— Jeiflüchkeit wwere Opfer Erinnerungen. TMluskrirfte Rlätker kür Brnsk und Bumor. 77. Band. (Neununddreißigſter Jahrgang.) Heft XII. Städtlein und Herrenburg. Von Ferd. Lauffer. (Schluß.) IV. ls die aufgehende Sonne die Wipfel des Heg⸗ waldes vergoldete, wogte es auf der Halde 5 bereits von bunten, geräuſchvollen Menſchen⸗ — gruppen. Da ſprang das loſe Völklein der Schuljugend jauchzend beim Anblick der köſt⸗ 2 lichen Dinge, die des Kühnen und Kletter⸗ fertigen Preis waren und ſchlug, die Schwungkraft ſeiner Gliedmaſſen probend, Rad und Purzelbaum über den grünen Raſen. Da trieben die rüſti⸗ gen Geſellen aller Gilden und Zünfte ſich ſchäkernd mit roſigen Mägdlein um. Die Mannen ſelbſt ver⸗ gaßen für dieſe Stunde des harten Dranges der Erinnerungen. 1859. Zeit und der Gefahr, die über ihrem und ihrer Angehörigen Haupt gleich einem Schwert am dün⸗ nen Haarſeil hing. Welke Mütterlein ſelbſt und Greiſe, in mächtiger und ſüßer Erinnerung ſich verjüngend, krochen an Stab und Krücke daher, das ſeit Jahrzehenden ob der Gefahr vor Ueberfall und Gemetzel nicht mehr begangne Maifeſt mitzu⸗ feiern. Da verkündete auf einmal der hohle brüllende Ton eines großen Hornes vom Waldſaum herüber, daß der Heerbann der Stadt im Anzug ſei. Schon hörte man das taktmäßige Klirren beerzter Ferſen auf dem ſteinigen Pfad und im nächſten Augen⸗ blick bewegte ſich der geſchloſſene Zug, an der Spitze die mächtige Heldengeſtalt des Hauptmanns Kor⸗ nelius in die Lichtung heraus und dann zwiſchen dem beiderſeits Raum gebenden und auseinander⸗ weichenden Volke dem Luſtbaum zu. Hier angelangt, gebot der Heermeiſter mit mächtiger Stimme:„Halt!“ Wie eherne Bildſäulen 45*½ 354 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ſtanden die verwetterten, kampfgezeichneten Männer, zu Zehn in der Fronte vorn und einen zehnfachen Rechen von Partiſanen, Reihe für Reihe an den Boden gepflanzt. In lärmendem Andrang ſchloß die früher von dem Eiſenkeil verdrängte Volkswelle um ſie den Kreis. Das dunkelblitzende Auge des Hauptmanns flog einen Augenblick ſuchend über die Häupter der Verſammelten, dann zog er ſein Schwert und ließ drei gemeſſene, langhallende Schläge auf den Heer⸗ ſchild fallen, zum Zeichen, daß er ſprechen wolle zum Volk. Auf dieß dämpfte das vielſtimmige, verwor⸗ rene Lärmen ſich raſch zum Gemurmel und bald machte geſpannte Erwartung es ganz verſtummen. „Männer von Hof!“ begann jetzt mit voll⸗ töniger Stimme der Heermeiſter,„Bürger und wehrhafte Geſellen! an euch geht meine Rede. Merkt auf! damit meine Worte Eingang zu eurem Ver⸗ ſtand und Wiederhall finden in eurem Herzen. Mein Auge hat unter den Verſammelten keinen unberufenen Eindringling entdeckt, ſtreifende Wachen im Wald und feſte Poſten an jedem Ausgang ſichern uns vor böslichem Fürwitz und dem ſpähenden Ha⸗ bichtsauge des Verräthers— ſo darf ich denn frei, ohne Rückhalt euch die Eröffnung machen, daß ihr in dieſer wichtigen Stunde— zu keinem Feſt entboten ſeid! Des Feindes Ohr in ſeinem Raubneſte aber wird und darf nur die Kunde von einem Luſtſteigen der Städtler erreichen; nicht ſoll er ahnen in trü⸗ geriſcher Sicherheit, daß die duftigen Maiblüthen unſerer Freude nur täuſchende Hülle ſind für eine Saat von Schwertern, die ſeinem Frevelmuth ſproßend, heut' Nachts in ſeinem Herzen blutrothe Röslein aufbrechen läßt!— Ja Bürger von Hof und wehrhafte Geſellen! der große Augenblick der entſcheidenden That iſt ge⸗ kommen! die Saat nun reif, des Frevlers Maß — und ſo nicht alle Anzeichen trügen, auch die Zornſchale des Himmels ob ſeinem Haupt erfüllt. Seid ihr bereit Vollſtrecker zu ſein? für Weib und Kind, Freiheit und Eigenthum in männlichem Kampfe einzuſtehen, für die koſtbarſten Güter dieſer Erde in kühner Wagniß euer Leben in die Schanze zu ſchlagen?!“... „Wir ſind's! wir ſind's!“ riefen dreihundert männlich feſte, klangvolle Stimmen im Chorus; doch die des ſtreitluſtigſten Kämpen, des gewaltigen Glutſchlacker ward nicht darunter gehört. Der Löwe lag in der Grube. „Jetzt oder nie!“ fuhr der Redner fort. „Von der Hand eines tapfern Mannes hart ge⸗ ſchlagen und unfähig der Kampfesleitung liegt der Räuberhäuptling in ſeiner Burg. Seine zügelloſe Rotte— ohne ihn ein ungeſchlachter Rumpf ohne Kopf, ſchlemmt und zecht im Ueberfluß früherer Beuten und ſo ſich entnervend, behagt ihr das Klirren der Humpen bereits mehr als ſcharfer Eiſen, und lieber ſieht ſie das Blut der Ungartraube, als das ihrer Adern fließen. Mitternachts, wenn Thor⸗ wart und Wächter wie die Andern dem Bann des Rauſches verfallen ſind, brechen wir über ſie ein mit der Schnelligkeit des Blitzes und der zermal⸗ menden Wucht des Donners. Daß uns im Drang der Entſcheidung die Wildſteiner mit ihren Lan⸗ zen nicht in den Rücken kommen, den Ausgang und das Gelingen vereitelnd— dafür ſteht dieſe Tanne da!“— Ein Gemurmel der Verwunderung und des zweifelnden Erſtaunens ging durch die Menge von Mund zu Mund. „Satan hat unſern Feinden einen Einſchlag zu unſerm Verderb gegeben und ihnen für deſſen Verwirklichung auch die verruchten, befähigten Hände zugeführt. Doch die Werke zur Erhaltung und Sicherung des Böſen dauern durch Zulaſſung Got⸗ tes nur eine Zeit; ſie müſſen, entdeckt vom erleuch⸗ teten Verſtand des Guten und Redlichen, früher oder ſpäter zu Schanden werden. Blickt Alle gerad über euch zum Himmel! Merkt euer Auge, ihr Scharfſichtigſten, in klarer, durchſichtiger Bläue et⸗ was Anderes, als ſchwimmende Wolkenflöckchen und auf gebreitetem Fittig ruhend den Aar?“ „Nichts! nichts!“ klang die allgemeine Ant⸗ wort zurück. „Und doch,“ fuhr Kornelius fort,„fkönnte ein Vöglein auf einer dort oben geſpannten, unſerm Auge nicht abreichbaren Brücke von Burg Mödlitz bis Wildſtein ſchreitend gelangen, ohne einen Fit⸗ tig zu regen— ein weißer, dünner Draht aus Tellurmetall, das Wind und Wetter nicht ſchädigen können, verbindet beide Schlöſſer über Hügel und Thal als Glockenzug!“—— „Unmöglich! unmöglich!“ riefen die Hörer,„den müßte Satan Nachts im Flug von einer Zinne zur andern getragen haben!“ „Wohl Nachts! doch nicht Satan, ſondern ſein Werkzeug, ein Menſch von ſchwindelfreiem Auge und feſter Hand, der auf ſo ſicherer Unterlage ſtand, als der Aſt einer Buche oder Fichte ſie bietet. Nicht Fluges auch, ſondern angliedernd Stück für Stück, von einem Wipfel zum andern ward die Verbin⸗ dung hergeſtellt. Drauf ſchlug man mit ſcharfer Axt die nicht blos unnütz, ſondern auch gefährlich gewordnen, eine Entdeckung ermöglichenden Baum⸗ nachbarn um und legte die Halde in ganzer Strek⸗ kung an unſerer Seite bloß.“ „Das hat Eichkatze vermocht und kein An⸗ derer unter dem Monde!“ brach Kluger und nach ihm Stimme auf Stimme los, als der Haupt⸗ mann geendet.„Der Belialsbube! die Teufelsbrut!“ fluchte es ringsum,„iſt er nicht liſtiger, als der Fuchs, heimtückiſcher, als der Steinmarder und un⸗ greifbarer, als die ſchlüpfende Giftnatter?“ Und wohl hat man Recht zu ſolchem Schluß und Ausbruch, denn durch die ſataniſche Schlau⸗ heit und Hinterliſt, die aalglatte, oft wie durch r deſſen n Hände t ſcharfer gefährlich en Baum⸗ er Etrei⸗ kein An⸗ und nach er Haupt⸗ 5 zbrut!“ 4 ls der Ferd. Lauffer: Städtlein und Herrenburg. 355 Zauberkraft den Nachſtellungen entwiſchende Behen⸗ digkeit dieſes Buben ward den Städtlern ſeit zwei Jahren mehr Zorn und Unheil bereitet, als durch die grad zuhauende, berufene Runenklinge des Lot⸗ tererhäuptlings. „Nun,“ fuhr der Stadthauptmann mit er⸗ hobener Stimme fort:„entblößt eure Häupter vor dem Namen deſſen, der dieſe wichtigſte Entdeckung zu eurem und all' eurer Nachkommen Heil, durch Gottes Gnade und ſeine unermüdlich forſchende, vor keiner Gefahr und Beſchwerde zurückſcheuende Geiſt⸗ und Willenskraft gemacht!“(Die Sonne ſchien auf dreihundert entblößte Scheitel.)„Es iſt der treueſte, edelſte und befähigſte und auch der verkannteſte von allen Bürgern— Johannes Moos!“—— Ein tiefes, ſeltſames Schweigen laſtete auf der Verſammlung; in unwillkürlichen Selbſtvor⸗ würfen begangenen Unrechts durch That oder Mei⸗ nung kehrte die Mehrzahl der Ueberzeugten unver⸗ kennbar voll Scham und Reue in ſich ein. „Und wie gelangte unſer Mitbürger zu ſolcher Entdeckung?“ unterbrach jetzt die bedeutungsvolle Pauſe eine unſichere Stimme. „Ihr habt den ‚Träumer, den Schattenritter und wandelnden Pfahl' verhöhnt, wenn er euren Luſtkreiſen vorüber, einſam in die Wälder pilgerte und ſich in den Tiefen unſerer Bergeinöden verlor. Feſt überzeugt im Geiſte vom Daſein einer über⸗ irdiſchen Vermittlungslinie, forſchte der Verkannte dort angeſtrengteſt mit allen Sinnen, deren Orts⸗ lage und Höhe in der Wirklichkeit zu finden. Kein Fels war ihm zu ſchroff, kein Baum zu hoch und ſchwankend, daß er ſelben zum Wohle Jener, die ihn mit Scheelſucht verfolgten, nicht auf ſeine Le⸗ bensgefahr beſtieg. Bei ſolchem Thun durfte der vielzüngige Leumund ihm wohl Verhöhner— doch nicht Vertrauter ſein!—— O ihr wißt nicht, könnt nicht würdigen und meſſen, was er gethan und für ſein Lebensziel um euretwillen gelitten! Nicht wieder gut machen könnt ihr, was ihr mit leichtfertigem Aburtheilen des Scheines an dem edelſten Herzen gefrevelt! Dreimal hat er, von der Armbruſt lauernder Mord⸗ knechte getroffen, für euch geblutet!— und ihr habt den ‚mondſüchtigen Traumwandler’ ob ſeiner Bläſſe verhöhnt!“—— Eine ſeltſame Bewegung ging durch die Ver⸗ ſammelten. Mütterchen ſchluchzten ohne Rückhalt laut, Weiber und Jungfrauen ſuchten ihre Thränen hinter dem Linnentuch, mancher Mann aber das bren⸗ nende Schamroth ſeiner Backe unter dem Schirm des Hutes zu bergen. „Alle Erfindungen des Scharfſinns für eine Entdeckung,“ fuhr der Hauptmann fort,„Verſuche derſelben auf und über der Erde erwieſen, uner⸗ müdlich fortgeſetzt, ſich dennoch ohne Erfolg. Da ließ eines Tages die Vorſehung den verſpäteten Neſtling einer Krähe ihn finden— und wie ein Blitz fiel Erleuchtung in ſeine Seele! Raſtlos ward das gelehrige Thier, ſobald es zahm und erwachſen, jeden Morgen darauf geübt und abgerichtet: emporgeworfen in die Luft auf einem, an zwei hohe Stangen geſpannten Draht⸗ ſeil ſich niederzulaſſen; und ſpätere Stunden des Tags— nach allen Windrichtungen flog ſie von der Menſchenfauſt, gleich Noahs Taube aufwärts geſendet, den feſten Halt für ihre Füße im Luft⸗ meer zu ſuchen. Sie hat ihn gefunden! hier auf dieſer Halde haben Menſchenaugen, auf unſichtbarer, geradliniger Fährte hundert und fünfzig Fuß über der Erde ſie wandeln geſehen!—— An die Stelle des damals kennzeichnenden, lothrecht unter die Luftbrücke gelegten Steines iſt der Maibaum gepfählt worden! Die Schere hat den Zweck und die Beſtimmung: das erreichte Drahtſeil zu zerſchneiden— die Zange aber: beide Schnittenden jederſeits am Reiſig loſe zu befeſtigen, daß ein Anzug des Drahtes ſie ein⸗ fach in die Luft reißen und ſo die Bewegung zur Glocke inmitten des Weges verzittern muß.“— „Hoch, Johannes Moos! unſer Mitbürger hoch!“ jubelte jetzt die entfeſſelte Begeiſterung aus Aller Kehlen, die Hüte und Baretts in den Lüften ſchwenkend, öffneten die Männer beiderſeits eine Gaſſe zum Baum und der Gerufene mit Glut⸗ ſchlacker, bei deſſen Rettung aus der Grube er ſich im Walde verſpätet, trat in den Kreis. V. „Begrüßt ihn als Führer eurer Bürger⸗ fahne!“ rief nachdrucksvoll mit erhobener Stimme der Heermeiſter,„ihr könnt beim Kampf der Ent⸗ ſcheidung eure Leitung keinem Würdigeren, Ein⸗ ſichtsvollern und Tapferern anvertrauen!“ „Hoch unſer Mitbürger Moos!“ ließ es ſich bis zu den entfernteſten Gruppen vernehmen, aber der gebotene Ruf des oberſten Heerführers wollte von keiner Lippe kommen. „Hegt ihr Zweifel an meinem Ausſpruch? tragt ihr Bedenken für ſeine Anerkennung?“ fuhr der Hauptmann mit gewichtiger Betonung fort; „Johannes Moos iſt das Schweigen und die That!— Glaubt ihr, das Prahlen und Dräuen nur und das ungeberdige, ſtürmiſch wilde Weſen in Wort und Haltung mache den Helden? Meßt ihr Feldherrnbefähigung nach dem Umfang der Flei⸗ ſchesmaſſe? Dann müßte der Bär mit ſeiner Tatzen⸗ kraft und ſeinem Bäume brechenden Grimm über dem Weidmann— ſeinem Beſieger ſtehen.“ Des Sprechers Hand legte ſich auf Johan⸗ nes Schulter!„Hier ſteht des großen Kampfmeiſters der Prager Hochſchule größter Schüler! Be⸗ greift ihr, was das bedeutet bei zehntauſend jugend⸗ ſtarken Fechtern?— Neige, gewaltiger Glutſchla⸗ cker, Deinen ehernen Nacken ihm! Der junge Mann, mit dem Du gekommen, hat den furchtbaren Kämpen, der dreimal Dich mit der Schärfe des Stahls ge⸗ 45*½ 3⁵56 Erinnerungen. Illuſtrirte Bätter für Ernſt und Humor. ſchlagen, den Schwinger der unnahbaren Runen⸗ klinge geſtreckt— mit einem Eibenſtab geſtreckt!“ Während die Gewappneten auf das Zeichen des gehobenen Feldherrnſtabes zum Waffengruß die Par⸗ tiſanen ſchulterten, ging ein verworrenes Murmeln ungläubigen Erſtaunens und Zweifelns ringsum: „Nicht möglich!— Wär's denkbar!— Der ſchlanke, ſchöne Knabe hier, und der bluttriefende Wolf, der Eiſenbrecher!— Der Herr hätte ein Wunder ge⸗ than! Wer unſerer Tapferſten hat je der Runen⸗ klinge ſieghaft in ihr tödtliches Blitzen geſchaut?“ „Den Beweis, den Beweis ſeines Sieges?!“ ließ ſich eine lautfragende Stimme vernehmen. „Johannes, mein Sohn!“ rief der Haupt⸗ mann mit feierlichem Nachdruck,„nimm Dein Schwert ab und reiche es dieſen Männern, auf daß Jeglicher, ſo Thomas noch, ſeine Finger an die Malzeichen lege!“ „Die Runenklinge!“ jubelte die höchſte— bei dieſem Anblicke wohl zum erſten Mal freu⸗ dige Ueberraſchung aus hundert Kehlen. Sie war es. Johannes Moos, meuch⸗ lings bei ſeinen Forſchungen im Walde von dem Wüthrich angefallen, hatte durch höhere Kunſt und Sicherheit ſeiner abwehrenden und treffenden Schläge die ungeſtüm rohe Kraft überwältigt und ihr die Waffenbeute genommen. Für todt blieb der Ge⸗ zeichnete auf dem Kampfplatze zurück. Das furchtbare Stück wanderte nun von Hand zu Hand. Die geheimnißvollen Schriftzeichen, die von des zauberkundigen Meiſters Hand eingeätzt, auf der Klingenfläche dunkelten, wurden nicht ohne Grauen betrachtet und angerührt. Es kam Allen ganz verwunderlich vor, wie der„Rippenbrecher“, der„Schürebrand“, der ſeit faſt einem Jahrhunderte wie der Stachel des böſen Feindes in der Städt⸗ ler Fleiſch geſeſſen, nun ſo friedſam und klanglos in deren Kreis umgehen könne. Jetzt waren die Schuppen von Aller Augen gefallen und ſie beugten ſich vor der Größe ihres ſtillen Mitbürgers, der ihnen das Pfand zum Siege gebracht. Denn eine alte Kunde war's: ſo lange ſollte der Stamm von Mödlitz ſieghaft und blühend ſein, ſo lange dieß Schwert ſeines Stifters für deſſen Banner ſtreiten würde.— „Hoch unſerem Führer Johannes Moos! Hoch unſerem Helden!“ jauchzte es über die Heide. Glutſchlacker aber ſtürzte vor dem Gefeier⸗ ten auf’'s Knie und mit krampfhafter Herzlichkeit ſeine Hände faſſend und an ſein Herz preſſend, rief er überlauten Tones, mit blitzenden Augen: „Moos!.... ich bin ein roher Lump! Im An⸗ geſichte Aller demüthige ich mich vor Deiner Größe und bekenne in öffentlicher Beichte zerknirſcht im Herzen, daß ich Uebles von Dir gedacht, Dir ge⸗ wünſcht und angeſonnen habe. Kannſt Du einem Kerl, deſſen Herz wacker und blank wie polierter Stahl— deſſen Verſtand nur zuviel in den Fäu⸗ ſten ſitzt, verzeihen?“.. Ein mildes Lächeln lichtete den tiefen Ernſt in den ſchönen Zügen des Jünglings.„Steh' auf, mein Freund!“ ſagte er gütig,„ich bin Dir nie gram geweſen. Du konnteſt mich nicht erkennen, doch Deines Weſens trefflicher Kern in rauher Schale liegt mir ſeit je zu Tage. Solcher Arme und Herzen, am rechten Ort, zu rechter Zeit, be⸗ darf unſere Vaterſtadt, ſoll ihr über den Trüm⸗ mern der Zwingburg je der Oelbaum des Frie⸗ dens grünen.“ Jetzt ſprang der heißblütige Glutſchlacker, wie ein Wolfshund an ſeinem Herrn empor und laut jubelnd vor Freudigkeit, während Thränen über ſeine rauhen Backen liefen, ſchloß er ſeinen Retter ſtürmiſch an die Bruſt.„ VI. „Wer ſtreckt der Erſte die Hand aus für un⸗ ſere Freiheit und holt dieſes Baumes höchſten Preis?!“ ließ ſich, als der allgemeine Beifall ver⸗ hallt, der Aufruf des Gebietenden vernehmen. „Ich! Ich! Wir!“ antworteten ſich herzudrän⸗ gend wohl zwanzig Geſellen. Glutſchlacker, auf dieß Rufen die verſchlun⸗ genen Arme von ſeines neuen Freundes Nacken löſend, blickte empor.„Feuer und Schwert!“ rief er,„wenn das Gleißende da droben nicht eitel Blendwerk und Flittertand, ſo iſt Eichkatze aus ſei⸗ ner natürlichen Art geſchlagen oder hat ſich beim Sprung in den Bach die Knieſehnen verſtaucht.— Halt! halt!“ fuhr er die Zudrängenden an, als ſechs oder acht Arme zugleich den Stamm zu um⸗ ſchlingen ſich anſchickten,„wollt ihr Einer auf des Andern Nacken aufhockend eine Staffel bauen, da muß ich den Unterſten erſt eiſerne Rippen und Knochen ſchmieden. Heda, Kluger, dem Beſten gebührt der Vortritt!“ Während dieſes Rufes hatte der Genannte, die Uebrigen zur Seite ſchiebend, bereits die Arme um das Holz gelegt, dann ſchlug er die Füße im Kreuz um und zog, an der glatten Walze ruckweis rut⸗ ſchend, ſeinen Körper empor. Bald hatte der Ge⸗ wandte einen Raum von ſechzig Fuß unter ſich, jetzt ruhte er mit Arm und Fuß ſchier verwachſend mit dem Baume. Mit etwas verminderter Behen⸗ digkeit ging drauf die ſchwindlige Auffahrt fort, bis er endlich nach mehrmaligem Halt und dem Verlauf einer guten Viertelſtunde drei Ellen Rau⸗ mes unter dem Wipfel angelangt war. Fünf Minuten banger Erwartung vergingen — der Kletterer regte ſich nicht. Alt und Jung erzitterte; denn ſo lähmender Schwindel über ihn gekommen, den kühnſten und gewandteſten der Bür⸗ ger, wer ſollte nach ihm das bedeutungsvolle, fol⸗ genſchwere Wageſtück vollbringen? „Weiter! weiter! ſchau' auf, nicht hinunter!“ rief Glutſchlacker ermuthigend ihm zu. „Ich kann nicht!“ tönte vom Wind halb — ien Ennſ Su du Dir nie er ſeinen annte, die Arme um im Kreuz tweis rut⸗ der Ge⸗ anter ſich erwachſend er Vehen⸗ ahrt fort, und dem len Rau⸗ Ferd. Lauffer: Städtlein und Herrenburg. 357 verweht und gedämpft aus der ungeheuren Höhe die Antwort zurück—„die Stange iſt durch⸗ ſägt!“—— „Durchſägt!“ zeterte das Echo unten in grel⸗ lem Aufſchrei.— „Das hat der Hexenſohn gethan!“ fluchte Glutſchlacker grimmig;„der Höllenbube bringt ehrliche Chriſten unter und über der Erde zum Fall!“— Drauf ward es grabesſtill. Entſetzen, Rathlo⸗ ſigkeit und troſtloſes Entſagen brütete unheimlich und ſchauervoll über der Verſammlung. Das Werk der berechtigten Klugheit und Kraft — ſo war es durch hölliſche Ueberliſtung werthlos und zu Schanden geworden, die günſtige Rettungs⸗ ſtunde und die Hoffnungen eines hart heimgeſuch⸗ ten Volkes unwiederbringlich verloren!—— Jetzt lockerten die angeklammerten Arme des Kletterers ihren Halt— er glitt hinunter. Des Angekommenen Bericht lautete alſo:„Der Stamm— hart unter der feſtigenden zum Wipfel laufenden Eiſenſtange iſt durch einen wagerechten haarſcharfen und ſchier unmerklichen Sägeſchnitt bis über die volle Hälfte durch's innerſte Mark zerſchnitten und knarrt unter der Laſt ſeines Ober⸗ theiles gar bedrohlich bei jedem Windeszuge. Beim Emporklimmen brächte die Laſt eines Menſchenkör⸗ pers ihn ganz ſicherlich zum Bruch und des Toll⸗ kühnen Preis für ſich und die Hoffenden wäre Sturz und Zerſchmetterung.“ „Nicht gewiß!“ bemerkte auf dieß Johan⸗ nes Moos,„wenn Maß und Beſchreibung anders richtig ſind. Hält ſich der Klammernde mit der ganzen Laſt ſeines Leibes an der Seite des Ein⸗ ſchnittes, ſo befeſtiget er durch Andruck der Schnitt⸗ flächen den obern und untern Theil an einander und möglich iſt es, daß er den Wipfel erreiche!“ „Bewahre und verſchone mich, o Herr, vor ſolcher Möglichkeit!“ ſprach Kluger entſchiedenen Tones und raſch ſeinen Rücken kehrend trat er unter die Männer zurück. „Feuer und Schwert!“ rief der Schmied,„ich gedenke noch heute Nachts dem Tode in den Ra⸗ chen zu ſchauen und verflucht ſei die Fiber, die an meinem Fleiſche erzittert! aber.... muß es ge⸗ ſtorben ſein, ſo ſei's, wenn ich ein Dutzend Lotte⸗ rer vorher zum Lager unter mich gebettet!“ Statt aller Antwort auf ſolchen Ausbruch reichte Moos, der Mann des Schweigens und der That, zu mächtigem und wirklich ſchreckhaftem Erſtaunen Aller, dem Waffenſchmiede ſeinen abge⸗ worfenen Mantel ſammt Schwert, und ſtillen Ern⸗ ſtes ſich bekreuzigend, ſchickte er in edelſter Aufopfe⸗ rung ſich an, ſein Leben im fürchterlichſten Wage⸗ ſtück für eine Möglichkeit zum Heil ſeiner Heimat preiszugeben. „Laß' ab! um Deiner Seele willen, verſuche Gott nicht! Zurück! zurück!