auusasanaganauasasenacamacanönunagagadannsenenenacncnar Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. arararn auhnanan —ÿÿë Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch! Kr. .„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: .——————— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 2 1 „ 3. 1„ 30„„ 12„—„ 45„ 1„—„ 36—„ 27„—„ 18, QAA EnhnhrhnhnhRhnhRRAURTAEATAEATHREArTATArTAEEr LaaTAannr Ganphnanhnanacanarnrannh Lararan aranhnhühnanarhuarnhrar Amerikaniſche Nomane, J. f. Cooper's neu aus dem Engliſchen übertragen. Zwölfter BVand. Der Wildtödter. Dritte Auflage. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 1851. Der Wildtödter. Eine Erzählung von James Fenimore Cooper. Aus dem Engliſchen. Welche Schreckgeſtalten um ihn her! Entſetzen zieht und Flucht zieht ihm voran, Und welker Kummer folgt und Oede ſeiner Bahn! Gray. Dritte Auflage. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 185¹ Schnellpreſſendruck von J. Kreuzer in Stuttgart. — Vorrede. Dieſes Buch wurde nicht ohne manche Beſorgniſſe wegen ſeiner muthmaßlichen Aufnahme geſchrieben. Einen und denſelben Charakter durch fünf verſchiedene Werke hindurch⸗ führen, konnte als allzukecke Zumuthung an die Gutmüthig⸗ keit des Publikums erſcheinen, und Manche möchten mit Grund dieß als ein Unterfangen anſehen, das an ſich ſchon zur Mißbilligung herausfordere. Auf dieſen ſehr natürlichen Vorwurf kann der Verfaſſer nur erwiedern, daß, wenn er in dieſem Falle einen ſchweren Fehler begangen, ſeine Leſer ſelbſt einigermaßen die Verantwortung dafür auf ſich haben. Die günſtige Aufnahme, welche den ſpäteren Schickſalen und dem Tode Lederſtrumpfs zu Theil wurde, hat der Seele des Verfaſſers wenigſtens es zu einer Art von Nothwendig⸗ keit gemacht, auch von ſeinen jüngeren Jahren Nachricht zu geben. Kurz, die Gemälde ſeines Lebens, wie ſte nun einmal ſind, waren ſchon ſo vollſtändig, daß ſte wohl einiges Verlangen erwecken konnten, die Geſammtzeichnung zu ſehen, nach welcher ſte alle gemalt wurden. — VI Die„Lederſtrumpferzählungen“ bilden jetzt eine Art von fünfaktigem Drama, vollſtändig, was den Inhalt und den Plan betrifft, wenn auch vermuthlich ſehr mangelhaft in der Ausführung. So wie ſie ſind, hat ſie die Leſewelt vor ſich. Der Verfaſſer hofft, ſie werde, entſchiede ſie auch dahin, daß der hier vorliegende Akt, der letzte in der Ausführung, obwohl der erſte in der natürlichen Ordnung der Lektüre, nicht der beſte der ganzen Reihefolge ſey, doch das Urtheil fällen, daß er auch nicht eben der ſchlechteſte ſey. Mehr als einmal hatte er ſich verſucht gefühlt, ſein Manuſecript zu ver⸗ brennen und ſich zu einem andern Gegenſtand zu wenden, obwohl er im Verlaufe ſeiner Arbeit eine Aufmunterung von ſo eigenthümlicher Art erhielt, daß es ſich verlohnt, ſie zu erwähnen. Ein anonymer Brief aus England, von der Hand einer Dame, wie ihn däucht, kam ihm zu, worin er dringend aufgefordert wurde, ungefähr eben das zu thun, was er ſchon mehr als halb ausgeführt hatte,— ein Wunſch, den er ſehr gerne als ein Zeichen deutet, daß ſein Verſuch theil⸗ weiſe werde verziehen, wo nicht entſchieden gebilligt werden. Wenig braucht er über die Charaktere und die Seenerie dieſer Erzählung zu ſagen. Jene ſind natürlich Werk der Dichtung; dieſe aber iſt der Natur ſo treu, als nur immer die vertraute Bekanntſchaft mit dem jetzigen Ausſehen der geſchilderten Gegend, und Vermuthungen über ihren früheren Charakter, ſo wahrſcheinlich als die Einbildungskraft ſte an die Hand gab, den Verfaſſer in Stand ſetzten, ſie zu * *& — VII ſchildern. See, Berge, Thal und Wald ſind insgeſammt, wie er glaubt, genau genug dargeſtellt, während Fluß, Fels und Küſte treue Abzeichnungen der Natur ſind. Selbſt die ein⸗ zelnen vorſpringenden Punkte exiſtiren, etwas verändert durch die Civiliſation, aber doch ſo entſprechend den Schilderungen, daß Jeder, der mit der Scenerie der fraglichen Gegend ver⸗ traut iſt, ſie leicht erkennt. Was die hiſtoriſche Treue bei den Ereigniſſen dieſer Erzählung im Ganzen und im Einzelnen betrifft, ſo iſt der Verfaſſer geſonnen, hier auf ſeinem Recht zu beſtehen, und darüber nicht mehr zu ſagen, als was er für nothwendig erachtet. Bei dem großen Streit um Wahrheit, der zwiſchen Geſchichte und Fiktion waltet, iſt der Vortheil ſo oft auf der Seite der letzteren, daß er ſehr geneigt iſt, den Leſer auf ſeine eigenen Forſchungen zu verweiſen, um über dieſen Punkt in's Reine zu kommen. Sollte es ſich bei genauer Unterſuchung zeigen, daß ein anerkannter Hiſtoriker, daß öſſentliche Ur⸗ kunden oder auch Lokaltraditionen den Angaben dieſes Buchs widerſprechen, ſo iſt der Verfaſſer bereit, zuzugeſtehen, daß der Umſtand ſeiner Aufmerkſamkeit gänzlich entging, und ſeine Unwiſſenheit zu bekennen. Andererſeits, ſollte ſich's finden, daß die Annalen Amerika's nicht eine Sylbe ent⸗ halten, die dem, was hier der Welt vorgelegt wird, wider⸗ ſpräche,— wie er denn feſt glaubt, daß die Forſchung dieß ausweiſen werde— ſo wird er für ſeine Erzählung genau ſo viel Glaubwürdigkeit in Anſpruch nehmen, als ſte verdient. VIII Es gibt eine anſehnliche Claſſe von Romanleſern— anſehnlich ebenſo wegen ihrer Zahl als in jedem andern Betracht,— die man oft mit dem Mann verglichen hat, der„ſingt, wenn er liest, und liest, wenn er ſingt“. Dieſe Leute ſind über die Maßen phantaſiereich in allem That⸗ ſächlichen, und ſo buchſtäblich pedantiſch, wie die Ueberſetzung eines Schulknaben, in Allem, was zur Poeſie gehört. Zum Nutz und Frommen aller ſolcher Leute wird hiemit aus⸗ drücklich erklärt, daß Judith Hutter eben Judith Hutter iſt, und keine andere Judith; und überhaupt, daß, wenn irgendwo bei einem Taufnamen oder bei der Farbe des Haares eine Aehnlichkeit, ein Zuſammentreffen ſich findet, nichts weiter gemeint iſt, als was für den Unbefangenen in der Gleichheit des Taufnamens oder der Haarfarbe liegt. Lange Erfahrung hat den Verfaſſer belehrt, daß dieſer Theil ſeiner Leſer der bei weitem am ſchwerſten zu befriedigende iſt, und er möchte ihnen, zum Beſten beider Parteien, den ehrerbietigen Rath geben, den Verſuch zu machen und Werke der Einbildungs⸗ kraft ſo zu leſen, als wären es Erzählungen poſitiver That⸗ ſachen. Ein ſolches Verfahren könnte ſie vielleicht in Stand ſetzen, an die Möglichkeit der Dichtung zu glauben. 9 — anaa L Erſtes Kapitel. O welche Luſt im Wald, pfadlos, verſchlungen! O welch Entzücken am entleg'nen Strand! Dort iſt Geſellſchaft, die nicht aufgedrungen, Am Meer, in deſſen Sturm Muſik ich fand! Den Menſchen lieb' ich, doch noch mehr verſtand Ich die Natur; mit ihr, will ich nicht fragen Was ich wohl könnte ſeyn, einſt war! Verwandt Durch ſie dem All, fühl' ich, was auszuſagen Ich nicht vermag, noch ganz mit Schweigen kann ertragen. Childe Harold. Ereigniſſe haben für die menſchliche Vorſtellung die Wir⸗ kungen der Zeit. So kann ſich, wer weit gereist iſt und Viel geſehen hat, leicht einbilden, lange gelebt zu haben, und diejenige Geſchichte, welche am reichſten iſt an wichtigen Begeben⸗ heiten, nimmt am früheſten den Charakter und Schein eines weit zurückreichenden Alters an. Auf keine andere Weiſe vermögen wir uns das Gepräge von Ehrwürdigkeit zu erklären, das ſchon den Annalen Amerikas anhaftet. Wenn der Geiſt zurückſchaut in die früheſten Tage der Geſchichte der Colonieen, ſo ſcheint jene Periode fern und dunkel, da die tauſend Wechſelfälle, welche an die Ketten⸗ glieder der Erinnerung ſich herandrängen, den Urſprung der Nation in eine Ferne rückwärts ſchieben, die ſcheinbar im Nebel unvordenk⸗ licher Zeit liegt, und doch würden vier Menſchenalter von gewöhnlicher Lebensdauer hinreichen, um von Mund zu Mund, in der Geſtalt der Tradition, Alles zu überliefern, was civiliſirte Menſchen im Bereich der Republik geleiſtet haben. Obgleich Neu⸗York allein eine Der Wildtödter. 3. Aufl. 1 8 Aot 4 1 faan 7 — 7 3 8 8 8 — 3 8 — 2 Bevölkerung beſitzt, größer in Wahrheit, als die der vier kleinſten Königreiche Europa's, oder auch als die der geſammten Schweize⸗ riſchen Eidgenoſſenſchaft, iſt es doch erſt Wenig mehr, als zwei Jahrhunderte her, ſeit die Holländer ihre Niederlaſſungen begannen und das Land aus dem wilden Zuſtand emporhoben. So wird, was durch die Häufung von wechſelnden Ereigniſſen den ehrwür⸗ digen Schein des Alters annimmt, zu vertrauterer Gewöhnlichkeit zurückgeführt, wenn wir es ernſt und nüchtern nur in ſeinem Zeit⸗ verhältniß in's Auge faſſen. Dieſer Blick auf die Perſpective der Vergangenheit wird den Leſer vorbereiten, daß er die Gemälde, die wir zu entwerfen im Begriffe ſtehen, mit weniger Ueberraſchung betrachtet, als er viel⸗ leicht ſonſt empfunden hätte, und einige weitere Erläuterungen führen vielleicht ſeine Einbildungskraft zurück zur genauern und deutlichern Anſchauung desjenigen Geſellſchaftszuſtandes, den wir zu ſchildern wünſchen. Es iſt eine geſchichtliche Thatſache, daß die Niederlaſſungen an den öſtlichen Ufern des Hudſon, wie Claverack, Kinderhook und ſelbſt Poughkeepſie vor hundert Jahren als nicht ſicher vor Einfällen der Indianer galten, und noch ſteht an den Uferhöhen des genannten Fluſſes, nur einen Musketenſchuß weit von den Cajen von Albany, ein Schloß eines jüngern Zweiges der Van Renſſelaers mit Schießſcharten zur Vertheidigung gegen eben jenen ſchlauen Feind, obgleich es aus einer kaum ſo fernen Zeit ſtammt. Andere ähnliche Erinnerungen und Urkunden von der großen Jugend des Landes findet man hin und wieder ſelbſt in den Gegenden, die als der eigentliche Mittelpunkt amerikaniſcher Civiliſation betrachtet werden,— zum klarſten Beweiſe, daß alle unſere Sicherheit vor Einfällen und feindlicher Gewaltthat die Frucht einer nicht viel längern Zeit iſt, als welche nicht ſelten Ein Menſchenleben umfaßt. Die Begebenheiten dieſer Erzählung fallen zwiſchen die Jahre 1740 und 1745, aSe mit Niederlaſſungen beſetzten Striche der 4 K 3 Colonie Neu⸗York ſich auf die vier Atlantiſchen Bezirke, einen ſchmalen Landgürtel auf jeder Seite des Hudſons, von deſſen Mündung bis zu den Fällen in der Nähe ſeines Urſprungs, und auf einige wenige vorgeſchobne„Nachbarſchaften“ am Mohawk und Schoharie beſchränkten. Breite Gürtel der Urwildniß reichten nicht nur bis an die Ufer des erſten Stromes, ſondern kreuzten ihn ſogar, indem ſie nach Neu⸗England hin ſich fortſetzten und mit ihren Wäldern Schutz und Verſteck boten dem geräuſchloſen Moccaſin des eingebornen Kriegers, wenn er auf dem verborgnen und blutigen Kriegspfad daherſchlich. Ein Blick aus der Vogel⸗ perſpektive auf die ganze Gegend öſtlich vom Miſſiſſippi mußte damals eine unermeßliche Ausdehnung von Wäldern zeigen, ab⸗ wechſelnd mit einem vergleichungsweiſe ſchmalen Saum angebauten Landes der See entlang, punktirt gleichſam durch die ſchimmernden Spiegel der Seen, und durchſchnitten von den bewegten Linien der Ströme. In einem ſo ungeheuern Bilde feierlich ernſter Ein⸗ ſamkeit verliert ſich der Landſtrich, deſſen Schilderung wir beab⸗ ſichtigen, faſt in Unbedeutenheit, doch fühlen wir uns ermuthigt, zur Ausführung zu ſchreiten, durch die Ueberzeugung, daß, leichte und unweſentliche Unterſchiede abgerechnet, derjenige, dem eine genaue Anſchauung eines Theils dieſer wilden Gegend zu verſchaffen gelingt, nothwendig auch einen ziemlich richtigen Begriff vom Ganzen dem Leſer geben muß. Welche Veränderungen und Verwandlungen auch durch die Menſchenhand mögen bewirkt worden ſeyn, der ewige Kreis der Jahreszeiten iſt nicht zerriſſen worden. Sommer und Winter, Saat⸗ und Ernte⸗Zeit kehren mit erhabener Genauigkeit immer wieder in der ihnen geſetzten Ordnung, und bieten dem Menſchen eine der alleredelſten und genußreichſten Gelegenheiten, die hohe Macht ſeines weitreichenden Geiſtes zu beſtätigen, indem er die Geſetze erfaßt, welche ihre ſtrenge Gleichförmigkeit beherrſchen, und ihre nie endenden Umkreiſungen berechnet. Hunderte von Lurhnnahaerrrrr 9— 8 Ea. Anhr — ⅓⅛⅓ 4 Sommerſonnen hatten die Wipfel der edeln Eichen und Fichten erwärmt, und ihre Glut ſelbſt bis in die zähen Wurzeln hinab⸗ geſendet, als man Stimmen einander rufen hörte in den Tiefen eines Waldes, deſſen laubreiche Höͤhe in dem glänzenden Licht eines wolkenloſen Juniustages ſchwamm, während die Stämme der Bäume in dem Schatten unten in düſtrer Größe ſich erhoben. Die Anrufungen waren von verſchiedenem Ton, und rührten un⸗ verkennbar von zwei Männern her, die den Weg verloren hatten, und jetzt in verſchiedenen Richtungen den rechten Pfad wieder ſuchten. Endlich zeugte ein jauchzender Schrei von glücklichem Erfolg und im Augenblick darauf brach ein Mann hervor aus dem verworrenen Labyrinth eines kleinen Sumpfes und trat in eine Lichtung, welche theils durch die Verheerungen des Windes, theils durch die des Feuers entſtanden zu ſeyn ſchien. Dieſer kleine, offene Platz, der eine freie Anſicht des Himmels geſtattete, obgleich er ziemlich angefüllt war mit gefallnen Bäumen, lag neben einem der hohen Hügel oder niedern Berge, aus welchen beinahe die ganze Oberfläche der benachbarten Gegend beſtand. „Hier iſt ein Platz zum Athemſchöpfen!“ rief der befreite Waldmann, ſobald er ſich unter blauem Himmel befand, und ſchüttelte ſeinen gewaltigen Körper, wie ein Spürhund, der eben einer Schneewehe entronnen iſt:„Hurrah! Wildtödter; hier iſt wenigſtens Tageslicht und dort der See!“ Dieſe Worte waren kaum geſprochen, als der zweite Waldmann bei dem Buſchwerke des Sumpfes hervortauchte und auf dem freien Platze erſchien. Nachdem er in der Eile ſeine Waffen und ſeine in Unordnung gekommene Kleidung wieder zurecht gemacht, kam er zu ſei⸗ nem Genoſſen heran, der ſchon Anſtalten zu einem Aufenthalt machte. „Kennt Ihr dieſe Stelle?“ fragte der als„Wildtödter“ Ange⸗ rufene;„oder habt Ihr ſo gejauchzt bei dem Anblick der Sonne?“ „Beides, Junge, beides; ich kenne die Stelle und es thut mir * nicht leid, einen ſo zagni temn zu erblicken, als die Sonne ͤe fw ͤS=S= — 2— au 5 iſt. Jetzt haben wir doch wieder die Richtungen des Compaſſes im Kopf, und es iſt jetzt unſer eigner Fehler, wenn wir ſie uns wieder durch irgend Etwas kunterbunt durcheinander werfen laſſen, wie uns vorhin geſchah. Mein Name iſt nicht Hurry Harry, wenn dieß nicht der Platz iſt, wo die Land⸗Jäger im letzten Sommer lagerten und eine Woche zubrachten. Seht, dort ſind die abge⸗ ſtorbenen Büſche von ihrem Zelt, und hier iſt die Quelle. So ſehr ich die Sonne liebe, Junge, ſo brauche ich mir doch jetzt nicht von ihr ſagen zu laſſen, daß es Mittag iſt; dieſer mein Magen iſt ein ſo guter Zeitmeſſer, als es nur immer in der Colonie gibt, und er weist ſchon auf halb ein Uhr. So öffnet denn den Querſack, damit wir uns wieder aufziehen, um weitere ſechs Stunden zu gehen.“ Auf dieſen Vorſchlag machten ſich Beide daran, die nöthigen Vorbereitungen zu ihrem gewöhnlichen frugalen, aber herzhaften Mahle zu machen. Wir wollen dieſe Unterbrechung des Geſprächs benützen, dem Leſer einen Begriff von der äußern Erſcheinung der Mähnner zu geben, welche beide beſtimmt ſind, eine nicht unbedeu⸗ tende, Rolle in unſerer Erzählung zu ſpielen. Es wäre nicht leicht geweſen, ein edleres Bild kraftvoller Männlichkeit zu finden, als welches in der Perſon desjenigen ſich darbot, der ſich ſelbſt Hurry Harry nannte. Sein wahrer Name war Henry March; aber die Grenzmänner haben von den Indianern die Sitte ange⸗ nommen, sobriquets(Spitznamen) zu geben, und ſo wurde die Bezeichnung:„Hurry“ weit öfter gebraucht, als ſein eigentlicher Name und nicht ſelten wurde er Hurry Skurry* genannt, ein Spitzname, den er wegen ſeines fahrigen, rückſichtsloſen, kurzange⸗ bundenen Weſens bekommen hatte, und wegen einer phyſiſchen Raſtloſigkeit, die ihn in ſo beſtändiger Bewegung erhielt, daß er auf der ganzen Linie der zwiſchen der Provinz und den Canada's zerſtreuten Wohnungen bekannt war. Die Statur Hurry Harry's * Etwa das provinzielle: Rauſche Bauſche. für wö auf Täglic 2 6 M 3 1 betrug über ſechs Fuß einen Zoll, und da er ungemein wohl gebaut war, entſprach ſeine Stärke vollkommen den Begriffen, die ſein rieſenhafter Körper erweckte. Das Geſicht paßte gar nicht übel zu dem übrigen Manne, denn es war gutmüthig und hübſch. Sein Weſen war frei und offen, und obgleich ſein Benehmen und ſeine Art nothwendig von der Rohheit des Grenzlerlebens Etwas annehmen mußten, verhütete doch die einer ſo edeln Natur ange⸗ borne Großartigkeit, daß er nie ganz gemein werden konnte. Wildtödter, wie Hurry ſeinen Begleiter nannte, war ſeinem Aeußern wie ſeinem Charakter nach, ein ganz andrer Menſch. Was den Wuchs betrifft, ſo maß er wohl gegen ſechs Fuß in ſeinen Moccaſins, aber ſein Körper war vergleichungsweiſe leicht und ſchlank, zeigte jedoch Muskeln, die, wo nicht ungewöhnliche Stärke, doch ungewöhnliche Gewandtheit verriethen. Sein Antlitz hätte wenig Empfehlendes gehabt, außer der Jugendlichkeit, wäre nicht darin ein Ausdruck geweſen, der ſelten ſeines gewinnenden Ein⸗ drucks bei Allen verfehlte, die Gelegenheit hatten, es genauer zu prüfen, und dem Gefühle des Vertrauens, das es einflößte, ſich zu überlaſſen. Dieſer Ausdruck war einfach der: argloſer Wahr⸗ haftigkeit, gepaart mit einem Ernſt des Willens und einer Lau⸗ terkeit des Gefühls, die man ſonſt nicht leicht ſah. Zu Zeiten erſchien dieß Gepräge von aufrichtiger Redlichkeit in ſolcher Ein⸗ „falt, daß es auf den Verdacht bringen konnte, es fehle ihm an der Fähigkeit, zwiſchen Trug und Wahrheit zu unterſcheiden; aber Wenige kamen in nähere, innigere Berührung mit dem Manne, ohne dieß Mißtrauen gegen ſeine Einſichten und Beweggründe zu verlieren. Beide Grenzmänner waren noch jung, denn Hurry Harry hatte erſt das ſechs⸗ oder achtundzwanzigſte Jahr erreicht, und Wildtödter zählte noch einige Jahre weniger. Ihr Anzug bedarf keiner genauen Beſchreibung, nur ſo viel mag erwähnt werden, daß er zu einem nicht kleigen Theile aus zugerichteten Hirſchhäuten 4 7 beſtand, und die gewöhnlichen Spuren an ſich trug, welche ver⸗ riethen, daß er Männern gehörte, die ihr Leben auf der Grenze zwiſchen der eiviliſirten Geſellſchaft und den endloſen Wäldern zubrachten. Dennoch bemerkte man einige Aufmerkſamkeit und ein Beſtreben, ſich proper und maleriſch zu zeigen in Wildtödters An⸗ zug, und ganz beſonders im Punkt ſeiner Waffen und ſeines Jagdzeuges. Seine Büchſe war im vollkommenſten Stand, der Handgriff ſeines Waidmeſſers war zierlich geſchnitzt, ſein Pulverhorn mit paſſenden Sinnbildern, leicht eingeſchnitten in den Stoff, woraus es beſtand, verziert, und ſeine Jagdtaſche mit Wampum geſchmückt. Dagegen trug Hurry Harry, ſey es nun aus natürlicher Gleichgültigkeit oder im geheimen Bewußtſeyn, wie wenig ſeine äußere Erſcheinung einer künſtlichen Nachhülfe bedurfte, Alles in nachläßiger, lieder⸗ licher Weiſe an ſich, als fühle er eine edle Verachtung gegen die ärmlichen Nebendinge, wie Kleidung und Schmuck. Vielleicht wurde der eigenthümliche Eindruck, den ſein hoher Wuchs und ſeine ſchöne Geſtalt machten, durch dieſe unſtudirte, hochmüthige Gleich⸗ gültigkeit in ſeiner äußeren Erſcheinung, eher verſtärkt als vermindert. „Kommt, Wildtoͤdter, haut ein, und beweist, daß Ihr einen Delawaren⸗Magen habt, wie Ihr nach Eurer Behauptung eine Delawaren⸗Erziehung gehabt!“ rief Hurry, der mit gutem Beiſpiel voranging, und den Mund aufriß, um ein Stück kalten Wildprets aufzunehmen, das für einen europäiſchen Bauern eine ganze Mahl⸗ zeit geweſen wäre;„haut ein, Burſche, und zeigt Eure Mann⸗ haftigkeit an dieſem armen Teufel von Damthier mit Euern Zähnen, wie Ihr es ſchon gethan mit Eurer Büchſe.“ „Nein, nein, Hurry, daran iſt nicht viel Mannhaftigkeit, ein armes Thier zu tödten, und dazu noch außer der rechten Zeit, wohl aber mag es eine ſeyn, eine Unze oder einen Panther zu fällen,“ verſetzte der Andere, ſich anſchickend, der Aufforderung zu folgen. „Die Delawaren haben mir meinen Namen gegeben nicht ſo wohl in Betracht eines kühnen Herzens, als vielmehr eines ſcharfen Auges — und eines flinken Fußes. Es mag nichts Feiges daran ſeyn, ein Tdrhier zu fällen, aber gewiß iſt es keine große Tapferkeit.“ „Die Delawaren ſelbſt ſind keine Helden,“ murmelte Hurry zwiſchen den Zähnen, da er den Mund zu voll hatte, um ihn ganz aufthun zu können,„ſonſt hätten ſie ſich nimmermehr von den lumpigen Vagabunden, den Mingo's, zu Weibern machen laſſen.“ „Die Sache iſt nicht recht bekannt— iſt nie recht erklärt worden,“ verſetzte Wildtödter ernſt, denn er war ein eben ſo eifriger Freund, wie ſein Begleiter als Feind gefährlich war;„die Mingo's füllen die Wälder mit ihren Lügen, und mißdeuten Worte und Verträge. Ich lebe jetzt zehn Jahre unter den Delawaren, und kenne ſie als ſo mannhaft wie jede andre Nation, wenn die rechte Zeit zum Schlagen kommt.“ 3 „Hört, Meiſter Wildtödter, weil wir einmal bei dem Gegen⸗ ſtand ſind, können wir wohl unſer Herz gegen einander öffnen, wie es ſich unter Männern ziemt; antwortet mir auf Eine Frage: Ihr habt ſo viel Glück gehabt mit dem Wild, daß Ihr davon einen Ehrentitel führt, wie es ſcheint, aber habt Ihr je eine menſchliche oder vernünftige Creatur getroffen?— habt Ihr je abgedrückt auf einen Feind, der im Stande war, auch auf Euch abzudrücken?“ Dieſe Frage erzeugte in der Bruſt des Jünglings eine eigen⸗ thümliche Colliſion zwiſchen Kränkung und richtigem Gefühl, die ſich leicht im Mienenſpiel ſeines redlichen Geſichts leſen ließ. Der Kampf war jedoch kurz; die Aufrichtigkeit des Herzens gewann bald die Oberhand über falſchen Stolz und die Prahlſucht des Grenzmanns. „Die Wahrheit zu geſtehen, niemals,“ antwortete Wildtodter, „aus dem Grunde, weil ſich nie eine geeignete Gelegenheit zeigte. Die Delawaren ſind friedlich geweſen die ganze Zeit meines Aufent⸗ haltes unter ihnen, und ich halte es für unrecht, einem Menſchen das Leben zu nehmen anders als in offenem, ehrlichem Kriege.“ „Was! habt Ihr nie einen Kerl betroffen, der diebiſch unter 2 —.— —y 9 Euren Fallen und Häuten herumſchlich, und habt an ihm mit eigner Hand das Geſetz erequirt, um den Behörden die Mühe zu erſparen in den Anſiedlungen, und dem Burſchen ſelbſt die Koſten des Prozeſſes?“ „Ich bin kein Fallenjäger, Hurry,“ erwiederte der junge Mann ſtolz;„ich lebe von der Büchſe, einer Waffe, in deren Handhabung ich keinem Manne von meinen Jahren nachſtehen will zwiſchen dem Hudſon und dem St. Lawrence. Ich biete nie eine Haut zum Verkauf, die nicht ein Loch am Kopf hat neben denen, welche die Natur dort gemacht hat zum Sehen und zum Athmen.“ „Ja, ja, das iſt Alles recht gut mit den Thieren, aber es macht doch eine armſelige Figur neben Skalpen und Hinterhalten. Einen Indianer aus einem Hinterhalt niederſchießen, heißt nur nach ſeinen eignen Grundſätzen handeln, und jetzt, da wir einen recht⸗ mäßigen Krieg haben, wie Ihr es nennt, wird, je eher Ihr dieſe Schmach von Eurem Gewiſſen wiſcht, um ſo geſünder Euer Schlaf ſeyn, wenn auch nur dadurch, daß Ihr wißt, es ſchleicht und heult Ein Feind weniger in den Wäldern. Ich werde nicht lange Eure Geſellſchaft ſuchen und hegen, Freund Natty, wenn Ihr den Sinn nicht höher tragt, als Eure Büchſe gegen vierfüßige Creaturen zu gebrauchen.“ „Unſre Reiſe iſt beinahe zu Ende, wie Ihr ſagt, Meiſter March, und wir können heute Nacht uns trennen, wenn es Euch gelegen ſcheint. Ich habe einen Freund, der auf mich wartet, und der es für keine Schande halten wird, mit einem Mitmenſchen um⸗ zugehen, der noch keinen ſeiner Gattung erſchlagen hat.“ „Ich möchte wohl wiſſen, was den ſchleichenden Delawaren in dieſe Gegend des Landes geführt hat, ſo früh in der Jahres⸗ zeit,“ murmelte Hurry vor ſich hin in einer Weiſe, die ebenſo ſehr Mißtrauen zeigte, als auch Gleichgültigkeit dagegen, ob er es ver⸗ rathe.„Wo ſagt Ihr, daß der junge Häuptling Euch zu treffen verabredet habe?“ „Auf einem kleinen, runden Felſen, unten am See, wo, wie — „ für wöcher auf 6 Moß 1 1 man mir ſagt, die Stämme ihre Verträge zu machen und ihre Streitärte zu begraben pflegen. Dieſen Felſen habe ich oft von den Delawaren nennen hören, obgleich See und Fels mir gleich unbekannt ſind. Der Landſtrich wird von den Mingo's und von den Mohikans in Anſpruch genommen, und iſt in Friedenszeit eine Art von gemeinſamem Grund und Boden zum Fiſchen und Jagen; was es aber in Kriegszeiten werden mag, weiß der Himmel allein!“ „Gemeinſamer Grund und Boden!“ rief Hurry, laut lachend. „Ich möchte wohl wiſſen, was Floating Tom Hutter dazu ſagen würde. Er ſpricht den See als ſein Eigenthum an, in Kraft fünf⸗ zehnjährigen Beſitzes, und wird ihn ſchwerlich weder den Mingo's noch den Delawaren abtreten, ohne darum zu kämpfen.“ „Und was wird die Colonie ſagen zu einem ſolchen Streit? dieſe ganze Gegend muß einen Eigenthümer haben, da die Herrenleute ihre Begehrlichkeit ſelbſt bis in die Wildniß ausdehnen, auch da wo ſte nicht das Herz haben, in eigner Perſon ſich darin umzuſehen.“ „Das mag in andern Theilen der Colonie angehen, Wildtödter, aber hier nicht. Kein menſchliches Weſen, den Herrn ausgenommen, hat einen Fußbreit Boden in dieſer Gegend des Landes als ſein anzuſprechen. Nie ward eine Feder eingetaucht, Etwas zu Papier zu bringen in Betreff des Hügels oder des Thales hier herum, wie ich den alten Tom oft und viel habe ſagen hören, und ſo hat er den beſten Anſpruch darauf unter allen Menſchen die athmen; und was Tom anſpricht, das wird er wohl auch behaupten.“ „Nach dem, was ich von Euch gehört habe, Hurry, muß dieſer Floating Tom ein außergewöhnlicher Sterblicher ſeyn; weder Mingo, noch Delaware, noch Bleichgeſicht. Auch ſein Beſitz waͤre, nach Eurem Sagen, ſchon alt, und weit älter als die Grenzan⸗ ſiedlungen. Was iſt des Mannes Geſchichte und Weſen?“ „Ha, was des alten Tom's menſchliche Natur anlangt, ſo gleicht die wenig anderer Leute menſchlicher Natur, ſondern mehr der menſchlichen Natur einer Biſamratze, angeſehen daß er mehr 11 die Art dieſes Thieres, als die Art anderer Mitgeſchöpfe hat. Einige glauben, er ſey in ſeiner Jugend Freibeuter auf dem Salz⸗ waſſer geweſen, und der Genoſſe eines gewiſſen Kidd, der wegen Seeräuberei gehenkt wurde, lang ehe Ihr und ich geboren oder bekannt wurden, und er ſey in dieſe Gegend gekommen in der Hoffnung, des Königs Kreuzer würden nie über die Berge herüber kommen, und er könne ſich in den Wäldern im Frieden des Raubes erfreuen.“ „Dann war er im Irrthum, Hurry, ſehr im Irrthum. Des Raubes kann ſich ein Menſch nirgends im Frieden erfreuen.“ „Das iſt, je nachdem er eine Gemüthsart hat. Ich habe Solche gekannt, die ſich deſſen gar nicht anders erfreuen konnten, als in wilder Luſtbarkeit, und wieder Andere, die ihn am beſten ge⸗ noſſen in einem einſamen Winkel. Manche Menſchen haben keinen Frieden und Ruhe, wenn ſie keinen Raub finden, und Andre nicht, wenn es ihnen gelingt. Die menſchliche Natur iſt kurios in dieſen Dingen. Der alte Tom ſcheint zu keiner von beiden Arten zu gehören, denn er genießt ſeinen Raub, wenn er das Seinige wirk⸗ lich ſo erworben, ſehr ruhig und behaglich mit ſeinen Töchtern, und wünſcht nicht mehr.“ „Ja, er hat auch zwei Töchter; ich habe die Delawaren, die in der Gegend herumjagten, ihre Geſchichten von dieſen jungen Weibern erzählen hören. Iſt keine Mutter da, Hurry?“ „Es war eine da, wie natürlich, aber ſie iſt jetzt gute zwei Jahre todt und verſenkt.“ „Ha, wie!“ ſagte Wildtöodter, ſeinen Begleiter mit einigem Erſtaunen anſchauend. „Todt und verſenkt, ſag' ich, und ich denke, das iſt gut und klar geſagt. Der alte Kerl verſenkte ſein Weib in den See, als er von ihr ſcheiden mußte, wie ich als Augenzeuge der Ceremonie verſichern kann; aber ob Tom dieß gethan, um ſich das Graben zu erſparen, was kein Spaß iſt unter Wurzeln, oder in der Einbildung, daß Waſſer die Sünde eher abwaſche als Erde, iſt mehr als ich ſagen kann.“ 5 8 E 2 Tägliche 2 — für wöchenn auf 6 Mo „ 3 12 ar das arme Weib eine ungewöhnliche Sünderin, daß ſich ihr Gätte ſo viel Mühe mit ihrem Leichnam gab?“ „Keine außerordentliche, obgleich, ſie wohl ihre Fehler hatte. Ich denke, daß Judith Hutter ein ſo chriſtliches und eines guten Endes ſo würdiges Weib war, als nur irgend Eine, die ſo lang außer dem Bereich des Läutens von Kirchenglocken lebte; und ich meine, der alte Tom verſenkte ſie wohl faſt eher, um ſich Mühe zu erſparen, als daß er ſich welche gemacht hätte. Es war frei⸗ lich ein wenig Stahl in ihrem Temperament, und da der alte Hutter ein ziemlicher Flintenſtein iſt, ſo gab es wohl hin und wieder Funken zwiſchen ihnen, aber im Ganzen konnte man ſagen, daß ſie ſich freundſchaftlich vertrugen. Wenn ſie Feuer fingen, ſo wurden den Zuhörern ſolche Blicke in ihr früheres Leben zu Theil, wie man ſie etwa in den. dunkleren Theilen der Wälder bekommt, wenn ein verirrter Sonnenſtrahl bis herab zu den Wurzeln der Baume dringt. Aber ich werde Judith immer werth ſchätzen, da es immer Lob und Empfehlung genug für ein Weib iſt, die Mutter eines ſolchen Geſchöpfs, wie ihre Tochter, Judith Hutter, zu ſeyn.“ „Ja, Judith war der Name, den die Delawaren nannten, obgleich ſie ihn auf ihre Weiſe ausſprachen. Nach ihren Geſprächen ſollte ich nicht meinen, daß das Mädchen ſehr nach meinem Ge⸗ ſchmack wäre.“ „Nach deinem Geſchmack!“ rief March, ebenſo über der Gleich⸗ gültigkeit als über der Anmaßung ſeines Genoſſen Feuer fangend; „was Teufels habt Ihr da von Eurem Geſchmack zu ſchwatzen, und dazu noch, wenn es ein Weib, wie Judith, betrifft? Ihr ſeyd nur erſt ein Knabe— ein Schößling, der kaum Wurzeln geſchla⸗ gen. Judith hat Männer unter ihren Anbetern gezählt, ſeit ſie ihr fünfzehntes Jahr zurückgelegt hat, was jetzt beinahe fünf Jahre her iſt, und wird nicht Luſt haben, auch nur einen Blick auf ein halbgewachſenes Bürſchchen zu werfen, wie Ihr ſeyd.“ h 13 „Es iſt Junius, und kein Wölkchen zwiſchen uns und der Sonne, Hurry, und ſomit braucht es all dieſe Hitze nicht,“ ver⸗ ſetzte der Andere, im mindeſten nicht aus der Faſſung gebracht; „und Jeder darf ſeinen Geſchmack haben, und ein Eichhörnchen hat das Recht, ſich ſein Urtheil über einen Panther zu bilden.“ „Ja, aber es möchte nicht immer klug ſeyn, es den Panther wiſſen zu laſſen,“ brummte March.„Aber Ihr ſeyd jung und ge⸗ dankenlos, und ich will Eure Unwiſſenheit überſehen. Kommt, Wildtödter,“ fuhr er mit gutmüthigem Lachen fort, nachdem er eine Weile nachdenklich geſchwiegen, kommt, Wildtödter, wir ſind geſchworene Freunde, und wollen nicht hadern um ein leicht⸗ ſinniges, gefallſüchtiges Weibsbild, weil es zufällig ſchön iſt,— zumal da Ihr ſie noch gar nie geſehen. Judith iſt nur für einen Mann, der vollkommen abgezahnt hat, und es iſt thöricht, einen Knaben zu fürchten. Was haben denn die Delawaren von der Hexe geſagt? denn ein Indianer hat am Ende doch auch ſeine Be⸗ griffe vom Weibsvolk, ſo gut als ein weißer Mann.“ „Sie ſagten, ſie ſey ſchön anzuſehen, und gefällig im Ge⸗ ſpräch; aber zu ſehr Bewunderern ſich hingebend und leichtſinnig.“ „Das find eingefleiſchte Teufel! Welcher Schulmeiſter und Gelehrte iſt am Ende einem Indianer gewachſen, was den Blick in die Natur betrifft? Manche Leute meinen, ſie ſeyen nur gut auf der Fährte des Wildes oder auf dem Kriegspfad, aber ich ſage: es ſind Philoſophen, und ſie verſtehen ſich auf einen Mann ſo gut wie auf einen Biber, und auf ein Weib ſo gut wie auf beide. Nun, das iſt wirklich Judith's Charakter auf ein Tüpfel⸗ chen! Euch die Wahrheit zu geſtehen, Wildtödter, ich hätte das Mädchen ſchon vor zwei Jahren geheirathet, wären nicht zwei ganz beſondere Umſtände,— und der eine iſt eben ihr Leichtſinn.“ „Und was mag der andere ſeyn?“ fragte der Jäger, der fort aß, wie Einer, der ſich eben nicht ſehr für den Gegenſtand in⸗ tereſſirte. 14 „Der andre Umſtand war die Ungewißheit, ob ſie mich nähme. Das Mädel iſt ſchön, und das weiß ſie. Knabe, kein Baum, der auf dieſen Hügeln wächſt, iſt gerader, oder ſchwankt mit leichterer Beugung im Winde, und nie habt Ihr das hüpfende Reh in na⸗ türlicherer Beweglichkeit geſehen. Wenn das Alles wäre, würde jede Zunge ihr Lob verkündigen; aber ſie hat ſolche Mängel, daß ich es ſchwierig finde, ſie zu überſehen, und manchmal ſchwöre ich, nie wieder den See zu beſuchen.“ „Und was iſt der Grund, daß Ihr immer wieder kommt? Nichts wurde je dadurch ſicherer, daß man darüber ſchwur.“ „Ach, Wildtödter, Ihr ſeyd in dieſen Angelegenheiten ein Neuling; Ihr klebt ſo an Eurer frühern Erziehung, als hättet Ihr nie die Anſiedlungen verlaſſen. Bei mir iſt es ein andrer Fall, und nie empfinde ich das Bedürfniß, eine Idee feſtzuhalten, daß ich nicht auch Luſt fühle, darüber zu ſchwören. Wenn Ihr in Betreff Judith's Alles wüßtet, was ich weiß, würdet Ihr ein wenig Verfluchen wohl gerechtfertigt finden. Nun, die Offiziere ſtreifen manchmal hinüber an den See, von den Forts am Mohawk, um zu fiſchen und zu jagen, und dann ſcheint die Creatur ganz außer ſich! Ihr könnt das ſehen an der Art, wie ſie ihre Schmuckſachen trägt, und dem vornehmen Weſen, das ſie bei den galanten Herrn annimmt.“ „Das iſt unpaſſend bei eines armen Manns Tochter,“ verſetzte Wildtödter ernſt;„die Offiziere ſind alle vornehme Leute, und können ein Mädchen wie Judith nur mit böſen Abſichten anſehen.“ „Das iſt die Ungewißheit und der Dämpfer! Ich habe meine Be⸗ ſorgniſſe wegen eines gewiſſen Kapitäns, und Judith hat nur ihre eigne Thorheit anzuklagen, wenn ich Unrecht habe. Ueberhaupt wünſchte ich, ſie als ſittſam und anſtändig anſehen zu dürfen, und doch ſind die Wolken, die an dieſen Bergen herumtreiben, nicht un⸗ ſicherer und unzuverläſſiger. Nicht ein Dutzend Weiße haben ſeit ihrer Kindheit ſie mit Augen angeſehen, und doch das Benehmen, das ſie gegen zwei oder drei dieſer Offtziere zeigt, löſcht meine Flammen!“ ———,—— 15 „Ich würde nicht mehr an ein ſolches Weib denken, ſondern meinen Sinn ganz dem Walde zuwenden; der wird Euch nie täu⸗ ſchen, beherrſcht und bemeiſtert von einer Hand, die nie bebt.“ „Wenn Ihr Judith kenntet, würdet Ihr ſehen, wie viel leichter dieß zu ſagen als zu thun iſt. Könnte ich mein Gemüth beruhigen wegen der Offiziere, ſo würde ich das Mädchen mit Gewalt an den Mohawk entführen, ſie zwingen mich zu heirathen, trotz ihrem flatter⸗ haften Geiſte, und den alten Tom der Sorge Hetty's, ſeiner andern Tochter, überlaſſen, die, wenn nicht ſo ſchön, noch von ſo ſchnellem Witz wie ihre Schweſter, doch bei weitem die pflichtge⸗ treuere iſt.“ „Iſt denn noch ein Vogel in demſelben Neſt?“ fragte Wild⸗ tödter, ſein Auge mit einer Art halberwachter Neugier empor⸗ hebend,—„die Delawaren ſprachen mir nur von Einer!“ „Das iſt ganz natürlich, wenn es ſich von Judith Hutter und Hetty Hutter handelt. Hetty iſt nur hübſch, während ihre Schwe⸗ ſter, das ſag' ich dir, Knabe, ein Geſchöpf iſt, wie man es nicht mehr findet zwiſchen hier und der See; Judith iſt ſo voll Witz, Beredſamkeit und Schlauheit, wie ein alter indianiſcher Redner, während die arme Hetty im beſten Fall nur einen guten Willen, aber einen ſchwachen Verſtand hat;* ſie ſteht, möchte ich ſagen, auf der Grenzſcheide der Unwiſſenheit und manchmal taumelt ſie auf die eine, manchmal auf die andere Seite hinüber.“ „Das ſind Geſchöpfe, die Gott in ſeine beſondere Obhut, nimmt,“ ſagte Wildtödter feierlich; denn er ſieht mit Sorgfalt auf Alle herab, die um ihr beſcheiden Theil Vernunft zu kurz kommen. Die Rothhäute ehren und achten die ſo beſchränkt Be⸗ gabten, weil ſie wiſſen, daß der ſchlimme Geiſt es mehr liebt, in einem ſchlauen Weſen zu wohnen, als in einem, das keinen tiefen Verſtand hat, auf den er wirken kann.“ * Hurry macht hier einen, wegen des Wortſpiels mit ‚compass meant use und ‚compos mentis’ unüberſetzbaren Witz. — 16 „Dann will ich dafür bürgen, daß er nicht lange hauſen wird bei der armen Hetty, denn das Kind iſt, wie geſagt, gar einfäl⸗ tigen Geiſtes. Der alte Tom hat ein Gefühl für das Mädchen, und ſo auch Judith, ſo prächtig und raſchen Witzes ſie auch ſelbſt iſt; ſonſt möchte ich nicht dafür ſtehen, daß ſie ganz ſicher wäre unter der Art von Männern, wie manchmal an das Ufer des See's kommen.“ 4 „Ich dachte, das Waſſer ſey ein unbekannter und wenig be⸗ ſuchter Platze bemerkte der Wildtoͤdter, dem es ſichtlich unbehaglich ward beim Gedanken, der Welt zu nahe zu ſeyn. „So iſt es auch ganz, mein Junge; nicht die Augen von zwanzig weißen Männern haben ihn erblickt; aber doch können zwanzig Grenzmänner von ächtem Schrot und Korn,— Jäger und Fallenſteller und Kundſchafter und dergleichen— genug Unheil anrichten, wenn ſie den Verſuch machen. Es wäre mir etwas Entſetzliches, Wildtödter, wenn ich nach einer Abweſenheit von ſechs Monaten Iudith verheirathet fände!“ „Habt Ihr des Mädchens Wort und Zuſage, die Euch zu beſſerer Hoffnung berechtigen?“ „Ganz und gar nicht. Ich weiß nicht, was es iſt. Ich ſehe gut genug aus, Junge! ſo viel kann ich in jeder Quelle ſehen, worauf die Sonne ſcheint,— und doch konnte ich die kleine Hexe nie zu einer Zuſage oder auch nur zu einem herzlichgemeinten Lä⸗ cheln bringen, obgleich ſie oft Stunden lang lacht. Wenn ſie ge⸗ wagt hat, in meiner Abweſenheit zu heirathen, wird ſie wohl die Süßigkeit des Wittwenſtandes zu koſten bekommen, noch ehe ſie zwanzig Jahre alt iſt!“ 3 „Ihr würdet doch dem Mann, den ſie gewählt, Nichts zu Leid thun, Hurry, blos darum, weil ſie ihn mehr nach ihrem Geſchmack gefunden, als Euch?“ „Warum nicht? Wenn ein Feind meinen Weg durchkreuzt, ſollte ich ihn nicht hinausſchlagen? Seht mich an— bin ich ein 17 Mann, dem es gleich ſieht, daß er von irgend einem kriechenden, ſchleichenden Hautkrämer ſich den Nang ablaufen ließe in einer Sache, die mich ſo nahe angeht als die Zärtlichkeit der Judith Hutter? Zudem, wenn wir außer dem Bereich des Geſetzes leben, müſſen wir uns ſelbſt Richter und Vollſtrecker ſeyn. Und wenn auch ein Mann in den Wäldern todt gefunden würde: Wer ſollte auftreten und ſagen, Wer ihn erſchlagen, ſelbſt den Fall geſetzt, daß die Colonie die Sache aufnähme und Lärm darüber ſchlüge?“ „Wenn der Mann der Judith Hutter Gatte ſeyn ſollte, ſo könnte ich, nach dem was vorgegangen, wenigſtens genug ſagen, um die Colonie auf die Spur zu leiten.“ „Ihr!— ein halbgewachſener Wildpretſchütz und junger Laffe! Ihr wagt es, daran zu denken, als Ankläger aufzutreten gegen Hurry Harry, und wenn es auch nur eine Waldtaube beträfe oder einen Iltiß?“ „Ich würde wagen die Wahrheit zu reden, Hurry, beträfe es Euch oder irgend einen Sterblichen.“ March ſtarrte einen Augenblick ſeinen Begleiter in ſtummem Staunen an; dann faßte er ihn mit beiden Händen an der Kehle und ſchüttelte den vergleichungsweiſe Zartgebauten mit einer Hef⸗ tigheit, die einige Knochen zu verrenken drohte. Auch geſchah dieß nicht im Scherz, denn Zorn flammte aus den Augen des Rieſen, und gewiſſe Zeichen ſchienen weit mehr Ernſt anzukündigen, als der vorliegende Fall dem Anſchein nach erheiſchte oder rechtfertigte. Was immer March's eigentliche Abſicht ſeyn mochte— und wahr⸗ ſcheinlich hatte er ſelbſt keine beſtimmte und klarbewußte— gewiß iſt, daß er ungewöhnlich aufgebracht war; und wohl die Meiſten, die ſich von einem ſolchen Giganten, in ſolcher Gemüthsaufregung und in einer ſo tiefen, hülfloſen Einſamkeit ſo gewürgt geſehen hätten, würden eingeſchüchtert und verſucht worden ſeyn, ſelbſt in gerechter Sache nachzugeben. Nicht ſo Wildtödter. Sein Geſicht blieb unbewegt; ſeine Hand zitterte nicht, und er gab ſeine Antwort Der Wildtödter. 3. Aufl. 2— LAhAHI in 412 nn raaracarararatr Ar. 18 in einem Tone, der nicht einmal zu erhöhten, lautern Stimme griff, um w der Seele kund zu geben. „Ihr könnt mich ſchütteln, macht,“ ſagte er ruhig,„aber N aus mir heraus ſchütteln. Wahr Gatten zum Erſchlagen, und Ih ſonſt würde ich ihm von Eurer redung, die ich mit dem March ließ ſeine H ſchweigendem Staunen b „Ich dachte, habt das letzte kommen ſoll.“ „Ich verlange auch keine mehr, ten. Ich weiß, wir leben in den Wäldern, Hurry, an, daß wir außer dem Bereich menſchlicher Geſetze ſeyen— und vielleicht find wir es wirklich der Rechte nach anders ſich verhäͤ einen Geſetzgeber, die über den ganzen Continent walten und herrſchen. Wer jenes oder dieſen in's Angeſicht ſchlägt, darf mich nicht ſeinen Freund nennen.“ „Ich will verdammt ſeyn, Wildtödter daß Ihr im Herzen ein Mähriſcher Bruder ſeyd, und kein wohl⸗ geſinnter, treuherziger Jäger, wie Ihr zu ſeyn vorgegeben.“ „Wohlgeſinnt oder nicht, dem künſtlichen Mittel einer enigſtens die Entſchloſſenheit Hurry, bis Ihr den Berg einfallen ichts als die Wahrheit werdet Ihr ſcheinlich hat Judith Hutter keinen r keinen Anlaß, einem aufzupaſſen, Drohung ſagen in der erſten Unter⸗ Maädchen habe.“ ände los, und etrachtend. wir ſeyen Freunde,“ ſagte er endlich,„aber Ihr gehört, das in Euer Ohr ſaß da, den Andern mit Geheimniß von mir wenn ſie dieſem gleichen ſoll⸗ „ wenn ich nicht glaube, Hurry, Ihr werdet mich ſo treu⸗ herzig und gerade in Werken finden, wie in Worten. Aber dieß Auflodern in plötzlichem Zorne iſt thöri cht, und zeigt, wie wenig Maͤnnern gelebt. Judith Hutter iſt ohne nd Ihr ſchwatztet nur wie die Zunge lief, fand. Hier iſt meine Hand, und wir wollen en noch daran denken.“ Ihr mit den rothen Zweifel noch ledig, u nicht wie das Herz emp nicht mehr davon ſprech einer ceit llen Ihr nen en, er⸗ —= A — 19 Hurry ſchien noch verblüffter als je zuvor; dann brach er in ein lautes, gutmüthiges Lachen aus, das ihm die Thränen in die Augen trieb. Darauf ergriff er die dargebotene Hand und die Freunde verſöhnten ſich. „Es wäre närriſch geweſen, um eine bloße Idee zu ha⸗ dern,“ rief March, indem er wieder zu eſſen anfing,„und ziemte eher den Rechtsmännern in den Städten, als vernünftigen Men⸗ ſchen in den Wäldern. Man ſagt mir, Wildtödter, viel böſes Blut komme von Vorſtellungen und Ideen unter den Leuten in den untern Bezirken, und ſie erhitzen ſich darüber manchmal bis zum Aeußerſten.“ „Das thun ſie— das thun ſie; und über andere Dinge, die man beſſer ſich ſelbſt überließe. Ich habe von den Mähriſchen Brüdern ſagen hören, es gebe Länder, wo die Menſchen ſogar über ihre Religion hadern; und wenn ſie ſich über einen ſolchen Gegen⸗ ſtand erhitzen können, Hurry, ſo habe der Herr Erbarmen mit ihnen! Wir jedoch haben keinen Anlaß, ihrem Beiſpiel zu folgen, zumal nicht über einen Gatten, den dieſe Judith Hutter vielleicht nie ſieht oder zu ſehen wünſcht. Ich meines Theils fühle mehr Neugierde hinſichtlich der ſchwachſinnigen Schweſter, als Eurer geprieſenen Schönheit. Es iſt Etwas, das die Gefühle eines Mannes anſpricht und rührt, wenn er einem Mitgeſchöpf begegnet, das ganz das äußere Weſen eines zurechnungsfähigen Sterblichen hat, und das doch nicht iſt, was es ſcheint, nur wegen eines Mangels an Vernunft. Das iſt ſchlimm genug bei einem Manne, aber wenn es einem Weibe geſchieht, und es iſt ein junges und vielleicht einnehmendes Geſchöpf, ſo regt es alle Gefühle von Barmherzigkeit und Mitleid auf, die in ſeiner Natur liegen. Gott weiß, Hurry, ſolche arme Weſen ſind ſchutzlos genug mit ſammt all ihrem Witz; aber ein grauſames Geſchick iſt es, wenn dieſer große Beſchützer und Führer ihnen fehlt.“ „Hoͤrt, Wildtödter— Ihr wißt, was die Jäger und Fallenſteller Schritt eines Mannes, und Pelzwerkleute überhaupt für Menſchen ſind; und ihre beſten Freunde werden nicht läugnen, daß es hitzige und eigenwillige Menſchen ſind, die nicht viel nach Andrer Rechten und Gefühlen fragen— und doch, glaub ich, fande ſich in dieſer ganzen Gegend kein Mann, der Heity Hutter ein Leid thäte, wenn er auch könnte; nein, nicht einmal eine Rothhaut!“ „Hierin, Freund Hurry, laßt Ihr den Delawaren wenigſtens und all den ihnen verbündeten Stämmen nur Gerechtigkeit wider⸗ fahren, denn eine Rothhaut ſieht ein ſo von Gottes Macht heim⸗ geſuchtes Weſen als Gegenſtand ſeiner beſondern Obhut an. Ich freue mich indeſſen zu horen, was Ihr ſagt, ich freue mich, es zu hören, aber da die Sonne jetzt gegen den Nachmittagshimmel hin ſich wendet, thäten wir nicht beſſer, die Fährte wieder zu verfolgen und weiter zu ziehen, damit wir Gelegenheit bekommen, dieſe wun⸗ derbaren Schweſtern zu ſehen?“ Hurry March gab freudig ſeine Zuſtimmung; die Ueberbleibſel der Mahlzeit waren bald geſamttielt; dann ſchulterten die Wanderer ihre Taſchen, nahmen ihre Waffen auf, verließen die kleine Lich⸗ tung, und begruben ſich wieder in den tiefen Schatten des Waldes. Zweites Kapitel. „Weg mußt vom See, dem grünen, du ziehn, Und weg von des Jägers Herd; Den Sommer hindurch, wo die Blumen glühn, Iſt zu bleiben dir, Tochter, verwehrt.“ Erinnerungen des Weibes. Unſre zwei Abenteurer wußte die Richtung, ſob gefunden hatte, und er hatten nicht weit zu gehen. Hurry ald er den offnen Platz und die Quelle ging jetzt voran mit dem zuverſichtlichen der ſeiner Sache gewiß iſt. Der Wald 21 war, wie natürlich, dunkel, aber nicht mehr durch Buſchwerk un⸗ wegſam, und der Boden war feſt und trocken. Nachdem ſie etwa eine Meile zurückgelegt, blieb March ſtehen, und begann forſchende Blicke um ſich zu werfen; indem er die verſchiednen Gegenſtände ſorgfältig prüfte, und gelegentlich ſein Auge auf die Stämme der gefallnen Bäume richtete, mit welchen der Boden ziemlich beſäet war, wie dieß gewöhnlich der Fall iſt in einem amerikaniſchen Wald, zumal in den Gegenden des Landes, wo das Bauholz noch keinen Werth hat. „Das muß der Platz ſeyn, Widdtödier,“ bemerkte endlich March;„hier iſt eine Buche neben einer Schierlingstanne und drei Fichten in der Nähe, und dort iſt eine weiße Birke mit ge⸗ brochenem Wipfel; und doch ſehe ich keinen Felſen und keine her⸗ abgebognen Zweige, wie ich Euch geſagt, daß wir finden würden.“ „Gebrochene Zweige ſind ungeſchickte Merkzeichen, da der Unerfahrenſte weiß, daß Zweige nicht oft von ſelbſt brechen,“ ver⸗ ſetzte der Andre;„und ſie führeng auch leicht zu Argwohn und Entdeckung. Die Delawaren verlaſſen ſich nie auf geknickte Zweige, außer in Friedenszeiten und auf offener Fährte. Was die Buchen und Fichten und Schierlingstannen betrifft, ha, die ſind auf allen Seiten um uns her zu ſehen, nicht blos zu zweien oder dreien, ſondern zu vierzigen, fünfzigen und hunderten.“ „Sehr wahr, Wildtödter, aber Ihr erwägt nicht die Stel⸗ lung. Hier iſt eine Buche und eine Schierlingstanne—“ „Ja, und dort iſt wieder eine Buche und eine Schierlings⸗ tanne, ſo liebevoll wie zwei Brüder, oder, was das betrifft, liebe⸗ voller als manche Brüder, und dort ſind wieder welche, denn beide Bäume ſind in dieſen Wäldern keine Seltenheit. Ich fürchte, Hurry, Ihr verſteht Euch beſſer darauf, Biber zu fangen und Bären zu ſchießen, als eine ſchwierige Fährte aufzuſpüren. Ha! dort iſt aber nun doch, was Ihr zu finden wünſcht!“ „Ei, Wildtödter, das iſt eine von Euern delawariſchen An⸗ 22 maßungen, denn ich will mich hängen laſſen, wenn ich etwas Andres ſehe, als dieſe Bäume, welche in der unerklärlichſten und verwirrend ſten Weiſe um uns her emporragen.“ 3 „Schaut dorthin, Hurry— ſo, in einer Linie mit der ſchwarzen Eiche— ſeht Ihr nicht das gekrümmte Bäumchen, das heraufge⸗ zogen iſt, zu den Zweigen der Linde daneben? Nun, dieß Bäumchen war einmal von Schnee bedeckt, und wurde von deſſen Wucht niedergedrückt; aber es hat ſich nicht ſelbſt wieder aufgerichtet, und ſo wie Ihr es jetzt ſeht, an die Lindenzweige angelehnt. Die Hand eines Menſchen hat ihm dieſen Liebesdienſt geleiſtet.“ „Das war meine Hand!“ rief Hurry:„ich fand das ſchwache, junge Ding auf die Erde gedrückt, wie ein unglückliches Geſchöpf vom Mißgeſchick niedergebeugt, und richtete es ſo auf, wie Ihr ſeht. Am Ende, Wildtodter, muß ich doch geſtehen, daß Ihr nach⸗ gerade ein ungemein gutes Auge für die Wälder bekommt.“ „Es beſſert ſich, Hurry— es beſſert ſich, muß ich geſtehen; aber es iſt erſt das Auge eines Kindes, verglichen mit dem von Andern, die ich kenne. Da iſt jetzt Tamenund, obwohl ein Mann ſo alt, daß Wenige ſich ſeiner kräftigen Jahre erinnern, Tamenund läßt Nichts ſeiner Beobachtung entgehen, die mehr der Witterung eines Hundes als dem Blick eines Auges gleicht. Dann Unkas, der Vater von Chingachgook, und der rechtmäßige Häuptling der Mohikans, iſt auch Einer, deſſen Blick beinahe unmöglich etwas entgehen kann. Ich komme weiter, ich will es geſtehen, ich komme weiter, aber bin bis jetzt noch weit von der Vollkommenheit entfernt.“ „Und wer iſt denn dieſer Chingachgook, von dem Ihr ſo Viel ſchwatzt, Wildtödter?“ fragte Hurry, indem er in der Richtung auf das aufgerichtete Bäumchen zu weiter ſchritt;„eine ſchleichende Rothhaut, im beſten Fall, nach der ich Nichts frage.“ „Nicht ſo, Hurry, ſondern der beſte unter den ſchleichenden Rothhäuten, wie Ihr ſie nennt. Wenn er ſeine Rechte hätte, ſo wäre er ein großer Häuptling; aber ſo iſt er nur ein muthiger 23 und redlicher Delaware; geachtet zwar, und dem man auch in manchen Dingen gehorcht, aber von einem gefallenen Geſchlecht, und einem gefallenen Volke angehörend. Ach, Hurry March, es würde Euch das Herz im Leibe warm machen, in ihren Hütten zu ſitzen in einer Winternacht, und den Erzählungen und Ueberlieferun⸗ gen von der alten Groͤße und Macht der Mohikans zuzuhören.“ „Hört, Freund Nathaniel,“ ſagte Hurry, indem er ſtehen blieb und ſeinem Begleiter in's Geſicht ſchaute, um ſeinen Worten deſto mehr Nachdruck zu geben,„wenn ein Mann Alles glaubte, was andern Leuten zu ihren Gunſten zu ſagen beliebt, ſo würde er wohl eine zu große Meinung von ihnen, und eine zu kleine Meinung von ſich ſelbſt bekommen. Dieſe Rothhäute ſind merkwürdige Prahler, und ich behaupte, mehr als die Hälfte ihrer Ueberlieferungen ſind reine Erdichtungen.“ „Es iſt etwas Wahres in dem, was Ihr ſagt, Hurry, ich will es nicht läugnen, denn ich habe es geſehen und glaube es. Ja, ſie prahlen, aber das iſt eben eine Gabe der Natur, und es iſt ſündhaft, natürliche Gaben zu unterdrücken. Seht, das iſt der Platz, den Ihr geſucht.“ Dieſe Bemerkung ſchnitt das Geſpräch ab, und beide Männer richteten jetzt ihre ganze Aufmerkſamkeit auf das unmittelbar vor ihnen Liegende. Wildtödter deutete ſeinem Begleiter auf den Stamm einer ungeheuern Linde, welche ihre Zeit erfüllt hatte, und unter ihrer eignen Wucht niedergeſtürzt war. Dieſer Baum lag, wie Millionen ſeiner Brüder, wo er gefallen, und vermoderte unter dem langſam aber ſicher wirkenden Einfluß der Jahreszeiten. Der Verfall hatte jedoch ſeinen Mittelpunkt angegriffen, als er noch aufrecht, in der Pracht ſeiner Vegetation daſtand, und ſein Herz ausgehöhlt, wie oft Kranlheit die edelſten Organe des thieriſchen Lebens zerſtört, während den Beobachter eine blühende Außenſeite täuſcht. Wie der Stamm ſo in einer Länge von etwa hundert Fuß am Boden lag, entdeckte das raſche Auge des Jägers dieſe Beiſtand ablehnte, ſelbſt während er es in die 24 Eigenthümlichkeit, und aus dieſem und andern Umſtänden ſchloß er, daß es der Baum ſey, den March ſuche. „Ja, hier haben wir, was wir brauchen,“ rief Hurry, an dem dickeren Ende der Linde hineinſchauend; Alles iſt ſo ſäuberlich, als wäre es in eines alten Weibes Wandſchrank aufbewahrt geweſen. Kommt, geht mir an die Band, Wildtöodter, und wir ſind in einer halben Stunde auf dem Waſſer.“ Auf dieſe Aufforderung kam der Jäger zu ſeinem Begleiter heran, und beide machten ſich mit gutem Bedacht und nach allen Regeln an's Werk, als Männer, welche an dieſe Art von Treiben und Geſchäft gewohnt waren. Zuerſt entfernte Hurry einige Stücke Rinde, welche vor der großen Oeffnung an dem Baum lagen, und von welchen der andere behauptete, ſie ſeyen ſo gelegt, daß ſie eher die Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen, als die Höhlung verſteckt hätten, wenn ein Wanderer des Weges gekommen wäre. Dann zogen die beiden ein Canoe heraus mit ſeinen Sitzen, Rudern und anderm Zugehör, bis auf Angelſchnüre und Ruthen hinaus. Dieß Fahrzeug war gar nicht klein; aber ſo groß war ſeine verhaͤltniß⸗ mäßige Leichtigkeit, und ſo rieſenhaft Hurry's Stärke, daß dieſer es anſcheinend ohne alle Mühe auf die Schulter nahm, und allen ſchwierigere Lage, in welcher er es zu tragen genöthigt war, emporhob. „Geht voran, Wildtödter,“ ſagte March,„und öffnet das Gebüſch, das Uebrige kann ich allein thun.“ Der Andre gehorchte, und die Maͤnner verließen den Platz, indem Wildtödter den Weg für ſeinen Begleiter lichtete, und fich je nach deſſen Anweiſung bald rechts bald links wandte. Nach ungefähr zehn Minuten traten ſie beide plötzlich in das glänzende Licht der Sonne, auf einen niedern Kiesplatz, der wohl zur Hälfte ſeines Saumes vom Waſſer be⸗ ſpühlt wurde. Ein Ausruf des Erſtaunens entfuhr den Lippen Wildtödters— ein Ausruf, der jedoch leiſe und vorſichtig war, denn ſeine Weiſe 2 25 war viel beſonnener und geregelter als die des rlückſichtsloſen Hurry— als er, den Rand des See's erreichend, das Schauſpiel ſah, das ſich ganz unerwartet ſeinen Blicken darbot. Es war izes der That ſo ergreifend, daß es wohl eine kurze Beſchreibung ver⸗ dient. In gleicher Linie mit dem Kiesplatz lag ein breiter Waſſer⸗ ſpiegel, ſo friedlich und durchſichtig, daß er ausſah wie ein Bett der reinen Gebirgsatmoſphäre, eingefugt zwiſchen einer Einfaſſung von Hügeln und Wäldern. Seine Länge betrug etwa drei Stunden, in der Breite war er unregelmäßig, denn er erweiterte ſich dem Platze gegenüber bis zu einer halben Meile oder mehr, und zog ſich mehr ſüdlich bis zur Hälfte dieſer Ausdehnung und noch enger zuſammen. Die Küſte war natürlich unregelmäßig, unterbrochen durch Buchten, und durch vorſpringende, niedere Landausläufer. Am nördlichen, nächſten Ende war er begrenzt durch einen einzelnen Berg, während öſtlich und weſtlich das Land minder ſteil abfiel, in gefällig abwechſelndem Schwunge der Linien. Doch war der Cha⸗ rakter der Gegend gebirgig; hohe Hügel, oder niedere Berge ſtiegen auf neun Zehntheilen des Umkreiſes ſteil am Waſſer hinan. Die Ausnahmen dienten in der That nur, der Scene einige Abwechs⸗ lung zu geben; und auch über die vergleichungsweiſe niedrigen Theile des Ufers hinaus war der Hintergrund hoch, wenn auch entfernter. Die auffallendſten Eigenthümlichkeiten dieſer Scene aber waren die feierliche Einſamkeit und die ſüße Ruhe. Nach allen Seiten, wohin das Auge ſich wandte, fiel es auf nichts als die ſpiegelgleiche Fläche des See's, die friedvolle Wölbung des Himmels und den dichten Kranz der Wälder. So reich und üppig waren die Um⸗ riſſe des Waldes, daß man kaum eine Oeffnung gewahrte, und alles ſichtbare Land, von dem runden Berggipfel bis an den Saum des Waſſers bot Eine, ſich gleich bleibende Farbe ununterbrochenen Grüns dar. Als wäre die Vegetation noch nicht zufrieden mit einem ſo vollſtändigen Triumph, bedeckten die Bäume auch noch den See ſelbſt, und rangen ſich von unten gegen das Licht hinaus; Ehuh 7 — IEALALHDLHdBHSdhHSLB auauhahnhnh 40 26 und meilenlange Strecken waren an ſeinem öſtlichen Ufer, wo ein Boot unter den Zweigen dunkler, an Rembrandt erinnernder Schier⸗ lingstannen, zitternder Eſpen und ſchwermüthiger Fichten hätte hingleiten können. Mit einem Wort, die Hand des Menſchen hatte noch nie irgend etwas entſtellt oder verunſtaltet an dieſer Urſcene, die im Sonnenlicht ſchwamm, ein prachtvolles Bild überſchwänglich großartiger Waldherrlichkeit, gedämpft durch den weichen Hauch des Junius, und gehoben durch die ſchöne Abwechslung vermöge der Nähe einer ſo weitgedehnten Waſſermaſſe. „Das iſt groß!— das iſt erhebend!— das iſt eine Bildung der Seele, wenn man nur hinſteht!“ rief Wildtödter, wie er auf ſeine Büchſe gelehnt daſtand, und rechts und links, nach Norden und Süden, aufwärts und abwärts ſchaute, in welcher Richtung nur immer ſein Auge zu ſchweifen vermochte;„kein Baum zerſtört auch nur durch eine Rothhauthand, ſo viel ich entdecken kann, ſondern Alles treu geblieben der Ordnung des Herrn, um zu leben und zu ſterben nach ſeinem Willen und Geſetz! Hurry, Eure Judith muß ein ſittliches und wohlgeartetes junges Weib ſeyn, wenn ſie nur die Hälfte der von Euch angegebenen Zeit im Mittelpunkt ſo begünſtigten Platzes verlebt hat.“ „Das iſt eine nackte Wahrheit, und doch hat das Mädchen ſo unſtete Gedanken und Grillen. All ihre Zeit hat ſie jedoch nicht hier verlebt, denn der alte Tom hatte, eh' ich ihn kannte, die Ge⸗ wohnheit, die Winter in der Nachbarſchaft der Anſiedler oder unter den Kanonen der Forts zuzubringen. Nein, nein, Judith hat mehr als ihr gut iſt, von den Anſisdlern angenommen, und beſonders von den galanten Officieren.“ „Wenn auch, wenn auch, Hurry, dieß iſt eine Schule, ihr den Kopf wieder zurecht zu ſetzen. Aber was iſt denn das, was ich dort, gerade uns gegenüber ſehe, was zu klein ſcheint für eine Inſel und zu groß für ein Boot, obgleich es mitten im Waſſer ſteht?“ „Ha, das iſt was die tapfern und galanten Herren von den 1 8 9 * 1 4 9— 27 Forts Muskrat⸗* Caſtell nennen; und der alte Tom ſelbſt pflegt zu grinſen bei dem Namen, obgleich er ſeine Art und ſeinen Cha⸗ rakter hart antaſtet. Es iſt das feſtſtehende Haus; denn es ſind zwei; dieſes, das nicht von der Stelle rückt, und das andere, welches ſchwimmt, und bald in dieſem bald in jenem Theile des See's ſich beſindet. Das letzte iſt bekannt unter dem Namen der Arche, obgleich es über mein Vermögen geht, zu ſagen, was die Bedeu⸗ tung des Wortes iſt.“ „Es muß von den Miſſionären herkommen, Hurry, die ich von einem ſolchen Ding habe reden und leſen hören. Sie ſagen, die Erde ſey einmal mit Waſſer bedeckt geweſen, und Noah ſey mit ſeinen Kindern vom Ertrinken dadurch gerettet worden, daß er ein Fahrzeug erbaute, das man Arche hieß, worin er ſich zu rechter Zeit einſchiffte. Manche von den Delawaren glauben dieſe Ueber⸗ lieferung, und manche läugnen ſie; aber Euch und mir, als gebor⸗ nen weißen Männern, ziemt es, an ihre Wahrheit zu glauben. Seht Ihr etwas von dieſer Arche?“ „Sie iſt weiter ſüdlich, ohne Zweifel, oder liegt in einer der Buchten vor Anker. Aber das Canoe iſt bereit, und fünfzehn Minuten werden genügen, zwei ſolche Ruderer wie Euch und mich nach dem Caſtell zu bringen.“ Auf dieſe Aufforderung half Wildtödter ſeinem Genoſſen die verſchiedenen Sachen in das Canoe zu bringen, das ſchon auf dem Waſſer ſchwamm. Sobald dieß geſchehen, ſchifften ſich die beiden Grenzmänner ein und trieben mit einem kraftvollen Stoß die leichte Barke acht oder zehn Ruthen weit von der Küſte weg. Jetzt nahm Hurry den Sitz im Hintertheil ein, während Wildtödter ſich vorn hinpflanzte, und unter gemächlichen aber ſtetigen Ruderſchlä⸗ gen glitt das Canoe über den friedlichen Waſſerſpiegel hin, dem ganz ſeltſam ausſehenden Bau zu, welchen der Erſtere Muskrat⸗ Caſtell genannt hatte. Manchmal hielten die Männer im Rudern * Biſamratze. 28 inne und beſchauten ſich die Scene, wenn ſich auf den entfernteren Punkten neue Ausſichten eröffneten, die ſte weiter den See hinab ſchauen ließen, oder einen umfaſſenderen Anblick der bewaldeten Berge gewährten. Die einzigen Abwechslungen jedoch beſtanden in neuen Formationen der Hügel, mannigfaltigen Krümmungen der Buchten und weiterer Ausdehnung des Thales nach Süden; alles Land war dem Anſchein nach in höchſte Laubgala gekleidet. „Das iſt ein Anblick, der das Herz erwärmt!“ rief Wildtödter, als ſie ſo zum vierten oder fünften Mal hielten;„der See ſcheint ganz gemacht, um uns recht in das Innere der edlen Waldungen hineinſehen zu laſſen, und Land und Waſſer ſtehen gleich herrlich da in der Schöͤnheit der Vorſehung Gottes! Ihr behauptet, Hurry, es gebe keinen Mann, der ſich rechtmäßigen Eigenthümer all dieſer Herrlichkeit nenne?“ „Keinen, als den König, mein Junge. Er mag einiges Recht auf dieſe Natur geltend machen, aber er iſt ſo weit entfernt, daß ſeine Anſprüche den alten Tom Hutter nie anfechten werden, der einmal Beſitz genommen hat, und dieſen wohl auch behaupten wird, ſo lange ſein Leben dauert. Tom iſt kein Squatter, da er nicht auf dem Land lebt, aber ich nenne ihn einen Floater.“* „ Ich beneide dieſen Mann!— Ich weiß, es iſt Unrecht, und ich kämpfe gegen dieß Gefühl, aber ich beneide dieſen Mann! denkt enicht, Hurry, ich brüte über einen Plan, mich in ſeine Schuhe zu ſtellen, denn ein ſolcher Gedanke hat keinen Naum in meiner Seele; aber ein wenig Neid kann ich nicht unterdrücken! Es iſt ein natür⸗ liches Gefühl, und die Beſten unter uns ſind eben doch am Ende natürliche Menſchen, und geben zu Zeiten ſolchen Empfindungen Raum.“ „Ihr dürft nur Hetty heirathen, um das halbe Beſitzthum zu * Deutſch: Schwimmer; Squatter heißen Solche, die ſich ohne Beſitztitel auf irgend einem Stück Landes niederlaſſen, eine Blockhütte bauen, und das Land beurbaren. erben,“ rief Hurry lachend;„das Mädchen iſt hübſch; ja, wenn nicht ihrer Schweſter Schönheit wäre, ſo wäre ſie ſogar ſchön; und dann iſt ihr Witz ſo klein, daß Ihr ſie leicht zu Eurer Denk⸗ weiſe in allen Dingen bekehren könnt. Nehmt Ihr Hetty aus des alten Burſchen Händen, und ich ſtehe Euch dafür, er gibt Euch ein Recht auf jedes Thier, das Ihr fällen könnt auf fünf Meilen im Umkreis von ſeinem See.“ „Iſt viel Wild da?“ fragte plöͤtzlich der Andere, der nur wenig auf March's Scherz achtete. „Es hat die ganze Gegend für ſich. Kaum wird je ein Ge⸗ wehr darauf abgedrückt, und was die Fallenſteller betrifft, ſo iſt das keine Gegend, die ſie ſtark beſuchen. Ich ſelbſt ſollte nicht ſo viel hier ſeyn, aber Judith zieht mich hierhin, während der Biber dorthin zieht. Mehr als hundert ſpaniſche Dollars hat mich die Creatur die beiden letzten Jahre gekoſtet, und doch konnte ich dem Wunſch nicht entſagen, ihr Angeſicht wieder zu ſehen.“ „Beſuchen die rothen Männer oft dieſen See, Hurry?“ fragte Wildtödter weiter, ſeine eigne Gedankenreihe verfolgend. „Ha, ſie kommen und gehen; manchmal in Truppen und manchmal einzeln. Der Strich ſcheint keinem eingebornen Stamm insbeſondere zu gehören; und ſo iſt er in die Hände des Hutter⸗ Stammes gefallen. Der alte Mann erzählt mir, einige Schlauköpfe hätten den Mohawks eine indianiſche Urkunde abzuſchwatzen und abzuſchmeicheln geſucht, um bei der Colonie einen Beſttztitel aus⸗ zuwirken; aber es iſt nichts erfolgt, weil noch Keiner, der einem ſolchen Handel gewachſen wäre, ſich mit der Sache befaßt hat. Die Jäger haben zur Zeit noch ein gutes Freilehen an dieſer Wildniß.“ „Um ſo beſſer— um ſo beſſer, Hurry. Wenn ich König von England wäre, der Mann, der einen von dieſen Bäumen fällte, ohne eine gute Gelegenheit zur Benützung des Holzes, müßte mir in ein ödes und unwirthbares Land verbannt werden, das nie ein raernren La 5 AA 4 30 vierfüßiges Thier betrat. Recht froh bin ich, daß Chingachgook den Ort unſres Zuſammentreffens bei dieſem See beſtimmte, denn bisher hat mein Auge noch kein ſo herrliches Schauſpiel geſehen.“ „Und das deßwegen, weil Ihr Euch ſo viel unter den Dela⸗ waren umgetrieben, in deren Land es keine Seen gibt. Weiter nördlich und weiter weſtlich gibt es ſolche kleine Waſſer genug; und Ihr ſeyd jung und erlebt es wohl noch, ſie zu ſehen. Aber wenn es auch andre Seen gibt, Wildtödter, ſo gibt es doch keine andre Judith Hutter!“ Auf dieſe Bemerkung lächelte ſein Begleiter, und dann ſenkte er ſeine Ruderſchaufel ins Waſſer, als berückſichtigte er die Haſt eines Liebenden. Beide ruderten jetzt kräftig, bis ſie ſich auf hun⸗ dert Schritte dem„Caſtell' näherten, wie Hurry vertraulich das Haus Hutter's nannte, wo ſie wieder mit Rudern inne hielten; und der Anbeter Judith's zügelte ſeine Ungeduld um ſo leichter, als er bemerkte, daß das Gebäude im Augenblick von Bewohnern leer war. Dieſe neue Pauſe ſollte Wildtödter in Stand ſetzen, das ſonderbare Gebäude zu betrachten, deſſen Bauart ſo neu war, daß ſie eine eigene Beſchreibung verdient. Muskrat⸗Caſtell, wie das Haus witzig benannt worden war voon einem muthwilligen Officier, ſtand im offnen See, eine volle Viertelmeile vom nächſten Punkt des Ufers entfernt. Auf den beiden andern Seiten erſtreckte ſich das Waſſer viel weiter, denn die Entfernung von dem noͤrdlichen Ende des Sees betrug etwa zwei Meilen, und von dem öſtlichen Ufer beinahe, wo nicht ganz, eine Meile. Da nicht das Mideſte von einer Inſel zu ſehen war, ſondern das Haus auf Pfeilern ſtand, das Waſſer darunter durch⸗ floß und Wildtödter ſchon entdeckt hatte, daß die Tiefe des See's beträchtlich war, fragte er begierig nach einer Erklärung dieſes ſonderbaren Umſtandes. Hurry löste ihm das Räthſel, indem er ihn belehrte, daß auf dieſer Stelle allein eine lange ſchmale Sand⸗ bank, die ſich nördlich und ſüdlich einige hundert Schritte weit Ne 31 erſtreckte, ſich bis auf ſechs oder acht Fuß unter dem Spiegel des See's erhebe, und daß Hutter hier Pfähle eingeſchlagen und dar⸗ auf, der Sicherheit wegen, ſeine Wohnung ſich erbaut habe. „Der alte Burſche wurde dreimal durch Feuersbrünſte verjagt im Kampf zwiſchen den Indianern und den Jägern; und in einem Gefecht mit den Rothhäuten verlor er ſeinen einzigen Sohn, und ſeit dieſer Zeit hat er ſeine Sicherheit auf dem Waſſer geſucht. Hier kann ihn Niemand angreifen, ohne in einem Boot zu kommen, und der Raub und die Scalpe verlohnten ſich kaum der Mühe, Canoe's auszuhöhlen. Und dann iſt es in keiner Weiſe gewiß, wer bei einem ſolchen Strauß dem Andern heimleuchten würde, denn der alte Tom iſt mit Waffen und Munition wohl verſehen, und das Caſtell iſt, wie Ihr wohl ſeht, eine feſte Bruſtwehr gegen leichte Schüſſe.“ Wildtödter hatte einige theoretiſche Kenntniß vom Kriegführen der Grenzmänner, obgleich er noch nie in den Fall gekommen war, ſeine Hand im Zorn gegen einen Mitmenſchen erheben zu müſſen. Er ſah, daß Hurry die Stärke dieſer Poſttion vom militäriſchen Geſichtspunkt nicht überſchätzte, da es nicht leicht geweſen wäre, ſie anzugreifen, ohne daß die Beſtürmer dem Feuer der Belagerten wären bloßgeſtellt geweſen. Nicht wenig Kunſt war ſichtlich auf⸗ geboten bei der Zuſammenfügung des Holzes, woraus das Gebäude beſtand, und das weit mehr Schutz verſprach, als bei den gewöhn⸗ lichen Blockhäuſern der Grenzmänner der Fall war. Die Seiten und Ecken waren zuſammengefügt aus den Stämmen großer Fich⸗ ten, etwa neun Fuß lang gehauen und aufrecht geſtellt, ſtatt hori⸗ zontal gelegt, wie der Gebrauch der Gegend war. Dieſe Klötze waren auf den Seiten nach dem Winkelmaaß behauen und hatten an jedem Ende große Zapfen. Maſſive Schwellen waren oben an den Grundpfählen angebracht und entſprechende Zangen an ihren obern Flächen eingeſchnitten, die zu dem Behuf rechtwinklig behauen waren, und in dieſe Zangen waren die untern Zapfen der — nNNNNenad 1 arar —— 3 —ö—ö—— 32 aufrechtſtehenden Klötze eingefugt, wodurch ſie unten einen ſichern Halt hatten. An den obern Enden der aufrecht ſtehenden Klötze waren Platten angebracht und durch ähnliche Mittel befeſtigt; die ver⸗ i i wohl zuſammengehalten durch tüchtige Verbindung und Verſpliſſung der Schwellen und Platten. Die Boden beſtanden aus kleinen, ebenſo bearbeiteten Stämmen, und das Dach aus leichten, feſt verbundenen und mit Rinde wohl bedeckten Pfählen. Der Zweck dieſer finnreichen Ein⸗ richtung war, dem Beſitzer ein Haus zu verſchaffen, dem man nur auf dem Waſſer beikommen konnte, deſſen Seiten aus Blöcken be⸗ ſtanden, die dicht aneinander gefugt, am dünnſten Theile zwei Fuß dick, nur durch die überlegte Arbeit von Menſchenhaͤnden, oder durch den langſamen Einfluß der Zeit getrennt werden konnten. Die Außenſeite des Gebäudes war roh und uneben, da die Holz⸗ blöcke von ungleicher Größe waren; aber die glattbehauenen Flächen nach innen gaben den Wänden und dem Boden ein ſo gleichförmiges Anſehen, als man nur zur Bequemlichkeit oder zur Befriedigung des Auges wünſchen mochte. Das Kamin war nicht die geringſte Eigenthümlichkeit des Caſtells, wie Hurry ſeinem Begleiter bemerk⸗ lich machte, indem er ihm den Prozeß ſeiner Verfertigung erklärte. Das Material war ein zäher Lehm, gehörig verarbeitet, der in einer Form aus Knütteln aufgeſetzt worden war, und den man, je einen oder zwei Fuß auf einmal, hart werden ließ, von unten an⸗ gefangen. Als ſo das ganze Kamin aufgeſetzt und von Außen ge⸗ hörig mit Stützen und Halten verſehen war, wurde ein gewaltiges Feuer angezündet und ſo lange unterhalten, bis es zu einer Art von rothem Backſtein gebrannt war. Es war dieß keine leichte Operation geweſen und auch nicht vollſtändig gelungen; aber indem man die Spalten wieder mit friſchem Lehm ausfüllte, hatte man am Ende doch einen ſichern Feuerplatz und Kamin erhalten. Dieſer Theil des Gebäudes ſtand auf dem Scheiterboden und war unten durch einen beſondern Pfeiler geſtützt. Noch einige andre 712——— 33 t Eigenthümlichkeiten hatte dies Haus, welche im Verlauf der Er⸗ zählung ſich deutlicher zeigen werden. „Der alte Tom iſt voll von Auskunftsmitteln,“ fuhr Hurry fort,„und er hing ſein Herz an das Gelingen dieſes Kamins, das mehr als einmal drohte, ganz zuſammenzubrechen, aber Beharr⸗ lichkeit überwindet auch den Rauch; und jetzt hat er ein behagliches Stübchen, obgleich es einmal drohte, ein gar ſpaltiger Rauchfang zu werden, wenig geeignet, Flammen und Rauch abzuführen.“ „Ihr ſcheint die ganze Geſchichte des Caſtells zu kennen, Hurry, Kamin und Wände,“ ſagte Wildtödter lächelnd;„iſt die Liebe ſo gewaltig und zwingend, daß ſie einen Mann dahin bringt, die Geſchichte von ſeines Liebchens Haus zu ſtudiren?“ „Theils das, Junge, und theils eigne Anſchauung,“ verſetzte lachend der gutmüthige Rieſe,„es war eine ſtarke Bande von uns am See, als der alte Kerl baute, und da halfen wir ihm bei der Arbeit. Ich habe keinen kleinen Theil der au frecht ſtehenden Blöcke auf meinen Schultern hinaufgeſchleppt und gehoben, und die Aexte flogen, das kann ich Euch ſagen, Meiſter Natty, ſo lange wir da bauten, unter den Baumen an der Küſte. Der alte Teu⸗ felskerl iſt nicht geizig mit Eſſen und Trinken, und da wir oft an ſeinem Heerde gegeſſen, dachten wir, wir wollten ihm doch ein behagliches Haus herrichten, ehe wir mit unſern Häuten nach Albany gingen. Ja, gar manche Mahlzeit habe ich in Tom Hutter's Stuben verzehrt; und Hetty, ſo ſchwach ſie iſt an Witz, hatte eine wunderſame Geſchicklichkeit, mit Pfannen, Kacheln und Röſten umzugehen.“ Während die Beiden ſich ſo beſprachen, ſchwamm das Canoe 8* allmählig dem Caſtell immer näher, und war jetzt ſo nahe daran, daß ein Ruderſchlag hinreichte, den Landungsplatz zu erreichen. Dieß war eine gedielte Plattform am Eingang, die einige zwanzig Quadratſchuhe halten mochte. „Der alte Tom nennt dieſe Art Kai ſeinen Thorhof,“ Der Wildtödter. 3. Aufl. en r⸗ -— S8 S 34 bemerkte Hurry, indem er das Canoe anband, nachdem er es mit ſeinem Begleiter verlaſſen,„und die tapfern Herrn von den Forts haben es den Caſtellhof genannt, wiewohl ich nicht einſehen kann, was ein Hof hier zu ſchaffen hat, da es kein Geſetz und Recht gibt. Es iſt wie ich mir gedacht; keine Seele drinnen, ſondern die ganze Familie fort auf einer Entdeckungsreiſe.“ Während Hurry ſich auf dem Thorhof zu ſchaffen machte, die Fiſcherſpieße, Ruthen, Netze und andere ähnliche Geräthe eines Grenzmannshauſes muſternd, trat Wildtödter, deſſen Art im Ganzen weit geſetzter und ruhiger war, in das Haus hinein, mit einer Neugier, die man bei einem ſo lang an indianiſche Sitten gewöhnten Manne nur ſelten bemerkte. Das Innere des„Caſtellse war ebenſo tadellos ſauber, als das Aeußere neu und überraſchend. Der ganze Naum, etwa vierzig Fuß lang und zwanzig tief, war in verſchiedene kleine Schlafzimmer getheilt; das Gemach, das er zuerſt betrat, diente für die gewöhnlichen Beſchäftigungen der Be⸗ wohner und zugleich als Küche. Die Einrichtung zeigte jene ſelt⸗ ſame Miſchung, die man nicht ſelten in den abgelegenen Blockhäuſern des innern Landes ſindet. Das Meiſte war roh und im höchſten Grade ländlich; aber in einer Ecke fand ſich eine Uhr mit einem ſchönen Gehäuſe von dunklem Holz, und zwei oder drei Seſſel, ſammt Tiſch und Schreibtiſch, die offenbar aus einem Hauſe von höhern Anſprüchen ſtammten. Die Uhr pickte fleißig und emſig, aber die bleiern ausſehenden Zeiger entſprachen inſofern ihrem ſchwerfälligen Ausſehen, als ſie auf elf Uhr wieſen, obwohl die Sonne deutlich zeigte, daß der Mittag ſchon lange vorüber war. Auch war da ein dunkler, maſſiver Schrank. Die Küchengeräthe waren von der einfaͤchſten Art und keineswegs zahlreich, aber jedes Stück war an ſeinem Platz und zeigte in ſeiner Beſchaffenheit alle mögliche Sauberkeit und Sorgfalt. Nachdem Wildtödter in dem äußern Zimmer ſich umgeſehen, drückte er eine hölzerne Klinke auf, und trat in einen ſchmalen — 13 A An 35 Gang, welcher das Innere des Hauſes in zwei gleiche Hälften theilte. Da die Sitten der Grenzmänner keineswegs ängſtlich und bedenklich ſind und ſeine Neugier lebhaft erregt war, öffnete der junge Mann jetzt eine Thüre und befand ſich in einem Schlaf⸗ zimmer. Ein Blick genügte ihn zu belehren, daß es ein Gemach für Frauen war. Das Bett beſtand aus den Federn von wilden Gänſen und war gefüllt faſt zum Platzen; aber es lag auf einem rohen Geſtell, nur etwa einen Fuß über dem Boden erhaben. Auf der einen Seite deſſelben hingen an Pflöcken verſchiedene Kleidungs⸗ ſtücke von einer weit beſſern Beſchaffenheit, als man an einem ſolchen Ort hätte erwarten ſollen, mit Bändern und andern ent⸗ ſprechenden Artikeln. Zierliche Schuhe, mit hübſchen ſilberen Schnallen, wie ſie damals wohlhabende Frauen trugen, fehlten auch nicht; und nicht weniger als ſechs Fächer von lebhaften Farben waren halb geöffnet, ſo daß ſie das Auge durch ihre Figuren und Malereien auf ſich zogen. Selbſt das Kiſſen auf dieſer Seite des Bettes war mit feinerem Linnen überzogen, als das entſprechende auf der andern Seite, und mit ſchmalen Spitzen beſetzt. Eine Haube, mit Bändern kokett verziert, hing darüber, und ein Paar langer Handſchuhe, wie ſie in jenen Zeiten Perſonen aus den arbeitenden Claſſen ſelten trugen, waren prahleriſch daran geheftet, wie in der ausdrücklichen Abſicht ſie hier zur Schau zu ſtellen, wenn ſie nicht an den Armen der Beſitzerin prangen könnten. Alles dieß ſah und merkte ſich Wildtödter mit einer Genauig⸗ keit, welche der zur andern Natur gewordenen Beobachtungsgabe ſeiner Freunde, der Delawaren, Ehre gemacht haben würde. Auch entging ihm nicht der Unterſchied zwiſchen den beiden Seiten des Bettes, deſſen oberes Ende an der Wand ſtand. Auf der noch nicht beſchriebenen Seite nemlich war Alles gering und uneinla⸗ dend, abgeſehen von der vollkommnen Sauberkeit. Die wenigen, an den Pflöcken hängenden Kleidungsſtücke waren von den grob⸗ ſten Stoffen und vom gemeinſten Schnitte, während Nichts auf 36 Schauſtellung berechnet ſchien. Kein einziges Band war zu ſehen, auch keine Haube und kein Tuch, außer ſolchen, wie ſie Hutter's Töchter ihrem Stande gemäß zu tragen befugt waren. Es waren mehrere Jahre verfloſſen, ſeit Wildtödter nicht mehr in einem Gemache geweſen war, welches eigens zum Auf⸗ enthalt von weiblichen Weſen ſeines Stammes und ſeiner Farbe diente. Der Anblick weckte in ſeiner Seele eine Aufwallung von Erinnerungen aus der Kindheit, und er verweilte in dem Gemach mit einer Art Rührung, die ihm lange fremd geblieben. Er dachte an ſeine Mutter, deren geringe Kleider er ſich erinnerte, an Pflöcken hängen geſehen zu haben, wie die, welche nach ſeiner unmittelbaren Ueberzeugung der Hetty Hutter gehörten, und dachte an eine Schweſter, deren natürlicher und ſich entwickelnder Geſchmack für Putz ſich ungefähr in ähnlicher Weiſe, wie der Judiths, obwohl natürlich in geringerem Grade, kund gegeben hatte. Dieſe kleinen Aehnlichkeiten öffneten eine lang verſchloſſene Quelle von Empfin⸗ dungen und als er das Gemach verließ, war ſeine Miene trüb. Er ſah ſich nicht weiter um, ſondern kehrte langſam und nachdenk⸗ lich nach dem Thorhof zurück. „Der alte Tom hat einen neuen Beruf ergriffen und ſeine Hand verſucht im Fallen ſtellen,“ rief Hurry, der die Habſelig⸗ keiten des Grenzlers kaltblütig unterſucht hatte;„wenn das jetzt ſeine Laune iſt, und Ihr geneigt ſeyd, in dieſen Gegenden zu bleiben, können wir uns eine ungemein behagliche Sommerszeit be⸗ reiten; denn während der alte Mann und ich die Biber überliſten, könnt Ihr fiſchen und das Wild zuſammenſchießen, um Leib und Seele zuſammen zu halten. Wir geben immer den armſeligſten Jägern einen halben Antheil, aber ein ſo tüchtiger und ſichrer Schütze wie Ihr darf wohl auf einen vollen rechnen.“ „Dank Euch, Hurry, dank Euch von ganzem Herzen; aber ich treibe auch das Biberfangen ein wenig, wenn die Gelegenheit ſich darbietet. Es iſt wahr, die Delawaren nennen mich Wildtödter, * ₰ * 37 aber nicht ſowohl, weil ich dem Wild ziemlich gefährlich bin, als weil ich, der ich ſo viele Böcke und Thiere tödte, noch keinem Mitmenſchen das Leben genommen habe. Sie ſagen, ihre Ueber⸗ lieferungen wiſſen von keinem Andern, der ſo viel Blut von Thieren, und doch noch nicht das Blut eines Menſchen vergoſſen.“ „Ich will hoffen, ſie halten Euch doch nicht für taubenherzig, Junge? Ein weichherziger Mann iſt wie ein ungeſchwänzter Biber.“ „Ich glaube nicht, Hurry, daß ſie mich für außerordentlich furchtſam halten, obwohl ſie mich wohl auch nicht für außerordent⸗ lich muthig halten mögen. Aber ich bin nicht ſtreitſüchtig; und das trägt viel dazu bei, daß man die Hände von Blut rein erhält, unter den Jägern und Rothhäuten; und dann, Harry March, erhält es auch das Gewiſſen rein von Blut!“ „Gut; ich für meinen Theil achte Wild, eine Rothhaut und einen Franzmann für ungefähr das Gleiche; obgleich auch ich ſo wenig ſtreitſüchtig bin, als nur irgend ein Mann in den Colo⸗ nien. Ich verachte einen Zänker, wie einen kläffenden Hund; aber man braucht nicht übergewiſſenhaft zu ſeyn, wenn es die rechte Zeit iſt, den Feuerſtein zu zeigen.“ „Ich ſehe den als den ächteſten und beſten Mann an, der ſich am meiſten an das Recht hält, Hurry. Aber das iſt ein herrlicher Platz, und mein Auge wird des Sehens nicht ſatt.“ „Das iſt Eure erſte Bekanntſchaft mit einem See, und ſolche Ideen kommen über uns Alle in ſolchem Fall. Die Seen haben einen allgemeinen Charakter, wie ich ſage, und ſind eben recht viel Waſſer und Land und Vorſprünge und Buchten.“ Da dieſe Definition keineswegs mit den Gefühlen zuſammen⸗ ſtimmte, welche die Seele des jungen Jägers bewegten, ſo erwie⸗ derte er zunächſt Nichts, ſondern ſtarrte in ſchweigendem Genuſſe nach den dunkeln Hügeln und dem kryſtallnen Waſſer. „Haben des Gouverneurs oder des Königs Leute dieſem See einen Namen gegeben?“ fragte er plötzlich, als ginge ihm auf einmal Irrthümer auf den vorhandenen zu entdecken. 38 eine neue Idee auf.„Wenn ſie nicht angefangen haben, ihre Stangen auszuſtecken, und ihre Compaſſe aufzupflanzen, und ihre Karten aufzuziehen, ſo haben ſie wohl auch nicht daran gedacht, die Natur mit einem Namen zu beläſtigen.“ „Sie ſind noch nicht ſo weit gekommen; und das letzte Mal, als ich mit Rothhäuten hineinkam, fragte mich Einer von des Königs Feldmeſſern über Alles in der Gegend hier herum aus. Er hatte gehört, daß in der Gegend ein See ſey, und hatte einige allgemeine Begriffe davon, z. B. daß Waſſer und Hügel da ſeyen; aber wie viel von beidem, davon wußte er nicht Mehr als Ihr von der Mohawk⸗Sprache. Ich öffnete die Falle nicht weiter als nöthig war und gab ihm gar wenig Aufmunterung und Hoffnung, was Pachthöfe und Lichtungen betrifft. Kurz, ich ließ in ſeinem Geiſt eine ſolche Anſicht von dieſer Gegend zurück wie ein Mann ſie bekommt von einer Quelle ſchmutzigen Waſſers, zu der ein ſo kothiger Pfad führt, daß man voll Koth iſt, ehe man recht auf⸗ bricht. Er ſagte mir, ſie hätten den Platz noch nicht auf ihren Karten; aber ich vermuthe, es iſt ein Mißverſtändniß, denn er zeigte mir ſein Pergament, und darauf iſt ein See, wo in der Natur keiner iſt, ungefähr fünfzig Meilen von dem Ort, wo er ſeyn ſollte, wenn ſie dieſen meinten. Ich glaube nicht, daß ihn mein Bericht ermuthigen wird, einen andern anzumerken zur Verbeſſerung.“ Hier lachte Hurry herzlich, da ſolche Streiche ein ganz beſon⸗ deres Ergötzen waren für eine Claſſe von Menſchen, welche die Annäherung der Civiliſation fürchteten, als eine Schmälerung ihrer eignen geſetzloſen Herrſchaft. Die prächtigen Verſtöße auf den damaligen Landkarten, die alle in Europa gefertigt wurden, waren überdieß ein ſtehender Gegenſtand des Spottes unter ihnen; denn wenn ſie auch ſelbſt nicht ſo viel Wiſſen beſaßen, um beſſere zu machen, ſo hatten ſie doch Lokalkenntniß genug, um die plumpen Jeder, der ſich die 39 Mühe nehmen wlll, dieſe unwiderleglichen Zeugniſſe von der topo⸗ graphiſchen Geſchicklichkeit unſrer Väter vor hundert Jahren mit den genauern Zeichnungen unſrer Tage zu vergleichen, wird ſogleich bemerken, daß die Männer der Wälder hinreichenden Grund zu gallen ihren Kritiken hatten über dieſen Zweig der Einſicht und Geſchicklichkeit der Colonialregierung, welche ſich nicht beſann, einen Strom oder einen See um ein paar Grade zu verſetzen, wenn ſie auch nur einen Tagemarſch von den bewohnten Theilen des Landes entfernt waren. „Ich bin froh, daß er keinen Namen hat,“ begann Wildtöd⸗ ter wieder,„oder wenigſtens keinen Bleichgeſichtsnamen; denn ihre Taufen weiſſagen immer Verwüſtung und Verderben. Ohne Zwei⸗ fel jedoch haben die Rothhäute ihre Art ihn zu bezeichnen, und die Jäger und Fallenſteller auch; vermuthlich benennen ſie den Platz nach etwas Vernünftigem, nach einer Aehnlichkeit.“ „Was die Stämme betrifft, ſo hat jeder ſeine eigne Sprache, und ſeine eigne Weiſe, die Dinge zu benennen; und ſie behandeln dieſen Theil der Welt eben wie alles Andre. Unter uns ſind wir übereingekommen, den Platz Glimmerglas zu nennen, in Be⸗ tracht, daß das ganze Becken ſo reichlich mit Fichten beſetzt iſt, die aus ſeinem Spiegel empor ſtreben, gerade als wollte es die Berge zurückwerfen, die darüber her hangen.“ „Es muß ein Abfluß da ſeyn, ich weiß, denn alle Seen haben Abflüſſe, und der Fels, wo ich Chingachgook treffen ſoll, ſteht nahe bei einem Abfluß. Hat auch der noch keinen Colonie⸗Namen?“ „In dieſem Punkte ſtehen ſie im Vortheil gegen uns, da ſie das eine Ende, und zwar das breiteſte, in ihrem Beſitz haben; ſie haben ihm einen Namen gegeben, der ſich Bahn gebrochen hat bis zur Quelle; denn Namen dringen natürlich flußaufwärts. Ihr habt ohne Zweifel ſchon den Susquehannah geſehen drunten im Land der Delawaren?“ „Das hab' ich, und hundertmal gejagt an ſeinen Ufern.“ Srnn FScshrhrhnhnAr 40 „Nun, beide ſind in der That dieſelben, und, glaub' ich, auch dieſelben im Namen. Es freut mich, daß ſie genöthigt geweſen find, den Namen der rothen Männer beizubehalten, denn es wäre zu hart, ſte des Lands und des Namens dazu zu berauben.“ Wildtödter antwortete Nichts; er ſtand auf ſeine Büchſe ge⸗ lehnt, in den Anblick verſunken, der ihn ſo ſehr entzückte. Der Leſer darf jedoch nicht glauben, daß es das Maleriſche allein ge⸗ weſen, was ſeine Aufmerkſamkeit ſo lebhaft auf ſich zog. Die Gegend war in Wahrheit höchſt lieblich und ſie ſtellte ſich eben jetzt in einem der günſtigſten Augenblicke dar; die Oberfläche des See's war glatt wie Glas, und durchſichtig wie reine Luft; er warf auf ſeinem ganzen öſtlichen Saume das Bild der mit dunkeln Fichten bekleideten Berge zurück; die vorgeſchobnen Punkte reihten ihre Bäume in beinahe horizontalen Linien aneinander, während man die Buchten gelegentlich durch einen Bogen durchſchimmern ſah, welchen ein Gewölbe von Aeſten und Laub bildete. Es war der Stempel tiefer Ruhe— die Einſamkeit, die von Landſchaften und Forſten zeugte, welche nie waren berührt worden von der Hand des Menſchen— das Walten der herrſchenden Natur mit Einem Wort, was einem Manne von ſeiner Lebensweiſe und Ge⸗ müthsart ſo viel reines Entzücken gewährte. Doch fühlte er auch, wenn ſchon unbewußt, als Dichter. Wenn er ein Vergnügen darin fand, dieſen umfaſſenden und ihm ungewohnten Einblick in die Ge⸗ heimniſſe und Geſtalten der Berge, der ſich hier eröffnete, zu ſtudiren, wie Jeder ſich freut, wenn ihm größere Anſichten über einen Ge⸗ genſtand aufgehen, der die Gedanken oft und viel beſchäftigt hat, ſo war er doch auch nicht unempfindlich gegen die innerliche Lieb⸗ lichkeit einer ſolchen Landſchaft, ſondern fühlte zum Theil jenen Frieden des Geiſtes, der Einem gewöhnlich bei dem Genuß einer ſo ganz von der heiligen Ruhe und Stille der Natur durchdrun⸗ genen Seene aufgeht. 2 41 Drittes Kapitel. Kommt, ſoll'n wir gehen und uns Wildbret tödten? Doch reut mich's, daß wir den gefleckten Narr'n, Die Bürger ſind in dieſer öden Stadt, Auf eignem Grund mit hack'gen Spitzen blutig Die runden Hüften reißen. Shakſpeare. Hurry Harry dachte mehr an die Schönheiten der Judith Hutter als an die von Glimmersglas und der umgebenden Landſchaft. Sobald er daher Floating Toms Habſeligkeiten und Geräthſchaften genau genug durchgemuſtert, lud er ſeinen Begleiter wieder in das Canoe, um den See hinab zu fahren und die Familie aufzuſuchen. Ehe ſie ſich einſchifften jedoch durchſpähte Hurry ſorgfältig die ganze nördliche Seite des See's mit einem mittelmäßigen Schiffs⸗ fernrohr, das ſich unter Hutter's Sachen befand. Bei dieſer For⸗ ſchung ward kein Theil des Ufers überſehen; die Buchten und vorſpringenden Punkte beſonders wurden einer genauern Unterſuchung unterworfen, als die übrige waldbewachſene Küſte. „Es iſt wie ich gedacht,“ ſagte Hurry, das Glas weglegend; „der alte Kerl zieht bei dieſem ſchönen Wetter auf dem ſüdlichen Theil herum, und läßt das Caſtell ſich ſelbſt vertheidigen. Nun jetzt, da wir wiſſen, daß er nicht dorthinaus zu iſt, iſt es ein Klei⸗ nes, abwärts zu rudern und ihn in ſeinem Verſteck aufzuſtöbern.“ „Hält es der Meiſter Hutter für nöthig, ſich zu verſtecken auf dieſem See?“ fragte Wildtödter, indem er ſeinem Genoſſen in das Canoe folgte;„nach meiner Anſicht iſt hier eine ſolche Einſamkeit, daß man ſeine ganze Seele aufſchließen könnte, und nicht zu fürch⸗ ten hätte, es möchte Jemand uns in unſern Gedanken oder unſrer Anbetung ſtören.“ „Dann vergeßt Ihr Eure Freunde, die Mingos, und all die franzöſiſchen Wilden. Gibt es eine Stelle auf Erden, Wildtödter, K8& — [Aleleeleee 42 wohin die unruhigen Spitzbuben nicht kämen? Wo iſt der See, oder auch nur der Hirſchteich, den die Lumpenhunde nicht aufſpüren; und ſobald ſie ihn gefunden, ſo färben ſie auch ganz gewiß fruͤher oder ſpäter ſein Waſſer mit Blut.“ 3— „Ich höre allerdings nirgends ihr gutes Lob, Freund Hurry, obgleich es bis jetzt noch nie mein Schickſal war, ihnen oder ir⸗ gend einem andern Sterblichen auf dem Kriegspfad zu begegnen. Ich glaube gern, daß ein ſo anmuthiger Platz, wie dieſer, von ſol⸗ chen Plünderern ſchwerlich würde überſehen werden; denn obſchon ich ſelbſt noch nicht im Falle geweſen, mit dieſen Stämmen Streit zu haben, geben mir doch die Delawaren ſolche Berichte über ſie, daß ich ſie bei mir ſelbſt ſo ziemlich als Nichtswürdige durch und durch anſehe.“ „Das könnt Ihr mit gutem Gewiſſen thun, oder, was das betrifft, jeden andern Wilden, dem Ihr etwa begegnet.“ Hiegegen verwahrte ſich Wildtödter, und während ſie den See entlang ruderten, entſpann ſich eine hitzige Erörterung über die beiderſeitigen Verdienſte der Bleichgeſichter und der Rothhäute. Hurry hatte alle Vorurtheile und Antipathien eines weißen Jägers, der in der Regel den Indianer als eine Art von natürlichem Neben⸗ buhler, und nicht ſelten als einen natürlichen Feind betrachtet. Wie ſich von ſelbſt verſteht, war er laut, ſchreiend, keck behauptend, ohne ſich viel auf Beweiſe einzulaſſen. Wildtödter dagegen zeigte eine ganz andere Sinnes⸗ und Gemüthsart; er bewies durch ſeine ge⸗ mäßigte Sprache die Redlichkeit ſeiner Geſinnung, und durch die Einfachheit ſeiner Unterſcheidungen zeigte er, daß er alle Geneigt⸗ heit beſaß, Vernunft zu hören und anzunehmen, ein lebhaftes, angebornes Verlangen, gerecht zu ſeyn, und eine aufrichtige Red⸗ lichkeit, die es gänzlich verſchmähte, zu Sophismen zu greifen, um eine Behauptung oder ein Vorurtheil zu vertheidigen. Doch war er nicht gänzlich frei von der Herrſchaft des letztern. Dieſer Tyrann des menſchlichen Geiſtes, der auf tauſend Zugängen ſich auf ſeine H ** Beute ſtürzt, beinahe ſobald der Menſch anfängt zu fühlen und zu denken, und ſelten ſeinem eiſernen Scepter entſagt, ehe beides bei ihm aufhört, hatte einigen Einfluß ſich erobert ſelbſt über den Redlichkeitsſinn dieſes Mannes, der doch ſonſt in dieſen Punkten als ein ſchönes Muſter gelten konnte, wozu Entfernung von böſem Beiſpiel, Mangel an Verſuchung zum Fehltritt und natürliche Gutartigkeit einen Jüngling zu machen vermögen. „Ihr werdet zugeben, Wildtödter, daß ein Mingo mehr als ein halber Teufel iſt,“ ſchrie Hurry, die Erörterung mit einer Lebhaftigkeit verfolgend, die nahe an Wildheit grenzte,—„obgleich Ihr mich gern überreden möchtet, daß der Delawaren⸗Stamm nahezu aus Engeln beſteht. Nun widerſpreche ich dieſem Satz ſogar in Beziehung auf weiße Männer. Alle weißen Menſchen ſind nicht fehlerfrei, und daher können alle Indianer nicht fehlerfrei ſeyn. Und ſo iſt Eure Behauptung nackt und lahm. Aber was ich Be⸗ weis nenne, iſt dieß: drei Farben gibt es auf der Erde, Weiß, Schwarz und Roth. Weiß iſt die vornehmſte Farbe, und daher der Weiße der beſte Mann; dann kommt Schwarz, und ſind die Schwarzen beſtimmt in der Nähe der Weißen zu leben, als erträg⸗ lich und tauglich zu Dienſt und Gebrauch: und Roth kommt zuletzt, was zeigt, daß derjenige, der ſie geſchaffen, nie erwartete, daß ein Indianer für mehr als halb menſchlich gelten ſollte.“ „Gott hat alle drei gleich erſchaffen, Hurry.“ „Gleich! Sagt Ihr ein Neger ſey gleich einem Weißen, oder ich einem Indianer?“ „Ihr geht immer zu früh los und hört mich nie aus. Gott hat uns Alle geſchaffen, Weiße, Schwarze und Rothe, und ohne Zweifel hatte er ſeine weiſen Abſichten, daß er uns verſchieden färbte. Doch hat er uns in der Hauptſache ziemlich mit den glei⸗ chen Gefühlen geſchaffen, obgleich ich nicht läugnen will, daß er jeder Race ihre eignen Gaben verliehen. Eines weißen Mannes Gaben ſind chriſtlich eingerichtet, während die einer Rothhaut mehr für die Wildniß ſind. So wäre es für einen Weißen eine große Sünde einen Todten zu ſkalpiren, während es bei einem Indianer eine hohe Tugend iſt. Ferner, ein weißer Mann darf nicht Weiber und Kinder im Krieg meuchlings niedermachen, während eine Roth⸗ haut es darf. Es iſt grauſame Arbeit, das geb' ich zu; aber für ſie iſt es eine erlaubte That, während es für uns eine ſchmähliche That wäre.“ „Das hängt von Eurem Feind ab. Was das betrifft, einen Wilden zu ſkalpiren, oder ſelbſt ihm die Haut abzuziehen, ſo ſehe ich das ungefähr ebenſo an, wie wenn man einem Wolf die Ohren abſchneidet, wegen des ausgeſetzten Preiſes, oder einem Bären die Haut abſtreift. Und dann ſeyd Ihr mächtig auf dem Holzweg, daß Ihr Euch der Rothhäute ſo annehmt, da doch die Colonie ſelbſt einen Preis für den Handel geboten hat; ebenſo wie ſie für Wolfsohren und Krähenköpfe einen zahlt.“ „Ja, und eine ſchlechte Sache iſt das, Hurry. Die Indianer ſelbſt ſchreien Pfui darüber, weil es gegen der Weißen Gaben iſt. Ich behaupte nicht, daß Alles, was weiße Männer thun, eigent⸗ lich chriſtlich iſt, und dem ihnen verliehenen Lichte gemäß, denn dann wären ſie was ſie ſeyn ſollten, was ſie, wie wir wiſſen, nicht ſind; aber ich will behaupten, daß Ueberlieferung und Ge⸗ bräuche und Farbe und Geſetze ſolch einen Unterſchied bei den Racen machen, daß es auf die Gaben einwirkt. Ich läugne nicht, daß unter den Indianern Stämme ſind, von Natur ſchon verkehrt und ruchlos, wie es ſolche Nationen gibt unter den Weißen. Die Mingo's nun rechne ich zu Jenen, und die Franzmänner, in den Canada's, zu Dieſen. In einem rechtmäßigen Kriegszuſtand, wie wir ſeit Kurzem haben, iſt es Pflicht, alle mitleidigen Gefühle nie⸗ derzuhalten gegen Beide, was Leben und Tod betrifft; aber wenn es ſich um Skalpiren handelt, iſt es eine ganz andre Sache.“ „Nehmt doch nur Vernunft an, wenn's Euch beliebt, Wild⸗ tödter, und ſagt mir, ob die Colonie ein ungeſetzliches Geſetz r machen kann? Iſt nicht ein ungeſetzliches Geſetz mehr gegen die Natur als das Skalpiren eines Wilden? Ein Geſetz kann ſo wenig ungeſetzlich ſeyn als Wahrheit Lüge ſeyn kann.“ „Das klingt vernünftig; aber iſt höchſt unbegründet, Hurry. Die Geſetze kommen nicht alle aus derſelben Quelle. Gott hat uns das ſeinige gegeben, und einige gehen von der Colonie aus, und andre vom König und Parlament. Wenn die Geſetze der Colonie, oder auch die des Königs den Geſetzen Gottes zuwider⸗ laufen, ſo werden ſie ungeſetzlich und ſoll man ihnen nicht gehorchen. Ich halte daran feſt, daß ein weißer Mann die weißen Geſetze achten ſoll, ſo lange ſie nicht einem Geſetz in die Quere kommen, das von einer höhern Autorität ausgeht, und daß ein rother Mann den Gebräuchen der Rothhäute folge unter derſelben Einſchränkung. Aber es iſt unnütz, hierüber zu ſchwatzen, da jeder Menſch für ſich ſelbſt denken kann, und ſeinen Gedanken gemäß ſpricht. Laßt uns tüchtig uns umſchauen nach Eurem Freund, Floating Tom, damit wir nicht an ihm vorbeirudern, während er unter dieſer buſchigten Küſte verborgen liegt.“ Wildtödter hatte die Ufer nicht unrichtig bezeichnet. Ihrer ganzen Ausdehnung entlang hingen die kleinen Bäume über das Waſſer her, mit ihren Zweigen oft in das durchſichtige Element ſich eintauchend. Die Ufer waren ſteil, weil der Strand ſo ſchmal war; und da die Pflanzenwelt unabänderlich dem Lichte zuſtrebt, war die Wirkung gerade die, nach welcher ein Liebhaber des Maleriſchen geſtrebt haben würde, wenn man die Anordnung dieſer prachtvollen Waldeinfaſſung ſeinem Geſchmack überlaſſen hätte. Auch die Vorſprünge und Buchten waren zahlreich genug, um den Umriſſen eine wechſelnde Mannigfaltigkeit zu verleihen. Da das Canoe dicht an der weſtlichen Seite des See's hinfuhr, zu dem Zweck, wie dieß Hurry ſeinem Genoſſen erklärt hatte, die etwaige Nähe von Feinden zu rekognosciren, ehe er ſich ganz dem offenen Blick bloßſtellte, wurde die Aufmerkſamkeit der beiden Tä . 3 — 8 † N 46 Abenteurer beſtändig in Spannung erhalten, da Keiner vorher⸗ ſagen konnte, was die nächſte Biegung eines Landvorſprungs offen⸗ baren würde. Ihre Faͤhrt war raſch, da die gigantiſche Kraft Hurry's ihn in Stand fetzte, mit der leichten Barke zu ſpielen wie mit einer Feder, während die Geſchicklichkeit ſeines Genoſſen beinahe ebenſo nützlich war, trotz der Ungleichheit ſeiner Körperſtärke. Jedesmal wenn das Canoe an einem Punkt des Landes vor⸗ bei kam, warf Hurry einen Blick hinter ſich, in Erwartung die „Arche“ vor Anker liegend oder in der Bucht eingelaufen zu ſehen. Es war jedoch ſein Schickſal, ſeine Erwartung getäuſcht zu ſehen, und ſie waren dem ſüdlichen Ende des See's bis auf eine Meile nahe gekommen, und volle zwei Stunden von dem„Caſtell ent⸗ fernt, das nunmehr durch ein halb Dutzend Landvorſprünge dem Blick entzogen war, als er plötzlich zu rudern aufhörte, wie un⸗ ſicher, in welcher Richtung zunächſt weiter ſteuern. „Es iſt möglich, daß der alte Kauz in den Strom hinabge⸗ ſchwommen iſt,“ ſagte Hurry, nachdem er ſorgfältig die ganze öſtliche Küſte durchſpäht hatte, die etwa eine halbe Meile entfernt und in mehr als ihrer halben Länge ſeinem forſchenden Blick offen lag,„denn er hat ſich in neueſter Zeit tüchtig aufs Fallen⸗ ſtellen gelegt, und wenn das Floßholz nicht im Wege liegt, könnte er wohl eine Meile oder ſo hinabgleiten; obgleich er ſaure Stunden haben würde, wieder heraufzukommen!“ „Wo iſt der Ausfluß?“ fragte Wildtödter;„ich ſehe keine Oeffnung an der Küſte und den Bäumen, die ſo ausſähe, als wollte ſie einen Strom wie den Susquehannah durchlaſſen.“ „Ja, Wildtödter, die Flüſſe ſind wie menſchliche Weſen, fangen klein und ſchmal an und endigen mit breiten Schultern und weiter Mündung. Ihr ſeht den Ausfluß nicht, weil er zwiſchen hohen, ſteilen Höhen hingeht; und die Fichten und Schierlings⸗ tannen und Linden darüberherhängen, wie ein Dach über ein Haus. Wenn der alte Tom nicht in dem„Rattenloch' iſt, ſo muß er in 47 den Strom geſchwommen ſeyn; wir wollen ihn zuerſt in dem Loch ſuchen, und dann nach dem Ausfluß hin fahren.“ Im Weiterrudern erklärte Hurry, es ſey hier eine ſeichte Bucht, gebildet durch einen langen, niedern Vorſprung, der den Namen Rattenloch bekommen, von dem Umſtand, weil ſie ein Lieb⸗ lingsaufenthalt der Biſamratze war, und die eine ſo genügende Zuflucht für die Arche darbot, daß ihr Beſitzer gar gern daſelbſt lag, ſo oft er es paſſend fand. „Da ein Mann in dieſem Theile des Landes nie weiß, was er für Beſuche bekommen kann,“ fuhr Hurry fort,„ſo iſt es ein großer Vortheil, wenn man ſie recht beſehen kann, ehe ſie zu nahe kommen. Jetzt wo Krieg iſt, iſt eine ſolche Vorſicht noch nützlicher als in gewöhnlichen Zeiten, da ein Canadier oder ein Mingo in ſeine Hütte kommen konnte, ehe er ſie einlüde. Aber Hutter iſt ein ausbündiger Späher, und wittert Gefahren ſo prächtig, wie nur immer ein Hund das Wild.“ „Ich meine das Caſtell iſt ſo offen, daß es gewiß Feinde anlocken müßte, wenn einmal ſolche den See auffänden; was freilich, wie ich zugebe, unwahrſcheinlich genug iſt, da er außer der Fährte des Forts und der Anſiedelungen liegt.“ „Ha, Wildtödter, ich bin auf die Anſicht gekommen, daß ein Mann leichter Feinden begegnet als Freunden. Es iſt wunderlich zu denken, aus wie manchen Gründen man der Feind von Einem werden kann, und aus wie wenigen ſein Freund. Manche heben die Streitart auf, weil Ihr nicht gerade ſo denkt wie ſie, Andere weil Ihr ihnen in denſelben Ideen voranlauft; und ich kannte ein⸗ mal einen Vagabunden, der mit einem Freunde Händel anfing, weil dieſer ihn nicht für ſchön hielt. Nun, Ihr ſeyd auch kein Wunderwerk, was die Schönheit anbetrifft, Wildtödter, aber doch würdet Ihr nicht ſo unyvernünftig ſeyn und mein Feind werden, weil ich Euch das geradeheraus ſage.“ „Ich bin wie mich Gott geſchaffen hat, und ich wünſche nicht N 48 für beſſer noch für ſchlechter zu gelten. Ein ſchoͤnes Ausſehen mag mir fehlen, das heißt in dem Maße, wie es die Leichtſinnigen und Eiteln verlangen, aber ich hoffe, es fehlt mir nicht an Loh und Empfehlung, was guten Wandel betrifft. Es gibt wenig Männer, die ſtattlicher ausſehen als Ihr, Hurry; und ich weiß, daß ich mir nicht Rechnung machen darf, es werde Jemand das Hier brach Hurry plötzlich in ein lautes Gelächter aus; denn während er zu gleichgültig war, um ſich viel zu bekümmern um ſeine offenbaren, körperlichen Vorzüge, war er ſich ihrer doch wohl bewußt, und wie die meiſten Menſchen, welche durch den Zufall der Geburt oder der Natur begünſtigt find, dachte er mit Wohl⸗ gefallen und Behagen daran, ſo oft ihm der Gegenſtand vor die Seele trat. „Nein, nein, Wildtödter, Ihr ſeyd keine Schönheit, wie Ihr ſelbſt bekennen werdet, wenn Ihr nur über das Canve hinaus⸗ ſchauen wollt,“ rief er;„Judith wird Euch das ins Geſicht ſagen, wenn Ihr ſie aufbringt, denn eine loſere Zunge iſt nicht zu finden wenn Ihr ſie reizt, ſie zu brauchen. Mein Rath an Euch iſt, Judith nie zu beläſtigen; aber der Hetty könnt Ihr Alles ſagen, und fie wird es aufnehmen ſo ſanft wie ein Lamm. Nein, Judith wird Euch vermuthlich ihre Meinung von Eurem Ausſehen gar nicht ſagen.“ „Und wenn ſie es thut, Hurry, wird ſie mir nicht Mehr ſa⸗ gen, als Ihr mir ſchon geſagt—⸗ „Ihr werdet doch nicht warm werden über eine kleine Be⸗ merkung, Wildtödter, hoffe ich, wo gar keine Abſicht war zu 49 kränken. Ihr ſeyd keine Schönheit, wie Ihr ſelbſt wiſſen müßt, und warum ſollten Freunde einander ſolche Kleinigkeiten nicht ſagen? Wenn Ihr ſchön wäret, oder es je zu werden Ausſicht hättet, ſo wäre ich Einer der Erſten, der es Euch ſagte; und das ſollte Euch zufrieden ſtellen. Wenn nun Jude mir ſagte, ich ſey ſo häßlich wie die Sünde, ich würde es als eine Art Compliment nehmen und mich beſtreben, ihr nicht zu glauben.“ „Es iſt für Solche, welche die Natur begünſtigt hat, leicht, über ſolche Dinge zu ſpaßen, Hurry, aber manchmal hart für Andere. Ich will nicht läugnen, daß auch ich den Wunſch gehabt habe, gut auszuſehen, ja das habe ich; aber ich habe doch immer vermocht, den Wunſch zu unterdrücken durch die Erwägung, wie Viele ich gekannt habe mit ſchönen Außenſeiten, die innerlich Nichts hatten, ſich deſſen zu rühmen. Ich will nicht laͤugnen, Hurry, daß ich oft wünſche, ich wäre anſprechender geſchaffen für das Auge, mehr wie Einer Euresgleichen in dieſen Punkten; aber dann über⸗ winde ich dieſe Gefühle durch den Gedanken, wie viel beſſer ich dran bin in gar vielen Hinſichten, als manche meiner Mitgeſchöpfe. Ich hätte ja können lahm geboren werden, und untüchtig ſelbſt zur Eichhornjagd, oder blind, was mich mir ſelbſt wie meinen Freunden zu einer Laſt gemacht hätte, oder des Gehörs entbehrend, was mich ganz unfähig gemacht haben würde, ins Feld und auf Kundſchaft zu ziehen, worauf ich doch rechne, als einen Theil von des Mannes Pflichten in unruhigen Zeiten. Ja, ja; es iſt nicht angenehm, ich will es geſtehen, Leute zu ſehen, die hübſcher, und mehr geſucht und geehrt ſind, als man ſelbſt iſt; aber es läßt ſich Alles ertra⸗ gen, wenn ein Mann dem Uebel ins Geſicht ſchaut, und ſeine Ga⸗ ben und Verpflichtungen nicht mißkennt.“ Hurry war im Weſentlichen ein herzguter wie ein gutmü⸗ thiger Geſell, und die Selbſterniedrigung ſeines Genoſſen trug den vollſtändigen Sieg über das flüchtige Gefühl perſönlicher Eitelkeit davon. Ihn reute die Anſpielung, die er auf das Aeußere ſeines Der Wildtödter. 3. Aufl. 4 —ͤ 50 Freundes gemacht, und er ſuchte dieß auch auszuſprechen, obwohl in der derben Weiſe, welche den Gewohnheiten und Anſichten des Grenzers entſprach. „Ich wollte Euch nicht beleidigen, Wildtödter,“ erwiederte er in begütigendem Tone,„und ich hoffe, Ihr werdet vergeſſen, was ich geſagt habe. Wenn Ihr nicht gerade ſchön ſeyd, ſo habt Ihr doch einen gewiſſen Zug, der deutlicher ſagt als Worte, daß innen Alles richtig iſt. Dann legt auch Ihr keinen Werth auf äußeres Ausſehen, und werdet um ſo eher eine kleine Bemerkung über Eure leibliche Erſcheinung vergeben. Ich will nicht ſagen, daß Jude Euch ſehr bewundern werde, denn das könnte Hoffnungen in Euch erwecken, die in getäuſchter Erwartung endigen müßten; aber da iſt Hetty, die wahrſcheinlich Euch mit ebenſo großer Genug⸗ thuung ſehen würde, wie irgend einen andern Mann. Und dann ſeyd Ihr auch zu ernſt und bedächtig, um Euch viel um Judith zu kümmern; denn, obgleich das Mädchen wirklich ganz beſonder iſt, iſt ſie doch ſo allgemein in ihrer Bewunderung, daß ein Mann ſich Nichts darauf einbilden darf, wenn ſie zufällig gegen ihn lächelt. Ich denke manchmal, die Hexe liebt ſich ſelbſt mehr, als irgend eine andre Creatur.“ „Wenn ſie das thut, Hurry, würde ſie nicht mehr thun, be⸗ ſorg' ich, als die meiſten Königinnen auf ihren Thronen und Damen in den Städten,“ erwiederte Wildtödter lächelnd, und wandte ſich um gegen ſeinen Begleiter, jede Spur von Empfindlichkeit aus ſei⸗ nem ehrlichen und offenen Geſicht verſchwunden.„Ich habe noch nie Jemand ſelbſt unter den Delawaren kennen gelernt, von dem Ihr nicht das Gleiche ſagen könntet. Aber hier iſt das Ende des langen Vorſprungs, wovon Ihr ſpracht, und das ‚Rattenloch“ kann nicht weit entfernt ſeyn.“ 3 Dieſe Landſpitze, ſtatt wie alle andern ſich hervorzuſchieben, lief in Einer Linie hin mit dem Hauptufer des See's, der hier in eine tiefe Bucht zurücktrat, ſüdlich ſich wieder umbiegend in der 51 Entfernung einer Viertelmeile, und durchſchnitt das Thal, die ſüd⸗ liche Grenze des Waſſers bildend. In dieſer Bucht war Hurry beinahe gewiß, die Arche zu finden, weil ſie, hinter den Bäumen ankernd, welche den ſchmalen Streifen der Landſpitze bedeckten, hier einen ganzen Sommer liegen konnte, allen Späheraugen verbor⸗ gen. So vollſtändig war in der That dieß Verſteck, daß ein Boot, dicht am Geſtade, innerhalb der Landzunge und nahe am Buſen der Bay hinfahrend, nur in Einer Richtung her zu ſehen möglich war, nämlich von einem Punkt des dichtbewaldeten Ufers, der vom Waſſer beſpült wurde, wohin Fremde nicht leicht kommen konnten. „Wir werden bald die Arche ſehen,“ ſagte Hurry, als das Canoe um die äußerſte Spitze des Landes herumfuhr, wo das Waſſer ſo tief war, daß es wirklich ſchwarz ſchien;„er liebt es, ſich im Buſchwerk und Rohr zu verkriechen, und wir werden binnen fünf Minuten in ſeinem Neſt ſeyn, obwohl der alte Kerl ſelbſt vielleicht fort und bei den Fallen iſt.“ March's Prophezeihung ging nicht in Erfüllung. Das Canoe umfuhr die Landzunge ganz, ſo daß die beiden Reiſenden im Stande waren, die ganze Bucht, oder Bai, denn das war es eigentlich, zu überſehen, aber kein Gegenſtand, außer ſolchen, welche von Natur da waren, wurde ſichtbar. Das friedliche Waſſer dehnte ſich in einer anmuthigen Krümmung, die Binſen beugten ſich leiſe auf ſeinen Spiegel herab, und die Bäume hingen darüber hin wie gewöhnlich; aber Alles lag da in der wohlthuenden, erhabnen Einſamkeit einer Wildniß. Die Scene war ſo, daß ein Dichter oder Künſtler darüber in Entzücken gerathen wäre, aber ſie hatte keinen Reiz für Hurry Harry, der vor Ungeduld brannte, ſeiner leichtſinnigen Schönheit anſichtig zu werden. Die Bewegung des Canoes hatte wenig oder kein Geräuſch verurſacht, da die Grenzmänner überhaupt die Gewohnheit annah⸗ men, bei allem ihrem Thun und Treiben die größte Behutſamkeit 52 zu beobachten, und es lag jetzt auf dem ſpiegelklaren Waſſer, wie in Luft ſchwebend, und nahm Theil an der athmenden Stille, welche die ganze Scene zu durchdringen ſchien. In dieſem Augen⸗ blick hörte man einen Ton, wie das Krachen eines dürren Steckens auf dem dünnen Strich Land, welcher die Bucht von dem offnen See verſteckend ſchied. Beide Abenteurer fuhren auf, und jeder ſtreckte die Hand nach der Büchſe aus, denn dieſe Waffe mußte immer in näͤchſter Nähe zur Hand liegen. „Es war zu ſchwer für eine leichte Creatur,“ flüͤſterte Hurry, „und es töͤnte wie der Tritt eines Mannes.“ „Nicht ſo, nicht ſo,“ verſetzte Wildtödter,„es war, wie Ihr ſagt, zu ſchwer für das eine, aber zu leicht für den andern. Aber ſenkt Eure Schaufel ins Waſſer und treibt das Canoe hinein in das Loch; ich will landen und der Creatur den Rückweg auf der Landzunge abſchneiden, ſey es nun ein Mingo, oder nur Biſamratze.“ Da Hurry einwilligte, war Wildtödter bald am Land und drang in das Dickicht vor mit dem Moccaſin an den Füßen und mit einer Vorſicht, die jedes Geräuſch verhütete. In einer Minute war er in der Mitte des ſchmalen Landſtreifens, und langſam ſchritt er dem Ende deſſelben zu, da die Gebüſche die äußerſte eine Hurry Bai treibend, ergriff er ſeine Büchſe, um die Folgen abzuwarten. Eine Minute athem⸗ loſer Stille folgte, worauf ein prächtiger Damhirſch aus dem Dickicht heraus ſchritt, mit ſtattlichen Schritten bis an das ſandige Ende der Landzunge hinwandelte und ſeinen Durſt in dem Waſſer des See's zu löſchen anfing. Hurry beſann ſich einen Augenblick, dann nahm er raſch ſeine Büchſe auf die Schulter, zielte und — ͤS—-—9 ü — So. 6— 5³3 feuerte. Die Wirkung dieſer plötzlichen Unterbrechung der feier⸗ lichen Stille einer ſolchen Scene gehörte mit zu deren auffallendſten Eigenthümlichkeiten. Der Knall der Feuerwaffe war das gewöhn⸗ liche, ſcharfe, kurze Krachen einer Büchſe; aber als einige Augen⸗ blicke der Stille nach dieſem plötzlichen Knall eingetreten waren, während welcher der Hall in der Luft über das Waſſer hin ſich fortbewegte, erreichte er die Felſen der gegenüber ſtehenden Berge, wo die Schwingungen ſich häuften, von Höhle zu Höhle, Meilen weit an den Hügeln fortrollten und die ſchlafenden Donner der Wälder zu wecken ſchienen. Der Damhirſch ſchüttelte aber den Kopf bei dem Knall der Büchſe und dem Pfeifen der Kugel, denn er war noch nie in Berührung mit Menſchen gekommen; blos das Echo der Berge machte ſein Mißtrauen rege, und ſeine vier Füße unter dem Leib zuſammengezogen, ſtürzte er mit einem Sprung vorwärts auf einmal in's tiefe Waſſer und fing an, dem Ende des See's zuzuſchwimmen. Hurry jauchzte auf und eilte ihm nach, vorwärts, und ein paar Minuten ſchäumte das Waſſer auf um den Verfolger und den Verfolgten. Jener ſtürmte eben an der Spitze vorbei, als der Wildtödter auf dem Sand erſchien und ihm winkte, umzukehren. „Es war unbeſonnen einen Schuß abzufeuern, ehe wir die Küſte ausgekundſchaftet, und die Gewißheit hatten, daß kein Feind ſich dort aufhalte,“ ſagte der Letztere, während ſein Genoſſe lang⸗ ſam und widerſtrebend ſeinem Rath folgte. So viel habe ich ſchon von den Delawaren gelernt, durch Unterricht und Ueberlieferun gen, obgleich ich noch nie auf dem Kriegspfad geweſen. Und zudem kann man jetzt kaum ſagen, daß die Zeit für's Wildbrett da ſey, und es mangelt uns nicht an Nahrung. Man nennt mich Wild⸗ tödter, ich geſteh' es, und vielleicht verdien' ich auch den Namen, ſofern ich die Lebensweiſe und Art der Thiere kenne, ebenſo ſehr als wegen der Sicherheit meines Zielens; aber man kann mir nicht nachſagen, daß ich ein Thier tödte, wenn es nicht wegen — 54 einer Mahlzeit oder wegen der Haut iſt. Ich bin wohl vielleicht ein Tödter, aber kein Schlächter.“ „Es war ein gräulicher Streich, daß ich den Damhirſch fehlte!“ rief Hurry, indem er ſeine Mütze abnahm und ſich mit den Fingern durch ſeine ſchönen aber verwirrten Locken fuhr, als wollte er durch dieſe Manipulation ſeine verworrenen Gedanken ſchlichten, nes iſt mir nichts ſo Ungeſchicktes geſchehen ſeit meinem fünfzehn⸗ ten Jahre.“ „Beklagt Euch nicht darüber; des Thieres Tod hätte Keinem von uns einen Vortheil, wohl aber leicht Schaden gebracht. Die Echos da ſind entſetzlicher für mein Ohr, als Euer Mißgeſchick, denn ſie tönen mir wie die Stimme der Natur, die empört auf⸗ ſchreit über eine mörderiſche, unbeſonnene That.“ „Ihr könnt genug ſolcher Schreie hören, wenn Ihr lang in dieſer Gegend verweilt, Junge,“ verſetzte der Andere lachend.„Die Echos wiederholen ſo ziemlich Alles, was man auf dem Glimmer⸗ glas ſagt oder thut, bei dieſem heitern Sommerwetter. Wenn nur ein Ruder fällt, ſo hört Ihr es manchmal wieder und wiederhallen, wie wenn die Berge Eures täppiſchen Weſens ſpotteten, und ein Gelächter oder ein Pfeifen tönt von den Fichten dort, wenn ſie gerade in der Laune ſind zu ſchwatzen, dergeſtalt zurück, daß Ihr glauben ſolltet, ſie können wirklich plaudern.“ „Um ſo mehr Grund, vorſichtig und ſtäll zu ſeyn. Ich glaube, nicht, daß bis jetzt die Feinde den Weg in dieſe Berge gefunden haben können, denn ich wüßte nicht, was ſie dabei zu gewinnen hätten; aber alle Delawaren ſagen mir, wie Muth die erſte Tugend eines Kriegers, ſo ſey Klugheit ſeine zweite. Ein ſolcher Ruf von den Bergen wiederhallend iſt genug, einen ganzen Stamm in das Geheimniß unſers Hierſeyns einzuweihen.“ „Wenn es auch ſonſt keinen Nutzen hat, ſo wird es doch den alten Tom mahnen, den Topf übers Feuer zu ſetzen und ihm zu wiſſen thun, daß Beſuch in der Nähe iſt. Kommt, Junge; kommt 55 in das Canoe, und wir wollen die Arche aufſpüren, ſo lang es noch Tag iſt.“ Wildtödter gehorchte und das Canoe verließ den Platz. Seine Spitze war in der Diagonale über den See hin gerichtet, und wies nach der ſüdöſtlichen Krümmung des Waſſers hin. In dieſer Richtung war die Entfernung bis an die Küſte oder bis an das Ende des See's, in der Linie, wie die Beiden jetzt ſteuerten, nicht ganz eine Meile, und da ihre Fahrt immer raſch ging, minderte ſich dieſe Entfernung ſchnell unter den geſchickten aber gemächlichen Ruderſchlägen. Ungefähr auf der Hälfte des Wegs zog ein leichtes Geräuſch die Blicke der Männer nach dem nächſtliegenden Land und ſie ſahen, wie der Damhirſch eben aus dem See emportauchte und dem Geſtade zuwatete. Nach einer Minute ſchüttelte ſich das edle Thier das Waſſer von den Seiten, ſchaute empor nach dem ſchützenden Dach der Bäume und ſtürzte ſich, die Uferhöhe hinan ſpringend, in den Wald. „Dieſes Geſchöpf geht dahin voll Dankbarkeit in ſeinem Her⸗ zen,“ ſagte Wildtödter,„denn die Natur ſagt ihm, daß es einer großen Gefahr entronnen iſt. Ihr ſolltet auch etwas von demſelben Gefühl haben, Hurry, bei dem Gedanken, daß Euer Auge nicht ſichrer, daß Eure Hand nicht feſt genug war, da doch nichts Gutes herauskommen konnte bei einem Schuß, der mehr in Unbeſonnen⸗ heit als mit gutem Bedacht abgefeuert wurde.“ „Ich läugne, daß Auge und Hand fehlten,“ ſchrie March mit einiger Hitze.„Ihr habt einigen Ruf erlangt unter den Delawaren drunten wegen Eurer Geſchicklichkeit und Sicherheit bei der Jagd; aber ich möchte Euch wohl ſehen hinter einer von den Fichten dort, und einen ganz übermalten Mingo hinter einer andern, Jeder mit geſpanntem Hahn an der Büchſe und um Euer Leben wettend! Das ſind Lagen, Nathaniel, das Auge und die Hand zu erproben, denn ſie fangen damit an, die Nerven zu erproben. Ich ſehe das Tödten eines Thiers nie als eine That an; aber einen Wilden tödten— 56 das iſt eine. Die Zeit wird kommen, wo Ihr Eure Hand erpro⸗ ben könnt, jetzt, da es wieder blutige Köpfe gegeben, und wir werden bald ſehen, was eine Wildpretberühmtheit im Feld ausrich⸗ tet. Ich läugne, daß Hand oder Auge unſicher geweſen; es war nur eine falſche Berechnung der Bewegungen des Hirſches, der ſtille ſtand, als er noch ſich hätte bewegen ſollen, und ſo ſchoß ich über ihn weg.“ „Erklärt es, wie Ihr wollt, Hurry, ich behaupte weiter Nichts, als daß es ein Glück geweſen. Ich glaube gern, daß ich auf einen ſterblichen Menſchen nicht ſo ſtet, noch mit ſo leichtem Herzen ab⸗ drücken werde, wie auf ein Wild.“ „Wer ſpricht denn auch von Sterblichen, oder von menſchlichen Weſen, Wildtödter? Ich ſetze bei Euch ja den Fall mit einem Indianer. Ich glaube gern, jeder Mann hätte wohl ſeine beſondern Gefühle, wenn es Leben oder Tod gälte, einem andern menſchlichen Geſchöpf gegenüber; aber ſolche Bedenklichkeiten würden wegfallen bei einem Indianer; weiter Nichts, als die gefährliche Wette, ob er Euch trifft oder Ihr ihn.“ 3 „Ich halte dafür, daß die rothen Maͤnner vollkommen ebenſo Menſchen ſind wie wir, Hurry. Sie haben ihre eignen Gaben und ihre eigne Religion, das iſt wahr; aber das macht am Ende keinen Unterſchied, wo Jeder wird gerichtet werden nach ſeinem Thun, und nicht nach ſeiner Haut.“ 2 3„Das iſt geſprochen, wie ein Miſſionär, und wird wenig Gunſt finden in dieſer Gegend, wo die Mähriſchen Brüder keine Gemein⸗ den haben. Die Haut macht einmal den Menſchen. Das iſt nach Wahrheit und Vernunft geſprochen; denn wie ſollten ſonſt die Leute einander Kurtheilen. Die Haut wird über Alles angezogen, damit wenn man eine Creatur oder einen Sterblichen recht und gehörig ſieht, man ſogleich weiß, was man aus ihm zu machen hat; Ihr unterſcheidet einen Baͤren von einem Schwein nach ſeiner Haut, und ein graues Cichhorn von einem ſchwarzen.“ — up 57 „Wahr, Hurry,“ ſagte der Andere, zurückſchauend und lächelnd, „aber doch ſind beides Eichhörnchen.“ „Wer läugnet das? Aber Ihr werdet doch nicht behaupten wollen, ein rother Mann und ein weißer Mann ſeyen beide Indianer?“ „Nein, aber ich behaupte, Beide ſind Menſchen. Menſchen von verſchiedener Race und Farbe, und mit verſchiedenen Gaben und Ueberlieferungen, aber in den Hauptſachen von einer und der⸗ ſelben Natur. Beide haben Seelen, und Beide ſind verantwortlich für ihre Thaten in dieſem Leben.“ Hurry war einer jener Theoretiker, die an die geringere Natur aller menſchlichen Stäͤmme, die nicht weiß ſind, glauben. Seine Begriffe von der Sache waren nicht ſehr klar, und ſeine Deſinitionen auch nicht ſehr feſtſtehend, aber ſeine Anſichten waren darum nicht minder poſitiv und heftig. Sein Gewiſſen bezichtigte ihn verſchiedentlicher, geſetzwidriger Thaten gegen die Indianer, und er hatte eine ausnehmend bequeme Auskunft zur Beruhigung deſſel⸗ ben darin gefunden, daß er die geſammte Familie der rothen Männer rückſichtslos außerhalb der Kategorie der Menſchenrechte ſetzte. Nichts erbitterte ihn leichter, als wenn man ſeinen Satz läugnete, zumal wenn die Läugnung von einem Aufgebot einleuchtender Gründe unterſtützt war; und ſo hörte er denn die Bemerkungen ſeines Genoſſen mit wenig innerer und äußerer Ruhe und Faſſung an. „Ihr ſeyd ein Kind, Wildtödter, irre geführt und berückt durch die Liſt der Delawaren und durch die Unwiſſenheit der Miſſionäre,“ rief er aus, mit ſeiner gewöhnlichen Gleichgültigkeit gegen die Formen des Geſprächs, wenn er einmal aufgeregt war.„Ihr mögt Euch immer als Bruder einer Rothhaut betrachten, aber ich halte ſie alle für Thiere, die nichts Menſchliches an ſich haben, als Schlauheit; die haben ſie, das gebe ich zu, aber die hat auch der Fuchs und ſogar der Bär. Ich bin älter als Ihr und habe länger in den Wäldern gelebt— oder vielmehr, ich habe immer darin gelebt, und brauche mir nicht erſt ſagen zu laſſen, was ein 58 Indianer iſt, oder was er nicht iſt. Wenn Ihr für einen Wilden zu gelten wünſcht, ſo dürft Ihr es nur ſagen, ſo will ich Euch der Indith und dem alten Mann als einen ſolchen vorſtellen, und dann wollen wir ſehen, wie Euch der Willkomm behagt.“ Hier leiſtete Hurry's Einbildungskraft ſeiner Aufregung einen nützlichen Dienſt, denn in Folge davon, daß er ſich den Empfang ausmalte, welcher ſeinem ſo eingeführten Freunde bei ſeinen halb im Waſſer lebenden Bekannten würde zu Theil werden, brach er in ein herzliches Gelächter aus. Auch wußte Wildtödter zu gut, wie nutzlos der Verſuch ſeyn würde, ein ſolches Weſen von irgend etwas zu überzeugen, das ſeinen Vorurtheilen zuwider lief, als daß er Luſt getragen hätte, den Verſuch zu wagen; und es that ihm nicht leid, daß die Annäherung des Canves an die ſüdöſtliche Krümmung des See's ſeinen Ideen eine neue Richtung gab. Sie waren jetzt wirklich dem Ort ganz nahe, den March als die Gegend des Ausfluſſes bezeichnet hatte, und beide begannen ſich darnach umzuſehen mit einer Neugierde, die noch geſteigert ward durch die Erwartung, die Arche zu finden. Vielleicht überraſcht es den Leſer als etwas Seltſames, daß der Ort, wo ein Fluß von einiger Größe zwiſchen Ufern hinſtrömtte, die einige und zwanzig Fuß hoch waren, Männern zweifelhaft ſeyn konnte, die nicht mehr als nur zweihundert Schritte noch von dieſer Stelle entfernt waren. Man wird ſich aber erinnern, daß die Baͤume und Gebüſche hier, wie überall, das Waſſer ganz über⸗ hingen, und einen ſolchen Saum um den See zogen, daß alle kleinen Abweichungen oder Unterbrechungen ſeiner Linie ſich dem Auge entzogen. „Ich bin ſeit zwei Sommern nicht an dieſem Ende des See's geweſen,“ ſagte Hurry, indem er ſich im Canoe aufrichtete, um ſich beſſer umſehen zu können.„Ja, das iſt der Fels, und zeigt ſein Kinn über dem Waſſer, und ich weiß, daß in ſeiner Nähe der Fluß anfängt.“ Die Männer handhabten jetzt wieder die Ruder, und hatten 59 ſich bald dem Felſen bis auf wenige Schritte genähert; ſie ſchwam⸗ men darauf zu, obgleich ſie ihre Arbeit eingeſtellt hatten. Dieſer Fels war nicht groß, nur etwa fünf oder ſechs Fuß hoch, und nur etwa halb ſo viel erhob er ſich über den See. Die unablaͤſſige Beſpühlung des Waſſers ſeit Jahrhunderten hatte ſeinen Gipfel ſo abgerundet, daß er ſeiner Geſtalt nach, die ungewöhnlich regel⸗ und ebenmäßig war, einem großen Bienenkorb glich. Hurry be⸗ merkte, während ſie langſam dahin glitten, daß dieſer Fels allen Indianern in der Gegend wohl bekannt ſey, und daß ſie ihn als Merkzeichen gebrauchten, um den Sammelvlatz zu beſtimmen, wenn ſie auf ihren Jagden und Märſchen ſich trennten. „Und hier iſt der Fluß, Wildtödter,“ fuhr er fort,„obwohl ſo eingeſchloſſen von Bäumen und Büſchen, daß er mehr einem Hinterhalt gleichſteht, als der Ausſtrömung eines ſolchen See's wie der Glimmerglas.“ Hurry hatte die Scene nicht übel geſchildert, denn in der That ſchien es ein Fluß, der im Hinterhalt liegt. Die hohen Ufer mochten etwa hundert Fuß aus einander liegen; aber auf der weſtlichen Seite dehnte ſich ein kleines Stück Land ſo weit hervor, daß dadurch die Breite des Fluſſes um die Hälfte vermindert wurde. Da die Büſche in das Waſſer herabhingen, und Fichten von der Höhe von Kirchthürmen in rieſigen Säulen emporragten, ſämmtlich dem Licht ſich zuſenkend, bis ihre Zweige ſich vermengten, konnte das Auge ſelbſt in einer kleinen Entfernung nicht leicht eine Lücke an der Küſte entdecken, welche den Ausfluß des Waſſers verrathen hätte. Im Wald oben ſah man vom See aus keine Spuren von dieſer Oeffnung, denn Alles bot den Anblick derſelben zuſammen⸗ häͤngenden und dem Anſchein nach endloſen Laubtapete. Wie das Canoe langſam weiter glitt, von der Strömung eingeſogen, kam es unter eine Wölbung von Bäumen, durch welche das Licht vom Himmel ſich in einigen zufälligen Oeffnungen durchkämpfte, das Dunkel unten nur ſchwach unterbrechend. „Das iſt ein natürlicher Hinterhalt,“ flüſterte halb Hurry, als fühlte er, daß der Ort dem Geheimniß und der Wachſamkeit geweiht ſey;„verlaßt Euch darauf, der alte Tom iſt mit der Arche irgendwo hier untergekrochen. Wir wollen mit der Strömung noch eine kleine Strecke hinabtreiben und ihn aufſtöbern.“ „Das ſcheint aber kein Waſſer für ein Fahrzeug von einiger Größe,“ verſetzte der Andere;„mich dünkt, wir haben kaum Platz genug für das Canoe.“ Hurry lachte über dieſe Aeußerung, und wie ſich bald zeigte, mit Grund; denn nicht ſobald war man an dem Saum von Buſch⸗ werk unmittelbar an dem Ufer des See's vorüber, als die zwei Abenteurer ſich auf einem ſchmalen Fluß mit hinreichend tiefem und ſehr klarem Waſſer dabei von ſtarkem Fall, und unter einem Laubdach befanden, von Bogen emporgehalten, die aus den Stãm⸗ men uralter Bäume beſtanden. Buſchwerk faßte, wie überall, die Küſten ein, aber es ließ Raum genug zwiſchen ſich frei, um Alles durchpaſſiren laſſen zu können, was nicht über zwanzig Schuh breit war, und einen Durchblick zu geſtatten, der acht- oder zehnmal ſo viel betrug. 3 Keiner unſrer beiden Abenteurer bediente ſich des Ruders, außer um die leichte Barke in der Mitte der Strömung zu erhalten, aber Beide beobachteten jede Windung des Fluſſes, deren auf einer Strecke von hundert Schritten zwei oder drei vorkamen, mit eiferſüchtiger Wachſamkeit. Windung um Windung war jedoch zu⸗ rückgelegt, und das Canve war mit der Stroͤmung eine Strecke hinabgeglitten, als Hurry ein Gebüſch erfaßte und dadurch ſeine Bewegung hemmte,— und das ſo plötzlich und ſtill, daß man einen ganz beſondern Beweggrund dieſes Vornehmens vermuthen mußte. Wildtödter legte die Hand an den Kolben ſeiner Büchſe, ſobald er dieſe Bewegung ſah; aber er that dieß eher nach alter Jägergewohnheit, als aus einer Anwandlung von Beſorgniß. „Dort iſt der alte Kerl!“ flüſterte Hurry, mit einem Finger 8———Sͤ———„,„ —, ˙——— —ͤ————— —̈ /ͤ—. „ t 61 deutend und herzlich lachend, obgleich er ſich ſorgfältig hütete, ein Geräuſch zu machen;„iſt auf den Fang aus, wie ich mir gedacht; ſteht bis an die Knie im Koth und Waſſer, um nach den Fallen und dem Köder zu ſehen. Aber ich kann um's Leben nichts von der Arche ſehen, und doch will ich jedes Fell, das ich dieß Jahr erbeute, wetten: Judith traut ſich mit ihren hübſchen Füßchen nicht in die Nähe dieſes ſchwarzen Kothes. Wahrſcheinlich ſtrählt ſich das Mädchen die Haare vor einer Quelle, wo ſie ihre eigene Schönheit betrachten und hochmüthige Geſinnungen gegen uns Männer ſammeln kann.“ „Ihr urtheilt zu hart von jungen Weibern; ja, das thut Ihr, Hurry, denn ſie denken ebenſo oft an ihre Fehler als an ihre Vollkommenheiten. Ich denke faſt, dieſe Judith iſt keine ſo arge Bewundrerin von ſich ſelbſt, noch eine ſo arge Verächterin unſeres Geſchlechts, als Ihr zu glauben ſcheint; und es iſt eben ſo wahr⸗ ſcheinlich, daß ſie für ihren Vater arbeitet und ſorgt im Hauſe, wo dieß nun auch ſeyn mag, wie er bei den Fallen für ſie arbeitet.“ „Es iſt eine Luſt, die Wahrheit aus dem Munde eines Mannes zu hören, wenn es auch nur einmal im Leben eines Mädchens der Fall iſt,“ rief eine angenehme, volle und doch ſanfte weibliche Stimme, dem Canoe ſo nahe, daß beide Hörer auffuhren.„Was Euch betrifft, Meiſter Hurry, rechtliche Worte erſticken Euch ſo leicht, daß ich ſie nicht mehr aus Eurem Munde erwarte; das letzte, das Ihr ſpracht, blieb Euch in der Kehle ſtecken und brachte Euch dem Tode nahe. Aber es freut mich, zu ſehen, daß Ihr beſſere Geſellſchaft habt als früher, und daß Solche, welche Frauen zu achten und zu behandeln wiſſen, ſich nicht ſchämen, in Eurer Begleitung zu reiſen.“ Als dieß geſprochen war, ward ein ausnehmend hübſches, jugendliches Mädchengeſtcht durch eine Oeffnung im Laub hervor⸗ geſtreckt, im Bereich von Wildtödters Ruder. Die Eigenthümerin deſſelben lächelte den jungen Mann freundlich an, und der ſchmollende, 62 finſtre Blick, den ſte Hurry zuwarf, obwohl nur erheuchelt und ſchelmiſch, diente ihre Schönheit noch mehr herauszuheben, indem er das Spiel einer ausdrucksvollen aber launenhaften Miene zeigte, eines Geſichts, das mit Leichtigkeit und ohne Anſtrengung vom Sanften in's Ernſte, vom Fröhlichen in's Zurückſtoßende überzu⸗ gehen ſchien.. Ein zweiter Blick erklärte die ganze Ueberraſchung. Ohne es zu wiſſen, hatten die Männer neben der Arche Halt gemacht, welche mit gutem Bedacht war verſteckt worden, in den zu dieſem Behufe zurecht geſchnittenen und geordneten Gebüſchen; und Judith Hutter hatte nur das Laub, das ein Fenſter bedeckte, weggeſchoben, um ihr Geſicht zu zeigen und mit ihnen zu ſprechen. Viertes Kapitel. Und nicht ſcheut in Furcht das ſchüchterne Reh, Wenn zu ſeinem Gemach ich mich ſtehle; Und theu'r iſt die Maiviole mir, Und den Bach beſuch' ich, der rieſelt hier, Daß die Blume mir labe die Seele. 3 4 8 ** Die Arche, wie Man die ſchwimmende Behauſung der Hutters gemeinhin nannte, war ein ſehr einfaches Werk. Eine große Fläche oder Fähre bildete den ſchwimmenden Theil des Fahrzeugs, und in deſſen Mitte, die ganze Breite, und etwa zwei Dritttheile der Länge einnehmend, ſtand ein niedriges Gerüſte, in ſeinem Bau dem Caſtell ähnlich, obwohl von ſo leichtem Material, daß es kaum einer Flintenkugel widerſtand. Da die Seiten des platten Fahrzeuges etwas höher waren als gewöhnlich, und das Innere der Cajüte oder der Hütte nicht höher war, als die Bequemlichkeit durchaus erforderte; ſo nahm ſich der ungewöhnliche Aufſatz weder Bryant. 4 N * 63 ſehr plump aus, noch ſiel er ſehr ins Auge. Kurz das Ganze war nicht viel verſchieden von einem modernen Kanalboot, obwohl roher gebaut, von groößerer Breite als gewöhnlich, und an den mit Borke bedeckten Balken doch die Spuren der Wildniß an ſich tragend. Die Fähre war jedoch mit einiger Geſchicklichkeit zuſammengeſetzt, für ihre Stärke verhältnißmäßig leicht und gut zu handhaben. Die Cajüte war in zwei Gemächer getheilt, deren eines als Wohnzimmer und Schlafſtätte für den Vater diente, das andere aber den Töchtern zur Benützung überlaſſen war. Eine ſehr einfache Einrichtung diente als die Küche, die auf dem einen Ende der Fähre angebracht war, und von der Cajüte entfernt, frei und offen daſtand; denn die Arche überhaupt war eine Som⸗ merwohnung. Der Verſteck, in dem ſie lag, läßt ſich ebenſo leicht erklären. An manchen Stellen des See's und Fluſſes, wo die Ufer ſteil und hoch waren, überhingen die kleineren Bäume und die größeren Gebüſche, wie ſchon erwähnt, das Waſſer gänzlich und ihre Zweige tauchten ſich nicht ſelten ganz darein ein. Hin und wieder wuchſen ſte in beinahe horizontalen Linien dreißig bis vierzig Fuß ſeitlich herein. Da das Waſſer durchgehends am tiefſten war an den Küſten, wo die Ufer am höchſten und am meiſten ſich dem Senk⸗ rechten näherten, war es Huttern nicht ſchwer gefallen, die Arche unter ein ſolches verſteckendes Obdach zu lenken, wo ſie vor Anker lag, und wo man ſie nicht ſollte bemerken können; denn nach ſeiner Anſicht erforderte die Sicherheit ſolche Vorſichtsmaßregeln. Nach⸗ dem ſie einmal unter den Baͤumen und Gebüſchen war, bewirkten einige an den Enden der Zweige befeſtigte Steine, daß ſie ſich tief genug in den Fluß hinunterbogen; und einige abgehauene Büſche, gehörig vertheilt, thaten das Uebrige. Der Leſer hat ſchon geſehen, daß dieß Verſteck vollſtändig genug war, um zwei an die Wälder gewöhnte Männer zu tänuſchen, die doch gerade auf die Entdeckung der verborgenen Arche aus waren, und dieß 64 werden Solche leicht begreifen, welche bekannt ſind mit der wu⸗ chernden Ueppigkeit und Dichtheit eines jungfräulichen amerikaniſchen Waldes, zumal auf reichem und gutem Boden. Die Entdeckung der Arche machte ſehr verſchiedene Eindrücke auf unſre beiden Abenteurer. Sobald das Canoe an die geeignete Oeffnung hinangebracht werden konnte, ſprang Hurry an Bord, und war nach einer Minute ſchon tief verwickelt in ein munteres, gewiſſermaßen ſcheltendes Geſpräch mit Judith, allem Anſchein nach das Daſeyn der ganzen übrigen Welt vergeſſend. Nicht ſo Wildtödter. Er betrat die Arche mit langſamem, vorſichtigem Schritt und prüfte jede Einrichtung des Verſtecks mit neugierigem, forſchendem Auge. Allerdings warf er einen bewundernden Blick auf Judith, den ihm ihre glänzende und eigenthümliche Schönheit abgewann; aber ſelbſt dieſe konnte ihn nur einen Augenblick ab⸗ halten, dem Intereſſe, das ihm Hutter's ſchlaue Einrichtungen ein⸗ flößten, nachzugeben. Schritt für Schritt beſichtigte er die Kon⸗ ſtruktion der eigenthümlichen Behauſung, erforſchte die Stärke und Feſtigkeit derſelben, verſicherte ſich der Vertheidigungsmittel, und ſtellte alle die Unterſuchungen an, die ſich von ſelbſt einem Mann darboten, deſſen Gedanken hauptſächlich mit ſolchen Kunſt⸗ griffen und Huülfsmitteln ſich beſchäftigten. Auch das verſteckende Obdach ward nicht außer Acht gelaſſen. Er unterſuchte es genau nach ſeiner ganzen Beſchaffenheit und mehr als einmal wurde ſein Beifall in hörbaren Lobſprüchen laut. Da die Sitten der Grenz⸗ männer eine ſolche Ungezwungenheit geſtatteten, ſchritt er durch die Gemächer, wie früher im Caſtell, öffnete eine Thüre, und trat auf das Ende der Fähre, entgegengeſetzt dem, wo er Hurry und Judith verlaſſen hatte. Hier traf er die andere Schweſter mit einer groben Nadelarbeit beſchäftigt, unter dem belaubten Baldachin des Schutzdachs ſitzend. Da Wildtödters Beſichtigung und Prüfung nunmehr beendigt war, ließ er den Kolben ſeiner Büchſe ſinken und wandte ſich, mit beiden Händen auf den Lauf ſich ſtützend, zu dem Mädchen mit einem Intereſſe, welches die ausgezeichnete Schoͤnheit ihrer Schweſter nicht in ihm geweckt hatte. Er hatte ſich aus Hurry's Aeußerungen ſo viel abgenommen, daß Hetty dafür galt, weniger Einſicht zu beſitzen, als gewöhnlich menſchlichen Weſen zugetheilt iſt; und ſeine indianiſche Bildung hatte ihn gelehrt, diejenigen, die ſo von der Vorſehung heimgeſucht waren, mit ungewöhnlicher Zartheit zu behandeln. Auch lag in der äußern Erſcheinung der Hetty Hutter Nichts, was, wie ſo oft der Fall iſt, das Intereſſe hätte ſchwächen können, das ihr Zuſtand erregte. Blödſinnig konnte man ſie nicht eigentlich nennen, denn ihr Geiſt war nur gerade ſo weit ſchwach, daß er die meiſten jener Züge verlor, welche mit den Eigenſchaften der berechnenden Schlauheit zuſammenhängen, dagegen ſeine Aufrichtigkeit und Liebe zur Wahrheit behielt. Es war öfters in Bezug auf dieß Mädchen von den Wenigen, die ſie geſehen, und welche genugſame Einſicht zum richtigen Unterſcheiden beſaßen, bemerkt worden, daß ihr Erkennen des Rechten beinahe inſtinktmäßig und intuitiv ſchien, während ihr Widerwillen gegen das Unrecht einen ſo auszeichnenden Zug ihres Gemüths aus⸗ machte, daß ſie gleichſam in einer Atmoſphäre reiner Sittlichkeit ſich bewegte; und dieſe Eigenthümlichkeiten trifft man nicht ſelten bei ſchwachſinnig genannten Menſchen; gleich als hätte Gott den böſen Geiſtern gewehrt, in ein ſo ſchutzloſes Gebiet einzudringen, mit der gnädigen Abſicht, einen unmittelbaren Schutz denjenigen angedeihen zu laſſen, welche ohne die gewöhnlichen Kräfte und Hülfsmittel der menſchlichen Natur geblieben waren. Auch ihre Perſon war angenehm, da ſie ihrer Schweſter ſtark glich, von welcher ſie ein gedämpftes und beſcheidnes Nachbild zu ſeyn ſchien. Wenn ſie Nichts von Judiths Glanz beſaß, ſo verfehlte doch der ruhige, friedliche, beinahe heilige Ausdruck ihres ſanften Geſichts ſelten, den Betrachter für ſie einzunehmen; und Wenige ſahen ſie Der Wildtödter. 3. Aufl. 5 66 länger, ohne eine tiefere und bleibende Theilnahme für das Mädchen zu fühlen. Sie hatte für gewöhnlich keine Farbe, auch war ihr einfacher Geiſt nicht im Stand, Bilder aufzurufen, die ihre Wange hätten aufleuchten machen; aber ſie behauptete eine ihr ſo angeborne Sittſamkeit, daß ſie dadurch beinahe zu der argloſen Reinheit eines für menſchliche Schwächen unzugänglichen Gemüthes erhoben wurde. Harmlos, unſchuldig, ohne Mißtrauen ſowohl von Natur als vermöge ihrer Lebensweiſe, hatte die Vorſehung ſie dennoch gegen Anfechtungen beſchirmt durch eine Art von ſittlichem Heiligenſchein,„den Wind zu ſänftigen dem geſchornen Lamme,“ wie das Sprichwort ſagt. 3. „Ihr ſeyd Hetty Hutter,“ ſagte Wildtödter, in der Art, wie man ſich ſelbſt unbewußt eine Frage macht, und zwar mit einer ſanften Güte in Ton und Weſen, die ganz geeignet war, ihm das Vertrauen der ſo Angeredeten zu gewinnen—„Harry Hurry hat mir von Euch geſagt, und ich weiß, Ihr müßt das Kind ſeyn.“ „Ja, ich bin Hetty Hutter,“ verſetzte das Mädchen mit leiſer, füßer Stimme, welche durch die Natur und einige dazugekommene Erziehung vor Gemeinheit des Tons und des Ausdrucks bewahrt geblieben war;„ich bin Hetty, der Judith Hutter Schweſter und Thomas Hutter's jüngſte Tochter.“ „So weiß ich denn Eure Geſchichte, denn Hurry Harry plau⸗ dert tüchtig und er geht frei heraus mit ſeinen Reden, wenn er auf andrer Leute Angelegenheiten zu ſprechen kommt. Ihr bringt den größten Theil Eures Lebens auf dem See zu, Hetty?“ „Ja wohl, Mutter iſt todt; Vater iſt aus auf's Fallenſtellen, und Judith und ich bleiben zu Hauſe. Was iſt Euer Name?“ „Das iſt eine Frage, die ſich leichter thun als beantworten läßt, junges Weib; in Betracht, daß ich noch ſo jung bin, und doch ſchon mehr Namen getragen habe, als manche der größten Häuplinge in ganz Amerika.“ „Aber Ihr habt doch einen Namen? Ihr werft doch nicht 2 2 67 einen Namen weg, bevor Ihr auf ehrliche Weiſe zu einem an⸗ dern gekommen?“ „Ich hoffe ſo, Mädchen, ich hoffe ſo. Meine Namen ſind mir natürlich gekommen, und ich denke, derjenige, den ich jetzt trage, wird nicht von langer Dauer ſeyn, denn die Delawaren beſtimmen ſelten den wahren Namen und Titel eines Mannes feſt, bis zu der Zeit, wo er Gelegenheit gehabt, ſein wahres Weſen im Rath oder auf dem Kriegspfad zu zeigen, was mir noch nie zu Theil geworden iſt; angeſehen, erſtlich, daß ich, nicht als Rothhaut geboren, kein Recht habe, in ihren Verſammlungen zu ſitzen, und viel zu niedrig bin, als daß ich von den Vornehmen meiner Farbe ſollte um meine Meinung befragt werden; und für's Zweite, weil dieß der erſte Krieg iſt, der in meine Zeit gefallen, und noch kein Feind weit genug in die Colonie eingebro⸗ chen, der durch einen auch längeren Arm als der meinige zu errei⸗ chen geweſen wäre.“ „Sagt mir Eure Namen,“ erwiederte Hetty, ihn arglos anſchauend,„und vielleicht ſage ich Euch dann Euren Charakter.“ „Darin liegt einige Wahrheit, ich will es nicht läugnen, obgleich es oft fehl trifft. Die Menſchen täuſchen ſich im Charakter Andrer und geben ihnen häufig Namen, die ſie in keiner Weiſe verdienen. Die Wahrheit hievon könnt Ihr ſehen an den Mingo⸗ Namen, die, in ihrer Sprache, dieſelben Dinge bezeichnen, wie die Delawaren⸗Namen— ſo ſagt man mir wenigſtens, denn ich weiß Wenig von dieſem Stamm, außer durchs Gerücht— und Niemand kann ſagen, daß ſie eine ebenſo redliche und gerade Nation ſind. Ich lege daher kein ſehr großes Gewicht auf Namen.“ „Sagt mir alle Eure Namen,“ wiederholte das Mädchen ernſt, denn ihr Gemüth war zu einfältig, um die Dinge von den Namen zu ſcheiden, die ſie tragen, und ſie legte einem Namen große Wichtigkeit bei.„Ich möchte wiſſen, was ich von Euch zu denken habe.“ 68 „Nun, gewiß; ich habe Nichts dagegen und Ihr ſollt ſie alle erfahren. Für's Erſte denn, bin ich ein Chriſt und weiß geboren, wie Ihr, und meine Eltern hatten einen Namen, der ſich vom Vater auf den Sohn vererbte, als ein Theil ihrer Gaben und Ausſtattung. Mein Vater hieß Bumppo; und ich ward natürlich genannt wie er, und der mir gegebene Name war Nathaniel, oder Natty, wie die meiſten Leute ihn abzukürzen beliebten.“ „Ja, ja— Natty— und Hetty—“ unterbrach ihn raſch das Mädchen, und ſchaute wieder mit einem Lächeln von ihrer Arbeit auf,„Ihr ſeyd Natty und ich bin Hetty— obgleich Ihr Bumppo heißt, und ich Hutter. Bumppo iſt nicht ſo hübſch wie Hutter, oder doch?“ „Nun, das kommt auf der Leute Geſchmack an. Bumppo klingt nicht erhaben, ich geb' es zu, und doch haben ſich Menſchen damit durch die Welt geſchlagen. Ich lief jedoch nicht ſehr lange unter dieſem Namen; denn die Delawaren entdeckten bald, oder glaubten zu entdecken, daß ich dem Lügen nicht ergeben war, und ſie nannten mich zuerſt: ‚Geradzunger.“ „Das iſt ein guter Name,“ unterbrach ihn Hetty ernſt und in beſtimmtem Tone;„ſagt mir doch nicht, es wohne in den Namen keine Kraft und Tugend!“ „Ich ſage das nicht, denn vielleicht verdiente ich den Namen, da Lügen bei mir nicht, wie bei Manchen, in Gunſt ſind. Nach einiger Zeit entdeckten ſie, daß ich raſch zu Fuß war, und da nannten ſie mich: ‚die Taube“; denn dieſer Vogel hat, wie Ihr wißt, eine ſchnelle Schwinge und fliegt in gerader Richtung.“ „Das war ein hübſcher Name!“ rief Hetty:„Tauben ſind hübſche Vögel.“ „Die meiſten Dinge, die Gott geſchaffen, find hübſch, in ihrer Art, mein gutes Mädchen, obgleich ſie dann von den Menſchen entſtellt und verkehrt werden, ſo daß ſie ihre Natur wie ihre äußere Erſcheinung ändern. Vom Botſchafttragen and vom * 69 Aufſpüren blinder Fährten brachte ich es endlich dahin, den Jägern folgen zu dürfen, da man glaubte, ich ſey raſcher und ſichrer in Auffindung des Wildes als die meiſten jungen Burſchen, und da nannten ſie mich ‚Schlappohr', weil ich, wie ſie ſagten, die Spür⸗ kraft eines Hundes beſäße.“ „Der Name iſt nicht ſo hübſch,“ bemerkte Hetty. Ich hoffe, den behieltet Ihr nicht lange.“ „Nicht länger, als bis ich reich genug war, eine Büchſe zu kaufen,“ erwiederte der Andere, und ſein ſonſt ſo gelaſſenes und ruhiges Weſen verrieth doch einigen Stolz; da zeigte ſich's, daß ich einen Wigwam mit Wildpret zu verſehen vermochte; und bald bekam ich den Namen Wildtödter“, den ich jetzt noch trage;— ein niedriger Name, nach der Anſicht von Manchen, die mehr Werth in den Skalp eines Mitmenſchen ſetzen, als in das Geweih eines Hirſches.“ „Nun, Wildtödter, zu dieſen gehöre ich nicht,“ verſetzte Hetty arglos.„Judith liebt ſich Soldaten und ſchimmernde Kleider und ſchöne Federn; aber mir gelten alle die Nichts. Sie ſagt, die Officiere ſeyen vornehm und munter, und führen eine ſo ſanfte Sprache; aber mich machen ſie ſchaudern, denn ihr Beruf iſt, ihre Mitmenſchen zu tödten. Euer Beruf gefällt mir beſſer; und Euer letzter Name iſt ein recht guter;— beſſer als Natty Bumppo.“ „Das iſt ganz Eurer Gemüthsart gemäß und natürlich, Hetty, und gerade ſo, wie ich es erwartet. Man ſagt mir, Eure Schweſter ſey ſchön— ungemein ſchön für eine Sterbliche; und die Schön⸗ heit macht geneigt, Bewunderung zu ſuchen.“ „Habt Ihr Judith nie geſehen?“ fragte das Mädchen mit raſchem Ernſt;„wenn dieß iſt, ſo geht ſogleich und beſchaut ſie. Selbſt Hurry Harry iſt nicht hübſcher anzuſehen, obgleich ſie ein Weib iſt, und er ein Mann.“ Wildtödter betrachtete einen Augenblick das Mädchen mit Theil⸗ nahme. Ior blaſſes Geſicht hatte ſich ein wenig geröthet und ihr 70 gewöhnlich ſo mildes und ſanftes Auge geflammt bei jenen Worten, die ihre innern Regungen verriethen. „Ja, Hurry Harry,“ murmelte er vor ſich hin, indem er durch die Cajüte nach dem andern Ende der Arche ſchritt;„das kommt vom guten Ausſehen, wenn nicht auch eine leichtfertige Zunge ihren Antheil daran hat. Es iſt leicht zu ſehen, wohin ſich die Gefühle des armen Geſchöpfes neigen, wie es nun auch mit der Judith ſtehen mag.“ Aber eine Unterbrechung erlitten die Galanterie Hurry's— die Koketterie ſeiner Geliebten— das Nachdenken Wildtödters und die zärtlichen Gefühle Hetty's durch das plötzliche Erſcheinen des Canoes, das den Beſitzer der Arche brachte, in der ſchmalen Oeff⸗ nung zwiſchen den Gebüſchen, die als eine Art Waſſergraben ſeiner feſten Stellung diente. Es ſchien, daß Hutter, oder Floating Tom, wie ihn alle Jäger vertraulich nannten, welche mit ſeiner Lebens⸗ art bekannt waren, das Canoe Hurry's erkannt hatte, denn er zeigte durchaus kein Erſtaunen, ihn auf der Fähre zu finden. Im Gegentheil war ſeine Begrüßung der Art, daß ſie nicht nur Zu⸗ friedenheit verrieth, ſondern ſelbſt Freude, gemiſcht mit etwas Ver⸗ druß darüber, daß er nicht einige Tage früher gekommen. „Ich erwartete Euch vorige Woche,“ ſagte er in halb brum⸗ mendem, halb freundlich begrüßendem Tone,„und war ungemein verdrießlich, daß Ihr nicht kamet. Es kam ein eilender Bote durch, um die Jäger aller Gattungen zu benachrichtigen, daß die Colonie und die Canada's wieder in Unruhe und Hader ſeyen; und ich fühlte mich gar einſam in dieſen Gebirgen, mit drei Skalpen, die ich zu bewachen habe, und nur zwei Armen, ſie zu ſchützen.“ „Das iſt natürlich,“ verſetzte March;„und es hieß dieß nur als Vater fühlen. Ohne Zweifel, wenn ich zwei Töchter hätte wie Judith und Hetty, wüßte ich aus eigner Erfahrung dieſelbe Geſchichte zu erzählen, obwohl ich in der Regel ebenſo zufrieden 71 bin, wenn der nächſte Nachbar fünzig Meilen weit von mir ent⸗ fernt, als wenn er innerhalb Rufesweite in meiner Nähe iſt.“ „Trotzdem mochtet Ihr nicht allein in die Wildniß kommen, nach dem Ihr wußtet, daß die Wilden in Canada ſich wahrſcheinlich regen werden,“ verſetzte Hutter, einen halb mißtrauiſchen und zugleich forſchenden Blick auf Wildtödter werfend. „Warum ſollte ich auch? Man ſagt, ein ſchlechter Begleiter auf einer Reiſe hilft doch den Weg verkürzen, und dieſen jungen Mann rechne ich für einen recht guten. Es iſt Wildtödter, alter Tom, ein berufener Jäger unter den Delawaren, dazu als Chriſt geboren und erzogen wie Ihr und ich. Der Junge iſt vielleicht nicht vollkommen, aber es gibt ſchlechtere Männer in dem Land, wo er herkommt, und wahrſcheinlich findet er in dieſer Gegend der Welt Manchen, der nicht beſſer iſt. Sollten wir in den Fall kom⸗ men, unſre Fallen und unſer Gebiet vertheidigen zu müſſen, ſo wird er uns Dienſte leiſten und Nahrung anſchaffen; denn er iſt ein ganzer Wilpretſchütze.“ „Junger Mann, Ihr ſeyd willkommen,“ brummte Tom, eine harte knöchernde Hand dem Jüngling zum Pfand ſeiner Aufrichtig⸗ keit hinſtreckend;„in ſolchen Zeiten iſt ein Bleichgeſicht das Geſicht eines Freundes, und ich zähle auf Euch als einen Beiſtand. Kinder machen manchmal ein männliches Herz ſchwach, und dieſe meine zwei Töchter machen mir mehr Unruhe, als alle meine Fallen, Häute und Rechte im Land.“ „Das iſt natürlich!“ rief Hurry.„Ja, Wildtödter, Ihr und ich wiſſen das noch nicht aus Erfahrung; aber alles zuſammen⸗ genommen, ſehe ich das als natürlich an. Wenn wir Töchter hätten, iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß wir auch ſolche Gefühle hätten; und ich ſchätze den Mann, der ſie bekennt. Was Judith betrifft, Alter, ſo ſchreibe ich mich ſofort als ihr Soldat ein, und hier iſt Wildtödter, um Euch Hetty beſchützen zu helfen.“ „Großen Dank Euch, Meiſter March,“ verſetzte die Schöne n. TaESL. 2——— 72 mit einer vollen, metallreichen Stimme, und mit einer Richtigkeit des Ausdrucks und der Betonung, die ſie überhaupt mit ihrer Schweſter theilte, und welche bewies, daß ſie mehr Unterricht ge⸗ noſſen, als ihres Vaters Lebensweiſe und äußere Erſcheinung eigentlich vermuthen ließen;„großen Dank Euch; aber Judith Hutter beſitzt ſo viel Einſicht und Erfahrung, daß ſie ſich mehr auf ſich ſelbſt verläßt, als auf gut ausſehende Landſtreicher wie Ihr. Sollte es nöthig werden, den Wilden entgegen zu treten, ſo landet Ihr mit meinem Vater, ſtatt Euch in Hütten zu ver⸗ ſchlupfen, unter dem Vorwand, uns Weiber zu vertheidigen, und—“ „Mädchen, Mädchen,“ fiel ihr der Vater ins Wort,„zügle Deine glatte, kecke Zunge und höre die Wahrheit an. Schon ſind Wilde am Ufer des See's und Niemand kann ſagen, wie nahe ſie uns in dieſem Augenblick ſeyn mögen, oder wann wir Mehr von ihnen zu hören bekommen!“ „Wenn dieß wahr iſt, Meiſter Hutter,“ ſagte Hurry, in deſſen Mienen ein Wechſel eintrat, der verrieth, wie ernſtlich er die Nach⸗ richt nahm, obgleich Nichts von unmännlicher Unruhe zeugte; „wenn dieß wahr iſt, ſo befindet ſich Eure Arche in der ungün⸗ ſtigſten Stellung; denn obſchon das Schutzdach Wildtödter und mich täuſchte, würde ſie doch kaum überſehen werden von einem Vollblut⸗Indianer, der ernſtlich auf die Jagd nach Skalpen ausginge.“ „Ich denke wie Ihr, Hurry, und wünſche von ganzem Herzen, wir lägen in dieſem Augenblicke anderswo, als in dieſem engen, krummen Fluß, der viele Vortheile für ein Verſteck darbietet, aber den Entdeckten beinahe ſicheres Verderben bringt. Zudem ſind uns die Wilden nahe, und die Schwierigkeit iſt, aus dem Fluß heraus⸗ zukommen, ohne zuſammengeſchoſſen zu werden wie Wild, das am Trinkplatz ſteht!“ „Seyd Ihr gewiß, Meiſter Hutter, daß die Rothhäute, die Ihr fürchtet, wirkliche Kanadier ſind?“ fragte Wildtödter mit — ———--+—. e— — ◻ /H—— ͤ— 8 20 1 — —-+8 d X½ SSNͤ— beſcheidenem aber ernſtem Weſen.„Habt Ihr Einen geſehen? und könnt Ihr ihre Bemalung beſchreiben?“ „Ich bin auf Anzeichen geſtoßen, daß ſie in der Nähe ſind, habe aber Keinen geſehen. Ich war eine Meile oder ſo ſtromab⸗ wärts, um nach meinen Fallen zu ſehen, als ich auf eine friſche Spur ſtieß, welche über das Ende eines Moraſtes ging und nach Norden zu wies. Der Mann war noch nicht eine Stunde des Weges gekommen, und ich erkannte die Fußtapfe als die eines Indianers an der Geſtalt des Fußes und der Zehen, ſelbſt noch ehe ich einen vertragenen Moccaſin fand, den der Eigenthümer als unbrauchbar weggeworfen. Und dann fand ich die Stelle, wo er Halt machte, um ſich einen neuen zu verfertigen, nur ein paar Schritte von dem entfernt, wo er den alten weggeworfen.“ „Das ſieht einer Rothhaut auf dem Kriegspfad nicht ſonder⸗ lich gleich!“ verſetzte der Andre mit Kopfſchütteln.„Ein erfahrner Krieger wenigſtens hätte ſolche Anzeichen ſeiner Wanderung ver⸗ brannt, oder begraben, oder im Fluß verſenkt; und Eure Fährte ich höchſt wahrſcheinlich eine ganz friedliche. Aber der Moccaſin dürfte mich vielleicht ſehr beruhigen, wenn Ihr daran gedacht habt, ihn mitzunehmen. Ich bin ſelbſt hieher gekommen, um einen jungen Häuptling zu treffen; und ſein Weg läge ſo ziemlich in der von Euch bezeichneten Richtung. Vielleicht waren die Fußtapfen von ihm.“ „Hurry Harry, Ihr ſeyd, hoff' ich, genau bekannt mit dieſem jungen Manne, der Zuſammenkünfte mit Wilden hat in einer Ge⸗ gend des Landes, wo er nie früher geweſen?“ fragte Hutter in einem Ton und mit einer Art, welche den Beweggrund ſeiner Frage deutlich verriethen, da ſolche rohe Menſchen ſich ſelten aus Zart⸗ gefühl bedenken, ihre Gedanken und Gefühle zu verrathen.„Ver⸗ rath iſt eine indianiſche Tugend; und die Weißen, die viel unter ihren Stämmen leben, nehmen bald ihre Gewohnheiten und Kniffe an.“ „Wahr— wahr wie das Evangelium, alter Tom; aber nicht rarNA 74 anwendbar auf Wildtödter, der ein junger Mann voll Wahrhaſtigkeit iſt, wenn er auch ſonſt keine Empfehlung hätte. Ich will für ſeine Redlichkeit bürgen, wenn ich auch von ſeiner Herzhaftigkeit im Gefecht nichts ſagen kann.“ „Ich möchte wohl wiſſen, was er in dieſer abgelegenen Gegend zu ſchaffen und zu beſtellen hat?“ „Das iſt bald erzählt, Meiſter Hutter,“ ſagte der junge Mann mit der ruhigen Faſſung Deſſen, der ein reines Gewiſſen hat;„ich glaube auch ſelbſt, daß Ihr das Recht habt, darnach zu fragen. Der Vater von zwei ſolchen Töchtern, der einen See inne hat, ſo wie Ihr, hat das gleiche Recht, nach dem Thun und Treiben eines Fremden in ſeiner Nähe ſich zu erkundigen, wie die Colonie befugt wäre, nach dem Grund zu fragen, warum die Franzmänner mehr Regimenter als gewöhnlich an den Grenzen aufſtellten. Nein, nein, ich beſtreite Euch das Recht nicht, zu wiſſen, warum ein Fremder in Eure Behauſung oder in Eure Gegend kommt, in ſo ernſten Zeiten wie die jetzigen ſind.“ „Wenn dieß Eure Geſinnung iſt, Freund, ſo laßt mich Eure Geſchichte hören ohne weitere Worte.“ „Sie iſt bald erzählt, wie ich ſchon geſagt, und treulich werde ich ſie Euch erzählen. Ich bin ein junger Mann und bis jetzt noch nie auf dem Kriegspfad geweſen, aber ſobald die Nachricht bei den Delawaren eintraf, daß Wampum und eine Streitart dem Stamme überſandt werden würden, ſo wünſchten ſie, daß ich unter die Leute meiner Farbe ginge und mich für ſie genau nach dem Stand der Sache erkundigte. Das that ich; und als ich nach meiner Rückkehr meinen Bericht den Häuptlingen abgeſtattet, traf ich einen Offtcier der Krone am Schoharie, der an einige der be⸗ freundeten Stämme, die weiter weſtlich wohnen, Geld zu übermachen hatte. Dieß ſchien Chingachgook, einem jungen Häuptling, der noch nie einen Feind getroffen, und mir, eine gute Gelegenheit, in Geſellſchaft auf unſern erſten Kriegspfad zu gehen; und ein alter ie ͤ g= Dalaware gab uns an, daß wir uns am Felſen in der Nähe des Ausgangs von dieſem See treffen ſollten. Ich will nicht läugnen, daß Chingachgook noch einen andern Zweck hatte, aber dieſer betrifft Keinen der hier Anweſenden, und iſt ſein Geheimniß nicht das meinige; daher ſage ich hierüber nichts weiter.“ „Es betrifft ein junges Weib,“ fiel ihm Judith haſtig in's Wort; dann lachte ſie über ihren eignen Ungeſtüm, und hatte ſogar ſo viel Grazie, ein wenig zu erröthen über die Art, wie ſie ihre Geneigtheit, ein ſolches Motiv zu vermuthen, verrathen hatte. „Wenn es weder Krieg noch Jagd iſt, ſo muß es Liebe ſeyn.“ „Ja, es kommt den Jungen und Schönen, die ſo viel von dieſen Gefühlen hören, leicht in den Sinn, zu glauben, ſie müſſen den meiſten Handlungen und Schritten zu Grunde liegen; aber ich ſage über dieſen Punkt nichts. Chingachgook ſoll mich an dieſem Felſen treffen, morgen Abend, eine Stunde vor Sonnenuntergang, worauf wir unſern Weg zuſammen fortſetzen wollen, Niemand ſtörend, als des Königs Feinde, die nach Recht und Geſetz auch die unſrigen ſind. Da ich Hurry ſeit langem kannte, da er einſt in unſern Jagdgebieten Fallen ſtellte, und ihm nun am Schoharie begegnete, als er gerade im Begriff ſtand, auf ſeine Sommerzüge aufzubrechen, verabredeten wir, mit einander zu reiſen, nicht ſowohl aus Furcht vor den Mingos, als aus guter Cameradſchaft, und um uns, wie er ſagt, den langen Weg zu verkürzen.“ „Und Ihr meint, die Spur, die ich geſehen, ſey vielleicht die Eures Freundes geweſen, der vor ſeiner Zeit eingetroffen? ſagte Hutter. „Das iſt mein Gedanke, der irrig, aber auch richtig ſeyn kann. Wenn ich aber den Moccaſin ſähe, ſo wollte ich in einer Minute entſcheiden, ob er nach der Art der Delawaren gefertigt iſt, oder nicht.“ „Nun da iſt er,“ ſagte die ſchnell beſonnene Judith, die ſchon nach dem Canoe gegangen war, ihn zu holen; gebt uns an, was er ſagt: Freund oder Feind. Ihr ſeht ehrlich aus; und ich glaube Alles was Ihr ſagt, was auch Vater davon denken mag.“ 76 „Das iſt deine Art wo ich Feinde argwohne,“ Mann, und ſagt uns wa „Das iſt kein „ Jude, immer Freunde da aufzufinden, brummte Tom;„aber ſprecht nur, s Ihr von dem Moccaſin denkt.“ Delawaren⸗Machwerk,“ verſetzte Wildtödter, junger ;„ich bin zu jung auf dem Kriegspfade, um meine Anſicht ganz beſtimmt auszuſprechen, aber ich würde ſagen: dieſer Moccaſin ſieht nördlich aus, und kommt von jenſeits der großen Seen.“ „Wenn dieß der Fall iſt, ſollten wir k nothwendig iſt, hier liegen bleiben, Blick durch das Laub des Schutzd die Anweſenheit eines Feindes auf der andern Küſte des engen und krumm fließenden Stromes.„Es fehlt nur noch eine Stunde oder ſo bis Nacht, und im Dunkel Bewegungen zu machen, ohne ein Geräuſch, das uns verrathen müßte, wäre unmöglich. Habt Ihr nicht das Echo einer Feuerwaffe in den Bergen gehört, vor einer halben Stunde?“ „Ja, Alter, und die Feuerwaffe ſelbſt,“ verſetzte Hurry, der jetzt die Unbeſonnenheit fühlte, deren er ſich ſchuldig gemacht; „dieſe ward auf meiner eignen Schulter abgefeuert.“ „Ich beſorgte, es komme von den franzöſiſchen Indianern her; immerhin kann es ſie aufmerkſam machen, und ein Mittel für ſie ſeyn, uns zu entdecken. Ihr thatet übel, in Kriegszeiten zu feuern,. wenn nicht der Fall dringend war.“ 4 „So fange ich an ſelbſt zu denken, Oheim Tom; und doch, wenn Einer ſich nicht getrauen darf, ſeine Büchſe abzuſchießen in einer Wildniß von tauſend Geviertmeilen, damit nicht irgend ein Feind es höre: was nützt es, eine zu tragen?“ Hutter hielt jetzt eine lange Berathung mit ſeinen beiden Gäſten, worin die Betheiligten zu einem richtigen Begriff von ihrer Lage gelangten. Er erklärte, welche Schwierigkeit der Verſuch keeine Minute länger als “ ſagte Hutter, indem er einen aches warf, als beſorgte er ſchon igem Auge die abgetragene und weggeworfene haben würde, die Arche im Dunkel aus einem ſo engen und er raſchen Fluß herauszubringen, ohne ein Geräuſch, das unfehlbar das Ohr der Indianer erreichen und ſie aufmerkſam machen müßte. 1 Die etwa in der Nachbarſchaft Herumſtreifenden würden ſich in der 5 Nähe des Fluſſes oder des See's halten; aber jener hatte an 5 vielen Stellen des Ufers moraſtige Stellen, und war ſo gekrümmt 3 und ſo von Buſchwerk eingefaßt, daß es bei Tag ganz wohl mög⸗ t lich war, Bewegungen darauf zu machen, ohne viel Gefahr, ge⸗ ſehen zu werden. Mehr war vielleicht vom Ohr zu beſorgen, als 3 vom Auge, zumal ſo lange ſie ſich in den kurzen, engen, überdach⸗ ten Strecken des Fluſſes befanden. „Ich begebe mich nie in dieſen Verſteck, der für meine Fallen ſehr günſtig gelegen, und vor neugierigen Augen ſicherer iſt als der See, ohne für Mittel zu ſorgen, auch wieder heraus zu kom⸗ men,“ fuhr der ſeltſame Mann in ſeiner Auseinanderſetzung fort, „und das geſchieht leichter durch Ziehen und Zucken, als durch Rudern und Rucken. Mein Anker liegt oberhalb der Ausſtrömung im offnen See; und hier iſt, wie Ihr ſeht, ein Seil, uns dort⸗ hinauf zu ziehen. Ohne ein ſolches Mittel wäre es für Ein Paar Hände ein ſchweres Stück Arbeit, ein Fahrzeug wie dieſes ſtrom⸗ aufwärts zu bringen. Auch habe ich eine Art Hebebock, der ge⸗ legentlich das Ziehen erleichtert. Jude kann das Ruder am Hintertheil ſo gut handhaben wie ich ſelbſt; und wenn wir keinen Feind fürchten, macht es uns wenig Mühe und Sorge, aus dem Fluß heraus zu kommen.“ „Was würden wir gewinnen, Meiſter Hutter, durch eine Aenderung unſerer Stellung?“ fragte Wildtödter mit großem Ernſt; *„dieß hier iſt ein ſichrer Verſteck, und vom Innern dieſer Cajüte aus ließe ſich eine tüchtige Vertheidigung bewerkſtelligen. Ich habe noch nie an einem Gefecht Theil genommen, außer in Ueberlieferun⸗ gen; aber mir ſcheint, wir könnten mit ſolchen Paliſaden vor uns, wie dieſe, zwanzig Mingos zurückſchlagen.“ anananananannhunuhahnhfh, 78 „Ja, ja, Ihr habt nie an Gefechten Th in Ueberlieferungen, das iſt klar genug, je eine ſo breite Waſſerfläche wie die do mit Hurry hieher kamet?“ „Das kann ich allerdings nicht behaupten,“ antwortete Wild⸗ tödter beſcheiden.„Die Jugend iſt die Zeit zu lernen; und ich bin weit entfernt von dem Wunſche, meine Stimme im Rath zu erheben, ehe ſte durch Erfahrung dazu berechtigt iſt.“ „Gut denn, ich will Euch die Nachtheile des Fechtens in dieſer Stellung erklären, und den Vortheil, den offnen See zu gewinnen. Hier, könnt Ihr ſehen, wüßten die Wilden, wohin jeden Schuß zielen; und es wäre eine zu verwegene Hoffnung, daß nicht einige ihren Weg durch die Lücken der Dielen finden ſollten. Und wir dagegen hätten auf Nichts zu zielen, als auf einen Wald. Dann ſind wir auch hier nicht ſicher vorm Feuer, und die Borke dieſes Dachs iſt nicht viel beſſer als eben ſo viel Kienholz. Auch könnte man in meiner Abweſenheit in das Caſtell eindringen und es plündern, und alle meine Beſitzthümer überfallen und zerſtören. Einmal auf dem See können wir nur in Boten oder auf Flößen angegriffen werden— haben alle Vortheile über den Feind— und können das Caſtell mit der Arche ſchützen. Verſteht Ihr dieſe Gründe, mein Junge?“ „Es klingt gut widerſprechen.“ „Nun gut, alter Tom,“ ſchrie Hurry,„wenn wir einmal von der Stelle wollen, je eher wir den Anfang machen, deſto eher werden wir wiſſen, ob wir unſre Skalpe als Nachtmützen behalten, oder nicht.“ eil genommen, außer junger Mann! Habt Ihr rt oben geſehen, ehe Ihr ; ja, es klingt vernünftig; und ich will nicht Da dieſer Vorſchlag für ſich deutlich war, beſtritt Niemand feine Richtigkeit. Nach einer kurzen vorgängigen Eröoͤrterung trafen jetzt die drei Männer allen Ernſtes ihre Vorbereitungen, die Arche in Bewegung zu ſetzen. Die leichten Befeſtigungen waren raſch * 79 gelöſt, und durch Ziehen an dem Taue ward die ſchwerfällige Maſſe langſam aus dem Verſteck herausgewunden. Sobald ſte von den Hemmungen durch die Zweige frei war, glitt ſie in den Fluß, ganz dicht an dem weſtlichen Ufer hinſtreifend, vermöge der Gewalt der Strömung. Keine Seele an Bord hörte das Praſſeln der Zweige, als die Cajüte an den Büſchen und Bäumen des weſtlichen Ufers anſtieß, ohne ein Gefühl von Unbehagen; denn Niemand wußte, in welchem Augenblick oder an welcher Stelle ein verſteckter, mör⸗ deriſcher Feind ſich zeigen dürfte. Vielleicht trug das dämmernde Licht, das noch durch das Laubdach oben ſich durchkämpfte, oder ſeinen Weg durch die ſchmale, bandartige Oeffnung fand, welche in der Luft oben den Lauf des unten ſtrömenden Fluſſes zu bezeichnen ſchien, dazu bei, den Anſchein von Gefahr zu vermehren; denn es war faſt nur eben hinreichend, die Gegenſtände ſichtbar zu machen, ohne auf Einen Blick ihre Umriſſe erkennen zu laſſen. Obgleich die Sonne noch nicht ganz untergegangen war, hatte ſie doch ihre unmittelbaren Strahlen vom Thal zurückgezogen; und die Tinten des Abends begannen ſchon die unbedeckt liegenden Gegenſtände zu überſchweben, während, was im Schatten der Wälder lag, da⸗ durch noch trüber und düſterer wurde. Keine Unterbrechung jedoch ſtörte die Bewegung der Arche, und während die Männer fortwährend an dem Tau zogen, rückte ſte ſtetig aufwärts; die große Breite der Fähre ließ ſie nicht tief ins Waſſer einſinken und machte, daß ſie der Strömung des raſchen Elements, das unter ihr hinfloß, keinen großen Widerſtand ent⸗ gegenſetzte. Auch hatte Hutter eine Vorſichtsmaßregel angewendet, die ihn die Erfahrung gelehrt, die einem Seemann Ehre gemacht hätte, und gänzlich die Hinderniſſe und Widerwärtigkeiten beſei⸗ tigte, welche ihnen ſonſt aus den kurzen Windungen des Fluſſes entſtanden wären. Beim Hinabfahren der Arche wurden große Steine, an das Tau befeſtigt, mitten im Fluß verſenkt, und bilde⸗ ten Lokalanker, deren jeder vor dem Schleppen mittelſt der weiter 80 oben befindlichen geſchutzt wurde, bis der alleroberſte erreicht war, der ſeinen Halt an dem eigentlichen Anker hatte, welcher recht im See lag. Mittelſt dieſer Auskunft bewegte ſich die Arche aufwärts, frei und unbeläſtigt von den Hemmniſſen des Ufers, gegen das ſie ſonſt bei jeder Windung unvermeidlich hingetrieben, und dadurch Verlegenheiten verurſacht haben würde, die Hutter allein nur mit größter Mühe oder gar nicht hätte überwinden können. Gefördert durch dieſe Vorſicht und geſpornt durch die Furcht, entdeckt zu werden, zogen Floating Tom und ſeine beiden athleti⸗ ſchen Genoſſen die Arche ſtromaufwärts mit ſo großer Geſchwin⸗ digkeit, als nur immer die Stärke des Taues zuließ. Bei jeder Krümmung des Fluſſes wurde ein Stein aus der Tiefe emporge⸗ hoben, wo ſich dann die Richtung der Fähre dem weiter oben liegenden Steine zu änderte. In ſolcher Weiſe, mit dieſem eigens eingerichteten Fahrwaſſer oder Canal, wie ein Matroſe es hätte nennen können, fuhr Hutter ſtromaufwärts, gelegentlich mit leiſer und vorſichtiger Stimme ſeine Freunde ermahnend, ihre Anſtrengung zu verdoppeln, und dann wieder im geeigneten Falle ſie warnend vor Kraftäußerungen, welche in gewiſſen Augenblicken durch Ueber⸗ maß des Eifers Alles gefährden konnten. Trotz ihrer langen, ver⸗ trauten Bekanntſchaft mit den Wäldern fühlten ſie doch Alle durch den düſtern Charakter des verſchatteten Fluſſes ihr Unbehagen ver⸗ mehrt; und als die Arche die erſte Windung im Susquehannah erreichte, und das Auge der breiteren Ausdehnung des See's an⸗ ſichtig wurde, fühlten Alle eine Herzenserleichterung, die vielleicht Keiner gerne geſtanden hätte. Hier ward der letzte Stein aus der Tiefe gehoben, und das Tau führte jetzt gerade auf den Anker zu, der, wie Hutter angegeben, über der Ausmündung des Fluſſes aus⸗ geworfen worden war. „Gott ſey Dank!“ rief Hurry,„hier iſt doch Tageslicht, und wir werden bald im Fall ſeyn, unſre Feinde zu ſehen, wenn wir etwas von ihnen ſpüren ſollten.“ 81 ar,„Das iſt Mehr, als Ihr oder irgend ein Menſch ſagen kann,“ im brummte Hutter.„Es gibt keinen Platz, ſo geeignet eine Truppe ts, zu verſtecken, wie das Ufer um die Mündung; und der Augenblick, ſie wo wir an jenen Bäumen vorbeifahren, und ins offne Waſſer ge⸗ ſch langen, wird der gefahrdrohendſte Zeitpunkt ſeyn, weil da der Feind rit. noch einen Verſteck hat, während wir ihn verlieren. Judith, Mäd⸗ chen, Du und Hetty überlaßt jetzt das Ruder ſich ſelbſt und geht t, in die Cajüte hinein, und hütet Euch, Eure Geſichter an einem i⸗ Fenſter zu zeigen; denn diejenigen, die ſie erblickten, würden ſich 1⸗ nicht dabei aufhalten, ihre Schönheit zu rühmen. Und jetzt, Hurry, er wollen wir ſelbſt in dieß äußere Gemach treten, und durch die ⸗ Thüre an dem Thau ziehen, wo wir Alle wenigſtens vor einem n erſten Ueberfall ſicher ſeyn werden. Freund Wildtödter, da die 8 Strömüung jetzt gelinder iſt, und das Tau den erforderlichen Zug 3 hat, ſo viel die Vorſicht geſtattet, geht Ihr beſtändig von Fenſter r zu Fenſter herum, hütet Euch aber, Euren Kopf ſehen zu laſſen, wenn Euch Euer Leben lieb iſt. Niemand weiß, wann oder wo wir von unſern Nachbarn hören werden.“ Wildtödter gehorchte mit einer Empfindung, die Nichts von Furcht an ſich hatte, wohl aber das ganze Intereſſe einer neuen und höchſt aufregenden Situation. Zum erſtenmal in ſeinem Leben war er in der Nähe von Feinden, oder hatte doch guten Grund dieß zu glauben, und dazu noch unter Umſtänden, wo das Schau⸗ derhafte indianiſcher Ueberfälle und Liſten ihm nahe gerückt war. Als er ſeine Stellung an einem Fenſter einnahm, fuhr die Arche gerade durch die ſchmalſte Stelle des Fluſſes— den Punkt, wo das Waſſer erſt in das eigentliche Strombett ſich ergoß, und wo . die oben dicht verſchlungenen Bäume das Waſſer in einen Bogen von Grün ſich ergießen machten;— ein dieſem Lande vielleicht ſo eigenthümlicher, auszeichnender Zug, als in der Schweiz der Um⸗ ſtand, daß die Flüſſe im buchſtäblichen Sinne aus Kammern von Eis hervorbrechen. 3 Der Wildtödter. 3. Aufl. 6 8 82² Die Arche ging eben an der letzten Krümmung dieſer belaub⸗ ten Pforte vorbei, als Wildtödter, nachdem er Alles unterſucht, was vom öſtlichen Ufer des Fluſſes zu ſehen war, durch das Ge⸗ mach ſchritt, um vom gegenüber liegenden Fenſter aus nach dem weſtlichen zu ſchauen. Seine Ankunft bei dieſer Oeffnung war ſehr zur rechten Zeit, denn kaum hatte er ſein Auge einer Spalte genähert, als ſich ihm ein Anblick darbot, der eine ſo junge und unerfahrene Schildwache wohl beſtürzen konnte. Ein junger Baum beugte ſich über das Waſſer beinahe in einem Halbzirkel, der zuerſt zum Licht emporgewachſen, dann von der Wucht des Schnees dieſe gedrückte Stellung angenommen hatte,— ein Umſtand, den man in den amerikaniſchen Wäldern häufig findet. Auf dieſem Baum waren bereits nicht weniger als ſechs Indianer erſchienen, und Andre ſtanden bereit, ihnen zu folgen, ſobald Raum würde; Alle waren ſichtlich gemeint, auf dem Stamm herauszulaufen und auf Nähe den Händen Halt genug gaben, und der Fall zu unbedeutend war, um Beſorgniß einzuflößen. Als Wildtödter zuerſt dieſe Truppe erblickte, trat ſie gerade aus dem Verſteck hervor, und ſtieg an dem Baum empor, da, wo er der Erde am nächſten und bei wei⸗ tem am ſchwierigſten zu überſteigen war; und ſeine Bekanntſchaft mit den Sitten der Indianer zeigte ihm auf Einen Blick, daß ſie Alle in ihrer Kriegsbemalung waren, und einem feindlichen Stamm „Zieht, Hurry,“ ſchrie er,„zieht, ſo lieb Euch Euer Leben und Judith Hutter iſt! Zieht, Mann! zieht!“. Dieſer Aufruf erging an einen Mann, der, wie Wildtödter wußte, Rieſenkräfte beſaß. Er war ſo ernſt und feierlich, daß Hutter und March wohl fühlten, er ſey nicht umſonſt ergangen, und ſie ſtrengten in Einem Augenblick zugleich alle ihre Kräfte an dem Tau an, und in einem höch verdoppelte ihre Bewegung, und gleiten, als wüßte ſie, welche Gefas dianer, bemerkend, daß ſie entdeckt w Kriegsgeheul aus, eilten auf dem Bau! verzweifelten Muthes auf ihre ſicher waren ihrer ſechs auf dem Baum und Alu Alle, außer dem Anführer, fielen in den Fluß entfernt von der Arche, je nachdem ſie früher o Platz des Abſprungs kamen. Der Häuptling, der der erſten Poſten eingenommen, und ſo früher zum Sprul die Uebrigen, erreichte noch die Fähre gerade am Hintertheitt Sprung wurde ſo ziemlich höher als er vermuthet hatte, er we leicht betäubt, und blieb einen Augenblick halb gebeugt und ſeinen Lage nicht recht bewußt. In dieſem Augenblick ſtürzte Judith aus der Cajüte hervor, ihre Schönheit noch erhöht durch die Aufregung dieſes kecken Beginnens, wodurch ihre Wange von hohem Purpur überzogen wurde, und all ihre Kraft mit gewaltiger Anſtrengung zuſammenraffend, ſtieß ſte den Eindringling über den Rand der Fähre hinaus, kopfüber in den Fluß. Nicht ſobald hatte ſie dieſe entſchloſſene That ausgeführt, als das Weib wieder ſein Recht behauptete; Judith ſchaute über den Spiegel hinaus, um zu ſehen, was aus dem Manne geworden, und der Ausdruck ihrer Augen milderte ſich zur Theilnahme; dann flammte ihre Wange, halb vor Schaam, halb vor Ueberraſchung über ihre eigne Verwegenheit; und dann lachte ſie in ihrer luſtigen und holdſeligen Art. Alles dieß ging in weniger als einer Minute vor, als ſich der Arm Wildtödters um ihren Leib ſchlang, und ſie ſich raſch unter den Schutz der Cajüte zurückgezogen ſah. Dieſer Rückzug geſchah nicht zu bald. Kaum waren Beide in Sicherheit, als der Wald ſich mit gellendem Geſchrei erfüllte, und Kugeln an die Planken zu ſchlagen anfingen. eile her ſich raſch bewegt hatte, ſe vorüber, ſchon der Gefahr der ſe Wilden hörten, ſobald der erſte „ auf, zu feuern, in der Ueberzeu⸗ on vergeblich verſchwendeten. Als die ikam, lichtete Hutter dieſen ſo, daß er cht ſtörte; und da ſie jetzt außer dem Be⸗ ſich befanden, ſetzte das Fahrzeug ſeine Rich⸗ ganz im offenen See waren, obwohl noch dem daß es gefährlich geweſen wäre, ſich einer Büchſen⸗ zu ſtellen. Hutter und March holten zwei kleine Ruder⸗ hervor, und unter dem Schutz der Cajüte drängten ſie die Arche weit genug von dem Ufer weg, um ihren Feinden alle Luſt zu einem weitern Verſuch, ihnen ein Leid zuzufügen, zu benehmen. Fünftes Kapitel. Laßt weinen das Thier, vom Pfeile wund, Friſchem Hirſch ſey's Spiel nicht vergällt; Einer ſchläft, Einer wacht zur ſelben Stund'; Das iſt der Lauf der Welt. Shakſpeare. Wieder fand eine Berathung ſtatt auf dem Vordertheil der Fähre, bei welcher Judith und Hetty anweſend waren. Da jetzt keinerlei Gefahr ſich ungeſehen nähern konnte, hatte die augenblick⸗ liche Unruhe der Beſorgniß Platz gemacht, welche die Ueberzeugung begleitete, daß Feinde in anſehnlicher Anzahl ſich am Ufer des See's befanden, und daß ſie darauf zählen konnten, es werde kein irgend thunliches Mittel, ihren Untergang herbeizuführen, von den Feinden außer Acht gelaſſen werden. Natürlich empfand Hutter dieſe Umſtände am tiefſten, da ſeine Töchter gewohnt waren, ſich 8⁵ immer unbedingt auf ſeine Klugheit und Maßregeln zu verlaſſen, und zu wenig Einſicht beſaßen, um alle ihnen drohenden Gefahren in ihrem ganzen Umfang zu würdigen; waͤhrend es ſeinen männ⸗ lichen Genoſſen frei ſtand, ihn jeden Augenblick zu verlaſſen, wo es ihnen dienlich ſchien. Seine erſte Aeußerung zeigte, daß er den letztern Umſtand wohl in's Auge faßte, und hätte einem ſcharfen Beobachter leicht verrathen, welche Beſorgniß eben jetzt in ſeiner Seele die überwiegende war. „Wir haben einen großen Vortheil über die Irokeſen, oder Wer immer unſre Feinde ſind, darin, daß wir uns auf dem See befinden,“ ſagte er.„Es iſt kein Canoe um den See herum, von dem ich nicht wüßte, wo es verborgen iſt; und nachdem das Eurige hier iſt, Hurry, ſind nur noch drei auf dem Land, und ſie ſind ſo hübſch verſteckt in hohlen Stämmen, daß ich nicht glauben kann, die Indianer werden ſie finden, verſuchten ſie es auch noch ſo lang.“ „Das läßt ſich nicht ausmachen— Niemand kann das ſagen,“ verſetzte Wildtödter;„ein Hund iſt nicht ſichrer auf der Spur einer Witterung als eine Rothhaut, wenn er Etwas dadurch zu erhaſchen denkt. Laßt die Leute nur Skalpe vor ſich ſehen, oder Plünderung, oder Ehre, nach ihren Ideen von dem was CEhre iſt, ſo müßte das ein dicker Baumſtamm ſeyn, der ein Canoe ihren Augen verbärge.“ „Ihr habt Recht, Wildtödter,“ rief Harry March;„Ihr ſprecht wie ein Evangelium in dieſer Sache, und ich bin froh, daß meine Nußſchaale von Barke hier, im Bereich meines Armes, ſicher genug iſt. Ich kalkulire, ſie werden alle übrigen Canoes noch vor morgen Nacht aufſpüren, wenn es ihnen ein rechter Ernſt iſt, Euch fortzuräuchern, alter Tom, und wir dürfen wohl unſre Ruder recht brauchen, um vorwärts zu kommen.