wycherly Wychecombe erkläre.“ Furlong war ein vorſichtiger, hellſehender, ehrlicher Mann, der, ſo ſehr er auch wünſchte, Tom durchfallen zu ſehen, ſich den⸗ noch ſtreng an ſeine Pflichten hielt. Er führte deßhalb Sir Re⸗ ginald bei Seite und befragte ihn des Langen und Breiten über die von Wycherly überlieferten Beweiſe. Endlich jedoch war auch er völlig zufrieden geſtellt und feſt überzeugt, daß kein Mißverſtändniß mehr obwalten konnte: ſo erklärte er ſich auch alsbald bereit, das an ihn gerichtete Anſinnen zu vollziehen. „Allerdings habe ich die Schlüſſel zu des verſtorbenen Sir Wycherly's Papieren— den nämlichen, welchen wir vorhin, als man nach einem Teſtamente ſuchte, in Augenſchein genommen haben, und bin ſehr gerne bereit, ſie in die Hände ihres rechten Herrn niederzulegen. Hier ſind ſie, Sir Wycherly; übrigens möchte ich Euch rathen, die Beutel mit Geld aus dem Schreibtiſche an einen andern Ort zu verſetzen, denn ſie konnte Euer Oheim mit allem Rechte vermachen, wem er für paſſend hielt; Alles andere, was ſich noch in dem Schreibtiſche befindet, gehört zum Gut, ſo wie auch das Silbergeſchirr, das Hausgeräthe und die übrige Zubehör im Schloſſe.“ „Ich danke Euch, Mr. Furlong,“ gab der neue Baronet zur Antwort;„ich will dieſe Schlüſſel zuerſt dazu gebrauchen, um Euren Rath zu befolgen, dann will ich ſie Euch wieder zuſtellen und Euch dabei erſuchen, daß Ihr Euer bisher bekleidetes Amt auch fernerhin bei mir beibehalten möget.“ Dieß war faſt eben ſo bald geſagt als gethan; Wycherly legte die Beutel mit Gold einſtweilen auf den Boden, bis ein anderer ficherer Ort dafür aufgefunden werden konnte. 328 „Alles, was ich geſetzlich thun kann, will ich auch herzlich gerne thun, Sir Wycherly, um Euch in der Behauptung Eures Rechts zu unterſtützen; doch ſehe ich eigentlich nicht, wie ich mehr übergeben könnte, als ich in Händen habe. Qui facit par alium, facit per se“, iſt ein gutes Sprüchlein, Sir Reginald; aber erſt muß der Herr die Macht zum Handeln beſitzen, ehe ſein Bevoll⸗ mächtigter eine Autorität ausüben kann. Mir ſcheint, dieß iſt ein Fall, wo jede der beiden Partheien, aber ganz auf ihre eigene Gefahr, in ihrem Rechte iſt. Der Beſitz der Pachtgüter iſt aller⸗ dings ſicher genug, ſo wie das Recht über die Pächter: was aber Schloß und Park betrifft, da ſcheint mir bis jetzt noch Niemand rechtlicherweiſe Beſitz genommen zu haben. Es iſt dieß offenbar ein Fall, wo ein Titel unmittelbar ſeinen Nutzen äußert.“ „So ſpricht das Geſetz, Mr. Furlong, und ich rathe Sir Wycherly, als Herr der Beſitzung auch den Schlüſſel des äußeren Thores zu ſich zu nehmen.“ Kaum hatte Reginald dieſe Anſicht geäußert, als Wycherly das Zimmer verließ und von der ganzen Geſellſchaft begleitet, ſich in die Halle verfügte. Hier trat er allein in den Vorhof, ſchloß das große Hofthor ab und ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche. Der junge Mann zeigte dabei ein feſtes, ſicheres Benehmen, das bei der Dienerſchaft den Eindruck, welchen Tom's Verſprechungen wegen der Legate hervorgebracht hatten, wieder ſo ziemlich ver⸗ wiſchte. Im nämlichen Augenblicke flüſterte Furlong dem Sir Re⸗ ginald etwas ins Ohr. „Jetzt ſeyd Ihr vollkommen im Beſitze des Ganzen, Sir Wycherly,“ ſprach der Letzere lächelnd;„doch iſt es eben nicht nöthig, uns alle als Gefangene zu behandeln, um Eure Anſprüche ſicher zu ſtellen. David, der bisherige Thürſteher, iſt, wie Mr. Furlong mir ſagt, ein treugeſinnter Diener und wenn er den Schlüſſel * Wer durch andere handelt, handelt durch ſich ſelbſt! D. U. — 329 als Euer jetziger Bevollmächtigter wieder annehmen will, ſo kann er ihm mit voller geſetzlicher Sicherheit wieder zugeſtellt werden.“ David gab mit Freuden ſeine Zuſtimmung zu dieſem Vor⸗ ſchlage; der Schlüſſel wurde wieder ſeinen Händen übergeben und der neue Sir Wycherly war nun allgemein als der wirkliche Be⸗ ſitzer anerkannt. Tom wagte nicht mehr, die Frage über ſeine eigene recht⸗ mäßige Abkunft, ſo wie er ſich vorgenommen hatte, vor Sir Re⸗ ginald zu verhandeln, denn er hatte entdeckt, daß dieſer den wahren Schlüſſel zu allen Thatſachen in Händen hatte. So unterdrückte er, wenigſtens für den Augenblick, das Heirathscertiſtcat, das er erſt kürzlich zuſammengeſchmiedet hatte. Mit einer Art ſarkaſtiſcher Ergebung ſich gegen die ganze Geſellſchaft verbeugend, verließ er die Halle und ging ſtolzen Schrittes und mit der Miene eines Be⸗ leidigten auf ſein Zimmer. So blieb unſer junger Held im Beſitze des Kampfplatzes; da aber die Verhältniſſe des Hauſes eine triumphirende Feier des Sieges nicht wohl als paſſend erſcheinen ließen, ſo ging die Ge⸗ ſellſchaft bald auseinander— Einige, um ſich über die Zukunft zu berathen— Andere um die Vergangenheit zu beſprechen,— Alle aber, um ſich mehr oder weniger über die Gegenwart zu verwundern. Sechszehutes Kapitel. Laß Wind und Wogen toben fürchterlich— Ich fürchte weder Wog' noch Wind;. Nur ſtaune nicht, Sir Childe, wenn ich Von Sorgen bin umringt. Childe Harold. „Mun, Sir Jarvy,“ begann Galleygo, welcher beiden Admi⸗ ralen auf dem Fuße folgte und mit ihnen in das Wohnzimmer des 330 zuerſt Genannten eintrat,„die Sache hat ſich doch noch ſo gewen⸗ det, wie ich mir gedacht habe; der Graf von Fairvillian iſt doch noch aus ſeiner Hoͤhle hervorgebrochen, gerade wie ein Meerſchwein, das nur in dem Augenblicke Luft zu ſchöpfen wagt, wenn wir ihm den Rücken zugedreht haben! Sobald wir Befehl gaben, nach England zurückzukehren und ich des alten Planters Kajütenfenſter Frankreich zugedreht ſah, prophezeite ich ſogleich, daß es dieſe Wen⸗ dung nehmen würde. Nun, ihr Herrn, auch in dieſem Hauſe da hat's einen Haufen von Prieſengeld gegeben und zwar, ohne daß viel darum gefochten wurde. Wir werden dem jungen Lieutenant wohl auf einige Monate Urlaub ertheilen müſſen, damit er ſich hier unter ſeinen Brüdern, den Landbaronen gehörig umthun kann.“ „Wie, was, Sir! was ſteht denn ſchon wieder zu Dienſt?“ fragte Sir Gervaiſe;„was zum Teufel hat Euch denn wieder in mein Kielwaſſer gebracht?“ „Ei, Euer Gnaden, große Schiffe führen immer kleinere Fahr⸗ zeuge im Schlepptau,“ erwiederte Galleygo mit einfältigem Lächeln. „Uebrigens komme ich, wie Jedermann weiß, niemals ohne irgend eine Botſchaft. So hört denn, Sir Jarvy— und Ihr, Admiral Blue, vernehmt meine Neuigkeit: unſer Signaloffizier iſt gelandet, um uns eine Meldung zu überbringen; da er mich nun zuerſt in der Halle traf, ſo rapportirte er auch zuerſt mir, um hernach Euch Beiden die Meldung zu überbringen. Seine Neuigkeit aber beſteht darin, daß der franzöſiſche Graf in See gegangen iſt, wie ich den beiden Herrn ſo eben geſagt habe.“ „Wäre es möglich, daß Bunting eine ſolche Zeitung hierher gebracht hätte! Hörſt Du, Galleygo! ſage Mr. Bunting, er moͤchte herauf kommen und dann ſieh zu, daß Du Dich in einem Hauſe der Trauer anſtändig benimmſt.“ „Ja, ja, Sir. Von mir habt Ihr nichts zu fürchten, ihr Herrn. Ich kann eben ſo gut eine betrübte Miene annehmen, wie der Beſte von Euch allen, und wer etwa zuſehen will, wie man bei — 331 unſerer Schiffstrauer ſeinen Schmerz mit Anſtand trägt, der dar nur mein Geſicht und Benehmen ſtudieren. Wir haben, wie Je⸗ dermann weiß, in unſerem Leben alle ſchon Todte geſehen, ihr Herrn. Als wir mit Mounſcheer Graveland“ zuſammengeriethen, hatten wir ſieben und vierzig Todte ohne die Verwundeten, die noch am Leben blieben, um uns von ihren Schmerzen zu erzählen, und als wir den——“ „Geh' zum Teufel, Meiſter Galleygo, und heiße Mr. Bunting heraufkommen,“ rief Sir Gervaiſe in höchſter Ungeduld. „Ja, ja, Sir. Welches von beiden ſoll zuerſt geſchehen, Euer Gnaden?“ „Zuerſt?— holſt Du mir den Signalofftzier,“ gab der Vice⸗ admiral lachend zur Antwort,„dann aber vergiß nicht, auch den zweiten Befehl auszuführen.“ „Da ſehe man einmal wieder,“ brummte Galleygo, waͤhrend er die Treppe hinabſtieg; wenn ich jetzt thun wollte, wie er be⸗ fohlen, was würde da wieder aus unſerer Flotte werden? Schiffe brauchen Befehle, wenn ſie fechten ſollen; Flaggenoffiziere brauchen Nahrung, um Befehle zu ertheilen; Nahrung aber braucht einen Hofmeiſter, der ſie auf die Tafel ſetzt, und Hofmeiſter— ei die brauchen durchaus nicht den Teufel, der ihnen ihr Amt verrichten helfe. Nein, nein, Sir Jarvy; jenen Beſuch werde ich erſt dann abſtatten, wenn wir alle zuſammen gehen, wie ſich's denn auch für Leute, die ſo lange miteinander geſegelt ſind, nicht anders geziemt.“ „Das wäͤre allerdings eine große Neuigkeit, Dick, wenn de Vervillin wirklich ausgelaufen wäre!“ rief Sir Gervaiſe und rieb ſich die Hände vor lauter Freude.„Du darfſt mich aufhängen, wenn ich noch vorher die Befehle aus London abwarte! Nichts da, mit dem erſten Winde wird dann abgeſegelt. Laß ſie ihren Streit zu Hauſe abmachen, ſo gut ſie können; unſer Amt iſt allein, den * So ſpricht Galleygo das franzöſiſche, ‚Monsieur Cravelin’ aus. D. UI. 33² Franzmann einzufangen. Wie viel Schiffe, glaubſt du wohl, wird der Graf etwa bei ſich haben?“ „Zwolf Zweidecker, nebſt einem Dreidecker; dabei iſt er uns nur in der Zahl ſeiner Fregatten überlegen. Zwei oder drei davon führen übrigens kleinere Kaliber und können ſich darin mit unſeren Schif⸗ fen nicht meſſen. Ich ſehe alſo keinen Grund, warum wir ihn nicht angreifen ſollten.“ „Ich höre es mit Freuden, wenn Du ſo ſprichſt, Dick! Es iſt doch wahrlich weit ehrenhafter, ſeinen Feind aufzuſuchen, als ſich an einem Hofe mit Intriguen abzugeben! Ich hoffe, Dick, Du wirſt mir jetzt wohl erlauben, die Verleihung des rothen Bandes morgen in einem Tagesbefehle der Flotte bekannt zu machen?“ „Mit meiner Zuſtimmung niemals, Sir Gervaiſe, ſo lange die Verleihung von dem Hauſe Hannover ausgeht.— Was für eine außerordentliche Scene haben wir aber kaum vorhin in dieſem Hauſe erlebt! Dieſer junge Lieutenant iſt ein edler Jüngling und ich hoffe von ganzem Herzen, daß er im Stande ſeyn wird, ſeine Anſprüche durchzuſetzen.“ „Darüber bleibt, wie mich Sir Reginald verſichert, auch nicht der geringſte Zweifel. Seine Papiere ſind vollkommen in Ordnung und ſeine Geſchichte iſt einfach und wahrſcheinlich. Erinnerſt Du Dich nicht früher, da wir noch in Weſtindien als Kadetten dienten— gehört zu haben, daß ein Lieutenant auf der Sappho bei einer Landung nach einem älteren Offtziere geſchlagen habe und vor der Vollziehung des Todesurtheils wahrſcheinlich nur durch den Unter⸗ gang des Schiffs bewahrt worden ſey?“ „O ja, jetzt, da Du das Schiff benennſt, iſt mir die Sache ſo deutlich erinnerlich, als ob ſie erſt geſtern vorgefallen wäre. Und das, meinſt Du, ſey der Bruder des verſtorbenen Sir Wycherly geweſen? Hat er denn auf der Sappho gedient?“ „So ſagt man mir unten; ich für meine Perſon zweifle durch⸗ aus nicht an der Wahrheit der ganzen Geſchichte.“ 333 „Es iſt ein Beweis weiter, wie leicht es iſt, nach einer Ab⸗ weſenheit von mehr als einem halben Jahrhundert nach England zurückzukehren und ſeine Rechte geltend zu machen. Der in Schott⸗ land hat ein eben ſo gutes Recht, wie dieſer junge Mann hier.“ „Dick Bluewater, Du ſcheinſt entſchloſſen, jedem vernünftigen Rathe unzugänglich zu bleiben. Was haben wir Beide, Du und ich, mit dieſen ſchottiſchen Abenteurern zu ſchaffen, wenn ein tapfe⸗ rer Feind uns zum Auslaufen und zum Angriffe einlädt? Aber halt— da iſt Bunting!“— In dieſem Augenblicke wurde der Signallieutenant des Plan⸗ tagenet von Galleygo in eigener Perſon ins Zimmer geführt. „Nun, Bunting, was für Neuigkeiten von der Flotte?“ fragte Sir Gervaiſe.„Sind die Schiffe alle noch feſt vor Anker?“ „Es iſt ruhiges Wetter, Sir Gervaiſe, und die Schiffe können jetzt alles Nöthige beſorgen. Die Meiſten von uns ſäubern die Klüſen, denn unſere Taue ſind ſo verwickelt, wie ich mich nicht erinnern kann, in ſo kurzer Zeit es je geſehen zu haben.“ „Das kommt davon her, daß wir keinen Wind hatten und unſere Leeſegel und Brodwinner* nicht verwenden konnten. Doch was hat Euch hieher ans Land gebracht? Galleygo erzählte uns etwas von dem Einlaufen eines Kutters, der die Nachricht vom Auslaufen der Franzoſen überbracht habe; doch ſeine Nachrichten ſchmecken immer nach der Kombüſe.“*⸗ „Nicht immer, Sir Gervaiſe,“ erwiederte der Lieutenant mit einem Seitenblick auf den Hofmeiſter, der ihn insgeheim öfter mit Leckerbiſſen aus des Admirals Privatküche verſorgte;„dießmal we⸗ nigſtens hat er Recht. Der ‚Aktive kommt eben langſam eingelaufen * Eine Art Sturmſegel. D. u. **F Hier ſteht im Original ein Wortſpiel. Sir Gervaiſe ſagt:„Gal⸗ leygo's Neuigkeiten ſeyen immer Galle y neuigkeiten,“ denn Galley heißt auf deutſch Kombüſe oder Schiffsküche, woher auch Galleygo ſeinen Spitznamen hatte. 4 D. U. und ſignaliſirt ſchon den ganzen Morgen mit uns. Seine Haupt⸗ neuigkeit bildet die Nachricht, daß Monſieur de Vervillin mit ſeiner ganzen Streitmacht ausgelaufen ſey.“ „Ja, ja,“ flüſterte Galleygo dem Contreadmiral halb und halb bei Seite ins Ohr;„County Fair⸗villian“ iſt aus ſeiner Höhle hervorgebrochen, wie ich Sir Jarvy bereits geſagt habe. Schön⸗ wetterſchufte ſind ſie alle miteinander— keiner davon hat noch ein Bein gebrochen!“ „Still— und Ihr glaubt, Bunting: Ihr habt die Signale richtig geleſen?“ „Ganz gewiß, Sir Gervaiſe. Kapitän Greenly iſt derſelben Meinung und hat mich mit der Nachricht davon ans Land geſchickt. Er befahl mir, Euch zu melden, daß in einer halben Stunde die Ebbe eintreten werde, und daß wir dann, beſonders bei dieſem leichten Winde recht gut weſtwärts an den Felſen vorbeikommen könnten.“. „Ja, ja, das ſieht ihm ähnlich, darauf wollt' ich ſchwören! Er will nicht einmal ſo lange warten, bis alle unſere Anker auf und nieder ſind und wir davon ſteuern können.— Meldet der Kut⸗ ter vielleicht auch, welchen Weg der Graf genommen hat?“ „Weſtwärts, Sir; unter leichter Boleine und mit kurz gereff⸗ ten Segeln.“ „Der Herr hat, ſcheint's, nicht große Eile. Führt er Trans⸗ portſchiffe?“ „Nicht ein einziges, Sir. Er zählt im Ganzen neunzehn Segel— lauter Kreuzer, doch nur zwölf davon gehören zur Linie. Er hat einen Zweidecker und zwei Fregatten mehr als wir— ge⸗ rade die richtige Zahl für einen Franzmann, Sir.“ „Der Graf hat ſicherlich die ſieben neuen Schiffe bei ſich, die letzten Sommer gebaut wurden,“ bemerkte Bluewater ruhig und * So ausgeſprochen bedeutet der Name im Engliſchen:„ein rechter Schuft!“— Daher auch das folgende Wortſpiel. D. U. 335 lehnte ſich wieder in ſeinen Armſtuhl zurück, bis ſein Körper einen Winkel von fünf und vierzig Graden bildete, worauf er in ſeiner beliebten, nachläßigen Manier das eine Bein auf einen leeren Stuhl legte.„Sie ſind etwas ſtärker als ſeine alten Fahrzeuge und wer⸗ den uns mehr zu ſchaffen machen.“ „Je härter der Streich, deſto größer die Ehre für unſere Ge⸗ ſchicklichkeit. Die Fluth iſt vorüber, nicht wahr, Bunting?“ „Ja wohl, Sir Gervaiſe; in zwanzig Minuten haben wir Ebbe. Die Flügelfregatten machen ſich bereits zur Abfahrt fertig. Die Chloe muß glauben, wir werden alsbald aufbrechen, denn ſie hat bereits Bram⸗ und Oberbramraa ins Kreuz gebraßt. Selbſt Kapitän Greenly wollte im Anfang dem Boten entgegenſegeln.“ „Zum Teufel auch! Ihr ſeyd ſammt und ſonders höchſt unruhige Köpfe! Ihr habt Euer Geburtsland ſchon in vier und zwanzig Stunden ſatt, wie ich finde. Nun, Mr. Bunting, Ihr könnt jetzt wieder auf die Flotte zurückkehren und dort vermelden, daß wir hier Alle wohl auf ſind. Dieſes Haus iſt in einem traurigen Zu⸗ ſtande der Verwirrung, wie Ihr wohl ſchon wiſſen werdet. Ihr könnt dieß Kapitän Greenly gleichfalls mittheilen.“ „Ja, ja, Sir; befehlen Euer Gnaden vielleicht, daß ich ſonſt noch etwas ausrichten ſoll?“ „Hm— ja, Bunting,“ antwortete der Viceadmiral lächelnd, „Ihr könnt ihm auch darüber noch einen Wink geben, daß er alle friſche Mannſchaft, ſo ſchnell er kann, aufbieten— und— ja, daß er Niemand mehr Urlaub an's Land ertheilen ſoll.“ „Sonſt nichts, Sir Gervaiſe?“ fuhr der hartnäckige Offizier fort. „Im Ganzen könnt Ihr auch ein Signal ergehen laſſen, daß man ſich zum Ankerlichten bereit halten ſolle. Die Schiffe können, mein' ich, recht wohl an einem Anker liegen bleiben, wenn die Fluth einmal hübſch vorüber iſt. Was meinſt Du, Bluewater?“ „Das Signal zum Ankerlichten wäre wohl das Kürzeſte. Du ———— 336 weißt ja recht gut, daß Du in die See ſtechen willſt— warum alſo nicht offen in der Sache verfahren?“ „Ich ſehe ſchon, Bunting, auch Ihr moͤchtet gerne dem kom⸗ mandirenden Admiral auf die eine oder andere Art einen Wink geben.“ „Wenn ich mir ſo Etwas herausnehmen dürfte— ja, Sir Gervaiſe. Ich kann nur ſo viel ſagen, Sir: je früher wir auf⸗ brechen, deſto eher können wir auch die Franzoſen peitſchen.“ „Und, wie lauten denn Deine Anſichten bei dieſer Gelegenheit, Meiſter Galleygo?— Es iſt jetzt offener Kriegsrath und da muß jeder ſeine Meinung äußern.“ „Ihr wißt, Sir Jarvy, daß ich niemals unaufgefordert in ſolche Dinge dreinrede. Admiral Blue und Euer Gnaden ſind voll⸗ kommen im Stande faſt unter allen Umſtänden für die Flotte zu ſorgen, obwohl dabei ſo vieles zu beachten iſt und zwar in den Tops ſo gut wie in der Kajüte. Meine Idee, Ihr Herrn, iſt dieſe: wenden wir uns während dieſer Ebbe Steuerbord, ſo bringen wir das Gallion vom Lande ab und gewinnen die offene See faſt eben ſo leicht, wie eine Landdirne ſich beim Tanze herumdreht. Was wir mit der Flotte anfangen, nachdem ſie einmal ausgelaufen iſt, wird ſich erſt in unſern Ultra⸗Bewegungen zeigen.“ Unter ‚Ultra⸗Bewegungen“ verſtand nämlich David ‚fernere“* Bewegungen: er hatte das Wort gelegentlich aufgeſchnappt, wenn er Depeſchen in der Kajüte vorleſen hörte, die er in der Regel nicht beſſer verſtand, als die Leute, welche ſie auf dem Admirali⸗ tätsamte geſchrieben hatten. „Ich danke Euch verbindlichſt, meine Freunde!“ rief Sir Ger⸗ vaiſe, der über die Ausſicht eines nahe bevorſtehenden allgemeinen Kampfes ſo entzückt war, daß er ein wahrhaft kindiſches Vergnügen an dieſem närriſchen Treiben fand;„jetzt aber im Ernſte an unſer Geſchäft. Mr. Bunting, ich wünſche, daß Ihr das Signal zum * Im Engliſchen ‚ultra' und zulterior.“ D. u. 2 337 Auslaufen aufſtecket. Laßt jedes Schiff eine Kanone abfeuern, um die ausgeſchickten Boote zurückzurufen. Eine halbe Stunde ſpäter gebt Ihr das Signal zum Ankerlichten und ſchickt mein Boot ans Ufer, ſo bald Euer Gangſpill in Bew egung iſt. Und ſomit guten Mor⸗ gen, mein wackerer Junge, und zeigt Euch hübſch thätig und munter.“ „Wenn Ihr am Cäſar vorüb erfahrt, Mr. Bunting, ſo habt die Güte, auch mein Boot herzubeordern,“ ſagte Bluevater gleich⸗ guͤltig; richtete ſich aber doch halb in die Höhe, um nach dem ab⸗ gehenden Lieutenant zu ſehen.„Wenn wir einmal aufbrechen, ſo, denk ich, muß ich ſchon mit den Uebrigen gehen. Natürlich wie⸗ derholen wir alle unſere Signale.“ Sir Gervaiſe wartete, bis Bunting aus dem Zimmer war und wandte ſich dann in ſeiner trockenen Manier an den zurückge⸗ bliebenen Hofmeiſter. „Mr. Galleygo, Ihr habt meine Erlaubniß, mit Sack und Pack an Bord zu gehen.“ „Aha, Sir Jarvy, ich verſtehe ſchon. Wir ſind im Begriff, mit den Schiffen unter Segel zu gehen, und ein rechter Mann muß da immer an ſeinem Platze ſtehen. Lebt wohl, Admiral Blue. Vor der franzöſiſchen Schlachtlinie werden wir uns wieder treffen, und dann, hoff ich, wird Jeder von uns an ſeiner eigenen Perſon ein Beiſpiel von Muth und Hingebung aufſtellen.“ „Der Burſche wird mit jedem Tage unerträglicher und ich muß ihn am Ende noch fortſchicken, um nur ſeiner Unverſchämtheit ein Ziel zu ſetzen,“ bemerkte Sir Gervaiſe halb ärgerlich, halb lachend.„Ich wundere mich überhaupt, wie Du ſeine kecke Ver⸗ traulichkeit mit dem ‚Admiral Blue“ nur ſo dulden kannſt!“ „Nun, ich werde es ihm ſchon übel nehmen, ſobald ich einmal bemerke, daß ‚Sir Jarvye wirklich mit ihm gebrochen hat. Der Mann iſt tapfer, ehrlich und anhaͤnglich; das ſind Tugenden, die mich für hundert Fehler wieder mit ihm ausſöhnen können.“ „Laß den Burſchen zum Teufel gehen!— Glaubſt Du nicht Die beiden Admirale. 2. Aufl. 3 22 auch, daß ich beſſer thun werde, wenn ich auslaufe, ohne die De⸗ peſchen aus der Stadt abzuwarten?“ „Das iſt ſchwer zu ſagen. Jene Befehle könnten uns alle zu⸗ ſammen gegen jenen Karl Stuart nach Schottland beordren. Vielleicht machen ſte Dich aber auch zum Herzog und mich zum Baron, um ſich unſerer Treue zu verſichern! meinſt Du nicht?“ „Die Schandbuben!— ſprich mir nur jetzt nicht von ihnen. Wenn Monsieur de Vervillin gegen Weſten ſteuert, ſo kann er wohl ſchwerlich nach Edinburg wollen, um ſich den Bewegungen im Norden anzuſchließen.“ „Das iſt noch keineswegs ſo ganz gewiß. Ein recht kluger Burſche macht's immer ſo— ſchaut auf die eine Seite und ſteuert nach der andern.“ „Meiner Anſicht nach wird er wohl irgend eine Diverſton auszuführen haben, und mein innigſter Wunſch iſt nur der, auf eine Art mit ihm zuſammen zu gerathen, daß er gewiß zufrieden ſeyn ſoll. So lange ſeine Streitmacht an den Mündungen des Ka⸗ nals feſtgehalten wird, kann ſie im Norden kein Unheil anrichten und läßt eben dadurch auch die Straße nach Deutſchland offen.“ „Es iſt doch ein wahres Elend, wenn nicht gar eine Schande — daß England ſeine eigenen Streitigkeiten nicht ausfechten kann, ohne Franzoſen oder Deutſche zu Hülfe zu rufen.“ „Wir müſſen die Welt nun einmal nehmen, wie ſie iſt, Dick, und als raſch entſchloſſene Seemänner handeln, ohne uns lange mit Klatſchereien über Politik aufzuhalten. Ich nehme es als gewiß, daß Du trotz Deines Enthuſiasmus für die Stuarts im jetzigen Augenblicke bereits entſchloſſen biſt, Monsieur de Vervillin mit mir dreſchen zu helfen?“ „Ohne Zweifel. Nichts als die Ueberzeugung, daß jener Franz⸗ mann im ausſchließlichen Dienſte meines natürlichen, rechtmäßigen Fürſten verwendet werde, hätte mich veranlaſſen können, mich zu ſeinen Gunſten zu erklären. Doch iſt es immer noch möglich, Oakes, daß 339 er Sukkurs für die Schotten an Bord hat und durch den iriſchen Kanal gegen Norden zu ziehen angewieſen wurde.“ „Ja, einen hübſchen Sukkurs, das muß ich ſagen, wie ihn ein Engländer kaum zu verdauen vermag! Mousquetaires und Regimenter von Croy oder Dillon oder mit irgend einem andern jener verdammten franzöſiſchen Namen; vielleicht auch hübſche Musketen aus dem Bois de Vincennes, oder ſonſt einem Höllen⸗ neſte galliſcher Erfindungskunſt, das nur darauf ausgeht, die wohl⸗ erworbene Uebermacht Altenglands niederzuſchlagen! Nein— nein — Dick Bluewater, Deine treffliche, loyale, treuherzige engliſche Mutter hat Dich nicht deßhalb geboren, damit Du Dich von Bour⸗ boniſcher Liſt und Treuloſigkeit zum Narren halten laſſen ſollſt. Ich darf wohl ſagen, ſte wäre ſchon bei dem bloßen Namen ‚Louis⸗ krank geworden!“. „Das moöͤchte ich denn doch nicht behaupten, Sir Jarvy,“ erwiederte der Contreadmiral mit ausdrucksloſem Lächeln,„denn auch ſie hat einige Zeit am Hofe des Grand Monarque zugebracht. — Doch das iſt Alles umſonſt; wir kennen unſere gegenſeitigen Anſichten und ſollten jetzt endlich auch mit unſern Charakteren ver⸗ traut ſeyn. Haſt Du bereits irgend einen Plan für Deine künf⸗ tigen Operationen entworfen und welche Rolle willſt du mir darin zutheilen?“ Sir Gervaiſe ging, ehe er eine Antwort ertheilte, wohl fünf Minuten lang, die Hände auf den Rücken gefaltet, mit einer Miene tiefen Nachdenkens im Zimmer auf und nieder. Dieſe ganze Zeit über blieb Bluewater ruhig in ſeinem Stuhl und bewachte ſorg⸗ fältig alle Mienen und Bewegungen ſeines Freundes, um daraus das, was kommen ſollte, ſchon zum Voraus zu entnehmen. Endlich ſchien der Viceadmiral einen Entſchluß gefaßt zu haben, den er ſofort, wie folgt, ſeinem Freunde mittheilte. „Ich habe darüber nachgedacht, Dick,“ begann er,„ſogar während meine Gedanken noch mit Anderer Angelegenheiten be⸗ 340 ſchäftigt ſchienen. Iſt de Vervillin ausgeflogen, ſo befindet er ſich immer noch öſtlich von uns; denn bei der Fluth, wie ſie an der fran⸗ zöſiſchen Küſte herrſcht, kann er mit dieſem leichten Südweſtwinde unmoͤglich weit gegen Weſten gekommen ſeyn. Wir ſind zwar über ſeine Beſtimmung noch ungewiß; deßhalb iſt es für uns von ent⸗ ſchiedener Wichtigkeit, ihn ſo bald wie möglich zu Geſicht zu bekommen, und ſo lange im Auge zu behalten, bis er zum Schlagen gebracht werden kann. Mein Plan iſt nun dieſer:— Ich will die Schiffe eins nach dem andern und zwar mit dem ausdrücklichen Befehle abſchicken, ſich an leichter Boleine zu halten, bis ſie die Mündung des Kanals erreicht haben werden: dort kreuzt dann jedes für ſich, hält ſich aber natürlich mehr an die engliſche Küſte. Jedes nachfolgende Schiff lichtet den Anker, ſo wie es den Rumpf des vorhergehenden verſchwinden ſieht und ſo halten ſich alle auf Signalentfernung von einander, um die nöthigen Befehle über die ganze Linie verbreiten zu können. Bei ſo ſchönem Wetter, wie das jetzige, iſt nichts leichter, als einander im Geſicht zu behalten und auf dieſe Art bilden wir einen weiten Bogen— faſt hundert Meilen in Umfang— und haben den ganzen Kanal in unſerem Geſichtskreis. Sobald wir Monsieur de Vervillin erreicht haben, ſchließt die Flotte auf und dann laſſen wir uns von den Umſtänden leiten. Sollten wir aber nichts von den Franzoſen zu ſehen be⸗ kommen, bis wir ihre eigene Küſte erreicht haben, ſo dürfen wir als gewiß annehmen, daß ſie den Kanal aufwärts geſegelt ſind und dann kann ein Signal, von der Vorhut aus gegeben, die bisherige Ordnung umkehren; wir ſteuern in dieſem Falle gegen Oſten und bilden ſo ſchnell als möglich eine einzige Frontelinie.“ „Das Alles iſt ganz gewiß recht gut und mittelſt der Fregatten und kleineren Kreuzer können wir auch den Ocean leicht bis auf eine Ausdehnung von hundert und fünfzig Meilen unterſuchen— nichts⸗ deſtoweniger kömmt die Flotte dadurch ſehr weit aus einander.“ „Du glaubſt doch nicht etwa, daß Gefahr vorhanden ſey, 341 der Franzmann möchte das erſte Treffen angreifen, ehe das zweite zur Unterſtützung aufſchließen könnte?“ fragte Sir Gervaiſe mit vielem Intereſſe, denn er hatte die höchſte Meinung von ſeines Freundes Kenntniſſen und Kriegserfahrung.„Ich hatte im Sinn, mich mit dem Plantagenet ſelbſt an die Spitze zu ſtellen, und fünf oder ſechs der beſten Schnellſegler zunächſt mit mir zu nehmen, indem ich mir dachte, daß wir uns wohl ſo lange von ihnen wür⸗ den entfernt halten können, bis Du das zweite Treffen heran⸗ brächteſt. Drängen ſie uns, ſo können wir uns ja, wie Du weißt, auch zurückziehen.“ „Ohne Zweifel, ſo fern überhaupt Sir Gervaiſe Oakes ſich dazu entſchließen kann, ſich vor einem Franzmann, wo er auch immer geboren ſeyn möge, zurückzuziehen,“ erwiederte Blue⸗ water lachend.„Das Alles klingt recht gut: im Falle eines Zu⸗ ſammentreffens müßte ich aber erwarten, Dich mit dem ganzen Vordertreffen entmaſtet zu ſehen, Deine Leute aber gleich Bulldoggen ihre ſegelloſen Schiffe vertheidigend und den Grafen ſo lange hin⸗ haltend, bis mir endlich der Ruhm zu Theil würde, Deinen Rück⸗ zug gedeckt zu haben.“ „Nein, nein, Dick: ich will Dir mein Wort darauf geben, daß ich keinen ſo thörichten Knabenſtreich verſuchen werde. Ich bin jetzt mit Fünfundfünfzig ein ganz anderer Mann, als ich vielleicht mit Fünfundzwanzig geweſen. Du kannſt Dich darauf verlaſſen — ich werde ſo lange davon laufen, bis ich mich zum Kampfe ſtark genug glaube.“ „Willſt Du mir erlauben, Admiral Oakes, Dir einen Vor⸗ ſchlag zu machen? und zwar mit all' der Freimüthigkeit, wie ſie unſere alte Freundſchaft eigentlich immer bezeichnen ſollte?“ Sir Gervaiſe hielt in ſeinem Spaziergange plötzlich inne, blickte Bluewater feſt ins Geſicht und nickte mit dem Kopfe. „Ich ſehe an dem Ausdruck Deiner Mienen, daß Du meine weitere Rede erwarteſt,“ fuhr der Andere fort.„Ich wollte 342 eigentlich nichts weiter ſagen, als Dir meine einfache Anſicht und zwar dahin erklären, daß Dein Plan wohl am meiſten Hoffnung eines glücklichen Erfolges böte, wenn ich das erſte Treffen komman⸗ dirte und Du das zweite hintennach führteſt.“ „Den Teufel auch! Das gränzt ja ſo nahe an Meuterei oder scandalum magnatum, als man nur immer wünſchen kann! Und warum glaubſt Du, daß der Plan des oberſten Befehlshabers weniger der Gefahr des Mißlingens ausgeſetzt ſeyn werde, wenn Admiral Bluewater ſtatt Admiral Oakes die Sache einleitete?“ „Ganz allein deßhalb, weil ich überzeugt bin, daß Admiral Oakes, ſobald der Feind auf ihn eindringt, viel eher ſeinen feu⸗ rigen Muth als ſeinen kalten Verſtand zu Rathe ziehen wird, wäh⸗ rend Admiral Bluewater dieſes ganz gewiß nicht thun würde. Du weißt es ſelbſt nicht genau, Sir Jarvy, ob Du es wirklich für ſo leicht halten darfſt, vor Deinem Feinde davon zu laufen.“ „Ich habe Dich verzogen, Dick, weil ich Dich geſtern wegen Deines thörichten Manövrirens ſo laut ins Geſicht lobte— und das iſt die Wahrheit vom Ganzen. Nein— nein— ich bin jetzt feſt entſchloſſen und— ich denke, Du kennſt mich darauf, um überzeugt zu ſeyn, daß, wenn dieß einmal der Fall iſt, mich ſelbſt ein Kriegsrath nicht mehr anders zu ſtimmen vermag. Ich ziehe mit dem erſten Zweidecker, der ſeine Anker lichtet, voraus, und Du folgſt mit dem letzten. Du kennſt meinen Plan und wirſt ihn auch befolgen, ſo gewiß Du im Angeſichte des Feindes jeden meiner Befehle befolgſt.“ Admiral Bluewater lächelte, nicht ganz ohne Ironie in ſeinem Weſen; zu gleicher Zeit aber hob er das eine Bein, das während der letzten fünf Minuten unten geweſen war, mit einem ihm allein eigenthümlichen Kunſtgriff in die Höhe, ſo daß es um mehrere Zoll höher als ſein Kamerad zu ſtehen kam. „Die Natur hat Dich nicht zum Verſchwörer geſchaffen, Oakes,“ ſprach er, ſobald dieſe Aenderung nach ſeinem Sinne 343 ausgeführt war;„denn Du trägſt eine Marslaterne an der Bruſt, die ſogar ein Blinder ſehen kann!“ „Was für eine Grille beherrſcht Dich nur wieder, Dick? Sind die Befehle nicht deutlich genug, um Dich danach zu richten?“ „O ja— eben ſo klar, als der Beweggrund, welcher ſie Dir gerade in dieſer Form diktirte.“ „Nun ſo geh' einmal mit der Sprache heraus. Eine volle Breitſeite iſt mir jedesmal lieber als Deine Miniaturkanonen. Welchen Beweggrund ſoll ich denn haben?“ „Ganz einfach den, Sir Jarvy: daß Du zu einem gewiſſen Sir Gervaiſe Oakes, Baronet, Viceadmiral der rothen Flagge und Parlamentsmitglied für Bowldero— in Deinem innerſten Herzen ſagſt: ‚wenn ich dieſen Burſchen, mit Namen Dick Bluewater, ſammt vier oder fünf Schiffen hinter mir laſſe, ſo kann er, was auch immer ſeine Geſinnungen gegen König Georg ſeyn mögen, mir wenigſtens nicht vor dem Feinde deſertiren; und ſo will ich mich ſeiner verſichern, indem ich die Sache in ein ſolches Licht ſtelle, daß das Ganze mehr als ein Freundſchafts⸗ denn als ein Loyali⸗ tätsdienſt erſcheint.“ Sir Gervaiſe wurde roth bis zu den Schlaͤfen, denn Blue⸗ water hatte wirklich ſeine geheimſten Gedanken durchſchaut; doch trotz ſeines augenblicklichen Aergers ſchaute er ſeinem Ankläger feſt ins Geſicht und beide brachen in ein ſo herzliches Gelächter aus, wie eine ſolche Veranlaſſung es nur immer hervorrufen konnte. „Hörſt Du, Dick,“ begann der Viceadmiral, ſobald er wieder den nöthigen Ernſt zum Sprechen geſammelt hatte;„als man Dich auf die See ſchickte, haben Deine Eltern einen gewaltigen Miß⸗ griff begangen— denn Dich hätte man zu einem Herenmeiſter erziehen ſollen. Uebrigens gilt es mir gleich, was Du von der Sache denkſt; meine Befehle ſind gegeben, und müſſen befolgt wer⸗ den. Haſt Du nun einen genauen Begriff von meinem Plane?“ „Wie geſagt, ehenſo klar wie von deſſen Beweggrund.“ 344 „Genug davon, Bluewater; wir haben noch ernſte Pflichten vor uns.“ Sir Gervaiſe ließ ſich nun des Weiteren über ſein Vorhaben aus, und erklärte ſeinem Freunde alle ſeine Wünſche und Hoffnungen, und theilte ihm auch mit dienſtlicher Genauigkeit mit, was er dabei von ſeiner Unterſtützung erwartete. Der Contreadmiral hörte ihm mit jenem Reſpekte zu, den er jedesmal zeigte, ſo oft etwas Wichtiges zwiſchen ihnen verhandelt wurde und wäre Jemand in dem Augen⸗ blicke ins Zimmer getreten, während Beide auf dieſe Art beſchäftigt waren, ſo würde er in dem Weſen des Einen nichts als die würde⸗ volle Freimüthigkeit eines freundlichen Vorgeſetzten, und bei dem Andern den ehrfurchtsvollen Gehorſam gefunden haben, welchen der Untergebene im Seedienſt jederzeit vor dem höheren Range beweist. Sobald dieß vorüber war, zog Sir Gervaiſe die Glocke und befahl, Sir Wycherly Wychecombe herbeizurufen. „Ich möchte eigentlich wohl wünſchen, daß ich hätte hier bleiben können, um die Schlacht wegen der Nachfolge männlich aus⸗ fechten zu ſehen,“ ſagte er; doch ein Kampf ganz anderer Art zieht uns nach ſehr verſchiedener Richtung hin.— Führe ihn nur herein,“ fuhr er fort, als ſein Diener ihm meldete, daß der junge Baronet ſeines Befehles harre. „Wenn wir die Pflichten unſerer militäriſchen Stellung und hinwiederum die, welche die Gäſte gegen ihren Wirth haben, ins Auge faſſen,“ begann der Viceadmiral aufſtehend und ſich verbeu⸗ gend,„ſo iſt's wohl nicht ganz leicht, Sir Wycherly, den Etikette⸗ punkt zwiſchen uns beiden feſtzuſetzen; ich für meine Perſon habe aus Gewohnheit mehr an den Admiral und den Lieutenant als an den Herrn des Hauſes und ſeine dankbaren Gäſte gedacht. Habe ich darin einen Irrthum begangen, ſo bitte ich, denſelben zu entſchuldigen.“ „Meine neue Stellung iſt mir noch ſo ungewohnt, Sir Ger⸗ vaiſe, daß ich noch ganz der frühere Seemann bin,“ gab der junge 345 Mann lächelnd zur Antwort;„als ſolchen, hoffe ich, werdet Ihr mich immer betrachten. Kann ich Euch mit irgend Etwas dienen?“ „Einer unſerer Kutter iſt ſo eben mit Nachrichten angekommen, welche die Flotte noch dieſen Morgen, oder ſobald die Fluth ſich, in eine ſtarke Ebbe umgewandelt haben wird— in die See zurück⸗ führen werden. Die Franzoſen ſind ausgelaufen und wir müſſen uns nothwendig nach ihnen umſehen. Es war meine Hoffnung Abſicht, Euch auf dem Plantagenet wieder nach der See führen zu können. Ihr würdet zwar, vermöge des Datums Patents, unter den dortigen Lieutenants nicht weit obenan geſtanden haben; doch hat ſich Bunting den Rang eines erſten Lieutenants verdient und ich dachte ihm denſelben heute Nachmittag noch zu ertheilen, in welchem Falle die Stelle eines Flaggenoffiziers bei mir vakant geworden wäre— ein Amt, welches Ihr recht wohl hättet verſehen können. So wie jetzt die Sachen ſtehen, dürft Ihr aber dieſes Hans nicht verlaſſen; ich muß mich ſomit von Euch verabſchieden und kann blos bedauern, daß es die Umſtände nicht anders erlauben.“ „Admiral Oakes! was kann es geben, das einen Offtzier in meiner Stellung am Lande zurückhalten könnte, während wir am Vorabende einer Hauptſchlacht ſtehen? Ich hoffe und wünſche von ganzem Herzen, daß Ihr Euren letzten Entſchluß ändern und zu Eurem erſten Plane zurückkommen möchtet.“ „Ihr vergeßt Eure eigenen, ſo wichtigen Intereſſen; bedenkt nur, daß der wirkliche Beſitz neun Zehentheile des Rechts auf Eure Seite bringt.“) „Wir hatten Eure Neuigkeit ſchon unten gehört und Sir Re⸗ ginald, Mr. Furlong und ich beſprachen uns eben über die Sache, als ich Eure Einladung erhielt. Dieſe Herren ſagten mir, daß ich eben ſo gut durch einen Bevollmächtigten als in eigener Perſon den Beſitz behaupten könne und ſo bin ich ſehr zufrieden, daß ſich Eure Einwendung auf ſolche Art beſeitigen läßt.“ 346 „Eures Großvaters Bruder, das kaum verſtorbene Haupt Eurer Familie— liegt noch unbeerdigt in dieſem Hauſe; und da möchte es doch wohl ſchicklich ſeyn, daß der Nachfolger ſeinem Leichenbegängniſſe anwohne.“ „Auch daran haben wir gedacht. Sir Reginald war ſo gütig, ſich mir als Stellvertreter anzubieten und überdieß ſpricht ja die ſcheinlichkeit dafür, daß das Zuſammentreffen mit Monſieur Dervillin in den nächſten acht und vierzig Stunden ſtattfinden wird, während mein Oheim nicht vor den nächſten acht bis zehn Tagen beerdigt werden kann.“ „Ich ſehe, junger Herr, Ihr habt alle möglichen Faͤlle wohl in Rechnung gezogen,“ bemerkte Sir Gervaiſe lächelnd.„Nun, Bluewater, wie gefällt Dir die Sache?“ „Ueberlaſſe ſie mir und ich will beſtens dafür beſorgt ſeyn. Du wirſt beinahe, wenn nicht gerade vier und zwanzig Stunden vor mir abſegeln und ſo hätten wir alſo Zeit zu weiterer Ueber⸗ legung. Sir Wycherly kann während der Schlacht bei mir auf dem Cäſar bleiben oder auch, ſobald wir wieder zuſammentreffen, auf den Plantagenet übergeſetzt werden.“ Nach kurzer Ueberlegung billigte Sir Gervaiſe, der gerne Jeden ſeinen eigenen Weg gehen ließ, den gemachten Vorſchlag und es wurde beſchloſſen, daß Wycherly, wenn nicht unterdeſſen etwas vorſiele, was den Schritt als ungeeignet erſcheinen ließe— auf dem Cäſar nachfolgen ſollte. Als auch dieſe Einrichtung verabredet war, erklärte ſich der Viceadmiral bereit, das Schloß zu verlaſſen. Galleygo hatte bereits mit den übrigen Dienern die zur Einſchiffung nöthigen Vorkeh⸗ rungen getroffen, und ſo blieb dem Admiral nur noch übrig, den Bewohnern des Schloſſes Lebewohl zu ſagen. 8 Derr Abſchied zwiſchen den beiden Baronets war freundlich; die gemeinſchaftliche Theilnahme, welche ſie für Wycherly's Glück hegten, hatte ſie gewiſſermaßen zu vertrauten Freunden geſtempelt 347 und ſelbſt Sir Reginald geneigt gemacht, dem Seemanne ſeine wohl bekannte Anhänglichkeit an die Whigparthei nachzuſehen. Dutton verließ mit den beiden Frauen zu gleicher Zeit das Schloß; Sir Gerpaiſe verabſchiedete ſich von allen Dreien und ſchlug dann den Weg nach der Landſpitze ein, wohin ſich Alle zu Fuß begaben. Eine ſo wichtige Perſon, wie Sir Gervaiſe Oakes, fkonnate unmöglich das Dach, das ihn bis jetzt geſchützt hatte, verlaſſen, um ſich an Bord ſeines eigenen Schiffes zu begeben, ohne eine gehörige Begleitung hinter ſich zu haben. Bluewater ging neben her, um noch allerlei Kleinigkeiten des Dienſtes, die etwa einem von Beiden im letzten Augenblicke noch einfallen konnten, mit ihm zu beſprechen; eben ſo war Wycherly von der Geſellſchaft, zum Theil aus ſeemänniſcher Anhänglichkeit, mehr aber noch, weil er Mildred nahe zu ſeyn wünſchte. Dann kam noch Atwood, die beiden Doktoren, Mr. Rotherham und zwei oder drei von des Admirals Dienerſchaft. Auch Lord Geoffrey ſchlenderte neben der Geſellſchaft her, obwohl er bereits wußte, daß ſein eigenes Schiff heute nicht mehr abſegeln würde. Gerade als die Geſellſchaft aus dem Parkthore in die Straße des Weilers gelangte, wurde auf der Flotte eine ſchwere Kanone abgefeuert. Ihr folgten alsdann andere nach und man hörte Pfeifen⸗ und Hornſignale von den Maſtenſpitzen herabtönen, welche hin und wieder zwiſchen den Spalten in den Klippen ſichtbar wur⸗ den— es waren die Signale, welche die Boote nach den Schiffen zurückriefen. Im nächſten Augenblicke gerieth Alles in geſchäftige Bewe⸗ gung, und ſeit Menſchengedenken war Wychecombe nicht mehr der Schauplatz ſo emſiger Thätigkeit und wilder Verwirrung gewefen. Halbbetrunkene Matroſen wurden, gleich Schweinen, welche ſich halb und halb zu gehen ſträuben, und doch nicht ſtehen zu bleiben wagen, von den munteren Junkern in ihrer ſchmucken Gallauniform 348 nach den Booten an den Strand hinab getrieben. Ganze Viertel von geſchlachteten Ochſen wurden in Karren oder auf Tragbahren nach den Booten geſchleppt und waren bald darauf an verſchie⸗ denen Leeſpieren der Hauptmaſte ſichtbar. Neben dem wollte das Einſammeln von Eiern, Butter, Geflügel, Kalb⸗, Schöpſen⸗ und Lammfſleiſch faſt gar kein Ende nehmen und ſchien die umliegende Gegend mit einer Hungersnoth bedrohen zu wollen. 8 itten durch dieſe Maſſe von lebenden und lebloſen Gegen⸗ ſtänden verfolgte unſere Geſellſchaft ihren Weg: manchmal wurden ſie von den eifrigen Landleuten faſt üͤber den Haufen gerannt, während Alle, die zur Flotte gehoͤrten, ihnen ehrerbietig Platz machten, bis ſie den Punkt erreichten, wo die Straße nach den Klippen und die nach dem Landungsplatze ſich trennten. Hier wandte ſich der Viceadmiral an den einzigen Kadetten, der gerade anweſend war; höflich den Hut lüpfend, wie wenn er einen jungen Herrn', der eben beurlaubt war, nur ungern mit einem ſolchen Dienſte beauftragte, ſprach er endlich: „Habt die Güte, Lord Geoffrey, Euch auf den Landungsplatz zu verfügen und nachzuſehen, ob meine Barke am Ufer iſt. Der Offizier des Boots wird mich bei der Signalſtation treffen.“ Der Knabe gehorchte mit Freuden und dieſer Sohn eines engliſchen Herzogs, der durch den Tod ſeines älteren Bruders ſpäter ſelbſt noch Herzog wurde, übernahm hier einen Dienſt, der am Land von ſeines Gleichen für einen Dienſtboten paſſend erachtet worden wäre— mit einer Geſchäftigkeit, als ob er ſich durch den Auftrag ſehr geehrt fühlte. Nur durch eine Mannszucht, wie dieſe, welche Diejenigen, die dereinſt zum Befehlen beſtimmt waren, zuerſt die hochwichtige Kunſt des Gehorchens lehrte, konnte es England ſeiner Zeit gelingen, eine Marine zu erlangen, die ſo viele denkwür⸗ dige Thaten verrichtete. Während der Kadett fort war, um nach dem Boote zu ſehen, gingen die beiden Admirale neben einander nach den Klippen ſpa⸗ 349 zieren und beſprachen ſich über ihre ferneren Manöver. Als Alles bereit war, ſtieg Sir Gervaiſe auf demſelben Pfade, auf dem er am Tage zuvor die Anhöhe hinangeklimmt war, wieder ans Ufer hinab; dort ſchob er die wirre Maſſe, die ſich am Landungsplatze geſammelt hatte und faſt nur zu viel damit beſchäftigt war, ſeine Annäherung zu beobachten— bei Seite und beſtieg ſeine Barke. In der nächſten Minute führten ihn die Ruderſchläge ſeiner Mann⸗ ſchaft in raſchem Fluge nach ſeinem Admiralſchiff— dem Plantagenet. Siebenzehntes Kapitel. Nicht ohne Grund war's, denn am Abend fing der Wind Sich mächtig an zum Sturme zu beleben; Zwar ſcheut ihn wohl kein ächtes Seemannekind, Doch mancher Landbewohner ſah ihn traun mit Beben; Denn andrer Art Matroſenherzen ſind. Mit Sonnenuntergang begann der Anker ſich zu heben. Denn klar am Himmel ſtand's, daß Stürme nahen Und Maſten mit ſich nehmen könnten oder Raaen. Byron. Ma die Mittagsſtunde kaum vorüber war, ſo beſchloß Blue⸗ water, ſich noch ein paar Stunden auf den Klippen umherzu⸗ treiben, bis etwa die Zeit des Mittageſſens herangekommen wäre. So ſehr auch gewöhnlich ſeine Gedanken zerſtreut waren, ſo fand ſein Geiſt dennoch Beſchäftigung und Vergnügen im Anſchauen der Bewegungen, welche jetzt unter den Schiffen bem erkbar wurden. Deer geneigte Leſer möge uns erlauben, ihm einige dieſer Be⸗ wegungen in Kürze vor Augen zu führen. 4 Kaum hatte Sir Gervaiſe Oakes ſeinen Fuß auf das Deck des Plantagenet geſetzt, als ſchon nach fünf Minuten das Signal zur Verſammlung ſämmtlicher Schiffskommandanten an dem Haupt⸗ 350 maſte des Admiralſchiffes flatterte. Zehn Minuten ſpäter waren mit Ausnahme der beiden in der offenen See befindlichen Schiffe alle übrigen Kapitäns der Flotte in der Kajüte des Flaggenſchiffs verſammelt und horchten mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf die Pläne und Weiſungen des Viceadmirals. „Mein Operationsplan, ihr Herren, iſt ſehr leicht zu begrei⸗ fen,“ fuhr der kommandirende Admiral fort, nachdem er ſeine Ab⸗ ſichten zur Verfolgung und Bekämpfung des Feindes im Allgemeinen dargelegt hatte,„und Jeder von Euch hat demſelben blindlings zu gehorchen. Die Ebbe iſt jetzt noch im Steigen und ein friſcher Sechsknotenwind bläst eben von Südweſten her in unſere Segel. Ich werde beim Lichten der Anker meine Ragen ins Kreuz braſſen und ſie auch ſo behalten, bis mein Schiff über die Flotte hinaus iſt; dann werde ich Boleine und Steuerbordhalſen beihalen und die Ebbe unter den Leebug der Fregatte zu bekommen ſuchen. Dieß wird den Plantagenet gegen Morlair hinüber führen und bringt uns überhaupt gerade ſo weit windwärts, als wir's brauchen. So lange die Ebbe in Verbindung mit dieſer Briſe fortdauert, werden wir leichte Fahrt haben; erſt wenn die Fluth beginnt oder der Wind umſpringt, dann kann die Sache ſchwieriger werden. Die Schiffe, die zuletzt auslaufen, müſſen beſonders darauf bedacht ſeyn, daß ſie nach vorn und hinten gut in Verbindung bleiben und ihre Genoſſen ſtets im Augen behalten; ſie haben alſo alle ihre Bewegungen ſo viel als möglich nach denen der vorderen Schiffe einzurichten. Unſer Hauptzweck iſt der, einen möglichſt großen Bogen zu beſchreiben und dabei doch die einzelnen Fahrzeuge auf Signaldiſtanz beiſammen zu behalten. Gegen Sonnenunter⸗ gang werde ich die Segel einreffen; die ganze Flotte ſchließt dann dichter auf, ſo daß ein Schiff vom andern nur eine Meile entfernt iſt. Auch Bluewater wird dieſelbe Vorſicht gebrauchen, wenn er mit den letzten Schiffen ausläuft; überdieß habe ich ihn angewieſen, für den Fall, daß ein zweiter Kourier von dem Admiralitätsamte 351 eintreffen ſollte, ſo lange, als er nur immer für räthlich haͤlt, auf der Rhede zurückzubleiben. Während die Fluth im Steigen iſt, beab⸗ ſichtige ich nicht zu wenden, ſondern mit den Halſen am Steuer⸗ bord zu bleiben und wünſche, daß ihr Alle das Nämliche thun möchtet. Dieß wird die vorderen Schiffe im Vergleich mit den rückwärtigen bedeutend windwärts treiben und die Flotte möglicher Weiſe in die Windvierungslinie bringen: da ich ſelbſt die Vorhut führe, ſo liegt es mir ob, für die Richtung zu ſorgen und die Folgen zu beachten. Von euch, meine Herren, verlange ich aber, daß ihr den Stand des Wetters nicht aus den Augen verliert und eure Schiffe auf volle Signaldiſtanz von einander haltet. Kommt ein dichter Nebel oder ein heftiger Sturm, dann müſſen wir von der Spitze bis zur Nachhut aufſchließen und unſer Glück in geſchloſ⸗ ſener Ordnung verſuchen. Wer den Feind zuerſt erblickt, ſoll ſeine Lungen nicht ſchonen, ſondern die Nachricht davon, nebſt der Rich⸗ tung, welche die franzoͤſiſche Flotte eingeſchlagen, ſo ſchnell als möglich nach vorn und hinten weiter verbreiten. Tritt dieſer Fall ein, ſo habt ihr euch ſogleich auf dem Punkte zu ſammeln, von wo die Nachricht ausging: und merkt's euch, laßt mir das Kreuzen windwärts bleiben, als ob ihr Befehl zum Herumſtreifen hättet, wie ihr es ſonſt in der Gewohnheit habt— ihr wißt, ich kann es nicht leiden. Und nun, meine Herren, iſt es wohl möglich, daß wir uns nie wieder ſehen. Gott ſey mit euch! Kommt, reicht mir einer nach dem andern die Hand und dann flugs auf eure Boote! Der erſte Lieutenant hat Greenly ſo eben melden laſſen, daß wir auf und nieder“ ſind: ſo laßt die Ankex lichten, Greenly, und macht, daß wir ſo bald als möglich fortkommen!“ Der Abſchied— eine Scene, wobei Fröhlichkeit und Trauer auf eigenthümliche Weiſe gepaart waren— ging raſch vorüber und die Kapitäne verſchwanden allmählig. Von jetzt an waren Aller Gedanken nur auf das Abſegeln gerichtet. e ſegelfertig. D. U. 35² Bluewater hatte zwar den Auftritt in der Kajüte des Plan⸗ tagenet nicht mitangeſehen, konnte ſich denſelben aber recht gut in ſeinen Gedanken vormalen und blieb auf den Klippen, um die nun folgenden Bewegungen zu beobachten. Wycherly war unterdeſſen unſichtbar geworden, Dutton lehnte an ſeiner Signalſtange, und ſo hatte der Contreadmiral Niemand als Lord Geoffrey zum Ge⸗ ſellſchafter. Letzterer bemerkte, daß ſein Verwandter nicht zur Unterhaltung aufgelegt ſchien, und beſaß ſo viel Takt, daß er für ſeine Perſon ſtill ſchwieg— eine Aufgabe, die ihm bei dem In⸗ tereſſe, welches das nun beginnende Schauſpiel in Anſpruch nahm, weit weniger ſchwer wurde, als dieß ſonſt gewöhnlich der Fall war. Kaum hatten die Boote der verſchiedenen Kapitäne von der Steuerbordſeite des Plantagenet, wo das Schiffsceremoniel ſie auf einem Haufen verſammelt hatte— abgeſtoßen, als auch bereits die drei Marsſegel des Admiralſchiffs ſich ſenkten und die Geitaue in ſtätiger Bewegung gegen die Enden der niederſten Raaen ge⸗ ſpannt wurden. Während dieſe noch im Gange waren, begannen die Raaen ſich zu heben und mit jener ſicheren, ſtufenweiſen Be⸗ wegung anzuſteigen, wie ſie gewöhnlich die Manöver auf einem Kriegsſchiffe auszeichnet. In zehn Minuten ſtanden alle drei ſteif an ihren Maſten. Der Wind blies ſchief in die Segel und ſo füllte ſich die Leinwand, wäͤhrend ſie ihre Falten öffnete; als ſie ſich endlich völlig entfaltet hatte, begann der Plantagenet ſich langſam von ſeinem bisherigen Ankerplatze zu entfernen und, gegen die Fluth ſich ſtemmend, aus der langen Linie von Schiffen, unter denen er kaum noch vor Anker gelegen, allmählig hervorzubrechen. Es war dieß in der That ein ſchönes Manover, ähnlich dem Aufſteigen eines Seevogels, wenn er ſachte die Schwingen ent⸗ faltet, und über das Waſſer hingleitend ſich langſam in den Aether um auf einen fernen, unſichtbaren Punkt loszuſteuern. Weiterſchreiten des Flaggenſchiffs war ſtätig, abgemeſſen und großartig. Die erſten fünf Minuten ſteuerte es beinahe gerade 353 gegen Oſten, ſo daß es den Wind auf der Steuerbordſeite hatte und die Fluth faſt ſenkrecht durchkreuzte. Als ſich die Fregatte weit genug von der Flotte entfernt hatte, ließ ſie die großen Segel fallen, holte Bram- und Oberbramſegel ein, ſetzte Brod⸗ winner, Klüver und Stagſegel bei und braßte ſcharf beim Winde, mit dem Gallion gegen Süd⸗Süd⸗Oſt gewendet. Dieß brachte die Fluth gerade unter ihre Leevorketten und führte ſie in raſchem Laufe windwärts vom Lande ab. Während ſie ihre Segel ordnete und die Boleinen gerade ſtellte, feuerte ſie eine Kanone ab zum Zeichen, daß die Mehrzahl der Schiffe auf der Rhede die Anker lichten und auf Rufweite nachfolgen ſollte. Alle dieſe Bewegungen wurden von Bluewater mit der Auf⸗ merkſamkeit eines Liebhabers beobachtet und mit der kritiſchen Schärfe eines Kenners beurtheilt. „Recht wacker ausgeführt, Maſter Geoffrey, in der That, recht wacker, das muß ich geſtehen! Nie hat wohl ein Vogel den ihm befreundeten Flug mit mehr Ordnung und Geräuſchloſigkeit ver⸗ laſſen, als der Plantagenet ſo eben aus der Schiffs reihe hervor⸗ brach! Greenly verſteht in der That ſein Schiff zu handhaben— das muß man ihm laſſen!“ „Ich denke, Sir, Kapitän Stowel würde es mit dem Cäſar gewiß eben ſo gut gemacht haben,“ antwortete der Knabe mit dem jedem Seemanne eigenthümlichen esprit de corps.„Erinnert Ihr Euch noch, Admiral Bluewater, wie wir neulich von Lorient her unter Segel gingen, während der Wind einem Orkane gleich gerade vom Lande her wüthete? Sogar Sir Gervaiſe bemerkte ſpäter, wir hätten weniger als jedes andere Schiff in der Flotte an Grund verloren und doch iſt der Plantagenet, wie Jedermann weiß, der ausdauerndſte Zweidecker in der ganzen Marine.“ „Wie Jedermann weiß? Nun, er iſt allerdings ein aus⸗ dauernder Segler, aber doch nicht mehr als mancher andere auch. * Das kleinere Klüverſegel. D. U. Die beiden Admirale. 2. Aufl. 23 * Wann habt Ihr je gehört, daß dieſem Schiffe insbeſondere ein ſolcher Charakter beigelegt worden wäre?“ „Nun, Sir, die Kadetten auf dem Plantagenet prahlen immer damit, ja rühmen ſich ſogar noch weit größerer Vorzüge.“ „Die Kadetten— ah, ſo! Nun, die jungen Herren ſind freilich für die Reize ihrer erſten Liebe, mag dieſe nun am Lande oder auf der See weilen, von jeher beſonders eingenommen. Habt Ihr jemals von einem alten Seemanne gehört, daß er den Plan⸗ tagenet ſo hoch erhoben hätte?“ „Ich denke doch, Sir,“ erwiederte Lord Geoffrey erröthend. „Galleygo, Sir Gervaiſe's Hofmeiſter, ſpricht von nichts Anderem, als von ſolchen Einbildungen. Es ſind wüthende Großprahler, die Plantagenets, alle miteinander.“ „Das iſt ganz natürlich,“ bemerkte Bluewater mit Lächeln; nihre Namensvettern und Vorgänger haben ſich vor Alters durch die nämliche Eigenſchaft bemerkbar gemacht.— Schau einmal auf jene Raaen dort unten, Knabe, und lerne, wie man die Segel eines Schiffs im Winde entfalten muß.“ „Kapitän Stowel ſagt uns, Sir, die Raaen dürften nicht ganz gleich gebraßt werden, vielmehr müſſe man die Windbraſſen beim Lufwärtswenden ein wenig vieren, ſo daß die Marsraa etwas weniger als die untere Raa und ebenſo das Bram⸗ weniger als das Marsſegel nach vorne zu ſtehen komme.“ „Ihr habt vollkommen Recht, Geoffrey, wenn Ihr Euch in allen dieſen Dingen an Kapitän Stowel's Anſicht haltet: doch hat nicht Kapitän Greenly ſo eben auf dem Plantagenet das Nämliche gethan? Wenn ich von Symmetrie ſpreche, ſo meine ich natürlich die Symmetrie eines Seemannes.“ Dadurch war der Knabe zum Schweigen gebracht, doch ſträubte er ſich immer noch mit allen Kräften gegen die Behauptung, daß irgend ein Schiff ſeinem eigenen gleich kommen könne. Mittlerweile nahm es allen Anſchein, als ob eine Aenderung — 355 in dem Stande des Wetters eintreten wollte. Gerade zu der Zeit, als der Plantagenet beibraßte, wurde der Wind friſcher und zehn Minuten ſpäter wehte eine ſteife Briſe. Noch ehe der Admiral die beiden detaſchirten Schiffe anrufen konnte, ſah er ſich genöthigt, alle leichteren Segel einzunehmen. Nachdem er hierauf der aus⸗ wärts geankerten Fregatte und Schaluppe ſeine Befehle gegeben, ließ er die Leinwand ſich wieder füllen; die Bramſchoten wurden losgelaſſen, bei den Marsſegeln ein einziges Reff eingezogen und das leichtere Segelwerk ſodann wieder darüber geſetzt. Dieſer Umſprung der Witterung mußte nothwendig, da noch insbeſondere die Nacht wolkig, wenn nicht gar völlig finſter zu werden drohte— eine entſprechende Veränderung in dem Plane der Fahrt mit ſich bringen und die Zwiſchenräume zwiſchen dem Abgang der Schiffe um die volle Hälfte verkürzen.— Solchen Wechſel⸗ fällen ſind alle Operationen zur See unterworfen und es iſt ein Glück, wenn die Führer ſo viel Geſchicklichkeit beſitzen, daß ſie denſelben jedesmal zu begegnen verſtehen. In weniger als einer Stunde begann der Rumpf des Plan⸗ tagenet am Horizonte zu verſchwinden. Jetzt lichtete der Car⸗ natic die Anker, entfaltete ſeine Segel und brach aus der Flotte hervor, worauf er, beim Winde halend, dem Admiralſchiff in deſſen Kielwaſſer nachfolgte. So genau war der Kurs, in welchem dieſe Fregatte ſteuerte, daß ſie eine halbe Stunde, nachdem ſie beige⸗ braßt hatte, einen Klüseimer, den der Plantagenet beim Waſſer⸗ einholen hatte fallen laſſen, wieder einnehmen konnte. Wir halten es für zweckmäßig, mit Anticipirung der folgenden Ereigniſſe ſchon jetzt die Segelordnung der Flotte in Kürze an⸗ zugeben, indem wir bemerken, daß der Thunderer“ dem Carna⸗ tic“— der Blenheim dem Thunderer— der Achilles dem Blen⸗ heim— der Warſpite*es dem Achilles— der Dover dem Warſpite * Der Donnerer.** Der Fleiſchfarbne.*—** Der Kriegeztrutz. D. U. 356 — der York dem Dover— die Eliſabeth dem York— der Dublin der Eliſabeth und der Cäſar dem Dublin folgte. Stunden vergingen jedoch, bis alle dieſe Schiffe in Bewegung waren, und manche Ereigniſſe, welche während dieſer Zeit am Lande ſtattfanden, bleiben uns noch zu berichten. Der Leſer wird jedoch die ſpäteren Vorfälle unſerer Erzählung beſſer verſtehen, wenn wir ſchon jetzt einiger Umſtände erwähnen, welche das Abſegeln der Schiffe begleiteten. Zu der Zeit, da die Marsſegel des Plantagenet auf den Klippen unſichtbar zu werden anfingen, zogen der Carnatie, der Thunderer, der Blenheim, der Achilles und der Warſpite in Zwiſchenräumen von je zwei vollen Meilen unter einem Segelwalde, wie ſie ihn nur immer zu tragen vermochten, alle in einer geraden Linie dahin. Der Admiral hatte ſeine Segel am meiſten verkürzt, indem er, wahrſcheinlich wegen des drohenden Ausſehens, welches der Himmel gegen Südweſten annahm, den Carnatie allem Anſcheine nach näher aufſchließen laſſen wollte, während er die außenliegende Fregatte und Schaluppe, die Chloe und den Driver,* die eine auf ſeiner Luv⸗, die andere auf der Leeſeite vor ſich hergehen ließ. Als der Dover die Anker lichtete, waren die Oberſegel des Admiralſchiffs von ſeinem Mars aus nicht mehr zu ſehen, während man auf dem Verdeck den Rumpf des Warſpite noch recht gut im Auge hatte. Er verließ die Flotte oder vielmehr den Theil der⸗ ſelben, der noch vor Anker lag, das Fockſegel eingeſetzt und bei dem Winde gehalt, die Marsſegel doppelt gerefft, am großen Segel ein einziges Reff eingezogen und das Oberbram⸗ über das Bram⸗ ſegel geſtellt. Mit alſo verkürzten Schwingen ſchoß er dahin, um ſeinen Gefährten zu folgen, während die Brandung an ſeinen Bügen emporſchäumte und die ſtraffe Hieling den ſchweren Druck, den ſeine Segel zu tragen hatten, bezeichnete. Mittlerweile war auch der York flott geworden. Die Ebbe * Der Treiber. D. U, 357 hatte ſich unterdeſſen zur Fluth umgewandelt und es wurde nöthig, die Halſen am Backbord anzuziehen, um das Land oſtwärts klar zu bekommen. Dieß änderte die Formation der Flottenlinie; doch wollen wir nunmehr zu den Ereigniſſen am Ufer zurückkehren und dieſe in ihrer natürlichen Ordnung berichten. Wir brauchen wohl kaum zu bemerken, daß Bluewater, um die Abfahrt ſo vieler Schiffe zu beobachten, mehrere Stunden auf den Klippen oder in deren Nähe zugebracht haben mußte. Statt ſeinem Verſprechen gemäß zur Mittagsſtunde in das Schloß zurückzukehren, benützte er das Erſcheinen Wycherly's— der eben in dem Augenblick, da er einen Boten an Sir Reginald abzuſenden gedachte, mit glühendem Geſicht und in tiefer Bewegung die Hütte verließ— um den jungen Mann zu bitten, daß er dem älteren Baronet ſeine Entſchuldigung überbringen möchte, indem er glaube, die Aenderung des Wetters werde es nöthig machen, im Angeſichte der See zu verweilen. Dutton hörte dieſen Auftrag und lud nach einer geheimen Unterredung mit ſeiner Gattin den Admiral ein, ein einfaches Mahl unter ſeinem niedrigen Dache zu ſich zu nehmen. Bluewater wil⸗ ligte mit Vergnügen ein; als er zu Tiſche gerufen wurde, fand er zu ſeiner großen Freude, daß Mildred allein ihm Geſellſchaft leiſten ſollte: ſte hatte— warum? das mochte wohl nur ihrem eigenen Herzen bekannt ſeyn— die gewöhnliche Mittagsſtunde vorübergehen laſſen, ohne bei Tiſche zu er hHeinen und war nun von ihrer Mutter aufgefordert worden, ein wenig Speiſe zu ſich zu nehmen. „Die letzten Ereigniſſ iin Schloſſe haben das arme Kind ſehr erſchüttert, Sir,“ bemerkte Nrs. Dutton gleichſam enſchuldigend, „und ſie hat ſeit heute Morgen keinen Biſſen angerührt. Ich ſagte ihr, Ihr würdet meiner Tochter Geſellſchaft gewiß nicht verſchmähen, ſondern die Aufmerkſamkeiten, wie ſie ihr als Eurer Wirthin zu⸗ kommen, als eine Entſchuldigung ihrer Anweſenheit gelten laſſen.“ Bluewater betrachtete die bleichen Züge des Mädchens; noch —————ꝗqỹꝑæ 358 nie war ihm ihre auffallende Aehnlichkeit mit Agnes Hedworth ſo klar geworden als eben in dieſem Augenblicke. Die letzten paar Jahre ſeiner ſüßen Freundin waren nichts weniger als glücklich geweſen und Mildred's trüber ſchmachtender Blick— ihre thränen⸗ vollen Augen erinnerten ihn wieder mit peinlicher Deutlichkeit an die geliebte Verſtorbene. „Gütiger Gott!“ murmelte er vor ſich hin, ſollten denn zwei ſolche Weſen nur, um zu leiden, auf der Welt ſeyn?— Meine gute Mrs. Dutton,“ fuhr er lauter fort,„Sie brauchen ſich wahr⸗ lich nicht zu entſchuldigen. Sie dürfen mir vollen Glauben ſchenken, wenn ich Ihnen ſage, daß Sie in ganz England kein zweites Weſen hätten finden können, das mir ebenſo willkommen geweſen wäre, wie meine kleine Tiſchgefährtin es wirklich iſt.“ Mildred kämpfte mit einem Lächeln und es gelang ihr endlich, dem Admiral durch einen ſehr freundlichen Blick ihren Dank aus⸗ zudrücken. Mehr aber vermochte ſie für jetzt nicht von ſich zu geben. Mrs. Dutton ſchien hierüber erfreut und ließ die Beiden bald bei ihrem niedlich zubereiteten, aber einfachen Mahle allein, da Haushaltungspflichten ihre Gegenwart anderswo verlangten. „Erlauben Sie mir, mein Kind, daß ich Ihnen ein Glas von dieſem wirklich vortrefflichen Portoweine anempfehle,“ begann Bluewatter das Tiſchgeſpräch.„Hätten Sie ſo lange wie ich an der Küſte von Portugal umhergekreuzt, ſo würden Sie den Werth eines ſo reinen Getränks, wie dieſes hier, zu ſchätzen wiſſen. Ich wüßte keinen Admiral, der einen ſo trefflichen Wein aufzuwei⸗ ſen hätte!“ 4 „Es iſt wahrlich unſer legter, Sir,“ gab Mildred mit einem unwillkührlichen Zittern zur Antwort, während eine Thräne von jedem ihrer langen, ſchwarzen Augenlieder auf den Teller nie⸗ derfiel.„Es war ein Geſchenk von dem theuren alten Sir Wycherly, der nie unterließ, meine Mutter mit derartigen Luxusartikeln zu bedenken, die, wie er ſich vorſtellen konnte, bei unſerer Armuth für ———, 359 uns unerſchwinglich waren. Den Wein können wir leicht ver⸗ miſſen, den Geber aber um ſo weniger.“ Bluewater'n war nicht anders zu Muth, als ob er ſogleich auf die eine Hälfte des Vermögens, das er ſeiner neuen Freundin beſtimmt hatte, einen Wechſel hätte ziehen ſollen; er zwang ſich jedoch, mit einer eigenthümlichen Laune des Gefühls, wie ſie bei Perſonen von ſo lebhafter Empfänglichkeit keineswegs ungewöhn⸗ lich iſt, in ſeiner Antwort nichts von dieſer Bewegung merken zu laſſen. „Einen alten Sir Wycherly wird's freilich ſobald nicht wieder geben, der ebenſo, wie der Verſtorbene, zur Erleichterung ſeiner Nachbarn beiträgt; dafür iſt jetzt aber ein junger Baronet da, der mir gar nicht danach ausſieht, als ob er das gute Beiſpiel ſeines Oheims vergeſſen könnte. Ich hoffe, Sie alle freuen ſich mit uns über die plötzliche Glückserhöhung, welche unſerem Lieb⸗ ling, dem Lieutenant, ſo unerwartet zu Theil geworden iſt?“ Ein Ausdruck von Aengſtlichkeit flog über Mildred's Züge; ihr Freund hatte dieß wohl bemerkt, doch hielten ihn Erſtaunen und Mitleid, wenn nicht gar Reue über das Geäußerte ab, ſeine Entdeckung zu verrathen. „Wir bemühen uns, froh darüber zu ſeyn,“ antwortete Mildred und lächelte dabei ſo trüb und ernſt, daß der Admiral ſeine volle Theilnahme erwacht fühlte;„doch iſt es nicht ſo leicht, uns über ein Glück zu freuen, das durch den Verluſt unſeres frü⸗ heren hochgeſchätzten Freundes erkauft werden mußte.“ „Ich weiß wohl, meine Theure, daß ein junger Mann wie der jetzige Sir Wycherly einen alten Knaben wie der verſtorbene Sir Wycherly nie ganz erſetzen kann; da aber der Eine ein See⸗ mann iſt, während der Andere nur ein Landbewohner war, ſo mag's wohl ſeyn, daß meine Standesvorurtheile die Ungleichheit nicht für ſo bedeutend anſehen, als ſie vielleicht in Ihren weniger partheiiſchen Augen erſcheinen mag.“ 3 . 360 Bluewater glaubte in dem ihm begegnenden Blicke einen fle⸗ henden Ausdruck zu bemerken und bereute augenblicklich, daß er ein ſolches Mittel ergriffen hatte, um dem Trübſinn ſeiner Freundin zu zerſtreuen. Auch Mildred mochte wohl dieſes Bedauern in gewiſſem Grade theilen, denn ſie raffte ſich zuſammen und beſtrebte ſich nicht ganz ohne Erfolg, eine angenehmere Geſellſchafterin abzugeben. „Mein Vater glaubt,“ bemerkte ſie,„das kürzlich ſo ſchöne Wetter werde uns wohl bald verlaſſen und dagegen, noch ehe ſechs⸗ und dreißig Stunden vorüber ſind, einem tüchtigen Sturme Platz machen.“ „Ich fürchte faſt, Mr. Dutton möchte einen nur gar zu rich⸗ tigen Wetterpropheten abgeben. Der Himmel hat ſo etwas Brü⸗ tendes in ſeinem Ausſehen und ich erwarte eine unruhige Nacht. Doch— gut oder ſchlimm— wir Seeleute müſſen nun einmal dem Sturm die Stirne bieten, und das ſogar in dieſer Meerenge, wo er wahrhaftig nicht zu verachten iſt.“ „Ach, Sir, es iſt doch ein ſchreckliches Leben, das Ihr führt. Erſt ſeitdem ich auf dieſen Klippen wohne, habe ich die Seeleute Pedauern gelernt.“ „Vielleicht, mein Kind, bedauern Sie uns gerade da, wo wir am glücklichſten ſind. Unter zehn Seemännern ſind es immer neun, die einen tüchtigen Sturm einer langweiligen Windſtille vorziehen. Es gibt freilich Augenblicke, wo der Ocean wahrhaft furchtbar er⸗ ſcheint; im Ganzen iſt er übrigens eher launenhaft als bösartig. Gerade die bevorſtehende Nacht verſpricht eine ſolche zu werden, wie ſie Sir Gervaiſe Oakes am liebſten hat. Er iſt nie glücklicher, als wenn er den Sturm durch das Tackelwerk ſeines Schiffes heu⸗ len hört.“. „Ihn habe ich allerdings als einen ſehr waghalſigen, zuver⸗ ſichtlichen Kommandanten ſchildern hören. Doch, Ihr, Admiral Bluewater, könnt unmöglich ſolche Gefühle in Euch nähren, denn mir ſcheint es immer, Ihr paßtet beſſer an ein trauliches Kamin — 361 mit Freunden und Verwandten in Eurer Umgebung, als für die Kämpfe und Mühſeligkeiten des Seelebens.“ Dießmal koſtete es Mildred keine Ueberwindung, den Veteran mit einem ſüßen Lächeln anzublicken, das ihn auch ſo ſehr entzückte, daß er ſich beinahe erhoben und ſie mit der Zärtlichkeit eines Va⸗ ters, der ſeine geliebte Tochter ans Herz drückt, in die Arme ge⸗ ſchloſſen hätte. Nur die Beſcheidenheit hielt ihn ab, ſeine Gefühle auf eine Art zu äußern, welche der Mißdeutung leicht ausgeſetzt geweſen wäre, und ſo begnügte er ſich mit der Antwort: „Ich fürchte faſt, ich bin ein Wolf in Schafskleidern. Oakes geſteht ſelbſt, daß er ſich glücklich fühlt, wenn er ſein Schiff in pechſchwarzer Nacht durch die tobende See dahinfliegen ſieht; da⸗ gegen behauptet er, ich pflege bei einem Orkane gar in Verzückung zu gerathen. Ich kann dieſe Anklage zwar nicht als vollkommen be⸗ gründet anerkennen, muß aber doch geſtehen, daß ich bei der Theil⸗ nahme an dem wilden Kampfe der Elemente ein gewiſſes ſtolzes Entzücken nicht unterdrücken kann. In ſolchen Augenblicken ſcheint meine ganze Natur mit einem Schlag verändert und alle Milde und Sanſtmuth iſt vergeſſen. Dieß kommt daher, meine Theure, daß ich Ihrem Geſchlechte ſo lange fremd geblieben bin und bis daher als einſamer Junggeſelle gelebt habe.“ „Seyd Ihr denn der Meinung, daß Seemänner ſich vermählen ſollten?“ fragte Mildred mit einer Ffſtigkeit, worüber ſie ſelbſt erſtaunt war, denn während ſie noch ihre Frage ſtellte, jagte ihr der Gedanke die Schaamröthe bis in die Schläfe. „Ei das wäre doch traurig, wenn ich einen ganzen zahlreichen Stand und noch dazu einen, den ich ſo ſehr liebe, zu dem troſtloſen Elend des Junggeſellenlebens Herdammen müßte. Der Eheſtand hat zwar bei Kriegern und Seemännern ſeine eigenthümlichen Unan⸗ nehmlichkeiten; aber gibt es deren nicht auch bei Leuten, welche ſich niemals trennen? Ich habe ſchon viele Seeleute gehört,— Männer, die Weib und Kind von Herzen liebten— und ſie alle 362 meinten, das unbeſchreibliche Entzücken des Wiederſehens nach langer Trennung, die Freuden der Hoffnung und der Hochgenuß der Aufregung hätten weit mehr als die ſtillen Perioden des Frie⸗ dens ihre Dienſtjahre mit ſüßen Freuden bereichert. Da ich ſelbſt nie verheirathet war, ſo kann ich nur vom Hörenſagen urtheilen.“ „Ach— bei Männern kann dieß wohl der Fall ſeyn, aber Frauen— nein— nein— die können nie ſolche Gefühle hegen.“ „Sie ſind ja ſelbſt eines Seemannes Tochter und kennen alſo wahrſcheinlich auch Jacks Bericht über das häusliche Glaubensbe⸗ kenntniß ſeines Weibes: Ein gutes Feuer, ein reines Gewiſſen, die Kinder im Bett und der Gatte auf der See— das hält jene we⸗ nigſtens für den Gipfel der Glückſeligkeit.“ „Für Seemannsſcherze mag dieß wohl gut ſeyn, Admiral Bluewater,“ gab Mildred lächelnd zur Antwort;„doch wird es wenig zur Erleichterung eines brechenden Herzens beitragen.— Nach all' dem, was ich heute Nachmittag gehört habe, und nach dem plötzlichen Abſegeln der Flotte iſt wohl zu fürchten, daß eine große Seeſchlacht bevorſteht?“. „Und warum ſollten Sie, eine brittiſche Offizierstochter, vor ſo Etwas zurückbeben? Haben Sie ſo wenig Vertrauen zu uns, daß Sie vielleicht glauben, eine Schlacht müſſe nothwendig mit einer Niederlage für uns enden? Ich habe in meinem Stande ſchon Mancherlei erlebt, Miß Dutton, und glaube in gewiſſer Beziehung über die gewöhnlichen Prahlereien von Großſprechern er⸗ haben zu ſeyn; aber ſo viel darf ich wohl ſagen: wenn wir ein⸗ mal dem Feinde begegnen, ſo iſt es nicht gewöhnlich, daß unſere Landsleute zu Haus Urſache bekommen, ſich der engliſchen Flagge zu ſchämen. Ich bin noch nie mit einem Franzmanne zuſammen ge⸗ troffen, der nicht das männliche Verlangen bewieſen hätte, den Ruhm ſeines Vaterlandes aufrecht zu erhalten und ich habe noch immer gefunden, daß es uns einen harten Kampf koſtete, bevor der Feind überwunden war— doch hat mich der Ausgang noch u l̃—&—&ᷣ à— N— w u*+G ⏑H8 ——— 363 niemals getäuſcht. Glück, Geſchicklichkeit oder Recht ſind gewöhn⸗ lich auf unſerer Seite und ſie haben uns am Ende noch jedesmal den Sieg gegeben.“ „Und was mag es ſeyn, Sir, was Euch auf dieſe Art in den meiſten Fällen den Vortheil zur See ſicherte?“ „Als Proteſtant ſollte ich ſagen— unſere Religion; doch habe ich auch bei Proteſtanten ſchon zu viele Laſter beobachtet, als daß ich dieſer Anſicht Glauben ſchenken könnte. Wollte ich ſagen — das Glück, ſo wäre dieß eine übermäßige Selbſterniedrigung, die wir wahrlich nicht verdienen. So muß es alſo wohl unſere Geſchicklichkeit ſeyn. Als Seeleute, glaub' ich, ſind wir der Mehrzahl unſerer Nachbarn an Erfahrung überlegen; doch will ich keineswegs als unumſtößliche Wahrheit behaupten, daß wir ſelbſt in der Taktik große Vortheile vor ihnen voraus hätten. Von allen ſind uns die Holländer am eheſten gewachſen.“ „Nichtsdeſtoweniger ſeyd Ihr des Erfolges vollkommen ſicher. Es muß eine große Ermuthigung ſeyn, wenn man mit der feſten Zuverſicht auf Sieg in den Kampf geht! Ich denke, Sir— das heißt, mir ſcheint— es verſtehe ſich wohl von ſelbſt, Sir— daß unſer neuer Sir Wycherly für dießmal nicht im Stande ſeyn wird, an dem Kampfe Antheil zu nehmen?“ Nur ſchüchtern hatte Mildred ihre Frage geſtellt, indem ſie, ſo gut ſie konnte, ihre Verwirrung zu verbergen ſuchte; aber Blue⸗ water las in ihrem Herzen und fühlte tief, wie peinlich es ihr ge⸗ worden ſeyn mußte, dieſen Zweifel auszuſprechen. Ueberdieß fiel es ihm auf, daß ein Mädchen von ſo zartem, richtigem Gefühl wie ſeine Freundin, gewiß nicht dieſe Aufmerkſamkeit auf des Jünglings Schritte verrathen haben würde, wenn Letzterer überhaupt Etwas gethan hätte, was irgend Tadel erwecken könnte. Dieſe Ueberzeu⸗ gung beruhigte ihn ſehr über die Wirkung, welche die plötzliche Standeserhöhung auf den hübſchen Lieutenant äußern möchte. Da er übrigens einer Antwort nicht ausweichen konnte, wenn Mildred 5 nicht entdecken ſollte, daß er ihre Gefühle kenne— ſo verlor er keinen Augenblick bei ſeiner Erwiederung. „Es iſt nicht leicht,“ antwortete er,„einen jungen, waghal⸗ ſigen Seemann, wie dieſen Sir Wycherly Wychecombe, von der Theilnahme an einem allgemeinen Treffen zurückzuhalten, beſonders wenn es der Art iſt, wie dasjenige, welches uns bevorſteht. Oakes hat zwar die Sache mir überlaſſen; ich glaube aber, ich werde dem jungen Mann ſeinen Wunſch ſchon gewähren müſſen.“ „So hat er ſelbſt um Aufnahme in Euer Schiff gebeten?“ fragte Mildred, und ihre Hand zitterte, als ſie den Löffel zum Munde führen wollte. „Natürlich. Jeder, der Uniform trägt, könnte oder würde gewiß nicht weniger thun. Zwar ſcheint es für ihn ein kitzlicher Augenblick zu ſeyn, um Wychecombe gerade jetzt zu verlaſſen— den Ort, wo er wohl über kurz oder lang einen Kampf für ſich ſelbſt zu be⸗ ſtehen haben wird: doch bei jungen Leuten wird der Dienſteifer ſtets jedes andere Gefühl, ja ſogar die Liebe überwältigen— ſo wird wenigſtens unter uns Seeleuten behauptet.“ Mildred gab keine Antwort; aber ihre bleiche Wange, die zitternden Lippen verriethen abermals ein Gefühl, welches ſie bei ihrer Argloſigkeit nicht zu verbergen vermochte und ſo mußte Blue⸗ water auf's Neue ſeine Bemerkung bereuen. In der Abſicht, dem armen Mädchen ihre Selbſtbeherrſchung wieder zu geben, änderte er den Gegenſtand der Unterhaltung, ohne Wycherly's mit einer Sylbe zu erwähnen. So verſtrich der Reſt der Mahlzeit in Frieden; der Admiral bewies bis an's Ende die ſo raſch in ihm entſtandene, edelmüthige Theilnahme, welche er bei den Vorzügen ſeiner jungen Freundin für ihr Wohlergehen fühlte. Als ſie vom Tiſche aufſtanden, ver⸗ fügte ſich Mildred wieder zu ihrer Mutter, während Bluewater nach den Klippen zurückkehrte. Es war unterdeſſen Abend geworden und der milde Glanz des 365 Sommers übergoß die Landſchaft. Dennoch bot die weite Waſſer⸗ wüſte, die ſich vor Bluewater's Auge ausbreitete, jenen wilden, dräuenden Anblick dar, welchen Winde und Wogen einer ſolchen Scene zu verleihen pflegen, wenn das Licht des Tages vor der Dunkel⸗ heit der Nacht zu weichen im Begriffe ſteht. Ddieß Alles machte aber auf den Contreadmiral keinen Eindruck, denn er wußte wohl, daß die ſtark bemannten Zweidecker bei wohl⸗ eingerefften Segeln ſich leicht durch die Finſterniß durchzuarbeiten vermöchten, wenn dieſe keine größeren Gefahren, als eben jetzt, zu bringen verſprach. Der Wind hatte übrigens an Heftigkeit zuge⸗ nommen und erlaubte ihm nur mit Mühe, ſich gegen die Gewalt, mit welcher er ihm gerade ins Geſicht blies, auf dem Rande der Klippe zu behaupten. Er hatte eben wieder feſten Fuß gefaßt und ſchaute in aufgerichteter Stellung auf die unten liegende Flotte, als die Eliſabeth mit eng⸗ gerefften Mars⸗ und doppeltgerefften Unterſegeln abzufallen begann, wobei ſie ſich durch ein oder zwei der ſchwereren Stagſegel die Handhabung des Steuerruders zu erleichtern ſuchte. Er bemerkte, wie der gewaltige Bau ſelbſt unter dieſen verkürzten Segeln zu ſchwanken anfing und ſah, daß der Kapitän bereits ſeine Vorkeh⸗ rungen für eine ſtürmiſche Nacht getroffen hatte. Die Lichter, welche der Dover und der York auf ihren Mar⸗ ſen führten, fingen eben an, in der hereinbrechenden Finſterniß ſichtbar zu werden— Letzterer zeigte ſich ungefähr anderthalb Meilen den Kanal abwärts und hielt ſich in ſolcher Richtung, daß er windwärts gelangen konnte, Erſterer aber hatte bereits in etwas ſüdlicherer Direktion ſeinen Kurs nach dem Kielwaſſer des Admiral⸗ ſchiffes genommen. Eine Kette von Lichtern verknüpfte nun die ganze Linie und machte es den Kapitäns möglich, auf dieſe Art mit einander zu kommuni⸗ ciren. Der Plantagenet war in dieſem Angenblicke volle fünfzig Meilen draußen in der See und arbeitete ſich durch die heftige, füdweſtliche Strömung, welche der Wind von der Bay von Biscaya her und aus dem großen atlantiſchen Ocean in die Mündung des Kanals hereintrieb. Bluewater fing an, ſeinen Rock zuzuknöpfen, während er ſich gleichwohl durch den ihn überwehenden Sturm, welcher den ſo eigenthümlichen Seegeruch zu ihm herübertrug, wunderbar geſtärkt fühlte. Noch lagen zwei von den großen Schiffen, der Dublin und der Cäſar, unbeweglich vor Anker. Sein geübtes Auge konnte aber bemerken, wie Stowel am Bord des Letzteren Alles bereit hielt, um, ſobald er ſelbſt den Veſehl dazu ertheilen würde, unverzüglich lichten zu können. In dieſem Augenblicke kehrte der Kadett, der mehrere Stunden ausgeblieben war, zurück und ſtand wieder neben ihm. „Jetzt wird bald auch uns die Reihe treffen, Sir,“ begann der muntere Knabe,„und was mich betrifft, ſo wird's mir gar nicht unlieb ſeyn, wenn ich einmal wieder in Bewegung komme. Die prahleriſchen Junker am Bord des Plantagenet werden wieder trotz einem Don ſchwadroniren, wenn ſie etwa dem Monſieur de Vervillin eine volle Lage beibringen ſollten, während wir ſelbſt noch auf der Rhede liegen— nicht anders, als wie die Yacht eines Edelmanns, welche man in die Bucht eingeholt hat, damit die Damen ohne Schaden für die Verdauung ihre Mahlzeit einnehmen können.“ „So viel haben wir wohl nicht zu fürchten, Geoffrey. Der Active iſt zu leichtfüßig, als daß er ſich— beſonders bei ſo günſtiger Witterung, wie wir ſie gehabt haben, die ſchweren Schiffe ſo dicht auf den Hals kommen ließe. Er muß einen Vorſprung von fünf⸗ zehn bis zwanzig Meilen gehabt haben und überdieß waren die Franzoſen genöthigt, Kap la Hogue und Alderney zu umſegeln, bevor ſte nur in dieſe Richtung gelangen konnten. Wenn ſie über⸗ haupt den Kanal herabkommen, ſo find ſie doch noch volle fünfzig Meilen oſtwärts und ſollte auch unſere Spitze weit genug vorwärts gelangen, um gegen Morgen auf ſie zu ſtoßen, ſo werden wir immer noch ganz hübſch windwärts kommen. Sir Gervaiſe hat ihnen noch nie eine beſſere Falle gelegt, als eben heute. Die Eliſabeth hat alle Hände voll zu thun, Knabe, und der Wind ſcheint bei ihr ſehr ſchralend zu werden. Wenn er ſie noch mehr abſchlägt, ſo wird er die Fluth unter ihren Luvbug bringen, ſo daß ſie zu⸗ letzt gegen den Wind wenden muß und dieß koöͤnnte das Ende unſerer Linie in Verwirrung bringen!“ „Was ſollen wir aber in einem ſolchen Falle thun, Sir? Es ginge doch gewiß nicht an, daß wir den armen Sir Jarvy ſich ſelbſt überließen!“ „Das würden wir auch beſtimmt nicht thun!“ antwortete Bluewater und laächelte über die liebevolle Beſorgniß des Knaben — eine Beſorgniß, welche ihn ſogar den gewohnten Reſpekt vor dem Oberkommandanten vergeſſen ließ, ſo daß er ihn mit ſeinem auf der Flotte üblichen Beinamen benannt hatte.„In einem ſol⸗ chen Falle wäre es meine Pflicht, ſoviel Schiffe als möglich zu ſammeln und ſo ſchnell wir könnten, dahin zu ſteuern, wo wir die Andern morgen früh zu treffen erwarten dürften. In dieſer Meer⸗ enge laufen wir kaum Gefahr, einander auf längere Zeit aus den Augen zu verlieren, und wir dürfen wohl ſchwerlich befürchten, die Franzoſen ſo weit weſtlich zu haben, daß ſie vor dem nächſten Morgen mit unſeren übrigen Schiffen handgemein werden könnten. Sollten ſie dieß dennoch thun, Geoffrey—“ „Ha, Sir, wenn ſie dieß thäten, dann weiß ich ſchon, was geſchehen würde!“ „Was denn, mein Junge? Angenommen, Monſieur de Ver⸗ villin träfe bei Tagesanbruch mit Sir Gervaiſe zuſammen, was * Schralend— knapp, heißt ſoviel als: das Schiff hat ſeine Segel ſo geſtellt, daß der Wind nur wenig Wirkung auf dieſelben ausübt. D. U. . 368 hielteſt Du wohl nach Deiner Erfahrung für die wahrſcheinlichſten Folgen?“ „Nun, Sir, ich glaube, Sir Jarvy würde auf ihn losgehen, wie der Delphin auf einen fliegenden Fiſch; ſollte er wirklich ſo glücklich ſeyn, einige von den Burſchen gefangen zu nehmen, dann könnten wir Cäſars vollends gar nicht mehr in Geſellſchaft der Plantagenets ſegeln. Schon bei unſerem letzten Gefechte mit Mon⸗ ſieur de Gravelin waren ſie aufgeblaſen wie die Pfauen, weil wir nicht früher aufſchloſſen, als bis ihre Fockraa und Kreuzbramſtenge fort war, trotz dem, daß der Wind, der unterdeſſen umgeſprungen war, uns todt nach leewärts gebracht hatte und wir am Ende doch beim ganzen Gefecht die eilf gefährlichſt Verwundeten zählten. Ihr kennt die Plantagenets nicht, Sir, denn vor Euch wagen ſie nicht, ſich etwas der Art herauszunehmen!“ 2 „Nun dafür will ich doch ſtehen, daß ſie überhaupt nichts ſagen werden, was meinen jungen Cäſars Unehre bringen könnte. Ihr erinnert Euch doch, Sir, daß Sir Gervaiſe ſelbſt in ſeinen Depeſchen uns volle Anerkennung widerfahren ließ.“ „Ja, Sir— Alles vollkommen wahr. Sir Gervaiſe kennt das freilich beſſer; er weiß, was der Caͤſar iſt und was er leiſten kann und auch ſchon geleiſtet hat. Bei ſeinen Junkern aber— da iſt es etwas ganz Anderes: die glauben, weil ſie eine rothe Flagge am Fockmaſt führen, ſeyen ſie ſelbſt lauter Blakes und Howards. Da iſt z. B. Jack Oldeaſtle— der ſpricht ſtets nur von uns Kadetten, wie wenn gar kein Seemannsblut in unſern Adern wäre und dieß ganz allein deshalb, weil ſein eigener Vater zufällig Kapitän war— dabei behauptet er noch, er ſey Commodore geweſen, weil er ein einzig Mal drei Fregatten unter ſeinem Be⸗ fehle gehabt habe.“. „Nun— in jetziger Zeit würde dieß auch einen Commodore ausmachen. Gewiß aber treibt er die Anmaßung nicht ſo weit, daß er das Blut der Oldeaſtle's über das der Cleveland's ſtellte?“ 369 „Nein, Sir— davon iſt allerdings nicht die Rede,“ erwiederte der hübſche Knabe, leicht erröthend, ſo ſehr er auch eine ſolch weibiſche Schwäche verachtete;„Ihr wißt, von ſolchem Unfinn reden wir gar nie auf unſerem Geſchwader. Bei uns gilt blos der Dienſt und was damit zuſammenhängt. Jack Oldcaſtle behauptet nur, die Cleveland's ſeyen lauter Civiliſten, wie er ſie nennt, oder Sol⸗ daten, was, wie Ihr wißt, gerade nicht viel beſſer iſt. Ich ſage ihm aber, daß wir ein altes Gemälde von einem unſerer Ahnen mit einem Ankerknopf haben und das war lange vor den Zeiten der Königin Anna— vielleicht gar in Eliſabeth's Zeitalter— und dann, wißt Ihr, Sir, fange ich ihn allemal im Garn mit den Hedworth's, denn ich bin ebenſogut Hedworth als Cleveland.“ „Und was ſagt der unverſchämte Burſche dazu, Geoffrey?“ „Nun, Sir, er meint, der Name ſollte Headwork⸗ buchſtabirt werden und dieſe ſeyen alle Advokaten geweſen. Aber ich gab's ihm dafür ſo gut, als ſeine liſtige Rede es verdiente— darauf kennt Ihr Euch verlaſſen!“ „Und was gabſt Du ihm zur Erwiederung auf ein ſolches Kompliment? Sagteſt Du ihm vielleicht, die Oldeaſtle's ſeyen eben ſo gut Stein und Holz und altes Eiſen— und dieß noch dazu Alles bunt unter einander liegend?“ „Nein, Sir, das nicht,“ antwortete der Knabe lachend;„ich dachte nicht daran, ihm eine auch nur halb ſo geſcheide Antwort zu geben. Aber ich gab ihm einen Naſenſtüber und gut gemeint war er, das dürft Ihr glauben.“ „Und wie nahm er dieſe Beweisführung auf? Führte ſie zum Schluſſe— oder wurde der Streit noch länger fortgeſetzt?“ „Natürlich fochten wir ihn aus, Sir. Es war am Bord des Dover; der erſte Lieutenant ſah darauf, daß dabei Alles nach der Regel zuging. Jack führte zu viele Kanonen für mich, Sir, denn * Kopfwerk. Die beiden Admirale. 2. Aufl. 24 370 er iſt über ein Jahr älter als ich; aber ich ſchoß ihm doch ſo oft in die Hölzer, daß er geſtand, es ſey ein häͤrter Stück Arbeit, als wenn man getoppt werde. Darauf nahmen die jungen Herrn auf dem Dover meine Partie und ſagten, die Hedworth's hätten über⸗ haupt nichts mit Headwork zu ſchaffen, ſondern ſeyen lauter rechte Seeleute— Admirale, Kapitäns und Kadetten, wie wir andern Alle auch. Ich erzählte ihnen, wie mein Großvater Hedworth ein Admiral und zwar ein tüchtiger Seeheld war.“ „Darin begingſt Du einen kleinen Verſtoß. Deiner Mutter Vater war blos General, aber ſein Vater— der war wirk⸗ licher Admiral der Rothen— denn er lebte, ehe dieſer Grad auf⸗ gehoben wurde. Ein beſſerer Offtzier hat nie die Planken betreten. Er war meiner Mutter Bruder, und wir beide, Sir Gervaiſe und ich, dienten lange unter ſeinen Befehlen. Er war ein Seemann, auf den Du mit allem Rechte ſtolz ſeyn darfſt.“ „Ich denke doch, Sir, von den Plantagenets wird keiner mehr in dieſem Reviere zu jagen verſuchen, denn wir haben unſere Jun⸗ gen alle gemuſtert und dabei gefunden, daß wir an unſern beiden Tiſchen im Ganzen vier Admirale, zwei Commodore's und dreizehn Kapitäns zählen— das heißt, wie Ihr wohl denken könnt, Sir, wenn wir alle unſere Verwandten zuſammenrechnen.“ „Nun wohl, mein theurer Junge, ich hoffe, ihr ſollt in ſpä⸗ teren Tagen dieß alles und noch weit mehr an euern eigenen Per⸗ ſonen erleben. Dort kommt übrigens Sir Reginald Wychecombe, wie ich mit Verwunderung bemerke: er wünſcht vielleicht, mit mir allein zu reden. Geh' nach dem Landungsplatz hinab und über⸗ zeuge Dich, ob meine Barke noch da iſt; ſobald Dir's beliebt, kannſt Du mich's wiſſen laſſen. Vergiß nicht, Geoffrey, daß Du mit mir abgehſt und treibe mir auch Sir Wycherly Wychecombe auf, denn wenn er ſich nicht im nämlichen Augenblick, da man ſeiner bedarf, einfindet, ſo wird er um die Ueberfahrt kommen.“ 371 Der Knabe berührte die Mütze und eilte in munteren Sprüngen den Hügel hinab, um ſich des erhaltenen Auftrags zu entledigen. Achtzehntes Kapitel. So ſchmeichelte der Böſe— nicht umſonſt! Denn Eva'’s Herz ſog ein die gift'ge Rede, So wunderbar die Stimm' ihr klingen mochte. Milton. Es war wohl eine Art von Vorgefühl, was Bluewater ver⸗ anlaßte, den Kadetten fortzuſchicken, ſobald er den Anhänger des entthronten Königsſtammes auf ſich zukommen ſah. Was bis jetzt zwiſchen beiden Theilen vorgefallen war, hatte vollkommen genügt, um Jeden über den geheimen Wunſch des Andern aufzuklären, und vermöge jenes geheimen Bandes, welches bei Parteiungen gewöhn⸗ lich im Geleite mächtiger Sympathieen iſt, war der Admiral feſt überzeugt, daß die bevorſtehende Unterredung ſich auf die politiſchen Unruhen des Tages beziehen müſſe. Die ſtürmiſchen Vorzeichen in der Atmoſphäre— die Stunde — ja ſelbſt der Ort waren für eine Zuſammenkunft zwiſchen Ver⸗ ſchwörern ausnehmend günſtig und verliehen ihr einen eigenen poetiſchen Reiz. Es war faſt völlig dunkel; die Landſpitze war einſam und leer, denn Dutton hatte ſich anfänglich zu ſeiner Flaſche und dann in's Bett zurückgezogen; der Wind blies ſcharf über den ſchwarzen Felsvorſprung und ließ ſich zuweilen ſogar, unwillig murrend, in den Klippenhöhlen vernehmen, während die unheil⸗ ſchwangeren Wolken, vom Sturme gejagt, das Mondlicht bald ver⸗ finſterten, bald es theilweiſe und in ungewiſſem Schimmer wieder blicken ließen und der ganzen Scene einen wild aufregenden Cha⸗ rakter mittheilten. Kein Wunder alſo, wenn Bluewater bei der Annäherung ſeines Beſuchs ſtärker als je zuvor das Verlangen 372 47 fühlte, auf die Rede des Verſuchers zu horchen, wie wir hier Sir Reginald unter ſolchen Umſtänden wohl ohne Ungerechtigkeit nennen dürfen. „Wenn ich Euch an einem ſolchen Orte und mitten in einer ſo wilden Landſchaft aufſuchte,“ begann der Letztere,„ſo durfte ich wohl verſichert ſeyn, einen Mann zu finden, der die See und ſeinen edlen Stand aufrichtig liebt. Das Schloß iſt im jetzigen Augen⸗ blick ein Haus der Trauer; als ich dort nach Euch fragte, konnte mir Niemand angeben, wohin Ihr Euch gewendet hattet. Ich folgte alſo Eurem eigenen Seemannsinſtinkte und ſehe nun, daß ich wohl daran gethan habe. Sollten mich vielleicht meine Augen täuſchen oder ſind wirklich nicht mehr als drei Schiffe auf der Rhede dort unten vor Anker?