“ ſchrie Glutſchlacker die aufgedrungenen Stücke von ſich ſchleudernd und nach ihm greifend— zu ſpät! ſchon hat er aus dem Bereiche der geſtreckten Arme ſich aufwärts geſchwungen. Aller Augen folgen dem Klimmen⸗ den wie gebannt und athemloſe Erwartung des Verlaufes krampft jede Bruſt zuſammen. Mit einer von Niemand bei ihm für möglich gehaltenen Sicherheit und gemeſſenen Schnelle der Bewegungen, bei ungewöhnlicher Kraftdauer— ohne ein einziges Mal auf ſeiner Auffahrt zu ra⸗ ſten, ſteigt er empor; bald erſcheint er den Umſte⸗ henden nur noch in der Größe eines kletternden Knaben und nun hat er— es ſind zehn Minu⸗ ten vergangen— die verhängnißvolle Stelle er⸗ reicht. Auch hier keine Raſt! ſicher und feſt ſieht man an der ſchwanken Säule darüber ihn aufwärts gleiten, als würde die Laſt ſeines Leibes von un⸗ ſichtbarem Nachdruck emporgehoben— jetzt greift er, immer an einer Seite haftend, in's Geäſt und im Augenblicke darauf iſt er in ſeiner dunklen Ge⸗ wandung gleich einer anhangenden Krähe dem Auge ſichtbar. Die Höhe ſeiner Stellung und das umgebende Reiſig laſſen ſeine Bewegungen nicht mehr unterſcheiden. Da fährt urplötzlich ein ſcharfer Windſtoß aus dem Polniſchen her und verfängt von der bedroh⸗ ten Seite drängend und ſchütternd ſich in dem überlaſteten Wipfel, die Säule neigt ſich— ein unheilverkündendes Knarren und Knirſchen aus der Luft folgt dem verwehenden Sauſen und.... wie ein knickender Wimpel, langſamen Bogenſchwungs ſenkt ſich die brechende, zähe Stange niederwärts — der verlorne Menſch mit ihr..... Das Haar aller Schauenden ſträubt ſich, alle Augen umnachtet Entſetzen. „Er iſt gerettet!“ ſchrie Glutſchlacker jetzt mit einer Stimme lebenerweckenden, weithin er⸗ ſchütternden Schalles, wie die Poſaune des Gerichts. Und ſiehe! der Herr hat ein Wunder gethan an ſeinem Erkornen! Die teufliſche Argliſt des Böſen iſt ohne eine ſchlimme Spur, machtlos am Haupt des Gerechten dahingegangen. Niedergleitend an der feſtgefaßten, langſam durch alle Jahresringe brechenden Säule hat er im Augenblicke, als beim theilweiſen Durchreißen der letzten zähen Holzſchichte oben die Spitze des Bruchtheiles dem Unterſtamme in die Nähe kam, kühnen Schwunges an dieſem ſich feſtgeklammert und nun geſichert fuhr er, während der erleichterte Wiöpfel an ſeinen letzten Faſern hängen blieb, mit ſauſender Eile zum Grund hernieder. Der zerſchnittene Draht aber, an beiden En⸗ den auf die gebotene Weiſe dem Reiſig angeknüpft, iſt nur um wenige Klafter tiefer aus der urſprüng⸗ lichen Lage gekommen und ſo dem Feinde keine Spur zur Entdeckung des Vorgefallenen gegeben. Das Werk iſt vollbracht. Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. VII. V Eine Mitternacht, nur ſelten und flüchtig durch matte, zwiſchen wandelndem Schleiergewölk vorbre⸗ chende Mondſtrahlen erleuchtet, ruhte mit Grabes⸗ ſchweigen über der Natur. Da ſtieg— lautlos wie ein Zug von Geſpenſtern— eine Heerſchar von dreihundert wohlgerüſteten Männern bergunter zum Morathal. Gedeckt in der Tiefe durch den Schirm breit⸗ ſchattender, verſtreuter Erlen und Eichen überſchrit⸗ ten ſie den Wieſengrund. Jetzt tauchten die zackigen Umriſſe der Zwing⸗ burg Mödlitz, mit tiefem Schwarz ihrer Maſſen im düſteren Grau des Nachthimmels geſpenſtig ſich ab⸗ zeichnend, wie ein ſchlafender Steinrieſe vor ihnen auf— ein gedämpftes, von Rotte zu Rotte lau⸗ fendes„Halt!“ feſſelte die Bewegung des Zuges. „Kluger vor!“— befahl eine unterdrückte Stimme. Der Gerufene trat aus den Reihen heraus. „Erſteige den Wipfel jener Erle dort, die zu⸗ nächſt der Umwallung in gleicher Höhe der Mauer ragt, und ſpähe, ob Thorwart und Wächter auf ihrem Poſten ſind.“ „Kein Mäuslein regt ſich!“ kam nach weni⸗ gen Minuten die Antwort von oben,„nur in der Erkerſtube des Kranken glitzert ein mattes Licht. Wir überſchleichen die Berauſchten wie Höhlenbären im Winterſchlaf.“ „An's Werk denn in Gottes Namen!“ klang die Stimme des Heermeiſters jetzt.„Glutſchla⸗ cker, Du folgſt mir mit hundert Keulen, Schwer⸗ tern und Streitäxten und Deinen Strangleitern zum Sturm! Sechs werden gehakt zwiſchen Erker und Hauptthurm, zwei an die Brüſtung. Fahnen⸗ führer Moos mit hundert Lanzen legt den Mauer⸗ brecher an's Thor. Das verſteckte Ausfallspförtlein gegen Morgen kommt unter des Rottenmeiſters ſcharfe Eiſenwacht, und Du Kluger mit zehn Armbruſtſchützen hältſt mir das Mauereck an der Mitternachtsſeite im Auge— der Lederkappe noch eine Feder einzunageln, wenn ſie ſich zeigt! Ihr alt Vergnügen, am gähen Abfall über die Stein⸗ vorſprünge ſich ſatzweis wie eine Katze herabzu⸗ ſchwingen, könnte uns heute verderblich ſein, denn die Hirſchläufe des Lotterbuben, die— einmal im Schwung— einem Roſſe den Vorſprung abge⸗ winnen, durchmeſſen den Weg von Mödlitz nach Wildſtein in einer halben Stunde.“ In wenigen Minuten hatten die Rotten den Abhang erklommen und allerſeits die bezeichneten Stellen eingenommen. Glutſchlacker und der Hauptmann an der Vorderſeite der Burg ſchickten ſich vor allen Uebrigen an, die Sturmleiter, die zuerſt mit ihrer Eiſenklaue am oberen Rande des Gemäuers verfangen blieb, zu beſteigen. Da wurde hoch über ihnen plötzlich ein fei⸗ nes, klirrendes Singen, wie das eines abſpringen⸗ des Federſtahles vernehmbar, dann war wieder Alles ſtill. „Wir ſind entdeckt!“ flüſterte Glutſchlacke r dem Heermeiſter zu,„Eichkatze, das verwetterte, ſchlafloſe Einauge hat am Glockenzuge geriſſen. Jetzt drauf und dran!“ Wie eine Schar rieſiger Katzen ſchwangen ſich die Stürmer empor, begrüßt und begleitet von den weithin brüllenden Tönen des Lärmhornes auf der Zinne, das die Ueberfallenen zu den Waffen rief. Ein vielſtimmiges, verworrenes Schwirren, Raſſeln und Dröhnen innerhalb der Mauern ward darauf lebendig, die Steinmaſſen erzitterten ſchier vor dem Rollen eines unterirdiſchen Gewitters, das losbrechend im Augenblicke ſich jetzt mit zuckendem und ſprühendem Wetterleuchten von hundert Fackeln und bald in einem Hagel von Pfeilen, Schwert⸗ hieben und geſchleuderten Steinblöcken entladet. Glutſchlacker aber, allen Uebrigen voraus, iſt vor dem Losbruch mit beerzter Ferſe bereits auf der breiten Mauer feſtgewurzelt und hat den Schaft des hochflatternden Stadtbanners in die Fugen des Geſteins gepflanzt. Mit ſeinem breiten Rücken nun die Nachdringenden deckend, ſchmettert er mit einem krachenden Schlag ſeines Streitham⸗ mers, Stahlhaube und Schädel des erſten Angrei⸗ fers in Scherben. Bald haben fünfzig Kämpen feſten Grund neben ihm gewonnen und nun raſt der Mauer in ganzer Streckung entlang das wildeſte Gefecht. Von beiden Seiten wälzen ſich Getroffene hinunter. Die ſtählerne Ferſe der Streitenden ſtampft über die Geſtürzten hinweg, ihr Todesröcheln verhallt in dem Klirren der Schwerter, dem Dröhnen des an⸗ prallenden Lanzenſtoßes, dem Praſſeln brechender Panzer und dem Gebrülle der Streithörner und Menſchenkehlen. Zwiſchen durch in dieſem Chaos der Töne ſchlagen die dumpfen, erſchütternden Püffe des Sturmbockes am Thor, einen verlorenen Grundtakt an. Glutſchlacker's Hünengeſtalt, gleich dem Felſen im Sturm, ragt mitten in dem Getümmel auf, und wo ſein Arm ausfliegt im ſauſenden Kreisſchwung, zerſchlägt ſich die eiſerne Brandung und ſtäubt nach allen Richtungen zu Boden. Ein furchtbares Krachen der Bohlen des Haupt⸗ thores verkündet jetzt zu Jubel und Entſetzen der Streitenden, daß vor der ehernen Stirn des uner⸗ bittlichen Sturmbockes des Steineichenholzes Wider⸗ ſtand gebrochen und der untere Eingang den Stür⸗ mern offen ſei. Mit Gepolter ſtürzt das Gefüge, ſie fluthen herein— ein Blutregen tränkt den Raſen des Hofraumes und ein unwiderſtehlich nach⸗ drängender Eiſenkeil zermalmt in fürchterlichem Ge⸗ würge die Streitmaſſen des Schloſſes an deſſen Mauern. Nur an einem Punkte: der Hauptpforte der Burg, wo ein raſendes Handgemenge in hundert durch einander zuckenden und einſchlagenden Klin⸗ ——— 2ä=SeH=ͤ— —— — ar wieder ſſchlacker ervetterte iſſen. Nöt angen ſich affen rie. — — cwirren, n ward a ſchier hat den 3 in die eim breiten ſchmettert btreitham⸗ n Angrei⸗ i Grund Mauer in echt. Von nter. Die über die erhallt in n des an⸗ brechender örner und em Chaos aden Püffe verlorenen leich dem Getümmel ſauſenden Brandung den. des Haupt⸗ tiſetzen der des uner⸗ ges Wider⸗ den Stür⸗ Rüge Ferd Lauffer: Städtlein und Herrenburg. 359 genblitzen ſich verwirrt und eine Zeit lang gewü⸗ thet, ſtauen jetzt gleich einer Woge vom Fels die Angreifer zurück. Der„Stier vom Berge“, des Schloßherrn alter, kampfgehärteter Wappner, hält dort den„vothen Greif“, das Blutbanner des Stammes Mödlitz, in ſeiner Eiſenfauſt und ſchleu⸗ dert mit einer ungeheuren Streitaxt den Anſturm auf Lanzenlänge von ſich. Da tönt mitten durch das Getümmel eine gebietende, klangvolle Stimme:„Platz für die Ru⸗ nenklinge! dem Rippenbrecher Raum!“ Wie durch einen Zauberſchlag bei ſolchem Rufe weichen die Streitenden beiderſeits auseinan⸗ der und entwirren ſich— und ſiehe! mit kalter, Staunen erweckender Ruhe und Feſtggkeit ſchreitet Johannes Moos, der ſchöne ernſte Jüngling vorwärts, der Vernichtung ausſtrahlenden Streitaxt in den Wurf.... Der„Stier vom Berge“ ſtößt ein brüllendes Gelächter aus. Zwei Arme, der eine ausholend, der andere ſich deckend, fahren in die Luft.— Schreckerkalte⸗ ten Herzens ſehen die Städtler die furchtbarſchnei⸗ dige Eiſenwucht auf den theuren, nur von ſchmaler Linie des vorgehaltenen Schwertes geſchirmten Schei tel niederſauſen. Ein ohrzerreißendes Schrillen jetzt des Stahls am Stahl!... und Begeiſterung des Triumphes— ein Lebensquell die Eisdecke todt⸗ bangen Erwartens ſprengend, bricht los in einem Jubelſchrei! Die fallende Axt, von zaubergehärteter Klinge unterfangen und der Fauſt durch einen Meiſtergriff entwunden, iſt machtlos zu Boden ge⸗ ſchlagen und ein gedankenſchnell nachzuckender Blitz⸗ ſtrahl legt nun ihren Träger durchſtochen neben ſie. Hoch flattert in des Siegers Hand das er⸗ beutete Banner.—— Während die entfeſſelte Schlacht an des Schloſ⸗ ſes Vorderſeite an allen Punkten zum Nachtheile der Ueberfallenen tobte, ſtand Kluger ſeinem Auf⸗ trage treu mit ſeinen Bogenſchützen in den Schat⸗ ten der hinterſten Brüſtung gedrückt und überwachte ſchußfertig mit aufgelegtem Bolz die am Eck vor⸗ ſpringenden Steine. Der Mond, hinter leichtem Wolkenſchleier verborgen, warf ein gedämpftes, mat⸗ tes Zwielicht auf die Erde und ließ von Erker, Thürmchen und Mauerrand die Umriſſe ziemlich deutlich in's Auge fallen. Alle beobachteten in ge⸗ ſpannter Erwartung, ihrer Beſtimmung angemeſſen, ein tiefes Schweigen; Allen war es wunderſam, daß Eichkatze, der bei ſeiner Schlauheit gewiß das Zerreißen des Glockenzugs und die Erfolgloſigkeit ſeines in der Mitte des Weges verhallenden Weck⸗ rufes erkannt haben mußte, ſeine altgewohnte Luſt⸗ fährte über das Brüſtungseck, jetzt zu ernſterem Ausfluge, im Drange höchſter Noth zu betreten unterließ. Doch jetzt!— iſt es Augentäuſchung? hat nup ein ſtärkerer Windhauch einen geknickten Gras⸗ b Lun der Zinne gehoben, oder taucht die berufene 0 k Hahnenfeder am Lederkäpplein dort wirklich auf? — Nur höher! nur höher! damit es kund und dem Schützen ſein Ziel werde. Klugers Hand zittert am ſtraffangezogenen Seil vor Erwartung und Ungeduld— jetzt hebt ſich der nickende Halm in ganzer Länge, das rol⸗ lende, lauernde Katzenauge unter der tief über die Stirn gedrückten Lederhülle hervorfunkelnd, wird ſichtbar— er iſt's! er iſt's!... „Jetzt, heiliger Euſtach hilf!“ bebt es von Klugers Lippe, die Armbruſt knackt— weithin im Bogenflug einen zerſchlitzten Grashalm mit ſich reißend, ſchwingt ſich der todbringende, gefiederte Segler verfehlten Zieles durch die Luft und erzit⸗ tert darauf feſthaftend in dem Anwurf des Simſes. Die Mauer war leer. Der wie von unſicht⸗ baren Mächten geſchirmte Lotterbube, einmal ver⸗ warnt, zeigte ſich an dieſer Stelle den Lauernden nicht wieder. Jetzt aber erſtarb auch das Getöſe der Schlacht allmälig in des Schloſſes Innerem, die Eiſen klirr⸗ ten nur matt noch und vereinzelt zuſammen— endlich ward Alles grabesſtill. Die Lotterer und Raubgeſellen, vom Racheſchwert der lange genoth⸗ drängten Städtler ereilt und überwunden, deckten — Mann für Mann, bis auf den letzten Streiter gefällt, gleich Garben in eine große Blutlache gelagert, den weiten Hof. In des Leichenfeldes Mitte ſchloßen ſich zum freudigſten und zugleich auch erhebendſten Willkomm nach dem glorreich beſtandenen Werke die beiden Führer ſtumm an die Bruſt. Aus dem zum Him⸗ mel gerichteten Auge des ältern Kriegsmannes floß eine Thräne. Es war ein großer, feierlicher Augen⸗ blick! und die von ſeiner Bedeutung in der Menſchen⸗ bruſt wachgerufenen Gefühle vermag keine Sprache zu ſchildern. Die Hünengeſtalt des verſchnaufenden, blut⸗ gebadeten Glutſchlacker aber ruhte auf dem lan⸗ gen Schaft ſeines Streithammers geſtützt— ſeine Ferſe auf dem Kopf ſeines letzten Gegners. Wie er ſo daſtand und ſich umſchaute im Kreis, Leich' an Leiche, gleich einem Wall bei Fuß— da war jeder Zug ſeines breiten ehrlichen Antlitzes unſäg⸗ liches Behagen,— Ausdruck jener innigſten Be⸗ friedigung, womit nach hartem Tagewerk in Schnit⸗ ter ſein reiches Erntefeld überſieht. Jetzt an der Hauptpforte das ſteinerne Wappen des Mödlitzer erſchauend, ſtieg er gemeſſenen Schritts über Leichenhügel hinweg und ſchmetterte mit einem Schlag ſeiner Eiſenkolbe es herab und in Trümmer. Hoch flatterte in dieſem Augenblick vom erwachten Windzug in ganzer Breite entfaltet, das Banner der Stadt über dem Hauptthor des eroberten Schloſſes. VIII. D Häuptling! der blutige Wolf, der Bür „Der Häuptling! der blutige Wolf, der Bür⸗ gerſchreck!“ ertönte es jetzt— die eben noch wal⸗ 360 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humdr. tende Stille allgemeiner Erſchöpfung ſtürmiſch unter⸗ brechend, von allen Seiten und mehr als zwanzig Klingen fuhren wie Strahlen nach einer Richtung zu; doch das mächtige„Halt!“ einer volltönenden Stimme machte die fallenden im Flug erſtarren und langſam glitten ſie darauf, ohne das vervehmte Haupt des eben herbeigeſchleppten Räubers nur an einem Haar zu verletzen, zur Erde nieder. „Dem Wehrloſen Schonungl“ gebot wei⸗ ter die klangvoll erhobene Stimme des jungen Fahnenführers;„auch am Böſewicht laßt uns Chri⸗ ſten- und Menſchenpflicht nicht vergeſſen. Fügt eine Tragbahre zuſammen und legt den Wunden auf! Geneſen, mag er in unfrer Frohnveſte wohlver⸗ wahrt und unfähig der Menſchheit zu ſchaden, Zeit und Gelegenheit finden, betrachtend in ſich einzukehren und durch Reue ſeine Seele zu retten!“— Da ſtand er denn, der furchtbare Mann, der „Eiſenbrecher“, der„blutige Wolf“, wie ihn der Schreck der Verfolgten nannte, zum erſtenmale im Angeſicht der Städtler, ohne daß dieſe erzitterten vor ihm— er ſtand vor ſeinen Richtern! der Wink eines Jünglings nur und des Freolers Herz, ſo lange zum Fluch der Menſchheit die Werkſtätte ſchlimmer, glühender Leidenſchaften und Triebe, iſt kalt und ſtarr— der unnahbare Arm, welcher Brandfackel und Mörderſtrahl geſchwungen, für ini⸗ mer gebrochen. Noch leuchtet in ſeinem Aug' die alte Wild⸗ heit, doch Wundfieber und Blutverluſt haben die Rieſenkraft dieſes herkuliſchen Körpers angenagt und untergraben. Man ſieht, wie es ihm ſchwer wird, an der Schulter eines Eiſenmannes, ſeines Wächters, ſich in aufrechter Stellung zu erhalten. Sein Ge⸗ ſicht iſt fahl, wie das eines Graberſtandenen— das Denkzeichen des Taxusſtabes: eine handbreite, mit Blutgallerte verquollne Schramme verläuft von der furchigen Stirn über die Schläfe tief in ſein wir⸗ res Haar. Jetzt— beim Anblick ſeines Fürſprechers fährt der Strahl eines wilden Lächelns über ſein ver⸗ wüſtetes Antlitz— er hat ſeinen Ueberwinder erkannt!— Seine Fauſt, bisher in der Bruſtöffnung des Wamſes vergraben, zuckt einen Dolch und mit dem Ausruf:„Handwerksbube!“ enteilt die todbrin⸗ gende Waffe, eine funkelnde Linie gedankenſchnell durch die Luft zeichnend, nach des argloſen Jüng⸗ lings Bruſt. Ein allgemeiner Schrei der Wuth und des Entſetzens folgt ihrem Flug. Johannes war verloren bei der furchtbaren Sicherheit des Wurfes, wenn Glutſchlacker mit Habichtsaugen jede Bewegung des Räubers über⸗ wachend, ja ſogar die Richtung ſeiner Blicke ver⸗ folgend, nicht die Klinge im Flug mit ſeiner Waffe gefangen und rückgeſchleudert hätte. Der fallenden folgte im Bogenſchwung die zermalmende Wucht des Hammers und der Frevler ſank wie eine ge⸗ fällte Fichte zu den Seinen in's Blut. I „Fluch!“ erſtarb es auf der Lippe des Ge⸗ richteten; eine breite, vorbrechende Blutwelle folgte dem letzten Laute, darauf ein hohles, röchelndes Gurgeln, eine krampfhaft, ſchlagähnliche Zuckung des ganzen Leibes noch und er blieb regungslos — eine gräßlich verſtümmelte Leiche. In dieſem Augenblick ſank von einem Pfeil, den die Hand eines unſichtbaren Schützen entſendet, tief in die Bruſt getroffen, Johannnes Moos zu Tode verwundet nieder.—— „Heiland der Erde!“ ſchrie Glutſchlacker mit herzzerreißender Stimme und fing mit beiden Armen den Fallenden auf. „Eichkatze! Eichkatze! dort ſteigt er auf der Zinne herauf und ſchwingt hohnlachend den Bogen. Schießt ihn herunter! herunter den Verruchten!“ Ein Dutzend Pfeile ſchwirrten nach der bezeichneten Stelle; der Meuchler, hinter einem großen, eher⸗ nen Schild, der den ganzen Leib deckte, niederge⸗ kauert, erwartete unbeweglich ihren Anflug und ſchüttelte die machtlos anprallenden Stifte zurück über der Schützen Häupter. „Umſtellt jeden Ausgang!“ donnerte jetzt die Stimme des Heermeiſters,„werft die Bodenthüre in’s Schloß! Wachs und Werg an die Bolzen. Den rothen Hahn auf's Dach! raſch! raſch! laßt den Höllenſohn in ſeinem Elemente ſterben.“ Während unter furchtbarem Getümmel die er⸗ bitterten Mannen ſich anſchickten, die brennenden Geſchoſſe nach dem Dache zu ſchleudern, trug Glut⸗ ſchlacker, gefolgt vom Hauptmann Kornelius den edlen Verwundeten aus dem Hofraum und legte ihn am freien Abhang des Berges in's Moos. An ſeine beiden Seiten auf's Knie ſich laſſend, öffneten die rauhen Kriegsmänner mit bebender Hand ihm das Wams der Bruſt und ſuchten den zwiſchen den Rippen, zunächſt dem Herzen einge⸗ bohrten Pfeil aus ſeiner Verhaftung zu löſen. Es war vergebens! zu tief hing er an ſcharfem Wi⸗ derhaken feſt. Im fernen Oſt deutete ein lichter, röthlicher Streif das Anbrechen des Tages an; die Morgen⸗ dämmerung auf der Höhe verbreitete hinreichende Helle, um die leiſeſte Veränderung in den Zügen des Todtwunden wahrzunehmen. Wie eine Lilie ge⸗ knickt, in rührender Schöne des Leidens lag er da, ſeine Lippen öffneten ſich zum Sprechen— er ver⸗ mochte es nicht mehr! das erlöſchende Auge ſuchte den Strahl der Morgenröthe, ſeine kaltwerdende, bleiche Hand war zu ſchwach, um den Druck ſeiner weinenden Freunde erwiedern zu können. Jetzt leuchtete ein blutrother Wiederſchein weit⸗ hin über den Himmel, flammende Wolkenballen, ſich hoch in den Lüften fortwälzend, eine gräßliche Lei⸗ chenfackel über dreihundert Erſchlagnen, verkündeten der fernen, angſtdoll harrenden Stadt, daß das Werk der Befreiung vollbracht ſei, die Zwingburg in Blut und Graus verſinke..S Die Zerſtörer, dem entfeſſelten, gefräßigine — r, röthlicer die Morgen⸗ binreichende — er be⸗ Auge ſuchte laltwerdende Druck ſeiner Pergoleſi's Stabat mater. 361 ſich greifenden Elemente weichend, drängten ſich in's reie heraus und weſſen Auge die blendende Helle ertrug, konnte gewahren, wie die behende Geſtalt eines von Sinms zu Sims kletternden Menſchen vor den nachleckenden Feuerzungen flüchtete, bis ſie zuletzt an äußerſter Zacke des Erkerthürmchens hangend, von dem glühenden Wirbel des nieder⸗ praſſelnden Daches verſchlungen ward. Wie der ſauſende Funkenregen um das zu⸗ ſammengeſtürzte Trümmerchaos der Zwingburg ver⸗ ſtoben iſt, fließt des Morgenrothes erſte Feuerwelle über die Wipfel des dunklen Berghangs herüber und verklärt mit ihrer Roſenglorie die ſtillen, milden, geiſtig ſchönen Züge des Sterbenden. Und ſiehe! wunderſam leuchtend von innen, zuckt es über ſein Antlitz jetzt und mit dem Laute:„frei!