“ Hutter antwortete im Augenblicke nicht. Er ſah ſich eine Minute ſtillſchweigend um; er betrachtete genau den Himmel, den — — — — See und den Gürtel Wald, der ihn gleichſam hermetiſch einſchloß⸗ als zöge er ihre Zeichen zu Rathe. Auch fand er keine beun⸗ ruhigenden Symptome. Die grenzenloſen Wälder ſchlummerten in der tiefen Ruhe der Natur, der Himmel war heiter, aber noch hell und glänzend von dem Licht der ſcheidenden Sonne, während der See lieblicher und freundlicher ausſah, als den ganzen Tag über. Es war eine wahrhaft beruhigende Scene, geeignet, die leidenſchaftlichen Gefühle in eine Art heiligen Friedens einzulullen. In wie weit ſie jedoch dieſe Wirkung auf die Geſellſchaft in der Arche ausübte, muß aus dem weitern Verlauf unſerer Erzählung erhellen. „Judith,“ rief der Vater, nachdem er dieſen kurzen aber genau prüfenden Blick auf die Vorbedeutungen der Umgebung ge⸗ worfen,„die Nacht ſteht vor der Thüre; ſchaffe Speiſe für unſere Freunde her; ein weiter Marſch ſchärft den Hunger.“ „Wir ſterben nicht Hungers, Meiſter Hutter,“ bemerkte March,„denn wir haben uns geſättigt, gerade wie wir den See erreichten, und ich meines Theils ziehe die Geſellſchaft Judiths ſelbſt ihrem Abendbrod vor. Dieſer ruhige Abend iſt ganz lieblich an ihrer Seite zu ſitzen.“ „Natur iſt Natur,“ bemerkte dagegen Hutter,„und muß ihre Nahrung haben. Judith, beſorge die Mahlzeit und nimm deine Schweſter mit, dir zu helfen. Ich habe noch ein Wenig mit Euch zu ſprechen, Freunde,“ fuhr er fort, ſobald ſeine Töchter außer Gehörweite waren,„und wünſchte die Mädchen weg zu haben. Ihr ſeht meine Lage, und ich möchte gern Eure Anſichten hören, was Ihr zu thun für's Beſte haltet. Dreimal habe ich ſchon mein Haus niederbrennen ſehen, aber das war auf dem Land; und ich habe mich ziemlich ſicher geglaubt, ſeit ich das Caſtell gebaut und die Arche auf dem Waſſer hatte. Meine andern Unfälle jedoch trugen ſich in friedlichen Zeiten zu, und waren nichts weiter, als ſolche Ungelegenheiten, wie ſie wohl einen 87 Mann in den Wäldern von Zeit zu Zeit überraſchen; aber dieſe Sache ſieht ernſt aus, und Eure Ideen würden meinem Gemüth eine große Laſt abnehmen.“ „Nach meinem Begriff von der Sache, alter Tom, ſeyd Ihr und Eure Hütten und Eure Fallen und alle Eure Beſitzthümer hier herum in verzweifelter Gefahr,“ verſetzte der derbe Hurry, der Verheimlichung ſeiner Gedanken für unnöthig hielt.„Nach meinen Ideen von Werth ſind ſie heute nicht halb ſo viel werth als ſie geſtern waren, auch gäbe ich nicht mehr dafür, die Be⸗ zahlung in Häuten geleiſtet.“ „Und dann habe ich Kinder!“ fuhr der Vater fort, und brachte dieſe Erwähnung in einem Tone vor, welcher ſelbſt einen unbe⸗ fangenen Beobachter in Verlegenheit würde geſetzt haben, wenn er hätte ſagen ſollen, ob ſie als Lockſpeiſe gemeint, oder nur ein Ausruf natürlicher Beſorgniß war;„Töchter, wie Ihr wißt, Hurry; und gute Mädchen dazu, wie ich wohl ſagen darf, ob⸗ gleich ich ihr Vater bin.“ „Ein Mann darf Alles ſagen, Meiſter Hutter, zumal wenn er von Zeit und Umſtänden gedrängt iſt. Ihr habt Töchter, wie Ihr ſagt, und Eine davon hat nicht ihresgleichen auf den Grenzen, was das gute Ausſehen betrifft, mag ſie auch welche haben, was das gute Betragen anlangt. Und die arme Hetty — die iſt eben Hetty Hutter; das iſt Alles, was ſich von dem armen Ding ſagen läßt. Ich lobe mir Jude, wenn nur ihre Auf⸗ führung ihrem Ausſehen gleich käme!“ „Ich ſehe, Harry March, ich kann auf Euch nur als Schoͤn⸗ wetterfreund zählen; und ich denke, Euer Begleiter hat dieſelbe Denkweiſe,“ verſetzte der Andere mit einem leichten Anflug von Stolz, der nicht ohne Würde war;„nun gut, ich muß mich auf die Vorſehung verlaſſen, die vielleicht kein taubes Ohr haben wird für das Gebet eines Vaters.“ „Wenn Ihr den Hurry da ſo verſtanden habt, als ſey er ———— irararh — 1 88 gemeint, Euch im Stich zu laſſen,“ ſagte Wildtödter mit ernſter Einfachheit, welche doppelt für ſeine Wahrhaftigkeit bürgte,„ſo thut Ihr ihm, glaube ich, Unrecht; ſo wie ich weiß, daß Ihr mir Unrecht thut, wenn Ihr vorausſetzt, ich würde ihm folgen, hätte er ein ſo treuloſes Herz, daß er eine Familie von ſeiner eignen Farbe in einer ſolchen Bedrängniß verließe. Ich bin an dieſen See gekommen, Meiſter Hutter, um nach einer Verabredung einen Freund zu treffen, und ich wünſchte nur, er wäre ſelbſt hier, wie er denn ohne allen Zweifel morgen um Sonnenuntergang hier ſeyn wird, in welchem Fall Ihr dann eine weitere Büchſe zu Eurer Vertheidigung hättet; eine noch nicht erprobte, ich geſteh' es, wie auch meine eigene; aber eine, die ſich ſo oft ſchon am Wild, großem und kleinem, bewährt hat, daß ich für ihre Dienſte gegen Menſchen bürgen will.“ „Kann ich alſo auf Euch zählen, Wildtödter, daß Ihr mir und meinen Töchtern beiſtehen wollt?“ fragte der Alte mit der Beſorgniß eines Vaters in ſeinen Geſichtszügen. „Das könnt Ihr, Floating Tom, wenn das Euer Name iſt; und wie ein Bruder ſeiner Schweſter, ein Gatte ſeinem Weib, oder ein Freier ſeiner Geliebten beiſtehen würde. In dieſer Bedrängniß könnt Ihr auf mich zählen unter allen Widerwärtigkeiten; und ich denke, Hurry müßte ſeine Natur und ſeine Wünſche verläugnen, wenn Ihr nicht auf ihn zählen könntet.“ „O nein!“ rief Judith, ihr ſchönes Geſicht zur Thüre heraus ſtreckend,„ſeine Natur iſt haſtig und eilfertig, wie ſein Name an⸗ zeigt, und er wird davon eilen, ſobald er ſein ſauberes Geſicht in Gefahr glaubt. Weder der ‚alte Tom' noch ſeine ‚Mädels“ werden ſich ſtark auf Meiſter March verlaſſen, nunmehr ſie ihn kennen, aber auf Euch werden ſie bauen, Wildtödter; denn Euer ehrliches Geſicht und ehrliches Herz bürgen uns dafür, daß Ihr leiſten werdet, was Ihr verſprecht.“ Sie ſagte dieß vielleicht ebenſo ſehr in erheuchelter Verachtung 89 gegen Hurry, als im Ernſt. Jedenfalls aber ſprach ſie nicht ohne Empfindung. Dieſen Umſtand bewies hinlänglich Judiths ſchönes Geſicht; und wenn der ſchuldbewußte March glaubte, nie einen lebhafteren Ausdruck von Hohn und Verachtung darauf geſehen zu haben— Gefühle, denen ſich die Schöne gern hingab— als während ſie ihn anſchaute, ſo hatte es gewiß auch ſelten mehr weibliche Sanftmuth und Rührung gezeigt, als da ihre ſprechenden blauen Augen auf ſeinen Reiſegenoſſen geheftet waren. „Verlaß uns, Indith,“ gebot Hutter ſtreng, ehe noch Einer der jungen Männer antworten konnte,„laß uns; und kehre nicht eher zurück, als bis du mit dem Wildpret und Fiſch kommſt. Das Mädchen iſt verderbt worden durch die Schmeichelei der Officiere, die manchmal ihren Weg hieher finden, Meiſter March, und Ihr werdet ihr einfältiges Geſchwätz Euch nicht kränken laſſen.“ „Ihr habt nie ein wahreres Wort geredet, alter Tom,“ erwiederte Hurry, dem es ſiedend heiß ward bei Judiths Aeuße⸗ rungen;„die teufelszüngigen Laffen von der Garniſon haben ſie ganz verderbt! Ich kenne Jude kaum mehr, und werde mich bald entſchließen, ihre Schweſter zu bewundern, die nachgerade viel mehr nach meinem Geſchmack iſt.“ „Es freut mich, das zu hören, Harry, ich ſehe es als ein Zeichen an, daß Ihr allmählig zur rechten Beſinnung kommt. Hetty würde eine viel zuverläßigere und vernünftigere Lebensge⸗ noſſin abgeben als Jude und würde auch höchſt wahrſcheinlich am meiſten Eurer Bewerbung Gehör geben, da die Officiere, wie ich ſehr fürchte, ihrer Schweſter den Kopf verrückt haben.“ „Niemand kann ſich ein zuverläßigeres Weib wünſchen als Hetty,“ ſagte Hurry lachend,„obgleich ich nicht dafür ſtehen möchte, daß ſie das vernünftigſte wäre. Aber das thut Nichts; Wildtödter hat mich nicht falſch verſtanden, wenn Er geſagt, ich würde mich auf meinem Poſten finden laſſen. Ich werde Euch nicht verlaſſen, Oheim Tom, im jetzigen Augenblick, was auch meine Gefühle und Abſichten in Betreff Eurer älteſten Tochter ſeyn mögen.“ Hurry beſaß unter ſeinen Genoſſen einen anſehnlichen Ruf wegen ſeiner Tapferkeit, und Hutter vernahm ſeine Verſicherung mit unverhehlter Zufriedenheit. Schon die große körperliche Stärke eines ſolchen Bundesgenoſſen war von Wichtigkeit bei den Bewegungen der Arche, ſo wie bei der Art von Handgemenge, wie es nicht ſelten in den Wäldern vorkam, und kein hartbedrängter Feldherr konnte eine lebhaftere Freude empfinden bei der Nachricht von eingetroffnen Verſtärkungen, als der Grenzmann fühlte bei der Verſicherung dieſes wichtigen Beiſtands, ihn nicht verlaſſen zu wollen. Eine Minute vorher wäre Hutter ſehr wohl zufrieden geweſen, ein Abkommen mit ſeiner Gefahr zu treffen, in der Art, daß er ſich verbindlich gemacht hätte, ſich auf der Defenſive zu halten; aber ſobald er ſich über jenen Punkt beruhigt fühlte, ver⸗ lockte ihn auch ſchon die natürliche Raſtlofigkeit des Menſchen, auf Mittel zu denken, den Krieg in's Land des Feindes zu tragen. „Hohe Preiſe ſind auf beiden Seiten auf Skalpe geſetzt,“ bemerkte er mit grimmigem Lächeln, als fühlte er die Gewalt der Verſuchung, während er doch zugleich die Miene anzunehmen ſuchte, als dünke er ſich zu vornehm, Geld zu erwerben auf eine Weiſe, die das gewöhnliche Gefühl derer mißbilligte, welche auf den Namen civiliſirter Menſchen Anſpruch machten, während man ſich doch dazu entſchloß.„Es iſt vielleicht nicht recht, Gold für Menſchenblut zu nehmen; und doch, wenn Menſchen einmal darauf aus ſind, einander zu toͤdten, ſo iſt es wohl kein ſo arges Unrecht, wenn ein Stückchen Haut bei der Plünderung mit drein geht. Was ſind Eure Anſichten, Hurry, über dieſe Punkte?“ „Da habt Ihr einen ungeheuern Fehler begangen, Alter, daß Ihr das Blut von Wilden überhaupt Menſchenblut genannt habt. Ich mache mir ſo Wenig aus dem Skalp einer Rothhaut, als aus einem Paar Wolfsohren, und würde eben ſo gern Geld für jenen — 9—— als für dieſe einſtreichen. Bei weißen Menſchen iſt es ein Andres, denn die haben eine natürliche Averſion davor, ſkalpirt zu werden; während ein Indianer ſich den Kopf abraſirt, damit das Meſſer bequem zu kann, und einen Buſch Haar ſtehen läßt, noch oben ein, zur Prahlerei, daran man ihn faſſen kann.“ „Nun, das iſt männlich, und ich fühlte von Anfang an, daß wir Euch nur an unſrer Seite zu haben brauchten, um Euch zu haben mit Herz und Hand,“ erwiederte Tom, der alle Zurückhaltung fahren ließ, da er jetzt erneutes Vertrauen zu der Geſinnung ſeines Genoſſen faßte.„Es kann etwas Mehr und Anderes herauskom⸗ men bei dieſem Einfall der Rothhäute, als ſie gerechnet haben. Wildtödter, ich bilde mir ein, Ihr ſeyd auch der Anſicht Hurry's, und betrachtet Geld, das auf dieſe Weiſe gewonnen wird, als ebenſo vollgültig, wie ſolches, das man mit Fallenſtellen und Jagen erwirbt.“ „Ich habe keine ſolche Geſinnungen, wünſche mir auch keine, für meinen Theil,“ erwiederte dieſer.„Meine Gaben ſind nicht die Gaben eines Skalpirers, ſondern ſo, wie ſie ſich für meine Religion und Farbe gehören. Ich will bei Euch ſtehen, alter Mann, in der Arche oder im Caſtell, im Canoe oder in den Waͤldern, aber ich will nicht meine Natur entmenſchlichen, indem ich auf Sitten und Bräuche verfiele, die Gott für eine andere Race beſtimmt hat. Wenn Ihr und Hurry Gedanken gefaßt habt, die ſich nach dem Golde der Colonie hinneigen, ſo geht Ihr allein Eurem Gewerbe nach, und überlaßt die Weiber meiner Obhut. So ſehr ich in meiner Anſicht von Euch Beiden abweichen muß in Betreff aller Gaben, die nicht eigentlich einem weißen Mann gehören, werden wir doch darin gleich denken, daß es Pflicht des Starken iſt, ſich der Schwachen anzunehmen, zumal wenn die Letztern zu denen gehören, welche der Mann nach dem Willen der Natur ſchützen und tröſten ſoll durch ſeinen Edelmuth und ſeine Stärke.“ „Hurry Harry, das iſt eine Lehre, die Ihr Euch merken und 92² mit Vortheil ausüben dürftet,“ ſagte die ſüße aber lebhafte Stimme Judiths aus der Cajüte— ein Beweis, daß ſie alles bisher Geſprochene gehört hatte. „Nichts mehr davon, Jude!“ rief der Vater zornig.„Geh weiter weg; wir haben von Sachen zu reden, die Weiber nicht hören dürfen.“ Hutter that jedoch keine Schritte, um ſich zu vergewiſſern, ob ihm gehorcht werde oder nicht; er ließ nur ſeine Stimme etwas finken und fuhr in ſeiner Unterredung fort. „Der iunge Mann hat Recht, Hurry,“ ſagte er,„und wir können die Kinder ſeiner Obhut überlaſſen. Meine Idee nun iſt dieſe, und ich denke, Ihr werdet ſie auch für vernünftig und richtig erklären. Es iſt eine große Truppe dieſer Wilden am Ufer; und, obgleich ich es nicht vor den Mädchen ſagen mochte, denn ſie ſind weibermäßig und werden leicht unruhig und überläſtig, wenn einmal rechte Arbeit zu thun iſt— es ſind Weiber darunter. Ich weiß das aus Moccaſin⸗Spuren; und vermuthlich ſind es am Ende eben Jäger, die ſo lang aus geweſen ſind, daß ſie noch Nichts von dem Kriege, noch von den ausgeſetzten Preiſen wiſſen.“ „Aber in dieſem Fall, alter Tom, warum beſtand denn ihr erſter Gruß in dem Verſuch, uns Allen die Kehlen abzuſchneiden?“ „Wir wiſſen nicht, ob ihr Vorhaben wirklich ſo blutdürſtig war. Es iſt bei einem Indianer eine leichte und natürliche Sache, Hinterhalte und Ueberfälle zu machen; und ohne Zweifel war ihr Wunſch, erſt an Bord der Arche zu kommen, und dann erſt ihre Bedingungen zu machen. Daß ein in ſeiner Abſicht getäuſchter Wilder auf uns feuert, iſt in der Ordnung, und ich denke daran gar nicht. Zudem, wie oft haben ſie mir das Haus niedergebrannt und meine Fallen geplündert— ja, und auf mich geſchoſſen, wäh⸗ rend der allerfriedlichſten Zeiten?“ „Die Lumpenkerls thun wohl ſolche Dinge, ich muß geſtehen, und wir bezahlen ſie hübſch in ihrer eignen Münze. Weiber würden nicht auf dem Kriegspfad mitziehen, das iſt gewiß; und in ſo weit hat Eure Idee wohl Grund.“ „Aber ein Jäger würde nicht in ſeiner Kriegsbemalung er⸗ ſcheinen,“ verſetzte Wildtödter.„Ich habe die Mingos geſehen und weiß, daß ſie auf der Fährte von ſterblichen Menſchen ſind, und nicht von Bibern oder Wildpret.“ „Da habt Ihr's wieder, alter Geſell,“ ſagte Hurry.„Ja, was das Auge betrifft, da würde ich mich auf dieſen jungen Mann ſo gut verlaſſen, wie auf den älteſten Anſiedler in der Colonie; wenn er ſagt: bemalt, ſo war es auch bemalt.“ „Dann ſind eine Jagdgeſellſchaft und eine Kriegstruppe zu⸗ ſammengeſtoßen, denn Weiber müſſen dabei geweſen ſeyn. Es iſt erſt wenige Tage her, daß der Eilbote durchkam mit der Zeitung von den Unruhen, und vielleicht dieſe Krieger ſind gekommen, um ihre Weiber und Kinder nach Haus zu rufen und raſch einen Streich zu führen.“ „Das wird wohl die Probe beſtehen und iſt gewiß die Wahr⸗ heit,“ rief Hurry;„jetzt habt Ihr es getroffen, alter Tom, und ich möchte gern wiſſen, was Ihr nun dabei im Sinn habt?“ „Den Preis;“ verſetzte der Andere, ſeinen aufmerkſamen Ge⸗ noſſen mit kühler, trotziger Miene betrachtend, worin jedoch herz⸗ loſe Habſucht und Gleichgültigkeit gegen jedes Mittel weit mehr ſich ausſprachen, als irgend ein Gefühl von Erbitterung oder Rach⸗ ſucht.„Wenn Weiber dabei ſind, ſo ſind auch Kinder da; und Groß und Klein haben Skalpe; die Colonie zahlt für Alle gleich.“ „Um ſo ſchmählicher für ſie, daß ſie es thut,“ unterbrach ihn Wildtödter;„um ſo ſchmählicher für ſie, daß ſie ihre Gaben nicht verſteht, und nicht beſſer auf den Willen Gottes achtet.“ „Nehmt Vernunft an, Junge, und ſchreit nicht ſo laut, eh' Ihr einen Fall verſteht,“ erwiederte der unerſchütterliche Hurry; „die Wilden ſkalpiren Eure Freunde, die Delawaren oder Mohi⸗ kans, was ſie nun ſeyen, mit den Uebrigen; und warum ſollten — — — — 94 wir nicht ſkalpiren? Ich geſteh' es, es wäre gegen das Recht für Euch und für mich, jetzt hinzugehen in die Anſiedlungen, und dort Skalpe zu holen, aber es iſt ein ganz andres Ding mit Indianern. Ein Mann ſollte keine Skalpe machen, wenn er nicht darauf gefaßt iſt, ſelbſt auch ſkalpirt zu werden bei vorkommender Gele⸗ genheit. Ein guter Dienſt iſt den andern werth in der ganzen Welt. Das heißt Vernunft, und ich glaube es iſt gute Religion.“ „Ja, Meiſter Hurry,“ unterbrach wieder die klangreiche Stimme Judiths,„iſt es auch Religion, zu ſagen: ein böſer Dienſt iſt den andern werth?“ „Ich will nimmermehr mit Euch ſtreiten, Judy, denn Ihr ſchlagt mich mit Schönheit, wenn Ihr es mit Verſtand nicht könnt. Da ſind die Canadas, die bezahlen ihren Indianern die Skalpe, und warum ſollten nicht wir bezahlen—⸗ „Unſre Indianer!“ rief das Mädchen, und lachte in einer Art von melancholiſcher Luſtigkeit.„Vater, Vater, denkt nicht mehr an dieſen, und hört auf den Rath Wildtödters, der ein Ge⸗ wiſſen hat; und das iſt Mehr, als ich von Harry March ſagen oder glauben kann.“ Beſprechung im Verlauf der Erzählung an den Tag kommen wird, braucht ſie hier nicht ausführlich berichtet zu werden. Der Leſer jedoch wird ſich ohne Schwierigkeit denken können, welche Art von Sittlichkeit bei dieſer Unterredung den Vorſitz führte. Es war in der That diejenige, die, in einer oder der andern Geſtalt, die meiſten Handlungen der Menſchen beherrſcht, und bei welcher der maßgebende Grundſatz der iſt: ein Unrecht rechtfertige das andere. Ihre Feinde bezahlten für Skalpe; und das genügte, die Colonie zu rechtfertigen, wenn ſie Gleiches mit Gleichem vergalt. Allerdings führten die Franzoſen daſſelbe Argument für ſich an, ein Um⸗ ſtand, der, wie Hurry gegen eine Einwendung Wildtödters zu bemerken die Gelegenheit ergriff, deſſen Wahrheit bewies, da Tod⸗ feinde wohl ſchwerlich auf denſelben Grund ſich berufen würden, wenn es nicht ein triftiger und guter wäre. Aber weder Hutter noch Harry waren Männer, die ſich ſo leicht durch Kleinigkeiten irre machen ließen in Sachen, welche die Rechte der Ureinwohner betrafen; denn es iſt einmal eine der Folgen des ungerechten An⸗ griffs, daß er das Gewiſſen verhärtet— das einzige Mittel, es zu beſchwichtigen. In dem friedlichſten Zuſtand des Landes hatte eine Art von Krieg fortgedauert zwiſchen den Indianern, beſonders denen von Canada, und Leuten von ihrem Stamme; und ſobald der wirkliche, anerkannte Krieg erklärt war, galt er auch als ein geſetzlich erlaubtes Mittel, tauſend wirkliche oder eingebildete Un⸗ bilden zu rächen. Dann lag auch einige Wahrheit und ſehr viel Bequemlichkeit in dem Grundſatz der Wiedervergeltung, auf den ſich Beide ganz beſonders beriefen, um die Einwürfe ihres rechtli⸗ cheren und gewiſſenhafteren Genoſſen zu beantworten. „Ihr müßt einen Mann mit ſeinen eignen Waffen bekämpfen, Wildtödter,“ ſchrie Hurry in ſeiner rauhen Sprache und in der abſprechenden Art, womit er alle moraliſchen Sätze behandelte; „wenn er wild iſt, müßt Ihr noch wilder ſeyn; iſt er von mann⸗ haftem Herzen, müßt Ihr noch mannhafter ſeyn. Das iſt die Art, Chriſten oder Wilde unterzukriegen; wenn Ihr dieſer Fährte folgt, werdet Ihr am eheſten zum Ziel Eurer Reiſe gelangen.“ „Das iſt nicht die Lehre der Mähriſchen Brüder, welche viel⸗ mehr ſagt, daß alle Menſchen zu beurtheilen ſind nach ihren Ta⸗ lenten, oder ihren Einſichten; der Indianer als Indianer— der weiße Mann als Weißer. Einige ihrer Lehrer ſagen, wenn man auf den rechten Backen geſchlagen werde, ſo ſey es Pflicht, den andern auch hinzubieten, und noch einen Schlag zu dulden, ſtatt daß man Rache ſuche, was ich ſo verſtehe—“ — — — —— — =— — „Das iſt genug!“ brullte Hurry;„das iſt Alles, was ich verlange, um eines Mannes Lehre zu ſchätzen! Wie viel Zeit würde es erfordern, einen Mann mit Fußtritten durch die Colonie zu be⸗ fördern— am einen Ende hinein, am andern hinaus— nach die⸗ Ueberſteh Alles, was du kannſt, das iſt gemeint; und räche nicht Alles, was du kannſt. Was die Fußtritte betrifft, Meiſter Hurry,“ und Wildtöoͤdters ſonnverbrannte Wange flammte, wie er würde befaſſen wollen. Was ich ſagen wollte, iſt: daß die Roth⸗ häute ſkalpiren, rechtfertigt es nicht, daß auch die Bleichgeſichter ſkalpiren.“ „Thut, was man Euch thut, Wildtöͤdter, das iſt immer des chriſtlichen Pfaffen Lehre.“ „Nein, Hurry, ich habe darüber die Mähriſchen Brüder be⸗ fragt, und es lautet ganz anders: ‚thut, was Ihr wün ſcht, daß die Leute Ench thun⸗. ſagen ſie mir, ſey die rechte Lehre, wäh⸗ rend die Menſchen nach der falſchen handeln. Sie halten es für ein Unrecht bei allen Colonien, welche Preiſe für Skalpe an⸗ bieten, und meinen, es werde kein Segen herauskommen bei dieſen Maßregeln. Vor allem verbieten ſie die Rachſucht!“ „Geht mir mit Euren Mähriſchen Brüdern!“ und ſchnippt Der verächtliche Ton Hurrys ſchnitt eine Erwiederung ab, de und er und der Alte fuhren in der Beſprechung ihrer Plane fort, he⸗ in leiſerem und vertraulicherem Tone. Dieſe Berathung dauerte, e⸗ bis Judith erſchien und das einfache aber wohlſchmeckende Abend⸗ eſſen brachte. March bemerkte mit einiger Ueberraſchung, daß ſie r Wildtödter die leckerſten Biſſen vorlegte, und daß ſie durch die klei⸗ 3 nen, namenloſen Aufmerkſamkeiten, welche ſie zu erweiſen wohl . verſtand, ganz deutlich zu erkennen zu geben die Abſicht hatte, daß 3 ſie ihn als den vorzugsweiſe geehrten Gaſt betrachtete. Gewöhnt : jedoch an den Eigenſinn und die Koketterie der Schoͤnen, erfüllte ihn dieſe Entdeckung mit keiner ſonderlichen Unruhe, und er aß mit einem Appetit, der ſich keineswegs durch gemüthliche Rückſichten ſtören ließ. Da die leichtverdaute Nahrung der Wälder der Be⸗ friedigung des großen phyſiſchen Genuſſes gar wenig Hinderniſſe in den Weg legte, blieb Wildtödter, trotz der herzhaften Mahlzeit, welche Beide in den Wäldern gehalten, in keiner Weiſe hinter ſeinem 4 Genoſſen zurück in thätlicher Anerkennung der Güte der Speiſen. Eine Stunde ſpäter war die ganze Scene ſehr verändert. Der See war noch friedlich und ſpiegelklar, aber die Dämmerung des ſpätern Abends war auf das ſanfte Zwielicht eines Sommer⸗ abends gefolgt, und Alles innerhalb der dunkeln Einfaſſung der Wälder lag in der ſtillen Ruhe der Nacht. Die Forſten ließen keinen Geſang, keinen Schrei, nicht einmal ein Flüſtern hören, ſondern ſchauten von den Bergen auf das ſchöne Becken, das ſie umgaben, in feierlicher Stille herunter; und der einzige Laut, den man hörte, war das regelmäßige Klatſchen der Ruder, welche Hurry und Wildtödter bequem handhabten, die Arche nach dem Caſtell hin lenkend. Hutter hatte ſich auf das Hintertheil der Fähre zu⸗ rückgezogen, um zu ſteuern, aber da er fand, daß die jungen Män⸗ 4 ner ganz im Takt ruderten, und durch ihre eigne Geſchicklichkeit ganz in der gewünſchten Richtung blieben, hatte er das Steuer⸗ ruder im Waſſer nachſchleppen laſſen, ſich einen Sitz am Ende der Der Wildtödter. 3. Aufl. 7 — —— — — — — Fähre genommen, und ſeine Pfeife angezündet. Er ſaß ſo erſt wenige Minuten, als Hetty verſtohlen aus der Cajüte, oder dem Hauſe, wie ſie gewöhnlich dieſen Theil der Arche nannten, heran⸗ ſchlich, und ſich auf einer kleinen Bank, die ſie mitbrachte, zu ſeinen Füßen ſetzte. Da dieß Beginnen eben nichts Ungewöhnliches bei dem ſchwachſinnigen Kind war, beachtete es der Alte nicht weiter; er legte nur ſeine Hand in liebevoller, beifallgebender Weiſe auf ihr Haupt, eine Liebkoſung, die das Mädchen in ſtummer Sanft⸗ muth hinnahm. Nach einer Pauſe von einigen Minuten fing Hetty an zu ſingen. Ihre Stimme war ſchwach und zitternd, aber ernſt und feierlich. Die Worte und die Weiſe waren vo Art; es war eine Hymne, die ihre Mutter ſie gelehrt hatte, und eine jener natürlichen Melo dien, die bei allen Klaſſen, zu allen Zeiten Beifall und Gunſt finden, weil ſie vom Herzen kommen und ans Herz ſprechen. Hutter horchte nie dieſem einfachen Geſang, ohne daß ſein Herz und ſein Benehmen milder wurde; dieß wußte ſeine Tochter wohl, und ſie hatte es ſich ſchon oft zu Nutze ge⸗ macht vermöge jenes geheimen, heiligen Inſtikts, der oft die Gei⸗ ſtesſchwachen erleuchtet, zumal bei ihren guten Abſichten und Beſtrebungen. Hetty's leiſe, ſüße Töne drangen nur erſt einige Augenblicke durch die Lüfte, als das Klatſchen der Ruder aufhörte, und der heilige Geſang allein in der athmenden Stille der Wildniß zum Himmel emporſtieg. Wie wenn ſie im Verfolg der Hymne Muth gewänne, ſchien ihre Kraft, wie ſte weiter ſang, zu wachſen; und obgleich nichts Gemeines oder Schreiendes ſich in ihre Melodie miſchte, ſchwoll doch ihre Stärke und ſchwermüthige Zartheit hör⸗ bar an, bis die Luft erfüllt war von dieſer einfachen Huldigung einer Seele, die beinahe fleckenlos erſchien. Daß die Männer vorn. nicht gleichgültig blieben gegen dieſe rührende Unterbrechung, ging aus ihrer Unthätigkeit deutlich hervor; auch klatſchten nicht eher wieder ihre Ruder, als bis der letzte der ſüßen Töne wirklich er⸗ ſtorben war an den merkwürdigen Ufern, die in dieſer bezaubernden Stunde ſelbſt die leiſeſten Modulationen der menſchlichen Stimme weiter als eine Meile fortpflanzten. Hutter ſelbſt war gerührt; denn ſo roh er war vermöge ſeiner früh angenommenen Lebens⸗ weiſe, und ſo hartherzig ſogar er geworden war durch ſeine lange Bekanntſchaft mit den Sitten und Bräuchen der Wildniß, beſtand doch ſeine Natur aus jener furchtbaren Miſchung von Gut und Böſe, welche man überhaupt bei der moraliſchen Organiſation der Menſchen ſo vielfach findet. „Du biſt heute Nacht traurig, Kind,“ ſagte der Vater, deſſen Benehmen und Sprache gewöhnlich Etwas von der Feinheit und Erhebung des civiliſirten Lebens annahm, das er in ſeiner Jugend geführt hatte, wenn er ſo mit dieſem ſeltſamen Kind ſich unter⸗ hielt,„wir ſind eben erſt Feinden glücklich entgangen, und ſollten uns vielmehr freuen!“.. „Ihr könnt es nimmermehr thun, Vater!“ ſagte Hetty im leiſen Ton flehentlicher, abmahnender Bitte, indem ſie mit ihren beiden Händen ſeine harte, rauhe Hand ergriff;„Ihr habt lang mit Harry March geſprochen; aber Keiner von Euch wird das Herz haben, es zu thun.“ „Das geht über Deinen Kreis, närriſches Kind; Du biſt wohl ſo garſtig geweſen und haſt gehorcht, ſonſt könnteſt Du Nichts wiſſen von unſerm Geſpräche.“ „Warum wolltet denn Ihr und Hurry Leute tödten— und gar Weiber und Kinder?“ „Still, Mädchen, ſtill; wir leben im Krieg, und müſſen unſern Feinden thun, was ſie uns thun möchten.“ „Das iſt nicht ſo, Vater! Ich habe Wildtödter ſagen hören, wie es iſt. Ihr ſollt Euren Feinden thun, was Ihr wünſcht, daß Eure Feinde Euch thun! Niemand wünſcht, daß ſeine Feinde ihn tödten!“ —— — —— —— — — „Wir tödten unſre Feinde im Krieg, Mädchen, damit ſie nicht uns tödten. Eine Seite oder die andre muß anfangen; und die zuerſt anfangen, tragen am eheſten den Sieg davon. Du verſtehſt Nichts von dieſen Dingen, arme Hetty, und ſollteſt am liebſten davon ſchweigen.“ „Judith ſagt, es ſey Unrecht, Vater; und Judith hat Ver⸗ ſtand, wenn auch ich keinen habe.“ „Judith verſteht es beſſer, als daß ſie mir von dieſen Dingen ſpräche; denn ſie hat Verſtand, wie Du ſagſt, und weiß, daß ich es nicht dulden würde. Was würdeſt Du vorziehen, Hetty: daß man Dir Deinen Skalp nähme, und an die Franzoſen verkaufte, oder daß wir unſre Feinde tödteten, und ſte hinderten, uns ein Leid zu thun?“ „Das iſt es nicht, Vater! Tödtet ſie nicht, und laßt auch uns nicht von ihnen tödten. Verkauſt Eure Häute, und ſchafft neue herbei, wenn Ihr könnt; aber verkauft nicht Blut!“ 4„Komm, komm, Kind; reden wir von Dingen, die Du ver⸗ ſtehſt. Freut es Dich, unſern alten Freund March wieder zurück⸗ gekommen zu ſehen? Du magſt Hurry wohl leiden, und mußt wiſſen, daß er wohl eines Tages Dein Bruder werden kann— „Das kann nicht ſeyn, Vater,“ erwiederte das Mädchen nach einer langen Pauſe;„Hurry hat Einen Vater und Eine Mutter gehabt; und die Leute haben nie zwei.“ „Da ſieht man Deinen ſchwachen Geiſt, Hetty. Wenn Jude heirathet, ſo wird ihres Mannes Vater ihr Vater, und ihres Man⸗ nes Schweſter ihre Schweſter. Wenn ſie Hurry heirathen ſollte, wird er Dein Bruder.“ „Judith wird nie den Hurry nehmen,“ verſetzte das Mädchen mild aber beſtimmt. Judith mag den Hurry nicht.“ „Das iſt Mehr als Du wiſſen kannſt, Hetty. Harry March iſt der ſchönſte und der ſtärkſte und der kühnſte junge Mann, der je den See beſucht; und da Jude die größte Schönheit iſt, ſehe ich nicht ein, warum ſie nicht zuſammenkommen ſollten. Er hat ſo gut als verſprochen, daß er mit mir dieſen Handel eingehen will, wenn ich meine Zuſtimmung gebe.“ Hetty fing an, ſich unruhig hin und her zu bewegen, und ſonſt auch ihre geiſtige Unruhe und Aufregung auszudrücken; aber länger als eine Minute antwortete ſie nicht. Ihr Vater, an ihr Weſen gewöhnt, und keine beſondere Urſache ihrer Aufregung ahnend, fuhr fort zu rauchen mit jenem in die Augen fallenden Phlegma, welches gerade dieſer Art von Genuß eigen zu ſeyn ſcheint. „Hurry iſt ſchön, Vater,“ ſagte Hetty mit einfacher Emphaſe, welche in ihren Ton zu legen ſie ſich wohl würde bedacht haben, wäre ihr Geiſt aufmerkſamer geweſen auf die Gedanken und Be⸗ weggründe Anderer. „Das habe ich Dir geſagt, Kind,“ brummte der alte Hutter, ohne die Pfeife aus den Zähnen zu nehmen; er iſt der hübſcheſte Junge in dieſer Gegend; und Jude iſt das hübſcheſte junge Weibs⸗ bild, das mir vorgekommen, ſeit den beſten Zeiten ihrer armen Mutter.“ „Iſt es ſchlimm, häßlich zu ſeyn, Vater?“ „Man kann ſich Schlimmeres vorzuwerfen haben— aber Du biſt keineswegs häßlich; obwohl nicht ſo hübſch wie Jude.“ „Iſt Judith deßwegen glücklicher, weil ſie ſo ſchön iſt?“ „Das kann ſeyn, Kind, aber vielleicht auch nicht. Reden wir aber jetzt von andern Dingen; denn das verſtehſt du ſchwerlich recht, arme Hetty. Wie gefällt Dir unſer neuer Bekannter, Wildtödter?“ „Er iſt nicht ſchön, Vater. Hurry iſt viel ſchöner als Wild⸗ tödter.“ „Das iſt wahr, aber es heißt, er ſey ein ausgezeichneter Jäger. Sein Ruf drang zu meinem Ohre, noch eh' ich ihn ſah; und ich hoffte, er werde ſich als ebenſo herzhafter Krieger — 10² bewähren, wie er ein geſchickter Wildpretſchütz iſt. Aber nicht alle Männer ſind gleich, Kind, und es braucht Zeit, das weiß ich aus Erfahrung, einem Mann ein ächtes Wildnißherz zu geben.“ „Hab' ich ſchon ein Wildnißherz, Vater— und Hurry— iſt ſein Herz ein ächtes Wildnißherz?“ „Du machſt manchmal ſonderbare Fragen, Hetty! Dein Herz iſt gut, Kind, und geeigneter für die Anſiedlungen als für die Wälder; während Dein Verſtand geeigneter iſt für die Wälder als für die Anſiedlungen.“ „Warum hat Judith mehr Verſtand als ich, Vater?“ „Der Himmel ſteh' Dir bei, Kind! das iſt Mehr, als ich be⸗ antworten kann. Gott gibt Verſtand und Ausſehen und all' dieſe Dinge; und er theilt ſie aus, wie es ihm gut dünkt. Wünſcheſt Du Dir mehr Verſtand?“ „Nein, das Wenige was ich habe, macht mir Unruhe, denn wenn ich am ärgſten denke, fühle ich mich am unglücklichſten. Ich glaube nicht, daß das Denken gut iſt für mich, aber ich wünſchte, ich wäre ſo ſchön wie Judith.“ „Warum das, armes Kind? Deiner Schweſter Schönheit kann ihr auch Unruhe machen, wie einſt ihrer armen Mutter. Es iſt kein Vortheil, Hetty, in irgend Etwas ſo ausgezeichnet zu ſeyn, daß man ein Gegenſtand des Neids, oder vor Andern auf⸗ geſucht wird.“ „Mutter war gut, wenn ſie ſchön war,“ verſetzte das Mäd⸗ chen, und die Thränen ſchoſſen ihr in die Augen, wie gewöhnlich geſchah, wenn ſie der Verſtorbenen gedachte. Der alte Hutter war, wenn auch nicht ebenſo ergriffen, doch nachdenklich und ſtumm bei dieſer Erinnerung an ſein Weib. Er rauchte fort, ohne daß er eine Geneigtheit zeigte, zu antworten, bis ſeine ſchwachſinnige Tochter ihre Bemerkung in einer Art wiederholte, welche verrieth, daß ſie ein Unbehagen fühlte, er möchte geneigt ſeyn, ihre Behauptung zu läugnen. Dann klopfte 2 er die Aſche aus ſeiner Pfeife, legte mit einer Art derber Freund⸗ lichkeit ſeine Hand auf des Mädchens Kopf und verſetzte: „Deine Mutter war zu gut für dieſe Welt, obgleich Andre vielleicht nicht ſo dachten. Ihr gutes Ausſehen war für ſie kein Heil und Schutz; und Du haſt keinen Grund zu bedauern, daß Du ihr nicht ſo gleichſt wie Deine Schweſter; denke weniger an Schön⸗ heit, Kind, und deſto mehr an Deine Pflicht und Du wirſt ſo glücklich leben auf dieſem See, als Du nur immer in des Königs Palaſt ſeyn könnteſt.“ „Ich weiß es, Vater; aber Hurry ſagt: Schönheit ſey bei einem jungen Weib Alles!“ Hutter that einen Ausruf, der ſeine Unzufriedenheit ausdrückte und ging nach dem Vordertheil; dabei ſchritt er durch das Haus — Hetty's unbefangene Kundgebung ihrer Schwachheit in Be⸗ zug auf March machte ihm Unruhe über einen Gegenſtand, der ihn früher nie angefochten hatte, und er beſchloß, ſofort mit ſeinem Gaſte ſich klar auseinander zu ſetzen; denn Geradheit in ſeinen Worten und Entſchiedenheit in ſeiner Handlungsweiſe waren zwei der vorzüglichſten Eigenſchaften dieſes rauhen Mannes, in welchem der Saamen einer beſſern Erziehung beſtäͤndig ſich emporzuringen ſchien, um dann wieder erſtickt zu werden durch die Frucht eines Lebens, wo harte Kämpfe um Unterhalt und Sicherheit ſeine Ge⸗ fühle geſtählt, ſeine Natur verhärtet hatten. Als er das vordere Ende der Fähre erreicht, gab er ſeine Abſicht zu erkennen, Wild⸗ tödter am Ruder abzulöſen, und hieß ihn dafür ſeinen Platz am Hintertheil einnehmen. In Folge dieſes Tauſches waren der alte Mann und Hurry wieder allein, während der junge Jäger an's entgegengeſetzte Ende der Arche entfernt wurde. Hetty war verſchwunden, als Wildtoͤdter ſeinen neuen Poſten erreichte, und eine kurze Zeit blieb er allein, während er den Lauf des langſam ſich bewegenden Fahrzeugs lenkte. Nicht lange jedoch dauerte es, bis Judith aus der Cajüte heraustrat, bereit * Büchſen?“ fragte das Mädchen, mit mehr wirklichem Intereſſe, 104 Mädchens hatten einen Ausdruck von Freundlichkeit, als ſie denen des Jünglings begegneten, welchen dieſer leicht wahrzunehmen vermochte. Ihr reiches Haar beſchattete ihr lebhaftes und doch ſanftes Geſicht, und erhöhte dadurch ſelbſt in dieſer Stunde deſſen Schönheit;— wie die Roſe am lieblichſten iſt, wenn ſte zwiſchen den Schatten und Contraſten ihres eignen Laubes ruht. Bei dem Verkehr der Wälder herrſcht wenig Förmlichkeit; und Judith hatte ſich in Folge der Bewunderung, welche ſie ſo allgemein erregte, eine Zuverſicht und Bequemlichkeit des Benehmens erworben, die, wenn ſie auch nicht bis zur Keckheit ging, doch in keiner Weiſe ihren Reizen die Zuthat jener ſcheuen, zurückhaltenden Sittſamkeit verlieh, welche von Dichtern ſo geprieſen wird. „Ich glaubte, ich müßte vor Lachen ſterben, Wildtodter,“ begann die Schöne plötzlich, aber in koketter Art,„als ich den Indianer ſo in den Fluß tauchen ſah! Es war dazu ein ganz hübſchausſehender Wilder,“ das Mädchen hob immer körperliche Schönheit als eine Art von Verdienſt hervor,„und doch konnte man nicht verweilen, um zu ſehen, ob ſeine Bemalung im Waſſer die Farbe halte.“ „Und ich glaubte, ſie würden Euch tödten mit ihren Waffen, Judith,“ verſetzte Wildtödter;„es war ein arges Wageſtück für ein Weib, ſich ſo einem Dutzend Mingos auszuſetzen.“ „Bewog Euch das, aus der Cajüte hervorzueilen, trotz ihren 105 „Männer können nicht zuſehen, wenn Frauen in Gefahr ſind, ohne ihnen zu Hülfe zu eilen. Selbſt ein Mingo weiß das.“ Dieſe Worte ſprach er mit eben ſo viel Unbefangenheit des Benehmens als einfacher Treuherzigkeit des Gefühls, und Judith belohnte ſie mit einem ſo ſüßen Lächeln, daß ſelbſt Wildtödter, der ein Vorurtheil gegen das Mädchen gefaßt hatte, in Folge von Hurry's argwöhniſchen Aeußerungen über ihren Leichtſinn, ſeinen Zauber empfand, obwohl die Hälfte von ſeiner gewinnenden Macht in der ſchwachen Beleuchtung verloren ging. Es erzeugte ſofort eine Art von Vertraulichkeit zwiſchen ihnen, und die Unterredung ward von Seite des Jägers fortgeſetzt ohne das lebhafte Bewußt⸗ ſeyn von dem eigenthümlichen Charakter dieſer Kokette der Wild⸗ niß, womit ſie allerdings begonnen hatte. „Ihr ſeyd ein Mann der Thaten, nicht der Worte, das ſehe ich deutlich, Wildtödter,“ fuhr die Schöne fort, nahe bei der Stelle ſich ſetzend, wo der Andere ſtand,„und ich ſehe voraus, wir werden recht gute Freunde werden. Hurry Harry hat eine Zunge, und ſo ſehr er ein Rieſe iſt, er ſchwatzt Mehr als er vollbringt.“ „March iſt Euer Freund, Judith; und Freunde ſollten gut von einander reden, wenn ſie von einander ſind.“ „Wir wiſſen Alle, auf was Hurry's Freundſchaft hinausläuft! Laßt ihm in allen Dingen ſeinen Willen, ſo iſt er der beſte Ge⸗ ſelle in der ganzen Colonie, aber ‚bringt ihn auf“, wie Ihr vom Wild ſagt, ſo iſt er Herr und Meiſter aller Dinge um ihn her, nur nicht ſeiner ſelbſt. Hurry gehört nicht zu meinen Lieblingen, Wildtödter; und ich glaube faſt, wenn die Wahrheit bekannt, und ſein Geſchwätz über mich wiederholt würde, es würde ſich zeigen, daß er nicht beſſer von mir denkt, als ich allerdings von ihm.“ Die letzten Worte wurden nicht ohne einige Unbehaglichkeit ausgeſprochen. Wäre der Geſellſchafter des Mädchens ſchlauer geweſen, ſo hätte er wohl das abgewendete Geſicht bemerkt, die 106 Art, wie das hübſche andre Anzeichen davon die gute oder ſchlimme gültig war, als ſie 3 nichts weiter war, als e eines Gefühls, das a Füßchen ſich hin⸗ und herbewegte, und noch „daß aus irgend einem unerklärtem Grunde nz gleich⸗ u behaupten für gut fand. Ob dieß nun ine gewöhnliche Folge weiblicher Eitelkeit— „ damit wir wird dem Leſer im Verlauf unſrer nige Verlegen⸗ der grauſamen Anſchuldigungen aus „March ſpricht auf ſeine Art von allen Di von Freund und Feind,“ verſetzte lan „Er iſt Einer von den Menſchen, ſo lang die Zunge eben im Gang iſt, als ſie ſprechen würden ngen in der Welt, gſam und vorſichtig der Jäger. die ſprechen wie ſie empfinden, und das iſt manchmal anders, macht und eine loſe Zunge iſt rathungsfeuern.“ „Ich glaube faſt, Ma auf Judith Hutter N —— n- u G würden, wenn ein Bruder um den Weg wäre. Meiſter March mag es luſtig finden, uns zu verſchwätzen; aber früher oder ſpäter wird er es bereuen!“ „Nein, Judith, das heißt die Sache zu ernſt nehmen. Hurry hat nie auch nur das leiſeſte Wort geredet gegen den guten Namen Hetty's, um den Anfang zu machen mit—“ „Ich ſehe wie es iſt— ich ſehe wie es iſt“— unterbrach ihn Judith heftig.„Ich allein bin es, die er mit ſeiner giftigen Zunge zu brandmarken beliebt!— Hetty, wahrhaftig!— die arme Hetty! fuhr ſie fort, und ihre Stimme ſank zu einem leiſen, dumpfen Ton herab, der beinahe in ihrem Munde zu erſtarren ſchien—„ſie ſteht außer und über dem Bereich ſeiner verläum⸗ deriſchen Bosheit! die arme Hetty! Wenn Gott ſie ſchwachſinnig geſchaffen hat, ſo liegt die Schwäche ganz auf der Seite der Irr⸗ thuͤmer, von welchen ſie gar nichts zu wiſſen ſcheint. Die Erde trug nie ein reineres Weſen, als Hetty Hutter, Wildtödter!“ „Ich kann es glauben,— ja, ich kann das glauben, Judith, und ich hoffe, daſſelbe kann auch geſagt werden von ihrer ſchönen Schweſter.“ Es lag eine anſprechende und gutherzige Aufrichtigkeit in Wildtödters Ton, welche die Seele des Mädchens rührte: auch ſchwächte die Anſpielung auf ihre Schönheit die Wirkung davon nicht bei ihr, welche die Macht ihrer perſönlichen Reize nur zu gut kannte. Dennoch ward die leiſe, dünne Stimme des Gewiſſens nicht ganz zum Schweigen gebracht, und ſie diktirte die Antwort, die ſie nach einigem Nachdenken gab: „Ich glaube, Hurry hat wieder von ſeinen elenden Anſpielun⸗ gen und Winken gegen die Leute von den Garniſonen fallen laſſen,“ ſagte ſte.„Er weiß, es ſind Gentlemen, und kann nie Einem ver⸗ zeihen, daß er iſt, was er ſelbſt, wie er wohl fühlt, nie werden kann.“ „Nicht in der Bedeutung eines Officiers des Königs, Judith, allerdings, denn dazu hat March gar keine Luſt, aber in der wirklichen — 108 Bedeutung des Wortes— warum ſollte nicht ein Biberjäger ſo achtbar ſeyn, als ein Gouverneur? Da Ihr ſelbſt davon anfangt ſo will ich nicht läugnen, daß er darüber klagte, daß ein Mädchen von Eurem beſcheidenen Stande ſo viel in Geſellſchaft von Schar⸗ lachröcken und ſeidenen Schärpen lebe. Aber es war Eiferſucht, die da aus ihm ſprach, und ich glaube, daß er über ſeine eignen Gedanken trauerte, wie eine Mutter trauern würde um ihr Kind.“ Vielleicht war ſich Wildtödter nicht des ganzen, vollen Sinnes bewußt, den ſeine ernſte Rede in ſich ſchloß. Gewiß iſt, daß er die Röthe nicht ſah, welche Judiths ganzes ſchönes Antlitz flammend überzog, noch auch die unbezwingliche Beſtürzung und Beängſtigung, welche unmittelbar darauf die Röthe in Todesbläſſe verwandelte. Ein paar Minuten verſtrichen in tiefer Stille; das Plätſchern des Waſſers ſchien gänzlich alle Zugänge des Ohres eingenommen zu haben, und dann ſtand Judith auf, und faßte die Hand des Jägers beinahe krampfhaft mit einer der ihrigen. „Wildtödter,“ ſagte ſie haſtig,„ich bin froh, daß das Eis zwiſchen uns gebrochen iſt. Man ſagt, plötzliche Freundſchaften führen zu langen Feindſchaften; aber ich glaube nicht, daß es bei uns ſo gehen wird. Ich weiß nicht, wie es kommt— aber Ihr ſeyd der erſte Mann, den ich kennen gelernt, der nicht befliſſen ſcheint zu ſchmeicheln— nicht mein Verderben zu wünſchen— kein Feind in einer Maske zu ſeyn ſcheint;— laßt es gut ſeyn; ſagt Hurry nichts davon, und ein andermal wollen wir wieder mit einander ſprechen.“ 3 Dann ließ das Mädchen ſeine Hand fahren, verſchwand in dem Hauſe, und ließ den erſtaunten und verblüfften jungen Mann allein, der ſo bewegungslos an dem Steuerruder ſtand, wie eine der Tannen auf den Bergen. So ſehr hatte er ſich in ſeinen Gedanken vertieft und verloren, daß ihm Hutter zurufen mußte, er ſolle der Fähre die rechte Richtung geben, ehe er ſich ſeiner gegen⸗ wärtigen Lage wieder bewußt wurde. 109 Sechstes Kapitel. So ſprach der abgefallne Engel, Pein Litt er, und prahlte laut doch, aber tief In ſeinem Innern foltert' ihn Verzweiflung. Milton. Vald nach Judiths Entfernung erhob ſich ein leiſer Südwind, und Hutter zog ein großes Raaſegel auf, das einſt das flatternde Topſegel an einer Sloop von Albany geweſen, aber, mürbe ge⸗ worden im Auffangen der Winde von Tappan, ausgemuſtert und verkauft worden war. Es hatte eine leichte, zähe Tamarindenſtange, die er im geeigneten Falle aufrichten konnte, und mit geringer Arbeit ward ſein Segel in ziemlich kunſtgerechter Weiſe ausgebreitet und ſchwoll vom Winde. Die Wirkung auf die Bewegung der Arche war von der Art, daß das Rudern nunmehr entbehrlich wurde; und nach etwa zwei Stunden ſah man das Caſtell in der Finſterniß aus dem Waſſer emporragen, in einer Entfernung von etwa hundert Schritten. Jetzt ward das Segel herabgelaſſen, und langſam ſchwamm die Fähre dem Bau zu und ward angebunden. Niemand hatte das Haus beſucht, ſeit Hurry und ſein Be⸗ gleiter es verlaſſen. Man traf Alles in der Ruhe und Stille der Mitternacht, eine Art Typus von der Einſamkeit einer Wildniß. Da man Feinde in der Nähe wußte, wies Hutter ſeine Töchter an, ſich keiner Lichter zu bedienen; dieſen Lurusartikel verſagten ſie ſich meiſt während der warmen Monate, damit ſie nicht als Leuchtfeuer ihren Feinden ihren Aufenthaltsort verriethen. „Bei klarem Tageslicht würde ich ein Heer von Wilden nicht fürchten hinter dieſen ſtämmigen Blöcken, wenn ſie kein Schutz⸗ mittel hätten, ſich dahinter zu verkriechen,“ ſetzte Hutter hinzu, nachdem er ſeinen Gäſten die Gründe auseinandergeſetzt, warum er den Gebrauch von Lichtern verbot;„denn ich habe drei oder vier l zuverläſſige Gewehre jederzeit geladen, und Killdeer namentlich iſt eines, das nie verſagt. Aber bei Nacht iſt es eine andre Sache. Ein Canoe könnte im Dunkel ungeſehen uns auf den Leib rücken; und die Wilden haben ſo viele Liſten und Kniffe bei ihren Angriffen, daß ich es für ſchlimm genug halte, wenn ich auch beim hellſten Sonnenſchein mit ihnen zu thun bekomme. Ich habe dieß Haus gebaut, um ſie mir in einiger Entfernung vom Leibe zu halten, im Fall es je wieder zu Schlägen käme. Manche meinen, es ſey zu offen und ausgeſetzt, aber ich bin dafür, fern vom Gebüſch und Dickicht zu ankern, weil ich dieß für die ſicherſte Art halte.“ „Ihr ſeyd einſt Matroſe geweſen, ſagt man mir, alter Tom?“ ſagte Hurry in ſeiner raſchen Art, da ihm einige Ausdrücke des Andern aufgefallen waren,„und manche Leute glauben, Ihr könntet merkwürdige Dinge erzählen von Feinden und Schiffbrüchen, wenn Ihr mit Allem herausrücken wolltet, was Ihr wißt.“ „Es gibt Leute in dieſer Welt, Hurry,“ erwiederte der Andre ausweichend,„welche von andrer Menſchen Gedanken leben; und der⸗ gleichen finden oft auch ihren Weg in die Wälder. Was ich in meiner Jugend geweſen bin, oder was ich geſehen habe, das iſt jetzt weniger wichtig, als was die Wilden ſind. Es iſt von größerer Bedeutung, herauszubringen, was in den nächſten vier und zwanzig Stunden ſich ereignen wird, als von dem zu plaudern, was ſich vor vierundzwanzig Jahren begeben hat.“ „Das heißt Urtheil, Wildtödter; ja, das heißt geſundes Urtheil! da ſind Judith und Hetty, für welche zu ſorgen iſt, zu ſchweigen von unſern eignen Kopfſchleifen; und was mich betrifft, ich kann ſo gut im Dunkeln ſchlafen, als ich es könnte bei der hellſten Mittagsſonne. Mir macht es wenig aus, ob Licht da iſt oder nicht, und ob ich es ſehe, wenn ich meine Augen ſchließe.“ Da Wildtödter es ſelten nöthig fand, auf ſeines Begleiters eigenthümliche humoriſtiſche Aeußerungen zu antworten, und Hutter ſichtlich abgeneigt war, weiter über die Sache zu ſprechen, hatte — u die Erörterung mit dieſer Bemerkung ein Ende. Hutter hatte aber noch etwas mehr, als nur Erinnerungen auf dem Herzen. Sobald ſeine Töchter ſie verlaſſen hatten, in der ausgeſprochenen Abſicht, ſich zur Ruhe zu begeben, lud er ſeine beiden Genoſſen ein, ihm wieder auf die Arche zu folgen. Hier eröffnete ihnen der alte Mann ſeinen Plan, verſchwieg aber den Theil davon noch, deſſen Ausführung er ſich ſelbſt und Hurry vorbehalten hatte. „Das Hauptabſehen von Leuten in unſrer Lage iſt, Herrn des Waſſers zu ſeyn,“ begann er.„So lange kein anderes Fahr⸗ zeug auf dem See iſt, iſt ein Canoe von Borke ſo gut als ein Linienſchiff; denn mit Schwimmen kann das Caſtell nicht wohl weggenommen werden. Nun ſind nur noch fünf Canoes in dieſer Gegend, von welchen zwei mir gehören und eines Hurry. Dieſe drei haben wir hier bei uns; eines in dem Canoe⸗Dock unter dem Hauſe befeſtigt, die beiden andern an der Fähre. Die andern Canoes ſind am Land in hohlen Baumſtämmen verſteckt; und die Wilden, die ſo giftige Feinde ſind, werden am nächſten Morgen keinen Ort, der irgend Etwas verſpricht, ununterſucht laſſen, wenn es ihnen ernſtlich um die ausgeſetzten Preiſe zu thun iſt—“ „Ha, Freund Hutter,“ unterbrach ihn Hurry,„der Indianer lebt nicht auf Erden, der im Stand iſt, ein gehörig verſtecktes Canoe aufzufinden. Ich habe früher ſchon Etwas in dieſer Art von Handel geleiſtet, und Wildtödter hier weiß es, daß ich im Stand bin, ein Fahrzeug ſo zu verſtecken, daß ich es ſelbſt nicht mehr finden kann.“. „Sehr wahr, Hurry,“ verſetzte der zum Zeugniß Aufgerufene; „aber Ihr überſeht den Umſtand, daß, wenn auch Ihr die Spur des Mannes nicht entdecken konntet, der ſeine Sache ſo gut gemacht, dieß doch mir gelang. Ich bin der Anſicht, Meiſter Hutter, daß es viel klüger iſt, der Einfalt und Aufrichtigkeit eines Wilden zu mißtrauen, als große Hoffnungen zu bauen auf ſeinen Mangel an. Scharfblick. Wenn daher die beiden Canoes in das Caſtell gebracht werden können, ſo iſt es um ſo beſſer, je eher es geſchieht.“ „Wollt Ihr dabei ſeyn, wenn es ausgeführt wird?“ fragte Hutter in einem Tone, welcher zeigte, daß der Vorſchlag ihn ebenſo überraſchte als er ihm gefiel. „Gewiß. Ich bin bereit, an jeder Unternehmung Theil zu nehmen, ſofern ſie nicht eines weißen Mannes rechtmäßigen Gaben zuwiderläuft. Die Natur gebietet uns, unſer Leben zu vertheidigen und auch das Leben Andrer, wenn dazu Gelegenheit und Auffor⸗ derung vorhanden iſt. Ich will Euch, Floating Tom, folgen in das Lager der Mingo bei jedem ſolchen Zug, und will mich beſtreben, meine Pflicht zu thun, ſollte es zum Treffen kommen; obwohl ich, da ich nie in einer Schlacht geweſen bin, nicht gern Mehr verſpreche, als ich mir zu leiſten getraue. Wir wiſſen Alle, was wir wün⸗ ſchen, aber keiner weiß, was er zu leiſten vermag, als bis er die Probe beſtanden.“ „Das iſt beſcheiden und vernünftig geſprochen, Junge!“ rief Hurry.„Ihr habt noch nie den Knall einer feindlichgezielten Büchſe gehört, und laßt mich Euch verſichern, er iſt ſo verſchieden von den überredenden Tönen bei Euern Wildpretreden, wie das Lachen von Judith Hutter in ihrer beſten Laune von dem Schelten einer holländiſchen Haushälterin am Mohawk. Ich erwarte nicht, daß Ihr ein ausgezeichneter Krieger werden werdet, Wildtödter, obgleich es nicht Eures Gleichen in dieſen Gegenden gibt, was die Jagd auf Hirſche und Rehe betrifft. Aber im wirklichen Dienſt, da werdet Ihr etwas weiter hinten zu ſtehen kommen, nach meiner Meinung.“ „Wir wollen ſehen, Hurry, wir wollen ſehen,“ erwiederte der Andre ſanft, und ganz und gar nicht, ſo viel ein menſchliches Auge bemerken konnte, verletzt und irre gemacht durch die ſo eben ausgedrückten Zweifel hinſichtlich ſeiner Tüchtigkeit in einem Punkte, wo die Männer ſonſt ſehr empfindlich ſind, und zwar oft genau in dem Maß, als ſie ſich ihrer Schwächen bewußt ſind;„da ich noch nie eine Probe beſtanden, will ich dieſe abwarten, ehe ich mir ſelbſt eine Meinung bilde; und dann hat man Gewißheit, ſtatt unbeſtimmter Vermuthungen. Ich habe von Solchen gehört, die vor der Schlacht herzhaft waren und darin wenig leiſteten; und auch von Solchen, die zuwarteten, um ihren Muth kennen zu lernen, und die bei der Probe fanden, daß ſie nicht ſo übel waren, als Manche erwarteten.“ „In jedem Fall wiſſen wir, daß Ihr ein Ruder zu handhaben verſteht, junger Mann,“ ſagte Hutter,„und das iſt Alles, was wir heute Nacht von Euch verlangen. Laßt uns keine Zeit mehr verlieren, ſondern in das Canoe treten und handeln, ſtatt zu ſchwatzen.“ Hutter ging nun raſch daran, ſeinen Plan auszuführen, und bald war das Boot bereit, und Hurry und Wildtödter an den Rudern. Ehe jedoch der alte Mann ſelbſt ſich einſchiffte, hielt er eine Beſprechung von einigen Minuten mit Judith, zu welchem Behuf er in das Haus ging; dann zurückgekehrt, nahm er ſeinen Platz in dem Canoe ein, das im nächſten Augenblick von der Arche abſtieß. Wäre in der einſamen Wildniß ein Gott errichteter Tempel geweſen, ſo hätte ſeine Uhr die Mitternachtsſtunde geſchlagen, als die kleine Geſellſchaft ihren Zug antrat. Das Dunkel hatte zuge⸗ nommen, obwohl die Nacht noch klar war, und das Licht der Sterne reichte hin für alle Abſichten der Abenteurer. Hutter allein wußte die Orte, wo die zwei Canoes verſteckt waren, und er lenkte die Richtung des Bootes, während ſeine beiden athleti⸗ ſchen Genoſſen ihre Ruderſchaufeln mit gehöriger Vorſicht ein⸗ tauchten und emporhoben, damit nicht die dadurch verurſachten Laute in der Stille der tiefen Nacht über den friedlichen Waſſer⸗ ſpiegel hin das Ohr ihrer Feinde erreichten. Aber die Barke war ſo leicht, daß keine außerordentlichen Anſtrengungen nöthig waren, Der Wildtödter. 3. Aufl. 8 und da Geſchicklichkeit die Stelle des Kraftaufwands vertrat, nä⸗ herten ſie ſich, nach einer halben Stunde etwa, der Küſte auf einem vorſpringenden Punkte, beinahe eine Stunde von dem Caſtell entfernt. „Laßt Eure Ruder ruhen, Freunde,“ ſagte Hutter mit leiſer Stimme,„und ſehen wir uns einen Augenblick um. Wir müſſen jetzt ganz Aug und Ohr ſeyn, denn dieſe Schlangen haben Naſen wie Bluthunde.“ Die Ufer des See's wurden genau geprüft, um irgend einen Funken Licht zu entdecken, der etwa in einem Lager möchte zurück⸗ geblieben ſeyn; und die Männer ſtrengten ihre Augen in der Dun⸗ kelheit an, um zu ſehen, ob nicht vielleicht eine Zeile Rauch am Berg hinziehe, aus der erſterbenden Aſche eines Feuers emporſtei⸗ gend. Nichts Ungewöhnliches war zu erſpähen, und da der Platz in einiger Entfernung von dem Ausfluß des See's oder dem Orte war, wo ſie auf die Wilden geſtoßen, hielt man für gefahrlos, zu landen. Die Ruder wurden wieder in Bewegung geſetzt, und der Bug des Canoes ſchob ſich auf dem kieſigen Ufer mit leiſer Be⸗ wegung und einem kaum hörbaren Geräuſch vor. Hutter und Hurry ſprangen ohne Verzug ans Land, der Erſtere ſeine und ſei⸗ nes Begleiters Büchſe tragend, und ließen Wildtödter zur Bewachung des Canoes zurück. Der hohle Baumſtamm lag eine kleine Strecke entfernt bergaufwärts; der Alte ging dahin voran, mit ſolcher Vorſicht, daß er alle drei oder vier Schritte ſtehen blieb, um zu horchen, ob nicht ein Schritt die Nähe eines Feindes verrathe. Aber die gleiche todtenähnliche Stille herrſchte in der ganzen mitter⸗ nächtlichen Scene, und der geſuchte Platz ward ohne einen beun⸗ ruhigenden Vorfall erreicht. „Hier iſt es,“ flüſterte Hutter, den Fuß auf einen umgeſtürz⸗ ten Lindenſtamm ſetzend;„reicht mir zuerſt die Ruder, und zieht dann das Boot vorſichtig heraus, denn die Elenden haben es am Ende doch vielleicht nur als Köder da gelaſſen.“ „Haltet mir meine Büchſe bereit, den Kolben gegen mich 115 gekehrt, alter Geſell,“ antwortete March.„Wenn ſie mich unter meiner Bürde angreifen, ſo will ich doch wenigſtens das Gewehr auf ſie abfeuern— und unterſucht, ob Pulver auf der Pfanne iſt.“ „Alles iſt in Ordnung,“ murmelte der Andere;„geht nur langſam, wenn Ihr Eure Laſt aufgepackt habt, und laßt mich vorangehen.“. Das Canoe ward mit der äußerſten Behutſamkeit aus dem Stamm hervorgezogen, von Hurry auf die Schulter geladen, und Beide traten ihren Rückweg an das Ufer an, nur Schritt für Schritt gehend, um nicht den ſteilen Abhang hinunter zu ſtraucheln. Die Entfernung war nicht groß, aber der Weg abwärts äußerſt ſchwierig, und gegen das Ende ihres kleinen Marſches mußte Wild⸗ tödter landen und zu ihnen ſtoßen, um ihnen zu helfen, das Canoe durch das Buſchwerk zu ſchleppen. Mit ſeinem Beiſtand ward die Aufgabe glücklich gelöst, und das leichte Fahrzeug ſchwamm bald neben dem andern Canoe. Sobald dieß geſchehen, wandten ſich alle drei ängſtlich gegen den Wald und den Berg hin, in der Er⸗ wartung, einen Feind aus jenem hervorbrechen oder von dieſem herabeilen zu ſehen. Aber die Stille wurde nicht unterbrochen, und Alle ſchifften ſich mit derſelben Vorſicht ein, mit welcher ſie gelandet hatten. Jetzt ſteuerte Hutter gerade auf die Mitte des See's zu. Nachdem er eine hinreichende Strecke vom Ufer entfernt war, band er ſeine Beute los und überließ ſie frei dem Waſſer, wohl wiſſend, daß ſie bei dem leiſen Südwind langſam den See hinauf treiben werde, und in der Abſicht, bei der Rückkehr ſie wieder zu treffen. So ſeines Taues entledigt, fuhr der Alte den See hinab und ſteuerte dem vorſpringenden Punkt zu, wo Hurry ſeinen ver⸗ geblichen Verſuch gegen das Leben des Hirſches gemacht hatte. Da die Entfernung dieſes Punktes bis zu der Ausſtrömung weniger als eine Meile betrug, hieß dieß gleichſam, das Land des Feindes betreten; und verdoppelte Vorſicht wurde nothwendig. Sie erreichten indeſſen die äußerſte Spitze, und landeten ungeſtört auf dem ſchon erwähnten kleinen Kiesplatz am Ufer. Ganz anders als an dem Ort, wo ſie zuvor gelandet, war hier keine Anhöhe zu erklimmen; die Berge waren in der Dunkelheit erſt in der Entfer⸗ nung einer vollen Viertelmeile weiter weſtlich ſichtbar und ließen zwiſchen ſich und dem Strand einen Strich ebenen Grundes frei. Der vorlaufende Punkt ſelbſt, obgleich lang und mit hohen Bäumen bedeckt, war beinahe flach und hatte eine Strecke weit eine Breite von nur wenigen Schritten; Hutter und Hurry landeten wie zuvor, und ließen wieder ihren Begleiter zur Bewachung des Bootes zurück. Hier lag der abgeſtorbne Baum, in dem das Canoe verſteckt war, das ſie zu ſuchen kamen, etwa halbwegs zwiſchen dem äußer⸗ ſten Ende der ſchmalen Landzunge und dem Punkt, wo ſie an die eigentliche Kuſte ſich anſchloß; und der Alte, der ſich hier das Waſſer links ſo nahe wußte, ſchlug den Weg auf der öſtlichen Seite des Landſtreifens mit ziemlicher Zuverſicht ein, und ſchritt keck, obwohl mit Vorſicht dahin. Er hatte abſichtlich an der Land⸗ zunge angelegt, um einen Blick in die Bucht werfen und ſich ver⸗ ſichern zu können, daß die Küſte frei ſey, ſonſt würde er gerade dem hohlen Baum gegenüber gelandet haben. Dieſen zu finden hatte keine Schwierigkeit; das Canoe wurde herausgezogen, wie zuvor, und ſtatt es dahin zu ſchleppen, wo Wildtödter mit dem Boote ſich befand, wurde es am erſten günſtigen Platz ins Waſſer gelaſſen. Sobald es darin war, trat Hurry hinein, und ruderte zu der Spitze der Landzunge, wohin auch Hutter auf dem kieſigen Uferweg ſich begab. Nachdem jetzt die drei Männer alle Boote des See's in ihrem Beſitz hatten, war ihre Zuverſicht nicht wenig erhöht, und es war jetzt nicht mehr die vorige fieberhafte Ungeduld, die Küſte zu verlaſſen, noch dieſelbe Nothwendigkeit äußerſter Vor⸗ ſicht vorhanden. Ihre Lage am äußerſten Ende der langen, ſchma⸗ len Landzunge vermehrte noch ihr Gefühl von Sicherheit, da ſie einem Feind nur in Einer Richtung ſich ihnen zu nähern geſtattete, — G f G S& &œ 20 4nn——8 von vorn nämlich und unter Umſtänden, die ihnen, bei ihrer ge⸗ wohnten Wachſamkeit, die Wahrnehmung ſeiner Annäherung bei⸗ nahe mit Gewißheit verbürgten. Jetzt traten alle drei miteinander ans Land und ſtanden in berathender Gruppe auf dem Kiesplatz der Landſpitze. 2 „Wir haben die Kerls hübſch aufs Trockne geſetzt!“ ſagte Hurry, vor Freude über den gelungenen Anſchlag lachend;„wenn ſie einen Beſuch auf dem Caſtell machen wollen, mögen ſie waten oder ſchwimmen! Alter Tom, dieſe Eure Idee, einen Verſteck draußen auf dem See anzulegen, iſt extrafein und von erſter Sorte. Es gibt Leute, die das Land für ſichrer halten wür⸗ den als das Waſſer; aber am Ende zeigt die Vernunft, daß dem nicht ſo iſt; denn der Biber, und die Ratten, und andre kluge Creaturen halten ſich ans letztere, wenn ſie hart gedrängt ſind. Ich nenne jetzt unſre Stellung eine wohl verſchanzte und biete den Canadas Trotz!“ „Laßt uns an dieſer Südküſte hinrudern,“ ſagte Hutter,„und ſehen, ob keine Spur eines Lagers ſich zeigt,— aber zuerſt laßt mich noch einen genauern Blick in die Bai werfen, denn Keiner von uns iſt noch weit genug auf der innern Seite der Landzunge vorgedrungen, um hinlänglich beruhigt zu ſeyn von dieſer Seite her.“ Nachdem Hutter dieß geſagt, ſchritten alle drei in der von ihm bezeichneten Richtung vor. Kaum waren ſie bis zu dem Punkte gekommen, wo ſich die Bai recht ihrem Blick eröffnete, als ihr gleichzeitiges, ſtutzendes Haltmachen zeigte, daß ihre Blicke in demſelben Moment auf Einen und denſelben Gegenſtand gefallen waren. Dieß war nichts weiter, als ein erlöſchender Feuerbrand mit ſeinem hin und her zuckenden, ausgehenden Licht; aber zu dieſer Stunde und an dieſem Ort war er dem Auge ſo auffallend, wie ‚eine gute That in einer häßlichen Welt'. Es war nicht der Schatten eines Zweifels daran übrig, daß dieß Feuer bei einem Lager der Indianer war angezündet worden. Die Lage, der Beobachtung von allen Seiten außer von Einer entzogen, und auch von dieſer her nur in einer ganz geringen Entfernung ſichtbar, zeigte, daß man größere Sorge getragen, einen verborgnen Ort zu wäh⸗ len, als man ohne beſondere Zwecke würde gethan haben, und Hutter, der wußte, daß eine Quelle, ſowie einer der günſtigſten Fiſchplätze des See's in der Nähe war, vermuthete ſogleich, daß dieß Lager wohl die Weiber und Kinder der Truppe enthalten werde. „Das iſt kein Krieger⸗Lager,“ brummte er Hurry zu;„und es ſchläft da gute Beute genug um das Feuer herum, ſo daß wir eine tüchtige Theilung von Kopfgeld werden zu machen haben. Schickt den Jungen zu den Canoes, denn hier nützt er uns nichts, bei einem ſolchen Unternehmen, und greifen wir ſofort die Sache tüchtig an, als Männer.“ „Es iſt Einſicht in Euern Gedanken, alter Tom, und ſie ge⸗ fallen mir durch und durch. Wildtödter, geht Ihr an das Canoe zurück, Junge, und rudert in den See hinaus mit dem kleinen, und laßt es frei treiben, wie wir mit dem andern gethan; dann könnt Ihr an die Küſte hinrudern, ſo nah Ihr dem Anfang der Bai zu kommen vermögt, jedoch außerhalb der Landzunge und auch außerhalb der Gebüſche. Ihr könnt uns hören, wenn wir Eurer bedürfen; und wenn ein Verzug eintritt, ſo will ich ſchreien, wie eine Lomme;— da, das iſt gut— das Schreien einer Lomme ſoll das Signal ſeyn. Wenn Ihr Büchſen knallen hört, und daß es ſo kriegeriſch hergeht, nun dann könnt Ihr herbeikommen, und ſehen, ob Ihr mit den Wilden auch ſo fertig werdet, wie mit dem Wild.“. „Wenn man meinen Wünſchen folgen wollte, ſo unterbliebe dieſe Sache, Hurry—“ „Ganz wahr— Niemand läugnet das, Junge; aber Euren Wünſchen kann man nicht folgen; und damit iſt die Sache aus. So rudert Euch denn nur mitten in den See hinaus, und bis Ihr zurückkommt, wird es in dieſem Lager lebhaft werden?“ Der junge Mann ſchickte ſich mit großem Widerſtreben und mit ſchwerem Herzen an, zu gehorchen. Er kannte jedoch die Vorurtheile der Grenzmänner zu gut, um Gegenvorſtellungen zu verſuchen. Unter den gegenwärtigen Umſtänden konnte dieß aller⸗ dings gefährlich werden, wie es ganz gewiß nutzlos war. Er ruderte daher das Canoe ſtill und mit der Vorſicht wie früher, nach einem Punkt nahe der Mitte des friedlichen Waſſerſpiegels, und ließ dann das ſo eben wieder erlangte Boot in dem leiſen Südwind gegen das Caſtell hin treiben. Zu dieſem Verfahren hatte man ſich in beiden Fällen entſchloſſen, in der ſichern Vor⸗ ausſetzung, daß die leichten Barken nicht mehr als eine oder zwei Stunden weit treiben würden vor Anbruch des Tages, wo man ſie dann leicht wieder würde einholen können. Um zu verhüten, daß nicht ein herumſchweifender Wilder ſich ihrer bediene, der ſich durch Schwimmen in Beſitz ſetzte, ein möglicher, aber kaum zu vermuthender Fall— hatte man alle Ruder zurückbehalten. Sobald Wildtödter das wiedererlangte Canoe auf dem See hatte forttreiben laſſen, richtete er den Bug des ſeinigen nach dem Punkt der Küſte zurück, welchen ihm Hurry bezeichnet hatte. So leicht war die Bewegung des kleinen Fahrzeugs, und ſo ſtetig der Arm des es in Bewegung ſetzenden Fährmanns, daß kaum zehn Minuten verfloßen, bis es ſich wieder dem Lande näherte, und in dieſer kurzen Zeit hatte es eine Entfernung von einer vollen halben Meile zurückgelegt. Sobald Wildtödters Auge der Büſche anſichtig wurde, von denen manche wohl hundert Fuß weit von der Küſte ins Waſſer hinausreichten, hemmte er die Bewegung des Canoes und ließ ſein Boot ankern, indem er den dünnen aber zähen Stamm eines der herabhängenden Schilfbüſche mit feſter Hand packte. So blieb er, mit einer Spannung, die man ſich leicht vorſtellen kann, das Ergebniß gewagten Unternehmens abwartend. Es wäre ſchwer, dem Geiſt derjenigen, welche nicht ſelbſt die Erfahrung gemacht haben, einen Begriff zu geben von der Erhabenheit 120 der Stille in einer ſo tiefen Einſamkeit, wie jetzt über dem Glimmerglas herrſchte. Im jetzigen Augenblick ward dieſe Erhaben⸗ heit noch geſteigert durch das Düſter der Nacht, die ihre ſchatten⸗ haften, phantaſtiſchen Formen ringsumher auf See, Wald und Berge warf. Es läßt ſich in der That nicht leicht ein Ort denken, der geeigneter wäre, dieſe natürlichen Eindrücke zu erhöhen, als eben der war, wo ſich Wildtödter jetzt befand. Der Umfang des See's faßte Alles im Bereich der menſchlichen Sinne zuſammen, während er zugleich auf Einem Punkte ſo viel Impoſantes von der um⸗ gebenden Scene enthüllte, daß jeder Blick genügte, die tiefſten Eindrücke der Seele zuzuführen. Wie ſchon geſagt, war dieß der erſte See, den Wildtödter ſah. Bisher hatte ſich ſeine Erfahrung beſchränkt auf den Lauf von Flüßen und kleinen Strömen, und noch nie zuvor hatte er eine ſolche Fülle der ihm ſo werthen Wildniß vor ſeinen Augen ausgebreitet geſehen. Gewöhnt jedoch an den Wald, war ſeine Seele im Stande, ſich alle ſeine verbor⸗ genen Heimlichkeiten auszumalen, indem er ſeinen Blick auf deſſen äußere Laubhülle richtete. Es war dieß auch das erſtemal, daß er ſich auf einem Streifzug befand, wo Menſchenleben von dem Aus⸗ gang abhingen. Sein Ohr hatte ſich oft berauſcht in den Ueber⸗ lieferungen von Kriegführung der Grenzmänner, aber noch nie war er einem Feinde Stirn gegen Stirn gegenübergeſtanden. Der Leſer wird daher leicht begreifen, wie geſpannt die Er⸗ wartung des jungen Mannes ſeyn mußte, als er in ſeinem einſamen Canoe daſaß, beſtrebt, den geringſten Laut zu erlauſchen, der den Verlauf der Dinge am uUfer andeuten möchte. Seine Bildung in dieſem Stück war, ſo weit die Theorie reichen konnte, vollendet, und ſeine Selbſtbeherrſchung und Faſſung, trotz der großen Auf⸗ regung, der natürlichen Folge von der Neuheit der Sache für ihn— würde einem Veteranen Ehre gemacht haben. Die ſichtbaren Zeugniſſe vom Vorhandenſeyn des Lagers oder des Feuers waren nicht wahrzunehmen von der Stelle aus, wo das Canoe lag, und er zu mar und eine mei Err gete bis eine dieſ ſie auch ſein wur haft ſich nach nich die Sch eige Nac Ber gere beid getr doch eing wol darr er ſah ſich in die Lage verſetzt, einzig auf ſeinen Gehörſinn ſich zu verlaſſen. Er gab keiner Ungeduld Raum, denn die Lehren, die man ihm eingeſchärft, hatten ihn die Tugend der Geduld gelehrt, und ihm beſonders die Nothwendigkeit der Schlauheit bei irgend einem verdeckten Angriff auf die Indianer eingeprägt. Einmal meinte er das Krachen eines dürren Zweiges zu hören, aber ſeine Erwartung und Aufmerkſamkeit war ſo lebhaft, daß ſie ihn mochte getäuſcht haben. In ſolcher Weiſe verſtrich Minute auf Minute, bis die geſammte Zeit ſeit ſeiner Trennung von ſeinen Begleitern eine volle Stunde betrug. Wildtödter wußte nicht, ob er ſich über dieſe vorſichtige Zögerung freuen oder betrüben ſollte, denn wenn ſie ihn das Beſte für ſeine Genoſſen hoffen ließ, ſo verkündigte ſie auch das drohende Verderben der Schwachen und Unſchuldigen. Anderthalb Stunden mochten jetzt ſeit der Trennung von ſeinen Geſellen verfloſſen ſeyn, als Wildtödter aufmerkſam gemacht wurde durch einen Ton, der ihn eben ſo überraſchte, als mit leb⸗ hafter Unruhe erfüllte: der zitternde Schrei einer Lomme erhob ſich von der gegenüberliegenden Seite des See's, allem Anſchein nach nicht weit entfernt von ſeiner Ausſtrömung. Er täuſchte ſich nicht über die Töne dieſes Vogels, die Allen ſo bekannt ſind, welche die verſchiedenen Töne in der Nähe der amerikaniſchen See'n kennen. Schrillend, tremulirend, laut und langgehalten ſcheinen ſie der eigentliche Warnungsruf zu ſeyn. Man hört ſie auch oft bei Nacht— eine Ausnahme von der Weiſe der meiſten gefiederten Bewohner der Wildniß, und ein Umſtand, welcher Hurry bewogen, gerade dieſen Ruf zum Signal zu wählen. Allerdings hatten die beiden Abenteurer Zeit gehabt, zu Land von dem Punkt, wo ſie ſich getrennt hatten, bis dahin zu gelangen, woher der Ruf kam, aber doch war es nicht wahrſcheinlich, daß ſie einen ſolchen Weg ſollten eingeſchlagen haben. Wäre das Lager leer geweſen, ſo hätten ſie wohl Wildtödter an die Küſte berufen, fanden ſich aber Bewohner darin, ſo ließ ſich kein befriedigender Grund denken, warum ſie es 122 umgangen haben ſollten, um in ſo großer Entfernung ſich wieder einzuſchiffen. Gehorchte er dem Signal und ließ ſich von dem Landungsplatz weg locken, ſo konnte das Leben der Männer, die ſich auf ihn verließen, darüber verloren gehen; und ließ er den Ruf unbeachtet, in der Annahme, daß er wirklich von einem Vogel herrühre, ſo konnten die Folgen eben ſo unglücklich ſeyn, obwohl aus andern Urſachen. In dieſer Ungewißheit wartete er zu, in der ſichern Hoffnung, der Ruf, nachgemacht oder natürlich, werde bald wiederholt werden. Auch täuſchte er ſich nicht. Nur wenige Minu⸗ ten verſtrichen, bis derſelbe ſchrille, warnende Schrei wiederholt wurde, und zwar von derſelben Seite des See's. Dießmal, da er ſcharf aufmerkte, ließen ſich ſeine Sinne nicht täuſchen. Obgleich er oft ſchon bewundrungswerthe Nachahmungen des Rufs dieſes Vogels gehört hatte, und ſelbſt keineswegs Meiſter der Kunſt war, ſeine Noten nachzuahmen, fühlte er ſich doch überzeugt, daß Hurry, deſſen Verſuchen in dieſer Kunſt er ſchon zugehört, nimmermehr der Natur in ſo völliger Treue nahekommen könnte. Er beſchloß daher, auf dieſen Schrei nicht zu achten, und zu warten, bis ein minder vollkommner in größerer Nähe ertöne. Kaum hatte Wildtödter dieſen Entſchluß gefaßt, als die tiefe Stille der Nacht und Einſamkeit unterbrochen ward durch einen ſo erſchütternden Schrei, daß alle Erinnerungen an den mehr ſchwer⸗ müthigen Ruf der Lomme aus der Seele des Horchenden verdrängt ward. Es war ein Schrei des Entſetzens entweder aus dem Munde eines Weibes oder eines noch jungen Knaben, der noch nicht die männliche Stimme hatte. Dieſer Schrei ließ ſich nicht mißdeuten. Herzzerreißende Angſt, wenn nicht zermalmende Todesangſt, lag in den Tönen, und der Schrecken oder Schmerz, der ſie hervorgerufen, mußte eben ſo plötzlich als entſetzlich geweſen ſeyn. Der junge Mann ließ den Schilf fahren, und tauchte ſein Ruder in das Waſſer; aber was thun? er wußte es nicht; wohin ſteuern? er wußte es auch nicht. Wenige Augenblicke reichten hin, ſeiner ——— —- 6l—Aᷓ, N S——— pn Unentſchiedenheit ein Ende zu machen. Das Brechen von Aeſten, das Krachen dürrer Zweige und Fußtritte wurden ganz deutlich hörbar; die Töne ſchienen ſich dem Waſſer zu nähern, obwohl in einer Richtung, die ſich der Küſte ſchräg näherte, und etwas weiter noͤrdlich als die Stelle, wo Wildtodter zu halten angewieſen worden war. Dieſer Spur folgend fuhr der junge Mann mit ſeinem Canoe dorthin, wenig darum bekümmert, ob und wie er ſeine Gegenwart verrathe. Er hatte einen Punkt der Küſte erreicht, wo das nächſte Ufer ziemlich hoch und ſehr ſteil war. Es war unverkennbar, daß Männer durch die Gebüſche und Bäume auf dem Gipfel dieſer Uferhöhe, dem Strand zu, hindurch ſich ſchlugen, als ob die Fliehen⸗ den einen günſtigen Ort zum Herabſteigen ſuchten. Gerade in dieſem Augenblicke blitzten fünf oder ſechs Büchſen, und die Berge gegen⸗ über wiederholten in langem, rollendem Echo, wie gewöhnlich, den Knall. Ein paar kreiſchende Ausrufe, denen ähnlich, wie ſie auch den Muthigſten entſchlüpfen, wenn ſie plötzlich von unerwarteter Gefahr und Noth überraſcht werden, folgten; und dann begann wieder das Gewühle in den Gebüſchen, wie wenn Mann mit Mann handgemein wäre. „Glatter Teufel!“ brüllte Hurry mit der Wuth getäuſchter Erwartung—„ſeine Haut iſt eingeölt! Ich kann ihn nicht packen! Nimm das für deine Liſt!“ Dieſen Worten folgte der Fall eines ſchweren Körpers unter den kleinen Bäumen, welche die Uferhöhe einfaßten, und es kam Wildtödter vor, als habe ſein gigantiſcher Genoſſe einen Feind in dieſer unhöflichen Weiſe von ſich weggeſchleudert. Wieder begann die Flucht und die Verfolgung, und dann ſah der junge Mann eine menſchliche Geſtalt die Anhöhe herunter eilen, und einige Schritte weit in's Waſſer ſich ſtürzen. In dieſem kritiſchen Augen⸗ blick war das Canoe gerade dem Platz nahe genug, daß dieß Be⸗ ginnen, das von einem nicht kleinen Geräuſch begleitet war, ge⸗ ſehen werden konnte; und Wildtoͤdter, erkennend, daß er hier, wenn 12²4 immer, ſeine Genoſſen in's Schiff aufnehmen müſſe, drängte das Canoe zu ihrer Rettung heran. Er hatte noch nicht zweimal ſein Ruder erhoben, als man die Stimme Hurry's die Luft mit Flüchen und Verwünſchungen erfüllen hörte, und er auf dem ſchmalen Kies⸗ ufer niederrollte, im büchſtäblichen Sinn von der Laſt ſeiner Feinde niedergezogen. Während er, beinahe erſtickt von ſeinen Feinden, am Boden da lag, ſtieß der athletiſche Grenzmann ſeinen Lommen⸗ ruf aus, in einer Weiſe, die unter minder furchtbaren Umſtänden hätte Lachen erregen müſſen. Der Mann im Waſſer ſchien plötzlich ſeine Flucht zu bereuen, und eilte an die Küſte, ſeinem Genoſſen zu Hülfe, ward aber augenblicklich aufgehalten und übermannt von einem Halbdutzend neuer Verfolger, die ſo eben von der Ufer⸗ höhe herabſprangen. „Laßt los, ihr bemaltes Wurmgezüchte— laßt los!“ ſchrie Hurry, zu hart gedraͤngt, um noch beſonders wähleriſch in ſeinen Ausdrücken zu ſeyn;„iſt es nicht genug, daß ich geklemmt bin wie ein Sägeklotz, daß Ihr mich auch noch erſtickt?“ Dieſe Rede überzeugte Wildtödter, daß ſeine Freunde Ge⸗ fangene waren, und daß landen ſo viel wäre, als ihr Schickſal theilen. Er hatte ſich dem Ufer ſchon auf hundert Schuhe genähert, als einige zeitgemäße Ruderſchläge nicht nur das Canoe in ſeinem Lauf aufhielten, ſondern ihn auch um das Sechs⸗ oder Achtfache von ſeinen Feinden entfernten. Zum Glück für ihn hatten alle Indianer bei der Verfolgung ihre Büchſen weggeworfen, ſonſt hätte er dieſen Rückzug ſchwerlich ungefährdet bewerkſtelligt; obgleich in der erſten Verwirrung des Handgemenges Keiner das Canoe be⸗ merkt hatte. „Bleibt weg vom Land, Junge!“ ſchrie Hutter;„die Mädchen haben jetzt nur noch Euch zur Stütze; Ihr werdet all Eure Vor⸗ ſicht brauchen können, dieſen Wilden zu entgehen. Bleibt vom Lande weg, und Gott ſey Euch gnädig, ſo wahr Ihr meinen Kindern beiſteht!“ Es war im Ganzen wenig Uebereinſtimmung der Gefühle zwiſchen Hutter und dem jungen Mann; aber die körperliche und Seelen⸗Pein, womit dieſe dringenden Worte gerufen wurden, mach⸗ ten für den Augenblick Wildtödter ganz die Fehler von jenem vergeſſen. Er ſah nur den Vater in ſeiner Qual in ihm, und be⸗ ſchloß ſofort, die Verſicherung der Treue gegen ſeine Intereſſen zu geben, und ſein Wort ehrlich zu halten. „Beruhigt Euer Herz, Meiſter Hutter!“ rief er,„für die Mädchen ſoll Sorge getragen werden, ſo wie für das Caſtell. Der Feind hat die Küſte in Beſitz genommen, Das kann man nicht läugnen, aber nicht das Waſſer. Die Vorſehung hat Alles in ihrer Obhut, und Niemand kann ſagen, was das Ende ſeyn wird, aber wenn guter Wille Euch und den Eurigen dienen kann, ſo ver⸗ laßt Euch darauf. Meine Erfahrung iſt klein, aber mein Wille iſt gut.“ „Ja, ja, Wildtödter,“ rief Hurry zurück mit ſeiner Stentor⸗ ſtimme, die aber doch Etwas von ihrer Herzhaftigkeit verloren hatte.—„Ja, ja, Wildtödter, Ihr meint es gut in Allem, aber was könnt Ihr thun? Ihr ſeyd nichts Beſonderes in den beſten Zeiten, und eine ſolche Perſon wird ſchwerlich ein Wunderthäter in den ſchlimmſten Zeiten! Für Einen Wilden an der Küſte dieſes See's ſind hier ihrer vierzig, und das iſt eine Armee, die zu über⸗ wältigen Ihr nicht der Mann ſeyd. Das Beſte, nach meinem Ur⸗ theil, wird ſeyn, wenn Ihr Euch geraden Weges nach dem Caſtell aufmacht; nehmt die Mädchen mit einigen Nahrungsmitteln in das Canve; dann fahret nach der Seite des See's, wo wir her kamen, und ſchlagt den nächſten Weg nach dem Mohawk ein. Dieſe Teufel werden in den nächſten paar Stunden nicht wiſſen, wo Euch auf⸗ ſuchen, und wenn ſie's auch wüßten, und Euch hitzig nachſetzten, müßten ſie entweder oben oder unten um den See herum, Euch einzuholen. Das iſt meine Anſicht in der Sache; und wenn der alte Tom da ſeinen letzten Willen und Teſtament zu Gunſten ſeiner Töchter zu machen Luſt hat, ſo wird er daſſelbe ſagen.“ „Es wird Nichts helfen, junger Mann,“ begann Hutter.— 126 „Der Feind hat in dieſem Augenblick ſchon Späher ausgeſandt, die nach Canoes ſuchen, und man wird Euch ſehen und einholen. Vertraut auf das Caſtell; und vor Allem, bleibt vom Lande weg. Haltet Euch eine Woche, ſo werden ſchon Truppen aus den Gar⸗ niſonen die Wilden vertreiben.“ „Es wird nicht vierundzwanzig Stunden anſtehen, alter Ge⸗ ſell, bis dieſe Füchſe auf Flößen aufs Waſſer gehen, Euer Caſtell zu ſtürmen,“ unterbrach ihn Hurry mit lebhafterer Streitluſt, als man bei einem Manne hätte erwarten ſollen, der gebunden und ein Gefangner war, und an dem man nichts frei nennen konnte, als ſeine Meinung und ſeine Zunge.„Euer Rath klingt tüchtig, aber er wird ein übles Ende haben. Wäret Ihr oder wäre ich in dem Hauſe, ſo könnten wir wohl einige Tage uns halten; aber bedenkt, daß dieſer Junge vor dieſer Nacht noch nie einen Feind geſehen, und das hat, was Ihr ſelbſt ein Anſiedler⸗Gewiſſen nennt; obwohl ich für meinen Theil glaube, daß die Gewiſſen in den An⸗ ſiedlungen ſo ziemlich dieſelben ſind, wie die hier in den Wäldern. Dieſe Wilden machen mir Zeichen, Wildtödter, Euch aufzufordern, daß Ihr mit dem Canoe landet; aber das werde ich nimmermehr thun, da es gegen Vernunft und Natur iſt. Was den alten Tom und mich betrifft, ob ſie uns heute Nacht ſkalpiren, uns für die Tortur am Feuer aufbewahren, oder uns nach Canada führen werden, das iſt Mehr als irgend Jemand weiß, außer dem Teufel, der ſie bei ihrem Thun leitet und berathet. Ich habe einen ſo großen nnd buſchigten Kopf, daß es mir ganz wahrſcheinlich iſt, ſie werden verſuchen, zwei Skalpe daraus zu machen, denn der Preis iſt eine verführeriſche Sache, ſonſt wären der alte Tom und ich nicht in dieſer Klemme. Ja— da machen ſie immer wieder ihre Zeichen, aber wenn ich Euch rathe, ans Land zu kommen, ſo mögen ſie mich nicht nur röſten, ſondern auch freſſen. Nein, nein, Wildtödter, bleibt, wo Ihr ſeyd, und nach Tagesanbruch nähert Euch in keinem Fall über zweihundert Schritte.—“ 8ε Dieſer Ermahnung Hurry's ward plötzlich ein Ende gemacht durch einen derben Schlag einer Hand auf ſeinen Mund— ein zuverläßiger Beweis, daß Einer in der Truppe genug Engliſch verſtand, um endlich die Abſicht ſeiner Rede zu merken. Unmittel⸗ bar darauf verlor ſich die ganze Gruppe in dem Wald, und allem Anſchein nach ſträubten ſich Hutter und Hurry nicht gegen ihre Abführung. Eben jedoch, als das Geräuſch der kniſternden Büſche aufhörte, vernahm man noch einmal die Stimme des Vaters: „Wie Ihr treu ſeyd gegen meine Kinder, ſo helfe Euch Gott, junger Mann!“ dieß waren die Worte, welche Wildtödters Ohr erreichten; dann ſah er ſich ganz allein, und den Eingebungen ſeiner eignen Klugheit überlaſſen. Einige Minuten verſtrichen in Todesſtille, nachdem die Bande an der Küſte in den Wäldern verſchwunden war. Vermöge der über zwei hundert Schritte betragenden Entfernung, und der Dun⸗ kelheit hatte Wildtödter nur die Gruppe unterſcheiden und ihren Rückzug bemerken können; aber ſelbſt dieſe dämmernde Berührung mit menſchlichen Geſtalten gab der Scene eine Belebtheit, welche einen ſtarken Contraſt mit der jetzt wieder eintretenden Einſamkeit bildete. Obwohl ſich der junge Mann horchend vorbeugte, den Athem anhielt, und alle ſeine Kräfte in den Einen Sinn des Hö⸗ rens zu koncentriren ſich beſtrebte, erreichte doch kein weiterer Laut ſein Ohr, der die Nähe menſchlicher Weſen verrathen hätte. Es ſchien, als ob ein nie unterbrochnes Schweigen wieder über der Gegend waltete; und einen Augenblick wäre ſelbſt der durchdrin⸗ gende Schrei, welcher vor Kurzem die Stille des Waldes unter⸗ brochen hatte, oder einer der Flüche March's, eine Erleichterung geweſen bei dem Gefühl von Verlaſſenheit, das ſich dabei der Seele aufdrängte. Eine ſolche körperliche und geiſtige Lähmung konnte jedoch nicht lange währen bei einem Manne von Wildtödters leiblicher und geiſtiger Organiſation. Sein Ruder ins Waſſer ſenkend, 128 wandte er das Canoe um, und fuhr langſam, wie Einer, der im Gehen denkt, dem Mittelpunkt des See's zu. Als er glaubte, einen Punkt erreicht zu haben in Einer Linie mit dem, wo er das letzte Canoe hatte hintreiben laſſen, änderte er ſeine Richtung nördlich, und behielt den leichten Luftzug möglichſt im Rücken. Nachdem er eine Viertelmeile in dieſer Richtung gerudert, wurde ein dunkler Gegenſtand auf dem See ſichtbar, ein wenig rechts; und zu dem Behufe ſich ſeitwärts haltend, hatte er bald ſeine verlorene Priſe an ſeinem Boot befeſtigt. Jetzt unterſuchte Wildtödter den Him⸗ mel, den Strich des Windes und die Stellung der beiden Canoes. Da er Nichts fand, was ihn zur Aenderung ſeines Plans hätte veranlaſſen können, legte er ſich nieder, und ſchickte ſich an, einige Stunden Schlafs zu genießen, damit ihn der morgende Tag tüch⸗ tig zur Erfüllung ſeiner Obliegenheiten finde. Obwohl Abhärtung und Ermüdung geſunden Schlaf ſchaf⸗ fen auch in der Nähe der Gefahr, dauerte es doch einige Zeit, bis Wildtödter ſeiner Erinnerungen los und ledig wurde. Sein Geiſt beſchäftigte ſich noch mit dem Vorgefallenen, und ſeine halbbe⸗ wußten Geiſteskräfte geſtalteten immerfort die Ereigniſſe der Nacht zu einer Art von wachem Traum. Plötzlich war er aufgefahren und ganz munter, denn er hatte ſich eingebildet, Hurry's verab⸗ redetes Signal zu hören, das ihn aus Ufer rief. Aber Alles war wieder ſtill wie das Grab, die Canoes trieben jetzt langſam nord⸗ wärts, die ernſten Sterne ſchimmerten in ihrer milden Glorie über ſeinem Haupt, und der waldumſchloſſene Waſſerſpiegel lag zwiſchen ſeinen Bergen gebettet, ſo friedlich und melancholiſch, als ob ihn nie Stürme aufſtörten, oder die Mittagsſonne beglänzte. Noch einmal erhob die Lomme ihr zitterndes Geſchrei, nahe am untern Ende des See's, und das Geheimniß des beunruhigenden Tones war erklärt. Wildtödter machte ſich ſein hartes Kiſſen zurecht, ſtreckte ſich auf dem Boden des Canoes aus, und ſchlief. 50———-—S.„ — 129 Siebentes Kapitel. Du Gegenbild der wilden Welt, die ich Bewohnt, o Leman! Deine Waſſer ſchwellen In ſüßer Ruh! Zu tauſchen mahnt ſie mich Der Erde trübe Fluth für reinre Quellen. Lautlos entführt der Kahn mich auf dem hellen, Freundlichen See all meinem Leid! Wohl lang Liebt’ ich ein tobend Meer; doch deine Wellen, Sie ſchmählen ſanft, wie Schweſterſtimmen Klang, Daß je ſo rauhe Luſt ſo mächtig mich bezwang. Byron. Ver Tag war ſo ziemlich angebrochen, als der junge Mann, den wir in der im letzten Kapitel geſchilderten Lage verließen, die Augen wieder öffnete. Sobald dieß geſchehen, ſprang er auf und ſah ſich um mit der Lebhaftigkeit eines Mannes, der plötzlich fühlte, wie wichtig es für ihn ſey, ſich eine genaue Anſchauung von ſeiner Stellung zu verſchaffen. Sein Schlaf war tief und ungeſtört ge⸗ weſen; und jetzt wachte er auf mit einer Klarheit des Geiſtes und einer Entſchloſſenheit und Energie, die er in dieſem Augenblick ge⸗ rade wohl brauchen konnte. Die Sonne war zwar noch nicht auf⸗ gegangen, aber das Gewölbe des Himmels prangte in jener herzer⸗ freuenden ſanften Roͤthe, die ‚den Tag anführt und ſchließte, wäh⸗ rend die ganze Luft erfüllt war von dem Gejauchze der Vögel, den Hymnen des geſiederten Geſchlechts. Dieſe Töne verkündeten Wild⸗ tödter zuerſt die Gefahren, denen er ausgeſetzt war. Die Luft, denn Wind konnte man es kaum nennen, war zwar noch gelind, aber ſie war doch im Laufe der Nacht etwas ſtärker geworden, und da die Canoes bloße Federn auf dem Waſſer waren, waren ſie doppelt ſo weit fortgetrieben worden, als man berechnet hatte; und was noch gefährlicher, ſie hatten ſich ſo ſehr dem Fuß des Berges genähert, der hier ſteil von der öſtlichen Küſte empor⸗ ſtieg, daß das Gejauchze und Schmettern der Vögel ganz deutlich Der Wildtödter. 3. Aufl. 9 13³⁰ gehört werden konnte. Und dieß war noch nicht das Schlimmſte. Das dritte Canoe hatte dieſelbe Richtung genommen und trieb langſam einem vorſpringenden Punkt zu, wo es unvermeidlich an⸗ ſtoßen mußte, wenn es nicht durch einen entgegengeſetzten Wind⸗ ſtoß oder durch Menſchenhände abgelenkt wurde. Sonſt bot ſich Nichts dar, was die Aufmerkſamkeit anziehen oder Unruhe erwecken konnte. Das Caſtell ſtand auf ſeiner Untiefe, beinahe in gleicher Linie mit den Canves, welche im Verlauf der Nacht Meilen weit waren fortgetrieben worden, und die Arche war an deſſen Pfeilern befeſtigt, gerade wie man beide vor vielen Stunden verlaſſen hatte. Natürlich richtete Wildtödter ſein Augenmerk zuerſt auf das vorangeſchwommene Canve. Es war dem Landvorſprung ſchon ganz nahe, und ein paar Ruderſchläge ſchon überzeugten ihn, daß es denſelben berühren müſſe, ehe es ihm möglich wäre, daſſelbe einzuholen. Gerade in dieſem Augenblicke wehte auch, ſehr unge⸗ legen, der Wind friſcher, und machte das Weitertreiben des leich⸗ ten Fahrzeuges raſcher und ſicherer. Ueberzeugt von der Unmög⸗ lichkeit, die Berührung mit dem Lande zu hindern, entſchloß ſich der junge Mann klüglich, ſich nicht durch unnöthige Anſtrengungen zu erhitzen; ſondern zuerſt nach der Pfanne ſeines Gewehrs ſehend, ruderte er dann langſam und vorſichtig auf den Vorſprung zu, und beſchrieb abſichtlich einen kleinen Bogen, um bei ſeiner Annäherung nur von Einer Seite her ſich auszuſetzen. Das treibende, von keiner ſolchen intelligenten Kraft gelenkte Canoe verfolgte ſeinen eignen Weg, und fuhr auf einem kleinen verſunknen Fels drei oder vier Schritte von der Küſte auf. Gerade in dieſem Augenblicke kam Wildtödter in gleiche Linie mit dem Vorſprung, und wandte den Bug ſeines eignen Bootes gegen das Land; zuerſt machte er ſein Tau los, damit ſeine Bewegungen nicht gehemmt würden. Das Canoe hing einen Augenblick an dem Felſen; dann erhob es ſich ein Haarbreit bei einem kaum merk⸗ lichen Anſchwellen des Waſſers, drehte ſich herum, wurde flott — und erreichte den Strand. Alles dieß bemerkte der junge Mann, aber es beſchleunigte weder ſeinen Pulsſchlag noch trieb es ſeine Hand zur Eile. Hätte Jemand verborgen gewartet auf die Ankunft des führerloſen Fahrzeugs, ſo mußte er geſehen werden, und die äußerſte Vorſicht bei der Annäherung ans Ufer war unerläßlich; lag aber Niemand da auf der Lauer, ſo war Eile überflüſſig. Da der Vorſprung dem indianiſchen Lager beinahe ſchräg gegenüber lag, hoffte er das Letztere, obgleich das Erſte nicht nur möglich, ſondern auch wahrſcheinlich war; denn die Wilden waren gar raſch in Ergreifung aller, ihrer eigenthümlichen Weiſe der Kriegführung angehörigen Maßregeln, und ſehr wahrſcheinlich waren viele Späher von ihnen auf den Beinen, um die Küſte nach Fahrzeugen zu durchſuchen, die ſie nach dem Caſtell bringen könnten. Da ein Blick auf den See von jeder Höhe und jedem Vorſprung aus die kleinſten Gegenſtände auf ſeiner Fläche zeigte, war wenig Hoffnung, daß eines von den Canoes ungeſehen bleiben würde; und indianiſcher Scharfſinn brauchte keine Belehrung darüber, in welcher Linie ein Boot oder ein Baumſtamm treiben müſſe, wenn die Richtung des Windes einmal bekannt war. Je näher Wildtödter dem Lande kam, um ſo langſamer erfolgten die Schläge ſeiner Ruderſchaufel, um ſo wachſamer ſein Auge, und Ohr und Naſe dehnten ſich bei⸗ nahe aus über dem angeſtrengten Beſtreben, irgend eine lauernde Gefahr zu entdecken. Es war ein bedenklicher Augenblick für einen Neuling, auch fehlte die Aufmunterung, welche ſelbſt Furchtſame manchmal finden in dem Bewußtſeyn, beobachtet und beurtheilt zu werden. Er war ganz allein, ganz auf ſeine eigene Kraft und Eingebung angewieſen, von keinem Freundesauge angefeuert, von keinem ermuthigenden Zuruf angeſpornt. Trotz all dieſen Um⸗ ſtänden hätte doch der im Grenzmännerkrieg erfahrenſte Veteran ſeine Sache nicht beſſer machen können. Gleich weit entfernt von Tollkühnheit und Aengſtlichkeit bewerkſtelligte er ſein Vorrücken mit einer Art von philoſophiſcher Klugheit, die ihn über alle 13² andern Motive zu erheben ſchien, außer denjenigen, die zunächſt die Ausführung ſeines Zweckes betrafen und förderten. Dieß war der Anfang einer Laufbahn des Waldheldenthums, die nachmals dieſen Mann, in ſeiner Art, und innerhalb der Grenzen ſeiner Lebensart und ſeiner Thatenſphäre ſo berühmt machte, wie manchen Helden, deſſen Name die Blätter von Werken geſchmückt hat, berühmter als ſolche einfache Erzählungen, wie dieſe je werden können. Etwa noch hundert Schritte weit vom Ufer entfernt, erhob ſich Wildtödter im Canoe, führte drei oder vier kräftige Ruder⸗ ſchläge, welche hinreichten, die Barke vollends ans Land treiben zu machen, legte dann raſch das Schifferinſtrument bei Seite, und ergriff das des Krieges. Eben war er im Begriff, ſeine Büchſe aufzuheben, als auf einen ſtarken Knall das Ziſchen einer Kugel folgte, welche ſo nahe an ihm vorbeiflog, daß er unwillkührlich zurückfuhr. Im nächſten Augenblick taumelte Wildtödter und fiel ſeiner ganzen Länge nach auf den Boden des Canoes. Ein gellender Ruf— von einer einzelnen Stimme— folgte, und ein Indianer ſprang aus dem Gebüſch auf den offenen Platz der Landſpitze und dem Canoe zu. Das war der Augenblick, den der junge Mann gewünſcht. Er erhob ſich augenblicklich und legte ſeine Büchſe auf ſeinen ungeſchützten Feind an; aber ſein Finger zögerte, abzudrücken auf einen Menſchen, der in ſolchem Nachtheil ihm gegenüber ſtand. Dieſer kleine Verzug wahrſcheinlich rettete dem Indianer das Leben, der ſo raſch wieder in das Verſteck zurück ſprang als er herausgeſtürzt war. Inzwiſchen hatte ſich Wild⸗ tödter raſch dem Lande genähert und ſein eignes Canoe berührte den Vorſprung gerade in dem Augenblick, wo ſein Feind ver⸗ ſchwand. Da ſeine Bewegungen nicht gelenkt wurden, berührte es die Küſte einige Schritte entfernt von dem andren Boot; und obgleich ſein Feind erſt ſeine Büchſe zu laden hatte, hatte er doch keine Zeit, ſeiner Beute ſich zu verſichern und ſie außer dem Bereich einer Gefahr wegzuführen, ohne ſich noch einem Schuß auszuſetzen. Unter ſolchen Umſtänden daher zögerte er nicht einen Augenblick, ſondern ſtürzte ſich in den Wald und ſuchte ſich einen Schirm und Schild. Gleich auf dem Vorſprung war ein kleiner offner Platz, theils mit Graswuchs bedeckt, theils Uferplatz, aber ein dichter Saum von Gebüſchen umzog ſeine obere Seite. Wenn man an dieſem ſchmalen Streif zwerghafter Vegetation vorüber war, gelangte man ſogleich in die hohen, düſtern Gewölbe des Waldes. Das Land war einige hundert Fus weit ziemlich eben und dann ſtieg es ſteil bergan. Die Bäume waren hoch, groß und ſo frei von Unterholz, daß ſie gewaltigen unregelmäßig zerſtreuten Säulen glichen, die eine Kuppel von Laub trugen. Obwohl ſie ziemlich dicht an ein⸗ ander ſtanden für ihr Alter und ihre Größe, konnte doch das Auge in anſehnliche Entfernungen vordringen, und ſelbſt Schaaren von Männern hätten unter ihrem Schutz mit Einſicht und Einverſtänd⸗ niß ein Gefecht liefern können. Wildtödter wußte, daß ſein Gegner mit dem Laden beſchäftigt ſeyn mußte, wenn er nicht geflohen war. Jenes war, wie ſich zeigte, wirklich der Fall, denn kaum hatte ſich der junge Mann hinter einen Baum geſtellt, als er des Arms eines Indianers an⸗ ſichtig ward, deſſen Körper hinter einer Eiche ſich verſteckte, wie er eben die lederumwickelte Kugel in den Lauf ſtieß. Nichts wäre leichter geweſen, als vorſpringen und die Sache entſcheiden durch einen Angriff aus der Nahe auf ſeinen unvorbereiteten Feind; aber jedes Gefühl Wildtödters empörte ſich gegen einen ſolchen Schritt, obgleich eben erſt ſein Leben durch einen ähnlichen Angriff aus gedecktem Hinterhalt bedroht geweſen war. Er war noch nicht geübt in den mitleidsloſen Maßregeln der Kriegführung der Wilden, wovon er Wenig wußte außer durch Ueberlieferung und Theorie, und es erſchien ihm als ein unwürdiger Vortheil, einen unbewaffneten Feind anzugreifen. Seine Farbe war dunkler ge⸗ worden, ſein Auge ſprühte grimmig, ſein Mund war zuſammengezogen 13⁴4 und alle ſeine Kräfte geſammelt und geſpannt; aber ſtatt vorwärts zu gehen und zu feuern, ließ er ſeine Büchſe ſinken in der Art, wie ein Waidmann thut, der im Begriff iſt, ſeinen Zielpunkt in's Auge zu faſſen, und murmelte vor ſich hin, ſelbſt nicht wiſſend, daß er ſprach: „Nein, nein— das mag Kriegführung der Rothhäute ſeyn, aber es iſt gegen die Gaben eines Chriſten. Mag der Elende laden, und dann wollen wir es abmachen wie Männer; denn das Canve darf er und ſoll er nicht haben. Nein, nein! Zeit ſoll er haben zum Laden, und Gott wird ſich des Rechts annehmen!“ Während dieſer ganzen Zeit war der Indianer ſo mit ſich und ſeinen Bewegungen beſchäftigt, daß er nicht einmal wußte, daß ſein Feind im Walde ſich befand. Seine einzige Befürchtung war die, das Canoe möchte in Beſitz genommen und weggeführt wer⸗ den, ehe er gefaßt wäre, dieß zu verhindern. Er hatte inſtinct⸗ mäßig den Schutz des Baumes geſucht, befand ſich aber nur wenige Schritte von dem Saum von Buſchwerk entfernt, und konnte in einem Augenblick am Rande des Waldes ſeyn, bereit zu feuern. Der Abſtand zwiſchen ihm und ſeinem Feind betrug etwa fünfzig Schritte und die Bäume waren von der Natur ſo geordnet, daß der Blick durch kein Hinderniß unterbrochen wurde, außer durch eben die Bäume, hinter welchen die beiden Feinde ſich bargen. Sobald der Wilde ſeine Büchſe geladen, ſah er ſich um, und ſchritt vor, unvorſichtig, in Betracht der wirklichen Stellung ſeines Feindes, aber verſtohlen und behutſam in Bezug auf die⸗ jenige, worin er denſelben fälſchlich vermuthete, bis er ganz frei und unbeſchützt daſtand. Jetzt trat Wildtödter hinter ſeinem Ver⸗ ſteck hervor und rief ihn an. „Hierher, Rothhaut; hierher, wenn Ihr mich ſucht,“ rief er ihm zu.„Ich bin jung im Krieg, aber nicht ſo jung, daß ich auf einen freien, offenen Uferplatz träte, um mich wie eine Eule niederſchießen zu laſſen am hellen Tage. Es hängt von Euch ab, ob Friede oder Krieg zwiſchen uns iſt; denn meine Gaben ſind weiße Gaben, und ich gehöre nicht zu denen, die es für eine Hel⸗ denthat halten, menſchliche Sterbliche einzeln in den Wäldern zu erſchlagen.“ Der Wilde war nicht wenig betroffen bei dieſer plötzlichen Ent⸗ deckung der Gefahr, worin er ſchwebte. Er verſtand jedoch ein Wenig Engliſch, und merkte, wohin ungefähr des Andern Rede zielte. Auch war er zu wohl geübt und geſchult, um Schrecken zu verrathen, ſondern er ließ den Kolben ſeiner Büchſe auf den Boden ſinken und machte, mit einem Weſen, das Zuverſicht aus⸗ drückte, eine Geberde ſtolzer Höflichkeit. Alles das geſchah mit der Selbſtbeherrſchung und Sicherheit eines Mannes, der keinen Menſchen als über ſich ſtehend anzuerkennen gewohnt iſt. Aber während er ſeine Rolle mit ſo vollendeter Kunſt ſpielte, machte doch der in ihm tobende Vulkan ſeine Augen ſprühen und ſeine Nüſtern ſich dehnen, wie bei einem wilden Thier, das plötzlich ge⸗ hindert wird, den todbringenden Sprung auszuführen. „Zwei Canoe,“ ſagte er, in den tiefen Gutturaltönen ſeiner Race, die gleiche Zahl Finger emporhaltend, um Mißverſtändniſſe zu verhüten;„eins für Euch, eins für mich.“ „Nein, nein, Mingo, ſo geht es nicht. Euch gehört keins; und Ihr ſollt auch keines haben, ſo lang ich es verhindern kann. Ich weiß, es iſt Krieg zwiſchen Eurem Volk und dem meinigen, aber das iſt kein Grund, warum menſchliche Sterbliche einander umbringen ſollten, wie wilde Creaturen, die ſich in den Wäldern begegnen: geht denn Eures Wegs und laßt mich den meinigen gehen. Die Welt iſt groß genug für uns Beide; und wenn Mwir uns in ehrlicher Schlacht begegnen, nun dann wird der Herr über unſer Beider Schickſal verfügen!“ „Gut!“ rief der Indianer;„mein Bruder ein Miſſionär— großer Redner; Alles von Manitou.“ 136 „Nicht ſo, nicht ſo, Krieger. Ich bin nicht gut genug für die Mähriſchen Brüder, und zu gut für die meiſten andern Vaga⸗ bunden, die in den Wäldern herumpredigen. Nein, nein, ich bin nur ein Jäger, bis jetzt, obgleich es wohl möglich, ehe wieder Friede iſt, daß ich Gelegenheit haben werde, einen Schlag gegen dieſen und jenen von Euren Leuten zu führen. Doch wünſche ich, daß das in ehrlichem Gefecht geſchehe, und nicht bei einem Hader um den Beſitz eines elenden Canve.“ „Gut!— Mein Bruder ſehr jung— aber ſehr weiſe. Klei⸗ ner Krieger— großer Redner. Häuptling, manchmal im Rathe.“ „Ich weiß das nicht, ſage das auch nicht, Indianer,“ verſetzte Wildtödter, etwas erröthend bei dem ſchlechtverhehlten Sarkasmus in dem Benehmen des Andern,„ich ſehe einem Leben in den Wäl⸗ dern entgegen, und ich hoffe nur, es werde ein friedliches ſeyn. Alle jungen Männer müſſen den Kriegspfad betreten, wenn ſich dazu Gelegenheit bietet, aber Krieg iſt nicht nothwendig Metzelei. Von dieſer habe ich in der letzten Nacht genug geſehen, um zu wiſſen, daß die Vorſehung ſie mit Mißfallen anſieht; und ich fordre Euch jetzt auf, Eurer Wege zu gehen, wie ich der meinigen gehen will, und hoffe, daß wir als Freunde ſcheiden.“ „Gut! Mein Bruder hat zwei Skalpe— graues Haar unter dem andern. Alte Weisheit— junge Zunge.“ Hier trat der Wilde zuverſichtlich näher, die Hand ausſtreckend, ſein Angeſicht lächelnd, und ſeine ganze Haltung zeigte Freundſchaft und Achtung. Wildtödter nahm die dargebotene Freundſchaft in geeigneter Art an, und ſie ſchüttelten ſich herzlich die Hände, Jeder beſtrebt, den Andern von ſeiner Aufrichtigkeit und Friedensliebe zu überzeugen. „Jeder das Seinige haben!“ ſagte der Indianer;„mein Canoe mein; Euer Canoe Euer; geht zu ſehen; wenn's Euer, behaltet's; wenn's mein, ich behallen.“ „Das iſt billig, Rothhaut; aber Ihr müßt im Irrthum ſeyn, —— 137 wenn Ihr das Canoe für Euer Eigenthum haltet. Jedoch, ſehen iſt glauben, und wir wollen an den Strand hinunter gehen, wo Ihr mit eignen Augen ſchauen könnt; denn wahrſcheinlich werdet Ihr Euch nicht entſchließen, den meinigen nicht ganz zu vertrauen.“ Der Indianer ließ ſeinen Lieblingsausruf: ‚Gut!’ vernehmen, und dann ſchritten ſie neben einander der Küſte zu. In dem Be⸗ nehmen Beider war kein Mißtrauen ſichtbar; der Indianer ging voran, als wollte er ſeinem Begleiter zeigen, daß er ſich nicht fürchte, ihn in ſeinem Rücken zu haben. Als ſie den freien Platz erreichten, deutete jener auf Wildtödters Boot und ſagte mit Nachdruck: 3 „Das nicht mein— Bleichgeſichts Canoe; nicht rothen Mannes. Will nicht andrer Leute Canoe— will nur mein eignes.“ „Ihr ſeyd im Irrthum, Rothhaut, Ihr ſeyd ganz im Irrthum. Dieß Canoe war in des alten Hutters Verwahrung und iſt ſein, nach allen Geſetzen und Rechten, rothen oder weißen, bis der Eigenthümer kommt, es zu fordern. Da ſind die Sitze und die Fugung der Barke, die für ſich ſelbſt ſprechen. Kein Menſch hat je geſehen, daß ein Indianer ſolche Arbeit gemacht.“ „Gut. Mein Bruder wenig alt— dicke Weisheit. Indianer es nicht machen. Weißen Mannes Arbeit.“ „Ich bin froh, daß Ihr ſo denkt, denn die Behauptung des Gegentheils hätte böſes Blut zwiſchen uns gemacht; denn freilich hat Jeder das Recht, von dem Seinigen Beſitz zu nehmen. Ich will nur gleich das Canoe hinausſchieben aus dem Bereich des Streites, als der kürzeſte Weg, Schwierigkeiten ins Reine zu bringen.“ Unter dieſen Worten ſetzte Wildtödter einen Fuß auf das Ende des leichten Bootes, gab ihm einen kräftigen Stoß, und trieb es damit hundert Fuß weit oder mehr in den See hinein, wo es in die rechte Richtung kommend, nothwendig an dem Landvorſprung vorbeiſchwimmen mußte, und nicht mehr in Gefahr kam, die Küſte . 138„ zu berühren. Der Wilde ſtutzte bei dieſem entſchiedenen und kurz⸗ angebundenen Verfahren, und ſein Begleiter ſah, daß er einen heftigen und trotzigen Blick auf ſein eignes Canoe, oder dasjenige warf, das die Ruder enthielt. Die Veränderung in ſeiner Miene jedoch währte nur einen Augenblick, und dann nahm der Irokeſe wieder ſein freundliches Weſen an, mit einem Lächeln der Zufriedenheit. „Gut!“ wiederholte er mit ſtärkerem Nachdruck als je.„Junges Haupt— alter Verſtand. Wißt, wie einen Hader abmachen. Lebt wohl, Bruder. Er nach Hauſe gehen zu Waſſer— Biſam⸗ ratten⸗Haus— Indianer ins Lager gehen; Häuptling ſagen, kein Canoe gefunden.“ Wildtödter war es nicht leid, dieſen Vorſchlag zu hören, denn es verlangte ihn ſehr, zu den Mädchen zu kommen, und er nahm die dargebotene Hand des Indianers ſehr willig an. Die Abſchieds⸗ worte waren freundſchaftlich; und während der rothe Mann ruhig dem Walde zuſchritt, mit der Büchſe im hohlen Arm, ohne nur einmal unruhig und mißtrauiſch ſich umzuſehen, wandte ſich der Weiße zu dem zurückgebliebenen Canoe, ſein Gewehr zwar in derſelben fried⸗ lichen Weiſe tragend, aber ſein Auge immer auf die Bewegungen des Andern geheftet. Dieß Mißtrauen jedoch ſchien ganz unge⸗ rechtfertigt, und als ſchäme er ſich, es gehegt zu haben, wandte der junge Mann ſeine Blicke und ſchritt ſorglos ſeinem Boote zu. Dann begann er das Canoe von der Küſte weg zu ſtoßen, und machte ſeine übrigen Vorbereitungen zur Abfahrt. Er mochte etwa eine Minute ſo beſchäftigt geweſen ſeyn, als, bei einer zufälligen Wendung ſeines Geſichts nach der Landſeite hin, ſein raſches und ſichres Auge ihn auf einen Blick von der dringenden Gefahr be⸗ lehrte, worin ſein Leben ſchwebte. Das ſchwarze, trotzige Auge des Wilden blitzte durch eine kleine Oeffnung in den Büſchen ihn an wie das eines zum Satz bereiten Tiegers, und die Mündung ſeiner Büchſen ſchien ſich ſchon in einer Linie mit ſeinem Körper zu öffnen. —— —— 2 — Da leiſtete wirklich ſeine lange Uebung als Jäger dem Wild⸗ tödter gute Dienſte. Gewohnt, auf das Wild im Satze zu feuern, und oft, wenn die genaue Stellung des Körpers des Thiers ge⸗ wiſſermaßen erſt zu errathen war, benützte er hier eben dieſe Fertigkeit. Den Hahn ſpannen und ſeine Büchſe anlegen war das Werk Eines Augenblicks und Einer Bewegung; dann beinahe blind⸗ lings zielend feuerte er in die Gebüſche, worin er eine menſchliche Geſtalt verborgen wußte, welcher das allein ſichtbare, entſetzliche Geſicht angehörte. Es war keine Zeit, das Gewehr höher zu halten, oder mit mehr Ueberlegung zu zielen. So ſchnell waren ſeine Bewegungen, daß beide Gegner im gleichen. Augenblick ab⸗ feuerten, und der Knall beider Gewehre in Eins ſich vermiſchte. Die Berge warfen in der That nur Ein Echo zurück. Wildtödter ließ ſeine Büchſe ſinken, und ſtand mit aufgerichtetem Haupt, feſt wie eine der Tannen in der Stille eines Juniusmorgens, das Er⸗ gebniß abwartend; während der Wilde den gellenden Schrei aus⸗ ſtieß, der wegen ſeines entſetzlichen Eindrucks hiſtoriſch geworden iſt, durch die Büſche ſprang, und ſeinen Tomahawk ſchwingend, in Sätzen über den freien Platz daher kam. Noch immer rührte ſich Wildtödter nicht, ſondern ſtand da, ſeine entladene Büchſe an ſeine Schulter gelehnt, während mit dem Inſtinkt des Jägers ſeine Hände mechaniſch nach Pulverhorn und Ladſtock griffen. Etwa vierzig Schritte von ſeinem Feinde entfernt, ſchleuderte der Wilde die gefährliche Waffe, aber mit ſo unſicherm Auge, mit ſo unſteter und ſchwacher Hand, daß der junge Mann ſie an der Handhabe faßte, als ſie an ihm vorbei flog. In dieſem Augenblick taumelte der Indianer und fiel der Länge nach zu Boden. „Ich wußte es— ich wußte es!“ rief Wildtödter, der ſich ſchon anſchickte, eine friſche Kugel in ſeine Büchſe zu zwängen, wich wußte, es mußte dahin kommen, ſobald ich die Augen der Creatur zur Zielſcheibe hatte. Ein Mann viſirt plötzlich und feuert raſch, wenn ſein eignes Leben in Gefahr iſt; ja, ich wußte, es 140 würde dazu kommen. Ich war etwa den hundertſten Theil einer Sekunde zu raſch für ihn, ſonſt hätte es vielleicht mich getroffen! Die Kugel des Wurms hat mich gerade an der Seite geſtreift— aber, man ſage was man will, für oder wider ſie, eine Rothhaut iſt in keiner Weiſe ſo ſicher mit Pulver und Kugel wie ein Weißer. Ihre Gaben ſcheinen nicht dahin zu liegen. Selbſt Chingachgook, ſo groß er iſt in andern Dingen, iſt kein tödtlicher Treffer mit der Büchſe.“ Mittlerweile hatte er das Gewehr wieder geladen, und nach⸗ dem er den Tomahawk in das Canoe geworfen, trat er auf ſein Opfer zu, und ſtand, auf ſeine Büchſe gelehnt, in ſchwermüthiger Beobachtung vor ihm. Es war das erſte Mal, daß er einen Men⸗ ſchen im Kampf hatte fallen ſehen— das erſte Weſen ſeiner eignen Gattung, gegen das er je feindſelig ſeine Hand erhoben. Dieſe Empfindungen waren ihm neu; und bedauernde Reue, friſch, wie unſere beſſern Gefühle es im Anfang ſind, miſchte ſich in ſeinen Triumph. Der Indianer war nicht todt, obwohl gerade durch den Leib geſchoſſen. Er lag regungslos auf dem Rücken, aber ſeine Augen, jetzt voll Bewußtſeyn, bewachten jede Bewegung ſeines Siegers— wie der gefallene Vogel den Vogeliäger— eiferſüchtig auf jeden ſeiner Schritte. Wahrſcheinlich erwartete der Mann den tödtlichen Streich, welcher dem Verluſt ſeines Skalps vorangehen ſollte; oder vielleicht vermuthete er, daß dieſe letztere grauſame Operation ſeinem Tode vorangehen werde; Wildtödter errieth ſeine Gedanken; und es war ihm eine ſchwermüthige Genugthuung, den hülfloſen Wilden in Bezug auf dieſe Beſorgniß beruhigen und tröſten zu können. „Nein, nein, Rothhaut,“ ſagte er,„Ihr habt nichts mehr von mir zu fürchten. Ich bin von chriſtlichem Stamme, und Skalpiren liegt nicht in meinen Gaben. Ich will mich nur Eurer Büchſe verſichern, und dann zurückkommen und Euch dienen, in was ich kann; obgleich ich mich hier nicht mehr lange aufhalten darf, da — 141 der Knall von drei Büchſen wohl einige von Euren Teufeln mir auf den Hals ziehen wird.“ Die letzten Worte redete der junge Mann halb im Selbſtge⸗ ſpräch, während er ging, die dem Wilden entfallene Büchſe zu ſuchen. Dieſe fand ſich da, wo ihr Eigenthümer ſie weggeworfen, und ward ſogleich in das Canoe gelegt. Seine eigne Büchſe legte Wildtödter daneben hin, kehrte dann zurück und ſtellte ſich wieder vor den Indianer hin. „Alle Feindſchaft zwiſchen Euch und mir iſt zu Ende, Roth⸗ haut,“ ſagte er,„und Ihr könnt Euer Herz beruhigen wegen des Skalps oder irgend eines weitern Leides. Meine Gaben ſind die eines Weißen, wie ich Euch ſchon geſagt habe, und ich hoffe, meine Handlungsart wird auch weiß ſeyn!“ Wenn Blicke und Mienen Alles ausſprächen, was ſie bedeuten ſollen, ſo hätte wahrſcheinlich Wildtödters unſchuldige Eitelkeit auf ſeine Farbe eine kleine Zurechtweiſung im Geſicht des Wilden ge⸗ leſen; aber er verſtand nur die Dankbarkeit, die ſich in den Augen des Sterbenden ausſprach, ohne im Mindeſten den bittern Hohn zu merken, der mit dem beſſern Gefühle rang. „Waſſer!“ ſtammelte das unglückliche, durſtige Geſchöpf;„gebt armem Indianer Waſſer!“ „Ja, Waſſer ſollt Ihr haben, und wenn Ihr den See trocken trinkt. Ich will Euch nur hinuntertragen, damit Ihr Euern Durſt recht löſchen könnt, das iſt ſo die Art, ſagt man mir, bei allen Verwundeten— Waſſer iſt ihr größtes Labſal und Entzücken.“ Mit dieſen Worten hob Wildtödter den Indianer in ſeinen Armen auf und trug ihn an den See. Hier half er ihm zuerſt zu einer Lage, worin er ſeinen brennenden Durſt ſtillen konnte; darauf ſetzte er ihn auf einen Stein, nahm das Haupt des ver⸗ wundeten Gegners in ſeinen Schooß und ſuchte ihn in ſeinen Schmerzen ſo gut er konnte zu tröſten. „Es wäre ſündhaft von mir, zu ſagen, daß Eure Zeit nicht 142 gekommen ſey, Krieger,“ begann er, und deßwegen will ich das nicht ſagen. Ihr ſeyd ſchon über das mittlere Alter hinaus, und in Betracht des Lebens, das Ihr führt, habt Ihr das Maaß Eurer Tage ſo ziemlich erfüllt. Die Hauptſache iſt jetzt, dem entgegen⸗ zuſehen, was zunächſt kommt. Weder Rothhaut noch Bleichgeſicht rechnen im Ganzen genommen, darauf, immerfort zu ſchlafen, ſon⸗ dern beide erwarten in einer andern Welt fortzuleben. Jeder hat ſeine Gaben, und wird darnach gerichtet werden, und ich hoffe, Ihr habt dieſe Dinge hinreichend überdacht, um keiner Predigten zu bedürfen, wenn es zum Spruch und Urtheil kommt. Ihr werdet Eure glücklichen Jagdreviere finden, wenn Ihr ein gerechter In⸗ dianer geweſen ſeyd; wenn aber ein ungerechter, erwarten Euch anderswo Eure Wüſten. Ich habe meine eignen Ideen über dieſe Sachen; aber Ihr ſeyd zu alt und zu erfahren, um von einem ſo Jungen, wie ich, Belehrungen zu bedürfen.“ „Gut!“ ſtammelte der Indianer, deſſen Stimme ihre Tiefe be⸗ hielt, als ſchon das Leben dahinſchwand,„junges Haupt— alte Weisheit!“ „Es iſt manchmal ein Troſt, wenn das Ende kommt, zu wiſſen, daß diejenigen, denen wir ein Leid gethan, oder zu thun geſucht, uns vergeben. Ich bilde mir ein, die Natur ſucht dieſe Erleichterung, um einer Verzeihung auf Erden theilhaft zu werden; da wir nie wiſſen können, ob Er verzeiht, der Alles in Allem iſt, bis das Gericht ſelbſt kommt. Es iſt tröſtlich zu ſolcher Zeit zu wiſſen, daß Jemand verzeiht, und das, vermuthe ich, iſt das Geheimniß. Nun, was mich betrifft, ſo überſehe ich ganz Eure Anſchläge gegen mein Leben, erſtlich weil kein Unheil daraus entſprang, ſodann auch, weil Eure Gaben und Natur und Erziehung einmal ſo find, und ich hätte Euch eben gar nicht trauen ſollen; und endlich und hauptſächlich weil ich keinen boͤſen Willen hegen kann gegen einen Sterbenden, ſey er ein Heide oder ein Chriſt. So beruhigt Euch denn in Eurem Herzen, was mich anlangt; Ihr müßt am beſten -,— — — 2 143 wiſſen, was für andre Dinge Euch beunruhigen, oder was Euch zur Zufriedenheit gereichen würde in einem ſo wichtigen Augenblicke.“ Vermuthlich hatte der Indianer auch zum Theil jene erſchüt⸗ ternden Ahnungen von dem unbekannten Zuſtand des Seyns, welche Gott in ſeiner Barmherzigkeit zu Zeiten dem ganzen menſchlichen Geſchlecht zu vergönnen ſcheint; aber nothwendig ſtanden ſie im Einklang mit ſeinen Lebensgewohnheiten und Vorurtheilen. Wie die Meiſten ſeines Volkes, und nur zu Viele unter uns, dachte er mehr daran, in einer Weiſe zu ſterben, wodurch er ſich Lob und Beifall bei den Zurückbleibenden gewann, als ſich ein beſſeres Da⸗ ſeyn in einer künftigen Welt zu ſichern. Während Wildtödter redete, war ſein Geiſt etwas verſtört, obwohl er die gute Abſicht merkte; und als er fertig war, flog durch ſeine Seele ein Bedauern dar⸗ über, daß keine Genoſſen ſeines Stammes anweſend waren, um Zeugen zu ſeyn von ſeinem Stoicismus bei den äußerſten phyſiſchen Schmerzen, und von der Feſtigkeit, womit er ſein Ende erwartete. Vermöge der hochſinnigen, angebornen Höflichkeit, die ſo oft den indianiſchen Krieger auszeichnet, ehe er durch zu großen Verkehr mit der ſchlechteſten Claſſe der Weißen verdorben wird, ſuchte er ſeine Dankbarkeit für die guten Abſichten des Andern auszudrücken, und ihm zu verſtehen zu geben, daß er ſie zu ſchätzen wiſſe. „Gut!“ wiederholte er, denn dieß Wort war bei den Wilden ſehr gebräuchlich,—„gut, junges Haupt; auch junges Herz. Altes Herz zäh; keine Thränen vergießen. Indianer hören, wenn er ſtirbt, und nicht zu lügen braucht— wie ſich nennt er?“ „Wildtödter iſt der Name, den ich jetzt trage; doch haben die Delawaren geſagt, ich würde, wenn ich von dieſem Kriegspfade zu⸗ rückkäme, einen mannhaftern Titel bekommen, vorausgeſetzt, daß ich einen erwürbe.“ „Das guter Name für Knaben— armer Name für Krieger. Wird bald ein beſſerer werden. Keine Furcht hier,“— der Wilde beſaß in ſeiner lebhaften Aufregung noch Kraft genug, eine 144 Hand zu erheben, und die Bruſt des jungen Mannes zu betaſten— „Auge ſicher, Finger ein Blick,— Ziel, Tod— großer Krie ger bald. Kein Wildtödter— Falkenauge— Falkenauge— Falken⸗ auge. Hände ſchütteln.“ Wildtödter— oder Falkenauge, wie der Jüngling jetzt zum erſtenmal genannt wurde, denn in ſpätern Jahren trug er dieſen Namen in der ganzen Gegend— Wildtödter ergriff die Hand des Wilden, der in dieſer Lage ſeinen letzten Athemzug that, und ſtarrte mit Bewunderung das Geſtcht eines Unbekannten an, der in ſo ſchweren und neuen Verhältniſſen ſo viel Entſchloſſenheit, Gewandt⸗ heit und Feſtigkeit gezeigt hatte. Wenn der Leſer ſich erinnert, daß es die höchſte Genugthuung für einen Indianer iſt, zu ſehen, wie ſein Feind Schwäche verräth, wird er noch richtiger die Hand⸗ lungsweiſe würdigen, welche in einem ſolchen Augenblick ein ſolches Zugeſtändniß errungen hatte. „Sein Geiſt iſt entflohen!“ ſagte Wildtödter mit gedämpfter, melancholiſcher Stimme.„Ach, mir iſt's leid! Nun, dahin müſſen wir Alle kommen, früher oder ſpäter; und der Glücklichſte iſt der, ſey ſeine Haut von welcher Farbe ſie wolle, der am bereiteſten iſt, dieſen Weg zu gehen. Da liegt der Leichnam von einem ohne Zweifel tapfern Krieger, und die Seele fliegt ſchon ihrem Himmel oder ihrer Hölle zu, ſey dieß nun ein glückliches Jagdrevier, oder eine Gegend ohne Wild; Gefilde der Herrlichkeit, nach der Mähri⸗ ſchen Brüder Lehre, oder Feuerflammen! So trifft es ſich auch oft in andern Dingen nach Zufall und wunderlich. Da haben der alte Hutter und Hurry ſich in große Nöthen hineingerannt, wo nicht gar in Martern und Tod, und Alles einem Preiſe zu lieb⸗ den mir das gute Glück darbietet in rechtmäßiger und anſtändiger Weiſe— wie es Viele bedünken würde. Aber nicht ein Pfennig von ſolchem Geld ſoll durch meine Hand gehen. Weiß bin ich ge⸗ boren und weiß will ich ſterben; an meiner Farbe feſthalten, bis ans Ende, wenn auch des Königs Majeſtät, ſeine Gouverneurs und alle ſeine Räthe, im Mutterland und in den Colonien vergeſſen, woher ſie ſtammen, und wohin ſie zu kommen hoffen, und Alles einem kleinen Vortheil im Kriege zulieb. Nein, nein, Krieger!— meine Hand ſoll nie deinen Skalp gefährden, und ſo möge deine Seele im Frieden ruhen, was den Punkt betrifft, ob ſie auch in geziemender Erſcheinung ſich darſtellen kann, wenn der Körper wie⸗ der mit ihr ſich vereinigt, in Eurem Lande der Geiſter!“ Nach dieſen Worten ſtand Wildtödter ſogleich auf. Dann brachte er den Leichnam des Todten in eine ſitzende Stellung mit dem Rücken gegen den kleinen Fels, und traf mit aller Sorgfalt Vor⸗ kehrungen, daß er nicht falle, oder irgend in eine Lage gerathe, welche nach den ſehr empfindlichen, obwohl rohen Begriffen eines Wilden unziemlich erſcheinen könnte. Nach Erfüllung dieſer Pflicht ſtand der junge Mann da, in einer Art ſchwermüthiger Zerſtreut⸗ heit das grimmige Antlitz ſeines gefallenen Feindes betrachtend. Aber wie es ſeine Gewohnheit war— eine Gewohnheit, die er dadurch angenommen, daß er ſo viel allein in den Wäldern lebte, begann er jetzt wieder ſeine Gedanken und Empfindungen laut zu äußern. „Ich wollte Dein Leben nicht haben, Rothhaut,“ ſagte er, „aber Du ließeſt mir keine Wahl als toͤdten oder mich tödten laſſen. Jeder Theil handelte nach ſeinen Gaben, denk' ich, und Tadel kann Keinen treffen. Du wareſt verrätheriſch, nach Deiner Natur im Kriege, und ich war ein wenig zu nachſichtig, da ich Andern zu leicht traue. Nun, das war mein erſter Kampf mit einem menſch⸗ lichen Sterblichen, obgleich es wohl nicht mein letzter geweſen ſeyn wird. Ich habe mit den meiſten Creaturen des Waldes gekämpft, als da ſind Wölfe, Bären, Unzen und Panther, aber das iſt der Anfang mit den Rothhäuten. Wäre ich nun ein geborner India⸗ ner, ſo konnte ich davon erzählen, oder den Skalp mitbringen, und mich der That rühmen vor dem ganzen Stamme; und wenn nun mein Feind auch nur ein Bär geweſen, ſo wäre es natürlich Der Wildtödter. 3. Aufl. 10 146 und paſſend, Jedermann das Vorgefallene wiſſen zu laſſen; aber ich ſehe nicht ab, wie ich auch nur Chingachgook dieß Geheimniß mittheilen ſoll, ſo lange dieß nur dadurch möglich iſt, daß ich mit einer weißen Zunge davon prahle. Und warum ſollte ich eigentlich auch damit zu prahlen wünſchen? Es iſt eben Tödtung eines Men⸗ ſchen, obgleich er ein Wilder war, und wie weiß ich, ob es ein gerechter Indianer geweſen, und ob er nicht ganz wo anders hin entrückt worden iſt, als in glückliche Jagdreviere? Wenn es unge⸗ wiß bleibt, ob etwas Gutes oder Schlimmes ausgeführt worden, iſt das Klügſte, ſich nicht zu rühmen— und doch wäre es mir lieb, Chingachgook wiſſen zu laſſen, daß ich den Delawaren und meiner Erziehung keine Unehre gemacht habe!“ Dieß ward zum Theil laut geſprochen, zum Theil von dem Redenden nur zwiſchen den Zähnen gemurmelt; jenes war der Fall bei ſeinen zuverſichtlicheren Gedanken, dieß dagegen bei ſeinen Zwei⸗ feln und Bedenklichkeiten. Sein Selbſtgeſpräch jedoch und ſeine Be⸗ trachtungen erlitten eine gewaltſame Störung durch das plötzliche Erſcheinen eines zweiten Indianers an der Küſte, wenige hundert Schritte von der Landſpitze. Dieſer Mann, unverkennbar ein zwei⸗ ter Späher, der wahrſcheinlich durch den Knall der Büchſen an dieſen Ort gelockt worden war, trat mit ſo wenig Vorſicht aus dem Walde hervor, daß Wildtödter ſeiner früher anſichtig, als ſelbſt von Jenem bemerkt wurde. Als auch dieß letztere, und zwar gleich im nächſten Augenblick geſchah, ſtieß der Wilde einen lauten, gellen⸗ den Schrei aus, den ein Dutzend Stimmen von verſchiednen Seiten des Berges erwiederten. Jetzt war nicht länger zu zaudern, und nach einer Minute ſchon verließ das Boot die Küſte unter langen und ſtetigen Ruderſchlägen. Sobald Wildtödter ſich durch eine hinlängliche Entfernung geſichert glaubte, ließ er in ſeinem angeſtrengten Arbeiten nach, und die kleine Barke für ſich forttreiben, während er ſich gemäch⸗ lich den Stand der Dinge betrachtete. Das zuerſt dem Spiel der 9 4 4 „ Wellen anvertraute Canoe ſchwamm, von dem leichten Wind ge⸗ trieben, wohl eine Viertelmeile vor ihm her⸗ und dem Ufer etwas näher, als ihm jetzt lieb war, da er wußte, daß noch mehr Wilde in der Nähe waren. Das von dem Landvorſprung abgeſtoßene Schritte von ihm entfernt, da er, vom Land abſtoßend, ſein Boot gerade darauf zugelenkt hatte. Der todte Indianer lag in finſtrer Ruhe da, wo er ihn gelaſſen, der Krieger, der ſich vor dem Walde gezeigt, war bereits verſchwunden, und die Wälder ſelbſt waren ſo ſtill und dem Anſchein nach ſo verödet, wie an dem Tag, da ſie friſch aus der Hand ihres großen Schöpfers kamen. Dieſe tiefe Stille jedoch währte nur einen Augenblick. Nachdem die Späher des Feinds ſich Zeit genommen, ihre Re⸗ kognoscirung vorzunehmen, brachen ſie aus dem Dickicht hervor auf die nackte Landſpitze, und erfüllten bei Entdeckung des Todes ihres Genoſſen die Luft mit ihrem Wuthgeſchrei. Auf dieß Ge⸗ ſchrei folgte ſogleich ein Freudengejauchze, als ſie den Leichnam er⸗ reichten und ſich darum her ſchaarten. Wildtödter war bekannt genug mit den Gebräuchen der Eingebornen, um den Grund dieſes Uebergangs zu errathen. Der gellende Schrei war die übliche Klage beim Verluſt eines Kriegers, das jauchzende Gebrülle ein Zeichen der Freude, daß der Sieger nicht im Stande geweſen, ſich in den Beſitz des Skalpes zu ſetzen— der Trophäe, ohne die ein Sieg nie als vollſtändig betrachtet wurde. Die Entfernung der Canoes vom Ufer verhinderte wahrſcheinlich jeden Verſuch, dem Sieger etwas anzuhaben, da der amerikaniſche Indianer, wie der Panther ſeiner Wälder, ſelten einen Angriff gegen ſeinen Feind verſucht, wenn nicht die Umſtände ſo ſind, daß er mit ziemlicher Sicherheit auf die Wirkſamkeit deſſelben rechnen kann. Da der junge Mann keine Veranlaſſung hatte, noch länger in der Nähe des Landvorſprungs zu verweilen, machte er Anſtalt, ſeine Canves zu ſammeln, um ſie dann am Tau nach dem Caſtell zu ſchleppen. Das nächſte war bald am Tau, worauf er weiter Canoe war nur einige 148 ruderte, das andre einzuholen, das dieſe ganze Zeit her den See aufwärts trieb. Sobald Wildtödters Auge auf dieß Boot ſich heftete, ſiel ihm ſogleich auf, daß es der Küſte näher ſey, als es hätte ſeyn müſſen, wenn es blos der Richtung des leichten Luft⸗ zuges folgte. Er begann die Wirkung einer unſichtbaren Strömung im Waſſer zu vermuthen, und er verdoppelte ſeine Anſtrengungen, um in den Beſitz deſſelben zu kommen, ehe es ſich den Wäldern auf einen gefahrdrohenden Abſtand nähere. Als er näher heran⸗ kam, glaubte er eine auffallendere Bewegung des Canoes durch das Waſſer zu bemerken, die es, da es nach ſeiner Breite dem Winde ausgeſetzt war, dem Lande zutrieb. Einige tüchtige Ruder⸗ ſchläge brachten ihn noch näher, wo ſich ihm denn das Geheimniß löste. Sichtlich war etwas in Bewegung auf der von ihm abge⸗ kehrten und fernſten Seite des Canves, und ſchärfere Beobachtung zeigte, daß es ein nackter menſchlicher Arm ſey. Ein Ind ianer lag auf dem Boden des Canoes, und trieb es langſam aber ſich er, ſeine Hand als Ruder brauchend, der Küſte zu. Wildtödter ver⸗ ſtand auf Einen Blick die ganze Liſt. Ein Wilder war nach dem Boote geſchwommen, während er mit dem Feind auf der Land⸗ ſpitze beſchäftigt geweſen, hatte davon Beſitz genommen, und ſuchte es auf obengenannte Weiſe an das Land zu fördern. Ueberzeugt, daß der Mann in dem Canoe keine Waffen haben könne, bedachte ſich Wildtödter nicht, dicht an das ſich zurückzie⸗ hende Boot hinanzufahren und anzulegen, ohne daß er für nöthig erachtete, ſeine Büchſe aufzuheben. Sobald das Rauſchen des Waſſers, das ſein Bot im Herannahen verurſachte, dem am Boden liegenden Wilden vernehmbar wurde, ſprang er auf und ſtieß einen Schrei aus, welcher bewies, wie vollſtändig er überraſcht worden war. 3„Wenn Ihr Euch genug an dieſem Canoe erluſtigt habt, Rothhaut,“ bemerkte Wildtödter ganz kalt, indem er ſein Boot noch frühe genug anhielt, um ein förmliches Zuſammenſtoßen der beiden Fahrzeuge zu verhüten,„wenn Ihr Euch genug in dieſem Canve 4 149 erluſtigt habt, werdet Ihr klug daran thun, Euch wieder in den See zu begeben. Ich bin vernünftig und billig in dieſen Dingen und dürſte nicht nach Eurem Blut, obgleich es Leute hier herum gibt, die Ench mehr wie einen Schein zu Erhebung des Preisgelds, denn wie einen menſchlichen Sterblichen betrachten würden. Macht Euch in den See, im Augenbiick, eh' es zu hitzigen Worten kommt.“ Der Wilde war Einer von denen, die nicht ein Wort Engliſch verſtanden, und er verdankte den Geberden Wildtödters und dem Ausdruck eines ſelten täͤuſchenden Auges das ffreilich unvollkommne Verſtändniß ſeiner Meinung. Vielleicht auch der Anblick der Büchſe, die dem weißen Manne ſo nahe zur Haud lag, beſchleunigte ſeinen Entſchluß. Jedenfalls duckte er ſich zuſammen, wie ein Tiger, der ſeinen Satz machen will, ſtieß zeinen gellenden Schrei aus und im nächſten Augenblick war ſein nackter Körper im Waſſer verſchwunden. Als er auftauchte, Athem zu ſchöpfen, befand er ſich in einer Entfernung von mehreren Schritten von dem Canoe, und der haſtige Blick, den er rückwärts warf, verrieth, wie ſehr er die Ankunft eines unheilvollen Boten aus der Büchſe ſeines Feindes fürchtete. Der junge Mann aber gab durch kein Zeichen eine feindſelige Abſicht zu erkennen. Mit gutem Bedacht befeſtigte er das Canoe an dem andern, und fing dann an, von der Küſte wegzurudern; und bis der Indianer das Land erreichte und ſich wie ein Pudel ſchüttelte, als er das Waſſer verließ, war ſein ge⸗ fürchteter Feind ſchon außer Schußweite auf ſeinem Weg dem Caſtell zu. Nach ſeiner Lieblingsgewohnheit ermangelte Wildtödter nicht, auch über dieſen Vorfall in einem Selbſtgeſpräch ſich zu äußern, während er ſtetig dem Orte ſeiner Beſtimmung zuruderte. „Gut, gut,“ begann er,„es wäre Unrecht geweſen, einen menſchlichen Sterblichen zwecklos zu tödten. Skalpe gelten mir Nichts, und das Leben iſt ſüß und ſoll Keinem erbarmungslos geraubt werden von Solchen, die weiße Gaben haben. Der Wilde war zwar ein Mingo; und ich zweifle nicht, er iſt und wird ſeyn ſo lange er lebt, ein rechtes Gewürm und ein Vagabund; aber das iſt kein Grund, warum ich meine Gaben und Farbe vergeſſen ſollte. Nein, nein, laſſ' ihn gehen; wenn wir uns je wieder tref⸗ fen, die Büchſe in der Hand, nun dann wird man ſehen, wer das muthigſte Herz und das raſcheſte Auge hat.— Falkenauge! das iſt kein übler Name für einen Krieger, und klingt viel mannhafter und tapferer als Wildtödter! Es wäre kein übler Titel für den Anfang, und iſt ehrlich verdient worden! Wenn es Chingachgook begegnet wäre, ſo könnte der jetzt hingehen und ſich ſeiner Thaten rühmen, und die Häuptlinge würden ihn in der Minute Falken⸗ auge nennen; aber weißem Blut ziemt es nicht zu prahlen, und es iſt nicht leicht abzuſehen, wie die Sache wird bekannt werden, wenn nicht durch mich. Nun gut; alle Dinge ſind in den Händen der Vorſehung: dieſe Sache ſo gut wie andre; auf ſie will ich vertrauen, daß mir nach meinem Verdienſte zu Theil wird.“ Nachdem der junge Mann ſo verrathen, was man ſeine ſchwache Seite nennen könnte, fuhr er ſchweigend in ſeinem Rudern fort, und fuhr rüſtig und ſo ſchnell ihm nur ſeine Taue erlaubten, dem Caſtell zu. Mittlerweile war die Sonne nicht nur aufgegangen, ſondern ſie ſtand auch ſchon über den öſtlichen Bergen, und goß eine Fluth prächtigen Lichts auf den bis jetzt noch ungetrübten Waſſerſpiege]. Die ganze Scene ſtrahlte von Schönheit; und Nie⸗ mand, der mit der gewöhnlichen Geſchichte der Wälder nicht bekannt geweſen, hätte geahnt, daß ſie vor ſo kurzer Zeit erſt Zeugin von ſo wildem und barbariſchem Beginnen geweſen. Als Wildtödter ſich dem Bau des alten Hutter näherte, dachte, oder vielmehr fühlte er, daß, deſſen äußere Erſcheinung in eigenthümlichem Einklang mit der ganzen übrigen Scene ſtehe. Obgleich an Nichts als an Stärke und Sicherheit gedacht worden war, trugen doch die rohen, maſſiven Baumſtämme, mit ihrer rauhen Rinde bedeckt, das vorſpringende Dach, und die ganze Form dazu bei, das Ge⸗ bäude zu einem, beinahe unter allen Verhältniſſen maleriſchen zu machen, während ſeine wirkliche Lage dem ſonſtigen Anziehenden noch den Reiz des Neuen und Seltſamen hinzufügte. Als jedoch Wildtödter dem Caſtell näher kam, drängten ſich ſeiner Seele ernſte Gedanken auf, die auf einmal alle Schön⸗ heiten, welche die Scenerie des See's und die Lage dieſes eigen⸗ thümlichen Gebäudes auszeichneten, ganz verdrängten und ſchwinden machten, Judith und Hetty ſtanden auf der Plattform vor der Thüre, Hutter's Thorhof, mit ſichtbarer Aengſtlichkeit ſeine An⸗ kunft erwartend; die Erſtere von Zeit zu Zeit ſeine Perſon und die Canoes durch das ſchon erwähnte alte Schiffsfernglas beobach⸗ tend. Nie erſchien wohl dieß Mädchen in einem höhern Glanze der Schönheit als eben jetzt; die Röthe der Unruhe und des ge⸗ ſpannten Intereſſe erhöhte ihre Geſichtsfarbe zu den herrlichſten Tinten, während die Sanftmuth ihrer Augen, ein Reiz, den ſelbſt die arme Hetty mit ihr theilte, durch die Ergriffenheit ihrer Empfin⸗ 4. dung noch einen tiefern Ausdruck rerhielt. So war wenigſtens die Meinung des jungen Mannes, der jedoch nicht innehielt, nicht ſich einfallen ließ, die Motive zu analyſiren, oder irgend welche ſpitz⸗ findige Unterſcheidungen zwiſchen Urſache und Wirkung zu machen, als er mit ſeinen Canoes die Arche errreichte, an deren Seite er alle drei ſorgfältig befeſtigte, ehe er den Fuß auf die Plattform ſetzte. „Achtes Kapitel. Sein Wort iſt Bürgſchaft und ſein Eid Orakel; Treu ſeine Liebe, mackellos ſein Denken; Des Herzens reine Boten ſeine Thränen; F Sein Herz ſo fern von Trug wie Himmel von Hölle. 4. Shakſpeare. Keines der Mädchen ſprach, als Wildtödter allein vor ihnen ſtand, und ſein Geſicht all die Beſorgniſſe verrieth, die er wegen des Schickſals der zwei abweſenden Glieder ihrer Geſellſchaft empfand. 1 „Vater!“ rief endlich Judith, der durch eine verzweiflungs⸗ volle Anſtrengung das Vorbringen dieſes Einen Wortes zu gelingen ſchien. „Es iſt ihm ein Unfall zugeſtoßen, und es wäre nutzlos, es verhehlen zu wollen,“ antwortete Wildtödter in ſeiner geraden und einfachen Art.„Er und Hurry ſind in den Händen der Mingos und nur der Himmel weiß, was der Ausgang ſeyn wird. Ich habe die Canoes in Sicherheit gebracht, und das iſt ein Troſt, weil die Vagabunden jetzt ſchwimmen oder Flöße bauen müſſen, um ſich dieſem Haus zu nähern. Bis Sonnenuntergang werden wir durch Chingachgook verſtärkt werden, wenn es mir gelingt, ihn in ein Canoe zu ſchaffen; und dann, denk' ich, können wir Zwei für die Arche und das Caſtell ſtehen, bis einige von den Officieren in den Garniſonen von dieſem Kriegszug hören, was früher oder ſpäter der Fall ſeyn muß, wo wir dann auf Hülfe von dieſer Seite, wenn nicht von einer andren— rechnen dürfen.“ „Die Officiere!“ rief Judith ungeduldig, und ihre Farbe ward roͤther, und ihr Auge drückte eine lebhaftere, aber vorübergehende innere Bewegung aus.„Wer denkt jetzt an die herzloſen galanten Herrn, Wer ſpricht von ihnen?— Wir find allein genügend, das Caſtell zu vertheidigen;— aber was iſt's mit meinem Vater und mit dem armen Hurry Harry?“ „Es iſt natürlich, daß Ihr ſolche Sorge empfindet für Euern Vater, Judith, und ich denke, Ihr ſolltet eben ſo geſinnt ſeyn in Betreff Hurry Harry's.“ Jetzt begann Wildtödter eine gedrängte aber klare Erzählung alles deſſen, was während der Nacht ſich begeben hatte; keines⸗ wegs die Unfälle ſeiner beiden Begleiter verhehlend, noch auch ſeine eigne Meinung, was die Folgen ſeyn könnten. Die Mädchen hörten mit tiefer Aufmerkſamkeit zu; aber keine verrieth jene weibliche Aengſtlichkeit und Beſtürzung, welche bei einer derartigen Mittheilung unausbleiblich ſich geäußert hätte bei Solchen, die weniger an die —— ——— — — Wechſelfälle und Mißgeſchicke eines Grenzerlebens gewohnt geweſen wären. Zum Erſtaunen Wildtödters ſchien Judith die mehr Nie⸗ dergeſchlagene; Hetty horchte aufmerkſam zu, ſchien aber über die vernommenen Thatſachen mehr in melancholiſchem Schweigen zu brüten, als daß ſie ihre Gefühle äußerlich verrathen hätte. Die Unruhe der Erſtern ermangelte der junge Mann nicht, ihrem In⸗ tereſſe für Hurry ebenſo ſehr, als ihrer kindlichen Liebe zuzuſchreiben, während er ſich Hetty's anſcheinende Gleichgültigkeit aus der gei⸗ ſtigen Finſterniß erklärte, welche gewiſſermaßen ihren Verſtand verdunkelte und ſie vielleicht nicht alle Folgen vorausſehen ließ. Beide jedoch ſprachen Wenig; Judith und ihre Schweſter machten ſich mit den Vorbereitungen zur Morgenmahlzeit zu ſchaffen, wie denn Leute, die regelmäßig mit ſolchen Dingen ſich zu beſchäftigen haben, ſelbſt mitten unter Leiden und Kummer mechaniſch darin fortarbeiten. Das einfache aber nahrhafte Frühſtück ward von allen Dreien in düſterm Schweigen eingenommen. Die Mädchen aßen Wenig, Wildtödter aber bewies, daß er Eine weſentliche Eigenſchaft eines guten Soldaten beſaß, die, daß er unter den beunruhigendſten und peinlichſten Umſtänden ſeinen guten Appetit behielt. Das Mahl ging beinahe zu Ende, ehe nur eine Sylbe geſprochen wurde; dann aber fing Judith an zu ſprechen in jener haſtigen und krampfhaften Weiſe, in welcher das Gefühl, den Zwang überwindend, ausbricht, nachdem dieſer noch ſchmerzlicher und peinlicher geworden iſt, als ſelbſt die Aeußerung der innern Bewegung. „Dem Vater würde dieſer Fiſch gemundet haben!“ rief ſie aus;„er ſagt, der Salm der Seen ſey beinahe ſo gut, wie der des Meeres.“. „Euer Vater iſt mit dem Meer bekannt geweſen, ſo höre ich, Judith,“ verſetzte der junge Mann, der ſich nicht enthalten konnte, einen forſchenden Blick auf das Mädchen zu werfen; denn wie Alle, die Huttern kennen lernten, empfand er einige Neugier, ſeine frühere . Geſchichte zu erfahren.„Hurry Harry ſagt mir, er ſey einmal Matroſe geweſen.“ Judith ſchien zuerſt in einige Verlegenheit zu gerathen; dann unter dem Einfluß von Gefühlen, die ihr in mehr als Einer Hinſicht neu waren, wurde ſie plötzlich mittheilſam und nahm, wie es ſchien, lebhaften Antheil an dem Gegenſtand des Geſprächs. „Wenn Hurry Etwas von Vaters Geſchichte weiß, ſo wollte ich, er hätte es mir erzählt!“ rief ſie aus.„Manchmal glaube auch ich, er ſey einmal Matroſe geweſen und manchmal auch wieder nicht. Wenn dieſer Schrank offen wäre, oder wenn er ſprechen könnte, könnte er uns in ſeine ganze Geſchichte ein⸗ weihen. Aber ſeine Schlöſſer und Riegel ſind zu ſtark, um auf⸗ gebrochen zu werden wie Packſchnüre.“ Wildtödter wandte ſich zu dem fraglichen Schranke und be⸗ ſichtigte ihn zum erſtenmal genau. Obgleich er entfärbt war, und Spuren von häufiger übler Handhabung an ſich trug, war er doch, wie er jetzt ſah, von weit beſſerem Stoff und vorzüglicherer Arbeit, als alles Aehnliche, was er früher geſehen. Das Holz war dunkel, edel und war einmal trefflich polirt geweſen, obgleich die Behand⸗ lung, die er mußte erfahren haben, wenig Glanz mehr übrig gelaſſen, und verſchiedne Schrammen und Ritzen die herben Colli⸗ ſionen verriethen, in welche er mit noch härtern Gegenſtänden gerathen war. Die Ecken waren ſtark mit Stahl beſchlagen, ſorg⸗ fältig und reich gearbeitet, während die Schlöſſer, deren er nicht weniger als drei hatte, und die Bänder von einer Arbeit und Facon waren, welche ſelbſt in einem Magazin von ausgezeichneten Meubles Aufmerkſamkeit erregt haben würde. Der Schrank war auch groß; und als Wildtödter aufſtand, und ihn von der einen Seite an ſeiner maſſiven Handhabe aufzuheben verſuchte, fand er, daß die Schwere vollkommen der äußern Erſcheinung entſprach. „Habt Ihr je dieſen Schrank geöffnet geſehen, Judith,“ fragte der junge Mann mit der Freimüthigkeit des Grenzers, denn H⸗ 8 F von Zartgefühl in ſolchen Dingen wußten die Leute auf der äußerſten Grenzmarke der Civiliſation in jenen Tagen Wenig, wie vielleicht auch jetzt noch. „Nie. Vater hat ihn nie in meiner Gegenwart geöffnet, wenn er ihn überhaupt je öffnet. Kein Menſch hier hat je ſeinen Deckel gehoben geſehen, wenn nicht Vater, auch weiß ich von ihm nicht einmal, ob er ihn ſo geſehen.“ „Da irrſt Du Dich, Judith,“ verſetzte Hetty ruhig.„Vater hat den Deckel aufgemacht, und ich habe es mit angeſehen.“ Ein Gefühl männlichen Stolzes hielt Wildtödters Mund geſchloſſen; denn während er ſich nicht bedacht hätte, in ſeinen Fragen an die ältere Schweſter weit über die Grenzen der Schick⸗ lichkeit, nach unſern Begriffen, hinauszugehen, empfand er doch gerechte Bedenklichkeiten, den vielleicht nicht ganz ehrenhaften Vortheil zu benützen, welchen der ſchwache Verſtand der jüngern ihm darbot. Judith indeſſen, die keine ſolche Rückſichten zu nehmen hatte, wandte ſich raſch zu ihrer Schweſter und verfolgte das Geſpräch: „Wann und wo haſt Du den Schrank offen geſehen, Hetty?“ „Hier— und zu wiederholten Malen; Vater öffnet ihn oft, wenn Du weg biſt, beachtet es aber gar nicht, wenn ich da bin, und Alles, was er thut, ſehe, und Alles höre, was er ſagt.“ „Und was thut er, und was ſagt er?“ „Das kann ich Dir nicht ſagen, Judith,“ verſetzte die Andere mit leiſer aber entſchloſſener Stimme.„Vaters Geheimniſſe ſind nicht meine Geheimniſſe.“ „Geheimniſſe! das iſt noch ſeltſamer, Wildtödter, daß Vater ſie Hetty ſagen ſollte, und mir nicht!“ „Dazu hat er guten Grund, Judith, obgleich Du dieſen nicht erfahren ſollſt. Vater iſt nicht hier, um ſelbſt zu antworten, und ich werde nicht Mehr davon ſagen.“ Judith und Wildtödter waren überraſcht, und etwa eine Minute lang ſchien die Erſtere gekränkt und traurig. Plötzlich jedoch ſich wieder faſſend, wandte ſie ſich von ihrer Schweſter weg, als fühlte ſie Mitleid mit ihrer Schwäche, und ſagte, zu dem jungen Mann ſich wendend: „Ihr habt mir Eure Geſchichte erſt halb erzählt, und da abge⸗ brochen, wo Ihr in dem Canoe zu ſchlafen anfingt— oder viel⸗ mehr, wo Ihr aufſtandet, um auf das Schreien des Waſſervogels zu lauſchen. Auch wir haben das Geſchrei der Waſſerhühner gehört, und gedacht, es möge wohl einen Sturm bedeuten, obgleich wir auf die⸗ ſem See und zu dieſer Jahrszeit wenig Gewitter zu haben pflegen.“ „Die Winde blaſen und die Stürme heulen, wie es Gott ge⸗ fällt, bald zu dieſer, bald zu jener Jahrszeit,“ verſetzte Wildtödter, „und die Waſſervögel laſſen ſich hören nach ihrer Natur. Beſſer wäre es, wenn die Menſchen ebenſo ehrlich und offen wären. Nach⸗ dem ich aufgeſtanden, um den Vögeln zu lauſchen, und merkte, daß es nicht Hurry's Signal ſeyn könne, legte ich mich nieder und ſchlief. Als der Tag anbrach, war ich auf und munter, wie ge⸗ wöhnlich, und dann eilte ich den beiden Canoes nach, damit nicht die Mingos ſich ihrer bemächtigten.“ „Ihr habt uns nicht Alles erzählt, Wildtödter,“ ſagte Judith ernſt. Wir haben Büchſen knallen gehört unter dem öſtlichen Berge; die Echos waren voll und lang, und folgten ſo bald auf den Knall, daß die Gewehre auf der Küſte, oder ganz nahe dabei müſſen abgefeuert worden ſeyn. Unſer Ohr iſt an dieſe Zeichen gewohnt und läßt ſich nicht täuſchen.“ „Es hat ſeine Pflicht gethan, Mädchen, dießmal; ja, es hat ſeine Pflicht gethan.— Es ſind dieſen Morgen Büchſen angelegt worden, ja, und auch abgedrückt, obwohl nicht ſo oft, als hätte geſchehen können. Ein Krieger iſt nach ſeinen glücklichen Jagd⸗ revieren gegangen, und das iſt das Ganze. Von einem Mann von weißem Blut und weißen Gaben iſt nicht zu erwarten, daß er ſich ſeiner Thaten rühme und mit Skalpen prange.“ Judith hörte beinahe athemlos zu; und als Wildtödter in ſeiner ruhigen, beſcheidenen Weiſe geneigt ſchien, den Gegenſtand zu verlaſſen, ſtand ſie auf, ſchritt durch das Gemach, und ſetzte ſich neben ihn. Das Benehmen des Maäͤdchens hatte nichts Zudringli⸗ ches und Keckes, obwohl es den lebhaften Inſtinkt weiblicher Nei⸗ gung und das ſympathiſirende Wohlwollen weiblichen Intereſſes verrieth. Sie ergriff ſogar die harte Hand des Jägers und drückte ſie mit ihren beiden Händen, vielleicht halb unbewußt, während ſie ihm ernſt und ſogar vorwurfsvoll in ſein ſonnverbranntes Ant⸗ litz ſchaute. „Ihr habt mit den Wilden gekämpft, Wildtödter, einzeln, ganz allein!“ ſagte ſte.„Vom Wunſch beſeelt, uns zu beſchützen— Hetty— mich vielleicht, habt Ihr tapfer mit dem Feind gekämpft, ohne daß ein Auge nahe war, Euch zu Thaten zu ermuthigen, oder Euern Fall mitanzuſehen, hätte es der Vorſehung gefallen, ein ſo großes Unglück zuzugeben!“ „Ich habe gekämpft, Judith; ja, ich habe mit dem Feind ge⸗ kämpft, und das zum erſtenmal in meinem Leben. Dieſe Sachen müſſen ſeyn, und ſie geben Einem ein gemiſchtes Gefühl von Kum⸗ mer und Triumph. Menſchliche Natur iſt eine kampfſüchtige Na⸗ tur, glaub' ich, da alle Nationen in der Schlacht tödten, und wir müſſen unſern Rechten und Gaben treu bleiben. Was bis jetzt geſchehen, iſt nicht Viel; aber ſollte Chingachgook dieſen Abend bei dem Felſen eintreffen, wie zwiſchen uns verabredet iſt, und ich ihn, ohne daß die Wilden es merken, dort wegholen können, oder, wenn ſie es auch merken, ihren Wünſchen und Abſichten zum Trotz: dann dürfen wir Alle wohl einer Art von Krieg entgegen ſehen, ehe die Mingos ſich des Caſtells, der Arche, oder Eurer bemäch⸗ tigen ſollen.“ „Wer iſt dieſer Chingachgook? woher kommt er? und warum kommt er hierher?“ „Dieſe Fragen find natürlich und recht, denke ich, obgleich der Jüngling in ſeiner Gegend ſchon einen großen Namen hat. Chin⸗ gachgook iſt dem Blute nach ein Mohikan, nach alter Gewohnheit zu den Delawaren ſich haltend, wie dieß bei den Meiſten ſeines Stammes der Fall iſt; denn dieſer iſt längſt durch das Ueberhand⸗ nehmen unſrer Farbe gebrochen und zertrümmert worden. Er iſt von der Familie der großen Häuptlinge; Uncas, ſein Vater, iſt der angeſehenſte Krieger und Rathgeber ſeines Volkes geweſen. Selbſt der alte Tamenund ehrt Chingachgook, obgleich man ihn noch für zu jung hält, im Kriege anzuführen; und dann iſt der Stamm ſo zerſtreut und geſchwächt, daß die Häuptlingſchaft unter ihnen wenig Mehr, als ein bloßer Name iſt. Nun, nachdem dieſer Krieg ernſt⸗ lich hegonnen, verabredeten wir, ich und der Delaware, uns dieſen Abend zur Stunde des Sonnenuntergangs an dem Beſtellungs⸗ Felſen, am Ende eben dieſes See'’s zu treffen, in der Abſicht, unſern erſten Kriegszug gegen die Mingos zu unternehmen. Warum wir gerade dieſen Weg eingeſchlagen, iſt unſer Geheim⸗ niß; aber nachdenkliche junge Männer auf dem Kriegspfad thun, wie Ihr Euch wohl denken könnt, Nichts ohne Berechnung und Abſicht.“ „Ein Delaware kann keine feindſelige Abſichten gegen uns haben,“ ſagte Judith nach augenblicklichem Bedenken;„und Euch kennen wir als einen Freund.“ „Verrath iſt das letzte Verbrechen, hoffe ich, deſſen man mich wird anklagen können,“ verſetzte Wildtödter, gekränkt durch den Schatten von Mißtrauen, der durch Judith's Seele geflogen war; „und am wenigſten Verrath gegen meine eigne Farbe!“ „Niemand hat Argwohn gegen Euch, Wildtödter,“ rief das Mädchen mit Heftigkeit.„Nein— nein— Euer ehrliches Geſicht würde hinlängliche Bürgſchaft für die Wahrheit von tauſend Herzen ſeyn! Wenn alle Männer ſo redliche Zungen hätten, und nicht verſprächen, was ſie doch nicht zu erfüllen gemeint ſind, würde weniger Unrecht in der Welt geſchehen, und ſchöne Federn und Scharlachröcke würden nicht als Entſchuldigungen für Niederträch⸗ tigkeit und Betrug gelten.“ Das Mädchen ſprach mit heftigem, ſogar krampfhaftem Ge⸗ fühl, und ihre ſchönen Augen, gewöhnlich ſo ſanft und anlockend, ſprühten Feuer, als ſie ſchloß. Wildtödter konnte nicht anders als dieſe außerordentliche Gemüthsbewegung bemerken; aber mit dem Takt eines Hofmanns vermied er nicht blos jede Anſpielung darauf, ſondern es gelang ihm auch, in ſeinem Benehmen den Eindruck, den jene Wahrnehmung auf ihn machte, zu verhehlen. Allmälig wurde Judith wieder ruhig; und da ſie ſich unverkennbar Mühe gab, ſich dem Auge des jungen Mannes vortheilhaft darzuſtellen, war ſie bald im Stande, das Geſpräch mit ſolcher Faſſung wieder aufzunehmen, als wenn nichts Störendes dazwiſchen gekommen wäre. „Ich habe kein Recht, in Eure Geheimniſſe, oder in die Eures Freundes einzudringen, Wildtödter,“ fuhr ſie fort,„und bin bereit, Alles was Ihr ſagt, aufs Wort anzunehmen. Wenn es uns wirk⸗ lich gelingt, in dieſem gefährlichen Augenblicke noch einen Mann zum Genoſſen zu gewinnen, ſo wird uns das Viel nützen; und ich bin nicht ohne Hoffnung, daß die Wilden, wenn ſie uns im Stande ſehen, den See zu behaupten, uns die Rückgabe der Gefangnen anbieten werden gegen Häute, oder wenigſtens gegen das Fäßchen Pulver, das wir im Hauſe haben.“ Der junge Mann hatte die Worte: ‚Skalpe’ und„Preisgeld’ auf der Zunge; aber ein Gefühl, das ſich ſträubte, die Töchter in größere Unruhe zu verſetzen, hielt ihn zurück, die beabſichtigte Hin⸗ deutung auf das wahrſcheinliche Schickſal ihres Vaters auszuſpre⸗ chen. Dennoch, ſo wenig war er erfahren in den Künſten der Täu⸗ ſchung, ward ſeine ausdrucksvolle Miene auch ohne Worte von der ſcharfblickenden Judith errathen, deren Verſtand durch die Ge⸗ wöhnungen und Gefahren ihrer Lebensweiſe noch geübt und ge⸗ ſchärft worden war. „Ich verſtehe, was Ihr meint,“ fuhr ſie haſtig fort,„und 160 was Ihr ausgeſprochen hättet ohne die Beſorgniß, mir— ich will ſagen uns— wehe zu thun; denn Hetty liebt ihren Vater ebenſo ſehr als ich. Aber ſo denken wir nicht von den Indianern. Sie ſkalpiren nie einen unverletzten Gefangenen, ſondern ſchleppen ihn lieber lebendig mit ſich fort, wenn nicht freilich etwa das heftige Verlangen ihn zu martern ſte übermannt. Ich fürchte Nichts für meines Vaters Skalp und wenig für ſein Leben. Könnten ſie in der Nacht uns überfallen, ſo würde uns wahrſcheinlich Alle dieß grauſame Schickſal treffen; aber in offnem Kampf gefangnen Män⸗ nern geſchieht ſelten ein Leid; wenigſtens nicht eher als bis die Zeit des Marterns kommt.“ „Das iſt Ueberlieferung, ich geb' es zu, und iſt Brauch— aber, Judith, kennt Ihr das Vorhaben, mit welchem Euer Vater und Hutter gegen die Wilden auszogen?“ „Ja; und ein grauſames Vorhaben war es! Aber was wollt Ihr? Menſchen bleiben Menſchen; und Manche ſelbſt, die in Gold und Silber einherſtolziren, und des Königs Beſtallung in der Taſche haben, ſind nicht frei von der gleichen Grauſamkeit.“ Judiths Augen flammten wieder, aber mit gewaltſamer Anſtrengung behauptete ſie ihre Faſſung.„Ich werde warm, wenn ich an all das Unrecht denke, das Menſchen thun,“ fuhr ſie fort, und bemühte ſich zu lächeln, ein Verſuch, der nur mittelmäßig gelang.„Alles das iſt einfältiges Zeug. Was geſchehen iſt, iſt geſchehen, und kann durch Klagen nicht gebeſſert werden. Aber die Indianer denken ſo wenig an's Blutvergießen, und ſchätzen Männer ſo ſehr wegen der Kühnheit ihrer Unternehmungen, daß, wüßten ſte das Vorhaben, auf welches ihre Gefangenen ausgingen, ſte ſie eher deßhalb ehren, als ihnen ein Leid thun würden.“ „Eine Zeit lang, Judith; ja ich gebe das zu, eine Zeit lang. Aber wenn dieß Gefühl verſchwindet, dann ſtellt ſich die Rachſucht ein. Wir müſſen verſuchen, Chingachgook und ich, wir müſſen— verſuchen und ſehen, was wir thun können, Hurry und Euren 161 Vater frei zu machen; denn die Mingos werden ohne Zweifel einige Tage um dieſen See herumlungern, um ſo Viel als möglich zu erreichen.“ „Ihr glaubt, man kann ſich auf dieſen Delawaren verlaſſen, Wildtödter?“ fragte das Mädchen nachdenklich. „So ſicher wie auf mich ſelbſt. Ihr ſagt, Ihr mißtraut mir nicht, Judith?“ „Euch!“ rief ſie, ergriff wieder ſeine Hand und drückte ſie zwi⸗ ſchen ihren Händen mit einer Wärme, welche die Eitelkeit eines minder unbefangenen, einfachen, von ſeinen eignen guten Eigen⸗ ſchaften mehr eingenommenen Mannes hätte entzünden müſſen; „ebenſo gut könnte ich einem Bruder mißtrauen! Ich kenne Euch nur ſeit einem Tag, Wildtödter, aber dieſer hat in mir das Ver⸗ trauen einer jahrelangen Bekanntſchaft erzeugt. Euer Name jedoch iſt mir nicht unbekannt; denn die tapfern und galanten Herren von den Garniſonen ſprechen häufig von der Anleitung, die Ihr ihnen im Jagen gegeben, und Alle rühmen Eure Redlichkeit.“ „Sprechen ſie denn auch vom Schießen, Mädchen?“ fragte der Andere lebhaft, nachdem er ſtill, aber doch von Herzen gelacht, „ſprechen ſie denn auch vom Schießen? Ich will nichts von dem meinigen hören, denn wenn dieſes nicht bis jetzt in all dieſen Ge⸗ genden anerkannt iſt, ſo nützt es wenig, ein geſchickter und ſichrer Schütze zu ſeyn; aber was ſagen denn die Officiere von ihrem— ja was ſagen ſie von ihrem eignen Schießen? Waffen, wie ſie es nennen, ſind ihr Gewerbe, und duch gibt es Leute unter ihnen, die ſich wenig auf ihren Gebrauch verſtehen!“ „Das, hoffe ich, wird nicht der Fall ſeyn bei Eurem Freund Chingachgook, wie Ihr ihn nennt— was iſt die engliſche Bedeu⸗ tung dieſes indianiſchen Namens?“ 4 „Große Schlange— ſo genannt wegen ſeiner Klugheit und Liſt. Uncas iſt ſein wirklicher Name— ſeine ganze Familie heißt Uncas, bis ſich Jeder durch ſeine Thaten einen Titel gewinnt.“ Der Wildtödter. 3. Aufl. 11 “ „Wenn er ſo viel Klugheit beſitzt, können wir einen nützlichen Freund an ihm erwarten, falls nicht ſein eignes Geſchäft in dieſer Gegend ihn hindert, uns zu dienen.“ „Ich ſehe nicht, was es viel ſchaden könnte, wenn ich Euch ſein Vorhaben ſage, und da Ihr vielleicht Mittel findet, uns be⸗ hülflich zu ſeyn, will ich Euch und Hetty in die ganze Sache einweihen, im Vertrauen, daß Ihr das Geheimniß wie Euer eignes bewahren werdet. Ihr müßt wiſſen, daß Chingachgook ein hübſcher Indianer iſt, ſehr gerne geſehen und bewundert von den jungen Weibern ſeines Stammes, ſowohl wegen ſeiner Familie, als wegen ſeiner ſelbſt. Nun iſt ein Häuptling, der eine Tochter hat, Wah⸗ ta!⸗Wah genannt, was in unſrer Sprache Hiſt⸗oh!⸗Hiſt be⸗ deutet, das rarſte Mädchen unter den Delawaren, die von allen jungen Kriegern des Stammes am meiſten zum Weib gewünſcht und begehrt wird. Nun, unter den Andern fand auch Chingachgook Geſchmack an Wah⸗ta!⸗Wah, und Wa⸗ta!⸗Wah fand Ge⸗ ſchmack an ihm.“ Hier hielt Wildtödter einen Augenblick inne; denn als er ſo weit in ſeiner Erzählung gekommen, ſtand Hetty Hutter auf, näherte ſich ihm, und ſtellte ſich aufmerkſam an ſein Knie hin, wie ein Kind näher rückt, um auf die Mährchen ſeiner Mutter zu horchen.„Ja, er fand Gefallen an ihr, und ſie an ihm,“ begann Hirſchtödter wieder, nachdem er einen freundlichen beifälligen Blick auf das unſchuldige, hörbegierige Mädchen gewor⸗ fen,„und wenn das einmal ſo iſt, und alle Eltern ſind einver⸗ ſtanden, ſo iſt es nicht oft der Fall, daß das junge Paar ſo verborgen bleibt. Chingachgook konnte nicht wohl eine ſolche Beute davontragen, ohne ſich Feinde zu machen unter denen, die ſte ebenſo begehrten wie er. Ein gewiſſer Briarthorn,* wie wir ihn engliſch nennen, oder Yokommen, wie er im Indianiſchen heißt, nahm es ſich am meiſten zu Herzen, und wir haben ihn im Ver⸗ dacht, daß er bei Allem, was nun folgte, eine Hand im Spiel * Brombeerdorn. & , hatte. Wa⸗ta!⸗Wah ging vor zwei Monaten mit Vater und Mutter nach den weſtlichen Flüßen, um Salmen zu fiſchen, denn dort gibt es nach der Anſicht aller Leute in unſern Gegenden die meiſten Fiſche, und während dieſer Beſchäftigung verſchwand das Mädchen. Einige Wochen konnten wir keine Nachricht von ihr erhalten; aber vor zehn Tagen brachte uns ein Eilbote, der durch das Delawarenland kam, eine Botſchaft, woraus wir erfuhren, daß Wah⸗ta!⸗Wah den Ihrigen war geſtohlen worden— wir glauben, wiſſen es aber nicht— durch Briathorn's Ränke— und daß ſie ſich nunmehr bei dem Feinde befand, der ſie adoptirt hatte, und verlangte, ſie ſollte einen jungen Mingo heirathen. Die Bot⸗ ſchaft beſagte, die Truppe beabſichtige in dieſer Gegend zu jagen und Vorräthe zu ſammeln, einen Monat lang oder zwei, ehe ſie nach Canada zurückkehre; und wenn wir ſie in dieſer Gegend aufzuſpüren vermöchten, könnte ſich wohl etwas ereignen, was uns zur Befreiung des Mädchens verhelfen könnte.“ „Und wie betrifft das Euch, Wildtödter?“ fragte Judith etwas lebhaft. 3 „Es betrifft mich, wie Alles was einen Freund berührt den Freund betrifft. Ich bin hier als Chingachgool's Beiſtand und Helfer, und wenn wir das junge Mädchen, das er liebt, wieder zurück bekommen, wird es mir beinahe ſo viel Freude machen, als hätte ich mein eignes Liebchen befreit.“ „Und wo iſt Euer Liebchen, Wildtödter?“ „Sie iſt im Walde, Judith— hängt an den Zweigen der Bäume in einem ſanften Regen— im Thau auf dem offnen Gras — den Wolken, die am blauen Himmel ſchweben— den Vögeln, die in den Wäldern fingen— den ſüßen Quellen, wo ich meinen Durſt löſche— und in all den andern prächtigen Gaben, die von Gottes Vorſehung kommen!“ „Ihr wollt ſagen, daß Ihr bis jetzt noch keine von meinem 164 Geſchlecht geliebt, ſondern am meiſten Euer Herumſtreifen und Eure Lebensweiſe liebt?“. „Das iſt's— genau das iſt's. Ich bin weiß— habe ein weißes Herz, und kann billigerweiſe nicht ein rothhäutiges Mäd⸗ chen lieben, die einer Rothhaut Herz und Gefühle haben muß. Nein, nein, ich bin vernünftig genug in dieſen Punkten, und hoffe es zu bleiben, wenigſtens bis dieſer Krieg vorüber iſt. Ich ſehe meine Zeit zu ſehr in Anſpruch genoͤmmen durch Chingachgook's Angelegenheit, als daß ich wünſchen ſollte, ehe dieſe ins Reine gebracht iſt, ſelbſt eine eigne auf dem Halſe zu haben.“ „Das Mädchen, das Euch am Ende gewinnt, Wildtödter, gewinnt wenigſtens ein redliches Herz,— eines ohne Verrath und Tücke; und das wird ein Sieg ſeyn, den die Meiſten ihres Ge⸗ ſchlechts beneiden müſſen.“ Wie Judith dieß ſagte, ſchwebte ein ſchmerzlicher Unmuth über ihr ſchönes Antlitz; während ein bittres Lächeln um einen Mund ſpielte, der durch keine Veränderung und Zuckung der Mus⸗ keln unſchön werden konnte. Ihr Geſellſchafter bemerkte dieſe Veränderung, und obgleich wenig vertraut mit den Regungen des weiblichen Herzens, beſaß er doch natürliches Zartgefühl genug, um zu verſtehen, daß es gerathen ſeyn möchte, dieſen Gegenſtand fallen zu laſſen. Da die Stunde, wo Chingachgook erwartet wurde, noch nicht ſo nahe war, hatte Wildtödter Zeit genug, den Stand der Ver⸗ theidigungsmittel genau zu beſichtigen, und ſolche weitere Einrich⸗ tungen zu treffen, wie ſie ihm möglich waren und durch das Bedürfniß des Augenblicks geboten ſchienen. Die Erfahrung und Vorſicht Hutter's hatte in dieſen Punkten Wenig zu thun übrig gelaſſen; doch drängten ſich noch einige Vorkehrungen dem Geiſt des jungen Mannes auf, von dem man ſagen konnte, er habe die Kunſt des Grenzerkriegs mittelſt der Ueberlieferungen und Sagen des Volkes ſtudirt, unter dem er ſo lange gelebt hatte. Die — 1 4 Entfernung zwiſchen dem Caſtell und dem nächſten Punkt der Küſte beſeitigte jede Beſorgniß, es möchten etwa Büchſenkugeln vom Land herüberfliegen. Das Haus war zwar in gewiſſem Sinn im Bereich von Musketenſchüſſen, aber vom Zielen konnte ganz keine Rede ſeyn, und ſelbſt Judith erklärte, daß ſie von dieſer Seite durchaus keiner Gefahr ſich verſehe. So lang alſo die Geſellſchaft im Beſitz des Forts blieb, war ſie ſicher, falls nicht anders die Angreifer Mittel fanden, heranzukommen, mit Feuer oder mit Sturm es wegzunehmen, oder durch irgend eine Erfindung indianiſcher Schlauheit und Verrätherei. Gegen die erſte Art der Gefahr hatte Hutter reichliche Vorſorge getroffen, und das Gebaude ſelbſt, das Rindendach aus genommen, war nicht ſehr leicht in Flammen zu ſetzen; der Boden war an mehreren Orten durchlöchert, und mit Stricken verſehene Eimer waren in täglichem Gebrauch und für jeden ſolchen Fall bereit. Eins der Mädchen konnte leicht jedes Feuer löſchen, das etwa ausbrach, vorausgeſetzt, daß es nicht lange Zeit hatte, ſich auszubreiten. Judith, welche alle Verthei⸗ digungsplane ihres Vaters zu verſtehen ſchien, und Geiſt und Muth genug hatte, an ihrer Ausführung einen nicht geringen An⸗ theil zu nehmen, erklärte alle dieſe Einzelnheiten dem jungen Manne, dem ſo bei ſeinen Beſichtigungen viel Zeit und Mühe erſpart blieb. Den Tag über war wenig zu befürchten. Nachdem ſie im Beſitz der Arche und der Canoes waren, fand ſich kein weiteres Fahrzeug auf dem See. Dennoch wußte Wildtödter wohl, daß ein Floß bald gemacht war, und da ſich gefallne Bäume im Ueber⸗ fluß in der Nähe des Waſſers fanden, war es, wenn die Wilden ernſtlich daran dachten, der Gefahr eines Angriffs zu trotzen, keine ſehr ſchwierige Sache, die erforderlichen Mittel aufzutreiben. Die berühmte amerikaniſche Art, ein Werkzeug, dem in ſeiner Art Nichts gleich kommt, war damals noch nicht in großem Umfange bekannt, und die Wilden waren keineswegs ſehr erfahren in Handhabung des deſſen Stelle vertretenden Werkzeugs; doch hatten ſie Uebung — 166 genug darin, über Ströme in dieſer Art zu ſetzen, daß man ſicher ſeyn konnte, ſie würden einen Floß bauen, falls ſie es gerathen fänden, ſich den Gefahren eines Angriffs bloßzuſtellen. Der Tod ihres Kriegers konnte ein hinreichender Sporn, jedoch auch eine Warnung ſeyn; Wildtödter aber hielt es für mehr als nur mög⸗ lich, daß die nächſte Nacht die Dinge, und zwar eben in ſolcher Weiſe, zur Entſcheidung bringen würde. Dieſe Ahnung ließ ihn die Anweſenheit und den Beiſtand ſeines Mohikaniſchen Freundes ſehnlichſt wünſchen, und war der Grund, daß er der Stunde des Sonnenuntergangs mit ſteigendem Verlangen entgegenſah. Als der Tag vorrückte, brachte die Geſellſchaft im Caſtell ihre Plane zur Reife, und traf ihre Vorkehrungen. Judith war ſehr thätig, und ſchien Freude daran zu finden, ihrem neuen Be⸗ kannten mit Rath und Auskunft an die Hand zu gehen; denn ſeine Gleichgültigkeit gegen Gefahr, ſeine männliche Hingebung für ſie und ihre Schweſter, ſein redliches Weſen und ſeine innige Treu⸗ herzigkeit hatten ſchnell ihre Einbildungskraft und ihr Gemüth ge⸗ wonnen. Obgleich die Stunden in gewiſſer Hinſicht Wildtödtern lang vorkamen, fand ſie doch Judith nicht ſo, und als die Sonne ſich gegen die tannenbekleideten Spitzen der weſtlichen Berge zu ſenken begann, äußerte ſie unverhohlen die Ueberraſchung, die ſie empfand, den Tag ſo bald zu Ende gehen zu ſehen. Hetty dage⸗ gen war trübnachdenklich und ſchweigſam. Sie war nie ſehr red⸗ ſelig, oder wenn ſie gelegentlich mittheilſam wurde, ſo war dieß nur die Folge einer vorübergehenden Aufregung, welche ihr arg⸗ loſes Gemüth in Spannung und Bewegung ſetzte; aber an dieſem hochwichtigen Tage ſchien ſie ganze Stunden lang den Gebrauch der Zunge gänzlich verloren zu haben. Beſorgniß wegen ihres Vaters drückte ſich im Weſen der beiden Töchter nicht auffallend aus. Keine ſchien ernſtlich ein größeres Unheil zu befürchten, als Ge⸗ fangenſchaft, und ein oder zweimal ließ Hetty, wenn ſie ſprach, die Erwartung durchblicken, Hutter werde Mittel finden, ſich ſelbſt in Freiheit zu ſetzen. Obgleich Judith in dieſem Punkt weniger ſanguiniſch war, äußerte doch auch ſie die Hoffnung, es würden Vorſchläge wegen eines Löſegeldes kommen, wenn die Indianer entdeckten, daß das Caſtell ihren Liſten und Anſchlägen trotze. Wildtödter jedoch behandelte dieſe flüchtigen Vermuthungen als die unverdauten Einbildungen und Träume von Mädchen, und traf ſeine Anordnungen ſo beſonnen und brütete ſo ernſt über der Zu⸗ kunft, als wären ſie nie über ihre Lippen gekommen. Endlich kam die Stunde, wo es nothwendig wurde, ſich an den mit dem Mohikan verabredeten Ort zu begeben,— oder mit dem Delawaren, wie Chingachgook häufiger genannt wurde. Da der Plan von Wildtödter reiflich entworfen und ſeinen Geſellſchaf⸗ terinnen umſtändlich mitgetheilt worden war, machten ſich alle drei mit Einſicht und Uebereinſtimmung an deſſen Ausführung. Hetty trat in die Arche, band zwei von den Canves zuſammen, trat in eins, und ruderte bis zu einer Art von Durchfahrt in den Pali⸗ ſaden, welche das Gebäude umgaben, durch welche ſie beide führte; dann legte ſie ſie unter dem Hauſe an Ketten, welche innen im Gebäude befeſtigt waren. Dieſe Paliſaden waren feſt in den Schlamm getriebene Baumſtämme, und dienten dem gedoppelten Endzweck theils einer kleinen Einfriedigung, die eben zu dieſem Behufe benutzt wurde, theils dem Zwecke, Feinde, die ſich etwa in Booten näherten, in einer kleinen Entfernung ſich vom Leibe zu halten. Canoes in ſolchen Docks waren gewiſſermaßen dem Anblick entzogen, und da die Durchfahrt gehörig verrammelt und befeſtigt war, wäre es eine nicht leichte Aufgabe geweſen, ſie weg⸗ zubringen, wenn man ſie auch geſehen hätte. Ehe jedoch die Durchfahrt geſchloſſen wurde, fuhr auch Judith mit dem dritten Boot in die Einfriedigung, während Wildtödter innen über ihren Häuptern geſchäftig war, die Thüre und die Fenſter innen zu verriegeln. Da Alles maſſiv und ſtark war, und kleine Bäume als Riegel gebraucht wurden, hätte es, nachdem Wildtoͤdter fertig 168 war, eine oder zwei Stunden erfordert, in das Haus zu brechen, wenn ſich auch die Angreifer aller Werkzeuge außer der Art be⸗ dient, und ihnen Niemand Widerſtand geleiſtet hätte. Dieſe Sorg⸗ falt für Sicherſtellung rührte daher, daß Hutter ein⸗ oder zweimal von den geſetzloſen Weißen der Grenze während ſeiner häufigen Abweſenheiten von Haus war beraubt worden. Sobald innen Alles feſt war im Hauſe, zeigte ſich Wildtödter an einer Fallthüre, von wo er in das Canve Judith's hinabſtieg. Hierauf verſchloß er die Thüre mit einer maſſiven Krampe und einem derben Vorhängeſchloß. Dann ward Hetty in das Canoe aufgenommen, das vor die Paliſaden hinausgeſchoben wurde. Die nächſte Vorſichtsmaßregel war, das Thor zu ſchließen, und die Schlüſſel wurden in die Arche gebracht. Jetzt waren die drei von dem Hauſe ausgeſchloſſen, in das man nur mit Gewalt eindringen konnte, oder auf die Weiſe, die der junge Mann gewählt, als er es verließ. Das Glas hatte man gleich zuerſt mit herausgenommen, und Wildtöͤdter beſichtigte zunächſt aufs ſorgfältigſte die ganze Küſte des See's, ſoweit ſeine Stellung es geſtattete. Kein lebendiges Weſen war ſichtbar, einige wenige Vögel ausgenommen, und auch dieſe flatterten in den Schatten der Bäume herum, als ſcheuten ſie ſich, der Hitze eines ſchwülen Nachmittags ſich auszuſetzen. Alle die nächſten Landvorſprünge insbeſondere wurden einer ſcharfen Beobachtung unterworfen, um ſich zu verſichern, daß kein Floß angefertigt werde; das Ergebniß war überall daſſelbe Bild ruhiger Einſamkeit. Wenige Worte werden die größte Verlegenheit in der Lage unſerer Geſellſchaft erklären. Selbſt der Beobachtung jedes lauernden Auges ausgeſetzt, ſahen ſie ſich die Bewegungen ihrer Feinde durch den Schleier und Vorhang eines dichten Waldes entzogen. Während die Einbildungskraft ſehr geneigt ſeyn mußte, den letztern mit mehr Kriegern zu bevölkern, als er in der That enthielt, mußte ihre Schwäche Allen, die etwa einen Blick in die⸗ ſer Richtung auf den See warfen, zu ſichtbar ſeyn. . . 169 „Es rührt ſich doch Nichts!“ rief Wildtödter, als er endlich das Fernglas ſenkte, und ſich anſchickte in die Arche zu treten; „wenn die Vagabunden auf Unheil ſinnen in ihren Gemüthern, ſo ſind ſie zu liſtig, es merken zu laſſen; zwar mag ein Floß in den Wäldern zugerüſtet werden, aber es iſt noch nicht zum See herunter gebracht. Sie können nicht errathen, daß wir im Begriff ſtehen, das Caſtell zu verlaſſen, und wenn auch, ſo wiſſen ſie doch nim⸗ mermehr, wohin wir wollen.“ „Das iſt ſo wahr, Wildtödter,“ erwiederte Judith,„daß jetzt, nachdem Alles bereit iſt, wir uns ſofort keck und ohne Furcht ver⸗ folgt zu werden, ans Werk machen dürfen— ſonſt verſäumen wir unſre Zeit!“ „Nein, nein— die Sache will vorſichtig behandelt ſeyn— denn obgleich die Wilden im Dunkel ſind, was Chingachgook und den Felſen betrifft, ſo haben ſie doch ihre Augen und Beine, und ſehen, in welcher Richtung wir ſteuern, und werden uns gewiß folgen. Ich will ſie jedoch irre zu führen ſuchen, indem ich das Vordertheil der Fähre nach allen Richtungen hin wende, bald dahin bald dorthin, bis ſie müde Füße bekommen, und es ſatt haben, uns nachzutraben.“ So weit es in ſeiner Macht ſtand, hielt Wildtödter getreulich Wort. In weniger als fünf Minuten nach jener Rede war die ganze Geſellſchaft in der Arche und in Bewegung. Es wehte ein gelindes Lüftchen von Norden; und keck das Segel außziehend, brachte der junge Mann die Spitze des ungefügen Fahrzeuges in eine ſolche Richtung, daß, mit einer reichlichen aber nothwendigen Einrechnung des Abfalls, es ein paar Meilen weiter unten am See, auf deſſen öſtlicher Seite, an die Küſte gelangen mußte. Das Segeln der Arche war nie ſehr ſchnell, obgleich es bei ihrem ge⸗ ringen Tiefgang nicht ſchwer war, ſie in Bewegung zu ſetzen, oder mit ihr drei oder vier Meilen in der Stunde zu machen. Die Entfernung zwiſchen dem Caſtell und dem Fels betrug wenig Mehr — 170 als zwei Stunden. Bekannt mit der Pünktlichkeit der Indianer, hatte Wildtödter ſeine Berechnungen genau gemacht, und ſich etwas mehr Zeit, als nothwendig war, um den Ort der Verabredung zu erreichen, gegeben, in der Abſicht, ſeine Ankunft zu verzögern oder zu beſchleunigen, wie es erforderlich wäre. Als er das Segel aufzog, ſtand die Sonne über den weſtlichen Bergen in einer Höhe, die noch etwas mehr als zwei Stunden Tag verſprach, und wenige Minuten überzeugten ihn, daß die Bewegung der Fähre ſeinen Berechnungen und Erwartungen entſpreche. Es war ein prachtvoller Juniusabend, und nie glich der ein⸗ ſame Waſſerſpiegel weniger einem Schauplatz von Kampf und Blutvergießen. Der leiſe Wind drang kaum herab bis zu dem Bette des See's, und ſchwebte nur darüber hin, als ſcheute er ſich, ſeine tiefe Ruhe zu ſtoͤren, oder ſeine ſpiegelglatte Fläche zu kräuſeln. Selbſt die Wälder erſchienen wie ſchlummernd in der Sonne, und einige Lagen flockigter Wolken hatten Stunden lang am nördlichen Horizont ſich gelagert, wie haftend in der Atmoſphäre, hier nur zur Verſchönerung der Scene angebracht. Einige Waſſer⸗ hühner ſtreiften gelegentlich über das Waſſer, und ein einziger Rabe war ſichtbar, hoch über den Bäumen ſich flügelnd, ein wach⸗ ſames Auge auf den Wald unter ihm heftend, um jedes lebende Weſen zu entdecken, das ihm die geheimnißvollen Wälder als Beute darböten. Der Leſer hat wohl ſchon bemerkt, daß bei all der auffallen⸗ den Freimüthigkeit und Ungebundenheit des Benehmens, das Judith bei ihrem Grenzleben ſich angeeignet, doch ihre Sprache edler war, als deren ihre männlichen Geſellſchafter ſich bedienten, ihren Vater mit eingeſchloſſen. Dieſer Unterſchied erſtreckte ſich ebenſo auf die Ausſprache, wie auf die Wahl der Worte und die Sätze. Nichts vielleicht verräth ſo bald die Erziehung und den Umgang, als die Art zu ſprechen; und wenige Vorzüge erhöhen ſo den Reiz weib⸗ licher Schönheit, wie eine anmuthige und fließende Sprache, während , Nichts ſo bald jene Entzauberung bewirkt, welche die nothwendige Folge einer Nichtzuſammenſtimmung von Erſcheinung und Beneh⸗ men iſt, als eine gemeine Betonung der Stimme oder der Gebrauch unedler Worte. Judith und ihre Schweſter waren auffallende Ausnahmen unter allen Madchen ihrer Claſſe, die ganze Grenze entlang; die Officiere der nächſten Garniſon hatten der Erſtern oft geſchmeichelt mit der Verſicherung, daß wenige Damen in den Städten ſich beſſer als ſie auf dieſen wichtigen Punkt verſtänden. Dieß war zwar weit nicht buchſtäblich wahr, aber doch ſo weit, daß das Compliment ihr füglicherweiſe konnte gemacht werden. Die Mädchen verdankten dieſen Vorzug ihrer Mutter, denn ſie hatten in der Kindheit ſchon von ihr dieſe vortheilhafte Eigenſchaft angenommen, die kein ſpäteres Studium und Arbeit ohne eine Schattenſeite zu geben vermag, wenn man nicht in der frühern Lebensperiode darauf geachtet hat. Wer dieſe Mutter war, oder vielmehr geweſen war, wußte Niemand als Hutter. Sie war jetzt zwei Sommer todt, und wie Hurry erzählte, war ſie im See verſenkt worden; ob aus einem gewiſſen Vorurtheil, oder aus Wider⸗ willen gegen die Mühe, ihr ein Grab zu graben, war oft Gegen⸗ ſtand der Erörterung unter den rohen Weſen jener Gegend geweſen. Judith hatte die Stelle nie beſucht, Hetty aber war bei der Be⸗ ſtattung zugegen geweſen, und ſie ruderte oft um Sonnenunter⸗ gang oder beim Mondſchein ein Canoe an die Stelle, und ſtarrte hinab in das durchſichtige Waſſer, in der Hoffnung, doch einmal mit Einem flüchtigen Blick die Geſtalt erſchauen zu können, die ſie von Kindheit an bis zu der traurigen Stunde des Scheidens ſo zärtlich geliebt hatte. „Müſſen wir den Felſen genau in dem Augenblick erreichen, wo die Sonne untergeht?“ fragte Judith den jungen Mann, wie ſie neben einander ſtanden, Wildtödter das Steuerruder haltend, und ſie mit der Nadel an einem feinen Kleidungsſtück arbeitend, das weit über ihrer Stellung im Leben und eine völlige Neuheit ———— 1 — brauchte, um nicht einen Verdacht gegen ihre Klugheit gegen ihre Sittlichkeit aufkommen zu laſſen. Bei Wildtödter jedoch waren ſolche Blicke einer ſo ungünſtigen Deutung weniger ausge⸗ ſetzt; denn ſie ſah ihn ſelten an, ohne viel von der Aufrichtigkeit und Natur zu zeigen, welche die reinſten Gefühle des Weibes begleiten. Es war etwas auffallend, daß bei der längern Gefangen⸗ ſchaft ihres Vaters keines von den Mädchen eine große Unruhe „ wo nicht entgegen, die großentheils ih konnte. Schon früher einmal war Hutter in den Händen der IJrokeſen geweſen, und wenige Häute hatten leicht ſeine Befreiung erkauft. Dieſer Vorfall jedoch hatte, was die Schweſtern nicht wußten, zur Zeit des Friedens zwiſchen England und Frankreich ſtatt gehabt, wo die Wilden durch die Politik der verſchiednen Colonialregierungen im Zaum gehalten wurden, ſtatt, wie jetzt, zu ihren Verbrechen und Grauſamkeiten ermuthigt zu werden. Wäͤhrend Judith in ihrer Weiſe redſelig und zutraulich war, blieb Hetty nachdenklich und ſchweigſam. Einmal zwar trat ſie nahe zu Wildtödter hin und befragte ihn etwas genauer über ſeine Abſichten, ſo wie über die Art, wie er ſeinen Plan auszuführen gedenke; aber weiter ging ihr Verlangen, ſich mit ihm zu unter⸗ halten, nicht. Sobald ihre einfachen Fragen beantwortet waren— und das wurden ſie alle aufs befriedigendſte und wohlwollendſte— entfernte ſie ſich wieder auf ihren Sitz, und fuhr fort, an einem groben Kleidungsſtück zu arbeiten, das ſie für ihren Vater fertigte, manchmal leiſe eine ſchwermüthige Weiſe vor ſich hin ſummend, und oft ſeufzend. 6 So verſtrich die Zeit; und als die Sonne Saum des Fichtenwaldes zu glühen, der begrenzte, oder etwa zwanzig Minuten anfing, hinter dem den weſtlichen Berg vor ihrem wirklichen + Neuntes Kapitel. Verſchwenderiſch biſt mit Lächeln du, Darob dein Zürnen man vergißt, Dir jubeln tauſend Inſeln zu, Wenn wieder du gekommen biſt; Die Herrlichkeit, von dir entſandt, Badet in Wonne See und Land. Der Himmel. Es hilft vielleicht dem Leſer zum beſſern Verſtändniß der jetzt zu erzählenden Vorfälle, wenn er ein raſch ſkizzirtes Bild der Scene auf einmal ſeinem Auge dargelegt ſieht. Man erinnert ſich, daß der See ein unregelmäßig geformtes Becken bildete, deſſen Umriß, im Ganzen betrachtet nd vorſpringenden Punkten, welche die Glei n und ſeine Ufer zierten. Die Oberfl rſpiegels glänzte jetzt wie ein Edelſtein in er Abendſonne, und die Einfaſſung des Ganz pigſten Waldgrün bekleidet— war von eln verklärt, wie es in den ſchönen Zeilen, vorangeſtellt, am beſten geſchildert iſt. Da d Ausnahmen, dicht am Waſſer ſteil hinanſtiegen nicht unmittelbar die Ausſicht begrenzte, See ein faſt un⸗ unterbrochner Saum vo äume rangen ſich von den ſteilen Anhöhen em Licht zu, bis ſie in manchen Fällen ihre I ihre geraden Stämme vierzig oder fünfzig Fu ndikularen Linie chend ausſtreckten. Forſtes, von Tannen hoch waren, denn v ſo ſehr, daß ſie abwei⸗ 7 Caſtell durch einen vorſpringenden Punkt dem Auge entzogen, ſo wie überhaupt das ganze nördliche Ende des See's ſelbſt. Ein anſehnlicher Berg mit Wald bekleidet, und rund wie alle übrigen, begrenzte in dieſer Richtung die Ausſicht, und dehnte ſich unmittelbar 5 über die ganze ſchöne Scene aus, mit Ausnahme einer tiefen Bai, die an ſeinem weſtlichen Ende ſich hinzog, das Becken um mehr aus dem See abfloß, unter den belaubten Bögen der Bäume, als eine Meile verlängernd. Die Art und Weiſe, wie das Waſſer welche die beiden Seiten des Fluſſes einfaßten, iſt ſchon geſchildert 3 und es iſt auch geſagt worden, daß der Fels, der in der ganzen Gegend ein Lieblingsplatz zur Verabredung von Zuſammenkünften war und wo Wildtödter jetzt ſeinen Freund zu treffen erwartete, dieſer Ausſtrömung nahe, und nicht ſehr entfernt von der Küſte ſtand. Es war ein großer, einzelner Stein, der auf dem Grund des Sees ruhte, dem Anſchein nach zurückgeblieben, als die Waſſer die Erde um ihn her wegriſſen, um ſich einen Durchgang durch das Flußbett zu erzwingen; und ſeine eigenthümliche Geſtalt hatte er wohl durch den Einfluß der Elemente während des langen Verlaufs von Jahrhunderten bekommen. Die Höhe dieſes Felſen konnte kaum ſechs Fuß betragen, und wie ſchon geſagt, ſeine Geſtalt war nicht unähnlich der gewöhnlichen Form von Bienenſtöcken, oder einem Heuhaufen. Die letztere Vergleichung gibt in der That die beſte Anſchauung nicht nur von ſeiner Form, ſondern auch von ſeinen Dimenſionen. Er ſtand— und ſteht noch, denn wir ſchildern wirklich vorhandene Scenen— fünfzig Fuß vom Ufer entfernt und im Waſſer, wo es nur zwei Fuß tief war, obwohl es auch Zeiten gab, wo ſein abgerundeter Gipfel, wenn man dieſen Ausdruck auf ihn anwenden darf, vom See ganz bedeckt war. Viele von den Baͤumen dehnten ſich ſo weit heraus, daß ſie beinahe den Felſen mit der Küſte vereinigten, wenn man beide in einiger Entfernung ſah; und eine große Tanne insbeſondere hing ſo darüber her, daß ſie ein ſtolzes und paſſendes Dach bildete üͤber einen Sitz, der manchen Häuptling des Waldes, während der langen Reihe unbekannter Jahrhunderte, wo Amerika mit Allem, was es enthielt, abgeſchloſſen in geheimnißvoller Einſamkeit als eine Welt für ſich beſtanden hatte, ebenſo ohne eine bekannte Ge⸗ ſchichte, wie einen, für die menſchlichen Annalen erreichbaren Ur⸗ ſprung— mochte beherbergt haben. Vom uUfer noch zwei bis dreihundert Fuß entfernt, zog Wild⸗ tödter ſein Segel ein und warf ſeinen Anker aus, ſobald er fand, daß die Arche in einer Linie hintrieb, die gerade auf den Felſen zuſtrebte. Die Bewegung des Fahrzeugs ward dann geſtellt, wor⸗ auf es durch die Wirkung des Lüftchens mit dem Vordertheil dem Winde zugekehrt wurde. Sobald dieß geſchehen, gab Wildtödter Tau zu und ließ das Fahrzeug dem Felſen zutreiben, ſo raſch es der leiſe Luftzug vor ſich her drängen mochte. Da es ſehr wenig tief ging, war dieß bald geſchehen, und der junge Mann hemmte ſeine Bewegung, als er ſah, daß das Hintertheil der Fähre auf fünfzehn oder achtzehn Fuß dem beabſichtigten Platze nahe ge⸗ kommen war. Bei Ausführung dieſes Monöuvers hatte ſich Wildtödter ſehr beeilt; denn während er nicht im Mindeſten daran zweifelte, daß er von dem Feinde beobachtet und verfolgt werde, glaubte er, ihn in ſeinen Bewegungen, durch die anſcheinende Unſicherheit ſeiner eigenen, irre gemacht zu haben; und er wußte, daß ſie keine Mittel hatten zu erfahren, daß ſein Abſehen auf den Felſen gerichtet war, wenn nicht etwa Einer der Gefangenen ihn verrathen hatte,— ein an ſich ſo unwahrſcheinlicher Fall, daß er ſich darüber keine unru⸗ higen Gedanken machte. Trotz der Raſchheit und Entſchiedenheit ſeiner Bewegungen jedoch wagte er ſich nicht der Küſte ſo nahe, ohne die gehörigen Vorſichtsmaßregeln zum Behuf eines Rückzugs zu treffen, falls dieſer nothwendig würde. Er ſelbſt hielt das Tau in der Hand, und Judith war an einem Guckloch auf der dem Land zugekehrten Seite der Cajüte aufgeſtellt, wo ſie die Küſte und die Der Wildtödter. 