“ „Eure Augen ſind noch immer gut, Sir Reginald. Admiral Oakes iſt ſchon vor mehreren Stunden abgeſegelt; ihm folgte die ganze Flotte mit Ausnahme der beiden Linienſchiffe und der Fre⸗ gatte, die Ihr dort vor Euch ſeht und mit welchen ich ſelbſt als der Letzte den Ankerplatz verlaſſen werde.“ „Iſt es etwa ein Staatsgeheimniß— oder dürft Ihr mir viel⸗ leicht mittheilen, wohin eine ſo ſtarke Streitmacht ſo plötzlich auf⸗ gebrochen iſt?“ fragte der Baronet und ſein ſchwarzes Auge heftete ſich mit ſo ausdrucksvollem Blick auf den Gefährten, daß der Fra⸗ gende ſich in der zunehmenden Dunkelheit faſt wie ein Inquiſitor ausnahm.„Man ſagte mir doch, die Flotte warte auf Befehle aus London?“ „Dieß war auch urſprünglich die Abſicht des erſten Komman⸗ direnden; doch die Nachricht, daß der Graf von Vervillin ausge⸗ laufen ſey, veranlaßte Sir Gervaiſe zu einer Aenderung ſeines Planes. Sobald ein engliſcher Admiral einen thätigen und dabei gefährlichen Feind aufſucht und ſchlägt, läuft er ſelten Gefahr, in einen Irrthum zu verfallen.“ „Iſt dieß in allen Fällen wahr, Admiral Bluewater?“ ver⸗ 373 ſetzte Sir Reginald, indem er näher trat und ſich dem Andern anſchloß, der auf dem kurzen Pfade, welchen Dutton ſein Quarter⸗ deck nannte, auf und nieder ging;—„oder iſt es nicht vielmehr nur eine allgemeine Phraſe ohne Bedeutung, welche manchen Mann verleitet, das Spielzeug ſeiner eigenen Phantaſte zu werden? Sind die auch wirklich immer unſere Feinde, welche dieß zu ſeyn ſcheinen? oder iſt etwa unſer Urtheil ſo untrüglich, daß wir jedes unſerer Gefühle oder Vorurtheile als einen Impuls betrachten müßten, dem wir uns, ohne deſſen Rechtmäßigkeit zu prüfen, blindlings zu unterwerfen hätten?“ „Haltet Ihr es etwa für ein Vorurtheil, Sir Reginald, wenn ich Frankreich als Englands natürlichen Feind anſehe?“ „Beim Himmell ja, das thu' ich, Sir. Ich kann begreifen, daß England weit mehr ſein eigener Feind zu ſeyn vermag, als Frankreich jemals ihm geweſen! Wollen wir auch zugeben, daß Jahrhunderke des Kriegs dazu beigetragen haben, jenes Gefühl, worauf Ihr angeſpielt, gewiſſermaßen zu erwecken, ſo muß ich doch fragen: liegt nicht zuletzt doch hinter dem Allem eine Frage des Rechts oder Unrechts verborgen? Bedenkt, wie oft England auf franzöſiſchem Boden eingefallen, welch ſchwere Beleidigung es an des letzteren Gebiete verübt hat, während Frankreich eben hierin ſo wenig gegen uns verbrochen; erinnert Euch, wie ſelbſt ſein Thron von unſern Fürſten eingenommen und ſeine Provinzen durch unſere Armeen erobert wurden.“— „Ich denke, Ihr werdet ſelbſt kaum behaupten, daß der Fall bei alle dem ſtets der gleiche geweſen. Gar manche Theile des jetzigen Frankreichs gehörten zu der rechtmäßigen Erbſchaft derer, die auf dem engliſchen Throne ſaßen und jene Streitigkeiten waren nichts weiter, als Zänkereien, wie ſie unter Nachbarn häufig genug vor⸗ kommen. Wenn unſere Anſprüche an ſich ſelbſt gerecht waren, ſo könnt Ihr doch gewiß nicht wünſchen, ſie aufgegeben zu ſehen.“ „Nein— nein; davon bin ich weit entfernt. Wenn aber An⸗ 374 ſprüche beſtritten werden, iſt es da nicht natürlich, daß der Verlie⸗ rende ſie als eine Ungerechtigkeit betrachtet? Ich glaube, wir hät⸗ ten mit Frankreich, wie Ihr's nennt, weit beſſere Nachbarſchaft gehalten, wenn nicht dieſe neulichen Schwierigkeiten, mit religiöſen Wechſeln verbunden, dazwiſchen gekommen wären.“ „Wie ich vorausſetze, Sir Reginald, ſo wißt Ihr, daß ich mit meiner ganzen Familie proteſtantiſch bin?“ „Ja, Admiral Bluewater, ich weiß es und finde zu meiner Freude, daß eine Meinungsverſchiedenheit in dieſer wichtigen Beziehung nicht nothwendig auch dieſelbe Uneinigkeit in allen andern Dingen herbeiführt. Aus einigen leiſen Anſpielungen, welche heute zwiſchen uns vorkamen, darf ich wohl den Schluß ziehen, daß wir, wie groß auch die Kluft in geiſtlichen Dingen zwiſchen uns ſeyn möge, gleichwohl in gewiſſen weltlichen Angelegenheiten ein und derſelben Anſicht folgen.“ „Ich geſtehe, auch ich bin auf denſelben Schluß verfallen; wenn ich mich irrte, ſo ſollte es mir wahrlich leid thun, enttäuſcht zu werden.“ „Wozu alſo noch ferner dieſe zweideutigen Reden? Zwei Ehrenmänner können doch hoffentlich ihre beiderſeitigen Geſinnungen mit Sicherheit gegen einander austauſchen, wenn die Zeiten Auf⸗ richtigkeit und Entſchloſſenheit von ihnen verlangen? Ich bin ein Jakobite, Admiral Bluewater; durch dieſes Geſtändniß gefährde ich mein Leben, wie mein Vermögen— beides lege ich ohne allen Rückhalt in Eure Hände.“ „Sie könnten nie in beſſern ſeyn, Sir. Ich weiß Euch keine beſſere Bürgſchaft dafür zu geben, daß Euer Vertrauen nicht mißbraucht werde, als indem ich Euch meinerſeits bekenne, daß ich mit Freuden mein Leben hingeben würde, wenn ich durch dieſes Opfer die verbannte Familie wieder auf den Thron bringen könnte.“ „Das iſt edel und männlich und freimüthig, wie ich es von einem Seemanne erwartet hatte!“ rief Sir Reginald, mit einem Ent⸗ 375 zücken, das er in dieſem Augenblicke nicht auszudrücken vermochte. „Dieſe einfache Verſicherung aus Eurem Munde hat mehr Gewicht, als alle Eidſchwüre und Pfänder gewöhnlicher Parteigänger. Wir verſtehen einander und tief würde es mich ſchmerzen; wenn ich weniger Vertrauen einſlößte, als ich ſelbſt empfinde.“ „Welch beſſeren Beweis kann ich Euch von dem Vertrauen geben, das ich in Eure Treue ſetze, Sir Reginald, als durch die Erklärung, die Ihr ſo eben vernommen? Wolltet Ihr mich ver⸗ rathen— in einer Woche müßte mein Kopf fallen und doch habe ich ihn nie ſicherer auf meinen Schultern gewußt, als eben in dieſem Augenblicke.“ Der Baronet faßte die Hand ſeines Gefährten und jeder gab und empfing einen Druck, der ihre volle Geſinnung ausſprach. Dann gingen beide, gedankenvoll, obwohl beruhigt, eine volle Minute in tiefem Schweigen neben einander auf und nieder. „Dieſes plötzliche Auftreten des Prinzen in Schottland hat uns Alle ein wenig überraſcht,“ begann Sir Reginald nach einer Pauſe aufs Neue.„Doch wußten einige wenige von unſerer Partei, daß ſeine Plane ſeit einiger Zeit dahin abzielten. Vielleicht hat eer wohl daran gethan, daß er ohne fremde Hülfsmacht kam und ſich mit dem edelſten Vertrauen in die Großherzigkeit, den Muth und die Loyalität ſeiner Freunde— man möchte ſagen: ganz allein in die Arme ſeiner Unterthanen warf. Einige tadeln ihn deßhalb: darunter aber gehöre ich nicht. Jetzt erſt wird er die Theilnahme jedes edeln Herzens in unſerem Volke erwecken“— dieß war höͤchſt ſchlau auf den Charakter des Zuhörers berechnet— wogegen wohl Manche bei einer weniger männlichen Aufforderung an ihre Liebe und Treue gleichgültiger geblieben wären. Wie wir von allen Seiten vernehmen, ſo wirkt die Anweſenheit Seiner königlichen Hoheit in Schottland wahrhaft wunderbar auf die Gemüther, während auch in England die Freunde ſeines Hauſes, obwohl noch für 376 einige Zeit zur Vorſicht und Wachſamkeit genöthigt, an allen Ecken und Enden ſich zu rühren anfangen.“ „Ich freue mich von Grund meines Herzens, dieß zu verneh⸗ men!“ ſagte Bluewater, tief Athem ſchöpfend, als ob ſeine Bruſt plötzlich von einer ſchweren Laſt befreit worden wäre—„von Grund meines Herzens freue ich mich darüber. Ich fürchtete halb und halb, die plötzliche Erſcheinung des Prinzen möchte diejenigen, die es wohl mit ihm meinen, unvorbereitet überraſcht haben und darum furchtſam finden.“ „Nichts weniger als das, mein theurer Sir, wenn gleich noch Vieles von der Raſchheit und Entſchloſſenheit der Hauptführer unſerer Partei abhängt. Wir ſind wahrlich ſtark genug, die Nation zu leiten und zu befehligen. Was uns jetzt vor Allem fehlt— das ſind ein paar hundert hochgeſtellter Männer, die aus dieſem Zu⸗ ſtande des Mißtrauens heraustreten und uns den Weg zu ehren⸗ vollen Thaten und zu ſicherem Erfolge zeigen.“ „Und in einem Augenblicke, wie dieſer— kann es an ſolchen Männern fehlen?“. „Ich denke, des größten Theils des hohen Adels find wir ſicher, nur noͤthigt ſie die große Gefahr, welche ſie laufen würden, den äußeren Schein vorderhand noch vorſichtig zu wahren. So ſind es denn die Herrn im Dienſt, die tapferen Soldaten und die küh⸗ nen, heldenmüthigen Seemänner unſerer Flotte, auf welche wir unſere Blicke werfen, wenn ſichs darum handelt, den erſten Beweis von Loyalität und ächter Vaterlandsliebe zu geben. Ich will offen gegen Euch ſeyn, Sir, und Euch geſtehen, daß ich es herzlich müde bin, mich von einem Deutſchen regieren zu laſſen.“ „Wißt Ihr von irgend einem Plan, Sir Reginald, in dieſem Theil von England eine Streitmacht zu ſammeln? Wenn dieß der Fall iſt, ſo ſagt mir nur ein Wort; bezeichnet mir den Punkt, wo meines Herrn Fahne aufgepflanzt werden ſoll, und ſobald nur immer die Umſtände es erlauben, werde ich daſelbſt erſcheinen.“ — „Das iſt es eben, was ich erwartete, Admiral Bluewater,“ antwortete der Baronet, der innerlich höchlich erfreut war, wenn er gleich zu viel Klugheit beſaß, um ſeine ganze Zufriedenheit merken zu laſſen—„nur iſt dieß nicht ganz die richtige Art, wie Ihr uns gerade in dieſem Augenblicke am Beſten dienen könnt. In dieſem Theile der Inſel ſind wir vermöge der Hülfsquellen der Regierung vom Norden abgeſchnitten und es verriethe daher die höchſte Unklugheit von unſerer Seite, wenn wir die Hände der Spielenden zeigen wollten, noch ehe die Karten gehörig gemiſcht ſtud. Die Armee wird in dieſem Momente von zuverläſſigen, thä⸗ tigen Agenten bearbeitet; London hat ſeine beſondere Anzahl von Geſchäftsmännern, während wieder Andere in den Grafſcha Beſtes thun, um Alles auf den entſcheidenden Schlag ſehnlich erwarten, vorzubereiten. Ich ſelbſt verweilte miit unſerer Freunde in der Nachbarſchaft, um die Angelegenheiten günſtig für uns zu wenden und es war meine Abſicht, eben dieſe Herrſchaft zu beſuchen, um zu ſehen, was wohl mein Name unter der Pächterſchaft vermöge, wenn nicht der verſtorbene Sir Wycherly ſelbſt mich an ſein Sterbebette gerufen hätte. Habt Ihr irgend Gewißheit über die Geſinnungen des neuen, jugendlichen Hauptes meiner Familie, des früheren Schifflieutenants und jetzigen Baronets?“ „Ich bin über ihn nicht ganz im Reinen, Sir, zweifle aber dennoch ſehr, ob ſeine Anſichten dem Hauſe Stuart günſtig ſeyn werden.“ „Das Nämliche fürchtete auch ich. Noch dieſen Abend erhielt ich eine anonyme Mittheilung, die von Niemand anders als von ſeinem Mitbewerber herrühren kann; darin erklärt er mir mit klaren Worten, wenn ich ſeine Rechte, wie er es nennt, ſicher ſtellen wolle, ſo ſey er bereit, in dem bevorſtehenden Kampfe die ganze Pächterſchaft und allen Einfluß der Wychecombe's für diejenige Partei aufzubieten, die ich ſelbſt ihm anweiſen wollte.“ * hun 378 „Das iſt in der That ein kühner, entſcheidender Streich! darf ich fragen, was Ihr zur Antwort gegeben, Sir Reginald?“ „Nichts werde ich ihm antworten. Ich werde ſtets und unter allen Umſtänden mich weigern, einen Baſtard in die Stelle des rechtmäßigen Abkömmlings meiner Familie einzuſetzen. Wir ſelbſt, mein theurer Admiral, ſtreiten für geſetzliche, natürliche Rechte, und die Mittel, die wir dazu verwenden, dürfen des Ausgangs nicht unwürdig ſeyn. Ueberdieß weiß ich, daß der Schuft gar kein Vertrauen verdient und werde ſicherlich nicht die Schwachheit be⸗ gehen, mich ſelbſt in ſeine Gewalt zu begeben. Ich moͤchte freilich ünſchen, daß der eigentliche Baronet einer verſchiedenen Anſicht igte; doch wenn wir ihn zur See ſchicken, wohin er, wie er beordert iſt,— ſo iſt er wenigſtens nicht im Stande, anzurichten.“ Sierin ſprach Sir Reginald wirklich durchaus aufrichtig, denn wenn er auch in politiſchen Angelegenheiten bei der Wahl ſeiner Mittel nicht immer allzu gewiſſenhaft verfuhr, ſo dachte er doch ſtreng rechtlich in Allem, was Privateigenthum betraf. Es iſt dieß zwar eine Art moraliſchen Widerſpruchs, der aber bei Solchen, welche nach der Leitung menſchlicher Angelegenheiten ſtreben, zu⸗ weilen wohl getroffen wird, indem ſogar Männer, die in andern Dingen faſt untadelhaft zu nennen ſind, gerade hierin einer über⸗ wältigenden Schwäche unterliegen. Bluewater hörte dieſe Erklärung mit Freuden: die Lauter⸗ keit ſeines eigenen Charakters verleitete ihn, ſie als einen Beweis von der allſeitigen Redlichkeit ſeines Gefährten hinzunehmen. „Ja,“ bemerkte der Admiral,„in einer Angelegenheit, wo es ſich um das Recht des Einzelnen handelt, müſſen wir unter allen Bedingungen die Landesgeſetze aufrecht erhalten. Dieſer junge Mann iſt vielleicht nicht im Stande, in einer Kriſis, wie die jetzige, ſeine eigenen politiſchen Pflichten gehörig zu würdigen und ſo wird es in der That das Beſte ſeyn, wenn wir ihn auf die See ſchaffen, 379 damit er nicht ſein Eigenthum, noch ehe er es recht in Beſitz genommen, durch Unterſtützung der verlierenden Partei gefährde. So wären wir denn mit Sir Wycherly fertig— was kann aber ich jetzt zunächſt thun, um unſere rechtmäßige, glorwürdige Sache nach Krraäften zu unterſtützen?“ „Das nenne ich wie ein Mann dem Ziele entgegen geſteuert, Sir Richard— ich bitte um Verzeihung, wenn ich Euch mit die⸗ ſem Titel anrede— aber ich weiß zuverläſſig, daß Euer Name vor einiger Zeit dem Prinzen als einer derjenigen genannt wurde, welche zunächſt beſtimmt ſind, das rothe Band von dem Souverain zu empfangen, der zu deſſen Verleihung wahrhaft berechtigt iſt. Habe ich etwas zu frühzeitig geſprochen, ſo bitte ich nochm s um Entſchuldigung.— Aber in der That, das heiße ich mannhaft dem Ziele entgegen gegangen! Allerdings könnt Ihr uns dienen— Ihr könnt es ſehr erfolgreich und auf eine höchſt entſcheidende Weiſe. Jetzt erſt bedaure ich von ganzem Herzen, daß mich mein Vater in meiner Jugend nicht für die Armee beſtimmte, wo ich meinem Fürſten in dieſer gefährlichen Probezeit ſo, wie ich gerne möchte— hätte dienen können! Doch wir haben viele Freunde, die mit dem Waffenhandwerk vertraut ſind; unter dieſen wird Euer eigener hochgeachteter Name durch den Glanz, den Eure Vergan⸗ genheit verbreitet, zugleich auch ermuthigend für die Zukunft wirken.“ „Es iſt wahr, Sir Reginald, ich habe von meiner Knabenzeit an die Waffen getragen; das geſchah aber in einem Dienſt, der uns bei dieſem Kriege wohl ſchwerlich nützen wird. Prinz Eduard hat keine Schiffe und wird wohl auch keine brauchen.“ „Wahr, mein theurer Sir— aber König Georg hat Schiffe! Ihr meint, Prinz Eduard brauche keine?— Erlaubt mir, Euch zu bemerken, daß Ihr Euch hierin täuſcht. Bald wird es von der höchſten Wichtigkeit für uns ſeyn, die Verbindung mit dem Feſt⸗ lande offen zu erhalten. Ohne Zweifel iſt Monſieur de Vervillin ſchon jetzt zu einem ähnlichen Zwecke ausgelaufen.“ 380 Bluewater erſchrack und fuhr vor dem feſten Druck, womit der Andere in der Wärme des Geſprächs ſeinen Arm gefaßt hatte, ungefähr mit demſelben inſtinktartigen Widerwillen zurück, mit dem man vor der Berührung einer Schlange zurückbebt. Der Gedanke an eine Verrätherei, wie ſie ihm in der Bemerkung ſeines Ge⸗ fährten zugemuthet wurde, war ihm noch nie vor die Seele ge⸗ treten und ſein redliches Gemüth wandte ſich mit heftigem Wider⸗ willen ſelbſt vor dem nur angedeuteten Vorſchlage des Andern ab. Doch war es ja immer noch nicht gewiß, wie weit Sir Regi⸗ nald ihn zu drängen wünſchte und ſo hielt er es für gerecht, ehe er eine entſcheidende Antwort gab, ſich zuerſt von den wirklichen Abſichten des Andern zu überzeugen. So räthlich dieß auch ſchien, ſo war es doch für einen geradſinnigen Charakter, der hier mit einem wohlgeübten Intriguanten, wie der Baronet einer war, in Berührung kam— ein höchſt gefährlicher Aufſchub, denn Sir Reginald beſaß Takt genug, um zu bemerken, daß ſein neuer Freund bereits aufs Höchſte beunruhigt war, und hatte ſogleich beſchloſſen, in Zukunft vorſichtiger zu ſeyn. „Wie ſoll ich das verſtehen, Sir Reginald Wychecombe?“ fragte der Contreadmiral.„Auf welche Art kann ich möglicher Weiſe noch mit der Seemacht des Hauſes Hannover in Verbindung bleiben, wenn es einmal meine Abſicht iſt, deſſen Dienſt zu verlaſſen? König Georg's Flotten können wohl ſchwerlich die Stuarts unter⸗ ſtützen und werden jedenfalls den Befehlen ihrer eigenen Offiziere gehorchen.“ „Daran iſt auch nicht der geringſte Zweifel, Admiral Blue⸗ water! Welch glorreiches Vorrecht ward Monk“ dadurch zu Theil, daß es in ſeiner Macht ſtand, ſeinen geſetzlichen Oberherrn auf den ihm gebührenden Thron zu erheben und ſo durch einen Handſtreich * Georg Monk, ſpäter Herzog von Albemarle, war der General, der nach Cromwell’s Tode Karl II. im J. 1660 wieder auf den Thron ſetzte. D. U. 381 das Reich vor dem Elend und Jammrr eines Bürgerkriegs zu be⸗ wahren! Unter all' den rühmwürdigen Namen in unſerer engliſchen Geſchichte erſcheint mir der von Georg Monk als der beneidens⸗ wertheſte. Es iſt etwas Großes, ein Fürſt zu ſeyn— geboren als Stellvertreter Gottes auf Erden in Allem, was menſchliche Gerechtigkeit und Macht betrifft: doch der Mann zu ſeyn, der die Ordnung der, faſt möcht' in ſagen göttlichen, Erbfolge, nachdem ſie durch geſetzloſe, anmaßende Menſchen geſtort worden, wieder her⸗ zuſtellen beſtimmt iſt— das iſt in meinen Augen doch noch weit rößer und erhabener.“ „Das iſt allerdings wahr, Sir; doch hätte ich für meine Perſon vorgezogen, ganz allein— und nur mit meinem eigenen— makelloſen Schwerte bewaffnet— am Strande von Dover dem Könige Karl entgegenzugehen, als ihn mit einem Heere auf meinen Ferſen zu begrüßen.“ „Wie? auch wenn dieſes Heer mit frohem Herzen gefolgt und von demſelben Eifer, wie Ihr ſelbſt, beſeelt geweſen wäre, ſei⸗ nem Herrn zu dienen?“ „Nun, das möchte freilich den Fehltritt einigermaßen entſchul⸗ digen. Uebrigens ſtehen Krieger wie Seeleute gewöhnlich unter dem Einſluſſe der Anſichten, wie ſie von Männern ausgehen, die von höheren Behörden zu ihren Befehlshabern eingeſetzt worden.“ „Ohne Zweifel und das iſt auch ganz in der Ordnung. Wir dürfen uns dem Glauben hingeben, daß bereits zehn bis fünfzehn Kapitäns uns wohlgeneigt ſind und ihre zugehörigen Schiffe mit Freuden dahin lenken werden, wo wir derer bedürfen, ſobald ſie nur erſt darüber im Reinen ſeyn können, daß es ihnen, nachdem ſie ſich verſammelt, nicht an einem tüchtigen Führer fehlen werde. Bei einem einigermaßen guten Zuſammenwirken erringen wir die Herrſchaft auf der Nordſee und halten uns die wichtige Verbin⸗ dungsſtraße mit dem Feſtlande offen. Es iſt bekannt, daß das Miniſterium ſo viele deutſche Truppen, als es nur immer aufzu⸗ 382 treiben vermag, zu verwenden beabſichtigt: in dieſem Falle iſt eine Seemacht, welche dieſe ſchnurrbärtigen Fremdlinge ferne hält, für uns von der höchſten Wichtigkeit. Der Streit iſt ein rein engliſcher, Sir, und ſollte auch allein durch Engländer ausgefochten werden.“ „Darin ſtimme ich in der That vollommen mit Euch überein, Sir Reginald,“ gab Bluevater zur Antwort, indem er etwas freier athmete.„Ich wollte gerne einen ganzen Winter in der Nordſee kreuzen, um dieſe Deutſchen zurückzuhalten und die Engländer allein darüber entſcheiden zu laſſen, wer Englands König ſeyn ſoll. In meinen Augen iſt fremde Einmiſchung in eine ſolche Angelegenheit ein Uebel, welches der wirklichen Abtrünnigkeit von einem recht⸗ mäßigen Fürſten am nächſten kommt.“ „Das iſt aufs Haar auch meine Meinung, theurer Sir, und ich hoffe, Euch in Uebereinſtimmung damit handeln zu ſehen. Apropos— wie kommt es denn, daß Ihr allein hier zurückgeblieben ſeyd, und auf welche Art pflegen zwei Admirale, wie Ihr, wenn ſie gemeinſchaftlich Dienſt thun, ſich in die Befehlführung zu theilen?“ „Ich weiß nicht, Sir Reginald, ob ich Eure Frage genau verſtanden habe. Ich bin hier zurückgeblieben, um als der Letzte mit dem Cäſar abzuſegeln. Sir Gervaiſe iſt mit dem Plantagenet voraus, um quer über den Kanal mit ſeiner Flotte einen Bogen zu beſchreiben, der de Vervillin am erfolgreichſten vom Weſten ab⸗ halten ſoll.“ 4 „Vom Weſten!“ wiederholte der Andere mit ironiſchem Lächeln, welches jedoch der Admiral bei der jetzt eingebrochenen Dunkelheit nicht bemerken konnte.„Glaubt denn Admiral Oakes, die franzöſiſche Flotte ſegle in dieſer Richtung?“ „So wurde uns wenigſtens gemeldet. Habt Ihr irgend Grund zu vermuthen, daß der Feind andere Abſichten hege?“ Der Baronet ſchwieg und ſchien ſich zu beſinnen. Nach allem, was bis jetzt beſprochen worden, durfte er als gewiß annehmen, daß er es bei ſeinem Gefährten mit keinem Alltagsmenſchen zu 383 thun habe und er war deßhalb einigermaßen in Verlegenheit um eine paſſende Antwort. Er war feſt entſchloſſen, den Andern in ſeine Falle zu locken und der böſe Geiſt, der Intriguanten nie ver⸗ läßt, gab ihm gerade in dieſem Augenblicke einen Plan ein, welcher vor allen andern einen günſtigen Erfolg zu verſprechen ſchien. Bluewater hatte ſeinen entſchiedenen Widerwillen gegen jede Ein⸗ miſchung fremder Truppen bei dieſem Streite zu erkennen gegeben und ſo beſchloß denn der Baronet, eine Saite anzuſchlagen, die, wie er mit vollem Rechte annahm, in des Contreadmirals Herzen wiederklingen mußte. „Wir haben allerdings unſere Nachrichten,“ antwortete Sir Reginald mit Zoöͤgern, wie wenn er nicht Alles, was er wußte, mittheilen wollte—„doch fordert die Treue, dieſelben jetzt noch nicht preiszugeben. Nichtsdeſtoweniger kann Jeder über die wahrſcheinlich eintretenden Ereigniſſe ſeine Vermuthungen anſtellen. Der Herzog von Cumberland wird ſeine deutſchen Hülfsvölker ſam⸗ meln und ſie auf dem nächſten, beſten Wege nach England herüber bringen. Glaubt Ihr nun wohl, daß ein einſichtsvoller Feind mit einer wohlbemannten Flotte dieſe Vereinigung zugeben würde, wenn er ſie irgend verhindern könnte?— Gewiß nicht; das werdet Ihr ſo gut wie ich einſehen. Wenn wir nun vollends die Zeit, zu welcher der Graf ausgelaufen, ſeine wahrſcheinliche Unbekanntſchaft mit der Anweſenheit dieſes Eures Geſchwaders im Kanal und alle übrigen noch zu berückſichtigenden Umſtände zuſammenreimen— was bleibt uns anderes zu glauben übrig, als daß er ausgeſendet wurde, um den deutſchen Regimentern den Rückweg abzuſchneiden?“ „Das klingt allerdings ziemlich wahrſcheinlich: und doch— die Signale des Active meldeten uns ja, die Franzoſen ſteuerten mit ziemlich günſtigem Winde gegen Weſten?“ „Und ſollte nicht bei Flotten, gerade wie bei Landarmeen, der Fall vorkommen, daß ſie Scheindemonſtrationen machen? Kann Monſteur de Vervillin, ſo lange er noch im Angeſichte des Landes 384 war, ſeine Flotte nicht weſtwärts gerichtet haben, um ſich ſodann, ſobald die Dunkelheit ſeine Bewegungen verhüllte, wieder gegen Oſten zu wenden und vielleicht unter engliſcher Flagge den Kanal hinaufzuſegeln? Iſt es nicht möglich, daß er, etwa als engliſches Geſchwader— z. B. als das Eure— die Meerenge von Dover pafſirt, daß er durch dieſe Liſt die hannöveriſchen Kreuzer irre führt, bis er endlich im Stande ſeyn wird, jeden Transport, ſobald er herüber käme, aufzufangen oder zu zerſtören?“ „Schwerlich, Sir Reginald,“ bemerkte Bluewater lächelnd. „Ein franzöſiſches Schiff kann ebenſowenig für ein engliſches an⸗ geſehen werden, als ein Franzmann jemals für einen Britten gelten wird. Wir Seeleute laſſen uns nicht ſo leicht irre führen, als es hier der Fall ſeyn müßte. Es iſt zwar wohl denkbar, daß eine Flotte, bis ſie ſich weit genug vom Lande entfernt hat und von der Dunkelheit der Nacht eingehüͤllt wird— eine gewiſſe Richtung verfolge und dann ihren Kurs plötzlich nach der entgegengeſetzten Seite ändere; auch iſt es leicht möglich, daß ſich der Graf von Vervillin einer derartigen Kriegsliſt bedient haben mag. Wenn er in der That von dem Plane, deutſche Truppen auf dieſe Inſel zu werfen, gewußt hat— ſo iſt die Sache ſogar ziemlich w ahr⸗ ſcheinlich. Was mich betrifft, ſo moͤchte ich ihm beinahe in die⸗ ſem Falle glücklichen Erfolg wünſchen!“ „Und nun, mein theurer Sir, wer wird ihn wohl daran hin⸗ dern?“ fragte Sir Reginald mit einem triumphirenden Lächeln, welches dießmal in der That nicht verſtellt war.—„Nichts, werdet Ihr antworten, ‚wenn er nicht etwa mit Sir Gervaiſe Oakes zuſammentrifft!— Aber Ihr habt mir meine Frage noch nicht beantwortet, nämlich auf welche Art Flaggenoffiziere ſich in den Oberbefehl zur See zu theilen pflegen?“ „Gerade ſo, wie ſich die Landofftziere in das Kommando theilen: der Vorgeſetzte befiehlt und der Untergebene gehorcht.“ „Ach ja, das iſt wahr; doch iſt meine Frage damit noch nicht -——— 2 385 erledigt. Hier ſind eilf große Schiffe und zwei Admirale— wie viele dieſer Schiffe ſtehen nun unter Euren beſondern Befehlen und welche Anzahl hat Sir Gervaiſe Oakes unter den ſeinigen?“ „Der Viceadmiral hat für ſich ſelbſt eine Diviſion von ſechs Schiffen mit ſich genommen, die fünf übrigen hat er mir überlaſ⸗ ſen. Jeder von uns hat ſeine Fregatten und kleineren Fahrzeuge. Doch muß jeder Befehl, den der oberſte Kommandant einem der Kapitäne zu ertheilen beliebt, von dieſem pünktlich befolgt werden, gerade wie nach unſerer Vorſchrift der Untergebene dem zuletzt erhaltenen Befehle jeder Zeit gehorchen muß.“ „Und Ihr,“ fuhr Sir Reginald eifrig fort—„wie ſeyd Ihr dieſen Kapitäns gegenüber geſtellt?“ „Wenn ich einem Kapitän in der Flotte einen Befehl ertheile, ſo wäre es allerdings ſeine Schuldigkeit, demſelben zu gehorchen, doch könnten auch Umſtände eintreten, welche es ihm zur Pflicht machten, mich wiſſen zu laſſen, wenn er von unſerem gemeinſamen Vorgeſetzten entgegengeſetzte Befehle erhalten hätte.— Wozu aber dieſe Fragen, Sir Reginald?“ „Nur noch ein wenig Geduld, mein theurer Admiral— welche Schiffe habt Ihr ſpeziell unter Eurem Kommando?“ „Mein eigenes Schiff, den Cäſar, ferner den Dublin, die Eliſabeth, den Yorker, den Dover. Hiezu kommt noch die Fre⸗ gatte: der Druid, ferner eine Kriegsſloop— und der Gnat. In allem zählt meine Diviſion acht Fahrzeuge.“ „Welch' herrliche Streitmacht in einem kritiſchen Augenblicke, wie der jetzige! Aber wo ſind denn all' dieſe Schiffe? Außer dem. Kutter ſehe ich blos vier, und von dieſen ſcheinen blos zwei zu den großen Fahrzeugen zu gehören.“ „Das Licht, das Ihr dort gegen Weſten und längs der Küſte erblickt, gehört zu der Eliſabeth; jener helle Schimmer dort drü⸗ ben im Kanal kommt von dem Borde des York. Die Laterne des * Auf Deutſch: ‚die Schnacke“. D. U. Die beiden Admirale. 2. Aufl. 25 Dover, weiter gegen Süden, iſt bereits verſchwunden.— Ha! dort lichtet der Dublin die Anker und folgt der übrigen Flotte!“ „Und Ihr wollt ebenfalls nachfolgen, Admiral Bluewater?“ „In einer Stunde— ſonſt verliere ich die vordere Diviſion. Ich habe eben vorhin darüber berathſchlagt, ob es nicht rathſam wäre, die hinterſten Schiffe zurückzurufen und mein Geſchwader dicht beiſammen zu behalten, denn die zunehmende Heftigkeit des Windes macht es wahrſcheinlich, daß die Schiffe einzeln den Vice⸗ admiral verlieren müſſen und die ganze Linie bei Tagesanbruch ver⸗ wirrt und zerſtreut ſeyn wird. Bei Schiffen geht es nämlich wie bei Bataillonen, Sir Reginald, wenn ſie in Gemeinſchaft wirken ſollen— ein Geiſt muß alle ihre Bewegungen leiten.“ „In welcher Abſicht würdet Ihr die genannten Schiffe in der erwähnten Art zuſammenziehen— wenn Ihr nänlich meine Frage nicht für unbeſcheiden haltet?“ fragte der Baronet ziemlich haſtig. „Ganz einfach deßhalb— um ſie beiſammen zu behalten und durch meine eigenen Signale lenken zu können. Dieß iſt die Pflicht, die mir als Kommandanten der Diviſton ganz beſonders obliegt.“ „Habt Ihr denn die Mittel, Sir, um dieß von dieſem Hügel aus und ganz allein zu bewerkſtelligen?“ 4„Es wäre ein großes Verſehen, wenn eine ſo wichtige Vor⸗ ſicht vernachläſſigt worden wäre. Mein Signalofftzier liegt, in ſeinen Mantel gehüllt, unter jenem Felsdache und zwei Quartier⸗ meiſter ſind bereit, jeden Augenblick das Signal, von dem wir reden, zu geben, wir haben nämlich deſſen Nothwendigkeit voraus⸗ geſehen— und in der That, faſt moͤchte ſie immer dringender erſcheinen. Soll es überhaupt gegeben werden, ſo muß es raſch geſchehen. Das Licht des York wird in der Entfernung immer düſterer. Es ſoll gegeben werden, Sir, die Klugheit verlangt es und bald ſollt Ihr ſehen, wie wir auch über entfernte Schiffe Be⸗ fehl zu führen vermögen!“ Bluewater hätte ſeinem Gefährten keine angenehmere Nach⸗ 387 richt mittheilen können. Sir Reginald ſcheute ſich, wie billig, ſei⸗ nem Freunde eine offene Verrätherei, wie er ſie beabſichtigte, ſo unverhüllt vorzuſchlagen: dagegen dachte er ſich, wenn der Contre⸗ admiral ſeine eigene Diviſion mit guter Art von der Flotte zurückhalten könnte, ſo würde dies den Viceadmiral wenigſtens in ſoweit ſchwächen, daß er verhindert würde, mit den Franzoſen anzubinden— dieß, meinte er, könnte zuletzt zu einer ſolchen Trennung zwiſchen den beiden Befehlshabern führen, daß der endliche Abfall der zurückge⸗ bliebenen Diviſion nur um ſo mehr erleichtert würde. Zwar waren Bluewater's Motive den Wünſchen des Baronets gerade hierin ſchnurſtracks entgegengeſetzt; doch da die beiden Theile bis zu einem gewiſſen Punkte denſelben Weg verfolgten, ſo gab der ränkevolle Verſucher ſeine Hoffnung noch nicht auf, und erwartete noch immer, daß es ihm zuletzt doch gelingen würde, ſeinen neuen Freund dahin zu bringen, daß er mit ihm ein und dieſelbe Straße wandle. Raſchheit iſt eine militäriſche Tugend und auch unter Seeleuten gilt der Grundſatz: das, was geſchehen ſoll, ſtets flink und munter auszuführen. Die Geſetze wurden bei gegenwärtiger Veranlaſſung keineswegs vernachläſſigt.— Der Contreadmiral hatte nicht ſobald ſeinen neuen Entſchluß gefaßt, als er auch ſchon ſeine Gehülfen aufforderte, denſelben in Vollziehung zu ſetzen. Lord Geoffrey war wieder auf die Anhöhe zurückgekehrt und hielt ſich in ſolcher Nähe, daß er des Admirals Rufen vernehmen konnte, er hinterbrachte dem Lieutenant und den Quartiermeiſtern die Befehle ſeines Vorgeſetzten. Man durfte die Laternen bloß anzünden, um ſie alsbald ebenſo regelmäßig an Dutton's Signal⸗ ſtange aufzuhiſſen, als ob dieſes Geſchäft auf der Hütte des Cäſar verrichtet worden wäre. Unmittelbar darauf flogen drei Raketen in die Höhe und die Kanone, die man zu dieſem Zwecke auf der Klippe bereit hielt, ward abgefeuert, um die Aufmerkſamkeit der Schiffe auf die Signale zu lenken. Es mochte wohl eine Minute angeſtanden haben, als das ſchwere Geſchütz des Cäſar dieſe Aufforderung beantwortete und an dem Top ſeines Hauptmaſtes daſſelbe Signal blicken ließ. Der Dublin war noch ſo nahe, daß auch er, ohne Zeit zu verlieren, dem Befehle gemäß das Signal wiederholte; in der ganzen Flot⸗ tenlinie galt nämlich die Weiſung, daß jeder derartige Befehl heute Nacht von Schiff zu Schiff weiter befördert werden ſollte. „Nun kommt's an die Eliſabeth,“ rief Bluewater;„ſie muß doch wohl unſere Kanonen gehört und unſere Signale geſehen haben!“ „Der York iſt gerade vor ihr, Sir!“ ſchrie der Knabe,„ſeht nur, ſchon hat er das Signal aufgeſteckt!“ Dieß alles war das Werk einiger Minuten, denn die zuletzt abgegangenen Schiffe hatten ſchon bei ihrer Abfahrt einen ſolchen Befehl erwartet. Der York war der Fregatte, die ihm in der Linie zunächſt ſtand, aus dem Grunde mit ſeinem Signale zuvorgekom⸗ men, weil er ſich etwas ſeitwärts gewendet hatte, und dem Contre⸗ admirale deßhalb näher war, als die Eliſabeth, welche ihm unmit⸗ telbar folgen ſollte. Doch dauerte es nicht länger als eine Minute, bis auch die letztere durch einen Kanonenſchuß und die aufgeſteck⸗ ten Laternen zu erkennen gab, daß ſie den erhaltenen Befehl ver⸗ ſtanden hatte. Die beiden zuletzt genannten Schiffe konnten übrigens von den Klippen aus nicht mehr geſehen werden und nur ihre Laternen bezeichneten die Stelle, welche ſie einnahmen; doch kein Zeichen irgend einer Art ließ den Punkt des Oceanes erkennen, wo der Dover ſich durch die Wogen durchkämpfen mochte. Nach einer Pauſe von mehrexen Minuten begann deßhalb Bluewater von Neuem: „Ich fürchte, mehr werden wir nicht zuſammen bringen und das vorderſte meiner Schiffe muß es eben verſuchen, ſeinen Weg allein zu dem kommandirenden Admiral zu finden— Ha! das hat etwas zu bedeuten!“ In derſelben Sekunde ließ ſich nur einen einzigen Augenblick 389 lang ein ſchwaches, fernes Blitzen in der Dunkelheit gewahren und alsbald waren die Häupter aller Anweſenden in athemloſer Erwartung vorwärts gerichtet. Eine kurze Zeit verſtrich, bis endlich der ſchwere, gedämpfte Donner einer Kanone verkündete, daß auch der Dover den ſchnell verbreiteten Befehl erhalten hatte. „Was ſoll das bedeuten, Sir?“ fragte voll Eifer Sir Regi⸗ nald, der bis jetzt alles Vorgegangene mit der geſpannteſten Er⸗ wartung beobachtet hatte. „Es bedeutet, Sir, daß noch ſämmtliche Schiffe meiner Divi⸗ ſion unter meinen Befehlen ſtehen. Kein anderes Schiff würde das Signal beachten. Für ſie müſſen die nöthigen Anweiſungen, jede mit der erforderlichen Schiffsnummer, von dem Viceadmiral ſelbſt ausgehen,— Lord Geoffrey Cleveland, iſt meine Barke am Ufer?“ „Ja, Sir, ſowie auch der Kutter für Mr. Cornet und die Quartiermeiſter.“ „Gut.— Meine Herren, wir wollen an Bord gehen, der Cäſar muß die Anker lichten und ſich mit den übrigen Schiffen auf der offenen See vereinigen. Ich werde Euch nach dem Landungs⸗ platze folgen. Ihr müßt übrigens ſogleich abſtoßen und Kapitän Stowel meinen Befehl überbringen, daß er lichten und Backbord wenden ſoll. Wir wollen auf der Steuerbordſeite vollbraſſen und gerade aus vom Lande abhalten.“ Die ganze Geſellſchaft verließ augenblicklich die Signalſtation und eilte nach den Booten, nur Bluewater und Sir Reginald blie⸗ ben zurück, um ihnen mit größerer Gemächlichkeit zu folgen. Es war ein kritiſcher Moment für den Baronet, der ſeinen Zweck beinahe ſchon erreicht hatte, und jetzt durch ein Mißglücken deſſelben doppelt getäuſcht worden wäre. Er beſchloß deßhalb, ſo lange noch der leichteſte Schimmer von Hoffnung auf einen glück⸗ lichen Erfolg übrig war, dem Admiral keinen Augenblick von der Seite zu weichen. So ſtiegen denn beide zuſammen an's Ufer hinab, indem ſie während der erſten paar Minuten ihrer Wanderung das tiefſte Schweigen beobachteten. „Ein großes Spiel iſt in Eure Hände gelegt, Admiral Blue⸗ water,“ hub endlich der Baronet wieder an;„und wenn Ihr es richtig durchſpielt, ſo mögt Ihr wohl den Triumph der guten Sache ſichern. Ich glaube behaupten zu dürfen, daß de Vervillin's Plan mir bekannt iſt; gelingt er, ſo werden die Stuarts den Thron ihrer Ahnen wieder einnehmen. Wer ſie liebte, der ſollte zuvor wohl überlegen, ehe er etwas thut, was einen ſo glorreichen Aus⸗ gang des Kampfes hintertreiben könnte.“ Dieſe Rede war ebenſo kühn als liſtig. Was die Hauptſache betraf, ſo wußte Sir Reginald Wychecombe von den bevorſtehen⸗ den Bewegungen des Grafen von Vervillin eigentlich ebenſo wenig, als ſein Gefährte; aber dennoch zauderte er keinen Augenblick, die obige Verſicherung zu geben, um ſich dadurch in einem Momente von ſo hoher Wichtigkeit eines großen politiſchen Vortheils zu ver⸗ ſichern. Bluewater und ſeine Kapitäns offen für die Seite der Stuarts zu gewinnen, wäre ſchon an ſich ſelbſt ein großes Kunſt⸗ ſtück geweſen; Sir Gervaiſe's Plane zu vereiteln, mochte billig als ein zweiter Vortheil angerechnet werden, und dann war überdieß noch mit Beſtimmtheit vorauszuſehen, daß ſich der Franzmann ge⸗ wiß nicht umſonſt auf hoher See befinde, ſondern in der That durch ſeine Operationen die Bewegungen des Prinzen zu unter⸗ ſtützen beabſichtigte. So aufrichtig auch der Baronet in andern Dingen zu ver⸗ fahren pflegte— dießmal fühlte er keine Skrupel in ſeinem Ge⸗ wiſſen ſich regen; hatte er ſich doch ſchon längere Zeit dem Glauben überlaſſen, ſo große Zwecke, wie er ſie hier beabſichtigte, dürfe man wohl auch mit Aufopferung all' jener unbedeutenden, moraliſchen Bedenklichkeiten zu erreichen ſtreben. Die Wirkung auf Bluewater war keineswegs gering. Der 391 Satan hatte ihm den Köder in der lockendſten Geſtalt vor Augen gelegt, denn er durfte ja nur mit ſeiner Diviſion in der Reſerve zurückbleiben, um ein Zuſammentreffen der beiden Flotten moraliſch unmöglich zu machen. Seinen Freund einer überlegenen Macht preisgeben— das wollte und konnte er nimmermehr; aber dennoch iſt es unſere peinliche Pflicht, zu geſtehen, daß ſein Geiſt zuweilen an die Möglichkeit dachte, wie es nun in ſeinen Händen liege, dem Abenteurer in Schottland auf dieſe Art einen wichtigen Dienſt zu erweiſen, ohne dadurch dem Viceadmiral und der Vorhut der Flotte einen weſentlichen Schaden zuzufügen. Doch möge man uns nicht mißverſtehen. Der Contreadmiral dachte nicht entfernt an Verrath oder an einen ernſtlichen Abfall irgend einer Art; aber vermöge einer jener Schwächen, die bei den Menſchen ſo leicht Eingang finden und uns Alle bedrohen, hatte Bluewater gewiſſe Reſultate vor Augen, welche ihm der Urheber alles Böſen im jetzigen Augenblicke als groß und ruhmwürdig vor die Seele führte. „Ich wünſchte, wir wüßten de Vervillin's Plane genau,“ meinte er, und dieß war das einzige in Worten ausgedrückte Zu⸗ geſtändniß, welches er dieſem neuen Gefühle darbrachte.„Es könnte in der That ein wichtiges Licht auf den Kurs werfen, den wir ſelbſt einzuſchlagen hätten. Ich verabſcheue dieſe deutſche Allianz und würde lieber den Dieuſt verlaſſen, als daß ich auch nur einen dieſer fremden Lumpenkenls nach England transportiren oder escortiren möchte!“ Hier bewies Sir Reginald erſt recht, wie ſehr er in allen Kunſtgriffen der Intrigue erfahren war. Er hatte nunmehr den Gedanken und Gefühlen ſeines Gefährten eine Richtung gegeben, welche ihn, wie er wohl merkte, dem Ziel ſeiner Wünſche entgegen⸗ führen konnte, während er zu gleicher Zeit nicht überſah, daß neues Zureden bei ſeinem Freunde nur Widerſtand hervorrufen und deſſen frühere Anſichten auf's Neue erwecken könnte. Wohlweislich be⸗ 392² ſchloß er deßhalb, die Dinge ihren eigenen Weg gehen zu laſſen; den bereits errungenen ſichtbaren und ſo höchſt bedeutenden Vor⸗ theil vor Augen, mochte er es der ſtarken und erklarten Vor⸗ liebe des Admirals für die Revolution ruhig überlaſſen, wie ſie die zunächſt zu erwartenden Folgen bei ihm in's Werk ſetzen wollte. „Ich verſtehe zwar nichts von Schiffen,“ antwortete er be⸗ ſcheiden,„aber das weiß ich gewiß, daß der Graf uns Verſtär⸗ kung zu bringen beabſichtigt. Es würde mir übel anſtehen, wenn ich einem Manne von Eurer Erfahrung rathen wollte, wie er eine Streitmacht, gleich derjenigen, welche unter Euren Befehlen ſteht, zu führen habe; von einem Freunde der guten Sache, der ſich jetzt im Weſten aufhält und in letzter Zeit häufig um die Perſon des Prin⸗ zen war, erfuhr ich jedoch, daß Dieſer die höchſte Zufriedenheit be⸗ zeugte, als er erfuhr, wie ſehr es in Eurer Macht ſtehe, ihm ſelbſt die wichtigſten Dienſte zu leiſten.“ „Glaubt Ihr denn wirklich, daß mein Name das königliche Ohr erreicht habe und daß der Prinz von meinen eigentlichen Ge⸗ ſinnungen unterrichtet ſey?“ „Nichts als Eure außerordentliche Beſcheidenheit konnte Euch die erſte dieſer Thatſachen bezweifeln laſſen, Sir; und was die zweite betrifft, ſo fragt Euch nur ſelbſt, wie ich dazu kam, mich Euch heute Nacht, faſt möchte man ſagen, mit dem Herzen in der Hand zu nahen und Euch zum Herrn meines Geheimniſſes, ſowie meines Lebens zu machen. Liebe und Haß— Beides ſind Leiden⸗ ſchaften, die ſich nur allzubald ſelbſt verrathen.“ 3 Es iſt eine hiſtoriſche Thatſache, daß auch Männer von dem feſteſten Charakter, belebt von den erhabenſten Grundſätzen, dennoch der Schmeichelei der Großen unterlegen ſind. Den Contreadmiral hatten zwar ſeine politiſchen Anſichten für die Gunſtbezeugungen des Londoner Hofes unempfindlich gemacht; dagegen war ſeine Ein⸗ bildungskraft, jene ritterliche Ehrfurcht für eine poetiſche Vorzeit und deren Rechte, wie ſie ſeinem Jakobitismus zu Grunde lag— 393 ſeine großherzigen Sympathien endlich— Alles dieß zuſammen⸗ genommen, nur allzuſehr geeignet, ihn zum Spielball der Bered⸗ ſamkeit Sir Reginald's werden zu laſſen. Wäre er mehr ein prak⸗ tiſcher Mann geweſen und weniger unter dem Einſluſſe ſeiner lebhaften Einbildungskraft geſtanden— hätte ſein gutes Glück es gewollt, daß er mit Denen, welche er nun, wenigſtens im politiſchen Sinne, ſo demüthig verehrte, in näherer Berührung gelebt hätte: ihr Ein⸗ fluß über einen ſo rechtlich denkenden und hellſehenden Geiſt, wie der ſeinige, würde bald aufgehört haben. So aber hatte er ſein Leben auf der See zugebracht und ſeine auf's Höchſte geſteigerte Geneigtheit, ſich die Außenwelt ſo zu denken, wie er ſie zu ſehen wünſchte— war deßhalb ein um ſo mächtigerer Bundesgenoſſe für jene ſchon genannten Triebfedern ſeines Handelns. Kein Wunder alſo, wenn er Sir Reginald's falſche Verſicherung mit einer ſtürmiſchen Freude, ja ſogar mit einem Herzklopfen aufnahm, das ihm ſchon längſt fremd geworden war. Eine Zeit lang war ſein beſſeres Ich von dieſen neuen verrätheriſchen Empfindungen gänzlich hingeriſſen. Mittlerweile hatten die beiden Herrn den Landungsplatz er⸗ reicht und ſahen ſich nun genöthigt, ſich zu trennen. Des Contre⸗ admirals Barke konnte nur mit Mühe vermittelſt der Ruder und Bootshacken von einem Anrennen an die Klippen zurückgehalten werden und das Einſchiffen ward mit jedem Momente mehr und mehr erſchwert. Die Augenblicke wurden jetzt aus mehr als einem Grunde koſt⸗ bar und ſo war der Abſchied kurz. Sir Reginald ſprach nur wenig; dagegen ſollte, wie er meinte, ſein Händedruck dem Gefähr⸗ ten alles Fehlende erſetzen. „Gott ſey mit Euch!“ ſo ſchloß er,„und ſo wie Ihr Euch treu erweiſt, mögt Ihr auch glücklich ſeyn in Eurem Unternehmen. Vergeßt nicht ‚Euren rechtmäßigen Fürſten und die Anſprüche des Geburtsrechtes⸗— ſomit Gott befohlen!“ 3 „Lebt wohl, Sir Reginald! Wenn wir uns wieder treffen, 394 wird die Zukunft wohl etwas klarer vor uns liegen.— Doch wer kommt hier gleich einem Raſenden auf das Boot zu gerannt?“ Eine Geſtalt eilte raſch durch die Dunkelheit daher; erſt als ſie Bluewater auf zwei Fuß nahe gekommen war, erkannte man, daß es Sir Wycherly war. Er hatte die Kanonenſchüſſe gehört und die Signale geſehen, während er, um ſeine Aufregung abzu⸗ kühlen, in dem Parke, der nunmehr ſein Eigenthum geworden, auf und abgegangen war: und da er den Grund der genannten Zeichen errieth, ſo war er unaufhaltſam die ganze Strecke bis an's Ufer herabgerannt, um nicht allein zurückgelaſſen zu werden. Er kam noch eben zu rechter Zeit, denn im nächſten Augenblicke ſtieß die Barke von dem Felſen ab. Neunzehntes Kapitel. So weit die Lüfte tragen, Wogen ſchäumen, So weit die Seele ſchweift in freien Räumen— Des Meeres blaue Wellen heiter glänzen: Reicht unſer Reich, die Heimath ohne Gränzen. Byron. Man kann den Umfang der Kraft, welche die Tiefen des Oceans aufrührt, nicht eher in ſeiner ganzen Ausdehnung ermeſſen, als bis man ſelbſt ihrer Einwirkung unterworfen wird— bis man ihre ganze Gewalt zu fühlen bekommt und über die drohende Gefahr ernſtlich nachzudenken gezwungen war. Sogleich die erſte Schwenkung des Bootes verkündete Bluewater, daß die Nacht bedenklich zu werden drohte. So wie die rüſtigen Ruderer ſich emſig an ihre Arbeit machten, erhob ſich die Barke auf einer ſchwellenden Meereswoge, theilte den Schaum auf beiden Seiten, der, einem Nordlichte ähnlich, ſeinen Glanz ringsum verbreitete, und fuhr dann in eine Wellenſchlucht hinein, als ob es in des Oceans Tiefen hinabginge. Es bedurfte mehrmaliger vereinter und mächtiger Anſtrengungen, 395 um das kleine Fahrzeug aus der gefährlichen Nachbarſchaft der Klippen und in die volle Gewalt der Rudernden zu bringen. Als dieß aber einmal gelungen war, trieben die wohlgeübten Matroſen ihre Barke langſam, aber in ſtätiger Bewegung vorwärts. „Eine finſtere Nacht! eine ſchwarze Nacht!“ murmelte Blue⸗ water, ohne es ſelbſt zu wiſſen, vor ſich hin.„Wir hätten ein ſchlimmes Lager gehabt, wenn wir bei dieſem Sturme noch vor Anker geblieben wären. Oakes wird da drüben gerade in der Mündung des Kanals einen ſchweren Stand haben, wenn die weſt⸗ liche Strömung ſo heftig gegen dieſe Ebbe hereinprallt!“ „Ja wohl, Sir,“ gab Wycherly zur Antwort,„der Vice⸗ admiral wird ſich morgen früh ängſtlich genug nach uns allen umſehen.“ Bluewater ſprach keine Sylbe weiter, bis ſein Boot den Caͤſar erreicht hatte. Er war in tiefes Nachſinnen über ſeine Lage ver⸗ ſunken und wer ſeine Gefühle kennt, wird leicht begreifen, daß ſeine Gedanken nicht ganz frei von einer peinlichen Schattirung waren. Doch welcher Art ſie auch ſeyn mochten— er behielt ſie für ſich und auf dem Boote eines Linienſchiffes verſteht es ſich immer von ſelbſt, daß, wenn der Flaggenoffizier Stillſchweigen beobachtet— die ihm Untergeordneten ſeinem Beiſpiele folgen. Die Barke war ungefähr eine Viertelmeile vom Landungs⸗ platze entfernt, als man das ſchwere Schlagen des großen Mars⸗ ſegels des Cäſar vernahm, das, eng gerefft, um ſeine Freiheit kämpfte, während die Mannſchaft ſeine Schoten bis zu den Blöcken der unteren Arme der Raaen herabzog. Eine Minute ſpäter ſah man den Gnat mit aufgehißtem Vormars⸗ und Kreuzſegel daher kommen und immer weiter ſich von dem Land entfernen— der halbaufgetackelte Schatten ſeiner ſelbſt, ſo ſchien er durch die Dunkel⸗ heit dahin zu ſchweben. Auch die Kriegsſloop beugte ſi ſich kief vor der Wucht der Windes; ſie hatte ihre Unterſegel— ein Miniatur⸗ gebilde ihrer gewaltigeren Gefährten— rückwärts 85 zund 396 warteten auf das Flaggenſchiff, um ſogleich ihre Bewegung zu beginnen. Die Oberfläche des Waſſers warazen glänzendes Schaumbette, während die Luft ringsum von dem Ziſchen der Wogen und dem Brüllen der Winde erfüllt war. Doch war nichts Fröſtelndes oder Unheimliches in der äußeren Temperatur zu verſpüren; man athmete nur die Friſche der Meerluft, welche, ſtärkend und belebend zugleich, jenen Seegeruch, wie der Matroſe ihn liebt, mit ſich fuͤhrte. Nachdem die Ruderer volle fünfzehn Minuten mit ſchwerer An⸗ ſtrengung gearbeitet hatten, war die Barke ſo nahe herangekommen, daß man die ſchwarze Maſſe des Cäſar vor Augen hatte. Eine Zeit lang ſteuerte Lord Geoffrey, der für ſeine Perſon an der Ruderpinne ſaß— Jochleinen“ waren vor hundert Jahren noch nicht gebräuchlich— nach dem Marslichte des Admiralſchiffes; jetzt ſah man aber allmählig die Maſſe des Tauwerks ſich langſam an dem finſteren Horizonte hin und her bewegen und der ungeheure Rumpf wurde ſichtbar, wie er ſich hob und ſenkte, als ächzte der Ocean über dieſe Laſt von Holz und Eiſen, die ihm zu tragen aufgebürdet worden. Ein Licht flimmerte aus den Kajütenfenſtern und hie und da drang ein Schimmer aus den Luken einer offenen Konſtablerkammer. In jeder anderen Hinſicht zeigte das Schiff nur eine Farbe— nämlich die ſchwarze. Selbſt jetzt, da die Barke unter der Leeſeite des Schiffes ruhte, war es für die, welche darin waren, kein leichtes Unter⸗ nehmen, ihre ſchwankenden Bretter zu verlaſſen und auf den Klam⸗ pen, welche gleich einer Leiter rings um das Schiff liefen, feſten Fuß zu faſſen. Doch endlich war auch dieß geſchehen, und mit Ausnahme von zwei Matroſen, welche in dem Boote zurückgeblieben, um die Raa⸗ und Stagtaljen anzuhacken, ſtiegen Alle auf das Deck empor. Kaum war dieß vorüber, als eine ſchrille Pfeife das Zeichen * Sind Taue, welche an beiden Enden des Ruderſtocks(voke) befeſtis ſind und mittelſt derer die Ruder in Bewegung geſetzt werden. 397 gab und das große Boot, das zur Noth etliche zwanzig Menſchen zu faſſen vermochte, wie durch eine rieſenhafte Anſtrengung des Schiffes ſelbſt aus dem tobenden Waſſerſpiegel emporgehoben und in dem Inneren des Zweideckers ſelbſt aufbewahrt wurde. „Wir ſind nichts weniger als zu früh daran, Sir,“ ſprach Stowel, ſobald er den Contreadmiral mit den zu dieſer Stunde üblichen Ceremonien empfangen hatte.„Wir haben ſchon eine tüchtige Mütze voll Wind und es hat allen Anſchein, als ob es vor Morgen noch ärger blaſen wollte. Der Anker iſt gekattet und geſiſcht, Sir, und auf dem Vorkaſtell laſſen meine Leute in dieſem Augenblick die NRuſtleinen ablaufen.“ „Füllt, Sir, und ſteuert in einer leichten Bolinie hinaus“— lautete die Antwort;„ſeyd Ihr dann auf eine Meile draußen in der See, ſo laßt mich's wiſſen. Mr. Cornet, ich habe mit Euch in meiner Kajüte zu ſprechen.“ Mit dieſen Worten begab ſich Bluewater in Begleitung ſeines Sigualoffiziers in ſeine Kajüte hinab. In demſelben Augenblick befahl der erſte Lieutenant, die großen Braſſen zu bemannen und das Marsſegel zu füllen. Sobald dieſer Befehl vollzogen war, hob ſich der Cäſar und ſteuerte vorwärts. Seine Bewegungen geſchahen langſam, aber mit einer Majeſtät, welche des Ungeſtüms der Elemente zu ſpotten ſchien. Bluewater war indeſſen, das Haupt in nachdenkender Stellung auf die Bruſt geſenkt, nicht weniger als ſechsmal in ſeiner Kajüte auf und ab geſchritten, ehe ſich ſeine Anfmerkſamkeit den Gegen⸗ ſtänden außer ihm zuwendete.— „Wünſcht Ihr, daß ich noch länger bleibe, Admiral Bluewater?“ fragte endlich der Signaloffizier.. „Bitte um Entſchuldigung, Mr. Cornet, ich wußte in der That nicht, daß Ihr Euch in der Kajüte befindet. Laßt ſehen— ja— unſer letztes Signal war: ‚die Diviſion aͤuf Anrufweite dem Contreadmiral ſich nähern!: Sie müſſen ſehr nahe herankommen, 398 Mr. Cornet, um heute Nacht unſern Ruf vernehmen zu können, denn Wind und Wogen haben bereits ihren Geſang in vollem Ernſte begonnen!“ „Und dennoch, Sir, wollte ich eine Monatsgage daran ſetzen, Kapitän Drinkwater wird den Dover ſo nahe heranbringen, daß der Offizier auf ſeinem Deck und der Quartiermeiſter am Rad da⸗ rüber in ein Fieber gerathen könnten. Wir gaben einmal während eines Sturmes das nämliche Signal und da ließ er dann ſein Klüverbaumende über unſern Hackbord hereinlaufen.“ „Er nimmt allerdings die Befehle in der Regel ſehr buch⸗ ſtäblich, dieſer Kapitän Drinkwater; dabei verſteht er aber ſein Schiff dennoch zu handhaben. Seht einmal nach der Nummer: ‚folgt des Contreadmirals Bewegungen! Sie iſt, glaube ich 211.“ „Nein, Sir, ſie iſt 212. Blau, roth und weiß, mit den Flaggen. Mit den Laternen iſt ſie eines der einfachſten Signale, das wir haben.“ 4 „Wir wollen es ſogleich aufſtecken. Wenn dieß geſchehen iſt, dann zeigt ihnen: der Contreadmiral; in ſeinem Kielwaſſer geblieben; Segelordnung wie früher.“ Dieß iſt, ich weiß es ganz gewiß, 204.“ „Ja, Sir; Ihr habt ganz recht. Soll ich das zweite Signal ſogleich aufſtecken, Sir, ſobald die Schiffe das erſte beantwortet haben werden?“ 4 „Ja, Cornet, das iſt mein Wunſch. Wenn alle geantwortet haben, ſo laßt michs wiſſen.“ Mr. Cornet verließ die Kajüte; Bluewater ließ ſich in einem Lehnſtuhle nieder und verſank in tiefes Nachdenken. Faſt eine volle halbe Stunde war der Signaloffizier mit ſeinen beiden Quartiermeiſtern auf der Hütte beſchäftigt, denn das Auf⸗ ſtecken von Nachtſignalen, wie es damals zur See geübt wurde, war ein langwieriges und nichts weniger als leichtes Geſchäft.— So dauerte es einige Zeit, bis der Dover, welcher am weiteſten ent⸗ fernt war, auch nur das geringſte Zeichen gab, daß er das erſte 399 Signal verſtanden habe, und als dieß endlich geſchah, ſo mußte dieſelbe langſame Operation auch mit dem zweiten durchgemacht werden. Endlich öffnete die Schildwache die Kajütenthüre und Cornet erſchien abermals vor ſeinem Admiral. Dieſer hatte ſich während dieſer ganzen Zeit keinen Augenblick von der Stelle gerührt und ſchien kaum zu athmen. Seine Ge⸗ danken ſchweiften weit von ſeinen Schiffen entfernt und zum erſten Mal in den zehn Jahren, ſeit er die Contreadmiralsflagge führte, hatte er den Befehl, welchen er ſelbſt ertheilt, vergeſſen. „Die Signale wurden gegeben und beantwortet, Sir,“ meldete Cornet, ſobald er bis an den Rand des Tiſches vorgeſchritten war, auf welchen ſich Bluewater mit dem Ellenbogen lehnte.„Der Dublin iſt bereits in unſerem Kielwaſſer und die Eliſabeth ſteuert raſch gegen unſere Wetterſeite heran; in zehn Minuten wird ſie ihre Stelle erreicht haben.“ „Welche Neuigkeiten bringt Ihr vom York und dem Dover, Cornet?“ fragte Bluewater, ſich ſelbſt aus einem Anfalle tiefer Zerſtreuung emporraffend. „Das Licht des York nähert ſich uns ganz deutlich, Sir; aber das des Dover bleibt immer noch ein Firſtern,“ gab der Lieute⸗ nant, über ſeinen eigenen Witz lächelnd, zur Antwort; nes erſcheint noch nicht größer als da wir's zum erſtenmal erblickten.“ „Es iſt immerhin viel, daß man es überhaupt geſehen hat. Ich glaubte nicht, daß man's vom Deck aus bemerken könne.“ „Man kann's auch nicht, Sir; erſt wenn man ein halb Dutzend Webeleinen hinaufſteigt, kann man's auf Augenblicke gewahren. Kapitän Drinkwater holt ſeine Laternen am Gaffelende an und ich kann ihn jeder Zeit zehn Minuten früher bemerken als dieß bei jedem andern Schiffe der Flotte unter den nämlichen Umſtänden der Fall iſt.“ „Drinkwater iſt ein ſorgſamer Offizier: doch ſagt mir, ändert ſich auch die Höhe ſeines Lichtes hinreichend, um uns den Kurs, in welchem er ſteuert, zu bezeichnen?“ 400 „Ich denke— ja, Sir; doch macht unſer Standpunkt, der ſeine eigene Steuerlinie durchkreuzt, die Aenderung natürlich nur ſehr langſam kennbar. Jeder Schritt, welchen wir weiter gegen Süden gerathen, muß ihn, wie Ihr wißt, Sir, mehr weſtlich von uns bringen, waͤhrend jeder Fuß breit, den er gegen Oſten macht, dieſem Wechſel entgegenwirkt und uns ſein Licht weiter ſüdlich⸗ erſcheinen läßt.“ „Das iſt vollkommen klar; da er übrigens mit rechtwinklich gebraßten Ragen vor dieſer Bö daherrennt, ſo muß er drei Faden durchlaufen, bis wir einen einzigen zurücklegen und ſo, meine ich, müßten wir ſein Licht fortwährend im Süden haben.“ „Ja, ja, Sir, daran iſt kein Zweifel und das iſt's gerade auch, was wir wirklich thun. Ich glaube, ich kann ſchon jetzt einen . Unterſchied von einem halben Punkt wahrnehmen und ſo wie wir ſein Licht von unſerer Hütte aus recht deutlich vor Augen haben, werden wir auch im Stande ſeyn, ſeinen Gang vollfommen genau zu beſtimmen.“ „Ganz recht, Cornet. Thut mir den Gefallen und heißt Kapitän 3 Stowel in die Kajüte herabkommen; Ihr ſelbſt müßt mir fort⸗ während ein ſcharfes Auge auf die Schiffe unſerer Diviſion richten. Halt— noch einen Augenblick; welchen beſonders ſcharfſehenden Junker habt Ihr jetzt eben auf dem Verdeck auf Wache!“ „Ich weiß keinen, Sir, der ein beſſeres Auge hätte, als Lord Geoffrey Cleveland; er ſieht jede Schelmerei, die irgend wo auf der Flotte vorgeht und ſollte dann wohl auch andere Dinge bemerken können.“ „Ja, ja, er wird vollkommen dazu taugen. Schickt mir den jungen Herrn herunter, Sir; doch zuerſt benachrichtigt den Offizier der Wache, daß ich des Kadetten bedarf.“* Bluewater pflegte in der Ausübung ſeines Anſehens über Die⸗ jenigen, welche auf dem ihnen angewieſen en Poſten zeitweiſe einen andern Vorgeſetzten über ſich hatten, ungewöhnlich vorſichtig zu ſeyn: ſo 1 401 ſchickte er niemals einen Befehl an einen von der Wache, ohne ihn durch den wachhabenden Offizier ſelbſt gehen zu laſſen!— Es dauerte blos eine Minute, bis der Knabe vor ihm erſchien. „Habt Ihr wohl heute Nacht eine ſichere Fauſt, mein Kind?“ fragte der Contreadmiral lächelnd;„oder braucht Ihr etwa beide Hände für Euch ſelbſt und habt keine für den König übrig? Ihr ſolltet mir auf acht bis zehn Minuten auf die Vorbramrage ſteigen?“. „Sehr wohl, Sir; der Weg dahin iſt ganz eben— ich habe ihn ſchon oft gemacht,“ antwortete der Knabe mit fröhlichem Muthe. „Das weiß ich wohl; Ihr habt Euch noch niemals verſteckt, wenn'’s Etwas zu thun gab. So ſteigt denn hinauf, und überzeugt Euch, ob von irgend einem Schiffe von Sir Gervaiſe's Geſchwader ein Licht zu bemerken iſt. Dabei müßt Ihr Euch aber erinnern, daß der Dover ſo ziemlich ſüdweſtlich von uns ſegelt und noch eine gute Strecke ſeewärts abliegt. Ich ſollte denken, Sir Ger⸗ vaiſe's Schiffe müßten alle gerade ſo weit ſüdlich liegen, als dieſer Punkt ſie bringen würde— nur viel weiter luvwärts. Wenn Ihr einen oder auch einen halben Punkt ſcharf windwärts von Dover hinausſchaut, ſo könnt Ihr möglicherweiſe das Licht des Warſpite erblicken und dadurch würden wir einen ziemlich deut⸗ lichen Begriff von der Lage aller übrigen Schiffe der Diviſion bekommen—— „Ja, ja, Sir,“ unterbrach ihn der Knabe;„ich denke, ich verſtehe ganz genau, was Ihr zu wiſſen wünſcht, Admiral Bluewater.“ „Dieß iſt im ſechzehnten Jahr eine natürliche Gabe, mein Lord,“ erwiederte der Admiral lächelnd;„doch kann ſie vielleicht durch eine fünfzigjährige Erfahrung noch etwas verbeſſert werden. Nun iſt es möglich, daß Sir Gervaiſe, ſobald die Fluth eintrat, mit ſeinen Schiffen durch den Wind gewendet hat; in dieſem Falle müßte er beinahe weſtlich von uns liegen und Ihr werdet alſo Die beiden Admirale. 2. Aufl. 26 auch in dieſer Richtung hinausſchauen. Auf der andern Seite kann aber auch Sir Gervaiſe vor Einbruch der Nacht ſo weit gegen die franzöſiſche Küſte vorgedrungen ſeyn, daß er überzeugt ſeyn darf, Monſteur de Vervillin müſſe noch öſtlich von ihm liegen; dann würde er wohl ein wenig ſeewärts abgehalten haben und müßte in dieſem Augenblicke beinahe gerade vor uns liegen. Unter allen Umſtänden werdet Ihr alſo den ganzen Horizont vor Euch vom Luvbaum bis zum Leebug ſcharf zu beobachten haben. Habt Ihr mitch jetzt ver⸗ ſtanden, Mylord?“ „Ja, Sir, ich denke wenigſtens,“ verſetzte der Knabe, über ſeinen eigenen Ungeſtüm erröthend.„Entſchuldigt nur meine Unbe⸗ ſonnenheit, Admiral Bluewater; ich glaubte aber, als ich ſo haſtig antwortete, ich hätte alle Eure Wünſche verſtanden.“ „Ja, ja, das glaubteſt Du freilich, Geoffrey; aber nun ſtiehſt Du ſelbſt, daß es nicht ſo war. Die Natur hat Dir eine raſche Auffaſſungsgabe verliehen; doch iſt ſie immer noch nicht raſch ge⸗ nug, um eines alten Mannes Geplauder ganz vorherzuſehen. Komm näher, mein Junge, reich mir Deine Hand. So— jetzt klettere nur hinauf und halte Dich feſt, denn es iſt heute Nacht ſehr windig, und ich möchte keineswegs, daß Du am Ende über Bord geworfen würdeſt.“ Der Knabe that, wie ihm befohlen— drückte Bluewatern die Hand und eilte aus der Kajüte, um ſeine Thränen zu verbergen. Der Contreadmiral ſeiner Seits verſiel augenblicklich wieder in ſeine frühere Zerſtreutheit, indem er Stowel's Ankunft geduldig erwartete. Am Bord eines Kriegsſchiffes führt die Einladung an einen Kapitän deſſen Beſuch nicht eben ſo ſchnell herbei, als wenn die⸗ ſelbe an einen Kadetten gerichtet iſt. Kapitän Stowel war eben damit beſchäftigt, das Stauen ſeiner Boote zu überwachen, als Cornet ihm meldete, daß der Contreadmiral ihn zu ſprechen wünſche; ſodann hatte er dem erſten Lieutenant noch einige Be⸗ — B H+ 403 fehle in Betreff des friſchen Fleiſches zu geben, das man an Bord gebracht hatte, und noch allerhand ähnliche Kleinigkeiten zu beſorgen, bis er die nöthige Muße fand, um der Aufforderung zu entſprechen. „Mich ſehen, ſagt Ihr, Mr. Cornet; in ſeiner eigenen Kajüte, ſo bald es mir möglich ſey?“ bemerkte er zuletzt, nachdem er alle dieſe verſchiedenen Geſchäfte pünktlich verrichtet hatte. Der Signaloffizier wiederholte ſeinen Auftrag Wort für Wort, ſo wie er ihn erhalten hatte und entfernte ſich ſodann, um ſich wieder nach dem Lichte des Dover umzuſehen. 2 Stowel ſelbſt bekümmerte ſich in der finſteren, windigen Nacht, welche bevorzuſtehen ſchien, eben ſo wenig um den Dover, als ein gewöhnlicher Bürger ſich aufgefordert fühlen wird, für ſeines Nach⸗ bars Haus zu ſorgen, wenn die ganze Straße mit Zerſtoͤrung be⸗ droht iſt. Ihm war der Cäſar der große Mittelpunkt, der ſeine ganze Theilnahme in Anſpruch nahm und dafür bezahlte ihn Cornet mit gleicher Münze, denn von allen Schiffen der Flotte war der Cäſar gerade dasjenige, welchem er die wenigſte Aufmerkſamkeit widmete und zwar aus dem ſehr einfachen Grunde, weil er das einzige Schiff war, dem er niemals ein Signal zu geben noch eines von ihm zu empfangen hatte. „Nun, Mr. Bury,“ bemerkte Stowel gegen den erſten Lieu⸗ tenant— veiner von uns Beiden wird den größten Theil der heutigen Nacht auf dem Deck zubringen müſſen; ich will vorerſt auf eine halbe Stunde hinabgehen, um zu ſehen, was der Admiral zu befehlen hat.“ Mit dieſen Worten verließ der Kapitän das Verdeck, um ſich nach den Wünſchen ſeines Vorgeſetzten zu erkundigen. Kapitän Stowel war um mehrere Jahre älter als Bluewater, denn er war ſchon Lieutenant auf einer der Fregatten geweſen, auf welcher der Contreadmiral noch als Kadett gedient hatte— ein Umſtand, auf welchen er bei ihrem jetzigen Verkehr gelegentlich anzuſpielen pflegte. 404 Die Aenderung in ihrer gegenſeitigen Stellung war das Reſultat des Familieneinſluſſes des Jüngeren, der ſeinen älteren Kame⸗ raden in den Graden des Maſters und Kommandanten überſprang und dadurch zu einem Range gelangte, welcher damals in der eng⸗ liſchen Marine manches braven Mannes Laufbahn für ſein Leben zu beſtimmen pflegte. In dem Alter von fünfundvierzig Jahren— dem nämlichen, wo Bluewater ſeine Flagge zum erſten Mal aufhißte— war Stowel Kapitän und wurde bald darauf von ſeinem alten Schiffs⸗ genoſſen, der ihn einſt auf einer Kriegsſchaluppe als erſten Lieu⸗ tenant unter ſich gehabt— eingeladen, das Kommando ſeines Flaggenſchiffes zu übernehmen. Von dieſem Tage bis zu dem gegen⸗ wärtigen Augenblick waren die beiden Offiziere als die beſten Freunde mit einander geſegelt, ſo oft der Dienſt ihrer bedurfte; obwohl der Kapitän niemals ganz der Zeit zu vergeſſen ſchien, wo ſie auf der oben genannten Fregatte— der Eine als Kon⸗ ſtabeloffizier und der Andere als einfacher Junker“ zuſammen ge⸗ dient hatten. Stowel mochte nun etwa fünfundſechzig Jahre alt ſeyn; ein derber Seemann mit rothem Geſicht und harten Zügen, der ſein Schiff vom Flaggenknopf bis zum Nüſtergattaue,“ von außen und von innen auf's Haar hin kannte, ſich aber ſonſt um alles Uebrige ſehr wenig bekümmerte. Er hatte nach ſeiner Anſtellung als Kapi⸗ tän eine Wittwe geheirathet, war aber kinderlos geblieben und hatte deßhalb längſt wieder ſeiner alten Neigung nachgegeben, welche ihn in die ihm am meiſten vertraute Laufbahn— vom heimi⸗ ſchen Heerde wieder auf das Schiff zurückgeführt hatte. Er ſprach nur ſelten von der Ehe; doch das Wenige, was er über dieſen Gegenſtand preiszugeben für gut fand, war vielumfaſſend und prak⸗ tiſch. Obwohl ein durchaus nüchterner Mann, verbrauchte er große * Nüſtergat iſt die unterſte Oeffnung des Schiffes— die Pumprinne, durch welche ein gleichbenanntes Tau läuft. D. U. 40⁵ Quantitäten Wein und Branntwein, ſowie auch Taback und ſchien ſich darum keineswegs ſchlimmer zu befinden. Loyal war er aus politiſcher Ueberzeugung und betrachtete eine Revolution, welches auch immer deren Urſache ſeyn mochte, ungefähr ebenſo, wie er eine Meuterei auf dem Cäſar angeſehen haben würde. Er hielt ſowohl am Land als auf der Flotte mit ausnehmender Hartnäckig⸗ keit an ſeinen Rechten als ‚Kapitän ſeines eigenen Schiffes⸗— eine Eigenſchaft, welche bei dem ſanften, hochgebildeten Contre⸗ admiral weit weniger Streit, als bei Mrs. Stowel, herbeiführte. Fügen wir noch bei, daß dieſer einfache Seemann, ſeine eigenen wiſſenſchaftlichen Werke ausgenommen, niemals in ein Buch hinein⸗ ſchaute— ſo werden wir wohl ſo ziemlich Alles von ihm geſagt haben, was ſein Zuſammenhang mit unſerer Erzählung nöthig machen dürfte. „Guten Abend, Admiral Bluewater,“ begann dieſe ächte Theer⸗ jacke, und begrüßte den Admiral, wie etwa ein Nachbar den andern bei einem abendlichen Zuſammentreffen begrüßt haben würde— Beide bewohnten nämlich abgeſonderte Kajüten—„Mr. Cornet ſagte mir, Ihr wünſcht noch ein Wörtchen mit mir zu ſprechen, ehe ich mich in meine Hängematte verfüge, ſo fern dieß in dieſer geſegneten Nacht überhaupt geſchehen kann.“ „Nehmt einen Stuhl, Stowel, und ein Glas von dieſem Peres obendrein,“ antwortete Bluewater freundlich und bewies durch die Art, wie er dem Kapitän Glas und Flaſche zuſchob⸗ zur Genüge, wie gut er ſeinen Mann zu behandeln verſtand. „Wie ſteht's mit dieſer Nacht?— und wird der Wind wohl länger anhalten?“ „Ich bin der Meinung, Sir— wir wollen Seiner Majeſtät Geſundheit trinken, wenn Ihr nichts dagegen habt, Admiral Bluewater— alſo ich bin der Meinung, Sir, daß wir die Fäden unſeres neuen großen Marsſegels wohl noch ausdehnen werden, ehe dieſe Briſe vorüber ſeyn wird. Ich glaube, ich habe Euch noch 8 406 nicht geſagt, daß ich unterdeſſen das neue Segel aufziehen ließ⸗ ſeit wir zuletzt über dieſen Gegenſtand mit einander geſprochen haben. Es iſt ein tüchtig Stück Leinwand, Sir; und eng gerefft ſteht das Segel trotz der Mauer eines Hauſes.“ „Freut mich, dies zu vernehmen, Stowel; doch dünkt mich überhaupt, daß Euer ganzes Segelwerk gewöhnlich am rechten Platze ſteht.“ „Nun, Ihr wißt, Admiral Bluewater, ich bin lange genug dabei geweſen, um etwas von der Sache zu verſtehen. Es iſt jetzt mehr als vierzig Jahre, ſeit wir auf der Kalypſo beiſammen waren und dieſe ganze Zeit über habe ich als Offizier auf Schiffen gedient. Ihr waret damals noch Junker und dachtet mehr an Eure Schwänke als daran, wie man ein Segel aufzieht oder auch nachſieht, ob daſſelbe richtig geſtellt ſey.“ „Vor vierzig Jahren war freilich nicht viel an mir, Stowel; aber recht wohl erinnere ich mich noch, mit welcher Geſchicklichkeit Ihr dafür ſorgtet, daß jede Schoote und Boleine, jedes Raaband oder Tau ſeine Schuldigkeit that, gerade ſo, wie Ihr noch heutiges Tages darauf bedacht ſeyd.— Apropos, wißt Ihr mir irgend etwas vom Dover zu berichten und wo er ſich wohl heute Abend befinden mag?“ „Nicht daß ich wüßte, Sir; er verließ, wie ich glaube, mit den übrigen Schiffen die Rhede und muß wohl irgendwo in der Flotte ſich vorfinden; doch wird das Logbuch, wie ich wohl behaup⸗ ten darf, alles Nöthige enthalten, wenn er überhaupt in letzterer Zeit in unſerer Nähe geweſen iſt. Ich bedaure übrigens, daß wir, ſtatt auf dieſer offenen Rhede anzuhalten, nicht lieber in einen rechten Hafen eingelaufen ſind und unſere Tonnen wieder gefüllt haben, denn meiner Berechnung nach müſſen wir wenigſtens um ſieben und zwanzighundert Gallonen* zu kurz gekommen ſeyn, die uns noch an unſerem wahren Bedarfe abgehen. Dann bedürfen * Eine Gallone hält 4 Maaß unſerer Größe. O. U. ——————— 8— O 87 —— B** 407 wir auch noch, da und dort, einer neuen Portion leichter Spieren und der untere Kielraum hat nicht ſo viele Vorrathsfäſſer, als ich dort zu ſehen wünſchen könnte, denn es mögen deren wohl an die dreißig Stück abgehen.“ „Das überlaſſe ich Euch ganz allein, Stowel; Ihr werdet bei Zeiten Meldung erſtatten, um das Schiff zu jeder Friſt ſchlag⸗ fertig zu erhalten.“ „O, wegen des Cäſars ſeyd nur unbeſorgt, Sir, denn Mr. Bury, der Maſter und ich ſelbſt, wir wiſſen ſo ziemlich Alles, was er nöthig hat, obwohl noch Männer in der Flotte ſeyn mögen, die Euch, wie man wohl ſagen könnte, vom Dublin, dem Dover und dem York mehr als ich zu erzählen wiſſen.— Wenn's Euch genehm iſt, Sir, wollen wir auf das Wohl der Königin und der ganzen königlichen Familie trinken.“ Bluewater verbeugte ſich blos, wie er gewöhnlich that, da ſein Gefährte keine weitere Zuſtimmung zu ſeinen Trinkſprüchen verlangte. In dem jetzigen Augenblicke vollends hätte es zum wenigſten einer Generalordre bedurft, um ihn dazu zu bewegen, daß er auf das Wohl irgend eines Gliedes des regierenden Hauſes getrunken hätte. „Oakes muß jetzt ſchon ziemlich weit weg und mitten im Kanale ſeyn, Kapitän Stowel?“ „Ich denke auch, daß dem ſo ſeyn wird, Sir, nur kann ich eben nicht ſagen, daß ich mir die Zeit, da er abſegelte, ſonderlich genau gemerkt hätte. Ich darf wohl behaupten,'s wird Alles im Logbuch ſtehen. Der Plantagenet iſt ein tüchtiger Segler, Sir, und Kapitän Greenly verſteht ſich auf's Auftackeln und weiß, was er in jedem Fahrwaſſer zu leiſten vermag: und doch, glaube ich, beſitzt Seine Majeſtät noch ein weiteres Schiff in dieſer Flotte, das einen Franzmann eben ſo bald auffindet und, wenn es ihn gefunden, eben ſo raſch und eben ſo gut mit ihm fertig werden kann, als jener.“ 408 „Ihr meint natürlich den Cäſar;— nun ſeht, darin bin ich auch ganz Eurer Meinung, obgleich Sir Gervaiſe es immer ſo einrichtet, daß man ihn nie auf einem langſamen Segler findet. Ich denke, Stowel, Ihr wißt bereits, daß Monſieur de Vervillin ausgelaufen iſt, und daß wir morgen wohl irgend etwas von ihm zu ſehen oder zu hören bekommen werden?“ „Ja, Sir, man ſpricht ſo etwas im Schiff davon, ſo viel ich weiß; doch die Maſſe derartiger Neuigkeiten iſt ſo groß auf unſerem Geſchwader, daß ich nie viel auf das achte, wovon eben geſprochen wird. Einer von den Offtzieren ſprengte gar, wie ich glaube, das Gerücht aus, es habe in Schottland ſo eine Art von Lärm gegeben. Nebenbei bemerkt, Sir, wir haben jetzt einen über⸗ zähligen Lieutenant an Bord, und da er ohne alle Ordre zu uns geſtoßen iſt, ſo weiß ich nicht recht, wie ich ihn unterbringen und ſonſt für ihn ſorgen ſoll. Für heute Nacht können wir den Herrn ſchon gaſtlich bewirthen; aber morgen werde ich doch genöthigt ſeyn, ihn regelmäßig zu Papier zu bringen.“ „Ihr meint Sir Wycherly Wychecombe; nun, ehe er Euch ſelbſt Mühe verurſacht, will ich ihn lieber an meinen eigenen Tiſch nehmen.“ „Ei, ich will mir keineswegs herausnehmen, Sir, mich darein zu miſchen, wenn Ihr einen von den Herrn in Eure Kajüte ein⸗ zuladen beliebt,“ entſchuldigte ſich Stowel mit einer ſteifen Ver⸗ beugung.„Das iſt es eben, Sir, was ich Mrs. Stowel fort⸗ während wiederholen muß— nämlich daß meine Kajüte meine Kajüte iſt und daß ſelbſt eine Frau kein Recht beſitzt, einen Beſen darin zu ſchwingen.“ „Was allerdings für uns Seeleute ein großer Vortheil iſt, da es uns wenigſtens noch eine Citadelle zum Rückzug offen hält, wenn die Außenwerke allzuhart bedrängt werden.— Ihr ſcheint mir aber an dieſem Bürgerkrieg nur wenig Antheil zu nehmen, Stowel?“ 409 „So iſt's denn doch wahr, Sir? In der That? Ich glaubte immer noch, es werde ſich als blinder Lärm erweiſen. So ſagt mir doch, Admiral Bluewater, was ſoll denn all der Spek⸗ takel bedeuten? Ich konnte bis jetzt noch nie ſo recht ſeemänniſch hinter die Geſchichte kommen: ich meine ſo, daß das Tackelwerk gehörig aufgerichtet und jede Spiere an ihrer rechten Stelle ge⸗ weſen wäre.“ „Es iſt blos ein Krieg, der entſcheiden muß, wer König von England ſeyn ſoll; weiter nichts, das kann ich Euch ver⸗ ſichern, Sir.“ „Unbequemes Volk, dieſe Leute am Land, Sir, wenn man denn doch die Wahrheit von ihnen ſagen ſoll. Wir haben ja ſchon einen König— aus welchem Grunde wünſcht man ſich alſo einen zweiten?— Seht, Admiral, da war Kapitän Blakeley, von der Eliſabeth, heute Nachmittag bei mir am Bord; wir beſprachen uns ſo ein bischen über die Sache und kamen beide zu dem Schluß, daß ſie dieſe Geſchichten hauptſächlich deßhalb ſo gerne aufbringen, um den Armeelieferanten und Munitionsgroßhändlern den Haſen deſto bequemer in die Küche zu jagen.“ Bluewater horchte mit der geſpannteſten Theilnahme, denn hier konnte er ſich ſelbſt überzeugen, wie vollſtändig er wenigſtens zwei ſeiner Kapitäne in der Hand hatte und wie dieſe aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach zum Mindeſten eine Zeit lang ſeinen Befehlen ohne allen Widerſpruch gehorchen würden. Er dachte an Sir Reginald— mit welchem Entzücken er dieſen beſonderen Zug des ſeemänniſchen Charakters wahrgenommen haben würde. „Nichtsdeſtoweniger gibt es Leute, die ihren Kopf auf den Ausgang ſetzen,“ bemerkte der Contreadmiral gleichgültig;„wieder andere gibt es, deren zeitliches Glück durch den Sieg oder die Niederlage der Partheien gefördert oder zerſtört wird. Dieſe glauben, de Vervillin's Auftrag ſtehe mit jenem Aufſtand im Nor⸗ den in Verbindung.“ 410 „Nun, das ſehe ich doch nicht ein, was er überhaupt mit der Sache zu ſchaffen hat, denn König Ludwig iſt doch hoffentlich nicht ein ſolcher Narr, daß er eben ſo gut König von England zu werden erwartete, wie er ſchon jetzt König von Frankreich iſt?“ „Die Würde wäre doch für ein Paar Schultern zu gewichtig. Eben ſo gut könnte ein Admiral alle Diviſionen ſeiner Flotte, und wären ſie auch fünfzig Meilen auseinander— allein kommandiren wollen.“ „Oder ein Kapitän zwei Schiffe, oder was noch beſſer zu⸗ trifft, zwei Kapitäne ein Schiff.— Wir wollen die Disciplin leben laſſen, Sir, wenn Ihr keine Einwendung dagegen habt. Sie iſt, am Land wie auf der See, die Seele aller Ordnung und Ruhe. Was mich betrifft, ich brauche keinen Kollegen— ich glaube, das iſt eben das rechte Wort, deſſen ſie ſich bei ſolchen Gelegen⸗ heiten bedienen— aber ich brauche auf dem Cäſar keinen Kollegen und will auch keinen in dem Hauſe zu Greenwich haben, wenn auch Mrs. Stowel hierin ganz anders denken mag. Hier iſt mein Schiff; es iſt an ſeiner rechten Stelle in der Linie und meine Sache iſt's, darauf zu ſehen, daß es zu jedem Dienſte tauglich ſey, welchen ein Zweidecker erſten Rangs nur immer übernehmen kann. Dieſer meiner Pflicht ſuche ich nach Kräften zu genügen und ich zweifle keinen Augenblick, daß ich um ſo beſſer damit zu Stande komme, als hier am Bord kein Weib oder Kollege zu finden iſt. Wohin das Schiff zu ſteuern und was es überhaupt zu verrichten hat— das ſind wieder andere Dinge, die ich entweder aus der Generalordre oder aus beſonderen Befehlen oder Signalen abnehme. Würden ſie auch in London nach dieſen Grundſätzen verfahren— gebt Acht, wie bald wir, im Norden wie im Süden, nichts mehr von Unruhen zu hören bekämen.“ „Ganz richtig, Stowel; Eure Lehre würde ganz gewiß, wie auf dem Schiff, ſo auch bei der ganzen Nation Ruhe zuwege ig 1 . 411 bringen. Ich hoffe, Ihr werdet mir ſo viel Gerechtigkeit erweiſen, daß Ihr in mir und meiner Stellung keinen Kollegen erkennt?“ „Nein, wahrhaftig nicht, Sir— und ich habe die Ehre, auf Eure Geſundheit zu trinken— wahrhaftig, das thut Ihr nicht, Sir. Damals, als wir noch zuſammen auf der Kalypſo waren, ſtand ich im Vortheil und ich muß ſagen, ich hatte nie einen Junker unter mir, der ſeinem Dienſt mit fröhlicherem Muthe nachgekommen wäre. Seit jener Zeit haben wir die Plätze gewechſelt— ja wohl, total umgetauſcht, könnte man ſagen— und ich beſtrebe mich jetzt, Euch in Eurer eigenen Münze zu bezahlen. Es iſt kein Einziger in der Flotte, deſſen Befehlen ich williger und mehr zu meinem eigenen Vortheile gehorchen würde— die von Admiral Oakes natürlich jeder Zeit ausgenommen, denn er iſt der Kommandant en Chef und hält uns alle an ſeinem Anker gefeſſelt. Vor ſeinen Signalen müſſen wir freilich die Piken ſenken, doch dürfen wir dabei immer, ohne eine Meuterei zu begehen, behaupten, daß der Cäſar ſowohl in als vor dem Wind ein eben ſo gutes Boot wie der Plantagenet iſt und als dieſer jemals auch in ſeinen ſchönſten Tagen, da ihn Sir Jarvey geſehen, geweſen.“ „Ja, ja, daran iſt keinen Augenblick zu zweifeln. Ihr ſelbſt, Stowel, habt, wie ich finde, durchaus nur die Anſichten eines ächten Seemannes;— Gehorſam den Befehlen— das geht vor Allem andern. Ich bin doch begierig zu hören, wie unſere Kapitäne im Allgemeinen auf die Anſprüche, welche der Prätendent auf den engliſchen Thron geltend macht— zu ſprechen ſeyn mögen!“ „Kann's Euch nicht ſagen, Sir; bei meiner Seele; doch denke ich mir, daß nur wenige ſich ſonderlich um die Sache bekümmern werden. Iſt der Wind gut, ſo ſegeln wir raſch darauf los ins Weite; iſt er ſchlecht, ſo müſſen wir eine Bolinie anholen— mag dann regieren, wer da will. Unter Königin Anna war ich Junker und dieſe war, wie ich glaube, eine Stuart; ſeither habe ich ſtets unter dem deutſchen Königshauſe gedient und— um's Euch ehrlich 41²2 zu geſtehen, Admiral Bluewater— ich ſehe weder im Dienſt, noch in der Beſoldung oder in den Rationen einen bedeutenden Unter⸗ ſchied. Mein Grundſatz iſt der— parire Ordre— dann weiß ich, wird der Tadel auf diejenigen zurückfallen, die den Befehl gegeben haben, wenn irgend Etwas ſchief gehen ſollte.“ „Wir haben viele Schotten in der Flotte, Stowel,“ bemerkte der Contreadmiral nachdenklich, wie Jemand, der eigentlich mehr laut denkt als ſpricht.„Mehrere von den Kapitäns ſind nördlich vom Tweed zu Haus.“ „Ja freilich, Sir, man darf faſt immer darauf rechnen, beinahe in jeder Stellung und Lage den Herren aus jenem Theil der Inſel zu begegnen. Ich habe noch nie gehört, daß Schott⸗ land in früheren Zeiten ſo etwas, wie eine Marine gehabt hätte, ſobald aber England die Sache zu bezahlen hat, ſind die Lairds augenblicklich willig und bereit, ihre Söhne auf die See zu ſchicken.“ „Nichtsdeſtoweniger muß man übrigens zugeſtehen, Stowel, daß ſie tapfere und höchſt brauchbare Offiziere abgeben.“ „Ganz gewiß ſind ſie das, Sir; doch ſind tapfere und brauch⸗ bare Leute nirgends ſelten. Wir beide, Admiral Bluewater, ſind zu alt und haben zu viel Erfahrung, um im Geringſten der Anſicht Glauben zu ſchenken, daß Muth und Brauchbarkeit in irgend einem Theile der Welt ausſchließlich zu Haus ſeyen. Ich habe noch nie mit einem Franzmann gefochten, den ich für eine Memme gehalten hätte, und meiner Meinung nach gibt's in England ſelbſt tapfere Männer genug, um alle unſere Schiffe zu kommandiren und auch in den Kampf zu führen.“ „Nun, mag dem auch wirklich ſo ſeyn, Stowel, ſo müſſen wir jedenfalls die Dinge nehmen, wie ſie kommen.— Was haltet Ihr von der heutigen Nacht?“ „Stürmiſch genug noch vor dem Morgen, ſollt ich denken, Sir; nur iſt es etwas außergewöhnlich, daß es bei dieſem Winde —, RN 413 nicht bereits geregnet hat. Das nächſte Mal, wenn wir wieder dazu kommen, Admiral Bluewater, gedenke ich mit einem kürzeren Kabeltaue zu ankern, als wir gerade vorhin gebrauchten, denn ich fange an zu glauben, daß es ſehr unnütz iſt, in den Sommermo⸗ naten ſo viel Garn naß zu machen. Der York, ſagt man mir, begnügt ſich ſchon jetzt mit vierzig Faden.“ „Ei, für ein ſchweres Schiff iſt das doch ziemlich kurz, ſollt' ich meinen. Doch hier kommt ein Beſuch.“ Die Schildwache öffnete die Kajütenthüre und Lord Geoffrey trat ein; er hatte ſeine Mütze mit einem Taſchentuche am Kopfe feſtgebunden und ſein Geſicht war von dem Aufenthalte in dem friſchen Nachtwinde ſtark geröthet. „Nun,“ begann Bluewater,„wie lautet Euer Bericht von oben?“ „Der Dover läuft quer an unſerem Vorderreitknie vorüber und nähert ſich raſch, Sir,“ gab der Cadett zur Antwort.„Der York iſt dicht an unſerem Wetterbord und hält auf ſeinen Stand⸗ punkt ab; vorwärts von uns kann ich aber nichts ausfindig machen, obgleich ich zwanzig Minuten lang auf der Bramraa verweilte.“ „Habt Ihr auch ſcharf über den Wetterbord und vorwärts bis zum Leebug hinausgeſchaut?“ „O ja, Sir; wenn je in dieſer Richtung ein Licht zu ent⸗ decken iſt, ſo müßten es jedenfalls viel beſſere Augen ſeyn, als die meinigen, wenn ſie es auffinden ſollten.“ Während dieſer kurzen Unterredung hatte Stowel bald den Einen und bald den Andern der beiden Sprechenden betrachtet; ſobald aber eine Pauſe eintrat, warf auch er ein Wöͤrtchen uber den Zuſtand ſeines Schiffes ein. „Ihr ſeyd doch vorn auf der Raa geſtanden, Mylord?“ fragte er. „Ja freilich, Kapitän Stowel.“ „Und habt Ihr auch daran gedacht, nachzuſehen, wie die Hieling der Oberbramſtenge bei dieſer See ſich halten wird? Bury 414 ſagt mir, ſie ſey zu los und tauge ſchwerlich mehr für ſo ſtürmiſches Wetter wie dieſes.“ „Daran habe ich nicht gedacht, Sir. Ich wurde hinauf ge⸗ ſchickt, um mich nach der Schiffsdiviſton des Oberadmirals umzu⸗ ſehen und dachte da nicht mehr daran, daß die Hieling der Ober⸗ bramſtenge zu los ſey.“ „Ja freilich— ſo geht es heut zu Tage mit all' den jungen Herren; zu meiner Zeit— ja ſelbſt noch zu der Eurigen, Admiral Bluewater— ſetzten wir nie den Fuß auf eine Webeleine, ohne Augen und Hände anzuſtrengen, bis wir unſern Poſten— und wäre dieß ſelbſt der Knopf des Flaggenſtocks geweſen— erreicht hatten. Das allein iſt die rechte Art, um zu erfahren, aus was ein Schiff konſtruirt iſt!“ „Auch ich habe Augen und Haͤnde nach Kräften angeſtrengt, Kapitän Stowel; doch dießmal galt's, mich feſtzuhalten und ſcharf umherzuſchauen.“ „Das genügt noch nicht— nein, das genügt noch lange nicht, wenn Ihr ein tüchtiger Seemann werden wollt. Mit Eurem eigenen Schiff müßt Ihr den Anfang machen; hier müßt Ihr zuerſt Alles kennen lernen, und dann, wenn Ihr ein Admiral geworden, Mylord, was Eures Vaters Sohn mit Sicherheit erwarten darf— dann werdet Ihr wohl noch Zeit genug haben, Euch auch um den Reſt der Flotte zu bekümmern.“ „Ihr vergeßt, Kapitän Stowel—— „Nun, nun, Lord Geoffrey, es wird ſchon genügen,“ fiel Bluewater beſänftigend ein, denn er wußte, daß der Kapitän nicht mehr predigte, als er auch buchſtäblich ausübte;„wenn ich mit Eurem Berichte zufrieden bin, ſo hat ſonſt Niemand ein Recht, Euch darüber zu ſchelten. Meldet Sir Wycherly Wychecombe, daß er auf das Verdeck zu mir kommen möge, denn dorthin wollen wir jetzt gehen, Stowel, um uns ſelbſt nach dem Stande des Wetters umzuſehen.“ 8 95—— — —I 4 415 „Von ganzem Herzen, Admiral Bluewater; erlaubt mir nur, daß ich, bevor wir dieſem herrlichen Getränke Lebewohl ſagen, die Geſundheit des erſten Lords der Admiralität ausbringe. Dieſer Junker hat trotz ſeines Adels doch ziemlich viel Stoff in ſich und indem ich ihm gelegentlich meine guten Lehren vorhalte, hoffe ich noch einen tüchtigen Mann aus ihm zu machen.“* „Wenn er nicht in den nächſten paar Jahren ſowohl phyſiſch als geiſtig ein trefflicher Mann wird— wahrhaftig, Sir, er wäre der Erſte in ſeiner Familie, der jemals fehlgeſchlagen hätte.“ Mit dieſen Worten verließen Bluewater und der Kapitän die Kajüte und verfügten ſich zuſammen auf das Quarterdeck. Dort angekommen, hielt Stowel inne, um mit ſeinem erſten Lieutenant eine Berathung zu halten, während der Admiral die Kampanjeleiter hinaufſtieg, wo er wieder mit Cornet zuſammentraf. Letzterer hatte nichts Neues mitzutheilen und wurde von dem Contreadmiral auf das Verdeck hinabgeſchickt, um Wycherly auf die Kampanje heraufzuſenden, wo Bluewater den jungen Mann erwarten wollte. 3 Es dauerte einige Zeit, bis der junge Virginier aufgefunden werden konnte; ſobald dieſes aber geſchehen war, beeilte er ſich, dem Contreadmiral zu gehorchen. Sie hatten ſofort eine geheime Un⸗ terredung, welche eine volle halbe Stunde dauerte, während welcher Zeit Beide auf dem Hinterdeck auf und abgingen; dann wurde Cornet wieder auf ſeinen gewöhnlichen Poſten zurückgerufen. Letzterer erhielt augenblicklich den Befehl, Kapitän Stowel zu melden, der Contreadmiral wünſche, daß der Cäſar beidrehe und dem Druid das Signal Numero 36 gebe, um auf die Leeſeite des Flaggenſchiffes zu kommen und ſein großes Marsſegel back zu legen. Kaum war dieſer Befehl auf das Quarterdeck gelangt, als die Wachmannſchaft auf die Braſſen geſchickt und die große Raa ein⸗ gerundet wurde, bis der Theil des Segelwerks, der bis jetzt noch beigeſetzt war, gleichfalls gegen die Maſten lag. Dadurch kam der 416 gewaltige Bau todt in den Kurs zu liegen und hob und ſenkte ſich ſchwerfällig auf den Wogen, welche den Kiel beſpülten und kaum groß genug waren, um die ſchwere Laſt, welche auf ihnen ruhte, emporzuheben. Im ſelben Augenblicke wurde das Signal gegeben. Bei der ſo plötzlich gehemmten Bewegung des Cäſar kam der Dublin mit vollen Segeln durch die Finſterniß herangezogen, bis er, das Steuer⸗ ruder beiſetzend, langſam an der Leeſeite des Admiralſchiffs vor⸗ überzog und einem ſchwarzen Gebirge ähnlich in der Dunkelheit dahinſchwebte. Er wurde angerufen und erhielt den Befehl, ſobald er weit genug nach vorn ſtünde, gleichfalls beizudrehen. Die Eliſabeth folgte, das Flaggenſchiff nur auf zwanzig Faden klarirend, und erhielt ähnliche Ordre.