“ iſt das milde Lächeln ſeines Mundes in ſchneeigem Marmor ſtarr geworden. Ein Athemzug der vom erſten Strahl des Himmelslichtes durchflammten Morgenluft hat den letzten Hauch von bleicher Lippe geküßt und die reine Seele auf linden Fit⸗ tigen zu des Lichtes Urquell emporgetragen. Glutſchlacker aber zu Häupten des Todten auf den Knien, bedeckt ſchluchzend ſein Antlitz; in feierlicher Stille betend ſchließen die rauhen, ern⸗ ſten Männer des Kampfes den Kreis um den Heim⸗ gegangenen und ſenken das Banner der freien Stadt auf die irdiſchen Ueberreſte ihres edelſten Sohnes. Pergoleſi's Stabat mater. Von AM. R. 1. Ein Geiger. ((der am letzten Tage des Weinmonats 1735 noch ſpät durch die via felice in Rom ging, der ſah in einem alten kleinen Hauſe —od noocch ein mattes Licht durch die trüben Fenſterſcheiben eines oberen Stübchens ſchimmern, während ringsum alle Nach⸗ barn längſt im tiefſten Schlummer lagen. Ein Gewitter ruhte ſchwül über der ewigen Stadt; nur ſelten lugte der Vollmond, roth wie eine Fackel, durch die zerriſſenen, dunklen Wolkenmaſſen und beleuchtete für Augenblicke die wunderlichen Stein⸗ bilder, die den Giebel des Hauſes umſtanden und unheimlich wie geſpenſtige Geſtalten anzuſehen wa⸗ ren. Die nächtliche Stille unterbrach in der entle⸗ genen Straße nur das eintönige Geplätſcher eines Springbrunnens, deſſen Strahl aus dem Munde eines Dachſes hervorſprudelte. In Allem lag etwas Oedes und Drückendes und ein Jeder hatte ſich zuerſt eines innerlichen Grauens nicht erwehren können, wenn er den Mann geſehen, der dort oben Erinnerungen. 1859. zu ſo ungewöhnlicher Stunde beim Scheine eines düſter glimmenden Nachtlichtes ſein Weſen trieb. Dieſer war, wie ſein Aeußeres zeigte, noch nicht weit über das zwanziaſte Jahr hinaus. Eine Fülle glänzend ſchwarzer Locken und die in ſeinen Augen lodernde Gluth verrieth die ſüdliche Abkunft. In ſeinem faſt weiblich ſchönen Antlitze war ein Zug tiefer Schwermuth zu bemerken, der demſelben einen eigenthümlichen Ausdruck verlieh. Man hätte glauben ſollen, dieſer Jüngling ſei bereits auf das Empfindlichſte von den Schlägen eines widrigen Geſchickes getroffen worden. Unverwandt ruhten ſeine Augen auf einem vor ihm liegenden Noten⸗ hefte. Seine linke Hand, Geige und Bogen hal⸗ ten, war auf den Schoß herabgeſunken, während die rechte das lockige Haupt ſtützte. Keine Regung war an der ganzen Geſtalt wahrzunehmen. Man hätte faſt in Verſuchung gerathen können, zu wäh⸗ nen, der Mann ſei in dieſer Stellung erſtarrt und kein belebender Athem mehr in ihm. Da plötzlich fuhr ein gellender Schrei durch den engen Raum und weckte den Jüngling aus ſeinen Träumen, daß er erſchreckt von ſeinem Sitze auffuhr. Sein Blick fiel auf die Geige, die mit zerſprungenen Saiten am Boden lag; ſie war den Fingern, ohne daß er ſich deſſen bewußt war, ent⸗ glitten und ihre im Falle zerreißenden Saiten hat⸗ ten den bangen Laut erregt. Ein tiefer Seufzer hob des Mannes Bruſt und ein Wort des Schmerzes kam über ſeine Lip⸗ pen. Dann löſchte er ſchnell die weitherabgebrannte Kerze aus und ein hartes Lager empfing ſeine Glieder über die wenigen Stunden, die bis zur erſten Morgenröthe noch verrannen. 2. Der Wettſtreit. Das Konſervatorium der Muſik in Neapel hatte nie einen dankbareren Schüler als Gio⸗ vanni Battiſta Pergoleſi. Mit einem poe⸗ tiſchen Sinn und einer feurigen Phantaſie begabt, war er empfänglich für die Kunſt und ihre tiefſten Schachte ſtanden ihm, ihrem Lieblinge, offen. Schon als Knabe wußte er magiſche Klänge den Saiten zu entlocken und hatte er gleich keine Ahnung von den Gaukelkünſten der Virtuoſen unſerer Zeit, die das Ohr in Erſtaunen ſetzen, das Herz aber kalt laſſen, ſo war er doch ganz Meiſter über ſein ſee⸗ lenvolles Inſtrument, und wo es galt, durch ur⸗ eigne tiefe Weiſen Thränen in die Augen gefühl⸗ voller Menſchen zu locken, that es ihm Keiner gleich. Aber auch zu eigenen Schaffungen trieb ihn ſein raſtloſer Geiſt. In ſchmerzlich⸗ſchönen, ſeinem tief⸗ ſten Herzen entquillenden Liedern verſuchte ſein Ge⸗ nius zuerſt die goldenen Schwingen. Und ſchon damals verhieß der alternde Dürante, ſein Leh⸗ rer, daß er einſt unter den Erſten ſeines Vater⸗ landes werde genannt werden. Durch die Vermit⸗ 46 362 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. telung desſelben fanden auch einige kleine Sing⸗ ſpiele von Pergoleſi auf den Theatern Roms und Neapels Eingang und erwarben ſich ehrende Anerkennung. Schon fing der Name des jungen Künſtlers an, in Italiens Städten zu ertönen und nicht gewöhnliche Erwartungen knüpften ſich an eine ſo liebliche Erſcheinung. Aber wenn Pergoleſi die ſtarren Formen bedachte, in welchen die Muſik ſeiner Zeit und ins⸗ beſondere die dramatiſche befangen war, dann fühlte er, daß der Kreis, in dem er ſich bisher bewegt, zu enge und daß er ſtark genug ſei, die todte Hülle zu zerbrechen und das lautere Gold zu Tage zu fördern. Und getroſt ſah er die Jahre zerrinnen, hoffend, die Zeit werde kommen, wo er ſeine ſich gefetzte Aufgabe werde löſen können. Und ſie kam. Die Lehrer des neapolitaniſchen Konſervato⸗ riums hatten den Jüngling entlaſſen. Dieſer, von einer geheimen Ahnung getrieben, wählte Rom zu ſeinem Aufenthalte, wo er ſich durch Muſikunter⸗ richt kärglich nährte. Wohl wußte man dort von einem einſamen Muſikus und wie er allerliebſte kleine Opern komponirte, aber von ſeinem gewalti⸗ gen Vorhaben ahnte man nichts. Da wußte Dü⸗ rante, der des Jünglings Genius kannte, es durch ſeinen Einfluß dahin zu bringen, daß die Kompo⸗ ſition einer der beiden großen Opern, mit denen das neue Theater in Rom eröffnet werden ſollte, unſerem Pergoleſi übertragen wurde. Das war es, was er wollte. Ungeſäumt machte er ſich an das ſchwierige Werk, auf welches er den Ruhm ſeines Namens und die Erlöſung der Kunſt aus ihren bedrückenden Feſſeln pedanti⸗ ſcher Regeln gründen wollte. Die innigſten Melo⸗ diereihen, von keiner Künſtelei getrübt, entſtrömten ſeiner Bruſt und immer nur richtete er ſeinen Sinn 3. Stabat mater. Zwei Tage ſpäter lag Pergoleſi, von furcht⸗ barer Fieberhitze gequält, auf dem Krankenlager. Der alte, ehrwürdige Arzt, der den Jüngling in ſeiner einſamen Klauſe aufzuſuchen ſich nicht ſcheute, ſchüttelte bedenklich den Kopf, und manchmal, wenn ſich die Anfälle auf's Höchſte ſteigerten, hätte er gern irre werden mögen an Aeskulaps Kunſt. End⸗ lich ſiegte zwar Pergoleſi's junge Natur über die Macht der Krankheit und er konnte nach zwei Monaten, dem Anrathen des Arztes gemäß, Folge leiſten und der geſunden Luft wegen nach Torre del Greco ziehen; aber ſeine Lebensluſt war ver⸗ ſchwunden, ſein Muth gebrochen. Ein ſtarker Blut⸗ huſten verzehrte ſeine innerſte Kraft und er wußte es bald, daß die Grenze ſeines Lebens nicht mehr ferne ſei. Um dieſe plötzliche Veränderung in Pergo⸗ leſi's Leben begreiflich zu machen, brauche ich nur zu bemerken, daß ſeine„Olympiade“, das Werk, worauf er ſeine ganze Exiſtenz gebaut hatte, gänz⸗ lich durchgefallen war. Der Hauch ſeines Genies, der jedem tiefern Gemüthe göttlich groß und edel daraus entgegenweht, war von ſeinen verbildeten Landsleuten verkannt worden. Herzloſe Kritiken fie⸗ len über das Werk her und nannten dasſelbe eine ohne Sinn und Plan zuſammengeſuchte Maſſe von Tönen, die den Regeln der Kunſt Hohn ſpreche. Das wirkte fürchterlich auf Pergoleſi's zartes Gemüth. Rauſchenden Beifall des großen Haufens hatte er freilich für eine Muſik, die dem Geſchmacke der Menge beim erſten Anhören keineswegs beha⸗ darauf, wie er den wahrſten Ausdruck treffen möge. Von Tag zu Tag rückte die Oper vor und als er die letzte Nummer vollendet hatte, da ſagte er zu ſich ſelbſt:„All' mein innerſtes Weſen hab' ich in dieſe Partitur gehaucht; es ſchwebt über jedem Akkorde wie ein elegiſcher Hauch meiner Seele.“ Die Proben ließen den ausgezeichnetſten Er⸗ folg vermuthen und ſelbſt Duni, der die andere Oper geſetzt hatte, verſicherte, daß ſeine Muſik von der Pergoleſi's weit übertroffen werde. So ſehen wir den Jüngling am Eingange die⸗ ſer Skizze. Die Generalprobe, welche bis ſpät in die Nacht gedauert hatte, war vorbei und Per⸗ goleſi noch ganz voll von den Eindrücken, die die Anhörung ſeines eigenen Werkes auf ihn ge⸗ macht hatten. Wohl mochte es ihn ernſt ſtimmen, wenn er an den morgenden Tag dachte. Duni's „Nerone“ war bereits über die Bretter gegangen. Alles war jetzt auf ſein Werk geſpannt. Darum konnte er nicht ohne einige Aengſtlichkeit auf ſeine Partitur blicken; ſie ſollte ja der Grundſtein ſeines Rufes, der Wendepunkt ſeines Wirkens, der Ein⸗ tritt einer neuen Kunſtepoche werden. gen konnte, nicht erwartet; aber doch wenigſtens die Anerkennung verſtändiger Künſtler. Einer nur fand ſich unter dieſen, der ihn begriff und tröſtete und das war Duni, ſein Nebenbuhler. Aber das konnte ihn für das Urtheil der öffentlichen Mei⸗ nung, das ihn für einen phantaſtiſchen Sonderling ſtempelte, der eben durch unerhörte Sonderbarkeiten habe auffallen wollen, nicht entſchädigen. In ſeinem Unmuthe that er einen Schwur, nie mehr für die Bühne was zu ſchreiben, ſondern ſeine letzten Tage nur durch Kirchenkompoſitionen zu bezeichnen. Und ſo arbeitete er Tag und Nacht, wuchernd mit der ihm ſo kurz noch zugemeſſenen Friſt; er fühlte den Todespfeil in ſeiner Bruſt, aber aus der Wunde ſtrömten mit ſeinem Herzblute die Schwanenklänge ſeiner Lieder. In Rom erinnerte man ſich erſt ſeiner wie⸗ der, als er in den Armen des Todes erblaßt war. Still und ohne Gepränge wurde er, der das ſechs⸗ undzwanzigſte Jahr noch nicht erreicht hatte, dem Schoße der Erde anvertraut. Keine liebende Gat⸗ tin blieb in ſeinem Hauſe zurück; er war unter fremden Menſchen geſtorben. Vieles und Herrliches hat er noch in ſeinen letzten Tagen geſchaffen; aber ſein Schwanengeſang, ————, ,—,—,——.— ————— ——— ——————————— e, von furch⸗ Krantenlager. Tüngling in nicht ſcheute, mal, wenn ten, hätte er Kunſt. End⸗ Natur über te nach zwei äß, Folge ach Torre iſt war ver⸗ ſtarker Blut⸗ ad er wußte nicht mehr dasſelbe eine »Maſſe von wenigſtens Einer nur und tröſtete r. Aber das llichen Mei⸗ Sonderling derbarkeiten nd mit der fühlte den der Wunde wanenklänge feiner wie⸗ laßt war. das ſehh⸗ te, demt hatte, d ende Gat⸗ 8. ar unter 5 in ſeinen anenge Karl Guſtav Meyer: Die ſchöne Waldfee mit den Gluthaugen. 363 das stabai mater, welches er am Tage vor ſeinem Sterben beendigte, überſtrahlt Alles, was er je geſchrieben. Mancher nach ihm hat es ge— wagt, mit ihm um die Palme zu ſtreiten und von dem Schmerze der heiligen Jungfrau in tief ergrei⸗ fenden Tönen zu ſingen, aber ihn hat keiner wie⸗ der erreicht. Bald ertönte der heilige Geſang durch ganz Italien, und wo ein Wandersmann eintrat in einen hohen Dom und überwältigt von der Macht des Liedes nach dem Manne fragte, der ſolche Himmelsklänge erdacht, da ſah man verwun⸗ dert und ſtolz auf den Fremdling, der nicht wußte von dem Maeſtro Pergoleſi und ſeinem stabat mater. Die ſchöne Waldſee mit den Gluthaugen. Eine Sage. Erzählt von Karl Guſtav Meyer. In der Nähe von Kaaden, etwa eine Stunde von dieſer alterthümlichen Stadt entfernt, liegt am linken Egerufer ſtromaufwärts das male⸗ riſche Dörſchen Soſau zwiſchen einem Walde X† von Fruchtbäumen, und hinter dieſem tief ver⸗ E ſteckt in einer Waldſchlucht das einſame Ge⸗ höfte Meſeritz— Dubſchan, wie es vor Alters hieß. Ein kleiner ſpiegelheller Bach, der aber manchmal zu einem reißenden Gebirgswaſſer anſchwillt, ſchlän⸗ gelt ſich durch die Wieſenmatten; die dichten, noch heute beſtehenden. Waldſtände von Fichten und Föhren, zwiſchen denen manchmal eine Eiche das eintönige Grün maleriſch ſchattirt, auf der einen, der himmelanſtrebende Burgberg auf der andern Seite mit ſeinen zerriſſenen Felſenklüften und ab⸗ gerundeten Granitblöcken, die wie gebleichte Schädel von ihrer dunklen Unterlage ſcharf abſtechen, geben dem einſamen Thale einen wahrhaft märchenhaften Charakter. Man kann hier tagelang weilen und ſinnen, kein Laut ſtört die durch das Gemüth zie⸗ hende Gedankenreihe, als etwa der Fall einer Baumfrucht oder der kurz ausgeſtoßene Schrei eines Raubvogels. Von den Gipfeln der nächſtliegenden Berge ſchauen die Trümmer der alten Ritterburgen trotzig und finſter herab, und erklimmt der Wanderer eines dieſer alten Schlöſſer— die, beiläufig geſagt, hier in der Umgebung alle dem weitverzweigten uralten Geſchlechte der Eggerberge gehörten— ſo erſchließt ſich ihm über die Wipfel der Wälder hin in jeder Richtung eine unermeſſene Ausſicht. Doch richtet ſich des Beſchauers Blick, geſättigt von der herrli⸗ chen Fernſicht, auf ſeine nächſte Umgebung, ſo iſt dieſe nicht minder intereſſant. Da ſteht ein grauer halbverfallener Thurm auf grünem Weidegrunde ſchweigend und ernſt wie eine Hieroglyphe der Vor⸗ zeit; herabgeſtürzte Granitplatten, Felſenſtücke und Mauertrümmer ſind rings umher wie Rieſenkinder um den Urahn gelagert. Wohl iſt noch hie und da ein Theil der geborſtenen Aufgangstreppe zu erklimmen und die Eintheilung des innern Bghes zu erkennen, aber die öden Thüren, der unzugäng⸗ liche Söller, die lange leere Fenſterreihe grinſen uns ſchaurig an wie die Höhlen des Todtenſchädels. Ein ſolches Gefühl beſchlich auch mich, als ich im vorigen Herbſte die Ruine Felixburg beſtieg. Unten im Dorfe Roſchwitz vernahm ich folgende Sage, die ich hier in ungeſchmückter Weiſe den Leſern der„Erinnerungen“ erzähle. Vor einer an der Nordſeite des Burgberges zwiſchen Felſengeklüfte hineingebauten Köhlerhütte ſprang ein kleines ſchwarzlockiges Mädchen munter im Graſe herum. Da rief ihm eine Stimme, die ihrem ſchrillen Tone nach offenbar einem alten Weibe angehören mußte, von der Hausflur zu: „Hole die Ziegen hein, Ammi, und nimm den Phylax mit. Es iſt ein Wetter im Anzuge; ſiehſt Du denn nicht, daß der alte Burgberg bereits ſeine Haube aufſetzt und drüben am Dreikreuzberge ſich ſchon die Höhmännchen zum Rundtanze ſammeln?“ Die Mahnung wirkte ſogleich; das Mädchen machte raſch den Hund von der Kette los und fort ging es im flüchtigen Laufe durch das niedere Knie⸗ holz, ſo daß bald das laute Gekläff des Hundes nur noch aus der Ferne hörbar war. Aus der Hütte aber trat auf einen Stock ge⸗ ſtützt ein altes Weib, dem man die Jahre und Mühſeligkeiten des Lebens deutlich anſah. „Wo nur Martin und Röſe ſo lange blei⸗ ben,“ murmelte die Alte vor ſich hin;„ſie müſſen doch auch die Anzeigen des Unwetters bemerkt ha⸗ ben, das bald losgehen wird, und Gnade Gott denen, die es im Walde trifft!“ Als wollten ſich die Worte der Alten ſogleich bewahrheiten, hörte man in dieſem Augenblicke ein fernes Brauſen durch den dichten Föhrenwald, wie wenn ein anſchwellender Wildbach toſend durch Stein und Gerbölle ſich Bahn bricht; die erſt ein⸗ zeln am Burgberge erſchienenen Wolken jagten dunk⸗ ler und immer dunkler werdend in wildem Rund⸗ tanze um denſelben, ſenkten ſich immer tiefer und bedeckten endlich wie ein ſchaurig aufgerolltes Lei⸗ chentuch das ganze Waldthal, einzelne große Tro⸗ pfen rauſchten durch die Bäume vor der Hütte hernieder. Schon ließ ſich das dumpfe Rollen des nahenden Gewitters vernehmen. Da erſchienen zwei Geſtalten am Saume des Waldes und näherten ſich haſtigen Schrittes der Hütte. Es war Martin, der Sohn der Alten, der 2 D mit ſeinem Weibe Röſe, beim Holzmachen durch die drohenden Anzeigen aufgeſchreckt, heimkehrte. Sie hatten kaum die Schwelle der Hütte überſchrit⸗ ten, als das gräßlichſte Unwetter losbrach. So lange ſeine Furchtbarkeit alle Bewohner der Hütte geradezu betäubte, fiel weder Martin 46* 364 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. noch ſeinem Weibe ein, nach dem Mädchen zu fra⸗ gen, und zwar um ſo weniger, als ſie nicht wuß⸗ ten, daß die Großmutter es nach den Ziegen hin⸗ aus geſandt habe. Wie erſchraken ſie aber, als ſie deſſen ſchon ſo lange dauernde Abweſenheit erfuh⸗ ren! Nur durch den Umſtand, daß Phylax, deſſen Anhänglichkeit an das Kind ſie kannten, mit dieſem gelaufen, wurden ſie einigermaßen beruhigt. Wohl warteten ſie noch einige Zeit als das Gewitter nachließ, denn ſie meinten, Ammi werde wohl zurückkommen, ſobald die Gewäſſer ſich verlaufen, ſie ſei ja in dem Walde und den Bergen heimiſch und überall der Wege kundig; als aber faſt eine Stunde vergangen und das Mädchen noch nicht heimgekehrt war, da begann ſich die Beſorgniß des Vaters zur Angſt zu ſteigern. Raſch ergriff er ſei⸗ nen Knotenſtock und machte ſich auf den Weg, ſeine Tochter zu ſuchen. Lange ſchritt er, vertraut mit den Lieblings⸗ weideplätzen der Ziegen, thalauf⸗ und waldein⸗ wärts, durchſuchte alle Schluchten und Geklüfte, rief unzählige Male mit lauter Stimme ſein Kind und den Hund; aber weder Ammi noch Phylax wollte ſich zeigen. Schon erklang das Ave⸗Glöckchen aus dem Dorfe herauf und mahnte zum Abendgebete, als plötzlich ein ungemein feuriger Lichtglanz Mar⸗ tin's Augen blendete. Martin war nänlich im Eifer des Suchens bis in die Nähe der verrufenen Gnomenhöhle ge⸗ kommen, wo die kleinen Erdmännchen und Erd⸗ weibchen ihre Wohnungen hatten, die heute noch unter dem Namen„die Zwerglöcher“ allgemein bekannt ſind. Hier feierte das Gnomenvölklein in jenen Zeiten, wo ſie noch in der Nähe der Men⸗ ſchen wohnten, ihre Feſte; doch nicht jedem der Sterblichen war es gegönnt, dieß Treiben zu ſchauen und nur der ganz Reine und Makelloſe durfte ſich ungeſtraft bis in ihre nächſte Nähe wagen. Der Köhler, von einem unwillkürlichen Grauen befangen, wollte ſchon auf unbemerkten Rückzug denken, als der wunderſame Schall der Töne, die aus der Höhle bis über den Wildbach herüber zu ſeinem Verſtecke drangen, ſeine Aufmerkſamkeit auf's neue feſſelte und der Anblick, welcher ihm ward, alle Furcht zerſtreute; denn im Hintergrunde der erleuchteten Höhle lag ſeine Tochter ruhig auf einem ſchwellenden Moosbette und ſchlief den ſorgloſen Schlaf der Unſchuld. Neben ſie hatte ſich ruhig, unbekümmert der fremden geiſterartigen Umgebung, Phylax hingeſtreckt und hob manchmal, gleichſam als wolle er ſich von dem Daſein ſeines Schütz⸗ lings überzeugen, zu dieſem die klugen Augen em⸗ por; ſämmtliche Ziegen waren längs der hinterſten Felſenwand hingelagert, wo ſie wahrſcheinlich wäh⸗ rend des gräßlichen Unwetters Schutz geſucht hat⸗ ten, und ließen ſich ebenſowenig wie das Kind und der Hund in ihrer behaglichen Ruhe ſtören. Jetzt erſt, nachdem Martin die Gewißheit gewonnen hatte, daß Ammi nicht ein Opfer des Sturmes geworden, oder vom ausgetretenen Wild⸗ bache fortgeriſſen worden ſei, wagte er unbefangen die Höhle zu überblicken und das Thun und Trei⸗ ben der übrigen Bewohner derſelben zu betrachten. Nicht Holz war es oder Stein, noch ſonſt ein dem Auge Martiuss erkennbares Material, wor⸗ aus der Tiſch und die Bänke, die ſich längs der Höhlenwände hinzogen, beſtanden; die Kleidungs⸗ ſtücke der Gnomen ſchienen aus ätheriſchem Stoffe geformt und umwehten im luftigen Faltenwurfe die kleinen Weſen, welche geräuſchlos hin und her huſchten, ſich bald in anmuthigen Schwingungen nach den Tönen der unſichtbaren Muſiker wiegten, bald unter Scherz und Sang das im Hintergrunde ſchlummernde Mädchen umkreiſten, indem ſie ſangen: Wir reichen Dir, Ammi, die Blume des Lebens, Sie ſchütze Dich immer, ſie bringe Dir Glück, Und droht Dir Gefahr— nie rufſt Du vergebens, Wir ſcheuchen ſie ſchirmend und rettend zurück. Indeſſen war es völlig Nacht geworden. Seit länger als einer Stunde war Martin in ſeinem Verſtecke hinter einer großen Eiche geſtanden. Der Sturm, der Nachmittags ſo furchtbar gewüthet, hatte ſich längſt zur Gänze gelagert und eine hei⸗ lige Ruhe lag ausgegoſſen über den ſchweigenden Wäldern. Da krähte der Hahn in dem unfernen Gehöfte die neunte Stunde und wie mit einem Zauberſchlage war all' der Glanz, der die Höhle erfüllt, all' die kleinen Männlein und Weibchen, die darin ihr Weſen getrieben, verſchwunden und die Töne des Liedes verklungen, welches ſoeben trö⸗ ſtend zu Martin herübergerauſcht; nur des Mon⸗ des bleiche Strahlen fielen durch die Bäume und erhellten die Höhle, aus welcher itzt ein leiſes Knurren und endlich das helle Gekläffe eines Hun⸗ des erſchallte, der, eben vom Schlafe erwacht, ſei⸗ nen Herrn gewittert haben mochte und itzt in freu⸗ digen Sätzen herausſprang. Da Martin das Treiben der kleinen Leute kannte, ſo fiel ihm wohl deren Anweſenheit in der Höhle auf keine Weiſe auf, denn man wußte ja allgemein, daß dieſe ihr Sammelplatz von jeher geweſen, doch konnte er ſich ungeachtet deſſen einer gewiſſen Scheu nicht erwehren, als er dem Hunde folgend ſich dem Eingange näherte. Sei es, daß die magiſche Erſtarrung mit dem Verſchwinden der Erdmännchen gelöſt war, oder war das Mädchen durch das Freudengebelle des Hundes aus ſeinem Schlafe erweckt worden, genug, Ammi ſaß, als Martin mehr in dem Hinter⸗ grunde vorſchritt, ſtill vor ſich hinlächelnd auf ihrem Mooslager und ſpielte mit einem wie gediegenes Gold glänzenden Myrtenzweige, der mit Silber⸗ fäden umwunden zu einem Kranze geſchlungen war. Martin hob ſein Töchterchen zu ſich empor, es bewegt herzend und küſſend und frug endlich, wie es hereingekommen und was mit ihm geſchehen ſei. „Ja,“ ſagte die Kleine,„wie die Mutter mir auftrug, die Ziegen zu ſuchen und heinzutreiben, —————=zgͤ—— Karl Guſtav Meyer: Die ſchöne Waldfee mit den Gluthaugen. 