3. Aufl. 12 Felſen beobachten, und zeitig Nachricht geben konnte von dem Nahen eines Freundes oder Feindes. Hetty war auch auf einen Wachpoſten geſtellt, aber ſie ſollte nur auf die Bäume über ihnen Acht haben, damit nicht ein Feind einen beſteige, und durch voll⸗ ſtändige Beherrſchung des Innern des Fahrzeugs die Vertheidigung des Häuschens oder der Cajüte vereitle. Die Sonne hatte ſich vom See und Thal zurückgezogen, als Wildtöͤdter die Arche in der genannten Weiſe ſtille ſtehen machte. Doch fehlten noch einige Minuten bis zum eigentlichen Sonnen⸗ untergang, und er kannte die indianiſche Pünktlichkeit zu gut, um eine unmännliche Haſt bei ſeinem Freunde vorauszuſetzen. Die große Frage war, ob er, umgeben von Feinden, wie man dieß wußte, ihren Netzen zu entgehen vermocht habe. Die Vorfälle der letzten vierundzwanzig Stunden mußten ihm ein Geheimniß ſeyn, und wie Wildtödter war auch Chingachgook noch jung auf dem Kriegspfade. Zwar kam er allerdings gefaßt darauf, der Truppe zu begegnen, welche ſeine verlobte Braut feſthielt, aber er hatte keine Mittel, ſich über den Umfang der Gefahr, die er lief, zu vergewiſſern, noch auch über die eigentliche Stellung, welche Freunde und Feinde inne hatten. Mit Einem Wort, der geübte und ausgebildete Scharfblick und die unermüdliche Vorſicht eines Indianers waren Alles, worauf er unter den bedenklichen Gefahren, denen er ſich unvermeidlich ausſetzte, angewieſen war. „Iſt der Fels leer, Judith?“ fragte Wildtödter, ſobald er die Bewegung der Arche gehemmt hatte, da er für unklug hielt, ohne Noth ſich der Küſte nahe zu wagen.„Iſt Nichts zu ſehen von dem Delawariſchen Häuptling?“ .„Nichts, Wildtödter. Weder Fels, Küſte, Baum noch See ſcheinen je eine menſchliche Geſtalt gekannt zu haben.“ „Nehmt Euch in Acht, Judith,— nehmt Euch in Acht, Hetty— eine Büchſe hat ein ſpähendes Auge, einen raſchen Fuß, und eine verzweifelt unheilvolle Zunge. Nehmt Euch denn in Acht, aber gebt auch recht Acht, und ſeyd flink und rüſtig! Es thäte mir herzlich leid, wenn Einer von Euch ein Leid zuſtieße!“ „Und Euch, Wildtoͤdter!“ rief Judith, ihr ſchönes Geſicht von dem Guckloch wegwendend, um dem jungen Mann einen huld⸗ vollen und dankbaren Blick zuzuwerfen;„nehmt Ihr Euch in Acht, und ſorgt, daß die Wilden nicht Eurer anſichtig werden! Eine Kugel könnte Euch ebenſo unheilvoll werden, als Einer von uns; und der Schlag, der Euch träfe, würde von Allen empfunden.“ „Seyd ohne Furcht um mich, Judith— ſeyd ohne Furcht um mich, mein gutes Mädchen. Seht nicht hierher, obgleich Euer Blick recht freundlich und lieblich iſt, ſondern richtet Euer Auge auf den Felſen, und die Küſte, und den—“ Wildtödter ward unterbrochen durch einen leiſen Ausruf des Mädchens, das, ſeinen dringenden und haſtigen Geberden ebenſo wie ſeinen Worten gehorſam, ſogleich wieder ihr Auge nach der entgegengeſetzten Richtung gewendet hatte. „Was iſt's?— Was iſt's, Judith?“ fragte er haſtig;„Iſt Etwas zu ſehen?“ „Dort iſt ein Mann, auf dem Felſen!— ein indianiſcher Krieger, in ſeiner Bemalung, und bewaffnet!“ „Wo trägt er ſeine Falkenfeder?“ fragte wieder Wildtoͤdter lebhaft, und ließ das Tau nach, um ſich dem Ort der Zuſammen⸗ kunft zu nähern. Iſt ſie dicht an der Kriegslocke, oder trägt er ſie über dem linken Ohr?“ „Wie Ihr ſagt, über dem linken Ohr; er lächelt auch, und flüſtert das Wort: Mohikan.“ „Gott ſey gelobt, es iſt die Schlange endlich!“ rief der junge Mann, und ließ das Tau durch ſeine Hände gleiten, bis er am andern Ende des Fahrzeugs einen leichten Sprung hörte; worauf er augenblicklich mit dem Nachgeben des Seils inne hielt, und wieder anfing, es einzuziehen, verſichert, daß ſein Zweck erfüllt war. In dieſem Augenblick ward die Thüre der Cajüte haſtig geöffnet, — 180 und ein Krieger, durch das kleine Gemach eilend, ſtand neben Wildtödter, und ließ nur den einfachen Ausruf:„Hugh’ hören. Im nächſten Augenblick kreiſchten Judith und Hetty auf, und die Luft ward erfüllt von dem gellenden Schrei von zwanzig Wilden, welche durch die Zweige zum Ufer herab ſprangen, und von denen Einige in ihrer Haſt der Länge nach ins Waſſer ſtürzten. „Zieht, Wildtödter,“ ſchrie Judith, haſtig die Thüre ſchließend, um ein Eindringen durch die Oeffnung zu verhindern, welche ſo eben den Delawaren eingelaſſen hatte,„zieht, auf Leben und Tod— der See iſt voll von Wilden, die uns nach waten!“ Die jungen Männer— denn Chingachgook eilte ſofort ſeinem Freunde beizuſtehen— erwarteten keine zweite Aufforderung, ſon⸗ dern ſie erfüllten von ſelbſt ihre Aufgabe mit einem Eifer, welcher zeigte, wie dringend ihnen die Gefahr erſchien. Die große Schwie⸗ rigkeit war, ſo plötzlich die vis inertiae einer ſo großen Maſſe zu überwinden; denn war die Fähre einmal in Bewegung, ſo war es leicht, ſie das Waſſer mit aller wünſchenswerthen Schnelligkeit durchſchneiden zu machen. „Zieht, Wildtödter, ums Himmels willen!“ ſchrie Judith wieder an ihrem Guckloch;„dieſe Elenden ſtürzen ins Waſſer wie Hunde, die ihre Beute verfolgen! Ah! die Fähre bewegt ſich! und jetzt wird das Waſſer tiefer, und geht dem Vorderſten ſchon bis unter die Schulter— und doch eilen ſie vorwärts und wollen die Arche packen!“ Ein leichtes Kreiſchen und dann ein fröhliches Gelächter des Mädchens folgte nun! die Urſache von jenem war ein verzweifelter Verſuch ihrer Verfolger, und von dieſem deſſen Mißlingen; die Fähre, welche jetzt tüchtig in Bewegung geſetzt war, glitt bald auf tieferem Waſſer, das Vordertheil voran, mit einer Geſchwindigkeit hin, welche die Anſchläge der Feinde vereitelte. Da die beiden Männer durch die dazwiſchenliegende Cajüte verhindert waren zu ſehen, was hinten vorging, mußten ſie die Mädchen nach dem Stand der Jagd fragen. „Was jetzt, Judith? Was dann? Verfolgen uns die Mingos noch, oder ſind wir ihrer für den Augenblick entledigt?“ fragte Wildtödter, wie er das Tau ſchlaff werden fühlte, als eilte nun⸗ mehr die Fähre raſch von ſelbſt weiter, und das Kreiſchen und Lachen des Mädchens beinahe in Einem Athem vernahm. „Sie ſind verſchwunden!— Einer, der letzte, verſteckt ſich gerade in den Büſchen des Ufers— dort iſt er verſchwunden in den Schatten der Bäume. Ihr habt nun Euren Freund, und wir ſind Alle ſicher!“ Die beiden Männer machten jetzt wieder eine große Anſtren⸗ gung, zogen die Arche ſchnell bis zu dem Anker hinauf, lichteten dieſen, und als die Fähre noch eine Strecke Wegs zurückgelegt und ihre Bahn verloren hatte, warfen ſie wieder den Anker aus; und jetzt zum erſtenmal ſeit ihrem Wiederſehen hielten ſie in ihrer ſchweren Arbeit inne. Nachdem das ſchwimmende Haus einige hundert Fuß von der Küſte entfernt lag, und vollkommnen Schutz gegen Kugeln bot, war weiter keine Gefahr, und kein Grund zur Anſtrengung ihrer Kräfte im Augenblick vorhanden. Die Art, wie die beiden Freunde jetzt einander begrüßten, war höͤchſt charakteriſtiſch. Chingachgook, ein edler, großer, ſchöner und athletiſcher junger indianiſcher Krieger beſichtigte zuerſt ſorg⸗ fältig ſeine Büchſe, öffnete die Pfanne, um ſich zu verſichern, daß das Pulver darauf nicht naß geworden; warf, nachdem er ſich dieſes wichtigen Umſtandes vergewiſſert, verſtohlene aber beobach⸗ tende Blicke um ſich auf die ſeltſame Behauſung und die beiden Mädchen; noch immer aber ſprach er nicht, und beſonders vermied er durch Fragen irgend eine weibiſche Neugierde an den Tag zu legen. „Judith und Hetty,“ ſagte Wildtödter mit unangelernter, natürlicher Höflichkeit,„dieß iſt der Mohikaniſche Häuptling, von welchem ich Euch geſprochen, Chingachgook, wie er genannt iſt, was„große Schlange’ bedeutet; ſo genannt wegen ſeiner Weisheit und Klugheit und Liſt, und mein erſter und letzter Freund. Ich — wußte, daß er es ſeyn müſſe, durch die Falkenfeder über dem linken Ohr, denn die meiſten andern Krieger tragen ſie an der Kriegslocke.“ Nachdem Wildtödter ſo geſprochen, lachte er herzlich, mehr aufgeregt vielleicht durch die Freude, ſeinen Freund unter ſo drohen⸗ den Umſtänden nun doch wohlbehalten an ſeine Seite bekommen zu haben, als durch irgend einen Einfall, der etwa zufällig ihm durch den Sinn fuhr; und dieſer Ausbruch ſeiner Empfindungen war etwas auffallend dadurch, daß er von gar keinem Geräuſch begleitet war. Obgleich Chingachgook das Engliſche verſtand und ſprach, mochte er doch ſeine Gedanken nicht in dieſer Sprache mit⸗ theilen, wie die meiſten Indianer; und nachdem er Indith's herz⸗ liches Händeſchütteln und Hetty's ſanftere Begrüßung in der höflichen Weiſe aufgenommen, wie es einem Häuptling geziemte, wandte er ſich weg, offenbar um den Augenblick zu erwarten, wo es ſeinem Freund belieben möchte, ihm ſeine weitern Abſichten auseinander zu ſetzen, und ihm zu erzählen, was ſeit ihrer Trennung ſich be⸗ geben hatte. Der Andere verſtand ſeinen Wunſch, und offenbarte ſeine Denk⸗ und Schlußweiſe in der Sache durch ſeine Anrede an die Mädchen. „Dieſer Wind wird bald ſich ganz legen, nachdem die Sonne unter iſt,“ ſagte er,„und es iſt nicht nöthig dagegen zu rudern. In etwa einer halben Stunde wird völlige Windſtille ſeyn, oder der Wind wird von der Südküſte her wehen, wo wir dann unſern Rückweg zum Caſtell antreten wollen; mittlerweile wollen der Dela⸗ ware und ich über allerlei Sachen uns beſprechen, und Jeder nach den Begriffen des Andern ſeine Anſicht berichtigen über das Ver⸗ fahren, das wir einzuſchlagen haben.“ Niemand widerſprach dieſem Vorſchlag, und die Mädchen ent⸗ fernten ſich in die Cajüte, um die Abendmahlzeit zu beſchicken, während die beiden jungen Männer ſich auf dem Vordertheil des Fahrzeugs ſetzten und ein Geſpräch begannen. Die Unterredung ward in der Sprache der Delawaren geführt. Da jedoch dieſer — Dialekt ſelbſt von Gelehrten wenig gekannt iſt, wollen wir bei dieſer wie bei allen künftigen Gelegenheiten ſolche Geſpräche, die wir genauer mitzutheilen für nöthig erachten, in unſre Sprache übertragen und die Idiome und Eigenthümlichkeiten der Redenden in ſo fern zu wahren ſuchen, daß wir die von ihnen gebrauchten Bilder und Redeſiguren dem Geiſte der Leſer in der treueſten und anſchaulichſten Weiſe nahe bringen. Es iſt unnöthig auf die Einzelnheiten einzugehen, welche Wildtödter zuerſt berichtete, indem er eine kurze Erzählung der unſern Leſern ſchon bekannten Thatſachen gab. Erwähnt muß jedoch werden, daß der Erzähler hier nur die Umriſſe berührte, und namentlich ſich enthielt, Etwas von ſeinem Kampf mit dem Irokeſen und ſeinem Siege, ſo wie auch von ſeinen Bemühungen zu Gunſten der verlaſſenen Mädchen zu ſagen. Als Wildtödter zu Ende war, begann auch der Delaware ſeine Erzählung und ſprach in häufigen Sentenzen, mit viel Ernſt und Würde. Sein Bericht war klar und kurz, auch mit keinen Vorfällen ausgeſchmückt, die nicht geradezu die Geſchichte ſeiner Reiſe von den Ortſchaften ſei⸗ nes Volkes und ſeine Ankunft im Thal des Susquehannah betroffen hätten. Als er letzteres erreichte, und zwar an einem Punkt, der nur eine halbe Meile ſüdlich von der Ausſtrömung lag, hatte er bald eine Spur aufgeſunden, die ihm die zu vermuthende Nähe von Feinden verrieth. Da er auf ein ſolches Begebniß vorbereitet war, und ihn ja der Zweck ſeines Zuges unmittelbar in die Nähe der Truppe von Irokeſen rief, von welcher man wußte, daß ſte umherſtreifte, betrachtete er die Entdeckung eher als ein Glück, denn als das Gegentheil, und traf die gewöhnlichen Vorſichtsmaß⸗ regeln, um daraus Nutzen zu ziehen. Zuerſt folgte er dem Fluß bis zu ſeinem Urſprung, merkte ſich die Lage des Felſens genauer, fand dann wieder eine Spur, und war wirklich ſchon Stunden lang um die Feinde von verſchiedenen Seiten herumgeſtreift, glei⸗ cherweiſe eine Gelegenheit abwartend, ſeine Geliebte zu treffen, und einen Skalp zu erbeuten; und es mag die Frage ſeyn, was er am ſehnlichſten wünſchte. Er hielt ſich in der Nähe des See’s und wagte ſich gelegentlich an dieſen oder jenen Ort, wo er über⸗ ſehen konnte, was auf ſeinem Spiegel vorging. Die Arche war geſehen und beobachtet worden von dem Augenblick an, wo ſie in den Bereich des Geſichts kam, obwohl der junge Häuptling natür⸗ lich nicht wußte, daß ſie das Mittel werden ſollte, ſeine gewünſchte Vereinigung mit dem Freunde zu bewirken. Die Unſicherheit ihrer Bewegungen, und der Umſtand, daß ſie unſtreitig von Weißen ge⸗ lenkt wurde, führte ihn jedoch auf die Vermuthung der Wahrheit, und er hielt ſich gefaßt, an Bord derſelben zu gehen, ſobald ſich eine geeignete Gelegenheit darböte. Als die Sonne ſich zum Hori⸗ zont herabſenkte, begab er ſich auf den Felſen, wo er, als er aus dem Wald hervortauchte, zu ſeiner Freude die Arche liegen ſah, offenbar bereit, ihn aufzunehmen. Die Art und Weiſe ſeines Er⸗ ſcheinens und ſeines Eintritts in das Fahrzeug iſt ſchon bekannt. Obgleich Chingachgook ſeine Feinde Stunden lang genau beobachtet hatte, war doch ihre plötzliche und ſcharfe Verfolgung, als er die Fähre erreichte, ihm ebenſo überraſchend, wie ſeinem Freunde. Er konnte ſie ſich nur erklären durch den Umſtand, daß ſie zahlreicher waren, als er zuerſt geglaubt, und daß ſie Truppe ausgeſtellt hatten, von deren Vorhandenſeyn er Nichts gewußt. Ihr regelmäßiges und bleibendes Lager, wenn das Wort bleibend gebraucht werden darf von dem Aufenthaltsort einer Bande, die aller Wahrſcheinlichkeit nur ein paar Wochen aus zu ſeyn beabſich⸗ tigte, war nicht fern von der Stelle, wo Hutter und Hurry in ihre Hände gefallen waren, und natürlich in der Nähe einer Quelle. „Nun, Schlange,“ fragte Wildtödter, als der Andre ſeine kurze aber lebendige Erzählung beendigt hatte, und zwar in der Delawarenſprache, die wir nur zur Bequemlichkeit des Leſers nicht beibehalten haben—„nun Schlange, da Ihr um dieſe Mingos herum ſpionirt habt: könnt Ihr uns Etwas berichten von ihren 4 Gefangenen; dem Vater dieſer Mädchen, und noch Einem, der, wie ich vermuthe, der Liebhaber der Einen von ihnen iſt?“ „Chingachgook hat ſie geſehen. Ein alter Mann und ein junger Krieger— die fallende Schierlingstanne und die hohe Tanne.“ „Ihr habt's nicht übel getroffen, Delaware, Ihr habt's nicht übel getroffen. Der alte Hutter iſt wirklich halb zerfallen, ob⸗ gleich manche tüchtige Klötze noch aus ſeinem Stamm gehauen werden könnten; und was Hurry Harry anlangt, nach Höhe, Stärke und hübſchem Ausſehen könnte er wohl der Stolz des menſchlichen Waldes genannt werden. Waren die Männer gebun⸗ den, oder erlitten ſie in irgend einer Weiſe Martern? Ich frage wegen der jungen Weiber, die, glaub' ich, ſehr verlangend find, Etwas zu erfahren.“ „Nicht ſo, Wildtödter. Die Mingos ſind ſo Viele, daß ſte ihr Wild nicht in einen Käfig zu ſperren brauchen. Einige wachen, Einige ſchlafen, Einige lauern, Andere jagen.— Die Bleichgeſichter werden heute wie Brüder behandelt; morgen werden ſie ihre Skalpe verlieren.“ „Ja, das iſt rothe Natur, und darein muß man ſich ſchicken! Judith und Hetty, da iſt tröſtliche Botſchaft für Euch! Der Delaware erzählt mir, daß weder Euer Vater noch Hurry Harry Martern zu leiden haben; daß ſie, abgerechnet den Verluſt der Freiheit, ſich ſo wohl befinden wie wir. Natürlich werden ſte im Lager gehalten; im Uebrigen thun ſie, was ihnen beliebt.“ „Das freut mich zu hoören, Wildtödter,“ verſetzte Judith, „und jetzt, nachdem Euer Freund bei uns iſt, zweifle ich nicht im Mindeſten daran, daß wir Gelegenheit finden werden, die Gefan⸗ genen auszuloͤſen. Wenn Weiber im Lager ſind, ſo habe ich ſchon Kleidungsſtücke, die ihr Auge blenden ſollen; und wenn es zum Schlimmſten käme, könnten wir den guten Schrauk öffnen, der, ſo glaube ich, Sachen in ſeinem Innern enthalten und offenbaren dürfte, welche die Häuptlinge wohl locken werden.“ — „Judith,“ ſagte der junge Mann, ſie anblickend mit einem Lächeln und einem Ausdruck ernſter Neugier, der trotz der wachſenden Dunkelheit dem beobachtenden Blicke des Mädchens nicht entging, „könnt Ihr es übers Herz bringen, Euch von Euren ſchönen Sachen zu trennen, um Gefangne zu befreien, von denen freilich der Eine Euer eigner Vater, der Andre Euer geſchworner Lieb⸗ haber und Freier iſt?“ Die Röthe, die ſich über das Antlitz des Mädchens ergoß, hatte ihren Grund theils in Verdruß und Unmuth, vielleicht aber noch mehr in einem edlern, neuen Gefühle, das, in Verbindung mit dem launenhaften Eigenſinn ihres Geſchmacks, ſie binnen kurzer Zeit empfindlicher für die gute Meinung des ihr jene Frage vor⸗ legenden Jünglings gemacht hatte, als ſie gegen das Urtheil jedes Andern war. Mit inſtinktartiger Raſchheit die Anwandlung von Aerger unterdrückend, antwortete ſie mit einer Geradheit und Wahrheit, welche ihre Schweſter herbeizogen, um auch zuzuhören, obgleich der ſtumpfe Geiſt Hetty's keineswegs die Bewegungen eines Herzens zu verſtehen vermochte, das ſo verrätheriſch, ſo un⸗ zuverläſſig und ſo ungeſtüm in ſeinen Gefühlen war, wie das der verwöhnten und vielgeſchmeichelten Schönen. „Wildtödter,“ antwortete Judith nach einer augenblicklichen Pauſe,„ich will ehrlich ſeyn gegen Euch. Ich geſtehe, es war eine Zeit, wo das, was Ihr ſchöne Sachen nennt, mir das Liebſte auf Erden war; aber ich fange an, anders zu denken und zu fühlen. Obgleich Hurry Harry mir Nichts iſt, Nichts werden kann, würde ich doch Alles, was ich beſitze, hingeben, ihn frei zu machen. Wenn ich dieß thäte für den tobenden, tollen, geſchwätzigen Hurry, der nichts Empfehlendes hat als ſein gutes Ausſehen, könnt Ihr darnach ſchließen, was ich für meinen Vater thäte.“ „Das klingt gut, und iſt gemäß eines Weibes Gaben. Ach ja freilich! daſſelbe Gefühl findet ſich auch wohl bei den jungen Weibern der Delawaren. Ich habe ſie oft und viel ihre Eitelkeit 5 x, ihrem Herzen opfern ſehen. Es iſt wie es ſeyn ſoll— es iſt wie es ſich nach meiner Anſicht gebührt für beide Farben. Das Weib ward geſchaffen zum Gefühl und wird meiſt auch beherrſcht vom Gefühl.“ „Würden die Wilden Vater gehen laſſen, wenn Judith und ich ihnen alle unſre beſten Sachen gäben?“ fragte Hetty in ihrer unſchuldigen ſanften Weiſe. „Ihre Weiber würden ſich drein legen, gute Hetty; ja ihre Weiber würden ſich wohl drein legen, wenn ſie ſo Etwas in Aus⸗ ſicht hätten. Aber ſagt mir, Schlange, wie iſt es mit Weibern unter den Schurken; haben ſie viele von ihren eigenen Frauen im Lager?“ Der Delaware hörte und verſtand Alles, was vorging; obgleich er mit indianiſchem Ernſt und Feinheit, abgekehrten Geſichts, da⸗ geſeſſen hatte, anſcheinend nicht achtend auf ein Geſpräch, das ihn nicht unmittelbar anging. Jetzt aber, wo er angeredet und befragt wurde, antwortete er ſeinem Freund in ſeiner gewöhnlichen kurzen und ſentenziöſen Weiſe. „Sechs!“ ſagte er, alle Finger der einen Hand und den Daumen der andern emporhaltend,„außer dieſer!“ die dieſe bedeutete ſeine Verlobte; und mit der Poeſie und Wahrheit der Natur bezeichnete er ſie dadurch, daß er ſeine Hand auf's Herz legte. „Habt Ihr ſie geſehen, Häuptling— ſeyd Ihr ihres lieblichen Antlitzes anſichtig geworden, oder ihrem Ohr nahe genug gekom⸗ men, um darein das Lied zu ſingen, das ſie ſo liebt?“ „Nein, Wildtödter— die Bäume waren zu viele, und Laub bedeckte ihre Aeſte, wie Wolken den Himmel bei Gewittern. Aber,“ und der junge Krieger wandte ſein dunkles Angeſicht gegen ſeinen Freund mit einem Lächeln darauf, das ſeine trotzig ausſehende Bemalung und ſeine von Natur finſtre Züge mit einem lichten Strahl menſchlichen Gefühles verklärte,„Chingachgook hat das Lachen von Wah⸗ta!⸗Wah gehört; er unterſchied es von dem Lachen der Weiber der Irokeſen. Es klang in ſein Ohr wie das Zwitſchern des Zaunkönigs.“ „Ja, darin kann man ſich auf eines Liebhabers Ohr verlaſſen, und auf das eines Delawaren in Betreff aller Töne, die man je in den Wäldern hört. Ich weiß nicht, wie es kommt, Judith, aber wenn junge Männer— und ich glaube faſt, es iſt ganz ebenſo auch bei jungen Weibern— nun, wenn ſie zärtliche Gefühle gegen einander bekommen, ſo iſt es wunderbar, wie lieblich das Lachen oder das Sprechen des Einen dem Andern zu tönen anfängt. Ich habe grimmige Krieger dem Plaudern und Lachen junger Mädchen lauſchen ſehen, als wäre es Kirchenmuſik,— ſo wie man hört in der alten holländiſchen Kirche, die in der großen Straße von Albany ſteht, wo ich mehr als einmal mit Pelzwerk und Wild⸗ pret geweſen bin.“ „Und Ihr, Wildtödter,“ ſagte Judith raſch, und mit mehr Empfindung als man ſonſt in ihrem gewöhnlich ſo leichten und gleichgültigen Weſen bemerkte,„habt Ihr nie empfunden, wie angenehm es iſt, dem Lachen eines geliebten Mädchens zu lauſchen?“ „Gott tröſte Euch, Mädchen!— ha, ich habe nie lang genug unter meiner eignen Farbe gelebt, um in dieſe Gattung von Gefühlen zu verfallen— nein, nie! Ich glaube wohl, ſie ſind natürlich und recht; aber für mich iſt keine Muſik ſo ſchön, als das Pfeifen des Windes in den Gipfeln der Bäume, und das Rauſchen eines Baches aus ſeiner vollen, blitzenden, heimathlichen Quelle reinen friſchen Waſſers; außer etwa,“ fuhr er fort und ſenkte einen Augenblick nachdenklich den Kopf,„außer etwa ja, der offene Rachen eines zuverläſſigen Hundes, wenn ich einem fetten Bock auf der Fährte bin. Was unzuverläſſige Hunde ſind, nach deren Gebell frage ich wenig, in Betracht, daß ſie ebenſo oft anfangen zu bellen, wenn das Wild nicht zu ſehen, als wenn dieß der Fall iſt.“ Judith ſchritt langſam und nachdenklich weg, auch lag Nichts von ihrer gewöhnlichen berechnenden Koketterie in dem leiſen, bebenden Seufzer, der, ihr ſelbſt unbewußt, ihrem Munde ent⸗ ſchwebte. Anderntheils horchte Hetty mit argloſer Aufmerkſamkeit, obgleich es ihrem einfachen Geiſt als ſonderbar auffiel, daß der junge Mann die Melodie der Wälder den Geſängen von Mädchen oder gar dem Lachen der Unſchuld und Freude vorziehen ſollte. Gewohnt jedoch, in den meiſten Dingen ſich nach ihrer Schweſter zu bequemen, folgte ſie bald Judith in die Cajüte, wo ſie einen Sitz nahm und längere Zeit tief brütete über einen Vorfall oder einen Entſchluß, oder eine Meinung, wovon außer ihr kein Menſch wußte. Wildtödter und ſein Freund, jetzt allein, ſetzten nun ihr Geſpräch fort. „Iſt der junge Bleichgeſicht⸗Jäger ſchon lange an dieſem See?“ fragte der Delaware, nachdem er höflich abgewartet, ob nicht der Andere zuerſt ſprechen werde. „Erſt ſeit geſtern Mittag, Schlange; und doch war dieß lang genug, um Viel zu erleben und zu thun.“ Der Blick, den der Indianer auf ſeinen Genoſſen heftete, war ſo ſcharf, daß er der wachſenden Dunkelheit der Nacht zu ſpotten ſchien. Als der An⸗ dere verſtohlen ſeinen Blick erwiederte, ſah er die zwei ſcharfen Augen ſich anblitzen, wie die Augäpfel des Panthers oder des hung⸗ rigen Wolfs. Er verſtand den Sinn dieſer glühenden Augen, und antwortete ausweichend, wie es nach ſeiner Meinung ſich am beſten ſchickte für die Beſcheidenheit eines Mannes mit weißen Gaben. „Es iſt wie Ihr vermuthet, Schlange; ja, es iſt Etwas der Art. Ich bin auf einen Feind geſtoßen; und ich denke, man kann auch ſagen, ich habe mit ihm gekämpft.“ Ein Ausruf der Freude und des Jubels entfuhr dem Indianer; und dann mit der Hand lebhaft den Arm ſeines Freundes faſſend, fragte er ihn,„ob auch Skalpe erbeutet worden ſeyen.“ „Das iſt, will ich gegen den ganzen Stamm der Delawaren, gegen den alten Tamenund und Euern Vater, den großen Uncas, wie gegen alle Uebrigen keck behaupten, das iſt gegen die Gaben eines Weißen! Mein Skalp iſt auf meinem Kopf, wie Ihr ſeht, Schlange, und das war der einzige Skalp, der in Gefahr war, da die eine Partei ganz chriſtlich und weiß war.“ „Fiel kein Krieger?— Wildtödter bekam ſeinen Namen nicht dadurch, daß er von ſchläfrigem Auge oder ungeſchickt mit der Büchſe war!“ „In dieſem Punkt, Häuptling, ſprecht Ihr vernünftiger und kommt daher der Wahrheit näher. Ich darf ſagen, ein Mingo iſt gefallen.“ „Ein Häuptling?“ fragte der Andere mit ungeſtümer Heftigkeit. „Nein, das iſt Mehr als ich weiß oder ſagen kann. Er war ſchlau, und verrätheriſch, und herzhaft, und mag wohl Beifall ge⸗ nug unter ſeinem Volke ſich erworben haben, um zu dieſer Würde erhoben zu werden. Der Mann kämpfte gut, obgleich ſein Auge nicht ſchnell genug war für einen Mann, der ſeine Schule in Eurer Geſellſchaft gemacht, Delaware!“ „Mein Bruder und Freund ſchlug den Mann doch nieder?“ „Ich brauchte das nicht, ſintemal der Mingo in meinen Armen ſtarb. Ich kann wohl die Wahrheit gerade heraus ſagen; er kämpfte wie ein Mann mit rothen Gaben, und ich wie ein Mann mit Gaben von meiner Farbe. Gott gab mir den Sieg, ich konnte nicht ſeine Vorſehung ins Angeſicht ſchlagen, indem ich meine Ge⸗ burt und Natur vergeſſen hätte. Weiß ſchuf er mich, und weiß will ich leben und ſterben.“ „ Gut! Wildtödter iſt ein Bleichgeſicht und hat Hände eines Bleichgeſichts. Ein Delaware wird nach dem Skalp ſehen, und ihn auf einen Pfahl hängen, und ein Lied zu ſeiner Ehre ſingen, wenn wir zurückgehen zu unſerm Volke. Die Ehre gehört dem Stamme; ſie darf nicht verloren gehen.“ „Das iſt leicht geſagt, aber nicht ſo leicht gethan. Des Mingos Leichnam iſt in den Händen ſeiner Freunde, und ohne Zweifel in einer Höhle verborgen, wo Delawarenliſt dem Skalp nie beikommen wird.“ ——,———, ₰ℳ4 Der junge Mann gab dann ſeinem Freunde einen kurzen aber klaren Bericht von dem Ereigniß des Morgens, Nichts von irgend einigem Belang verhehlend, und doch Alles beſcheiden, und mit ſorgfältiger Aufmerkſamkeit, die indianiſche Prahlerei zu vermeiden, berührend. Chingachgook drückte wieder ſeine Freude aus über die von ſeinem Freunde gewonnene Ehre, und dann ſtanden Beide auf, da die Stunde gekommen war, wo die Klugheit rieth, die Arche weiter vom Land zu entfernen. Es war jetzt ganz dunkel; der Himmel umwölkt und die Sterne verdeckt. Der Nordwind hatte aufgehört, wie gewoͤhnlich bei Sonnenuntergang, und ein leiſer Luftzug erhob ſich von Süden. Da dieß Umſchlagen die Abſichten Wildtödters begünſtigte, lichtete er ſeinen Anker, und das Fahrzeug fing ſogleich und ganz merklich an, weiter in den See hinein zu treiben. Das Segel ward auf⸗ gezogen, wodurch die Bewegung des Fahrzeugs zu einer Schnellig⸗ keit von nicht viel weniger als zwei Meilen in der Stunde ſtieg. Da dieß das Rudern entbehrlich machte— eine Arbeit, nach welcher ein Indianer ſelten lüſtern war— ſetzten ſich Wildtödter, Chin⸗ gachgook und Judith auf das Hintertheil der Fähre, wo der Erſtere mit dem Steuerruder ihre Bewegungen lenkte. Hier beſprachen ſie ſich über ihre künftigen Maßregeln, und über die Mittel, deren man ſich bedienen müſſe, um die Befreiung ihrer Freunde zu bewirken. Zu dieſem Geſpräch trug Judith das Weſentlichſte bei; der Delaware verſtand ohne Mühe Alles, was ſie ſagte, ſeine Antwor⸗ ten und Bemerkungen aber, welche beide ſelten und kurz waren, wurden gelegentlich von ſeinem Freund ins Engliſche übertragen. Judith ſtieg in der nächſten halben Stunde bedeutend in der Achtung ihres Genoſſen. Raſch im Entſchluß und feſt in ihren Abſichten, zeugten ihre Vorſchläge und Auskunftsmittel von ihrem Muth und ihrem Scharfblick, und beide waren von der Art, daß ſie wohl bei Grenzmännern Gunſt finden mochten. Die ſeit ihrer Bekanntſchaft vorgefallenen Ereigniſſe, ſo wie ihre vereinzelte und abhängige Lage flößten dem Maͤdchen ein Gefühl gegen Wildtödter ein, als waͤre es eine jahrelange Freundſchaft, und nicht die Be⸗ kanntſchaft eines Tags, was ſie verband; und ſo gänzlich war ſie gewonnen durch die argloſe Wahrhaftigkeit ſeines Charakters und Gemüths— für ſie, ſo weit ihre Erfahrung reichte, völlige Neuig⸗ keiten an unſrem Geſchlecht— daß ſeine Eigenthümlichkeiten ihre Neugierde rege gemacht, und ein Zutrauen in ihr erweckt hatten, das ſie noch nie gegen einen andern Mann empfunden hatte. Bisher hatte ſie ſich genöthigt geſehen, bei ihrem Verkehr mit Männern ſich vertheidigungsweiſe zu verhalten— mit welchem Erfolg, wußte ſie ſelbſt am beſten; aber jetzt ſah ſie ſich plötzlich in die Geſell⸗ ſchaft und unter den Schutz eines Jünglings verſetzt, der offenbar ſo wenig Arges gegen ſie im Sinne hatte, als wäre er ihr Bruder geweſen. Die Friſche ſeiner Unſchuld und Rechtlichkeit, die Poeſie und Wahrheit ſeiner Gefühle, und ſelbſt die Eigenheit ſeiner Rede⸗ weiſe— Alles äußerte einen Einfluß auf ſie, und trug dazu bei, ein Intereſſe in ihr zu erwecken, das, wie ſie fand, ebenſo rein als plötzlich und tief war. Hurry's hübſches Geſicht und männliche Geſtalt hatten ihr nie ſein lärmendes und gemeines Weſen vergü⸗ tet; und ihr Verkehr mit den Officieren hatte ſie Vergleichungen anſtellen gelehrt, bei welchen ſelbſt ſeine großen natrlichen Vorzüge zu kurz kamen. Aber eben dieſer Verkehr mit den Officieren, welche gelegentlich an den See kamen, um zu fiſchen und zu jagen, wirkte gauch mit auf ihre jetzigen Geſinnungen und Empfindungen gegen⸗ über dem jungen Fremden. Die Bekanntſchaft mit ihnen hatte ſie, während ihre Eitelkeit dadurch geſchmeichelt und ihre Eigen⸗ liebe geweckt worden war, vielen Grund, tief zu bereuen— wenn nicht gar, in geheimem Kummer darüber zu trauern— denn es hatte ihr bei ihrem lebhaften, raſchen Verſtand die Beobachtung unmöglich entgehen können, wie hohl der Umgang und Verkehr zwiſchen Höhern und Geringern ſey, und daß ſie ſelbſt von den beſt⸗ geſinnten und am wenigſten berechnenden und liſtigen unter ihren — /—H S.——— —,s 20 12— 193 ſcharlachröckigen Bewunderern mehr als das kurzweilige Spielzeug einer müſſigen Stunde, denn als Gleichgeſtellte und Freundin betrachtet wurde. Wildtödter dagegen hatte ein Fenſter vor ſeiner Bruſt, durch welches das Licht ſeiner Ehrlichkeit immer leuchtete; und ſelbſt ſeine Gleichgültigkeit gegen Reize, die ſo ſelten ver⸗ fehlten einen lebhaften Eindruck zu machen, ſpannte den Stolz des Mädchens und verlieh ihm in ihren Augen ein Intereſſe, das ein Anderer, anſcheinend mehr von der Natur begünſtigt, nicht leicht erregt hätte. In dieſer Weiſe verſtrich eine halbe Stunde, während welcher die Arche langſam über das Waſſer hinglitt, indeß das Dunkel umher immer dichter wurde; obgleich man noch wohl bemerkte, daß der ſchwarze Wald am ſüdlichen Ende des See's ferner rückte, während die Berge, welche die Seiten des ſchönen Beckens einfaß⸗ ten, ihn beinahe von einer Seite zur andern überſchatteten. Doch war noch ein ſchmaler Streif Waſſer in der Mitte des See's, wo das dämmernde Licht, das noch vom Himmel ſich ergoß, auf ſeinen Spiegel in einer nördlich und ſüdlich ſich ausdehnenden Linie fiel; und entlang dieſem ſchwachen Streifen,— eine Art umgekehrter Milchſtraße, wo die Dunkelheit nicht ſo dicht war als an andern Stellen— verfolgte die Fähre ihren Lauf, da ihr Steuermann wohl wußte, daß dieß die gewünſchte Richtung ſey. Der Leſer darf jedoch nicht glauben, es habe irgend eine Schwierigkeit, die einzuhaltende Richtung betreffend, gewaltet. Dieſe wäre beſtimmt worden durch die Strömung des Windes, hätte man auch nicht mehr die Berge unterſcheiden können, ſo wie auch durch die dämmernde Lichtung nach Süden zu, welche die Lage des Thals nach dieſer Seite, auf der Ebene von großen Bäumen durch eine etwas ver⸗ minderte Dunkelheit bezeichnete;— der Unterſchied zwiſchen dem Dunkel des Waldes und dem Dunkel der nur als Luft geſehenen Nacht. Dieſe Eigenthüml ichkeiten nahmen endlich die Aufmerkſam⸗ keit Judith's und Wildtödter's in Anſpruch, und das Geſpräch hörte Der Wildtödter. 3. Aufl. 13— 194 auf, wodurch Jedes Muße erhielt, die feierliche Stille und tiefe Ruhe der Natur zu betrachten. „Es iſt eine finſtre Nacht,“ bemerkte das Mädchen nach einer Pauſe von einigen Minuten.„Ich hoffe, wir werden doch das Caſtell ſinden können.“ „Daß wir das verfehlen, iſt wenig zu beſorgen, wenn wir nur dieſe Richtung in der Mitte des See's behalten,“ verſetzte der junge Mann.„Die Natur hat uns hier eine Bahn gemacht, und ſo finſter es iſt, wird es doch wenig Schwierigkeit haben, ſie zu verfolgen.“— „Hört Ihr nichts, Wildtödter? Es war, als ob das Waſſer ganz in unſrer Nähe rauſchte.“ „Gewiß hat Etwas das Waſſer in Bewegung gebracht, auf eine ungewöhnliche Art; es muß ein Fiſch geweſen ſeyn. Dieſe Creaturen machen auf einander Jagd, wie Menſchen und Thiere auf dem Land; Einer iſt in die Luft geſprungen, und iſt ſchwer⸗ fällig wieder heruntergeſunken in ſein Element. Es nützt ſie wenig, Judith, aus ihrem Element herauszuſtreben, da es einmal ihre Natur iſt, darin zu bleiben, und die Natur muß ihren Willen haben. Ha! das tönt wie ein Ruder, das mit ungewöhnlicher Vorſicht gehandhabt wird!“ In dieſem Augenblick beugte ſich der Delaware vor und wies bedeutſam nach dem finſtern Horizont, als ob plötzlich ſeinem Auge etwas aufgeſtoßen. Wildtöodter und Judith folgten der Richtung ſeiner Geberde und Beide wurden in demſelben Augenblick eines Canoes anſichtig. Die Wahrnehmung dieſes beunruhigenden Nach⸗ bars war dämmernd und trüb, und ein minder geübtes Auge hätte darüber in Ungewißheit ſeyn können; aber die auf der Arche Be⸗ findlichen erkannten deutlich ein Canoe mit einer Perſon darin, welche aufrecht ſtand und ruderte. Wie Viele im untern Raume verſteckt lagen, konnte man natürlich nicht wiſſen. Einer von ſtar⸗ ken und geübten Händen gelenkten Barke mittelſt Ruderns entfliehen, N war ganz unthunlich, und beide Männer ergriffen, eines Kampfes gewärtig, ihre Büchſen. „Ich kann den Rudrer leicht zu Boden fällen,“ flüſterte Wild⸗ tödter,„aber wir wollen ihn zuerſt anrufen und um ſein Vorhaben fragen.“ Dann erhob er ſeine Stimme und rief ernſt und feierlich: „Halt! Wenn Ihr näher kommt, muß ich feuern, ſo wenig ich es wünſche; und dann iſt ſichrer Tod die Folge. Stellt das Rudern ein und antwortet.“ „Feuert und toͤdtet ein armes, wehrloſes Mädchen,“ erwie⸗ derte eine ſanfte, zitternde weibliche Stimme,„aber Gott wird Euch das nie vergeben Geht Eures Weges, Wildtödter, und laßt mich den meinigen gehen!“ „Hetty!“ riefen der junge Mann und Judith in Einem Athem; und der Erſtere ſprang ſogleich nach der Stelle, wo er das am Tau mitgeführte Canoe gelaſſen hatte. Es war weg, und nun verſtand er die ganze Sache. Die Entſlohene, erſchrocken über die Drohung, hörte zu rudern auf, und blieb nur dämmernd ſichtbar, einem geſpenſtiſchen Umriß einer menſchlichen Geſtalt ähnlich, über dem Waſſer ſtehen. Im nächſten Augenblick ward das Segel herabgelaſſen, damit die Arche nicht an der Stelle, wo das Canoe ſich befand, vorübergleitete. Dieſe letzte Maßregel jedoch ward nicht mehr zu rechter Zeit getroffen, denn das Gewicht eines ſo ſchweren Fahrzeugs und der Anſtoß des zwar ſchwachen Windes trieben es bald daran vorüber, und bewirkten, daß Hetty gerade hinter dem Winde ſich befand, obwohl noch ſichtbar, da der Wechſel in der Stellung der beiden Fahrzeuge ſie in jene obenerwähnte Art von Milchſtraße brachte. „Was kann dieß bedeuten, Judith?“ fragte Wildtödter.„Warum hat Eure Schweſter das Canoe genommen und uns verlaſſen?“ „Ihr wißt, ſie iſt ſchwachſinnig, das arme Mädchen! und ſie hat ihre eignen Ideen darüber, was zu thun ſey. Sie liebt ihren Vater mehr, als die meiſten Kinder ihre Eltern lieben— und dann—“ ☛—y— 196 „Dann was, Mädchen? Dieß iſt ein bedenklicher Augenblick, und wo man die Wahrheit reden muß.“ Indith empfand eine edelmüthige und weibliche Scheu, ihre Schweſter zu verrathen, und ſie zögerte, ehe ſte fortfuhr. Aber noch einmal von Wildtödter dringend aufgefordert, und ſelbſt er⸗ kennend die Gefahren alle, welchen die Geſellſchaft durch Hetty's Unklugheit ausgeſetzt wurde, konnte ſie nicht länger an ſich halten. „Dann fürchte ich auch, die arme ſchwach ſinnige Hetty hat nicht recht die Eitelkeit, die Narrheit und die Tollheit zu ſehen vermocht, die hinter dem ſchönen Geſicht und der ſtattlichen Geſtalt Hurry Harry's liegen. Sie ſpricht im Schlaf von ihm, und ver⸗ räth manchmal ihre Neigung auch in ihren wachen Augenblicken.“ „Ihr meint, Judith, Eure Schweſter gehe jetzt mit irgend einem tollen Plan um, ihrem Vater und Hurry zu dienen, der aller Wahrſcheinlichkeit nach, die Gewürme, die Mingos in den Beſitz eines Canoe ſetzen wird!“ „So wird es ſich, fürchte ich, verhalten, Wildtödter. Die arme Hetty hat ſchwerlich Schlauheit genug, einen Wilden zu überliſten.“ Die ganze Zeit her war das Canoe, Hetty in aufrechter Stel⸗ lung am einen Ende deſſelben ſtehend, dämmernd ſichtbar geweſen, obgleich es bei der raſchen Bewegung der Arche mit jedem Augen⸗ blicke weniger deutlich wurde. Es war offenbar keine Zeit zu ver⸗ lieren, wenn es nicht ganz verſchwinden ſollte. Die Büchſen wurden jetzt als überflüſſig bei Seite gelegt; und dann ergriffen die beiden Männer die Ruder und fingen an, das Vordertheil der Fähre gegen . das Canoe hin umzuwenden. Judith, an den Dienſt gewöhnt, eilte nach dem andern Ende der Arche und ſtellte ſich an den Helm — wenn man ſo ſagen konnte. Hetty erſchrack bei dieſen Vorkeh⸗ rungen, die nicht ohne Geräuſch getroffen werden konn ten, und fuhr auf wie ein Vogel, der plötzlich durch das Herannahen einer nicht erwarteten Gefahr geſcheucht wird. Da Wildtödter und ſein Genoſſe mit der Anſtrengung von Männern ruderten, welche die Nothwendigkeit fühlten, jeden Nerv anzuſpannen, und Hetty's Kräfte geſchwächt wurden durch ein ängſtliches, krampfhaftes Beſtreben zu entfliehen, würde ſich die Jagd bald mit der Einholung der Flüchtigen geendigt haben, hätte nicht das Mädchen einige raſche und unvorhergeſehene Abweichungen von der geraden Bahn gemacht. Dieſe Wendungen gewannen ihr Zeit, und ſie hatten auch die Wirkung das Canoe und die Arche allmälig in das dichtere Dunkel hineinzuführen, das die Schatten von den Bergen erzeugten. Auch vergrößerten ſie allmälig den Abſtand zwiſchen der Fliehenden und ihren Verfolgern, bis Judith ihren Genoſſen zurief, ſte ſollten zu rudern aufhören, weil ſie das Canoe gänzlich aus dem Geſicht verloren. Als dieſe leidige Benachrichtigung erfolgte, war Hetty in der That ſo nahe, daß ſie jede Sylbe verſtand, die ihre Schweſter ſprach; obgleich Letztere die Vorſicht gebraucht hatte, ſo leiſe zu ſprechen, als nur immer die Umſtände geſtatteten, falls ſie ge⸗ hört werden wollte. Hetty hörte in demſelben Augenblick zu rudern auf, und wartete das weitere Ergebniß ab mit einer Unge⸗ duld, die ebenſo ſehr in Folge ihrer bisherigen Anſtrengungen, wie ihres Wunſches, ans Land zu kommen, eine wahrhaft athem⸗ loſe zu nennen war. Eine Todtenſtille ſenkte ſich inzwiſchen auf den See, während welcher die drei in der Arche ihre Sinne aufs mannigfachſte anſtrengten, um die Stellung des Canoes zu ent⸗ decken. Judith beugte ſich vor, um zu horchen, in der Hoffnung, einen Ton zu erlauſchen, der verriethe, in welcher Richtung ihre Schweſter ſich davonſtehle; während ihre beiden Genoſſen die Augen ſo nahe als möglich hinab ans Waſſer hielten, um jeden Gegenſtand zu entdecken, der etwa auf ſeiner Oberfläche ſchwimme. Alles jedoch war umſonſt, denn weder ein erlauſchter Ton noch das Sichtbar⸗ werden eines Gegenſtandes belohnte ihre Anſtrengungen. Dieſe ganze Zeit über ſtand Hetty, welche nicht ſo viel Schlauheit beſaß⸗ 198 ſich im Boot niederzulegen, aufgerichtet da, einen Finger auf ihren Mund gedrückt, in der Richtung hinausſtarrend, von welcher her ſie die Stimmen gehört hatte, einer Bildſäule ſchweigender und ſcheuer Erwartung ähnlich. Ihre Liſt war nur ſo weit gegangen, daß ſie in der erzählten Weiſe ohne Geräuſch des Canoes ſich zu bemächtigen und die Arche zu verlaſſen im Stande geweſen war; dann ſchien ſie für den Augenblick gänzlich erſchöpft. Selbſt die Abweichungen des Canoes waren ebenſo ſehr die Folgen einer unſichern Hand und einer Nervenaufregung, als einer ſchlauen Be⸗ rechnung geweſen. Dieſe Pauſe währte einige Minuten, während welcher Wild⸗ tödter und der Delaware in der Sprache des Letztern ſich beriethen. Dann tauchten die Ruder wieder ins Waſſer, und die Arche bewegte ſich, aber mit ſo wenig Geräuſch als nur möglich. Sie ſteuerte weſtlich, etwas ſüdlich, oder in der Richtung auf das Lager des Feindes zu. Nachdem ſie einen vorliegenden Punkt, nicht weit von der Küſte entfernt, erreicht hatte, wo wegen der Nähe des Landes die Finſterniß ſehr dicht war, blieb ſie hier beinahe eine Stunde liegen, das gehoffte Herankommen Hetty's zu erwarten, die, ſo dachte man, dieſem Punkt nach Kräften zueilen würde, ſobald ſie ſich der Gefahr der Verfolgung entledigt glauben würde. Aber dieſe kleine Blokade wurde von keinem Erfolg gekrönt; weder der Geſichtsſinn noch der Gehörsſinn konnten das Vorbeifahren eines Canoes entdecken. Verdrüßlich über dieß Mißlingen, und erkennend wie wichtig es ſey, von dem Caſtell Beſitz zu ergreifen, ehe der Feind ſich ſeiner bemächtige, ſchlug jetzt Wildtödter die Bahn dahin ein mit der Befürchtung, daß alle ſeine Vorſicht, als er die Canoes in Sicherheit gebracht, vereitelt ſeyn werde durch dieſen unbewachten und beunruhigenden Schritt von Seiten der ſchwachſinnigen Hetty. Zehntes Kapitel. „Aber Wer in dieſem wilden Wald Mag Glauben ſchenken ſeinem Aug' und Ohr, Wo von dem Felsabhang, aus hohler Schlucht Ein wirr und bunt Getön von dürrem Laub, Von Zweigekniſtern und Nachtvögelkrächzen Antwort zu geben ſcheint!“ Johanna Baillie. Furcht ebenſo ſehr als Berechnung hatte Hetty veranlaßt, das Rudern einzuſtellen, als ſie entdeckte, daß ihre Verfolger nicht wüß⸗ ten, in welcher Richtung ſie weiter ſteuern ſollten. Sie blieb ruhig, bis die Arche in die Nähe des Lagers ſich gewendet hatte, wie im vorigen Kapitel erzählt worden; da ergriff ſie wieder das Ruder, und mit vorſichtigen Schlägen ſtrebte ſie der weſtlichen Küſte zu. Um jedoch ihren Verfolgern auszuweichen, die, wie ſie richtig ver⸗ muthete, bald auch dieſe Küſte entlang rudern würden, richtete ſie das Vordertheil ihres Canoes ſo weit nördlich, daß ſie ans Land kam an einem vorſpringenden Punkt, welcher etwa eine Stunde von der Ausſtrömung entfernt, in dem See auslief. Auch war dieß nicht ganz nur das Ergebniß ihres Wunſches, zu entkommen; denn Hetty Hutter, ſo ſchwachſinnig ſie war, beſaß doch nicht Wenig von jener inſtinktartigen Vorſicht, welche oft die von Gott ſo Heim⸗ geſuchten vor Unheil bewahrt. Sie erkannte vollkommen, wie wichtig es ſey, die Canves nicht in die Hände der Irokeſen fallen zu laſſen; und lange, vertraute Bekanntſchaft mit dem See hatte ihr eines der einfachſten Auskunftsmittel an die Hand gegeben, wodurch dieſer wichtige Augenmerk mit ihrem eignen Plane in Einklang ge⸗ bracht wurde. Der fragliche Punkt war der erſte Landvorſprung auf dieſer Seite des See's, wo ein Canoe, wenn man es bei Südwind fort⸗ treiben ließ, vom Lande wegſchwimmen mußte, und ſogar, wie man 200 ohne große Verletzung der Wahrſcheinlichkeit annehmen durfte, das Caſtell erreichen konnte, denn dieſes lag über ihm, beinahe in gerader Linie mit dem Wind. Dieß war denn Hetty's Ab⸗ ſicht; und ſie landete auf der äußerſten Spitze des ſandigen, vorſpringenden Punktes, unter einer überhangenden Eiche, mit dem ausdrücklichen Vorhaben, das Canoe von der Küſte wegzuſtoßen, damit es ihres Vaters inſulariſcher Behauſung zuſchwimme. Auch wußte ſie von den Stämmen her, die gelegentlich auf dem See herumſchwammen, daß, wenn es auch das Caſtell und Zugehör ver⸗ fehlte, der Wind wahrſcheinlich umſchlagen würde, ehe es das nörd⸗ liche Ende des See's erreichte, und hoffte, Wildtödter würde wohl Gelegenheit haben, es am Morgen wieder aufzufangen, wenn er, wie kaum zu bezweifeln, die Oberfläche des Waſſers und ſeine ge⸗ ſammten umwaldeten Küſten mit dem Fernglas ernſtlich durchmuſtern würde. Auch in dieſem Allen ward Hetty weniger von einer eigent⸗ lichen Schlußkette, als von ihrem gewohnheitsmäßigen dunkeln Be⸗ wußtſeyn geleitet; und dieß letztere erſetzt oft bei menſchlichen Weſen die Schwächen des Geiſtes, wie es ja auch, oder ein Analogon da⸗ von, bei Thieren der niedern Gattungen denſelben Dienſt leiſtet. Das Mädchen brauchte eine volle Stunde bis ſie zu dem Landvorſprung gelangte, denn die Entfernung und die Dunkelheit hielten ſie lange auf; ſobald ſie aber den Kiesſtrand erreicht hatte, ſchickte ſie ſich auch an, das Canoe in der angegebenen Weiſe dem Spiel des Waſſers anzuvertrauen. Während ſie es zurückdrängte, hörte ſie leiſe Stimmen, die von den Bäumen hinter ihr her zu kommen ſchienen. Erſchrocken über dieſe unerwartete Gefahr ſtand Hetty ſchon auf dem Punkt, wieder in das Canoe zu ſpringen, um ihr Heil in der Flucht zu ſuchen, als ſie die Töne von Judith's melodiſcher Stimme zu erkennen glaubte. Sie beugte ſich vor, um die Töne unmittelbar aufzufaſſen, und erkannte deutlich, daß ſie vom Waſſer her kamen; jetzt begriff ſie, daß die Arche ſich von Süden her nähere, und zwar ſo nahe an der weſtlichen Küſte, daß — 201 ſie nothwendig an dem Landvorſprung auf zwanzig Schritte von dem Ort, wo ſie ſtand, vorbeikommen mußte. Hier hatte ſie denn Alles, was ſie wünſchen konnte; ſie ſchob das Canoe zurück in den See, und die bisherige Fergin blieb allein auf dem ſchmalen Strand zurück. Nach Vollbringung dieſer Handlung der Selbſtaufopferung zog ſich Hetty nicht zurück. Das Laub der überhängenden Bäume und Gebüſche würde ſie beinahe ganz verſteckt haben, wenn es auch licht geweſen wäre; aber in dieſer Finſterniß war es ganz unmög⸗ lich, einen ſo beſchatteten Gegenſtand auch nur auf einige Schritte zu entdecken. Auch die Flucht war ganz leicht, da ſie mit zwanzig Schritten ſich im Schooß des Waldes begraben konnte. Sie blieb daher, mit heftiger Spannung das Ergebniß ihrer Maßregel ab⸗ wartend, mit dem Vorſatz, die Aufmerkſamkeit der Andern durch Rufen auf das Canoe zu lenken, ſollte es den Anſchein haben, als führen ſte ohne es zu beachten vorüber. Die Arche näherte ſich wieder unter Segel; Wildtödter ſtand auf dem Bug, Iudith neben ihm, und der Delaware am Helm. Es ſchien beinahe, als habe die Arche in der Bai unten ſich zu nahe an die Küſte gewagt, in der immer noch nicht aufgegebenen Hoffnung, Hetty abzuſchneiden, denn wie ſie näher kam, höͤrte die Letztere deutlich, wie der junge Mann vorn ſeinem Genoſſen Weiſungen gab, um an dem Landvorſprung vorbeizukommen. „Lenkt die Spitze mehr ab von der Küſte, Delaware,“ ſagte Wildtödter zum dritten Male auf Engliſch, damit ſeine ſchöne Ge⸗ noſſin ſeine Worte verſtehe;„lenkt die Spitze recht ab von der Küſte. Wir ſind hier zu weit hereingekommen, und müſſen mit dem Maſt aus den Bäumen heraus. Judith, hier iſt ein Canoe!“ Die letzten Worte wurden mit großem Ernſt geſprochen, und Wildtödter's Hand hatte ſeine Büchſe gefaßt, ehe ſie ganz über ſeine Lippen waren. Aber die Wahrheit ging ſogleich wie ein Licht dem raſchen Geiſte des Mädchens auf, und ſtie ſagte ſogleich ihrem Begleiter, das Boot müſſe dasjenige ſeyn, worin ihre Schweſter entflohen. „Lenkt die Fähre gradaus, Delaware! ſteuert ſo ſchnurgerade zu, wie Eure Kugel fliegt, wenn einem Bock in das Herz geſchickt; — ſo, ich habe es!“ Das Canoe ward ergriffen und ſogleich wieder an der Seite der Arche befeſtigt; im nächſten Augenblick ward das Segel einge⸗ zogen, und die Bewegung der Arche mittelſt der Ruder gehemmt. „Hetty!“ rief Judith, und Theilnahme, ſelbſt Zärtlichkeit ſprach ſich in ihrem Tone aus;„wenn Du mich hörſt, Schweſter, um Gottes willen, antworte und laß mich wieder den Ton Deiner Stimme hören! Hetty!— liebe Hetty!“ „Ich bin hier, Judith, hier, auf der Küſte, wo es vergeblich wäre, mich zu verfolgen; denn ich will mich in den Wäldern verſtecken.“ „Oh, Hetty! was machſt Du! Bedenke, es iſt bald Mitter⸗ nacht, und die Waͤlder ſind voll von Wilden und von wilden Thieren!“ „Beide werden einem armen, nur halb klugen Mädchen kein Leid thun, Judith. Gott iſt hier ſo gut bei mir, als er in der Arche oder in der Hütte es ſeyn würde. Ich bin im Begriff, meinem Vater und dem armen Hurry Harry zu Hülfe zu eilen, welche werden gemartert werden, wenn nicht Jemand ſich ihrer annimmt.“ „Wir Alle nehmen uns ihrer an, und beabſichtigen, ihnen morgen eine Friedensfahne zu ſchicken, um ihre Loslaſſung zu erkaufen. Komm daher zurück, Schweſter, vertraue uns, die wir ſtärkere Köpfe haben als Du, und Alles, was wir können, für Vater thun werden.“ „Ich weiß, Dein Kopf iſt ſtärker als der meinige, Judith, denn der meinige iſt freilich ſehr ſchwach; aber ich muß zu Vater und zu dem armen Hurry. Behauptet Ihr, Du und Wildtödter das Caſtell; mich laßt in der Hand Gottes!“ „Gott iſt bei uns Allen, Hetty— im Caſtell oder auf der Küſte— beim Vater ſo gut wie bei uns; und es iſt Sünde, nicht auf * ſeine Güte vertrauen. Du kannſt Nichts thun in der Finſterniß, wirſt Dich im Walde verirren und durch Mangel an Nahrung umkommen.“ „Gott wird das nicht einem armen Mödchen geſchehen laſſen, das geht, ſeinem Vater zu dienen, Schweſter. Ich muß es ver⸗ ſuchen und die Wilden aufſuchen.“ „Komm zurück, nur für dieſe Nacht; am morgen wollen wir Dich ans Land ſetzen und Dich handeln laſſen nach Deinem Gutdünken.“ „Du ſagſt ſo, und denkſt ſo, aber Du würdeſt es nicht thun. Dein Herz würde weich werden, und Du würdeſt Tomahawks und Skalpiermeſſer in der Luft ſehen. Zudem habe ich mir vor⸗ genommen, dem indianiſchen Häuptling Etwas zu ſagen, was allen unſern Wünſchen entſprechen wird; und ich fürchte, es zu vergeſſen, wenn ich es ihm nicht ſofort ſage. Ihr werdet ſehen, er läßt den Vater frei, ſobald er es hört.“ „Arme Hetty! Was kannſt Du einem trotzigen Wilden ſagen, wo⸗ durch irgend ſeine blutdürſtigen Anſchläge ſollten umgewandelt werden?“ „Etwas, das ihn erſchrecken und ihn bewegen wird, Vater gehen zu laſſen,“ verſetzte das einfältige Mädchen in beſtimmtem Tone.„Du wirſt es ſehen, Schweſter, wie bald es ihn dazu bringen wird, wie ein folgſames Kind!“ „Wollt Ihr mir ſagen, was Ihr ihm zu ſagen beabſichtigt?“ fragte Wildtödter.„Ich kenne die Wilden gut, und kann mit einiger Wahrſcheinlichkeit berechnen, in wie weit gute Worte auf ihre blutdürſtigen Gemüther wirken werden oder nicht. Wenn es nicht den Gaben einer Rothhaut gemäß iſt, ſo wird es nichts helfen; denn Vernunft geht nach Gaben, wie die Handlungsweiſe.“ „Gut denn,“ antwortete Hetty, ihre Stimme zu leiſem, ver⸗ traulichem Tone ſinken laſſend; denn die Stille der Nacht und die Naͤhe der Arche geſtatteten ihr dieß zu thun und doch gehört zu werden.„Gut denn, Wildtödter, da Ihr ein guter und redlicher. junger Mann ſcheint, will ich es Euch ſagen. Ich habe im Sinne, keinem der Wilden ein Wort zu ſagen, bis ich Angeſicht gegen 204 Angeſicht ihrem oberſten Häuptling gegenüber ſtehe, mögen ſie mich plagen mit ſo vielen Fragen als ſie wollen; nein— ich will ihnen keine beantworten als daß ich ihnen ſage, ſie ſollen mich zu ihrem weiſeſten Manne führen. Dann, Wildtödter, will ich ihm ſagen, daß Gott Mord und Raub nicht verzeihen wird, und daß, wenn Vater und Hurry auf die Skalpe der IJrokeſen ausgingen, er Böſes mit Gutem vergelten müſſe, denn ſo gebeut die Bibel, ſonſt werde er eingehen zur ewigen Strafe. Wenn er das hört, und fühlt, daß es wahr iſt— wie er das muß; wie lange wird es dann anſtehen, bis er Vater und Hurry und mich an die Küſte ſchickt, gegenüber dem Caſtell, und uns alle drei unſers Weges im Frieden gehen heißt?“ Die letzte Frage ſprach ſie in triumphirendem Tone; und dann lachte das einfältige Mädchen über den Eindruck, den, wie ſie keinen Augenblick zweifelte, ihr Plan auf ihre Zuhörer gemacht. Wildtödter war ſtumm vor Erſtaunen über dieſen Beweis von argloſer Geiſtesſchwäche; Judith aber hatte ſich raſch auf ein Mittel beſonnen, dieſem unſinnigen Anſchlag entgegenzuwirken, dadurch, daß ſie eben auf die Gefühle zu wirken ſuchte, aus welchen er entſprungen war. Ohne daher die letzte Frage oder das Lachen zu beachten, rief ſie haſtig ihre Schweſter beim Namen, wie wenn ſie plötzlich ergriffen würde vom Bewußtſeyn der Wichtigkeit deſſen, was ſie zu ſagen hatte. Aber keine Antwort erfolgte auf den Ruf. Aus dem Krachen von Zweigen und Rauſchen von Blättern erhellte deutlich, daß Hetty die Küſte verlaſſen hatte, und ſich ſchon in dem Dickicht des Waldes begrub. Ihr folgen wäre zwecklos geweſen, da die Dunkelheit ſo wie auch der Schutz und das Verſteck, das die Wälder überall boten, es ſo gut als unmöglich machten, ſich ihrer wieder zu bemächtigen; und dann war auch die nie aufhörende Gefahr, ihren Feinden in die Hände zu fallen. Nach einer kurzen und traurigen Berathung ward daher das Segel wieder aufgezogen, und die Arche verfolgte ihren Lauf ihrem 8* gewöhnlichen Ankerplatz zu, während Wildtödter ſich ſchweigend Glück wünſchte zur Wiedererlangung des Canoes, und über ſeinen Plan für den nächſten Tag brütete. Der Wind erhob ſich, als die Geſellſchaft den Vorſprung verließ, und in weniger als einer Stunde erreichten ſie das Caſtell. Hier fand man Alles wie man es verlaſſen; und man hatte nun die Maßregeln und Ceremonien, die man vorgenommen, als man das Gebäude verlaſſen hatte, in umgekehrter Ordnung durchzumachen, da man wieder zurückkam. Judith nahm in dieſer Nacht ein einſames Bett ein, deſſen Kiſſen ſie mit ihren Thränen befeuchtete, wenn ſie an das unſchuldige, bisher vernachläſſigte Geſchöpf dachte, das von Kindheit an ihre Genoſſin geweſen; und bittre Gefühle der Trauer und Reue, aus mehr als Einer Quelle entſpringend, kamen über ihr Gemüth, wie die Stunden träg dahinſchlichen und es wurde beinahe Morgen, ehe ſich ihr Bewußtſeyn im Schlaf verlor. Wildtödter und der Delaware legten ſich in der Arche zur Ruhe, wo wir ſie dem ſüßen, tiefen Schlaf der Redlichkeit, der Geſundheit und Furcht⸗ loſigkeit überlaſſen und zu dem Mädchen zurückkehren wollen, das wir zuletzt im Dickicht des Waldes geſehen. Als Hetty die Küſte verließ, ſchlug ſie ohne Bedenken den Weg in die Wälder ein, in faſt krampfhafter Angſt, verfolgt zu werden. Zum Glück war dieſer Weg der beſte, den ſie einſchlagen konnte, zur Erreichung ihres Vorhabens, denn es war der einzige, der ſie von dem Landvorſprung nach Innen führte. Die Nacht war ſo ſtockdunkel unter den Zweigen der Bäume, daß ſie nur ſehr langſam weiter kommen konnte, und nach den erſten paar Schritten die Richtung, die ſie wählte, ganz Sache des Zufalls war. Die Formation des Bodens jedoch erlaubte ihr nicht, ⸗bedeutend von der Linie abzuweichen, in welcher ſie ſich zu halten wünſchte. Auf der einen Seite war er bald begrenzt durch den ſteil anſteigenden Hügel, während auf der andern der See als Führer diente. Zwei Stunden lang arbeitete ſich dieß auf ſich allein gewieſene, blöde Mädchen durch die Irrpfade des Forſtes; manchmal fand ſie ſich auf dem Rand der an den See grenzenden Uferhöhe, und dann wieder rang ſie ſich eine Erhöhung hinan, die ſie warnte in dieſer Richtung nicht weiter zu gehen, da ſie nothwendig in einem rechten Winkel die Bahn durchſchneiden mußte, auf der ſie vorwärts wollte. Oft glitten ihre Füße aus, und manchen Fall that ſie, wiewohl keinen, wobei ſie ſich beſchädigte; aber nach Ablauf der genannten Zeit war ſie ſo müde geworden, daß ihr die Kräfte fehlten, weiter zu wandern. Ruhe war ihr unentbehrlich; und ſie machte ſich daran, ſich ein Lager zu bereiten, mit der Unbedenklich⸗ keit und Kaltblütigkeit eines Gemüths, das die Wildniß mit keinen unnöthigen Aengſten erfüllte. Sie wußte, daß wilde Thiere in dem ganzen benachbarten Wald herumſtreiften, aber ſolche Beſtien, die den Menſchen nachſtellen, ſelten— und gefährliche Schlangen im buchſtäblichen Sinne keine da waren. Dieſe Umſtände waren ihr von ihrem Vater bekannt; und was einmal ihr ſchwacher Geiſt aufnahm, das nahm er ſo vertrauend auf, daß ihr gar keine Un⸗ behaglichkeit verurſachende Zweifel und Bedenklichkeiten übrig blieben. Ihr war die Erhabenheit der Einſamkeit, in die ſie ſich verſetzt ſah, eher tröſtlich als entſetzlich; und ſie raffte ſich ein Bett von Laub zuſammen mit ſolcher Gleichgültigkeit gegen die Umſtände, welche aus der Seele der Meiſten ihres Geſchlechts jeden Gedanken an Schlaf würden verſcheucht haben, als rüſtete ſie ſich ihre allnächtliche Schlafſtätte unter dem väterlichen Dache zu. Sobald Hetty eine hinlängliche Menge trocknen Laubs geſam⸗ melt hatte, um ſich gegen die feuchte Ausdünſtung des Bodens zu ſchützen, kniete ſie neben dem niedern Haufen, faltete ihre erhobenen Hände in einer Stellung inniger Frömmigkeit, und ſagte mit ſanfter leiſer, aber vernehmlicher Stimme das Gebet des Herrn her. Darauf folgten jene einfachen und frommen Verſe, den Kindern ſo bekannt, worin ſie ihre Seele Gott empfahl, falls ſie vor der Wiederkehr des Morgens in ein andres Daſeyn ſollte abgerufen werden. Nach Erfüllung dieſer Pflicht legte ſie ſich nieder und ſchickte ſich zum Schlummer an. Die Kleidung des Mädchens, obwohl der Jahrs⸗ zeit entſprechend, war für alle gewöhnliche Vorkommniſſe warm genug; aber der Wald iſt immer kühl und die Nächte in dieſem höher gelegenen Landſtrich waren immer von einer Friſche, welche die Kleidung nothwendiger machte, als gewöhnlich der Fall iſt in dem Sommer eines tiefen Breitegrades. Dieß war von Hetty vorausgeſehen worden und ſie hatte einen groben, ſchweren Mantel mitgenommen, der, auf den Körper gebreitet, alle nützlichen Dienſte eines Teppichs leiſtete. So geſchützt ſank ſie in wenigen Minuten in einen Schlaf, ſo ruhig, als würde ſie bewacht von dem ſorg⸗ lichen Schutzgeiſt der Mutter, die erſt ſo kurz auf immer von ihr genommen worden war, und es war in dieſem Punkt ein höchſt ergreifender Contraſt zwiſchen ihrem armen Lager und dem von Schlummer geflohenen Kiſſen ihrer Schweſter. Stunde auf Stunde verſtrich da in ſo ungeſtörter Ruhe, und ſo füßem Schlaf, als ob eigens damit beauftragte Engel um das Lager der Hetty Hutter wachten. Nicht einmal öffneten ſich ihre ſanften Augen, bis die grauende Dämmerung kämpfend durch die Wipfel der Bäume brach, auf ihre Augenlieder ſiel, und vereint mit der Kühle eines Sommermorgens, die gewöhnliche Anmahnung zum Erwachen gab. In der Regel war Hetty auf, ehe die Strahlen der Sonne die Gipfel der Berge berührten; aber dießmal war ihre Erſchöpfung ſo groß, und ihr Schlaf ſo tief geweſen, daß die ge⸗ wohnten Aufforderungen und Zeichen ihre Wirkung nicht thaten. Das Mädchen murmelte in ihrem Schlaf, ſtreckte einen Arm aus, lächelte ſo ſanft wie ein Kind in der Wiege, ſchlummerte aber fort. Bei dieſer unbewußten Bewegung fiel ihre Hand auf einen warmen Gegenſtand, und in dem halbbewußten Zuſtand, worin ſie ſich befand, brachte ſie dieſen Umſtand mit ihrem gewohnten Leben in Verbindung. Im nächſten Augenblick ward ſie derb von der Seite angegriffen und geſtoßen, wie wenn ein wühlendes Thier 208 ſeine Schnauze unter ihr einſchöbe, um ſie aus ihrer Stellung zu verdrängen; und jetzt wachte ſie auf mit dem Ruf:„Judith!“ Als das aufgeſchreckte Mädchen ſich in eine ſitzende Stellung erhob, bemerkte ſie, daß etwas Dunkles von ihr wegſpringe, das in ſeiner Haſt das Laub zerſtreute, und die gefallnen Zweige knickte. Die Augen öffnend, und von der erſten Verwirrung und Beſtürzung über ihre Lage ſich erholend, bemerkte Hetty einen jungen Bären, von der gemeinen amerikaniſchen braunen Gattung, der ſich auf ſeinen Hinterpfoten wiegte, und ſich noch nach ihr umſchaute, als zweifelte er, ob es ſicher wäre, ſich ihrer Perſon wieder zu nähern. Der erſte Gedanke Hetty's, die ſchon mehrere ſolche junge Bären beſeſſen hatte, war, hinzulaufen und das kleine Geſchöpf als ihre Beute in Beſitz zu nehmen, aber ein lautes Gebrumme warnte ſie vor der Gefahr eines ſolchen Beginnens. Einige Schritte zurück⸗ tretend, ſah ſich das Mädchen haſtig um, und ward jetzt der Bären⸗ mutter gewahr, die in nicht großer Entfernung ihre Bewegungen mit feurigen Augen beobachtete. Ein hohler Baum, früher die Behauſung von Bienen, war kürzlich gefallen, und die Mutter mit zwei weitern Jungen erlabte ſich an der leckern Speiſe, welche der Zufall ihnen geboten, wobei die erſtere jedoch mit eiferſüchtigem Auge das Thun und Treiben ihres ſorgloſen, davonlaufenden Kin⸗ des beobachtete. Es überſchritte alle Mittel menſchlicher Erkenntniß, wollte man ſich anmaßen, die Einflüſſe zu erklären, welche das Thun der niedern Thiere beherrſchen. In dem vorliegenden Falle legte die Bärin, obgleich ihre Wildheit in dem Falle, wo ſie ihre Jungen gefährdet glaubt, ſprüchwörtlich geworden iſt, keine Abſicht an den Tag, das Mädchen anzugreifen. Sie verließ den Honig und be⸗ gab ſich an eine Stelle, zwanzig Fuß von ihr entfernt, wo ſie ſich auch auf ihren Hinterpfoten erhob und ihren Körper mit einer Art zornigen und brummenden Mißbehagens hin und herwiegte, aber nicht näher kam. Zum Glück floh Hetty nicht. Im Gegentheil obgleich nicht frei von Angſt, kniete ſie, das Angeſicht gegen das Thier gekehrt, nieder, und mit gefalteten Händen und himmel⸗ wärts gerichtetem Auge ſagte ſie wieder das Gebet der vorigen Nacht her. Dieſe fromme Handlung war nicht die Wirkung der Furcht, ſondern es war eine Pflicht, deren Erfüllung ſie nie ver⸗ ſäumte vor dem Einſchlafen und wenn die Rückkehr des Bewußt⸗ ſeyns ſte zu der Arbeit des Tages weckte. Wie das Mädchen vom Knieen ſich erhob, ließ ſich die Bärin wieder auf ihre Füße nieder, ſammelte ihre Jungen um ſich her, und ließ ſie ihre natürliche Nahrung ſaugen. Hetty freute ſich über dieſen Beweis von Zärt⸗ lichkeit bei einem Thier, das in Betreff der edleren Gefühle nur einen ſehr zweideutigen Ruf hat; und als ein Junges ſeine Mutter zu verlaſſen beliebte und muthwillig ſich umwälzte und ſprang empfand ſie wieder ein lebhaftes Verlangen, es in ihre Arme zu nehmen und damit zu ſpielen. Aber durch das Brummen gewarnt, beſaß ſie Selbſtbeherrſchung genug, dieſen gefährlichen Vorſatz nicht in Ausführung zu bringen; und ihres Vorhabens ſich erinnernd, das ihrer in den Bergen wartete, riß ſie ſich von der Gruppe los und ſetzte ihre Wanderung fort am Saum des See's, deſſen ſie jetzt wieder durch die Bäume anſichtig wurde. Zu ihrer Verwun⸗ derung, die jedoch frei war von Unruhe, erhob ſich die Bären⸗ familie und folgte ihren Schritten, in kleiner Entfernung von ihr ſich haltend; dem Anſchein nach jede ihrer Bewegungen beobachtend, als ob ſie ein lebhaftes Intereſſe hätten an Allem, was ſie that. In dieſer Weiſe, begleitet von der Bärin und den Jungen, wanderte das Mädchen beinah eine Meile weit, dreimal die Ent⸗ fernung, die ſie in der Dunkelheit während derſelben Zeit hatte zurücklegen können. Dann gelangte ſie an einen Bach, der ſich ſelbſt ein Bett in die Erde gewühlt hatte, und ſprudelnd zwiſchen ſteilen und hohen Abhängen, mit Bäumen bedeckt, in den See eilte. Hier verrichtete Hetty ihre Waſchungen; dann trank ſie von dem reinen Bergwaſſer, und ſetzte ihren Weg fort, erfriſcht und Der Wildtödter. 3. Aufl. 14 210 leichtern Herzens, immer noch gefolgt von ihren ſeltſamen Begleitern. Ihr Weg führte ſie jetzt eine breite und beinah ebene Terraſſe ent⸗ lang, die ſich von dem Gipfel der das Waſſer begrenzenden Ufer⸗ höhe zu einem ſanften Abhang erſtreckte, welche oben zu einer zweiten, unregelmäßigen Plattform anſtieg. Dieß war in einem Theile des Thals, wo die Berge quer hinliefen, den Anfang einer Ebene bildend, welche zwiſchen den Hügeln ſich ausbreitete, ſüdlich von dem Waſſerſpiegel. Hetty erkannte aus dieſem Umſtande, daß ſie ſich dem Lager näherte, und wäre dieß nicht geweſen, ſo hätten ſte die Bären von der Nähe menſchlicher Weſen in Kenntniß geſetzt. In die Luft hinaus ſchnüffelnd, bezeigte die Bärin keine Luſt, ihr weiter zu folgen, obgleich das Mädchen ſich umſah, und ſie mit kindiſchen Zeichen und ſelbſt mit förmlichen Aufforderungen in dem ihr eignen ſüßen Tone herbei lockte. Während ſie ſo langſam durch Buſchwerk weiter ſchritt, das Angeſicht abgewendet und die Augen auf die unbeweglichen Thiere geheftet, fühlte das Mädchen ihre Schritte plötzlich gehemmt durch eine menſchliche Hand, die ſie leicht an der Schulter faßte. „Wohin gehen?“ ſagte eine ſanfte weibliche Stimme, haſtig und theilnehmend ſprechend;„Indianer— Rothmann— Wilder— arger Krieger— dorthinzu!“ Dieſer unerwartete Gruß erſchreckte das Mädchen ſo wenig als die Erſcheinung der wilden Bewohner des Waldes. Zwar überraſchte er ſie ein wenig; aber ſie war gewiſſermaßen gefaßt auf ſolche Begegnungen und das Weſen, das ſie anhielt, war ſo wenig gemacht, Schrecken einzuflößen, als irgend eines, das je in indianiſcher Geſtalt erſchien. Es war ein Mädchen, nicht viel älter als ſie ſelbſt, deren Lächeln ſo ſonnig war wie das Judith's in ihren glänzendſten Augenblicken, deren Stimme Wohllaut war, und deren Worte und Benehmen all die ſchüchterne Sanftheit beſaßen, die das andere Geſchlecht charakteriſirt unter einem Volke, das ſeine Weiber wie Dienerinnen und Sklavinnen der Krieger behandelt. Schönheit iſt bei den Frauen der amerikaniſchen Urbe⸗ wohner, ehe ſie die Mühſale von Weibern und Müttern durchzu⸗ machen haben, keineswegs ungewöhnlich. In dieſem Punkt waren die urſprünglichen Inhaber des Landes ihren civiliſirteren Nachfol⸗ gern nicht unähnlich; die Natur ſchien ihnen die Zartheit der Züge und Umriſſe verliehen zu haben, welche einen ſo großen Reiz des jugendlichen Weibes ausmacht, aber deren ſie ſo frühe verluſtig werden, und zwar ebenſo ſehr in Folge der Einrich⸗ tungen und Verhältniſſe des häuslichen Lebens, als aus andern Urſachen. Das Mädchen, welches Hetty ſo plötzlich angehalten hatte, war bekleidet mit einem Calico⸗Mantel, welcher den ganzen obern Theil ihres Körpers recht gut ſchützte, während ein kurzer Unter⸗ rock von blauem Tuch mit goldnen Borten geſäumt, der nur bis an’s Knie reichte, gleiche Beinkleider und Moccaſins von Hirſchleder ihren Anzug vollendeten. Ihr Haar ſiel in langen dunklen Flechten über Schultern und Rücken und war über einer niedern, glatten Stirne geſcheitelt in einer Art, daß dadurch der Ausdruck von Augen voll Schlauheit und natürlichem Gefühl gemildert wurde. Ihr Geſicht war oval, von feinen Zügen; die Zähne waren gleich und weiß, während der Mund eine ſchwermüthige Weichheit aus⸗ ſprach, als trüge er dieſen eigenthümlichen Ausdruck vermöge in⸗ ſtinktmäßigen Bewußtſeyns des Schickſals eines Geſchöpfs, das von der Geburt an dazu verurtheilt war, die Mühſale des Weibes, erhöht noch durch die Gefühle und Zärtlichkeit ihres Geſchlechts zu erdulden. Ihre Stimme, wie ſchon angedeutet, war ſanft, wie das Seufzen der Nachtluft, eine bezeichnende Eigenthümlichkeit der Weiber ihrer Race, an ihr ſelbſt aber ſo auffallend, daß ſie daher den Namen Wah⸗ta!⸗Wah bekommen hatte,— Europäiſch etwa mit Hiſt⸗oh!⸗Hiſt* auszudrücken. * Dieſen ſeltſamen Namen auch in's Deutſche zu übertragen, wäre ein gewagter und undankbarer Verſuch; die Bedeutung iſt: Bſcht! oh! Bſcht! 212 Mit einem Wort, es war dieß die Verlobte Chingachgook's, der man, nachdem es ihr gelungen war, jeden Verdacht einzuſchläfern, erlaubt hatte, um das Lager derer, die ſie gefangen hielten, herum⸗ zuſtreifen. Dieſe Nachſicht war im Einklang mit der allgemeinen Politik der rothen Männer, die zudem wohl wußten, daß man im Falle der Flucht ihre Spur verfolgen könnte. Man wird auch nicht außer Acht laſſen, daß die Irokeſen oder Huronen, wie man ſie vielleicht beſſer nennen würde, durchaus nichts von der Nähe ihres Liebhabers wußten, ein Umſtand, der ihr freilich ſelbſt auch unbekannt war. Es wäre nicht leicht zu ſagen, Welche von beiden bei dieſer unerwarteten Begegnung am meiſten Selbſtbeherrſchung zeigte, das weiße oder das rothe Mädchen. Aber Wah⸗ta!⸗Wah, obgleich ein wenig überraſcht, war die zum Sprechen Aufgelegtere, und bei weitem raſcheren Geiſtes, Folgen vorauszuſehen, ſo wie Mittel zu erſinnen, um jenen zu begegnen. Ihr Vater war während ihrer Kindheit vielfach von den Behörden der Colonie als Krieger ver⸗ wendet und benützt worden, und bei einem mehrjährigen Aufenthalt in der Nähe der Forts hatte ſie einige Bekanntſchaft mit dem Engliſchen ſich erworben, das ſie in der gewöhnlichen abkürzenden Weiſe der Indianer, aber geläuſig und ohne den gewöhnlichen Widerwillen ihres Volkes ſprach. „Wohin gehen?“ fragte wieder Wah⸗ta!⸗Wah, das Lächeln Hetty's in der ihr eignen anmuthigen Weiſe erwiedernd,„ſchlimmer Krieger, dort— guter Krieger— fern weg!“ „Was iſt Euer Name?“ fragte Hetty mit der Einfalt eines Kindes. „Wah⸗ta!⸗Wah. Ich keine Mingo— gute Delawarin— Yengeeſe's Freundin. Mingo ſehr grauſam und Skalpe lieben um des Bluts willen— Delawaren ſie lieben der Ehre willen. Kommt hieher wo keine Augen.“ — Aufforderung zum Schweigen. Hiſt⸗oh!⸗Hiſt klingt freilich im Deutſchen fatal, weil man es oft von Fuhrleuten hört. * 213 Wah⸗ta!⸗Wah führte jetzt ihre Genoſſin dem See zu, die Anhöhe ſo weit hinabſteigend, daß deren überhangende Bäume und Gebüſche zwiſchen ihnen und etwaigen Lauſchern ſtanden; und ſie machte nicht eher Halt, als bis ſie nebeneinander auf einem gefal⸗ lenen Baumſtamm ſaßen, deſſen eines Ende wirklich im Waſſer lag. „Warum kommt Ihr?“ fragte die junge Indianerin lebhaft; woher kommt Ihr?“ Hetty erzählte ihre Geſchichte in ihrer einfachen, treuherzigen Weiſe. Sie erklärte das Unglück ihres Vaters, und ſprach ihren Wunſch aus, ihm zu dienen, und wo möglich ſeine Befreiung zu bewirken. „Warum Euer Vater zu Mingo Lager kommen bei Nacht?“ fragte das indianiſche Mädchen mit einer Geradheit, die, wenn nicht von der andern entlehnt, Viel von ihrer Offenherzigkeit hatte. „Er wiſſen, daß Krieg iſt— und er kein Knabe mehr— er wohl einen Bart haben— ihm nicht zu ſagen nöthig, daß Irokeſen Tomahawk und Meſſer und Büchſe führen. Warum er kommen zur Nachtzeit, mich beim Haare packen und delawariſches Mädchen ſkalpiren wollen?“. „Euch!“ ſagte Hetty, vor Entſetzen faſt umſinkend,„Euch hat er gepackt— Euch wollte er ſkalpiren?“ „Warum nicht? Delawaren⸗Skalpe ſo Viel gelten als Mingo⸗ Skalpe. Gouverneur keinen Unterſchied machen. Ruchlos für Bleichgeſicht, ſkalpiren. Nicht ſeine Gaben, wie der gute Wild⸗ tödter mir immer ſagen.“ „Und Ihr kennt den Wildtödter?“ fragte Hetty, erröthend vor Freude und Ueberraſchung, unter dem Einfluß dieſes neuen Gefühls für den Augenblick ihren Jammer vergeſſend.„Ich kenn' ihn auch. Er iſt jetzt auf der Arche mit Judith und einem Dela⸗ waren, der die große Schlange heißt. Ein kühner und ſchöner Krieger iſt er auch, die Schlange!“ Trotz der reichen, tiefdunkeln Farbe, welche die Natur der 214 indianiſchen Schönheit zugetheilt, ſtieg ihr doch das beredte und verrätheriſche Blut noch lebhafter ins Geſicht, ſo daß die Röthe ihren kohlſchwarzen Augen noch mehr Leben und Feuer des Geiſtes verlieh. Einen Finger aufhebend wie mit warnender Geberde, ließ ſie ihre ſchon ſo ſanfte und ſüße Stimme zu einem Flüſtern herab⸗ finken, als ſie das Geſpräch fortſetzte. „Chingachgook!“ verſetzte das delawariſche Mädchen, den harten Namen in ſo ſanften Gutturaltönen ſeufzend oder hauchend, daß er das Ohr ganz melodiſch berührte.„Sein Vater, Unkas— großer Häuptling der Mohikani— der Nächſte nach altem Tamen⸗ und! Mehr als Krieger, nicht ſo viel graues Haar, und weniger beim Rathsfeuer. Ihr Schlange kennen?“ „Er ſtieß geſtern Abend zu uns, und war in der Arche mit mir zwei oder drei Stunden lang, ehe ich ſie verließ. Ich fürchte, Hiſt—“ Hetty konnte den indianiſchen Namen ihrer neuen Freundin nicht ausſprechen, aber da ſie von Wildtödter dieſe vertrauliche Be⸗ nennung gehört hatte, bediente ſie ſich derſelben ohne irgend eine der Bedenklichkeiten des civiliſirten Lebens—„ich fürchte, Hiſt, er iſt auf Skalpe ausgegangen, ebenſo wie mein armer Vater und Hurry Harry!“ „Warum er denn nicht ſollen, he? Chingachgook rother Krieger, ſehr roth— Skalpe ſeine Ehre ſeyn— er gewiß gemacht!“ „Dann,“ verſetzte Hetty ernſt,„wird es von ihm ſo ruchlos ſeyn wie bei einem Andern. Gott wird einem rothen Mann nicht verzeihen, was er einem Weißen nicht verzeiht.“ „Nicht wahr!“ verſetzte das delawariſche Mädchen mit einer Wärme, die beinahe an Leidenſchaftlichkeit grenzte.„Nicht wahr! ſag' ich Euch! Der Manitou lächeln und Wohlgefallen haben, wenn er ſieht jungen Krieger heimkehren vom Kriegspfad mit zwei, zehn, hundert Skalpen auf einem Pfahle! Chingachgook's Vater Skalpe erbeutet— Großvater Skalpe erbeutet— alle alten Häuptlinge Skalpe nehmen; und Chingachgook ſelbſt ſo viele Skalpe nehmen, als er tragen kann!“ 215 „Dann, Hiſt, muß ſein Schlaf bei Nacht entſetzlich ſeyn, wenn er daran denkt. Niemand kann grauſam ſeyn und auf Verge⸗ bung hoffen!“ „Nicht grauſam— Vergebung genug,“ erwiederte Wah⸗ta!⸗ Wah, mit ihrem kleinen Fuß auf den ſteinigten Strand ſtampfend, und den Kopf ſchüttelnd in einer Weiſe, welche zeigte, wie gänzlich weibliches Gefühl in einer ſeiner Geſtaltungen das weibliche Gefühl in einer andern überwältigt hatte.„Ich ſagen Euch, Schlange tapfer; er heim kommen mit vier, ja, zwei Skalpen.“ „Und iſt das ſein Vorhaben hier? Iſt er in der That ſo weit hergekommen, über Berg und Thal, Flüſſe und Ströme, ſeine Mitgeſchöpfe zu martern und etwas ſo Ruchloſes zu thun?“ Dieſe Frage beſchwichtigte auf einmal den anwachſenden Zorn der halbbeleidigten indianiſchen Schönheit. Sie beſtegte gänzlich die Vorurtheilte der Erziehung, und leitete alle ihre Gedanken in ein ſanfteres und mehr weibliches Bette. Zuerſt ſchaute ſie ſich argwöhniſch um, als ſcheute ſie Lauſcher, dann ſtarrte ſie ihrer aufmerkſamen Geſellſchafterin nachdenklich ins Geſicht; und dann endete dieß Stückchen von mädchenhafter Coketterie und weiblichem Gefühl damit, daß ſie ſich das Geſicht mit beiden Händen bedeckte und in einer Art lachte, daß man dieß wohl die Melodie der Wälder nennen konnte. Die Furcht vor Entdeckung jedoch machte bald dieſer naiven Kundgebung ihrer Empfindungen ein Ende, und ihre Hände wegziehend ſtarrte dieß, ganz vom augenblicklichen Impuls beherrſchte Geſchöpf wieder ihrer Genoſſin nachdenklich ins Geſicht, gleichſam forſchend, wie weit ſie einer Fremden ihr Geheimniß anvertrauen könne. Obgleich Hetty nicht Anſpruch machen konnte auf die außerordentliche Schönheit ihrer Schweſter, hielten doch Manche ihr Geſicht für das einnehmendere. Es ſprach all die tückeloſe Aufrichtigkeit ihres Charakters aus, und es war gänzlich frei von allen den ſtörenden, begleitenden und verrathenden phyſiſchen Zeichen, die ſo oft im Gefolge der Geiſtesſchwäche ſind. Zwar 216 ein ungewoöͤhnlich ſcharfer Beobachter hätte die Anzeichen ihrer Geiſtesſchwäche in der Sprache ihrer manchmal leeren und irren Augen entdecken können; aber es waren Zeichen, welche eher das Mitgefühl anzogen durch ihre gänzliche Argloſigkeit und Treuher⸗ zigkeit, als irgend eine andere Empfindung erweckten. Der Eindruck, den ſie auf Hiſt machte— um uss dieſer Dollmetſchung des Na⸗ mens zu bedienen— war günſtig; und einer Aufwallung von Zärtlichkeit folgend, ſchlang ſie ihre Arme um Hetty, und drückte ſie an ſich mit einer gewaltſamen Rührung, die ſo natürlich als warm war. „Du gut,“ flüſterte die junge Indianerin;„Du gut, ich wiſſen; es ſo lang, daß Wah⸗ta!⸗Wah keine Freundin gehabt— keine Schweſter— Niemand, ihr Herz auszuſprechen; Du Hiſt's Freundin; ich nicht Wahrheit ſagen?“ „Ich habe nie eine Freundin gehabt,“ antwortete Hetty, die warme Umarmung mit ungeheucheltem Ernſt erwiedernd.„Ich habe eine Schweſter, aber keine Freundin. Judith liebt mich, und ich liebe Judith; aber das iſt natürlich, und wie es uns die Bibel lehrt; aber ich hätte gern eine Freundin! Ich will Eure Freundin ſeyn von ganzem Herzen; denn ich liebe Eure Stimme und Euer Lächeln, und Eure Denkweiſe in allen Dingen, ausge⸗ nommen was die Skalpe—“ „Nicht mehr daran denken— Nichts mehr von Skalpen ſagen,“ unterbrach ſie begütigend Hiſt;„Ihr Bleichgeſicht, ich Rothhaut; wir nach verſchiedener Art erzogen. Wildtödter und Chingachgook große Freunde, und nicht von derſelben Farbe; Hiſt und— was Euer Name, hübſches Bleichgeſicht?“ „Ich bin Hetty genannt, obwohl, wenn ſie den Namen in der Bibel buchſtabiren, ſo ſprechen ſie ihn immer Eſther.“ „Was das machen?— Nichts nützen und nichts ſchaden. Gar nicht nöthig, Namen zu buchſtabiren. Maͤhriſcher Bru⸗ der verſucht, Wah⸗ta!⸗Wah buchſtabiren zu lehren, aber es nicht —.— ——·— zugelaſſen. Nicht gut für delawariſches Mädchen, zu viel zu wiſ⸗ ſen— Mehr wiſſen als Krieger manchmal— das große Schande. Mein Name Wah⸗ta!⸗Wah— das heißt Hiſt in Eurer Sprache; Ihr ihn ausſprechen Hiſt, ich ſagen Hetty.“ Nachdem dieſe Präliminarien zu beiderſeitiger Zufriedenheit ins Reine gebracht waren, begannen die Mädchen von ihren beider⸗ ſeitigen Hoffnungen und Planen ſich zu unterhalten. Hetty machte ihre neue Freundin noch genauer bekannt mit ihren Abſichten in Betreff ihres Vaters; und Hiſt würde einer Freundin, die nur im Mindeſten geneigt und fähig geweſen, die Angelegenheiten Andrer mit forſchendem Blicke zu durchſchauen, ihre Gefühle und Hoffnun⸗ gen, die ſich an den jungen Krieger von ihrem Stamme knüpften, genugſam verrathen haben. Genug ward indeſſen von beiden Seiten geoffenbart, um beiden Theilen eine ziemliche Einſicht in die Plane des Andern zu verſchaffen, obwohl noch genug zurückbehalten und verſchwiegen wurde, um zu folgenden Fragen und Antworten Gele⸗ genheit zu geben, womit dieſe Unterredung ſchloß. Als die ſchärfer Blickende, begann Hiſt zuerſt ihre Fragen. Einen Arm um Hetty's Leib ſchlingend, beugte ſie ſich mit dem Kopfe vor, ſo daß ſie der An⸗ dern munter ins Geſicht ſchaute; und lachend, als ob ihre Meinung ihr aus den Mienen ſolle geleſen werden, ſprach ſie dann offener: „Hetty einen Bruder haben und einen Vater?“ ſagte ſie, „warum nicht auch vom Bruder ſprechen, ſo wie vom Vater?“ „Ich habe keinen Bruder, Hiſt. Ich hatte einmal einen, ſagt man mir; aber er iſt todt ſeit vielen Jahren und liegt im See verſenkt neben der Mutter.“ „Keinen Bruder haben— einen jungen Krieger haben; ihn lieben, beinahe ſo ſehr als Vater, he? Recht ſchön und tapfer ausſehend; tüchtig zum Häuptling, wenn ſo gut ſeyn, als ſcheinen.“ „Es iſt ſündhaft, einen Mann ſo zu lieben, wie ich meinen Vater liebe; und ſo beſtrebe ich mich, es nicht zu thun, Hiſt,“ erwiederte die gewiſſenhafte Hetty, die nicht wußte, wie eine innere Bewegung verhehlen durch eine ſo verzeihliche Annäherung an Un⸗ wahrheit, als eine ausweichende Antwort iſt, obwohl durch weibliche Schaam mächtig zu dieſem Fehltritt verſucht;„obwohl ich manch⸗ mal denke, die Sünde werde mich am Ende beſiegen, wenn Hurry ſo oft an den See kommt. Ich muß Euch die Wahrheit ſagen, liebe Hiſt, weil Ihr mich fragt; aber ich würde zu Boden fallen und ſterben in den Wäldern, wenn er es wüßte!“ „Warum er nicht ſelbſt Euch fragen? Tapfer ausſehen— warum nicht keck ſprechen? Junger Krieger fragen müſſen junges Mädchen; Niemand junges Mädchen zuerſt reden machen. Mingo⸗ Mädchen ſelbſt ſich deſſen ſchämen.“ Sie ſprach dieß mit Entrüſtung und mit der edlen Wärme, die ein junges Weib von lebhaftem Geiſt empfinden mag, wenn ſie das theuerſte Vorrecht ihres Geſchlechts bedroht und gefährdet glaubt. Dieß Gefühl hatte aber wenig Einfluß auf die blöde, aber doch recht⸗ lichgeſinnte Hetty, die, obwohl weſentlich weiblich in allen ihren Em⸗ pfindungen, doch weit mehr auf die Bewegungen ihres eignen Herzens achtete, als daß ſie ſich um die Gebräuche bekümmert hätte, womit das Herkommen das Zartgefühl ihres Geſchlechts geſchützt hat. „Mich fragen? was?“ fragte das erſchrockene Mädchen mit einer Haſt, welche zeigte, wie ſehr ihre Furcht rege geworden war. „Mich fragen, ob ich ihn ſo gern habe, als meinen Vater! Oh! Ich hoffe, er wird nie eine ſolche Frage an mich richten, denn ich müßte antworten, und das würde mich tödten.“ „Nein— nein— nicht tödten, nur b einahe,“ verſetzte die Andere, unwillkührlich lächelnd.„Erroͤthen kommen machen— Schaam auch kommen machen; aber es nicht ſo gar lange bleiben; dann ſich glücklicher fühlen als je. Junger Krieger muß jungem Mädchen ſagen, er ſie zum Weibe machen wollen, ſonſt nie kann wohnen in ſeinem Wigwam.“ „Hurry will mich nicht heirathen— Niemand wird mich je heirathen wollen, Hiſt.“ A „Wie Ihr das wiſſen können? Vielleicht Jedermann Euch heirathen wollen, und bei Gelegenheit Zunge ſagen, was Herz fühlen. Warum Niemand Euch heirathen wollen?“ „Ich bin nicht ganz klug, ſagen ſie. Vater ſagt mir das oft; und auch Judith manchmal, wenn ſie ärgerlich iſt, aber ich würde auf ſie nicht ſo viel geben, als auf Mutter. Sie hat es auch einmal geſagt; und dann weinte und ſchluchzte ſie, als ob ihr das Herz brechen wollte; und ſo weiß ich, ich bin nicht ganz klug.“ Hiſt ſtarrte das ſanfte, einfältige Mädchen eine volle Minute an, ohne zu ſprechen; und dann ſchien die ganze Wahrheit auf einmal dem Geiſte der jungen Indianerin hell aufzugehen. Mitleid, Ehrfurcht und Zärtlichkeit ſchienen in ihrer Bruſt zu kämpfen; dann plötzlich aufſtehend, bezeugte ſie gegen ihre Genoſſin den Wunſch, ſie moͤchte ſie in das nicht entfernt liegende Lager beglei⸗ ten. Dieſer unerwartete Uebergang von der Borſicht, welche Hiſt zuvor anzuwenden ſich befliſſen gezeigt hatte, um nicht geſehen zu werden, zu dem Entſchluß, ihre Freundin ganz offen zu den In⸗ dianern zu führen, entſprang aus der ſichern Ueberzeugung, daß kein Indianer ein Geſchöpf kränken und beſchädigen würde, das der große Geiſt entwaffnet, indem er es des ſtärkſten Vertheidi⸗ gungsmittels, der Vernunft beraubte. In dieſer Hinſicht gleichen ſich alle Nationen von unverdorbnem Gefühl; ſte ſcheinen ſolchen Geſchöpfen freiwillig, in Folge eines der menſchlichen Natur Ehre machenden Gefühls, durch ihre Nachſicht den Schutz angedeihen zu laſſen, welcher durch die unerforſchliche Weisheit der Vorſehung ihnen verſagt iſt. Wah⸗ta!⸗Wah wußte in der That, daß bei manchen Stämmen die Geiſtesſchwachen und die Verrückten eine Art religiöſer Verehrung genoſſen; daß ſie von den ungebildeten Be⸗ wohnern des Waldes Achtung und Ehren empfingen ſtatt der Schmach und Vernachläſſigung, die unter den anmaßenderen und verdorbe⸗ neren Nationen ihr Loos und Theil iſt! 220 Hetty folgte ihrer neuen Freundin ohne Furcht und Widerſtreben. Es war ihr Wunſch, das Lager zu erreichen; und geſtärkt durch ihre Beweggründe hegte ſie ſo wenig Unruhe wegen der Folgen, als ihre Begleiterin ſelbſt, nachdem dieſe einmal wußte, welchen ſchützenden Talisman das Bleichgeſichtmädchen mit ſich führte. Noch immer, während ſie langſam fortſchritten einer Küſte entlang, die von überhangenden Gebüſchen bedeckt war, ſetzte Hetty das Geſpräch fort, und jetzt übernahm ſie die Rolle des Fragens, welche die Andere ſogleich fallen gelaſſen, ſobald ſie erfahren, an was für ein Gemüth ſie ihre Fragen gerichtet hatte. „Aber Ihr ſeyd ja nicht eben halb klug,“ ſagte Hetty,„und es iſt kein Grund da, warum die Schlange Euch nicht heirathen ſollte.“ „Hiſt Gefangene, und Mingos große Ohren haben. Nicht von Chingachgook reden, wenn ſie dabei. Verſprecht das Hiſt, gute Hetty.“ „Ich weiß,— ich weiß,“ erwiederte Hetty; halb flüſternd, in ihrer Begierde der Andern zu zeigen, daß ſie die Nothwendigkeit der Vorſicht begreife.„Ich weiß— Wildtödter und die Schlange gedenken Euch aus der Hand der Irokeſen zu befreien; und Ihr wünſcht, daß ich das Geheimniß nicht verrathe.“ „Wie Ihr wiſſen das?“ fragte Hiſt haſtig, in dieſem Augen⸗ blick ärgerlich, daß die Andere nicht noch blödſinniger, als wirklich der Fall war.—„Wie Ihr das wiſſen? Beſſer von Niemand ſprechen als von Vater und Hurry— Mingos das verſtehen; das Andere nicht. Verſprecht mir, von Nichts zu ſprechen, was Ihr nicht verſteht.“ „Aber ich verſtehe das, Hiſt; und ſo darf und muß ich davon ſprechen. Wildtödter hat in meiner Anweſenheit dem Vater Alles ſo gut als erzählt; und da mir Niemand verbot zuzuhören, habe ich alles gehört, wie auch Hurry's und Vaters Unterredung von den Skalpen.“ „Sehr ſchlimm von Bleichgeſichtern, von Skalpen ſprechen, und ſehr ſchlimm von jungen Mädchen zu horchen! Nun Ihr Hiſt lieben, ich weiß, Hetty; und ſo unter Indianern, wenn am beſten lieben, am wenigſten ſchwatzen!“ „Das iſt nicht die Art bei den weißen Leuten, die am meiſten von Solchen reden, die ſich am beſten lieben. Ich glaube, weil ich nur halb klug bin, ſehe ich den Grund nicht ein, warum es ſo verſchieden ſeyn ſoll bei den rothen Leuten.“ „Das ſeyn, was Wildtödter ihre Gaben nennt. Die Einen die Gabe zu ſprechen, die Andern die Gabe den Mund zu halten. Den Mund zu halten— Cure Gabe unter Mingos. Wenn Schlange Hiſt ſehen möchte, ſo Hetty verlangen, Hurry zu ſehen. Ein gutes Mädchen nie Geheimniſſe verrathen von Freunden.“ Hetty verſtand dieſe Aufforderung; und ſie verſprach dem delawariſchen Mädchen Nichts von der Anweſenheit Chingachgook's oder von dem Beweggrund ſeines Beſuches am See zu erwähnen. „Vielleicht er Hurry und Vater ebenſo los kriegen, wie Hiſt, wenn man ihn machen laſſen,“ fluſterte Wah⸗ta!⸗ Jah ihrer Be⸗ gleiterin in vertraulichem, ſchmeichelndem Tone zu, als ſie eben dem Lager nahe genug kamen, um die Stimmen von Einigen ihres Geſchlechts zu hören, welche dem Anſchein nach mit den gewoͤhn⸗ lichen Arbeiten der Weiber ihrer Claſſe beſchäftigt waren.„Bedenkt das, Hetty, und legt zwei, zwanzig Finger auf den Mund. Nie⸗ mand Freunde frei machen, wenn nicht Schlange es thun.“ Ein beſſeres Mittel konnte ſie nicht erſinnen, um ſich Hetty's Verſchwiegenheit und Vorſicht zu verſichern, als dasjenige, das ſich hierin ihrem Geiſt darbot. Da die Befreiung ihres Vaters und des jungen Grenzers der große Zweck ihres Abenteuers war, ſo empfand ſie klar den Zuſammenhang deſſelben mit den Dienſten, die ihr die Delawarin leiſten konnte; mit einem unſchuldigen Lachen nickte ſie Zuſtimmung und in derſelben ſtummen Weiſe verſprach ſie, die Wünſche ihrer Freundin gebührend zu achten. So ihrer Sache ſicher, zögerte Hiſt nicht länger, ſondern trat ſofort —— 222 unverhohlen mit ihrer Freundin in das Lager der ſie gefangen haltenden Mingos. Eilftes Kapitel. Der große König aller Könige Gebot in ſeiner Tafel der Geſetze: Daß du nicht tödten ſollſt und Mord begehn. Gib Acht! denn in der Hand hat er die Rache, Deß Haupt zu treffen, der bricht ſein Geſetz. Shakſpeare. Vaß die Truppe, der Hiſt im Augenblick wider ihren Willen angehörte, keine ſolche war, die einen regelmäßigen Kriegszug unternommen, erhellte deutlich aus der Anweſenheit von Weibern. Es war ein kleiner Theil eines Stammes, der innerhalb der engli⸗ ſchen Grenzen gejagt und gefiſcht hatte, wo er von dem Anfang der Feindſeligkeiten überraſcht wurde; und nachdem er den Winter und Frühling über von dem gelebt, was ſtreng genommen das Eigenthum ſeiner Feinde war, beſchloß er, vor dem Rückzug noch einen feindlichen Streich zu führen. Es lag auch tiefer amerika⸗ niſcher Scharfblick und Schlauheit in dem Manöver, daß ſie ſo weit in das Territorium ihrer Feinde hineingeführt. Als der Eil⸗ bote ankam, der den Ausbruch von Feindſeligkeiten zwiſchen den Engländern und Franzoſen meldete— ein Kampf, in den unfehl⸗ bar alle unter dem Einfluß der kriegführenden Parteien ſtehenden Stämme verwickelt werden mußten— war gerade dieſe Truppe der Irokeſen an den Küſten des Oneida poſtirt, eines See's, der ihrer eignen Grenze etwa fünfzig Meilen näher liegt als derjenige, welcher den Schauplatz unſrer Erzählung bildet. In gerader Linie nach Canada fliehen— dieß würde ſie den Gefahren einer unmit⸗ telbaren Verfolgung ausgeſetzt haben; und die Häuptlinge hatten beſchloſſen, die Kriegsliſt zu brauchen, tiefer in eine Gegend ein⸗ zudringen, die jetzt gefährlich geworden war, in der Hoffnung, im 223 Stande zu ſeyn, ſich im Rücken ihrer Feinde zurückzuziehen, ſtatt ſie auf der Ferſe zu haben. Die Anweſenheit der Weiber hatte veranlaßt, dieſe Liſt zu verſuchen, da die Kraft dieſer ſchwächern Glieder der Truppe den Anſtrengungen einer Flucht vor verfolgen⸗ den Kriegern nicht gewachſen war. Wenn der Leſer die ungeheure Ausdehnung der amerikaniſchen Wildniß in jenen frühen Zeiten bedenkt, wird er einſehen, daß es ſelbſt für einen Stamm möglich war, Monate lang unentdeckt in einzelnen Theilen derſelben zu bleiben; auch war, bei Beobachtung der üblichen Vorſichtsmaß⸗ regeln, die Gefahr auf einen Feind zu ſtoßen, in den Wäldern nicht ſo groß, als ſie es iſt auf der See zur Zeit eines lebhaft geführten Krieges. Da das Lager nur für einige Zeit dienen ſollte, bot es dem Auge Nichts weiter, als den rohen Schutz eines Bivouacs, einiger⸗ maßen noch unterſtützt durch die ſinnreichen Auskunftsmittel, welche ſich dem Scharfſinn von Solchen aufdraͤngten, die ihr Leben unter derlei Scenen hinbrachten. Ein Feuer, das an den Wurzeln einer friſchgrünenden Eiche angezündet war, genügte für die ganze Truppe, da das Wetter ſo mild war, daß man ſeiner zu Nichts als zum Kochen bedurfte. Um dieſen Mittelpunkt der Anziehung herum zerſtreut lagen etwa fünfzehn bis zwanzig niedrige Hütten— viel⸗ leicht glichen ſie mehr Hundelöchern— in welche die verſchiednen Eigner bei Nacht krochen, und die auch bei Gewittern den nöthigen Schutz und Schirm gewähren ſollten. Dieſe kleinen Hütten waren gemacht aus Baumzweigen, auf ſinnreiche Art zuſammengeſetzt und geflochten, und ſie waren gleichförmig bedeckt mit Rinde, die von gefallenen Bäumen geſchält war; denn von ſolchen beſitzt jeder jungfräuliche Wald Hunderte in allen Stadien des Zerfalls und „ Verwitterns. Meubles hatten ſie ſo gut wie keine. Küchengeräth⸗ ſchaften der einfachſten Art lagen in der Nähe des Feuers; wenige Kleidungsſtücke waren in den Hütten oder darum her zu ſehen; Büchſen, Hörner und Taſchen lehnten an den Bäumen oder hingen 224 an den niedrigſten Zwei Hirſchen lagen ausgeſtreckt auf ebenſo kunſtloſen Fleiſchbänken. Da das Lager mitten in einem dichten Wald ſich befand, konnte gen; und die Leichname von zwei oder drei das Auge auf Einen Blick es nicht ganz überſehen, um Hütte trat aus dem düſtern Gemälde hervor, ſo wie man ſich um Gegenſtände umſah. Es war da kein Mittelpunkt, wenn man nicht das Feuer dafür anſprechen wollte, kein freier Platz, wo die Be⸗ fitzer dieſes rohen Dorfes ſich verſammeln konnten; ſondern Alles war dunkel, verſteckt und voll ſchlauer Heimlichkeit, wie die Eigner ſelbſt. Einige wenige Kinder ſtrichen von Hütte zu Hütte, und gaben dem Platz einigen Anſtrich von häuslichem Leben; und das gedämpfte Lachen und die leiſen Stimmen der Weiber unterbrachen zu Zeiten die tiefe Stille des düſtern Forſtes. Die Männer aßen entweder, oder ſchliefen oder prüften ihre Waffen. Sie beſprachen ſich nur wenig, und dann gewöhnlich bei Seite, oder in Gruppen, von den Weibern geſondert; und ein Anſtrich unermüdeter, ange⸗ borner Lauerſamkeit und Gefahrsahnung ſchien ſelbſt ihrem Schlum⸗ mer nicht zu fehlen. Als die zwei Mädchen ſich dem Lager näherten, ſtieß Hetty einen leiſen Schrei aus, ſobald ſie ihres Vaters anſichtig ward. Er ſaß auf der Erde, den Rücken an einen Baum gelehnt, und Hurry ſtand neben ihm, in gedankenloſer Muße an einem Zweig ſchnitzelnd. Dem Anſchein nach waren ſie ſo frei, wie jeder Andre im Lager oder darum her, und wer nicht mit indianiſchem Brauch bekannt geweſen, hätte ſie wohl fälſchlich für Gäſte, ſtatt für Gefangene, angeſehen. Wah⸗ta!⸗Wah führte ihre neue Freundin ganz nahe zu ihnen hin, und zog ſich dann beſcheiden zurück, damit ihre Ge⸗ genwart den Gefühlen Jener keinen Zwang auferlege. Aber Hetty war nicht ſo vertraut mit Liebkoſungen oder äußern Kundgebungen der Zärtlichkeit, daß ſie ſich irgend einem Ausbruch ihres Gefühls hätte hingeben ſollen. Sie näherte ſich nur und trat neben ihren Vater hin, ohne zu ſprechen, einer ſtummen Statue toͤchterlicher ſondern Hütte Liebe ähnlich. Der alte Mann legte weder Unruhe noch Staunen über ihr plötzliches Erſcheinen an den Tag. In dieſen Punkten hatte er den Stoicismus der Indianer angenommen, wohl wiſſend, daß er durch Nichts ſichrer ihre Achtung ſich erwerben könne, als durch Nachahmung ihrer Selbſtbeherrſchung. Auch verriethen die Wilden ſelbſt nicht durch das geringſte Zeichen eine Aufregung über dieß plötzliche Erſcheinen einer Fremden unter ihnen. Mit Einem Wort, die Ankunft Hetty's verurſachte, obgleich ſie unter ſo eigenthümli⸗ chen Umſtänden erfolgte, weit weniger ſichtbares Au fſehen, als der Fall ſeyn würde in einem Dorf von viel höhern Anſprüchen auf Geſittung, wenn ein gewöhnlicher Fremder vor die Thüre des Haupt⸗ gaſthofs anführe. Doch ſammelten ſich einige wenige Krieger, und aus der Art, wie ſie während ihrer Unterredung auf Hetty blickten, erhellte deutlich, daß ſie der Gegenſtand ihres Geſprächs war, und vermuthlich die Urſachen ihres unerwarteten Erſcheinens von ihnen erörtert wurden. Dieß phlegmatiſche Weſen iſt charakteriſtiſch bei dem nordamerikaniſchen Indianer— Manche behaupten auch bei ſeinem weißen Nachfolger— aber in dieſem Falle mußte Viel auf Rechnung der eigenthümlichen Lage geſchrieben werden, worin die Truppe ſich befand. Die Streitmacht auf der Arche, ausgenom⸗ men die Anweſenheit Chingachgool's, war wohl bekannt; kein Stamm, keine Truppenabtheilung war, wie man glaubte, in der Nähe, und wachſame Augen waren rings um den ganzen See aufgeſtellt, welche Tag und Nacht die leiſeſte Bewegung der Be⸗ lagerten— denn ſo darf man ſie jetzt ohne Uebertreibung nennen — beobachteten. Hutter war innerlich ſehr bewegt über Hetty's Thun, ſo viel Gleichgültigkeit er äußerlich erheuchelte. Er erinn erte ſich ihrer ſanften Warnung an ihn, ehe er die Arche verließ, und das Un⸗ glück machte gewichtig, was im Triumph eines glücklichen Ausgangs wohl vergeſſen worden wäre. Dann kannte er die einfältige, rückſichtsloſe Treue dieſes Kindes, und verſtand, warum ſie ge⸗ Der Wildtödter. 3. Aufl. 15 226 3 kommen, und die gänzliche Selbſtvergeſſenheit, die in allem ihrem Thun waltete. „Das iſt nicht wohlgethan, Hetty,“ ſagte er, mehr die Folgen für das Mädchen ſelbſt als irgend ein andres Unheil beſorgend. „Das find trotzige Irokeſen, und ſo wenig geneigt, eine erfahrene Unbild als eine Gunſt zu vergeſſen.“ „Sagt mir, Vater,“ erwiederte das Mädchen, ſich verſtohlen umſchauend, als fürchtete ſie belauſcht zu werden,„hat Euch Gott das grauſame Vorhaben zugelaſſen, deſſen wegen Ihr hieher kamet? Ich muß dieß durchaus wiſſen, damit ich mit den Indianern frei ſprechen kann, wenn er es nicht gethan.“ „Du hätteſt nicht hieher kommen ſollen, Hetty; dieſe Beſtien werden Dein Weſen und Deine Abſichten nicht verſtehen.“ „Wie war es, Vater? weder Ihr noch Hurry ſcheint Etwas zu haben, das wie Skalpe ausſieht?“ „Wenn Dich das beruhigen kann, Kind, ſo kann ich Dir ant⸗ worten: Nein! Ich hatte die junge Creatur gefaßt, die mit Dir hieher kam, aber ihr Gekreiſch zog mir alsbald einen Schwarm jener wilden Katzen auf den Hals, dem zu widerſtehen für einen einzelnen Chriſtenmenſchen zu Viel war. Wenn Dir das Etwas helfen kann, ſo wiſſe, wir ſind ſo unſchuldig in der Beziehung, dieß Mal einen Skalp erbeutet zu haben, als, wie ich nicht zweifle, unſre Hand rein bleiben wird von dem Preisgeld.“ „Dank Euch für dieß, Vater! Jetzt kann ich kühnlich mit den Jrokeſen ſprechen, und mit leichtem Gewiſſen. Ich hoffe, auch Harry iſt nicht im Stande geweſen, Jemand von den Indianern ein Leid zu thun?“ „Nun, was das betrifft, Hetty,“ verſetzte das fragliche Indi⸗ viduum,„Ihr habt die Sache gar trefflich mit dem rechten Namen genannt. Hurry war nicht im Stande, und das iſt das Ende vom Liede. Ich habe manchen Sturm und Strudel erlebt, alter Geſell, zu Land und zu Waſſer, aber nie ſah ich einen ſo gewaltſamen und unwirſchen, wie der war, der in der vorletzten Nacht in Geſtalt indianiſcher Hurrahbuben uns überfiel. Ha! Hetty, Ihr ſeyd nicht viel nutz für ein Argument oder eine Idee, die etwas tiefer liegen als der gemeine Verſtand; aber Ihr ſeyd menſchlich, und habt einige menſchliche Begriffe; nun will ich Euch nur bitten, dieſe Umſtände Euch recht zu beſehen. Da war der alte Tom, Euer Vater, und ich in einem rechtmäßigen Unternehmen begriffen, wie aus den Worten des Geſetzes und der Proklamation zu erſehen, an nichts Arges denkend, als wir überfallen wurden von Creaturen, die mehr hungrigen Wölfen als ſelbſt ſterblichen Wilden glichen, und da hatten ſie uns wie zwei Schaafe gebunden in weniger Zeit als ich brauchte, Euch die Geſchichte zu erzählen.“ „Ihr ſeyd jetzt frei, Hurry,“ verſetzte Hetty mit ſchüchternem Blick auf die ſtattlichen, ungefeſſelten Glieder des jungen Rieſen. „Eure Arme und Beine werden von keinen Stricken oder Weiden gepeinigt.“ „Nein, Hetty. Natur iſt Natur, und Freiheit iſt auch Natur. Meine Glieder ſehen aus wie frei, aber das iſt auch ſo ziemlich Alles, denn ich kann ſie nicht gebrauchen in der Art wie ich möchte. Selbſt dieſe Bäume haben Augen: ja und auch Zungen; denn wollte der alte Mann hier oder ich nur eine Ruthe weit über unſere Kerkergrenzen hinausſchreiten, ſo würde man von uns Bürgſchaft verlangen, ehe wir unſre Lenden gürten könnten zu einem Wett⸗ rennen; und zehn gegen eins, würden vier oder fünf Büchſenkugeln uns nachreiſen, als eben ſo viele Einladungen, unſre Ungeduld zu zügeln. Es iſt kein Gefängniß in der Colonie ſo feſt, als das, worin wir jetzt ſind; denn ich habe die Tugend von zwei oder drei davon erprobt, und kenne das Material, woraus ſie gemacht ſind, ſo gut, wie die Männer, die ſie gemacht haben, ſelbſt; da Abbrechen ſo gu der nächſte Schritt iſt zum Erlernen des Aufbauens bei allen ſolchen Gebäuden.“ Damit der Leſer nicht eine übertriebene Vorſtellung von Hurry's 228 ſchlimmen Str eichen aus dieſer prahleriſchen und unklugen Of⸗ fenbarung ſich bilde, iſt zu ſagen, daß ſeine Frevel ſich auf thätliche Injurien und Schlägereien beſchränkten, deren einige ihm Gefangenſchaft zugezogen, wo er denn, wie er eben geſagt, mehr⸗ mals entkam und die Gebrechlichkeit der Bauten, in welchen er in Gewahrſam gebracht worden, dadurch zeigte, daß er ſich ſelbſt Thüren öffnete an Stellen, wo die Baumeiſter ſolche anzubringen außer Acht gelaſſen hatten. Aber Hetty wußte gar nichts von Gefängniſſen und Wenig von dem Weſen des Verbrechens, außer was ihre unverfälſchten, beinahe inſtinktmäßigen Begriffe von Recht und Unrecht ihr ſagten, und der Witz des rohen Menſchen, der ſo zu ihr geſprochen, war daher für ſie verloren. Sie verſtand jedoch in der Hauptſache ſeine Meinung, und nur darauf antwortete ſie ihm. „Es iſt am beſten ſo, Hurry,“ ſagte ſie.„Es iſt das Beſte, wenn Vater und Ihr ruhig und im Frieden verharret, bis ich mit den Irokeſen geredet, wo dann Alles gut und glücklich ablaufen wird. Ich wünſche nicht, daß mir Einer von Euch folgt, ſondern daß Ihr mich allein gehen laßt. Sobald Alles ins Reine gebracht iſt, und Ihr Freiheit habt, in das Caſtell zurückzukehren, werde ich kommen und es Euch zu wiſſen thun.“ Hetty ſprach mit ſo unbefangenem Ernſt, ſchien ihres Erfolgs ſo ſicher, und hatte in ihrem Weſen ſo ſehr das Gepräge des ſittlichen Gefühls und der Wahrheit, daß die beiden, die ſie gehört, ſich geneigter fühlten ihrer Vermittlung einiges Gewicht beizulegen, als ſonſt wohl der Fall geweſen wäre. Als ſie daher die Abſicht zeigte, ſie zu verlaſſen, legten ſie ihr Nichts in den Weg, obgleich ſie ſie im Begriff ſahen, ſich der Gruppe von Häuptlingen zu nähern, welche ſich bei Seite, und wie es ſchien, über die Art und den Beweggrund ihres plötzlichen Erſcheinens beſprachen. Als Hiſt— denn ſo wollen wir ſie nennen— ihre Begleiterin allein gelaſſen, ſchlenderte ſie in die Nähe von ein paar älteren Kriegern, die ihr während ihrer Gefangenſchaft am meiſten Wohlwollen bezeigt, und von welchen der Angeſehenere ihr ſogar angeboten, ſie an Kindesſtatt anzunehmen, falls ſie einwilligte, eine Huronin zu werden. Dieſe Richtung ſchlug das ſchlaue Mädchen ausdrücklich in der Abſicht ein, zu Fragen herauszufordern. Sie war mit den Gewohnheiten ihres Volkes zu gut bekannt, als daß ſte mit den Anſichten und Meinungen ihres Geſchlechts und ihrer Jahre ſich Männern und Kriegern aufzudrängen hätte verſuchen mögen; aber die Natur hatte ſie mit einem Takt und einer Ein⸗ ſicht begabt, welche ſie in Stand ſetzte, die gewünſchte Aufmerk⸗ ſamkeit rege zu machen, ohne den Stolz derer zu verletzen, welchen Unterwürfigkeit und Ehrfurcht zu bezeigen ihre Pflicht war. Selbſt die von ihr angenommene Gleichgültigkeit ſpornte die Neugier und Hetty war kaum an der Seite ihres Vaters angelangt, als das delawariſche Mädchen durch eine geheime aber bedeutſame Geberde in den Kreis der Krieger gerufen ward. Hier ward ſie befragt über die Anweſenheit ihrer Begleiterin, und die Beweggründe, die ſie in das Lager geführt. Das war es eben, was Hiſt wünſchte. Sie erzählte die Art und Weiſe, wie ſie die Geiſtesſchwäche Hetty's entdeckt, wobei ſie die Mangelhaftigkeit ihres Verſtandes eher übertrieb als verkleinerte; und dann berichtete ſie in allgemeinen Ausdrücken die Abſicht des Mädchens, warum ſie unter ihre Feinde ſich gewagt. Die Wirkung war ganz die, welche die Erzählerin erwartete; ihre Nachrichten verliehen der Perſon und dem Charakter des Gaſtes eine Art ehrfurchtgebietender Weihe, die, wie ſie wohl wußte, ihr als Schutz dienen mußte. Sobald dieſer ihr Zweck er⸗ reicht war, zog ſich Hiſt in eine Entfernung zurück, wo ſie mit weiblicher Aufmerkſamkeit und ſchweſterlicher Zärtlichkeit ſich daran machte, ein Mahl zu bereiten, welches ihrer neuen Freundin geboten werden ſollte, ſobald es ihr geſtattet wäre, daran Theil zu nehmen. Während dieſer Beſchäftigung jedoch ließ das verſtändige Mädchen in ihrer Wachſamkeit nicht nach; ſie bemerkte ſich jeden Wechſel in den Geſichtern der Häuptlinge, jede Bewegung Hetty's und alle die kleinen Vorfälle, welche möglicherweiſe auf ihre oder ihrer neuen Freundin Intereſſen Einfluß haben konnten. Als Hetty ſich den Häuptlingen näherte, öffneten ſie ihren kleinen Kreis mit einer entgegenkommenden Achtung, welche Männern von mehr höfiſcher Herkunft Ehre gemacht hätte. Ein gefallener Baum lag in der Nähe, und der älteſte der Krieger bedeutete dem Mädchen mit einem ſtummen Zeichen, ſich darauf zu ſetzen, und ſetzte ſich ſelbſt neben ſie mit der Milde und Freundlichkeit eines Vaters. Die Andern gruppirten ſich mit ernſter Würde um die Beiden her; und dann begann das Mädchen, das genug Beobach⸗ tungsgabe beſaß, um zu merken, daß man dieß von ihr erwarte, den Zweck ihres Beſuchs kund zu thun. Im Augenblick jedoch, wo ſie den Mund zum Sprechen öffnete, gab ihr der alte Häuptling einen leiſen Wink, ſich noch zu gedulden, ſagte einem jüngeren Krieger einige Worte, und wartete dann in ſchweigender Geduld, bis dieſer Hiſt zu der Verſammlung gefordert hatte. Dieſe Unter⸗ brechung rührte daher, daß der Häuptling bemerkt hatte, man bedürfe durchaus eines Dollmetſchers; denn Wenige von den anwe⸗ ſenden Huronen und auch ſie nur mangelhaft, verſtanden Engliſch. Wah⸗ta!⸗Wah war es nicht leid, auch zu der Beſprechung berufen zu werden, zumal in der Eigenſchaft, in der man ſie jetzt verlangte. Sie wußte wohl, welche Gefahren ſie lief, wenn ſie einen oder zwei von der Geſellſchaft zu täuſchen ſuchte; aber war nichts deſto weniger entſchloſſen, aller ihr zu Gebote ſtehender Mittel ſich zu bedienen, und alle Liſten in Anwendung zu bringen, welche eine indianiſche Erziehung ihr an die Hand gab, um ſowohl die Nähe ihres Verlobten, als auch das Vorhaben, deſſen halben er gekommen, zu verhehlen. Wer nicht bekannt geweſen mit den 1 Hülfsmitteln und Anſichten des Lebeus der Wilden, hätte ſchwerlich die Raſchheit der Erfindung, die Schlauheit im Handeln, die hohe Entſchloſſenheit, die edeln Gefühle, die tiefe Selbſtaufopferung und die weibliche Selbſtvergeſſenheit da, wo die Liebe ins Spiel kam, ——,— geahnt, welche verborgen lagen unter der ſanftmüthigen Miene, dem milden Auge und dem ſonnigen Lächeln dieſer jungen indiani⸗ ſchen Schönheit. Als ſie ſich näherte, betrachtete ſie der grimmig ausſehende alte Krieger mit Wohlgefallen; denn ſie fühlten einen geheimen Stolz bei der Hoffnung, einen ſo herrlichen Schößling dem Stamm ihres Volkes aufzupfropfen; denn die Adoption ward ſo regelmäßig in Anwendung gebracht und ſo ausdrücklich anerkannt unter den Stämmen Amerika's, als nur je unter den Nationen, welche dem Scepter des Civilgeſetzes huldigen. Sobald Hiſt neben Hetty ſaß, hieß ſie der alte Häuptling ‚das ſchöne junge Bleichgeſicht' fragen, was ſie unter die Irokeſen geführt, und was ſie ihr zu Gefallen thun könnten. „Sagt ihnen, Hiſt, Wer ich bin— Thomas Hutter's jüngſte Tochter; Thomas Hutter's, des Aelteren von ihren zwei Gefangnen; deſſen, dem das Caſtell und die Arche gehört, und der das beſte Recht hat, als Eigenthümer dieſer Berge und dieſes See's zu gelten, dieweil er ſo lange Zeit da gewohnt, und Fallen geſtellt und gefiſcht hat. Sie werden wiſſen, wen Ihr unter Thomas Hutter verſteht, wenn Ihr ihnen das ſagt. Und dann ſagt ihnen, ich ſey hieher gekommen, ſie zu bereden, daß ſie Vater und Hurry kein Leid thun, ſondern ſie im Frieden ziehen laſſen, und ſie eher als Brüder denn als Feinde behandeln. Jetzt ſagt ihnen das Alles gradezu, Hiſt, und fürchtet Nichts für Euch oder für mich; Gott wird uns ſchützen.“ Wah ⸗tal⸗ Wah that wie die Andere verlangte, und beſtrebte ſich, die Worte ihrer Freundin ſo buchſtäblich als möglich in's Jrokeſiſche zu überſetzen, eine Sprache, die ſie beinahe mit gleicher Geläufigkeit wie ihre eigne ſprach. Die Häuptlinge hörten dieſe eröffnende Mittheilung mit ernſtem Anſtand an; die Zwei, welche ein wenig Engliſch verſtanden, deuteten ihre Zufriedenheit mit der Dollmetſcherin durch heimliches aber ausdrucksvolles Winken mit den Augen an. 232 „Und jetzt, Hiſt,“ fuhr Hetty fort, ſobald man ihr andeutete dieß zu thun,„und jetzt, Hiſt, wünſche ich, daß Ihr dieſen rothen Männern Wort für Wort dollmetſcht, was ich ſagen will. Sagt ihnen zuerſt, daß Vater und Hurry hieher kamen mit der Abſicht, ſo viele Skalpe als möglich zu erbeuten; denn der ſündhafte Gou⸗ verneur und die Provinz haben Geld für Skalpe geboten von Kriegern oder Weibern, von Männer oder Kindern; und die Liebe zum Gold war ihrem Herzen zu ſtark, um zu widerſtehen. Sagt ihnen dieß, liebe Hiſt, gerade ſo wie Ihr es von mir gehört, Wort für Wort.“ Wah⸗ta!⸗Wah zanderte, dieſe Rede ſo buchſtäblich, wie Jene verlangt, wiedegageben: aber da ſie das Verſtändniß derer, die etwas Engliſch wußten, bemerkt hatte, und ſelbſt eine genauere Kenntniß dieſer Sprache, als ſie wirklich beſaßen, bei ihnen als möglich vorausſetzte, ſah ſie ſich genöthigt zu gehorchen. Im Wider⸗ ſpruch mit dem, was ein Civiliſirter als Folge hievon hätte er⸗ warten mögen, brachte das Zugeſtändniß der Beweggründe und des Vorhabens der Gefangnen keinen ſichtbaren Eindruck auf die Mienen noch auch auf die Gefühle der Zuhörer hervor. Vermuth⸗ lich ſahen ſie die That als einträglich an, und was Keiner von ihnen ſelbſt auszuüben irgend Anſtand genommen hätte, das war er auch nicht gemeint an einem Andern zu tadeln. „Und jetzt, Hiſt,“ begann Hetty von neuem, ſobald ſie be⸗ merkte, daß ihre bisherigen Reden von den Häuptlingen begriffen worden;„könnt Ihr ihnen Mehr ſagen. Sie wiſſen, daß Vater und Hurry nicht glücklich waren; und daher können ſie ihnen nicht grollen wegen eines ihnen widerfahrenen Leides. Wenn ſie ihre Weiber und Kinder erſchlagen hätten, ſo würde das an der Sache Nichts ändern; und ich weiß nicht, ob das, was ich ihnen zu ſagen im Begriff ſtehe, nicht noch mehr Gewicht hätte, wenn das Unheil wirklich geſchehen wäre. Aber fragt ſie zuerſt, Hiſt, ob ſie wiſſen, daß ein Gott iſt, der über die ganze Erde regiert und Herr und Häuptling Aller iſt, die da leben, ſeyn ſie roth oder weiß, oder von welcher Farbe ſie wollen?“ Wah⸗ta!⸗Wah ſchien etwas erſtaunt über dieſe Frage; denn der Begriff des Großen Geiſtes bleibt ſelten dem Gemüth eines indianiſchen Mädchens lange fremd. Sie ſtellte jedoch die Frage, ſo buchſtäblich als moͤglich überſetzt, und erhielt eine ernſte, be⸗ jahende Antwort. „Das iſt recht,“ fuhr Hetty fort,„und meine Pflicht wird jetzt leicht zu erfüllen ſeyn. Dieſer Große Geiſt, wie Ihr unſern Gott nennt, hat ein Buch ſchreiben laſſen, das wir die Bibel nennen; und in dieſem Buch ſind alle ſeine Gebote aufgezeichnet, und ſein heiliger Wille und Wohlgefallen, und die Vorſchriften, nach welchen alle Menſchen leben ſollen, und Anweiſungen, wie man ſelbſt die Gedanken beherrſchen ſoll und die Wünſche und den Willen. Hier, dieß iſt eines von jenen heiligen Büchern, und Ihr müßt den Häuptlingen erklären, was ich ihnen aus ſeinen heiligen Blättern leſen will.“ Nachdem Hetty dieß geſprochen, zog ſie eine kleine engliſche Bibel aus einem Futteral von grobem Caliko, und handhabte das Buch mit jener Art von äußerlicher Ehrfurchtsbezeugung, die etwa ein Römiſchkatholiſcher einer Reliquie erweiſen könnte. Während ſie langſam in ihrem Beginnen fortfuhr, beobachteten die grimmig ausſehenden Krieger jede ihrer Bewegungen mit unverwandten Augen; und als ſie das kleine Buch erſcheinen ſahen, entſchlüpfte Einem oder Zweien von ihnen ein leiſer Ausruf des Erſtaunens. Aber Hetty hielt es ihnen im Triumph entgegen, als erwartete ſie, daß ſchon der Anblick ein ſichtbares Wunder thun ſolle; und dann, ohne Ueberraſchung oder Kraͤnkung bei dem Stoicismus der In⸗ dianer blicken zu laſſen, wandte ſie ſich lebhaft zu ihrer neuen Freundin, um ihre Rede fortzuſetzen. „Dieß iſt das heilige Buch, Hiſt,“ ſagte ſie,„und dieſe Worte, und Zeilen, und Verſe und Kapitel kommen alle von Gott!“ 234 „Warum der Große Geiſt nicht auch den Indianern Buch ſchicken?“ fragte Hiſt mit der Unbefangenheit eines gänzlich unver⸗ fälſchten Gemüthes. „Warum nicht?“ erwiederte Hetty, ein wenig betroffen über dieſe ſo unerwartete Frage.„Warum nicht? Ha! Ihr wißt ja, die Indianer können nicht leſen.“ 4 Wenn auch Hiſt mit dieſer Erklärung nicht ganz befriedigt war, hielt ſie doch den Gegenſtand nicht für erheblich genug, ihn weiter zu verfolgen. Sie neigte nur ihren Leib einfach vor, be⸗ ſcheiden und ſanft die Wahrheit des Vernommenen gelten laſſend, und ſaß da, geduldig die weitern Argumente der Bleichgeſicht⸗ ſchwärmerin erwartend. „Ihr könnt dieſen Häuptlingen ſagen, daß überall in dieſem Buche dem Menſchen geboten iſt, ihren Feinden zu verzeihen, ſie wie Brüder zu behandeln, und nie ihren Mitmenſchen ein Leid zu⸗ zufügen, namentlich auch nicht aus Rachſucht oder ſonſt einer böſen Leidenſchaft. Meint Ihr ihnen dieß ſo ſagen zu können, daß ſie es wohl verſtehen werden, Hiſt?“ „Es ihnen ſagen können wohl, aber ſie es nicht leicht verſtehen werden.“ Dann erklärte Hiſt die Ideen Hetty's, ſo gut und deutlich ſie nur immer konnte, den aufmerkſamen Indianern, welche ihre Worte ungefähr mit dem Erſtaunen vernahmen, wie es etwa ein Amerikaner unſrer Zeiten an den Tag legen würde bei der Behauptung, daß die große aber ſchwankende Beherrſcherin der menſchlichen Dinge der modernen Zeit, die öffentliche Meinung, Unrecht haben könnte. Ein Paar von ihnen jedoch, die ſchon mit Miſſionären zuſammen⸗ getroffen, ſagten einige erläuternde Worte, und jetzt widmete die Gruppe alle Aufmerkſamkeit den Mittheilungen, die nun folgen ſollten. Ehe Hetty wieder begann, erkundigte ſie ſich ernſtlich bei Hiſt, ob die Häuptlinge ſie verſtanden, und war mit einer aus⸗ weichenden Antwort leicht zu befriedigen. 23⁵ „Jetzt will ich den Kriegern einige von den Verſen leſen, welche kennen zu lernen ihnen gut iſt,“ fuhr das Mädchen fort, deſſen Benehmen im weitern Verlauf immer ernſter und feierlicher wurde;„und ſie werden bedenken, daß es die eignen Worte des Großen Geiſtes ſind. Für's erſte denn wird Euch geboten: liebe deinen Nächſten wiedich ſelbſt!’ Erklärt ihnen das, liebe Hiſt.“ „Nächſter für Indianer kein Bleichgeſicht,“ antwortete das delawariſche Mädchen mit größerer Beſtimmtheit, als ſie bisher zu zeigen für gut befunden.„Nächſter heißt Irokeſe für Irokeſen, Mohikan für Mohikan, Bleichgeſicht für Bleichgeſicht. Häuptlinge ſonſt Nichts nöthig zu ſagen.“ „Ihr vergeßt, Hiſt, das ſind die Worte des Großen Geiſtes, und die Haͤuptlinge müſſen ihnen gehorchen ſo gut als Andere. Hier iſt ein anderes Gebot: ‚„So dich Jemand ſchlägt auf den rechten Backen, dem biete den andern auch dar.“ „Was das bedeuten?“ fragte Hiſt mit Blitzesſchnelle. Hetty erklärte, daß es ein Gebot ſey, Beleidigungen nicht zu rächen, ſondern lieber der Erduldung neuer Unbilden von dem Be⸗ leidiger ſich auszuſetzen. „Und höre auch dieß, Hiſt,“ fuhr ſie fort:„Liebet Eure Feinde, ſegnet die Euch fluchen, thut wohl denen die Euch haſſen, und betet für die, ſo Euch verachten und verfolgen.“ Jetzt war Hetty ganz aufgeregt worden; ihre Augen leuchteten vermöge der Lebhaftigkeit ihrer Gefühle, ihre Wangen flammten, und ihre Stimme, gewöhnlich ſo leiſe und zitternd, wurde ſtärker und nachdrücklicher. Mit der Bibel war ſie frühe ſchon durch ihre Mutter bekannt gemacht worden; und ſie ging jetzt von Stelle zu Stelle über mit überraſchender Schnelligkeit, und las ſorgfältig ſolche Verſe heraus, welche die erhabnen Lehren chriſtlicher Liebe und Verſöhnlichkeit predigen. Auch nur die Hälfte deſſen, was ſie in ihrem frommen Ernſt vorbrachte, zu überſetzen, würde Wah⸗ta!⸗Wah unmöglich gefunden haben, hätte ſie auch den Verſuch gemacht; aber Staunen hielt ihre Zunge gebunden, wie die der Häupt⸗ linge; und die junge, treuherzige Schwärmerin war durch ihre Anſtrengung ganz erſchöpft worden, ehe die Andre nur den Mund öffnete, um eine Sylbe vorzubringen. Und dann gab wirklich das delawariſche Mädchen eine kurze Ueberſetzung von dem Weſentli⸗ chen des Geſprochenen und Geleſenen, beſchränkte ſich aber auf ein paar der ergreifendſten von den Verſen, diejenigen, die ihrer Ein⸗ bildungskraft als die paradoxreſten aufgefallen waren, und die auf den Fall freilich am anwendbarſten geweſen wären, hätten die un⸗ gebildeten Gemüther der Zuhörer die großen moraliſchen Wahr⸗ heiten faſſen können, die ſie enthielten. Es wird kaum nöthig ſeyn, unſern Leſern die Wirkung zu ſchildern, die eine ſolche neue Pflichtenlehre aller Wahrſcheinlichkeit nach unter einer Gruppe indianiſcher Krieger hervorbringen mußte, bei denen es eine Art von religiöſem Grundſatz war, nie eine Wohlthat zu vergeſſen und nie ein Unrecht zu verzeihen. Zum Glück hatten die vorangegangnen Erklärungen Hiſt's die Gemüther der Huronen auf etwas Abſonderliches vorbereitet; und das Meiſte von dem, was ihnen unvernünftig und parador erſchien, ward durch den Umſtand erklärt, daß die Sprecherin einen von den meiſten andern Sterblichen ganz abweichend organiſirten Geiſt beſitze. Doch waren ein Paar alte Männer da, welche ähnliche Lehren ſchon von den Miſſionären gehört hatten, und ſie fühlten ein Verlangen, einen müſſigen Augenblick mit weiterer Verfolgung eines Gegenſtandes, den ſie ſo merkwürdig fanden, auszufüllen. „Das iſt das Gute Buch der Bleichgeſichter,“ bemerkte Einer von dieſen Häuptlingen, das Buch aus der Hand der keinen Wider⸗ ſtand leiſtenden Hetty nehmend, welche ihm ängſtlichgeſpannt ins Geſicht ſtarrte, während er die Blätter umwandte, als erwartete ſie von dieſer Thatſache ſichtbare Ergebniſſe.„Das iſt das Geſetz, wornach meine weißen Brüder zu leben behaupten?“ 237 Hiſt, an welche dieſe Frage gerichtet war, wenn man über⸗ haupt ſagen kann, daß ſie an eine beſtimmte Perſon gerichtet ge⸗ weſen, antwortete einfach bejahend, und fügte bei, daß ſowohl die Franzoſen der Canada's, als die Nengeeſe der britiſchen Pkovinzen ſein Anſehen gleichermaßen anerkennten, und ſeine Grundſätze zu ehren behaupteten. „Erklärt meiner jungen Schweſter,“ ſagte der Hurone, Hiſt ſcharf anblickend,„daß ich meinen Mund öffnen, und einige wenige Worte ſprechen will.“ „Der Irokeſenhäuptling ſprechen wollen— meine Bleichge⸗ ſichtfreundin zuhören,“ dollmeſchte Hiſt. „Ich freue mich, das zu hören!“ rief Hetty.„Gott hat ſein Herz gerührt, und er wird jetzt Vater und Hurry ziehen laſſen!“ „Das iſt des Bleichgeſichts Geſetz,“ begann der Häuptling. „Es gebietet ihm Gutes zu thun dem, der ihn verletzt; und wenn ſein Bruder von ihm ſeine Büchſe verlangt, ihm das Pulverhorn dazu zu geben. Das iſt das Bleichgeſichtsgeſetz?“ „Nicht ſo— nicht ſo,“ antwortete Hetty ernſt, nachdem dieſe Worte waren gedollmetſcht worden.„Es ſteht kein Wort von Büchſen in dem ganzen Buch: und Pulver und Kugeln ſind dem heiligen Geiſt ein Aergerniß.“ „Nun dann, warum gebraucht ſie denn das Bleichgeſicht? Wenn ihm geboten iſt, dem doppelt zu geben, der nur Eines verlangt, warum nimmt er doppelt den armen Indianern, die Nichts verlangen? Er kommt vom Lande der aufgehenden Sonne mit ſeinem Buch in der Hand, und lehrt den Rothmann es leſen; aber warum vergißt er ſelbſt Alles, was es ſagt? Wenn der Indianer gibt, iſt er nie zufrieden; und jetzt bietet er Gold für die Skalpe unſrer Weiber und Kinder, obgleich er uns Beſtien nennt, wenn wir den Skalp eines Kriegers nehmen, der im offenen Krieg getödtet worden. Mein Name iſt Rivenoak.“* * Zerſpaltene Eiche. 238 Als Hetty dieſe furchtbare Frage ihrer Seele in der Ueberſetzung recht veranſchaulicht hatte— und Hiſt that bei dieſer Gelegen⸗ heit ihre Pflicht mit ungewöhnlicher Bereitwilligkeit— war ſie, wie kaum zu ſagen nöthig, in bittrer Verlegenheit. Geſcheutere Köpfe als der dieſes armen Mädchens ſind häufig durch Fragen von ähnlicher Richtung in Verwirrung gebracht worden; und es kann nicht befremden, daß ſie mit all ihrem Ernſt und ihrer Auf⸗ richtigkeit nicht wußte, welche Antwort geben. „Was ſoll ich ihnen ſagen, Hiſt?“ fragte ſie flehentlich;„ich weiß, daß Alles, was ich aus dem Buche geleſen, wahr iſt; und doch könnte es als nicht wahr erſcheinen nach der Handlungsweiſe derer, denen dieß Buch gegeben iſt, oder nicht?“ „Gebt ihnen Bleichgeſichtsgründe,“ verſetzte Hiſt ironiſch;„die immer gut für Eine Seite, obgleich ſchlecht für die andere.“ „Nein, nein, Hiſt, es gibt keine zwei Seiten für die Wahr⸗ heit— und doch erſcheint es ſo ſeltſam! Gewiß habe ich die Verſe recht geleſen, und Niemand würde ſo ruchlos ſeyn, das Wort Gottes falſch zu drucken. Das kann nie ſeyn, Hiſt.“ „Nun, armem indianiſchem Mädchen ſcheinen, es kann Alles ſeyn bei Bleichgeſichtern,“ verſetzte die andere kühl.„Ein Mal ſagen ſie weiß, und das andre Mal ſchwarz. Warum denn es nie ſeyn kann?“ Seetty wurde immer verwirrter, bis ſie endlich, überwältigt von der Angſt, ſie habe ihren Zweck verfehlt, und das Leben ihres Vaters und Hurry's werde durch einen Mißgriff von ihrer Seite aufgeopfert werden, in Thränen ausbrach. Von dieſem Augenblick an verſchwand im Benehmen Hiſt's alle Ironie und kühle Gleich⸗ gültigkeit, und ſie wurde wieder die zärtliche, liebkoſende Freundin. Ihre Arme um das betrübte Mädchen ſchlingend, ſuchte ſie ihren Kummer zu beſchwichtigen durch das kaum je ſeine Wirkung ver⸗ fehlende Mittel weiblichen Mitgefühls. „Aufhören weinen— nicht weinen!“ ſagte ſie, die Thränen 239 aus Hetty's Angeſicht wiſchend, wie ſie denſelben Dienſt einem Kinde würde geleiſtet haben, und beugte ſich herab, um ſie gelegentlich mit der Zärtlichkeit einer Schweſter an ihr warmes Herz zu drücken; „warum Euch ſo beunruhigen? Ihr nicht das Buch machen, wenn es falſch ſeyn, und Ihr nicht Bleichgeſicht machen, wenn er ruchlos. Es böſe rothe Männer geben und böſe weiße Männer— keine Farbe ganz gut— keine Farbe ganz böſe. Häuptlinge das gut genug wiſſen.“ Hetty erholte ſich bald von dieſem plötzlichen Ausbruch des Jammers, und dann wendete ſich ihr Gemüth wieder mit all ſeinem treuherzigen Ernſt zu dem Zweck ihres Beſuchs. Sie bemerkte, daß die grimmig ausſehenden Häuptlinge noch in ernſter Aufmerk⸗ ſamkeit um ſie her ſtanden, und hoffte, ein neuer Verſuch, ſie vom Rechten zu überzeugen, werde beſſer gelingen. „Hört, Hiſt,“ ſagte ſie, ringend ihr Schluchzen zu unterdrücken und vernehmlich zu ſprechen;„ſagt den Häuptlingen, es frage ſich nicht, was die Ruchloſen thun— Recht iſt Recht— die Worte des Großen Geiſtes ſind die Worte des Großen Geiſtes— und Niemand kann ungeſtraft eine böſe That thun, weil ein Andrer vor ihm ſie gethan hat! Vergeltet Böſes mit Gutem! ſagt dieß Buch; und das iſt das Geſetz für die rothen Männer wie für die Weißen.“ „Nie hören von ſolchem Geſetz unter Delawaren oder Iroke⸗ ſen,“ antwortete Hiſt begütigend.„Nicht gut, den Häuptlingen von ſolchem Geſetz ſagen. Sagt ihnen Etwas, das ſie glauben.“ Hiſt wollte demungeachtet in ihrem Dollmetſchen fortfahren, als eine Berührung von dem Finger des älteſten Häuptlings auf ihrer Schulter ſie aufſchauen machte, da bemerkte ſie, daß Einer von den Kriegern die Gruppe verlaſſen hatte, und ſchon mit Hutter und Hurry wieder zurückkam. Begreifend, daß die beiden Letztern auch in die Unterſuchung hineingezogen werden ſollten, verſtummte ſie, mit dem nie zögernden Gehorſam eines indianiſchen Weibes. 240 Nach wenigen Sekunden ſtanden die Gefangenen den Vornehmſten der ſie gefangen haltenden Truppe Angeſicht gegen Angeſicht gegenüber. „Tochter,“ ſagte der älteſte Häͤuptling zu der jungen Delawa⸗ rin,„fragt dieſen Graubart, warum er in unſer Lager gekommen?“ Die Frage ward von Hiſt in ihrem unvollkommnen Engliſch geſtellt, aber in einer Art, die nicht ſchwer zu verſtehen war. Hutter war von Natur zu trotzig und verſtockt, um vor den Folgen irgend einer ſeiner Handlungen zurückzubeben, und er war auch zu genau vertraut mit Anſichten der Wilden, um nicht einzuſehen, daß Nichts zu gewinnen ſtehe durch Zweideutigkeiten oder eine un⸗ männliche Scheue vor ihrem Zorn. Ohne Bedenken geſtand er daher die Abſicht, in welcher er gelandet, und rechtfertigte ſie nur mit dem Umſtand, daß die Regierung der Provinz hohe Preiſe für Skalpe geboten. Dieß offene Geſtändniß ward von den Jrokeſen mit ſichtlicher Zufriedenheit aufgenommen, nicht ſowohl jedoch in Betracht des Vortheils, den es ihnen, vom moraliſchen Geſichts⸗ punkt angeſehen, gewährte, als ſo fern es ein Beweis war, daß ſte einen Mann gefangen, werth, ihre Gedanken zu beſchäftigen und Gegenſtand ihrer Rache zu werden. Hurry, befragt, geſtand ebenfalls die Wahrheit, obwohl er zur Verheimlichung geneigter, als ſein trotziger Genoſſe geweſen wäre, hätten die Umſtände dieſe Handlungsweiſe beſſer begünſtigt. Aber er beſaß Takt genug, um einzuſehen, daß Zweizüngelei in dieſem Augenblick nutzlos ſeyn würde, und er machte aus der Noth eine Tugend, indem er eine Freimüthigkeit nachahmte, die bei Hutter das Ergebniß einer ihm zur andern Natur gewordnen Gleichgültigkeit war, indem er nur einer jederzeit rauhen, ſchroffen und um Folgen für ſeine Perſon unbekümmerten Gemüthsart folgte. Sobald die Häuptlinge die Antworten auf ihre Fragen er⸗ halten, ſchritten ſte ſchweigend weg, wie Männer, die die Sache als abgethan betrachteten, und alle Dogmen Hetty's waren weggeworfen bei Weſen, die von der Kindheit bis zum Mannesalter in der Schule der Gewaltthat herangewachſen waren. Hetty und Hiſt blieben jetzt allein mit Hutter und Hurry, und den Schritten und Bewegungen von Keinem ſchien irgend ein Zwang auferlegt, obwohl in der That alle Vier unabläſſig und aufmerkſam bewacht wurden. Was die Männer betrifft, ſo ward ſorgfältig darauf geachtet, ſie zu verhindern, von einer der Büchſen Beſitz zu ergrei⸗ fen, welche ringsum zerſtreut lagen, ihre eigenen mit eingeſchloſſen; aber hierauf war alle offenkundige Bewachung beſchränkt. Aber ſie, die ſo erfahren waren in indianiſchen Bräuchen und Liſten, wußten zu gut, wie groß der Abſtand war zwiſchen Schein und Wirklich⸗ keit, um ſich durch dieſe anſcheinende Sorgloſigkeit täuſchen zu laſſen. Obgleich beide unaufhörlich auf Mittel zur Flucht dachten, und zwar ohne Verabredung, erkannte doch jeder die Fruchtloſigkeit, einen Plan der Art zu verſuchen, der nicht tief angelegt und raſch ausgeführt würde. Sie waren lang genug in dem Lager, und hinlänglich ſcharfe Beobachter, um ſich vergewiſſert zu haben, daß auch Hiſt eine Art Gefangene war; und auf dieſen Umſtand bauend ſprach Hutter in ihrer Gegenwart offener, als er vielleicht ſonſt räthlich gefunden hätte, und veranlaßte durch ſein Beiſpiel Hurry zu gleicher Sorgloſigkeit. „Ich will Dich nicht tadeln, Hetty, daß Du mit dieſem Vor⸗ haben hieher kamſt, das gut gemeint, wenn auch nicht ſehr klug angelegt war,“ begann der Vater, indem er ſich neben ſeine Tochter ſetzte und ihre Hand ergriff; ein Zeichen der Zärtlichkeit, das dieſer rauhe Mann gerade dieſem Kind zu geben pflegte—„aber Predigen und die Bibel ſind nicht die Mittel, einen Indianer von ſeinem Wege abzubringen. Hat Wildtödter eine Botſchaft geſchickt; oder hat er einen Anſchlag, durch den er uns in Freiheit zu ſetzen denkt?“ „Ja, das iſt die Hauptſache vom Ganzen,“ ſiel Hurry ein; „wenn Ihr uns zu einer halben Meile Freiheit verhelfen könnt, Der Wildtödter. 3. Aufl. 16 242 Mädchen, oder auch nur zu einem guten Vorſprung von einer Viertelmeile, ſo will ich für das Uebrige ſtehen. Vielleicht der alte Mann bedarf etwas Mehr, aber für Einen von meiner Größe und meinen Jahren würde das alle Anſtände beſeitigen.“ Hetty ſah bekümmert aus und wandte ihre Augen von Einem zum Andern; aber ſie hatte keine Antwort zu geben auf die Frage des brutalen Hurry. „Vater,“ ſagte ſie,„weder Wildtödter noch Judith wußten von meinem Plan zu gehen, bis ich die Arche verlaſſen hatte. Sie fürchten, die Irokeſen möchten einen Floß machen und verſuchen, ſich der Hütte zu bemächtigen, und denken mehr daran, die zu vertheidigen, als Euch zu Hülfe zu kommen.“ „Nein— nein— nein,“ ſagte Hiſt haſtig, obwohl mit leiſer Stimme und das Angeſicht zu Boden geſenkt, um diejenigen, von denen ſie ſich wohl bewacht wußte, gar nicht ſehen zu laſſen, daß ſie überhaupt ſprach.„Nein, nein, nein, Wildtödter ganz andrer Mann. Er nicht daran denken, ſich ſelbſt zu vertheidigen, wenn ein Freund in Gefahr. Einer dem Andern helfen, und Alle zur Hütte gelangen.“ „Das klingt gut, alter Tom,“ ſagte Hurry winkend und lachend,— obgleich auch er die Vorſicht gebrauchte, leiſe zu ſprechen.„Gebt mir nur eine Indianerin von ſchnellem Witz zur Freundin, und ich will, denke ich, den Teufel zu Schanden machen, wenn auch nicht gerade einen Jrokeſen.“ „Sprecht nicht laut,“ ſagte Hiſt;„einige Irokeſen die Yengeeſe Sprache gelernt und alle Yengeeſe Ohr haben.“— „Haben wir eine Freundin an Euch, junges Weib?“ fragte Hutter mit ſteigendem Intereſſe an der Unterredung.„Wenn dieß, ſo könnt Ihr auf eine tüchtige Belohnung rechnen, und nichts wird leichter ſeyn, als Euch zu Eurem eignen Stamme zu ſenden, wenn wir Euch nur einmal mit uns ſicher ins Caſtell gebracht haben. Gebt uns die Arche und die Canoes, ſo beherrſchen wir den See, trotz allen Wilden in den Canadas. Nur Artillerie könnte uns aus dem Caſtell vertreiben, wären wir nur einmal wieder darin.“ „Geſetzt ſie ans Land kommen, Skalpe zu holen?“ verſetzte Hiſt mit kühler Ironie, worin das Mädchen erfahrener ſchien, als bei ihrem Geſchlecht gewöhnlich iſt. „Ja, ja— das war ein Mißgriff; aber Wehklagen helfen wenig, und noch weniger, junges Weib, Stichelreden!“ „Vater,“ ſagte Hetty,„Judith denkt daran, den großen Schrank aufzubrechen, in der Hoffnung, darin etwas zu finden, womit ſie Eure Freiheit von den Wilden erkaufen könnte.“ Eine finſtre Wolke überzog Hutter's Geſicht bei der Nachricht von dieſem Umſtand, und er murmelte ſeine Mißbilligung ſo laut, daß alle Anweſenden es hörten.. „Warum nicht aufbrechen großen Schrank?“ warf Hiſt ein. „Leben lieber als alter Schrank. Skalp lieber als alter Schrank. Wenn nicht Tochter erlauben ihn aufzubrechen, Wah⸗ta!⸗Wah ihm nicht helfen davonzulaufen!“ „Ihr wißt nicht, was Ihr verlangt— Ihr ſeyd einfältige Mädchen, und das Klügſte für Euch beide iſt, zu ſprechen, von was Ihr verſteht, und ſonſt von Nichts. Dieſe kalte Vernachläſ⸗ ſigung der Wilden gefällt mir nicht ſehr, Hurry, es iſt ein Beweis, daß ſie an etwas Ernſtes denken, und wenn wir etwas thun wollen, müſſen wir es bald thun. Können wir auf dieß junge Weib zählen, meint Ihr?“ „Hört,“ ſagte Hiſt raſch und mit einem Ernſt, der bewies, wie lebhaft ihr Gefühl betheiligt war—„Wah⸗ta!⸗Wah keine Irokeſin— ganz und gar Delawarin— Delawarenherz— Dela⸗ warengefühl haben. Sie auch Gefangene. Ein Gefangner andern Gefangnen helfen. Nicht gut jetzt Mehr ſchwatzen. Tochter bei Vater bleiben— Wah⸗ta!⸗Wah kommen und Freund ſehen— Alles gut ausſehen— dann ſagen, was thun.“ Dieß ward mit leiſer Stimme, aber deutlich geſprochen, und 4 244 in einer Art, um Eindruck zu machen. Sohbald ſie ſich ſo geäußert, ſtand das Mädchen auf und verließ die Gruppe, langſam nach der Hütte zurückkehrend, die ſie bewohnte, als nähme ſie kein weiteres Intereſſe an dem, was zwiſchen den drei Bleichgeſichtern ver⸗ handelt werden mochte. Zwölftes Kapitel. Sie ſpricht von ihrem Vater; ſagt, ſie höre, Die Welt ſey ſchlimm, und ächzt und ſchlägt die Bruſt; Ein Strohhalm ärgert ſie, ſie ſpricht verworren: Mit halbem Sinn nur; ihre Red' iſt nichts, Doch leitet ihre ungeſtalte Art Die Hörenden auf Schlüſſe;— Shakſpeare. Wir verließen die Inhaber des Caſtells und der Arche in Schlaf verſunken. Ein paarmal zwar im Laufe der Nacht ſtand Wildtödter oder der Delaware auf, um auf den ruhigen See hin⸗ auszuſchauen, und kehrten, wenn ſie Alles ſicher fanden, zu ihren Lagerſtätten zurück und ſchliefen wie Leute, die ſich ihre natürliche Ruhe nicht leicht nehmen oder ſtören laſſen. Bei dem erſten An⸗ zeichen der Morgendämmerung jedoch ſtand der Erſtere auf, und traf die ihn ſelbſt zunächſt angehenden Vorkehrungen für den Tag; ſein Genoſſe aber, der in den letzten Zeiten keine ruhige oder un⸗ geſtörte Naͤchte gehabt hatte, blieb auf ſeiner Pritſche liegen, bis die Sonne ganz aufgegangen war. Auch Judith war an dieſem Morgen ſpäter als gewöhnlich, denn die frühern Stunden der Nacht hatten ihr wenig Erquickung oder Schlaf gebracht. Aber ehe die Sonne ſich über den öſtlichen Hügeln gezeigt, waren doch auch ſie auf und auf den Beinen; denn in jener Gegend bleiben ſelbſt die Faulen ſelten nach dem Erſcheinen des großen Himmels⸗ lichts noch auf ihren Polſtern liegen. Chingachgook war eben mit ſeiner Waldtoilette beſchäftigt, als Wildtödter in die Cajüte der Arche trat, und ihm ein Paar grobe aber leichte Sommerkleidungsſtücke hinwarf, welche Hutter gehörten. „Judith hat mir das für Euch gegeben, Häuptling,“ ſagte der Letztere, indem er die Jacke und Beinkleider zu den Füßen des Indianers hinwarf;„denn es iſt gegen alle Klugheit und Vorſicht, daß Ihr Euch in Eurer Kriegstracht und Bemalung blicken laſſet. Waſcht all die feurigen Streifen von Eurer Wange ab, legt dieſe Kleider an, und hier iſt ein Hut, ſo wie er nun eben iſt, der Euch einen ſchauerlich unciviliſirten Anſtrich von Civiliſation, wie die Miſſionäre ſagen, geben wird. Vergeßt nicht, daß Hiſt in der Nähe iſt, und was wir für das Maͤdchen thun, geſchehen muß, indem wir für Andere handeln. Ich weiß, es iſt gegen Eure Gaben und Natur, Kleider zu tragen, wenn ſie nicht nach eines rothen Mannes Schnitt und Tracht ſind, aber macht jetzt aus der Noth eine Tugend, und legt dieſe ſofort an, wenn ſie Euch auch etwas wider den Magen ſind.“ Chingachgook, oder die Schlange, betrachtete die Kleider mit ſtarkem Mißfallen; aber er erkannte den Nutzen der Vermummung, wenn auch nicht ihre abſolute Nothwendigkeit. Entdeckten die Irokeſen einen rothen Mann in dem oder um das Caſtell, ſo konnte ſie dieß gar leicht behutſamer machen, und ihrem Argwohn die Richtung auf ihre Gefangne geben. Alles war beſſer als ein Fehl⸗ ſchlagen ſeiner Abſicht, ſeine Verlobte betreffend, und nachdem er die verſchiednen Kleidungsſtücke nach allen Seiten gedreht, ſie mit einer Art ernſter Ironie geprüft, ſie in einer Weiſe anzuziehen verſucht, die ſich von ſelbſt verbot, und auch ſonſt den Widerwil⸗ len eines jungen Wilden an den Tag gelegt hatte, ſeine Glieder in die herkömmlichen Feſſeln und Bande des civyiliſirten Lebens zu ſchnüren, unterwarf ſich der Häuptling den Anweiſungen ſeines Freundes, und ſtand am Ende als ein rother Mann nur noch der Farbe nach da— ſo weit nämlich das Auge darüber urtheilen konnte. Von dieſer ihm einzig noch gebliebenen Eigenſchaft jedoch 246 war Wenig zu befürchten, da die Entfernung von der Küſte und der Mangel von Ferngläſern jede genauere Prüfung abſchnitt, und Wildtödter ſelbſt, obgleich von einem hellern und friſchern Teint, hatte doch ein Geſicht, dem die Sonne eine Farbe aufgebrannt, kaum minder roth als die ſeines Mohikaniſchen Genoſſen. Das linkiſche, verlegene Weſen des Delawaren in ſeiner neuen Tracht machte an dieſem Tage ſeinen Freund mehr als einmal lächeln, aber er enthielt ſich gefliſſentlich aller jener Scherze, die bei einer ſolchen Gelegenheit unter Weißen aufs Tapet gekommen wären; da die Lebensgewohnheiten eines Häuptlings, die Würde eines Kriegers auf ſeinem erſten Kriegspfad, und der Ernſt der Umſtände, worin ſie ſich befanden, zuſammen genommen, eine ſolche Leicht⸗ fertigkeit gleich unzeitgemäß erſcheinen ließen. Die Begegnung der drei Inſulaner, wenn wir dieſen Aus⸗ druck gebrauchen dürfen, beim Morgenimbiß war ſtumm, ernſt und nachdenklich. Judith's Ausſehen zeigte, daß ſie eine unruhige Nacht gehabt, während den beiden Männern die Zukunft, mit ihren un⸗ ſichtbaren und unbekannten Ereigniſſen, vor der Seele ſtand. Wenige Worte der Höflichkeit wurden zwiſchen Wildtödter und dem Mädchen im Verlauf des Frühſtücks gewochſelt, aber ihre Lage mit keiner Sylbe beſprochen. Endlich brachte Judith, deren Herz voll war, und deren neue Gefühle ſie zu ungewöhnlich weichen und ſanften Empfindungen ſtimmten, dieſen Gegenſtand auf die Bahn, und das in einer Art, welche zeigte, wie ſehr er im Lauf der letzten ſchlafloſen Nacht ihre Gedanken mußte beſchäftigt haben. „Es wäre ſchrecklich, Wildtödter,“ rief das Mädchen plotzlich aus,„wenn meinem Vater und Hetty etwas Ernſthaftes zuſtieße! Wir dürfen hier nicht ruhig ſitzen, und ſie in den Händen der Irokeſen laſſen, ohne auf Mittel zu denken, ihnen zu dienen.“ „„Ich bin bereit, Judith, ihnen zu dienen, und allen Andern, d in Nöthen ſind, könnte man mir nur die Art und Weiſe zeigen, s zu thun. Es iſt keine Kleinigkeit, in die Hände von Rothhäuten zu fallen, wenn Leute auf ein Vorhaben ausziehen, wie das war, welches Hutter und Hurry ans Land lockte; das weiß ich ſo gut wie ein Andrer; und ich wünſchte meinem ſchlimmſten Feind nicht, daß er in eine ſolche Klemme käme, viel weniger Solchen, mit denen ich gereist bin, gegeſſen und geſchlafen habe. Habt Ihr irgend einen Plan, deſſen Ausführung Ihr von der Schlange und mir verſucht wünſchtet?“ „Ich kenne kein anderes Mittel, die Gefangnen frei zu machen, als Beſtechung der Irokeſen. Sie ſind Geſchenken nicht unzugäng⸗ lich; und wir könnten ihnen vielleicht Genug bieten, um ſie auf den Gedanken zu bringen, es ſey beſſer, reiche Gaben, nach ihrer Schätzung, mit fort zu nehmen, als arme Gefangene;— wenn ſie ſie wirklich überhaupt wegführen ſollten!“ „Das iſt ganz gut, Judith; ja, es iſt ganz gut, wenn der Feind ſich erkaufen läßt, und wir Artikel finden können, um damit den Kauf zu zahlen. Euer Vater hat eine bequeme Wohnung, und ſie iſt ſehr ſchlau gewählt und angelegt, aber ſie ſcheint nicht übermäßig verſehen mit Reichthümern, welche ſeine Freilaſſung er⸗ kaufen dürften. Da das Gewehr, das er Killdrer“ nennt, möchte Etwas gelten, und ich höre, es ſey ein Pulverfäßchen da, welches allerdings in die Wagſchale fiele; aber zwei tüchtige Männer find doch nicht mit einer Kleinigkeit loszukaufen— zudem—“ „Zudem was?“ fragte Judith ungeduldig, da ſie bemerkte, daß der Andere zauderte fortzufahren, vermuthlich weil er ſich ſcheute, ſie zu beunruhigen. „Ha, Judith, die Franzmänner bieten Preiſe, ebenſo wie unſre Partei; und der Preis für zwei Skalpe würde hinreichen ein Pulverfäßchen und eine Büchſe zu kaufen; obwohl ich nicht ſagen will, daß eine ſolche Büchſe ganz ſo gut ſeyn würde wie Wild⸗ tödter hier, den Euer Vater als ungemein und unerreichbar rühmt. Aber gutes Pulver, und eine recht ſichre Büchſe; und * Wildtödter. 248 dann ſind die rothen Männer nicht die Erfahrenſten in Feuerwaffen, und wiſſen nicht immer den Unterſchied zwiſchen dem zu erkennen was wirklich und was Schein iſt.“ „Das iſt gräßlich,“ murmelte das Mädchen, betroffen durch die unbefangene Art, in welcher ihr Genoſſe ſeine Thatſachen vor⸗ zutragen pflegte.„Aber Ihr vergeßt meine Kleider, Wildtödter; und die, glaube ich, könnten bei den Weibern der Irokeſen Viel ausrichten.“ „Ohne Zweifel könnten ſie, ohne Zweifel könnten ſie das, Judith,“ verſetzte der Andere, ſie ſcharf anblickend, als wollte er ſich vergewiſſern, ob ſie wirklich ein ſolches Opfer zu bringen im Stande ſeyn würde.„Aber wißt Ihr gewiß, Mädchen, daß Ihr es über's Herz bringen könntet, Euch von Euren ſchönen Sachen einem ſolchen Zweck zulieb zu trennen? Mancher Mann hat ſich muthig geglaubt, bis die Gefahr ihm entgegenſtarrte; ich habe auch Solche gekannt, die ſich einbildeten gutmüthig zu ſeyn, und bereit, Alles was ſie hatten den Armen zu ſchenken, wenn ſie von andrer Leute Hartherzigkeit hörten, aber deren Hände ſich ſo feſt und zäh zuſammenballten, wie die geſpaltene Hagenbuche, wenn es darauf und dran kam, von ihrem Eignen wirkliche Opfer zu brin⸗ gen. Zudem, Judith, Ihr ſeyd ſchön— außerordentlich, dürfte man ſagen, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten— und die, ſo Schoͤnheit beſitzen, hängen auch an dem, was ſie zu ſchmücken dient. Seyd Ihr gewiß, daß Ihr's über's Herz bringen könntet, Euch von Euren ſchönen Sachen zu trennen?“ Die begütigende Anſpielung auf die perſönlichen Reize des Mädchens war wohl angebracht als Gegengewicht gegen die Wir⸗ kung des Mißtrauens, das der junge Mann gegen Iudith's Eifer in Erfüllung ihrer kindlichen Pflichten blicken ließ. Hätte ein An⸗ derer daſſelbe geſagt, was Wildtödter,— das Compliment wäre vermuthlich ganz überſehen worden in der durch jene Zweifel her⸗ vorgerufenen Entrüſtung; aber eben die ungeſchliffene Aufrichtigkeit, die ſo oft dieſen einfachen Jäger ſeine innerſten Gedanken enthüllen ———— ließ, hatte einen Reiz für das Mädchen; und obgleich ſie erroͤthete, und einen Augenblick ihre Augen Flammen ſprühten, konnte ſie es doch nicht über's Herz bringen, einem Menſchen wirklich zu zürnen, deſſen Seele ganz Wahrheit und männliches Wohlwollen ſchien. Ihre Mienen ſprachen allerdings Vorwürfe aus; aber ſie unter⸗ drückte die Luſt, auch in Worten ſie ihn fühlen zu laſſen, und ſie zwang ſich glücklich, mild und freundlich zu antworten. „Ihr müßt alle Eure günſtigen Anſichten für die delawari⸗ ſchen Mädchen auſſparen, Wildtödter, wenn Ihr im Ernſt ſo von denen Eurer eignen Farbe denkt,“ ſagte ſie, ſich zum Lachen zwingend.„Aber ſtellt mich auf die Probe! wenn Ihr findet, daß es mir um Band oder Feder, um Seide oder Mouſſeline Leid thut, dann mögt Ihr von meinem Herzen denken was Ihr wollt, und ſagen was Ihr denkt!“ „Das iſt gerecht! das Seltenſte auf Erden zu finden iſt ein wahrhaft gerechter Menſch. So ſagt Tamenund, der weiſeſte Prophet der Delawaren; und ſo müſſen Alle denken, die Gelegen⸗ heit haben, die Menſchen zu ſehen, mit ihnen zu ſprechen und unter ihnen zu handeln. Ich liebe einen gerechten Mann, Schlange; ſeine Augen ſind nie mit Dunkel bedeckt gegen ſeine Feinde, während ſie ganz Sonnenſchein und Glanz ſind gegen ſeine Freunde. Er gebraucht die Vernunft, die ihm Gott gegeben, und er gebraucht ſie mit dem Gefühl, daß er dazu beſtimmt und verpflichtet iſt, die Dinge ſo anzuſehen und zu erwägen, wie ſie ſind, und nicht wie er ſie haben möchte. Es iſt leicht genug, Menſchen zu finden, die ſich ſelbſt gerecht nennen; aber es iſt außerordentlich ſelten, Solche zu finden, die es in der That und Wahrheit ſind. Wie oft habe ich Indianer geſehen, Mädchen, die da glaubten, ſie hätten Etwas ganz dem Willen des Großen Geiſtes Angenehmes im Auge, wenn ſie in Wahrheit nur befliſſen waren, nach ihrem eignen Willen und Vergnügen zu handeln, und das gar oft bei einer Verſuchung zum Fehltritt, die ſie ſelbſt ſo 250 wenig ſehen konnten, als wir durch den Berg dort hindurch den Fluß im nächſten Thal ſehen können, obgleich ein von Oben Her⸗ abſchauender es ſo gut hätte ſehen können, wie wir die Bärſe, die um dieſe Hütte herum ſchwimmen.“ „Sehr wahr, Wildtödter,“ verſetzte Judith, bei der jede Spur von Mißfallen ſich in einem ſtrahlenden Lächeln verlor,„ſehr wahr; und ich hoffe Euch dieſer Liebe zur Gerechtigkeit gemäß handeln zu ſehen in allen Dingen, wobei ich betheiligt bin. Vor Allem hoffe ich: Ihr werdet ſelbſt urtheilen, und nicht jede arge Geſchichte glauben, die ein geſchwätziger Müſſiggänger, wie Hurry Harry, erzählen mag, der darauf ausgeht, den Namen jedes jungen Weibes anzutaſten, die vielleicht nicht dieſelbe Meinung von ſeinem Ge⸗ ſicht und ſeiner Perſon haben mag, wie der eigenliebige Prahler ſelbſt.“ „Hurry Harry's Ideen gelten bei mir nicht für ein Evange⸗ lium, Judith, aber auch Schlimmere, als er, haben Augen und Ohren,“ erwiederte der Andere ernſt. „Genug hievon!“ rief Judith mit flammendem Auge, und die Röthe ſtieg ihr bis zu den Schläfen;„und jetzt von meinem Vater und ſeiner Löſung. Es iſt, wie Ihr ſagt, Wildtödter: die Indianer werden ſchwerlich ihre Gefangenen herausgeben ohne ein gewichtigeres Löſegeld als meine Kleider, und Vaters Büchſe und Pulver betragen. Da iſt der Schrank.“— 14 „Ja, da iſt der Schrank, wie Ihr ſagt, Judith; und wenn es ſich handelt um ein Geheimniß und einen Skalp, ſo würden, glaube ich, die meiſten Menſchen lieber den letztern für ſich behalten. Hat Euch je Euer Vater ein beſtimmtes Gebot dieſen Schrank betreffend gegeben?“ „Nie. Er ſchien immer der Anſicht, ſeine Schlöſſer und ſeine ſtählernen Bänder und ſeine Stärke ſeyen ſein beſter Schutz.“ „Es iſt ein rarer Schrank und von ganz merkwürdiger Arbeit,“ verſetzte Wildtödter, aufſtehend und dem fraglichen Gegenſtande näher tretend, auf den er ſich ſetzte, um ihn mit größerer Bequem⸗ —————— lichkeit zu beſichtigen.„Chingachgook, das iſt kein Holz aus irgend einem Walde, den Ihr oder ich je durchſtreift! Es iſt nicht vom ſchwarzen Wallnußbaum, und doch iſt es ganz ſo huͤbſch, wo nicht noch hübſcher, wäre es nicht von Rauch und ſchlechter Behandlung entſtellt.“ Der Delaware trat näher, befühlte das Holz, prüfte ſeine Tertur, ſuchte die Oberfläche mit einem Nagel zu ritzen, und fuhr neugierig mit der Hand über die ſtählernen Schlöſſer und die an⸗ dern ihm neuen Eigenthümlichkeiten des ſeltſamen Meubles. „Nein— Nichts wie dieſes wächst in dieſen Gegenden,“ fuhr Wildtodter fort;„ich habe alle Eichen geſehen, beide Ahorn⸗ arten, die Ulmen, die Linden, alle Wallnußbäume, die Butternuß⸗ bäume und jeden Baum, der Holz und Farbe hat, in einer oder der andern Geſtalt verarbeitet; aber nie früher habe ich ein Holz wie dieſes geſehen. Judith, der Schrank ſelbſt würde Eures Vaters Freiheit erkaufen; oder die Neugier der IJrokeſen iſt nicht ſo groß, wie die der Rothhäute überhaupt, namentlich in Holzſachen.“ „Der Handel ließe ſich vielleicht wohlfeiler ſchließen, Wild⸗ tödter. Der Schrank iſt voll und es wäre doch beſſer, nur die Hälfte, als Alles hinzugeben. Zudem, Vater— ich weiß nicht warum— aber Vater ſchätzt den Schrank ſehr hoch.“ „Es ſcheint faſt, er ſchätzt den Inhalt höher, als den Schrank ſelbſt, nach der Art zu urtheilen, wie er das Aeußere behandelt und das Innere verwahrt. Es ſind drei Schlöſſer, Judith; iſt kein Schlüſſel da?“ „Ich habe nie einen geſehen; und doch müſſen Schlüſſel da ſeyn, da Hetty uns geſagt hat, ſie habe den Schrank oft ge⸗ öffnet geſehen.“. „Schlüſſel liegen ſo wenig in der Luft oder ſchwimmen im Waſſer, als Menſchen, Mädchen; wenn ein Schlüſſel da iſt, ſo muß auch ein Platz ſeyn, wo er aufbewahrt iſt.“ —y 252 „Das iſt wahr; und es würde nicht ſchwer halten, ihn zu finden, wenn wir ſuchen dürften.“ „Das iſt Eure Sache, Judith; das iſt ganz Eure Sache. Der Schrauk iſt Euer, oder Eures Vaters; und Hutter iſt Euer Vater, nicht der meine. Neugier iſt der Weiber, nicht der Männer Schwäche; und hier habt Ihr alle Gründe vor Euch. Wenn der Schrank Artikel enthäͤlt, welche zum Löſegeld ſich eignen, ſo würden ſie, ſcheint mir, klüglich dazu verwendet, ihres Beſitzers Leben zu erkaufen, oder auch ſeinen Skalp zu retten; aber das zu beurtheilen iſt Eure, nicht meine Sache. Wenn der rechtmäßige Eigenthümer einer Falle oder eines Hirſches, oder eines Canoes nicht anweſend iſt, ſo wird, wer ihm am nächſten ſteht, ſein Stellvertreter, nach allen Geſetzen der Wälder. Daher überlaſſen wir Euch die Ent⸗ ſcheidung, ob der Schrank geöffnet werden ſoll, oder nicht.“ „Ihr glaubt doch hoffentlich nicht, ich könnte mich bedenken, wenn meines Vaters Leben in Gefahr ſchwebt, Wildtödter?“ „Nun, es läßt ſich mit ziemlicher Wahrſcheinlichkeit ein tüch⸗ tiges Schelten gegen Thränen und Trauern ſetzen. Es iſt nicht ohne Grund zu vermuthen, daß der alte Tom unzufrieden ſeyn werde mit dem, was Ihr gethan, wenn er ſich wieder ſelbſt in ſeiner Hütte hier ſteht; aber es iſt nichts Ungewöhnliches, daß die Menſchen mit dem nicht einverſtanden ſind, was zu ihrem eignen Beſten geſchehen iſt; ich glaube faſt, der Mond ſelbſt würde ſich ganz anders ausnehmen als jetzt, wenn wir ihn von der andern Seite ſehen könnten.“ „Wildtödter, wenn ich den Schlüſſel finden kann, will ich Euch ermächtigen, den Schrank zu öffnen und herauszunehmen, was Ihr zu Vaters Loskaufung dienlich glaubt.“ „Sucht zuerſt den Schlüſſel, Mädchen, von dem Uebrigen wollen wir nachher reden. Schlange, Ihr habt Augen wie eine Fliege und ein Urtheil, das ſelten irrt; könnt Ihr uns erſinnen —„——. helfen, wo der alte Tom wohl den Schlüſſel zu einem Schranke verwahrt halten dürfte, mit dem er ſo geheim thut?“ . Der Delaware hatte an dem Geſpräche keinen Antheil genom⸗ r men, bis er ſo geradezu aufgefordert wurde; jetzt trat er von dem Schranke weg, welcher fortwährend ſeine Aufmerkſamkeit in An⸗ r ſpruch genommen, und ſah ſich um nach dem Orte, wo unter den n vorliegenden Verhältniſſen denkbarer Weiſe der Schlüſſel verwahrt ſeyn dürfte. Judith und Wildtödter waren inzwiſchen auch nicht müſſig, und ſo waren bald alle Drei mit lebhaftem und ängſtlichem Suchen beſchäftigt, da es gewiß war, daß der gewünſchte Schlüſſel nicht in einer der gewöhnlichen Schubladen oder Fächer, deren mehrere in dem Gebäude waren, ſich finden würde, ſah in dieſen Niemand nach, ſondern Alle wandten ſich ſolchen Orten zu, die ihnen als ſinnreiche Verſteckplätze auffielen, deren man ſich zu ——,— ſolchem Behufe leicht bedienen könnte. So ward das äußere Gemach ſorgfältig aber fruchtlos durchſucht, worauf ſie ſich in Hutter's Schlafzimmer begaben. Dieſer Theil des rohen Gebänudes G war beſſer eingerichtet als das Uebrige; er enthielt manche Artikel, welche beſonders zum Gebrauch der verſtorbenen Frau des Beſitzers gedient hatten; aber da Judith alle übrigen Schlüſſel hatte, war es auch bald durchſtöbert, ohne daß der gewünſchte Schlüſſel ans Licht gekommen wäre. Jetzt traten ſie in das Schlafgemach der Töchter. Dem Chin⸗ gachgook ſiel ſogleich der Contraſt zwiſchen den Artikeln und der Anordnung auf der Seite des Gemaches, die man die Judith's nennen konnte, und auf der Hetty angehörigen auf. Ein leiſer Ausruf entſchlüpfte ihm, und nach den verſchiednen Richtungen hin deutend, f machte er mit leiſer Stimme auf dieſen Umſtand aufmerkſam, zu ſeinem Freunde in der Delawarenſprache redend. „Wie Ihr denkt, Schlange,“ antwortete Wildtödter, von deſſen, in Delawarenſprache geäußerten Bemerkungen wir ſo viel als mög⸗ lich die eigenthümliche Ausdrucksweiſe des Mannes beizubehalten — 254 ſuchen.„Es iſt richtig ſo, wie Jeder ſehen kann; und das iſt Alles in der Natur gegründet. Eine Schweſter liebt ſchöne Sachen — übermäßig, wie Manche behaupten; während die Andere ſo ſanft und demüthig iſt, wie Gott nur je die Güte und Wahrheit ſelbſt erſchuf. Doch glaube ich am Ende, daß auch Judith ihre Tugenden und Hetty ihre Fehler hat.“ „Und die Geiſtſchwache“ hat den Schrank offen geſehen?“ er⸗ kundigte ſich Chingachgook, forſchende Neugier in ſeinen Blicken. „Gewiß; das hab' ich aus ihrem eignen Munde gehört, und Ihr auch. Es ſcheint, ihr Vater mißtraut ihrer Verſchwiegenheit nicht, obſchon vielleicht der ſeiner ältern Tochter.“ „Dann iſt wohl der Schlüſſel nur vor der Wilden Roſe ver⸗ ſteckt?“ Denn ſo hatte der galante Chingachgook Judith in ſeinen Geſprächen mit ſeinem Freund allein zu nennen angefangen. „Das iſt's. Das iſt's gerade! Der Einen traut er, und der Andern nicht. Da iſt weiß und roth, Schlange; alle Stämme und Nationen kommen darin überein, daß ſie Manchen trauen, und Manchen ihr Vertrauen verſagen. Es kommt auf Charakter und Urtheil an.“ „Wo öönnte ein Schlüſſel verſteckt werden, daß die Wilde Roſe ihn gewiß nicht fände, wo eher als unter groben Kleidern?“ Wildtödter ſtutzte, wandte ſich gegen ſeinen Freund, Bewun⸗ derung in jedem Zuge ſeines Geſichts ſich malend, und lachte recht in ſeiner ſtillen aber herzlichen Weiſe über das Sinnreiche und Raſche dieſer Vermuthung. „Euer Name iſt wohl angelegt! Schlange— ja, er iſt wohl angelegt! Ganz gewiß! wo ſollte eine Liebhaberin von ſchönen Putzſachen ſo wenig nachſuchen, als unter ſo groben und unſchein⸗ baren Kleidern, wie die der armen Hetty ſind? Ich glaube, Ju⸗ dith's zarte Finger haben nie ein Fleckchen ſo grobes und unſchönes Tuch angerührt, wie das an dieſem Unterrock, ſeit ſie zuerſt mit den Officieren Bekanntſchaft machte! Ja, wer weiß? der Schlüſſel 2⁵⁵ dürfte ebenſo gut gerade an dieſem Pflock zu finden ſeyn, als ſonſt an einem Platze. Nehmt das Kleidungsſtück weg, Delaware, und laßt uns ſehen, ob Ihr wirklich ein Prophet ſeyd.“ Chingachgook that, wie er geheißen ward, aber kein Schlüſſel fand ſich. Eine plumpe, dem Anſchein nach leere Taſche hing an dem nächſten Pflocke und ward ſofort unterſucht. Mittlerweile war auch Judith's Aufmerkſamkeit nach dieſer Richtung gezogen worden, und ſie ließ ſich mit Haſt vernehmen, als wünſchte ſie unnöthige Mühe zu erſparen. „Das ſind nur die Kleider Hetty's, des guten, einfältigen Mädchens!“ ſagte ſie.„Was wir ſuchen, iſt wohl ſchwerlich hier zu finden!“ Kaum waren dieſe Worte über den ſchönen Mund der Spre⸗ cherin gekommen, als Chingachgook den gewünſchten Schlüſſel aus der Taſche zog. Judith beſaß einen zu ſchnellen Verſtand, um nicht ſogleich den Grund zu errathen, warum ein ſo einfacher und leicht zu findender Verſteck war gewählt worden. Das Blut ſchoß ihr ins Geſicht, vielleicht ebenſo ſehr aus Verdruß, als aus Schaam, und ſie biß ſich in die Lippe, blieb aber ſtumm. Wildtödter und ſein Freund bewährten jetzt das Zartgefühl von Männern von natürlich feinem Sinn, indem ſie weder lächelten, noch auch nur durch einen Blick verriethen, wie gut ſie die Beweggründe und das Schlaue dieſer ſinnreichen Liſt verſtanden. Der Erſtere, der dem Indianer den Schlüſſel abgenommen, trat jetzt in das anſtoßende Gemach, verſuchte ihn an einem Schloß, und verſicherte ſich, daß wirklich das rechte Inſtrument gefunden ſey. Es waren drei Vor⸗ legeſchlöſſer, die aber alle drei leicht mit dem einen Schlüſſel geöffnet wurden. Wildtödter nahm ſie alle ab, machte die Haſpen los, hob den Deckel ein Wenig auf, um ſich zu verſichern, daß der Schrank aufgehe, und trat dann einige Schritte davon zurück, ſeinem Freunde winkend, ihm zu folgen. „Das iſt ein Familienſchrank, Judith,“ ſagte er,„und enthält —ꝛ— —— 256 vermuthlich Familiengeheimniſſe. Die Schlange und ich wollen in die Arche gehen, und nach den Canoes, den Rudern und Schaufeln ſehen, wäͤhrend Ihr ſie allein unterſucht, und zuſeht, ob unter den Artikeln darin ſich Etwas findet, was bei einem Löſegeld von Ge⸗ wicht ſeyn kann, oder nicht. Wenn Ihr fertig ſeyd, ruft uns, und dann wollen wir in einem Rath zuſammenſitzen über den Werth der Artikel.“ „Halt, Wildtödter!“ rief das Mädchen, als er im Begriffe war, ſich zu entfernen;„nicht einen Gegenſtand rühre ich an— nicht einmal den Deckel hebe ich auf— wenn Ihr nicht dabei gegenwäͤrtig ſeyd. Vater und Hetty haben für gut befunden, aus dem Inhalt dieſes Schrankes mir ein Geheimniß zu machen, und ich bin viel zu ſtolz, ihre geheimen Schätze erſpähen und durchſu⸗ chen zu wollen, wenn es nicht um ihres eignen Beſten willen wäre. Aber in keinem Falle will ich den Schrank allein öffnen. So bleibt denn bei mir; ich will Zeugen haben bei dem, was ich thue.“ „Ich denke faſt, Schlange, das Mädchen hat Recht. Ver⸗ trauen und guter Glaube erzeugen Sicherheit, aber Argwohn macht uns leicht Alle tückiſch. Judith hat das Recht, unſre Gegenwart zu verlangen; und ſollte der Schrank Geheimniſſe von Meiſter Hutter enthalten, ſo kommen die in den Beſitz von zwei jungen Männern von ſo verſchloſſenem Munde, als nur in der Welt zu finden ſind. Wir wollen bei Euch bleiben, Judith; aber zuerſt laßt uns einen Blick auf den See und in die Küſte werfen, denn dieſer Schrank iſt wohl nicht in einer Minute geleert!“ Die beiden Männer begaben ſich jetzt auf die Plattform, und Wildtödter durchmuſterte die Küſte mit dem Fernglas, während der Indianer ſein Auge ernſt auf den Waſſern und Wäldern umher⸗ ſchweifen ließ, um ein Zeichen zu ſuchen, das ihm die Anſchläge ihrer Feinde verriethe. Nichts war zu ſehen; und beruhigt für den Augenblick wegen ihrer Sicherheit, verſammelten ſich die Drei wieder um den Schrank mit der erklaͤrten Abſicht, ihn zu öffnen. 257 in Judith hatte, ſo weit ſie zurückdenken konnte, vor dieſem In Schrank und ſeinem Inhalt eine Art Ehrfurcht gehabt. Weder en ihr Vater noch ihre Mutter redeten je in ihrer Anweſenheit davon; e⸗„ und es ſchien eine Art ſtillſchweigender Verabredung zu ſeyn, daß nd bei Bezeichnung der verſchiednen Gegenſtände, die gelegentlich th in ſeiner Nähe ſtanden, oder ſelbſt auf ſeinem Deckel lagen, jede Nennung des Schrankes ſelbſt ſorgfältig vermieden werde. Durch fe Gewohnheit war dieß ſo leicht und ſo geläufig und natürlich ge⸗ 3 worden, daß erſt in ganz neueſter Zeit das Mädchen über dieſen ei ſeltſamen Umſtand nachzudenken angefangen hatte. Aber es hatte 8 nie zwiſchen Hutter und ſeiner ältern Tochter ein ſo inniges Ver⸗ d hältniß beſtanden, daß dadurch Vertrauen wäre geweckt worden. 2 Zu Zeiten war er freundlich, aber in der Regel, gegen ſie beſon⸗ - ders, finſter und mürriſch. Am allerwenigſten hatte er ſeine Auto⸗ t rität in ſolcher Art geübt, daß ſein Kind hätte den Muth gehabt, die Freiheit, zu der ſie jetzt entſchloſſen war, ſich herauszunehmen ohne große Beſorgniß wegen der Folgen, obgleich ſie den kecken Ent⸗ ſchluß nur faßte in Kraft des Wunſches, ihm zu dienen. Und dann war Judith auch nicht frei von einem kleinen Aberglauben in Betreff dieſes Schrankes, der von Kindheit an bis auf dieſe Stunde als eine Art Reliquie vor ihren Augen geſtanden. Dennoch war die Zeit gekommen, wo, ſo ſchien es, dieß Myſterium ſich aufklären ſollte, und das unter Umſtänden, die ihr in der Sache ſehr wenig Wahl ließen. Da Iudith ſah, daß ihre beiden Genoſſen ihre Bewegungen in ernſtem Schweigen beobachteten, legte ſie die Hand an den Deckel und ſuchte ihn aufzuheben. Ihre Kraft reichte jedoch nicht zu, und es dünkte das Mädchen, das wohl wußte, daß alle Schlöſſer * und Bande weg waren, als widerſetzte ſich ihr eine übernatürliche Macht bei einem unheiligen Beginnen. b„Ich kann den Deckel nicht aufheben, Wildtödter,“ ſagte ſie. „Thäten wir nicht beſſer, den Verſuch aufzugeben und auf andre Mittel zur Befreiung der Gefangnen zu denken?“ Der Wildtödter. 3. Aufl. 17 —— N 258 „Nicht ſo, Judith; nicht ſo, Mädchen. Kein Mittel iſt ſo ſicher und leicht, als eine gute Beſtechung,“ verſetzte der Andere. „Was den Deckel betrifft, ſo wird der von Nichts gehalten, als von ſeiner eignen Schwere, die wunderbar iſt für ein ſo kleines, zwar mit Eiſen fo ſtark beſchlagenes Stück Holz.“ Mit dieſen Worten verſuchte Wildtödter auch ſeine Kraft an der Aufgabe, und es gelang ihm, den Deckel gegen das Gebälke des Hauſes aufzuheben, wo er ihn mittelſt einer hinlänglichen Stütze ſorgfältig befeſtigte. Judith zitterte ordentlich, als ſie den erſten Blick auf das Innere warf; und ſie empfand für den Augenblick einige Beruhigung, als ſie ſah, daß ein am Rande ſorgfaͤltig hin⸗ eingeſtepptes Stück Leinwand Alles was darunter war gänzlich verbarg. Der Schrank war indeſſen allem Anſchein nach wohl angefüllt, denn die Leinwand war kaum einen Zoll vom Deckel entfernt. „Hier iſt eine volle Ladung,“ ſagte Wildtödter, den wohlge⸗ packten Schrank betrachtend,„und wir thun wohl, gemächlich und ordentlich zu Werke zu gehen. Schlange, bringt einige Stühle, während ich dieß Tuch auf den Boden breite, und dann wollen wir das Werk ordentlich und behaglich angreifen.“ Der Delaware gehorchte; Wildtödter ſtellte höflich Judith einen Stuhl hin, nahm ſelbſt einen, und fing an, die verhüllende Lein⸗ wand zu entfernen. Er that dieß mit gutem Bedacht und mit ſolcher Vorſicht, als ob man Gegenſtände von zerbrechlichſter Art und feinſter Arbeit darunter verborgen geglaubt hätte. Als die Leinwand weggenommen war, waren die erſten Gegenſtände, die ſich zeigten, einige männliche Kleidungsſtücke. Dieſe waren von feinen Stoffen, und nach der Mode jener Zeiten von lebhaften Farben und mit reichen Verzierungen. Ein Rock insbeſondere war von Scharlach, und hatte mit Goldfaden genähte Knopflöcher. Doch war er nicht militäriſch, ſondern gehörte zum Anzug eines höͤhern Civiliſten in einer Periode, wo der Rang in der Geſellſchaft noch ſtreng auch in der Kleidung beachtet wurde. Chingachgook —r— b x& „ 259* konnte einen Ausruf des Wohlgefallens nicht unterdrücken, als Wildtödter dieſen Rock auseinanderlegte und ihn zum Anſchauen emporhob; denn trotz ſeiner anerzogenen Selbſtbeherrſchung war doch der Glanz dieſes Kleidungsſtückes zu Viel für die Philoſophie eines Indianers. Wildtödter wandte ſich raſch um, und ſah ſeinen Freund mit einem vorübergehenden Mißfallen an, als dieſer Aus⸗ bruch von Schwäche ihm entſchlüpfte; dann ſprach er vor ſich hin, wie ſeine Gewohnheit war, ſo oft ein lebhaftes Gefühl ſich ſeiner plötzlich bemächtigte. „Es iſt ſeine Gabe ſo!— ja, es iſt die Gabe einer Rothhaut, ſchöne Putzſachen zu lieben, und er iſt darum nicht zu tadeln. Es iſt auch ein außerordentliches Kleidungsſtück, und außerordentliche Sachen erzeugen außerordentliche Gefühle. Ich denke, das wird's thun, Judith, denn das indianiſche Herz iſt ſchwerlich zu finden in ganz Amerika, das Farben wie dieſe, und einem Schimmer wie dieſer, widerſteht. Wenn dieſer Rock je für Euren Vater gemacht wurde, ſo habt Ihr Euren Geſchmack an ſchönen Putzſachen redliiß und ehrlich überkommen— ja das habt Ihr!“ Dieſer Rock iſt nie für Vater gemacht worden,“ antwortete das Mädchen raſch;„er iſt viel zu lang, denn mein Vater iſt klein und vierſchrötig.“ „Tuch war genug da, wenn es ſo war, und Flitterſtaat wohl⸗ feil,“ antwortete Wildtödter mit ſeinem ſtillen, fröhlichen Lachen. „Schlange, dieß Kleid war gemacht für einen Mann von Eurem Wuchs, und ich möchte es wohl auf Euren Schultern ſehen.“ Chiugachgook nicht faul, willigte in die Probe; er warf die grobe, fadenſcheinige Jacke Hutter's weg, um ſeine Perſon mit einem Rock zu ſchmücken, der urſprünglich für einen Gentleman beſtimmt war. Die Verwandlung war komiſch; aber wie den Menſchen ſelten Lächerlichkeiten in ihrer eignen äußern Erſcheinung auffallen, ſo wenig als in ihrer Handlungsweiſe, beſchaute der Delaware dieſe ſeine Metamorphoſe in einem gemeinen Spiegel, 260 vor welchem Hutter ſich zu raſiren pflegte, mit ernſtem Intereſſe. In dieſem Augenblick dachte er an Hiſt, und wir ſind der Wahr⸗ heit ſchuldig, zu geſtehen, obgleich es ein Wenig mit dem ſtrengen Charakter des Kriegers ſtreiten mag, daß er wünſchte, von ihr in ſeiner jetzigen, ſo vortheilhaften Geſtalt geſehen werden zu könnent „Herunter damit, Schlange— herunter damit,“ begann jetzt der unbeugſame Wildtödter;„ſolche Kleider ſtehen Euch ſo wenig an, als ſie mir anſtehen würden; Eure Gaben ſind für Bemalung und Falkenfedern, und wollene Decken und Wampums, und die meinigen ſind für Wämſer von Hänten, zähe Beinkleider und tüch⸗ tige Mokkaſins. Ich ſage Mokkaſins, Judith; denn obgleich weiß, muß ich doch, in den Wäldern lebend, wie ich pflege, nothwendig um der Bequemlichkeit und Wohlfeilheit willen einige Gebräuche der Wälder annehmen.“ „Ich ſehe keinen Grund, Wildtödter, warum ein Mann nicht ſo gut einen Scharlachrock tragen ſollte, als der Andere,“ verſetzte das Mädchen.„Ich wollte, ich könnte Euch in dieſem ſchönen Kleid ſehen!“ „Mich in einem Rock ſehen, der für einen Lord recht wäre! Nun, Judith, wenn Ihr dieſen Tag abwarten wollt, ſo müßt Ihr warten, bis Ihr mich des Verſtands und des Gedächtniſſes ledig ſeht. Nein— nein— Mädchen, meine Gaben ſind meine Gaben, und ich will bei ihnen leben und ſterben, ſollte ich auch nie wieder ein Wild fällen oder einen Salmen ſpießen. Was habe ich gethan, daß Ihr wünſcht miich in einem ſo flunkernden Rock zu ſehen, Judith?“ „Ich meine eben, Wildtödter, die falſchzüngigen und falſchher⸗ zigen jungen galanten Herren von der Garniſon ſollten nicht allein in ſchönen Federn ſtolziren; ſondern Wahrheit und Redlichkeit hätten auch ihre Anſprüche auf Ehre und Auszeichnung.“ „Und welche Auszeichnung würde es für mich ſeyn, Judith, geſchniegelt und beſcharlacht zu werden, wie ein Mingohäuptling, der eben ſeine Praͤſente von Quebeck erhalten hat? Nein— nein 261 — ich bin wohl wie ich bin; und wenn nicht, ſo kann ich nicht beſſer werden. Legt den Rock auf die Decke, Schlange, und laßt uns weiter im Schranke nachſehen.“ Das verlockende Kleidungsſtück— das ſicherlich nie für Hutter gefertigt ward— wurde bei Seite gelegt und die Unterſuchung fortgeſetzt. Der männliche Anzug, deſſen einzelne Beſtandtheile ſämmtlich in ihrer Beſchaffenheit dem Rocke entſprachen, war bald erſchöpft, und dann folgten weibliche. Ein ſchöner Anzug von Brokat, der durch nachläßige Behandlung etwas gelitten, folgte; und dießmal entſchlüpften offene Ausrufe des Entzückens Judith's Munde. So ſehr das Mädchen auf ſchönen Anzug hielt, und ſo günſtige Gelegenheit ſie gehabt hatte, manche kleine Anſprüche auf dieſem Felde zu ſehen bei den Frauen der verſchiedenen Comman⸗ danten und andern Damen der Forts, ſo hatte ſie doch noch nie zuvor ein Gewebe oder Farben geſchaut, welche ſich mit dem meſſen konnten, was jetzt ſo unerwartet ihrem Auge ſich darbot. Ihr Entzücken war beinahe kindiſch; auch wollte ſie die Unterſuchung nicht fortſetzen laſſen, ehe ſie ſich mit einem Gewande bekleidet hätte, das ſo wenig mit ihren Lebensgewohnheiten und ihrem Aufenthaltsort zuſammenſtimmte. Zu dieſem Behufe begab ſie ſich in ihr eignes Gemach, wo ſie mit ihren in ſolchem Geſchäft geübten Händen bald ihren ſaubern Linnenrock ablegte und in den buntern und prächtigen Farben des Brokats daſtand. Der Anzug paßte zufällig für die ſchöne, volle Perſon Indith's, und gewiß hatte er nie ein Weſen geſchmückt, das durch natürliche Gaben mehr geeignet geweſen wäre, ſeinen wahrhaft prächtigen Farben und der ſchönen Weberei Ehre zu machen. Als ſie zurückkam, ſtanden Wildtödter und Chingachgook, welche die kurze Zeit ihrer Abweſenheit benutzt hatten, die männlichen Kleidungsſtücke nochmals zu beſchauen, mit Erſtaunen auf, und beide machten ihrer Bewun⸗ derung und ihrem Wohlgefallen in Ausrufungen von ſo unzweideu⸗ tiger Art Luft, daß dadurch die Augen Judith's neuen Glanz 262 gewannen, indem ihre Wangen von der Glut des Triumphs flammten. Sich jedoch die Miene gebend, den Eindruck, den ſie gemacht, nicht zu bemerken, ſetzte ſich das Mädchen mit dem ſtattlichen Anſtand einer Königin nieder, und verlangte, daß man den Inhalt des Schrankes weiter unterſuche. „Ich weiß kein beſſeres Mittel, mit den Mingos zu unter⸗ handeln, Mädchen,“ rief Wildtödter,„als Euch, wie Ihr ſeyd, an's Land zu ſchicken und ihnen zu ſagen, eine Königin ſey unter ihnen angekommen! Bei einem ſolchen Schauſpiel werden ſie den alten Hutter, und Hurry und Hetty dazu ausliefern!“ „Ich glaubte Eure Zunge zu ehrlich zum Schmeicheln, Wild⸗ tödter,“ verſetzte das Mädchen, der dieſe Bewunderung größere Freude machte, als ſie hätte geſtehen mögen.„Einer der Haupt⸗ gründe meiner Achtung für Euch war Eure Liebe zur Wahrheit?“ „Und es iſt Wahrheit, und ernſte Wahrheit, Judith, und nichts Anderes. Nie ſchauten meine Augen ein ſo prächtig ausſehendes Geſchöpf, als Ihr in dieſem Augenblick ſeyd! Ich habe zu meiner Zeit auch Schönheiten geſehen, beides, weiße und rothe, und ſie waren beſprochen und geprieſen nah und fern; aber nie habe ich eine geſehen, die irgend den Vergleich aushalten konnte mit dem, was Ihr in dieſem geſegneten Augenblick ſeyd, Judith; nie!“ Der Blick des Entzückens, den das Mädchen dem freimüthigen Jäger zuwarf, verminderte in keiner Weiſe den Eindruck ihrer Reize; und da die feuchten Augen dazu noch einen Ausdruck von Rührbarkeit und Gefühl geſellten, erſchien vielleicht Judith nie wahrhaft liebenswürdiger, als in dieſem ‚geſegneten Angenblicke“, wie der junge Mann ſich ausgedrückt hatte. Er ſchüttelte den Kopf, hielt ihn einen Augenblick über den offenen Schrank hinge⸗ beugt, wie Einer, der im Zweifel iſt, und fuhr dann mit der Unterſuchung fort. Einige kleinere Beſtandtheile des weiblichen Anzuges kamen jetzt, alle von einer Beſchaffenheit, die dem Kleide entſprach. Dieſe 263 wurden ſtillſchweigend Judith zu Füßen gelegt, als hätte ſie ein natürliches Recht auf ihren Beſitz. Ein paar davon, wie Hand⸗ ſchuhe, oder Spitzen, nahm das Mädchen auf, und fügte ſie ihrem ſchon ſo prächtigen Anzug bei, anſcheinend nur wie zum Spiel, in der That aber in der Abſicht, ihre Perſon ſo herauszuputzen, wie nur immer die Umſtände erlaubten. Nachdem dieſe beiden anffal⸗ lenden Anzüge, ‚ein Männlein und ein Fräuleine ſo zu ſagen, weggenommen waren, trennte wieder eine Leinwanddecke die übrigen Artikel von dem Theil des Schrankes, den jene eingenommen. Sobald Wildtoͤdter dieſe Einrichtung bemerkte, hielt er inne, zwei⸗ felnd, ob es angemeſſen ſey, weiter fortzufahren. „Jeder Menſch hat ſeine Geheimniſſe, glaube ich,“ ſagte er; „und alle Menſchen haben ein Recht, ſich des ihrigen zu erfreuen; wir ſind weit genug in dieſem Schrank hinabgekommen, um meiner Anſicht nach, unſern Wünſchen und Bedürfniſſen Genüge zu leiſten; und es ſcheint mir, wir thäten gut, nicht weiter zu gehen, und dem Meiſter Hutter allein und ſeinen Gefühlen Alles unter dieſer Decke zu überlaſſen.“ „Ihr meint alſo, Wildtödter, man ſolle den Irokeſen dieſe Kleider anbieten, als Löſegeld?“ fragte Judith raſch. „Gewiß, warum ſonſt durchſtöbern wir eines Andern Schrank, als um dem Eigenthümer die beſten Dienſte nach unſern Kräften zu leiſten? Dieſer Rock allein würde ganz geeignet ſeyn, den Häuptling der Gewürme zu gewinnen! und wenn zufällig ſein Weib oder ſeine Tochter mit ihm ausgezogen ſeyn ſollte, würde dieß Kleid das Herz jedes Weibes zwiſchen Albany und Montreal erweichen. Ich ſehe nicht, wozu wir eines weitern Handelsvorraths bedürften als dieſe zwei Artikel.“ „Euch mag es ſo erſcheinen, Wildtödter,“ erwiederte das betroffene Mädchen;„aber von welchem Nutzen wäre ein Anzug wie dieſer für eine Indianerin? Sie könnte ihn nicht tragen unter den Zweigen der Bäume; der Schmutz und Rauch des Wigwam würde ihn bald verderben; und wie würde ſich ein paar rother Arme ausnehmen, durch dieſe kurzen, ſpitzenbeſetzten Ermel geſchoben!“ „Alles ganz wahr, Mädchen; und Ihr könntet fortfahren und ſagen, er ſey ganz außer Zeit und Ort und Clima in dieſer Gegend überhaupt. Was geht es uns an, wie mit den ſchönen Sachen umgegangen wird, wenn ſie nur unſern Wünſchen zur Erfüllung verhelfen? Ich ſehe nicht ein, welchen Gebrauch Euer Vater von ſolchen Kleidern machen will; und es iſt ein Glück, daß er Sachen hat, die für ihn werthlos, für Andre einen hohen Preis haben. Wir können keinen beſſern Handel für ihn ſchließen, als dieſen Tand für ſeine Freiheit zu bieten. Wir werfen das leichte Flitterzeug dazu, und bekommen dann Hurry in Kauf.“ „So denkt Ihr alſo nicht, Wildtödter, daß Thomas Hutter Jemand in ſeiner Familie habe— ein Kind— eine Tochter, der dieſer Anzug nach billigem Ermeſſen wohl anſteht, und die darin dann und wann, wäre es auch nur nach langen Zwiſchenzeiten und nur zum Scherz zu ſehen, Ihr ſelbſt wünſchen könntet?“ „Ich verſtehe Euch, Judith— ja, jetzt verſtehe ich Eure Meinung, und ich glaube, ich darf auch ſagen: Eure Wünſche. Daß Ihr in dieſem Anzug ſo prächtig ſeyd, wie die auf⸗ oder untergehende Sonne an einem Oktobertag, gebe ich gerne zu; und daß Ihr ihm herrlich anſteht, iſt um ein gut Theil gewiſſer, als daß er Euch an⸗ und zuſteht. Es ſind Gaben in den Kleidern wie in andern Dingen. Nun glaube ich nicht, daß ein Krieger auf ſeinem erſten Kriegspfad dieſelben entſetzlichen Bemalungen annehmen darf, wie ein Häuptling, deſſen Tugend erprobt iſt, und der aus Erfahrung weiß, daß er ſeinen Anſprüchen keine Schande machen wird. So iſt es mit uns Allen, Rothen oder Weißen. Ihr ſeyd Thomas Hutter's Tochter und dieß Weiberkleid ward gemacht für das Kind irgend eines Gouverneurs, oder für eine Dame von hohem Stand; und es ſollte getragen werden in Häu⸗ ſern mit ſchöner Einrichtung und in vornehmer Geſellſchaft. In ——;——⏑:⏑—ꝛÿ3-·4,—— 265 meinen Augen, Indith, ſteht einem ſittſamen Mädchen Nichts beſſer, als wenn ſie anſtändig gekleidet iſt, und Nichts iſt paſſend, was dem ganzen Weſen und Charakter widerſpricht. Zudem, Maͤdchen, wenn ein Geſchöpf in der Colonie iſt, das ganz der ſchoͤnen Sachen entbehren und auf ſein gutes Ausſehen und holdes Geſicht ver⸗ trauen kann, ſo ſeyd Ihr es.