— Der Druid war urſprünglich auf der Wetterſeite des Admiral⸗ ſchiffs geſegelt, glitt aber jetzt ebenfalls, vom Seitenwinde getragen, gegen den Caͤſar heran und ließ nur ſo viel Raum zwiſchen beiden, daß er ſein Marsſegel unter dem Leebug des Anderen back legen konnte. Während dieſer Zeit war ein Kutter* in die See herabge⸗ laſſen worden, und man konnte ihn bald an der ſchwarzen Seite des Schiffs ſechs bis acht Fuß in die Höhe ſteigen, bald wieder eben ſo weit in die Tiefe des Oceans verſinken ſehen. Jetzt endlich er⸗ klärte ſich Wycherly bereit, die erhaltene Weiſung zu vollziehen. „Ihr werdet Nichts von meinem Auftrage vergeſſen, Sir,“ ſprach Bluewater,„ſondern werdet ihn vollſtändig dem komman⸗ direnden Admiral hinterbringen. Es moͤchte von Wichtigkeit ſeyn, daß wir uns gegenſeitig ganz verſtehen. Ihr werdet ihm auch dieſen Brief einhändigen, den ich vorhin in der Eile geſchrieben habe, während das Boot in Stand geſetzt wurde.“ * Kutter bedeutet hier nicht eines jengr zweimaſtigen Fahrzeuge, welche gewöhnlich als Packetboote verwendet werden, ſondern nur das Wach⸗ boot, wie es auf allen Kriegsſchiffen zum augenblicklichen Dienſte ber eit gehalten wird. D. U. 417 „Ich glaube Eure Wünſche zu verſtehen, Sir— wenigſtens hoffe ich ſo und will mich bemühen, Sie pünktlich zu vollziehen.“ „Gott ſegne Euch, Sir Wycherly Wychecombe,“ fuhr Bluewater nicht ohne Bewegung fort.„Wir werden uns vielleicht nie wieder ſehen, denn wir Seeleute führen ein gar unſicheres Leben— man könnte behaupten, daß wir es ſtets in der Hand mit uns tragen.“ Wycherly verabſchiedete ſich von dem Admiral und eilte dann die Kampanjeleiter hinab, um ſich in das Boot zu verfügen. Zweimal hielt er jedoch auf dem Quarterdeck inne, wie wenn er umkehren und um Erläuterung einzelner Punkte bitten wollte: doch jedesmal ging er wieder weiter, entſchloſſen, wie es ſchien, ſeinen Auftrag ohne Weiteres zu vollziehen. Es bedurfte der ganzen Gewandtheit unſeres jungen Seemannes, um ungefährdet das Boot zu erreichen. Sobald dieß geſchehen war, ſenkten ſich die Ruder in's Waſſer und der Kutter trieb eilends an der Leeſeite des Admiralſchiffs vorüber. In wenigen Minuten ſchoß er unter dem Leebug der zweiten Fregatte hin, woſelbſt er ſeine Ladung abſetzte. Noch hatte Wycherly keine drei Minuten am Bord des Druyd zugebracht, als deſſen Raaen aufgebraßt wurden, während ſich das große Segel unter ſchwerem Schlagen füllte. Dadurch wurde die Fregatte langſam nach vorn getrieben. Fünf Minuten ſpäter ſah man eine weiße Wolke über ihrem Rumpfe flattern und das gereffte Marsſegel wurde dem Winde preisgegeben. Die Wirkung war ſo plöͤtzlich, daß die Fregatte von dem Admiralſchiffe wegzugleiten ſchien und ſchon eine Viertelſtunde ſpäter mit drei doppelt gerefften Mars⸗ und allen Unterſegeln eine volle Meile von dem Luvbug des Cäſar entfernt war. Diejenigen, welche, ihre Bewegungen bewachten, ohne den Grund derſelben zu wiſſen, konnten bemerken, wie ſiesihr Licht herabgleiten ließ und ſich von dem Reſte der Diviſion zu trennen ſchien. Es dauerte einige Zeit, bis es dem Boote des Cäſar gelang, Die beiden Admirale. 2. Aufl. 27 trotz Fluthen, Wind und Wogen ſeinen Weg nach dem Admiral⸗ ſchiffe zurück zu ſteuern. Sobald dieſe Aufgabe glücklich beendigt war, füllte die Fregatte ihre Segel auf's Neue, zog an dem Dublin und der Eliſabeth vorüber und nahm ihre frühere Stelle in der Linie wieder ein. Noch eine volle Stunde ging Bluewater auf dem Hinterdecke auf und nieder, nachdem er ſeinen Signaloffizier und die Quartier⸗ meiſter in ihre Hängematten entlaſſen hatte. Selbſt Stowel hatte ſich zur Ruhe begeben und auch Mr. Bury hielt es nicht für nöthig, noch länger auf dem Deck zu verweilen. Als die Stunde zu Ende ging, dachte auch der Contreadmiral daran, ſich in ſeine Kajüte zurückzuziehen. Ehe er jedoch die Hütte verließ, ſtellte er ſich an die Luvleiter, hielt ſich an der Takelage des Beſanmaſtes feſt und betrachtete die vor ihm ausgebreitete Scene. Der Wind— und mit ihm die See— war heftiger geworden, hatte ſich jedoch noch nicht zum Sturme geſteigert. Der York hatte ſchon lange zuvor auf ſeiner Station, eine Kabellänge vor dem Cäſar, eingehalt und zog mit den nämlichen Segeln, wie das Flaggenſchiff, eine ſchwarze ſtattliche Maſſe— durch das Düſter dahin. Der Dover ſteuerte eben in die ihm angewieſene Stelle vorwärts vom York, ſo daß er von dieſem eben ſo weit entfernt war, als Letzterer vom Cäſar; auch er hatte der Vorſchrift gemäß die nämlichen Segel entfaltet, war aber bei Weitem nicht in ſo deutlichen, impoſanten Umriſſen ſichtbar, wie dieß beim York der Fall war. Die Schaluppe ſowie der Kutter ſegelten ungefähr eine Viertelmeile von den größeren Schiffen entfernt entlang der Leeſeite der Letzteren; jedes der Beiden hatte ſeine volle Aufmerkſamkeit auf das Segelwerk gerichtet, um die ihm angewieſene Stelle in der Linie zu behaupten. Weiterhin war Nichts mehr zu ſehen. Die See zeigte jenes wilde Gemiſch von Glanz und Düſter, wie es dieſem Elemente eigen⸗ thümlich iſt, wenn es in finſterer Nacht heftig bewegt wird; der Himmel aber war trüb und drohend.. 419 Auf dem Schiffe ſelbſt war Alles ſtill. Da und dort warf eine Laterne ihr flackerndes Licht um ſich, doch die tiefen Schatten der Maſten, der Geſchütze und ſo vieler anderer Gegenſtände ließen dieſe Erleuchtung in der ſchwarzen Nacht nur unbedeutend erſchei⸗ nen. Der Lieutenant der Wache ſchritt ſchweigend, aber aufmerk⸗ ſam, auf der Luvſeite des Quarterdecks hin und her. Gelegentlich rief er auch die Marspoſten an und ermahnte ſie gleichfalls zur Wachſamkeit; bei jeder Wendung aber blickte er nach dem Marsſegel empor, um ſich von dem richtigen Stande deſſelben zu überzeugen. Vier oder fünf alte Matroſen gingen nachdenklich auf der Kuhl“ und dem Vorderkaſtell auf und nieder, ſonſt aber hatte ſich die Wachmannſchaft größtentheils zwiſchen den Kanonen eingeſtaut oder wo ſie noch anderswo hinter dem Lee der Bollwerke ein ſicheres Plätzchen finden konnte, um ſich einem fluchtigen Schlummer hinzugeben. Von dieſer Erholung ſchienen übrigens einige von den jungen Herren ausgeſchloſſen zu ſeyn: denn Einen von ihnen ſah man auf dem Vorkaſtell an einem Maſte lehnen, wie er eben von ſeiner Heimath träumte, ein Anderer befand ſich auf der Kuhl und hielt ſich an dem Tauwerke feſt, und ein Dritter ging mit geſchloſſenen Augen, wirren Gedanken und unſicheren Schritten auf der Leeſeite des Hinterkaſtells umher. Als Bluewater auf die Quarterdecksleiter trat, um in ſeine eigene Kajüte hinabzuſteigen, ſtieß der Junker gegen einen Augenbolzen und plumpte jählings gegen ſeinen Vor⸗ geſetzten. Bluewater fing den Knaben in ſeinen Armen auf und rettete ihn dadurch vor dem Falle, indem er ihn nicht eher losließ, bis er wieder feſt auf ſeinen Füßen ſtand. „Es iſt jetzt ſieben Uhr, Geoffrey,“ ſprach der Lonie gee leiſer Stimme.„Halte Dich nur noch eine halbe Stunde länger, dann magſt Du gehen und von Deiner theuren Mutter träumen. * Mittelverdeck. D. U. 420 Ehe noch der Knabe ſo weit zu ſich gekommen war, daß er ſich bei ſeinem Vorgeſetzten bedanken konnte, war der Letztere bereits⸗ verſchwunden. Zwanzigſtes Kapitel. 2 Doch iſt er, ſelbſt entbrannt, ein Kieſelſtein; So launiſch wie der Winter und ſo heftig Wie eiſ'ge Winde in des Frühlings Tagen: Drum muß ſein Weſen wohl beachtet werden. Shakeſpeare. Ver Leſer wird ſich erinnern, daß damals, als Sir Gervaiſe Oakes in ſeine Barke ſtieg, um die Flotte in die See hinauszu⸗ führen, der Wind noch nicht ſo heftig zu wehen angefangen hatte. Es wird darum nöthig ſeyn, einen allgemeinen Rückblick auf den damaligen Stand des Wetters zu werfen, um des Leſers Gedanken auf eben jenen Zeitabſchnitt zu lenken, in welchen wir uns be⸗ nöthigt ſehen, ſeine Einbildungskraft zurück zu verſetzen. Der Viceadmiral pflegte eine Flotte nach ganz anderen Grund⸗ ſätzen als ſein Freund Bluewater zu führen. Während der Letz⸗ tere den Schiffskommandanten ſelbſt ſo Vieles überließ, war ſein Freund gewöhnt, ſich in eigener Perſon nach allen Dingen umzu⸗ ſehen. Er wußte, daß die Einzelnheiten des Dienſtes für einen Erfolg im Großen unerläßlich ſind und ſein thätiger Geiſt ließ ſich zu all' jenen Kleinlichkeiten mit einem Eifer herab, der ſeinen Kapitänen nicht ſelten ziemlich läſtig ſiel. Im Ganzen beobachtete er übrigens mit vieler Genauigkeit die Geſetze der Schiffsetikette — Geſetze, welche jeder übermäßigen Vertraulichkeit eine furcht⸗ bare Schranke entgegenſtellen, aber auch ſo häufig Urſache zum Mißvergnügen in einem Geſchwader darbieten— ſo daß nie ein ernſtliches Mißverſtaͤndniß in ſeiner Flotte Platz greifen konnte ——— 421 und zwiſchen ihm und den unter ſeine Befehle geſtellten Machthabern fortwährend das beſte Einvernehmen herrſchte. Vielleicht mochte der Umſtand, daß er ein fechtender Admiral war, zu dieſer Ruhe im Innern der Flotte nicht wenig beitragen, denn man hat ſchon oft die Bemerkung gemacht, daß Armeen wie Flotten ſich weit mehr von ſolchen Führern gefallen laſſen, die ihnen viel mit dem Feinde zu thun geben, als von Befehlshabern, welche ſie einer unthätigen, gefahrloſen Ruhe überlaſſen. Das beſtändige Zuſammentreffen mit dem Feinde ſcheint all' jene überflüſſigen, händelſüchtigen Gelüſte am Beſten abzuleiten. Nelſon war in mancher Hinſicht ein Beiſpiel dieſes Einfluſſes in der engliſchen— Suffren“ in der franzöſiſchen und Preble in noch weit höherem Grade als Jeder von dieſen Beiden in unſerer eigenen Marine. Auf alle Fälle war wenigſtens bei Sir Gervaiſe ſo viel gewiß, daß, wenn auch die meiſten ſeiner Kapitäne ſich weit mehr und nicht ohne Empfindlichkeit als untergeordnete Befehlshaber fühlten, ſobald ſich der Admiral am Bord oder in der Nähe ihrer Schiffe, ſtatt in der Kajüte des Plantagenets befand— der allgemeine Friede dennoch nur ſelten geſtört wurde und daß man den Ad⸗ miral eben ſo ſehr liebte, als man ihm pünktlich gehorchte. Blue⸗ water war vielleicht unwandelbarer der Liebling der Flotte, dafür * Suffren war einer der beſten Seekapitäne, welche Frankreich jemals beſaß, dabei aber gleichwohl ein Mann von übermäßiger Strenge und äußerſt rauhen Manieren. Demungeachtet muß er von guter Famillie geweſen ſeyn, denn ſein Titel: Bailli de Suffren kommt blos davon her, daß er die Würde eines Maltheſerritters bekleidete. Ueber ſeinem Tode, der nicht lange vor dem Ausbruch der franzöſiſchen Revolution erfolgte, ſchwebt ein auffal⸗ lendes Dunkel, denn dieſer ausgezeichnete Offizier verſchwand plötzlich auf eine räthſelhafte Weiſe, ſelbſt ohne daß man wußte, wo er begraben wurde. Man vermuthet, daß er von einem ſeiner eigenen Offtziere bei einem nächt⸗ lichen Zweikampf in den Straßen von Paris getödtet wurde und daß der Einfluß der Freunde des Siegers groß genug war, um jede Nachforſchung zu unterdrücken. Als Urſache des Kampfes wird ſein barſches Benehmen im Dienſte angegeben. aber auch kaum ſo ſehr geachtet und jedenfalls nur halb ſo viel gefürchtet.— Auch bei gegenwärtiger Veranlaſſung ruderte der Viceadmiral nicht durch die Flotte, ohne jene eigenthümliche, ſchon oben von uns angedeutete Vorliebe an den Tag zu legen. Als er an einem der Schiffe vorüberfuhr, machte er ſeinem Bootsführer ein Zeichen, daß er die Mannſchaft das Rudern einſtellen laſſen ſolle und rief die be⸗ zeichnete Fregatte an, worauf ſich folgendes Zwiegeſpräch entſpann: „Carnatie, ahoy!“ rief der Admiral. „Sir!“ antwortete der Offizier auf dem Deck, indem er auf eine der Kanonen des Hinterkaſtells ſprang und ehrerbietig den Hut zog. „Iſt Kapitän Parker an Bord, Sir?“ „Ja, Sir Gervaiſe: wollt Ihr ihn ſprechen, Sir?“ Ein Kopfnicken genügte, um Kapitän Parker auf das Ver⸗ deck und an die Fallreepstreppe zu bringen, wo er ſich ohne Un⸗ bequemlichkeit für einen von Beiden mit ſeinem Vorgeſetzten unter⸗ reden konnte. „Wie geht's Euch, Kapitän Parker?“— ein ſicheres Zei⸗ chen, daß Sir Gervaiſe den andern auf die Finger zu klopfen ge⸗ dachte, denn ſonſt würde er ihn einfach mit Parker angeredet haben.„Wie geht'’s Euch, Kapitän Parker? Es thut mir leid, bemerken zu müſſen, daß Euer Schiff mit dem Gallion zu tief ſteht, Sir. So wird es vor dem Winde ausbrechen, wie ein Füllen, das zum erſten Mal den Zaum fühlt und den Kopf bald auf die eine, bald auf die andere Seite wirft. Ihr wißt doch, Sir, daß ich ſtracke Linien und ſchnurgerades Kielwaſſer liebe.“ „Das weiß ich recht wohl, Sir Gexvaiſe,“ erwiederte Parker, ein gutmüthiger alter Mann mit grauen Haaren, der ſich ſeinen Weg vom Vorkaſtell bis zu ſeinem jetzigen ehrenvollen Poſten mühſam durchgefochten hatte, und obwohl vor dem Feinde tapfer wie ein Löwe, vor ſeinem Vorgeſetzten gleichwohl eine abſonderliche Furcht 423 hegte;„wir haben aber hinten auf unſern Kanonendecks mehr Waſſer nöthig gehabt, als wir eigentlich wünſchten. Wir werden jetzt übrigens einige von den neuen Kabeltauen wegſchaffen und dann Raum für einige von den vorderen Fäſſern gewinnen, Sir, ſo daß, wie ich hoffe, in einer Woche Alles wieder in Ordnung ſeyn wird.“ „In einer Woche! zum Teufel, Sir, das geht nicht an, wenn ich de Vervillin ſchon morgen zu treffen erwarte. Füllt ſogleich all' Eure leeren Fäſſer hinten mit Salzwaſſer und wenn dieß nicht hinreicht, ſo ſchafft einen Theil Eurer Munition von vorn nach hinten. Ich kenne Eure Fregatte recht wohlz; ſie iſt ſo empfindlich wie ein Junge mit Leichdornen— der Schuh darf ſie nirgends drücken.“ „Sehr wohl, Sir Gervaiſe, das Schiff ſoll ſobald als mög⸗ lich in Tackel gebracht werden.“ „Ja, ja, Sir— das eben erwarte ich von jedem meiner Schiffe zu allen Zeiten und ganz beſonders, wenn wir auf ein Zuſammentreffen mit dem Feind gefaßt ſeyn müſſen.— Und, hört einmal, Parker“— hier gab er ſeiner Bootsmannſchaft, welche ſich wieder zum Rudern anſchickte, ein Zeichen, inne zu halten— „hört, Parker, ich weiß, daß Ihr Schwarzwildpret liebt: ſo bald ich am Bord bin, will ich Euch ein Stück davon ſchicken, das Galleygo, wie er mir ſagt, am Lande aufgegabelt hat. Wenn man den Burſchen hört, ſo möchte man glauben, er habe alle Hühner⸗ ſtälle in ganz Devonſhire ausgeplündert.“ Sir Gervaiſe winkte mit der Hand, Parker lächelte mit einer dankenden Verbeugung und trotz des kleinen Scharmützels, womit die Unterredung begonnen hatte, ſchieden Beide dennoch in 5* pollkommen freundlichem Einvernehmen mit einander. „Mr. Willamſon,“ ſagte Kapitän Parker zu ſeinem erſten Lieutenant, während er die Fallreepstreppe verließ;„Ihr habt ge⸗ hört, was der Admiral en Chef geſprochen und ſeine Befehle müſ⸗ ſen befolgt werden. Ich glaube zwar nicht, daß der Carnatie, ſelbſt wenn er vorn etwas zu ſchwer iſt, darum aus der Linie 424 gebrochen wäͤre, doch laßt jedenfalls die leeren Fäſſer füllen und legt ihn am Hintertheil um ſechs Zoll tiefer.“ „Iſt doch ein guter Burſche, der alte Parker,“ meinte Sir Gervaiſe, an ſeinen Zahlmeiſter ſich wendend, den er in ſeiner Gutmüthigkeit nach dem Plantagenet mitgenommen hatte, damit er des Weges nicht vergeſſe,„und ich muß mich nur wundern, wie er ſein Schiff auf dieſe Art die Naſe unter's Waſſer ſtecken läßt. Ich habe ihn gern als Zweiten am Spiegel, denn ich weiß gewiß er würde mir folgen und wenn ich geraden Wegs auf Cherbourg losſteuerte. Ja, ja— Parker iſt ein guter Burſche, und Locker“ — hier meinte er ſeinen Kammerdiener, der ſich ebenfalls auf dem Boote befand—„vergiß nicht, ihm zwei von den beſten Schwarz⸗ wildſtücken zu ſchicken. Hel he! he!— was zum Teufel hat Lord Morganic“— dieß war ein Sproͤßling des königlichen Hauſes aus einer morganatiſchen Ehe—„was macht er nur? Sein Schiff ſteht ja aus, wie die Gliederpuppe eines Schneiders, die man erſt mit Jacke und Flitterwerk ausſtaffiren muß.— Heda! Achilles!“ Ein Quartiermeiſter trat bis an die Brüſtung des Hinter⸗ theils vor und entfernte ſich dann wieder, um ſeinem Kapitän, der auf dem Verdeck hin und her ging, zu melden, daß der komman⸗ dirende Admiral das Schiff angerufen habe. Der Earl von Morganie, ein junger Mann von vier und zwanzig Jahren, der kurze Zeit zuvor durch den Tod eines ältern Bruders zu dieſem Titel gelangt war— der gewöhnliche Weg, auf dem ein alter Peer in die brittiſche Marine eingeführt wird, da allerdings für Solche, welche die Ausſicht vor ſich haben, im Sprunge befördert zu werden, den Dienſt von unten auf gar zu entmuthigend iſt— näherte ſich jetzt dem Quarterdeck, verbeugte ſich mit ehrerbietigem Anſtand und ſprach mit einem Selbſtbewußt⸗ ſeyn, wie es keiner von den ältern Befehlshabern der Flotte an den Tag zu legen gewagt haben würde. Im Allgemeinen verrieth der Verkehr dieſes Edelmanns mit denjenigen ſeiner Standesge⸗ —,——— 425 noſſen, welche ihm im militäriſchen Range vorgingen, daß er ſich ſeiner Ueberlegenheit im bürgerlichen recht wohl bewußt war: da übrigens Sir Gervaiſe von einer alten Familie abſtammte und eben ſo reich wie er ſelbſt war, ſo pflegte er dem Viceadmiral weit größere Ehrerbietung als den übrigen Kommandanten zu erweiſen. Sein Schiff war voll von Nobs“ wie man in der engliſchen Marine die Söhne und Verwandten des hohen Adels zu nennen pflegt, und es war bei dieſen Herren keineswegs ungewöhnlich, ſich bei Tiſche ſogar auf Koſten von Flaggenoffizieren luſtig zu machen, wenn ſie von ihnen glaubten, daß ſie jenes verfeinerten Ehrge⸗ fühles ermangelten, das, wie man mit vollem Rechte annimmt, eine ſolche höhere Stellung in der Geſellſchaft bezeichnen ſollte. „Guten Morgen, Sir Gervaiſe,“ begann der adelige Kapitän in munterem Tone;„ich bin ſehr erfreut, Euch nach unſerer langen Kreuz⸗ fahrt in der Bai ſo wohl ausſehend zu finden. Ich wollte mir heute Morgen die Ehre nehmen, mich perſönlich nach Eurem Befinden zu erkundigen; man ſagte mir aber, Ihr hättet die Nacht außerhalb Eures Schiffes zugebracht. Wir werden wohl noch ein Kriegsgericht über Euch halten müſſen, Sir, wenn Ihr Euch noch oft dieſer Gewohn⸗ heit hingebt!“ Alle, welche dieß mit anhörten, ſogar die rauhen, alten Theerjacken, die rittlings auf den Raaen ſaßen, mußten lachen und ſelbſt Sir Gervaiſe's Lippe verzog ſich ein wenig, obwohl er nicht eben zu Scherzen aufgelegt war. „Nun, nun, Morganie, laßt mir nur meine Gewohnheiten und ſeht Euch lieber nach Eurer eigenen Vorſtenge um. Sagt mir, bei aller Seemannskunde, warum iſt dieſe Spiere auf eine Art vorwäͤrts geſtaut, daß ſie dem Fockmaſt einer Schebecke ähnlich ſieht?“ „Gefällt's Euch nicht, Sir Gervaiſe? Nun ſeht, uns allen hier am Bord kommt es vor, als ob dieß dem Achilles ein ausnehmend kluges Ausſehen gebe und wir hoffen, daß es noch Mode werden * Nobles— Adelige. K. u. 426 wird. Wenn wir dann die Oberſegel etwas vorwärts ſtellen, Sir, ſo können wir, wie Ihr wißt, unſer Schiff auch bei ſtürmiſcher See recht gut herumbringen.“ „In der That, davon weiß ich bis jetzt nichts, mein Lord. Was Ihr gewinnt, wenn Ihr back genommen werdet, das verliert Ihr wieder, ſobald Ihr in den Wind kommt. Wenn ich eine Wage hätte, die zu ſolchem Zwecke taugte, ſo würde ich all' das Tau⸗ werk, das Ihr dort drüben über Eurem Buge auf das Ende eines ſo langen Hebels aufgeſtaut habt, abwägen laſſen, damit Ihr einſehen lerntet, welch' ſchöne Erfindung Ihr unter Euch ausgeheckt habt, um ein Schiff gegen die Stürzſee ſtampfen zu laſſen. Hol' mich der Teufel, wenn ich glaube, daß Ihr überhaupt nur beilegen könnt, denn Ihr habt ja ſo viel Zeug da oben, daß es Euch noth⸗ wendig leewärts abtreiben muß! Nur vorwärts, mein Lord, Alles nach vorne— ja Alles, merkts Euch und ſtellt mir den Maſt ſo ſenkrecht als möglich. Es iſt, find' ich, ein hart Stück Arbeit, einen neumodiſchen Kapitän dazu zu bringen, daß er alle Dinge an ihrem Platze läßt.“ „Nun, nun, Sir Gervaiſe, ich denke doch, der Achilles wird ſich ebenſo gut wie die meiſten andern Schiffe ausnehmen, und was ſein Steuern und Arbeiten betrifft, ſo weiß ich nur ſo viel, daß er weder träg noch plump iſt.“ „Er iſt allerdings gut genug, Morganic, wenn man bedenkt, wie viele Bondſtreet⸗Ideen“ unter ſeinen Offizieren herrſchen: eine Stürzſee aber wird er nimmermehr aushalten, ſo lange jene Vorſtenge Eure ritterlichen Häupter bedroht. Macht alſo, daß Euer Maſt, ſobald es angeht, wieder in Ordnung kömmt und wählt den erſten ſchönen Tag, den wir zur See haben, um ohne weitere Einladung eine Suppe bei mir einzunehmen. Ich werde Parker einige Stücke Schwarzwild überſenden: Euch aber will * Zu damaliger Zeit die Straße des vornehmen Adels in London. D. U. — v 8½8 427 ich von Galleygo's Schildkrötenſuppe vorſetzen, die der Burſche, wie Ihr wißt, aus Schweinsköpfen bereitet.“ „Dank Euch, Sir Gervaiſe. Wir wollen verſuchen, die Stenge wieder gerade zu richten, da Ihr's denn doch einmal ſo haben wollt, obwohl ich geſtehen muß, daß ich es ſehr langweilig finde, wenn ich heute wieder Alles ſo antreffen muß, wie ich es geſtern verlaſſen habe.“ „Ja, ja— ſo geht's den Meiſten dieſer St. James⸗Kreuzer,“ fuhr der Viceadmiral fort, während er nach ſeinem Schiffe weiter⸗ ruderte.„Sie häͤtten beinahe einen Modeſchneider nöthig, um ein Kriegsſchiff gerade ſo aufzutackeln, wie ſie ſelbſt aufgetackelt ſind. Da iſt z. B. mein alter Freund und Nachbar, Lord Scupperton; dem fällt's in letzter Zeit ein, ſich eine Yacht zu halten und als nun die neue Brigg in's Waſſer geſetzt wird, läßt er ſich von Lady Scupperton dazu beſtimmen, einen Tapezier aus der Stadt kommen zu laſſen, um die Kajüte hübſch ordentlich auszuſtaffiren. Nachdem dieſer nun das unglückliche Fahrzeug von vorn und hinten beaugen⸗ ſcheinigt, als ob es ein Luſthäuschen wäre, was thut der Tropf — geht her und behauptet: ‚dieſes Gebäude, Mylord, ſollte meiner An⸗ ſicht nach im ländlichen Style eingerichtet werden⸗— der Landſtreicher!“ Dieſe Geſchichte, die eben nicht mehr ſonderlich neu war, da Sir Gerrvaiſe ſie früher ſchon wenigſtens ein Dutzend Mal er⸗ zählt hatte, verſetzte den Admiral gleichwohl in die beſte Laune und ſo fand er denn bei den übrigen Kapitäns Nichts weiter zu bekriteln, bis er ſelbſt den Plantagenet erreicht hatte. „Daly,“ ſo wendete ſich Lord Morganic an ſeinen erſten Lieu⸗ tenant, einen alten erfahrenen Irländer in den Fünfzigen, der immer noch ein gutes Lied zu ſingen, eine gute Anekdote zu er⸗ zählen und— was allerdings neben den beiden kaum erwähnten Vor⸗ zügen ziemlich außergewöhnlich war— auch ein Schiff nicht minder gut zu lenken wußte—„Daly, ich denke, wir müſſen dem alten Herrn ſchon den Gefallen thun, ſonſt ſchickt er mich in Quaran⸗ 428 täne, und das würde mir gerade am Vorabend einer Hauptaktion eben nicht ſonderlich behagen; ſo wollen wir es alſo vorn etwas leichter machen und die Stengen wieder rückwärts richten. Ich will mich hängen laſſen, wenn ich glaube, daß er es ausfindig machen würde, wenn wir's nicht thäten— ſo lange wir nämlich todt in ſeinem Kiel⸗ waſſer ſegeln.“ „Das wäre bei Sir Jarvy nicht ſehr gut angebracht, Mylord, denn er hat ein wunderbar ſcharfes Auge auf alle Taue! wäre es Admiral Blue,— ja, da wollt ich wetten, daß ich den Beſanmaſt in den Kielraum ſtauen“ und dennoch eine ganze Woche lang in ſeiner Geſellſchaft ſegeln wollte, ohne daß auch nur der geringſte Lärm wegen dieſer Neuerung entſtünde: höchſtens daß er uns einmal anriefe und fragte: ‚was das für eine Brigg ſey? Bei dem andern Admiral aber möchte ich keinen von dieſen Streichen verſuchen, denn jedes Beſchlagſeiſing, das nicht ganz haarſcharf angezogen iſt, entdeckt er gewiß eben ſo bald als der Scharfſichtigſte von uns Allen. So will ich mich denn ernſtlich an mein Geſchäft machen; laßt den Zimmermann mit ſeinem Bleiloth heraufkommen und bald ſoll Alles ſo ſtraff und bolzgerade wie ein Grenadier daſtehen!“ Lord Morganie lachte wie er gewoͤhnlich that, wenn ſein Lieute⸗ nant witzig zu ſeyn beliebte, und alsbald war die Laune, welche ihn zur Aenderung des Maſtenſtandes verleitet, ſo wie der Befehl, der dieſe Anordnung widerrufen hatte— rein vergeſſen. Sir Gervaiſe's Ankunft auf ſeinem eigenen Schiffe war jeder⸗ zeit ein Ereigniß auf der Flotte, auch wenn ſeine Abweſenheit nicht länger als vier und zwanzig Stunden gedauert hatte. Die Wirkung war dann gewöhnlich die nämliche, wie bei einem Ge⸗ ſpanne feuriger Roſſe, wenn ſie gewahr werden, daß ein erfahrener, muthiger Lenker die Zügel in Händen hat. „Guten Morgen, Greenly— guten Morgen euch Allen, ihr Herren,“ ſo rief der Viceadmiral und verbeugte ſich rings auf dem * d. h. kappen, ſo daß aus der Fregatte ein Zweimaſter würde. D. U. 42²9 Ouarterdeck zum Dank für das„Präſentirt's Gewehr,“ das Raſſeln der Trommeln und das Abnehmen der Hüte, womit ſeine Ankunft gefeiert wurde;„ein ſchöner Tag heute und es hat allen Anſchein, als ob wir eine friſche Briſe bekommen ſollten. Kapitän Greenly, Eure Sprietraa muß beſſer gegen die Topenants geviert werden, und Ihr, Bunting, gebt dem Thunderer ein Signal, daß er ſeine Vorraa ſobald als möglich an ihre Stelle bringt. Statt ſie ganz einfach zu wangen,“* behilft er ſich noch immer damit, während er längſt eine neue dafür hätte einſetzen ſellan.— Sind Eure Boote alle am Bord, Greenly?“— „Alle— bis auf Eure eigene Barke, Sir Gervaiſe, und dieſe wird ſo eben eingehackt.“ „Herein damit, Sir; und dann gelichtet und fortgeſteuert. Monſieur de Vervillin hat Böſes mit uns im Sinne, ihr Herren; ſo wollen wir denn hinaus und ihm den Kopf zurecht ſetzen.“ Dieſe Befehle wurden unverzüglich befolgt; da übrigens die Art und Weiſe, wie der Plantagenet die Flotte verließ und an der Spitze der Uebrigen in die See hinauszog, ſchon oben erzählt wurde, ſo iſt eine Wiederholung hier ziemlich unnöthig. Das ge⸗ wöhnliche Getümmel, die übliche, methodiſche Verwirrung, das Schrillen der Bootmannspfeife, das Krachen der Blöcke und das Schwingen der Raaen— Alles war auch dießmal gerade ſo wie ſonſt, bis die Schiffe erſt einmal ganz in Bewegung waren. So wie die Briſe ſtärker wehte, wurden, wie ſchon oben erzählt, die Segel verkürzt. Als endlich das vorderſte Schiff zehn Meilen weit in See war, ſtanden auch alle andern unter kurzen Segeln und jetzt erſt gewann es den Anſchein, als ob eine windige, finſtere Nacht hereinbrechen wollte. Natürlicherweiſe hatte jeder Verkehr zwiſchen dem Plantagenet und den noch vor Anker liegenden Schiffen ſchon längſt aufgehört; * Als unnütz wegwerfen, das Nämliche, was bei dem Anker das ‚Fiſchene genannt wird. D. U. 430 Sir Gervaiſe hätte zwar ſeine Signale durch die Schiffslinie rück⸗ wärts befördern können, doch mochte er nicht zu dieſem Hülfsmittel ſeine Zuflucht nehmen, indem er ſchon vollkommen beruhigt war, wenn Bluewater um ſeine Plane wußte, da er gegen die Bereit⸗ willigkeit ſeines Freundes, ihn zu unterſtützen, auch nicht den ge⸗ ringſten Zweifel hegte. Um das, was etwa hinter dem Spiegel vorgehen mochte, be⸗ kümmerte man ſich auf dem Plantagenet nur ſehr wenig. Zwar ſah ein Jeder, ſo lange man überhaupt die Bewegungen noch von der Rhede aus beobachten konnte— daß Schiff auf Schiff in ſchönſter Ord⸗ nung abſegelte. Jetzt aber war das Hauptintereſſe aller Neugierigen auf den Horizont im Süden und Oſten gerichtet. Dort in jenem Theile des Kanals hoffte man auf die Franzoſen zu ſtoßen, denn die Urſache ihres plötzlichen Aufbruchs war für Niemand in der Flotte ein Geheimniß mehr. Ein Dutzend der beſten Ausgucker auf dem Schiff mußten den ganzen Nachmittag in der Höhe bleiben und Kapitän Greenly ſelbſt ſaß gerade gegen Sonnenuntergang wohl länger als eine Stunde mit dem Glas in der Hand auf den vorderen Kreuzhölzern, um den Horizont zu betrachten. Man entdeckte zwar zwei bis drei Segel, doch waren es nur engliſche Küſtenfahrer aus Guernſey oder Jerſey, in einen von den weſtlichen Häfen von England beſtimmt und höchſt wahrſchein⸗ lich mit verbotenen Artikeln aus dem Lande des Feindes beladen. Wie groß auch der Widerwille des Engländers gegen den Franzoſen ſeyn mag— gegen die Handarbeiten des Letzteren zeigt der Britte keine Spur des genannten Widerwillens und ſeit die Civiliſation im Gefolge der übrigen Künſte auch die Kunſt des Schmuggelns eingeführt hat, iſt wohl keine Periode zu nennen, wo nicht franzöſiſche Liqueure, Spitzen und Seidenſtoffe gegen eng⸗ liſchen Taback und engliſche Guineen im Weg der Contrebande, im Kriege wie im Frieden, eingetauſcht worden wären. Es war einer von Sir Gervaiſe Oakes beſonderen Charakter⸗ 431 zügen, daß er alle kleinlichen Mittel der Plackerei verachtete und gewöhnlich ſogar den kleinſten Abſtecher verſchmaͤhte, wenn er auf einen Schmuggler hätte Jagd machen können. Fiſcher beläſtigte er über⸗ haupt niemals und führte den Seekrieg überhaupt auf eine Weiſe, daß manche ſeiner Nachfolger in jetziger Zeit ſich ein vortheilhaftes Beiſpiel an dieſem Vorgange aus dem verfloſſenen Jahrhunderte nehmen könnten. Aehnlich jenem hochſinnigen Irländer Caldwell,“ der zu Anfang der Revolution die Blocade in der Cheſapeakebay mit ſolcher Freiſinnigkeit betrieb, daß ihm ſeine Feinde alles Ernſtes eine Einladung zu einem öffentlichen Gaſtmahle überſchickten— wußte auch Sir Gervaiſe zwiſchen Streitern und Nichtſtreitern wohl zu unterſcheiden und verachtete von ganzem Herzen all' jene geld⸗ einbringenden Nebendienſte, obgleich ſchon große Summen, aber bloß als zufällige Gottesgaben, auf dieſe Art in ſeine Hände ge⸗ langt waren. So wurde alſo von Allem, was nicht ein kriegeriſches Aus⸗ ſehen zeigte, auch nicht die mindeſte Notiz genommen und der alte, ſtolze Plantagenet ſteuerte kühn der franzöſiſchen Küſte entgegen, gerade wie die Bulldogge mit Verachtung an dem Wachtelhündchen vorübereilt, um ſich mit einem anderen Thiere zu meſſen, das an Größe, Muth und Stärke ſeiner würdiger iſt als jenes. „Noch nichts von ihnen wahrgenommen— he! Greenly?“ fragte Sir Gervaiſe, als der Kapitän in Folge der einbrechenden Dunkelheit von ſeinem Sitze auf den Kreuzhölzern herabkam, ge⸗ folgt von einem halben Dutzend junger Lieutenants und Kadetten, die als Freiwillige mit ihm oben geweſen waren. Nun, wir wiſſen wenigſtens, daß ſie noch nicht weſtlich von uns ſeyn können und wenn wir ſo fortſegeln, ſo ſind wir gewiß, daß wir in den nächſten „ Der Verfaſſer müßte ſich ſehr irren, oder dieſer edelgeſinnte Seemann wan der verſtorbene Admiral Sir Benjamin Caldwell. Es iſt wohl kaum nöthig, beizufügen, daß jene Einladung, wenn auch noch ſo ernſtlich gemeint, doch niemals angenommen werden konnte. 43²2 ſechs Monaten ſicherlich auf ſie ſtoßen werden.— Wie ſchön ſich all' die Schiffe ausnehmen— ſeht nur, wie ſie ſo haarſcharf hinter einander drein ſegeln, als ob Bluewater in eigener Perſon auf jedem derſelben ſtünde und ſeine Bewegungen beobachtete!“ „Ja, Sir, ſie halten ungewöhnlich gut Linie, wenn man vollends bedenkt, wie die Fluth ſtrichweiſe in den Kanal hereinſtrömt. Ich wenigſtens glaube, wenn wir eine Hängematte über Bord fallen ließen— der Carnatie würde ſie auffangen, obgleich er volle vier Meilen hinter uns ſeyn muß.“ „Ja, dazu iſt der alte Parker eben der rechte Mann! Ich wette, er kommt nie aus der Linie! Wäre es Lord Morganie auf ſeinem Achilles— den könnte ich freilich eher erwarten, an unſerem Wetterbord hier, oder auch dort drüben auf unſerer Leeſeite, vor⸗ überkommen zu ſehen, und waͤre es auch nur, um uns zu zeigen, wie uns ſein Schiff aus dem Wind zu beißen vermag, wenn er's verſucht, oder damit wir einſehen lernen, wie er abfällt, wenn er uns nicht gerade beißen will.“ „Trotz deſſen iſt aber Mylord ein braver Offizier und für ſeine Jahre gar kein übler Seemann, Sir Gervaiſe,“ bemerkte Greenly, der gewöhnlich für jeden Abweſenden Partei nahm, ſo oft ſein Vorgeſetzter über einen ſeiner Kameraden loszuziehen geneigt ſchien. „Ich läugne keines von beiden, Greenly, am wenigſten das Erſtere. Ich weiß recht wohl, wenn ich Morganiec das Signal gäbe, nach Breſt hineinzurennen— er würde es thun; ob er aber mit der Giekſegelſtenge— oder mit dem Klüverbaum“ zuerſt hinein käme, das könnte ich Euch nicht vorher ſagen, bis ich es ſelber ſähe. Nun ſeyd Ihr zwar ſelbſt noch ein junger Mann, Greenly——⸗ „Oho, Sir Gervaiſe, Acht und dreißig und einige Monate drüber; ich mache mir nichts daraus, wenn's auch die Damen erfahren.“ * Der Klüverbaum iſt der vorder ſte, die Giekſegelſtenge die hinterſte Stenge des Schiffs. D. U. 433 „Pah! ſie lieben uns alte Burſche manchmal ebenſo gut, wie ſie Knaben lieben. Ihr ſeyd übrigens in einem Alter, wo Ihr den Einfluß der Zeit noch nicht in Eurem Marke ſpürt und doch viel⸗ leicht die Thorheit ſo mancher unſerer altmodiſchen Anſichten ein⸗ ſehen werdet, während Ihr wahrſcheinlich viel ſchwerer die Abge⸗ ſchmacktheit von Gewohnheiten erkennt, die mit Euch ſelber auf⸗ gewachſen ſind. Nichts iſt alberner, als mit den wohlerprobten und ſchon längſt feſtſtehenden Grundſätzen unſerer Kunſt neue Ver⸗ ſuche anſtellen zu wollen. Unſere Schiffe ſind Maſch inen, Greenly, und haben eben ſo gut ihre Geſetze wie die Planeten am Himmel. Der Grundgedanke geht von einem Fiſche aus— Kopf, Piek“ und Steuer; wir haben alſo nichts weiter zu thun, als die Fiſche zu ſtudiren, um diejenige Art von Schiffen herauszukriegen, wie wir ſie brauchen. Bedürft Ihr einer großen Maſſe, ſo nehmt den Wallfiſch— da habt Ihr runden Boden, volles Vordertheil und reines Piek. Iſt's Euch dagegen um Schnelligkeit zu thun, ſo habt Ihr Muſter in Menge— da iſt zum Beiſpiel der Delphin— bei ihm findet Ihr einen Vorbug, geformt wie eine Maſtenkeule, ein ſchmales Vordertheil und ein Piek, ſo ſauber wie die Decks dieſes Schiffes. Da gibt es aber manche unter unſern jungen Kapitäns, die dem Delphin gerne das Segeln niederlegen möchten, wenn ſie nur ſo lange unter dem Waſſer athmen könnten, bis ſie die armen Teufel erreicht hätten. Nun denkt Euch einmal dieſe Tollheit! Setzt den Fall, der erſte Lord der Admiralität gäbe einem ſeiner Vettern eine Fregatte, welche ſo zu ſagen nach der Natur ſelbſt gebaut iſt und einen Boden hat, der eine Forelle beſchämen könnte. Nun ſeht— eines der erſten Geſchäfte, das der Junge vornimmt, nachdem er an Bord geſtiegen, iſt— ſeine Gaffel zu verlängern, vielleicht ein oder zwei Segel am Beſanmaſt außzuziehen(was er dann einen Spanker nennt) und das Piek zu verſetzen, bis es gleich einem Meilenzeiger über dem Hackbord hervorragt— dann geht er a2 So nennt man den hinterſten Raum im Schiff. 1 SD. u. Die beiden Admirale. 2. Aufl. 28 mit dem Winde dahin, das Steuerruder hart auf und ruͤhmt ſich noch, welch' dauerhaftes Fahrzeug er habe und wie ſchwer es ſey, daſſelbe auch nur leerwärts ſehen zu laſſen.“ „Ja, ja, Sir Gervaiſe, ich muß geſtehen, ſolche Seeleute habe ich ſchon gekannt, doch die Zeit heilt auch dieſe Thorheit.“ „Hoffentlich, denn was würde man wohl von einem Fiſche denken, den die Natur mit einem Schweif verſehen hätte, der in die Quere ſtatt in die Länge ausliefe— ein Geſchöpf, das unter ſeinen Leekiemen eine Floſſe gleich einem Schwerdte“ führen müßte, um nicht todt vor dem Winde abzufallen!“ Hier lachte Sir Gervaiſe herzlich über das Gemälde des un⸗ geſtalteten Geſchöpfes, welches ſeine eigene Phantaſie geſchaffen hatte; Greenly ſtimmte in dieſe Fröhlichkeit ein, theils um der Son⸗ derbarkeit der Idee willen, theils aus Ergebenheit gegen den kom⸗ mandirenden Admiral, wie denn die Scherze ſolcher Männer von jeher mit beſonderer Gelehrigkeit aufgenommen worden ſind. Das Gefühl augenblicklichen Unwillens, welches Sir Gervaiſe zu einem ſo kräf⸗ tigen Ausdruck ſeines Widerſtrebens gegen moderne Neuerungsſucht geſteigert hatte, war durch dieſen kleinen Erfolg beſchwichtigt; er lud ſeinen Kapitän— als Erſatz für das Mittagsmahl— zum Abendeſſen ein und verfügte ſich in der beſten Laune von der Welt in ſeine Kajüte hinab, da Galleygo ſo eben gemeldet hatte, daß die Tafel gedeckt ſey. Die Tiſchgenoſſen beſtanden bei dieſer Gelegenheit, außer dem Admirale ſelbſt, blos aus Greenly und Atwood. Das Mahl war eher kernhaft als ausgeſucht; das Tafelgeſchirr aber reich, denn Sir Gerrvaiſe pflegte nur auf Silber zu ſpeiſen. Außer Galleygo ſah man nicht weniger als fünf Diener damit beſchäftigt, für die Bedürfniſſe der Gäſte zu ſorgen. Ein Schiff, von der Größe des Plantagenet, hatte natürlich,. * Ein an der Leeſeite befeſtigtes Brett, beſtimmt, das ſtarke Abfallen des Schiffes zu verhindern. D. U. einen Sturm ausgenommen, für gewöhnlich einen ungemein ſteten Gang und ſo bot alſo die große Kajüte des Admiralſchiffs, nach⸗ dem Lampen und Kerzen angezündet waren und die Geſellſchaft ſich zurecht geſetzt hatte, bei der reichen Ausſtattung des Zimmers, dem drohenden Geſchütze und den ſonſtigen Kriegsgeräthſchaften— ein Gemälde, worin eine gewiſſe rohe Pracht am kenntlichſten hervor⸗ trat. Sir Gervaiſe hielt nicht weniger als drei Bediente in Livree als einen Theil ſeines perſönlichen Haushalts und duldete noch nebenbei Galleygo und ein oder zwei weitere von demſelben Schlage, als eine Huldigung, welche er Neptun darbringen zu müſſen glaubte. Da die Sachlage für Keinen von der Geſellſchaft etwas Neues hatte und die Tagesarbeit ſtreng geweſen war, ſo wurden die erſten zwanzig Minuten mit großem Eifer der ‚Erholung' gewidmet, wie es die großen Meiſter in der Tafelwiſſenſchaft zu nennen pflegen. Nach Ablauf dieſer Zeit begann jedoch der Becher— obwohl nur mäßig— am Tiſche zu kreiſen und mit ihm waren auch die Zungen gelöſt. „Eure Geſundheit, Kapitän Greenly— Atwood, es gilt Euch,“ begann der Viceadmiral, nachdem er ein Glas Xeres geleert hatte, ſeinen beiden Gäſten vertraulich mit dem Kopfe zunickend.„Dieſe ſpaniſchen Weine gehen geraden Wegs in's Herz über, und ich muß mich nur wundern, warum ein Volk, das ſolches Getränk erzeugt, nicht auch beſſere Seemänner hervorbringt.“ „Zu Columbus Zeiten durften ſich die Spanier in dieſer Beziehung wohl auch einigermaßen rühmen, Sir Gervaiſe,“ bemerkte Atwood. „Ja, das iſt aber ſchon lange her und ſie ſind jetzt völlig darüber weg. Ich erkläre mir die Mängel der franzöſiſchen wie der ſpaniſchen Marine ungefähr folgendermaßen, Greenly. Columbus, ſowie die Entdeckung Amerika's brachten Schiffe und Seeleute in die Mode. Aber ein Schiff ohne einen⸗tauglichen Offizier, der es kommandirt, iſt wie ein Leib ohne Seele. Die Mode lockte übrigens die jungen Söhne des Adels zum Seedienſt und die Kapitäns er⸗ . 136 hielten ihre Schiffe, nicht weil ſie etwas vom Seefahren verſtanden, ſondern weil ihre Väter Grafen und Herzoge waren.“ „Iſt unſer Dienſt etwa gänzlich frei von dieſer Art von Be⸗ günſtigung?“ fragte ruhig der Kapitän. „Nichts weniger als das, Greenly; ſonſt wäre Morganie nicht im zwanzigſten, der alte Parker dagegen erſt im fünfzigſten Jahre Kapitän geworden. Bei uns gleiten übrigens die einzelnen Stände doch ſo ziemlich unmerklich in einander über, ſo daß dadurch der Einfluß der Geburt in hohem Grade neutraliſirt wird— nicht wahr, Atwood?“ „Gewiſſe Stände wiſſen es allerdings ſo einzurichten, Sir Ger⸗ vaiſe, daß ſie jedesmal in die beſten Stellen hineingleiten— wenn ich denn doch einmal die Wahrheit ſagen ſoll.“ „Nun, das iſt kühn genug für einen Schotten!“ verſetzte der Viceadmiral in guter Laune.„Seit der Thronbeſteigung des Hauſes Stuart haben wir eine Brücke über den Tweed gebaut, welche die Leute nur in einer Richtung' paſſiren läßt. Ich zweifle durchaus nicht, daß dieſer Sohn des Prätendenten halb Schottland auf ſeinen Ferſen mit ſich bringen wird, um alle diejenigen Poſten auszufüllen, welche ſie für ihre Verdienſte als paſſend erachten. Verſprechungen — nun, ſie gewähren allerdings ein bequemes Mittel, um genoſſene Wohlthaten zu belohnen.“ „Nach Allem, was ich höre, ſcheint dieſe Geſchichte im Nor⸗ den doch ziemlich ernſthaft zu werden,“ meinte Greenly.„Dieß iſt, glaube ich, auch Mr. Atwood's Meinung von der Sache?“ „Man wird ſie allerdings ernſthaft genug finden, wenn Sir Gervaiſe's Anſicht über die Wohlthaten ſich als richtig erweiſen ſollte,“ gab der unerſchütterliche Sekretär zur Antwort.„Schott⸗ land iſt ein kleines Ländchen, dabei aber doch voll kühner Geiſter, ſobald dieſe Gelegenheit finden, ſich zu bewähren.“ „Nun, nun, dieſer Krieg zwiſchen England und Schottland Der ſüdlichen nämlich. D. U. 437 8 i*ſt jedenfalls hier nicht am Platze, da wir es jetzt blos mit Fran⸗ zoſen und Spaniern zu thun haben. Ganz außerordentliche Auf⸗ tritte haben wir drüben am Lande mit einem alten Devonſhirer Baronet gehabt, Greenly, der, während wir in ſeinem Hauſe waren, die Anker lichtete und in die andere Welt davon ſegelte.“ „Magrath hat mir etwas davon erzählt, Sir, auch von dem fill-us null-us“*— Ihr dürft mich hängen laſſen, Sir, wenn ich in den erſten fünf Minuten, nachdem er mir's geſagt, ſein Kau⸗ derwälſch noch ausſprechen konnte.“ „Fillius nullius meint Ihr— Niemands Sohn— habt Ihr denn Euer Latein ganz vergeſſen, Mann?“ „Meiner Treu, Sir Gervaiſe, ich hatte nie welches zu ver⸗ geſſen. Mein Vater war vor mir Kapitän auf einem Linienſchiff und führte mich von meinem fünften Jahre bis zu ſeinem Todes⸗ tage unausgeſetzt auf der Flotte mit ſich herum. Latein gehörte nicht zu meiner Löffelſpeiſe.“ „Ja, ja, mein guter Junge, ich kannte Euren Vater und war bei der Affaire, in welcher er fiel, nur drei Schiffe von ihm entfernt,“ erwiederte der Viceadmiral freundlich.„Bluewater war gerade noch vor ihm und wir alle liebten ihn wie einen älteren Bruder. Ihr waret damals noch nicht Lieutenant?“ „Nein, Sir— ich war blos Kadet und gerade an jenem Tage nicht am Bord ſeines Schiffes,“ antwortete Greenly, ſichtlich ge⸗ rührt von dem Lobe, welches der Admiral den Verdienſten ſeines Vaters geſpendet hatte;„nichts deſto weniger war ich alt genug, um mich jetzt noch zu erinnern, wie edel Ihr Euch Alle bei jener Veranlaſſung benommen. Nun“— hier wiſchte er unbemerkt eine Thräne aus den Augen—„das Latein mag für einen Schul⸗ * Hier nimmt der Verfaſſer wieder Veranlaſſung zu einem Wortſviel. So wie Greenly die lateiniſchen Worte ausſpricht, lauten ſie nämlich wie engliſche und bedeuten:„fülle uns, vernichte uns.“ 4 D. U. meiſter recht gut ſeyn, am Bord eines Schiffes aber iſt es nur von geringem Nutzen. Unter all' meinen alten Freunden und Bekann⸗ ten hatte ich nur einen einzigen Gelehrten.“ ⸗ „Und wer war der, Greenly? Ihr ſolltet die Gelehrſamteit darum doch nicht verachten, weil Ihr ſelbſt nichts davon verſteht. Euer Freund war doch gewiß um kein Haar ſchlimmer, trotz dem, daß er ein wenig Latein gelernt hatte,— und wäre es auch Bei⸗ ſpielshalber nur ſo viel, um nullus, nulla, nullum zu decliniren. — Nun wer war dieſer Freund, Greenly?“ „John Bluewater— der hübſche Jack, wie er genannt wurde, der jüngere Bruder unſeres Admirals. Sie ſchickten ihn auf die See, um ihm eine gewiſſe Liebesgeſchichte aus dem Sinne zu bringen und Ihr erinnert Euch vielleicht noch, daß, während er bei dem Admiral oder wie er damals noch genannt wurde— Kapitän Bluewater war, ich ſelbſt die Stelle eines Lieutenants bekleidete. Trotz dem, daß der arme Jack Soldat war, in der Garde diente, und vier oder fünf Jahre mehr zählte, als ich, fand er doch großen Gefallen an mir und wir wurden die vertrauteſten Freunde. Er verſtand ſich beſſer auf's Latein, als auf ſeine eigenen Intereſſen.“ „Warum das?— Was that er denn eigentlich? Bluewater war gerade über dieſen Bruder nie ſehr mittheilſam gegen mich.“ „Eine heimliche Heirath war mit im Spiel— eigenſinnige Vormünder und andere Hinderniſſe wie gewöhnlich. Mitten in die⸗ ſem Wirrwarr ſiel der arme John, wie Ihr wißt, in der Schlacht und ſeine Wittwe folgte ihm einen oder zwei Monate ſpäter in's Grab. Es war im Ganzen eine traurige Geſchichte und ich ſuche ſo ſelten als möglich daran zu denken.“ 2„Eine heimliche Heirath!“ wiederholte Sir Gervaiſe langſam. „Wiß Ihr das gewiß, Greenly? Ich glaube, Bluewater hat nie etwas von dieſem Umſtande erfahren; wenigſtens hörte ich ihn nie darauf anſpielen. Sollte er irgend Nachkommenſchaft hinter⸗ laſſen haben?“ 439 „Niemand kann die Sache beſſer wiſſen, als ich ſelbſt, denn ich half die Dame entführen und war bei der Trauung zugegen. So viel iſt mir bekannt. Was die Nachkommenſchaft betrifft, ſo ſollte ich faſt meinen, es ſey keine vorhanden geweſen, obgleich der Obriſt nach der Trauung noch ein ganzes Jahr lebte. Wie weit der Admiral mit all dieſen Umſtänden bekannt ſeyn mag, kann ich nicht ſagen, da man doch ſeinem kommandirenden ffizier die nähern Details über die heimliche Heirath eines verſtorbenen Bruders nicht gerade gerne anvertraut.“ „Ich bin nur froh, Greenly, daß keine Nachkommenſchaft übrig geblieben: beſondere Umſtände machen, daß ich mich ſehr darob freue. Laßt uns übrigens zu einem andern Gegenſtande übergehen: dieſe Familienunfälle machen einen ordentlich melancholiſch und ein melancholiſches Eſſen iſt ſo gut wie Undank gegen Den, der es be⸗ ſcheert hat.“ Die Unterhaltung wurde nun allgemein und endigte noch ziem⸗ lich frühe— zugleich mit dem Mahle. Nachdem die Zecher die ge⸗ wöhnliche Zeit beiſammen geſeſſen, zogen ſich die beiden Gäſte zurück. Sir Gervaiſe ging ſofort abermals auf das Verdeck, wo er noch eine Stunde lang auf der Hütte auf und ab ging und mit aller Anſtrengung vorwärts hinaus ſchaute, ob nicht etwa eines der franzöſiſchen Signale zu bemerken wäre; da jedoch nichts der Art entdeckt werden konnte, ſo ſuchte auch er endlich aus reiner Ermüdung bereitwillig das Lager. Bevor er übrigens dieſes that, verſäumte er nicht, die nöthigen Befehle zu ertheilen; beſonders ſchärfte er ein und wiederholte nicht weniger als viermal: daß man ihn au⸗ genblicklich rufen ſollte, ſo bald ſich etwas Ungewöhnliches ereig⸗ nen ſollte. 8 Einundzwanzigſtes Kapitel. Roll nur, Du tiefer, blauer Oeean— roll Spurlos zehntauſend Flotten auf Dir zogen; Zerſtörung übt der Menſch am Land! ſein Groll— Am Strande hört er auf— denn auf den Wogen Sind alle Wracks Dein Werk. Byron. Es war ſchon heller Tag, als Sir Gervaiſe Oakes auf dem Verdecke erſchien. Da die Scene, die ſich hier ſeinem Blicke dar⸗ bot, ſo wie die Eindrücke, welche ſie in ſeiner Seele zurückließ⸗ am Beſten geeignet ſind, unſere Leſer mit dem Stande der Dinge, wie er ſechs Stunden nach Verfluß des im letzten Kapitel erwähnten Zeitabſchnitts beſchaffen war, bekannt zu machen, ſo wollen wir ihnen dieſe Eindrücke in aller Kürze ſchildern. Der Sturm war jetzt eben im beſten Toben, obwohl die Jahreszeit ihn weniger fühlbar machte, als dieß ſonſt bei Winter⸗ ſtürmen der Fall iſt. Die Luft war ſogar mild und noch immer mit dem eigenthümlichen Seegeruche erfüllt, doch fegte ſie auch auf Augenblicke mit ſolcher Wuth quer über die Schaumſchichten dahin, daß ſie ganze Gipfel der höchſten Wogen meilenweit als Giſcht umherzuſtreuen drohte. Selbſt die Waſſervögel ſchienen in den Augenblicken, wo der Sturm am heftigſten wüthete, erſchreckt zu ſeyn, ſchwenkten ſich plötzlich mit ihren Flügeln und ſtürzten ſich in die See unter ihnen, um dort gegen die Wuth des zweiten Elements, dem ſie eigentlich angehörten, Schutz zu ſuchen. Doch ſah Sir Gervaiſe immer noch, wie ſeine Flotte mann⸗ haft gegen die tobende Fluth ankämpfte. Die Schiffe hatten alle die gleiche Leinwand entfaltet, nämlich ein gerefftes Fockſegel, ein kleines, dreieckiges Stück feſten, ſchweren Segeltuchs, das zwiſchen dem Ende des Bugſpriets und dem Top der Vorſtenge befeſtigt war; 441 ein ähnliches Segel oberhalb des Quarterdecks zwiſchen dem Haupt⸗ und Beſanmaſte und zuletzt noch das enggereffte große Marsſegel. Schon mehrere Male an dieſem Morgen hatte Kapitän Greenly geglaubt, er würde dem Winde wohl eine noch geringere Fläche darbieten müſſen, als dieß mit dem zuletzt genannten Segel ge⸗ ſchah. Da es übrigens das beſte Mittel darbot, um das Schiff in ſtetigem Laufe und unter der Einwirkung des Steuerruders zu erhalten, ſo hatte er den Befehl dazu jedesmal wieder aufgeſchoben, bis er ſich jetzt zu fragen begann, ob es wohl noch enger gerefft werden könnte, ohne daß die Leute, welche er zu dieſem Dienſte hinaufſchicken mußte, zu großer Gefahr ausgeſetzt würden. So hatte er endlich beſchloſſen, daſſelbe ſtehen oder auch vom Sturme niederblaſen zu laſſen, wie das Schickſal es eben fügen würde. Aus ähnlichen Gründen blieben auch all die anderen Schiffe genau unter denſelben Segeln wie der Plantagenet. Für den Fall, daß das Wetter eine Trennung der Flotte befürchten ließe, hatte dieſe, noch ehe ſie von ihrem Ankerplatze aufgebrochen war, Befehl erhalten, bis auf die gewöhnliche Segel⸗ diſtanz aufzuſchließen, und demgemäß waren ſämmliche Schiffe von des Viceadmirals Diviſion während der Nacht näher zuſammen⸗ gerückt. Die hinteren Schiffe waren deßhalb auch mit ſtraff geſpannten Segeln nachgeſteuert, nachdem die vorderen ſchon längſt ihre Lein⸗ wand vermindert und ihren Lauf dadurch verkürzt hatten. Die Segelordnung war folgende: an der Spitze zog der Plan⸗ tagenet, ihm folgte der Carnatic, dieſem der Achilles, der Thunderer, Blenheim und Warſpite— alle in der hier angegebenen Ordnung; nur waren bei Nacht einige Aenderungen getroffen worden, um die Schiffe der Diviſion nach der ihnen angewieſenen Kampfſtellung in eine Linie nach vorn zu bringen, ſo daß der Viceadmiral den Zug eröffnete. Dabei war übrigens die Ueberlegenheit des Platagenet im Segeln nicht zu verkennen; der Carnatie allein, und dieſer nur in Folge der ſorgſamſten Ueberwachung, war im Stande, ſich 442 buchſtäblich im Kielwaſſer des commandirenden Admirals zu erhalten; alle übrigen Fahrzeuge waren allmählig, doch beinahe unmerklich, etwas leewärts von den beiden erſten gerathen. Sir Gervaiſe bemerkte dieſen Unterſchied im erſten Augen⸗ blick, ſo wie er den Fuß auf die Kampanje ſetzte, wo Greenly be⸗ reits zugegen war, um ſich mit angeſtrengter Sorgfalt nach der Beſchaffenheit der Witterung, ſo wie nach dem Zuſtande ſeines Schiffes umzuſehen, indem er ſich an den Spankerbaum lehnte, um bei der Wuth des Sturmes einen feſten Standpunkt zu gewin⸗ nen. Der Viceadmiral ſuchte ſeine eigene, wohlgebaute, gedrungene Geſtalt durch das Ausſpreitzen der Beine, ſo gut es ging, feſt⸗ zubraſſen, und richtete dann ſein hübſches, aber wetterzerſchlagenes Geſicht auf die Maſtenlinie; er muſterte ein Schiff nach dem an⸗ dern, wie ſie ſich, im Winde überliegend, einherwälzten und mit ihren Bügen ganze Berge von Schaum zu beiden Seiten aus⸗ einanderſchoben, während ihre Maſten kleine Bogen in der Luft beſchrieben und der Rumpf bald windwärts rollte, bald auf die Seite überhellte, als ob er mit Gewalt ſeinen Pfad durch den Ocean bohren wollte. Galleygo, der ſich bei einem Sturme niemals als Schiffs⸗ hofmeiſter betrachtete, war außer dem Admiral und Kapitän die einzige Perſon auf der Campanje, wo er mit einer Art unverjähr⸗ baren Rechtes nach Belieben Zutritt fand. „Brav gemacht, alter Planter!“ rief Sir Gervaiſe freudig, ſobald ſein Blick die Haupteigenthümlichkeiten der Scene über⸗ flogen hatte.„Ihr ſeht, Greenly, alle Andere, bis auf den alten Parker, ſind leewärts gerathen, und auch ihm wäre wohl das Nämliche begegnet, wenn er ſich nicht lieber jeden Bolzen aus den Carnatic ausreißen ließe, ehe er ſein Fahrwaſſer verlöre. Da ſeh' einer'mal unſern Maſter Morganic— er hat ſein großes Segel eng gerefft, um den Achilles in ſeine Stelle zu luven und ich garantire euch dafür, er wird in dieſem einzigen Sturme mehr an 443 ſeinem Schiffe abnützen als ein Anderer in ſechs Monaten zu thun im Stande wäre. Er lockert die Kniehölzer und zerrt an den Spieren, als ob es lauter Peitſchenſtiele wären— und Alles das der neuen Mode zu lieb, welche einen engliſchen Zweidecker gleich einer algieriſchen Schebecke auftakelt. Nun, wenn er einmal in die Poſſe vernarrt iſt, ſo laßt ihn in Gottes Namen ſeinen Weg nach der Bondſtreetmode ſuchen.— Was iſt aber aus der Chloe geworden, Greenly?“ „Hier iſt ſie, Sir, gerade eine Meile von unſerem Leebug entfernt, dem Befehle gemäß auslugend.“ „Ja, ja, das iſt das rechte Geſchäft für ſie und ſie wird es auch pünktlich verrichten— von dem Driver aber iſt nirgends etwas zu ſehen.“ „Er iſt todt* nach vorwärts, Sir,“ antwortete Greenly lächelnd!„denn ſeine Aufgabe iſt auch viel ſchwieriger auszuführen. Seine Stelle wäre eigentlich windwärts dort draußen eine halbe Meile vor uns; doch iſt es nicht leicht, Sir Gervaiſe, in jene Lage zu gelangen, wenn's dem Plantagenet ein rechter Ernſt iſt.“ Sir Gervaiſe lachte, rieb ſich die Hände und wendete ſich dann ſeitwärts, um ſich nach dem einzigen noch übrigen Fahrzeuge der Diviſion— dem Active umzuſchauen. Der kleine Kutter tanzte, obwohl er die halbe Zeit unter Waſſer war, luſtig über die Wogen, und hielt ſich mit breit entfaltetem Hauptſegel an des Admirals Leebug; er hatte alle Oberſegel eingehißt und fand es deßhalb bei ſeinem niederen Rumpfe nicht ſonderlich ſchwer, ſich in dieſer Stellung zu behaupten. Nachdem dieſer Ueberblick vollendet war, richtete der Admiral ſeinen Blick aufwärts nach den Segeln und Spieren des Plantagenet, welche er nun eifrig zu muſtern begann. „Noch keine Anzeigen von de Vervillin— he, Greenly!“ * Ein Schiff iſt todt, wenn es ſo vom Winde abgefallen iſt, daß der⸗ ſelbe keine Wirkung mehr auf daſſelbe ausübt. D. U. fragte der Admiral, als die Muſterung der ganzen Flotte beendigt war.„Ich hatte gehofft, wenn das Tageslicht wiederkehrte, würden wir etwas von ihm zu ſehen bekommen.“ „Vielleicht iſt es auch ſo ganz gut, wie es jetzt iſt, Sir Gervaiſe,“ erwiederte der Kapitän.„Bei dieſem Sturm könnten wir ohnedieß faſt nichts anderes thun, als einander anſehen, und dann ſollte Admiral Bluewater erſt zu uns geſtoßen ſeyn, ehe ich mir ſogar nur ſoviel wünſchte.“ „Meint Ihr wirklich ſo, Maſter Greenly? Nun ſeht, darin ſeyd Ihr im Irrthum, denn ich würde mich vor ihn hinlegen und wenn ich ganz allein auf dieſem Schiff wäre, nur um zu wiſſen, wo er wohl zu finden ſeyn möchte, wenn uns das Wetter einmal erlaubt, ein Wörtchen mit ihm zu ſprechen.“ Noch hatte er ſeine Rede nicht vollendet, als der Aus gucker auf den vorderen Kreuzhölzern, ſo ſtark er konnte, ausrief: „Segel— ho!“ Im nächſten Augenblicke feuerte die Chloe eine Kanone ab, deren Knall mitten unter dem Brüllen des Sturmes gerade noch gehört wurde, während man den Rauch deutlich über den Dünſten des Oceans ſchweben ſah. Nachdem dieß vorüber war, konnte man bemerken, wie ſie auf ihren nackten Kreuzbramſtengentop ein Signal aufſteckte. 2 „Eilt hinab, junger Herr,“ ſprach der Viceadmiral und trat an die Brüſtung der Kampanje, wo er ſich an einen von den Kadetten des Quarterdecks wendete;„eilt hinab und ſagt Mr. Bunting, er möchte heraufkommen: die Chloe gebe uns Signale— ſagt ihm, er brauche nicht erſt nach ſeinen Knieſchnallen zu ſehen.“ Vor hundert Jahren war dieſe letztere Einſchärfung, obgleich ſie noch jetzt auf Schiffen ſehr im Gebrauch iſt, weit buchſtäblicher gemeint, als heut zu Tage, denn damals war der fragliche Artikel bei allen Ständen zu Hauſe, wenn er auch auf der See nicht immerwährend getragen wurde. 445 Der Kadett ſprang übrigens ſogleich die Leiter hinab, ſobald ſein Vorgeſetzter dieſe Worte geſprochen hatte und nach wenigen Minuten erſchien Bunting, welcher gerade auf der Hauptdecksleiter ſtehen geblieben war und ſeinen Rock noch vorher umgeworfen hatte, um die geheiligten Räume des Ouarterdecks nicht gar, mit Hintanſetzung allen Ceremoniells, in Hemdärmeln zu betreten. „Dort ſeht, Bunting,“ ſprach Sir Gervaiſe, während er ſeinem 3 Lieutenant das Glas einhändigte;„zweihundert und ſieben und zwanzig — ‚ein großes Segel nach vorne', wenn ich mich recht erinnere.“ „Nein, Sir Gervaiſe— ‚Schiffe vorn;“ ihre Zahl muß jetzt nachfolgen. Hißt Eure Flagge auf zur Antwort, Quartiermeiſter!“ „Um ſo beſſer! Um ſo beſſer, Bunting! Die Zahl wird folgen? Nun gut, wir wollen der Zahl folgen, mag ſie nun groß oder klein ſeyn. Vorwärts, Mann, ſo ſputet Euch doch mit Eurer Antwortsflagge.“ Das gewöhnliche Zeichen, daß das Signal verſtanden worden ſey, wurde nun an dem Maſte emporgezogen und unverzüglich wieder herabgelaſſen, da man die Flagge auf der Chloe im nämlichen Augenblicke niedergleiten ſah. „Nun wollen wir ſehen, wie viele Segel wir vorne haben,“ meinte Sir Gervaiſe, während er ſelbſt, ſo wie Greenly und Bunting, ſein Glas auf die Fregatte richtete, von wo man jeden Augenblick das nächſte Signal erwartete.„Eilf, beim heiligen Georg!“ „Nein, Sir Gervaiſe,“ rief Greenly,„das weiß ich beſſer. Oben roth, unten blau und der bezeichnende Wimpel unterhalb— nun das macht in unſern Büchern vierzehn!“ „Gut, Sir, und laßt es vierzig ſeyn, ſo wollen wir ihnen jedenfalls näher zu Leibe rücken und ſehen, aus welchem Stoffe ſie gemacht ſind.— Zeigt Eure Antwortsflagge, Bunting, damit wir ſehen, was uns die Chloe ſonſt noch zu ſagen hat.“ Dieß geſchah; die Fregatte ließ eilends ihre Flagen nieder und zeigte ſo bald als möglich neue Signale. „Was nun, Bunting?— was nun, Greenly?“ fragte Sir 446 Gervaiſe, dem eine an die Seite des Schiffs angeprallte Woge ſo viel Schaum ins Geſicht geſpritzt hatte, daß er ſich genöthigt ſah, in demſelben Augenblicke, da er ſo gerne durch das Glas geſchaut hätte, ſein Taſchentuch zu gebrauchen.„Was könnt Ihr wohl jetzt herausbringen, ihr Herren?“ „Ich bringe die Zahl 382 heraus,“ gab Greenly zur Antwort; „was ſie aber bedeutet, das weiß ich nicht.“ „„Fremde Segel, Feinde““ las Bunting aus ſeinem Buch. „Gebt Antwort, Quartiermeiſter.“ „Dazu bedurften wir kaum eines Signals, Greenly, denn hier herum kann uns wohl keine befreundete Macht begegnen und vierzehn Segel an dieſer Küſte haben immer Unheil zu bedeuten.— Was hat die Chloe nun zu melden?“ „„Fremde Segel auf der Backbordſeite, uns entgegenkommend, wie folgt.““ „Bei St. Georg, ſo kreuzen ſie unſern Kurs! Bald werden wir ſie vom Deck aus ſehen können. Haben unſere hinteren Schiffe die Signale bemerkt?“ „Alle zuſammen, Sir Gervaiſe,“ antwortete der Kapitän. „Der Thunderer hat ſo eben ſeine Antwortsflagge herabgelaſſen, während der Active das Signal wiederholt. Noch nie habe ich die Quartiermeiſter ſo flink geſehen!“ „Um ſo beſſer— um ſo beſſer— da kommt ſchon wieder ein neues; paßt auf und merkt es genau!“ Nach der nöthigen Pauſe ſteckte die Chloe ein neues Signal auf, um den Punkt im Kompaſſe zu bezeichnen. „Wie ſteuern ſie, Bunting?“ fragte der Viceadmiral eifrig. „Wie ſteuern ſie, Sir?“ „Nordweſt und bei Nord, glaub ich, Sir. Nein— nein; ich habe mich geirrt, Sir Gervaiſe—'s iſt Nord⸗Nordweſt.“ „ Alſo, wie wir ſelbſt, hart in den Wind geklemmt. Dieſer Sturm kommt geraden Wegs aus dem weiten atlantiſchen Ocean 447 und der eine Theil kreuzt jetzt gegen die nördliche, der andere gegen die ſüdliche Küſte. Wir müſſen uns begegnen, wenn nicht einer von uns Beiden geradezu davon läuft— meint Ihr nicht auch, Greenly?“ „Ganz gewiß, Sir Gervaiſe; nur ſind vierzehn Segel gegen ſieben doch etwas gar zu ungleich.“ „Ihr vergeßt den Driver und den Active, Sir; wir haben neun— neun muthige, kernhafte brittiſche Kreuzer.“ „Nämlich: ſechs Linienſchiffe, eine Fregatte, eine Sloop und einen Kutter,“ verſetzte der Kapitän, indem er auf die beiden letzgenannten Gattungen einen ſtarken Nachdruck legte. „Was ſagt die Chloe weiter, Bunting? daß wir für die Franzoſen ſtark genug ſind, wenn gleich ihrer zwei auf unſer einen kommen?“ „Das nicht gerade, Sir Gervaiſe.„Fünf weitere Segel nach vornen! Sie vermehren ſich raſch, Sir.“ „Nun, auf dieſe Art möchten ſie allerdings zu ſtark für uns werden,“ gab Sir Gervaiſe mit düſterer Faſſung zur Antwort; „neunzehn gegen neun— nein, das iſt doch zu viel. Ich wollte, wir hätten Bluewater hier.“ „Das iſt's gerade, was auch ich ſo eben bemerken wollte, Sir Gervaiſe,“ erwiederte der Kapitän.„Wenn wir die andere Diviſton bei uns hätten, ſo wären wir wohl beſſer daran, denn der Franz⸗ mann wird wohl auch einige Fregatten und Corvetten mit ſich führen. Admiral Bluewater kann jedenfalls nicht weit von uns weg ſeyn— ich denke, ungefähr dort drüben, ſo gegen Nord⸗ oder Nord⸗Nord⸗Oſt. Wenn wir rund halten, ſollten wir, denk' ich, ſeiner Diviſion in wenigen Stunden begegnen.“ „Wie— und Monſieur de Vervillin ſollten wir den Vortheil laſſen, einen Eid darauf ablegen zu können, daß er uns in die Flucht gejagt habe? Nein, nein, Greenly; erſt wollen wir offen und männlich, und zwar auf Schußweite an ihm vorbei paſſiren; dann werden wir noch Zeit genug haben, zu wenden und uns nach unſern Freunden umzuſehen.“ 7 448 „Werden wir aber die Franzoſen dadurch nicht gerade zwiſchen unſere beiden Diviſionen bringen, Sir Gervaiſe, und ihnen den Vortheil einräumen, unſere Streitkräfte zu theilen? Wenn ſie ſteif bei ihrem Nord⸗Nordweſt⸗Kurſe beharren, müſſen ſie, denk' ich, unfehlbar zwiſchen uns und Admiral Bluewater gerathen.“ „Und was werden ſte damit gewinnen, Greenly? Worin wird denn nach Eurer Anſicht von den Umſtänden und Verhältniſſen— der große Vortheil für ſie beſtehen, wenn ſie auf jeder Seite eine engliſche Flotte vor ſich haben?“ „Nun, groß wird der Vortheil freilich nicht ſeyn, Sir Ger⸗ vaiſe,“ verſetzte Greenly lachend;„wenn dieſe Flotten der ſeinigen überhaupt an Stärke gleich kämen. So aber könnte der Graf, da er uns weit überlegen iſt, die Sache wohl ſo einrichten, daß er ſich auf die eine Diviſton würfe, während die andere zu weit entfernt wäre, um Beiſtand leiſten zu können und da könnte eine einzige heiße Stunde den Sieg entſcheiden.“ „Das Alles iſt freilich plauſibel genug, Greenly, und doch könnt' ich's kaum über's Herz bringen, den Feind ungerupft vorüber⸗ ziehen zu laſſen. So lange der Wind, wie eben jetzt, drauf los bläst, iſt doch nicht viel an's Fechten zu denken und ſo kann's alſo wohl nicht ſonderlich ſchaden, wenn wir uns Monſieur de Vervillin etwas näher betrachten. In einer halben Stunde— höchſtens in einer Stunde müſſen wir ihn, ſelbſt bei dieſem lang⸗ ſamen Vorrücken der beiden Flotten, vom Deck aus ſehen können. Laßt einmal das Loth heben, Sir, um uns zu überzeugen, wie ſchnell wir vorſchreiten.“ „Wenn wir bei ſolchem Wetter mit den Franzoſen zuſammen geriethen, Sir Gervaiſe,“ bemerkte Greenly, nachdem er den obigen Befehl gegeben hatte,„ſo hieße das, ihnen gerade den Vortheil einräumen, den ſie ſich wünſchen müſſen. Sie feuern gewöhnlich auf die Spieren und da würde ein einziger Schuß bei 449 der gegenwärtigen Spannung der Maſten mehr Unheil anrichten, als ein ganzes halbes Dutzend bei ruhigem Winde.“ „Genug, Greenly— vollkommen genug,“ erwiederte der Vice⸗ admiral ungeduldig;„wenn ich Euch nicht ſo gut kennte und Euch nicht ſo oft in der Schlacht geſehen hätte— wahrhaftig ich würde glauben, Ihr fürchtet Euch vor den neunzehn Segeln. Ihr habt mir jetzt lange genug Lektion geleſen, um mich vollkommen klug zu machen, und ſo wollen wir nicht weiter davon reden.“ Mit dieſen Worten drehte ſich Sir Gervaiſe, ziemlich gereizt, auf der Ferſe um und fing an, obwohl nicht ernſtlich böſe, doch haſtig genug auf der Kampanje hin und her zu gehen. Solche kleine Zwiegeſpräche zwiſchen ihm und dem Kapitän kamen häufig vor, denn der Letztere wußte recht wohl, daß der größte Fehler ſeines Kommandirenden in allzu großer Kühnheit beſtand, während er zugleich fühlte, daß ſein eigener Ruf zu wohl begründet war, als daß er ſich hätte ſcheuen ſollen, zur Vorſicht zu rathen. Nächſt der Ehre der Flagge und vielleicht ſeiner eigenen— hegte Greenly für keine ein größeres Intereſſe als für die von Sir Gervaiſe Oakes, unter welchem er als Kadett, als Lieutenant und als Kapitän gedient hatte; ſein Vorgeſetzter wußte dieß auch recht wohl— ein Umſtand, der noch weit größere Freiheiten entſchuldigt haben würde. Nachdem der Viceadmiral einige Male auf und ab gegangen war, begann er kühler zu werden und alsbald war auch dieſer vorübergehende Ausbruch ſeines raſchen Gefühls vergeſſen. Auf der andern Seite beruhigte ſich Greenly mit dem Gedanken, daß der gerade Sinn des kommandirenden Admirals nicht verfehlen würde, die Thatſachen, die ſo klar auf der Hand lagen, geziemend anzuerkennen— und ſo war auch er's zufrieden, von etwas An⸗ derem zu ſprechen. Sie unterhielten ſich auf die freundlichſte Weiſe; Sir Gervaiſe war ſogar ungewöhn lich offen und mittheilend, um dem Andern zu beweiſen, daß er nicht böſe ſey: der Gegenſtand ihres Geſprächs war der Zuſtand des Schiffs und die Aage der Mannſchaft. Die beiden Admirale. 2. Aufl. 450 „Ihr ſeyd ſtets zum Kampfe bereit, Greenly,“ bemerkte ſchließ⸗ lich der Viceadmiral mit Lächeln,—„wenn die Nothwendigkeit ihn gebietet; aber eben ſo bereit ſeyd Ihr auch, auf die Unzweckmäßig⸗ keit deſſelben aufmerkſam zu machen, wenn Ihr glaubt, daß Nichts dabei zu gewinnen ſey! doch werdet Ihr nicht haben wollen, daß ich vor einem bloßen Schatten, oder was beinahe daſſelbe iſt— vor einem Signale davon laufe; und ſo wollen wir alſo noch bleiben, bis wir des Franzmanns von unſerem Verdecke aus an⸗ ſichtig werden, und dann iſt es immer noch Zeit, zu beſchließen, was zunächſt folgen ſoll.“ „Segel— ho!“ ſchrie einer der Ausgucker von oben herunter, was ſogleich aller Augen nach den Kreuzbramkreuzhölzern zog, von wo der Ruf ausgegangen war. Der Wind blies zu ſtark, als daß man ſich, ſelbſt mittelſt des Sprachrohrs, ſo leicht hätte verſtändlich machen können; deshalb wurde der Mann herabbeordert, um über das, was er geſehen hatte, Bericht zu erſtatten. Natürlich kam er zuerſt auf das Hinter⸗ deck, wo der Admiral und der Kapitän ihm entgegen traten, wo⸗ rauf ihn der wachhabende Offizier, an den er ſich eigentlich zuerſt hätte wenden ſollen, ohne weitere Einwendung ſeinen beiden Vor⸗ geſetzten zum Ausfragen überließ. „In welcher Gegend iſt das Segel, das Ihr geſehen habt, Sir?“ fragte Sir Gervaiſe etwas ſcharf, denn er vermuthete, es möchte nichts weiter als eines der bereits ſignaliſirten feindlichen Schiffe ſeyn.„Etwa dort drüben ſüd⸗ und oſtwärts— he Burſche!“ „Nein, Sir Jarvy,“ antwortete der Topmann, während er mit der einen Hand ſeine Beinkleider feſter anzog und mit der Andern ſein Haar auf der Stirne glatt ſtrich;„dort drüben zeigt ſich's, nord⸗ und weſtwärts, auf unſerer Wetterſeite;'s iſt keiner von den franzöſiſchen Laffen, die mit dem Grafen von Fairvillian daherziehen“— ſo, glaubten nämlich alle gemeinen Matroſen auf der Flotte, heiße ihr tapferer Gegner mit ſeinem wahren Namen —y — 451 —„ſondern ein langraaiges Fahrzeug, das gerade ſo wie wir ſelbſt, im Winde eingekeilt dahergeht.“ „Das ändert die Sache, Greenly! Aber Mann, ſagt mir— wie wißt Ihr denn, daß es lange Ranen führt?“ „Wie, Sir Jarvy?— Nun, Euer Gnaden, es ſteht unter ſeinem Vor⸗ und großen Marsſegel, beide eng gerefft, und hat noch ein Stück vom Hauptſegel aushängen, ſo viel ich bis jetzt bemerken konnte, Sir.“ „Den Teufel auch! der Burſche muß ja gewaltige e Eile haben, um in einem ſolchen Sturme ſo viele Leinwand frei zu geben! Wäre es wohl möglich, Greenly, daß Bluewater's vorderſtes Schiff uns ſchon zu Geſichte käme?“ „Ich glaube kaum, Sir Gervaiſe; für ſeine Zweidecker wäre es jedenfalls zu weit windwärts. Es wird ſich wohl noch als ein Ausgucker der Franzoſen erweiſen, der mit dem Kiele wendete, um ſich in ſeiner Stellung zu behaupten, und nun alle Segel beiſetzt, weil er an unſerer Gegenwart kein ſonderliches Wohlgefallen finde.“ „In dieſem Falle muß er ſcharf windwärts halten, wenn er uns noch entrinnen will. Wie nennſt Du Dich, Burſche?— Tom Davis, wenn ich nicht irre?“ „Nein, Sir Jarvy, Jack Brown heiß' ich; was ſo ziemlich daſſelbe iſt, Euer Gnaden. Wir halten eben nicht ſonderlich viel auf Namen.“ „Nun, Jack, bläst's tüchtig da oben? Ungefähr ſo, daß Ihr Mühe habt, Euch feſt zu halten?“ „Nicht der Rede werth, Sir Jarvy. Nachdem wir den Winter und Frühling hindurch in der Bai von Biscaya gekreuzt haben, achte ich das Alles für nicht mehr als ein leichtes Lüftchen. Eine halbe Hand würde hinreichen, um einen Burſchen da oben feſtzuhalten.“ „Galleygo— nimm Jack Brown mit Dir in meine Kajüte und reiche ihm einen friſchen Schluck in ſeine Flaſche— er wird ſich dann oben nur um ſo beſſer feſthalten.“ 45² Dieß war Sir Gervaiſe's Art, wie er das Unrecht wieder gut zu machen ſuchte, das er dem Manne angethan hatte, indem er glaubte, er könne ſich mit dem angekündigten Segel geirrt n, und voll Ergebenheit für den kommandirenden Admiral kletterte Jack Brown ſofort wieder auf ſeine Höhe zurück. Es koſtet die Großen und Mächtigen ſo wenig, um populär zu werden, daß man ſich oft wundern möchte, wenn man ſie dennoch anders findet. Wenn wir übrigens bedenken, daß es eben ihre Pflicht iſt, gerecht zu ſeyn, ſo hören wir auf uns zu verwundern, da Gerechtigkeit gerade diejenige Eigenſchaft iſt, gegen welche ein großer Theil des menſchlichen Geſchlechts die meiſte Abneigung zu hegen pflegt. Eine halbe Stunde verſtrich, ohne daß weitere Nachrichten von oben gekommen wären. Wenige Minuten ſpäter gab aber der Warſpite dem Admiral ein Signal, um zu berichten, daß der Fremde auf ſeiner Wetterſeite ſichtbar werde und nicht lange darauf that der Active das Nämliche. Keines der genannten Schiffe gab übrigens Auskunft über den Charakter des unbekannten Schiffes, das im Weſentlichen noch immer denſelben Kurs verfolgte und trotz der ungewöhnlichen Maſſe von Segeln, die es beigeſetzt hatte, nur langſam näher kam. Nach Verlauf des genannten Zeitraums wurden nun auch die im Südoſten ſignaliſirten Schiffe allmählig vom Verdecke aus ſicht⸗ bar. Der Ocean war dermaßen mit Schaum bedeckt, daß man ein Schiff mit kurz gerefften Segeln nicht leicht auf größere Entfernung unterſcheiden konnte; mit Hülfe der Gläſer aber konnten ſich Sir Gervaiſe und Greenly ſelbſt überzeugen, daß ſich die Zahl der feindlichen Schiffe im Süden gerade auf zwanzig belief, da ſeit dem erſten Berichte ein weiteres Segel am Horizonte aufgetaucht und auch ſogleich von der Chloe ſignaliſirt worden war. Einige dieſer Schiffe waren jedoch nur von der kleineren Gattung und der Viceadmiral ließ nach einem langen, angeſtrengten Ueberblick 453 ſein Glas ſinken und wandte ſich an den Kapitän, um deſſen An⸗ ſicht zu vernehmen. „Nun, Greenly,“ fragte er,„was gedenkt Ihr jetzt mit ihnen anzufangen? Meiner Berechnung nach ſind es dreizehn Linienſchiffe, zwei Fregatten, vier Corvetten und ein Lugger— Alles in Allem alſo zwanzig Segel!“ „An den zwanzig Segeln läßt ſich allerdings nicht zweifeln, Sir Gervaiſe, obwohl die hinteren Schiffe noch zu fern ſind, als daß man mit Zuverläſſigkeit von ihrer Größe ſprechen könnte. Ich glaube eher, es werden noch vierzehn Linienſchiffe und nur drei Fregatten daraus werden. „Das iſt freilich für unſer Einen— ohne Bluewater— zu viel. Seine fünf Schiffe, wenn ſie jetzt im Weſten auftauchten, müßten uns wahrlich einen frohen Anblick gewähren. Wie die Kletten würden wir uns an Monſieur de Vervillin hängen, bis der Wind ſich etwas gelegt hätte, um ihm ſodann unſern Reſpekt zu bezeigen. Was ſagt Ihr dazu, Greenly?“ „Daß es nicht von großer Bedeutung iſt, Sir Gervaiſe, ſo lange die andere Diviſion nicht bei uns iſt. Doch dort drüben am Bord des Active, des Warſpite und des Blenheim ſehe ich neue Signale ſpielen.“ „Aha— ſie werden uns wohl von dem Burſchen, der hinter unſerem Spiegel und windwärts dort drüben liegt, etwas zu ſagen haben. Kommt, Bunting, gebt uns ihre Neuigkeiten.“ „Der Fremde in Nordweſt zeigt die Nummer des Druid“, las der Signaloffizier mechaniſch aus ſeinem Buche. „Den Teufel zeigt er! dann kann Bluewater nicht mehr ferne ſeyn. Ja, ja— laßt Dick nur machen, er wird ſeine Stelle ſchon einnehmen. Er hat einen eigenen Inſtinkt für eine Schlachtlinie und noch nie hab' ich's erlebt, daß er gerade da gefehlt hätte, wo ich ihn am meiſten herbeiwünſchen mochte; und jedesmal zeigte er⸗ ſich auf ſeinem Platze ſo heimiſch, wie wenn ſeine Schiffe ſammt 454 und ſonders daſelbſt gebaut worden wären. Die Nummer des Druid! — ſagt Ihr? der Cäſar und die Uebrigen müſſen weiter nördlich in einer Linie aufgezogen ſeyn, und bleiben ſogar von unſerem eigenen Fahrwaſſer windwärts. Dieß wird den Grafen mit der ſchönſten Manier unter unſer Lee bringen.“ Greenly beſaß jedoch bei weitem nicht das ſanguiniſche Tem⸗ perament ſeines Viceadmirals. Ihm wollte der Umſtand gar nicht gefallen, daß der Druid allein und zwar unter einem Walde von Segeln ſichtbar geworden war, was bei einem ſo heftigen Sturme jedenfalls befremden mußte. Es war gar kein genügender Grund vorhanden, warum die andere Diviſion ſo ſcharf darauf los ſegeln ſollte, was doch nothwendig geweſen wäre, wenn die Fregatte ſolche Schnellſegler, wie den Plantagenet und ſeine Gefährten, hätte einholen wollen. So äußerte er ſich alſo dahin, daß das Schiff aller Wahrſcheinlichkeit nach allein ſey und mit ihnen zu ſprechen beabſichtigen werde. „Was Ihr da ſagt, Greenly, iſt allerdings nicht ſo ganz ohne,“ gab Sir Gervaiſe nach augenblicklichem Nachdenken zur Antwort,„und wir müſſen bald ſehen, wo es hinaus will. Wenn Denham uns unterdeſſen nicht irgend eine Neuigkeit von dem Grafen bringt, die unſere Plane ändert, ſo möchte es wohl gut ſeyn, zu erfahren, was der Druid bei uns zu ſchaffen hat.“ Denham war der Kommandant der Chloe, eines niedlichen Schiffs von ſechs und dreißig Kanonen, das mit Zierlichkeit in die ſchweren Wogen eintauchte, welche ſich nunmehr mit Heftigkeit aus dem weiten atlantiſchen Oceane hereinwälzten, während die Fluth, ſo oft das Schiff aus einer Vertiefung empor ſtieg, gleich den Waſſerſtrahlen eines Wallfiſches aus den Klüſenöffnungen hervorſchoß. Die Chloe lag, wie oben ſchon geſagt wurde, eine volle Meile vorwärts von dem Plantagenet und etwas leewärts von dem⸗ ſelben, ſie war folglich um eben ſo viel näher an den Franzoſen, welche gerade eben ſo wie die Engländer in einer einzigen langen . 455 Linie an dieſem Theile des Horizontes heraufkamen, mit dem einzigen Unterſchiede, daß ihre Ausguckſchiffe ſaͤmmtlich auf der Wetterſeite ihrer Freunde abhielten. Die Entfernung zwiſchen beiden Theilen war jedoch immer noch ſo groß, daß man fortwährend der Gläſer bedurfte, um nur einigermaßen eine genauere Kenntniß der Größe und Richtung von Monſieur de Vervillin's Flotte zu erlangen, da die hinteren Schiffe noch ſo weit zurück waren, daß man langjährige Uebung nöthig hatte, um mit einiger Sicherheit auf ihren Charakter zu ſchließen. Nirgends trat jedoch die Ueberlegenheit der Engländer in der praktiſchen Seewiſſenſchaft deutlicher hervor, als in der Art und Weiſe, wie die beiden Flottenlinien gebildet waren. Sir Gervaiſe's Linie war feſt gedrängt, und jedes Schiff nur auf Kabellänge“ von ſeinem Vor⸗ und Hintermanne entfernt. Dieß war ein Punkt, auf den der Viceadmiral nicht wenig ſtolz war; und nur dadurch, daß er ſeine Kapitäns mit Strenge anhielt, dieſe Segel⸗ ordnung wohl einzuhalten, ſo wie durch den Umſtand, daß er,— ſo weit dieſes anging, dieſelben Schiffe und Offiziere möglichſt lange unter ſeinen Befehlen zu behalten ſich bemühte— hatte er es dahin gebracht, daß jeder Schiffskommandant mit der Schnelligkeit ſeines eigenen Schiffes, ſo wie mit allen übrigen Eigenſchaften deſſelben ſo genau vertraut war, als unumgänglich nöthig erſchien, wenn ſich jedes ſo genau in ſeiner Stellung behaupten ſollte. Da die Schiffe ſammt und ſonders ſehr dauerhaft waren— wenn ſchon die einen in gewiſſem Grade mehr als die andern— ſo wurde es leicht, ſogar bei ſo ſtürmiſchem Wetter, wie eben jetzt, genaue Linie zu halten, indem der Wind noch nicht ſo heftig wehte, daß einige Segel mehr oder weniger überhaupt von großer Bedeutung ſeyn konnten. Wenn auf der ganzen Linie ein Schiff irgend merklich aus der Stelle gewichen war, ſo war dieß der Achilles, denn Lord Morganic hatte noch nicht Zeit gehabt, alle vorderen Spieren ſo. „ Die Kabellänge beträgt 120 Klafter= 720 Fuß. 3 D. U. 456 weit rückwärts zu bringen, als ſie eigentlich haͤtten ſeyn ſollen— ein Umſtand, der ihn etwas weiter leewäͤrts getrieben hatte, als dieß bei den andern Schiffen der Fall war. Wenn man übrigens von dem Top des Beſanmaſtes auf dem Plantagenet bis zu dem des Warſpite in der Luft eine Linie hätte ziehen können, ſo würde man nichts deſtoweniger gefunden haben, daß ſie über die Haͤlfte der Maſten der zwiſchenliegenden Schiffe berührte und auch von den außerhalb liegenden keines weiter als einen Piſtolenſchuß von der geraden Richtung entfernt war. Da man ſechs Zwiſchenräume zwiſchen den Schiffen zählte und jeder derſelben, ſo weit dieß überhaupt mit Ge⸗ nauigkeit errathen werden konnte, eine Kabellänge ausmachte, ſo betrug die Ausdehnung der geſammten Linie etwas über drei Viertelmeilen. Auf der andern Seite waren die Franzoſen, wenn ſie auch einen ziemlichen Grad von Ordnung beobachteten, doch weit weniger geſchloſſen und keineswegs ſo regelgerecht in ihrer Art zu ſegeln. Einige ihrer Schiffe ſtanden eine Viertelmeile leewärts von der Linie: die Zwiſchenräume waren unregelmäßig und wurden ſchlecht eingehalten. Dieſe Uebelſtände entſprangen aus verſchiedenen Ur⸗ ſachen, deren keine übrigens dem Kommandirenden en Chef zur Laſt ſiel, da dieſer ſich ebenſoſehr als erfahrener Seemann wie als geſchickter Taktiker auszeichnete. Seine Kapitäne aber waren ein⸗ ander noch neu: einige derſelben hatten ſogar erſt neuerdings dieſen Poſten erhalten, während es doch eben ſo natürlich iſt, daß ein Seemann die Eigenſchaften ſeines Schiffes durch längeren Umgang kennen lernen, als daß ein Gatte den Charakter ſeiner Frau durch das trauliche Zuſammenleben in der Ehe erproben muß. Gerade in dem Augenblick, von dem wir ſprechen, mochte die Chloe ungefähr noch eine Meile von dem vorderſten feindlichen Schiffe entfernt ſeyn; ihre Stellung auf der Leeſeite der eigenen Flotte drohte ſie in einer halben Stunde in den Bereich der Kanonen des Franzmannes zu bringen. Dieß war zwar dem ganzen Ge⸗ — ſchwader vollkommen klar: doch verfolgte die Fregatte immer noch ihren 1e — 457 alten Kurs, da ſie einmal hiezu beordert war und der kommandirende Admiral ja ohnedieß die ganze Stellung unmittelbar vor Augen hatte. „Denham würde tüchtig warm bekommen, Sir, wenn er ſeinen Kurs noch länger beibehalten müßte,“ bemerkte Greenly nach zehn weiteren Minuten, während welcher Zeit die Schiffe ſich allmählig näher gekommen waren. „Ich hoffte, er könne zwiſchen die nördlichſte von den franzö⸗ ſiſchen Fregatten und ihre übrige Linie gelangen,“ antwortete Sir Gervaiſe;„dann, dächt' ich, hätten wir raſch wenden und ſie mit dem Plantagenet lebendig abfangen können.“ „In welchem Falle wir ebenſogut zum Kampfe klariren dürften, da ein ſolches Manöver ganz gewiß eine allgemeine Schlacht herbeiführen würde.“ „Nein, nein, Meiſter Telemach, ſo toll bin ich gerade doch nicht: übrigens können wir ſchon noch etwas länger warten, um den weiteren Verlauf mit anzuſehen. Wie viele Flaggen könnt Ihr unter den feindlichen Schiffen gewahren, Bunting?“ „Ich ſehe blos zwei, Sir Gervaiſe; eine am Fock⸗ die andere am Beſanmaſt, gerade wie bei uns. Uebrigens gewahre ich jetzt blos noch zwölf Linienſchiffe und keines darunter iſt ein Dreidecker.“ „Da könnt Ihr wieder einmal ſehen, wie man ſich auf das Gerücht verlaſſen kann— wahrhaftig, kein Lügner, der je eine Zunge rührte, kann uuverſchämter ſeyn. Zwölf Schiffe mit zwei Decken und acht Fregatten, Schaluppen und Lugger. Darin kann wohl kein Mißverſtändniß mehr obwalten.“ „Ich glaube nicht, Sir Gervaiſe. Der oberſte Befehlshaber befindet ſich auf dem vierten Schiff von vorne an gerechnet; ſeine Flagge iſt gerade noch mit unſerem beſten Glaſe zu unterſcheiden. Halt— in dieſem Augenblicke iſt an dem Ende ſeiner Gaffel ein Signal zu erkennen.“ „Wenn einer nur franzöſiſch leſen könnte, Greenly,“ ſagte der Viceadmiral lächelnd,„ſo könnte man einigermaßen hinter Monſieur 458 de Vervillin's Geheimniſſe kommen. Vielleicht iſt's ein Befehl, ſich zum Kampfe zu rüſten oder zu klariren. Seht nur ſcharf auf jedes Zeichen, Bunting, das eine ſolche Bewegung verrathen könnte.— Nun, was glaubt Ihr, daß es bedeute?“ „Den Fregatten gilt's, Sir Gervaiſe; denn alle beantworten das Signal, während die übrigen Schiffe unthätig bleiben.“ „Nun dazu bedürfen wir kein Franzöſiſch, Sir, um dieſes Signal zu verſtehen,“ ſiel Greenly ein;„die Fregatten ſagen uns ja ſelbſt was es bedeutet. Monſieur de Vervillin hat nicht im Sinn, auf dem Plantagenet noch irgend Jemand am Leben zu laſſen.“ Und ſo war es auch wirklich. Eben als der Kapitän noch ſprach, wurde der Zweck des angedeuteten Befehls erſt vollkommen deutlich, denn all' die leichten Schiffe windwärts von der franzöſiſchen Flotte hielten mit einem Male ab, bis ſie den Wind hinter ſich backlegten, worauf ſie leewärts und mit einer Schnelligkeit davonglitten, wie wenn einzeln ſchwimmende Gegenſtände von einem raſchen Strome plötzlich erfaßt werden. Ehe dieſe Aenderung in ihrem Kurſe eintrat, hatten die Fregatten und Korvetten einen ſtarken Kampf mit den Wogen beſtanden, welche mit Heftigkeit gegen ihren Luvbug anprallten, ſo daß ſie höchſtens zwei oder nicht einmal ſo viel Knoten in der Minute zurücklegten; jetzt aber war ihre Geſchwindigkeit vervierfacht und in wenigen Minuten waren alle ſammt und ſonders durch die verſchiedenen Zwiſchenräume in der Hauptlinie geſegelt und hatten ſich wie zuvor ungefähr eine halbe Meile ſeitwärts davon aufgeſtellt. Hier würde im Falle einer Schlacht ihre hauptſächlichſte Pflicht geweſen ſeyn, die verſtümmelten Schiffe zu unterſtützen, welche im Verlauf des Kampfes aus der angewieſenen Stellung verdrängt worden wären. Dieß Alles beobachtete Sir Gervaiſe mit ſichtlichem Mißver⸗ gnügen. Er hatte gehofft, ſein Feind werde auf den Zuſtand der Elemente Rückſicht nehmen und ſeine leichten Fahrzeuge in ihrer urſprünglichen Stellung laſſen. 1 * 459 „Es wäre ein großer Triumph für uns, Greenly,“ begann er nach einer längeren Pauſe,„wenn Denham, ohne ſeinen Kurs zu ändern, an ihnen vorbeipaſſiren könnte. Es hätte etwas Männ⸗ liches und ächt Seemänniſches an ſich, wenn eine ſchwächere Flotte auf dieſe Art an einer ihr überlegenen Abtheilung vorüberzöge.“ „Ja, Sir, aber es könnte uns auch eine ſchöne Fregatte koſten. Es wird dem Grafen nicht ſchwer werden, ſeine Haupt⸗ deckskanonen auf der Luvſeite loszufeuern und eine Salve von zweien oder dreien ſeiner vorderen Schiffe möchte Denham am Ende doch manche Spiere mitnehmen, die er gerade in einem ſolchen Augenblicke ſchmerzlich vermiſſen würde.“ Sir Gervaiſe legte die Hände auf den Rücken, ging eine Minute lang auf dem Verdecke hin und her und ſagte dann mit ent⸗ ſchloſſenem Tone: „Bunting, gebt der Chloe das Signal, zu vieren. Bei dieſer See und mit ſo verkürzten Segeln durch den Wind zu wenden, iſt für ſie keine ſchwere Aufgabe.“ Bunting hatte dieſen Befehl zum Voraus geahnt und war ſogar ſo weit gegangen, die Quartiermeiſter heimlich anzuweiſen, daß die nöthigen Flaggen feſtgeknüpft werden ſollten, ſo daß Sir Gervaiſe noch nicht ausgeſprochen hatte, als auch ſchon das Signal am Vorſtengentop flatterte. Die Chloe war eben ſo flink, denn auch ſie hatte jeden Augenblick dieſen Befehl erwartet und noch ehe ihre Antwortsflagge geſehen werden konnte, war ihr Steuer bereits in der Höhe und das Kreuzſtengentopſegel eingehißt, ſo daß ihr Gallion raſch gegen den Feind abfiel.. Dieſe Bewegung ſchien von Allen erwartet worden zu ſeyn. In der That war ſie auch bis auf den letzten Augenblick hinausgeſchoben worden, denn als jetzt die Fregatte dem vorderſten franzöſiſchen Schiff gerade gegenüber ſtand, ſiel dieſes um drei bis vier Punkte vom Wind ab und ließ in demſelben Augenblicke alle Kanonen des Vorkaſtells, ſowie die Batterien auf dem Hauptdeck zumal gegen den Feind losdonnern. 460 Eines von den Oberſegeln der Fregatte wurde durch dieſes raſche, unerwartete Feuer abgeſchoſſen und auch das ſtehende Tackel⸗ werk erlitt einigen Schaden, der aber zu allem Glück von keiner großen Bedeutung war. Kapitän Denham war ſehr thätig und ließ ſein Oberſegel, ſobald er es hin und her flattern ſah, augen⸗ blicklich beſchlagen, wogegen das große Segel losgelaſſen wurde. Das Letztere wurde dicht gerefft und beigeſetzt, als die Fregatte den Wind auf der Backbordſeite faßte, und nachdem auf dieſer Seite Alles aufgebraßt und eingehalt war, konnte man auch das große Marsſegel aufs Neue wieder einziehen. Während der wenigen Minuten, welche dieſe Bewegungen er⸗ forderten, hielt Sir Gervaiſe den Blick unausgeſetzt auf die Fregatte geheftet, und als er ſie endlich die Wendung vollbringen und ſich wieder im Winde aufrichten ſah, ſo daß das Hauptſegel ſie nach vorne zog— fühlte er ſich, um die Wahrheit zu geſtehen, im Innerſten erleichtert. „Nicht eine Minute zu früh, Sir Gervaiſe,“ bemerkte der vorſichtige Greenly lächelnd.„Es ſollte mich gar nicht wundern, wenn Denham von dieſem Burſchen da an der Toͤte der franzöſtſchen Linie noch mehr zu hören bekäme. Seine Luvjagdkanonen ſind⸗genau in gerader Linie mit der Fregatte und die beiden oberen Reihen könnten wirklich recht hübſch darauf ſpielen.“ „Ich denke nicht, Greenly. Die Kanonen des Vorkaſtells— vielleicht; die tieferen wohl ſchwerlich.“ Bald zeigte ſich's, daß Sir Gervaiſe theilweiſe Recht, theil⸗ weiſe aber auch Unrecht gehabt hatte. Der Franzoſe verſuchte in der That, das Feuer der Kanonen des Hauptdecks auf die Fregatte zu richten; doch bei dem erſten Eintauchen des Schiffes war eine hohe Woge gegen ſeinen Luvbug hereingebrochen und hatte eine Maſſe von Waſſer in die Stückpforten gejagt, ſo daß die Hälfte der Mannſchaft in die Leeſpeigaten getrieben wurde. Mitten in dieſer Waſſerhoſe gingen die Kanonen los, nachdem man kaum den 461 Augenblick zuvor deren Richtung vollendet hatte— und verliehen der Scene am Borde ſelbſt eine Art chaotiſcher Wildheit. Hiemit be⸗ gnügten ſich die unteren Reihen; die auf dem Vorkaſtell aber wollten ihre Sache beſſer machen. Sie feuerten mehrere Mal hinter ein⸗ ander— doch jedesmal ohne allen Erfolg. Dieſes Mißlingen hatte einen Grund, der von Schiffskanonieren nur ſelten gehörig beachtet wird: die Kugel war nämlich bei der Heftigkeit des Winds, gegen den ſie flog, um zwei bis dreihundert Fuß von der Viſirlinie abgewichen, ehe ſie die ganze, eine Meile betragende Entfernung zurückgelegt hatte. Sir Gervaiſe beobachtete in ängſtlicher Spannung die Wirkung des Feuers und als er bemerkte, daß alle Kugeln leewärts von der Chloe niederfielen, war er nicht länger um dieſes Schiff beſorgt, ſondern fing an, ſeine Aufmerkſamkeit auf andere, wichtigere Gegen⸗ ſtände zu lenken. Da wir uns nunmehr einem Augenblicke nähern, wo es nöthig ſeyn wird, dem Leſer einen möglichſt deutlichen Begriff von der gegenſeitigen Stellung der beiden Flotten im Ganzen zu geben, ſo wollen wir hier das vorliegende Kapitel beſchließen und uns die näͤhere Erklärung für den Anfang des nächſten Abſchnittes vorbehalten. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. —— Alle waren froh, Und lachten, jauchzten, als das Schiff dahin ſchoß Und mitten in den Schaum ſich ſtürzte, hoch ihn werfend Das Deck entlang, gleichwie ein muth'ger Renner In ſcharfem Lauf Schaum vom Gebiſſe ſchleudert. Percival. Das lange Zwielicht einer hohen Breite hatte nunmehr ſein Ende erreicht und die Sonne war, vorderhand freilich noch hinter Wolkenmaſſen, emßangeſtiegen. Die zunehmende Helle trug dazu 462 bei, den düſteren Anblick des Oceans etwas aufzuheitern, obgleich ihm die Wuth der Winde und Wogen immer noch ein finſteres, melancholiſches Ausſehen verlieh. Windwärts waren noch keine Zeichen von einem Abnehmen des Sturmes zu gewahren und auch der Himmel zögerte noch immer, ſeine Fluthen, ſo wie man hätte erwarten können, auf die tobenden Waſſer herabzuſenden. Die Flotte befand ſich in dieſem Augenblicke ziemlich weit ſüdlich vom Kap la Hogue, nur noch bedeutend weſtwärts von demſelben, alſo gerade auf einem Punkte, wo der Kanal die Winde und Wogen aus dem vollen Bereiche des atlantiſchen Oceans em⸗ pfing und die Fluthen in langen, regelmäßigen Wellenlinien herein⸗ brachen, aber gleichwohl durch den Einfluß der Strömung in ihrem Laufe gehemmt wurden. Selbſt ſo ſchwere Schiffe wie die Zwei⸗ decker bewegten ſich in dieſem Sturme mit großer Anſtrengung, und Schoten und Inhölzer ‚klagten“, wie die Schiffsſprache dieß ge⸗ wöhnlich bezeichnet, wenn die ungeheuren, mit ehernen Geſchützen beladenen Maſſen ſich auf den kommenden und gehenden Wogen hoben und ſenkten. Doch waren ihre Bewegungen ſtetig und ma⸗ jeſtätiſch, wogegen der Kutter, die Sloop und ſelbſt die Fregatten gleich Schaumblaſen herumgeworfen wurden und der Willkühr der Elemente gänzlich preisgegeben ſchienen. Die Chloe kam eine volle Meile leewärts und zwar gerade in entgegenſetzter Richtung an dem Admiralſchiffe vorüber, und dennoch war ihr Bruſtholz, wenn ſie auf die Spitze einer Woge gehoben wurde, oft beinahe bis zum Kiele ſichtbar. Dieß ſind die wahren Momente der Prüfung, welche die Stärke eines Fahrzeuges erproben, denn wenn ein Schiff ſtets gleichförmig mit allen ſeinen Linien im Waſſer läge, ſo wäre keine Nothwendigkeit vorhanden, daſſelbe zu einer ſo feſtgedrungenen Maſſe von Holz und Eiſen zuſammen zu konſtruiren, wie dieß in der That der Fall iſt. Das Vorrücken der beiden Flotten blieb ſich ziemlich gleich; beide Geſchwader kämpften ſich mit der Geſchwindigkeit von einer 46³ Seemeile auf die Stunde durch die tobenden Wogen. Da keines der Schiffe ein Oberſegel führte und die vorderſten ſich erſt in dem Nebel eines wolkigen Morgens erblickt hatten, ſo konnten ſie ein⸗ ander erſt dann gewahr werden, als ſie ſich bereits näher denn ge⸗ wöhnlich ſtanden; zu der Zeit, wie wir ſie nunmehr in unſerer Er⸗ zählung erreicht haben, waren die beiden vorderſten Schiffe nur noch durch einen Zwiſchenraum von höchſtens zwei Meilen getrennt, wenn man nämlich die Entfernung nur nach ihren beiderſeitigen Segellinien berechnete, obgleich wohl auch derſelbe Zwiſchenraum herausgekommen wäre, wenn ſie ſich Front gegen Front gegenüber geſtanden hätten, da ſich die Engländer eben ſoviel windwärts von ihren Gegnern befanden. Wer nur einigermaßen mit Seemanövern vertraut iſt, wird hieraus entnehmen können, daß unter dieſen Um⸗ ſtänden die Tote der franzöſiſchen und die Queue der engliſchen Flotte ſich beim Vorüberfahren weit näher kommen mußten, da beide Geſchwader dicht angehalt waren. Sir Gervaiſe Oakes bewachte, wie ſich von ſelbſt verſteht, das Vorrücken der beiden Linien mit tiefer, angeſtrengter Aufmerkſamkeit. Monſieur de Vervillin that daſſelbe vom Hintertheile des Foud⸗ royant,“ eines ſtattlichen Schiffes von achtzig Kanonen, auf welchem ſeine Viceadmiralsflagge flatterte und den Feind gleichſam herauszufordern ſchien. Neben Sir Gervaiſe befanden ſich Greenly, Bunting und Bury, der erſte Lieutenant des Plantagenet; neben dem franzoͤſiſchen Admiral ſtand ſein capitaine de vaisseau, ein Mann, welcher jenen Karrikaturen franzöſtſcher Seeoffiziere, wie ſie der Geiſt der Feind⸗ ſeligkeit den Kennern der engliſchen Literatur ſchon vor Augen führte— ungefähr eben ſoviel glich, als Waſhington jenem Ge⸗ ſchöpfe ähnlich ſah, welches im Anfange des großen amerikaniſchen Krieges in den Londoner Journalen als Gegenſtand des Haſſes ausgeboten wurde. * Des ‚Blitzeſchleudexers. 2 D. U. 464 Monſieur de Vervillin war ein Mann von angeſehener Familie, der mit guter, wiſſenſchaftlicher Bildung eine genaue Kenntuiß der Schiffskunſt verband, ſoweit es nämlich die Bekanntſchaft mit ihren allgemeinen Kräften und Grundſätzen betraf. Hiemit waren aber auch ſeine Standeskenntniſſe zu Ende, denn all' jene unzähligen Einzelheiten, deren Bekanntſchaft den unterſcheidenden Vorzug eines praktiſchen Seemanns begründet, waren ihm in hohem Grade fremd, ſo daß er genöthigt war, in dringenden Augenblicken erſt nach zu⸗ den ken, während der wahrhaft ausgezeichnete Seemann in ſolchen Momenten mehr nach einer Art Inſtinkt als nach einer wirklich nachweisbaren Verſtandesoperation zu handeln ſcheint. Doch war dieſer tapfere Offizier— mit einer ſolchen Flotte und einer ſo ſtarken An⸗ ſprache an alle ſeine Hülfsquellen vor ſich— jedenfalls ein ausnehmend furchtbarer Feind für eine offene Seeſchlacht in geſchloſſener Linie. Sir Gervaiſe Oakes verlor all' ſeine angeborne, fieberiſche Ungeduld, ſo wie die beiden Flotten ſich immer näher und näher kamen. Wie dieß bei tapferen Männern, die von Natur ſehr erregbar ſind, keineswegs ungewöhnlich iſt, ſo wurde auch er immer ruhiger und gewann immer mehr ſeine vollkommene Selbſtbeherrſchung wieder, je mehr die Entſcheidung herannahte; jetzt erſt ſah er die Dinge in ihrem wahren Lichte und fühlte mehr und mehr die Kraft in ſich, die Umſtände zu bewältigen. Noch immer ging er auf der Kampanje auf und nieder; aber ſein Schritt war jetzt langſamer, die Hände waren zwar noch auf dem Rücken gekreuzt, die Finger aber regungslos, während ſeine Miene ernſt und ſein Blick nach⸗ denklich wurde. Greenly wußte, daß eine Störung von ſeiner Seite jetzt nicht mehr rathſam war, denn ſo bald der Viceadmiral dieſe Miene an⸗ nahm, wurde er auch buchſtäblich der oberſte Befehlshaber: und jeder Verſuch, anders als durch Mittheilung neuer Thatſachen eine Meinung geltend zu machen oder Einfluß auf ihn auszuü ben— konnte nichts als den Zorn des Admirals auf ſein eigenes Haupt herbeirufen. 465— Auch Bunting wurde gewahr, daß ‚der Admiral am Bord war, wie die Offiziere dieſe Geiſtesſtimmung ihres Vorgeſetzten unter ſich zu bezeichnen pflegten; er machte ſich alſo gefaßt, den ihm zukom⸗ menden Dienſt ſo ſtill und raſch als möglich zu verſehen. Alle andern Anweſenden fühlten mehr oder weniger denſelben Einfluß eines feſten, willenskräftigen Charakters. „Maſter Bunting,“ begann Sir Gervaiſe, als die Entfernung zwiſchen dem Plantagenet und dem Temeraire,“ dem vorderſten franzöſiſchen Schiffe nur noch ungefähr eine Meile betragen mochte, wenn man den Unterſchied in den beiderſeitigen Segellinien in Rech⸗ nung zog—„Maſter Bunting, gebt den Schiffen das Signal, Allarm zu ſchlagen. Wir müſſen auf alle Fälle gerüſtet ſeyn, wie dann der Würfel auch fallen möge.“ Niemand erlaubte ſich eine Bemerkung über dieſen Befehl: raſch und ſchweigend wurde er vollzogen. „Das Signal iſt fertig, Sir Gervaiſe,“ meldete Bunting, ſobald die letzte Flagge an ihrer Stelle war. „Hinauf damit, geſchwind, Sir, und gebt mir wohl auf die Antworten Acht. Kapitän Greenly, laßt Allarm ſchlagen und ſeht darauf, daß auf dem Hauptdeck wohl aufgeräumt wird, um, wenn's Noth thut, die Batterien gebrauchen zu können. Die Mannſchaft kann unten einſtweilen dabei ſtehen bleiben, da ich es für gefährlich halte, die Stückpforten zu öffnen.“ Kapitän Greenly verließ die Hütte des Quarterdecks und eine Minute ſpäter hörte man den Schall von Trommel und Pfeife— in der ganzen gebildeten Welt als der Ruf zu den Waffen bekannt— die Lüfte durchdringen. In den meiſten Marinen geſchieht dieſer Aufruf durch die Trommel allein, welche dann Töne von ſich zu geben pflegt, denen die Phantaſie eigene Worte untergelegt hat. Das Motto der franzöſiſchen Soldaten dabei iſt: ‚prends ton sac— * Dem ‚Verwegenen“. D. U. Die beiden Admirale, 2. Aufl. 30 8 466 prends ton sac— prends ton sac,“* was die eigentliche Be⸗ deutung gar nicht übel bezeichnet. Auf den engliſchen und ameri⸗ kaniſchen Schiffen aber wird dieſes Signal ſtets von den Tonen der „ohrenzerreißenden Pfeife’ begleitet, welche dem Ganzen eine Melodie verleiht, wie ſie ihm anderswo wohl fehlen mag. „Das Signal iſt von der ganzen Flotte beantwortet, Sir Gervaiſe,“ meldete Bunting von Neuem. Ein ruhiges Kopfnicken war die einzige Antwort, welche auf dieſe Meldung erfolgte. Nach einer augenblicklichen Pauſe wendete ſich jedoch der Viceadmiral abermals an ſeinen Signalofftzier. „Ich ſollte meinen, Bunting,“ ſagte er,„es bedürfe keines weiteren Befehles an die Kapitäne, um ihnen zu ſagen, daß ſie bei einer ſo ſtürmiſchen See die unteren Leeſtückpforten nicht öffnen dürfen.“ „Ich glaube auch nicht, Sir Gervaiſe,“ gab Bunting zur Antwort und ſchaute drollig auf das kochende Element, das alle Augenblicke von dem Boden des Schiffes bis zu den Hängematten⸗ tüchern emporſpritzte.„Die Mannſchaft bei den Hauptdecks⸗ kanonen würde dadurch einen naſſen Standpunkt bekommen.“ „Gebt den hinteren Schiffen das Signal, Sir, daß ſie in des Viceadmirals Kielwaſſer bleiben ſollen.— Junger Herr,“ fuhr er fort, indem er ſich an den Kadetten wendete, der jedesmal während eines Gefechts den Dienſt des Adjutanten bei ihm verſah—„meldet Kapitän Greenly, daß ich ihn zu ſprechen wünſche, ſobald er alle erforderlichen Rapporte empfangen haben wird.“ Bis zu dem Augenblicke, da der erſte Trommelwirbel ſich hatte vernehmen laſſen, war der Plantagenet, beſonders wenn man die Umſtände erwog, in denen er ſich befand— ein Muſterbild der Ruhe und Ordnung geweſen. Einem Landbewohner würde es kaum * In den franzöſiſchen Revolutionskriegen wurde dieſes Sprüchlein in Süddeutſchland vom Volke höchſt treffend alſo überſetzt: Packt euern Sack, ihr Lumpenhund, Und macht euch fort zu dieſer Stund'! D. U. — 467 glaublich vorkommen, daß man überhaupt dem Feinde ſo nahe ſeyn und doch ſo viele Gleichgültigkeit gegen dieſe Nähe an den Tag legen könne;— und gleichwohl war dieß auf dem Plantagenet der Fall, als das Ergebniß langer Gewohnheit und eines gewiſſen ſeemän⸗ niſchen Inſtinktes, der dem Matroſen jedesmal verkündet, ob etwas Bedenkliches ‚im Winde“ iſt oder nicht. Die Verſchiedenheit der Stärke der beiden Floiten, der heftige Sturm, und die Luvſtellung der Engländer— Alles zuſammen ließ die Mannſchaft mit Sicherheit ſchließen, daß keinerlei Entſcheidung eintreten könne. Hie und da ſah man einen Offtzier oder einen alten Matroſen durch eine Stückpforte hinausſchauen, um die Stel⸗ lung und Stärke der Franzoſen zu beaugenſcheinigen; im Ganzen aber erregte die feindliche Flotte kaum größere Aufmerkſamkeit, als wenn ſie in Cherbourg vor Anker gelegen wäre. Die Stunde des Frühſtücks war nahe und dieſes wichtige Er⸗ eigniß nahm alsbald das Hauptintereſſe des Augenblicks in Anſpruch. Die Ofſtziersjungen beſonders fingen an— wie gewöhnlich mit Töpfen und Tellern verſehen, ſich um die Kombüſe zu verſammeln; dann und wann warf einer von ihnen einen ſorgloſen Blick durch die nächſte Oeffnung, um zu erfahren, wie's bei den Fremden ausſah; was aber den Kampf betraf, ſo war die größte Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß derſelbe weit eher zwiſchen den Verfechtern der Rechte der verſchiedenen Tiſche, als zwiſchen den beiden großen kriegführenden Seemächten ausbrechen würde. Auch in der Konſtablerkammer, der Ambulance“ und auf der Kuhbrücke war der Stand der Dinge im Weſeutlichen derſelbe. Auf einem Zweidecker wird die Mehrzahl der Mannſchaft auf dem unteren Kanonendeck untergebracht, und der Befehl ‚das Schiff zu klariren⸗ ehe man ernſtlich an die Vorbereitungen zum Kampfe geht, iſt bei einem Schiffe von dieſer Bauart weit nöthiger als bei einem kleineren * Das„Verbandzimmert, zunächſt neben dem Kanonendeck befindlich. D. U. Fahrzeuge, obwohl er auf allen gleichermaßen üblich iſt. So lange die Backs, das Tafelzeug und die ſonſtigen derartigen Geräth⸗ ſchaften in ihrer gewöhnlichen Lage gelaſſen wurden, ſah Jack⸗ nur wenig Grund vor ſich, warum er ſich ſelbſt inkommodiren ſollte, und als ſich von Zeit zu Zeit das Gerücht von der Annäherung des Feindes und ganz beſonders von deſſen Stellung auf ihrer Leeſeite auch nach unten verbreitete, kümm erten ſich gleichwohl nur ſehr Wenige um die Sache, wenn nicht etwa der Dienſt den Einen oder den Andern auf das Verdeck rief. Dieſe Gewohnheit, ſein eigenes Glück als an das des Schiffes gebunden und ſich ſelbſt als einen Punkt auf der ganzen großen Maſſe zu betrachten, gerade wie wir ſelbſt uns als Atome des Weltkörpers anſehen, den wir in ſeinen Umwälzungen begleiten— iſt unter den Matroſen ziemlich allgemein verbreitet; bei den Seeleuten einer Flotte aber, die ſchon ſo lange zuſammen auf der See geweſen war und ſchon ſo oft im Angeſichte des Fein des alle nur denkbaren Ereigniſſe erlebt hatte— kam ſie erſt vollends recht in Anwendung. Die Scene, welche gerade in dem Augenblick, bis zu welchem unſere Erzählung vorgerückt iſt, in der Konſtablerkammer Statt hatte, war insbeſondere ſo durchaus charakteriſtiſch, daß ſie wohl eine kurze Schilderung verdient. Die Müßiggänger waren alle von ihren Ruheſtätten und Hänge⸗ matten aufgeſtanden und auch die Spuren derer, welche, wie man's nennt, ‚auf dem Lande ſchliefen’*r oder in Ermanglung von Staats⸗ zimmern ihre Hängematten in den gewöhnlichen Gemächern auf⸗ pflanzen mußten— waren verſchwunden. Magrath las beim Schimmer einer Lampe eine medieiniſche Abhandlung in gutem Leydener Latein; der Zahlmeiſter mühte ſich ab, mit Hülfe deſſelben Lichtes die * Was der ‚John Bull“ auf dem Lande, iſt„Jacke auf der See— der ge⸗ meine engliſche Matroſe. ** D. h. durch den Wachdienſt abgehalten waren, ihre Hängematten auf⸗ zuſuchen. D. U. —.— —,— 469 hieroglyphiſchen Rechnungen ſeines Proviantmeiſters zu entziffern und der Kapitän der Marineſoldaten unterſuchte das Schloß einer alten Muskete. Der dritte und vierte Lieutenant halfen einander bei einer eigenen Lampe eine jener Berechnungen zu entwirren, welche ſie in der Bai von Biskaya begonnen hatten und welche gleichermaßen der ebenen wie der ſphäriſchen Trigonometrie Trotz boten; der Kaplan endlich trieb den Küchenmeiſter und ſeine Jungen an, ſich mit dem Frühſtücke zu beeilen— ſeine gewöhnliche Be⸗ ſchäftigung um dieſe ‚verhexte Stunde“ des Morgens. Während die Dinge in dieſem Zuſtande waren, erſchien Mr. Bury, der erſte Lieutenant, in der Konſtablerkammer. Bei ſeiner Ankunft richteten wohl Einer oder zwei am Offtziertiſche die Blicke auf ihn, doch ſprach Keiner ein Wort, bis auf den jüngſten Lieutenant, der von Adel war und mit jedem auf dem Schiffe, mit einziger Ausnahme des Kapitäns, auf ziemlich vertrautem Fuße ſtand. „Wie lauten die Neuigkeiten vom Deck, Bury?“ fragte dieſer Offizier, ein Jüngling von zwanzig Jahren, ſeinen Kameraden, der um volle zehn Jahre älter war.„Denkt Monſieur de Vervillin jetzt endlich an's Davonlaufen?“ „O nein, Sir— um dieß zu thun, hat er viel zu viel von einem Kampfhahne an ſich.“ „O, ich kann Euch dafür ſtehen, er kann gewiß auch krähen! Doch was gibt's Neues, Bury?“ „Das Neueſte iſt, daß der alte Planter an ſeinem Vordertheil ſo naß wie ein Waſchtrog iſt und daß ich eine trockene Jacke brauche— nun, hörſt du mich nicht, Tom?— Soundings,“ fuhr er fort, indem er ſich an den Maſter wandte, der eben von vorne herbeikam—„habt Ihr auch heute Morgen ſchon zur Thüre hinaus geſchaut?“ „Ihr wißt, daß ich dieß nur ſelten vergeſſe, Mr. Bury. Das Schiff wäre wohl bald in einer ſchönen Patſche, wenn ich einmal mich umzuſchauen vergäße.“ 3 „Er hat das Senkblei dort unten in der Bai verloren,“ rief der adelige Lieutenant lachend,„und geht nun jeden Morgen mit Tagesanbruch an die Hinterpforte, um zu ſehen, ob es nicht wieder hervor kömmt.“ „Nun, Soundings, was haltet Ihr von dem dritten Schiffe in der franzöſiſchen Linie?“ fuhr Bury fort, ohne die leichtfertige Aeußerung des Jünglings zu beachten;„habt Ihr je zuvor ſolche Obermaſte geſehen, wie dieſes ſie führt?“ „Ich habe noch ſelten einen Franzmann ohne ſolche geſehen, Mr. Bury. Wir würden auch auf unſerer Flotte dieſelben Schaͤfte haben, wenn Sir Jarvy ſie duldete.“ „Ja, aber Sir Jarvy wird ſie niemals dulden. Der Kapitän, der auf ſeinem Schiffe einen ſolchen Schaft aufrichten würde, müßte ihn wahrlich noch vor Abend wieder über Bord werfen. In meinem Leben habe ich noch niemals eine ſolche Stange in der Luft geſehen.“ „Was iſt's denn mit dem Maſte, Mr. Bury?“ fiel Magrath ein, der mit den älteren Seeoffizieren beſtändig wiſſenſchaftliche Scharmützel(wie er's nannte) zu halten pflegte— ſeiner Anſicht nach waren nämlich die jüngeren Offtziere viel zu unerfahren, um ſie eines ſolchen Kampfes zu würdigen.„Ich will drauf wetten, die Spiere iſt gewiß nach den ervrobteſten philoſophiſchen Grund⸗ ſätzen geformt und auf's Schönſte herausgeputzt, denn hierin haben die Franzoſen vor uns den Vorzug.“ „Wer hat je von dem Formen einer Spiere gehört,“ unter⸗ brach ihn Soundings, laut lachend;„wir formen die Geſtalt eines Schiffs, Doktor, aber wir verlängern oder verkürzen, ſchrabben oder ſpließen unſere Maſten.“ „Das iſt die gewöhnliche Antwort, die ich erhalte, ihr Herren, und damit gedenkt ihr mich, wahrſcheinlich durch Accelamation(wie man’s in anderen gelehrten Körperſchaften nennt) hinaus zu vo⸗ tiren? wahrlich ich möchte keinem Geſchöpfe, das nur einige Ver⸗ ——— 471 nunft hat, auf die See zu gehen rathen; denn hier bedarf es einzig und allein des Inſtinkts, um Lord Ober⸗Admiral von zwanzig Roßſchweifen zu werden.“ „Ich wollte, Sir Jarvy haätte dieß hören können, Ihr Bücherwurm,“ rief der vierte Lieutenant, der ſich ſo eben ſelbſt überzeugt hatte, daß Bücher nicht ſeine ſtarke Seite waren— „ich denke, Euer Inſtinkt wird Euch wohl abhalten, Doktor, dem Viceadmiral ſo Etwas in die Ohren zu flüſtern!“ Obgleich Margrath die tiefſte Ehrfurcht vor dem komman⸗ direnden Admirale hegte, ſo war er doch bei einer Disputation in der Konſtablerkammer jeder Nachgiebigkeit durchaus abgeneigt. Dem⸗ gemäß ließ er ſich auch ſeine jetzige Antwort von dem Gefühle des Augenblicks diktiren. „Sir Gervaiſe,“ ſprach er, indem er als Schotte das Wort wie Jarvis ausſprach und höhniſch dabei lächelte—„Sir Gervaiſe Oakes, mein ehrenwerther Sir, mag ein recht guter Seemann ſeyn; ein Sprachgelehrter aber— das iſt er nicht. Erſt neulich, als er ſich drüben am Lande unter Todten und Sterbenden befand, zeigte er ſich ſo unwiſſend, als ob er nie in ſeinem Leben ein Abebuch in der Hand gehabt hätte. Es handelte ſich nämlich um die Bedeutung von filius nullius— nun, das iſt doch wahres Knabenlatein! Nichts deſtoweniger iſt es die Wiſſenſchaft, ihr Herren, und nicht allein die Klaſſiker, was den wahren Mann ausmacht. Wer da behaupten wollte, man könne die Wiſſenſchaft auch durch Inſtinkt erlernen, dem will ich beweiſen, daß dieß rein unmöglich iſt, während die inſtinktartige Erlangung deſſen, was Ihr die See⸗ mannskunde nennt, nichts weniger als unwahrſcheinlich ſeyn möchte.“ „Das iſt in der That die ſeemänniſchſte Rede, die ich je aus Eurem Munde hörte, Doktor,“ ſiel Soundings ein.„Wie zum Teufel kann ein Mann aus Inſtinkt wiſſen, auf welche Art man ein Schiff vieren muß— wenn ich mir eine ſolche Frage erlauben darf?“ „Ganz einfach, Soundings— weil man dabei des Prozeſſes 472 der Vernunftfolgerung gänzlich entbehren kann. Habt Ihr denn etwas dabei zu denken, wenn Ihr ein Schiff vieret?— die Antwort will ich ganz Eurer eigenen Ehre überlaſſen.“ 3„Denken!— Nun in der That, ich müßte doch ein armſeliger Tropf von einem Maſter ſeyn, wenn ich bei einer ſo einfachen Sache, wie das Wenden und Vieren— noch viel zu denken brauchte! Nein— nein— ein rechter Seehund hat nicht nöthig, viel zu denken, wenn er etwas zu thun vor ſich hat.“ „Nun das iſt's ja gerade, ihr Herren!— das iſt es eben, was ich euch immer ſage,“ rief der Doktor, über das Gelingen ſeines Kunſtgriffes triumphirend.„Nicht allein, daß Mr. Soundings nicht denkt, wenn er ſeine gewöhnlichen Dienſtgeſchäfte zu ver⸗ richten hat— nein, auch den Prozeß an und für ſich beſtraft er mit gebührender Verachtung, wie ihr bemerken werdet, und ſo iſt alſo meine Theorie durch den Beweis der betheiligten Parthie ſelbſt begründet— was jedenfalls mehr iſt, als ein Poſtulat, logiſch genommen, erfordert.“.. 3 Hier ließ Magrath ſein Buch fallen und ſchlug jenes ziſchende Lachen auf, wie es Leuten von ſeiner Klaſſe eigen zu ſeyn ſcheint. — Da mit einem Male, während er ſich noch ſeinem Triumphe hingab, ließ ſich der erſte Trommelſchlag vernehmen. Alle lauſchten— jedes Ohr war geſpitzt, wie das des Wilds, wenn es das Bellen des Hundes hört, während man nichts mehr vernahm als—„r⸗r⸗r⸗ap, tap— r⸗r⸗r⸗ap, tap— r⸗r⸗r⸗ap tap a⸗ tap⸗tap— rap⸗a⸗tap— a⸗rap⸗a⸗tap, a⸗rpa⸗a⸗tap— a⸗tap⸗tap.“ „Inſtinkt oder Vernunft— Sir Jarvy läßt hier Allarm ſchlagen!“ rief der Ehrbare.„Das wußte ich nicht, daß wir den Monſteurs ſo nahe wären.“ „Nun,“ ſprach Magrath mit grinſendem Lächeln und erhob ſich, um nach der Ambülance hinabzugehen— jetzt dürfte es bald Gelegenheit geben, ſein bischen Gelehrſamkeit an den Mann zu bringen, und ich verſpreche euch, daß ich alle Schätze meines ———-⸗ — — 473 beſchraͤnkten Wiſſens für euch aufbieten werde. Vielleicht werde ich mein Senkblei ſogar in die Tiefen Eurer phyſiſchen Bildung zu verſenken haben, Soundings— in welchem Falle ich bemüht ſeyn werde, die Klippen der Unwiſſenheit zu vermeiden.“ „Geht zum Teufel oder auf die Ambülance, wo's Euch am Beſten gefällt, Sir,“ brummte der Maſter;„ich habe bereits in ſechs Hauptak⸗ tionen gedient, und war noch nie genöthigt, einen Euren Gelichters auch nur um ein Stückchen Heftpflaſter oder Charpie zu erſuchen; bei mir kann Kalfatwerg und Segeltuch den Dienſt von beiden verſehen.“ Waͤhrend dieſes freundlichen Zwiegeſprächs kamen alle Hände in Bewegung. Die See⸗ und Marineoffiziere ſahen nach ihren Seitengewehren, der Wundarzt ſuchte ſorgſam ſeine Bücher zu⸗ ſammen und der Kaplan griff nach einem Gerichte kalten Bratens, das noch in aller Eile auf den Tiſch geſtellt worden war, um es mit ſich in ſeine Kajüte zu nehmen und auf dieſe Art nicht in die unrechten Hände fallen zu laſſen. In einer Minute war die Konſtablerkammer von Allen, die ſte für gewöhnlich bewohnten, geräumt; ſtatt ihrer hatten ſich die Matroſen hinter die vier Zweiunddreißigpfünder poſtirt, welche ſie, nebſt der gleichen Zahl gegenüber, zu bedienen hatten. Als die Seeoffiziere endlich unter der Mannſchaft erſchienen, nahmen ihre Mienen einen gebietenden Ausdruck an, und der Befehl ‚ſich zu ſputen’ wurde noch öfter von ihnen wiederholt, während ſie ſelbſt an ihre verſchiedenen Poſten eilten. Dieſe ganze Zeit über ſchritt Sir Gervaiſe unausgeſetzt auf der Kampanje auf und ab. Bunting und der Quartiermeiſter hielten ſich beſtändig bereit, neue Signale aufzuhiſſen und Greenly war⸗ tete nur noch auf die nöthigen Rapporte, um wieder zu dem Oberadmiral zu ſtoßen. Ungefähr fünf Minuten nach dem erſten Trommelſchlage waren alle Berichte eingegangen und alsbald verfügte ſich der Kapitän nach⸗ der Hütte. 474 „Wenn wir unſern gegenwärtigen Kurs beibehalten, Kapitän Greenly,“ bemerkte Sir Gervaiſe, welcher das von ihm beabſich⸗ tigte Manöver vor ſich ſelbſt rechtfertigen wollte,„ſo muß die Queue unſerer eigenen und die Toéte der fanzöſiſchen Linie einander gerade auf die ſchönſte Schußweite nahe kommen und wir könnten ſo durch einen Zufall einen unſerer Zweidecker verlieren, da jedes entmaſtete Schiff nothwendig geraden Wegs auf den Feind abtreiben müßte. Nun ſchlage ich vor, mit dem Plantagenet abzuhalten und an dem vorderſten franzöſiſchen Schiffe ungefähr in derſelben Ent⸗ fernung vorbei zu ſegeln, in welcher der Warſpite vorüber muß — dadurch wird dann die Lage der Dinge ein wenig geändert. Welches, glaubt Ihr, würde die Folge eines ſolchen Manövers ſeyn?“ „Daß ſowohl die Tote unſerer eigenen wie die der franzöſi⸗ ſchen Linie ſo nahe an einander gerathen werden, Sir Gervaiſe, wie dieß nach Eurer eigenen Bemerkung mit der Queue auf alle Fälle geſchehen müßte.“ „Nun, um dieſes zu ſagen, dazu bedarf es gerade keines Ma⸗ thematikers, Sir. Ihr werdet abhalten und den Wind ſteuerbord bringen, ſobald Euch Bunting das Signal dazu gibt. Kümmert Euch nicht zu viel um die Braſſen, ſondern laßt ſie nur feſt ſtehen; ſobald wir an dem franzöſiſchen Admiral vorüber ſind, werde ich abermals luven. Dieß wird uns zwar etwas aus unſerer Leeſtellung bringen, das iſt mir aber ſehr gleichgültig. Gebt den Befehl, Sir. — Hinauf mit dem Signal, Bunting!“ Dieſe Weiſungen wurden ſchweigend befolgt und augenblicklich jagte der Plantagenet, genau doppelt ſo ſchnell als zuvor, geraden Wegs in die Wellenſchluchten hinein. Die andern Schiffe folgten eben ſo raſch; ein jedes fing an abzuhalten, ſowie das zweite vorn wieder in die eigentliche Segellinie eintrat und alle folgten buch⸗ ſtäblich einem Befehl, der wirklich ſehr leicht auszuführen war. Außerdem daß dieß alle Ausſicht auf einen nicht ſehr fernen Kampf 1 2 xͤ— 1 2 v— 475 gewährte, hatte es noch die weitere Folge, daß ſich die Linie faſt mit mathematiſcher Genauigkeit feſtſtellte. „Wünſcht Ihr vielleicht, Sir Gervaiſe, daß wir unſere unteren Leeſtückpforten zu öffnen verſuchen?“ fragte Greenly.„Wenn wir nicht etwas der Art probiren, werden wir kein ſchwereres Geſchütz als die Achtzehnpfünder zur Verfügung haben, falls Monſieur de Vervillin für paſſend erachten ſollte, den Kampf zu eröffnen.“ „Und iſt er etwa beſſer daran?— Es würde wahrhaftig an Wahnſinn gränzen, wenn wir daran denken wollten, die Unterdecks⸗ kanonen bei ſolchem Wetter in den Kampf zu fuͤhren, und ſo wollen wir Alles feſt verſchloſſen halten. Sollten die Franzoſen das Spiel anfangen, ſo haben wir den Vortheil, windwärts zu ſeyn, ſo daß der Verluſt weniger Sturmſegel den beſten Maſt in ihrer Flotte in unſere Hände führen müßte.“ Greenly gab keine Antwort, obwohl er klar erkannte, daß der Verluſt eines Maſtes beinahe mit voller Gewißheit auch den Verluſt des Schiffes nach ſich ziehen müßte, ſobald eine ſeiner ſchwereren Spieren zu Schanden ginge. Aber gerade hierin zeigte Sir Gervaiſe, als oberſter Befehlshaber, eine ſeiner größten Schwächen und jener wußte wohl, daß er ihn umſonſt zu überreden verſuchen würde, von allen unter ſeinen Befehlen ſtehenden Schiffen auch nur ein einziges näher an dem Feinde vorüberziehen zu laſſen, als er ſelbſt mit dem Plantagenet gekommen war. Sir Gervaiſe nannte dieß ‚ſeine Schiffe decken“, obwohl es weiter auf Nichts hinauslief, als daß er alle in die nämliche Gefahr verſetzte, welche für eines oder zwei derſelben unvermeidlich geworden war. Der Graf von Verrvillin ſchien dieſe plötzliche, außergewöhn⸗ liche Bewegung der feindlichen Vorhut nicht recht begreifen zu können. Seine Signale folgten ſich raſch und die Mannſchaft trat alsbald an die Kanonen; es war nichts weniger als leicht für die Schiffe, welche fortwährend ſo dicht als möglich beim Winde hielten, in einem ſolchen Sturme irgend eine weſentliche Aenderung in den bezüglichen Stellungen zu treffen. Doch drohte nunmehr das raſche Vorrücken der Engländer ein baldiges Zuſammentreffen, wenn über⸗ haupt ein ſolches beabſichtigt wurde, und ſo war es immerhin Zeit, ſich zu rühren, um wenigſtens darauf gefaßt zu ſeyn. Andrerſeits herrſchte auf den engliſchen Schiffen eine wahre Todtenſtille. Die Mannſchaft war bereits auf ihren Poſten und dann folgt jedesmal auf Kriegsſchiffen ein Augenblick der tiefſten Ruhe. Die unteren Stückpforten blieben geſchloſſen und ſo war die Bedienungsmannſchaft auf dem unteren Verdeck ſo zu ſagen in Dunkelheit begraben, während die auf dem oberen immer noch theilweiſe durch die Halbpforten verdeckt blieb. Auch für die Ma⸗ troſen an den Segeln gab es im wörtlichen Sinne des Wortes nichts zu thun und alles war ſcheinbar der Bewegung der mächtigen Maſchinen ſelbſt überlaſſen, auf denen ſie ſchwammen. Sir Gervaiſe, Greenly und die gewöhnlichen dienſthabenden Offiziere blieben immer noch auf der Kampanje und verwandten die Blicke kaum einen Augenblick von der Flotte des Feindes. Jetzt waren der Plantagenet und der Temeraire nur noch wenig über eine Meile von einander und jeden Augenblick minderte ſich die Entfernung zwiſchen beiden. Der Letztere mußte ſich mühſam durch die Wogen kämpfen, wobei ſeine Büge bis zu den Klüsgaten in die See verſanken, während der Erſtere in raſcher, leichter Be⸗ wegung durch die Wellenſchluchten und längs der Wogenreihen dahinzog, indem die geflachten Segel ihn in der ſchweren Bran⸗ dung, die bei einer ſolchen Bewegung unvermeidlich war, aufrecht erhalten halfen. Noch immer brach ſich von Zeit zu Zeit eine hohe Woge an ſeinem Wetterbord, warf ihren Kamm in einem glän⸗ zenden Waſſerbogen empor und ließ ganze Tonnen Waſſers auf dem Verdecke zurück. Sir Gervaiſe hatte in ſeinem Weſen auch jedes Aufflackern von Aufregung verloren. Wenn er ſprach, ſo that er es in freund⸗ lichem, ſcherzhaftem Tone, wie ihn etwa ein feingebildeter Mann 477 in Geſellſchaft von Damen annehmen würde. Seine ganze Energie hatte ſich nämlich in dem Entſchluſſe, eine kühne That zu voll⸗ bringen, vereinigt, und wie dieß bei den thatkräftigſten Männern nicht ungewöhnlich iſt— je näher die Zeit zur Vollführung ſeiner Abſicht heranrückte, deſto mehr ſchien er auch die Hülfe einer un ächten erzwungenen Feſtigkeit verſchmähen zu wollen. „Die Franzoſen öffnen ihre unteren Stückpforten nicht, Greenly,“ bemerkte der Viceadmiral, indem er das Glas nach einem langen Blicke auf den Feind ſinken ließ,„trotzdem daß ſie den Vortheil haben, leewärts zu liegen. Ich halte dieß für ein Zeichen, daß ſie nichts ſehr Ernſtliches im Schilde führen.“ „Noch fünf Minuten— und wir werden beſſer wiſſen, wie wir daran ſind, Sir Gervaiſe. Dieſes Schiff gleitet ja dahin, wie eine Londoner Kutſche.“ „Bei all dem iſt ſeine Linie doch recht unſtät und ſchwankend, Greenly. Seht einmal jene beiden Schiffe dort hinten— ſie ſind faſt eine halbe Meile windwärts von der übrigen Flotte und wenigſtens um eben ſo viel zu weit zurück.— Nicht wahr, Greenly?“ Der Kapitän wendete ſich zu der Queue der franzöſiſchen Linie und muſterte mit gehöriger Bedächtigkeit die Stellung der beiden erwähnten Schiffe; Sir Gervaiſe aber ſenkte das Haupt in tiefem Nachſinnen und fing wieder an auf der Kampanje hin und her zu gehen. Ein und zwei Mal hielt er inne, um nach der Nachhut der Fanzoſen zu ſehen, welche damals eine volle Meile von ihm entfernt war, und eben ſo oft ſetzte er ſeinen Spazier⸗ gang wieder fort. „Bunting,“ ſprach der Viceadmiral ſanft,„kommt einen Augenblick hierher. Unſer letztes Signal war, im Fahrwaſſer des Oberadmirals zu bleiben und ſeinen Bewegungen zu folgen— wicht wahr?“ „Ja, Sir Gervaiſe. So zu ſagen der alte Befehl— den Bewegungen, mit und ohne Signale, zu folgen.“ 4 A 478 „Gebt die Signale: ſo nahe als die Sicherheit es erlaubt, in Linie aufzuſchließen und die Segel nach dem Flaggenſchiff zu führen.“ „Ja, ja, Sir Gervaiſe—— in fünf Minuten ſollen beide aufgehißt ſeyn, Sir.“ ₰ Jetzt zeigte der kommandirende Admiral ſogar eine vergnügte Miene. Seine phyſtſche Aufregung kehrte einigermaßen zurück und ein Lächeln zuckte um ſeine Lippen. Sein Auge richtete ſich auf Greenly, um zu ſehen, ob dieſer ſein Vorhaben ahne und dann gewann ſein Aeußeres alsbald wieder die frühere Ruhe. Unterdeſſen wurden die Signale gegeben und beantwortet. Letz⸗ teres wurde Sir Gervaiſe gemeldet, der ſeine Blicke über die ganze rückwärtige Linie hinſtreifen ließ und bemerkte, daß die ver⸗ ſchiedenen Schiffe bereits beibraßten und die Segel langſam vierten, um die Zwiſchenräume zwiſchen den einzelnen Zweideckern zu verkürzen. Sobald man gewahr wurde, daß der Carnatic aufſchloß, er⸗ hielt Kapitän Greenly Befehl, die Haupt⸗ und Fockraae beinahe rechtwinklich zu legen, all' ſeine Stapſegelſchoten aufzurichten und ſo weit abzuhalten, bis Alles gehörig in Zug käme.— Der Be⸗ fehl erregte zwar, wie billig, Erſtaunen, wurde aber dennoch un⸗ verzüglich befolgt. Der Moment des Zuſammentreffens war nun gekommen. In Folge des ſtarken Abhaltens konnte jetzt der Plantagenet nicht mehr völlig drei Viertheile einer Meile von dem Luvbug des Temeraire entfernt ſeyn, den er, in raſchem Laufe ſich nähernd, mit einem halbſchrägen Feuer bedrohte. Um dieſes zu verhindern, machte das franzöſiſche Schiff eine kurze Wendung, ſo daß es mit raſcherem, leichterem Gange durch die Wogen hineilte und ſeine eigene Breitſeite dem bedrohten Punkte näher brachte. Dieſes Manöver wurde von den beiden nächſten Schiffen— vielleicht etwas zu voreilig— nachgeahmt, denn der Admiral ſelbſt ſchien ſich um keinen Preis von dem Feinde abwenden zu wollen und hielt den Foudroyant luvwärts. Die hinteren Schiffe folgten 479 der Bewegung ihres Kommandirenden, ſo daß die Vorhut der franzöſiſchen Flotte durch dieſe Aenderung einigermaßen in Unord⸗ nung gerieth, welche immer groͤßer zu werden drohte, wenn der eine oder der andere der beiden Theile nicht bald von dem eingeſchlagenen Kurſe abſtand. Allein die Zeit drängte und die beiden Flotten näherten ſich ſo eilig, daß jeder andere Gedanke verdrängt werden mußte. „Das iſt nur Kinderarbeit für Euch, Greenly!“ rief Sir Gervaiſe lächelnd.„Ein kommandirender Admiral kommt mit ge⸗ ſchleppten Boleinen, ſein zweites und drittes— wenn nicht gar auch ſein viertes— Schiff vor ihm, gerades Wegs mit dem beſten Winde auf Euch zugelaufen! Wenn wir nun dem Grafen im Vor⸗ beipaſſiren einige Punkte abkappen können, werden all' die Burſche da hinten ihm nachfolgen und der Warſpite, der Blenheim und der Thunderer werden wie Mädchen in einem Contretanze vorbeiſchlüpfen! Sendet Bury auf das große Deck hinab und gebt ihm Befehl⸗ ſeine Achtzehnpfünder bereit zu halten.“ Greenly gehorchte wie natürlich und jetzt erſt fing er an, eine beſſere Meinung von der Verwegenheit im Seekriege zu be⸗ kommen, als er bis jetzt gehabt hatte. Dieß war der gewoͤhnliche Gang der Dinge bei dieſen beiden Offizieren: der Eine urtheilte und beſchloß, wie ſein ruhiger Verſtand es ihm eingab, der An⸗ dere folgte ſeinen Eingebungen mit groͤßter Bereitwilligkeit, bis neue Thatſachen dazwiſchen kamen, welche bewieſen, daß irdiſche Dinge eben ſo ſehr durch zufällige Einflüſſe— die Wirkungen entfernter, unſichtbarer Urſachen— als durch die beſterſonnenen Plane, von augenblicklicher Noth eingegeben— geleitet werden. Wenn ſie in ruhigeren Stunden auf die Vergangenheit zu ſprechen kamen, ſuchte der Viceadmiral ſeine Triumphe gewöhnlich dadurch vollſtändig zu machen, daß er dem Kapitän zu Gemüthe führte, wie er, wenn ihm nicht das Glück zur Seite geweſen wäre, es auch nicht hätte nützen können: für einen Seeoffizier, der ſonſt klug und wachſam war, allerdings kein Pbler Glaube. F . 480 Die Quartiermeiſter der Flotte ließen eben die ſechſte Glocke ſchlagen, oder verkündeten mit anderen Worten, daß die ſiebente Stunde der Morgenwache gekommen ſey, als der Plantagenet und der Temeraire einander quer gegenüb er kamen. Beide Schiffe drängten ſich ſchwerfällig durch die Wellenſchluchten dahin, beide ſteuerten in ernſter Maͤjeſtät windwärts und dennoch glitten beide mit einer Schwerkraft durch die Brandung, welche der kaum be⸗ merkbaren Bewegung eines Planeten gleich kam. Das Waſſer ſchoß von ihren ſchwarzen Seiten und den glänzenden Hängematten⸗ tüchern zurück, und all' das ſchwarze Rüſtzeug des Kriegs, welches ein Linienſchiff von anderen Fahrzeugen unterſcheidet, glitzerte vom Schaum— doch keines von Beiden gab ein Zeichen der Feind⸗ ſeligkeit von ſich. Der fränzöſiſche Admiral ſchickte kein Signal zur Eröffnung des Kampfes und Sir Gervaiſe hatte ſeine eigenen Gründe, warum er wünſchte, die Vorhut des Feindes wo möͤglich ungefährdet zu paſſiren. Auf dem Plantagenet wie auf dem Carnatie, welch Letzterer ſich dem Admiralſchiffe bis auf halbe Kabellänge genähert hatte, entrann eine Minute nach der andern in athemloſem Schweigen. Jedes Auge, das irgend eine Oeffnung zum Ausſchauen vor ſich hatte, war nach den Stückpforten des Hauptdecks auf dem Teme⸗ raire gerichtet und erwartete jeden Augenblick, das Feuer aus deſſen Kanonen hervorbrechen zu ſehen. Doch jeden Augenblick verminderte ſich dieſe Wahrſche inlichkeit, wenigſtens bei dem Erſten von den franzöſiſchen Schiffen, das bald außerhalb der Feuerlinie des Plantagenet war, worauf ſich daſſelbe Schauſpiel, mit demſelben Erfolg, bei dem Conquereur, dem zweiten Schiffe in der franzöſiſchen Linie wiederholte. Sir Gervaiſe lächelte, als er die drei erſten Schiffe paſſirt hatte, ohne daß man, wie es ſchien, Notiz von ihm nehm en wollte; als er ſich aber jetzt dem Admiralſchiffe näherte, da war er feſt überzeugt, daß dieſe Ungeſtraftheit ein Ende nehmen müſſ e. — w. 481 „Was ſie mit all' dem beabſichtigen, Greenly,“ bemerkte er gegen ſeinen nebenſtehenden Gefährten,„iſt mehr, als ich zu ſagen vermag; wir wollen aber näher hinzugehen und es ausfindig zu machen ſuchen. Haltet das Schiff noch etwas weiter ab, Sir; noch um einen halben Punkt müßt Ihr abhalten.“ Greenly war eben jetzt nicht geneigt, Gegenvorſtellungen zu machen, denn auch ſeine kluge Zurückhaltung wich nunmehr der Aufregung des Augenblicks. Er war darin das direkte Gegenbild von Sir Gervaiſe's Charakter— da der Eine ſeine ausnehmende Beſonnenheit gerade in ſolchen Augenblicken verlor, wo ſie der Andere im Drange der Umſtände von Neuem gewann. Das Steuer wurde ein klein wenig in die Höhe gehoben und das Schiff begann alsbald, noch näher gegen den Foudroyant heranzurücken. Der franzöſiſche Admiral befand ſich, wie dieß bei allen Ma⸗ rinen gewöhnlich iſt, auf einem der beſten Fahrzeuge ſeiner Flotte. Der Foudroyant war nicht allein ein großes Schiff, das in der unteren Reihe franzöſiſche Zweiundvierzigpfünder führte und im Ganzen ſeine achtzig Kanonen am Bord hatte, ſondern auch, gleich dem Plantagenet, als einer der ſchnellſten und ausdauerndſten Segler ſeiner ganzen Gattung bekannt. Dieſes edle Schiff hatte unterdeſſen fortwährend beim Winde gehalten und war dadurch ziemlich weit windwärts von dem zweiten und dritten Zweidecker vor ihm gerathen; zu gleicher Zeit aber hatte ſich auch ſeine Entfernung von den rückwärtigen Schiffen, die ihm hätten Hülfe leiſten können— um ein Bedeutendes gemehrt. Mit einem Wort, das Admiralſchiff war durchaus nicht in der gedeckten Lage, in der es eigentlich hätte ſeyn ſollen, wenn es nicht noch ausbog— eine Bewegung, an welche Niemand an ſeinem Borde zu denken ſchien. „Ein edler Burſche, Greenly, dieſer Graf von Vervillin!“ murmelte Sir Gervaiſe in einem Tone der Bewunderung,„ſo Die beiden Admirale. 2. Aufl. 31 1 482 habe ich ihn jederzeit gefunden und ihn auch jederzeit als Solchen geſchildert. Laßt die Narren in ihren Zeitungen und die Schurken in ihren Schreibſtuben ſchelten, ſo viel ſie wollen— Monſteur de Vervillin würde ihnen Beſchäftigung genug geben, wenn ſie jetzt hier wären. Ich frage— hat er bis jetzt auch nur um einen Punkt abgehalten— oder beſteht er nicht vielmehr darauf, jeden Zoll breit zu behaupten, den er gewinnen kann?“ Der nächſte Augenblick belehrte übrigens Sir Gervaiſe zur Genüge, daß er ſich in dieſer letzteren Annahme getäuſcht hatte, denn die Büge des Fondroyant fielen jetzt allmählig ab, bis die Kanonenreihen ſeines Backbords klar wurden und die ganze Breit⸗ ſeite, mit Ausnahme des unteren Verdecks in eine allgemeine Salve ausbrach. Die auf dem Plantagenet warteten, bis das Schiff auf einer Woge emporſtieg; dann erwiederten ſie den artigen Gruß ihres Feindes mit gleicher Höflichkeit. Der Carnatic ſprühte unmittelbar darauf ſeine Flammenſchichte aus und auch Lord Morganic luvte den Achilles raſch in den Wind, ſo daß ſeine Kanonen ſchußge⸗ recht wurden und folgte dem Beiſpiel ſeiner Gefährten mit Blitzesſchnelle. Dieſe drei Schiffe hatten ihr Feuer ſämmtlich auf den Foud⸗ royant gerichtet, und der Rauch hatte ſeine Spieren noch nicht ver⸗ laſſen, als Sir Gervaiſe bemerkte, daß ſeine drei Hauptſtengen ſammt und ſonders leewärts hingen. Bei dieſem Anblick ſprang Greenly triumphirend auf das Deck und brach in ein dreimaliges Hurrah aus. Die Mannſchaft unten erwiederte ſeinen Ruf, ſogar diejenigen, welche auf dem unteren Deck gewiſſermaßen begraben waren und im nächſten Augenblick konnte man, trotz des Sturms, auch die auf dem Carnatic hinten dem Beiſpiele ihrer Kameraden folgen hören. In dieſem Augenblicke eröffnete die franzöſiſche wie die engliſche Linie, beide zumal, in ihrer ganzen Ausdehnung von der Spitze bis 483 zur Nachhut, ſo weit die Kanonen tragen und die Kugeln treffen mochten— ihr Feuer. „Nun, Sir, jetzt iſt es Zeit für uns, mit de Vervillin anzu⸗ binden!“ rief Greenly, ſobald er bemerkte, wie übel das feindliche Schiff zugerichtet war.„Mit unſerer dichtgedrängten Linie können wir hoffen, ein vollkommenes Wrack aus ihm zu machen.“ „Nicht ſo, Greenly,“ erwiederte Sir Gervaiſe ruhig.„Ihr ſeht, der Admiral wendet bereits ab und wird in fünf Minuten bei ſeinen übrigen Schiffen ſeyn; ſo bekämen wir alſo nichts als einen allgemeinen Kampf mit einer doppelt überlegenen Streitmacht. Was wir gemacht haben, haben wir gut gemacht, und ſo wollen wir's dabei bewenden laſſen. Es will ſchon etwas heißen, das feindliche Admiralſchiff entmaſtet zu haben: nun müßt Ihr aber auch darauf ſehen, daß der Feind dem unſrigen nicht den gleichen Streich ſpiele. Ich hörte einige Kugeln da oben raſſeln und das Tauwerk iſt ſämmtlich auf's Aeußerſte geſpannt.“ Greenly entfernte ſich, um nach ſeinem Schiffe zu ſehen, während Sir Gervaiſe fortwährend auf der Kampanje auf und ab ging. Der Foudroyant hatte ſein ganzes Feuer auf den Plantagenet ge⸗ richtet; die See ging aber ſo hoch, daß nicht eine einzige Kugel den Rumpf deſſelben berührt hatte. Nur oben unter dem Tauwerk hatte das Schiff einigen Schaden erlitten, doch war derſelbe ſo un⸗ bedeutend, daß er, ſelbſt bei dieſem ſtürmiſchen Wetter, durch die flinken, geſchickten Matroſen raſch wieder ausgebeſſert werden konnte. Die meiſten Kugeln hatten nämlich die Wellen geſtreift und waren von ihrer ſo verſchiedenartigen Oberfläche in allen nur denkbaren Winkeln zurückgeflogen. Eines der Geheimniſſe, welches Sir Ger⸗ vaiſe ſeine Kapitäne gelehrt hatte, beſtand darin, daß ſie es, wenn immer möglich, vermeiden ſollten, die Oberfläche der See zu treffen, wenn dieſe nicht ganz glatt und der zu erreichende Gegenſtand ziemlich nahe bei der Hand wäre. Dann hatte auch der franzöſiſche Admiral das erſte— und damit auch das zerſtörendſte— Feuer von drei 484 friſchen Schiffen empfangen und ſeine Beſchädigung war in eben dieſem Verhältniſſe bedeutend geworden. Die Scene war nun ſehr belebt und nicht ohne großartige Wildheit. Der Sturm war noch immer ſo heftig wie zuvor, und zu dem Toben des Oceans, zu dem Heulen der Winde kam jetzt noch der Donner des Geſchützes und das Rauchgewölke der Schlacht. Doch ſtand die Zerſtörung auf keiner von beiden Seiten im Ver⸗ hältniß mit dem tobenden Lärm, der dabei gleichſam accompagnirte, denn die Entfernung und die Unſtätigkeit der Schiffe verhinderte durchaus ein ſcharfes Zielen. Zu jener Zeit führte ein großer Zweidecker kein ſchwereres Kaliber als Achtzehnpfünder auf ſeinen oberen Batterien, und ſo wirkſam dieſes Geſchütz auch in den meiſten Fällen iſt, ſo übt es doch nicht jene furchtbare Zerſtörung, wie dieß bei den neueren Breit⸗ ſeiten der Fall iſt. Nichtsdeſtoweniger herrſchte ein gewaltiger Lärm und auch einiges Blut wurde hin und wieder vergoſſen; im Ganzen aber hätte man, nachdem der Warſpite, das letzte von den engliſchen Schiffen, wegen allzugroßer Entfernung des ihm gegenüberſtehenden Feindes ſein Feuer eingeſtellt hatte— nicht wohl behaupten können, daß irgend eines von den Schiffen, den Fondroyant ausgenommen, mehr als Begrüßungsſchüſſe empfangen habe. In dieſem Augenblick erſchien Greenly wieder auf der Kam⸗ panje, nachdem ſein eigenes Schiff ſeit mehreren Minuten zu feuern aufgehört hatte. „Nun, Greenly, die Kanonen des Hauptdecks ſind wenigſtens wieder einmal ausgeſchleimt,“ bemerkte Sir Gervaiſe lächelnd; „das braucht alſo eine Zeit lang nicht mehr vorgenommen zu werden. Ihr laßt hoffentlich bei den Batterien Alles bereit halten?“ „Wir find völlig bereit, Sir Gervaiſe, aber da iſt nirgends mehr etwas zu thun. Es wäre nutzlos, unſere Munition an Schiffe zu ver⸗ ſchwenden, die ſich volle zwei Meilen unter unſerem Lee befinden.“ „Ganz richtig— vollkommen richtig, Sir. Doch ſind nicht 485 alle Franzoſen ſo weit leewärts von uns, wie Ihr wohl glauben mögt, wenn Ihr vorwärts hinausſchaut. Jene beiden wenigſtens ſind nicht ſo ganz außer unſerem Bereiche.“ Greenly drehte ſich um, ſchaute einen Augenblick in der von dem kommandirenden Admiral angedeuteten Richtung und dann wurde ihm auf einmal mit wahrer Blitzesſchnelligkeit klar, was Sir Gervaiſe mit ſeinem früheren Abhalten eigentlich beabſichtigt hatte. Ohne ein Wort zu ſprechen, verließ er die Kampanje augen⸗ blicklich wieder und muſterte den Zuſtand ſeines Schiffs von den oberen bis zu den unterſten Batterien, indem er überallhin ſeine Blicke wendete und allenthalben ſeine Befehle ertheilte. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Beim Himmel! traun,'s iſt wunderbar zu ſeh’n, (Es wäre denn ein Bruder dort, ein Freund) Der buntgeſtickten Schärpen krieg'riſch Wehn— Der Waffen Glanz, auf den die Sonne ſcheint. Childe Harold. Das kurze Zuſammentreffen der Tote der franzöſiſchen Linie mit den engliſchen Schiffen, die Bewegung, welche hierauf gefolgt, die Entmaſtung des Foudroyant und die Fortdauer des Sturms— Alles dies zuſammengenommen hatte in den gegenſeitigen Stellungen der beiden Flotten weſentliche Aenderungen zur Folge gehabt. Die engliſchen Schiffe behaupteten ihre Poſten ſämmtlich mit der ſchönſten Genauigkeit und ſteuerten immer noch in dicht ge⸗ ſchloſſener Linie gegen Süden, indem ſie den Wind hinter ihrer Back und die Raaen beigepraßt behielten. Unter dieſen Umſtänden hatten ſie höchſtens ſieben bis acht Minuten nöthig, um auf dem wild erregten Ocean eine ganze Meile zurückzulegen und dieß fiel gerade in den Zeitpunkt, da ſie alle dem unſicheren, langſamen Feuer des Feindes, wie es der Zuſtand des Wetters nicht anders erlaubte, 486 am meiſten ausgeſetzt geweſen waren. Die unbedeutenden Beſchä⸗ digungen, welche ſie dabei erlitten hatten, waren bereits wieder ausgebeſſert oder wenigſtens auf dem beſten Wege, es zu werden. Andrerſeits herrſchte keine geringe Unordnung unter den Fran⸗ zoſen. Ihre Linie, welche eine volle Meile einnahm, war nie ſehr genau geweſen; einige von den vorderen Schiffen, oder wer in der Nähe des kommandirenden Admirals ſegelte, unterſtützten ſich ge⸗ genſeitig, ſo gut man dieß wünſchen konnte; dagegen blieben die hinteren Schiffe durch große Zwiſchenräume von einander getrennt. Unter dieſen Letzteren ſegelten überdieß noch einige viel weiter wind⸗ wärts, als die andern, und zwar war dieſe Unregelmäßigkeit von dem Admirale ſelbſt ausgegangen, der ſo nahe als möglich an den Feind zu luven wünſchte— ein Wunſch, der bei ſeiner Ausführung die weniger ausdauernden Schiffe nothwendig leewärts bringen mußte. So waren die beiden Schiffe in der äußerſten Nachhut, wie ſchon oben angedeutet wurde, ungewöhnlich hart gegen den Wind geſtaut und dabei bedeutend luvwärts von ihren Kameraden geworfen worden, während ihre Geſchwindigkeit verhältnißmäßig immer mehr abnahm. Dieſe vereinten Umſtände waren es, welche ſie ſo weit rück⸗ und windwärts gebracht hatten. Damals, als Sir Gervaiſe den Kapitän Greenly auf dieſe Nach⸗ zügler aufmerkſam machte, befanden ſich die beiden ſchon erwähnten Schiffe eine volle halbe Meile weſt⸗ und noch viel weiter ſüdwärts von ihrem nächſten Kameraden. Wenn man ſich erinnert, daß der Wind faſt gerade aus Weſten kam und daß die ganze franzöſiſche Flotte mit Ausnahme dieſer beiden Schiffe nordwärts ſteuerte, ſo wird man die Stellung der Letzteren um ſo beſſer begreifen. Der Foudroyant hatte nach dem Verluſte ſeiner Maſten gleichfalls ab⸗ gehalten, bis er wieder hinter dem Fahrwaſſer ſeiner vorderen Ge⸗ fährten auf ſeiner eigenen Linie eintraf, und da die Schiffe mehrere Minuten lang gerade in der Richtung des Windes hinſteuerten, ſo brachte dieſes Manöver die Franzoſen noch weiter leewärts. 487 Um die Sache noch mehr zu verſchlimmern, hatte Monſieur de Vervillin in dem Augenblick, da ſich der Warſpite aus der franzöſiſchen Feuerlinie zurückzog, ein neues Signal an ſeiner Gaffel aufgeſteckt, welches der ganzen Flotte zu vieren befahl— ein Befehl, der zwar allerdings den Anſchein der Tapferkeit hatte, da er die Schiffe rundherum in das Fahrwaſſer des Feindes brachte und ſo gleichſam wie eine Herausforderung ausſah, der aber nichts⸗ deſtoweniger ganz dazu geeignet war, den Engländern den ganzen Vortheil des Windes wieder zu geben, den ſie beim Abhalten ver⸗ loren hatten. Da es nothwendig war, bei Ausführung dieſes Manövers gehörig Raum zu gewinnen, um die Schiffe, die ſich jetzt alle nach vorn auf einem Haufen geſammelt hatten— wieder aus einander zu bringen, ſo kam der Temeraire, als er auf der Steuerbordſeite in den Wind gelangte, eine volle halbe Meile leewärts von dem Admiral⸗ ſchiffe, das eben erſt ſein Steuer aufgerichtet hatte. Natürlich mußte jedes Schiff, um eine neue Linie nach Süden zu bilden, ſich zuvor wieder in das Kielwaſſer des vorderſten Zweideckers begeben, was die ganze franzöſiſche Flotte abermals zwei volle Meilen lee⸗ wärts von der engliſchen Linie entfernen mußte. Nichtsdeſtoweniger fuhren die zwei Nachzügler an der Queue des franzöſiſchen Geſchwaders fort, den Wind mit einer Hart⸗ näckigkeit zu faſſen, woraus man ihren Entſchluß, ſich mit dem Feind im Vorüberfahren zu meſſen— deutlich erkennen konnte. Die beiden Schiffe waren der Scipio und die Victoire— jedes von vierundſiebenzig Kanonen. Das erſte derſelben befehligte ein junger Mann, der zwar im Seeweſen nur äußerſt geringe Erfah⸗ rung, dagegen aber bei Hof ſehr bedeutenden Einfluß beſaß; das zweite ſtand unter einem Kapitän, der ſich, wie der alte Parker, unter großen Schwierigkeiten, mit manchen harten Stößen und noch härterer Arbeit den Weg zu ſeiner jetzigen Stellung gebahnt hatte. Unglücklicherweiſe hatte Erſterer den Vorrang und der be⸗ 488 ſcheidene Fregattenkapitän, der durch Zufall ein Linienſchiff zu kommandiren bekommen hatte, wagte nicht, einen Schiffskapitän der einen Herzog zum älteren Bruder hatte und ſich ſelbſt einen Grafen nannte— allein zu laſſen. Es lebte vielleicht ein ritterlicher Geiſt in dem Grafen von Chelin⸗ court, der ihn zu dem gefahrvollen Entſchluſſe bewog, mit zwei Schiffen an deren ſechſen in ſolcher Nähe vorüberzuſegeln— ein Geiſt, der uns wieder mit ihm ausſöhnen und einen Schleier über ſeine Unbeſonnenheit werfen könnte, um ſo mehr, als ſeine eigene Flotte nahe genug war, um ihm im Falle eines Unglücks zu Hülfe zu kommen und uderdieß immer noch die Möglichkeit offen ſtand, daß der Verluſt einer wich⸗ tigen Spiere am Bord eines der feindlichen Schiffe die Eroberung deſſelben nach ſich ziehen konnte. So wenigſtens dachte Monſteur de Chelincourt, indem er mit angezogenen Backbordhalſen kühn dar⸗ auf los ſteuerte und ſogar, nachdem der Temeraire rund geviert hatte, den Wind noch beſtändig gefaßt hielt, worin ihm Monſteur Comptant auf der Victoire getreulich nachfolgte. Der Plantagenet war indeſſen keine ganze Meile mehr von dem Seipio entfernt und näherte ſich ihm mit immer gleicher Ge⸗ ſchwindigkeit; ſo machten es die obwaltenden Umſtände im höͤchſten Grade wahrſcheinlich, daß er bald auf eine Viertelmeile Entfer⸗ nung an dem Wetterbord ſeines Feindes vorüberkommen und hierauf eine neue Kanonade folgen müßte, welche weit ernſthafter, als Alles, was ſich bis jetzt zugetragen hatte, zu werden drohte. Die wenigen dazwiſchen liegenden Minuten gewährten Sir Ger⸗ vaiſe Zeit, einen Blick um ſich zu werfen und zum endlichen Ent⸗ ſchluſſe zu gelangen. Die engliſche Flotte hatte nie beſſer Linie gehalten, als gerade in dieſem Augenblick. Die Schiffe waren ſo dicht aufgeſchloſſen, als die Sicherheit nur immer geſtattete, und Segel und Taue ſtanden ſo ſicher und feſt, als ob der günſtigſte Paſſatwind wehte. Die vorderen franzöoſiſchen Schiffe vierten und vergrößerten dadurch 2** 489 ihre Entfernung leewärts, ſo daß ſie eine volle Stunde bedurft hätten, um ſo nahe heranzukommen, daß ſie überhaupt hätten ge⸗ fährlich werden können; die hinteren folgten dieſer Bewegung, ohne ſich im Geringſten um ihre beiden luvwärts ſteuernden Gefährten zu bekümmern. Die Chloe hatte bereits gewendet und war eben, den Wind erfaſſend, unter einem Walde von Segeln, der ſie unter ſeiner Wucht beinahe zu begraben drohte, windwärts gerathen. Der Active und Driver waren noch auf ihrem früheren Standpunkte, der eine vorn, der andere hinten am Luobord des Plantagenet; der Druid endlich hatte ſo nahe aufgeſchloſſen, daß ſein Rumpf mit den ſcharf angezogenen rechtwinklichen Raaen deutlich ſichtbar war. „Das iſt entweder ein ſehr kecker oder ein ſehr hartnäckiger Burſche, der da drüben die beiden Schiffe vor uns kommandirt,“ bemerkte Greenly, welcher neben dem Viceadmiral ſtand, eben als dieſer ſeinen Ueberblick beendigt hatte.„Welchen Zweck kann er nur haben, daß er in einem ſolchen Sturme einer dreifach über⸗ legenen Flotte Trotz bietet?“ „Wäre er ein Engländer, Greenly— wir würden ihn einen Helden nennen! Wenn er einem von uns einen Maſt entzweibricht, kann er den Verluſt des ganzen Schiffs herbeiführen oder uns zwingen, mit einer doppelt ſo ſtarken Flotte anzubinden. Tadelt ihn nicht, ſondern helft mir lieber, ihn zu enttäuſchen. Jetzt merkt wohl auf und ſorgt, daß Alles unverzüglich vollzogen werde.“ Sir Gervaiſe erklärte nun dem Kapitän ſeine eigentlichen Ab⸗ ſichten. Zuerſt befahl er dem erſten Lieutenant in eigener Perſon (bei einem Manne, wie er, ein höchſt ungewöhnlicher Fall)— das Schiff ſo weit als thunlich abzuhalten, ohne dabei dieſe Abſicht merken zu laſſen. Da wir übrigens dieſe Befehle im Verlauf der Erzählung gelegentlich näher erklären werden, ſo iſt es unnöthig, jetzt ſchon dabei zu verweilen. Greenly ging ſodann hinab und 490 ließ Sir Gervaiſe mit Bunting und deſſen Gehülfen in dem allei⸗ nigen Beſitz der Kampanje. Schon ſeit einiger Zeit war ein geheimes Signal bereit ge⸗ halten worden: jetzt wurde daſſelbe aufgehißt. In fünf Minuten war es von allen Schiffen der Flotte abgenommen, verſtanden und beantwortet. Sir Gervaiſe rieb ſich die Hände wie Einer, der hocherfreut iſt; gleich darauf bedeutete er Bury, der mit dem Sprachrohr auf dem Quaterdeck ſtand, durch einen Wink, daß er zu ihm auf die Kampanje herauf kommen möchte. „Hat Euch Kapitän Greenly in unſer Komplott eingeweiht, Bury?“ fragte der Viceadmiral in der vergnügteſten Laune, ſobald der Lieutenant ſeinem Winke gehorcht hatte.„Ich ſah ihn mit Euch ſprechen, ehe er hinabging?“ „Er ſagte mir blos, Sir Gervaiſe, ich ſollte den Franz⸗ männern ſo nahe als möglich zu Leibe rücken und dieß thun wir auch, denk' ich, ſo ſchnell als Mounſcher“— Bury war ein Anglo⸗ Gallikaner—„nur immer wünſchen mag.“ „Ah! der alte Parker giert tüchtig leewärts! Verlaßt Euch drauf, er wird ſtets an der rechten Stelle ſeyn. Der Carnatie ging bei dieſem einzigen Male ſeine volle fünfzig Faden aus der Linie. Der Thunderer und Warſpite ebenſo! Nie wurde ein Signal ſchöner und pünktlicher vollzogen. Wenn die Franzoſen jetzt noch nichts merken, ſo wird Alles ganz nach unſerem Sinne gehen.“ Jetzt fing auch Bury an, das Manöver zu begreifen. Der Viceadmiral ließ je das zweite Schiff ſeiner Flotte raſch leewärts gieren, ſo daß eine Luv⸗ und eine Leelinie mit vergrößerten Zwi⸗ ſchenräumen zwiſchen den einzelnen Schiffen gebildet wurde, während alle zuſammen wie im Fluge abſteuerten, ſo daß ſie dem Feinde mit Blitzesſchnelle näher kamen. Es war jetzt außer Zweifel, daß der Plantagenet, und zwar in weniger als zwei Minuten, anf hundert Faden Entfernung an 491 dem Scipio vorüber kommen mußte. Die urſprüngliche Verzöge⸗ rung des letzten Mandvers begünſtigte jetzt ſehr das Gelingen deſ⸗ ſelben, inſofern ſie dem Feind keine Zeit zur Ueberlegung übrig gelaſſen hatte. Der Graf von Chelincourt hatte in der That den Plan des Feindes nicht durchſchaut oder wenigſtens deſſen Folgen nicht vorhergeſehen, obwohl Beides dem erfahreneren Fregatten⸗ kapitän hinten ſogleich vollkommen klar war. Es war zu ſpät; ſonſt würde der Letztere ſeinen Vorgeſetzen durch Signale gewarnt haben, auf ſeiner Hut zu ſeyn; wie die Sachen nunmehr ſtanden, blieb allem Anſchein nach nichts anderes übrig, als durch die feind⸗ liche Gaſſe Spießruthen zu laufen und Alles den Wechſelfällen einer Schlacht anheimzuſtellen. In einem Augenblicke, wie wir ihn jetzt beſchreiben, drängen ſich die Ereigniſſe weit raſcher, als wir ſie zu erzählen im Stande ſind. Der Plantagenet war jetzt auf Piſtolenſchußweite vor dem Scipio und auf deſſen Luvſeite. In demſelben Augenblick, da die Bugkanonen auf beiden Seiten zu ſpielen begannen, machte der Carnatic, der mit dem Feinde faſt in gleicher Linie ſtand, eine volle Wendung leewärts und rückte dann vor, indem er das Feuer noch während der Wendung mit ſeinen Luvbatterien eroffnete. Der Thunderer und Warſpite folgten dieſem Manöver und boten dadurch dem Franzmanne die unerfreuliche Ausſicht, von beiden Seiten angegriffen zu werden. Wir können nicht verhehlen, daß Monſieur de Chelincourt bei dieſer plötzlichen Aenderung ſeiner Lage nicht wenig beunruhigt war. Was einen Augenblick zuvor das Anſehen eines ritterlichen, obwohl ausnehmend kühnen Vorbeipaſſirens an einem furchtbaren Feinde gehabt hatte, fing jetzt an, ſo ziemlich den Anſchein völliger Vernichtung zu gewinnen. Doch war's zu ſpät, dem Uebel vor⸗ zubeugen und der junge Graf, ſo tapfer wie nur irgend einer, beſchloß, männlich der Gefahr in's Auge zu ſchauen. Er hatte kaum Zeit, den Leuten auf dem Quarterdeck einige 49²2 ermunternde Worte mit dramatiſcher Lebhaftigkeit zuzurufen, als das engliſche Admiralſchiff in einer Wolke von Rauch und unter einem Strome von Feuer vorüberſchoß. Er antwortete kühn mit ſeiner eigenen Breitſeite, ſo weit wenigſtens das Wetter es erlaubte; doch während noch der Rauch von beiden Salven zwiſchen ſeinen Maſten auf⸗ und niederwogte, erſchien der Carnatic mit ſeiner ſchwarzen Tackellage in der ſich drängenden Dampfſchichte, welche vor einem zweiten Flammenſtrome auf den dem Untergang geweihten Franzmanne zurückwirbelte. Dreimal hinter einander, in Zwiſchenräumen von nur einer Minute, wurde dieſer furchtbare Angriff auf den Scipio erneuert, jedesmal kam der eherne Hagel zuerſt windwärts herüber, ſchien dann wie durch ſeinen eigenen Rückprall von leewärts zurückge⸗ trieben zu werden und ließ den Geängſteten kaum ſo viel Zeit, um Athem zu holen, viel weniger, um das Feuer zu erwiedern. Die Wirkung war vollſtändig— der Scipio war zum Schweigen gebracht; zwiſchen die Wuth der raſenden Elemente und die zerſtörenden Salven des Feindes eingekeilt, hatte eine Art wilder, blutgetränkter Verwirrung die Stelle der Ordnung und des planmäßigen Handelns an ſeinem Borde eingenommen. Seine Decks waren mit Todten und Verwundeten überſät, unter deren Letzteren ſich auch der Graf von Chelincourt befand, deſſen Befehle auf eine Art gegeben und wieder zurückgenommen wurden, daß ſie jedenfalls völlig nutzlos, wenn nicht ohne allen Zuſammenhang blieben. Von dem Augenblicke, da der Plantagenet ſeine erſte Kanone abgefeuert, bis zu dem, wo der Warſpite ſeine letzte gelöst hatte, waren gerade fünf Minuten verfloſſen. Den Franzoſen war dieſe Zeit wie eine Stunde, ihren Feinden dagegen nur wie ein Augen⸗ blick vorgekommen. Einhundert und zweiundachtzig Matroſen und Schiffsjungen hatten dieſe ereignißreichen Augenblicke auf dem Scipio allein als Opfer hingerafft und als dieſes Schiff lang⸗ ſam und mehr durch die Raſchheit ſeiner vorüberſauſenden Feinde, 1 493 als durch ſeine eigene Geſchwindigkeit, dieſem Schauplatze der Zer⸗ ſtörung entrann— war von dem ganzen Tackelwerk der Fockmaſt allein ſtehen geblieben; alle übrigen Maſten und Spieren hingen jämmerlich zerſchoſſen am Lee herunter. Den Letzteren auf's Ge⸗ rathewohl gleichfalls abzuhauen und ſich geradeswegs in den Wind zu begeben, um wenigſtens die vorderen Spieren zu retten und bald wieder unter den Schutz der Flotte zu gelangen— dieß war Alles, was vorderhand vorgenommen werden konnte. Beides wurde auch wirklich erreicht, wie wir hier wohl noch beifügen dürfen. Auch der Plantagenet hatte durch das Feuer ſeines Gegners einigen Schaden erlitten. Etliche zehn bis fünfzehn Matroſen waren todt oder verwundet; das große Marsſegel war durch eine Kugel vom Horn bis zum Ringe“ zerriſſen; einer der Quartier⸗ meiſter wurde von der Kampanje geriſſen und über Bord geſchleu⸗ dert; auch einige von den Spieren und ein guter Theil der Tacke⸗ lage bedurften alsbaldiger Ausbeſſerung. Doch in dem jetzigen Momente dachte Niemand an ſolche Dinge, wenn ſie nicht etwa mit den jedesmaligen drängenden Pflichten des Augenblicks in Ver⸗ bindung ſtanden. Sir Gervaiſe bekam die Victoire, welche ungefähr hundert und zwanzig Faden vor ihm lag, gerade in dem Augenblicke zu Geſicht, als das Brüllen der Kanonen des Carnatie ihm zu Ohren drang. Der franzöſiſche Kapitän ſah und erkannte die äußerſte Gefahr ſeines Gefährten und hatte bereits das Steuer hart beigedreht. „Steuerbord— hart Steuerbord, Bury!“ ſchrie Sir Ger⸗ vaiſe von der Kampanje herüber.„Verdammt auch,— rennt ihm an Bord, wenn er es wagt, ſo lange anzuhalten, bis er uns begegnet.“ Der Lieutenant winkte mit der Hand, zum Zeichen, daß er den Befehl verſtanden hatte; das Steuerruder wurde hart aufge⸗ ſetzt und pfeilſchnell wirbelte das Schiff auf einem Berge von * Das Horn iſt das untere, der Ring das obere Ende des Segels. H. u. 494 Schaum leewärts hinüber. Der Admiral hörte eben ein Freuden⸗ geſchrei ſich durch den Sturm zu ihm herüber ringen und über ſeine linke Schulter blickend, gewahrte er den Carnatic, wie er aus der Rauchwolke hervorſchoß und ſogleich ſeinem eigenen Bei⸗ ſpiel folgte, indem er eine zweite und noch ſtärkere Wendung lee⸗ wärts machte. Im ſelben Augenblicke ließ er ſein Hauptſegel enggerefft einſetzen, entſchloſſen, wie es ſchien, ſeinen Gegner zu überholen und ſeine Stellung zu behaupten. Nur ein vollendeter Seemann vermochte eine ſolche Bewegung mitten unter der wilden Haſt und Verwirrung einer derartigen Scene ſo ſchön und ſtetig auszuführen. Sir Gervaiſe, der eben jetzt keine hundert Klafter vom Carnatic entfernt war, ſchwenkte den Hut in triumphirender Anerkennung und der alte Parker, der allein auf der Hütte ſtand, entblößte ſeine grauen Haare zum Danke für das Kompliment. Dieſe ganze Zeit über jagten die beiden Schiffe wie raſend vorwärts, während das Gekrach und Gebrülle der Schlacht hinter ihnen fortdauerte. Das noch übrige franzöſiſche Schiff wurde flink und geſchickt geleitet. Während daſſelbe wendete, mußte es unvermeidlich gegen ſeine Feinde gieren und Sir Gervaiſe fand nöthig, ſeinen letzten Befehl zu widerrufen und raſch in den Wind zu kommen, um der Breitſeite der Victoire auszuweichen, weil er ſonſt mit ſeinem ei⸗ genen Gefährten zuſammengerannt wäre. Der Carnatic aber, der etwas mehr Raum hatte, hielt zuerſt ab und kam dann, ſobald der Franzmann gefeuert hatte, alsbald wieder in den Wind, ſo daß dieſer entweder auf der andern Seite aufholen oder gänzlich gegen ſeinen eigenen Bord abfallen mußte. Beinahe in demſelben Augenblick brachte der Plantagenet ſei⸗ nen Luvbord bei und gab die erſte Salve. Parker war ſeitwärts herangekommen und hatte ſich ſo nahe herbeigedrängt, daß er die Victoire nöthigte, ihre Bolinien zu halen, ſo daß ſie gerade zwiſchen 4 zwei Feuer kam. Eine Spiere nach der andern ging verloren und ——— ʃ½——28 495 bald war nichts mehr als die unteren Maſten ſtehen geblieben; doch konnten der Plantagenet und der Carnatic, ſo ſehr ſie auch ihre Segel verkürzt hatten, nicht verhindern, daß ſie von dem Sturme an ihrem Opfer vorbei getrieben wurden: überdieß war auch der Erſtere bereits ohne Marsſegel. Ihre Stellen wurden jedoch augenblicklich durch den Achilles und den Thunderer eingenommen, welche Beide, um ihren Weg zu verkürzen, ihre Stagſegel niedergehalt hatten. Da der Blenheim und Warſpite dicht hinter ihnen drein kamen und eine Achtzehn⸗ pfünderkugel die irdiſche Laufbahn des armen Fregattenkapitäns beendigt hatte, ſo hielt ſein Nachfolger im Kommando für rathſam, nach einem Widerſtande, deſſen Dauer der Erwartung, wozu man im Anfange berechtigt geweſen, keineswegs entſprochen hatte,— ſeine Flagge zu ſtreichen. Das Schiff hatte übrigens jetzt ſchon bedeutend gelitten und zählte fünfzig Todte unter den Verluſt des heutigen Tages. Natürlich hatte der Kampf mit dieſer Unter⸗ werfung für den Augenblick wenigſtens ſein Ende erreicht. Sir Gervaiſe Oakes hatte jetzt Muße, und als bald darauf der Rauch vor dem Sturme ſich verzog— auch volle Gelegenheit, ſich auf dem Kampfplatze umzuſehen. Die Mehrzahl der franzöſt⸗ ſchen Schiffe hatte unterdeſſen gewendet; doch außerdem, daß ſie noch viel zu weit zurück waren, ſelbſt für den Fall, daß er auf der Stelle bleiben wollte, wo er ſich in dieſem Augenblicke befand und ſie ihm mit dem Winde zu folgen beabſichtigten— waren ſie auch noch einen ſtarken Kanonenſchuß todt nach leewärts. Auf ſeiner jetzigen Stelle zu bleiben, lag übrigens keineswegs in ſeinem Plane, denn er war feſt entſchloſſen, ſich alle errungenen Vortheile zu ſichern. Die Hauptſchwierigkeit beſtand darin, die Priſe in Beſitz zu nehmen, denn die See ging ſo hoch, daß es noch ſehr in Frage ſtand, ob ein Boot durchkommen würde. Lord Morganic aber war eben in einem Alter und von einem Temperament, um dieſe 496 Frage zu einer raſchen Entſcheidung zu bringen. Da er ſich gerade am Luvbord der Victoire befand, als dieſe ihre Flagge ſenkte, ſo befahl er ſeinem erſten Lieutenant, in den größeren Kutter zu ſteigen, und ein halb Dutzend Marineſoldaten und die nöthige An⸗ zahl Matroſen mit ſich zu nehmen. Bald ſah man das Boot mit losgebundenen Rudern über dem tobenden Keſſel des Oceans in der Luft ſchweben: es niederzuſenken, auszuhacken und gehen zu laſſen— war das Werk eines Augenblicks— die Ruder ſielen ein und der Kutter ſchwamm leewärts. Eine Kommandantenſtelle mußte der Lohn eines glücklichen Erfolges ſeyn und Daly machte verzweifelte Anſtrengungen, um ſie zu gewinnen. Die Priſe bot die Leeſeite dar und mit der ihrer Nation eigenthümlichen Gutmüthigkeit, Großmuth und Artigkeit, welche im umgekehrten Falle von ihren Gegnern wohl ſchwerlich nachgeahmt worden wäre, warfen die Franzoſen ihren Beſiegern Taue zu, um ſie aus ihrer höchſt widrigen Lage zu befreien. So gelang es der Mannſchaft, die Priſe zu erreichen— das Boot aber ſchlug alsbald um und war verloren. 8 Das Aufhiſſen der rothen Flagge von England, jenes Symbols ſeines eigenen Ranges, das unter ſeinen Befehlen noch immer mit Ehren beſtanden war, neben der weißen Wimpel von Frankreich— galt Sir Gervaiſe als Zeichen, daß der Offtzier von der Priſe Beſitz genommen hatte. Augenblicklich ließ er der⸗ Flotte durch ein Signal befehlen, daß Alle den Bewegungen des kommandirenden Admirales folgen ſollten. Sein eigenes großes Segel hatte die Stelle des zerriſſenen Marsſegels eingenommen und der Plantagenet ſteuerte wieder ſo ruhig voraus gegen Süden, wie wenn überhaupt gar nichts Außergewöhnliches vorgefallen wäre. Daly hatte eine volle Viertelſtunde alle Kräfte am Bord der Priſe aufzubieten, bis er dieſe endlich ſo, wie er wünſchte, in Gang brachte; indem er aber die Schiffsart ungehindert walten ließ, ge⸗ 1 lang es ihm endlich, die Victoire von allen hindernden Trümmern — 497 los zu machen. Das Fockſegel und die Fock⸗ und Kreuzſtagſegel ſtanden noch auf dem Schiffe; das große Segel, gleichfalls einge⸗ refft, war in dem Augenblicke, da man die Flagge geſtrichen hatte, zum Einſetzen bereit gehalten worden, um das Schiff aus der er⸗ drückenden Umarmung ſeiner Feinde zu befreien. Wenn es ihm gelang, den Hals des Letzteren an Bord zu bringen und die Schote nach hinten zu ſchaffen, ſo hatte er gerade ſo viel Leinwand ein⸗ geſetzt, als der Sturm erlaubte und auf dieſen ſo hoͤchſt weſent⸗ lichen Punkt war nunmehr ſeine ganze Thätigkeit gerichtet. In einem Sturme, wie der gegenwärtige, dem nur ſehr wenig zu einem wirklichen Orkane fehlte, den Hals des großen Segels auf einem Zweidecker niederzubringen, war mit zwanzig Mann— dieß war die ganze Stärke von Daly's Kommando— nicht zu unter⸗ nehmen: ſo nahm er alſo ſeine Zuflucht zu dem Beiſtande ſeiner Feinde. Als ein gutmüthiger, humoriſtiſcher Irländer, der ſogar eine oberflächliche Kenntniß der franzöſiſchen Sprache beſaß, gelang es ihm bald, vierzig bis fünfzig ſeiner Gefangenen in ſo gute Laune zu verſetzen, daß ſie ihm ihre Hülfe liehen und ſo wurde endlich das große Segel, nicht ohne große Gefahr des Zerreiſſens, glücklich⸗ eingeſetzt. Von dieſem Augenblicke an war die Victoire hinſichtlich des Sturms und ihrer eigenen Lage weit beſſer daran, als jedes der engliſchen Schiffe, inſofern ſie alle Segel, die das Unwetter erlaubte, führen konnte und dafür nicht jene ſtarke Abtrift zu beſorgen hatte, welche jedesmal unvermeidlich iſt, wenn oben noch vieles Tauwerk eingebunden bleibt. Die Wirkung wurde auch in der That gleich in der erſten Stunde zu Daly's nicht geringer Freude ſichtbar. Nach Verlauf dieſer Zeit befand er ſich gerade eine Kabellänge wind⸗ wärts von der Linie und dieß aus dem einfachen Grunde, weil er leewärts nicht die üblichen Segel hatte einſetzen können. Wir haben übrigens bei Erwähnung dieſes letzteren Umſtandes dem Gange der Ereigniſſe einigermaßen vorgegriffen. Die beiden Admirale. 2. Aufl. 3² Greenly hatte ſich bis jetzt in den unteren Räumen aufge⸗ halten, um die Batterien, welche bei hochgehender See nichts we⸗ niger als leicht zu bedienen waren, zu beaufſichtigen und Alles zum Oeffnen der unteren Stückpforten bereit zu halten, ſobald ſich Ge⸗ legenheit hiezu bieten würde. Er erſchien jetzt wieder auf dem Verdeck gerade in dem Moment, als der Admiral den Schiffen das Signal zugehen ließ, daß man nur ſeinen eigenen Bewegungen zu folgen habe. Die Linie war bald wieder wie früher gebildet und es ſtund nicht lange an, bis man die Bemerkung machte, daß auch die Priſe leicht ihre Stellung beibehalten konnte. Da man zudem noch den größeren Theil des Tages vor ſich hatte, ſo zweifelte Sir Gervaiſe nicht, daß er Letztere in Sicherheit bringen könne, noch ehe die Nacht herbeikäme, wo dieß vollends unerläßlich wurde. Der Viceadmiral und ſein Kapitän ſchüttelten ſich auf der Kampanje herzlich die Hände und Erſterer zeigte dieſem mit wohl⸗ erlaubtem Triumphe die Reſultate ſeines kühnen Manövers. „Wir haben zweien von ihnen die Flügel beſchnitten,“ fuhr Sir Gervaiſe fort,„und der dritte wurde hübſch ordentlich back⸗ gelegt, mein wackerer Freund; wenn Bluewater noch vollends dazu kommt, ſo werden wir, ſo Gott will, mit den übrigen keine allzu großen Schwierigkeiten haben. Ich kann nicht bemerken, daß ir⸗ gend eines unſerer Schiffe bedeutenden Schaden genommen hätte und ſo darf ich ſie wohl alle als unverſehrt annehmen. Wenn eines derſelben kampfunfähig geworden wäre, ſo hätte es unter⸗ deſſen Zeit zu dem geeigneten Signale gehabt; es ſcheint aber Niemand geneigt, ein ſolches zu geben und ſo iſt mir dieſer Jammer für eines Admirals Manöver erſpart. Wenn wir wirklich dieſem Uebel entgehen, ſo iſt dieß heute das erſte Beiſpiel in meinem ganzen Leben!“ „Ein halb Dutzend Raaen ſind wohl zerſchoſſen worden, doch wird deßhalb Keiner bei dieſem Sturme ſchlimmer daran ſeyn. Ständen wir unter einem Walde von Segeln— ja, da wär's etwas Anderes; doch jetzt iſt vorauszuſehen, daß wir, ſo lange nur ₰ 499 die Hauptmaſten ſtehen, noch immer gut genug durchkommen werden! Ich finde auf meinem eigenen Schiffe nirgends einen Schaden, der nicht auf der See ſelbſt ausgebeſſert werden könnte.“ „Nun, und der Plantagenet iſt gerade am Schärfſten drau geweſen. Es war wohl ziemlich keck, Greenly, in einem ſolchen Sturme mit einem überlegenen Feinde anzubinden, doch haben wir unſern Erfolg höchſt wahrſcheinlich eben der Kühnheit des Angriffes einzig und allein zu danken. Hätte ihn der Feind für möglich ge⸗ halten, ſo würde er ihn wohl auch vereitelt haben.— Nun, Meiſter Galleygo, es freut mich, Dich unverletzt zu ſehen! Was ſteht zu Dienſt?“ „Nun, Sir Jarvy, ich habe zweierlei auf der Kampanje zu ſchaffen, wie man wohl ſagen könnte. Das Eine iſt— uns die Hände zu ſchütteln, was wir jedesmal nach einem ſolchen Strauße zu thun pflegen, wie Ihr wohl wißt, Sir, und nachzuſehen, wie wir uns gegenſeitig befinden; das Zweite— iſt eine Unglücksbot⸗ ſchaft, die ich Euch zu hinterbringen habe und die ſich wohl bei dem heutigen Mittagsmahle ſehr fühlbar machen wird. Denkt nur, Sir Jarvy, ich hatte das todte Geflügel in ein Netz gebunden und oben in unſerem Stalle aufgehängt, damit ihm nicht etwa ein Unglück zuſtoße; nun ſeht, da kommt eine Kugel, Sir, reißt das Taljereep entzwei und wirft die Hühner alle mitten unter die Grunzer des Kanonendecks; und da man dieſen Thieren blos halb genug zu freſſen gibt, ſo iſt von dem ganzen Geflügel auch nicht einmal ſo viel übrig geblieben, daß man einem kranken jungen Herrn ein Mahl davon bereiten könnte. Meiner Anſicht nach ſollte außer dem kommandirenden Admiral ſonſt Niemand lebendes Ge⸗ thier in der Proviantkammer halten dürfen.“ „Zum Teufel mit Dir und Deiner Proviantkammer! Da— ſchüttle mir die Hand und dann auf Deinen Top zurück— wie kamt Ihr überhaupt dazu, Sir, Euren Poſten ohne Erlaubniß zu verlaſſen?“ „Das that ich nicht, Sir Jarvy. Als ich ſah, wie's unter der Schweineheerde zuging(mein Poſten iſt nämlich gerade über der ſchrecklichen Scene)— bat ich den jungen Herrn, herabſteigen und Euer Gnaden mein Beileid bezeugen zu dürfen; und da ſie mich in ſolchen Stücken jederzeit thun laſſen, was ich verlange— nun, darum komme ich auch jetzt herab. Wir haben aber da oben irgendwoher einen Raßler gehabt, der uns beinahe ſammt und ſonders herausklarirt hätte!“ „Iſt irgend eine Spiere beſchädigt?“ fragte Sir Gervaiſe raſch:„da muß nachgeſehen werden— hört Ihr— Greenly?“ „Nicht der Rede werth, Euer Gnaden— nicht der Rede werth. Einer dieſer franzöſiſchen Achtzehnpfünder am Bord der Priſe hob gerade die Naſe in die Höhe, als das Schiff überhellte und ſpie uns eine Vollkugel und einen Hagel von Kartätſchen gerade in's Geſicht. Ich ſah es kommen und ſchrie gerade noch ‚aufgepaßt“ — und's war wirklich gut, daß ich das that. Wir duckten uns alle bei Zeiten: die Kugel räumte tüchtig auf und eine Handvoll von den Kartätſchenkörnern blieb am Top des Maſtes ſtecken, ſo daß die Spiere nicht anders ausſieht, als wie ein Plumpudding oder wie ein Kerl, der die Blattern hat.“ „Genug davon. Du brauchſt nicht mehr auf den Top zurück⸗ zukehren— und— Greenly, laßt nur Retraite ſchlagen.— Bunting, gebt das Signal zur Retraite. Die Schiffe mögen zum Frühſtück pfeifen, wenn ſie Luſt haben.“ Dieſer Befehl gibt das deutlichſte Bild von dem ſonderbaren Gemiſch von Empfindungen und Zerſtreuungen, wie es das ge⸗ wöhnliche Leben auf einem Schiffe charakteriſirt. In dem einen Augenblick mitten in Scenen wilder Großartigkeit und gräulicher Verwirrung— kehren deſſen Bewohner im nächſten zu den häus⸗ lichen Pflichten geſitteter Menſchen zurück. Auf der ganzen Flotte wurde die Mannſchaft nunmehr von den Kanonen zurück gezogen; unmittelbar darauf ſaßen ſie alle traulich beiſammen und verzehrten mit Heißhunger die Speiſen, wozu der Dienſt am heutigen Morgen den Appetit genugſam geſchärft hatte. 5———,„ 501 Doch auch bei der Fröhlichkeit des Mahles war immer noch etwas von dem Ernſte der Schlacht zurückgeblieben, und die wenigen Scherze, welche laut wurden, waren mit einer Bitterkeit gewürzt, wie ſie unter den leichtherzigen Seefahrern keineswegs gewöhnlich iſt. Hier und dort wurde einer von den Tiſchkameraden vermißt und ſein Ausbleiben veranlaßte manche gutgewählte und ſelbſt pathetiſche Anſpielung auf ſeine Gewohnheiten oder die Art ſeines Todes, denn nachdem der Schlag geſchehen iſt, betrachten die Matroſen gewöhn⸗ lich die Verheerungen dieſes großen Erbfeindes unſeres Geſchlechts mit ebenſoviel Feierlichkeit und ſogar Zartgefühl, als ſie ſeiner Annäherung mit leichtem Muthe entgegenſehen. Erſt wenn ſie ſelbſt verſchont geblieben, faſſen die Meiſten die Zerſtörung der Schlacht ernſtlich in's Auge. Auch die Stellung, die Einer auf einem Schiffe einnimmt, iſt zu ſolchen Zeiten von bedeutendem Gewicht und ſo wurde der Verluſt des Quartiermeiſters auf dem Plantagenet beſonders be⸗ dauert. Dieſer Mann hatte mit einer Anzahl untergeordneter Be⸗ amten an einem Tiſche geſpeiſt, lauter Leuten, welche faſt durchaus nachdenklicher und ernſter als die große Maſſe der Mannſchaft ſind. Als ſie am heutigen Morgen ſich an ihrem gewohnten Tiſche zum Frühſtück verſammelten, zeigten ſte einen Ernſt, eine Nüch⸗ ternheit in ihren Mienen, welche bewies, wie viel ſie perſönlich zu der geſchickten Leitung des Schiffes beigetragen hatten. Wehre Nemnunen verſtrichen unter dem Kreiſe, deſſen Mit⸗ glied der todte Quartiermeiſter geweſen war, ehe ein Wort ge⸗ ſprochen wurde; Alle aßen mit einem Appetit, der ſich auch hier auf's Neue bewährte— aber Keiner wagte das Schweigen zu unterbrechen. Endlich nahm ein alter Konſtablermaat,“ Namens Tom Sponge, welcher gewöhnlich das Geſpräch leitete— das Wort: „Ich denke,“ ſprach er in halb fragendem, halb bedauerndem * Führt als Gehülfe(Maat) des Konſtablers die Aufſicht über eine beſtimmte Anzahl Kanonen. D. U.* Se Tone,„ich brauche nicht erſt zu fragen, warum Jack Glaß's Löffel heute Morgen unthätig geblieben. Die Gaffer auf dem Vorkaſtell ſagen, ſie hätten ſeinen Körper mit einer Schnelligkeit über den Steuerbord hinfliegen ſehen, wie wenn er der Schwengel an einer ſeiner eigenen Flaggen geweſen wäre. Wie war's damit, Ned,“ Du biſt ja dabei geweſen und ſollteſt Alles auf's Genaueſte wiſſen?“ „Und ich weiß es auch,“ ſagte Ned, der nunmehr Bunting's einziger überlebender Gehülfe war.„Ich bin dabei geweſen, wie Du ſagſt, und habe ſo viel davon geſehen, als nur immer ein Mann von Dem ſehen kann, was zwiſchen einem armen Burſchen und einer Kugel vorgeht, wenn beide und zwar nicht auf die liebe⸗ vollſte Weiſe an einander gerathen. Es geſchah, als wir eben am Luvbord jenes erſten Gelbſchnabels vorüberkamen— deſſelben, dem wir ſo hübſch die Flügel ſtutzten. Nun, Sir Jarvy hatte einen Stopper an die Signale geklappt,“ da er ſah, daß wir mitten im Rauch drin waren, und ſo ſchauten wir uns, nämlich Jack und ich, nach den Musketen um, da man ja doch nicht wiſſen konnte, ob der Zufall es nicht fügen würde, daß wir einem von den Wäͤl⸗ ſchen**⸗ ſo ein Bischen Blei in den Leib jagen könnten; und ſo ſagt Jack, ſagt er,„Ned, Du haſt meine Muskete?—(die ich in der That auch hatte)— und, ſagt er, Ned, Du haſt meine Muskete; doch hat's im Ganzen nichts zu ſagen, denn's liegt ja genug von dem Zeug hier herum.“— Als er nun dieſes geſagt hatte, drückte er los; ob er aber Jemand getroffen hat, iſt mehr als ich ſagen kann. Wenn er's that, ſo war's wahrſcheinlich ein Franzmann, da er in dieſer Richtung hinausſchoß.— ‚Nun,“ ſagt Jack, ſagt er,—„Ned, da dieß hier Deine Muskete iſt, ſo kannſt Du ſie auch laden, und mir die meinige einhändigen, dann will ich noch einen von den Teufelsbraten zur Hölle ſchicken.— Nun, in dieſem * Ned— Abkürzung für Eduard. 2 d. h. er hatte die Signale eingeſtellt. as Parly-woos(parlez-vous) nennt ſie eigentlich der Konſtabler. D. U. ͤS—⸗9ß 82 8ͤ N t 503³ Augenblick hebt ſich der Franzmann auf einer ſchweren Woge und läßt ſeine Vorkaſtellkanonen alle zumal los, wie wenn ſie von einer Lunte entzündet worden wären—“ „Schlechtes Kanoniren das,“ brummte Tom Sponge;„auf dieſe Art wird ja ein Schiff fürchterlich erſchüttert.“ „Ja, ſie verſtehen ſich überhaupt nur ſchlecht auf's Seeweſen. Nun, dieſe franzöſiſchen Zwölfpfünder ſind verdammt heimtückiſche Geſchütze und ein ganz klein wenig vorher, ehe ſie abfeuerten, dünkte es mich, ich hörte etwas, wie wenn man Jack einen Streich auf die Wange gäbe und dabei klang's, als ob Einer eine Ohrfeige bekäme, die wie ein Donnerſchlag knallte. Ich ſchaue auf— da ſliegt Jack wie der Schwengel an ſeiner Flagge über Bord, mit dem Kopf voran, der übrige Körper wie von den Sehnen in ſeinem Nacken nachgezogen!“ „Ich glaubte,“ fiel ein anderer Quartiermeiſter, mit Namen Ben Barrel ein,„wenn Einem der Kopf weggeſchoſſen werde, ſo bleibe der Körper im Schiffe und nur der getroffene Theil fliege von dannen.“ „Das kommt davon her, Ben,“ daß Du noch nie ſo etwas geſehen haſt,“ erwiederte der Augenzeuge.„Der Kopf eines Men⸗ ſchen iſt gerade ſo wie der Maſt eines Schiffes auf ſeinen Rumpf geſtaut. Da haſt Du Vor⸗, Backſtags und Wandtaue, gerade ſo gut wie hier am Bord; der einzige Unterſchied iſt, daß die Talje⸗ reeps etwas lockerer ſind, ſo daß ein Menſch mit ſeinem Kopfe größeren Spielraum hat, als man mit Sicherheit einem Maſte gewähren könnte. Wenn Einer eine Verbeugung macht— nun, ſo hält er ſich allemal etwas rückwärts und holt auf ſein Fockſtag an; dann und wann triffſt Du wohl auch einen Burſchen, der durchaus zu weit vorwärts geſtaut iſt oder vielleicht eine ſtarke Neigung ſeitwärts hat, und das kommt dann daher, daß ſeine Wand⸗ taue auf der Steuer⸗ oder Backbordſeite zu ſtark aufgeſetzt find.“ * Abkürzung für ‚Benjamint. D. u. 504 „‚Das klingt vernünftig,“ meinte der Konſtablermaat ernſthaft; „ich ſelbſt habe ſchon ſolche„Zieher geſehen.“ „Wenn Du vor einer oder zwei Stunden auf der Kampanje. geweſen wäreſt, hätteſt Du noch mehr davon ſehen können! Da ſind z. B. all' unſere Marineſoldaten— ihre Backſtags haben, ſeit ſte nach der Priſe gerudert wurden, friſche Rojen bekommen* und ihr Kapitän vollends,— der hat einen Luv über dem andern — darauf will ich wetten.“ „Ich höͤrte, wie der Zimmermann dieſe Dinger überholte,“** bemerkte Sam*** Wad, ein anderer Konſtablermaat;„und er be⸗ wies Euch Alles mit Winkel und Kompaß. Das ſcheint mir nicht weniger vernünftig zu ſeyn.“ „Wenn Du den armen Jack geſehen häͤtteſt, wie ſein Kopf den übrigen Körper nach ſich zog, gerade wie der Franzmann ſein Wrack unter dem Lee nachſchleppte, würdeſt Du auch geglaubt haben, daß es vernünftig dabei zugeht. Wozu hat denn Einer überhaupt ſeine Schultern, als um ſeinen Wandtauen Spannung zu geben, welche den ganzen Nacken hinablaufen und irgendwo unter den Armen eingeſetzt ſind. Man ſpricht immer ſo viel vom Herzen— ich meines Theils glaube, daß dort Alles zuſammen eingekeilt iſt.“ „Hörſt Du, Ned,“ bemerkte der Quartiermeiſter, der nicht viel mehr als die übrigen Tiſchgenoſſen von der Sache verſtand,„wenn das, was Du ſagſt, wahr iſt, warum ziehen dieſe Wandtaue nicht gerades Wegs vom Kopf gegen die Schultern, ſtatt unter einer Haut in den Nacken eingeknüpft zu ſeyn?— Nun, jetzt beantworte mir auch einmal dieſes!“ „Wer Teufels hat je an einem Schiffe Wandtaue geſehen, welche nicht eingebunden geweſen wären?“ rief Ned etwas hitzig. „Ein Mädchen, das ſeine Arme um eines Burſchen Nacken ſchlingt, * d. h. Sie gehen viel aufrechter und ſtolzer einher. ** d. h. ‚über dieſe Dinge ſprach. *** Abkürzung für Samuel. D. U. 50⁵ müßte traun eine hübſche Figur machen, wenn ſie ſo, wie Du meinſt, aufgetackelt wäre! Dieſe Dinge werden alle der Vernunft gemäß eingerichtet, wenn der Kiel zu einem Menſchen gelegt wird.“ Dieſer letzte Beweisgrund ſchien den Ausſchlag zu geben, denn das Geſpäch nahm allmählig eine andere Wendung und be⸗ ſchränkte ſich zuletzt auf die Verdienſte des Verſtorbenen. Sir Gervaiſe hatte Galleygo angewieſen, ſobald der Mann⸗ ſchaft zum Frühſtück gepfiffen würde, auch das ſeinige zuzurichten; aber noch immer ſah er ſich in Folge der Bewegung eines ſeiner Schiffe auf dem Verdeck zurückgehalten und auch wir ſehen uns genöthigt, nunmehr auf dieſes letztere zurückzukommen. Der Leſer wird ſich ohne Zweifel noch erinnern, wie der Druid ſchon am frühen Morgen im Norden erſchienen war. Als die Fregatte ſo nahe herangekommen war, als ſie bemerkt werden konnte, hatte ſte ihre Nummer ſehen laſſen, worauf ſie ſich daämit begnügte, weit ſchärfer als jedes andere Schiff in der Flotte drauf loszuſegeln. Als die Flotten aneinander geriethen, hatte ſie einen Verſuch gemacht, das Vormarsſegel, eng gerefft, einzuſetzen; aber einige Zuſchauer auf den übrigen Schiffen, welche gelegentlich ihre Bewegungen beobachteten, meinten, es müſſe ihr irgend ein Unfall zugeſtoßen ſeyn, da die Leinwand bald wieder eingehißt wurde und das Schiff ſofort geneigt ſchien, ſich mit denjenigen Segeln zu be⸗ gnügen, unter denen man es zuerſt erblickt hatte. Da die Fregatte ziemlich weit windwärts von der Linie lag und die ganze Zeit über beinahe frei einhergehen konnte, ſo war ihre Geſchwindigkeit viel größer als die der anderen Schiffe und ſie war jetzt ſo nahe herangekommen, daß Sir Gervaiſe dieſelbe nicht weit ſeitwärts vom Plantagenet und etwas leewärts vom Active gewahr wurde. Natürlich war ihr Rumpf, ſo wie ſie auf einer Woge emporſtieg, bis auf den Boden vollkommen ſichtbar und man konnte die Mannſchaft auf den Marſen und in der Takellage ſogar mit bloßen Augen leicht erkennen.. 506 „Der Druid muß uns etwas von der andern Diviſton unſerer Flotte zu melden haben,“ bemerkte der Viceadmiral gegen ſeinen Signaloffizier, während Beide die Bewegungen der Fregatte be⸗ obachteten.„Es iſt etwas ſonderbar, daß Blewet kein Signal von ſich gibt. Schaut einmal in Euer Buch, und ſucht mir eine Frage, die wir ihm in Beziehung auf ſeinen Auftrag vorlegen können.“ Bunting war eben beſchäftigt, in dem kleinen Frage⸗ und Antwortbuche hin und her zu blättern, als Sir Gervaiſe mit Hülfe ſeines Glaſes drei oder vier ſchwarze Ballen zwiſchen den Maſten der Fregatte hängen ſah, welche ſich zu Flaggen öffneten und dadurch thatſächlich bewieſen, daß Blewet nicht völlig eingeſchlafen war. „Vierhundert und ſechzehn— gewoͤhnliche Mittheilung,“ be⸗ merkte der Viceadmiral, das Glas noch immer vor's Auge haltend. „Seht nach, Bunting, und laßt uns hören, was es bedeutet?“ „Den kommandirenden Admiral!— wünſche ihn zu ſprechen!““ las Bunting in der gewöhnlichen foͤrmlichen Weiſe, mit der er immer den Inhalt eines Signals meldete. „Sehr wohl— antwortet und dann zeigt des Druid's Num⸗ mer, damit er auf Rufweite herankomme. Der Burſche hat ja ohnedieß ſo viele Segel aufgezogen, daß er gewiß zwei Schritte macht, bis wir nur einen zurücklegen; laßt ihn beidrehen und unter unſer Lee kommen. Das Sprechen muß heute jedenfalls ganz in der Nähe geſchehen.“ „Ich zweifle, Sir, ob ein Schiff ſo nahe herankommen kann, daß man im Stande wäre, das Sprechen zu vernehmen,“ erwiederte der Andere,„obwohl, wie man mir ſagt, der zweite Lieutenant auf unſerem Schiff ſelbſt beim heftigſten Sturme kein Sprachrohr ge⸗ braucht. Unſere jungen Herrn ſagen, ſein Vater ſey Stadtaus⸗ rufer geweſen und ſo habe er das Haupttalent der Familie geerbt.“ „Ha, ha!— unſere jungen Herrn ſind eine Rotte vorwitziger Burſche, wie dieß gewöhnlich der Fall iſt, wenn es nicht genug am Bord zu thun gibt.“ 8* „ 507 „Ihr ſolltet ſchon etwas nachſichtig gegen ſie ſeyn, Sir Ger⸗ vaiſe, da ſie auf dem Schiffe eines ſiegreichen Oberadmirals dienen. Dieß macht uns Alle etwas eingebildet, den andern Flottenkame⸗ raden gegenüber.“ „Hinauf mit Eurem Signal, Sir; hinauf mit Eurem Signal! — Ich werde genöthigt ſeyn, Greenly den Befehl zu geben, daß er Euch alle einen Monat lang auf die Wache ſetzt, bis Ihr wieder zu Eurer alten höflichen Manier zurückgebracht ſeyd.“ „Das Signal iſt bereits beantwortet, Sir Gervaiſe. Nebenbei bemerkt, Sir, werde ich Euch dankbar ſeyn, wenn Ihr Kapitän Greenly anweiſen wollt, mir einen weiteren Quartiermeiſter zu geben. Wir können nicht flink genug arbeiten, ſobald es etwas Wichtiges zu thun gibt. 4 „Den ſollt Ihr haben Bunting,“ erwiederte der Viceadmiral, und eine Wolke beſchattete einen Augenblick lang ſeine Züge. „Ich hatte den armen Jack Glaß ſogleich vermißt, und als ich einen blutigen Fleck auf der Hütte bemerkte, konnte ich ſein Schickſal wohl errathen. Ich glaubte in der That gehört zu haben, wie eine Kugel Jemand hinter mir fortſchleuderte. Sie ſchlug dem armen Burſchen den Kopf ab, Sir, und machte einen Lärm, als ob ein Schlächter einen Ochſen träfe.“ „Nun— nun— wir wollen es zu vergeſſen ſuchen, bis etwas für ſeinen Sohn, der einer von den Seitenjungen iſt, gethan wer⸗ den kann.— Aha! da hält Blewet ſchon in vollem Ernſte ab. Wie Teufels er aber mit uns ſprechen will— das iſt mehr, als ich bis jetzt zu ſagen vermag.“ Sir Gervaiſe ließ nun ſeinem Kapitän ſagen, daß er ihn zu ſprechen wünſche. Greenly erſchien bald darauf und wurde ſowohl mit der Abſicht des Druid als mit dem Inhalte der letzten Signale bekannt gemacht. Das zerriſſene große Marsſegel war unterdeſſen ausgebeſſert worden und der Kapitän äußerte ſeine Abſicht, daſſelbe wieder, eng 508 gerefft wie zuvor, einzuſetzen und dafür das große Segel einzu⸗ nehmen. Dadurch wollte er den Plantagenet in ſeinem Laufe etwas zurückhalten, denn dieſer eilte ſchon wieder im Sturmſchritt ſeinen Gefährten voraus. Sir Gervaiſe billigte dieſen Plan. Alsbald wurde die Aende⸗ rung ausgeführt und faſt ebenſobald war die Wirkung derſelben nicht allein in dem Gange des Schiffs, ſondern auch in der größeren Leichtigkeit und Stetigkeit ſeiner Bewegung zu verſpüren. Bald darauf zeigte ſich der Druid nur noch hundert Faden vom Luvbord des Admiralſchiffs entfernt und jagte die Brandung mit einer Eilfertigkeit vor ſich her, welche eine ungeheure Trieb⸗ kraft verrieth. Es war offenbar Kapitän Blewet's Abſicht, den Spiegel des Plantagenets zu kreuzen und unter deſſen Leebord zu luven— allerdings der ſicherſte Weg, wie er ſich ſeinem Ziele bei ſo hochgehender See nahen konnte, wenn anders das Manöver mit Vorſicht ausgeführt wurde. Kapitän Blewet ſtand in dem Rufe, daß er ſeine Fregatte ſo leicht wie ein Boot handhabte und die vorliegende Gelegenheit war von der Art, daß ſie wohl das dringendſte Verlangen in ihm erwecken mußte, ſich die Anerkennung, die er bereits gewonnen hatte, auch ferner zu erhalten. Doch konnte ſich immer noch Niemand denken, wie der Druid nahe genug herankommen wollte, um eine auch nur einigermaßen ausführliche Mittheilung zu machen. Die Stentorslungen des zweiten Lieutenants mochten es übrigens vielleicht doch zu Stande bringen und als die Nachricht von dem zu erwartenden Anruf ſich auf dem Plantagenet verbreitete, kamen Manche von Denen, welche theil⸗ nahmlos unten geblieben waren, lange der Feind dicht unter ihrem Lee drohte,— voll Neugierde auf das Verdeck herauf, um das, was nunmehr vorgehen ſollte, mit anzuſehen. „He! Atwood?“ rief Sir Gervaiſe, denn die leichte Aufregung in dem Schiff hatte ſogar den Sekretär aus der Kajüte des 509 Kommandirenden herauf geführt—„was hat Blewet im Sinn? der Burſche wird doch nicht daran denken, ein Leeſegel einſetzen zu wollen?“ „Nichts deſto weniger kommt er mit Sturmeseile daher ge⸗ rannt, Sir Gervaiſe, oder meine dreißigjährige Erfahrung im Seeweſen iſt rein weggeworfen.“ „In der That, Sir, er läßt ſeine Leeſegelſpieren am Vor⸗ mars auf der Luvſeite auftackeln!“ rief Greenly im Tone der Verwunderung. „Sie iſt ſogar ſchon heraus,“ fuhr der Viceadmiral mit Un⸗ willen fort, wie wenn er der Meldung eines Unglücks Nachdruck geben wollte.„Wie?— was? Iſt das nicht ein Menſch, Bun⸗ ting, der an das Ende deſſelben hinausläuft? Erhebt einmal Euer Glas, Sir, und laßt es uns ſogleich wiſſen.“ „Um dieß zu erkennen, bedarf es keines Glaſes, Sir Gervaiſe. Es iſt ein Menſch, ohne allen Zweifel— und dort hängt er am Ende der Spiere, als ob er von einem allgemeinen Kriegsgerichte dazu verurtheilt wäre!“ Sir Gervaiſe unterdrückte jede Aeußerung der Verwunderung und ſeine Zurückhaltung wurde, wie ſich von ſelbſt verſtand, auch von den zwanzig Offizieren, die ſich mittlerweile auf der Kampanje verſammelt hatten, pünktlich nachgeahmt! Der Druid drehte jetzt bei, näherte ſich raſch und hatte bald das Kielwaſſer des Admiralſchiffes gekreuzt. Hier kam er in den Wind und von der Triebkraft begünſtigt, welche ihn hergeführt hatte und durch das große Segel noch verſtärkt worden war, näherte er ſich in ſchwerfälligem, aber ſtätigem Fortſchritt dem Leebord des Plantagenet. Beide Schiffe waren dicht angeholt und ſo hatte d V r keine ſonderliche Schwierigkeit; ja wenn man auf die Steuer gſames Auge richtete, ſo mochte es trotz der ſtürmenden See vielleicht doch noch thunlich ſcheinen, die Rümpfe beider Schiffe auf zehn Ruthen einander nahe zu bringen, ohne daß ein Schaden daraus entſtehen konnte. 510 Dieß war übrigens näher, als die Nothwendigkeit eigentlich gebot; denn die Leeſegelſpiere, mit dem Manne, der an ihrem Ende hieng, ragte doppelt ſo weit über die Büge des Schiffes hervor. Doch war es immer noch ein kitzliches Stück Arbeit: während der Mann am Ende der Spiere noch dreißig bis vierzig Fuß ent⸗ fernt war, gab er ein Zeichen, um die Aufmerkſamkeit Derer auf dem Plantagenet auf ſich zu ziehen, ſchwang ein Stück Tau, das er in der Hand hielt— und als er mehrere Arme zum Auffangen empor gehoben ſah, ſchleuderte er es wirklich hinüber. Ein Lieutenant fing das Tau auf und hackte es augenblicklich in die Schlinge ein. Jetzt verſtand man erſt die Abſicht des Andern: augenblicklich erfaßten ein Duzend Hände das Seil und während die auf dem Plantagenet daſſelbe auf ein gemeinſchaftliches Signal mit allen Kräften einhalten, begannen die Leute auf dem Druid es gleichfalls einzuziehen. Durch dieſe einfache, aber vereinigte Bewegung rutſchte der Mann von der Leeſegelſpiere in ſchiefer Linie herab, ſprang aus der Boleine, in welcher er geſeſſen und warf den Klappläufer von ſich. Nachdem er ſich, um feſten Fuß zu faſſen, zurecht geſchüttelt hatte, nahm er die Mütze ab und verbeugte ſich gegen Sir Ger⸗ vaiſe, der nun mit einem Male— Wycherly Wychecombe in eigener Perſon vor ſich auf der Kampanje erblickte. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Noch weine nicht— der Kampf iſt nicht vorüber; O Sieger von Philippi! manches Schlachtfeld Hat ſeine Palme uns gewährt— ein einzig Ringen, Ein ernſter Kampf muß unſer Loon beſtegeln. Mrs. Hemanns. Sobald die Leute auf dem Plantagenet, welche bei dem An⸗ blick des Mannes, der am Ende der Leeſegelſpiere da hing, die —— 511 Disciplin ſo weit überſchritten hatten, daß ſie in der Tackellage, auf den Spieren und Kanonen erſchienen, um den Ausgang des Kunſtſtückes mit anzuſehen— den Unbekannten ſicher und wohl⸗ behalten auf der Kampanje gelandet ſahen, hoben ſie ihre Hüte und Mitzen in die Höhe und begrüßten ihn wie aus einem Munde mit einem dreimaligen Hurrah. Die Offtziere lächelten bei dieſem Ausbruch der Theilnahme, und die Verletzung des Gebrauchs wurde vergeſſen, denn ſelbſt die ſtrenge Mannszucht eines Kriegsſchiffes muß manchmal den plötzlichen Antrieben natürlicher Gefühle weichen. Als ſich der Druid dem Admiralſchiffe näherte, war Kapitän Blewet auf der Luvſeite der Beſantackellage erſchienen, um ſein Schiff perſönlich zu lenken, und der Befehl zu luven oder abzuhalten war von ſeiner eigenen Stimme oder durch einen Wink ſeiner Hand ertheilt worden. Sobald er bemerkte, daß Wycherly die Kam⸗ panje des Plantagenet erreicht und ſeine behende Geſtalt von der doppelten Boleine, worin er geſeſſen, frei gemacht hatte, ſchwenkte der Kapitän mit dem Arme weit hinaus, um anzuzeigen, daß er wegzudrehen wünſche: das Steuer der Fregatte wurde hart auf⸗ gelüpft und während ſich der Zweidecker auf einer hohen Woge vorwärts hob, wurden die Büge des Druid leewärts geſtoßen und im nächſten Augenblicke war ſchon ein Zwiſchenraum von hundert oder mehr Fußen zwiſchen den beiden Schiffen. Da dieſelben Urſachen zu wirken fortfuhren, ſo trieb der Plantagenet noch weiter nach vorn, während die Fregatte bald wieder in den Wind kam und eine Kabellänge leewärts, der Mitte zwiſchen dem Admiralſchiff und dem nächſten Zweidecker gegenüber, Halt machte. Hier ſchien Kapitän Blewet die ferneren Befehle erwarten zu wollen. Sir Gervaiſe Oakes war nicht gewöhnt, bei kleinen Vorfällen, die ſich im Dienſt zutrugen, auch wenn ſie ihn angenblicklich über⸗ raſchten— irgend ein Erſtaunen zu verrathen. So erwiederte er auch jetzt Wycherly's Verbeugung mit voller Ruhe und richtete ſeine 512 Augen, ohne eine Frage zu ſtellen oder eine Miene zu verziehen, auf die ferneren Bewegungen des Druid. Nachdem er ſich zu ſeiner Zu⸗ friedenheit überzeugt hatte, daß bei der Fregatte alles in Ordnung war, befahl er dem Boten, ihm zu folgen und ging für ſeine Perſon in die Kajüte hinab, indem er es Wycherly überließ⸗ ihm ſo ſchnell zu folgen, als die vielen Fragen, die er, während er die Leitern hinab ſtieg, zu be⸗ antworten hatte, nur immer erlauben wollten. Atwood— ein theilnehmender Beobachter Deſſen, was vor⸗ ging— machte die Bemerkung, daß Kapitän Greenly von allen Anweſenden der Einzige war, der ſich um die Mittheilung, welche der Fremde überbringen mochte, nichts zu bekümmern ſchien, obgleich er von Allen vielleicht allein durch ſeinen NRang berechtigt war, Fragen an ihn zu richten. „Ihr ſeyd auf eine neue, außergewöhnliche Weiſe an unſern Bord gelangt, Sir Wycherly Wychecombe!“ bemerkte der Viceadmiral etwas ſtreng, ſobald er ſich in ſeiner eigenen Kajüte mit dem Lieutenant allein fand. „Der Plan ging von Kapitän Blewet aus, Sir, und war auch in der That der einzige, der einigen Erfolg verſprach, da ein Boot wohl ſchwerlich ſich hätte halten können. Ich hoſſe, das Gelingen des Verſuchs und die Art der Mittheilungen, die ich überbringe, werden dieſen Mangel an Förmlichkeit genügend entſchuldigen.“ „Ich glaube, es iſt das erſte Mal, ſeit den Tagen des Eroberers, daß das Schiff eines engliſchen Viceadmirals ſo kavaliermäßig be⸗ treten wurde. Doch, wie Ihr ſagt, die Umſtände mögen die Neu⸗ erung rechtfertigen.— Wie lautet Euer Auftrag, Sir?“ „ Dieſer Brief, Sir Gervaiſe, wird, wie ich denke, für ſich ſelbſt ſprechen. Ich habe nur wenig beizufügen, wenn nicht etwa, daß der Fockmaſt des Druid geſprungen, weil wir zu ſcharf auf Euch zuſegelten und keinen Augenblick verloren haben, ſeit Admiral Bluewater uns den Befehl gab, aus ſeiner Geſellſchaft zu ſcheiden.“ „So waret Ihr alſo auf dem Cäſar?“ fragte Sir Gervaiſe, * 5¹³ durch den Dienſteifer eines Jünglings, der ſich, wie er von Wycherly wußte, am Lande in ſo günſtiger Lage befand, nicht wenig be⸗ ſchwichtigt.„Ihr verließt ihn mit dieſem Schreiben?“ „Ja, Sir Gervaiſe, auf Adm iral Bluewater's Befehl.“ „Setztet Ihr auch auf den Druid von der Leeſegelſpiere aus über, oder wurde dieſes Kunſtſtück für den kommandirenden Admiral beſonders aufgeſpart?“ „ Ich verließ den Cäſar in einem Boote, Sir Gervaiſe; und pbwohl wir damals der Küſte viel näher waren, wo der Wind nicht mit derſelben Wuth, wie hier, tobte und auch noch nicht ſeine volle Höhe erreicht hatte, ſo wären wir doch beinahe untergegangen.“ „Als ächter Virginier wäret Ihr keinen Falls ertrunken, Wychecombe,“ antwortete der Viceadmiral in beſſerer Laune.„Ihr Amerikaner ſchwimmt ja trotz einem Korkſtücke.— Entſchuldigt mich auf ſo lange, Sir, bis ich geleſen habe, was Admiral Blue⸗ water mir zu ſagen hat.“ Sir Gervaiſe hatte Wycherly in der großen Kajüte empfangen, wobei er an dem in der Mitte befeſtigten Tiſche aufrecht ſtehen ge⸗ blieben war. Er wäre wohl ſelbſt in Verlegenheit geweſen, wenn er den wahren Grund hätte angeben ſollen, warum er dem jungen Manne zuwinkte, daß er einen Stuhl nehmen ſollte, während er ſelbſt in ſein ‚Geſellſchaftszimmer“, wie er's nannte, d. h. in das zierliche kleine Hintergemach zwiſchen den beiden Staatszimmern trat, das mit einer Eleganz ausgeſtattet war, welche ſelbſt an einer dauernderen Wohnung Bewunderung hätte erregen können und wohin er ſich jedesmal zurückzog, ſo oft er zum Nachdenken geſtimmt war. Wahrſcheinlich ſtand übrigens ſein Beginnen mit einer ge⸗ heimen Beſorgniß in Verbindung, die er wegen der politiſchen Vorliebe des Contreadmirals hegte, denn auch als er allein war, hielt er noch eine volle Minute inne, ehe er den Brief öffnete. Doch endlich ſein Zaudern als unmännlich verdammend, erbrach er das Siegel und las den Inhalt des Briefes, der Wort für Wort alſo lautete: Die beiden Admirale. 2. Aufl. 33 514 „Mein theurer Oakes! „Seit wir uns trennten, wurde mein Geiſt hinſichtlich des Benehmens, welches die Pflicht in einer ſo entſcheidenden Epoche mir vorſchreibt, durch die heftigſten Kämpfe erſchüttert. Eine Hand— ein Herz— eine Stimme ſogar wird vielleicht über Englands Schickſal entſcheiden! Unter ſolchen Umſtänden ſollte Jeder auf die Stimme des Gewiſſens hören und die Folgen ſeiner eigenen Handlungen voraus zu beurtheilen bemüht ſeyn. „Vertraute Agenten bereiſen den Weſten von England und Einen von ihnen habe ich geſprochen. Aus ſeinen Mittheilungen entnahm ich, daß mehr, als ich mir je hätte träumen laſſen, von mir ſelbſt— wie nicht minder von Monſteur de Vervillin's Bewe⸗ gungen abhängt. 8* „Sey nicht zu ſanguiniſch— nimm Dir Zeit zu Deinen eigenen Entſchlüſſen und gewähre auch mir ſolchen Aufſchub, denn mir iſt zu Muth wie einem Unglücklichen, deſſen Schickſal bald entſchieden werden muß. Um keinen Preis laß Dich zum Kampfe hinreißen, weil Du glaubſt, meine Diviſton ſey nahe genug, um Dich zu unterſtützen, ſondern halte wenigſtens ſo lange an Dich, bis Du Gewiſſeres von mir hörſt oder bis wir uns ſehen. Ich finde es eben ſo hart, einen Schlag gegen meinen rechtmäßigen Fürſten zu führen, als meinen Freund zu verlaſſen. „Um's Himmels willen— handle klug und verlaß Dich darauf, daß Du mich im Laufe der nächſten vierundzwanzig Stunden ſehen wirſt. Ich werde mich ſtark öſtlich halten, in der Hoffnung, Dich zu treffen, da ich feſt überzeugt bin, daß de Vervillin nicht ſehr weit nach Weſten ſtrebt. „Ich werde Dir dunch den Ueberbringer noch mündliche Bot⸗ ſchaft überſenden, denn meine Gedanken kommen nur langſam und mit großem Widerſtreben. 4 Ewig der Deine Richard Bluewater.“ 515 Sir Gervaiſe las dieſen Brief zweimal mit großer Bedacht⸗ ſamkeit: dann zerknitterte er ihn in der Hand, wie man eine giftige Schlange zerdrücken würde. Mit dieſem Beweiſe ſeines Unwillens noch nicht zufrieden, zerriß er den Brief in ſo kleine Stückchen, daß man unmöglich deſſen Inhalt daraus zuſammenreimen konnte, öffnete ein Kajütenfenſter und warf die Fetzen in den Ocean hinaus. Nach⸗ dem er jedes Zeichen von der Schwäche ſeines Freundes auf dieſe Art vernichtet zu haben glaubte, fing er an in ſeiner gewöhnlichen Weiſe in der Kajüte auf und nieder zu gehen. Wycherly vernahm ſeine Tritte und wunderte ſich über die Zögerung; doch ſeine Pflicht nöthigte ihn, eine unbehagliche halbe Stunde ſchweigend zuzubringen, bis endlich die Thüre ſich öffnete undd Sir Gervaiſe eintrat. Er hatte jedes Zeichen des Kummers zurückgedrängt, obgleich der Lieutenant bemerken konnte, daß er ungewöhnlich aufgeregt war. „Hat Euch der Contreadmiral ſonſt noch eine Botſchaft mitgegeben, Sir Wycherly?“ fragte Sir Gervaiſe.„Seinem Briefe nach ſcheint er mich wegen mündlicher Erläuterungen an Euch zu verweiſen.“ „ 3u meiner Beſchämung muß ich geſtehen, Sir, daß ich keine ſehr verſtändliche Erklärung zu geben vermag. Admiral Bluewater gab mir allerdings einige Aufträge, die ich Euch ausrichten ſollte; doch fand ich erſt, nachdem wir geſchieden waren, daß ich wohl ganz außerordentlich ungeſchickt ſeyn muß, da ich, wie ich fürchte, gänglich außer Stande bin, ſie einigermaßen mit klarer Beſtimmt⸗ heit und im Zuſammenhang wiederzugeben.“ „Vielleicht iſt der Fehler weniger auf Eurer, als auf ſeiner Seite, Sir. Bluewater iſt zuweilen Anfällen von Geiſtesabweſenheit unterworfen, und dann hat er allerdingg keinen Grund, ſich über Andere zu beklagen, wenn ſie ihn nicht verſtanden haben, da er ſich nicht einmal zu allen Zeiten ſelbſt verſteht.“ Sir Gervaiſe ſagte dieß mit einem gewiſſen Triumph, denn er war höchlich erfreut, zu finden, daß ſein Freund ſich wenigſtens 516 dem Boten nicht anvertraut hatte. Der letztere war übrigens weit weniger geneigt, ſich ſelbſt durch dieſes Vorgeben zu entſchul⸗ digen, da er feſt überzeugt war, daß bei der Mittheilung, die er zu machen hatte— mochte auch ihre Form beſchaffen ſeyn, wie ſie wollte— doch jedenfalls die Gefühle des Contreadmirals ſtark be⸗ theiligt geweſen waren. „Ich glaube kaum, Sir, daß wir bei dieſer Veranlaſſung Ad⸗ miral Bluewater's Geiſtesabweſenheit irgend eine Schuld beimeſſen dürfen,“ gab Wycherly mit edler Freimüthigkeit zur Antwort. „Seine Gefühle ſchienen an dem, was er ſagte, den innigſten An⸗ theil zu nehmen. Vielleicht mag es gerade die Stärke dieſes Ge⸗ fühles geweſen ſeyn, was ſeine Rede etwas dunkel machte, denn Gleichgültigkeit konnte es unmöglich geweſen ſeyn.“ „So werde ich die Sache wohl am Beſten begreifen, Sir, wenn ich erſt höre, was er Euch ſagte.“ Wycherly ſchwieg, und ſuchte ſich Alles, was er vernommen, in's Gedächtniß zurückzurufen, um ſich wieder verſtändlich aus⸗ drücken zu können. „Es wurde mir wiederholt und ſehr oft aufgetragen, Sir, Euch dringend zu warnen, daß Ihr nicht ehrer mit den Franzoſen anbinden möchtet, als bis die andere Diviſion aufgeſchloſſen hätte und zum Beiſtande bereit wäre. Ob dieſe Warnung übrigens wirklich in einer geheimen Nachricht, die der Contreadmiral erhalten, oder blos in ſeinem Verlangen, an der Schlacht Antheil zu nehmen, ihren Grund hatte— dieß iſt mehr, als ich zu entſcheiden im Stande bin.“ „Beides mag wohl Einfluß auf ihn gehabt haben. Vernahmt Ihr irgend eine Anſpielung auf eine geheime Botſchaft, weil Ihr einer ſolchen erwähnt habt?“ 5 „Nie fühlte ich mehr Urſache, Sir Gervaiſe Oakes, mich meiner eigenen Ungeſchicklichkeit zu ſchämen, als eben in dieſem Augen⸗ blicke,“ rief Wycherly, der über das Peinliche ſeiner Lage tief be⸗ kümmert war, da er allmählig zu vermuthen anfing, daß ſein eigenes 4 * 5* 517 unglück, deſſen tief verborgene Urſachen nur ihm bekannt waren, ihn dazu verleitet hatte, vielleicht den wichtigſten Theil ſeines Auf⸗ trags zu vergeſſen—„einige neuere Vorfälle am Lande haben mich vielleicht zu einem ſolchen Dienſte überhaupt untauglich gemacht.“ „Dieß wäre auch ganz natürlich, mein junger Freund; und da ſie mir alle bekannt ſind, ſo dürft Ihr meiner Nachſicht gewiß ſeyn.“ „Alle!— o nein, Sir Gervaiſe; Ihr kennt kaum die Hälfte —— doch ich vergeſſe mich ſelbſt, Sir, und bitte um Verzeihung.“ „Ich wünſche keineswegs, mich in Eure Geheimniſſe einzudrängen, Sir Wycherly Wychecombe, und ſo wollen wir den Gegenſtand lieber fallen laſſen. Doch könnt Ihr mir vielleicht ſagen, ob der Contreadmiral bei guter Laune war— wie ein engliſcher Seemann wohl immer ſeyn wird, wenn er die Ausſicht auf eine große Schlacht vor ſich hat.“ „Ich glaube nicht, Sir Gervaiſe. Admiral Bluewater ſchien mir ſehr traurig zu ſeyn— wenn ich mir erlauben darf, dieß zu bemerken— traurig ſelbſt bis zu Thränen— ſo kam es wenigſtens mir ein oder zwei Mal vor, Sir.“ 1„Armer Dick!“ ſagte der Viceadmiral in Gedanken zu ſich ſelbſt;„er konnte ſich freilich nicht ohne große Seelenangſt dazu entſchließen, mich zu verlaſſen.— Doch ſagt mir,“ fuhr er wieder laut fort,„ob irgend etwas von Monſieur de Vervillin's Flotte geſprochen wurde?“ „Allerdings, Sir, und zwar ſehr viel; ich muß aber zu meiner Schande geſtehen— ich weiß kaum, was? Admiral Bluewater ſchien zu glauben, der Graf von Vervillin habe nicht die Abſicht, einen Schlag auf eine unſerer Kolonien auszuführen und hiemit ſchien er die Idee zu verbinden, daß wir deßhalb weniger nöthig hätten, uns in einen Kampf mit ihm einzulaſſen. Jedenfalls habe ich mich nicht geirrt, Sir, wenn ich Euch ſagte, daß er wünſchte, Ihr moͤchtet dem Feinde ſo lange fern bleiben, bis er ſelbſt auf⸗ geſchloſſen hätte.“ 8 E „Ja, und Ihr ſeht, mit welchem Inſtinkt ich ſeinen Wünſchen entſprochen habe!“ erwiderte Sir Gervaiſe, etwas bitter lächelnd. „Und wäre die Nachhut der Flotte am heutigen Morgen aufgerückt geweſen, Sir Wycherly, ſo hätte es einen glorreichen Tag für Englang gegeben!“ „Es iſt ein glorreicher Tag geweſen, Sir, auch ſo wie es jetzt ſteht. Wir haben auf dem Druid Alles geſehen und es war nicht Einer unter uns, der nicht ſtolz darauf geweſen wäre, ein Engländer zu heißen!“ „Wie, ſogar der Virginier, Wychecombe?“ verſetzte Sir Ger⸗ vaiſe, der über das ungekünſtelte Lob, das für ihn in den Worten und dem ganzen Weſen des Anderen lag, höchlich erfreut war und den jungen Mann mit freundlichem Lächeln anſchaute.„Ich fürch⸗ tete ſchon, die Winke, die Ihr in Devonſhire erhalten, möchten Euch veranlaßt haben, Eure Nationalität von der von Altengland zu trennen.“. „Sogar der Virginier, Sir Gervaiſe. Ihr ſeyd ſelbſt in den Kolonien geweſen, Sir, und müßt wiſſen, daß wir nicht all' das verdienen, was man uns zuweilen auf dieſer Seite des Oceanes aufbürdet. Der König hat nirgends ergebenere Unterthanen, als in Amerika.“ „Das weiß ich ſehr wohl, mein edler Junge, und habe es auch dem Koͤnig mit meinem eigenen Munde geſagt. Doch denkt jetzt nicht mehr daran. Wenn Euer alter Oheim Euch auch gelegentlich ein Pröbchen von John Bulls wahren Geſinnungen gab, ſo hat er Euch dafür einen deſto ehrenvolleren Titel und eine werthvolle Herr⸗ ſchaft hinterlaſſen. Ich will dafür ſorgen, daß Greenly ein Unterkommen für Euch findet und Ihr werdet mir, wie ich hoffe, Eure Geſellſchaft bei Tiſche nicht verweigern. Ich hoffe, Euch eines Tags in Bowldero bei mir zu ſehen. Für jetzt wollen wir auf's Verdeck zurückgehen und ſollte Euch ſpäter Einiges von dem, was Admiral Bluewater geſagt, wieder etwas deutlicher in's 2 519 Gedächtniß zurückkehren, ſo werdet Ihr nicht vergeſſen, es mir zu wiſſen zu thun.“ Wycherly verbeugte ſich nun und verließ die Kajüte: Sir Gervaiſe aber ſetzte ſich nieder und erſuchte Greenly in einem Billet, daß er für die Bequemlichkeit des jungen Mannes ein wenig Sorge tragen möchte. Dann verfügte er ſich ſelbſt auf das Verdeck. Obwohl ſich der Viceadmiral bemühte, all die peinlichen Zweifel, die ihn belagerten, von ſich zu ſchütteln und ſo fröhlich zu erſcheinen, wie dieß einem Offtziere, der kaum zuvor eine glän⸗ zende Waffenthat verrichtet hatte, eigentlich zukam— ſo fand er es dennoch ſchwer, die Erſchütterung zu verbergen, womit Bluewater's Mittheilung ihn heimgeſucht hatte. So feſt er auch überzeugt war, daß er dem Feinde einen entſcheidenden Schlag verſetzen könnte, wenn er durch die fünf Schiffe der rückwärtigen Diviſion verſtärkt würde, ſo hätte er doch herzlich gerne den Triumph dieſes weiteren Sieges dafür hingegeben, wenn er hätte gewiß ſeyn dürfen, daß Bluewater ſeine Abneigung nicht bis zu offenkundigen Handlungen treiben würde. Er fand es hart, von einem Manne, wie Blue⸗ water, zu glauben, daß er wirklich mit dem Plane umgehen könnte, die unter ſeinem Kommando ſtehenden Schiffe mit ſich fortzuführen; doch kannte er auch das Anſehen, welches ſein Freund über die ihmauntergebenen Kapitäne ausübte, und die Ausführbarkeit eines ſolchen Schrittes drängte ſich ſeinem Geiſte auf Augenblicke mit peinlicher Deutlichkeit auf.„Sobald ſich ein Mann in all' den Unfinn, wie er leider mit dem jus divinum in Verbindung ſteht, hinein⸗ ſchwatzen kann,“ dachte Sir Gervaiſe,„ſo heißt es dem geſunden Menſchenverſtande eben keine große Gewalt anthun, wenn er ſich endlich auch überreden läßt, in alle gewöhnlich damit verbundenen Folgen zu willigen.“ Dann trat aber wieder die Erinnerung an Bluewater's edlen, unbefleckten Charakter beruhigend zwiſchen dieſe finſteren Gedanken und ließ ihn frohere Hoffnungen für den Aus⸗ gang ſchöpfen. 8 — ͦõꝛ— 4— 520 So zwiſchen Furcht und Hoffnung hin und her geworfen, be⸗ ſchloß der Oberbefehlshaber, dieſe Gedanken für den Augenblick aus ſeiner Seele zu verbannen und all' ſeine Aufmerkſamkeit auf den Theil der Flotte zu richten, den er bei ſich hatte. Eben als er dieſen weiſen Entſchluß gefaßt hatte, erſchienen Greenly und Wychecombe zu gleicher Zeit auf der Kampanje. „Ich bin erfreut, Greenly, Euch mit ſo hungrigen Blicken zu ſehen,“ rief Sir Gervaiſe ſeinem Kapitäne fröhlich entgegen; „Galleygo hat mir ſo eben gemeldet, daß das Frühſtück aufgetragen ſey, und da ich weiß, daß Eure eigene Kajüte noch nicht in Ord⸗ nung gebracht werden konnte, ſeit Eure Leute die Kanonen ver⸗ laſſen haben, ſo hoffe ich, werdet Ihr mir das Vergnügen Eurer Geſellſchaft nicht verſagen. Sir Wycherly, mein tapferer, junger Virginier, wird gewiß gerne den dritten Stuhl einnehmen und ſo⸗ mit wäre unſere Geſellſchaft vollſtändig.“ Die beiden Herrn willigten dankend ein und der Viceadmiral wollte eben nach ſeiner Kajüte vorausgehen— als er mit einem Male auf der Kampanjeleiter ſtehen blieb. „Sagtet Ihr mir nicht, Wychecombe,“ fragte er plötzlich, „dem Druid ſey der Fockmaſt geſprungen?“ „Ja, Sir Gervaiſe, und zwar ſehr ſchlimm, wie ich glaube — gerade in den Backen. Kapitän Blewet ließ ſein Schiff die ganze Nacht über fürchterlich dahin jagen.“ „Ja— er geht fürchterlich um mit ſeinen Spieren— dieſer Tom Blewet. Ich war nie ganz ſicher, Greenly, ſo lange er noch Lieutenant bei Euch war, ob ich auch noch alle Maſten an ihrem Platze finden würde, wenn ich Morgens früh auf's Verdeck kam. Wie viele Klüverbaͤume und Bramragen hat er uns auf jener Kreuzfahrt jenſeits des Kaps der guten Hoffnung gekoſtet! Beim heiligen Georg, ich glaube, wenigſtens ein Dutzend!“ „Nun, ſo ſchlimm war's gerade nicht, Sir Gervaiſe; doch hat er mich immerhin um zwei Klüverbäume und drei Bramraaen ————— 521 gebracht. Kapitän Blewet hat einen tüchtigen Segler und wünſcht auch, daß die Welt darum wiſſe.“ „Und er hat ſeinen Fockmaſt geſprengt, und ſoll nun auch ſehen, daß ich darum weiß! Hört, Bunting, gebt dem Druid ein Signal, daß er ſich neben die Priſe lege; wenn dieß beantwortet iſt, ſo ſagt ihm, er ſolle auf den Franzoſen Acht haben und meine ferneren Befehle erwarten. Ich will ihn nach Plymouth ſchicken, um ſich einen neuen Fockmaſt zu holen und den Fremden dahin zu eskor⸗ tiren.— Apropos, weiß irgend Jemand den Namen des Franz⸗ manns— nun, Greenly?“ „Ich nicht, Sir Gervaiſe. Einige unſerer Offiziere glauben übrigens, das Schiff ſey das nämliche, das bei unſerer Affaire jenſeits Kap Finisterre zunächſt hinter dem Admiral gekommen ſey. Ich bin jedoch nicht derſelben Meinung, Sir, denn jenes Schiff hatte ein Bruſtbild an ſeinem Gallion, dieſes aber trägt eine ganze weibliche Figur, die mit der einer Minerva ziemliche Aehnlichkeit hat. Ich glaube, die Franzoſen haben wirklich ein Schiff mit Namen La Minerve?““ „Jetzt eben nicht mehr, Greenly, wenn dieſe es iſt: denn von heute an gehört ſie uns.“ Hier lachte Sir Gervaiſe herzlich über ſei⸗ nen eigenen Einfall, und Alle, die in ſeiner Nähe ſtanden, ſtimmten ihm, wie natürlich, bei.„Die Minerva war übrigens ſeit undenk⸗ lichen Zeiten eine Fregatte. Die Göͤttin der Weisheit iſt noch nie ſo verrückt geweſen, mitten in eine Schlachtlinie hineinzulaufen, ſo lange es in ihrer Macht ſtand, dieß zu hindern.“ „Wir hielten das Bild am Gallion der Priſe für eine Venus, als wir mit dem Druid daran vorüber kamen,“ bemerkte Wycherly beſcheiden. „Nun, es gibt ſchon ein Mittel, es zu erfahren, und dieß ſoll jetzt verſucht werden.— Wenn Ihr mit dem Druid fertig ſeyd, Bunting, ſo gebt Ihr der Priſe ein Signal, daß ſie ihren Namen durch den Telegraphen wiederholen ſoll. Ihr wißt vermuthlich, wie man einer Priſe eine Nummer gibt, wenn ſie noch keine hat?“ 52²2 „Ich muß geſtehen, das weiß ich nicht, Gir Gervaiſe,“ ant⸗ wortete Bunting, welcher ſchon vorher durch ſeine Miene gezeigt hatte, daß die Sache ihn in Verlegenheit ſetzte.„Da wir für ſie keine Nummer in unſern Büchern haben, ſo wäre es traun ein ſchwieriges Ding, Sir, mit ihr zu kommuniziren.“ „Wie würdet Ihr die Sache angreifen, junger Mann?° fragte Sir Gervaiſe, der ſich die ganze Zeit uͤber an dem Haupt⸗ tau der Kampanjeleiter hielt.„Laßt einmal ſehen, Sir, ob Ihr einen guten Unterricht genoſſen habt.“ „Ich glaube, Sir Gervaiſe, das kann auf verſchiedene Arten ausgeführt werden,“ gab Wycherly zur Antwort, ohne eine Spur von Triumph über ſeine überlegene Geſchicklichkeit blicken zu laffen; „das einfachſte Mittel, das ich kenne, iſt aber, die franzöſiſche Flagge unter der engliſchen aufzuhiſſen, wodurch man anzeigt, für wen das Signal beſtimmt iſt.“ 5 „Thut das, Bunting,“ fuhr Sir Gervaiſe fort und nickte mit dem Kopfe, wäͤhrend er die Leiter hinabſtieg,„und ich garantire Euch, Daly wird Antwort geben. Wie er mit des Franzmanns Flagge zurecht kommen wird, iſt wieder eine andere Frage. Ich zweifle überdieß, ob er ſo viel Verſtand gehabt hat, eines unſerer Bücher mit ſich zu nehmen, und in dieſem Falle wird er ſehr in Verlegenheit ſeyn, wie er das Signal verſtehen ſoll. Verſucht es übrigens immerhin, Bunting; ein Irländer hat immer etwas zu ſagen, und wenn es auch nur Unfinn wäre.“ Nachdem dieſer Befehl gegeben war, ſtieg Sir Gervaiſe in ſeine Kajüte hinab. In einer halben Stunde ſaß die Geſellſchaft ſo ruhig bei Tiſche, als ob dieſen ganzen Tag nichts Ungewöhn⸗ liches vorgefallen wäͤre. „Das Schlimmſte an dieſen kleinen Scharmützeln, die doch zu nichts führen, iſt das, Greenly, daß ſie einen eben ſo ſtarken Pul⸗ vergeruch in der Kajüte zurücklaſſen, als ob eine ganze Flotte ver⸗ nichtet worden waͤre,“ begann der Viceadmiral gutgelaunt, waͤhrend — — — 4* 5²23 er ſeinen Gäſten vorzulegen begann.„Ich hoffe, meine Herren, der Geruch, den wir hier haben, wird Euch den Appetit nicht verderben.“ „Ihr thut dem Erfolge dieſes Tages Unrecht, Sir Gervaiſe, wenn Ihr's blos ein Scharmützel nennt,“ antwortete der Ka⸗ pitän, der, um die Wahrheit zu ſagen, ſo herzhaft über Galleygo's Leckerbiſſen hergefallen war, als ob er ſeit vierundzwanzig Stunden nicht mehr geſpeist hätte.„Jedenfalls hat es zwei von König Ludwig's Schiffen ſämmtliche Spieren gekoſtet und eines derſelben mit Haut und Haaren in unſere Hände— ja, in gewiſſem Sinne auch in unſere Taſchen— ſcharmutzirt.“ „Ganz richtig, Greenly— ganz richtig; was hätte aber daraus werden können, wenn——“ Die Haſt, womit der Kommandirende mitten in ſeiner Rede abbrach, ließ ſeine Tiſchgenoſſen glauben, es ſey ihm beim Eſſen oder Trinken ein Unfall zugeſtoßen; beide blickten ihm ernſthaft ins Geſicht, als ob ſie ihm ihre Hülfe anbieten wollten. Sein Antlitz war zwar bleich; doch läͤchelte er und ſchien ſonſt ganz wohl zu ſeyn. „cs iſt vorüber, ihr Herren,“ ſprach Sir Gervaiſe mit ſanfter Stimme—„wir wollen nicht mehr daran denken.“ „Ich hoffe von ganzem Herzen, daß Ihr nicht verwundet ſeyd, Sir?“ rief Greenly.„Ich habe ſchon Verwundete gekannt, die nichts davon wußten, daß ſie getroffen waren, bis eine plötzliche Schwäche es ihnen verrieth.“ „Ich glaube, die Franzoſen haben mich für dießmal ungerupft gelaſſen, mein lieber Freund— ja, ja, ich denke, Magrath wird bei dieſer Gelegenheit keine Kugellöcher in meinem Rumpfe zuzu⸗ ſtopfen finden.— Dieſe Eier, Sir Wycherly, ſind von Eurem ei⸗ genen Gute, denn Galleygo hat die ganze Herrſchaft mit Allem, was ſie Gutes enthält, mit Kontribution belegt. Koſtet ſie ein⸗ mal, Greenly, da ſie von der Beſitzung unſeres Freundes herſtammen.“ „Sir Wycherly iſt ein glücklicher Junge, daß er überhaupt eine Beſitzung hat,“ meinte der Kapitän.„Wenige Offiziere von * 1 .——— ———————.—— ſeinem Rang können ſich eines ſolchen Vortheils rühmen und nur von den älteren iſt hie und da Einer ſo gut daran.“ „Das iſt freilich nur allzuwahr— nicht wahr, Greenly? Das Landheer ſchnappt faſt alle vermöglichen Leute für ſich weg, denn die reichen Burſche lieben die guten Quartiere und Bälle in den Grafſchaften. Ich ſelbſt war ein jüngerer Bruder, als ich auf die See kam, wurde aber noch Baronet— und zwar ein recht warmer— während ich noch als Kadett diente. Der arme Jocelyn ſtarb, als ich erſt ſechzehn Jahre alt war, und im ſtebzehnten machte man mich zum Offtzier.“ „Ja, ja, Sir Gervaiſe; und daß Ihr uns nicht aufgegeben, als Euch das Geld zuſiel— dafür lieben wir Euch nur um ſo mehr. Lord Morganie war ſchon Kapitän, als er zur Nachfolge gelangte, und ſo können wir's ihm auch nicht ſo hoch anrechnen.“ „Morganie bleibt im Dienſt, um uns zu belehren, wie man Stangen und gemalte Bruſtbilder in den Wind bringen muß,“ bemerkte Sir Gervaiſe trocken.„Und doch hat der Burſche ſein Schiff heute ganz brav gehandhabt, und kam weit beſſer damit zurecht, als ich Anfangs gefürchtet hatte.“ „Ich höre, wir werden wahrſcheinlich noch einen zweiten Herzog in unſere Marine bekommen, Sir; es iſt eine Seltenheit, wenn wir eine Perſon von ſo hohem Range zu den Unſrigen zählen dürfen.“ Sir Gervaiſe kümmerte ſich um derartige Dinge weit weniger, als Bluewater; doch warf er, wie natürlich, bei dieſen Worten einen Blick auf den Sprechenden, als ob er fragen wollte, wen dieſer eigentlich meine. „Lord Montreſor, der ältere Bruder jenes Kadetten auf dem Cäſar, ſoll, wie man ſagt, ziemlich übel daran ſeyn, Sir, und in dieſem Falle wäre Lord Geoffrey der nächſte Nachfolger. Ich denke, er hat bereits zu viel Stoff gezeigt, als daß er uns jetzt, wo ihm mit Nächſtem eine Offtzierſtelle zuſteht, verlaſſen ſollte.“ „Es iſt wahr— Bluewater hat auch dieſen hoffnungsvollen, — 5²⁵ vielverſprechenden Knaben bei ſich,“ gab Sir Gervaiſe nachdenklich zur Antwort, ohne zu wiſſen, was er ſprach.„Gebe Gott, daß er unter ſo manchem Anderen nicht auch dieſes vergeſſe!“ „Ich glaube nicht, daß höherer Rang bei Admiral Bluewater oder Kapitän Stowel einen Unterſchied macht. Die Adeligen wer⸗ den auf dem Cäſar eben ſo ſtreng zur Arbeit angehalten, wie der geringſte Kadett auf der ganzen Flotte.— Doch hier iſt Bunting, Sir, um uns eine Mittheilung zu machen.“ Sir Gervaiſe raffte ſich aus einem Anfalle von Zerſtreuung empor, drehte ſich um und ſah ſeinen Signaloffizier bereit, Rap⸗ port zu erſtatten. „Der Druid hat gehörig geantwortet, Sir Gervaiſe, und hat bereits ſo dicht aufgeholt, daß er vielleicht, wenn auch erſt hinter dem Carnatic, durch die Linie luven wird.“ „Und die Priſe, Bunting? Habt Ihr der Priſe ein Signal gegeben, wie ich Euch befohlen habe?“ 3 „Ja, Sir; und ſie hat ſo geſchickt geantwortet, daß ich gar nicht daran zweifle, der Priſenoffizier habe ein Buch bei ſich gehabt. Das telegraphiſche Signal wurde gleich dem anderen beantwortet.“ „Nun und was ſagt ſie denn? Habt Ihr den Namen des Franzmannes ausfindig gemacht?“ „Das iſt gerade die Schwierigkeit, Sir; wir ſelbſt wurden zwar verſtanden, aber Mr. Daly hat uns auf ſeiner Priſe ein Zeichen aufgeſteckt, das der Quartiermeiſter mit den heiligſten Schwüren für einen Paddy erklärt.“ „Einen Paddy!— Was! er hat ſich doch nicht ſelbſt an einem Ragenarm oder einer Leeſegelſpiere emporgezogen— oder doch?— was meint Ihr, Wychecombe? Daly iſt ein Irländer und braucht blos ſich ſelbſt zu zeigen, um einen Paddy ſehen zu laſſen.“ „ Paddy iſt der Spitzname der Irländer, von ihrem Landesheiligen St. Patrik; auch das Bild dieſes Heiligen trägt dieſelbe Benennung. D. U. — „Es iſt aber eine Art von Bild, mag es nun ſeyn, was es will, Sir Gervaiſe, und doch— Mr. Daly ſelber iſt es nicht. Ich glaube eher, er hat zu unſeren Worten nicht die nöthigen Flaggen und hat ſo etwas wie ein Weib aufgetackelt, um uns den Namen des Schiffes mitzutheilen, denn, wie Ihr wißt, Sir, trägt es wirklich ein weibliches Bruſtbild.“ „Den Teufel trägt es!— Nun, paßt auf, das wird eine neue Aera in der Signalifirkunſt geben! Galleygo, ſieh' zum Kajüten⸗ fenſter hinaus und ſag' mir dann, ob Du die Priſe von dort aus ſehen kannſt.— Nun, Sir, wie lautet die Nachricht?“ „Ich ſehe ſie; Sir Jarvy,“ gab der Hofmeiſter zur Antwort; „und ich ſehe ſie noch dazu auf einer Stelle, welche kein franzöſi⸗ ſches Schiff, das in Geſellſchaft von engliſchen Fahrzeugen ſegelt, einzunehmen ein Recht hat. Auf jeden Faden, den ſie tief geht, Euer Gnaden, ſteht ſie dafür auch fünfzig windwärts von unſerer Linie! Gar nicht am rechten Platz, Sir, wie man wohl ſagen darf unnd ganz unvernünftig!“ „Das kommt daher, Mr. Galleygo, daß wir ihr die Gipfel ihrer Maſten abgeſchoſſen haben, ſo daß jede Spiere, die ſte noch übrig hat, nur dazu beiträgt, ſie dahin zu ziehen, wo Du ſie nun⸗ mehr ſiehſt. Die Priſe muß übrigens ein ausdauerndes Fahrzeug ſeyn— meint Ihr nicht auch, Greenly? Sie und ihr Gefährte waren ſtark windwärts von ihrer eigenen Linie, ſonſt hätten wir nicht ſo hinter ſie kommen können, wie wir wirklich kamen. Dieſe Franzoſen bringen doch dann und wann auch ein tüchtiges Schiff zuwege— das müſſen wir ihnen laſſen.“ „Ja, Sir Jarvy,“ fiel Galleygo ein, der die Unterhaltung niemals in Stocken gerathen ließ, ſobald er nur zur Theilnahme eingeladen war—„ja, Sir Jarvy, und wenn ſie ſie fertig ge⸗ bracht haben, ihre Dinger, ſo fertigen ſie ſie alsbald uns ſelber zu, damit wir darauf ſegeln ſollen. Ein Fahrzeug zu bauen, iſt ein Theil der Kunſt; aber gut darauf zu ſegeln— das iſt der andere.“ 4 — —, —, * 5²⁷ „Genug von Deiner Philoſophie, Du Schwätzer; ſchau hin⸗ aus und merke Dir, ob man irgend etwas Ungewöhnliches zwiſchen der Tackelage der Priſe hängen ſieht. Wenn Du Dich nicht bald flinker zeigſt, werde ich Dir einen von den Bowlderos zur Unter⸗ ſtützung nachſchicken.“ Dieſe Bowlderos waren die Diener, welche Sir Gervaiſe von ſeinem Gute mit ſich gebracht hatte. Auf ſeiner Beſitzung geboren und in ſeiner oder ſeines Vaters Familie zu Bedienten auferzogen — waren ſie zwar ſchon längſt an das Leben auf Kriegsſchiffen ge⸗ wöhnt, hatten jedoch ihren Ehrgeiz nie über den gewöhnlichen Geſinde⸗ Dienſt hinausgetrieben und wurden deßhalb von dem Hofmeiſter mit ausnehmender Geringſchätzung betrachtet. Eine härtere Strafe konnte man ihm niemals anthun, als wenn man ihm drohte, einen dieſer gewöhnlichen Bedienten zu einem Dienſte zu verwenden, der im Geringſten mit dem Seemannsgewerbe in Berührung ſtand. Die gegenwärtige Drohung hatte auch alsbald die gewünſchte Wir⸗ kung, denn Galleygo verlor keine Zeit, das Tackelwerk der Priſe mit kritiſchen Blicken zu muſtern. „An einer Franzmanns⸗Tackelage finde ich Nichts außerge⸗ woͤhnlich, Sir Jarvy,“ gab der Hofmeiſter zur Antwort, ſobald er ſich von der eigentlichen Thatſache überzeugt hatte;„ihre Schiffs⸗ bauer haben in ſolchen Dingen ihre eigenen Ideen. Nun hat der Burſche allerdings an dem Lee ſeines Fockraagenarms etwas aus⸗ hängen, das gerade ſo ausſieht, als ob man ein Bramleeſegel hätte aufmachen und hinaufziehen wollen, unterwegs aber wieder inne⸗ gehalten hätte, weil man fand, daß kein Tauwerk mehr oben war, um es daran zu befeſtigen.“ „Ja, ſo iſt's, Sir,“ fiel Bunting ein.„Mr. Daly hat wie ein Seeräuber ſein Weibsbild auf dem Fockragenarm aufgehißt.“ „Weibsbild!“ wiederholte Galleygo—„dieſes Zeug da nennt Ihr ein Weibsbild, Mr. Bunting?— Ich heiße es ein Flaggen⸗ 528 bündel, das aufgeſetzt werden ſollte, wenn fie überhanpt irgend Etwas außzuſetzen hatten.“ „Es iſt nichts weiter, als ein iriſches Weibsbild, Mr. Galleygo, wie Ihr Euch ſelbſt überzeugen könnt, wenn Ihr dieſes Glas dar⸗ auf richten wollt.“ 3 „Nun, ſo will ich dieſen Dienſt ſelbſt beſorgen,“ rief Sir Gervaiſe.„Seyd Ihr nicht ein Bischen neugierig, ihr Herren, Mr. Daly's Signal kennen zu lernen?— Galleygo, öffne jenes Luvfenſter dort und räume die Bücher und das Schreibzeug weg, damit wir bequem hinausſchauen können.“ Der Befehl wurde augenblicklich vollzogen, und bald ſaß der Viceadmiral am Fenſter und muſterte die ſonderbare Figur, welche allerdings an dem Lee des Fockraaenarms der Priſe ausgehängt war— ein wirklich noch unbeſchriebenes Weſen, das jeder ſee⸗ männiſchen Erfahrung fremd war. „Ich will mich hängen laſſen, Greenly, wenn ich irgend Etwas daraus zu machen verſtehe,“ meinte Sir Gervaiſe, nachdem er es lange betrachtet hatte.„Nehmt Ihr einmal dieſen Platz ein und verſucht Euer Glück an dem Ungethüm. Mit einer Weiberfigur hat es allerdings die größte Aehnlichkeit.“ „Ja, Sir,“ bemerkte Bunting mit dem Ernſte eines Mannes, der ſeinen Ruf bei dem Ausgange einer Sache betheiligt fühlt; „ich wußte gewiß, daß Mr. Daly in Ermanglung eines Tele⸗ graphenbuchs, womit er uns die Buchſtaben hätte ſignaliſiren kön⸗ nen, die Figur aufgehißt haben werde, um uns den Namen der Priſe mitzutheilen; auch vergaß ich keineswegs, mich erſt gehöͤrig zu überzeugen, ehe ich mir die Freiheit nahm, zu Euch herab zu kommen und meine Meldung zu machen.“. 1 „Ja, ſagt mir aber, Bunting, wofür haltet Ihr's denn? das Bruſtbild könnte es uns wohl beſſer ſagen, doch ſcheint es unvoll⸗ ſtändig zu ſeyn.“ „Das Bruſtbild hat die ganze Büſte nebſt einem Arm durch 5²9 eine Kugel verloren,“ ſagte Greenly, nachdem er ſein Glas auf den genannten Gegenſtand gerichtet hatte;„und ich kann überdieß Mr. Daly noch weiter ſagen, daß ein Theil des Wühlings an ſei⸗ nem Bugſpriet gleichfalls zum Teufel iſt. Das Schiff hat eine tüchtige Ausbeſſerung nöthig, Sir Gervaiſe; wenn dieſer Wind ſo fortdauert, ſo wird es morgen früh wohl ſchwerlich mehr einen Fockmaſt beſitzen. Ein zweiter Schuß hat die hintere Seite ſeiner Vormarsſtenge getroffen und das halbe Spann mitgenommen. Ja, und da iſt eben ein Burſche daran geweſen— „Kümmert Euch nichts um die Kugeln— kümmert Euch nichts um die Kugeln, Greenly,“ unterbrach ihn der Viceadmiral. „Ein armer Teufel, wie er, konnte nicht wohl ſechs Kameraden unſeres Kalibers auf einmal gegen ſich haben und dabei doch noch ‚ſchußfrei auszugehen erwarten. Erzählt uns lieber etwas von dem Weibsbilde.“ „Nun ja, Sir Gervaiſe, es iſt freilich kein Zweifel— Daly hat es wirklich als Symbol aufgehißt. Ja, ja— nach all' dem muß das Schiff wohl die Minerva ſeyn, denn die Figur hat in der That etwas wie einen Helm auf dem Kopfe.“ „Die Minerva kann es in keinem Fall ſeyn,“ verſetzte der Vicegbuitral mit Beſtimmtheit; denn ſie iſt, wie ich ganz gewiß weiß, eine Fregatte. Reicht mir einmal das kleine Buch mit der rothen Decke, Bunting— das dort neben Euch— es enthält eine Liſte der feindlichen Seemacht. Da hab' ich's— La Minerve, 32, le capitaine de frégate— Mondon. Gebaut im Jahre 1733; alt und ſchwerfällig.. Somit wären wir über die Minerva im Reinen, denn dieß hier iſt die neueſte Liſte, welche die Admiralität uns zugeſendet hat.“ 3 „Dann muß es die Pallas ſeyn,“ begann Greenly aufs Neue; „denn dieſe trägt ebenfalls einen Helm und ich ſehe ganz genau: die Figur trägt nicht nur eine Mütze, die einem Helme ähnlich ſteht, ſondern auch noch ein Guernſey⸗Ueberkleid, das wohl einen Die beiden Admirale. 2. Aufl. 34 530 Waffenrock vorſtellen ſoll. Minerva und Pallas trugen beide Panzer, wenn ich mich anders recht erinnere.“ „Damit kommen wir der Sache ſchon etwas näher— ja, ja, Greenly“— ſtimmte der Viceadmiral in aller Unſchuld ein;*„wir wollen einmal nachſchlagen, ob die Pallas ein Zweidecker iſt oder nicht.— Beim heiligen Georg! es ſteht kein ſolcher Name auf der Liſte. Das iſt doch ſonderbar, daß die Franzoſen die eine dieſer Gottheiten haben, die andere aber nicht!“ „Sie haben nie etwas, wie es ſeyn ſoll, Sir Jarvy,“ fügte Galleygo gleichſam als Commentar zu den klaſſiſchen Kenntniſſen der beiden Sprecher— des Viceadmirals und des Kapitäns— bei;„und ich muß mich nur wundern, daß ſie überhaupt eine Gottheit haben, ſintemalen ſie im Allgemeinen ſo wenig Ehrfurcht vor der Religion beſitzen.“ 4 Wycherly war ſchon längere Zeit höchſt unruhig, beobachtete jedoch aus Achtung vor ſeinen Vorgeſetzten ein fortwährendes Still⸗ ſchweigen. Bunting dagegen bekümmerte ſich um all' dieſes Gerede äußerſt wenig, denn ſein Vater war Proviantmeiſter in der Marine geweſen, und er ſelbſt hatte ſeine ganze Erziehung auf der See erhalten, wie dieß ſchon ſeit einem Jahrhundert in ſeiner Familie üblich geweſen war. 4 „Es moͤchte vielleicht nicht ſo ganz ungeſchickt ſeyn, Sir Ger⸗ vaiſe,“ meinte der Kapitän,„wenn wir dieſe Liſte von hinten herein durchgingen und ſo lange fortführen, bis wir einen Zweidecker fänden, der eine weibliche Figur zum Sinnbild haben muß. So könnten wir die Sache ſehr vereinfachen und ich habe ſchon ſehr ſchwierige Aufgaben auf dieſe Art löſen ſehen.“ Der Gedanke leuchtete Sir Gervaiſe als zweckmäßig ein und er machte ſich allen Ernſtes an die Ausfuͤhrung von Greenly's Vorſchlag. * Ein ziemlicher Verſtoß des H. Viceadmirals, da Minerva und Pallas bekanntlich nur die verſchiedenen Namen einer und derſelben Gottheit ſind. D. U. 531 Eben als er an die Hekate, Nr. 64 kam, zog Greenly durch einen Ausruf ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich und er fragte, was es gebe. „Seht ſelbſt, Sir Gervaiſe, denn wenn meine Angen mich nicht völlig täuſchen, ſo läßt Daly eben einen Wurfanker neben ſeiner Figur aufhiſſen.“ „Wie— einen Wurfanker?— Ja, ja, ˙s iſt allerdings ein Anker und das bedeutet Hoffnung. Alle Welt weiß, daß die Hoff⸗ nung einen Anker führt— nicht wahr, Wychecombe? Auf mein Wort, Daly entwickelt immer mehr Scharfſinn. Schaut einmal nach der Hoffnung— in dieſer Liſte, Bunting— hinten im Buch werdet ihr die engliſchen Namen vorgedruckt finden.“ „Die Hoffnnng oder l'Espérance,“ las der Signaloffizier; „36, lee capitang dee frigate dee Courtraii.“* „Nach all' dem alſo nichts weiter, als ein Eindecker. Da haben wir faſt wieder dieſelbe ſchlimme Geſchichte, wie drüben am Lande mit dem verdammten Nullus. Doch will ich mich jedenfalls von keinem Franzmanne, der je auf der See umherſchwamm, an Gelehrſamkeit überbieten laſſen. Gehe hinab, Locker, und ſage Doktor Magrath, wenn er nicht mit den Verwundeten beſchäftigt ſey, ſo möchte er heraufkommen. Er verſteht mehr Latein, als jeder Andere auf dem Schiff.“ „Ja, Sir Jarvy; das iſt aber Franzöſiſch, wie Ihr wißt, Euer Gnaden, und hat gar nichts mit Latein zu ſchaffen. Ich ſehe es kommen— es wird ſich noch herausſtellen, daß das Ding einen Namen hat, den keine ordentliche Perſon in den Mund nehmen möchte, ſo daß wir's dann umtaufen müßen.“ „Ja, ja, in der That, er hat den Anker eingehackt; wenn die Figur nicht die Hoffnung bedeutet, ſo muß ſie wohl den Glau⸗ ben oder die Barmherzigkeit vorſtellen.“ „O, glaubt das Ding nicht, Sir Jarvy; der Franzmann hat * Dieß iſt ganz die Bezeichnung, wie ein Engländer das franzöͤſtſtbe— „le capitaine de frégate de Courtrai“ ausſprechen würde. D. U. 5³² weder Glauben, noch Barmherzigkeit— nein, ebenſowenig als Gutmüthigkeit, wie jeder arme Teufel weiß, der jemals an ihrer Küſte Schiffbruch gelitten, was mir einmal als Knabe paſſirte. Ich betrachte ſie nicht anders, denn als lautere Heiden und dieß iſt vielleicht auch der Name des Schiffs. Ich habe Heiden ſchon hundert Mal in ſolcher Art von Vermummung geſehen, Sir Jarvy.“ „Wie, Mann, haſt dujemals einen Heiden mit einem Anker geſehen? — einem Anker, der dreihundert Pfund wiegt, ſo gut wie ein einziges?“ „Vielleicht nicht mit einem ächten und gerechten Anker, Euer Gnaden, aber doch wenigſtens mit etwas, was dem ähnlich war. — Das dort drüben iſt aber überhaupt gar kein Anker, Sir, ſon⸗ dern nur ein Wurf, der wie ein Anker eingehackt iſt.“ „Da kommt Magrath, um uns aus unſerer Noth zu helfen; ſo wollen wir ihm denn die Sache vortragen.“ Der Viceadmiral erklärte nunmehr dem Chirurgen die ganze Geſchichte und bekannte freimüthig, daß die klaſſiſchen Kenntniſſe der Admiralskajüte nicht ausreichten, weßhalb man ſich an die Konſtabelkammer um Unterſtützung gewendet habe.— Magrath hörte das Alles mit nicht geringem Ergötzen, denn hier genoß er wieder einen ſeiner Triumphe; er lachte nicht wenig über die Verlegenheit ſeiner Vorgeſetzten. „Nun, Sir Jairvis,“ ſo lautete ſeine Antwort,„Ihr hättet wohl auch noch Schlimmeres anrichten und einen Kriegsrath in der Sache zuſammenberufen können; wenn Ihr aber nichts weiter als den Namen da braucht— dazu kann ich Euch ſchon verhelfen, ohne überhaupt weder Sinnbilder, noch Zeichen oder Hieroglyphen zu bedürfen. Als wir vor ein paar Stunden das Kielwaſſer des Schiffes durchkreuzten, las ich ihn an ſeinem Spiegel mit goldenen Buchſtaben geſchrieben. La Victoire iſt's und bedeutet auf engliſch der Sieg— allerdings ein hoͤchſt unglücklicher Beiname für ein unglückliches Schiff. Doch iſt's ja blos eine franzöſiſche Victoria, das muͤßt Ihr nicht vergeſſen, ihr Herrn!“ 53³ „Das muß ein Mißverſtändniß ſeyn, Magrath; denn Daly hat dort drüben einen Anker gewieſen und das Wort Sieg führt ja doch keinen Anker.“ „Das iſt ſchwer zu ſagen, Viceadmiral; denn des Einen Sieg iſt des Anderen Niederlage. Was Mr. Daly's Bild betrifft, ſo iſt das eben eine iriſche Gottheit und ſeinem Lande muß man ſchon eine poetiſche Licenz geſtatten.“ Sir Gervaiſe lachte, lud die Herrn ein, das Frühſtück vollends vernichten zu helfen und ſchickte den Befehl auf's Verdeck, daß eine Antwortsflagge aufgehißt werden ſollte. Als Daly ſpäter einmal zu einer Erläuterung aufgefordert wurde, verſicherte er, Helm und Waffen gehörten der Victoria allerdings— wie ſich von ſelbſt verſtehe; geſtand aber doch dabei, daß er im Anfang den Anker vergeſſen habe; vals ich aber den erſt aufhißte, da laſen ſie's am Bord des alten Planter ſo leicht, als ob es lauter ellenlange Buchſtaben geweſen waͤren.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Die Tief' iſt wunderbar und groß! Denn reiner als der Lüfte Blau,— Wenn Licht ſtrahlt aus des Himmels Au. Und ſanfter Meeresperlen glühn, Die aus der Tiefe Funken ſprühn. Des Regenbogens Wunderſchein— Die Waſſer bilden ihn allein, Und Sonn’ und Mond am hellſten ſtrahlen, Wenn ſie ſich in der Brandung malen. Die Tief' iſt wunderbar und groß! 1 Brainard. Valy war als privilegirter Spaßmacher der Flotte anerkannt und ſo wurde die außergewöhnliche Art, wie er den Namen ſeines Schiffes zu verkündigen verſucht hatte, als einer ſeiner charakteri⸗ ſtiſchen Scherze aufgenommen und belacht, bis ſich etwas Beſſeres 534 zur Erheiterung der Geſellſchaft darbot. Unter den gegenwärtigen Verhältniſſen der beiden Geſchwader wurde die Sache übrigens bald über ernſtern Dingen vergeſſen, denn nur Wenige glaubten, daß das Zuſammentreffen, wie es bereits Statt gefunden hatte, einen Mann von dem bekannten Temperamente des kommandirenden Ad⸗ mirals befriedigen werde. Da die Vereinigung mit der rückwärtigen Diviſion das Einzige war, das noch zu dem Beginne eines allgemeinen Gefechtes fehlte, ſo hatte jedes Schiff, ſobald der Sturm ein wenig nachgelaſſen, einige ſeiner beſten Ausgucker auf die Marſen hinaufgeſchickt, welche nun den Horizont, beſonders gegen Oſten und Nordoſten fort⸗ während mit ihren Fernröhren beobachteten. Gegen Mittag brach ſich der Sturm, doch wehte immer noch ein friſcher Wind und aus derſelben Himmelsgegend wie zuvor. Die See begann jedoch allmählig zu fallen und gegen acht Uhr waren weſentliche Aenderungen in der Stellung der beiden Flotten eingetreten. Einige derſelben halten wir für nöthig, dem Leſer vor Augen zu führen. Der Foudroyant, das Schiff des franzöſiſchen Admirals, und der Scipio waren auf die ſchon oben erwähnte Weiſe ſo zu ſagen von den Armen ihrer eigenen Flotte aufgenommen worden; von dieſem Augenblicke an hatte ſich die Bewegung der geſammten franzöſiſchen Streitmacht in gewiſſem Grade nach dem Gange dieſer beiden zerſchoſſenen Fahrzeuge richten müſſen. Das erſtere der beiden Schiffe hätte vermittelſt ſeiner tieferen Segel ſeine Stellung in der Linie, ſo lange der Sturm andauerte, noch ſo ziemlich be⸗ haupten können; das letztere aber fiel unvermeidlich von der Rich⸗ tung ab und zwang ſeine Gefährten, ſich ihm entweder nahe zu halten oder es gänzlich ſeinem Schickſale zu überlaſſen. Monſtenr de Vervillin zog das Letztere vor.— Die Folge davon war, daß ſeine Linie, als die Sonne endlich den Zenith er⸗ reichte, noch immer ziemlich weit ausgedehnt, aber nichts weniger * 5³⁵ als gut geordnet— volle drei Meilen leewärts von der engliſchen Flotte entfernt ſtand. 7 Und dieß war noch nicht Alles: denn Sir Gervaiſe Oakes war zu dieſer wichtigen Tagesſtunde bereits wieder im Stande, auf allen ſeinen Schiffen eine größere Anzahl von Segeln zu entwickeln, und die Vor⸗ und Kreuzbramſegel, enggerefft, einſetzen zu laſſen, während die Victoire, ein flinker Zweidecker, ſchon ſo weit hergeſtellt war, daß ſie mit ihren Unterſegeln den übrigen Schiffen gleichen Schritt halten konnte. Die Franzoſen konnten dieß nicht nachahmen, da eines ihrer zerſchoſſenen Schiffe nichts mehr als den Fockmaſt aufrecht ſtehend erblicken ließ. Sir Gervaiſe hatte ſich, noch ehe die Entfernung zwiſchen beiden Flotten für ſolche Beobachtungen zu groß geworden war, überzeugt, daß der Feind ſich anſchickte, auf dem Admiralſchiffe neue Stengen und andere erforderliche Spieren aufzuziehen, ſowie die fehlenden Maſten auf dem Scipio durch Nothmaſten zu er⸗ ſetzen, obwohl die See noch nicht erlaubte, einen wirklichen Ver⸗ ſuch zum Beginne dieſer Verbeſſerungen anzuſtellen. Demgemäß entwarf er ſeine eigenen Plane für die kommende Nacht, denn er wollte ſeine Leute bei dem jetzigen Zuſtand der Priſe nicht mit ähnlichen Verbeſſerungsverſuchen ermüden oder dem Feinde ſeine Abſichten kund geben. Gegen Mittag wurde ein Schiff nach dem andern durch Sig⸗ nale angerufen und befragt, ob es bei dem letzten Zuſammentreffen irgend eine bedeutende Beſchädigung erlitten habe. Die Antworten waren im Allgemeinen ſehr befriedigend; nur eines oder zwei der⸗ ſelben gaben ihre Erwiederung auf eine Art, daß der komman⸗ dirende Admiral beſchloß, ſich durch ein ſicheres Mittel von dem wirklichen Zuſtande ſeiner Flotte zu überzeugen. Um dieſen wichtigen Zweck zu erreichen, wartete Sir Gervaiſe noch zwei Stunden länger in der gedoppelten Abſicht, ſowohl die „Eſſenszeit auf allen Schiffen ruhig verſtreichen, als auch den Wind ſich legen und die See noch weiter fallen zu laſſen, wie dieß bei beiden bereits ſehr raſch begonnen hatte. Nach Verfluß dieſer Zeit erſchien er auf der Kampanje und beorderte Bunting, ſeine gewöhnliche Stelle einzunehmen. Um zwei Uhr Nachmittags wehte noch eing volle Marsſegel⸗ briſe, wie ſie gewöhnlich genannt wird; da übri die See immer noch hoch ging und die Schiffe dicht aufgeholt waren, ſo hielt der Viceadmiral nicht für paſſend, noch weitere Segel einſetzen zu laſſen. Vielleicht hegte er auch noch den Wunſch, die Entfernung zwiſchen ſich und dem Feinde nicht zu vergrößen, da es theilweiſe, zu ſeinem Plane gehörte, Monſteur de Vervillin, ſo lange der Tag noch dauerte, ſcharf im Auge zu behalten, um ſich eine möoglichſt genaue Idee von der Stellung ſeiner Flotte während der Stunden der Dunkelheit zu bewahren.. Seine jetzige Abſicht war die, ſeine Schiffe die Revue paſſtren zu laſſen, gerade wie ein General ſeinen Bataillonen den Befehl gibt, an einem gewiſſen Punkte, den er ſelbſt mit ſeinem Stabe einnimmt, vorüber zu marſchiren, um ſich von ihrer taktiſchen Tüchtigkeit, ſo wie von ihrer äußeren Propreté mit eigenen Augen u überzeugen. Viceadmiral Oakes war der einzige Offtzier in der brittiſchen Marine, der je ein ſolches Mittel in Anwendung brachte: wie er denn überhaupt ſo Manches that, wovon Andere ſich nie etwas träumen ließen, dafür aber auch nie einen Augenblick zögerte, wenn ſich Gelegenheit darbot, eine doppelt überlegene Streitmacht anzugreifen— wie wir bereits am heutigen Tage geſehen haben. Die Offtziere nannten dieſe charakteriſtiſchen Muſterungen ‚Sir Jarvy's Feldtagee, indem ſie ein boshaftes Vergnügen darin fanden, Alles, was gegen den gewöhnlichen Seemannsgebrauch verſtieß, mit den Gewohnheiten der Landſoldaten zu vergleichen. Doch trotz ſolcher Scherze und Witze der Flotte erhielt Bunting ſeine Befehle und alsbald wurden die noͤthigen Signale gegeben —— ““ — 537 und zur gehörigen Zeit beantwortet. Kapitän Greenly bekam ſofort die erforderlichen mündlichen Weiſungen, worauf ſich der komman⸗ dirende Admiral in ſeine Kajüte verfügte, um ſich ſelbſt für die bevorſtehende Scene vorzubereiten. Als Sir Ganzaiſe abermals auf der Kampanje erſchien, war er in voller Uniform, mit dem Sterne des Bathordens, wie dieß bei allen feierlichen, amtlichen Anläſſen bei ihm gewöhnlich war. Atwood und Bunting ſtanden ihm zur Seite, während die Bowl⸗ deros in ihrer reichen Livree die zunächſt befindliche Nebengruppe bildeten. Kapitän Greenly und ſein erſter Lieutenant fanden ſich gleichfalls bei der Geſellſchaft ein, ſobald der Dienſt ihres Schiffes ihnen ſolches erlaubte. Der Kampanje gegenüber war das ganze Marinekorps, was nicht gerade im Dienſte war, mit ihren Offi⸗ zieren an der Spitze in dreifacher Linie aufmarſchirt. Der Plan⸗ tagenet ſelbſt hatte ſein großes Segel auf⸗, all' ſeine Stagſegel dagegen niedergeholt und ſich mit ſcharf backgebraßtem großem Mars⸗ ſegel beigelegt, wobei der Quartiermeiſter Befehl hatte, das Schiff ein wenig vom Winde abzuhalten, da man einigen Raum vor ſich frei halten wollte, um die beabſichtigte Muſterung zu verlängern. Nach dieſen Vorbereitungen erwartete der kommandirende Ad⸗ miral das allmählige Herannahen ſeiner Schiffe, während ſich die Sonne— ſeit vierundzwanzig Stunden zum erſten Male— in einem Strahlenmeere glänzenden Sommerlichtes zeigte, wie wenn ſie ab⸗ ſichtlich die Ceremonie durch ihre Gegenwart verherrlichen wollte. Das erſte Schiff, das dem Plantagenet nahe kam, war na⸗ türlich der Carnatie, da er dem Admiralſchiffe zunächſt folgte. Dieſes Schiff, welches ſich, wie der Kommandirende ſelbſt bemerkt hatte, dadurch auszeichnete, daß es nie aus der Linie kam, brauchte keine lange Zeit, um aufzuſchließen, ſondern luvte, um windwärts zu gelangen, an dem Luvbord des Admiralſchiffes und ließ dabei alle Marsſegelboleinen los, ſo daß es ſeine Geſchwindigkeit dadurch ver⸗ lor und eine Art Halbbord machte. Dieſe einfache Bewegung 538 brachte den Carnatie, als er jetzt ſein Steuer gerade richtete, un⸗ gefähr auf fünfzig Faden windwärts von dem Plantagenet, an dem er ſofort in langſamem aber ſtattlichem Gange vorüberzog, während auch das Wetter nunmehr erlaubte, in ſolcher Entfernung vermit⸗ telſt der Sprachrohre faſt ohne alle Anſtrengung der Stimme eine Unterredung zu halten. Die meiſten Offiziere des Carnatie ſtanden auf der Kampanje, während das Schiff ſachte dahinglitt und ſeine Schatten auf das Verdeck des Plantagenet hinüber warf. Kapitän Parker ſelbſt ſtand in der Nähe des Laufſtags mit unbedecktem Haupte, das graue Haar im Winde flatternd. Das Geſicht des einfachen, treuherzigen Ve⸗ terans zeigte einige Aengſtlichkeit, denn hätte er den Feind nur den zehnten Theil ſo viel gefürchtet, als er ſich vor ſeinem kommandi⸗ renden Offizier ſcheute, ſo wäre er gänzlich untauglich zu ſeinem Poſten geweſen. So ſchaute er bald nach den Segeln hinauf, um zu ſehen, ob Alles in Ordnung wäre, bald ſuchte er, gleich ſam mit jedem Faden, welchen er näher rückte, voll Aengſtlichkeit den Ausdruck in des Viceadmirals Zügen zu leſen. „Wie geht's Euch, Kapitän Parker?“— begann Sir Ger⸗ vaiſe mit echter Sprachrohr⸗Förmlichkeit, indem er die gewöhnliche Begrüßung machte. „Wie befindet ſich Sir Gervaiſe Oakes am heutigen Tage? Ich hoffe, er iſt doch bei der letzten Affaire mit dem Feinde unver⸗ letzt geblieben?“ „Ganz wohl, ich danke Euch, Sir; hat der Carnatic während der Schlacht irgend eine ernſtliche Beſchädigung erlitten?“ „Nicht der Rede werth, Sir Gervaiſe. Eine tüchtige Quet⸗ ſchung am Fockmaſt, doch nicht bedeutend genug, um uns jetzt, da das Wetter nachgelaſſen hat, ſonderlich zu beunruhigen; an der Tackelage iſt auch Einiges abgeſchoſſen und der Rumpf hat ein paar Püffe erhalten.“ „Hat Eure Mannſchaft Noth gelitten, Sir?“ N n —2 8 ¶ N ◻‿ + 2—— 539 „Zwei find todt, ſieben verwundet, Sir Gervaiſe. Recht brave Burſche die Meiſten, doch habe ich noch genug ihres Gleichen übrig.“ „So darf ich alſo annehmen, Kapitän Parker, daß Ihr den Carnatic als zu jedem Dienſte tauglich geſchildert?“ „So tauglich, als meine geringen Fähigkeiten ihn nur immer zu machen vermögen, Sir Gervaiſe Oakes,“ antwortete der Andere, über die Förmlichkeit und Beſtimmtheit der Frage etwas beunruhigt. „Mit dem Steuer entgegengekommen— mit dem Steuer entgegen⸗ gekommen!“ Alles dieſes ging vor ſich, während der Carnatic immer noch Halbbord hielt; jetzt wurde aber das Steuerruder gerade gerichtet und er fiel nun in langſamer, majeſtätiſcher Bewegung mit der Breitſeite gegen das Admiralſchiff ab, indem er in dem Maaße, als ſeine Segel ſich wieder zu füllen anfingen, auch neuen Raum nach vorwärts gewann. In dieſem Augenblicke, als die Raaenarme der beiden Schiffe nur noch etwa hundert Fuß von einander waren und während der Carnatie ſeitwärts abbog, nahm Sir Gevaiſe Oakes ſeinen Hut ab, trat raſch an den Rand der Kampanje vor, und gebot mit der Hand Stillſchweigen. „Kapitän Parker,“ ſprach er ſo laut und deutlich, daß man ſeine Worte auf beiden Schiffen vernehmen konnte—„ich wünſche Euch öffentlich für Euer tapferes Benehmen am heutigen Tage zu danken. Ich habe immer geſagt, eine ſichrere Stütze als Ihr könne niemals einem kommandirenden Admiral in die Schlacht folgen und Ihr habt die Wahrheit meiner Behauptung mehr als bewährt. Ich wünſche Euch öffentlich dafür zu danken, Sir.“ „Sir Gervaiſe— ich kann nicht ausdrücken— Gott ſegne Euch, Sir Gervaiſe!“ „Nur einen Fehler habe ich an Euch zu tadeln, Sir, und auch dieſer iſt leicht zu verzeihen.“ „Gewiß, ich hoffe es, Sir.“ 540 „Ihr habt Euer Schiff ſo raſch und ſicher gehandhabt, daß wir ſogar kaum Zeit hatten, Euren Kanonen aus dem Wege zu gehen.“ Der alte Parker wäre nicht im Stande geweſen, eine Ant⸗ wort zu geben, und wenn ſein Leben davon abgehangen hätte; er verbeugte ſich blos und fuhr ſich mit der Hand über die Augen. Es war nur noch ein Augenblick übrig, um ſich nochmals verſtändlich zu machen. „Wenn das Schwert Seiner Majeſtät für Euer heutiges Tagewerk nicht auf Eure Schulter gelegt wird, Sir, ſo wird es wenigſtens nicht mein Fehler ſeyn,“ fuhr Sir Gervaiſe fort und winkte ihm mit dem Hute Lebewohl zu. 3 So lange dieſes Zwiegeſpräch dauerte, herrſchte auf beiden Schiffen ſo tiefes Stillſchweigen, daß man neben Sir Gervaiſe's volltönender Stimme nur noch das Klatſchen des Waſſers unter den Bügen des Carnatie als einzigen begleitenden Laut vernahm: Sobald aber der Admiral zu ſprechen aufgehört hatte, erhob ſich die Mannſchaft auf beiden Schiffen wie ein Mann und brach in ein donnerndes Hurrah aus. Die Offtziere ſtimmten herzhaft mit ein und um das Kompliment voll zu machen, befahl der Komman⸗ dirende dem Marinekorps des Plantagenet, vor dem vorüberziehenden Schiffe die Gewehre zu präſentiren. Der Carnatic aber, deſſen Segel wieder ſämmtlich gefüllt waren, nahm ploͤtzlich einen friſchen Anlauf und ſchoß, von einer Woge emporgehoben, faſt um ſeine ganze Länge vorwärts. Eine halbe Minute ſpäter war er ſchon vor dem fliegenden Klüverbaum⸗ ende des Plantagenet, indem er ſo viel Raum übrig ließ, daß das Admiralſchiff durch ſeine Bewegung nicht leewärts geworfen wurde. Kaum war der Carnatic vorüber, als der Achilles ſich an⸗ ſchickte, ſeine Stelle einzunehmen. Dieſes Schiff hatte mehr Raum vor ſich frei gelaſſen; es brauchte daher blos leicht windwärts vom Plantagenet zu luven und ſeine Boleinen los zu laſſen, um — 54⁴1 mit den Bügen an dem Spiegel des Admiralſchiffes vorbei zu kommen und die Schnelligkeit ſeines Laufes zu vermindern. „Wie befindet ihr Euch heute, Sir Gervaiſe?“ ſchrie Lord Morganic, ohne lange den Anruf des kommandirenden Admirals abzuwarten—„erlaubt mir, Sir, Euch zu den Waffenthaten dieſes glorreichen Tages meinen Glückwunſch abzuſtatten!“ „Ich danke Euch, mein Lord, und wünſche Euch zu ſagen, daß ich mit dem Benehmen Eures Schiffes zufrieden bin. Ihr habt euch Alle ſehr brav gehalten und ich wünſche euch Allen hiefür zu danken. Iſt der Achilles beſchädigt?“ „Nicht, daß ſich's der Mühe lohnt, Sir. Etwas Tauwerk, auch hie und da eine Spiere iſt allerdings drauf gegangen.“ „Habt Ihr Leute verloren, Mylord? Ich wünſche ganz be⸗ ſonders, den Zuſtand jedes Schiffes genau kennen zu lernen.“ „Ich glaube, ſo etliche acht bis zehn arme Burſche, Sir Gervaiſe; doch ſind wir jeden Augenblick zu neuem Kampfe bereit.“ „Gut ſo, Mylord; macht Eure Boleinen feſt und gebt Raum für den Thunderer.“ Morganie gab den nöthigen Befehl; als aber ſein Schiff wieder vorwärts ſteuerte, rief er mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit: „Ich hoffe, Sir Gervaiſe, Ihr habt nicht im Sinn, ſeine andere lahme Ente aufzugeben. Ich habe meinen erſten Lieutenant der einen Priſe an Bord geſchickt und geſtehe mein Verlangen, auch den zweiten auf den Bord der andern zu bringen.“ „Ja,— ja— Morganic; wir ſchießen die Vögel herunter und Ihr ſchiebt ſie ein. Ich werde euch noch öfter ſolche Jagd anvertrauen, ehe wir überhaupt auseinander kommen.“ Selbſt Sir Gervaiſe Oakes, der doch ſonſt nicht gewöhnt war⸗ in Sachen des Dienſtes zu ſcherzen, hielt für paſſend, dem Range des Andern dieſes kleine Zugeſtändniß zu machen; dann entfernte ſich der Achilles von dem Flaggenſchiffe ſo geräuſchlos, wie man etwa den Vohang von einer Bühne wegzieht. 542 „Ich glaube, Greenleaf,“ bemerkte Lord Morganic gegen den nebenſtehenden Wundarzt, einen ſeiner beſonderen Lieblinge— „Sir Jarvy iſt ein wenig eiferſüchtig auf uns, weil Daly die Priſe beſtieg, ehe er eines ſeiner eigenen Boote dahin abſchicken konnte. Es wird, traun, in der Zeitung gar nicht übel lauten— meint Ihr nicht auch?“— ‚Das franzöſiſche Schiff wurde in Beſitz ge⸗ nommen und weg gebracht von dem Achilles, Kapitän der Earl von Morganic!e— Ich hoffe, der alte Knabe wird ſo viel Schicklich⸗ keitsgefühl beſitzen, daß er uns gibt, was uns gebührt. Ich glaube noch dazu, daß es unſere letzte Breitſeite war, welche die fran⸗ zoͤſiſche Flagge hernieder brachte.“ Es fehlte nicht an einer geziemenden Antwort; doch da der Achilles weiter vorwärts ſegelte, ſo können wir ihm nicht ſo weit folgen, um ſie zu erzählen. Das dritte Schiff, das ſich dem Plantagenet näherte, war der Thunderer, Kapitän Foley. Dieſes Schiff gehorte zu denen, welche das Feuer der drei vorderen franzöſiſchen Zweidecker, nachdem dieſe ſeitwärts aus der Linie gezogen, ausgehalten hatten, und da es überdieß das vorderſte Schiff der engliſchen Nachhut geweſen war, ſo hatte es mehr als jedes andere Fahrzeug des ganzen Geſchwaders ge⸗ litten. Dieſe Thatſache erhellte auch ſogleich, ſo wie es ſich näherte— aus der Art und Weiſe, wie ſein Tackelwerk zuſammengeknüpft war, ſo wie aus der Aufmerkſamkeit, welche man auf ſeine Spieren ver⸗ wendet hatte. Selbſt während er jetzt vorüberzog, ſah man die Leute auf den Ragen noch mit dem Einbinden eines neuen Haupt⸗ ſegels beſchäͤftigt, da das alte am Liek verfetzt und beinahe von der Spiere abgeriſſen worden war. Auch konnte man mehrere Pflöcke an ſeiner Leeſeite bemerken, welche die Stellen bezeichneten wo die franzöſiſchen Kugeln angeprallt hatten. Auch hier fand die gewöhnliche Begrüßung zwiſchen dem Vice⸗ admiral und ſeinem Kapitäne Statt: der Erſtere ſtellte ſodann ſeine Fragen wie bisher. 54⁴³ „Wir haben nicht gerade blos Begrüßungsſalven ausgetauſcht, Sir Gervaiſe,“ gab Kapitän Foley zur Antwort,„doch iſt das Schiff bereits wieder dienſtfähig. Sollte der Wind noch etwas nachlaſſen, ſo denke ich, wären wir ſogar im Stand, die Segel ſcharf zu führen.“ „Ich bin ſehr froh, dieß zu vernehmen, Sir— höchlich erfreut, dieß zu vernehmen, Sir. Ich fürchtete für Euch mehr als für jedes andere Schiff in der Flotte. Ich hoffe, Ihr habt unter Eurer Mannſchaft keinen weſentlichen Verluſt erlitten?“ „Neun Todte, Sir Gervaiſe, und, wie der Wundarzt ſagt, ſechszehn Verwundete.“ „Das beweiſt, Foley, daß ihr nicht im Hafen gelegen ſeyd!— Nun, ich darf wohl ſagen, wenn man die Wahrheit erfahren könnte, ſo würde man finden, daß Monſieur de Vervillin's Schiffe zur Vergeltung auch Merkzeichen von Euch an ſich tragen. Lebt wohl — lebt wohl— Gott mit Euch.“ Der Thunderer glitt vorwärts und machte dem Blenheim— Kapitän Sterling— Raum. Der Blenheim war eines jener allzeit dienſtbereiten Schiffe, die in ihrem Aeußeren zwar keine Spur von Glanz und Prunk an ſich tragen, dafür aber jeden Augenblick bereit ſind, Schläge auszutheilen und zu empfangen. Sein Kommandant war ein ächter Seehund, zwar ziemlich ſtark zu harten, ausländiſchen Flüchen geneigt, auch ein bedeutender Konſument von Taback und Branntwein, dabei aber ein Mann, der ſo viel Unterſcheidungsgabe beſaß, daß er vor ſeinem kommandirenden Admiral niemals fluchte, obwohl er dafür bekannt war, daß er es in Kirchen ſchon öfter gethan hatte— oder auch mehr Getränke zu ſich nahm, als er bequem führen konnte, ſobald er einem Feinde oder einem Sturme zu be⸗ gegnen erwarten mußte. Er war als Krieger wie als Seemann zu feſt erprobt, um die Flaſche als ſeine Zuflucht zu betrachten; ſie war nur die Gefährtin ſeiner heiteren, vergnügten Stunden und wurde dann auch, um die Wahrheit zu geſtehen, mit ſolchem zärtlichen Wohlwollen behandelt, daß es Anderen ausnehmend ſchwer wurde, nicht gleichfalls einige Partheilichkeit für ſie zu hegen.— Mit einem Wort: Kapitän Sterling war ein Seemann nach der ‚alten Schule“; denn vor hundert Jahren gab es in Sitten, Ge⸗ bräuchen und Anſichten, in Philoſophie, Moral und allen Fortſchritten der Vernunft ebenſogut eine alte Schule, als es heutiges Tages eine ſolche gibt und aller Wahrſcheinlichkeit nach im nächſten Jahr⸗ hundert eine ſolche geben wird. Der Blenheim hatte keinen weſentlichen Schaden irgend einer Art genommen, auch war keiner ſeiner Mannſchaft verletzt und ſo konnte er einen ſehr günſtigen Bericht erſtatten. Der Kapitän meldete, ſein Schiff ſey noch eben ſo dienſttüchtig, als es zu der Stunde geweſen, da es ſeine Anker gelichtet habe. „Um ſo beſſer, Sterling— um ſo beſſer. Ihr ſollt bei der nächſten Affaire die Ehre des erſten Angriffs haben, damit Ihr Gelegenheit findet, Euch auszuzeichnen. Ich verlaſſe mich auf den Blenheim und auf ſeinen Kapitän.“ „Ich danke Euch, Sir,“ erwiederte Sterling, während ſein Schiff weiter zog.„Nebenbei bemerkt, Sir Gervaiſe— würde es nicht gut ſeyn, die Kiſten der Priſe vorher etwas zu durchſuchen, ehe ſie den Zollbeamten in die Hände ſiele. Hier auf der hohen See könnte man dieſes doch nicht geſchmuggelt heißen und ich denke, ſie muß guten Klaret an Bord haben.“ „Das wäre eine ‚Priſenplünderungt, Sterling,“ ſagte der Vice⸗ admiral lachend, denn er wußte, daß die Frage mehr im Scherze geſtellt war und kein ernſthafter Vorſchlag ſeyn ſollte;„darauf ſteht, wie Ihr wißt, der Tod, ſogar ohne die Wohlthat eines Beichtvaters. Nur weiter— da kommt ſchon Goodfellow dicht auf Euren Ferſen.“ Das letzte Schiff der engliſchen Linie war der Warſpite, Kapitän Goodfelow, ein Offizier, der ſich unter den damiligen Seemännern durch ſeinen ‚religiöſen Hang’, wie man es nannte, bemerklich machte. Wie dieß gewöhnlich bei ſolchen Männern der Fall iſt, 545 ſo war auch Kapitän Goodfellow ruhig, nachdenklich und pünktlich in ſeinem Dienſte. Er hatte vielleicht weniger als manche ſeiner Kameraden von den Eigenſchaften einer ächten Theerjacke an ſich, aber ſein Schiff war dabei in guter Ordnung, that ſeine Schuldigkeit zu jeder Zeit und war beſonders aufmerkſam auf die Signale— ein Umſtand, der den Kommandanten zu einem beſonderen Lieblinge des Viceadmirals machte. Nachdem die üblichen Fragen geſtellt und beantwortet waren, wurde Goodfellow von Sir Gervaiſe benachrichtigt, daß der Ad⸗ miral die Segelordnung umzukehren beabſichtige, ſo daß der Warſpite in die Vorhut kommen werde. „Wir wollen dem alten Parker ein Weilchen zum Athemholen vergönnen, Goodfellow,“ fuhr der Kommandirende in ſeinem Geſpräche fort,„und Ihr ſollt dann zunächſt hinter meinem Spiegel ſegeln. Ich ſelbſt muß Euch Allen vorangehen, ſonſt rennt ihr mir ohne Befehle auf den Franzmann los und behauptet hernach, ihr hättet die Signale im Pulverdampfe nicht geſehen.“ Der Warſpite ſegelte alsbald weiter und der Plantagenet hatte nun Niemand mehr als die Priſe und den Druid zu empfangen: die Chloe, der Driver und der Active waren nämlich in dem Muſterungsſignal nicht einbegriffen worden. Daly hatte, wie wir ſchon oben erwähnt haben, die andern Schiffe allmählig aus dem Winde geſchlagen und brummte nicht wenig, als der Befehl, auf Anrufweite an dem Viceadmiral vorbei zu paſſiren, gegeben wurde, da er nun nothwendig wieder ſo viel von dem gewonnenen Grunde verlieren mußte. Nichtsdeſtoweniger ließ ſich mit dem oberſten Kommandirenden in Sachen dieſer Art nicht leicht ſcherzen und wohl oder übel mußte er ſeine großen Segel aufholen und den Augenblick abwarten, wo er auſſchließen ſollte. Nachdem der Warſpite Platz gemacht hatte, ließ er ſein Schiff ſo nahe an den Admiral herantreiben, daß er nichts als ſeine Halſen wieder anzuhalen brauchte, um ſo nahe, als man nur wünſchen konnte, Die beiden Admirale. 2. Aufl. 3⁵ 4 an dem Flaggenſchiff vorüber zu kommen. Als er ganz nahe war, ließ er auf Befehl des Viceadmirals ſein großes Segel aufholen. „Habt Ihr irgend Etwas beſonders nöthig, Mr. Daly,“ fragte Sir Gervaiſe, ſobald der Lieutenant an dem vorderen Rande erſchien, um ſeinen Ruf zu beantworten.„Die See fällt ſo raſch, daß wir Euch wohl einige Boote hinüberſchicken könnten.“ „Großen Dank, Sir Gervaiſe; ich bedarf weiter nichts, als ein paar hundert Franzmänner vom Halſe und ſtatt ihrer ein Hundert Engländer an Bord zu kriegen. Alle zuſammengerechnet ſind wir hier blos unſer einandzwanzig königlicher Unterthanen.“ „Kapitän Blewet hat Befehl, Euch Geſellſchaft zu leiſten, Sir; ſobald es dunkel iſt, habe ich im Sinn, Euch unter der Eskorte der Fregatte nach Plymouth zu ſenden. Iſt ſie ein tüchtiges Schiff, Eure Priſe— he, Daly?“ 4 „Nun, Sir Gervaiſe, vorderhand iſt ſie wie ein Stück zerbrochener Töpferwaare, und man kann alle ihre Vorzüge noch nicht gehörig ſchätzen. Sie iſt gar kein übler Segler und dauerhaft iſt ſie auch, denk' ich— das muß man ihr laſſen. Im Innern aber iſt ſie verteufelt franzöſiſch.“ „Wir wollen ſie ſeiner Zeit ſchon engliſch machen, Sir. Wie⸗ ſteht's mit den Lecken? Arbeiten die Pumpen friſch drauf los?“ „Sie hat einen einzigen verhenkerten Leck, Sir Gervaiſe; die Pumpen ſaugen aber trotz einem Knäbchen von neun Monaten. Wenn ſie's nicht thäten— ja, da wären wir freilich zu wenig, um ſie dazu zu zwingen, denn wir haben im Ganzen nurneunzehn arbeitende Hände.“ „Ganz gut, Daly; Ihr könnt jetzt den großen Hals an Bord holen; vergeßt mir aber nicht, daß Ihr, ſobald es dunkel iſt, nach Plymouth abzugehen habt. Solltet Ihr irgend etwas von Admiral Bluewater zu ſehen bekommen, ſo ſagt ihm, daß ich mich auf ſeine Unterſtützung verlaſſe und nur noch ſeine Ankunft abwarte, um Monſieur de Vervillin's Aufgabe zu Ende zu bringen.“ „Das will ich Alles herzlich gerne thun, Sir.— Ei, Sir 5⁴7 Gervaiſe,“ rief Daly grinſend von der Kampanje ſeiner Priſe herüber, denn während ſein Schiff vorwärts gegangen, hatte er ſich ſelbſt nach hinten verfügt, bis er auf dem Hinterdeck angelegt war— „wie gefallen Euch die franzöſiſchen Signale? In Ermanglung eines Beſſeren haben wir zu den Klaſſikern unſere Zuflucht genommen!“ „Ja, ja, Ihr würdet, glaub' ich, wohl in Verlegenheit kommen, wenn Ihr Eure eigenen Flaggen erklären ſolltet. Der Name des Schiffs iſt die Victoria, wie man mir ſagte; warum habt Ihr denn dem armen Weibe eine Rüſtung angezogen und einen Wurfanker neben Ihr aufgehißt?“ „Das geſchah nach unſern Büchern, Sir Gervaiſe. Jedes Wort iſt aus dem Cicerv, dem Cordairy, dem Cornelius Nepos und lauter ſolchen Burſchen. O! Sir! ich ging auch in die Schule, ehe ich auf die See kam, wie Ihr zuweilen ſelbſt zu ſagen pflegt, Sir Ger⸗ vaiſe, und die Literatur iſt in Irland dieſelbe wie auf der ganzen übrigen Welt. Die Victoria braucht eine Waffenrüſtung, Sir, um ſiegreich zu ſeyn, und der Anker ſoll anzeigen, daß ſie zu keiner her⸗ gelaufenen Gaunerfamilie gehöͤrt. Ich bin ſo ſicher, daß Alles richtig war, als ich es je bei meinen Modus und Tempus geweſen.“ „Alles ganz gut, Daly,“ gab Sir Gervaiſe lachend zur Antwort: —„Die Lords der Admiralität ſollen Eure Verdienſte in dieſer Be⸗ ziehung kennen lernen; vielleicht werden ſie Euch noch den Profeſſortitel verſchaffen.— Haltet Euer Luv an, ſonſt kommt Ihr gar bis zu unſerer Sprietſegelraa“ herüber;— habt wohl Acht und folget dem Druid.“ Hier winkten ſich die beiden Herrn zum Abſchied, wie gewöhnlich, mit den Händen und die Victoire zog mit geſtutzten Schwingen langſam vorüber. Der Druid folgte; Sir Gervaiſe gab Kapitän Blewet einfach den Befehl, die Priſe in den Hafen zu eskortiren und für ſeinen eigenen Fockmaſt Sorge zu tragen. „ Das Spriet⸗ oder blinde Segel iſt das unterſte Segel am Bugſpriet. D. U. 548 Hiemit endete der„Feldtage; die Fregatte luvte abermals wind⸗ wärts von der Linie und ließ den Plantagenet hinter ſich. Wenige Minuten ſpäter füllte der Letztere und eilte mit vollen Segeln hinter ſeinen Gefährten her. Der Viceadmiral hatte ſich nun auf die unmittelbarſte Weiſe von dem wirklichen Zuſtande ſeiner Flotte überzeugt und dabei That⸗ ſachen genug geſammelt, um ſeine Plane für die nächſte Zukunft danach zu entwerfen. Wäre Bluewater's Brief nicht geweſen, ſo hätte nichts zu ſeinem vollen Glücke gefehlt: der Erfolg des heutigen Tages hatte all' den verſchiedenen Schiffen einen Feuereifer eingeflößt, welcher an ſich ſchon ein Unterpfand noch wichtigerer Reſultate ab⸗ gab. Doch war er immer noch entſchloſſen, gerade ſo zu handeln, wie wenn der Brief gar nicht geſchrieben worden wäre, denn es war ihm unmöglich, zu glauben, daß ein Mann, der ſo lange treu geweſen war, in der Stunde der Noth ihm wirklich ſeine Hülfe entziehen könnte. „Ich kenne ſein Herz beſſer als er ſelbſt“— auf dieſem Gedanken betraf er ſich oft in ſeinen Selbſtgeſprächen,„und ehe wir beide noch um einen Tag älter ſind, will ich's ihm zu ſeiner eigenen Be⸗ ſchämung und zu meinem Triumphe beweiſen.“ Er hatte im Laufe des Nachmittags mehrere kurze, abgebrochene Unterredungen mit Wycherly, um ſich wo möglich von dem eigent⸗ lichen Geiſteszuſtande zu überzeugen, worin ſein Freund an ihn geſchrieben hatte— doch jedesmal ohne Erfolg, da der junge Mann freimüthig bekannte, daß er in Folge einer Gedankenverwirrung, welche er aus Beſcheidenheit ſich ſelbſt zuſchrieb, die aber, wie Sir Gervaiſe wohl wußte, mit größerem Rechte Bluewatern Schuld gegeben werden mußte— nicht im Stande geweſen ſey, eine einiger⸗ maßen klare Idee von des Contreadmirals Abſichten zu erhalten. Mittlerweile hatten die Elemente angefangen, eine neue Probe ihrer wechſelnden Launen an den Tag zu legen. Ein Sturm im Sommer iſt ſelten von langer Dauer und faſt ſcheint es, als ob die Natur hiefür gerade einen Zeitraum von vierundzwanzig Stunden 6 1 549 angewieſen hätte. Das Wetter war ſeit dem Beginne der Muſterung weſentlich milder geworden und fünf Stunden ſpäter hatte ſich die See nicht nur ſo ziemlich zur Ruhe begeben, ſondern auch der Wind war um mehrere Punkte umgeſprungen und blies jetzt als eine friſche Bramſegelbriſe aus Nordweſten. Die franzöſiſche Flotte vierte bald darauf und ſtand ſo ziemlich nordnordöſtlich oder an leichter Boleine. Die Mannſchaft war bei Ausbeſſerung der erlittenen Beſchädigungen ſehr thätig geweſen: das Admiralſchiff war wieder völlig hergeſtellt und hatte dieſelben Segel eingeſetzt, wie die übrigen Schiffe ſie führten. Dem Scipio war in ſeinem traurigen Zuſtande nicht ſo leicht abzuhelfen, obwohl auch er, ſobald nur Boote mit Sicherheit zu ihm gelangen konnten, von den anderen Schiffen alle mögliche Unter⸗ ſtützung erhalten und ſogar wieder zwei Nothmaſte aufgerichtet hatte. Als die Sonne am weſtlichen Horizonte hing und nur noch eine Stunde bis zu dem Augenblicke fehlte, wo ſie einen der langen Sommertage in dieſer hohen Breite beſchließen ſollte, ſetzte der Scipio ein Kreuzſegel an die Stelle des großen und ein Vorbram⸗ an die Stelle des Kreuzſegels. So ausgeſtattet war er wieder im Stande, mit ſeinen Kameraden gleichen Schritt zu halten, welche ſämmtlich unter leichter Leinwand ſtanden und die Nacht erwarteten, die ihre Bewegungen verhüllen ſollte. Ungefähr eine Stunde, ehe es dem Scipio gelang, ſeine Segel auf die erwähnte Art zu vermehren, hatte Sir Gervaiſe Oakes ſeiner Flotte das Signal gegeben, daß ein Schiff nach dem andern von der Nachhut bis zur Vorhut vieren ſollte. Der Befehl wurde mit großer Behendigkeit vollzogen und da die Schiffe zuvor gerade gegen Südſüdweſt geſteuert waren, ſo lag ihre Segellinie, nachdem ſie beigedreht und gegen Nordnordoſt Front gemacht hatten, noch immer eine volle Meile windwärts von der ihrer Feinde. Jedes Schiff füllte ſeine Segel auf der Backbordſeite und verkürzte ſie zugleich, um den hinteren Schiffen Raum zum Abhalten zu geben, 550 ſo daß jedes an ſeine angewieſene Stelle gelangen konnte. Es iſt wohl kaum nöthig zu ſagen, daß dieſe Aenderung den Plantagenet abermals an die Tote der Linie brachte; nur folgte jetzt ſtatt des Carnatic— der Warſpite als zweites Schiff und Erſterer ſchloß dagegen die Nachhut der ganzen Flotte. Es war ein herrlicher Nachmittag und alle Ausſicht zu einer eben ſo ſchönen Nacht vorhanden. Da übrigens bei gegenwärtiger Jahreszeit nur ſechs Stunden völliger Dunkelheit zu erwarten waren und der Mond überdieß noch um Mitternacht aufgehen mußte, ſo erkannte der Viceadmiral recht wohl, daß er keine Zeit zu verlieren hatte, wenn er irgend eine Bewegung unter dem Schleier der Finſterniß ausführen wollte. Reefbänder wurden keine mehr gebraucht, obwohl die Schiffe ſämmtlich unter kurzen Segeln ſtanden, um ihre Bewegungen nach denen der Priſe einzurichten. Die Letztere war jetzt übrigens vom Druid ins Schlepptau ge⸗ nommen worden und da dieſe Fregatte ihre Bramſegel führte und die Victoire ſelbſt ihre Unterſegel gebrauchen konnte, ſo war ſie nicht nur im Stande, der Geſchwindigkeit der Flotte, welche damals unter vollen Marsſegeln ſtand, gleich zu kommen, ſondern auch ihre Luvſtellung glücklich zu behaupten. Dieß war der Stand der Dinge in dem Augenblicke, als die Sonne unterſank. Der Feind war vom Leebug aus etwa ein und eine halbe Meile entfernt, da ſteckte der Plantagenet plötzlich ein Signal auf, welches der ganzen Flotte befahl, mit den großen Marsſegeln an den Maſten beizuwenden. Dieſer Befehl war kaum vollzogen, als die Offiziere auf dem Verdeck durch die Pfeife des Unterbootsmannes überraſcht wurden, welche die Mannſchaft der Viceadmiralsbarke zuſammenberief.— Letztere war nämlich ein Boot, welches zu dem ausſchließlichen Gebrauche des kommandirenden Admirals beſtimmt worden war. „Habe ich recht gehört, Sir Gervaiſe?“ fragte Greenly mit 551 einer Theilnahme, die nicht ganz frei von Neugierde war;„iſt es Euer Wunſch, daß Eure Barke bemannt werde, Sir?“ „Ihr habt vollkommen recht gehört, Greenly, und ſeyd Ihr anders zu einer Spazierfahrt an dieſem ſchönen Abend aufgelegt, ſo möchte ich Euch um das Vergnügen Eurer Geſellſchaft erſuchen. Ihr, Sir Wycherly Wychecombe, ſeyd hier vorderhand noch Müßig⸗ gänger und ſo habe ich als Flaggenoffizier das Recht, Euch für meinen eigenen Dienſt zu preſſen. Nebenbei bemerkt, Greenly— ich habe für dieſen Herrn einen Befehl ausfertigen laſſen und be⸗ reits unterzeichnet, wonach er ſich bei Euch, als meiner Familie zugetheilt(wie die Soldaten es nennen), zu melden hat. Sobald Atwood denſelben abgeſchrieben haben wird, ſoll er ihm eingehän⸗ digt werden und ich erſuche Euch hiernach, ihn ſofort als meinen erſten Adjutanten zu betrachten.“ Dagegen konnte Niemand eine Einwendung machen und Wycherly dankte dem Admiral durch eine Verbeugung. In dieſem Augenblicke ſah man die Boote über der Kuhl des Schiffes hin und her ſchwingen; im nächſten hörte man, wie die Raatackeln ſich ſelbſt überholten. Dann folgte das plätſchernde Geräuſch, womit das Boot das Waſſer berührte. In der nächſten Minute ſchon war auch die Bootsmannſchaft mit aufgerichteten Rudern und ſchweren Bootshacken auf der Barke verſammelt. Die Wache präſentirte, der Bootsmann pfiff ſein Stückchen, die Trommel raſſelte und Wycherly ſprang auf die Fallreepstreppe und war mit der Schnel⸗ ligkeit des Gedankens verſchwunden. Greenly und Sir Gervaiſe folgten, worauf die Barke augenblicklich abſtieß⸗ Obgleich die Wogen bedeutend gefallen und ihre Spitzen nicht länger gefährlich waren, ſo zeigte ſich dennoch der atlantiſche Ocean noch keineswegs ſo ruhig, wie man ſich einen See an einem hei⸗ teren Sommerabend denken mag. Gleich beim erſten Einſinken der Ruder hob ſich die Barke auf einer langen, ſchweren Woge, auf der ſie leicht wie eine Eierſchale dahinſchwamm und als das Waſſer 5⁵² wieder unter ihr wegglitt, ſchien es, als ob das Boot in eine Höhle des Oceans hinabſinken wollte. Es gibt nicht leicht etwas, was uns die Hülfloſigkeit des Menſchen lebhafter vor Augen ſtellt, als ſolche Boote, wenn ſie von den Wellen hin und her geworfen werden, ſelbſt wenn dieſe nicht in ihrer tobenden Laune ſind; denn gerade, wenn dieß nicht Statt findet, iſt man um ſo eher geneigt, eine beſſere Behandlung zu erwarten, als auf ſolche Art dem Elemente nur zum Spielballe zu dienen. Wer aber jemals ſelbſt auf dem ruhigſten Meere ge⸗ ſchwommen iſt, muß dieſe hülfloſe Abhängigkeit mehr oder weniger erfahren haben, denn ſogar die ſtärkſten Boote, von den kräftigſten Matroſen geleitet, erſcheinen nur gar zu oft wie leichte Federn, die in dem launiſchen Luftſtrome hin und her flattern. Die Männer, welche die Barke einnahmen, waren übrigens mit ihrer Lage zu vertraut, um viel an ſolche Dinge zu denken und ſobald Sir Gervaiſe Wycherly's Anerbieten angenommen und dieſer ſich an die Ruderpinnen geſtellt hatte, warf der Admiral einen prüfenden Blick in die Höhe, um das Aeußere des Planta⸗ genet zu muſtern. „Der Burſche da, der Morganic, hat jetzt eine beſſere Ent⸗ ſchuldigung für ſeine Schebeckentackellage, als ich vermuthet hätte, Greenly,“ begann dann der Viceadmiral, nachdem er das Schiff eine Minute lang gemuſtert hatte.„Eure Vormarsſtenge ſteht wenigſtens um ſechs Zoll zu weit nach vorn und ich muß Euch erſuchen, ſie morgen früh wieder zurückſtauen zu laſſen, ſobald die Witterung es zuläßt. In dieſen Meerengen da oben wollen jene mittelländiſchen Fahrzeuge nichts taugen.“ „Sehr wohl, Sir Gervaiſe; die Spiere ſoll mit der Morgen⸗ wache aufgerichtet werden,“ gab der Kapitäͤn ruhig zur Antwort. „Da iſt z. B. Goodfellow, ſo ſehr er auch ſonſt ein halber Prediger iſt— der weiß ſeine Maſten aufrechter zu ſtellen, als jeder andere Kapitän in der Flotte. Da werdet Ihr niemals am 55³ Bord des Warſpite eine Spiere auch nur um einen halben Zoll am unrechten Platze finden.“ „Das kommt daher, Sir, daß ſein Kapitän durch den eige⸗ nen Lebenswandel Alles ſo ſchön heraustackelt,“ erwiederte Greenly lächelnd.„Wären wir Andern in ſonſtigen Dingen nur halb ſo gut, als er es iſt, ſo wären wir wohl auch im Seedienſte weit beſſer daran.“ „Nun ich denke, Greenly, Religion kann auch einem Seemanne nicht ſchaden— nein, nicht im Geringſten— das heißt nänlich, wenn er ſeine Maſten nicht zu knapp einkeilt, ſondern ihnen für jede Witterung genügenden Spielraum läßt. Uebrigens iſt Good⸗ fellow nichts weniger als ein Heuchler.“ „Nicht im Geringſten, Sir, und das iſt's gerade, was ihn ſo ſehr beliebt macht. Der Kaplan des Warſpite iſt nicht ohne Nutzen; aber ebenſogut könnte man ein Bugſpriet aus einem Kajüten⸗ fenſter auftackeln, als unſeren Burſchen zu etwas Rechtem verwenden.“ „Ei, bei uns wird doch auch keiner beerdigt, Greenly, ohne daß er wie ein ächter Chriſt in's Waſſer verſenkt würde,“ verſetzte Sir Gervaiſe, mit der Einfalt eines eifrigen Anhängers jener Schule, welche Alles mehr nach dem äußeren Anſcheine beurtheilt. „Ich kann es nicht ausſtehen, wenn ich einen Seemann gleich einem Bündel alter Kleider in den Ocean geworfen ſehe.“ „Nun ja— dieſer Theil des Dienſtes wird allerdings bei uns ziemlich genau verrichtet; dagegen aber hegt unſer Kaplan die Anſicht, ein Mann, der nicht bereits todt ſey, gehöre ausſchließlich nur dem Arzte an.“ „Ich will hundert Guineen darauf wetten, daß Magrath in dieſer Sache einigen Einfluß auf ihn gehabt hat— gebt dem Blenheim einen weiteren Raum, Sir Wycherly, ich wünſche zu ſehen, wie er ſich in der Höhe ausnimmt— er iſt ein verteufelter Burſche, dieſer Magrath“— auf Sir Gervaiſe's Boote fluchte Niemand, als er ſelbſt, ſobald die Viceadmiralsflagge von dem 554 Buge flatterte;„und er iſt gerade der rechte Mann dazu, um dem Kaplan eine ſolche Meinung in den Kopf zu ſetzen.“ „Ja, ja, darin mögt Ihr nicht ſo ganz Unrecht haben, Sir Gervaiſe; ich hörte einmal in einer finſteren Nacht einer Unter⸗ redung zu, welche die Beiden, an den Beſanmaſt gelehnt, am Ende der Kampanje mit einander hielten, und eben damals ſtellte der Doktor eine Theorie auf, welche derjenigen, deren Ihr erwähnt, ziemlich aͤhnlich war, Sir.“ „So?— wirklich?— that er das? Das ſieht dem ſchotti⸗ ſchen Spitzbuben ganz ähnlich; geradeſo hätte er mich gerne über⸗ reden mögen, daß wir Eurem armen Oheime, Sir Wycherly, nicht hätten zur Ader laſſen ſollen und doch war hier ein ſo ſonnenklarer Fall von Schlagfluß im Spiele, als nur jemals einer exiſtirte.“ „Nun, das muß ich doch ſagen— ſoweit hätte ich nicht ge⸗ glaubt, daß er ſeine Unverſchämtheit treiben würde,“ bemerkte Greenly, deſſen mediziniſche Kenntniſſe mit denen ſeines Viceadmirals ſo ziemlich auf gleicher Stufe ſtanden.„Ich hätte nicht geglaubt, daß ſogar ein Arzt eine ſolche Lehre zu verfechten wagen würde! — Was aber den Kaplan betrifft, ſo legte ihm Magrath damals den Grundſatz an's Herz, daß Religion und Arzneiwiſſenſchaft ſich nicht gut mit einander vertrügen. Er ſagte, Religion ſey ein „Alternativum’ und würde ein Salz ſo ſchnell, wie Feuer neutralifiren.“ „Er iſt ein großer Vagabund, dieſer Magrath, wenn er ein⸗ mal einen friſchen Ankömmling erwiſcht hat, Sir; ich wünſchte von ganzem Herzen, daß der Prätendent ihn nebſt zwei oder drei Pfund ſeiner Lieblingsarzneien bei ſich hätte— unter uns geſagt, glaube ich, Greenly, daß England einen hübſchen Vortheil dadurch erreichen könnte.— Ei, Wychecombe, meiner Anſicht nach würde der Blen⸗ heim weit beſſer gehen, wenn ſein Maſt wenigſtens um zwei Fuß verkürzt wäre.“ 8 „Das mag wohl ſeyn, Sir Gervaiſe; würde das Schiff aber Q u M 8 555 wohl noch eben ſo ſicher zu handhaben ſeyn, wenn es bei leichtem Wind und in kritiſchen Augenblicken zum Schlagen käme?“ „Hum! Greenly! für uns alte Burſche wird es allmählig Zeit, uns umzuſchauen, wenn ſchon die Jungen anfangen, über Schlacht⸗ linien ihre Betrachtungen anzuſtellen! Ihr braucht nicht zu er⸗ röthen, Wychecombe— braucht gar nicht zu erröthen! Eure Be⸗ merkung war durchaus verſtändig und zeugt von reiflichem Nach⸗ denken. Nie wird ein Land eine mächtige Marine aufweiſen, nie wird ſich ein Mann einen bedeutenden Einfluß auf die Kriegführung ſeines Volkes erringen, wenn nicht auf die Taktik der Flotte die größte Aufmerkſamkeit gerichtet wird. Als Vorübung ſind dieſe Fregattengefechte und einzelnen Kreuzfahrten ganz an ihrem Platze: die Hauptübung aber muß nothwendig im Geſchwader geſchehen. Zehn große Schiffe, wenn ſie an gute Flottendisciplin gewöhnt ſind und längere Zeit zur See neben einander gedient haben, richten mehr aus, als hundert einzelne Kreuzer, ſobald ſich's darum handelt, Ordnung und Mannszucht auf dem Ocean zu erhalten; nur dann, wenn wir unſere Fahrzeuge zuſammen verwenden, lernen wir auch, was Mannſchaft und Schiffe zu leiſten vermögen. So z. B. verdanken wir den Erfolg des heutigen Tags einzig und allein unſerer Uebung im geſchloſſenen Segeln, ſo wie der Sicherheit, womit jedes Schiff ſeinen Poſten zu behaupten gewöhnt iſt; ſonſt würden ſechs Schiffe wohl niemals im Stande geweſen ſeyn, ihrer Zwölfen die Palme des Siegs zu entreißen.— Die Palme!— ja, das iſt eben das rechte Wort, Greenly, das ich heute Morgen im Sinne hatte. Daly'’s vermaledeiter Paddy hätte eigentlich, als Sinnbild der Victoria, doch auch einen Palmzweig in der Hand tragen ſollen— meint Ihr nicht auch?“ —— 556 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. 8 Wer je die dunkelblaue See durchmeſſen, Wenn weit den Schaum die Winde von ſich ſprüh'n: 3 Der hat des ſchönen Anblicks nicht vergeſſen, Wenn ſtolze Schiff' und Segel fernhin flie'hn Und Rumpf und Spieren ſich dem Blick entzieh'n, Der große Maſt hoch auf dem Bug ſich hebet— Konvoyſchiff' wilden Schwänen gleich entflieh'n. Der trägſte Seemann thut ſich kühn hervor: So munter ſpringt die Well' am Bord empor. Byron. Sir Gervaiſe Oakes war bei ſeinem beweglichen Geiſte öfter ſolchen plötzlichen Gedankenſprüngen unterworfen, wie wir es oben am Schluſſe des vorigen Kapitels beſchrieben haben und ſo gab Greenly weder durch ein Lächeln noch durch ein längeres Ver⸗ weilen bei dem berührten Gegenſtande eine Erwiederung auf des Viceadmirals Bemerkung, ſondern machte ſeinen Vorgeſetzten ganz einfach darauf aufmerkſam, daß ſie nunmehr dem Thunderer gerade gegenüber ſtünden und fragte dabei an, ob er noch weiter fort⸗ zurudern wünſche. „Nach dem Carnatic, Greenly, wenn Sir Wycherly die Güte haben will, ſeinen Kurs dorthin zu nehmen. Ich habe mit meinem Freunde Parker noch ein Wörtchen zu reden, ehe wir uns für heute Nacht zur Ruhe begeben. Dabei könnt Ihr uns übrigens immerhin ſo viel Raum geben, um Morganic's phantaſiereiche Ein⸗ fälle bemerken zu koͤnnen, denn ich komme nie an ſeinem Schiffe vorüber, ohne irgend etwas Neues zu lernen. Lord Morganic's Schiff iſt für uns alte Knaben eine gute Schule, die wir nicht verſäumen dürfen— nicht wahr, Greenly?“ „Der Achilles iſt allerdings in gewiſſen Beziehungen ein Muſter⸗ ſchiff, Sir Gervaiſe, obwohl ich mir ſchmeichle, daß die Plantagenets 5⁵7 nicht allzuviele Veranlaſſung haben, daſſelbe nachzuahmen, um ſich einen Ruf zu erwerben.“ „Ihr ſolltet Morganic nachahmen, um zu lernen, wie man ein Schiff in Ordnung hält?— Pah! da laßt eher Morganie kommen, um bei Euch in die Schule zu gehen. Uebrigens iſt der Burſche in der Schlacht ſelbſt nichts weniger als blöde— behauptet ſeinen Poſten vortrefflich und gibt ſeinem Feinde nicht nur zu hören, ſondern auch zu fühlen.— Ha, da iſt er und ſchwenkt ſeinen Hut auf der Kampanje; er wundert ſich vielleicht, was Teufels wohl Sir Jarvy heute Abend noch vorhaben mag! Giert einmal hinüber, Wychecombe und laßt uns hören, was er uns zu ſagen hat.“ „Guten Abend, Sir Gervaiſe,“ rief der Earl, wie gewöhn⸗ lich die Initiative der Unterhaltung ergreifend;„als ich Eure Flagge auf dem Boote gewahrte, ſchöͤpfte ich ſchon Hoffnung, Ihr würdet mir die Ehre erweiſen, eine Flaſche Klaret mit mir an⸗ zuſtechen und einige von den Früchten, die noch auf meiner Tafel ſtehen, zu koſten.“ „Ich dank' Euch, mein Lord; Geſchäfte gehen aber allen Ver⸗ gnügungen vor. Wir ſind heute eben nicht müßig geweſen, werden aber morgen wohl noch mehr zu thun bekommen.— Nun, wie ſteuert denn jetzt der Achilles, da ſein Fockmaſt wieder an ſeiner Stelle iſt?“ „Er ſchwankt wie ein Burſche, der zu viel Grog an Bord genommen hat— auf mein Wort, Sir Gervaiſe. Wir werden ſo lange nichts mehr mit ihm ausrichten können, bis Ihr Eure Ein⸗ willigung gebt, daß wir ſeine Spieren nach unſerer Mode ſtauen dürfen. Habt Ihr die Abſicht, Admiral, mir Daly wieder zurück zu ſchicken oder ſoll ich ſelbſt die Rolle des erſten Lieutenants übernehmen?“ „Daly iſt zum Kreuzen beſtimmt und Ihr müßt Euch, ſo gut Ihr könnt, ohne ihn zu behelfen ſuchen. Wenn Ihr im Laufe der heutigen Nacht Euren Kameraden hinter Eurem Spiegel vermiſſen ſolltet, ſo dürft Ihr nicht glaubent er ſey verſunken. Stellt gute Phei auf und habt wohl Acht auf die Signale.“ 558 . Da Sir Gervaiſe mit der Hand ſeinen Abſchied winkte, ſo wagte der junge Edelmann nichts weiter zu erwiedern, noch weniger eine Frage zu ſtellen, obwohl man auf der Kampanje des Achilles mit nicht geringer Neugierde darüber berathſchlagte, was wohl des Admirals Worte bedeuten mochten. Das Boot ruderte weiter und fünf Minuten ſpäter befand ſich Sir Gervaiſe auf dem Quar⸗ terdeck des Carnatic. Parker empfing den kommandirenden Admiral, den Hut in der Hand, mit einem Dienſteifer, einer Aengſtlichkeit, welche viel⸗ leicht in ſeiner Konſtitution begründet waren und auch durch das Be⸗ wußtſeyn eigenen Verdienſtes nie völlig beſchwichtigt werden konnten. Auch die Gewohnheit mochte ihren Antheil daran haben, denn von ſeinen Knabenjahren an war ihm die Ehrfurcht vor höherem Range eingepflanzt worden und ſo hatte er, der Baumeiſter ſeines eigenen ‚kleinen Glückes, von jeher dem Beifalle ſeines Vorgeſetzten weit mehr Wichtigkeit beigelegt, als dieß bei Andern der Fall iſt, welche ſich noch auf andere Stützen, als ihre eigenen Dienſte, lehnen dürfen. Sobald die Honneurs des Quarterdecks pflichtſchuldigſt abge⸗ macht waren— denn dieſe pflegte Sir Gervaiſe niemals weder ſelbſt zu vernachläßigen noch auch eine Vernachläßigung von Anderen zu dulden— gab der Viceadmiral dem Kapitän Parker den Wunſch zu erkennen, ihn in ſeiner Kajüte zu ſprechen, wobei er Greenly und Wychecombe bat, ſie dahin zu begleiten. „Auf mein Wort, Parker,“ begann Sir Gervaiſe, als er rings umher den beſonderen Anſchein häuslicher Behaglichkeit ge⸗ wahr wurde, welchen die Hinterkajüte des Schiffes darbot—„Ihr habt ein Geſchick, Euer Haus mit Euch auf die See zu nehmen, wie kein anderer Kapitän in der Flotte es beſitzt! Nirgends iſt etwas Uebertriebenes, keine Spielereien à la Morganic, ſondern ein einfaches, geſundes, häusliches Ausſehen, das einen wohl zu dem Glauben verleiten könnte, daß man ſich in ſeinem väterlichen Hauſe befinde. Ich wollte wahrhaftig gleich tauſend Pfund darum 559 geben, wenn meine eigenen Tagdiebe der Kajüte auf dem Planta⸗ genet eine ſolche Aehnlichkeit mit Bowldero verleihen könnten.“ „Weniger als hundert haben zu dem Bischen ausgereicht, was Ihr hier vor Euch ſeht. Mrs. Parker hält ſehr viel darauf, derlei Dinge jederzeit ſelbſt zu beſorgen und hierin mag vielleicht das ganze Geheimniß liegen. Ein gutes Weib iſt ein großer Segen, Sir Gervaiſe, obwohl Ihr Euch, wie ich glaube, niemals zu dieſer Anſicht bekehren laſſen wolltet.“ „Ich glaube kaum, Parker, daß es ein Weib allein ausmacht. Da iſt z. B. Stowel, Bluewater's Kapitän— der iſt verhei⸗ rathet, ſo gut wie Ihr— nein, beim heiligen Georg, ich habe ſogar gehört, der alte Knabe behaupte, er habe ſo viel an ſeinem Weib, wie nur irgend Einer in Seiner Majeſtät Dienſten: aber ſeht— ſeine Kajüte ſieht gerade aus wie eines Schuhflickers Rumpelkammer und ſein Staatszimmer gleicht ſo ziemlich einer Wachſtube! Als wir noch zuſammen Lieutenants auf der Eurydice waren, Parker, da hatte Euer Staatszimmer gerade das nämliche behagliche Aeußere an ſich, wie ich es in dieſem Augenblicke an Eurer Kajüte gewahre. Nein, nein, Mann, das liegt in Eurem eigenen Geſchmacke: ſonſt würde es nicht überall und zu allen Zeiten zu Tage kommen.“ „Ihr vergeßt, Sir Gervaiſe, daß ich ſchon damals, als ich die Ehre hatte, Euer Tiſchgenoſſe auf der Eurydice zu ſeyn— ein verheiratheter Mann war.“ „Bitte um Verzeihung, mein alter Freund;— doch ja, in der That, das waret Ihr! Nun, das iſt aber doch ſchon eine ver⸗ teufelt lange Zeit, nicht wahr, Parker?“ „Ja, wahrhaftig, Sir; ich war aber arm und konnte die koſtſpieligen Streiche des Junggeſellenlebens nicht mit machen. Ich heirathete aus purer Sparſamkeit, Admiral Oakes.“ „Und aus Liebe—“ ſetzte Sir Gervaiſe lachend hinzu.„Ich will darauf wetten, Greenly, daß er Mrs. Parker dieſen Glauben ein⸗ redete, mochte er nun wahr ſeyn oder nicht. Ich wette drauf, er hat ihr nichts davon geſagt, daß er aus einem ſo knauſerigen Grunde, wie dieſe Sparſamkeit, heirathe! Jetzt möchte ich erſt einmal Euer Staatszimmer ſehen, Parker.“ 4 „Nichts leichter, als das, Sir Gervaiſe,“ antwortete der Kapitän aufſtehend und die Thüre öffnend.„Hier iſt es, Sir, ſo wenig es auch die Aufmerkſamkeit des Beſitzers von Bowldero verdienen mag.“ „Ein höchſt anſprechender Ort, in der That!— ſieht ſo heimiſch und ſäuberlich aus, daß Ihr dadurch gewiß oft an Mrs. Parker erinnert werdet, wenn nicht anders dieſes Gemälde am Fuße Eurer Hängmatte Euch andere Gedanken in den Kopf ſetzt! Was für eine junge Verführerin habt Ihr denn hier, mein alter Kamerad von der Eurydice?— nun, Parker?“ „Es iſt das Portrait meines treuen Weibes, Sir Gervaiſe; iſt es nicht ein würdiger Begleiter auf meiner Kreuzfahrt?“ „Wie? was?— Dieſes junge Ding wäre Eure Gattin, Parker? Wie Teufels iſt ſie denn an Euch gerathen?“ „Ach, Sir Gervaiſe, jetzt iſt ſie kein junges Ding mehr, ſon⸗ dern geht nachgerade ſtark den Sechzigen entgegen. Das Portrait wurde gefertigt, als ſie noch meine Braut war und iſt mir jetzt um ſo theurer, als ich weiß, daß das Original ſo lange Zeit mein Loos mit mir getheilt hat. Ich betrachte es niemals, ohne mich mit Dank daran zu erinnern, wie häufig ſie meiner auf unſeren Kreuzfahrten gedenkt und wie oft ſte den Himmel um Sieg für uns anfleht. Auch Ihr, Sir, werdet bei ihren Gebeten nicht vergeſſen.“ „Ich!“ rief der Viceadmiral, ganz gerührt von dem einfachen Ernſte des Kapitäns.„Habt Ihr's gehört, Greenly? Nun, das will ich einmal behaupten— dieſe Dame iſt wahrhaftig eine gute Frau— ein wirklich vortreffliches Weſen— gerade ſo wie meine arme ſelige Mutter— ein Segen für ihre ganze Umgebung! — Gebt mir Eure Hand, Parker; und wenn Ihr das nächſte Mal an Eure Gattin ſchreibt, ſo ſagt Ihr von mir* Gott möͤge ſie er e/ 561 ſegnen— ſagt ihr Alles, was ein Mann, wie Ihr ſelbſt wißt, bei einer ſolchen Veranlaſſung zu ſagen hat.— Und jetzt an unſer Geſchäft. Laßt uns in dieſer Eurer niedlichen und ſo behaglichen Kajüte Platz nehmen und unſere Sachen beſprechen.“ Die beiden Kapitäne nebſt Wycherly folgten dem Viceadmirale in die Hinterkajüte, wo ſich der Letztere auf einem kleinen Sopha niederließ, während die Anderen in achtungsvoller Entfernung ihre Stühle einnahmen: auf der See iſt nämlich weder Vertraulichkeit, noch ſcherzhafte Laune von Seiten eines Vorgeſetzten jemals im Stande, die Entfernung zwiſchen ihm und denen, welche unter⸗ geordnete Stellen bekleiden, zu vermindern— eine That⸗ ſache, deren ſich Geſetzgeber recht wohl erinnern dürften, wenn ſie im Dienſte neue Rangſtiufen ſchaffen. Sobald Alle Platz genommen hatten, eiöſfe Sir Gervaiſe ſein Vorhaben. „Ich habe da einen kitzlichen Dienſt, Kapitän Parker,“ begann er,„den ich gerne Euch ſelbſt anvertrauen möchte. Ihr müßt wiſſen, daß wir das Schiff, das uns heute Morgen entkam und ſich in die franzöſtſche Linie zurück flüchtete— neben dem, daß wir ihm zwei ſeiner Maſten abſchoſſen, in jeder Beziehung ſcharf genug mitgenommen haben. Dieſes Schiff hat, wie Ihr geſehen haben werdet, bereits wieder Nothmaſten aufgerichtet; doch ſind es blos Spieren, die einzig in der Abſicht aufgezogen ſeyn können, daſſelbe ſicher in den Hafen zurückzuführen. Monſieur de Vervillin waͤre nicht der Mann, für den ich ihn halte, wenn er den Streit zwi⸗ ſchen uns auf dem Punkte zu laſſen beabſichtigte, auf welchem er jetzt iſt. Nun kann er aber jenes entmaſtete Schiff ebenſowenig in ſeiner Flotte behalten, als wir dieß mit unſerer eigenen Priſe thun können, und ich zweifle keinen Augenblick, daß er es, ſobald es dunkel iſt, höchſt wahrſcheinlich von einer ſeiner Korvetten oder vielleicht von einer e.att⸗ begleitet, nach Cherbaurn abſenden wird.“ Die belden Admirale.. Aufl. * redete, mochte er nun wahr ſeyn oder nicht. Ich wette drauf, er hat ihr nichts davon geſagt, daß er aus einem ſo knauſerigen Grunde, wie dieſe Sparſamkeit, heirathe! Jetzt möchte ich erſt einmal Euer Staatszimmer ſehen, Parker.“ 4 „Nichts leichter, als das, Sir Gervaiſe,“ antwortete der Kapitän aufſtehend und die Thüre öffnend.„Hier iſt es, Sir, ſo wenig es auch die Aufmerkſamkeit des Beſitzers von Bowldero verdienen mag.“ „Ein höchſt anſprechender Ort, in der That!— ſieht ſo heimiſch und ſäuberlich aus, daß Ihr dadurch gewiß oft an Mrs. Parker erinnert werdet, wenn nicht anders dieſes Gemälde am Fuße Eurer Hängmatte Euch andere Gedanken in den Kopf ſetzt! Was für eine junge Verführerin habt Ihr denn hier, mein alter Kamerad von der Eurydice?— nun, Parker?“ „Es iſt das Portrait meines treuen Weibes, Sir Gervaiſe; iſt es nicht ein würdiger Begleiter auf meiner Kreuzfahrt?“ „Wie? was?— Dieſes junge Ding wäre Eure Gattin, Parker? Wie Teufels iſt ſie denn an Euch gerathen?“ „Ach, Sir Gervaiſe, jetzt iſt ſie kein junges Ding mehr, ſon⸗ dern geht nachgerade ſtark den Sechzigen entgegen. Das Portrait wurde gefertigt, als ſie noch meine Braut war und iſt mir jetzt um ſo theurer, als ich weiß, daß das Original ſo lange Zeit mein Loos mit mir getheilt hat. Ich betrachte es niemals, ohne mich mit Dank daran zu erinnern, wie häufig ſie meiner auf unſeren Kreuzfahrten gedenkt und wie oft ſie den Himmel um Sieg für uns anfleht. Auch Ihr, Sir, werdet bei ihren Gebeten nicht vergeſſen.“ „Ich!“ rief der Viceadmiral, ganz gerührt von dem einfachen Ernſte des Kapitäns.„Habt Ihr's gehört, Greenly? Nun, das will ich einmal behaupten— dieſe Dame iſt wahrhaftig eine gute Frau— ein wirklich vortreffliches Weſen— gerade ſo wie meine arme ſelige Mutter— ein Segen für ihre ganze Umgebung! — Gebt mir Eure Hand, Parker; und wenn Ihr das nächſte Mal an Eure Gattin ſchreibt, ſo ſagt Ihr von mir* Gott möͤge ſie 561 ſegnen— ſagt ihr Alles, was ein Mann, wie Ihr ſelbſt wißt, bei einer ſolchen Veranlaſſung zu ſagen hat.— Und jetzt an unſer Geſchäft. Laßt uns in dieſer Eurer niedlichen und ſo behaglichen Kajüte Platz nehmen und unſere Sachen beſprechen.“ Die beiden Kapitäne nebſt Wycherly folgten dem Viceadmirale in die Hinterkajüte, wo ſich der Letztere auf einem kleinen Sopha niederließ, während die Anderen in achtungsvoller Entfernung ihre Stühle einnahmen: auf der See iſt nämlich weder Vertraulichkeit, noch ſcherzhafte Laune von Seiten eines Vorgeſetzten jemals im Stande, die Entfernung zwiſchen ihm und denen, welche unter⸗ geordnete Stellen bekleiden, zu vermindern— eine That⸗ ſache, deren ſich Geſetzgeber recht wohl erinnern dürften, wenn ſie im Dienſte neue Rangſtufen ſchaffen. Sobald Alle Platz genommen hatten, eofte Sir Gervaiſe ſein Vorhaben. „Ich habe da einen kitzlichen Dienſt, Kapitän Parker,“ begann er,„den ich gerne Euch ſelbſt anvertrauen möchte. Ihr müßt wiſſen, daß wir das Schiff, das uns heute Morgen entkam und ſich in die franzöſiſche Linie zurück flüchtete— neben dem, daß wir ihm zwei ſeiner Maſten abſchoſſen, in jeder Beziehung ſcharf genug mitgenommen haben. Dieſes Schiff hat, wie Ihr geſehen haben werdet, bereits wieder Nothmaſten aufgerichtet; doch ſind es blos Spieren, die einzig in der Abſicht aufgezogen ſeyn können, daſſelbe ſicher in den Hafen zurückzuführen. Monſieur de Vervillin wäre nicht der Mann, für den ich ihn halte, wenn er den Streit zwi⸗ ſchen uns auf dem Punkte zu laſſen beabſichtigte, auf welchem er jetzt iſt. Nun kann er aber jenes entmaſtete Schiff ebenſowenig in ſeiner Flotte behalten, als wir dieß mit unſerer eigenen Priſe thun können, und ich zweifle keinen Augenblick, daß er es, ſobald es dunkel iſt, höchſt wahrſcheinlich von einer ſeiner Korvetten oder vielleicht von einer Fregatte begleitet, nach Charbourge abſenden wird.“ Die beiden Admirale. 2. Aufl. 1 2*½ „Ja, Sir Gervaiſe,“ gab Parker nachdenklich zur Antwort, ſobald ſein Vorgeſetzter zu ſprechen aufgehört hatte;„was Ihr da vorausſagt, wird aller Wahrſcheinlichkeit nach wirklich eintreffen.“ „Es muß ſo eintreffen, Parker, denn der Wind bläst in ge⸗ rader Richtung gegen ſeinen Hafen. Nun— Ihr könnt Euch jetzt leicht denken, wozu ich des Carnatie bedarf.“. „Ich glaube, Euch zu verſtehen, Sir; und doch, wenn ich es wagen dürfte, einen Wunſch zu äußern—— „Sprecht ihn aus, alter Knabe— Ihr ſprecht ja zu einem Freunde. Ich habe Euch auserwählt, um Euch einen Dienſt zu erweiſen— ſowohl, weil ich Euch liebe, als weil Ihr der älteſte Kapitän in der Flotte ſeyd. Wer dieſes Schiff auffängt, wird wohl noch mehr davon zu hören bekommen.“ „Vollkommen richtig, Sir; werden wir aber hier wahrſcheinlich nicht noch mehr zu thun erhalten? und wird es alſo wohl durch⸗ aus klug ſeyn, ein ſo treffliches Schiff, wie den Carnatic wegzu⸗ ſchicken, während der Feind, ſelbſt wenn ich bei Euch bleibe, noch immer zehen gegen ſechſe zählt?“ „Dieß Alles iſt bereits überlegt worden und ich glaube, Eure eigenen Gefühle zum Voraus geahnt zu haben. Ihr ſeyd der Anſicht, es werde Eurem Schiff mehr Ehre bringen, wenn Ihr Eure Stelle in der Linie behauptet, als wenn Ihr ein ſchon halb beſtegtes Schiff wegkapern könntet.“ 4 „In der That, Sir Gervaiſe, das iſt es. Ich geſtehe, der⸗ artige Gedanken kamen mir in den Sinn.“ „Nun, ſo ſeht, wie leicht es i*ſt, Euch dieſelben zu benehmen. Ohne Verſtärkung kann ich die Franzoſen bei dieſer ruhigen Wit⸗ terung nicht wohl angreifen. Rückt die Nachhut auf, ſo ſind wir ohne Euch gerade zehn gegen zehn— mit Euch wären wir ſogar eilf gegen zehn. Nun will ich Euch geſtehen, daß ich durchaus keine Ueberzahl auf meiner Seite wünſche und deshalb jedenfalls einen Kapitän wegſchicken werde, beſonders wenn ich überzeugt bin, 563 daß ein edles zweigedecktes Schiff der Lohn dafür ſeyn wird. Wenn eine Fregatte den verkrüppelten Burſchen begleitet, ſo werdet Ihr alle Hände voll zu thun und einen männlichen Kampf vor Euch haben; ſolltet Ihr beide bekommen, ſo wäre dieß doch eine recht hübſche Sache. Was ſagt Ihr nun, Parker?“ „Ich fange an, beſſer von dem Plane zu denken, Sir Gervaiſe, und bin Euch für Eure Auswahl dankbar. Doch wünſchte ich zu⸗ vor, Eure eigenen Plane genau kennen zu lernen— ich habe es noch immer ſicher gefunden, Sir, dieſelben pünktlich zu befolgen.“ „Nun, ſo ſollt Ihr ſie denn haben. Nehmt vier oder fünf der ſcharfaugigſten Leute, die Ihr habt, und ſchickt ſte hinauf, da⸗ mit ſie Euren Burſchen keine Minute aus den Augen laſſen, ſo lange es hell genug iſt, um ihn deutlich unterſcheiden zu können. In kurzer Zeit werden ſie auch im Stande ſeyn, ihn ſogar in der Dunkelheit zu erkennen und wenn Ihr Eure Nachtgläſer wohl auf ihn gerichtet behaltet, ſo kann er Euch kaum entſchlüpfen, ohne daß ihr es bemerktet. So wie er fort iſt, müßt Ihr kurz rund vieren und ſo raſch als möglich gegen Kap la Hogue oder Alderney hinſteuern; Ihr werdet immer drei Schritte machen, bis er zwei zuwege bringt und, mein Leben darauf, mit Tagesanbruch habt Ihr ihn windwärts von Euch und ſeyd dann ſeiner vollkommen ſicher. Auf Signale von mir dürft Ihr nicht warten, ſondern müßt Euch aufmachen, ſobald es dunkel wird. Iſt Euer Werk ver⸗ richtet/ ſo ſucht, ſo raſch Ihr könnt, einen engliſchen Hafen, und hängt einen ſchottiſchen Plaid über Eure Schulter, damit Euch des Königs Schwert nicht unſanft berühre. Mich hat man ſchon mit Dreiundzwanzig der Ritterehre für würdig gehalten, und der Teufel müßte drin ſtecken, Parker, wenn Ihr mit Dreiundſechzig derſelben nicht werth ſeyn ſolltet!“ „Ja, Sir Gervaiſe, Euch iſt auch noch Alles gelungen, was Ihr jemals unternommen. Euch hat noch nie eine Expedition fehlgeſchlagen.“. 564 „Das kommt daher, daß ich auch Vieles verſucht habe. Meine Plane haben oft fehlgeſchlagen; da übrigens im Allgemeinen immer etwas Gutes darauf erfolgte, ſo ſtehe ich jetzt in dem Rufe, als ob ich Alles, was ich gethan, auch wirklich vorher ſo beabſichtigt hätte.“ Jetzt folgte eine lange, ins Einzelne gehende Unterredung über das beabſichtigte Unternehmen, an der auch Greenly Antheil nahm und dem betagten Kommandanten des Carnatie verſchiedene nützliche Winke ertheilte. So brachte Sir Gervaiſe eine volle Stunde in Parker's Kajüte zu, worauf er Abſchied nahm und ſich wieder auf ſeine Barke verfügte. Es war mittlerweile ſo dunkel geworden, daß man kleine Ge⸗ genſtände nicht mehr bis auf hundert Ruthen erkennen konnte; die Maſſen der Schiffe, an denen das Boot allmählig vorüberkam, glichen ſchwarzen Hügeln, über deren Kamme die Wolken zwiſchen den baumähnlichen, ſchwankenden Spieren hin und her ſchwebten. Kein Kapitän nahm ſich heraus, den kommandirenden Admiral an⸗ zurufen, als er wieder an der Linie hinabruderte: nur der Peer des Königreichs machte hierin eine Ausnahme. Er hatte allerdings immer etwas zu ſagen und da er geraume Zeit ſeine Muthmaßun⸗ gen darüber angeſtellt hatte, was wohl den Viceadmiral veranlaſſen mochte, dem Carnatie einen ſo langen Beſuch abzuſtatten, ſo konnte er ſich nicht enthalten, ſeine Gedanken laut werden zu laſſen, als er den abgemeſſenen Ruderſchlag der zurückkehrenden Barke vernahm. „Wir werden ſammt und ſonders eiferſüchtig werden über das Kompliment, das Ihr Parkern ſo eben erwieſen, Sir Gervaiſe,“ rief er laut—„wenn Ihr nicht hie und da Eure Gunſt auch auf uns Andere ausdehnt, die derſelben vielleicht weniger würdig ſeyn mögen.“ „Ja— ja— Morganie; ſeiner Zeit ſoll auch an Euch ge⸗ dacht werden. Unterdeſſen haltet Euren Leuten die Augen offen, ſo daß ihr die Franzoſen nicht aus dem Geſichte verlieret. Wir werden morgen Früh Einiges mit ihnen zu ſprechen haben.“ „Verſchont uns nur wo moͤglich mit einer Nachtaffaire, Sir 4 1 — 567 verſuchen wolltet, ob Ihr vielleicht in dieſer Richtung etwas auf⸗ finden könnt.“ Nachdem Wycherly den Feind noch viel länger als der Kapitän beobachtet hatte, machte auch er denſelben Bericht; nur fügte er noch hinzu, er glaube auch die eine von den Fregatten zu ver⸗ miſſen, welche dem Foudroyant zunächſt geweſen ſey und den ganzen Tag über deſſen Signale wiederholt habe. Dieſer Umſtand war Sir Gervaiſe höchſt angenehm, da er mit nicht geringer Befriedigung ſeine eigenen Prophezeiungen hiedurch beſtätigt fand und den Feind nicht ungerne um einen ſeiner leichten Kreuzer vermindert ſah, da dieſe Art von Fahrzeugen ſich nicht ſelten ſelbſt für den Sieger nach einer entſchiedenen Affaire höchſt läſtig erwieſen. „Ich glaube, Sir Gervaiſe,“ fuhr Wycherly beſcheiden fort, „die Franzoſen haben ihre Halſen ſcharf angezogen und drängen windwärts, um ſich uns zu nähern. Kam es Euch nicht auch ſo vor, Kapitän Greenly?“ „Nicht im Geringſten. Wenn ſie überhaupt große Segel führen, ſo müſſen ſie in den letzten fünf Minuten eingeſetzt worden ſeyn.— Ha! Sir Gervaiſe! da haben wir das Vorzeichen einer geſchäf⸗ tigen Nacht!“ Mit dieſen Worten deutete Greenly nach der Stelle, wo ſich, wie man wußte, der franzöſiſche Admiral befand und wo in dieſem Augenblicke eine doppelte Reihe von Lichtern ſichtbar wurde, zum Beweis, daß die Batterien ihre Laternen angezündet hatten und ſich zum Kampfe bereit hielten. In weniger als einer Minute war die ganze franzöſiſche Linie an dieſen doppelten Lichtſtreifen längs des Oceanes zu erkennen. Das Licht glich dem Schimmer eines Gemachs, doch weit mehr dem⸗ jenigen, wie er bei ſtarkem Kaminfeuer durch die Fenſter ſtrahlt, als dem Glanze, welchen Lampen und Kerzen darin zu verbreiten pflegen. Da dieß gerade diejenige Art von Gefecht war, wobei die 568 Engländer viel zu befürchten und wenig zu gewinnen hatten, ſo gab Sir Gervaiſe augenblicklich Befehl, die Ragen vorwärts zu braſſen, Fock⸗ und Haupthalſen anzuziehen und die Bramſegel ein⸗ zuſetzen. Die hinteren Schiffe beobachteten, wie natürlich, dieſelbe Segelordnung und folgten dem Admiral mit angehaltenen Boleinen. „Dieß iſt kein Spiel für uns,“ bemerkte Sir Gervaiſe ruhig; wein entmaſtetes Schiff würde ihnen ja geradezu in die Arme rennen und bei einem Kampfe, wo zwei gegen einen ſtehen, läßt ſich auch von einer fernen Kanonade kein großer Erfolg vorausſehen. Nein — nein, Monſieur de Vervillin— zeigt uns nur Eure Zähne nach Belieben— ˙s iſt ein recht artiger Anblick, aber zu einem Schuſſe werdet Ihr mich doch nicht verleiten.— Ich hoffe, der Befehl, keine Lichter zu zeigen, iſt ſtreng befolgt worden.“ „Ich glaube kaum, daß auf irgend einem Schiffe der Flotte ein Licht ſichtbar iſt, Sir Gervaiſe,“ gab Bunting zur Antwort; „doch ſind wir dem Feinde ſo nahe, daß es ihm nicht ſchwer werden kann, zu entdecken, wo wir ſind.“ „Alle bis auf den Carnatic und die Priſe, Bunting. Je mehr ſie ſich um uns beſchäftigen, deſto weniger werden ſie an jene denken.“ Der franzöſiſche Admiral hatte ſich wahrſcheinlich durch das nahe Heranrücken ſeines Feindes täuſchen laſſen, vor deſſen Tapfer⸗ keit er die tiefſte Achtung hegte. Er hatte in Erwartung eines Angriffes ſeine Vorbereitungen getroffen, wollte aber das Feuer nicht eröffnen, obwohl das ſchwere Geſchütz ſicherlich nicht ohne bedeutende Wirkung geblieben wäre. Da er ſich aber dem unſicheren Erfolge eines nächtlichen Kampfes nicht ausſetzen wollte, ſo fühlte er auch keine Luſt, denſelben einzuleiten und eine Stunde ſpäter waren ſeine Lichter wieder von den Stückpforten verſchwunden. Die engliſchen Schiffe, welche ſchärfer, als in einer ſo ſteifen Briſe gewöhnlich iſt, drauf los geſegelt waren, befanden ſich um dieſe Zeit außer Kanonenſchußweite auf der Luvſeite ihrer Feinde. Dann, aber auch erſt dann ließ Sir Gervaiſe die Segel vermindern, 569 nachdem er ſich zuvor mit Hülfe ſeiner Gläſer überzeugt hatte, daß die Franzoſen ihre Unterſegel wieder aufholten und ſich mit ziem⸗ licher Geſchwindigkeit fortbewegten. Es war jetzt beinahe Mitternacht und Sir Gervaiſe ſchickte ſich an, ſeine Kajüte aufzuſuchen. Ehe er übrigens das Verdeck verließ, gab er Greenly noch ſehr ausführliche Befehle, welche dieſer dem erſten Lieutenant mittheilte: Beide hatten nämlich beſchloſſen, da die Be⸗ wegungen des ganzen Geſchwaders ſo ſehr von denen des Flaggen⸗ ſchiffs abhingen, abwechslungsweiſe den Ausguckpoſten einzunehmen. Der Viceadmiral zog ſich ſofort zurück und ging ruhig zu Bette. Er war nicht der Mann, der ſich deshalb um ſeine Nacht⸗ ruhe bringen ließ, weil der Feind außer Kanonenſchußweite vor ihm lag. An das Manövriren im Angeſichte feindlicher Flotten gewöhnt, hatte dieſe Lage den Reiz der Neuheit bei ihm verloren; dabei hegte er das größte Vertrauen zu der Tüchtigkeit ſeiner Ka⸗ pitäns, und wußte recht wohl, daß nichts Ungeſchicktes vorfallen konnte, ſo lange ſeine Befehle befolgt wurden— an Letzterem zu zweifeln, wäre in ſeinen Augen ſo gut wie Ketzerei geweſen. In ſolchen Dingen konnte ſich wohl Niemand mit unſerem Viceadmirale an Kaltblütigkeit meſſen. Der Wind mochte blaſen, wie er wollte— die Einrichtung ſeines Kajütenlebens vermochte er nicht zu ſtören, ſo weit ſie nicht mit dem Wohle des Schiffes un⸗ vermeidlich verknüpft war; die Ausſicht auf eine Schlacht änderte die gewöhnliche Eſſenszeit und jede ſonſtige Verrichtung um keine Minute, bis erſt die Schoten wirklich niedergeriſſen und die Batte⸗ rien zum Kampfe aufgeſtellt wurden. Obgleich in Kleinigkeiten reizbar und zuweilen ſehr leicht zu erzürnen, war Sir Gervaiſe dennoch in ſeiner Stellung bei großen Gelegenheiten auch ein großer Mann. Sein Temperament war ſanguiniſch, ſein Geiſt kühn und entſchloſſen und wie dieß gewöhnlich bei Män⸗ nern von ſeinem Schlage der Fall iſt, wenn ſie die Wahrheit überhaupt erkennen wollen, ſo geſchah es auch bei ihm— ſobald er 570 ſie erfannte, durchſchaute er ſie auch ſo klar, daß augenblicklich alle Zweifel verſchwanden, welche einen weniger männlichen Geiſt in ihre Schatten gehüllt haben würden. Bei gegenwärtiger Veranlaſſung war er gewiß, daß Nichts vorfallen würde, was ſeine Ruhe ſtören könnte und ſo genoß er ſie denn, als ob er ſich mit voller Behaglichkeit und im ſchönſten Frieden auf der terra firma befunden hätte. Unähnlich denen, welche an ſolche Scenen der Aufregung nicht gewöhnt ſind, kleidete er ſich mit vollendeter Kaltblütigkeit aus und kaum war ſein Haupt auf das Kiſſen geſunken, als er auch alsbald in tiefen Schlaf verfiel. Für einen unerfahrenen Zuſchauer müßte es wohl einen merk⸗ würdigen Gegenſtand der Beobachtung abgegeben haben, wenn er die Art und Weiſe bemerkt hätte, wie die beiden Flotten in dieſer Nacht gegen einander manövrirten. Nachdem ſie ſich mehrere Stunden lang umſonſt angeſtrengt hatten, um ihre Feinde in den Bereich ihrer Kanonen zu bringen, gaben die Franzoſen, nachdem der Mond am Himmel erſchienen war, die Sache für eine Zeit lang auf, ver⸗ kürzten ihre Segel und die Mehrzahl ihrer höheren Offiziere begab ſich zur Ruhe. Die Sonne war eben im Aufſteigen begriffen, als Galleygo, den Befehlen gemäß, die er in voriger Nacht erhalten, ſeine Hand auf die Schulter des Viceadmirals legte. Dieſe Berührung genügte — im nächſten Augenblicke war Sir Gervaiſe vollkommen wach. „Nun,“ fing er an, indem er eine ſitzende Stellung annahm und ſogleich mit der Frage begann, welche einem Seemanne immer zuerſt beifällt—„wie ſtehts mit dem Wetter?“ „Eine gute Bramſegelbriſe, Sir Jarvy, gerade wie unſer Schiff ſie nöthig hat. Wenn Ihr es nur auf jene Johnny Cra⸗ paud's los laſſen wolltet— in einer halben Stunde wäre es mitten unter ihnen, wie der Falk unter den Küchlein. Dabei habe ich Euer Gnaden zu vermelden, daß das letzte Huhn zum Frühſtück aufgetragen werden muß, wenn wir nicht dem Hauptproviantmeiſter — 571 den Befehl geben, daß er uns zum Erſatz für das, was die Schweine aufgeſpeiſt— und das waren die ſchönſten Kapaunen von der Welt — etwas von ſeinem Geflügel zukommen läßt.“ „Wie, Du Seeräuber— Du willſt doch nicht gar, daß ich mir auf hoher See eine Plünderung zu Schulden kommen laſſe— oder willſt Du dieß in der That?“ „Worin beſtünde denn aber die Plünderung, wenn wir der Proviantkammer befehlen würden, daß ſie einiges Geflügel an uns verkaufe? Du lieber Gott! Sir Jarvy, ich bin eben ſoweit ent⸗ fernt, etwas ohne Befehl wegnehmen zu wollen, als des Konſtab⸗ lers Stückſchützen nur immer ſeyn können. Laßt aber nur Mr. Atwood die Sache ſchwarz auf weiß aufſetzen.“ „Still!“ fiel ſein Herr ein.„Wie weit waren die Franzoſen von uns entfernt, als Du das letzte Mal auf dem Verdecke warſt?“ „O, die ſind da drüben, Sir Jarvy,“ antwortete Galleygo und öffnete dabei den Vorhang an dem Fenſter des Staatszimmers, ſo daß der Viceadmiral, wenn er ſich halb herumdrehte, die Nach⸗ hut der franzöſiſchen Linie mit eigenen Augen beobachten konnte; „gerade da, wo wir ſie nöthig haben; ihr vorderes Schiff etwas rückwärts von unſerem Leebaum, und eine Meile davon entfernt. Das nenne ich doch ziemlich befriedigend— nicht wahr?“ „Ja, das iſt in der That eine gute Stellung, Maſter Galleygo. Hat man etwas von der Priſe geſehen, oder gingen Dir etwa die Hühner zu viel im Kopf herum, um Dich danach umzuſchauen?“ „Die Hühner mir im Kopf herum? Nun ſeht, Sir Jarvy, von allen Eigenſchaften und Charakterſchilderungen, die Euer Gna⸗ den über mich in Umlauf zu ſetzen für gut befanden, iſt gerade dieſe die ungerechteſte, denn Hühner ſind eine Speiſe, an die ich niemals. denke, ſobald wir unter Segel ſtehen. Hättet Ihr ſtatt Hühner— Schweine geſagt, ſo würdet ihr wohl eher Recht ge⸗ habt haben, Sir Jarvy; nach Schweinen ſehe ich mich allerdings um, denn ſie bilden den wahren Reichthum eines Schiffes. An Hühner 572 aber habe ich nicht einmal im Traume gedacht, wenn's nicht etwa⸗ für Euern eigenen Gaumen war. Als ſie noch ihrer achte waren——“ „Hat man die Priſe geſehen?“ fragte Sir Gervaiſe etwas ſcharf. „Nein, Sir Jarvy: ſie iſt verſchwunden und der Druid mit ihr. Das iſt aber nicht Alles, Sir; man ſagt auch, dem Carnatic müſſe etwas zugeſtoßen ſeyn, denn er ſoll aus unſerer Linie ver⸗ ſchwunden ſeyn, wie ſonſt eine Glaslaterne um acht Uhr erliſcht.“ „So— auch von ihm iſt nichts zu ſehen.“ „So wenig als von einem Hühnerſtalle, Sir Jarvy! Wir Alle haben uns ſchon verwundert, was wohl aus Kapitän Parker geworden ſeyn mag— nirgends iſt auf dem ſalzigen Oceane eine Spur von ihm oder ſeinem Schiffe zu entdecken. Die jungen Herrn von der Wache lachen und meinen, er müſſe in einer Waſſerhoſe auf und davon geflogen ſeyn; ſie lachen aber überhaupt ſo oft über Unglücksfälle, daß ich mich nichts um ihre Meinung bekümmere.“ „Haſt Du Dich heute Morgen ſchon tüchtig auf dem Oceane umgeſehen, Maſter Galleygo?“ fragte Sir Gervaiſe, indem er den 3 Kopf aus einem Waſſerbecken zog; denn mittlerweile hatte er ſich ſchon halb angekleidet, ſo daß er eben mit den Vorbereitungen zum Raſiren beſchäftigt war.„Du, hatteſt ſonſt ein ſcharfes Auge für die Jagd, als wir noch auf einer Fregatte beiſammen waren— kannſt Du mir vielleicht ſagen, ob Admiral Bluewater ſich noch nicht ſehen läßt?“ 1„Admiral Blue!— Nun ſeht, Sir Jarvy, es iſt doch merk⸗ würdig, aber ich hatte ſeine Diviſton bereits aus meinem Logbuche ausgeſtrichen und ganz und gar vergeſſen. Es war allerdings bei Tagesanbruch eine Handvoll Segel oder ſo etwas gegen Norden zu bemerken; ich glaubte aber nicht, daß es Admiral Bluewater 5 ſeyn könne und finde es viel natürlicher, ihn an ſeiner gewöhnlichen Stelle in der Nachhut unſerer eigenen Linie zu vermuthen.— Laßt mal ſehen, Sir Jarvy, wie viel Schiffe haben wir denn unter Admiral Blue abweſend?“ 573 „Nun— die fünf Zweidecker ſeiner eigenen Diviſion jedenfalls und überdieß den Ranger und den Gnat— in Allem alſo ſieben Segel.“ „Ja, ja, ſo iſt's. Nun, Euer Gnaden, gerade fünf Segel waren auch, wie ich Euch ſagte, hier herum gegen Norden zu be⸗ merken und ganz gewiß iſt es Admiral Blue mit ſeiner ganzen Diviſion geweſen.“ Mittlerweile hatte Sir Gervaiſe ſein Geſicht mit Seifenſchaum bedeckt, doch bei Galleygo's Bemerkung vergaß er dieſes Umſtandes augenblicklich wieder. Da der Wind aus Nordweſten wehte und der Plantagenet gegen ſeinen Backbord und in der Richtung gegen die Landſpitze von Portland ſteuerte, ſo hatte der Admiral, wenn gleich ſein Schiff viel zu weit gegen Süden ſtand, um das Land von ſeinem Borde aus erblicken zu können, dennoch von den Luv⸗ fenſtern der Hinterdecksgallerie eine weitgedehnte Ausſicht auf den ganzen windwärts gelegenen Horizont. Er trat deßhalb augenblicklich aus ſeinem Staatszimmer auf der Steuerbordſeite in die neben⸗ anſtehende Gallerie, öffnete das fragliche Fenſter und ſuchte ſich mit eigenen Augen von der angeführten Thatſache zu überzeugen. In der That konnte man ein Geſchwader von fünf Schiffen in enggeſchloſſener Ordnung langſam gegen die beiden Schiffslinien herankommen ſehen; es hatte ſeine Marsſegel entfaltet und ſtand gerade nahe genug, um gewiß ſeyn zu können, daß die übrigen Unterſegel nicht eingeſetzt waren. Dieſer Anblick bewirkte eine plötzliche Aenderung in allen An⸗ ordnungen des Viceadmirals. Das Geſchäft der Toilette wurde in aller Eile wieder vorgenommen und der Bart mit einer Geſchwin⸗ digkeit wegraſirt, welche bei der Bewegung des Schiffes für jeden Andern als einen ſo wohlerfahrenen Seemann höchſt gefährlich hätte werden können. Kaum war dieſer wichtige Theil der Mor⸗ gentoilette vorüber, als Locker die Anweſenheit Kapitän Greenly's in der großen Kajüte meldete. „Was gibt's, Greenly?— Was gibt's?“ rief der Viceadmiral 574 puſtend, während er den Kopf aus dem Waſſerbecken zurückzog— „Was gibt's, Greenly? Habt Ihr Neuigkeiten von Bluewater?“ „Ich bin herzlich froh, Euch melden zu können, Sir Gervaiſe, daß er ſeit länger als einer Stunde zu ſehen iſt und uns, wiewohl etwas ſchüchtern und langſam— näher rückt. Ich wollte Euch nicht rufen laſſen, da Alles in Ordnung war und ich wohl wußte, daß Ihr, um mit klarem Geiſte zu erwachen, noch längeren Schlafes bedurftet.“ „Ihr habt ganz recht gethan, Greenly; ſo Gott will, ſoll's heute einen geſchäftigen Tag geben! Die Franzoſen müſſen unſere zweite Diviſion wohl bemerken?“ „Ohne Zweifel, Sir; ſie machen aber kein Zeichen, als ob ſie aufpacken wollten. Ich bin feſt überzeugt, Monſteur de Vervillin will es zum Kampfe kommen laſſen, nur mag er vielleicht durch die Erfahrung des geſtrigen Tages über die Art der Einleitung etwas behutſam geworden ſeyn.“ „Und ſein entmaſtetes Schiff— des alten Parker's Freund— ich denke, von ihm wird nichts ſichtbar ſeyn?“ „Eure Muthmaßung hat ſich vollkommen beſtätigt, Sir Ger⸗ vaiſe; das entmaſtete Schiff iſt fort, ſo wie auch eine ſeiner Fre⸗ gatten, welche es ohne Zweifel eskortiren wird. Auch Blewet iſt gut windwärts an den Franzoſen vorüber, doch kann er, ſo lange dieſe Priſe anhält, vor Portsmouth keinen andern Ankerplatz erreichen.“ „Jeder Hafen iſt recht für ihn. Unſer leichter Erfolg wird des Königs Partei ermuthigen und dadurch vielleicht mehr Eclat machen, als er eigentlich verdient. Laßt heute Morgen das Früh⸗ ſtück nicht zu ſpät auftragen, Greenly, wir werden einen geſchäft⸗ vollen Tag haben.“ „Ja— ja— Sir—,“ gab der Kapitän in der gewöhnlichen Manier des Seemanns zur Antwort,„dafür iſt bereits geſorgt, denn ich habe es nicht anders erwartet. Admiral Bluewater hält ſeine Schiffe in der ſchoͤnſten Ordnung, Sir. Ich glaube, der Cäſar, der die Linie anführt, iſt keine zwei Kabellängen von dem —— 575 hinterſten Schiffe, dem Dublin entfernt. Er fährt vierſpännig, mit ſcharf angezogenen Zügeln— verlaßt Euch darauf, Sir.“ In dieſem Augenblicke trat Sir Gervaiſe mit dem Rock unter'm Arm aus ſeinem Staatszimmer. Seine Züge waren nachdenklich und er beendigte ſeine Toilette mit zerſtreuter Miene; wahrſcheinlich hätte er nicht gewußt, daß er das letzte Kleidungsſtück angelegt hatte, wenn nicht Galleygo auf eine höchſt derbe Art an ſeinen Schößen gezupft hätte, um die Falten an den Schultern glatt zu legen. „Es iſt doch ſonderbar, daß Bluewater beinahe vor dem Winde daher kommt und ſeine Linie rückwärts, ſtatt in der Front auf⸗ marſchiren ließ,“ begann Sir Gervaiſe wieder, während ſein Hof⸗ meiſter jenes Geſchäft an ſeiner Statt verrichtete. 1 „Laßt Admiral Blue nur machen— er macht Alles recht,“ fiel Galleygo in ſeiner beliebten, ſelbſtbewußten und höͤchſt zuver⸗ ſichtlichen Manier ein.„Dadurch, daß er ſeine Schiffe rückwärts aufmarſchiren läßt, iſt er auch im Stande, zu ſagen, wo er ſie finden kann, und wir ſind durch Erfahrung belehrt, daß Admiral Bluewater, wenn er nur einmal weiß, wo er ein Schiff findet, daſſelbe jedesmal auch gehörig zu verwenden verſteht.“ Statt daß der Admiral dem Sprechenden dieſe ſeine Ein⸗ miſchung, welche dießmal etwas weiter als gewöhnlich ging, ver⸗ wieſen hätte, ſah Greenly mit Verwunderung, wie er ſeinem Hof⸗ meiſter aufmerkſam ins Geſicht ſchaute, als ob der Mann eine ſcharfſinnige, umfaſſende Wahrheit ausgeſprochen hätte. Sir Ger⸗ vaiſe wendete ſich hierauf an den Kapitän und theilte ihm mit, daß er ſich auf das Verdeck verfügen und den Stand der Dinge mit eigenen Augen beobachten wolle. 576 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Wärſt Du geſtorben, hehrer Führer— In Deines Sieges Glanz entſchwunden! Dein Ruhm würd' unſern Kummer lindern, Daß kaum noch ſchmerzten dieſe Wunden. Mrs. Hemans. Der ereignißreiche Tag begann mit der vollen Pracht eines Sommermorgens. Wäre der Wind nicht geweſen, ſo hätte man den Sonnenaufgang einen der ſchönſten des ganzen Monats Juli nennen können: doch die Briſe wehte immer noch friſch aus Nord⸗ weſten und machte dadurch die Luft für dieſe Jahreszeit wenigſtens ungewöhnlich kühl. Die von dem Südweſtſturme aufgeregten Wo⸗ gen hatten ſich unterdeſſen völlig zur Ruhe begeben: ſtatt ihrer war bereits wieder das regelmäßige, aber vergleichungsweiſe unbedeu⸗ tende Anſchwellen in Folge der neuen Briſe eingetreten. Für große Schiffe mochte man die Waſſerfläche ſogar geglättet nennen, doch zeigten der Driver und der Active durch ihr unſtetes Stampfen und ſelbſt die Zweidecker durch ihre ſchwankenden een, daß der un⸗ ruhige Ocean noch immer etwas in Bewegung Der Wind ſchien anhalten zu wollen und war von der Art, welche Seeleute höchſt wahrſcheinlich eine gute Sechsknotenbriſe genannt haben würden. 1 Leewärts und immer noch ungefähr eine Meile entfernt, lag die franzöſiſche Flotte in ſchönſter Schlachtlinie und in ſo geſchloſſener, wohlgeregelter Ordnung, daß man hätte zu dem Glauben verleitet werden können, Monſteur de Vervillin habe alle Anſtalten getroffen, um den erwarteten Angriff eben in ſeiner gegenwärtigen Stellung zu erwarten. Seine großen Marsſegel lagen alle ſlach nach hinten; die Bramſegel flatterten loſe, waren aber mit Schwigtingen und Geitauen wohl aufgeholt; die Klüver waren leewärts von ihren Klüverbäumen geſchwellt und die großen Segel hingen in Gewinden unterhalb der Raaen. Dieß hieß ſeine Segel zum tapferen Kampfe - - ſtellen und erregte ſogar die Bewunderung ihrer Feinde. Um dieſe Anerkennung noch zu vermehren, entfaltete gerade in dem Augen⸗ blicke, da Sir Gervaiſe's Fuß die Kampanje betrat, die ganze franzöſiſche Linie ihre Flaggen und der Foudroyant feuerte rück⸗ wärts eine Kanone ab. „He— Greenly!“ rief der engliſche Oberbefehlshaber,„das iſt eine männliche Herausforderuug und da ſie von Monſieur de Vervillin kommt, ſo muß ſie wohl etwas zu bedeuten haben. Er wünſcht den heutigen Tag dazu zu verwenden, doch denke ich, wird ſchon die Hälfte genügen und wir wollen unſere Becher zuerſt aus⸗ waſchen, ehe wir ans Werk ſchreiten. Gebt den Schiffen das Signal zum Beidrehen, Bunting; dann ſollen ſie ihr Frühſtück ſo ſchnell als möglich einnehmen. Eine ſteife Briſe— eine ſteife Briſe, Greenly, iſt Alles, was wir bedürfen.“ Fünf Minuten ſpäter, während Sir Gervaiſe eben das Signalbuch durchblätterte, riefen die Pfeifen des Plantagenet die Mannſchaft zu ihrem Morgenmahle, wenigſtens um eine Stunde früher als ge⸗ wöhnlich. Die Leute erſchienen mit einer gewiſſen ernſten Freude an ihren Tiſchen, denn Jeder auf dem Schiffe begriff die Urſache einer ſo ungewöhnlichen Aufforderung. Bald vernahm man auch auf den hinteren Schiffen ein ähnliches Signal, und einer von den Offtzieren, der den Feind mit dem Glaſe beobachtete, meldete, daß er auch die Franzoſen mit dem Frühſtück beſchäftigt glaube. Da auch die Offiziere Befehl erhalten hatten, die nächſte halbe Stunde in derſelben Weiſe zu verwenden, ſo war faſt Jedermann mit Eſſen beſchäftigt; Wenige mochten wohl daran denken, daß dieſes Mahl vielleicht ihr letztes ſeyn würde. Der Umſtand, daß die windwärts gelegenen Schiffe nicht mehr Segel einſetzten, beunruhigte übrigens Sir Gervaiſe in hohem Grade, obwohl es ihm gelang, ſeine Bewegung zu verbergen; aus zarter Rückſicht für ſeinen Freund, wohl auch aus einer gewiſſen dunke In Die beiden Admirale. 2. Aufl. 37 Beſorgniß vor den möglichen Folgen unterließ er jedoch, dem Contre⸗ admiral zu dieſem Zwecke Signale zugehen zu laſſen. Während die Mannſchaft am Eſſen war, ſtand er auf der Kampanje und betrachtete gedankenvoll das ſchöne Schauſpiel, welches der Feind leewärts darbot; von Zeit zu Zeit warf er auch ernſte Blicke auf die Diviſton, welche fortwährend näher windwärts zog. Endlich meldete Greenly in eigener Perſon, der Plantagenet habe jetzt wieder ‚alle Hände bereit'. Auf dieſe Nachricht fuhr Sir Gervaiſe wie aus einem Traume empor, lächelte und gab ſeine Erwiederung. Wir wollen gleich hier bemerken, daß der komman⸗ dirende Admiral, wie ſchon am vorhergehenden Tage, ſo auch jetzt all' die natürliche Erregbarkeit ſeines Weſens verloren hatte, und wieder vollkommen ruhig und in ſeinem Benehmen ausnehmend höflich war. Alle, die ihn kannten, wußten, daß dieß ſeinen feſten Entſchluß zum Schlagen verkündete. „Ich habe Galleygo beſohlen, meine kleine Tafel in einer halben Stunde in der Hinterkajüte bereit zu halten, Greenly, und Ihr werdet mein Mahl mit mir theilen. Sir Wycherly wird uns Geſellſchaft leiſten und ich hoffe, es ſoll nicht das letzte Mal ſeyn, daß wir an demſelben Tiſche zuſammentreffen. Es iſt nöthig, daß heute Alles in Schlachtordnung aufgeſtellt werde.“ „So hab' ich's auch bis jetzt angeordnet, Sir Gervaiſe. Wir ſind bereit, zu beginnen, ſobald der Befehl hiezu ertheilt wird.“ „Wartet noch einen Augenblick, bis Bunting von ſeinem Frühſtücke heraufkömmt. Ah! hier iſt er ja; nun wir ſind vollkommen bereit für ihn und haben in ſeiner Abweſenheit das Signal zuſammengebunden. Steckt den Befehl auf, Bunting, denn der Tag rückt allmählig vor.“ In weniger als einer Minute flatterten die Signale an dem Bramſtengentop des Hauptmaſtes auf dem Plantagenet; in der nächſten wurden ſie von der Chloe, dem Driver und dem Active beantwortet, welche ſämmtlich eine Viertelmeile windwärts beilagen und unter anderen Verrichtungen auch dieſen beſonderen Dienſt zu beſorgen hatten. 579 So wohl war dieſes Signal bekannt, daß auf der ganzen Flotte kein einziges Buch zu Rathe gezogen wurde: die Schiffe antworteten, ſowie die Flaggen geſehen und verſtanden werden konnten. Dann hörte man längs der ganzen Linie die ſchrillen Töne der Pfeifen und den Ruf—„Alle Hände bereit“ und„klarirt das Schiff zum Kampf, ahoy!“ Kaum war dieſer Befehl auf dem Plantagenet gegeben, als das ganze Schiff der Schauplatz einer munteren, aber geordneten Thätigkeit wurde. Die Toppleute ſtanden auf den Raaen, ſtoppten, banden die Spieren in Ketten und befeſtigten dieſe, um die Kugeln zu verhindern, daß ſie nicht mehr Unheil, als gerade unvermeidlich war, anrichten ſollten; Bollwerke wurden niedergeriſſen, Speiſetiſche und alle andern häuslichen Geräthſchaften verſchwanden unten“* und die Decks wurden von allem geſäubert, was überhaupt entfernt werden konnte und nicht unmittelbar zum Kampfe nöthig war. Eine volle Viertelſtunde verſtrich unter dieſer Beſchäftigung: denn nirgends war eine Uebereilung ſichtbar; es war jetzt nicht mehr der Augenblick einer bloßen Schauſtellung, und was geſchehen mußte, mußte auch wirkſam gethan werden. Die Offiziere verboten alle unnöthige Haſt, und kein irgend wichtiges Geſchäft wurde als beendigt gemeldet, ohne daß zuvor einer von den Vorgeſetzten ſich mit eigenen Augen überzeugt hatte, ob man es dabei nicht an der geeigneten Sorgfalt habe fehlen laſſen. So ſtieg Mr. Bury, der erſte Lieutenant, in eigener Perſon auf die große Raa, um die Art und Weiſe zu unterſuchen, wie ſie umſchlungen worden war; ſeinen Bootsführer hatte er mit dem gleichen Auftrage auf die entſprechende Raa des Fockmaſtes vorgeſchickt. Dieß waren ungewöhnliche Vorſichtsmaßregeln; aber man hatte * In der Schlacht auf dem Nil hatten viele franzöſiſche Schiffe in der Meinung, der Feind müſſe auf der Außenſeite angreifen, ihre Backs, Gepäcke u. ſ. w. in die Stückpforten und zwiſchen die Kanonen der Backbord⸗ oder inneren Batterien geſchoben: als nun die Britten auf der inneren Seite ankerten, konnten dieſe Batterien nicht verwendet werden! 580 auch auf dem Schiffe das Wort vernommen:„Sir Jarvy ſey es jetzt Ernſt“ und ſobald bekannt war, daß ſich ‚Sir Jarvy“ in ſolcher Laune befinde, ſo wußte auch Jeder, daß die Tagesarbeit ſchwer werden, vielleicht wohl gar lange dauern würde. „Unſer Frühſtück iſt bereit, Sir Jarvy,“ berichtete Galleygo, „und da die Decks völlig klarirt ſind, ſo haben die Jungen einen offenen Weg von der Küche herauf. Ich brauche blos noch zu wiſſen, Euer Gnaden, wann ich es aufzutragen habe.“ „Trage ſogleich auf, mein guter Burſche. Sage den Bowl⸗ dero's, ſie ſollen ſich ſputen und erwarte uns unten.— Kommt, Greenly— kommt, Wychecombe,— wir find die Letzten, welche ſpeiſen— laßt uns nicht die Letzten auf unſern Poſten ſeyn.“ „Das Schiff iſt klar, Sir,“ meldete Bury ſeinem Kapitän, als die Drei auf ihrem Weg zur Kajüte das Quarterdeck erreichten. „Sehr wohl, Bury; wenn der Flotte zum Allarmſchlagen ſigna⸗ lifirt wird, wollen wir mit den übrigen dem Befehle gehorchen.“ Bei dieſen Worten richtete Greenly ſeine Blicke auf den Vice⸗ admiral, um deſſen Wünſche zu vernehmen. Doch Sir Gervaiſe hatte keineswegs die Abſicht, ſeine Leute unnöthig zu ermüden. Er hatte Bunting ſeine geheimen Befehle hinterlaſſen und ſchritt ohne Blick oder Antwort nach der Kajüte weiter. Die Anordnung in der Hinterkajüte war ſo zierlich und be⸗ haglich, als ob das Frühſtück in einem Privathauſe aufgetragen worden wäre: die Drei ſetzten ſich alsbald nieder und machten ſich mit dem beſten Willen von der Welt an ihre Arbeit. Der Viceadmiral befahl die Thüren zu öffnen und da auch die Stückpfortendeckel offen ſtanden, ſo konnte er von ſeinem Sitze aus ſowohl lee⸗ als windwärts ſeine Blicke hinauswerfen, und nicht nur den Feind, ſon⸗ dern auch die erwartete Verſtärkung fortwährend im Auge behalten. Die Bowlderos waren in voller Livree und ſogar noch thä⸗ tiger und aufmerkſamer als gewöhnlich. Ihr Poſten während der Schlacht— denn am Bord eines Kriegsſchiffes darf bei einem —,— —,— 581 Kampfe Keiner den ‚Müßiggänger’ machen— war auf der Kam⸗ panje, wo ſie in der Nähe ihres Herrn, deſſen Farben ſie trugen, unter der Fahne ihres Fürſten, gleich den Vaſallen eines ehemaligen Reichsbarons, als Musketiere dienten. Trotz der herannahenden Gefahren des heutigen Morgens verrichteten dieſe Diener übrigens ihr gewöhnliches Amt mit der Genauigkeit und Ueberlegung eng⸗ liſcher Domeſtiken, ohne auch nur den überflüſſigſten Dienſt der Tafel zu vernachläßigen. Auf einem Sopha lag die volle Gallauniform eines Vicead⸗ mirals ausgebreitet, damals eine niedliche, aber einfache Tracht, ohne Treſſen oder Epauletten, aber mit dem reichen Sterne des Bathordens in Brillanten geziert. Dieſe Uniform trug Sir Ger⸗ vaiſe jedesmal in der Schlacht, wenn nicht die Witterung eine „Sturmuniforme, wie er einen einfachern Anzug der Art nannte, — nöthig machte. Das Frühſtück ging unter munteren Scherzen vorüber und die Herrn ließen ſich's ſchmecken, als ob nichts weniger denn folgenreiche Ereigniſſe vor der Thüre ſtünden. Gerade beim Schluſſe des Mahles hatte ſich Sir Gervaiſe vorwärts gelehnt und während er durch eine der Luvſtückpforten der Hauptkajüte ſchaute, ſah man plötzlich einen Ausdruck der Freude in ſeinen Mienen ſtrahlen. „Aha! Da kommen endlich auch Bluewater's Signale!— ein ſicherer Beweis, daß er im Begriffe ſteht, ſich mit uns in Ver⸗ bindung zu ſetzen.“ 1 „Ich habe mich ſehr gewundert, Sir,“ bemerkte Greenly, etwas trocken, doch mit großer Ehrerbietung in ſeinem Benehmen, „daß Ihr dem Contreadmiral nicht ſchon befohlen habt, mehr Se⸗ gel einzuſetzen. Er trabt gleich einem ſchwerfälligen Wagen daher und kann doch unmöglich unſere fünf Schiffe für Franzoſen anſehen!“ „Er pflegt ſich nie zu übereilen und wird ohne Zweifel auch ſeine Mannſchaft zuvor frühſtücken laſſen wollen, ehe er näher aufrückt. Ich wette aber, ihr Herrn, ſeine Schiffe ſind in dieſem 582 Augenblick gewiß ſämmtlich eben ſo ſauber und leer, wie eine Kirche fünf Minuten, nachdem der Segen geſprochen worden.“ „Das müßte aber keine von unſern virginiſchen Kirchen ſeyn, Sir Gervaiſe,“ bemerkte Wycherly lächelnd;„denn ſie dienen uns zugleich als Börſen, wo man Neuigkeiten erzählt und anhört, ſobald der Gottesdienſt vorüber iſt.“ „Ja, ja— das iſt die alte Regel— erſt gebetet, dann ge⸗ plaudert.— Nun, Bunting, was ſpricht denn der Contreadmiral?“ „Auf mein Wort, Sir Gervaiſe, ich weiß nicht, was ich aus dem Signale machen ſoll, obwohl es leicht genug iſt, die Flaggen zu verſtehen,“ gab der verlegene Signaloffizier zur Antwort.„Wollt Ihr wohl die Güte haben, Sir, und ſelbſt in Eurem Buche nach⸗ ſehen. Die Nummer iſt einhundert und vierzig.“ „Einhundert und vierzig! Ei, das muß etwas mit ‚Ankerne zu thun haben!— halt! da iſt's.„Ankern kann ich nicht, denn ich habe meine Kabeltaue verloren.“ Wer Teufels hieß ihn denn ankern?“ „Das iſt's gerade, Sir. Der Signaloffizier auf dem Cäſar muß ſich mit ſeinen Flaggen vergriffen haben; denn wenn auch die Entfernung ziemlich beträchtlich iſt, ſo ſind doch unſere Gläſer gut genug, um ſie zu leſen.“ „Vielleicht hat Admiral Bluewater den perſönlichen Geheim⸗ telegraphen ſpielen laſſen, Sir,“ bemerkte Greenly ruhig. Der kommandirende Admiral wechſelte bei dieſem Winke augen⸗ blicklich die Farbe. Zuerſt wurde ſein Geſicht hochroth, dann ward es blaß wie das Antlitz eines Menſchen, der heftige körperliche Schmerzen auszuſtehen hat. Wycherly bemerkte dieſes und fragte ehrerbietig, ob Sir Gervaiſe unwohl ſey. „Ich danke Euch, junger Herr,“ antwortete der Viceadmiral mit ſchmerzlichem Lächeln;„es iſt vorüber. Ich glaube, ich werde wohl in eine Docke gehen und Magrath nach einigen alten Wunden ſehen laſſen müſſen, welche mich zuweilen beläſtigen.— Mr. Bun⸗ ting, thut mir den Gefallen und verfügt Euch auf's Deck; dort 583 ſucht Euch durch ſorgfältige Beobachtung zu überzeugen, ob nicht eine kurze rothe Wimpel etliche zehn bis zwölf Fuß oberhalb der höchſten Flagge zu ſehen iſt. Wir wollen unterdeſſen eine zweite Taſſe Thee zu uns nehmen, Greenly, denn wir haben noch Muße genug.“ Zwei oder drei Minuten tiefen Nachſinnens folgten. Dann kehrte Bunting mit der Meldung zurück, daß die beſagte Wimpel wirklich vorhanden ſey,— eine Thatſache, welche er, die frag⸗ liche Flagge mit der gewöhnlichen königlichen Wimpel verwechſelnd, bei ſeiner früheren Beobachtung völlig überſehen hatte. Dieſe kurze rothe Wimpel ſollte bedeuten, daß die Mittheilung eine wörtliche ſey. Die Methode hiezu war von Bluewater's eigener Erfindung und ſo eingerichtet, daß er mittelſt derſelben nur mit den gewöhnlichen Nummern, ohne daß einer von den Kapitäns— ſo⸗ gar Sir Gervaiſe's eigener Flaggenofftzier nicht— um die Mittheilung wußte, mit ſeinem Freunde verkehren konnte. Mit einem Worte, ohne zu neuen Flaggen ſeine Zuflucht zu nehmen, blos durch eine neue Nummerirung der alten und mit Hülfe eines zuvor angelegten Wörterbuches war es möglich, eine Unterredung in lauter Sätzen zu führen, welche, außer ihnen beiden, allen übrigen ein Geheimniß blieben. Sir Gervaiſe bezeichnete ſich die Nummer des aufgeſteckten Signals und befahl Bunting hierauf, die Antwortsflagge mit der aͤhnlichen Wimpel darüber zu zeigen und mit dieſer Operation ſo lange fortzufahren, als der Contreadmiral noch weitere Signale geben würde. Die Nummern ſollten, ſobald ſie abgenommen waͤren, ihm in die Kajüte herabgeſchickt werden. Sobald Bunting verſchwunden war, öffnete der Viceadmiral einen Schreibtiſch, deſſen Schlüſſel niemals aus ſeinen Händen kam, nahm ein kleines Wörterbuch heraus und legte es neben ſeinen Teller. Unterdeſſen ging das Frühſtück ruhig ſeinen Gang fort, denn Sig⸗ nale dieſer Art kamen bei den beiden Admiralen gar häͤufig vor. Nach Verlauf von zehn Minuten überbrachte ein Quartier⸗ meiſter eine Reihe von Nummern, auf kleine Stücke Papier ge⸗ 584 ſchrieben, worauf Bunting in eigener Perſon mit der Meldung er⸗ ſchien, der Cäſar habe nunmehr mit Signaliſiren innegehalten. Sirr Gervaiſe ſchlug jedes Wort nach ſeiner beſonderen Nummer auf und ſchrieb es mit ſeinem Bleiſtifte nieder, bis er das Ganze beiſammen hatte und las:„Um Gotteswillen— gib kein Signal! Schlage Dich nicht.“ Kaum hatte er die Mittheilung verſtanden, als auch ſchon das Papier in kleine Fetzen geriſſen war; das Wörterbuch wanderte wieder an ſeine frühere Stelle— der Viceadmiral wendete ſich mit ruhiger, entſchloſſener Miene zu Greenly und befahl ihm, ſo⸗ bald Bunting das nämliche Signal für die ganze Flotte aufgeſteckt haben würde, auf ſeinem eigenen Schiffe Allarm ſchlagen zu laſſen. Auf dieſen Wink gingen Alle mit Ausnahme des Viceadmirals auf das Verdeck und die Bowlderos ſchickten ſich augenblicklich an, die Tafel und alle übrigen Geräthſchaften zu entfernen. Durch das Treiben ſeiner Diener beläſtigt, ging Sir Ger⸗ vaiſe in die große Kajüte hinaus und begann hier, ohne an deren gegenwärtigen Zuſtand zu denken, mit haſtigen Schritten auf und ab zu gehen, wie er immer that, wenn er in Gedanken vertieft war. Da die Schoten niedergeriſſen und alles Geräthe weggeſchafft war, ſo hieß dieſes allerdings, im Angeſichte ſeiner eigenen Leute auf und nieder gehen, denn Jeder, der ſich gerade auf dem Haupt⸗ verdeck befand, konnte das, was vorging, bemerken; doch nahm ſich Keiner heraus, einen Ort zu betreten, der ſelbſt in dieſem ent⸗ blößten Zuſtande vor jeder Berührung des Haufens ſtreng ver⸗ ſchloſſen war. Doch blieb ‚Sir Jarvy'se Ausſehen und Benehmen keineswegs unbeobachtet und die Leute prophezeiten daraus einen ernſten Tag. Dieß war der Stand der Dinge, als die Trommeln auf der ganzen Linie Allarm zu ſchlagen begannen. Beim erſten Streich ſank die große Kajüte zu dem Range einer gewöhnlichen Batterie herab; die Bedienungsmannſchaft zweier Kanonen überſchritt mit 585 den zugehörigen Offizieren die geheiligten Schranken und ſchickte ſich in aller Kaltblütigkeit an, ihr Geſchütz frei zu machen und alle nöthigen Vorbereitungen für den Kampf zu treffen. Dieſe ganze Zeit über fuhr Sir Gervaiſe fort, auf dem Raume auf und ab zu gehen, wo die Mitte ſeiner eigenen Kajüte geweſen wäre, wenn die Schoten noch geſtanden hätten; die grimmig blicken⸗ den Seeleute wußten ihm ſehr geſchickt auszuweichen und berührten jedesmal den Hut, ſo oft ſie genöthigt waren, nahe an ſeiner Per⸗ ſon vorüberzugleiten— ſonſt ging übrigens Alles gerade ſo vor ſich, wie wenn der Admiral gar nicht zugegen geweſen wäre. Sir Gervaiſe würde ſich hier vielleicht noch länger ſeinen ſtürmiſchen Gedanken überlaſſen haben, wenn ihn nicht der Donner einer Kanone zum Bewußtſeyn und zu der Scene zurückgerufen hätte, die jetzt rings um ihn vor ſich gehen ſollte. „Was iſt das?“ fragte der Viceadmiral plötzlich—„Gibt Blue⸗ water abermals Signale?“ „Nein, Sir Gervaiſe,“ antwortete der vierte Lieutenant, der eben zu der Leepforte hinausſchaute;„es iſt der franzöſiſche Admiral, der uns ſeine zweite Luvkanone hören läßt— wahrſcheinlich, um zu fragen, warum wir nicht hinüber kommen. Es iſt das zweite Kompliment dieſer Art, welches er uns am heutigen Tage erweist.“ Dieſe Worte waren noch nicht ganz beendigt, als der Vice⸗ admiral auch ſchon auf dem Quarterdeck ſtand; eine halbe Minute ſpäter befand er ſich auf der Kampanje. Hier traf er Greenly, Wychecombe und Bunting, alle mit Theilnahme auf die ſchöne Linie des Feindes hinüberſchauend. „Monſteur de Vervillin kann es kaum erwarten, bis er die Scharte von geſtern wieder ausgewetzt hat,“ bemerkte der Erſtere; „ſo ſcheint es wenigſtens, da er uns abermals einladen läßt, zu ihm hinüber zu kommen. Ich denke, bei dieſem letzten Winke wird auch Admiral Bluewater aufwachen.“ „Beim Himmel, er hat ſeinen Wind geholt und ſteht jetzt nord⸗ 586 und oſtwärts!“ rief Sir Gevaiſe, bei dem jetzt das Erſtaunen ſeine ſonſtige Vorſicht überwältigte.„Zwar zu einer ſolchen Zeit eine außergewöhnliche Bewegung— aber dennoch iſt es wunderbar zu ſehen, wie Bluewater ſeine Schiffe in ſo ſchöner Ordnung beiſammen hält!“ 4 Alles, was hier geſprochen wurde, war wirklich wahr. Die Diviſion des Contreadmirals hatte plötzlich in einer dicht nach vorn geſchloſſenen Linie aufgehalt, wobei jedes von den Schiffen dem Führer ſo mechaniſch folgte, als ob ſie ſich alle auf einen gemein⸗ ſamen Impuls bewegten. Da man des Contreadmirals Loyalität nicht im entfernteſten bezweifelte und ſein Muth längſt erprobt war, ſo ging die allgemeine Anſicht darauf hinaus, dieſes ungewöhn⸗ liche Manöver müſſe nothwendig mit den unverſtändlichen Signalen in Verbindung ſtehen, und die jungen Offiziere fragten ſich lachend unter einander: was wohl Sir Jarvy jetzt zunächſt thun werde?“ Doch ſchien es faſt, als ob Monſieur de Vervillin eine Wieder⸗ holung einer der Scenen des vorhergehenden Tages befürchtete, denn kaum hatte er bemerkt, daß die brittiſche Nachhut dem Winde folgte, als fünf ſeiner vorderen Schiffe füllten und vorwärts ſteuerten, als ob ſie um die Tote ſeiner Linie herumſegeln und mit der zweiten Diviſion des Feindes anbinden wollten. Die übrigen fünf, unter ihnen der Foudroyant, lagen noch immer mit den Marsſegeln an den Maſten und ſchienen zu erwarten, daß der Feind zu ihnen herüber kommen würde. Sir Gervaiſe konnte es auf dieſe Art nicht lange aushalten. Er beſchloß, Bluewatern wo möglich zu einer Entſcheidung zu bringen und befahl dem Plantagenet, zu füllen. Von ſeiner eigenen Diviſion gefolgt, vierte er alsbald und ſteuerte unter leichten Segeln backſtags auf Monſieur de Vervillin's Nachhut los, um nicht der Länge nach vom Gallion gegen den Stern beſchoſſen zu werden. Die Viertelſtunde, welche jetzt folgte, verſtrich beiden Theilen in der höchſten Spannung: ſie hatte weſentliche Aenderungen zur — — 587 Folge— doch hoͤrte man noch nirgends einen Schuß fallen. So⸗ bald der Graf von Vervellin bemerkte, daß die Engländer ſich anſchickten, näher zu rücken, ſignaliſirte er ſeiner eigenen Diviſion, das Steuer zu heben und unter ihren Marsſegeln todt vor dem Winde herzulaufen, wobei die hinteren Schiffe die Bewegung an⸗ zufangen hätten. Dieß verkehrte die ganze bisherige Segelordnung und brachte den Foudroyant in die Nachhut— alſo dem Feinde am nächſten. Kaum war dieß geſchehen, als er ſeine Marsſegel auf's Eſelshaupt“ ſetzte. Dieſes Mansöver konnte nicht leicht mißverſtanden werden. Es war eine direkte Einladung an Sir Gervaiſe, hübſch ordentlich längs ſeiner Linie herabzukommen, da durch das Wenden jede Ge⸗ fahr, hiebei der Länge nach beſchoſſen zu werden, entfernt worden war. Der engliſche Oberadmiral war nicht der Mann, der eine ſo handgreifliche Herausforderung ausgeſchlagen hätte; im Gegentheil gab er noch einige Signale, um die Art und Weiſe des beabſich⸗ tigten Angriffs zu beſtimmen, ſetzte dann Vor⸗ und Hauptbram⸗ ſegel ein und brachte den Wind gerade über ſeinen eigenen Hackbord. Die hinteren Schiffe folgten ſo pünktlich wie ein Uhrwerk und jetzt zweifelte Niemand mehr, daß die Art des Angriffs für den heutigen Tag feſtgeſetzt ſey. Da die Franzoſen mit Monſieur Vervillin noch immer eine halbe Meile ſüd⸗ und oſtwärts von der herannahenden Diviſion ihrer Feinde entfernt lagen, ſo ſammelte der Graf alle ſeine Fre⸗ gatten und Korvetten auf ſeine Steuerbordſeite und ließ auf dieſe Art ſeinem Gegner den Zugang auf der Backbordſeite frei. Auch dieſer Wink wurde verſtanden und der Plantagenet ſteuerte jetzt in einem Kurſe, der ihn ungefähr hundert Ruthen von den Mündungen der feindlichen Kanonen entfernt, gerade auf dieſe Seite des Foudroyant bringen mußte. „ Eſelshaupt iſt das Holz über den Sahlingen, das die einzelnen Stengen an die Maſten befeſtigt. OH. u. 588 So drohte ein naher und für jene Zeit wenigſtens auf Flotten noch ungewohnter Kampf; aber es war gerade das Spiel, wie es unſer Oberadmiral am meiſten liebte und wie es auch die Sachen am ſchnellſten zu einem Reſultate zu bringen verſprach. 5 Nachdem die Präliminarien auf dieſe Art getroffen waren, blieb für die betreffenden Befehlshaber immer noch Zeit übrig, um ſich nochmals gehörig umzuſchauen. Die Franzoſen lagen noch immer eine volle Meile vor ihren Feinden, und da beide Flotten in ein und derſelben Richtung hinſteuerten, ſo geſchah die Annäherung der Engländer ſo langſam, daß noch immer zwanzig Minuten jener feierlichen, athemloſen Stille übrig waren, wie ſie auf einem wohldis⸗ ciplinirten Schiffe gewöhnlich vor dem Beginn eines Kampfes herrſcht. Die Gefühle der beiden Oberbefehlshaber in dieſem gewich⸗ tigen Augenblicke ſtanden gegenſeitig im ſonderbarſten Widerſpruch. Der Graf von Vervillin ſah, daß die zweite Diviſton ſeiner Flotte unter dem Contreadmiral, Vicomte des Prez, gerade in der Stellung war, wie er ſie wünſchte, da ſie durch das Herankommen der eng⸗ liſchen Diviſion und dadurch, daß ſie an ihrer eigenen Luvſeite hielt— den Vortheil des Windes gewonnen hatte. Zwiſchen den beiden franzöſiſchen Offizieren herrſchte über den Kurs, den ſie einzu⸗ halten hatten, das vollkommendſte Einverſtändniß und Beide hegten die lebendige Hoffnung, daß es ihnen gelingen würde, die Schlappe des vorhergehenden Tags und zwar gerade durch ſolche Mittel wieder gut zu machen, welche denen, wodurch ſie ſie erhalten, ſehr ähnlich waren.— Auf der andern Seite ſchwebte Sir Gervaiſe über Bluewater's nächſtes Benehmen in den peinigendſten Zweifeln. So ſehr er ſich übrigens mit Vermuthungen quälte, ſo konnte er doch niemals zu dem Schluſſe gelangen, daß ſein Freund ihn hülflos der vereinten Macht der beiden feindlichen Diviſionen überlaſſen würde und ſo lange der franzöſiſche Contreadmiral durch die windwärts ſtehende Abtheilung der Engländer im Schach gehalten wurde, hatte er —.— —. 589 ſelbſt freies Feld zum Kampfe mit Monſieur de Vervillin, ohne daß dieſer einen beſonderen Vortheil voraus gehabt hätte. Er kannte Bluewater's edle Natur zu gut, um nicht vollkommen davon überzeugt zu ſeyn, daß ſeine eigene Willfährigkeit, womit er deſſen Bitte, ſeinen Untergebenen nicht durch Signale zum Kampfe zu rufen, erfüllt hatte— ſein Herz rühren und all' ſeinen beſſeren Gefühlen gedoppelte Kraft verleihen müſſe. Nichts deſtoweniger zog Sir Gervaiſe Oakes dießmal nicht ohne mancherlei peinliche Vorahnungen in den nahenden Kampf. Er hatte zu lange in der Welt gelebt, um nicht zu wiſſen, daß das politiſche Vorurtheil von allen menſchlichen Schwächen gerade diejenige iſt, welche am meiſten demoraliſirt, indem ſie unſere per⸗ ſönlichen Laſter in den gefährlichen Schleier des allgemeinen Beſten einhüllt und ſelbſt den Gutgeſinnten unempfindlich für das Unrecht macht, das er unter dem trügeriſchen, ſchmeichelnden Vorwande, der Geſammtheit zu dienen— einzelnen Perſonen rückſichtslos zufügt. Doch war der Zweifel noch viel peinlicher als die Gewißheit ſelbſt der ſchlimmſten Vorahnungen; überdieß lag es nicht in ſeiner Natur, einen ſo offen angebotenen Kampf von ſich zu weiſen — und ſo beſchloß er denn, auf jede Gefahr hin mit dem Grafen anzubinden und den Ausgang Gott und ſeiner eigenen Kraft an⸗ heimzuſtellen. Der Plantagenet bot, während er ſich bei dieſer denkwürdigen Gelegenheit der franzöſiſchen Linie näherte, das beredte Gemälde eines geordneten und zum Kampfe gerüſteten Schiffes dar. Die Leute ſtanden alle auf ihren Poſten und als Greenly durch die Batterien wandelte, fand er jede Kanone auf der Steuerbordſeite losgemacht, gerichtet und zum Abfeuern bereit, während man auf der entgegen⸗ geſetzten Seite die Taljen blos einigemal abwinden, das Geſchütz frei machen und Lunten oder Kugelformen anwenden durfte, um auch dort eine allgemeine Salve hoͤren zu laſſen. Eine Todtenſtille herrſchte von der Kampanje bis zur Ambülance; die älteren Matroſen 590 warfen hie und da einen Blick durch ihre Stückpforten, um die gegenſeitigen Stellungen der beiden Flotten in Augenſchein zu nehmen und für ihre eigene Perſon zum Kampfe bereit zu ſeyn. Als die Engländer auf Gewehrſchußweite herangekommen waren, zogen die Franzoſen ihre Marsſegel an die Maſtentops an; dadurch kamen ihre Schiffe in lebhafteren Gang. Noch immer jagten die Erſteren mit der äußerſten Schnelligkeit daher, da ſie die meiſten Segel führten und von der größeren Triebkraft geleitet wurden. Als man endlich nahe genug war, gab Sir Gervaiſe den Befehl, die Segel ſeines eigenen Schiffes zu verkürzen. „So wird es gehen, Greenly,“ ſagte er in mildem, ruhigem Tone.„Laßt die Bramfallen ablaufen und das Fockſegel aufholen. Der jetzige Kurs wird Euch gerade gegenüber bringen.“ Der Kapitän gab die nöthigen Befehle und der Maſter ver⸗ kürzte demgemäß ſeine Segel. Noch immer ſchoß der Plantagenet vorwärts; drei bis vier Minuten ſpäter ſchwenkte er ſeine Büge ſo nahe an dem Hintertheil des Foudroyant vorbei, daß eine Ka⸗ nonenkugel hinüberreichen konnte. Dieß war für beide Linien das erwartete Signal und ſämmt⸗ liche Schiffe eröffneten ihr Feuer faſt in demſelben Athemzuge. Der Blitz, das Gebrüll und der wirbelnde Rauch folgten ſich raſch hinter einander und in einem Zeitraume, der faſt nur ein Augen⸗ blick zu ſeyn ſchien: das Raſſeln der Kugeln und das Aechzen der Verwundeten miſchten ſich in dieſen hölliſchen Lärm, denn ſelbſt dem Tapferſten und Entſchloſſenſten entreißt die Natur in ſolchen Augen⸗ blicken den Schmerzensruf menſchlicher Schwäche. Bunting war eben im Begriff, Sir Gervaiſe zu melden, daß er mitten in dieſem tobenden Lärm kein Signal von dem Cäſar bemerken könne, als eine kleine runde Kugel, von der Kampanje des Franzmannes abgefeuert, ſeinen Körper durchbohrte und buch⸗ ſtäblich das Herz vor ſich hertrieb, ſo daß er todt zu den Füßen ſeines Kommandirenden niederſtürzte. ——„— —„— —, 591 „So muß ich denn für den Reſt dieſer Kreuzfahrt des armen Bunting's Amt Euch übertragen, Sir Wycherly,“ bemerkte Sir Gervaiſe mit einem Lächeln, worin Artigkeit und Mitleid höchſt ſonderbar um die Oberherrſchaft kämpften.„Quartiermeiſter— ſchafft Mr. Bunting's Leiche ein wenig aus dem Wege und bedeckt ſie mit dieſen Flaggen. Sie ſind ein paſſendes Leichentuch für einen ſo tapferen Mann.