36⁵ da bin ich lange, lange herumgegangen, ohne die Thiere zu finden, und ſchon kam das Wetter nä⸗ her, ich fürchtete mich und fing an zu weinen, da kam ein kleines Weibchen zu mir und meinte, ich ſollte nur ruhig ſein; dann führte ſie mich hier in die Höhle hinein, wo noch viele ſo kleine Weib⸗ chen und Männchen waren, mit welchen meine Führerin einige Worte ſprach, worauf ſich mehrere entfernteu, und es dauerte gar nicht lange, ſo brachten dieſe die Ziegen. Sie haben mir Eſſen geboten, ſchöne gelbe und rothe Aepfel gegeben und ſüße Beeren; als es aber ſo viel donnerte und blitzte und ganz Nacht ward und der Wind ſo heulte, da fing ich wieder an zu weinen und wollte nach Hauſe. Da kam dort aus der Felſenwand heraus eine ſchöne kleine Frau ganz weiß angezo⸗ gen mit einem Goldkrönchen im aufgelöſten Haar und einer weißen Blume in der Hand, die hell leuchtete und ſchimmerte, auf mich zu, führte mich hieher zu der Moosbank und gab mir dieſes Kränz⸗ chen, mit welchem ſie mich ſpielen hieß. Aber müde wie ich war, mag ich bald eingeſchlafen ſein; wohl hörte ich im Schlafe ſüße Lieder und weiche Cither⸗ töne, wohl ſah ich mit halboffenen Augen die klei⸗ nen Männchen und Weibchen, aber dunkel erinnere ich mich alles deſſen nur und bin herzlich froh, daß Du nun gekommen biſt, mich heimzuholen zur Mutter und Großmutter.“ Und als ob die Ziegen von dem Entſchluſſe den Heimweg anzutreten gewußt hätten, ſo erhoben ſich die Thiere und trabten von Phylax begleitet längs des nun ruhig dahinrieſelnden Wildbaches der heimiſchen Hütte zu, ohne daß Martin, wel⸗ cher ſein Töchterchen an der Hand führte, nöthig gehabt hätte, ſie durch Wort oder That. in Ord⸗ nung zu halten oder anzutreiben, und bald ſchim⸗ merte den Heimkehrenden die freundliche Waldhütte entgegen, aus deren Fenſtern das zitternde Licht der Lampe entgegenſtrahlte als Beweis, daß die ſorgſame Mutter noch ängſtlich ihrer harrte. Und als Phylax vorausſpringend durch lautes Gebelle nun ihre Ankunft meldete, da knarrte die ohnehin nur halbangelehnte Thür und die Mut⸗ ter ſprang mit freudigem Rufe dem ihr entgegen⸗ eilenden Kinde zu, während die Großmutter auf ihre Krücke geſtützt an die Schwelle ſich lehnte. „Wußt' ich's doch, daß ſie ungefährdet heim⸗ kehren würden,“ ſagte die Alte;„ſiehſt Du denn nicht dort in der Lichtung ihre Beſchützer? Zwar iſt mein Auge ſchon ſchwach und blöde vor Müh⸗ ſal und Alter, aber dennoch erkenne ich deutlich die Geſtalten der Erdmännchen und ihrer kleinen Weib⸗ chen, die nun, da ſie ihr Rettungswerk vollbracht haben, wieder heim ziehen in ihre Felſenklüfte. Seit lange her, ich hörte es ſchon von meinen Urahnen erzählen, ſeit lange her ſtehen alle Glie⸗ der unſerer ſeit undenklichen Zeiten hier wohnenden Familie unter dem beſonderen Schutze der Gno⸗ men, vor allen aber die unſchuldigen Kinder.“ Und in der That erhoben ſich ringsum auf der ganzen Thalfläche gleich kleinen Wölkchen dun⸗ ſtige Geſtalten, die in ihren äußern Umriſſen menſch⸗ lichen Formen ähnlich, ſchwankend über die Ebene huſchten und ſich im niedern Knieholze verloren. Unverkennbar waren dieß die kleinen Leute, welche bis hieher die Heimgekehrten ſchützend geleitet hat⸗ ten und nun, nachdem ihre Sendung erfüllt, in ihre unterirdiſchen Wohnungen zurückkehrten. „Sieh nur, Großmütterchen,“ rief des andern Morgens Ammi dieſer entgegenſpringend,„ich habe geſtern vergeſſen Dir dieß Kränzchen zu zeigen, welches mir die ſchöne kleine Frau mit dem Gold⸗ krönchen zum Spielen gab, als ich mich fürchtete!“ Und das Kind reichte der Alten einen mit Gold⸗ und Silberfäden durchzogenen und umwun⸗ denen Myrtenzweig heiter lächelnd hin, ſich des in der Morgenſonne funkelnden Kranzes erfreuend; aber ernſter wurde der Greiſin Auge, als ſie die⸗ ſen näher betrachtete. Eingeweiht in die von ihren Altvordern überkommenen Geheimniſſe, er⸗ kannte ſie deſſen Bedeutung und Martin und ihre Tochter zur Seite ziehend, ſprach ſie: „Wahret eurem Kinde dieſes Kleinod, das unſchätzbare Geſchenk der hohen Elfenkönigin. Ein Blättchen dieſes Myrtenzweiges abgeriſſen und in die Felſenſchlucht geworfen, ruft augenblicklich Hilfe in jeder Gefahr; aber Wehe, namenloſes Wehe droht dem Mädchen, wenn der Goldſtreifen ſeinen Schim⸗ mer verlieren ſollte; hält ſich aber der Kranz in ungeſchwächter Friſche bis zu jenem Tage, wo dieß Geſchenk als Brautkranz Ammii's Haar einſt ſchmü⸗ cken wird, dann iſt des Mädchens Zukunft geborgen!“ Jahre waren ſeit dieſer eben erzählten Bege⸗ benheit verſtrichen, das alte Großmütterchen geſtor⸗ ben, Ammi emporgewachſen zur lieblich erblühten Jungfrau, die mit dunkelflammendem Auge träu⸗ meriſch in das Waldleben blickte, ſtill und unge⸗ kannt wie eine Blume in der Waldestiefe— un⸗ wenn in einſamer Waldſchlucht der in den Berged herumſtreifende Jäger dem lieblichen Kinde begegn nete, da gemahnte es dieſen wie eine höhere Er⸗ ſcheinung, die da herabgeſtiegen ſchien von ihren lichten Sonnenhöhen den armen Sterblichen durch ihren Anblick zu beglücken. Ammi, die Tochter Martin's, des Köhlers in der Thalſchlucht bei Dubſchan, ward in der ganzen Gegend„die ſchöne Waldfee mit den Gluthaugen“ benannt. Da traf es ſich, daß einſt inmitten des dich⸗ teſten Waldes, der in jener Zeit die nördliche Ab⸗ dachung des Burgberges noch bedeckte, dort wo ungeheure Felſenblöcke die Thalſchlucht beengen, ſich die ſchöne Waldfee mit den Gluthaugen unter der großen Eiche am Wildbache niederließ. Indem ſie ſinnend in den vorüberrauſchenden Bach blickte, warf ſie ſpielend eine der gepflückten Glockenblumen nach der andern hinein und hob nur dann das Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. geſenkte Köpfchen, wenn ſcheu im nahen Gebüſche irgend ein Waldvogel aufflatterte, geſchreckt durch das Knattern der Aeſte, die ein durchbrechendes Edelwild im eiligen Laufe niedergebogen. Und wie Ammi ſo hinüberblickte über die engbegrenzte Fläche, dort in der Richtung, wo ein breiter Durch⸗ hau bergaufwärts führt, da kam von oben ein Jä⸗ gersmann herabgeſchritten, deſſen läſſig umgehängte Wehr und Waffe im Abendgolde ſchimmerte. Mit luſtigen Sprüngen umkreiſte ihn ſein Hund, deſſen lautes Gebell die weidenden Ziegen aus der ge⸗ wohnten Ruhe auſfſchreckte, ſo daß dieſe furchtſam ſich zu ihrer Herrin flüchteten. Das Gekniſter des Laubes, das unter den ſcheuen Sprüngen der er⸗ ſchrockenen Thiere aufrauſchte, mochte die Aufmerk⸗ ſamkeit des Herabkommenden erregt haben, denn unverkennbar lenkte der Weidmann ſeine Schritte auf Ammi zu, die ſich erhoben hatte und ihre Lieblinge liebkoſend zu beruhigen ſuchte. „Kannſt Du mir wohl den Weg nach Egger⸗ berg zeigen, Mädchen?“ rief die klangvolle Stimme des Nähergekommenen;„ich bin fremd in der Ge⸗ gend und möchte heute noch in die Burg!“ „Nein, lieber Herr,“ erwiederte Ammi etwas befangen,„ich ſelbſt bin noch nicht ſo weit gekom⸗ men; doch mein Vater wird Euch ſicherlich Be⸗ ſcheid geben.“ „Und wer und wo iſt Dein Vater?“ entgeg⸗ nete der Fremde, indem er den ſchmalen Wildbach überſprang und nun ganz in ihrer Nähe war. „Martin, der Köhler dort unten in der Waldhütte; ich bin eben im Begriffe meine Ziegen heimzutreiben, und wenn Ihr Euren Hund, vor welchem ſich die Thiere ſcheuen, ankoppeln und mit mir gehen wollt, ſo wird mein Vater Euch gerne ein Stück Weges geleiten.“ Mit Freuden willigte der Fremde in der Jung⸗ frau Begehren, die bei jeder weiteren Frage des⸗ ſelben erröthete, ſo daß dem Fremden ſelbſt dieſe ängſtliche Befangenheit auffiel. „Und wie nennt man Dich, ſchönes Kind?“ frug endlich der Weidmann wieder, nachdem er lange mit innigem Wohlgefallen ſie angeblickt hatte. „Ammi heiße ich; ſeht dort an des Waldes Ecke ſchimmert uns ſchon die Hütte entgegen und dort iſt auch mein Vater, der eben Wurzeln und Geflechte zu einem neuen Meiler zuſammenſchlichtet, und auch die Mutter, die unweit davon Gras mäht.“ Mit dieſen Worten ſprang Ammi vorwärts den eben aufblickenden Eltern entgegen, die ſich nicht genug wundern konnten, wie ein ſo ſtattlicher Fremder ſich in ihre Waldesabgeſchiedenheit ver⸗ irrte, aber freundlich dieſem entgegenkamen und dienſtwillig nach deſſen Begehren frugen. „Lutko von Neudörfl bin ich, ein naher Verwandter des Eggerberger's da drüben, und will dieſen heimſuchen in ſeiner Burg ohne alles Geleite; da habe ich mich, weil gänzlich fremd und zum erſten Male in dieſer Gegend, dort oben im 7 Haue verirrt. Wollt Ihr mir wohl den Weg zei⸗ gen nach Eggerberg?“ „Recht gerne, edler Herr!“ erwiederte Mar⸗ tin und ſprang in die Hütte, um ſich der Beglei⸗ tung des hohen Herrn gemäß anzuziehen, reinigte das berußte Geſicht, brachte den zerrauften Bart etwas in Ordnung und war bald im reinlichen Wamms angethan, der Führung gewärtig. Lutko aber beeilte ſich eben nicht und der Köhler mußte ihn ſchließlich aufmerkſam machen, daß die Sonne bereits tiefer geſunken ſei. Lutko war der Erbe von Eggerberg und wurde als ſolcher, als der alte Freiherr ſich bald darauf zu ſeinen Vätern verſammelte, auch unbe⸗ ſtritten anerkannt. Täglich ſprach er nunmehr in der Köhleuhütte ein und immer inniger wurde ſeine Neigung zu dem ſchönen Kinde, das bald mit Herz und Seele an ihm hing. Doch blieb Ammi immer das un⸗ verdorbene liebe Naturkind, deſſen Seele ausgegoſ⸗ ſen lag in den dunklen Gluthaugen, die wie zwei funkelnde Sterne der Nacht unter dem dichten Ra⸗ bengelocke hervorſprühten, während das Madonnen⸗ geſichtchen im Gegenſatze zu dem blitzenden Auge ganz die Ruhe und Ergebenheit ausſprach, die der ſich ſelbſt unbewußten Unſchuld eigen iſt. Es war ein äußerſt heiterer Sommertag ge⸗ weſen. Die Sonne, ſchon ziemlich tief zur Rüſte gegangen, ſpann manchen rothen Faden zwiſchen dem dunklen Tannengezweig herein, daneben zog der Hänfling ſein Lied wie ein zweites dünnes Goldfädchen von Zweig zu Zweig. Die eben von Lutko und Ammi betretene Lichtung ſchwamm in mildem Dufte und verlor ſich gegen den Hori⸗ zont zu in den ſanftblauen Waldhauch, der drau⸗ ßen am Himmel lag, glänzend und ſchimmernd wie ſeine Schweſter: die Wolke!— Es liegt eine Unſchuld, ich möchte ſagen ein Ausdruck von Tu⸗ gend in dem von Menſchenhänden ſelten berührten Antlitze der Natur, welches die Seele ergreift als etwas Keuſches und Göttliches;— und doch iſt wie⸗ der es die Menſchenſeele allein, die all' ihre innere Größe hinaus in das Symbol der Natur legt. Inmitten der Lichtung an einem Weiher ſtand gleichſam verloren eine Eſpe, deren glatte, wie Her⸗ zen geformte Blätter an den dünnen langen Stie⸗ len unaufhörlich erzitterten, obwohl kein Lüftchen rege war, ſo daß man nur das eintönige Sum⸗ men der Waldfliegen um die ſonnenheißen Baum⸗ ſtämme hörte. „Woher kömmt es nur,“ meinte Lutkd,„daß die Blätter der Eſpe nie ruhig ſind wie die der andern Bäume, ſondern immer erzittern und ſchwan⸗ ken? Du kennſt doch, Ammi, die Sprache der Wälder und Blumen, haſt Du nie die zitternden belauſcht, was ihr Säuſeln bedeute?“ „Zwar bin ich im Walde aufgewachſen und Karl Guſtav Meyer: Die ſchöne Waldfee mit den Gluthaugen. 367 es ſpricht ſein Klingen und Singen mich ſo trau⸗ lich, das Rauſchen und Knarren der Bäume ſo vertraut an, aber die Sprache der Wälder und Blumen, wie Du ſagſt, Lutko, die verſtehe ich nicht,“ erwiederte lächelnd Ammi;„aber meine Großmutter erzählte mir, daß, als der Herr noch auf Erden wandelte, ſich alle Bäume vor ihm neig⸗ ten, nur die Eſpe nicht, darum wurde ſie geſtraft mit ewiger Unruhe, daß ſie immer erſchrickt und zittert wie der ewige Jude, der nie raſten kann.“ „Immer berufſt Du Dich auf Deine Groß⸗ mutter,“ fiel ihr Begleiter ein,„woher erfuhr es denn dieſe, da doch auch ſie ſo wenig wie Du aus dem Walde hinauskam?“ „Ja, zu der Zeit, als die Großmutter ihre Jugend durchlebte, war hier in unſern Wäldern eine andere, gaͤnz andere Zeit, da verſchmähten noch die Erdmännchen und Erdweibchen nicht in der Nähe der Menſchen zu wohnen, und die win⸗ zigen Dinger ſchafften und halfen im Hauſe und Felde und die Wirthſchaft gedieh und Alles war in Hülle und Fülle, bis die überklug ſein wollen⸗ den Menſchen ihre Kiſten und Kaſten verſperrten, den kleinen Leuten ihr tägliches Gericht entzogen, ihrer Macht ſpotteten und ſie verlachten: da ſind ſie fortgezogen aus ihren Wohnungen in Felſen und Klüften, und mit ihnen wanderte der Segen und das Gedeihen fort. Nur einmal im Jahre noch kommen die Erdmännchen wieder, werden den Reinen ſichtbar und feiern dort in der Höhle durch Spiele und Tänze ihre Feſte. Als Kind war ich einmal dort in der Höhle eingeſchlafen, da ſah auch ich mancherlei wie im Traume von ihrem Thun und Treiben, und ich trage ſeit der Zeit in dieſer kleinen Kapſel ein Geſchenk der Gnomenkönigin, von welchem mein Wohl und Wehe abhängen ſoll.“ „Dieſe Kapſel da an Deinem Halſe,“ meinte lächelnd Lutko,„die ſoll ſolche Wunderkräfte beſi⸗ tzen? Bin ich doch neugierig ſie kennen zu lernen!“ Aber Ammi wehrte den Neugierigen, der ſchon frevelnd die Schnur ergreifen wollte, mit vor⸗ geſtreckter Hand ab, das Band zerriß und das Ge⸗ fäß fiel mit hellem Klingen zu Boden. In dieſem Augenblicke begann von Seite der Höhle her ein Brauſen durch den Föhrenwald, Nebelgebilde in wunderlicher Form huſchten über und zwiſchen dem Felſengetrümmer am Waldesſaum, laut auf ſprudelte das Gewäſſer des ſonſt ſo ruhi⸗ gen Weihers und wunderbare Stimmen tönten dro⸗ hend durch das Rauſchen des Waldes, dunkler wurde der noch vor einer Minute ſonnenhelle Him⸗ mel, nur ein Plätzchen erglänzte und ſchimmerte wie Sternenlicht zwiſchen den Felſen und dort— lag die entfallene Kapſel. „Siehſt Du nun der Unſichtbaren Macht!“ rief Ammi, ihr Kleinod raſch wieder aufhebend. „Du ſchwörſt mich zu lieben und willſt mich ver⸗ derben?“ Und ſchnell das geriſſene Band wieder um die Kapſel ſchlingend, ſtand das Mädchen hoch aufgerichtet vor dem Erſchrockenen, den es da be⸗ dünkte, als hielte eine weißgekleidete bleiche Frau mit einem Goldkrönchen im aufgelöſten Haare ihre ſchützende Hand über das wiedergefundene Kleinod. Lutko erkannte nun, unter welchem mächti⸗ gen Schutze die ſchöne Ammi ſtand. Es befeſtigte das heutige ſo wunderbare Ereigniß in ihm den Entſchluß, das einfache Köhlermädchen als ſeine Gattin heimzuführen. Nur wollte er vorerſt ſeine Burg Eggerberg, die, von ihrem vorigen Beſitzer vernachläſſigt, bedeutend verfallen war, würdig zum Empfange ſeiner Braut vorrichten laſſen, und darum traf er hiezu alle Vorbereitungen. Aber eben ſo wie die Mächtige in der Fel⸗ ſenſchlucht bei Dubſchan, an deren Kraft er einmal gezweifelt, ſchnell und wunderbar ihn von ihrer Gewalt über die Naturkräfte überzengt hatte, ſo ſchien auch dieſe itzt ſeine geheimſten Gedanken er⸗ rathen zu haben, denn ehe noch von Menſchenhand der Umbau der Burg begonnen wurdo, ſtand dieſe eines Morgens fertig und glänzend in den Strah⸗ len der aufgehenden Sonne zum Staunen ihrer Bewohner auf der Bergesanhöhe! Niemand hatte die unbekannten Bauleute geſehen, Niemand deren geheimnißvolles Wirken und Schaffen gehört, und doch ſtanden felſenfeſt deren gewaltige Mauern und ihre Thürme ragten ſo kühn in die Wolken hinein, daß es dem Auge ſchwindelte bei ihrem Anblick. Niemand konnte ſich das Wunder dieſes Rieſen⸗ baues erklären, nur Lutko der Burgherr wußte es und die ſchöne Ammi, die er nun heimgeführt als ſeine traute Hausfrau in die glänzenden Ge⸗ mächer. Und als der erſte Sproſſe dieſer glücklichen Ehe geboren war und Lutko um Mitternacht in einem Zuſtande zwiſchen Schlaf und Wachen in ſeinem Gemache lag, da hörte er anfangs ein fer⸗ nes Summen und Klingen, und wie er ſich auf⸗ richtete und aufmerkſam ward, da erfüllte ein mat⸗ ter Lichtglanz das Gemach, das Getäfel der einen Seitenwand öffnete ſich geräuſchlos und ein langer Zug winzig kleiner Männlein und Weiblein, voran eine weißgekleidete, mit einer Goldkrone geſchmückte Geſtalt, glitt unhörbar über das Zimmer und be⸗ wegte ſich dem Bette zu, leiſe Klänge eines Liedes durchbebten den Raum und die Goldgekrönte ſtellte ein kleines Gefäß auf das neben dem Bette ſte⸗ hende Tiſchchen, gefüllt mit glitzernden Cdelſtei⸗ nen und hell ſchimmernden Perlen, wobei die weich gehaltenen Töne des Liedes an Lutko's lauſchen⸗ des Ohr erklangen: „Ich ſehe Dein Geſchlecht ſich mehren, An Tugend wie an Ehren reich; Doch nimmer werd' ich wiederkehren, Drum lebet wohl, ich ſegne Euch!“ Und bewahrheitet hat ſich der Segen der ſchei⸗ denden Gnomenkönigin, die Sproſſen Lutko's und Ammi's wuchſen kräftig auf zu tapfern Männern 368 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ihrer Zeit, ähnlich an Ritterlichkeit dem Vater und an Schönheit und Herzensgüte der Mutter, der ſchönen Waldfee mit den Gluthaugen aus der Thal⸗ ſchlucht bei Dubſchan, ſtets noch grünt der Myr⸗ tenkranz und glänzen deſſen Gold⸗ und Silberfä⸗ den, das ehrwürdig bewahrte Geſchenk ihrer Urahne, und noch ruht ſichtlich die ſchützende Hand auf dem Geſchlechte der Eggerberge. Skizzen aus dem Rheingau. Von Paul Ftein. (Fortſetzung.) anz nahe am Ufer des Rheines erhebt ſich auf einer Gartenterraſſe das Biebricher 8 Se von Naſſau. Dieſes Gebäude erſcheint mehr 2 durch ſeine wundervoll ſchöne Lage impoſant, o als durch ſeinen Bauſtyl, der weder ge⸗ ſchmackvoll noch großartig iſt. Die Mitte des Schloſſes bildet ein Rundbau mit einer halbmond⸗ förmigen Doppeltreppe, den zu beiden Seiten ſchmale Galerien mit den Seiten⸗Pavillons verbinden, von wo aus wieder Seitenflügel weiter laufen. Dieſe und noch mehr die Pavillons enthalten koſtbar ein⸗ gerichtete fürſtliche Wohnungen im feinſten, reichſten und eleganteſten Geſchmacke, der beinahe um den Preis mit der Schönheit der umgebenden Natur wetteifern zu wollen ſcheint, und dieſen Aufenthalt zu einem unendlich reizenden, ja wahrhaft feen⸗ artigen macht. Hinter dem Schloſſe breitet ſich der große Park aus, den wir für einen der anmuthigſten von ganz Deutſchland erklären. Die großen Glashäuſer des Wintergartens mit ihren koſtbaren ſeltenen Pflanzen, ihrer farbigen Blumenwelt, den verſteckten Vogel⸗ bauern, und an die tropiſche Zone erinnernden Plätzchen, ſind weit und breit berühmt; doch uns ſeſſelt weit mehr der grüne Park mit ſeinem blauen Himmelsdache und ſeiner reinen erquickenden Luft. Er iſt ſo friſch, dieſer Garten, ſo einfach geſchmack⸗ voll, und doch ſo mannigfaltig, ſo blumen⸗ und waſ⸗ ſerreich, hat ſo liebliche trauliche Plätzchen, ſo luftige Pavillons, ſo prachtvolle Baumgruppen, ſo zierliche Gebüſche und ſo großartige Alleen, daß man ihn immer wieder mit neuer Freude und neuer Ueber⸗ raſchung durchwandelt. Tritt man aus der alten, majeſtätiſchen Kaſtanienallee, ſo überraſcht uns ein kleiner See, von ſaftigen Raſen umfaßt, und drüben an ſeinem Ufer die epheuumrankte Ruine einer alten Burg. Sie iſt keine nachgeahmte Spielerei, wie man ſie zuweilen in großen Anlagen findet und belächelt; es iſt eine uralte Burg, Mosburg genannt, in der ſich ſchon im Jahre 874 Ludwig der Deutſche einige Zeit aufhielt. Die Ruine ſieht ſehr wohlerhalten aus, ja man bemerkt ſogleich hinter ihren umrankten, alterthümlichen Fenſtern ein leben⸗ diges Treiben, das unſere Aufmerkſamkeit erregt; — wir gehen raſch um den See, über die kleine Brücke, und finden uns vor einem eiſernen Gitter⸗ thore, das den Eingang verwahrt. Ein Diener in reicher Livree öffnet mit höflicher Bereitwilligkeit und zeigt uns zwei altersgraue Steinbilder und zwei merkwürdige Steine aus dem 13. und 14. Jahr⸗ hundert. Wir ſehen dieſe Alterthümer mit jenem Intereſſe an, das ſolche Ueberreſte längſt vergangener Zeiten auch bei denjenigen hervorrufen, die ſich ſonſt nicht allzu ſehr mit der Alterthumskunde befaſſen. Doch wie wird unſere Bewunderung lebhaft rege, wenn die Thüre ſich öffnet und wir in ein Bildhauer⸗Atelier eintreten, das der kunſtſinnige Herzog Adolf, der jetzt regierende Fürſt, gründen ließ. Aus ihr ging das ſchöne Grabmal der jungen Herzogin, ſeiner erſten Gemalin, hervor, welches ſich ſeit ſeiner Vollendung in der griechiſchen Kapelle auf dem Neroberge bei Wiesbaden befindet. Auch noch andere plaſtiſche Kunſtwerke, die jenen pracht⸗ vollen Tempel zieren, ſchuf hier der rege, ſinnige Geiſt und die fleißige Hand des leider für die Kunſt und das Vaterland zu früh dahingeſchiedenen Meiſters Hopfengarten, eines der talentvollſten Schüler des berühmken Rauch. Noch mehrere große Kunſtwerke hatte er theils vollendet, theils be⸗ gonnen, als der Tod ſeinen ſchöpferiſchen Genius der Welt entführte, und dieſen Ort ſeines Schaffens, dieſen romantiſchen Aufenthalt, dieſes einſame, ver⸗ ſteckte Kunſt-Atelier gleichſam zu ſeinem Grabmale machte. Nach der Anordnung des hochſinnigen Herzogs, welcher durch Hopfengarten hier eine Bildhauerſchule errichten ließ, wird jetzt unter anderer Leitung fortgearbeitet, doch kann man einer theil⸗ nehmenden, ſchmerzlichen Thräne ſich nicht erwehren, wenn man des jungen Künſtlers gedenkt, der ſo Großes hier ſchon vollendet, ſo Herrliches begonnen, und mitten aus ſeinem beſten Wirken in der vollſten Manneskraft abberufen wurde. Das Dorf Mosbach grenzt umweit von die⸗ ſer alten Burg an den Schloßgarten; neben dieſem läuft eine lange Straße hin, welche beide Orte durch eine Hänuſerreihe verbindet. Nur eine Stunde weiter, und wir haben Wies⸗ baden erreicht, dieſen berühmteſten Badeort Deutſch⸗ lands, mit ſeinen alten heilſamen Quellen und den gefährlichen grünen Tiſchen der Neuzeit. Aber wir wollen in dem Rheingaue bleiben, zu dem dieſe Stadt auch in den älteren Zeiten nie gezählt wurde. Zwar dürfen wir es mit der politiſch⸗topografiſchen Lage des Rheingaues nicht allzu ſtreng nehmen, denn der einſt ſo große Gau, welcher ſich ſelbſt weit an den Ufern des Mains ausdehnte, über den hohen Taunus reichte und auf das linke Rheinufer hin⸗ überſprang, iſt jetzt in ſehr viel engere Grenzen zuſammengezogen, und wir wollen, wenn uns die — — h———— — ————-—.,—————— — ine ſieht Jljate n leben⸗ erreßt; kleine Gitter⸗ ſe kl. Pne in willigkeit und zwei 4. Jahr⸗ t jenem ſich ſonſt befaſſen. lebhaft ir in ein aſtſinnige gründen r jungen welches n Kapelle et. Auch n pracht⸗ „ ſcuni ige für die ſchiedenen ntvolſſten — ver⸗ Grabmale cſinnigen hier eine er anderer ner theil⸗ erwehren, , der ſo begonnen, er vollſten von die⸗ en dieſem Orte durch ben Wies⸗ t Deutſch⸗ und den b ber wir dem dieſ blt wurde. ografſchen men, b demnn ſt weit al den hohen nufer hin⸗ Gren gen n uns d Paul Stein: Skizzen aus dem Rheingau. 