“ „Ich will den Plunder im Augenblick ausziehen, Wildtödter,“ rief das Mädchen und ſprang auf, um das Zimmer zu verlaſſen, „und nie wünſche ich ihn wieder an einem menſchlichen Weſen zu ſehen.“ „So iſt es bei ihnen Allen, Schlange,“ ſagte der Andere, ſich zu ſeinem Freunde kehrend und lachend, ſobald die Schöne verſchwunden war.„Sie haben eine Freude an Putzſachen, aber an ihren angebornen Reizen die größte. Ich bin jedoch froh, daß das Mädchen eingewilligt, ihren Staat wieder abzulegen, denn es iſt gegen die Vernunft für eine von ihrer Claſſe, ihn zu tragen; und dann iſt ſie hübſch genug, wie ich es nenne, um ſo herumzu⸗ laufen. Hiſt würde ſich auch ganz abſonderlich ausnehmen in einem ſolchen Weiberrock, Delaware!“ „Wah⸗ta!⸗Wah iſt ein Rothhautmädchen, Wildtödter,“ ver⸗ ſetzte der Indianer;„wie die Jungen der Taube, erkennt man ſie an ihren eignen Federn. Ich würde an ihr, ohne ſte zu kennen, vorbeigehen, wäre ſie in eine ſolche Haut gekleidet. Es iſt immer das Weiſeſte, ſo gekleidet zu ſeyn, daß unſre Freunde uns nicht nach unſerm Namen zu fragen brauchen. Die Wilde Roſe iſt ſehr ſtattlich, aber ſte iſt nicht holdſeliger mit dieſen vielen Farben.“ „Das iſt's! Das iſt Natur, und die wahre Grundlage für Liebe und Schutz. Wenn ein Mann anhält, um eine wilde Stachelbeere zu pflücken, ſo erwartet er nicht eine Melone zu finden, und wenn er eine Melone brechen moͤchte, ſo verdrießt es ihn, wenn es ein Kürbis iſt, obwohl Kürbiſſe oft für das Auge 266 herrlicher ſind, als Melonen. Das iſt es, und es bedeutet: bleibt bei Euren Gaben und Eure Gaben werden bei Euch bleiben!“ Die beiden Männer hatten jetzt eine kleine Erörterung mit einander, ob es geeignet ſey, noch tiefer in den Schrank Hutter's einzudringen, als Judith, ihres Prachtgewandes entkleidet, in ihrem einfachen Linnenkleide wieder erſchien. „Dank Euch, Judith,“ ſagte Wildtödter, ſie freundlich bei der Hand faſſend;„denn ich weiß, es ging ein wenig gegen die natür⸗ lichen Wünſche des Weibes, ſo viel ſchöne Sachen gleichſam wie einen Haufen Plunder wegzuwerfen. Aber Ihr ſeyd dem Auge lieblicher, wie Ihr da ſteht, ja gewiß, als wenn Ihr eine Krone auf dem Haupt und Juwelen ums Haar bammeln hättet. Die Frage iſt jetzt, ob man dieſe Decke aufheben ſoll, um zu ſehen, was in der That der beſte Handel wäre, den wir für Meiſter Hutter machen könnten; denn wir müſſen ſo handeln, wie wir denken, daß er handeln würde, ſtände er an unſrer Stelle.“ Judith ſah ſehr vergnügt aus. Gewohnt an Schmeichelei, wie ſie war, hatte ihr die beſcheidene Huldigung Wildtödter's mehr wahre Genugthuung und Freude gewährt, als ſie noch je bei den Worten aus dem Munde eines Mannes empfunden hatte. Es waren nicht die Ausdrücke, worein die Bewunderung gekleidet war, denn dieſe waren einfach genug— was einen ſo lebhaften Eindruck machte; auch nicht ihre Neuheit oder Wärme, noch ſonſt eine der Eigenthümlichkeiten, welche einer Lobpreiſung gewöhnlich Werth verleihen, ſondern die ungeirrte Wahrhaftigkeit des Redenden, die ſeine Worte ſo unmittelbar ans Herz der Hörenden dringen machte. Dieß iſt einer der großen Vortheile der Geradheit und Freimüthig⸗ keit. Der ſchlaue, gewohnheitsmäßige Schmeichler mag ſeine Ab⸗ ſichten ſo lange erreichen, bis ſeine Künſte gegen ihn ſelbſt zurück⸗ ſpringen, und wie andre Süßigkeiten, die von ihm gebotene Nahrung durch Uebermaß anekelt; aber Wer ehrlich und offen handelt, wenn er auch oft anſtößt, beſitzt eine Macht zu loben, die keine andre ··· 267 Eigenſchaft als die Aufrichtigkeit gewährt, weil ſeine Worte gera⸗ dezu ans Herz dringen, und ihre Unterſtützung im Verſtande finden. So war es bei Wildtödter und Judith; ſo bald und ſo tief erfüllte dieſer einfache Jäger Alle, die ihn kannten, mit der Ueberzeugung von ſeiner unbeugſamen Redlichkeit, daß Alles, was er lobend äußerte, ebenſo gewiß Freude machte, als Alles, was er tadelnd und als Vorwurf äußerte, gewiß da tief einſchneiden und Feindſchaft erwecken mußte, wo ſein Charakter nicht ſchon Achtung und Nei⸗ gung ihm gewonnen hatte, die ſeinen Tadel in anderem Sinne ſchmerzhaft und empfindlich machten. Im ſpätern Leben, als die Laufbahn dieſes ungebildeten und unverkünſtelten Menſchen ihn in Berührung brachte mit Officieren von hohem Rang, und Andern, die mit der Sorge für die Intereſſen des Staats betraut waren, übte er denſelben Einfluß auf einem weiteren Feld; ſelbſt Generale hörten ſeine Lobſprüche mit einem Anflug von hoher Freude, welche in ihnen hervorzurufen nicht immer in der Macht ihrer officiellen Obern ſtand. Vielleicht war Judith das erſte Individuum von ſeiner Farbe, das ſich dieſen natürlichen Folgen der Wahrheitsliebe und Geradheit von Seiten Wildtödter's entſchieden unterwarf. Sie hatte wirklich nach ſeinem Lobe geſchmachtet, und jetzt hatte ſie es geerittet, und das in der Form, wie es ihrer Schwäche und ihrer Denkungsart am angenehmſten war. Das Ergebniß davon wird ſich im Laufe dieſer Erzählung zeigen. „Wenn wir wüßten, was Alles dieſer Schrank enthält, Wild⸗ tödter,“ verſetzte das Mädchen, als ſie ſich ein Wenig erholt hatte von der augenblicklichen Wirkung ſeiner Lobſprüche auf ihre per⸗ ſönliche Erſcheinung,„könnten wir beſſer entſcheiden, welches Ver⸗ fahren wir einſchlagen ſollen.“ „Das iſt nicht ohne Grund, Mädchen, obgleich es mehr eine Bleichgeſichts⸗ als eine Rothhauts⸗Gabe iſt, andrer Leute Geheim⸗ niſſe zu durchſpähen.“ „Neugier iſt natürlich, und es läßt ſich erwarten, daß alle 268 menſchliche Weſen menſchliche Fehler haben. So oft ich bei den Garniſonen geweſen bin, habe ich gefunden, daß die Meiſten dort und rings herum Verlangen trugen, ihres Nächſten Geheimniſſe zu erſpähen.“ „Ja, und manchmal ſie zu errathen oder zu erdichten, wenn ſie ſie nicht entdecken konnten. Das iſt der Unterſchied zwiſchen einem indianiſchen und einem weißen Gentleman. Die Schlange hier würde den Kopf auf die Seite wenden, wenn er bemerkte, daß er unabſichtlich in eines andern Häuptlings Wigwam hineinſehe; während in den Anſiedlungen, wo Alle vornehme Leute ſeyn wollen, die Meiſten beweiſen, daß ſie beſſer als Andre ſeyen, durch die Art, wie ſie über dieſe und ihre Angelegenheiten ſchwatzen. Ich ſtehe dafür, Judith, Ihr brächtet die Schlange hier nicht dazu, zu geſtehen, es ſey ein Andrer in ſeinem Stamme um ſo Viel größer als er, daß er der Gegenſtand ſeiner Gedanken würde, und er ſeine Zunge gebrauchte zu Geſprächen über ſein Thun und Treiben, ſein Gehen und Stehen, ſein Eſſen und Trinken, und all die andern kleinen Sachen, die einen Menſchen beſchäftigen, wenn er nicht mit ſeinen größeren Pflichten zu thun hat. Wer das thut, iſt nicht viel beſſer als ein ausgemachter Spitzbube, und Wer Einen dazu aufmuntert, iſt ſo ziemlich von derſelben Gattung, trage er ſo ſchöne Röcke als er will, und von Farben, wie ſie ihm gefallen.“ „Aber das iſt keines andern Mannes Wigwam; es gehört meinem Vater; es ſind ſeine Sachen, die man zu ſeinem Beſten verwendet und bedarf.“ „Das iſt wahr, Mädchen, das iſt wahr, und es iſt nicht ohne Gewicht. Nun gut, wenn Alles vor uns liegt, können wir in der That am beſten entſcheiden, was wir als Löſegeld anbieten, was zurückbehalten ſollen.“ Judith war in ihren Gefühlen nicht ganz ſo uneigennützig, als ſie ſich die Miene gab. Sie erinnerte ſich, daß die Neugierde Hetty's in Bezug auf dieſen Schrank war befriedigt worden, eD während die ihrige unberückſichtigt blieb, und es war ihr nicht leid, eine Gelegenheit zu bekommen, in dieſem Einen Punkt ſich ihrer minder begabten Schweſter gleich zu ſtellen. Da es ſchien, als 5 ſeyen Alle darüber einverſtanden, die Unterſuchung des Inhalts des 1 Schrankes ſolle weiter fortgeſetzt werden, machte ſich Wildtödter 1 daran, die zweite Leinwanddecke zu entfernen. 3 3 Die zu oberſt liegenden Artikel, nachdem wieder der Vorhang von den Geheimniſſen des Schrankes weggezogen war, waren ein Paar Piſtolen, ſehr ſchön mit Silber eingelegt. Ihr Werth würde in einer der Städte anſehnlich geweſen ſeyn, obgleich ſie für die 3 Wälder eine Art ſelten gebrauchter Waffen waren, ja, nie wurden ſie eigentlich gebraucht, außer etwa von einem Officier aus Europa, der die Colonien beſuchte, wie damals Manche zu thun pflegten, und der ſo erfüllt war von der Vortrefflichkeit der Sitten und Gebräuche von London, daß er meinte, er dürfe ſie auch auf der Grenze Amerika's nicht bei Seite legen. Was bei der Auffindung dieſer Waffen ſich zutrug, wird im nächſten Kapitel kund werden. Dreizehntes Kapitel. Ein Eichenlehnſtuhl, zerbrochen gar; Ein Leuchter, ſeiner Handhabe baar; 3 Ein eſchenes Bett aus der Rumpelkammer; Ein Koffer ohne Schloß und Klammer; Eine Beißzange, die nicht mehr packt; Ein Degen, die Spitze abgehackt; Eine Schüſſel, wohl lecker gefüllt, als noch ganz; Ein Ovid, ſammt alter Conkordanz. Swift's Inventar. Sobald Wildtödter die Piſtolen aufgehoben, wandte er ſich gegen den Delawaren und hielt ſie ihm hin, ſie zu bewundern. „Kind's Gewehr,“ ſagte die Schlange läͤchelnd, indem er eine der Waffen wie ein Spielzeug handhabte. — —— 270 „Nicht ſo, Schlange, nicht ſo. Es iſt für einen Mann ge⸗ macht, und würde einen Rieſen zufrieden ſtellen, recht gebraucht. Aber halt; weiße Männer zeichnen ſich aus durch die Sorgloſigkeit, womit ſie Feuerwaffen in Schränken und Winkeln auf die Seite legen. Laßt mich ſehen, ob dieſe Waffen ſorglich behandelt worden ſind.“ Mit dieſen Worten nahm Wildtödter die Waffe ſeinem Freund aus der Hand und öffnete die Pfanne. Dieſe war mit Pulver ge⸗ füllt, das durch Zeit, Feuchtigkeit und Druck wie in ein Stückchen Kohle zuſammengebacken war. Ein Verſuch mit dem Ladſtock zeigte, daß beide Piſtolen geladen waren, obwohl Judith bezeugen konnte, daß ſie vielleicht Jahre lang in dem Schranke gelegen. Es wäre ſchwer, das Erſtaunen des Indianers bei dieſer Entdeckung zu ſchildern, denn er war gewohnt, das Pulver auf ſeiner Pfanne täglich zu erneuen, und in andern kurzen Zwiſchenzeiten nach der Ladung ſeines Gewehrs zu ſehen. „Das iſt weiße Nachläſſigkeit,“ ſagte Wildtödter, den Kopf ſchüttelnd,„und kaum eine Jagdjahrszeit geht vorüber, ohne daß Jemand in den Anſtedlungen dadurch zu Schaden kommt. Es iſt auch außerordentlich, Judith— ja, es iſt geradezu außerordentlich, daß der Eigenthümer ſein Gewehr auf einen Hirſch, oder ein andres Wild, oder vielleicht auf einen Feind abfeuern, und dann zweimal unter dreien fehlen ſoll; aber es ſtoße ihm ein Unfall zu mit einer ſolchen vergeſſenen Ladung— und ſie bringt ſichern Tod einem Kind, einem Bruder oder Freund! Nun, wir werden dem Eigen⸗ thümer einen Dienſt erweiſen, wenn wir an ſeiner Statt dieſe Pi⸗ ſtolen abfeuern; und da ſie für Euch und für mich etwas Neues ſind, wollen wir unſre ſtete Hand an einem Ziele verſuchen. Er⸗ neuert dieß Pulver auf der Pfanne, und ich will es bei dieſer thun, dann wollen wir ſehen, wer der beſte Schütze iſt mit einer Piſtole; was die Büchſe betrifft, ſo iſt das längſt unter uns ausgemacht!“ Wildtoͤdter lachte herzlich über ſeinen eignen Einfall, und nach ein paar Minuten ſtanden ſie Beide auf der Plattform, ſich einen Gegenſtand in der Arche zur Zielſcheibe zu wählen. Judith führte die Neugier auch herbei. „Tretet zurück, Mädchen, tretet ein Wenig zurück; dieſe Waffen ſind ſchon lange geladen,“ ſagte Wildtödter,„und es könnte bei dem Abfeuern ein Unfall ſich ereignen.“ Dann ſollt Ihr ſie nicht abfeuern! Gebt ſie beide dem De⸗ lawaren: oder es wäre beſſer, die Ladung herauszuziehen, ſtatt ſie abzufeuern.“ „Das iſt gegen den Gebrauch— und manche Leute meinen: gegen die Mannhaftigkeit, obgleich ich ſolche einfältige Lehren nicht annehme. Wir müſſen ſie abfeuern, Judith, ja, wir müſſen ſie abfeuern: obgleich ich vorausſehe, daß Keiner Urſache haben wird, ſich ſeiner Geſchicklichkeit groß zu rühmen.“ Judith war im Ganzen ein Mädchen von vielem perſönlichen Muth, und ihre Lebensweiſe machte, daß ſie Nichts von der Angſt fühlte, welche beim Knall von Feuerwaffen leicht ihr Geſchlecht überfällt. Sie hatte manche Büchſe abgefeuert, und man wußte ſogar, daß ſie unter Umſtänden, die den Erfolg begünſtigten, ein Wild erlegt hatte. Sie ergab ſich daher, trat ein Wenig zurück, neben Wildtödter, und überließ dem Indianer die Fronte der Plattform allein. Chingachgook erhob die Waffe mehrere Male, ſuchte ſie mit Anwendung beider Hände in eine ſtete Lage zu bringen, wechſelte ſeine Stellung, die ihm unbequem ſchien und nahm eine noch unbequemere an, und endlich drückte er ab, mit einer Art verzweifelter Gleichgültigkeit, ohne in der That irgend ein Ziel feſt in's Auge gefaßt zu haben. Die Folge war, daß er ſtatt den Knoten zu treffen, der zur Zielſcheibe beſtimmt worden war, die Arche ganz und gar fehlte, und die Kugel auf dem Waſſer dahintanzte, wie ein mit der Hand geworfner Stein. „Gut gemacht, Schlange— gut gemacht!“ rief Wildtodter, und lachte in ſeiner geräuſchloſen Munterkeit;„Ihr habt den See 272 getroffen, und das iſt eine Großthat für manche Männer. Ich wußte es, und ſagte es auch der Judith hier, denn dieſe kurzen Waffen eignen ſich nicht für Rothhautsgaben. Ihr habt den See getroffen, und das iſt beſſer, als nur die Luft treffen! Jetzt tretet zurück und laßt uns ſehen, was weiße Gaben vermögen mit einer weißen Waffe. Eine Piſtole iſt keine Büchſe; aber Farbe iſt Farbe.“ Wildtödter zielte ebenſo raſch als ſtet, und der Knall erfolgte beinah in dem Augenblick, wo er die Waffe erhob. Aber die Piſtole zerſprang und Bruchſtücke davon flogen nach allen Richtungen; einige ſielen auf das Dach des Caſtells, andere in die Arche, und noch andre in's Waſſer. Judith kreiſchte laut auf, und als die beiden Männer ſich ängſtlich zu dem Mädchen wandten, war ſie bleich wie der Tod und zitterte an allen Gliedern. „Sie iſt verwundet— ja, das arme Mädchen iſt verwundet, Schlange, obgleich man es nicht hätte vermuthen ſollen, da wo ſie ſtand. Wir wollen ſte auf einen Sitz führen und müſſen alles Mögliche für ſie thun, ſoweit unſre Einſicht und Geſchicklichkeit reicht.“ Judith ließ ſich zu dem Sitz hinführen, ſchluckte einen Mund⸗ voll von dem Waſſer, das ihr der Delaware in einer Lederflaſche bot, und nach einem heftigen Anfall von Zittern, das ihre ſchöne Geſtalt bis zur Auflöſung ſchien ſchütteln zu wollen, brach ſie in Thräͤnen aus. „Der Schmerz muß ertragen ſeyn, arme Judith— ja er muß ertragen ſeyn,“ ſagte Wildtödter ihr zuſprechend;„obwohl ich weit entfernt bin, zu verlangen, daß Ihr nicht weinen ſollt; denn Weinen erleichtert oft mädchenhafte Gefühle. Wo kann ſie denn verletzt ſeyn, Schlange? Ich ſehe keine Spuren von Blut, auch keine Riſſe in Haut oder Kleidern.“ „Ich bin nicht beſchädigt, Wildtödter,“ ſtammelte das Mädchen unter ihren Thränen.„Es iſt Schrecken— Nichts weiter, ich verſichere Euch; und Gott ſey geprieſen, ich ſehe, Niemand iſt durch den Zufall beſchädigt.“ 273 „Das iſt außerordentlich!“ rief der argloſe und treuherzige Jäger.„Ich dachte, Judith, Ihr wäret hinaus über die Schwächen der Leute in den Anſiedlungen, und nicht ein Mädchen, das ſich durch den Knall einer zerſpringenden Waffe in Schrecken ſetzen ließe. Nein, ich hätte Euch nicht für ſo ſchüchtern gehalten! Hetty hätte wohl darüber in Angſt gerathen dürfen; aber Ihr habt zu viel Vernunft und Einſicht, um zu erſchrecken, nachdem die ganze Gefahr vorüber! Sie ſind dem Auge wohlgefällig, Häupt⸗ ling, und abwechſelnd, aber ſehr unzuverläſſig in ihren Gefühlen.“ Schaam hielt Judith's Mund verſchloſſen. Es war keine Schauſpielkunſt in ihrer Aufregung, ſondern Alles war die natür⸗ liche Folge plötzlicher, unüberwindlicher Beſorgniß und Angſt, die ihr ſelbſt beinah ebenſo unerklärlich vorkam, wie ſie es ihren Ge⸗ noſſen war. Sie wiſchte ſich jedoch die Spuren der Thränen ab, lächelte wieder, und war bald im Stand, in das Lachen über ihre eigne Thorheit einzuſtimmen. „Und Ihr, Wildtödter,“ dieß brachte ſie am Ende über die Lippen,„ſeyd Ihr wirklich ganz unverletzt? Es erſcheint beinahe wie ein Wunder, daß eine Piſtole Euch in der Hand zerſpringen mußte, und Ihr ohne den Verluſt eines Glieds, wo nicht gar des Lebens davonkamet!“ „Solche Wunder ſind gar nicht ungewöhnlich bei alten, ver⸗ brauchten Waffen. Die erſte Büchſe, die ſie mir gaben, ſpielte mir denſelben Streich, und doch kam ich lebend davon, obwohl nicht ſo ohne Schaden wie dieß Mal. Thomas Hutter beſitzt jetzt eine Piſtole weniger, als er dieſen Morgen beſaß, aber da der Zufall ſich ereignete bei einem Verſuch ihm zu dienen, hat er kei⸗ nen Grund ſich zu beklagen. Jetzt kommt herbei, und laßt uns weiter nach dem Inhalt des Schrankes ſehen.“ Iundith war mittlerweile ihrer Bewegung ſo weit Meiſter ge⸗ worden, daß ſie ihren Sitz wieder einnehmen konnte, und die Un⸗ terſuchung nahm ihren Fortgang. Der nächſte Artikel, der ſich Der Wildtödter. 3. Aufl. 18 274 fand, war in Tuch eingewickelt und als man dieß öffnete, zeigte ſich, daß es eines der mathematiſchen Inſtrumente war, wie ſie damals die Seeleute hatten, mit den gewöhnlichen Zierrathen und Bändern von Metall. Wildtödter und Chingachgook legten ihre Bewunderung und Ueberraſchung bei Auffindung des ihnen unbe⸗ kannten Inſtruments an den Tag, welches glänzte und glitzerte, und allem Anſchein nach ſorglich behandelt war. „Das geht über die Feldmeſſer hinaus, Judith,“ rief Wild⸗ tödter, nachdem er das Inſtrument mehrmals in ſeinen Händen herumgedreht;„ich habe alle ihre Werkzeuge oft geſehen, und ruchlos und herzlos genug ſind ſie, denn ſie kommen nie in den Wald, als nur um der Verwüſtung und Zerſtörung Bahn zu machen; aber keines von ihnen hat ein ſo kluges Ausſehen wie dieſes! Ich fürchte am Ende doch, Thomas Hutter hat ſich in die Wildniß begeben, nicht mit den beſten Abſichten gegen ihr Glück. Habt Ihr je ſchon das Thun und Treiben eines Feldmeſſers an Eurem Vater geſehen, Mädchen?“ „Er iſt kein Feldmeſſer, Wildtödter, kennt auch nicht den Ge⸗ brauch dieſes Inſtruments, obgleich er deſſen Beſitzer zu ſeyn ſcheint. Meint Ihr, Thomas Hutter habe je dieſen Rock getragen? Er iſt eben ſo viel zu groß für ihn, als dieß Inſtrument über ſeine Kenntniſſe iſt.“ „Das iſt's— das muß ſeyn, Schlange; und der alte Camerad iſt, auf irgend eine unbekannte Weiſe, der Erbe von eines Andern Habe geworden! Sie ſagen, er ſey ein Seemann geweſen, und ohne Zweifel— dieſer Schrank und Alles was er enthält— Ha! was kommt da! das geht noch weit über das Metall und das ſchwarze Holz des Inſtruments!“ Wildtödter hatte einen kleinen Sack geöffnet, aus dem er nacheinander die Figuren eines Schachſpiels herausholte. Sie waren von Elfenbein, weit größer als gewöhnlich, und köſtlich gearbeitet. Jedes Stück ſtellte den Charakter oder die Sache dar, wornach es 275 genannt iſt; die Ritter(Springer) waren zu Pferde, die Thürme ſtanden auf Elephanten, und ſelbſt die Bauern hatten Köpfe und Büſten von Männern. Das Spiel war nicht vollſtändig, und einige Beſchädigungen zeugten von unſorgfältiger Behandlung; aber Alles was noch übrig, war ſorgfältig zurückgelegt und aufbewahrt. Selbſt Judith drückte ihre Verwunderung aus, als man ihr dieſe neuen Gegenſtände vorwies, und Chingachgook vergaß in ſeinem bewundernden Entzücken gänzlich ſeine indianiſche Würde. Er hob jedes Stück auf, prüfte es genau mit nimmer ermüdender Zufriedenheit, und machte das Mädchen auf die ſinnreichſten und auffallendſten Theile der Arbeit aufmerkſam. Die Elephanten aber machten ihm das größte Vergnügen. Die„Hughs!“’ die er hören ließ, als er mit den Fingern über ihre Rüſſel und Ohren und Schwänze fuhr, waren ſehr vernehmlich; auch entgingen ſeiner Aufmerkſamkeit die als Bogenſchützen bewaffneten Bauern nicht. Dieß Auskramen dauerte einige Minuten, während welcher Zeit Judith und der Indianer ſich miteinander ganz in ihr Entzücken vertieften. Wildtödter ſaß ſchweigend, nachdenklich, und ſogar düſter da, obgleich ſeine Augen jede Bewegung der zwei Perſonen verfolgten, die hier die Hauptrolle ſpielten, und jede neue Eigen⸗ thümlichkeit an den einzelnen Stücken, ſo wie ſie aufgehoben und vorgezeigt wurden, ſich merkten. Kein Ausruf des Wohlgefallens, kein Wort des Beifalls kam über ſeine Lippen. Endlich bemerkten ſeine Genoſſen ſein Schweigen, und jetzt zum erſtenmal, ſeit der Auffindung der Schachfiguren, ſprach er. „Judith,“ fragte er ernſt, aber mit einer Theilnahme, die beinahe an Weichheit und Zärtlichkeit grenzte,„ſprachen Eure Eltern je mit Euch von Religion?“ Das Mädchen erröthete, und die Purpurflammen, die über ihr ſchönes Angeſicht liefen, glichen den ſeltſamen Tinten eines neapo⸗ litaniſchen Himmels im November. Wildtödter hatte ihr jedoch ein ſolches Wohlgefallen an der Wahrheit beigebracht, daß ſie in ihrer Antwort nicht ſchwankte, ſondern einfach und aufrichtig erwiederte: „Meine Mutter, ja oft,“ ſagte ſie,„mein Vater nie. Es kam mir vor, es mache meine Mutter bekümmert, von unſern Gebeten und Pflichten zu ſprechen; aber mein Vater hat nie den Mund über ſolche Dinge aufgethan vor oder ſeit ihrem Tode.“ „Das kann ich glauben— das kann ich glauben. Er hat keinen Gott— keinen ſolchen Gott, wie es einem Menſchen von weißer Haut zu verehren geziemt, oder auch einer Rothhaut. Die Dinge da ſind Götzen!“ Judith fuhr auf, und einen Augenblick ſchien ſie ernſtlich ge⸗ kränkt. Dann beſann ſie ſich, und am Ende lachte ſie. „Und Ihr meint alſo, Wildtödter, dieſe elfenbeinernen Spiel⸗ ſachen ſeyen meines Vaters Götter? Ich habe ſchon von Götzen gehört, und weiß was ſie ſind.“ „Es ſind Götzen!“ wiederholte der Andere mit Beſtimmtheit. „Warum ſollte ſie Euer Vater aufbewahren, wenn er ſie nicht anbetet?“ „Würde er ſeine Götter in einem Sack haben, und in einem Schrank eingeſchloſſen? Nein, nein, Wilbtödter, mein armer Vater hat ſeinen Gott bei ſich, wohin er geht, und das iſt ſeine eigene Sache. Dieſe Dinge da mögen wirklich Götzen ſeyn— ich glaube ſelbſt, das ſind ſie, nach dem was ich von Götzendienerei gehört und geleſen habe, aber ſie kommen aus einem fernen Lande, wie alle die andern Gegenſtände und ſind in Thomas Hutter's Hände gekommen, als er Matroſe war.“. „Das freut mich— das freut mich wahrhaft zu hören, Judith, denn ich glaube, ich hätte den Entſchluß nicht aufgebracht, einem weißen Götzendiener aus ſeiner Noth zu helfen! Der alte Mann iſt von meiner Farbe und Nation, und ich wünſchte ihm zu dienen, aber verläugnete er alle ſeine Gaben im Punkte der Religion, ſo würde mich's hart ankommen, das zu thun. Das Thier da ſcheint 277 Euch große Freude zu machen, Schlange, obgleich es im beſten Fall ein abgöttiſches Haupt iſt.“ „Es iſt ein Elephant,“ unterbrach ihn Judith.„Ich habe oft Abbildungen von ſolchen Thieren in der Garniſon geſehen; und Mutter hatte ein Buch, worin Nachrichten von dem Geſchöpfe ge⸗ druckt ſind. Vater verbrannte das, ſammt allen andern Büchern, denn er ſagte, Mutter leſe zu gern. Das war nicht lange, ehe die Mutter ſtarb, und ich habe manchmal gedacht, der Verluſt habe ihr Ende beſchleunigt.“ Sie ſagte dieß ebenſo einerſeits ohne Leichtſinn, als andrer⸗ ſeits ohne tieferes Gefühl. Ohne Leichtſinn, denn Judith war trüb geſtimmt durch ihre Erinnerungen, und doch war ſie zu ſehr gewohnt geweſen, für ſich allein und für die Befriedigung ihrer eiteln Neigun⸗ gen zu leben, um ihrer Mutter Leiden ſehr tief zu fühlen. Es bedurfte außerordentlicher Umſtände, um ein geeignetes Bewußtſeyn ihrer Lage zu erwecken, und die beſſern Gefühle dieſes ſchönen, aber mißleiteten Mädchens anzuſpornen; und dieſe Umſtände waren in ihrem kurzen Daſeyn noch nicht eingetreten. „Elephant oder nicht Elephant, es iſt ein Götzenbild,“ verſetzte der Jäger,„und nicht geeignet, in chriſtlichen Händen zu bleiben.“ „Gut für Irokeſen!“ ſagte Chingachgook, mit Widerſtreben ſich von einem der Thürme trennend, als ſein Freund ihn ihm abnahm, um ihn wieder in den Sack zu ſchieben.„Elephon einen ganzen Stamm erkaufen— beinahe Delawaren erkaufen!“ „Ja, das würde er, wie Jeder wiſſen muß, der die Natur der Rothhäute kennt,“ verſetzte Wildtödter;„aber der Mann, der falſches Geld in Umlauf ſetzt, Schlange, iſt ſo ſchlimm, als der, der es münzt. Habt Ihr je von einem rechten Indianer gehört, der es nicht verſchmähen würde, einen Iltiß für einen ächten Marder zu verkaufen, oder ein Stinkthier für einen Biber auszu⸗ geben? Ich weiß, daß wenige von dieſen Götzenbildern, vielleicht Einer von dieſen Elephanten Viel ausrichten würde, dem armen 278 Thomas Hutter die Freiheit zu erkaufen, aber es läuft gegen das Gewiſſen, ſolches falſche Geld in Umlauf zu bringen. Vielleicht kein indianiſcher Stamm hier herum iſt eigentlich götzendieneriſch; aber einige kommen dem ſo nahe, daß weiße Gaben ſich wohl hüten müſſen, ſie in ihrem Irrthum zu ermuthigen.“ „Wenn Gÿtzendienerei eine Gabe iſt, Wildtödter, und Gaben das ſind, wofür Ihr ſie zu halten ſcheint, ſo kann Götzendienerei bei ſolchen Leuten ſchwerlich Sünde ſeyn,“ ſagte Judith mit mehr Keckheit als Unterſcheidungskraft. „Gott verleiht Keinen von ſeinen Geſchöpfen ſolche Gaben,“ verſetzte der Jäger ernſthaft.„Er muß angebetet werden, unter einem oder dem andern Namen, und nicht Creaturen von Metall oder Elfenbein. Es iſt gleichgültig, ob der Vater von Allen Gott genannt wird, oder Maniton, Gottheit oder Großer Geiſt, er iſt nichtsdeſtoweniger unſer gemeinſamer Herr und Schöpfer; auch trägt es nicht Viel aus, ob die Seelen der Gerechten in's Paradies kommen, oder in die glücklichen Jagdreviere, da Er ja Jeden ſeinen Weg ſchicken kann, wie es ſeiner Gnade und Weis⸗ heit beliebt; aber es empört mein Blut, wenn ich menſchliche Sterbliche ſo in Finſterniß und Wahn befangen ſehe, daß ſie Erde oder Holz, oder Knochen— Dinge von ihren eignen Händen ge⸗ formt— zu bewegungsloſen, ſinnloſen Bildern geſtalten, und dann vor ihnen niederfallen, und ſie wie eine Gottheit anbeten!“ „Am Ende, Wildtödter, ſind alle dieſe elfenbeinernen Figuren gar keine Götzenbilder. Ich erinnere mich jetzt einen der Officiere der Garniſon geſehen zu haben mit einem Spiel: Fuchs und Gänſe, in ähnlicher Weiſe verfertigt wie dieſe; und da iſt etwas Hartes in Tuch eingewickelt, das vielleicht zu den Götzenbildern gehört.“ Wildtödter nahm das Päckchen, das ihm das Mädchen reichte, machte es auf, und fand darin das Schachbrett. Wie die Figuren war es groß, prächtig, und mit Ebenholz und Elfenbein eingelegt. Nachdem dieß Alles in Verbindung gebracht wurde, trat der Jäger, —3— N 8&ð NK—= — obwohl nicht ohne viele Bedenklichkeiten, allmälig Judith's Anſicht bei, und gab am Ende zu, die vermeintlichen Götzenbilder müßten wohl nur die ſeltſam geſchnitzten Figuren eines unbekannten Spieles ſeyn. Judith beſaß ſo viel Takt, ihren Sieg mit großer Mäßigung zu benutzen; auch ſpielte ſie nie auch nur aufs entfernteſte auf den komiſchen Irrthum ihres Freundes an. Dieſe Entdeckung der Beſtimmung der ſo ſeltſam ausſehenden kleinen Figuren brachte die Angelegenheit des zu bietenden Löſe⸗ geldes in's Reine. Es ward allgemein anerkannt— und alle waren mit dem Geſchmack und den Schwächen der Indianer ver⸗ traut— daß Nichts ohne Zweifel die Habſucht der Irokeſen mehr reizen würde, als namentlich die Elephanten. Zum Glück waren alle vier Thürme unter den vorhandenen Stücken, und es ward endlich beſchloſſen, dieſe vier thürmetragenden Thiere ſollten das anzubietende Löſegeld ausmachen. Die übrigen Figuren, ſo wie auch alle andern Artikel in dem Schranke ſollten verſteckt gehalten, und nur im äußerſten Nothfall zu Hülfe genommen werden. Sobald dieſe Präliminarien in's Reine gebracht waren, wurde Alles, außer den zum Löſegeld beſtimmten Artikeln ſorgfältig wieder in den Schrank gepackt, und alle Bedeckungen wurden wieder hineingeſteppt, wie man ſie gefunden; und es war ganz wohl möglich, daß, wenn Hutter wieder in den Beſitz des Caſtells geſetzt werden konnte, er darin den übrigen Reſt ſeiner Tage verlebte, ohne auch nur den Eingriff zu argwohnen, den man ſich an dem Geheimniß des Schranks erlaubt hatte. Die zerſprungene Piſtole hätte am eheſten das Ge⸗ heimniß verrathen können, aber dieſe ward neben die ihr entſpre⸗ chende hingelegt, und Alles ward zuſammengedrückt, wie es zuvor geweſen; ein halb Dutzend Päcke unten auf dem Boden des Schranks waren gar nicht geöffnet worden. Nachdem dieß geſchehen, wurde der Deckel herabgeſenkt, die Schloͤſſer wieder vorgelegt, und der Schlüſſel umgedreht. Dieſer wurde dann wieder in die Taſche geſteckt, aus der man ihn herausgenommen. — —— 8 ——— 280 Mehr als eine Stunde verging, bis man ſich über das nun einzuſchlagende Verfahren vereinigt und Alles wieder an ſeinen Ort gebracht hatte. Die Pauſen, während deren man ſich beſprach, waren häufig; und Judith, die ein lebhaftes Wohlgefallen an der offenen, unverhehlten Bewunderung hatte, womit Wildtödter's ehr⸗ liches Auge in ihr ſchönes Antlitz ſchaute, fand mit einer Gewandt⸗ heit, die der weiblichen Koketterie angeboren ſcheint, Mittel, die Unterhaltung zu verlängern. Wildtödter ſchien in der That der Erſte zu ſeyn, dem es einſiel, wie viel Zeit man ſo vergeude, und der die Aufmerkſamkeit ſeiner Genoſſen auf die Nothwendigkeit hin⸗ lenkte, Etwas zu thun, um den Auslöſungsplan in Ausführung zu bringen. Chingachgook war in Hutter's Schlafzimmer geblieben, woohin man die Elephanten gebracht hatte, um ſein Auge an den Bildern ſo wunderbarer und ſo neuer Thiere zu weiden. Vielleicht ſagte ihm ein inſtinktmäßiges Gefühl, ſeine Gegenwart würde ſeinen Genoſſen nicht ſo erwünſcht ſeyn, als wenn er ſich entfernt halte; denn Judith beobachtete nicht viel Zurückhaltung in der Kundgebung ihrer Vorliebe, und der Delaware hatte es nicht bis zur Verlobung gebracht, ohne ſich auch einige Kenntniſſe der Symptome der „großen Leidenſchaft zu erwerben. „Nun, Judith,“ ſagte Wildtödter aufſtehend, nachdem die Be⸗ ſprechung weit länger gedauert hatte, als er ſelbſt ahnte;„es iſt angenehm, mit Euch zu plaudern und alle dieſe Dinge ins Reine zu bringen, aber die Pflicht ruft uns anders wohin. Dieſe ganze Zeit her ſind Hurry und Euer Vater, Nichts zu ſagen von Hetty— Dieß Wort ward dem Redenden im Mund abgeſchnitten, denn in dieſem entſcheidenden Augenblick hörte man einen leichten Schritt auf der Plattform oder dem Thorhof, eine menſchliche Geſtalt beſchattete die Thüre— und die zuletzt genannte Perſon ſtand vor ihm. Der leiſe Ausruf, welcher Wildtödtern entſchlüpfte, und Ju⸗ dith's ſchwaches Kreiſchen waren kaum über ihre Lippen, als ein indianiſcher Jüngling, zwiſchen fünfzehn und ſtebzehn Jahren, neben — —— —„—— r—„= S== S 281 ihr ſtand. Das Eintreten dieſer Beiden war, da ſie Mokkaſins an den Füßen hatten, faſt ohne alles Geräuſch erfolgt; aber ſo uner⸗ wartet und verſtohlen ſie ſich jetzt näherten, vermochten ſie doch Wildtödter's Selbſtbeherrſchung nicht zu erſchüttern. Sein Erſtes war, daß er ſchnell auf delawariſch zu ſeinem Freunde ſprach und ihn warnte, ſich verſteckt zu halten und auf der Hut zu ſeyn; das Nächſte, daß er an die Thür trat, um ſich von dem Umfang der Gefahr zu vergewiſſern. Niemand ſonſt jedoch war gekommen; und ein einfaches Fahrzeug, in Geſtalt eines Floßes, das neben der Arche ſchwamm, erklärte ſofort, auf welche Art Hetty heran⸗ gekommen. Zwei gefallene und trockne, und daher ſchwimmende Tannenſtämme waren zuſammengebunden mit Pflöcken und Weiden, und eine kleine Plattform von Flußkaſtanienholz war kunſtlos darauf angebracht. Hier hatte Hetty auf einem Holzſcheit geſeſſen, wäh⸗ rend der junge Irokeſe das rohe und ſchwerbewegliche, aber voll⸗ kommen ſichere Fahrzeug von der Küſte hieher ruderte. Sobald Wildtödter dieſen Floß genau in's Auge gefaßt und ſich verſichert hatte, daß ſonſt Nichts in der Nähe war, ſchüttelte er den Kopf und murmelte in ſeiner Art, mit ſich ſelbſt zu reden: „Das kommt dabei heraus, wenn man in andrer Leute Schrän⸗ ken wühlt! Wären wir aufmerkſam und wachſam geweſen, ſo hätte nie eine ſolche Ueberraſchung ſtattfinden können; und daß uns dieſen Streich ein Knabe ſpielt, zeigt uns, was wir zu erwarten haben, wenn die alten Krieger ſelbſt ſich recht daran machen, ihre Tücken auszuführen. Indeß, es bahnt uns den Weg zu einer Unterhandlung über das Loöſegeld, und ich will hören, was Hetty zu ſagen hat.“ Judith zeigte, ſobald ihre Ueberraſchung und ihr Schrecken ein wenig ſich gelegt hakten, eine geziemende, zärtliche Freude über die Rückkunft ihrer Schweſter. Sie drückte ſie an ihre Bruſt und küßte ſie, wie ihre Gewohnheit geweſen in den Tagen ihrer Kind⸗ heit und Unſchuld. Hetty ſelbſt war weniger ergriffen; denn für ſie gab es keine Ueberraſchung, und ihre Nerven waren geſtählt 282 durch die Reinheit und Heiligkeit ihres Beſtrebens. Auf ihrer Schweſter Bitte ſetzte ſie ſich, und begann eine Erzählung ihrer Abenteuer, ſeit ſie ſich getrennt hatten. Ihre Erzählung fing gerade an, als Wildtödter zurückkehrte, und auch er wurde ein aufmerkſamer Zuhörer, während der junge Irokeſe nahe an der Thüre ſtand, anſcheinend ſo gleichgültig gegen Alles was vorging, wie einer ihrer Pfoſten. Die Erzählung des Mädchens war klar genug, bis ſie zu dem Zeitpunkt gelangte, wo wir ſie in dem Lager verließen, nach der Beſprechung mit den Häuptlingen und bis zu dem Augenblick, wo Hiſt ſie ſo plötzlich verließ, wie oben angegeben. Die weitere Geſchichte mag in ihren eignen Worten folgen: „Als ich den Häuptlingen die Terxte las, Indith, da hätteſt Du wohl nicht bemerkt, daß ſie irgend eine Veränderung in ihren Gemüthern hervorbrachten,“ ſagte ſie;„aber wenn der Samen ausgeſtreut iſt, ſo wird er auch wachſen. Gott hat den Samen aller Bäume gepflanzt—“ „Ja, das hat er, das hat er,“ murmelte Wildtödter,„und ein ſchöner Ertrag iſt gefolgt.“ „Gott hat den Samen aller Bäume gepflanzt,“ fuhr Hetty nach einer augenblicklichen Pauſe fort,„und Ihr ſeht, zu welcher Höhe, zu welchem Schatten ſie emporgewachſen ſind! So iſt es mit der Bibel. Ihr könnt dieß Jahr einen Vers leſen, und ihn vergeſſen, und ein Jahr ſpäter kommt er Euch wieder in den Sinn, wenn Ihr am wenigſten daran denkt, Euch ſeiner wieder zu erinnern.“ „Und haſt Du etwas der Art unter den Wilden gefunden, arme Hetty?“ „Ja, Judith, und eher und reichlicher als ich je gehofft hätte. Ich blieb nicht lange bei Vater und Hurry, fondern ging, mit Hiſt mein Frühſtück einzunehmen. Sobald wir damit fertig waren, kamen die Häuptlinge zu uns, und da erkannten wir die Früchte des ausgeſtreuten Samens. Sie ſagten, was ich aus dem guten 22——— 283 Buche geleſen, ſey recht— es m üſſe recht ſeyn— es laute recht wie ein holder Vogel, der ihnen in's Ohr ſinge; und ſie hießen mich zurückkehren, und dieß dem großen Krieger ſagen, der Einen ihrer Tapfern getödtet, und es Dir erzählen, und auch ſagen, wie glücklich ſie ſich ſchätzen würden, hier im Caſtell zur Kirche zu kommen, oder auch draußen in der Sonne, und mich Mehr leſen zu hören aus dem heiligen Buche— und hießen mich Euch ſagen, ſie wünſchten, daß Ihr ihnen einige Canoes leihet, damit ſie Vater und Hurry, und auch ihre Weiber zu dem Caſtell herüberführen könnten, daß wir Alle dort auf der Plattform ſäßen, und horchten dem Geſange des Maniton der Bleichgeſichter. Nun, Judith, haſt Du je Etwas gehört, was ſo offenkundig die Macht der Bibel zeigt, wie dieß?“ „Wenn es wahr wäre, ſo wäre es allerdings ein Wunder, Hetty. Aber dieß Alles iſt Nichts als indianiſche Schlauheit und Verrätherei, die uns durch Liſt zu überwinden ſuchen, wenn ſie finden, daß es mit Gewalt nicht geht.“ „Zweifelſt Du an der Bibel, Schweſter, daß Du die Wilden ſo hart beurtheilſt?“ „Ich zweifle nicht an der Bibel, arme Hetty, aber ich zweifle ſehr an einem Indianer und einem Irokeſen. Was ſagt Ihr zu dieſem Beſuch, Wildtödter?“ „Erſt laßt mich ein Wenig mit Hetty ſprechen,“ verſetzte der Befragte;„ward dieſer Floß gefertigt, nachdem Ihr Euer Früh⸗ ſtück eingenommen, Mädchen? und begabet Ihr Euch von dem Lager nach der uns gegenüberliegenden Küſte hier?“ „Oh! nein, Wildtödter. Der Floß war bereit und im Waſſer — konnte das durch ein Wunder geſchehen ſeyn, Judith?“ „Ja— ja— ein indianiſches Wunder,“ verſetzte der Jäger. „Sie ſind erfahren genug in dieſer Art von Wundern. Und Ihr fandet den Floß ganz bereit vor Euch, und im Waſſer, und Eurer wartend, als ſeiner Ladung?“ „Alles ſo wie Ihr ſagt. Der Floß war nahe beim Lager, und die Indianer ſetzten mich darauf, und hatten Schiffstaue, und zogen mich an den Platz gegenüber dem Caſtell, und dann hießen ſie dieſen jungen Mann mich herüber rudern.“ „Und die Wälder ſind voll von den Vagabunden, die nur warten, um zu erfahren, was das Ende von dem Mirakel ſeyn werde. Wir begreifen jetzt dieſen Handel, Judith, und ich will nur erſt dieſen jungen canadiſchen Blutſauger abfertigen, dann wollen wir über unſer Verfahren uns beſprechen. Laßt Ihr und Hetty uns allein mit einander, zuvor aber bringt mir die Elephanten, welche Schlange bewundert; denn es wird nicht gut thun, dieſen lauernden Burſchen nur eine Minute allein zu laſſen, oder er ent⸗ lehnt ein Canoe, ohne zu fragen.“ Judith that nach ſeinem Verlangen, brachte zuerſt die Figuren und entfernte ſich dann mit ihrer Schweſter in ihr Gemach. Wild⸗ todter hatte ſich einige Bekanntſchaft mit den meiſten indianiſchen Dialekten der Gegend erworben, und verſtand irokeſiſch genug, um ein Geſpräch in dieſer Sprache zu führen. Er winkte daher dem Burſchen und hieß ihn auf den Schrank ſitzen, worauf er plötzlich zwei von den Thürmen vor ihn hinſtellte. Bis zu dieſem Augenblick hatte der junge Wilde durch keine Miene eine innere Bewegung oder ein Wohlgefallen verrathen. Es waren viele Sachen in dem Gemach und draußen, die ihm neu ſeyn mußten, aber er hatte ſeine Selbſtbeherrſchung mit ſtoiſcher Faſſung be⸗ hauptet. Zwar hatte Wildtödter bemerkt, wie ſein dunkles Auge die Vertheidigungsanſtalten und Waffen muſterte, aber dieſe Muſte⸗ rung war mit ſo unſchuldiger Miene in einer ſo kindiſchen, faulen, gaffenden Art angeſtellt worden, daß Niemand als ein Mann, der ſelbſt eine ähnliche Schule durchlaufen, ſeine Abſicht auch nur von ferne hätte argwohnen können. In dem Augenblick aber, wo das Auge des Wilden auf das ſchöngearbeitete Elfenbein und auf die Figuren der wunderbaren unbekannten Thiere fiel, überwältigten ———y—-— ——-—,—„ e—. öͤ—— 285 ihn Ueberraſchung und Bewunderung. Das Benehmen der Bewoh⸗ ner der Südſeeinſeln, als ſie zuerſt die Spielereien des civiliſirten Lebens erblickten, iſt oft geſchildert worden; aber der Leſer darf dieß nicht verwechſeln mit dem Benehmen eines amerikaniſchen Indianers unter denſelben Verhältniſſen. Im vorliegenden Falle entfuhr dem jungen Irokeſen oder Huronen ein Ausruf des Ent⸗ zückens; dann aber nahm er ſich ſogleich zuſammen, wie Einer, der ſich einer Verletzung der Schicklichkeit ſchuldig gemacht. Dann hörten ſeine Augen auf, umher zu ſchweifen, und hefteten ſich auf die Elephanten, von denen er nach kurzem Bedenken einen ſogar mit der Hand zu betaſten wagte. Wildtödter ſtörte ihn volle zehn Minuten lang gar nicht, wohl wiſſend, daß der Junge die Merk⸗ würdigkeiten ſich ſo genau merken würde, daß er bei ſeiner Rück⸗ kehr den ältern Indianern die genaueſte und ins Einzelnſte gehende Beſchreibung davon würde machen können. Nachdem der Jäger dachte, er habe ihm jetzt Zeit genug gelaſſen, ſich Alles ſo genau einzuprägen, berührte er mit dem Finger das nackte Knie des Jünglings und nahm ſelbſt deſſen Aufmerkſamkeit in Anſpruch. „Hört mich,“ ſagte er;„ich möchte mit meinem jungen Freund aus den Canadas ſprechen. Vergeſſe er ſeiner Verwunde⸗ rung für eine Minute.“ „Wo iſt der andere weiße Bruder?“ fragte der Junge auf⸗ ſchauend und unwillkührlich entſchlüpfte ſo ſeinem Munde der Gedanke, der am meiſten ſeine Seele beſchäftigt hatte vor der Vorzeigung der Schlachtfiguren. „Er ſchläft— oder wenn er nicht eigentlich ſchläft, ſo iſt er doch in dem Gemach, wo die Männer ſchlafen,“ antwortete Wild⸗ tödter.„Woher weiß mein junger Freund, daß noch Einer da iſt?“ „Ihn geſehen von der Küſte aus. Irokeſen lange Augen haben— über die Wolken hinaus ſehen— den Grund der großen Quelle ſehen!“ 286 „Gut, die Irokeſen ſind willkommen. Zwei Bleichgeſichter ſind Gefangene im Lager Eurer Väter, Knabe.“ Der Burſche nickte, und behandelte den Umſtand anſcheinend mit großer Gleichgültigkeit; obwohl er einen Augenblick darauf lachte, wie frohlockend über die überlegene Gewandtheit ſeines Stammes. „Könnt Ihr mir ſagen, Knabe, was Eure Häuptlinge mit dieſen Gefangenen zu thun beabſichtigen; oder ſind ſie deßhalb noch nicht entſchloſſen?“ Der Burſche ſchaute einen Augenblick den Jäger mit einiger Ueberraſchung an, dann ſetzte er kaltblütig die Spitze ſeines Zeige⸗ fingers an ſeinen Kopf, gerade über dem linken Ohr, und fuhr damit rund um den Schädel, mit einer Sicherheit und Genauigkeit, welche zeigte, wie gut er in der eigenthümlichen Kunſt ſeines Volkes eingeſchult ſeyn müſſe. „Wann?“ fragte Wildtödter, deſſen Galle ſchwoll, bei dieſer kaltblütig zur Schau geſtellten Gleichgültigkeit gegen Menſchen⸗ leben.„Und warum nicht ſie in Eure Wigwams mitnehmen?“ „Weg zu weit, und voll von Bleichgeſichtern. Wigwam voll und Skalpe theuer zu verkaufen, kleiner Skalp, viel Gold.“ „Gut, das erklärt es— ja, das erklärt es. Es iſt nicht nöthig deutlicher zu ſprechen. Nun wißt Ihr, Burſche, daß der Aeltere von Euren Gefangenen der Vater von dieſen zwei jungen Mädchen iſt, und der Andere iſt der Liebhaber der Einen. Die Mädchen wünſchen natürlich, die Skalpe von ſo nahen Freunden zu retten, und ſie wollen ihnen zwei elfenbeinerne Creaturen als Löſegeld geben, eine für jeden Skalp. Geht zurück und ſagt, das Euern Häuptlingen, und bringt mir die Antwort, ehe die Sonne untergeht.“ Der Knabe ging mit Eifer in dieſen Vorſchlag ein, und mit einer Aufrichtigkeit, die keinen Zweifel übrig ließ, daß er ſeinen Auftrag mit Einſicht und raſch ausführen werde. Einen Augenblick . 8 287 vergaß er ſeine Ehrliebe und alle ſeine Stammesfeindſeligkeit gegen die Britten und ihre Indianer, in ſeinem Wunſche, einen ſolchen Schatz im Beſitz ſeines Volkes zu wiſſen, und Wildtödter war mit dem Eindruck, den die Sache auf den Knaben gemacht, zufrieden. Zwar ſchlug der Junge vor, er wolle einen der Ele⸗ phanten mit ſich nehmen als Probe vom Andern, aber darein zu willigen, war ſein Bruder Unterhändler zu ſcharfblickend, da er wohl wußte, daß derſelbe, ſolchen Händen anvertraut, nie an den Ort ſeiner Beſtimmung gelangen würde. Dieſe kleine Schwierigkeit war bald ausgeglichen, und dann ſchickte ſich der Knabe zur Ab⸗ fahrt an. Als er auf der Plattform ſtand, bereit auf den Floß zu ſteigen, beſann er ſich und kehrte ſich plötzlich um, mit dem Vorſchlag, man möͤchte ihm ein Canoe leihen, als ein Mittel, die Unterhandlung vorausſichtlich bedeutend abzukürzen. Wildtödter ſchlug das Verlangen ruhig ab, und nach einigem weitern Zögern ruderte der Knabe langſam von dem Caſtell weg, ſeine Richtung nach einem Dickicht an der Küſte zu nehmend, das weniger als eine halbe Meile entfernt war. Wildtödter ſetzte ſich auf einen Stuhl und beobachtete die Fahrt des Botſchafters; manchmal genau die ganze Linie der Küſte, ſo weit das Auge reichte, muſternd und dann einen Ellbogen auf ein Knie ſtemmend, das Kinn auf die Hand geſtützt, blieb er ſo lange Zeit ſitzen. Während der Unterredung zwiſchen Wildtödter und dem Jun⸗ gen, fiel im anſtoßenden Gemach eine Scene andrer Art vor. Hetty hatte nach dem Delawaren gefragt, und als ſie erfahren, warum und wo er ſich verborgen halte, begab ſie ſich zu ihm. Der Empfang, welchen dieſer Beſuch bei Chingachgook fand, war freundlich und achtungsvoll. Er verſtand ihren Charakter und ihr Weſen, und ohne Zweifel ward ſeine Geneigtheit, einem ſolchen Geſchöpf freundlich zu begegnen, noch geſteigert durch die Hoffnung, Nachrichten von ſeiner Verlobten zu erhalten. Sobald das Mäd⸗ chen eingetreten war, nahm ſie einen Sitz und lud den Indianer 288 ein, ſich neben ſie zu ſetzen, blieb aber dann ſtumm, als hielte ſie für ſchicklich, daß er ſie befrage, ehe ſie ſich entſchlöße von dem Gegenſtande zu ſprechen, den ſie auf dem Herzen hatte. Aber da Chingachgook dieß Gefühl nicht verſtand, erwartete er in ach⸗ tungsvoller Aufmerkſamkeit und ſchweigend, was ſie ihm mitzutheilen belieben möchte. „Ihr ſeyd Chingachgook, die Große Schlange der Delawaren, nicht ſo?“ begann endlich das Mädchen in ihrer einfachen Weiſe, ihre Selbſtbeherrſchung verlierend über dem Verlangen, weiter zu kommen, aber ängſtlich bedacht, ſich doch zuvor der Perſon recht zu verſichern. „Chingachgook,“ verſetzte der Delaware mit ernſter Würde. „Das bedeuten Große Schlange in Wildtödter's Sprache.“ „Gut, das iſt meine Sprache. Wildtödter, und Vater, und Judith, und ich und der arme Hurry Harry— kennt Ihr Henry March, Große Schlange?— Doch ich weiß, Ihr kennt ihn nicht, ſonſt hätte auch er ſchon von Euch geſprochen.“ „Hat eine Zunge Chingachgook genannt, ſchmachtende Lilie?“ denn ſo hatte der Häuptling die arme Hetty benamst.„Ward ſein Name geſungen von einem kleinen Vogel unter den Irokeſen?“ Hetty antwortete zuerſt nicht; aber mit jenem nicht zu be⸗ ſchreibenden Gefühl, welches Sympathie und Verſtändniß erweckt unter den Jugendlichen und in der Welt Unerfahrenen ihres Ge⸗ ſchlechts, ließ ſie ihr Haupt hängen, und das Blut ſchoß ihr in die Wangen, ehe ſie die Sprache wieder fand. Es würde über ihren Antheil von Verſtand hinausgegangen ſeyn, dieſe Verlegenheit zu er⸗ klären; aber obwohl die arme Hetty nicht bei jedem vorkommenden Fall geordnet denken konnte, konnte ſie doch immer fühlen. Die Röthe trat allmälig wieder aus ihren Wangen zurück, und das Mädchen ſchaute den Indianer ſchelmiſch an, lächelnd mit der Un⸗ ſchuld eines Kindes, worein ſich denn doch das Intereſſe des Weibes miſchte. N 8 289 „Meine Schweſter, die ſchmachtende Lilie, ſolchen Vogel hören!“ fuhr Chingachgook fort, und das mit einer milden Freundlichkeit in Ton und Benehmen, die Solche würde in Erſtaunen geſetzt haben, welche manchmal die unharmoniſchen, oft aus derſelben Kehle kom⸗ menden ſchreienden Töne gehört hätten; aber ſolche Uebergänge von dem rauhen und Gurgel⸗Ton, zum ſanften und melodiſchen ſind nicht ſelten auch bei gewöhnlichen Geſprächen von Indianern:„Mei⸗ ner Schweſter Ohr offen geweſen— hat ſie ihre Zunge verloren?“ „Ihr ſeyd Chingachgook— Ihr müßt es ſeyn; denn es iſt kein andrer rother Mann da, und ſie erwartete, daß Chingachgook kommen würde.“ „Chin— gach— gook,“ ſo ſprach er den Namen langſam aus und verweilte bei jeder Sylbe.„Große Schlange, Yengeeſe Sprache.“ „Chin— gach— gook,“ wiederholte Hetty ebenſo langſam und bedächtlich.„Ja, ſo nannte ihn Hiſt, und Ihr müßt der Häupt⸗ ling ſeyn.“ 4 „Wah⸗ta!⸗Wah,“ rief der Delaware. „Wah⸗ta!⸗Wah, oder Hiſt⸗oh!⸗Hiſt! Mir klingt Hiſt hübſcher als Wah, und ſo nenne ich ſie Hiſt.“ „Wah! ſehr ſüß in Delawaren Ohren! „Ihr ſprecht es aus, daß es anders klingt als bei mir. Aber einerlei; ich habe den Vogel ſingen hören, von dem Ihr ſprecht, Große Schlange!“ „Will meine Schweſter ſagen Worte des Geſangs?— Was ſie am meiſten ſingen— wie ausſehen— ſie oft lachen?“ „Sie ſang Chin— gach— gook öfter als irgend ſonſt Etwas; und ſie lachte herzlich, als ich ihr erzählte, wie die Irokeſen uns im Waſſer nachwateten, und uns nicht erreichen konnten. Ich hoffe, dieſe Stämme haben keine Ohren, Schlange!“ „Fürchtet die Stämme nicht; fürchtet Schweſter nächſtes Ge⸗ mach. Nicht fürchten Irokeſen; Wildtödter ihm Augen und Ohren ſtopfen mit ſeltſamem Gethier.“ Der Wildtödter. 3. Aufl. 19 290 „Ich verſtehe Euch, Schlange, und ich verſtand Hiſt. Manch⸗ mal meine ich, ich ſey nicht halb ſo ſchwachſinnig, als ſte ſagen, daß ich bin. Jetzt ſchaut hinauf zur Decke, ſo will ich Euch Alles ſagen. Aber Ihr macht mir bange, Ihr ſchaut mich ſo wild an, wenn ich von Hiſt ſpreche.“ Der Indianer ſuchte ſeinen Mienen und Blicken einen ſanftern Ausdruck zu geben, um des Mädchens treuherzigem Verlangen zu genügen. „ iſt trug mir auf, in ſehr leiſem Tone Euch zu ſagen, Ihr dürfet den Irokeſen in Nichts trauen. Sie ſind tückiſcher als alle Indianer, die ſie kennt. Dann ſagte ſie, es ſey ein großer, glän⸗ zender Stern, der über den Hügel hervortritt etwa eine Stunde nach Anbruch des Dunkels—(Hiſt hatie den Planeten Venus bezeichnet, ohne es zu wiſſen ¹)— und genau, wann dieſer Stern ſichtbar wird, will ſie auf dem Landvorſprung ſeyn, wo ich geſtern Nacht gelandet habe, und Ihr ſollet ſie in einem Canoe abholen.“ „Gut— Chingachgook jetzt gut genug verſtehen; aber er verſteht noch beſſer, wenn meine Schweſter ihm noch einmal ſingt.“ Hetty wiederholte ihre Worte, erklärte noch umſtändlicher, welcher Stern gemeint ſey, und bezeichnete den Punkt des Vor⸗ ſprungs, wo er ans Land kommen ſollte. Jetzt erzählte ſie weiter in ihrer ungekünſtelten, argloſen Art ihre Begegnung mit dem indianiſchen Mädchen, und wiederholte mehrere ihrer Ausdruͤcke und Meinungen, welche das Herz ihres Verlobten ſehr entzückten. Be⸗ ſonders ſchärfte ſie wiederholt ihre Warnungen ein, vor Verrätherei auf der Hut zu ſeyn; Warnungen, die jedoch kaum nöthig waren bei Männern, die ſo ſchlau wie die, welchen ſie galten. Auch ſetzte ſie mit genügender Klarheit— denn bei allen ſolchen Gegen⸗ ſtänden verſagte dem Mädchen ihr Verſtand ſelten— die gegen⸗ wärtige Stellung des Feindes, und ſeine Bewegungen ſeit dem Morgen auseinander. Hiſt war mit ihr auf dem Floß geweſen bis es von der Küſte abſtieß; ſie befand ſich jetzt irgendwo in den 291 Wäldern gegenüber dem Caſtell, und gedachte nicht in das Lager zurückzukehren, als bis gegen die Nacht; dann hoffte ſie im Stande zu ſeyn, ſich von ihren Genoſſinnen wegzuſtehlen, während ſie der Küſte entlang heimzögen, und ſich auf dem Landvorſprung zu ver⸗ bergen. Niemand ſchien die Anweſenheit Chingachgook's zu ahnen, obgleich man nothwendig wußte, daß in der vorigen Nacht ein In⸗ dianer in die Arche war aufgenommen worden, und man Verdacht hegte, er habe ſich ſeither in und außer der Arche in der Tracht eines hea ens gezeigt. Doch herrſchte in Betreff des letztern Punktes noch einiger Zweifel; denn da dieß die Jahrszeit war, wo man die Ankunft weißer Männer erwarten konnte, herrſchte einige Beſorgniß, die Beſatzung des Caſtells möchte ſich auf dieſem ordent⸗ lichen Wege verſtärken. All dieß hatte Hiſt der Hetty mitgetheilt, während die Indianer ſie an der Küſte hinzogen und die über ſechs Meilen betragende Entfernung hatte dazu Zeit genug vergönnt. „Hiſt weiß ſelbſt nicht, ob ſie gegen ſie Verdacht haben oder nicht, oder ob ſie gegen Euch Verdacht haben; aber ſie hofft, daß keines von beiden der Fall iſt. Und jetzt, Schlange, nachdem ich Euch ſo Viel von Eurer Verlobten geſagt,“ fuhr Hetty fort, halb unbewußt eine Hand des Indianers ergreifend, und mit den Fingern ſpielend, wie oft ein Kind bei ſeinen Eltern thut;„müßt Ihr Euch Etwas von mir ſelbſt ſagen laſſen. Wenn Ihr Hiſt heirathet, müßt Ihr gütig und freundlich gegen ſie ſeyn, und gegen ſie lächeln, wie Ihr jetzt gegen mich thut; und nicht ſauer und finſter ſehen, wie einige Häuptlinge mit ihren Weibern thun. Wollt Ihr mir das verſprechen?“ „Immer gut mit Wah!— zu zart, um hart zu zwirnen— ſonſt ſie brechen.“— „Ja, und auch lächeln; Ihr wißt nicht, wie ſehr ein Mädchen nach Lächeln ſchmachtet von denen, die ſie lieb hat. Vater lächelte mir kaum Einmal zu, wie ich dort bei ihm war— und Hurry— ja— Hurry ſchwatzte laut und lachte; aber ich glaube, er lächelte 292 nicht Einmal. Ihr kennt den Unterſchied zwiſchen Lächeln und Lachen?“. „Lachen das Beſte! Hört Wah! lachen; denkt, Vogel ſinge.“ „Ich weiß das; ihr Lachen iſt lieblich; aber Ihr müßt lächeln. Und dann, Schlange, müßt Ihr ſie nicht Laſten ſchleppen und ſchwer auf dem Feld mit der Hacke arbeiten laſſen, wie ſo viele Indianer thun, ſondern ſie mehr ſo wie die Bleichgeſichter ihre Weiber behandeln.“ „Wah⸗ta!⸗Wah nicht Bleichgeſicht— hat rothe Haut, rothes Herz, rothe Gefühle. Alles roth; kein Bleichgeſicht. N uß kleine Schreier tragen.“ 2 5 „Jedes Weib trägt gern ihr Kind,“ ſagte Hetty lächelnd,„und das iſt nichts Arges. Aber Ihr müßt Hiſt lieben, und ſanft und gut gegen ſie ſeyn; denn ſie iſt ſelbſt ſanft und gut.“ Chingachgook neigte ſich ernſt, und dann ſchien er der Mei⸗ nung, dieſer Gegenſtand könnte nunmehr verlaſſen werden. Ehe Hetty Zeit hatte, ihre Mittheilungen noch einmal zuſammenzufaſſen, hörte man im äußern Gemach Wildtöͤdter's Stimme, der ſeinem Freunde rief. Der Indianer ſtand auf, dieſer Aufforderung Folge zu leiſten, und Hetty begab ſich zu ihrer Schweſter. Vierzehntes Kapitel. „Solch ſeltſam Thier,“ der Eine ſchrie— „Lebte noch unter der Sonne nie; Eidechſenleib, ſo ſchmal und lang, Fiſchkopf, die Zunge von der Schlang', Der Fuß mit drei geſpaltnen Klau'n, Und welch' ein Schwanz iſt hinten zu ſchau'n!“ Merrick. Was Erſte, was der Delaware that, als er bei ſeinem Freund angekommen, war, daß er ſich ganz ernſthaft daran machte, ſeines civiliſirten Anzugs ſich zu entledigen, um wieder als indianiſcher Krieger dazuſtehen. Auf„die Vorſtellungen Wildtödter's dagegen theilte er ihm den Umſtand mit, daß die Anweſenheit eines India⸗ ners in der Hütte den Irokeſen bekannt ſey, und daß ſeine Beibe⸗ haltung der Vermummung wohl eher Verdacht in Bezug auf ſeine wirkliche Abſicht erwecken würde, als wenn er offen als Glied eines feindlichen Stammes auftrete. Als Wildtödter den Sachverhalt erfuhr und vernahm, er habe ſich getäuſcht in der Vorausſetzung, daß der Häuptling wirklich ganz unbemerkt in die Arche ſey auf⸗ genommen worden, willigte er mit Freuden in die Umwandlung. da weitere Verſuche, die Sache zu verheimlichen, fruchtlos waren. Ein andrer Beweggrund jedoch, als er vorgab, ein gemüthlicher, hatte den Wunſch des Indianers veranlaßt, ſich als Sohn des Waldes zu zeigen. Er hatte gehört, daß Hiſt auf der gegenüber liegenden Küſte weile; und die Natur triumphirte ſo weit über alle Unterſchiede der Sitten, des Stammes und Volkes, daß ſie dieſem jungen Krieger ganz daſſelbe Gefühl einflößte, das man unter ähnlichen Verhältniſſen bei dem verfeinerten Stadtbewohner würde gefunden haben. Er fand eine milde Genugthuung in dem Bewußtſeyn, daß die Geliebte ihn ſehen könne; und wie er auf die Plattform hinausſchritt in ſeiner ärmlichen Landestracht, ein Apollo der Wildniß, da erfüllten hundert jener zärtlichen Phanta⸗ ſien, welche Liebenden durch den Kopf gehen, ſeine Einbildungskraft und ſtimmten ſein Herz weich. Alles dieß war an Wildtödter verloren, der kein großer Adept in den Myſterien Cupido's war, und deſſen Seele weit mehr ſich beſchaͤftigte mit den Sorgen, die ſich ſeiner Beachtung auf⸗ drangen, als mit eiteln, müßigen Liebesphantaſten. Er rief daher ſeinen Genoſſen bald zur Erwägung ihrer dermaligen Lage zurück, indem er ihn zu einer Art von Kriegsrath lud, worin ſie ihr künftiges Verfahren feſtſetzen wollten. In der nun folgenden Un⸗. terredung theilten Beide einander mit, was Jeder bei ſeiner 294 Beſprechung erfahren hatte. Chingachgook erfuhr die Geſchichte der Unterhandlung über das Löſegeld, und Wildtöodter vernahm alle Eröffnungen Hetty's. Der Letztere hörte mit großmüthiger Theil⸗ nahme von ſeines Freundes Hoffnungen und verſprach mit Freuden, ihm nach Kräften ſeinen Beiſtand zu leihen. „Es iſt unſer Hauptvorhaben, Schlange, wie Ihr wißt; dieſe Schlägerei um das Caſtell und des alten Hutter's Töchter iſt nur ſo zufällig dazwiſchen gekommen. Ja— ja— ich will mich thä⸗ tig zeigen, der kleinen Hiſt zu helfen, die nicht nur eines der beſten und ſchönſten Mädchen des Stammes iſt, ſondern wirklich das aller⸗ beſte und ſchönſte. Ich habe Euch immer ermuthigt, Häuptling, bei dieſer Neigung; und es iſt auch geziemend, daß ein großer und alter Stamm wie der Eurige nicht ausſterbe. Wenn ein Mäd⸗ chen von rother Haut und rothen Gaben mir ſo nahe kommen könnte, daß ich ſie mir zum Weib wünſchte, ſo würde ich mir eben eine Solche ſuchen; aber das kann nie ſeyn— nein, das kann nie ſeyn. Ich bin jedoch froh, daß Hetty auf Hiſt geſtoßen iſt, denn wenn die Erſtere etwas zu Wenig Witz und Verſtand beſitzt, ſo hat die Letztere genug für Beide. Ja, Schlange,“ und er lachte herzlich,„nehmt ſie zuſammen, und zwei ſlottere Mädchen ſind nicht zu finden in der ganzen Colonie York.“ „Ich will ins Lager der Irokeſen gehen,“ verſetzte der Delaware ernſt.„Niemand kennt Chingachgook, außer Wah! und ein Vertrag um Leben und Skalpe ſollte von einem Häuptling abgeſchloſſen werden. Gebt mir die fremden Beſtien und laßt mich ein Canoe nehmen.“ Wildtödter ſenkte den Kopf und ſpielte mit dem Ende einer Fiſchſtange im Waſſer, während er da ſaß und ſeine Füße über den Rand der Plattform hinaus baumeln ließ, wie Einer, der durch eine plötzlich gekommene neue Idee in Gedanken verſunken iſt. Statt geradezu auf den Vorſchlag ſeines Freundes zu antworten, begann er mit ſich ſelbſt zu ſprechen; wodurch jedoch ſeine Worte in keiner Weiſe an Wahrheit gewinnen konnten, da er ſich dadurch 295 auszeichnete, daß er immer ſagte, was er dachte, mochte er nun ſeine Rede an ſich ſelbſt oder an einen Andern richten. „Ja— ja,“ ſagte er,„das muß ſeyn, was man Liebe nennt! Ich habe manchmal gehört, daß ſie die Vernunft ganz umwirft und einen jungen Mann, was Berechnung und Vorſicht anlangt, ſo hülflos macht, wie ein ſinnloſes Thier. Denken müſſen, daß Schlange ſo ganz Vernunft, Schlauheit und Weisheit verloren! Sicherlich müſſen wir es zu Stande bringen, daß Hiſt frei wird, und ſie verheirathen, ſobald wir zu dem Stamme zurück ſind, ſonſt wird dieſer Krieg dem Häuptling ſo wenig nützen, als eine etwas ungewöhnliche und außerordentliche Jagd. Ja— ja— er wird nie wieder der Mann ſeyn, der er war, bis er dieſe Sache aus dem Kopfe hat, und er wieder zu ſeinen Sinnen kommt, wie alle übrigen Menſchenkinder. Schlange, es kaun Euch nicht Ernſt ſeyn, und daher will ich nur Wenig auf Euer Anerbieten ſagen. Aber Ihr ſeyd ein Häuptling, und werdet bald auf den Kriegspfad geſendet werden an der Spitze von Truppen, und ich will Euch nur die Frage vorlegen, ob Ihr geſonnen ſeyd, Eure Mannſchaft dem Feind in die Hände zu liefern, ehe die Schlacht gekämpft iſt?“ „Wah!“ rief der Indianer haſtig. „Ja— Wah! ich weiß ganz gut, es iſt Wah! und ganz und gar Wah! In der That, Schlange, ich bin um Euch beſorgt und betrübt! Ich hörte nie einen ſo ſchwachen Gedanken aus dem Mund eines Häuptlings und dazu Eines, der ſchon einen Namen wegen ſeiner Weisheit hat, ſo jung und unerfahren er iſt. Ein Canoe bekommt Ihr nicht, ſo lange die Stimme der Freundſchaft und Warnung noch Etwas gilt.“ „Mein Bleichgeſichtfreund hat Recht. Eine Wolke kam über Chingachgook's Angeſicht und Schwäche ſchlich ſich in ſeine Seele, während ſein Auge trüb war. Mein Bruder hat ein gutes Ge⸗ dächtniß für gute Thaten, und ein ſchlechtes für ſchlechte. Er wird vergeſſen.“ „Ja, das iſt leicht gethan. Sagt Nichts weiter davon, Häupt⸗ ling; aber wenn wieder eine von dieſen Wolken Euch nahe kommen will, thut Euer Möglichſtes, ihr aus dem Wege zu gehen. Wolken find ſchlimm genug bei der Witterung; aber wenn ſie über die Vernunft herziehen, dann wird die Sache ernſthaft. Jetzt ſetzt Euch zu mir her, und laßt uns ein Wenig unſer Verfahren über⸗ legen, denn wir müſſen bald einen Waffenſtillſtand oder Frieden haben, ſonſt kommt es zu einem wirklichen, blutigen Krieg. Ihr ſeht, die Vagabunden wiſſen Baumſtämme zu benützen, ſo gut wie die beſten Flötzer auf den Flüſſen; und es wäre für ſie ein Kleines, uns mit hellen Haufen anzugreifen. Ich denke nach, ob es klug gethan wäre, alle Habe des alten Tom in die Arche zu bringen, das Caſtell zu verſchließen und zu verrammeln, und uns ganz auf die Arche zu begeben. Die iſt beweglich, und wenn wir das Segel aufſetzten und den Platz wechſelten, könnten wir uns viele Nächte hindurch halten, ohne daß die Wölfe aus den Canadas den Weg in unſere Hürde fänden.“ Chingachgook hörte dieſen Plan mit Beifall an. Schlug die Unterhandlung fehl, ſo war jetzt wenig Hoffnung, daß die Nacht ohne einen Angriff vorübergehen würde; und der Feind beſaß Scharfblick genug, um einzuſehen, daß wenn er das Caſtell ein⸗ nähme, er ohne Zweifel Herr alles deſſen werden würde, was es enthielt, das angebotene Löſegeld mit eingeſchloſſen, und dazu noch im Beſitz der ſchon gewonnenen Vortheile bleiben. Eine Vorſichtsmaßregel der Art ſchien durchaus nothwendig; denn jetzt, nachdem man die große Anzahl der Irokeſen kannte, durfte man kaum hoffen, einem nächtlichen Angriff mit Erfolg zu widerſtehen. Es erſchien als unmöglich, den Feind zu hindern, ſich der Canoes und der Arche zu bemächtigen, und die Letztere ſelbſt gab dann ſchon den Angreifern einen Anhalt, wo ſie gegen Kugeln ſo gut geſchützt waren, wie die im Gebäude befindlichen Perſonen. Einige Minuten dachten beide Männer daran, die Arche in dem ſeichten Waſſer zu verſenken, oder die Canoes in das Haus zu bringen, ——VVn’:— 297 und ſich ganz auf den Schutz, den das Caſtell biete, zu verlaſſen. Aber nähere Erwägung überzeugte ſie, daß am Ende dieß Aus⸗ kunftsmittel fehlſchlagen würde. Es war ſo leicht, auf dem Lande Baumſtämme zu ſammeln, und einen Floß von beinahe jeder belie⸗ bigen Größe zu bauen, daß es als gewiß erſchien, die Irokeſen, nachdem ſie einmal an ſolche Mittel gedacht, würden mit allem Ernſte ſich darauf legen, ſo lange ſie die ſichre Ausſicht hatten, durch Beharrlichkeit ihren Zweck zu erreichen. Nach reiflicher Ueber⸗ legung und Erwägung aller Rückſichten vereinigten ſich die zwei jungen Anfänger in der Kriegskunſt der Wälder in der Anſicht, daß die Arche das einzige brauchbare Mittel zur Rettung darbiete. Sabald dieſe Entſcheidung gefaßt war, wurde ſie Judith mitgetheilt. Das Mädchen hatte keine ernſtliche Einwendung dagegen zu machen, und dann beeilten ſich alle Vier, die zur Ausführung des Planes nöthigen Maßregeln zu ergreifen. Der Leſer wird leicht ermeſſen, daß Floating Tom's weltliche Güter von keinem großen Werth waren. Ein vaar Betten, einige Kleidungsſtücke, die Waffen und Munition, einiges Küchengeräthe, nebſt dem geheimnißvollen, nur erſt halb unterſuchten Schranke,— das machte die wichtigſten Artikel aus. Dieß Alles ward bald ausgeräumt, nachdem man die Arche an die öſtliche Seite des Hauſes gezogen, ſo daß man den Transport bewerkſtelligen konnte, ohne von der Küſte aus geſehen zu werden. Man erachtete es für unnöthig, die ſchwereren und gröberen Stücke des Haushaltes zu verrücken, da man ihrer auf der Arche nicht bedurfte, und ſie an ſich wenig Werth hatten. Da große Vorſicht erforderlich war bei der Hinüberſchaffung der verſchiednen Gegenſtände, von denen die meiſten durch ein Fenſter den Weg nehmen mußten, weil man dieß Vornehmen geheim halten wollte, brauchte es zwei oder drei Stunden, bis Alles in's Werk geſetzt war. Nach Ablauf dieſer Zeit erſchien auch wieder der Floß, wie er von der Küſte abſtieß. Wildtödter griff augenblicklich nach dem Fernglas, mittelſt deſſen 298 er wahrnahm, daß zwei Krieger, die jedoch unbewaffnet ſchienen, ſich darauf befanden. Die Bewegung des Floßes war langſam, und hierin lag einer der großen Vortheile für die Inhaber der Arche bei einem etwaigen künftigen Zuſammenſtoß, denn die Be⸗ wegungen von dieſer waren vergleichungsweiſe leicht und ſchnell. Da man Zeit hatte, die Vorkehrungen zu treffen zum Empfang der zwei gefährlichen Gäſte, wurde Alles dazu in Bereitſchaft ge⸗ ſetzt, lang ehe ſie nahe genug herankamen, um angerufen zu wer⸗ den. Schlange und die Maͤdchen zogen ſich in das Gebände zurück, wo ſich Jener in die Nähe der Thüre, wohl mit Büchſen verſehen, aufſtellte, während Judith durch eine Scharte den weitern Verlauf beobachtete. Wildtödter aber hatte einen Stuhl an den Rand der Plattform geſtellt, auf dem Punkt gegen welchen der Floß zu ſteuerte, und hatte ſich darauf geſetzt, die Büchſe nachläßig zwiſchen die Beine gelehnt. Als der Floß näher kam, wurden alle der Geſellſchaft im Caſtell zur Verfügung ſtehenden Mittel aufgeboten, um ſich zu ver⸗ gewiſſern, ob die nahenden Gäſte Feuerwaffen hätten. Weder Wildtödter noch Chingachgook konnten ſolche entdecken; Judith aber, die dem bloßen Auge nicht trauen wollte, ſchob das Fernglas durch die Scharte und richtete es gegen die Schierlingstannen⸗ zweige, die zwiſchen den zwei Baumſtämmen des Floßes lagen, eine Art Fußboden, ſo wie einen Sitz für die Ruderer bildend. Als der ſchwerfällige Floß auf fünfzig Fuß ſich genähert, rief Wildtödter die Huronen an, hieß ſie das Rudern einſtellen, da er nicht geſonnen ſey, ſie landen zu laſſen. Natürlich mußten ſie ſich darein ergeben, und die beiden grimmig ausſehenden Krieger ver⸗ ließen ihre Sitze, obgleich der Floß noch immer weiter rückte, bis er der Plattform noch viel näher gekommen war. „Seyd Ihr Häuptlinge?“ fragte Wildtödter mit Würde. „Seyd Ihr Häuptlinge? Oder haben mir die Mingos Krieger ohne Namen geſchickt bei einer ſolchen Sendung? Wenn dieß iſt, 299 dann je eher Ihr umkehrt, deſto eher kann ein Solcher kommen, mit dem ein Krieger unterhandeln kann.“ „Hugh!“ rief der ältere von den beiden Männern auf dem Floße, und ließ ſeine glühenden Augen über die verſchiednen Ge⸗ genſtände hinrollen, die man im Caſtell und rings umher ſah, mit einer Lebhaftigkeit, welche bewies, wie Wenig ihm entging.„Mein Bruder iſt ſehr ſtolz, aber Rivenoak(geſpaltene Ciche) iſt ein Name, der einen Delawaren erblaſſen macht.“ „Das iſt wahr, oder es iſt eine Lüge, Rivenoak, wie es ſich trifft; aber ich werde ſchwerlich bleich werden, ſintemal ich bleich geboren bin. Was iſt Eure Sendung, und warum kommt Ihr unter leichte Rinden⸗Canves hinein auf Stämmen, die nicht einmal ausgehöhlt ſind?“ „Die Irokeſen ſind keine Enten, daß ſie auf dem Waſſer ſchreiten könnten. Mögen die Bleichgeſichter ihnen ein Canoe geben, dann werden ſie in einem Canoe kommen.“ „Das iſt wohl vernünftig, wird aber ſchwerlich geſchehen. Wir haben nur vier Canoes, und da wir unſrer Vier ſind, kommt auf Jeden nur eines. Wir danken Euch indeſſen für den Antrag, obſchon wir ſo frei ſind, ihn nicht anzunehmen. Ihr ſeyd willkom⸗ men, Irokeſe, auf Euren Baumſtämmen.“ „Danke Euch— mein junger Bleichgeſichtkrieger— er hat ſchon einen Namen gewonnen— wie nennen ihn die Häuptlinge?“ Wildtödter beſann ſich einen Augenblick, und ein Anflug von Stolz und menſchlicher Schwäche zuckte durch ſeine Seele. Er lächelte, murmelte zwiſchen den Zähnen, ſchaute dann ſtolz auf, und ſagte: „Mingo, wie Alle, die jung und tüchtig ſind, bin ich zu ver⸗ ſchiednen Zeiten unter verſchiednen Namen bekannt geweſen. Einer Enrer Krieger, deſſen Geiſt aufflog zu den glücklichen Jagdrevieren Eures Volkes erſt geſtern Morgen, meinte, ich verdiente unter dem Namen Falkenauge bekannt zu werden, und das, weil mein Geſicht zufäͤllig raſcher war als das ſeinige, als es Leben und Tod zwiſchen uns galt.“ Chingachgook, der auf Alles was vorging, aufmerkſam lauſchte, hörte und verſtand dieſen Beweis einer vorübergehenden Schwäche ſeines Freundes, und bei einer ſpätern Gelegenheit fragte er ihn genauer aus über den ganzen Hergang auf der Küſte, wo Wild⸗ tödter zuerſt einem Menſchen das Leben genommen. Nachdem er die ganze Wahrheit herausbekommen, ermangelte er nicht, Alles dem Stamme mitzutheilen, und von dieſer Zeit an war der junge Jäger allgemein bekannt bei den Delawaren unter einem ſo ehrenvoll erworbenen Namen. Da jedoch dieß ſpäter fällt, als alle Bege⸗ benheiten dieſer Erzählung, werden wir den jungen Jäger fort⸗ während mit dem Namen bezeichnen, unter welchem wir ihn zuerſt dem Leſer vorgeführt haben. Der Irokeſe war nicht weniger be⸗ troffen über die prahlende Ausſage des weißen Mannes. Er wußte von dem Tod ſeines Kameraden und verſtand die Anſpielung ohne Schwierigkeit; denn die Begegnung des Siegers und ſeines Opfers bei dieſer Gelegenheit war von mehreren Wilden auf der Küſte des Seeis geſehen worden, welche an verſchiednen Punkten dicht am Saum der Gebüſche waren ausgeſtellt geweſen, um die auf dem See treibenden Canoes zu beobachten, aber nicht Zeit gehabt hatten, die Scene des Kampfes zu erreichen, ehe der Sieger ſich zurückgezogen. Die Wirkung war bei dieſem rohen Weſen des Waldes ein Ausruf der Ueberraſchung; dann folgte ein Lächeln der Höflichkeit und ein Winken mit der Hand, wie es aſiatiſcher Diplomatie würde Ehre gemacht haben. Die beiden Irokeſen be⸗ ſprachen ſich miteinander in leiſem Tone, und beide traten auf das der Plattform nächſtgelegene Ende des Floßes. „Mein Bruder Falkenauge hat eine Botſchaft zu den Huronen geſandt,“ begann wieder Rivenoak,„und ſie hat ihre Herzen ſehr froh gemacht. Sie hören, er hat Bilder von Thieren mit zwei Schwänzen! Will er ſie ſeinen Freunden zeigen?“ —,—„ 301 „Feinden, wäre wahrer,“ verſetzte Wildtödter,„aber das Wort iſt nicht die Sache, und ſchadet Wenig. Hier iſt eines von den Bildern; ich werfe es Euch hinunter auf Treu und Glauben des Vertrags. Wird es nicht zurückgegeben, ſo wird die Büchſe die Sache zwiſchen uns in's Reine bringen.“ Die Irokeſen ſchienen mit den Bedingungen zufrieden, und Wildtödter ſtand auf, und ſchickte ſich an, einen der Elephanten auf den Floß zu werfen, wobei beide Theile alle erforderliche Vor⸗ ſicht anwandten, um deſſen Verluſt zu verhüten. Da Uebung die Menſchen in ſolchen Dingen geſchickt macht, war die kleine Figur von Elfenbein bald aus einer Hand in die andere glücklich über⸗ liefert; und dann folgte auf dem Floß eine Scene, wo Erſtaunen und Entzücken die Oberhand gewann über indianiſchen Stoicismus. Die beiden grimmigen alten Krieger zeigten ſogar bei Beſichtigung der ſeltſam gearbeiteten Schachfigur noch größere Aufregung, als der Knabe verrathen hatte, denn bei dem letzteren wirkte noch der friſche Einfluß der durchgemachten Schule und Zucht, während die Männer, wie Alle, die ſich auf ihren begründeten Ruf verlaſſen, ſich nicht ſchämten, ihre Empfindungen zum Theil kund zu geben. Einige Minuten lang hatten ſie dem Anſchein nach das ganze Be⸗ wußtſeyn ihrer Lage verloren über der genauen und lebhaften Prüfung, mit der ſie bei einem ſo koſtbaren Material, einer ſo ſchönen Arbeit und einem ſo außerordentlichen Thiere verweilten. Das Maul des Elennthiers hat vielleicht noch am meiſten Aehnlich⸗ keit mit dem Rüſſel des Elephanten unter den Thieren der ameri⸗ kaniſchen Wälder; aber dieſe Aehnlichkeit war weit nicht auffallend genug, um die ihnen neue Creatur in den Kreis ihrer Vorſtellungen und des ihnen Gewohnten hineinzuziehen, und je länger ſie daran ſtudirten, um ſo größer ward ihr Staunen. Auch nahmen dieſe Kinder des Waldes keineswegs das Gebäude auf dem Rücken des Elephanten irrigerweiſe für einen Theil des Thieres ſelbſt. Sie waren mit Pferden und Ochſen bekannt, hatten in den Canadas 3⁰² Thürme geſehen, und fanden nichts Befremdendes an Laſtthieren. Doch aber meinten ſie, vermöge einer ſehr naheliegenden Vorſtel⸗ lung, das Schnitzwerk bedeute ſo Viel, daß das Thier, welches ſie ſahen, Stärke genug beſitze, um auf ſeinem Rücken ein Fort zu tragen,— ein Umſtand, der ihre Verwunderung durchaus nicht verminderte. „Hat mein Bleichgeſichtbruder noch mehr ſolche Thiere?“ fragte endlich der Aeltere der Irokeſen in halb bittendem Tone. „Es ſind da, woher ſie kommen, noch mehrere, Mingo,“ war die Antwort;„aber Eines iſt genug, um fünfzig Skalpe abzukaufen.“ „Einer meiner Gefangnen iſt ein großer Krieger— hoch wie eine Tanne— ſtark wie das Elennthier— ſchnell wie der Hirſch — trotzig wie der Panther! Er wird einmal ein großer Häuptling werden und das Heer des Königs George anführen.“ „Still! ſtill! Mingo; Harry Hurry iſt Harry Hurry, und Ihr werdet nie mehr als einen Korporal aus ihm machen und das kaum. Allerdings iſt er hoch; aber das nützt Nichts, denn er ſtößt da nur ſeinen Kopf an die Zweige, wenn er durch den Wald geht. Auch iſt er ſtark; aber ein ſtarker Leib iſt nicht ein ſtarker Kopf, und die Generale des Königs werden nicht nach ihren Sehnen gewählt. Er iſt ſchnell, wenn Ihr wollt, aber eine Büchſenkugel iſt ſchneller; und was den Trotz betrifft, ſo iſt das keine große Empfehlung für einen Soldaten; Solche, die da ſich am mann⸗ hafteſten dünken, werden oft in einer Klemme ſpgleich verzagt. Nein— nein— Ihr werdet nie Hurry's Skalp für Mehr aus⸗ geben können, als für einen guten Kopf voll krauſer Haare mit einer klappernden Hirnſchale darunter!“ „Mein alter Gefangner ſehr weiſe— König des See's— großer Krieger, weiſer Rathgeber!“ „Nun, es gibt Leute, die dem Allen widerſprechen könnten, Mingo. Ein ſehr weiſer Mann würde ſich nicht da ſo närriſcher Weiſe fangen laſſen, wie dieß Meiſter Hutter begegnete; und wenn er guten Rath gibt, muß er doch auf ſchlechten gehorcht haben in dieſer ganzen Sache. Es gibt nur Einen König dieſes See's und der iſt weit weg, und wird ihn ſchwerlich je ſehen. Floating Tom iſt ungefähr ſo ein König dieſer Gegend, wie der Wolf, der durch die Wälder ſtreift, König des Forſtes iſt. Ein Thier mit zwei Schwänzen iſt wohl ſolche zwei Skalpe werth.“ „Aber mein Bruder hat noch ein Thier?— Er wird zwei geben,“ und er hielt zwei Finger in die Höhe,„für alten Vater?“ „Floating Tom iſt nicht mein Vater, aber darum ſoll er nicht ſchlimmer fahren. Zwei Thiere für ſeinen Skalp zu geben, und jedes Thier mit zwei Schwänzen, iſt ganz über alles Maß und Vernunft. Ihr habt von Gewinn zu ſagen, Minge, wenn Ihr einen viel ſchlechtern Handel macht.“ Mittlerweile hatte die Selbſtbeherrſchung Rivenoak's die Ober⸗ hand über ſeine Verwunderung gewonnen, und er begann, wieder auf ſeine gewohnte Liſt und Schlauheit zu verfallen, um den möglichſt vortheilhaften Handel zu ſchließen. Es wäre überflüſſig, Mehr als den weſentlichen Inhalt des nun folgenden; raſch ab⸗ ſpringenden Geſprächs zu erzählen, worin der Indianer nicht wenig Verſchlagenheit zeigte bei ſeinem Beſtreben, den unter dem Einfluß der Ueberraſchung verlornen Boden wieder zu gewinnen. Er gab ſich ſogar die Miene zu zweifeln, ob das Original von dem Bilde des Thiers exiſtire, und verſicherte, der älteſte Indianer habe nie eine Sage von einem ſolchen Thiere gehört. Schwerlich dachte Einer von Beiden damals daran, daß lange vor Ablauf eines Jahrhunderts der Fortſchritt der Civiliſation noch viel außerordent⸗ lichere und ſeltenere Thiere in dieſe Gegend bringen würde, als Merkwürdigkeiten zum Begaffen für die Neugier, und daß nament⸗ lich das Thier, über welches die Parteien ſtritten, in eben dem See, wo ſie ſich getroffen, zu ſehen ſeyn würde, wie es darin ſeine Seiten wüſche und herumſchwämme. Wie es nicht ſelten „ 8 eine der Parteien wurde im Verlauf der denn Wildtödter begegnete allen Gründen und Vorſpiegelungen ſeines ſchlauen und gewandten Gegners mit der ihm eignen kaltblütigen Geradheit und unerſchütterlichen Wahr⸗ heitsliebe. Was ein Elephant war, wußte er wenig beſſer als der Wilde; aber er wußte vollkommen gut, daß die geſchnitzten Figuren von Elfenbein in den Augen eines Irokeſen einen Werth haben müßten, wie ein Sack voll Gold oder ein Haufen Biberfelle in denen eines Kaufmanns. Unter ſolchen Umſtänden fand er es daher klug, anfänglich nicht zu Viel zuzugeſtehen, da ein beinahe unüber⸗ windliches Hinderniß in der Bewerkſtelligung des Austauſches vorlag, ſelbſt nachdem die unterhandelnden Parteien über die Be⸗ dingungen einig geworden wären. Dieſe Schwierigkeit im Auge, behielt er die übrigen Schachfiguren in Reſerve, als Mittel um im Augenblick der Noth alle Schwierigkeiten zu beſeitigen. Endlich behauptete der Wilde, weitere Unterhandlung ſey fruchtlos, da er gegen ſeinen Stamm nicht ſo ungerecht ſeyn könne, die Ehre und den Gewinn von zwei trefflichen, ausgewachſenen, männlichen Skalpen hinzugeben für einen ſo ärmlichen Werth wie die zwei geſehenen Spielzeuge— und ſchickte ſich zum Aufbruch an. Beiden Theilen war jetzt zu Muth wie gewöͤhnlich Leuten, wenn ein Handel, den zu ſchließen Jeder den lebhaften Wunſch hat, auf dem Punkt ſteht, abgebrochen zu werden in Folge zu großer Hart⸗ näckigkeit bei der Unterhandlung. Die Wirkung der getäuſchten Hoffnung jedoch war bei den beiden Individuen ſehr verſchieden. Wildtödter war betroffen und von ſchmerzlichem Bedauern erfüllt; denn er hatte nicht blos mit den Gefangenen, ſondern auch mit den beiden Mädchen tiefes Mitleid. Das Abbrechen der Unter⸗ handlung erfüllte ihn daher mit Trauer und Leidweſen. Bei dem Wilden erweckte ſeine Niederlage wilde Rachſucht, In einem Augen⸗ blick der Aufregung hatte er laut ſeinen Entſchluß ausgeſprochen, Nichts weiter zu ſagen; und er war gleich wüthend über ſich, wie geſchieht in ſolchen Fällen, Erörterung etwas warm; über ſeinen kaltblütigen Gegner, daß er einem Bleichgeſicht in der Kundgebung von Gleichgültigkeit und Selbſtbeherrſchung den Sieg über einen indianiſchen Häuptling überlaſſen hatte. Als er anfing, ſeinen Floß von der Plattform wegzurudern, wurde ſein Geſicht finſter und ſeine Augen glühten, während er dennoch ein freund⸗ liches Lächeln und eine Geberde der Höflichkeit zum Abſchied erzwang. Es bedurfte eine kleine Weile, die vis inerliae der Baum⸗ ſtämme zu überwinden, und während dieß der Indianer zu Stande brachte, der eine ſtumme Rolle geſpielt, ſchritt Rivenoak über die Tannenzweige, welche zwiſchen den Stämmen lagen, in ſchweigendem Ingrimm hin, und betrachtete mit ſcharfem Auge während dem das Caſtell, die Plattform und die Perſon ſeines unterhandelnden Geg⸗ ners. Einmal ſprach er in leiſem Tone, aber raſch mit ſeinem Begleiter, und er ſcharrte mit den Füßen in den Zweigen, wie ein ungeduldiges, ſtätiges Thier. In dieſem Augenblick war die Wach⸗ ſamkeit Wildtödter's etwas erlahmt, denn er ſaß da, nachſinnend über die Art und Weiſe, die Unterhandlung wieder zu erneuen, ohne der andern Partei zu viel Vortheil einzuräumen. Vielleicht war es ein Glück für ihn, daß das lebhafte und glänzende Auge Judith's ſo wachſam war wie immer. In dem Augenblick, wo der junge Mann am wenigſten auf ſeiner Hut, und ſein Feind am wachſamſten und lauerndſten war, rief ſie Jenem mit warnender Stimme, ſehr zur rechten Zeit Lärm machend, zu: „Seyd auf Eurer Hut, Wildtödter. Ich ſehe durch das Fern⸗ glas Büchſen über den Tannenzweigen, und der Jrokeſe macht ſie mit dem Fuße los!“ Es ſchien faſt, als hätte der Feind ſeine Liſt ſo weit getrieben, ſich eines Unterhändlers zu bedienen, der Engliſch verſtand. Die bisherige Beſprechung hatte in ſeiner Sprache ſtattgefunden, aber aus der Art, wie ſeine Füße plötzlich in ihrer verrätheriſchen Be⸗ ſchäftigung inne hielten, während zugleich auf dem Geſicht Rivenoak's der trotzige Grimm in ein Lächeln der Höflichkeit ſich verwandelte, Der Wildtödter. 3. Aufl. 20 „ 8 — ãÿ—· 8 — ————— 306 erhellte deutlich, daß er den Zuruf des Mädchens verſtanden hatte. Er winkte ſeinem Begleiter, der die Stämme in Bewegung zu bringen ſich beſtrebte, in ſeinen Bemühungen inne zu halten, trat an das Ende des Floßes zunächſt der Plattform und begann zu ſprechen. „Warum ſollten Rivenoak und ſein Bruder eine Wolke zwiſchen ſich laſſen?“ ſagte er. Sie ſind Beide weiſe, Beide tapfer und Beide großmüthig; ſie ſollten als Freunde ſcheiden. Ein Thier ſoll der Preis für je Einen Gefangnen ſeyn.“ „Und Mingo,“ verſetzte der Andere, hocherfreut die Unterhand⸗ lungen erneut zu ſehen, auf beinahe jede Bedingung hin, und ent⸗ ſchloſſen, den Handel wo möglich durch eine kleine Extra⸗Freigebig⸗ keit zu befeſtigen—„Ihr ſollt ſehen, daß ein Bleichgeſicht wohl den vollen Preis zu bezahlen weiß, wenn er mit einer offnen Hand und einem offnen Herzen zu thun hat. Behaltet das Thier, das Ihr mir zurückzugeben vergeſſen, als Ihr im Begriff waret abzuſtoßen, und das ich vergaß zurückzufordern, aus Kummer darüber, daß wir im Zorn ſcheiden ſollten. Zeigt es Euren Häuptlingen. Wenn Ihr uns unſre Freunde zurückbringt, ſollen zwei weitere dazukom⸗ men— und—“ er zauderte einen Augenblick, im Zweifel an der Nathſamkeit eines ſo großen Zugeſtändniſſes, für das er ſich jedoch am Ende entſchied—„und wenn wir ſie hier ſehen, ehe die Sonne untergeht, ſo findet ſich vielleicht auch das vierte, um die Zahl gerade zu machen.“ Dieß brachte die Sache ins Reine. Jeder Schatten von Miß⸗ vergnügen verſchwand aus dem dunkeln Angeſicht des Irokeſen, und er lächelte ſo huldvoll, wenn auch nicht ſo holdſelig, wie Judith Hutter ſelbſt. Die ſchon in ſeinem Beſitz befindliche Figur ward von neuem beſichtigt, und ein Ausruf der Freude zeigte, wie ſehr er mit dieſem unerwarteten Ausgang der Sache zufrieden war. In der That hatten er und Wildtödter für den Augenblick in der Wäͤrme ihres Affekts vergeſſen, was aus dem Gegenſtand ihres Streites ſelbſt geworden; dieß war jedoch nicht der Fall bei an hen. chen und ſoll und⸗ ent⸗ big⸗ den und Ihr ßen, wir Venn kom⸗ der edoch onne Zahl Miß⸗ und udith ward ſehr war. n der ihres l bei 1 2 — 307 Rivenoak's Begleiter. Dieſer hielt die Figur in Händen und war feſt entſchloſſen, wenn ſie unter ſolchen Umſtänden zurückverlangt würde, welche die Zurückgabe nothwendig machten, iſie in den See fallen zu laſſen, wo er ſie künftig einmal wieder zu finden zuverſichtlich hoffte. Dieß verzweifelte Auskunftsmittel jedoch war jetzt nicht mehr nöthig, und nachdem die Bedingungen der Uebereinkunft wiederholt worden waren, und die Indianer verſichert hatten, daß ſie ſie wohl gefaßt, brachen ſie endlich auf und ruderten langſam der Küſte zu. „Kann man irgend auf ſolche Elende Vertrauen ſetzen?“ fragte Judith, als ſie mit Hetty auf die Plattform herausgetreten war und neben Wildtödter ſtand, die ſchwerfällige Bewegung des Floſſes beobachtend;„werden ſie nicht am Ende das Spielzeug, das ſie haben, behalten, und uns irgend ein blutiges Zeichen ſchicken, prah⸗ lend, daß ſie uns überliſtet? Ich habe wohl ſchon von ſo ſchlim⸗ men Thaten gehört!“ „Ohne Zweifel, Judith; gar kein Zweifel, wäre nicht die indianiſche Natur. Aber ich verſtehe mich nicht auf die Rothhäute, wenn dieſe zweiſchwänzige Beſtie nicht den ganzen Stamm in eine Aufregung bringt, wie etwa ein Stecken einen Bienenkorb! Nun, da iſt Schlange, ein Mann mit Nerven wie Flintenſtein, und von nicht mehr Neugier in alltäͤglichen Dingen, als mit der Klugheit ſich verträgt. Nun, und der war ſo überwältigt von dem Anblick der Creatur, wie ſie aus Bein geſchnitzt iſt, daß ich mich ſelbſt für ihn ſchämte. Aber das ſind eben gerade ihre Gaben, und man kann nicht wohl mit Einem ſtreiten und zanken wegen ſeiner Gaben, wenn ſie rechtmäßig ſind. Chingachgook wird bald ſeine Schwäche überwinden und bedenken, daß er ein Häuptling iſt, und daß er von einem großen Geſchlecht abſtammt, und einen berühmten Namen aufrecht und in Ehren zu halten hat; aber was jene Schufte be⸗ trifft, unter denen wird kein Friede ſeyn, bis ſie glauben im Beſitz von Allem von der Gattung dieſer Figur aus geſchnitztem Bein zu ſeyn, was ſich unter Thomas Hutter's Habe findet.“ 308 „Sie wiſſen nur von den Elephanten und können auf das Andere keine Hoffnung haben.“ „Das iſt wahr, Judith; aber Habſucht iſt ein nagendes, be⸗ gehrliches Gefühl. Sie werden ſagen: wenn die Bleichgeſichter dieſe ſeltſamen Beſtien mit zwei Schwänzen haben, Wer weiß, ob ſie nicht auch ſolche mit drei, oder dann auch wohl gar mit vier haben! Das iſt, was die Schulmeiſter natürliche Arithmetik nennen, und gewiß wird das den Wilden in den Sinn kommen. Sie werden ſich nicht beruhigen, bis die Wahrheit bekannt iſt.“ „Meint Ihr, Wildtödter,“ fragte Hetty in ihrer einfachen und unſchuldigen Art,„daß die Irokeſen Vater und Hurry nicht werden gehen laſſen?— Ich las ihnen einige der allerbeſten Verſe aus der Bibel vor, und Ihr ſeht, was ſie ſchon gethan haben.“ Der Jäger hörte, wie er immer that, freundlich und ſogar liebevoll Hetty's Worte an; dann ſann er einen Augenblick ſtill⸗ ſchweigend nach. Es war Etwas wie eine Röthe auf ſeiner Wange, als er, nach Verfluß einer vollen Minute, antwortete. „Ich weiß nicht, ob ein weißer Mann ſich ſchämen ſoll oder, nicht, zu geſtehen, daß er nicht leſen kann; aber bei mir iſt das der Fall, Iudith. Ihr ſeyd geſchickt, finde ich, in allen ſolchen Dingen, während ich nur die Hand Gottes ſtudirt habe, ſo wie man ſie ſieht in Hügeln und Thälern, Bergſpitzen, Strömen, in Wäldern und Quellen. Viel kann man auf dieſe Art lernen, ſo gut wie aus Büchern; und doch denke ich manchmal, es gehöre zu eines weißen Mannes Gaben, zu leſen! Wenn ich aus dem Munde der Mähriſchen Brüder die Worte höre, von welchen Hetty ſpricht, ſo erwecken ſie ein Verlangen in meinem Gemüth, und ich denke, ich wolle ſelbſt auch ſie leſen lernen; aber das Wild im Sommer, und die Ueberlieferungen, und der Unterricht im Krieg, und andre Sachen haben mich noch immer daran verhindert.“ „Soll ich's Euch lehren, Wildtödter? fragte Hetty ernſt. „Ich bin ſchwachſinnig, ſo ſagen ſie. ber leſen kann ich ſo gut wie 3 3 ) 3 5 L — Judith. Es kann Euch das Leben retten, wenn Ihr den Wilden die Bibel vorzuleſen verſteht, und gewiß wird es Eure Seele retten, denn das hat mir Mutter gar oft geſagt.“ b „Dank Euch, Hetty, Dank Euch von ganzem Herzen. Jetzt werden wohl zu unruhige Zeiten kommen, um viel Muße zu haben; aber wenn's Friede iſt, und ich wieder an dieſen See komme, Euch zu beſuchen, dann will ich mich dazu hergeben, und es wird mir eine Luſt und ein Gewinn zugleich ſeyn. Vielleicht ſollte ich mich ſchämen, Judith, daß es ſo iſt; aber Wahrheit iſt Wahrheit. Was dieſe Irokeſen belangt, ſo iſt nicht ſehr wahrſcheinlich, daß ſie eine Beſtie mit zwei Schwänzen vergeſſen über einem oder zwe Verſen aus der Bibel. Ich vermuthe eher, ſie werden die Gefangnen ausliefern, und auf die eine oder andre Liſt und Tücke ſich verlaſſen, ſie wieder in ihre Gewalt zu bekommen, und uns und Alle im Caſtell, ſammt der Arche in den Kauf. Indeß, wir müſſen die Vagabunden bei guter Laune erhalten, erſtlich, um Euern Vater und Hurry aus ihren Händen los zu bekommen, und dann um den Frieden zwiſchen uns zu erhalten, bis zu der Zeit, wo Schlange es dahin bringen kann, ſeine Verlobte frei zu machen. Wenn es plötzlich zu einem Ausbruch von Zorn und Wildheit kommt, werden die Indianer alle ihre Weiher und Kinder ſofort in's Lager ſchicken; während wir, wenn wir ſie ruhig und zutrauensvoll erhalten, es ſo werden richten können, daß wir Hiſt an dem von ihr bezeich⸗ neten Ort treffen. Ehe ich jetzt den Handel abbräche, würde ich wohl noch ein Halbdutzend von jenen Bogenundpfeilmännerfiguren drein geben, deren wir genug in dem Schranke haben.“ Judith ſtimmte mit Freuden bei, denn ſie hätte ſelbſt den geblumten Brokat aufgeopfert, um nur ihren Vater zu befreien und Wildtödter zu Gefallen. Die Ausſichten auf einen glücklichen Erfolg waren jetzt ſo ermuthigend, daß Alle im Caſtell ſich erleichtert fühlten, obwohl man die gebührende wachſame Beobachtung aller Bewegungen des q ———Q—õÿõ — 310 Feindes nicht vernachläßigte. Stunde jedoch um Stunde verſtrich, und die Sonne hatte ſchon angefangen, ſich wieder zu den weſtlichen Hügeln herab zu ſenken, und noch ſah man keine Spur von einem zurückkehrenden Floße. Endlich entdeckte Wildtödter, der die Küſte mit dem Fernglas genau muſterte, einen Platz in den dunkeln dichten Wäldern, wo die Irokeſen, wie er unzweifelhaft dafür hielt, in anſehnlicher Zahl verſammelt waren. Er war in der Nähe des Dickichts, von wo der Floß abgegangen war, und ein kleiner Bach, der in den See rieſelte, verkündete die Nähe einer Quelle. Hier alſo hielten vermuthlich die Wilden ihre Berathung und ſollte der Beſchluß gefaßt werden, der die Frage über Leben und Tod der Gefangenen entſchied. Ein Grund zur Hoffnung jedoch war vor⸗ handen, trotz der Verzögerung, den Wildtödter nicht ermaßggelte, ſeinen ängſtlich harrenden Freunden mitzutheilen. Es war weit wahrſcheinlicher, daß die Indianer ihre Gefangenen im Lager gelaſſen, als daß ſie ſich mit ihnen belaſtet hatten, indem ſie ſie hätten einer Truppe durch die Wälder folgen laſſen, die nur auf einen zeitweiligen Streifzug aus war. Verhielt ſich dieß ſo, dann bedurfte es einer ziemlichen Zeit, um einen Boten nach jenem ent⸗ ferntern Ort zu ſchicken und die zwei weißen Männer an den Platz zu bringen, wo ſie ſich einſchiffen ſollten. Ermuthigt durch dieſe Gedanken ſammelten ſie einen neuen Vorrath von Geduld, und— das Hinabgleiten der Sonne ward mit weniger Unruhe betrachtet. Der Erfolg rechtfertigte Wildtödter's Vermuthung. Nicht lang, ehe die Sonne ganz verſchwand, ſah man die zwei Stämme aus dem Dickicht wieder hervorkommen, und als der Floß näher kam, verkündigte Judith, ihr Vater und Hurry, beide gebunden, lägen auf den Büſchen in der Mitte. Wie zuvor ruderten die Indianer. Die Letztern ſchienen zu fühlen, daß die ſpäte Tageszeit ungewöhnliche Kraftanſtrengung erfordere, und ganz entgegen der Gewohnheit ihres Volks, das immer die Mühe ſcheut, arbeiteten ſie rüſtig an den Surrogaten der Ruder. In Folge dieſes Eifers —* v „ Hutter,“ ſagte Wildtödter, indem er ihm auf die Plattform heraufhalf⸗ 311 nahm der Floß ſeine frühere Stellung ein ſchon in etwa der Hälfte der Zeit, die ſie bei den frühern Fahrten gebraucht hatten. Selbſt nachdem die Bedingungen ſo deutlich feſtgeſetzt und die Sachen ſo weit gediehen waren, blieb die wirkliche Uebergabe der Gefangenen eine nicht ohne Schwierigkeit zu erfüllende Obliegenheit. Die Irokeſen ſahen ſich genöthigt, großes Vertranen in den guten Glauben und Willen ihrer Feinde zu ſetzen, obgleich ſie es mit Widerſtreben, und mehr in Folge der Nothwendigkeit, als mit freiem Willen und mit Zuverſicht thaten. Sobald Hutter und Hurry frei⸗ gelaſſen waren, zählte die Truppe im Caſtell, denen auf dem Floß gegenüber, Zwei gegen Einen, und von Flucht konnte keine Rede ſeyn, da Jene drei Canoes beſaßen, Nichts zu ſagen von den Ver⸗ theidigungsanſtalten des Hauſes und der Arche. Alles dieß ward von beiden Partheien wohl begriffen und vermuthlich wäre die Uebereinkunft nie ganz in's Reine gebracht worden, hätte nicht Wildtödter's ehrliches Geſicht und Weſen ſeine gewöhnliche Wirkung auch bei Rivenoak gethan. WMein Bruder weiß, ich ſetzte Vertrauen in ihn,“ ſagte der Letztere, indem er mit Hutter näher trat, deſſen Beine losgebunden waren, damit der alte Mann die Plattform hinanſteigen konnte. „Ein Skalp— Ein Thier mehr!“ „Ha, Mingo,“ unterbrach ihn der Jäger,„behaltet Euern Gefangenen noch einen Augenblick. Ich muß gehen und die Mittel der Zahlung ſuchen.“ 4 N. Dieſe Entſchuldigung jedoch, obwohl zum Theil wahr, war doch hauptſächlich eine Liſt. Wildtödter verließ die Plattform, trat in das Haus und wies Judith an, alle Waffen zuſammenzu⸗ tragen und in ihrem Gemache verbergen. Dann ſprach er ernſtlich mit dem Delawaren, der wie früher nahe am Eingang des Gebäudes Wache hielt, ſteckte die drei Thürme in die Taſche und kehrte zurück. „Seyd willkommen zurück in Eurer alten Wohnung, Meiſter zu gleicher Zeit ſchlau wieder einen Thurm in die Hand Rivenoak's ſchiebend.„Ihr ſindet Eure Töchter hoch erfreut Euch wieder zu ſehen, und da kommt Hetty ſelbſt, um Euch dieß von ſich zu verſichern.“ Hier hielt der Jäger von ſelbſt im Reden inne, und brach in ſein eigenthümliches, ſtilles aber herzliches Lachen aus. Hurry's Beine waren eben losgebunden und er auf die Füße geſtellt worden. So eng hatte man die Bande angezogen, daß die Gebundenen nicht ſogleich wieder den Gebrauch ihrer Glieder erlangten, und der junge Rieſe machte in allem Ernſt eine ſehr hülfloſe und einiger⸗ maßen komiſche Figur, Es war dieß ungewohnte Schauſpiel, beſonders das verdutzte Geſicht, was Wild zdter' s Frhlichkeit erregte. „Ihr ſeht aus wie eine geringelte Tanne auf einer Lichtung, Harry Hurry, die ſich in einem Sturme wiegt,“ ſagte Wildtödter, ſeine unzeitgemäße Luſtigkeit zügelnd, mehr aus Zartgefühl gegen die Andern, als aus Achtung vor dem befreiten Gefangenen.„Es freut mich jedoch zu ſehen, daß Euch nicht Euer Haar von einem der Irokeſtſchen Barbiere bei Eurem letzten Bzſuch in ihrem Lager iſt frifirt worden.“ „Hort, Wildtödter,“ verſetzte der Andere etwas trotzig;„es wäre klug von Euch, bei dieſer Gelegenheit weniger der Luſtigkeit zu pflegen, und mehr der Freundſchaft. Handelt einmal wie ein Chriſt, und nicht wie ein lachſüchtiges Mädchen in einer Landſchule, wenn der Lehrer den Rücken kehrt, und ſagt mir nur, ob da am Ende von meinen Beinen Füße ſind oder nicht? Ich glaube ſie doch zu ſehen, aber was das Fühlen betrifft, ſo könnten ſie ebenſo gut drunten an den Ufern des Mohawks ſeyn, als wo ſie mir zu ſeyn ſcheinen.“ „Ihr ſeyd ganz davongekommen, Hurry, und das will Viel ſagen,“ verſetzte der Andere, heimlich dem Indianer den Reſt des bedungenen Löſegeldes zuſteckend, und zugleich gab er ihm einen ernſten Wink, ſeinen Rückzug anzutreten.„Ihr ſeyd ganz davon⸗ gekontmen, mit Füßen und Allem, und ſeyd jetzt nur ein wenig —1 / 1 6 313 ſtarr, in Folge des ſcharfen Anziehens der Weiden. Die Natur wird ſchon das Blut in Bewegung ſetzen, und dann könnt Ihr anfangen zu tanzen, um Eure, wie ich ſagen möchte, höchſt wunder⸗ volle und unerwartete Befreiung aus der Höhle der Wölfe zu feiern.“ Wildtödter löste die Arme ſeiner Freunde von den Banden, ſo wie Beide heraufſtiegen, und ſie ſtampften und hinkten jetzt auf der Plattform herum, brummend und Verwünſchungen ausſtoßend, indem ſie dem wiederkehrenden Blutumlauf nachzuhelfen ſuchten. Sie waren jedoch zu lange gebunden geweſen, um in einem Augenblick wieder den Gebrauch ihrer Glieder zu erlangen; und da die Indianer auf dem Rückweg ebenſo fleißig arbeiteten, als auf dem Herweg, war der Floß volle hundert Schritte von dem Caſtell entfernt, als Hurry, zufällig nach jener Richtung gewandt, entdeckte, wie ſchnell derſelbe dem Bereich ſeiner Rache ſich entziehe. Er konnte ſich jetzt mit erträglicher Leichtigkeit bewegen, obwohl noch ſtarr und ſteif. Ohne jedoch ſeinen Zuſtand zu erwägen, ergriff er die Büchſe, die an Wildtödter's Schulter gelehnt war, und ſuchte ſie zu ſpannen und anzulegen, der junge Jäger war ihm aber zu ſchnell. Er faßte das Gewehr und entrang es den Händen des Rieſen, doch nicht ohne daß es in dem Kampfe losging, als gerade die Mündung nach oben gerichtet war. Wahrſcheinlich hätte Wildtödter in dieſem Ringen wegen des Zuſtands von Hurry's Gliedmaßen ſtegen können; aber im Augenblick, wo das Gewehr losging, ließ es der Letztere fahren, und trollte dem Hauſe zu, die Beine bei jedem Schritt einen vollen Fuß über den Boden erhebend, weil er gar nicht recht ſpürte, wie er die Füße ſetzte. Aber Judith war ihm zuvorgekommen. Der ganze Vorrath von Hutter's Waffen, der in dem Gebäude verwahrt war, als ein Hülfsmittel für den Fall eines plötzlichen Ausbruchs von Feindſeligkeiten, war nach Wildtödter's Anweiſungen entfernt und verſteckt worden. In Folge dieſer Vorſichtsmaßregel fehlten March alle Mittel zur Ausführung ſeiner Racheplane. — 314 Getäuſcht in ſeinem rachgierigen Beſtreben, ſetzte ſich Hurry nieder, und wie Hutter, war er eine halbe Stunde lang zu ſehr damit beſchäftigt, den Blutumlauf wieder herzuſtellen und im freien Gebrauch ſeiner Glieder ſich wieder zu üben, um andern Ge⸗ danken nachzuhängen. Nach Verfluß dieſer Zeit war der Floß ver⸗ ſchwunden, und die Nacht begann ihre Schatten wieder über die ganze Waldſcene zu werfen. Ehe die Dunkelheit völlig einge⸗ brochen war, und während die Mädchen die Abendmahlzeit berei⸗ teten, berichtete Wildtödter in ſkizzirtem Umriß die Ereigniſſe, welche ſtattgehabt, und erzählte ihm, welche Mittel er zur Sicherung ſeiner Kinder und ſeines Eigenthums ergriffen habe. Fünfzehutes Kapitel. „So lange Edward herrſcht im Land, Hier nie der Kriegsgott ruht. Es fallen Söhn' und Gatten Euch, Und Eure Ström’ füllt Blut.“ „O, Ihr verließt den rechten Herrn, Als er im Mißgeſchick;— Sterbt für die gute Sach', gleich mir,— O kehrt zu ihm zurück!“ Chatterton. Vie Ruhe des Abends ſtand wieder in eigenthümlichem Con⸗ traſt mit den Leidenſchaften der Menſchen, während ſein düſter anwachſendes Dunkel in ebenſo eigenthümlichem Einklang damit ſtand. Die Sonne war unter, und die Strahlen des geſchiedenen Geſtirns hatten aufgehört, die Ränder der wenigen Wolken zu vergolden, welche hinlängliche Riſſe hatten, um ſein erbleichendes Licht durchzulaſſen. Der Wolkenbaldachin oben am Himmel war ſchwer und dicht, und verhieß wieder eine dunkle Nacht, aber die Fläche des See's war kaum von einem Wellchen gekräuſelt. Es „ * 315 wehte ein kleiner Luftzug— Wind konnte man es eigentlich nicht nennen. Doch hatte er, da er ſchwül und feucht war, eine gewiſſe Kraft. Die Geſellſchaft im Caſtell war ſo trüb und ſchweigſam wie die Scene. Die beiden ausgelösten Gefangenen fühlten ſich gedemüthigt und entehrt, aber ihre Beſchämung hatte Etwas von der Erbitterung und Tücke der Rachſucht. Sie waren weit mehr geneigt, der Unwürdigkeit zu gedenken, mit der ſie während der letzten paar Stunden ihrer Gefangenſchaft behandelt worden waren, als Dankbarkeit zu fühlen für die vorhergegangene Milde. Und dann ſtachelte ſie der ſcharfäugige Mahner, das Gewiſſen, indem er ihnen Alles, was ſie erduldet, als verhängt von einer vergelten⸗ den Gerechtigkeit darſtellte, dennoch vielmehr ihren Grimm ihre Feinde entgelten zu laſſen, als ſich ſelbſt anzuklagen. Die Uebrigen waren nachdenklich, halb aus Leid, halb aus Freude. Wildtödter und Judith hatten mehr die erſtgenannte Empfindung, während Hetty für den Augenblick vollkommen glücklich war. Dem Dela⸗ waren gewährte ebenfalls die Ausſicht, ſobald ſeine Verlobte wieder zu gewinnen, lachende Bilder des Glückes. Unter ſolchen Um⸗ ſtänden, und in ſolcher Stimmung, nahmen Alle das Abendbrod ein. „Alter Tom!“ rief Hurry in ein krampfhaftes, lärmendes Gelächter ausbrechend,„Ihr ſaht zum Erſtaunen einem gebundenen Bären gleich, wie Ihr auf den Tannenzweigen ausgeſtreckt da laget, und ich wundre mich nur, daß Ihr nicht ärger brummtet. Nun, es iſt vorüber und Seufzen und Wehklagen beſſern die Sache nicht mehr! Da iſt der Spitzbube Rivenoak, der uns hieher⸗ brachte, der hat einen außerordentlichen Skalp, für den ich ſelbſt ſo Viel gebe wie die Colonie. Ja, es iſt mir jetzt, als wäre ich ſo reich wie der Gouverneur, was dieſe Sachen betrifft, und ich will Doublone gegen Doublone ſetzen. Judith, Schätzchen, habt Ihr recht um mich getrauert, als ich in den Händen dieſer Philip⸗ ſteiner war?“ 4 Dieſer Name bezeichnete eine Familie von deutſcher Abkunft am Mohapk, gegen welche Hurry einen großen Widerwillen hegte, und die er mit den Feinden Judäas vermengt hatte. „Unſre Thränen haben den See anſchwellen machen, Harry March, wie Ihr an der Küſte hättet ſehen können,“ verſetzte Judith mit angenommenem Leichtſinn, von dem ihr Inneres weit entfernt war.„Daß Hetty und ich uns um den Vater grämten, war zu erwarten; aber um Euch ließen wir förmlich Thränen regnen.“- „Wir waren in Sorgen und Leid um den armen Hurry, wie um den Vater, Judith,“ fiel ihre unſchuldige und argloſe Schweſter ein. „Wahr, Mädchen, wahr; aber wir fühlen Sorge und Leid, um Jeden der in Noth iſt, weißt Du,“ erwiederte die Andere raſch, in zurechtweiſendem aber leiſem Tone,„dennoch aber, es freut uns, Euch zu ſehen, Meiſter March, und das dazu erlöst aus den Händen der Philipſteiner.“ „Ja, es iſt eine böſe Rotte, und ſo iſt auch die andre Brut, abwärts den Strom. Es iſt mir zum Verwundern, wie Ihr uns los bekamet, Wildtödter; und ich verzeihe Euch Eure Einmiſchung, welche mich hinderte, an dieſem Vagabunden Gerechtigkeit zu üben, in Betracht dieſes kleinen Dienſtes. Weiht uns in das Geheimniß ein, damit wir Euch im Fall der Noth denſelben Dienſt leiſten können. Habt Ihr es mit Lügen oder mit Schmeicheln ausgerichtet?“ „Durch keines von beiden, Hurry, ſondern durch Kaufen. Wir zahlten ein Löſegeld für Euch Beide, und das dazu ein ſo hohes, daß Ihr wohl thun würdet, auf Eurer Hut zu ſeyn, und Euch nicht noch einmal fangen zu laſſen, weil ſonſt unſer Vorrath an Gütern nicht ausreichen würde.“ 3 „Ein Löſegeld!— Nun dann hat der alte Tom den Spiel⸗ mann bezahlt, denn all' mein' Sach' hätte nicht das Haar, viel weniger die Haut losgekauſt. Ich hätte nicht geglaubt, eine ſo wilde Rotte wie jene Vagabunden, würden einen Burſchen ſo leicht wieder auf und loslaſſen, wenn ſie ihn einmal feſt gepackt und em 317 Boden hätten. Aber Geld iſt Geld, und es iſt immer unnatürlich ſchwer, ihm zu widerſtehen. Indianer oder Weißer, es iſt ſo ziemlich das Gleiche. Man muß geſtehen, Judith, es iſt doch eigentlich ein gut Theil menſchliche Natur in den Leuten überhaupt!“ Hutter ſtand jetzt auf, winkte Wildtödter, und führte ihn in ein inneres Gemach, wo er auf ſeine Frage zuerſt den Preis erfuhr, der für ſeine Freilaſſung war bezahlt worden. Der alte Mann drückte weder Unwillen noch Ueberraſchung aus über den Eingriff in ſeinen Schrank, den man ſich erlaubt hatte, obwohl er einige Neugier an den Tag legte, zu erfahren, wie weit die Unterſuchung von deſſen Inhalt gegangen ſey. Auch erkundigte er ſich, wo man den Schlüſſel gefunden habe. Wildtödter's gewohnte Offenherzigkeit hinderte jede Täuſchung, und die Beſprechung endigte ſich bald mit der Rückkehr Beider in das äußere Gemach, welches dem doppelten Behufe des Wohnzimmers und der Küche diente. „Es ſoll mich wundern, ob Friede iſt oder Krieg zwiſchen uns und den Wilden,“ rief Hurry, gerade als Wildtödter, der einen Augenblick geſchwiegen hatte, aufmerkſam horchte und ohne ſich aufzuhalten durch die äußere Thüre ſchritt.„Dieſe Zurückgabe von uns Gefangenen hat ein freundſchaftliches Anſehen, und wenn Männer mit einander verkehrt und gehandelt haben auf einen ehr⸗ lichen und ehrenhaften Fuß, ſo ſollten ſie für das Mal wenigſtens als gute Freunde ſcheiden. Kommt zurück, Wildtödter, und gebt uns Eure Meinung, denn ich fange an, Mehr von Euch zu halten, ſeit Eurem neueſten Benehmen, als ich früher that.“ „Hier iſt eine Antwort auf Eure Frage, Hurry, wenn Ihr ja ſolchen Drang und Eile habt, wieder zum Schlagen zu kommen!“ Mit dieſen Worten warf Wildtödter auf den Tiſch, auf den ſich der Andere mit dem einen Ellbogen ſtemmte, eine Art von Miniatur⸗Holzbündel, beſtehend aus einem Dutzend Stecken, die mit einem Riemen von Wildleder eng zuſammengebunden waren. March ergriff es begierig, hielt es ganz nahe an ein flammendes 318 Tannenholzſcheit, das auf dem Heerde lag, und von dem alles Licht im Zimmer ausging, und überzeugte ſich, daß die Enden der ſämmt⸗ lichen Stecken in Blut getaucht waren. „Wenn das nicht gut Engliſch iſt,“ ſagte der trotzige Grenz⸗ mann,„ſo iſt es doch gut Indianiſch! Da haben wir was ſie drunten in York eine Kriegserklärung nennen, Judith. Wie kamt Ihr zu dieſem Zeichen der Herausforderung, Wildtödter?“ „Einfach genug. Es lag vor noch nicht einer Minute auf Floating Tom's Thorhof, wie Ihr es nennt.“ „Wie kam es dahin? Es fiel doch nicht aus den Wolken, Judith, wie manchmal kleine Kröten, und dann regnet es auch nicht. Ihr müßt darthun, woher es kommt, Wildtödter, ſonſt argwohnen wir einen Anſchlag, Leuten Angſt einzujagen, die längſt ihren Verſtand verloren hätten, wenn Furcht ihn verſcheuchen könnte.“ Wildtödter hatte ſich einem Fenſter genähert und warf einen Blick hinaus auf den dunkel daliegenden See. Zufrieden ſcheinend mit dem, was er geſchaut, trat er zu Hurry, nahm den Bündel Stecken in ſeine Hand, und beſichtigte ſie genau. „Ja, es iſt eine indianiſche Kriegserklärung, ganz gewiß,“ ſagte er,„und es iſt ein Beweis, wie wenig Ihr gewöhnt ſeyd an den Weg, den ſie gemacht hat, Hurry March, daß ſie hieher kommen konnte, ohne daß Ihr die Art und Weiſe begreift. Die Wilden mögen Euch den Skalp auf dem Kopf gelaſſen, aber ſie müſſen Euch die Ohren abgeſchnitten haben; ſonſt hättet Ihr das Rauſchen des Waſſers gehört, das der Junge verurſachte, als er wieder auf ſeinen zwei Baumſtämmen herfuhr. Sein Auftrag war, dieſe Stecken vor unſre Thüre zu werfen, was ſo viel ſagen will: wir haben ſeit dem Handel in den Kriegspfahl gehauen, und unſer Nächſtes wird ſeyn, auf Euch einzuhauen.“ „Die herumſtreichenden Wölfe! Aber reicht mir die Büchſe, Judith, ſo will ich den Vagabunden durch ihren Boten eine Ant⸗ wort ſchicken.“ .— Junge das Bündel Stecken vor die Füße warf, ſo erregte dieß „Nicht, ſolang ich dabei bin, Meiſter March,“ entgegnete kaltblütig Wildtödter, und winkte dem Mädchen, es zu unterlaſſen. „Wort iſt Wort, ſey es einer Rothhaut oder einem Chriſten ge⸗ geben. Der Junge zündete ein Scheit an, und fuhr bei deſſen Licht offen herüber, uns dieſe Warnung zu überbringen, und kein Menſch hier darf ihm ein Leid thun, während er eine ſolche Sen⸗ dung ausführt. Worte nützen Nichts, denn der Knabe iſt zu ſchlau, um den Spahn fortbrennen zu laſſen, nachdem ſein Gewerbe be⸗ ſtellt iſt, und auch die Nacht iſt zu dunkel, um mit einer Büchſe irgend ſicher zielen zu konnen.“ „Das mag wahr genug ſeyn von einem Gewehr, aber noch iſt ein Canoe zu Etwas zu brauchen,“ antwortete Hurry, mit unge⸗ heuren Schritten, eine Büchſe in der Hand, auf die Thüre zuge⸗ hend.„Der Menſch lebt nicht, der mich hindern ſoll zu folgen, und des Wurmes Skalp zurückzubringen. Je Mehrere von ihnen Ihr im Ei zerdrückt, deſto Weniger werden Euch in den Wäl⸗ dern anfallen!“ Judith zitterte wie eine Eſpe, ſie wußte ſelbſt kaum warum, obwohl alle Ausſicht auf eine Scene der Gewaltthat vorhanden war; denn wenn Hurry trotzig und übermüthig war im Bewußt⸗ ſeyn ſeiner Stärke, ſo beſaß Wildtödter die ruhige Feſtigkeit, welche größere Beharrlichkeit verſpricht, und eine Entſchloſſenheit, die mehr Ausſicht hat ihren Zweck zu erreichen. Es war mehr das finſtere, entſchloſſene Auge des Letztern, als die aufbrauſende Hef⸗ tigkeit des Erſtern, was ihre Beſorgniß rege machte. Hurry erreichte bald den Ort, wo das Canve befeſtigt war, aber ſchon hatte auch Wildtödter mit dem Delawaren in raſchem, ernſtem Tone in ſeiner Sprache geſprochen. Dieſer war in der That der Erſte geweſen, der den Laut der Ruder vernommen hatte, und war in eiferſüchtiger Wachſamkeit auf die Plattform getreten. Das Licht überzeugte ihn, daß eine Botſchaft komme, und als ihm der 320 weder ſeinen Zorn, noch überraſchte es ihn. Er blieb nur auf ſeinem Wachtpoſten, die Büchſe in der Hand, um ſich zu verſichern, daß keine Verrätherei hinter der Herausforderung laure. Da ihm jetzt Wildtödter rief, trat er in das Canoe, und entfernte ſchnell wie ein Gedanke die Ruder. Hurry war wüthend, als er ſich der Mittel zur Ausführung ſeines Vorſatzes beraubt ſah. Zuerſt näherte er ſich dem Indianer mit lauten Drohungen, und ſelbſt Wildtödter war in tödtlicher Angſt wegen der möglichen Folgen. March ſchüttelte ſeine hammerartigen Fäuſte und ſchwang die Arme, als er auf den Indianer zutrat, und Alle erwarteten, er werde den Delawaren zu Boden zu werfen verſuchen; Einer von ihnen wenigſtens wußte wohl, daß Blutvergießen die unmittelbare Folge eines ſolchen Verſuchs ſeyn müßte. Aber ſelbſt Hurry ward etwas unheimlich zu Muth bei der finſtern Faſſung und Haltung des Häuptlings, und auch er wußte, daß ein ſolcher Mann ſich nicht ungeſtraft mißhandeln ließ; daher wandte er ſich, um ſeine Wuth an Wildtödter auszulaſſen, wo er keine ſo ſchreckliche Folgen vor⸗ ausſah. Was das Ergebniß dieſer zweiten Demonſtration geweſen wäre, wenn es zur Thätlichkeit gekommen wäre, läßt ſich nicht ſagen, aber es kam nicht ſo weit. „Hurry!“ ſagte eine ſanfte, begütigende Stimme dicht an ſeiner Seite,„es iſt ſündhaft, ſo grimmig zu ſeyn, und Gott wird es nicht überſehen. Die Irokeſen haben Euch gut behandelt, und Euch den Skalp nicht genommen, obgleich Ihr und Vater ihnen die ihrigen nehmen wolltet.“ Die Macht der Milde und Sanftmuth über die Leidenſchaft iſt bekannt. Auch hatte Hetty ſich eine Art Schätzung erworben, die man ihr früher nie zugeſtanden hatte, durch die Aufopferung und Entſchloſſenheit ihrer jüngſten Handlungsweiſe. Vielleicht ſtei⸗ gerte ihre anerkannte Geiſtesſchwäche, die jeden Verdacht beſeitigte, als wolle ſie ſich eine Herrſchaft anmaßen, ihren Einfluß. Wie nun aber die Urſache erklärt und gedeutet werden mochte, die Wirkung war gewiß genug⸗ Statt ſeinen alten Reiſegenoſſen zu wür⸗ gen, kehrte ſich Hurry gegen das Mädchen, und ergoß einen Theil ſeines Mißmuthes, wenn auch nicht ſeines Zorns, in ihr aufmerkſames Ohr. „Es iſt zu ſchlimm, Hetty!“ rief er aus;„ſo ſchlimm als ein Grafſchaftsgefängniß, oder ein Biberfehljahr, eine Creatur in die Falle bekommen, und ſie dann wieder los und ledig laſſen! So viel als ſechs Häute erſter Qualität iſt an Werth fortgerudert auf den plumpen Baumſtämmen, während zwanzig Schläge einer wohlgeführten Ruderſchaufel ſie einholen würden. Ich ſage an Werth, denn was den Jungen nach der Natur betrifft, ſo iſt er eben ein Knabe, und nicht Mehr noch Weniger werth, als jeder Andere. Wildtödter, Ihr ſeyd untreu geweſen gegen Eure Freunde, daß Ihr einen ſolchen Vortheil meinen und auch Euren Händen entſchlüpfen ließet.“ Die Antwort darauf ward mit Ruhe gegeben, aber in einem ſo feſten Tone, wie nur immer eine furchtloſe Natur und das Be⸗ wußtſeyn der Rechtlichkeit ihn machen konnten.„Ich wäre dem, was recht iſt, untreu geworden, hätte ich anders gehandelt,“ er⸗ wiederte Wildtödter mit Faſſung,„und weder Ihr noch ſonſt Jemand hat die Befugniß, das von mir zu verlangen. Der Junge kam in einem rechtmäßigen Auſtrag, und die elendeſte Rothhaut, die ſich in den Waͤldern umtreibt, hätte ſich geſchämt, ſeine Sendung nicht zu reſpektiren. Aber er iſt jetzt außer dem Bereich Eures Zornes, Meiſter March, und es hilft Wenig, wie ein Paar Weiber von dem zu ſchwatzen, was nicht mehr zu ändern iſt.“ Mit dieſen Worten wandte ſich Wildtödter weg, wie ent⸗ ſchloſſen, keine Worte weiter über der Sache zu verſchwenden, während Hutter Hurry am Ermel zupfte und ihn in die Arche zog⸗ Hier ſaßen ſie lang in heimlicher Beſprechung. Mittlerweile hatten auch der Indianer und ſein Freund ihre geheime Berathung; denn obgleich es noch drei oder vier Stunden waren bis zum Aufgang des Sterns, konnte ſich doch Jener nicht enthalten, ſeinen Plan Der Wildtödter. 3. Aufl. 21 322 vorzubereiten; und ſein Herz gegen den Andern zu öffnen. Auch Judith gab ſich ihren ſanftern Gefühlen hin und hörte Hetty's ganze kunſtloſe Erzählung von Allem, was ſich begeben, nachdem ſie an's Land getreten, an. Die Wälder hatten wenig Schreckniſſe für dieſe beiden Mädchen, ſo wie ſie erzogen und gewohnt waren, taͤglich ihre weite, üppige Ausbreitung zu ſchauen, oder unter ihren dunkeln Schatten zu wandeln; aber das fühlte die ältere Schweſter, daß ſie ſich bedacht haben würde, ſich ſo allein in das Lager der Irokeſen zu wagen. Im Betreff Hiſt's war Hetty nicht ſehr mittheilſam. Sie ſprach von ihrer Güte und Sanftmuth und von ihrer Begegnung im Walde; aber das Geheimniß Chingach⸗ gook's hewahrte ſie mit einer Schlauheit und Treue, welche manches Maͤdchen von ſchärferem Verſtande ſchwerlich bewährt haben dürfte. Entich wurde den verſchiednen Beſprechungen ein Ende ge⸗ macht durch Hutter's Wiedererſcheinen auf der Plattform. Hier verſammelte er die ganze Geſellſchaft, und theilte ihr von ſeinen Abſichten mit, ſo Viel ihm paſſend dünkte. Den von Wildtödter gemachten Plan, das Caſtell während der Nacht zu verlaſſen und ſich auf die Arche zu flüchten, billigte er ganz. Es leuchtete ihm ebenſo wie früher den Andern ein, als das einzige wirkſame Mittel, dem Verderben zu entgehen. Jetzt, nachdem die Wilden ihr Augen⸗ merk auf Erbauung von Flößen gerichtet, konnte kein Zweifel dar⸗ über obwalten, daß ſie wenigſtens einen Verſuch machen würden, das Gebäude zu nehmen, und die Sendung der blutigen Stecken bewies hinlaͤnglich ihr Vertrauen auf einen glücklichen Erfolg. Kurz, der alte Mann ſah die Nacht als entſcheidend an, und forderte Alle auf, ſich ſo bald als möglich bereit zu machen, die Wohnung wenigſtens für einige Zeit, wo nicht für immer zu verlaſſen. Nachdem dieſe Mittheilungen gemacht waren, wurde Alles raſch und mit Einſicht betrieben: das Caſtell ward in der ſchon angegebenen Weiſe geſchloſſen, die Canoes unter dem Dock weg⸗ genommen und mit dem andern an der Arche befeſtigt; die wenigen 323 Bedürfniſſe, die man noch im Hauſe gelaſſen, wurden in die Cajüte geſchafft, das Feuer ausgeloͤſcht und Alle ſchifften ſich ein. Die Nähe der Hügel mit ihrer Tannenbekleidung hatte die Wirkung, daß finſtere Nächte auf dem See noch dunkler als ge⸗ wöhnlich waren. Wie immer jedoch, zog ſich ein vergleichungsweiſe lichter Streifen mitten durch den Waſſerſpiegel, während die Fin⸗ ſterniß im Bereich der Schatten der Berge am ſchwerſten auf dem Gewäſſer laſtete. Die Inſel, oder das Caſtell, ſtand innerhalb dieſes Streifens, der verhältnißmäßig licht war, aber dennoch war die Nacht ſo dunkel, daß ſie die Abfahrt der Arche dem Auge ver⸗ barg. Auf die Entfernung eines Beobachters von der Küſte aus konnten ihre Bewegungen gar nicht geſehen werden, zumal da ein Hintergrund von dunkeln Bergen die Perſpective von jedem Geſichts⸗ punkt begrenzte, den man ſchräg oder in gerader Linie über das Waſſer hin nahm. Der vorherrſchende Wind auf den Seeen dieſer Gegend iſt der Weſtwind, aber wegen der durch die Berge gebildeten Thaleinſchnitte iſt es häufig unmöglich, die eigentliche Richtung der da ſie oft in kleinen Entfernungen und Luftſtrömungen anzugeben, Zeiträumen wechſeln. Dieß gilt mehr von leichten, ſchwankenden Luftſtößen, als von ſteten Lüftchen, obſchon man in allen gebirgigen Gegenden und ſchmalen Gewäſſern recht gut weiß, daß auch die Stöße von den letztern unſicher und täuſchend ſind. Im gegenwär⸗ tigen Falle war Hutter ſelbſt, als er die Arche von ihrem Anker⸗ platz neben der Plattform wegdrängte, in Verlegenheit zu ſagen, welcher Wind wehe. In der Regel wurde dieſe Schwierigkeit gelöſt durch die Wolken, die, hoch über den Bergſpitzen ſchwebend, natürlich den eigentlichen Luftſtrömungen folgten; aber jetzt ſchien das ganze Himmelsgewölbe eine maſſive, finſtre Mauer. Keine Oeffnung irgend einer Art war ſichtbar, und Chingachgook zitterte ſchon, das Nichtaufgehen des Sterns möchte ſeine Verlobte abhalten, ihrem Verſprechen pünktlich nachzukommen. Unter dieſen Umſtänden zog Hutter ſein Segel wie es ſchien nur in der Abſicht auf, von — 324 dem Caſtell wegzukommen, da es gefährlich ſeyn mochte, viel länger in deſſen Nähe zu verweilen. Der Wind ſchwellte bald das Tuch, und als das Fahrzeug in Bewegung kam, und das Segel gehörig aufgezogen war, zeigte ſich's, daß die Richtung ſüdlich, mit einer Abweichung nach der öſtlichen Küſte, war. Da ſich für die Ab⸗ ſichten der Geſellſchaft keine beſſere Richtung fand, ließ man das eigenthümliche Fahrzeug in dieſer Richtung über eine Stunde auf der Waſſerfläche hintreiben, als ein Wechſel in der Luftſtrömung ſie hinüber dem Lager zu trieb. Wildtödter beobachtete alle Bewegungen Hutter's und Harry's mit eiferſüchtiger Wachſamkeit. Anfänglich wußte er nicht, ob er die Richtung, die ſie hielten, dem Zufall oder einer Abſicht zuſchrei⸗ ben ſollte; aber jetzt begann er letzteres zu argwohnen. So ver⸗ traut mit dem See, wie Hutter war, mußte es ihm eine leichte Sache ſeyn, Einen zu täuſchen, der wenig Uebung auf dem Waſſer hatte; und was immer ſeine Abſichten ſeyn mochten, ſo Viel war, ehe zwei Stunden verſtrichen, klar, daß die Arche ſo viel Wegs zurückgelegt, daß ſie ſich nur hundert Ruthen von der Küſte entfernt und gerade in Einer Linie mit der bekannten Lage des indianiſchen Lagers befand. Eine ziemliche Zeit, ehe man dieſen Punkt erreicht, hatte Hurry, der einige Kenntniß der Algonquinſprache beſaß, eine heimliche Unterredung mit dem Indianer gehabt, und das Ergebniß ward jetzt von dieſem dem Wildtödter mitgetheilt, der ein kalter, um nicht zu ſagen mißtrauiſcher Beobachter alles Bisherigen geweſen. „Mein alter Vater und mein junger Bruder, die Große Tanne,“ — denn dieſen Namen hatte der Delaware March gegeben— „möchten Huronenſkalpe an ihren Gürteln ſehen,“ ſagte Chingach⸗ gook zu ſeinem Freunde.„Es iſt Raum für einige an dem Gürtel der Schlange, und ſein Volk wird nach ſolchen ſehen, wenn er zurückkommt in ſein Dorf. Ihre Augen dürfen nicht lange in einem Nebel bleiben, ſondern ſie müſſen ſehen, was ſie ſuchen und erwarten. Ich weiß, daß mein Bruder eine weiße Hand hat; er —— 3— 325 mag nicht einmal die Todten beſchädigen. Er wird auf uns warten; wenn wir zurückkommen, wird er ſein Angeſicht nicht verbergen aus Schaam für ſeinen Freund. Die Große Schlange der Mohikans muß werth ſeyn, auf dem Kriegspfad zu ſchreiten mit Falkenauge.“ „Ja, ja, Schlange, ich ſehe wie es iſt; der Name ſoll mir bleiben, und bald werde ich unter ihm, ſtatt unter dem Wildtödter's bekannt ſeyn; nun gut, wenn ſolche Ehren kommen, ſo muß ſie ſich der Beſcheidenſte von uns gern gefallen laſſen. Daß Ihr Euch nach Skalpen umſeht, das gehört zu Euern Gaben, und ich ſehe nichts Arges daran. Aber ſeyd barmherzig, Schlange; ſeyd barm⸗ herzig, darum bitte ich Euch. Es kann ſicherlich der Ehre einer Rothhaut nicht ſchaden, etwas Barmherzigkeit zu zeigen. Was den alten Mann betrifft, den Vater der zwei Mädchen, die beſſere Gefühle in ſeiner Bruſt zur Reife bringen ſollten, und Harry March da, der, ſo eine hohe Tanne er iſt, wohl beſſer die Früchte eines mehr chriſtlichen Baumes tragen dürfte, was die Zwei betrifft, ſo ſtelle ich ſie den Händen des Gottes der Weißen anheim. Wären nicht die blutigen Stecken, ſo ſollte kein Menſch heute Nacht gegen die Mingos ausziehen, ſintemal es unſre Treue und unſern Ruf entehren würde; aber die da Blut begehren, können ſich nicht be⸗ klagen, wenn Blut vergoſſen wird auf ihre Aufforderung. Aber dennoch, Schlange, könnt Ihr barmherzig ſeyn. Beginnt Eure Laufbahn nicht unter dem Wehklagen von Weibern und dem Geheule von Kindern. Benehmt Euch ſo, daß Hiſt lächeln wird und nicht weinen, wenn ſie Euch wieder ſieht. Geht denn jetzt, und der Manitou ſchütze Euch!“ „Mein Bruder wird hier mit dem Fahrzeug warten. Wah! wird bald wartend an der Küſte ſtehen, und Chingachgook muß eilen.“ Dann begab ſich der Indianer zu ſeinen zwei Mitabenteurern, und nachdem ſie zuerſt das Segel herabgelaſſen, traten ſie alle Drei in ein Canoe und ſtießen von der Arche ab. Weder Hutter noch March ſprachen mit Wildtödter von ihrem Vorhaben, oder * 326 von der muthmaßlichen Dauer ihrer Abweſenheit. Alles dieß war dem Indianer anvertraut worden, der ſich ſeines Auftrags mit charakteriſtiſcher Kürze entledigt hatte. Sobald man das Canoe aus dem Geſicht verloren— und das war der Fall, ehe die Ruder zwölf Schläge gethan hatten, traf Wildtödter die beſten Vorkehrun⸗ gen, die in ſeiner Macht ſtanden, um die Arche ſo viel als möglich auf demſelben Punkte beharren zu machen, und dann ſetzte er ſich auf dem Ende der Fähre nieder, um an ſeinen bittern Gedanken zu kauen. Es ſtand jedoch nicht lang an, bis Judith ſich zu ihm geſellte, die jede Gelegenheit aufſuchte, in ſeiner Nähe zu ſeyn, und ihre Angriffe auf ſeine Neigung mit der Geſchicklichkeit ausführte, welche ihr angeborene Coketterie an die Hand gab, unterſtützt von einer nicht kleinen Uebung, die aber ihre gefährliche Macht haupt⸗ ſächlich von dem Anflug von Gefühl erhielt, die ihr Benehmen, Stimme, Ton, Gedanken und Handlungen mit dem unbeſchreiblichen Zauber natürlicher Zärtlichkeit und Weichheit umkleidete. Wir ver⸗ laſſen den jungen Jäger, dieſen gefährlichen Angreifern preisge⸗ geben, und erfüllen die dringendere Pflicht, der Geſellſchaft in dem Canoe an die Küſte zu folgen. Das gewaltige Motiv, das Hutter und Hurry zur Wieder⸗ holung ihres Verſuchs gegen das feindliche Lager trieb, war genau daſſelbe, das ihre erſte Unternehmung veranlaßt hatte, etwas ver⸗ ſtärkt vielleicht durch Rachgier. Aber Keiner von dieſen zwei rauhen Weſen, ſo gefühllos in Allem, was die Rechte und Intereſſen der rothen Menſchen betraf, obwohl in andern Dingen nicht ohne Regungen menſchlicher Empfindung, war in bedeutendem Maße durch andere Beweggründe geleitet, als von herzloſer Gewinnſucht. Hurry hatte zwar gleich Anfangs nach ſeiner Befreiung Zorn über ſeine durchgemachten Leiden gefühlt, aber dieſer Affekt war bald verſchwunden über der ihm zur andern Natur gewordenen Sucht nach Gold, nach dem er mehr mit der gewiſſenloſen Gier eines be⸗ dürftigen Verſchwenders, als mit dem unabläſſigen Verlangen eines & ☛ 8æ Geizigen trachtete. Kurz, das Motio, das ſie trieb, ſo bald wieder gegen die Huronen auszuziehen, war eine zur Gewohnheit gewor⸗ dene Verachtung ihrer Feinde, welche zugleich die raſtloſe Habſucht, die der Verſchwendung Mittel liefern mußte, in Bewegung ſetzte. Bei der Entwerfung des zweiten Planes jedoch nahmen auch die verſtärkten Ausſichten auf Erfolg ihre Stelle ein. Man wußte, daß ein großer Theil der Krieger, vielleicht alle, für die Nacht gerade gegenüber dem Caſtell ſich gelagert hatten, und man hoffte, die Skalpe hülfloſer Opfer würden die Folgen hiervon ſeyn. Die Wahrheit zu geſtehen: Hutter beſonders— er, der ſo eben zwei Töchter verlaſſen hatte— hoffte in dem Lager Wenige ſonſt außer Weibern und Kindern zu treffen. Auf dieſen uUmſtand hatte er in ſeinen Beſprechungen mit Hurry nur leiſe hingedeutet, und gegen Chingachgook hatte man ihn ganz aus dem Auge gelaſſen. Wenn der Indianer überhaupt daran dachte, ſo war das Niemand be⸗ kannt als ihm. Hutter ſteuerte das Canoe; Hurry hatte mannhaft ſeinen Poſten vorn eingenommen, und Chingachgook ſtand in der Mitte. Wir ſagen ſtand; denn alle drei waren ſo geſchickt in der Handhabung dieſer Art von gebrechlichen Barken, daß ſie im Stande waren, mitten in der Dunkelheit aufgerichtet darin zu ſtehen. Die Annähe⸗ rung an die Küſte geſchah mit großer Vorſicht, und die Landung erfolgte ungefährdet. Jetzt ſetzten die Drei ihre Waffen in Bereit⸗ ſchaft, und begannen wie Tiger ſich dem Lager zu nähern. Der Indianer war der Vorderſte, und ſeine Begleiter traten in ſeine Fußſtapfen mit einer verſtohlenen Vorſicht, die ihre Schritte beinahe in buchſtäblichem Sinne geräuſchlos machte. Manchmal knackte ein dürrer Zweig unter der ſchweren Wucht des gigantiſchen Hurry, des alten Mannes; aber wäre oder der ungeſchickten Plumpheit der Indianer auf der Luft dahingewandelt, ſein Schritt hätte nicht leichter ſeyn können. Die Hauptaufgabe war, zuerſt die Stellung des Feuers zu entdecken, das, wie man wußte, den Mittelpunkt 328 des Lagers bildete. Endlich wurde das ſcharfe Auge Chingachgook's dieſes wichtigen Wegweiſers anſichtig. Es glimmte in einiger Ent⸗ fernung zwiſchen den Baumſtämmen; es war keine Flamme, ſon⸗ dern nur ein verglühender Brand, wie es der Stunde gemäß war; denn die Wilden begeben ſich gewöhnlich zur Ruhe und ſtehen auf mit dem Unter⸗ und Aufgang der Sonne. Sobald man dieſes Feuerſignals anſichtig geworden, ſchritten die Abenteurer raſcher und ſicherer vorwärts. In wenigen Minuten gelangten ſie an den Rand des Kreiſes von kleinen Hütten. Hier machten ſie Halt, um das Terrain in's Auge zu faſſen, und ihre Bewegungen zu verabreden. Die Finſterniß war ſo dicht, daß es ſchwer war, irgend Etwas zu unterſcheiden außer dem glühenden Brand, den Stämmen der nächſten Bäume und dem endloſen Blät⸗ terdach, das den umwölkten Himmel verſchleierte. Es wurde jedoch ausgemittelt, daß eine Hütte ganz in der Nähe war, und Chin⸗ gachgook machte den Verſuch, das Innere derſelben auszukundſchaf⸗ ten. Die Art, wie ſich der Indianer dem Orte näherte, wo man Feinde vermuthete, glich dem tückiſchen Heranſchleichen der Katze auf den Vogel. Als er nahe herankam, ließ er ſich auf Hände und Kniee nieder, denn der Eingang war ſo nieder, daß er dieſe Stellung, als noch die bequemſte, faſt nothwendig gebot. Ehe er jedoch den Kopf hineinſtreckte, horchte er lange, um Athemzüge von Schlafenden zu erlauſchen. Kein Ton war zu hören, und dieſe menſchliche Schlange ſchob den Kopf zur Thüre oder zu der Oeffnung hinein, wie eine eigentliche Schlange in das Neſt würde hineingekrochen ſeyn. Kein Lohn vergalt das gefahrvolle Wageſtück; denn als er vorſichtig mit der Hand umhertaſtete, fand er die Hütte leer. In derſelben behutſamen Weiſe kroch der Delaware noch in ein Paar von den Hütten, fand aber alle in gleichem Zuſtand. Dann kehrte er zu ſeinen Genoſſen zurück, und benachrichtigte ſie, daß die Huronen ihr Lager verlaſſen hätten. Einige weitere 4—9,* Nachforſchung beſtätigte dieß, und es blieb Nichts übrig, als in das Canoe zurückzukehren. Die verſchiedene Art, wie die Abenteurer dieſe Täuſchung ihrer Hoffnungen ertrugen, verdient eine flüchtige Bemerkung. Der Häuptling, der nur an’s Land geſtiegen war, in der Hoffnung, Ruhm zu ernten, ſtand, an einen Baum gelehnt, unbeweglich da, die Anſicht und den Willen ſeiner Begleiter ab⸗ wartend. Er war zwar gekränkt und etwas überraſcht; aber er ertrug Alles mit Würde, und tröſtete ſich wegen des Unfalls mit den ſüßern Erwartungen, die ihm für dieſen Abend noch vorbe⸗ halten blieben. Zwar konnte er jetzt nicht hoffen, ſeiner Geliebten entgegenzutreten, geſchmückt mit den Zeichen ſeiner Kühnheit und Geſchicklichkeit, aber er durfte doch noch hoffen, ſte zu ſehen; und der Krieger, der ſich ſo eifrig in der Aufſuchung zeigte, durfte immer noch hoffen geehrt zu werden. Hutter und Hurry dagegen, die hauptſächlich durch das gemeinſte aller Motive menſchlichen Handels, durch Gewinnſucht, waren angelockt worden, konnten ihre Affekte kaum zügeln. Sie ſtreiften wüthend zwiſchen den Hütten herum, als hofften ſie noch ein verlaſſenes Kind oder einen ſorg⸗ loſen Schläfer irgendwo zu treffen; und zu wiederholten Malen ließen ſie ihren Grimm an den empfindungsloſen Hütten aus, von denen einige wirklich in Stücke geriſſen und auf dem Platz umher⸗ geſtreut wurden. Ja, ſie haderten auch unter einander, und hef⸗ tige Vorwürfe wurden zwiſchen ihnen gewechſelt. Es iſt möglich, daß ernſtere Folgen eingetreten wären, hätte ſich nicht der Dela⸗ ware in's Mittel gelegt und ſie an die Gefahr erinnert, ſich ſo unvorſichtig zu benehmen, und an die Nothwendigkeit, zur Arche zurückzukehren. Dieß erſtickte den Streit, und nach Wenigen Minu⸗ ten ruderten ſie raſch zurück nach der Stelle, wo ſie das Fahrzeug zu finden hofften. Es wurde ſchon erzählt, daß bald nach der Abfahrt der Aben⸗ teurer Judith ſich neben Wildtödter ſetzte. Eine kleine Weile blieb das Mädchen ſchweigſam, und der Jäger wußte nicht, welche von 330 den Schweſtern ſich ihm genähert hatte; aber bald erkannte er die metallreiche, lebhafte Stimme der älteren, als ſie ihren Gefühlen in Worten Luft machte. „Das iſt ein ſchreckliches Leben für Frauen, Wildtödter!“ rief ſie aus.„Wollte Gott, ich ſähe ein Ende davon ab!“ „Das Leben iſt gut genug, Judith,“ war die Antwort,„es iſt eben ſo ziemlich, je nachdem man es gebraucht oder mißbraucht. Was wünſchtet Ihr Euch denn dafür?“ „Ich würde tauſendmal glücklicher ſeyn, wenn ich näher bei civilifirten Menſchen lebte,— wo Pachthöfe und Häuſer und will's Gott von Chriſtenhänden gebaute Häuſer ſind; und wo mein Schlaf bei Nacht ſüß und ruhig wäre! Eine Wohnung in der Nähe der Forts wäre weit beſſer, als der traurige Ort, wo wir leben!“ „Nein, Judith, ich kann nicht allzuleicht die Wahrheit von all dieſem zugeben. Wenn Forts gut ſind, Feinde abzuhalten, ſo enthalten ſie dafür oft ſelbſt Feinde. Ich glaube nicht, daß es zu Eurem oder Hetty's Beſten wäre, in der Nähe von einem zu wohnen; und wenn ich ſagen ſoll, was ich denke, ſo fürchte ich, Ihr ſeyd ſo ſchon zu nahe dabei.“ Wildtödter fuhr fort in der ihm eigenen gefaßten, ernſten, gleichmüthigen Weiſe, denn die Dunkelheit verbarg ihm die Gluten, welche die Wangen des Mäd⸗ chens mit glänzendem Purpur überzogen hatten, während ihre eigene heftige Anſtrengung die Töne des gewaltſamen Athmens, das ſie faſt erſticken wollte, unterdrückte.„Was Pachthöfe betrifft, die haben ihren Nutzen, und es gibt Leute, die gern ihr Leben darauf zubringen; aber welches Behagen kann ein Menſch von einer Lichtung hoffen, das er nicht in doppeltem Maß im Walde finden kann? Wenn es mit Luft, und Raum, und Licht etwas knapp zugeht, ſo liefern das die Windfluchten und die Ströme, oder da ſind ja die Seeen für Solche, die in dieſer Hinſicht ſtärkere Wünſche haben; aber wo findet Ihr Eure Schatten, und lachenden Quellen, und hüpfenden Bäche, und ehrwürdigen, tauſendjährigen* n 8 —= 2S E 331 Bäume auf einer Lichtung? Ihr findet ſie nicht, ſondern Ihr findet nur ihre verſtümmelten Stämme, als Landmarken, wie Grabſteine auf einem Kirchhof. Mir ſcheint es, daß die Leute, die an ſolchen Orten leben, immer an ihr eignes Ende und an allgemeinen Verfall denken müſſen, und zwar nicht an den Verfall, den Zeit und Natur herbeiführen, ſondern an den Verfall, der auf Verheerung und Gewaltthat folgt. Dann was Kirchen betrifft, die ſind gut, glaube ich, ſonſt würden nicht gute Leute ſie erbauen und erhalten. Aber ſie ſind nicht durchaus nothwendig. Sie nennen ſie Tempel des Herrn; aber Judith, die ganze Erde iſt ein Tempel des Herrn für Solche, welche das rechte Gemüth dafür haben. Weder Forts noch Kirchen an ſich machen die Menſchen glücklicher. Zudem iſt in den Anſiedlungen Alles Widerſpruch, während in den Wäldern Alles Einklang iſt. Forts und Kirchen ſind faſt immer bei einander, und doch ſind ſie gerade Gegenſätze; Kirchen ſind ja für den Frieden, und Forts für den Krieg. Nein, nein— ich lobe mir die feſten Plätze der Wildniß, nemlich die Bäume, und auch die Kirchen, nemlich die Hallen, die die Hand der Natur aufgeführt.“ „Das Weib iſt nicht gemacht für Scenen, wie dieſe, Wild⸗ tödter; Scenen, von denen kein Ende abzuſehen iſt, ſo lange dieſer Krieg währt.“ „Wenn ihr Weiber von weißer Farbe meint, ſo glaube ich faſt, Ihr ſeyd nicht weit vom Wahren entfernt, Mädchen; was aber die Weiber der rothen Männer betrifft, ſo ſind ſolche Auftritte ganz nach ihrem Charakter. Nichts würde Hiſt zum Beiſpiel, die verlobte Braut dieſes Delawaren, glücklicher machen, als wenn ſie wüßte, daß er in dieſem Augenblick unter ſeinen natürlichen Feinden herumſtreift und nach einem Skalpe trachtet.“ „Wahrhaftig, Wildtödter, wahrhaftig, ſie kann doch kein Weib ſeyn, ohne Sorge zu fühlen, wenn ſie denkt, der Mann, den ſie liebt, ſey in Gefahr!“ 33² „Sie denkt nicht an die Gefahr, Judith, ſondern an die Ehre; und wenn das Herz auf's Aeußerſte auf ſolche Gefühle verſeſſen iſt, ha, dann bleibt wenig Raum übrig, daß ſich die Furcht einſchlei⸗ chen könnte. Hiſt iſt eine gutmüthige, ſanfte, lachende, angenehme Creatur, aber ſie liebt die Ehre ſo ſehr als irgend ein delawa⸗ riſches Mädchen meiner Bekanntſchaft. Sie ſoll Schlange binnen einer Stunde treffen auf dem Vorſprung, wo Hetty landete; und ohne Zweifel hat ſie auch ihre Aengſte darüber, wie jedes andre Weib; aber ſie wäre nur um ſo glücklicher, wüßte ſie, daß ihr Geliebter in dieſem Augenblick einem Mingo, ſeines Skalpes wegen, aufpaßt.“ „Wenn Ihr das wirklich glaubt, Wildtoͤdter, kein Wunder dann, daß Ihr ein ſo großes Gewicht auf die Gaben legt. Ich weiß gewiß, kein weißes Mädchen könnte ſich anders als elend fühlen, ſo lang ſie ihren Geliebten in Lebensgefahr wüßte! Auch glaube ich, ſelbſt Ihr, ſo unerſchütterlich und ruhig Ihr immer ſcheint, könntet ſchwerlich Ruhe haben, wenn Ihr Eure Hiſt in Gefahr glaubtet.“. „Das iſt ein andres Ding— das iſt ein ganz andres Ding, Judith. Das Weib iſt zu ſchwach und zart, um für ſolche Gefahren beſtimmt zu ſeyn, und der Mann muß für ſie fühlen. Ja, ich glaube faſt, das iſt ebenſo rothe Natur wie weiße. Aber ich habe keine Hiſt, und werde ſchwerlich eine bekommen; denn ich halte es nicht für Recht, irgend wie die Farben zu miſchen, außer in Freundſchaft und Dienſtleiſtungen.“ „Darin ſeyd und fühlt Ihr, wie es einem weißen Manne ziemt! Was den Hurry Harry betrifft, ſo glaube ich, ihm wäre Alles gleich, ob ſein Weib eine Indianerin oder eine Gouverneurs⸗ Tochter wäre, vorausgeſetzt nur, ſie wäre ein wenig hübſch, und könnte ihm dazu helfen, ſeinen gierigen Magen immer zu füllen.“ „Ihr thut March Unrecht, Judith, ja das thut Ihr! Der arme Kerl iſt vernarrt in Euch, und wenn ein Mann ſich wirklich 3³³ eine ſolche Creatur in den Kopf geſetzt hat, ſo wird ihm ſchwerlich ein Mingo⸗ oder ſelbſt ein Delawaren⸗Mädchen mehr den Kopf verrücken. Ihr mögt lachen über ſolche Männer, wie Harry und ich ſind, denn wir ſind rauh und ungelehrt in Büchern und andern Kenntniſſen, aber wir haben unſre guten Seiten, wie unſre ſchlechten. Ein redliches Herz iſt nicht zu verachten, Mädchen, wenn es auch nicht bewandert iſt in all den Zierlichkeiten, die einem weiblichen Geſchmack gefallen.“ „Ihr⸗ Wildtödter! Und meint Ihr— könnt Ihr einen Augenblick glauben, ich ſtelle Euch Harry March an die Seite? Nein, nein. So weit bin ich nicht in der Thorheit und Blindheit gekommen. Niemand— Mann oder Weib— könnte daran denken, Euer redliches Herz, Euer mannhaftes Weſen und Cure einfache Wahrheitsliebe zuſammen mit der lärmenden Selbſtſucht, der ſchmutzigen Habſucht und der übermüthigen Wildheit Henry March's zu nennen. Das Beſte noch, was von ihm geſagt werden kann, iſt in ſeinem Namen Hurry Skurry zu finden, der, wenn nicht viel Schlimmes, auch eben nicht viel Gutes beſagt. Sogar mein Vater, mit dem Andern der Befriedigung ſeiner Neigungen und Gefühle nachgehend, wie eben im jetzigen Augenblick, erkennt doch wohl den Unterſchied zwiſchen Euch. Das weiß ich, denn das hat er mir ſelbſt offen erklärt.“ Judith war ein Mädchen von ſchnellen Empfindungen und von ungeſtümen Gefühlen; und da ſie wenig von dem Zwang wußte, welcher die Offenbarung der Gemüthsbewegungen junger, weiblicher Seelen bei Solchen beſchränkt und hemmt, die in den Sitten und Gewohnheiten des civiliſirten Lebens aufwachſen, verrieth ſie die ihrigen mit einer Offenheit, die ſo rein natürlich war, daß ſie weit über den Künſten der Coketterie ſtand, ebenſo wie über ihrer Herzloſigkeit. Sie hatte ſogar jetzt eine der harten Hände des Jägers ergriffen und ſie mit ihren beiden Händen gedrückt, mit einer Wärme und einem Ernſt, die zeigten, wie aufrichtig ihre 334 3 Sprache war. Es war vielleicht ein Glück, daß ſie gerade durch das Uebermaß ihrer Gefühle zum Schweigen genöthigt wurde, denn dieſelbe Gewalt hätte ſie dahin bringen können, Alles zu geſtehen, was ihr Vater geſagt,— denn der Alte hatte ſich nicht mit einer für Wildtöodter vortheilhaften Vergleichung zwiſchen Hurry und dem Jäger begnügt, ſondern auch in ſeiner derben, plumpen Weiſe ſeine Tochter kurz und gut angewieſen, den Erſtern gänzlich fahren zu laſſen, und ſich darauf gefaßt zu machen, des Letztern Weib zu werden. Judith würde das nicht gern einem andern Manne geſagt haben, aber die argloſe Treuherzigkeit Wildtödter's erweckte ſo viel Vertrauen, daß ein Weſen von ihrem Naturell in beſtändiger Verſuchung ſich fühlen mußte, die Grenzen der Gewohnheit zu überſpringen. Sie ging jedoch nicht weiter, ließ augenblicklich ſeine Hand wieder los, und nahm wieder die Zurückhaltung an, die ihrem Geſchlecht und in der That auch ihrer natürlichen Sittſamkeit gemäßer war. „Dank Euch, Judith, Dank Euch von ganzem Herzen,“ ver⸗ ſetzte der Jäger, dem ſeine Beſcheidenheit verbot, von dem Benehmen oder von der Sprache des Mädchens eine ſchmeichelhafte Auslegung zu machen,„Dank Euch, ſo herzlich, als wenn Alles wahr wäre. Harry fällt in's Auge, ja er fällt in's Auge wie die größte Tanne dieſer Berge, und Schlange hat ihn dem entſprechend benamst; aber Manche finden Geſchmack an gutem Ausſehen, und Manche nur an guter Handlungsweiſe. Hurry hat Einen Vortheil und es kommt auf ihn an, ob er auch den andern haben ſoll, oder— horcht! Das iſt Eures Vaters Stimme, und er ſpricht wie Einer, der über etwas ergrimmt iſt.“ „Gott bewahre uns vor weitern ſolchen entſetzlichen Scenen!“ rief Judith, ihr Geſicht zu den Knieen herunterbeugend und beſtrebt, indem ſie ſich mit den Händen die Ohren zuhielt, die widerlichen Töne von ſich fern zu halten.„Ich wünſchte manchmal, ich hätte keinen Vater!“ 335 Sie ſagte dieß mit Bitterkeit, und die quälenden Erinnerungen, die ihr dieſe Worte auspreßten, wurden bitter von ihr gefühlt. Es iſt unmöglich zu ſagen, was ſie noch weiter hätte äußern mögen, hätte nicht eine ſanfte, leiſe Stimme dicht an ihrer Seite geſprochen. „Judith, ich hätte Vater und Hurry ein Kapitel leſen ſollen!“ ſagte die unſchuldige aber geängſtigte Sprecherin,„das würde ſie abgehalten haben, auf ein ſolches Unternehmen auszuziehen. Ruft Ihr ihnen, Wildtödter, und ſagt ihnen, ich verlange nach ihnen, und es werde für ſie Beide gut ſeyn, wenn ſie umkehren und meinen Worten horchen.“ „Ach Gott!— arme Hetty, Ihr wißt wenig von der Gier nach Geld und Rache, wenn Ihr glaubt, ſie laſſe ſich ſo leicht von ihrem Beſtreben abziehen! Aber das iſt ein ganz ſeltſamer Handel, in mehr als einer Weiſe, Judith! Ich höre Euren Vater und Hurry brüllen wie Bären, und doch kommt kein Laut aus dem Munde des jungen Häuptlings. Das Geheimthun hat ſein Ziel gefunden, und doch ſchweigt ſein Kriegsruf, der nach der Regel unter ſolchen Umſtänden an den Bergen widerhallen ſollte!“ „Die Gerechtigkeit hat ihn vielleicht ereilt, und ſein Tod hat das Leben von Unſchuldigen gerettet!“ „Nicht ſo— nicht ſo— die Schlange iſt es nicht, der es entgelten müßte, wenn das das Geſetz ſeyn ſollte. Gewiß hat kein Angriff ſtattgefunden, und es iſt höchſt wahrſcheinlich, daß die Männer das Lager verlaſſen gefunden haben und mit getäuſchter Hoffnung zurück kommen. Das erklärt das Gebrülle Hurry's und das Schweigen der Schlange.“ Gerade in dieſem Augenblicke hörte man im Canoe einen Ru⸗ derſchlag fallen, denn der Verdruß hatte March ganz rückſichtslos gemacht, und Wildtödter war jetzt von der Richtigkeit ſeiner Ver⸗ muthung überzeugt. Da das Segel herabgelaſſen, war die Arche nicht weit geſchwommen, und nach wenigen Minuten höorte er Chingachgook in leiſem, ruhigem Tone Huttern Anweiſung geben, wie er ſteuern ſollte, um ſie zu erreichen. In kürzerer Zeit als die Erzählung erfordert, erreichte das Canoe die Fähre, und die Abenteurer ſtiegen auf dieſe herüber. Weder Hutter noch Hurry ſprachen von dem Vorgefallenen; der Delaware aber ſprach, als er an ſeinem Freunde vorbeikam, nur die Worte:„das Feuer iſt aus!“ die, wenn nicht buchſtäblich wahr, doch dem Andern die Wahrheit zur Genüge erklärten. Jetzt entſtand die Frage, in welcher Richtung ſteuern. Eine kurze, mürriſche Berathung wurde gehalten, wo Hutter entſchied: das Klügſte würde ſeyn, in beſtändiger Bewegung zu bleiben— als das ſicherſte Mittel, jeden Verſuch einer Ueberraſchung zu ver⸗ eiteln; und zugleich kündigte er ſeine und March's Abſicht an, ſich für den Verluſt des Schlafs während ihrer Gefangenſchaft ſchadlos zu halten, und ſich niederzulegen. Da der Wind noch immer um⸗ ſchlug und leicht wehte, wurde am Ende beſchloſſen, vor ihm her zu ſegeln, komme er von welcher Richtung er wolle, ſo lange er nur die Arche nicht an den Strand treibe. Nachdem dieſer Punkt feſtgeſetzt war, halfen die befreiten Gefangenen die Segel auf⸗ ziehen, und warfen ſich dann auf zwei Pritſchen, Wildtödter und ſeinem Freund überlaſſend, nach den Bewegungen der Arche zu ſehen, da Keiner von den Letztern zu ſchlafen geſonnen war. Wegen der Verabredung mit Hiſt war dieſe Austheilung der Rollen allen Theilen recht und daß Judith und Hetty auch aufblieben„verminderte in keiner Weiſe die Annehmlichkeiten der den Wachehaltenden zu⸗ getheilten Rolle. 4 Eine Zeit lang trieb die Fähre mehr an der weſtlichen Küſte hin, als daß ſie ſegelte, einer leiſen ſüdlichen Luftſtrömung folgend. Die Bewegung war langſam, nicht über ein paar Meilen in der Stunde, aber die zwei Männer bemerkten, daß ſie ſie nicht blos dem Punkte zu führte, den ſie zu erreichen wünſchten, ſondern auch in einem Verhältniß der Schnelligkeit, wie es gerade die noch 8 0— 21o— 337 übrige Zeit erforderte. Aber Wenig ward in dieſer Zeit geſprochen, ſelbſt von den Mädchen, und dieß Wenige bezog ſich mehr auf die Befreiung Hiſt's, als auf andere Gegenſtände. Der Indianer war dem äußern Anſchein nach ruhig; aber wie Minute um Minute verſtrich, wurden ſeine Gefühle immer aufgeregter, bis ſie einen Stand erreichten, der die Anſprüche ſelbſt der begehrlichſten Ge⸗ liebten würde befriedigt haben. Wildtödter ſteuerte das Fahrzeug ſo viel in den Buchten hin, als die Vorſicht erlaubte, mit dem gedoppelten Zweck, unter dem Schatten der Wäͤlder zu ſegeln, und Zeichen von einem Lager auf der Küſte zu entdecken, an dem ſie etwa vorbeikämen. In dieſer Weiſe hatten ſie einen tiefgelegenen Vorſprung umſegelt, und befanden ſich ſchon in der Bai, welche zur nördlichen Grenze das Ziel hatte, auf welches ſie los gingen. Das letztere war noch eine Viertelmeile entfernt, als Chingachgook ſchweigend zu ſeinem Freunde trat, und auf einen Punkt hindeutete, gerade vor ihnen. Ein kleines Feuer brannte gerade am Saum der Büſche, welche die Küſte auf der Südſeite des Vorſprungs einfaßten— und ließ keinen Zweifel daran übrig, daß die Indianer ihr Lager eben an den Platz, oder wenigſtens auf den Landvor⸗ ſprung verlegt hatten, wohin Hiſt ſie beſchieden! Sechszehntes Kapitel. Von Sonnſchein du dem Thale bringſt— Von Blumen ſüße Kunden; Mir aber du ein Mährchen ſingſt Von geiſterhaften Stunden. Wordswortb. Vie am Schluß des vorigen Kapitels gemeldete Entdeckung war in Wildtödter's und ſeines Freundes Augen von großer Be⸗ deutung. Fürs Erſte war Re Gefahr, ja beinahe die Gewißheit Der Wildtödter. 3. Aufl. 22 — 338 vorhanden, daß Hutter und Hurry einen neuen Verſuch gegen dieß Lager unternehmen würden, falls ſie aufwachten und deſſen Poſition erkannten. Dann war es bedenklicher zu landen, um Hiſt aufzu⸗ nehmen, und dann mußte überhaupt auch unſicherheit und mußten weitere ſchlimme Wechſelfälle die Folge des Umſtandes ſeyn, daß ihre Feinde angefangen, ihre Stellung zu ändern. Da der Dela⸗ ware wußte, daß die Stunde nahe war, wo er an dem verab⸗ redeten Punkte ſich einſtellen ſollte, dachte er nicht weiter an Trophäen, die er ſeinen Feinden abziehen wollte, und eine der erſten Verabredungen zwiſchen ihm und ſeinem Genoſſen war die, die beiden Andern fortſchlafen zu laſſen, damit ſie nicht die Aus⸗ 3 ₰ führung ihres Plans durch einen neuen, von ihnen ausgeſonnenen, k durchkreuzten und vereitelten. Die Arche rückte langſam vor, und„ hatte in dieſem Verhältniß der Schnelligkeit eine volle Viertel⸗ ſtunde gebraucht, den Landvorſprung zu erreichen, wodurch ſie Zeit zu weiterem Bedenken gewannen. Die Indianer, in der Abſicht,„. ihr Feuer dem Auge der im Caſtell(nach ihrem Wahne) Befind⸗. lichen zu entziehen, hatten es ſo nahe der ſüdlichen Küſte des Vor⸗ ſprungs angezündet, daß es äußerſt ſchwer hielt, hinter den Büſchen die Ausſicht zu verſperren, obgleich Wildtödter die Richtung der 3 Fähre nach Rechts und Links veränderte, in der Hoffnung dieß 4 4 bewirken zu können. 3 3 „Einen Vortheil hat es, Judith, daß wir das Feuer ſo nahe beim Waſſer finden,“ ſagte er, während er dieſe kleinen Manöunvers ausführte;„es zeugt uns, daß die Mingos uns in der Hütte glauben, und daß unſer Herankommen von dieſer Seite ein Ereig⸗ niß iſt, das ſie nicht erwarten. Aber es iſt ein Glück, daß Harry March und Euer Vater ſchlafen, ſonſt würden ſie wieder auf 2 Skalpe Jagd machen wollen. Ha! ſo— jetzt fangen die Buſche an, das Feuer dem Auge zu entziehen— und jetzt ſieht man es 2 gar nicht mehr!“ Wildtödter wartete eine Weile, um ſich zu verſichern, daß er die gewünſchte Stellung eingen 339 ommen, worauf er das verabredete Signal gab, und Chingachgook den Anker auswarf und das Segel herunterließ. Die Lage, in welcher ſich die Arche jetzt befand, hatte ihre Vortheile und ihre Nachtheile. Das Feuer war dem Auge dadurch entzogen worden, daß man der Küſte entlang hinſteuerte, und dadurch war man dieſer viellei kommen. Aber man wußte, Waſſer ſehr tief war, und unt cht näher, als wünſchenswerth, ge⸗ daß weiter einwärts im See das er den Umſtänden, worin die Geſell⸗ ſchaft ſich befand, war es, wenn immer möglich, zu vermeiden, in tiefem Waſſer den Anker zu werfen. Man glaubte auch, es könne auf Meilen weit kein Floß um den Weg ſeyn; und obgleich die Baume in der Dunkelheit bei nahe auf die Fähre hereinzuhängen ſchienen, war es doch wohl nicht leicht, ſich ihr zu nähern und an Bord zu kommen, ohne ſich eines Bootes zu bedienen. Auch die dichte Finſterniß, welche mit dem Wald verſchwiſtert herrſchte, diente als ein wirkſamer Schirm und Schild, und ſo lang man ſich recht hütete kein Geräuſch zu machen, war wenig oder keine Gefahr, entdeckt zu werden. Auf dieß Alles machte Wildtödter Judith auf⸗ merkſam, und unterwies ſie, was ſie zu thun hätte, fälls Lärm ent⸗ ſtände; denn man erachtete die Schläfer zu wecken, außer es für undienlich im höchſten Grade, im allerdringendſten Nothfall. „Und jetzt, Judith, da wir einander verſtehen, iſt es Zeit, daß Schlange und ich uns in das Canoe begeben,“ ſchloß der Jäger. „Der Stern iſt zwar noch nicht aufgegangen, aber er muß jetzt bald kommen, obwohl heute Nacht ſchwerlich Einer von uns wird viel von ihm zu ſehen bekommen vor den Wolken. Jedoch Hiſt hat einen entſchloſſenen und klugen Geiſt, und ſie gehört zu Denen, die nicht gerade immer nöthig haben, Etwas vor Augen zu haben, um es zu ſehen. Ich ſtehe Minuten und nicht zwei Fuß Vagabunden dort, die Mingos, aufmerkſam geworden ſind, und ſie Euch dafür, ſie fehlt nicht um zwei breit, wenn nicht die eiferſüchtigen 340 hingeſetzt haben als eine Locktaube, um uns zu fangen, oder ſie fortgeſchleppt und verſteckt, um ſich gefaßt zu machen auf einen Huronen, ſtatt eines Mohikan, zum Gatten.“ „Wildtödter,“ unterbrach ihn das Mädchen ernſt;„das iſt ein ſehr gefährlicher Dienſt; warum befaßt Ihr Euch überhaupt damit?“ „Ha! Nun, Ihr wißt ja, Mädchen, wir wollen Hiſt, der Schlange Verlobte abholen, das Mädchen, das er zu heirathen ge⸗ denkt, ſobald wir zu dem Stamm zurückkommen.“ „Das iſt Alles recht für den Indianer— aber Ihr gedenkt nicht Hiſt zu heirathen— Ihr ſeyd nicht verlobt, und warum ſollen Zwei ihr Leben und ihre Freiheit aufs Spiel ſetzen, um zu thun, was Einer ebenſo gut vollbringen kann?“ „Ha!— jetzt verſtehe ich Euch, Judith— ja, jetzt fang' ich an Eure Idee zu faſſen. Ihr denkt, da Hiſt Chingachgook's Ver⸗ lobte ſey, wie ſie es nennen, und nicht die meinige, ſo ſey es ganz und gar ſeine Sache; und da Ein Mann ein Canoe rudern könne, ſo ſollte man ihn allein nach dem Mädchen ausziehen laſſen. Aber Ihr vergeßt, das iſt unſer Vorhaben hier, am See, und es nähme ſich ſchlimm aus, ein Vorhaben zu vergeſſen, gerade wenn das Mißlichſte kommt. Dann, wenn die Liebe bei manchen Leuten, beſonders bei jungen Weibern, ſo Viel gilt und erklärt, ſo gilt bei manchen Andern auch die Freundſchaft Etwas. Ich glaube wohl, der Delaware kann allein ein Canve rudern und allein Hiſt abholen, und vielleicht wäre er es ebenſo zufrieden, als wenn ich ihn begleite; aber er könnte allein nicht ebenſo Liſt mit Liſt begegnen, oder einen Hinterhalt aufſtöbern, oder mit den Wilden kämpfen, und zugleich ſein Liebchen davon führen, als wenn er einen Freund bei ſich ch hat, auf den er ſich verlaſſen. kann, wenn auch dieſer Freund kein Beſ⸗ ſerer iſt als ich. Nein— nein— Judith, Ihr würdet nimmer⸗ mehr in einem ſolchen Augenblick Jemand verlaſſen, der auf Euch gezählt hätte, und Ihr konnt es billigermaßen auch von mir nicht erwarten.“ „Ich fürchte— ich glaube, Ihr habt Recht, Wildtödter, und doch wünſche ich, Ihr ginget nicht! Verſprecht mir wenigſtens Eines und das iſt: Euch nicht unter die Wilden zu wagen und nicht mehr zu thun, als das Mädchen zu retten! Das wird für Einmal genug ſeyn, und damit ſolltet Ihr Euch zufrieden geben.“ „Gott tröſte Euch, Mädchen; man ſollte glauben, es ſey Hetty, die ſo ſpreche, und nicht die raſchbeſonnene, wunderbare Iudith Hutter! Aber Furcht macht die Weiſen einfältig, und die Starken ſchwach. Ja, davon hab' ich oft und viel Beweiſe geſehen! Nun, es iſt gütig und ſanftherzig von Euch, Judith, ſolche Theil⸗ nahme zu fühlen für ein Mitgeſchöpf, und ich werde es immer ſagen, daß Ihr wohlwollend und von treuem Gefühl ſeyd, mögen die, die Euer ſchönes Ausſehen beneiden, ſo viel müſſige Mährchen von Euch erzählen, als ſie Luſt haben.“. „Wildtödter!“ unterbrach ihn das Mädchen haſtig, aber bei⸗ nahe erſtickt von ihrer heftigen Gemüthsbewegung;„glaubt Ihr Alles, was Ihr von einem armen, mutterloſen Mädchen hört? Soll die ſchändliche Zunge Harry Hurry's mein Leben vergiften?“ „Nicht ſo, Judith, nicht ſo. Ich habe Hurry geſagt, es ſey nicht mannhaft, diejenigen hinterrücks zu beißen, die er nicht durch offene Mittel gewinnen könne, und daß ſelbſt ein Indianer immer rückſichtlich iſt in Bezug duf den guten Namen eines jungen Weibes.“ „Wenn ich einen Bruder hätte, ſollte er ſich nicht erfrechen es zu thun!“ rief Judith mit feuerſprühenden Augen.„Aber da er mich ohne einen Beſchützer findet, außer einem alten Mann, deſſen Ohren ebenſo ſtumpf zu werden anfangen als ſeine Gefühle, ſteht ihm allerdings frei zu thun, was ihm beliebt.“ „Nicht ſor ganz, Judith; nein, das doch nicht ſo ganz! Kein Mann, Bruder oder Fremder würde ruhig dabei ſtehen und zuſehen, wie ein ſo ſchönes Mädchen wie Ihr verunglimpft und herabgeriſſen würde, ohne ein Wort zu ihren Gunſten zu ſagen. Es iſt Hurry Ernſt mit dem Wunſch, Euch zu ſeinem Weibe zu bekommen, und das Wenige, was er zu Eurem Nachtheil äußert, kommt wohl mehr von Eiferſucht her, als von einem andern Beweggrund. Lächelt ihm zu, wenn er erwacht, und drückt ihm die Hand nur halb ſo ſtark, als Ihr die meinige vor einer Weile drücktet, und ich ſetze mein Leben darauf, der arme Kerl wird Alles vergeſſen außer Eurem hübſchen Geſicht. Heiße Worte kommen nicht immer aus dem Herzen, ſondern öfter aus dem Magen, als ſonſt woher. Verſucht es mit ihm, Judith, wenn er erwacht, und erkennt dann die Kraft und Tugend eines Lächelns!“ Wildtödter lachte auf ſeine Weiſe, als er ſchloß, und dann gab er dem geduldig ausſehenden, aber innerlich ſehr ungeduldigen Chingachgook ſeine Bereitwilligkeit zum Aufbruch zu erkennen. Als der junge Mann in das Canoe trat, ſtand das Mädchen regungslos wie Stein, verſunken in das Nachſinnen, das die Sprache und das Benehmen des Andern wohl in ihr hervorrufen mochten. Die Einfachheit und Treuherzigkeit des Jägers hatte ſie völlig ge⸗ täuſcht; denn in ihrer engen Sphäre war Judith Meiſterin in Be⸗ handlung des andern Geſchlechts; obwohl ſie im gegenwärtigen Falle, bei Allem was ſie geſagt und gethan, weit mehr durch un⸗ willkürliche Gefühle als durch Berechnung war geleitet worden. Wir wollen nicht läugnen, daß einige von Judith's Betrachtungen bitter geweſen, obwohl wir auf den weitern Verlauf der Erzählung verweiſen müſſen, wo ſich herausſtellen wird, wie verdient oder wie heftig ihre Leiden waren. Chingachgook und ſein Bleichgeſichtsfreund ſchickten ſich zu ihrem gewagten und delikaten Unternehmen mit einer Kaltblütigkeit und Umſicht an, die Männern Ehre gemacht hätte, welche ſich auf ihrem zwanzigſten, ſtatt auf dem erſten Kriegszug befanden. Der Indianer, wie ſeinem Verhältniß zu der ſchönen Flüchtigen ge⸗ ziemte, deren Dienſt ſie ſich ſo zu ſagen geweiht hatten, nahm ſeinen Platz vorn im Canoe ein, während Wildtödter deſſen Be⸗ wegungen vom Hintertheil aus lenkte. Vermöge dieſer Anordnung mußte Jener zuerſt landen, und mithin auch zuerſt ſeiner Geliebten entgegen treten. Der Andere hatte ſeinen Poſten ohne weitere Bemerkung eingenommen, insgeheim jedoch geleitet von dem Ge⸗ danken, daß Einer, der ſo Viel auf dem Spiele ſtehen hatte, wie der Indianer, wohl ſchwerlich das Canoe mit derſelben Stetigkeit und Einſicht würde ſteuern können, wie Einer, der mehr Herrſchaft über ſeine Gefühle beſaß. Von dem Augenblick an, wo ſie von der Arche abſtießen, glichen die Bewegungen der beiden Abenteurer den Manövern von trefflich dreſſirten Soldaten, die zum erſten⸗ mal berufen ſind, dem Feind im Feld zu begegnen. Bis jetzt hatte Chingachgook noch nie einen Schuß in ernſtem Kampfe abgefeuert, und das Probeſtück ſeines Kriegskameraden iſt dem Leſer bekannt. Zwar war der Indianer gleich bei ſeiner erſten Ankunft einige Stunden um das Lager des Feindes herumgeſtrichen, und hatte ſich ſogar, wie im vorigen Kapitel erzählt worden, hineingewagt, aber beide Verſuche waren ohne Folgen geblieben. Jetzt war gewiß, daß entweder ein wichtiges Ergebniß erzielt werden, oder ein ſchmerzliches Mißlingen der Ausgang ſeyn mußte. Die Befreiung oder die fortdauernde Gefangenſchaft Hiſt's hing von dem Unter⸗ nehmen ab. Mit einem Wort, es war in der That die Jungfern⸗ Expedition dieſer zwei ehrgeizigen jungen Waldkrieger, und während der Eine dabei beſeelt wurde von Gefühlen, welche gewöhnlich Männer auf dieſe Bahn ſpornen, waren bei beiden alle Empfin⸗ dungen des Stolzes und der Mannhaftigkeit rege in dem Eifer⸗ einen guten Erfolg zu gewinnen. Statt gerade auf den Landvorſprung los zu ſteuern, der jetzt nicht mehr eine Viertelſtunde von der Arche entfernt war, lenkte Wildtödter das Vordertheil ſeines Canoes ſchräg gegen den Mittelpunkt des See's, in der Abſicht, eine Stellung zu gewinnen, von der aus er ſich der Küſte nähern könnte, ſo daß er die Feinde bloß vor ſich hätte. Die Stelle, wo Hetty gelandet, und wo Hiſt verſprochen hatte, ſich einzufinden, war zudem eher auf der höhern als auf der niedern Seite des Vorſprungs; und um ſie zu erreichen, häͤtten die zwei Abentenrer beinahe den ganzen Vorſprung dicht der Küſte hin umfahren müſſen, hätten ſie nicht jenen Schritt, um dem vorzubeugen, gethan. So gut ward die Nothwendigkeit dieſer Maßregel begriffen, daß Chingachgook ruhig fortruderte, obgleich der Andere es gethan hatte, ohne ihn zu befragen, und dem Anſchein nach das Canve in eine Richtung brachte, welche der von ihm eigentlich, wie man hätte denken ſollen, gewünſchten, faſt entgegengeſetzt war. Wenige Minuten jedoch genügten, das Canoe ſo weit als nöthig zu fördern, wo dann beide junge Männer wie in inſtinktmäßiger Uebereinkunft zu rudern aufhörten und das Boot ſtehen blieb. Die Dunkelheit nahm eher zu als ab, aber es war von dem Punkt aus, wo die Abenteurer ſich befanden, doch noch möglich, die Umriſſe der Berge zu unterſcheiden. Umſonſt wandte Wildtödter den Kopf nach Oſten, um des verabredeten Sternes anſichtig zu werden; denn obgleich in dieſer Himmelsgegend die Wolken in der Nähe des Horizontes ſich ein wenig öffneten, blieb doch der Vorhang noch ſo dicht vorgezogen, daß er Alles dahinter ganz verbarg. Vor ihnen lag, wie man aus der Formation des Landes darüber und dahinten wußte, der Vorſprung in einer Entfernung von etwa tauſend Fuß. Von dem Caſtell ſah man keine Spur, auch konnte keine Bewegung, die auf jenem Theile des Orts vorging, vom Ohr vernommen werden. Der letztere Umſtand mochte eben ſowohl von der Entfernung, die einige Meilen betrug, als von der That⸗ ſache herrühren, daß ſich wirklich nichts bewegte. Die Arche, die von dem Canoe freilich kaum entfernter lag, als der Landvor⸗ ſprung, war ſo vollſtändig in dem Schatten der Küſte verſenkt, daß ſie nicht ſichtbar geweſen ſeyn würde, wäre es auch um viele Grade heller geweſen, als der Fall war. Die Abenteurer hielten jetzt mit leiſer Stimme eine Beſprechung und beriethen ſich, welche Zeit es wohl ſeyn möchte. Wildtödter & df„——=— 345 meinte, es fehlten noch einige Minuten bis zur Zeit des Aufgangs des Sternes, während die Ungeduld des Häuptlings ihm die Nacht weiter vorgerückt erſcheinen und ihn glauben ließ, ſeine Verlobte harre ſchon an der Küſte ſeiner Ankunft. Wie man erwarten konnte, ſiegte des Letztern Meinung, und ſein Freund ſchickte ſich an, auf den verabredeten Platz loszuſteuern. Die äußerſte Vorſicht und Geſchicklichkeit war jetzt bei der Handhabung und Leitung des Canoes nothwendig. Die Ruderſchaufeln wurden aufs geräuſchloſeſte emporgehoben und wieder in's Waſſer geſenkt; und als ſie ſich auf zweihundert Fuß dem Strande genähert, zog Chingachgook die ſeinige herein, und nahm dafür die Büchſe zur Hand. Als ſie dem Gürtel von Finſterniß noch näher kamen, der die Wälder einfaßte, ſahen ſie, daß ſie zu weit nördlich ſteuerten und veränderten demgemäß ihre Richtung. Das Canoe ſchien jetzt von eigenem Inſtinkte geleitet, ſo vorſichtig und bedächtig waren alle ſeine Bewegungen. Doch rückte es noch immer vor, bis ſein Bug auf dem Kiesboden des Strandes aufſtieß, genau an der Stelle, wo Hetty gelandet hatte und von wo aus in der vorigen Nacht, als die Arche vorbeifuhr, ihre Stimme erſchallt war. Wie gewöhnlich war der Strand ſchmal, aber Büſche faßten die Wälder ein nnd hingen an den meiſten Stellen über das Waſſer herein. Chingachgook ſtieg auf dem Strande aus, und unterſuchte ihn ſorgfältig in einiger Entfernung zu beiden Seiten des Canoes. Er war dabei öfters genöthigt, bis an die Kniee im See zu waten, aber keine Hiſt war der Lohn ſeines Suchens. Bei ſeiner Rückkehr fand er ſeinen Freund auch an der Küſte. Sie beſprachen ſich jedoch in flüſterndem Tone, und der Indianer befürchtete, ſie möchten ſich in dem Ort der Verabredung geirrt haben. Wildtödter aber fand es wahrſcheinlicher, daß ſie die Stunde verfehlt hätten. Während er noch ſprach, ergriff er den Arm des Delawaren, ließ ihn mit dem Geſicht dem See zu ſich wenden, und deutete auf die Gipfel der öſtlichen Berge. Die Wolken waren ein wenig zerriſſen, 346 dem Anſchein nach mehr hinter als über den Bergen, und der Abendſtern ſchimmerte zwiſchen dem Zweigen einer Fichte. Dieß war in jeder Weiſe eine ſchmeichelnde Vorbedeutung; und die jungen Männer lehnten ſich auf ihre Büchſen, mit geſpannter Erwartung dem Laute ſich nähernder Schritte lauſchend. Stimmen hörten ſie oft, und gemiſcht damit war das unterdrückte Weinen von Kindern, und das leiſe aber anmuthige Lachen indianiſcher Weiber. Da die ein⸗ gebornen Amerikaner ihrer Natur und Gewohnheit nach vorſichtig find, und ſelten einem lauten Geſpräche ſich hingeben, erkannten die Abenteurer aus dieſen Umſtänden, daß ſie dem Lager ſehr nahe ſeyn mußten. Es war leicht zu bemerken, daß in den Wäldern ein Feuer ſeyn müſſe, aus der Art, wie manche der höhern Aeſte der Bäume beleuchtet waren, aber es war von der Stelle aus, wo ſie ſtanden, nicht möglich, mit Genauigkeit zu ermitteln, wie nahe ſie demſelben wären. Ein paar Male ſchien es, als ob Perſonen vom Feuer her ſich dem Ort der Verabredung näherten; aber dieſe Laute waren entweder eine reine Täuſchung, oder diejenigen, welche ſich genähert hatten, kehrten wieder um, ehe ſie an die Küſte kamen. Eine Viertelſtunde verſtrich in ſolcher geſpannter Erwartung und Bangigkeit, als Wildtödter vorſchlug, ſie wollten im Canoe den Vorſprung umfahren, eine Poſition ganz in der Nähe, von wo aus man das Lager ſehen könne, gewinnen, die Indianer rekognosciren und ſich ſo in Stand ſetzen, ſich beifallswer⸗ there Vermuthungen über das Nichterſcheinen Hiſt's zu bilden. Der Delaware jedoch weigerte ſich entſchieden, den Platz zu verlaſſen und führte vernünftig genug als Grund hiefür die Verlegenheit und Noth des Mädchens an, wenn ſie während ſeiner Abweſenheit ankäme. Wildtödter fühlte ſeines Freundes Beſorgniſſe mit, und erbot ſich, die Fahrt um den Vorſprung herum allein zu machen, während Chingachgook in dem Gebüſche verſteckt zurückbleiben ſolle, um den etwaigen Eintritt eines glücklichen, ſeine Abſichten —& ——&—3— 347 begünſtigenden Ereigniſſes abzuwarten. Mit dieſer Verabredung trennten ſie ſich denn. Sobald Wildtödter wieder auf ſeinem Poſten im Hintertheil des Canoes ſich befand, verließ er die Küſte mit derſelben Vorſicht und in derſelben geräuſchloſen Weiſe, wie er ſich ihr genähert hatte. Dießmal entfernte er ſich nicht weit vom Lande, da die Büſche einen hinlänglichen Verſteck boten, wenn man ſo nahe wie möglich an die Küſte ſich hielt. Man konnte ſich in der That nicht leicht eine günſtigere Gelegenheit erdenken, eine Rekognos⸗ cirung um ein indianiſches Lager herum anzuſtellen, als welche die wirkliche Lage der Dinge darbot. Die Formation des Landvor⸗ ſprungs geſtattete, den Platz auf drei ſeiner Seiten zu umkreiſen, und die Bewegung des Bootes war ſo geräuſchlos, daß jede Beſorgniß wegen eines dadurch zu verurſachenden Lärmes beſeitigt war. Der geübteſte und vorſichtigſte Fuß konnte in der Dunkelheit einen Haufen Blätter aufſtöbern, oder einen dürren Zweig knicken, aber ein Rindencanoe konnte man über die Fläche eines glatten Waſſers dahingleiten machen, beinahe mit der inſtinktmäßigen Behendigkeit und gewiß mit der geräuſchloſen Bewegung eines Waſſervogels. Wildtödter war beinahe in eine Linie zwiſchen dem Lager und der Arche gekommen, ehe er des Feuers anſichtig wurde. Es wurde ihm plöͤtzlich und etwas unvermuthet ſichtbar und verur⸗ ſachte ihm zuerſt die Beſorgniß, er habe ſich unvorſichtig in den Kreis von Licht, den es um ſich verbreitete, gewagt. Aber da er bei einem zweiten Blick wahrnahm, daß er vor Entdeckung ganz gewiß ſicher wäre, ſo lange die Indianer ſich in der Nähe des Mittelpunkts der Beleuchtung hielten, brachte er das Canoe in der vortheilhafteſten Poſition, die er finden konnte, zur Ruhe und begann ſeine Beobachtungen. Wir haben dieß ungewöhnliche Weſen vielfach beſchrieben, aber vergebens, wenn wir dem Leſer jetzt erſt zu ſagen nöthig haben, daß er, unbewandert in der Gelehrſamkeit der Welt und einfach wie er ſich immer zeigte in allen Dingen, welche die Fein⸗ heiten des conventionellen Geſchmacks betrafen, doch ein Mann von ſtarkem natürlichem und poetiſchem Gefühl war. Er liebte die Wäͤlder um ihrer Friſche, ihrer erhabenen Einſamkeit, ihrer Rie⸗ ſenhaftigkeit und des Stempels willen, den ſie überall an ſich trugen von der göttlichen Hand ihres Schöpfers. Er durchwan⸗ derte ſie ſelten, ohne ſtillſtehend zu verweilen bei irgend einer eigenthümlichen Schönheit, die ihm Freude machte, obſchon er ſelten den Gründen dieſer Freude nachzuſpüren ſuchte; und nie verging ein Tag, ohne daß er im Geiſt verkehrte— und das dazu ohne die Hülfe von Formen und Sprache— mit dem unendlichen Urquell von Allem, was er ſah, fühlte und anſchaute. Bei dieſer geiſtigen und moraliſchen Organiſation, und bei einer Kaltblütig⸗ keit, welche keine Gefahr aus der Faſſung bringen, kein kritiſcher Augenblick ſtören konnte, darf man ſich nicht wundern, daß der Jäger jetzt einen Genuß empfand, die vor ihm liegende Scene zu beſchauen, worüber er für den Augenblick den Zweck ſeines Be⸗ ſuchs vergaß. Dieſe wird man noch erklärlicher finden, wenn wir die Scene beſchreiben. Das Canoe lag gerade vor einer natürlichen Ausſicht nicht blos durch die das Ufer einfaſſenden Büſche, ſondern auch durch die Bäume, welche eine volle Anſicht des Lagers geſtattete. Mit⸗ telſt eben dieſer Oeffnung hatte man von der Arche aus zuerſt das Licht geſehen. In Folge ihrer ganz neuerlichen Lagerver⸗ änderung hatten ſich die Indianer noch nicht in ihre Hütten zu⸗ rückgezogen, ſondern ſich bei ihren Vorbereitungen, Wohnung und Nahrung zugleich betreffend, verſpätet. Ein großes Feuer war aufgemacht worden, ſowohl um den Dienſt von Fackeln zu leiſten, als auch zum Behuf ihres einfachen Kochens; und gerade in dieſem Augenblick loderte es hell und luſtig auf, da es neuerdings eine tüchtige Zulage von dürrem Reiſig erhalten. Die Wirkung war, 4* 349 daß die Gewölbe des Waldes erleuchtet, und der ganze vom Lager eingenommene Platz ſo licht wurde, wie wenn Hunderte von Ker⸗ zen angezündet geweſen wären; die meiſte Arbeit hatte aufgehört, und ſelbſt das hungrigſte Kind hatte ſeinen Appetit geſtillt. Mit einem Wort, es war gerade der Augenblick der Abſpannung und allgemeiner, träger Erſchlaff ung, wie er gern auf eine herzhafte Mahlzeit folgt, wenn die Mühen des Tages zu Ende ſind. Die Jäger und die Fiſcher waren gleich glücklich geweſen; und da Lebensmittel, dieß eine große Bedürfniß des Wildenlebens, im Ueberfluß vorhanden waren, ſchien jede andere Sorge untergegangen in der Empfindung der von dieſem hochwichtigen Umſtand abhän⸗ genden Zufriedenheit. Wildtödter ſah auf den erſten Blick, daß viele von den Krie⸗ gern abweſend waren. Sein Bekannter, Rivenoak, jedoch war anweſend, und ſaß im Vorgrund eines Gemäldes, das ein Sal⸗ vator Roſa mit Luſt gemalt haben würde, ſeine dunkeln Züge ebenſo von Freude erhellt, wie von der fackelgleichen Flamme, während er einem Andern von dem Stamm einen der Elephanten zeigte, die unter ſeinem Volke ſo großes Aufſehen gemacht hatten. Ein Knabe ſchaute in dummer Neugier über ſeine Schulter herein, die Gruppe zu vervollſtändigen. Mehr im Hintergrund lagen acht bis zehn Krieger halb ausgeſtreckt auf dem Boden, oder ſaßen da, den Rücken an die Bäume gelehnt, ebenſo viele Bilder träger Ruhe. Alle hatten ihre Waffen ganz in der Nähe; zum Theil kehnten ſie an denſelben Bäumen wie ihre Beſitzer, oder lagen ſie in nachläßiger Bereitſchaft über ihren Leibern. Die Gruppe aber, welche Wildtödter's Aufmerkſamkeit am meiſten anzog, war die aus den Weibern und Kindern beſtehende. Alle Weiber ſchienen ſich zuſammen gemacht zu haben, und als eine Art Nothwendigkeit waren ihre Kinder um ſie her. Jene lachten und plauderten in ihrer gedämpften, ruhigen Weiſe, obwohl Einer, der die Sitten des Volks kannte, wohl gemerkt haben würde, daß nicht Alles im gewöhnlichen Geleiſe ging. Die meiſten der jungen Frauen ſchienen wohlgemuth genug zu ſeyn; aber eine alte Hexe ſaß beiſeite, mit einer lauernden grämlichen Miene, die, wie der Jäger ſogleich erkannte, verrieth, daß irgend eine Pflicht von unangenehmer Art ihr von den Häuptlingen war angewieſen worden. Worin dieſe Pflicht beſtand, konnte er nicht errathen; aber er war überzeugt, daß ſie ſich einigermaßen auf ihr eigenes Geſchlecht beziehen müſſe, da die Alten unter den Weibern in der Regel nur zu ſolchen und keinen andern Dienſten gewählt wurden. Natürlich ſah ſich Wildtödter mit lebhaftem Eifer nach der Perſon Hiſt's um. Sie war nirgends ſichtbar, obgleich das Licht anſehnliche Entfernungen in allen Richtungen um das Feuer her durchdrang. Ein paar Mal fuhr er auf, da er ihr Lachen zu erkennen glaubte; aber ſein Ohr war getäuſcht worden durch die ſanfte Melodie, welche man bei der Stimme der Indianerinnen ſo häufig findet. Endlich ſprach das alte Weib laut und zornig, und dann wurde er ein paar dunkler Geſtalten im Hintergrund der äume anſichtig, die ſich, den Vorwürfen folgſam, wie es ſchien, umwadten, und mehr in den Kreis der Helle traten. Die Geſtalt . eines jungen Kriegers wurde zuerſt deutlicher ſichtbar; dann folgten zwei jugendliche Frauengeſtalten, von welchen Eine wirklich das delawariſche Mädchen war. Jetzt begriff Wildtödter Alles. Hiſt war bewacht, vielleicht von ihrer jungen Begleiterin, gewiß aber von dem alten Weibe. Der Jüngling war vermuthlich ihr oder ihrer Begleiterin Anbeter; aber ſelbſt ſeiner Klugheit mißtraute man in Betracht ſeiner bewundernden Neigung. Die wohlbekannte Nähe ſolcher, die man als ihre Freunde anſehen durfte, und die Ankunft eines unbekannten rothen Mannes am See hatte die gewöhnliche Sorgfalt noch geſchärft, und das Mädchen hatte den ſie Bewachenden nicht entſchlüpfen können, um ihre Zuſage zu erfüllen. Wildtödter errieth ihr Mißbehagen daraus, daß ſie ein paar Mal durch die Zweige der Bäume empor zu blicken 351 verſuchte, um des Sterns anſichtig zu werden, den ſie ſelbſt als Zeichen für die Zeit der Zuſammenkunft genannt. Alles jedoch war umſonſt, und nachdem die beiden Mädchen noch eine Weile in erheuchelter Gleichgültigkeit um das Lager herumgeſchlendert, ver⸗ ließen ſie ihren Begleiter, und ſetzten ſich unter ihr Geſchlecht. Sobald dieß geſchehen, vertauſchte die alte Schildwache ihren Platz mit einem ihr angenehmeren, ein deutlicher Beweis, daß ſie bisher ausſchließlich der Wache gepflogen. Wildtödter war jetzt ſehr verlegen, was weiter vornehmen. Er wußte wohl, daß Ehingachgook ſich nimmer würde zur Rück⸗ kehr nach der Arche überreden laſſen, ohne einen verzweifelten Verſuch zur Wiedererlangung ſeiner Geliebten zu machen, und ſeine eigene Großherzigkeit machte ihn ganz geneigt, bei einem ſolchen Unternehmen Beiſtand zu leiſten. Er glaubte bei den Weibern Zeichen ihrer Abſicht zu bemerken, ſich für dieſe Nacht zur Ruhe zu begeben; und falls er blieb, und das Feuer hell fortbrannte, konnte er vielleicht die Hütte oder das Laubgemach entdecken, worunter Hiſt ſchlief; ein Umſtand von unendlichem Vor⸗ theil für ihr weiteres Beginnen. Aber wenn er noch vie Flänger an dieſem Orte verweilte, ſo war große Gefahr, die Ungeduld ſeines Freundes möͤchte ihn zu irgend einer unbeſonnenen That fortreißen. Wirklich erwartete er jeden Augenblick die dunkle Ge⸗ ſtalt des Delawaren im Sintergrund erſcheinen zu ſehen, dem Tiger ähnlich, der um die Hürde herumſchleicht. Alles gegen einander erwogen, gelangte er daher am Ende zu dem Schluß: es werde beſſer ſeyn, wenn er ſich wieder zu ſeinem Freunde be⸗ gebe, und ſeinen Ungeſtümm durch ſeine eigene Kaltblütigkeit und Beſonnenheit zu mäßigen verſuche. Es brauchte nur ein paar Minuten, dieſen Plan in Ausführung zu bringen, und zehn oder fünfzehn Minuten, nachdem das Canoe den Strand verlaſſen, kehrte es wieder dahin zurück. Vielleicht einigermaßen gegen ſeine Erwartung traf Wildtödter den Indianer auf ſeinem Poſten, von dem er nicht gewichen war, aus Beſorgniß, ſeine Verlobte möchte wäͤhrend ſeiner Abweſenheit ankommen. Eine Beſprechung folgte, worin Chingachgook mit dem Stand der Dinge im Lager bekannt gemacht wurde. Als Hiſt den Vorſprung als Ort des Zuſammentreffens nannte, that ſie dieß in der Hoffnung, von der frühern Lagerſtelle aus entfliehen, und ſich an einen Platz begeben zu können, den ſie gänzlich leer zu finden erwartete; aber der plötzliche Ortswechſel hatte alle ihre Plane vereitelt. Eine noch viel größere Wachſamkeit als früher war jetzt nöthig; und der Umſtand, daß ein altes Weib auf den Wachpoſten geſtellt war, zeugte auch von beſondern Gründen zu Beſorgniſſen. Alle dieſe Erwägungen, und manche andere, die ſich dem Leſer leicht von ſelbſt darbieten, wurden kurz beſprochen, ehe die jungen Männer zu einer Entſcheidung kamen. Da jedoch der Fall von der Art war, daß er Thaten vielmehr als Worte erheiſchte, ward die einzuſchlagende Handlungsweiſe bald gewählt. Die jungen Männer brachten das Canoe in eine ſolche Stel⸗ lung, daß Hiſt, wenn ſie an den verabredeten Platz vor ihrer Rückkehr kam, es ſehen mußte, unterſuchten dann ihre Waffen, und begaben ſich in den Wald hinein. Der ganze Vorſprung in den See hinein betrug etwa zwei Aeres Land; und der Theil, welcher die Landzunge bildete, und wo das Lager ſtand, betrug eine Fläche von nur halb dieſer Ausdehnung. Er war vornehm⸗ lich mit Eichen bedeckt, die, wie gewöhnlich in den amerikaniſchen Wäldern, ſehr hoch emporwuchſen, ohne Aeſte auszuſenden, und dann erſt ein dichtes und üppiges Laubgewölbe bildeten. Unten war, außer dem Saum von dickem Buſchwerk der Küſte entlang, ſehr wenig Unterholz; obwohl die Bäume, in Folge ihrer Geſtalt dichter beiſammenſtanden als in Gegenden gewöhnlich iſt, wo das Beil frei geſchaltet hat, und großen, geraden, rohen Säulen glichen, das gewöhnliche Blätterdach tragend. Der Boden war ziemlich eben, hatte jedoch eine kleine Erhoͤhung gegen die Mitte, 353 welche ihn in eine nördliche und ſüdliche Hälfte theilte. Auch kam ein Bach von den Seiten der benachbarten Hügel brauſend herunter, und bahnte ſich ſeinen Weg in den See auf der Südſeite der Land⸗ 3 ſpitze. Er hatte ſich ein tiefes Bett gewühlt durch einige der 1 höhergelegenen Theile des Landſtriches, und in ſpätern Tagen, als dieſer Platz für die Zwecke der Civiliſation benutzt wurde, iſt er vermöge ſeiner gewundenen und ſchattigen Ufer ein nicht geringer Zuwachs von Schönheit für die Gegend geworden. Dieſer Bach lag weſtlich von dem Lager, und ſeine Waſſer fanden ihren Weg in den großen Waſſerbehälter der Gegend auf derſelben Seite und ganz nahe dem Platze, den man für das Feuer gewählt hatte. Alle dieſe Umſtände waren, ſoweit die Verhältniſſe es geſtatteten, . von Wildtödter bemerkt, und ſeinem Freunde mitgetheilt worden. b Der Leſer begreift, daß die kleine Erhöhung des Bodens hinter dem indianiſchen Lager die heimliche Annäherung der zwei Abenteurer ſehr begünſtigte. Sie verhinderte, daß das Licht des Feuers ſich auf den Hintergrund geradezu ergoß, obgleich das Land dem Waſſer zu abfiel, ſo daß die linke oder öſtliche Seite der Stellung dadurch ungeſchützt blieb. Wir ſagen ungeſchützt,“ obgleich das nicht eigentlich das Wort iſt, da der Buckel hinter den Hütten und dem Feuer den verſtohlen ſich Nähernden vielmehr einen Verſteck, als den Indianern irgend einen Schutz bot. Wild⸗ tödter drang nicht durch den Gürtel von Buſchwerk, unmittelbar parallel dem Canoe, denn dadurch hätte er zu plötzlich in den Bereich des Lichts kommen können, da der kleine Hügel nicht ganz bis an's Waſſer reichte; ſondern er folgte dem Strande nördlich, bis er beinahe der Landzunge gegenüber ſich befand, wodurch er unter den Schutz des leichten Abhangs und mithin mehr in Schatten kam. Sobald die Freunde aus den Büſchen heraus waren, machten ſie Halt, um zu rekognosciren; das Feuer loderte noch hinter dem kleinen Buckel, und warf ſein Licht aufwärts zu den Wipfeln der Der Wildtödter. 