“ Eben als dieſes vorfiel, klavirte der Warſpite den erhaltenen Befehlen gemäß, an der Außenſeite des Plantagenet vorüber und eröffnete das Feuer mit ſeinen vorderen Kanonen, indem er ſich das zweite Schiff in der franzöſiſchen Linie zur Zielſcheibe nahm. Zwei Minuten ſpäter waren auch dieſe beiden Schiffe im heißeſten, wüthendſten Kampfe begriffen. Auf dieſe Art zog ein Schiff nach dem andern an der Außen⸗ ſeite des Plantagenet vorüber, gierte auf ſeinen Poſten vorwärts von dem Schiffe, das gerade vor ihm gekommen war, bis endlich Lord Morganic mit dem Achilles, dem letzten von den Fünfen, dem Conquerant, jetzt dem vorderſten Schiffe in der franzöſiſchen Schlacht⸗ ordnung— gerade gegenüber lag. Damit der Leſer die Ereigniſſe um ſo richtiger verſtehen kann, wollen wir ihm die beiden Schlachtlinien genau in derſelben Reihen⸗ folge, wie ſie einander gegenüber lagen, vor Augen führen, nämlich Plantagenet... Foudroyant Warſvite.. Temeraire Blenheim.... Duguay Trouin Thunderer.... Ajar Achilles..... Conquerant. Die unaufhörlich zurückprallenden Salven von vierhundert ſchweren Geſchützen auf einem ſo engen Raume hatten die Wirkung, daß die regelmäßige Strömung der Luft zurückgedrängt und die bisherige Tiefe von ſechs bis ſieben Knoten faſt augenblicklich in eine ſchwächere verwandelt wurde, wie ſie ein Schiff nicht weiter 592 als zwei bis drei Knoten fortgetrieben hätte. Dieß war die erſte nennenswerthe Erſcheinung, welche mit dem Kampfe in Verbindung ſtand; da ſie aber erwartet worden war, ſo hatte Sir Gervaiſe die Vorſicht gebraucht, ſeine Schiffe gleich Anfangs ſo nahe als möglich in diejenigen Stellungen zu bringen, worin ſie ſeinem Plane gemäß die Schlacht ausfechten ſollten. Die nächſte große phyſiſche Wirkung, welche man gleichfalls als natürlich vorausgeſehen hatte, die aber eine große Aenderung in dem äußeren Bilde der Schlacht zur Folge hatte— war die dichte Wolke von Rauch, in welche die zehn Schiffe augenblicklich ein⸗ gehüllt waren. Bei den erſten Salven zwiſchen den beiden Admiral⸗ ſchiffen rollten Schichten leichten, flockigen Dunſtes über die See, trafen in der Mitte zuſammen und ſtiegen in kräuſelnden Wirbeln empor, ſo daß auf jedem der beiden feindlichen Schiffe nur noch die Maſten und Segel des Gegners ſichtbar waren. Dieß würde die Kämpfenden bald von ſelbſt in eine beinahe undurchdringliche Nebelſchichte eingehüllt haben; da aber die Schiffe noch überdieß vorwärts trieben, ſo drangen ſie noch tiefer in den Schwefeldampf ein, bis er jedes derſelben rings umſchloß und alle Ausſicht auf den Ocean, den Himmel und den Horizont gleichermaßen unmöglich machte. Das Flammen des Zündkrauts in den unteren Reihen trug noch mehr dazu bei, den Rauch zu vermehren, bis er ſo dicht wurde, daß nicht nur das Athmen häufig dadurch erſchwert ward, ſondern auch die Kämpfenden, ſelbſt wenn ſie nur wenige Schritte von einander getrennt waren, ſich öfter nicht einmal im Geſicht erkennen konnten. Inmitten dieſes Schauplatzes der Dunkelheit und eines Getöſes, das ſogar die Grundfeſten des Oceans hätte erſchüttern können, be⸗ dienten die ernſten, wohldreſſirten Matroſen ihre gewichtigen Geſchütze und verbeſſerten mit flinken Händen die Beſchädigungen in der Takelage; Jeder war ſo aufmerkſam auf ſeinen beſonderen 593 Dienſt bedacht, als ob er ſeine Geſchäfte in einem ordentlichen Sturme verrichtet hätte. „Sir Wycherly,“ bemerkte der Viceadmiral, nachdem die Ka⸗ nonade etwa zwanzig Minuten gedauert hatte,„in einer ſolchen Rauchwolke gibt es für einen Flaggenofſizier nur wenig zu thun. Ich gaͤbe viel darum, wenn ich die Stellungen der zwei Diviſionen unſerer beiden Contreadmirale genau wüßte.“ „Es gibt nur ein einziges Mittel, daruͤber in's Reine zu kommen, Sir Gervaiſe— wenn Ihr es wünſcht, ſo will ich's ver⸗ ſuchen— nämlich auf die große Bramraa hinaufzuſteigen: von dort wird man vielleicht eine freie Ausſicht genießen.“ Sir Gervaiſe lächelte beifällig; im nächſten Augenblicke ſah er den jungen Mann bereits, von dem dichten Rauche halb verhüllt, an der großen Wand hinaufklettern. In dem nämlichen Moment kam Greenly von dem unteren Deck, wo er Alles genau gemuſtert hatte, auf die Kampanje her⸗ aufgeſtiegen und machte dem Admiral, ohne erſt deſſen Frage ab⸗ zuwarten, ſeinen Bericht über die angeſtellte Unterſuchung. „Mit uns ſieht es ganz gut, Sir Gervaiſe: nur die erſte Breitſeite des Grafen hat uns etwas hart mitgenommen. Ich glaube, ſein Feuer ermattet ſchon jetzt und Bury will als gewiß behaupten, daß ſeine Fockmarsſtenge bereits dahin ſey. Auf alle Fälle ſind unſere Burſche vom beſten Geiſte beſeelt und bis jetzt ſind alle Maſten und Spieren noch an ihrem Platze.“ „Das freut mich, Greenly; beſonders der letztere Umſtand ge⸗ rade in dieſem Augenblicke. Wie ich ſehe, betrachtet Ihr dieſe Flaggen— ſie bedecken den Leichnam des armen Bunting.“ „Und dieſer Blutſtreifen gegen die Leiter hin, Sir?— Ich hoffe, unſer junger Baronet iſt nicht verletzt?“ „Nein— das kommt von einem der Bowlderos, der ein Bein verloren hat. Ich werde dafür ſorgen müſſen, daß er in Zukunft nicht Noth leidet.“ Die beiden Admirale. 2. Aufl. 38 594 Hier entſtand eine Pauſe; nach einer Weile aber lächelten beide Herren wieder, als ſie gerade unter ſich das Krachen einer Kugel vernahmen, welche nach der Richtung und dem Lärme zu ſchließen, durch Greenly's Porzellanſchrank gedrungen ſeyn mußte. Keiner ſprach jedoch ein Wort. Nach einigen weiteren Minuten ſchweigender Beobachtung bemerkte Sir Gervaiſe, er glaube jetzt das Blitzen der franzöſiſchen Geſchütze etwas ferner zu ſehen, als es im Anfange geweſen war, obwohl in dieſem Augenblicke außer dem Kanonendonner und jenen Blitzen nebſt ihrer Wirkung auf den Plantagenet— ſonſt nirgends eine Spur von dem Feind entdeckt werden konnte. „Wenn dieß der Fall iſt, Sir, ſo muß wohl der Graf ſeinen jetzigen Standpunkt zu heiß finden; wir ſelbſt haben den Wind noch gerade über unſerem Hackbord.“ „Nein— nein— wir ſteuern noch in unſerem früheren Kurs: ich halte fortwährend meine Blicke auf den Kompaß da unten ge⸗ heftet und weiß gewiß, daß wir gerade Linie halten. Geht einmal vor, Greenly und ſorgt, daß vorn ein ſcharfſehender Ausgucker aufgeſtellt werde. Es iſt jetzt um die Zeit, daß auch von unſeren eigenen Schiffen einige zuſammengeſchoſſen ſeyn könnten und da müſſen wir uns in Acht nehmen, daß wir nicht gegen ſie anrennen, Sollte etwas der Art vorfallen, ſo müßt Ihr hart gegen Steuer⸗ bord gieren und auf der inneren Seite paſſiren.“ „Ja— ja— Sir Gervaiſe: Eure Wünſche ſollen erfüllt werden.“ Mit dieſen Worten verſchwand Greenly und im nächſten Augen⸗ blicke ſtand Wycherly an deſſen Platze. „Nun, Sir— ich bin erfreut, Euch wohlbehalten zurückkehren zu ſehen. Wenn Greenly jetzt eben hier wäre, ſo würde er ſich ohne Zweifel nach ſeinen Maſten erkundigen: ich aber wünſche mehr die Lage der Schiffe keunen zu lernen!“ „Ich überbringe Euch ſchlimme Nachrichten, Sir. Auf dem Top ſelbſt war durchaus nichts zu entdecken: dagegen konnte ich ——— 595 auf den Kreuzhölzern recht gut durch den Rauch hindurch ſehen und muß Euch zu meinem Leidweſen verkünden, daß der franzöſiſche Contreadmiral mit ſeiner ganzen Streitmacht in vollem Laufe gegen unſer Backbord herankommt. Wir werden ihn in fünf Minuten ſeitwärts vor uns haben.“ „Und Bluewater?“ fragte Sir Gervaiſe mit Blitzesſchnelle. „Von Admiral Bluewater's Schiffen konnte ich nichts entdecken. In Betracht der Wichtigkeit meiner Botſchaft ſtieg ich aber unver⸗ züglich wieder an dem Kreuzſtag herunter.“ „Das habt Ihr gut gemacht, Sir. Schickt einen Kadetten zu Kapitän Greenly vor; dann geht ſelbſt hinab und laßt die Lieutenants in den Batterien Eure Neuigkeit vernehmen. Sie müſſen ihre Mannſchaft theilen und um jeden Preis ihre raſche und wohlgezielte Breitſeite zuerſt anbringen.“ Wycherly wartete nicht länger, ſondern eilte mit der Behen⸗ digkeit ſeiner Jahre auf das Verdeck. Der abgeſchickte Bote traf Greenly zwiſchen den Kardeelhölzern;* der Kapitän eilte ohne Verzug auf die Kampanje zurück, um ſich von der Wahrheit des Gehörten zu überzeugen. Sir Gervaiſe bedurfte blos eines Augen⸗ blicks, um dem Kapitän den ganzen Stand der Dinge zu erkläͤren. „In des Himmels Namen— was kann nur die andere Diviſion vorhaben,“ rief Greenly,„daß ſie den franzöſiſchen Contreadmiral in einem ſolchen Augenblicke gegen uns herankommen läßt?“ „Davon iſt jetzt nicht nöthig zu ſprechen, Sir,“ gab der kommandirende Admiral feierlich zur Antwort.„Unſer nunmehriges Geſchäft beſteht darin, auf dieſen neuen Feind gefaßt zu ſeyn. Geht wieder auf die Batterien zurück, und ſo hoch Ihr den Sieg zu ſchätzen wißt— ſo traget Sorge, daß die erſte Ladung bei dem jetzigen Rauche nicht weggeworfen ſey.“ Da die Zeit drängte, ſo überwand Greenly ſeinen Mißmuth und verſchwand abermals. Den Bugſtücken dicht am Vorſteven. D. u. 8 596 Die nächſten fünf Minuten waren für Sir Gervaiſe Oakes bittere Minuten.— Außer ihm waren nur noch fünf Perſonen auf der Kampanje— nämlich der Quartiermeiſter, der die Signale beſorgte, und vier von den Bowlderos. Sie alle gebrauchten ihre Musketen wie gewöhnlich, obwohl der Viceadmiral niemals erlaubte, daß ein Theil der Marinetruppen an einem Orte aufgeſtellt werde, den er ſelbſt ſoviel als möglich von dem Rauche und Lärm der Schlacht frei zu ſehen wünſchte. Auf dieſem kleinen und vergleichungsweiſe leeren Deck begann nunmehr der Vieeadmiral mit raſchen Schritten auf und ab zu gehen, indem er ſcharfe Blicke über den Backbord hinausſandte. Das Feuer hatte zwar ſowohl wegen der Erſchöpfung der Leute als wegen der Beſchädigungen, die man empfangen und ausgetheilt hatte— wenigſtens einigermaßen nachgelaſſen und der Rauch verzog ſich zuweilen ein Bischen in der Richtung des Windes: dennoch war er nicht im Stande, von irgend einem Schiffe ein Signal zu entdecken. So ſtanden die Dinge, als Wycherly mit der Meldung zurück⸗ kehrte, des Admirals Befehl ſey ausgerichtet und ein Theil der Mannſchaft bereits an den Backbordbatterien aufgeſtellt. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Und dann— die kleine kriegeriſche Welt im Innern! Das heiſere Kommando, emſig Summen, Des Tauwerks Netze hier, und dort Kanonen ſchimmern, Ein Wort— und alle Marſen, und bemannt: Hört ihr des Bootsmanns Ruf:‚ſeyd friſch zur Hande? Wenn durch Matroſenhand die Taljen gleiten, Und Seekadetten, kaum der Schul' entrannt, Sich an der Pfeife ſchrillen Tönen weiden? Der kecke Schelm!— weiß doch das Volk zu leiten. Byron. „Seyd Ihr auch ganz ſicher, Sir Wycherly Wychecombe, daß in Betreff der Annäherung der franzöſiſchen Nachhut nicht irgend 597 ein Mißverſtändniß obwalten kann?“ fragte der Viceadmiral und ſuchte durch den Rauch auf der Backbordſeite einen freien Blick auf das Waſſer zu gewinnen.„Wäre es nicht möglich, daß eines un⸗ ſerer eigenen entmaſteten Schiffe aus der Linie herausgebrochen und ohne daß wir's wüßten, auf dieſer Seite von uns zurückge⸗ laſſen worden wäre?“ „Nein, Sir Gervaiſe— hier herrſcht kein Mißverſtändniß und kann auch keines herrſchen— höchſtens daß ich mich ein wenig in der Entfernung getäuſcht hätte. Ich ſah nichts als Segel und Spieren, nicht von einem einzelnen, ſondern von drei Schiffen und eines derſelben trug die franzöſiſche Contreadmirals⸗ flagge am Beſanmaſte. Zum Beweiſe, daß ich mich nicht geirrt habe, Sir, kommt es hier noch in dieſer Minute!“ Wie natürlich war der Rauch auf der äußeren Seite des Plantagenet bei weitem nicht ſo dicht, als auf der inneren, wo das Schiff noch im Kampfe begriffen war und da ſich der Luftſtrom, wie dieß bei Kanonaden gewöhnlich der Fall iſt, zu einem Wirbelwinde umgewandelt hatte, ſo gab es ſogar Augenblicke, wo er das„Leichen⸗ tuch der Schlacht: völlig bei Seite ſchob. Eine ſolche Oeffnung entſtand eben auch in dem jetzigen Augenblicke und ein einzelner Maſt und ein einzelnes Segel wurden gerade in der Richtung ſichtbar, wo nach Wycherly's Ausſage der Feind erwartet werden mußte. Es war ein Kreuzſegel, wie man jetzt nicht länger zweifeln konnte, und oberhalb deſſelben wehte die kleine viereckige Wimpel des Contreadmirals. Sir Gervaiſe hatte in einem Augenblicke über den Charakter des Schiffes und über ſeinen eigenen Kurs entſchieden. An den Rand der Kampanje vortretend, rief er ohne Hülfe irgend eines Sprachrohrs mit ſeiner natürlichen Stimme, welche das Gebrülle der Schlacht übertönte, die verhängnißvollen, dem Seemanne aber wohlvertrauten Worte: „Bleibt ſtehen!“ 598 Ein Ruf aus kräftigen Lungen— und des Viceadmirals Stimme war, wenn er ſie brauchen wollte, dem Schmettern einer Poſaune ähnlich— iſt vielleicht ohne Beihülfe von Inſtrumenten heller und eindrucksvoller, als wenn er entſtellt und unnatürlich aus einem Sprachrohre heraustönt. Jedenfalls wurden des Vice⸗ admirals Worte ſogar auf dem unteren Deck und von den Leuten nahe bei den Lucken vernommen. Ein Dutzend Stimmen faßten ſie auf und wiederholten ſie mit den Beiſätzen:„Aufgeſchaut, ihr Jungen; Sir Jarvy iſt wach!“„Eure Kanonen bereit gehalten!“ „Wartet, bis er winkelrecht ſteht!“ und anderen ähnlichen Ermah⸗ nungen, wie ſie der Seeoffizier beim Beginne eines Kampfes faſt immer zu geben pflegt. In dieſem entſcheidenden Augenblicke ſchaute Sir Gervaiſe abermals aufwärts und erblickte wieder die kleine Flagge, während ſie gerade in eine ungeheure Rauchwolke eintauchte: er ſah das Schiff dem ſeinen dwars gegenüber und ſeine Kraft gleichſam ver⸗ doppelnd, rief er das einzige Wort: „Feuer!“ Greenly ſtand auf der Unterdecksleiter und hatte den Kopf eben an die Rahmen der Lucken angedrückt, als dieſer Befehl ſein Ohr erreichte; er wiederholte ihn augenblicklich mit kaum minder furchtbarer Stimme. Die Wolke auf der Backbordſeite wurde wie der Dunſt, wel⸗ chen der Wind zerſtreut, nach allen Seiten auseinander geriſſen. Das Schiff ſchien in Flammen zu ſtehen und die Geſchoſſe von einundvierzig Kanonen flogen ſo zu ſagen mit einem einzigen Blitz⸗ ſtrahl auf ihrem tödtlichen Pfade dahin. Der alte Plantagenet erzitterte bis in den Kiel hinab und beg ſich ſogar etwas unter den Rückſtößen der Geſchütze, hob ſich jedoch augenblicklich wieder wie Einer, der plötzlich von einer Laſt befreit wird, und zog raſch wie zuvor, ſeines Weges weiter. Dieſe zeitige volle Lage rettete das Schiff des brittiſchen Ober⸗ 4* 599 admirals vor einer frühen Niederlage. Die Mannſchaft des Pluto⸗ ſeines neuen Gegners, war überraſcht, da ſie bis jetzt noch gar nicht im Stande geweſen war, die Stellung ihres Feindes genau zu erkennen; neben dem, daß Schiff und Leute durch die furcht⸗ barſte Verheerung gelitten hatten, wurden Letztere auch noch im ungünſtigſten Momente zum Feuern verleitet. So unſicher und haſtig war in der That die Salve, womit das franzöſiſche Schiff den Gruß des Feindes erwiederte, daß kein kleiner Theil des Inhalts ihrer Kanonen den Leuten auf dem Plantagenet über die Köpfe wegſauste und an der Backbordſeite des Temeraire einſchlug, der zunächſt vor dem franzöſiſchen Admiralſchiffe ſtand. „Das war eine zeitgemäße Begrüßung,“ ſagte Sir Gervaiſe lächelnd, ſobald das Feuer ſeines neuen Feindes ohne weſentlichen Schaden vorübergegangen war.„Der erſte Schlag iſt immer ſchon die halbe Schlacht. Jetzt können wir wohl mit einiger Hoffnung auf Erfolg weiter fortfahren. Aha! da kommt Greenly wieder— Gott ſey Dank, er wenigſtens iſt unverletzt!“ Das Wiederſehen dieſer beiden erfahrenen Seemänner war herzlich, aber von tiefem Ernſte begleitet. Beide fühlten, daß nicht nur die Lage ihres Schiffes, ſondern auch die der ganzen Flotte ausnehmend kritiſch wurde, da die Uebermacht des Feindes zu groß und ſeine Stellung zu günſtig war, um nicht den endlichen Ausgang äußerſt zweifelhaft zu machen. Bis jetzt hatte man allerdings einigen Vortheil errungen, aber es war nur wenig Hoffnung vorhanden, daß man ihn lange würde behaupten können. Die Umſtände forderten jedenfalls höchſt entſchiedene und vor Allem äußerſt kühne Maßregeln. „Ich bin entſchloſſen, Greenly,“ bemerkte der Viceadmiral. „Wir müſſen uns einem dieſer beiden Schiffe an Bord legen und die Sache Mann gegen Mann ausfechten. Wir wollen den fran⸗ zöſiſchen Oberkommandanten nehmen; er muß nach der Art, wie ſein Feuer nachläßt, ſchon ziemlich ſchlimm zugerichtet ſeyn und wenn wir ihn wegnehmen oder auch nur aus der Linie drängen 600 können, ſo wird es uns den andern gegenüber in eine beſſere Lage verſetzen. Was Bluewater betrifft, ſo weiß Gott allein, was aus ihm geworden ſeyn mag! Jedenfalls iſt er nicht hier und ſo müſſen wir uns ſchon ſelber helfen!“ „Ihr habt blos zu befehlen, Sir Gervaiſe— wir werden gehorchen. Ich ſelbſt will die Enterer anführen.“ „Die Sache geht Alle an, Greenly, und ich glaube, wir werden auch Alle an Bord des Foudroyant gehen müſſen.— Geht— ertheilt die nöthigen Befehle und wenn Alles fertig iſt, dann wendet die Backbordbraſſen ein Bischen, haltet das Steuer in derſelben Richtung und macht mit dem Schiff eine volle Schwen⸗ kung gegen den Steuerbord. Das wird die Sache auf einmal zur Entſcheidung bringen. Wenn Ihr das Fockſegel fallen laßt und den Spanker einſetzt, werdet Ihr das Schiff etwas raſcher weiter bringen.“ Greenly verließ augenblicklich die Kampanje, um dieſen neuen, wichtigen Auftrag in Vollzug zu ſetzen. Er ſchickte ſeine Befehle in die Batterien hinab, hieß aber die Mannſchaft bis zum letzten Augenblicke bei ihren Kanonen bleiben und inſtruirte beſonders den Kapitän der Marinetruppen über die Art und Weiſe, wie er die Enterer anfänglich zu decken und ihnen ſodann nachzufolgen habe. Nachdem dieſes geſchehen war, gab er Befehl, die Raaen vorwärts zu braſſen, wie ihn Sir Gervaiſe angewieſen hatte. Der Leſer wird den weſentlichen Umſtand nicht überſehen haben, daß Alles, was wir bis jetzt erzählten, inmitten des Schlacht⸗ getöſes vor ſich ging. Jeden Augenblick hörte man den Donner der Kanonen: der Pulverdampf wurde ſtets dichter und breitete ſich mehr und mehr aus, Feuer blitzte durch das Halbdunkel dieſer Rauchſchichten, Kugeln zerſchmetterten das Holzwerk und zerriſſen die Tackelage und als grelles Akkompagnement in dieſer Scene der Zerſtörung hörte man den durchdringenden Schrei der Verwundeten, das Aechzen der Sterbenden, das um ſo furchtbarer erſchien, wenn man bedachte, daß es den Lippen feſter, entſchloſſener Maͤnner er⸗ 601 preßt wurde. Die Menſchen ſchienen ſich in hölliſche Geiſter ver⸗ wandelt zu haben, und dennoch beſeelte ſie Alle— was den Kampf wiederum adelte und ſogar heroiſch machte— der hohe, unerſchüt⸗ terliche Entſchluß, den Sieg zu gewinnen. Die vollen Lagen, welche nach einander die Linie entlang donnerten, während die Schiffe der franzöſiſchen Nachhut eines nach dem andern die ihnen angewieſenen Poſten einnahmen— verkün⸗ deten indeſſen, daß Monſteur des Prez Sir Gervaiſe's Lieblings⸗ methode des dichten Aufſchließens— in dieſem Falle allerdings das einzige Mittel, wodurch das vorderſte Schiff der Vernichtung entrinnen konnte— nachgeahmt hatte und daß die Engländer voll⸗ ſtändig zwiſchen zwei Feuer gebracht waren. In dieſem Augenblicke fingen die Marsgaſten an, die Braſſen auf dem Plantagenet anzuhalen. Der erſte Zug war aber auch der letzte, denn kaum waren die Taue angezogen, als die Vorſtenge über die Büge hinabſtürzte, den Hauptmaſt mit ſeiner ganzen Tackelage nach ſich zog und der Beſanmaſt wie ein Pfeifenrohr an dem Eſelshaupte abſprang. Durch dieſen ſchrecklichen Zufall— einer Folge der unzähligen Beſchädigungen an den Wandtauen, Backſtagen und Spieren— hatte ſich die Lage des Plantagenet mehr als je verſchlimmert, denn das Wrack mußte nicht nur wenigſtens theilweiſe klar gemacht werden, um einen großen Theil der Backbordkanonen in den Kampf zu bringen, ſondern die Leitung des Schiffes wurde dadurch in hohem Grade ſchwierig und dieß noch dazu inmitten des fürchterlichſten Schlachtgetümmels, das jemals einen Kampf zur See begleitet hatte. Der wahre Seemann erſcheint nie größer, als wenn er plötz⸗ lichen Unglücksfällen mit jener Standhaftigkeit und Ruhe begegnet, welche die eigentliche Moral der Disziplin dem Manne als weſent⸗ lichſtes Erforderniß einzupflanzen verlangt. Greenly war eben noch voll feuriger Kampfluſt für den nahenden Angriff und dachte dar⸗ auf, wie er auf die beſte Art über ſeinen Gegner herfallen könnte *. 60² — als dieſes Unglück plötzlich über ihn hereinbrach; doch kaum lagen die Maſten am Boden, als alle ſeine Gedanken eine neue Richtung nahmen und der Kapitän den Marsgaſten zurief: „Legt ſogleich über und macht das Wrack klar!“ Auch Sir Gervaiſe's Gedanken und Gefühle erlitten einen plötzlichen, heftigen Stoß. Er hatte ſeine Bowlderos geſammelt und ihnen über die Art und Weiſe, wie ſie ihm folgen und ſich bei dem erwarteten Handgemenge an ſeine Perſon anſchließen ſollten — Anweiſungen ertheilt, als das ſchwere Rauſchen der Luft und der Sturz der oberen Maſten ihm die Wahrheit des Ganzen ver⸗ kündete. An ſeine Leute ſich wendend, befahl er ihnen ruhig, beim Wegräumen der Trümmer behülflich zu ſeyn und war eben im Be⸗ griff, Wycherly daſſelbe Geſchäft anzuweiſen, als dieſer ausrief: „Seht, Sir Gervaiſe, da kommt noch einer von den Franz⸗ männern dicht gegen unſer Hintertheil heran. Beim Himmel, die müſſen wohl zu entern beabſichtigen!“ Der Viceadmiral faßte unwillkürlich ſeinen Degengriff feſter und drehte ſich rückwärts, wo ſein Gefährte hingedeutet hatte. Da kam in der That ein friſches Schiff, das die Rauchwolke vor ſich herwälzte und nach der klareren Atmoſphäre, von der es be⸗ gleitet ſchien, zu ſchließen— allem Anſcheine nach von einem un⸗ gewöhnlich ſcharfen Luftſtrome dahergetragen werden mußte. Als man es zuerſt erblickte, waren Klüverbaum und Bugſpriet beide in Rauch eingehüllt, aber ſein ſchwellendes Vormarsſegel und die in Gewinden aufgebundene Leinwand ſchimmerte in großartigen Umriſſen durch den Pulverdampf, und die ſchwarzen Raaen ſchienen die Wirbelſäu⸗ len nur deßhalb anzuziehen, um ſie augenblicklich wieder von ſich zu ſtoßen. Auch die Nähe des Ankömmlings erſchien furchtbar, denn ſeine Raaen⸗ arme mußten die des Plantagenet nur auf wenige Fuß klariren und ſeine dunklen Büge brausten dicht an dem Borde des Admiralſchiffs vorüber. „Das wird in der That eine furchtbare Arbeit geben!“ rief Sir Gervaiſe.„Eine friſche Breitſeite von einem ſo nahen Schiffe „ 5 603 muß vollends Alles von den Spieren herabſegen. Geht, Wyche⸗ combe— ſagt Greenly, er ſoll— Halt!— das iſt ein engliſches Schiff! Kein Franzmann ſtellt ſein Bugſpriet, wie dieſes— der allmächtige Gott ſey geprieſen! Es iſt der Cäſar— da kommt ſein altes römiſches Bruſthild eben aus dem Pulverdampfe hervor!“ Dieſe Worte wurden von einem gellenden Rufe des Entzückens begleitet und waren ſo laut geſprochen, daß ſie ſogar unten gehört wurden und ſich gleich dem Ziſchen einer aufſteigenden Rakete im Fluge über das ganze Schiff verbreiteten. Um dieſe hocherfreuliche Botſchaft noch zu beſtätigen, ließ der Fremde alsbald den Blitz und Donner ſeiner äußeren Batterien vernehmen und brachte dadurch die willkommene Gewißheit, daß der Pluto nun auch ſeinen Gegner vor ſich habe, ſo daß die Mannſchaft des Plantagenet wieder in den Stand geſetzt war, ſich mit ihrer ganzen Stärke auf die Steuerbordbat⸗ terien zu werfen und ihr eigenes dringendes Geſchäft ohne fernere Beläſtigung von Seiten des franzöſiſchen Contreadmirals fortzuſetzen. Sir Gervaiſe's Dankbarkeit gegen den Freund, der ſich mit ſeinem Schiffe zwiſchen ihn und ſeinen furchtbarſten Feind mitten hineinwarf, war zu tief gefühlt, um ſich in Worten ausdrücken zu laſſen. Mechaniſch nahm er den Hut vor's Geſicht und dankte Gott mit einer Inbrunſt, wie ſie niemals zuvor ſeine ſtummen Gebete begleitet hatte. Nachdem dieſer kurze Akt der Andacht vorüber war, ſchaute er wieder empor und gewahrte die Büge des Cäſar, welcher, um nicht zu weit vorwärts zu gerathen, nur ſehr langſam näher kam— gerade dem Punkte gegenüber, wo er ſelbſt ſtand und zwar in ſolcher Nähe, daß alle Gegenſtände vollkommen ſichtbar waren. Zwiſchen den Kardeelſtücken ſtand Bluewater und leitete das Schiff mit Hülfe der zahlreich verſammelten Offiziere; den Hut hatte er in der Hand und winkte bamit ermuthigend gegen ſeine eigenen Leute, während Geoffrey Cleveland mit dem Sprachrohre neben ihm ſtand. In dieſem Augenblicke brach die Mannſchaft der beiden be⸗ 604 freundeten Schiffe in ein dreimaliges donnerndes Hurrah aus, das ſich in das zunehmende Gebrüll der Geſchütze des Cäſar miſchte. Dann zog der Pulverdampf in einer dicken Wolke über das Vor⸗ kaſtell des letztgenannten Schiffes, ſo daß man keine Perſon mehr unterſcheiden konnte. Nichtsdeſtoweniger zog das Rettungsſchiff und mit ihm alle Schiffe der zweiten Diviſion nur langſam vorwärts, bis es die un⸗ vertheidigte Seite ſeines Gefährten beinahe mit ſeiner ganzen Länge deckte, indem es mit furchtbarer Geſchwindigkeit ſeine Flammenſtröme ausgoß. Die auf dem Plantagenet ſchienen durch die Ankunft ihrer Kameraden neubelebt und ihre Steuerbordkanonen ließen ſich wieder vernehmen, als ob ſie von Rieſen gerichtet würden. Etwa fünf Minuten nach dieſer ſo zeitgemäßen Ankunft des Cäſar verkündeten auch die Kanonen der übrigen Schiffe der eng⸗ liſchen Nachhut, daß ſie ſämmtlich den Angriff auf die Außenſeite von Monſieur des Prez's Diviſion begonnen hatten. Die beiden Flotten waren auf dieſe Art in vier Linien neben einander aufge⸗ ſtellt, welche ſämmtlich todt vor dem Winde herſteuerten und ſozu⸗ ſagen in einander verwoben zu ſeyn ſchienen. Der Rauch trieb jetzt faſt ganz ſeewärts an den Schiffen vor⸗ über und auf dem Plantagenet wie auf dem Cäſar konnte man wieder von einer Kampanje zu der andern hinüberſchauen. Da ſtanden unſere beiden Admirale abermals und jeder wartete ſehn⸗ ſüchtig auf den Augenblick, wo er den Freund vor ſich ſehen würde. Sobald ſich der Rauch ganz verzogen hatte, ſetzte Sir Gervaiſe das Sprachrohr an den Mund. „Gott ſegne Dich, Dick!“ rief er—„möge Gott Dich für immer ſegnen!— Dein Schiff kann es wohl durchführen— richte die Pinne hart Steuerbord und dann auf Monſieur des Prez losgegangen— in fünf Minuten kannſt Du ihn haben!“ Bluewater lächelte, winkte mit der Hand, gab dann einen Befehl und legte das Sprachrohr bei Seite. Zwei Minuten ſpäter ꝙ 605 drang der Cäͤſar in die Rauchſchichte auf ſeiner Backbordſeite und alsbald vernahm man das Krachen der zuſammenſtoßenden Schiffe. Unterdeſſen hatten die auf dem Plantagenet das Wrack von ſeinen Trümmern geſäubert und auch das Admiralſchiff machte jetzt eine volle Wendung, wie der Cäſar, nur in entgegengeſetzter Rich⸗ tung. Während es durch den Rauch hinzog, hörten ſeine Kanonen auf zu ſpielen und als es endlich in die freie Luft hervortauchte, ſah man den Foudroyant mit eingeſetzten Mars⸗ und Bramſegeln ſo raſch nach vorn hintreiben, daß eine Verfolgung mit den wenigen Segeln, die noch zu brauchen waren, völlig nutzlos erſchien. An Signale war nicht zu denken und ſo verwandelte dieſe Bewegung der beiden Admiralſchiffe die ganze Schlachtſcene in einen Schauplatz der unausſprechlichſten Verwirrung. Ein Schiff nach dem andern änderte ſeine Stellung und hielt mit Feuern inne, weil es nicht wußte, wo es eigentlich ſtand, ſo daß endlich dem Brüllen der Kanonade eine allgemeine Stille folgte. Man mußte nothwendig eine Zeit lang pauſiren, um den Rauch ſich verziehen zu laſſen. Es bedurfte nur weniger Minuten, um auf's Neue den Vor⸗ hang von beiden Flotten aufzuziehen. Sobald das Feuern aufgehört hatte, verſtärkte ſich der Wind: der Pulverdampf wurde in einer ungeheuern, wirbelnden Wolke leewärts getrieben und ſchien ſich von ſelbſt zu zertheilen und in die Luft zu verſchwimmen. Dann erſt konnte man einen Ueberblick über die gräuliche Zerſtörung ge⸗ winnen, welche dieſer kurze Kampf herbeigeführt hatte. Die beiden Geſchwader waren unter einander gemiſcht und Sir Gervaiſe bedurfte einiger Zeit, um einen klaren Begriff von dem Zuſtande ſeiner eigenen Schiffe zu bekommen. Im Allgemeinen konnte man ſagen— die Schiffe zogen aus einander, denn die Franzoſen ſteuerten gegen ihre eigene Küſte und die Engländer ließen ſich von dem Winde meiſtens gegen Backbord treiben oder hatten ſich mit dem Gallion England zugewendet. Der Caͤſar und der Pluto hingen noch immer an einander; 606 doch wehte die Contreadmiralsflagge an dem Beſanmaſte des Er⸗ ſteren, während die Wimpel, welche noch kürzlich an der Ober⸗ bramraa des Anderen geflattert hatte, mit einem Male verſchwunden war. Der Achilles unter Lord Morganie ſtand noch immer zwiſchen den franzöſiſchen Schiffen, obwohl weiter leewärts als jeder ſeiner Kameraden. Nicht eine einzige Spiere war auf dem ganzen Schiffe ſtehen geblieben. Seine Flaggen wehten übrigens noch und der Thunderer und der Dublin näherten ſich ihm raſch und in ziemlich guter Ordnung, um ihren zuſammengeſchoſſenen Gefährten zu decken: doch ſchien auch das nächſte franzöſiſche Schiff weit mehr darauf bedacht, aus dem Schlachtgewirre zu entkommen und ſeine eigene Linie wieder zu erreichen, als einen bereits gewonnenen Vortheil weiter zu verfolgen. Der Temeraire war, was ſeine Spieren betraf, in demſelben Zuſtande, wie der Achilles; nur hatte ſein Rumpf weit mehr Noth gelitten und überdieß zählte er dreimal ſo viel Todte, als jener. Er hatte mannhaft gegen den Warſpite geſtritten, mußte aber ſeine Flagge ſtreichen und die engliſchen Boote waren bereits längs ſeiner Büge ſichtbar. Der Foudroyant, dem ein volles Drittheil ſeiner Mannſchaft kampfunfähig geworden war, lief mit vollen Segeln leewärts und bedeutete ſeinen Gefährten durch Signale, daß ſie ſich wieder um ihn verſammeln ſollten; doch in weniger als zehn Minuten, nachdem er wieder ſichtbar geworden, war ſein Haupt⸗ und Beſanmaſt gleichfalls über Bord geſtürzt. Der Blenheim hatte gleich dem Plantagenet alle ſeine Mars⸗ ſtengen verloren und die Eliſabeth, wie auch der York waren beide ohne Beſanmaſt, obwohl ſie nur ganz kurze Zeit an dem Kampfe Theil genommen hatten. Von den tieferen Raaen waren mehrere entweder abgeſchoſſen oder ſo beſchädigt, daß ſämmtliche Schiffe genöthigt waren, ihre Segel zu verkürzen, da dieſes Unglück beide Flotten gleichermaßen betroffen hatte. Was endlich den Schaden betrifft, welchen das ſtehende und laufende Takelwerk ſowie die Segel erlitten hatten, ſo brauchen wir — 607 blos zu ſagen, daß ganze Wände, Back⸗ und Vorſtags, Braſſen, Bolinien und Topenants nach allen Richtungen herumbaumelten, während die Leinwand, welche loſe herabhing, alle möglichen Arten von Riſſen zeigte, von demjenigen, der wie ein Zeug in Kaufmanns⸗ händen zertrennt worden war, bis zu den kleinen ‚Augenlöchern’ der Musketen⸗ und Kartätſchenkugeln. Nach den ſpäteren Berichten der beiden Theile ſtellte ſich her⸗ aus, daß ſich die Zahl der in dieſem kurzen, aber furchtbaren Kampfe Getödteten und Verwundeten auf Seiten der Engländer— die Offiziere mit eingeſchloſſen— auf ſiebenhundert und dreiund⸗ ſechzig, auf Seiten der Franzoſen dagegen auf eintauſend vierhun⸗ dert und zwoͤlf belief. Die Ungleichheit gegenüber von den Letz⸗ teren würde wahrſcheinlich noch groͤßer geweſen ſeyn, wenn es nicht Monſieur des Prez gelungen wäre, ſeine Feinde eine Zeit lang zwiſchen zwei Feuer zu bringen. Wir brauchen nur noch Weniges zur Erklärung derjenigen Theile dieſer Schlacht beizufügen, welche bis jetzt noch nicht aus⸗ führlich erzählt worden. Monſieur des Prez hatte im Beginne der Schlacht auf die ſchon oben erwähnte Weiſe manövrirt, in der Hoffnung, Sir Ger⸗ vaiſe dadurch gegen die Diviſion des Grafen von Vervillin heran⸗ locken zu können: kaum ſah er Erſteren tüchtig in Rauch eingehüllt, als er kurz herumwendete und ſich in der ſchon beſchriebenen Weiſe dem Kampfe anſchloß. Bei dieſem Anblick hatte Bluewater's An⸗ hänglichkeit an die Stuarts alle Macht über ihn verloren. Er ließ unverzüglich das allgemeine Schlachtſignal aufſtecken, und Alles, was den Cäſar weiter bringen konnte, beiſetzen; ſo flog er ſeinem Freunde zur Hülfe, den er auch noch zeitig genug erreichte, um ſeine Errettung zu bewirken. Die anderen Schiffe waren ihm ge⸗ folgt und hatten ihre Gegner von außen angegriffen, da es ihnen an Raum gebrach, um ihrem Führer nachahmen zu können. Außer dem Temeraire und dem Pluto hätten wenigſtens 608 noch zwei weitere franzöſtſche Schiffe der Liſte der engliſchen Priſen beigefügt werden können, wenn man den wirklichen Zuſtand der Flotte gekannt haͤtte. In ſolchen Augenblicken ſieht und fühlt aber der Kämpfende ſeine eigenen Verletzungen, während er die ſeiner Feinde großentheils blos errathen muß, und die Engländer waren zu ſehr mit den nöͤthigen Anſtalten zur Rettung ihrer noch übrigen Maſten beſchäftigt, als daß ſie ſich noch einer weiteren Gefahr ausſetzen mochten, um einen ſchon ſo beträchtlichen Vor⸗ theil noch weiter zu verfolgen. Zwiſchen dem Thunderer und Dublin und dem Ajax, Dugay Trouin und Hektor wurden noch einige ferne Salven gewechſelt, bis es den beiden erſteren gelang, Lord Morganie aus ſeiner ſchlim⸗ men Lage herauszureißen. Doch hatte dieß keine anderen weſent⸗ lichen Folgen, als daß einige Spieren, die ſchon vorher beſchädigt genug geweſen waren, noch mehr zuſammengeſchoſſen und weitere fünfzehn bis zwanzig Menſchen höchſt nutzlos getödtet oder verwundet wurden. Sobald der Viceadmiral ſah, was dieſe neue Epiſode wahr⸗ ſcheinlich zur Folge haben würde, befahl er Kapitän O'Neill vom Dublin— einem Offizier von ‚heißem Temperament', wie der Krieger von Waterloo ſich ſelbſt nannte— durch Signale, daß der Kampf eingeſtellt werden ſollte. Die Befolgung dieſes Befehls machte ſofort der Schlacht ein Ende. Der Leſer wird ſich erinnern, daß der Wind beim Beginne des Kampfes aus Nordweſten geblaſen hatte. Die Kanonade hatte ihn beinahe ‚todt gemacht', wie die Seeleute es nennen: in dem Grade aber, wie die Erſchütterungen durch das Geſchütz allmäͤhlig abnahmen, hatte er ſich auch von Neuem belebt. Das Vorſchreiten des Tags, zuſammen genommen mit den neuen Luftſtrömungen, welche die leeren Räume, die durch das Verbrennen von ſo viel Pulver entſtanden waren, ausfüllen wollten, hatte ein plötzliches Umſpringen des Windes zur Folge, denn bald nach Beendigung des Kampfes verſpürte man eine ſtarke Briſe aus Oſten. —— 609 Dieſer unerwartete Wechſel in der Richtung und Stärke des Windes koſtete den Thunderer ſeinen Fockmaſt und verurſachte noch allerlei Schaden auf den verſchiedenen Schiffen. Dennoch gelang es den Engländern durch ihre emſige Thätigkeit, ſo wie durch die ſorgſame Lenkung ihrer Schiffe, dieſe ſämmtlich mit dem Gallion nordwärts zu wenden, während die Franzoſen auf der andern Seite füllten und das Steuer nahe zu ſidöſtlich gerichtet, frei dahin liefen, um ſobald als möglich den Hafen von Breſt zu erreichen. Die Letzteren litten durch die eben erwähnte Aenderung weit mehr als ihre Feinde und als ſie endlich den Hafen erreichten— was mit Ausnahme eines Einzigen am folgenden Tage Allen gelang— konnten nicht weniger als drei Fahrzeuge, ſtatt aller Maſten und Spieren— nichts mehr als das Bugſpriet aufweiſen. Dieſe Ausnahme machte der Cato, welchen Monſieur de Ver⸗ villin wegen ſeiner ſchweren Beſchädigung im Laufe des Nachmit⸗ tags anzünden und abbrennen ließ, ſo daß dieſer Offizier von zwölf ſtattlichen Zweideckern, mit denen er zwei Tage früher von Cherbourg ausgelaufen war, nur noch ſieben in den Hafen von Breſt zurückbrachte. Auch bei den Engländern fehlte es nicht an mancherlei Ver⸗ legenheiten. Der Warſpite hatte zwar den Temeraire zum Flaggen⸗ ſtreichen gezwungen, konnte ſich aber gleichwohl ſelbſt nur mit großer Mühe flott erhalten und dieſes nicht einmal, ohne den Beiſtand der übrigen Schiffe in bedeutendem Grade in Anſpruch zu nehmen. Doch wurden die Lecks endlich wirkſam verſtopft und das Schiff ſo⸗ dann der Sorgfalt ſeiner eigenen Mannſchaft überlaſſen. Andere Schiffe hatten natürlich auch gelitten; doch war keines von den übrigen ſo ſehr in Gefahr wie das letztgenannte. Die erſte Stunde nach Beendigung des Kampfes war für un⸗ ſeren Admiral eine Stunde großer Thätigkeit und Beſorgniß. Die Chloe wurde durch Signale neben den Plantagenet gerufen, worauf der Admiral, von Wycherly und ſeinen eigenen Quartiermeiſtern, ferner von Galleygo, der ohne Befehl mitging, und von den Bowl⸗ Die beiden Admirale: 2. Aufl. 39 deros, welche noch unverletzt waren, begleitet— ſeine Flagge auf dieſer Fregatte aufhißte. Sodann begann er unverzüglich von einem Schiff zum andern zu ſteuern, um ſich von dem wirklichen Zuſtande ſeiner Flotte zu überzeugen. Der Achilles hielt ihn längere Zeit auf und er befand ſich noch in deſſen Nähe, nur etwas leewärts von demſelben, als der oben berührte Umſprung in dem Winde eintrat, wodurch er bei der jetzigen Lage der Dinge windwärts gelangen mußte. Dieſen Vortheil benützte der Admiral und drängte die ver⸗ ſchiedenen Schiffe ſo ſchnell als möglich vorwärts, ſo daß, noch ehe die Sonne ihre Mittagshöhe erreicht hatte, ſämmtliche engliſchen Schiffe mit vollen Segeln nach dem Lande unterwegs waren, in der Abſicht, den Hafen von Plymouth, oder wenn dieß nicht anginge, den nächſten, beſten Ankerplatz leewärts davon zu erreichen. Doch geſchah, wie ſich von ſelbſt verſteht, das Vorrücken der Flotte vergleichungs⸗ weiſe nur langſam, ſo daß ungefähr fünf Knoten in der Minute zurück⸗ gelegt wurden, wobei man den Wind noch beſtens zu benützen ſuchte. Der Quartiermeiſter der Chloe hatte ſo eben den Stand der Sonne gemeſſen, um darnach die Breite zu beſtimmen, als der Viceadmiral an Kapitän Denham den Befehl ertheilte, die Bram⸗ ſegel einzuſetzen und ſich dem Cäſar auf Anrufweite zu nähern. Letzterer hatte ſich eine halbe Stunde nach dem Aufhören des Kampfes von dem Pluto frei gemacht und ſteuerte nun unter ſeinen drei Marsſegeln an der Spitze der Flotte. Nach oben hatte er ver⸗ gleichungsweiſe nur wenig gelitten; dagegen aber wußte Sir Ger⸗ vaiſe, daß das Entern eines Schiffes, wie das von Monſieur des Prez, einen ſtarken Verluſt an Menſchen herbeigeführt haben mußte. Er ſehnte ſich ſehr, ſeinen Freund zu ſehen, die Art und Weiſe zu vernehmen, wie er ſeinen Sieg errungen hatte und— ſo müſſen wir noch hinzufügen— Bluewatern ſeine Vorwürfe über ein Be⸗ nehmen zu machen, das Letzteren an den Rand eines ſo höchſt ge⸗ fährlichen Abgrundes geführt hatte. ————— nu 6i u— ⸗ N ‿ NR—— N — 611 Die Chloe ſetzte eine halbe Stunde lang ihren Lauf durch die Flotte fort, welche jetzt ziemlich weit auseinander war und ohne Rückſicht auf eine ſtrenge Segellinie dahin ſteuerte. Auch hatte Sir Gervaiſe im Vorbeifahren manche Fragen an die verſchiedenen Schiffs⸗ kommandanten zu richten. Endlich hatte die Fregatte den Teme⸗ raire eingeholt, welcher dem Cäſar unter leichten Segeln folgte. Als die Chloe dwarsab herankam, erſchien Siy Gervaiſe auf der Laufplanke der Fregatte; den Hut in der Hand ſchickte er ſich an, in einem Accent, der zwar verſtändlich war, wenn er auch die ſtrenge Probe der Kritik nicht auf's Beſte beſtanden haben würde — an den Feind einige Fragen zu richten. „Le Vice-Amiral Oakes demande, comment se porte le Contre-Amiral, le Vicomte des Prez?“* Ein kleiner ältlicher Mann, ausnehmend ſorgfältig gekleidet und mit gepudertem Haar, erſchien feſten Schrittes und mit voll⸗ kommen gefaßter Miene am Rande der Kampanje des Temeraire, das Sprachrohr in der Hand. „Le Vicomte des Prez remercie bien Monsieur le Chevalier Oakes et désire vivement savoir, comment se porte Monsieur le Vice-Amiral?“** Gegenſeitiges Schwenken der Sprachröhre diente als Antwort auf dieſe Fragen; dann fuhr Sir Gervaiſe, nachdem er einen Au⸗ genblick lang ſein Franzöſiſch gemuſtert, von Neuem fort: „J'éspère voir Monsieur le Contre-Amiral à diner, à cinq heures précises.“*** Der Vicomte lächelte über dieſen charakteriſtiſchen Beweis von Wohlwollen und Artigkeit; er ſchwieg eine Weile, um einen Aus⸗ * Viceadmiral Oakes fragt, wie ſich der Contreadmiral, Vicomte des Prez, befinde. er Der Vicomte des Prez ſagt dem Chevalier Oakes ſeinen verbindlichſten Dank und ſehnt ſich lebhaft zu wiſſen, wie ſich der Herr Viceadmiral befindet. err Ich hoffe, den Herrn Contreadmiral präcis fünf Uhr an meiner Mit⸗ tagstafel zu ſehen. D. U. 612 druck zu ſuchen, der das Unfreundliche einer abſchlägigen Antwort mildern und zugleich ſeinen Dank für den Beweggrund der Einla⸗ dung bezeichnen ſollte: endlich rief er: „Veuillez bien recevoir nes exeuses pour aujourd'hui, Monsieur le Chevalier. Nous n'avons pas encore digéré le repas si noble, recu de vos mains comme déjeùner.“* Die Chloe fuhr jetzt eben an dem feindlichen Vordertheil vor⸗ über und ſo beſchloſſen einige Verbeugungen die kurze Unterredung. Unſern Admiral hatte ſein franzöſiſch im Stich gelaſſen, denn — war es die raſche, zierliche Ausſprache des Franzoſen,— war es das Sprachrohr oder die Wendung ſeines Ausdrucks— ſo viel iſt gewiß: er hatte die Abſicht des Contre-Amiral nicht verſtanden. „Was ſagt er, Wychecombe?“ fragte er den jungen Mann eifrig.„Wird er kommen oder nicht?“ „Auf mein Wort, Sir Gervaiſe, das Franzöſiſche iſt für mich eine verſtegelte Sprache. Gefangener bin ich noch nie geweſen und ſo habe ich auch noch nie Gelegenheit gehabt, die Sprache zu erlernen. So viel ich verſtehen konnte, wolltet Ihr ihn zum Mittageſſen einladen; nach ſeiner Miene aber moͤchte ich faſt glauben, er wollte Euch ſagen, daß er ſich für dieſe Unterhaltung nicht in der beſten Laune befinde.“ „Pah! wir würden ihn ſchon in gute Laune verſetzt haben und Bluewater hätte mit ihm in ſeiner eigenen Sprache geſprochen, ſo geläufig man es nur verlangen kann.— Wir wollen dicht an des Cäſars Leeſeite anſchließen, Denham: bei einer Gelegenheit, wie dieſe, braucht Ihr auf den Rang keine Rückſicht zu nehmen. Es iſt jetzt übrigens Zeit, die Bramraafallen laufen zu laſſen; auch werdet Ihr Eure Marsſegel anhalen müſſen, ſonſt ſchießen wir an ihm vorüber. Bluewater mag es als ein Kompliment für ſeine * Ich bitte, der Herr Chevalier möge uns für heute gütigſt entſchuldigen. Wir haben das edle Mahl noch nicht ganz verdaut, das uns zum Frühſtück von ſeinen Händen dargereicht worden.. D. U. 613 Tapferkeit hinnehmen, mit der er ein ſo ſchönes Schiff auf ſo hübſche Weiſe eroberte.“. Mehrere Minuten verſtrichen nun unter erwartungsvollem Schweigen. Die Fregatte näherte ſich mit fortwährend vermin⸗ derter Schnelligkeit dem größeren Schiffe, indem ſie gleichſam Fuß um Fuß nach vorn gegen daſſelbe aufrückte. Sir Gervaiſe ſtellte ſich auf eine der Quarterdeckskanonen und ſtützte ſich dabei gegen die Hängmattentücher: in dieſer Stellung erwartete er den Gruß des Freundes, den er ſchon ſo lange mit ihm auszutauſchen gewöhnt war und fühlte ſich bereit, ihn gerade ebenſo herzlich zu erwiedern, als ob unterdeſſen nichts vorgefallen wäre, was die Harmonie ihrer Seelen hätte ſtören können. Der einzige Blick ſeines Auges, ſein Winken mit dem Hute und die edle Entſchloſſenheit, womit ſich Bluewater zwiſchen ihn und ſeinen ge⸗ fährlichſten Feind geworfen hatte— dieß Alles war ihm noch immer im Geiſte gegenwärtig und ſtimmte ihn mehr als je zu den freund⸗ lichſten Gefühlen, deren ſeine Natur fähig war. Als die Chloe langſam gegen den Cäſar herankam, ſtand Stowel bereits auf der Kampanje ſeines Schiffes und nahm aus Ehrerbietung gegen den kommandirenden Admiral ſeinen Hut ab. Sir Gervaiſe hatte ſich aus Zartgefühl zum Grundſatz ge⸗ macht, ſich auf dem Schiffe eines untergeordneten Flaggenoffiziers nie weiter in die inneren Angelegenheiten zu miſchen, als der Dienſt unerläßlich gebot. Demgemäß war auch ſein Verkehr mit dem Kapitän des Cäſar gewöhnlich nur ſehr allgemeiner Natur ge⸗ weſen und mündliche Befehle, tadelnde Bemerkungen waren ſtets ſorgfältig vermieden worden. Dieſer Umſtand machte den komman⸗ direnden Admiral mehr als jeden andern zu Stowel's Liebling, denn Letzterer konnte dabei auf ſeinem eigenen Schiff ganz ſeinen eigenen Weg gehen, da dem Contreadmiral alle dieſe Dinge viel zu gleich⸗ gültig waren, als daß er ſich damit hätte befaſſen mögen. „Wie geht's Euch, Stowel?“ rief Sir Gervaiſe herzlich zu 614 dieſem hinüber.„Ich bin ſehr erfreut, Euch auf Euren Beinen zu ſehen, und hoffe, der alte Römer wird wegen der Behandlung, die er am heutigen Tage erfahren, gerade nicht viel ſchlimmer daran ſeyn.“ „Ich danke Euch, Sir Gervaiſe— wir ſind beide noch ſlott, obwohl wir eine warme Zeit durchgemacht haben. Das Schiff iſt freilich beſchädigt, Sir, wie Ihr Euch wohl denken könnt, und obgleich es ſo tapfer aushält und ſo aufrecht einhergeht, ſo iſt doch dieſer unſer Fockmaſt z. B. um nichts beſſer als eine ver⸗ lorene Spiere. Ein Zweiunddreißigpfünder ging ihm ungefähr zehn Fuß über dem Verdeck gerade durch's Herz— ein Achtzehn⸗ pfünder durch die Backen und eine Kettenkugel traf in einen von den Maſtenbügeln. Ein Maſt, der ſo viele Löcher hat wie dieſer, kann wohl nicht mehr ſehr hoch angeſchlagen werden, Sir!“ „Geht zärtlich mit ihm um, mein alter Freund und verſchont ihn mit Segeln; in Plymouth ſetzen ſie Euch in einer Woche alles wieder zurecht. Maſtenbügel ſind ja zu haben, man darf nur dar⸗ nach fragen, und was die Löcher im Herzen betrifft— nun, mancher arme Teufel hat ſchon welche gehabt und iſt doch mit dem Leben davon gekommen. Ihr ſelbſt ſeyd ein lebendiges Beiſpiel meiner Behauptung: Mrs. Stowel hat Euch in dieſer Beziehung gewiß nicht geſchont, darauf will ich wetten!“ „Mrs. Stowel kommandirt am Lande, Sir Gervaiſe, und ich kommandire zur See; auf dieſe Art erhalten wir Ruhe auf dem Schiffe und Ruhe im Haus— Euch ſchönſtens zu danken, Sir; ich bemühe mich überhaupt, auf der See ſo ſelten als möglich an ſie zu denken.“ „Ja, ſo macht' ihr's immer— ihr verliebten Ehemänner— immer ſchämt ihr euch eurer eigenen zarten Empfindungen.— Was iſt aber aus Bluewater geworden?— Weiß er wohl, daß wir in ſeiner Nähe ſind?“ Stowel ſchaute ſich um, warf ſeine Blicke nach den Segeln — RNA—* 1ö .3Z 1 8 8 ð&ᷣ— — 615 empor und ſpielte mit ſeinem Degengriffe. Das raſche Auge des Kommandirenden entdeckte augenblicklich ſeine Verlegenheit und mit Gedankenſchnelle erkundigte er ſich, was vorgefallen ſey. „Nun, Sir Gervaiſe— Ihr wißt, wie es mit manchen Admiralen geht, wenn ſie in Allem ihre Hände haben wollen. Ich ſagte unſerem geliebten und verehrten Freund, daß er mit dem Entern nichts zu ſchaffen habe; wenn einer von uns mit gehen müſſe, ſo ſey ich der rechte Mann dazu— übrigens hätten wir Beide eigentlich auf dem Schiff zu verbleiben. Er ſprach aber etwas von verlorener Ehre und verletzter Pflicht— und Ihr wißt ſelbſt, Sir, was er für Beine hat, wenn er ſie einmal gebrauchen will! Eben ſo gut könnte man verſuchen, einen Deſerteur durch ein Halloh anzuhalten— weg war er mit dem erſten Haufen, den Degen in der Hand— ein Anblick, den ich nie zuvor gehabt und nie wieder zu haben wünſche!— So ſeht Ihr nun ſelbſt, wie es ſteht, Sir.“ 8 Der Kommandirende preßte die Lippen zuſammen, bis ſeine Züge und ſogar ſeine ganze Geſtalt ein Bild verzweifelter Entſchloſſenheit darboten; ſein Geſicht war bleich wie der Tod und die Muskeln ſeines Mundes zuckten trotz aller phyſiſchen Selbſtbeherrſchung. „Ich verſtehe Euch, Sir,“ ſprach er mit einer Stimme, welche aus der innerſten Tiefe ſeiner Bruſt zu kommen ſchien;„Ihr wollt ſagen: Admiral Bluewater iſt gefallen.“ „Nein, Gott ſey Dank! Sir Gervaiſe, nicht ganz ſo ſchlimm; obwohl ſchwer verletzt— ja, in der That, ſehr ſchwer verletzt!“ Sir Gervaiſe Oakes ſtöhnte ſchmerzlich und begrub einige Minuten lang ſein Haupt in die Hängmattentücher, um ſein Ge⸗ ſicht vor dem Anblicke der Menſchen zu verhüllen. „Zieht Eure Marsſegel an die Maſtenhäupter, Kapitän Stowel,“ ſprach er endlich mit feſter Stimme und richtete ſich wieder ſtolz empor—„und wendet Euer Schiff herüber. Ich will zu Euch an Bord kommen.“ 1 616 Denham erhielt Befehl, Raum zu nehmen, worauf ſich die Chloe auf der einen, und der Cäſar auf der andern Seite in den Wind begab. Dieß war zwar gegen die Regel, da es die Ent⸗ fernung zwiſchen beiden Schiffen vergrößerte; aber der Viceadmiral konnte in ſeiner Ungeduld kaum erwarten, bis er in ſeine Barke gelangte. In zehn Minuten ſtieg er am Cäſar empor und zwei Minuten ſpäter befand er ſich in Bluewaters Hauptkajüte. Geoffrey Cleveland ſaß neben dem Tiſch und hatte das Geſicht in ſeine Hände begraben. Der Viceadmiral berührte ihn an der Schulter— der Knabe richtete ſein Haupt empor und zeigte ein Geſicht, das in Thränen ſchwamm. „Wie ſteht's mit ihm, Knabe?“ fragte Sir Gervaiſe leiſe. „Geben die Aerzte noch einige Hoffnung?“ Der Kadett ſchüttelte den Kopf und verbarg dann ſein Geſicht abermals zwiſchen den Händen, als ob die Frage ſeinen Schmerz erneuert hätte. 3 In dieſem Augenblicke trat der Schiffswundarzt aus des Contre⸗ admirals Staatszimmer und folgte dem Viceadmiral in die Hinter⸗ kajüte, wo Beide eine lange Unterredung mit einander hielten. Minute um Minute verſtrich und der Cäſar und die Chloe lagen noch immer mit backgelegten Marsſegeln neben einander. Enlich nach einer halben Stunde vierte Denham rund herum und brachte das Gallion ſeiner Fregatte in die geeignete Richtung. Ein Schiff nach dem andern zog vorüber und ſteuerte nordwärts, ſo ſchnell der beſchädigte Zuſtand der Flotte es erlaubte und noch immer ſah man auf dem Cäſar kein Zeichen der Bewegung. Zwei Segel waren an dem ſüdlichen Horizonte aufgetaucht: auch ſie näherten ſich und zogen vorüber, ohne den Viceadmiral auf's Verdeck herauf zu bringen. Dieſe Schiffe waren, wie ſich zeigte, der Carnatic und deſſen Priſe, der Scipio, welch' Letzterer von Kapitän Parker aufgefangen und mit geringer Mühe erobert worden war. Der Umſtand, daß f — 617 Monſieur de Vervillin ſüdweſtlich ſteuerte, hatte den beiden Schiffen die Paſſage vollkommen offen gelaſſen: ſte kamen denn auch mit dem beſten Wind und in beträchtlicher Geſchwindigkeit näher. Man hatte die Nachricht in die Kajüte des Cäſars gemeldet, doch war weder eine Perſon noch eine Antwort darauf erſchienen. Endlich, als Alles vorübergezogen war, kehrte die Barke nach der Chloe zurück. Sie brachte aber blos ein Billet, und kaum hatte Wycherly es geleſen, als er den Bowldero's und Galleygo ihm zu folgen befahl, ſämmtliches Gepäck des Viceadmirals in das Boot bringen ließ, die Flagge abnahm und ſich von Denham ver⸗ abſchiedete. Sobald das Boot von der Fregatte befreit war, eilte die Letztere mit vollen Segeln hinter der Flotte drein, um ihren gewöhnlichen Dienſt als Ausguck⸗ und Signalſchiff wieder anzutreten. Sobald Wycherly den Cäſar erreicht hatte, wurde des Vice⸗ admirals Barke von dieſem Schiffe eingehißt. Sir Gervaiſe wurde, was bis jetzt geſchehen war, gemeldet und alsbald gelangte ein Befehl auf das Deck, der Alle auf der Flotte in das höchſte Erſtaunen verſetzte. Sir Gervaiſe Oakes' rothe Flagge wurde an dem Top der Voroberbramſtenge des Cäſar aufgehißt, während die weiße Wimpel des Contreadmirals noch immer an dem Beſanmaſte flatterte. Etwas Aehnliches hatte man noch nie zuvor erlebt, wenn es überhaupt je ſchon erlebt worden war, und bis zu der Zeit, da der Cäſar ſpäter aus den Seeliſten verſchwand, blieb er fortwährend als das ddoppelte Flaggenſchiff“ bekannt. 618 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Sprach's— und Geraldinens Feengeſtalt Bezaubernd auf Leinwand erglühte: 6 Im Fluge der emſige Pinſel ſie malt, Und der Perle Weiß mit dem Purpur bald Vereint ſich in herrlicher Blüthe. Alſton. Wir müſſen den Leſer nunmehr um Erlaubniß bitten, die Scene um volle achtundvierzig Stunden weiter rücken zu dürfen;— eine Freiheit, welche wir uns, wie man Gerechtigkeits halber zugeſtehen wird, bis jetzt nicht allzuoft mit den poetiſchen Einheiten genommen haben. Auch den Schauplatz unſerer Erzählung müſſen wir wieder zu dem bereits beſchriebenen Flecken Wychecombe mit Einſchluß der Landſpitze, des Stationshäuschens, der Rhede und der verſchiedenen Fernſichten auf Land und Meer— zurückverlegen. Die ſommerliche Witterung hatte ſich wieder eingeſtellt und die Wimpel der vor Anker liegenden Schiffe bewegten ſich kaum ſo viel an ihren Maſten, daß ſie gekrümmte Linien bildeten. Der größere Theil der engliſchen Flotte lag hier wieder vor Anker; doch hatte das Geſchwader mehrere Veränderungen erlitten. Der Druid war mit der Victoire nach Portsmouth geſegelt; der Driver und Active waren mit Depeſchen für die Admiralität auf dem kürzeſten Wege nach den nächſten Häfen abgegangen; der Achilles endlich, von dem Dublin an's Schlepptau genommen und dieſe beide von der Chloe bewacht, hatte ſich mit rechtwinklichen Raaen leewärts gezogen, in der Hoffnung, Falmouth zu erreichen. Der Reſt der Flotte lag vor Wychecombe vor Anker; die entmaſteten Schiffe waren erſt am heu⸗ tigen Morgen am Schlepptau in die Rhede hereingeführt worden. Der Zuſtand der Rhede zeigte ein Gemälde voll reger Leben⸗ digkeit und Thätigkeit. Auf dem Warſpite wurden Nothmaſten aufgerichtet; die unteren, ſowie die Marsragen waren herabgelaſſen, 619 um entweder gefiſcht oder durch neue erſetzt zu werden, welche man ſo eben friſch auftackelte, um ſie hernach an der Stelle der älteren aufzuhiſſen. Der Plantagenet war wieder vollkommen hergeſtellt und abermals zur Schlacht bereit; ſeine Tackelage in guter Ord⸗ nung, die Maſten geſiſcht und auch an dem Cäſar, dem Carnatic, Dover, York, der Eliſabeth und noch ein paar anderen Schiffen hätte nur ein ſehr erfahrenes Auge auf ſo kurze Entfernung ent⸗ decken können, daß ſie überhaupt in einer Action geweſen waren. Der Landungsplatz wimmelte wieder, wie früher, von Booten; Küchenaufſeher und Kadettenjungen ſuchten wieder, wie gewöhnlich, friſche Lebensmittel aufzutreiben. Einige davon kamen in der edlen Abſicht, einige Leckerbiſſen für die Verwundeten zu ſammeln; der größere Theil aber war ſpitzbübiſch genug, nur für die Bequem⸗ lichkeit der Geſunden zu ſorgen und dabei dennoch das Mitgefühl der Frauen in der Nachbarſchaft zu Gunſten der Leidenden in An⸗ ſpruch zu nehmen. Die Hauptveränderung, welche durch den jetzigen Stand der Dinge herbeigeführt worden, war übrigens auf der Signalſtation zu bemerken. Die Landſpitze glich einem Orte, nach welchem das Hauptquartier einer Armee unter den Wechſelfällen eines Feldzugs verlegt worden und ſtatt der Soldaten ſtrömten kriegeriſch aus⸗ ſehende Seemänner daſelbſt als in dem Mittelpunkte zuſammen, wo alle Meldungen erſtattet und alle Befehle eingeholt werden mußten. Als eine beſondere Eigenthümlichkeit mochte übrigens die Art und Weiſe auffallen, wie die Helden des Verdecks dieſen Ort zu beſuchen pflegten. Der Zutritt zu dem Stationshäuschen ſchien beinahe verboten oder wenigſtens nur als ſeltene Ausnahme geſtattet, während der Raſen am Fuße des Flaggenſtocks ſchon jetzt die Spuren vieler Ab⸗ und Zugehenden aufzuweiſen anfing. Dieſer beſondere Fleck war auch in der That der Mittelpunkt, der Alles an ſich zog: jeden Augenblick kamen Offiziere jeden Ranges und Alters daſelbſt an, verabſchiedeten ſich wieder eben ſo oft und in Aller Miene war 1 4 620 Aengſtlichkeit und Beſorgniß aufs deutlichſte zu leſen. Trotz des fortwährenden Ab⸗ und Zuſtrömens hatte man dennoch ſeit Auf⸗ gang der Sonne noch keinen Augenblick gezählt, wo nicht wenigſtens zehn bis zwölf— Kapitäne, Lieutenants, Maſters oder Müßiggänger — um die Bank am Fuße des Signalſtocks verſammelt geweſen waren; öfter aber hatte ihre Zahl ſogar zwanzig betragen. Etwas entfernt von der Menge und nahe am Rande der Klippe war ein großes Zelt aufgeſchlagen worden. Ein Marineſoldat ſchritt als Schildwache vor demſelben auf und nieder. Eine zweite ſtand nahe am Eingang zu dem kleinen Hofe, der vor dem Stations⸗ häuschen lag und alle Perſonen, welche ſich einem dieſer beiden Poſten näherten, wurden mit Ausnahme weniger dazu Berechtigter an den Sergeanten gewieſen, welcher die Wache kommandirte. Die Gewehre der Wachmannſchaft waren auf dem Raſen aufgepflanzt, wo auch die nicht auf den Poſten Kommandirten in der Nähe herum⸗ ſchlenderten. Dieß waren die gewöhnlichen militäriſchen Zeichen, welche bewieſen, daß Offiziere von Rang anweſend ſeyn mußten: ſte konnten auch in der That als Schlüſſel zu dem jetzigen Stande der Dinge auf der Landſpitze und in deren Nähe angeſehen werden. Admiral Bluewater lag in dem Stationshauſe, während Sir Gervaiſe Oakes das Zelt auf den Klippen einnahm. Der Erſtere war auf ſeinen eigenen dringenden Wunſch an dieſen Ort gebracht worden, wo er in Kurzem ſeiner Sterbeſtunde entgegenſah, und ſo lange noch ein Reſtchen Leben in ihm zurückbliebe, wollte ſich auch ſein Freund um keinen Preis von ihm trennen. Die beiden Flaggen wehten noch immer an den Maſtenſpitzen des Cäſar, als eine Art wehmüthiger Erinnerung an das Band, welches die beiden edlen Führer ſo lange Zeit in ihrem öffentlichen, wie in ihrem Privat⸗ leben durch die ſtarkſten Sympathien der Freundſchaft verknüpft hatte. Perſonen von Erziehung, wie Mrs. Dutton und ihre Tochter, konnten unmöglich ſo lange auf dieſer ſchönen Landſpitze wohnen, ohne daſelbſt einige dauernde Spuren ihres Geſchmackes zurückzulaſſen. ——:⅓ꝛ· ˖;— ————:·ʒ:ʒ„2ʒ,]— 621 Von dem Landhäuschen haben wir bereits geſprochen. Auch das Gärtchen, das damals im ſchönſten Blumenflore prangte, zeigte eine Zierlichkeit und eine Anmuth, wie wir ſie wohl ſchwerlich an einem ſolchen Orte erwartet hätten und ſelbſt die Fußpfade, welche ſich über den grünen Raſen hinſchlängelten, der einen großen Theil des Hochlandes bedeckte, waren mit einer gewiſſen Rückſicht auf das Maleriſche und Angenehme angelegt worden. Einer dieſer Pfade führte ſogar zu einem ländlichen Sommer⸗ hauſe— einer Art kleinen, runden Pavillons, der, wie auch der Gartenzaun, aus Schiffstrümmern erbaut war und in ſchwindlicher Höhe, aber vollkommen ſicher, auf einem Klippenvorſprunge ſtand. In der That war jetzt mit dem Betreten des Sommerhauſes ſo wenig Gefahr verknüpft, daß Wycherly während ſeines ſechsmonatlichen Aufenthalts in der Nähe der Landſpitze noch einen anderen Pfad zu einem tiefer gelegenen Punkte angelegt hatte, der jedem Blicke von oben vollkommen verborgen war; hier hatte er ſogar auf einer zweiten Felſenplatte einen ſo ſicheren Sitz angebracht, daß Mildred und ihre Mutter ihn oft zuſammen beſuchten. Während der neu⸗ lichen Abweſenheit des jungen Mannes hatte das arme Mädchen in der That manche Stunde daſelbſt zugebracht, und ſich in dieſer Einſamkeit ihrem Kummer und ihren Thränen hingegeben. Dutton wagte ſich niemals zu dieſem Sitze, denn der abſchüſſige Pfad, wenn er auch noch ſo ſorgfältig durch Taue eingefriedigt war, erforderte dennoch größere Feſtigkeit des Fußes und Stetigkeit des Kopfes, als ſeine Unmäßigkeit ihm übrig gelaſſen hatte. Ein⸗ oder zweimal hatte Wycherly die ſchüchterne Mildred vermocht, mit ihm allein eine Stunde an dieſem romantiſchen Plätzchen zuzubringen und einige ſeiner ſüßeſten Erinnerungen an dieſes feinfühlende, geiſtvolle Mädchen knüpften ſich an die offenherzigen Mittheilungen, welche hier zwiſchen Beiden Statt gefunden hatten. Auf dieſer Bank ſaß er nun auch zu der Zeit, mit welcher wir das gegenwärtige Kapitel eröffnen. Das geſchäftige Treiben 622„ auf der Landſpitze und in der Nähe des Stationshäuschens war ſo groß, daß es ihm jede Ausſicht, Mildred allein zu ſehen, benahm und ſo hatte er denn gehofft, daß auch ſie, von geheimer Sympathie, wenn nicht gar von einem noch zarteren Beweggrunde getrieben— dieſen ſo gänzlich abgeſchiedenen Ort aufſuchen würde, um wenig⸗ ſtens einen Augenblick unbewachter Einſamkeit daſelbſt zu genießen. Er hatte noch nicht lange gewartet, als er an einem ſchweren Fußtritte über ſeinem Haupte hören konnte, daß ein Mann in das Sommerhaus eintrat. Er berathſchlagte noch eben mit ſich ſelbſt, ob er jede Hoffnung, Mildred zu ſehen, aufgeben ſollte, als ſein ſcharfes Ohr ihren leichten, wohlbekannten Schritt vernahm, wäͤh⸗ rend auch ſie das Sommerhaus erreichte. „Vater, ich bin gekommen, wie Ihr gewünſcht habt,“ ſprach das arme Mädchen mit jenem Zittern in der Stimme, welches Wycherly zu gut kannte, um nicht augenblicklich Dutton's Zuſtand zu begreifen—„Admiral Bluewater ſchlummert und ſo hat mir die Mutter erlaubt, mich wegzuſtehlen.“ „Ja, Admiral Bluewater iſt gar ein großer Mann, obwohl nur wenig beſſer mehr, als eine Leiche!“ antwortete Dutton in eben ſo rau⸗ hem Tone, als ſeine Sprache gemein war.„Du und Deine Mutter, Ihr beide ſeyd lauter Aufmerkſamkeit für ihn— läge ich an ſeiner Stelle, wer von euch würde ſich wohl mit bleichen Wangen und thränenvollen Augen über mein Bette hinbeugen 24 „Wir beide, Vater! Denkt nicht— o denkt doch nicht ſo ſchlimm von Gattin und Tochter, daß Ihr eine von beiden für fähig hieltet, ihrer Pflicht zu vergeſſen!“ „Ja, Pflicht mag vielleicht ſchon etwas thun— was aber hat die Pflicht mit dieſem nutzloſen Contreadmiral zu ſchaffen?— Ich haſſe den Schuft— er war ein Mitglied jenes Kriegsgerichts, das mich kaſſirte und noch dazu derjenige, der ſich, wie man mir ſagte, am hartnäckigſten dagegen ſträubte, mi dieſem erbärm⸗ lichen Gnadenpoſten eines Maſters zu verhelfenee 1 1 f 4 ——— — 627 blickte wild um ſich.„Gott ſey Dank! ſo iſt es wenigſtens für dießmal überſtanden! Laſſen Sie uns nach Hauſe zurückkehren— Admiral Bluewater wird mich vielleicht vermiſſen.“ „Nein, Mildred— jetzt nicht. Gewiß können Sie für mich — für mich, der ich in letzter Zeit Ihretwegen— ja, durch Ihre Schuld— ſo viel gelitten habe— Sie können wohl aus Barm⸗ herzigkeit einige wenige Minuten für mich erübrigen.— War dieß der Grund— der einzige Grund, theuerſtes Mädchen, warum Sie meine Hand mit ſolcher Hartnäckigkeit zurückwieſen?“ „War es daran nicht genug, Wycherly?“ flüſterte Mildred ſo leiſe, als ob ſie fürchtete, die Luft möchte ihr Geheimniß vernehmen. „Bedenken Sie, wer Sie ſind und was ich bin! Konnte ich zugeben, daß Sie der Gatte eines Weſens werden ſollten, welchem von Ihrem eige⸗ nen Vater ſo grauſame— grauſame Vorſchläge gemacht worden waren?“ „Ich will mich nicht verſtellen, Mildred— will Ihnen meinen Abſcheu vor ſolchen Grundſätzen nicht verbergen: doch Ihre Tugen⸗ den ſtrahlen nur um ſo heller, da ſie in ſolcher Geſellſchaft auf⸗ geblüht ſind. Beantworten Sie mir nur eine einzige Frage auf⸗ richtig und jede andere Schwierigkeit kann überwunden werden— Lieben Sie mich ſo innig, Mildred, daß Sie— wären Sie eine Waiſe— meine Gattin werden möchten?“ Mildred's Antlitz zeugte von tiefer Seelenangſt: bei dieſer Frage gewann es aber einen durchaus veränderten Ausdruck. Der Augen⸗ blick war, wie die Gefühle, die er erzeugte— außergewöhnlich und ſich ſelbſt beinahe unbewußt, hob ſie die Hand, welche ihre eigene gefaßt hielt, mit einer Art ſtummer Ehrfurcht an ihre Lippen. Im nächſten Augenblicke lag ſie in des jungen Mannes Armen und fühlte ſich von ihm glühend an's Herz gedrückt. „Laßt uns gehen,“ ſprach Mildred, indem ſie ſich aus einer Umarmung los machte, welche zu unwillkührlich eingetreten und dabei zu herzlich war, als daß ſie ihr Zartgefühl hätte beunruhigen können.„Ich weiß es, Admiral Bluewater wird mich vermiſſen!“ 628 „Nein, Mildred— ſo können wir nicht ſcheiden. Gewähren Sie mir wenigſtens den ſchwachen Troſt, mir zu ſagen, ob Sie, wenn dieſes Hinderniß nicht beſtünde— wenn Sie zum Beiſpiel eine Waiſe wären— ob Sie dann die Meine ſeyn wollten?“ „O, Wycherly, wie gern— wie gern!— Doch ſprechen Sie jetzt nicht mehr— nein——“ Dießmal dauerte die Umarmung länger, war ſogar noch in⸗ niger als zuvor und Wycherly beſaß zu viel von der Kühnheit eines Seemanns, um das ſüße Mädchen aus ſeinen Armen entſchlüpfen zu laſſen, ohne einen Kuß auf ihre Lippen zu drücken. Kaum fühlte ſich aber Mildred von ſeinem warmen Drucke befreit, als ihre leichte Geſtalt auch augenblicklich verſchwunden war. Mit dieſem charakteriſtiſchen Abſchiede beſchließen wir jetzt un⸗ ſere Scene und verlegen dieſelbe in das Zelt des Viceadmirals, Sir Gervaiſe Oakes. 1 „Ihr habt Admiral Bluewater geſehen?“ fragte der Komman⸗ dirende, ſobald Magrath's Geſtalt den Eingang verdunkelte, mit dem entſchiedenen Ernſte eines Mannes, der ſelbſt das Schlimmſte zu hören gefaßt iſt.„Iſt dieß der Fall, ſo ſagt mir nur gleich, welche Hoffnung für ihn vorhanden iſt.“ „Von allen menſchlichen Leidenſchaften, Sir Jairvis,“ gab Ma⸗ 3 grath zur Antwort und ſchaute dabei auf die Seite, um dem feſten Blicke des Andern auszuweichen—„wird die Hoffnung von ver⸗ nünftigen Männern allgemein als die eitelſte und trügeriſchſte an⸗ geſehen, und— ſo muß ich noch hinzuſetzen— von allen Arten und Klaſſen von Hoffnung iſt die, welche über das Leben entſcheidet, noch vollends die allerunſicherſte. Ich denke, wir alle hoffen ein hübſches Alter zu erreichen und doch— wie Viele von uns leben gerade nur ſo lange, um ſich zuletzt enttäuſcht zu ſehen!“ Sir Gervaiſe rührte ſich nicht, bis der Arzt zu ſprechen auf⸗ hörte: dann begann er in traurigem Schweigen in ſeinem Zelte auf und ab zu gehen. Ihm war Magrath's Weiſe ſo wohl bekannt, 629 daß nun auch die letzte ſchwache Hoffnung verſchwand, die er noch immer gehegt hatte, während er ihn um ſeine Anſicht befragte— jetzt erſt wußte er gewiß, daß ſein Freund ſterben mußte. Er bedurfte ſeiner ganzen Seelenſtärke, um dieſen Schlag zu ertragen, denn einſam, kinderlos und faſt von Kindheit auf mit einander vertraut, hatten ſich dieſe beiden betagten Seemänner all⸗ mählig gewöhnt, ſich blos als die getrennten Theile eines und des⸗ ſelben Weſens zu betrachten. Magrath ſelbſt war tiefer ergriffen, als er geſtehen wollte, und machte mehrere Mal mit ſeiner Naſe ein Geräuſch, das einem Beobachter ziemlich verdächtig hätte er⸗ ſcheinen müſſen. „Wollt Ihr mir den Gefallen erweiſen, Dr. Magrath,“ be⸗ gann Sir Gervaiſe wieder mit ſanftem, bebendem Tone—„Ka⸗ pitän Greenly zu mir herein zu bitten, wenn Ihr am Flaggenſtock vorübergeht?“ 3 „Recht gerne, Sir Jairvis, und ich weiß, er wird gewiß nicht zögern, Euren Wunſch zu erfüllen.“ Es dauerte nicht lange, bis der Kapitän des Plantagenet in dem Zelte erſchien. Wie bei allen Andern, ſo ſchien auch bei ihm der neuliche Sieg keine Freude erregt zu haben. „Ich denke, Magrath wird Euch Alles geſagt haben,“ ſagte der Viceadmiral, und drückte dem Andern die Hand. „Es iſt keine Hoffnung mehr, Sir Gervaiſe, wie ich mit auf⸗ richtigem Bedauern geſtehen muß.“ „Ich wußte es wohl!— Ich wußte es wohl!— Und doch fühlt er ſich wohl, Greenly!— ſcheint ſogar glücklich. In der That, ich hegte ſchon einige Hoffnung, dieſes Aufhören der Schmerzen könnte ein günſtiges Zeichen ſeyn.“ „Ich bin herzlich froh, Sir, wenigſtens dieſes zu hören; denn ich habe ſchon daran gedacht, es möchte wohl meine Pflicht ſeyn, mit dem Contreadmiral über die Ehe ſeines Bruders zu ſprechen. Nach ſeinem eigenen Stillſchweigen über dieſen Gegenſtand, wäre 630 es möglich— ja, nach allen Umſtänden ſogar wahrſchein⸗ lich, daß er niemals davon wußte und doch mag es Gründe geben, weßhalb er von der Sache unterrichtet werden ſollte. Da Ihr ſelbſt ſagt, daß er ſich ſo wohl befinde— würdet Ihr es vielleicht nicht für paſſend halten, der Sache gegen ihn zu erwähnen?“ Greenly hätte keinen Vorſchlag machen können, der Sir Ger⸗ vaiſe erwünſchter geweſen wäre. Die Nothwendigkeit, zu handeln — ſeine eigene Gewohnheit, ſich raſch zu entſchließen, und nun dieſer neue Gegenſtand vor ſeinen Augen— Alles trug dazu bei, ſeine Gedanken auf eine dringende Pflicht zu lenken und ſeinen Schmerz dadurch zu erleichtern. Er nahm ſeinen Hut, winkte Greenly, ihm zu folgen, und eilte mit raſchen Schritten den Hügel hinab, indem er den Weg nach dem Stationshäuschen einſchlug. Er mußte dabei nothwendig an der Signalſtange vorüberkom⸗ men und in allen Blicken las der Viceadmiral hierbei die auf⸗ richtigſte Theilnahme. Die Verbeugungen, welche diesmal ausge⸗ tauſcht wurden, hatten mehr zu bedeuten, als gewöhnlich in der bloßen Höflichkeit ſolcher Begrüßung liegt— ſie ſollten auf beiden Seiten das tiefſte Gefühl ausſprechen. Bluewater war wach und hielt eben Mildred's Hand voll Zärt⸗ lichkeit in ſeiner eigenen, als ſein Freund eintrat. Den Arm des Mädchens laslaſſend, faßte er die Hand des Viceadmirals und blickte ihm ernſthaft in's Geſicht, als ob er über den Schmerz bekümmert wäre, welchen, wie er wohl wußte, der Ueberlebende fühlen würde. „Mein theurer Bluewater,“ begann Sir Gervaiſe, den die Auf⸗ regung ſeiner Nerven ſowohl, als ſeine angeborene Entſchloſſenheit zum Handeln drängte—„hier iſt Greenly, um Dir etwas zu ſagen, das Du, wie wir Beide der Meinung ſind, in einem ſolchen Augen⸗ blicke noch erfahren ſollteſt.“ 4 Der Contreadmiral blickte ſeinen Freund aufmerkſam an, als ob er ihn zum Weiterſprechen einladen wollte. „Siehe— es betrifft Deinen Bruder Jack. Ich denke mir, 1 ——— 1 —— ——— 631 „ Du wirſt wohl niemals gewußt haben, daß er verheirathet war, ſonſt hätte ich Dich gewiß davon ſprechen hören.“ „Verheirathet!“ wiederholte Bluewater mit großer Theilnahme und ohne daß das Sprechen ihn anzuſtrengen ſchien.„Ich glaube, das muß wohl ein Irrthum ſeyn. Unbedacht und warmherzig war er freilich— doch lebte nur ein Weſen, das er jemals geheirathet haben könnte und geheirathet haben würde. Sie iſt ſchon längſt geſtorben. Doch nicht als ſeine Gattin, denn dieſes würde ihr Oheim— ein Mann von großem Reichthum, aber unbeugſamem Eigenſinne— niemals zugegeben haben. Er überlebte ſie, mein armer Bruder aber nicht.“ Dieß ſprach der Verwundete mit ſanfter Stimme, ohne daß es ihn Anſtrengung zu koſten oder ihm Schmerz zu verurſachen ſchien. „Hört Ihr's, Greenly?“ bemerkte Sir Gervaiſe.„Und doch iſt es kaum wahrſcheinlich, daß Ihr Euch getäuſcht haben ſolltet.“ „Das habe ich auch nicht, wie Ihr mir glauben könnt, Ihr Herren. Ich ſelbſt nebſt noch einem andern Offizier, der in dieſem Augenblicke auf unſerer Flotte dient, war bei Obriſt Bluewater's Vermählung zugegen. Kapitän Blakeley iſt die Perſon, die ich meine, und ich weiß, daß auch der Prieſter, der den Trauungsakt verrichtete, noch immer als wohlbepfründeter Geiſtlicher am Leben iſt.“ „Das kommt mir aber wunderbar vor! Er liebte doch Agnes Hedworth ſo glühend, und nur ſeine Armuth war das Hinderniß ihrer Vereinigung: beide ſtarben ſo jung, daß ſie wohl ſchwerlich den Oheim ausgeſöhnt haben konnten.“ „Darin eben irrt Ihr Euch, Sir, denn Agnes Hedworth war wirklich die Braut.“ Ein Geräuſch im Zimmer unterbrach das Geſpräch und die drei Herren ſahen, wie Wycherly und Mildred ſich beeilten, die Trüm⸗ mer einer Taſſe, welche Mrs. Dutton hatte fallen laſſen, aufzu⸗ leſen. Die Letztere, über den kleinen uUnfall anſcheinend ſehr er⸗ ſchrocken, war bleich und zitternd in einen Stuhl zurückgeſunken. 632 „Meine theure Mrs. Dutton, nehmen Sie doch ein Glas Waſſer,“ ſagte Sir Gervaiſe und näherte ſich ihr freundlich;„Ihre Nerven ſind in letzter Zeit ſtark erſchüttert worden, ſonſt würde eine ſolche Kleinigkeit ſie nicht ſo ergreifen!“ „Das iſt es nicht,“ rief die Matrone mit ſchwacher Stimme. „Das iſt es nicht! O, ſo iſt endlich doch der fürchterliche Augen⸗ blick gekommen, und von Grund meines Herzens danke ich Dir, mein Herr und mein Gott, daß er ohne Schmach und Schande herangekommen iſt!“ Bei den letzten Worten hatte ſich die Sprechende auf ihre Kniee niedergelaſſen und hielt, wie im brünſtigen Gebete, die Hände gen Himmel. „Mutter!— theuerſte, theuerſte Mutter!“ rief Mildred, der Matrone um den Hals fallend.„Was meinſt Du damit? Welches neue Unglück iſt Dir heute zugeſtoßen?“ „Mutter! Ja, ſüßes Kind, Du biſt und ſollſt immer mein Kind ſeyn.— Das iſt die Qual, vor der ich am meiſten gezittert habe— doch was ſind unbekannte Bande des Blutes gegen Ge⸗ wohnheit, Zuneigung und die ſorgſame Liebe einer Mutter? Habe ich Dich gleich nicht geboren, Mildred— Deine rechte Mutter hätte Dich nicht mehr lieben, hätte nicht williger für Dich ſterben können, als ich!“ „Der Kummer hat ſie verwirrt, liebe Herren,“ ſprach Mildred, indem ſie ſich ſanft aus ihrer Mutter Armen los machte und ihr wieder aufſtehen half.„Wenige Augenblicke der Ruhe werden ſie gewiß wieder zu ſich bringen.“ „Mein theures Kind— jetzt muß es kommen— es ſollte jetzt kommen— denn nach dem, was ich ſo eben gehört habe, wäre es unverzeihlich, wenn es jetzt nicht käme.— Habe ich Euch recht verſtanden, Sir— ſeyd Ihr wirklich bei der Trauung von Agnes Hedworth mit dem Bruder des Admirals Bluewater zugegen geweſen?“ „Darüber iſt wohl kein Zweifel mehr, Madame. Ich und — 63³ Andere können es bezeugen. Die Trauung fand im Sommer 1725 zu London ſtatt, während Blakeley und ich gerade von Portsmouth daſelbſt auf Urlaub waren. Obriſt Bluewater bat uns Beide, gegen das Verſprechen der Verſchwiegenheit, ſeiner Vermählung anzuwohnen.“ „Und im Sommer 1726 ſtarb Agnes Hedworth in meinem Hauſe, in dieſen meinen Armen, eine Stunde nachdem ſie dieſem theuren, geliebten Kinde das Leben gegeben hatte— Mildred Dutton, wie ſie ſeit jener Zeit genannt wurde— Mildred Bluewater, wie ihr Name eigentlich lauten ſollte.“ Es iſt unnöthig bei dem Erſtaunen zu verweilen, womit alle Anweſenden dieſe außerordentliche Nachricht aufnahmen, oder das Entzücken zu ſchildern, welches Bluewater und Wycherly beim An⸗ hören derſelben empfanden. Mildred ſelbſt gab einen Schrei von ſich und warf ſich Mrs. Dutton an den Hals; krampfhaft hielt ſie die Arme um ihre bisherige Mutter geſchlungen, wie wenn ſie dadurch verhindern wollte, daß das Band, welches beide ſo lange verknüpft hatte, ſo rauh und plötzlich gelöst werde. Nachdem jedoch beide wohl eine halbe Stunde zuſammen geweint und die Mutter ihre zärtlich⸗ ſten Troſtſprüche angewendet hatte, wurde das arme Mädchen etwas ruhiger und war jetzt eher im Stande, die nähere Erläuterung der Geſchichte anzuhören. Dieſelbe war ausnehmend einfach und ſo klar, daß die ein⸗ zelnen Thatſachen, in Verbindung mit den übrigen Beweiſen, die Sache außer allen Zweifel ſtellten. Miß Hedworth hatte Mrs. Dutton's Bekanntſchaft gemacht, während Letztere in dem Hauſe ihrer Beſchützerin wohnte. Ein oder zwei Jahr nach Mrs. Dutton's Vermählung mit dem dama⸗ ligen Lieutenant, während dieſer eben auf einer entfernten Station verweilte— hatte Agnes Hedworth ihren Schutz angerufen und ſie für eine Frau in den bedrängteſten Umſtänden um einen Zufluchts⸗ ort gebeten. Wie alle Diejenigen, welche Agnes Hedworth kannten, liebte 634 und verehrte auch Mrs. Dutton ihre junge Freundin; doch war der Abſtand, welchen Stellung und Geburt zwiſchen Beiden geſchaf⸗ fen, der Art, daß er das Vertrauen bei ihnen ausſchloß. Während der wenigen Tage, welche Erſtere bei ihrer beſcheidenen Freundin zubrachte, hatte ſie ſich mit der ruhigen Würde einer Frau be⸗ nommen, die ſich keines Unrechtes bewußt iſt, und um keinen Preis wäre es der Andern möglich geweſen, Fragen zu ſtellen, welche irgend einen Zweifel hätten blicken laſſen. Wiederholte Anfälle von Ohnmacht machten in Agneſens Todesſtunde jede Mittheilung un⸗ möglich und Mrs. Dutton ſah mit einem Male ein Kind auf ihren Armen und den Leichnam ihrer Freundin vor ſich liegen. Miß Hedworth hatte ohne Begleitung und unter einem falſchen Namen ihre Schwelle aufgeſucht. Dieſer Umſtand verleitete Mrs. Dutton das Schlimmſte zu fürchten und ſo fuhr ſie fort, alle wei⸗ teren Anſtalten mit der zarteſten Rückſicht für den Ruf der Ver⸗ ſtorbenen zu treffen. Die Leiche wurde nach London gebracht und an ihren Oheim Briefe geſendet, um ihn zu benachrichtigen, wo er ſie finden könnte, nebſt einer Nachweiſung darüber, von wem er, falls er es wünſche, die näheren Umſtände über den Tod ſeiner Nichte erfahren könne. Mrs. Dutton überzeugte ſich, daß die Verſtorbene auf die ge⸗ wöhnliche Weiſe beerdigt wurde: doch über die näheren Umſtände wurde niemals Erkundigung bei ihr eingezogen. Miß Hedworth's Schweſter, die junge Herzogin, machte damals eine Reiſe in Italien, von wo ſie länger als ein Jahr nicht mehr zurückkehrte und auch dann erhielt ſie, wie wir hinzufügen müſſen, auf ihre Nachfragen nach dem Schickſale einer geliebten Schweſter die einfache Auskunft — welche Mrs. Dutton jedoch unfähig war, weiter zu erklären — daß dieſelbe während eines Beſuchs in einem Badeorte, wohin ſte ihrer Geſundheit wegen mit einer weiblichen Freundin gegangen, plötzlich geſtorben ſey. Ob Mr. Hedworth ſelbſt irgend einen Verdacht über den Zu⸗ ——— 1 ☚‿ herannahte, wo ihr Gatte aus Oſtindien zurückkehren ſollte. Um ihn 635 ſtand ſeiner Nichte gehabt habe— iſt ungewiß; doch ſprach jede Wahrſcheinlichkeit gegen dieſe Annahme. Miß Hedworth hatte ihn ſchon früher dadurch gegen ſich aufgebracht, daß ſie eine Parthie ausſchlug, welche der ihrer älteren Schweſter in jeder Beziehung gleich kam, mit der einzigen Ausnahme jedoch, daß jene einen Mann erhielt, den ſie liebte, während er von Agnes ein ganz anderes Opfer verlangt hatte. In Folge der durch dieſen Vorfall veranlaß⸗ ten Entfremdung hatte zwiſchen Oheim und Nichte nur ein ſehr ge⸗ ringer Verkehr beſtanden: Letztere brachte ihr Leben in der Zurück⸗ gezogenheit und angeblich unter Freunden hin, welche Erſterer nicht kannte oder nicht kennen lernen wollte. Kurz die Lebensweiſe der beiden Theile war der Art, daß der unglücklichen jungen Wittwe nichts leichter wurde, als ihren Zuſtand vor dem Oheim geheim zu halten. Ihr Beweggrund hiebei war — das Glück des erwartenden Kindes zu ſichern, denn der Oheim hatte es in ſeiner Gewalt, demſelben, wenn er es für paſſend hielt, in ſeinem Teſtamente einen gewiſſen Theil des Familien⸗ vermögens zu entziehen, der ſonſt auf die Nachkommenſchaft der beiden Schweſtern, als ſeiner Miterbinnen, übergehen mußte. Was ſpäter wohl eingetreten wäre, oder was Alles die arme Agnes viel⸗ leicht noch vorhaben mochte— kann Niemand wiſſen, denn der Tod verſchloß ihr Geheimniß mit ſeinem unentwirrbaren Siegel. Mrs. Dutton war Mutter eines Töchterchens, das zu der Zeit, da jene kleine Unbekannte in ihren Händen zurückgelaſſen wurde, gerade drei Monate alt war. Wenige Wochen ſpäter ſtarb ihr eigenes Kind; nachdem ſie mehrere Monate hindurch vergeblich auf Nachrichten von der Hedworth'ſchen Familie gewartet hatte, ließ ſie das überlebende Kind auf denſelben Namen taufen, den ihre eigene Tochter geführt hatte, und liebte es bald faſt ebenſo ſehr, als ob ſte es ſelbſt geboren hätte. Drei Jahre verſtrichen auf dieſe Weiſe, bis endlich die Zeit „ 636 recht bald wieder zu ſehen, vertauſchte ſie ihren bisherigen Aufent⸗ halt mit dem in einem Seehafen, und ſo geſchah es denn auch, daß ſte mit ihren Dienſtboten wechſelte. Durch dieſen, wie ſie ſpäter dachte, ſehr glücklichen Zufall blieb ſie alleinige Herrin des Geheimniſſes von Mildred's Geburt, denn die wenigen Perſonen, denen es außer ihr noch bekannt war, befanden ſich in einer Stel⸗ lung, welche es unwahrſcheinlich machte, daß ſie, ohne darüber be⸗ fragt zu werden, jemals etwas über dieſen Gegenſtand bekannt machen würden. Ihre urſprüngliche Abſicht war übrigens, die Sache ihrem Gatten ohne allen Rückhalt mitzutheilen. Doch er kam als ein durchaus veränderter Menſch zurück— brutal in ſeinen Manieren, kalt in ſeinen Gefühlen— ein Opfer der Trunkenheit. Sie ſelbſt hatte ſich mittlerweile zu ſehr an das Kind gewöhnt, als daß ſie daran denken konnte, daſſelbe den mürriſchen Launen eines ſolchen Menſchen auszuſetzen und ſo wurde Mildred als das wirkliche Kind ihrer vermeintlichen Eltern auferzogen und nahm mit jedem Tage zu an Schoͤnheit des Körpers wie des Geiſtes. 4 Dieß alles erzählte Mrs. Dutton kurz und klar, ohne natür⸗ lich im Geringſten auf das Benehmen ihres Gatten anzuſpielen, indem ſie ihr eigenes Wohlwollen einzig und allein der Anhänglich⸗ keit an das Kind zuſchrieb. Bluewater hatte Kraft genug, um das Kind in ſeine Arme zu ſchließen; wieder und immer wieder küßte er ihre bleiche Wange und ſegnete ſie mit den glühendſten, feierlichſten Gebeten. „Meine Gefühle waren alſo weder verrätheriſch noch ungetreu,“ ſprach er,„denn ich liebte Dich von Anfang an, Du ſüßes Kind. Sir Gervaiſe Oakes beſitzt mein Teſtament, das vor meinem Ab⸗ gange zu dieſer letzten Kreuzfahrt abgefaßt wurde— jeder Schilling, den ich hinterlaſſe, wird Dir gehören. Mr. Atwood, ſchafft dieſes Teſtament herbei und fertigt ein Codieill, welches dieſe neue Ent⸗ deckung erklären und das Vermächtniß beſtätigen ſoll. Das Letztere 637 ſoll unverändert bleiben, denn es wurde aus freien Stücken feſtge⸗ ſetzt und kommt von Herzen.“ „Und nun,“ bemerkte Mrs. Dutton,„haben wir für jetzt genug gehört. An einem Krankenbett ſollte es ruhiger ſeyn. Gebt mir mein Kind zurück:—— ich kann mich noch nicht entſchließen, mich für immer von ihm zu trennen.“ „Mutter! Mutter!“ rief Mildred, an Mrs. Dutton's Bruſt fliegend—„ich bin Dein und Dein allein.“ „Nein— nein— Mildred, ich fürchte; ſo iſt es nicht, wenn Alles ſich beſtätigen ſollte, wie ich's vermuthe, und dieſer Augen⸗ blick iſt ſo geeignet, wie jeder andere, um auch dieſe Sache Deinem verehrten Oheim vorzutragen.— Treten Sie nur vor, Sir Wy⸗ cherly— ich habe wohl verſtanden, was Sie mir noch in dieſer Minute in's Ohr flüſterten: daß Sie das Verſprechen dieſes eigen⸗ ſinnigen Maͤdchens beſitzen, Ihre Gattin zu werden, wenn ſie je⸗ mals eine Waiſe werden ſollte. Eine Waiſe iſt ſie wirklich und iſt es ſeit der erſten Stunde ihrer Geburt geweſen.“ „Nein— nein— nein,“ flüſterte Mildred, ihr Antlitz noch tiefer an ihrer Mutter Bruſt verbergend,„ſo lange Du lebſt, kann ich nie ein Waiſe ſeyn. Nur jetzt nicht— ein ander Mal — dieß iſt unzeitig— grauſam— nein, es iſt doch das nicht, was ich ſagte.“ „Führen Sie ſie weg, theuerſte Mrs. Dutton,“ ſagte Blue⸗ water und Thränen der Freude ſtahlen ſich aus ſeinen Augen. „Nehmen Sie ſie weg, damit mich nicht allzuviel Glück auf ein⸗ mal überraſche. Meine Gedanken ſollten für einen ſolchen Augen⸗ blick ruhiger ſeyn, als ſie eben jetzt ſind!“ Wycherly machte Mildred aus den Armen ihrer Mutter los und führte ſie ſanft aus dem Zimmer. Als Beide mit Mrs. Dutton das Stübchen der Letzteren erreicht hatten, flüſterte er dem tief er⸗ ſchütterten Mädchen etwas in's Ohr, worauf ſie ihn mit einem überglücklichen Blicke anſah, der auch durch ihre Thränen zu ihm 638 herüberlächelte und nun war die Reihe an ihm, ſie abermals eine ſelige Minute lang an ſein Herz zu drücken. „Meine theure Mrs. Dutton— nein, meine theure Mutter,“ begann er,„wir beide, Mildred und ich, ſind ohne Eltern. Ich bin eine Waiſe, wie ſie, und wir können uns niemals dazu ver⸗ ſtehen, uns von Ihnen zu trennen. Ich bitte Sie inſtändig, be⸗ trachten Sie ſich in Allem als ein Glied unſerer Familie, denn Mildred und ich werden nie aufhören, Sie ſtets nur wie eine Mutter anzuſehen, welche auf mehr als gewöhnliche Liebe und Verehrung Anſpruch machen darf.“. Wycherly hatte kaum dieſe Rede vollendet, als er auch von Mildred zehnfach dafür belohnt wurde. In einem plötzlichen Aus⸗ bruche ihres natürlichen Gefühls, ohne alle Verſtellung und Zu⸗ rückhaltung und nur ihrem eigenen Herzen nachgebend, ſchlang ſie ihre Arme um ſeinen Nacken, flüſterte mehrere Male das Wort „Dank“ und weinte laut an ſeiner Bruſt. Als Mrs. Dutton das ſchluchzende Mädchen wieder aus ſeinen Händen empfing, küßte Wycherly der Mutter Wange und verließ dann das Zimmer. Admiral Bluewater wollte ſich nicht vorher zur Ruhe begeben, bis er mit ſeinem Freunde und Wycherly noch eine geheime Unterredung gehabt hatte. Der Letztere war die Freimüthigkeit und Hochherzig⸗ keit ſelbſt: der Admiral wollte aber nichts von Bedingungen hören, denn er vertraute unbedingt der Ehrenhaftigkeit des jungen Mannes. Seine eigene Zeit war übrigens kurz gemeſſen und er erklärte, nur dann vollkommen glücklich ſterben zu können, wenn er ſeine Nichte unter der Obhut eines Mannes, wie unſer Virginier, zurück⸗ laſſen könnte. Er wünſchte deßhalb, daß die Trauung vor ſeinen Augen ſtattfinden möchte. Hierauf beſtand er ſogar alles Ernſtes: Wycherly machte natürlich keine Einwendungen, ſondern beeilte ſich, Mrs. Dutton und Mildred den Stand der Dinge mitzutheilen. „Es iſt doch ſonderbar, Dick,“ ſprach Sir Gervaiſe und wiſchte ſich die Augen, während er zu einem Fenſter des Zimmers 639 hinausſchaute⸗ welches die Ausſicht auf die See beherrſchte— „daß ich unſere beiden Flaggen auf dem Cäſar gelaſſen habe! Ich geſtehe, daß Befremdende an dieſem Umſtande iſt mir noch nie ſo ſtark aufgefallen, als eben in der jetzigen Minute.“ „Laß ſte noch ein wenig länger nebeneinander flattern, Gervaiſe. Sie haben ſo manchem Sturm, ſo mancher Schlacht vereint in's Auge geſehen, und ſollten ſich auch noch einige Stunden laͤnger zuſammen vertragen können.“ Dreißigſtes Kapitel. Gemiſch von Schwäche und von Kraft, Stark, aber unbewußt der eig'nen Macht, Erhabener als Luft und Meer und Erde Und nied'rer doch als ſelbſt die kleinſte Blüthe. Margaretha Davidſon. Nicht eine Sylbe der Erläuterung, des Vorwurfs oder der Selbſtanklage war zwiſchen dem Kommandirenden und dem Contre⸗ admirale, ſeit der Verwundung des Letzteren, gewechſelt geworden. Jeder der beiden Theile ſchien die Ereigniſſe der letzten paar Tage aus dem Gedächtniß verwiſcht zu haben, um nicht die lange Reihe ihrer früheren Erlebniſſe und ſo mancher Freundſchaftsdienſte durch einen ein⸗ zigen unangenehmen, unerfreulichen Gegenſtand entſtellen zu laſſen. Während Sir Gervaiſe die thätige Oberaufſicht über ſeine Flotte beibehielt und rechts und links die nothigen. Befehle ertheilte, weilte er mit der Unverdroſſenheit und faſt auch mit der Zärtlich⸗ keit eines weiblichen Weſens neben Bluewater's Bette; doch wurde nie die leiſeſte Anſpielung auf die neulichen Gefechte oder auf irgend Etwas, was ſich während der kurzen Kreuzfahrt zugetragen hatte — gemacht. Die Worte, deren wir am Schluſſe des letzten Ka⸗ pitels erwähnten, waren in der That die erſten, welche in gewiſſer 640 Beziehung die Gedanken von Beiden zu den Ereigniſſen zurückführen konnten, die ſie gleichermaßen zu vergeſſen wünſchen mochten. Der Contreadmiral fühlte dieſe Schonung ſeines Freundes im innerſten Herzen und da nun einmal der Gegenſtand zufällig zwiſchen ihnen zur Sprache gekommen war, ſo wünſchte er auch etwas zu er⸗ wiedern, um die Sache weiter zu verfolgen. Doch wartete er noch, bis der Baronet das Fenſter verlaſſen und den früheren Sitz neben ſeinem Bette wieder eingenommen hatte. „Gervaiſe,“ begann jetzt Bluewater, den ſeine Schwäche nur noch leiſe ſprechen ließ, wogegen ſein Gefühl die Worte um ſo deutlicher machte,„ich kann nicht ſterben ohne Dich um Verzeihung gebeten zu haben. Ich habe in der letzten Zeit mehrere Stunden durch⸗ lebt, während deren ich wirklich auf Verrath ſann— Verrath, ich will nicht ſagen, an meinem König, denn in dieſer Beziehung ſind meine Anſichten unverändert geblieben— aber an Dir, mein Freund.“ „Warum davon ſprechen, Dick? Du kannteſt Dich ſelbſt nicht, als Du an die Möoglichkeit glaubteſt, mich im Angeſichte des Feindes verlaſſen zu können. Um wie viel beſſer ich ſelbſt Deinen Charakter beurtheilte, beweist die Thatſache, daß ich keinen Augenblick zauderte, mich mit einer doppelt überlegenen Streitmacht in den Kampf ein⸗ zulaſſen, da ich wohl wußte, daß Du nicht ermangeln würdeſt, zu meiner Befreiung herbeizueilen.“ Bluewater blickte ſeinem Freunde mit geſpannter Aufmerkſamkeit in's Geſicht, und ein Lächeln ernſter Zufriedenheit flog über ſeine blaſſen Züge, während er auf Sir Gervaiſe's Worte lauſchte, welche dieſer mit der gewohnten Wärme und Aufrichtigkeit ſeines Weſens vorbrachte. „Ich glaube in der That, Du kennſt mich beſſer als ich mich ſelbſt,“ gab er nach einer gedankenvollen Pauſe zur Antwort— „ja, ja, beſſer als ich mich ſelber kenne. Welch' glorreicher Schluß unſerer dienſtlichen Laufbahn wäre es geweſen, Oakes, wenn ich Dir, nach unſerer alten Gewohnheit, in die Schlacht gefolgt und Dein eigenes hohes Beiſpiel nachahmend, unter Deinen Augen gefallen wäre!“. 641 „Es iſt beſſer, ſo wie es iſt, Dick— wenn überhaupt etwas, was ein ſo ſchlimmes Ende hat, gut ſeyn kann— ja, es iſt beſſer, wie es iſt— Du biſt ja, faſt möcht' ich ſagen, an meiner Seite gefallen. Wir wollen nicht mehr daran denken, noch weniger davon ſprechen.“ „Wir ſind eine lange Zeit hindurch Freunde und zwar innige Freunde geweſen, Gervaiſe,“ erwiederte Bluewater, und ſtreckte ſeinen Arm aus dem Bette hervor, indem die langen, mageren Finger der Hand dem Drucke des Anderen entgegen zu kommen ſtrebten—„und doch vermag ich mich keiner Handlung von Deiner Seite zu erinnern, welche ich mit Recht als ungütig und ungetreu mir hätte zu Herzen nehmen koͤnnen.“ „Gott vergebe mir, wenn Du es kannſt— auch ich hoffe: nein, Dick, von ganzem Herzen hoffe ich: nein! Es würde mir ſehr wehe thun, wenn ich das glauben müßte.“ „Du haſt keinen Grund zu Selbſtvorwürfen. Du kannſt Dich, mit Recht wenigſtens, keiner Handlung, keines Gedankens anklagen, wodurch Du mir wehe gethan hätteſt.— Ich würde viel glücklicher ſterben, Oakes, wenn ich mir ſelbſt das Nämliche nach ſagen könnte!“ „Gedanken!— Dick?— Gedanken! Du haſt in Deinem ganzen Leben nie daran gedacht, mir ein Unrecht zuzufügen. Die Liebe, die Du für mich hegſt— ſie iſt der einzige Grund, warum Du in dieſem geſegneten Augenblicke hier liegſt.“ „Es thut mir wohl, zu finden, daß ich verſtanden worden bin. Ich bin Dir tief dafür verpflichtet, Oakes, daß Du unterließeſt, mich damals, als ich thörichter Weiſe um jenen unzeitigen Aufſchub nach⸗ ſuchte, mit meiner Diviſion durch Signale zu Dir zu rufen. Da⸗ mals fühlte ich eine Seelenangſt, gegen welche jeder körperliche Schmerz⸗ den ich noch erdulden mag, nur Wonne iſt; Deine Selbſtverläug⸗ nung geſtattete mir Zeit——“ „Daß Dein Herz Dich zu dem trieb, was Dein beſſeres Gefühl von Anfang an durchzuſetzen ſich mühte, Bluewater,“ fiel Sir Die beiden Admirale. 2. Aufl. 41 642 Gervaiſe ein.„Und nun befehle ich Dir als Dein vorgeſetzter Offizier, für immer über dieſen Gegenſtand zu ſchweigen.“ „Ich will mich bemühen, Dir zu gehorchen. Ich werde nicht mehr allzu lange unter Deinem Befehle ſtehen, Oakes,“ fuhr der Contreadmiral mit ſchmerzlichem Lächeln fort.„Es ſollte allerdings in den letzten Momenten meines Lebens nicht die Anklage der Meuterei gegen mich vorliegen. Doch Du mußt mir dieſe eine Unterlaſſungsſünde verzeihen, wenn Du Dich erinnerſt, wie oft und wie gerne während dieſer letzten fünfunddreißig Jahre mein eigener Wille dem Deinen untergeordnet war— wie wenig mein Geiſt eine neue Idee in unſerem Berufe zur Reife brachte, die nicht von Dir angeregt worden wäre!“ „Sprich nicht länger von ‚Vergebunge, Dick, ich befehle es Dir: daß Du ſtets eine mädchenhafte Gelehrigkeit im Befolgen aller meiner Befehle bewieſen, iſt eine Wahrheit, die ich vor Gott und Menſchen bekräftigen will; wenn Du aber vom Geiſte ſprichſt— da bin ich weit entfernt, dem meinigen die Meiſterſchaft zuerkennen zu wollen. Ich bin der Meinung: wenn überhaupt die Wahr⸗ heit ausfindig zu machen wäre, ſo würde man finden, daß ich in dieſem geſegneten Augenblicke eines Rufes genieße, den ich mehr als zur Hälfte Dir ſelbſt verdanke.“ „Daran liegt jetzt nur wenig, Gervaiſe— daran liegt jetzt nur wenig. Wir waren zwei leichtſinnige, muntere Jungen, als wir uns zum erſten Male als Knaben begegneten, friſch von der Schule kommend und fröhlich, wie Geſundheit und ein lebhafter Geiſt uns nur immer machen konnte.“ „Das waren wir in der That, Dick!— ia, das waren wir — nie dachten wir daran, daß ein ſo trauriger Moment, wie der jetzige, jemals eintreten könnte!“ „Da war George Anſon und Peter Warren, der kleine Charley Saunders, Jack Byng und eine ganze Rotte von Knaben, welche in der That alle darauf los lebten, als ob wir niemals ſterben 64³ müßten! Und doch trugen wir unſer Leben, man möchte ſagen, fortwährend in unſern Händen, Oakes!“ „Das wirſt Du bei Knaben und Jünglingen wohl immer ſo treffen, Dick. Der aber iſt der Glücklichſte, der einem Augenblicke, wie der jetzige, ſo wie Du ins Auge ſehen kann— ruhig und in dem Bewußtſeyn ſeiner eigenen Verdienſte.“ „Ich hatte eine vortreffliche Mutter, Oakes! Wir denken in der Jugend ſo wenig daran, wie viel wir der unauslöſchlichen Zärt⸗ lichkeit und dem weitſehenden Unterrichte unſerer Mutter verdanken! Uns beiden ſtarben ſie, während wir noch jung waren und doch, glaube ich, ſchulden wir ihnen weit mehr, als wir je zu vergelten im Stande geweſen wären.“ Sir Gervaiſe bejahte einfach; da er jedoch keine unmittelbare Antwort gab, ſo erfolgte eine lange Pauſe, während deren der Viceadmiral glaubte, ſein Freund fange an einzuſchlummern. Doch täuſchte er ſich hierin. „Du wirſt für dieſen letzten Dienſt zum Viscount von Bowl⸗ dero erhoben werden, Gervaiſe,“ bemerkte der Verwundete höchſt unerwartet und bewies dadurch, wie ſehr ſeine Gedanken noch immer bei dem verweilten, was für ſeinen Freund von Intereſſe war. „Auch ſehe ich nicht ein, warum Du abermals eine Peersſtelle aus⸗ ſchlagen ſollteſt. Wer in dieſer Welt zurückbleibt, darf ihren An⸗ ſichten und Gebräuchen wohl nachgeben, ſo lange ſie nicht mit höheren Verpflichtungen im Widerſpruche ſtehen.“ „Ich!— rief Gervaiſe düſter.„Der Gedanke, auf dieſe Art an das, was vorgefallen iſt, erinnert zu werden, wäre ſchlimmer, als eine Niederlage! Nein— ich verlange keine Veränderung des Namens, die mich beſtändig an meinen Verluſt mahnen müßte.“ Bluewater warf ihm einen mehr dankbaren, als freudigen Blick zu— doch gab er keine Antwort. Er verſiel nun in einen leichten Schlummer, aus welchem er nicht früher erwachte, als bis die Zeit, 644 welche er ſelbſt für Mildred's und Wycherly's Vermählung feſtgeſetzt hatte, herangekommen war. Eine Feſtlichkeit, welche gewöhnlich als eine eben ſo freudige, wie feierliche angeſehen wird, könnte wohl etwas unzeitig erſcheinen, ſo lange der Oheim des Bräutigams todt und noch unbeerdigt, der der Braut aber im Begriffe iſt, die Welt für immer zu ver⸗ laſſen. Der Sterbende hatte jedoch darum gebeten, um vor ſeinem Ende noch den Troſt zu haben, ſeine Nichte unter dem geſetzlichen Schutze eines Mannes zu wiſſen, der eben ſo fähig war, als er den innigen Wunſch hegte, ſeine Geliebte zu beſchirmen. Der Leſer kann ſich wohl leicht denken, welche Einwürfe und Gegengründe bei dieſer Veranlaſſung erhoben wurden; ſie waren jedoch alle der Art, daß ſämmtliche Betheiligte geneigt ſcheinen und es für paſſend erachten konnten, ihre Vorurtheile den For⸗ derungen des Augenblickes unterzuordnen. Um allen nutzloſen Kritteleien vorzubeugen, wird es wohl gut ſeyn, wenn wir beifügen, daß die Geſetze Englands im Jahre 1745 im Punkte der Verlobungsfeierlichkeiten nicht ſo ſtrenge waren, als ſie es ſpäterhin wurden— ſo daß ſie ſogar erlaubten, die Ceremonie in einem Privathauſe, ohne vorher eingeholte Erlaubniß und ſogar ohne eine öffentliche Verkündigung zu begehen— Beſchränkungen, welche erſt ein paar Jahre ſpäter eingeführt wurden. Eine ſolche Dispenſation von der öffentlichen Verkündigung wurde damals an dem Geiſtlichen mit einer Geldbuße von hundert Pfund beſtraft und Bluewater wollte lieber dieſe Geldbuße bezahlen, als den einzigen großen Lebenszweck, der noch unerfüllt vor ihm lag, unvollendet laſſen. Dieſe Strafe ſchwächte übrigens in keiner Be⸗ ziehung die Rechtskräftigkeit der Verbindung und nur Mrs. Dutton fühlte noch eine weibliche Abneigung dagegen, ſich von ihrem ge⸗ liebten Kinde zu trennen, ohne daß alle üblichen Formen auf's Strengſte beobachtet würden. Doch auch ſie hatte endlich den Ver⸗ nunftgründen, welche man der ehrwürdigen Frau vorlegte, Gehör 645 gegeben, und war durch die Vorſtellung von der Dringlichkeit des Falles zur vollen Einwilligung vermocht worden. Sie gab jedoch ihre Zuſtimmung nur unter dem ausdrücklichen Vorbehalte, daß die Hei⸗ rathserlaubniß nachträglich eingeholt werden und eine zweite Trauung in einem paſſenderen Augenblicke Statt finden ſollte, wenn nämlich die kirchlichen Behörden ihre Genehmigung dazu ertheilen würden — was an und für ſich ſelbſt ſchon höchſt unwahrſcheinlich war. Mr. Rotherham benützte die Verordnung, welche jene Geld⸗ buße feſtſetzte, als eine Entſchuldigung, die Einſegnung nicht in eigener Perſon vollziehen zu müſſen. Sein eigentlicher Beweggrund war übrigens leicht zu begreifen und der Kaplan des Plantagenet, ein frommer, ehrenhafter Geiſtlicher, vertrat ſeine Stelle. Bluewater hatte verlangt, daß von den Kapitäns der Flotte ſo viele, als man nur immer zuſammenbringen könnte, der Feſt⸗ lichkeit anwohnen ſollten und es war eben die Verſammlung dieſer Krieger der Tiefe, ſowie die Ankunft des Geiſtlichen, was zuerſt das Herannahen der feſtgeſetzten Stunde verkündete. Es iſt nicht unſere Abſicht, bei den Einzelheiten einer Cere⸗ monie zu verweilen, welche bei all' ihrer Feierlichkeit ſo viel Schmerz⸗ liches an ſich hatte. Weder Wycherly noch Mildred trafen irgend eine Veränderung in ihrem Anzuge und die liebliche Braut weinte von dem erſten Augenblicke, da die Einſegnung begann, bis zu dem Momente, wo ſie ſich den Armen ihres Oheims entwand, um von ihrem Gatten ans Herz geſchloſſen und dann aus dem Zimmer ge⸗ führt zu werden. Alle Anweſenden ſchienen traurig, nur Blue⸗ water nicht: ihn hatte die Scene in hohem Grade aufgeregt, und doch auch wieder auf eine wunderbare Weiſe beruhigt. „Jetzt bin ich bereit zu ſterben, ihr Herren,“ begann er, ſo⸗ bald ſich die Thüre hinter dem neuvermählten Paare geſchloſſen hatte.„Meine letzte weltliche Sorge iſt abgethan und es wäre wohl beſſer für mich, wenn ich nunmehr all' meine Gedanken einem anderen Daſeyn zuwendete. Lady Wychecombe, meine Nichte, wird 646 meine geringe Hinterlaſſenſchaft erben; ich glaube nicht, daß es von großer Wichtigkeit ſeyn wird, ihre wahre Herkunft geltend zu machen, da ihr Großoheim das, was ihrer Mutter als Eigenthum zugefallen wäre, mit klaren Worten ihrer Tante, der Herzogin ver⸗ macht hat. Wenn jedoch die Erklärung eines Sterbenden hiebei irgend von Nutzen ſeyn kann, ſo habt ihr ſie vernommen und könnt ſie ſpäter bezeugen. Jetzt kommt, meine Freunde, einer nach dem andern und nehmt Abſchied von mir, damit ich euch Alle noch ſegne und euch für ſo viele unverdiente und, wie ich fürchte, unver⸗ goltene Liebe danke.“ Die Seene, welche jetzt folgte, war feierlich und traurig. Von den Kapitäns näherte ſich einer nach dem andern dem Bette des Sterbenden und Jedem hatte er noch etwas Freundliches und Liebe⸗ volles zu ſagen. Selbſt die Kaltherzigſten zeigten einen tiefen Ernſt in ihren Mienen, und ſogar O Neil, ein Mann, der wegen ſeiner un⸗ verwüſtlichen frohen⸗Laune bekannt war, welche die Aufregung einer Schlacht für ihn zu den vergnügteſten Augenblicken ſeines Lebens machte— vergoß im buchſtäblichen Sinne des Wortes Thränen der Rührung, als er dem Sterbenden die Hand küßte. „Ah! mein alter Freund,“ ſagte der Contreadmiral, als Parker, der Kapitän des Carnatie, in ſeiner gewöhnlichen ſanften, unter⸗ würfigen Weiſe ſich näherte—„Ihr ſeht, nicht die Jahre ſind es allein, welche uns in's Grab bringen! Man ſagt mir, Ihr habt Euch in der letzten Aktion mit Eurer gewohnten Tapferkeit be⸗ nommen, und ich hoffe ſicher, daß Ihr jetzt, nach ſo langjährigem Ausharren und nach ſo wichtigen Dienſten endlich den verdienten Lohn erhalten werdet.“ „Ich will zugeben, Admiral Bluewater,“ verſetzte Parker ernſt⸗ haft,„daß ich es, hauptſächlich um meines theuren Weibs und meiner Kinder willen, mit beſonderem Danke anerkennen würde, wenn ich von meinem Fürſten ein Zeichen ſeiner Gnade empfangen ſollte. Wir ſtammen nicht, wie Ihr, aus einer adeligen Familie, ſondern mußten 647 uns das Recht auf Auszeichnung eigenhändig erwerben und wer Ehren dieſer Art nie gekannt hat, pflegt ſie auch immer hoch anzuſchlagen!“ .„Ja, mein guter Parker,“ ſiel der Contreadmiral ein—„und wer ſie je kennen gelernt hat, der weiß auch, wie nichts bedeutend ſie ſind, beſonders wenn man ſich jener Grenze des Daſeyns nähert, von wo das Auge in ſo furchtbarer Nähe in das unermeßliche, unbekannte Gebiet der Ewigkeit hinüberſchaut.“ „Ohne Zweifel, Sir; auch bin ich nicht ſo eitel, um zu glau⸗ ben, daß graue Haare, wie die meinigen jetzt geworden ſind— ewig dauern werden. Ich wollte aber auch nur ſoviel damit ſagen, daß ich, ſo koſtbar auch ſolche Ehren dem Niedriggeborenen erſcheinen mögen, doch jede derartige Hoffnung, wie ich ſie nur immer hege, mit Freuden hingeben würde, wenn ich Euch wieder auf der Kampanje des Cäſar, Mr. Cornet an Eurer Seite, die Flotte anführen oder den Bewegungen des Viceadmirals folgen ſehen könnte.“ „Ich danke Euch, mein guter Parker, das kann aber nie mehr geſchehen, und ich darf auch nicht ſagen, daß ich es jetzt wieder ſo wünſchte. Wenn wir einmal die Anker nach einer andern Welt gelichtet haben, ſo werfen wir unſere Blicke bei weitem nicht ſo gerne rückwärts, als vorwärts. Gott ſegne Euch, Parker, und erhalte Euch— was Ihr immer geweſen ſeyd— als einen Ehrenmann.“ Stowel war der Letzte, der ſich dem Sterbebette näherte; auch that er dieß erſt, nachdem Alle, außer Sir Gervaiſe und ihm ſelbſt⸗ das Zimmer verlaſſen hatten. Bluewater's unveränderliche Gut⸗ müthigkeit und ſein wahrhaft ſeemänniſches, unbekümmertes Weſen, das jeden Untergebenen in deſſen eigenen perſönlichen Launen frei gewähren ließ, hatte den Contreadmiral, in einer Beziehung we⸗ nigſtens, noch weit mehr als den Kommandirenden ſelbſt zum Lieb⸗ ling der Flotte gemacht. Stowel hatte bei ſeinem näheren Verkehre mit Bluewater aus dieſen Eigenthümlichkeiten mehr Nutzen gezogen, als jeder andere Offizier unter ihm, und die Wirkung auf ſeine Gefühle war mit 648 der Wohlthat ſelbſt ſtets im richtigen Verhältniſſe geſtanden. Er konnte freilich nicht verhindern, daß er noch manchmal des Tages gedachte, wo er ſelbſt auf dem nämlichen Schiffe Lieutenant geweſen, auf dem der Contreadmiral als Kadett gedient hatte; aber er er⸗ innerte ſich dieſes Umſtandes wenigſtens nicht mehr mit der Bitter⸗ keit, welche er früher zuweilen dabei gefühlt hatte. Im Gegentheil ſtellte ſich dieſe Thatſache ſeinem Geiſte nur noch als die fernſte unter den vielen Landmarken dar, welche ſie während ihrer langen, gemeinſchaftlichen Dienſtzeit aufnotirt hatten. „Nun, Stowel,“ bemerkte Bluewater mit trübem Lächeln, „ſelbſt der alte Cäſar muß zurück gelaſſen werden, wenn wir vom Leben Abſchied nehmen. Es iſt eine Seltenheit, wenn ein Flaggen⸗ kapitän gegen ſeinen Vorgeſetzten nicht Mancherlei auf dem Herzen hat und ich bitte Euch aufrichtig, mir Alles zu vergeben und zu vergeſſen, worin ich vielleicht gegen Euch gefehlt haben mag.“ „Der Himmel ſtehe mir bei, Sir!— Ich bin wahrhaftig weit entfernt, an ſo Etwas zu denken! Im Gegentheil, ich dachte eben daran, wie wenig ich damals, als wir zuſammen auf der Kalypſo waren, es für möglich gehalten hätte, daß ich jemals auf dieſe Art an Eurem Lager ſtehen würde. Glaubt mir, Admiral Bluewater, ich würde von Herzen gern das Bischen Leben, das mir noch übrig geblieben, mit Euch theilen.“ „Ich glaub's, Stowel— das würdet Ihr thun. Doch das iſt jetzt unmöglich. Ich habe ſo eben mein letztes Werk in dieſer Welt vollendet— meine Nichte iſt die Gemahlin Sir Wycherly Wychecombe's geworden.“ „Ja, Sir— ja, Sir— die Ehe iſt ohne Zweifel ein ehr⸗ barer Stand, wie ich Mrs. Stowel ſchon oft geſagt habe, und ſie darf darum nicht gering geachtet werden. Dennoch iſt es ſonderbar, daß ein Mann, wie Ihr, der ſelbſt als Junggeſelle gelebt hat, gerade noch am Schluſſe ſeiner eigenen Kreuzfahrt eine Trauungs⸗ ceremonie vornehmen läßt und dieß noch dazu mit Aufopferung von 649 hundert Pfunden, falls irgend Jemand Einſprache dagegen erheben ſollte! Nun meinethalben— die Männer ſind ſich in ſolchen Dingen nicht viel ähnlicher, als die Frauen in ihren häuslichen Eigen⸗ ſchaften und ich wünſche von Herzen, daß dieſer junge Sir Wycherly in dem alten Hauſe, das er, wie ich höre, etwas landeinwärts von hier beſitzt, ebenſo viel Ruhe und Behaglichkeit finden möge, als Ihr und ich, Sir, auf dem alten Cäſar zuſammen genoſſen. Ich denke, in Wychecombe Hall wird's wohl keine Kollegen geben.“ „Ich hoffe nicht, Stowel. Ihr müßt aber nun meinen letzten Befehl in Betreff des alten Cäſar anhören——“* „Der kommandirende Admiral hat ſeine eigene Flagge an unſerem Borde aufgehißt, Sir!“ fiel der pedantiſche Kapitän im Tone der Ermahnung ein. „Macht Euch darum keine Sorge, Stowel— ich ſtehe Euch für ſeine Zuſtimmung. Mein Leichnam muß von dem Cäſar an Bord genommen und dann auf dieſem meinem Schiffe nach Ply⸗ mouth geführt werden. Stellt den Sarg auf das Hauptdeck, damit die Mannſchaft ihn ſehen kann: ich möchte gerne meine letzten Stunden über dem Grabe in ihrer Mitte zubringen.“— „Es ſoll geſchehen, Sir— ja, buchſtäblich ſoll es befolgt werden, Sir— wenn anders Sir Gervaiſe keinen Gegenbefehl er⸗ theilt. Und ich will Mrs. Stowel noch dieſen Abend ſchreiben und ihr mittheilen, daß ſie nicht wie gewöhnlich herüber zu kommen braucht, ſobald ſie hört, daß das Schiff eingelaufen iſt— ſondern daß ſie warten ſoll, bis Eure Flagge mit allen nöthigen Cere⸗ monien geſtrichen iſt.“ „Es ſollte mir leid thun, Stowel, wenn ich das Wiederſehen zwi⸗ ſchen Mann und Frau auch nur um einen Augenblick verzögern würde.“ „Sprecht nicht davon, Admiral Bluewater; Mrs. Stowel wird ſchon begreifen, daß der Dienſt dieß ſo mit ſich bringt, denn als wir heiratheten, erklärte ich ihr mit klaren Worten, daß bei einem Seemanne des Königs Dienſt dem Dienſt der Ehe vorgehe.“ 650 Eine kleine Pauſe folgte und dann nahm Bluewater den letz⸗ ten, herzlichen Abſchied von ſeinem Kapitän. Zwanzig Minuten etwa verſtrichen nunmehr in tiefem Schwei⸗ gen; Sir Gervaiſe rührte ſich nicht, in der Meinung, ſein Freund ſey abermals eingeſchlummert. Es ſchien aber ſo beſchloſſen, daß Bluewater nicht mehr ruhen ſollte, bis er endlich die letzte Ruhe der Todten gefunden hätte. Es war ſein Geiſt, der ſtets über die trägere Maſſe des Körpers triumphirt hatte, was ihn jetzt ſo tief aufregte und ſeinen phyſiſchen Kräften einen unnatür⸗ lichen Impuls mittheilte— einen Impuls, der übrigens blos augen⸗ blicklich war und in Folge der nothwendig folgenden Reaktion am Ende nur zu ſeiner raſcheren Auflöſung beitrug. Als Sir Ger⸗ vaiſe endlich bemerkte, daß ſein Freund nicht ſchlummerte, näherte er ſich abermals dem Krankenlager. „Richard,“ ſprach er ſanft,„draußen iſt Einer, der dringend um Einlaß bittet. Ich habe in der Meinung, daß Du zu ſchlummern wünſchteſt, bis jetzt ſogar ſeinen Thränen Widerſtand geleiſtet.“ „Nie wünſchte ich es weniger als jetzt. Mein Geiſt ſcheint— ſtatt zu ſchwinden, im Gegentheil immer klarer und kräftiger zu werden; ich glaube, ich werde nicht mehr ſchlafen, wenigſtens in dem Sinne, in dem Du es meinſt.— Wer es auch ſeyn mag, laß ihn herein.“ Nach dieſer Erlaubniß öffnete Sir Gervaiſe die Thüre und Geoffrey Cleveland trat in das Zimmer. In dem nämlichen Augen⸗ blicke ſchob auch Galleygo, der nach Belieben ab und zu ging, ſeine ungeſchlachte Geſtalt zu der Thüre herein. Das Geſicht des Knaben verrieth ganz die Größe und den Umfang ſeines Schmerzes. In ſeinem Geiſte war Admiral Bluewater mit allen Erſcheinungen ſeines eigenen Seelebens innig verbunden und obwohl der Zeitraum ihres Zuſammenſeyns in der Wirklichkeit nur kurz war, ſo erſchien er ihm dennoch, wenn er einen Blick in die Vergangenheit zurückwarf, faſt eben ſo lange als der, welcher die G A% 8 8— 651 Dauer der Freundſchaft zwiſchen den beiden Admiralen ſelbſt be⸗ zeichnete. Er kämpfte zwar mit der ganzen Kraft ſeiner Seele, um ſeine Selbſtbeherrſchung zu behalten, doch gewann das Gefühl in dem Knaben die Oberhand; er warf ſich neben dem Bette auf die Kniee nieder und ſchluchzte, als ob ihm das Herz brechen wollte. Auch Bluewater's Auge ſchimmerte unter einer Thräne und liebevoll legte er ſeine Hand auf das Haupt ſeines jugendlichen Verwandten. „Gervaiſe, Du wirſt Dich dieſes Knaben annehmen, wenn ich nicht mehr bin,“ ſagte er;„und wirſt ihn auf Deinem eigenen Schiffe um Dich haben. Ich hinterlaſſe ihn Dir, als ein theures und mir ſehr naheliegendes dienſtliches Vermächtniß. Ermanne Dich — ermuntere Dich— mein wackerer Knabe— betrachte dieß Alles nur als das Loos eines Seemannes. Unſer Leben gehört dem——“ Das Wort König', das eigentlich hätte folgen ſollen, ſchien den Sprechenden unangenehm zu berühren. Er warf einen bedeu⸗ tungsvollen Blick auf ſeinen Freund, während ein ſchmerzliches Lächeln über ſein Antlitz zuckte und ſchwieg. „Ach! theurer Sir,“ gab der Kadett treuherzig zur Antwort; „ich wußte zwar, daß wir alle getödtet werden konnten, aber nimmermehr wäre mir eingefallen, daß ein Admiral ſein Leben in der Schlacht verlieren würde. Ich bin gewiß— Ihr ſeyd der Erſte, den ein ſolches Unglück betroffen!“ „Ei bewahre, mein armer Geoffrey. Es gibt nur wenige Admirale, ſiehſt Du, und ſo können auch nur wenige fallen— aber wir ſind der Gefahr eben ſo gut ausgeſetzt wie andere Offiziere.“ „Wenn ich nur wenigſtens dieſem Monſieur des Prez den Saͤbel durch den Leib gerannt hätte, als wir mit ihm zuſammen⸗ trafen,“ erwiederte der Knabe mit den Zähnen knirſchend, während die ganze Rachſucht, die ihn in dieſem Moment durchglühte, ihm aus den Augen blitzte,„das wäre doch wenigſtens etwas ge⸗ weſen! Ich hätte es auch ganz gut thun können, denn er war ja gänzlich unbedeckt!“ 65² „Es wäre etwas ſehr Schlimmes geweſen, Knabe, wenn Du einen tapferen Mann nutzlos verletzt hätteſt.“ „Was für einen Nutzen hat es denn gebracht, daß ſie auf Euch geſchoſſen haben, Sir? Wir hätten ihr Schiff eben ſo gut genommen, wenn Ihr auch nicht verwundet worden wäret.“ „Ich glaube eher, Geoffrey, ihr Schiff war eigentlich ſchon genommen, als ich verwundet wurde,“ verſetzte Bluewater lächelnd. „Ich wurde von einem franzöſiſchen Marineſoldaten getroffen, der dabei nicht mehr als ſeine Pflicht gethan hat.“ „Ja, Sir,“ rief der Knabe ungeduldig, und er iſt ohne eine Schramme davon gekommen. Er wenigſtens hätte doch eigentlich niedergemetzelt werden ſollen.“ „Du biſt blutdürſtig, mein Kind; ich kenne Dich kaum mehr. Niedergemetzelt iſt nie das rechte Wort, weder für einen brit⸗ tiſchen Edelmann, noch für einen brittiſchen Matroſen. Ich rettete dieſem Marineſoldaten das Leben und wenn Du einmal, wie ich, auf Deinem Sterbebette liegen wirſt, Geoffrey, dann wirſt Du erſt lernen, welch' ſüßen Troſt das Bewußtſeyn einer ſolchen Hand⸗ lung verleihen kann. Wir alle ſind der Gnade bedürftig und Keiner darf Gnade für ſich ſelbſt erwarten, wenn er ſie niiht auch Anderen gewährt.“ Der Knabe erkannte die Gerechtigkeit dieſes Verweiſes und ſeine Gefühle nahmen eine beſſere, obgleich kaum eine natürlichere Richtung. Bluewater erzählte ihm jetzt von ſeiner eben erſt auf⸗ gefundenen Couſine und fühlte eine wehmüthige Genugthuung darin, in der Bruſt des offenherzigen, edelmüthigen Knaben eine rege Theilnahme für Mildred zu erwecken. Geoffrey lauſchte mit ehrerbietiger Aufmerkſamkeit, wie dieß immer ſeine Gewohnheit geweſen war, bis er, getäuſcht durch die ruhige, wohlwollende Weiſe Bluewater's, in den ſehr natürlichen Irrthum verfiel, daß er des Contreadmirals Wunde für weniger gefährlich hielt, als er bis jetzt gefürchtet hatte, und neue Hoffnung — — 659 ten Trennung nur wenig zu ſagen. Er küßte ſie, ſegnete ſie noch⸗ mals, und winkte dann, daß man ſie entfernen möchte. Auch Mrs. Dutton bekam ihren vollen Antheil an ſeinen letz⸗ ten Liebesbezeugungen; er hatte nämlich gewünſcht, daß ſie noch verweilen möchte, auch nachdem Wycherly und Mildred das Zimmer verlaſſen hatten. „Ihrer zärtlichen Mutterliebe verdanken wir es, vortreffliche Frau,“ ſprach er, mit einer Stimme, die jetzt beinahe zu einem Flüſtern herabgeſunken war—„daß ſich Mildred für ihre jetzige Stellung ſo wohlgeeignet zeigt. Ihr Wiederfinden wäre wohl noch peinlicher als ihr Verluſt geweſen, wenn ſie ihrer Familie als ein Weſen ohne Erziehung, mit gemeinen Sitten und Grundſätzen— zurückgegeben worden wäre.“ „Das hätte bei Mildred unter allen denkbaren Umſtänden wohl niemals der Fall ſeyn können, Sir,“ gab die weinende Matrone zur Antwort.„Die Natur hat für das theure Kind zu viel ge⸗ than, als daß ſie ſelbſt in den drückendſten Verhältniſſen des Lebens anders als zart und lieblich hätte erſcheinen können.“ „So wie es iſt, iſt's jedenfalls beſſer und Gott ſey dafür ge⸗ prieſen, daß er ihrer Kindheit eine ſolche Beſchützerin zur Seite ſtellte. Sie ſind dem Kinde Alles in allem geweſen, und ſie wird ſich bemühen, Ihnen in Ihren alten Tagen dafür zu lohnen. Davon war Mrs. Dutton zu feſt überzeugt, als daß es wei⸗ terer Verſicherungen bedurft hätte; ſie knieete an dem Lager des Sterbenden nieder, empfing ſeinen Segen, betete dann einige Mi⸗ nuten mit tiefer Inbrunſt und entfernte ſich gleichfalls. Von jetzt an bis gegen Mitternacht ereignete ſich nichts Außer⸗ gewöhnliches und Magrath ließ mehr als einmal ſeine frendigen Ahnungen lant werden, daß der Viceadmiral wohl noch bis zum Morgen am Leben bleiben könnte. Eine Stunde vor Tag lebte jedoch der Verwundete in einer Weiſe wieder auf, welche dem Arzt Beſorgniſſe einflößte. Er wußte, 660 daß keine phyſiſche Veränderung dieſer Art eintreten konnte, die nicht in der augenblicklichen Oberherrſchaft des Geiſtes über den Körper ihren Grund fand, wenn der Erſtere auf dem Punkte ſteht, ſeine irdiſche Behauſung für immer zu verlaſſen— ein Umſtand, welcher bei ſolchen Kranken, wo das geiſtige Element beſonders vorherrſcht, keineswegs ungewöhnlich iſt. So leben dann in ihren letzten Momenten die Kräfte der Seele noch für einen Augenblick wieder auf, gerade wie eine Lampe, welche dem Erlöſchen nahe iſt, zuvor noch eine Zeit lang glimmt und aufflackert. Er näherte ſich dem Bette des Kranken und betrachtete ihn lange und aufmerkſam— es war kein Zweifel mehr, der letzte Augenblick war nahe. „Ihr ſeyd ein Mann und ſeyd Krieger, Sir Jairvis,“ ſprach er zu dieſem mit leiſer Stimme,„es würde alſo nicht wohl ge⸗ rathen ſeyn, wenn ich Euer Urtheil in einem Falle dieſer Art irre zu leiten verſuchen wollte. Unſer verehrter Freund, der Contre⸗ admiral, iſt articulo mortis, wie man wohl ſagen könnte: er wird die nächſte halbe Stunde wohl ſchwerlich überleben.“ Sir Gervaiſe fuhr auf. Er warf einen ernſten Blick um ſich, denn gerade in dieſem Augenblicke hätte er viel darum gegeben, wenn er mit ſeinem ſterbenden Freunde hätte allein ſeyn können. Er zauderte jedoch, dieſen Wunſch zu äußern, denn es fiel ihm plötzlich bei, daß derſelbe wohl unpaſſend erſcheinen möchte. Dieſer Verlegenheit wurde er aber durch Bluewater felbſt ent⸗ hoben, der ſich, wie er ſelbſt, geſcheut hatte, ein ſolches Begehren laut werden zu laſſen. Der Kranke winkte dem Arzte, herbeizu⸗ kommen, und flüſterte ihm ſeinen Wunſch ins Ohr, mit dem kom⸗ mandirenden Admirale allein gelaſſen zu werden. „Nun denn— es heißt die Regeln unſerer Praxis noch nicht überſchreiten, wenn wir dem armen Manne ſein Anſuchen gewäh⸗ ren,“ murmelte Magrath, und ſchaute ſich nach ſeinen chirurgiſchen Inſtrumenten um, welche er mit der Kaltblütigkeit eines Handwerks⸗ 661 mannes zuſammenlas, der im Begriffe ſteht, den bisherigen Ort zu verlaſſen, um ſeine Arbeit an einem andern wieder aufzunehmen; „ich meines Theils bin bereit, ſeiner Bitte nachzukommen.“ Mit dieſen Worten ſchob er Galleygo und Geoffrey vor ſich her zum Zimmer hinaus, verließ es dann ſelbſt und verſchloß die Thüre. Sobald ſich Sir Gervaiſe mit ſeinem Freunde allein fand, knieete er an deſſen Sterbebette nieder und betete, indem er die Hand des Sterbenden mit ſeinen beiden umklammerte. Mrs. Dut⸗ ton's Beiſpiel und die Erſchütterung ſeines eigenen Herzens ver⸗ langten dieſes Opfer; ſobald daſſelbe gebracht war, fühlte er eine große Erleichterung in ſich, während ſein Schmerz ihn vorher bei⸗ nahe zu erſticken gedroht hatte. „Willſt Du mir vergeben, Gervaiſe?“ flüſterte Bluewater. „Nur dieſes Wort nicht— nur dieſes Wort nicht, mein theurer Freund. Wir alle haben unſere Augenblicke der Schwäche und bedürfen insgeſammt der Verzeihung. Möge mir Gott meine Sün⸗ den ſo gewiß vergeben, als ich Deiner Irrthümer von Herzen vergeſſe!“ „Gott ſegne Dich, Oakes, und erhalte Dich als denſelben bie⸗ deren, treuherzigen Mann, der Du immer geweſen!“ Sir Gerrvaiſe begrub ſein Antlitz in die Bettvorhänge und ſtöhnte laut. „Küſſe mich, Oakes,“ flüſterte der Contreadmiral. Der Kommandirende erhob ſich von ſeinen Knieen, um dieſen Wunſch zu erfüllen und beugte ſich über den Körper ſeines Freundes. Als er die dargebotene Wange geküßt hatte, glänzte ein wohl⸗ wollendes Lächeln auf dem Angeſichte des Sterbenden und ſein Athem ſtockte. Es dauerte noch etwa eine halbe Minute, bis der letzte, ſo bezeichnende Athemzug, der aus der menſchlichen Bruſt hervor⸗ kommt, ausgehaucht war. Den Reſt der Nacht brachte Sir Gervaiſe Oakes allein in dem Todtenzimmer zu; ohne zu ermüden, ging er darin auf und nieder und rief ſich die vielen Scenen von Freude, Gefahr, Schmerz 662 und Triumph ins Gedächtniß zurück, welche er und der Todte mit einander verlebt hatten. Mit dem Wiederkehren des Tageslichtes rief er den Dienern und zog ſich in ſein Zelt zurück. Einunddreißigſtes Kapitel. 8 Und ſie ſuchten den todten König im Schrein, Wo er ruht hinter Tempels Ketten; Am Schlachttage muß er bewaffnet ſeyn, Um mit ihnen das Land zu erretten! — Drauf zogen ſie jubelnd hinab ins Thal, Und die Mauren in der Mittagsſonne Strahl Auf Toloſa's Eb'ne zerſtoben. Mrs. Hemans. Es bleibt uns jetzt nur noch übrig, von den Schickſalen der Hauptperſonen unſerer Erzählung eine kurze Skizze zu entwerfen und die wenigen Vorfälle zu berichten, welche mit den bisherigen Ereigniſſen näaͤher verknüpft ſind. Bluewater’s Tod wurde der Flotte mit Sonnenaufgang be⸗ kannt gemacht, indem ſeine Flagge von dem Beſanmaſte des Cäſar abgenommen wurde. Auch des Viceadmirals Flagge wurde zu glei⸗ cher Zeit herabgelaſſen und erſchien in der nächſten Minute wieder an dem Fockmaſte des Plantagenet. Die kleine weiße Wimpel aber, das Zeichen des Ranges des Verſtorbenen, ward nie mehr ihm zu Ehren aufgehißt. Gegen Mittag wurde ſie über ſeinem Sarge ausgebreitet, der dem früheren Wunſche gemäß auf dem Hauptdecke ſeines Schiffes aufgeſtellt war und manche alte rauhe Theerjacke gebrauchte ſie mehr als einmal an dieſem Tage, um ſich die Thrä⸗ nen aus den Augen zu wiſchen. Am zweiten Tage nach dem Tode eines unſerer Helden war der Wind in den Nachmittagsſtunden wieder weſtwärts umgeſprun⸗ gen; alsbald lichtete die ganze Flotte die Anker und ſegelte gegen 663 Plymouth. Die entmaſteten Schiffe waren mittlerweile wieder ſo weit hergeſtellt worden, daß ſie mehr oder weniger Segel führen konnten; ein Fremder aber, der die düſterblickende Linie beobachtet hätte, während ſie die Startlandſpitze umſegelte, würde geglaubt haben, eine geſchlagene Flotte in den Hafen zurückkehren zu ſehen. Die einzigen Zeichen des Triumphs, welche man blicken ließ, waren die ſogenannten Jackflaggen, welche über den weißen Wimpeln der Priſen flatterten: ſelbſt nachdem alle Schiffe wieder in dem neuen Hafen vor Anker gegangen waren, herrſchte noch immer dieſelbe Miene der Trauer unter dieſen ſiegreichen Seemännern. Die Leiche wurde mit dem üblichen Pompe an's Land gebracht; der Trauerzug aber, mit welchem die Krieger der Tiefe ihren Ad⸗ miral zu Grabe geleiteten, zeichnete ſich durch einen Ernſt aus, der die gewöhnlichen Ceremonien der Art, bei denen es ſich nur um ein Beobachten der Form handelt— weit überbot. Viele von den Kapitäns und Greenly insbeſondere hatten Blue⸗ water's neuliche Manöver mit Verwunderung, der Letztere ſogar nicht ganz ohne Mißvergnügen wahrgenommen; doch ſein nachfol⸗ gendes Einſchreiten hatte dieſe Eindrücke wieder völlig verwiſcht und in Betreff ſeines Benehmens an jenem Morgen keine andere Erinnerung in ihnen zurückgelaſſen, als das Gedächtniß ſeines glän⸗ zenden Muthes und der bewundernswürdigen Geſchicklichkeit, womit er ſeine Schiffe geleitet und das Glück eines beinahe verlorenen Tages wieder hergeſtellt hatte. Diejenigen, welche etwas länger über dieſen Gegenſtand nachdachten, ſchrieben die ſeltſamen Bewe⸗ gungen, die der Contreadmiral ausgeführt hatte, allein den geheimen Befehlen zu, welche ihm durch das ſchon oben erwähnte telegra⸗ phiſche Signal zugegangen waren. Wir halten nicht für nöthig, noch läͤnger bei den verſchiedenen Manövern zu verweilen, welche die Flotte, nachdem ſie Plymouth erreicht, auszuführen hatte. Die Beſchädigungen wurden ausge⸗ beſſert, die Priſen in den Dienſt aufgenommen und die Schiffe 664 ſtachen wieder alle zu gehöriger Zeit in die See, bereit und willig, den Feinden ihres Landes zu begegnen. Sie folgten der bei den ſchweren engliſchen Kreuzern jener Zeit üblichen Laufbahn und da Schiffe überhaupt die hervorragenden Charaktere in unſerer Erzäh⸗ lung bilden, ſo möchte es vielleicht nicht ganz unpaſſend ſeyn, auf ihre und ihrer reſpektiven Kommandanten verſchiedene Schickſale noch einen allgemeinen Blick zu werfen. Der Plantagenet wurde von Sir Gervaiſe gehörig ausge⸗ nützt, bis er endlich drei Jahre ſpäter abgebrochen wurde, doch erſt nachdem er länger als zwei Jahre eine blaue Flagge an ſeinem Hauptmaſte geführt hatte. Greenly erlebte noch ſeine Befoͤrde⸗ rung zum Contreadmiral der rothen Flagge und ſtarb auf der Inſel Barbados am gelben Fieber. Der Cäſar, welchen Stowel noch fortwährend kommandirte, ſcheiterte auf einer Winterkreuzfahrt im baltiſchen Meere, ohne daß eine einzige Seele von der ganzen Bemannung gerettet werden konnte. Dieſes Unglück fiel gerade in den Winter, welcher auf den Sommer unſerer Erzählung folgte und der einzige tröſtliche Umſtand bei der ganzen Sache war der, daß der Kommandant des Cäſar von jenem Tage an zugleich auch ſeiner geliebten Mrs. Stowel los ward. Der Thunderer nahm noch an mancher folgenden Schlacht Antheil und ſein Kapitän Foley ſtarb dreißig Jahre ſpäter als Con⸗ treadmiral von England und als Viceadmiral von der rothen Flagge. Der Carnatic wurde noch ſo lange von Parker kommandirt, bis der Letztere berechtigt war, eine blaue Flagge an ſeinem Be⸗ ſanmaſte aufzuhiſſen; was, um der Form zu genügen, gerade einen Tag lang geſchah, worauf beide, Schiff und Admiral, als zu alt für längeren Dienſt— in Ruheſtand verſetzt wurden. Noch ſollten wir übrigens beifügen, daß Parker vom König am Bord ſeines eigenen Schiffes zum Ritter geſchlagen wurde— ein Umſtand, der noch einen augenblicklichen Sonnenſchein auf den Lebensabend eines Mannes warf, der ſeine Laufbahn in einer ſo niedrigen Sphäre begonnen 665 hatte, daß dieſer glückliche Schluß ſeine Erwartungen noch weit übertreffen mußte. In direktem Gegenſatze hiezu dürfen wir hier wohl beiläufig bemerken, daß es Sir Gervaiſe aus Grundſätzen, welche denen Parker's gerade entgegengeſetzt waren, zum dritten Male ausſchlug, ſich zum Viscount von Bowldero ernennen zu laſſen. Seine geſell⸗ ſchaftliche Stellung war geſichert, um Politik bekümmerte er ſich nichts und ſo betrachtete er dieſe Erhebung mit einer Gleichgültig⸗ keit, welche eine natürliche Folge ſeiner eigenen Abkunſt, ſeines Reichthums und ſeines hohen Charakters bildete. Es war nach einem abermaligen Siege, den Sir Gervaiſe erfochten, als Georg II. perſönlich auf dieſen Gegenſtand anſpielte, indem er bemerkte, daß der glückliche Kampf, den wir geſchildert haben, noch immer ohne Belohnung geblieben ſey. Bei dieſer Ge⸗ legenheit bekannte der alte Seemann das wahre Geheimniß ſeiner hartnäckigen Weigerung, eine Ehre anzunehmen, die er doch, wie man hätte glauben können, eben ſo gut hinnehmen als ausſchlagen mochte. „Sir,“ gab er auf die Bemerkung des Koͤnigs zur Antwort, „ich weiß die Gnade Eurer Majeſtät gebührend zu ſchätzen, kann aber niemals meine Zuſtimmung dazu geben, ein Adelsdiplom an⸗ zunehmen, das in meinen Augen ewig als mit dem Blute meines innigſten, beſten Freundes beſiegelt erſcheinen würde.“ Dieſe Antwort wurde nicht vergeſſen und der Gegenſtand ſpäter nie wieder berührt. Das Schickſal des Blenheim bildete eines jener ausdrucksvollen, leeren Blätter, wie ſie die Bücher der Seegeſchichte ſo charak⸗ teriſtiſch bezeichnen. Er ſegelte allein nach dem mittelländiſchen Meere ab: nachdem er aber ſeinen Lootſen entlaſſen, ward ſpäter nie mehr etwas von ihm vernommen. Dieſes Unglück ereignete ſich jedoch erſt, nachdem Kapitän Sterling in einer von Sir Gervaiſe's ſpäteren Schlachten auf ſeinem eigenen Verdecke gefallen war. Den Achilles hatte man einſtmals, noch ehe der Aachener 666 Frieden geſchloſſen wurde, zu nahe gegen einige ſchwere franzöſiſche Batterien antreiben laſſen: auch jetzt wieder, wie damals, wurde ihm jedes Stück ſeiner Maſten aus dem Rumpfe herausgeſchoſſen, zuletzt aber ſah er ſich genöthigt, die Flagge zu ſtreichen. Sein Grafenrang und ſein Muth retteten Lord Morganic vor dem Kriegs⸗ gericht; er erhielt noch vor ſeiner Auswechslung die Erlaubniß, nach Paris zu gehen und ſchloß daſelbſt den Bund der Ehe mit einer berühmten Tänzerin— ein Fahrzeug, das ſeine Zeit nun⸗ mehr dermaßen in Anſpruch nahm, daß er ſeinem bisherigen Stande für immer Lebewohl ſagte. Nichts deſtoweniger ſtand ſein Name auf der Liſte der Viceadmirale von der blauen Flagge, als er ſpäter⸗ hin aus dieſem Leben abſegelte. Der Warſpite und ſein Kapitän Goodfellow verſtarben beide eines natürlichen Todes; der eine als Aufnahmsſchiff, der andere als Contreadmiral von der weißen Flagge. Der Dower, Kapitän Drinkwater, ſcheiterte bei dem Verſuche, Kap Scilly während eines Sturmes zu umſegeln, wobei der Kom⸗ mandant mit der Hälfte der Mannſchaft den Tod in den Wellen fand. Der York hatte noch manchen harten Strauß zu beſtehen, ehe endlich auch ſeine Zeit herankam; zuletzt aber wurde er bei einer Hauptſchlacht dermaßen beſchädigt, daß er verlaſſen werden mußte und auf offener See niedergebrannt wurde. Sein Komman⸗ dant war ſchon früher bei der erſten Kreuzfahrt, die er nach der auf dieſen Blättern verzeichneten Aktion unternahm, unverſehens über Bord geſtürzt. Die Eliſabeth verfaulte als Wachſchiff auf dem Medway: Kapitän Blakeley zog ſich ſpäter als Invalide mit einem Arm und als Ad⸗ miral von der gelben Flagge aus dem Dienſte zurück. Der Dublin begrub ſeine Gebeine in der Bai von York, nach⸗ dem er einen ſtrengen Winter hindurch zum Kreuzen an der Nord⸗ küſte verurtheilt geweſen war. Kapitän O'⸗Neil fiel nach dem Frieden in einem Duell mit einem franzöſiſchen Offizier, welcher behauptet 667 hatte, ſein Schiff ſey vor zwei Fregatten unter dem Kommando des Chevalier“ davongelaufen. Die Chloe wurde im nächſten Kriege von einer feindlichen Flotte weggenommen: Kapitän Denham aber brachte es bis zur Peers⸗ würde und hatte die weiße Flagge an ſeinem Hauptmaſte flattern. Der Druid litt noch im nämlichen Sommer auf einer Jagd gegen die franzöſiſche Küſte in der Nähe von Bordeaux Schiffbruch und Blewet war, wenigſtens vom dienſtlichen Geſichtspunkte aus betrachtet, nie mehr im Stande, den Grund, den er bei dieſer Gelegenheit verloren, ſpäter wieder zu gewinnen. Was endlich die übrigen Schaluppen und Kutter betrifft, ſo gingen ſie den Weg aller kleinen Kreuzer, während ihre namenloſen Komman⸗ danten das gewöhnliche Schickſal der meiſten Seemänner theilten. Wycherly blieb zu Wychecombe, bis die Beerdigung ſeines Oheims Statt hatte, bei welcher er, von Sir Reginald's Einfluß und Sachkenntniß unterſtützt, trotz Tom's Intriguen, als Haupt⸗ leidtragender erſchien. Auch die Angelegenheit wegen der Nach⸗ folge wurde ſo geleitet, daß ſie ihm nur wenig Unruhe verurſachte. Als Tom endlich entdeckte, daß ſeine eigene unrechtmäßige Abkunft bekannt war und die Hoffnungsloſigkeit eines Streites einſah, bei welchem er es mit einem Gegner, wie Sir Reginald, zu thun hatte, der mit den Thatſachen eben ſo genau wie mit den darauf bezüg⸗ lichen Geſetzen vertraut war— zog er ſich gutwillig von dem Kampfplatze zurück. Von dieſem Augenblicke an war von den Le⸗ gaten nicht mehr das Geringſte zu vernehmen. Zuletzt erhielt er noch ſeine zwanzigtauſend Pfund aus den fünfprocentigen Staatsaktien nebſt der geringen beweglichen Habe, welche Sir Wycherly recht⸗ mäßiger Weiſe hatte vergeben können; er konnte die Erbſchaft aber nur kurze Zeit genießen, denn noch im Herbſte des nämlichen Jahres zog er ſich eine heftige Erkältung zu und ſtarb wenige Wochen darauf an einem bösartigen Fieber. * So wurde der Prätendent gewöhnlich genannt. D. U. 668 8 Da er kein Teſtament hinterlaſſen hatte, ſo fiel ſein Ver⸗ mögen dem Fiscus anheim, wurde aber durch die Großmuth des Miniſteriums in Berückſichtigung der langjährigen Dienſte des Barons ſammt und ſonders ſeinen beiden Brüdern mütterlicher Seits über⸗ laſſen, welche, wie man ſich erinnern wird, die einzigen ſeines Ge⸗ ſchlechtes waren, welche von dem Blute der Wychecombe's in ihren Adern trugen. So geſchah es, daß in dieſem Falle über die beider⸗ ſeitige Verlaſſenſchaft des Baronets und des Richters mit geziemender Beachtung der moraliſchen Gerechtigkeit verfügt wurde. Auch Wycherly erſchien in Geſellſchaft Sir Gervaiſe Oakes, als einer der Hauptleidtragenden bei dem Leichenbegängniſſe des Admirals Bluewater. Daſſelbe wurde als eine öffentliche Feierlich⸗ keit in der Weſtminſter Abtei begangen. Auch die Wagen derjenigen königlichen Perſonen, welche durch die Geſetze der Hofetikette nicht von der Begleitung ausgeſchloſſen waren, erſchienen in dem Trauer⸗ zuge, und von den Mitgliedern ebenderſelben Familie, welche der Verſtorbene nur als Eindringlinge betrachtet hatte, erſchienen mehrere unerkannt bei der letzten Ceremonie, die ihm zu Ehren veranſtaltet wurde. Es war dies übrigens nur eine von den tauſenderlei Täuſchungen, welche die große Maskerade des Lebens den Augen des Publikums fortwährend darbietet. Die Anerkennung von Mildred's Anſprüchen als Tochter Obriſt Bluewater's und Agnes Hedworth's fand nur ſehr geringe Schwierig⸗ keiten. Lord Bluewater war bald zufrieden geſtellt: der Beſitz von ſeines Vetters Vermögen war ihm von jeher höchſt gleichgültig geweſen, da er ihn niemals weder gewünſcht noch erwartet hatte, und ſo herrſchte bald zwiſchen beiden Parthien das vollkommenſte Einverſtändniß. Größere Schwierigkeiten ergaben ſich mit der Herzogin von Glamorgan, welche ſich zu ſehr den Anſichten des höchſten Adels hingegeben hatte, um noch mit Wohlgefallen auf eine Nichte herab⸗ ſehen zu können, welche als die Tochter eines Segelmeiſters in der Marine auferzogen worden war. Sie gab zwar zu, daß ſie um 669 ihrer Schweſter Neigung zu John Bluewater gewußt habe, erhob aber dennoch alle möglichen Einwendungen gegen Mildred's Aner⸗ kennung. Ihr zweiter Sohn Geoffrey trug⸗ mehr als alle Uebrigen zuſammen, zur Heilung ihrer Zweifel bei und als ſich Sir Gervaiſe Oakes in eigener Perſon zu einer Reiſe nach dem Park bequemte, um ſie zu der Prüfung der beigebrachten Zeugniſſe zu überreden— konnte ſie ſich wohl nicht länger ſträuben. Sobald erſt ihr wahr⸗ haft redliches Gemüth dazu vermocht war, auf die gewünſchte Unterſuchung einzugehen, mußte ſie auch den Beweis als unwider⸗ leglich anerkennen und den Gefühlen der Natur nachgeben. Wycherly war unermüdlich in Begründung der Anſprüche ſeiner Gattin und hier ſogar noch eifriger, als er bei ſeinen eigenen Rechts⸗ forderungen geweſen; er hatte auf den Rath des Viceadmirals— der in Folge einer neulichen allgemeinen Beförderung zum Admiral der weißen Flagge vorgerückt war— darein gewilligt, den Letzteren bei obengenanntem Beſuche zu begleiten. Doch war dabei ausgemacht worden, daß er ſo lange in der nächſten Stadt warten wollte, bis er eine Einladung nach dem Parke erhielte, was alsbald geſchehen ſollte, ſowie ſich der Admiral überzeugt haben würde, daß Wycherly's Anweſenheit der Herrin deſſelben angenehm ſeyn könnte. „Wenn meine Nichte nur halbwegs das empfehlende Aeußere meines Neffen zeigt, Sir Gervaiſe,“ bemerkte die Herzogin, nach⸗ dem ihr der junge Virginier vorgeſtellt worden war, indem ſie einen beſondern Nachdruck auf das Wort ‚Neffe“ legte,„ſo kann uns dieſe neue Verwandtſchaft nicht anders, als erwünſcht ſeyn. Ich bin jetzt in der That ſehr neugierig, meine Nichte zu ſehen: Sir Wycherly Wychecombe hat mich ſchon darauf vorbereitet, eine junge Dame von mehr als gewöhnlichen Vorzügen in ihr zu erwarten.“ „Mein Leben zum Pfande, Herzogin, er hat Ihre Erwartungen nicht zu hoch geſteigert. Das arme Mädchen lebt noch in ihrem Sta⸗ tionshäuschen, wo ſie ihrer Mutter Geſellſchaft leiſtet; doch iſt es wahr⸗ lich hohe Zeit für Euch, Wychecombe, die Braut endlich heimzuführen!“ 670 „Ich erwarte ſie und Mrs. Dutton bei meiner Rückke w in Wychecombe⸗Hall zu finden, Sir Gervaiſe, denn ſo haben ſoir es mit einander verabredet. Die traurigen Pflichten, veise ſ in letzter Zeit zu erfüllen hatten, waren nicht wohl dazu geeignet, die neue Herrin in ihren Wohnſitz einzuführen und ſo wurde dies bis zu einer paſſenderen Gelegenheit verſchoben.“ „Ich bitte, daß der erſte Beſuch, welchen Lady Wychecombe machen wird, meinem eigenen Schloſſe gelten möge,“ verſetzte die Herzogin.„Ich befehle dieſes nicht, Sir Wycherly, als ihre Tante, die wohl einige Anſprüche auf ihre Ergebenheit beſitzt— ſon⸗ dern ich bitte darum, weil ich wünſche, ihre volle Liebe zu beſitzen. Ihre Mutter war meine einzige Schweſter und einer einzigen Schweſter Kind muß uns doch wohl ſehr nahe ſtehen.“ Die Herzogin von Glamorgan hätte wohl, ehe ſie den jungen Virginier geſehen, unmöglich auf dieſe Art ſich ausſprechen können; da jedoch der Neffe ſich ſo ganz anders dargeſtellt hatte, als ſie ihn zu finden erwartet, ſo hegte ſie nunmehr auch die ſchönſten Hoffnungen in Betreff ihrer Nichte. Wycherly kehrte nach dieſem kurzen Beſuche bei Mildred's Tante nach Wychecombe zurück und fand ſeine liebenswürdige Ge⸗ mahlin in Geſellſchaft ihrer Mutter im vollen Beſitze des Schloſſes. Dutton blieb noch auf der Signalſtation zurück, denn er beſaß Scharffinn genug, um ſich zu denken, daß er dort nicht eben willkom⸗ men ſeyn würde, und war auch gerade noch ſo beſcheiden, daß er mit vorſichtiger Zurückhaltung zu handeln beſchloß. Wycherly achtete jedoch das vortreffliche Weib des Quartiermeiſters viel zu ſehr, um nicht in Allem die zarteſte Rückſicht auf ihre Gefühle zu beachten, und ſo wurde Dutton eingeladen, ihnen Geſellſchaft zu leiſten. Wo ſich Rohheit und Gemeinheit in einem Charakter, wie der von Dutton, vereinigen, da wird das Schamgefühl nur wenig Einfluß ausüben; der Quartiermeiſter nahm demnach die Einladung an und ſchmeichelte ſich dabei mit der Hoffnung, daß er durch Mildred's Vermäaͤhlung “ 3 2 — — mit dem reichen Baronet am Ende doch noch eben ſo viele Vor⸗ theile gewinnen werde, wie wenn Jene in Wirklichkeit ſeine Tochter geweſen wäre. Nachdem Wycherly einige Wochen in beſcheidenem Glücke zu Haus verlebt hatte, glaubte er es allen Betheiligten ſchuldig zu ſeyn, ſeine Gattin nach dem Wohnſitze der Herzogin zu führen, um ſie mit ihren dortigen nahen Verwandten bekannt zu machen. Mrs. Dutton wurde eingeladen, an der Parthie Theil zu nehmen; Dutton aber ward zurückgelaſſen, da er mit den Scenen und Ge⸗ fühlen, welche man dort mit Wahrſcheinlichkeit erwarten konnte, durchans in keiner nothwendigen Verbindung ſtand. Es hieße die Herzogin zu ſehr ins Schöne malen, wenn wir behaupten wollten, ſie habe Mildred ohne allerlei ſchlimme Ahnungen und Beſorgniſſe empfangen. Doch der erſte Blick auf ihre liebliche Nichte ließ ihre natürlichen Gefühle vollſtändig die Oberhand ge⸗ winnen. Die Aehnlichkeit mit ihrer Schweſter war ſo auffallend, daß ſie bei dem erſten Entgegenkommen einen durchdringenden Schrei ausſtieß und unter einem Strome von Thränen das junge, zitternde Weſen mit einer Innigkeit und Aufrichtigkeit an's Herz ſchloß, welche ſie alle conventionellen Formen vergeſſen ließen.— Dieß war der Anfang einer innigen Verbindung, welche jedoch nur kurze Zeit dauerte, da die Herzogin zwei Jahre ſpäter mit dem Tode abging. Wycherly blieb noch bis zu dem Aachener Frieden im Dienſt, worauf er der See für immer Lebewohl ſagte. Seine große An⸗ hänglichkeit an ſein Geburtsland führte ihn nach Virginia zurück, wo alle ſeine nächſten Verwandten weilten und wo er ſein ganzes Herz befriedigt fühlte, als er Mildred und ſeine Kinder neben ſich ſah. Bei ihm hatten frühere Bande und Gewohnheiten mehr Stärke als Sagen und Ueberlieferungen aus entſchwundenen Zeiten. Er baute ſich eine geräumige Wohnung auf dem Landſitze, den er von ſeinem Vater geerbt hatte und verlebte daſelbſt den größten Theil ſeiner Zeit, während Wychecombe der Aufſicht eines 672 ſorgſamen Haushofmeiſters anvertraut blieb. Mit den Vergröße⸗ rungen und Verbeſſerungen, die er nunmehr einzuführen im Stande war, gewährte ihm ſein virginiſches Gut ſogar noch ein größeres Einkommen als das in England, und ſein Intereſſe entſprach voll⸗ kommen der Wahl, die er getroffen hatte. Doch lagen dieſer ſeiner Wahl keinerlei pekuniäre Ruckſichten zu Grunde. Er gab in Wirklichkeit dem offenen, geſelligen Tone, wie er damals die Sitten am James⸗Fluſſe auszeichnete, entſchieden den Vorzug, da dieſelben in jener Zeit eben ſo weit von der ge⸗ meinen, lärmenden Fröhlichkeit des engliſchen Landadels, als von dem herzloſen Formenweſen der vornehmen Welt entfernt waren. Dazu kam noch, daß ſein empfindliches Gefühl deutlich genug bemerkt hatte, wie er in dem Mutterlande doch nur als eine Art Eindringling angeſehen wurde. Man ſprach von ihm nur als von dem amerikaniſchen Gutsherrn; ſo nannte man ihn in den Tagsblättern, als ſolchen betrachteten ihn ſogar ſeine Pächter und ſo konnte er ſich in dem Lande, für welches er gefochten und geblutet hatte, doch niemals recht heimiſch fühlen. In England war ſein Baronetsrang nicht hinreichend, um dieſe kleinen Eigenthümlich⸗ keiten zu vergeſſen, wogegen er ihm in Virginia einen gewiſſen Glanz verlieh, wie er einer der Hauptſchwächen unſerer menſch⸗ lichen Natur nichts weniger als unangenehm war. ‚Zu Hauſe“’, wie man damals das Mutterland mit liebevoller Anhänglichkeit nannte, hatte er nie Hoffnung, geheimer Rath zu werden, während ihn ſein Rang wie ſein Vermögen in ſeinem Geburtslande, in der Ko⸗ lonie, beinahe ganz von ſelbſt in den Rath des Statthalters ver⸗ ſetzten.— Mit einem Worte, Wycherly fand, daß von den welt⸗ lichen Rückſichten, welche die Menſchen gewöhnlich zu der Wahl eines Wohnſitzes beſtimmen, die meiſten zu Gunſten desjenigen Landſtriches ſprachen, in welchem er zufällig geboren worden war, und ſo wurde ſeine Entſcheidung mehr von ſeinem Gefühl und Geſchmack als von irgend etwas Anderem geleitet. Sein Geiſt hatte eine N 673 frühzeitige Vorliebe für die Gebräuche und Anſichten des Volkes gefaßt, unter welchem er ſeine erſten Eindrücke empfangen hatte und dieſer Vorliebe blieb er treu bis zu der Stunde ſeines Todes. Als ein Muſter ächter Weiblichkeit fand auch Mildred ihr ganzes Glück in dem Beſitze ihres Gatten und ihrer Kinder. Der Letzteren hatte ſie blos drei, einen Knaben und zwei Mädchen, welche bald darauf der Sorgfalt von Mrs. Dutton anvertraut werden konnten.. Dieſe vortreffliche Frau war mit ihrem Gatten in Wychecombe zurückgeblieben, bis endlich der Tod ſeinen Laſtern ein Ziel ſetzte. Uebrigens war das Ende ſeiner Laufbahn frei von jenen Scenen herriſcher Brutalität und Gewaltthat geweſen, welche die früheren Abſchnitte in dem Leben ſeiner Gattin ſo elend gemacht hatten. Die Furcht vor den Folgen, welche ſeiner noch warten mochten, wirkte hier als hemmendes Mittel und dabei hatte er Verſtand genug, um einzuſehen, daß er die leibliche Behaglichkeit, deren er nun genoß, einzig und allein dem Einfluſſe ſeiner Frau verdankte. Er lebte jedoch nur noch vier Jahre. Seine Wittwe reiste nach ſei⸗ nem Tode unverzüglich nach Amerika ab. Wir Rüßten ein Gemälde nüchterner Wirklichkeiten durch reine Phantaſtegebilde erſetzen, wenn wir behaupten wollten, Lady Wyche⸗ combe und ihre adoptirte Mutter hätten ihr eigenes Geburtsland niemals vermißt. Eine ſolche Verläugnung des Gefühls, der Gewohn⸗ heiten und der Vorurtheile iſt ja nicht einmal von einem Eskimo zu erwarten. Beide hatten gelegentliche Bemerkungen über das Klima zu machen(und zwar zu Wycherly's größtem Erſtaunen, denn er für ſeine Perſon war feſt überzeugt, daß das von England in der ganzen Welt gerade das ſchlechteſte ſey); auch über die Früchte, die Dienerſchaft, die Straßen, ſo wie über die Schwierigkeit, ſich manche kleine Luxusartikel zu verſchaffen— gab's allerlei Tadel zu hören. Doch wurde dieß Alles nur mit der größten Gutmüthigkeit und mehr ſcherzweiſe, als in der wirklichen Abſicht, ſich zu beklagen Die beiden Admirale. 2. Aufl. 43 3 674 vorgebracht, und konnte alſo niemals unangenehme Scenen oder Eindrücke veranlaſſen. Alle drei machten von Zeit zu Zeit Reiſen nach England, wo⸗ hin der Baronet wegen ſeiner Güter, beſonders aber wegen der Auseinanderſetzung mit ſeinem Verwalter ungefähr alle fünf Jahre einmal zu gehen genöthigt war, und ſo wurden auch die Früchte und das Klima zuletzt noch von den Damen aufgegeben. Nach manchen Jahren wurde ſogar die unmanierliche, ſorgloſe aber herz⸗ liche Bedienung der Neger dem pedantiſchen Starrſinn engliſcher Domeſtiken vorgezogen, ſo vollendet die Letzteren auch in ihrem Dienſte ſeyn mochten, und die ganze Sache blieb ſpäter ſtatt eines Gegenſtandes der Klage nur noch das Ziel mancher munteren Scherze. Es gibt nicht leicht einen größeren Irrthum, als wenn man glaubt, ein Reiſender, der voll von ſeinen heimathlichen, oft nur zu provinziellen Anſichten zum erſten Male durch ein Land kömmt, ſey im Stande, ſogar die Gebräuche, welche er wirklich vor Augen hat, mit wohl unterſcheidendem Gerechtigkeitsſinne zu be⸗ ſchreiben. Dieſe Wahrheit lernte ſeiner Zeit die ganze Familie würdigen und während ſie Alle zuſammen umſichtiger in ihren kri⸗ tiſchen Bemerkungen wurden, trug jene auch dazu bei, ihnen über⸗ haupt größere Nachſicht einzuflößen. So wie die Sachen ſtanden, waren im ganzen brittiſchen Reiche wenig glücklichere Familien als die Sir Wycherly Wyche⸗ combes zu finden. Er ſelbſt, als das Haupt derſelben, bewahrte für alle ſeine Angehörigen ſeine männliche, ſchützende Zärtlichkeit, während ſeine Gattin— als Matrone eben ſo ſchön als ſie als Mädchen lieblich geweſen war— ihm mit der vollen Liebe eines Weibes anhing und ſich ſo hingebend, wie die Weinrebe an dem Eichſtamme, an ihm emporrankte. Ueber den Ausgang des Aufſtandes im Norden haben wir wohl nicht nöthig, Vieles zu bemerken. Die Geſchichte von den Siegen des Chevaliers im erſten und von ſeiner endlichen Niederlage — — 675 bei Culloden im folgenden Jahre iſt allgemein bekannt. Sir Re⸗ ginald Wychecombe hatte, gleich hundert Anderen, ſeine Karten ſo geſchickt gemiſcht, daß er ſich ſelbſt dadurch nicht kompromittirte und obwohl er ſein ganzes übriges Leben und ſogar bis zu ſeinem Tode als ein verkappter Jakobite angeſehen wurde, ſo entging er doch einer gerichtlichen Unterſuchung und Strafe. Mit Sir Wy⸗ cherly als dem Haupt ſeines Hauſes unterhielt er bis an ſein Ende einen freundſchaftlichen Briefwechſel und führte ſogar in Abweſen⸗ heit des Beſitzers die Aufſicht über das väterliche Erbgut; bis zu der Stunde ſeines Todes bewährte er in Geldſachen die gewiſſen⸗ hafteſte Rechtlichkeit, gepaart mit einer angeborenen Liebe zum In⸗ triguiren und Komplotteſchmieden, ſobald es ſich von Gegenſtänden der Politik und der Thronfolge handelte. Sir Reginald lebte übrigens noch lange genug, um die Hoffnungen der Jakobiten völlig vernichtet und den Thron von einem gebornen Engländer eingenommen zu ſehen. Der Leſer muß ſich nun, nach der für die Hauptperſonen ſo merkwürdigen Woche, deren Anfang unſere vorliegende Erzählung eroͤffnete, eine lange Reihe von Jahren als vorübergefloſſen denken. Die Zeit war mit ihrem gewohnten, nie wankenden Schritte weiter gerückt und der größere Theil der früheren Generation war nunmehr zu ihren Vätern verſammelt. Georg III. ſaß nun ſchon ſeit drei Luſtren auf dem Throne und die Mehrzahl der Hauptperſonen des Jahres 1745 war todt— viele davon in gewiſſem Grade auch vergeſſen. Jedes Zeitalter hat aber ſeine eigenthümlichen Ereigniſſe, ſeine eigenthümlichen Veränderungen. Jene Kolonien, welche im Jahre 1745 in dem Glauben, daß ihre politiſche und religiöſe Freiheit von dem Ausgange abhingen, dem Hauſe Hannover ſo treu und unerſchütterlich ergeben geweſen— hatten ſich unterdeſſen gegen die Oberherrſchaft des Reichsparlamentes empört. Amerika ſtand bereits in Waffen gegen das Mutterland und gerade den Tag zu⸗ vor, ehe die kleine Scene, welche wir zu ſchildern im Begriffe ſtehen, Statt hatte, war die Kunde von der Schlacht bei Bunkers⸗ 676 Hill zu London eingetroffen. Obgleich die Tagesblätter und der Nationalſtolz die beſonders hervorragenden Züge dieſes merkwür⸗ digſten aller ähnlichen Kämpfe in gewiſſem Grade verwiſchten— die Zahl der im Kampfe geſtandenen Koloniſten vermehrten und dagegen den Verluſt der königlichen Truppen verminderten— ſo muß doch der Eindruck, welchen dieſe Nachricht verbreitete, wie man allgemein behauptet, weit größer geweſen ſeyn als jeder an⸗ dere, der noch aus jener Zeit bekannt iſt. In England— ſogar in ganz Europa und zwar bis auf die jetzigen Zeiten herab— hatte die Meinung vorgeherrſcht, die Thiere des neuen Kontinents mit Einſchluß der Menſchen beſäßen weniger Muth und phyſiſche Stärke als die des alten, und Er⸗ ſtaunen miſchte ſich in die Ahnungen auch der Hellerſehenden, als man fand, daß ein Haufen ſchlecht bewaffneter Landleute es gewagt hatte, der doppelten Zahl regulärer Truppen in einem äußerſt blu⸗ tigen Kampfe— und zwar noch unter den Kanonen der königlichen Land⸗ und Flottenbatterien— entgegen zu treten. In London ſelbſt wurden in jenem Augenblicke allerhand ſeltſame Gerüchte verbreitet und die politiſche Welt war über die nächſte Zukunft mit den düſterſten Ahnungen erfüllt. An dem Morgen des bezeichneten Tages war die Weſtminſter⸗ Abtei, wie gewöhnlich, für die Beſuche der Neugierigen oder be⸗ ſonders Betheiligten geöffnet. Verſchiedene Geſellſchaften waren in den Chorgängen und Kapellen zerſtreut: einige laſen die In⸗ ſchriften auf den einfachen Gedächtnißtafeln der Todten, welche— indem ſie ſich ſelbſt verherrlicht, auch ihre Nation verherrlicht hatten; andere horchten auf die Namen von Fürſten, die ihre einzige Be⸗ deutung von ihren Thronen und Verbindungen ableiteten, und wieder andere wanderten zwiſchen den prunkvolleren Denkmälern umher⸗ die gleichermaßen zur Verherrlichung der Unbedeutendheit wie zur Bezeichnung der letzten Ruheſtätten neuerer Helden und Staats⸗ männer errichtet worden find. 677 Die Schönheit der Witterung hatte ungewöhnlich viele Beſuche herbeigelockt und nicht weniger als ein halbes Dutzend Equipagen warteten in dem Palaſthofe oder in deſſen Nähe. Eine darunter führte eine Herzogskrone im Wappenſchild und ermangelte auch nicht, alsbald jene Aufmerkſamkeit zu erregen, welche in England ſo oft dem Range gezollt wird. Die Wagen waren übrigens ſämmtlich leer und manche Parthie von Fußgängern betrat das ehrwürdige Gebäude in der freudigen Ausſicht, daß ſie unter den übrigen Sehenswürdigkeiten auch noch einen Herzog oder eine Her⸗ zogin, und noch obendrein unentgeldlich, würden anſtaunen dürfen. Doch waren nicht Alle, welche zu Fuß nahten, von dieſem gemeinen Gefühle beſeelt, denn eine Geſellſchaft ging vorüber, ohne auch nur einen einzigen Blick auf die verſchiedenen Wagen zu werfen; die älteren Perſonen dieſer Gruppe mochten wohl an ſolche Dinge zu ſehr gewöhnt ſeyn, um hierüber nur einen Gedanken zu verlieren, und die jüngeren ſchwelgten ſchon zu ſehr in dem Vor⸗ genuſſe Alles deſſen, was ſie zu ſehen im Begriffe ſtanden, um noch an andere Dinge denken zu können. Die Geſellſchaft beſtand aus einem hübſchen Manne in den Fünfzigen, einer drei bis vier Jahre jüngeren Dame von ſehr wohl erhaltenem und noch immer höchſt anziehendem Aeußern; fer⸗ ner aus einem jungen Manne von ſechs und zwanzig, und zwei lieblichen Mächen, welche faſt wie Zwillinge ausſahen, obwohl die eine eigentlich ein und zwanzig, die andere aber nur neunzehn Jahre zählte.— Es war Sir Wycherly mit Lady Wychecombe, nebſt ihren Kindern, nämlich ihrem einzigen Sohne Wycherly, der ſo eben von einer fünfjährigen Wanderſchaft auf dem Feſtlande von Europa zurückgekehrt war, und ihren beiden Töchtern Mildred und Agnes. Die Familie war ungefähr vor vierzehn Tagen in Eng⸗ land angekommen, um den Erben bei ſeiner Rückkehr von der großen Tour, wie man es damals nannte, zu begrüßen. Das Wiederſehen war herzlich und voll Zärtlichkeit geweſen; nur hatte * 678 Lady Wychecombe an ihren Sohne einige unſchuldige ausländiſche Zierereien, oder was ihr wenigſtens dafür galt, zu tadeln und der Baronet ſelbſt lachte herzlich über die franzöſiſchen, italieniſchen und deutſchen Brocken, welche ſich ganz natürlich in des jungen Mannes Unterredung miſchten. Doch warf dieß Alles keinen Schatten auf die Freude der Geſellſchaft, denn unbegränztes Vertrauen und unveränderliche Liebe waren ſtets in dieſer Familie einheimiſch geweſen. „Dieß iſt für mich ein höchſt feierlicher Ort,“ bemerkte Sir Wycherly, als ſie bei dem Chorgang der Dichter eintraten,„wo ein gewöhnlicher Menſch nothwendig ſeine eigene Unbedeutendheit fühlen muß. Wir wollen aber zuerſt unſere Wanderſchaft vollenden und dieſe denkwürdigen Aufſchriften erſt beim Herausgehen betrach⸗ ten. Das Grab, das wir ſuchen, iſt in einer Kapelle auf der andern Seite der Kirche, nahe am großen Eingang. Als ich es das letzte Mal ſah, war es ganz einſam.“ Bei dieſen Worten ging die ganze Geſellſchaft weiter und nur die beiden lieblichen, jugendlichen Virginierinnen warfen ernſte, neugie⸗ rige Blicke auf die Wunderdinge, wovon ſie allenthalben umringt waren. „Iſt dieß nicht ein ganz außerordentliches Gebäude, Wycherly?“ flüſterte Agnes, die jüngere der beiden Schweſtern, und hing ſich an den einen Arm ihres Bruders, während Mildred den andern eingenommen hatte.„Kann die ganze Welt einen zweiten derartigen Ort aufweiſen?“ „Ja, ja, euch von dem Jamesfluſſe mag es wohl ſo vorkom⸗ men!“ gab der junge Mann lachend zur Antwort;„hättet ihr aber den Thurm zu Rouen oder zu Rheims, oder den von Antwerpen, ja ſogar nur den von York in unſerem eigenen guten Königreiche ge⸗ ſehen, dann würde das alte Weſtminſter bis auf ſeine kleinen Tä⸗ felchen und ellenlangen Namen zuſammenſchwinden. Doch Sir Wycherly bleibt ſtehen: er muß wohl ſeinen ‚Landfalle,“ wie er's nennt, vor Augen haben.“ * So nennt der Engländer das erſte Land, das er nach einer langen Seereiſe zu Geſicht bekommt. D. U. 679 Sir Wycherly hatte in der That Halt gemacht. Er hatte das obere Ende des Mittelſchiffs erreicht, von wo er das Innere der Niſche oder Kapelle, auf welche er zugegangen war, erblicken konnte. Auch jetzt war dort nur ein einziges Monument zu ſehen und dieſes war mit einem Anker und anderen nautiſchen Sinnbil⸗ dern verziert. Sogar in dieſer Entfernung konnte man die Worte leſen: „Nichard Bluewater, Contreadmiral von der weißen Flagge.“ Der Baronet war übrigens deßhalb ſo plötzlich ſtill geſtanden, weil er eine andere Geſellſchaft von drei Perſonen dieſelbe Kapelle betreten ſah, worin er mit ſeiner Familie allein zu ſeyn gewünſcht hatte. Die Geſellſchaft beſtand aus einem alten Manne, der mit wankenden Schritten einherging, was wohl hauptſächlich von dem Umſtande herrühren mochte, daß er ſich auf einen Diener ſtützte, der faſt eben ſo alt wie er ſelbſt war, wenn er gleich einen etwas kräftigeren Körperbau zeigte. Der Dritte war ein ſchlanker, imponirend ausſehender Mann in mittleren Jahren, der den Beiden geduldigen Schrittes folgte. Mehrere Thürſteher der Kathedrale beobachteten dieſe Gruppe mit neugierigen, aber ehrfurchtsvollen Mienen aus der Entfernung, hatten jedoch die Weiſung erhalten, die Drei nicht nach der Kapelle zu begleiten. „Das müſſen einige alte Kriegskameraden meines armen Oheims ſeyn, welche hier ſein Grab beſuchen!“ flüſterte Lady Wychecombe. „Sieh nur— der alte, ehrwürdige Herr trägt ebenfalls die Ab⸗ zeichen eines Seemanns an ſeinem Rocke.“ „Wie, Liebe— kannſt Du ihn wirklich vergeſſen haben? Das iſt ja Sir Gervaiſe Oakes, der Stolz von England; und jetzt — ach! wie verändert! Es find jetzt fünfundzwanzig Jahre, ſeit wir das letzte Mal zuſammentrafen und doch erkenne ich ihn auf den erſten Blick. Der Diener iſt der alte Galleygo, ſein früherer Hofmeiſter; den Herrn aber, der bei ihnen iſt, kenne ich nicht. Laß uns näher treten— wir können wohl an einem ſolchen Orte keine unwillkommenen Gäſte ſeyn.“ —— 680 Sir Gervaiſe ſchenkte dem Eintreten der Wychecombes keine Aufmerkſamkeit. An dem leeren Ausdrucke ſeines Geſichts konnte man deutlich gewahren, daß ſeine Geiſteskräfte durch die lange Zeit und den harten Dienſt bedeutend abgenommen hatten, während ſein Körper noch unverſehrt geblieben war— bei einem Manne, der ſo viele Schlachten mitgemacht hatte, allerdings eine große Seltenheit. Dennoch war in ſeinem Auge, wenn plötzliche Einfälle ſeinen Geiſt du rchkreuzten, das Glimmen mancher lebhaften Erinne⸗ rung und ſogar Zeichen lebhaften Gefühls zu erkennen. Er pflegte jedes Jahr einmal an dem Gedächtnißtage der Beerdigung ſeines Freundes die Kapelle zu beſuchen und war auch heute theils aus Gewohnheit, theils auf ſeinen eigenen Wunſch hergeführt worden. Ein Stuhl wurde für ihn bereit gehalten: darin nahm er dem Grabe gegenüber Platz, ſo daß er die großen Buchſtaben der Auf⸗ ſchrift gerade vor Augen hatte. Er ſah jedoch weder auf das Grab noch auf die Fremden, obgleich er ihren Gruß mit einer höflichen Verbeugung erwiederte. Sein Begleiter ſchien im Anfange durch die fremde Geſellſchaft etwas überraſcht, wenn nicht gar auf⸗ gebracht zu ſeyn; als aber Wycherly die Bemerkung fallen ließ, daß ſie Verwandte des Verſtorbenen ſeyen, machte auch er ſeine artige Verbeugung und gab Raum für die Damen. „Das iſt's, was Ihr ſehen wolltet, Sir Jarvy,“ bemerkte Galleygo und rüttelte ſeinen Herrn etwas weniges an der Schulter, um dadurch ſein Gedächtniß aufzuwecken.„Die Kabeltaue da und die Anker, der Beſanmaſt mit der Contreadmiralsflagge am Top— dieß Alles wurde unſerem Freunde, dem ehemaligen Admirale Blue zu Ehren in dieſer alten Kirche aufgetackelt; jetzt iſt er freilich todt und modert ſchon manches lange Jahr!“ „Admiral von der Blauen,“* wiederholte Sir Gervaiſe gleich⸗ gültig.„Du irrſt Dich, Galleygo— ich bin Admiral der Weißen * Blue heißt nämlich blau. 5 681 und Flottenadmiral noch obendrein. Ich kenne meinen eigenen Rang recht wohl, Sir.“ „Das weiß ich ſo gut, wie Ihr ſelbſt, Sir Jarvy“ antwortete Galleygo, deſſen Sprache, was Reinheit betraf, ſich mit der Zeit nichts weniger, als gebeſſert hatte—„ſo gut, wie Ihr oder wie der erſte Lord der Admiralität ſelber. Admiral Blue aber war einſt Euer beſter Freund und ich kann es durchaus nicht bewundern, daß Ihr ihn vergeſſen habt— laßt nur mal eine recht lange Nacht herankommen und Ihr werdet am Ende auch mich noch vergeſſen.“ „Ich bitte Dich um Verzeihung, Galleygo— ich glaube es aber doch nicht. Ich kann mich Deiner erinnern, als Du noch ein ganz junger Mann warſt.“ „Nun ſeht— und ebenſo werdet Ihr Euch noch auf Admiral Blue beſinnen können, wenn Ihr's nur einmal verſuchen wolltet. Ich ſelbſt kannte Euch Beide, als Ihr noch ganz junge Laffen waret.“ „Das iſt ein höoͤchſt peinlicher Anblick,“ bemerkte der Fremde mit wehmüthigem Lächeln gegen Sir Wycherly.„Dieſer Herr ſteht vor dem Grabe ſeines theuerſten Freundes und doch ſcheint er, wie Ihr ſehet, auch jede Spur von Erinnerung verloren zu haben, daß jemals eine ſolche Perſon exiſtirte. Wofür leben wir denn, wenn wenige kurze Jahre unſer Gedäͤchtniß zu einem leeren Blatte umwandeln!“ „Iſt er ſchon lange in dieſem Zuſtande?“ fragte Lady Wyche⸗ combe mit Theilnahme. Der Fremde ſtutzte beim Klange ihrer Stimme. Er blickte aufmerkſam in das noch immer ſchöne Antlitz der Sprecherin und gab erſt nach läͤngerer Pauſe mit einer Verbeugung zur Antwort: „Seit den letzten fünf Jahren erſt war es an ihm zu be⸗ merken; übrigens war der letzte Beſuch, den er hier abſtattete, weit weniger peinlich, als dieſer.— Iſt aber unſer eigenes Ge⸗ dächtniß auch wohl treu genug? Ich weiß doch gewiß— dieſes Geſicht habe ich ſchon geſehen! Dieſe jungen Damen, auch——“ „Geoffrey— theurer Coufin Geoffrey!“ rief Lady Wyche⸗ 68²2 combe und bot ihm ihre beiden Hände entgegen.„Es iſt— ja es muß der Herzog von Glamorgan ſeyn, Wycherly!“ Es bedurfte keiner ferneren Erklärungen. Alle Anweſenden erkannten ſich im nächſten Augenblick. Sie hatten ſich viele— viele Jahre nicht mehr geſehen und von den drei Bekannten hatte bereits Jedes diejenige Lebensperiode überſchritten, wo die größte Veränderung mit unſerer äußeren Erſcheinung vor ſich geht: jetzt aber, da das Eis einmal gebrochen war, ſtrömte auch eine wahre Fluth von Erinnerungen über ſie herein. Der Herzog oder Geoffrey Cleveland, wie wir ihn lieber nennen wollen, küßte ſeine Couſine und deren Töchter mit freimüthiger Zärtlichkeit, denn kein Wechſel ſeiner äußeren Stellung hatte ſeine einfachen Seemannsgewohnheiten geändert und er ſchüttelte den beiden Herren mit der Herzlichkeit früherer Zeiten die Hand. Dieß Alles blieb übrigens von Sir Gervaiſe unbemerkt, der in dumpfer Fühlloſigkeit vor dem Grabmale daſaß. „Galleygo,“ ſprach endlich der Greis— aber Galleygo hatte ſich vor Sir Wycherly aufgepflanzt und ihm eine Hand entgegen⸗ geſtreckt, die einem Bündel Knochen ähnlich ſah. „Ich kenne Euch!“ rief der Hofmeiſter mit einem freudigen Grinſen.„Ich kannte Ench ſchon in der See da draußen, nur konnte ich Eure Nummer nicht gleich ausfindig machen. Mein Gott Sir— wenn das Sir Jarvy nicht wieder ermuntert und ihm die alten Zeiten ins Gedächtniß zurückruft, ſo müßte ich wohl glauben, unſer Kabeltau ſey nach dem beſſeren Ende ausgelaufen.“ „Ich will mit ihm ſprechen, Herzog, wenn Ihr es für rathſam haltet,“ ſprach Sir Wycherly in fragendem Tone. „Galleygo,“ wiederholte Sir Gervaiſe,„welcher Stümper hat dieſes Kabeltau gefertigt?— er hat ja die Schlaufe verkehrt hingemacht.“ 4 „Ja— ja— Sir, s ſind arge Stümper, dieſe Steinhauer, Sir Jarvy, und ſie wiſſen gerade ſoviel von Schiffen, als die Schiffe 68³ von ihnen wiſſen. Hier aber iſt der junge Sir Wycherly Wychecombe und will Euch beſuchen— Ihr wißt doch noch, des Alten Neffe!“ „Sir Wycherly, Ihr ſeyd ein ſehr willkommener Gaſt. Bowl⸗ dero iſt zwar ein armſeliger Ort für einen Mann von Euren Vor⸗ zügen; doch ſo wie es iſt, ſteht es ganz zu Euren Dienſten.— Wie ſagteſt Du, daß der Name des Herrn laute, Galleygo?“ „Sir Wycherly Wychecombe, der junge— der alte ſegelte ja in jener Nacht davon, als wir in ſeinem Hauſe vor Anker lagen.“ „Ich hoffe, Sir Gervaiſe, ich bin Eurem Gedächtniſſe nicht gänzlich entſchwunden; es würde mich aufrichtig betrüben, wenn ich dieß glauben müßte. Und mein armer Oheim— er, der in Eurer Gegenwart am Schlagfluſſe ſtarb?“ „Nullus, nulla, nullum. Das iſt gutes Latein— nicht wahr, Herzog? Nullius, nullius, nullius. Mein Gedächtniß iſt vortrefflich, ihr Herren. Nominativ— penna, Genitiv— pennae und ſo fort.“ „Nun, Sir Jarvy, da Ihr wieder einmal Euer Latein viert, ſo möchte ich doch gerne wiſſen, ob Ihr wißt, worin ſich ein ‚Timmerſtich' von einem„Plattknopfe“ unterſcheidet?“ „Das iſt eine ſonderbare Frage, Galleygo, die Du da einem alten Seemanne vorlegſt.“ „Nun, wenn Ihr Euch daran erinnert, warum könnt Ihr Euch dann nicht ebenſogut auch Eures alten Freundes, des Admirals Blue erinnern?“ „Admiral von der Blauen! Ich erinnere mich manches Ad⸗ mirals von der Blauen. Sie ſollten mich doch auch einmal zum Admiral von der Blauen machen, Herzog; ich bin jetzt lange genug Contreadmiral geweſen.“ „Ihr ſeyd einſtens wirklicher Admiral von der Blauen ge⸗ weſen, und damit könnte Jeder zufrieden ſeyn,“ fiel Galleygo wieder in ſeiner zuverſichtlichen Weiſe ein; es ſind noch keine fünf Minuten, daß Ihr Euren eigenen Rang ſo gut kanntet, wie der Sekretäͤr der Admiralität ihn wiſſen kann. So macht er's immer, 684 ihr Herren— viert und halt an einem Gedanken herum, bis er zuletzt das eine Ende nicht mehr vom andern unterſcheiden kann.“ „Das iſt bei Männern von ſo hohem Alter keineswegs unge⸗ wöhnlich,“ bemerkte der Herzog.„Sie erinnern ſich zuweilen ein⸗ zelner Umſtände aus ihrer Jugendzeit, während ihr ganzes ſpäteres Leben wie ein unbeſchriebenes Blatt vor ihnen liegt. Ich habe dieſes gerade bei unſerem ehrwürdigen Freunde wahrgenommen; doch ſollte es, denk' ich, nicht ſo ſchwer fallen, das Andenken an Admiral Bluewater, oder ſelbſt an Euch, Sir Wycherly, in ſeinem Geiſte wieder aufzufriſchen. Laßt mich einmal die Sache verſuchen, Galleygo.“ „Ja, Lord Geoffrey“— denn ſo nannte der Hofmeiſter noch immer den einſtigen Kadetten—„Ihr handhabt ihn allerdings mehr, wie ein raſcharbeitendes Boot, und beſſer, als jeder von uns zu thun vermag; ſo will ich die Gelegenheit benützen und unſeres alten Lieutenants junges Volk ein wenig überholen, um zu ſehen, welche Art von Fahrzeugen er für die nächſte Generation vom Stapel laufen ließ.“ „Sir Gervaiſe,“ ſprach der Herzog, ſich über den Stuhl des Greiſes lehnend,„hier iſt Sir Wycherly Wychecombe, der einſtens eine kurze Zeit als Lieutenant bei uns diente— es war damals, als Ihr Euch auf dem Plantagenet befandet. Ihr erinnert Euch doch gewiß noch des Plantagenets, mein theurer Sir?“ 3 „Des Plantagenets?— Ganz gewiß, Herzog; ich habe ihre ganze Geſchichte geleſen, als ich noch Knabe war. Die Eduarde, die Heinriche, die Richarde—“ Bei dem letzten Namen hielt er inne; die Muskeln ſeines Ge⸗ ſichtes zuckten, denn das Gedächtniß hatte eine Saite berührt, welche immer noch in ihm nachklang. Doch war die Berührung zu ſchwach, um mehr als eine kleine Pauſe hervorzurufen. „Da habt ihr's,“ brummte Galleygo, der eben damit beſchäf⸗ tigt war, Agneſens Geſicht mit Hülfe einer ſilbernen Brille zu muſtern, welche er von ſeinem Herrn zum Geſchenk erhalten hatte 685 —„ihr ſeht nun, er hat auch den alten Planter vergeſſen— das Nächſte, was er nun vergeſſen wird, mag wohl ſein Mittageſſen ſeyn. Es iſt gottlos, Sir Jarvy, ein ſolches Schiff zu vergeſſen.“ „Ich hoffe wenigſtens, Ihr habt Richard Bluewater nicht ver⸗ geſſen?“ fuhr der Herzog fort—„ihn, der in unſerer letzten Aktion mit dem Grafen von Vervillin fiel?“ Ein Strahl von Verſtand zuckte über das ſtarre, runzlige Geſicht; das Auge leuchtete, und ein ſchmerzliches Lächeln kämpfte um ſeine Lippen. „Wie— Dick!“ rief er mit ſtärkerer Stimme, als er bis jetzt hatte vernehmen laſſen.„Dickl! he, Herzog! Der gute, treffliche Dick! Wir waren ja Kadetten zuſammen, mein Herr Herzog, und ich liebte ihn wie einen Bruder!“ „Ich wußte es ja wohl! und jetzt, darf ich wohl ſagen, werdet Ihr Euch auch der traurigen Veranlaſſung ſeines Todes erinnern?“ „Iſt Dick todt?“ fragte der Admiral mit ausdruckloſem Blick. „Mein Gott— mein Gott, Sir Jarvy— Ihr wißt ja, daß er's iſt und das dieſes marmorne Gebäu ſein Monument iſt— nun müßt Ihr Euch auch des alten Planters erinnern und des County von Fairvillian und wie wir ihn damals durchdroſchen.“ „Vergib mir, Galleygo— aber dabei haſt Du gar nicht nöthig, in Hitze zu gerathen. Als ich noch Kadett war, wurde das heftige Reden von allen älteren Offizieren getadelt.“ „Ihr macht, daß ich meinen Boden wieder verliere,“ meinte der Herzog, an den Hofmeiſter ſich wendend, um ihn dadurch zum Schweigen zu veranlaſſen:„iſt es nicht erſtaunlich, Sir Wycherly, wie ſein Geiſt zu ſeiner Jugendzeit zurückkehrt und die Scenen des ſpäteren Lebens ganz außer Acht läßt?— Ja, Dick iſt todt, Sir Gervaiſe. Er fiel in jener Schlacht, worin Ihr von den Franzoſen zwiſchen zwei Feuer genommen wurdet— wißt Ihr noch, damals, als Ihr den Foudroyant auf der einen und den Pluto auf der andern Seite hattet—“ 686 „Ich erinnere mich!“ fiel Sir Gervaiſe mit voller, kräf⸗ tiger Stimme ein, und ſein Auge leuchtete von einem Reſte jugend⸗ lichen Feuers—„ich erinnere mich! der Foudroyant ſtand unſerem Steuerbord gegenüber— Bunting war hinauf geſtiegen, um ſich nach Bluewater umzuſchauen— nein— nein— der arme Bun⸗ ting war ſchon getödtet—⸗ „Sir Wycherly Wychecombe war es, welcher ſpäter Mildred Bluewater, Dick's Nichte, heirathete,“ fügte der Baronet bei, der jetzt faſt eben ſo eifrig wie der Admiral ſelber geworden war; „Sir Wycherly Wychecombe hatte ſich hinauf begeben, war aber ſchon wieder mit der Meldung zurückgekommen, daß der Pluto heranrücke!“ „Ja, ja, das that er!— Gott ſegne ihn! Ein geſcheidter Junge— und er heirathete wirklich Dick's Nichte?— Gott ſegne ſte beide. Nun, Sir, Ihr ſeyd zwar ein Fremder, aber die Geſchichte wird Euch doch intereſſtren. Da lagen wir, im Pulverdampfe faſt erſtickend— ein Zweidecker arbeitete gegen unſere Steuerbordſeite, ein anderer hämmerte auf unſern Backbordbug los; dabei hingen unſere Marsſegel auf die Seite herunter und die Kanonen feuerten immer noch aus dem Wrack heraus.“ „Ah, jetzt kommt's Euch wieder und Ihr ſprecht wie ein Buch!“ rief Galleygo triumphirend, ſchwang ſeinen Stock und ſtolzirte in der kleinen Kapelle auf und ab;„ja, ja, ſo iſt's— ſo war's gerade, denn ich weiß es recht gut, da ich ſelbſt dabei war.“ „Ich weiß ganz gewiß, daß ich Recht habe, Galleygo!“ „Recht!— Euer Gnaden haben tauſendmal mehr Recht, als jedes Logbuch unſrer Flotte.— Gebt's ihnen, Sir Jarvy— Back⸗ bord und Steuerbord!“ „Das thaten wir ja— das thaten wir ja,“ fuhr der alte Mann ernſthaft fort und es gewährte einen großartigen Anblick⸗ wie er ſich nun erhob und immer noch edel und voll feinen Anſtands, dabei von all' ſeinem angeborenen Feuer erfüllt, den Zuhörern ge⸗ genüberſtand—„das thaten wir ja! de Vervillin war auf unſerer 687 Rechten, des Prez auf unſerer Linken— der Rauch drohte uns alle zu erſticken— Bunting— nein, der junge Wychecombe ſtand mir zur Seite; er ſagte, ein friſcher Franzmann komme zwiſchen uns und den Pluto hereingeſegelt, Sir— Verhüt' es Gott! dachte ich, denn wir hatten der Feinde ſchon wahrlich genug. Dort kommt er! Seht, da iſt ihr fliegendes Klüverbaumende— und dort— nun, Wychecombe?— Das iſt der alte Römer, der dort durch den Rauch daherſegelt!— Der Cäſar ſelber! und vort ſteht Dick und der junge Geoffrey Cleveland— er war von Eurer Familie, Herzog— dort ſteht Dick Bluewater, zwiſchen den Kardeelenhäuptern und winkt mit dem Hute herüber— Hurrah!— Er iſt endlich doch noch getren!— Er iſt doch noch getreu— Hurrahl Hurrah!“* Die hellen Töne erhoben ſich gleich dem Schmettern der Trom⸗ pete und das Hurrah des edlen Seemanns klang zwiſchen den Spitz⸗ bogen der Kathedrale, ſo daß Alle, welche es hörten, erſchracken, als ob ſie eine Stimme aus dem Grabe vernommen hätten. Sir Gervaiſe ſelbſt ſchien erſtaunt und ſchaute halb betroffen und halb erfreut nach der gewölbten Decke empor. „Iſt dieß Bowldero oder Glamorgan Houſe, mein Herr Her⸗ zog?“ fragte er flüſternd. „Keines von beiden, Admiral Oakes, ſondern die Weſtmünſter⸗ Abtei— und dies hier iſt das Grab Eures Freundes, des Contre⸗ admirals Richard Bluewater.“ „Galleygo, hilf mir auf meine Kniee,“ fuhr der Greis in der Weiſe eines zurechtgewieſenen Schulknaben fort.„Der Stolzeſte von uns allen ſollte vor Gott in ſeinem eigenen Tempel niederknieen. Ich bitte mich zu entſchuldigen, ihr Herren— ich wünſche zu beten.“ Der Herzog von Glamorgan und Sir Wycherly Wychecombe halfen dem Admiral niederknieen; Galleygo folgte hierauf, wie dieß ſeine Gewohnheit war, dem Beiſpiele ſeines Herrn, der ſodann das Haupt auf ſeines Dieners Schulter ſtützte. Dieſer rührende Anblick 688 brachte die andern Alle in dieſelbe demuthvolle Stellung— Wycherly, Mildred und ihre Kinder nebſt dem Herzog knieeten nieder und vereinigten ſich in ſtillen Gebeten. Eines nach dem andern erhob ſich; nur Galleygo und ſein Herr blieben immer noch auf dem Steinpflaſter knieen. Endlich näͤherte ſich Geoffrey Cleveland den Beiden, richtete den Greis empor und ſetzte ihn wieder mit Wycherly's Beiſtand in dem Stuhle nieder. Hier ſaß er, mit einem ruhigen Lächeln auf ſeinen betagten Zügen, die offenen Augen anſcheinend auf den Namen ſeines Freundes geheftet— ſie waren todt und erſtarrt. Ein Herzſchlag hatte den Strom ſeines Lebens plötzlich unterb rochen. 1 So verſchied Sir Gervaiſe Oakes, nachdem er das vollſte Maaß der Jahre und der Ehren erſchöpft hatte— einer der tap⸗ 4 n und glücklichſten Seekapitäne Englands. Er hatte ſeine Zeit Penn und einen neuen Beleg für die Wahrheit geliefert, daß weltlicher Erfolg nicht genügt, um des Menſchen Beſtimmung zu vollenden, denn er hatte in gewiſſem Grade ſeine eigenen Gei⸗ ſteskräfte und mit ihnen das Bewußtſeyn alles Deſſen überlebt, was er jemals gethan und was er ſich Alles verdient hatte. Als einen geringen Erſatz für dieſes Nachlaſſen der Natur hatte er noch einmal einen zitternden Blick auf eine der anregendſten Scenen und auf des weithin beſtändigſte Gefühl eines langen Lebens ge⸗ worfen, welches Gott in Seiner Gnade in demſelben Augenblicke endigen ließ, de er Seiner Größe und Herrlichkeit eine demuths⸗ volle Huldigung dargebracht hatte. — one