369 Wanderluſt etwa da oder dort über die Grenze zieht, nicht allzu gewiſſenhaft ſein; dieſe Freiheit doch ſchon erlaubt, konnten, und in Mainz und Biebrich einkehrten. Wiesbaden aber ſoll uns nicht verlocken zu einer Ab⸗ haben wir uns als wir an dem Vill as, licher neuer Häuſer, umgeben von prachtvollen welche der Adel der benachbarten Städte im Sommer belebt, gibt zuſammen ein allerliebſtes wetnich Neuzeit, das gleich uns, der modernen Welt, der alte Vater Rhein mit freudeſtrahlendem maleriſchen Punkte Oppenheim nicht vorüberkommen 8 Gemiſch von intereſſanter Alterthümlichkeit und an⸗ 2 ſchweifung. Es bietet gar zu viel Erzählenswerthes, gar zu Mannigfaches durch ſeine romantiſche Umgebung ſowohl, wie auch durch ſein bewegtes, wechſelvolles Badeleben, und durch ſeine Bedeu⸗ tung als Winterreſidenz, daß wir fürchten, dort ſobald nicht wieder los⸗ zukommen, als unſere Zeit und auch der Raum dieſer Blätter von uns fordern. Wir kehren wieder nach Biebrich zurück, la⸗ ben uns in einem der großen ſchönen Gaſthöfe am Ufer des Rheines, und wandern dann zu Fuß weiter unter den O Obſtbaumalleen, durch Wein⸗ gärten und Fruchtfelder über Schierſtein und Wal⸗ luf nach Eltwil, dieſer kleinen, einzigen Stadt des eigentlichen Rheingaues. Schon in alter Zeit hatte Eltwil das Stadtrecht, und war der bedeutendſte Ruine Klopp bei Bingen. Auge anſieht. len ſie aufſuchen. rudre uns hinüber, Werfen wir den Blick von Eltwil über den breiten Strom, ſo fällt uns etwas landeinwärts ein reizender Ort auf. Es iſt Niederingelheim mit ſeinen großen Erin⸗ nerungen. Die mächtige Geſtalt Karl des Gro⸗ ßen ſteht vor uns auf, und die Pracht ſeiner Hofhaltung dort, ſeine Feſte und Reichstage, ſein häusliches Glück und Leid, gar Vieles, was ſich in und um der berühmten Kaiſerpfalz zu Ingelheim zutrug. Doch was zeigt uns jetzt die Stätte, wo ſich ſo Hochwichtiges ereignet hat?— Wir wol⸗ Komme, freundlicher Schiffer, daß wir den Ort betreten, der einſt einen ſo berühmten Namen hatte, und ſehen, was aus der Vorzeit noch übrig iſt, und was uns Ort dieſes Gaues. Es wurde ſchon früh mit einer die Gegenwart jetzt dort bietet feſten Mauer umfaßt und eine Burg zu ſeinem Schutze erbaut. Die Erz⸗ biſchöfe von Mainz liebten dieſen Ort als Sommer⸗ aufenthalt und brachten ein regeres Leben dahin, als es ſich ſonſt in den Ortſchaften am Rheine fand; auch hielten ſich einige bedeutende Män⸗ ner hier auf. Der wich⸗ tigſte von Allen war Gu⸗ tenberg, welcher nach ſeinem unglücklichen Pro⸗ zeſſe mit Fuſt hier ge⸗ meinſchaftlich mit ſeinem Verwandten Heinrich Bechtermünz eine Buchdruckerei errichtete, aus der mehrere Werke herdygingen. Die Lage von Eltwil iſt beſonders Rheinſeite entzückend ſchön. eines alten Schloſſes mit vier Erkerthürmchen, ſo wie die ſpitz en Giebel alter Familienhäuſer, zwiſchen denen grüne Terraſſen hinlaufen, und die Stadt⸗ kirche mit ihrem hohen Thurme in mitten freund⸗ Erinnerungen. 1859. Der ſennstehen Thurm Rüdesheim. Wo einſt die große prächtige Kaiſerpfalzſtand, befindet ſich jetzt ein be⸗ ſcheidenes, ländliches Ge⸗ höfte. Ein runder Thor⸗ bogen iſt noch von ihr übrig, und eine von den hundert Marmorſäulen, die den alten Palaſt um⸗ gaben,— auch eine Ta⸗ fel aus rothem Sandſtein wird noch gezeigt mit folgender, kaum noch leſer⸗ licher Inſchrift in latei⸗ niſchen Lettern, welche alſo lautet: „Vor 800 Jahren iſt dieſer Saal des großen Keyſers Carlen nach ihm Ludwig des milden Key⸗ ſers Carlen Sohn im Jahre 1044 aber Keyſers von der Heinrichs und im Jahre 1 nigs in Böhmen Pallaſt geweſen und hat Keyſer Carlen der Große neben anderen gegoſenen Seyle dieſen Saal aus Ravenna anhero in dieſen Pallaſt man bei Regierung Keyſers Ferdinands der 2t undt Königes in Hispanien führen laſen welche 1360 Keyſers Carlen Kö⸗ 47 370 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Philipp der 4t nach deren Verordneter Hochlöbl Regierung in der unteren Pfaltz den 6. Aprilis Anno 1628 als der catholiſche Glauben wiederumb eingeführt worden iſt aufgerichtet Muniſterus in Hiſtoria von Ingelheim des Hr: Raeml. Reichs⸗ theil fol.. MDCLXXXIX.“ Eben ſo iſt noch einiges alte Mauerwerk übrig — ſehr geringe Gedenkzeichen ſo großer Pracht! Dem berühmten Saale von Ravenna gegen⸗ über befand ſich die Schloßkapelle, jert evangeliſche Kirche. Ein Theil davon ſcheint wirklich aus dem neunten Jahrhunderte herzurühren, während man deutlich ſieht, daß der größere Theil dem zwölften, und manches auch erſt dem vierzehnten Jahrhundert angehört. In dieſer Kirche befindet ſich ein ſehr alter Grabſtein, den man für den der Kaiſerin Hilde⸗ gard, der zweiten Gemalin Karl's des Großen hält, und deren rührende Geſchichte noch im Munde des Volkes lebt. Hier, ſo erzählt man, ſprach Karl das grauſame Urtheil über die von ſeinem Neben⸗ bruder, deſſen verbrecheriſche Liebe ſie zurückwies, ſchmählich verleumdete Hildegarde aus. Es ſollten ihr nämlich die ſchönen verführeriſchen, blauen Augen ausgeſtochen, und ſie dann hinge⸗ richtet werden; doch ein treuer Freund rettete ſie durch Muth und Liſt. Er entriß ſie ihren Henkern, ſtach einem Hunde die Augen aus und ſandte dieſe dem Kaiſer, der den Betrug nicht merkte und ſein Urtheil an ihr vollzogen wähnte. Den falſchen, verleumderiſchen Bruder erfaßte Reue, doch geſtand er ſeine böſe That nicht ein. Von Gewiſſensqualen gefoltert, wurde er krank und die Sehkraft ſeiner Augen erloſch. Er ſchloß ſich einem Zuge des Kaiſers nach Rom an, um dort die geſchickteſten Aerzte zu berathen, aber keiner wußte ihm Hilfe zu ſchaffen; da hörte er von einer wunderthätigen Frau, die ſeit einiger Zeit in Rom Kranke heile durch einfache Mittel und frommes Gebet. Er ließ ſich zu ihr führen, und ſie gab ihm nach kurzer Zeit das Licht ſeiner Augen wieder;— aber wie erbebte er, als ſein erſter heller Blick auf ſie fiel! Es war Hildegard— die durch ihn ſo grauſa⸗ mem Geſchicke verfallene Kaiſerin. Zerknirſcht ſank er zu ihren Füßen; doch ſie reichte ihnt verzeihend die Hand und befahl ihm zu ſchweigen. Kaiſer die Heilung ſeines Bruders erfuhr, theilte er es dem Papſte mit, und Beide beſchloßen, die wunderthätige fromme Frau zu ſehen, und ſchickten zu ihr; ſie ließ ihnen ſagen, am Altare zu St. Peter ſei ſie fürder zu finden. Der Papſt und der Kaiſer begaben ſich dorthin, und Karl erkannte mit ſchreckensvollem Staunen ſeine todtgeglaubte Gattin. Mit ruhiger Würde ſprach ſie von ihrer Unſchuld, und erzählte ihre wunderbare Rettung durch den treuen Freund. Karl ſah ſein Unrecht und ihre Unſchuld ein, flehte ſie um Vergebung Als der an, und gelobte, ſie zu rächen an ſeinem heuchleri⸗ ſchen Bruder. Doch ſie zeigte auf den Gekreuzigten, und ſagte:„Vergebet, ſo wird euch vergeben.“ Karl mußte an heiliger Stätte geloben, als guter Chriſt keine Rache zu üben. Der Papſt, gerührt durch Hildegard's Großmuth und frommen, chriſtlichen Sinn, ſegnete das wieder vereinte Paar; und der Kaiſer führte glückſelig ſeine Gemalin nach Deutſchland in ſein ſchönes Ingelheim zurück. Sie ſtiftete aus Dankbarkeit für ihre Errettung das Kloſter zu Kempten, einem kleinen Orte am Fuße des Rochusberges, ſtarb bald darauf in Karl's Armen und wurde in Ingelheim begraben. Auch war es hier in Ingelheim, wo ſich die bekannte hübſche Liebesgeſchichte von Eginhard und Emma zutrug, wo die Kaiſertochter den ge⸗ lehrten Geheimſchreiber, ihren zärtlich geliebten Lehrer, durch den friſch gefallenen Schnee über den Hof des Palaſtes trug, und von ihrem Vater be⸗ lauſcht wurde. Der trotzige, heldenmüthige Sachſenfürſt Witte⸗ kind beugte hier in Ingelheim ſein Knie vor dem mächtigen Karl; und unter ſeinem Sohne, Lud⸗ wig dem Frommen, wurde in der Ingelheimer Schloßkapelle der Dänenkönig Harold mit ſeiner Frau und ſeinen Kindern getauft. Ingelheim blieb noch lange Zeit ein Königs⸗ ſitz, verfiel dann ſpäter etwas und wurde im Jahre 1462 bei der unſeligen Fehde zwiſchen Adolf von Naſſau und dem Churfürſten von Mainz gänzlich zerſtört, und zeigt jetzt nur noch dieſe wenigen traurigen Ueberreſte alter Herrlichkeit. Eine Viertelſtunde von Niederingelheim ent⸗ fernt liegt auf einer Anhöhe Oberingelheim, wel⸗ ches noch jetzt alte Mauern umſchließen, die theil⸗ weiſe mit Thürmen verſehen ſind. Sehenswerth iſt dort die uralte Kirche mit ihren vielen Denk⸗ mälern, Grabinſchriften und bunten Fenſtern, auf denen die letzten Thaten Karl's des Großen dar⸗ geſtellt ſind; auch wird auf dem Rathhauſe noch der Turnierſattel dieſes mächtigen Herrſchers gezeigt. Die Lage beider Ingelheim iſt äußerſt anſprechend, beſonders jene von Oberingelheim ſehr romantiſch; auch hat man von dort eine entzückende Ausſicht über die ganze dießſeitige Umgegend ſowohl, wie über den Rhein mit ſeinen jenſeitigen maleriſchen Uferſtrecken. Viele reiche Privaten haben ſich in Ober⸗ und Niederingelheim angekauft, und man findet dort reizende Landhäuſer von großen ſchönen Gärten umgeben. Niederingelheim iſt ein freundliches, rein⸗ liches Städtchen, und wird von einem ſehr rührigen, muntern, meiſt Weinbau treibenden Völkchen be⸗ wohnt. Der rothe Ingelheimer Wein iſt weit und breit berühmt und gehört unſtreitig mit zu den beſten in- und ausländiſchen Rothweinen. Erquicken wir uns daran und gehen wir dann langſam den breiten grünen Thaleinſchnitt hinunter nach dem Rheine zu, wo unſer Schiffer in dem kleinen Nachen liegt und behaglich ſich von der Sonne beſcheinen läßt. Auf, guter Freund! Führe uns wieder hin⸗ über über den ſtolzen Strom! Wir wollen dann — 8 guter gerührt ommen, Paar; Demalin zurück. rctang Irte am rauf in egraben. ſich die „Lud⸗ lheimer ſt ſeiner m ent⸗ u, wel⸗ theil⸗ Paul Stein: Skizzen aus dem Rheingau. 371 ſeine Ufer auf kurze Zeit verlaſſen, und durch an⸗ muthige, ſchattige Thäler auf jene Höhen ſteigen, die ſo köſtliches Gewächs tragen, und einen ſo herrli⸗ lichen Blick über die Landſchaft verheißen. Wir kommen zwiſchen Eltwil und Walluf durch Weinpflanzungen, dann über Wieſengründe, von Laubdach überwölbt, in das fruchtbare Neu⸗ dorfer Thal, früher Martinsthal genannt, das ein klarer Bach, die Waldaffer, durchſchlingt. Der Flecken Neudorf liegt zu beiden Seiten dieſes Bergwaſſers und bietet außer ſeiner netten Lage, die ſich vom Thale aus zwiſchen Obſtbäumen aufwärts nach Rauenthal hinzieht, und dem guten Weine, der an ſeiner Anhöhe wächſt, nichts beſonders Bemerkens⸗ werthes. Es iſt ein alter Ort, wie beinahe alle Dörfer und Städte in der Nähe des Rheins, und beſaß früher ein Frauenkloſter, deſſen ſich in frü⸗ heren Zeiten die Induſtrie bemächtigte, wie dieß ſo häufig geſchah, als die Zeitverhältniſſe ſich um⸗ geſtalteten und dieſe from⸗ me Anſiedelungen nicht mehr recht hineinpaſſen wollten. Oberhalb Neudorf iſt Rauenthal. Dieſer Ort liegt weit höher als jener, und doch iſt es wieder eine Vertiefung, in der ſich ſeine Häuſer ausdehnen. Als der Boden hier herum noch mit Wäldern oder rohen Erzeugniſſen ange⸗ pflanzt war, mag auf der Höhe von Rauenthal ein kalter Wind geweht haben; nun aber findet die Sonne kein Hinderniß mehr, ihre heißen Strahlen in die gute fruchtbringende Erde einzuſenken, und ſie entlockt ihr ein Gewächs, das zu den edelſten des Rheingaues gehört. Der Rauenthaler Wein iſt ein Göttertrank und widerſpricht ſeinem verleumderiſchen Namen auf glänzende Weiſe. In Rauenthal tritt übrigens eine Eigenthümlichkeit der Weinkultur, die wohl nirgends ſich ſo ſcharf aus⸗ geprägt zeigt als im Rheingau, mehr hervor als an andern Orten, nämlich daß der Wein, der faſt auf derſelben Stelle, nur wenige Schritte auseinan⸗ der wächſt, aus derſelben Traubenſorte erzeugt wird und den ganz gleichen Boden zu haben ſcheint, doch häufig von ganz verſchiedener Qualität iſt. Ich frug einen alten Weingärtner nach der Urſache dieſes mir unbegreiflichen Unterſchiedes, doch der alte Mann wußte mir keine rechte Aufklärung darüber zu geben.„Es iſt eben ſo,“ ſagte er,„man kennt es ganz genau und ſondert den Wein.“ Ob es im Boden liege, oder in der verſchiedenen Richtung Rheinſtein. ſache, wußte er nicht.— Die Höhe, ein Viertel⸗ ſtündchen von Rauenthal entfernt, wo es ſich nach dem Rheinthale hinabſenkt, iſt einer der ſchönſten Punkte des Rheingaues und wird häufig zu Aus⸗ flügen größerer Geſellſchaften, oder zu einem loh⸗ nenden Spaziergange von den Badegäſten in Schlan⸗ genbad gewählt, das ein Stündchen abwärts von Rauenthal in einem waldigen Thalkeſſel äußerſt romantiſch liegt. Auf dieſer Anhöhe überſieht man ein bevor⸗ zugtes, ſchönes Stück unſerer Erdenwelt. Von dem breiten Silberbande des Rheins durchzogen, erblickt man durch weite Ebenen, von Bergen umſchoſſen, den Odenwald wie einen lichtblauen Streifen, der ſich an den fernen Höhen bei Heidelberg verliert, den Taunus mit ſeinen prachtvollen Wäldern ganz in der Nähe, und dort jenſeits die Thürme von Mainz, vergoldet von der Morgenſonne Strahl. Die Him⸗ melskönigin ſteigt eben empor, leuchtet uns über die Landſchaft und zer⸗ theilt den dichten Schleier, der ſie noch einhüllte; es glänzt und ſchimmert überall in zartem Roth und lichtem Blau, und goldene Funken ſprühen auf den Bäumen und dem niederen Buſch⸗ und Blät⸗ terwerk; in dem Rheine funkelt es wie tauſend und aber tauſend Brillanten, und wir wenden geblendet von ſolcher Pracht das Auge rückwärts, da fällt es auf ein idylliſches Dörf⸗ chen, das noch im Schat⸗ ten ſeiner Wälder ſchläft, deren höchſte Spitzen eben erſt die Sonne küßte. Der Blick ruht auf dieſem einfachen Gemälde aus und ſtärkt ſich an ſeinem friſchen Grün zur weiteren Reiſe ſtromabwärts. Wie wimmelt es da von la⸗ chenden Dörfern, von reichen herrlichen Landhäu⸗ ſern, von Schlöſſern an Hügeln und Bergen, von altersgrauen Ruinen, herrlichen Feldern, Wein⸗ und Obſtpflanzungen! Andächtig ſtaunen wir dieſen herr⸗ lichen Gottestempel an, den der blaue Himmel überwölbt, an dem die Sonne, dieſe ſtrahlende, ewig ſegenbringende Lampe, ſchwebt. Jetzt wird es lebendig rings um uns her, die fleißigen Landleute treten mit fröhlichem Geſange in die Hallen dieſes weiten Domes, die Vögel flattern umher, wiegen ſich in den Zweigen und trillern ihre jubelnden Dankeslieder aufwärts in den lichten Aether,— dort zieht eine Herde Schafe vorüber, ein ſchwarzer Hund umſpringt ſie in luſtigen Sätzen, der Hirt ſtößt in ſein ſchmetterndes Horn, und ein helles der Sonnenſtrahlen, oder ſonſt einer beſonderen Ur⸗ munteres Brüllen antwortet ihm als Echo darauf. 47* 372 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Uns ſcheint dieß Alles wie ein Morgengruß dem Schöpfer dieſer herrlichen Welt, und unſer Herz ſtimmt freudetrunken und dankerfüllt mit ein. Zunächſt am Fuße dieſer Anhöhe liegt Erbach, dann Oeſtrich, weiter abwärts Hattenheim, Kidrich, Winkel, Geiſenheim, Fibingen und noch mehrere freundliche Ortſchaften, zwiſchen ihnen einzelne Höfe, theils frühere Klöſter, theils Ueberbleibſel ehemali⸗ ger kleiner Flecken und Trümmer alter Burgen, von welchen die noch umfangreichen, ziemlich erhal⸗ tenen Ueberreſte der alten Burg Scharfenſtein am bedeutendſten hervortritt. Das Kloſter Marienthal liegt verſteckt in einem reizenden Thälchen; von ſeiner gothiſchen Kirche iſt das Dach eingeſtürzt, doch wird ſie hie und da noch zum Gottesdienſte benützt. Zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts befand ſich hier eine Buchdruckerei, welche einige ſeltene Werke lieferte. Zu Anfang des ſiebenzehnten Jahrhunderts nahmen die Jeſuiten dieſes Kloſter wegen ſeines wunderthätigen Marienbildes in Beſitz; es brannte aber bald darauf ab und wurde nie wieder ganz hergeſtellt. Zahlloſe Nachtigallen um⸗ ſchwärmen dieſen alten einſamen Ort und ſingen ſüße Liebesmelodien auf ſeinen verfallenen Mauern. Der Urſprung aller dieſer Orte am Rheine hier, wie weiter auf⸗ und abwärts datirt ſich aus den älteſten Zeiten her, ja viele ſind ganz unſtreitig ſchon unter der römiſchen Herrſchaft entſtanden. Bei Winken hatten die Römer große Weinlager, und man kennt noch jetzt den römiſchen Weinkeller, wel⸗ chen Erzbiſchof Hraben im neunten Jahrhundert zu ſeinem eigenen Gebrauche wieder herſtellen ließ. So findet man auch noch bei Bretzenheim unweit Mainz den ſogenanuten Heidenkeller aus den Römerzeiten. Wenn Alterthum adelt und den Werth erhöht, ſo können ſich die meiſten rheiniſchen Dörfer mit den älteſten Stammbäumen meſſen, denn aus ihnen entſtanden nach und nach die Patrizier⸗ und Ritter⸗ geſchlechter. Zwiſchen Hattenheim und Geiſenheim erhebt ſich der abgerundete Johannisberg mit ſeinem ſchönen Schloſſe und ſeinem koſtbaren Weine, das ſo be⸗ rühmte Beſitzthum des alten Fürſten Metternich. Der feurige Wein dieſes ſonnigen Berges ſtreitet mit Rüdesheim, Steinberg und Markobrunn um den erſten Rang, und dieſer Streit wird ewig un⸗ entſchieden bleiben, da jeder dieſer herrlichſten Weine ſeine beſonderen Vorzüge ſowohl, als auch unter den kompetenten Kennern ſeine beſonderen Lobredner hat. Der Johannisberg war, wie ſo viele bevor⸗ zugte Orte des Rheingaues, ein Kloſtereigenthum und ging dann ſpäter durch manche Hand, bis es in die ſeines jetzigen Beſitzers kam. Dem Kloſter Eberbach gehörte der berühmte Steinberg, deſſen koſtbare Exiſtenz man erſt nach der Aufhebung dieſes Kloſters entdeckte. In den prachtvollen Kellern dieſes ehemalig reichſten Klo⸗ ſters werden die größten Weinſchätze Deutſchlands, die herzoglich naſſauiſchen Kabinetsweine aufbewahrt, und wem ja das Glück wurde, ſie unterſuchen zu dürfen, der kehrte trunken und ſeelig aus den grauen Gewölben zurück. Dem Kloſter Eberbach muß man nachrühmen, daß es ein Sitz der Gelehrſamkeit, und auch der Humanität war, daß von ihm aus die Kul⸗ tur ſehr befördert wurde, und es im Rufe großer Wohlthätigkeit ſtand, überhaupt in vielen Beziehungen den erſten Rang unter den Klöſtern des Rhein⸗ gaues ſowohl im Mittelalter als auch in ſpäterer Zeit rühmlich behauptete. Seitwärts von Schloß Johannisberg liegt das Dorf Johannisberg in einer Vertiefung. Es ſoll früher eine Kolonie dieſes Kloſters geweſen ſein, iſt aber jetzt ganz unabhängig von dem Schloſſe, und gehört wie dieſes zu Naſſau. Auch hier wächſt ein ſehr guter Wein, der nicht ſelten mit dem ſtolzen Namen: Berg Johannisberg in das Ausland ver⸗ ſandt wird. In neueſter Zeit wurde eine Kalt⸗ waſſer⸗Heilanſtalt hiekz errichtet, in Verbindung mit Kiefernadel⸗ und Dampfbädern, Elektrizität und Heilgymnaſtik. Ob die Badegäſte dem verführeri⸗ ſchen Reize des herrlichen Johannisberger wohl immer widerſtehen können?