3. Aufl. 23 ——9 8&☛—, e ⏑—0—2— 354 Bäume empor, was mehr einen ſchönen als für ſie vortheilhaften Effekt hervorbrachte. Doch hatte das Lodern der Flamme ſeine Vortheile; denn während der Hintergrund dunkel, war der Vor⸗ grund ſtark beleuchtet, ſo daß die Wilden dem Blick ausgeſetzt, ihre Feinde verſteckt waren. Den letztern Umſtand benutzend, näher⸗ ten ſich die jungen Männer vorſtchtig dem Hügelrücken, Wildtödter voran, denn er beſtand auf dieſer Anordnung, damit nicht der Delaware von ſeinen Empfindungen zu einem unbeſonnenen Schritt ſich hinreißen ließe. Es brauchte nur einen Augenblick, bis ſie den Fuß der kleinen Anhöhe erreichten; und jetzt begann der kritiſchſte Theil des Unternehmens. Mit ausnehmender Vorſicht ſich bewegend, und ſeine Büchſe ſo haltend, daß ihr Lauf nicht ſichtbar wurde, und er ſich ihrer ſogleich bedienen konnte, rückte der Jäger nur einen Schritt um den andern vor, bis er hoch genug gekommen war, um über den Gipfel wegzuſehen— nur ſein Kopf in die Helle emporragend. Chingachgook war an ſeiner Seite, und Beide ſtanden ſtill, um das Lager noch einmal genau zu beſichtigen. Um ſich jedoch gegen etwaige Herumſtreicher in ihrem Rücken zu decken, ſtellten ſie ſich hinter den Stamm einer Eiche, auf der Seite zunächſt dem Feuer. Die Anſicht vom Lager, welche ſich jetzt Wildtoͤdter darbot, war gerade die entgegengeſetzte von derjenigen, die er von der Waſſerſeite her gehabt. Die dämmernden Geſtalten, die er vorhin wahrgenommen, mußten auf dem Gipfel des Bergrückens geweſen ſeyn, wenige Schritte vorwärts von der Stelle, wo er jetzt ſtand. Das Feuer loderte noch luſtig, und um es herum ſaßen auf Baum⸗ ſtämmen dreizehn Krieger, ſo viele, als er von dem Canoe aus geſehen hatte. Sie beſprachen ſich ſehr angelegentlich und eifrig unter einander, und die Figur des Elephanten ging von Hand zu Hand. Der erſte Ausbruch der Verwunderung der Wilden war vorüber, und die jetzt vorliegende Erörterung betraf die Wahr⸗ ſcheinlichkeit der Exiſtenz, die Geſchichte und Lebensweiſe eines ſo ..„„—— 355 außerordentlichen Thieres. Wir haben nicht Zeit, die Meinungen dieſer rohen Männer über einen Gegenſtand zu wiederholen, der ihren Erfahrungen und ihrem Leben ſo fremd war; aber wir ſagen ſchwerlich zu Viel, wenn wir behaupten, daß ſie ebenſo plauſibel, und weit ſinnreicher waren, als die Hälfte der Hypotheſen, welche den Demonſtrationen der Wiſſenſchaft vorangehen. Wie ſehr ſie mit ihren Schlüſſen und Vermuthungen fehlgeſchoſſen haben mögen, gewiß iſt, daß ſie die Fragen mit eifriger und ungetheilter Auf⸗ merkſamkeit erörterten. Für den Augenblick war alles Uebrige vergeſſen, und unſre Abenteurer hätten ſich in keinem glücklicheren Augenblick nähern können. Die Weiber waren Alle beiſammen, ungefähr ſo wie Wild⸗ tödter ſie zuletzt geſehen hatte, beinahe in einer Linie zwiſchen dem Platz, wo er jetzt ſtand, und dem Feuer. Die Entfernung von der Eiche, an die ſich die jungen Männer lehnten, bis zu den Krie⸗ gern betrug etwa dreißig Schritte; die Weiber mochten um die Hälfte näher ſeyn; ja ſie waren wirklich ſo nahe, daß die äußerſte Behutſamkeit, was Bewegungen und Geräuſch betraf, unerläßlich war. Obwohl ſie in ihrem leiſen, ſanften Tone ſich unterredeten, war es doch bei der tiefen Stille der Wälder möglich, ſogar ganze Stücke des Geſprächs zu belauſchen, und das leichtmüthige Lachen, das den Mädchen entfuhr, konnte gelegentlich ſelbſt das Canoe er⸗ reichen. Wildtödter ſpürte das Zittern, das den Körper ſeines Freundes durchzuckte, als dieſer zuerſt die ſüßen Töne vernahm, welche den derben, hübſchen Lippen Hiſt's entſtrömten. Er legte ſogar die Hand auf die Schulter des Indianers, als eine Art Er⸗ mahnung zur Selbſtbeherrſchung. Als die Unterredung lebhafter wurde, beugten ſich Beide vor, um zu horchen. „Die Huronen haben merkwürdigere Thiere als dieſe,“ ſagte eines der Mädchen verächtlich, denn wie bei den Männern, drehte ſich auch bei ihnen das Geſpräch um den Elephanten und ſeine Eigenſchaften.„Die Delawaren mögen dieſe Creatur wunderbar 356 finden, aber keine Huronenzunge wird morgen mehr davon ſprechen. Unſre jungen Männer werden ſie zu finden wiſſen, wenn die Thiere in die Nähe unſerer Wigwams zu kommen wagen.“ Dieß war eigentlich an Wah⸗ta!⸗Wah gerichtet, obgleich die Sprecherin ihre Worte mit einer angenommenen Schüchternheit und Beſcheidenheit ausſprach, die ſie die Andern nicht anblicken ließ. „Die Delawaren ſind ſo weit entfernt, ſolche Creaturen in ihr Land zu laſſen,“ verſetzte Hiſt,„daß noch keine Seele auch nur ihre Bilder davon geſehen hat! Ihre jungen Männer würden die Bilder wie die Beſtien ſelbſt fortſcheuchen!“ „Die delawariſchen jungen Männer!— Die Nation beſteht aus Weibern— ſelbſt das Wild wandelt ruhig dahin, wenn es ihre Jäger kommen hört! Wer hat je den Namen eines jungen Kriegers der Delawaren vernommen!“ Dieß wurde in gutmüthigem Tone und mit Lachen geſprochen, aber zugleich doch etwas beißend. Daß Hiſt es ſo nahm, zeigte ſich in der Lebhaftigkeit ihrer Antwort. „Wer hat je den Namen eines jungen Delawaren vernom⸗ men?“ wiederholte ſie ernſt.„Tamenund ſelbſt, obwohl jetzt ſo alt wie die Tannen auf dem Berge, oder als die Adler in der Luft, war einſt jung; ſein Name ward vernommen von dem großen Salzſee bis zu den ſüßen Waſſern des Weſtens. Was iſt die Fa⸗ milie der Uncas?— Wo iſt eine andere ſo große, obgleich die Bleichgeſichter ihre Gräber aufgewühlt und ihre Gebeine mit Füßen getreten haben? Fliegen die Adler ſo hoch, iſt das Wild ſo ſchnell, oder der Panther ſo muthig? Iſt kein junger Krieger dieſes Stammes da? Laßt die Huronen⸗Mädchen ihre Augen weiter auf⸗ thun, ſo mögen ſie Einen ſehen, Chingachgook genannt, der ſo ſtattlich iſt wie eine junge Eſche, und ſo zäh wie die Hagenbuche.“ Wie das Mädchen dieß in ihrer bilderreichen Sprache ſagte, und ihre Genoſſinnen die Augen weiter aufthun hieß, damit ſie den Delawaren ſähen, ſtieß Wildtödter mit den Fingern ſeinen Freund ₰+₰————.,——————„„ ——,—, —— —— 1——— 357 in die Seite, und überließ ſich ſeinem herzlichen, wohlwollenden, leiſen Lachen. Der Andere lächelte; aber die Sprache der Reden⸗ den war zu ſchmeichelhaft und die Töne ihrer Stimme zu ſüß für ihn, als daß er ſich durch ein zufälliges, wenn auch komiſches Zu⸗ ſammentreffen von Umſtänden in ſeiner Aufmerkſamkeit ſtören ließ. Die Rede Hiſt's zog eine Erwiederung nach ſich, und der Streit, obwohl gutmüthig geführt, und weit entfernt von der plumpen Heftigkeit in Ton und Geberden, wie ſie oft den Reizen des ſchönen Geſchlechts im civiliſirten Leben, wie man es nennt, Eintrag thut, wurde warm und etwas laut. Mitten unter dieſer Scene hieß der Delaware ſeinen Freund ſich ducken, ſo daß er ganz verſteckt war, und ließ dann einen Ton hören, ſo ganz ähnlich dem Pfeifen der kleinſten Gattung des amerikaniſchen Eichhorns, daß Wildtöͤdter ſelbſt, obgleich er den Ton hundertmal hatte nachahmen gehört, wirklich glaubte, er rühre von einem der kleinen, über ſeinem Haupt herumkletternden Thierchen her. Der Ton iſt in den Wäldern ſo gewöhnlich, daß keine von den Huroninnen im Geringſten darauf achtete. Hiſt aber hörte augenblicklich auf zu ſprechen, und ſaß regungslos da. Doch behielt ſie Selbſtbeherrſchung genug, den Kopf nicht umzuwenden. Sie hatte das Signal vernommen, mit dem ihr Geliebter ſo oft ſie aus dem Wigwam zur heimlichen Be⸗ ſprechung rief, und es kam über ihre Sinne und ihr Herz, wie die Serenade im Land des Geſanges das Mädchen ergreift. Von dieſem Augenblick an war Chingachgook überzeugt, daß ſie ſeine Gegenwart wiſſe. Dieß war wichtig, und er konnte jetzt hoffen, daß ſeine Geliebte ein weit kühneres Verfahren einſchlagen werde, als ſie, über ſeinen Aufenthaltsort ungewiß, gewählt haben würde. Es blieb kein Zweifel daran übrig, daß ſie ſich beſtreben würde, ſeine Bemühungen für ihre Befreiung zu unterſtützen. Wildtödter ſtand auf, ſobald das Signal gegeben war, und obgleich er noch nie den ſüßen Verkehr gepflogen hatte, der nur Liebenden bekannt iſt, entdeckte er doch ſehr bald die große Veränderung, die noſſin war die ſchon erwähnte alte Hexe. War ſie einmal in dieſer 358 mit dem Weſen und Benehmen des Mädchens vorgegangen war. Sie gab ſich noch Mühe zu ſtreiten, aber nicht mehr mit Geiſt und Unbefangenheit, ſondern was ſie ſagte, war mehr nur als ein Köder hingeworfen, ihre Gegnerinnen zu leichtem Siege heranzulocken, als mit irgend einer Hoffnung, ſelbſt Siegerin zu werden. Zwar ein paar Mal gab ihr ihre natürliche Beſonnenheit eine raſche Er⸗ wiederung oder einen Beweisgrund ein, welche Lachen erregten und ihr für den Augenblick einigen Vortheil gaben; aber dieſe kleinen Einfälle, Früchte des Mutterwitzes, dienten nur, um beſſer ihre wahren Gefühle zu verhehlen, und dem Triumph der andern Partei einen natürlicheren Anſtrich zu geben, als er ohne ſie viel⸗ leicht gehabt hätte. Endlich wurden die Streitenden müde, und ſie erhoben ſich Alle geſammt, als wollten ſie ſich trennen. Jetzt zum erſten Mal wagte Hiſt das Geſicht nach der Richtung zu kehren, woher das Signal gekommen. Ihre Bewegung hiebei war natürlich, aber behutſam, und ſie ſtreckte den Arm aus und gähnte, wie von Schläfrigkeit übermannt. Wieder ließ ſich das ſchrillende Pfeifen hören, und das Mädchen war jetzt gewiß, wo ihr Geliebter ſtehe, obgleich das ſtarke Licht, in dem ſie ſelbſt ſtand, und die ver⸗ hältnißmäßige Dunkelheit, welche die Abenteurer umgab, ſie hin⸗ derte ihre Köpfe zu ſehen, den einzigen Theil ihres Körpers, der über den Hügelrücken hervorragte. Der Baum, an den ſie ſich lehnten, war von einem dunkeln Schatten überzogen, der von einer ungeheuren, zwiſchen ihm und dem Feuer ſtehenden Fichte herrührte, und dieſer Umſtand allein ſchon würde alle Gegenſtände, die in dieſen Bereich ſtelen, in jeder Entfernung dem Auge entzogen haben. Das wußte Wildtödter wohl, und es war einer der Gründe, warum er gerade dieſen Baum gewählt hatte. Der Augenblick, wo Hiſt nothwendig handeln mußte, war nahe. Sie ſollte in einer kleinen Hütte, oder Laube, ſchlafen, ganz in der Nähe des Orts, wo ſie ſtand, aufgeſchlagen, und ihre Ge⸗ —„——2. 359 Hütte, und lag das ſchlafloſe alte Weib, wie ſie allnäͤchtlich pflegte, quer über den Eingang hingeſtreckt, ſo war beinahe alle Hoffnung zum Entkommen zerſtört, und ſie konnte jeden Augenblick zu Bette gerufen werden. Zum Glück rief in dieſem Augenblick einer der Krieger das alte Weib mit Namen, und hieß ſie ihm Waſſer zum Trinken bringen. Es war eine köſtliche Quelle auf der Nordſeite der Landſpitze, und die Alte nahm einen ledernen Becher von einem Zweig, rief Hiſt an ihre Seite, und ging dem Gipfel des Hügel⸗ rückens zu, in der Abſicht, über die Landſpitze hin zu dem natür⸗ lichen Brunnen hinabzuſteigen. Alles dieß ſahen und verſtanden die Abenteurer; ſie traten in das Dunkel zurück und verſteckten ſich hinter Bäumen, bis die beiden Weiber an ihnen vorbei waren. Im Gehen hielt die Alte Hiſt feſt an der Hand. Als ſie an dem Baum vorüber kam, welcher Chingachgook und ſeinen Freund ver⸗ barg, griff Jener nach ſeinem Tomahawk, in der Abſicht, ihn in dem Hirnſchädel des Weibes zu begraben. Der Andere aber er⸗ kannte das Gefährliche einer ſolchen Maßregel, da Ein Schrei alle Krieger ihnen auf den Hals ziehen konnte, und er war auch aus Gründen der Menſchlichkeit einer ſolchen That abgeneigt. Daher hinderte ſeine Hand den Streich. Als aber die Beiden vorüber geſchritten, ward das Pfeifen wiederholt, und die Huronin blieb ſtehen und gaffte den Baum an, von welchem die Töne zu kommen ſchienen, und in dieſem Augenblick ſtand ſie nur ſechs Fuß von ihren Feinden entfernt. Sie bezeugte ihr Erſtaunen, daß ein Eich⸗ horn ſo ſpät noch munter ſeyn ſollte, und ſagte, es bedeute Unheil. Hiſt antwortete, ſie habe daſſelbe Eichhorn dreimal binnen der letzten zwanzig Minuten gehört, und ſie glaube, es ſpanne darauf, einige Brocken, die bei der Mahlzeit übrig geblieben, zu erlangen. Dieſe Erklärung ſchien befriedigend, und ſie ſchritten der Quelle zu, auf dem Fuß und heimlich von den Männern gefolgt. Der Becher war gefüllt, und die Alte eilte zurück, die Hand immer an dem Handgelenk des Mädchens, als ſie plötzlich ſo heftig an der 360 Kehle gepackt wurde, daß ſie ihre Gefangene loslaſſen mußte, und keinen andern Ton von ſich geben konnte, als eine Art halberſticktes Gurgeln und Röcheln. Schlange umfaßte mit dem Arm den Leib ſeiner Geliebten, und ſtürzte ſich mit ihr durch die Büſche auf der Nordſeite der Landſpitze. Hier bog er ſofort ein, dem Strand ent⸗ lang, und rannte nach dem Canoe. Er hätte eine geradere Richtung eingeſchlagen, aber dieß hätte leicht zur Entdeckung des Landungs⸗ platzes führen können. „Wildtodter ſpielte indeß immerfort auf der Kehle des alten Weibes wie auf den Taſten einer Orgel, ließ ſie von Zeit zu Zeit athmen, und drückte dann wieder mit den Fingern beinahe zum Erwürgen. Aber die kurzen Friſten zum Athemholen wurden wohl benützt, und es gelang der Alten, ein paar kreiſchende Töne aus⸗ zuſtoßen, welche das Lager in Allarm brachten. Das Stampfen der Krieger, als ſie vom Feuer aufſprangen, war deutlich zu hören, und im nächſten Augenblick erſchienen drei oder vier von ihnen auf dem Gipfel des Hügelxückens, die auf dem lichten Hin⸗ tergrund ſich wie die dämmernden Schatten einer Zauberlaterne ausnahmen. Jetzt war es die höchſte Zeit für den Jäger, ſich zu⸗ rückzuziehen. Er unterſchlug ſeiner Gefangnen ein Bein, klemmte ihr zum Abſchied noch einmal die Kehle zuſammen, ebenſoſehr aus Rache wegen ihrer unbezwinglichen Beſtrebungen, Lärm zu machen, als aus Gründen der Klugheit, perließ ſie auf dem Rücken liegend, und eilte den Büſchen zu,— die Büchſe im Gleichgewicht, den Kopf über die Schultern wendend, wie ein gehetzter Loͤwe. r 361 Siebenzehntes Kapitel. Schaut, weiſe Heil'ge, dieß Eur' Licht und Stern! Die Narr'n und Opfer ſeyd Ihr, ſcheint's, ja gern! Iſt gnug jetzt? wollt von uns Ihr ſeyn betrogen, Bis Curer weiſen Bruſt der letzte Hauch entflogen? Moore. Das Feuer, das Canoe und die Quelle, von der aus Wild⸗ tödter ſeinen Rückzug antrat, ſtanden ſo gegeneinander, daß ſie die Winkel eines ſo ziemlich gleichſeitigen Dreiecks würden gebildet haben. Die Entfernung vom Feuer zum Boote betrug etwas Weniger, als die Entfernung vom Feuer zu der Quelle, während die von der Quelle bis zum Boot etwa der zwiſchen den zwei zu⸗ erſt genannten Punkten gleich kam. Dieß Verhältniß aber war bei geraden Linien— und in dieſer Art konnten die Flüchtigen ihre Flucht nicht ausführen. Sie waren gezwungen, ſich zu einem Umweg zu entſchließen, um den Schutz der Büſche zu gewinnen und der Krümmung des Strandes zu folgen. Unter ſolchen Nach⸗ theilen alſo trat der Jäger ſeinen Rückzug an— Nachtheilen, deren Größe er nur um ſo mehr empfand, vermöge ſeiner Kenntniß der Gewohnheiten aller Indianer, die in Fällen plötzlichen Alarms, zumal mitten in einer gedeckten Stellung, ſelten verfehlen, augen⸗ blicklich Plänkler nach den Seiten auszuſchicken, in der Abſicht, den Feinden auf allen Punkten entgegenzutreten, und wo möglich ihnen in den Rücken zu fallen. Daß ſo Etwas auch jetzt im Werke war, ſchloß er aus dem Stampfen von Füßen, das nicht blos, wie ſchon gemeldet, die Anhöhe herauf kam, ſondern auch, wiewohl leiſer, gehört wurde in ganz andrer Linie, nicht blos gegen den Hügel im Rücken zu, ſondern auch gegen den äußerſten Punkt der Landſpitze, in einer Richtung, entgegengeſetzt der, die er einzuſchlagen im Begriffe ſtand. Schnelligkeit war daher jetzt von äußerſter Wichtigkeit, da die verſchiedenen Partien am Strand 362 zuſammentreffen konnten, ehe die Flüchtigen das Canoe zu erreichen vermochten. Trotz der Dringlichkeit der Umſtände zögerte Wildtödter doch einen Augenblick, ehe er ſich in die die Küſte einfaſſenden Büſche hineinſtürzte. Seine Gefühle waren rege gemacht worden durch den ganzen Auftritt, und eine finſtere Entſchloſſenheit war über ihn gekommen, wie ſie ihm ſonſt fremd war. Vier dunkle Ge⸗ ſtalten zeigten ſich auf dem Hügelrücken, gegen die Helle des Feuers ſich abhebend, und ein Feind konnte auf einen Blick ge⸗ opfert werden. Die Indianer hatten Halt gemacht und ſtarrten in das Dunkel, die alte kreiſchende Hexe zu ſuchen, und bei man⸗ chem Mann, der weniger gedacht hätte als der Jäger, wäre der Tod Eines von ihnen gewiß geweſen. Zum Glück war er um⸗ ſichtiger. Obgleich die Büchſe ſich ein wenig gegen den Vorderſten ſeiner Verfolger ſenkte, zielte oder feuerte er doch nicht, ſondern verſchwand in dem Verſteck. Den Strand gewinnen, und ihm fol⸗ gen bis herum zu dem Platz, wo Chingachgook ſchon mit Hiſt im Canoe war, ängſtlich ſeine Ankunft erwartend, war das Werk eines Augenblicks. Seine Büchſe auf den Boden des Canoes legend, bückte ſich Wildtödter, um dem letztern einen kräftigen Stoß von der Küſte weg zu geben, als ein gewaltiger Indianer aus den Büſchen hervorſtürzte und wie ein Panther ihm auf den Rücken ſprang. Alles hing jetzt an einem Haat; ein ſalſcher Schritt richtete Alle zu Grunde. Mit einer Großherzigkeit, die einen Römer für alle künftige Zeiten hin berühmt gemacht haben würde, die aber in der Laufbahn eines ſo einfachen und niedrigen Mannes ohne dieſe anſpruchsloſe Erzählung der Welt für immer fremd geblieben und verloren wäre, bot Wildtödter all' ſeine Kraft in einer verzweiflungsvollen Anſtrengung auf, ſtieß das Canoe mit einer Gewalt hinaus, die es in einem Augenblick pielleicht hundert Fuß weit von der Küſte wegtrieb, und ſtürzte ſelbſt, mit dem Kopf voran, in den See; und ſein Angreifer natürlich mit ihm. 363 Obgleich das Waſſer einige Schritte vom Strand entfernt tief war, hatte es doch ſo nah am Ufer, wie die Stelle war, wo die beiden Feinde hineinfielen, nur Bruſthöhe, dieß war jedoch ſchon völlig genug, um einen Mann zu tödten, der unter ſo ungünſtigen Umſtänden hineingeſtürzt war, wie Wildtödter. Doch hatte er die Hände frei, und der Wilde war genöthigt, ſeinen Hals fahren zu laſſen, um ſelbſt ſein Geſicht über dem Waſſer zu halten. Eine halbe Minute dauerte ein verzweiflungsvoller Kampf, ähnlich dem Gezappel eines Alligators, der eben eine gewaltige Beute ergriffen hat, und dann ſtanden Beide aufgerichtet, Jeder des Andern Arme zu packen ſuchend, um ihn am Gebrauche des tödtlichen Meſſers in der Finſterniß zu hindern. Was der Ausgang dieſes heftigen Kampfes von Mann gegen Mann geweſen wäre, kann man nicht wiſſen; aber ein Halbdutzend Wilde ſprangen in's Waſſer ihrem Genoſſen zu Hülfe, und Wildtödter ergab ſich zum Gefangenen mit einer Würde, die nicht minder bemerkenswerth war, als ſeine Aufopferung. Den See zu verlaſſen und den neuen Gefangenen an's Feuer zu führen, erforderte auch nur wieder eine Minute⸗ So beſchäf⸗ tigt waren ſie Alle mit dem Kampfe und deſſen Folgen, daß ſie das Canoe nicht ſahen, obgleich es der Küſte noch ſo nahe war, daß der Delaware und ſeine Verlobte jede Sylbe ganz deutlich hörten, die geſprochen wurde; und die ganze Truppe verließ den Platz, Einige ſetzten die Verfolgung Hiſt's dem Strande entlang fort, die Meiſten aber kehrten zum Feuer zurück. Hier gewann Wildtödter's Gegner ſo weit ſeinen Athem und ſeine Beſinnung wieder, denn er war beinahe erwürgt worden von den Griffen des Andern, daß er die Art und Weiſe erzählen konnte, wie das Mädchen davon gekommen. Es war jetzt zu ſpät, die andern Flüchtlinge anzugreifen, denn ſobald ſein Freund in die Gebüſche abgeführt war, ſenkte der Delaware ſeine Ruderſchaufel in's Waſſer, und das leichte Canoe glitt geräuſchlos dahin, dem Mitttelpunkt des See's zuſteuernd, bis es außer Schußweite war, und dann ſuchte es die Arche auf. Als Wildtödter beim Feuer ankam, ſah er ſich umringt von nicht weniger als acht grimmigen Wilden, worunter ſein alter Bekannter Rivenoak. Sobald dieſer das Geſicht des Gefangenen erblickt hatte, redete er heimlich mit ſeinen Genoſſen, und ein leiſer aber allgemeiner Ausruf der Freude und Ueberraſchung ent⸗ fuhr ihnen. Sie hatten erfahren, daß der Beſieger ihres, jüngſt auf der gegenüberliegenden Küſte des See's gefallenen Freundes in ihren Händen, ihrer Barmherzigkeit oder Rachſucht preisge⸗ geben war. Es lag eine nicht geringe Beimiſchung von Bewun⸗ derung in den trotzigen Blicken, die auf den Gefangenen geworfen wurden, Bewunderung, die ebenſoſehr durch ſeine jetzige Faſſung, als durch ſeine vorangegangnen Thaten rege gemacht wurde. Man kann ſagen, dieſe Scene war der Anfang des großen und ſchreckenverbreitenden Rufes, deſſen Wildtödter, oder Falkenauge, wie er nachmals genannt wurde, unter allen Stämmen von Neu⸗ York und Canada genoß;— ein Ruf, der freilich, was die Aus⸗ dehnung nach Länderſtrecken und Menſchenzahl betrifft, weit be⸗ ſchränkter war als der Ruf von Menſchen im civiliſirten Leben, aber der vielleicht, was ihm in dieſen Punkten fehlte, durch ſeine größere Rechtmäßigkeit, und durch die gänzliche Ausſchließung von Täuſchung und künſtlicher Pflege vergütete. Die Arme Wildtödter's wurden nicht gebunden, und es blieb ihm der freie Gebrauch ſeiner Hände, nachdem man erſt ſein Meſſer ihm weggenommen hatte. Die einzige Vorſichtsmaßregel, die man traf, um ſich ſeiner Perſon zu verſichern, war unabläſſige Wach⸗ ſamkeit, und ein ſtarkes Seil von Baſt, das von einer Knöchel zur andern ging, nicht ſowohl um ihn im Gehen zu hindern, als um einem etwaigen Fluchtverſuche mittelſt eines plötzliches Satzes ein Hinderniß in den Weg zu legen. Selbſt dieſe außerordentliche Vorbeugungsmaßregel gegen einen Fluchtverſuch ward erſt getroffen, —.„— q-ao»o———,—— 365 nachdem man den Gefangenen an's Licht geführt und ſeine Perſon erkannt hatte. Es war in der That ein Compliment, das man ſeiner Kühnheit machte, und er war ſtolz auf dieſe Auszeichnung. Daß er würde gebunden werden, wenn die Krieger ſchliefen, war ihm wahrſcheinlich; aber gebunden zu werden im Augenblick ſeiner Gefangennehmung, war ein Beweis, daß er ſchon, und ſo frühe, einen Namen gewann. Während die jungen Indianer das Seil befeſtigten, dachte er bei ſich ſelbſt nach, ob wohl Chingachgook ebenſo behandelt worden wäre, wäre auch er dem Feinde in die Hände gefallen. Auch rührte der Ruf des jungen Bleichgeſichts nicht ganz von dem glücklichen Erfolg ſeines früheren Kampfes, oder von der Klugheit und Kaltblütigkeit her, die er bei der Unter⸗ handlung erwieſen hatte; ſondern er hatte auch durch die Ereigniſſe der Nacht einen großen Zuwachs erhalten. Unbekannt mit den Bewegungen der Arche, und mit dem Zufall, der die Feinde ihr Feuer hatte erblicken machen, ſchrieben die Irokeſen die Entdeckung ihres neuen Lagers der Wachſamkeit eines ſo ſchlauen Feindes zu. Die Art und Weiſe, wie er ſich auf die Landſpitze gewagt hatte, die Entführung oder Flucht Hiſt's, und ganz beſonders die Selbſtauf⸗ opferung des Gefangnen, verbunden mit der Beſonnenheit, womit er das Canoe hinausgeſtoßen, waren ebenſo viele wichtige Glieder in der Kette von Thatſachen, worauf ſein wachſender Ruhm be⸗ ruhte. Manche dieſer Umſtände hatten die Indianer ſelbſt geſehen, manche waren ihnen erklärt worden, und alle wurden gewürdigt. Während ſolche Bewunderung und Ehren ſo ohne Rückhalt Wildtödtern gezollt wurden, entging er doch nicht einigen Be⸗ ſchwerlichkeiten ſeiner Lage. Man geſeattete ihm, ſich auf das Ende eines Blockes in der Nähe des Feuers zu ſetzen, um ſeine Kleider zu trocknen, und ſein Gegner von Kurzem her ſtand ihm gegenüber, bald Stücke ſeiner eignen ärmlichen Kleidung an die Hitze haltend, bald ſich die Kehle befühlend, wo die Spuren von ſeines Feindes Fingern noch recht gut ſichtbar waren. Die übrigen — Krieger rathſchlagten in der Nähe miteinander, da Alle, die aus geweſen, mit der Nachricht zurückgekehrt waren, daß keine anderen Herumſtreifer in der Nähe des Lagers zu finden ſeyen. Während dieſes Stands der Dinge näherte ſich das alte Weib, deren india⸗ niſcher Name verdollmetſcht Bärin bedeutete, Wildtödtern mit ge⸗ ballten Fäuſten und feuerſprühenden Augen. Bisher hatte ſie ſich mit Kreiſchen begnügt, eine Aufgabe, bei der ſie ihre Rolle mit nicht geringem Erfolg geſpielt hatte, aber nachdem ſie auf's wirk⸗ ſamſte Alles in Alarm geſetzt hatte, was im Bereich einer durch lange Uebung gekräftigten Lunge lag, richtete ſie zunächſt ihre Aufmerkſamkeit auf die Unbilden, die ihre eigne Perſon bei dem Kampfe erlitten hatte. Dieſe waren in keiner Weiſe von Bedeu⸗ tung, obwohl von einer Art, daß ſie wohl alle Wuth eines Weibes erwecken konnten, daß längſt nicht mehr mittelſt ſanfterer Eigen⸗ ſchaften anzog, und ſehr geneigt war, die Mühſale, die ſie ſo lange erduldet, als vernachläſſigte Gattin und Mutter von Wilden an Jedem, der in ihre Gewalt kam, zu rächen. Wenn Wildtodter ſie nicht auf die Dauer verletzt, hatte er ihr doch für einige Zeit Schmerzen bereitet, und ſie war nicht die Perſon, ein Unrecht dieſer Art um des Beweggrunds willen zu überſehen. „Stinkthier der Bleichgeſichter,“ begann dieſe erbitterte und halbpoetiſche Furie, dem unerſchütterlichen Jäger die Fauſt unter die Naſe ſchüttelnd,„Ihr ſeyd nicht einmal ein Weib. Eure Freunde, die Delawaren, ſind Weiber, und ihr ſeyd ihr Schaaf. Euer eignes Volk wird Euch nicht anerkennen, und kein Stamm von rothen Männern würde Euch in ſeinen Wigwams dulden; Ihr ſchleicht herum unter Kriegern in Unterröcken. Ihr unſern tapfern Freund erſchlagen, der uns verlaſſen hat?— nein! ſeine große Seele verſchmähte es, mit Euch zu kämpfen, und verließ lieber ihren Leib, als daß ſie die Schmach auf ſich geladen, Euch zu tödten! Aber das Blut, das Ihr vergoſſet, als der Geiſt nicht zuſah, iſt nicht in die Erde gefloſſen. Es muß begraben ſeyn in 367 Eurem Stöhnen— welche Muſik höre ich! Das iſt nicht das Aechzen eines rothen Mannes!— kein rother Krieger ſtöhnt und grunzt ſo wie ein Schwein. Dieſe Töne kommen aus einer Bleich⸗ geſichtskehle— einer Yengeeſe⸗Bruſt— und tonen ſo lieblich, wie eines Mädchens Singen.— Hund— Stinkthier— Wieſel— Iltiß— Stachelſchwein— Ferkel— Kröte— Spinne— Yengee—“ Hier mußte wohl die Alte, nachdem ſie ihren Athem aufge⸗ wendet, und ihren Schatz von Schimpfwörtern erſchöpft hatte, einen Augenblick inne halten, obwohl ſie noch immer beide Fäuſte dem Gefangenen in's Geſicht ſchüttelte, und ihr ganzes mit Run⸗ zeln bedecktes Geſicht voll wilder, erbitterter Rachgier war. Wild⸗ tödter betrachtete dieſe ohnmächtigen Verſuche, ihn aufzubringen, mit der Gleichgültigkeit, womit in unſerm Zuſtand der Geſellſchaft ein Gentleman auf die Schimpfreden eines Lumpen herabſieht; er fühlte, daß die Zunge eines alten Weibes nimmermehr einen Krie⸗ ger verunehren konnte, ſo wie dieſer weiß, daß Lüge und Gemein⸗ heit auf die Länge nur diejenigen beſchimpfen, die ſich ihrer bedienen mögen; aber für den Augenblick wurden ihm weitere Angriffe er⸗ ſpart durch das Dazwiſchentreten Rivenoak's, der die Hexe bei Seite ſchob, ſie den Ort verlaſſen hieß, und ſich anſchickte, ſich neben den Gefangenen zu ſetzen. Das alte Weib entfernte ſich, aber der Jäger erkannte wohl, daß er der Gegenſtand aller ihrer Beläſtigungen und Quälerei, wenn auch nicht thätlicher Mißhandlungen ſeyn würde, ſo lang er in der Gewalt ſeiner Feind blieb; denn Nichts wurmt tiefer, als das Bewußtſeyn, daß ein Verſuch, Jemand in Zorn zu bringen, mit Verachtung aufgenommen worden iſt,— einem Gefühl, das gewöhnlich das paſſivſte von allen in der menſch⸗ lichen Bruſt gehegten zu ſeyn pflegt. Rivenoak nahm ruhig ſeinen Sitz, wie wir ſchon erwähnt, ein, und nach einem kurzen Still⸗ ſchweigen begann er ein Geſpräch, das wir natürlich wieder zum Beſten der Leſer überſetzen, welche die nordamerikaniſchen Sprachen nicht ſtudirt haben. „Mein Bleichgeſichtfreund iſt ſehr willkommen,“ ſagte der Indianer mit einem vertraulichen Kopfnicken, und mit einem ſo verſteckten Lächeln, daß es Wildtödter's ganze Aufmerkſamkeit brauchte, es zu entdecken, und nicht wenig von ſeiner Philoſophie, um dabei ganz ruhig zu bleiben,„er iſt willkommen. Die Huronen unterhal⸗ ten ein heißes Feuer, des weißen Mannes Kleider daran zu trocknen.“ „Ich danke Euch, Hurone, oder Mingo, oder wie ich Euch eigentlich zu nennen habe,“ verſetzte der Andere;„ich danke Euch für den Willkomm und danke Euch für das Feuer. Beide ſind gut in ihrer Art, und das letztere iſt ſehr gut, wenn Einer in einem ſo kalten Bade geweſen, wie der Glimmerglas iſt. Selbſt Huronenwärme mag in einem ſolchen Zeitpunkt angenehm ſeyn einem Mann mit einem Delawarenherzen.“ „Das Bleichgeſicht— aber mein Bruder hat einen Namen? Ein ſo großer Krieger hat doch wohl nicht ohne einen Namen gelebt!“ „Mingo,“ ſagte der Jäger, und Etwas von der Schwäche der menſchlichen Natur offenbarte ſich in dem Blicke ſeines Auges und in der Farbe ſeiner Wangen,„Mingo, Euer Tapfrer nannte mich Falkenauge, ich glaube wegen meines raſchen und ſichern Zielens, als er mit ſeinem Haupt in meinem Schooß lag, ehe ſein Geiſt nach den glücklichen Jagdrevieren aufflog!“ „Es iſt ein guter Name. Der Falke iſt ſeines Stoßes ſicher. Falkenauge iſt kein Weib; warum lebt er bei den Delawaren?“ „Ich verſtehe Euch, Mingo, aber wir betrachten das Alles als eine Tücke von Einigen Eurer liſtigen Teufel, und läugnen die Beſchuldigung. Die Vorſehung hat mich jung unter die De⸗ lawaren verſetzt, und abgerechnet was chriſtliche Gebräuche von meiner Farbe und meinen Gaben fordern, hoffe ich in ihrem Stamme zu leben und zu ſterben. Doch aber bin ich nicht gemeint, meine angebornen Rechte ganz wegzuwerfen, und werde mich beſtreben, die Pflicht eines Bleichgeſichts in Geſellſchaft von Rothhäuten zu erfüllen.“ 3 369 der„Gut; ein Hurone iſt eine Rothhaut, ſo gut wie ein Delaware. ſo 3 Falkenauge iſt mehr ein Hurone als ein Weib.“ üte,„Ich denke, Mingo, Ihr kennt Eure eigne Meinung; wenn bei nicht, ſo iſt ſie doch, wie ich nicht zweifle, dem Satan wohl bekannt? al⸗ Aber wenn Ihr etwas von mir heraus bringen wollt, ſo ſprecht d.4 deutlicher, denn einen Handel kann man nicht abſchließen mit ver⸗ uch bundenen Augen und gelähmter Zunge.“ ich„Gut; Falkenauge hat keine Gabelzunge, und er liebt zu ind ſagen, was er denkt. Er iſt ein Bekannter der Biſamratze,“— in mit dieſem Namen bezeichneten alle Indianer Hutter,—„und er bſt hat in ſeinem Wigwam gewohnt, aber er iſt nicht ein Freund von yn ihm. Es iſt ihm nicht um Skalpe zu thun, wie einem armſeligen Indianer, ſondern er kämpft wie ein mannhaftes Bleichgeſicht. n? Die Biſamratze iſt weder weiß noch roth, weder Thier noch Fiſch. 12 Sie iſt eine Waſſerſchlange; manchmal im Waſſer, manchmal auf he dem Land. Er trachtet nach Skalpen wie ein Räuber. Falkenauge es 1 kann zurückgehen und ihm ſagen, wie er die Huronen überliſtet ite habe, wie er entkommen ſey; und wenn dann ſeine Augen in einem rn Nebel ſind, wenn er nicht mehr von ſeiner Cajüte bis zu den he Wäldern ſehen kann— dann kann Falkenauge die Thüre öffnen für die Huronen. Und wie wird der Naub getheilt werden? Ha! er. Falkenauge wird das Meiſte hinwegnehmen und die Huronen werden 20 nehmen, was er übrig laſſen mag. Die Skalpe können nach Canada es wandern, denn ein Bleichgeſicht hat keine Luſt daran.“ en„Nun gut, Rivenoak, denn ſo höre ich Euch nennen, das iſt e⸗ einmal deutlich geſprochen, obwohl auf Irokeſiſch. Ich verſtehe on wohl Alles, was Ihr meint, und muß ſagen, dieſe Teufelei geht ne ſelbſt über Mingoteufelei hinaus. Ohne Zweifel, es wäre leicht, ne zurückzugehen, und der Biſamratze zu ſagen, daß ich von Euch n, losgekommen, und dazu noch durch die That einiges Lob und en Anſehen zu gewinnen.“ „Gut; das iſt es, was ich von dem Bleichgeſicht wünſchte.“ Der Wildtödter. 3. Aufl. 24 „Ja, ja— das iſt klar genug. Ich weiß ohne weitere Worte, was Ihr von mir verlangt. Während ich im Hauſe der Biſamratze ſitze, und ſein Brod eſſe, und mit ſeinen hübſchen Töchtern lache und plaudere, könnte ich ſeine Augen mit einem dicken Nebel umhüllen, daß er nicht einmal die Thüre, geſchweige das Land ſähe!“ „Gut. Falkenauge ſollte ein Hurone geboren ſeyn! Sein Blut iſt kaum halb weiß!“ „Da irrt Ihr, Hurone; ja, da irrt Ihr ſo gewaltig, wie wenn Ihr einen Wolf für einen Panther hieltet. Ich bin weiß an Blut, Herz, Natur und Gaben, obwohl ein wenig Rothhaut in Gefühlen und Lebensart. Aber wenn des alten Hutter’'s Augen recht benebelt ſind, und ſeine hübſchen Töchter vielleicht in tiefem Schlaf liegen, und Harry Hurry, die Große Fichte, wie Ihr Indianer ihn nennt, von Allem eher als von Unheil träumt, und Alle denken, Falkenauge verſehe den Dienſt einer treuen Schildwache, hätte ich weiter nichts zu thun, als irgendwo eine Fackel zum kenntlichen Signal auszuſtecken, die Thüre zu öffnen und die Huronen einzulaſſen, um ſie Alle niederzuſchlagen.“ „Gewiß iſt mein Bruder im Irrthum; er kann nicht weiß ſeyn! Er iſt würdig, ein großer Häuptling unter den Huronen zu ſeyn!“ „Das iſt ſehr wahr, glaube ich gern, wenn er dieß Alles zu thun im Stande wäre. Jetzt merkt auf, Hurone, und hört auch einmal ein paar ehrliche Worte aus dem Mund eines geraden, einfachen Mannes. Ich bin als Chriſt geboren, und die von einem ſolchen Stamme kommen, und den Worten horchen, die zu ihren Vätern geredet wurden, und zu ihren Kindern werden geredet werden, bis die Erde mit Allem was darin iſt, vergeht, können ſich nimmermehr zu ſolcher Verruchtheit hergeben. Liſten im Krieg mögen rechtmäßig ſeyn, und ſind es; aber Liſten und Trug, und Verrätherei unter Freunden paſſen nur für die Teufel unter den Bleichgeſichtern. Ich weiß, daß es weiße Männer genug gibt, die Euch eine ſo falſche Idee von unſrer Natur geben können, aber 2 rte, atze iche bel e 1 hein wie eiß in gen fem Ihr und che, zum nen veiß u!“ zu auch den, nem hren edet men rieg und den die 371 die ſind untreu ihrem Blut und ihren Gaben, und ſollten, wenn ſie es nicht wirklich ſind, Ausgeſtoßene und Vagabunden ſeyn. Kein rechtliches Bleichgeſicht könnte thun, was Ihr verlangt, und um ſo offen gegen Euch zu ſeyn, als es meine Art und mein Beſtreben iſt, nach meinem Urtheil auch kein rechtlicher Delaware; mit einem Mingo mag es ein andrer Fall ſeyn.“ Der Hurone hörte dieſe Abfertigung mit ſehr begreiflichem Widerwillen an, aber er hatte ſeine Zwecke feſt im Auge, und war zu ſchlau, um alle Ausſicht, ſie noch zu erreichen, durch eine übereilte Kundgebung ſeines Unmuths zu vereiteln. Sich zu einem Lächeln zwingend, ſchien er eifrig zuzuhören, und erwog dann nachdenklich, was er vernommen hatte. „Liebt Falkenauge die Biſamratze?“ fragte er plötzlich;„oder liebt er ſeine Töchter?“ „Keines von beiden, Mingo. Der alte Tom iſt nicht der Mann, meine Liebe zu gewinnen, und was die Töchter betrifft, die ſind hübſch genug, um jedem jungen Manne zu gefallen; aber Gründe genug ſind gegen eine ſehr große Liebe für die Eine oder die Andere. Hetty iſt eine gute Seele, aber die Natur hat eine ſchwere Hand auf ihren Geiſt gelegt;— das arme Geſchöpf!“ „Und die Wilde Roſe!“ rief der Hurone— denn der Ruf von Judith's Schönheit hatte ſich unter denen verbreitet, welche in der Wildniß ſo gut zu reiſen wußten, als auf der Heerſtraße, mittelſt alter Adlersneſter, Felſen und geborſtener Bäume, die ihnen durch Sage und Ueberlieferung bekannt waren: ſo gut wie unter den weißen Grenzbewohnern—„und die Wilde Roſe, iſt ſie nicht ſüß genug, um an die Bruſt meines Bruders geſteckt zu werden?“ Wildtödter beſaß zu viel vom gebornen Gentleman, um das Mindeſte gegen den guten Ruf eines durch Natur und Stellung ſo hülfloſen Weſens zu äußern; und da er keine Unwahrheit reden mochte, ſchwieg er lieber ganz. Der Hurone mißverſtand den Beweggrund, und vermuthete, ſeiner Zurückhaltung liege eine nicht erhörte Neigung zu Grunde. Immer noch trachtend, ſeinen Gefan⸗ führen oder zu beſtechen, um in den Beſitz der Schätze genen zu verfü zu kommen, womit ſeine Einbildungskraft das Caſtell anfüllte, ſetzte er ſeine Angriffe beharrlich fort. „Falkenauge ſpricht mit einem Freund,“ ſagte er.„Er weiß, daß Rivenoak der Mann ſeines Wortes iſt, denn ſie haben mit⸗ einander gehandelt, und Handel öffnet die Seele. Mein Freund iſt hieher gekommen wegen einer kleinen Schnur, von einem Mädchen feſtgehalten, welche den mannhafteſten Krieger ganz und gar nach ſich reißen kann?“ „Jetzt ſeyd Ihr der Wahrheit näher, Hurone, als je zuvor, ſeit unſer Geſpräch begonnen. Aber das eine Ende dieſer Schnur war nicht an meinem Herzen befe Wilden Roſe.“ „Das iſt wunderbar! Liebt mein Bruder mit ſeinem Kopf und nicht mit ſeinem Herzen? Und kann die Schwachſinnige ſo al falſch! hart an einem ſo mannhaften Krieger zerren?“ „Da iſt es wieder! manchmal richtig und manchm rachet, iſt befeſtigt an dem Herzen Mohikanſtamm, der Die Schnur, davon Ihr ſp eines großen Delawaren; eigentlich Eines vom unter den Delawaren lebt ſeit der Zerſtreuung ſeines eignen Volkes und der Familie der Unkas— Chingachgook mit Namen, oder Große Schlange. Er iſt hieher gekommen, geleitet von jener Schnur, und ich bin ihm gefolgt, oder vielmehr ging ihm voran, denn ich kam zuerſt hieher, durch nichts Stärkeres hergezogen, als durch Freundſchaft, die ſtark genug iſt bei Solchen, die nicht neidiſch ſind mit ihren Gefühlen und gern auch ein Wenig für ihre Mit⸗ geſchöpfe leben, ſo gut wie für ſich ſelbſt.“ „Aber eine Schnur hat zwei Enden— eines iſt befeſtigt am Herzen eines Mohikans, und das andere—“ „Ha, das andere war hier, dicht am Feuer, noch vor einer ſtigt, auch haftete keines an der — 40„„ — 4——ͤ 2— 0 10 ——. 2˖⸗—.— ͤ„,,——— 373 halben Stunde. Wah⸗ta!⸗Wah hielt es in ihrer Hand, wenn es nicht an ihrem Herzen haftete.“ „Ich verſtehe, was Ihr meint, mein Bruder,“ verſetzte der Indianer ernſt, jetzt erſt dem Zuſammenhange der Ereigniſſe des Abends auf die Spur kommend.„Die Große Schlange, als der Stärkſte, zog an der Schnur und Hiſt war gezwungen, uns zu verlaſſen.“ „Ich denke nicht, daß es viel Ziehens brauchte,“ erwiederte der Andere, immer in ſeiner ſtillen Weiſe lachend, und das ſo herzlich, als wäre er kein Gefangener, in Gefahr von Martern und Tod ſchwebend, geweſen.„Ich glaube nicht, daß es da viel Ziehens brauchte; nein, wahrhaftig nicht. Gott tröſte Euch, Hurone; er hat das Mädchen gern, und das Mädchen ihn, und es ging über Huronenliſt, zwei junge Leute von einander getrennt zu halten, wenn ein ſo ſtarkes Gefühl ſie an einander knüpfte.“ „Und Falkenauge und Chingachgook kamen nur mit dieſem Vorhaben in unſer Lager?“ „Das iſt eine Frage, die ſich ſelbſt beantwortet, Mingo! Ja, wenn eine Frage reden könnte, ſie würde ſich ſelbſt beantworten zu Eurer vollkommnen Befriedigung. Warum ſonſt ſollten wir, kommen? Und doch iſt es nicht ganz genau ſo; denn wir kamen gar nicht in Euer Lager, ſondern nur bis an die Fichte dort, die Ihr auf der andern Seite des Hügelrückens ſeht, wo wir ſtanden und Euer Thun und Treiben beobachteten, ſo lang es uns beliebte. Als wir fertig waren, gab Schlange ſein Signal, und dann ging Alles genau wie es gehen konnte, bis zu dem Augenblick, wo der Vagabund dort mir auf den Rücken ſprang! Gewiß! deßhalb kamen wir und in keiner andern Abſicht; und wir erreichten, weßhalb wir kamen; es wäre nutzlos, etwas Anderes behaupten zu wollen. Hiſt iſt auf und davon mit einem Mann, der ſo gut wie ihr Gatte iſt, und begegne mir was da wolle; das iſt wenigſtens etwas Gutes gewonnen.“ 2 „Welches Zeichen oder Signal benachrichtigte das junge Mäd⸗ chen, daß ihr Liebhaber in der Nähe ſey?“ fragte der alte Hurone mit größerer Neugier, als er ſonſt zu verrathen pflegte. Wildtödter lachte wieder, und ſchien ſich des Gelingens der That mit ſo herzlicher Fröhlichkeit zu freuen, wie wenn er nicht das Opfer davon geworden wäre. „Eure Eichhörner ſind große Nachtſchwärmer, Mingo!“ rief er, noch immer lachend—„ja, die ſind gewiß rechte Nachtſchwär⸗ mer! Wenn andrer Leute Eichhörner zu Hauſe ſind und ſchlafen, ſind die Eurigen noch auf den Bäumen luſtig und munter, und pfeifen und ſingen in einer Weiſe, daß ſelbſt ein delawariſches Mädchen ihre Muſik verſtehen kann! Nun, es gibt vierbeinigte Cichhörner und es gibt zweibeinigte Eichhöͤrner, und ich lobe mir die letztern, wenn eine gute, zähe Schnur zwei Herzen zuſammen⸗ knüpft. Wenn dieſe ſie zuſammenbringt, ſo ſagt jenes, wann es gilt, es am ſtärkſten zu ziehen!“ Der Hurone ſah ärgerlich aus, doch gelang es ihm, jede hef⸗ tige Aeußerung ſeiner Erbitterung zu unterdrücken. Er verließ bald ſeinen Gefangnen, begab ſich zu den andern Kriegern, und theilte ihnen das Weſentliche deſſen, was er erfahren hatte, mit. Wie er ſelbſt, ſo fühlten auch die Uebrigen Bewunderung neben ihrem Verdruß über die Keckheit und die gelungene That ihrer Feinde. Drei oder vier von ihnen ſtiegen auf die kleine Anhöhe hinauf, und betrachteten den Baum, wo ſich die Abenteurer, wie ſie gehört, aufgeſtellt hatten, und Einer ſtieg ſogar hinab und ſuchte unten herum nach Fußtapfen, um ſich zu verſichern, daß jene Angabe wahr ſey. Das Ergebniß beſtätigte die Erzählung des Gefangenen, und Alle kehrten mit erhöhter Verwunderung und Achtung zum Feuer zurück. Der Bote, der mit einigen Mittheilungen von der Truppe weiter oben angekommen war, während die zwei Abenteurer das Lager beobach⸗ teten, ward jetzt mit einer Antwort fortgeſchickt, und nahm ohne Zweifel den Bericht alles hier Vorgefallenen mit ſich. = 375 Bis zu dieſem Augenblick hatte der junge Indianer, den man hatte mit Hiſt und einem andern Mädchen herumgehen ſehen, keine Schritte gethan, eine Unterredung mit Wildtödter anzuknüpfen. Er hatte ſich ſelbſt von ſeinen Freunden ferngehalten, und war an der Verſammlung jüngerer Weiber auf und abgeſchritten, die wie gewöhnlich abgeſondert ſich zuſammengethan hatten, und leiſe über die Flucht ihrer bisherigen Genoſſin ſich beſprachen. Vielleicht wäre der Wahrheit gemäß zu ſagen, daß dieſe Letztern über das Vorgefallene ebenſo vergnügt als ärgerlich waren. Ihre weiblichen Gefühle ſprachen für die Liebenden, während ihr Stolz bei dem Erfolge ihres eignen Stammes betheiligt war. Es iſt auch möglich, daß die überlegenen perſönlichen Vorzüge Hiſt's ſie für Einige von dem jüngern Theile der Gruppe gefährlich machten, und es dieſen nicht leid war, ſie der Macht ihrer Reize nicht mehr im Wege ſtehen zu ſehen. Im Ganzen jedoch herrſchte das beſſere Gefühl vor; denn weder der wilde Zuſtand, worin ſie lebten, und die Stammesvorurtheile der einzelnen Völkerſchaften, noch ihr hartes Loos als indianiſche Weiber hatten die unvertilgbare Hinneigung ihres Geſchlechtes zu ſanſteren Gefühlen gänzlich zu beſiegen ver⸗ mocht. Eines von den Mädchen lachte ſogar über die troſtloſen Mienen des Burſchen, der ſich als verlaſſen betrachten mochte, ein Umſtand, der plötzlich ſeine Thatkraft zu erwecken ſchien, und ihn veranlaßte, zu dem Stamm hinzutreten, auf welchem der Gefangene noch immer, ſeine Kleider trocknend, ſaß. „Das iſt Pantherkatze!“ ſagte der Indianer, prahleriſch mit der Hand auf die nackte Bruſt ſich ſchlagend, indem er jene Worte ſprach in einer Weiſe, die zeigte, welchen großen Eindruck er von ihnen erwartete. „Das iſt Falkenauge,“ verſetzte ganz ruhig Wildtödter, den Namen ſich beilegend, unter welchem er künftighin allen Männern der Irokeſen bekannt zu werden gewiß war.„Mein Geſicht iſt ſcharf; reicht meines Bruders Sprung weit?“ 376 „Von hier bis zu den Doͤrfern der Delawaren. Falkenauge hat mein Weib geſtohlen; er muß ſie zurückbringen, oder ſein Skalp wird an einem Pfahl hängen und in meinem Wigwam trocknen.“ „Falkenauge hat Nichts geſtohlen, Hurone. Er ſtammt nicht von einem Diebsgeſchlecht und hat keine Diebesgaben. Euer Weib, wie Ihr Wah⸗ta!⸗Wah nennt, wird nie das Weib Eines der Rothhäute aus den Canadas werden; ihre Seele iſt in der Hütte eines Delawaren, und ihr Leib iſt gegangen ſie zu ſuchen. Die Pantherkatze iſt ſchnell, das weiß ich, aber ihre Füße können nicht Schritt halten mit den Wünſchen eines Weibes.“ „Die Schlange der Delawaren iſt ein Hund; er iſt ein arm⸗ ſeliger Ochſenfroſch, der ſich im Waſſer hält; er fürchtet ſich auf feſtem Boden zu ſtehen, wie ein tapfrer Indianer.“ „Ei, ei, Hurone, das iſt ziemlich unverſchämt, ſintemal es nicht eine Stunde iſt, daß Schlange nur hundert Fuß von Euch entfernt ſtand, und die Dicke Eurer Haut mit einer Büchſenkugel probirt haben würde, als ich ihm auf Euch hindeutete, hätte ich nicht das Gewicht einiger Ueberlegung auf ſeine Hand gelegt. Ihr mögt Mädchen in den Anſiedlungen fangen mit Eurem Pantherkatzen⸗ geheule, aber das Ohr eines Mannes kann Wahrheit von Unwahr⸗ heit unterſcheiden.“ „Hiſt lacht über ihn! Sie ſieht, er iſt lahm und ein ärmlicher Jäger, und iſt nie auf dem Kriegspfad geweſen. Sie wird einen Mann zum Gatten nehmen, und nicht einen Narren.“ „Wie wißt Ihr das, Pantherkatze? wie wißt Ihr das?“ ver⸗ ſetzte Wildtödter lachend.„Sie iſt auf den See gegangen, das ſeht Ihr, und vielleicht zieht ſie eine Forelle einer Baſtardkatze vor. Was die Kriegspfade betrifft, ſo haben weder Schlange noch ich viele Erfahrung, wie wir gerne geſtehen; aber wenn Ihr dieß keinen nennen wollt, ſo müßt Ihr es, wie die Mädchen in den Nieder⸗ laſſungen, doch die Hochſtraße zum Eheſtand nennen. Nehmt meinen Rath, Pantherkatze, und ſucht Euch ein Weib unter den jungen 377 Huroninnen: unter den Delawarinnen werdet Ihr nie Eine mit ihrem guten Willen bekommen.“ Pantherkatze’s Hand fühlte nach ſeinem Tomahawk, und als die Finger den Griff faßten, zogen ſie ſich krampfhaft zuſammen, als wenn der Indianer zwiſchen Klugheit und Ingrimm ſchwankte. In dieſem kritiſchen Augenblick näherte ſich Rivenoak, veranlaßte durch eine gebieteriſche Geberde den jungen Mann, ſich zu entfer⸗ nen, und nahm ſelbſt ſeinen früheren Sitz neben Wildtödter auf dem Baumſtamm ein. Hier blieb er eine kleine Weile ſtumm ſitzen, mit der ernſten Zurückhaltung eines indianiſchen Häuptlings. „Falkenauge hat Recht,“ begann endlich der Irokeſe;„ſein Geſicht iſt ſo ſcharf, daß er die Wahrheit ſieht in einer dunkeln Nacht, und unſre Augen ſind blind geweſen. Er iſt eine Eule, t und das Dunkel verbirgt ihm Nichts. Er darf ſeine Freunde nicht t beſchädigen und erſchlagen; er hat Recht.“ t„Es freut mich, daß Ihr ſo denkt, Mingo,“ verſetzte der Andere, 3„denn ein Verräther iſt nach meinem Urtheil ſchlimmer als eine t Memme. Ich frage ſo wenig nach der Biſamratze, als ein Bleich⸗ ⸗ geſicht nach dem andern fragen darf; aber doch liegt er mir zu 2 ſehr am Herzen, als daß ich ihm in der Weiſe, wie Ihr wünſchtet, einen Hinterhalt legen ſollte. Kurz, nach meinen Ideen ſind alle r Liſten, außer Liſten im offenen Krieg, gegen das Recht, und wie n wir Weißen es nennen, auch gegen das Evangelium.“ „Mein Bleichgeſichtbruder hat Recht; er iſt kein Indianer, ⸗ der ſeinen Manitou und ſeine Farbe vergäße. Die Huronen wiſſen, 8 daß ſie einen großen Krieger zum Gefangnen haben, und ſie werden r. ihn als ſolchen behandeln. Wenn er gemartert werden ſoll, ſo ch. werden ſeine Martern von der Art ſeyn, wie kein gewöhnlicher en Mann ſie ertragen kann, und wenn er als Freund behandelt wird, r⸗ ſo wird die ihm erwieſene Freundſchaft die Freundſchaft von Häupt⸗ en lingen ſeyn.“, Während der Hurone dieſe Verſicherung ſeiner außerordentlichen 378 Hochſchätzung gab, blickte ſein Auge verſtohlen nach dem Geſicht des Andern, um zu entdecken, wie dieſer das Compliment aufnehme, obgleich ſein Ernſt und ſeine anſcheinende Aufrichtigkeit Jeden, der nicht in Liſten und Künſten erfahren geweſen, ſeine Beweggründe ſchwerlich hätte entdecken laſſen. Wildtödter gehörte zu den Arg⸗ loſen; und bekannt mit den indianiſchen Begriffen, worin die Ach⸗ tung, in Behandlung von Gefangenen, ſich kund that, fühlte er ſein Blut gerinnen bei dieſer Ankündigung, wiewohl er eine ſo ge⸗ ſtählte Faſſung und Miene behauptete, daß ſein ſcharfblickender Feind darin keine Spur von Schwäche leſen konnte. „Gott hat mich in Eure Hände gegeben, Hurone,“ verſetzte endlich der Gefangene,„und ich denke, Ihr werdet nach Curem Willen mit mir verfahren. Ich will mich nicht deſſen rühmen, was ich thun werde unter den Martern, denn ich bin noch nie auf die Probe geſtellt worden, und vorher kann kein Menſch ſo Etwas behaupten; aber ich will mein Möglichſtes thun, um dem Volk keine Schande zu machen, unter dem ich aufgewachſen bin. Indeß wünſchte ich jetzt, daß Ihr mir bezeugtet, daß ich ganz von weißem Blute bin, und natürlich auch von weißen Gaben; ſomit, wenn ich ſollte übermannt werden und mich vergeſſen, werdet Ihr, hoffe ich, den Fehler dahin ſtellen, wohin er eigentlich gehört, und ihn in keiner Weiſe den Delawaren, oder ihren Verbündeten und Freunden, den Mohikans, zurechnen. Wir ſind Alle mit mehr oder weniger Schwäche erſchaffen, und ich fürchte, die eines Bleich⸗ geſichts beſteht darin, unter großen körperlichen Martern zu er⸗ liegen, während eine Rothhaut ſeine Lieder ſingt und den Feinden in's Geſicht trotzig ſich ſeiner Thaten rühmt.“ „Wir werden ſehen; Falkenauge hat eine gute Miene und er iſt zäh.— Aber warum ſollte er gemartert werden, wenn die Huronen ihn lieben? Er iſt nicht als ihr Feind geboren; und der Tod Eines Kriegers wird nicht für immer eine Wolke zwiſchen ſie werfen.“ 3 2*☛ — 8& „Um ſo beſſer, Hurone, um ſo beſſer. Dennoch möchte ich Nichts einem Mißverſtändniß über unſre beiderſeitigen Geſinnungen zu verdanken haben. Es iſt um ſo beſſer, wenn ihr keinen Groll nachtragt wegen des Verluſtes eines Kriegers, der im Kampfe ſiel; doch aber iſt es unwahr, daß keine Feindſchaft— rechtmäßige Feindſchaft meine ich— zwiſchen uns beſtehe. So weit ich über⸗ haupt Rothhautgefühle habe, habe ich Delawarengefühle; und ich überlaſſe es Euch ſelbſt zu beurtheilen, in wie weit ſie freund⸗ ſchaftlich gegen die Mingos ſeyn können.“ Wildtödter hielt inne, denn eine Art Geſpenſt ſtand vor ihm, das plötzlich den Fluß ſeiner Worte hemmte, und ihn in der That einen Augenblick zweifeln machte an der Treue ſeines gerühmten Geſichts. Hetty Hutter ſtand neben dem Feuer, ſo ruhig, als ge⸗ hörte ſie zu dem Stamme. Während der Jäger und der Indianer daſaßen, Jeder die Ge⸗ müthsbewegungen beobachtend, die ſich im Geſicht des Andern aus⸗ ſprachen, hatte ſich das Mädchen unbeachtet genähert, ohne Zweifel von dem Strand auf der ſüdlichen Seite der Landſpitze her, oder derjenigen, die dem Ort zunächſt war, wo die Arche geankert hatte, und war zu dem Feuer herangeſchritten mit der ihrer Einfalt eigen⸗ thümlichen und durch ihre frühere Behandlung bei den Indianern allerdings gerechtfertigten Furchtloſigkeit. Sobald Rivenoak das Mädchen erblickte, erkannte er ſie auch wieder, und zwei oder drei der jüngern Krieger herrufend, ſandte ſie der Häuptling auf Kund⸗ ſchaft aus, beſorgt, Hetty's Erſcheinung möchte der Vorbote eines neuen Angriffs ſeyn. Dann winkte er Hetty, näher heranzukommen. „Ich hoffe, Euer Beſuch iſt ein Zeichen, daß Schlange und Hiſt in Sicherheit ſind,“ ſagte Wildtödter, ſobald das Mädchen der Aufforderung des Huronen gehorcht hatte.„Ich denke nicht, daß Ihr wieder mit dem Vorhaben an die Küſte kommt, das Euch das letzte Mal herführte.“ „Judith hieß mich dießmal gehen, Wildtödter,“ verſetzte Hetty; 380 „ſie ruderte mich ſelbſt in einem Canoe an's Land, ſobald Schlange ſeine Hiſt gezeigt und ſeine Geſchichte erzählt hatte. Wie ſchön iſt Hiſt heute Nacht, Wildtödter, und wie viel glücklicher ſieht ſie aus, als da ſie bei den Huronen war!“ „Das iſt Natur, Mädchen; ja, das kann man als menſchliche Natur ſetzen. Sie iſt bei ihrem Verlobten und fürchtet nicht mehr einen Mingo zum Mann zu bekommen. Nach meinem Urtheil würde Indith ſelbſt den größten Theil ihrer Schönheit verlieren, wenn ſie dächte, ſie müßte ſie ganz einem Mingo hingeben! Zu⸗ friedenheit thut Viel zur Befeſtigung des guten Ausſehens; und ich will Euch dafür ſtehen, Hiſt iſt zufrieden genug, nachdem ſie den Händen dieſer Elenden entronnen und bei ihrem auserwählten Krieger iſt! Sagtet Ihr nicht, Eure Schweſter habe Euch an's Land gehen heißen— wie kam Judith dazu?“ „Sie bat mich zu gehen, um nach Euch zu ſehen, und den Verſuch zu machen, die Wilden zu bereden, daß ſie noch mehr Elephanten nähmen für Eure Loslaſſung; aber ich habe die Bibel mitgebracht, die wird mehr ausrichten, als alle Elephanten in Vaters Schranke!“ „Und Euer Vater, gute kleine Hetty— und Hurry; wußten ſte von Eurem Vorhaben?“ „Nichts. Beide ſchlafen; und Judith und Schlange hielten es für's Beſte, daß ſie nicht geweckt würden, damit ſie nicht wieder gelüſtete, auf Skalpe auszuziehen, wenn Hiſt ihnen geſagt hätte, wie wenige Krieger und wie viele Weiber und Kinder hier im Lager ſeyen. Judith ließ mir keine Ruhe, bis ich an's Land ging, um zu ſehen, was aus Euch geworden.“ 4„Nun, das iſt auffallend, was Judith betrifft! Warum iſt ſte denn auch wegen meiner ſo in Sorgen? Ja, jetzt ſehe ich, wie die Sache iſt; ja, jetzt durchſchaue ich die ganze Sache. Ihr müßt verſtehen, Hetty, Eure Schweſter iſt unruhig darüber, Harry March möchte erwachen und ungeſchickterweiſe wieder dem Feind in die Haͤnde laufen, weil er leicht die Idee haben könnte, er müſſe —„ 2 an 381 als Reiſegeſellſchafter mir in dieſer Sache beiſtehen! Hurry iſt ein zutäppiſcher Menſch, das geb' ich zu; aber ich glaube nicht, daß er meinetwillen ſo Viel wagen würde, wie für ſich ſelbſt.“ „Judith kümmert ſich nicht um Hurry, wenn ſchon Hurry wohl um ſie,“ verſetzte Hetty, unſchuldig, aber mit großer Beſtimmtheit. „Ich habe Euch das ſchon früher ſagen hören; ja, ich habe das ſonſt ſchon von Euch gehört, Mädchen; und doch iſt es nicht wahr. Man lebt nicht unter einem Stamm, ohne auch Etwas zu ſehen von der Art und Weiſe, wie die Neigung im Herzen eines Weibes arbeitet. Obgleich ſelbſt keineswegs geſonnen, zu heirathen, bin ich doch unter den Delawaren ein Beobachter geweſen, und das iſt eine Sache, worin Bleichgeſicht⸗ und Rothhaut⸗Gaben ganz gleich ſind. Wenn das Gefühl anfängt, iſt das junge Weib nach⸗ denklich, und hat Augen und Ohren nur für den Krieger, der ihr Gemüth eingenommen hat; dann folgt Schwermuth und Seufzen und derlei Geberdungen; darnach, beſonders wenn die Sachen nicht zu deutlicher Erörterung kommen, legt ſie ſich oft auf's Tadeln und Fehlerfinden, und ſchilt den Jüngling eben wegen der Dinge, die ihr am beſten an ihm gefallen. Manche junge Creatur iſt gar geneigt, in dieſer Weiſe ihre Liebe zu zeigen, und ich bin der Meinung, zu dieſen gehört auch Judith. Nun habe ich ſie ſo gut als läugnen hören, daß Hurry ein gutes Ausſehen habe; und mit dem jungen Weib, das das thut, muß es in der That weit ge⸗ kommen ſeyn.“* „Das junge Weib, das Hurry liebte, würde geſtehen, daß er ſchön ſey. Ich halte Hurry für ſehr ſchön, Wildtödter, und gewiß muß Jedermann, wer Augen hat, ſo denken. Judith mag den Harry March nicht, und das iſt der Grund, warum ſie ſo viel an ihm ausſetzt.“ „Gut— gut— meine gute kleine Hetty, ſey es, wie Ihr wollt. Wenn wir auch von jetzt bis zum Winter fortſchwatzten, würde doch Jedes bei ſeiner Meinung bleiben, und ſo nützen Worte nichts. Ich muß glauben, daß Judith ſehr in Hurry verſchoſſen iſt und daß ſie ihn früher oder ſpäter nehmen wird; und dieß nur um ſo mehr, nach der Art zu ſchließen, wie ſie ihn ſchilt und mißhandelt; Ihr aber, glaube ich faſt, denkt gerade das Gegen⸗ theil. Aber merkt, was ich Euch ſage, Mädchen, und gebt Euch die Miene, es nicht zu wiſſen,“ fuhr dieſer Mann fort, der ſo blind war, in einem Punkt, wo Männer gewöhnlich ſcharfſichtig und raſch genug ſind, Entdeckungen zu machen, und ſo ſcharf⸗ blickend in Dingen, welche der Beobachtung bei weitem des größten Theils der Menſchen ſpotten würden;„ich ſehe, wie es iſt mit dieſen Vagabunden. Rivenvak hat uns verlaſſen, wie Ihr ſeht, und ſpricht mit den jungen Männern dort, und obgleich es zu weit entfernt iſt, um zu hören, kann ich doch ſehen, was er ihnen ſagt. Er gibt ihnen Befehl, Eure Bewegungen zu beobachten und ausfindig zu machen, wo das Canve Euch treffen ſoll, um Euch zur Arche zurück zu führen, und dann feſt zu nehmen Wen und Was ſie können. Es thut mir leid, daß Judith Euch geſchickt hat, denn ich denke mir, ſie wünſcht Eure Rückkehr.“ „Alles das iſt ſchon in's Reine gebracht, Wildtödter,“ ver⸗ ſetzte das Mädchen in leiſem, vertraulichem und behutſamem Tone; „und Ihr könnt mir zutrauen, daß ich die beſten Indianer dort alle überliſten werde. Ich weiß, ich bin ſchwachſinnig, aber doch habe ich einigen Sinn und Verſtand, und Ihr ſollt ſehen, wie ich damit zurückzukommen weiß, wenn mein Vorhaben beendigt iſt!“ „Ach, armes Mädchen, ich fürchte, das Alles iſt leichter ge⸗ ſagt als gethan. Es iſt das ein giftiges Gezücht von Gewürmen, und ihr Gift iſt nicht vermindert und milder worden durch den Verluſt Hiſt's. Sehr froh bin ich, daß es Schlange gerade ge⸗ lang, mit dem Mädchen ſich zu retten, denn jetzt werden Zwei wenigſtens glücklich ſeyn, während, wenn er in die Hände der N 383 Mingos gefallen wäre, Zwei unglücklich und einem Dritten keines⸗ wegs ſo zu Muthe geweſen wäre, wie es einem Zufriedenen iſt.“ „Jetzt erinnert Ihr mich an einen Theil meines Vorhabens, den ich beinahe vergeſſen hätte, Wildtödter. Judith trug mir auf, Euch zu fragen, was Ihr glaubt, daß die Huronen mit Euch thun würden, wenn Ihr nicht könntet losgekauft werden, und womit ſie Euch am wirkſamſten dienen könne? Ja, das war der wich⸗ tigſte Theil des Auftrags— was ſie thun könne, um Euch am wirk⸗ ſamſten zu dienen.“ „So denkt Ihr, Hetty; aber daran liegt nichts. Junge Weiber ſind geneigt, am meiſten Werth auf das zu legen, was ihre Ge⸗ fühle berührt— aber das iſt einerlei, ſey es, wie Ihr wollt, nur nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht die Vagabunden ſich eines Canves bemächtigen laßt. Wenn Ihr auf die Arche zurückkommt, ſagt ihnen, ſie ſollen immer ſcharfe Wache, aber immer ſich in Bewegung halten, ganz beſonders bei Nacht. Es können nicht mehr viele Stunden vergehen, ohne daß die Truppen am Fluß von dieſer Bande hören, und dann können Eure Freunde nach Unter⸗ ſtützung und Entſatz ſich umſehen. Es iſt nur ein Tagmarſch von der nächſten Garniſon hieher, und rechte Soldaten werden nie müßig hinliegen, wenn der Feind in ihrer Nachbarſchaft iſt. Das iſt mein Rath, und Ihr möget Eurem Vater und Hurry ſagen: auf Skalpe Jagd machen, werde jetzt ein ärmliches Gewerbe ſeyn, da die Mingos auf den Beinen und wach ſind, und Nichts ſie retten könne, bis die Truppen anlangen, als wenn ſte einen tüch⸗ tigen Waſſergürtel zwiſchen ſich und den Wilden ziehen.“ „Was ſoll ich Judith von Euch ſagen, Wildtödter? Ich weiß, ſie wird mich wieder zurück ſchicken, wenn ich ihr nicht die Wahr⸗ heit über Euch berichte.“ „Dann ſagt Ihr die Wahrheit. Ich ſehe keinen Grund, warum Judith Hutter von mir nicht ſo gut die Wahrheit hören ſollte, als eine Lüge. Ich bin ein Gefangener in den Händen der 384 Indianer, und die Vorſehung allein weiß, was der Ausgang ſeyn wird! Hört, Hetty—“ und er ließ die Stimme ſinken und ſprach noch heimlicher und noch mehr im Vertrauen,„Ihr ſeyd ein wenig ſchwachſinnig, muß man geſtehen, aber Ihr verſteht Euch ein wenig auf Indianer. Hier bin ich in ihren Händen, nachdem ich einen ihrer muthigſten Krieger getödtet, und ſie haben verſucht, mich durch Furcht vor den Folgen ihrer Rache zu bearbeiten, Euern Vater und Alle in der Arche zu verrathen. Ich verſtehe die Spitz⸗ buben ſo gut, als wenn ſie Alles geradezu mit ihren Zungen her⸗ ausgeſagt hätten. Sie halten mir die Lockungen der Habgier auf der einen und Furcht auf der andern Seite vor, und glauben, die Ehrlichkeit werde zwiſchen beiden zu Fall kommen. Aber thut Eurem Vater und Hurry zu wiſſen, daß es vergeblich iſt, Schlange weiß es ſchon.“ „Aber was ſoll ich Judith ſagen? Sie wird mich gewiß wieder zurück ſchicken, wenn ich ihr Gemüth nicht beruhige.“ „Nun, ſagt Judith daſſelbe. Ohne Zweifel werden die Wilden ihre Martern verſuchen, um mich zur Schwäche zu bringen und den Verluſt ihres Kriegers zu rächen, aber ich muß miich gegen natürliche Schwäche zu behaupten ſuchen, ſo gut ich imm er kann. Ihr köngt Judith ſagen, ſie ſolle ſich um mich leinen Kummer machen— es wird hart kommen, das weiß ich, ſintemalen eines weißen Mannes Gaben nicht dahin gehen, unter Martern zu prahlen und zu ſingen, denn er empfindet in der Regel am wenigſten, wenn er am aͤrgſten leidet— aber Ihr mögt ihr ſagen, ſie ſolle ſich keinen Kummer machen. Ich denke, ich werde es ſchon zu ertragen wiſſen; und ſie darf ſich darauf verlaſſen, mag ich auch noch ſo ſehr den Gleichmuth verlieren, und ganz und gar bewähren, daß ich weiß bin, durch Wimmern und Stoͤhnen und ſelbſt durch Thra⸗ nen,— doch werde ich nie ſo weit kommen, daß ich meine Freunde verrathe. Wenn es daran geht, daß man mit glühenden Ladſtöcken Löcher in's Fleiſch brennt, und den Körper zerhackt, und das Haar —ͤ— 22sͤ 80G8—* mit den Wurzeln ausrauft, mag wohl die Natur die Oberhand gewinnen, was Aechzen und Klagen anbetrifft, aber damit wird der Triumph der Vagabunden enden; nichts Geringeres, als wenn ihn Gott den Teufeln preisgibt, kann einen ehrlichen Mann ſeiner Farbe und ſeiner Pflicht untreu machen.“ Hetty hörte mit großer Aufmerkſamkeit zu, und ihr mildes, aber ſprechendes Geſicht verrieth lebhafte Theilnahme an der ſo vorlaͤufig geſchilderten Todesqual des künftigen möglichen Dulders. Anfänglich ſchien ſie verlegen, wie ſie ſich benehmen ſollte; dann ergriff ſie eine Hand Wildtödter's und empfahl ihm dringend und liebevoll, ihre Bibel zu borgen und darin zu leſen, während ihn die Wilden mit ihren Martern peinigten. Als der Andre redlich geſtand, daß das Leſen über ſein Vermögen gehe, erbot ſie ſich ſogar, bei ihm zu bleiben, und ſelbſt dieſen heiligen Dienſt zu verſehen. Das Anerbieten ward freundlich abgelehnt, und da Ri⸗ venoak im Begriff ſtand, wieder zu ihnen zu treten, bat Wildtödter das Mädchen, ihn zu verlaſſen, wobei er ihr jedoch nochmals ein⸗ ſchärfte, denen in der Arche zu ſagen, daß ſie volles Vertrauen in ſeine Treue ſetzen ſollten. Jetzt entfernte ſich Hetty und näherte ſich der Gruppe von Weibern mit ſolcher Zuverſicht und Selbſt⸗ beherrſchung, als wäre ſie eine Eingeborne des Stammes. Andrer⸗ ſeits nahm der Hurone ſeinen Sitz neben dem Gefangenen wieder ein, und fuhr fort, ihm mit all der tückiſchen Schlauheit eines geübten indianiſchen Rathsmannes Fragen vorzulegen, während der Andere ſeine Liſt zu Schanden machte mit den Mitteln, die, wie man weiß, auch die wirkſamſten ſind, die Feinheit der anſpruchs⸗ volleren Diplomatie der Civiliſation zu vereiteln— oder ſich in ſeinen Antworten auf die Wahrheit und die Wahrheit allein, beſchränkte. Der Wildtödter. 3. Aufl. 386 Achtzehntes Kapitel. So ſtarb ſie. Nie wird ſie erfahren Mehr Schmerz und Schmach; unfähig, daß ſie trägt Die inn're Laſt im Lauf von Monden, Jahren, Gleich kältern Herzen, bis in's Grab ſie legt Das Alter. Ihre Tag' und Freuden waren Kurz, aber ſchön, wie ſie das Schickſal pflegt Nicht lang zu gönnen. Doch am Meeresſtrand Schläft ſie nun wohl, wo ſie ſich gern befand. Byron. Die jungen Männer, die bei Hetty's plötzlichem Erſcheinen auf Kundſchaft waren ausgeſandt worden, kehrten bald zurück mit dem Bericht, daß es ihnen nicht gelungen, irgend Etwas zu ent⸗ decken. Einer von ihnen war ſogar am Strand bis an den Platz, der der Arche gegenüber lag, hingegangen, aber die Dunkelheit hatte dieß Fahrzeug ſeinen Blicken gänzlich entzogen. Andre hatten in verſchiedenen Richtungen ſich umgeſehen, und überall hatten ſie nur die Stille der Nacht mit dem Schweigen und der Einſamkeit der Wälder vermählt gefunden. Man glaubte daher, das Mädchen ſey, wie bei ihrem erſten Beſuch und in einem ähnlichen Zweck, allein gekommen. Die Iro⸗ keſen wußten nicht, daß die Arche das Caſtell verlaſſen hatte, und es waren mittlerweile Bewegungen im Plane, wenn nicht ſchon in wirklicher Ausführung begriffen, welche auch das Gefühl der Sicher⸗ heit mächtig verſtärkten. Eine Wache ward daher ausgeſtellt, und Alle außer den Schildwachen ſchickten ſich zum Schlafe an. Man hatte hinlängliche Sorge getroffen, den Gefangenen ſicher verwahrt zu halten, ohne ihm unnöthige Leiden anzuthun, und Hetty geſtattete man, ſich unter den indianiſchen Mädchen ſo gut ſie konnte, eine Schlafſtätte zu ſuchen. Die freundliche Dienſt⸗ fertigkeit Hiſt's fand ſie freilich nicht, obwohl ihr Charakter nicht ——-——4.— 8 dD e—,— 1o ☛ 8 8—&==eͤ————, ͤ—— 387 blos gegen Unbilden und Gefangenſchaft ſie ſicher ſtellte, ſondern ihr auch eine Berückſichtigung und Achtung verſchaffte, vermöge der ſie, was Bequemlichkeit betraf, völlig den wilden aber gut⸗ müthigen Geſchöpfen um ſie her gleichgeſtellt wurde. Man gab ihr eine Haut, und ſie machte ſich ſelbſt ihr Bett zurecht aus einem Haufen von Zweigen, ein wenig beiſeite von den Hütten. Hier lag ſie bald, wie Alle um ſie her, in tiefem Schlafe. Es waren jetzt dreizehn Männer bei der Truppe, und je drei auf einmal hielten Wache. Einer jedoch blieb im Schatten, nicht weit vom Feuer, zurück. Seine Obliegenheit war, den Gefangnen zu bewachen, dafür Sorge zu tragen, daß das Feuer nicht ſo aufflackerte, daß es den Platz beleuchtete, und doch es nicht ganz erlöſchen zu laſſen, und auf den Zuſtand des Lagers überhaupt ein wachſames Auge zu haben. Ein Zweiter ging von einem Strand zum andern herüber und hinüber, und durchkreuzte die Baſis der Landſpitze, während der dritte langſam an dem äußerſten Rand der Küſte auf⸗ und abſchritt, um eine Wiederkehr der Ueberraſchung, die ſchon einmal in dieſer Nacht ſtattgefunden, zu verhüten. Dieſe Einrichtung war keineswegs gewöhnlich bei Wilden, die ſich in der Regel mehr auf die Heimlichkeit ihrer Bewegungen, als auf eine derartige Wachſamkeit verlaſſen; aber ſie war veranlaßt durch die eigenthümlichen Umſtände, in welchen ſich die Huronen eben jetzt befanden. Ihre Stellung war ihren Feinden bekannt, und ſie konnte nicht wohl geändert werden zu einer Stunde, welche Schlaf und Ruhe verlangte. Vielleicht ſetzten ſie auch hauptſächlich ihr Vertrauen auf das, was, wie ſie für gewiß zu wiſſen glaubten, weiter aufwärts auf dem See vorging, und was, wie ſie wähnten, ſämmtlichen in Freiheit befindlichen Bleichgeſichtern nebſt ihrem einzigen indianiſchen Bundesgenoſſen alle Hände voll zu thun geben würde. Auch wußte vermuthlich Rivenoak, daß, ſo lange er den Gefangenen behielt, er den Gefährlichſten von allen ſeinen Feinden in Händen hätte. Die Sicherheit, mit welcher dieſe an Wachſamkeit oder an ein Leben, deſſen Ruhe oft geſtört wird, gewöhnten Menſchen ein⸗ ſchlafen, iſt eines der nicht am wenigſten merkwürdigen Phäno⸗ mene unſers geheimnißreichen Daſeyns. Nicht ſobald ruht der Kopf auf dem Pfühl, ſo iſt auch das Bewußtſeyn entſchwunden; und doch, zur erforderlichen Stunde, ſcheint der Geiſt den Körper aufzuwecken, ſo raſch und ſicher, als hätte er die Zeit über Schildwache bei ihm geſtanden. Es kann kein Zweifel darüber ob⸗ walten, daß diejenigen, die ſo ihren Schlummer abbrechen, auf⸗ wachen vermöge der Macht des Gedankens über die Materie, ob⸗ wohl die Art und Weiſe, wie dieſe Macht, dieſer Einfluß geübt wird, unſrer Forſchbegier verborgen bleiben muß, bis er einſt, falls dieſe Stunde je eintritt, wird erklärt werden durch die vollſtändige Erleuchtung der Seele hinſichtlich aller menſchlichen Räthſel. Dieß war nun auch der Fall bei Hetty Hutter. Für ſo ſchwach auch der immaterielle Beſtandtheil ihres Weſens galt, war er doch kräftig genug, ihre Augen um Mitternacht zu öffnen. Um dieſe Stunde wachte ſie auf, verließ ihr Lager, aus Zweigen und einer Haut beſtehend, ſchritt arglos und offen zu der Glut des Feuers, und fachte dieſe ein wenig an, da die Kühle der Nacht und der Waͤlder, in Verbindung mit einem über die Maßen kunſtlofen Bett, ſie ein wenig frieren gemacht hatte. Als die Flamme auf⸗ loderte, beleuchtete ſie das braune Geſicht des wachehaltenden Hu⸗ ronen, deſſen dunkle Augen bei dieſem Licht blitzten wie die Augen des Panthers, der mit Feuerbränden zu ſeiner Höhle verfolgt wird. Aber Hetty fühlte keine Furcht, und ſie näherte ſich dem Platz, wo der Indianer ſtand. Ihre Bewegungen waren ſo natürlich, und ſo gänzlich frei von der verſtohlenen Art der Liſt oder Täu⸗ ſchung, daß er dachte, ſie ſey nur aufgeſtanden wegen der Kälte der Nacht, ein in einem Bivouak nicht ſeltenes Vorkommniß, und ein ſolches, das vielleicht unter allen am wenigſten Verdacht zu erregen geeignet iſt. Hetty ſprach zu ihm, aber er verſtand kein en; per ber ob⸗ uf⸗ ob⸗ rübt alls dige dieß auch doch dieſe einer ters, der lofen auf⸗ Hu⸗ ugen wird. Platz, rlich, Tãu⸗ Kälte „und ht zu kein a 389 Engliſch, dann ſtarrte ſie beinahe eine Minute den ſchlafenden Ge⸗ fangenen an, und entfernte ſich dann langſam, Trauer und Be⸗ trübniß in ihrem Weſen. Das Maͤdchen nahm ſich nicht die Mühe, ihre Bewegungen zu verhehlen. Alle ſchlauen Auskunftsmittel dieſer Art gingen gänzlich über ihr Vermögen; doch war ihr Schritt von Natur leicht und kaum hörbar. Wie ſie die Richtung nach der äußerſten Landſpitze, oder nach dem Platz einſchlug, wo ſie bei ihrem erſten Abenteuer gelandet, und wo Hiſt ſich eingeſchifft hatte, ſah die Schildwache ihre leichte Geſtalt allmaͤlig im Dunkel verſchwinden, ohne darüber unruhig zu werden oder ihre Stellung zu ändern. Der Indianer wußte, daß Andere auf Wache ausgeſtellt waren, und glaubte nicht, daß diejenige, die zweimal freiwillig ins Lager gekom⸗ men war, und es ſchon ganz offen verlaſſen hatte, ſich durch die Flucht ihnen werde zu entziehen ſuchen. Kurz, das Thun und Treiben des Mädchens erregte nicht mehr Aufmerkſamkeit, als das irgend einer gei⸗ ſtesſchwachen Perſon in civiliſirten Ländern erregen würde, während man ihrer Perſon mit weit mehr Achtung und Rückſicht begegnete. Hetty hatte freilich keine ſehr deutliche Vorſtellung von den Lokalitäten, aber doch fand ſie den Weg zum Strande, den ſie auf derſelben Seite des Vorſprungs erreichte, wo auch das Lager auf⸗ geſchlagen war. Dem Rand des Waſſers folgend, und die Rich⸗ tung nach Norden einſchlagend, ſtieß ſie bald auf den Indianer, der als Schildwache am Strand auf⸗ und abſchritt. Es war dieß ein junger Krieger, und als er ihren leichten Tritt auf dem Kies⸗ grunde hörte, näherte er ſich raſch, obwohl keineswegs in drohen⸗ der Weiſe. Die Finſterniß war ſo dicht, daß es nicht leicht war, innerhalb der Schatten des Waldes auf eine Entfernung von zwanzig Fuß Geſtalten zu entdecken, und beinahe unmöglich, Per⸗ ſonen zu unterſcheiden, als bis man ſie beinahe greifen konnte. Der junge Hurone ließ einigen Verdruß blicken, als er merkte, Wem er begegnete, denn die Wahrheit zu geſtehen, erwartete er ſeine Auserkorene, welche ihm verſprochen, die Langeweile einer Wache um Mitternacht durch ihre Anweſenheit ihm zu verſüßen. Auch dieſer Mann verſtand kein Engliſch, aber er fand gar nichts Befremdendes daran, daß das Mädchen zu dieſer Stunde auf den Beinen war. Solche Dinge kamen in einem indianiſchen Dorf und Lager, wo der Schlaf ſo unregelmäßig iſt wie die Mahlzeit, ganz gewöhnlich vor. Dann kam der armen Hetty ihre bekannte Geiſtesſchwäche auch bei dieſer Gelegenheit, wie in den meiſten Dingen gegenüber den Wilden, ſehr zu Statten. Verdrießlich über die Taͤuſchung ſeiner Erwartung, und unmuthig über die Er⸗ ſcheinung eines unbequemen Beſuchs, wie er dachte, winkte der junge Krieger dem Mädchen weiter zu gehen in der Richtung des Strandes. Hetty gehorchte; aber im Weitergehen ſprach ſie laut Engliſch in ihrem gewöhnlichen, weichen Ton, den die Stille der Nacht auf einige Entfernung vernehmbar machte. „Wenn Ihr mich für ein Huronenmädchen nahmet, Krieger,“ ſagte ſie,„ſo wundert es mich nicht, daß Ihr ſo unzufrieden ſeyd. Ich bin Hetty Hutter, Thomas Hutter's Tochter, und bin noch nie Nachts mit einem Mann zuſammengetroffen, denn Mutter ſagte immer, das ſey unrecht, und ſittſame Mädchen dürften es nie thun — ſittſame Mädchen von den Bleichgeſichtern, meine ich; denn die Bräuche ſind verſchieden in verſchiedenen Theilen der Welt, das weiß ich. Nein, nein; ich bin Hetty Hutter, und möchte ſelbſt Hurry Harry nicht begegnen, ſollte er auch auf die Kniee nieder⸗ fallen und mich darum bitten! Mutter ſagte, es ſey unrecht.“ Während Hetty ſo ſprach, hatte ſie den Platz erreicht, wo die Canoes gelandet hatten, und vermöge der Krümmung des Landes und der Gebüſche dem Auge der Schildwache ſogar am hellen Tage verborgen geblieben wären. Aber ein andrer Fuß⸗ tritt hatte das Ohr des Liebhabers erreicht, und er befand ſich ſchon außer dem Bereich der Silberſtimme des Mädchens. Noch immer ſprach Hetty fort, ganz ihren Gedanken und Wünſchen —+½ ,————, S 2 ‿—— 7☛ 391 nachhängend, aber bei ihrer ſo leiſen Stimme konnten die Töne nicht weit in den Wald hineindringen. Uebers Waſſer hin verbreiteten ſte ſich weiter. „Da bin ich, Judith,“ fuhr ſie fort,„und Niemand iſt in meiner Nähe. Der Hurone auf der Wache iſt ſeinem Liebchen ent⸗ gegengegangen, einem indianiſchen Mädchen, das du kennſt, und das nie eine chriſtliche Mutter gehabt, die ihr hätte ſagen kön⸗ nen, wie unrecht es iſt, bei Nacht ſich mit einem Manne zu treffen—“ Hetty's Reden ward unterbrochen durch ein„Bſcht!“ das vom Waſſer her kam, und dann wurde ſie, wiewohl undeutlich, des Canoes anſichtig, welches ſich geräuſchlos näherte, und bald mit ſeinem Bug auf den Kieſeln auffuhr. Sobald Hetty's Laſt in das leichte Fahrzeug aufgenommen war, entfernte ſich das Canoe wieder, das Hintertheil voran, wie wenn es Leben und Willen hätte, bis es hundert Schritte vom Ufer entfernt war. Dann wandte es ſich, und indem es einen weiten Bogen beſchrieb, eben⸗ ſoſehr um die Fahrt zu verlängern, als um außer Gehörweite zu kommen, nahm es ſeinen Lauf der Arche zu. Einige Minuten lang ward Nichts geſprochen, dann aber begann Judith, welche ſich in einer günſtigen Lage zu befinden glaubte, um mit ihrer Schweſter ſich zu beſprechen, und— das Canoe mit einer Geſchick⸗ lichkeit handhabend, die der eines Mannes Wenig nachgab, allein im Hintertheil ſaß, ein Geſpräch, welches anzufangen ſie vor Be⸗ gierde brannte, ſeit ſie die Landſpitze verlaſſen hatten. „Hier ſind wir ſicher, Hetty,“ ſagte ſie,„und können plaudern, ohne Furcht belauſcht zu werden. Du mußt aber leiſe ſprechen, denn übers Waſſer hört man in einer ſtillen Nacht die Töne weit hin. Ich war einen Theil der Zeit über, während welcher Du am Lande wareſt, dem Ausläufer ſo nahe, daß ich die Stimmen der Krieger hörte, und ich hörte Deine Schuhe auf dem Kies des Strandes, noch ehe Du ſpracheſt.“ 392 „Die Huronen, Judith, wiſſen, glaube ich, nicht, daß ich ſie verlaſſen habe.“ „Wahrſcheinlich nicht, denn ein Liebhaber gibt eine ſchlechte Schildwache ab, wenn er nicht etwa auf ſein Liebchen wartet oder ſie bewacht! Aber ſag' mir, Hetty, haſt Du Wildtödter geſehen und geſprochen?“ „Oh! ja— er ſaß am Feuer, mit gebundnen Füßen, aber die Arme hatte man ihm freigelaſſen, daß er ſie bewegen konnte, wie er wollte.“ „Gut; was hat er Dir geſagt, Kind? Sprich ſchnell; ich ſterbe vor Verlangen, zu wiſſen, welche Botſchaft er mir ſendet.“ „Was er mir geſagt hat? ha, was denkſt Du, Judith! er hat mir geſagt, er könne nicht leſen! Bedenke nur, ein weißer Mann und nicht einmal ſeine Bibel leſen können! Er hat wohl nie eine Mutter gehabt, Schweſter!“ „Laß das ruhen, Hetty. Nicht alle Menſchen können leſen; obgleich unſre Mutter ſo Viel wußte, und uns ſo Viel lehrte, verſteht doch Vater ſehr Wenig von Büchern, und kann kaum nur die Bibel leſen, wie Du weißt.“ „Oh, ich dachte auch nie, daß die Väter gut leſen könnten, aber die Mütter ſollten alle leſen, denn wie können ſie es ſonſt ihre Kinder lehren? Glaube mir, Judith, Wildtödter kann nie eine Mutter gehabt haben, ſonſt würde er auch leſen können.“ „Haſt Du ihm geſagt, ich habe Dich an's Land geſchickt, Hetty, und daß ich ſo bekümmert ſey um ſein Unglück?“ fragte die Andere ungeduldig. „Ich glaube ſo, Judith; aber Du weißt, ich bin ſchwachſinnig und kann es vergeſſen haben. Ich habe ihm geſagt, Du habeſt mich ans Land geführt. Und er trug mir Vieles auf, was ich Dir ſagen ſollte, deſſen ich mich wohl erinnere, denn das Blut erſtarrte mir, wie ich ihm zuhörte. Er trug mir auf zu ſagen, ſeine Freunde— ich denke, zu denen gehörſt Du auch, Schweſter?“ * —„„— —— O—„—,· 393 „Wie kannſt Du mich ſo martern, Hetty! gewiß gehöre ich zu den treueſten Freunden, die er auf der Welt hat!“ „Dich martern, ja, jetzt beſinne ich mich wieder auf Alles! Ich bin froh, daß Du das Wort gebrauchteſt, Judith, denn es ruft mir wieder Alles in die Seele zurück. Nun er ſagte, er könnte wohl von den Wilden gemartert verden, aber er wolle ver⸗ ſuchen, es zu ertragen, wie es einem chriſtlichen, weißen Manne gezieme, und es dürfe Niemand in Forcht ſeyn— warum ſagt denn Wildtödter: in Forcht, während uns doch Mutter immer ſagen lehrte: in Furcht?“ „Laß das, liebe Hetty, laß doch jetzt das,“ rief die Andere, beinahe außer Stand zu athmen.„Hat Wildtödter Dir wirklich geſagt, er glaube, die Wilden würden ihn martern? Beſinne Dich recht, Hetty, denn das iſt eine höchſt ernſte und entſetzliche Sache.“ „Ja, das hat er; und es fällt mir darüber ein, daß Du ſagteſt, ich martere Dich. Oh! es ward mir ſehr leid und bange um ihn, und Wildtodter nahm Alles ſo ruhig und ſo geräuſchlos! Wildtödter iſt nicht ſo ſchön wie Hurry Harry, Judith, aber er iſt ruhiger.“ „Er iſt ſo viel werth, als eine Million Hurrys! ja, er iſt ſo viel werth als alle die jungen Männer, die je an den See kamen, zuſammengenommen,“ ſagte Judith mit einer Lebhaftigkeit und Beſtimmtheit, welche ihre Schweſter ſtaunen machte.„Er iſt wahr! es iſt keine Lüge in Wildtödter's Mund und Seele. Du, Hetty, weißt vielleicht nicht, welches Verdienſt an einem Manne die Wahrheit iſt, aber wenn Du einmal— nein, ich hoffe Du wirſt es nie erfahren. Warum ſollte ein Geſchöpf, wie Du, je die harte Schule des Haſſes und Mißtrauens durchmachen?“ Judith beugte, ſo dunkel es war, und ſo wenig ſie von irgend einem Auge außer dem der Allmacht geſehen werden konnte, ihr Haupt herunter zwiſchen ihre Hände und ſtöhnte tief auf. Dieſer plötzliche Paroxismus von Affekt dauerte jedoch nur einen Augenblick, 394 und ſie fuhr dann ruhiger fort, immer noch freimüthig zu ihrer Schweſter ſprechend, in deren Verſtand und Verſchwiegenheit in Allem, was ſie betraf, ſie nicht das mindeſte Mißtrauen ſetzte. Ihre Stimme war aber jetzt leiſe und hohl, während ſie zuvor klar und lebhaft geweſen war. „Es iſt eine harte Sache, die Wahrheit fürchten zu müſſen, Hetty,“ ſagte ſie;„und doch fürchte ich Wildtödter's Wahrhaſtigkeit mehr als irgend einen Feind. Man kann nicht markten mit ſolcher Wahrhaftigkeit— ſolcher Redlichkeit— ſolcher hartnäckigen Geradheit! Aber ſind wir nicht gänzlich ungleich, Schweſter— Wildtödter und ich? Iſt er nicht in Allem mir überlegen?“ Es war etwas Ungewöhnliches bei Judith, ſich ſo weit her⸗ unterzugeben, daß ſie an Hetty's Einſicht und Urtheil ſich fragend wandte. Auch redete ſie ſie nicht oft mit dem Namen Schweſtler an,— eine Auszeichnung, die gewöhnlich die Jüngere der Aelteren erweist, ſelbſt da wo in allen andern Beziehungen Gleichheit der Perſonen ſtattfindet. Wie geringfügige Abweichungen vom gewohnten Ton oft ſtärker auffallen, als wichtigere Veränderungen, bemerkte auch Hetty dieſe Umſtände, und wunderte ſich darüber in ihrer einfachen Weiſe. Ihr Ehrgeiz war ein wenig aufgeſtachelt; und ihre Antwort war eben ſo wenig dem gewöhnlichen Lauf der Dinge entſprechend, als die Frage; denn das arme Mädchen ſuchte ſich über ihr Ver⸗ mögen fein und klug vernehmen zu laſſen. „Ueberlegen, Judith?—“ wiederholte ſie mit Stolz.„In was kann Wildtödter Dir überlegen ſeyn? Biſt Du nicht der Mutter Kind— und kann er leſen— und that es nicht Mutter darin allen Frauen in dieſer Gegend der Welt zuvor? Ich ſollte meinen, weit entfernt, daß er Dir überlegen wäre, dürfte er ſich kaum mir überlegen glauben. Du biſt hübſch und er iſt häßlich—“ „Nein, nicht häßlich, Hetty,“ unterbrach ſie Judith.„Nur unanſehnlich. Aber ſein ehrliches Geſicht hat einen Ausdruck, der 395 weit beſſer iſt, als Schönheit. In meinen Augen iſt Wildtödter hübſcher als Harry Hurry.“ „Judith Hutter! Du erſchreckſt mich. Hurry iſt der hübſcheſte Sterbliche auf der Welt— hübſcher ſogar als Du ſelbſt; weil, wie Du weißt, das gute Ausſehen eines Mannes immer beſſer iſt, als das gute Ausſehen eines Weibes.“ Dieſer kleine unſchuldige Zug von natürlichem Geſchmack geſiel der ältern Schweſter im Augenblick nicht, und ſie ſtand nicht an, dieß zu erkennen zu geben. „Hetty, Du ſprichſt jetzt thöricht, und ſagteſt lieber Nichts mehr über dieſen Gegenſtand,“ verſetzte ſie.„Hurry iſt weit nicht der ſchönſte Sterbliche auf der Welt; und es ſind Officiere in den Garniſonen—“ bei dieſen Worten ſtammelte Judith—„es ſind Officiere in den Garniſonen in unſrer Nähe weit hübſcher als er. Aber warum glaubſt Du, daß ich Wildtödtern gleich ſey— davon ſprich, denn ich höre es nicht gern, wenn Du ſolche große Bewun⸗ derung an den Tag legſt für einen Mann wie Hurry Harry, der weder Gefühl, noch Benehmen, noch ein Gewiſſen hat. Du biſt zu gut für ihn, und das ſollte man ihm geradeheraus ſagen!“ „Ich, Judith, wie Du Alles vergißt! Ha, ich bin ja nicht ſchön, und ſchwachſinnig!“ „Du biſt gut, Hetty, und das iſt mehr, als ſich von Henry March ſagen läßt. Er mag ein Geſicht, und einen tüchtigen Körper haben, aber er hat kein Herz. Doch genug hievon für jetzt. Sage mir, was mich Wilddtodtern gleich ſtellt.“ „Daß Dir einfällt, mich das zu fragen, Judith! Er kann nicht leſen und Du kannſt es. Er weiß nicht, ſchön zu reden, ſondern ſpricht ſchlechter, ſogar als Hurry; denn, Schweſter, Harry ſpricht ſeine Worte nicht immer richtig aus. Haſt Du das auch ſchon bemerkt!“ „Ganz gewiß; er iſt ſo roh im Sprechen, wie in Allem ſonſt. Aber ich fürchte, Du ſchmeichelſt mir, Hetty, wenn Du meinſt, ich könne mit Recht Wildtödtern gleich geſtellt werden. Es iſt wahr, ich habe mehr gelernt; bin in Einem Sinne hübſcher; und vielleicht dürfte ich nach Höherem trachten— aber dann ſeine Wahrhaftigkeit— ſeine Wahrhaftigkeit— die macht einen fürch⸗ terlichen Unterſchied zwiſchen uns! Nun, ich will hievon nicht weiker ſprechen; und wir wollen auf Mittel denken, ihn aus den Händen der Huronen zu befreien. Wir haben Vaters Schrank in der Arche, Hetty, und könnten es mit der Lockſpeiſe weiterer Ele⸗ phanten verſuchen; aber ich fürchte, ſolche Spielſachen werden nicht die Freiheit eines Mannes wie Wildtoͤdter erkaufen. Ich fürchte Vater und Hurry werden nicht ſo bereitwillig ſeyn, Wild⸗ tödter auszulöſen, als er es war, ſie auszuloͤſen!“ „Warum nicht, Judith? Hurry und Wildtödter ſind Freunde und Freunde ſollten immer einander beiſtehen?“ „Ach, arme Hetty, Du kennſt die Menſchen wenig! Anſchei⸗ nende Freunde ſind oft mehr zu fürchten, als offene Feinde, zumal von Frauen. Aber Du ſollſt am Morgen noch einmal an's Land, und verſuchen, was für Wildtödter geſchehen kann. Gemartert ſoll er nicht werden, ſo lange Judith Hutter lebt, und Mittel finden kann, es zu verhindern.“ Das Geſpräch kam jetzt auf allerlei Punkte und ſpann ſich fort, bis die ältere Schweſter von der jüngern alle Umſtände herausge⸗ zogen hatte, welche zu behalten und mitzutheilen dieſer ihre ſchwachen Geiſteskräfte geſtatteten. Als Judith befriedigt war— obgleich man eigentlich nicht ſagen kann, daß ſie befriedigt worden, da ihre Gefühle ſo mit Allem verwoben waren, was ſich auf den Gegen⸗ ſtand bezog, daß eine faſt nicht zu ſtillende Neugier in ihr rege geworden war— alſo, als Iudith keine Fragen mehr zu erſinnen wußte, ohne ſich nur zu wiederholen, ward das Canoe zu der Arche hingerudert. Die dichte Finſterniß der Nacht, und die tiefen Schatten, welche die Hügel und Wälder auf das Waſſer warfen, machten es ſchwer, das Fahrzeug zu finden, da es ſo nahe an der. 397 Küſte vor Anker lag, als nur irgend die Rückſicht auf Sicherheit räthlich machte. Judith war erfahren in der Handhabung eines Rindencanoes, deſſen Leichtigkeit mehr Geſchicklichkeit als Kraft erheiſchte; und ſie trieb ihr kleines Fahrzeug raſch über das Waſſer hin, ſobald ſie ihre Unterredung mit Hetty beendigt und den Ent⸗ ſchluß zurückzukehren, gefaßt hatte. Aber noch immer war keine Arche zu ſehen. Einige Male glaubten die Schweſtern, ſie zu erblicken, hervorragend in der Finſterniß, wie ein niedrer, ſchwarzer Fels; aber jedesmal fand ſich, daß es entweder eine optiſche Täuſchung, oder ein Auswuchs von Laubwerk an der Küſte ge⸗ weſen war. Nach einem halbſtündigen Suchen drängte ſich den Mädchen die unwillkommne Ueberzeugung auf, daß die Arche ſich entfernt habe. Die meiſten Mädchen hätten wohl die peinliche Verlegenheit ihrer Lage im phyſiſchen Sinne unter den Umſtänden, in welchen ſich die verlaſſenen Schweſtern befanden, eher empfunden, als irgend ſonſtige Beſorgniſſe. Bei Judith verhielt ſich dieß nicht ſo; und ſelbſt Hetty empfand mehr Unruhe wegen der Beweggründe, die ihren Vater und Hurry möochten geleitet haben, als Beſorgniſſe wegen ihrer Sicherheit. „Es kann doch nicht ſeyn, Hetty,“ ſagte Judith, als die genaueſte Nachſuchung Beide überzeugt hatte, daß keine Arche zu finden war;„es kann doch nicht ſeyn, daß Indianer auf Flößen oder gar ohne ſolche herangeſchwommen ſind, und unſre Freunde im Schlaf überraſcht haben?“ „Ich glaube nicht, daß Hiſt und Chingachgook ſchlafen würden, ehe ſie einander Alles geſagt, was ſie ſich nach einer ſo langen Trennung zu ſagen hatten— glaubſt Du es, Schweſter?“ „Vielleicht nicht, Kind. Vielerlei konnte ſte wach halten, aber Ein Indianer mochte überraſcht werden, ſelbſt wenn er nicht ſchlief, zumal da ſeine Gedanken bei andern Dingen verweilt haben mögen. Doch aber ſollten wir ein Geräuſch hören; denn in einer Nacht, wie dieſe, hätte ein Fluch Harry Hurry's an den öſtlichen Bergen wiederhallen müſſen, wie ein Donnerſchlag.“ „Hurry iſt ſündhaft und rückſichtslos in ſeinen Worten,“ ver⸗ ſetzte Hetty leiſe und bekümmert. „Nein— nein; es iſt unmöglich, daß die Arche ſollte ge⸗ nommen worden ſeyn, ohne daß ich ein Geräuſch gehört hätte. Es iſt nicht eine Stunde, ſeit ich ſie verließ, und die ganze Zeit über lauſchte ich auf das kleinſte Geräuſch. Und doch kann man nicht leicht glauben, daß ein Vater abſichtlich ſeine Kinder preis⸗ geben würde!“ „Vielleicht hat Vater uns in unſerem Gemache ſchlafend ge⸗ glaubt, und hat zurück nach Hauſe geſteuert, Du weißt, daß wir oft bei Nacht mit der Arche Bewegungen machen.“ „Das iſt wahr, Hetty, und es muß ſo ſeyn, wie Du denkſt. Es iſt etwas mehr Südwind, als zuvor, und ſie ſind den See hinauf gefahren—“ Judith ſtockte; denn als das letzte Wort ihrer Zunge ent⸗ ſchwebte, ward die Scene plötzlich, obwohl nur für einen Augenblick, durch ein aufflammendes Licht erhellt. Das Krachen einer Büchſe folgte darauf, und dann das Rollen des Echos die öſtlichen Berge entlang. Beinahe in demſelben Augenblick ſtieg ein durchdringender weiblicher Schrei in langem Kreiſchen in die Lüfte empor. Die entſetzliche Stille, die darauf folgte, war wo möglich noch gräßlicher, als die plötzliche, wilde Unterbrechung des tiefen, mitternächtlichen Schweigens. Judith, ſo entſchloſſen ſie von Natur und durch Gewohnheit war, athmete kaum, während die arme Hetty ihr Angeſicht verbarg und zitterte. „Das war eines Weibes Schrei, Hetty!“ ſagte die Erſtere mit feierlichem Ernſt;„und es war ein Schmerzensſchrei! Wenn die Arche ſich von dieſer Stelle bewegt hat, ſo konnte ſie bei die⸗ ſem Wind nur nördlich ſegeln, und der Schuß und der Schrei kamen von der Landſpitze. Sollte Hiſt Etwas zugeſtoßen ſeyn?“ 399 „Laß uns hin und ſehen, Judith; ſie bedarf vielleicht unſers Beiſtandes— denn außer ihr ſind nur Männer auf der Arche.“ Es war kein Augenblick zum Zaudern, und ehe Judith aufge⸗ hört zu ſprechen, war ſchon ihr Ruder im Waſſer. Die Entfernung von der Landſpitze, in gerader Linie, war nicht groß, und die Ge⸗ müthsbewegungen, welche die Mädchen trieben, waren zu aufregend, als daß ſie ihnen geſtattet hätten, die koſtbaren Augenblicke mit nutzloſen Vorſichtsmaßregeln zu vergenden. Sie ruderten ohne große Vorſicht vorwärts, aber dieſelbe Aufregung hinderte auch Andre, ihre Bewegungen zu beobachten. Bald gewahrte das Auge Judith's einen Lichtſchimmer durch eine Lücke in den Gebüſchen, und darauf zuſteuernd, lenkte ſie das Canoe ſo, daß ſie denſelben im Geſicht behielt, während ſie dem Lande ſich ſo weit näherte, als nothwendig und klug war. 1 Die Scene, die ſich jetzt den Blicken der Mädchen darbot, war in den Wäldern, auf der Seite des oft erwähnten Abhangs, vom Boot aus vollkommen überſehbar. Alle im Lager waren da ver⸗ ſammelt, und ſechs oder acht trugen Kienholzfackeln, die ein ſtarkes, aber leichenhaftes Licht auf Alles unter den Laubhallen des Waldes warfen. Mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, und auf einer Seite unterſtützt von der jungen Schildwache, deren Nachläſſigkeit Hetty hatte entkommen laſſen, ſaß das Mädchen, deſſen erwarteter Beſuch die Schuld ſeines Dienſtfehlers trug. Bei dem grellen Lichte der Fackel, die man ihr gegen das Geſicht hielt, erkannte man deutlich, daß ſie mit dem Tode rang, während das von ihrer nackten Bruſt herabträufelnde Blut die Beſchaffenheit des Unfalls, der ſie betroffen, verrieth. Auch der ſcharfe, eigenthümliche Geruch von Schießpulver war noch in der ſchweren, feuchten Nachtluft wahrzunehmen. Es konnte kein Zweifel ſeyn, daß ſie erſchoſſen war. Judith verſtand Alles auf Einen Blick. Der Lichtblitz hatte auf dem Waſſer gezuckt in kleiner Entfernung von der Landſpitze, und entweder war die Büchſe aus einem Canoe, das die Küſte umkreiste, oder von der Arche aus im Vorbeifahren abgefeuert worden. Ein unvorſichtiger Ausruf, ein Lachen, mochte den Angriff veranlaßt haben, denn es war kaum möglich, daß dem Schützen beim Zielen etwas Anderes zu Hülfe gekommen, als ein Laut. Die Wirkung war noch viel augenſcheinlicher, denn der Kopf des Opfers hing herunter, und der Leib ſchlotterte in der Auflöſung des Todes. Dann wurden alle Fackeln bis auf eine gelöſcht— eine Klugheitsmaßregel; und der traurige Zug, der den Leichnam ins Lager trug, konnte eben kaum noch unterſchieden werden bei dem noch übrigen dämmernden Lichte. Judith ſeufzte tief auf und ſchauderte, als ſie ihr Ruder wieder eintauchte, und das Canoe umfuhr vorſichtig die Landſpitze. Ein Anblick hatte ſich ihren Sinnen dargeboten und ſchwebte jetzt vor ihrer Einbildungskraft, der noch härter zu ertragen war, als ſelbſt der frühe Tod und der vorübergehende Todeskampf des ver⸗ ſchiedenen Mädchens. Sie hatte bei dem grellen Licht aller der Fackeln die aufgerichtete Geſtalt Wildtödter's erblickt, der, Mitleid und wie ihr vorkam, Schaam in ſeinem Angeſicht ſich ausſprechend, neben der Sterbenden ſtand. Er ſelbſt verrieth weder Furcht noch Kleinmüthigkeit, aber aus den Blicken, welche die Krieger auf ihn warfen, ſah man deutlich, daß in ihrer Bruſt heftige Leidenſchaften kämpften. Alles dieß ſchien von dem Gefangenen nicht beachtet zu werden; aber Judith's Gedächtniß blieb es die ganze Nacht hindurch ſchauerlich eingeprägt. Man traf kein Canoe, das um die Landſpitze herumſtreifte. Eine Stille und Dunkelheit, ſo vollſtändig, als wäre das Schweigen des Waldes nie geſtört worden, oder hätte die Sonne nie dieſe entlegene Scene beſchienen, herrſchte jetzt auf der Landſpitze und dem düſtern Waſſer, auf den ſchlummernden Wäldern, und ſelbſt an dem unluſtigen Himmel. Es war daher Nichts weiter zu machen, als einen ſichern Platz zu ſuchen; und der war nur zu finden in der Mitte des See's. Dahin ruderten ſie in aller Stille; man 401 ließ das Canve nöoͤrdlich hintreiben, und die Mädchen ſuchten Raſt und Ruhe, ſo gut ihre Lage und ihre Gefühle ſie ihnen goͤnnen wollten. Neunzehntes Kapitel. Faßt Eure Waffen feſt! beſetzt die Thür! Verloren iſt jetzt Alles, wenn nicht bald Geſchweigt wird dieſe fürchterliche Glocke. Der Officier verfehlte ſeinen Weg, Oder vollzog er ſeinen Auftrag ſalſch, Oder ſtieß ihm ein traurig Hemmniß auf. Anſelmo, brich mit Deiner Schaar ſtracks gegen Den Thurm auf; alle Andern bleiben hier. Marino Faliero. Die Vermuthung der Judith Hutter in Betreff der Art und Weiſe, wie das indianiſche Mädchen ihren Tod gefunden, war in der Hauptſache richtig. Nach einigen Stunden Schlafs waren ihr Vater und March aufgewacht. Dieß geſchah einige Minuten, nach⸗ dem ſie die Arche verlaſſen, um ihre Schweſter aufzuſuchen, als natürlich Chingachgook und ſeine Verlobte ſchon an Bord waren. Von dem Delawaren erfuhr der Alte die Stellung des Lagers und die neueſten Vorfälle, ſowie die Abweſenheit ſeiner Töchter. Dieß letztere machte ihm keine Sorge, denn er verließ ſich ſehr auf die Klugheit der Aelteren, ſowie auf die ungefährdete Sicherheit, mit der, wie man nun ſchon wußte, die Jüngere unter den Wilden ſich umtreiben konnte. Auch hatte lange und vielfache Bekannt⸗ ſchaft mit Gefahren ſeine Empfänglichkeit für Beſorgniſſe abge⸗ ſtumpft. Auch die Gefangenſchaft Wildtödter's ſchien er nicht groß zu bedauern; denn ſo gut er wußte, wie weſentlich ſein Beiſtand bei einer Vertheidigung ſeyn würde, hatte doch die Verſchiedenheit ihrer Anſichten über die für die Wälder geltende Moral wenig Sympathie zwiſchen ihnen beſtehen laſſen. Es hätte ihn ſehr Der Wildtödter. 3. Aufl. 26 erfreut, die Stellung des Flucht war in Allarm ge dungsverſuch allzu gewagt; dieſe Nacht den grauſamen ſchaft und Rachſucht ihn angeſpornt hatten. Lagers zu erfahren, bevor es durch Hiſt's bracht worden, aber jetzt war ein Lan⸗ und mit Widerſtreben entſagte er für Anſchlägen, welche zu hegen Gefangen⸗ In ſolcher Stimmung ſetzte ſich Hutter vorn auf der Fähre hin, wo bald Hurry ſich zu ihm geſellte; Schlange und Hiſt blieben in ruhigem Beſitz von dem andern Ende des Fahrzeugs. „Wildtödter hat ſich als Knabe gezeigt, daß er unter die Wil⸗ den ging zu dieſer Stunde, und ihnen in die Hände ſiel wie ein Wild, das in eine Grube taumelt,“ brummte der Alte, der, wie gewöhnlich, den Splitter in ſeines Nächſten Auge ſah, aber des Balkens in ſeinem eignen Auge nicht gewahr wurde.„Wenn man ihn jetzt ſeine Dummheit mit ſeinem eignen Fleiſch bezahlen läßt, ſo kann er Niemand ſchelten als ſich ſelbſt.“ „Das iſt der Lauf der Welt, alter Tom,“ verſetzte Hurry. „Jeder Menſch muß ſeine Schulden ſelbſt vertreten, und für ſeine Sünden einſtehen. Ich bin jedoch erſtaunt, daß ein ſo gewandter und wachſamer Burſch wie Wildtödter ſich in einer ſolchen Falle hat fangen laſſen können! Wußte er nichts Beſſeres, als um Mitternacht um ein Huronenlager herumzuſchleichen, ohne einen andern Rückzug zu haben, als auf den See? oder glaubte er ein Hirſch zu ſeyn, und durch's in's Waſſer Springen die Witterung abſchneiden und mit Schwimmen ſich aus der Noth retten zu kön⸗ nen? Ich hatte eine beſſere Meinung von des Jungen Einſicht, ich geſteh' es; aber wir müſſen ein wenig Unwiſſenheit bei einem jun⸗ gen Blut überſehen. Ich ſage, Meiſter Hutter, wißt Ihr zufällig, was aus den Mädchen geworden iſt— ich ſehe keine Spur von Judith und von Hetty, obgleich ich in der ganzen Arche herum geweſen und nach allen lebenden Creaturen darin geſehen habe.“ Hutter erklärte in der Kürze die Art und Weiſe, wie ſeine Töchter das Canoe genommen, nach der Erzählung des Delawaren, & l=S=„ 2 „2 æ er lle im ten ein ing ön⸗ cht, un⸗ vas dith eſen ſeine rren, 403 ſowie Judith's Rückkehr, nachdem ſie ihre Schweſter an's Land geſetzt, und ihre zweite Abfahrt von der Arche. „Das kommt von einer glatten Zunge, Floating Tom,“ rief Hurry, in reinem Zorn und Ingrimm mit den Zähnen knirſchend —„das kommt von einer glatten Zunge und von den Neigungen eines einfältigen Mädchens— und Ihr thätet am beſten, bei der Sache wohl zuzuſehen! Ihr und ich, wir waren Beide Gefangene,“— jetzt erinnerte ſich Hurry dieſes Umſtandes ganz gut,—„Ihr und ich, wir waren Beide Gefangene, und da rührte ſich Judith nicht vom Fleck, um uns einen Dienſt zu leiſten! Sie iſt behext von dieſem ſchmächtig ausſehenden Wildtoͤdter; und er und ſie, und Ihr und wir Alle thäten gut, bei der Sache wohl zuzuſehen! Laßt uns verholen, alter Camerad, und dieſer Landſpitze näher rücken, und ſehen, wie die Sachen weiter gehen.“ Hutter hatte gegen dieſe Bewegung Nichts einzuwenden, und die Arche ſetzte ſich auf die gewöhnliche Weiſe in Bewegung, wobei man ſich hütete, ein Geräuſch zu machen. Der Wind war ſtark nördlich, und bald trieb das Segel die Fähre ſo weit den See aufwärts, daß die dunkeln Umriſſe der Bäume, welche die Land⸗ ſpitze bedeckten, dämmernd ſichtbar wurden. Floating Tom ſteuerte, und ſegelte ſo nahe am Land hin, als die Tiefe des Waſſers und die überhangenden Zweige geſtatteten. Es war unmöglich, Etwas zu unterſcheiden, was im Schatten der Küſte lag; aber die Umriſſe des Segels und der Cajüte wurden von der ſchon erwähnten jungen Schildwache am Strand erkannt. Im Augenblick der plötzlichen Ueberraſchung entfuhr ihm ein tiefer indianiſcher Ausruf. In dem Geiſt der Rückſichtsloſigkeit und Wildheit, welcher das Weſen von Hurry's Charakter ausmachte, fällte der Mann ſeine Büchſe und feuerte. Die Kugel ward geführt vom Zufall, oder von jener Alles beherrſchenden Vorſehung, welche über das Geſchick Aller entſchei⸗ det, und das Mädchen ſiel. Dann erfolgte die oben ſchon beſchrie⸗ bene Scene mit den Fackeln. Gerade in dem Augenblick, wo Hurry dieſe That gedankenloſer Grauſamkeit beging, war das Canoe Judith's der Stelle, welche von der Arche ganz kürzlich verlaſſen worden war, bis auf hundert Fuß nahe gekommen. Ihre Fahrt iſt ſchon beſchrieben worden, und es iſt jetzt unſre Obliegenheit, ihren Vater und ſeine Genoſſen auf der ſeinigen zu begleiten. Der kreiſchende Schrei verkündigte die Wirkung von March's auf's Gerathewohl abgefeuertem Schuß, und ließ auch erkennen, daß das Opfer ein Weib war. Hurry ſelbſt war betroffen über dieſe unvorhergeſehene Folge, und einen Augen⸗ blick war er von kämpfenden Empfindungen lebhaft verſtört. Zuerſt lachte er in rückſichtsloſem und rohem Triumph; dann aber ſchoß ihm das Gewiſſen, der von Gott in unſere Bruſt gepflanzte Mahner, der aber ſein allgemeineres Wachsthum durch die der Kindheit ge⸗ widmete Pflege, Zucht und Arbeit erhält, einen Stachel in's Herz. Eine Minute lang war die Seele dieſes Zwittergeſchöpfs der Civi⸗ liſation und Barbarei in ihren Empfindungen eine Art Chaos, — er wußte ſelbſt nicht, was er von ſeiner That denken ſollte— dann traten die Hartnäckigkeit und der Stolz eines Mannes von ſeiner Art hervor, um ihre gewohnte Obermacht zu kehaupten. Er ſtieß den Kolben ſeiner Büchſe auf den Boden des Fahrzeugs mit einer Art herausfordernden Trotzes, und fing an mit erheuchelter Gleichgültigkeit eine Melodie zu pfeifen. Während dem war die Arche immer in Bewegung, ſchon öffnete ſich die Bai oberhalb der Landſpitze, und ſie verließ mithin das Land. Hurry's Genoſſen betrachteten ſeine That nicht mit derſelben Nachſicht, mit der er ſelbſt ſie anzuſehen geneigt war. Hutter ſprach brummend und grollend ſeine Mißbilligung aus; denn die That brachte gar keinen Vortheil, während ſie den Krieg erbitterter als je zu machen drohte; und Niemand tadelt unmotivirte Ab⸗ weichungen von dem, was recht iſt, ſtrenger, als eigennützige und grundſatzloſe Menſchen. Doch beherrſchte er ſich noch, da Wild⸗ tödter's Gefangenſchaft den Arm des Frevlers in dieſem Augenblick für ihn doppelt ſchätzbar und unentbehrlich machte. Chingachgook — S—— 405 ſtand auf, und einen Augenblick ward die alte CErditterung der Stämme vergeſſen über der Sympathie für ſeine Farbe; aber er faßte und beſann ſich noch zeitig genug, um es nicht zu den ſchlim⸗ men Folgen kommen zu laſſen, zu welchen ihn allerdings die raſche Aufwallung eines Augenblicks hinzureißen gedroht hatte. Nicht ſo Hiſt. Das Maͤdchen rannte durch die Hütte, oder die Cajüte, und ſtand neben Hurry, beinahe in dem Augenblick, wo ſeine Büchſe den Boden der Fähre berührte, und mit einer ihrem Herzen Ehre machenden Furchtloſigkeit ſtroͤmte ſie ihre Vorwürfe aus mit der edeln Wärme des Weibes. „Warum Ihr ſchießen?“ ſagte ſie.„Was Huronen⸗Maͤdchen gethan, daß Ihr tödten ſie? Was Ihr denken, daß Manitou ſagen? Was Ihr denken, daß Manitou fühlen? Was Iro⸗ keſen thun? Nicht gewinnen Ehre— nicht Lager— nicht Ge⸗ fangene— nicht Schlacht— nicht Skalpe— gewinnen gar Nichts! Blut kommen aus Blut! Wie Ihr fühlen, wenn Euer Weib ge⸗ tödtet? Wer Euch bemitleiden, wenn Thränen kommen um Mutter oder Schweſter? Ihr dick, wie große Fichte— Huronen⸗Mädchen kleine, zarte Birke— warum Ihr auf ſie fallen und zermalmen? Ihr denken, Huronen es vergeſſen? Nein! Rothhaut nie vergeſſen, nie vergeſſen Freund, nie vergeſſen Feind. Rother Mann Manitou in dieſem. Warum Ihr ſo ruchlos, großes Bleichgeſicht?“ Hurry war nie ſo eingeſchüchtert worden, wie durch dieſen ſtarken und warmen Angriff des indianiſchen Mädchens. Es iſt wahr, ſie hatte einen mächtigen Verbündeten an ſeinem Gewiſſen; und obgleich ſie eifrig ſprach, geſchah es doch in ſo ächt weiblichen Tönen, daß er keinen Vorwand zu unmännlichem Zorn hatte. Die Weichheit ihrer Stimme vermehrte das Gewicht ihrer Vorwürfe, indem ſie letztern ganz die Farbe der Reinheit und Wahrheit lieh. Wie die meiſten gemeindenkenden Menſchen hatte er die Indianer blos durch das Medium ihrer roheren und wilderen Charakterzüge betrachtet. Es war ihm nie eingefallen, daß die Gefühle des Her⸗ zens allgemein menſchlich ſeyen; daß ſelbſt hochſinnige Grundſätze— modiſtzirt durch Gewohnheiten und Vorurtheile, aber darum in ihrem Kreis nicht minder erhaben— im wilden Zuſtande vorhanden ſeyn können; und daß der im Felde mitleidloſeſte Krieger in den Stunden des friedlichen, häuslichen Lebens den ſanfteſten und zar⸗ teſten Einflüſſen und Gefühlen ſich hingeben könne. Mit Einem Wort, ſein Geiſt hatte ſich gewöhnt, alle Indianer als Weſen zu betrachten, nur um einen ſchwachen Grad über den wilden Beſtien ſtehend, die durch die Wälder ſtreifen, und war geneigt, ſie dem gemäß zu behandeln, ſobald Vortheil oder Laune einen Antrieb oder einen Reiz dazu gaben. Dennoch konnte man von dem wohlge⸗ ſtalten Barbaren, ſo ſehr er von dieſen Vorwürfen eingeſchüchtert war, nicht eigentlich ſagen, daß er reuig geweſen. Er war aber von ſeinem Gewiſſen zu ſehr beſchämt, um ſich einen Ausbruch von Zorn zu geſtatten; und vielleicht fühlte er, daß er ſchon eine That begangen, die mit Recht ſeine Mannhaftigkeit in Zweifel ſtellen dürfte. Statt den einfachen, aber natürlichen Ausfall Hiſt's gegen ihn zu ahnden oder zu beantworten, entfernte er ſich nur wie Einer, der es unter ſeiner Würde achtet, Hader mit einem Weibe anzufangen. Mittlerweile fuhr die Arche weiter, und bis zu der Zeit, wo die Scene mit den Fackeln unter den Bäumen vor ſich ging, hatte ſie den offenen See erreicht; denn Floating Tom lenkte ſie weiter vom Lande weg mit einer Art inſtinktmäßiger Furcht vor Wieder⸗ vergeltung. Eine Stunde verſtrich jetzt in düſtrem Schweigen, das Niemand zu brechen geneigt ſchien. Hiſt hatte ſich auf ihr Polſter zurückgezogen und Chingachgook lag ſchlafend im Vordertheil des Fahrzeugs. Hutter und Hurry allein blieben wach, der Erſtere am Steuerruder, während der Letztere über ſeiner Handlungsweiſe brütete mit der Verſtocktheit eines Menſchen, der wenig geneigt iſt zur Anerkennung ſeiner Fehler, und doch mit dem heimlichen Nagen des Wurms, der nicht ſtirbt. Dieß war in dem Augen⸗ blick, wo Judith und Hetty die Mitte des See's erreichten, und ——r—,——„„* in den den ar⸗ nem zu tien dem der [ge⸗ tert aber von hat llen egen wie eibe wo jatte eiter der⸗ das lſter des eſtere veiſe t iſt ichen gen⸗ und 407 ſich niedergelegt hatten, um zu verſuchen, in ihrem dahintreibenden Canoe zu ſchlafen. Die Nacht, obwohl ſo ſehr verfinſtert durch Wolken, war ruhig. Es war nicht die Jahrszeit der Stürme, und die im Monat Junius auf dieſem eingebetteten Waſſer vorkamen, waren, wenn auch oft heftig, immer von kurzer Dauer. Doch war auch jetzt der gewöhnliche Zug ſchwerer, feuchter Nachtluft, die, über die Gipfel der Bäume hinſtreichend, ſich kaum bis zu der Fläche des ſpiegelglatten See's herabzuſenken ſchien, ſondern in einigem Abſtand darüber hin ſchwebte— geſättigt von der Feuchtigkeit, die immer aus den Wäldern aufſtieg, und dem Anſchein nach nie weit dieſelbe Richtung verfolgend. Die Luftſtrömungen ſtanden, wie natürlich, unter dem Einfluß der Hügelformationen, ein Umſtand, der ſelbſt friſche Lüftchen unzuverläſſig machte, und die ſchwächern Regungen der Nachtluft nur als eine Art launenhafter und unbeſtändiger Seufzer der Wälder erſcheinen ließ. Einige Male wies das Vordertheil der Arche nach Oſten, und einmal war es in der That ganz nach Süden gekehrt; im Ganzen aber hielt es die Nichtung nach Norden; denn Hutter benützte eben immer den Wind, wenn man es Wind nennen konnte— wie er war, möglichſt gut, und ſein Hauptbeweggrund ſchien der Wunſch zu ſeyn, die Arche immer in Bewegung zu er⸗ halten, um alle verrätheriſchen Anſchläge ſeiner Feinde zu vereiteln. Jetzt empfand er einige kleine Sorge um ſeine Töchter, und vielleicht ebenſo ſehr um das Canoe; im Ganzen aber ſtörte ihn dieſe Un⸗ gewißheit nicht viel, da er das ſchon erwähnte Vertrauen zu Indith's Einſicht und Klugheit beſaß. Es war die Jahrszeit der kürzeſten Nächte, und es währte nicht lange, bis das tiefe Dunkel, welches dem Tag vorangeht, dem wiederkehrenden Lichte zu weichen begann. Wenn eine Scene auf Erden ſich den Sinnen des Menſchen darſtellen kann, die geeignet iſt, ſeine Leidenſchaften zu ſtillen und ſeine Wildheit und Trotz zu befänftigen, ſo war es die, welche vor Hurry's und Hutter's Blicken aufging, als mit den vorrückenden Stunden die Nacht zum Morgen ſich verwandelte. Es waren die gewöͤhnlichen, weichen Tinten des Himmels, an dem weder die Dunkelheit der Nacht noch der Glanz der Sonne herrſcht, und bei welchen die Gegenſtände weniger irdiſch, wir möchten ſagen heiliger erſcheinen, als je ſonſt während der vierundzwanzig Stunden des Tages. Die ſchöne und wohl⸗ thuende Ruhe der Abendzeit iſt von tauſend Dichtern ſchon geprieſen worden, und noch führt ſie nicht die weitreichenden und erhabenen Gedanken mit ſich, wie die halbe Stunde, welche dem Aufgehen einer Sommerſonne vorangeht. Dort entzieht ſich das Panorama allmälig dem Blicke, während hier die Gegenſtände aus dem ſich entrollenden Gemälde hervorbrechen, zuerſt dämmernd und nebelhaft, dann ſcharf gezeichnet auf feſtlichem Hintergrunde, dann wird es geſchaut in dem Zauber des an Helle zu nehmenden Zwielichts— etwas vom abnehmenden ſo Verſchiedenes, als ſich nur denken läßt!— und endlich ganz weich, klar und licht, ſo wie die Strahlen des großen Lichtmittelpunkts ſich in der Atmoſphäre ausbreiten. Auch die Hymnen der Vögel finden kein Gegenſtück in dem Heim⸗ gang zur Stange und zum Schlaf, oder im Flug nach dem Neſt; und dieſe begleiten unabänderlich den Anbruch des Tages, bis die Erſcheinung der Sonne ſelbſt „Badet in Wonne See und Land.“ Alles dieß jedoch ſahen Hutter und Hurry an, ohne etwas von jenem friedevollen Entzücken zu empünden, welches dieß Schauſpiel doch gewöhnlich gewährt, wenn die Gedanken gut und recht, die Beſtrebungen des Gemüthes rein ſind. Sie waren nicht blos Zeugen davon, ſondern ſie waren Zeugen davon unter Umſtänden, welche das Großartige und den zauberiſchen Reiz des Schauſpiels noch zu erhöhen geeignet waren. Nur ein einzelner Gegenſtand wurde ſichtbar bei dem zurückkehrenden Licht, der ſeine Form und ſeinen Gebrauch von menſchlichem Geſchmack oder Beſtreben erhalten hatte, die freilich eine Landſchaft ebenſo oft entſtellen als verſchönern. 409 Dieß war das Caſtell; alles Uebrige war Werk der Natur und friſch aus der Hand Gottes gekommen. Dieſe ſeltſame Behauſung ſtimmte auch mit den Naturgegenſtänden der Anſicht zuſammen, da ſie aus der Dunkelheit hervorbrach— ſeltſam, maleriſch, und wie eine zweckmäßige Zierde. Dennoch war dieß Alles verloren für dieſe Zuſchauer, welche kein Gefühl für Poeſte, die den Sinn natürlicher Frömmigkeit in einem Leben voll engherziger und ver⸗ härteter Selbſtſucht verloren, und wenig andre Sympathie mit der Natur hatten, als diejenige, welche ihren Grund hatte in ihren niedrigſten Bedürfniſſen. Sobald das Licht kräftig genug war, um einen genauern Ueber⸗ blick des See's und insbeſondere ſeiner Küſten zu geſtatten, lenkte Hutter das Vordertheil der Arche gerade auf das Caſtell zu, mit der erklärten Abſicht, für dieſen Tag wenigſtens davon Beſitz zu nehmen, als von dem günſtigſten Platze, ſeine Töchter zu erwarten und ſeine Operationen gegen die Indianer in's Werk zu ſetzen. Mittlerweile hatte ſich Chingachgook erhoben, und Hiſt hörte man in den Küchengeräthen wühlen. Der Platz, nach dem ſie ſteuerten, war nur eine Meile entfernt, und der Wind war günſtig genug, ſo daß ſie ſich ihm mittelſt des Segels nähern konnten. In dieſem Augenblick, um alle Anzeichen günſtig erſcheinen zu laſſen, ſah man auch Judith's Canoe in nöͤrdlicher Richtung auf dem breiteſten Theile des See's ſchwimmen, das, nur der Macht der Elemente folgend, wirklich in der Dunkelheit an der Arche vorüber geſchwom⸗ men war. Hutter nahm ſein Fernglas und ſchaute lang und eifrig durch daſſelbe, um ſich zu überzeugen, ob ſeine Töchter in dem leichten Fahrzeug ſeyen oder nicht, und ein leiſer Ausruf— wie vor Freude— entfuhr ihm, als er Etwas über dem Rand des Canoes erblickte, was er mit Recht für ein Stüͤck von Judith's Kleidung nahm. Eine Minute ſpäter ſah man im andern Ende des Canoes Hetty auf ihren Knieen, die Gebete herſagend, die ſie in ihrer Jugend von einer irregeleiteten aber bereuenden Mutter war 410 gelehrt worden. Als Hutter das Glas weglegte, noch zum Blick in die Ferne ausgezogen, ſetzte es Schlange ans Auge und richtete es auf das Canoe. Es war das erſte Mal, daß er ſich eines ſolchen Inſtruments bediente, und Hiſt errieth aus ſeinem ‚Hugh!“, dem Ausdruck ſeines Geſichts und ſeiner ganzen Geberdung, daß etwas Seltſames ſeine Bewunderung erregt haben müſſe. Es iſt bekannt, daß die amerikaniſchen Indianer, und ganz beſonders die von höherem Stand und Charakter in auffallender Weiſe ihre Selbſtbeherrſchung und ſtoiſche Faſſung mitten in der Fluth von Wundern behaupten, die ſich ihnen bei ihren gelegentlichen Beſuchen an den Sitzen der Civiliſation aufdrängen, und Chingachgook hatte genug von dieſer Unempfindlichkeit eingeſogen, um jede, ſeiner Würde nicht gemäße Aeußerung ſeiner Ueberraſchung zu unterdrücken. Hiſt indeſſen war von keinem ſolchen Geſetze gebunden, und als ihr Ge⸗ liebter ihr das auf das Canoe gerichtete Glas vorhielt, und ſie das Auge an das engere Ende brachte, fuhr das Mädchen beſtürzt zurück; dann klatſchte ſie vor Freuden in die Hände, und ein Ge⸗ lächter, der gewöhnliche Ausdruck unbeherrſchter Verwunderung, folgte. Wenige Minuten waren für dieß ſchnellbegreifende Mädchen genug, um das Inſtrument ſelbſt handhaben zu lernen, und ſie richtete es auf jeden hervorragenden Gegenſtand, der ihr gerade aufftel. Nachdem ſie in einem Fenſter einen Punkt zum Auflegen gefunden, überſchauten ſie und der Delaware zuerſt den See, dann die Küſten, die Hügel, und endlich zog das Caſtell ihre Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich. Nachdem ſte dieß lang und ſtet betrachtet, zog Hiſt ihr Auge zurück und ſprach leiſe und ernſt mit ihrem Geliebten. Augenblicklich ſetzte Chingachgvok das Glas an ſein Auge, und ſchaute noch länger und eifriger ſogar als ſeine Verlobte durch daſſelbe. Wieder beſprachen ſie ſich heimlich und ſchienen ihre Meinungen zu vergleichen, worauf das Glas beiſeite gelegt ward und der junge Krieger die Cajüte verließ, um Hutter und Hurry aufzuſuchen. Die Arche ruͤckte langſam, aber ſtetig vorwärts, und das Caſtell 411 war in der That nur eine halbe Meile noch entfernt, als Chin⸗ gachgvof zu den beiden Männern auf dem Hintertheil des Fahrzeugs! trat. Sein Benehmen war ruhig, aber die Andern, mit den Ge⸗ wohnheiten der Indianer vertraut, erkannten doch, daß er Etwas mitzutheilen habe. Hurry war in der Regel ſchnell zu reden, und ſeiner Gewohnheit getreu, ergriff er auch dießmal die Initiative. „Heraus damit, Rothhaut,“ ſchrie er in ſeiner gewohnten, rohen Weiſe.„Habt Ihr eine wilde Katze auf einem Baum ent⸗ deckt, oder ſchwimmt eine Lachsforelle unter dem Boden der Arche? Ihr ſeht jetzt, was ein Bleichgeſicht leiſten kann im Punkte der Augen, Schlange, und müßt Euch nicht wundern, daß ſie das Land der Indianer von Ferne ſehen können.“ „Nicht gut nach dem Caſtell gehen,“ verſetzte Chingachgook mit Nachdruck, ſobald ihn der Erſtere zum Wort kommen ließ. „Huronen dort!“ „Der Teufel auch! Wenn dieß ſich ſo erwieſe, Floating Tom, wären wir im Begriff geweſen, den Kopf in eine artige Falle zu ſtecken. Huronen dort!— nun, das kann ſeyn; aber ich kann keine Spur von etwas Anderem um die alte Hütte herum ſehen, als Blöcke, Waſſer und Rinde— außer zwei oder drei Fenſtern und einer Thüre.“ Hutter verlangte das Glas und betrachtete genau den Platz, ehe er überhaupt eine Anſicht ausſprach; dann gab er etwas von Oben herab ſeine Nichtuͤbereinſtimmung mit der Meinung des In⸗ dianers zu erkennen.. „Ihr habt dieß Glas verkehrt vor's Auge gehalten, Delaware,“ fuhr Hurry fort;„weder der alte Mann, noch ich können eine Spur im See ſehen.“ „Keine Spur— Waſſer behält keine Spur,“ ſagte Hiſt leb⸗ haft.„Haltet ein— nicht zu nahe hinfahren— Huronen dort!“ „Ja, das iſt's! Bleibt nur bei Euerm Mährchen, ſo glauben es immer mehr Leute. Ich hoffe, Schlange, Ihr und Euer Mädchen, Ihr werdet eins werden, dieſelbe Geſchichte noch in Eurer Hei⸗ rath zu erzählen, wie Ihr jetzt thut. Hurone dort!— wo denn ſoll er zu ſehen ſeyn? im Vorlegſchloß, oder den Ketten, oder den Blöcken? Es iſt kein Gefängniß in der Colonie, das beſſer verwahrt und verriegelt ausſieht, als des alten Tom's chientè; und auf Ge⸗ fängniſſe verſtehe ich mich gut aus Erfahrung.“ „Nicht ſehen Moccaſin,“ ſagte Hiſt ungeduldig,„warum nicht hinſchauen und ihn ſehen?“ „Gebt mir das Fernglas, Hurry,“ unterbrach ſie Hutter,„und zieht das Segel ein. Es iſt ſelten, daß ein indianiſches Weib ſich in ſolche Dinge miſcht, und wenn ſie es thut, ſo iſt gewöhnlich Grund dazu vorhanden. Es ſchwimmt wirklich ein Moccaſin um einen der Pfeiler herum, und es iſt vielleicht ein Zeichen, vielleicht aber auch nicht, daß das Caſtell während unſrer Abweſenheit Be⸗ ſuch bekommen hat. Moccaſins ſind jedoch keine Seltenheiten, denn ich ſelbſt trage ſie, und Wildtödter auch, und Ihr tragt welche, March; und ſogar auch Hetty ebenſo oft als Schuhe; nur Judith habe ich ihren hübſchen Fuß noch nie in einen Moccaſin zwängen ſehen.“ Hurry hatte das Segel eingezogen, und inzwiſchen hatte ſich die Arche auf zweihundert Schritte dem Caſtell genähert, und mit jedem Augenblick kam ſie ihm näher, doch ſo langſam, daß dieß keine Beſorgniß erregen konnte. Alle nahmen jetzt der Reihe nach das Fernglas, und das Caſtell und Alles in ſeiner Nähe ward einer noch genauern Prüfung als zuvor unterworfen. Da. war allerdings zweifelsohne der Moccaſin, ſo leicht ſchwimmend, und in ſeiner Form bleibend, daß er kaum naß wurde. Er war an einem Stück der rauhen Rinde von einem der Pfeiler außen an den Waſſerpalliſaden, welche das ſchon erwähnte Dock bildeten, hängen geblieben; und dieſer Umſtand allein verhinderte, daß ihn nicht der Wind weiter trieb. Auf mancherlei Arten jedoch ließ ſich das Daſeyn des Moccaſins erklären, ohne daß man annahm, es habe ihn ein Feind fallen laſſen. Er konnte von der dpH See o, o„) 413 i⸗ Plattform heruntergefallen ſeyn, ſo lange noch Hutter im Beſitz des n Hauſes geweſen, dann an den Platz, wo man ihn jetzt ſah, ge⸗ n ſchwommen, und unbemerkt geblieben ſeyn, bis das ſcharfe Auge t 1 Hiſt's ihn entdeckte. Er konnte weiterher, den See herauf oder 5 herab geſchwommen, zufällig an dem Pfeiler oder der Palliſade hän⸗ gen geblieben ſeyn. Er konnte aus einem Fenſter geworfen worden, t und gerade an dieſem Orte ſitzen geblieben ſeyn; oder er war auch 5 einem Kundſchafter oder einem Angreifer während der vorigen Nacht entfallen, der ihn bei der dichten Finſterniß, die da herrſchte, hatte dem See preisgeben müſſen. Alle dieſe Vermuthungen theilte Hutter Hurry mit; und er ſchien geneigt, die Sache als ein unheilbedeutendes Omen anzu⸗ ſehen, während der Letztere ſie mit ſeiner gewohnten, gleichgültigen Verachtung behandelte. Der Indianer dagegen war der Meinung, der Moccaſin ſollte ſo angeſehen werden, wie man eine Spur in den Wäldern anſehen würde, die ebenſo gut eine Gefahr drohen . könnte, als nicht. Hiſt aber hatte einen erſprießlichen Vorſchlag zu machen. Sie erklärte ſich bereit, ein Canoe zu nehmen, zu den Palliſaden hinzurudern, und den Moccaſin zu holen, worauf man aus ſeinen Verzierungen ſehen würde, ob er aus den Canadas komme oder nicht. Beide weißen Männer waren geneigt, auf das Anerbieten einzugehen; aber der Delaware trat dazwiſchen und verhinderte das Wageſtück. Wenn ein ſolcher Verſuch gemacht werden ſollte, ſo gezieme es einem Krieger am beſten, ſich der Gefahr auszuſetzen; und er ſprach ſeine Weigerung, ſeiner Ver⸗ lobten dieſen Schritt zu geſtatten, ganz in der ruhigen, aber kurzen Weiſe aus, womit der indianiſche Ehemann ſeine Befehle von ſich gibt. „Gut denn, Delaware, ſo geht Ihr ſelbſt, wenn Ihr ſo zärtlich beſorgt ſeyd um Eure Squaw,“ verſetzte der unceremoniöſe Hurry.„Dieſer Moccaſin muß herbeigeholt werden, oder Floating Tom bleibt hier, außer Schußweite, bis der Herd in ſeiner Cajüte — u+——— —— kalt wird. Es iſt am Ende doch Nichts als eine kleine Wildhaut, und ſo oder ſo geſchnitten, iſt es keine Vogelſcheuche, welche rechte Jäger abſchrecken ſollte, ihr Wild zu verfolgen. Was ſagt Ihr, Schlange, wollt Ihr oder ſoll ich mit dem Canoe ihn holen?“ „Laßt rothen Mann gehen. Beſſere Augen als Bleichgeſicht — auch Huronenſchliche beſſer kennen.“ „Dem widerſprech' ich bis an meine Todesſtunde! Eines weißen Mannes Augen, und eines weißen Mannes Naſe, ja auch ſein Geſtcht und ſeine Ohren ſind alle beſſer als die eines Indianers, wenn man's recht prüft. Oft⸗ und viel habe ich das erprobt, und was erprobt iſt, iſt gewiß. Doch glaube ich, der ärmlichſte Va⸗ gabund, der auf Füßen ſteht, Delaware oder Hurone, findet wohl den Weg zu jener Hütte und zurück; und ſo, Schlange, gebraucht denn Euer Ruder und willkommen!“ Chingachgook war ſchon im Canoe und tauchte ſeine Ruder⸗ ſchaufel in's Waſſer, eben als Hurry's geſchmeidige Zunge ſchwieg. Wah⸗ta!⸗Wah ſah dem Abgang ihres Kriegers dießmal mit dem unterwürfigen Schweigen eines indianiſchen Mädchens, aber mit den gewöhnlichen Beſorgniſſen und Ahnungen ihres Geſchlechts zu. Während der ganzen vorigen Nacht, und bis zu dem Augenblick, waeſie miteinander in der Cajüte das Fernglas handhabten, hatte Chingachgook ſo viel männliche Zärtlichkeit gegen ſeine Verlobte bewieſen, als nur immer ein Mann vom feinſten Gefühl unter denſelben Verhältniſſe hätte zeigen können; aber jetzt verlor ſich jede Spur von Schwäche und Weichheit, und ſein ganzes Beneh⸗ men zeigte nur trotzige Entſchloſſenheit. Schüchtern ſuchte Hiſt's Auge das ſeinige, als das Canoe von der Arche abſtieß, aber der Stolz des Kriegers geſtattete ihm nicht, ihren zärtlichen und ängſt⸗ lichen Blick zu erwiedern. Das Canoe flog dahin, und kein herüber⸗ geſandter Blick belohnte ihre Bekümmerniß. Der Ernſt und die Sorge des Delawaren waren auch ganz am Platze bei den Ausſichten, unter welchen er zu ſeinem Unternehmen ——„ &ᷣ 0 22——4 8—/ 10 ☛— △ ien 415 ſchritt. Hatte der Feind wirklich von dem Gebäude Beſitz genom⸗ men, ſo mußte er ſich gleichſam unter die Mündungen ihrer Buchſen hin wagen, und das ohne den Schutz aller jener Deckungsmittel, die im indianiſchen Kriege ſo weſentliche Bundesgenoſſen ſind. Man kann ſich kaum einen gefährlicheren Dienſt denken; und wäre Schlange durch die Erfahrung von zehn weitern Jahren gekräftigt, oder wäre ſein Freund, der Wildtödter, da geweſen, ſo wäre der Verſuch unter⸗ blieben, da die Vortheile in keiner Weiſe die Gefahr aufwogen. Aber der Stolz eines indianiſchen Häuptlings war geſpornt durch den Wetteifer der Farbe, und es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß gerade die Gegenwart des Weſens, von welchem auch nur einen Blick anzunehmen, ſeine Ideen von Mannhaftigkeit ihm verwehrten, ſo ſehr er von der Liebe, die ſie ſo wohl verdiente, überfloß, einen nicht geringen Einfluß auf ſeinen Entſchluß übte. Chingachgook ruderte ſtetig auf die Palliſaden zu, und hielt ein wachſames Auge auf die verſchiedenen Oeffnungen und Löcher des Gebäudes. Jeden Augenblick erwartete er die Mündung einer Büchſe herausgeſteckt zu ſehen, oder ihren ſcharfen Knall zu hoͤren; aber er erreichte glücklich und ungefährdet die Pfeiler. Hier war er gewiſſermaßen geſchützt, da er die Spitzen der Palliſaden zwiſchen ſich und der Hütte hatte; und die Gefahren eines Angriffs gegen ſein Leben waren, ſo lang er ſo geſchützt war, ſehr vermindert. Das Canoe hatte die Pfeiler erreicht, ſein Vordertheil nach Norden gerichtet und in geringer Entfernung von dem Moccaſin. Statt zu wenden, um dieſen aufzugreifen, umfuhr der Delaware langſam das ganze Gebäude, und unterſuchte mit gutem Bedacht jeden Gegenſtand, der die Anweſenheit von Feinden oder die Verübung einer Gewaltthätigkeit verrathen konnte. Keine Spur jedoch war zu entdecken, welche den regegewordenen Verdacht hätte bekräftigen können. Die Stille der Verlaſſenheit durchwehte das Haus; kein Riegel war von ſeiner Stelle gerückt; kein Fenſter war zerbrochen. Die Thüre ſah ſo feſt und verſchloſſen aus, wie zu der Stunde, wo Hutter ſie zugeſchloſſen, und ſelbſt das Thor des Docks hatte alle ſeine gewohnten Verrammlungen. Kurz, das ſchärfſte und eiferſüchtigſte Auge hätte kein andres Anzeichen von einem feind⸗ lichen Beſuch entdeckt, als das auf der Erſcheinung des ſchwimmen⸗ den Moccaſins beruhende. 1 Der Delaware befand ſich jetzt in großer Verlegenheit, was weiter beginnen. Einen Augenblick, wie er an die Vorderſeite des Caſtells kam, ſtand er im Begriff, auf die Plattform hinauf zu d ſteigen, und ſein Auge an eines der Göcklöcher zu halten, um ſelbſt r unmittelbar durch eigne Anſchauung vom Stand der Dinge innen v ſich zu überzeugen; aber er beſann ſich doch. Obgleich ſelbſt noch p wenig erfahren in ſolchen Dingen, hatte er doch durch Ueber⸗ 9 lieferungen ſo viel von indianiſchen Tücken gehört, hatte mit ſo k athemloſem Intereſſe den Erzählungen von dem Entkommen der älteren Krieger gelauſcht, kurz, war ſo gut geſchult in der Theorie ſeines Berufes, daß es für ihn beinahe ſo unmöglich war, bei einer w ſolchen Gelegenheit einen groben Verſtoß zu machen, als es für einen Schüler, der einen guten Grund gelegt und der richtig an⸗ di gefangen hat, wäre, in der Löſung ſeiner mathematiſchen Aufgabe zu fehlen. Der Häuptling gab ſomit den augenblicklichen Einfall, F auszuſteigen, auf, und fuhr langſam weiter um die Palliſaden herum. w. Als er ſich dem Moccaſin näherte— er hatte jetzt beinahe das zie ganze Gebäude umfahren— warf er den ominöſen Gegenſtand D durch eine gewandte und beinahe unmerkliche Bewegung ſeiner Ruderſchaufel in's Canoe. Er war jetzt im Begriff, ſich wieder zu An entfernen; aber der Rückzug war ſogar noch gefährlich er als die Hij Annäherung, weil das Auge nicht mehr die Löcher beobachten Arm konnte. Wenn wirklich Jemand im Caſtell war, ſo mußte das Au Motiv des Delawaren bei ſeiner Auskundſchaftung wohl begriffen Abe worden ſeyn, und es war das Klügſte, wie gefährlich es auch Hu immer ſeyn mochte, ſich mit der Miene der Zuverſicht zu entfernen, Fer als wäre jedes Mißtrauen durch die Beſichtigung gehoben. Zu ſeyn 417 dieſem Verfahren entſchloß ſich denn auch der Indianer, der be⸗ dächtlich fortruderte, die Richtung nach der Arche einſchlagend, und durch kein haſtiges, ungeduldiges Zucken der Nerven ſich zu raſcherer Bewegung ſeiner Arme, oder auch nur zu einem verſtohlenen Blick rückwärts verleiten ließ. Keine zärtliche Gattin, aufgewachſen in der Verfeinerung der höchſten Civiliſation, empfing je den Gatten bei der Rückkehr aus dem Feld mit einem innigeren Ausdruck von Empfindung und Rüh⸗ rung, als Hiſt zeigte, da ſie die Große Schlange der Delawaren un⸗ verletzt in die Arche ſteigen ſah. Doch drängte ſie ihre Gemüths⸗ bewegungen noch zurück, obwohl die Freude, die in ihren dunkeln Augen funkelte, und das Lächeln, das ihren hübſchen Mund ver⸗ klärte, eine ihrem Verlobten wohl verſtändliche Sprache redeten. „Nun, Schlange,“ ſchrie Hurry, immer der Erſte zu reden, „was Neues von den Biſamratzen? Haben ſie ihre Zähne ge⸗ wieſen, als Ihr ihren Bau umkreistet?“ „Mir nicht gefallen,“ erwiederte in ſeiner kurzen Art der In⸗ dianer.„Zu ſtill, ſo ſtill! kann Schweigen ſehen!“ Das iſt ächt indianiſch— als ob Etwas weniger Lärm machen könnte, als Nichts! Wenn Ihr keinen beſſern Grund anzugeben wißt als dieſen, thäte der alte Tom am beſten, ſein Segel aufzu⸗ ziehen und hinzufahren, und ſein Frühſtück unter ſeinem eignen Dach einzunehmen. Was iſt aus dem Moccaſin geworden?“ „Hier!“ verſetzte Chingachgook, ſeine Beute zu allgemeiner Anſichtnahme emporhaltend. Der Moccafin ward unterſucht, und Hiſt ſprach ihn zuverſichtlich für den eines Huronen an, wegen der Art, wie die Stachelſchweinsſtacheln vorn daran geordnet waren. Auch Hutter und der Delaware waren entſchieden derſelben Anſicht. Aber all' dieß zugegeben, folgte nicht nothwendig, daß darum Huronen im Caſtell ſeyn mußten. Der Moccaſin konnte aus der Ferne hergetrieben, oder dem Fuß eines Kundſchafters entfallen ſeyn, der den Platz wieder verlaſſen, nachdem er ſeine Sendung Der Wildtödter. 3. Aufl. 27 418 ausgerichtet. Kurz, er erklärte Nichts, während er ſo viel Be⸗ ſorgniß erweckte. Unter ſolchen Umſtänden waren Hutter und Hurry nicht die Männer, die ſich durch ſo ſchwache Anzeichen wie der Moccaſin lange von ihrem Vorhaben abſchrecken ließen. Sie zogen wieder das Segel auf und bald war die Arche wieder in Bewegung auf das Caſtell zu. Der Wind, oder Luſtzug, dauerte gelinde fort, und die Bewegung war langſam genug, um eine genaue Beſichti⸗ gung des Gebäudes während der Annäherung der Fähre zu ge⸗ ſtatten. Dieſelbe todtenähnliche Stille herrſchte, und es war ſchwer ſich zu denken, daß ein lebendiges Weſen in dem Gebäude oder ſeiner Umgebung ſeyn ſollte. Unähnlich dem Delawaren, deſſen Einbildungskraft, von ſeinen Traditionen erfüllt, ſo lange gear⸗ beitet hatte, bis er geneigt war, in einer natürlichen Stille eine durch Abſicht und Willen entſtandene zu finden, ſahen die Andern gar nichts Beſorgnißerregendes in einem Schweigen, das in der That nur den regungsloſen Zuſtand lebloſer Gegenſtände bezeich⸗ nete. Auch ſonſt war bei der Scene alles Uebrige eher beruhigend und friedlich, als das Gegentheil. Der Tag war noch nicht ſo weit vorgerückt, daß die Sonne ſchon über dem Horizont geſtanden wäre, ſondern der Himmel, die Atmoſphäre, die Wälder und der See erſchienen ſämmtlich in jenem gedämpften Licht, das ihrem Aufgang unmittelbar vorangeht, und was vielleicht der bezauberndſte Augenblick von den vierundzwanzig Stunden des Tages iſt. Es iſt der Augenblick, wo alle Gegenſtände klar ſind; ſelbſt die Atmo⸗ ſphäre ſcheint eine flüſſtge Durchſichtigkeit zu gewinnen, die Farben erſcheinen gedämpft und blaß, mit den Umriſſen der Gegenſtände verſchwimmend, und die Perſpektive gerade wie ſittliche Wahrheiten, die ſich in ihrer Einfachheit, ohne den buhleriſchen Beiſtand von Schimmer und Zierrathen darſtellen. Mit einem Wort, es iſt der Augenblick, wo die Sinne ihre Kräfte an den einfachſten und wahrſten Formen wieder zu gewinnen ſcheinen, ähnlich dem Geiſt, G—/——„ —,0 419. der aus dem Dunkel von Zweifeln zur Ruhe und zum Frieden ſicherer Ueberzeugung ſich emporarbeitet. Das Meiſte von der Wirkung, die eine ſolche Seene auf Gemüther hervorbringen kann, die moraliſch geſund genannt werden können, war bei Hutter und Hurry verloren; die beiden Delawaren aber, obwohl zu ſehr daran gewöhnt, Zeugen von der Lieblichkeit der frühen Morgenzeit zu ſeyn, als daß ſie hätten erſt lange ihre Gefühle zergliedern mögen, waren ganz empfänglich für die Schönheiten dieſer Stunde, obwohl vermuthlich in einer ihnen ſelbſt unbewußten Weiſe. Der junge Krieger fühlte ſich dadurch friedlich geſtimmt; und nie hatte er weniger Verlangen nach dem Ruhm des Kampfes empfunden, als wie er zu Hiſt in die Cajüte trat, in dem Augenblick, wo die Fähre an der Plattform anlegte. Aus der Süßigkeit ſolcher zarten Rührungen ward er jedoch aufgeſcheucht durch eine rauhe Auffor⸗ derung Hurry's, der ihn anrief, vor zu kommen, und beim Ein⸗ ziehen des Segels und der Befeſtigung der Arche behülflich zu ſeyn. Chingachgook gehorchte; und bis er das Vordertheil der Fähre erreicht hatte, war Hurry auf der Plattform, ſtampfte mit den Füßen, zum Ausdruck ſeiner Freude, wieder die lerra firma, wie man es vergleichungsweiſe nennen konnte, zu berühren, und that ſeine Verachtung des ganzen Stammes der Huronen in ſeiner ge⸗ wohnten, lärmenden und kecken Weiſe kund. Hutter hatte ein Canoe an die Spitze der Fähre herangezogen, und war ſchon im Begriff, die Verrammlungen des Thores zu entfernen, um zum Dock hinein zu gelangen. March hatte kein andres Motiv dabei, daß er auf die Plattform geſprungen, als unverſtändige Prahlerei, und nachdem er an der Thüre gerüttelt, in einer Art, die ihre Feſtigkeit auf die Probe ſetzte, ſprang er zu Hutter in das Canoe und half ihm das Thor öffnen. Der Leſer wird ſich erinnern, daß dieſe Art hineinzukommen, nothwendig geworden war durch die Weiſe, wie der Eigenthümer dieſer ſeltſamen Reſidenz ſte gewöhnlich ſchloß, wenn ſie leer blieb, zumal in Zeiten, wo man Gefahr beſorgte. Hutter hatte, als er in das Canoe trat, dem Delawaren ein Tau in die Hand gegeben, mit der Weiſung, daß er die Arche an der Plattform befeſtigen und das Segel niederlaſſen ſolle. Statt aber dieſen Weiſungen zu folgen, ließ Chingachgook das Segel oben, und indem er das ſchlaffe Ende des Taus über einen Pfeiler herwarf, ließ er die Arche in der Runde weiter treiben, bis ſte den Befeſtigungswerken gegenüber in einer Poſition lag, daß man nur mittelſt eines Bootes in ſie gelangen konnte, oder wenn man auf den Spitzen der Palliſaden hinlief, was aber ein Beginnen war, das einige Geſchicklichkeit der Füße erheiſchte, und ſich im Angeſicht eines entſchloſſenen Feindes nicht wohl ausführen ließ. In Folge dieſer Veränderung der Lage der Fähre, welche ausgeführt wurde, ehe Huttern gelungen war, das Thor ſeines Docks zu öffnen, lagen die Arche und das Caſtell mit in einander verwickelten Nocken der Raa, nach der Seeſprache, mittelſt der Pfeiler zehn oder zwoͤlf Fuß aus einander gehalten. Da die Fähre gegen die letztern ſich herandrängte, bildeten ihre Giebel eine Art von Bruſtwehr, etwa Manneshöhe, und deckten gewiſſermaßen die Theile der Fähre, die durch die Cajüte nicht geſchützt waren. Der Dela⸗ ware betrachtete dieſe Vorkehrungen mit großer Zufriedenheit, und als Hutter's Canoe durch das Thor in das Dock einfuhr, dachte er: er könnte ſeine Stellung eine ziemliche Zeit gegen jede Beſatzung im Caſtell vertheidigen, hätte er nur den Arm ſeines Freundes Wildtöodter zum Beiſtand. Doch auch ſo fühlte er ſich vergleichungs⸗ weiſe ſicher, und empfand nicht mehr die lebhaften Beſorgniſſe, die er noch ganz kürzlich um Hiſt's willen gefühlt hatte. Ein einziger Stoß brachte das Canoe vom Thor bis zu der Falle unter dem Caſtell. Hier fand Hutter Alles feſt, weder Schloß, noch Kette, noch Riegel war verrückt worden. Der Schlüſſel ward hervorgeholt, die Schlöſſer abgenommen, die Kette aufge⸗ ſchloſſen, und die Falle aufgeſtoßen. Jetzt ſchob Hurry ſeinen Kopf durch die Oeffnung hinein; die Arme folgten und die koloſſalen du du 421 Beine ſtiegen ohne ſichtbare Mühe hinauf. Im nächſten Augenblick höͤrte man ſeinen ſchweren Fuß im Gang oben ſtampfen, der die Gemächer von Vater und Töchtern trennte, und in welchen die Falle ſich öffnete. Dann ſtieß er einen Triumphſchrei aus. „Kommt herauf, alter Tom!“ rief der unbekümmerte Wald⸗ mann aus dem Innern des Gebäudes heraus;„da iſt Euer Hãus⸗ chen wohlbehalten und geſund; ja, und ſo leer, wie eine Nuß, die eine halbe Stunde in den Pfoten eines Eichhorns zugebracht hat! Der Delaware prahlt, er könne das Schweigen ſehenz laßt ihn herkommen, dann mag er es obenein auch greifen.“ „Schweigen und Stille, wo Ihr ſeyd, Hurry Harry!“ ver⸗ ſetzte Hutter, den Kopf in das Loch ſteckend, während er das letzte Wort ſagte, wodurch ſogleich ſeine Stimme den außen Befindlichen ganz gedämpft tönte.—„Schweigen, wo Ihr ſeyd, müßte man wohl ſehen und greifen können, denn es iſt jedem andern Schwei⸗ gen unähnlich.“ „Kommt, kommt, alter Kamerad; zieht Euch herauf, dann wollen wir Thüren und Fenſter öffnen, und die friſche Luft herein laſſen, die Sachen hell zu machen. Wenige Worte in unruhigen Zeiten machen die Leute zu den beſten Freunden. Eure Tochter Judith iſt, was ich nenne, ein Mädchen von ſchlechter Aufführung, und das Band, das mich an die ganze Familie bindet, iſt durch ihr neueſtes Betragen ſo gelockert worden, daß es keine Rede brauchte ſo lang, als die zehn Gebote, um mich zu veranlaſſen, mich nach dem Fluß zu begeben, und Euch und Eure Fallen, Eure Arche und Eure Kinder, Eure Knechte und Eure Mägde, Eure Ochſen und Eure Eſel zu verlaſſen, daß Ihr den Kampf mit den IJrokeſen allein ausfechten könntet. Oeffnet dieß Fenſter, Floating Tom, und ich will durchſtolpern und daſſelbe an der Thüre vorn thun.“ Ein Augenblick des Schweigens trat ein, und ein Getöſe, wie durch den Fall eines ſchweren Körpers vekurſacht, folgte. Ein dumpfer Fluch von Hurry ward vernommen, und dann ſchien das ganze Innere des Gebäudes lebendig geworden zu ſeyn. Das Getöͤſe, der Lärmen, die jetzt ſo plötzlich, und wir dürfen hinzu⸗ ſetzen, ſo unerwartet ſelbſt für den Delawaren die Stille drinnen ablösten, konnten nicht mißdeutet werden. Es waren Töne etwa wie ſie durch einen Kampf zwiſchen Tigern in einem Käfig würden verurſacht werden. Ein Paar Male ward der gellende Ruf der Indianer ausgeſtoßen, aber er ſchien gedämpft, wie wenn er aus erſchöpften und zuſammengepreßten Kehlen dränge; und Einmal erſcholl ein dumpfer, und dann wieder ein empörend gräßlicher Fluch aus Hurry's Kehle. Es war, als würden menſchliche Körper fortwährend gewaltſam an den Boden geſchmettert, die ſich ebenſo oft wieder erhoben, den Kampf von Neuem zu beginnen. Chin⸗ gachgook war in peinlicher Verlegenheit, was er thun ſolle. Er hatte in der Arche alle Waffen, da Hutter und Hurry ſich an's Werk gemacht hatten, ohne ihre Büchſen mitzunehmen; aber es war keine Möglichkeit, ſich ihrer zu bedienen, oder ſie in die Hände ihrer Herren zu bringen. Die Kämpfenden waren im buchſtäblichen Sinne wie in Käfigen eingeſperrt, und es war unter den obwal⸗ tenden Umſtänden beinahe eben ſo unmöglich, aus dem Gebäude heraus, als hinein zu kommen. Dann war auch Hiſt da, die ſeine Bewegungen hemmte und ſeine Kräfte lähmte. Um ſich dieſes Nachtheils zu entledigen, hieß er das Mädchen das noch übrige Canoe nehmen und zu Hutter's Töchtern rudern, die ſich unvor⸗ ſichtig, aber mit gutem Bedacht naͤherten, um ſich ſelbſt zu retten und die Andern vor der Gefahr, die ſie liefen, zu warnen. Aber das Mädchen weigerte ſich entſchieden und feſt, zu gehorchen. In dieſem Augenblick hätte keine menſchliche Macht, hätte nur An⸗ wendung von überlegener phyſiſcher Gewalt ſie vermocht, die Arche zu verlaſſen. Die Dringlichkeit des Augenblicks geſtattete kein Zögern, und der Delaware, der keine Möglichkeit vor ſich ſah, ſeinen Freunden zu dienen, ſchnitt das Tau ab, und ſchob mit einem gewaltigen Stoß die Fähre etwa zwanzig Fuß weit von den Das nzu⸗ inen twa den der aus mal cher per enſo jin⸗ Er in's es nde hen al⸗ ude ine ſes ige or⸗ ten ber In ln⸗ che ein ah, nit den 423 Pfeilern weg. Hier ergriff er die breiten Ruder und es gelang ihm, eine kleine Entfernung unter dem Winde zu gewinnen, wenn bei einem ſo leichten Luftzug irgend eine Richtung ſo bezeichnet werden konnte, aber weder die Zeit noch ſeine Geſchicklichkeit im Rudern machten es möoͤglich, daß dieſe Entfernung groß wurde. Als er zu rudern aufhörte, mochte die Arche etwa hundert Schritte von der Plattform entfernt ſeyn, und etwa um die Hälfte dieſer Entfernung weiter ſüdlich, da das Segel eingezogen worden war. Judith und Hetty hatten jetzt entdeckt, daß Etwas nicht richtig war, und hatten tauſend Fuß weiter nördlich Halt gemacht. Dieſe ganze Zeit über währte der wüthende Kampf im Hauſe fort. Bei ſolchen Auftritten häufen ſich die Ereigniſſe in kürzerer Zeit, als die Erzählung erheiſcht. Von dem Augenblick an, wo man den erſten Fall im Hauſe gehört hatte, bis zu dem, wo der Delaware ſeine mühſeligen Verſuche im Rudern aufgab, mochten drei bis vier Minuten verfloſſen ſeyn, aber offenbar war binnen dieſer Zeit die Kraft der Kämpfenden ſchwächer geworden. Man hörte nicht mehr Hurry's Flüche und Verwünſchungen, und ſelbſt die Kämpfe hatten Etwas an ihrer Gewaltſamkeit und Wuth ver⸗ loren; dennoch währten ſie mit unbezwinglicher Hartnäckigkeit fort. In dieſem Augenblick flog die Thüre auf, und der Kampf ward auf die Plattform, in das Licht und in die freie Luft verſetzt. Ein Hurone hatte die Riegel der Thüre aufgebrochen, und drei oder vier ſeines Stammes ſtürzten ihm nach auf den engen Raum, als wären ſie froh, einer furchtbaren Scene drinnen a entfliehen. Der Leib eines Andern folgte, der Länge nach durch die Thüre mit entſetzlicher Gewalt hingeſchleudert. Dann erſchien March, wüthend und tobend wie ein gehetzter Löwe, und für einen Augenblick ſeiner zahlreichen Feinde entledigt. Hutter war ſchon gefangen und gebunden. Es war jetzt eine Pauſe im Kampfe, ähnlich einem ruhigen Augenblick während eines Gewitters. Das Bedürfniß aufzuathmen, war für Alle eine gleiche Nothwendigkeit, 424 und die Kämpfer ſtanden da, einander beobachtend, wie Köter, die man aus einander getrieben hat, und die nur eine günſtige Ge⸗ legenheit abwarten, um ihren Kampf zu erneuen. Wir wollen dieſe Pauſe benützen, um die Art und Weiſe zu erzählen, wie die Indianer von dem Caſtell Beſitz ergriffen hatten; und wir thun dieß um ſo lieber, als es wohl auch nothwendig iſt, dem Leſer zu erklären, warum ein ſo erbitterter Kampf in ſolch engem Raume doch zugleich verhältnißmäßig ſo unblutig ſeyn konnte. 3 Rivenoak und ſein Begleiter, beſonders der Letztere, der von untergeordnetem Rang und einzig mit dem Floß beſchäftigt erſchie⸗ nen war, hatten bei ihren Beſuchen im Caſtell die genaueſten Beobachtungen angeſtellt; ſelbſt der Knabe hatte ſchätzbare und ins Einzelne gehende Aufſchlüſſe mitgebracht. Auf dieſem Wege hatten die Huronen im Allgemeinen eine Vorſtellung bekommen von der Art, wie das Gebäude conſtruirt und befeſtigt war, ſo wie Kenntniſſe von Einzelnheiten, die ſie in Stand ſetzten, im Dunkel mit zweckmäßiger Einſicht zu handeln. Trotz der Sorgfalt, mit welcher Hutter die Arche auf der öſtlichen Seite des Gebäudes angelegt hatte, als er die Habſeligkeiten von dieſem in jene brachte, war er dennoch beobachtet worden, ſo daß jene Vorſicht ganz nutzlos ward. Kundſchafter waren auf der Oſt⸗ wie auf der Weſt⸗ Küſte des See's ausgeſtellt geweſen, und das ganze Beginnen be⸗ merkt worden. Sobald es dunkel war, näherten ſich Flöße, dem oben beſchriebenen ähnlich, von beiden Küſten her, um zu recog⸗ nosciren, und die Arche war an einem auf fünfzig Schritte vor⸗ beigefahren, ohne daß man es entdeckt hatte; die Männer darauf lagen der Länge nach auf den Baumſtämmen, ſo daß ſie und ihr langſam ſich bewegendes Fahrzeug für das Auge ganz mit dem Waſſer ſich vermiſchten. Als dieſe beiden Rotten von Abenteurern dem Caſtell ſich näherten, ſtießen ſie zuſammen, und nachdem ſie ſich ihre beiderſeitigen Beobachtungen mitgetheilt, näherten ſie ſich ohne weiteres Zögern dem Gebäude. Wie ſie erwarteten, fand 425 man es leer. Die Flöße wurden ſogleich an die Küſte nach Ver⸗ ſtärkungen geſchickt, und zwei von den Wilden blieben, um die Vortheile ihrer Lage zu benützen. Dieſen Männern gelang es, aufs Dach zu kommen, und durch Wegſchaffung eines Theils der Rinde in die Dachſtube, wenn man ſo will, zu gelangen. Hier trafen ſie ihre Genoſſen. Beide öffneten jetzt ein Loch durch die behauenen Stämme des obern Bodens, durch das nicht weniger als acht der athletiſchſten Indianer in das untere Gemach ſich hinabließen. Hier blieben ſie, wohl verſehen mit Waffen und Mundvorrath, um entweder eine Belagerung auszuhalten, oder einen Ausfall zu machen, wie es die Gelegenheit mit ſich brächte. Die Nacht brachten ſie ſchlafend zu, wie die Indianer bei ihren gefährlichſten Unternehmungen zu thun pflegen. Der wiederkehrende Tag zeigte ihnen die Annäherung der Arche durch die Scharten— der einzige Weg auf dem Licht und Luft eindrangen, da die Fen⸗ ſter ſehr wirkſam mit roh gearbeiteten aber genau paſſenden Planken verſchloſſen waren. Sobald es gewiß war, daß die zwei weißen Männer im Begriff ſtanden, durch die Fallthüre hereinzukommen, traf der die Bewegungen der Huronen leitende Häuptling dem⸗ gemäß ſeine Maßregeln. Er entfernte alle Waffen ſeiner Leute, ſelbſt die Meſſer, weil er dem rohen Ungeſtüm der Wilden, durch perſönliche Unbilden gereizt, nicht traute, und verbarg ſie an Orten, wo man ſie nur bei einigem Nachſuchen finden konnte. Stricke von Baſt wurden dann in Bereitſchaft geſetzt, und Alle, ihre Poſten in den drei verſchiedenen Gemächern einnehmend, er⸗ warteten das Signal, über ihre zu hoffenden Gefangenen herzu⸗ fallen. Sobald die Truppe in dem Gebäude war, ſtellten Männer draußen die Rinde auf dem Dache wieder her, beſeitigten ſorg⸗ fältig alle Anzeichen und Spuren ihres Beſuchs, und fuhren dann wieder nach der Küſte ab. Einer von dieſen hatte ſeinen Moccaſin fallen laſſen, den er in der Dunkelheit nicht wieder finden konnte. Wäre der Tod des Maädchens bekannt geweſen, ſo hätte wahrſcheinlich Nichts Hutter und Hurry das Leben retten können; aber dieß Ereigniß trat erſt ein, nachdem der Hinterhalt gelegt war, und in einer Entfernung von einigen Meilen von dem, dem Caſtell nahe gelegenen Lager. Dieß waren die Mittel und Liſten, die man angewendet, um den Stand der Dinge herbeizuführen, den wir jetzt weiter zu beſchreiben haben. Zwanzigſtes Kapitel. „Ich that, was thun kann Menſchenhand, Und Alles half nicht mehr; Leb wohl, mein Lieb! mein Heimathland! Denn ich muß über’s Meer; Mein Lieb, Denn ich muß über's Meer.“ Schottiſche Ballade. Im letzten Kapitel verließen wir die Kämpfenden, wie ſie in ihrem engen Kampfplatz Athem ſchöpften. Gewohnt an die derben Spiele des Ringens und Schwingens, wie ſte damals in Amerika und zumal an den Grenzen ſo gewöhnlich waren, beſaß Hurry, neben ſeiner unge⸗ heuern Stärke einen Vortheil, der den Kampf minder ungleich machte, als er ſonſt erſcheinen mochte. Dieß allein hatte ihn in Stand geſetzt, ſo lang allein gegen ſo viele Feinde auszuhalten; denn der Indianer iſt keineswegs ausgezeichnet durch Stärke oder Gewandtheit in athletiſchen Uebungen. Bis jetzt war noch Niemand ernſtlich beſchädigt, obwohl Einige von den Wilden ſchwere Fälle gethan hatten; namentlich derjenige, der der Länge nach auf die Plattform geſchleudert worden, war, kann man wohl ſagen, für den Augenblick kampfuntüchtig geworden. Einige der Uebrigen hinkten; und March ſelbſt war nicht ohne alle Beulen durchgekommen, obgleich Erſchö⸗ pfung des Athems der Hauptverluſt war, den beide Parteien wieder herzuſtellen wünſchten. 427 Unter Umſtänden wie die, worin die Parteien ſich befanden, konnte ein Waffenſtillſtand, welche Urſache er nun haben mochte, nicht wohl von langer Dauer ſeyn. Der Kampfplatz war zu enge, und die Beſorgniß vor Verrätherei zu groß, um dieß zu geſtatten. Was man bei ſeiner Lage gar nicht hätte erwarten ſollen, war Harry der Erſte, der die Feindſeligkeiten wieder eröffnete. Ob er dieß aus Politik that, oder in dem Gedanken, er könnte durch einen plötzlichen und unvermutheten Angriff irgend einen Vortheil gewinnen, oder ob es die Folge der Aufregung und ſeines nie ruhenden Haſſes gegen die Indianer geweſen, iſt unmöglich zu ſagen. Sein Angriff indeſſen war wüthend, und zuerſt trieb er Alle vor ſich her. Er packte den nächſten Huronen um den Leib, hob ihn ganz von der Plattform empor, und ſchleuderte ihn in's Waſſer, als wäre er nur ein Kind. In einer halben Minute lagen noch Zwei neben ihm, von welchen Einer eine ſchwere Verletzung davontrug, weil er auf den ihm eben vorangegangenen Genoſſen fiel. Nur vier Feinde blieben noch übrig, und in einem Handgemenge, wo man ſich keiner andren Waffen bediente, als der von der Natur ſelbſt gegebenen, glaubte ſich Hurry ganz Mannes genug, mit dieſer Zahl von Rothhäuten es aufzunehmen. „Hurrah! Alter Tom!“ brüllte er;„die Schurken machen ſich in den See und ich will ſie bald Alle ſchwimmen ſehen!“ Wie er dieſe Worte geſprochen, ſchleuderte ein heftiger Stoß in's Geſicht den verletzten Indianer, der den Rand der Plattform gefaßt hatte, und ſich hinaufzuſchwingen verſuchte, rettungs⸗ und hoffnungslos inis Waſſer. Als der Kampf vorüber war, ſah man ſeinen dunkeln Leichnam durch das durchſichtige Element des Glimmerglaſes mit ausgeſtreckten Armen der Länge nach auf dem Grund der Sandbank liegen, worauf das Caſtell ſtand, in den Sand und das Seegras die Hände einwühlend, als ob durch dieß verzweiflungsvolle An⸗ klammern im Tod das Leben zurückgehalten werden ſollten Ein Streich, einem Andern in die Magenhöhle verſetzt, rollte ihn auf, wie einen getretenen Wurm; und nur noch zwei tüchtige Feinde blieben zu bekämpfen übrig. Einer von dieſen jedoch war nicht nur der Größte und Stärkſte unter den Huronen, ſondern auch der Erfahrenſte unter den anweſenden Kriegern, und derjenige, deſſen Sehnen in Kämpfen und durch Märſche auf dem Kriegspfad am meiſten geſtählt waren. Dieſer Mann hatte die rieſenhafte Stärke ſeines Gegners wohl gewürdigt, und hatte ſeine Kraft ſorgſam geſpart. Er war auch auf's beſte gerüſtet für einen ſolchen Kampf, denn er ſtand da nur in Beinkleidern, das Modell einer ſchönen, nackten Statue der Gewandtheit und Stärke. Ihn zu packen erforderte außerordentliche Behendigkeit und ungewöhnliche Stärke, dennoch bedachte ſich Hurry nicht, und ſobald er jenen Stoß verſetzt, der in der That einem Mitmenſchen das Leben koſtete, band er auch mit dieſem furchtbaren Feind an, und ſuchte auch ihn in's Waſſer zu drängen. Der nun folgende Kampf war in der That gräßlich. So wild wurde er im Augenblick, und ſo raſch und wechſelnd waren die Bewegungen der Athleten, daß dem noch übrigen Wilden, hätte er auch den Wunſch gehabt, keine Möglichkeit blieb, ſich einzumiſchen, ſondern er von Staunen und Furcht wie gefeſſelt daſtand. Er war ein unerfahrner Jüngling und das Blut gerann ihm, als er Zeuge ward von dem häßlichen Kampf menſchlicher Leidenſchaften, der ſich dazu noch in unge⸗ wohnter Geſtalt darſtellte. Hurry verſuchte zuerſt ſeinen Gegner zu werfen. In dieſer Abſicht packte er ihn an der Kehle und einem Arm, und ſuchte ihm mit der Gewandtheit und Stärke eines amerikaniſchen Grenz⸗ mannes ein Bein zu ſtellen. Dieß ward vereitelt durch die behenden Bewegungen des Huronen, der Hurry bei den Kleidern packen konnte, und deſſen Füße jenem Verſuch auswichen mit einer Ge⸗ ſchwindigkeit, gleich der des Angreifers ſelbſt. Dann folgte eine Art melée, wenn man einen ſolchen Ausdruck gebrauchen darf von einem Kampf zwiſchen Zweien, in welchem keine Anſtrengungen 4²9 einzeln zu unterſcheiden waren, und die Glieder und Leiber der Kämpfenden ſo viele Stellungen und Verrenkungen annahmen, daß ſte jeder Beobachtung ſpotteten. Dieß wirre aber wüthende Handgemenge dauerte jedoch nicht ganz eine Minute, worauf Hurry raſend, daß ſeine Stärke durch die Gewandtheit und Nacktheit ſeines Feindes in ihrem Erfolg getäuſcht wurde, eine verzweifelte Anſtrengung machte, welche den Huronen ihm vom Leibe ſchaffte, und ihn heftig gegen die Blöcke der Hütte ſchleuderte. Die Erſchütterung war ſo groß, daß ſie für einen Augenblick den Letztern betäubte. Auch der Schmerz erpreßte ihm ein tiefes Aechzen— ein Zoll, von Qual und Angſt abgerungen, der in der Hitze des Kampfes einem rothen Mann nicht ſelten entfährt. Dennoch ſtürzte er ſich auf's Neue ſeinem Feind entgegen, wohl wiſſend, daß ſeine Rettung von ſeiner Entſchloſſenheit abhange. Jetzt packte Hurry den Andern um den Leib, hob ihn frei über die Plattform empor, und fiel mit ſeiner gewaltigen Wucht auf den unter ihm Liegenden. Dieſe weitere heftige Bedrängniß betäubte den armen Indianer ſo, daß ſein gigantiſcher weißer Gegner ihn jetzt ganz und gar in ſeiner Hand hatte. Er legte die Hände um die Kehle ſeines Opfers und preßte ſie zuſammen mit der Gewalt einer Schraube, wobei er den Kopf des Huronen an dem Rand der Plattform ordentlich umbog, bis bei der hölliſchen Stärke, die er anwendete, das Kinn zuoberſt war. Ein Augenblick ſchon zeigte die Folgen. Die Augen des Mißhandelten ſchienen herauszutreten, ſeine Zunge reckte ſich heraus, und ſeine Nüſtern dehnten ſich faſt zum Zerſpringen. In dieſem Augenblick ward ein Strick von Baſt, mit einem Auge verſehen, geſchickt über die beiden Arme Hurry's geworfen; das Ende ward durch das Auge geſchoben, ſo daß eine Schlinge entſtand, und jetzt wurden ihm die Ellbogen auf dem Rücken zuſammengezogen mit einer Gewalt, der ſelbſt ſeine gigan⸗ tiſche Stärke nicht widerſtehen konnte. Mit Widerſtreben, ſelbſt unter dieſen Umſtänden noch, ſah der erbitterte Grenzmann ſeine 4³0 Hände zurückgeriſſen von ihrer tödtlichen Umſpannung, denn alle böſen Leidenſchaften tobten jetzt auf's Höchſte in ihm. Beinahe im ſelben Augenblick feſſelte ein gleiches Band auch ſeine Knöchel, und ſein Körper ward in die Mitte der Plattform hingerollt, ſo hilflos und ſo rückſichtslos, als wäre er ein Holzſcheit. Sein befreiter Gegner aber ſtand nicht auf, denn während er wieder zu athmen anſteng, hing doch ſein Kopf noch kraftlos über den Rand der Blöcke hinunter, und man glaubte anfangs, der Hals ſey ihm. verdreht. Nur allmählig erholte er ſich wieder und Stunden vergingen, bis er gehen konnte. Manche glaubten, weder ſein Leib noch ſein Gemüth habe ſich je wieder ganz erholt von dieſem drohenden Vorſchmack des Todes. Hurry hatte ſeine Niederlage und Gefangennehmung der blinden Wuth zu danken, mit der er alle ſeine Kräfte gegen den gefallenen Feind aufbot. Während er mit dieſem beſchäftigt, waren die zwei von ihm in's Waſſer geſchleuderten Indianer an den Pfeilern heraufgeſtiegen, ſchlichen jetzt dieſen entlang daher, und geſellten ſich zu ihrem Genoſſen auf der Plattform. Der Letztere hatte ſeine Geiſteskräfte ſo weit wieder geſammelt, daß er die Stricke herbeigeholt hatte, die nun zum Gebrauch in Bereitſchaft waren, als die Andern erſchienen, und ſie wurden in der nun ſchon erzählten Weiſe angewendet, während Hurry mit ſeiner ganzen Wucht ſeinen Feind niedergedrückt hielt, nur mit dem gräßlichen Wunſch beſchäftigt, ihn zu erdroſſeln. So hatte ſich in Einem Augenblick das Blatt gewendet, er, der ſo nahe daran geweſen, einen vollſtandigen Sieg zu erringen, der mittelſt Ueberlieferung Jahrhunderte hindurch in dieſer ganzen Gegend wäre bekannt und geprieſen worden, lag jetzt da, hilflos, gebunden, gefangen. So furchtbar waren die Anſtrengungen des Bleichgeſichts geweſen, ſo wunderbar die Stärke, die er an den Tag gelegt, daß ſie ſelbſt, wie er ſo, einem gebundenen Schaafe gleich, vor ihnen dalag, ihn mit Achtung und nicht ohne Furcht betrachteten. Der kraftloſe Leib ihres ſtärkſten Kriegers .⏑☛ᷣ /—f 8 8—*—— lag noch ausgeſtreckt auf der Plattform; und wie ſie ihre Augen auf den See warfen, den Kameraden zu ſuchen, der ſo unceremoniös hineingeſchleudert worden war, und den ſie in der Verwirrung des Handgemenges aus dem Geſicht verloren hatten, ſahen ſie, wie ſchon beſchrieben, ſeine lebloſe Geſtalt auf dem Grund des See's, an's Gras ſich anklammernd, liegen. Alle dieſe Umſtände zuſammen machte den Sieg der Huronen für ſie beinahe ſo betrübend wie eine Niederlage. Chingachgook und ſeine Verlobte hatten dieſem ganzen Kampf von der Arche aus zugeſehen. Als die drei Huronen im Begriffe waren, die Stricke durch die Arme des daliegenden Hurry zu ſchieben, ſuchte der Delaware nach ſeiner Büchſe; aber noch ehe er ſich ihrer bedienen konnte, war der weiße Mann gebunden und das Unheil geſchehen. Er konnte noch einen Feind niederſchießen, aber den Skalp zu gewinnen war unmöglich, und der junge Häupt⸗ ling, der ſo entſchloſſen ſein Leben an eine ſolche Trophäe wagte, bedachte ſich, einem Feinde das Leben zu nehmen, wenn er keine Ausſicht auf jene hatte. Ein Blick auf Hiſt, und der Gedanke an die moͤglichen Folgen dämpfte jedes flüchtige Racheverlangen. Der Leſer weiß ſchon, daß man von Chingachgook kaum ſagen konnte, daß er die Ruder der Arche zu handhaben verſtanden habe, ſo erfahren er auch im Gebrauche der Ruderſchaufel auf Canoes ſeyn mochte. Vielleicht gibt es keine Handarbeit, bei der ſich die Men⸗ ſchen ſo ungeſchickt und linkiſch geberden, wie bei den erſten Ver⸗ ſuchen ein Ruder zu handhaben, und ſelbſt der erfahrenſte Seemann oder Bootsmann fällt durch mit ſeinen Bemühungen, neben dem gefeierten Kerbenrudern des Gondoliers zu figuriren. Kurz, es iſt für den Augenblick für den neuen Anfänger unmöglich, Ein Ruder gut zu handhaben; hier aber war erforderlich, zwei auf einmal, und dazu zwei ſehr große zu bewältigen. Große Ruderſtangen jedoch werden von einer ungeübten Hand noch eher gehandhabt, als leichtere Werkzeuge, und dieß war der Grund, daß es dem Delawaren beiln erſten Verſuche doch noch ſo gut gelang, die Arche von der Stelle zu bringen. Aber dennoch hatte dieſer Verſuch hingereicht, ihn gegen ſich ſelbſt mißtrauiſch zu machen, und er ſah wohl, in welche kritiſche Lage er und Hiſt jetzt verſetzt waren, falls die Huronen das Canoe, das noch unter der Fallthüre lag, nahmen und ſich gegen ſte wandten. In einem Augenblick dachte er daran, Hiſt in das in ſeinem Beſitz befindliche Canoe zu ſetzen, und ſich nach den öſtlichen Bergen zu wenden, in der Hoffnung, durch raſche Flucht die delawariſchen Doͤrfer zu gewinnen. Aber manche Be⸗ trachtungen drängten ſich auf, um dieſen unbeſonnenen Schritt zu hintertreiben. Es war beinahe gewiß, daß Kundſchafter den See auf beiden Seiten bewachten und kein Canoe ſo leicht der Küſte ſich nähern konnte, ohne von den Hügeln aus geſehen zu werden. Dann war eine Fährte vor einem indianiſchen Auge nicht zu ver⸗ hehlen, und die Kraft Hiſt's war einer Flucht nicht gewachſen, die ſo raſch und unausgeſetzt ausgeführt werden mußte, um der Ver⸗ folgung geübter Krieger zu enteilen. Es war dieß eine Gegend Amerika's, wo die Indianer den Gebrauch von Pferden noch nicht kannten, und Alles hing von der phyſiſchen Kraft der Flüchtigen ab. Die letzte, aber nicht die geringſte Rückſicht war der Gedanke an Wildtödter's Lage; ein Freund durfte in ſeiner Noth nicht ſo verlaſſen werden. Hiſt dachte und folgerte in einigen Punkten, ja ſie fühlte auch anders, obwohl ſie zu demſelben Schluß gelangte. Ihre eigene Gefahr beunruhigte ſie weniger, als ihre Sorge um die zwei Schweſtern, für welche ihre weibliche Sympathie jetzt auf's lebhaf⸗ teſte ſich betheiligte. Das Canoe der Mäͤdchen hatte ſich, bis der Kampf zu Ende war, dem Caſtell auf dreihundert Schritte ge⸗ nähert, und jetzt hörte Judith auf zu rudern, da die Anzeichen des Kampfes erſt hier dem Auge ſichtbar wurden. Sie und Hetty ſtanden aufrecht da, ängſtlich bemüht zu erkunden, was vorgefallen, aber außer Stand, ſich Gewißheit zu verſchaffen, weil das Gebäude großentheils den Kampfplatz verdeckte. Die auf der Arche und im Canoe Befindlichen verdankten der Heftigkeit von Hurry's Angriff ihre augenblickliche Sicherheit. In jedem gewöhnlichen Falle wären die Maͤdchen ſofort gefangen worden— eine leicht zu vollziehende Maßregel, nachdem die Hu⸗ ronen im Beſitz eines Canoes waren, ohne den demüthigenden Schlag, den die Kühnheit der Huronen in dem jüngſten Kampfe erlitten. Es erforderte eine Weile, bis ſie ſich von den Eindrücken dieſer gewaltſamen Scene erholten; und das um ſo mehr, als der wichtigſte Mann der Truppe, wenigſtens was perſönliche Tapferkeit betraf, ſo ſchwer zu Schaden gekommen war. Dennoch war es von höoͤchſter Wichtigkeit, daß Judith und ihre Schweſter unver⸗ züglich Zuflucht in der Arche ſuchten, deren Vertheidigungsmittel wenigſtens für kurze Zeit Schirm und Schutz boten; und die nächſte Aufgabe war, Mittel zu finden, ſie hiezu zu veranlaſſen. Hiſt zeigte ſich auf dem Hintertheil der Fähre, und machte, aber ver⸗ gebens, allerlei Zeichen und Geberden, um die Mädchen zu veran⸗ laſſen, mittelſt eines Bogens das Caſtell zu vermeiden und ſich der Arche von Oſten her zu nähern. Aber dieſe Zeichen wurden ver⸗ achtet oder mißverſtanden. Wahrſcheinlich erkannte Judith noch nicht hinlänglich den wahren Stand der Dinge, um volles Ver⸗ trauen in die eine oder andre Partei zu ſetzen. Statt zu thun, wie man ihr rieth, hielt ſie ſich vielmehr weiter entfernt; ſie ruderte langſam zurück, nordwärts oder nach dem breiteſten Theil des See's, wo ſie die weiteſte Ausſicht beherrſchte, und das weiteſte Feld zur Flucht vor ſich hatte. In dieſem Augenblick erſchien die Sonne über den Fichten der öſtlichen Bergreihe, und ein leichter Südwind erhob ſich, wie zu dieſer Jahreszeit und Stunde ganz gewoͤhnlich war. Chingachgook verlor keine Zeit das Segel aufzuziehen. Was auch ſeiner warten mochte, daran konnte kein Zweifel ſeyn, daß es in jeder Weiſe wünſchenswerth war, die Arche in ſolche Entfernung von dem Caſtell zu bringen, daß die Feinde in die Nothwendigkeit verſetzt wurden, ſich der Arche in dem Canoe zu nähern, das die Der Wildtödter. 3. Aufl. 28 Wechſelfälle des Krieges ſo ungelegen für ſeine Wünſche und ſeine Sicherheit ihnen in die Hände geliefert hatten. Der Anblick des ſchwellenden Segels ſchien die Huronen zuerſt aus ihrer Thatloſig⸗ keit zu wecken; und bis die Spitze der Fähre vor dem Winde ab⸗ gefallen war— was unglücklicher Weiſe in der falſchen Richtung geſchah— wodurch ſie der Plattform auf wenige Schritte ſich näherte, fand es Hiſt nöthig, ihren Geliebten dringend zu ermah⸗ nen, wie weſentlich es ſey, daß er ſeine Perſon gegen die Büchſen der Feinde ſicher ſtelle. Dieß war eine unter allen Umſtänden zu vermeidende Gefahr, und um ſo mehr, weil der Delaware ſah, daß Hiſt ſelbſt keine Bedeckung ſuchen würde, ſo lange er bloß geſtellt blieb. So überließ denn Chingachgook die Fähre ganz ihren eignen Bewegungen, drängte Hiſt in die Cajüte, deren Thüren er augen⸗ blicklich verſchloß, und ſah ſich dann nach den Büchſen um. Die Lage der Parteien war jetzt ſo eigenthümlich, daß ſie eine beſondere Schilderung verdient. Die Arche war ſechzig Schritte vom Caſtell entfernt, etwas ſüdlich davon, auf der Seite wohin der Wind blies, mit vollem Segel und ledigem Steuerruder. Das letztere war zum Glück nicht befeſtigt, ſo daß es keinen großen Einſluß übte auf die krebsartige Bewegung des ungefügen Fahrzeugs. Da das Segel dem Winde preisgegeben war, wie es die Matroſen nennen, oder keine Braſſen hatte, drängte der Luftzug die Raa vorwärts, obgleich beide Schoten feſt waren. Die Wirkung war eine dreifach ſtarke bei einem Fahrzeug, das einen vollkommen flachen Boden hatte und nur etwa drei bis vier Zoll tief im Waſſer ging. Das Vordertheil wurde langſam leewärts herum getrieben, die geſammte Maſſe wurde zugleich nach derſelben Richtung kräftig gedrängt, und das Waſſer, das nothwendig unter dem Lee anſchwoll, gab der Fähre auch eine verſtärkte Bewegung vorwärts. Alle dieſe Ver⸗ änderungen jedoch waren ausnehmend langſam, denn der Wind war nicht nur ſchwach, ſondern auch wie gewöhnlich unzuverläſſig, und zwei⸗ oder dreimal ſchwankte das Segel. Einmal ſchlug es ganz und gar zurück. den war men aſſer ben, fftig voll, Ver⸗ nicht oder rück. Hätte die Arche irgend einen Kiel gehabt, ſo wäre ſie unaus⸗ bleiblich auf die Plattform, den Bug voran, losgefahren, und dann hätte vermuthlich Nichts die Huronen verhindert, ſie zu nehmen, zumal da das Segel ihnen möglich gemacht hätte, ſich unter einer Deckung zu nähern. So aber trieb die Fähre nur langſam rund herum, an dieſem Theil des Gebäudes nur eben vorbeigleitend. An den um einige Fuß vorſtehenden Pfeilern jedoch glitt ſie nicht vorbei, ſondern die Spitze des langſam ſich bewegenden Fahr⸗ zeugs fing ſich zwiſchen zwei derſelben mit einer ſeiner in rechten Winkeln auslaufenden Ecken und blieb hängen. In dieſem Augen⸗ blick paßte der Delaware, aufmerkſam durch ein Guckloch ſchauend, eine Gelegenheit ab, zu feuern, während die Huronen, auf das Gleiche bedacht, in dem Haus ſich hielten. Der erſchöpfte Krieger lehnte ſich gegen die Hütte, da keine Zeit geweſen war, ihn weg⸗ zubringen, und Hurry lag beinahe ſo hülflos wie ein Klotz, gebunden wie ein Lamm auf der Schlachtbank, der Mitte der Plattform nahe. Chingachgook hätte den Erſtern jeden Augenblick tödten können, aber ſein Skalp wäre ihm doch entgangen, und der junge Häupt⸗ ling verſchmähte es, einen Schlag zu führen, der weder Ehre noch Vortheil brachte. „Fahrt mit einem der Bootshaken heraus, Schlange, wenn Ihr es ſeyd, ſagte Hurry, unter das Stöhnen hinein, das ihm die Feſtigkeit der einſchneidenden Bande auszupreſſen anfing,„fahrt mit einem der Bootshaken heraus und ſchiebt damit das Vorder⸗ theil der Fähre weg, dann kommt Ihr von uns los— und wenn Ihr Euch dieſen Dienſt geleiſtet, dann gebt mir zu Liebe dieſem nach Luft ſchnappenden Schurken den Reſt!“ Der Zuruf Hurry's hatte jedoch keine andere Wirkung, als Hiſt's Aufmerkſamkeit auf ſeine Lage zu lenken. Dieß ſchnellauf⸗ faſſende Geſchöpf begriff ſie auf einen Blick. Seine Knoͤchel waren mit ſtarken Baſtſtricken mehrmals umwunden, und ſeine Arme über den Ellbogen auf ähnliche Weiſe über den Rücken gebunden, ſo daß er nur mit Händen und Fäuſten wenig freies Spiel hatte. Sie ſetzte den Mund an ein Guckloch und ſagte mit leiſer, aber vernehmlicher Stimme: „Warum Euch nicht her wälzen und in die Fähre fallen? Chingachgook Huronen ſchießen, wenn er nachſetzt!“ „Beim Himmel, Maͤdchen, das iſt ein einſichtsvoller Gedanke, und ſoll verſucht werden, wenn der Spiegel Eurer Fähre nur etwas näher kommen will. Legt nur ein Bett auf den Boden, daß ich darauf falle.“ Dieß ward in einem glücklichen Augenblick geſprochen, denn des Wartens müde, ſchoßen alle Indianer ihre Büchſen beinah in Einem Augenblick raſch ab, ohne Jemand zu treffen, obgleich meh⸗ rere Kugeln durch die Scharten gingen. Hiſt hatte einen Theil von Hurry's Worten gehört, das Meiſte aber war über dem hefti⸗ gen Knallen der Gewehre verloren gegangen. Sie machte den Riegel der Thüre auf, die nach dem Hintertheil der Fähre führte, wagte aher nicht ihre Perſon auszuſetzen. Dieſe ganze Zeit über hing die Spitze der Arche an den Pfeilern, aber immer lockerer und loſer, ſowie das andere Ende langſam ſich umdrehte, und der Plattform näher und näher kam. Hurry, der jetzt mit dem Geſicht der Arche zu lag, gelegentlich ſich wendend und bäumend, wie Einer, der große Schmerzen erduldet, Bewegungen, die er fortwährend gemacht, ſeit er gebunden war, beobachtete jede Ver⸗ änderung, und endlich ſah er, daß das ganze Fahrzeug frei war, und anfing, langſam an den Seiten der Pfeiler hinzuſtreifen. Das Wageſtück war verzweifelt, aber es ſchien die einzige Auskunft, Martern und dem Tod zu entgehen, und es paßte für die rück⸗ ſichtsloſe Kühnheit von dieſes Mannes Charakter. Bis zum letzten Augenblick wartend, damit der Spiegel der Fähre ſich ordentlich an der Plattform riebe, begann er wieder, wie in unerträglichen Schmerzen, ſich zu bäumen, alle Indianer überhaupt, und die Hu⸗ ronen insbeſondere verfluchend, und dann wälzte er ſich plötzl ich und raſch fort, ſeine Richtung nach dem Hintertheil der Fähre nehmend. Zum Unglück bedurften Hurry's Schultern mehr Raum, um ſich fortzuwälzen; als ſeine Füße, und bis er den Rand der Plattform erreichte, hatte ſich ſeine Richtung ſo geändert, daß er gar nicht mehr in Einer Linie mit der Arche war, und da die Raſchheit ſeiner rollenden Bewegung und die drohende Gefahr keinen Verzug geſtatteten, fiel er hinter der Arche in's Waſſer. In dieſem Augenblick verleitete Chingachgook nach einer Verabredung mit ſeiner Verlobten die Indianer noch einmal zum Feuern, von welchen Keiner bemerkte, auf welche Weiſe der Mann, den ſie ſo feſt gebunden wußten, verſchwunden war. Aber Hiſt's Gefühl nahm lebhaften Antheil an dem Gelingen eines ſo kühnen Anſchlags, und ſie bewachte die Bewegungen Hurry's, wie die Katze die Maus. Sobald er ſich in Bewegung geſetzt, ſah ſie die Folgen voraus, und dieß um ſo ſicherer, als die Fähre ſich jetzt mit einiger Stetigkeit zu bewegen anfing, und ſie dachte auf Mittel, ihn zu retten. Mit einer Art von inſtinktmäßiger Beſonnenheit öffnete ſie die Thüre gerade in dem Augellblick, wo ihr die Büchſen in den Ohren knallten, und geſchützt durch die dazwiſchen liegende Cajüte trat ſie in den Spiegel der Fähre gerade zu rechter Zeit, um Zeugin von Hurry's Fall in den See zu ſeyn. Halb unbewußt ſetzte ſie ihren Fuß auf das Ende von einer der Schoten des Segels, die hinten angebunden war, und alles entbehrliche Tau abwindend mit der Unbeholfenheit, aber auch mit der großherzigen Entſchloſſenheit eines Weibes, warf ſie es dem hülfloſen Hurry zu. Das Tau fiel dem Sinkenden auf den Kopf und den Leib, und es gelang ihm nicht nur, Theile davon mit den Händen zu erhaſchen, ſondern er packte auch wirklich ein Stück davon zwiſchen den Zähnen. Hurry war ein erfahrener Schwimmer, und gebunden, wie er war, griff er zu dem Auskunftsmittel, das Philoſophie und Nachdenken ihm auch haͤtten empfehlen müſſen. Er war auf den Rücken ge⸗ fallen, und anſtatt zu zappeln, und durch verzweifelte Anſtrengungen, auf die Füße zu ſtehen zu kommen, ſich den Tod des Er⸗ trinkens zu bereiten, ließ er ſeinen Körper ſo tief als möglich ſinken, und war ſchon, mit Ausnahme ſeines Geſichts, ganz unter dem Waſſer, als das Tau ihn erreichte. In dieſer Lage hätte er möglicherweiſe bleiben können, bis ihn die Huronen herausgezogen hätten, ſeiner Hände in der Art, wie die Fiſche ihrer Floßen ſich bedienend, wäre ihm keine andere Hülfe zu Theil geworden; aber die Bewegung der Arche machte bald das Seil ſtraff, und natür⸗ lich war er ſachte nachgezogen, gleichen Schritt mit der Fähre haltend. Die Bewegung half ſein Geſicht über dem Waſſerſpiegel halten, und Einer, der an Erduldung lange dauernder Unbequem⸗ lichkeiten und Schmerzen gewohnt geweſen, hätte wohl eine Meile weit in dieſer ſeltſamen, aber einfachen Weiſe ſich fort bugſiren 1 53 laſſen können. 