— Die Verſuchung dürfte für Viele allzu groß ſein!— Hattenheim und Geiſenheim ſind zwei ſchöne freundliche Flecken am Fuße des Johannisberges; man findet auch in ihnen noch kleine Ueberbleibſel alter Burgen, doch bieten ſie nichts beſonders Be⸗ merkenswerthes. Geiſenheim liegt dicht am Ufer des Rheines, zwei Inſeln gegenüber, welche dort den Strom in zwei Hauptarme theilen. Man nennt ſie die Gie⸗ ſen, die große und die kleine Gieſe, und leitet den Namen Geiſenheim, urſprünglich Gyſenheim, davon ab. Die neue, in gothiſchem Style erbaute Kirche mit zwei Thürmen gibt dieſem Orte ein ungemein hübſches, ſtattliches Ausſehen, wie auch die großen freundlichen Häuſer Wohlſtand und heiteren Lebens⸗ ſinn bekunden; auch finden ſich zwei adelige Land⸗ ſite hier, wovon der bedeutendſte dem Grafen In⸗ gelheim gehört. (Schluß folgt.) Volkstrachten in Oeſterreich. IV. Die Zigeuner. enn wir in der Beſchreibung der öſterrei⸗ chiſchen Volkstrachten auch den Zigeunern ein Blatt widmen, ſo findet dieß in dem Umſtande ſeine Rechtfertigung, daß nächſt der Türkei unſer Vaterland die größte Anzahl dieſer orientaliſchen Gäſte be⸗ herbergt. Oeſterreich zählt unter ſeiner Bevölke⸗ rung über 149.000 Zigeuner, von denen auf Sie⸗ benbürgen 83.000, auf Ungarn 50.000, auf die ——— ngemein großer zſterrei⸗ igeunern in dem Volkstrachten in Oeſterreich. 373 Wojwodſchaft 13.000, auf Kroato⸗Slawonien 2000 entfallen. Der Vermuthungen, woher die Zigeuner ge⸗ kommen ſeien, gab es viele; ohne Zweifel ſind dieſel⸗ ben, was nach den neueſten Forſchungen ihre Sprache beweiſt, indiſche Stämme, die wahrſcheinlich durch die Verheerungen Timurs 1398 zur Auswanderung aus Indien bewogen wurden. Sie zeigten ſich unter eigenen Führern(Vajda) zu Anfang des 15. Jahr⸗ hunderts in Vorder⸗Aſien, 1416 in der Moldau, 1417 in Ungarn und Böhmen und in den nächſt darauf folgenden Jahren in der Schweiz, in Italien, Frankreich, Spanien und England. Der Name„Zigeuner“, den die Deutſchen mit „Zieh⸗Gauner“ in Verbindung brachten, wird ver⸗ ſchieden abgeleitet, nach Einigen ſoll er von Cziga⸗ nia, einer Provinz in Malabar ſtammen. Sie ſelbſt nennen ſich Romnitſchel, d. i. Menſchen⸗ kinder, Cales, d. i. ſchwarze Leute u. ſ. w. In Frankreich nennt man ſie Egypter oder Böhmen, erſteres wohl daher, weil ſie ſich anfangs für Egypter ausgaben, die zur Strafe für die der hei⸗ ligen Familie verſagte Gaſtfreundſchaft zu ewiger Wanderung verdammt wären, letzteres, weil man ſie lange für böhmiſche Huſiten hielt. Die Eng⸗ länder nennen ſie gleichfalls Egypter, die Ungarn das Volk Pharao's. Der Körperbau der Zigeuner iſt orientaliſch, ſchlank und meiſt mittelgroß. Die Bewegungen ihres Körpers ſind überaus gewandt, ihre Schritte elaſtiſch. Die Hautfarbe iſt ſchön goldfarben, braun⸗ gelb, oft olivenfarben; die Augen ſind lang geſpal⸗ ten, tief ſchwarz, von langen Wimpern geſchützt, ihre geringelten Haare gewöhnlich ſchwarz und in der größten Unordnung. Es iſt unrichtig, wenn man behauptet, daß es nur ſchwarzhaarige Zigeu⸗ 374 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ner gebe; man kann in Ungarn Zigeuner mit ſchö⸗ nen blonden Haaren und lichten Augen bei tief ſchieden. goldbrauner Hautfarbe und vollkommen reinem Zi⸗ geunertypus ſehen. Die Mädchen beſitzen oft ſehr viel Liebreiz, doch verblühen ſie raſch. Die Bekleidung der Zigeuner iſt ſehr verſchie⸗ den. In Ortſchaften, wo ſie feſten Aufenthalt haben, kleiden ſie ſich wie das dortige Landvolk, doch hän⸗ gen ſie auch da gar gerne noch einen rothen Fetzen um, da ſie dieſe Farbe überaus lieben. Namentlich ſind aber bei den herumziehenden Banden viel bunte und rothe Stoffe zu ſehen, die häufig zu Kopfbe⸗ deckung, Gurt, Schürze und Schärpe verwendet werden. Von maleriſchem, wirklich überaus inter⸗ eſſantem Ausſehen ſind blos die herumziehenden Zigeuner, deren Kleidung in hohem Grade originell iſt, da ſie bei der Wahl derſelben ganz ihrem eige⸗ nen Geſchmacke folgen. Wie beliebt bei ihnen die rothe Farbe iſt, geht ſchon aus dem Umſtande her⸗ vor, daß„roth“ ihnen ſo viel als„lieb und werth“ bedeutet. Dem Reiſenden z. B., welchen ſie an⸗ betteln, rufen ſie ſchmeichelnd zu: dervene panàèbku (rothes Herrchen). Bis zu 10 Jahren laſſen ſie ihre Kinder nackt gehen, und binden ihnen höchſtens zur Erwärmung— einen Strick um den Leib. Auch die Erwachſenen trifft man oft bis zur Hüfte bloß, ganz abgeſehen von den unwillkürlichen Blößen, welche die meiſt verwahrloſte und zerlumpte Klei⸗ dung läßt. Daß die Zigeuner bei dieſem ihrem Naturzu⸗ ſtande frühzeitig abgehärtet werden, läßt ſich begrei⸗ fen. Sie halten im Freien ſelbſt bei ſtrenger Kälte aus; ich habe ſie bei 21 Grad Kälte im Walde übernachtend gefunden. Sie zünden dann ein Feuer an und indem ſich Weiber, Kinder, Männer bunt untereinander um dasſelbe lagern, wenden ſie bald die eine, bald die andere Seite der Gluth zu. Trotz ihrer Lebensweiſe voll Entbehrung und Unordnung werden ſie ſelten krank und oft über 100 Jahre alt. Ihre Nahrung bildet alles, was ſich nur eben verdauen läßt. Sie ſcheuen ſich eben ſo wenig vor dem Fleiſche der Ratten, Mäuſe und Füchſe, wie vor dem Fleiſche umgeſtandener Thiere, die ſie in ihrer poetiſchen Sprache„von Gott geſchlachtete“ nennen. Viehſeuchen machen ihnen Feſtzeiten, und drum ſtanden die Zigeuner bei dem ungariſchen Landvolke oft im Verdachte, durch böſe Künſte Krank⸗ heiten unter das Vieh gebracht zu haben. Zu den Delikateſſen zählen ſie Zwiebeln und Knoblauch, und als Reizmittel lieben ſie den Tabak, den Män⸗ ner und. Weiber kauen, und leidenſchaftlich geiſtige Getränke. In Mähren, Schleſien und Nordungarn be⸗ meiſter bemächtigen ſich gern des Schlüſſels zum gegnet man Haufen von 6— 8 Zigeunern, aber auch Banden von 50— 60. Die Letzteren haben Pferde, auf welchen die Weiber und Kinder ſitzen, manchmal auch kleine Wagen. In Siebenbürgen ſind ſie ſeßhaft(Neubauern), und ihre nomadiſche Wildheit iſt zum großen Theil geſchwunden. Die Beſchäftigung der Zigeuner iſt ſehr ver⸗ Sie ſind Schmiede und Keſſelflicker, und man rühmt ihnen nach, daß ſie mit ganz unvoll⸗ kommenen Werkzeugen gute Arbeit zu machen ver⸗ ſtehen, ſie treiben Thierkuren und Pferdehandel. Sie laſſen ſich überhaupt zu allem brauchen, was ſich mit ihrem vagabundirenden Leben vereinigen läßt. In Ungarn ſind ſie Abdecker und nöthigenfalls auch Henker. Sie gehen in gleicher Weiſe dem Feldbauer wie dem Jäger zur Hand und zeigen ſich zu allem recht anſtellig, nur daß ſie dabei nicht lange aus⸗ halten. Die Behendigkeit und Gelenkigkeit ihrer Glieder zeigen ſie als Seiltänzer, ihren Sinn für Kunſt als Muſiker.(Vergl.„die Zigeuner“ im Juli⸗ hefte 1858 der Erinnerungen.) Die Haupterwerbs⸗ quelle der unſtäten Zigeuner beſteht in Wahrſagen und Betrug. Man wirft ihnen auch Kinderdiebſtahl vor, in Ungarn beſchuldigte man ſie vor einem halben Jahrhundert noch ſogan der Menſchenfreſſerei. Wenn ſich in den mähriſchen Dörfern Zigeuner zeigen, werden im Nu ſämmtliche Hausthüren geſchloſſen und Kinder, welche vor der Hütte ſpielen, eiligſt geradezu hineingeworfen. Eine eigentliche Religion haben die Zigeuner nicht; ſie bekennen ſich meiſt zu dem Kultus des Landes, in welchem ſie ſich herumtreiben. Ihre Ehen werden leicht geſchloſſen. Blutsverwandtſchaft bildet bei denſelben kein Hinderniß. ——— Der räthſelhafte Brief. Ein Schwank. (Schluß.) jer Brief glich einerſeits der Pandorabüchſe, denn es ſchien als ob alles Unheil der Welt — daraus hervorgehen ſollte, und andererſeits dem Oelkrüglein der Witwe zu Sarepta,— — ſein Inhalt war immer wieder friſch und neu, ſo oft ihn Jemand zur Hand nahm. Auch in den Händen des Hausmeiſters, der bei Herrn Flocke das Amt des Stubenmädchens und des Wichſiers zugleich inne hatte, nahm der Brief eine neue drohende Miene an. „Haben Sie, Herr Hausmeiſter, heute früh beim Aufräumen nicht meine Brille gefunden?“ hatte Herr Flocke den Eintretenden angeredet und als der Letztere es verneinte, ihn erſucht, den Brief ihm vorzuleſen. Der Hausmeeiſter, nicht wenig durch dieſen Beweis von Vertrauen erfreut— alle Haus⸗ Herzen ihrer Wohnparteien— wendete ſich, nachdem er den Brief erſt ſtumm für ſich geleſen, dann mit befremdeter Miene zu dem vergebens aufhorchenden Flocke:„Hm, hm, Sie haben alſo geſtern Händel gehabt, Herr Flocke?“ — ir ver⸗ r, und unvoll⸗ n ver⸗.B — Sie ad ſich 3 4 Se zeigen, bloſſen ℳ W — abüchſe, er Welt rrelſeit pta,— ſch und ahm. rs, der üdchens hm der — O— 9 nachdem ann mit chenden händel Die Urlauber. 8 — ——— 1 AAEE Q O 8 6— Feuilletan. Die Prager Kunſtausſtellung. Obwohl unſere heurige Kunſtausſtellung manches Gute bietet, ſo wird doch jeder der Beſuchenden einge⸗ ſtehen, daß ihr dießmal ſolche Glanzbilder, die den Be⸗ ſchauer unwillkürlich feſſern und zum Verweilen zwin⸗ gen,— wie wir deren jedes Jahr zu ſehen gewohnt waren— gänzlich fehlen. Die Legenden⸗ und Geſchichtsmalerei iſt im heuri⸗ gen Jahre numeriſch nur ſpärlich vertreten, und was gute Motive betrifft, kann das reichlich repräſentirte Genrefach nur wenig Gelungenes aufweiſen. Dasſelbe müſſen wir auch von den zahlreich eingeſandten Land⸗ ſchaften bekennen, die meiſt mit ziemlich fertiger Tech⸗ nik von der Natur abgeſchrieben ſind, aber ſo wenig Poeſie in ihrer Zuſammenſtellung und der Wahl des Gegenſtandes haben, daß man ſie eigentlich nicht ſowohl Bilder, als vielmehr nur Studien des erſten beſten ſich darbietenden Gegenſtandes nennen kann. Leider geſtattet es der Raum dieſer Blätter nicht, uns in eine detaillirte Beſprechung der Bilder einzulaſ⸗ ſen, wir müſſen uns daher begnügen, nur fllehtig die ausgeſtellten Kunſtgegenſtände zu berühren. Wie ſchon erwähnt, iſt die Legende(leider ſchon durch eine lange Reihe von Jahren) ſehr ſpärlich ver⸗ treten, wir finden unter den dreihundert und einigen zwanzig ausgeſtellten Bildern höchſtens achtzehn Gegen⸗ ſtände, welche dieſes erſte Fach der Kunſt repräſentiren. Unter dieſen zieht die Aufmerſamkeit unſtreitig das Altarblatt unſeres tüchtigen und verdienſtvollen Direk⸗ tors der Akademie, Herrn Eduard Engerth(Nr. 12¼: „die heilige Dreifaltigkeit“) auf ſich. Wir begrüßen um ſo freudiger dieſes in jeder Hinſicht meiſterhaft durch⸗ geführte Bild, als der Künſtler uns bisher nur wenige ſeiner größeren Arbeiten vorgeführt hat. Einen unvergleichlich ſchönen Madonnenkopf ſandte Erinnerungen. 1859. uns Ittenbach aus Düſſeldorf in ſeiner„Regina Virginum“, Nr. 192. Edler Ernſt, gepaart mit einem himmliſch unſchuldigen Ausdruck der blauen träumeri⸗ ſchen Augen ergreift mächtig jeden Beſuchenden. Es iſt ein echtes Madonnenantlitz in voller jungfräulicher Blüthe, aufgeküßt zum Leben von den Strahlen göttlicher Liebe. Die techniſche Behandlung und die Farbe des Fleiſch⸗ tones iſt eine äußerſt zarte und lebendige. Den vollſten Gegenſatz liefert uns Steinbrück aus Berlin in ſeiner„Maria mit dem Jeſuskinde“, Nr. 250, welche nicht den geringſten geiſtigen Ausdruck zeigt und einem Porträt eines theilnahmsloſen Kinder⸗ mädchens mit einem karrirten Tuche ganz ähnlich ſieht. Technik und Farbe ſind mittelmäßig, die letztere in den Fleiſchtönen gläſern. Einen guten, edelgeformten und ausdrucksvollen Chriſtuskopf führt uns der Prager Künſtler Franz Krauſe in Nr. 100:„Chriſtus treibt die Käufer und Verkäufer aus dem Tempel“ vor. Ebenſo iſt die von unſerem talentvollen Franz Sauer gemalte„Grablegung Chriſti“ in Nr. 175 als ein glücklich durchgeführtes Bild zu nennen. In Nr. 177 führt uns Otto Mengelberg aus Düſſeldorf„Chriſtus auf dem Oelberge“ vor. Wir ver⸗ miſſen in dieſem Kopf die edle Ergebung, das: Herr, dein Wille geſchehe. Der Ausdruck iſt ein zu leidender, der nur das Ringen nach Hilfe und die überwältigende Macht des Schmerzes bezeichnet. „Das Geheimniß des Kreuzes“ von Ludwig Holthauſen aus Düſſeldorf, ein tiefpoetiſcher Vor⸗ wurf, doch leider nicht gehörig aufgefaßt und durchge⸗ führt. Die Figuren des Chriſtus⸗ und Johauneskindes ſind ſteif ohne Leben, hart in Doſen⸗Manier gemalt. Michael Rieſer aus Wien ſtellt„die heilige Familie“ in Nr. 173 aus. Der Künſtler entfaltet eine ziemliche Technik, doch finden wir wenig Leben un 48— — Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Charateriſtik in den Köpfen; auch ſcheint uns das Jo⸗ hanneskind etwas verzeichnet zu ſein. Schweminger's„heilige Familie“, Nr. 171, trägt zu viel den Stempel irdiſcher wenn auch ſchöner Modelle; übrigens iſt die Manier der Behandlung durch ihre zu ſtarke Glätte keine angenehme. Otto Rethel aus Düſſeldorf brachte uns zwei brav gemalte Bilder, Szenen aus dem alten Teſtamente. Das eine ſtellt„Ruth und Boas“ in Nr. 216, das zweite„die Rückkehr des jungen Tobias“, Nr. 259, vor. Unſerer Anſicht nach iſt das letztere das gelunge⸗ nere; die Kompoſition iſt eine die Handlung charakteri⸗ ſtiſch motivirende, die Figuren edel und ſchön in der Haltung, ebenſo das Kolorit ein harmoniſches, die Tech⸗ nik feſt mit markigem Pinſel. Bei dem erſten Bilde, „Ruth und Boas“, hätten wir an der nackten Figur des Knechtes nebſt der variationsloſen Fleiſchfarbe die allzugeringe Markirung des Körpers zu rügen. Schmiedt's aus Dresden„heilige Cäcilia“, Nr. 169, dann D. Acquaroli's aus Prag„heilige Mag⸗ dalena“, Nr. 283, ſind gute Studienköpfe. Zwei große Glasfenſter für die Schloßkirche zu Sichrow nach Direktor Engerth's Kompoſition(Eigen⸗ thum unſeres kunſtſinnigen Fürſten Kamill Rohan) von J. Quaſt gemalt, Nr. 319. Die Kompoſition iſt, wie man erwarten konnte, eine gelungene, ebenſo iſt die Schönheit und Präziſion der Ausführung, verbunden mit dem Schmelz der Farben hervorzuheben,— Vor⸗ züge, durch welche Quaſt längſt als Meiſter aner⸗ kannt wird. Unſer bekannte geniale, in Rom weilende Lands⸗ mann Wenzel Lewy überraſchte uns durch die Aus⸗ ſtellung einer wundervollen„Madonna mit dem Jeſus⸗ kinde“. Der Kopf der Mutter Jeſu iſt ein unvergleich⸗ licher, eine königliche Hoheit ſpricht ſich in ihm aus, und doch ſind die Züge einfach und voll Lieblichkeit. Ebenſo das Köpfchen ihres Sohnes, in dem ſich kind⸗ liche Anmuth mit einem Anflug träumeriſchen Ern⸗ ſtes paart. Wilhelm Schwenk aus Dresden ſtellt zwei plaſtiſche Werke aus; es ſind dieß„Chriſtus und die büßende Magdalena“, Nr. 321, und„eine Madonna mit dem Kinde von zwei Engeln umgeben“, Nr. 322. In beiden Werken erkennt man ein feſtes Streben und Ringen nach dem fernen Ziele, dem alle Künſtler und Kunſtjünger friſch und muthig zuſteuern ſollen, nach Wahrheit und Schönheit. (Schluß folgt.) Kaffee und Thee. Der Kaffeebaum iſt in Abyſſinien oder in Aeth io⸗ pien zu Hauſe. Bruce erzählt uns, daß die Nomaden⸗ ſtämme dieſes Theils von Afrika, wenn ſie auf feind⸗ ſeligen Streifzügen die Wüſte durchkreuzen, nur Kugeln von pulveriſirtem, mit Butter vermiſchten Kaffee mit ſich führen. Eine derſelben, in der Größe einer Billard⸗ kugel, verleiht ihnen nach ihrem Ausſpruch mehr Muth und Kraft für einen ganzen Tag voll Anſtrengungen, als ein Leib Brod oder ein Fleiſchgericht. Die Araber gaben die erſte ſchriftliche Beſchreibung des Kaffee's und geuoſſen ihn zuerſt in flüſſiger Form. Burton er⸗ wähnt ihn ſchon 1621 in ſeiner„Anatomie der Melan⸗ cholie.“„Die Türken haben ein Getränk, das ſie Kaffee nennen(ſie trinken keinen Wein) nach einer wie Ruß ſchwarzen und bittern Beere, und das ſie ſo heiß wie möglich hinunterſchlürfen, da ſie aus Erſahrung wiſſen, daß dieß ſo genoſſene Getränk der Verdaunng nachhilft und heitere Stimmung verurſacht.“ Der Kaffeebaum erreicht eine Höhe von 6— 12 Fuß und hat, wenn er vollſtändig ausgewachſen, ſehr viel Aehnlichkeit vom Aepfelbaum. Seine Blätter ſind immer grün, und zu allen Jahreszeiten kann man auf dem⸗ ſelben Baume zu gleicher Zeit Blüthen und grüne und reife Früchte ſehen. Wenn die Blüthe fällt, ſo entſpringt aus ihr eine kleine, erſt grüne, bei der Reife rothe Frucht, die unter ihrem Fleiſch ſtatt eines Steins die Bohne oder Beere einſchließt, die wir Kaffee nennen. Es iſt erſt kürzlich von Europäern entdeckt worden, daß die Blätter der Kaffeepflanze dasſelbe weſentliche Prinzip enthalten, das die Kaffebohne ſo unſchätzbar macht; in Sumatra werden ſie auch zu demſelben Getränk durch Aufguß bereitet Der Baum trägt weitmehr Blätter als Bohnen, und ſollte der Blätterkaffee ſich als ſo ange⸗ nehm wie der der Bohne herausſtellen, ſo könnten wir ihn ſo viel billiger erhalten. In Aſien wird der Kaffee in einer dicken, mehligen Miſchung getrunken, während bei uns Klarheit ein Haupterforderniß iſt. Die Theepflanze blüht vom Aequator bis zum 45. Breitegrad, gedeiht aber am beſten zwiſchen dem 23. bis 25. Grad. Der Thee wächſt in kleinen ſtaudenartigen Pflanzungen, die den Weinbergen ähnlich ſehen. Da er Nationalgetränk iſt, ſo werden auch einige Orte zur Kultivation erleſener Abarten ſo hoch geſchätzt, wie die berühmten Weinberge und Hügel in Südfrankreich. Knos⸗ pen und Blätter werden zum Verbrauch geſammelt; und drei Ernten im Februar, April und Juni finden zu dieſem Zwecke Statt. Die jungen unerſchloſſenen Knos⸗ pen des Februars liefern den Kaiſerthee. Schwarzer Thee iſt die ſchlechteſte Sorte mit den größten Blättern. Es wird von glaubwürdiger Autorität verſichert, daß beim Sammeln der erleſenen Arten jedes Blatt einzeln gepflückt wird, und daß die Erntenden jeder groben Nahrung entſagen und ſich täglich einige Male baden müſſen. Manche Unterſchiede in Geſchmack und Farbe des grünen und ſchwarzen Thees werden künſtlich er⸗ zeugt. Wir trinken unſern Thee mit Milch oder Zucker, oder mit Beidem und ſtets als warmen Aufguß. In Rußland wird er kalt, in China unvermiſcht getrunken und in Ava in Oel eingemengt.. In der Türkei wird der Kaffee als Kern der Gaſt⸗ freundſchaft und als Balſam des Lebens betrachtet. In China bildet der Thee nicht nur das Nationalgetränk, ſondern auch den Hauptgegenſtand der Kultur und Feld⸗ arbeit des Landes. Rußland folgt im beinah allgemeinen Verbrauch des Thees unmittelbar auf China. In Weſt⸗ Europa ſind Kaffee und Thee in gleichem Maße ver⸗ breitet, doch Frankreich beſchränkt ſich faſt nur auf erſte⸗ ren. Die Cafés ſind dort zahlreicher und tragen ein wichtigeres ſoziales Gepräge, als irgend ein anderes Etabliſſement der franzöſiſchen Städte. England ver⸗ braucht mehr Thee als Kaffee; erſterer wird bei allen Klaſſen für unentbehrlich gehalten und der Arme ſpeiſt lieber noch ſo ſpärlich, um nur ſeine Taſſe Thee nicht aufgeben zu müſſen. In den Vereinigten Staaten werden Kaffee und Thee ſchon den kleinſten Kindern eingeflößt, und es iſt wohl möglich, daß ein Theil der Nervoſität des Volks daraus entſpringt. Dieſe Getränke ſind theuer, in ihren fühlbaren Wirkungen auf die Nerven flüchtig, ſie gelten für nicht nahrhaft, ja bei Vielen ſogar für poſitiv ſchädlich. Und doch brauchen wir ſie, und noch Niemand hat in unſeren 1 △ ⏑ 00 ᷣ ———— ,——=—9 e———= ☛ —-—ö——.,—— ——44 2——yy——— Feuilleton. 379 Mäßigkeitstagen in Vergleich mit den oft wirkſamen Angriffen anderer Reizmittel, erfolgreich gegen ſie ge⸗ kämpft. Das ſchöne Geſchlecht erhebt zwar laut ſeine Stimme gegen Tabak und andere Reizmittel für das männliche Geſchlecht, klammert ſich aber hartnäckig an den Gebrauch des Thees und Kaffees. Es wird alſo von wichtiger Bedeutung zu entſchei⸗ den, ob die Wahl der ziviliſirten Welt durch Erfahrung und Wiſſenſchaft gerechtfertigt wird. Die auf organiſcher Chemie beruhende Phyſiologie wenigſtens hat die Wahl der ziviliſirten Welt gebilligt. Bis dahin waren Kaffee und Thee von Phyſiologen und Phyſikern nur für Reizungen des Nervenſyſtems und in geringerm Maße für Beförderungsmittel der Blut⸗ Cirkulation angeſehen worden. Um dieſen Zweck zu er⸗ reichen und dem unaufhörlichen Verlangen nach beſtän⸗ diger Erregung der Gehirnfunktion zu genügen, haben die Aerzte dieſelben mit Widerſtreben in die Diät ihrer Patienten mehr als nothwendige Uebel, wie als poſitive Heilmittel, aufgenommen. Es blieb dem alles durch⸗ forſchenden deutſchen Geiſte vorbehalten, ihre beſſern Eigenſchaften zu entdecken; erſt in den letzten Jahren haben die mit Selbſtaufopferung unternommenen Experi⸗ mente des Dr. Böcker in Bonn und des Dr. Julius Lehmann in Jena ihnen den gebührenden Platz un⸗ ter den Speiſen als ergänzende Nahrungsmittel an⸗ gewieſen.