1 Es wurde ſchon geſagt, daß die Huronen das plötzliche Ver⸗ ſchwinden Hurry's nicht bemerkten. In ſeinem jetzigen Zuſtand war er nicht nur durch die Plattform dem Auge verborgen, ſondern wie die Arche langſam weiter fuhr, von einem jetzt geſchwellten Segel getrieben, erwieſen ihm die Pfeiler denſelben Liebesdienſt. Die Huronen waren wirklich zu ſehr darauf erpicht, ihren Feind, den Delawaren, durch eine Kugel, durch eine der Scharten oder Gucklöcher der Cajüte geſendet, zu tödten, um nur an einen Mann zu denken, den ſie ſo feſt und ſtark gebunden wähnten. Ihre große Sorge war die Art und Weiſe, wie die Arche an den Pfeilern ſich vorüber drängte, obwohl ihre Bewegung mindeſtens um die Hälfte durch die Reibung geſchwächt wurde, und ſie begaben ſich nach dem nördlichen Theile des Caſtells, um Gelegenheit zu ſuchen, durch die Löcher und Scharten auf jener Seite des Gebäudes zu feuern. Chingachgook war ebenſo beſchäftigt, und der Zuſtand Hurry's blieb ihm ebenſo verborgen, wie ſeinen Feinden. Wie die Arche knarrend vorbeifuhr, ſpieen die Büchſen ihre kleinen Rauch⸗ wolken von einem Verſteck zum andern aus, aber die Augen und 2e Ann S er⸗ ind ern ten nſt. nd, der ann oße lern die ſich hen, 3 zu tand die uch⸗ und Bewegungen der andern Partei waren zu raſch, als daß ihnen hätte ein Leid zugefügt werden können. Endlich hatte die eine Partei den Verdruß, und die andre die Freude, die Fähre gänzlich von den Pfeilern loskommen zu ſehen, worauf ſie ſogleich mit einer weſentlich beſchleunigten Bewegung gegen Norden weiter rückte. Jetzt erſt erfuhr Chingachgook von Hiſt die kritiſche Lage Hurry's. Hätte einer von Beiden ſich auf dem Spiegel der Fähre blicken laſſen und ausgeſetzt— ſo wäre dieß ſichrer Tod geweſen, aber zum Glück reichte die Schote, woran der Mann ſich feſthielt, vorwärts bis an den Fuß des Segels. Der Delaware fand Mittel, ſie von dem hintern Pflock loszumachen, und Hiſt, die ſchon zu dieſem Behufe vorangeeilt war, begann ſogleich das Tau einzuziehen. In dieſem Augenblick trieb Hurry etwa fünfzig bis ſechzig Fuß hinter dem Spiegel der Fäͤhre her, nur das Geſicht über dem Waſſer. Als er hinter dem Caſtell und den Pfeilern hervorgezogen ward, wurden erſt die Huronen ſeiner anſichtig, die ein häßliches, gellendes Geſchrei erhoben, und ein Feuer auf die ſchwimmende Maſſe, wie man wohl ſagen darf, eröffneten. In dieſem Augenblick begann auch Hiſt das Tau vorn anzuziehen— ein Umſtand, der wahrſcheinlich Hurry das Leben rettete, verbunden mit ſeiner eignen Faſſung und Grenzmanns⸗Beſonnenheit. Die erſte Kugel ſchlug in's Waſſer gerade an der Stelle, wo die breite Bruſt des jungen Rieſen durch das reine Element hindurch ſichtbar war, und hätte ihm vielleicht das Herz durchbohrt, wäre der Winkel, in dem ſie abgefeuert worden, weniger ſcharf geweſen. Aber ſtatt in den See hinabzudringen, prallte ſie von ſeiner glatten Fläche ab, und begrub ſich in der That in den Blöcken der Cajüte, nahe an dem Platze, wo ſich vor einer Minute Chingachgook gezeigt hatte, als er das Tau von dem Pflocke losmachte. Eine zweite, dritte und vierte Kugel folgten, aber allen leiſtete die Fläche des Waſſers denſelben Widerſtand, obwohl Hurry deutlich die heftigen Erſchütterungen ſpürte, die ſie, ſo unmittelbar über ſeiner Bruſt, und ſo nahe in's Waſſer treffend, hervorbrachten. Ihren Mißgriff entdeckend, änderten jetzt die Huronen ihren Plan und zielten auf das nicht gedeckte Geſicht; aber jetzt zog Hiſt das Tau an, die Schießſcheibe bewegte ſich vorwärts, und die tödtlichen Geſchoße fielen alle in's Waſſer. Im nächſten Augenblick ward der Rieſen⸗ körper an dem Hintertheil der Fähre vorbeigezogen und wurde jetzt den Feinden unſichtbar. Der Delaware und Hiſt arbeiteten ganz im Schutze der deckenden Cajüte, und in kürzerer Zeit als die Erzählung erheiſcht, hatten ſie den gewaltigen Körper Hurry's bis dahin, wo ſie ſtanden, herangezogen. Chingachgook ſtand mit ſeinem ſcharfen Meſſer bereit da, beugte ſich über die Seite der Fähre hinab, und hatte bald den Baſt durchſchnitten, der die Glieder des Grenzmannes gefeſſelt hielt. Ihn hoch genug empor⸗ heben, um den Rand des Fahrzeugs zu erreichen, und ihm herein⸗ helfen, waren minder leichte Aufgaben, da Hurry ſeine Arme faſt noch nicht brauchen konnte; aber Beides wurde doch bald geleiſtet, worauf der Befreite vorwärts taumelte, und erſchöpft und kraftlos auf den Boden des Fahrzeugs hinfiel. Hier wollen wir ihn laſſen, bis er ſeine Kraft und den freien Blutumlauf wieder gewinnt, während wir in der Erzählung von Ereigniſſen fortfahren, welche zu raſch ſich herandrängen, als daß ſie einen Aufſchub geſtatteten. Im Augenblick, wo die Huronen Hurry's Körper aus dem Geſicht verloren, ſtießen ſie Alle zuſammen einen Schrei aus, der ihren Verdruß und ihre getäuſchte Erwartung bezeugte, und drei der Rüſtigſten von ihnen liefen nach der Fallthüre und traten in das Canoe. Es brauchte jedoch etwas längere Zeit, bis ſie ſich mit ihren Waffen einſchifften, die Ruderſchaufeln fanden, und wenn wir ſo ſagen dürfen aus dem Dock herauskamen“. Inzwiſchen war Hurry in die Fähre aufgenommen, und der Delaware hatte wieder ſeine Büchſen in Bereitſchaft geſetzt. Da die Arche natürlich vor dem Wind ſegelte, hatte ſie ſich mittlerweile volle zwei hundert △ GCO 8 — ₰ ☛ 4 441 Schritte vom Caſtell entfernt, und glitt mit jedem Augenblick weiter und weiter, obwohl mit ſo leichter Bewegung, daß kaum das Waſſer aufgewühlt wurde. Das Canoe der Mädchen war eine volle Viertelmeile von der Arche entfernt, und hielt ſich, wie man deutlich ſah, abſichtlich in der Ferne, in Unkunde deſſen, was vor⸗ gefallen, und aus Furcht vor den Folgen, wenn ſie ſich zu nahe heran wagten. Sie hatten die Richtung nach der öſtlichen Küſte eingeſchlagen, und ſuchten zu gleicher Zeit windwärts von der Arche ab, und gewiſſermaſſen zwiſchen die beiden Parteien zu kommen, wie mißtrauiſch und ungewiß, Wen ſie für Freund, Wen für Feind zu nehmen hätten. Die Mädchen führten in Folge langer Gewohn⸗ heit die Ruderſchaufeln mit großer Gewandtheit; und Judith ins⸗ beſondere hatte oft im Spiel bei Wettrennen geſiegt, wenn ſie mit den gelegentlich den See beſuchenden Jünglingen ſich in der Schnelligkeit verſuchte. Als die drei Huronen hinter den Palliſaden hervorkamen und ſich auf dem offenen See ſahen, in die Nothwendigkeit verſetzt, ohne Schutzmittel gegen die Arche anzurücken, falls ſie bei ihrem erſten Plane beharrten, da kühlte ſich ihr Eifer merklich ab. In einem Rinden⸗Canoe waren ſie gänzlich ohne Schutz, und indianiſche Klugheit war ganz einer ſolchen Aufopferung des Lebens zuwider, wie ſie die wahrſcheinliche Folge eines Angriffsverſuchs auf einen Feind ſeyn mußte, der ſo mäftig verſchanzt war wie der Delaware. Statt daher der Arche au folgen, wandten ſich die drei Krieger gegen die öſtliche Küſte hin, in ſicherem Abſtand von Chingachgook's Büchſen ſich haltend. Aber dieß Manöver machte die Lage der Mädchen ausnehmend kritiſch. Es drohte, ſie, wo nicht zwiſchen zwei Feuer, doch wenigſtens zwiſchen zwei Gefahren zu bringen— oder was doch ihnen als ſolche erſchien; und Judith, ſtatt ſich von den Huronen in einer Art von Netz, wie ſie meinte, einſchließen zu laſſen, begann ſogleich ihren Rückzug in ſüdlicher Richtung, in nicht ſehr großer Entfernung von der Küſte. Zu landen getraute Canoe, ein Umſtand, der letzteres ſo ziemlich gegenüber von Hutter's entſchließen ſollte, ſo konnte ſie doch nur im äußerſten Fall es zu ergreifen wagen. Zuerſt ſchenkten die Indianer dem andern Canve wenig oder keine Aufmerkſamkeit; denn wohl wiſſend, Wen es enthielt, achteten ſie ſeine Wegnahme für vergleichungsweiſe unwichtig, während die Arche mit ihren eingebildeten Schätzen, den Perſonen des Delawaren und Hurry's und ihrem bedeutenden Apparat zur Ausführung von Bewegungen vor ihnen ſtand. Aber dieſe Arche hatte ihre Gefahren wie ihre Verſuchungen; und nachdem ſie beinahe eine Stunde mit ſchwankenden Bewegungen Lergendet, immer in ſichrer Ferne von der Büchſe, ſchienen die Huronen plötzlich ihren Entſchluß zu faſſen, und begannen ihn dadurch auszuführen, daß ſie eine leb⸗ hafte Jagd auf die Mädchen eröffneten. Als dieſer letzte Plan angenommen wurde, waren die Verhältniſſe aller Parteien, was ihre gegenſeitigen Stellungen betrifft, weſentlich verändert. Die Arche war voll eine halbe Meile weit geſegelt und geſchwommen, und war ziemlich eben ſo weit genau nördlich vom Caſtell entfernt. Sobald der Delaware merkte, daß die Mädchen ihm auswichen, hatte er, außer Stand ſein ungefüges Fahrzeug zu bewältigen, und wohl wiſſend, daß der Verſuch, einen Rinden⸗Canoe durch die Flucht entgehen zu wollen, falls dieß wirklich auf's Verfolgen ſich legte, ein nutzloſes Unternehmen wäre, ſein Segel eingezogen, in der Hoffnung, dieß könnte die Schweſtern veranlaſſen, ihren Plan zu ändern, und in der Arche eine Zuflucht zu ſuchen. Dieſe Demonſtration hatte keine andre Wirkung, als daß die Arche der Scene der Handlung näher blieb, und ihre Inhaber Zeugen der Jagd zu ſeyn in Stand geſetzt wurden. Das Canoe Indith's war etwa eine Viertelmeile ſüdlich von dem der Huronen entfernt, etwas näher der öſtlichen Küſte, und ungefähr eben ſo weit von dem Caſtell ſüdlich entfernt, als von dem feindlichen ſie ſich nicht; wenn ſie überhaupt zu dieſem Auskunftsmittel ſich, —8—8-“·“ kleiner Feſte brachte. als die Jagd begann. In dem Augenblick, wo die Huronen ſo plötzlich ihren Angriffs⸗ plan änderten, befand ſich ihr Canoe eben nicht im glänzendſten Zuſtand zu einer Schnell⸗ und Wettfahrt. Es waren nur zwei Ruderſchaufeln da, und der dritte Mann war ſomit unnütze Ueber⸗ fracht. Sodann glich der Unterſchied im Gewicht zwiſchen den Schweſtern und den zwei andern Männern, zumal bei ſo äußerſt leichten Fahrzeugen, beinahe ganz den Unterſchied aus, der ſich aus der größern Stärke der Huronen ergeben mochte, und machte den wetteifernden Verſuch in der Schnelligkeit weit weniger ungleich als er etwa ſcheinen mochte. Judith ſtrengte ihre Kräfte nicht eher an, als bis die größere Annäherung des andern Canoes über die Abſicht ſeiner Bewegungen nicht mehr zweifeln ließ, und dann ermunterte ſie Hetty, ihr mit aller ihrer Kraft und Geſchicklichkeit beizuſtehen. „Warum ſollen wir fliehen, Judith?“ fragte das ſchwachſinnige Mädchen;„die Huronen haben mir nie ein Leid gethan, und werden es, denke ich, auch nie thun.“ „Das mag ſo ſeyn in Beziehung auf Dich, Hetty, aber es wird ein ganz andrer Fall ſeyn mit mir. Knie nieder und ſprich Deine Gebete, und dann ſtehe auf und thue Dein Aeußerſtes, um unſre Flucht zu fördern. Gedenke auch meiner, gutes Mädchen, wenn Du beteſt.“ Judithaſprach dieß in Kraft ſehr gemiſchter Gefühle, erſtlich weil ſie wußte, daß ihre Schweſter immer in Nöthen die Hülfe ihres großen Bundesgenoſſen ſuchte; und dann weil in dieſem Augenblick der anſcheinenden Verlaſſenheit und Prüfung ein Gefühl der Schwäche und Abhängigkeit plötzlich über ihren eignen ſtolzen Geiſt kam. Das Gebet ward indeſſen raſch geſprochen und das Canoe war bald in ſchneller Bewegung, doch boten beide Theile nicht gleich bei dem Beginn alle ihre Kräfte auf, da beide gleich gut △ So war die Lage und Stellung der Parteien, wußten, daß die Jagd wohl heiß werden und lange dauern dürfte. Wie zwei Kriegsſchiffe, die ſich zu einem Treffen rüſten, ſchienen ſie verlangend, zuerſt das Verhältniß der beiderſeitigen Schnelligkeit auszumitteln, um zu wiſſen, wie ſie ihre Kraftentwicklung vor der Hauptanſtrengung abzuſtufen hätten. Wenige Minuten ſchon zeigten den Huronen, daß es den Mädchen nicht an Erfahrung fehle, und daß ſie all ihre Geſchicklichkeit und Kraft brauchen würden, um ſie einzuholen. 3 Judith hatte im Anfang der Jagd nach der öſtlichen Küſte ſich gewendet, mit einem unbeſtimmten Vorſatz, im letzten Nothfall zu landen, und in die Wälder zu fliehen; aber als ſie ſich dem Lande näherten, machte die Gewißheit, daß Kundſchafter ihre Bewegungen beobachten müßten, ihre Abneigung, dieſe Auskunft zu ergreifen, ganz unüberwindlich. Dann war ſie auch noch friſch und hegte ſanguiniſche Hoffnungen, im Stande zu ſeyn, ihre Verfolger zu ermüden. In dieſen Gefühlen leitete ſie mit ihrem Ruder das Canoe in etwas andrer Richtung, entfernte ſich von dem Saum von dunkeln Schierlingstannen, unter deren Schatten ſie ſchon beinahe ſich geborgen hatte, und ſteuerte wieder mehr der Mitte des See's zu. Dieß ſchien der günſtige Augenblick für die Huronen, ihre Kraftanſtrengung zu machen, da ſte jetzt die ganze Breite des Waſſers dazu hatten, und das dazu auf dem weiteſten Theile, ſobald ſie zwiſchen die Flüchtigen und das Land gekommen waren. Die Canoes flogen jetzt dahin; Iudith erſetzte, was ihr an Stärke abging, durch ihre große Gewandtheit und Selbſtbeherrſchung. Eine halbe Meile weit gewannen die Indianer keinen Vortheil; aber die Fortſetzung ſo großer Anſtrengungen während vieler Minuten griff alle Betheiligten merklich an. Hier bedienten ſich die Indianer eines Auskunftsmittels, das ſie in Stand ſetzte, je Einem von ihnen Zeit zum Aufathmen zu goöͤnnen, indem ſie mit dem Rudern abwechſelten, und zwar ohne daß ſie in ihren Anſtrengungen merklich nachließen. Indith ſchaute ſich —2——roꝛſ—,—„.„. von Zeit zu Zeit um, und bemerkte, daß dieß Auskunftsmittel ergriffen worden war. Das machte ſie ſogleich mißtrauiſch gegen den Ausgang, weil ihre Kräfte und Ausdauer ſchwerlich es denen von Männern gleich thun konnten, die überdieß einander abzulöſen vermochten; doch blieb ſie ſtandhaft, und gab ihre Befürchtung im Augenblick durch nichts in die Augen Fallendes zu erkennen. Bis jetzt hatten die Indianer ſich den Mädchen nur erſt auf zweihundert Schritte nähern können, obgleich ſie in ‚ihrem Kiel⸗ waſſert, oder in geraderer Linie hinter ihnen waren, denſelben Strich des Waſſers durchſchneidend. Dieß machte die Verfolgung zu einer bolzgeraden, oder Stern⸗Jagd, nach dem techniſchen Ausdruck, was ſprichwörtlich eine ‚lange Jagd“, iſt; und der Sinn iſt der, daß in Folge der beiderſeitigen Stellung der Parteien keine Ver⸗ änderung ſichtbar wird, außer derjenigen, die in einem direkten Gewinn auf der kürzeſten Annäherungslinie beſteht. So ‚lang’ indeſſen dieſe Art von Jagd zugeſtandener Maßen iſt, konnte Ju⸗ dith doch wahrnehmen, daß die Huronen merklich näher kamen, ehe ſie die Mitte des See's gewonnen hatte. Sie war nicht ein Mädchen, das ſo leicht verzweifelte; aber es war ein Augenblick, wo ſie daran dachte, ſich zu ergeben, in dem Wunſche, in das Lager geführt zu werden, wo ſie Wildtödter als Gefangnen wußte; aber die Erwägung der Mittel, die ſie hoffte anwenden zu können, um ſeine Freilaſſung zu bewirken, trat alsbald hemmend dazwiſchen, und ſpornte ſie zu erneuter Anſtrengung ihrer Kräfte. Wäre Jemand dageweſen, der die Bewegung der beiden Canoes beob⸗ achtet, ſo würde er das der Judith pfeilſchnell vor ſeinen Ver⸗ folgern dahinfliegen geſehen haben, als das Mädchen es mit friſchem Eifer weitertrieb, während ihr Geiſt ſo über ſeinen glü⸗ henden und großmüthigen Entwürfen brütete. So bedeutend war in der That der Unterſchied in dem Verhältniß der Schnelligkeit zwiſchen den zwei Canoes während der nächſten fünf Minuten, daß die Huronen anfingen ſich zu überzeugen, ſie müßten alle ihre 9 Kräfte aufbieten, oder ſie würden die Schmach erfahren, durch Weiber in ihrer Hoffnung und um ihren Raub betrogen zu wer⸗ den. Als ſie, von dieſer kränkenden Ueberzeugung angeſpornt, eine wüthende Anſtrengung machten, brach Einem der Stärkeren 3 von ihnen die Ruderſchaufel in dem Augenblick, wo er ſie aus der Hand ſeines Kamernden genommen, um ihn abzulöͤſen. Dieß ent⸗ ſchied ſogleich die Sache; denn ein Canoe mit drei Männern und nur Einer Ruderſchaufel war gänzlich außer Stand, Flüchtlinge, wie die Töchter Thomas Hutter's, einzuholen. „Da, Judith!“ rief Hetty, welche den Unfall bemerkt,„jetzt, hoffe ich, wirſt Du zugeſtehen, daß Beten Etwas hilft! den Huronen iſt ein Ruder gebrochen, und ſie können uns nicht mehr einholen!“ „Ich habe es nie geläugnet, arme Hetty; und manchmal— wünſche ich, mit bitterem Leidweſen, ich hätte ſelbſt mehr gebetet, 4 und weniger an meine Schönheit gedacht! Wie Du ſagſt, wir 1 ſind jetzt gerettet, und müſſen nur ein Wenig ſüdlich uns wenden 1 und Athem ſchöpfen.“. 1 Dieß geſchah; denn der Feind gab ſeine Verfolgung ſo plötz⸗ lich auf, wie ein Schiff, das eine wichtige Spiere verloren hat, 4 ſobald jener Unfall ſich begeben hatte. Statt Judith's Canoe zu verfolgen, das jetzt leicht auf dem Waſſer ſüdlich dahinſchwamm,. wendeten die Huronen den Bug ihres Canoes nach dem Caſtell zu, wo ſie bald ankamen und ausſtiegen. Die Mädchen, fürchtend, 6 man möchte übrige Ruder in dem Gebäude oder in der Umgebung finden, fuhren immer zu; und ſie hielten erſt inne, als ſie ſo weit von ihren Feinden entfernt waren, daß ſie im Fall der Erneuerung 1 der Jagd jede Ausſicht hatten, zu entkommen. Es ſchien als ob. die Wilden an keinen ſolchen Plan dachten; ſondern nach Verfluß einer Stunde ſah man ihr Canoe, angefüllt mit Männern, das Caſtell verlaſſen und nach der Küſte ſteuern. Die Mädchen waren z ohne Lebensmittel, und ſie näherten ſich jetzt dem Gebäude und N GS u 8—2— „ — 8 8a n*G der Arche, da ſie endlich aus den Manövern der letztern geſchloſſen hatten, daß Freunde darauf ſich befinden müßten. Obgleich das Caſtell ganz verlaſſen ſchien, näherte ſich ihm doch Judith mit äußerſter Vorſicht, die Arche war jetzt eine volle Meile gegen Norden zu entfernt, ſtrebte aber nun auch auf das Gebäude zu, und das mit ſo regelmäßiger Bewegung, daß Judith ſich überzeugte, ein weißer Mann müſſe am Ruder ſeyn. Hundert Schritte noch von dem Haus entfernt, begannen die Mädchen es zu umkreiſen, um ſich zu verſichern, daß es leer ſtehe. Kein Canoe war in der Nähe, und dieß ermuthigte ſie, näher und näher zu kommen, bis ſie ganz um die Pfeiler herum waren und die Plattform erreichten. „Geh Du ins Haus, Hetty,“ ſagte Judith,„und ſieh, ob die Wilden fort ſind. Sie werden Dir kein Leid thun, und wenn noch Jemand von ihnen da iſt, kannſt Du mich warnen. Ich glaube nicht, daß ſie feuern werden auf ein armes, wehrloſes Mädchen, und ich werde wenigſtens entkommen, bis ich bereit bin, freiwillig mich unter ſie zu wagen.“ Hetty that, was Judith verlangte— und dieſe zog ſich, zur Flucht bereit, einige Schritte weit von der Plattform zurück. Aber dieß war unnöthig, denn kaum eine Minnte verſtrich, als Hetty mit der Nachricht zurückkehrte, daß Alles ſicher ſey. „Ich bin in allen Gemächern geweſen, Judith,“ ſagte ſie ernſt,„und alle ſind leer, außer Vaters ſeines; er iſt in ſeiner Stube, ſchlafend, aber nicht ſo ruhig als wir wünſchen könnten.“ „Iſt dem Vater Etwas zugeſtoßen?“ fragte Judith, als ſie mit dem Fuß die Plattform berührte; und ſie ſprach haſtig, denn ihre Nerven waren in einem leicht aufzuregenden Zuſtand. Hetty ſchien bekümmert, und ſah ſich verſtohlen um, als wünſchte ſie, daß Niemand außer der Tochter höre, was ſie mit⸗ zutheilen hatte, und daß auch dieſe es nur obenhin erfahre. „Du weißt, wie es mit Vater manchmal iſt, Judith,“ ſagte ſie.„Wenn er von geiſtigem Getränk übermannt iſt, weiß er nicht immer, was er ſagt oder thut— und jetzt ſcheint er von geiſtigem Getränk übermannt.“ G „Das iſt ſonderbar! Sollten die Wilden mit ihm getrunken, und ihn dann verlaſſen haben? Aber das iſt ein betrübender An⸗ blick für ein Kind, Hetty, eine ſolche Verirrung an einem Vater zu ſehen, und wir wollen uns ihm nicht nähern, bis er aufwacht.“ Aber ein Stöhnen aus dem innern Zimmer änderte dieſen Entſchluß, und die Mädchen wagten es, ſich einem Vater zu nähern, den in einem Zuſtand zu finden, der den Menſchen zum Thiere herabwürdigt, ihnen nichts Fremdes war. Er ſaß zurück⸗ gelehnt in einem Winkel des engern Gemaches, die Schultern durch die Ecke gehalten, den Kopf ſchwer auf die Bruſt herab⸗ geſunken. Indith trat in einer plötzlichen ſchlimmen Ahnung vor, und entfernte eine Leinwandmütze, die ihm ſo tief in den Kopf gedrückt war, daß ſie das Geſicht, ja Alles bis auf die Schultern verhüllte. Sobald dieſe Bedeckung weggenommen war, zeigte das zuckende, rohe Fleiſch, die entblößten Adern und Muskeln, und all' die andern ſchauerlichen Zeichen der Sterblichkeit, welche das Abziehen der Haut bloslegt, daß er ſkalpirt worden war, obwohl er noch lebte. Einundzwanzigſtes Kapitel. Leicht reden ſie von dem Geiſt, der entfloh, Und die Aſche mit Hohn ſie ihm ſchänden; Doch er achtet es nicht, der Ruheſtatt froh, Die ihm ward von britiſchen Händen. Verfaſſer beſtritten. Der Leſer mag ſich ſelbſt das Entſetzen vorſtellen, welches Töchter empfinden mußten beim Anblick eines ſo gräßlichen Schau⸗ ſpiels, wie dasjenige war, das ſich nach der Erzählung am Schluſſe ———6———n— 449 des letzten Kapitels dem Auge Judith's und Hetty's darbot. Wir gehen hinweg über die erſten Gemüthsbewegungen, über die erſten Geberdungen und Aeußerungen kindlicher Theilnahme und Liebe, und fahren in der Erzählung fort, die einzelnen Züge der empörenden Scene mehr der Einbildungskraft überlaſſend, als ſie aufzeichnend. Der verſtümmelte, zerfetzte Kopf war verbunden, das entſtellende Blut aus dem Geſicht des Leidenden gewiſcht, die ſonſtigen Mittel und Erleichterungen, welche erforderlich und dienlich ſchienen, ange⸗ wendet, und es war jetzt Zeit, nach den ernſteren Umſtänden des Falles ſich zu erkundigen. Die Thatſachen wurden in all ihren Einzelnheiten, ſo einfach ſie waren, erſt nach Jahren bekannt; aber wir können ſie hier ſchon erzählen, da dieß mit wenigen Worten ſich thun läßt. In dem Kampf mit den Huronen war Hutter ge⸗ troffen worden von dem Meſſer des alten Kriegers, der die Vorſicht gebraucht hatte, die Waffen aller Andern, nur ſeine eignen nicht, entfernen zu laſſen. Da er von ſeinem ſtämmigen Feind hart ge⸗ drängt wurde, hatte das Meſſer die Sache beendigt. Dieß geſchah gerade, als die Thüre geöffnet wurde, und Hurry, wie oben berichtet, auf die Plattform herausſtürzte. Dieß war das Geheimniß, warum Keiner von beiden Theilen bei dem nun folgenden Kampfe ſich blicken ließ; Hutter war im buchſtäblichen Sinne kampfuntüchtig, und ſein Sieger ſchämte ſich, mit den Blutſpuren an ſeiner Perſon ſich ſehen zu laſſen, nachdem er ſo viele Beredſamkeit und Gründe aufgeboten, ſeine jungen Krieger von der Nothwendigkeit zu über⸗ zeugen, ihre Feinde lebendig zu fangen. Als die drei Huronen von der Jagd zurückkehrten, und es beſchloſſen war, das Caſtell zu ver⸗ laſſen und zu der Truppe auf dem Land zurückzukehren, ward Hutter einfach ſkalpirt, um die übliche Trophäe zu gewinnen, und dann ließ man ihn ſo zu ſagen zollweis dahinſterben, wie die mitleid⸗ loſen Krieger dieſes Theils des amerikaniſchen Feſtlandes in tauſend Fällen ſchon gethan hatten. Hätte ſich jedoch die Miß⸗ handlung Hutter's auf ſeinen Kopf beſchränkt, ſo hätte er ſich Der Wildtödter. 3. Aufl. 29 450 wieder erholen können, denn der Meſſerſtoß war es, der tödtlich für ihn wurde. Es gibt Augenblicke des lebhaften Bewußtſeyns, wo die ſtrenge Gerechtigkeit Gottes in ſo auffallenden Farben vor Einen hintritt, daß ſie aller Beſtrebungen ſpottet, ſie dem Auge zu verſchleiern, wie unangenehm ſie auch das Gemüth berühren, wie befliſſen man auch ſeyn mag, ihrer Anerkennung auszuweichen. So war es jetzt bei Judith und Hetty, welche beide den Rathſchluß einer vergeltenden Vorſehung in der Art des Leidens ihres Vaters erblickten, als Strafe für die von ihm kürzlich gegen die Irokeſen gemachten An⸗ ſchläge. Dieß erkannte und fühlte Judith mit der ſcharfen Empfindung und Erkenntniß, die ihrem Charakter gemäß war; während der auf das einfältigere Gemüth ihrer Schweſter gemachte Eindruck vielleicht weni⸗ ger lebhaft war, obwohl er ſich vielleicht als nachhaltiger auswies. „Oh! Iudith!“ rief das ſchwachſinnige Mädchen, ſobald ſie dem Leidenden ihre erſte Sorgfalt gewidmet hatte;„Vater ging ſelbſt auf Skalpe aus, und wo iſt jetzt der ſeinige? die Bibel hätte wohl dieſe fürchterliche Strafe vorherſagen können!“ „Still— Hetty— ſtill, arme Schweſter— er öffnet die Augen; er hort und verſteht Dich vielleicht. Es iſt, wie Du ſagſt und denkſt; aber es iſt zu ſchrecklich, davon zu ſprechen.“ „Waſſer!“ ſtammelte Hutter wie mit verzweiſelter Anſtrengung, die ſeine Stimme fürchterlich tief und ſtark machte für einen ſichtlich dem Tode ſo Nahen—„Waſſer— närriſche Mädchen— wollt Ihr mich Durſtes ſterben laſſen?“ Waſſer ward gebracht und dem Leidenden gereicht— das erſte, das er in Stunden körperlicher Schmerzen und Pein gekoſtet hatte. Es hatte die doppelte Wirkung, ſeine Kehle rein zu machen und für einen Augenblick ſeine erlöſchende Kraft wieder zu beleben. Seine Augen öffneten ſich mit jenem ängſtlichen, verzerrten Blick, der oft das Scheiden einer vom Tod überraſchten Seele begleitet, und er ſchien ſprechen zu wollen. —„ ——— +8 18— —————„ —, —2 tlich enge ritt, jern, man jetzt nden als An⸗ ung das eni⸗ dies. ſie ging ätte die agſt ung, tlich ollt das zſtet hen hen. lick, tet, 451 „Vater—“ ſagte Judith, in unausſprechlicher Angſt und Be⸗ trübniß über ſeinen jammervollen Zuſtand, und um ſo mehr, als ſie nicht wußte, welche Mittel anzuwenden wären—„Vater, koͤnnen wir Etwas für Euch thun? Kann ich und Hetty Eure Schmerzen erleichtern?“ „Vater!“ wiederholte langſam der alte Mann.„Nein, Ju⸗ dith— nein, Hetty— ich bin kein Vater. Sie war Eure Mutter, aber ich bin kein Vater. Seht in dem Schranke nach— dort iſt Alles— mehr Waſſer!“ Die Mädchen erfüllten ſeinen Wunſch; und Judith, deren frühere Erinnerungen viel weiter zurück reichten als die ihrer Schweſter, und die in jeder Hinſicht viel deutlichere Eindrücke von der Ver⸗ gangenheit hatte, empfand, als ſie jene Worte vernahm, eine nicht zu unterdrückende Anwandlung von Freude. Es hatte nie viel Sympathie zwiſchen ihrem vermeintlichen Vater und ihr geherrſcht, und eine Vermuthung eben dieſer Wahrheit hatte oft ihre Seele durchzuckt in Folge von Geſprächen zwiſchen Hutter und ihrer Mutter, die ſie belauſcht hatte. Vielleicht gienge es zu weit, wenn man ſagte, ſie habe ihn nie geliebt, aber das darf man keck behaup⸗ ten, ſie habe ſich gefreut, daß es nicht mehr ihre Pflicht war. Hetty's Empfindungen waren anders. Unfähig, alle die Unterſchei⸗ dungen zu machen, wie ihre Schweſter, war ſie ihrer ganzen Natur nach voll Zäͤrtlichkeit, und ſie hatte ihren vermeintlichen Vater geliebt, obwohl viel weniger zärtlich als ihre wirkliche Mutter; und es betrübte ſie jetzt, von ihm die Erklärung zu hören, daß er nicht durch natürliche Bande zu dieſer Liebe berechtigt war. Sie fühlte einen doppelten Schmerz, als ob ſein Tod und ſeine Worte zuſammen ſie doppelt des Vaters beraubten. Ihren Gefühlen nachgebend trat das arme Mädchen beiſeite und weinte. Die entgegengeſetzten Gemüthsbewegungen der beiden Mädchen machten Beide lange Zeit ſtumm. Indith reichte dem Leidenden oft Waſſer, aber ſie enthielt ſich, mit Fragen in ihn zu dringen, 45²2 einigermaßen aus Rückſicht für ſeinen Zuſtand, aber wenn man die Wahrheit geſtehen ſoll, ebenſo ſehr auch, damit nicht, was er bei einer weitern Erläuterung etwa hinzufügte, den angenehmen Glauben ſtörte, daß ſie nicht Thomas Hutter's Kind ſey. Endlich trocknete Hetty ihre Thränen, kam herbei und ſetzte ſich auf einen Schemel neben den Sterbenden, welcher der Länge nach auf den Boden gelegt worden war, das Haupt auf einigen abgetragnen Kleidern aufliegend, die im Hauſe zurückgeblieben waren. „Vater,“ ſagte ſie,„Ihr werdet mich Euch laſſen, obgleich Ihr ſagt, Ihr ſeyd es nicht— V aus der Bibel leſen— Mutter ſagte immer, die Bibel ſey gut für Leute in Nöthen. Sie war ſelbſt oft in Noth und Unruhe, und dann ließ ſie ſich von mir aus der Bibel leſen; denn Judith war nicht eine ſolche Freundin von der Bibel, wie ich— und es that ihr immer gut. Oft habe ich es erlebt, daß Mutter anfing zuzuhören, während ihr die Thränen aus den Augen ſtrömten, und am Ende ganz Lächeln und Heiterkeit war. O! Vater, Ihr wißt nicht, wie viel Gutes die Bibel wirken kann, denn Ihr habt es nie verſucht; jetzt will ich Euch ein Kapitel leſen, und es wird Euer Herz befänftigen, wie es die Herzen der Huronen beſänftigt hat.“ Während die arme Hetty ſo viel Ehrfurcht vor der Tugend der Bibel, und ſo viel Glauben daran hatte, war ihr Verſtand zu ſchwach, als daß ſie im Stande geweſen wäre, ihre Schönheiten vollſtändig zu würdigen, oder ihre tiefe, manchmal geheimnißvolle Weisheit zu ergründen. Jener inſtinktmäßige Vater nennen ater, ſoll ich Euch ihren Charakter warf, konnte nicht in tiefſinnige Wahrheiten ein⸗ dringen, oder die feinen Fäden der Verkettung zwiſchen Urſache und Wirkung, neben dem in die Augen fallenden und unbeſtreitbaren Zuſammenhang, auffinden und verfolgen, obwohl fie ſelten verfehlte, dieſen letztern wohl einzuſehen und ſich allen gerechten Conſequenzen . —.=2 2ͤS—.——,— &—. „ — die 3 er men lich nen den nen en uch Zut he, ith zu unterwerfen. Mit Einem Wort, ſie gehörte zu Denjenigen, die richtig empfinden und handeln, ohne im Stande zu ſeyn, logiſche Gründe dafür anzugeben, ſelbſt wenn man ihr die Offenbarung als Autorität gelten ließ. Ihre aus der Bibel gewählten Abſchnitte zeichneten ſich daher gewöhnlich aus durch die Einfalt ihres eignen Gemüthes, und fielen eher dadurch auf, daß ſie Bilder von bekannten und handgreiflichen Dingen enthielten, als jene höhern Züge ſittlicher Wahrheiten, wovon die Blätter dieſes wunderbaren Buches erfüllt ſind— wunderbar und beiſpiellos, auch abgeſehen von ſeinem gött⸗ lichen Urſprung, als ein Werk voll der tiefſten Philoſophie, vorge⸗ tragen in der edelſten Sprache. Ihre Mutter hatte, in Kraft einer Ideenverbindung, die dem Leſer auffallen wird, eine beſondere Vor⸗ liebe für das Buch Hiob gehabt; und Hetty hatte großentheils das Leſen gelernt bei den häufigen Unterrichtsſtunden, welche dieſem ehrwürdigen und erhabnen Gedicht gewidmet waren, das man jetzt für das älteſte Buch der Welt hält. Auch in dieſem Falle folgte das arme Mädchen der Gewohnheit ihrer Erziehung und Bildung, und wandte ſich zu dieſem wohlbekannten Theile des heiligen Buches mit der ſchnellen Beſonnenheit, mit der etwa der geübte Anwalt ſeine Autoritäten aus den Schätzen juriſtiſcher Weisheit citiren würde. Bei der Wahl des Kapitels ließ ſie ſich durch die Ueber⸗ ſchriften leiten, und wählte das, was in der engliſchen Ueberſetzung die Ueberſchrift hat: ‚Hiob rechtfertigt ſein Verlangen nach dem Tod.“(Kap. 7.) Dieß las ſie ſtetig, vom Anfang bis zum Ende, mit ſüßer, leiſer und wehmüthigklagender Stimme, in der frommen Hoffnung, die allegoriſchen und tieffinnigen Sprüche würden wohl dem Herzen des Leidenden den Troſt bieten, deſſen er bedürfe. Es iſt auch eine Eigenthümlichkeit der umfaſſenden Weisheit der Bibel, daß man kaum ein Kapitel aufſchlagen kann, es ſey denn ſtreng erzählender Art, das nicht irgend eine tiefer gehende Wahrheit enthielte, die ihre Anwendung findet auf den Zuſtand jedes menſch⸗ lichen Herzens, ſo wie auf den zeitlichen Stand ſeines Beſitzers, 454 entweder mittelſt der Regungen dieſes Herzens, oder auch in noch unmittelbarerer Weiſe. Im gegenwärtigen Fall war ſchon der erſte Spruch: ‚Muß nicht der Menſch immer im Streite ſeyn auf Erden?“ auffallend und zutreffend; und wie Hetty weiter las, fand Hutter manche Sätze und Bilder auf ſeinen eignen Zuſtand im leiblichen und geiſtlichen Sinne bezüglich, oder glaubte wenigſtens, ſolche Beziehungen zu finden. Wenn das Leben raſch dahin fluthet, klammert ſich der Geiſt begierig an jede Hoffnung, wofern er nicht ganz von Verzweiflung niedergedrückt iſt. Die feierlichen Worte: ‚Habe ich geſündigt, was ſoll ich dir thun, du Menſchenhüter? Warum machſt du mich, daß ich auf dich ſtoße, und bin mir ſelbſt eine Laſt?“ ergriffen Hutter noch lebhafter als die andern; und obgleich zu dunkel, als daß ein Mann von ſeinen abgeſtumpften Gefühlen und ſeinem ſchwerfälligen Geiſt ſie in ihrem vollen Sinn hätte fühlen oder faſſen können, fanden ſie doch eine ſo unmittelbare Anwendung auf ſeinen Zuſtand, daß er davon heftig betroffen wurde. „Fühlt Ihr Euch jetzt nicht beſſer, Vater?“ fragte Hetty, das Buch zumachend.„Mutter fühlte ſich immer beſſer, wenn ſie in der Bibel geleſen.“ „Waſſer!“ verſetzte Hutter hierauf;„gib mir Waſſer, Judith. Ich bin nur begierig, ob meine Zunge immer ſo heiß bleiben wird! Hetty, ſteht nicht auch Etwas in der Bibel von dem Kühlen der Zunge eines Mannes, der in den Flammen der Hölle Pein litt?“ Judith wandte ſich entſetzt ab; Hetty aber ſuchte eifrig den Abſchnitt, den ſte dem von ſeinem Gewiſſen gequälten Opfer ſeiner habgierigen Anſchläge laut vorlas. „Das iſt es, arme Hetty; ja das iſt es. darf jetzt der Kühlung; wie wird es drüben Dieſe Frage machte ſelbſt die vertrauensvo denn ſie hatte für eine ſo verzweiflungsſchwere wort bereit. Waſſer, ſo Meine Zunge be⸗ ſeyn?“ lle Hetty ſtumm, Frage keine Ant⸗ lange es dem Leidenden Erleichterung gewährte, vermochten ihm allein die Schweſtern zu geben; und von Zeit zu Zeit ward es dem Munde des Dulders gereicht, wenn er darnach verlangte. Selbſt Indith betete. Und Hetty, ſobald ſie fand, daß ihre Bemühungen, ihres Vaters Aufmerkſamkeit für ihre Terte zu gewinnen, von keinem Erfolg mehr gekrönt waren, kniete neben ihm hin, und ſagte andächtig die Worte her, welche der Erlöſer als Muſter für menſchliche Bitten zu Gott hinterlaſſen hat. Damit fuhr ſie, in Zwiſchenraͤumen, fort, ſo lange ſie glaubte, daß dieſer Alt dem Sterbenden wohlthun könne. Aber Hutter's Kräfte erhielten ſich noch länger, als die Mädchen für möglich gehalten hätten, wie ſie ihn zuerſt fanden. Zu Zeiten ſprach er vernehmlich, öfter aber bewegten ſich ſeine Lippen nur, um Töne auszuſtoßen, welche dem Geiſt keine deutliche Vorſtellung gaben. Judith lauſchte geſpannt, und ſte hörte die Worte: ‚Gatte,“ „Tod,“ ‚Seeräuber,“ ‚Geſetz,„Skalpe“ und verſchiedene andere von ähnlicher Wichtigkeit, obgleich kein Satz den eigentlichen Zu⸗ ſaminenhang deſſen erläuterte, was ſie ausſprechen ſollten. Doch waren ſie hinlänglich bedeutſam, um von einer Perſon verſtanden zu werden, deren Ohr die Gerüchte nicht überhört hatte, welche gegen den guten Namen ihres vermeintlichen Vaters im Umlauf waren, und deren Combinationskraft ebenſo raſch, als ihre Faſſungs⸗ kraft lebhaft und aufmerkſam war. Während der ganzen peinlichen Stunde, die nun folgte, dachte keine der beiden Schweſtern ſo viel an die Huronen, um ihre Wie⸗ derkunft zu fürchten. Es ſchien, als hätte ihr Jammer und ihre Betrübniß ſie über die Gefahr einer ſolchen Störung hinausgeſetzt; und als endlich der Ton von Rudern gehört wurde, erſchrack ſelbſt Judith, welche allein Grund hatte, den Feind zu fürchten, nicht, ſondern begriff ſogleich, daß die Arche in der Nähe ſeyn müſſe. Sie trat furchtlos auf die Plattform, denn wenn es ſich auch zei⸗ gen ſollte, daß Hurry nicht da, und die Huronen Meiſter der Fähre waren, war Flucht unmöglich. Dann beſaß ſie auch die obwohl nicht ganz mit ſeinem gewöhnlichen, keck Art von Zuverſicht, welche der höchſte Jammer einzuflößen pflegt. Aber es war kein Grund zu einer Unruhe vorhanden— Chin⸗ gachgook, Hiſt und Hurry ſtanden alle auf dem offnen Theil der Fähre, und beſichtigten vorſichtig das Gebäude, um ſich von der Abweſenheit des Feindes zu verſichern. Auch ſie hatten die Abfahrt der Huronen geſehen, ſo wie das Herankommen des Canoes der Mädchen an das Caſtell, und auf den letztern Umſtand bauend, hatte March die Fähre auf die Plattform zugeſteuert. Ein Wort genügte zu erklären, daß Nichts zu fürchten ſey, und bald ſchwankte die Arche auf ihrem alten Ankerplatz. Judith ſagte kein Wort von dem Zuſtand ihres Vaters, aber Hurry kannte ſie zu gut, um nicht zu merken, daß irgend etwas beſonders Schlimmes vorgefallen. Er ging voran in das Haus, en und zuverſicht⸗ lichen Weſen, und als er in das innere Gemach gelangte, fand er da Hutter auf dem Rücken liegend, und Hetty neben ihm ſitzend, die ihm mit frommer Sorgfalt Kühlung zufächelte. Die Vorfälle des Morgens hatten eine merkliche Veränderung in Hurry's Weſen zur Folge gehabt. Trotz ſeiner Geſchicklichkeit als Schwimmer, und der Geiſtesgegenwart, mit welcher er das einzige Mittel, das ihn noch retten konnte, ergriffen, hatte doch ſein hülfloſer Zuſtand im Waſſer, an Händen und Füßen gebunden, einen ähnlichen Eindruck auf ihn gemacht, wie nach der Erfahrung das drohende Herannahen der Strafe auf die meiſten Verbrecher: lebhaften Eindruck von den Schrecken des Todes in ſeinem Ge⸗ ſtellung von phyſiſcher Hülflofigkeit;— und die Kühnheit dieſes Mannes war weit mehr die Folge ungeheurer phyſiſcher Kräfte, als von Willensſtärke, oder auch von hitzigem Temperament. Solche Helden verlieren unausbleiblich einen großen Theil ihres Muths mit der Lähmung oder Beſchämung ihrer Stärke, und ob⸗ gleich Hurry jetzt ohne Bande, und ſo kräftig wie immer war, 457 waren doch die Ereigniſſe noch zu friſch, als daß die Erinnerung an ſeinen kürzlich durchgemachten kläglichen Zuſtand ſchon irgend wäre geſchwächt geweſen. Wäre er hundert Jahre alt geworden, die Begebniſſe der wenigen gefahrvollen Minuten, die er im See zugebracht, würden einen dämpfenden Einfluß auf ſeinen Charakter, wenn auch nicht immer auf ſein Benehmen geübt haben. Hurry war nicht blos entſetzt, als er ſeinen Genoſſen von Kurzem her in dieſer verzweiflungsvollen Lage fand, ſondern auch höchlich überraſcht. Während des Kampfes in dem Gebäude war er ſelbſt viel zu ſehr in Anſpruch genommen geweſen, als daß er ſich hätte darum bekümmern ſollen, was aus ſeinem Kameraden geworden, und da gegen ihn keine tödtliche Waffe war gebraucht worden, man ſich vielmehr alle Mühe gegeben hatte, ihn unver⸗ ſehrt zu fangen, glaubte er natürlich, Hutter ſey überwältigt worden, während er ſein Entkommen ſeiner gewaltigen Körper⸗ ſtärke und einem glücklichen Zuſammentreffen außerordentlicher Umſtände verdankte. Der Tod, in der Stille und in dem trüben Ernſt eines Zimmers, war ihm etwas Neues. Obgleich an Scenen von Gewaltthätigkeit gewöhnt, war es ihm doch ganz fremd, an einem Bette zu ſitzen, und den matten Schlag des Pulſes zu beob⸗ achten, wie er allmählig ſchwächer und ſchwächer wurde. Trotz des in ſeiner Gemüthsſtimmung vorgegangnen Wechſels konnte er doch die Angewöhnungen eines Lebens nicht in einem Augenblick ganz bei Seite werfen und in ſeinem Benehmen verläugnen, und die unerwartete Scene entlockte dem Grenzmann eine ganz charak⸗ teriſtiſche Rede. „Nun wie ſtehts, alter Tom!“ ſagte er;„huͤben Euch die Vagabunden einen Vortheil abgewonnen, daß Ihr nicht nur unten zu liegen gekommen, ſondern wohl auch liegen bleiben werdet! Ich vermuthete Euch allerdings als Gefangenen, aber glaubte nicht, daß Ihr ſo hart mitgenommen wäret.“ Hutter öffnete ſeine gläſernen Augen und ſtierte den Redenden 458 wild an. Ein Strom verworrener Erinnerungen ſtürmte beim An⸗ blick des Mannes, der ſo kurz noch ſein Kamerade geweſen, auf ſeinen verſtörten Geiſt ein. Es war unverkennbar, daß er mit ſeinen eigenen Phantaſiebildern kämpfte, und das Wirkliche vom Eingebildeten nicht zu unterſcheiden vermochte. „Wer ſeyd Ihr?⸗ fragte er mit heiſerem, hohlem Flüſtern, denn ſeine ermattende Kraft weigerte ſich, ihn zu einer lauteren Erhebung ſeiner Stimme zu unterſtützen.„Wer ſeyd Ihr?— Ihr ſeht aus wie der Bootsmann von dem Schnee— er war auch ein Rieſe, und hätte uns beinahe überwältigt.“ „Ich bin Euer Bootsmann, Floating Tom, und Euer Ka⸗ merade, habe aber Nichts mit Schnee zu ſchaffen. Es iſt jetzt Sommer, und Harry March verläßt immer die Berge ſobald nach dem Eintreten des Froſts als irgend thunlich.“ „Ich kenne Euch— Hurry Skurry— ich will Euch einen Skalp verkaufen!— einen geſunden und von einem ausgewachſenen Mann— Was gebt Ihr dafür?“ „Armer Tom! Dieß Geſchäft mit Skalp winnreich ausgefallen, und ich bin ziemlich entſchloſſen, es aufzu⸗ geben, und einen minder blutigen Beruf zu ergreifen.“ „Habt Ihr einen Skalp? Meiner iſt fort— Wie fühlt es ſich, wenn man einen Skalp hat?— Ich weiß wie es ſich fühlt, wenn man einen verliert— Feuer und Flammen um das Hirn— und ein Zucken im Herzen— nein, nein! tödtet vorher, Hurry, und nachher ſkalpirt!“ „Was meint der alte Burſche, Judith? Er ſchwatzt wie Einer, der des Geſchäfts eben ſo überdrüſſig geworden, wie ich. Warum habt Ihr ihm den Kopf verbunden? oder haben ihm die Wilden mit dem Tomahawk Eins aufs Hirn verſetzt?“ „Sie haben ihm das gethan, was Ihr und er, Harry March, ſo gern ihnen gethan hättet. Sie haben ihm Haut und Haare vom Kopf geriſſen, um Geld vom Gouverneur von Canada zu en iſt gar nicht ge⸗ d 2 .,———,, 459 bekommen, wie Ihr ſie den Huronen gern herunter geriſſen hättet, um Geld zu bekommen von dem Gouverneur von York.“ Judith ſprach mit einer großen Anſtrengung, ſich den Schein der Faſſung zu geben, aber es lag weder in ihrer Natur, noch in der Stimmung des Augenblicks, ganz ohne Bitterkeit zu ſprechen. Ihr ſcharfer nachdrücklicher Ton ſowohl als ihr ganzes Weſen ver⸗ anlaßten Hetty vorwurfsvoll aufzuſchauen. „Das ſind hohe Worte aus dem Munde der Tochter von Thomas Hutter, während Thomas Hutter ſterbend vor ihren Augen liegt,“ erwiederte Hurry ſcharf. „Gott ſey dafür geprieſen!— welchen Vorwurf es auch auf meine arme Mutter laden mag, ich bin nicht Thomas Hutter's Tochter!“ „Nicht Thomas Hutter's Tochter!— Verlaͤugnet den alten Burſchen nicht in ſeinen letzten Augenblicken, Judith, denn das iſt eine Sünde, die der Herr nie vergeben wird. Wenn Ihr nicht Thomas Hutter's Tochter ſeyd, Weſſen Tochter ſeyd Ihr denn?“ Dieſe Frage demüthigte den rebelliſchen Geiſt Judith's; denn indem ſie eines Vaters los ward, von welchem geſtehen zu dürfen, daß ſie ihn nie geliebt habe, ſie als eine Herzenserleichterung empfand, überſah ſie den wichtigen Umſtand, daß kein Stellver⸗ treter in Bereitſchaft war, ſeinen Platz einzunehmen. „Ich kann Euch nicht ſagen, Hurry, wer mein Vater war,“ antwortete ſie milder,„ich hoffe, er war wenigſtens ein ehrlicher Mann.“ „Was Mehr iſt, als Ihr von dem alten Hutter glaubt ſagen zu können? Nun, Judith, ich will nicht läugnen, daß arge Ge⸗ ſchichten im Umlauf waren, Floating Tom betreffend, aber Wer iſt, der nicht einen Kratz davon trüge, wenn ein Feind den Rechen führt? Es gibt Leute, die arge Sachen ſagen von mir; und ſelbſt Ihr, ſo eine große Schönheit Ihr ſeyd, entgeht ihnen nicht immer.“ Dieß ward geſagt in der Abſicht, eine Art Gleichheit des 460 Charakters und Rufs zwiſchen den Parteien zu begründen, und, 1 wie die Politiker des Tages es auszudrücken pflegen, ‚mit weiter⸗ 3 greifenden Intentionene. Was die Folgen geweſen wären bei 1 einem Mädchen von Iundith's bekannter Heftigkeit und ihrem zu⸗ 4 verläſſigen Widerwillen gegen den Sprecher, iſt nicht leicht zu b ſagen; aber gerade jetzt verrieth Hutter durch unzweideutige An⸗ zeichen, daß er ſeinem letzten Augenblick nahe war. Judith und 1 Hetty waren am Sterbebette ihrer Mutter geſtanden; Keine von d Beiden brauchte daher auf die eintretende Kriſe aufmerkſam ge⸗ 4 macht zu werden, und jede Spur von Erbitterung ſchwand aus f der Erſteren Antlitz. Hutter öffnete ſeine Augen, und verſuchte 3 ſogar mit der Hand um ſich zu taſten, ein Zeichen, daß ihn das Geſicht verließ. Eine Minute darauf wurde ſein Athem röchelnd, — eine Pauſe folgte, wo die Reſpiration ganz aufhörte; und dann 8 trat der letzte, langgezogene Seufzer ein, mit welchem, wie man 3 glaubt, der Geiſt den Körper verläßt. Dieß plötzliche Erlöͤſchen 1 des Lebens eines Menſchen, der bisher eine ſo wichtige Stelle 4 n ausgefüllt auf der kleinen Scene, wo auch er eine Rolle zu ſpielen 3 gehabt, machte allem Hin⸗ und Herreden ein Ende. d Der Tag verſtrich ohne weitere Unterbrechung, und die Hu⸗ ronen, obwohl im Beſitz eines Canoes, ſchienen mit ihrem Erfolg 1 ſo weit zufrieden, daß ſie allen weitern Anſchlägen gegen das Caſtell unmittelbar vor der Hand entſagten. Es wäre in der That kein gefahrloſes Unternehmen geweſen, ſich ihm zu nähern 1 unter den Büchſen derjenigen, die, wie man wußte, ſich jetzt drinnen befanden, und wahrſcheinlich von dieſem Umſtand mehr als 4 von irgend einem andern, rührte die Waffenruhe her. Mittler⸗ weile wurden Anſtalten zur Beſtattung Hutter's Vetroffen. Ihn 1 auf dem Land zu begraben war unthunlich, und Hetty wünſchte, ſein Leichnam möchte an der Seite des Lei chnams ihrer Mutter im . 1 tl de von ihm anzuführen, worin den Familienbegräbnißplatz⸗ genannt hatte, See ruhen. Sie vermochte eine Re er ſelbſt den See, — „ und, veiter⸗ n bei n zu⸗ ht zu 2 An⸗ h und von 1 ge⸗ aus uchte das elnd, dann man ſchen telle elen Hu⸗ folg das der ern etzt als er⸗ hn te, 461 und zum Glück geſchah dieß ohne Vorwiſſen ihrer Schweſter, die ſich dem Plan, wenn ſie davon gewußt hätte, mit unüberwind⸗ lichem Widerwillen widerſetzt haben würde. Aber Judith hatte ſich nicht in dieſe Anordnung gemiſcht, und alle erforderlichen Vor⸗ bereitungen wurden ohne ihren Rath und ihre Kenntnißnahme getroffen. Die für die ſchmuckloſe Ceremonie gewählte Stunde war die, wo gerade die Sonne unterging, und einen Zeitpunkt und eine Scene, die geeigneter geweſen wären, einem Weſen von friedvollem und reinem Geiſt die letzte Ehre zu erweiſen, hätte man nicht erdenken können. Es iſt ein Geheimniß und eine feierliche Würde im Tod verborgen, welche die Ueberlebenden geneigt machen, die Reſte ſelbſt eines Freylers mit einer Art von Ehrfurcht zu betrachten. Alle weltlichen Unterſchiede haben aufgehört; man denkt, der Schleier ſey gelüftet, und der Charakter und das Schickſal des Abgeſchiedenen ſeyen jetzt ebenſo über menſchliche Meinungen, wie über menſchliches Wiſſen erhaben. In Nichts iſt der Tod in wahrerem Sinne ein Gleichmacher, weil, obſchon es unmöglich ſeyn mag, den Vornehmen mit dem Geringen, den Würdigen mit dem Unwürdigen ganz und gar zu vermengen, das Gemüt es doch als eine Anmaßung empfände, wollte es das Recht in An⸗ ſpruch nehmen, diejenigen zu richten, die, wie man glaubt, vor dem Richterſtuhle Gottes ſtehen. Als man Judith ſagte, daß Alles bereit ſey, trat ſie auf die Plattform, der Bitte ihrer Schweſter nachgebend, und jetzt erſt beachtete ſie die Vorkehrungen. Der Leichnam war in der Fähre, eingehüllt in ein Leintuch, und wohl ein Centner Steine, die man von dem Feuerplatz genommen, waren mit demſelben eingeſchloſſen, damit er gewiß ſinke. Keine andern Vorbereitungen erachtete man nöthig, doch nahm Hetty ihre Bibel unter dem Arme mit. Als Alle an Bord der Arche ſich befanden, ward dieſe eigen⸗ thümliche Behauſung des Mannes, deſſen Leichnam ſie jetzt zu ſeiner letzten Nuheſtätte trug, in Bewegung geſetzt. Hurry war 462 an den Rudern. In ſeinen gewaltigen Händen erſchienen ſie in der That als kaum Mehr, denn ein paar Ruderſchäufelchen, die er ohne Anſtrengung handhabte, und da er in ihrem Gebrauch geübt genug war, blieb der Delaware ein müßiger Zuſchauer ſeiner Arbeit. Die Fahrt der Arche hatte Etwas von der feierlichen Langſamkeit eines Leichenzugs, das Eintauchen der Ruder geſchah in gemeſſenem Takt, und die Bewegung war langſam und ſtetig. Das Anſpülen des Waſſers, wenn die Ruder ſich hoben und ſenkten, hielt gleichen Schritt mit Hurry's Anſtrengung, und hätte mit dem gemeſſenen Schritt von Leidtragenden verglichen werden können; dann war auch die ruhige Scene in ſchönem Einklang mit einem Ritus, der immer die Idee Gottes unwillkürlich aufdrängt. In dieſem Augenblick war die ſpiegelglatte Fläche des See's nicht auch nur im Mindeſten gekräuſelt, und das umfaſſende Panorama von Wäldern ſchien auf die heilige Ruhe der Stunde und der Ceremonie in melancholiſchem Schweigen herabzuſchauen. Judith war bis zu Thränen ergriffen, und ſogar Hurry, obgleich er ſelbſt kaum wußte warum, war aufgeregt. Hetty behielt den äußern Anſchein von ruhiger Faſſung, aber ihre innere Betrübniß üherſtieg weit die ihrer Schweſter, da ihr gefühlvolles Herz mehr aus Gewohn⸗ heit und in Folge eines langen Zuſammenlebens liebte, als in Kraft der gewöhnlichen Verbindung von Gefühl und Geſchmack. Sie ward jedoch aufrecht erhalten durch religiöſe Hoffnungen, die in ihrem einfachen Gemüth gewöhnlich den Naum einnahmen, welchen in dem Gemüth Judith's weltliche Gefühle ausfüllten; und ſte war nicht ganz ohne die Erwartung, Zeugin von einer offenen Kund⸗ gebung der göttlichen Macht bei einer ſo feierlichen Gelegenheit zu ſeyn. Doch war ſie weder myſtiſch noch überſpannt, da ihre geiſtige Schwäche beides verhinderte. Dennoch hatten ihre Gedanken überhaupt ſo viel von der Reinheit einer beſſern Welt an ſich, daß es ihr leicht ward, die Erde ganz zu vergeſſen und nur an den Himmel zu denken. Hiſt war ernſt, aufmerkſam und geſpannt, 463 denn ſie hatte oft Beerdigungen von Bleichgeſichtern geſehen, obwohl nie eine, die ſo eigenthümlich zu werden verſprach, wie dieſe; während der Delaware, obwohl ernſt und auch beobachtend, in ſeinem Weſen doch ſtoiſch und kaltblütig blieb. Hetty übernahm die Rolle des Lootſen, und wies Hurry an, wie er zu ſteuern habe, um die Stelle im See zu finden, welche ſie der ‚Mutter Grab' zu nennen pflegte. Der Leſer wird ſich erinnern, daß das Caſtell in der Nähe des ſüdlichen Endes einer Sandbank lag, die ſich beinahe eine halbe Meile nördlich erſtreckte, und am äußerſten Ende dieſer Untiefe hatte Floating Tom für paſſend erachtet, die Reſte ſeines Weibes und Kindes zu verſenken. Jetzt ſollten ſofort die ſeinigen daneben beigeſetzt werden. Hetty hatte Merkzeichen auf dem Lande, woran ſie gewöhnlich die Stelle auffand, obwohl die Stellung der Gebäude, die Richtung der Sandbank überhaupt, und die ſchöne Durchſichtigkeit des Waſſers zumal, das bis auf den Grund zu ſehen geſtattete, ihr dabei zu Hülfe kamen. Durch dieſe Mittel ward das Mädchen in Stand geſetzt, den Fortſchritt der Arche zu beobachten, und zur rechten Zeit trat ſie zu March und flüſterte ihm zu: „Jetzt, Hurry, könnt Ihr aufhören zu rudern. Wir ſind am Stein auf dem Grund vorbei, und der Mutter Grab iſt nahe.“ March ſtellte ſeine Arbeit ein, warf ſogleich den kleinen Anker aus, und faßte das Tau⸗Ende mit der Hand, um die Arche in ihrem Laufe zu hemmen. Die Arche drehte ſich, in Folge dieſer Hemmung, langſam im Kreiſe herum, und als ſie ganz ruhig ſtand, ſah man auf dem Hintertheil Hetty, in's Waſſer deutend, und die Thränen ſtrömten ihr in unwiderſtehlicher, natürlicher Rührung aus den Augen. IJudith war bei der Beſtattung ihrer Mutter gegenwärtig geweſen, hatte aber ſeitdem den Platz nicht mehr beſucht. Dieſe Vernachläſſigung hatte ihren Grund nicht in Gleichgültigkeit gegen das Andenken der Geſchiedenen; denn ihre Mutter hatte ſie geliebt, und hatte mit bitterem Schmerze Anlaß gefunden, ihren 464 Verluſt zu betrauern; aber ſie hatte einen Widerwillen gegen die Betrachtung des Todes, und ſeit dem Beſtattungstage waren in ſ ihrem eignen Leben Begebenheiten vorgefallen, welche dieß Gefühl ſ ſteigerten, und ſte wo moͤglich noch abgeneigter machten, dem Platze ſich zu nähern, welcher die Ueberreſte einer Mutter enthielt, deren ſtrenge d Lehren und Einſchäͤrfungen von weiblicher Sittlichkeit und Anſtand b durch Reue über eigne Verfehlungen nur um ſo ernſter und ein⸗ b dringlicher geworden waren. Bei Hetty war es ein ganz andrer C Fall. Für ihr einfaches, unſchuldiges Gemüth hatte die Erinnerung h an ihre Mutter kein andres Gefühl zur Folge als milden Kummer; S — einen Schmerz, den man ſo oft genußvoll oder wollüſtig nennt, d weil er verbunden iſt mit den Bildern von Vortrefflichkeit und v von der Reinheit eines beſſern Daſeyns. Einen ganzen Sommer 1 hatte ſie je nach Einbruch der Nacht an den Platz ſich zu begeben w die Gewohnheit gehabt; und ihr Canoe ſorgfältig ſo vor Anker ei legend, daß der Leichnam nicht verſtört wurde, ſaß ſte dann da, und v pflog eingebildete Geſpräche mit der Geſchiedenen, ſang ſüße 4 un Hymnen in die Abendluft und ſagte die Gebe te her, welche das B jetzt drunten ſchlummernde Weſen ſie in ihrer Kindheit gelehrt S hatte. Hetty hatte ihre glücklichſten Stunden in dieſem mittelbaren zu Verkehr mit dem Geiſt ihrer Mutter zugebracht, und die wilden in verworrenen indianiſchen Ueberlieferungen und Meinungen miſchten üb ſich, ihr unbewußt, mit der chriſtlichen Lehre, die ihr in der Kind⸗ un heit war beigebracht worden. Einmal war ſie von jenen ſo weit ſo * beherrſcht worden, daß ſie daran dachte, an ihrer Mutter Grab be einige jener phyſiſchen Bräuche zu verrichten, welche, wie man leg weiß, von den rothen Männern beobachtet werden; aber die vor⸗ ſtü übergehende Anwandlung war zurückgedrängt worden durch das d ſtetige, obwohl milde Licht des Chriſtenthums, das in ihrer ſanften ge Bruſt nie aufhörte zu brennen. Jetzt waren ihre Gemüthsbewegungen in der natürliche Ausbruch des Gefühls einer Tochter, welche um eine Mutter weinte, deren Liebe ihrem Herzen unzerſtörbar eingeprägt 2en die en in Befühl be ſich renge iſtand ein⸗ ndrer rung ner; ennt, und mer ben iker und üße das hrt en 465 war, und deren Lehren zu ernſtlich eingeſchärft worden waren, um ſo leicht vergeſſen zu werden von einer Tochter, die ſo wenig Ver⸗ ſuchung zu Verirrungen hatte. Kein andrer Prieſter als die Natur war gegenwärtig bei dieſem eigenthümlichen und kunſtloſen Leichenbegängniß. March blickte in das Waſſer, und durch das klare durchſichtige Element, beinahe ſo rein wie die Luft, ſah er, was Hetty ‚der Mutter Grab“ zu nennen pflegte. Es war ein niedriger, einzelner Erd⸗ haufen, nicht durch Spaten gebildet, aus deſſen einer Ecke ein Stück von der weißen Leinwand hervorſah, welche das Todtenkleid der Geſchiednen ausmachte. Der Leichnam war auf den Grund verſenkt worden, und Hutter hatte vom Land her Erde herbeigeführt und darauf geworfen, bis Alles zugedeckt war. In dieſem Zuſtand war der Platz geblieben, bis die Bewegung des Waſſers das einzige Zeichen, das wir ſo eben erwaͤhnten, ſichtbar machte, welches verrieth, wozu der Platz benützt worden war. Selbſt die roheſten und lärmendſten Menſchen werden durch die Ceremonie einer Beſtattung weicher und geſitteter. March fühlte keine Luſt, ſeine Stimme zu einem jener bei ihm ſo häufigen rohen Ausbrüchen zu erheben und war ganz geneigt, den Dienſt, den er übernommen, in anſtändiger Nüchternheit zu vollziehen. Vielleicht ſann er nach über die Vergeltung, die ſeinen bisherigen Kameraden betroffen, und dachte an die gräßliche Gefahr, worin ſein eignes Leben vor ſo kurzer Zeit geſchwebt. Er gab Judith zu verſtehen, daß alles un bereit ſey, erhielt von ihr die Anweiſung, Hand an's Werk zu legen, hob, vermöge ſeiner ungeheuern Stärke, ohne andrer Unter⸗ ſtützung den Leichnam auf, und trug ihn an das Ende der Fähre. Das Seil ward unter den Füßen und unter den Schultern durch⸗ gezogen, wie unter den Särgen, und dann der Leichnahm langſam in den See verſenkt. „Nicht hier— Harry March— nein, nicht hier!“ ſagte Der Wildtödter. 3. Aufl. 30 Judith unwillkührlich ſchaudernd,„verſenkt ihn nicht ſo ganz nahe an dem Platz, wo Mutter liegt.“ „Warum nicht, Judith?“ fragte Hetty ernſt.„Sie lebten miteinander im Leben und ſollen im Tode bei einander ruhen.“ „Nein— nein— Harry March— weiter weg, weiter weg,— Arme Hetty, Du weißt nicht, was Du ſagſt.— Laß mich das anordnen.“ „Ich weiß, ich bin ſchwachſinnig, Judith, und Du biſt geſcheut, — aber, gewiß, ein Ehemann ſoll immer neben die Frau gelegt werden. Mutter ſagte immer, das ſey die Art, wie man auf chriſtlichen Kirchhöfen begrabe.“ Dieſer kleine Streit wurde mit Eifer, obwohl mit gedämpfter Stimme geführt, als fürchteten die Sprechenden, der Todte möchte ſie hören. Judith konnte in einem ſolchen Augenblick nicht mit ihrer Schweſter hadern, aber eine bedeutſame Geberde von ihr bewog March, den Leichnam in einer kleinen Entfernung von dem der Mutter zu verſenken, worauf er die Stricke heraufzog und der Akt geſchloſſen war. „So hat's ein Ende mit Floating Tom!“ rief Hurry, ſich über die Fähre vorbeugend, und durch's Waſſer den Leichnam anſtarrend.„Er war ein braver Kamerad auf einer Kundſchaft, und ein tüchtiger Kerl im Fallenſtellen. Weint nicht, Judith— laßt Euch den Schmerz nicht übermannen, Hetty, denn die Recht⸗ ſchaffenſten von uns müſſen Alle auch ſterben, und wenn die Zeit kommt, können Wehklagen und Thränen die Todten nicht wieder zum Leben bringen. Euer Vater wird ein Verluſt für Euch ſeyn, ohne Zweifel; die meiſten Väter ſind ein Verluſt, beſonders für unverheirathete Töchter, aber es gibt ein Mittel, dieß Uebel zu heilen, und Ihr ſeyd Beide zu jung und zu ſchön, als daß Ihr jenes Mittel lange nicht finden ſolltet. Wenn's Euch angenehm iſt, zu hören, was ein ehrlicher und anſpruchsloſer Mann zu ſagen hat, Judith, möchte ich wohl ein wenig mit Euch ſprechen, und das beiſeite.“ nahe ebten 4 eiter Laß heut, elegt auf fter chte mit ihr dem der 467 Judith hatte kaum auf Hurry's rohen Tröſtungsverſuch gemerkt, obwohl ſie natürl ich die Abzweckung davon im Allgemeinen verſtand, und einen ziemlich genauen Begriff von ſeiner Art und Weiſe hatte. Sie weinte bei der Erinnerung an ihrer Mutter frühere Zärtlich⸗ keit, und ſchmerzliche Bilder von lange vergeſſenen Anweiſungen und vernachläſſigten Lehren ſtürmten auf ihr Gemüth ein. Aber Hurry's Worte riefen ſie wieder in die Gegenwart zurück, und ſo überraſchend und unzeitig ihr Inhalt war, hatten ſie doch nicht jene Aeußerungen von Widerwillen zur Folge, die man bei dem Charakter des Mädchens hätte erwarten können. Im Gegentheil, es ſchien ihr ein plötzlicher Gedanke aufzugehen, ſie ſchaute einen Augenblick den jungen Mann ſcharf an, trocknete ſich die Augen und begab ſich nach dem andern Ende der Fähre, ihm winkend, ihr zu folgen. Hier ſetzte ſie ſich und bedeutete March, ſich neben ſte zu ſetzen. Die Entſchiedenheit und der Ernſt, womit dieß Alles geſchah, ſchüchterten ihren Genoſſen ein Wenig ein, und Judith fand nöthig, ſelbſt das Geſpräch zu eröffnen. „Ihr wünſcht mit mir von Heirath zu ſprechen, Harry March,“ ſagte ſie,„und ich komme hieher, über dem Grabe meiner Eltern, gleichſam— nein, nein— über dem Grabe meiner armen, theuern, theuern Mutter, zu hören, was Ihr mir zu ſagen habt.“ „Das iſt ungewöhnlich, und Ihr habt ein ſo ſcheumachendes Weſen an Euch dieſen Abend, Judith,“ antwortete Hurry, verſtörter als er ſelbſt hätte geſtehen mögen;„aber Wahrheit iſt Wahrheit, und ſie kommt an den Tag, folge dann was da will. Ihr wißt, Mädchen, daß ich Euch längſt ſchon für das hübſcheſte junge Weib halte, das meine Augen je geſehen, und daß ich daraus kein Ge⸗ heimniß gemacht habe, weder hier auf dem See, noch draußen bei den Jägern und Fallenſtellern, noch in den Anſiedlungen.“ „Ja, ja, ich habe das ſonſt ſchon gehört, und glaube, daß es wahr iſt,“ antwortete Judith mit einer Art fieberhafter Ungeduld. „Wenn ein junger Mann eine ſolche Sprache führt von einem 468 beſtimmten jungen Weibe, ſo iſt es vernünftig, anzunehmen, daß er viel auf ſie häͤlt.“ „Wahr— wahr, Hurry— das Alles habt Ihr mir oft und viel geſagt.“ „Nun, wenn es angenehm iſt, ſo ſollte ich meinen, ein Weib könne es nicht zu oft hören. Alle ſagen mir, das ſey die Art Eures Geſchlechtes— Nichts gefalle Euch mehr, als wenn man Euch hundert und aber hundert Mal wiederhole, daß man Euch gern habe— ausgenommen das, daß man Euch von Eurer Schönheit ſpreche.“ „Ohne Zweifel— wir haben Beides gern in den meiſten Fällen; aber das iſt ein ungewöhnlicher Zeitpunkt, Hurry, und eitle Worte ſollten nicht allzu frei gebraucht werden. Ich möchte Euch lieber ganz einfach reden hören.“ „Ihr ſollt Euern Willen haben, Judith, und ich vermuthe halb, Ihr werdet ihn immer haben. Ich hab' Euch oft geſagt, daß ich Euch nicht nur lieber habe, als irgend ein junges Weib auf Erden, oder eigentlich lieber als alle jungen Weiber auf der Welt; aber Ihr müßt bemerkt haben, Judith, daß ich Euch nie mit offenen Worten aufgefordert habe, mich zu heirathen.“ „Ich habe Beides bemerkt,“ verſetzte das Mädchen, und ein Lächeln ſchwebte um ihren ſchönen Mund, trotz der ſeltſamen und derben Zutäppiſchkeit Hurry's, die ihre Wangen flammen machte, und ihre Augen mit einem beinahe blendenden Glanz entzündete,— nich habe Beides bemerkt, und habe das Letztere auffallend ge⸗ funden an einem Mann von Harry March's Entſchloſſenheit und Furchtloſigkeit.“ „Das hat ſeinen Grund gehabt, Mädchen, und einen, der mich noch jetzt unruhig macht,— nein, werdet mir nicht ſo roth, und ſeht nicht drein wie Feuer und Flammen, denn da gibt es freilich Gedanken, die einen Mann lang im Kopf ſtecken können, wie es Worte gibt, die ihm in der Kehle ſtecken bleiben— aber dann gibt es auch Gefühle, welche die Oberhand gewinnen über ſie alle, und dieſen Gefühlen, ſehe ich, muß ich mich jetzt unterwerfen. Ihr habt keinen Vater und keine Mutter mehr, Judith, und es iſt mora⸗ liſch unmöglich, daß Ihr und Hetty hier allein leben ſolltet, ſelbſt wenn es Friede und die Irokeſen ruhig wären; aber wie die Sachen jetzt ſtehen, würdet Ihr nicht nur Hungers ſterben, ſondern auch Beide, vor Ablauf einer Woche, Gefangene oder ſkalpirt ſeyn. Es iſt Zeit, an einen Wechſel und an einen Ehemann zu denken, und wenn Ihr mich nehmen wollt, ſo ſoll alles Vergangene vergeſſen ſeyn, und das iſt Alles, was ich zu ſagen habe.“ Judith hatte Mühe, ihre Ungeduld zu zügeln, bis dieſe rohe Erklärung nebſt Antrag gemacht war, welche zu hören ſichtlich ihr Wunſch geweſen, und die ſie jetzt wirklich mit einer Bereitwilligkeit anhörte, die wohl einige Hoffnung erregen konnte. Sie ließ den jungen Mann kaum zum Schluß kommen, ſo begierig war ſie, ihn auf den Hauptpunkt zu bringen, und ſo gefaßt mit ihrer Antwort. „So, Hurry, das iſt genug, ſagte ſie, eine Hand erhebend, wie um ihm Einhalt zu thun.„Ich verſtehe Euch ſo gut, als ſprächet Ihr noch einen Monat fort. Ihr gebt mir den Vorzug vor andern Mädchen, und wünſcht, daß ich Eure Frau würde.“ „Ihr faßt es in beſſere Worte, als ich es vermag, Judith, und ich wünſchte, Ihr dächtet, ich habe es in ſolchen Worten aus⸗ gedrückt, wie Ihr ſie am liebſten hört.“ „Sie ſind einfach genug, Hurry, und es iſt auch angemeſſen, daß ſie das ſind. Es iſt jetzt nicht am Orte zu tändeln oder zu täuſchen. Hört denn meine Antwort, die in jedem Tüttelchen ſo aufrichtig ſeyn ſoll, wie Euer Antrag. Es iſt ein Grund, March, warum ich nie würde—“ „Ich glaube, ich verſtehe Euch, Judith; aber wenn ich bereit bin, dieſen Grund zu überſehen, ſo geht das Niemand Etwas an, als mich. Nun, lodert nur nicht ſo auf, wie der Himmel beim Sonnenuntergang; ich will ja nichts Beleidigendes ſagen, und böht ſolltet es nicht ſo nehmen.“ 470 „Ich lodere nicht auf, ſagte Judith kämpfend Art, wie ſie noch nie früher zu müſſen.„Es iſt ein Gr werde, es nicht kan n, Hurry, den Ihr zu übe welchen Euch jetzt zu ſagen meine Pflicht iſt, ſo Ihr von mir verlangt habt, es zu werden. und weiß gewiß, daß ich Eu then könnte. Kein Mann kann ſich ein Weib wünſchen, allen andern Mä enterdrücken, in einer „ mit ſich kämpfen Euer Weib werden rſehen ſcheint, und „Still, March! verläumde ihrer Mutter! Gebt mir nicht handeln will, Grund, in der Bitterkeit meines Herzens Unglück auf Euer Haupt herabzurufen! Vergeßt nicht, daß ich ein Weib bin, und Ihr ein Mann ſeyd; daß i ter noch Bruder habe, Eure Worte zu rächen.“ „Nun, am Letztern iſt Etwas, und ich will nicht Mehr ſagen. Nehmt Euch Zeit, Judith, und beſinnt Euch eines Beſſern.“ „Ich brauche keine Zeit; ich bin längſt entſchloſſen und habe nur gewartet, bis Ihr offen ſprechen würdet, um Euch offen zu antworten. Wir verſtehen jetzt einander, und weitere Worte nützen Nichts.“ Der heftige chte den jungen Mann ſchüchtern ſtreng und ent⸗ ſchloſſen geſehen. rächen hatte ſie ſeine entgegenkommenden Worte mit Ausflü beantwortet; ung,“ einer ipfen erden und wie t ſo, ira⸗ ticht ☛— 8 Antrag betroffen; und nie hatte er im Ernſt es für möglich ge⸗ halten, daß Judith ſich weigern würde, das Weib des ſchoöͤnſten Mannes auf der ganzen Grenze zu werden. Jetzt, als dieſe Wei⸗ gerung kam, und das in ſo entſchiednen Ausdrücken, daß alle Spitz⸗ findigkeiten außer Frage geſtellt waren, war er, wenn nicht eigentlich betäubt und verwirrt, doch ſo gekränkt und überraſcht, daß er keine Luſt zu einem Verſuch fühlte, ihren Entſchluß wankend zu machen. „Der Glimmerglas hat jetzt keine große Anziehungskraft für mich,“ rief er aus, nachdem er eine Minute geſchwiegen.„Der alte Tom iſt dahin, die Huronen ſind in ſolcher Menge auf den Küſten, wie Tauben in den Wäldern; und überhaupt wird es nach⸗ gerade ein unlieblicher Platz.“ „Dann verlaßt ihn. Ihr ſeht, er iſt von Gefahren umgeben, und es iſt kein Grund vorhanden, warum Ihr Euer Leben für Andere auf's Spiel ſetzen ſolltet. Auch wüßte ich nicht, wie Ihr uns einen Dienſt leiſten ſolltet. Geht, heute Nacht noch; wir wollen Euch nie anklagen, etwas Undankbares oder Unmännliches gethan zu haben.“ „Wenn ich gehe, ſo iſt es mit ſchwerem Herzen, Eurethalb, Judith; ich nähme Euch lieber mit.“ „Davon kann jetzt nicht mehr die Rede ſeyn, March; aber ich will Euch an's Land ſetzen in einem der Canoes, ſobald es dunkel iſt, und Ihr Euch nach der nächſten Garniſon flüchten könnt. Wenn Ihr das Fort erreicht, wenn Ihr uns könntet eine Truppe ſchicken—“ Judith erſtarben die Worte im Munde, denn ſie fühlte, daß es demüthigend für ſie ſey, ſich ſo den Bemerkungen und Gloſſen eines Mannes preiszugeben, der ihr Benehmen gegenüber Allen denen, die in den Garniſonen ſich befanden, eben nicht im günſtig⸗ ſten Licht anzuſehen geneigt war. Hurry aber faßte die Idee auf; und ohne ſie zu verdrehen, wie das Mädchen fürchtete, antwortete er in dieſem Sinne. „Ich verſtehe, was Ihr ſagen wolltet, und warum Ihr es 472 nicht ſagt,“ verſetzte er.„Wenn ich wohlbehalten in das Fort ge⸗ lange, ſoll eine Truppe ſich aufmachen zur Verfolgung dieſer Vaga⸗ bunden, und ich will ſelbſt mitkommen, denn es würde mich freuen, Euch und Hetty ſicher und wohlbehalten untergebracht zu ſehen, ehe wir auf immer ſcheiden.“ „Ach, Harry March, hättet Ihr immer ſo geſprochen, ſo gefühlt, meine Geſtnnungen gegen Euch wären wohl jetzt anders!“ „Iſt es jetzt zu ſpät, Judith? Ich bin rauh und ein Wald⸗ mann; aber wir ändern uns Alle, wenn man uns anders behandelt, als wir gewohnt geweſen.“ „Es iſt zu ſpät, March, ich kann nie für Euch, oder irgend ſonſt einen Mann, Einen ausgenommen, die Gefühle haben, wie 4 Ihr wünſcht, daß ich ſie gegen Euch hätte. So; ich habe jetzt ſicherlich genug geſagt, und Ihr werdet mich nicht weiter mit Fragen beſtürmen. Sobald es dunkel iſt, ſetze ich oder der Dela⸗ ware Euch an's Land; Ihr eilt was Ihr könnt an den Mohawk und zur nächſten Garniſon, und ſchickt uns Beiſtand ſo viel Ihr könnt. Und, Hurry, wir ſind jetzt Freunde, und ich kann Euch ver⸗ trauen, nicht wahr?“ „Gewiß, Judith; obwohl unſre Freundſchaft bei weitem waͤrmer wäre, könntet Ihr mich ſo anſehen, wie ich Euch!“ Judith zauderte, und eine gewaltige Gemüthsbewegung kämpfte in ihr. Dann, als wäre ſie entſchloſſen, alle Schwächen niederzu⸗ drücken und ihre Zwecke auszuführen, auf jede Gefahr hin, ſprach ſie ſich noch offener aus. „Ihr werdet einen Capitain mit Namen Warley auf dem nächſten Poſten finden,“ ſagte ſie, blaß wie der Tod, und zitternd während ſie ſprach;„ich halte für wahrſcheinlich, daß er ſich an die Spitze der Truppe zu ſtellen wünſcht; mir wäre es weit lieber, wenn es ein Andrer wäre. Wenn Capitain Warley zurückgehalten werden könnte, würde es mich ſehr glücklich machen.“ „Das iſt leichter geſagt, als gethan, Judith; denn dieſe Officiere emn A 473 thun eben meiſt was ihnen beliebt. Der Major wird Befehl geben, und Capitains und Lieutenants und Fähndriche müſſen gehorchen. Ich kenne den Officier, den Ihr meint, einen rothausſehenden, muntern, lebensluſtigen Gentleman, der Madeira hinunterſchluckt, genug, um den Mohawk zu ertränken, und doch ein angenehmer Plauderer. Alle Mädels im Thal bewundern ihn; und es heißt, er bewundere alle Mädels. Es wundert mich nicht, wenn er Euch zuwider iſt, denn er iſt recht ein General⸗Liebhaber, wenn er auch kein General⸗Officier iſt.“ Judith antwortete nicht, zitterte aber am ganzen Leib, und ihre Farbe wechſelte von Weiß in Purpur, und von Purpur wieder in Todesbläſſe. „Ach, meine arme Mutter!“ ſprach ſie jammernd im Geiſt, ſtatt ein lautes Wort zu äußern;„wir ſind über deinem Grabe, aber du weißt wohl nicht, wie ſehr deine Lehren vergeſſen worden ſind, deine Sorgfalt verachtet, deine Liebe getäuſcht iſt!“ Wie ſie dieß Nagen des Wurmes fühlte, der nie ſtirbt, ſtand ſie auf und bedeutete Hurry, daß ſie ihm Nichts mehr mitzutheilen habe. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Jene Stufe Des Elends, die den Unterdrückten macht Für Nichts ſein eignes Leben achten mehr, Die macht ihn auch zum Herrn vom Leben ſeines Bedrückers. Coleridge. Dieſe ganze Zeit über war Hetty im Vordertheil der Arche ſitzen geblieben, kummervoll in das Waſſer ſchauend, das den Leich⸗ nam ihrer Mutter barg, ſo wie den des Mannes, den man ſie als ihren Vater anzuſehen gelehrt hatte. Hiſt ſtand neben ihr in ruhiger Sanftmuth, konnte ihr aber mit Worten keinen Troſt 474 bieten. Die Gewohnheiten ihres Volks lehrten ſie in dieſer Be⸗ ziehung Zurückhaltung; und die Art und das Gefühl ihres Geſchlechts hieß ſie geduldig einen Augenblick abwarten, wo ſie ein wohlthuen⸗ des Mitgefühl durch die That ſtatt mit Worten an den Tag legen könnte. Chingachgook hielt ſich in ernſter Zurückhaltung etwas ent⸗ fernt, wie ein Krieger drein ſchauend, aber fühlend wie ein Menſch. Judith trat zu ihrer Schweſter mit einer Würde und Feier⸗ lichkeit in ihrem Weſen, wie es ſonſt nicht in ihrer Art war zu zeigen; und obwohl auf ihrem ſchoͤnen Geſicht noch die Schatten der innern Qual ſichtbar waren, ſprach ſie doch feſt und ohne Beben der Stimme. In dieſem Augenblick entfernten ſich Hiſt und der Delaware, und begaben ſich an's andre Ende des Fahrzeugs zu Hurry. „Schweſter,“ begann Judith freundlich,„ich habe Dir Viel zu ſagen; wir wollen in dieß Canoe ſteigen und ein Wenig von der Arche weg rudern— die Geheimniſſe von zwei Waiſen dürfen nicht von jedem Ohr vernommen werden.“ „Aber gewiß, Judith, von dem Ohr ihrer Eltern. Laß Hurry den Anker lichten und mit der Arche wegfahren, und uns hier allein laſſen, neben den Gräbern von Vater und Mutter, damit wir uns ſagen, was wir zu ſagen haben.“ „Vater!“ wiederholte Judith langſam, und das Blut ſtieg ihr, zum erſtenmal wieder, ſeit ſie ſich von March getrennt, in die Wangen;„er war nicht unſer Vater, Hetty. Das haben wir aus ſeinem eignen Munde, und zwar in ſeiner Sterbeſtunde.“ „Freuſt Du Dich, Judith, zu erfahren, daß Du keinen Vater gehabt haſt? Er ſorgte für uns, und nährte uns, und kleidete uns, und liebte uns; ein Vater hätte nicht Mehr thun können. Ich verſtehe nicht, warum er nicht unſer Vater war.“ „Laß das, liebes Kind, aber wir wollen thun, wie Du geſagt haſt. Es iſt wohl gut, wenn wir hier bleiben und die Arche ein Wenig weiter fahren laſſen. Setze Du das —— Canoe in Bereitſchaft, und ich will Hurry und den Indianern unſre Wünſche ſagen.“ Dieß war bald und ohne Weitläuftigkeit gethan; die Arche entfernte ſich unter gemeſſenen Schlaͤgen der großen Ruder etwa hundert Schritte weit von dem Platz, und die Mädchen blieben, faſt wie in der Luft ſchwimmend, über der Begräbnißſtätte der Todten,— ſo ſchwebend war das leichte Fahrzeug, das ſie trug, und ſo durchſichtig das reine Element, auf dem es ruhte. „Der Tod des Thomas Hutter,“ begann Judith— nachdem eine kleine Pauſe ihre Schweſter vorbereitet hatte, ihre Mitthei⸗ lungen aufzunehmen,„hat alle unſre Ausſichten verändert, Hetty. Wenn er nicht unſer Vater war, ſo ſind wir doch Schweſtern, und müſſen gleiche Geſinnungen haben und miteinander leben.“ „Wie weiß ich, Judith, ob Du nicht ebenſo froh ſeyn würdeſt, zu erfahren, daß ich nicht Deine Schweſter ſey, wie Du es darüber biſt, daß Thomas Hutter, wie Du ihn nennſt, nicht unſer Vater war? Ich bin nur halb klug, und wenige Leute haben eine Freude an halbklugen Verwandten;— und dann bin ich nicht ſchön— wenigſtens nicht ſo ſchön wie Du— und Du wünſcheſt Dir vielleicht eine ſchönere Schweſter.“ 3 „Nein, nein, Hetty. Du und Du allein biſt meine Schweſter — mein Herz und meine Liebe zu Dir ſagen mir das— und Mutter war meine Mutter— auch darüber bin ich froh und ſtolz; denn ſie war eine Mutter, auf die man ſtolz ſeyn durfte; aber Vater war kein Vater!“ „Still, Judith! Sein Geiſt iſt vielleicht in der Nähe; es würde ihn ſchmerzen, ſeine Kinder ſo reden zu hören, und dazu noch über ſeinem Grabe. Kinder ſollten die Eltern nie betrüben, ſagte mir die Mutter oft, und beſonders nicht, wenn ſie todt ſind!“ „Arme Hetty! Sie ſind vielleicht über alle Sorgen in Be⸗ ziehung auf uns erhaben! Nichts, was ich ſagen oder thun kann, wird Mutter jetzt mehr betrüben— darin liegt wenigſtens einiger 476 Troſt!— und Nichts, was Du ſagen oder thun kannſt, wird ſie lächeln machen, wie ſte im Leben bei Deiner guten Aufführung zu lächeln pflegte.“ „Du weißt das nicht, Judith. Geiſter können ſehen, und Mutter ſieht vielleicht ſo gut als irgend ein Geiſt. Sie ſagte uns immer, Gott ſehe Alles was wir thun, und wir ſollten Nichts thun, ihn zu beleidigen; und jetzt, nachdem ſie uns verlaſſen hat, will ich mich beſtreben, Nichts zu thun, was ihr mißfallen könnte. Denke, wie ihr Geiſt trauern und ſich bekümmern würde, Judith, wenn ſie Eine von uns thun ſähe, was nicht recht wäre, und Geiſter ſehen ja doch auch: beſonders die Geiſter von Eltern, welche in Sorgen ſind um das Wohl ihrer Kinder!“ „Hetty, Hetty— Du weißt nicht was Du ſagſt!“ murmelte Judith, beinahe leichenfahl von innerer Bewegung.„Die Todten können nicht ſehen, und wiſſen Nichts von dem, was hier vor⸗ geht! Aber wir wollen hievon nicht weiter reden. Die Leichname von Mutter und Thomas Hutter liegen bei einander im See, und wir wollen hoffen, daß die Geiſter von Beiden bei Gott ſind. Daß wir, die Kinder von Jenen, auf Erden zurückbleiben, iſt ge⸗ wiß; wir ſollten aber jetzt auch wiſſen, was wir in der Zukunft anfangen werden.“ 8„Wenn wir auch nicht Thomas Hutter's Kinder ſind, Judith, wird uns doch Niemand unſer Recht auf ſeine Habe beſtreiten. Wir haben das Caſtell, und die Arche, und die Canoes, und die Wälder und die Seeen, gerade wie wenn er noch lebte; und was kann uns hindern, hier zu bleiben und unſer Leben hinzubringen gerade ſo wie bisher?“ „Nein, nein— arme Schweſter, das geht nicht mehr. Zwei Mädchen wären hier nicht ſicher, ſollte es auch dieſen Huronen nicht gelingen, uns in ihre Macht zu bekommen. Selbſt Vater hatte manchmal Alles auf dem See unange „ was in ſeinen Kräften ſtand, zu thun, um fochten zu bleiben; und uns würde es ganz —— ————— 477 und gar nicht gelingen. Wir müſſen dieſen Platz verlaſſen, Hetty, und uns in die Anſiedlungen begeben.“ „Es thut mir leid, daß Du ſo denkſt, Judith,“ verſetzte Hetty, ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken und blickte nachdenklich hinab auf die Stelle, wo man gerade noch den Leichenhügel ihrer Mutter ſehen konnte.„Es thut mir ſehr leid, das zu höoͤren. Ich würde lieber hier bleiben, wo ich, wenn nicht geboren bin, doch mein Leben zugebracht habe. Ich mag die Anſiedelungen nicht— ſie ſind voll Sünde und Herzbrennen, während Gott un⸗ beleidigt in dieſen Bergen wohnt. Ich liebe die Bäume, und die Berge, und den See und die Quellen; alles das hat ſeine Güte uns gegeben, und es würde mich bitter ſchmerzen, Judith, Alles verlaſſen zu müſſen. Du biſt ſchön und nicht blos halb klug, und wirſt einmal heirathen, und dann wirſt Du einen Gatten haben, und ich einen Bruder, der für uns ſorgt, wenn Frauen wirklich an einem Platze wie dieſer nicht für ſich ſelbſt ſorgen können.“ „Ach! wenn das ſo ſeyn könnte, Hetty, dann wahrhaftig könnte ich jetzt tauſendmal glücklicher in dieſen Wäldern ſeyn, als in den Anſtedlungen! Sonſt fühlte ich nicht ſo, aber jetzt. Aber wo iſt der Maͤnn, der dieſen ſchoͤnen Platz in einen ſolchen Garten Eden für uns verwandelte?“ „Harry March liebt Dich, Schweſter,“ verſetzte die arme“ Hetty, während ſie ſprach, unbewußt die Rinde von dem Canoe wegreißend.„Er würde gewiß mit Freuden Dein Gatte werden, und ein kräftigerer und muthigerer Jüngling iſt nicht zu finden in der ganzen Gegend weit umher.“ „Harry March und ich verſtehen einander, und von ihm braucht nicht mehr die Rede zu ſeyn. Es iſt Einer da— doch laſſen wir das. Es iſt Alles in den Händen der Vorſehung, und wir müſſen in Bälde zu einem Entſchluß kommen wegen unſerer künftigen Lebensweiſe. Hier bleiben— das heißt, allein hier bleiben, können wir nicht— und vielleicht bietet ſich nie eine 478 Gelegenheit dar, ſo hier zu bleiben, Zeit, Hetty, daß wir, ſo wandte und unſere ſcheinlich, daß wir ganz ohne Verwandte ſind, u ſie ſich, uns zu ſehen. Der alte Schrank iſt jetzt unſer Eigen⸗ thum, und wir haben ein Recht, ihn zu durchſuchen, und aus dem, was er enthält, ſo Viel als möglich zu erfahren. Mutter war ſo verſchieden von Thomas Hutter, daß ich jetzt, ſeit ich weiß, daß wir nicht ſeine Kinder ſind, vor Verlangen brenne, zu erfahren, Weſſen Kinder wir denn ſeyn mögen. Gewiß ſind Papiere in jenem Schrank, und dieſe Papiere geben uns vielleicht allen Aufſchluß über unſere Eltern und Blutsfreunde.“ „Nun, Judith, Du weißt es am beſten, wöhnlich geſcheut, das ſagte die Mutter immer halb klug. Nunmehr Vater und Mutter todt ſind, frage ich nicht mehr Viel nach Verwandten, außer Dir, und glaube, ich könnte ſte, die ich nie geſehen, nicht ſo lieben wie ich ſollte. Wenn Du den Hurry nicht heirathen magſt, ſehe ich nicht, Wen Du zum Mann wählen ſollteſt, und dann fürchte ich, werden wir am Ende doch den See verlaſſen müſſen.“ „Was meinſt Du von Wildtödter, dem ſie ſich vorwärts beugte, wie ihre argloſe Schweſter, und ihre Verlegenheit auf eine ähnliche Weiſe zu verhehlen ſuchte. Wäre das nicht ein Schwager nach Deinem Geſchmack?“ „Wildtödter!“ wiederholte die Andere, in unverſtelltem Er⸗ ſtaunen aufſchauend;„ei, Judith, Wildtödter iſt nicht im Min⸗ deſten hübſch, und iſt gar kein Mann für Eine wie Du biſt!“ „Er ſieht nicht übel aus, Hetty, und Schoͤnheit iſt bei einem Mann nichts Wichtiges.“ „Denkſt Du ſo, Judith? großen Wichtigkeit iſt, bei M tes; wie Du es meinſt. Auch iſt es Viel wir können, über unſere Ver⸗ Familie zu erfahren ſuchen. Es iſt nicht wahr⸗ nd vielleicht freuen denn Du biſt unge⸗ „ und ich bin nur Hetty?“ fragte Judith, in⸗ g Ich weiß, daß Schönheit von keiner ann oder Weib, in den Augen Got⸗ denn Mutter hat mir das oft geſagt, wenn ſie dachte, ich g9„ 479 möchte traurig darüber ſeyn, daß ich nicht ſo ſchön ſey wie Du; — obgleich ſie darüber hätte ganz ruhig ſeyn können, denn ich gelüſtete nie nach Etwas, das Dein iſt, Schweſter; aber geſagt hat ſie mir das!— dennoch aber iſt Schönheit in den Augen Beider etwas ſehr Einnehmendes. Ich glaube, wenn ich ein Mann wäre, ich würde mehr nach einem guten Ausſehen mich ſehnen, denn als Mädchen. Ein ſchöner Mann i*ſt ein viel ein⸗ nehmenderer Anblick, als ein ſchnes Weib.“ „Armes Kind! Du weißt kaum was Du ſagſt, oder was Du meinſt! Schönheit bei unſerem Geſchlecht iſt Etwas, aber beim Mann gilt ſie Wenig. Gewiß, ein Mann ſoll groß ſeyn, aber Andere ſind auch groß, ſo gut wie Hurry; und rüſtig— ich denke, ich kenne Solche, die rüſtiger ſind:— und ſtark— nun, er hat auch nicht alle Stärke auf der Welt allein; und muthig — ſicherlich kann ich einen Jüngling nennen, der muthiger iſt.“ „Das iſt ſonderbar, Judith. Ich hätte nicht geglaubt, daß auf Erden ein ſchönerer, oder ſtärkerer, oder rüſtigerer, oder muthigerer Mann lebte, als Harry Hurry! Ich bin gewiß, ich ſah nie Einen, der ihm in einem dieſer Stücke gleichgekom⸗ men wäre.“ „Gut, gut, Hetty— ſprich davon nicht mehr. Ich höͤre Dich nicht gerne ſo ſchwatzen. Es paßt nicht für Deine Unſchuld, und Wahrheit und Deine warmherzige Aufrichtigkeit. Laß den Harry March gehen. Er verläßt uns heute Nacht, und kein Bedauern folgt ihm von meiner Seite, wenn nicht etwa darüber, daß er ſo lange und ſo zwecklos dageblieben iſt!“ „Ach, Judith, das iſt es was ich lange gefürchtet, und ich hoffte ſo, er würde mein Schwager werden!“ „Denke jetzt nicht mehr daran; laß uns von unſerer armen Mutter und von Thomas Hutter ſprechen.“ „So ſprich denn, aber mild, Schweſter, denn Du kannſt nicht Wenn Vater gewiß wiſſen, ob nicht Geiſter hören und ſehen. 480 nicht unſer Vater war, ſo war er doch gut gegen uns, und gab uns Nahrung und Obdach. Wir können keine Steine auf ihre 5 ier i zu erzählen, und ſo müſſen wir es mit unſern Zungen bezeugen.“ „Sie werden ſich darum Wenig kümmern, Mädchen. Es iſt ein großer Troſt, Hetty, zu wiſſen, daß, wenn Mutter je einen ſchweren Fehltritt beging, als jung, ſie ihn aufrichtig bereute ihr Leben lang; ohne Zweifel wurden ihr ihre Sünden vergeben.“ „Es iſt nicht recht an Kindern, Judith, daß ſie von ihrer Eltern Sünden ſprechen. Wir thäten beſſer, von unſeren eigenen zu ſprechen.“ Niemand weiß, welche Veränderungen di Gatten im Herzen eines Weibes bewirken kann. Ich glaube, Kind, ich habe ſchon nicht mehr denſelben Geſchmack an ſchönen „Es wäre ein Jammer, Judith, wenn Du über Deiner Eltern Grabe an Kleider dächteſt! Wir wollen dieſen Platz nie verlaſſen, wenn Du ſo ſagſt, und wollen Hurry ziehen laſſen, wohin es „Ich bin gern bereit, in das Letztere zu willigen, kann aber für das Erſtere nicht ſtehen.— Wir müſſen in Zukunft leben wie es anſtändigen jungen Mädchen geziemt, und können nicht hier bleiben, um das Geſchwätz und der Spaß all der rohen und gift⸗ züngigen Jäger und Fallenſteller zu ſeyn, die an den See kom⸗ men. Laß Hurry ſeiner Wege gehen, und dann will ich Mittel finden, Wildtödter zu ſehen, wo dann wegen der Zukunft Alles bald in's Reine gebracht ſeyn wird. Komm, Maͤdchen, die Sonne iſt unter, und die Arche entfernt ſich von uns; laß uns zu der Fahre hinaufrudern und mit unſern Freunden uns berathen. Heute .— 481 Nacht werde ich den Schrank durchſuchen und der morgende Tag ſoll entſcheiden, was wir thun wollen. Was die Huronen betrifft, ſo werden die leicht zu erkaufen ſeyn, nunmehr wir ohne Scheu mit Thomas Hutter's Schätzen ſchalten können. Laß mich nur erſt Wildtödter aus ihren Händen befreit haben, ſo wird Eine Stunde die Dinge in's Klare bringen.“ Judith ſprach mit Entſchiedenheit und in gebieteriſchem Tone, eine Gewohnheit, die ſie gegenüber ihrer ſchwachſinnigen Schweſter lange geübt hatte. Aber während ſie ſo gewohnt war, ihren Willen durchzuſetzen, mittelſt ihres gewandten Benehmens und ihrer Herrſchaft über die Sprache, legte Hetty gelegentlich ihren ungeſtü⸗ men Gefühlen und ihren haſtigen Handlungen Zügel an, mittelſt jener einfachen ſittlichen Wahrheiten, die ihren eigenen Gedanken und Gefühlen ſo tief eingeprägt waren, und ſie mit einem ſchöͤnen, milden Glanz durchleuchteten, der eine Art Heiligenſchein über ſo Vieles warf, was ſie ſagte und that. Im gegenwärtigen Fall bethätigte ſich dieſer wohlthätige Einfluß, den das Mädchen von ſchwachem Verſtand über ihre Schweſter ausübte, die unter andern Umſtänden durch ihren Geiſt hätte glänzen und Bewunderung ernten können— in der gewöhnlichen einfachen und ernſten Weiſe. „Du vergißt, Judith, was uns hiehergeführt,“ ſagte ſie im Tone des Vorwurfs.„Dieß iſt der Mutter Grab, und eben erſt haben wir Vaters Leichnam neben ihr verſenkt. Wir haben Unrecht gethan, ſo viel von uns zu ſprechen an einem ſolchen Orte, und wir ſollten jetzt zu Gott beten, uns zu vergeben, und ihn bitten, uns zu lehren, wohin wir gehen, und was wir thun ſollen.“ Judith legte halb unwillkührlich ihr Ruder beiſeite, während Hetty auf ihre Kniee ſank, und bald in ihrem andächtigen aber einfachen Gebete ganz verloren war. Ihre Schweſter betete nicht. Schon lange that ſie es nicht mehr eigentlich und förmlich, obwohl geiſtige Leiden und Qualen ihr häufig haſtige, ſtumme, innere Anru⸗ fungen des großen Urquells alles Segens erpreßten, um Hülfe, wo Der Wildtödter. 3. Aufl. 31 482 nicht um Erneuerung des Geiſtes. Doch ſah ſie nie Hetty knieen, ohne daß ein Gefühl wehmüthig ſüßer Erinnerung, ſo wie tiefer Betrübniß über die Erſtorbenheit ihres eignen Herzens über ſie kam. Das hatte ſie ſelbſt auch in der Kindheit gethan und ſelbſt bis zu der Stunde ihrer unſeligen Beſuche in den Garniſonen, und ſie hätte gern in ſolchen Augenblicken Welten darum gegeben, wenn ſie im Stande geweſen wäre, ihre jetzigen Empfindungen zu vertauſchen gegen den vertrauensvollen Glauben, die reinen, erhebenden Gefühle und die milde Hoffnung, welche jeden Zug und jede Bewegung ihrer ſonſt weniger begünſtigten Schweſter verklärten. Aber Alles was ſie thun konnte, war, ließ, und in ihren Geberden und Haltung Etwas von der Andacht annahm, in welche recht einzuſtimmen ihr verſtockter Geiſt ſich weigerte. Als Hetty nach ihrem Knieen wieder aufſtand, zeigte ihre Miene einen Glanz und eine Heiterkeit, die ein immer angenehmes Angeſicht wirklich ſchön machten. Ihr Gemüth hatte Frieden, und ihr Gewiſſen ſprach ſie wegen Verſäumniß ihrer Pflicht frei. „Jetzt magſt Du gehen, wenn Du Luſt haſt, Judith,“ ſagte ſie; „Gott iſt gütig gegen mich geweſen, und hat mir eine La genommen. Mutter hatte viele ſolche Laſten, ſagen, und ſchaffte ſie ſich immer auf ſolche Es iſt die einzige Weiſe, Schweſter, Einen Stein, oder ein Stück Holz heben; aber das Herz muß durch's Gebet erleichtert werden. Ich meine, Du beteſt nicht mehr ſo oft Judith, als da Du jünger wareſt.“ „Laß das— laß das, Kind,“ antwortete Judith mit hohler ſich jetzt nicht. Mutter iſt dahin, und Thomas Hutter iſt dahin, und die Zeit iſt gekommen, wo wir für uns ſelbſt denken und handeln müſſen.“ Während das Canoe ſich von der Stelle entfernte, unter den leiſen Ruderſchlägen der ältern Schweſter, ſinnendem Brüten da, wie ſie pflegte, ſo ſaß die jüngere in oft ihr Geiſt durch —— X 483 eine abſtraktere und ſchwerer zu faſſende Idee beſchäftigt und verwirrt war. „Ich weiß nicht, was Du unter Zukunft verſtehſt, Judith,“ bemerkte ſie am Ende plötzlich.„Mutter pflegte den Himmel die Zukunft zu nennen, aber Du ſcheinſt damit die nächſte Woche oder den morgenden Tag zu meinen.“ „Es bedeutet beides, liebe Schweſter; Alles was noch kommen ſoll in dieſer Welt oder in einer andern. Es iſt ein ernſtes Wort, und am ernſteſten, fürchte ich, für diejenigen, die am wenigſten daran denken. Der Mutter Zukunft iſt die Ewigkeit; die unſrige kann noch bedeuten, was uns begegnen wird, ſo lange wir in dieſer Welt leben— iſt das nicht ein Canoe, was eben hinter dem Caſtell vorüberfährt?— Dort, mehr in der Richtung des Vorſprungs meine ich; es iſt verſteckt, jetzt; aber gewiß, ich ſah ein Canoe hinter die Stämme ſich ſtehlen.“ „Ich habe es ſchon einige Zeit geſehen,“ verſetzte Hetty ruhig, denn die Indianer hatten wenig Schreckliches für ſie,„aber ich hielt es nicht für recht, über der Mutter Grab von ſolchen Dingen zu ſchwatzen. Das Canoe kam von dem Lager her, Judith, und ward gerudert von einem einzigen Manne; und der ſchien mir Wild⸗ tödter und kein Irokeſe zu ſeyn.“ „Wildtödter!“ erwiederte die Andere wieder ganz mit ihrem natürlichen Ungeſtim.„Das kann nicht ſeyn! Wildtödter iſt ein Gefangener, und ich habe auf Mittel gedacht, ihn frei zu machen. Warum bildeſt Du Dir ein, es ſey Wildtödter, Kind?“ „Du kannſt ſelbſt ſchauen, Schweſter, da kommt uns das Canoe wieder zu Geſicht, dieſſeits der Hütte.“ Wirklich war das leichte Boot an dem Gebäude vorbeigefahren und näherte ſich jetzt ſtetig der Arche, wo die an Bord befindlichen Perſonen ſich ſchon im Vordertheile der Fähre zuſammendrängten, um den Beſuch zu empfangen. Ein einziger Blick genügte, Judith die Gewißheit zu verſchaffen, daß ihre Schweſter Recht hatte, und 484 Wildtödter allein in dem Canoe ſich befand. Aber ſein Herankommen war ſo ſtill und gemächlich, daß ſie ſich darüber wundern mußte, da ein Mann, dem es gelungen, ſeinen Feinden durch Liſt oder Gewalt zu entſliehen, ſchwerlich im Stand ſeyn könnte, mit der Stetigkeit und Bedächtlichkeit ſich zu bewegen, womit ſein Ruder das Waſſer durchſchnitt. Mittlerweile neigte ſich der Tag ſtark zum Ende, und man ſah die Gegenſtände an den Küſten nur noch dämmernd. Auf der Breite des See's jedoch weilte noch das Licht, und gerade unmittelbar um die Scene der gegenwärtigen Ereigniſſe her, die weniger beſchattet war als die meiſten Gegenden des See's, in deſſen größter Breite ſie lag, goß es einen Schimmer aus, der eine ſchwache Aehnlichkeit hatte mit den warmen Tinten eines italiäniſchen oder griechiſchen Sonnenuntergangs. Die Stämme der Hütte und der Arche bekamen eine Art Purpurfarbe, vermiſcht mit der wachſenden Dunkelheit, und die Rinde an des Jägers Boot verlor ihre ſchärfere Deutlichkeit in reicheren aber weicheren Farben, als die ſie beim hellen Sonnenglanz gezeigt hatte. Als die beiden Canoes ſich einander näherten— denn Judith und ihre Schweſter hatten ſich mit ihren Ruderſchaufeln ſo gerührt, daß ſie dem unerwarteten Beſuch begegneten, noch eh er die Arche erreichte — da hatte ſelbſt Wildtödter's ſonnverbranntes Geſicht ein glänzen⸗ deres Ausſehen als gewöhnlich, unter den lieblichen Tinten, die in der Atmoſphäre zu tanzen ſchienen. Judith bildete ſich ein, die Freude, ſie wieder zu ſehen, habe einigen Antheil an dieſem unge⸗ wohnten, einnehmenden Ausdruck. Sie wußte nicht, daß ihre eigne Schoͤnheit in Folge derſelben natüͤrlichen Urſache ſich noch vortheil⸗ hafter als gewöhnlich darſtellte; auch wußte ſie nicht, was zu wiſſen ihr eine ſo große Freude gemacht hätte, daß wirklich der junge Mann ſie, als ſie ihm näher kam, für die anmuthigſte Creatur ihres Geſchlechtes hielt, die ſeine Augen je geſehen. „Willkommen— willkommen, Wildtödter!“ rief das Mädchen, als die Canoes an einander heranſchwammen, nachdem die Ruder 485 ihre Dienſte eingeſtellt hatten;„wir haben einen traurigen— einen entſetzlichen Tag gehabt— aber Eure Rückkehr iſt wenigſtens Ein Unglück weniger. Sind die Huronen menſchlicher geworden, und haben Euch gehen laſſen; oder ſeyd Ihr den Elenden durch Euern Muth und Eure Geſchicklichkeit entkommen?“ „Keines von beiden, Judith, weder das eine noch das andere. Die Mingos ſind noch Mingos, und werden als Mingos leben und ſterben; es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ihre Natur je eine Verbeſſerung erfahren wird. Nun, ſie haben ihre Gaben, und wir die unſrigen, Judith, und es geziemt ſich auch nicht, übel zu reden von dem, was der Herr geſchaffen hat; obwohl, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ich es eine harte Probe finde, mild zu denken, oder mild zu reden von jenen Vagabunden. Was das be⸗ trifft, ſie zu überliſten, ſo hätte das wohl geſchehen können, und es iſt auch geſchehen, von der Schlange dort und von mir, als wir Hiſt auf der Spur waren—“ hier hielt der Jäger inne und lachte in ſeiner geräuſchloſen Weiſe;„aber es iſt nicht ſo leicht, den Ueberliſteten wieder zu überliſten. Selbſt die Rehe lernen die Schliche der Jäger kennen, eh' Eine Jagdzeit vorüber iſt; und ein Indianer, dem einmal durch eine Ueberliſtung die Augen geöffnet worden ſind, ſchließt ſie nimmer wieder genau an demſelbigen Platz. Ich habe weiße Männer gekannt, die das thaten, aber nie eine Rothhaut. Was ſie lernen, das lernen ſie durch Erfahrung, und nicht durch Bücher; und unter allen Schulmeiſtern gibt die Er⸗ fahrung die am längſten im Gedächtniß haftenden Lehren.“ „Das iſt Alles wahr, Wildtödter; aber wenn Ihr den Wilden nicht entwiſcht ſeyd, wie kommt Ihr denn hieher?“ „Das iſt eine natürliche Frage und zum Bezaubern geſtellt. Ihr ſeyd wirklich wunderbar hübſch dieſen Abend, Judith, oder Wilde Roſe, wie Schlange Euch nennt, und wie ich wohl auch ſagen darf, da ich in allem Ernſt ſo denke. Ihr mögt ſie wohl Mingos nennen, und Wilde auch, denn wild genug ſind ſie geſtunt, 486 und wild genug handeln ſie, ſobald Ihr ihnen einmal Gelegenheit gebt. Sie empfinden ihren Verluſt hier, bei dem letzten Schar⸗ mützel, bis ins innerſte Herz, und find bereit, ihn an jeder Creatur von engliſchem Blute zu rächen, die ihnen in den Weg kommen mag. Ja, was das betrifft, ich glaube, ſie würden ſich auch nicht beſinnen, ihre Genugthuung an einem Holländer zu nehmen.“ „Sie haben Vater getödtet; das ſollte ihren ruchloſen Blut⸗ durſt befriedigen,“ bemerkte Hetty in vorwurfsvollem Tone. „Ich weiß es, Mädchen— ich weiß die ganze Geſchichte— theils aus dem, was ich von der Küſte aus geſehen habe, denn ſie führten mich von dem Landvorſprung dahin,— theils aus ihren Drohungen gegen mich und ihren übrigen Reden. Nun, das Leben iſt im beſten Fall ein ungewiſſes Ding, und wir Alle haͤngen Tag für Tag in dieſer Beziehung vom Athem unſrer Naſe ab. Wenn Ihr einen kräftigen Freund und Beſchützer verloren habt, wie ich das nicht bezweifle, ſo wird Euch die Vorſehung neue an ſeiner Statt erwecken; und fintemal unſre Bekanntſchaft auf dieſe unge⸗ wöhnliche Art begonnen hat, will ich dieß als einen Wink anſehen, daß es in Zukunft auch zu meiner Pflicht gehört, falls ſich Gele⸗ genheit zeigt, Sorge zu tragen, daß Ihr keinen Mangel an Lebens⸗ mitteln leidet im Wigwam. Ich kann die Todten nicht wieder zum Leben bringen, aber die Lebenden zu ernähren— darin thun es mir Wenige zuvor auf dieſer ganzen Grenze, was ich aber nur aus Mitleid und zum Troſt für Euch ſage, und keineswegs in der Abſicht zu prahlen!“ „Wir verſtehen Euch, Wildtödter,“ verſetzte Judith haſtig, „und nehmen Alles, was von Eurem Munde kommt, ſo wie es gemeint iſt, in Wohlwollen und Freundſchaft. Wollte Gott, alle Männer hätten ſo wahrhafte Zungen und ſo redliche Herzen!“ „In der Hinſicht ſind die Menſchen verſchieden, ganz gewiß, Judith. Ich habe Solche gekannt, denen nicht weiter zu trauen war, als man ſie mit Augen ſehen konnte; und wieder Andere, auf △ „ N deren Botſchaften, mit einem kleinen Stück Wampum geſandt, man ſich vielleicht ebenſo ſicher verlaſſen konnte, als ſähe man das ganze Geſchäft vor Augen beendigt. Ja, Judith, Ihr ſpracht nie ein wahreres Wort, als da Ihr ſagtet, auf manche Männer könne man ſich verlaſſen, und auf Andere nicht.“ „Ihr ſeyd ein unbegreifliches Weſen, Wildtödter,“ verſetzte das Madchen, nicht wenig verdutzt über die faſt kindiſche Einfalt, die der Jäger ſo oft ver rrieth— eine ſo auffallende Einfalt, daß ſie ihn nicht ſelten auf die gleiche Stufe mit der Schwachſinnigkeit Hetty's zu ſtellen ſchien, obgleich immer gehoben durch die ſchöne, ſittliche Wahrheit, die durch Alles durchſchimmerte, was dieß un⸗ glückliche Mädchen ſagte und that.„Ihr ſeyd ein höchſt unerklär⸗ licher Mann, und ich weiß oft nicht, wie ich Euch verſtehen ſoll. Aber für jetzt laſſen wir das; Ihr habt vergeſſen uns zu ſagen, auf welche Weiſe Ihr hieher gekommen.“ „Ich!— Oh, das iſt nicht ſehr unerklärlich, wenn auch ich ſelbſt es bin, Judith. Ich bin auf Urlaub.“ „Urlaub! Das Wort hat eine Bedeutung unter den Sol⸗ daten, die ich verſtehe; aber was es bedeutet, gebraucht von einem Gefangnen, wüßte ich nicht zu ſagen.“ „Es bedeutet gerade daſſelbe. Ihr habt ganz Recht; die Soldaten gebrauchen das Wort, und gerade in demſelben Sinne wie ich. Ein Urlaub iſt das, wenn ein Mann Erlaubniß hat, ein Lager oder eine Garniſon für eine gewiſſe, feſtbeſtimmte Zeit zu verlaſſen, nach deren Ablauf er zurückkommen und ſeine Muskete ſchultern, oder ſich ſeinenMartern unterwerfen muß, je nachdem er zufällig ein Soldat oder ein Gefangner iſt. Da das Letztere bei mir der Fall iſt, ſo habe ich nothwendig auch die Ausſichten eines Gefangenen.“ „Haben Euch die Huronen ſo gehen laſſen, ohne Wache oder Begleitung?“ „Gewiß— ich konnte auf keine andere Weiſe kommen, es 488 hätte denn durch eine kühne Erhebung oder durch Ueberliſtung ſeyn müſſen.“ „Welches Pfand haben ſie denn, daß Ihr wieder kommen werdet?“ „Mein Wort,“ antwortete der Jäger einfach.„Ja, ich geſteh' es, das gab ich ihnen, und große Narren wären ſie geweſen, hätten ſie mich ohne Das gehen laſſen! Ha, in dem Fall wäre ich dann nicht genöthigt geweſen zurückzukommen, und mich allen Teufeleien zu unterwerfen, die ihre Wuth ausdenken mag, ſondern hätte meine Büchſe auf die Schulter und meinen Weg nach den Dörfern der Delawaren raſch unter die Füße nehmen können. Aber, o Herr! Judith, ſie wußten das gerade ſo gut wie Ihr und ich, und wollten mich ſo wenig fort laſſen, ohne meine Zuſage, wieder kommen zu wollen, als ſie die Wölfe die Gebeine ihrer Väter würden aufſcharren laſſen.“ „Iſt’s möglich, denkt Ihr dieſe That unerhörter Selbſthin⸗ opferung und Gleichgültigkeit gegen Euer Leben zu begehen?“ „Was meint Ihr?“ „Ich frage, iſt es möglich, daß Ihr glaubt im Stande zu ſeyn, Euch wieder in die Gewalt ſo grauſamer Feinde zu liefern, indem Ihr Euer Wort haltet?“ Wildtödter ſtarrte die ſchöne Fragerin einen Augenblick mit finſterm Mißfallen an. Dann veränderte ſich plötzlich der Ausdruck ſeines ehrlichen und argloſen Geſichts, und glänzte auf wie von einem raſchen Gedanken erleuchtet; dann lachte er in ſeiner ge⸗ wohnten Weiſe. „Ich verſtand Euch anfänglich nicht, Judith, nein, wahrlich nicht! Ihr meint, Chingachgook und Harry Hurry würden es nicht leiden; aber Ihr kennt, wie ich ſehe, die Menſchen noch nicht von Grund aus. Der Delaware wäre der letzte Mann auf der Welt, der Einwendungen machte gegen das, was er als Pflicht erkannt; und was March betrifft, ſo kümmert er ſich zu wenig um irgend eine Creatur außer ſich ſelbſt, um viele Worte über einen 8 ſolchen Gegenſtand zu verlieren. Doch wenn er es auch thäte, es machte nicht viel Unterſchied; aber er thut es nicht— denn er denkt mehr an ſeinen Gewinn als ſelbſt an ſein eignes Wort. Meine Zuſagen, oder die Eurigen, Judith, oder die von ſonſt Jemand, die fechten ihn wenig an. Seyd daher ganz unbeſorgt, Mädchen; man wird mich zurückkehren laſſen gemäß dem Urlaub; und wenn Schwierigkeiten erhoben würden, ſo bin ich nicht in den Wäldern aufgewachſen und erzogen, wenn man ſo ſagen darf, ohne daß ich gelernt hätte, wie ich ſie überwinden könnte.“ Judith antwortete eine Weile nicht. All ihre Gefühle als Weib,— und als Weib, das zum erſten Mal in ihrem Leben anfing jenem Gefühle ſich hinzugeben, welches ſo großen Einfluß auf das Glück oder das Elend ihres Geſchlechtes übt— empörten ſich gegen das grauſame Schickſal, das, wie ſie dachte, Wildtödter ſich zuziehen würde, während das Rechtsgefühl, das Gott in jede Menſchenbruſt gepflanzt hat, ſie eine ſo unbezwingliche und anſpruchs⸗ loſe Rechtlichkeit bewundern hieß, wie diejenige, welche der Andere ſo unbewußt an den Tag legte. Gründe und Zureden, fühlte ſie, waren fruchtlos; auch war ſie in dieſem Augenblick nicht geneigt, die Würde und die ſittliche Hochherzigkeit, welche in den Geſinnungen des Jägers ſo auffallend hervortraten, zu ſchwächen durch den Verſuch, ihn von ſeinem Vorhaben abzubringen. Daß noch Etwas eintreten könne, was die Nothwendigkeit dieſer Selbſthinopferung erſparte, beſtrebte ſie ſich zu hoffen; und dann erkundigte ſie ſich genauer nach dem Verhalt der Sachen, um ihre Handlungsweiſe nach ihrer Kenntniß der Umſtände einrichten zu können. „Wann iſt Euer Urlaub aus, Wildtödter?“ fragte ſie, nachdem beide Canoes der Arche mit dem Vordertheile ſich näherten, und mit kaum bemerklichen Ruderſchlägen durch das Waſſer dahinglitten. „Morgen Mittag,— nicht eine Minute früher; und Ihr könnt Euch darauf verlaſſen, Judith, ich werde, was ich eine chriſt⸗ liche Geſellſchaft nenne, nicht einen Augenblick früher verlaſſen, als 490 es ſchnurſtracks nothwendig iſt, um hinzugehen, und mich den Va⸗ gabunden dort auszuliefern. Sie fangen an, einen Beſuch aus den Garniſonen zu beſorgen, und wollten mir keine Minute länger zu⸗ geben; und es iſt ſo ziemlich unter uns ausgemacht, daß, falls ich den Zweck meiner Sendung verfehle, die Martern anfangen ſollen, wenn die Sonne anfängt unterzugehen, damit ſie, ſobald es dunkel iſt, ihren Heimzug antreten können.“ Dieß ward in ernſtem Tone geſprochen, als wenn der Ge⸗ danke an das, was ſeiner, wie er glaubte, wartete, ziemlich auf der Seele des Gefangenen laſtete, und doch ſo einfach, und ohne ſeine Bedrängniß zur Schau zu ſtellen, daß offene Kundgebungen des Mitgefühls eher zurückgewieſen als herausgefordert wurden. „Sind ſie darauf erpicht, ihre Verluſte zu rächen?“ fragte Judith mit ſchwacher Stimme, da ihr eigner hoher Geiſt den Ein⸗ fluß von des Andern ruhiger aber würdevoller Rechtlichkeit und Entſchloſſenheit fühlte. „Nicht wenig, wenn ich die Gelüſte von Indianern aus den Anzeichen zu beurtheilen verſtehe. Sie meinen zwar, ich vermuthe ihre Abſichten nicht, ſo ſcheint es mir; aber Einer, der ſo lang unter Menſchen von Rothhautgaben gelebt hat, läßt ſich ſo wenig täuſchen über indianiſche Gefühle, als ein ächter Jäger die Spur ſeines Wildes, oder ein tüchtiger Hund ſeine Witterung verliert. Mein eignes Urtheil verſpricht mir wenig für mein Entkommen, denn ich ſehe, daß die Weiber ſehr erbost ſind wegen Hiſt's, ob⸗ wohl ich das ſage, der ich es eigentlich nicht ſagen ſollte, ſintemal ich ſelbſt die Hand dabei im Spiel hatte, das Mädchen los zu kriegen. Dann geſchah in der letzten Nacht im Lager ein grau⸗ ſamer Mord, und jene Kugel hätte eben ſo gut durch meine Bruſt geſchoſſen werden moͤgen. Indeſſen, komme was da will, Schlange und ſein Weib werden gerettet ſeyn, und das iſt immer⸗ *hin ein Glück.“ „Oh! Wildtodter, ſie werden ſich eines Beſſern beſinnen, da 491 ſie Euch bis morgen Mittag Zeit gegeben haben, Euch in Eurem Gemüth zu faſſen.“. „Ich denke nicht, Judith; ja, ich denke nicht. Ein Indianer iſt ein Indianer, Mädchen, und es iſt eine ziemlich leere Hoff⸗ nung, ihn zu täuſchen, wenn er die Witterung bekommen hat, und ſie verfolgt mit vorgeſtreckter Naſe. Die Delawaren ſind jetzt ein halb chriſtlich gemachter Stamm— nicht daß ich eine ſolche Art von Chriſten für viel beſſer hielte, als die Vollblut⸗Ungläu⸗ bigen— aber dennoch, was ein halbes Chriſtenthum einem Mann Gutes bringen kann, deſſen ſind Einige unter ihnen theilhaft ge⸗ worden, und doch haftet die Rachſucht noch feſt an ihren Herzen, wie die verworrenen Schlingpflanzen hier an dem Baume! Dann hab' ich einen ihrer beſten und kühnſten Krieger getödtet, wie ſie ſagen, und es waͤre zu Viel, wenn man erwarten wollte, ſie würden, wenn ſie den Mann, der die That gethan, auf eben dem Streifzug, wo ſie vorftel, gefangen nehmen, ihm die Sache nicht in Rechnung bringen. Wäre ein Monat oder ſo darüber hinge⸗ gangen, ſo würden ihre Gefühle ſich gelegt haben, und wir hätten uns vielleicht freundſchaftlicher verglichen, aber wie es iſt, ſo iſt es. Judith, wir ſprechen da immer nur von mir und meinen An⸗ gelegenheiten, während Ihr Noth genug gehabt habt, und viel⸗ leicht einen Freund ein Wenig über Eure Angelegenheiten zu Rathe zu ziehen wünſcht. Iſt der alte Mann in'’s Waſſer verſenkt, wo, wie ich mir denke, ſein Leichnam gern ruhen würde?“ „Das iſt er, Wildtödter,“ antwortete Judith in faſt unhör⸗ barem Tone.„Dieſe Pflicht iſt ſo eben erfüllt worden. Ihr ver⸗ muthet recht, daß ich einen Freund zu Rathe zu ziehen wünſche; und der Freund ſeyd Ihr. Harry Hurry ſteht im Begriff, uns zu verlaſſen; wenn er fort iſt, und wir ein Wenig über die Gefühle dieſer ernſten Pflichterfüllung hinweg ſind, werdet Ihr mir, hoffe ich, eine Stunde allein gönnen. Hetty und ich find in Ungewiß⸗ heit und Verlegenheit, was thun.“ 492 „Das iſt ganz natürlich, da die Dinge ſo plötzlich und fürch⸗ terlich gekommen ſind. Aber da iſt die Arche, und wir wollen hievon Mehr ſprechen bei beſſerer Gelegenheit.“ d 6 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Die ſtärkſten Stürm' auf höchſten Bergen wehen, Die Ruhe wohnet unten in dem Thal; Die gleiten leicht, die auf dem Eiſe gehen, Sie finden Sorgen, der Vorwitz'gen Qual; Wer ſtille lebt, und damit iſt begnügt, Geht Allen uns an ächter Weisheit vor; Wer dieſe Lehre haßt, der heiß' ein Thor! Churchyard. Vie Begrüßung zwiſchen Wildtödter und ſeinen Freunden auf der Arche war ernſt und beklommen. Die beiden Indianer beſon⸗. ders erriethen aus ſeinem ganzen Weſen, daß er nicht ein glücklich* Entflohener war, und wenige bedeutſame Worte genügten, ihnen die Natur des Urlaubs verſtändlich zu machen, wie ihr Freund ſich ausgedrückt hatte. Chingachgook wurde ſogleich nachdenklich; während Hiſt, wie gewöhnlich, ihre Theilnahme nicht beſſer kund zu geben wußte, als mittelſt jener kleinen Aufmerkſamkeiten, welche der liebevollen Art des Weibes eigenthümlich ſind. In wenigen Minuten jedoch war eine Art von allgemeinem Plan für das, was in der Nacht geſchehen ſollte, angenommen, und ein uneingeweihter Beobachter hätte nach dem erſten Augen⸗ ſchein glauben können, es bewege ſich Alles im gewöhnlichen Ge⸗ leiſe. Es wurde jetzt nachgerade dunkel, und es ward beſchloſſen,— die Arche zum Caſtell hinaufzurudern, und ſie an ihrem gewohnten Ankerplatz in Sicherheit zu bringen. Zu dieſem Entſchluß war man zum Theil gekommen in Betracht des Umſtandes, daß alle Canoes wieder im Beſitz ihrer rechtmäßigen Eigenthümer waren; 4 493 beſonders aber in Folge der Sicherheit, in die man ſich nach Wildtödter's Angaben verſetzt glaubte. Er hatte den Stand der Dinge unter den Huronen genau geprüft, und war überzeugt, daß ſie während der Nacht keine weiteren Feindſeligkeiten beabſichtigten, da der erlittene Verluſt ſie für den Augenblick zu ferneren An⸗ ſtrengungen nicht geneigt machte. Dann hatte er auch einen An⸗ trag mitzutheilen— der eigentliche Zweck ſeines Beſuchs; und wenn dieſer angenommen wurde, war der Krieg zwiſchen den Par⸗ teien auf einmal zu Ende; und es war unwahrſcheinlich, daß die Huronen das Gelingen eines Entwurfs, an welchen offenbar ihre Häuptlinge ihr Herz gehängt hatten, dadurch im Voraus vereiteln würden, daß ſie vor der Rückkehr des Geſandten wieder etwas Gewaltſames unternahmen. Sobald die Arche gehörig in Sicherheit gebracht war, beſchäf⸗ tigten ſich die verſchiedenen Glieder der Geſellſchaft jedes auf die ihm eigenthümliche Art; denn Haſt und Uebereilung im Rath oder in der Entſchließung gehörte ſo wenig zu der Verfahrungsart der auf der Grenze lebenden Weißen, als zu der ihrer rothen Nach⸗ barn. Die Mädchen machten ſich mit Vorbereitungen für die Abendmahlzeit zu thun, trüb und ſchweigſam, aber doch immer für die erſten Bedürfniſſe der Natur ſorgend. Hurry machte ſich beim Licht eines Feuerbrandes daran, ſeine Moccaſins auszubeſſern, Chingachgook ſaß in düſterem Nachdenken da, während Wildtödter in einer Weiſe, die ebenſo wenig Affek⸗ tation als Unruhe verrieth, Killdeer, die Büchſe Hutter's be⸗ ſichtigte, deren ſchon einmal Erwähnung geſchah, und die ſpäter ſo berühmt wurde in den Händen des Individuums, das jetzt ihre Vorzüge genau unterſuchte. Das Gewehr war etwas länger als gewöhnlich, und kam augenſcheinlich aus der Werkſtätte eines aus⸗ gezeichneteren Waffenſchmids. Es hatte einige wenige filberne Ornamente, obwohl die meiſten Grenzmänner es im Ganzen für ein gewöhnliches Gewehr würden genommen haben, denn ſeine 494 Hauptverdienſte beſtanden in der Genauigkeit war, in der Vollkommenheit der Trefflichkeit des Metalls. Jäger die Schwanzſchraube an Auge das Viſir, vor, und erhob langſam die Waffe, wie im Begriff auf ein Wild zu zielen, um ihre Wucht zu erproben, und ſich ihrer Tüchtig⸗ keit zu raſchem und genauem Feuern zu verſichern. Alles dieß that er bei Hurry's Fackel, unbefangen und einfach, aber mit einem Ernſt und Eifer, welche jeder Beobachter, der zufällig die eigentliche Lage des Mannes gekannt hätte, rührend gefunden haben würde. „ womit es gezogen der einzelnen Beſtandtheile, und in Zu wiederholten Malen lehnte der ſeine Schulter und prüfte mit dem und eben ſo oft beugte er ſich mit dem Leibe ben mir von ihren „ was ich gehört, möchte ich be⸗ haupten, daß ſie in erfahrenen Händen der ſichere Tod iſt. Hört nur das Schnellen dieſes Schloſſes— eine Wolfsfalle hat keine kräftiger⸗ Feder; Hahn und Pfanne ſtimmen zuſammen und ver⸗ ſtehen ſich, wie zwei Singmeiſter, die zuſammen einen Pſalm ſtngen. Ich habe nie einen ſo ſchön gebohrten Lauf geſehen, Hurry, das iſt gewiß!“ „Ja, der alte Tom pflegte große Stücke auf das Gewehr zu halten, obgleich er nicht der Mann war, die Tugenden irgend einer Art von Feuerwaffen in der Praris zu erproben,“ verſetzte March, indem er die Wildlederriemen mit der Kaltblütigkeit eines Schuhflickers durch den Moccaſſin zog.„Er war kein Schütze, das müſſen wir Alle geſtehen; aber er hatte ſeine guten Seiten, ſo wie ſeine ſchlimmen. Ich hatte die Hoffnung gehegt, Judith würde auf die Idee kommen, Killdeer mir zu geben.“ „Man kann nie dafür ſtehen, was junge Weiber thun werden, das iſt gewiß, Hurry; und ich denke, Ihr habt ſo viel Ausſicht, — 495 die Büchſe zu bekommen, als ein Anderer. Dennoch, wenn die Dinge der Vollkommenheit ſo ſehr nahe kommen, iſt es Schade, wenn ſie ſte nicht erreichen.“ „Was wollt Ihr damit ſagen? Würde ſich nicht dieß Gewehr auf meiner Schulter ſo gut ausnehmen, als auf der irgend eines Mannes?“ „Was das Ausſehen betrifft, ſo ſage ich davon nichts. Ihr ſeht beide gut aus, und möchtet wohl, was man ein gut ausſehendes Paar nennt, machen. Aber der Hauptpunkt liegt im Thun und Handeln. Mehr Wild würde in Einem Tage durch dieß Gewehr in der Hand gewiſſer Männer fallen, als in der Eurigen binnen einer Woche, Hurry! Ich habe Euch die Probe machen ſehen;— Ihr erinnert Euch des Hirſches dieſer Tage?“ „Der Hirſch war außer der Wildpretjahrszeit; und Wer mag Wildpret ſchießen außer ſeiner Jahrszeit? Ich wollte nur die Creatur erſchrecken, und ich denke, Ihr werdet geſtehen müſſen, er gerieth in nicht kleine Beſtürzung!“ „Gut, gut, Ihr ſollt Euren Willen haben. Aber das iſt ein herrenmäßiges Gewehr, und würde einen mit ſteter Hand und raſchem Auge zum Koͤnig der Wälder machen.“ „Dann behaltet es, Wildtödter, und werdet König der Wälder!“ ſagte Iudith ernſt, die dem Geſpräch zugehört, und ihr Auge nie abgewandt hatte von dem ehrlichen Geſicht des Jägers.„Es kann nie in beſſere Hände kommen, als in denen es jetzt iſt, und darin wird es, hoffe ich, fünfzig Jahre bleiben!“ „Judith, es kann Euch nicht Ernſt ſeyn!“ rief Wildtödter, ſo überraſcht, daß er mehr Aufregung zeigte, als er ſonſt bei gewöhn⸗ lichen Gelegenheiten blicken ließ.„Ein ſolches Geſchenk könnte wohl ein wirklicher König machen; ja, und ein wirklicher König annehmen!“ „Es war mir nie in meinem Leben größerer Ernſt, Wildtödter; und es iſt mir ebenſo Ernſt mit dem Wunſch wie mit dem Geſchenk.“ 499 wiſſen ſie auch, daß er jetzt auf ſeinem erſten Kriegspfad iſt. Was die Mädchen betrifft, ſo tariren ſie die natürlich eben nur ſo wie die Weiber überhaupt.“ „Ihr wollt ſagen, ſie verachten uns!“ unterbrach ihn Judith mit Augen, die ſo leuchtend flammten, daß es allen Anweſenden auffiel. „Das wird man am Ende ſehen. Sie halten dafür, daß der See mit Allem darauf ihrer Willkür preisgegeben ſey, und daher ſenden ſie durch mich dieſen Gürtel Wampum,“ und er zeigte, wie er ſo ſprach, den fraglichen Artikel dem Delawaren,„mit dieſen Worten: Sagt der Schlange, ſprachen ſie, er hat ſich gut gehal⸗ ten für einen Anfänger; er mag jetzt über die Berge ſich wenden nach ſeinen Dörfern, und Niemand ſoll ſeiner Spur nachgehen. Wenn er einen Skalp gefunden, mag er ihn mit ſich nehmen; die Tapfern unter den Huronen haben Herzen, und können mit einem jungen Krieger fühlen, der nicht mit leeren Händen heimzukommen wünſcht. Wenn er ſchnellfüßig iſt, ſo ſteht ihm eine Truppe zur Verfolgung zu Dienſten. Hiſt aber muß zurück zu den Huronen; als ſie ſie in der Nacht verließ, nahm ſie durch Verſehen mit ſich, was nicht ihr gehört.“ „Das kann nicht wahr ſeyn!“ ſagte Hetty ernſt.„Hiſt iſt kein ſolches Maͤdchen— ſondern eines, das Jedermann gibt, was ihm gebührt—“ Was ſie noch weiter für Einwendungen würde vorgebracht haben, kann man nicht wiſſen, denn Hiſt, halb lachend, und halb in Beſchämung ihr Angeſicht verſteckend, legte ihre Hand der Sprechenden auf den Mund, um ihren Worten Einhalt zu thun. „Ihr verſteht nicht Mingo⸗Botſchaften, arme Hetty,“ fuhr Wildtödter fort,„welche ſelten das meinen, was dem Anſchein nach zu oberſt liegt. Hiſt hat die Neigung eeines jungen Huronen mit ſich genommen, und ſte verlangen ſie zurück, damit der arme junge Mann ſie wieder da finde, wo er ſie zuletzt gelaſſen! Schlange, ſagen ſie, iſt ein zu vielverſprechender junger Krieger, um nicht 500 ſo viele Weiber zu finden als er verlangt, aber dieſe Eine kann er nicht haben. Das iſt ihre Meinung und nichts Anderes, wie ich es verſtehe.“ „Sie ſind ſehr verbindlich und einſichtsvoll, daß ſie voraus⸗ ſetzen, ein junges Weib könne alle ihre eignen Neigungen vergeſſen, um dieſen unglücklichen Jüngling die ſeinige finden zu laſſen!“ ſagte Iundith ironiſch; aber im Weiterſprechen wurde ihr Ton bit⸗ terer.„Ich denke, ein Weib iſt ein Weib, ſey ihre Farbe weiß oder roth; und Eure Häuptlinge verſtehen ſich wenig auf das Herz des Weibes, Wildtödter, wenn ſie meinen, es könne je verzeihen, wenn es mißhandelt worden, oder je vergeſſen, wenn es innig liebt.“ „Ich denke das iſt ſo ziemlich die Wahrheit bei manchen Weibern, Judith, aber doch habe ich auch ſolche gekannt, die Beides konnten. Die nächſte Botſchaft iſt an Euch. Sie ſagen, die Biſamratze, wie ſie Alle Euren Vater nennen, iſt untergetaucht in den Grund des See's; er wird nimmer wieder heraufkommen, und ſeinen Jungen wird es bald an Wigwams, wo nicht an Nah⸗ rung fehlen. Die Huronen⸗Hütten, meinen ſie, ſind beſſer als die Hütten von York; ſie wünſchen, daß Ihr kommt und einen Verſuch macht. Eure Farbe iſt weiß, das geſtehen ſie zu, aber ſie meinen, Mädchen, die ſo lang in den Wäldern gelebt, würden ihren Weg verlieren in den Lichtungen. Ein großer Krieger unter ihnen hat neulich ſein Weib verloren, und er würde ſich freuen, die Wilde Roſe auf ihre Bank an ſeiner Feuerſeite zu ſetzen. Was die Schwachſinnige betrifft, ſo wird ſie immer geehrt und gut beſorgt ſeyn bei den rothen Kriegern. Eures Vaters Güter, meinen ſie, ſollen den Stamm bereichern; aber Eure eigne Habe, worin alle und jede Weiberſachen eingeſchloſſen ſind, ſoll, wie bei allen Wei⸗ bern, mit in den Wigwam des Mannes kommen. Ueberdieß haben ſie kürzlich ein junges Mädchen durch eine Gewaltthat verloren, und es erfordere zwei Bleichgeſichter, ihren Platz auszufüllen.“ „Und Ihr bringt mir eine ſolche Botſchaft!“ rief Judith⸗ 501 obwohl der Ton, womit ſie das ſagte, mehr Kummer als Zorn verrieth.„Bin ich ein Maͤdchen, das eines Indianers Sklavin zu ſeyn verdient?“ „Wenn Ihr meine ehrlichen Gedanken über dieſen Punkt zu hoͤren wünſcht, Judith, ſo will ich Euch antworten, daß ich nicht glaube, Ihr werdet je mit gutem Willen eines Mannes, ſey er ein Weißer, oder eine Rothhaut, Sklavin werden. Ihr müßt mich jedoch nicht hart darum beurtheilen, daß ich die Botſchaft ſo genau als ich nur konnte, in denſelben Worten überbrachte, womit ſie mir aufgetragen ward. Das waren die Bedingungen, unter welchen ich meinen Urlaub bekam, und ein Handel iſt ein Handel, ſey er auch mit einem Vagabunden geſchloſſen. Ich habe Euch berichtet, was ſie geſagt haben, aber Euch noch nicht geſagt, was nach meiner Meinung Ihr insgeſammt antworten ſolltet.“ „Ja, laßt uns das hören, Wildtödter,“ verſetzte Hurry. „Meine Neugier iſt ſehr geſpannt bei dieſer Erwägung, und ich wäre recht begierig Eure Ideen zu hören, was Ihr für räſonnabel hieltet, zu antworten. Zwar was mich betrifft, ich bin über meine Antwort ganz im Reinen und entſchloſſen, und werde ſie ſobald als nöthig kund thun.“ „Und ich ebenſo, Hurry, über alle die verſchiednen Haupt⸗ punkte, und über keinen iſt meine Anſicht entſchiedener, als über das, was Euch betrifft. Wenn ich Ihr wäre, würde ich ſagen: „Wildtödter, ſagt den Schurken drüben, ſie kennen Hurry March nicht! Er iſt menſchlich; und wie er eine weiße Haut hat, ſo hat er auch eine weiße Natur, und dieſe Natur läßt ihm nimmermehr zu, daß er Weiber von ſeiner Race und von ſeinen Gaben in ihrer groͤßten Noth verließe. So nehmt denn mich für Einen, der ſich weigert, Eurem Vertrage beizutreten, und wenn Ihr auch einen Schweinskopf voll Taback darüber verſchmaucht.““ March war etwas verlegen über dieſen zurechtweiſenden Vor⸗ wurf, der in hinlänglich warmem Tone ausgeſprochen ward, und 5* 5⁰² mit einer Schaͤrfe, die keinen Zweifel über den Sinn davon übrig ließ. Hätte ihn Iudith aufgemuntert, ſo hätte er ſich nicht be⸗ dacht, dazubleiben, um ſie und ihre Schweſter zu vertheidigen, aber unter den obwaltenden Umſtänden trieb ihn ein Gefühl von Erbitterung vielmehr ſie zu verlaſſen. Jedenfalls beſaß Hurry Harry nicht ſo viel Ritterlichkeit, um ſich bewogen zu finden, die Sicherheit ſeiner eignen Perſon auf's Spiel zu ſetzen, wenn er nicht einen augenfälligen Zuſammenhang zwiſchen den wahrſchein⸗ lichen Folgen und ſeinem eigenen Intereſſe ſah. Man darf ſich daher nicht wundern, daß ſeine Antwort gleicherweiſe ſeine Abſicht und die Zuverſicht verrieth, welche er ſo prahleriſch auf ſeine rie⸗ ſenhafte Stärke ſetze, die ihn, wo nicht immer muthig, doch ge⸗ wöhnlich unverſchämt machte gegenüber denen, mit welchen er verkehrte. „Gute Worte erzeugen lange Freundſchaften, Meiſter Wild⸗ tödter,“ ſagte er, ein wenig drohend.„Ihr ſeyd erſt ein junger Laffe, und Ihr wißt aus Erfahrung, was Ihr ſeyd in den Händen eines Mannes. Da Ihr nicht Ich ſeyd, ſondern nur ein Zwiſchen⸗ träger, von den Wilden an uns Chriſten geſandt, mögt Ihr Euren Auftraggebern ſagen, daß ſie Harry March nicht kennen, was ein Beweis iſt ſowohl von ihrem Verſtand als von dem ſeinigen. Er iſt menſchlich genug, um der menſchlichen Natur zu folgen, und die heißt ihn die Thorheit davon einſehen, wenn ein Mann mit einem ganzen Stamme kämpfen wollte. Wenn Weiber ihn im Stich laſſen, ſo müſſen ſie gefaßt ſeyn, von ihm im Stich gelaſſen zu werden, ob ſie nun von ſeinen Gaben, oder von andrer Men⸗ ſchen Gaben ſeyen. Sollte Judith es paſſend finden, ihren Sinn zu ändern, ſo iſt ſie mir willkommen zur Geſellſchaft nach dem Fluß, und Hetty dazu; entſchließt ſie ſich aber dazu nicht, ſo breche ich auf, ſobald ich denken kann, daß die Kundſchafter des Feindes für die Nacht im Gebüſch und Laubwerk unterzukrie⸗ chen anfangen.“ 1 „Judith wird ihren Sinn nicht ändern, und ſie begehrt Eure Geſellſchaft nicht, Meiſter March,“ verſetzte das Mädchen mit Lebhaftigkeit. „Der Punkt iſt alſo in's Reine gebracht,“ begann Wildtödter wieder, ganz unbeweglich bei der Heftigkeit des Andern.„Hurry Harry muß für ſich ſelbſt handeln, und thun, was ſeinem Ge⸗ ſchmack am meiſten zuſagen mag. Die Handlungsweiſe, zu der er entſchloſſen ſcheint, wird ihm auf freies Feld für leichte Füße ver⸗ helfen, wenn auch nicht zu einem freien und leichten Gewiſſen. Dann kommt die Frage, Hiſt betreffend— was ſagt Ihr, Mädchen? — wollt Ihr auch Eure Pflicht verlaſſen, und zu den Mingos zurückgehen, und einen Huronen zum Mann nehmen, und das Alles nicht aus Liebe zu dem Manne, den Ihr heirathen ſollt, ſondern aus Liebe zu Eurem eignen Skalp?“ „Warum Ihr ſo ſprechen zu Hiſt?“ fragte das Mädchen halb beleidigt.„Ihr denken, ein Rothhautmädchen ſeyn wie eines Kapi⸗ täns Lady, lachen und ſcherzen mit jedem Officier der kommt.“ „Was ich in dieſer Sache denke, darauf kommt Nichts an. Ich muß Eure Antwort zurück bringen, und damit ich das thun kann, müßt Ihr ſie zuerſt geben. Ein treuer Bote richtet ſeinen Auftrag aus, Wort für Wort.“ Hiſt bedachte ſich nicht länger, ihr Herz offen auszuſprechen. In ihrer Aufregung ſtand ſie von ihrer Bank auf, und ganz natür⸗ lich derjenigen Sprache ſich bedienend, in welcher ſie ſich am leich⸗ teſten ausdrückte, erklärte ſie ſich über ihre Geſinnungen und Ab⸗ ſichten, ſchön und mit Würde, in der Zunge ihres Volkes. „Sagt den Huronen, Wildtodter,“ ſprach ſie,„daß ſie ſo un⸗ wiſſend ſind wie Maulwürfe; ſie wiſſen nicht den Wolf vom Hund zu unterſcheiden. Unter meinem Volke ſtirbt die Roſe auf dem Stengel, auf dem ſie entknoſpet iſt; die Thränen des Kindes fallen auf die Gräber ſeiner Eltern; das Korn reift, wo der Samen aus⸗ geſtreut worden iſt. Die Delawaren⸗Madchen ſind keine Boten, die man wie Wampumgürtel von Stamm zu Stamm ſendet. Sie 504 ſind Gaißblattblüthen, die am ſüßeſten duften in ihren eignen Waͤldern; ihre eignen jungen Männer tragen ſie an ihrer Bruſt, weil ſie ſo wohlriechend ſind; ſie ſind am ſüßeſten, wenn man ſie von ihren heimiſchen Stengeln pflückt. Selbſt das Rothkehlchen und der Marder kommen Jahr für Jahr zurück zu ihren alten Neſtern; ſoll ein Weib weniger treu ſeyn, als ein Vogel? Setzt die Tanne in Lehmboden, ſo wird ſie gelb; die Weide wird nicht gedeihen auf dem Berge; die Tamariske iſt am geſundeſten im Sumpfe; die Stämme der See lieben am meiſten die Winde zu hören, die über das Salzwaſſer herwehen. Ein Huronen⸗Jüng⸗ ling, was iſt er für ein Mädchen vom Lenni Lenape? Er mag flink ſeyn, aber ihre Augen folgen ihm nicht auf ſeinem Lauf; ſte ſchauen zurück nach den Hütten der Delawaren. Er mag ein ſüßes Lied ſingen für die Mädchen von Canada, aber für Wah gibt es keine Muſik als in der Zunge, der ſie von Kindheit an gehorcht hat. Wäre der Hurone geboren aus dem Volke, das einſt umherzog an den Küſten des Salzſee's, es wäre umſonſt, wenn er nicht aus der Familie der Unkas ſtammte. Die junge Tanne wird ſo hoch emporwachſen als irgend einer ſeiner Väter. Wah⸗ta!⸗Wah hat nur Ein Herz, und es kann nur Einen Gatten lieben!“ Wildtödter lauſchte dieſer charakteriſtiſchen Antwort, welche ertheilt ward mit einem Ernſt, wie er den Gefühlen gemäß war, aus welchen ſie hervorging, mit unverhehlter Freude; und er er⸗ wiederte die glühende Beredſamkeit des Mädchens, als ſie ſchloß, mit ſeinem herzlichen ſtillen, eigenthümlichen Lachen. „Das iſt mehr werth, als alle Wampums der Welt!“ rief er.„Ihr verſteht es nicht, Judith, denke ich; aber wenn Ihr Eure eignen Gefühle vor Euch nehmen wollt, und Euch einbilden, ein Feind habe Euch ſagen laſſen, Ihr ſollet den Mann Eurer Wahl aufgeben, und einen Andern nehmen, der nicht der Mann Eurer Wahl wäre, ſo werdet Ihr Euch die Hauptſache ſchon denken können, dafür ſteh' ich! Ja, ich lobe mir ein Weib für wahre Beredſamkeit, wenn ſie ſich nur einmal entſchließen, auszuſprechen, was ſie fühlen. Unter Sprechen verſtehe ich aber nicht plaudern, denn das thun die Meiſten von ihnen jede Stunde; ſondern mit ihren ehrlichen, tiefſten Gefühlen in paſſenden Worten heraus⸗ rücken. Und jetzt, Judith, nachdem ich die Antwort eines Roth⸗ hautmädchens habe, muß ich auch die eines Bleichgeſichts bekom⸗ men, wenn anders ein ſo blühendes Geſicht wie das Eurige, irgend ſo genannt werden darf. Es iſt ein ſchöner Name für Euch: Wilde Roſe, und was die Farbe anlangt, ſollte man Hetty die Gaißblattblüthe nennen.“ „Käme dieſe Sprache aus dem Munde eines der galanten Herren von der Garniſon, ſo würde ich ſie verlachen, Wildtödter; aber da ſie aus Eurem kommt, kann ich mich, das weiß ich, darauf verlaſſen,“ verſetzte Judith, im Innerſten geſchmeichelt durch ſeine natürlichen und charakteriſtiſchen Complimente.„Es iſt jedoch zu bald, meine Antwort zu verlangen, die große Schlange hat noch nicht geredet.“ „Die Schlange! Herr; ich könnte ſeine Rede ausrichten, ohne ein Wort davon gehört zu haben! Ich dachte gar nicht daran, ihm die Frage auch nur vorzulegen, ich geſteh' es; obwohl es freilich wohl nicht ganz recht wäre, angeſehen daß Wahrheit eben Wahrheit iſt, und ich verpflichtet bin, dieſen Mingos eben die Thatſache zu berichten, und ſonſt Nichts. So, Chingachgook, laßt uns Eure Geſtnnung hören über dieſe Sache— ſeyd Ihr geneigt, Euch nach Eurem Dorfe zu wenden über die Berge, Hiſt einem Huronen abzutreten, und den Häuptlingen zu Hauſe zu melden: wenn ſie rüſtig und glücklich ſeyen, können ſie möglicher Weiſe die Spur der IJrokeſen noch treffen, zwei oder drei Tage, nachdem der Feind auf und davon iſt?⸗ Wie ſeine Verlobte ſtand auch der junge Haͤuptling auf, um ſeine Antwort mit der gehörigen Deutlichkeit und Würde zu geben. e 506 Hiſt hatte geſprochen, die Hände über der Bruſt gekreuzt, als wollte ſie ihre innere Bewegung unterdrücken; der Krieger aber ſtreckte einen Arm vor ſich aus, mit einer ruhigen Energie, welche ſeinen Ausdrücken noch mehr Nachdruck gab. „Wampum ſollte geſandt werden für Wampum,“ ſagte er; „eine Botſchaft muß beantwortet werden mit einer Botſchaft. Hört, was die große Schlange von den Delawaren zu ſagen hat den angeblichen Wölfen von den großen See'n, die durch unſere Wäl⸗ der heulen. ie ſind keine Wölfe, ſie ſind Hunde, die gekom⸗ men ſind, 5 ihre Schwänze und Ohren durch die Hände der Delawaren ſtutzen zu laſſen. Sie ſind gut, junge Weiber zu ſteh⸗ len, aber ſchlecht, ſie zu verwahren und zu behaupten. Chingach⸗ gook nimmt ſein Eigenthum, wo er es findet,— er fragt keinen Köter aus den Canadas um Erlaubniß dazu. Wenn er ein zärt⸗ liches Gefühl in ſeinem Herzen hat, ſo geht das die Huronen Nichts an. Er ſagt es ihr, die es am liebſten hört; er will es nicht in den Forſt hinausbellen für die Ohren derjenigen, die nur das Geſchrei der Angſt verſtehen. Was in ſeiner Hütte vor⸗ geht, gebührt nicht einmal den Häuptlingen ſeines eigenen Volkes zu wiſſen, viel weniger den Mingo⸗Schuften.“— „Nennt ſie Vagabunden, Schlange,“ unterbrach ihn Wild⸗ tödter, der ſeine Freude nicht zu zügeln vermochte—„ja nennt ſte nur gerade heraus Vagabunden, was ein Wort iſt, das ſich leicht erklären läßt, und ihren Ohren am allerverhaßteſten, weil es ſo wahr iſt. Seyd unbeſorgt wegen meiner; ich will Eure Botſchaft an ſie beſtellen Sylbe für Sylbe, Hohn für Hohn, Idee für Idee, Trotz für Trotz— und ſie verdienen nichts Beſſeres von Euch.— Nennt ſie nur Vagabunden, ein⸗ oder zweimal, und das wird den Saft in ihnen ſteigen machen von den unterſten Wurzeln bis in die höchſten Zweige!“ „Viel weniger den Mingo⸗Vagabunden!“ fuhr Chingachgook fort, gerne bereit, ſeines Freundes Verlangen zu willfahren.— 9„ „Sagt den Huronen⸗Hunden, fie müſſen lauter heulen, wenn ſie wuͤnſchen, daß ein Delaware ſie in den Wäldern finde, wo ſie ſich verkriechen wie Füchſe, ſtatt zu jagen wie Krieger. Als ſie ein Delawaren⸗Mädchen in ihrem Lager hatten, da war Grund, ſie aufzujagen; jetzt wird man ſie vergeſſen, wenn ſie nicht Lärm machen. Chingachgook mag ſich nicht die Mühe nehmen, von ſei⸗ nen Dörfern mehr Krieger herbeizuholen; er kann ihren flüchtigen Zug ſchon treffen; wenn ſie ſich nicht unter dem Boden verſtecken, wird er ſie nach Canada verfolgen, allein. Er wird Wah⸗ta!⸗Wah bei ſich behalten, ſein Wildpret zu kochen; ſie Beide werden Dela⸗ waren genug ſeyn, um alle Huronen in ihr Land zurückzuſcheuchen.“ „Das iſt eine wichtige Depeſche, wie die Officiere dieſe Dinge nennen!“ rief Wildtödter;„ſie wird alles Blut der Huronen in Bewegung bringen; ganz beſonders der Theil, wo er ihnen ſagen läßt, auch Hiſt werde ihnen nachſetzen, bis ſte völlig aus dem Lande getrieben ſeyen. Ach, ja freilich! große Worte ſind nicht immer große Thaten, bei alle dem der Herr gebe, daß wir nur halb ſo tüchtig zu ſeyn vermögen, als wir verheißen! Und jetzt, Judith, iſt die Reihe an Euch, zu reden; denn die Elenden werden eine Antwort erwarten von jeder Perſon, die arme Hetty vielleicht ausgenommen“ „Und warum nicht von Hetty, Wildtödter? Sie ſpricht oft vernünftig und paſſend; die Indianer halten vielleicht ihre Worte in Ehren, denn ſie haben Mitgefühl für Leute in ihrem Zuſtand.“ „Das iſt wahr, Judith, und ein raſcher, guter Gedanke von Euch. Die Rothhäute achten das Unglück in jeder Geſtalt, und namentlich das Hetty's. So, Hetty, wenn Ihr Etwas zu ſagen habt, ſo will ich es den Huronen ſo getreulich ausrichten, als wären es die Worte eines Schulmeiſters oder Miſſionärs.“ Das Mädchen bedachte ſich einen Augenblick, und dann ant⸗ wortete ſie in ihrem ſanften, milden Tone, ſo ernſt als nur Einer unter ihren Vorgängern: 508 „Die Huronen müſſen den Unterſchied zwiſchen weißen Leuten und ihnen ſelbſt nicht begreifen können,“ ſagte ſte,„ſonſt würden ſie nicht verlangen, daß Judith und ich mit ihnen gehen und in ihren Dörfern wohnen ſollen. Gott hat ein Land den rothen Männern, und ein anderes uns gegeben. Er wollte, daß wir abgeſondert für uns leben. Dann ſagte auch Mutter immer, wir ſollten wo möglich nur immer unter Chriſten leben, und das iſt ein Grund, warum wir nicht gehen können. Dieſer See iſt unſer, und wir wollen ihn nicht verlaſſen. Vaters und der Mutter Graͤber ſind darin, und ſelbſt die ſchlechteſten Indianer bleiben gern bei den Gräbern ihrer Väter. Ich will noch einmal kommen und ſie ſehen, wenn ſie das von mir verlangen, und ihnen noch Mehr aus der Bibel vorleſen, aber des Vaters und der Mutter Grab kann ich nicht verlaſſen.“ „Das iſt recht, das iſt recht, Hetty, gerade ſo gut, als wenn Ihr ihnen eine zweimal ſo lange Botſchaft ſchicktet,“ unterbrach ſie der Jäger.„Ich will Ihnen Alles ſagen, was Ihr geſprochen habt und was Ihr meint, und ich ſtehe dafür, daß ſie leicht befrie⸗ digt ſeyn werden. Jetzt, Judith, kommt die Reihe an Euch und dann iſt dieſer Theil meines Auftrags für heute Nacht zu Ende.“ Judith zeigte ein Widerſtreben, ihre Antwort zu geben, das ein Wenig die Neugier des Boten rege machte. Nach ihrem be⸗ kannten lebhaften Geiſt urtheilend, hatte er nie gezweifelt, daß das Mädchen ihren Gefühlen und Grundſätzen nicht minder treu blei⸗ ben werde, als Hiſt oder Hetty; und doch war eine merkliche, ſchwankende Unentſchloſſenheit bei ihr ſichtbar, die ihm einige Un⸗ ruhe machte. Selbſt jetzt, wo er ſie geradezu aufforderte zu ſprechen, ſchien ſie ſich zu bedenken, und ſie öffnete nicht eher den Mund, als bis das tiefe nung man auf ihre Worte warte. ſicher und mit Widerſtreben. „Sagt mir erſt— ſagt uns erſt, Schweigen ihr zeigte, mit welcher Span⸗ Da ſprach ſie zwar, aber un⸗ Wildtödter,“ begann ſie, —- 509 die Worte wiederholend, nur um den Nachdrnck anders zu ſetzen —„welchen Einfluß werden unſere Antworten auf Euer Schickſal haben? Wenn Ihr das Opfer unſerer trotzigen Keckheit ſeyn ſoll⸗ tet, ſo wäre es beſſer geweſen, wenn wir Alle eine bedächtlichere und ſchlauere Sprache geführt hätten. Was alſo werden denn wohl die Folgen für Euch ſeyn?“ „Herr im Himmel, Judith, Ihr könntet mich eben ſo gut fragen, woher der Wind wehen werde in der nächſten Woche, oder wie alt das nächſte Wild ſey, das geſchoſſen werde! Ich kann nur ſagen, daß ihre Geſichter mich etwas finſter anſchauen; aber es donnert nicht jedesmal, wenn eine ſchwarze Wolke am Himmel aufſteigt, auch weht nicht jeder Windſtoß Regen zuſammen. Das iſt ſomit eine Frage, die viel leichter zu machen als zu beant⸗ worten iſt.“ „So iſt es auch mit dieſer Botſchaft der Irokeſen an mich,“ verſetzte Judith, aufſtehend, als wäre ſie für den Augenblick über ihre Handlungsweiſe entſchieden.„Meine Antwort werde ich geben, Wildtödter, nachdem wir, Ihr und ich, miteinander geſprochen, und die Andern ſich für die Nacht zur Ruhe begeben haben.“ Es war eine Entſchiedenheit in dem ganzen Weſen des Mäd⸗ chens, welche Wildtödter geneigt machte, ſich dieß gefallen zu laſſen, und er that dieß um ſo leichter, als der Aufſchub nach keiner Seite hin weſentliche Folgen nach ſich ziehen konnte. Die Verſammlung brach jetzt auf, und Hurry kündigte ſeinen Entſchluß an, ſie bald zu verlaſſen. Während der Stunde, die man noch verſtreichen ließ, damit inzwiſchen noch ſtärkere Dunkelheit eintrete, bis der Grenzmann aufbrach, machten ſich die verſchiedenen In⸗ dividuen Jedes in ſeiner gewohnten Art zu ſchaffen, und der Jäger insbeſondere brachte die meiſte Zeit damit zu, die Trefflichkeit der ſchon erwähnten Büchſe noch weiter zu unterſuchen. Die Stunde Neun kam jedoch bald heran, und dann, ſo war ees beſtimmt, ſollte Hurry ſeine Reiſe antreten. Statt ſeinen 510 Abſchied freimüthig und mit großherziger Wärme zu nehmen, brachte er das Wenige, was er zu ſagen nöthig fand, mürriſch und kalt vor. Erbitterung über Iudith's Hartnäckigkeit, wie er es anſah, war gemiſcht mit Kränkung und Verdruß über die Begegniſſe, die ihm zugeſtoßen, ſeit er den See erreicht hatte; und wie es ge⸗ woöhnlich iſt bei gemeinen und engherzigen Menſchen, war er mehr geneigt, Andern wegen ſeiner Mißgeſchicke Vorwürfe zu machen, als ſich ſelbſt zu tadeln. Judith reichte ihm die Hand, aber wohl völlig ebenſoſehr aus Freude als mit Bedauern, während die bei⸗ den Delawaren ohne Leidweſen erfuhren, daß er ſie verlaſſen wolle. Unter der ganzen Geſellſchaft zeigte nur Hetty ein wahres Gefühl. Verſchämtheit und die Schüchternheit ihres Geſchlechts und Charakters hielten auch ſie einigermaßen entfernt, ſo daß Hurry in das Canoe trat, wo Wildtödter ſchon ſeiner wartete, ehe ſie ſich nahe genug heran wagte, um bemerkt zu werden. Dann aber trat das Mädchen in die Arche, und erreichte deren Ende gerade als die kleine Barke von ihr abſtieß mit ſo leichter und ſtetiger Bewegung, daß man es kaum wahrnahm. Eine Aufwallung von Gefühl überwand jetzt ihre Schüchternheit, und Hetty ſprach: „Lebt wohl, Hurry,“ rief ſie mit ihrer ſüßen Stimme— „lebt wohl, lieber Hurry. Nehmt Euch in Acht in den Wäldern, und macht nie Halt, bis ihr die Garniſon erreicht. Die Blätter auf den Bäumen ſind kaum zahlreicher als die Huronen um den See herum, und ſie würden einen ſtarken Mann nicht ſo mild be⸗ handeln, wie ſie mich behandeln.“ Die feſſelnde Anziehungskraft, welche March für dieß ſchwach⸗ ſinnige Mädchen hatte, das doch den Sinn und das Gefühl des Rechten beſaß, beruhte auf einem Geſetz der Natur. Ihre Sinne waren eingenommen worden von den Vorzügen ſeiner Perſon; und ihr moraliſcher Verkehr mit ihm war nie innig und genau genug geweſen, um einem Eindruck das Gegengewicht zu halten, der 511 ſonſt allerdings, ſelbſt bei einem Weſen von ſo ſtumpfen Geiſtes⸗ kräften, hätte vermindert werden müſſen. Hetty's Inſtinkt für das Rechte, wenn ein ſolcher Ausdruck gebraucht werden darf von einem Weſen, das von einem guten Geiſt geleitet zu werden ſchien, um mit nie irrender Genauigkeit zwiſchen Gut und Böſe dahinzuſteuern, würde über tauſend Punkte in Hurry's Charakter ſich empört haben, wäre Gelegenheit geweſen, ſie darüber aufzu⸗ klären; aber während er, von ihr ſelbſt ſich ferner haltend, mit ihrer Schweſter plauderte und tändelte, hatten ſeine vollendet ſchöne Geſtalt und ſeine Züge allen Eindruck auf ihre einfache Einbildungskraft und ihr von Natur zärtliches Gemüth machen können, ohne durch den Zuſatz und die Legirung ſeiner Geſinnungen und ſeiner Plumpheit beeinträchtigt zu werden. Zwar fand ſie ihn roh und derb; aber das war auch ihr Vater, und die meiſten andern Männer, die ſie geſehen; und was ihr als eine Eigen⸗ thümlichkeit des ganzen Geſchlechts erſchien, fiel ihr in Hurry's Charakter weniger ungünſtig auf, als ſonſt wohl der Fall geweſen wäre. Doch war es nicht eigentlich Liebe, was Hetty für Hurry fühlte, auch möge man dieß nicht in unſerer Schilderung finden, ſondern nur die erwachende Empfänglichkeit des Gefühls und Be⸗ wunderung, die, unter günſtigeren Verhältniſſen, und immer vor⸗ ausgeſetzt, daß keine widerwärtigen Offenbarungen hinſichtlich des Charakters des jungen Mannes hindernd dazwiſchengekommen wären, bald zu jener allbeherrſchenden Leidenſchaft hätten heranreifen kön⸗ nen. Sie fühlte für ihn eine keimende Zärtlichkeit, aber kaum irgend eine Leidenſchaft. Vielleicht die ſtärkſte Annäherung zu letzterer, die ſich in Hetty's Benehmen gezeigt, konnte man erblicken in der Empfindlichkeit, die ſie hatte March's Vorliebe für ihre Schweſter entdecken laſſen; denn, bei den zahlreichen Bewunderern Judith's war dieß das einzige Mal, daß der umwölkte Geiſt des Mädchens die zur Beobachtung der Verhältniſſe erforderliche Schärfe aufgeboten hatte. 51² Man hatte Hurry bei ſeinem Aufbruch ſo wenig Mitgefühl bezeigt, daß die milden Worte Hetty's, wie ſie ihm ſo nachrief, ihm ganz wohlthuend und tröſtlich klangen. Er hielt das Canve auf, und mit einem Schwung ſeines gewaltigen Armes brachte er es wieder neben die Arche zurück. Das war Mehr, als Hetty, deren Muth mit dem Weggehen ihres Helden geſtiegen war, er⸗ wartet hatte, und ſie bebte jetzt ſchüchtern zurück bei ſeiner unver⸗ hofften Rückkehr. „Ihr ſeyd ein gutes Mädchen, Hetty, und ich kann Euch nicht ohne ein Händeſchütteln verlaſſen,“ ſagte March freundlich. „Judith iſt am Ende nicht ſo viel werth als Ihr, obgleich ſie um eine Kleinigkeit beſſer ausſehen mag. Was den Witz betrifft, wenn Redlichkeit und Offenheit mit einem jungen Mann ein Zeichen von Verſtand bei einem jungen Weib iſt, ſo wiegt Ihr zehn Judith's auf; ja und in Wahrheit die meiſten Mädchen meiner Bekanntſchaft.“ „Sagt Nichts gegen Judith, Harry,“ erwiederte Hetty in bittendem Tone.„Vater iſt todt, und Mutter iſt todt, und Nie⸗ mand iſt übrig, als Judith und ich, und es iſt nicht recht, wenn Schweſtern übel von einander reden, oder zuhören, wenn man ſo redet. Vater iſt im See, und Mutter auch, und wir ſollten Alle Gott fürchten, denn wir wiſſen nicht, wenn wir vielleicht auch im See liegen werden.“ „Das klingt vernünftig, Kind, wie das Meiſte, was Ihr ſprecht. Nun, wenn wir uns je wieder ſehen, Hetty, ſo werdet Ihr einen Freund an mir finden, thue auch Eure Schweſter was ſie wolle. Ich war kein großer Freund von Eurer Mutter, ich geſteh' es, denn wir dachten verſchieden über die meiſten Punkte; aber dafür Euer Vater, der alte Tom, und ich, paßten für ein⸗ ander ſo prächtig, wie ein hirſchlederner Anzug einem wohlgebau⸗ ten Manne paßt. Ich bin immerdar der gleichen Meinung geweſen, daß der alte Floating Tom Hutter im Grunde ein guter Kerl — 1 513 war, und will das gegen alle Feinde behaupten, um ſeinetwillen, wie Euretwillen.“ „Lebt wohl, Hurry,“ ſagte Hetty, die jetzt ſo ſehnlich wünſchte, den jungen Mann bald fortzubringen, als ſie noch vor einem Augen⸗ blick gewünſcht hatte, ihn zurückzuhalten, obgleich ſie ſich vom einen Gefühl ſo wenig als vom andern klare Rechenſchaft zu geben wußte; „lebt wohl, Harry, nehmt Euch in Acht in den Wäldern; haltet Euch nicht auf, bis Ihr die Garniſon erreicht. Ich will ein Kapitel in der Bibel für Euch leſen, eh' ich zu Bette gehe, und Euer in meinem Gebet gedenken.“ Dieß hieß einen Punkt berühren, rückſichtlich deſſen March keine Sympathien hatte, und ohne weitere Worte ſchüttelte er dem Mädchen herzlich die Hand und begab ſich wieder in das Canoe. Nach einer Minute waren die beiden Abenteurer hundert Fuß von der Arche entfernt, und nach etwa ſechs Minuten hatte man ſie ſchon ganz aus dem Geſicht verloren. Hetty ſeufzte tief, und trat zu ihrer Schweſter und Hiſt. Eine Zeit lang ruderten Wildtödter und ſein Genoſſe ſchweigend fort. Es war beſchloſſen worden, Hurry gerade an dem Landvor⸗ ſprung ans Land zu ſetzen, wo er ſich, wie wir im Anfang unſrer Erzählung berichtet, eingeſchifft hatte; nicht nur weil dieſer Platz von den Huronen ſchwerlich ſo genau bewacht wurde, ſondern auch weil Hurry auf dieſem Platze mit den Zeichen der Wälder hinlänglich vertraut war, um auch bei Nacht ſich in ihnen zurecht zu finden. Dorthin ſteuerte denn das leichte Fahrzeug, ſo emſig und raſch gerudert, als nur immer zwei kräftige und geübte Canoe⸗Männer ihr leichtes Schiffchen durch oder vielmehr über das Waſſer treiben konnten. Weniger als eine Viertelſtunde genügte für ihr Vorhaben, und als ſie nach Verfluß dieſer Zeit ſich im Bereich der Schatten der Küſte, und ganz nahe dem geſuchten Punkt befanden, hörten Beide in ihrer Arbeit auf, um ihre Abſchiedsbeſprechung außer der Gehörweite irgend eines Lauſchers, der etwa in der Nähe ſeyn konnte, zu halten. Der Wildtödter. 3. Aufl. 33 514 „Ihr werdet wohl daran thun, die Officiere der Garniſon zu bereden, daß ſie einen Streifzug gegen dieſe Vagabunden unter⸗ nehmen, ſobald Ihr hineinkommt, Hurry,“ begann Wildtödter;„und noch beſſer, wenn Ihr ſie ſelbſt als Freiwilliger und Führer wieder herauf begleitet. Ihr kennt die Pfade, und die Geſtalt des See's, und die Natur des Landes, und könnt es beſſer thun, als ein ge⸗ wöhnlicher, allgemeiner Kundſchafter. Geht zuerſt auf das Lager der Huronen los, und folgt den Zeichen, die ſich Euch dann dar⸗ bieten werden. Ein paar Blicke nach der Hütte und der Arche werden Euch über den Zuſtand des Delawaren und der Weiber unterrichten; und in jedem Fall wird es eine ſchöne Gelegenheit ſeyn, den Mingos auf die Fäͤhrte zu kommen, und den Spitzbuben einen Denkzettel zu machen, den ſie lange genug mit ſich herum⸗ tragen ſollen. Es wird dieß vermuthlich keinen großen Unterſchied machen für mich, denn dieſe Sache wird abgemacht ſeyn, ehe die Sonne des morgenden Tages unter iſt; aber es kann eine große Aenderung für Judith's und Hetty's Hoffnungen und Ausſichten bewirken!“ „Und was Euch ſelbſt angeht, Nathaniel,“ erkundigte ſich Hurry mit größerer Theilnahme, als er ſonſt für Wohl und Wehe Anderer zu verrathen pflegte—„und was Euch ſelbſt betrifft, was haltet Ihr für wahrſcheinlich, daß Euch widerfahren werde?“ „Das weiß der Herr allein in ſeiner Weisheit, Henry March! Die Wolken ſehen ſchwarz und drohend aus, und ich ſetze mein Gemüth in Verfaſſung, das Schlimmſte zu erdulden. Rachſüchtige Gefühle herrſchen vor in den Herzen der Mingos, und jede kleine Täuſchung ihrer Erwartungen in Betreff des Raubes, oder der Gefangnen, oder Hiſt's, kann die Marter zur Gewißheit machen. Der Herr in ſeiner Weisheit allein kann mein Schickſal beſtimmen, oder das Eure!“ „Das iſt ein ſchwarzer Handel, und ſollte in irgend einer Art und Weiſe gehemmt werden,“ verſetzte Hurry, die Unterſcheidungen 515 zwiſchen Recht und Unrecht verwechſelnd, wie gewöhnlich bei ſelbſt⸗ ſüchtigen und gemeinen Menſchen der Fall iſt.„Ich wünſchte von Herzen, der alte Hutter und ich hätten jede Creatur in ihrem Lager ſkalpirt in der Nacht, da wir zuerſt mit dieſem Kapitalplan landeten! Hättet Ihr Euch nicht geſträubt, Wildtödter, es wäre vielleicht gelungen, dann hättet Ihr Euch nicht am Ende in der deſperaten Lage gefunden, von der Ihr ſprecht.“ „Beſſer hättet Ihr geſagt, Ihr wünſchet, daß Ihr gar nie zu thun verſucht hättet, was zu unternehmen eines weißen Mannes Gaben ſchlecht geziemt; in dieſem Falle wäre uns nicht nur viel⸗ leicht jeder Kampf erſpart geblieben, ſondern Thomas Hutter würde auch jetzt noch leben, und die Herzen der Wilden würden nicht ſo rachgierig ſeyn. Auch der Tod jenes jungen Weibes, March, war eine unberufene That, und läßt eine ſchwere Laſt auf unſerm Namen, wo nicht auf unſerm Gewiſſen zurück!“ Dieß war ſo klar, und es leuchtete im Augenblick Hurry ſelbſt ſo ein, daß er das Ruder ins Waſſer tauchte, und anfing, das Canoe der Küſte zuzurudern, als ſtrebte er nur ſeiner eignen, leb⸗ haften Reue zu entfliehen. Sein Begleiter gab dieſem fieberhaften Drang nach Veränderung nach, und nach ein paar Minuten fuhr der Bug des Bootes mit einer leichten, hörbaren Reibung auf dem Kies des Strandes auf. Landen, ſein Bündel und ſeine Büchſe ſchultern, und ſich marſchfertig machen, dieß Alles war für Hurry nur das Werk eines Augenblicks, und mit einem halbgrollenden Abſchied hatte er ſchon ſeinen Marſch angetreten, als eine plötzliche Anwandlung von Gefühl ihn jählings Halt machen ließ, und augen⸗ blicklich darauf befand er ſich wieder an der Seite des Andern. „Ihr könnt doch nicht gemeint ſeyn, Euch wieder in die Hände der mörderiſchen Wilden zu liefern, Wildtödter!“ ſagte er, ebenſo ſehr in zorniger Abmahnung als mit edlem Gefühl.„Es wäre die That eines Wahnſinnigen oder eines Thoren!“ „Es gibt Leute, die es für Wahnſinn halten, ſeinem Wort 516 treu zu ſeyn, und Solche, die es nicht dafür halten, Hurry Harry. Ihr mögt Einer von den Erſteren ſeyn, ich gehöre zu den Letztern. Keine Rothhaut auf der Welt ſoll ſagen können, daß ein Mingo ſein Wort höher halte als ein Mann von weißem Blut und weißen Gaben in irgend Etwas, das mich betrifft. Ich bin weg auf Urlaub, und wenn ich Kraft und Vernunft habe, will ich meinem Urlaub gemäß zurückkehren vor morgen Mittag.“ „Was iſt ein Indianer, oder ein gegebnes Wort, oder ein Urlaub, genommen von Creaturen wie dieſe, die weder Seelen noch Namen haben?“ „Wenn ſie weder Seelen noch Namen haben, ſo haben dafür wir, Ich und Ihr, Harry March, Beides, und die eine iſt für den andern verantwortlich. Dieſer Urlaub iſt nicht, wie Ihr zu wähnen ſcheint, ganz nur eine Sache zwiſchen mir und den Mingos, ange⸗ ſehen, daß es ein feierlicher Pakt iſt, zwiſchen mir und Gott ge⸗ ſchloſſen. Wer da glaubt, er könne ſagen was ihm beliebt in ſeiner Noth, und Alles gelte für Nichts, weil es im Walde geſprochen iſt, und ins Ohr der rothen Männer, verſteht Wenig von ſeiner Lage, von ſeinen Hoffnungen und Bedürfniſſen. Die Worte ſind geredet vor dem Ohr des Allmächtigen. Die Luft iſt ſein Athem, und das Licht der Sonne iſt wenig Mehr, als ein Blick ſeines Auges. Lebt wohl, Harry! wir ſehen uns vielleicht nie wieder; aber ich möchte Euch wünſchen, daß Ihr nie einen Urlaub, oder ſonſt eine feierliche Zuſage, wobei Euer chriſtlicher Gott als Zeuge angerufen worden, als eine ſo leichte Pflicht behandelt, daß man ſie vergeſſen dürfte nach den Bedürfniſſen des Leibes, oder auch nach den Gelüſten des Geiſtes.“— March war jetzt wieder froh, loszukommen. Es war ihm ganz unmöglich, auf die Geſinnungen einzugehen, die ſeinen Genoſſen adelten, und er eilte von Beiden weg mit einer Ungeduld, die ihn heimlich fluchen machte auf die Thorheit, die einen Mann veran⸗ laſſen könne, ſo zu ſagen in ſein eignes Verderben zu rennen. —2, S86 517 Wildtoͤdter dagegen zeigte keine ſolche Aufregung. Aufrecht gehalten durch ſeine Grundſätze, unbeugſam in dem Entſchluß, ihnen gemäß zu handeln, und erhaben über jede unmännliche Furcht, betrachtete er Alles was ihm bevorſtand als eine Art Nothwendigkeit, und dachte ſo wenig daran, einen unwürdigen Verſuch zu machen, ihm zu entgehen, als ein Moslem daran denkt, den Beſchlüſſen der Vorſehung entgegen zu handeln. Er ſtand ruhig auf der Küſte, dem ſorgloſen Schritt horchend, womit Hurry ſeine Wanderung durch die Gebüſche verrieth, ſchüttelte den Kopf im Mißvergnügen über dieſen Mangel an Vorſicht, und trat dann ruhig in ſein Canoe. Ehe er die Ruderſchaufel wieder in's Waſſer tauchte, ſah ſich der junge Mann um und betrachtete die Scene, die ſich ihm in der ſternhellen Nacht darbot. Es war dieß die Stelle, wo zuerſt ſein Auge auf den ſchönen Waſſerſpiegel gefallen war, auf dem er jetzt ſchwamm. War er damals prächtig in dem hellen Licht eines Sommermittags, ſo war er jetzt trüb und melancholiſch unter den Schatten der Nacht. Die Berge ſtiegen rings um ihn her empor wie ſchwarze Mauern, um die Welt draußen auszuſchließen, und die Streifen blaſſen Lichts, die noch auf den breiteren Theilen des See's ruhten, waren keine übeln Symbole von der Schwäche der Hoffnungen, die nur ſo dämmernd noch über ſeiner Zukunft ſichtbar waren. Schwer ſeufzend drängte er das Canove vom Lande weg, und ruderte mit ſtetigem Fleiß zurück, der Arche und dem Caſtell zu. * — Vierundzwanzigſtes Kapitel. Deine geheime Luſt wird offne Schaam, Dein heimlich Schwelgen öffentlich Entbehren: 4 Dein hoher Titel ein zerlumpter Nam“, Dein ſüßer Mund wird bittern Wehrmuth gähren? Nie können deine Eitelkeiten währen. Tarquinius und Lucretia. Judith erwartete die Zurückkunft Wildtödter's auf der Platt⸗ form mit ſteigender Ungeduld, bis er endlich das Caſtell erreichte. Hiſt und Hetty lagen Beide in tiefem Schlaf auf dem Bette, das gewöhnlich die Toͤchter des Hauſes einnahmen, und der Delaware hatte ſich auf dem Boden des anſtoßenden Gemaches hingeſtreckt, ſeine Büchſe neben lihm, und einen Teppich über ſich gebreitet, ſchon träumend von den Begegniſſen der letzten paar Tage. Eine Lampe brannte in der Arche; denn die Familie pflegte ſich dieſen Lurus bei außerordentlichen Gelegenheiten zu geſtatten, und beſaß auch die Mittel dazu; und das Gefäß war nach Form und Material von der Art, daß man mit Wahrſcheinlichkeit vermuthen konnte, er ſey auch einmal in dem Schranke geweſen. Sobald das Mädchen des Canoes anſichtig wurde, gab ſie ihr haſtiges Aufundabſchreiten auf der Plattform auf, und ſtand bereit zum Empfang des jungen Mannes, deſſen Rückkehr ſie nun ſchon einige Zeit mit Spannung erwartete. Sie half ihm das Canoe anbinden, und legte dadurch, daß ſie ihm bei verſchiedenen andern kleinen Geſchäften behülflich war, ihr Verlangen an den Tag, ſobald als möͤglich einen freien Augenblick eintreten zu ſehen. Als dieß endlich geſchah, benachrichtigte ſie ihn auf ſeine Erkundigung, von der Art und Weiſe, wie ihre Genoſſen ſich die Zeit zu Nutze machten. Er hörte ihr aufmerkſam zu, denn das Benehmen des Mädchens war ſo ernſt und bedeutungsvoll, daß er wohl merkte, ſie habe Etwas von ungewöhnlicher Wichtigkeit auf der Seele. ————,„ S—- d 2 I ——— — 519 „Und jetzt, Wildtödter,“ fuhr Judith fort,„ſeht Ihr, habe ich die Lampe angezündet und ſie in die Cajüte der Arche geſtellt. Das geſchieht bei uns nur bei großen Veranlaſſungen, und ich betrachte dieſe Nacht als die wichtigſte meines Lebens. Wollt Ihr mir folgen, und ſehen, was ich Euch zu zeigen— hören, was ich Euch zu ſagen habe?“ Der Jäger war etwas überraſcht; aber er machte keine Ein⸗ wendungen, und bald befanden ſich beide auf der Fähre, in dem Gemache, wo das Licht brannte. Hier ſtanden zwei Stühle neben dem Schranke, und auf einem dritten die Lampe, und in der Nähe ein Tiſch, um die verſchiednen Artikel aufzunehmen, ſo wie ſie zum Vorſchein kämen. Dieſe Anordnung hatte ihren Grund in der fieberhaften Ungeduld des Mädchens, die keine Verzögerung ertragen mochte, welcher zu begegnen in ihrer Macht ſtand. Selbſt alle Schlöſſer waren weggenommen, und es blieb nur noch übrig, den ſchweren Deckel aufzuheben, und die Schätze dieſes langverborgnen Hortes auszulegen. „Ich ſehe zum Theil, was dieß Alles bedeutet,“ bemerkte Wildtödter,„ja ich durchſchaue es zum Theil. Aber warum iſt Hetty nicht anweſend? nachdem Thomas Hutter todt iſt, iſt ſie Miteigen⸗ thümerin dieſer Merkwürdigkeiten, und ſollte ſehen, wie man ſie eröffnet und was man damit anfängt.“ „Hetty ſchläft,“ antwortete Judith haſtig.„Zum Glück für ſte haben ſchöne Kleider und Schätze für ſie keinen Reiz. Zudem hat ſie mir heute Nacht ihren Antheil an Allem, was dieſer Schrank enthalten mag, übergeben, daß ich damit nach meinem Gutdünken verfahre.“ „Iſt die arme Hetty hinlänglich ihrer Geiſteskräfte mächtig dazu, Judith?“ fragte der rechtlichgeſinnte, junge Mann.„Es iſt eine gute Vorſchrift und eine gerechte, daß man Nichts nehmen ſolle, wenn die Gebenden den Werth ihrer Gaben nicht verſtehen, und mit ſolchen, welche Gott ſo ſchwer heimgeſucht hat in ihrem 5²2⁰ Verſtande, ſollte man ſo ſorgſam umgehen, wie mit Kindern, die noch nicht zu ihrer Vernunft gekommen ſind.“ Judith war verletzt durch dieſe Zurechtweiſung aus dem Munde dieſes Mannes, aber ſie würde dieſelbe noch weit leb⸗ hafter empfunden haben, hätte nicht ihr Gewiſſen ſie von allen ungerechten, ſelbſtſüchtigen Abſichten gegen ihre ſchwachſinnige, aber vertrauensvolle Schweſter freigeſprochen. Es war jedoch nicht der Augenblick, irgendwie die bei ihr ſo gewöhnliche Aufwallung ihres ſtolzen Geiſtes zu verrathen, und die vorübergehende Em⸗ pfindlichkeit ward unterdrückt von dem Wunſche, zu dem wichtigen Vorhaben, das ſie im Auge hatte, zu gelangen. „Hetty wird kein Unrecht geſchehen,“ antwortete ſie mild;„ſte weiß auch ſogar nicht nur, was ich zu thun im Begriff ſtehe, ſondern auch, warum ich es thue. So nehmt denn Euren Sitz, hebt den Deckel des Schranks auf, und dießmal wollen wir bis auf den Boden hinabdringen. Es ſollte mich ſehr wundern, wenn ſich nicht Etwas fände, was uns über die Geſchichte Thomas Hutter's und meiner Mutter mehr aufklärte.“ „Warum ſagt Ihr Thomas Hutter, Judith, und nicht Euer Vater? Den Todten ſoll man mit ebenſoviel Ehrfurcht begegnen, als den Lebenden.“ „Ich habe ſchon lang geargwohnt, daß Thomas Hutter nicht mein Vater ſey, obwohl ich ihn für Hetty's Vater zu halten geneigt war, aber jetzt wiſſen wir, daß er der Vater von Keiner von uns iſt. Er bekannte dieß förmlich in ſeinen letzten Augen⸗ blicken. Ich bin alt genug, um mich eines beſſern Zuſtands zu erinnern, als worin wir auf dieſem See gelebt haben, obgleich die Eindrücke davon in meinem Geiſte ſo ſchwach ſind, daß mir der frühere Theil meines Lebens wie ein Traum erſcheint.“ „Träume ſind armſelige Wegweiſer, wenn man ſich über Wirklichkeiten zu entſcheiden hat, Judith,“ verſetzte der Andere warnend⸗ 521 „Bildet Euch Nichts ein, und hofft Nichts ihrethalb: obwohl ich ſchon Häuptlinge gekannt habe, die ſie für nützlich hielten.“ „Ich erwarte Nichts von ihnen für die Zukunft, mein guter Freund, kann aber nicht umhin mich deſſen zu erinnern, was geweſen iſt. Das iſt aber eitel, wenn eine halbſtündige Unterſuchung uns Alles, oder ſogar Mehr als ich wiſſen moͤchte, lehren kann.“ Wildtödter, der des Mädchens Ungeduld begriff, nahm jetzt ſeinen Sitz ein, und machte ſich daran, von neuem die verſchiedenen Artikel, welche der Schrank enthielt, auszukramen. Natürlich fand man Alles, was man früher ſchon durchſucht hatte, ebenſo wie man es zuvor wieder eingepackt hatte, und es erregte weit weniger Intereſſe und Bemerkungen, als bei der erſten Auffindung. Selbſt Judith legte den koſtbaren Brokat mit gleichgiltiger Miene bei Seite, denn ſie hatte einen weit höhern Zweck im Auge als Befrie⸗ digung der Eitelkeit, und war ungeduldig, den noch verborgenen oder vielmehr unbekannten Schätzen auf den Grund zu kommen. „All dieſe Dinge haben wir ſchon zuvor geſehen,“ ſagte ſie, „und wollen uns nicht damit aufhalten, ſie aufzumachen. Das Packet unter Eurer Hand, Wildtödter, iſt ein neues, das wollen wir unterſuchen. Gott gebe, daß es Etwas enthalte, was der armen Hetty und mir ſage, Wer wir eigentlich ſind.“ „Ja, wenn manche Packete reden könnten, ſie würden von wunderbaren Geheimniſſen zu erzählen haben,“ verſetzte der junge Mann, mit Bedacht die Falten eines neuen Stücks grober Leinwand auseinanderſchlagend, um zum Inhalt einer auf ſeinen Knieen liegenden Rolle zu gelangen;„obwohl dieß hier nicht zu der Familie zu gehören ſcheint, angeſehen, daß es nicht mehr und nicht weniger iſt, als eine Art Fahne; aber von welcher Nation, das zu ſagen, geht über meine Gelehrſamkeit.“ „Dieſe Flagge muß eine beſondere Bedeutung haben,“ ſiel Judith haſtig ein.„Oeffnet ſie weiter, Wildtödter, damit wir die Farben ſehen.“ 522 „Ha, ich bedaure den Fähndrich, der dieß Stück Tuch auf der Schulter zu ſchleppen, und damit im Feld zu paradiren hat. Es iſt wahrhaftig groß genug, Judith, um ein Dutzend ſolcher Fahnen daraus zu machen, auf welche des Königs Officiere ſo große Stücke halten; das kann nicht die Fahne eines Faͤhndrichs, ſondern muß die eines Generals ſeyn!“ „Ein Schiff könnte ſie tragen, Wildtödter; und Schiffe, das weiß ich, führen ſolche Dinge. Habt Ihr nie ſchauerliche Geſchichten gehört, daß Thomas Hutter einmal mit den Leuten in Verhältniß geſtanden, die man Bukkaniers nennt?“ „Bockohnnieren! Nein— ich nie— ich habe nie von ihm rühmen gehört, daß er ein guter Schütze auf Boͤcke geweſen wäre, von welcher Sorte ſie ſeyn mochten. Hurry Harry ſprach mir einmal davon, wie man glaube, daß er früher einmal in irgend einer Weiſe mit gewiſſen Seeräubern zu ſchaffen gehabt habe; aber, Herr im Himmel, Judith, es kann Euch doch wahrlich keine Befriedigung geben, das gegen Eurer Mutter Gatten herauszu⸗ bringen, wenn er auch nicht Euer Vater iſt.“ „Alles gibt mir Befriedigung, was mir Aufſchluß gibt. Wer ich bin und mir die Träume meiner Kindheit erklären hilft. Meiner Mutter Gatte! Ja, er muß das geweſen ſeyn, obwohl es über eine menſchliche Vernunft geht, zu erklären, wie eine Frau, wie ſie, ſoll einen Mann gewählt haben, wie er! Ihr habt Mutter nie geſehen, und könnt daher nicht den unermeßlichen, unermeßlichen Unterſchied empfinden, der zwiſchen ihnen ſtattfand.“ „Solche Dinge kommen aber doch vor;— ja, ſie kommen vor; obwohl es über meine Begriffe geht, warum die Vorſehung ſie zuläßt. Ich habe die trotzigſten Krieger gekannt mit den ſanf⸗ teſten Frauen im ganzen Stamm, und wieder gräßliche Zänke⸗ rinnen, welche Indianern zu Theil wurden, die zu Miſſionären ſich geeignet hätten.“ 1 „Das war es nicht, Wildtödter; das war es nicht. Oh! wenn 523 es ſich zeigen ſollte, daß— nein; ich kann nicht wünſchen, daß ſte gar nicht ſein Weib ſollte geweſen ſeyn. Das kann keine Tochter von ihrer Mutter wünſchen! Fahrt jetzt fort, und laßt uns ſehen, was der viereckige Pack enthält.“ Wildtödter that nach ihrem Willen, und fand, daß er einen kleinen Koffer von hübſcher Arbeit, aber geſchloſſen, enthielt. Das Nächſte war, den Schlüſſel zu finden; aber da alles Suchen fruchtlos blieb, wurde beſchloſſen, das Schloß aufzubrechen. Dieß bewerkſtelligte Wildtödter bald mittelſt eines eiſernen Inſtruments, und man fand, daß er beinahe ganz mit Papieren angefüllt war. Viele davon waren Briefe; andere Bruchſtücke von Manuſeripten, Aufſätze, Rechnungen und ähnliche Urkunden. Der Falke ſtößt nicht mit plötzlicherer Gier auf das Huhn, als Judith herbeiſprang, um ſich dieſes Schachts von bisher unbekannten Nachrichten und Kenntniſſen zu bemächtigen. Ihre Erziehung und Bildung war, wie der Leſer bemerkt haben wird, weit über ihre Stellung im Leben, und ihr Auge flog über die Briefe, Blatt für Blatt, mit einer Leichtigkeit hin, welche Folge ihrer guten Schule, zugleich aber auch mit einer Gier, welche das natürliche Ergebniß ihrer Gefühle war. Zuerſt war das Mädchen ſichtlich erfreut, und wir dürfen beiſetzen mit Grund; denn die Briefe, von Frauen geſchrieben, voll Unſchuld und Zärtlichkeit, waren der Art, daß ſie ihr wohl einigen Stolz einfloͤßen konnten auf diejenigen, mit welchen ſie, wie ſie mit allem Grund glaubte, durch Bande des Blutes enge verbunden war. Es paßt jedoch nicht in unſern Plan, von dieſen Briefen Mehr mitzutheilen, als einen allgemeinen Begriff ihres Inhalts, und dieß wird am beſten geſchehen, wenn wir die Wirkung ſchildern, welche ſie auf das Benehmen, die äußere Erſcheinung und die Gefühle des Mädchens hervorbrachten, das ſie ſo begierig durchlief. Es iſt ſchon geſagt worden, daß Judith eine große Freude über die Briefe hatte, die ihr zuerſt unter die Augen kamen. Sie enthielten die Briefe einer zärtlichen und liebevollen Mutter an eine entfernte Tochter, mit ſolchen Hindeutungen auf die Antworten, welche großen Theils die Lücke der fehlenden Erwiederungen aus⸗ zufüllen dienten. Sie waren jedoch nicht ohne Ermahnungen und Warnungen, und Judith fühlte ſich das Blut in die Schläfe ſteigen, und dann einen kalten Schauer, als ſie einen Brief las, worin die Schicklichkeit davon, daß die Tochter ſich einem ſo innigen und vertraulichen Verhältniß, wie dieſe ſelbſt es in einem ihrer Briefe mußte geſchildert haben, mit einem Officiere hingab, ‚der von Europa kam, und von dem kaum anzunehmen war, daß er in Amerika eine ehrenhafte Verbindung zu ſchließen geſonnen ſey,“ in ziemlich kaltem Tone von der Mutter erörtert wurde. Ein ſelt⸗ ſamer Umſtand war, daß die Unterſchriften bei allen dieſen Briefen ſorgfältig weggeſchnitten und ſo oft ein Name im Brief ſelbſt vorkam, dieſer mit ſolcher Pünktlichkeit herausradirt war, daß man ihn unmöglich leſen konnte. Sie waren alle in Couverts ein⸗ geſchloſſen geweſen, der Sitte jener Zeit gemäß, und es fand ſich auch nicht Eine Adreſſe. Doch waren die Briefe ſelbſt mit gewiſ⸗ ſenhafter Sorgfalt aufbewahrt worden, und Judith glaubte auf einigen Spuren von Thränen entdecken zu können. Sie erinnerte ſich jetzt, den kleinen Koffer vor ihrer Mutter Tod in der Ver⸗ wahrung von dieſer geſehen zu haben, und ſie vermuthete, er ſey nebſt den andern vergeſſenen oder verheimlichten Gegenſtänden in der Kiſte aufbewahrt worden, als die Briefe Nichts mehr zum Kummer oder zum Glück dieſer Mutter beitragen konnten. Dann kam ein andres Packet Briefe, und dieſe waren voll von Betheurungen der Liebe, allerdings mit Leidenſchaft geſchrieben, aber auch mit jener trügeriſchen Ueberredung, welcher gegenüber dem andern Geſchlecht ſich zu bedienen, die Männer ſo oft ſich glauben geſtatten zu dürfen. Iudith hatte über das erſte Packet reichliche Thränen vergoſſen, aber jetzt empfand ſie ſich durch ein Gefühl von Entrüſtung und Stolz mehr aufrecht gehalten. Aber ihre Hand zitterte, und kalte Schauer zuckten durch ihren Leib, als ſie auf einige Punkte ſtieß, welche ſtarke Aehnlichkeit hatten mit Briefen, die zu erhalten ihr Schickſal geweſen war. Einmal legte ſie wirklich das Packet hin, beugte ihr Haupt auf die Kniee nieder, und ſchien beinahe Krämpfe zu bekommen. Wildtödter ſaß dieſe ganze Zeit über da, ein ſtummer aber aufmerkſamer Beob⸗ achter von Allem, was vorging. Wenn Judith einen Brief geleſen, gab ſie ihn ihm, um ihn zu halten, bis ſie den nächſten las; aber dieß ſchien ihren Genoſſen in keiner Weiſe aufzuklären, da er des Leſens gänzlich unkundig war. Doch war er nicht ganz auf dem falſchen Wege in der Deutung und Enträthſelung der Leidenſchaften, die in der Bruſt des ſchönen Weſens neben ihm kämpften, und da ihr von Zeit zu Zeit leiſe gemurmelte Sätze und Ausrufe ent⸗ ſchlüpften, war er in ſeinen Ahnungen oder Vermuthungen der Wahrheit näher, als dem Mädchen lieb geweſen wäre, wahr⸗ zunehmen. Judith hatte begonnen mit den früheſten Briefen, was günſtig war für ein ſchnelles Verſtändniß der Geſchichte, die ſie enthielten; denn ſie waren ſorgfältig in der Zeitfolge geordnet, und offenbar⸗ ten Jedem, der ſich die Mühe nahm, ſie zu durchleſen, eine traurige Geſchichte von befriedigter Leidenſchaft, Kälte und endlicher Abnei⸗ gung. Wie ſie den Schlüſſel dieſes Inhalts gewonnen hatte, duldete ihre Ungeduld keinen Aufſchub, und ſie überlief raſch mit dem Auge ein ganzes Blatt, um auf die möglichſt kurze Weiſe hinter die Wahrheit zu kommen. Mittelſt dieſes Verfahrens, zu dem Alle, die verlangend ſind, ein Reſultat zu erreichen, ohne ſich mit Details zu beläſtigen, ſo gerne greifen, ſchritt Judith ſehr ſchnell vor in dieſer traurigen Enthüllung von ihrer Mutter Fehl⸗ tritten und Strafe. Sie ſah, daß der Zeitpunkt ihrer Geburt deutlich bezeichnet war, und erfuhr ſelbſt, daß der einfache Name, den ſie trug, ihr von dem Vater gegeben ward, von deſſen Perſon ſie einen ſo ſchwachen Eindruck behalten hatte, daß er faſt einem Traume glich. Dieſer Name war im Text der Briefe nicht 5²26 ausgelöſcht, ſondern ſtand darin, als waͤre durch ſeine Auslöſchung Nichts zu erzielen geweſen. Hetty's Geburt ward einmal erwähnt und dießmal war es der Name der Mutter; aber noch vor dieſem Zeitpunkt traten die Anzeichen der Kälte ein, düſtre Vorboten der Treuloſigkeit, deren verlaſſenes Opfer ſie bald wurde. In dieſem Stadium der Correſpondenz war es, daß ihre Mutter darauf ver⸗ fallen war, eine Abſchrift von ihren eigenen Briefen zu nehmen. Es waren dieſer nur wenige, aber ſie ſprachen beredt die Empfin⸗ dungen zerſtörter Zärtlichkeit und der Zerknirſchung aus. Iudith ſchluchzte darüber, bis ſie ſich zu wiederholtenmalen genöthigt ſah, ſie wegzulegen, aus förmlichem, phyſtſchem Unvermögen zu ſehen und zu leſen, da ihre Augen von Thränen im buchſtäblichen Sinne verdunkelt waren. Doch kehrte ſie immer wieder mit geſtei⸗ gertem. Intereſſe zu ihrer Aufgabe zurück, und endlich gelangte ſie glücklich bis zum Schluß der letzten Mittheilung wahrſcheinlich, die zwiſchen ihren Eltern ausgetauſcht wurde. Alles dieß nahm eine volle Stunde weg; denn beinahe hundert Briefe hatte ſie mit einem Blick überflogen und etwa zwanzig genau durchleſen. Die Wahrheit lag jetzt klar vor dem ſcharf⸗ blickenden Geiſte Judith's, was ihre und Hetty's Geburt betraf. Sie ward tief betrübt bei dieſer Ueberzeugung, und für den Au⸗ genblick war ihr die ganze übrige Welt wie abgeſchnitten und ſie hatte jetzt noch mehr Grund zu dem Wunſche, den Reſt ihres Lebens auf dem See hinzubringen, wo ſie ſchon ſo manche helle und ſo manche kummervolle Tage erlebt hatte. Aber es waren noch mehr Briefe zu unterſuchen übrig. Judith fand, daß dieſe eine Correſpondenz zwiſchen ihrer Mutter und Thomas Hovey enthielten. Die Originale von beiden Theilen waren ſorgfältig geordnet, Brief und Antwort nebeneinander; und ſie erklärten die frühere Geſchichte der Verbindung zwiſchen dem übel zuſammenpaſſenden Paare weit deutlicher als Judith ſie zu erfahren gewünſcht hatte. Ihre Mutter that die entgegenkommenden u—— 527 Schritte zu einer Heirath zum Erſtaunen, um nicht zu ſagen: Entſetzen, ihrer Tochter; und es war ihr in der That ein Troſt, als ſie in den früheren Briefen dieſes unglückſeligen Weibes ſchon Spuren von dem entdeckte, was ihr als Wahnſinn auffiel, oder als eine krankhafte Gemüthsverfaſſung, die an jenen entſetzlichen Zuſtand grenzte. Die Antworten Hovey's waren plump und verriethen Mangel an Bildung, obgleich ſie ein hinlängliches Verlangen aus⸗ ſprachen, die Hand einer Frau von ausnehmenden perſönlichen Reizen zu erlangen, deren große Verirrung er geneigt war zu überſehen in Betracht des Vortheils, eine ihm in jeder Hinſicht überlegene Gattin zu beſitzen, die zudem, wie es ſchien, nicht ganz ohne Geld war. Das Uebrige von dieſem Theile des Briefwechſels war kurz, und beſchränkte ſich bald auf einige wenige Mittheilun⸗ gen über Geſchäftsſachen, worin das unglückliche Weib den ab⸗ weſenden Gatten zur Eile antrieb in ſeinen Vorbereitungen, eine Welt zu verlaſſen, die, wie man anzunehmen Grund genug hatte, für das Eine von Beiden ebenſo gefährlich, als für das Andere unangenehm war. Aber Ein Ausdruck war ihrer Mutter entſchlüpft, woraus Judith den Beweggründen, die ſie veranlaßten, Hutter oder Hovey zu heirathen, auf die Spur kam; ſie fand dieſe in dem Gefühl der Erbitterung, das ſo oft die Mißhandelten verleitet, ſich ſelbſt Leiden zuzufügen, um ſo feurige Kohlen auf das Haupt derjenigen zu ſammeln, durch welche ſie gelitten haben. Judith hatte genug von dem lebhaften Geiſt dieſer Mutter, um dieß Ge⸗ fühl zu begreifen, und einen Augenblick ſah ſte die ausnehmende Thor⸗ heit ein, welche ſolche rachſüchtige Gefühle die Oberhand gewinnen ließ. Hiermit hörte der hiſtoriſche Theil der Papiere, wenn man ſo ſagen darf, auf. Unter den vermiſchten Bruchſtücken jedoch war eine alte Zeitung, einen Aufruf enthaltend, der eine Beloh⸗ nung bot für die Feſtnehmung gewiſſer, mit Namen aufgeführter Freibeuter, worunter auch Thomas Hovey. Die Aufmerkſamkeit des Mädchens ward auf dieſen Aufruf und auf dieſen Namen insbeſondere hingelenkt durch den Umſtand, daß beide mit Tinte ſchwarz unterſtrichen waren. Sonſt fand ſich Nichts unter den Papieren, was zur Entdeckung des Namens oder des Wohnorts von Hutter's Gattin führen konnte. Alle Daten, Unterſchriften und Adreſſen waren von den Briefen weggeſchnitten, und wo ein Wort im Text ſelbſt vorkam, das einen Schlüſſel liefern konnte, war es auf's ſorgſamſte ausgelöſcht. So fand Judith alle ihre Hoffnungen, zu erfahren, Wer ihre Eltern geweſen, getäuſcht, und ſie war ge⸗ nöthigt, in Betreff ihrer ganzen Zukunft wieder auf ihre eignen Hülfsquellen und Lebensgewohnheiten zurückzukommen. Ihre Erin⸗ nerung an ihrer Mutter Benehmen, Geſpräche und Leiden ergänz⸗ ten manche Lücken in den jetzt von ihr entdeckten hiſtoriſchen Umſtänden; und die Wahrheit ſtand in ihren allgemeinen Umriſſen deutlich genug vor ihr, um ihr in der That alle Luſt zu benehmen nach weiteren Details. Sie warf ſich wieder auf ihren Sitz zurück und bat einfach ihren Genoſſen, die Unterſuchung der übrigen Artikel in dem Schranke zu beendigen, da er noch Etwas von Wichtigkeit enthalten könne. „Ich will es thun, Judith; ich will es thun, verſetzte der geduldige Wildtödter,„aber wenn noch mehr Briefe zum Leſen darin ſind, werden wir die Sonne wieder am Himmel ſehen, ehe Ihr mit dem Leſen fertig geworden! Zwei gute Stunden habt Ihr in dieſe Stücke Papier hineingeſchaut!“ „Sie melden mir von meinen Eltern, Wildtödter, und haben meine Plane für mein Leben beſtimmt. Ein Mädchen iſt wohl zu entſchuldigen, das von ſeinem eignen Vater und Mutter liest, und dazu noch zum erſtenmal in ihrem Leben. Es thut mir leid, daß ich Euch habe lange warten laſſen.“ „Seyd unbekümmert wegen meiner, Mädchen, ganz unbe⸗ kümmert. Es trägt Wenig aus, ob ich ſchlafe oder wache; aber obſchon ihr lieblich anzuſehen und ſo ſchön ſeyd, Judith, iſt es doch nicht ganz angenehm, ſo lange dazuſitzen und Euch Thränen ————— 529 vergießen zu ſehen. Ich weiß, daß Thränen nicht umbringen, und daß es manchen Lenten beſſer wird, wenn ſie dann und wann ein paar vergießen, beſonders Frauen; aber ich möchte Euch doch immer lieber lächeln als weinen ſehen, Judith.“ Dieſe galante Rede ward belohnt mit einem ſüßen, obwohl melancholiſchen Lächeln; und dann bat das Mädchen ihren Genoſſen noch einmal, die Unterſuchung des Schrankes zu beendigen. Das Durchſuchen dauerte nothwendig noch einige Zeit, während welcher Judith ihre Gedanken ſammelte und ihre Faſſung wieder gewann. Sie nahm an der Durchſuchung keinen Antheil, überließ Alles dem jungen Mann, und beobachtete ſelbſt gleichgültig die verſchie⸗ denen Artikel, die zum Vorſchein kamen. Es fand ſich jedoch Nichts weiter von vielem Intereſſe oder Werth. Ein paar Degen, wie ſie damals Gentlemen trugen, einige Schnallen von Silber, oder ſo ſtark plattirt, daß ſie von Silber ſchienen, und einige wenige ſchöne weibliche Kleidungsſtücke waren die wichtigſten Fünde. Es fiel indeſſen Judith und Wildtödtern ein, daß manche von dieſen Dingen wohl benutzt werden könnten, eine Unterhandlung mit den Irokeſen einzuleiten; nur ſah dabei der Letztere eine Schwie⸗ rigkeit, die der Erſtern nicht ſo in die Augen ſprang. Das Ge⸗ ſpräch ward zuerſt wieder über dieſen Umſtand angeknüpft. „Und nun, Wildtoͤdter,“ ſagte Judith, können wir von Euch ſprechen, und von den Mitteln, Euch aus den Händen der Huro⸗ nen zu befreien. Ein Theil oder Alles, was Ihr in dem Schrank geſehen habt, wird von mir und Hetty mit Freuden hingegeben, um Euch in Freiheit zu ſetzen.“ „Nun, das iſt großmüthig— ja, es iſt durchaus mit frei⸗ gebigem Herzen und freigebigen Händen gehandelt und großmüthig. Das iſt die Art bei Weibern, wenn ſie eine Freundſchaft faſſen, ſo thun ſie Nichts halb, ſondern ſind ſo bereit, ihr Hab und Gut hinzugeben, als hätte es gar keinen Werth in ihren Augen. In⸗ deſſen ſo ſehr ich Euch beiden danke, gerade wie wenn der Handel Der Wildtödter. 3. Aufl. 34 53⁰ ſchon geſchloſſen, und Rivenoak, oder irgend ein Anderer von den Vagabunden hier wäre, um es in Empfang zu nehmen und den Vertrag zu ſchließen, ſind dennoch zwei Hauptgründe, warum das nimmermehr geſchehen kann, und ich kann ſie Euch ſogleich ſagen, damit nicht in Euch unwahrſcheinliche Erwartungen, oder in mir nicht zu rechtfertigende Hoffnungen rege werden.“ „Welcher Grund kann vorhanden ſeyn, wenn Hetty und ich bereit ſind, Euretwillen dieſe Kleinigkeiten hinzugeben, und die Wilden geneigt, ſie anzunehmen?“ „Das iſt's, Judith— Ihr habt die rechten Ideen, aber ſie ſind ein wenig aus der Ordnung gerückt, etwa wie wenn ein Hund der Spur rückwärts ſtatt vorwärts folgte. Daß die Mingos geneigt ſeyn werden, dieſe Dinge anzunehmen, oder Alles, was Ihr ihnen von der Art noch weiter anbieten moͤgt, iſt wahrſchein⸗ lich genug; aber ob ſie Etwas dafür vergüten werden, iſt eine ganz andere Sache. Fragt Euch ſelbſt, Judith, wenn Euch Jemand eine Botſchaft ſchickte, des Inhalts, für den und den Preis könnt Ihr und Hetty dieſen Schrank ſammt Allem, was er enthaͤlt, haben, würdet Ihr es der Mühe werth halten, über einen ſölchen Handel viele Worte zu verlieren 77 „Ha, dieſer Schrank mit Allem was darin iſt, iſt ſchon unſer; wir hätten keinen Grund, zu kaufen, was ſchon unſer iſt.“ „Gerade ſo rechnen die Mingos! Sie ſagen, der Schrank ſey ſchon ihr, oder ſo gut als ihr, und ſie wollen für den Schlüſſel Niemand großen Dank ſagen.“ „ Ich verſteh' Euch, Wildtödter; ſicherlich aber ſind wir jetzt noch im Beſitz des See's, und können uns im Beſitz behaupten, bis Hurry Truppen ſchickt, um den Feind zu verjagen. Das können wir ſicherlich, vorausgeſetzt, daß Ihr bei uns bleiben wollt, ſtatt zurückzukehren und Euch wieder als Gefangner auszuliefern, wie Ihr jetzt entſchloſſen ſcheint zu thun.“ „Daß Hurry Harry ſo ſchwatzte, iſt natürlich, und den Gaben 531 des Mannes gemäß. Er verſteht es nicht beſſer, und daher iſt nicht zu erwarten, daß er beſſer fühlt oder beſſer handelt, aber Judith, ich lege es Euch an's Herz und an's Gewiſſen— würdet Ihr, könntet Ihr von mir ſo vortheilhaft denken, als Ihr jetzt, wie ich hoffe und glaube, thut, wenn ich meinen Urlaub vergäße und nicht in's Lager zurückkehrte?“ „Vortheilhafter von Euch zu denken, Wilddtodter, als ich jetzt ſchon thue, wäre nicht leicht; aber ich würde fortwährend ebenſo vortheilhaft von Euch denken— es ſcheint mir wenigſtens ſo— ich hoffe, ich könnte es; denn eine Welt würde mich nicht verlocken, Euch zu Etwas zu veranlaſſen, was meine wirkliche Meinung von Euch ändern könnte.“ „Dann ſucht nicht mich zur Verletzung meines Urlaubs zu verlocken, Mädchen! Ein Urlaub iſt etwas Heiliges unter Kriegern und Männern, die ihr Leben in ihren Händen tragen, wie wir in den Wäldern thun; und welch eine ſchmerzliche Täuſchung würde es für den alten Tamenund, und Unkas, den Vater von Schlange, und meine andern Freunde im Stamme ſeyn, wenn ich mich auf meinem erſten Kriegspfade entehrte? Dieß gilt, das werdet Ihr auch noch einſehen, Judith, ohne daß man ein Gewicht legt auf natürliche Gaben und eines weißen Mannes Pflichten, Nichts zu ſagen vom Gewiſſen. Das iſt König bei mir, und ich ſuche nie ſeinen Befehlen zu widerſprechen.“ „Ich glaube, Ihr habt Recht, Wildtödter,“ verſetzte das Mädchen nach kurzem Beſinnen und mit trauriger Stimme;„ein Mann wie Ihr darf nicht handeln, wie die Selbſtſüchtigen und Unehrenhaften zu handeln geneigt ſeyn würden; Ihr müßt in der That zurückkehren. Wir wollen denn hiervon nicht weiter ſprechen; beredete ich Euch zu Etwas, das Euch nachmals leid wäre, ſo würde meine Reue nicht kleiner ſeyn als die Eurige. Ihr ſollt nicht ſagen dürfen, Judith— ich weiß ſelbſt kaum recht, mit welchem Namen ich mich jetzt nennen ſoll!“ 5³² „Und warum nicht?— warum nicht, Mädchen? Kinder führen die Namen ihrer(Eltern, naturgemäß, und als eine Art Gabe; und warum ſolltete Ihr und Hetty nicht auch thun, was Andere vor Euch gethan? Hutter war des alten Mannes Name, und Hutter ſollte auch ſeiner Töchter Name ſeyn;— wenigſtens bis Ihr in geſetzmäßiger und heiliger Ehe weggegeben werdet.“ „Ich bin Judith, und nur Indith,“ verſetzte das Mädchen mit Beſtimmtheit,„bis das Geſetz mir ein Recht auf einen andern Namen gibt. Nie will ich wieder den Thomas Hutter's führen, und auch, mit meiner Einwilligung, Hetty nicht! Hutter war nicht ſein eigentlicher Name, wie ich finde; aber hätte er auch ein tauſendfaches Recht darauf, das würde mir keines geben. Er war nicht mein Vater, dem Himmel ſey Dank! obwohl ich nicht Grund haben mag, ſtolz zu ſeyn auf den, der es war!“ „Das iſt ſonderbar,“ ſagte Wildtödter, das aufgeregte Mädchen ſcharf anſtarrend, begierig, Mehr zu erfahren, aber nicht geneigt, ſich nach Dingen zu erkundigen, die ihn ſtreng genommen, Nichts angingen;„ja, das iſt ſehr ſeltſam und ungewöhnlich! Thomas Hutter war nicht Thomas Hutter, und ſeine Töchter ſind nicht ſeine Töchter! Wer konnte denn Thomas Hutter ſeyn, und Wer ſind ſeine Töchter?“ „Hörtet Ihr nie Gerüchte flüſtern gegen das frühere Leben dieſes Mannes, Wildtödter?“ fragte Judith.„Obgleich ich für ſein Kind galt, erreichten doch ſelbſt mein Ohr ſolche Gerüchte.“ „Ich will es nicht läugnen, Judith; nein, ich will es nicht läugnen. Gewiſſe Dinge wurden geſagt, wie man mir erzählt hat; aber ich bin nicht ſehr leichtgläubig gegen Gerüchte. So jung ich bin, habe ich doch lange genug gelebt, um zu lernen, daß es zwei Arten von Charakteren in der Welt gibt: ſolche, die man ſich durch Thaten erwirbt, und ſolche die man durch Zungen erwirbt; und ſo ziehe ich es vor, für mich ſelbſt zu ſehen und zu urtheilen, ſtatt daß ich jeden Rachen, der ſich nur in Bewegung ſetzen mag, 5³3³ meinen Richter werden laſſe. Harry Hurry äußerte ſich ziemlich gerade heraus über die ganze Familie, als wir hieher reisten; und er ließ eine Anſpielung fallen, daß Thomas Hutter in ſeinen jungen Jahren ein Freibeuter auf dem Waſſer geweſen. Unter Freibeuter verſtehe ich, daß er anderer Leute Hab' und Gut als freie Beute anſah und davon lebte.“ „Er ſagte Euch, er ſey ein Seeräuber geweſen— unter Freunden iſt es nicht nöthig, die Sachen zu beſchönigen. Lest das, Wildtödter, und Ihr werdet ſehen, daß er Euch nicht Mehr als die Wahrheit geſagt hat. Dieſer Thomas Hovey war der Thomas Hutter, den Ihr kanntet, wie man aus dieſen Briefen ſieht.“ Wie Judith ſo ſprach mit flammender Wange und mit Augen, die im Glanze wilder Aufregung leuchteten, hielt ſie ihrem Ge⸗ noſſen das Zeitungsblatt hin, und deutete auf den ſchon erwähnten Aufruf eines Colonie⸗Gouverneurs. „Gott tröſte Euch, Judith?“ verſetzte der Andere lachend, „Ihr könntet eben ſo gut von mir verlangen, ich ſolle das drucken oder auch ſchreiben. Meine Erziehung und Bildung hab' ich ganz in den Wäldern erhalten; das einzige Buch, das ich leſe, oder leſen mag, iſt dasjenige, das Gott aufgeſchlagen hat vor allen ſeinen Creaturen in den edeln Wäldern, breiten Seeen, rollenden Strömen, blauen Himmel, Winden, Stürmen, Sonnenſchein und andern prächtigen Wundern des Landes! Dieß Buch kann ich leſen, und finde es voll Weisheit und Einſicht.“ „Ich bitte Euch um Verzeihung, Wildtödter,“ ſagte Judith ernſt, mehr beſchämt als ſie ſonſt zu ſeyn pflegte, als ſie bemerkte, daß ſie unabſichtlich ihrem Genoſſen eine Anmuthung gemacht, die ſeinen Stolz verletzen konnte.„Ich hatte Eure Lebensweiſe ver⸗ geſſen, und am allerwenigſten dachte ich Eurem Gefühl wehe zu thun.“ „Meinem Gefühl wehe zu thun!— warum ſollte es meinem Gefühl wehe thun, wenn man von mir verlangt, ich ſolle leſen, während ich es nicht kann? Ich bin ein Jäger— und ich darf 53⁴ jetzt auch anfangen zu ſagen: ein Krieger, und kein Miſſionär; und daher gelten Bücher und Papier einem Manne wie ich bin, Nichts. Nein, nein, Judith;“ und hier lachte der junge Mann herzlich,„nicht einmal zu Pfropfen mag ich ſie brauchen, ange⸗ ſehen, daß ein ächter Wildpretſchütz immer der Haut eines Rehes ſich bedient, wenn er eine ſolche hat, oder ſonſt eines Stückes ordentlich zugerichteten Leders. Es gibt Leute, die ſagen, Alles was gedruckt iſt, ſey wahr; in dieſem Fall, ich geſteh' es, muß ein ungelehrter Mann etwas zu kurz kommen; doch aber kann es nicht wahrer ſeyn, als was Gott mit eigner Hand gedruckt hat am Himmel, und in den Wäldern, und Strömen und Quellen.“ „Nun gut, alſo Hutter, oder Hovey, war ein Seeräuber; und da er nicht mein Vater war, kann ich auch nicht wünſchen, ihn ſo zu nennen. Sein Name ſoll nicht läͤnger mein Name ſeyn!“ „Wenn Euch der Name dieſes Mannes nicht gefällt, ſo iſt ja dann der Name Eurer Mutter da, Judith. Ihr Name kann Euch eben ſo gut dienen.“ „Ich weiß ihn nicht. Ich habe dieſe Papiere durchgeſehen, Wildtödter, in der Hoffnung eine Andeutung zu finden, vermöge welcher ich entdecken könnte, Wer meine Mutter war; aber ich habe in dieſer Beziehung ſo wenig eine Spur von der Ver⸗ gangenheit gefunden, als der Vogel bei ſeinem Flug in der Luft eine zurückläßt.“ „Das iſt ungewöhnlich und auch unvernünftig. Eltern ſind verpflichtet, ihren Kindern einen Namen zu geben, wenn ſie ihnen auch ſonſt Nichts geben. Nun ſtamme ich von einer niedrigen Fa⸗ milie, obgleich wir weiße Gaben und eeiine weiße Natur haben, aber wir ſind doch nicht ſo armſelig, daß wir keinen Namen hätten. Bumppo ſind wir genannt, und ich habe ſagen hören,“ hier glühte ein Strahl menſchlicher Eitelkeit auf ſeiner Wange,„daß eine Zeit geweſen, wo die Bumppos mehr Anſehen und Einfluß unter den Menſchen hatten, als ſie jetzt haben.“ 535 „Sie verdienten ſie nie mehr, als jetzt, Wildtödter, und der Name iſt ein guter, Hetty oder ich ſelbſt würden tauſendmal lieber Hetty Bumppo, oder Judith Bumppo uns nennen laſſen, als Hetty oder Judith Hutter.“ „Das iſt eine moraliſche Unmöglichkeit,“ verſetzte der Jäger gutmüthig,„falls nicht Eine von Euch ſich ſo weit erniedrigen ſollte, mich zu heirathen.“ Judith konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren, als ſie ſah, wie einfach und natürlich das Geſpräch ſich eben auf den Punkt ge⸗ wendet hatte, wohin es zu führen ihr Augenmerk geweſen war. Obwohl keineswegs unweiblich oder frech, weder in ihren Ge⸗ fühlen noch in ihrem Benehmen, war das Mädchen doch geſtachelt durch das Gefühl nicht ganz verdienter Unbilden, aufgeregt durch die Hulfloſigkeit einer Zukunft, die keinen Ruheplatz zu bieten ſchien, und noch mehr beherrſcht von Gefühlen, die ihr eben ſo neu waren, als ſie ſich heftig und mächtig zeigten. Die Gelegen⸗ heit war daher zu gut, um verſäumt zu werden, wiewohl ſie ihrem Gegenſtand recht auf den Umwegen und mit der vielleicht ent⸗ ſchuldbaren Liſt und Gewandtheit eines Weibes näher rückte. „Ich denke nicht, daß Hetty je heirathen wird, Wildtodter,“ ſagte ſie;„wenn Euer Name von Einer von uns geführt werden ſoll, ſo muß ich dieſe Eine ſeyn.“ „Es hat auch ſchöne Weiber gegeben, ſo ſagt man mir, unter den Bumppos, Judith, vor dieſen Zeiten; und wenn Ihr den Namen Euch gefallen ließet, ſo ungewöhnlich Ihr ſeyd in dieſem Punkt, Solche, welche die Familie kennen, würden nicht ſo ſehr überraſcht ſeyn.“ „Das iſt aber nicht geſprochen, wie es uns Beiden geziemt, Wildtödter; denn was über einen ſolchen Gegenſtand zwiſchen Mann und Weib verhandelt wird, das ſollte im Ernſt und mit aufrichtigem Herzen geredet ſeyn. Der Verſchämtheit vergeſſend, welche in den meiſten Fällen Mädchen den Mund ſchließen muß, bis man zu ihnen ſpricht, will ich mit Euch ſo offen ſprechen und handeln, wie es nach meiner vollen Ueberzeugung einem Manne von Eurer großmüthigen Natur am liebſten ſeyn muß. Könnt Ihr glauben— glaubt Ihr, Wildtödter, daß Ihr glücklich ſeyn könntet mit einem ſolchen Weibe, wie ein Mädchen, wie ich, eins geben würde?“ „Ein Mädchen wie Ihr, Judith! Aber was hat es für einen Sinn, über ſo Etwas zu ſpaßen und zu tändeln? Ein Mädchen wie Ihr, das ſchön genug iſt, um eines Capitains Lady zu werden, und fein genug, und ſo viel ich verſtehe, gebildet genug, kann wohl wenig geneigt ſeyn, daran zu denken, mein Weib zu werden. Ich denke, junge Mädchen, welche fühlen, daß ſie proper und flott ſind, und wiſſen, daß ſie ſchön ſind, finden eine gewiſſe Genugthuung darin, ihre Scherze zu treiben mit Solchen, die keines von beiden ſind, wie ein armer Delawaren⸗Jäger.“ Dieß war in gutmüthigem Tone geſprochen, doch nicht ohne daß ſich ein Gefühl verrieth, welches zeigte, daß Etwas, wie ver⸗ letzte Empfindlichkeit ihren Antheil an dieſer Antwort hatte. Nichts hätte begegnen können, was in höherem Grade Judith's großmüthige Reue erregen, oder ſie mehr in ihrem Vorhaben beſtärken und ihr dabei zu Hülfe kommen mußte, indem ſo zu ihren andern Beweg⸗ gründen und Antrieben auch noch der Sporn eines uneigennützigen Wunſches: eine Kränkung gut zu machen, hinzukam, welcher Alles in eine ſo natürliche und gewinnende Geſtalt kleidete, daß dadurch der unangenehme Zug einer ihrem Geſchlecht nicht wohl anſtehenden vorlauten Zudringlichkeit nicht wenig gemildert wurde. „Ihr thut mir Unrecht, wenn Ihr mir einen ſolchen Gedanken oder Wunſch zutraut,“ antwortete ſie ernſt.„Nie in meinem Leben war es mir größerer Ernſt, und nie war ich bereitwilliger, bei jeder Verabredung, die wir heute Nacht treffen mögen, feſt zu bleiben. Ich habe viele Bewerber gehabt, Wildtödter,— ja, kaum iſt ein unver⸗ heiratheter Jäger oder Fallenſteller ſeit den letzten vier Jahren an 537 den See gekommen, der mir nicht angeboten hätte, mich mit ſich zu nehmen, und ich fürchte auch einige, die verheirathet waren—“ „Ja, das will ich wohl glauben!“ unterbrach ſie der Andere— „ja, das will ich Alles wohl glauben! Alle zuſammengenommen, Judith, trägt die Erde keine Sorte von Menſchen, die ſo ſelbſt⸗ ſüchtig wäre, und ſo gleichgültig gegen Gott und ſein Geſetz.“ „Nicht Einem von ihnen wollte ich— konnte ich mein Ohr leihen; ein Glück vielleicht für mich, daß dieß ſo war. Es ſind auch gut ausſehende junge Männer daruntergeweſen, wie Ihr an Eurem Bekannten habt ſehen können, an Harry March.“ „Ja, Harry iſt ſcheinbar für's Auge, obwohl, nach meinen Ideen, weniger für das Urtheil. Ich glaubte im Anfang, Ihr ſeyet gemeint, ihn zu nehmen, ja wirklich; aber eh' er wegging, war es leicht genug, ſich zu überzeugen, daß dieſelbe Hütte nicht groß genug für Euch Beide ſeyn würde.“ „Ihr habt mir hierin wenigſtens Gerechtigkeit widerfahren laſſen, Wildtödter. Hurry iſt ein Mann, den ich nie heirathen könnte, wenn er auch zehnmal hübſcher wäre für das Auge, und ein hundertmal männlicheres Herz beſäße, als er hat.“ „Warum nicht, Judith, warum nicht? Ich geſtehe, ich bin neugierig zu erfahren, warum ein junger Mann wie Hurry nicht Gunſt finden ſollte bei einem Mädchen wie Ihr?“ „Dann ſollt Ihr es auch erfahren, Wildtödter,“ verſetzte das Mädchen, freudig die Gelegenheit benützend, diejenigen Eigenſchaften zu preiſen, welche ſte an dem Frager ſo lebhaft intereſſirt hatten, und in der Hoffnung, auf dieſem Wege unvermerkt dem ihr am meiſten am Herzen liegenden Gegenſtand näher zu rücken.„Erſtlich iſt das Ausſehen bei einem Mann von keiner Bedeutung für ein Weib, vorausgeſetzt, daß er männlich und nicht entſtellt und miß⸗ geſtaltet iſt.“ 4 „Da kann ich Euch nicht ganz beiſtimmen,“ verſetzte der Andere nachdenklich, denn er hatte eine ſehr beſcheidne Meinung von ſeiner 538 eignen perſönlichen Erſcheinung;„ich habe bemerkt, daß die hübſche⸗ ſten Krieger gewöhnlich die am beſten ausſehenden Mädchen des Stammes zu Weibern bekommen; und Schlange drüben, der manch⸗ mal wundervoll ſich ausnimmt in ſeiner Bemalung, iſt der allge⸗ meine Liebling bei allen jungen Delawarinnen, obgleich er ſelbſt ſich an Hiſt hält, als wäre ſie die einzige Schönheit auf der Welt!“ „Es mag ſo ſeyn bei den Indianerinnen, aber bei weißen Mädchen iſt es ganz anders. Wenn nur der junge Mann einen geraden und männlichen Körper hat, der verſpricht, er werde ein Weib zu ſchützen im Stande ſeyn, und den Mangel fern vom Hauſe zu halten, fragen ſie nicht weiter nach dem Ausſehen. Rieſen wie Hurry mögen wohl zu Grenadieren taugen, aber gelten Wenig als Liebhaber. Dann, was das Geſicht betrifft, eine ehrliche Miene, eine, die für das Herz innen bürgt, iſt Mehr werth, als Züge oder Farbe, oder Augen, oder Zähne, oder ſolche Kleinigkeiten. Die letztern mögen wichtig ſeyn bei Mädchen, aber Wer denkt daran bei einem Jäger, oder Krieger, oder Ehemann! Wenn es ſo ein⸗ fältige Weiber gibt, ſo gehört Judith wenigſtens nicht darunter.“ „Nun, das iſt wunderbar! Ich dachte immer, Schöͤne haben Gefallen an Schönen, wie Reiche an Reichen!“ „Es mag ſo ſeyn bei den Männern, Wildtodter, aber es iſt nicht immer ſo bei uns Frauen. Wir haben Gefallen an Männern von tüchtigem Herzen, aber wir wünſchen ſie beſcheiden zu ſehen, ſicher auf einer Jagd oder auf dem Kriegspfad, bereit für das Rechte und Gute zu ſterben, und unfähig, dem Unrecht nachzugeben. Vor Allem verlangen wir Ehrlichkeit— Zungen, die ſich nicht dazu brauchen laſſen, zu ſagen, was das Herz nicht meint, und Herzen, die ein Wenig für Andere fühlen, ſo gut wie für ſich ſelbſt. Ein treuherziges Mädchen könnte für einen ſolchen Gatten ſterben, während der prahleriſche und doppelzüngige Bewerber dem Auge nachgerade ſo verhaßt wird, wie er dem Gemüthe iſt.“ Judith ſprach mit Bitterkeit, und mit ihrem gewöhnlichen 539 Nachdruck, aber ihr Zuhörer war zu ſehr betroffen von der Neuheit der Empfindung, die ihn ergriff, als daß er auf ihren Ton hätte viel achten ſollen. Es lag etwas ſo Wohlthuendes für die Beſchei⸗ denheit eines Mannes von ſeiner Gemüthsart darin, Eigenſchaften, welche zu beſitzen er ſich nothwendig bewußt war, ſo hoch geprieſen zu hören von dem lieblichſten Mädchen, das er je geſehen, daß für den Augenblick ſeine Geiſteskräfte ganz aufgegangen ſchienen in einem ſehr natürlichen und entſchuldbaren Stolze. Da durchzückte die Idee der Möglichkeit, daß ein Weſen wie Judith ſeine Lebens⸗ gefährtin werden könnte, zum erſtenmal ſein Gemüth. Das Bild war ſo lieblich und ſo neu, daß er länger als eine Minute völlig darin verſunken blieb, gänzlich achtlos für die ſchöne Wirklichkeit, die vor ihm ſaß, den Ausdruck ſeines geraden und wahrhaftigen Geſichts mit einer Schärfe beobachtend, die ihr einen ſehr ſchönen, wenn auch nicht durchaus richtigen Schlüſſel zu ſeinen Gedanken gab. Nie zuvor war ein ſo reizendes Traumgeſicht vor dem gei⸗ ſtigen Auge des jungen Jägers geſchwebt; aber vorzugsweiſe an's Praktiſche gewöhnt, und wenig geneigt, ſich der Gewalt ſeiner Ein⸗ bildungskraft zu unterwerfen, ſo viel ächtes poetiſches Gefühl er auch namentlich in Beziehung auf Gegenſtände der Natur beſaß, faßte ſich ſeine Vernunft bald wieder, und er lächelte über ſeine eigne Schwäche, als das Phantaſtegebilde vor ſeinem geiſtigen Auge entſchwand, und er wieder das einfache, ungelehrte, aber ſittlich hochſtehende Weſen wie zuvor war, in der Arche Thomas Hutter's, beim Licht der einſamen Lampe daſitzend um Mitternacht, das holde Antlitz der vermeintlichen Tochter des geſchiedenen Beſitzers ihn anſtrahlend mit ängſtlich forſchenden Blicken. „Ihr ſeyd wundervoll ſchön, und verlockend und lieblich anzu⸗ ſchauen, Judith!“ rief er in ſeiner Einfalt, als die Wirklichkeit ihre Macht über die Phantaſie behauptete.„Wundervoll! Ich erinnere mich nicht, je ein ſo ſchönes Mädchen geſehen zu haben, ſelbſt nicht unter den Delawaren; und ich bin nicht —— — —— 540 erſtaunt darüber, daß Hurry Harry ebenſo erbittert als getaͤuſcht fortging!“ „Hättet Ihr gewollt, Wildtödter, daß ich das Weib eines Mannes wie Henry March geworden wäre?“ „Es ſpricht Manches zu ſeinen Gunſten, und wieder Anderes gegen ihn. Nach meinem Geſchmack würde Hurry nicht eben den beſten Ehemann abgeben, aber ich fürchte, der Geſchmack der meiſten jungen Weiber hier herum würde ſich nicht ſo hart über ihn ausſprechen.“ „Nein— nein— Judith ohne einen Namen würde nimmer⸗ mehr einwilligen, Judith March genannt zu werden! Alles wäre noch beſſer als das!“ „Judith Bumppo würde nicht ſo gut lauten, Mädchen; und noch manche Namen würden, was den Wohlklang für's Ohr be⸗ trifft, gegen March zurückſtehen.“ „Ach! Wildtödter, der Wohlklang in ſolchen Fällen kommt nicht durch's Ohr, ſondern durch's Herz. Alles iſt angenehm, wenn das Herz davon befriedigt iſt! Wäre Natty Bumppo Henry March, und Henry March Natty Bumppo, ſo würde mir der Name March ſchöner vorkommen als er iſt; oder wäre er Ihr, ſo würde ich den Namen Bumppo abſcheulich finden!“ „Das iſt es gerade— ja, das iſt der Grund der Sache. So ich, ich bin von Natur ein Feind von Schlangen, und haſſe ſelbſt das Wort, was, wie mir die Miſſionäre ſagen, in der menſch⸗ lichen Natur liegt, wegen einer gewiſſen Schlange bei der Erſchaf⸗ fung der Welt, welche das erſte Weib überliſtete; und doch ſeitdem Chingachgook den Titel ſich erworben, den er jetzt trägt, ha, jetzt iſt der Laut meinem Ohr ſo angenehm, als das Pfeifen des Ziegen⸗ melkers an einem heitern Abend, ja gewiß! Die Gefühle machen allen Unterſchied auf der Welt, Judith, in der Natur der Laute; ja ſogar auch beim Ausſehen.“ „Das iſt ſo wahr, Wildtödter, daß ich überraſcht bin darüber, —& e— —„—— s—u d Sú ——,— v— 1 —„—————— ——. 541 daß Ihr es bemerkenswerth findet, wenn ein Mädchen, welches ſelbſt ziemlich hübſch ſeyn mag, es nicht für nothwendig hält, daß ihr Gatte denſelben Vorzug, oder was Euch als ein Vorzug erſcheint, beſitze. Mir gilt das Aeußere an einem Manne Nichts, voraus⸗ geſetzt, daß ſein Geſicht ſo ehrlich iſt wie ſein Herz.“ „Ja, Ehrlichkeit iſt ein großer Vortheil auf die Länge; und die es am eheſten vergeſſen am Anfang, lernen das oft am beſten am Ende. Aber doch, Judith, gibt es Mehrere, die auf den augen⸗ blicklichen Gewinn eher ſehen, als auf den Segen, der nachher erſt kommt. Jenen halten ſie für etwas Gewiſſes, und dieſen für etwas Ungewiſſes. Ich bin aber froh, daß Ihr die Sache im rechten Licht anſeht, und nicht in der Art, wie ſo Viele, die ſich gerne ſelbſt täuſchen.“ „Ich ſehe ſite ſo an, Wildtödter,“ verſetzte das Mädchen mit Nachdruck, immer noch mit dem Zartgefühl des Weibes zurück⸗ bebend von einem unmittelbaren Antrage ihrer Hand,„und kann von Grund meines Herzens verſichern, daß ich lieber mein Glück einem Manne anvertrauen würde, auf deſſen Wahrhaftigkeit und Gemüth man ſich verlaſſen kann, als einem falſchzüngigen und falſchherzigen Elenden, der Kiſten voll Gold, und Häuſer und Ländereien hätte— ja, ſäße er ſelbſt auf einem Thron!“ „Das ſind wackre Worte, Iudith; es ſind recht wackre Worte; aber meint Ihr, daß die Gefühle gleichen Schritt damit halten würden, wenn die Wahl wirklich vor Euch läge? Wenn ein mun⸗ terer und galanter Herr in einem Scharlachrock auf der einen Seite ſtände, ſein Kopf duftend wie der Fuß eines Hirſches, ſein Ge⸗ ſicht glatt und blühend wie das Eurige, ſeine Hände ſo weiß und weich, als ob Gott nicht darüber ausgeſprochen hätte, daß der Mann im Schweiß ſeines Angeſichts ſein Brod eſſen ſoll, und ſein Schritt ſo leicht, als Tanzmeiſter und ein leichtes Herz ihn nur immer machen können; und auf der andern Seite ſtände Einer, der ſeine Tage in der freien Luft verlebt hat, bis ſeine Stirne ſo 542 roth geworden wie ſeine Wange; der ſich durch Moraͤſte und Büſche hindurchgearbeitet, bis ſeine Hand ſo rauh geworden wie die Eichen, unter denen er ſchlief; der die Witterung des Wildes verfolgt hat, bis ſein Schritt ſo verſtohlen geworden wie der des Panthers und der keinen Wohlgeruch an ſich hätte, als welchen die Natur in der freien Luft und im Walde gibt— wenn jetzt dieſe beiden Männer hier ſtänden, als Werber um Eure Neigung; welcher, glaubt Ihr, würde Eure Gunſt gewinnen?“ Judith's ſchönes Angeſicht flammte; denn das Bild, das ihr Geſellſchafter ſo unbefangen entworfen von einem luſtigen Officier der Garniſonen, war einſt ihrer Phantaſte beſonders angenehm ge⸗ weſen, obwohl Erfahrung und Täuſchung jetzt nicht nur alle ihre Gefühle erkältet, ſondern ihnen auch eine entgegengeſetzte Richtung gegeben hatte, und das vorübergehende Bild übte einen augen⸗ blicklichen Einfluß auf ihre Empfindungen; aber auf die ihr in's Geſicht getretene Röthe folgte eine ſo tödtliche Bläſſe, daß ſie ganz geiſterhaft erſchien. „So wahr Gott mein Richter iſt,“ antwortete das Mädchen feierlich,„ſtänden dieſe beiden Männer vor mir, wie denn der Eine, ich darf es ſagen, wirklich vor mir ſteht, meine Wahl würde, wenn ich mein eigenes Herz kenne, auf den Letztern gehen. Ich wünſche mir keinen Gatten, der irgend vornehmer iſt als ich.“ 7„Das iſt lieblich zu hören, und könnte einen jungen Mann wohl verführen, eine Zeit lang ſeine eigene Unwürdigkeit zu ver⸗ geſſen, Judith! Indeß, Ihr bedenkt doch kaum Alles, was Ihr ſprecht! Ein Mann wie ich, iſt zu roh und zu unwiſſend für ein Mädchen, das eine ſolche Mutter gehabt hat, ſie zu lehren; Eitel⸗ keit iſt natürlich, glaub' ich; aber eine ſolche Eitelkeit würde die Vernunft überſchreiten!“ „Dann wißt Ihr nicht, weſſen eines Weibesherz fähig iſt! Roh ſeyd Ihr nicht, Wildtödter, auch kann der nicht unwiſſend 5⁴³ genannt werden, der, was vor ſeinen Augen iſt, ſo genau ſtudirt hat wie Ihr! Wenn die Neigung im Spiele iſt, erſcheinen alle Dinge in ihren lieblichſten Farben, und Kleinigkeiten werden über⸗ ſehen oder vergeſſen. Wenn es im Herzen Sonnenſchein iſt, ſo iſt Nichts düſter und ſelbſt trüb ausſehende Gegenſtände erſcheinen hell und heiter; und ſo wäre es auch bei Euch und dem Mädchen, das Euch liebte, obwohl Euer Weib vielleicht in manchen Dingen Euch überlegen ſeyn möchte, wie die Welt es nennt.“ „Judith, Ihr ſtammt von viel vornehmeren Leuten in der Welt ab, als ich; und ungleiche Ehen, wie ungleiche Freund⸗ ſchaften, nehmen ſelten ein gutes Ende. Ich rede von dieſer Sache ganz als von einer bloßen Einbildung, ſintemal es von Euch wenigſtens nicht wahrſcheinlich iſt, daß Ihr ſie als Etwas behandeln ſolltet, was wirklich zu Stande kommen könnte.“ Indith heftete ihre tiefblauen Augen auf das offene, frei⸗ müthige Geſicht ihres Genoſſen, als wollte ſie in ſeiner Seele leſen. Nichts verrieth hier einen verſteckten Sinn, und ſie war genothigt, ſich ſelbſt zu geſtehen, daß er das Geſpräch als eine bloße Erörterung mehr von Grundſätzen als von Thatſachen betrachtete, und daß er noch ohne allen Verdacht ſey, ihre Gefühle möchten ernſtlich bei dem Ausgang und Ergebniß betheiligt ſeyn. Zuerſt fühlte ſie ſich gekränkt; dann ſah ſie die Ungerechtigkeit ein, die Beſcheidenheit und Selbſterniedrigung des Jägers ihm zum Ver⸗ brechen zu machen; und dieſe neue Schwierigkeit verlieh dem Stand der Dinge einen eigenthümlichen Reiz, der ihr Intereſſe für den jungen Mann wohl noch ſteigerte. In dieſem kritiſchen Augenblick blitzte in ihrem Geiſt eine Veränderung ihres Planes auf, und mit einer Raſchheit der Erfindung, welche beſonnenen und geiſtesgegenwärtigen Menſchen eigen iſt, faßte ſie jetzt einen Entwurf, der ihn, wie ſie hoffte, wirkſam und ſicher an ſie binden ſollte. Dieſer Entwurf trug eben ſo Viel von der Fruchtbar⸗ keit ihrer Erfindungsgabe, als von der Entſchiedenheit und 544 Kühnheit ihres Charakters an ſich. Damit jedoch das Geſpräch nicht zu raſch abbreche, oder ein Verdacht von ihrer Abſicht in Wild⸗ tödter rege werde, beantwortete ſie ſeine letzte Bemerkung ſo ernſt und wahrhaft, als wäre ihr urſprüngliches Vorhaben ganz unver⸗ andert geblieben. „Ich habe gewiß keinen Grund, mich meiner Abſtammung zu rühmen, nach dem, was ich heute Nacht erfahren habe,“ ſagte das Mädchen in traurigem Tone.„Ich habe eine Mutter gehabt, das iſt wahr; aber nicht einmal ihren Namen weiß ich; und was meinen Vater betrifft, ſo iſt es vielleicht beſſer, ich erfahre nie, Wer er geweſen, damit ich nicht zu bitter von ihm ſpreche!“ „Judith!“ ſagte Wildtöͤdter, freundlich ihre Hand ergreifend und mit einer männlichen Aufrichtigkeit, die dem Mädchen an's Herz griff,„es iſt beſſer, wir ſprechen heute Nacht Nichts weiter. Schlaft über dem, was Ihr geſehen und empfunden habt; am Morgen nehmen ſich vielleicht Dinge, die jetzt düſter erſcheinen, freundlicher aus. Vor Allem, thut nie Etwas in der Bitterkeit des Herzens, oder weil Euch ſo zu Muthe iſt, als nähmet Ihr gern an Euch ſelbſt Rache für anderer Leute Verkehrtheiten. Alles was heute Nacht zwiſchen uns geſprochen und verhandelt worden, iſt Euer Geheimniß, und ich werde nie davon reden, ſelbſt nicht mit Schlange; und ſeyd gewiß, wenn er es nicht aus mir heraus kriegt, ſo kriegt es Niemand heraus. Wenn Eure Eltern ſündhaft geweſen ſind, ſo ſey es die Tochter deſto weniger; be⸗ denkt, daß Ihr jung ſeyd, und die Jungen dürfen immer auf beſſere Zeiten hoffen; daß Ihr ſchnelleren Verſtandes ſeyd als ge⸗ wöhnlich iſt, und Solche meiſt leichter über Schwierigkeiten weg⸗ kommen, und daß Eure Schönheit eine ungemeine iſt; das iſt ein Vortheil bei Allen. Es iſt Zeit, ein wenig Ruhe zu genießen, denn Morgen wird wohl für Eins oder das Andere von uns ein Tag heißer Prüfung werden.“ Mit dieſen Worten ſtand Wildtödter auf, und Judith hatte 5⁴5 keine Wahl als ihm zu folgen. Der Schrank ward geſchloſſen und verwahrt, und ſie trennten ſich ſchweigend; ſie ging, um neben Hiſt und Hetty ihr Lager einzunehmen, und er ſuchte ſich einen Teppich auf dem Boden der Cajüte, worin er war. Es dauerte kaum fünf Minuten, ſo lag der junge Mann ſchon in tiefem Schlafe; das Nädchen aber wachte noch lange. Sie wußte ſelbſt nicht, ſollte ſie bedauern oder ſich freuen, daß ihr nicht gelungen, ſich verſtändlich zu machen. Einerſeits war ihrem weiblichen Zart⸗ gefühl ein Opfer erſpart, andererſeits aber empfand ſie den Ver⸗ druß, ihre Hoffnungen vereitelt, oder doch hinausgeſchoben zu ſehen, und die Ungewißheit einer ſo dunkel ausſehenden Zukunft. Dann kam der neue Entſchluß und der kecke Plan für Morgen; und als Schläfrigkeit ihr endlich die Augen ſchloß, war das Letzte, was ſie noch ſchauten, ein Bild des glücklichen Erfolges, das ihre Phantaſie unter dem Einfluß eines ſanguiniſchen Temperaments und einer glücklichen Erfindungsgabe entwarf und ausmalte. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Doch Mutter, jetzt ein Schatten fällt Auf meiner Träume goldnen Schein; Und eine ſchwarze Wolke hüllt Des Daſeyns kurzen Reſt mir ein! Nicht Lied, nicht Echo tönt mir mehr; Der funkelnde Quell im Innern leer; Margaret Davidſon. Hiſt und Hetty erhoben ſich mit dem wiederkehrenden Licht, und verließen Judith noch in Schlaf verſunken. Die Erſtere brauchte nur eine Minute, um ihre Toilette zu vollenden. Ihr langes, kohlſchwarzes Haar war bald in einen einfachen Knoten geordnet, das Caliko⸗Gewand eng um ihren ſchlanken Leib gegür⸗ tet, und ihre kleinen Füße in ihren luſtig gezierten Moccaſſins Der Wildtödter. 3. Aufl. 35 546 verborgen. Als ſie angekleidet war, verließ ſie ihre mit Haushal⸗ tungsſachen beſchäftigte Freundin, und ging ſelbſt auf die Platt⸗ form, um die reine Morgenluft zu athmen. Hier traf ſie Chin⸗ gachgook, wie er die Küſten des See's, die Berge und den Himmel mit dem Scharfblick eines Mannes der Wälder und mit dem Ernſt eines Indianers ſtudirte. Die Begegnung der Liebenden war einfach aber liebevoll. Der Häuptling zeigte eine männliche Freundlichkeit, gleichweit entfernt von knabenhafter Weichheit wie von Haſt, während das Mädchen in ihrem Lächeln und ihren halb abgewandten Blicken die verſchämte Zärtlichkeit ihres Geſchlechtes verrieth. Keines ſprach, außer mit den Augen, aber Beide verſtanden einander ſo vollkommen, wie wenn ſie ein Wörterbuch voll Phraſen und Betheurungen erſchöpft hätten. Hiſt erſchien ſelten vortheilhafter als in dieſem Augenblick; denn da ſie eben vom Schlaf und von den Abwaſchungen herkam, zeigte ihre jugendliche Geſtalt und ihr Antlitz eine Friſche, welche ſelbſt die Jungen und Hübſchen unter den Mühſalen des Waldlebens ſich nicht immer zu erhalten vermögen. Sodann hatte Judith nicht nur Einiges von ihrer Geſchicklichkeit in der Toilette während ihrer kurzen Bekanntſchaft ihr beigebracht, ſondern ihr auch aus ihren Vorräthen einige gutgewählte Zierrathen geſchenkt, welche die natür⸗ lichen Reize der jungen Indianerin nicht wenig heraushoben. Alles dieß ſah und empfand der Liebhaber, denn einen Augenblick war ſein Angeſicht von einem Blick der Freude erleuchtet; aber bald war es wieder ernſt, und dann wurde es traurig und ängſtlich. Die in der vorigen Nacht gebrauchten Stühle ſtanden noch auf der Plattform: er ſtellte zwei davon an die Wände der Hütte, ſetzte ſich auf einen, und bedeutete mit einer Geberde ſeiner Genoſſin, den andern zu nehmen. Nach dieſem blieb er noch eine volle Minute nachdenklich und ſtumm, die überlegende Würde eines Mannes behauptend, der dazu geboren iſt, ſeinen Sitz am Bera⸗ thungsfeuer einzunehmen, während Hiſt verſtohlen den Ausdruck E 8 S G& —- ◻ 3 3 3 547 ſeines Geſichts beobachtete, geduldig und unterwürſig, wie einem Weib ihres Volkes geziemte. Dann ſtreckte der junge Krieger den Arm vor ſich aus, als wollte er auf die Herrlichkeit der Scene in dieſer bezaubernden Stunde hindeuten, wo das ganze Panorama, wie gewöhnlich, in der weichen, milden Klarheit eines Frühmorgens prangte, und fuhr mit ſeiner Hand langſam dem See, den Bergen und dem Himmel entlang. Das Mädchen folgte dieſer Bewegung mit vergnügter Bewunderung, lächelnd bei jeder neuen Schönheit, auf die ihr Auge fiel. „Hugh!“ rief der Häuptling in ſeiner Bewunderung einer ſelbſt ihm ſo ungewohnten Scene, denn dies war der erſte See, den er ſah.„Das iſt das Land des Manitou! Es iſt zu gut für Mingos, Hiſt; aber die Köter dieſes Stammes heulen truppweis durch die Wälder. Sie meinen, die Delawaren ſchlafen über den Bergen.“ „Alle, bis auf Einen von ihnen, Chingachgook. Einer iſt hier; und der iſt vom Blute der Unkas!“ „Was iſt Ein Krieger gegen einen Stamm?— Der Pfad zu unſern Dörfern iſt ſehr lang und krumm, und wir haben dahin zu wandern unter einem umwölkten Himmel. Auch fürchte ich, Gaißblattblüthe der Berge, wir werden allein dahin wandern.“ Hiſt verſtand die Anſpielung und ſie ward traurig, obwohl es ihrem Ohre ſüß klang, von dem Krieger, den ſie ſo liebte, mit der duftigſten und lieblichſten von allen wilden Blumen ihrer heimiſchen Berge verglichen zu werden. Doch blieb ſie ſtumm, wie ihr geziemte, wenn auf eine ernſte Angelegenheit angeſpielt wurde, welche Männer am beſten beurtheilten, obgleich die Macht der Erziehung bei ihr nicht ſo viel vermochte, daß ſie das Lächeln verhehlt hätte, welches in Folge des wohlthuenden Eindrucks von Chingachgook's Rede ihren hübſchen Mund umſchwebte. „Wenn die Sonne ſo iſt,“ fuhr der Delaware fort, nach dem Zenith hinaufdeutend, einfach eine Hand und einen Finger durch 548 eine Bewegung des Handgelenks aufwärts richtend,„wird der große Jäger unſers Stammes zurückkehren zu den Huronen, um behandelt zu werden wie ein Bär, den ſie röſten und ſchinden, ſelbſt bei vollem Magen.“ „Der Große Geiſt möge ihre Herzen beſänftigen und nicht dulden, daß ſie ſo blutdürſtig ſeyen. Ich habe unter den Huronen gelebt und kenne ſie. Sie haben Herzen, und werden ihre eignen Kinder nicht vergeſſen, ſollten ſie in die Hände der Delawaren fallen.“ „Ein Wolf heult immer fort; ein Schwein hört nicht auf zu freſſen. Sie haben Krieger verloren; ſelbſt ihre Weiber werden nach Rache ſchreien. Das Bleichgeſicht hat die Augen eines Adlers und kann hineinſchauen in die Mingo⸗Herzen; er ſieht nicht aus, als hoffte er Gnade. Es iſt eine Wolke über ſeinem Geiſt, obgleich keine vor ſeinem Angeſicht.“ Eine lange Pauſe des Nachſinnens trat nun ein, während welcher Hiſt leiſe die Hand des Häuptlings ergriff, als ſuchte ſie ſeine Hülfe nach, obwohl ſie kaum ihr Auge zu erheben wagte gegen ein Antlitz, das jetzt im buchſtäblichen Sinne furchtbar ward unter dem Kampfe von ſtreitenden Leidenſchaften und finſtrer Ent⸗ ſchloſſenheit in der Bruſt des Indianers. „Was will der Sohn von Unkas thun?“ fragte endlich ſchüchtern das Mädchen.„Er iſt ein Häuptling, und iſt ſchon berühmt im Rathe, obgleich noch ſo jung; was ſagt ihm ſein Herz, daß das Weiſeſte ſey? ſpricht das Haupt auch dieſelben Worte wie das Herz?“ „Was ſagt Wah⸗tha!⸗Wah in einem Augenblick, wo mein liebſter Freund in einer ſolchen Gefahr iſt? Die kleinſten Vögel ſingen am füßeſten; es iſt immer angenehm, ihrem Geſang zu horchen. Ich wollte, ich hörte den Zaunkönig der Wälder in meiner Bedrängniß; ſeine Noten würden tiefer dringen als ins Ohr.“ Wieder empfand Hiſt die innige Zufriedenheit, welche die Sprache des Lobes im Munde derer, die man liebt, jederzeit — ☛— A8S 12 um den, icht nen nen en.⸗ zu rden lers aus, leich rend ſie agte dard Ent⸗ lich chon ſein lben nein ögel zu iner die zeit 549 gewährt.„Gaißblattblüthe der Berge“ war ein Ausdruck, den die jungen Delawaren oft von dem Mädchen gebrauchten, der aber nie ſo ſüß in ihr Ohr klang, als wenn er von Chingachgook's Lippen kam, der Letztere allein aber hatte ſie Zaunkönig der Wälder ge⸗ nannt. Bei ihm indeſſen war es eine ganz vertraute Benennung geworden, und der Name klang dem Mädchen über alle Beſchrei⸗ bung ſüß, weil er in ihr die Idee erweckte, daß ihr Rath und ihre Geſinnungen ihrem künftigen Gatten ebenſo werth, als der Ton ihrer Stimme, und die Art und Weiſe, jene auszuſprechen, ihm angenehm ſeyen, und ſo die zwei Dinge vereinigte, die einem india⸗ niſchen Mädchen bei ihrem Verlobten am Meiſten gelten: Bewun⸗ derung eines ſchätzbaren phyſiſchen Vorzugs, und Achtung vor ihrer Meinung. Sie drückte die Hand, die ſie zwiſchen den beiden ihrigen hielt, und antwortete: „Wah⸗ta!⸗Wah ſagt, weder ſie noch die Große Schlange könnte je wieder lachen, oder auch nur ſchlafen, ohne zu traͤumen von den Huronen, ſollte der Wildtödter ſterben unter einem Mingo⸗ Tomahawk, ohne daß ſie Etwas gethan hätten, ihn zu retten. Lieber würde ſie zurückkehren und ihren langen Pfad allein an⸗ treten, als ſolch eine dunkle Wolke vor ihr Glück treten laſſen.“ „Gut! Der Gatte und das Weib werden nur Ein Herz haben; ſie werden ſehen mit denſelben Augen, und fühlen mit den⸗ ſelben Gefühlen.“ Was weiter geſprochen wurde, braucht hier nicht erzählt zu werden. Daß das Geſpräch Wildtödtern und ſeine Ausſichten betraf, hat man ſchon geſehen, aber die Entſcheidung, welche gefaßt wurde, wird man beſſer im weitern Verlauf der Erzählung erfahren. Das jugendliche Paar war noch in ſeiner Unterredung begriffen, als die Sonne über den Gipfeln der Fichten erſchien, und das Licht eines glänzenden amerikaniſchen Tages über das Thal aus⸗ ſtrömte, in ‚tiefer Wonne’ den See, die Wälder und die Bergab⸗ hänge badend. Gerade in dieſem Augenblick trat Wildtödter aus der Cajüte der Arche, und kam auf die Plattform. Sein erſter Blick war nach dem wolkenloſen Himmel, dann nahm ſein raſches Auge das ganze Panorama von Land und Waſſer in ſich auf, wo er dann Muße hatte zu einem freundlichen Nicken gegen ſeine Freunde, und zu einem heitern Lächeln für Hiſt. „Nun,“ ſagte er, in ſeiner gewohnten, gefaßten Art und mit ſeiner wohllautenden Stimme;„wer die Sonne im Weſten unter⸗ gehen ſieht, und früh genug erwacht am Morgen, findet ſie gewiß wieder kommend im Oſten, wie einen Hirſch, der um ſein Lager herum gejagt wird. Ich glaube faſt, Hiſt, Ihr habt das oft und viel geſehen, und doch iſt es Euch noch nie in Euren mädchen⸗ haften Sinn gekommen, nach der Urſache davon zu fragen?“ Chingachgook und ſeine Verlobte ſchauten Beide zu dem Glanzgeſtirn empor mit einer Miene, welche plötzliches Staunen verrieth, und dann ſtarrten ſie einander an, als ſuchten ſie nach der Löſung der Schwierigkeit. Gewohnheit tödtet die Empfänglichkeit ſelbſt in Bezug auf die wichtigſten Naturerſcheinungen; und nie bis jetzt hatten dieſe einfachen Geſchöpfe daran gedacht, über eine Bewegung nachzuſinnen, welche täglich ihnen vor Augen ſtand, wie befremdend ſie auch bei näherer Forſchung ſcheinen mochte. Als der Gegenſtand ſo plötzlich auf die Bahn gebracht wurde, ſprach er Beide, und in demſelben Augenblick etwa mit derſelben Gewalt an, wie ein neuer und glänzender Satz in den Naturwiſ⸗ ſenſchaften den Gelehrten anſprechen würde. Chingachgook allein erachtete für paſſend, zu antworten. „Die Bleichgeſichter wiſſen Alles,“ ſagte er;„können ſte uns ſagen, warum die Sonne ihr Angeſicht verbirgt, wenn ſie bei Nacht ihren Weg zurückgeht?“ „Ja, das iſt ächte Rothhautgelehrſamkeit,“ verſetzte der An⸗ dere lachend, obwohl er nicht ganz gleichgültig war gegen den Genuß, die Ueberlegenheit ſeiner Race zu beweiſen durch die Löſung des ſchwierigen Problems, woran er ſich in ſeiner eigenthümlichen 55¹1 Weiſe machte.„Hört, Schlange,“ ſuhr er ernſter fort, doch zu unbefangen zur Affektation,„das iſt leichter erklärt, als ein india⸗ niſches Hirn ſich vielleicht einbildet. Die Sonne, waährend ſie die Reiſe am Himmel hin zu machen ſcheint, rührt ſich nie, ſondern die Erde iſt es, die ſich rund herum dreht; und Jeder kann begrei⸗ fen, wenn er an ein Mühlrad zum Beiſpiel gebunden würde, während es in Bewegung iſt, daß er zu Zeiten den Himmel ſehen muß, während er zu andern Zeiten unter dem Waſſer iſt. Es iſt kein großes Geheimniß darin, ſondern einfache Natur; und die Schwierigkeit beſteht nur darin, die Erde in Bewegung zu ſetzen.“ „Wie weiß mein Bruder, daß die Erde ſich rund herumdreht?“ fragte der Andere.„Kann er es ſehen?“ „Nun das war eine verwirrende Frage, ich geſteh' es, Dela⸗ ware; denn ich habe es ſchon oft verſucht, und konnte es nie recht herausbringen. Manchmal bildete ich mir ein, es zu können; und dann wieder ſah ich mich genöthigt, die Unmöglichkeit zu geſtehen. Aber, umdrehen thut ſie ſich, wie alle von meinem Volke ſagen, und Ihr müßt ihnen glauben, denn ſie können Finſterniſſe und andere Wunder vorherſagen, welche die Stämme mit Schrecken zu erfüllen pflegen, nach Euren eigenen Ueberlieferungen von ſol⸗ chen Dingen.“ „Gut. Das iſt wahr, kein rother Mann wird es läugnen. Wenn ein Rad ſich dreht, ſo können es meine Augen ſehen— die Erde ſehen ſie nicht ſich umdrehen.“ „Ja, das iſt, was ich Sinnentrotz nenne! Sehen iſt Glau⸗ ben, ſagen ſie; und was ſie nicht ſehen können, dem wollen manche Menſchen nicht den mindeſten Glauben beimeſſen. Dennoch, Häuptling, iſt das nicht ſo ganz ausgemachte Vernunft, als es auf den erſten Blick ſcheinen mag. Ihr glaubt an den Großen Geiſt, das weiß ich; und doch, denke ich, würde es Euch in Verlegenheit ſetzen, anzugeben, wo Ihr in ſeht!“ „Chingachgook kann ihn ſehen überall— überall in guten Dingen, den Böſen Geiſt in ſchlechten. Hier im See, dort im Wald, drüben in den Wolken; in Hiſt, in dem Sohne von Unkas, in Tamenund, in Wildtödter. Der Böſe Geiſt iſt in den Mingos, das weiß ich: die Erde ſehe ich nicht ſich umdrehen.“ „Es wundert mich nicht, daß man Euch die Schlange nennt, Delaware, nein, wahrhaftig nicht! Es iſt immer eine Bedeutung in Euern Worten, und oft iſt auch eine Bedeutung in Eurem Geſicht! Trotzdem paſſen Eure Antworten nicht ganz zu meiner Idee: daß Gott wahrzunehmen iſt in allen natürlichen Gegenſtänden, kann man zugeben; aber er iſt nicht darin wahrzunehmen in der Art, wie ich meine. Ihr wißt, daß ein Großer Geiſt iſt, aus ſeinen Werken; und die Bleichgeſichter wiſſen, daß die Erde ſich umdreht, aus ihren Werken. Das iſt der Grund der Sache, obwohl wie es zu erklären, Mehr iſt, als ich Euch ſo genau ſagen kann. Das weiß ich: alle von meinem Volk ſind von der Sache über⸗ zeugt; und was alle Bleichgeſichter glauben, wird doch wohl wahr ſeyn.“ „Wenn die Sonne über dem Wipfel dieſer Fichte ſteht, wo wird mein Bruder Wildtödter dann ſeyn?“ Der Jäger fuhr auf und ſchaute ſeinen Freund ſcharf, obwohl ganz ohne Unruhe an. Dann winkte er ihm zu folgen, und ging ihm voran in die Arche, um dort den Gegenſtand weiter zu beſpre⸗ chen, ungehoͤrt von Solchen, deren Gefühle, wie er beſorgte, die Oberhand über die Vernunft gewinnen möchten. Hier blieb er ſtehen, und ſetzte das Geſpräch im vertraulicheren Tone fort. „Es war etwas unklug von Euch, Schlange,“ ſagte er,„einen ſolchen Gegenſtand vor Hiſt aufzubringen, und wo das Mädchen von meiner Farbe Alles hätte hören können, was geſprochen wurde. Ja, es war ein wenig unkluger, als das Meiſte, was Ihr thut. Einerlei; Hiſt verſtand es nicht, und die Andre hörte es nicht. Indeſſen, die Frage iſt leichter geſtellt als beantwortet. Kein Sterblicher kann ſagen, wo er morgen ſeyn wird, wenn die + f— 0— ⸗8 — n ⏑—— — ᷣ——— 55³ Sonne aufgeht. Ich will Euch dieſelbe Frage vorlegen, Schlange, und wäre begierig zu hören, welche Antwort Ihr geben könnt?“ „Chingachgook wird bei ſeinem Freund Wildtödter ſeyn; wenn dieſer im Lande der Geiſter iſt, wird die Große Schlange an ſeine Seite ſich ſchmiegen: wenn unter jener Sonne dort, wird ihre Wärme und ihr Licht auf Beide fallen.“ „Ich verſtehe Euch, Delaware,“ verſetzte der Andere, gerührt von der einfachen Selbſtaufopferung ſeines Freundes.„Eine ſolche Sprache iſt ſo klar in einer Sprache wie in der andern; ſie kommt vom Herzen und geht auch zum Herzen. Es iſt gut, ſo zu denken und mag gut ſeyn, ſo zu ſprechen auch, aber es wäre nicht gut, ſo zu handeln, Schlange. Ihr ſteht nicht mehr allein im Leben; denn obgleich Ihr noch die Hütten zu wechſeln, und andre Cere⸗ monien durchzumachen habt, ehe Hiſt Euer rechtmäßiges Weib wird, ſeyd Ihr doch ſchon ſo gut wie verheirathet, was Gefühle und Freude und Jammer betrifft. Nein, nein; Hiſt darf nicht verlaſſen werden, weil eine Wolke etwas unerwartet zwiſchen Euch und mir hinzieht, und etwas dunkler als wir vorausgeſehen hatten.“ „Hiſt iſt eine Tochter der Mohikans; ſie weiß ihrem Gatten zu gehorchen. Wohin er geht, wird ſie ihm folgen. Beide werden bei dem großen Jäger der Delawaren ſeyn, wenn die Sonne morgen über den Fichten ſteht.“ „Der Herr ſegne und ſchütze Euch, Häuptling; das iſt baarer Wahnſinn! Kann Eines von Euch, oder könnt Ihr beide zuſammen eine Mingonatur ändern? Werden Eure ſtolzen Mienen, oder Hiſt's Thränen und Schönheit einen Wolf in ein Eichhorn ver⸗ wandeln, oder einen Panther ſo unſchuldig machen wie ein Reh? Nein, Schlange, Ihr werdet Euch dieſe Sache beſſer bedenken, und mich in der Hand Gottes laſſen. Am Ende iſt doch noch keineswegs gewiß, daß die Schurken die Martern im Sinn haben, denn ſie können auch noch barmherzig ſeyn, und bedenken, wie ſündhaft ein ſolches Beginnen wäre; obgleich es eine ziemlich 554 hoffnungsloſe Ausſicht iſt, zu erwarten, daß ein Mingo ſich abwende vom Uebel, und Barmherzigkeit die Oberhand gewinnen laſſe in ſeinem Herzen. Demungeachtet, Niemand weiß gewiß, was ſich begeben wird; und junge Creaturen wie Hiſt dürfen nicht auf Ungewißheiten hin auf's Spiel geſetzt werden. Dieß Heirathen iſt eine ganz andere Sache, als manche junge Leute ſich ein⸗ bilden. Ja, wenn Ihr ledig wäret, oder ſo gut als ledig, Dela⸗ ware, dann würde ich erwarten, daß Ihr flink und rüſtig wäret und um das Lager der Vagabunden herumſtrichet, von Sonnen⸗ aufgang bis Sonnenuntergang, mit Liſten und Schlichen, ſo raſtlos wie ein Hund auf der Fährte, und Alles verſuchtet, um mir zu helfen und den Feind von mir abzuziehen; aber Zwei ſind oft ſchwächer als Einer, und wir müſſen die Dinge nehmen wie ſie ſind, und nicht wie wir ſie wünſchen.“ „Hört, Wildtödter, erwiederte der Indianer mit einem ſo entſchie⸗ denen Nachdruck, daß man wohl ſah, wie Ernſt es ihm war:„Wenn Chingachgook in den Händen der Huronen wäre, was würde mein Bleichgeſichtbruder thun? Nach den Delawarendörfern ſchleichen und den Häuptlingen, und alten Männern, und jungen Kriegern ſagen: ‚Seht, hier iſt Wah⸗ta!⸗Wah; ſie iſt gerettet, und wohl⸗ behalten, aber ein wenig ermüdet; und hier iſt der Sohn von Unkas, nicht ſo ermüdet wie die Gaißblattblüthe, weil er ſtärker iſt, aber ebenſo wohlbehalten.“ Würdet Ihr das thun 22 „Nun, das iſt ungemein ſinnreich; es iſt ſchlau genug ſelbſt für einen Mingo. Der Herr allein weiß, was Euch auf den Gedanken gebracht, eine ſolche Frage zu thun. Was ich thun würde? Ha, für's Erſte würde wohl Hiſt ſchwerlich überhaupt in meiner Geſellſchaft ſeyn, denn ſie würde Euch ſo nahe bleiben als möglich, und daher könnte Alles, was ſie betraf, nicht geſprochen werden, ohne Unſinn zu ſprechen. Das Ermüdetſeyn, das würde auch wegfallen, wenn ſie gar nicht mitkäme, und kein Theil Eurer Rede würde wohl in meinen Mund paſſen; ſo ſeht Ihr, Schlange, 55⁵ die Vernunft iſt gegen Euch, und Ihr könnt es immerhin aufgeben; denn gegen die Vernunft Etwas behaupten, geziemt ſich in keiner Weiſe fͤr einen Häuptling von Eurem Charakter und Ruf.“ „Mein Bruder iſt nicht er ſelbſt; er vergißt, daß er zu Einem redet, der an den Berathungsfeuern ſeiner Nation geſeſſen iſt,“ verſetzte der Andere mild.„Wenn Maänner ſprechen, ſollten ſie Nichts ſagen, was auf der einen Seite des Kopfes hinein und auf der andern herausgeht. Ihre Worte ſollten nicht Federn ſeyn, ſo leicht, daß ein Wind, der das Waſſer nicht kräuſelt, ſie fortwehen kann. Er hat auf meine Frage nicht geantwortet; wenn ein Häuptling eine Frage ſtellt, ſollte ſein Freund nicht von andern Dingen plaudern.“ „Ich verſteh' Euch, Delaware; ich verſtehe wohl, was Ihr meint, und die Wahrheit erlaubte mir nicht, es anders zu ſagen. Dennoch iſt es nicht ſo leicht, Euch zu antworten, wie Ihr zu glauben ſcheint, aus dieſem einfachen Grunde: Ihr verlangt, ich ſolle ſagen was ich thäte, wenn ich eine Verlobte hätte wie Ihr hier habt, auf dem See, und einen Freund drüben im Lager der Huronen, mit Martern bedroht. Das iſt es, nicht ſo?“ Der Indianer nickte ſchweigend mit dem Kopf, immer mit unbeweglichem Ernſt, obgleich ſein Auge zwinkerte bei dem Anblick von des Andern Verlegenheit. „Nun gut, ich hatte nie eine Verlobte, kannte nie die Art von Gefühlen gegen ein junges Weib, wie Ihr gegen Hiſt; ob⸗ gleich der Herr weiß, daß meine Gefühle wohlwollend genug ſind gegen Alle. Dennoch aber iſt mein Herz, wie ſie es nennen, in ſolchen Dingen nicht geübt, und daher kann ich nicht ſagen, was ich thäte. Ein Freund zieht ſtark an Einem; das weiß ich aus Erfahrung, Schlange; aber nach Allem, was ich geſehen und ge⸗ hört habe von der Liebe, bin ich geneigt zu glauben, daß eine Verlobte noch ſtärker zieht.“ „Wahr, aber die Verlobte Chingachgook's zieht nicht nach den 556 Hütten der Delawaren hin; ſie zieht hinüber nach dem Lager der Huronen.“ „Sie iſt ein edles Mädchen, mit all ihren kleinen Füßen und Händen, die nicht größer ſind als die eines Kindes, und einer Stimme, die ſo lieblich iſt, wie die eines Spottvogels; ſie iſt ein edles Mädchen und ganz wie der Stamm ihrer Väter! Nun was iſt es denn, Schlange? denn ich bilde mir ein, ſie hat doch nicht ihren Sinn geändert, und will ſich ausliefern, und ein Huronen⸗ weib werden? Was habt Ihr im Sinne?“ „Wah⸗ta!⸗Wah will nimmermehr im Wigwam eines Irokeſen leben,“ antwortete der Delaware trocken.„Sie hat kleine Füße, aber ſie können ſie zu den Dörfern ihres Volkes tragen; ſie hat auch kleine Hände, aber ihr Gemüth iſt groß. Mein Bruder wird ſehen, was wir thun können, wenn die Zeit kommt, ehe wir ihn unter den Martern der Mingos ſterben laſſen.“ „Unternehmt nichts Unvorſichtiges,“ ſagte der Andere ernſt; „ich glaube wohl, Ihr werdet und müßt Euren Willen haben; und im Ganzen iſt es recht, daß Ihr ihn habt; denn Ihr würdet Euch nicht glücklich fühlen, wenn nicht Etwas unternommen würde. Aber beginnt nichts Unvorſichtiges. Ich erwartete, daß Ihr den See nicht verlaſſen würdet, ſo lang meine Sache in Ungewißheit ſchwebte; aber bedenkt, Schlange, daß keine Martern, welche ſinnreiche Grauſamkeit der Mingos erdenken mag, keine Verſpot⸗ tungen und Schmähungen, kein Brennen und Röſten und Nägel⸗ ausziehen, noch irgend welche unmenſchliche Quälereien meinen Geiſt ſo leicht niederdrücken könnten, als wenn ich ſehen müßte, daß Ihr und Hiſt, über dem Beſtreben, Etwas zu meinen Gunſten zu thun, in die Hände des Feindes gefallen wäret.“ „Die Delawaren ſind vorſichtig. Wildtödter wird ſehen, daß ſte nicht mit geſchloſſenen Augen in ein fremdes Lager hineinrennen.“ Hier endete die Unterredung. Hetty kündigte ſofort an, daß das Frühſtück bereit ſey, und die ganze Geſellſchaft ſaß bald um 5⁵7 den einfachen Tiſch in der gewöhnlichen, urzuſtändlichen Weiſe der Grenzleute herum. Judith nahm zuletzt ihren Sitz ein, bleich, ſchweigſam, und mit den Spuren einer bang und ſchmerzlich, wo nicht ſchlaflos verbrachten Nacht in ihrem Angeſicht. Keine Sylbe ward bei dieſer Mahlzeit geſprochen, und alle Frauen zeigten Mangel an Appetit, während bei den Männern in dieſem Punkt keine Ver⸗ änderung zu bemerken war. Es war noch frühe, als die Geſell⸗ ſchaft aufſtand, und noch blieben einige Stunden, bis der Gefangene ſeine Freunde verlaſſen mußte. Dieſer wohl bekannte und bedachte Umſtand, und die Theilnahme, die ſie an ſeinem Schickſal fühlten, verſammelte Alle wieder auf der Plattform, weil ſie wünſchten, in der Nähe des vermuthlichen Opfers zu weilen, ſeinen Reden zu horchen, und wo möglich durch Zuvorkommenheit gegen ſeine Wünſche ihm ihre Theilnahme zu bezeigen. Wildtödter ſelbſt war, ſo viel menſchliche Augen ſehen konnten, ganz unerſchüttert, er ſprach heiter und natürlich, obwohl er jede unmittelbare Hindeu⸗ tung auf das zu befürchtende, große Ereigniß des Tages vermied. Wenn man irgend ein Anzeichen davon entdecken konnte, daß ſeine Gedanken überhaupt auf dieſen peinlichen Gegenſtand ſich richteten, ſo war es die Art, wie er vom Tod und von dem letzten großen Wechſel ſprach. „Grämt Euch nicht, Hetty,“ ſagte er; denn während er das ſchwachſinnige Mädchen über den Verluſt ihrer Eltern tröſtete, verrieth er ſeine Gefühle in der bezeichneten Weiſe,„ſintemal Gott es ſo verhängt hat, daß Alle ſterben müſſen. Eure Eltern, oder die Ihr dafür gehalten, was auf Eins hinausläuft, ſind vor Euch hingegangen; das iſt nur in der Ordnung der Natur, mein gutes Mädchen, denn die Alten gehen zuerſt, und die Jungen folgen. Aber Wer eine Mutter gehabt hat, wie die Eurige war, Hetty, kann nicht im Zweifel ſeyn, daß er das Beſte hoffen dürfe über die Geſtaltung der Dinge in einer andern Welt. Der Dela⸗ ware hier, und Hiſt, glauben an glückliche Jagdreviere, und haben ——— 5⁵⁸8 Ideen, wie ſie für ihre Begriffe und Gaben als Rothhaͤute paſſen; aber wir, die wir von weißem Blute ſtnd, halten an einer ganz andern Lehre feſt. Doch vermuthe ich ſo ziemlich, unſer Himmel iſt ihr Land der Geiſter, und der Pfad, der dahin führt, wird von allen Farben gleicherweiſe betreten. Es iſt für die Ruchloſen unmöglich, darein einzugehen, das will ich zugeben; aber Freunde können ſchwerlich getrennt werden, wenn ſie auch nicht von derſel⸗ ben Race auf Erden ſind. Richtet Euer Gemüth auf, arme Hetty, und ſehet getroſt dem Tag entgegen, wo Ihr Eure Mutter wieder ſehen werdet, und das ohne Leid und Kummer.“ „Ich erwarte Mutter wieder zu ſehen,“ verſetzte das wahr⸗ hafte und einfache Mädchen,„aber was wird aus Vater werden?“ „Das iſt eine Frage zum Maulſtopfen, Delaware,“ ſagte der Jäger in indianiſcher Sprache,„das iſt geradezu eine Frage zum Maulſtopfen! Die Biſamratze war kein Heiliger auf Erden, und es iſt gut errathen, daß er drüben eben auch kein ſonderlicher ſeyn wird! Indeß, Hetty,“ und hier glitt er mit einem leichten Uebergang in's Engliſche hinüber,„indeß, Hetty, wir müſſen Alle das Beſte hoffen; das iſt das Klügſte, und es iſt bei Weitem das Wohlthätigſte für das Gemüth, wenn man es nur thun kann. Ich empfehle Euch, auf Gott zu vertrauen, und alle Eure Be⸗ ſorgniſſe und kleinmüthigen Gefühle fahren zu laſſen. Es iſt wun⸗ derbar, Judith, wie verſchiedene Leute ſo verſchiedene Begriffe von der Zukunft haben, und ſich die Einen dieſen, die andern jenen Wechſel vorſtellen. Ich habe weiße Lehrer gekannt, die da glaub⸗ ten, im andern Leben ſey Alles Geiſt; und auch wieder ſolche, die meinten, der Leib werde in eine andre Welt verſetzt, ungefähr wie die Rothhäute ſelbſt ſich's einbilden, und daß wir dort wandeln werden im Fleiſch, und einander kennen, und mit einander reden, und Freunde ſeyn, wie wir hier geweſen.“ „Welche von dieſen Meinungen gefällt Euch am Beſten, Wildtödter?“ fragte das Mädchen, das gern auf ſeine ſchwermüthige 559 Stimmung einging, und ſelbſt keineswegs frei war von ihrem Einfluß.„Wäre es Euch unangenehm, zu denken, Ihr werdet Alle, die auf dieſer Plattform jetzt ſtehen, in einer andern Welt wieder finden? Oder habt Ihr uns hier genug kennen gelernt, um froh zu ſeyn, wenn Ihr uns nicht wieder ſeht?“ „Das Letztere würde den Tod zu etwas Bitterem machen, ja, das würde es. Es ſind acht gute Jahre, ſeit Schlange und ich miteinander zu jagen anfingen, und der Gedanke, daß wir uns nie wieder ſehen ſollten, wäre für mich ein harter Gedanke. Er ſieht der Zeit entgegen, wo wir miteinander eine Art von Geiſt⸗ wildpret jagen werden, auf Ebenen, wo keine Dornen, kein Ge⸗ ſtrüppe, keine Sümpfe und andere Mühſeligkeiten zu überwinden ſind, während ich nicht all dieſen Begriffen beifallen kann, ange⸗ ſehen daß ſie gegen die Vernunft zu ſeyn ſcheinen. Geiſter können nicht eſſen, haben auch keine Kleider nöthig; und Wild kann man von Rechtswegen nur jagen, um es zu tödten, und nur tödten, des Wildprets oder der Häute wegen. Nun finde ich es ſchwierig, anzunehmen, daß ſelige Geiſter Wild jagen ſollten, ohne einen rechten Zweck, und die einfältigen Thiere quälen, nur um ihrer eigenen Luſtbarkeit und Ergötzung willen. Ich habe noch nie auf einen Hirſch oder ein Thier abgedrückt, Judith, als wenn ich Nahrung oder Kleider bedurfte.“ „Dieſe Erinnerung, Wildtödter, muß jetzt ein großer Troſt für Euch ſeyn.“ „Der Gedanke an ſolche Dinge iſt es, meine Freunde, was einen Mann fähig macht, ſeinen Urlaub zu halten. Es möchte auch ohne dieß geſchehen, ich geb' es zu; denn die ſchlimmſten Rothhäute thun manchmal ihre Pflicht in dieſem Stücke; aber es macht, was ſonſt ſchwer wäre, leicht, wenn auch nicht ganz nach unſerem Geſchmack. Nichts in Wahrheit gibt ein kühneres Herz, als ein leichtes Gewiſſen.“ Judith wurde bläſſer als je, aber ſie rang, ihre Selbſt⸗ 560 beherrſchung zu behaupten, und es gelang ihr. Der Kampf jedoch war heftig geweſen, und ſie war jetzt ſo wenig zum Sprechen aufgelegt, daß Hetty den Gegenſtand weiter verfolgte. Sie that dieß in der ihr natürlichen, einfachen Weiſe. „Es wäre grauſam, das arme Wild zu toͤdten,“ ſagte ſie, „in dieſer Welt, oder in einer andern, wenn Ihr nicht des Flei⸗ ſches oder der Häute bedürftet. Kein guter weißer, und kein guter rother Mann würde es thun. Aber es iſt für einen Chriſten ſündhaft, vom Jagen im Himmel zu reden. Solche Dinge ge⸗ ſchehen nicht vor dem Angeſicht Gottes, und der Miſſionär, welcher dergleichen lehrt, kann kein wahrer Miſſionär ſeyn. Er muß ein Wolf ſeyn in Schaafskleidern. Ich denke Ihr wißt, was ein Schaaf iſt, Wildtödter?“ „Ja wohl, Mädchen, und eine nützliche Creatur iſt es für Solche, welche Tuchkleider Häuten vorziehen, zum Winteranzug. Ich verſtehe die Natur des Schaafs, obwohl ich noch wenig damit zu thun gehabt habe; und die Natur der Wölfe auch, und kann mir wohl die Idee bilden von einem Wolf im Pelz eines Schaafs, obwohl ich denke, es würde eine heiße Jacke für eine ſolche Beſtie werden in den warmen Monaten!“ „Und Sünde und Heuchelei ſind auch heiße Jacken, wie die⸗ jenigen finden werden, die ſte anziehen,“ verſetzte Hetty mit beſtimmtem Tone;„ſo würde der Wolf nicht ſchlimmer daran ſeyn als der Sünder. Geiſter jagen nicht, und ſtellen nicht Fallen, und fiſchen nicht, und thun Nichts, was nichtige Menſchen beginnen, weil ſie keine Gelüſte dieſer Welt zu befriedigen haben. Oh! Mutter ſagte mir das Alles vor Jahren ſchon, und ich möchte es nicht gern beſtreiten hören.“ „Nun, meine gute Hetty, in dieſem Falle würdet Ihr gut thun, Eure Lehre nicht Hiſt mittheilen zu wollen, wenn Ihr allein ſeyd, und die junge Delawarin gerne von Religion ſpricht. Es iſt ihre feſtſtehende Idee, das weiß ich, daß die guten Krieger in der 561 andern Welt Nichts thun als jagen und fiſchen, obgleich ſie, glaube ich, ſich nicht einbildet, daß je Einer ſich zum Fallenſtellen ernie⸗ drigt, was keine Beſchäftigung für einen Tapfern iſt. Aber des Jagens und Fiſchens haben ſie, nach ihrem Begriffe, Genüge und das dazu auf den angenehmſten Jagdrevieren, und unter Wild, bei dem es immer die rechte Jahreszeit iſt, und das gerade flink und klug genug iſt, um dem Tödter einen Reiz zu geben. So möchte ich Euch denn nicht anrathen, Hiſt auf dieſe Idee zu bringen.“ „Hiſt kann nicht ſo ſündhaft ſeyn, irgend dergleichen zu glauben,“ erwiederte die Andere ernſt.„Kein Indianer jagt mehr nach dem Tode.“ „Kein ſündhafter Indianer, geb' ich Euch zu; kein ſündhafter Indianer, allerdings. Der muß die Munition herbeitragen, und zuſehen, ohne an der Kurzweil Theil zu haben, und kochen, und Feuer anzünden, und Alles thun, was nicht Mannesarbeit iſt. Merkts Euch aber jetzt: das ſind nicht meine Ideen, ſondern es ſind Hiſt's Ideen, und daher, um des Friedens willen, je weniger Ihr darüber und dagegen zu Ihr redet, deſto beſſer.“ „Und was ſind Eure Ideen von dem Schickſal eines Indianers in der anderen Welt?“ fragte Judith, die jetzt eben ihre Stimme wieder gefunden hatte. „Ha, Mädchen, Alles eher als das! Ich bin ein zu guter Chriſt, um ſolche phantaſtiſche Dinge wie Jagen und Fiſchen nach dem Tod zu erwarten; auch glaube ich nicht, daß ein Manitou für die Rothhäute iſt, und ein Andrer für die Bleichgeſichter. Ihr findet verſchiedene Farben auf der Erde, wie Jeder ſehen kann; aber Ihr findet nicht verſchiedene Naturen. Verſchiedene Gaben, aber nur Eine Natur!“ „In was unterſcheidet ſich eine Gabe von einer Natur? Iſt nicht die Natur ſelbſt eine Gabe von Gott?“ „Gewiß; das iſt raſch gedacht und beifallswürdig, Judith, obwohl die Hauptidee falſch iſt. Eine Natur iſt die Creatur ſelbſt; Der Wildtödter. 3. Aufl. 36 562 ihre Wünſche, Bedürfniſſe, Ideen und Gefühle, wie das Alles mit ihr geboren iſt. Dieſe Natur kann ſich nie verändern in der Hauptſache, obgleich ſie einige Zunahme oder Abnahme erleiden mag. Gaben aber kommen von den Umſtänden und Verhältniſſen. So, wenn Ihr einen Mann in eine Stadt ſetzt, ſo bekommt er Stadt⸗Gaben; wenn in eine Anſiedlung, Anſiedlungsgaben; in einen Wald, Waldgaben. Ein Soldat hat Soldaten⸗Gaben und ein Miſſionär Predigers⸗Gaben. Dieſe alle wachſen und verſtärken ſich, bis ſte ſo zu ſagen die Natur befeſtigen, und tauſend Hand⸗ lungen und Ideen zur Entſchuldigung dienen. Doch iſt im Grunde die Creatur dieſelbe; gerade wie ein Mann, der in Uniform ge⸗ kleidet iſt, derſelbe iſt wie der in Häute Gekleidete. Die Kleider machen einen Unterſchied für's Auge, und vielleicht auch eine Ver⸗ änderung im Benehmen, aber keine im Menſchen ſelbſt. Darin liegt die Rechtfertigung der Gaben; angeſehen, daß Ihr ein ver⸗ ſchiedenes Benehmen erwartet von Einem in Seide und Atlaß, und von einem in grober Leinwand; obgleich der Herr, der nicht die Kleider gemacht hat, aber die Creaturen ſelbſt geſchaffen hat, nur auf ſein eignes Werk ſieht. Das iſt nicht eigentlich die Lehre der Miſſionäre, aber ſie kommt ihr doch ſo nahe, als dieß bei einem Manne von weißer Farbe nöthig iſt. Ach Himmel! wenig dachte ich daran, heute von ſolchen Sachen zu ſprechen, aber es iſt eine von unſern Schwachheiten, daß wir nie wiſſen, was ge⸗ ſchehen wird. Tretet mit mir eine Minute in die Arche, Judith, Ich wünſche mit Euch zu ſprechen.“ Judith gehorchte mit einer Bereitwilligkeit, die ſie kaum ver⸗ hehlen konnte. Sie folgte dem Jäger in die Cajüte, ſetzte ſich auf einen Stuhl, während der junge Mann Killdeer, die Büchſe, die ſte ihm geſchenkt, aus einer Ecke hervorholte, und ſich, die Waffe auf ſeinen Knieen, auf einen andern ſetzte. Nachdem er das Ge⸗ wehr um und um beſehen, und Schloß und Schwanzſchraube mit einer Art von zärtlicher Emſigkeit unterſucht hatte, legte er es 563 weg, und kam auf den Gegenſtand zu ſprechen, wegen deſſen er die Beſprechung begehrt hatte. „Ich verſtand Euch ſo, Indith, daß Ihr mir dieſe Büchſe habt geben wollen. Ich willigte ein, ſie zu nehmen, weil ein junges Weib mit Fenerwaffen nicht Viel anfangen kann. Die Waffe hat einen großen Namen, und ſie verdient ihn, und ſollte von Rechtswegen von einer bekannten und ſichern Hand geführt werden, denn der beſte Ruf kann verloren gehen durch nachläſſige und achtloſe Behandlung.“ „Kann ſie in beſſern Händen ſeyn, als worin ſie jetzt iſt, Wildtöd⸗ ter? Thomas Hutter fehlte ſelten damit; bei Euch wird ſie gewiß— „Gewiſſer Tod!“ unterbrach ſie der Jäger lachend.„Ich kannte einmal einen Bibermann, der ein Gewehr hatte, das er ebenſo nannte, aber es war lauter Prahlerei, denn ich habe De⸗ lawaren gekannt, die ebenſo ſicher waren mit Pfeilen auf eine kleine Schußweite. Indeſſen, ich will meine Gaben nicht läugnen— und dieß iſt eine Gabe, Judith, und nicht Natur— und will daher zugeben, daß die Büchſe nicht wohl in beſſern Händen ſeyn könnte, als worin ſie ſich jetzt befindet. Aber wie lang wird ſie wahrſcheinlich darin bleiben? Unter uns mag die Wahrheit geſagt werden, obgleich ich ſie vor Schlange und Hiſt nicht gerne kund werden ließe; aber Euch kann ich die Wahrheit ſagen, ſinte⸗ mal Euer Gefühl wohl nicht ſo dadurch gemartert werden wird, als das von denjenigen, welche mich länger und genauer kennen! Wie lang werde ich muthmaßlich dieſe Büchſe, oder irgend eine andere behalten? Das iſt eine ernſte Frage, bei der unſre Ge⸗ danken zu verweilen haben; und ſollte das eintreten, was ſogar wahrſcheinlich iſt, ſo wäre Killdeer ohne einen Eigenthümer.“ Judith hörte mit anſcheinender Faſſung zu, obwohl der innere Kampf ſie beinahe überwältigte. Da ſie jedoch den eigenthümlichen Charakter ihres Geſellſchafters zu würdigen wußte, gelang es ihr, ruhig zu erſcheinen, obwohl ein Mann von ſeiner ſcharfen Beobachtung, 564 wäre nicht ſeine Aufmerkſamkeit ausſchließlich von der Büchfe in Anſpruch genommen geweſen, faſt unfehlbar die tödtlich⸗peinliche Stimmung hätte entdecken müſſen, womit das Maͤdchen ſeinen Worten zuhörte. Aber ihre große Selbſtbeherrſchung machte es ihr doch noch möglich, den Gegenſtand in der Weiſe zu verfolgen, daß ſie ihn täuſchte. 7 „Was wolltet Ihr, daß ich mit der Waffe anfinge,“ fragte ſie,„ſollte der Fall eintreten, den Ihr zu erwarten ſcheint?“ „Das iſt es gerade, worüber ich mit Euch zu ſprechen wünſchte, Judith— das iſt es gerade. Da iſt jetzt Chingachgook, obgleich weit entfernt davon, vollkommen ſicher mit der Büchſe zu ſeyn— denn dahin bringen es wenige Rothhäute jemals— obgleich weit entfernt, vollkommen ſicher zu ſeyn, iſt er doch ein reſpektabler Schütze und bringt es weiter. Demungeachtet, er iſt mein Freund; und vielleicht mein um ſo beſſerer Freund, als nie Mißſtimmungen zwiſchen uns eintreten können, unſere Gaben betreffend, da die ſeinigen nun einmal roth, und die meinigen ganz weiß ſind. Nun würde ich gerne die Büchſe Killdeer der Schlange hinterlaſſen, ſollte Etwas eintreten, was mir verwehrte, Eurer koſtbaren Gabe, Judith, ihr Recht und ihre Ehre anzuthun.“ „Hinterlaßt ſte Wem Ihr wollt, Wildtödter; die Büchſe iſt Euer Eigenthum, thut damit nach Belieben; Chingachgook ſoll ſie haben, falls Ihr nicht zurückkehrtet, ſie anzuſprechen, wenn das Euer Wunſch iſt.“ „Iſt Hetty über dieſe Sache auch befragt worden? das Eigen⸗ thum geht von den Eltern auf die Kinder über, und nicht auf Ein Kind beſonders.“ „Wenn Ihr Euer Recht auf das Geſetz gründen wollt, Wild⸗ tödter, ſo fürchte ich, Keiner von uns kann für den Eigenthümer gelten. Thomas Hutter war ſo wenig der Vater Eſther's, als er der Vater Judith's war. Judith und Eſther ſind wir in Wahr⸗ heit, da wir keinen andern Namen haben.“ yfe in inliche ſeinen te es olgen, fragte iſchte, gleich n— weit tabler eund; ungen a die Nun aſſen, Gabe, e iſt Il ſie das igen⸗ Ein Wild⸗ ümer ls er ahr⸗ 565 „Das mag Geſetzesrecht ſeyn, aber es iſt nicht viel Vernunft darin, Mädchen. Nach dem Brauch der Familien ſind die Güter Euer, und Niemand iſt, der dem widerſprechen könnte. Wenn Hetty nur ſagen wollte, daß ſie einwillige, wäre mein Gemüth vollkommen beruhigt über die Sache. Es iſt wahr, Judith, daß Eure Schweſter weder Eure Schönheit noch Euren Witz beſitzt, aber wir ſollten am zärtlichſten verfahren mit den Rechten und der Wohlfahrt der Geiſtesſchwachen.“ Das Mädchen antwortete nicht, ſondern ſie ging an ein Fenſter und rief ihre Schweſter zu ſich. Als die Frage Hetty vorgelegt ward, trat ſie mit ihrem einfältigen und wohlwollenden Weſen freudig dem Vorſchlag bei, Wildtödtern das volle Eigenthumsrecht auf die vielbegehrte Büchſe zu übertragen. Dieſer ſchien nun, für den Augenblick wenigſtens, vollkommen glücklich; und nachdem er ſeine Beute hin und her beſichtigt, ſprach er ſeinen Entſchluß aus, ehe er den Ort verließ, ihre Verdienſte noch praktiſch zu erproben. Kein Knabe kann begieriger ſeyn, die Eigenſchaften ſeiner Trom⸗ pete oder ſeiner Armbruſt geltend zu machen, als der einfache Waldmann es war, die Tugenden ſeiner Büchſe zu probiren. Auf die Plattform zurückkehrend, nahm er zuerſt den Delawaren beiſeite, und ſetzte ihn in Kenntniß, daß das berühmte Gewehr ſein Eigen⸗ thum werden ſolle, falls ihm ſelbſt etwas Ernſtliches zuſtieße. „Das iſt ein Grund mehr, warum Ihr vorſcchtig ſeyn ſolltet, Schlange, und nicht unbeſonnen in eine Gefahr hineinrennen,“ fuhr der Jäger fort,„denn es wird an ſich ſchon ein Sieg für einen Stamm ſeyn, ein ſolches Gewehr wie dieſes zu beſitzen! Die Mingos werden grün werden vor Neid; und was Mehr iſt, ſie werden ſich nicht leichtſinnig in die Nähe eines Dorfes wagen, wo ſie daſſelbe bewahrt wiſſen. So ſeht denn wohl zu, Delaware, und bedenkt, daß Ihr jetzt über ein Ding zu wachen habt, das allen Werth einer Creatur hat, ohne ihre Fehler. Hiſt mag und ſoll Euch koſtbar ſeyn, aber Killdeer wird die Liebe und Verehrung Eures ganzen Volkes für ſich haben.“ „Eine Büchſe wie die andere, Wildtödter, verſetzte der In⸗ dianer auf Engliſch, denn dieſer Sprache bediente ſich auch der Andere, ein wenig gekränkt darüber, daß ſein Freund ſeine Ver⸗ lobte einem Gewehr gleich ſetzte.„Alle tödten, alle Holz und Eiſen. Weib theuer dem Herzen; Büchſe gut zum Schießen.“ „Und was iſt der Mann in den Wäldern, ohne Etwas, womit er ſchießen kann? ein erbärmlicher Fallenſteller, oder ein verlorener Beſen⸗ und Körbe⸗Macher auf's Höchſte. Ein ſolcher Mann mag Korn bauen, und Leib und Seele zuſammenhalten, aber nimmer⸗ mehr kann er die ſchmackhaſteſten Stücke vom Wildpret kennen, oder einen Bärenſchinken von dem eines Schweins unterſcheiden. Kommt, mein Freund, eine ſolche Gelegenheit bietet ſich vielleicht nie wieder dar, und ich empfinde ein ſtarkes Gelüſten nach einer Probe mit dieſem berühmten Gewehr. Ihr ſollt Eure eigne Büchſe holen, und ich will mit Killdeer nur ſo obenhin zielen, damit wir einige ſeiner geheimen Tugenden kennen lernen.“ Da dieſer Vorſchlag geeignet war, den trüben Gedanken der ganzen Geſellſchaft eine neue Richtung zu geben, waͤhrend er zu⸗ gleich ein nicht unwillkommnes Ergebniß verſprach, war Jedermann geneigt, darauf einzugehen; und die Mädchen brachten die Feuer⸗ waffen mit einer an Munterkeit grenzenden Rührigkeit herbei. Hutter's Waffenſchrank war wohl verſehen, denn er beſaß mehrere Büchſen, welche gewoͤhnlich alle geladen waren, immer in Bereitſchaft, wenn man ihrer plötzlich benöthigt wäre. Im jetzigen Falle durfte man nur das Pulver auf der Pfanne erneuern, ſo waren ſämmtliche Gewehre zum augenblicklichen Dienſt bereit. Dieß war bald ge⸗ ſchehen, da Alle dabei behülflich, und die Frauen in dieſem Punkt des Vertheidigungsſyſtems ſo erfahren waren, wie ihre männ⸗ lichen Genoſſen.. „Jetzt, Schlange, wollen wir ganz beſcheiden anfangen, und — — 810& E&ᷣ FS A ,ͤ.,——. 4 567 zuerſt des alten Tom gemeine Büchſen probiren, und mit Eurer Waffe und Killdeer, als letzten Rednern, den Beſchluß machen,“ ſagte Wildtödter, erfreut, wieder eine Waffe in der Hand zu haben, und bereit, ſeine Geſchicklichkeit zu zeigen.„Hier find Vögel im Ueberfluß, einige in, einige über dem See, und ſie halten ſich in einer guten Schußweite, wie ſie ſo um die Hütte herum ſchweben. Sprecht aus, was Ihr denkt, Delaware, und bezeichnet die Creatur, die Ihr zu erſchrecken geſonnen ſeyd. Da iſt ein Taucher ganz in der Nähe nach Oſten zu, und das iſt eine Creatur, die ſich beim Blitzen des Gewehrs ſogleich verſteckt, und Waffe und Pulver recht erproben kann.“ Chingachgook war ein Mann von wenig Worten. Sobald ihm der Vogel gezeigt worden war, zielte er und feuerte. Die Ente tauchte unter beim Blitzen des Schuſſes, und die Kugel tanzte, ohne Schaden zu thun, über die Fläche des See's hin, zuerſt das Waſſer berührend wenige Zolle von der Stelle, wo eben noch der Vogel geſchwommen. Wildtödter lachte herzlich und natürlich; aber zu gleicher Zeit ſtellte er ſich in die Poſitur des Schützen und ſtand da, ſcharf die ruhige Waſſerfläche beobachtend. Alsbald zeigte ſich ein dunkler Fleck, und dann tauchte die Ente auf, um Athem zu ſchöpfen, und ſchüttelte ihre Flügel. Während ſie noch dieß that, ging ihr eine Kugel gerade durch die Bruſt, und warf ſie wirklich leblos auf den Rücken. Im nächſten Augenblick ſtand Wildtödter, den Kolben ſeiner Büchſe auf die Plattform geſtützt, ſo ruhig da, als wäre nichts geſchehen, obwohl er in ſeiner eigen⸗ thümlichen Art lachte. „Das iſt keine rechte Probe von der Güte der Gewehre!“ ſagte er, wie beſtrebt, einer falſchen Schätzung ſeines Verdienſtes zuvorzukommen.„Nein, das beweist weder für noch gegen die Büchſen, angeſehen daß Alles Schnelligkeit der Hand und des Auges war. Ich überraſchte den Vogel in einem für ihn ungünſtigen Augenblick, ſonſt wäre er wohl auch wieder untergetaucht, ehe 568* die Kugel ihn erreichte. Aber die Schlange iſt zu klug, um auf ſolche Schliche zu achten, da er lange ſchon daran gewohnt iſt. Erinnert Ihr Euch der Zeit, Häuptling, wo ihr Euch der wilden Gans ſicher glaubtet, und ich nahm ſie Euch aus den Augen gleichſam mit ein wenig Rauch! Irndeſſen ſolche Dinge gelten für Nichts unter Freunden, und junge Leute wollen ihren Spaß haben, Judith. Ja, da iſt gerade der Vogel, den wir brauchen, denn er iſt ſo gut für's Feuer, wie zum Ziel, und Nichts ſollte unbenützt bleiben, was irgend vortheilhaft verwendet werden kann. Dort, weiter nördlich, Delaware!“ Der letztere ſchaute hinaus in der angedeuteten Richtung und bald ſah er eine große ſchwarze Ente, in ſtattlicher Ruhe auf dem Waſſer dahin ſchwimmend. In jenen frühen Tagen, wo ſo wenig Menſchen da waren, die Harmonie der Wildniß zu ſtören, waren alle die kleinern Seeen, an welchen das Innere von Neu⸗York ſo reich iſt, Sammelplätze für die Waſſerzugvögel; und dieſer See, wie die übrigen, war einſt ſehr bevölkert von allen Gattungen der Ente, von der Gans, der Möve, der Lomme. Nach Hutter's Ankunft ward der See vergleichungsweiſe mit andern, entfernteren und ab⸗ gelegneren Seeen, wohin die Voͤgel ſich zogen, leer, doch verweilten noch immer einige von jeder Gattung daſelbſt, wie in der That noch bis auf die heutige Stunde. In dieſem Augenblick waren wohl hundert Vögel vom Caſtell aus ſichtbar, die auf dem Waſſer ſchliefen, oder ihre Federn in dem klaren Element wuſchen, obgleich kein andrer eine ſo günſtige Zielſcheibe darbot, wie der, auf welchen Wildtödter ſeinem Freunde deutete. Chingachgook ſparte wie gewöhnlich ſeine Worte und ſchritt gleich zum Werke. Dießmal zielte er ſorgfältiger als zuvor, und dem entſprach auch der Erfolg. Dem Vogel wurde ein Flügel gelähmt, und er flatterte kreiſchend über das Waſſer dahin und entfernte ſich ſo weſentlich von ſeinen Feinden.. „Dem Vogel muß man ſein Leiden abkürzen,“ rief Wildtödter 569 im Augenblick, wo das Thier verſuchte, aufzuflattern;„und dieß iſt die Büchſe und die Hand, es zu thun.“ Die Ente flatterte noch dahin, als die tödtliche Kugel ſie ereilte, und den Kopf vom Halſe trennte, ſo ſauber, als wäre es mit dem Beil geſchehen. Hiſt hatte ſich bei dem Erfolge des jungen Indianers einen leiſen Freudenſchrei erlaubt; jetzt aber gab ſte ſich die Miene, die größere Geſchicklichkeit ſeines Freundes mit Verdruß zu empfinden. Der Häuptling dagegen ſtieß den gewöhnlichen Ausruf des Vergnügens aus, und ſein Lächeln zeigte, wie voll er von Bewunderung und wie entfernt vom Neid war. „Laßt nur das Mädchen, Schlange; laßt nur Hiſt's Gefühle, die weder erſticken, noch ertränken, weder tödten noch verſchönern,“ ſagte Wildtödter lachend.„Es iſt den Weibern natürlich, an ihrer Männer Siegen und Niederlagen Theil zu nehmen, und Ihr ſeyd ſo gut wie Mann und Frau, was Vorurtheil und Freundſchaft anbelangt. Da iſt ein Vogel über uns, der wird die Gewehre auf die Probe ſtellen; ich fordre Euch heraus auf ein Ziel in der Höhe, mit fliegender Scheibe, das iſt eine wahre Probe, und eine, die ſichre Büchſen wie ſichre Augen verlangt.“ Es war auf dem See auch die Art von Adlern, die das Waſſer aufſuchen und von Fiſchen leben, und einer ſchwebte in beträchtlicher Höhe über der Hütte, begierig eine Gelegenheit zum Herabſtoßen erwartend; und ſeine hungrigen Jungen ſtreckten ihre Köpfe aus einem Neſt, das man auf dem nackten Wipfel einer abgeſtorbenen Fichte ſah. Chingachgook legte ſchweigend ein neues Gewehr auf den Vogel an, und nachdem er ſich genau ſeine Zeit erſehen, feuerte er. Ein weiterer Kreis, als gewöhnlich, den der Vogel beſchrieb, zeigte an, daß der bleierne Bote in einer nicht großen Entfernung von jenem die Luft durchſchnitten, aber ſein Ziel verfehlt hatte. Wildtödter, deſſen Viſiren ebenſo raſch als ſicher war, feuerte, ſobald gewiß war, daß ſein Freund gefehlt hatte, und das ſtarke Herabſtoßen des Adlers, welches man ſogleich darauf bemerkte, ließ es für den Augenblick zweifelhaft, ob er getroffen war oder nicht. Der Schütze ſelbſt jedoch erklärte, daß er nicht glücklich geweſen, und forderte ſeinen Freund auf, eine neue Büchſe zu ergreifen, denn er bemerkte bei dem Vogel Anzei⸗ chen ſeiner Abſicht, den Ort zu verlaſſen. „Ich habe ihn blinzeln und ſtutzig gemacht; ich glaube, ſeine Federn wurden gezaust, aber noch iſt ſein Blut nicht gefloſſen und dieß alte Gewehr taugt auch nicht zu einem ſo genauen und raſchen Viſiren. Schnell, Delaware; Ihr habt jetzt eine beſſere Büchſe, und, Judith, bringt Killdeer heraus, denn dieß iſt eine Gelegenheit, ſeine Verdienſte zu erproben, wenn er welche hat!“ Eine allgemeine Bewegung trat nun ein, die beiden Neben⸗ buhler machten ſich fertig, und die Mädchen ſtanden in lebhafter Erwartung des Ergebniſſes. Der Adler hatte nach ſeinem tiefern Herabſtoßen einen weiten Bogen beſchrieben, und jetzt wieder empor flügelnd, ſchwebte er von neuem ſo ziemlich über dem Gebäude, ſogar in noch größerer Entfernung als zuvor. Chingachgook ſtarrte hinauf, und ſprach dann ſeine Anſicht aus, daß er es für unmöglich halte, einen Vogel in ſolcher Höhe, und während er beinahe ſcheitelrecht über dem Zielenden ſchwebe, zu treffen. Aber ein leiſes Murmeln Hiſt's bewirkte einen plötzlichen Entſchluß und er feuerte. Das Ergebniß zeigte, wie richtig er gerechnet, denn der Adler änderte ſeinen Flug gar nicht, beſchrieb ruhig dahin ſegelnd runde Kreiſe in ſeiner luftigen Bahn, und ſchaute wie verachtend auf ſeine Feinde herunter. „Jetzt, Judith,“ rief Wildtödter lachend, mit glänzenden und freudigen Augen, wollen wir ſehen, ob die Büchſe Wildtödter nicht auch Adlertödter iſt! Gebt mir Platz, Schlange, und beobachtet die vernünftige Art des Zielens, denn durch Vernunft kann man Alles lernen.“ Ein ſorgfältiges Viſiren folgte jetzt und ward mehreremale 571 wiederholt, während der Vogel immer höher und höher ſtieg. Dann kam der Blitz und der Knall. Der raſche Bote flog hinauf, und im nächſten Augenblick drehte ſich der Vogel auf die Seite, und ſtieß herunter, bald mit dem einen, bald mit dem andern Flügel ſchlagend und kämpfend, manchmal in einem Kreis ſich umtreibend, dann verzweifelt flatternd, wie bewußt ſeiner Verletzung, bis er, nachdem er noch ein paar völlige Kreiſe um den Platz beſchrieben, ſchwer auf das Ende der Arche herabſtürzte. Als man den Körper unterſuchte, fand man, daß die Kugel halb durch ihn durchgegangen war zwiſchen einem Flügel und dem Bruſtbein. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. An zwei Steintafeln, vor ihr hingebreitet, Lehnt ihre Bruſt ſie, härter ſelbſt als Stein; Da ſchlief der Richter, der den Lohn bereitet Dem Unrecht und dem Recht mit Troſt und Pein; Da hing all unſrer Schulden Buch und Schein, Drauf Gut, Bös, Leben, Tod war angeſchrieben; So rein iſt nie ein ſterblich Herz geblieben, Dem Leſung dieſes Buchs nicht Angſtſchweiß ausgetrieben. 3 Giles Fletcher. „Wir haben etwas Unbeſonnenes gethan, Schlange— ja, Judith, wir haben etwas Unbeſonnenes gethan, daß wir ohne einen andern Zweck, als Eitelkeit, tödteten,“ rief Wildtoͤdter, als der Delaware den gewaltigen Vogel an den Flügeln emporhielt, während dieſer die ſterbenden Augen auf ſeine Feinde geheftet hielt mit jenem Blick, welchen die Hülfloſen immer auf ihre Verderber werfen. „Es ziemte mehr zwei Knaben, ihr Gelüſte in dieſer unbeſonnenen Weiſe zu büßen, als zwei Männern auf dem Kriegspfad, wenn es auch ihr erſter iſt. Ach Gott! nun, zur Strafe will ich Euch ſogleich verlaſſen, und wenn ich mich allein bei den blutgierigen 572 Mingos ſehe, iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß ich Gelegenheit finden werde, zu bedenken, daß das Leben ſüß iſt, ſelbſt den Thieren des Waldes und den Vögeln der Luft. Da, Judith, da iſt Killdeer; nehmt ihn wieder zurück, und bewahrt ihn auf für eine Hand, die würdiger iſt, ein ſolches Gewehr zu beſitzen.“ „Ich weiß keine, die ſo würdig iſt, als die Eurige, Wildtödter,“ verſetzte haſtig das Mädchen;„keine als die Eurige ſoll die Büchſe haben.“ „Wenn es auf die Geſchicklichkeit ankäme, möchtet Ihr ſchon Recht haben, Mädchen, aber wir ſollten wiſſen, wann Feuerwaffen gebrauchen und nicht blos wie. Ich habe das Erſte noch nicht gelernt, wie es ſcheint, ſo behaltet die Büchſe, bis ich es habe. Der Anblick eines ſterbenden und gequälten Geſchöpfes, wenn es auch nur ein Vogel iſt, bringt einen Mann auf heilſame Gedanken, der nicht weiß, wie bald ſein eignes Stündlein kommen mag, und der ziemlich ſicher voraus ſieht, daß es vor Sonnenuntergang kommen wird; ich wollte alle meine eiteln Empfindungen, und meinen Stolz auf Hand und Auge hingeben, wenn nur dieſer arme Adler wieder auf ſeinem Horſt bei ſeinen Jungen wäre, den Herrn preiſend, wie wir Allem nach annehmen müſſen, für ſeine Geſundheit und Stärke!“ Die Zuhörenden waren betroffen über dieſen Ausbruch plötz⸗ licher Neue bei dem Jäger, und dazu noch über eine ſo gewöhnliche, wenn ſchon unbeſonnene und gewiſſermaßen muthwillige That, daß die Menſchen ſich ſelten dabei aufhalten, ihre Folgen zu erwägen, oder die phyſiſchen Leiden, welche ſie dem huͤlfloſen, verfolgten Ge⸗ ſchöpf zuzieht. Der Delaware verſtand, was Jener ſagte, obwohl ſchwerlich die Gefühle, aus welchen jene Worte hervorgingen, und um die Bedenklichkeit zu beſeitigen, zog er ſein ſcharfes Meſſer und trennte den Kopf des armen Vogels vom Rumpfe. „Was iſt es doch um die Macht!“ fuhr der Jäger fort,„und was iſt es darum, ſte zu haben, und nicht zu wiſſen, wie ſie benützen! 573 Es iſt kein Wunder, Judith, daß die Mächtigen ſo oft ihren Pflichten untreu werden, wenn es ſelbſt den Geringen und Niedrigen ſo hart ankommt, zu thun was Recht iſt, und zu unterlaſſen, was Unrecht iſt. Und dann, wie Eine üble Handlung andre nach ſich zieht! Wäre jetzt nicht dieſer mein Urlaub, der mich bald zu den Mingos zurückführt, ſo würde ich dieſer Creatur Neſt finden, wenn ich vier⸗ zehn Tage die Wälder durchſtreifte— obgleich ein Adlerneſt bald gefunden iſt von Solchen, welche des Vogels Natur verſtehen— aber ich würde eher vierzehn Tage herumſtreifen, als ablaſſen es zu ſuchen, nur um auch den Jungen ihr Leiden abzukürzen.“ „Es freut mich, das von Euch zu höoͤren, Wildtödter,“ be⸗ merkte Hetty,„und Gott wird eher Eure Betrübniß über Eure That anſehen, als die Sünde ſelbſt. Ich dachte, wie ſündhaft es ſey, harmloſe Vögel zu tödten, gerade während Ihr ſchoſſet, und wollte es Euch ſagen; aber ich weiß nicht, wie es kam— ich war ſo begierig, zu ſehen, ob Ihr einen Adler in ſolcher Höhe treffen könntet, daß ich ganz vergaß zu ſprechen, bis das Unheil geſchehen war.“ „Das iſt es; das iſt es gerade, meine gute Hetty. Wir können Alle unſre Fehler und Verirrungen ſehen, wenn es zu ſpät iſt, ſie ungeſchehen zu machen! Indeß, ich bin froh, daß Ihr Nichts geſagt, denn ich glaube, in jenem Augenblick gerade hätten auch ein paar Worte mich nicht abgehalten; und ſo blieb die Sünde doch nur in ihrer einfachen Nacktheit, und nicht noch erſchwert durch Nichtachtung von abmahnenden Warnungen. Nun, nun, bittere Gedanken ſind immer eine ſchwere Laſt, aber zu ge⸗ wiſſen Zeiten eine noch ſchwerere als ſonſt.“ Wenig ahnte Wildtödter, während er ſo Gefühlen ſich hingab, die dem Manne ſo natürlich und ſo ſtreng im Einklang mit ſeinen unverfälſchten und richtigen Grundſätzen waren, daß nach dem Plane der unerforſchlichen Vorſehung, welche ſo gleichmäßig und doch ſo geheimnißvoll alle Begebenheiten mit ihrem Mantel bedeckt, 574 eben der Fehler, wegen deſſen er ſich ſo ſtreng zu tadeln geneigt war, das Mittel werden ſollte, ſein Schickſal auf Erden zu be⸗ ſtimmen. Die Art, wie, und den Augenblick, wo er die Wirkung dieſes Vorfalls zu fühlen bekam, anzugeben, wäre hier zu frühe; man wird dieß im Laufe der folgenden Kapitel erfahren. Der junge Mann aber verließ jetzt langſam die Arche, wie Einer, der ſich über ſeine Miſſethaten bekümmert, und ſetzte ſich ſchweigend auf der Plattform nieder. Mittlerweile war die Sonne ſchon ziemlich hoch geſtiegen, und ihre Erſcheinung, zuſammen genommen mit ſeinen dermaligen Empfindungen, beſtimmte ihn, ſich zum Weg⸗ gehen anzuſchicken. Der Delaware ſetzte das Canoe für ſeinen Freund in Bereitſchaft, ſobald er ſeine Abſicht erfuhr, und Hiſt war geſchäftig, die wenigen Vorkehrungen zu treffen, die man für ſeine Behaglichkeit nothwendig erachtete. Alles dieß geſchah ohne Schauſtellung von Gefühlen, aber in einer ſolchen Weiſe, daß Wildtödter die Beweggründe völlig erkannte und ebenſo geneigt war, fie zu würdigen. Nachdem Alles fertig war, kehrten Beide zu Judith und Hetty zurück, deren Keine ſich von der Stelle gerührt hatte, wo der junge Jäger ſaß. „Die beſten Freunde müſſen ſich oft trennen,“ begann der Letztere, als er die ganze Geſellſchaft um ihn her gruppirt ſah. „Ja, Freundſchaft kann Nichts ändern an den Wegen der Vor⸗ ſehung; und mögen unſre Gefühle ſeyn welche ſie wollen, wir müſſen ſcheiden. Ich habe oft gedacht, es gebe Augenblicke, wo unſre Worte länger im Gemüthe haften als gewöhnlich, und wo man eines Rathes eingedenk bleibt, gerade weil der Mund, der ihn gibt, ſchwerlich ihn wieder geben wird. Niemand weiß, was in der Welt ſich zutragen mag; und daher mag es gerathen ſeyn, wenn Freunde ſich trennen in der wahrſcheinlichen Ausſicht, daß die Trennung lange währen kann— daß ſie ſich ein paar freundliche Worte ſagen als eine Art von Angedenken. Wenn Alle bis auf Eines in die Arche treten wollen, will ich mit Jedem der Reihe — N eͤͤͤe g 575 nach ſprechen, und was Mehr iſt, auch anhoͤren, was Ihr zur Erwiederung etwa zu ſagen habt; denn das iſt ein elender Rath⸗ geber, der nicht ebenſo auch nähme, wie gäbe.“ Da man die Abſicht des Redenden verſtand, entfernten ſich ſogleich nach ſeinem Wunſche die beiden Indianer, die beiden Schweſtern aber blieben noch bei dem jungen Manne ſtehen. Ein Blick Wildtödter's veranlaßte Indith, ſich zu äußern. „Ihr könnt Hetty Euern Rath ertheilen während Ihr landet,“ ſagte ſie haſtig;„ich habe den Plan, daß ſie Euch an die Küſte begleite.“ „Iſt das klug, Judith? Es iſt wahr, daß unter gewöhnlichen Umſtänden ein ſchwacher Geiſt ein großer Schirm und Schutz iſt unter den Rothhäuten; aber wenn ihre Gefühle aufgeregt und ſie auf Rache erpicht ſind, iſt ſchwer zu ſagen, was geſchehen mag. Zudem—“ „Was wollt Ihr ſagen, Wildtödter?“ fragte Judith, deren Weichheit in Benehmen und Stimme beinahe bis zur Rührung und Zärtlichkeit ſtieg, obgleich ſie kräftig kämpfte, ihre Gemüths⸗ bewegungen und Beſorgniſſe niederzuhalten. „Nun, weiter Nichts, als daß es Anblicke und Thaten gibt, von welchen ſelbſt eine ſo wenig mit Vernunft und Gedächtniß Begabte wie Hetty hier, beſſer nicht Zeugin iſt. So würdet Ihr wohl thun, Iudith, mich allein landen zu laſſen und Eure Schweſter zurück zu behalten.“ „Seyd ohne Sorge um mich, Wildtödter,“ fiel Hetty ein, welche genug von der Beſprechung verſtand, um ihre Abzweckung im Allgemeinen zu begreifen;„ich bin ſchwachſinnig, und das, ſagen ſie, iſt ein Vorwand, überall hin zu gehen; und was dadurch nicht entſchuldigt, das würde überſehen werden in Betracht der Bibel, die ich immer mit mir führe. Es iſt wunderbar, Iudith, wie alle Arten von Menſchen, die Fallenſteller wie die Jäger, Rothe wie Weiße, Mingos wie Delawaren, die Bibel fürchten und ihr Chr⸗ furcht beweiſen.“ 576 „Ich denke, Du haſt nicht den mindeſten Grund, eine Miß⸗ handlung zu befürchten, Hetty, verſetzte die Schweſter,„und daher werde ich darauf beſtehen, daß Du mit unſerm Freund in's Lager der Huronen gehſt. Daß Du dorthin gehſt, kann Dir ſelbſt keinen Schaden bringen, und könnte für Wildtödter ſehr nützlich ſeyn.“ „Dieß iſt kein Augenblick zum Streiten, Judith, und ſo ſollt Ihr in der Sache Euern Willen haben,“ verſetzte der junge Mann. „Macht Euch fertig, Hetty, und geht in das Canoe, denn ich habe Eurer Schweſter ein paar Abſchiedsworte zu ſagen, die Euch Nichts helfen können.“ Judith und ihr Genoſſe blieben ſchweigend, bis Hetty gehorcht und ſie allein gelaſſen hatte, worauf Wildtödter den Gegenſtand aufnahm, als ob er durch ein gewöhnliches Begegniß wäre unter⸗ brochen worden, und in ſehr bündiger Weiſe. „Worte, die man beim Abſchied ſpricht, und die vielleicht die letzten ſind, die man von einem Freunde hört, vergißt man nicht ſobald,“ wiederholte er,„und ſo, Judith, gedenke ich zu Euch zu ſprechen wie ein Bruder, angeſehen, daß ich nicht alt genug bin, Euer Vater zu ſeyn. Erſtlich wünſche ich Euch zu warnen vor Euern Feinden, von welchen zwei, kann man ſagen, ſich an Eure Ferſen heften und Euern Weg beſetzt halten. Der erſte iſt: unge⸗ woͤhnlich gutes Ausſehen, was ein ſo gefährlicher Feind für manches junge Weib iſt, als ein ganzer Schwarm Mingos, und große Wachſamkeit erheiſcht, nicht in Bezug auf Bewunderung und Preis, ſondern auf Mißtrauen und Täuſchung. Ja, gutes Ausſehen kann durch Täuſchung berückt und auch überliſtet werden. Um dieß zu begreifen, dürft Ihr Euch nur erinnern, daß es ſchmilzt, wie der Schnee, und einmal dahin, kehrt es nie wieder. Die Jahreszeiten kommen und gehen, Judith, und wenn wir Winter haben, mit Sturm und Kälte, und Frühling, mit Fröſten und entlaubten Bäumen, haben wir auch Sommer, mit ſeiner Sonne und präch⸗ tigem blauem Himmel, und Herbſt mit ſeinen Früchten, und einem ne 577 Gewand, über den Wald ausgebreitet, wie es keine Schoͤnheit der Stadt in allen Läden Amerika's zuſammenſuchen könnte. Die Erde iſt in einem ewigen Kreislauf begriffen, und die Güte Gottes führt wieder das Angenehme zurück, wenn wir des Unangenehmen Genug gehabt haben. Aber nicht ebenſo iſt es mit dem guten Ausſehen. Das iſt nur für eine kurze Zeit in der Jugend ver⸗ liehen, um benützt und nicht mißbraucht zu werden; und da ich nie ein Mädchen ſah, gegen das die Vorſehung ſo gütig geweſen wäre, wie gegen Euch, Judith, in dieſem Punkte, warne ich Euch, gleichſam mit dem letzten Hauche meines Mundes, daß Ihr Euch hütet vor dem Feinde; Freund oder Feind, je nachdem wir mit der Gabe umgehen.“ Es war Judith ſo angenehm, dieſe unzweideutige Anerkennung ihrer perſönlichen Reize zu vernehmen, daß ſie dem Manne, aus deſſen Munde ſie kam, er hätte ſeyn mögen wer er wollte, Viel verziehen hätte. Aber in dieſem Augenblick, und in Kraft eines weit edleren Gefühls von ihrer Seite, wäre es für Wildtödter ſehr ſchwer geweſen, ſie ernſtlich zu beleidigen; und ſie lieh ihm mit einer Geduld ihr Ohr, von welcher zu hoͤren ſie, wenn man ihr nur acht Tage zuvor dieß hätte vorherſagen wollen, mit Ent⸗ rüſtung ſich würde geſträubt haben. „Ich verſtehe Eure Meinung, Wildtoͤdter,“ verſetzte das Mädchen mit einer Milde und Demuth, welche den Andern ein Wenig überraſchte,„und hoffe mir, was Ihr ſagt, zu Nutze machen zu können. Aber Ihr habt nur Einen der Feinde ge⸗ nannt, die ich zu fürchten habe; Wer, oder Was, iſt der andere.“ „Der andere entweicht vor Eurem guten Verſtand und Urtheil, wie ich finde, Judith; ja, er iſt nicht ſo gefährlich, wie ich dachte. Indeß, da ich einmal den Gegenſtand berührt habe, iſt es wohl das Beſte, redlich Alles zu Ende zu ſagen. Der erſte Feind, gegen den Ihr wachſam ſeyn müßt, wie ich Euch ſchon geſagt, Judith, iſt ein ungewöhnlich gutes Ausſehen, und der zweite iſt: ein Der Wildtödter. 3. Aufl. 37 578 ungewöhnliches Bewußtſeyn dieſes Umſtands. Wenn das erſte ſchlimm iſt, ſo beſſert das zweite die Sache in keiner Weiſe, was Wohl⸗ fahrt und Seelenfrieden betrifft.“ Wie lange der junge Mann in ſeiner einfachen und argloſen, aber wohlgemeinten Weiſe noch fortgefahren haben würde, iſt ſchwer zu ſagen, wäre er nicht dadurch unterbrochen worden, daß ſeine Zuhörerin in Thränen ausbrach, und ſich einer Gefühlsauf⸗ wallung hingab, die nur um ſo gewaltſamer war, mit je größerer Anſtrengung ſie ſie bisher unterdrückt hatte. Zuerſt war ihr Schluchzen ſo heftig und unbändig, daß Wildtödter nicht wenig erſchrack, und voll Reue ward von dem Augenblick an, wo er be⸗ merkte, wie viel größer die Wirkung ſeiner Worte war, als er erwartet hatte. Selbſt ſtrenge und in ihren Anmuthungen weit⸗ gehende Menſchen werden gewöhnlich begütigt und befriedigt durch die Zeichen der Zerknirſchung, aber Wildtödter's Gemüth bedurfte gar keiner ſo ſtarken Beweiſe von Rührung, um zum lebhaften Mitgefühl der Betrübniß des Mädchens geſtimmt zu werden. Er ſtand auf, als hätte ihn eine Natter geſtochen, und die Töne der Mutter, die ihr Kind tröſtet, ſind kaum ſanfter und begütigender als ſeine Stimme und ſeine Worte waren, wie er jetzt ſeine Reue darüber ausſprach, ſo weit gegangen zu ſeyn. „Es war gut gemeint, Judith,“ ſagte er,„aber es war nicht die Abſicht, Euch ſo ſehr wehe zu thun. Ich habe es mit meinem Rath übertrieben, wie ich ſehe; ja, ich habe es über⸗ trieben, und ich bitte Euch deßhalb dringend um Verzeihung. Freundſchaft iſt ein entſetzliches Ding! Manchmal ſchilt ſie uns, daß wir nicht Genug gethan haben; und dann wieder macht ſie uns Vorwürfe, daß wir zu Viel gethan. Wie dem ſey, ich ge⸗ ſtehe, daß ich zu weit gegangen bin, und da ich eine wirkliche und lebhafte Achtung für Euch habe, erkläre ich dieß mit Freuden, inſofern es beweist, wie viel beſſer Ihr ſeyd, als Eu ch meine Eitelkeit und Einbildung dafür hielt.“ —— ,-—--—.— ₰— limm Vohl⸗ oſen, „ iſt daß zauf⸗ ßerer ihr denig be⸗ s er veit⸗ urch urfte ften Er der nder keue war mit ber⸗ ng. ns, ſie ge⸗ und en, ine 579 Jetzt zog Iudith die Hände von ihrem Angeſicht zurück, ihre Thränen hatten aufgehört, und ſie ließ eine ſo gewinnende Miene blicken mit dem Lächeln, das ſie wahrhaft ſtrahlend machte, daß der junge Mann ſie einen Augenblick mit ſprachloſem Ent⸗ zücken anſtarrte. „Sagt Nichts weiter, Wildtödter,“ entgegnete ſie haſtig,„es peinigt mich, wenn ich höre, wie Ihr Euch ſelbſt tadelt. Ich er⸗ kenne meine Schwäche nur um ſo beſſer, nunmehr ich ſehe, daß Ihr ſie entdeckt habt; die Lehre, ſo bitter ich ſie einen Augenblick empfunden habe, ſoll nicht vergeſſen werden. Wir wollen nicht länger von dieſen Dingen ſprechen, denn ich fühle mich nicht ſtark genug dazu, und ich moͤchte nicht, daß der Delaware, oder Hiſt, oder auch Hetty meine Schwäche bemerkten. Fahrt wohl, Wild⸗ tödter! möge Gott Euch ſegnen und ſchützen, wie Euer red⸗ liches Herz Segen und Schutz verdient, und wie ich es zuver⸗ ſichtlich hoffe!“ Judith hatte ſo weit wieder die Ueberlegenheit gewonnen, die eigentlich ihrer beſſern Bildung, ihrem hochfliegenden Geiſte und ihren ausnehmenden perſönlichen Vorzügen zukam, daß ſie die ſo zufällig erlangte Gewalt über den andern behauptete, und wirklich jedes Zurückkommen auf einen Geſprächsgegenſtand verhinderte, der eben ſo ſeltſam war unterbrochen, als ſeltſam eingeleitet wor⸗ den. Der junge Mann ließ ihr ganz ihren Willen, und als ſie ſeine harte Hand mit ihren beiden Händen drückte, widerſetzte er ſich nicht, ſondern ergab ſich in dieſe Huldigung ſo ruhig und mit einer Alles ſo in der Ordnung findenden Art, wie ein Fürſt einen ähnlichen Tribut von einem Unterthan, oder die Geliebte von ihrem Anbeter würde hingenommen haben. Die Gefühlsaufwallung hatte das Angeſicht des Mädchens geröthet und ihr ganzes Weſen er⸗ leuchtet, und ihre Schönheit war nie ſtrahlender, als da ſie dem Jüngling einen Abſchiedsblick zuwarf. Dieſer Blick war voll ängſt⸗ licher Beſorgniß, Intereſſes, und zarten Mitleids. Im nächſten 4 580 Augenblick flog ſie in die Cajüte und ward nicht mehr geſehen; doch ſprach ſie von einem Fenſter aus zu Hiſt, um ihr zu ſagen, daß ihr Freund ſie jetzt erwarte. „Ihr kennt Rothhaut⸗Natur und Rothhaut⸗Bräuche hinläng⸗ lich, Wah⸗ta!⸗Wah, um die Lage zu verſtehen, in der ich bin in Betreff dieſes Urlaubs,“ begann der Jäger in der Delawaren⸗ ſprache, ſobald das geduldige und unterwürfige Mädchen aus dieſem Volke ſtill zu ihm herangetreten war;„Ihr werdet daher am beſten begreifen, wie unwahrſcheinlich es iſt, daß ich je wieder mit Euch rede. Ich habe nur Wenig zu ſagen; aber dieß Wenige gibt mir ein langer Aufenthalt unter Eurem Volke, und genaue Beobachtung und Erkundigung ſeiner Gebräuche ein. Das Leben eines Weibes iſt hart und mühſelig im beſten Falle, aber ich muß geſtehen, obgleich ich nicht zu Gunſten meiner Farbe ei bin, daß es härter iſt unter den rothen Männern, als unter den Bleichgeſichtern. Das iſt ein Punkt, deſſen die Chriſten ſich wohl rühmen dürfen, wenn Rühmen und Prahlen in irgend einer Form und Weiſe fürs Chriſtenthum ſich geziemt, was ich jedoch be⸗ zweifle. Wie dem ſey, alle Weiber haben i Weiber haben die ihrigen in der natürlichen Weiſe, wie nennen möchte, während ſie die wei kulirt bekommen. Tragt Eure Laſt bedenkt, wenn ſte auch etwas beſchwerlich ſeyn ſollte, wie viel leichter ſie doch iſt als die der meiſten Indianerinnen. Schlange wohl— was ich nennen darf: von nie ein Tyrann ſeyn gegen Jemand, den er liebt, obwohl er er⸗ den. Es werden wolkige Tage über Eure Hütte kommen ich mir, denn die treten ein bei alle Völkern; aber wenn man die Fenſter des Herzens offen hält, i hineinzudringen. eines großen Stammes, und ſo eſehen; ſagen, nläng⸗ bin in baren⸗ aus daher vieder enige naue keben muß men den vohl vrm be⸗ öthe es no⸗ ind iel ne 581 Chingachgook auch. Es iſt nicht ſehr wahrſcheinlich, daß je Eines dieſen Umſtand vergeſſen und Etwas, Eure Voreltern Entehrendes thun ſollte. Aber dennoch, die Neigung iſt eine zarte Pflanze, und gedeiht nie lange, wenn ſie mit Thränen begoſſen wird. Laßt die Erde um Euer eheliches Glück herum von dem Thau der Freundlichkeit befeuchtet werden 14 „Mein bleicher Bruder iſt ſehr weiſe; Wah wird in ihrem Herzen Alles bewahren, was ſeine Weisheit ihr ſagt.“ „Das iſt einſichtig und weiblich geſprochen, Hiſt, Aufmerk⸗ ſamkeit beim Anhören eines guten Raths, und Kraft und Beharr⸗ lichkeit in der Befolgung, das iſt der große Schutz eines Weibes. Und jetzt bittet Schlange, herzukommen und einen Augenblick mit mir zu ſprechen, und nehmt mit Euch alle meine beſten Wünſche und Gebete. Ich werde an Euch denken, Hiſt, und an Euern künftigen Gatten, geſchehe was da wolle, und Euch Gutes goͤnnen hier und Jenſeits, ſey nun das letztere nach den Ideen der In⸗ dianer, oder nach der chriſtlichen Lehre geſtaltet.“ Hiſt vergoß keine Thränen beim Abſchied. Sie ward aufrecht erhalten durch die hochſinnige Entſchloſſenheit eines über ſeine Handlungsweiſe entſchiedenen Gemüthes; aber ihre dunkeln Augen leuchteten von den Gefühlen, die in ihrem Innern glühten, und ihr hübſches Geſicht ſtrahlte in einem Ausdruck von Entſchloſſen⸗ heit, der in auffallendem und eigenthümlichem Contraſt zu ſeiner gewöhnlichen Sanftheit ſtand. Es ſtand nur eine Minute an, bis der Delaware mit dem leichten, geräuſchloſen Tritt eines Indianers zu ſeinem Freund herantrat. „Kommt hieher, Schlange, hieher, mehr den Weibern aus dem Geſicht,“ begann Wildtübter,„denn ich habe Euch Einiges zu ſagen, was nicht einmal geargwohnt, viel weniger gehört werden darf. Ihr verſteht die Natur der Urlaube und der Mingos zu gut, um darüber im Zweifel und in der Ungewißheit zu ſeyn, was geſchehen wird, wenn ich in das Lager zurückkehre. Ueber die zwei 582 Punkte daher werden wenige Worte weit ausreichen. Erſtlich, Häuptling, wünſche ich Euch Etwas zu ſagen über Hiſt, und über die Weiſe, wie Ihr rothen Männer Eure Weiber behandelt. Ich denke, es iſt den Gaben Eures Volkes gemäß, daß die Weiber arbeiten und die Männer jagen; aber es gibt in allen Dingen ein Maß und Ziel. Was das Jagen betrifft, ſo ſehe ich keinen Grund, warum dem ſollten Grenzen geſteckt werden, aber Hiſt kommt von einem zu guten Stamme, als daß ſie ſich wie ein gemeines Weib„placken ſollte. Einem von Euern Mitteln und Euerm Stand kann es nie an Korn, oder Kartoffeln, oder irgend Etwas fehlen, was das Feld trägt; daher hoffe ich, wird nie Euer Weib die Hacke in die Hand nehmen müſſen. Ihr wißt, ich bin nicht ganz ein Bettler, und Alles was ich habe, an Munition, Häuten, Waffen oder Calikos ſchenke ich an Hiſt, ſollte ich nicht zu Ende des Sommers zuruͤckkommen, um es anzuſprechen. Das wird dem Mädchen auf lange Zeit zu Statten kommen und die Arbeit für ſie abkaufen. Ich denke, ich brauche Euch nicht zu empfehlen, das Mädchen zu lieben, denn das thut Ihr ſchon, und Wen der Mann wahrhaft liebt, den wird er wohl auch gut halten und pflegen. Dennoch kann es Nichts ſchaden, wenn ich Euch erinnere, daß freundliche Worte nie im Herzen wurmen, wohl aber bittere. Ich weiß, Ihr ſeyd ein Mann, Schlange, der weniger dazu gemacht iſt, in ſeiner Hütte zu ſchwatzen, als am Rathsfeuer zu ſprechen; aber achtloſe Augenblicke können uns Alle überraſchen, und die Uebung in freundlicher Behandlung und freundlichen Worten iſt ein wunderbar gutes Mittel, Frieden in einem Hauſe, wie auf einer Jagd zu erhalten.“. „Meine Ohren ſind offen,“ erwiederte der Delaware ernſt;„die Worte meines Bruders ſind ſo tief eingedrungen, daß ſie nie mehr her⸗ ausfallen können. Sie ſind wie Ringe, die kein Ende haben, und nicht herausweichen können. Er ſpreche weiter; der Geſang des Zaun⸗ königs und die Stimme eines Freundes werden Einem nie zu Viel.“ rſtlich, über Ich geiber ingen keinen Hiſt e ein und gend Euer bin tion, nicht Das die zu und lten Luch ber iger euer hen, ten auf die er⸗ ind in⸗ l.“ 583 „Ich will etwas länger ſprechen, Häuptling, aber Ihr werdet es entſchuldigen in Betracht alter Kameradſchaft, falls ich jetzt von mir ſelbſt rede. Wenn das Schlimmſte zum Schlimmſten kommt, wird von mir ſchwerlich Viel mehr übrig bleiben, als Aſche; ſomit wäre ein Grab überflüſſig und eine Art Eitelkeit. Auf dieſen Punkt bin ich nicht ſonderlich verſeſſen, obgleich es nicht übel wäre, die Ueberbleibſel von dem Holzſtoß anzuſehen, und ſollten ſich noch Knochen oder ſonſt Stücke finden, ſo wäre es anſtändiger, ſie zu ſammeln und zu begraben, als ſie liegen zu laſſen, daß die Wölfe daran nagten und darüber heulten. Dieſe Sachen machen am Ende keinen großen Unterſchied, aber Männer von weißem Blut und chriſtlichem Gefühl haben doch eher eine Gabe für Gräber.“ „Es ſoll geſchehen, wie mein Bruder ſagt,“ verſetzte der In⸗ dianer ernſt.„Wenn ſein Gemüth voll iſt, leere er es aus in die Bruſt eines Freundes.“ „Dank Euch, Schlange; mein Gemüth iſt leicht genug, ja, es iſt ziemlich leicht. Ideen drängen ſich wohl auf, an die ich freilich gewöhnlich nicht denke, es iſt wahr; aber wenn ich gegen die einen ankämpfe, und den andern Luft mache, wird am Ende Alles in Ordnung kommen. Ein Ding jedoch iſt, Häuptling, das mir unver⸗ nünftig ſcheint, und gegen die Natur, obgleich die Miſſionäre es als wahr gelten laſſen; und bei meiner Religion und Farbe fühle ich mich verpflichtet, ihnen zu glauben. Sie ſagen, ein Indianer möge den Leib martern und peinigen nach Herzensgelüſten, und ſkalpiren und ſchneiden, und reißen und brennen, und alle ſeine Erfindungsgabe und Teufelei aufbieten, bis Nichts übrig bleibt als die Aſche, und dieſe nach den vier Winden des Himmels verſtreuen: dennoch, wenn die Poſaune Gottes erſchalle, werde ſich Alles wieder zuſammenfinden, und der Menſch werde wieder in ſeinem Fleiſch daſtehen, dieſelbe Creatur im Ausſehen, wenn auch nicht im Gefühl, wie zuvor, eh' er mißhandelt worden!“ „Die Miſſionäre ſind gute Männer; ſie meinen es gut,“ verſetzte der Delaware höflich;„ſte ſind keine großen Aerzte. Sie glauben Alles, was ſie ſagen, Wildtödter; das iſt kein Grund, daß Krieger und Redner ganz Ohr ſeyn ſollten. Wenn Chingachgook den Vater Tamenund's in ſeinem Skalp und Bemalung und Kriegs⸗ locke ſtehen ſehen wird, dann wird er den Miſſionären glauben.“ „Sehen iſt Glauben, gewiß. Ach ja! und Einer von uns ſieht vielleicht dieß Alles eher als wir gedacht häͤtten. Ich verſtehe Eure Meinung in Betreff von Tamenund's Pater, und die Idee iſt eine bündige Idee. Tamenund iſt jetzt ein alter Mann, wir wollen ſagen achtzig, wohlgezählt; und ſein Vater ward ſkalpirt und ge⸗ martert, als der jetzige Prophet ein junger Burſch war. Ja, wenn man das geſchehen ſähe, dann wäre es nicht mehr ſchwer, Allem Glauben zu ſchenken, was die Miſſionäre ſagen. Indeß ich bin jetzt nicht gegen ihre Anſicht; denn Ihr müßt wiſſen, Schlange, daß der große Grundſatz des Chriſtenthums iſt: zu glauben ohne zu ſehen; und ein Mann ſollte immer nach ſeiner Religion und ſeinen Grundſätzen handeln, ſeyen ſie welche ſie wollen.“ „Das iſt ſonderbar für eine weiſe Nation!“ ſagte der Dela⸗ ware mit Nachdruck.„Der rothe Mann ſchaut ſcharf hin, um zu ſehen und zu verſtehen.“ „Ja, das iſt plauſibel und dem menſchlichen Stolz angenehm, aber es iſt nicht ſo tief als es ſcheint. Wenn wir Alles ver⸗ ſtänden, was wir ſehen, Schlange, ſo wäre es nicht nur klug, ſondern auch ſicher, jedem Ding unſern Glauben zu verſagen, das wir unbegreiflich finden; aber wo es ſo viele Dinge gibt, von denen wir gar Nichts zu verſtehen bekennen müſſen, ſo nützt es Wenig und hat keinen vernünftigen Grund, bedenklich zu ſeyn gerade in Einem Punkt. Was mich betrifft, Delaware, meine Gedanken ſind nicht alle bei der Jagd geweſen, wenn wir in unſrer Jugend auf Jagd und Kundſchaft auszogen. Manche Stunde habe ich ganz angenehm zugebracht mit dem, was man bei meinem Volke Be⸗ ſchaulichkeit nennt. Bei ſolchen Gelegenheiten iſt der Geiſt thätig, — OnO 2& 20 B2. 2 S „„——4——— ——y ẽ— ⏑ 585 obſchon der Körper träg und gleichgültig ſcheint. Ein offner Platz auf einem Berg, wo man Erde und Himmel weithin überſieht, iſt ein höchſt gutgewählter Ort für einen Mann, um eine richtige Idee von der Macht Manitou's und von ſeiner eignen Kleinheit zu bekommen. Zu ſolchen Zeiten hat man keine große Neigung, ſich an kleinen Schwierigkeiten im Begreifen zu ſtoßen, da ſo große da ſind, ſie zu verbergen. Zu ſolchen Zeiten kommt mich das Glauben leicht genug an; und wenn der Herr zuerſt den Menſchen aus Erde machte, wie ſie mir ſagen, daß in der Bibel geſchrieben ſtehe, und dann im Tod ihn in Staub verwandelt, ſehe ich keine große Schwierigkeit darin, daß er ihm wieder zu ſeinem Leibe verhilft, obgleich davon Nichts als Aſche übrig geblieben. Dieſe Dinge liegen über unſer Verſtändniß hinaus, wie nahe ſie unſern Gefühlen liegen mögen, und wirklich liegen. Aber von allen Lehren, Schlange, iſt, die mich am meiſten ſtört und mein Gemüth in Unruhe verſetzt, diejenige, welche uns glauben heißt: ein Bleichgeſicht komme in einen Himmel, und eine Rothhaut in einen andern; ſie möchte im Tod diejenigen trennen, die viel zuſammen lebten, und einander im Leben herzlich liebten.“ „Lehren die Miſſionäre ihre weißen Brüder dieß glauben?“ fragte der Indianer mit gemeſſenem Ernſt.„Die Delawaren glauben, daß gute Männer und tapfere Krieger mit einander jagen werden in denſelben luſtigen Wäldern, welchem Stamme ſie auch angehören moͤgen; daß alle ungerechten Indianer und Feigen mit den Hunden und Woͤlfen herumkriechen müſſen, um Wildpret für ihre Hütten zu bekommen.“ „Es iſt wunderbar, wie mancherlei Einbildungen die Menſchen haben, Gluͤck und Elend betreffend in einem andern Leben!“ rief der Jäger aus, hingeriſſen von der Macht ſeiner eignen Gedanken. „Einige glauben an Feuer und Flammen, und Andere halten es für Strafe, mit den Wölfen und Hunden zu eſſen. Dann wieder bilden ſich Einige ein, der Himmel ſey nur die Befriedigung ihrer 586 irdiſchen Wünſche, waͤhrend Andere ihn ſich ganz voll Gold und glänzender Lichter denken! Nun, ich habe meine eigne Idee in dieſer Sache, Schlange, und zwar dieſe. So oft ich Unrecht ge⸗ than, habe ich in der Regel gefunden, daß es von einer Blindheit des Geiſtes herrührte, welche mich hinderte, das Rechte zu ſehen, und wenn das Geſicht wieder gekehrt war, dann kam Kummer und Reue. Nun bilde ich mir ein, daß nach dem Tod, wenn der Körper abgelegt, oder, wenn überhaupt noch gebraucht, gereinigt und von ſeinen Bedürfniſſen und Wünſchen befreit iſt, der Geiſt alle Dinge in ihrem wahren Licht ſieht, und nie gegen Wahrheit und Gerechtigkeit blind wird. Wenn dieß der Fall, ſchaut man Alles, was man im Leben gethan, ſo klar, wie die Sonne am Mittag; das Gute bringt Freude, und das Böſe Kummer. Daran iſt nichts Unvernünftiges, ſondern es iſt der Erfahrung jedes Menſchen gemäß.“ „Ich glaubte, die Bleichgeſichter hielten alle Menſchen für Sünder, Wer ſoll dann je den Himmel der Weißen finden?“ „Das iſt ſtnnreich, aber es trifft nicht mit den Lehren der Miſſionäre zuſammen. Ihr werdet eines Tags, ich zweifle nicht, ein Chriſt werden, und dann wird Euch Alles klar einleuchten. Ihr müßt wiſſen, Schlange, daß eine große That der Rettung und Erlöſung vollbracht worden iſt, die mit Gottes Hülfe alle Menſchen in Stand ſetzt, Vergebung zu finden für ihre Sündhaf⸗ tigkeit, und das iſt das Weſentliche der Religion der Weißen. Ich kann mich nicht aufhalten, weitläuftiger hierüber mit Euch zu ſprechen, denn Hetty wartet im Canoe, und der Urlaub ruft mich weg; aber die Zeit wird, hoffe ich, kommen, wo Ihr das fühlen werdet; den gefühlt muß es am Ende doch werden, mehr als⸗ mit dem Verſtande ergründet. Ach weh! nun, Delaware, da iſt meine Hand. Ihr wißt, es iſt die eines Freundes, und werdet ſie als ſolche ſchütteln, obgleich ſie Euch nicht halb ſo viel Gutes erwieſen, als ich gewünſcht hätte!“ Der Indianer ergriff die dargebotene Hand, und erwiederte den „,— Druck mit Wärme. Dann wieder ſeinen erworbenen Stoicismus annehmend, den man ſo häufig für angeborne Gleichgültigkeit hielt, ſtand er mit Faſſung und Zurückhaltung auf, und ſchickte ſich an, von ſeinem Freunde mit aller Würde ſich zu trennen. Wildtödter jedoch war natürlicher: und er hätte ſich wohl gar Nichts daraus gemacht, ſeinen Gefühlen ganz freien Lauf zu laſſen, hätte ihn nicht das Benehmen und die Sprache Judith's vor einer kleinen Weile mit geheimer, obwohl unbeſtimmter Beſorgniß vor einer Scene erfüllt. Er war zu beſcheiden, um die Wahrheit hinſichtlich der wahren Gefühle dieſes ſchönen Mädchens zu ahnen, während er zu gut beobachtete, als daß er nicht ihren innern Kampf hätte bemerken ſollen, der ſie ſo oft einer Entdeckung ihres Geheimniſſes ſo nahe gebracht hatte. Daß etwas Außerordentliches in ihrer Bruſt ſich verberge, war ihm augenfällig genug; und vermöge eines männnlichen Zartgefühls, das der feinſten und hoͤchſten Bildung Ehre gemacht haben würde, ſcheute er zurück vor einer Offen⸗ barung dieſes Geheimniſſes, welche ſpäter das Mädchen ſelbſt hätte reuen können. Daher beſchloß er jetzt aufzubrechen, und das ohne weitere Kundgebung von Gefühlen von ſeiner Seite oder von Andern. „Gott ſegne Euch! Schlange— Gott ſegne Euch;“ rief der Jäger, als das Canoe von der Plattform abſtieß,„Euer Manitou und mein Gott allein weiß, wann und wo wir uns wieder ſehen; ich werde es für einen großen Segen und für eine reichliche Be⸗ lohnung des wenigen Guten anſehen, das ich etwa auf Erden ge⸗ than, wenn es uns vergönnt ſeyn wird, im andern Leben einander zu erkennen und mit einander zu verkehren, wie wir in dieſen luſtigen Wäldern vor uns ſo lange gethan haben!“ Chingachgook winkte mit der Hand— das leichte Tuch, das er trug, über den Kopf ziehend, wie ein Römer ſeinen Schmerz in ſeinen Gewändern verbarg, entfernte er ſich langſam in die Arche, um allein ſeinem Kummer und ſeinen Gedanken nachzuhaͤngen. Wildtödter ſprach nicht eher wieder, als bis das Canoe halbwegs 588 am Lande war. Dann hörte er plötzlich auf zu rudern, hiezu veranlaßt durch Hetty, welche das Schweigen mit ihrer ſanften, muſikaliſchen Stimme unterbrach. „Warum geht Ihr zu den Huronen zurück, Wildtödter?“ fragte das Mädchen.„Sie ſagen, ich ſey ſchwachſinnig, und Solchen thun ſie nie ein Leid; aber Ihr habt ſo viel Verſtand als Hurry Harry, und noch mehr, meint Judith, obgleich ich nicht einſehe, wie das möglich iſt.“ „Ach, Hetty, ehe wir landen, muß ich mich noch ein Wenig mit Euch beſprechen, Kind; und das über Sachen, welche vor⸗ nemlich Eure Wohlfahrt betreffen. Stellt Euer Rudern ein, oder vielmehr, damit nicht die Mingos meinen, wir machen Anſchläge und Complotte, und uns darnach behandeln, taucht nur ſo ganz leicht Eure Schaufel ein, und gebt dem Canoe nur ganz wenig Bewegung und nicht mehr. Das iſt gerade die Idee und die Be⸗ wegung. Ich ſehe, Ihr ſeyd anſtellig genug auf den Augenſchein, und wäret wohl zu brauchen bei einer Liſt und Täuſchung, wenn das jetzt recht wäre, eine zu verſuchen— das iſt gerade die Idee und die Bewegung! Ach weh! Trug und eine falſche Zunge ſind böſe Sachen, und geziemen ſich gar nicht für unſere Farbe, Hetty; aber es iſt eine Luſt und eine Genugthuung, die ſchlauen Ränke einer Rothhaut zu vereiteln in dem Kampf eines rechtmäßigen Kriegers. Meine Bahn iſt kurz geweſen und wird wohl bald ein Ende haben; aber ich kann ſehen, daß die Wanderungen eines Kriegers doch nicht ganz zwiſchen Geſtrüppe und Schwierigkeiten hin gehen. Der Kriegspfad hat auch eine glänzende Seite, ſo gut wie die meiſten andern Dinge, wenn wir nur die Weisheit haben, ſie zu ſehen, und die Großmuth, es zu geſtehen.“ „Und warum ſollte Euer Kriegspfad, wie Ihr es nennt, ſeinem Ende ſo nahe ſeyn, Wildtödter?“ „Weil, mein gutes Mädchen, mein Urlaub ſeinem Ende ſo nahe iſt. Vermuthlich werden beide ſo ziemlich miteinander zu Ende 589 gehen, was die Zeit betrifft— eines folgt dem andern ganz natür⸗ lich auf der Ferſe.“ „Ich verſtehe Eure Meinung nicht, Wildtödter,“ verſetzte das Mädchen, etwas verwirrt darein ſchauend.„Mutter ſagte immer, die Leute ſollten mit mir deutlicher ſprechen, als mit den meiſten Andern, weil ich ſchwachſinnig ſey. Die Schwachſinnigen faſſen nicht ſo leicht, wie die, die Verſtand haben.“ „Nun denn, Hetty, die einfache Wahrheit iſt dieſe. Ihr wißt, daß ich dermalen ein Gefangner von den Huronen bin, und Gefangene nicht in Allem nach ihrem Belieben thun koͤnnen—“ „Aber wie koͤnnt Ihr ein Gefangner ſeyn,“ unterbrach ihn lebhaft das Mädchen,„da Ihr doch hier auf dem See ſeyd, in Vaters Rinden⸗Canoe, und die Indianer in den Wäldern, und gar kein Canoe haben? Das kann nicht wahr ſeyn, Wildtödter!“ „Ich wünſchte von ganzem Herzen und ganzer Seele, Hetty, daß Ihr Recht hättet, und ich Unrecht, ſtatt daß Ihr jetzt Unrecht habt, und ich der Wahrheit nur zu nahe bin. So frei ich Euren Augen ſcheine, Mädchen, bin ich doch in Wirklichkeit an Händen und Füßen gebunden.“ „Ha, es iſt wirklich ein großes Unglück keinen Verſtand zu haben! Ich kann nun einmal nicht ſehen noch verſtehen, daß Ihr irgend wie ein Gefangner oder gebunden ſeyd. Wenn Ihr ge⸗ bunden ſeyd, womit ſind denn Eure Hände und Füße gefeſſelt?“ „Mit einem Urlaub, Mädchen; das iſt ein Band, das feſter bindet als irgend eine Kette, dieſe kann man brechen, aber jenen nicht. Bei Seilen und Ketten kann man ſich mit Meſſern und Liſten und Schlauheit helfen; aber ein Urlaub kann weder durch⸗ ſchnitten, noch durchfeilt, noch abgeſtreift werden.“ „Was für eine Art Ding iſt denn ein Urlaub, wenn er ſtär⸗ ker iſt als Hanf oder Eiſen? Ich habe noch nie einen Urlaub geſehen.“ „Ich hoffe, Ihr bekommt nie einen zu fühlen, Mädchen; das Bindende bei dieſen Sachen liegt ganz in den Gefühlen, und muß 590 daher gefühlt, nicht geſehen werden. Ihr verſteht doch wohl, glaube ich, was es heißt, ein Verſprechen zu geben, gute kleine Hetty?“ „Gewiß. Ein Verſprechen heißt: Ihr wollet etwas thun und das bindet Euch ſo gut als Euer Wort. Mutter hielt immer ihr Verſprechen gegen mich und dann ſagte ſie, es waͤre eine Sünde, wenn ich nicht meine Verſprechen gegen ſie und gegen Jedermann ſonſt hielte.“ „Ihr habt eine gute Mutter gehabt, in manchen Beziehungen, Kind, was ſie auch in andern geweſen ſeyn mag. Ja, das iſt ein Verſprechen, und wie Ihr ſagt, muß es gehalten werden. Nun bin ich vorige Nacht in die Hände der Mingos gefallen, und ſie ließen mich los, um meine Freunde zu ſehen, und Botſchaften zu ſchicken zu den Leuten meiner Farbe, falls von ihnen an meinem Schickſal Theil nehmen, unter der Bedingung, daß ich zurück ſey, wenn die Sonne heute mitten am Himmel ſteht, und erdulde, was ihr Haß und Rachſucht von Qualen erſinnen kann, zur Sühne für das Leben des Kriegers, der von meiner Büchſe fiel, wie auch für das des jungen Weibes, das Hurry erſchoſſen hat, und für andere Widerwärtigkeiten, die ihnen auf dem See und um ihn herum zu⸗ geſtoßen ſind. Was man ein Verſprechen nennt zwiſchen Mutter und Tochter, oder auch zwiſchen Fremden in den Anſtedlungen, wird ein Urlaub genannt, wenn ein Soldat gegen einen andern auf dem Kriegspfad ſich dadurch bindet. Und jetzt, denke ich, be⸗ greift Ihr meine Lage, Hetty!“ Das Maͤdchen gab einige Zeit keine Antwort, aber ſie hörte ganz auf zu rudern, als ob die neue Idee ihren Geiſt zu ſehr angriffe, um ihr noch eine andere Beſchäftigung zu geſtatten. Dann ſetzte ſie das Zwiegeſpräch ernſtlich und mit Bekümmerniß fort. „Meint Ihr, die Huronen werden das Herz haben, zu thun was Ihr ſagt, Wildtödter?“ fragte ſie.„Ich habe ſie freundlich und unſchädlich gefunden.“ „Das iſt ſchon wahr, was ein Weſen wie Euch anbelangt, —-—.—o — 591 Hetty; aber eine ganz andere Sache iſt es, wenn es einem offenen Feind gilt, der noch dazu der Beſitzer einer ziemlich ſichern Büchſe iſt. Ich ſage nicht, daß ſie einen beſondern Haß gegen mich tragen wegen gewiſſer Thaten, die ich ſchon verrichtet, denn das wäre gleichſam am Nande des Grabes geprahlt, aber es iſt keine Eitelkeit, wenn ich glaube, daß ſie wiſſen, wie einer ihrer tapfer⸗ ſten und ſchlaueſten Häuptlinge durch meine Hand ſiel. Da dieß der Fall iſt, würde ſich der Stamm Vorwürfe machen, wenn er ermangelte, den Geiſt eines Bleichgeſichts dem Geiſt ihres rothen Bruders zur Geſellſchaft nachzuſchicken; vorausgeſetzt natürlich, daß er ihn einholen kann. Ich erwarte keine Gnade und Barm⸗ herzigkeit von ihnen, Hetty; und mein vornehmſter Kummer iſt, daß ein ſolches Unglück mir auf meinem erſten Kriegspfade zu⸗ ſtoßen mußte; daß es früher oder ſpäter einmal komme, daß er⸗ wartet jeder Soldat und iſt darauf gefaßt.“ „Die Huronen ſollen Euch kein Leid thun, Wildtödter!“ rief das Mädchen in großer Aufregung.„Es iſt ſündhaft ebenſowohl als grauſam; ich habe hier die Bibel, ihnen das zu ſagen. Meint Ihr ich würde dazu hinſtehen und Euch matern ſehen?“ „Ich hoffe nicht, meine gute Hetty, ich hoffe nicht; und daher erwarte ich, Ihr werdet, wenn der Augenblick kommt, Euch entfernen; und nicht Zeugin ſeyn eines Schauſpiels, wo Ihr doch nicht helfen könnt, und das Euch betrüben würde. Aber ich habe nicht darum das Rudern eingeſtellt, um von meinen Bekümmer⸗ niſſen und Nöthen zu ſchwatzen, ſondern um ein wenig offen mit Euch von Euren Angelegenheiten zu reden, Mädchen.“ „Was könnt Ihr mir zu ſagen haben, Wildtödter! Seit Mutter ſtarb, reden Wenige mit mir von ſolchen Dingen!“ „Um ſo ſchlimmer, armes Mädchen; ja, es iſt um ſo ſchlim⸗ mer, denn mit Einer von Eurem Gemüthszuſtand ſollte man häͤufig ſprechen, damit ſie den Schlingen und Tücken dieſer ſündhaften 592 Welt entgehe. Ihr habt den Hurry Harry nicht ſo bald vergeſſen, Mädchen, denke ich mir!“ „Ich!— Ich Henry March vergeſſen!“ rief Hetty auffah⸗ rend.„Wie ſollte ich ihn vergeſſen, Wildtödter, Freund iſt; und uns erſt vorige Nacht verließ. Der große, glän⸗ zende Stern, welchen Mutter ſo gern betrachtete, war gerade über dem Wipfel der großen Fichte dort, auf dem Berg, als Hurry in das Canoe ſtieg; und als Ihr ihn auf dem Vorſprung bei der öſtlichen Bucht ans Land ſetztet, ſtand er nicht um mehr als die Länge von Iudith's ſchönſtem Band darüber.“ „Und wie könnt Ihr wiſſen, wie lang ich fort war, oder wie weit ich fuhr, um Hurry zu landen, da Ihr nicht bei uns waret, und die Entfernung ſo groß iſt, der Nacht zu geſchweigen?“ „Oh! ich wußte es doch ganz genau,“ verſetzte Hetty mit Beſtimmtheit.„Es gibt mehr als Eine Weiſe, Zeit und Entfer⸗ nung zu meſſen. Wenn das Gemüht recht bei einer Sache be⸗ theiligt iſt, ſo iſt es beſſer als jede Uhr. Meines iſt ſchwach, aber es geht ſicher genug in Allem, was den armen Hurry Harry betrifft. Judith wird nimmermehr den March heirathen, Wildtödter.“ „Das iſt der Punkt, Hetty, das iſt eben der Punkt, auf den ich kommen moͤchte. Ihr wißt, denke ich, daß es bei jungen Leu⸗ ten natürlich iſt, daß ſie wohlwollende Gefühle für einander haben, zumal wenn das Eine ein Jüngling, das Andere ein Mäͤdchen iſt. Nun muß Eine von Euren Jahren und Eurem Gemüth, Mädchen, die weder Vater noch Mutter hat, und in einer Wildniß lebt, wohin nur Jäger und Fallenſteller kommen, auf ihrer Hut ſeyn gegen Uebel, von denen ſie kaum träumt 5 „Was kann Arges daran ſeyn, gut zu denken von einem Mitgeſchöpf,“ verſetzte Hetty einfach, obgleich das verräͤtheriſche Blut ihr in die Wangen ſtieg, trotz einer Reinheit des Geiſtes, bei der ſie kaum wußte, woher dieß Erröthen kam;„die Bibel da er unſer 593 gebietet uns, die zu lieben, die uns verächtlich behandeln, und warum nicht diejenigen, die das nicht thun?“ „Ach, Hetty! Die Liebe der Miſſionäre iſt nicht die Art von Wohlgefallen, die ich meine. Antwortet mir auf Eines, Kind: glaubt Ihr Geiſt und Verſtand genug zu haben, Weib und Mutter zu werden?“ „Das iſt keine Frage, die einem Mädchen vorzulegen geziemt, Wildtödter, und ich werde ſie nicht beantworten,“ verſetzte das Mädchen im Ton des Vorwurfs— etwa wie ein Vater oder eine Mutter ein Kind tadelt wegen einer Unbeſcheidenheit.„Wenn Ihr Etwas über Hurry zu ſagen habt, ſo will ich das hören; aber Ihr müßt nicht ſchlimm von ihm ſprechen; er iſt abweſend, und es iſt nicht ſchön, ſchlimm von Abweſenden zu ſprechen.“ „Eure Mutter hat Euch ſo viel gute Lehren gegeben, Hetty⸗ daß meine Beſorgniſſe Eurethalben nicht mehr ſo groß ſind wie früher. Dennoch muß ein Mädchen ohne Eltern, in Eurem Ge⸗ müthszuſtand, und nicht ohne Schönheit, immer in Gefahr ſeyn in einer ſo geſetzloſen Gegend wie dieſe. Ich möchte Nichts zum Nachtheil Hurry's ſagen, der in der Hauptſache kein übler Mann iſt für Einen von ſeinem Beruf, aber Ihr ſolltet Eines wiſſen, was zu hören Euch vielleicht gar nicht angenehm iſt, aber Euch doch geſagt werden muß. March hat eine deſperate Neigung für Eure Schweſter Judith.“ „Nun, und was weiter? Jedermann bewundert Judith, ſie iſt ſo ſchön, und Hurry hat mir oft und viel geſagt, wie ſehr er wünſche ſie zu heirathen. Aber das wird nie geſchehen, denn Indith mag den Hurry nicht. Sie hat einen Andern gern, und ſpricht von dem im Schlafe; aber Ihr dürft mich nicht fragen, Wer es iſt, denn alles Gold in König Georg's Krone und alle Juwelen dazu, würden mich nicht verſuchen, Euch ſeinen Namen zu ſagen. Wenn Schweſtern nicht Geheimniſſe von einander be⸗ wahren können, Wer ſoll es dann?“ Der Wildtödter. 3. Aufl. 38 594 „Gewiß; ich wünſche gar nicht, daß Ihr mir es ſagt, Hetty, auch würde es einen Sterbenden Nichts nützen, es zu wiſſen. Was die Zunge ſpricht, wenn der Geiſt ſchläft, dafür iſt weder Kopf noch Herz verantwortlich.“ „Ich wollte ich wüßte, warum Judith im Schlafe ſo viel von Officieren und redlichen Herzen und falſchen Zungen redet; aber ich denke; ſie ſagt es mir nicht gern, weil ich ſchwachſinnig bin. Iſt es nicht ſonderbar, Wildtödter, daß Judith den Hurry nicht mag— der doch der tüchtigſtausſehende Junge iſt, der je an den See kommt, und ſo ſchön wie ſie ſelbſt. Vater ſagte immer, ſie würden das hübſcheſte Paar in der Gegend ſeyn, ob⸗ gleich Mutter an March ſo wenig Gefallen hatte als Judith. Man kann nicht wiſſen, was kommen wird, ſagt man, bis die Dinge wirklich geſchehen.“ „Ach, weh! Nun, arme Hetty, es hilft nicht Viel, zu Solchen zu ſprechen, die Einen nicht verſtehen können, und ſo will ich Nichts weiter von dem ſagen, wovon ich mit Euch reden wollte, obwohl es mir ſchwer auf der Seele liegt. Rührt die Ruder wie⸗ der, Mädchen, und wir wollen dem Lande zu ſteuern, denn die Sonne ſteht ſchon hoch und mein Urlaub iſt beinahe zu Ende.“ Das Canoe glitt jetzt dahin, und ſteuerte dem Punkte zu, wo Wildtödter genau wußte, daß ſeine Feinde ihn erwarteten, und wo er ſchon zu fürchten anfing nicht mehr zur rechten Zeit einzu⸗ treffen, um das Pfand ſeines Wortes zu löſen. Hetty jedoch, die ſeine Ungeduld bemerkte, ohne ihren Grund ſehr klar zu begreifen, unterſtützte ihn ſo kräftig in ſeiner Anſtrengung, daß ihre recht⸗ zeitige Ankunft bald nicht mehr zweifelhaft war. Dann, und erſt dann, ließ der junge Mann in ſeiner Arbeit am Ruder etwas nach, und Hetty fing wieder an in ihrer einfachen, zutraulichen Weiſe zu plaudern, obwohl Nichts weiter zur Sprache kam, was zu berichten ſich der Mühe verlohnte. 595 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Geſchäftig warſt du heute, Tod! doch halb Iſt erſt dein Werk vollbracht! der Hölle Thore Sind vollgedrängt, doch Geiſter rücken an Zweimal zehntauſend noch, die, keiner Scheidung Von ihren warmen und geſunden Zellen Gewärtig, ehe noch die Sonne ſinkt, Die Welt des Weh's betreten müſſen! Southey. Ein mit den Zeichen des Himmels Bekannter würde geſehen haben, daß die Sonne nur noch zwei oder drei Minuten vom Zenith entfernt war, als Wildtödter auf dem Landvorſprung, wo die Huronen jetzt lagerten, beinahe gegenüber von dem Caſtell, landete. Dieſer Platz war dem ſchon beſchriebenen ähnlich, mit der Ausnahme, daß der Boden weniger unterbrochen und weniger mit Bäumen beſetzt war. Vermöge dieſer beiden Umſtände eignete er ſich um ſo beſſer für den Zweck, wozu er gewählt worden war, und der Raum unter den Zweigen hatte einige Aehnlichkeit mit einem von dichtem Wald umgebenen Grasplatz. Begünſtigt durch ſeine Lage und ſeine Quelle ward er häufig von Wilden und Jägern beſucht und erkoren, und das natürliche Gras, das auf ihren Feuerplätzen nachgewachſen war, gab manchen Stellen das Anſehen von Raſen, eine ſehr ungewöhnliche Zierde des jungfräu⸗ lichen Urwaldes. Auch war der Rand des Waſſers nicht mit Büſchen eingefaßt, wie auf einem großen Theil der Küſte, ſondern das Auge drang unmittelbar, ſo wie man den Strand erreichte, in die Wäͤlder hinein, und beherrſchte beinahe die ganze Fläche des Vorſprungs. War es ein Ehrenpunkt für den indianiſchen Krieger, ſein Wort zu löſen, wenn er ſich verpflichtet hatte, zurückzukehren und 596 ſeinem Tode entgegenzugehen zu einer gegebenen Stunde, ſo war es auch ein Ehrenpunkt charakteriſtiſchen Stolzes, keine weibiſche Ungeduld zu zeigen, ſondern ſo genau als möglich auf den feſt⸗ geſetzten Augenblick wieder einzutreffen. Es war gut, die von der Großmuth des Feindes bewilligte Gnadenfriſt nicht zu überſchreiten, aber es war noch beſſer, ſie auf die Minute einzuhalten. Etwas von dieſer dramatiſchen Effektſucht miſcht ſich in die meiſten der ernſteren Gebräuche der amerikaniſchen Ureinwohner, und ohne Zweifel kann es, wie die Herrſchaft eines ähnlichen Gefühls unter mehr verfeinerten und künſtlich gebildeten Menſchen auf ein natür⸗ liches Prinzip zurückgeführt werden. Wir lieben alle das Wunder⸗ bare, und wenn es auftritt, begleitet von ritterlicher Selbſtauf⸗ opferung und ſtrenger Beachtung der Ehre, ſo ſtellt es ſich unſrer Bewunderung in doppelt anziehender Geſtalt dar. Wildtödter nun, obgleich er ſeinen Stolz darein ſetzte, ſein weißes Blut dadurch zu zeigen, daß er oft von den Sitten der rothen Männer abwich, verfiel doch auch häufig, ſich ſelbſt unbewußt, in ihre Gebräuche, und noch öfter in ihre Gefühle, in Folge davon, daß er ſich nur an ihr Urtheil und ihren Geſchmack als ſeine Richter und Auto⸗ ritäten wenden konnte. Im gegenwärtigen Fall hätte er gern den Schein einer fieberiſchen Haſt, die ſich durch eine zu frühe Rück⸗ kehr verrathen hätte, vermieden, weil dieß ein ſtillſchweigendes Zugeſtändniß geweſen wäre, daß die von ihm begehrte Zeit länger war als nöthig geweſen; aber andrerſeits würde er, wenn es ihm eingefallen wäre, ſeine Bewegungen ein wenig beſchleunigt haben, um den dramatiſchen Effekt zu vermeiden, genau in dem Augenblick zurückzukommen, der ihm als äußerſte Grenze ſeines Ausbleibens geſetzt war. Doch hatte der Zufall das Seinige gethan, die letztere Abſicht zu vereiteln, denn als der junge Mann den Fuß an'’s Land ſetzte, und mit ſtetem Schritt auf die Gruppe von Häuptlingen zuging, die in ernſter Verſammlung auf einem gefallnen Baum ſaßen, warf der Aelteſte von ihnen einen Blick hinauf nach „ 597 einer Oeffnung in den Bäumen, und machte ſeine Genoſſen auf den merkwürdigen Umſtand aufmerkſam, daß die Sonne gerade in eine Stelle eintrat, die, wie man wußte, das Zenith bezeichnete. Ein allgemeiner, aber leiſer Ausruf der Ueberraſchung und Bewun⸗ derung entfuhr jedem Mund, und die grimmigen Krieger ſchauten einander an; Einige mit Neid und Verdruß,⸗ andere mit Erſtaunen über die pünktliche Genauigkeit ihres Opfers und noch Andere mit einem großmüthigeren und edleren Gefühl. Der amerikaniſche moraliſchen Siege für die edelſten und Erliegen ſeines Opfers unter Martern höher an, als die Trophäe ſeines Skalpes, und die Trophäe ſelbſt höher als ſeinen Tod. Tödten, ohne das Zeichen des Siegs davon⸗ zutragen, galt in der That kaum für ehrenhaft; ſelbſt dieſe rohen und wilden Bewohner des Waldes hatten ſich, wie ihre feinen gebildeten Bruder vom Hof und Lager, eingebildete und willkühr⸗ liche Ehrenpunkte feſtgeſetzt, zur Beeinträchtigung der Anſprüche des Rechts und der Entſcheidungen der Vernunft. Die Huronen waren in ihren Meinungen, die Wahrſcheinlichkeit der Zurückkehr ihres Gefangenen betreffend, getheilt geweſen. Die Meiſten unter ihnen hatten es in der That nicht für möglich gehalten, daß ein Bleichgeſicht freiwillig zurückkommen und ſich den bekannten Qualen einer indianiſchen Marterung unterziehen werde; aber Einige von den Aelteren trauten Beſſeres einem Manne zu⸗ der ſich ſchon ſo ausnehmend kaltblütig, tapfer und geradſinnig gezeigt hatte. Die Truppe war jedoch zu ihrer Entſcheidung gekommen, weniger in der Erwartung, daß das Pfand des gegebenen Wortes werde gelöst werden, als in der Hoffnung, die Delawaren herabwürdigen zu können, indem man ihnen das Unrecht und die Schmach eines in ihren Dörfern Aufgewachſenen vorrücke und auf⸗ bürde. Weit lieber hätten ſie geſehen, daß Chingachgook ihr Gefangner geweſen wäre und ſich als Verräther gezeigt hätte; aber der Bleichgeſichtſprößling von dem verhaßten Stamm war Indianer hielt immer ſeine ſchlug das Stöhnen und 598 kein übler Erſatzmann für ihre Zwecke, wenn einmal ihre Anſchläge gegen den alten, eigentlichen Baum ſcheiterten. Um den Triumph ſo auffallend als möglich zu machen, für den Fall, daß die Stunde verſtreiche, ohne daß der Jäger wieder erſcheine, waren alle Krieger und Kundſchafter der Truppe herbeiberufen worden; und die ganze Bande, Männer, Weiber und Kinder waren jetzt auf dieſem Punkt verſammelt, um Zeugen der erwarteten Scene zu ſeyn. Da das Caſtell ganz offen da lag, in gar nicht großer Entfernung, konnte man es bei Tag wohl beobachten; und da man annahm, daß die Inſaßen nur aus Hurry, dem Delawaren und den beiden Mädchen beſtänden, befürchtete man nicht, ſie könnten ungeſehen entfliehen. Ein großer Floß, mit einer Bruſtwehr von Stämmen, war angefertigt worden, und wirklich ſchon ganz bereit gegen Arche oder Caſtell, wie es die Gelegenheit erfordere, ver⸗ wendet zu werden, ſobald Wildtödter's Geſchick entſchieden wäre; denn die Aelteren unter der Truppe waren auf die Anſicht gekom⸗ men, daß es nachgerade gefährlich würde, ihren Aufbruch nach Canada länger als bis zur nächſten Nacht aufzuſchieben. Kurz, die Bande wartete nur noch die Abmachung dieſer einigen Angele⸗ genheit ab, ehe ſie die Sachen zur Entſcheidung brachte, und bereitete ſich, den Rückzug nach den fernen Gewäſſern des Ontario anzutreten. Es war eine impoſante Scene, in welche Wildtödter ſich jetzt, wie er vorwärts ſchritt, verſetzt ſah. Alle ältern Krieger ſaßen auf dem Stamme des gefallenen Baumes, und erwarteten ſeine Annäherung mit ernſtem Anſtand. Rechts ſtanden die jungen Männer, bewaffnet, während die linke Seite von den Wei⸗ bern und Kindern eingenommen war. In der Mitte war ein freier Platz von anſehnlicher Ausdehnung, von Laub durchaus überwölbt, wo man aber das Unterholz, abgeſtorbne Bäume und andre Hinderniſſe ſorgfältig weggeräumt hatte. Dieſer offenere Platz war vermuthlich von früheren Geſellſchaften oft — Cf& 3 n e n n 6 e r t 599 benützt worden, denn dieß war die Stelle, welche am entſchiedenſten den Eindruck eines Raſens machte. Die Bogen der Wäͤlder warfen ſelbſt am hohen Mittag ihren düſtern Schatten auf den Platz, welchen die glänzenden, durch die Blätter ſich durchkämpfenden Sonnenſtrahlen mit einer milden, weichen Beleuchtung übergoßen. Vermuthlich von einer ſolchen Scene empfing der Geiſt des Men⸗ Wirkungen gothiſcher Verzierungen ſchen zuerſt die Idee von den und kirchlicher Farben; dieſer Tempel der Natur machte ungefähr denſelben Eindruck, was Licht und Schatten betrifft, wie das bekannte Produkt menſchlichen Kunſtſinnes. Wie nicht ſelten bei den Stämmen und wandernden Banden der Ureinwohner, theilten zwei Häuptlinge, in beinahe gleichen Graden der Würde, die vornehmſte patriarchaliſche Autorität, welche uͤber dieſe Kinder des Waldes geübt wurde. Es waren Einige, welche die Auszeichnung von Häuptlingen anſprechen mochten, aber die zwei Erſtgenannten gingen allen Uebrigen ſo ſehr an Anſehen und Einfluß vor, daß, wenn ſie einig waren, Niemand ihre Ge⸗ bote beſtritt; und wenn ſie getheilter Anſicht waren, ſchwankte die Bande unſchlüſſig hin und her, wie Männer, die ihr leitendes Prinzip des Handelns verloren. Es war auch ganz der Erfahrung — wir dürſten vielleicht hinzuſetzen, der Natur gemäß, daß Eines der Häupter ſeinen Einfluß ſeinem Geiſt verdankte, während bei dem Andern ſeine Auszeichnung ganz auf phyſiſchen Eigenſchaften und Vorzügen beruhte. Der Eine war ein älterer Mann, wohl⸗ bekannt durch ſeine Beredſamkeit in Erörterungen, ſeine Weisheit im Rathe, und ſeine Klugheit in der Wahl der Maßregeln, wäh⸗ rend ſein großer Mitbewerber, wo nicht Nebenbuhler, ein tapfrer Mann war, ausgezeichnet im Krieg, bekannt durch ſeine Wildheit⸗ und was die Intelligenz betrifft, hervorragend nur durch Schlau⸗ heit und Reichthum an Auskunftsmitteln auf dem Kriegspfade. Der Erſtere war Rivenoak, der dem Leſer ſchon bekannt iſt, und der Letztere war der Panther genannt. Die Benennung des 600 kampfluſtigen Häuptlings bezeichnete, der Annahme nach, die Eigen⸗ ſchaften des Kriegers nach den bei den rothen Männern üblichen Nomenklatur, denn Wildheit, Schlauheit und Verrätherei waren vielleicht die unterſcheidenden Züge ſeines Charakters. Er hatte den Namen von den Franzoſen erhalten und dieſer wurde deßhalb um ſo höher geſchätzt, da der Indianer in den meiſten Dingen ſich von ganzem Herzen der höhern Intelligenz ſeiner Verbündeten, der Bleichgeſichter, unterwarf. Wie gut er dieß Sobriquet Le Panthdre, verdiente, wird man aus dem Spätern erſehen. Rivenoak und der Panther ſaßen neben einander, die Annä⸗ herung ihres Gefangnen erwartend, als Wildtödter ſeinen Fuß mit dem Moccaſin auf den Strand ſetzte; auch rührte ſich keiner, oder ſprach eine Sylbe, als bis der junge Mann in die Mitte des Platzes getreten war, und ſeine Anweſenheit durch Worte ver⸗ kündigte. Er that dieß mit Feſtigkeit, obwohl in der einfachen Weiſe, die den Charakter des Mannes überhaupt bezeichnete. „Hier bin ich, Mingos,“ ſagte er in der Sprache der Dela⸗ waren, welche die Meiſten der Anweſenden verſtanden;„hier bin ich, und dort ſteht die Sonne. Die Eine iſt nicht treuer den Ge⸗ ſetzen der Natur als der Andere ſich ſeinem Worte treu bewährt hat. Ich bin Euer Gefangener; verfahrt mit mir nach Eurem Belieben. Meine Geſchäfte mit Menſchen und mit der Erde ſind in's Reine gebracht; Nichts bleibt mir jetzt mehr übrig, als vor den Gott der weißen Männer zu treten, nach eines weißen Mannes Pflichten und Gaben.“ Ein beifälliges Murmeln entſchlüpfte ſelbſt den Weibern bei dieſer Anrede, und einen Augenblick wurde ein lebhaftes und ziem⸗ lich allgemeines Verlangen rege, einen Mann von ſo muthigem Geiſt in den Stamm aufzunehmen. Doch gab es auch Solche, welche dieſem Wunſch nicht beitraten, und unter den Wichtigſten von dieſen iſt zu nennen der Panther und ſeine Schweſter le Sumach, ſo genannt von der Zahl ihrer Kinder, die Wittwe des „.———— 601 von dem man wußte, daß er von der Hand des Gefangenen gefallen war. Natürliche Wildheit hielt den Einen umſtrickt und gefeſſelt, während die nagende Leidenſchaft der Rach⸗ gier die Andere hinderte, im Augenblick ſanftere Gefühle aufkom⸗ men zu laſſen. Nicht ſo Rivenoak. Dieſer Häuptling ſtand auf, ſtreckte ſeinen Arm vor ſich aus, mit einer Bewegung der Höflich⸗ keit, und machte dem Gefangnen ſein Compliment mit einer Ge⸗ wandtheit und Würde, um die ihn ein Fürſt hätte beneiden dürfen. Da ſeine Weisheit und Beredſamkeit unter dieſer Bande zugeſtan⸗ denermaßen keinen Nebenbuhler hatten, erkannte er, daß ihm ſchicklich die Pflicht zufiel, die Rede des Bleichgeſichts zuerſt zu beantworten. „Bleichgeſicht, Ihr ſeyd redlich,“ ſagte der huroniſche Redner. „Mein Volk iſt glücklich, daß es einen Mann gefangen hat, und nicht einen ſchleichenden Fuchs. Wir kennen Euch jetzt, wir werden Euch als einen Tapfern behandeln. Wenn Ihr Einen unſrer Krieger getödtet, und geholfen habt, Andere zu tödten, ſo ſeyd Ihr dafür Euer eignes Leben zum Erſatz zu geben bereit. Einige meiner jungen Männer dachten, das Blut eines Bleichgeſichts würde zu dünn ſeyn, und ſich weigern, unter dem Meſſer der Huronen zu fließen. Ihr wollt ihnen zeigen, daß dem nicht ſo iſt, Euer Herz iſt ſtark wie Euer Koͤrper⸗ Es iſt eine Freude, einen ſolchen Gefange⸗ nen zu machen; ſollten meine Krieger ſagen, der Tod des Loup Cer- vier dürfe nicht vergeſſen werden, und er könne nicht allein wandern in's Land der Geiſter, ſein Feind müſſe ihm nachgeſchickt werden, um ihn einzuholen: ſo werden ſie doch bedenken, daß er von der Hand eines Tapfern fiel, und Euch ihm nachſchicken mit ſolchen Zeichen unſrer Freundſchaft, daß er ſich Eurer Geſellſchaft nicht ſchämen wird. Ich habe geſprochen; Ihr wißt, was ich geſagt habe.“ „Wahr genug, Mingo, Alles wahr wie das Evangelium,“ verſetzte der unbefangene Jäger;„Ihr habt geſprochen, und ich weiß nicht nur, was Ihr geſagt habt, ſondern was noch wichtiger Loup Cervier, 602 iſt, was Ihr meint. Ich glaube wohl, Euer Krieger, der Luchs, war ein Tapfrer von mannhaftem Herzen, und würdig, Eurer Freundſchaft und Achtung, aber ich fühle mich ſeiner Geſellſchaft nicht unwerth, auch ohne einen Paßzettel von Eurer Hand. Dennoch bin ich hier, bereit mein Urtheil zu empfangen von Eurem Rathe, wenn nicht anders die Sache ſchon unter Euch entſchieden war, noch eh' ich zurückkam.“ „Meine alten Männer wollten nicht zu Rathe ſitzen über ein Bleichgeſicht, ehe ſie ihn unter ſich ſahen,“ antwortete Rivenoak, etwas ironiſch ſich umſehend;„ſie ſagten, es wäre wie wenn man zu Rathe ſaͤße über die Winde, ſie wehen, wohin ſie wollen, und kommen wieder, wenn es ihnen beliebt, und ſonſt nicht. Eine Stimme war, die zu Euren Gunſten ſprach, Wildtödter, aber ſie war allein, wie der Geſang des Zaunkönigs, deſſen Weibchen vom Falken zerriſſen worden iſt.“ „Ich danke dieſer Stimme, weſſen ſie immer geweſen ſey, Mingo, und behaupte, ſie iſt eine ſo wahre Stimme geweſen, als die andern lügenhafte Stimmen waren. Ein Urlaub iſt ſo bindend für ein Bleichgeſicht, wenn es redlich iſt, wie für eine Rothhaut, und wäre das auch nicht, ſo möchte ich doch nie Schmach über die Delawaren bringen, unter denen ich, kann ich wohl ſagen, meine Erziehung erhalten habe. Aber Worte ſind nutzlos, und führen zu prahleriſchen Gefühlen; hier bin ich, verfahrt mit mir wie Ihr wollt.“ Rivenoak machte eine zuſtimmende Geberde, und dann hielten die Häuptlinge unter ſich eine kurze, geheime Beſprechung. Sobald dieſe zu Ende war, ſchieden drei oder vier junge Männer aus der bewaffneten Gruppe aus, und verſchwanden. Dann ward dem Gefangenen bedeutet, daß es ihm freiſtehe, auf dem Vorſprung herumzugehen, bis über ſein Schickſal Berathung geflogen wäre. In dieſer anſcheinenden Großmuth war jedoch weniger wirkliches als ſcheinbares Vertrauen, ſofern die obenerwähnten jungen Männer 603 ſchon eine Linie von Schildwachen über die ganze Breite des Vor⸗ ſprungs landeinwärts bildeten, und Flucht nach einer andern Seite hin nicht gedenkbar war. Selbſt das Canoe ward auf die Seite inie von Schildwachen hinaus, an einen gebracht, über dieſe Li Ort, wo man es als ſicher vor jedem plötzlichen Verſuch betrach⸗ Mangel tete. Dieſe Vorſichtsmaßregeln entſprangen nicht aus einem an Vertrauen, ſondern aus dem Umſtand, daß der Gefangene jetzt alle Bedingungen, zu denen er ſich durch ſein Wort verpflichtet, erfüllt hatte, und es jetzt für eine löbliche und ehrenhafte That gegolten hätte, wenn er ſeinen Feinden hätte entkommen können. So fein waren in der That die Unterſcheidungen, welche die Wilden in Dingen dieſer Art machten, daß ſie oft ihren Opfern eine Aus⸗ ſicht eröffneten, den Martern zu entrinnen, weil ſie es ebenſo rühmlich für die Verfolger anſahen, einen Flüchtling einzuholen oder zu überliſten, deſſen Anſtrengungen, wie man annehmen durfte, durch die dringende Gefahr ſeiner Lage auf's äußerſte geſpornt und geſtachelt wurden, als es für ihn rühmlich war, einer ſo außer⸗ ordentlichen Wachſamkeit ſich zu entziehen. Auch war Wildtödter ſich ſeiner Rechte nicht unbewußt, und gegen ſie und etwa ſich darbietende günſtige Umſtände nicht gleich⸗ gültig. Hätte er irgend einen Ausweg, wo Flucht möglich war, geſehen, ſo hätte er wohl nicht eine Minute mit dem Verſuche gezögert. Aber der Fall ſchien verzweifelt. Er wußte von der Linie von Schildwachen, und erkannte die Schwierigkeit, ſie mit heiler⸗/ Haut zu durchbrechen. Der See bot keine Hülfe, da das Canoe ſeinen Feinden es ganz leicht machte, ihn einzuholen; ſonſt hätte er es nicht ſo ſchwierig gefunden, bis zu dem Caſtell hinüber zu ſchwimmen. Wie er auf dem Vorſprung herumwandelte, beſich⸗ tigte er auch genau den Platz, um ſich zu vergewiſſern, ob er nirgends einen Verſteck darbiete; aber die Offenheit und die Geſtalt des Punktes, und die hundert wachſamen Augen, die auf ihn ſich richteten, wäͤhrend ſie ſich doch die Miene gaben, ihn gar nicht zu 604 empfinden, und zur Rettung ſeines Lebens keine Untreue gegen einen gerte er, den Verſuch zu der es als eine Art von Pflicht anſah, alles Mögliche zu verſuchen, was nur Grundſatz in ſich ſchloß. Dennoch zö machen, denn er fühlte auch vor ſich ſehen ſollte, eh Mittlerweile ſchien das Geſchäft im L Gang zu gehen. Die Häuptlinge berieth ließen nur die Sumach an ihrer Berath dieſe, die Wittwe des gefallnen Kriegers, hatte ein ausſchließliches Recht, bei einer ſolchen G Die jungen Männer ſchlenderten in t mit india⸗ ager ſeinen regelmäßigen en ſich abgeſondert und „ und zwar, Ausſichten ungünſtigen zornigen Geberden zu ädchen dagegen war ſichtlich „wie man aus verſtohlenen Blicken ſah, welche Mitleid und Bedauern ausſprachen. Unter ſolchen Verhältniſſen und Zuſtänden im Lager verſtrich eine Stunde. Bange Ungewißheit iſt vielleicht unter allen Empfindungen die unerträglichſte. Als Wildtödter landete, war er völlig darauf gefaßt, binnen wenigen Minuten die Martern, von indianiſcher Sinne, nach ihren ſcheelen Mienen und ſchließen; eine Gruppe indianiſcher M von andern Geſinnungen beſeelt 605 Rachgier erſonnen, zu erdulden, und bereit, ſeinem Schickſal maͤnnlich entgegenzutreten; aber der Aufſchub wurde für ihn eine weit härtere Probe als das nahe Bevorſtehen der Qualen, und das muthmaßliche Opfer begann alles Ernſtes auf einen verzweifelten Fluchtverſuch zu denken, gleichſam aus reiner Ungeduld, der Scene ein Ende zu machen, als er plötzlich wieder vor das Angeſicht ſeiner Richter gefordert wurde, die ſchon die Bande wieder in der frühern Ord⸗ nung verſammelt hatten, bereit ihn zu empfangen. „Tödter des Wildes,“ begann Rivenoak, ſobald ſein Gefangner and,„meine älteren Männer haben weiſen Worten zuge⸗ t zu ſprechen. Ihr ſeyd ein Mann, deſſen Väter von jenſeits der aufgehenden Sonne gekommen ſind; wir ſind Kinder der untergehenden Sonne; wir wenden unſer Angeſicht den großen ſüßen Seeen zu, wenn wir nach unſern Dörfern ſchauen. Es mag ein weiſes Land ſeyn, und voll von Reichthümern, das nach Morgen zu liegt; aber das nach Abend zu iſt ein ſehr luſtiges Land. Wir lieben am meiſten nach dieſer Richtung hin zu ſchauen. Wenn wir nach Oſten ſchauen, empfinden wir Furcht, weil Canoe um Canoe Mehr und Mehr von Eurem Volk auf der Bahn der Sonne her⸗ über bringt, als wäre ihr Land ſo voll, daß es überfließt. Die rothen Männer ſind ſchon Wenige; ſie bedürfen der Hülfe. Eine unſrer beſten Hütten iſt neulich leer geworden durch den Tod ihres Herrn; es wird lange Zeit anſtehen, bis ſein Sohn groß genug wird, an ſeinem Platze zu ſitzen. Hier iſt ſeine Wittwe; es wird ihr an Wildpret fehlen, ſich und ihre Kinder zu ſättigen, denn ihre Söhne ſind noch wie die Jungen des Rothkehlchens, ehe ſie aus dem Neſte fliegen. Durch Eure Hand hat ſie dieſe große Trübſal betroffen. Sie hat zwei Pflichten; eine gegen den Loup Cervier, und eine gegen ihre Kinder. Skalp um Skalp, Leben um Leben, Blut um Blut— iſt Ein Geſetz; ihre Jungen zu füttern ein anderes. Wir kennen Euch, Tödter des Wildes. Ihr ſeyd ehrlich; wenn Ihr Etwas ſagt, iſt es ſo. Ihr habt nur Eine Zunge, und vor ihm ſt hört; ſie ſind berei 606 die iſt nicht gabelförmig, wie die der Natter. Euer Kopf iſt nie verſteckt im Gras; Alle können ihn ſehen. Was Ihr ſagt, das thut Ihr auch. Ihr ſeyd gerecht. Wenn Ihr Unrecht gethan habt, ſo iſt Euer Wunſch, wieder Recht zu thun, ſobald Ihr könnt. Da iſt die Sumach; ſie iſt allein in ihrem Wigwam, mit Kindern um ſie her, die nach Brod ſchreien; dort iſt eine Büchſe, ſie iſt geladen und zum Abfeuern fertig. Nehmt das Gewehr! geht hinaus und ſchießt ein Wild; bringt das Wildpret und legt es vor die Wittwe des Loup Ceryvier hin; füttert ihre Kinder; nennt Euch ihren Gatten. Darnach wird Euer Herz nicht mehr Dela⸗ wariſch, ſondern Huroniſch ſeyn; die Ohren der Sumach werden nicht mehr das Schreien ihrer Kinder hören; mein Volk wird die gehörige Anzahl von Kriegern zählen.“ „Ich fürchtete das, Rivenoak,“ antwortete Wildtödter, als der Andere zu ſprechen aufhörte;„ja, ich beſorgte, daß es dazu kommen werde. Indeß, die Wahrheit iſt bald geſagt, und ſie wird allen Erwartungen in dieſem Punkt ein Ende machen. Mingo, ich bin weiß und als Chriſt geboren; es würde mir übel anſtehen, ein Weib mit Rothhautgebräuchen unter den Heiden zu nehmen. Was ich nicht in friedlichen Zeiten und unter einer glänzenden Sonne thäte, würde ich noch weniger thun hinter Wolken, um mein Leben zu retten. Ich heirathe wahrſcheinlich nie; vermuthlich war es die Abſicht der Vorſehung, als ſie mich hier in die Wälder hinſetzte, daß ich ledig und ohne eigne Hütte bleiben ſollte; aber ſollte doch Jenes einmal geſchehen, ſo ſoll mir nur ein Weib von meiner Farbe und meinen Gaben die Thüre meines Wigwam beſchatten. Was das anlangt, die Jungen Eures todten Kriegers zu füttern, ſo würde ich das mit Freuden thun, könnte es ohne Unehre ge⸗ ſchehen; aber das kann nicht ſeyn, ſintemal ich nie in einem huro⸗ niſchen Dorfe leben kann. Eure eignen jungen Männer müſſen die Sumach mit Wildpret verſorgen, und wenn ſie das nächſte Mal heirathet, laßt ſte einen Mann nehmen, deſſen Beine nicht ſo lang nie das han nnt. dern iſt geht vor ennt ela⸗ rden die der men illen bin ein Was onne eben die tzte, doch einer tten. tern, ge⸗ uro⸗ m die Mal lang 607 ſind, daß ſie in ein Gebiet hinüberſpringen, das ihm nicht gehört. Wir haben einen ehrlichen Kampf gekämpft, und er ſiel; daran iſt Nichts, als was ein Tapfrer erwartet, und bereit iſt zu erdulden. Und was das Mingo⸗Herz betrifft, ebenſo gut mögt Ihr erwarten graue Haare auf dem Kopf eines Knaben, oder Brombeeren auf einer Fichte wachſen zu ſehen. Nein, nein, Hurone; meine Gaben ſind weiß, was Weiber betrifft; ſie ſind Delawariſch in allen Dingen, die mit Indianern zuſammenhängen.“ Dieſe Worte waren kaum aus Wildtödter's Munde, als ein allgemeines Murmeln die Unzufriedenheit verrieth, womit ſie ver⸗ nommen wurden. Die alten Weiber beſonders legten in lauten Ausdrücken ihr Mißfallen an den Tag; und die holde Sumach ſelbſt, ein Weib alt genug, um unſers Helden Mutter zu ſeyn, war nicht die Gelindeſte in ihren Verwünſchungen und Schmähungen. Aber alle andern Kundgebungen von Mißvergnügen und Verdruß wurden zurückgedrängt und überboten durch die wilde Erbitterung des Panthers. Dieſer grimmige Häuptling hatte es als eine Herab⸗ würdigung betrachtet, ſeine Schweſter überhaupt das Weib eines Bleichgeſichts von den Yengeeſe werden zu laſſen, und nur mit Widerſtreben ſeine Zuſtimmung zu der— bei den Indianern übri⸗ gens keineswegs ungewöhnlichen— Auskunft und Anordnung ge⸗ geben, auf das lebhafte Zureden der des Gatten beraubten Wittwe hin, und es wurmte ihm entſetzlich, ſeine Herablaſſung gering⸗ geſchätzt, die Ehre, die er zu bewilligen mit ſo großem Verdruß ſich hatte bereden laſſen, verachtet zu ſehen. Das Thier, von welchem er ſeinen Namen hatte, ſtiert nicht mit fürchterlicherer Wildheit ſeine beabſichtigte Beute an, als ſeine Augen auf den Gefangenen funkelten; auch blieb ſein Arm nicht zurück; die hef⸗ tige Erbitterung und Wuth, die beinahe ſeine Bruſt verzehrte, zu bethätigen. „Hund von einem Bleichgeſicht!“ rief er auf Irokeſiſch,„geh und belle unter den Kötern Deiner ſchlimmen Jagdreviere!“ 608 Die Verwünſchung war von einer entſprechenden Thathandlung begleitet. Noch während er ſprach, erhob er den Arm und der Tomahawk ward geſchleudert. Zum Gläck hatte der laute Ton des Redenden Wildtödter's Auge auf ihn hingezogen, ſonſt hätte dieſer Augenblick wahrſcheinlich ſeiner Laufbahn ein Ende gemacht. So groß war die Gewandtheit, womit dieſe gefährliche Waffe ge⸗ worfen ward, und ſo tödtlich die Abſicht, daß ſie den Schaͤdel des Gefangenen geſpalten habe würde, hätte er nicht einen Arm vor⸗ geſtreckt und die Handhabe an einer ihrer Krümmungen gefaßt, mit einer eben ſo merkwürdigen Behendigkeit, als die Geſchicklich⸗ keit war, womit die Waffe war geſchleudert worden. Dennoch war die Wurfkraft ſo groß, daß, als Wildtödter's Arm nach der Waffe gegriffen, ſeine Hand rückwärts hinter ſeinen Kopf hinauf geriſſen ward, gerade in der Stellung, die zur Erwiederung des Angriffs erforderlich. Es iſt nicht gewiß, ob der Umſtand, daß er ſich ſo unerwartet, bewaffnet, in dieſer drohenden Stellung fand, den jungen Mann verſuchte, Gleiches mit Gleichem zu ver⸗ gelten, oder ob plötzliche Erbitterung ſeine Geduld und Klugheit übermannte. Aber ſein Auge funkelte und ein kleiner rother Fleck zeigte ſich auf jeder Wange, während er all ſeine Kraft in der Anſtrengung ſeines Armes aufbot, und die Waffe auf den Angreifer zurückſchleuderte. Das Unerwartete dieſes Wurfs trug zum Erfolg mit bei, da der Panther weder einen Arm aufhob, noch ſich bückte, um ihm auszuweichen. Das ſcharfe, kleine Beil traf das Opfer in perpendikularer Linie mit der Naſe, gerade zwiſchen den Augen, und ſchlug ihm im buchſtäblichen Sinne das Hirn ein. Vorwärts ſtürzend, wie die Schlange im Augenblick noch, wo ſie die Todes⸗ wunde empfängt, auf ihren Feind losſchießt, fiel dieſer Mann von gewaltiger Körperkraft der Länge nach auf den offenen Platz hin, den der Kreis bildete, im Todeskampf zuckend. Ein allgemeines Beiſpringen ihm zu Hülfe entledigte den Gefangenen, für einen Augenblick, des ganzen Haufens; und entſchloſſen, einen verzweifelten ——4——— „„-— ndlung nd der e Ton hätte macht. ffe ge⸗ el des n vor⸗ ſefaßt, icklich⸗ ennoch ch der inauf g des daß llung ver⸗ gheit Fleck der reifer rfolg ickte, ppfer gen, ärts des⸗ von hin, ines inen lten 609 Verſuch zur Rettung ſeines Lebens zu wagen, rannte er mit der Flüchtigkeit eines Hirſches davon. Es dauerte nur Einen athmenloſen Augenblick, bis die ganze Bande, Alt und Jung, Weiber und Kinder, den entſeelten Leichnam des Panthers liegen laſſend, wo er lag, das Lärmgeſchrei erhoben und ihm verfolgend nacheilten. So plötzlich das Ereigniß gekommen, welches Wildtödter ver⸗ anlaßte, dieſen verzweiflungsvollen Verſuch durch eilige Flucht zu machen, war doch ſein Geiſt nicht gänzlich unvorbereitet für das fürchterliche Spiel um ſein Leben. Während der verfloſſenen Stunde hatte er die Ausſichten bei einem ſolchen Wageſtück wohl erwogen, und alle einzelnen Punkte für Gelingen und Fehlſchlagen ſchlau berechnet. Daher folgte gleich beim erſten Sprung ſein Körper ganz der Leitung eines Verſtandes, der alle Anſtrengungen und Kräfte deſſelben aufs beſte zu nützen verſtand, und in dem wichtigen Augenblick des Entſpringens nicht das mindeſte Beſinnen, nicht die mindeſte Unentſchiedenheit auffkommen ließ: dem allein verdankte er den erſten großen Vortheil, den, daß er unverletzt durch die Linie der Schildwachen durchkam. Die Art und Weiſe, wie dieß geſchah, obwohl einfach genug, verdient eine Beſchreibung. Obgleich die Küſten des Vorſprungs nicht mit Gebüſch beſetzt waren, wie die meiſten andern am See herum, rührte dieß doch ganz von dem Umſtand her, daß der Platz ſo häufig von Jägern und Fiſchern benützt worden war. Dieſer Saum begann dann mit dem eigentlichen Land, und war ſo dicht wie ſonſt überall, in langen Linien nach Norden und Süden ſich erſtreckend. In der letztern Richtung ſchlug denn Wildtödter ſeinen Weg ein; und da die Schildwachen etwas außerhalb des Anfangs dieſes Dickichts ſtanden, hatte der Fliehende ſeinen Verſteck gewonnen, ehe ſie den Alarm und ſeine Urſache recht wahrgenommen hatten, In dem Gebüſch jedoch weiter zu laufen, davon konnte nicht die Rede ſeyn, und Wildtodter ſetzte ſeine Flucht etwa vierzig bis fünfzig Der Wildtödter. 3. Aufl. 39 4 610 Schritte weit in dem Waſſer fort, das nur knietief war, und der Eile ſeiner Verfolger ein eben ſo großes Hinderniß in den Weg legte, wie der ſeinigen. Sobald ein guünſtiger Platz ſich zeigte, ſtürzte er ſich durch die Linie des Gebüſches und eilte in die offe⸗ nen Wälder. Einige Büchſen wurden auf Wildtodter abgefeuert während er im Waſſer war, und noch mehrere folgten, als er auf das ver⸗ gleichungsweiſe ihn mehr bloßſtellende Gebiet des eigentlichen Wal⸗ des kam. Aber die Richtung der Linie, in der er floh, welche theilweiſe die des Feuers kreuzte, die Haſt, mit welcher gezielt wurde, und die allgemeine Verwirrung, welche im Lager herrſchte. dieß Alles machte, daß er unverſehrt blieb. Kugeln pfiffen an ihm vorbei, und manche riſſen neben ihm Zweige von den Bäumen, aber keine ſtreifte auch nur ſeine Kleider. Der durch dieſe frucht⸗ loſen Verſuche verurſachte Verzug war von großem Nutzen für den Flüchtling, der ſelbſt den Vorderſten der Huronen mehr als hundert Schritte Vorſprung abgewonnen hatte, ehe irgend eine Ordnung und Uebereinſtimmung einer Verfolgung kam. Ihn mit der Büchſe in der Hand zu verfolgen, davon konnte keine Rede ſeyn, und die beſten Läufer unter den Indianern, nachdem ſie ihre Gewehre abgefeuert, in unbeſtimmter Hoffnung, den entlaufenen Gefangenen zu verwunden, warfen ſie weg, und riefen den Wei⸗ bern und Knaben zu, ſie ſo ſchnell als möglich aufzunehmen und wieder zu laden. Wildtödter erkannte das Verzweifelte des Kampfes, in dem er begriffen war, zu gut, um auch nur Einen der koſtbaren Augen⸗ blicke zu verlieren. Er wußte auch, daß ſeine einzige Hoffnung darauf beruhte, daß er geradeaus lief, denn ſobald er ſich wandte oder umbog, machte die überlegene Zahl der Verfolger ſein Ent⸗ kommen unmöglich. Er verfolgte daher ſeinen Weg in ſchräger Richtung die Anhöhe hinan, die weder ſehr lang noch ſehr ſteil war auf dieſer Seite des Berges, aber doch mühſam genug für — »—·,——= 2008. 611 einen um ſein Leben ſich Wehrenden, um ihn entſetzlich zu erſchöpfen. Hier aber ließ er in ſeiner Eile nach, um aufzuathmen, und legte die ſchwierigeren Theile des Weges in raſchem Schritt oder in langſamerem Trab zurück. Die Huronen hinter ihm hüpften und ſprangen, aber dieß beachtete er nicht, wohl wiſſend, daß ſie auch die hinter ihm liegenden Schwierigkeiten überwinden mußten, ehe ſie die von ihm ſchon gewonnene Höhe erreichten. Der Gipfel des erſten Hügels war jetzt ganz nahe, und er ſah aus der Formation des Landes, daß eine tiefe Schlucht dazwiſchenlag, ehe man den Fuß des zweiten Hügels erreichen konnte. Bedächtlich den Gipfel hinanſteigend, ſchaute er ſich nach allen Richtungen begierig um nach einem Verſteck ſuchend. Keiner bot ſich dar auf dem Boden; aber ein gefallener Baum lag in ſeiner Nähe, und verzweifelte Lagen erheiſchen verzweifelte Auskunftsmittel. Dieſer Baum lag in einer Parallellinie mit der Schlucht; auf den Gipfel des Hügels hinaufſpringen und dann ſeinen Körper ſo dicht als möglich unter deſſen niedere Seite ſchmiegen und drängen, war das Werk eines Augenbicks. Ehe jedoch Wildtödter dem Auge ſeiner Verfolger entſchwand, ſtellte er ſich auf die Höhe hin, und ſtieß ein Tri⸗ umphgeſchrei aus, als juble er über den Anblick des vor ihm liegenden Abhangs. Im nächſten Augenblick lag er unter dem Baum hingeſtreckt. 4 Sobald der junge Mann dieſe Liſt ausgeführt, ſo überzeugte er ſich auch, wie verzweifelt ſeine Anſtrengungen geweſen, durch die Heftigkeit, womit Alles in ihm pulſirte. Er hörte ſein Herz klopfen, und ſein Athem war wie das Arbeiten eines Blaſebalgs in heftiger Bewegung. Indeß gewann er den Athem wieder, und das Herz hörte bald auf, ſo zu klopfen, wie wenn es ſeine Haft und Schranken durchbrechen wollte. Man hörte jetzt die Fußtritte derer, welche ſich auf der andern Seite der Anhöhe herauf arbeiteten und bald kündigten Stimmen und Tritte die Ankunft der Verfolger an. Die Vorderſten jauchzten, als ſie die Höhe erreichten; dann 61² fürchtend, ihr Feind werde ihnen, begünſtigt durch den Abhang, entrinnen, ſprang Jeder auf den gefallnen Baum und ſtürzte ſich in die Schlucht, in der Hoffnung, des Verfolgten anſichtig zu werden, ehe er die Tiefe erreiche. So folgte Hurone auf Hurone. bis Natty anfing zu hoffen, es werden Alle an ihm vorbei ſeyn, Aber Andere folgten, bis wohl Vierzig über den Baum geſprungen waren, und dann zählte er ſie, als ſicherſtes Mittel zu erfahren, wie Viele noch zurück ſeyn konnten. Bald waren Alle in der Tiefe der Schlucht, volle hundert Fuß unter ihm, und Einige hatten ſogar ſchon einen Theil des gegenüberliegenden Hügels erſtiegen, als deutlich ward, daß man eine Nachforſchung wegen der von ihm eingeſchlagnen Richtung anſtellte. Das war der kritiſche Moment, und Einer von weniger feſten Nerven oder von minder ſorgfältiger Schule und Zucht, würde ihn benützt haben, um auf⸗ zuſtehen und zu fliehen. Nicht ſo Wildtödter. Er blieb noch immer ruhig liegen, beobachtete mit eiferfüchtiger Wachſamkeit jede Bewegung drunten, und gewann ſchnell ſeinen Athem wieder. Die Huronen glichen jetzt einer Meute von Hunden auf falſcher Fährte. Wenig ward geſprochen, aber Jeder rannte umher und unterſuchte die abgeſtorbenen Bäume, wie der Hund nach der ver⸗ lornen Witterung ſpürt. Die große Menge von Moccaſins, welche des Weges gekommen, machte die Unterſuchung ſchwierig, obgleich die Spur eines indianiſchen Fußes leicht zu unterſcheiden war von dem freiern und weitern Schritt eines weißen Mannes. Im Glauben, daß keine Verfolger mehr zurück ſeyen, und in der Hoffnung, ſich ungeſehen wegſtehlen zu können, ſchwang ſich Wildtödter plötzlich über den Baum hinüber, und ſiel auf deſſen höherliegende Seite. Dieß Manover ſchien glücklich ausgeführt worden zu ſeyn, und Hoffnung machte das Herz des Flüchtlings hoch klopfen. Auf Hände und Füße ſich erhebend, nachdem er einen Augenblick den Tönen in der Schlucht gelauſcht, um ſich zu überzeugen, ob man ihn nicht geſehen, kletterte der junge Mann zunäcchſt den hoͤchſten. 613 Punkt des Hügels hinan, eine Strecke von nur zehn Schritten, in der Hoffnung, den Gipfel zwiſchen ſich und ſeine Verfolger zu bekommen, und ſo gegen ihr Auge gedeckt zu ſeyn. Auch dieß ward ausgeführt, und er richtete ſich jetzt auf, und lief raſch aber ſtet den höchſten Bergrücken entlang, in einer Richtung entgegen⸗ geſetzt der, in welcher er zuerſt geflohen. Die Art und Weiſe der Rufe in der Schlucht jedoch machte ihn bald unruhig, und er ſprang wieder auf den Gipfel, um zu rekognoscieren. Sobald er die Höhe erreicht hatte, ward er auch geſehen, und die Jagd begann von neuem. Da es auf dem ebnen Grund beſſer fortkom⸗ men war, vermied Wildtödter jetzt die Seite des Hügels und ſetzte ſeine Flucht im Bergrücken entlang fort, während die Huronen, von der allgemeinen Formation des Landes ſchließend, erkannten, daß der Bergrücken bald in die Schlucht ſich verlieren würde, und der letztern zueilten, als die leichteſte Weiſe dem Flüchtling vorzukommen. Zugleich wandten ſich einige Wenige ſüdlich, um ihm die Flucht nach dieſer Richtung abzuſchneiden, während andere ihm die Richtung dem Waſſer zu abſchnitten, um ihn zu hindern, am See hin ſeinen Rückzug zu nehmen, und auch nach Süden zu liefen. Die Lage Wildtödter's war jetzt krittiſcher als ſie je geweſen. Er war in der That von drei Seiten eingeſchloſſen, und auf der vierten hatte er den See. Aber er hatte alle Ausſichten wohl überlegt, und ergriff, ſelbſt während der eiligſten Flucht, ſeine Maßregeln mit kalten Blute. Wie gewöhnlich der Fall bei kräf⸗ tigen Grenzmännern, konnte er es jedem einzelnen Indianer unter ſeinen Verfolgern im Laufen zuvorthun, und ſie waren ihm haupt⸗ ſächlich furchtbar wegen ihrer großen Zahl, und der Vortheile, die ihnen ihre Stellung verſchaffte; und er würde ſich nicht beſonnen haben, in gerader Linie, auf jedem gegebenen Punkt, auf und davon zu rennen, hätte er nur erſt wieder die ganze Bande ordent⸗ lich hinter ſich gehabt. Aber eine ſolche Ausſicht zeigte ſich nicht und konnte ſich nicht zeigen; und als er merkte, daß er durch die Senkung des Bergrückens gegen die Schlucht hinabkam, bog er raſch um, in einem rechten Winkel mit ſeiner bisherigen Bahn, und rannte mit fürchterlicher Geſchwindigkeit den Abhang herunter, der Küſte zu. Einige ſeiner Verfolger kamen in gerader Linie ihm nach⸗ jagend, keuchend den Hügel herauf, während die Meiſten ſich immer noch in der Schlucht hielten, bei deren Ausgang ſie ihm vorzu⸗ kommen gedachten. Wildtödter hatte jetzt einen andern, obwohl verzweifelten Plan im Auge. Jeden Gedanken aufgebend, durch die Wälder zu ent⸗ kommen, eilte er, was er konnte, dem Canve zu. Er wußte, wo es lag; konnke er es erreichen, ſo hatte er nur die Gefahr einiger Schüſſe zu beſtehen, und dann war der Erfolg ſicher. Keiner von den Kriegern hatte die Waffen behalten, was ihre Schnelligkeit gehemmt haben würde, und die Gefahr kam entweder von den unſichern Händen der Weiber oder von denen eines halberwach⸗ ſenen Knaben, obwohl von den letztern die meiſten ſchon in heißer Verfolgung begriffen waren. Alles ſchien der Ausführung dieſes Plans günſtig, und da ſein Weg jetzt fortwährend abwärts ging flog der junge Mann mit einer Geſchwindigkeit über den Boden hin, welche ein baldiges Ende ſeiner Drangſalen hoffen ließ. Als Wildtödter ſich dem Vorſprung näherte, kam er an einigen Weibern und Kindern vorbei⸗ aber obgleich Jene ihm dürre Zweige zwiſchen die Beine zu werfen verſuchten, war doch der Schrecken, welche ſeine kühne Wiedervergeltung an dem gefürchteten Panther verbreitet hatte, ſo groß, daß Niemand wagte, ihm ſo nahe zu kommen, um ihn ernſtlich zu gefährden. Er lief an Allen trium⸗ phirend vorbei und erreichte den Saum von Gebüſchen. Sich durch dieſe hindurchdrängend, ſah ſich unſer Held wieder im See, und nur fünfzig Fuß vom Canoe entfernt. Hier hörte er auf zu laufen, denn er begriff wohl, daß jetzt ſein Athem das Wichtigſte für ihn war. Er bückte ſich ſogar im Weiterſchreiten und kühlte ſeinen ausgetrockneten Mund, indem er in der Hand Waſſer ſchöpfte -&*& 388N= EE 615 zum Trinken. Doch drängten die Augenblicke, und bald ſtand er neben dem Canoe. Der erſte Blick zeigte ihm, daß die Ruder waren weggebracht worden. Das war ein harter Schlag für ſeine Hoffnungen nach allen ſeinen Anſtrengungen, und einen Augenblick dachte er daran, umzukehren, und ſeinen Feinden die Stirne zu bieten, indem er mit Würde wieder in die Mitte des Lagers ſchritte. Aber ein hölliſcher Schrei, wie allein die amerikaniſchen Wilden ihn ausſtoßen können, verkündigte das raſche Herankommen ſeiner Verfolger, und der Inſtinkt des Lebens ſiegte. Sich gehörig anſchickend, und dem Bug des Canoes die rechte Richtung gebend, ſprang er in das Waſſer, trieb das Canoe vor ſich her, bot alle ſeine Kraft und Geſchicklichkeit zu einer letzten Anſtrengung auf, und ließ ſich dann vorwärts auf den Boden des leichten Fahr⸗ zeugs fallen, ſo daß er ſeinem Lauf keinen weſentlichen Eintrag that. Hier blieb er auf dem Rücken liegen, ſowohl um wieder zu Athem zu kommen, als auch um ſich gegen die toͤdtlichen Büchſen zu decken. Die Leichtigkeit, welche beim Rudern der Canoes ſo vortheilhaft war, wirkte jetzt ungünſtig. Das Material war ſo federleicht, daß das Boot keine Wucht hatte, ſonſt hätte es der Stoß auf dieſem ruhigen und glatten Waſſer in eine Entfer⸗ nung von der Küſte getrieben, bei der man ſicher mit den Händen hätte rudern können. Hätte er es einmal ſo weit gebracht, ſo hoffte Wildtödter weit genug zu kommen, um die Aufmerkſamkeit Chingachgook's und Judith's auf ſich zu ziehen, die ihm unfehlbar mit andern Canoes zu Hülfe kommen würden, wo er ſich dann alles Gute verſprechen konnte. Wie der junge Mann auf dem Boden des Canoes lag, beobachtete er deſſen Bewegungen, indem er die Wipfel der Bäume am Berg ſtudirte, und aus der Zeit und dem Grad der Bewegung auf ſeine Entfernung vom Lande ſchloß. Die Stimmen an der Küſte wurden jetzt zahlreich, und er hörte davon ſprechen, das Floß zu bemannen, das zum Glück für 616 den Flüchtling in ziemlicher Entfernung auf der andern Seite des Vorſprungs lag. Vielleicht war Wildtödter's Lage heute noch nie kritiſcher geweſen, als in dieſem Augenbkick, und gewiß nie halb ſo voll tanta⸗ liſcher Qual. Er lag zwei bis drei Minuten vollkommen ruhig, einzig auf ſein Ohr ſich verlaſſend, da er hoffte, das Geräuſch im See zu vernehmen, falls Jemand heranzuſchwimmen wagte. Ein paarmal bildete er ſich ein, das Waſſer werde aufgerührt durch die vorſichtige Bewegung eines Armes, bemerkte aber dann, daß es das Anſpühlen des Waſſers an den Kieſeln des Strandes war; denn es iſt ſelten, daß dieſe kleinen Seeen, dem Ocean nachäffend, ſo gänzlich ruhig ſind, daß ſie nicht an ihren Küſten ein leiſes Sich⸗ heben und Senken des Waſſers hätten. Plötzlich verſtummten alle Stimmen, und eine Todesſtille herrſchte auf dem Platze; ein ſo tiefes Schweigen, als ob Alles in der Ruhe unbeſeelten Lebens daläge. Mittlerweile war das Canoe ſo weit hinausgetrieben, daß Wildtödter, auf dem Rücken liegend, Nichts mehr ſehen konnte, als den leeren, blauen Raum, und einige wenige jener helleren Strahlen, welche aus dem vollen Sonnenglanz hervorbrechen, bezeichneten ihre Nähe. Dieſe Ungewißheit lang auszuhalten war nicht möglich. Der junge Mann wußte wohl, daß die tiefe Stille Unheil weiſſagte, denn die Wilden ſind nie ſo ſchweigſam, als wenn ſie im Begriff ſtehen, einen Schlag zu führen— dem verſtohlenen Schleichen des Panthers ähnlich, ehe er ſeinen Satz macht. Er zog ein Meſſer heraus, und war im Begriff ein Loch durch die Rinde zu ſchneiden, um einen Blick auf die Küſte zu gewinnen, als er wieder inne hielt, aus Furcht, bei dieſem Vornehmen geſehen zu werden, wodurch die Feinde ein Ziel für ihre Kugeln bekommen würden. In dieſem Augenblick aber ward ſchon eine Büchſe abgefeuert, und die Kugel ſchlug durch beide Seiten des Canoes, achtzehn Zoll von der Stelle, wo ſein Kopf lag. Das war ein gefährlicher Handel, aber unſer Held hatte zu kürzlich erſt noch Gefährlicheres durchgemacht, 617 um die Faſſung zu verlieren. Er lag noch eine halbe Minute ruhig da, und dann ſah er den Wipfel einer Eiche langſam in ſeinen engen Horizont kommen. Wildtödter, der ſich dieſe Veränderung nicht zu erklären vermochte, konnte jetzt ſeine Ungeduld nicht mehr zügeln. Mit der äußerſten Vorſicht ſich hinaufſchiebend, hielt er ſein Auge an das durch die Kugel geſchlagene Loch, und bekam zum Glück eine leidliche Anſicht des Vorſprungs. Das Canoe hatte ſich, in Folge einer jener un⸗ bemerklichen, als Zufall erſcheinenden Fügungen, die ſo oft über das Schickſal der Menſchen, wie über den Gang der Dinge ent⸗ ſcheiden, ſüdlich gewendet, und glitt langſam den See abwärts. Es war ein Glück, daß ihm Wildtödter einen hinlänglich kräftigen Stoß gegeben hatte, um es am Ende des Vorſprungs vorbei treiben zu machen, ehe es in dieſe Abweichung gerieth, ſonſt hätte es müſſen wieder an die Küſte kommen. Auch ſo noch trieb es ſo nahe vorüber, daß, wie ſchon erwähnt, die Gipfel von zwei oder drei Bäumen in den Horizont des jungen Mannes fielen, und kam der aͤußerſten Spitze des Vorſprungs wirklich ſo nahe, daß es nicht mehr ganz außer Gefahr war. Die Entfernung konnte nicht viel über hundert Fuß betragen; doch begann zum Glück eine leiſe Luft⸗ ſtrömung von Südweſt es langſam von der Küſte wegzutreiben. Wildtödter empfand jetzt die dringende Nothwendigkeit, ein Mittel zu erfinnen, um ſich von ſeinen Feinden zu entfernen, und wo möglich ſeine Freunde von ſeiner Lage in Kenntniß zu ſetzen. Die Entfernung machte Letzteres ſchwierig, während die Nähe des Vorſprungs jenes zur unerläßlichen Nothwendigkeit machte. Wie gewöhnlich in ſolchen Fahrzeugen, befand ſich ein großer, runder, glatter Stein an beiden Enden des Canoes, zu dem doppelten Be⸗ hufe, als Sitze und als Ballaſt zu dienen; einen von dieſen konnte er mit den Füßen erreichen. Dieſen Stein wußte er ſo weit zwiſchen ſeinen Beinen heraufzuarbeiten, daß er ihn mit den Händen faſſen konnte, und dann gelang es ihm, denſelben neben den andern im Bug hinzuwälzen, wo die beiden jetzt dienten, das Gleichgewicht des leichten Bootes zu erhalten, während er ſich ſelbſt ſo weit als möglich nach dem Hintertheil arbeitete. Ehe er die Küſte verließ⸗ und ſobald er bemerkte, daß die Ruder fort waren, hatte Wildtoͤdter ein Stück von einem abgeſtorbnen Zweig in das Canoe geworfen, und dieſen konnte er mit dem Arm erreichen. Er nahm die Mütze, die er trug, ab, ſteckte ſie auf dieſen Stecken, und hob ſie über den Rand des Canoes empor, ſo weit als möglich von ſich entfernt. Dieſe Liſt war kaum in Ausführung gebracht, als der junge Mann ſich überzeugte, wie ſehr er die Einſicht und Schlauheit ſeiner Feinde unterſchätzt hatte. Dem ſo leicht zu durchſchauenden und gewöhnlichen Kunſtgriff zum Trotz ward durch einen andern Theil des Conoes eine Kugel geſchoſſen, welche ihn wirklich an der Haut ſtreifte. Er ließ die Mütze ſinken, und hielt ſie ſich ſofort zum Schutz über den Kopf. Es konnte ſcheinen, als ob dieſer zweite Kunſtgriff unbemerkt bleibe; wahrſcheinlich aber war, daß die Hu⸗ ronen, überzeugt, ihres Gefangnen wieder habhaft zu werden, ihn lebendig in ihre Hände zu bekommen wünſchten. Wildtödter lag noch einige Minuten regungslos da, ſein Auge jedoch an dem Kugelloch, und nicht wenig erfreut war er, zu ſehen, daß er allmählig immer weiter und weiter von der Küſte weg trieb. Als er emporſchaute, waren die Baumwipfel verſchwunden, aber er bemerkte bald, daß das Canoe ſich langſam wandte, ſo daß er durch ſein Guckloch Nichts mehr als nur die beiden Enden des See's ſehen konnte. Jetzt dachte er an den Stecken, welcher gekrümmt war, und ſich nicht übel zum Rudern eignete, ohne daß er nöthig hatte aufzuſtehen. Das Experiment gelang beim Verſuch beſſer ſelbſt als er gehofft hatte, obwohl die große Verlegenheit jetzt die war, das Canoe in gerader Richtung zu erhalten. Daß dieß neue Manböver geſehen worden, ward bald klar aus dem Geſchrei auf der Küſte, und eine am Hintertheil des Canoes eindringende Kugel fuhr der Länge nach hindurch, pfiff zwiſchen den Armen unſers o——* —2 ðA 61¹9 Helden hin, und drang am Vordertheil hinaus. Dieß überzeugte den Flüchtling, daß er ſich mit ziemlicher Geſchwindigkeit entfernte, und ſpornte ihn an, ſeine Anſtrengungen zu verdoppeln. Er ruderte noch kräftiger als zuvor, als ein neuer Bote von dem Vorſprung den Stecken außen zerſchmetterte und ihn ſeines Ruders beraubte. Da aber der Ton der Stimmen immer ferner und ferner zu werden ſchien, beſchloß Wildtödter, Alles dem Treiben des Waſſers zu überlaſſen, bis er ſich außer dem Bereich der Kugeln glaubte. Das war eine harte Nervenporbe, aber es war das klügſte Aus⸗ kunftsmittel, das ſich darbot; und der junge Mann fühlte ſich ermuthigt, dabei zu bleiben, durch den Umſtand, daß er im Geſicht das Fächeln der Luft ſpürte, ein Beweis, daß der Wind etwas ſtärker wehte. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Nicht der Wittwe Thrän', nicht der Waiſen Weh Hält die wilden Stürmer auf; Nicht dräuender Himmel, nicht ſchwellende See Hemmt des Piraten Lauf; Von Selbſtſucht geſtählt zu vermeſſenem Muth Wandeln ſie hin durch Raub und Blut; An Leumund und Schande bange Gedanken Machen im Frevel ſie nimmer wanken; Macht und Schätze durch Unthat zu häufen nicht laß, Verlachen der Mitmenſchen Furcht ſie und Haß. Eongreve. AWildtödter befand ſich jetzt zwanzig Minuten in dem Canoe, und er harrte nachgerade mit einiger Ungeduld auf Zeichen des Beiſtands von ſeinen Freunden. Die Stellung des Bootes hinderte ihn noch immer, in einer andern Richtung, als den See auf⸗ oder abwärts zu ſehen; und obwohl er wußte, daß ſeine Geſichtslinie nur hundert Schritte von dem Caſtell ab lag, überſchritt ſie doch 620 in der That dieſe Entfernung, von der weſtlichen Seite der Gebäude aus gerechnet. Die tiefe Stille beunruhigte ihn auch, denn er wußte nicht, ob er ſie auf Rechnung des zunehmenden Abſtandes von den Indianern, oder einer neuen Liſt ſchreiben ſollte. Endlich, ermüdet von dem fruchtloſen Harren, kehrte ſich der junge Mann auf ſeinem Rücken um, ſchloß die Augen und erwartete das Weitere in gefaßter Ergebung und Ruhe. Wenn die Wilden ihren Rache⸗ durſt ſo völlig zu bemeiſtern vermochten, ſo war er entſchloſſen, ſich ebenſo ruhig zu verhalten wie ſie, und ſein Schickſal dem Einfluß der Strömungen und der Luft anzuvertrauen. Etwa zehn weitere Minuten mochten verfloſſen ſeyn, während beide Theile ſich ſo ruhig verhielten, als Wildtödter ein leiſes Ge⸗ räuſch zu hören glaubte, wie wenn Etwas an dem Boden des Canoes riebe. Er öffnete natürlich die Augen, in Erwartung das Geſicht oder den Arm eines Indianers aus dem Waſſer ſich erheben zu ſehen, und fand, daß ein Laubdach gerade über ſeinem Kopf hing. Er ſprang auf, und das Erſte, was ſein Auge erblickte, war Rivenoak, welcher dem langſamen Vorrücken des Bootes nachgeholfen und es an den Vorſprung herangezogen hatte; und das Anſtreifen auf dem Strand war der Ton geweſen, welcher unſern Helden zuerſt aufgeſchreckt hatte. Der Wechſel in der Rich⸗ tung des Canoes rührte ganz nur von der Unbeſtändigkeit der Luftſtrömungen und einigen Strudeln des Waſſers her. „Kommt,“ ſagte der Hurone mit einer ruhig gebietenden Geberde ſeinen Gefangenen auffordernd, an's Land zu ſteigen; „mein junger Freund iſt herumgeſegelt, bis er müde geworden iſt; er wird vergeſſen, wieder zu laufen, wenn er nicht ſeine Beine gebraucht.“ „Ihr habt den Vortheil davon, Hurone,“ verſetzte Wildtödter, ruhig aus dem Canoe tretend, und ſeinem Führer geduldig auf den offenen Platz des Vorſprungs folgend;„die Vorſehung hat Euch in unerwarteter Weiſe geholfen. Ich bin wieder Euer 621 Gefangener, und Ihr werdet, hoff ich, geſtehen, daß ich ebenſo tüchtig darin bin, aus der Haft zu brechen, als Urlaube zu halten.“ „Mein junger Freund iſt ein Elenthier!“ rief der Hurone. „Seine Beine ſind ſehr lang; ſie haben meinen jungen Männern Mühe gemacht. Aber er iſt kein Fiſch; er kann ſeinen Weg im See nicht finden. Wir ſchoſſen ihn nicht; Fiſche fängt man in Netzen, und tödtet ſie nicht mit Kugeln. Wenn er wieder ein Elenthier wird, wird er wie ein Elenthier behandelt werden.“ „Ja, ſchwatzt nur, Nivenoak; rühmt und benutzt Euren Vor⸗ theil. Es iſt Euer Recht, denke ich, und ich weiß, es iſt Eure „Gabe. Ueber den Punkt werden wir nicht weiter Worte wechſeln; denn alle Menſchen dürfen und müſſen ihren Gaben folgen. In⸗ deſſen, wenn Eure Weiber anfangen, mich zu necken und zu ſchmähen, was, wie ich glaube, bald geſchehen wird, ſo mögen ſie bedenken, daß, wenn ein Bleichgeſicht ſich um ſein Leben wehrt, ſo lang es recht und mannhaft iſt, er auch mit Anſtand es fahren zu laſſen weiß, wenn er fühlt, daß die Zeit gekommen. Ich bin Euer Ge⸗ fangener; thut Euren Willen an mir.“ „Mein Bruder hat einen langen Lauf gemacht auf den Bergen und eine angenehme Fahrt auf dem Waſſer,“ verſetzte Rivenoak milder, und lächelte dabei in einer Art, die, wie der Andere wußte, friedliche Abſichten verrieth.„Er hat die Wälder geſehen; er hat das Waſſer geſehen; wo gefällt es ihm am beſten? Vielleicht hat er genug geſehen, um ſeinen Sinn zu ändern und ihn geneigt zu machen, Vernunft zu hören.“ „Sprecht, Hurone, Ihr habt Etwas in Gedanken, und je eher es geſagt iſt, um ſo eher habt Ihr meine Antwort.“ „Das iſt gerade herausgeſprochen! In den Reden meines Freundes, des Bleichgeſichts, ſind keine krummen Windungen, ob⸗ wohl er ein Fuchs iſt im Laufen. Ich will zu ihm ſprechen! ſeine Ohren ſind jetzt weiter offen als zuvor, und ſeine Augen ſind nicht verſchloſſen. Die Sumach iſt ärmer als je. Früher hatte ſie einen Bruder und einen Gatten. Sie hatte auch Kinder. Die 8 Zeit ging hin, und der Gatte brach auf nach den glücklichen Jagd⸗ revieren, ohne Lebewohl zu ſagen; er ließ ſte allein mit ſeinen 1 Kindern. Das konnte er nicht ändern, ſonſt hätte er es nicht ge⸗ than; der Loup Cervier war ein guter Gatte. Es war luſtig, das 4 6 Wildpret, und die wilden Enten und Gänſe, und Bärenfleiſch zu 4 ſehen, das Winters in ſeiner Hütte hing. Es iſt jetzt dahin; es t hält ſich nicht bei warmem Wetter. Wer ſoll es wieder bringen? Manche dachten, der Bruder werde ſeiner Schweſter nicht vergeſſen, und er würde im nächſten Winter ſorgen, daß die Hütte nicht leer bleibe. Wir glaubten dieß; aber der Panther brüllte und folgte 1 dem Gatten auf dem Pfade des Todes. Sie wetteifern jetzt Wer zuerſt die glücklichen Jagdreviere erreiche. Einige meinen, der Luchs könne am ſchnellſten laufen, und Einige, der Panther könne am weiteſten ſpringen. Die Sumach meint, Beide wer⸗ den ſo ſchnell und ſo weit reiſen, daß Keiner je zurückkomme. Wer ſoll ſte und ihre Kinder ernähren? Der Mann, der ihren Gatten und ihren Bruder ihrer Hütte verlaſſen hieß, damit für ihn Raum würde hineinzugehen. Er iſt ein großer Jäger, und wir wiſſen, daß das Weib nie Mangel leiden wird.“ „Ja, Hurone, das iſt bald abgemacht nach Euren Begriffen: aber den Gefühlen eines weißen Mannes geht es leidig gegen den Strich. Ich habe von Männern gehört, welche ihr Leben auf dieſe Weiſe retteten, und ich habe Solche gekannt, die den Tod einer ſolchen Art von Gefangenſchaft vorziehen würden. Was mich betrifft, ich ſuche mein Ende nicht, aber ich ſuche auch die Ehe nicht.“ „Das Bleichgeſicht wird ſich dieß bedenken, während meine Leute ſich zur Berathung anſchicken. Man wird ihm ſagen, was geſchehen wird. Er bedenke, wie hart es iſt, einen Gatten und einen Bruder zu verlieren. Geht; wenn wir Euch vor uns ſehen wollen, wird man den Namen Wildtödter rufen.“ Dieß Geſpräch war ohne alle Zeugen in der Nähe der beiden 623 Männer geführt worden. Von der ganzen Bande, von welcher vor Kurzem der Platz wimmelte, war nur Rivenoak ſichtbar. Die Uebrigen ſchienen den Ort ganz verlaſſen zu haben. Selbſt die Geräthe, Kleider, Waffen und ſonſtiges Zugehör des Lagers waren gänzlich verſchwunden, und die Stelle wies keine andere Merkmale von dem Schwarm, der ſich darauf vor einer Stunde noch umge⸗ trieben, als die Spuren von den Feuern und Ruheplätzen, und die zerſtampfte Erde, die noch ihre Fußſtapfen zeigte. Eine ſo plötzliche und unerwartete Veränderung erregte in nicht geringem Grade Wildtödter's Erſtaunen und Unruhe, denn ſo Etwas war ihm während ſeiner ganzen Erfahrung unter den Delawaren nicht vorgekommen. Er vermuthete jedoch, und mit Recht, daß ein Wechſel des Lagers beabſichtigt werde, und daß man das Geheim⸗ nißvolle dieſer Bewegung zu Hülfe nehme, um auf ſeine Seele durch Furcht zu wirken. Rivenoak ſchritt den Gang zwiſchen den Bäumen dahin, ſobald 1 er geſprochen hatte, und ließ Wildtödter allein. Der Häuptling verſchwand hinter dem Dickicht des Waldes, und ein Neuling in d ſolchen Scenen hätte wähnen können, der Gefangene ſey nunmehr ganz den Eingebungen ſeiner Klugheit überlaſſen geweſen. Aber der junge Mann kannte, während er einigermaßen betroffen war n über den dramatiſchen Anſtrich der Dinge, ſeine Feinde zu gut, f um ſich frei und in ſeinen Bewegungen ungehemmt zu glauben. d Doch wußte er noch nicht, wie weit die Huronen ihre Täuſchungen h zu treiben beabſichtigten, und er beſchloß, die Frage ſo bald als 7 thunlich zur Entſcheidung zu bringen. Eine Gleichgültigkeit zur ie Schau tragend, die er keineswegs fühlte, ſchlenderte er auf dem 18 Platz herum, und kam allmälig immer näher zu der Stelle, wo nd er gelandet hatte, als er plötzlich ſeinen Schritt beſchleunigte, en obwohl er ſorgfältig jeden Schein der Flucht vermied, und die Büſche auseinanderreißend, ſchritt er auf den Kiesplatz. Das Canoe war weg, und er ſah auch keine Spuren davon, nachdem er zum nördlichen und ſüdlichen Rand des Borſprungs geſchritten war und in beiden Richtungen die Küſte beſichtigt hatte. Es war offenbar an einen Ort gebracht worden, der ihm unbekannt und unzugänglich war, und unter Umſtänden, welche zeigten, daß dieß die Abſicht der Wilden geweſen. Wildtödter verſtand jetzt ſeine wirkliche Lage beſſer. Er war ein Gefangner auf der ſchmalen Landzunge, ohne Zweifel ſorgfältig bewacht, und ohne andere Mittel zu entkommen, als durch Schwim⸗ men. Er dachte wieder an dieß letzte Auskunftsmittel, aber die Gewißheit, daß man ihm das Canoe zur Verfolgung nachſchicken würde, und die geringe Ausſicht dieſes verzweifelten Verſuchs auf Erfolg ſchreckten ihn davon ab. Am Strand ſtieß er auf eine Stelle, wo die Büſche waren abgeſchnitten und auf einen kleinen Haufen zuſammengeworfen worden. Als er einige der obern Zweige wegnahm, fand er darunter den Leichnam des Panthers. Er wußte, daß er aufbewahrt wurde, bis die Wilden einen Begräbnißplatz fänden, wo er außer dem Bereiche des Skalpirmeſſers wäre. Er blickte gedanken⸗ voll nach dem Caſtell hinüber; aber dort ſchien Alles ſtill und öde; und ein Gefühl von Einſamkeit und Verlaſſenheit überfiel ihn, das den düſtern Ernſt des Augenblicks noch erhöhte. „Gottes Wille geſchehe!“ murmelte der junge Mann, indem er bekümmert von dem Strand ſich entfernte, und wieder unter die Bogen des Waldes trat.„Gottes Wille geſchehe auf Erden wie im Himmel! Ich hoffte, meine Tage würden nicht ſo bald gezählt ſeyn; aber es trägt am Ende Wenig aus. Einige Winter und einige Sommer mehr, ſo wäre es nach dem Lauf der Natur doch vorüber geweſen. Ach ja wohl! die Jungen und Rüſtigen denken ſelten an die Möglichkeit des Todes, bis er ihnen in's Angeſicht grinst, und ihnen ankündigt, daß ihre Stunde gekommen iſt!“ Während dieſes Selbſtgeſprächs trat der Jäger auf den freien Platz, wo er zu ſeinem Erſtaunen Hetty allein ſtehen ſah, allem Anſchein nach auf ſeine Zurückkunft wartend. Das Mäadchen trug 625 die Bibel unter dem Arm, und ihr Antlitz, über welchem gewöhn⸗ lich ein Schatten ſanfter Schwermuth lag, ſchien jetzt traurig und niedergeſchlagen. Wildtödter trat ihr näher und ſprach zu ihr. „Arme Hetty,“ ſagte er,„in dieſer letzten Zeit iſt es ſo unruhig zugegangen, daß ich Euch ganz vergeſſen hatte; wir treffen uns jetzt gleichſam, um zu trauern über das was kommen wird. Ich bin verlangend zu wiſſen, was aus Chingachgook und Wah! geworden iſt!“ „Warum habt Ihr den Huronen getödtet, Wildtödter?“ ver⸗ ſetzte das Mädchen in vorwurfsvollem Tone.„Kennt Ihr Eure zehn Gebote nicht, welche ſagen: du ſollſt nicht tödten? Sie ſagen mir, Ihr habet jetzt des Weibes Gatten und Bruder er⸗ ſchlagen?“ „Es iſt wahr, meine gute Hetty,— es iſt wahr wie das Evangelium, und ich will nicht läugnen, was geſchehen iſt. Aber Ihr müßt bedenken, Mädchen, daß Manches erlaubt iſt im Krieg, was unerlaubt wäre im Frieden. Der Gatte ward erſchoſſen in offenem Kampfe; oder offen, ſo weit es mich betraf, während er einen ungewöhnlich guten Schutz und Verſteck hatte;— und der Bruder zog ſich ſelbſt ſeinen Tod zu, indem er ſeinen Tomahawk nach einem unbewaffneten Gefangenen warf. Seyd Ihr Zeugin der That geweſen, Mädchen?“ „Ich ſah ſie, und es that mir leid, daß ſie vorfiel, Wild⸗ toͤdter; denn ich hoffte, Ihr würdet nicht Schlag mit Schlag, ſon⸗ dern Böſes mit Gutem vergelten.“ „Ach, Hetty, das mag angehen unter den Miſſionären, aber in den Wäldern würde das ein unſicheres Leben machen. Der Panther gelüſtete nach meinem Blut, und war thöricht genug, mir Waffen in die Hände zu geben, in dem Augenblick, wo er darnach trachtete. Es wäre gegen die Natur geweſen, bei einer ſolchen Verſuchung nicht eine Hand zu erheben, und es hätte meiner Er⸗ ziehung und meinen Gaben Unehre gebracht. Nein, nein; ich bin Der Wildtödter. 3. Aufl. 40 fo bereit als Einer, Jedem das Seinige zu laſſen und zu geben; und dieß, hoffe ich, werdet Ihr bezeugen gegen diejenigen, die Euch etwa über das befragen, was Ihr heute geſehen habt.“ „Wildtödter, gedenkt Ihr Sumach zu heirathen, nunmehr ſie weder Gatten noch Bruder mehr hat, ſie zu ernähren?“ „Sind das Eure Ideen vom Cheſtand, Hetty? Soll der Junge die Alte zum Weibe nehmen— das Bleichgeſicht die Roth⸗ haut— der Chriſt die Heidin? Es iſt gegen Vernunft und Na⸗ tur, und das werdet Ihr einſehen, wenn Ihr es einen Augen⸗ blick bedenkt.“ „Ich habe immer Mutter ſagen hören⸗ erwiederte Hetty, ihr Geſicht wegwendend, mehr aus weiblichem Inſtinkt, als in irgend einem Bewußtſeyn von Unrecht—„daß die Leute nie heirathen ſollten, als wenn ſie einander mehr liebten als Brüder und Schweſtern; und ich denke das iſt's, was Ihr meint. Sumach iſt alt, und Ihr ſeyd jung.“ „Ja, und ſie iſt roth und ich bin weiß. Zudem, Hetty, ſetzt den Fall, Ihr wäret jetzt ein Weib und hättet einen jungen Mann von Euren Jahren, Stand und Farbe geheirathet— Hurry Harry zum Beiſpiel“— Wildtödter wählte dieß Beiſpiel einfach deßwegen, weil er der einzige Beiden bekannte junge Mann war—„und er wäre gefallen auf einem Kriegspfad: würdet Ihr wünſchen an Eure Bruſt als Gatten den Mann zu nehmen, der ihn erſchlagen?“ „Oh! nein, nein, nein;“ antwortete das Mädchen ſchaudernd. „Das wäre ſündhaft, ebenſo wie herzlos! Kein chriſtliches Mädchen könnte oder wollte das thun. Ich werde nie Hurry's Weib werden, das weiß ich; aber wäre er mein Gatte, kein Mann ſollte es je wieder werden nach ſeinem Tode 12 „Ich dachte auf das würde es hinauskommen, Hetty, wenn Ihr erſt die Umſtände recht begriffen. Es iſt eine moraliſche Un⸗ möglichkeit, daß ich je Sumach heirathe; und obgleich bei indianiſchen Heirathen keine Prieſter ſind, und wenig Religion, kann doch ein 627 weißer Mann, der ſeine Gaben und Pflichten kennt, ſich das nicht zu Nutze machen, und ſo im geeigneten Augenblick ſich retten. Ich glaube, der Tod wäre natürlicher und willkommener, als Ehe mit dieſem Weibe.“. „Sagt das nicht zu laut,“ unterbrach ihn Hetty ungedulbig; „ich glaube ſie würde das nicht gern hören. Ich bin gewiß, Hurry würde eher ſogar mich heirathen, als Martern ausſtehen, obwohl ich ſchwachſinnig bin; und es würde mich gewiß tödten, wenn ich denken müßte, er würde lieber den Tod wählen, als mein Gatte werden!“ „Ja, Mädchen, Ihr ſeyd nicht Sumach, ſondern eine hübſche, junge Chriſtin, mit einem guten Herzen, anmuthigem Lächeln und freundlichem Auge. Hurry dürfte ſtolz darauf ſeyn, Euch zu be⸗ kommen, und das nicht, wenn er im Elend und Kummer wäre, ſondern in ſeinen beſten und glücklichſten Tagen. Indeß nehmt meinen Rath, und ſprecht mit Harry nie von dieſen Dingen, er iſt im beſten Falle doch eben ein Grenzer.“ „Ich möchte es ihm um die Welt nicht ſagen!“ rief das Mädchen, und ſah ſich ganz entſetzt und erröthend um, ſie wußte ſelbſt nicht warum.„Mutter ſagte immer, Mädchen ſollen nicht keck und vorlaut ſeyn, und ihre Geſinnungen nicht ausſprechen, ehe man ſie frage;— oh! ich vergeſſe nie, was Mutter mir geſagt hat. Es iſt Schade, daß Hurry ſo ſchön iſt, Wildtödter; ich glaube, ohne das würden ihn wenigere Mädchen gern haben, und er würde eher ſein eigenes Gemüth kennen lernen.“ „Armes Mädchen, armes Mädchen! es iſt klar genug, wie es ſteht; aber der Herr wird ein Geſchöpf von ſo einfältigem Herzen und ſo freundlichem Gemüth nicht außer Acht laſſen! Wir wollen nicht weiter von dieſen Dingen ſprechen; wenn Ihr Ver⸗ nunft hättet, würdet Ihr Euch bekümmern, Andre ſo Euer Ge⸗ heimniß haben durchſchauen zu laſſen. Sagt mir, Hetty, was iſt aus all' den Huronen geworden, und warum laſſen ſie Euch auf 628 dem Vorſprung herum wandeln, als ob Ihr auch eine Ge⸗ fangene wäret?“ „Ich bin keine Gefangene, Wildtodter, ſondern ein freies Mädchen, und gehe wohin und wann es mir gefällt. Niemand darf mir ein Leid thun! Wenn ſie es thäten, würde Gott zürnen, wie ich ihnen in der Bibel zeigen kann. Nein— nein— Hetty Hutter fürchtet ſich nicht; ſie iſt in guten Händen. Die Huronen ſind dort in den Wäldern drüben, und haben ein ſcharfes Auge auf uns Beide, dafür ſteh' ich, denn alle Weiber und Kinder halten Wache. Einige begraben den Leichnam des armen Mädchens, das in der vorigen Nacht erſchoſſen wurde, damit der Feind und die wilden Thiere ihn nicht finden können. Ich ſagte ihnen, Vater und Mutter lägen im See, aber ich ließ ſie nicht wiſſen, in welcher Gegend, denn Judith und ich brauchen Niemand von ihrer heid⸗ niſchen Geſellſchaft auf unſerem Begräbnißplatz.“ „Ach weh! Nun, es iſt in der That eine grauſame Auf⸗ gabe, hier zu ſtehen, lebend und zornig, mit aufgeregten, wüthen⸗ den Gefühlen, in der einen Stunde, und dann in der nächſten weggeführt, und in einer Grube in der Erde dem Anblick der Menſchenkinder entrückt zu werden! Niemand weiß, was ihm auf einem Kriegspfad widerfahren mag, das iſt gewiß!“ Hier unterbrach das Rauſchen des Laubs und das Krachen von dürren Zweigen das Geſpräch, und ſetzte Wildtöd ter in Kenntniß von der Annäherung ſeiner Feinde. Die Huronen ſchloſſen um den Platz, der für die nun kommende Scene eingerichtet worden war, und in deſſen Mitte das beabſichtigte Opfer jetzt ſtand, einen Kreis— und die bewaffneten Männer waren ſo unter die ſchwächern Glieder der Bande vertheilt, daß keine gefahrloſe Lücke war, wo der Gefangene durchbrechen konnte. Aber er dachte jetzt nicht mehr an Flucht; der letzte Verſuch hatte ihn von der Unmöglich⸗ keit überzeugt, zu entkommen, wenn er von einer großen Menge ſo ſcharf verfolgt ward. Im Gegentheil hatte er alle ſeine Kräfte —— 8½————. dA —2— G& 8—9 82A2 ——, 8— 629 e⸗ aufgeboten, um dem Schickſal, das er erwartete, mit einer Ruhe entgegenzugehen, welche ſeiner Farbe und Mannhaftigkeit Ehre es machen ſollte,— ebenſo entfernt von feiger und ſchimpflicher Angſt, nd wie von der Prahlerei der Wilden. n, Als Rivenoak wieder in dem Kreis erſchien, nahm er ſeinen ty alten Platz oben auf der Scene ein. Einige der ältern Krieger ſtanden en in ſeiner Nähe; aber jetzt, nachdem Sumach's Bruder gefallen, war ge kein anerkannter Häuptling mehr anweſend, deſſen Einfluß und An⸗ er ſehen mit dem ſeinigen in eine gefährliche Nebenbuhlerſchaft hätte 1s, treten können. Dennoch iſt wohl bekannt, daß wenig Monarchiſches nd oder Deſpotiſches in irgend einem Sinne in der politiſchen Verfaſ⸗ ter ſung der nordamerikaniſchen Stämme ſich fand, obgleich die erſten her Coloniſten, in dieſe Hemiſphäre die Begriffe und Meinungen ihrer id⸗ Länder mitbringend, die angeſehenſten Männer dieſer dem Urzuſtand nahe ſtehenden Nationen häufig mit den ſtolzen Titeln von Königen uf⸗ und Fürſten bezeichneten. Erblicher Einfluß exiſtirte allerdings; en⸗ aber man hat allen Grund zu glauben, daß er eher als eine Folge ten 1 von erblichem Verdienſt und erworbnen Eigenſchaften, denn als der Geburtsrecht beſtand. Rivenoak jedoch hatte nicht einmal dieſen auf Anſpruch— denn er war zu Anſehen emporgeſtiegen einzig durch die Macht von Talenten, Scharfſinn, und wie Bacon es ausſpricht, hen im Hinblick auf alle ausgezeichneten Staatsmänner— ‚durch eine niß Vereinigung großer und gemeiner Eigenſchaftene; eine Wahrheit, um für welche die Laufbahn des tiefdenkenden Engländers ſelbſt einen den ſo einleuchtenden Beleg liefert. nen Nächſt den Waffen ebnet Beredſamkeit die große Bahn zur ern Volksgunſt, ſey es im civiliſirten oder im wilden Leben; und Rive⸗ wo noak hatte es ſo weit gebracht— wie ſo Manche vor ihm!— icht ebenſoſehr dadurch, daß er ſeinen Zuhörern falſche Sätze und Trug⸗ ich⸗ ſchlüſſe einleuchtend zu machen wußte, als durch tiefe und gelehrte nge Auseinanderſetzung der Wahrheit, oder durch die Schärfe ſeiner Logik. Dennoch beſaß er Einfluß, und war auch gar nicht ohne gerechte Anſprüche darauf. Wie die meiſten Menſchen, welche mehr überlegen als fühlen, war der Hurone kein Freund davon, die blos wilden und trotzigen Leidenſchaften ſeines Volks zu üben und zu hegen; man fand ihn gewöhnlich auf der Seite der Barmherzigkeit bei all den Scenen erbitterter Peinigung und Rachgier, die in ſeinem Stamme vorgekommen, ſeit er zur Macht gelangt war. Im jetzigen Falle ſträubte er ſich, es auf's Aeußerſte kommen zu laſſen, obwohl die Reizung und Herausforderung ſo groß war; aber doch ging es über ſeinen Scharfſinn, ein Mittel zu entdecken, dieſe Alter⸗ native glücklich zu vermeiden. Sumach empfand ihre Verſchmä⸗ hung bittrer, als den Tod von Gatten und Bruder, und es war wenig Wahrſcheinlichkeit, daß das Weib dem Manne verzeihen werde, der ſo unumwunden den Tod ihren Umarmungen vorgezogen hatte. Ohne ihre Verzeihung war kaum zu hoffen, daß der Stamm ſich bewegen laſſen würde, ſeinen Verluſt zu überſehen; und ſelbſt dem zur Verzeihung ſo geneigten Rivenvak ſchien das Schickſal unſers Helden jetzt hoffnungslos beſiegelt. Als die ganze Bande verſammelt war, erfüllte ein ernſtes Schweigen, nur um ſo drohender bei ſeiner tiefen Ruhe, den Platz. Wildtödter bemerkte, daß die Weiber und Knaben Splitter von den fetten Fichtenwurzeln gefertigt hatten, die, wie er wohl wußte, ihm in's Fleiſch geſteckt und angezündet werden ſollten, während zwei oder drei der jungen Männer die Stricke von Baſt hielten, womit er gebunden werden ſollte. Der Rauch von einem fernen Feuer kündigte an, daß die Brände ſchon in Bereitſchaft waren, und einige von den ältern Kriegern fuhren mit den Fingern über die Schneide ihrer Tomahawks, um ihre Schärfe und Feinheit zu erproben. Selbſt die Meſſer ſchienen ſchon gelockert in ihren Scheiden, ungeduldig der blutigen, unbarmherzigen Arbeit harrend, die beginnen ſollte. „Tödter des Wildes, begann wieder Rivenoak, allerdings ohne alle Zeichen von Sympathie oder Mitleid in ſeinem Weſen, obwohl mit Ruhe und Würde;„Tödter des Wildes, es iſt Zeit, daß meine uim bſt ſal tes atz. den hm wei mit uer nige eide ben. ldig llte. ohne wohl neine 631 Leute ihre Geſinnungen erkannten. Die Sonne ſteht nicht mehr über unſern Häuptern; müde über den Huronen zu weilen, hat ſie angefangen, gegen die Fichten auf dieſer Seite des Thales ſich zu ſenken. Sie wandert ſchnell dem Lande unſrer franzöſiſchen Väter zu— um zu warnen ihre Kinder, daß ihre Hütten leer ſtehen, und daß ſie zu Hauſe ſeyn ſollten. Der ſtreifende Wolf hat ſeine Höhle, und er ſucht ſie auf, wenn er ſeine Jungen zu ſehen wünſcht. Die Irokeſen ſind nicht ärmer als die Wölfe. Sie haben Dörfer, und Wigwams, und Kornfelder; die guten Geiſter werden müde ſeyn, ſie allein zu bewachen. Meine Leute müſſen zurückgehen und nach ihren Angelegenheiten ſehen. Es wird Freude herrſchen in den Hütten, wenn ſie unſern Ruf von dem Walde her hören! Es wird ein kummervoller Ruf ſeyn; wenn man ihn verſtanden, wird Gram ihm folgen. Es wird Ein Skalpruf erſchallen, aber nur Einer. Wir haben den Pelz der Biſamratze; ſein Leichnam iſt unter den Fiſchen. Wildtödter muß es ſagen, ob noch ein Skalp auf unſerm Pfahl ſeyn ſoll. Zwei Hütten ſind leer; ein Skalp, lebendig oder todt, iſt erforderlich für jede Thüre!“ „Dann nehmt ihn todt, Hurone,“ erwiederte der Gefangne feſt, aber ohne theatraliſche Prahlerei.„Meine Stunde iſt gekom⸗ men, glaube ich, und was ſeyn muß, muß ſeyn. Wenn Ihr auf die Martern verſeſſen ſeyd, ſo will ich mein Moͤglichſtes thun, ſie mannhaft zu ertragen, obgleich kein Menſch ſagen kann, wie weit ſeine Natur Schmerzen aushalten kann, bis es zur Probe ge⸗ kommen iſt.“ „Der Bleichgeſichthund fängt an den Schwanz zwiſchen die Beine zu nehmen!“ ſchrie ein junger, geſchwätziger Wilder, der den paſſenden Titel: Corbeau Rouge führte, ein sobriquet, das er von den Franzoſen bekommen wegen ſeiner Fertigkeit, zur Unzeit Geräuſch zu machen, und einer ungebührlichen Neigung, ſeine eigne Stimme zu hören;„er iſt kein Krieger; er hat den Loup Cervier getödtet, hinter ſich blickend, um nicht den Blitz ſeiner eignen Buͤchſe 63² zu ſehen. Er grunzt ſchon wie ein Schwein; wenn die Huronen⸗ Weiber anfangen, ihn zu quälen, wird er ſchreien wie das Junge der Pantherkatze. Er iſt ein delawariſches Weib, gekleidet in die Haut eines Yengeeſe!“ 8 „Schwatzt wie Ihr wollt, junger Mann; ſchwatzt wie Ihr wollt,“ verſetzte Wildtödter unbeweglich;„Ihr verſteht es nicht beſſer und ich kann es überſehen. Schwatzen mag Weiber beluſti⸗ gen, aber kann ſchwerlich Meſſer ſchärfen, Feuer heißer, oder Büchſen ſichrer machen.“ Rivenoak legte ſich jetzt dazwiſchen, verwies der Rothen Kraͤhe ihre voreilige Einmiſchung, und wies dann die geeigneten Perſonen an, den Gefangnen zu binden. Dieſe Maßregel ward ergriffen nicht aus Beſorgniß, er möchte entfliehen, oder ſofern man jetzt ſchon die Nothwendigkeit davon erkannt hatte, weil er nicht im Stande geweſen wäre, die Martern mit freien Gliedern auszuhalten, ſondern mit der ſinnreichen Abſicht, ihm ſeine Hülfloſigkeit recht fühlbar zu machen, und ſeine Entſchloſſenheit dadurch allmälig zu lähmen, daß man ſie ſo zu ſagen Schritt für Schritt untergrub. Wildtödter widerſetzte ſich nicht. Er bot ſeine Arme und Beine willig, wenn auch nicht freudig, den Baſtſeilen dar, welche auf Befehl des Häupt⸗ lings ſo darum gebunden wurden, daß ſte möglichſt wenig Schmerzen verurſachten. Dieſe Anweiſungen waren geheim und in der Hoff⸗ nung gegeben, der Gefangene würde ſich am Eunde jede ernſte kör⸗ perliche Marter erſparen, durch ſeine Einwilligung, die Sumach zum Weib zu nehmen. Sobald Wildtödter hinlänglich mit Baſt gebunden war, um ein lebhaftes Gefühl von Hülfloſtgkeit in ihm zu erwecken, ward er an einen jungen Baum im buchſtaͤblichen Sinne geſchleppt und daran ſo angebunden, daß er ſich in der That ebenſowenig rühren als fallen konnte. Die Hände wurden flach an die Beine gelegt, und überall Seile darüber gezogen, dergeſtalt, daß der Gefangene mit dem Baume wie verwachſen ſchien. Dann ward ihm ſeine Mütze abgenommen, und er blieb dann in N—— ⏑————9 6³³ einer Lage— halb ſtehend, halb von ſeinen Banden gehalten, um der kommenden Scene ſo gut er konnte die Stirne zu bieten. Ehe man irgend zum Aeußerſten ſchritt, war es Rivenoak'’s Wunſch, ſeines Gefangnen Entſchloſſenheit auf die Probe zu ſtellen durch Erneuerung des Verſuchs zu einem gütlichen Vergleich. Dieß konnte nur auf Eine Weiſe geſchehen, da die Einwilligung der Sumach unerläßlich war, wenn es zu einem Vergleich über ihr Recht auf Rache kommen ſollte. In dieſer Abſicht ward denn zu⸗ nächſt das Weib aufgefordert vorzutreten, und ſelbſt ihr Intereſſe zu wahren; da man annehmen konnte, daß Niemand bei dieſer Ne⸗ gotiation eine wirkſamere Rolle würde ſpielen können, als die Haupt⸗ perſon ſelbſt. Die Indianerinnen ſind als Mädchen gewöhnlich mild und unterwürfig, mit muſtkaliſchem Ton, angenehmen Stimmen und luſtigem Lachen; aber Mühſeligkeiten und Leiden berauben ſie der meiſten dieſer Vorzüge, bis ſie nur ein Alter erreichen, das die Sumach lange ſchon überſchritten hatte. Ihre Stimmen rauh zu machen, erforderte es, ſo mochte es ſcheinen, lebhafte, bösartige Leidenſchaften, obwohl in der Aufregung ihr Kreiſchen zu einem hinlänglichen Grade von gellendem Mißton ſich erheben kann, um ihre Anſprüche auf den Beſitz dieſer unterſcheidenden Eigenthüm⸗ lichkeit des ſchönen Geſchlechts ſicher zu ſtellen. Die Sumach war jedoch nicht ganz ohne weibliche Reize, und hatte noch vor ſo kurzer Zeit unter ihrem Stamme für ſchön gegolten, daß ſie noch nicht in ihrem ganzen Umfang die Wirkungen erkannt hatte, welche Zeit und Mühſeligkeit bei Männern ſo gut wie bei Frauen hervorbringen. Auf Rivenoak's Veranſtaltung hatten einige der Weiber um ſie her die ganze Zeit über ſich Mühe gegeben, die einſam ſtehende Wittwe zu bereden, es ſey noch Hoffnung, den Wildtödter zu vermögen, lieber in ihren Wigwam, als in die Welt der Geiſter einzuziehen, und dieß mit einem Erfolg, den frühere Symptome kaum hätten erwarten laſſen. Alles dieß war die Folge eines Entſchluſſes von Seiten des Häuptlings, kein geeignetes Mittel unverſucht zu laſſen, um den größten Jäger, der nach allgemeiner Annahme damals in der ganzen Gegend lebte, für ſeine Nation, ſo wie auch einen Gatten für ein Weib zu gewinnen, das, wie er wohl fühlte, ſehr läſtig und beſchwerlich werden konnte, wenn man ihre Anſprüche an die Aufmerkſamkeit und Vorſorge des Stammes irgend überſah. Dieſem Plan gemäß war die Sumach insgeheim angewieſen worden, in den Kreis vorzutreten, und den Gerechtigkeitsſinn des Gefangenen anzuſprechen, ehe die Bande zu dem letzten Verſuch ſchritt. Das Weib willigte nicht faul ein; denn es lag ein ähn⸗ licher Reiz darin, das Weib eines unter den Frauen der Stämme berühmten Jägers zu werden, wie etwa die Schönen in einem mehr verfeinerten Zuſtand empfinden, wenn ſie ihre Hand reichen Männern geben. Da die Pflichten einer Mutter als alle andre Rückſichten aufwiegend galten, empfand die Wittwe nichts von der Verlegenheit bei dem Vortrag ihrer Anſprüche, deren ſelbſt eine Glücksjägerin unter uns ſich doch nicht erwehren würde. Wie ſie daher vor der ganzen Truppe vortrat, rechtfertigten die Kinder, die ſie an der Hand führte, Alles, was ſie that, vollkommen. „Ihr ſeht mich vor Euch, grauſames Bleichgeſicht,“ begann das Weib;„Euer Geiſt muß Euch mein Anliegen ſagen. Ich habe Euch gefunden: ich kann nicht finden den Loup Cervier noch den Panther. Ich habe ſie geſucht im See, in den Wäldern, in den Wolken. Ich weiß nicht zu ſagen, wohin ſie gegangen ſind.“ „Niemand weiß es, gute Sumach, Niemand weiß es,“ fiel der Gefangne ein.„Wenn der Geiſt den Körper verläßt, geht er in eine Welt über, welche jenſeits unſrer Erkenntniß liegt, und das Klügſte für die Zurückgebliebenen iſt: das Beſte zu hoffen. Ohne Zweifel ſind Eure beiden Krieger nach den glücklichen Jagdrevieren gegangen, und ſeiner Zeit werdet Ihr ſie wieder ſehen in ihrem beſſern Zuſtand. Das Weib und die Schweſter von Tapfern muß einem ſolchen oder ähnlichen Schluß ihrer Laufbahnen auf Erden entgegengeſehen haben.“ 635 „Grauſames Bleichgeſicht, was hatten meine Krieger gethan, daß Ihr ſie erſchluget? Sie waren die beſten Jäger und die kühnſten jungen Männer ihres Stammes; der Große Geiſt wollte, daß ſie leben ſollten bis ſie verwitterten gleich den Zweigen der Tanne, und durch ihre eigene Wucht abfielen.“ „Nein, nein, gute Sumach,“ unterbrach ſie der Wildtödter, deſſen Wahrheitsliebe zu unbezwinglich war, um geduldig ſolchen Hyperbeln zuzuhören, ſelbſt wenn ſie aus dem zerriſſenen Herzen einer Wittwe kamen,—„Nein, nein, gute Sumach, das heißt die Vorrechte der Rothhäute etwas übertreiben. Ein junger Mann war Keiner, ſo wenig als Ihr eine junge Frau genannt werden könnt; und was des Großen Geiſtes Willen anlangt, daß ſie hätten auf eine andere Weiſe fallen ſollen, als ſie fielen, ſo iſt das ein trauriger Irrthum, ſintemal, was der Große Geiſt will, ganz gewiß in Erfüllung geht. Und dann weiter iſt es zwar ganz klar, daß keiner Eurer Freunde mir ein Leid that; ich erhob aber meine Hand gegen ſie wegen deſſen, was ſie mir zu thun trachteten, und nicht, was ſie mir thaten. Das iſt natürliches Geſetz: ſeine Hand gebrauchen, damit man nicht der Hand des Andern erliege.“ „Es iſt ſo. Sumach hat nur eine Zunge; ſie kann nur eine Geſchichte erzählen. Das Bleichgeſicht erſchlug die Huronen, damit nicht die Huronen ihn erſchlügen. Die Huronen ſind eine gerechte Nation, ſie werden es vergeſſen, die Häuptlinge werden ihre Augen ſchließen und ſich ſtellen, als hätten ſie es nicht geſehen. Die jungen Männer werden glauben, der Panther und der Luchs ſeyen auf ferne Jagden gezogen; und die Sumach wird ihre Kinder bei der Hand nehmen, und in die Hütte des Bleichgeſichts gehen, und ſagen: Seht, das ſind Eure Kinder— ſie ſind auch die meinigen; ernährt uns und wir wollen bei Euch wohnen.“ „Die Bedingungen ſind nicht annehmbar, Weib; und ſo ſehr ich Eure Verluſte bedaure, welche hart zu tragen ſeyn müſſen, können doch die Anträge nicht angenommen werden. Euch Wildpret 636 zu ſchaffen, falls wir nahe genug bei einander wohnten, das waͤre keine ſo große Aufgabe, aber Euer Mann zu werden, und der Vater von Euren Kindern, dazu fühle ich, ehrlich mit Euch geſprochen, keinen Beruf in mir.“ „Seht dieſen Knaben an, grauſames Bleichgeſicht; er hat keinen Vater, der ihn lehren könnte, das Wild zu tödten, oder Skalpe zu nehmen. Seht dieß Mädchen; welcher junge Mann wird kommen, um ſich ein Weib zu ſuchen in einer Hütte, die kein Haupt hat? Noch mehrere ſind unter meinem Volke in den Canoes, und der Tödter des Wildes wird ſo viele Mauler zu füttern finden, als ſein Herz wünſchen mag.“ „Ich ſage Euch, Weib,“ rief Wildtödter, deſſen Phantaſie keineswegs die Aufforderung der Wittwe unterſtützte, und der bei den lebhaften Gemälden, welche ſie entwarf, ungeduldig und ſtättiſch zu werden anfing,„das Alles iſt mir Nichts. Das Volk und die Verwandten müſſen ſich ihrer Vaterloſen annehmen, und die, die keine Kinder haben, ihrer Einſamkeit überlaſſen. Was mich betrifft, ich habe keine Sprößlinge und begehre kein Weib. Jetzt geht Eures Weges, Sumach, laßt mich in den Händen Eurer Häuptlinge; denn meine Farbe und Gaben und meine Natur ſelbſt ſchreien gegen die Idee, Euch zum Weib zu nehmen.“ Es iſt unnöthig, weitläuftig zu ſeyn über die Wirkungen dieſer unumwundnen Ablehnung der Vorſchläge des Weibes. Wenn etwas wie Zärtlichkeit in ihrem Buſen war— und kein Weib vielleicht entbehrte je ganz dieſer weiblichen Eigenſchaft— ſo verſchwand dieß ganz bei dieſer einfachen Erklärung. Rachſucht, Wuth, gekränkter Stolz und ein Vulkan von Zorn brachen in Einem Erguß los, und verwandelten ſie wie mit einer Zauberruthe in eine Art Wahnſinnige. Ohne ihn einer Antwort in Worten zu würdigen, machte ſie die Wölbungen des Waldes von ihrem Gekreiſche erdröhnen, und dann ſtürzte ſie auf ihr Opfer los, und ergriff ihn bei den Haaren, die ſie ihm mit den Wurzeln auszureißen ent⸗ 637 ſchloſſen ſchien. Es dauerte einige Zeit, bis man ihn von ihr losmachen konnte. Zum Glück für den Gefangnen war ihre Wuth blind, denn ſeine gänzliche Hülfloſigkeit hätte ihn ihr völlig preis⸗ gegeben: wäre ſie beſonnener geweſen, ſo hätte ſie ihm den Tod bringen können, ehe zu Hülfe zu eilen möglich war. So aber gelang es ihr nur, ihm ein paar Hände voll Haare auszuraufen, ehe die jungen Männer ſie von ihrem Opfer wegriſſen. Die der Sumach widerfahrene Beſchimpfung galt als eine Beleidigung des ganzen Stammes, jedoch nicht ſowohl wegen der Achtung, die man für das Weib hegte, als in Betracht der ver⸗ letzten Ehre der huroniſchen Nation. Sumach ſelbſt galt allgemein für ſo herb und ſo ſauer wie die Beere, von der ſie ihren Namen hatte; und jetzt, nachdem ihre großen Beſchützer, ihr Gatte und ihr Bruder beide dahin waren, gaben ſich Wenige mehr Mühe, ihre Abneigung gegen ſte zu verbergen. Doch aber war es ein CEhrenpunkt geworden, das Bleichgeſicht zu ſtrafen, das ein huro⸗ niſches Weib verſchmähte, und zumal Einen, der ganz kaltblütig lieber ſterben wollte, als dem Stamme die Laſt einer Wittwe und ihrer Kinder abnehmen. Die jungen Männer zeigten eine Ungeduld mit der Marter zu beginnen, welche Rivenoak verſtand, und da ſeine ältern Genoſſen keine Neigung verriethen, einen längern Aufſchub zu geſtatten, ſah er ſich genöthigt, das Zeichen zu geben zum Anfang des hölliſchen Werkes. 638 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Den zottigen Bär focht nicht an der Pfahl, Und nicht das Zerren der grauſamen Meute; Still lag der Hirſch in dem umbuſchten Thal, Der ſchäumende Eber nicht den Jagdſpieß ſcheute; Alles war ſtill in Wildniß, Buſch und Hag. Lord Dorſet. Es war einer der gewöhnlichen Gebräuche der Wilden bei ſolchen Gelegenheiten, die Nerven ihrer Opfer auf die härteſten Proben zu ſtellen. Andrerſeits war es ein Ehrenpunkt indianiſchen Stolzes, keine Anwandlung von Furcht und keine Schmerzempfin⸗ dung zu verrathen; der Gefangene aber mußte ſeine Feinde zu ſolchen Mißhandlungen herauszufordern ſuchen, welche am eheſten den Tod zur Folge hatten. Man kannte manchen Krieger, dem es gelungen war ſeine Qualen abzukürzen durch höhniſche Vor⸗ würfe und eine beſchimpfende Sprache, wenn er merkte, daß ſeine phyſiſche Organiſation zu erliegen drohte unter dem Schmerz von Martern, ausgeſonnen durch eine teufliſche Erfindſamkeit, die wohl Alles verdunkeln mochte, was man von den hölliſchen Grauſamkeiten religiöſen Verfolgungseifers geſagt hat. Dieß glückliche Auskunfts⸗ mittel jedoch, gegen die Wildheit ſeiner Feinde ihre Leidenſchaften ſelbſt zu Hülfe zu rufen, war Wildtödtern verſagt durch ſeine eigenthümlichen Begriffe von der Pflicht eines weißen Mannes; und er hatte den männlich feſten Entſchluß gefaßt, lieber Alles zu erdulden, als ſeiner Farbe Schande zu machen. Sobald die jungen Männer merkten, daß ihnen frei ſtand, anzufangen, ſprangen Einige der kühnſten und dreiſteſten unter ihnen auf den Platz vor, den Tomahawk in der Hand. Hier ſchickten ſie ſich an, dieſe gefährliche Waffe zu ſchleudern, wobei die Abſicht war, den Baum ſo nahe als möglich am Kopf des Opfers zu tref⸗ fen, ohne doch dieſes ſelbſt zu verletzen. Dieß war ein ſo gewagtes ——— ——„ 639 Experiment, daß nur die als die Erfahrenſten in Handhabung dieſer Waffe Anerkannten überhaupt auftreten durften, damit nicht ein früher Tod der erwarteten Unterhaltung ein vereitelndes Ende mache. Selten, ſelbſt unter der ſicherſten Hand, entging der Ge⸗ fangene bei dieſen Prüfungen aller Verletzung; und oft war der Tod die Folge, wenn dieß gar nicht der Zweck der Schleudernden war. Im jetzigen Fall bei unſerem Helden fürchteten Rivenoak und die älteren Krieger, das Beiſpiel von des Panthers Schickſal möchte für hitzige Geiſter ein Beweggrund werden, deſſen Ueber⸗ winder raſch zu opfern, jetzt, wo die Verſuchung locken konnte, es gerade in derſelben Weiſe, und vielleicht gar mit derſelben Waffe, durch welche der Krieger gefallen war, zu thun. Dieſer Um⸗ ſtand machte an ſich ſchon die Probe mit dem Tomahawk doppelt bedenklich für Wildtödter. Es ſchien jedoch, daß Alle, welche jetzt in die Schranken traten, wenn man ſo ſagen kann, mehr darauf dachten, ihre eigne Geſchicklichkeit zur Schau zu ſtellen, als den Tod ihrer Cameraden zu rächen. Alle ſchickten ſich zu dem Verſuche mehr mit den Ge⸗ fühlen des Wetteifers, als mit Durſt nach Rache an; und die erſten paar Minuten hatte die Sache für den Gefangenen nur ſo viel Bedeutung, als aus dem Intereſſe entſprang, welches eine lebendige Zielſcheibe nothwendig erregte. Die jungen Männer waren lebhaft und munter, aber nicht erbittert, und Rivenoak glaubte noch aus einigen Anzeichen ſchließen und hoffen zu dürfen, er könne vielleicht noch das Leben des Gefangnen retten, wenn erſt die Eitelkeit der jungen Männer befriedigt ſey; vorausgeſetzt natür⸗ lich, daß es nicht vorher bei den damit anzuſtellenden kitzlichen Experimenten geopfert wurde. Der erſte Jüngling, der ſich zu dem Verſuch ſtellte, hieß der Rabe, da er bis jetzt noch nicht Gelegenheit gehabt, ein kriege⸗ riſcher lautendes sobriquet zu erlangen. Er zeichnete ſich mehr durch gioße Anmaßung, als durch Geſchicklichkeit oder Thaten 640 aus; und die ſeinen Charakter kannten, glaubten den Gefangnen in drohender Gefahr, als er ſeinen Stand einnahm und den Toma⸗ hawk ſchwang. Jedoch war der junge Mann gutmüthig, und in ſeiner Seele herrſchte kein andrer Gedanke, als der Wunſch, einen beſſern Wurf zu thun als irgend Einer ſeiner Genoſſen. Wild⸗ tödter bekam eine Ahnung von dem geringen Ruf dieſes Kriegers dadurch, daß die Aelteren ihn dringend ermahnten und warnten; und ſie würden ſich in der That widerſetzt haben, daß er überhaupt auf dem Plan auftrete, wäre nicht der Einfluß ſeines Vaters ihm zu Statten gekommen, eines bejahrten Kriegers von großem Ver⸗ dienſt, der damals in den Hütten des Stammes ſich befand. Dennoch behauptete unſer Held die Miene gefaßter Selbſtbeherr⸗ ſchung. Er hatte ſich darein ergeben, daß ſeine Stunde gekommen ſey, und es wäre eine Wohlthat, nicht ein Unglück geweſen, durch die Unſicherheit der erſten Hand, die ſich gegen ihn erhob, zu fallen. Nach einer anſehnlichen Menge von Schwenkungen und Geſtikula⸗ tionen, die weit Mehr verſprachen, als er zu leiſten vermochte, ließ der Rabe den Tomahawk ſeiner Hand entgleiten. Die Waffe ſchwirrte mit den gewöhnlichen Umdrehungen durch die Luft, ſchnitt einen Splitter von dem jungen Baum, woran der Gefangene ge⸗ bunden war, einige Zoll von ſeiner Wange entfernt, und fuhr in eine große, einige Schritte weiter hinten ſtehende Eiche. Dieß war ein entſchieden ſchlechter Wurf, und ein allgemeines Hohn⸗ lächeln erklärte es dafür, zur bittern Kränkung des jungen Mannes. Andrerſeits erhob ſich ein allgemeines, aber gedämpftes Murmeln der Bewunderung über die Standhaftigkeit, womit der Gefangene die Probe beſtand. Der Kopf war das Einzige, was er bewegen konnte, und dieſen hatte man abſichtlich frei gelaſſen, damit die Peiniger die Beluſtigung, und der Gemarterte die Schande der Schwäche zu erdulden hätte, wenn er ſich duckte, und ſonſt der Waffe auszuweichen ſuchte. Wildtödter vereitelte dieſe Hoffnungen durch eine Herrſchaft über ſeine Nerven, die ſeinen ganzen Leib ε ν 641 ſo unbeweglich machte, wie der Baum, an den er gebunden war. Nicht einmal die natürliche und gewöhnliche Erleichterung, die Augen zu ſchließen, benutzte er, und der älteſte und kühnſte Krie⸗ ger unter den rothen Männern hatte niemals mit größerer Selbſt⸗ verlaͤugnung dieſe Wohlthat, unter ähnlichen Umſtänden, verſchmäht. Sobald der Rabe ſeinen unglücklichen und kindiſchen Verſuch gemacht hatte, folgte ihm Le Daim-Mose, oder das Elenthier; ein Krieger von mittlerem Alter, der beſonders geſchickt war in der Handhabung des Tomahawk, und von deſſen Auftreten die Zuſchauer mit Zuverſicht eine nicht geringe Befriedigung ſich verſprachen. Dieſer Mann hatte Nichts von der Gutmüthigkeit des Raben, ſondern er würde gern den Gefangnen ſeinem Haß gegen die Bleich⸗ geſichter überhaupt geopfert haben, hätte nicht das Intereſſe bei einem glücklichen Erfolg im Handhaben einer Waffe, in deren Ge⸗ brauch er beſonders geſchickt war, überwogen. Er nahm ruhig, aber mit zuverſichtlichem Weſen, ſeinen Stand, ſchwang ſein kleines Beil nur einen Augenblick, trat raſch einen Schritt vor und ſchleu⸗ derte. Wildtödter ſah die ſcharfe Waffe gegen ſich ſchwirren und glaubte, es ſey jetzt aus mit ihm, aber er ward gar nicht verletzt. Der Tomahawk hatte in der That den Kopf des Gefangnen an den Baum gepreßt, indem er einen Buſch ſeines Haars gefaßt hatte, und tief in die weiche Rinde eindrang. Ein allgemeiner gellender Ruf verkündigte die Freude der Zuſchauer, und das Elen⸗ thier fühlte ſein Herz ſich etwas erweichen gegen den Gefangenen, deſſen Nervenſtärke allein ihm möglich gemacht hatte, dieſe Probe ſeiner vollendeten Geſchicklichkeit abzulegen. Auf das Elenthier folgte der Hüpfende Junge, oder Le Garçon qui bondit, der hüpfend in den Kreis kam, wie ein Hund oder eine ſpielende Ziege. Es war dieß Einer jener elaſtiſchen Jüng⸗ linge, deren Muskeln in immerwaͤhrender Bewegung zu ſeyn ſcheinen, und der ſich, mochte es nun Affektation, oder wirkliche, fixirte Gewohnheit ſeyn, gar nicht mehr anders bewegte, als in der Der Wildtödter. 3. Aufl. 41 642 bezeichneten gaukleriſchen Weiſe. Trotzdem war er ſowohl tapfer, als geſchickt, und hatte ſich die Achtung ſeines Volks ſowohl durch Thaten im Krieg, als durch Glück auf der Jagd erworben. Ein weit edlerer Name hätte ihm längſt zu Theil werden müſſen, hätte ihm nicht ein Franzoſe von Rang dieſes sobriquet unabſichtlich gegeben, das er nun gewiſſenhaft beibehielt, als von ſeinem Großen Vater kommend, der jenſeits des großen Salzſee's wohne. Der Hüpfende Junge tanzte vor dem Gefangnen herum und drohte ihm jetzt von dieſer, jetzt von jener Seite, dann wieder von vorn mit dem Tomahawk, in der eiteln Hoffnung, durch dieſe Gefahrvor⸗ ſpiegelung ihm ein Zeichen der Furcht abzupreſſen. Endlich wurde Wildtödter's Geduld durch all dieſe Gaukelei erſchöpft, und er ſprach zum erſten Mal, ſeit die Prüfung wirklich angefangen hatte. „Werft zu, Hurone!“ rief er,„oder Euer Tomahawk vergißt ſeine Aufgabe. Warum tanzt Ihr denn immer ſo herum, wie ein Hirſchkalb, das ſeiner Mutter zeigen will, wie gut es hüpfen kann, da Ihr doch ſelbſt ein vollgewachſener Krieger ſeyd, und ein voll⸗ gewachſener Krieger Euch und all Euren läppiſchen Sprüngen Trotz bietet? Schleudert, oder die huroniſchen Madchen werden Euch in's Geſicht lachen!“ Dieſe letzten Worte entflammten, ſo wenig der Redende eine ſolche Wirkung beabſichtigte, den„Hüpfenden’ Krieger zur Wuth. Dieſelbe Nervenerregbarkeit, die ihn körperlich ſo beweglich machte, erſchwerte es ihm, ſeine Empfindungen zurückzuhalten, und kaum waren jene Worte aus Wildtödter's Mund, als der Tomahawk der Hand des Indianers entfuhr. Auch war er nicht ohne guten Willen und den grimmigen Vorſatz, zu tödten, geſchleudert. Wäaͤre die Abſicht weniger tödtlich, ſo wäre die Gefahr vielleicht größer geweſen. Er zielte unſicher, und die Waffe zuckte an der Wange des Gefangenen vorbei und ſchnitt ihm bei ihren Umdrehungen leicht in die Schulter. Dieß war das erſte Mal, daß eine andere Abſicht, als die den Gefangnen zu ängſtigen und die eigne uten Väre ößer ange ngen ndere eigne 643 Geſchicklichkeit zu zeigen, an den Tag gelegt worden war; und der Hüpfende Junge ward ſogleich von dem Platz weggeführt und mit Wärme geſcholten wegen ſeiner ungezügelten Hitze, die beinahe alle Hoffnungen der Bande vereitelt hätte. Auf dieſen reizbaren Mann folgten einige andere junge Krie⸗ ger, die nicht nur den Tomahawk, ſondern auch das Meſſer— ein viel gefährlicheres Erperiment— mit rückſichtsloſer Gleich⸗ gültigkeit ſchleuderten; doch zeigten ſte Alle eine Geſchicklichkeit, welche den Gefangenen vor ernſtlichen Verletzungen bewahrte. Einige Male zwar wurde Wildtoͤdter geritzt, aber nie erhielt er eine eigentliche Wunde. Die unbeugſame, unerſchütterliche Feſtig⸗ keit, womit er ſeinen Angreifern die Stirne bot, zumal in der Art von Kurzweil, womit dieſe Prüfung endete, erregte bei den Zuſchauern tiefe Achtung; und als die Häuptlinge erklärten, der Gefangene habe die Probe mit dem Meſſer und dem Tomahawk gut ausgehalten, da war nicht Eine Seele unter der Truppe, die wirklich eine feindſelige Geſinnung gegen ihn gehegt hätte, mit Ausnahme der Sumach und des Hüpfenden Jungen. Dieſe beiden mißvergnügten Geiſter thaten ſich allerdings zuſammen, gegenſeitig ihren Zorn ſchürend, aber bis jetzt waren ihre boshaften Gefühle großentheils auf ſie ſelbſt beſchränkt, obwohl zu befürchten ſtand, daß binnen Kurzem auch die Andern durch ihre Anſtrengungen zu jenem dämoniſchen Zuſtand aufgeregt würden, der gewöhnlich alle ſolche Scenen unter den rothen Männern begleitete. Rivenoak ſagte jetzt ſeinen Leuten, das Bleichgeſicht habe ſich als ein Mann bewährt. Er möge unter den Delawaren leben, aber er ſey nicht ein Weib geworden, mit dieſem Stamme. Er wünſchte zu wiſſen, ob es der Wille der Huronen ſey, noch weiter zu gehen. Aber auch die Sanfteſten unter den Weibern hatten bei den bisherigen Prüfungen zu viel Befriedigung empfunden, um ihren Ausſichten auf ein ergötzliches Schauſpiel zu entſagen, und daher wurde mit Einer Stimme verlangt, daß man fortfahre. Der 644 politiſche Häuptling, der ein ähnliches Verlangen empfand, einen ſo berühmten Jäger in ſeinen Stamm aufzunehmen, wie ein euro⸗ päiſcher Miniſter nach einem neuen, einträglichen Mittel der Be⸗ ſteurung, ſuchte alle irgend ſcheinbaren Gründe geltend zu machen, um der Sache noch zu rechter Zeit Einhalt zu thun; denn er wußte wohl, wenn man es einmal ſo weit kommen ließ, daß die wilderen Leidenſchaften der Peiniger aufgeregt wurden, daß es dann eben ſo leicht wäre, die Waſſer der großen See'n in ſeiner Heimath zu dämmen, als ihnen in ihrem blutigen Treiben Einhalt zu thun. Daher berief er vier oder fünf der beſten Schützen zu ſich, und gebot ihnen, den Gefangenen der Büchſenprobe zu unter⸗ werfen, wobei er ſie zugleich an die Nothwendigkeit erinnerte, durch die gemeſſenſte Aufmerkſamkeit bei der Art, wie ſie ihre Ge⸗ ſchicklichkeit zeigten, ihren Ruf aufrecht zu erhalten. Als Wildtödter die erleſenen Krieger, ihre Waffen in ſchuß⸗ fertigem Stand, in den Kreis treten ſah, empfand er eine Ge⸗ müthserleichterung, wie etwa ein Dulder, der lange die Qualen der Krankheit ertragen, bei dem ſichern Herannahen des Todes empfinden mag. Beim Zielen mit dieſer furchtbaren Waffe wurde leicht jede kleine Abweichung tödtlich; denn da der Kopf die Ziel⸗ ſcheibe war, oder vielmehr der Punkt, den man ohne wirkliche Verletzung ſtreifen ſollte, mußte ein Zoll oder zwei Untterſchied in der Schußlinie auf einmal die Frage über Leben und Tod entſcheiden. Bei der Tortur mit der Büchſe war nicht einmal ſo viel Spielraum freigegeben, wie ſelbſt in dem Fall mit Geßler's Apfel, denn ein Haar breit war in der That die äußerſte Grenze, die ſich ein erfahrener Schütze bei einer ſolchen Gelegenheit geſtattete. Häufig wurde das Opfer von zu hitzigen oder ungeſchickten Händen durch den Kopf geſchoſſen; und oft geſchah es auch, daß der Schütze, erbittert durch die Seelenſtärke und die Herausforderungen der Gefangenen abſichtlich in einem Augenb lick unbändiger Auf⸗ regung ihm den Tod zuſandte. Alles das wußte Wildtödter wohl, ₰ ₰ ——— — 645 denn mit Erzählen von Ueberlieferungen ſolcher Scenen, wie von Schlachten und Siegen ihres Volkes, vertrieben ſich die alten Männer die langen Winterabende in ihren Hütten. Er erwartete jetzt mit Beſtimmtheit das Ende ſeiner Laufbahn, und empfand eine Art ſchwermüthige Freude bei dem Gedanken, daß er durch eine ſo geliebte Waffe, wie die Büchſe, fallen ſollte. Eine kleine Unterbrechung jedoch trat noch ein, ehe die Sache vor ſich gehen konnte. Hetty Hutter war Zeugin von Allem was vorging, und das Schauſpiel hatte zuerſt auf ihren ſchwachen Geiſt völlig lähmend gewirkt; jetzt aber hatte ſie ſich erholt, und ihr Gemüth empörte ſich über die unverdienten Leiden, womit die Indianer ihren Freund quälten. Obwohl ſchüchtern und ſcheu wie das Junge der Hirſch⸗ kuh bei manchen Gelegenheiten, war doch dieß Mädchen von rich⸗ tigem Gefühl immer unerſchrocken, wenn es die Sache der Menſch⸗ lichkeit galt; die Lehren ihrer Mutter, und die Antriebe ihres eigenen Herzens— vielleicht dürften wir ſagen: die Eingebungen jenes unſichtbaren, reinen Geiſtes, der immer ihre Handlungen zu bewachen und zu leiten ſchien— vereinigten ſich, die weibliche Furchtſamkeit niederzuhalten, und ſie zu kühner Entſchloſſenheit zu kräftigen. Sie erſchien jetzt in dem Kreis, ſanft, weiblich, ſogar verſchämt in ihrem Weſen, wie gewöhnlich, aber ernſt in ihren Worten und Mienen, und redend wie Eine, die ſich durch die Vollmacht Gottes unterſtützt weiß. „Warum martert Ihr den Wildtödter, rothe Männer?“ fragte ſie.„Was hat er gethan, daß Ihr mit ſeinem Leben ſpielt; Wer hat Euch das Recht gegeben, ſeine Richter zu ſeyn? Setzt den Fall, eins Eurer Meſſer oder ein Tomahawk hätte ihn getroffen: welcher Indianer unter Euch Allen könnte die Wunde heilen, die Ihr gemacht? Ueberdieß, wenn Ihr Wildtodter ein Leid thut, verletzt Ihr Euern Freund; als Vater und Hurry auf Eure Skalpe auszogen, weigerte er ſich daran Theil zu nehmen, und blieb allein 646 im Canoe. Ihr martert Euren Freund, wenn Ihr dieſen jungen Mann martert!“ Die Huronen hörten ſie mit ernſter Aufmerkſamkeit an, und Einer unter ihnen, der Engliſch verſtand, überſetzte das Geſagte in die Sprache ihrer Heimath. Sobald Rivenoak den Sinn ihrer Anrede vernommen, beantwortete er ſie in ſeiner Sprache, und der Dollmetſcher überſetzte es dem Mädchen ins Engliſche. „Meiner Tochter ſteht es frei zu ſprechen,“ ſagte der finſtre, alte Redner, und gebrauchte ſo ſanfte Töne und lächelte ſo freund⸗ lich, als ſpräche er mit einem Kind—„die Huronen hören gern ihre Stimme; ſie lauſchen Allem, was ſie ſagt. Der Große Geiſt redet oft zu den Menſchen mit ſolchen Zungen. Dießmal ſind ihre Augen nicht weit genug offen geweſen, um Alles zu ſehen, was vorgefallen iſt. Wildtödter iſt nicht gekommen unſere Skalpe zu nehmen, das iſt wahr, warum kam er nicht? Hier ſind ſie, auf unſern Häuptern; die Kriegslocken ſind bereit, daß man ſie packen kann; ein kühner Feind ſoll ſeine Hand ausſtrecken, ſie zu faſſen. Die Irokeſen ſind eine zu große Nation, um Männer zu ſtrafen, welche Skalpe nehmen. Was ſie ſelbſt thun, das ſehen ſie gern auch an Andern. Meine Tochter möge ſich umſehen und meine Krieger zählen. Hätte ich ſo viele Hände als vier Krieger, ihre Finger wären weniger als mein Volk war, als wir in Eure Jagd⸗ gründe kamen. Jetzt fehlt eine ganze Hand. Wo find die Finger? Zwei ſind abgeſchnitten worden von dieſem Bleichgeſicht; meine Huronen wünſchen zu ſehen, ob er dieß gethan hat, in Kraft eines männlichen Herzens, oder durch Verrath; wie ein ſchleichen⸗ der Fuchs, oder wie ein ſpringender Panther.“ „Ihr wißt ſelbſt, Huronen, wie Einer davon ſiel. Ich habe es geſehen, und Ihr Alle auch. Es war zu blutig, um hinzu⸗ ſchauen; aber es war nicht Wildtödter's Schuld. Euer Krieger trachtete nach ſeinem Leben, und er vertheidigte ſich. Ich weiß nicht, ob das gute Buch ſagt, daß dieß recht geweſen, aber alle 647 Menſchen werden es ſagen. Kommt, wenn Ihr wiſſen wollt, Wer von Euch am beſten ſchließen kann, gebt Wildtödtern eine Büchſe, und dann werdet Ihr ſehen, wie viel erfahrener er iſt, als irgend Einer Eurer Krieger; ja als Alle zuſammen!“ Hätte Jemand eine ſolche Scene unbefangen und gleichgültig beobachten können, ſo hätte er müſſen beluſtigt werden durch den. Ernſt, womit die Wilden die Dollmetſchung dieſes ungewöhnlichen Verlangens anhörten. Kein Hohn, kein Lächeln miſchte ſich in ihr Erſtaunen; denn Hetty's Weſen hatte einen zu geheiligten Charakter, als daß ihre Schwäche der Gegenſtand des Spottes der Trotzigen und Rohen hätte werden dürfen. Im Gegentheil, man antwortete ihr mit achtungsvoller Aufmerkſamkeit. „Meine Tochter redet nicht immer wie ein Häuptling am Berathungsfeuer,“ erwiederte ihr Rivenoak,„ſonſt würde ſie das nicht geſagt haben. Zwei meiner Krieger ſind gefallen von der Hand unſers Gefangenen; ihr Grab iſt zu klein, einen Dritten aufzunehmen. Die Huronen häufen nicht gern ihre Todten auf⸗ einander. Wenn noch ein Geiſt im Begriff ſteht, nach der fernen Welt aufzubrechen, ſo darf es nicht der Geiſt eines Huronen ſeyn, es muß der Geiſt eines Bleichgeſichts ſeyn. Geht, Tochter, und ſetzt Cuch zu Sumach, die in Trauer iſt; laßt die Huronenkrieger zeigen, wie gut ſie ſchießen können; laßt das Bleichgeſicht zeigen, wie wenig er ſich um ihre Kugeln kümmert.“ Hetty's Geiſt war der Fortführung einer Erörterung nicht gewachſen und gewohnt, ſich den Anweiſungen Aelterer zu unter⸗ werfen, that ſie wie ihr geboten, ſetzte ſich willenlos auf einen Stamm neben die Sumach, und wandte ihr Antlitz ab von dem peinlichen Schauſpiel, das innerhalb des Kreiſes aufgeführt wurde. Die Krieger nahmen, ſobald dieſe Unterbrechung beſeitigt war, ihre Sitze ein, und ſchickten ſich wieder an, ihre Geſchicklichkeit glänzen zu laſſen, wobei ſie einen gedoppelten Zweck im Auge hatten; den, die Standhaftigkeit des Gefangenen auf die Probe zu 648 ſtellen, und dann ferner zu zeigen, wie ſtet und ſicher die Hand der Schützen unter aufregenden Umſtänden ſey. Die Entfernung war klein und, in Einem Sinn, Sicherheit verſprechend. Aber je kleiner der von den Peinigenden genommene Abſtand war, um ſo mehr wurde die Probe für die Nerven des Gefangenen weſentlich geſteigert. Wildtödter's Geſicht war in der That nur eben weit genug von dem Ende der Gewehre entfernt, um von der Exploſton des Pulvers nicht gefährdet zu werden, und ſein ſtetes Auge konnte gerade in die Mündungen ihrer Büchſen hineinſehen, gleichſam im Voraus ſchon den tödtlichen Boten erſchauend, der aus jeder hervor⸗ brechen ſollte. Die ſchlauen Huronen hatten dieſen Umſtand wohl berechnet; und kaum Einer erhob ſein Gewehr, ohne es zuerſt ſo ſcharf als möglich auf die Stirne des Gefangnen anzulegen, in der Hoffnung, ſeine Seelenſtärke werde ihn verlaſſen und die Bande werde den Triumph genießen, ein Opfer unter ihrer ſinnreichen Grauſamkeit zucken und ſich winden zu ſehen. Dennoch hüteten ſich ſämmtliche Schützen wohl, ihn zu treffen, da die Schmach, ihn vor der Zeit zu tödten, nur der nachſtand, das Ziel ganz zu verfehlen. Schuß um Schuß fiel; alle Kugelu ſchlugen ganz nahe bei Wildtödter's Kopf ein, ohne ihn zu berühren. Aber noch konnte Niemand auch nur das Zucken eines Muskels von Seiten des Gefangenen, oder das leiſeſte Blin⸗ zeln ſeines Auges wahrnehmen. Dieſe unbezwingliche Entſchloſſenheit, welche ſo weit alles Aehnliche übertraf, was irgend ein Anweſender je zuvor geſehen, konnte von drei beſondern Urſachen abgeleitet werden. Die erſte war: Ergebung in ſein Schickſal, verbunden mit natürlicher feſter Haltung und Faſſung; denn unſer Held hatte es ruhig mit ſich abgemacht, daß er ſterben müſſe und zog dieſe Todesart jener andern vor; die zweite war ſeine vertraute Bekannt⸗ ſchaft gerade mit dieſer Waffe, wodurch ſie für ihn alles Schreckliche verlor, was ſich gewöhnlich ſchon an die bloße Form der Gefahr knüpft; und die dritte war eben dieſe auch praktiſch erprobte Bekanntſchaft, die ſo weit und fein ausgebildet war, daß das ͤ————ꝛ:,—— 72 3 t t 3 3 3 r 3 3 649 beabſichtigte Opfer bis auf den Zoll den Fleck anzugeben wußte, wohin jede Kugel treffen müſſe, denn er berechnete ihr Ziel, indem er gerade in's Rohr hineinſah. So genau war Wildtödter's Berechnung der Schußlinie, daß am Ende ſein Stolz die Oberhand über ſeine Ergebung gewann, und er, nachdem Fünf oder Sechſe ihre Kugeln in den B aum geſchoſſen, ſich nicht enthalten konnte, ſeine Verachtung über ihr en Mangel an ſichrer Hand und ſichrem Auge auszuſprechen. „Ihr mögt dieß Schießen nennen, Mingos!“ rief er,„aber wir haben Weiber unter den Delawaren, und ich habe holländiſche Mädchen gekannt am Mohapk, die Eure größten Kunſtſtücke zu Schanden machen konnten. Macht dieſe meine Arme los, gebt mir eine Büchſe in die Hand, und ich will die dünnſte Kriegslocke in Eurer Truppe an jeden Baum nageln, den Ihr mir bezeichnet, und das auf hundert Schritte; ja, oder auf zweihundert, wenn man das Ziel ſehen kann, neunzehn Schüſſe unter zwanzig, oder meinetwegen zwanzig unter zwanzig, wenn das Gewehr preiswürdig und zuverläſſig iſt!“ Ein leiſes, drohendes Gemurmel folgte auf dieſen kalten, herausfordernden Hohn; der Zorn der Krieger entzündete ſich, als ſie einen ſolchen Vorwurf hörten aus dem Mund eines Mannes, der ihr Beginnen ſo verächtlich anſah, daß er nicht einmal blinzelte, wenn man eine Büchſe ſo nahe vor ſeinem Geſicht abſchoß, als man konnte, ohne es ihm zu verſengen. Rivenoak bemerkte, daß der Augenblick kritiſch war, und noch immer die Hoffnung nicht aufgebend, einen ſo ausgezeichneten Jäger für ſeinen Stamm zu gewinnen, legte ſich der ſchlaue, alte Häuptling, vermuthlich zur rechten Zeit, in's Mittel, um zu verhüten, daß man nicht augen⸗ blicklich zu dem Theil der Marter ſchritt, der nothwendig durch äußerſte körperliche Qual, wenn nicht in andrer Weiſe, den Tod zur Folge haben mußte. Er trat mitten unter die gereizte Gruppe, redete ſie mit ſeiner gewohnten ſchlauen Logik und ſeiner gefälligen, 650 gewinnenden Art an, und unterdrückte ſogleich die heftige Bewegung, die ſchon begonnen hatte. „Ich ſehe, wie es iſt,“ ſagte er.„Wir ſind geweſen wie die Bleichgeſichter, wenn ſie bei Nacht ihre Thüren ſchließen aus Furcht vor den rothen Männern. Sie brauchen ſo viele Riegel, daß das Feuer auskommt und ſie verbrennen, ehe ſie hinaus können. Wir haben den Wildtödter zu feſt gebunden. Die Bande hindern ſeine Glieder zu zittern, und ſeine Augen, ſich zu ſchließen. Lockert ſie ihm; laßt uns ſehen, aus welchem Stoffe ſein eigner Körper wirklich beſteht!“ Es iſt oft der Fall, wenn wir in einem Lieblingsplan uns getäuſcht ſehen, daß wir gerne zu jedem Auskunftsmittel, mag es auch noch ſo wenig Ausſicht auf Erfolg verbürgen, greifen, ehe wir unſern Zweck ganz aufgeben. So war es bei den Huronen. Der Vorſchlag des Häuptlings fand augenblicklich Beifall; und mehrere Hände waren ſofort geſchäftig, die Baſtſeile vom Leib unſers Helden wegzureißen und zu ſchneiden. Nach einer halben Minute ſtand Wildtödter ſo frei von Banden da, wie er eine Stunde zuvor ſeine Flucht am Berg hin begonnen hatte. Ein wenig Zeit brauchte es, bis er den Gebrauch ſeiner Glieder wieder erlangte, denn der Umlauf des Blutes war durch die Feſtigkeit der Bande gehemmt worden; und dieſe ward ihm von Rivenoal's Politik bewilligt unter dem Vorwand, daß ſein Körper für Furcht und Schrecken empfänglicher ſeyn würde, wenn er ſeine rechte Stimmung wieder gewonnen habe; eigentlich aber war ſeine Abſicht, den heftigen wilden Leidenſchaften, die in der Bruſt ſeiner jungen Männer rege geworden waren, Zeit zu laſſen, ſich wieder zu legen. Dieſe Liſt gelang; und Wildtödter, indem er ſich die Glieder rieb, mit den Füßen ſtampfte, und ſich Bewegung machte, ſtellte bald den Umlauf des Blutes wieder her, und gewann wieder ſeine ganze phyſiſche Kraft ſo vollſtändig, als wenn gar Nichts ſie geſtört und geſchwächt hätte. 651 Selten denken die Menſchen an den Tod in dem ſtolzen Gefühl ihrer Geſundheit und Stärke. So war es bei Wildtödter. Nach⸗ dem er hülflos gebunden, und, wie er allen Grund gehabt zu glauben, ſo ganz kürzlich erſt am Rande der andern Welt geweſen war, wirkte jetzt das, daß er ſich ſo unerwartet befreit, im Beſitz ſeiner Kraft, und völlig Herr ſeiner Glieder ſah, auf ihn wie eine plötzliche Wiederbelebung, und fachte in ihm wieder Hoffnungen an, die er zuvor ſchon ganz aufgegeben hatte. Von dieſem Au⸗ genblicke an änderten ſich alle ſeine Plane. Hierin gehorchte er einfach einem Geſetz der Natur; denn wenn wir unſern Helden als ergeben in ſein Schickſal darzuſtellen wünſchten, war es doch ent⸗ fernt nicht unſere Abſicht, ihn als verlangend nach dem Tode zu ſchildern. Von dem Augenblick an, wo ſein Kraftgefühl friſch wieder auflebte, waren ſeine Gedanken lebhaft auf die verſchiedenen Entwürfe gerichtet, die ſich ihm darboten, um mittelſt ihrer den Anſchlägen ſeiner Feinde ſich zu entziehen; und er wurde wieder der beſonnene, ſinnreiche und entſchloſſene Waldmann, der aller ſeiner Kräfte und Hülfsquellen ſich bewußt und ſie zu benützen bereit war. Der Wechſel war ſo groß, daß auch ſein Geiſt wieder ſeine Spannkraft gewann; und nicht mehr an Unterwerfung denkend, verweilte er nur bei den Liſten und Anſchlägen der Art von Krieg⸗ führung, worin er jetzt verwickelt war. Sobald Wildtödter losgebunden war, vertheilte ſich die Bande in einen Kreis um ihn her, um ihn einzuhegen; und der Wunſch, ſeinen Muth und Geiſt zu brechen, wuchs in ihnen, je mehr ſie Beweiſe von der Schwierigkeit ſahen, ihn zu beugen. Die Ehre der Truppe ſtand jetzt bei dem Ausgang auf dem Spiel; und ſelbſt das ſchöne Geſchlecht verlor all' ſein Mitgefühl mit menſchlichem Leiden über dem Wunſch, die Ehre des Stammes gerettet zu ſehen. Die Stimmen der Mädchen, ſanft und melodiſch wie die Natur ſie geſchaffen, hörte man mit den Drohungen der Männer ſich miſchen; und die der Sumach widerfahrenen Unbilden nahmen 65² plötzlich den Charakter von kränkenden Leiden an, die jedes huro⸗ niſche Weib betroffen. Dieſem ſich erhebenden Tumult nachgebend, zogen ſich die Männer ein Wenig zurück, den Weibern bedeutend, daß ſie den Gefangenen eine Weile in ihren Händen ließen; denn es war bei ſolcher Gelegenheit ein gewöhnlicher Kunſtgriff, daß die Weiber durch ihre Verhöhnungen und Schmähungen das Opfer in einen Zuſtand von Wuth zu verſetzen ſuchten, und es dann plötzlich den Männern überlieferten, in einem Gemüthszuſtand, der wenig günſtig war, den Qualen körperlicher Peinigung Wider⸗ ſtand zu leiſten. Auch war dieſe Geſellſchaft nicht ohne die geeig⸗ neten Werkzeuge, einen ſolchen Zweck zu erreichen. Sumach hatte einen großen Ruf als Keiferin und Schreierin; und ein paar alte Weiber, wie die Bärin, waren mit der Truppe ausgezogen, höchſt wahrſcheinlich als Wächterinnen des Anſtands und der moraliſchen Disciplin; denn dergleichen kommt im wilden ſo gut wie im civyili⸗ ſirten Leben vor. Es iſt unnöthig Alles zu wiederholen, was Wildheit und Unwiſſenheit zu dieſem Behuf zu erſinnen vermochten; der einzige Unterſchied zwiſchen dieſem Ausbruch weiblichen Zorns und einer ähnlichen Scene unter uns beſtand nur in den Rede⸗ figuren und den Prädikaten;— die huroniſchen Weiber benannten ihren Gefangenen mit den Namen der niedrigſten nnd verachtetſten Thiere, die ihnen bekannt waren. Aber Wildtödter's Geiſt war zu ſehr beſchäftigt, als daß er hätte durch das Schimpfen erbitterter Hexen ſollen geſtört werden; und da ihre Wuth nothwendig mit ſeiner Gleichgültigkeit ſtieg, ſo wie ſeine Gleichgültigkeit mit ihrer Wuth, wurden die Furien bald durch das Uebermaß unfähig, weiter fort zu machen. Die Krieger, als ſie bemerkten, daß dieſer Verſuch gänzlich fehlgeſchlagen, traten ins Mittel und machten der Scene ein Ende; und dieß um ſo mehr, da man jetzt ernſtlich Vorbereitungen machte zu dem An⸗ fang der wirklichen Martern, derjenigen, welche die Seelenſtärke des Dulders auf die Probe heftiger, körperlicher Schmerzen ſtellen 65³3 ſollten. Eine plöͤtzliche, unvorhergeſehene Meldung jedoch, die Einer der ausgeſtellten Kundſchafter, ein Knabe von zehn oder zwölf Jahren, brachte, hemmte für einen Augenblick das ganze Beginnen. Da dieſe Unterbrechung in engem Zuſammenhang mit dem dénouement unſerer Geſchichte ſteht, wollen wir ſie in einem beſondern Capitel berichten. Dreißigſtes Kapitel. So meinſt Du— wie wohl Jeder meint Das Gleiche, weil's dem Aug' ſo ſcheint; Doch andre Ernte ſank, Als die des Bauers Sichel fällt, Vor härtrer Hand auf dieſem Feld, Durch Speer und Klingen blank. Scott. Es ging über Wildtödter's Vermögen, zu erfahren, was den plötzlichen Stillſtand in den Bewegungen ſeiner Feinde veranlaßt hatte, bis die Sache ſich im ordentlichen Verlauf der Ereigniſſe offenbarte. Er bemerkte, daß große Unruhe beſonders unter den Weibern herrſchte, während die Krieger in einer Art würdevoller Erwartung auf ihre Waffen gelehnt blieben. Es war klar, daß kein Allarm entſtanden, obwohl nicht eben ſo augenfällig war, daß ein erwünſchtes Ereigniß die Verzoͤgerung herbeiführte. Rivenvak war ſichtlich von Allem unterrichtet, und durch eine Bewegung ſeines Armes ſchien er dem Kreiſe zu bedeuten, er ſolle unaufgelöst bleiben, und Jedes ſoll den Ausgang der Sache in der Stellung abwarten, in der es ſich gerade befinde. Es bedurfte nur ein paar Minuten, um die Erklärung dieſer ſonderbaren und geheim⸗ vollen Pauſe zu bringen, welche bald dadurch ihr Ende erreichte, daß Judith hinter der Linie von Huronen erſchien, und ſofort in den Kreis eingelaſſen wurde. Wenn Wildtödter erſtaunt war über dieſe unerwartete An⸗ kunft, da er wohl wußte, daß das geſcheute und geiſtesgegenwär⸗ tige Mädchen keineswegs Anſprüche hatte auf die Befreiung von den Leiden und Folgen der Gefangenſchaft, die man ihrer ſchwach⸗ ſinnigen Schweſter ſo gerne bewilligte, ſo war er nicht minder betroffen über den Aufzug, worin ſie erſchien. Ihr ganzer gewöhn⸗ licher Waldanzug, ſo ſauber und paſſend dieſer in der Regel war, war vertauſcht worden mit dem ſchon erwähnten Brokatkleid, das ſchon einmal an ihrer Perſon eine ſo große und zauberhafte Wir⸗ kung hervorgebracht hatte. Dieß war noch nicht Alles. Gewohnt die Ladys der Garniſon in der förmlichen Galatracht des Tages zu ſehen, und vertraͤut mit den feinern, genauern Zierlichkeiten in dieſen Dingen, hatte das Mädchen ihren Anzug dergeſtalt zu ver⸗ vollſtändigen gewußt, daß kein auffallender Mangel im Detail ſichtbar wurde, und nicht einmal ein Mangel an Uebereinſtimmung hervortrat, der einer in die Geheimniſſe der Toilette Eingeweihten hätte auffallen müſſen. Kopf, Füße, Arme, Hände, Büſte und Faltenwurf— Alles war in Harmonie,— was man damals am weiblichen Anzug reizend und harmoniſch fand; und das Vorhaben, auf das ſte ausging, nemlich den ungelehrten, ſinnlichen Wilden zu imponiren, indem ſie ſie glauben machte, ihr Beſuch ſey eine Frau von hohem Stand und Bedeutung, hätte ihr gar leicht gelingen können bei Solchen, die vermöge ihrer Lebensgewohnheiten zwiſchen den Perſonen derlei Unterſchiede zu machen gelernt hatten. Neben ihrer ſeltenen, natürlichen Schönheit beſaß Judith eine ausgezeichnete Grazie in ihrem Weſen, und ihre Mutter hatte ihr Genug von ihrer Haltung und ihrem Anſtand beigebracht, um aus ihrem Benehmen jeden anſtößigen oder auffallenden Zug von Ge⸗ meinheit zu verbannen; ſo daß, die Wahrheit zu geſtehen, der prächtige Anzug beinahe in jedem andern Falle übler an ſeinem Platze geweſen wäre. In einer Hauptſtadt hätten ihn Tauſend tragen können, ehe ſich Eine gefunden, die den lebhaften Farben, . 655 dem ſchimmernden Atlaß⸗ und den reichen Spitzen mehr Ehre gebracht hätten, als das ſchöne Weſen, deren Perſon er jetzt ſchmücken half. Die Wirkung einer ſolchen Erſcheinung war nicht übel berech⸗ net. Im Augenblick, wo Judith ſich innerhalb des Kreiſes befand, ward ſie einigermaßen für die furchtbare perſönliche Gefahr, der ſie ſich ausſetzte, entſchädigt durch den unzweideutigen Eindruck von Ueberraſchung und Bewunderung, den ihre Erſcheinung hervor⸗ brachte. Die grimmigen alten Krieger ließen ihren Lieblingsruf: „Hugh!’ hören. Die jüngern Männer waren noch ſtärker hinge⸗ nommen, und ſelbſt die Weiber blieben nicht zurück, ihr Wohlge⸗ fallen durch offene Aeußerungen kund zu geben. Nur ſelten hatten dieſe rohen Kinder des Waldes andere weiße Frauen, als von der niedrigſten Claſſe, geſehen, und was Kleider betrifft, ſo hatte ihr Auge noch nie ſo viel Glanz und Schimmer erblickt. Die luſtigſten Uniformen von Franzoſen und Engländern erſchienen matt, ver⸗ glichen mit dem ſchillernden Brokat; und während die ſeltne kör⸗ perliche Schönheit der Trägerin die Wirkungen der Farben noch erhöhte, verfehlte der Anzug nicht, dieſe Schönheit noch hervorzu⸗ heben in einer Art, welche ſelbſt die Hoffnungen des Mädchens übertraf. Wildtödter ſelbſt war ganz verblüfft, und dieß ebenſo ſehr über das glänzende Bild, welches das Mädchen darbot, als über die Gleichgültigkeit gegen die Folgen, womit ſie der Gefahr des gethanen Schrittes trotzte. Unter ſolchen Umſtänden warteten Alle ab, bis der Beſuch ſeine Abſicht erklären würde, die den Meiſten der Zuſchauer ebenſo unbegreiflich ſchien, wie deſſen Erſcheinung. „Welcher von dieſen Kriegern iſt der vornehmſte Häuptling?“ fragte Judith den Wildtödter, ſobald ſie merkte, daß man von ihr die Eröffnung der Unterredung erwartete;„mein Auftrag iſt zu wichtig, um an Einen von niedrigerem Rang beſtellt zu werden. Zuerſt erklärt den Huronen, was ich ſage; dann gebt mir Antwort auf die Frage, die ich gethan.“ Wildtödter gehorchte ruhig, und ſeine Zuhoͤrer horchten be⸗ gierig auf die Dollmetſchung der erſten Worte aus dem Mund einer ſo außerordentlichen Erſcheinung. Das Verlangen ſchien vollkommen im Charakter einer Perſon, die ſelbſt allem Anſchein nach einem hohen Stand angehörte. Rivenoak ertheilte eine geeig⸗ nete Antwort, indem er ſich ſeinem ſchönen Beſuch in einer Art vorſtellte, die keinen Zweifel übrig ließ, daß er zu all der Achtung berechtigt ſey, die er in Anſpruch nahm. „Ich kann das glauben, Hurone,“ begann Judith wieder, und ſpielte ihre angenommene Rolle mit einer Feſtigkeit und Würde, die ihrem Nachahmungstalent Ehre machte, denn ſte war bemüht, ihrem Benehmen die herablaſſende Artigkeit zu verleihen, die ſie einmal bei der Gattin eines Generals bei einer ähnlichen, obwohl friedlicheren Scene beobachtet hatte;„ich kann glauben, das Ihr die wichtigſte Perſon dieſer Truppe ſeyd; ich ſehe in Eurem Ange⸗ ſicht die Züge des Nachdenkens und der Beſonnenheit. An Euch alſo muß ich meine Mittheilung richten. „Möge die Blume der Wälder ſprechen,“ erwiederte der alte Häuptling höflich, ſobald ihre Anrede ſo gedollmetſcht war, daß Alle ſie verſtehen mochten.„Wenn ihre Worte ſo lieblich ſind wie ihr Ausſehen, werden ſie nie meine Ohren verlaſſen; ich werde ſie noch hören, lange nachdem der Winter von Canada alle Blumen des Sommers getödtet und alle ſeine Reden erſtarren gemacht hat.“ Dieſe Bewunderung ſchmeichelte Judith bei der ihr eignen Gemüthsart, und ſie trug ebenſoviel bei, ihr ihre Selbſtbeherrſchung zu erleichtern, als ſie ihre Eitelkeit befriedigte. Sie lächelte unwill⸗ kürlich, oder trotz ihrem Vorſatz, zurückhaltend zu erſcheinen, und fuhr nun weiter in ihrem Gewerbe fort. 6 „Nun, Hurone,“ ſprach ſie,„hört meine Worte. Eure Augen ſagen Euch, daß ich kein gewöhnliches Weib bin. Ich will nicht ſagen, daß ich die Königin dieſes Landes ſey; die iſt weit weg von hier, in einem fernen Lande; aber unter unſern großmächtigen en Monarchen ſind viele Abſtufungen des Ranges, und eine davon nehme ich ein. Welches dieſer Rang ſey, iſt unnöthig, ſo genau anzugeben, denn Ihr würdet es doch nicht verſtehen. Euch darüber zu belehren müßt Ihr Euern ſehenden Auge überlaſſen. Ihr ſchaut, was ich bin; Ihr müßt fühlen, indem Ihr meine Worte höret, daß Ihr Eine höret, die Eure Freundin oder Eure Feindin zu ſeyn vermag, je nachdem Ihr ſie behandelt.“ Dieß ward ganz angemeſſen vorgetragen, mit gebührender Rückſicht auf ihr Benehmen und mit einer ſichern Feſtigkeit des Tones, die in der That überraſchend war, in Betracht aller Um⸗ ſtände des Falles. Auch ward dieſe Rede gut, obwohl einfach, in die indianiſche Sprache überſetzt, und mit einem Ernſt und einer Achtung aufgenommen, die für den Erfolg des Mädchens nur Gutes weiſſagten. Aber die Gedanken der Indianer laſſen ſich nicht ſo leicht bis auf die innerſte Quelle ergründen. Judith wartete mit ängſtlicher Spannung auf die Antwort, ebenſo ſehr von Hoffnung als von Zweifel erfüllt. Rivenoak war ein fertiger Sprecher, und er antwortete ſo raſch, als ſich mit den Begriffen von indianiſchem Wohlſtand vertrug; denn dieß eigenthümliche Volk ſcheint eine kurze Verzögerung der Antwort für ein Zeichen der Achtung zu halten, ſofern dadurch an den Tag gelegt wird, daß man die vernommenen Worte auch gebührend erwogen hat. „Meine Tochter iſt ſchöner als die wilden Roſen am Ontario; ihre Stimme iſt lieblich für das Ohr wie der Geſang des Zaun⸗ königs,“ antwortete der vorſichtige und ſchlaue Häuptling, der allein unter der ganzen Bande ſich nicht ganz hinnehmen ließ von der prächtigen und ungewöhnlichen Erſcheinung Judith's, und der bei ſeiner Verwunderung doch noch Mißtrauen hegte;„der Colibri iſt nicht viel größer als die Biene, und doch ſind ſeine Federn ſo glänzend wie der Schweif des Pfauen. Der Große Geiſt verleiht manchmal ſehr prächtige Kleider ſehr kleinen Thieren. Und doch bedeckt er das Elenthier auch mit groben Haaren. Dieſe Dinge Der Wildtödter. 3. Aufl. 4² 658 gehen über das Verſtändniß von armen Indianern, die nur be⸗ greifen können, was ſie ſehen und hören. Ohne Zweifel hat meine Tochter einen ſehr großen Wigwam irgendwo in der Nähe des See's, die Huronen haben ihn nicht gefunden in ihrer Unwiſſenheit.“ „Ich habe Euch geſagt, Häuptling, es wäre unnütz, meinen Rang und meinen Aufenthaltsort zu nennen, da Ihr doch davon Nichts verſtehen würdet. Ihr müßt Euern Augen glauben, was dieſe Kunde betrifft; welcher rothe Mann iſt hier, der nicht ſehen könnte? Dieß Tuch, das ich trage, iſt nicht das Tuch einer ge⸗ wöhnlichen Squaw; dieſe Schmuckſachen ſind von der Art, wie nur die Frauen und Töchter der Häuptlinge darin erſcheinen. Jetzt horcht auf und vernehmt, warum ich allein unter Euer Volk ge⸗ kommen bin, und achtet auf das Anliegen, das mich hieher geführt hat. Die Yengeeſe haben junge Männer, ſo gut wie die Huronen, und zwar haben ſie deren genug; das wißt Ihr wohl!“ „Der Yengeeſe ſind ſo viele, als Blätter auf den Bäumen! das weiß und fühlt jeder Hurone.“ „Ich verſtehe Euch, Häuptling. Hätte ich eine Truppe mit mir genommen, ſo hätte Euch das in Unruhe ſetzen können. Meine jungen Männer und die Eurigen würden einander zornig angeſchaut haben; zumal wenn meine jungen Männer dieß Bleichgeſicht geſehen hätten, das Ihr zu Martern beſtimmt habt. Er iſt ein großer Jäger und ſehr geliebt von allen Garniſonen in der Nähe und Ferne. Es hätte einen Kampf um ihn gegeben, und der Weg der Irokeſen heim nach den Canadas wäre mit Blut bezeichnet worden.“ „Es iſt ſchon ſo viel Blut darauf,“ verſetzte der Häuptling finſter,„daß es unſre Augen blendet. Meine jungen Männer ſehen, daß es alles Blut der Huronen iſt.“ „Ohne Zweifel; und noch mehr Huronenblut würde vergoſſen werden, wenn ich umgeben von Bleichgeſichtern gekommen wäre. Ich habe von Rivenoak gehoͤrt, und habe gedacht, es würde beſſer ſeyn, ihn im Frieden in ſein Dorf heimzuſchicken, daß er ſeine e⸗ nit ine aut hen ßer und der n. 4 ing jen, ſſen äre. eſſer 659 Weiber und ſeine Kinder daheim ließe, wenn er dann Luſt hätte, unſre Skalpe zu holen, würden wir ihm entgegen treten. Er liebt Thiere aus Elfenbein gemacht und kleine Büchſen. Seht; ich habe einige mitgebracht, ſie ihm zu zeigen. Ich bin ſeine Freundin. Wenn er dieſe Dinge zu ſeinen Gütern gepackt hat, wird er nach ſeinem Dorfe aufbrechen, ehe einer von meinen jungen Männern ihn einholen kann, und dann wird er ſeinem Volke in Canada zeigen, welche Schätze ſie hier ſuchen können, jetzt nachdem unſre großen Väter über dem Salzſee einander die Kriegsart zugeſchickt haben. Ich will zurück mit dem großen Jäger, deſſen ich bedarf, um mein Haus mit Wildpret zu verſorgen.“ Judith, mit der indianiſchen Phraſeologie hinlänglich vertraut, bemüthe ſich, ihre Gedanken in der dieſem Volke eignen ſententiöſen Weiſe auszudrücken, und es gelang ihr ſogar über ihre eigne Er⸗ wartung. Wildtödter ließ ihr in ſeiner Dollmetſchung alle Gerech⸗ tigkeit widerfahren, und das um ſo bereitwilliger, als das Mädchen ſich ſorgfältig hütete, eine eigentliche Unwahrheit vorzubringen,— eine Huldigung, die ſie der ihr bekannten Abneigung des jungen Mannes gegen Lügen zollte; denn dieſe hielt er für eine der Gaben eines weißen Mannes ganz unwürdige Niederträchtigkeit. Das Anbieten der noch zwei übrigen Elephanten und der früher erwähnten Piſtolen, deren eine freilich durch den Unfall vor Kurzem ziemlich gelitten hatte, brachte eine lebhafte Aufregung unter den Huronen im Ganzen hervor; Rivenoak aber nahm es kalt auf, trotz des Entzückens, womit er zuerſt die Wahrſcheinlichkeit der Exiſtenz einer Creatur mit zwei Schwänzen entdeckt hatte. Mit Einem Wort, dieſer kühle und ſcharfſüchtige Wilde ließ ſich nicht ſo leicht imponiren wie ſeine Genoſſen; und mit einem Ehrgefühl, das die Hälfte der civiliſtrten Welt übertrieben gefunden haben würde, lehnte er die Annahme einer Beſtechung ab, die er nicht gemeint war durch Erfüllung der Wünſche der Geberin zu verdienen. „Behalte meine Tochter ihr zweiſchwänziges Schwein, es zu eſſen, wenn es an Wildpret fehlt,“ antwortete er trocken,„und auch das kleine Gewehr mit zwei Mündungen. Die Huronen werden Wild tödten, wenn ſie hungrig ſind; und ſie haben lange Büchſen, damit zu kämpfen. Dieſer Jäger kann jetzt meine jungen Männer nicht verlaſſen: ſie wünſchen zu wiſſen, ob er ſo tapfern Herzens iſt, als er prahlt.“ „Das läugne ich, Hurone,“ unterbrach ihn Wildtödter mit Wäaͤrme;„ja, das läugne ich ſchnurſtracks, da es gegen Wahrheit und Vernunft iſt. Kein Menſch hat gehört, daß ich prahle, und ſoll es auch Keiner, und wenn Ihr mich auch lebendig ſchindet, und dann das zuckende Fleiſch röſtet, mit Euren hölliſchen Tücken und Grauſamkeiten! Ich bin wohl niedrig und unglücklich, und Euer Gefangner; aber ich bin kein Prahler; ſchon vermöge meiner Gaben.“ „Mein junges Bleichgeſicht prahlt, er ſey kein Prahler,“ verſetzte der ſchlaue Häuptling;„er muß Recht haben. Ich höre einen ſeltſamen Vogel ſingen. Er hat ſehr prächtige Federn. Kein Hurone hat je ſolche Federn geſehen! Sie werden ſich ſchämen, zurückzukehren in ihr Dorf, und ihrem Volke zu ſagen, ſie haben ihren Gefangnen ziehen laſſen wegen des Geſangs dieſes fremden Vogels, ohne im Stande zu ſeyn, den Namen dieſes Vogels anzugeben. Sie wiſſen nicht zu ſagen, ob es ein Zaunkönig iſt oder ein Katzenvogel. Das wäre eine große Schmach; man würde meine jungen Männer nicht in die Wälder ziehen laſſen, ohne daß ſte ihre Mütter mitnähmen, ihnen die Namen der Vögel zu ſagen!“ „Ihr könnt Euren Gefangnen nach meinem Namen fragen,“ verſetzte das Mädchen.„Er iſt Judith; und es ſteht viel von der Geſchichte der Judith in der Bleichgeſichter beſtem Buch, der Bibel. Wenn ich ein Vogel mit ſchönen Federn bin, ſo habe ich auch meinen Namen.“ „Nein,“ antwortete der ſchlaue Hurone, ſeine lange geübte Liſt und Verſtellung verrathend, indem er mit ziemlicher Richtigkeit —2 82&᷑—2 N- 661 Engliſch ſprach,„ich nicht Gefangnen fragen. Er ermüdet; der Ruhe bedürfen. Ich frage meine Tochter mit dem ſchwachen Geiſt. Sie die Wahrheit ſprechen. Kommt her, Tochter; Ihr antworten. Euer Name Hetty?“ „Ja, ſo nennt man mich,“ antwortete das Mädchen,„obwohl er in der Bibel Eſther geſchrieben iſt.“ „Es ihn auch in die Bibel ſchreiben! Alles in die Bibel ſchreiben. Einerlei— was ihr Name?“ „Der iſt Judith, Und er iſt ſo in der Bibel geſchrieben, ob⸗ gleich der Vater ſie manchmal Jude nannte. Das iſt meine Schweſter Judith, Thomas Hutter's Tochter— Thomas Hutter's, den Ihr Biſamratze nanntet, obgleich er keine Biſamratze war, ſondern ein Menſch wie Ihr— er wohnte in einem Haus auf dem Waſſer, und das war genug für Euch!“ Ein triumphirendes Lächeln blitzte über das hartgefurchte Geſicht des Häuptlings, als er ſah, wie vollſtändig ihm der Ver⸗ ſuch gelungen, die wahrheitsliebende Hetty zum Sprechen zu bringen. Judith ſelbſt, im Augenblick, wo ihre Schweſter befragt wurde, erkannte, daß Alles verloren war, denn kein Winken, kein Bitten ſelbſt, hätte das redlichgeſinnte Mädchen vermocht, eine Lüge zu reden. Daß der Verſuch, eine Tochter der Biſamratze den Wilden als eine Fürſtin oder als eine vornehme Dame auszugeben, miß⸗ lingen mußte, wußte ſie; und ſie ſah ihren kecken und ſinnreichen Einfall zur Befreiung des Gefangnen durch eine der einfachſten und natürlichſten Urſachen, die man ſich denken konnte, ſcheitern. Sie richtete daher ihr Auge auf Wildtödter, ihn gleichſam anflehend, ſich der Sache anzunehmen, um ſie Beide zu retten. „Es wird nicht gehen, Judith,“ ſagte der junge Mann, auf dieſe ſtumme Aufforderung antwortend, die er wohl verſtand, aber als fruchtlos erkannte; es wird nicht gehen. Es war eine kecke Idee, und paſſend für eine Generalsfrau; aber der Mingo dort—“ Rivenoak hatte ſich in einige Entfernung zurückgezogen, ſo daß er * ihn nicht verſtehen konnte—„aber der Mingo dort iſt kein ge⸗ wöhnlicher Mann, und nicht zu täuſchen durch unnatürliche Liſten. Die Dinge müſſen in ihrer rechten Ordnung vor ihn kommen, um eine Wolke vor ſeinem Auge zu verbreiten! Es war zu Viel, ihm vorſpiegeln zu wollen, daß eine Königin oder vornehme Lady in dieſen Bergen lebte, und ohne Zweifel denkt er, die ſchönen Kleider, die ihr tragt, ſeyen von dem Raube Eures Vaters— oder wenigſtens deſſen, der für Euren Vater galt; was auch gern wahrſcheinlich iſt, wenn Alles wahr iſt, was man ſagt.“ „In jedem Falle, Wildtödter, wird meine Anweſenheit hier Euch eine Zeit lang friſten. Sie werden ſchwerlich verſuchen, Euch vor meinen Augen zu martern!“ „Warum nicht, Judith? Meint Ihr, ſie werden mit einem Weib von den Bleichgeſichtern zärtlicher verfahren, als mit ihren eignen? Es iſt wahr, Euer Geſchlecht wird Cuch ſelbſt höchſt wahrſcheinlich gegen die Martern ſchützen, aber Euch nicht Eure Freiheit und Euren Skalp ſichern. Ich wollte, Ihr wäret nicht gekommen, meine gute Judith, es kann mir keinen Vortheil, aber Euch großes Unheil bringen!“ „Ich kann Euer Schickſal theilen, antwortete das Mädchen mit großherzigem Enthuſiasmus.„Sie ſollen Euch kein Leid thun, ſo lange ich dabei bin, wenn es in meiner Macht ſteht, es zu verhindern— zudem—“ „Zudem, was, Judith? Welche Mittel habt Ihr, indianiſcher Grauſamkeit Einhalt zu thun, oder indianiſche Teufeleien abzuwenden?“ „Vielleicht keine, Wildtödter,“ verſetzte das Mädchen mit Feſtigkeit,„aber ich kann mit meinen Freunden leiden— mit ihnen ſterben, wenn's nöthig iſt.“ „Ach! Judith— leiden werdet Ihr vielleicht, aber ſterben werdet Ihr nicht, als bis die vom Herrn beſtimmte Stunde kommt. Es iſt unwahrſcheinlich, daß Eine von Eurem Geſchlecht und Eurer Schönheit ein härteres Schickſal trifft, als daß ſie das Weib eines 663 Häuptlings wird, wenn anders Eure weißen Neigungen ſich zur Che mit einem Indianer bequemen. Es wäre beſſer, Ihr waͤret in der Arche oder im Caſtell geblieben; aber was geſchehen iſt, iſt ge⸗ ſchehen. Ihr wolltet Etwas ſagen, als Ihr ſtocktet bei: zudem—“ „Es möchte nicht gerathen ſeyn, es hier auszuſprechen, Wild⸗ tödter!“ antwortete das Mädchen haſtig, wie nachläſſig an ihm vorbeigehend, um leiſe reden zu können;„eine halbe Stunde gilt uns Alles. Keiner Eurer Freunde iſt müſſig.“ Der Jäger antwortete nur mit einem dankbaren Blick. Dann wandte er ſich zu ſeinen Feinden, ſeine Bereitwilligkeit zeigend, den Martern wieder die Stirne zu bieten. Eine kurze Berathung war zwiſchen den Aeltern der Bande gepflogen worden, und mittler⸗ weile waren ſie mit ihrer Entſcheidung gefaßt. Die milde Geſin⸗ nung Rivenoak's war durch Judith's Liſt ſehr geſchwächt worden, welche ſtatt ihren wahren Zweck zu erreichen, gerade die entgegen⸗ geſetzten Ergebniſſe von den beabſichtigten zu liefern drahte. Dieß war natürlich: denn zum Uebrigen kam noch die Erbitterung eines Indianers, der ſah, wie nahe er daran geweſen, ſich von einem unerfahrnen Mädchen überliſten zu laſſen. Inzwiſchen hatte man Judith's wahre Verhältniſſe vollkommen erkannt, und der weitver⸗ breitete Ruf ihrer Schönheit trug zu der Entdeckung bei. Was den ungewöhnlichen Anzug betrifft, ſo wurde er mit dem tiefen Geheimniß der zweiſchwänzigen Thiere in Verbindung gebracht, und verlor für den Augenblick allen Einfluß. Als daher Rivenoak den Gefangnen wieder in's Auge faßte, war der Ausdruck ſeines Geſichts ſehr verändert. Er hatte den Wunſch, ihn zu retten, aufgegeben, und war nicht mehr geneigt, die ernſtern Martern noch länger zu verſchieben. Dieſe veränderte Stimmung hatte ſich in ihrer Wirkung den jungen Männern mit⸗ getheilt, welche ſchon rüſtig ihre Vorbereitungen für die beabſich⸗ tigte Seene trafen. Stücke trocknen Holzes wurden raſch um den jungen Baum her geſammelt— die Splitter, die man dem Opfer 664 in's Fleiſch ſtoßen und dann anzünden wollte, waren alle geſam⸗ melt, und die Baſtſeile ſchon in Bereitſchaft, um ihn wieder an den Baum zu binden. Dieß Alles geſchah in tiefem Schweigen; Judith beobachtete jede Bewegung mit athemloſer Erwartung, während Wildtödter ſelbſt anſcheinend ſo unbeweglich daſtand, wie eine der Fichten auf den Bergen. Als jedoch die Krieger, um ihn zu binden, vortraten, warf der junge Mann Judith einen Blick zu, wie fragend, ob Widerſtand oder Ergebung das Rathſamſte ſey. Durch eine bedeutungsvolle Geberde rieth ſie zur letztern; und in einer Minute war er wieder an den Baum gebunden, eine hülfloſe Zielſcheibe jeder Schmähung oder Mißhandlung, die man ihm bieten mochte. So eifrig waren jetzt Alle, zu handeln, daß kein Wort geſprochen wurde. Sofort ward der Scheiterhaufen angezündet, und mit geſpannter Erwartung ſah man dem Ende von Allem entgegen. Es war nicht die Abſicht der Huronen, ihrem Opfer mittelſt des Feuers geradezu das Leben zu nehmen. Sie beabſichtigten nur, ſeine phyſiſche Kraft und Ausdauer auf die härteſte Probe zu ſtellen, die ſie, ohne ganz zu erliegen, ertragen könnte. Am Ende hatten ſie den Plan, ſeinen Skalp mit ſich in ihr Dorf zu nehmen, aber ſie wünſchten vorher Keine Entſchloſſenheit zu brechen und ihn zum klagenden Dulder zu erniedrigen. Zu dieſem Behufe war der Haufen von Zweigen und Geſtrüppe in einer geeigneten Entfernung aufgethürmt worden, wo, wie man berechnete, die Hitze bald unerträglich werden würde, ohne geradezu auch ſchon gefährlich und tödtlich zu ſeyn. Aber wie es bei ſolchen Gelegenheiten oft geſchah, die Entfernung war nicht richtig berechnet und die Flam⸗ men begannen ſchon dem Opfer ſo nahe in's Geſicht zu züngeln, daß der nächſte Augenblick den Tod hätte bringen können, wenn nicht Hetty durch den Haufen gedrungen wäre, mit einem Stecken bewaffnet, und den lodernden Scheiterhaufen nach allen Richtungen auseinander geſchleudert hätte. Mehr als Eine Hand erhob ſich, .„. 665 um die anmaßende Störerin zu Boden zu ſchlagen; aber die Häuptlinge verhinderten eine Mißhandlung und erinnerten ihre aufgebrachten Leute an ihren Geiſteszuſtand. Hetty ſelbſt war der Gefahr, die ſie lief, ſich nicht bewußt, und ſobald ſie dieſe kecke That vollbracht, ſtand ſie da, und ſah ſich mit finſterm Mißfallen und Unwillen um, als wollte ſie dem Schwarm der ſie aufmerkſam betrachtenden Wilden ihre Grauſamkeit vorrücken. „Gott ſegne Dich; liebſte Schweſter, für dieſe muthige und beſonnene That!“ flüſterte Judith, ſelbſt ſo abgeſpannt, daß ſie zum Handeln unfähig war;„der Himmel ſelbſt hat Dich mit ſeiner heiligen Vollmacht geſandt!“ „Es war gut gemeint, Judith,“ fiel das Opfer ein;„es war trefflich gemeint, und es kam zur rechten Zeit, obwohl es am Ende doch unzeitig geweſen ſeyn mag. Was eintreten ſoll, muß bald eintreten, ſonſt wird es in Kurzem zu ſpät ſeyn. Hätte ich beim Athmen einen Mundvoll von dieſer Flamme eingeſogen, ſo könnte keine menſchliche Macht mein Leben retten; und Ihr ſeht, ſie haben mir dießmal die Stirne ſo feſt gebunden, daß mein Kopf nicht die mindeſte Freiheit und Wahl hat. Es war gut gemeint; aber es wäre vielleicht eine größere Barmherzigkeit geweſen, die Flammen ihr Werk vollenden zu laſſen.“ „Grauſame, herzloſe Huronen!“ rief die noch immer empörte Hetty;„wolltet Ihr einen Mann, einen Chriſten verbrennen, wie ein Scheit Holz? Lest Ihr nie in Euern Bibeln, oder meint Ihr Gott werde ſolche Dinge vergeſſen?“ Eine Geberde Rivenoak's gebot, die zerſtreuten Brände wieder zu ſammeln; friſches Holz ward gebracht, und ſelbſt Weiber und Kinder waren eifrig und geſchäftig, trockne Stecken herbeizuſchaffen. Die Flamme loderte eben zum zweitenmal auf, als eine India⸗ nerin durch den Kreis ſich drängte, auf den Haufen zuſchritt und mit dem Fuß noch zu rechter Zeit die brennenden Zweige bei Seite ſtieß, um das Aufflammen des Ganzen zu verhindern. Ein 666 gellender Schrei folgte auf dieſe zweite Störung; aber als die Thaͤterin ſich gegen den Kreis wandte, und Hiſt's Angeſicht erkannt wurde, erfolgte ein allgemeiner Ausruf der Freude und Ueberraſchung. Eine Minute lang blieb jeder Gedanke, das vorliegende Geſchäft fortzuſetzen, vergeſſen, und Alt und Jung drängten ſich haſtig um das Mädchen, eine Erklärung ihrer plötzlichen, unerwarteten Zurück⸗ kunft begehrend. In dieſem kritiſchen Augenblick ſprach Hiſt mit leiſer Stimme zu Judith, gab ihr einen kleinen Gegenſtand ungeſehen in die Hand, und wandte ſich dann, um die Begrüßungen der hnroniſchen Mädchen zu erwiedern, bei denen ſie perſönlich ſehr beliebt war. Judith gewann ihre Faſſung wieder und handelte raſch. Das kleine, ſcharfſchneidende Meſſer, das Hiſt ihr in die Hand gedrückt hatte, ward von Judith in die Hand Hetty's befördert, als die ſicherſte und am wenigſten verdächtige Vermittlerin an Wildtödter. Aber der ſchwache Verſtand der Letztern vereitelte die wohlbegründeten Hoffnun⸗ gen von allen Dreien. Statt zuerſt die Hände des Opfers loszumachen, und ihm dann heimlich das Meſſer in die Kleider zu ſtecken, damit er im günſtigſten Augenblick ſich deſſelben bedienen könnte, machte ſie ſich ſelbſt mit Ernſt und Einfalt an's Werk, die Seile zu zerſchnei⸗ den, welche ſeinen Kopf gebunden hielten, damit er nicht wieder in Gefahr komme, Flammen einzuathmen. Natürlich ſah man dieß bedächtliche Beginnen, und that Hetty's Händen Einhalt, ehe ſie Mehr als den obern Theil von des Gefangnen Leib, die Arme unter den Ellbogen nicht miteingeſchloſſen, befreit hatte. Dieſe Entdeckung erweckte ſofort Mißtrauen gegen Hiſt; und zu Judith's Erſtaunen zeigte dieß kluge Mädchen, als man ſie darüber zur Rede ſetzte, keine Neigung, ihre Theilnahme an dem, was vorge⸗ gangen war, zu laͤugnen. „Warum ſollte ich dem Wildtödter nicht helfen?“ fragte das Mädchen im Ton eines Weibes von feſtem Willen und Gemüth. „Er iſt der Bruder eines Delawarenhäuptlings; mein Herz iſt ganz delawariſch. Kommt hervor, erbärmlicher Briarthorn, und waſcht die Irokeſenbemalung von Eurem Angeſicht; ſteht vor die Huronen hin, als die Krähe, die Ihr ſeyd; Ihr würdet eher das Aas Eurer eignen Todten eſſen, als Hunger leiden. Stellt ihn Wild⸗ tödter gegenüber, Stirn gegen Stirn, Häuptlinge und Krieger, ich will Euch zeigen, welch einen großen Schurken Ihr in Eurem Stamme geduldet habt.“ Dieſe kühne Rede, in ihrer eignen Sprache und mit dem zu⸗ verſichtlichſten Benehmen vorgetragen, machte einen tiefen Eindruck unter den Huronen. Verrätherei zieht immer Mißtrauen nach ſich; und obgleich der Ueberläufer Briarthorn dem Feinde gut zu dienen ſich beſtrebt hatte, hatten ſeine Bemühungen und ſein Eifer ihm doch wenig mehr als Duldung gewonnen. Sein Wunſch, Hiſt zum Weibe zu bekommen, hatte ihn zuerſt veranlaßt, ſie und ſein eignes Volk zu verrathen; aber ernſte Nebenbuhler in Betreff ſeines erſten Zweckes waren unter ſeinen neuen Freunden erſtanden, deren Sympathie für den Verräther nun noch geringer wurde. Mit einem Wort, man hatte Briarthorn nur noch im Huronenlager ſich aufzuhalten geſtattet, wo er ſo genau und eiferſüchtig bewacht wurde, wie Hiſt ſelbſt; er ließ ſich ſelten vor den Häuptlingen blicken, und hielt ſich gefliſſentlich ferne von Wildtödter's Auge, der bis auf dieſen Augenblick gar Nichts von ſeiner Anweſenheit gewußt hatte. So aufgefordert aber konnte er ſich unmöglich mehr im Hintergrund halten.„Die Irokeſenbemalung von ſeinem Geſicht abwaſchen“— das that er nicht; denn als er inmitten des Kreiſes daſtand, war er durch die neuen Farben ſo entſtellt, daß ihn der Jäger anfänglich nicht erkannte. Er nahm aber doch eine trotzige, herausfordernde Miene an, und fragte hochmüthig: Wer irgend etwas gegen Briarthorn ſagen könne. „Das fragt Euch ſelbſt,“ fuhr Hiſt lebhaft fort, obwohl ihr Benehmen etwas minder geſammelt erſchien; ein Anflug von Zer⸗ ſtreutheit oder Abweſenheit wurde dem Wildtödter und Judith, wo nicht auch andern, bemerklich.„Fragt das Euer eigenes Herz, 668 kriechendes Wieſel der Delawaren; tretet nicht hier auf mit der Miene eines unſchuldigen Mannes. Geht, ſchaut in die Quelle; ſeht die Farben Eurer Feinde auf Eurer lügenden Haut; dann kommt zurück und prahlt, wie Ihr Eurem Stamme entflohen ſeyd, und das Tuch der Franzoſen zu Eurer Bekleidung machtet! Malt Euch immerhin ſo bunt an wie der Colibri, Ihr bleibt doch ſchwarz wie die Krähe!“ Hiſt war während ihres Aufenthaltes unter den Huronen ſo gleichmäßig ſanft geweſen, daß ſie jetzt ihre Sprache mit Erſtaunen anhörten. Dem Angeſchuldigten ſelbſt kochte das Blut in den Adern; und es war gut für die hübſche Sprecherin, daß es nicht in ſeiner Macht ſtand, die Rache auszuüben, die er, trotz ſeiner vorgeblichen Liebe, ihr anzuthun vor Begierde brannte. „Wer will Etwas von Briarthorn?“ fragte er finſter.„Wenn das Bleichgeſicht des Lebens überdrüſſig iſt; wenn es indianiſche Martern fürchtet, ſo ſprecht, Rivenoak! ich will ihn den Kriegern nachſenden, die wir verloren haben.“ „Nein, Häuptling; nein, Rivenoak,“ unterbrach ihn Hiſt lebhaft. „Wildtödter fürchtet Nichts; am allerwenigſten eine Krähe! Bindet ihn los— zerſchneidet die Baſtſeile— ſtellt ihn Stirn gegen Stirn dieſem krächzenden Vogel gegenüber; dann laßt uns ſehen, wer des Lebens überdrüſſig iſt.“ Hiſt machte eine raſche Bewegung vorwärts, als wollte ſie einem jungen Mann ein Meſſer aus der Hand nehmen, und in eigner Perſon dem Gefangnen jenen Dienſt leiſten; aber ein bejahrter Krieger verhinderte es auf einen Wink Rivenoak's. Dieſer Häuptling beobachtete mit Mißtrauen Alles, was das Mädchen that; denn während ſie mit der entſchloſſenſten Haltung die prahle⸗ riſchſte Sprache führte, war in ihrem Weſen doch etwas Unſichres und Erwartungsvolles, was einem ſcharfen Beobachter nicht ent⸗ gehen konnte. Sie ſpielte ihre Rolle gut; aber zwei oder drei von den ältern Männern waren gleicherweiſe überzeugt, daß es — — nur eine Rolle war. Daher ward ihr Vorſchlag, Wildtoͤdter los⸗ zubinden, verworfen; und die in ihren Erwartungen getäuſchte Hiſt ſah ſich in dem Augenblick von dem Baume zurückgewieſen, wo ſie ſchon ihr Vorhaben gelungen wähnte. Zur gleichen Zeit ward der Kreis, der nachgerade wirr und eng geworden, wieder erweitert und in Ordnung gebracht. Rivenoak verkündigte jetzt die Abſicht der alten Männer, weiter im Werke zu ſchreiten, da die Verzögerung jetzt lange genug gedauert habe und zu keinem Ergebniß führe. „Halt, Hurone! halt, Häuptlinge!“ rief Judith, kaum wiſſend was ſie ſagte, oder warum ſie ſich dareinlegte, als etwa um Zeit zu gewinnen;„um Gottes Willen, nur noch eine Minute—“ Die Worte wurden ihr im Munde abgeſchnitten durch eine neue und noch außerordentlichere Unterbrechung. Ein junger In⸗ dianer kam durch die Reihen der Huronen geſprungen, und hüpfte mitten in den Kreis hinein, in einer Weiſe, welche die höchſte Zu⸗ verſicht, oder eine an Tollkühnheit grenzende Verwegenheit bezeich⸗ nete. Fünf oder ſechs Schildwachen ſtanden noch am See an ver⸗ ſchiedenen und entfernten Punkten; und es war der erſte Gedanke Rivenoak's, Einer von dieſen ſey mit wichtigen Zeitungen ange⸗ kommen. Aber die Bewegungen des Ankömmlings waren ſo haſtig, und ſein Anzug, der ihm kaum mehr Gewandung ließ als eine antike Statue hat, hatte ſo wenig Auszeichnendes, daß es auf den erſten Anblick unmöglich war, zu beſtimmen, ob er ein Feind oder Freund ſey. Drei Sprünge brachten dieſen Krieger an Wildtödter's Seite, deſſen Seile in einem Nu zerſchnitten waren, mit einer Sicherheit und Genauigkeit, welche den Gefangenen ſogleich zum freien Herrn ſeiner Glieder machte. Ehe dieß vollbracht, warf der Ankömmling keinen Blick auf einen andern Gegenſtand; dann wandte er ſich, und zeigte den erſtaunten Huronen die edle Stirne, die ſchöne Geſtalt und das Adlerauge eines jungen Kriegers in der Bemalung und Waffenrüſtung eines Delawaren. Er hielt in jeder 670 Hand eine Büchſe, die Kolben beider auf dem Boden aufſtehend, während an der einen ſeine Taſche und ſein Horn hing. Dieſe war Killdeer, den er, während er ſich keck und mit herausfordern⸗ dem Trotz im Kreiſe umſah, in die Hände ſeines wahren Herrn fallen ließ. Die Gegenwart zweier Bewaffneten, obwohl in ihrer Mitte, machte die Huronen betroffen. Ihre Büchſen ſtanden rings⸗ umher zerſtreut an verſchiedene Bäume gelehnt, und ihre einzigen Waffen waren ihre Meſſer und Tomahawks. Doch hatten ſie zu viel Selbſtbeherrſchung, um Furcht zu verrathen. Es war wenig wahrſcheinlich, daß eine ſo kleine Macht eine ſtarke Bande angreifen würde, und Jeder erwartete, ein außerordentlicher Vorſchlag werde auf einen ſo entſchiedenen Schritt folgen. Der Fremde ſchien ge⸗ neigt, ihrer Erwartung zu entſprechen. Er ſchickte ſich an zu reden. „Huronen,“ ſagte er,„dieſe Erde iſt ſehr groß, die großen Seeen ſind auch geräumig; jenſeits derſelben iſt Platz für die Iro⸗ keſen, dieſſeits iſt Platz für die Delawaren. Ich bin Chingachgook, der Sohn des Unkas; der Vetter Tamenunds. Dieſe iſt meine Verlobte; das Bleichgeſicht iſt mein Freund. Mein Herz war ſchwer, als ich ihn vermißte; ich folgte ihm in Euer Lager, zu ſehen, daß ihm kein Leid geſchehe. Alle Delawarenmädchen warten auf Wah!l ſie wundern ſich, daß ſte ſo lange ausbleibt. Kommt, laßt uns Lebewohl ſagen, und unſerer Wege gehen.“ „Huronen, das iſt Euer Todfeind, die Große Schlange von denen, die Ihr haßt!“ ſchrie Briarthorn.„Wenn er entkommt, werden die Fußtapfen Eurer Moccaſins blutig ſeyn von hier bis nach den Canadas. Ich bin ganz Hurone!“ Wie er die letzten Worte ſprach, ſchleuderte der Verräther ſein Meſſer nach der nackten Bruſt des Delawaren. Eine raſche Bewegung Hiſt's, die in der Nähe ſtand, mit dem Arm, lenkte den Wurf ab, und die gefährliche Waffe fuhr mit der Spitze in eine Fichte. Im nächſten Augenblick zuckte eine gleiche Waffe aus der Hand der Schlange, und zitterte im Herzen des Ueberläufers. cecr——— uO u 0 Kaum eine Minute war verfloſſen von dem Augenblick an, wo Chingachgook in den Kreis geſprungen war, bis zu dem, wo Briarthorn todt wie ein Klotz auf dem Paatze niederſtürzte. Die Schnelligkeit der Ereigniſſe hatte die Huronen nicht zur That kommen laſſen, aber dieſe Cataſtrophe erlaubte keinen längern Verzug. Ein allgemeiner Aufſchrei folgte, und die ganze Bande war in Bewegung. In dieſem Augenblick ward ein in den Wäl⸗ dern nicht gewöhnlicher Ton vernommen, und alle Huronen, Männer und Weiber, ſtanden horchend ſtille, mit angeſtrengtem Ohr und erwartungsvollen Geſichtern. Der Ton war regelmäßig und dumpf, wie wenn mit Kloöppeln auf den Boden geſtampft würde. Jetzt zeigten ſich Gegenſtände zwiſchen den Bäumen im Hintergrund, und man ſah eine Schaar Truppen im Taktſchritt anrücken. Sie zogen zum Angriff fertig daher, und der Scharlach der koͤnig⸗ lichen Uniformen glänzte durch das hellgrüne Laub des Waldes. Die jetzt folgende Scene iſt nicht leicht zu ſchildern. Wilde Verwirrung, Verzweiflung und wahnſinnige Anſtrengungen waren dabei ſo durcheinander gemengt, daß alle Einheit und Klarheit des Handelns vernichtet wurde. Ein allgemeiner, gellender Ruf entfuhr den eingeſchloſſenen Huronen, darauf folgte das herzhafte freudige Jauchzen der Engländer. Doch ward noch keine Muskete oder Büchſe abgefeuert, obgleich der ſtetige, taktmäßige Schritt fort⸗ während vernommen wurde, und man die Bajonette glänzen ſah vor einer Linie, die etwa ſechzig Mann zäͤhlte. Die Huronen wurden in entſetzlich ungünſtiger Stellung überfallen. Auf drei Seiten war Waſſer, während auf der vierten ihre furchtbaren, wohlgeübten Feinde ihnen die Flucht abſchnitten. Jeder Krieger rannte nach ſeinen Waffen, und dann ſuchten alle auf dem Vor⸗ ſprung Beſindlichen, Männer, Weiber und Kinder haſtig einen Verſteck. In dieſer Scene der Verwirrung und des Entſetzens jedoch ging Nichts über die Kaltblütigkeit und kluge Beſonnenheit Wildtödter's. Seine erſte Sorge war, Judith und Hiſt hinter 672 Baͤume zu bringen, und er ſah ſich nach Hetty um; aber ſie war von einem Schwarm Huronen⸗Weiber mit fort geriſſen worden. Nach dieſem warf er ſich auf eine Flanke der zurückziehenden Hu⸗ ronen, welche nach dem ſüdlichen Rande des Vorſprungs ſich wandten, in der Hoffnung, durch das Waſſer zu entkommen. Wild⸗ tödter wartete ſeine Gelegenheit ab, und als er zwei ſeiner bisheri⸗ gen Peiniger in Schußweite vor ſich fand, brach ſeine Büchſe zuerſt die Stille der ſchrecklichen Scene. Die Kugel ſtreckte Beide auf Einmal nieder. Dieß veranlaßte ein allgemeines Feuern der Huronen, und man hörte die Büchſe und das Kriegsgeſchrei der Schlange in dem Getümmel. Noch aber erwiederten die discipli⸗ nirten Truppen mit keiner Salve, und man vernahm nur das Jauchzen und die Büchſe Hurry's, der neben ihnen herzog, und das kurze, raſche Befehlshaberwort, und die ſchweren, drohenden Taktſchritte. Bald jedoch folgten die Verwünſchungen und das Kreiſchen und Stöhnen, welche gewöhnlich die Anwendung des Bajonetts begleiten. Dieſe ſchreckliche, tödtliche Waffe ſchwelgte jetzt in Rache. Die nun folgende Scene war eine von denjenigen, die ſo häufig auch in unſern Zeiten vorkommen, wo weder Alter noch Geſchlecht eine Ausnahme von dem Schickſal eines borhariſchen wilden Kriegsgebrauchs begründet. Einunddreißigſtes Kapitel. Die Blume, die heute lacht, Iſt morgen verblüht; Was gern wir ewig gedacht, Lockt uns und flieht. Was iſt die Luſt der Welt? Ein Blitz der ſpottend erhellt Die Nacht, und glänzt, und fällt. Shelley. Das Bild, welches zunächſt die von den unglücklichen Huronen zu ihrem letzten Lagerplatz gewählte Landſpitze darbot, braucht kaum dem Auge des Leſers vorgeführt zu werden. Zum Glück für die Zärterfühlenden und Furchtſameren hatten die Baum⸗ ſtämme, das Laub und der Pulverdampf Viel von dem, was vor⸗ ging, verborgen, und bald darauf zog die Nacht ihren Schleier über den See und die ganze, dem Anſchein nach grenzenloſe Wildniß, die ſich, kann man ſagen, mit entfernten und unweſent⸗ lichen Unterbrechungen von den Ufern des Hudſons bis an die Küſten des ſtillen Oceans erſtreckte. Unſere Aufgabe führt uns zu dem folgenden Tag, wo das Licht auf die Erde wiederkehrte, ſo ſonnig und lächelnd, als wäre nichts Außerordentliches vorgefallen. Als am nächſten Morgen die Sonne ſich erhob, waren alle Anzeichen von Feindſeligkeit und Kriegslärm von dem Becken des Glimmerglas verſchwunden. Das entſetzliche Ereigniß des vorigen Abends hatte keine Spuren auf dem friedlichen Waſſerſpiegel zu⸗ rückgelaſſen, und die unermüdlichen Stunden verfolgten ihren Lauf in der harmloſen Ordnung, die ihnen von der mächtigen Hand, welche ſie in Bewegung ſetzte, vorgezeichnet war. Die Vögel ſchwammen wieder auf dem Waſſer, oder ſchwebten von ihren Schwingen getragen hoch über den Wipfeln der höchſten Fichten der Berge, luſtig ihre Bahnen auf und nieder beſchreibend, gehorſam Der Wildtödter. 3. Aufl. 43 674 den unwiderſtehlichen Geſetzen ihrer Natur. Mit Einem Wort, Nichts war verändert, als die Art und Weiſe des Treibens und Lebens, das in dem Caſtell und darum her herrſchte. Hier war in der That ein Wechſel eingetreten, der dem mindeſt ſcharfen Auge auffallen mußte. Eine Schildwache, in der Uniform eines königlichen leichten Infanterie⸗Regiments ſchritt mit gemeſſenen Schritten auf der Plattform hin und her, und einige zwanzig Mann von demſelben Corps lungerten in dem Gebäude herum, oder ſaßen in der Arche. Ihre Waffen waren unter dem Auge ihres wachhaltenden Cameraden aufgeſtellt. Zwei Officiere ſtanden da und unterſuchten die Küſte mit dem oſterwähnten Schiffsglas. Ihre Blicke waren nach dem verhängnißvollen Landvorſprung ge⸗ richtet, wo man noch Scharlachröcke zwiſchen den Bäumen durch⸗ ſchlüpfen ſah, und wo die Vergrößerungskraft des Inſtruments auch Spaten zeigte, womit gearbeitet und die traurige Pflicht der Beerdigung erfüllt wurde. Einige der Gemeinen trugen Zeichen an hrem Leibe davon, daß ihre Feinde nicht ganz ohne Widerſtand waren überwältigt worden; und der Jüngere von den zwei Officieren auf der Plattform trug einen Arm in der Schlinge. Sein Ge⸗ noſſe, der die Truppe kommandirte, war glücklicher geweſen. Er war es, der das Glas handhabte bei den Rekognoscirungen, welche Beide anſtellten. Ein Sergeank näherte ſich, um einen Rapport zu machen. Er redete den Aeltern der Officiere als Capitain Warley an, während der Andere als Mr.— gleichbedeutend mit Fähnrich— Thornton angeſprochen wurde. Der Erſtere war, wie der Leſer ſich erinnern wird, der Officier, welcher bei dem Abſchiedsgeſpräch zwiſchen Judith und Hurry mit ſo großer Lebhaftigkeit und Auf⸗ regung genannt worden war. Es war in der That das Indivi⸗ duum, mit welchem die läſternde Nachrede der Garniſonen den Namen dieſes ſchönen aber unvorſichtigen Mädchens am freiſten und keckſten in Verbindung gebracht hatte. Er war ein Mann — 675 von harten Zügen und rothem Geſicht, und etwa von fünfund⸗ dreißig Jahren, aber von militäriſcher Haltung und Benehmen, und mit einem Anſtrich von vornehmer Lebensart, welcher der Phantaſie eines mit der Welt ſo unbekannten Mädchens, wie Judith war, wohl imponiren konnte.. „Craig überhäuft uns mit Segenswünſchen,“ bemerkte dieſer Mann gegen ſeinen jungen Fähnrich, mit einem gleichgültigen Weſen, indem er das Glas zumachte, und es ſeinem Diener einhändigte; „und die Wahrheit zu ſagen, nicht ohne Grund; es iſt gewiß angeneh⸗ mer, hier der Miß Judith Hutter aufzuwarten, als Indianer auf einem Landvorſprung am See zu begraben, wie romantiſch auch die Lage, und wie glänzend der Sieg ſeyn mag. Ei, beiläufig be⸗ merkt, Wright, lebt Davis noch?“ „Er iſt vor eiwa zehn Minuten geſtorben, Ew. Ehren,“ ver⸗ ſetzte der Sergeant, an den dieſe Frage gerichtet war.„Ich wußte, daß es ſo kommen würde, ſobald ich fand, daß die Kugel den Magen berührt hatte. Ich habe nie von einem Mann gehöͤrk, der es lang ausgehalten, wenn er ein Loch im Magen hatte.“ „Nein; er iſt dann gar zu ungeeignet, um etwas ſehr Nahrhaftes fortzuſchaffen,“ bemerkte Warley gähnend.„Das Wachen und Aufſeyn zwei Nächte hintereinander, Arthur, ſpielt den Kräften eines Mannes übel mit. Ich bin ſo dumm, wie Einer von den holländiſchen Pfaffen am Mohawk. Ich hoffe, Euer Arm ſchmerzt Euch nicht, mein guter Junge?“ „Er erpreßt mir einige Grimaſſen, Sir, wie Ihr wohl be merken werdet,“ antwortete der Jüngling, und lachte in demſelben Augenblick, wo ſich ſein Geſicht vor Schmerz etwas verzog.„Aber es iſt ſchon zum ertragen. Ich denke, Graham kann bald ein paar Minuten erübrigen, um nach meiner Verletzung zu ſehen.“ „Es iſt eigentlich doch ein anmuthiges Geſchöpf, dieſe Judith Hutter, Thornton; und es ſoll nicht mein Fehler ſeyn, wenn ſie nicht in den Parks geſehen und bewundert wird!“ begann Warley wieder, der ſich wenig um ſeines Genoſſen Wunde kümmerte.— „Euer Arm, he? Ganz wahr! Geht in die Arche, Sergeant, und ſagt Dr. Graham, ich wünſche, er möchte nach Mr. Thornton’s Verletzung ſehen, ſobald er mit dem armen Kerl mit dem gebroch⸗ nen Bein fertig iſt. Ein liebliches Geſchöpf! und ſie ſah aus wie eine Königin in dem Brokatkleid, worin wir ſie trafen. Ich finde hier Alles verändert; Vater und Mutter Beide todt, die Schweſter ſterbend, wo nicht todt, und Keines von der Familie übrig, als die Schöne! Das iſt ein glücklicher Zug geweſen im Ganzen, und verſpricht einen beſſern Ausgang, als gewöhnlich Scharmützel mit Indianern.“ „Darf ich vermuthen, Sir, daß Ihr geſonnen ſeyd, Eure Fahnen in dem großen Corps der Junggeſellen zu verlaſſen, und den Feldzug des Eheſtands anzutreten!“ „Ich, Tom Warley, ein Benedikt werden! Wahrlich, mein lieber Junge, Ihr kennt das Corps wenig, von dem Ihr ſprecht, wenn Ihr Euch ſolche Dinge einbildet! Ich denke, es gibt Frauen in den Colonien, die ein Capitain von der leichten Infanterie nicht zu verſchmähen braucht; aber ſie ſind nicht hier, auf einem Ge⸗ birgsſee zu finden, oder auch drunten an dem holländiſchen Fluß, wo wir poſtirt ſind. Es iſt wahr, mein Oheim, der General, erwies mir einmal die Gunſt, eine Frau für mich zu wählen, in Yorkſhire; aber ſie war ohne Schönheit— und ich würde nicht eine Fürſtin heirathen, wenn ſie nicht hübſch wäre.“ „Aber eine Bettlerin, wenn ſie hübſch wäre?“ „Ja, das ſind die Begriffe eines Fähnrichs! Liebe in einer Hütte— mit Thüren und Fenſtern— die alte Geſchichte zum 8 hundertſten Mal! Das Zwanzigſte heirathet nicht! Wir find kein 3 heirathendes Corps, mein lieber Junge. Da iſt jetzt der Oberſt, der alte Sir Edwin——; obgleich ein kompleter General, hat 8 er doch nie an ein Weib gedacht; und wenn ein Mann es zum 3 Lieutenant⸗General bringt, ohne Eheſtand, ſo iſt er ganz ſicher. 677 Dann der Oberſtlieutenant iſt konfirmirt, wie ich meinem Vetter, dem Biſchofe, zu ſagen pflege. Der Major iſt ein Wittwer, der es in ſeiner Jugend einmal zwoͤlf Monate mit dem Eheſtand ver⸗ ſucht hat, und wir betrachten ihn jetzt als einen unſrer zuverläſſig⸗ ſten Männer. Unter den zehn Capitains iſt nur Einer in dem böſen Dilemma, und er, der arme Teufel, wird immer beim Haupt⸗ quartier des Regiments zurückbehalten, als eine Art von memento mori für die jungen Leute, wenn ſie eintreffen. Von den Sub⸗ alternen hat noch nicht Einer die Keckheit gehabt, davon zu ſprechen, ein Weib im Regiment einzuführen. Aber Euer Arm macht Euch Schmerzen, und wir wollen ſelbſt gehen, und ſehen, was aus Graham geworden iſt.“ Der Wundarzt, der die Truppe begleitet hatte, war ganz anders beſchäftigt, als der Capitain vermuthete. Als der Angriff vorüber war, und die Todten und Verwundeten zuſammengeſucht wurden, fand man unter den Letzteren die arme Hetty. Eine Büchſenkugel war ihr durch den Leib gegangen, und hatte ihr eine Verletzung beigebracht, die man auf den erſten Blick für tödtlich erkannte. Wie ſie dieſe Wunde erhalten, wußte Niemand; wahr⸗ ſcheinlich war es einer jener Zufälle, wie ſie immer Scenen von der Art der im letzten Kapitel geſchilderten, begleiten. Die Sumach, alle älteren Weiber und Einige von den Huronen⸗Mädchen waren durch das Bajonett gefallen, entweder in der Verwirrung des Handgemenges oder wegen der Schwierigkeit, bei ſolcher Einfach⸗ heit des Anzugs, die Geſchlechter zu unterſcheiden. Bei weitem der größere Theil der Krieger war auf dem Platz geblieben; einige Wenige jedoch waren entkommen, und Zwei oder Drei waren un⸗ verletzt gefangen. Bei den Verwundeten erſparte das Bajonett dem Wundarzt viele Mühe. Rivenoak war mit dem Leben und ganzen Gliedern davongekommen, war aber verwundet und gefangen. Als Capitain Warley und ſein Fähnrich in die Arche traten, kamen ſie an ihm vorbei, der in würdevollem Schweigen am — — ——— 678 einen Ende der Fähre ſaß, Kopf und Fuß verbunden, aber durch kein ſichtbares Anzeichen Niedergeſchlagenheit oder Verzweiflung verrathend. Daß er über den Verluſt ſeines Stammes trauerte, iſt gewiß, aber er that es in der Weiſe, die einem Krieger und Häupt⸗ ling am beſten geziemte. Die beiden Soldaten fanden ihren Wundarzt in dem Haupt⸗ gemach der Arche. Er verließ eben das Bett Hetty's mit einem Ausdruck kummervollen Bedauerns in ſeinen harten, pockennarbigen, ſchottiſchen Zügen, die hier zu ſehen etwas Seltnes war. Alle ſeine Bemühungen waren fruchtlos geweſen, und er ſah ſich ge⸗ nöthigt, widerſtrebend der Hoffnung zu entſagen, das Leben des Mäͤdchens noch über einige Stunden gefriſtet zu ſehen. Dr. Gra⸗ ham war gewohnt an Sterbe⸗Scenen, und gewöhnlich machten ſie keinen großen Eindruck auf ihn. Er war in Allem, was die Reli⸗ gion betrifft, Einer von den Geiſtern, die in Folge davon, daß ſie viel über materielle Dinge mit ſcharfer und bündiger Logik nach⸗ denken und forſchen, und den gänzlichen Mangel an ſichern Voraus⸗ ſetzungen und Ausgangspunkten überſehen, der einer ſolchen Theorie jederzeit anhaften muß, weil es ihr immer an einer bewegenden und beſeelenden Urkraft fehlt— ſkeptiſch werden; es blieb ihm nur eine unbeſtimmte, ſchwankende Meinung über die Entſtehung der Dinge, die bei hohen anmaßenden Anſprüchen, Philoſophie zu ſeyn, im erſten aller philoſophiſchen Prinzipien, in Grund und Urſache, im Dunkeln tappte. Ihm erſchien religiöſes Abhängigkeitsgefühl als eine Schwäche; aber als er ein ſo zartes und junges Weſen, wie Hetty, mit einem Geiſt, der nicht zu dem gewöhnlichen Maß ihrer Gattung ſich erhob, in einem ſolchen Augenblick aufrecht erhalten ſah durch dieſe frommen Gefühle, und zwar in einer Weiſe, daß mancher tapfere, derbe Krieger und geprieſene Held ſie mit Neid hätte betrachten dürfen, da fühlte er ſich von dieſem Anblick gerührt in einem Grade, daß er es ſich ſelbſt zu geſtehen, ſich halb würde geſchämt haben. Edinburgh und Aberdeen lieferten damals, wie — 679 3 jetzt, dem Brittiſchen Dienſt einen nicht geringen Theil ſeiner Aerzte; und Dr. Graham war, wie ſein Name und Geſicht gleicherweiſe . anzeigten, von Geburt ein Nordbritte. „Das iſt etwas Außerordentliches für eine in Wäldern Lebende und nur halb mit Vernunft Begabte,“ bemerkte er mit entſchieden ſchottiſchem Accent, als Warley und der Fähnrich eintraten;„ich hoffe nur, Gentlemen, daß, wenn wir Drei abberufen werden vom Zwanzigſten, wir dann ſo darein ergeben ſeyen, zum Halbſold eines andern Daſeyns überzugehen, wie dieß arme unkluge Mädchen!“ „Iſt keine Hoffnung, daß ſie davonkomme?“ fragte Warley, ſein Auge auf die blaſſe Judith richtend, auf deren Wangen jedoch, ſobald er eingetreten war, zwei große rothe Flecken erſchienen waren. „So wenig als für Charlie Stuart! Tretet ſelbſt näher und urtheilt, Gentlemen; Ihr werdet ein Beiſpiel von Glauben ſehen in einer außerordentlichen und wunderbaren Weiſe. Es iſt eine Art von arbitrium zwiſchen Leben und Tod in wirklichem Kampf in des armen Mädchens Gemüth, das ſie zu einem intereſſanten Studium für einen Philoſophen macht. Mr. Thornton, ich ſtehe jetzt zu Euren Dienſten; wir können den Arm gleich im nächſten Gemach beſichtigen, während wir ſo viel uns beliebt über die Ope⸗ rationen und die verſchlungenen Eigenſchaften des menſchlichen n. Geiſtes ſpeculiren.“ Der Wundarzt und der Fähnrich entfernten ſich, und Warley hatte Gelegenheit, ſich mit mehr Muße und mit beſſerem Verſtändniß . der Eigenthümlichkeit und der Gefühle der in der Cajüte verſam⸗ melten Gruppe umzuſehen. Die arme Hetty war auf ihr eignes, einfaches Bett gebracht worden, und lag in halbſitzender Stellung da, die Zeichen des herannahenden Todes in ihrem Antlitz, jedoch eigenthümlich gemildert durch den Glanz eines Ausdrucks, in welchen alle Intelligenz ihres Weſens zuſammengedrängt ſchien. Judith e und Hiſt waren in ihrer Näͤhe; die Erſtere ſaß da, in tiefer Be⸗ trübniß. Die Letztere ſtand, bereit ihr die zarte Aufmerkſamkeit ——2 N OS 2„ 2 & S N +— n Su — weiblicher Sorgfalt und Pflege zu widmen. Wildtödter ſtand zu Füßen des Lagers, auf Killdeer gelehnt; er war ganz unverletzt geblieben; all das ſchöne kriegeriſche Feuer, das vor Kurzem auf ſeinem Angeſicht geglüht, hatte wieder der gewohnten ehrlichen und wohlwollenden Miene Platz gemacht,— ein Ausdruck, der jetzt mit männlicher Wehmuth und Mitgefühl ſich ſanft miſchte. Die Schlange ſtand im Hintergrund der Scene, aufrecht und regungslos wie eine Statue; aber ſo aufmerkſam und beobachtend, daß nicht ein Zucken des Auges ſeinem ſcharfen Blicke entging. Hurry ver⸗ vollſtändigte die Gruppe; er ſaß auf einem Stuhl in der Nähe der Thüre, als fühlte er ſich in einer ſolchen Scene nicht am Platze, und ſchämte ſich doch, ſich unaufgefordert zu entfernen. „Wer iſt der im Scharlach?“ fragte Hetty, ſobald ihr Auge auf die Uniform des Capitains fiel.„Sage mir, Judith, iſt es der Freund Hurry's?“ „Es iſt der Officier der Truppen, die uns Alle aus den Händen der Huronen befreit haben,“ war die leiſe Antwort der Schweſter. „Bin ich auch befreit?— Ich meinte, ſie ſagten, ich ſey erſchoſſen und dem Tode nahe. Mutter iſt todt, und Vater auch; aber Du lebſt, Judith, und ſo auch Hurry. Ich fürchtete, Hurry werde getödtet werden, als ich ihn unter den Soldaten ſchreien hörte.“ „Laß es gut ſeyn— laß es gut ſeyn— liebe Hetty,“ unter⸗ brach ſie Judith, ängſtlich beſorgt, um die Bewahrung von ihrer Schweſter Geheimniß, und vielleicht in dieſem Augenblick mehr als je ſonſt.„Hurry iſt wohl, und Wildtödter iſt wohl, und der De⸗ laware auch.“ „Warum ſchoſſen ſie ein armes Mädchen, wie ich bin, und ließen ſo viele Männer unverletzt durchkommen? Ich wußte nicht, daß die Huronen ſo ruchlos ſeyen, Judith!“ „Es war ein Zufall, arme Hetty; ein trauriger Zufall war es! Niemand hätte Dir abſichtlich ein Leid zugefügt!“ „Das freut mich.— Es kam mir ſonderbar vor; ich bin 681 ſchwachſinnig, und die rothen Männer haben mir nie zuvor ein Leid gethan. Es würde mich bekümmern, wenn ich denken müßte, ſie hätten ihren Sinn geändert. Es freut mich auch, Judith, daß ſie Hurry nicht verletzt haben. Wildtödtern, glaube ich, wird Gott von Niemand ein Leid widerfahren laſſen. Es war ein großes Glück, daß die Soldaten gerade in dem Augenblick kamen, denn das Feuer muß brennen.“ „Es war in der That ein Glück, meine Schweſter; Gottes heiliger Name ſey immerdar geprieſen für dieſe Barmherzigkeit!“ „Ich glaube faſt, Judith, Du kennſt Einen oder den Andern von den Officieren; Du kannteſt ja immer ſo Viele!“ Judith antwortete nicht; ſte verbarg ihr Geſicht in den Händen und ſtöhnte. Hetty ſchaute ſie verwundert an; aber natürlich vor⸗ ausſetzend, ihr eigner Zuſtand ſey der Grund dieſer Betrübniß, ſuchte ſie ihre Schweſter freundlich zu tröſten. „Sey wegen meiner unbekümmert,“ ſagte das gefühlvolle und herzensreine Geſchöpf.„Mir widerfährt nichts Schlimmes, wenn ich ſterbe; ſind ja Vater und Mutter Beide todt, und was ihnen geſchah, mag mir immerhin auch geſchehen. Du weißt, es iſt an mir weniger gelegen, als an Einem von der Familie; daher werden Wenige an mich denken, wenn ich einmal im See liege.“ „Nein, nein, nein— arme, liebe, liebe Hetty!“ rief Judith in einem unbezähmbaren Ausbruch von Jammer,—„Ich wenig⸗ ſtens werde immer an Dich denken; und freudig, oh! wie freudig würde ich mit Dir tauſchen, um das reine, herrliche, ſündenloſe Geſchöpf zu ſeyn, das Du biſt!“ Bis jetzt war Capitain Warley an die Thüre der Cajüte ge⸗ lehnt geſtanden; als dieſer Ausbruch von Schmerz, und vielleicht von Reue, das ſchöne Maͤdchen übermannte, ſchritt er langſam und nachdenklich weg, und ging ſelbſt an dem Fähnrich, der eben die Behandlung des Wundarzts zu erdulden hatte, vorüber⸗ ohne von ihm Kunde zu nehmen. „Ich habe meine Bibel hier, Judith!“ erwiederte ihre Schweſter mit triumphirender Stimme.„Es iſt wahr, ich kann nicht mehr leſen; es iſt Etwas vor meinen Augen; Du erſcheinſt mir fern und dämmernd— und ſo auch Hurry, wenn ich ihn jetzt anblicke; — ei, ich hätte nie geglaubt, daß Henry March ſo matt und grau ausſehen könnte! Was mag der Grund ſeyn, Judith, daß ich heute ſo ſchlecht ſehe? ich, von der Mutter immer ſagte, ich hätte die beſten Augen in der ganzen Familie? Ja, das war es, mein Geiſt war ſchwach— was die Leute halbklug nennen— aber meine Augen waren ſo gut.“ Judith ſtöhnte wieder; dießmal war es kein auf ſie ſelbſt Bezug habendes Gefühl, kein Rückblick in die Vergangenheit, was ſte ſchmerzlich ergriff. Es war der reine, herzinnige Jammer ſchweſterlicher Liebe, erhöht durch das Gefühl von der ſanften Demuth und vollkommnen Wahrhaftigkeit des Weſens, das vor ihr lag. In dieſem Augenblick hätte ſie gern ihr eignes Leben hingegeben, um das Hetty's zu retten. Da aber dieß außer dem Bereich menſchlicher Macht lag, fühlte ſie, daß ihr Nichts übrig bleibe, als Trauer und Kummer. In dieſem Augenblick kam Warley wieder in die Cajüte zurück, gezogen von einem geheimen Antrieb, dem er nicht widerſtehen konnte, obgleich es ihm eben jetzt zu Mukhe war, als würde er gern den amerikaniſchen Con⸗ tinent für immer verlaſſen, wenn es thunlich wäre. Statt an der Thüre ſtehen zu bleiben, trat er jetzt ſo nahe an das Lager der Leidenden, daß er ihr deutlicher ſichtbar wurde. Hetty konnte noch größere Gegenſtände unterſcheiden, und ihr Blick heftete ſich bald auf ihn. „Seyd Ihr der Officier, der mit Hurry kam?“ fragte ſie. „Wenn Ihr es ſeyd, ſo ſind wir Euch alle Dank ſchuldig; denn wenn auch ich verwundet bin, iſt doch das Leben der Uebrigen gerettet. Hat Euch Harry March geſagt, wo wir zu finden und wie bedürftig wir Eurer Hülfe ſeyen?“ „—HSo Sͤ S2 683³ „Die Nachricht von der Bande Huronen kam uns durch einen gutgeſinnten Eilboten zu,“ verſetzte der Capitain, froh, ſeinen Gefühlen Luft machen zu können durch dieſen Anſchein von freund⸗ ſchaftlicher Mittheilung;„und ich ward augenblicklich abgeſchickt. um ſie abzuſchneiden. Gewiß war es ein Glück, daß mir Hurry Harry begegnete, wie Ihr ihn nennt, denn er diente uns zum Führer, und nicht minder war es ein Glück, daß wir ein Feuern hörten, das, wie ich jetzt erfahren, blos ein Schießen nach dem Ziel war, denn es beſchleunigte nicht nur unſern Marſch, ſondern führte uns auch auf die rechte Seite des See's. Der Delaware ſah uns an der Küſte durch das Fernglas, wie es ſcheint; und er und Hiſt, wie dieſe Squaw, ſo höre ich, heißt, thaten uns treffliche Dienſte. Es war in der That ein ganz glückliches Zuſammen⸗ treffen von Umſtänden, Judith.“ „Sprecht mir Nichts von Glück und glücklichen Umſtänden, Sir,“ erwiederte das Mädchen mit dumpfer Stimme, und verbarg wieder ihr Antlitz.„Mir iſt die Welt voll Elend und Jammer. Ich wünſchte, nie wieder von Ziel, noch von Büchſen, noch Sol⸗ daten, noch Männern zu hören.“ „Kennt Ihr meine Schweſter?“ fragte Hetty, ehe der zurück⸗ gewieſene Soldat Zeit hatte, ſich zu einer Erwiederung zu ſammeln. „Woher wißt Ihr denn, daß ihr Name Judith iſt? Ihr habt Recht, Judith iſt ihr Name; und ich bin Hetty,— Thomas Hutter's Töchter.“ „Ums Himmels willen, theuerſte Schweſter, um mein etwillen, geliebte Hetty,“ fiel Judith flehend ein,„ſprich nicht mehr hievon!“ Hetty ſchien erſtaunt; aber an Gehorſam gewohnt, ließ ſie von ihren ungelegenen und peinlichen Fragen an Warley ab, und richtete ihr Auge auf die Bibel, die ſie noch in ihren Händen hielt, wie etwa Einer an ein Käſtchen mit Edelſteinen bei einem Schiffbruch oder Brand ſich anklammern würde. Ihr Geiſt kehrte jetzt zur Zukunft zurück, und verlor die Scenen der Vergangenheit zum größten Theil aus dem Geſicht. 684 „Wir werden nicht lange getrennt bleiben, Judith,“ ſagte ſie; „wenn Du ſtirbſt, mußt Du auch im See neben der Mutter begraben werden.“ „Wollte Gott, Hetty, daß ich ſchon jetzt dort läge!“ „Nein, das kann nicht ſeyn, Judith; die Leute müſſen ſterben, ehe ſie das Recht haben, begraben zu werden. Es wäre eine Sünde, Dich zu begraben, oder gar wenn Du Dich ſelbſt begraben wollteſt, ſo lange Du noch lebſt. Einmal dachte ich daran, mich ſelbſt zu begraben; Gott bewahrte mich vor dieſer Sünde.“ „Du!— Du, Hetty Hutter, an eine ſolche That denken!“ rief Judith, in nicht zu bemeiſterndem Erſtaunen aufſchauend, denn ſte wußte wohl, daß kein Wort, das nicht gewiſſenhaft wahr geweſen wäre, über den Mund ihrer ſtreng redlichen Schweſter kam. „Ja, ich, Judith, aber Gott hat es vergeſſen— nein, er vergißt Nichts, aber er hat es vergeben,“ erwiederte das ſterbende Mädchen, mit dem zerknirſchten Weſen eines reuigen Kindes.„Es war nach der Mutter Tod; ich fühlte, daß ich die beſte Freundin auf der Erde verloren hatte, wo nicht die einzige Freundin. Es iſt wahr, Du und Vater, Ihr wart freundlich gegen mich, Judith, aber ich war ſo ſchwachſinnig; ich wußte, ich würde Euch nur Unluſt machen; und dann ſchämtet Ihr Euch ſo oft einer ſolchen Schweſter und Tochter; und es iſt hart, in einer Welt zu leben, wo Alle Einen anſehen als unter ihnen ſtehend. Ich dachte damals, wenn ich mich an der Mutter Seite begraben könnte, würde ich glücklicher ſeyn im See als in der Hütte.“ „Vergieb mir— verzeih mir, liebſte Hetty, auf meinen Knien liegend bitte ich Dich, mir zu verzeihen, ſüße Schweſter, wenn irgend ein Wort oder eine Handlung von mir Dich zu einem ſo wahnſinnigen und grauſamen Gedanken trieb!“ „Steh auf, Judith, kniee vor Gott— kniee nicht vor mir. Gerade ſo war mir zu Muth, als Mutter ſtarb. Es fiel mir Alles ein, womit ich ſte in Worten und Werken betrübt hatte, 685 und ich hätte ihr die Füße küſſen können, ihre Vergebung zu erlangen. Ich glaube, es iſt ſo bei allen Sterbenden; doch, wenn ich mich beſinne, ſo erinnere ich mich nicht, ſolche Empfindungen bei Vater gehabt zu haben.“ Judith ſtand auf, verhüllte ihr Geſicht in ihrer Schürze, und weinte. Eine lange Pauſe— von mehr als zwei Stunden— trat nun ein, waͤhrend welcher Warley verſchiedene Male in der Cajüte aus⸗ und einging; es war ihm ſichtlich unbehaglich⸗ wenn er weg war, und doch vermochte er nicht zu bleiben. Er ertheilte verſchiedene Befehle, welche ſeine Leute ſofort vollzogen; und es war eine unruhige Bewegung unter der Truppe, zumal da Mr. Craig, der Lieutenant, mit der unangenehmen Pflicht, die Todten zu beerdigen, fertig geworden war, und von der Küſte um Inſtruktionen nachſuchte, und zu wiſſen verlangte, was er mit ſeinen Leuten thun ſolle. Während dieſer Zeit ſchlief Hetty ein wenig; und Wildtödter und Chingachgook verließen die Arche, um ſich mit einander zu beſprechen. Aber nach Verfluß der genannten Friſt trat der Wundarzt auf die Plattform; und mit einer Gemüths⸗ bewegung, die ſeine Cameraden noch nie an einem Mann von ſeiner Art und ſeinem Beruf geſehen hatten, kündigte er an, daß die Leidende ihrer Auflöſung raſch entgegen gehe. Auf dieſe Nach⸗ richt hin verſammelte ſich die Gruppe wieder; die Neugier, Zeugen eines ſolchen Todes zu ſeyn,— dero auch ein edleres Gefühl,— zog Männer, die erſt vor ſo kurzer Zeit handelnd aufgetreten bei einer Scene, welche dem Anſchein nach von ſo unendlich wichtigerem Intereſſe war— nach jener Stelle. Judith hatte inzwiſchen vor Betrübniß jede Thätigkeit aufgegeben; und Hiſt allein beſorgte die kleinen Dienſte weiblicher Aufmerkſamkeit, welche am Krankenbette ſo ſehr am Platz ſind. Bei Hetty ſelbſt war keine andere ſichtbare Veränderung eingetreten, als jene allgemeine Schwäche, welche das Herannahen der Auflöſung verkündigte. Was ſie von Geiſtes⸗ kräften beſaß, war ſo klar als nur je, und in mancher Hinſicht war vielleicht ihr Geiſt kräftiger als gewoͤhnlich. „Betrübe Dich nicht ſo ſehr um mich, Judith,“ ſagte die ſanfte Dulderin, nachdem ſie eine Zeit lang nicht geſprochen;„ich werde bald Mutter ſehen; ich glaube, ich ſehe ſie jetzt; ihr Angeſicht iſt gerade ſo hold und lächelnd, wie es immer war! Vielleicht wenn ich geſtorben bin, gibt mir Gott meinen ganzen Verſtand, und ich werde dann eine paſſendere Geſellſchaft für Mutter, als ich ehe⸗ mals war.“ „Du wirſt ein Engel im Himmel ſeyn, Hetty,“ ſchluchzte die Schweſter;„kein Geiſt wird ſeines heiligen Aufenthalts wür⸗ diger ſeyn!“ „Ich verſtehe es nicht ganz; doch weiß ich, es muß Alles wahr ſeyn; ich habe es in der Bibel geleſen. Wie dunkel es wird! Kann es ſo bald ſchon Nacht ſeyn? Ich kann Dich kaum mehr ſehen; wo iſt Hiſt?“ „Ich hier, armes Mädchen; warum Ihr mich nicht ſehen?“ „Ich ſehe Euch; aber ich konnte nicht unterſcheiden, ob Ihr es wäret oder Judith. Ich glaube, ich werde Euch nicht lange mehr ſehen, Hiſt!“ „Mir leid thun das, arme Hetty. Bekümmert Euch nicht darüber; Bleichgeſichter einen Himmel haben für Mädchen, wie für Krieger.“ „Wo iſt Schlange? Laßt mich mit ihm fprechen— gebt mir ſeine Hand— ſo; ich fühle ſie, Delaware, Ihr werdet dieſe junge Indianerin lieben und hegen; ich weiß, wie zäͤrtlich ſie Euch liebt, und Ihr müßt auch ſie lieben. Behandelt ſie nicht ſo, wie Manche von Eurem Volk ihre Weiber behandeln; ſeyd ihr ein rechter Gatte! Jetzt bringt Wildtödter zu mir her; gebt mir ſeine Hand!“ Dieß Verlangen ward erfüllt, und der Jäger ſtand neben 687 dem ärmlichen Lager, mit der Willigkeit eines Kindes den Wün⸗ ſchen des Maͤdchens ſich fügend. „Ich fühle, Wildtödter,“ begann ſie wieder,„obgleich ich nicht angeben könnte warum— aber ich fühle, daß Ihr und ich nicht für immer ſcheiden. Es iſt ein ſonderbares Gefühl! Ich hatte es nie früher; ich möchte wiſſen, woher es kommt.“ „Es iſt Gott, der Euch in der letzten Noth ſtärkt, Hetty; als ſolches muß es gehegt und geachtet werden. Ja, wir wer⸗ den uns wieder ſehen, obgleich noch lange Zeit vorher vergehen mag, und in einem weitentfernten Lande!“ „Denkt Ihr auch in dem See begraben zu werden? Wenn dieß iſt, ſo könnte es dieß Gefühl erklären.“ „Das iſt wenig wahrſcheinlich, Mädchen, das iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich; aber es gibt ein Reich für chriſtliche Seelen, wo es weder See'n noch Wälder gibt, wie ſie ſagen; wiewohl ich mir nicht erklären kann, warum die letztern nicht da ſeyn ſollten; an⸗ geſehen daß es doch um Friede und Luſtſamkeit zu thun iſt. Mein Grab wird im Walde ſeyn, höchſt wahrſcheinlich, aber ich hoffe, mein Geiſt wird nicht fern ſeyn von dem Eurigen!“ „So muß es alſo ſeyn. Ich bin zu ſchwachſinnig, um dieſe Sachen zu verſtehen, aber ich fühle, daß Ihr und ich uns wie⸗ derſehen werden. Schweſter, wo biſt Du? Ich ſehe jetzt Nichts mehr als Finſterniß. Es muß gewiß Nacht ſeyn!“ „Oh! Hetty ich bin hier, an Deiner Seite; das ſind meine Arme, die Dich umſchlingen,“ ſchluchzte Judith.„Sprich, Theuerſte; haſt Du Etwas zu ſagen, wünſcheſt Du Etwas in dieſem ernſten Augenblick?“ Inzwiſchen war Hetty's Geſicht ganz vergangen. Dennoch nahte der Tod nicht mit ſeinen gewöhnlichen Schauern, als wollte er ein geiſtig nur halb begabtes Weſen zarter behandeln. Sie war bleich wie eine Leiche, aber ihr⸗ Athem war leicht und unun⸗ terbrochen, während ihre Stimme, obwohl faſt zu einem Flüſtern herabſinkend, klar und vernehmlich blieb. Als aber ihre Schweſter dieſe Frage an ſie that, ergoß ſich eine Röthe über das Angeſicht des ſterbenden Mädchens, ſo zart jedoch, daß ſie kaum wahrnehm⸗ bar war,— mehr jenem Roſenfarb ähnlich, das man für das Symbol der Beſcheidenheit nimmt, als der Glut dieſer Blume in ihrer üppigeren Blüthe. Niemand außer Judith bemerkte dieß Zeichen eines innern Gefühls— eine der leiſen Offenbarungen weiblicher Erregbarkeit noch in der Nähe des Todes. Ihr aber blieb es nicht verborgen, und ſie verhehlte ſich auch den Grund davon nicht. „Hurry iſt hier, liebſte Hetty,“ flüſterte die Schweſter, und beugte ſich ſo nahe über das Geſicht der Leidenden hin, daß kein andres Ohr die Worte vernahm.„Soll ich ihm ſagen, daß er herantrete, und Deine Segenswünſche empfange?“ Ein leiſer Druck der Hand beantwortete die Frage bejahend, und jetzt ward Hurry an das Lager geführt. Vermuthlich hatte ſich dieſer hübſche aber rohe Waldmann noch nie zuvor in einer ſo peinlichen Lage befunden, obwohl die Neigung, welche Hetty für ihn fühlte,(eine Art geheime Nachgiebigkeit gegen die In⸗ ſtinkte der Natur mehr als ein ungeziemender Trieb einer unge⸗ ordneten Einbildungskraft) zu rein und zurückhaltend war, als daß die geringſte Ahnung davon in ſeiner Seele geweckt worden wäre. Er ließ Judith ſeine harte, koloſſale Hand in Hetty's Hände legen, und ſtand in verlegenem Stillſchweigen, des Ergebniſſes harrend da. „Das iſt Hurry, Theuerſte,“ flüſterte Judith, ſich über ihre Schweſter beugend, ſich ſchämend die Worte nur ſo laut auszu⸗ ſprechen, daß ſie ſelbſt es hörte:„ſprich zu ihm und entlaß ihn dann.“ „Was ſoll ich ihm ſagen, Judith?“ „Ha, was Dir immer Dein reiner Geiſt eingibt, meine Liebe! Vertraue dem, ſo brauchſt du Nichts zu fürchten.“ „Lebt wohl, Hurry,“ flüſterte das Mädchen und drückte ſanft ——— 689 ſeine Hand—„Ich wünſchte, Ihr verſuchtet es und würdet mehr Wildtödtern ähnlich.“ Dieſe Worte ſprach ſie mit Mühe; eine ſchwache Roͤthe folgte dann, die nur einen Augenblick währte; dann ließ ſie die Hand fahren, und Hetty wandte ihr Angeſicht ab, als ſey ſie mit der Welt fertig. Das geheimnißvolle Gefühl, das ſie an den jungen Mann gebunden hatte, eine ſo leiſe Empfindung, daß ſie ſich ihrer ſelbſt kaum bewußt geworden war, und die gar nicht hätte beſtehen können, wenn ihre Vernunft mehr Herrſchaft über ihre Sinne gehabt hätte, verlor ſich für immer in Gedanken höherer, obwohl kaum reinerer Art. „Was denkſt Du, meine ſüße Schweſter?“ flüſterte Judith, —„ſag' es mir, damit ich dir beiſtehen kann in dieſem Augenblick.“ „Mutter— ich ſehe Mutter, jetzt, und glänzende Weſen um ſie her im See. Warum iſt nicht Vater dort?— Es iſt ſeltſam, daß ich Mutter ſehen kann, während ich Dich nicht ſehen kann!— Fahrewohl, Judith!“ Die letzten Worte wurden nach einer Pauſe geſprochen, und ihre Schweſter hatte ſich einige Zeit in angſtvoller Beobachtung über ſie hingebeugt, ehe ſie bemerkte, daß der ſanfte Geiſt ent⸗ flohen war. So ſtarb Hetty Hutter,— eines der räthſelhaften Weſen, die Kettenglieder gleichſam zwiſchen der materiellen und immateriellen Welt, die— während ſie ſo Viel zu entbehren ſcheinen, was für dieſen Zuſtand des Daſeyns werthvoll und nothwendig iſt, der Wahrheit, Reinheit und Einfalt eines andern ſo nahe kommen und ein ſo ſchönes Bild, eine ſo rührende Anſchauung davon gewähren! Der Wildtödter. 3. Aufl. Zweiunddreißigſtes Kapitel. „Du kannſt nicht mit! Hör' an, ich bitt', Hör' an und laß es ſeyn. Was iſt der Wald für Aufenthalt Für Dich, du Mädchen fein! In Froſt und Schnee, in Durſt und Weh, In Hunger, Furcht und Schmerz; Nein, Mädchen, nein! es kann nicht ſeyn, Bleib' hier und ſtill' dein Herz. Was wird die Stadt, die Zungen hat, So ſcharf wie Spieß und Schwert, Für bittre Schmach dir reden nach, Wenn ſie die Flucht erfährt?“ Das nußbraune Mädchen(nach Herder's Bearbeitung.) Ver noch übrige Tag ward ein ſehr melancholiſcher, ob⸗ gleich es nicht an lebhafter Thätigkeit fehlte. Die Soldaten, welche vor Kurzem beſchäftigt geweſen, ihre Opfer zu beerdigen, hatten jetzt die Aufgabe, ihre eigenen Todten zu beſtatten. Die Scene des Morgens hatte einen trüben Eindruck bei all' den Gentlemen der Truppe zurückgelaſſen; und die Uebrigen empfanden den Einfluß einer ähnlichen Stimmung in verſchiedener Weiſe, und in Folge verſchiedener Urſachen. Stunde um Stunde ſchleppte ſich hin bis der Abend anbrach, und dann kamen die letzten trau⸗ rigen Pflichten zu Ehren der armen Hetty Hutter. Ihr Leichnam ward in den See verſenkt, neben dem der Mutter, die ſie ſo ge⸗ liebt und geehrt hatte; und der Wundarzt, obwohl in der That ein völliger Ungläubiger, bequemte ſich ſo weit dem hergebrachten Anſtand und Brauch, daß er über ihrem Grabe das Leichengebet las, wie er früher ſchon über dem Grabe der andern gefallenen Chriſten gethan hatte. Es war gleichgültig, das allſehende Auge, das in den Herzen liest, wußte dennoch wohl zu unterſchei⸗ den zwiſchen den Lebendigen und den Todten, und die ſanfte Seele 691 des unglücklichen Mädchens war ſchon weit erhaben und entrückt über die Irrthümer oder Täuſchungen irgend eines menſchlichen Rituals. Es fehlte jedoch dieſen einfachen Bräuchen nicht ganz an geziemender Begleitung und Zuthat. Die Thränen Judith's und Hiſt's floſſen ungehemmt, und Wildtodter ſtarrte in das klare Waſſer⸗ das jetzt über Einer wogte, deren Geiſt noch reiner ſogar war, als ſeine eignen Gebirgsquellen, mit glänzenden Augen. Selbſt der Delaware wandte ſich ab, ſeine Rührung zu verbergen, während die gemeinen Soldaten der Ceremonie mit ſtaunenden Augen und ernſteren Empfindungen zuſahen. Mit dieſer frommen Pflichterfüllung ſchloß ſich das Geſchäft des Tages. Auf Befehl des kommandirenden Officiers begaben ſich Alle früh zur Ruhe, denn es war der Plan, mit Tagesanbruch den Rückmarſch wieder anzutreten. Eine Abtheilung, welche die Verwundeten, die Gefangenen lund die Trophäen mit ſich führte, hatte wirklich ſchon im Laufe des Tags, unter Hurry's Führung, das Caſtell verlaſſen, mit der Abſicht, in kürzern Märſchen das Fort zu erreichen. Sie war auf dem oft erwähnten Vorſprung, den wir auf den erſten Blättern beſchrieben haben, an's Land geſetzt worden; und als die Sonne unterging, lagerte ſie ſchon auf der Höhe der langhingeſtreckten, unterbrochnen, unebnen Hügel, die gegen das Thal des Mohawk hin abfielen. Der Abmarſch dieſer Abtheilung hatte die Pflichten des folgenden Tages ſehr vereinfacht, indem er den Marſch um das Gepäck und die Verwundeten erleich⸗ terte, und überhaupt dem Befehlshaber größere Freiheit in ſeinen Bewegungen ließ. Judith ſprach nach dem Tode ihrer Schweſter mit Niemand als mit Hiſt, bis ſie ſich für dieſe Nacht zur Ruhe begab. Man hatte ihren Kummer geachtet, und die beiden Mädchen mit dem Leichnam, bis auf den letzten Augenblick, ungeſtört allein gelaſſen. Das Raſſeln der Trommeln unterbrach die Stille dieſes friedlichen Waſſers, und man vernahm ſobald nach dem Schluß der Ceremonie 692 das Echo des Zapfenſtreichs in den Bergen, daß man keine Störung zu beſorgen hatte. Der Stern, welcher Hiſt's Führer geweſen war, ſtieg über einer ſo ſtillen Scene auf, als ob die Ruhe der Natur nie durch das Treiben oder die Leidenſchaften der Menſchen wäre geſtört worden. Eine einfache Schildwache, zu Zeiten abgelöſt, ſchritt die Nacht über auf der Plattform hin und her; und der Morgen ward, wie gewöhnlich, durch das kriegeriſche Schlagen der Reveille eingeleitet. Militäriſche Genauigkeit war jetzt an die Stelle des unſteten, fahrigen Treibens der Grenzmänner getreten, und als ein haſtiges und frugales Frühſtück eingenommen war, begann die Truppe nach der Küſte aufzubrechen mit einer Regelmäßigkeit und Ordnung, welche weder Lärm noch Verwirrung aufkommen ließ. Von allen Officieren blieb nur Warley. Craig führte die vorangegangne Abtheilung; Thornton war bei den Verwundeten, und Graham hatte natürlich ſeine Kranken begleitet. Auch Hutter's Schrank, nebſt allen ſeinen werthvolleren Habſeligkeiten, war weggebracht worden, und Nichts zurückgeblieben, was ſich der Mühe des Trans⸗ ports verlohnte. Judith war froh, zu bemerken, daß der Capitän ihre Gefühle achtete, und ſich ganz mit den Pflichten ſeines Commandos beſchäftigte, während er ſie ihren Empfindungen und ihrer eignen Einſicht und Klugheit überließ. Es war die allge⸗ meine Vorausſetzung, daß der Platz ganz verlaſſen werden ſolle; aber außer dieſem wurden keine Aufklärungen weder verlangt noch gegeben. Die Soldaten ſchifften ſich auf der Arche ein, ihren Capitain an ihrer Spitze. Er hatte Judith befragt, in welcher Weiſe ſie zu reiſen wünſchte, und als er ihren Wunſch vernahm, mit Hiſt bis zum letzten Augenblick zu bleiben, beläſtigte er ſie weder mit Bitten, noch verletzte er ſie durch Ertheilung von Rath. Es war nur Ein ſichrer und bekannter Weg an den Mohawk; und dort zweifelte er nicht, daß ſte ſich zur geeigneten Stunde in guter 1 e t . 4 — 693 Freundſchaft, wo nicht in erneuertem vertrauterem Verkehr wieder begegnen würden. Als Alle an Bord waren, wurden die Ruder beſetzt, und die Arche bewegte ſich in ihrer ſchwerfälligen Weiſe dem fernen Land⸗ vorſprung zu. Wildtödter und Chingachgook zogen jetzt zwei der Canves aus dem Waſſer und brachten ſie in das Caſtell. Thüren und Fenſter wurden dann verriegelt, und das Haus wurde mittelſt der Fallthüre auf die ſchon beſchriebene Weiſe verlaſſen. Beim Verlaſſen der Palliſaden ſah man Hiſt in dem übrigen Canoe, wo der Delaware alsbald ſich zu ihr geſellte und fortruderte, ſo daß Judith allein auf der Plattform ſtehen blieb. In Folge dieſer raſchen Bewegungen fand ſich Wildtödter allein mit der ſchönen, und noch immer weinenden Leidtragenden. Zu unbefangen, um irgend einen Verdacht zu hegen, ruderte der junge Mann ſein leichtes Boot herum, und nahm darin ſeine Herrin auf, worauf er dieſelbe Richtung wie ſein Freund einſchlug. Die Fahrt nach dem Vorſprung führte ſchräg, und zwar in nicht großer Entfernung an den Gräbern der Todten vorbei. Als das Canoe dort vorüber glitt, redete Judith, zum erſten Mal dieſen Morgen, mit ihrem Begleiter. Sie ſprach nur Wenig,— ſie that nur die einfache Bitte an ihn, ein paar Minuten zu halten, ehe er die Stelle verließe. „Ich ſehe dieſen Platz vielleicht nie wieder, Wildtödter,“ ſagte ſie,„und er enthält die Leichen meiner Mutter und meiner Schwe⸗ ſter! Iſt es nicht möglich, was meint Ihr, daß die Unſchuld des Einen dieſer beiden Weſen in den Augen Gottes für das Heil Beider gutſpreche?“ „Ich verſtehe es nicht ſo, Judith; aber ich bin kein Miſſionär und nur dürftig unterrichtet. Jeder Geiſt ſteht ein für ſeine eignen Fehltritte; obwohl eine herzliche Reue Gottes Geſetzen genügen kann.“ „Dann muß meine arme, arme Mutter im Himmel ſeyn!— Bitter— bitter hat ſie ihre Sünden bereut; und gewiß, es ſollten —— 694 ihre Leiden in dieſem Leben Etwas von ihren Leiden im andern abziehen!“ „Alles das geht über meine Einſicht, Judith.— Ich beſtrebe mich, hier recht zu handeln, als das ſicherſte Mittel, im künftigen Leben Alles recht und tröſtlich zu finden. Hetty war ein ungewöhn⸗ liches Weſen, wie Alle geſtehen müſſen, die ſie kannten, und ihre Seele war in der Stunde, wo ſie ihren Körper verließ, ſo geeignet mit Engeln zu verkehren, als die irgend eines Heiligen in der Bibel!“ „Ich glaube, Ihr laßt ihr nur Gerechtigkeit widerfahren!— Ach! ach! daß es ſo große Unterſchiede geben ſoll zwiſchen Solchen, die an derſelben Bruſt genährt wurden, in demſelben Bett ſchliefen, unter demſelben Dache wohnten! Doch laſſen wir das— führt das Canoe etwas weiter öſtlich, Wildtödter; die Sonne blendet meine Augen ſo, daß ich die Gräber nicht ſehen kann. Das iſt Hetty, zur rechten Seite meiner Mutter 97 „Gewiß— Ihr verlangtet das von uns; und Alle freuen ſich, Eure Wünſche zu erfüllen, Judith, wenn Ihr wünſcht was recht iſt.“ Das Mädchen ſtarrte ihn beinahe eine Minute in ſchweigender Aufmerkſamkeit an, dann wandte ſie ihre Augen rückwärts nach dem Caſtell. „Dieſer See wird bald ganz verlaſſen ſeyn,“ ſagte ſie— „und das in einem Zeitpunkt, wo er ein ſichrerer Aufenthaltsort ſeyn wird als je. Was ganz kürzlich vorgefallen iſt, wird die Iro⸗ keſen auf lange Zeit hinaus von einem neuen Beſuch abſchrecken!“ „Das wird es!— ja, das kann man als ausgemachte Sache behaupten. Ich gedenke nicht wieder des Weges zu kommen, ſo lange der Krieg dauert; denn nach meiner Meinung wird kein Huronen⸗Moccaſin ſeine Spuren den Blättern dieſes Waldes mehr eindrücken, bis ihre Ueberlieferungen vergeſſen haben, ihren jungen Männern von ihrer Schande und Vernichtung zu erzählen.“ „Und habt Ihr eine ſolche Freude an Gewaltthat und Blut⸗ vergießen? Ich hatte beſſer von Euch gedacht, Wildtödter— & N 8◻ 695 hatte Euch für einen Mann gehalten, der ſein Glück finden könnte in einer ruhigen, heimlichen Häuslichkeit, mit einem ergebenen, liebenden Weib, das bereit wäre, auf alle Eure Wünſche zu achten, und geſunden, pflichtmäßigen Kindern, beſtrebt in Eure Fußtapfen zu treten, und ſo redlich und gerecht wie Ihr ſelbſt.“ „Herr Gott, Judith, was für eine Zunge wißt Ihr zu füh⸗ ren! Sprache und Schönheit gehen Hand in Hand, gleichſam; und was die eine nicht kann, das leiſtet deſto gewiſſer die andere! Ein ſolches Mädchen könnte in einem Monat den mannhafteſten Krieger in der Colonie verderben!“ „Und irre ich mich denn ſo ſehr? Liebt Ihr wirklich den Krieg mehr, Wildtödter, als den häuslichen Heerd und die zaͤrt⸗ lichen Gefühle?“ „Ich verſtehe Eure Meinung, Mädchen— ja, ich verſtehe, glaube ich, was Ihr meint, obwohl Ihr mich, ſo denke ich, nicht ganz verſteht. Einen Krieger darf ich mich jetzt nennen, denke ich, denn ich habe gekämpft nicht nur, ſondern auch geſtegt, und das iſt genug, um dieſen Namen zu führen; auch will ich nicht läug⸗ nen, daß ich eine Neigung für den Beruf habe, der männlich ſowohl als ehrenvoll iſt, wenn man ihn übt nach natürlichen Gaben; aber ich habe kein Verlangen nach Blut. Indeß, Jugend iſt Jugend, und ein Mingo iſt ein Mingo. Wenn die jungen Männer dieſer Gegend müſſig ſtänden, und die Vagabunden das Land über⸗ ſchwemmen ließen, ha! ſo könnten wir eben ſo gut Alle auf ein⸗ mal Franzmänner werden, und Land und Leute preisgeben. Ich bin kein Feuereſſer, Judith, oder Einer, der den Kampf um des Kampfs willen liebt; aber ich kann keinen großen Unterſchied ſehen zwiſchen dem, daß man das Land abtritt vor einem Krieg, aus Furcht vor einem Krieg, und dem, daß man es abtritt, nach einem Krieg, weil man nicht anders kann— wenn nicht der, daß letzteres das Mannhaftere und Ehrenhaſtere iſt.“ „Kein Weib würde je wünſchen, zu ſehen, daß ihr Gatte oder Bruder ruhig hinſtände und ſich Schimpf und Hohn gefallen ließe, Wildtödter, wie ſehr ſie auch darüber trauerte, wenn er in die Gefahren der Schlacht ſich ſtürzte. Aber Ihr habt ſchon genug gethan, dieſe Gegend von den Huronen zu ſäubern; denn Euch vornämlich verdankt man den Ruhm unſers letzten Sieges. Jetzt hört mich geduldig an, und antwortet mir mit der angeborenen Redlichkeit, welche bei Einem von Eurem Geſchlecht zu ſehen eben ſo erfreulich als ſelten iſt.“ Judith hielt inne; denn jetzt, wo ſie gerade auf dem Punkte ſtand, ſich zu erklären, behauptete natürliche Sittſamkeit ihre Macht, trotz der ermuthigenden Zuverſicht, welche die große Un⸗ befangenheit und Treuherzigkeit von ihres Geſellſchafters Charakter ihr einflößte. Ihre Wangen, die erſt noch ſo bleich geweſen, flammten, und ihre Augen leuchteten faſt wieder mit ihrem frühern Glanze. Ihre Gemüthsbewegung gab ihrem Angeſicht Ausdruck und ihrer Stimme Weichheit, und machte ſie, die immer ſo ſchön war, dreifach einnehmend und verführeriſch. „Wildtödter,“ begann ſie wieder nach einer anſehnlichen Pauſe, „dieß iſt nicht ein Augenblick für Verſtellung, Täuſchung oder Unoffenherzigkeit irgend einer Art. Hier, über meiner Mutter Grab, und über dem Grabe der wahrheitsliebenden, wahrheit⸗ redenden Hetty ſcheint alles verſteckte, unredliche Verfahren nicht am Platze. Ich will daher ohne Zurückhaltung, und ohne alle Furcht, mißverſtanden zu werden, zu Euch ſprechen. Ihr ſeyd mir nicht ein Bekannter von einer Woche her, ſondern es iſt mir, als kennte ich Euch ſeyd Jahren. So Viel, und ſo viel Wichtiges iſt in dieſer kurzen Zeit vorgefallen, daß die Bekümmerniſſe und Gefahren und Rettungen eines ganzen Lebens in wenige Tage ſich zuſammengedrängt haben; und die miteinander bei ſolchen Scenen gelitten und gehandelt haben, dürfen ſich nicht als einander fremd fühlen. Ich weiß, daß, was ich zu ſagen im Begriff bin, von den meiſten Männern mißverſtanden werden würde; aber von Euch o&— 8* — 8 8 A&— 697 hoffe ich eine großmüthige Auslegung meiner Handlungsweiſe. Wir befinden uns hier nicht inmitten der Künſte und Täuſchungen der Anſtedlungen, ſondern wir ſind junge Leute, welche keine Ge⸗ legenheit haben, einander in irgend einer Weiſe oder Form zu betrügen. Ich hoffe, ich rede verſtändlich.“ „Gewiß, Judith; Wenige konverſiren beſſer als Ihr, und wohl Keine angenehmer. Eure Worte ſind ſo gefällig wie Euer Ausſehen.“ „Die Art und Weiſe, wie Ihr dieß Ausſehen ſo oft gerühmt habt, iſt es, was mir Muth gibt fortzufahren. Dennoch, Wild⸗ tödter, iſt es nichts Leichtes für Eine von meinem Geſchlecht und meinen Jahren, alle Lehren ihrer Kindheit, all' ihre Angewöh⸗ nungen und ihre natürliche Schüchternheit zu vergeſſen, und offen herauszuſagen, was ihr Herz fühlt!“ 1 „Warum nicht, Judith? Warum ſollten nicht Frauen ſo gut wie ein Mann offen und redlich mit ihren Mitmenſchen verkehren? Ich ſehe keinen Grund, warum Ihr nicht ſo geradeheraus ſprechen ſolltet, wie ich, wenn Ihr Etwas wirklich Wichtiges zu ſagen habt.“ Die unüberwindliche Beſcheidenheit, welche den jungen Mann noch immer die Wahrheit nicht ahnen ließ, würde das Mädchen ganz entmuthigt haben, wäre nicht ihre Seele, wie ihr ganzes Herz entſchloſſen und begierig geweſen, einen verzweifelten Verſuch zu wagen, um ſich vor einer Zukunft zu retten, welche ſie mit einem Abſcheu fürchtete, der nicht minder lebhaft war, als die deutliche Sicherheit, womit ſie dieſelbe vorherzuſehen wähnte. Dieſer Beweggrund nun erhob ſie über alle gewöhnlichen Rückſichten, und ſie blieb bei ihrem Vorhaben, zu ihrem eigenen Erſtaunen, wo nicht zu ihrer großen Beſchämung. „Ich will— ich muß ſo offen mit Euch ſprechen, wie ich es mit der armen, lieben Hetty thäte, wäre das ſüße Kind noch am Leben,“ fuhr ſie fort, und wurde blaß, ſtatt roth. Denn die kühne Entſchloſſenheit, von der ſie getrieben wurde, hielt die ſichtbare Wirkung, welche ein ſolcher Schritt in der Regel bei Einer ihres Geſchlechts hätte hervorbringen müſſen, zurück,„ja, ich will alle anderen Gefühle in dem Einen erſticken, das jetzt das mäch⸗ tigſte in mir iſt. Ihr liebt die Wälder und das Leben, das wir hier in der Wildniß führen, fern von den Wohnungen und Städten der Weißen?“ „Wie ich meine Eltern liebte, Judith, als ſie noch lebten! Dieſer Platz wäre mir wie die ganze Schöpfung, wäre nur ein⸗ mal dieſer Krieg ordentlich vorüber, und hielten ſich die Anfiedler entfernt!“ „Warum dann ihn verlaſſen? Er hat keinen Eigenthümer — wenigſtens keinen, der ein beſſeres Recht als das meinige gel⸗ tend machen kann, und das trete ich Euch freiwillig ab. Wäre es ein Königreich, Wildtödter, ich glaube, ich würde mit Freuden daſſelbe ſagen. Laßt uns dann dahin zurückkehren, nachdem wir erſt den Prieſter im Fort aufgeſucht haben, und ihn nie wieder verlaſſen, bis Gott uns abruft in jene Welt, wo wir die Geiſter meiner armen Mutter und Schweſter finden werden.“ Eine lange nachdenkliche Pauſe trat nun ein; Judith hatte ſich das Geſicht mit beiden Händen bedeckt, nachdem ſie ſich ge⸗ zwungen, einen ſo offenen Antrag auszuſprechen, und Wildtoͤdter ſann eben ſo bekümmert als erſtaunt nach über die Meinung der Sprache, die er ſo eben gehört. Endlich brach der Jäger das Schweigen, und ſprach in einem Tone, der bis zur Zartheit ge⸗ dämpft war durch ſeinen Wunſch nicht zu beleidigen. „Ihr habt das nicht wohl bedacht, Judith,“ ſagte er— „nein, Eure Gefühle ſind aufgeregt durch Alles was ſich jüngſt zugetragen, und weil Ihr Euch ohne Verwandte und Freunde in der Welt glaubt, ſeyd Ihr allzu haſtig, Jemand zu finden, der die Stellen der Verlorenen ausfülle.“ „Lebte ich in einem ganzen Schwarm von Freunden und Ver⸗ wandten, Wildtödter, ich würde dennoch denken wie ich jetzt denke ——— 699 — ſagen was ich jetzt ſage,“ erwiederte Judith, die noch immer mit den Händen ihr liebliches Angeſicht verhüllte. „Dank Euch, Mädchen, Dank Euch von Grund meines Herzens. Indeſſen ich bin nicht der Mann, der den Vortheil eines ſchwachen Augenblicks benützen ſollte, wo Ihr Eure eigenen großen Vortheile vergeßt, und meint, die Erde mit Allem, was ſie ent⸗ hält, ſey in dieſem kleinen Canoe. Nein— nein— Judith, es wäre ungroßmüthig von mir; was Ihr mir angeboten habt, kann nie in Erfüllung gehen!“ „Es kann wohl, und das ohne daß Eines Urſache zur Reue hätte,“ verſetzte Judith mit einer Heftigkeit des Gefühls und Be⸗ nehmens, die ſie auf einmal die Hände von den Augen weg⸗ ziehen machte.„Wir können die Soldaten veranlaſſen, unſere Habſeligkeiten auf dem Weg zurückzulaſſen, bis wir zurückkehren, wo wir ſie dann leicht in's Haus ſchaffen können; der See wird nicht mehr vom Feind heimgeſucht werden, während dieſes Krieges wenigſtens; alle Eure Häute könnt Ihr leicht bei der Garniſon verkaufen. Dort könnt Ihr die wenigen uns nothwendigen Lebens⸗ bedürfniſſe einkaufen, denn ich wünſche jenen Ort nie wieder zu betreten; und, Wildtödter,“ fuhr das Mädchen fort, und lächelte mit einer Holdſeligkeit und Natürlichkeit, daß es dem jungen Mann ſchwer wurde, ihr zu widerſtehen,—„zum Beweis, wie gänzlich ich die Eurige bin und zu ſeyn wünſche, wie gänzlich ich wünſche, Nichts zu ſeyn als Euer Weib, ſoll gleich das erſte Feuer, das wir nach unſrer Rückkehr aufmachen, angezündet werden mit dem Brokatkleid, und unterhalten werden mit allen Sachen, die ich be⸗ ſitze, und die Ihr für das Weib, mit dem Ihr zu leben wünſcht, nicht paſſend findet!“ „Ach, weh!— Ihr ſeyd ein einnehmendes und liebliches Ge⸗ ſchöpf, Judith; ja, das Alles ſeyd Ihr, und Niemand kann das läugnen, der Wahrheit unbeſchadet. Dieſe Bilder ſind den Ge⸗ danken gefällig, aber ſie möchten nicht ſo glücklich ausfallen, als Ihr jetzt meint. Vergeßt daher Alles, und laßt uns Schlange und Hiſt nachrudern, als ob von der Sache gar nicht die Rede geweſen wäre.“ Indith war tief gekränkt, und was Mehr iſt, tief betrübt. Es lag eine Ruhe und Feſtigkeit in Wildtödter’s Benehmen, welche ihre Hoffnungen gänzlich erſtickte, und ihr zeigte, daß dießmal ihre außerordentliche Schönheit doch verfehlt hatte, die Bewunderung und Huldigung zu erwecken, die ihr ſonſt immer entgegenkamen. Man ſagt, Frauen vergeben denen ſelten, die ihr Entgegenkommen mißachten; aber dieß hochſinnige und heftige Mädchen hegte nie, weder damals noch ſpäter, auch nur einen Schatten von Erbitte⸗ rung gegen den offenen und freimüthigen Jäger. Im Augenblick war das vorwiegende Gefühl der Wunſch, ſich zu vergewiſſern, ob kein Mißverſtändniß obwalte. Nach einer weitern, peinlichen Pauſe brachte ſie daher die Sache zu einem Ende durch eine Frage, die zu einfach war, um eine Mißdeutung zuzulaſſen. „Gott verhüte, daß wir uns für's ſpätere Leben Reue bereiten durch einen Mangel an Ofefenheit jetzt,“ ſagte ſte.„Ich hoffe, wir „verſtehen einander wenigſtens. Ihr wollt mich nicht zum Weib nehmen, Wildtödter?“ „Es iſt beſſer für Beide, wenn ich Eure unüberlegte Haſt mir nicht zu Nutze mache, Judith. Wir können uns nimmermehr heirathen.“ „Ihr liebt mich nicht,— Euer Herz iſt vielleicht nicht im Stande mich zu achten, Wildtödter!“ „Alles und Jedes in guter Freundſchaft, Judith— Alles, meine Dienſte und mein Leben ſelbſt. Ja, ich wollte ſo Viel für Euch wagen, in dieſem Augenblick, als für Hiſt ſelbſt; und das iſt ſo Viel geſagt, als ich nur zu Gunſten einer Tochter des Weibes ſagen kann. Ich glaube, ich fühle mich gegen Keine von Beiden ſo geſinnt— merkt es, Judith, ich ſage Kine!— als möchte ich Vater und Mutter verlaſſen— wenn Vater und Mutter noch lebten, was jedoch nicht der Fall iſt— aber wenn Beide noch lebten, ſo fühle ich mich gegen kein Weib ſo geſinnt, daß ich Jene verlaſſen moͤchte, um ihr anzuhängen.“ „Das iſt genug,“ antwortete Judith mit beſchämter und er⸗ ſtickter Stimme.„Ich verſtehe ganz, was Ihr meint. Heirathen könnt Ihr nicht ohne Liebe; und dieſe Liebe fühlt Ihr für mich nicht. Antwortet nicht, wenn ich Recht habe, denn ich verſtehe Euer Schweigen. Dieß ſchon für ſich wird peinlich genug ſeyn.“ Wildtödter gehorchte und antwortete nicht. Länger als eine Minute hielt das Mädchen ihre glänzenden Augen auf ihn geheftet, als wollte ſie in ſeiner Seele leſen; während er im Waſſer ſpie⸗ lend da ſaß, wie ein geſtraſter Schulknabe. Dann ſenkte Judith ſelbſt ihre Ruderſchaufel ims Waſſer, und trieb das Canoe von der Stelle weg, mit einer ſo widerſtrebenden Bewegung, als die Gefühle, welche ſie dazu veranlaßten. Wildtödter jedoch unter⸗ ſtützte ruhig ihre Anſtrengung und bald waren ſie auf der ſpur⸗ loſen Bahn, die der Delaware eingeſchlagen. Auf der Fahrt nach dem Vorſprung ward kein Wort mehr zwiſchen Wildtödter und ſeiner ſchönen Begleiterin gewechſelt. Da Judith im Vordertheil des Canoes ſaß, wandte ſie ihm den Rücken zu, ſonſt hätte vermuthlich der Ausdruck ihres Geſichts ihn ver⸗ anlaßt, einige begütigende, tröſtende Worte der Freundſchaft und Achtung gegen ſie zu wagen. Was man kaum hätte erwarten ſollen— ſie empfand noch immer keine Bitterkeit gegen ihn, ob⸗ wohl ihre Farbe häufig von der flammenden Röthe der kränkenden Beſchämung zur Bläſſe der getaͤuſchten Erwartung überging. Kummer, tiefer herzinniger Kummer jedoch war das vorwaltende Gefühl, und dieſer verrieth ſich auch in einer nicht zu mißdeuten⸗ den Weiſe. Da Keines von Beiden ſich ſehr anſtrengte mit Rudern, war die Arche ſchon angekommen und die Mannſchaft ausgeſchifft, ehe das Canoe mit den zwei Nachzüglern den Vorſprung erreichte. Chingachgook war ihr vorgekommen und befand ſſich ſchon in einiger Entfernung waldeinwärts auf einer Stelle, wo die beiden Pfade, der nach der Garniſon und der zu den Dörfern der Delawaren führende, ſich trennten. Auch die Soldaten hatten ſich ſchon in Marſchlinie geſtellt, nachdem ſie zuvor die Arche hatten wegtreiben laſſen, gänzlich gleichzeitig gegen ihr Schickſal. Alles das ſah Judith, aber ſie beachtete es nicht. Der Glimmerglas hatte keine Reize mehr für ſie; und als ſte den Fuß an's Land geſetzt, ſchlug ſie ſogleich den Pfad der Soldaten ein, ohne einen einzigen Blick hinter ſich zu werfen. Selbſt an Hiſt ging ſie vorbei, ohne von ihr Kunde zu nehmen; und dieß beſcheidene junge Geſchöpf ſcheute vor Iudith's abgewandtem Geſicht zurück, wie wenn ſie ſelbſt eines Unrechts ſich ſchuldig wüßte. „Wartet Ihr hier, Schlange,“ ſagte Wildtödter, der dem Schatten der niedergeſchlagenen Schönheit folgte, als er an ſeinem Freund vorbeikam. Ich will nur Judith zu ihrer Geſellſchaft ge⸗ leiten, und dann Euch wieder treffen.“ Hundert Schritte hatten das Paar dem Auge ſowohl der Voranziehenden als der Nachkommenden entzogen, als Judith ſich umwandte und ſprach. „Das wird genügen, Wildtödter,“ ſagte ſie traurig.„Ich verſtehe Eure Güte und Freundlichkeit, werde ihrer aber nicht be⸗ dürfen. In wenigen Minuten werde ich die Soldaten erreichen. Da Ihr nicht mit mir die Reiſe des Lebens antreten wollt, wünſche ich nicht, daß Ihr mich auf dieſer weiter begleitet. Doch halt! ehe wir ſcheiden, möchte ich Euch noch Eine Frage vorlegen. Und ich verlange von Euch, wie Ihr Gott fürchtet und die Wahrheit ehrt, daß Ihr mich mit Eurer Antwort nicht täuſchet. Ich weiß, Ihr liebt keine Andere: und ich ſehe nur Einen Grund ab, warum Ihr mich nicht lieben könnt, nicht lieben wollt. Sagt mir den, Wildtödter,“ das Mäͤdchen ſtockte, und die Worte, die ſie im Be⸗ griff war zu ſagen, ſchienen ſie erſticken zu wollen. Dann all 70³ ihre Entſchloſſenheit aufbietend, fuhr ſie mit einem Augeſicht, in welchem flammende Röthe und Bläſſe mit jedem Athemzuge wechſel⸗ ten, fort:„ſagt mir denn, Wildtödter, ob nicht vielleicht etwas Leicht⸗ fertiges, was Henry March von mir geſagt, Einſluß auf Eure Gefühle gehabt haben mag 24 Die Wahrheit war Wildtödter's Polarſtern, den er immer im Auge behielt; und es war ihm beinahe unmöglich, das Ausſprechen derſelben zu vermeiden, ſelbſt wenn die Klugheit Schweigen gebot. Judith las ſeine Antwort in ſeinem Angeſicht; und mit einem Herzen, das beinahe brach durch das Bewußtſeyn unverdienten Unrechts, winkte ſie ihm ein Lebewohl zu, und begrub ſich in den Wäldern. Einige Zeit war Wildtödter unſchlüſſig, was er thun ſolle, am Ende aber wandte er ſeine Schritte rückwärts, und ſchloß ſich an die Delawaren wieder an. In dieſer Nacht kampirten die drei an den obern Waſſern ihres Stromes, und am folgenden Abend langten ſie in dem Dorfe des Stammes an; Chingachgook und ſeine Verlobte im Triumph, ihr Begleiter geehrt und bewun⸗ dert, aber mit einem Kummer, welchen zu vertilgen es Monate der rüſtigſten Thäͤtigkeit brauchte. Der Krieg, der damals begonnen, war heftig und blutig. Der Delawarenhäuptling ſtieg in ſeinem Volke ſo hoch empor, daß ſein Name nie ohne Lob und Ruhm genannt wurde; während ein neuer Unkas, der letzte ſeines Stammes, der langen Linie von Kriegern ſich anſchloß, welche dieſen ausgezeichneten Namen trugen. Wildtödter ſeinerſeits, unter dem sobriquet Falkenauge’, machte ſeinen Ruf weit und breit bekannt, bis das Krachen ſeiner Büchſe den Ohren der Mingos ſo furchtbar wurde, wie die Donner Manitou's. Seine Dienſte wurden bald von den Officieren der Armee in Anſpruch genommen und er ſchloß ſich im Feld insbeſon⸗ dere an Einen an, mit deſſen ſpäterem Leben er in einem engen und wichtigen Verhältniß ſtand. Fünfzehn Jahre waren verſtrichen, ehe Wildtödter wieder 70⁴ Gelegenheit fand, den Glimmerglas zu beſuchen. Friede hatte inzwiſchen geherrſcht, und es war am. Vorabend eines neuen, noch wichtigeren Krieges, als er und ſein beſtändiger Freund Chingach⸗ gook nach den Forts eilten, um ſich ihren Verbuündeten anzuſchließen. Ein junges Bürſchchen begleitete ſie, denn Hiſt ſchlummerte ſchon unter den Fichten der Delawaren, und die drei Ueberlebenden waren jetzt unzertrennlich geworden. Sie erreichten den See gerade als die Sonne unterging. Hier war Alles unverändert, der Fluß rauſchte noch durch ſein Gewölbe von Bäumen dahin; der kleine Fels verwitterte allmählig unter dem langſam wirkenden Einfluß des Waſſers, das ihn ſeit Jahrhunderten beſpülte; die Berge ſtanden in ihrem natürlichen dunkeln, reichen und geheimnißvollen Gewande da, während der See in ſeiner Einſamkeit ſchimmerte, ein ſchöner Edelſtein des Waldes. Am folgenden Morgen entdeckte der Jüngling eines von den Canoes, das an's Ufer getrieben und im Zuſtand des Verfalls war. Einige Arbeit ſtellte es in dienſtfähigen Stand her, und Alle ſchifften ſich ein, um den Platz in Augenſchein zu nehmen. Lin allen Vorſprüngen fuhren ſie vorbei, und Chingachgook bezeich⸗ nete ſeinem Sohn die Stelle, wo die Huronen zuerſt ſich gelagert hatten, und den Punkt, von wo es ihm gelungen war, ſeine Braut wieder zu entführen. Hier landeten ſie auch; aber alle Spuren des frühern Beſuchs waren verſchwunden. Sodann begaben ſie ſich nach dem Schauplatz der Schlacht, und hier fanden ſie einige der Spuren, welche längere Zeit an ſolchen Lokalitäten zu treffen ſind. Wilde Thiere hatten viele Leichname ausgewühlt, und Men⸗ ſchenknochen bleichten in den Sommerregen. Unkas betrachtete ſich Alles mit Ehrfurcht und Ruͤhrung, obwohl ſchon die Ueberliefe⸗ rungen ſeinen jungen Geiſt mit dem Ehrgeiz und Trotz des Kriegers aufregend erfüllten. Von dem Vorſprung aus nahm das Canoe ſeinen Weg nach der Sandbank, wo die Ueberreſte des Caſtells noch ſichtbar waren, X