— Wir haben hiernach zwei natürliche Abtheilungen, die erwärmenden und die plaſtiſchen Nahrungsmittel; die einen erhalten die Wärme des Körpers und be⸗ fähigen uns, eine von dem Medium, indem wir uns befinden, unabhängige Temperatur zu ertragen, die an⸗ deren bauen, beſſern und erhalten die verſchiedenen Ge⸗ vpebe, die faſerigen, muskelhaften, knochigen oder ner⸗ digen Theile, die unſere Geſtalt bilden. Dieſe beiden Nahrungsarten müſſen wir in gehörigem Maß und Ver⸗ hältniß zum Leben haben und entlehnen ſie ſowohl dem Thier⸗ als dem Pflanzenreich. Wir nehmen ſogar gewiſſe zufällige Elemente in uns auf, die ihren Platz finden und der Geſundheit zuträglich ſind. Eiſen durchſtrömt unſer Blut, Schwefel rüht verborgen in Haar und Nägeln, Phospohr funkelt ungeſehen im Gehirn, Leim verbindet unſere Knochen und Fluorin emaillirt unſere Zähne. Wenigſtens ein Dritttheil der bekannten chemi⸗ ſchen Elemente exiſtirt in irgend einem Theil des menſch⸗ lichen Körpers und wird uns durch die verſchiedenen Nahrungsmittel zugeführt. Dieß würde nun eigentlich für die Bedürfniſſe der Natur hinreichen und genügt auch der ganzen thieriſchen Schöpfung; doch der Menſch und Denker verlangt etwas mehr. „Ein übermäßig angeſtrengtes Gehirn, ein über⸗ füllter Magen bei wenig geübten Muskeln und Gliedern, heben bald das richtige Verhältniß zwiſchen Gewährung und Verlangen auf. Wir verlieren mehr als uns die geſchwächte Verdauung wiedergeben kann, und ſuchen das daraus entſtehende, unangenehme drückende Gefühl zeitweiſe durch Reizmittel, entweder durch Tabak oder Alkohol, oder durch Kaffee und Thee aufzuheben. Dieſen beiden letzten Hilfsmitteln iſt daher der Name: ergän⸗ zende Mittel gegeben worden. Ergänzende Mittel ſind ſolche, deren Genuß die Belebung und Erneuerung des organiſchen Baues(d. h. die Metamorphoſe) den erfordernden Umſtänden nach modifizirt. Man kann ſie in ſolche eintheilen, welche die Metamorphoſe hemmen, und in ſolche, die ſie be⸗ ſchleunigen. Unter die erſten gehören Alkohol, Zucker, Kaffee und Thee. Ihr Nutzen iſt ein zweifacher. Während ſie mehr als hinreichend die Auflöſung der Gewebe zurückhalten, helfen ſie einem fühlbaren Mangel des Nervenſyſtems ab. Sie erfreuen, erfriſchen und tröſten, wie es andere Nahrungsſtoffe nicht im Stande ſind, da ſie ſowohl das Verlangen des Körpers als das des Geiſtes be⸗ friedigen. Bei erſchöpfenden Arbeiten, als Wachſamkeit er⸗ haltendes Mittel, ſind Kaffee und Thee ſchon längſt von allen Klaſſen praktiſch anerkannt. Der Seemann, der Fußreiſende, der Gelehrte ſtellen ſie ſogar über Alkohol. Es gibt natürlich, wie bei jedem Dinge im menſch⸗ lichen Leben, eine Schattenſeite auch bei dieſem Bild. Mißbrauch entſteht leicht aus Gebrauch und die Folgen des übermäßigen Genuſſes nervöſer Reizmittel, heftige Nervenerſchütterung und Verdauungsſchwächung, ſind zu bekannt, um noch einer Erwähnung zu bedürfen. Es iſt ziemlich ſeltſam, daß der wirkſame Stoff im Thee und im Kaffee wahrſcheinlich derſelbe iſt. Dieſer Stoff wird Cafein und Thein genannt und enthält eine große Menge Stickſtoff. Chemiſch beſteht er aus 19 Proz. Kohlenſtoff, 10 Proz. Waſſerſtoff, 4 Proz. Stickſtoff, 4 Proz. Sauerſtoff. Man kann ihn alſo mit einigem Rechte zu den plaſtiſchen Nahrungsmitteln zählen. Der hohe Preis und die weite Verbreitung des Kaffee's und Thee's haben zahlreiche Verfälſchungsver⸗ ſuche herbeigeführt. Der unſchuldigſte iſt noch der Ver⸗ kauf von Kaffeegrund und alten Theeblättern für friſche Waaren. Es iſt ein unſicheres Ding, gemahlenen Kaffee zu kaufen und mit unwillkürlichem Schauder ſehen wir ſtets die niedlichen kleinen Tüten an den Fenſtern des Krämers, aus deren Inhalt ſicherlich Bohnen und Erb⸗ ſen herausſchmecken. Die gebräuchlichſte, ſelbſt offenkundig als ökonomiſch und lukrativ gerühmte Verfälſchung be⸗ ſteht in der Miſchung des Kaffee's mit den Wurzeln der wilden Endivie oder Cichorie. Geröſtet und gemahlen gleichen dieſelben wirklich dem Kaffee, enthalten jedoch keine ſeiner guten Eigenſchaften und ſind nur der Billig⸗ keit wegen zu empfehlen. Die Blätter der Eſche und der Schlehe werden zur Verfälſchung des Thees ange⸗ wandt, verringern aber deſſen gute Eigenſchaften, ohne dieſelben genügend durch andere erſetzen zu können. Zur Charakteriſtik der Weiber. Montagne entſcheidet die Frage, welches von beiden Geſchlechtern mehr zur Freundſchaft geſchaffen ſei, zum Nachtheile der Weiber. Er läßt den Weibern überhaupt wenig Gerechtigkeit widerfahren. Vielleicht ging es ihm, wie jenem Richter, welcher ſo ſehr fürchtete, par⸗ teiiſch zu ſein, daß er es ſich zum Geſetze machte, ſeine Freunde allezeit den Prozeß verlieren zu laſſen. Bei den Männern zeigen ſich mehr die Handlungen als die Annehmlichkeiten der Freundſchaft; auch ihre zärtlichſten Geſinnungen ſind noch zu wenig über jene Kleinigkeiten aufgeklärt, welche bei der Freundſchaft einen ſo großen Werth haben. Die Weiber hingegen beſitzen eine Em⸗ pfindſamkeit, welche ſich auch auf den geringſten einzelnen Umſtand erſtreckt. Beſonders aber wiſſen ſie unzähligen Dingen einen Werth zu geben, welche außerdem keinen hätten. Demnach ſollte man ſich vielleicht einen Mann nur bei wichtigen Vorfällen zum Freunde, aber für das Glück eines jedweden Tages die Freundſchaft eines Weibes wünſchen. Die Weiber ſind, wenn ihre Liebe Leidenſchaft iſt, gewiß am beſtändigſten; iſt ihre Liebe hingegen weiter nichts als Laune, ſo ſind ſie dafür auch wieder die aller⸗ leichtſinnigſten; denn dann haben ſie nicht mehr jene ſanfte Scham, welche das Gefühl der Liebe ſo tief in ihre Seele eingräbt. Es bleibt ihnen nichts, als Sinne und Imagination— Sinne, welche von ſeltſamen Launen beherrſcht werden und eine Imagination, welche in einem und eben demſelben Augenblicke ſich entzündet und wieder verliſcht. Die geſelligen Tugenden ſind in dem alltäglichen Leben eben das, was gangbare Münze im Handel und Wandel iſt. Zu ihnen gehört die Kunſt, Schwachheiten, welche ſich äußern, nicht zu bemerken, die Kunſt, ſeine 48* Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. eigenen Vorzüge zu verbergen, wenn ſie diejenigen, welche ſie nicht beſitzen, demüthigen; die Gefälligkeit, welche auch Ideen, die man nicht ſelbſt gehabt hat, mit Beifall annimmt; und dann endlich jene Höflichkeit, welche vielleicht eben nicht die Tugend ſelbſt, aber dafür nicht ſelten die glückliche Unwahrheit iſt, welche macht, daß der Stolz neben dem Stolze vorbeigeht, ohne ihn zu beleidigen. Bei den Weibern iſt die Höflichkeit eine Folge ihres Charakters; ſie iſt verbunden mit ihrem Geiſt, mit ihrer Feinheit, ja, ſelbſt mit ihrem Intereſſe. Wenige Männer haben es ſich zum Syſtem gemacht, jedermann zufrieden mit ihnen von ſich zu laſſen; aber viele Weiber haben dieſen Vorſatz und verſchiedene unter ihnen haben ihn erreicht. Aber eben dieß muß ſie nicht ſelten zur Falſchheit verleiten. Man ſtellt da den Ausdruck einer Geſinnung an die Stelle der Geſinnung ſelbſt. Daher der Tadel, welchen man ſchon ſo oft gegen die Weiber wiederholt hat. Und man muß zugeben, daß ſie ſchon von Natur mehr zu allen Arten von Verſtellung geneigt ſein müſſen. Nur die Stärke iſt es, welche alle ihre Gemüthsbewegungen frei äußert, die Schwäche und die Kunſt zu gefallen hingegen müſſen ſich mit den ihrigen in Acht nehmen und ſie genau abmeſſen. So lernen denn die weit furchtſamern Weiber erſt diejenigen Geſin⸗ nungen, welche ſie wirklich haben, geheim halten, und am Ende kommen ſie ſo weit, daß ſie diejenigen äußern, welche ſie nicht haben. Der Mann kann freimüthig ſein, ohne tugendhaft zu ſein; denn bei ihm iſt es viel⸗ leicht das Bedürfniß einer ungeſtümen und freien Seele. Hingegen die Offenherzigkeit der Weiber, iſt ſie einmal wahre Offenherzigkeit, kann nichts anderes, denn Ver⸗ dienſt ſein. Ihre Aufrichtigkeit iſt ein Opfer, welches ſie der Freundſchaft bringen. Der Mann iſt aufrichtig aus Stolz, das Weib aufrichtig aus Liebe. Die Falſchheit des Mannes zielt faſt beſtändig auf ſein Inter⸗ eſſe; die des Weibes faſt beſtändig darauf ab andern zu gefallen. Die eine Falſchheit betrügt, die andere verführt uns.— Es gibt ſelten Weiber, welche nach jenem Geſetze leben, welches gebietet, weder zu lieben, noch zu haſſen. Ihre Gerechtigkeit lüftet allezeit die Binde, um zu ſehen, wen ſie zu verdammen oder zu abſolviren habe. Man wird ſehen, daß ſie ſich allezeit entweder der Uebertreibung des Mitleidens oder der Uebertreibung der Rache nähern. Es gebricht ihnen an jener ruhigen Stärke der Seele, welche an ſich zu halten weiß. Alles was gemäßigt in ſeinem Gang iſt, macht ihnen Qual. Ein Weib von vielem Geiſte ſagt, die Franzoſen ſchienen den Händen der Natur in eben dem Augenblick entgangen zu ſein, als in ihre Kompoſition erſt Luft und Feuer gedrungen ſei. Sie hätte dasſelbe auch von ihrem Geſchlechte ſagen können; aber ohne Zweifel wollte ſie ihr Geheimniß nicht verrathen. Die Weiber beſitzen unter allen Arten von Muth einen, welcher ihnen am meiſten eigen iſt, und das iſt der Muth des Duldens; ſo viel iſt gewiß, daß ſie hundert⸗ mal lieber dulden als mißfallen, hundertmal eher den Schmerzen, als der öffentlichen Meinung Trotz bieten. Miszelleu. Mannigfaltiges. Der Aberglaube ſitzt auch heute noch ſo berg⸗ hoch feſt, wie nur irgend in einem frühern Jahrhundert. Die angeblich gebildeten Franzoſen ſtehen in Bezug auf den Glauben an Amulete völlig auf gleichem Fuße mit Beduinen, Türken und Ruſſen. In der Krim trug faſt jeder franzöſiſche Soldat ein Amulet am Leibe. Nicht blos gemeine Soldaten, ſondern auch Stabsoffiziere tra⸗ gen ſolche Schnurrpfeifereien; Marſchall Canrobert iſt mit einem Amulet behängt und glaubt, daß es ihm während der Schlacht an der Alma das Leben gerettet habe. Seitdem gilt er für feſt, und der Glaube an die Kraft der Talismane hat ſich dadurch ſo ſehr befeſtigt, daß todtkranke Soldaten bis zum letzten Augenblicke nicht an ihrer Herſtellung verzweifeln: und wenn auch ein Amuletträger ſtirbt, ſo bleiben ſeine Kameraden doch ſteif und feſt bei ihrem Wahne und nehmen an, der Talisman des Geſtorbenen ſei nicht echt geweſen. Von Marſchall Bosquet und General Forey wird berichtet, daß ſie Splitter von dem heiligen Kreuz bei ſich tragen; Prinz Napoleon ſoll im Beſitz eines Amuletes ſein, wel⸗ ches vor Hieb und Stich ſchütze. An manchen Todten fanden die Aerzte nicht blos chriſtliche, ſondern auch jüdiſche und türkiſche Amulete; viel ſollte viel helfen; die Kugeln hatten trotzdem getroffen. Die afrikaniſch⸗ franzöſiſchen und die tuneſiſchen Truppen trugen eine Nachbildung des Talismanes El Herep auf der Bruſt; die Türken und Egypter haben Koranverſe an ihren Hemden. Bei den Ruſſen trugen ſowohl jüdiſche wie chriſtliche Soldaten ihre Amulete. Die chriſtlichen haben außer einem geweihten Kreuze meiſt eine runde Medaille von Pappe oder Pergament, auf welcher die Worte ſtehen:„Heiliger N. N., bewahre den Sohn des A. A. vor jedem Uebel und böſen Geiſt“; die jüdiſchen Sol⸗ daten haben bleierne oder zinnerne Medaillen mit ver⸗ ſchiedenen hebräiſchen Inſchriften. An den Leichen ruſ⸗ ſiſcher Offiziere fand man zuweilen ſehr reich verzierte Amulete, und oft auch jüdiſche neben den chriſtlichen. Der ruſſiſche General Liprandi gilt bei den Soldaten für feſt, und nach dem Glauben derſelben mußten auch die ſchwerſten Bomben vor der Kraft jener Amulete weichen, welche der Fürſt Mentſchikoff und der Oberſt Golowiu am Leibe haben. Das Alles darf uns nicht Wunder nehmen; trug doch in früheren Jahrhunderten faſt Jedermann ein Amulet, gleichviel ob Katholik oder Proteſtant. Der Theolog Andreas Oſiander hatté als ſolches eine goldene Kette, die er nie abgelegte, weil ſie ihn gegen Krankheiten, Ausſatz und Hoffahrt ſchütze; trotzdem war er ein ſehr ſtreitſüchtiger Kampfhahn. Der Oberſtburggraf von Dohna führte 1587 den franzöſi⸗ ſchen Hugenotten fünfzehntauſend Mann Hilfstruppen zu, wurde aber von den Katholiken auf's Haupt ge⸗ ſchlagen. Faſt bei allen Gefangenen oder Todten fand man magiſche Zettel, welche jedoch ihre Beſtimmung, den Träger vor Schuß, Hieb und Stich zu ſichern, nicht erfüllt hatten. Alles ſchon dageweſen, und kommt doch immer wieder, denn die Natur des Menſchengeiſtes bleibt in allen Zeiten weſentlich dieſelbe. Der amerikaniſche Geſandte am berliner Hofe, Herr Wright, hielt in der Geſellſchaft für Erdkunde nach der erfolgten Anzeige vom Tode Alexander’s von Hum⸗ boldt in engliſcher Sprache eine Anrede, welche in der Ueberſetzung alſo lautet:„Gern vereine ich mein Mit⸗ efühl mit meinen deutſchen Brüdern; wir miſchen unſere hränen mit den ihren bei dem Hintritte dieſes größten Erdenſohnes. Gern feiern wir des großen, guten und eliebten Humboldt Andenken, und die Nachricht ſeines odes wird in allen Theilen Nordamerika's und von allen Klaſſen unſers Volkes mit dem tiefſten Beileid aufgenommen werden. Humboldt gehörte keinem Lande an, und ſein Alter wird nicht nach Jahren gezählt. Wahrlich: er hat viele Jahrhunderte, lange Jahrhunderte in Einſicht und Kenntniß gelebt. An ſeiner, allen Amerikanern gleichmäßig bewährten Güte, ſeiner Ver⸗ einigung mit unſeren Inſtitutionen, da dieſe noch in der Kindheit waren, dem tiefen Intereſſe, das er ſtets für unſere Erfolge bekundete, erkennen wir, daß er einer der Unſrigen geweſen. Als er noch vor zwei Monaten mit 70 unſerer Landsleute den Geburtstag des Vaters unſers gemeinſamen Vaterlandes feierte, ſagte er ſelbſt: „Ich bin ein halber Amerikaner! Vor über fünfzig Jah⸗ ren war er Jefferſon's Gefährte und Genoſſe, ein — — nach der Hum⸗ Feuilleton. 381 Freund Hamilton's, Madiſon's und Derer, welche den rund unſerer großen und glücklichen Union, und wohl⸗ verſtanden, der Grundſätze unſerer Regierung legten. Von jener Zeit bis zu ſeinem Tode bewachte er mit dem tiefſten Intereſſe jeden Fuß breit unſeres Fort⸗ ſchritts. Humboldt glaubte an Fortſchritt, Erhebung der Menſchheit; er glaubte, daß ein lichterer Tag der Kenntniß, Freiheit und Tugend dem Menſchengeſchlechte noch vorbehalten ſei. Die geiſtige Sonne zweier Jahr⸗ hunderte iſt untergegangen, und wir beweinen den Hin⸗ tritt des Königs der weiten Wiſſensreiche.“ Unſere braven Soldaten werden auf dem Schlacht⸗ felde in Italien einer ganz eigenthümlichen Truppe ſich gegenüber finden, den Turkos. Ein ganz ſonderbares Gemiſch von Nationalitäten aller Art iſt es, welches mit dieſem Namen bezeichnet wird. Kabylen, Araber, Mauren und National⸗Franzoſen bilden zuſammen eine eben ſo bunte als originelle Truppe afrikauiſcher Tirail⸗ leurs. Sie unterſcheiden ſich weſentlich von den Zuaven, welche ſeiner Zeit nicht weniger Aufſehen hervorriefen. Denn die Letzteren ſind reguläre Truppen und bilden, ſeitdem das urſprünglich afrikaniſche Element wegen ſeiner unbeſiegbaren Unverträglichkeit mit dem europäi⸗ ſchen immer mehr aus denſelben verſchwand, beinahe ganz ein franzöſiſches Freiwilligenkorps, welches nur noch in der maleriſchen mauriſchen Tracht an ſeinen Urſprung erinnert. Die Turkos hingegen ſtellen eine unregelmäßige Truppe vor, in welcher die algeriſchen Eingebornen an Zahl und Sitte unbedingt vorherr⸗ ſchen. Es ſind abgehärtete, energiſche Männer, bewährt als vortreffliche Schützen, zu welcher Waffengattung ihr außerordentlich ſcharfes Geſicht ſie vorzugsweiſe be⸗ fähigt. Aus dieſem Grunde eignen ſie ſich auch ganz beſonders für den ſogenannten kleinen Krieg, d. i. zur Verwendung als Vorpoſten, beim Plänkeln u. ſ. w., wo ſie ausgezeichnete Dienſte leiſten. In dieſer Weiſe wurden ſie auch bisher in Algerien zum Kampfe gegen die noch unabhängigen Stämme von den Franzoſen benützt, wo ſie ſich durch ihre Wildheit und Grauſam⸗ keit furchtbar gemacht haben. Aeußerlich iſt ihr Erſchei⸗ nen überaus imponirend. Ihre Uniform nach mauri⸗ ſchem Schnitte iſt höchſt maleriſch, ihre Geſichtsbildung ſcharf ausgeprägt und von energiſchem Ausdruck, wozu die bronzeartige Hautfarbe noch mehr beiträgt. Die Haltung iſt, obgleich läſſig, doch kriegeriſch und die all⸗ gemeine Aufmerkſamkeit auf ſich ziehend. Ihre Be⸗ waffnung mit langen, weitzielenden Gewehren iſt vor⸗ trefflich und ganz zweckmäßig für ihren Dienſt. Dieß ſind die Leute, mit denen unſere wackeren Grenzer und Tiroler Jäger ſich meſſen werden. In China ſcheint die Roſe ſeit dem früheſten Alterthume gekannt und beſonders gepflegt worden zu ſein. Die Bücherſammlung des Kaiſers von China be⸗ ſteht aus ungefähr 18,000 Bänden, von denen 12,000 Manuſkripte. Unter letzteren befinden ſich allein 1500, die von Botanik und Blumiſtik handeln, und hiervon beſchäftigt ſich ein Dritttheil wieder vorzugsweiſe nur mit dem Roſenſtrauche. Die Gärten des Kaiſers von China bringen eine ſolche Menge von Roſen hervor, daß das daraus gewonnene Oel eine jährliche Rente von einigen 100,000 fl. abwerfen ſoll. Die kaiſerliche Familie, die Mandarinen und übrigen höchſten Würden⸗ träger des Reiches dürfen allein ſich dieſes Aroma's bedienen. Fände ſich ein Fläſchchen ſolcher Eſſenz da⸗ von in dem Hauſe eines niedrig ſtehenden Mannes, es würde ſeiner eine eben ſo ſtrenge Strafe warten, als hätte er einen Mord begangen. Je kleiner die Roſen, deſto werthvoller ſind ſie in China, und die Sträucher, auf denen ſie wachſen, ſind ſelten höher als 8 Zoll; größere ſind verhältnißmäßig werthloſer. Die Chineſen kennen nur zwei Sorten Roſen, die weiße und die rothe Moosroſe. Die von Blumiſten in Europa befolgten Methoden, Farben und Arten zu vervielfältigen, ſcheinen ihnen gänzlich unbekannt zu ſein. China führt große Maſſen Roſenwaſſer aus; indeſſen wird das aus Mittel⸗ aſien und Perſien in Europa höher geſchätzt. Dem aber⸗ gläubigen Chineſen muß die Roſe auch als Abwehr gegen böſe Geiſter dienen: er hängt ſie deßhalb in Säck⸗ chen über ſeine Thür, und hält dann ſeine Schwelle für geſichert; in Siam glaubt ſich der, welcher recht viele Roſen baut, um ſo berechtigter, auf ein langes und glückliches Leben zu hoffen. Gewerbliches. Die böhmiſche Glasfabrikation, dieſer Ruhm des Landes, der durch alle Welt gedrungen iſt, und dieſer wichtige Nahrungszweig, an dem Tauſende Arbeiter ihren Unterhalt gebunden ſehen, ſteht auf drei feſten Grundlagen: Die erſte bildet eine fleißige kunſtfertige Arbeiterklaſſe; die zweite, der wohlfeile Brennſtoff, der bis jetzt in ausgedehnten Waldungen geboten war und an beßen Stelle nun eine ſehr billige Braunkohle von unerſchöpflicher Menge tritt; die dritte Grundlage bildet der Reichthum an vorzüglicher Kieſelſäure in der Form eines reinen weißen Quarzes. Er findet ſich im Böhmer⸗ wald, im Rieſengebirge, und auch das Erzgebirge, wo bis jetzt die Glasinduſtrie nicht angeſiedelt war, weil das Holz ſeiner Waldungen für den Bergbau und die Metallhüttenwerke als nothwendiger erſchien, iſt reich daran, namentlich die Zinnwerke, wo der Quarz in großer Reinheit als Muttergeſtein auftritt. Seit nun die Glasfabrikation ſich in die Gegend der reichen Braun⸗ kohlenablagerungen am Fuße des Erzgebirges hinzieht, ſind die Fundorte von Quarz in dieſer Gegend von großer Bedeutung. Auch unten am Fuße des Erzge⸗ birges in unmittelbarer Nähe der rieſigen Braunkohlen⸗ ablagerungen, von 3 bis 24 Klafter Mächtigkeit, ſind brauchbarer Quarzſand und Sandſteine in großer Menge vorhanden, aber noch erfreulicher iſt die neuerliche Ent⸗ deckung von Quarzfelſen bei Bilin in Böhmen, alſo in der Mitte vorzüglicher Kohlengruben von großer Aus⸗ dehnung. Ein jeder ſolcher Fund in der Nähe der Bilathal⸗Braunkohle bildet eine neue Bürgſchaft, daß es dem Auslande nicht gelingen wird, Böhmen ſeine urwüchſige Glasinduſtrie zu entreißen; wenn zu der natürlichen Grundlage der Unternehmungsgeiſt und die Sorgfalt für den techniſchen und vorzugsweiſe für den künſtleriſchen Fortſchritt immer wach bleibt. Ladey, der Erfinder des künſtlichen Holzes, nimmt ſehr feine Sägeſpäne, trocknet ſie ſcharf und miſcht ſie mit Blut aus den Schlachthäuſern. Dieſe ſo gewonnene plaſtiſche Maſſe ſetzt er in geeigneten Formen einem ſehr ſtarken hydrauliſchen Drucke aus. Man kann die Maſſe in gravirte Modelle drücken und geſchnitztem Holze ganz ähnliche Sachen hervorbringen. Auch ſoll man auf dieſe Weiſe ſehr gute Bürſten machen. Man ſetzt nämlich die Borſten in die noch weiche Holzmaſſe ein, ſteckt die vorſtehenden Borſten durch eine Platte mit Löchern und preßt dann die Maſſe mit den einge⸗ ſetzten Borſtenenden zuſammen, wodurch die Bürſte wie aus einem Stück gegoſſen erſcheint. Jedermann hat von den Preßgemüſen gehört, die aus Paris, Frankfurt und Offenburg(Baden) kom⸗ men. Mancher hat dieſelben gekoſtet, auch dann und wann über deren Heugeſchmack geklagt. Dieſer Umſtand iſt jedoch durchaus kein Uebelſtand bei dem neuen H eu⸗ zwieback, den ein Thierarzt der kaiſerlichen Garde in Paris aus Heu und Hafer bereitet. Stroh und Heu werden wahrſcheinlich auf der gewöhnlichen Häckſellade klein gehackt, mit gequetſchtem Hafer gemengt, mit einer Abkochung von Leinöl übergoſſen und dann unter eine Preſſe gebracht, aus welcher dann vollkommene Heu⸗ .382 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. und Haferkuchen hervorgehen, die ſich leicht und bequem verpacken laſſen und vielfache Anwendung in Fällen finden, wo Platz zu ſparen iſt. Der franzöſiſche Naturforſcher Serres hat in dem Harze der Achros balata, eines Baumes, der wild auf Guyana, Martinique und auf den weſtindiſchen Inſeln wächſt, einen Stoff gefunden, der geſchmeidiger und elaſtiſcher iſt, als Gutta Percha und eine höhere Hitze erfordert, um zu ſchmelzen. Nach des Entdeckers Anſicht iſt dieſes Harz in vielen Anwendungen der Gutta Percha vorzuziehen. Kurioſa. Die Verwendung des Papiers in Japan iſt äußerſt mannigfach. Aus Papier wird dort ein Stoff gemacht, der ſich vom beſten Marokko⸗Leder kaum unter⸗ ſcheiden läßt; aus Papier verfertigt man mit Hilfe von Lack Reiſekoffer, Sättel, Teleſkopgeſtelle, vortreffliche waſſerdichte Ueberröcke, Taſchen⸗ und Handtücher. Aus Papier beſtehen zum großen Theile die Zwiſchenwände in den Häuſern, und aus feinem Papier dreht ein ja⸗ paneſiſcher Ladenbeſitzer in wenigen Sekunden einen Bindfaden zum Zuſammenbinden ſeiner Waare, der dem unſrigen an Stärke nicht nachſteht. Kurz, Papier ſpielt hier überall eine unglaublich große Rolle, und weiſe Mütter ſtipuliren im Heiratskontrakt ihrer Töchter, wie viel Papier dieſen zur Verfügung geſtellt werden müſſe, damit ſie eine anſtändige Wirthſchaft führen können. Petrarka hatte einen ledernen Ueberwurf, auf den er beim Spazierengehen Gedichte ſchrieb, wenn ihm Papier oder Pergament fehlte. Dieſes Kleidungsſtück wurde noch im Jahre 1527 von dem Kardinal Sadalet als eine koſtbare Reliquie den Verehrern des großen Dichters gezeigt. Ueberhaupt ſcheint die Sitte, auf die Kleider zu ſchreiben, im Mittelalter nichts Ungewöhn⸗ liches geweſen zu ſein; denn es wird von einem Abte erzählt, der ſeinen Mönchen befahl, wenn ſie ein Werk vom heiligen Anaſtaſius finden und kein Papier bei der Hand haben würden, es auf ihre Kleider abzuſchreiben. Die Darmhäute wurden ebenfalls zuweilen zum Schrei⸗ ben angewendet. Zonares erzählt in ſeinen Annalen, daß die Bibliothek zu Konſtantinopel, die im Jahre 476 in Flammen aufging, die Iliade und Odyſſee, mit Goldbuchſtaben auf einem Schlangendarm von 120 Fuß Länge geſchrieben, beſeſſen habe. Die berühmte Ambro⸗ ſianiſche Bibliothek zu Mailand bewahrt ein Diplom auf, zu dem man Fiſchhaut verwandt hat. Billigkeit der Feldfrüchte im Jahre 1363. Kaspar Hedion erzählt davon in ſeiner Chronik: Ein ganzes Viertel Weizen ward in dieſem Jahre um 22 Straßburger Pfennige, ein Viertel Korn um 16 Pfen⸗ nige, 16 Eier um 1 Pfennig und ebenſo 8 Häringe um 1 Pfennig verkauft. Gerſte und Hafer kamen das Viertel auf 10— 12 Pfennige, und das Heu wurde gleich auf den Wieſen im Ganzen um— wie der Chroniſt ſich naiv ausdrückt— einen Pappenſtiel hergegeben. Feder⸗ vieh gab's in ſolcher Menge, daß man es an arme Leute verſchenkte. Möchte doch auch der Jetztzeit einmel ein ſo geſegnetes Jahr kommen! In Scholzendorf in Schleſien iſt eine 50 jährige Frau wohnhaft, welche weite Vergnügungsreiſen unge⸗ mein liebt. Im Jahre 1853 beſuchte ſie ihre Söhne in Auſtralien, kehrte im März 1858 zurück und hat, am letzten 30. April abermals dieſe kleine Vergnügungstour angetreten. Wenn das ſo fortgeht, werden die Auſtralier ihre Verwandten im Queisthale bald auch zum Hoch⸗ zeits⸗ und Kindtaufſchmauſe einladen und ſich gegenſeitig Kaffeeviſiten abſtatten. nicht. Der holländiſche Maler Heimskerk hat ſeine Ku⸗ rioſität nicht mit ſich wollen ſterben laſſen, verordnet alſo in ſeinem Teſtament eine ſchöne Summe Geldes zur Ausſtattung einer armen Jungfer, jedoch mit dem Beding, daß am Hochzeittag Braut und Bräutigam ſammt allen Hochzeitgäſten auf ſeinem Grabe tanzen ſollten, welchem Verlangen auch nachmals ſtrikte Folge geleiſtet worden. Anekdoten. Der edle Kanzler Morus, das Opfer des Tyran⸗ nen Heinrich VIII., bewahrte bekanntlich bis in den Tod ſeine gewohnte Heiterkeit und Seelenruhe. Als ein Barbier zu ihm in's Gefängniß gebracht wurde, um ihn zu raſiren, entließ er denſelben mit der Bemerkung: „Mein Freund! ich und der König führen Prozeß um meinen Kopf, daher will ich nicht eher Geld für den Bart ausgeben, als bis ich weiß, wer den Kopf behält.“ In der Eifel, wo die Pferde ſeltner ſind, als anderswo, ſieht ein Bauernknabe am Wirthshaus ein ſchöneß Roß angebunden und kann ſich nicht ſatt daran ſehen. Wie der Herr des Pferdes heraus kommt, fragt der Junge neugierig:„Iſt das Pferd euer Herr?“ „Nein,“ antwortet jener,„ich bin dem Pferd ſein Herr.“ Der Knabe, welcher die Antwort nicht faßte, fragt zu Haus ſeinen Vater darüber, der's ihm vergeblich begreif⸗ lich zu machen ſucht. Da geht der Alte mit dem Knaben in den Stall, ſetzt ſich auf einen Ochſen und ſagt: nun frag mich einmal, wie du den Herrn fragteſt. Sohn: Iſt das Pferd euer Herr? Vater: Du ſiehſt ja doch, daß das kein Gaul, ſon⸗ dern ein Ochs iſt, und ich bin auch kein Herr, ſondern dein Vater. Sohn: Iſt der Ochs euer Vater? Vater: Nein, ich bin dem Ochs ſein Vater. In dem jüngſten Examen der mediziniſchen Fakultät ereignete ſich nachfolgendes komiſche Intermezzo. Ein Examinator läßt einen Patienten vorführen und beauf⸗ tragt die Examinanden, aus den äußern Merkmalen das Uebel des Leidenden zu erkennen. Man prüfte, trotz aller Anſtrengung, vergebens.„Aber, meine Her⸗ ren,“ ſagt endlich der Herr Profeſſor unwillig,„ſehen Sie denn nicht, daß der Mann taubſtumm iſt?— „Entſchuldigen Sie, Herr Profeſſor,“ erwiedert plötzlich das ärztliche Modell mit ſonorer Stimme,„das bin ich Das iſt mein Bruder, der noch draußen wartet.“ A. Du, alſo nanu hat er ſich erklärt, wat er im Stiebel Europa's bezweckt. B. Na, wat denn? A. Er will ihn vorſchuhen laſſen un ihm des öſtreich'ſche Pech nehmen. B. Na, wird er denn des leiſten? 1 A. Det ſteht dahin. Ick vor meinen Theil iloobe nich, deß der Stiebel durch die Wichſe, die er jetzt kriegt, ſehr jlänzend werden wird. Wat ick hoffe, is des, deß wenn Er ihn ſich anziehen will, die Stränge reißen un man in Paris von Abſätzen ſprechen wird. Vor mehreren Jahren wurde auf vielen Bühnen ein Drama unter dem Titel:„Napoleons Glück und Ende“ aufgeführt. Wäre es nicht zu wünſchen, daß man dasſelbe auf dem Kriegstheater neueinſtudirte? Wir glauben, es würde, was von allen Seiten gewünſcht wird: wieder Caſſe machen. (B. M.) Wie Manche den Charakter des Menſchen nach ſei⸗ nem Lachen beſtimmen, ſo will ihn Sailer aus dem Eſſen erkennen, denn er behauptet:„Die Weiſen eſſen langſam;— die Gottesfürchtigen nicht bis zur Sätti⸗ — ſeine Ku⸗ verordnet ne Geldes mit dem am ſammt en ſollten, g geleiſtet 68 G. es Tyran⸗ ss in den rde, um emerkung: behält.“ ſind, als zhaus ein ſatt daran umt, fragt Herr?“ Herr.“ fragt zu c begreif⸗ m Knaben Fakultät 33o. Ein nd beauf⸗ Nerkmalen i prüſte, eine Her⸗ „„ſehen iſt?— plößlich eil lloobe ett kriegt, des, deß reißen un Bühnen z Glüd wünſchen, ſindirte? gewünſch B. M.) nach ſei⸗ aus dem eſſen Zätti⸗ Feuilleton. 383 gung;— die Jungen, ſo lange man die Schüſſel vor ihnen läßt;— die Vielfreſſer, ſo lange Platz im Magen iſt.— Frage dich: Wie eſſe ich? Dann weißt du, wer du biſt.“ Stegreifsredner geſtikuliren gemeinlich tapfer mit den Armen, um die Leerheit ihres Vortrags durch äu⸗ ßerlichen Affekt zu verbergen. Einen ſolchen Redner hörte einſt der Satyriker Piron.„Sehen Sie doch einmal,“ ſagte er endlich zu einem Bekannten,„wie er ſich durch Schwimmen zu retten ſucht.“ Aus der Schule. Lehrer: Wie theilt man die Artikel ein? Knabe: In beſtimmte und unbeſtimmte. Lehrer: Was macht man mit den Artikeln? Knabe: Man ſucht ſie zu verkaufen. Lehrer: Wer hat das geſagt? Knabe: Mein Vater hat's zu unſerm Ladendiener geſagt. Schulmeiſter in guter Laune: Ihr habt heut' eure Sachen brav gemacht, jetzt will ich euch zur Be⸗ lohnung ein Räthſel geben. Merkt auf: Wenn man jung iſt, ſo wünſcht man es, und wenn man's hat, ſo wünſcht man es gar nicht mehr. Was iſt das? Peter: Ich weiß, Herr Lehrer! Schulm.: Nun ſo ſag's, Peter! Peter: A Frau! Schulm.: Wer hat Dir das geſagt? Peter: Mei Vater. Schulm. einlenkend: S'iſt nicht ganz falſch— aber eigentlich hatt' ich das Alter gemeint. Lehrer: Woher hat Amerika den Namen? Knabe: Weil es am Meere liegt. Biografieen von Zeitgenoſſen. Aimable Jean Jacques Peliſſier, franzöſiſcher Marſchall, wurde am 6. November 1794 zu Ma⸗ romme im Departement der untern Seine nicht weit von Rouen geboren. Seine erſte Bildung erhielt er auf dem Liceum zu Brüſſel, welches damals ein franzöſiſches war, und fand im Frühling 1814 auf der Artillerieſchule von⸗La Fleche Aufnahme, von wo er in die Militärſchule von St. Cyr überging. Nicht lange vor Napoleon's Landung wurde er in der Artillerie des königlichen Hauſes zum Sekondelieutenant ernannt und trat nach einiger Zeit in das 57. Linienregiment. Es war dieß einer ver wenigen Truppenkörper, die im Feldzuge von 1815 nicht in's Feuer kamen. Die zurückkehrenden Bourbons nahmen eine ſtrengere Politik an, in deren Folge Peliſſier zur Verfügung geſtellt wurde. Nach ſeiner Wiederaufnahme in das Heer be⸗ ſtand er ſeine Prüfung glänzend, trat in den Generalſtab und diente von 1819— 1823 als Regimentsadjutant und Lieute⸗ nant erſter Klaſſe bei den Huſaren der Meurthe. So lernte er alle drei Waffen, Geſchütz, Fußvolk und Reiterei, durch prakti⸗ ſche Thätigkeit kennen. Der Feldzug gegen Spänien, dem er im Generalſtabe beiwohnte, war ſein erſter. 1828 begleitete er den General Durvieu als Adjutant Griechenland⸗ 1830 war er in Bourmonts Gefolge bei der Eroberung von Algier thätig. Dieſer erſte Aufenthalt auf dem afrikaniſchen Boden dauerte nicht lange, und bis zum Jahre 1839 wurde er in Frankreich als Major im Generalſtabe verwendet. Mit General Schramm, der ihn zu ſeinem Generalſtabschef wählte, kehrte er nach Algier zurück, das ernwierzehn Jah mehr verließ. Zum Oberſten ernannt, machtener mit feine ⸗ gimente im Jahre 1845 einen Zug gege e a Dahra. Tauſend Menſchen jenes Stammes, Bewaffhate, Frauen 1 2 lang nicht⸗ und Kinder, flüchteten in die Kantara, eine Höhle, die vorn zwei Eingänge über einander und hinten blos ein Paar ganz enge Spalten hat. Er durfte ſie dort nicht laſſen; ſie würden ſich bei ſeinem Weitermarſche in ſeinem Rücken ausgebreitet und ihm die Zufuhren abgeſchnitten haben. Ebenſo wenig konnte er vor der Höhle lagern, bis der Hunger den Feind be⸗ zwinge, und ein Angriff auf dieſe unterirdiſche Feſte war vol⸗ lends unmöglich. Da die Araber auf ſeine Parlamentäre ſchoſ⸗ ſen, ſo machte er den Verſuch, ſie durch Rauch zu vertreiben. Als die geſammelten und angezündeten Faſchinen eine Zeitlang vor den beiden Eingängen gebrannt hatten, ſchickte er einen zweiten Parlamentär ab, und auch auf dieſen wurde geſchoſſen. Man hat ſpäter an unzweideutigen Spuren wahrgenommen, daß in der Höhle, während die beiden Scheiterhaufen brannten, ein Kampf ſtattfand, und daß die fanatiſche Partei diejenigen, welche die Höhle verlaſſen wollten, um ſich zu ergeben, mit YJataghan⸗ hieben zurücktrieb. Da Peliſſier dieſen Umſtand, der einen An⸗ griff ſehr erleichterte, nicht kannte, ließ er das Feuer unter⸗ halten, bis am dritten Tage das letzte Getöſe in der Höhle verſtummte. Es gab in ihr blos noch Leichen. Dieſe That rief in Europa einen allgemeinen Schrei des Entſetzens hervor, aber Pelifſters Vorgeſetzte entſchuldigten ſie mit dem harten Gebot der Nothwendigkeit. 1848 übernahm Peliſſier als Generalmajor die Diviſion von Oran, 1850 rückte er zum Diviſionsgeneral auf. Dreimal führte er in Stellvertretung die Statthalterſchaft, zweimal wurde er in Gefechten verwundet. 1852 vollbrachte er die erſte glänzende Waſſenthat des neuen Kaiſerreichs, die ihm, weil ſie die erſte war, doppelt angerechnet wurde. In Laghuat, einer Stadt am äußerſten Rande der Algieriſchen Sahara, predigte ein Marabut, der aus dem Tell vertrieben worden war, den heiligen Krieg. Ein Angriff mußte ſtattfinden; allein der Statthalter Randon überſchätzte die Widerſtandskraft des Ortes und der umwohnen⸗ den Stämme und glaubte zuvor eine Armee von 30,000 Mann bilden zu müſſen. Peliſſier ſammelte inzwiſchen ſeine Streit⸗ kräfte und brach auf eigene Fauſt mit 6000 Mann gegen Lag⸗ huat auf. In einem Tage war Breſche geſchoſſen, am zweiten die Stadt erſtürmt.„Die Höfe ſind mit Leichen gepflaſtert,“ berichtete Peliſſier nach Paris,„und in den Straßen fließt das Blut wie Waſſer.“ In der Krim befehligte Peliſſier anfänglich das erſte Korps. Da Canrobert nicht energiſch genug war, ſo übergab der Kaiſer ihm den Oberbefehl(16. Mai 1855). Er erfüllte die Erwartungen, die man in ihn ſetzte, vollſtändig. Die Be⸗ lagerungsoperationen nahmen ſogleich einen raſcheren Fortgang. Die von Canrobert zurückberufene Expedition nach dem Aſow⸗ ſchen Meer ging von neuem ab und richtete dort große Ver⸗ heerungen an. Die Redouten Kamtſchatka und Volhynien, Vor⸗ werke des Malakoffs, fielen am 7. Juni, und wenn auch ein erſter Sturm auf dieſes letztere Werk am 18. Juni nach großem Blutvergießen ſcheiterte, ſo ließ er ſich dadurch in ſeiner Energie nicht lähmen, ſondern wagte nach achttägigem Bombardement am 8. September einen neuen Sturm, der ihn in Beſitz des wichtigen Werkes brachte und den Fall des ſüdlichen Theiles von Sebaſtopol herbeiführte. Seine Belohnung war die Ernen⸗ nung zum Marſchall von Frankreich und zum Herzog von Malakoff. Peliſſier iſt ein Soldat aus der harten Schule Bugeauds und hat in einem langen Kampfe mit Arabern und Kabylen die Energie, die einen Beſtandtheil ſeines Charakters ausmacht, zuͤr vollendeten Rückſichtsloſigkeit ausgebildet. Wie er es liebt, den Feind nicht blos zu ſchlagen, ſondern zu vernichten, ſo würde er auch, wenn es irgend einem großen Ziele gälte, ſein Heer bis auf den letzten Mann opfern, wenn nur dieſer letzte Mann die franzöſiſche Fahne an jenem Ziele aufpflanzte. Solche Ge⸗ nerale ſind bei den franzöſiſchen Soldaten beliebt, vorausgeſetzt, aß ſie gerecht ſind, und das iſt Peliſſier. Die Offiziere lieben ihn weniger; ſie nennen ihn hochfahrend und abſtoßend. Be⸗ ſonders ſollen“ ſeine Adjutanten einen ſchweren Stand bei ihm hoͤben. Die diplomatiſche Thätigkeit, welche der Marſchall als Botſchafter ih London entwickelte, bietet für den gegenwärtigen zuugenblick Kein Intereſſe dar. Gegenwärtig iſt er zum Ober⸗ befehlshaber des Obſervations⸗Korps ernannt worden, welches in Nancy ſein Haupt⸗Quartier hai, alſo der Rheinalmee. 4* —— elaſti⸗ erfor iſt di vorz 75, — Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Franz Certain⸗ Canrobert, franzöſiſcher Marſchall und früher Oberbefehlshaber der Armee in der Krim, wurde 1809 im Departement des Lot, ganz in der Nähe des Dorfes geboren, das Murats Heimat war. Im No⸗ vember 1826 in die Militärſchule von St. Cyr aufgenommen, die er zwei Jahre lang mit Auszeichnung beſuchte, trat er im Herbſt 1828 als Unter⸗Lieutenant in das 47. Linien⸗Regiment und ging 1835 als Lieutenant nach Algier. In der⸗ Provinz Oran, wo ſein Regiment ſtationirte, nahm er an allen Zügen Theil, welche unter den Generalen Clauzel, d'Arlanges und Letang gegen Abd⸗el⸗Kader, der nach ſeinem Siege an der Makta den Franzoſen viel zu ſchaffen machte, ausgeführt wurden. Bei der Expedition gegen Maskara zog Canrobert die Blicke der Ober⸗ Offiziere zuerſt auf ſich. Da er bei⸗ der Einnahme von Tlemſan, bei dem Gefecht an der Tafna und überall ſonſt, wo gekämpft wurde, die gute Meinung, die man von ihm hegte, glänzend rechtfertigte, ſo wurde er im Frühjahr 1837 zum Hauptmann befördert. Bei dem Sturm auf Konſtantineh erhielt er in der Breſche und an der Seite des Oberſten Combes, der tödtlich verwundet wurde, einen Schuß ins Bein. Die letzten Worte, die der ſterbende Oberſt ſprach, waren eine Empfehlung Can⸗ roberts, den er dem Marſchall Valse als einen Offizier bezeichnete, der eine Zukunft habe. Zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, wurde er 1839 mit dem ſchwierigen Auftrage betraut, aus den Banden Cabrera's, die ſich auf franzöſiſchen Boden gerettet hatten, ein Bataillon für die Fremdenlegion zu bilden. Im Lager von St. Omer arbeitete er dann an den Anweiſungen für Offiziere der leichten Truppen, die unter der perſönlichen Leitung des Herzogs von Orleans entworfen wurden. 1841 kämpfte er wieder mit dem 6. Bataillon der Jäger zu Fuß in Algier, wurde 1842 zum Bataillonschef im 15. leichten Regiment befördert und führte ſeine Jäger am Schelif. Sowohl in dieſen Jahren, als 1855, wo ſtatt Cavaignac's St. Arnaud ſein Vorgeſetzter wurde, erregte er ſelbſt unter den kriegsgewohnten Truppen von Algier durch ſeine ritterliche Tapferkeit Aufſehen. Wie er bei Bahl mit 250 Jägern gegen 3000 Feinde Stand hielt, ebenſo ſchlug er ſich hartnäckig acht Monate lang, ohne jemals den Gegner zu zählen, gegen die Kabylen und trug zur Unterwerfung der an Tenes grenzenden Bezirke weſentlich bei. 1848 bekam er als Oberſt den Befehl über ein Regiment der Fremdenlegion, mit dem er die Bergbewohner des Aures ſchlug und den Bey Achmed ge⸗ fangen nahm. Von der Fremdenlegion ging er zu den Zuaven über und führte er mitten in der Cholerazeit den heldenkühnen Zug gegen Zaatſcha aus. Die Verſtärkungen, die er brachte, gaben dem General Herbillon, der halb unthätig vor der Oaſe lag, die Mittel, Entſcheidendes zu unternehmen. Unterwegs bei Boa Sada ſah er ſich von einer zahlloſen Schar Araber um⸗ zingelt.„Platz!“ rief ihnen Canrobert zu,„mit mir kommt die Peſt!“ und erſchrocken ſtäubten die Feinde auseinander und ließen ihm den Weg frei. Das Dorf Zaatſcha liegt mitten in einem dichten Palmenwalde, der von wenigen Fußpfaden durch⸗ zogen wird. Ringsum laufen Gärten, meiſtens von Gräben und ſämmtlich von Mauern in verſchiedenem Niveau durchzogen. Das Dorf ſelbſt iſt eine Feſtung, denn abgeſehen von der Kasbah oder Citadelle, die mit Baſtionen und krenelirten Mauern um⸗ geben iſt, hat jedes ver ſteinernen Häuſer Schießſcharten. Die Zeit vom 8. bis 26. Mov. 1849 verfloß, ehe die Franzoſen die Gärten und den Wald überwunden hatten. An dem letzt⸗ genannten Tage war eine gangbare Breſche da, und es konnte geſtürmt werden. Oberſt Canrobert führte die eine der drei Sturmkolonnen, und dieſe war es, welche die Entſcheidung brachte. Von den ſechzehn Zuaven, die ihn als Deckung umgaben, fielen zwölf, von ſeinen vier Ordonnanzoffizieren wurden zwei getödtet, aber er kämpfte ſich durch ein Gewirr von Gaſſen auf den Markt des Ortes durch. Der Lohn für dieſe Heldenthat war ſeine Ernennung zum Kommandeur der Ehrenlegion und zum Brigadegeneral. 1850 berief ihn der Prinz⸗Präſident na nachdem Canrobert eine Zeitlang ei hatte, zu ſeinem Adjutanten. In dieſer Stellung beſand er ſich zur Zeit des Staatsſtreiches und behielt ſie auch mit dem Range eines Diviſionsgenerals unter dem Kaiſer bei. Die erſten Kämpfe ch Paris und ernannte ihn, ne Brigade Fußvolk befehligt de ganzen Belagerung von Sebaſtopol in ſeine Hände gelegt. Gerade in dieſer Zeit walteten ſo eigenthümliche Verhältniſſe ob, z. B. eine fortdauernde Uneinigkeit der Generale über die dem Haupt⸗ angriff zu gebende Richtung, daß das Mißlingen der Opera⸗ tione während der Zeit ſeines Kommando's nicht als ein Be⸗ an der Spitze Er war außerordentlich beliebt unter den Truppen, weil er ſtets für ihr materielles Wohl auf⸗ opfernd geſorgt, und ſein Erſcheinen wurde jedesmal mit lautem Das konnte Peliſſier nicht angenehm ſein und Canrobert erhielt daher am 26. Juli eine telegrafiſche Depeſche vom Kriegsminiſter, daß der Kaiſer ihn auffordere, zum Schutze ſeiner Geſundheit nach Frankreich zurückzugehen. Da Canrobert erwiederte, daß ihn Geſundsheitsrückſichten nicht bewegen wür⸗ den, ſeiner Thätigkeit ein Ziel zu ſetzen, traf alsbald eine neue Depeſche ein, welche Canrobert befahl, zum perſönlichen Dienſt bei dem Kaiſer in die Heimat zurückzukehren. Demzufolge ver⸗ ließ Canrobert am 8. Auguſt die Krim; das Vertrauen des Kaiſers blieb ihm ungeſchmälert erhalten, und er wurde nach einander zum Marſchall, zum Senator, zum Geſandten in Schwe⸗ den und zuletzt zu einem der fünf Oberkommandanten von Frank⸗ reich ernannt. Gegenwärtig kommandirt Canrobert das 3. Korps der Alpen⸗Armee. Sprichwort im Rebus von Otto Gütz. Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt.— Papier und Druck des art. Ausgegeben am 1. Juni 1859. ⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag.