Ploér rmel⸗, ar ulks als u bringen, ng verſchie⸗ üft Ihnen, erke auf⸗ erwiedert, zuß dan⸗ Lande der die ‚Afri⸗ gjeſtät, es Und was 8 Pr. Erinnerungen. Tllugkrirte Wlältter kür Brnel und Bumor. 77. Band. Städtlein und Herrenburg. Nach einer Volksſage erzählt von Ferd. Lauffer. I. 5) uf einer freien Hochheide der weiten, das Lobnigthal von Norden einſchließenden Hü⸗ 3 gelung ſtand im Jahre nach Chriſto 1450 S 7 eine Gruppe ehrſamer Bürger und Meiſter 55 der Stadtveſte Hof.*) Verſchiedenen Ge⸗ 2 werkes ein Jeglicher, hatten ſie Alle der Abzeichen und beſondern Verrichtungen ihres Stan⸗ des ſich entäußernd, mit vereinten Kräften Hand an ein gemeinſam Werk gelegt. Galt es doch nichts Geringeres, als für das Feſt des kommenden Tages den Maibaum zu pflanzen. Wohl über fünfzig Ellen Raumes bedeckte die ungeheure, gefällte Fichte. Sie war bis zum Wiöpfel F *) Uraltes, vordem mit Mauer und Wall umgebenes Städt lein auf einem Hochſattel des mähriſchen Geſenkes. Erinnerungen. 1859. (Neununddreißigſter Jahrgang.) Heft XI. von Aſt und Rinde entblößt und am Stamme über dem Wurzelſchnitt walzeuförmig, des Klette⸗ rers Arm umgreifbar, zugehauen. Dort wo die Säule bis zur Dicke eines Mannesarms ſich verjüngt, lief eine mit Ringen an's Holz feſtgeſchmiedete Eiſen⸗ ſtange, von welcher ſeitlich in quirlförmiger Stel⸗ lung unterlegte, ſtählerne Aſtrippen ausgingen, auf⸗ wärts bis in den Wipfelſproß, damit der Steigende beim Herunterlangen des höchſten Preiſes ſicheren Anhalt habe. Die Reiſer des Wipfels waren mit gar köſt⸗ lichen Preiſen wie ein Chriſtbaum behangen. Da blitzten ſilberne Henkelthaler lockend zwiſchen dem Nadelgrün, Lebkuchen in Form von Herzlein, ſtatt des Liebespfeils mit einem Mandelkern durchſtochen, hingen an rothem, zierlich gefalteten Seidenband, zuckerne Kindlein mit? Augen von Würzkörnchen lug⸗ ten gar küßlich her und vergoldete Nüſſe, anſtatt der Zapfen an anfenent Stiel vorſproſſend, ſchwank⸗ ten zu hunderten und bogen die zähen unterſten Sproſſenenden. Weiter oben haftete ein prächtiger, doppel⸗ 41 322 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ſchneidiger Dolch, mit Griff vom Horn eines Sech⸗ zehnenders, dann eine blitzende Solingerklinge an rei⸗ chem Gehenk und ein ſammtnes Barett von ſchwung⸗ vollen, weißen Federn überwallt— die Ehrluſt der wehrhaften Jugend zum Wagniß ſpornend. Endlich waren— ſeltſamer Weiſe! auf aus⸗ drückliches Gebot des Stadtvogtes und Heermei⸗ ſters Kornelius Ottweiler, zwei Innungen be⸗ vorzugt der Schneider und Schmiede. Eine mächtige Zuſchneideſchere von beſtem Stahl, trefflichſten Gefüges und ſcharfgeſchliffen, hing am Gipfelſproß neben einer Zange, am Eiſenhaken befeſtigt— als höchſter Preis! Das war denn Jedermann gar wunderlich und die Alten, das Weſen und Thun des ſtrengen und feſten Herrn Stadtvogtes kennend, zerbrachen ſich den Kopf, den eigentlichen Zweck dieſer Werk⸗ zeuge am Baum herauszufinden; die loſe Jugend aber, leichteren Sinn's und vermeinend, eitel Kurz⸗ weil und Narrethei ſtecke hinter dem Ganzen, hatte ein artiges, mit Maſchen verziertes Bocksbärt⸗ lein den Ringen des Scherengriffs angefügt und der Zange zu Erhöhung des Preiſes, eine taube Nußuwiſchen die Eiſenkiefer geſchoben.—— Ki Grab!“ rief jetzt Kluger der junge Schreiner, da er eben eine Erdſcholle aus dem, ſich unter zehn Spitz- und Rodhauen erweiternden Loch, worin der Baum gepfählt werden ſollte, auf⸗ geworfen. Neugierig folgten Aller Augen dem aber⸗ mals niedergleitenden Arm des Rufers— ein zweiter Schaufelgriff— und ein brauner, geſpal⸗ tener Menſchenſchädel rollte über den Erdaufwurf des Grubenrandes.... Auf das Gelärm der Werkmeiſter war lang⸗ ſamen Schrittes der alte, wettergebräunte Rotten⸗ meiſter des Stadtheerbann's Kaspar Beſchorner herzugetreten und nun mit bewölktem Blick in die Grube ſtarrend, nahm er ſeine Sturmhaube ab und ſprach gewichtigen Ernſtes, feierlich: „Wir ſtehen auf den Reſten unſerer Väterl... Zum Schirm des bedrohten Heimat⸗ herdes, gegen den übermüthigen Lutz von Mödlitz waren ſie ausgezogen zu tauſend Mann, den räu⸗ beriſchen Habicht in ſeinem Horſt zu fahnden und ſeine Zwingburg zu brechen. Verrätherei eines, vom Erbfeind erkauften Pfadweiſers, der durch den da⸗ mals unwegſamen Wald den Zug auf kürzeſter und ſicherſter Fährte führen ſollte, lockte ſie in eine ver⸗ lorne Thalenge und gab ſie, wie eine umhegte Herde dem Schlachtmeſſer der gleich Wetterbächen vorbrechenden und Alles niederwerfenden Eiſenmän⸗ ner preis. Da fielen denn Alle in ihr Blut und nur Einem blieb ſo viel Kraft und Athem, ſich Nachts, da der Feind die Wahlſtatt verlaſſen, bis zur Stadtmauer heimzuſchleppen und dem Thorwart die Hiobskunde zu bringen. Da war kein Dach in Hof, unter dem nicht Weheklagen und Jammer der armen, ihres Nährers und Schützers beraubten vor den übrigen Gilden bedacht: die Witwen und Waiſen zum Himmel ſchrie. Der rit⸗ terliche Wüthrich verweigerteé in ſeines Herzens Ver⸗ härtung den Flehenden ſogar, daß ſie die theuren Leichname vom Blutfeld holen und in des Fried⸗ hofes geweihte Erde betten durften. Drei Tage lang mäſtete Geier und Krähe ſich an den Unbe⸗ grabenen und als der in der Juliusſonne faulende Ueberreſt weithin über's Gebirge die Luft verpeſtete, ließ der Gewaltherr ſelben in eine weite und tiefe I Grube ohne Sang und Segen gleich Aeſern un⸗ vernünftiger Thiere werfen. Dreißig Jahre in harter Botmäßigkeit ſchmachtete das ſeiner Mannen be⸗ raubte Städtlein! Als wir endlich erwachſen— den kühnen und ſtarken Kornelius Ottweiler als Führer an der Spitze, uns gegen den Zwing⸗ herrſcher empörend, die Freiheit unſeres Weichbildes nach hartem Kampf erſtritten,— ſtellten wir wohl Nachgrabungen nach den theuren Ueberreſten an, doch da Niemand von uns die Stelle, wo ſie ver⸗ ſenkt worden, wußte, jedes Merkzeichen abſichtlich von der Hand des Barbaren ſpurlos hinweggetilgt war, blieb all unſer Suchen ohne Erfolg. Heute, wo mir bauen und ſchaffen am Werk der Freude, gibt uns der Zufall eine ſchwere Mahnung für ein ernſteres Thun. Noch trotzen die Zinnen der Raubveſte und der ‚blutige Wolf' dort in der Höhle, hat ſeiner grimmigen Natur gegen den Städtler ſich nicht begeben.“ „Feuer und Schwert!“ begann Glutſchlak⸗ ker, der junge breitſchultrige, um Kopfeslänge alle Umſtehenden überragende Waffenſchmied, indem er die ſchwere, ſtählerne Spithhaue klirrend in den Boden ſtieß,„lieber wollte ich mit dem Werkzeug da von der gleißenden Haube des ritterlichen Wür⸗ gers die Federn ſtäuben machen, als hier die Acker⸗ krume! lieber ihm ſelbſt und ſeinen Mordkameraden ein Bett tief und breit in der Erde machen, als hier dem Holze zu eitler Kurzweil und der Jun⸗ gen Erluſtigung! Noch ſchreit das Blut meiner fünfzig Kampfgeſellen vom zweiten Herbſt um Rache — noch mäſten ſich die Lotterer von uns wackerer Werkleute Mark und Blut, reißen den Preis und Gewinn unſers ſchweren Tagewerkes mit gieriger Kralle uns vor der Naſe weg! Und wir?— ſtehen da durch eines Einzigen Willen gebunden, ſchirm⸗ und widerſtandslos, wie Schulbuben unterm Ru⸗ thenſtreich und“— ein wildes Lächeln hob die Spiteen ſeines ſtruppigen Bartes—„richten Mai⸗ bäume auf!“— „Wenn die Saat reif, dann komme der Schnitter zur Mahd!“ entgegnete der alte Rotten⸗ meiſter bedeutungsvoll.„Habt ihr eure vorſchnelle, dem rechten Zeitpunkt und günſtiger Lage der Dinge vorgreifende Heftigkeit nicht ſchon genugſam und empfindlichſt gebüßt? Wollt ihr wieder wie blind⸗ wüthige Hirſche ſelbſt in die Netze des Erbfeindes laufen?— Hättet ihr vordem der Mahnung des Heermeiſters gefolgt und hinter Wall und Mauer die Uebermacht der Feinde erwartet, ſo dürften meiner 1 Rache wackerer und gieriger ſiehen ſchirm⸗ m Ru⸗ hob die Mai⸗ me der Rotten⸗ ſchnelle, r Dinge am und blind⸗ bſeindes ung des Mauer dürften Ferd. Lauffer: Städtlein und Herrenburg. 323 jetzt nicht ein halb Hundert Mütter um ihre Söhne weinen.“ „Der Erfolg war ſo ſicher, wie Ja und Amen!“ gegenredete mit trotzigem Ausdruck der Schmied.„Hätte der Hauptmann unſere Freiſchar mit ſeinem gewappneten Heerbann zu rechter Zeit unter⸗ ſtützt, als wir die Mauern von Mödlitz berannten, ſo war das Thor in Trümmer, ehe die Wildſtei⸗ ner wie vom Teufel gerufen, mit ihrem Lanzen⸗ rechen und Pfeilhagel uns in den Nacken kamen.“ „Er kam zu rechter Zeit!“ betonte der Alte, „ſonſt könnteſt Du Undankbarer heute nicht grollen und lägeſt ſchweigſam und friedlich unter dem⸗Moos. Nur ſeiner Klugheit und Tapferkeit mögt ihr nächſt Gott euer Leben verdanken. Es war ein furchtber Wagſtück in die eherne Ringmauer eurer ſiegenden Gegner einen Keil zu treiben und gradaus für euere Rettung ſie mit dreifachſchwächerer Streiter⸗ zahl zu durchbrechen.“ „Zu ſpätl zu ſpät!“ entgegnete abweiſend und unüberzeugt der Schmied.„Vom Geſichtspunkt des verknöcherten Alters mag's alſo erſcheinen, wie Ihr ſagt— wir, deren Knochen noch markig in Jugendkraft, fühlen's anders! Narr iſt, wer hungrig wartet unterm Baume, bis ihm der Apfel zur Naſe fällt, wenn er mit einem Handgriff und Sprung ihn erreicht. Wäre unſerm Heermeiſter nicht Schwert und Thatkraft eingeroſtet, ſo hätte er einen Hauptſturm mit des Städtleins aoger verfügbarer Streitmacht gewagt und nicht den traurigen Ruhm: Trümmer gerettet— ſondern den herrlichen: un⸗ ſern Freiheitsbaum über Trümmer gepflanzt zu ha⸗ ben, hätte er heimgebracht.“ „Junges Blut! ſiedendes Blut!“ ſprach der Alte mit ernſtem Kopfſchütteln,„rennt wider die Mauer an und ſpringt vom Dach, ohne fliegen zu können. Dir fehlt es an redlichem Eifer nicht, junger Menſch, doch ganz an Erfahrung! Wo die Thatkraft zu eignem Schaden, am Unmöglichen er⸗ lahmen mußte, tritt Klugheit, die zuwartende, bedächtige, gar wohl in ihre Rechte ein. Die Mauern und Eichenboh len des Thors von Möd⸗ litz fallen unter Deinen Gedanken im Traum wohl früher, als in der Wirklichkeit unter dem Sturm⸗ bock. Uebrigens fehlten ja damals unſerer Stadt die Rüſtzeuge für eine ordentliche Belagerung und das Heergeräth ganz. Hattet ihr doch nicht mehr, denn eine einzige Sturmleiter zur Verfügung. Und — ſelbſt auch im Beſitz aller Werkzeuge der Zer⸗ ſtörung, war eure Mühe eitel— der wie ſturm⸗ getriebnes Wettergewölk einbrechende Feindesgenoſſe ließ euch nicht Zeit, ſie mit Nachdruck in An⸗ wendung zu bringen.“ „In dem liegt ein Körnlein Wahrheit!“ ſagte nach einer Pauſe des Nachdenkens der Schmied; „ein böſer Wind hat uns die Wildſteiner wirk⸗ lich wie einen Heuſchreckenſchwarm urplötzlich über'n Rücken geblaſen. Doch das war ſeltſamer Zufall, der außer jedes Kriegsmeiſters Berechnung ſtand.“ „Zufall war's nicht!“ ſprach mit beſtimm⸗ tem Ausdruck der Veteran,„dahinter ſteckt mehr, als jetzt in unſer Auge ſpringt und wir mit Ver⸗ ſtand und Händen erfaſſen können. Die Löſung des Räthſels: wie und warum der Wildſteiner Inahaſhen durch eine Menſchenſtimme, ſo plötzlich zur Hilfe erſcheinen konnte, müſſen wir der Zeit überlaſſen, die— ſo gewiſſe Anzeichen mein altes Aug' nicht trügen, durch Klugheit— hörſt Du! durch die von Dir mißachtete, mit Mangel an That⸗ kraft zuſammengeworfene Klugheit, uns nahe gerückt ſein dürfte!“— Der alte Kriegsmann bedeutete nun den ar⸗ beitenden Männern, aus der genug tiefen Höhlung ſorgſam das Beinwerk aufzuleſen und vorläufig an geſchütztem Ort zur Säule zu ſchichten. Dann wandte er ſich einem hölzernen Gerüſte zu, Kraft deſſen, unter Anwendung von Hebebäumen, Hebeln, Rad⸗ werk und armsdicken Strängen die mächtige Laſt des Maibaumes eine Minute ſpäter gehoben, und unter der zugreifenden Männer gewaltiger Anſtren⸗ gung ruckweiſe und langſam ſich aufrichtend, end⸗ lich in lothrechte Stellung kam. Als der letzte Stützpfahl am Fuße des Bau mes unter dem Dreiſchlag wuchtiger, aus knorriger Steinbuche gehauener Fäuſtel in den Bodenggetrie⸗ ben war, entfernte ſich der Alte, dem Herrn Stadt⸗ vogt Kunde und Meldung zu bringen; die Uebri⸗ gen aber, hochaufathmend vor Erſchöpfung, warfen ſich zur Raſt auf den Boden. „Hei!“ meinte Kluger, nachdem er den Schweiß von der Stirn gewiſcht,„da ſteht denn der Luſtbaum, als lebten wir nicht unterm Schwert des Erbfeindes von heut bis morgen, ſondern im tiefſten Gottesfrieden. Eine Nacht liegt noch zwi⸗ ſchen dem Feſt— mich will's ger nuthen, als wür⸗ den uns von alledem droben zur Nachleſe nur taube Schalen bleiben.“ „Der in den Kern beißen will, wird vorher alle Zähne laſſen, ſo lange ein ehrlicher Waffen⸗ ſchmied Hüter des Baumes iſt!“ betonte Glut⸗ ſchlacker mit Selbſtgefühl „Du? der Einzelmann?“ fuhr ungläubig Klu⸗ ger fort,„ein ganzes Fähnlein, ſo fern der Stadt, iſt hier ein verlorener Poſten. Der Mödlitzer hat ſeine Spürhunde überall, er wird Nachts nicht auf der Bärenhaut liegen, wo's Etwas für ſeine Klaue zu haſchen, den Städtlern einen Schur anzuthun gibt.“ „Er ſtreckt ſeine Klaue nicht aus!“ ſprach Glutſchlacker beſtimmten Tones,—„ſeine Pfote iſt verbranntl Seitdem er vom Schwert des Unbekannten— Gott ſegne das wackere Herz — ſo arg am Schädel gezeichnet iſt, hat er bei Androhung des Todes ſeinen Mannen verboten, während ſeines Siechthums die Rache der Städtler durch Schädigung herauszufordern. Er weiß gar wohl, was das Gezücht ohne ihn iſt, um ſeine eigene Sicherheit von ihrer blindwüthigen Willkür unabhängig zu halten. Der Wildſteiner iſt für 1 4¹* Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ſich kein Lotterer, nur des Mödlitzer Schwähers Fehdegenoß, wenn dieſer gedrängt iſt. Wir haben derzeit gar Niemand zu fürchten! und daß der Geneſene ſeinen gottloſen Schwur:„Hof wegzutil⸗ gen mit Feuer und Schwert, für jeden ſeiner ver⸗ goſſenen Blutstropfen einem Säugling das Herz auszupreſſen!’ nicht zur That mache— das wird nächſt Gottes Barmherzigkeit unſer früher ihn tref⸗ fendes Schwert verhüten.“ „Pſt! der Traumwandler kommt!“ ſprach Gramſel der Weber jetzt; Glutſchlacker, hal⸗ ben Leibes ſich aufrichtend, ballte die Fauſt am Griff ſeines Flammbergs. „Stille! ſtille! zurück!“ mahnten eindringlich flüſternd die Andern,„ſtör' ihn in ſeinen Geſich⸗ ten nicht! Hier auf der Halde pflegt der Ritter vom Schatten mit der holden bräutlichen Echo, ſeinem luftzarten Liebchen, zu koſen.“— II. Ein junger Mann, dem dieſe Ausbrüche des Aergers und Spottes gegolten, Johannes Moos, des Stadtvogtes Geheimſchreiber, kam gemeſſenen Schrittes auf den Maibaum zu. Lautlos an jene Stelle gelangt, wo das Kno⸗ chenwerk zu luftiger Säule geſchichtet ragte, blieb er ſtehen und betrachtete, vom Abendſchein umfloſ⸗ ſen, ſinnend die Reſte eines lang weggeſunkenen Geſchlechts. Er war eine an Haltung und Weſen von den derben, vierſchrötigen Mannen des Gewerkes ſich auffallend unterſcheidende, nicht blos das Auge— das Herz auch im tieſſten feſſelnde Erſcheinung. Welcher Menſch, neidlos und von zarter Empfin⸗ dung, mochte ihn ohne Bewunderung und ohne Liebe ſchauen? Hoch wölbte ſich die Denkerſtirn unter einer Fülle tiefbrauner Locken, die vom ko⸗ ſenden Luftzug den Schläfen angeſchmiegt, tiefer um das herrliche Oval ſeines Antlitzes ſich löſend, im Wellenſchwung zur Schulter fielen. Zwei ſchmal⸗ ſchattende, ſeidenweiche Bogen verliefen über der edlen, griechiſchen Naſe in eine Linie. Den ernſten Zug des feingeſchnittenen Mundes konnte der feine dunkle Bart nur halb in ſeinem Schatten bergen. Im Auge leuchtete durch die Nacht tiefen, beinahe ſchwermüthigen Sinnens der Blitz des Geiſtes. Das Morgenroth des Jugendlenzes aber hatte in die marmorne Bläſſe dieſer Wangen kein duftig Rös⸗ lein gehaucht. Sein Aeußeres ſtimmte in edler Einfachheit zu ſeinem Charakter und war des damals bräuchli⸗ chen Tandes und Schmuckes bar. Ein ſchwarzes Barett mit gleichfarbiger Feder ſaß ſchlicht auf ſeinen Locken, ſtatt der vielgefältelten Halskrauſe war ein⸗ fach der ſchneeige Kragen des Hemdes ausgelegt. Ein ebenholzfarbiger, des Stickwerks und der Trod⸗ deln entbehrender Sammtrock zeigte, ſich anſchmie⸗ gend, die vollendet ſchönen Umriſſe ſeines mehr ſchlank als ſtämmig gebauten Körpers. Er trug kein Schwert— doch konnte der lange, ſteinharte Taxusſtab in ſeiner Rechten, ſeine Stütze beim Bergſteigen, im Fall der Noth ihm auch als Waffe dienen. Johannes Moos— als Knabe frühzeitig verwaiſt— war von dem ehrwürdigen Prior des Kloſters in Altwaſſer väterlich aufgenommen und zur Tugend und tiefernſter Beſchaulichkeit erzogen worden. Der Jüngling hatte als Hörer der Rechte und Weltweisheit an der Hochſchule Prags ſeine Ausbildung vollendet und war nun ſeit Jahresfriſt heimgekehrt, die Fülle ſeiner tiefen und außerordent⸗ lich mannigfachen Kenntniſſe zum Heil ſeiner Vater⸗ ſtadt zu verwerthen. Jetzt richtete er aus ſeiner nachdenkenden Stel⸗ lung ſich auf und hob ſein Auge zum Wipfel des Maibaumes, von dem die anhangenden blanken Metalle blendende Blitze niederſchoſſen. Befriedigt durch das, was er erſchaut, nickte er vorbeiwandelnd zu Beiſtimmung und Abſchied zugleich den Meiſtern zu und ſtieg, langſam wie er gekommen, in's Thal hinunter. Schweigend und geſpannt hatten die Rück⸗ bleibenden jede ſeiner Bewegungen verfolgk⸗s kaum war nun das dunkle Kleid im Düſter des Forſtes verſchwunden, ſo goßen die bis zum Augenblick verhaltenen Schleußen ihrer Rede ſich in einem Schwall über den ſtillen, ernſten Mitbürger aus. „Da ſchattet ſie dahin, die mondſüchtige Seele ohne Mark und Blut!“ begann Glutſchlacker bitter.„Der Bücherwurm! hat er nicht Tinte in den Adern ſtatt warmer Lebensſäfte?— Und das iſt auch ein Mann! Gnade Gott unſerem Städt⸗ lein, wenn die Art einmal mehrzählig wird. Sie wird ſtatt mit felsbrüchigem Geſtein mit Papier⸗ ballen ihr Weichbild verrammen, ſtatt mit gutem, gehärtetem Eiſen mit Gänſekielen fechten.“ „Und wie hoch ſtellt ihn der eiſerne Mann des Schwertes, der ſtrenge finſtere Stadtvogt!“ fügte Kluger bei;„iſt das nicht ein hirnverrü⸗ ckender Widerſpruch? Wahrlich, wenn der Ritter vom Schatten, wie es verlautet, wirklich der ge⸗ heimen Wiſſenſchaft kundig, ſo möchte ich ſchier be⸗ haupten, daß er dem harten Kriegsmeiſter mit einem Zaubertränklein es angethan.“ „Das beſiegle ich mit dem Knopf meines Flammbergs!“ fiel Gramſel der Weber ein; „wie hätte er ſonſt gegen Sitte und altgutes Her⸗ kommen den Milchbart unter den Aelteſten im Rathsſaal Sitz und Stimme verſchaffen können? Und die Rathsmänner ſelbſt— hatten ſie Tau⸗ mellolch oder Tollbeeren gegeſſen, daß ſie ſolchem Antrag ſich willfährig zeigen, das feuchtohrige Bürſch⸗ lein als altersbürtig ſich einſchwärzen laſſen konn⸗ ten? Iſt ihre graue Weisheit ſo morſch und wurm⸗ ſtichig geworden, daß ſie an ſolch' grünem Holze ſich aufrichten und erkräftigen muß, ſo ſind wir, — mehr Fr trug einharte e beim 8 Waffe rühzeitig rior des len und erzogen Rechte andelnd Meiſtern 18 Dal Rück⸗ kaum Forſtes Papier⸗ gutem, it einem meines er ein; en konn⸗ wurm⸗ n Hele Ferd. Lauffer: Städtlein und Herrenburg. 325 die wir dem greiſen Haar unſer Vertrauen ge⸗ ſchenkt, übel berathen genug.“ „Wenn's auf's Geſicht ankäme und des Lei⸗ bes Haltung und Geberde,“ meinte Kluger,„ſo jung der Fant, das muß man ihm zugeſtehen: er gibt ſich wie ein geborner Senator! Wie ernſt und voll gemeſſenen Anſtandes ſchritt er einher, gleich dem Landvogt, der ſeine Frohner zu beſichtigen kommt. Mit welch' gnädigem Stolz und herablaſ⸗ ſendem Kopfnicken hat Großmögen uns ſeine Zu⸗ friedenheit kundzugeben geruht! Gebt acht, er tritt ſicherlich noch einmal an Kornelius Ottwei ler's Stelle!“ „Feuer und Schwert!“ brach G ztſchliſ d⸗ los,„wenn's wahr iſt, wie das Gerücht geht, daß beim nächſten Auszug gegen Mödlitz ein Fähnlein unter ſeine Befehle kommt, ſo bin ich der Erſte, der ihm ſeine Klinge über's Knie zerbricht und ihm vor die Füße wirft. Sollen wir einer Vogel⸗ ſcheuche folgen? Wer hat ihn je in männlich wa⸗ ckerem Thun auf dem Fechtplatz das Eiſen führen — wer nur ein ſolches an ſeiner Hüfte geſehen?“ „Geduld! Geduld!“ unterbrach ihn lachend Gramſel;„ſaht Ihr nicht heute ſeinen neuen Hüftengurt?'s iſt Wachswetter jetzt— wer weiß, ob ihm nicht über Nacht eine Klinge daran ſprießt!“ „Und der Galgenvogel, ſein Wierkrenn licher Kamerade— wo blieb er heute? Kaltherz wird doch dem edlen, luftſegelnden Herold nicht gar für ein Liebesbrieflein die Fittige verrupft ha⸗ ben?“ ſtimmte der Schreiner ein. „Dreimal!“ fuhr Glutſchlacker, dieſe Bemerkung überhörend, immer hitziger fort,„drei⸗ mal habe ich bittern Ernſtes zum Kampf ihn ge⸗ fordert! Feuer und Schwert! was war ſeine Er⸗ wiederung? Er hat mir ſchweigend den Rücken gekehrt! Wer von euch Allen, frage ich, hat Luſt, ſich am ernſten Tage der Entſcheidung unter ſein löſchpapiernes Banner zu ſtellen?“ „Keiner! Keiner!“ tobten Alle im Chor. „Warun hieltet ihr mich auf, da ich ihn Stirn an Stirn faſſen wollte? Heute war's an uns, ſcharfe Abrechnung mit ihm zu pflegen für alte Schuld und das Facit in ehrlicher Fraktur mit unſeren Stahlklingen in ſein jungferlich Antlitz zu ſchreiben.“ „Was ſoll das Gelärm?“ unterbrach eine tieſ männliche Stimme ihn plötzlich und der Schlag einer Handfläche fiel nachdrücklich auf ſeine Achſel. Einen Fluch über die plötzliche Störung zwi⸗ ſchen den Zähnen wandte ſich der Getroffene um und ſah in das finſter drohende Antlitz des Heer⸗ meiſters Kornelius. Unbemerkt während der ſtür⸗ miſchen Bewegung Aller war er mit dem Rotten⸗ führer aus dem Forſte herzugetreten. „Was ſoll das Gelärm?!“ wiederholte er jetzt mit ſtrengem Ausdruck der Stimme,„und Wen traf die Drohung? Hat ſie jemand anderem als losbrechend unſerem gemeinſamen Erbfeind und Schädiger ge⸗ golten, ſo iſt ſie von der Lippe eines Buben ge⸗ kommen!“ „Feuer und Schwert!“ fuhr Glutſchlacker mit funkelndem Auge auf,„wär't Ihr nicht Vogt und Heermeiſter der Stadt— der Bube antwor⸗ tete Euch mit was Schärferem als ſeiner Zunge! Das Maß iſt voll und jede Saat muß endlich zum Schnitte kommen. Frei wie meine Schwertklinge dem Angreifer, ſchleudre ich Euch die Wahrheit in's Geſicht. Wir ſind es müde, Inder⸗ Knochen und Muskeln an das Leitſeil eines Schulbuben zu ſpan⸗ nen, weil es der Laune des geſtrengen Herrn Stadt⸗ hauptmanns alſo gefällt!“ „Thor! lächerlicher, kolleriger Thor!“ entgeg⸗ nete der ernſte Krieger mit dem Ausdrucke vollſter Verachtung;„der Bär des Waldes erſetzt mir zehn⸗ fach Deines Gleichen und läuft Dir den Rang ab, wenn blindes Wüthen und rohe Kraftäußerung unter Menſchen einmal das Höchſte gilt. Neidharte ihr! die ihr dem tiefſinnigen Jüngling mit dem reifen, männlichen Geiſte gram, weil er nicht eurer Art— ihn einen Schulknaben ſchmäht, weil er ein Jünger der Weisheit, ſittenrein, ohne Leiden⸗ ſchaft unter euch wandelt, fahrt ihr nicht los auf ihn in jämmerlicher Scheelſucht, wie bellende Hunde nach dem Mond?— Er ſteht euch zu hoch und glänzt euch zu viel!“— Mit dieſen gewichtig betonten Schlußworten kehrte er ihm verachtend den Rücken und ſchritt von dannen. Der alte Rottenmeiſter aber legte ſeine breite ſchwielige Hand wie eine eherne Deckel⸗ ſchraube über die untere Geſichtshälfte des wilden Schmiedes, der eben in unbeſonnenem Zornestoben loszubrechen rang.... Eine halbe Stunde ſpäter ſtand Glutſchla⸗ cker, noch immer grollend wie ein gefeſſelter Tiger, allein ant Baum. Der Vollmond zwiſchen zerriſſenem Gewölk in Oſten aufgehend, goß ein faſt taghelles Licht über die Hügelwelle. Wie ein ehernes Standbild war der rieſige Wachmann auf ſeinem Poſten hingepflanzt, trotzigen Muthes jedweden Angriffs der Bosheit und Scha⸗ denluſt gewärtig. Eine ſtählerne Sturmhaube deckte ſeinen Kopf; ein breiter Flammberg an der Hüfte und die furchtbare Partiſane in der Fauſt— eine Mordſtange ſchwerſter Art, wie ſie nur der eiſerne Arm eines Hammerſchwingers regieren konnte— vollendeten ſeine Rüſtung. Der Schaft, eine geſchälte Fichte von zehn Fuß Länge, trug oben den Auf⸗ ſatz eines breiten, ſcharfgeſchliffenen Haubeiles, ge⸗ genüber einer ſpitzigen, rückgekrümmten Hakenkralle und endete in einen armlangen, zweiſchneidigen Lanzenſtachel. Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Kein Lüftlein regte ſich, doch war es bitter kalt und die ganze Halde mit ihrem bereiften Heide⸗ kraut flitterte und ſchimmerte im Mondlicht wie ein Silberteppich. Glutſchlacker ſchlug ſeinen Mantel enger um und ſetzte ſich auf einen der zur Befeſtigung des Baumes eingeſchlagenen Pfähle. Eine Stunde mochte ſo vergangen und er vor Ermüdung nach hartem Tagewerk wohl etwas ein⸗ genickt geweſen ſein, da ſchreckte ihn ein feiner lang— gezogener Pfiff vom Walde her und weckte jeden ſeiner Sinne zu geſpannteſter Thätigkeit. Wie eine einſchnappende Meſſerklinge fiel er hinter den Baum in deſſen Schatten auf den Grund und ſo den Blicken nach der Richtung des Schalles verborgen, gedachte er den muthmaßlichen Schädiger auf ab⸗ reichbare Nähe ankommen zu laſſen. Der Pfiff wiederholte ſich nicht, doch gewahrte der Spähende am Saum des Forſtes einen beweg⸗ lichen Schatten von Menſchengeſtalt, der hinhuſchend und ſchleichend wie eine Trugſpiegelung der Luft oder ein Wahnbild der geſtörten Sinne im näch⸗ ſten Augenblick wieder verſchwunden war. Glut⸗ ſchlacker rieb ſich die Augen, vermeinend, ihn äffe ein nachwirkend Traumgeſicht— da tauchte mit der Behendigkeit einer Katze an der oberſten Waldlichtung, kaum hundert Schritte von ſeinem Standorte fern, die„Nachtſcheuche“ von neuem auf, blieb einen Augenblick ſtarr, als ſpähe ſie ob Alles geheuer ſei, dann— gleich einem vom Bo— den abprallenden und fortgeſchnellten Wurfgeſchoß, flog ſie dem Baume zu. „Feuer und Schwert!“ murmelte der Lauernde in den Bart, als der Läufer auf fünfzig Schritte nahe gekommen,„ſo wahr ich eines ehrlichen Werk⸗ mannes Sohn, das iſt Eichkatze, des Lotterer⸗ häuptlings Rüdenbub. Ich erkenne die Hahnfeder über der Lederkappe und das tückiſche Einauge in ſeinem Galgengeſicht. Die frühreife Teufelsklaue, hat ſie die Früchte unſeres Baumes ſchon gewit⸗ tert! Nur heran, nur an, Du Beliasſohn, ich will Dir gepfefferte Brocken mit meiner Gabel da in die Raubzähne ſchieben, daß ſie fürder nichts ande⸗ res denn Erde beißen ſollen!— Hei, wie er mit dem Wind in die Wette rennt! Nur zu, nur zu! Heute ſoll ſich's erweiſen durch meine Fauſt, ob Du der Sohn einer Hexe und zwiſchen den ha⸗ ſchenden Fingern zerrinnen könneſt wie Eſſenrauch.“ Zehn Schritte vom Baume hielt der wie von Sturmfittigen Hergetragene plötzlich an, als wäre er Pfahl geworden. Schier athemlos vor Erwar⸗ tung drückte ſich Glutſchlacker, all' ſeine Glied⸗ maſſen ſtraff an den Leib ziehend, in die bergende Schattenlinie. Wohl eine Viertelſtunde verging und der An⸗ kömmling regte ſich nicht, als wäre er durch einen Erdmagnet unwiderſtehlich an die Stelle gefeſſelt oder gar eingewurzelt. „Peſt!“ murrte der ungeduldige Glutſchla⸗ cker, dem ſeine gezwängte Lage am Boden bereits ¹ unerträglich wurde,„ich glaube gar, der Galgen⸗ ſtrick treibt ſeine Poſſe mit mir! Liege ich nicht da wie der Bär im Blocke? Feuer und Schwert! hätte ich nur meine Armbruſt zu Handen, ich wollte den Meilenzeiger dort mit einem gefiederten Stift noch feſter pfählen!“ „Ho, Schmiedemichel, ho!“ ließ ſich die Stimme der zweibeinigen Eichkatze jetzt rufend ver⸗ nehmen,„ſticht Dich die Sonne ſo heiß auf die Glatze, daß Du im Schatten ſchläfſt? Ho, ſchnar⸗ chender Schmiedemichel, biſt Du ſelber zum Blasbalg worden? Auf, gute Schildwache, die Eichkatze iſt da, Dir einige von den Nüſſen Dei⸗ nes Baumes da abzukaufen, wenn ſie feil ſind um einen Fingergriff!“ „Mordbube!“ brüllte wie von einem über⸗ ſpannten Stahlbogen von der Erde auſſchnellend der Gehöhnte, und wie ein losgeriſſen abſtürzender Felſenblock ſtürmte hingeriſſen von Zornesgluth der Wachmann von ſeinem Poſten fort über die Heide — auf den jungen Lotterer los. Bis auf doppelte Partiſanenlänge ließ dieſer den Raſenden ankom⸗ men.— Der gewaltige Werkmann, ſeines Opfers ſich ſicher wähnend, ſtößt einen wiehernden Triumph⸗ ſchrei aus, die Mordſtange zeichnet einen blitzenden Bogen durch die Luft— ſie fällt— und das mächtige Beil fußtief in den ſteinigen Boden ein⸗ brechend, reißt den Hauenden halben Leibes nach ſich und zur Erde. Weithin aber über die Halde wie ein vom Bogen gedrückter Pfeil unter höhnen⸗ dem Gelächter ſchwingt ſich Eichkatze fort. Hundert Schritte von der Stelle, wo der ge⸗ foppte Schmied ſein verfangnes Eiſen mühſam aus dem einklemmenden Geſteine zieht, bleibt er wieder wie ein Marlkſtein ſtehen. Eine Minute darauf iſt der gewaltige Stahl⸗ bändiger wieder in voller Hetzjagd nach dieſem Punkte zu. Wie ein wuthſchnaubender, verwundeter Eber kommt er dahergebrauſt, ſeine Waffe jetzt nicht zum Hieb geſchwungen, ſondern ſtramm und gerade wie einen ungeheuren Stachel vor ſich ge⸗ ſtreckt. Gleich einem Kreiſel wendet ſich der Bedrohte vor der blitzſchnell anſchießenden Spitze; wieder wird der ſchwere Renner im Angriff von der Wucht ſeines eignen Stoßes, der keinen Halt findend leer in die Luft gegangen, noch vorwärts und in andere Richtung, als die des Flüchtlings geriſſen. Wuthſchäumend reißt der Geäffte ſeine Körpermaſſe in die rechte Fährte zurück und ſiehe!— der Lot⸗ terbube in einer Entfernung von kaum zehn Schrit⸗ ten, mit empörendſtem Sicherheitsgefühl, dreht nach dem Takt eines Luſtreigens ſich hohnneckend, gleich einem Irrwiſch um ihn und bei jeder Wen⸗ dung nach ſeinem Antlitz mit ſpottendem Gelächter die Naſe. Da greift die gewaltige Fauſt des Schmiedes nach den Rippen der Mutter Erde, rafft einen Stein von mehr denn zehn Pfund Gewicht und Julius Cäſar von Capua. 00 — 1 wie von den Sehnen einer Catapulte geſchleudert, ſauſt dieſer im Kreisſprung durch die Luft. Doch der Hexenſohn iſt auch gefeit gegen Wurfgeſchoß; ſein Haar ſtreifend iſt der wohlgezielte, harte Klumpen ohne Wirkung gefallen und widerprallend vom ſtarren Boden rollt er mit Gepolter den Abhang hinab. „Schmiedemichel duck Dich! zieh' Deine Hörner ein!“ höhnt jetzt Eichkatze zurück und die geflügelte Antwort auf deſſen in unrechte Fährte abgeirrten rauhen Boten: ein Kieſel von der Größe einer Fauſt ſchmettert einſchlagend gleich einem Meteorſtein, mit hirnbetäubender, entſetzlicher Sicherheit auf Glutſchlacker's Stahlhaube, daß Funken vor ſeinen Augen wirbeln und er verdumpf⸗ ten Hirnes rücklings taumelt. „Höllenſohn!“ brüllte der wieder ſich Erraffende, „und wenn Satan in eigener Perſon Dich ſchirmt, ſo ſollſt Du doch heute unter den Händen eines recht⸗ ſchaffenen Chriſten Dich ohnmächtiger winden, denn die Natter zwiſchen der Zange. Im Namen Gottes und aller Heiligen jetzt gilt's!—“ Die Wuth eines Löwen peitſchte die Muskeln des Verletzten nun zu raſender Behendigkeit und Kraftentfaltung, ſelbſt der ſchnellkräftige Bube fand es nicht mehr gerathen, ihn auf gefährliche Nähe zu Leib kommen zu laſſen, windesſchnell wie das gehetzte Reh vor dem Wolfshunde warf er ſich in den Schutz des Waldes— der Verfolgende hinter ihm drein. Noch immer iſt, dem Geräuſch der Tritte im dürren Laub nachſtürmend, Glutſchlacker zwiſchen den verſtreuten Bäumen vom Zwielicht begünſtigt, dem Flüchtling hart auf der Ferſe, da ſchwingt dieſer plötzlich, von einem im raſchen Aufſchwung erfaßten ſchnellkräftigen Baumaſt getragen, ſich über einen Haufen dichtgeſchichteten Reiſigs in den Wald⸗ ſtrom— der Schmied, mit ganzer Wucht ſeines Leibes ſich in dieß Geäſt werfend ihm nach. „Feuer und Schwert! ich bin verloren!“ ze⸗ terte es jetzt durch die Nacht; ein dumpfes Kra⸗ chen und Praſſeln, ein Weichen des trügeriſchen Grundes unter ſeiner Ferſe belehrt den Unglück⸗ lichen zu ſpät— daß er in eine Fallgrube ge— kommen. In der Ferne aber hört der leberliſtete das triumphirende Gelächter das Buben verhallen und den höhnenden Zuruf:„Gut' Nacht: Schmiede⸗ michel, gut' Nacht! Jetzt ſind Deine Nüſſe, mein guter Wächter, denn doch um einen Handgriff feil.“—— (Schluß folgt.) Julius Cäſar von Capua. Hiſtoriſche Erzählung von. Z. (Schluß.) VI. püſtere Nacht lag auf der Gegend, ein kalter G Wind wehte Julius Cäſar entgegen, als SDer auf ſeinem ſchäumenden Roſſe nach Mor⸗ 95D rone, ſeinem Wohnſitze, ſtürmte. Sforza's warnende Stimme verhallte in dem Aufruhr der Leidenſchaften, der mit erneuter Heftig⸗ keit in Cäſar's Herzen zu gähren begann. Als er in Morrone ankam, traf er daſelbſt ſeinen Geheimſchreiber Alfonſo, der ihn erwar— tete und ſich inzwiſchen damit beſchäftigte, Cäſar's Waffen zu muſtern und zu putzen. „Das iſt Dein Thun,“ rief dieſer ihn bemer⸗ kend,„hoffſt Du ſo mir am Beſten zu dienen? Doch ſprich, was brachte Dich ſobald aus Nea⸗ pel her?“ „Das Streben, Euch zu dienen, Euch Euren düſtern Träumen zu entreißen.“ „Wie meinſt Du das? was läßt Dich an meine düſtern Träume glauben?“ „Euer ganzes Thun,“ entgegnete Alfonſo auf Cäſar's kurz und barſch herausgeſtoßene Fra⸗ gen;„Ihr wißt, daß ich Euch treu mit Leib und Seele ergeben bin, warum verſchließt Ihr ein Ge⸗ heimniß vor mir, das mir doch Euer Benehmen deutlich verräth?“ „So rede, was Du weißt.“ „Seid Ihr nicht ergrimmt über König Ja⸗ kob? wollt Ihr nicht der Königin wieder Eure Dienſte weihen, da Ihr Euch zurückgeſetzt und un⸗ befriedigt fühlt?“ Cäſar ließ ſich auf einen Stuhl nieder und ſtützte das Haupt in ſeine Hand. Alfonſo, vor ihm ſtehend, fuhr fort: „Ihr ſeht, daß ich richtig gerathen. Doch glaubet nicht, Ihr ſeiet der einzige, dem Johan⸗ na's Geſchick nahe geht. Wie eine Wolke breitet ſich der Unmuth über Neapel aus und nur eines kräftigen Willens bedarf es, daß ſich das Gewitter entlade. Jakob verfährt ſtreng mit ſeiner Gemalin. Ein Franzoſe— Berlingiero genannt— iſt ihr ſtets zur Seite, um auf's Sorgfältigſte jeden Schritt derſelben zu bewachen.— Unzufriedenheit herrſcht in der Stadt, der junge Adel ſehnt ſich nach dem vorigen Glanze. Er ſcharte ſich zuſam⸗ men und drang in das Caſtel nuovo, um die Kö⸗ nigin zu befreien. Doch Jakob's Söldner ſtellten ſich ihm mit drohender Ueberlegenheit entgegen.„Wir wollen unſerer Königin Grüße der Ergebung brin⸗ gen! riefen Mehrere, doch Berlingiero lächelte höhniſch über dieſen Vorwand und. wies uns ab. Da brach der Unwille aus, es wäre zum blutigen 8 4 328 Erinnerungen. Illuſtrirte Bätter für Ernſt und Humor. Streite gekommen, trotz der Uebermacht hätten wir uns zur Gewaltthätigkeit hinreißen laſſen, wenn nicht Jakob plötzlich in unſerer Mitte erſchienen wäre und ſich mit feſter ruhiger Stimme um unſer ſo laut angebrachtes Anliegen erkundigt hätte. ‚Un⸗ ſere Königin wollen wir begrüßen!“ lautete die Ant⸗ wort. Jakob war verlegen, was er thun ſollte; endlich entſchuldigte er Johanna mit Unwohlſein, das ihr es unmöglich mache, die Huldigung ihrer treuen Unterthanen entgegenzunehmen, weshalb er uns bitte, durch ihn unſern Gruß ihr zukommen zu laſſen. Mit ſeinem ſtechenden Blicke ſah Jakob uns an. Da trat der junge Ottina Caraccioli vor und rief:„König Jakob, weniger zur Königin wollten wir als zu Euch, Euch wollten wir an Eure Pflichten erinnern. Ihr vergeſſet ſie. So höret denn unſer Wort: Behandelt Eure Gemalin, die wir ſtets unſere Königin nennen werden, wie es der Enkelin ſo vieler Könige ziemt. Und nur wenn Ihr ſie ehren werdet, werden wir Euch ehren und uns Eurer Herrſchaft fügen!“ Nach dieſen Worten drängten wir uns Alle um Jakob, der in der Noth verſprach, ſeine Pflichten zu erfüllen. Doch keine Frucht erwuchs aus unſerem Unterneh⸗ men, Jakob behandelt Johanna ſtrenger wie vor, er vermehrt ſtets ſeine Macht, um jeden Auf⸗ ruhr ſogleich erſticken zu können und der Unwille ſchleicht wie eine verzehrende Krankheit durch die Herzen Aller. Graf Julius Cäſar von Capua, auf Euch ſind Aller Blicke gewendet, man kennt Eure Abneigung gegen Jakob und hofft alles Gute von Eurer Erhebung!“ Aufmerkſam hörte Cäſar ſeinem Geheim⸗ ſchreiber zu, dann ſprang er auf. „Man hofft auf mich, ich ſoll ihr Führer ſein? So grüße ich die That! Alfonſo, keine Macht reißt Jakob nieder, meine Hand allein ſoll ihn zerſchmettern!“ Cäſar's Plan ſtand feſt, er reiſte mit Al⸗ fonſo nach Neapel. Dort angelangt begab er ſich in's Caſtel nuovo und verlangte zur Königin geführt zu werden. Ber⸗ lingiero kam ihm entgegen; ſein lauernder Blick ruhte forſchend auf Cäſar, indem er ſprach: „Zur Königin wollt Ihr, Herr Graf? Iſt Euch denn nicht bekannt, daß ihr Unwohlſein jeden Beſuch bei ihr unmöglich macht?“ „Ihr Unwohlſein?“ rief Cäſar höhniſch; „ſeit wann iſt es denn Sitte in Neapel geworden, durch ſolchen jämmerlichen Vorwand die Edlen von ihrer Herrin entfernt zu halten?“ „Seit Ihr, Herr Graf, meinem Gebieter zur Krone verholfen. Vergeßt Ihr ſo ſchnell Euren Dienſt? Das iſt ſeltene Tugend!“ Cäſar biß die Lippen zuſammen. Berlin⸗ giero fuhr fort: „Was drängt Euch zur Königin? Unſeres Königs Gunſt ruft Euch an einen anderen Platz. Oder ſtrebt Ihr den edlen jungen Baronen nach, die unlängſt ſo glühend hier eindrangen und ſo abgekühlt den Ort verließen?“ „Es ändert ſich Manches; der jetzt Triumphi⸗ rende kann ſelbſt verſpottet werden. Doch mit Euch will ich keinen unwürdigen Streit, nur frage ich noch einmal, wollt Ihr mir den Zutritt zur Köni⸗ gin geſtatten?“ „Es läuft meiner Pflicht zuwider. Nein!“ „Wenn Ihr nicht wollt, ſo ſchaffe ich mir ihn ſelbſt!“ rief Cäſar und wollte Berlingiero bei Seite drängen;„noch iſt Eure Herrſchaft nicht ſo feſt, daß ſie gegen die Eingebornen ſich ſo keck erheben darf!“ „Wio, ſolche Reden führt Cäſar von Capua?“ „Ja, ſolche führt er, und er erreicht, was er will!“ In dieſem Augenblicke trat König Jakob ein und wendete ſich zu Cäſar, der bei ſeinent plötz⸗ lichen Erſcheinen verlegen daſtand. „Willkommen, Graf von Kgpua, ſehr er⸗ wünſcht iſt es mir, Euch wieder an meinem Hofe zu ſehen. Ihr ſeid mein treueſter Diener und Freund, deſſen Anweſenheit ich lange ſchmerzlich entbehren mußte.“ „Eure Majeſtät,“ ſprach Cäſar unſicher, „meine Pflicht war erfüllt, ich zog mich zurück zur nöthigen Ruhe, um jetzt wieder Euch meine Kraft zur Verfügung zu ſtellen.“ „Ich danke Euch, Cäſar,“ ſprach Jakob, in deſſen Seele kein leiſer Schatten von Mißtrauen gegen Cäſar aufſtieg, der ihm als mächtiger Stütz⸗ punkt gegen die Barone willkommen war;„doch ſaget, was hatte Euch ſo ereifert, als ich eintrat?“ Cäſar hatte ſchnell alle ſeine Kühnheit und Feſtigkeit wieder gewonnen. „Der Schimpf, der einen Edelmann aufs Tieſſte verwunden muß!“ ſprach er mit einem Seitenblicke auf den ruhig ſeitwärts ſtehenden Berlingiero. „Ein Schimpf? Euch hier angethan?“ rief Jakob befremdet.„Redet klarer, Cäſar.“ „Der Zutritt zur Königin ſteht den Edlen ſtets offen. Und ſollte ich von einem Fremden mich wie einen Bettler abweiſen laſſen? Eure Ma⸗ jeſtät, das kann unmöglich Euer Wille ſein!“ Jakob's Mißtrauen begann ſich zu regen. Cäſar, dieß bemerkend, trat zu ihm. „Mißverſteht mein Thun nicht. Vergeßt nicht, was ich geweſen und noch bin! Edles Mitleid nur führte mich in dieſes Gemach. Mein Arm iſt Euer, werdet Ihr nicht vergönnen, daß ein bloßer Gruß der Königin werden dürfe?“ „Ich vertraue Euch!“ ſprach Jakob und er⸗ hob ſeinen Blick zu Cäſar, der mit argloſer, ru⸗ higer Miene daſtand.„Berlingiero, unterſchei⸗ deſt Du nicht meinen treueſten Freund von meinen Gegnern, daß Du ihn beleidigſt? Cäſar, beſucht Johanna wann Ihr wollt und vergeſſet nicht, daß ich Euch dann mit Ungeduld und Gewogenheit erwarte.“ — und ſo umphi⸗ nit Euch rage ich ir Köni⸗ en zure Ma⸗ 11ℳ m. u regen. eßt nicht, lleid nur iſt Cuer, ßer Gruß und er⸗ loſer, tu⸗ unterſchei⸗ I meinen , beſucht ſſet nicht, genheit — Julius Cäſar von Capua. 329 Jakob verließ nichts Böſes ahnend das Ge⸗ mach. Aus Cäſar's Augen blitzte ein Strahl der Siegesfreude, während Berlingiero mürriſch und argwöhniſch ihn anſehend, ihm die Thür zum Ge⸗ mache Johanna's öffnete. In dem kleinen halbdunklen Zimmer ſaß Kö⸗ nigin Johanna beim verhängten Fenſter. Ihr Antlitz war bleich, Spuren von Kummer und Thrä⸗ nen waren mächtig in dasſelbe gegraben. Der Ein⸗ tritt Cäſar's weckte ſie aus ihren Gedanken; er⸗ ſchrocken erhob ſie ſich. „Julius Cäſar!“ rief ſie mit bebender Stimme,„ſeid Ihr gekommen, um durch Euren verhaßten Anblick mir die traurige Zeit noch mehr zu verbittern? Seid Ihr zu dieſem edlen Werke von meinen Peinigern auserſehen, um Euch neuen Ruhm zu ſchaffen? Fürwahr, Johanna hat ein beneidenswerthes Los! Ihr könnt mich begrüßen und die mir gewogenen Barone weiſt man ab!“ Der Ton, in dem Johanna zulett ſprach, war grollend, höhniſch. Cäſar ſchwieg. „Sehr angenehm habt Ihr mich überraſcht, daß ich Euch kaum bewillkommnen konnte. Wozu aber die Verſtellung, wozu die fromme Maske? Befahl das Jakobe Eegt ſie ab, zeigt Euch als der, der Ihr ſeid!“ Schwer preßten dieſe Worte Cäſar's Herz. Aller Schmerz, den er über Johanna gebracht, erſchien anklagend vor ihm, gerne hätte er ſich der peinlichen Szene entriſſen. Er kam, um der Köni⸗ gin zu helfen, und Mißtrauen und Zorn waren ihr Gruß. „Mildert die Bitterkeit Eurer Worte, Königin. Ich war undankbar gegen Euch, doch laßt mich nicht dadurch unglücklich werden, daß Ihr mir nicht vergönnt, mein Thun wieder gut zu machen.“ „Gut zu machen?“ lachte Johanna;„und was ſoll der reumüthige Ton Eurer Rede? Doch ich vergeſſe, daß ich ruhig alles hinnehmen muß. Fahrt fort in Eurer Rolle!“ Johanna ließ ſich nieder. „Argwohn, den ich verdient, ſpricht aus Eurem Munde und tief empfinde ich den Schmerz, aus dem er hervorgegangen.“ „Ihr fühlt die Wunde, die Ihr ſchlagen?“ „Euch und mir!“ rief Cäſar und ſtürzte der Königin zu Füßen. Thränen glänzten in ſeinen Augen, als er Johanna's widerſtrebende Hand ergriff. „Glaubt Ihr nicht dieſen Thränen, dem koſt⸗ barſten Zeichen der Reue im Mannesauge? Wo iſt eine That, die nicht gefühnt werden könnte? Ja, ich erkenne meine Verſchuldung an Euch. Wie brennende Gluth tobt der Gedanke daran in meinem Herzen, nur durch Eure Verzeihung und Eure von mir bewirkte Rettung kann mir wieder Ruhe werden!“ Die Königin ſtarrte Cäſar an. „Was meint Ihr mit den Worten, Cäſar?“ Erinnerungen. 1859. ſelbſt ge⸗ „Eure Rettung, Königin, ſei die Sühne mei⸗ ner That!“ Bi. Königin wendete ſich betroffen ab. „Ihr ſtoßt mich zurück, aber mein Wille ſteht feſt, Euch zu befreien, und ich werde es, ſelbſt wenn Ihr Euch ſträubt! Glänzend ſoll Eure Ge⸗ nagekuumn ſein, die Ihr an Euren Gegnern, an mir, an Jakob nehmt, glänzend ſollt Ihr Alopo's Tod rächen!“ Ueber das Antlitz Johanna's glitt ein Strahl der Hoffnung, Benniſcht mit dem trüben Lächeln ſchmerzl icher Wehmuth. „Cäſar Eure Worte ſind Nauſame Gönnt mir meine Ruhe, ſtört ſie nicht durch Eure ver⸗ kappten Anträge!“ Julius Cäſar ergriff Johanna's Hand. „Wollt Ihr denn nimmer das Wahre erken⸗ nen? Wird ſtets die Verblendung des Herzens Euer Unglück? Ihr haßt mich— mit Grund— und darum wollt Ihr nicht an die Aufrichtigkeit meiner Worte glauben. Dieß war Eure frühere Unglücksquelle, laßt ſie nicht die neue Euch werden. Vertrauet mir und nie ſollt Ihr es bereuen!“ „Und wenn ich Euch vertraue, vergeſſe, daß Ihr Julius Cäſar ſeid, daß Ihr Jakob dient und zu ſeinem Spione Euch hergebt, was thut Ihr dann? Redet jetzt ſo, wie wenn Ihr ein treuer, für mein Wohl beſorgter Unterthan wäret.“ c folge Euch und preiſe mich und Euch glücklich, daß Ihr alles Mißtrauen ſchwinden laſſet. Lis rbcit will ich, Jakob's Untergang; Nea⸗ l ſoll wieder nur Johanna als ſeine Königin begrüßen! 3 Exrgriffen blickte Johanna ihn an. „Die Thore Eures Gefängniſſes werden ſich öffnen nach Jakob's Fall, Neapel ſtrömt herbei, ſeine Königin eilt in die Mitte ihrer Treuen, und über dem beſeligten Lande ſtrahlt die goldene Sonne Eurer Herrſchaft, Eurer Gnade! Damit zahle ich meine Schuld!“ Die Königin zitterte vor Aufregung. Cäſar's kühner Plan erfüllte ihre Seele mit lockenden Bil⸗ dern. Ein unendliches Worlehun nach Freiheit, Macht und Rache ſchwellte ihr Herz. Sie ging ſchnell im Zimmer auf und ab. „O, einen Tag der Herrſchaft, um die Schlan⸗ genbrut um mich zu zertreten, und Dich, Cäſar, zuerſt! So ließeſt Du mich büßen, lange, lange, um jetzt als Almoſen mir Deine Gnade zuzuwer⸗ fen! Ha, Johanna vergißt nicht!— Truggeſtal⸗ ten zeigſt Du mir! Falſch, hinterliſtig biſt Du, Jakob ſandte Dich! Durch dieſes Spiel wollt Ihr mich verderben! Der ſtarke Feind wird nie zum Freunde des Schwachen!“ Schnell blitzten dieſe Gedanken in Johanna's Seele auf. „Für mich iſt keine Rettung!“ ſprach ſie dann, einen Plan faſſend, der Cäſar's Verderben werden ſollte;„ich erkenne meine Leiden als Sühne der 42 330 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Sünden meines Lebens, ich will ſie geduldig tra⸗ gen, will nicht durch thörichte Hoffnungen meinen Frieden und das Leben Anderer in Gefahr bringen.“ „Königin, der Groll glüht fort in Eurem Herzen! So vernichtet Euch ſelbſt, Ihr wollt das, da Ihr mir nicht vertrauen könnt! Kein günſtiger Stern leitete mich zu Euch und ſo walte denn auch fortan das böſe Geſchick!“ Julius Cäſar wollte das Zimmer verlaſ⸗ ſen, die Königin hielt ihn zurück, ein neuer Vorſatz ſtieg in ihrem Herzen auf. „Cäſar, ich will Euch glauben,“ ſprach ſie leiſe,„verzeiht der oft Getäuſchten ihren Argwohn.“ „So folgt Ihr mir?“ rief Cäſar freudig. „O, ſprecht noch ein Wort der Zuſtimmung, der Verſöhnung, ehe ich ſcheide!“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre, Berlingiero ſtand an der Schwelle. Cäſar, ſich verrathen wähnend, fuhr erſchrocken zuſammen. Die Königin riß ihn aus der Verwirrung, indem ſie ſprach: „Alſo, Cäſar, vergeßt nicht auf den von Euch verſprochenen Schmuck. Ihr wißt, auf die rung deckte die Gegend. die Edelleute Neapels feierten, um durch den rau⸗ ſchenden Jubel den Unmuth in ihrem Innern zu betäuben. Doch freudig und hoffend blickten ſie auf Cäſar's ernſtes Sinnen, das ihnen ein ſicheres Zeichen ſeiner auflebenden Thatenluſt dünkte, und ſein Erſcheinen bei ihrem Feſte war ihnen Bürge, daß er mit ihnen für die Königin wirken wolle. Gerne gaben ſie ſich dieſen angenehmen Träumen hin und ſtürzten ſich jubelnd in die Arme der Luſt. Alfonſo, der Geheimſchreiber des Grafen von Capua, trat zu dieſem. „Haſt Du Alles vorgeſehen? Wir ſind auf unſere eigene Kraft gewieſen! Blick hinein in die⸗ ſes Hin⸗ und Herwogen, wo Alle dem Vergnügen ſich hingeben, als ob die geſegneteſte Zeit Neapel lächelte! Keiner wagt ein offenes, kühnes Auftreten! So will ich denn allein handeln!“ „Alles iſt bereit; am frühen Morgen iſt die gelegenſte Zeit zu unſerem Vorhaben!“ antwortete Alfonſo.— Cäſar trat an's Fenſter. Graue Dämme⸗ Im Oſten begann ſich der Horizont leiſe zu röthen. Herrſchaft habe ich verzichtet und nach Pracht allein ſehnt ſich mein Herz. Lebet wohl!“ Erleichterten Herzens verließ Cäſar das Ge⸗ mach. Die Königin athmete auf, als der Gehaßte aus ihrer Nähe war, in deſſen ſo lockendem Plane ſie nur ein Gewebe neuen Truges ſah. Sollte ſie ihm vertrauen und Jakob triumphiren laſſen, daß ſie in ſeine von Cäſar ihr ſchlau geſtellte Falle gegangen, oder ſollte ſie dagegen Allem vorbeugen und das Geſchehene Jakob offenbaren? War Cäſar angeſtiftet, ſo mußte der König mit der beſtandenen Prüfung ihrer Treue zufrieden ſein; meinte es Cäſar aber aufrichtig, ſo mußte ſie durch Jakob's Rettung die Gunſt des Königs und Cäſar's längſt erſehnten Sturz erreichen. Johanna entſchied ſich für das Letztere. „Berlingiero, kann ich meinen Gemal ſprechen?“ Dieſer nickte und verließ das Gemach. Nach einigen Augenblicken trat König Jakob ein, um zu ſeinem größten Erſtaunen aus dem Munde der von ihm gehaßten Johanna von Cäſar's Plane Kunde zu erhalten und hiedurch aus ſeinem Ver⸗ trauen auf Cäſar's Treue für immer geriſſen zu werden. „Euch bereitete ſeine Falſchheit dieſe Trübſal,“ rief er,„und auch mich will er verderben! Daß ich Euch, Johanna, meine Rettung danke, werde ich nie vergeſſen. Er aber ſoll ſich ſein Verderben ſelbſt bereitet haben!“ Nächſtens erwarte ich Euch. VII. Düſter vor ſich hinblickend lehnte Julius Cäſar von Capua an einer Marmorſäule, theil⸗ nahmslos beim freudigen Gewoge des Feſtes, das „So iſt bald die Zeit gekommen! Nun denn, an’s Werk!“— Schweigend ſchritt Cäſar durch die Reihen der Edelleute dem Ausgange zu. „Ihr wollt uns ſchon verlaſſen?“ riefen dieſe ihn aufhaltend. Cäſar blieb ſtehen. „Genug der Luſt,“ ſprach er ernſt,„die Nacht ſank herab und der Tag ruft zum Handeln. Be⸗ grüßt ihn, denn er ſtrahlt bald Eurer Freiheit!“ Verwundert ſahen ihm Alle nach, als er den Ort verließ, und ſuchten vergebens eine richtige Deutung ſeiner Worte.— Julius Cäſar von Capua war im Caſtel nuovo angelangt. Sein Antlitz war geröthet, ſei es durch den Ritt am frühen Wintermorgen, ſei es durch die innere Aufregung und Sorge wegen ſeiner gewagten Unternehmung. In einem kleinen Gemache nahe dem Thore, das nach ſeinem An⸗ langen wieder geſchloſſen wurde, blieb er mit ſei⸗ nen als Kaufleute verkleideten Begleitern. Hähmiſch lächelnd erſchien bald Berlingiero, ihm meldend, daß die Königin bereit ſei, ihn zu empfangen. Cäſar verließ das Gemach und ſeine Beglei⸗ ter, dem voranſchreitenden Franzoſen folgend. Die Königin erwartete ihn. „Alſo kann ich Euch wieder ſehen,“ ſprach er, als Berlingiero ſich entfernt hatte,„Ihr habt eingewilligt und ſo darf ich Eure Freiheit hoffen!“ „Ihr dürft es, Graf von Capual Die Wun⸗ den, die Ihr mir geſchlagen, werden nimmer ver⸗ narben, doch werde ich den lindernden Balſam, den Ihr mir ſpenden wollt, nicht von mir ſtoßen! Ich komme gewährend Eurer Bitte entgegen, doch alle Verantwortung falle nur auf Euch!“ —c —,— i— ſi— — — en rau⸗ nern zu tten ſie ſicheres te, und Bürge, wolle. räumen der Luſt. Hrafen nd auf in die⸗ gnügen Neapel f oton ftreten! iſt die twortete dumme⸗ un ſich u denn, 8 Julius Cäſar von Capua. 331 „Ich übernehme ſie! Laßt mich wagen dieſe meine letzte That, ihre Verwerflichkeit laſte auf mir. Genießet das Glück, das ſie Euch ſchafft und über⸗ laßt mich meinem Schickſal!“ „Ihr ſeid entſchloſſen?“ ſprach Joh anna, die ſich nur ſchwer in die ihr von Jakob angewieſene Rolle fügen konnte;„doch warum ſprecht Ihr von Eurer letzten That? Wollt Ihr mir als Herrſcherin dann nicht mehr dienen, wenn ich Euch belohnen und Euren Ehrgeiz glänzend befriedigen kann?“ „Königin, der Ehrgeiz meiner Bruſt iſt aus⸗ gebrannt, mein Lebenstraum iſt zu Ende!“ Johanna war verwirrt, ängſtlich ging ſie im Gemache auf und nieder, wußte ſie ja, daß Jakob hinter den Tapeten verborgen jedes Wort vernehme. „Und über Euren Plan habt Ihr mir noch nichts Näheres berichtet,“ ſprach ſie, vor Cäſar ſtehen bleibend. Julius Cäſar erkannte den verlegenen Ton ihrer Rede. „Sind wir hier ſicher?“ ſprach er umher⸗ ſpähend. „Sicher, Cäſar, alſo redet frei.“ Johanna ließ ſich nieder. Ihr Herz war gerührt. Cäſar opferte ſich für ſie und ſie hatte ihn doch verrathen, vernichtet. Thränen traten un⸗ willkürlich in ihre Augen, das Haupt geſenkt, winkte ſie Cäſar zu beginnen. „Mein Entſchluß iſt verwegen und ſetzt Alles auf's Spiel.— Ich gelte für unverdächtig, darum iſt mir auch der Zutritt zu Euch geſtattet. Wenn ich nun Euch verlaſſe, ſo gehe ich zu meinen Leu⸗ ten, die als Kaufleute verkleidet mich erwarten. Ich gebe vor, Ihr wollet ihre Waaren beſehen und komme auch verkleidet mit ihnen zurück. Ihr em⸗ pfangt und entlaßt meine Diener, ich aber will Gelegenheit ſuchen, mich hier zu verbergen. Nachts, wenn rings Ruhe herrſcht und man mich in Nea⸗ pel glaubt, dringe ich in Jakob's Schlafgemach und— über ſeine Leiche tretet Ihr in Eure kö⸗ niglichen Rechte wieder ein.“ Ein leiſer Schauer überlief die Königin bei dieſen ſo ungeſcheut und kalt hingeworfenen Worten. „Und Ihr?“ fragte ſie kaum Athem ſaſſend. „Mich laſſet ſinken,“ ſprach Cäſar tonlos, „wenn das Werk mißlingt, mich laſſet traurige Einſamkeit als meinen Theil mir wählen, wenn es Erfolg hat!“ Johanna ſchwieg, ſchweren Kampf koſtete es ihr, ſich nicht zu verrathen. Die Nähe des lau⸗ ſchenden Königs wirkte beklemmend auf ihr Herz, das zwiſchen Furcht, Mitleid und Sehnſucht nach der verlornen Freiheit ſchwankte. „Cäſar,“ ſprach ſie endlich nach peinlicher Pauſe,„wie ſoll ich Euer ganzes Weſen verſtehen? Als mein böſes Geſchick ſah ich Euch ſonſt an, Ehr⸗ geiz war die einzige Triebfeder Eures Handelns, un⸗ Und nun wollt Ihr Euch gänzlich zurückziehen, wenn Ihr mich befreit und vollſten Anſpruch auf meine Dankbarkeit habt?“ „Königin,“ ſprach Cäſar mit ſchmerzlicher Stimme,„ich ſtürzte mich in den Strudel des Wirkens, außer mir ſuchte ich mein Glück, ſuchte zu vergeſſen, daß in meinem Innern ich ſelbſt mir ein Räthſel bin. Königin, an mir ſelbſt verzweifelnd ſtehe ich da, mein Herz iſt leer. Verſpielt hab' ich mein Leben, und welke Blumen ſeh' ich nur zu meinen Füßen liegen, aus denen ich mir herrlich friſche Kränze winden konnte!“ Theilnahmsvoll ſah ihn nun Johanna an. „Ich bin unglücklich!“ fuhr Cäſar fort,„und nur mich allein trifft die Schuld. Johanna, ge⸗ gen Euch habe ich gefrevelt, doch Ihr verzeiht, da ich für Euch mich opfern will. Ich weiß, mein Tag iſt vergangen und meine Nacht beginnt. Und ſo ſeltſam, ſo unerklärlich wird mir die Erinne⸗ rung, unheimlich weht mich mein bisheriges Le⸗ ben an und ich fühle meine Kraft erſchlaffen, fühle wie ich ſinke.“ „Gott, Cäſar, ermannet Euch!“ rief er⸗ ſchrocken die Königin,„bedenket, was Ihr vorhabt, bedenket, wo Ihr redet!“ Julius Cäſar preßte die Hände an ſeine Bruſt. „Da drückt es, da glüht das Sehnen, daß vorbei ſchon Alles wäre und ich den Frieden fände in meinem Herzen!“ „Und ſehnt Ihr Euch, Cäſar, nach Frieden und Verſöhnung, ſo kann ſie Euch nimmer erblühen nach der That, die Ihr vorhabt. Sie bringt nicht Sühne, ſondern nur neue Schuld! Ich mag ſie nicht, und hört Ihr auf mein Wort, ſo verlaſſet mich, flieht Euer Verderben!“ Sich ſelbſt vergeſſend rief Johanna dieſe Worte. Sie dachte nicht mehr an den lauſchenden König, und erſt als ſie geſprochen, fiel ihr dieſer Gedanke erſchütternd ein. Thränen ſtürzten aus ihren Augen, die Hände ringend ging ſie im Zimmer umher.„Er meinte es ſo gut und treu mit Dir, Du wirfſt ihn in's Verderben! dahin brachte Dich die thörichte Sehn⸗ ſucht nach Rache! Ihn verrietheſt Du, und ſchließeſt die Pforten zu Deiner Freiheit ſelbſt.“ Johanna blieb vor Cäſar ſtehen. „Flieht, um Gotteswillen flieht dieſen Ort!“ rief ſie mit erſtickender Stimme,„es lauert auf Euch der Tod!“ Julius Cäſar von Capua blickte erſtaunt Johanna an, alles Blut war aus ſeinen Wan⸗ gen gewichen und drängte ſich zu ſeinem Herzen, dieſe plötzliche Eröffuung raubte ihm Sprache und Beſinnung. „Flieht Cäſar,“ ſprach Johanna, die ſich kaum mehr aufrecht halten konnte;„Ihr habt thöricht Euer Leben in die Hand Eurer unverſöhnli⸗ beſtändig ſtürmtet Ihr von einem Ziel zum andern. chen Feindin gelegt. Ihr wolltet mir wohl, und 42* 332 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ich dachte nur auf Euern Fall! Jakob weiß Alles, ich habe Euch verrathen. Er iſt in der Nähe mit ſeinen Trabanten. Um meines Heiles willen flieht Cäſar, flieht noch, daß nicht auf mir der ſchwere Vorwurf laſte, Euer Blut vergoſſen zu haben!“ Johanna fiel in ihren Seſſel, und barg ſchluchzend das Antlitz in den zitternden Händen. Cäſar ſprang, ſeiner nicht mächtig, auf und riß den Dolch aus der Scheide. „Ihr habt mich verrathen, der ich reuig zu Euch kam? So erſterbe denn der letzte Funke menſchlicher Regung in meiner Bruſt!“ „Seid barmherzig, Cäſar, meines, Eures Heiles willen!“ „Barmherzig? Mit Dir, ſchwaches elendes Weib? Fürchte nichts, dieſer Stahl hat ein ande⸗ res Ziel als Dein Herz!“ „Jakob, willſt Du noch jetzt Rache?“ rief Johanna und halb ſich erhebend blickte ſie mit fieberiſch glühenden Augen nach der Thür, wo Jakob von einigen Bewaffneten umgeben erſchien. „Ich will ſie!“ rief er.„Cäſar, Euer Mord⸗ ſtahl trifft nicht meine, ſondern— Eure Bruſt!“ Einen Augenblick ſtand Cäſar wie nieder⸗ gedonnert da. Keine Fiber zuckte in ſeinem Geſichte. Doch bald löſte ſich die ſtarre Lähmung. Mit blitzen⸗ den Augen, furchtlos, herausfordernd ſchritt er gegen Jakob. „Zittre nicht!“ rief er,„ich danke es dem Ver⸗ rathe, der verhindert, daß ich meine Hand ent⸗ weihe. Genug des Schlimmen iſt geſchehen, als ich Dir zu Seite ſtand. Ich danke Dir, wenn Du mir den Tod gibſt, denn Verſöhnung ſtrömt mir erlöſend aus ihm entgegen. Als Sterbender ſtehe ich vor Dir und furchtbar ſchalle Dir mein letztes Wort: Laß die Königin, die echte Erbin des Thro⸗ nes, an Deiner Seite das Land beherrſchen, dann blüht Segen und Heil Dir und dem Lande. Doch verharrſt Du auf Deinem jetzigen Thun, ſo verkünde ich Dir, daß aus meinem Blute mein und Jo⸗ hanna's Rächer erſtehen wird!“— Ruhig ließ ſich JZulius Cäſar von Capua in ſein Gefängniß nach Vicaria führen. Auf König Jakob wirkte dieß Ereigniß mäch⸗ tig ein, eine gewaltige Warnung war ihm Cäſar's That. Der Freund, welchem er Dank und Liebe ſchuldig war, hatte gegen ihn den Dolch erhoben; konnte Cäſar nicht Nacheiferer finden im unzufriede⸗ nen Neapel und die Kunde von ſeinem Falle nicht neue Erbitterung ſchaffen? Den einzigen Ausweg zeigten Cäſar's letzte Worte, und ihrem Rathe folgend erleichterte Jakob Johanna's Los, theils von Dank geleitet, daß ſie ſein Leben erhalten, theils von Furcht getrieben. Julius Cäſar's Schickſal war beſchloſſen. wei T cei 1 1 4 Zwei Tage reichten hin, um ihn zu verurtheilen und das Schaffot beſteigen zu laſſen. Mit ſeinem Schreiber Alfonſo wurde er enthauptet, ihre Kör⸗ hätte. per wurden in der Nunziata beſtattet, die Häupter aber zur eig'nen Schmach Jakob's, der an ſeinem ehemaligen Freunde noch im Tode ſo hart handelte, auf einen Pfahl geſpießt und öffentlich ausgeſtellt. In Neapel herrſchte gedrückte, trübe Stim⸗ mung; kein Herz ſchlug mehr frei. Jakob's Macht ſchwebte drohend und jede Regung ſogleich blutig unterdrückend über der Stadt, und keiner der Edel⸗ leute fand ſich, der tollkühn ſich dagegen erhoben Doch Johann a'’s Freiheitstag, wie ihn Cäſar vorhergeſagt, mußte doch erſcheinen. Im Jänner 1416 fiel Cäſar, und im De⸗ zember desſelben Jahres war auch Jakob's Herr⸗ ſchaft zu Ende. Als einſt in Neapel ſich die Nachricht verbreitete, Johanna ſei bei einem Feſte in der Stadt anweſend, das ein reicher florentiniſcher Kauf⸗ mann in ſeinem Garten veranſtaltet, während der König im Caſtel nuovo verweile, da tauchte blitz⸗ ſchnell in Jedem der Gedanke auf, jetzt oder nie könne Johanna befreiet werden. Volk und Adel ſcharten ſich bewaffnet zuſammen, und als Jo⸗ hanna abgehärmt, traurig lächelnd durch die Stadt ritt, brach die Empörung aus. Mit dem Rufe:„Es lebe Königin Johanna!“ führten die jungen Edelleute Ottina Caraccioli und Anec⸗ chino Mormile ſie in den erzbiſchöflichen Palaſt, wo ſie ihre Reſidenz aufſchlug und vor dem das Volk jubelnd Wache hielt. Jakob flüchtete auf die Kunde davon in das Caſtel del Ovo, hinter deſſen vom Meere beſpül⸗ ten Mauern er ſich für ſicherer hielt, doch die be⸗ geiſterten Neapolitaner erklärten laut, ſie wollten unumſchränkte Herrſchaft Johanna's und ver⸗ langten zum Sturme auf das Caſtel del Ovo ge⸗ führt zu werden. Jakob mußte nachgeben, und ein Vertrag kam zu Stande, der nämliche, der ſchon Anfangs gelten ſollte. Johanna ſollte Jakob als ihren Gatten anerkennen, der zum Großvikar des Reiches ernannt wurde, ſich aber ſonſt in Johanna's Regierung nicht einzumengen hatte. Sforza und ſein Sohn Francesco— der nachmalige Herzog von Malland, kehrten reich⸗ beſchenkt und mit hohen Würden bekleidet an Jo⸗ hanna's Hof zurück, und Friede herrſchte in Ne⸗ apel— doch nur für kurze Zeit, denn Johanna's Schwäche brachte bald wieder neue Verwirrungen hervor. — — Häupter ſeinem dande di ſtellt. Stim⸗ § Maht — blutig Edel⸗ erhoben wie ihn im De⸗ s Herr⸗ Nachricht ein der Kauf⸗ id der Vertrag Anfangs Paul Stein: Skizzen 00 82 aus dem Rheingau. Skizzen aus dem Rheingan. Von Paul Stein. D inige Stunden oberhalb der Bundesfeſtung Mainz verkünden die am linken Ufer des Rheines ſanft auf⸗ ſteigenden Anhöhen, ſowie G) das näherrückende Taunus⸗ ——0 gebirge eine immer inter⸗ eſſanter und romantiſcher werdende Umgebung die⸗ ſes ſchönſten deutſchen Stromes. Das rheinheſſiſche Städtchen Oppenheim bil⸗ det gleichſam den Anfang davon. Bieten auch die Städte Worms, Manheim, Speyer und noch manche andere am deutſchen Ober⸗ rhein in geſchichtlicher, induſtrieller und ſocialer Dezichan ungemein viel mehr Intereſſe dar, ſo fehlt ihnen doch das, was das Auge des Reiſenden nur ungern vermißt, eine romantiſche Umgebung, und eine ſolche hat das kleine Stüdtchen Oppen⸗ heim. Seine Lage Iſt ſehr maleriſch und feſſelt auf den erſten Blick. Die durch das Auge angeregte Phantaſie verliert ſih ſogleich bei der Ruine, welche über dem Städtchen lagert und durch eine alte Mauer mit demſelben zuſammenhängt, in längſt vergangene Zeiten, ſchmückt ſie aus und verweilt mit beſonderem Intereſſe an den bedeutſamen Er⸗ eigniſſen, unter denen dieſe einſt wichtige und feſte Stadt entſtanden und verſchwunden iſt, und wie auf ihren Trümmern der kleine Ort ſich wieder erhob, der ſo fpeundlich die Ueberreſte alter Herrlichkeit umgibt. Oppenheim iſt eine uralte Stadt. Schon Dru⸗ ſus legte ein Kaſtell zum Schutze des Rheines auf jener Höhe an, wo man jetzt die Ruine ſieht, die in ſpäterer Zeit eine wichtige Feſte wurde und Landskron hieß. Lothar II. erbaute dieſe; ſie war zum zeitweiſen Aufenthalt des Kaiſers beſtimmt. Die Hauptzierde der Stadt jedoch iſt die herr⸗ liche St. Katharinenkirche, eines der ſchönſten Werke deutſcher Baukunſt aus der Zeit ihres reinſten Styles. Ihr Bau wurde im Jahre 1262 begon⸗ nen und 1317 vollendet, theilweiſe im wechſelvol⸗ len Laufe der Jahrhunderte wieder zerſtört und ein 2 größerer Theil ſeines Innern in der neueſten Zeit wieder hergeſtellt. Eine majeſtätiſche Erinnerung vergangener gro⸗ ßer Zeiten, ragt dieſer Tempel aus dem modernen Städtchen mit ſeinem geſchäftigen Treiben und ſei⸗ nem dampfbewegten Leben empor. Seine drei Thürme ſtreben bedeutungsvoll himmelwärts, eine ernſte und troſtreiche Mahnung dem flüchtigen Men⸗ ſchenleben, das ſich unter ihnen bewegt. Zwölf Säulen aus rothem Sandſteine mit prachtvollen Knäufen ſtützen die dreifache Wölbung der Kirche, und ſchöne Bildwerke, wohlerhaltene und erneuerte Glasmalereien Firren ihr Inneres. Auch findet man einige intereſſante alte Grabmale daſelbſt. Aus dieſem Heil Athumne wird man in zwei Gewölbe geführt, die ſich hinter demſelben befinden, allein die feierliche, friepliche Stimmung, welche man von da mitbringt, weicht hier einem Schau⸗ der, einem Entſetzen über menſch liche Thaten. Dieſe Gewölbe ſind angefüllt mit Todkenſch ädeln und menſchlichen Gebeinen, welche, wie die zeage gel ht, von Saheden dund Spaniern herrühren, die im mit Aander i ſorhten in dem die Waffen des Schwedenkönigs ſiegten, der nach zweitägiger Schlacht die Stadt eroberte und nach einem etwas länger andauernden Angriffe auch die Feſte Landskron nahm, welche die S panier mit der äußerſten Hart⸗ Der ſpaniſche General näckigkeit vertheidigten.— Stadt und Feſte Spinola hatte zehn Jahre früher genommen. Oppenheim verfiel während dieſes Langen und grauſamen Religionskrieges manch' wechſelvollem Schickſale, doch erſt ſpäter, im Jahre 1689, wurde es ganz zerſtört durch den berüchtigten franzöſiſchen Melac, der ſeine Mord⸗ und Brandluſt auch hier zeigte und die Stadt an ſechs Orten zugleich anzünden ließ. Sie wurde ein Schutthaufen; nur ein einziges Haus und die hoch oben gelegene St. Katharinenkirche blieben von den Flammen verſchont. Mit dieſer furchtbaren Kataſtrophe ging die Bedeutſamkeit von Oppenheim zu Ende; es konnte ſich aus dieſer gänzlichen Zerſtörung nicht mehr zu ſeinem früheren Glanze erheben; ſeine großen rei⸗ chen Gebäude waren vernichtet und ihre Beſitzer ſuchten ſich andere Wohnplätze. Nach und nach aber erhob ſich wieder auf den Trümmern alter Herrlichkeit und den Ueberbleibſeln früheren Glan⸗ zes ein blühender Ort, in dem Wohlſtand, Luſt und Freude einkehrten. Auf ſeinen Höhen und in ſeiner Ebene. ge⸗ deihen ein vorzüglich feuriger Wein, edles Obſt und Feldfrüchte aller Art; in Mitte ſeiner alten Mauern herrſcht ein reges Leben, denn in ihnen drängen ſich Handel und Induſtrie, Gewerbe, Wein⸗ und Ackerbau treibende Menſchen zuſammen. Seine jetzigen Bewohner ſind ein friſches, lebenskräftiges Völkchen, das in jeder Beziehung den Fortſchritten 334 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. der Neuzeit ſehr zugethan iſt; dabei ſind ſie arbeit⸗ ſam wie die Bienen und genießen wie dieſe auch gerne von dem Honig, den ſie einſammeln. Das edle Gewächs ihrer Berge macht ſie ſtets wohlge⸗ muth; hinter dem Glaſe ihres feurigen Weines vergeſſen ſie leicht die Sorgen des Lebens, doch ſchauen ſie auch wohl zu Zeiten aufwärts nach den drei himmelanſtrebenden Thürmen ihrer St. Ka⸗ tharinenkirche, und ihre höhere Bedeutung ſtählt und kräftigt dann ihren heiteren Sinn zu den unausweichbaren Mühen des Lebens. Von Oppenheim wollen wir die ſchöne Fahrt abwärts auf dem Rheine machen, in einem jener eleganten Boote, die faſt zu allen Tageszeiten ſein grünliches Gewäſſer mit der bezwingenden Kraft des Dampfes ſo ſchnell durcheilen, daß es ſchäumt und ſpritzt und weiße Waſſerköpfchen zu Hunderten neugierig emportauchen und dann erſchrocken nach dem Ufer hinrollen, als wollten ſie es überſpringen. Wir wählen den Abend zu dieſer Fahrt; in ſeiner milden, klaren Beleuchtung treten alle Ge⸗ genſtände deutlicher heran. Dort am linken Ufer fliegt Nierſtein und Nackenheim ſchnell an uns vor⸗ über, weiter unten ſcheint ſchon wieder ein Dorf aus den Bäumen hervor, es liegt mehr ſeitwärts und der Schatten ſeiner Hügel fällt bereits in die Niederungen, nur die Kirche nebſt einigen Häuſern, die es überragen, ſind noch von der Sonne vergol⸗ det,— es iſt Bodenheim, deſſen Grundbeſitz gleich Laubenheim, einem Oertchen etwas weiter abwärts, größtentheils den reicheren Mainzern gehört. Aber jenſeits des Rheins, welch' ſonnenbeglänzter Ort leuchtet uns dort entgegen! Wie ſchauen ſeine weiß⸗ ſchimmernden Häuſer ſo keck und frei, ſo kokett über den grünen Berg herab, deſſen Scheitel ſie zieren! Will die Sonne nicht ſcheiden von hier mit ihrem heißen Liebeskuſſe?— Sicher ſchenkt ſie dieſer Höhe ihren erſten wie ihren letzten Strahl und lockt aus ihrem Boden ein Göttergeſchenk. Wie heißt dieſer bevorzugte Ort?— Es iſt Hochheim. Hochheim! Dieſer Name hat einen guten und bekannten Klang. Wer hätte, dem Bacchus nicht ganz abhold iſt, ihn nicht ſchon gehört?— Welche Freude, welche Luſt durchſtrömt uns, indem wir hinaufſchauen zu dem freundlichen Orte, der triumphirend auf ſeinen herr⸗ lichen Rebenpflanzungen thront. Verlockend wie eine verführeriſche Schöne winkt er mit ſeinen grünen Weinranken zu uns herab und wir wünſchten bei⸗ nahe, der Kapitän wende das Schiff ſeitwärts und ſteure den Main hinauf, der unterhalb Koſtheim, dieſem idilliſch gelegenen Dörfchen, in den Rhein ſich ergießt, und lande am Fuße der berühmten Domdechanei zu Hochheim, daß wir in ihrem Kel⸗ ler ein Glas füllen und es leeren könnten zum jubelnden Willkommsgruße dem herrlichen Rhein⸗ gaue, das ſein Thor groß und weit nun vor uns aufthut, das trunkene Herz und das entzückte Auge mit hoher Wonne erfüllend. Geſegneter Gau, Perle von Deutſchland, ſei gegrüßt! Nimm den Wanderer freundlich auf, der frehen Sinnes durch deine Fluren wandeln will, durch deine Städte und Dörfer, über deine Reben⸗ hügel zu deinen Schlöſſern und lachenden Land⸗ häuſern, nach deinen epheuumrankten Ruinen, dei⸗ nen verfallenen Klöſtern und Burgen, und anſtau⸗ nen und bewundern möchte die Gottespracht, welche in dir ausgebreitet iſt, und der Menſchen Werke, ihr Schaffen und Thun, das ſich ihm vereint und ſo Alles weit und breit hier herum als ein Erden⸗ paradies erſcheinen läßt. Wer könnte in dieſer Land⸗ ſchaft, welche in jedem Reize prangt, an irgend ein Erdenweh denken?— Und doch iſt es überall hei⸗ miſch, ſchleicht überall durch die Freude, dem Lichte den Schatten zugeſellend und ſo erſt ein ganzes, uns verwandtes Lebensbild ſchaffend. Aus der Ver⸗ gangenheit ſteigt in Sage und Geſchichte das Trübe neben dem Hellen empor wie in der Gegenwart, nur in jener mit dem Zauber der Romantik, die vergangene Dinge ſo gern verſchönt, in dieſer ſchmerzlich und herb, weil es unſer Leben unmit⸗ telbar berührt. Doch wohin verlieren wir uns von dem ſon⸗ nenbeglänzten Hochheim? Es iſt in den Hinter⸗ grund getreten und die Sonne, die es eben noch ſo hell beſchienen, ſank unter hinter dem Taunus, und dort drüben zeigen ſich in ernſter Majeſtät die hohen Thürme des alten Mainz. Impoſant tritt die an einem Hügel ſich er⸗ hebende Häuſermaſſe in Form eines unregelmäßigen Dreiecks hervor, aus dem ſich einzelne Punkte har⸗ moniſch gruppiren. Ueber allen ſteht die hochgele⸗ gene Stefanskirche mit ihrem uralten, kecken, run⸗ den Thurme; aber gebietend wie ein mächtiger Rieſe ragt der Dom in Mitten der Stadt empor mit ſeiner ſechsbethürmten giganthiſchen Maſſe. Längs des Ufers ziehen ſich ſchöne Gebäude hin; es ſind meiſtens große, moderne Gaſthöfe; von ihnen etwas abgeſondert liegt das ehemalige churfürſtliche Schloß, dann das ſogenannte deutſche Haus(das Palais des Großherzogs von Heſſen) und das Zeughaus. Ohne Zweifel iſt das Rheinufer bei Mainz das ſchönſte von allen Städten, die an dieſem Ufer lie⸗ gen. Natur, Geſchmack und Kunſt vereinigen ſich hier, die maleriſche Lage dieſer Stadt, ihre denkwür⸗ digen Bauwerke und tauſendjährigen Erinnerungs⸗ zeichen durch ihren Anblick von der Rheinſeite recht vortheilhaft hervorzuheben. Jenſeits über dem Taunus glüht die Abend⸗ röthe und wirft einen Roſaſchimmer auf die Land⸗ ſchaft und färbt die Spitzen der Thürme mit eigen⸗ thümlichem Glanze. Deutlich treten die mächtigen Maſſen der Auguſtiner⸗ und Ignatiuskirche hervor, die hohen Baſteien, die Citadelle, in derſelben der ſchwarzgraue Eichelſtein, dieſes uralte Römerdenk⸗ mal, dem Druſus geweiht, die Thürme der Quin⸗ tins⸗, Emmerans⸗, Chriſtof⸗ und Peterskirche, die Giebel und Mauern ehemaliger Klöſter, das neue Schauſpielhaus und hoch oben dicht an der Stadt n, dei anſtau welche Werke, t und Erden Land end ein all hei n Lichte ganzes, er Ver Trübe enwart, iit, die dieſer unmit raunus, ſtät die ſich er näßigen e har hgele 1, run achtiger r mit Längs es ſind netwas Schloß, Palais ughaus. nz das fer lie gen ſich Paul Stein: Skizzen aus dem Rheingau. 335 die verhängnißvollen, ſchauererregenden Pulver thürme. Wendet man den Blick davon ab und hin über nach der rechten Seite des Rheines, ſo fällt er auf Kaſtell, dieſe kleine Feſtung neben der gro ßen; doch ſieht man außer dem Brückenkopfe und der am Ufer des Rheines lange ſich hindehnenden Kaſerne wenig von ſeinen Befeſtigungswerken. Das ſtrome und der Mündung des Mains iſt äußerſt günſtig für Handel und Induſtrie, was durch die Eiſenbahnen noch ſehr gefördert wird, allein die beengenden Feſtungsmauern ſtehen ſtörend einem ſo raſchen Aufſchwunge entgegen, wie er ſich in der letzten Friedensperiode in andern größeren Ufer ſtädten des Rheines geltend machte; doch iſt zu kleine Städtchen ſieht freundlich aus mit ſeinem erwarten, daß die Intelligenz der Regierung hier belebten Bahnhofe. In der Ferne aufwärts erblickt man den Odenwald mit dem weißen Thurme auf dem Gipfel des Melipokus; ge gen Nordoſt die hohen ab gerundeten Formen des gro ßen und kleinen Feldberges und des Altkönigs, nach Nordweſt dehnt ſich die lange Kette des üppig be⸗ waldeten Taunus oder Rheingaugebirges aus. So maleriſch und ſchön die Lage von Mainz iſt, eben ſo intereſſant iſt ſeine Geſchichte und Bedeutſam keit in früherer Zeit, eben ſo merkwürdig ſeine Denkmale, die aus der älte ſten Zeit, von Druſus bis in die Gegenwart reichen und aus jedem Jahrhundert Gedenkzeichen tragen. Die Ueberbleibſel von den Germanen und Römern reihen ſich denen des älteſten Chriſtenthums an, dieſe wieder jenen des Mittelalters mit ſeinen romantiſchen Thaten und großartigen Werken, aber auch ſeiner Verwilderung und ſeinem Aberglauben. Aus dieſer Zeit ſtrahlt die Erinnerung an Guten berg als ein leuchtender Stern; man ſieht die Stel len, wo er geboren wurde, wo er gelebt, gewirkt und gelitten hat,— man ſieht das ſchöne Monument, das die dankbare Nachwelt dem großen Manne ſetzte, deſſen Erfindung ihm ſelbſt ſo trübe Lebensgeſchicke be⸗ reitete. Mainz hat große und glückliche Zeiten geſehen, doch auch Zeiten der Schmach und des Unglücks, wie das wechſelvolle Schickſal es Städten und Ländern bringt. Nach der langen Periode ſei⸗ nes Churfürſtenthums, die abwechſelnd gute und böſe Häupter an die Spitze dieſer geiſtlichen Herr ſchaft ſtellte, wurde es Frankreich einverleibt, dann eine heſſiſche Provinzialſtadt und deutſche Bundes feſtung. Seine glückliche Lage an dem breiten Rhein Ein Haus nach ver Pulverexploſion in Mainz. hilfreiche Hand biete, damit der lebensfrohe Mainzer ſeine Vaterſtadt bald wie der nicht nur das ſchöne, ſondern auch das goldene Mainz nennen dürfe. Doch machen wir jetzt einen Gang durch die alte Rheinſtadt und ſehen wir uns von ihren Merkwür digkeiten erſt Einiges ge nauer an, ehe wir weiter ziehen nach dem ſchönen Rheingaue und uns dort feſſeln laſſen durch die an⸗ muthsvolle Pracht ſeiner üppigen Natur mit ihrer romantiſchen Färbung, die bald da, bald dort Bilder aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineinzaubert und dieſen herr lichen Fluren einen ganz eigenthümlichen⸗Reiz ver leiht, indem ſie ihre Kloſtertrümmer, ihre verfalle nen Burgen, ihre Haine und den Fluß, der ſie durchſchlingt, mit Geſtalten längſt dahingegangener Jahrhunderte bevölkert, die bald in menſchlicher Größe und Schwäche, bald als geſpenſtige Weſen erſcheinen. Kehren wir vor allen Dingen in Mainz ein, und zwar recht vornehm zuerſt in dem ehemaligen chur fürſtlichen Schloſſe, einem vielverſprechenden, großarti gen Gebäude, welches die geiſtlichen Herrſcher erbau ten, als ihr früherer Wohn⸗ ſit, die alte Martinsburg, ihnen nicht mehr genügte. Dieſer ältere Wohnſitz der Churfürſten iſt gänzlich von Der Mänſethurm. der Erde verſchwunden; dagegen iſt das im Jahre 1627 erbaute Schloß noch wohlerhalten, und wo der Zahn der Zeit daran genagt, von der jüngſten Generation ſeiner jetzigen Beſtimmung entſprechend wieder hergeſtellt worden. Es hat ſich die einſtige Pracht der hohen Hallen und weiten Gemächer völlig umgeſtaltet, der luxuriöſe Prunk iſt ver ſchwunden und dafür haben Kunſt und Wiſſenſchaft ihren Sitz hier aufgeſchlagen. Alle Kunſtſchätze und 336 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. wichtigen Sammlungen der Stadt ſind in dieſen großartigen weiten Räumen vertheilt, wiſſenſchaftlich geordnet und zur Bewunderung und Belehrung dem Publikum geöffnet, Die ſehr bedeutende Stadt⸗ bibliothek iſt in ſchöner Ordnung in großen Sälen aufgeſtellt, denen ſich Leſe- und Studirzimmer an⸗ ſchließen, damit dieſe wichtigen Schätze, ein Ge⸗ meingut Aller, nicht unbenützt bleiben. Mit dieſer reichen Bibliothek iſt ein ſehr werthvolles, ſeltenes Münzkabinet verbunden. In anderen weitläufigen großen Sälen iſt das von der rheiniſch⸗naturfor⸗ ſchenden Geſellſchaft zu Mainz geſtiftete, ſehr aus⸗ gedehnte Naturalienkabinet ſyſtematiſch geordnet auf⸗ geſtellt; in noch anderen befindet ſich die ſchöne ſtädtiſche Gemäldeſammlung, während die unteren Hallen großartige römiſche und germaniſche Monu⸗ mente und Altäre ſchmücken. Die ungemein zahl⸗ reichen Alterthumsſchätze aus den älteſten germa⸗ niſchen und römiſchen Zeiten, an denen dieſer klaſ⸗ ſiſche Boden ſo reich iſt, füllen die Parterreräume des Schloſſes und werden in der nächſten Zeit geordnet dem Publikum übergeben werden. Sie bieten einen ſo reichen Schatz, wie man ihn wohl ſelten in irgend einer deutſchen Stadt antreffen dürfte. Der ſogenannte Akademieſaal des Schloſſes, in welchem zu Zeiten der Churfürſten die berühm⸗ ten Hofkonzerte gegeben wurden, iſt ebenfalls wie⸗ der hergeſtellt worden und wird bei außergewöhn⸗ lichen Ereigniſſen zu Verſammlungen und zu gro⸗ ßen Konzerten benützt. Nur durch eine Straße von dem churfürſtli⸗ chen Schloſſe getrennt ſteht das in einfach edlem Style erbaute deutſche Ordenshaus, der jetzige großherzogliche Palaſt, das übrigens nichts beſon⸗ ders Sehenswerthes darbietet. dem der Feſtung angehörenden großen Zeughauſe der Fall, das durch eine äußere Galerie mit dem ehemaligen deutſchen Ordenshauſe verbunden iſt und eine reiche und ſchön geordnete Sammlung aller Arten von Waffen enthalten ſoll. Von dem Schloſſe aus zieht ſich die Haupt⸗ ſtraße der Stadt durch die ganze Breite ihres un⸗ teren Theiles. Sie iſt lang, ziemlich breit, von ſchönen Privathäuſern, großen Kaſernen und dem Palais des Feſtungskommandanten gebildet, an ihrem Ende ſchaut freundliches Grün von einer Anhöhe herab, was einen recht wohlthätigen Ruhepunkt dem Auge bietet, das die lange Straße durcheilt. Dieſe Anhöhe bildet den höchſten Punkt der oberen Stadt und iſt ihr älteſter Theil, Käſtrich genannt, von dem römiſchen Castrum abgeleitet. Druſus hatte hier einen befeſtigten Lagerplatz, von dem aus Ma⸗ guntium ſich immer weiter ausbreitete. In ſpäteren Jahrhunderten bewohnten hauptſächlich nur arme Leute dieſen Stadttheil und der Käſtrich war lange eine recht häßliche, ſchmutzige Gaſſe, die man ungern betrat; doch die freundlichere Form der neueren Zeit verſchönte auch dieſen verwahrloſten Theil. Nied⸗ liche Häuschen hingen freundlich wie Schwalbenneſter Mehr iſt dieß bei an der alten Stadtmauer, Blumentöpfe und eine Art kleiner hängender Gärtchen wechſelten mit Vogel⸗ hecken ab und gewährten einen höchſt originellen Anblick. Die Bewohner dieſer beſcheidenen, äußerſt netten Beſitzthümer ſahen alle friſch und fröhlich aus; ſie genoßen aber auch die ſchönſte Ausſicht und die reinſte Luft in der Stadt;— da kam der ſchreckliche 18. November und zerſtörte in einem einzigen Momente die kleinen friedlichen Häuſer, die Blumen und Vögel und viele— viele Men⸗ ſchenleben. Ein trauriger Trümmerhaufen blickt jetzt der Käſtrich auf die mit ihm hart betroffene Stadt herab. Später ſoll eine große befeſtigte Kaſerne, wie es heißt, hier erbaut werden;— ſie wird ſich einſt recht impoſant auf dieſer Anhöhe über der Stadt ausnehmen, in der Ferne unſtreitig viel ſchöner, als die kleinen friedlichen Häuschen des alten Käſtrichs, aber ſie wird auch Kinder und Kindeskinder an eine der erſchütterndſten Kataſtro⸗ phen ihrer Vaterſtadt klagend erinnern. Wir gehen an den grauenhaft zerſtörten Ueber⸗ reſten menſchlicher Wohnungen vorüber und werfen einen ſchaudernden Blick in den runden Krater, aus dem die Stein⸗ und Feuermaſſen des Pulverthurms mit entſetzlichem Knall und fürchterlicher Erſchütte⸗ rung emporflogen, durch einen Stein⸗ und Bom⸗ benregen Alles um ſich her zerſtörend, und ſehen bangend nach der nahen Stefanskirche hinüber, dieſem merkwürdigen alterthümlichen Bauwerke, das der Pulverexploſion beinahe gänzlich zum Opfer fiel. Zerfetzt, zerriſſen, durchlöchert ſteht dieſe Kirche da und wartet ſehnſüchtig auf die Heilung ihrer ſchweren Wunden. Leichter ergeht es der gleichfalls beinahe ganz zerſtörten Gauſtraße; ſie erſteht raſch in einem neuen, ſchöneren Kleide aus ihren Trümmern. Wir wandern weiter die ſteile Straße hinab über den ſchönen freien Platz des Thiermarktes, wo das Palais des Gouverneurs und noch andere pa⸗ laſtähnliche Gebäude ſtehen, die alle früher dem reichen Mainzer Adel gehörten, der ſich einſt um den mächtigſten deutſchen Churfürſten ſcharte, und eilen durch die breite Ludwigsſtraße auf den Gu⸗ tenbergsplatz, wo dem neuen Schauſpielhauſe gegen⸗ über die Bildſäule des berühmten Mannes ſich er⸗ hebt— Johannes Gutenberg!— dem die dankbare Nachwelt dieſes Denkmal ſetzte. Es iſt ein Meiſterwerk Thorwaldſen's, das er in Rom modellirte. Die Statue iſt von Bronze und hat eine Höhe von 12 Fuß; der röthliche Marmor⸗ ſockel mit den dazu gehörigen Stufen aus grauem Marmor iſt etwas höher als die Statue ſelbſt. Auf der Vor⸗ und Rückſeite des Sockels befinden ſich Metallinſchriften, die beiden andern Seiten ſchmücken Bronze⸗Basreliefs, welche Thorwaldſen ebenfalls anfertigte. Das Ganze iſt mit einem acht⸗ eckigen eiſernen Geländer umgeben und ſteht in der Mitte des Platzes. Alljährlich wird von unbekannter Hand in der Nacht vor Johannis die herrliche Bildſäule mit Blumengewinden geziert. Das Ge⸗ — eine Art Ausſicht kam der n einem Häuſer, le Men ict jett ne Stadt raſch in ümmern. ße hinab ktes, wo pa dem inſt um tte, und den Gu⸗ 3 gegen⸗ ſich er⸗ dem die Es ſſt in Rom und hat Marmor⸗ ar auem. „ ſelbſt. befinden Seiten Paul Stein: Skizzen aus dem Rheingau. 337 ſicht kehrt der Erfinder der Buchdruckerkunſt dem Muſentempel zu. Gegen Morgen ragt in ſeiner Nähe der koloſſale Dom empor und ſchaut ernſt zu dem Manne hernieder, der durch ſeine große Erfindung auch der fernen Zeit, welcher jener Bau ſeine Ent ſtehung verdankt, freundlich die Hand reichte, um ihre tiefe religiöſe Bedeutung auch der fernſten Nachwelt auſzubewahren.- Begeben wir uns in dieſes unſtreitig merk würdigſte Gebäude der Stadt, in den Dom, an welchem Jahrhunderte gebaut wurde. Schon 978 legte der fromme Erzbiſchof Willigis den Grund ſtein, doch wurde damals im Jahre 1009 nur ein kleiner Bau von Holz vollendet, der bei ſeiner Einweihung in Brand gerieth und gänzlich wieder zerſtört wurde. Aehnliches Schickſal hatten ſpätere Bauten und erſt im Jahre 1340 wurde faſt von Grund aus der Dom in ſeiner jetzigen Geſtalt be gonnen und im Laufe der Zeiten vollendet; doch auch in maſſiverer Form hatte er noch manch' zerſtörende Gewalten zu überwinden. Blitzſtrahl und Kanonendonner beſchädigten ihn zu verſchiedenen Malen und neue Wunden brachte ihm auch die Kataſtrophe des 18. Nov., doch ſind dieſe weniger be merklich als die kopfloſen Seitenthürme, welche ſehr laut die Zerſtörungswuth der neueren Zeit anklagen. Eine der intereſſanteſten Sehenswügndigkeiten des Domes zeigt ſich, noch ehe man denſelbenbe⸗ tritt. Es ſind dieß die ſogenannten Willigisthüren an dem Haupteingange der Nordweſtſeite. Sie ge hörten früher zu der Liebfrauenkirche, die neben dem Dome ſtand, wurden bei deren Demolirung hieher gebracht und paſſen ganz genau an dieſen Eingang. Sie ſind von Erz und auf ihnen iſt der Inhalt eines Freibriefes eingegraben, den Adal bert I. Mainz aus Dankbarkeit ertheilte, als ſeine muthigen Bürger ihn aus harter Gefangenſchaft befreiten, in welcher Heinrich V. ihn hielt. Nahe an dieſer Eingangspforte befindet ſich das älteſte Denkmal, das wir deßwegen und weil ſich eine Sage an Karl den Großen daran knüpft, näher betrachten wollen. Es iſt freilich nur eine ganz einfache Marmortafel mit den arabiſch⸗gothi ſchen Ziffern 794, aber ſie erweckt viele Erinne rungen und unſere Phantaſie ſieht ſogleich auf ihr jenes prachtvolle Denkmal ſich erheben, welches Karl der Große ſeiner heißgeliebten Faſtrada errichten ließ. Dieſe einfache Tafel war wohl nur der Grabesdeckel, den man aus der St. Albans kapelle in den Dom rettete, als jenes reiche Mar⸗ mormonument mit Gold und Bildſäulen verziert zerſtört worden war, deſſen Inſchrift in lateiniſcher Sprache, wie Geſchichtsforſcher ſagen, alſo lautete: „Eingeſcharret ruhet allhier Faſtradens welkende Leiche, Welche der ſchreckliche Tod, da ſie noch blühte, gemäht. Selbſt eine Fürſtin war ſie mit dem mächtigſten Für⸗ ſten vermälet, Aber als himmliſche Braut iſt ſie jetzt edeler noch. Uns iſt von ihr der beſſere Theil, der König geblieben;⸗— Ihm geb' der gütige Gott längeres Leben als ihr.“ Erinnerungen. 1859. Die Sage erzählt: Kaiſer Karl liebte dieſe ſeine dritte Gemalin ſo überaus, daß er ſich nie von ihr trennen konnte, und als ſie ſtarb, ſich ſelbſt an ihren verweſenden Leichnam ſo feſt gefeſſelt fühlte, daß er ihn nicht zur Erde beſtatten ließ. Dieſe übermäßige und für ſeine Umgebung höchſt unangenehme Zuneigung ſchrieb man einem gehei men Zauber zu; und es ergab ſich auch, daß es alſo war. Die ſchöne Faſtrada beſaß einen Zauberring, den ſie vor ihrem Tode noch in ihre langen Haare einflocht, und der Kaiſer vermochte nicht, ſich von ihr zu trennen, ſo lange der Ring an ihrem Körper haftete. Der Erzbiſchof von Mainz entdeckte zuerſt dieſes Geheimniß, auf welche Weiſe, iſt unbekannt, und löſte den Ring aus dem Haare der todten Kaiſerin und ſteckte ihn zu ſich. Da gab Karl den Bitten ſeiner Höflinge nach und Faſtrada'’s Leichnam wurde von Frankfurt nach Mainz gebracht und dort in der St. Albanskapelle beigeſetzt, wo der Kaiſer ihr jenes herrliche Denk mal ſetzen ließ. Der Erzbiſchof frohlockte über die Zauberkraft des Ringes, denn die kaiſerliche Gunſt überhäufte ihn jetzt mit Zeichen der Gnade aller Art; doch dieſe große Vorliebe des Kaiſers für den Erzbiſchof wurde ſo außerordentlich, daß dem guten Herrn bald angſt und bange wurde. Der Kaiſer wollte ſeine Nähe gar nicht mehr entbehren und die geiſt liche Macht ſah ſich ſtörend beengt durch die kai ſerliche Liebe. Da beſchloß der Erzbiſchof, ſolch' übermäßigen Glückes überdrüſſig, dieſe unnatürliche, unchriſtliche Zauberei zu löſen und warf den Ring unter beſchwörenden heiligen Formeln in die Ge wäſſer bei Aachen und glaubte damit das Teufels ſpiel beendet. Aber der Liebeszauber wirkte fort. Zwar wurde die Perſon des geiſtlichen Herrn da von befreit, doch Aachen, in deſſen Quellen der Zauberring der geliebten Faſtrada lag, wurde dem Kaiſer jetzt vor allen andern Orten theuer. Er ließ ſich einen prächtigen Palaſt dort erbauen, gründete allda eine Stadt und beſuchte nur noch höchſt ſelten die früher bevorzugten Städte Ingel heim, Mainz, Frankfurt, Worms und andere mehr, wo er einſt mit Faſtrada ſo glücklich geweſen, und lebte ausſchließend in Aachen bis an das Ende ſeiner Tage. Der Zauberring ſoll aber auch noch die ganz beſondere und geheime Kraft beſeſſen ha⸗ ben, von der jedoch nur der Kaiſer zu erzählen wußte, daß er nämlich, trotz anderer Liebhabereien, die er hervorrief, das ſchöne Bild Faſtradens nie in ſeinem Herzen erlöſchen ließ. Keine Kirche in Deutſchland iſt wohl ſo reich an Monumenten und Grabmälern, als der Dom zu Mainz. Seine Säulen und Kapellen ſind faſt überladen damit und zeigen manches ſchöne und ſinnige Kunſtwerk. In dem großen Kreuzgange be⸗ findet ſich unter andern auch das Monument Hein⸗ rich Frauenlob's, dieſes berühmten Minneſän⸗ gers aus dem dreizehnten Jahrhunderte. Wie es 43 338„Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. jetzt iſt, gehört es der Neuzeit an, iſt von Schwan⸗ thaler ziemlich treu dem alten verwitterten, im Jahre 1318 geſetzten Steine nachgebildet und von den Mainzer Frauen und Jungfrauen dem zarten Dichter holder Frauenminne geweiht. Das hohe Schiff der Kirche ſtützen Säulen⸗ reihen, ſchmücken Gemälde und Seitenkapellen, den hohen Chor mit dem Hochaltar ſchöne Glasmale⸗ reien und manch' andere kunſtreiche Verzierungen. Vierundzwanzig große und kleine Altäre befinden ſich in der Hauptkirche und den Kapellen, an denen zu verſchiedenen Zeiten Meſſen geleſen werden. Der Dom zu Mainz iſt die vierzehnte größte chriſtliche Kirche der Welt und ſein hohes, ſäulengetragenes Gewölbe erfüllt die Seele mit Staunen und Ehr⸗ furcht, wie die geheimnißvoll ſtillen Niſchen und Seitenkapellen das fromme Gemüth zu heiliger Andacht.— Doch eilen wir die breiten Stufen hinan auf den Hauptthurm, um, ehe wir den Dom verlaſſen, noch einen Blick über die Stadt und das ganze ſchöne Rundgemälde zu werfen. Wohl ließe ſich noch vieles Intereſſante in den, engen Gaſſen erſpähen, denn manches alte klöſtedliche Gebäude erhebt ſich in dunkler Maſſe zwiſchen ethnen, manch' hoher Giebel erweckt Erinnerungen äns der Ge⸗ ſchichte und erzählt von dahingegangenen Geſchlech⸗ tern, ihrem Ruhme, ihrem Glücke un ihrem Ver⸗ falle, mancher berühmte Name Wi uns herauf⸗ tönen, doch uns erfaßt Sehnſucht nach der ſchönen heiteren Gegenwart und raſch erheben wir das Auge von dem Gewirre der Häuſermaſſen über die Feſtungswerke hinweg und ſchauen hinaus in die helle, lachende Welt, auf den theuct Strom mit ſeinen dampfenden und bewimpelten Schiffen, und hinüber und herüber, auf⸗ und abwärts, wo in buntem Felde freundliche Dörfer, in grünem Walde leuchtende Schlöſſer ſich zeigen. 4 Es zieht uns mächtig hinaus in die freie N⸗ tur zu Vögelſang und Blüthenduft, und der ſchönte ſtädtiſche Park lockt uns jetzt vor Allem an. Wenige Schritte vor dem nach Süd⸗Oſt gelegenen Muthore betritt man dieſe geſchmackvolle Anlage, die in früherer Zeit im churfürſtlichen Park mit einem Luſthauſe war und nach ſeinergZerſtörung bei der Belagerung von Mainz am Ende des vorigen Jahr⸗ hundertes ein Eigenthum der Stadt wurde, die einen öffentlichen Garten hier anlegen ließ. Wo jetzt das Reſtaurationsgebäude ſteht, lag einſt das große Kloſter der Karthäuſer⸗-Mönche.Es iſt dieß der höchſt gelegene Punkt des Gartens, und auf dem freien Platze hier hat man eine ſo großartige und reizende Ausſicht, wie man ſie wohl ſelten ſchöner in Deutſchland treffen dürfte. Zu dem Genuſſe einer wahrhaft bezaubernden Natur kommen auch noch Taunusbädern, Soden, Wiesbaden, Schlangenbad und Schwalbach ſtrömen an dieſen Tagen Tauſende in die Mainzer Anlagen, um zu hören, zu ſehen, zu ſtaunen und zu bewundern, wohl auch mitunter um geſehen und bewundert zu werden. Die Meiſten wohl kehren am Abende befriedigt in ihre Heimat zurück. Wir durchwandern ſchnell den Park, denn von ſeiner Terraſſe aus ziehen uns gar zu ſehr die ſon⸗ nigen Hügel des Rheingaues an. Der kleine Wald⸗ meiſter fällt uns ein, der dort mit der Prinzenſſin Rebenblüthe ſein Vermälungsfeſt feierte, und wohl alljährlich wiederkehrt, um mit ſeiner ſüßen Ge⸗ malin auf ihrem ſchönſten Beſitzthume in Luſt und Wonne zu ſchwelgen, und in liebenswürdiger Hu⸗ manität den fröhlichen Menſchenkindern etwas da⸗ von mitzutheilen. Dort auf dem Rheine ruht ein Dampfer zur ſchnellen Fahrt— aber nein— er eilt uns zu ungemüthlich dahin;— ein kleiner Nachen ſteht beſcheiden daneben; der ſoll uns langſam abwärts rudern, an den grünen Auen vorüber nach Bieb⸗ rich;— dort landen wir, und begrüßen und be⸗ ſchauen dieſen reizenden Ort und ſeine freundliche Umgebung. (Fortſetzung folgt.) Volkstrachten in Oeſterreich. mI. Die Hanaken. ener geſegnete Landſtrich Mährens, welcher ſich rings um Olmütz zu beiden Seiten der —SMarch, am weiteſten aber in nordöſtlicher und (39 ſüdöſtlicher Richtung, ausbreitet, iſt die durch Jeihre Fruchtbarkeit bekannte Hana, der Wohn⸗ f ſitz des durch eigenthümliche Tracht und Sitte merkwürdigen Stammes der Hanaken. Indem wir auf die ethnografiſche Schilderung dieſes Völkchens, welche das Märzheft der„Erinnerungen“ 1857 brachte, zurückverweiſen, laſſen wir hier theils zur Ergänzung der erwähnten Skizze, theils zur Er⸗ klärung des beigedruckten Trachtenbildes einige No⸗ tizen folgen. Der Boden der Hana iſt mit Ausnahme eines kleinen Theiles dieſes Landſtriches ſpiegeleben, ſchwarz von Farbe und fettig anzufühlen. Wie ſehr auch den Oekonomen dieſe Beſchaffenheit des Bodens erfreuen mag, ſo findet hingegen der Landſchafts⸗ zu Zeiten recht feſſelnde Kunſtgenüſſe, die den Som⸗ mer über Tauſende von Fremden hier zuſammen⸗ 5 führen. Die Muſikchöre der preußiſchen und öſter⸗ reichiſchen Garniſon geben abwechſelnd Konzerte hier im Freien. Von Frankfurt, Manheim, den nahen T maler daſelbſt keine feſſelnden Reize. In der gan⸗ zen weiten Ebene ſind unendlich wenig Bäume zu ſehen, da der Hanak auf Obſtkultur wenig hält. Die meiſten Dörfer haben zwei, drei wilde Birn⸗ bäume, welche den einzigen Zierath in den Lehm⸗ bauten bilden. — enbad und uiſende in uſt und ger Hu⸗ F abwärts ich Bieb⸗ und be⸗ reundliche welcher hr auch Volkstrachten in Oeſterreich. 339 aneinander gebaut und intereſſant iſt es, daß bei⸗ drei Mal um den Leib gewunden und von Farbe, In den Dörfern ſind die Hütten ganz dicht V der Stoff in feingeglättete Falten gelegt, zwei oder nahe alle Dörfer eine Ringmauer haben. Dieſe Befeſtigung, der Ueberreſt einer frühern Zeit, mag wohl einſt als Schutz gegen feindliche Einfälle ge⸗ dient haben. wie beinahe in ganz Mähren, ſchwarz Ziegeln) gebaut und die Einwohner beſitzen in der Lehmmanipulation eine ungemeine Fertigkeit. Das Koſtüm der Bewohner der Hana iſt we⸗ ſentlich, das der Weibe— mit geringen Unterſchieden beinahe über⸗ all gleich. Ein Kopf⸗=1 5 tuch, meiſt ää N— von rother W S Farbe, wird mit höchſter Sorgfalt tur⸗ banartig ge⸗ bunden. Die weißleinene, mit Spitzen von unge⸗ bleichter Sei⸗ de verbrämte Halskrauſe iſt das einzige Kleidungs⸗ ſtück, welches zu tragen erſt in ſpäterer Zeit Sitte wurde, denn ſonſt in allem Uebrigen iſt= die Gewan⸗ dung durch⸗ aus im alten Charakter. Das Weib trägt ein Hemd, das nur bis ge⸗ 2 nau unter die Bruſt reicht und an den Bauſchärmeln beim Anſchluß am Ober⸗ arm und an der Schulter mit ſchwarzer Seide aus⸗ genäht iſt. Von der Bruſt bis zur Hüfte wird ein mit vielen kleinen Krägen, oder auch weißer Leinenſtoff ſo feſt anliegend getragen, daß Boden reichender rother Schafpelz. der Bau des Körpers vollkommen ſichtbar iſt. Dar⸗ über kömmt ein reiches mit Gold oder Silber und und glänzend. Die Schuhe ſind ſchwarz, weit ausgeſchnitten und mit weißer Stickerei, die meiſt Blumen oder ein Herz darſtellt, ſchmückt. Im Herbſt und Winter tra⸗ Die Hütten ſind meiſt aus Lehm(egyptiſchen gen die Weiber einen Spenſer, der doch wieder nur bis zur Bruſt reicht, ſo daß der Theil bis zur Linie der Hüfte an Rücken und Bruſt frei bleibt. Bei ſtrengerer Kälte tragen ſie noch ein Tuch mantelartig. Die Tracht der Männer in dem Theil der Hana von Olmütz nach Proßnitz hat von den übri⸗ gen Trachten in Mähren eine weſent⸗ liche Verſchie⸗ denheit. Ihre Beſtandtheile ſind folgende: Eine Mütze von See⸗ hundsfell mit grünſammte⸗ nem Deckel und Gold⸗ nähten. Ein ſchwarzes, an der Bruſt und den Aermeln reich mit bun⸗ ter Seide ausgenähtes Jäckchen, dar⸗ unter ein mit Silber ver⸗ zierter Gurt von ſchwarzer Farbe und rothlederne kurze Hoſe mit langen zierlich aus⸗ geſchnittenen Läppchen an den Knieſeiten und hohe Stiefel. Im Winter kom⸗ men dazu noch Tuchmäntel von altmodiſcher Form ein bis zum Das Koſtüm der Männer iſt bei weitem we⸗ niger ſchön als das der Weiber, welches reizend Seide ausgenähtes Damaſt⸗Mieder von bunter die hier meiſt wohlgebildeten Körper kleidet. Der Farbe, welches kaum bis über die Bruſt reicht, wo es nur durch einen Knopf zuſammengehalten wird. Der Rock iſt nicht zuſammengenäht, ſondern nur durch Farbe und Form. 43* Charakter der Koſtüme iſt ein durchaus ſüdlicher Die Männer tragen kurzgeſchornes Haar, blos ——————— —— —— — Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. am Genicke hängt ein Haarſchopf. Der Menſchen⸗ ſchlag der Hana iſt überaus ſchön und wohlgebildet. Der Hanak iſt gutmüthig und freundlich; beim Gruß ſtrengt er ſich jedoch nicht ſehr an, und char— akteriſtiſch iſt ſeine Weiſe, wie er mit der Hand nach dem Hinterkopfe, fährt, den Hut ein wenig in die Höhe drückt und ſich bei dieſer Gelegenheit hinter V dem Ohre kratzt. Betritt der Fremde einen Tanz⸗ boden, findet er ein freundliches Willkommen, wel⸗ V ches darin beſteht, daß ihm ein Mädchen oder ein Mann mit dem Bierkruge entgegengeht. Der Tanz iſt ſehr einfach, er beſteht in einem einförmigen Herumdrehen. Lebendiger, plaſtiſcher er⸗ ſcheinen die Schwänke und Tänze der Burſchen, welche ſie zur Beluſtigung der Frauen aufführen. Die Nahrung der Hanaken iſt überaus ein⸗ fach; ſie beſteht meiſt in Mehlſpeiſen, Fleiſch wird nur an Feſttagen genoſſen. In der Hana haben ſich viele eigenthümliche Gebräuche erhalten, deren Erforſchung dem Ethno⸗ grafen eine reiche und intereſſante Ausbeute ge⸗ währen kann. Böhmiſche Faſchingsſpiele. Von Alfred Waldan. III. Voraeky. A f 8 ine in ſehr vielen Dörfern Böhmens noch heutzutage lebenskräftig waltende Faſtnachts⸗ ce ſitte iſt das Feſt Voradky. Am Faſchings⸗ G ſonntag nämlich beſtellen die Burſchen die J Muſikanten und gehen mit ihnen in alle Häuſer, wo Mädchen ſind. Jedes muß zu dem genannten Feſte einen Geldbetrag beiſteuern, manchmal ſelbſt fünf Gulden Konv.⸗Münze. Jene Maid, welche die größte Freigebigkeit zeigt, kann verſichert ſein, daß ſie nicht blos während der drei Faſchingstage, ſondern auch bei allen Muſiken im Jahre von den dankbaren Burſchen am meiſten zum Tanze genommen wird. Ihr widerfährt auch noch die beſondere Auszeichnung, daß man ſie Abends feierlich zum Tanze abholt. Mit den gewonnenen Geldern bezahlen die Burſchen die Muſikanten, trak⸗ tiren die Mädchen mit Roſoglio und Zuckerwerk, und tanzen, ſingen und jubeln faſt ohne Unterbre⸗ chung bis zum Anbruch des Aſchermittwochs. Am Faſchingsdienſtag haben die Mädchen das Recht, ihre Tänzer zu wählen, zahlen aber dafür Trunk und Muſik. So geſchieht es z. B. in der Gegend von Tauß(Domallice), und dieſe iſt noch eine von den wenigen, wo die idylliſch einfache altböh⸗ miſche Tanzmuſik noch eine Lebenskraft beſitzt; ihre Repräſentanten ſind der Dudelſackpfeifer und der Geiger(dudâk a houdek). Keine Melodie iſt den dortigen Landleuten lieber und theurer, als die des Dudelſackes; ſelbſt nach dem Ballorcheſter eines Strauß könnten ſie nicht vergnügter und beſſer im Takte tanzen, als nach den bizarren Tönen jenes patriarchaliſchen Inſtrumentes. Darum kann man ſie auch ſo oft rufen hören:„Dudàâk a houdek, to jsou chlapci, ti hraju, ax srdce V téle skäde!“ (Der Dudelſackpfeifer und Geiger, das ſind Bur⸗ ſchen, die ſpielen, daß das Herz im Leibe hüpft!)— In vielen Dörfern, wo die Voradky gehal⸗ ten werden, ſind mit denſelben auch diverſe Mas⸗ keraden in Verbindung gebracht. Am Faſchings⸗ dienſtag Vormittag ziehen einzelne kleine Gruppen von Kindern, als Bären verkleidet, von Haus zu Haus. Ein Knabe hält ein mit drei oder vier Schnüren ſaitenartig überſpanntes Brettchen und ahmt die Handbewegungen! eines Guitarreſpielers nach, während ſich die übrigen um ihn herum in der Stube drehen, den Bärentanz gut nachahmend, und dabei in dumpfen Tönen brummen: „Der alte Bär aß Schon eine Woche nicht; Die alte Bärin Briet ihm eine Lunge, Daß er eſſe.“ Hernach bekommen ſie von der Hausfrau einige Krapfen geſchenkt und verfügen ſich in das nächſte Haus, wo ſie die nämliche Szene aufführen. Am Nachmittage kommen dann in der ſchon zu Anfang beſchriebenen Weiſe die Erwachſenen und auch ſie ſind ſehr oft maskirt. Dieß geſchieht häufig auf eine ſehr einfache Weiſe. Das Geſicht wird mit Eidotter beſchmiert und nun bläſt man in einen Mehlkaſten, was die natürlichſte Larve gibt.— Nachdem die Umzügler ihren Tribut„auf Bier“ in Empfang genommen, müſſen alle Frauensper⸗ ſonen des Hauſes, junge und alte, mit ihnen län⸗ gere Zeit in der Stube tanzen, damit dem Volks⸗ glauben gemäß im nächſten Sommer eine lange Gerſte wachſe. Nach der Rückkehr in das Wirthshaus wer⸗ den allerlei witzige Späße und Mummereien aus⸗ geführt. In der Regel wird ein koloſſales Paar vorgeſtellt, die Frau in einem ungeheuren Reifrock, mit obligatem Buſen aus Werg und einer Locken⸗ perücke aus Stricken.— Wenn die Voracky ſich ihrem Ende zuneigen und ſomit auch ſchon die Trauerfahnen des Aſcher⸗ mittwochs heranwehen, da heißt es nun, in der Schänke„den Faſching zu begraben“(pochovati masopüst). Da wird die Baßgeige(gewiſſermaßen die verkörperte Faſchingsluſt) mit Frauengewändern bekleidet, mit Bändern geſchmückt und auf zwei Stühle gelegt; zahlreiche Buben fangen an zu flennen und den Tod der Baßgeige zu bejammern. Indeſſen ſtellen zwei Muſikanten die Miniſtranten des dritten dar, ſchwingen Mörſer ſtatt Rauchfäſ⸗ ſer und verrichten allerhand parodiſtiſche Begräb⸗ Q—y iſt den die des eines ſer im mknes u man dudek, Käce!“ Bur⸗ ft!)— gehal⸗ Mas⸗ ſchings⸗ en und eſvi elers erum in ahmend, einige nächſte Am Anfang auch ſie ug auf vird mit in einen uf Bier“ auensper⸗ nen län⸗ n Volks⸗ ne lange aus wel= n aus⸗ es Paar Nii ffro, Locken⸗ er de 90 iſſe ſermaßen winer Bauf wei en an zu ge , üunnear iniſt Jaucſi „Begtüb⸗ ranten Der räthſelhafte Brief. nißceremonien. Zuweilen wird ſogar auch ein de profundis geſungen; mit dem zwölften Glocken⸗ ſchlage aber nimmt die ganze Burleske plötzlich ihr Ende und ernſt und ruhig geht Alles dinch die nächtliche Stille nach Hauſe. — Der räthſelhafte Brief. Ein Schwank. Dem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch — eine Frau, oder wie das Syprich⸗ wort nach ſeinem urſprünglichen Texte lautet: Verſtand. Herr Flocke beſaß aber keines von beiden, obwohl er ein Aemtchen ſchon durch eine lange Reihe von Jahren bekleidete, ein Aemtchen freilich, bei dem man ſich des Verſtandes entſchlagen kann;— er war Balletmeiſter. Seine Eltern, einfache Leute vom Lande, hatten ſeine erſte Erziehung ein wenig vernachläſſigt und ſo war es gekommen, daß Flocke's geſammte Bildung ſich auf die Gelenkigkeit ſeiner Füße beſchränkte, denen er auch ein weit ſchnelleres Fortkommen in der Welt verdankte, als es ihm Kopf und Hände hätten verſchaffen können. Für unſern Balletmeiſter hatten die Phönizier umſonſt die Buchſtabenſchrift erfunden, denn Herr Flocke konnte nicht a leſen und ſchreiben Dieſen Mangel an Gelehrſamkeit ſuchte er jedoch ſorgfältig zu verbergen, wie enſer Gelehrte ander⸗ ſeits es nicht einbekennen mag, daß er nicht aus Grundſar. ſondern aus Unkenntniß von der edlen Kunſt des Tanzens ſich fernhalte. Es aſ gegen zwei Uhr Nachmittags. Flocke i*ſt eben ganz erhitzt und ermüdet in ſeiner Woh⸗ nung angelangt und hat ſich dort ärgerlich auf einen Stuhl geworfen.„Das iſt doch unverant⸗ wortlich,“ rief er aus, indem er einen Brief aus der Taſche zog,„meine Beine, welche im Dienſte der Kunſt ſtehen, durch erfolg bäſe Umherrennen auf dem Straßenpflaſter für— edlere Beſtimmung ſo ermüden zu laſſen! Da ſchreibt mir eine Dame, daß ich ihr Tanzlektionen ertheilen ſolle; ich eile in das Haus, welches die Adreſſe bezeichnet, zeige den Veie vor und vernehme zu meinem Erſtaunen, die Dame ſei geſtern an das entgegengeſettte Ende der Stadt gezogen. Ich ſetze die Stützen meiner Kunſt und meines Lebens von Neuem in fortſchrei⸗ tende Bewegung, und an dem Beſtimmungsorte angelangt, höre ich, meine Schülerin in ape habe die Wohnung wieder aufgegeben, um ein Landhaus vor der Stadt zu beziehen. Auf dieſe hin unternehme ich den weiten Spaziergang vor das Thor und habe ſchließlich das Vergnügen zu erfahren, die Dame ſei in Folge eines Briefes urplötzlich nach Peſt gereiſt und ſie laſſe mich er⸗ Nachricht V ſuchen, ihr dorthin zu folgen. Hilf Himmel, das war doch zu viel für einen Menſchen, der keine Sie⸗ benmeilenſtiefel hat. Die Sache ſcheint mir räthſel⸗ haft. Sollte mich die Dame auf dieſe ſeltſame Art gleichſam entführen wollen?“ Herr Flocke trat an den Spiegel und ſtrich, ſelbſtgefällig ſein Bild betrachtend, ſein ſchütteres Haar über die bedenklich nach rückwärts erweiterte Stirn.„Ob denn nicht irgend ein Poſtſteiptun⸗ 4 fuhr er in ſeinem Monologe fort,„in dem Briefe überſehen worden iſt? Vielleicht bin ich auch gar nicht recht berichtet worden, denn ſei die neue Ortografie aufgekommen iſt, die, wie ich höre, ſo viele Buchſtaben ausläßt, kann Einer, der mit dieſer Neuerung nicht vertraut iſt, gerade das Wichtigſte ausla ſſen.“ In dieſem Selbſtg zehrch wurd e unſer Held durch den Eintritt ſeines Kollegen, Herrn Toldi's unterbrochen, der ihm zu melden kam, daß die Balletprobe auf drei„Uhr Nachmittags feſtgeſetzt ſei. „Auf drei Uhr?“ ſagte Flocke, indem er ſich den Anſchein gab, ais hadr er im Eifer ſeiner Be⸗ ſchäf ſtigung nicht recht gehört, denn er durchſuchte mit ſichtlicher Ungeduld alle Taſchen ſeines Rockes. „Wo ich nur meine Augengläſer hingelegt habe,“ fuhr er lont„Ich kann ſhns Brille keinen Buch⸗ ſtaben mehr leſen, denn ich habe mir durch anhal⸗ tende nächtliche Le ktüre neine Augen ganz und gar verdorben. Kannſt Du noch ohne Augengläſer leſen, Toldi?“ „O ja,“ erwiederte dieſer;„wenn ich ein Glas brauche, ſo geſchieht es nur zur Stärkung meiner — ſchwachen Kehle.“ „Nun, ſo haſt Du wohl die Gefälligkeit, mir dieſen Brief zu leſen.“ Mit dieſen Worten über⸗ reichte Flocke ſeinem Kollegen den Brief, der ſeine Gedanken wie ſeine Beine ſo ſtark in Anſpruch ge⸗ nomndiee hatte. oldi hatte kaum einen Blick hinein geworfen, ſo ſah er ſeinen verlegenen Freund mit eigenthüm⸗ lichem Schmunzeln an. „Hm, hm,“ ſagte er kopfſchüttelnd,„Du haſt wohl Schulden, lieber Freund?“ „Schulden? O ja, und zwar mehr als nöthig iſt. Aber wie kommſt Du zu dieſer Frage?“ e höre nur, was hier geſchrieben ſtebt. Und Toldi las nun mit einiger Müͤbe e, welche die ſchlechte Schrif zu verurſachen ſchien:„Werther Herr! — Ich habe die Ehre, Ihnen anzuzeigen, daß ich, wenn Sie nicht alſogleich die bewußten 560 Gulden mir zurückzahlen, Schritte thun werde, die Ihnen kaum angenehm ſein dürften. Mit der Verſiche⸗ rung ꝛc.“ Flocke wußte Anfangs vor Erſtaunen nicht, was er ſagen ſollte, denn er hatte nichts weniger erwartet als eine ſolche Mahnung; endlich ſtöhnte er:„Die Unterſchrift, Freund, die Unterſchrift!“ „Die Unterſchrif iſt ziemlich unleſerlich,“ ent⸗ ſchuldigte ſich Toldi, nachdem er einige Zeit ver⸗ Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. gebens buchſtabirt hatte;„ſie kann heißen Miller, Gekabek oder auch Schulze. Haſt Du nicht einen Gläubiger dieſes Namens?“ „AÄber dieſe Namen ſind doch, ſo viel ich höre, ſehr verſchieden?“ „Für das Ohr wohl, Freund, aber nicht für das Auge. Du weißt ja, es iſt mit den Buchſtaben wie mit den Pfeifen; ſie ſehen ſich alle ungemein ähnlich, und doch gibt jede einen andern Ton.“ „Ob ich das nicht weiß!“ entgegnete Flocke kleinlaut.„Aber dafür weiß ich nicht, daß ich einen Gläubiger mit einem der drei Namen habe; doch möglich iſt es ſchon, denn Namen merke ich mir gar nicht, Zahlen aber vergeſſe ich noch leichter. Er will mich wohl gerichtlich belangen, der Barbar, wenn ich nicht zahle. Ich bin jetzt zufällig ganz ohne Geld, denn ich habe in den letzten Tagen eine Menge Einkäufe gemacht, freilich nur auf Kredit, aber nichts ruinirt mehr, als der Kredit.“ „Namentlich die, welche ihn gewähren,“ ſetzte Toldi hinzu.„Uebrigens biete ich Dir meine Börſe an.“ Flocke wollte ſchon ſeinem Freunde in der Noth in die Arme fallen, allein da der Letztere in demſelben Athem erklärte, daß dieſe angebotene Börſe leider nur Hülle ohne Fülle ſei, ſo begnügte er ſich mit einem Händedruck und der dankbaren Verſicherung eines ähnlichen Liebesdienſtes im Falle der Noth. Nachdem Toldi die dritte Nachmittags⸗ ſtunde noch einmal in Erinnerung gebracht hatte, tänzelte er unempfindlich für die Bedrängniß ſeines Freundes zur Thüre hinaus. Flocke blieb voller Gedanken zurück, eine Situation, die nicht oft vor⸗ kam. Der Brief, welcher nun auf einmal ſtatt einer Einladung eine Mahnung enthielt, mußte irgendwo beim Vorzeigen verwechſelt worden ſein, denn eine ſo verſchiedene Interpretation des Textes ließ ſich doch unmöglich durch die neue Orthografie erklären. Da trat zum Glücke wieder eine neue Perſon bei ihm ein, bei der er ſich Raths erho⸗ len konnte. Es war Liſette, eine Ballettänzerin, welcher er mehr als Lehrer war. Obſchon nicht mehr in der erſten Blüthe der Jugend, hatte ſie doch Herrn Flocke's Herz derart zu feſſeln gewußt, daß er ihr nicht nur ewige Liebe geſchworen, ſondern ſo⸗ gar ſeine Hand angetragen hatte. Nachgerade aber war er der leichtfertigen Anſicht geworden, ein Lie⸗ beseid ſei nichts mehr als ein Billet, das man am Eingange zum Herzen nimmt, um daſelbſt ein⸗ zutreten. Sei das Stück ausgeſpielt, ſo gelte die Karte nicht mehr und man nehme wieder eine neue. Auch während der Zwiſchenakte eines und desſelben Stückes pflege man oft fortzugehen, um ſich zu erfriſchen und man nehme zu dieſem Zwecke eine Kontremarke, bei welcher die Rückkehr wieder freiſteht. Liſetten war die eingetretene Lauigkeit ihres Verehrers nicht entgangen; die Schuld an derſelben konnte nur eine Nebenbuhlerin tragen, oder Herr Flocke war verheiratet und frühere Eide entkräften die ſpätern. Als die Tänzerin eintrat, oemerkte ſie ſogleich den Brief in Flocke's Hand und ſchöpfte aus die⸗ ſem Umſtande neuen Verdacht. „Gewiß ein Liebesbrief!“ rief ſie ganz nahe tretend;„darf man ihn leſen?“ „Ohne Umſtände,“ erwiederte Flocke froh. „Vor Allem, an wen iſt er adreſſirt?“ „An Herrn Flocke, Balletmeiſter und Pro⸗ feſſor der höheren Tanzkunſt.“ „So ſind die gerichtlichen Schritte doch gegen mich gerichtet,“ ſeufzte Flocke ſich vergeſſend. Liſette horchte auf, und nachdem ſie ihn durchbohrend angeblickt, las ſie wie folgt: „Ungeheuer! So lange es ſich nur um mich handelte, wollte ich nichts von einem unwürdigen Gatten verlangen, der mich verlaſſen hat.“ „Wie, was?“ fuhr Flocke auf.„Hör' ich recht, ſo lieſeſt Du ſchlecht, lieſeſt Du aber recht, ſo hör' ich ſchlecht! Ich, ich ſoll verheiratet ſein? So etwas könnte ich doch trotz meines ſchwachen Gedächtniſſes nicht vergeſſen haben.“ Mit vor Aufregung zitternder Stimme fuhr Liſette zu leſen fort: „Jetzt aber, da ich zwei ſchwachen Würmchen, denen Du vor Gott und der Welt Vater biſt, das Leben gegeben habe, halte ich es für meine Pflicht, jene Schritte zu thun, die Dich zwingen werden, der armen Verlaſſenen Dich wieder anzunehmen.“ Der Brief ſank aus Liſettens Hand. Flocke, blaß wie der Gegenſtand gleichen Namens, ſtammelte: „Dort Schulden, hier eine Frau! ſo komme ich aus dem Regen in die Traufe. Das iſt gewiß wieder ein Schelmenſtück meines Freundes Toldi; ohne Zweifel hat er einen falſchen Brief unter⸗ ſchoben.“ „Verräther!“ brach jetzt Liſette los,„Deine Ausflucht nützt Dir nichts, Du biſt entlarvt.“ „Ich ſchwöre Dir, Liſette, daß ich nicht das Unglück habe, verheiratet zu ſein.“ 5 „Ich traue Deinen Eiden nicht mehr,“ rief Liſette und die Vertraulichkeit des Du aufgebend, fuhr ſie in einem ungewöhnlich ernſten Tone fort: „Es handelt ſich, mein Herr, jetzt nicht mehr um leere Worte, der Augenblick iſt gekommen, wo es gilt, durch eine That den Beweis Ihrer Rechtlich⸗ keit zu liefern. Ich kann Ihren Worten nunmehr nur glauben, wenn Sie ohne weiteren Aufſchub— mich heiraten.“ „Ohne Aufſchub, Liſette? Es drängt ja nicht. Wir ſind beide noch jung.“ „Alſo ſind Sie verheiratet?“ „Nein und tauſendmal nein!“ „Und tauſendmal ja! Ich will jetzt eine Ent⸗ ſcheidung, ein Ja oder ein Nein. Eins— zwei — wollen Sie oder nicht?“ „Ich ſage ja nicht nein,“ begütigte Flocke „(— — frühere ſogleich aus die⸗ az nahe te froh. ad Pro⸗ Hör' ich er recht, et ſein? hwachen me fuhr ürmchen, biſt, das Pflicht, werden, ehmen.“ Hand. Namens, komme ſt gewiß Toldi; junter⸗ „Deine vt.“ icht das ,“ ri igebend, zne fort: nehr um wo es ſechtlich⸗ nunmehr ſchub— rängt ja ine Ent⸗ — zwel Die verlegene Braut. 343 und indem er die Uhr zog, ſetzte er hinzu:„Wir werden ja ſehen; ſpäter, ſpäter, liebes Kind.“ Liſette fand nicht mehr Zeit, ihre Unzufrie⸗ denheit über dieſe unbeſtimmte Antwort auszudrü⸗ cken, denn eben kehrte Toldi zurück, um ſeinen Freund zur Balletprobe abzuholen. Flocke ſtürzte mit dem räthſelhaften Briefe in der Hand auf den Eintretenden zu und beſchwor ihn, die wenigen Zeilen noch einmal zu leſen. „Du haſt alſo noch immer nicht Deine Augen⸗ gläſer gefunden?“ fragte Toldi lächelnd, indem er bereitwillig nach dem Briefe griff.„Werther Herr,“ ſing er darauf zu leſen an, ſtockte aber ſo⸗ gleich, als ihm Liſette heimlich ein Zeichen gab. „Werther Herr! alſo lautet die Ueberſchrift; iſt das ganz gewiß?“ fragte Flocke, der der Sache auf den Grund zu kommen trachtete. „Ganz gewiß,“ verſicherte Toldi. „Jetzt, Liſette, lies Du,“ wandte ſich nun Flocke an ſeine Freundin, und da dieſe zu ſeinem größten Erſtaunen die Lektüre mit dem Worte„Un⸗ geheuer“ anhob, rief er mit der Miene eines Rich⸗ ters aus:„Jetzt ſehe ich klar, Jemand von euch beiden kann nicht leſen!“ Nun war es freilich nicht leicht für ihn zu ergründen, wer von den Zweien des Leſens unkun⸗ dig ſei, denn beide behaupteten mit Entſchiedenheit, dieſe Kenntniß zu beſitzen. Als der Vergleich der beiden Lesarten weiter geführt werden ſollte, warf Liſette hinter Flocke's Rücken einen ſo inſtän⸗ dig flehenden Blick auf Toldi, daß letzterer zur Nachgiebigkeit bei dieſer verwickelten Frage ſich be⸗ wogen fühlte. Auf Toldi's Unterſtützung rech⸗ nend, buchſtabirte ſie mit einem Eifer, der einer beſſern Sache werth geweſen, in folgender Weiſe: „W⸗e⸗r un th⸗e⸗r ge H⸗e⸗r⸗r heuer— Ungeheuer.“ Toldi ſah bei dieſer wiſſenſchaftlichen Erör⸗ terung bald Liſetten, bald Herrn Flocke an und zu letzterem gewendet fragt er:„Nun, Freund, was ſagſt Du jetzt dazu?“ „Ich, mein Lieber?“ antwortete Flocke ver⸗ legen.„Was ſoll ich zu dem Buchſtabiren ſagen, Du weißt ja, daß ich die Brille nicht zur Hand habe.“ „Die ganze Sache iſt ſehr einfach,“ erklärte Toldi;„wir buchſtabiren und leſen nach zwei ver⸗ ſchiedenen Methoden; ich nach der alten Buchſta⸗ bir⸗, Liſette nach der neuen Lautirmethode.“ „Aber es ſcheint,“ entgegnete Flocke,„daß es noch eine dritte Methode geben muß, da es ſich doch in dieſem Briefe zu allererſt um Tanzlektionen handelte.“ „Das kann ſchon ſein,“ gab Toldi zu,„aber Liſettens Methode iſt die neueſte und richtigſte. — Doch, Freund, es iſt Zeit in die Balletprobe, gehſt Du jetzt mit mir?“ „Ich folge gleich!“ rief Flocke dem ſich em⸗ pfehlenden Freunde nach. Der Brief beſchäftigte ihn jedoch noch derart, daß ihm die Löſung des Räthſels weit wichtiger ſchien, als alle Künſte Terpſichorens. Auch Liſette empfahl ſich und zwar mit der Be⸗ merkung, ſie wolle ihrer Tante die Nachricht von der bevorſtehenden Hochzeit bringen. Flocke blieb allein zurück. Ihn quälte der Gedanke, ob er plötz⸗ lich ein Narr geworden ſei, ohne es zu wiſſen, denn ihm war in der That von allem, was er heute erfahren: ſeiner unerreichbaren Dame, ſeinem Schuldner mit drei Namen, ſeiner Frau mit zwei Kindern— der Kopf ſo wirr geworden, als ſchwirrte daſelbſt eine Wolke von Maikäfern herum. *(Schluß folgt.) Die verlegene Braut. Von Karl Ciſcher. ꝗ Iys iſt wohl Jedermann bekannt, Daß man im Altenburger Land * Wohl mehr als irgend in der Welt Auf Ehrbarkeit und Sitte hält. Da trifft man auch noch dann und wann Den echten deutſchen Biedermann. Der Jüngling reift voll Kraft und Muth Zum Mann mit unverdorb'nem Blut; Und manche Dirn' in Unſchuld ganz Mit Ehren trägt den Jungferkranz. So ſtellt' auch jüngſt ein Bauersmann Der Tochter eine Hochzeit an. Das Mädchen, ſchön und wohlgeſtalt, Erſt achtzehn frohe Sommer alt, Heran geblüht in Häuslichkeit, Bei Arbeit, Zucht und Sittſamkeit, In Unſchuld an der Mutter Herd, War ſie des beſten Mannes werth. Der Schulzenſohn vom Erbgericht, Ein Burſch mit rundem Angeſicht, Vom echten Altenburger Stamm, War ihr erwählter Bräutigam. Nun kurz, man ging zum Traualtar, Voran die Muſikanten⸗Schar, Die Sippſchaft drauf im ernſten Schritt, Ein Chor bekränzter Jungfern mit; Und jedes Aug' voll Neugier ſchaut Die ſchmucke, ſchanerglühte Braut. Nachdem die Trauung war vorbei, Das Gratuliren nach der Reih': Zog man vergnügt in's Hochzeitshaus, Und ſetzte ſich zum Abendſchmaus. Nur eine Tafel war gedeckt, Ein einzig's Licht nur aufgeſteckt, Doch fehlt' es nicht an Speis und Trank, An derbem Scherz und munt'rem Klang. Zuletzt kam noch nach Sitt' und Brauch (So war's beim Urgrößvater auch), Daß alles in der Ordnung ſei, Ein ſchmalzbegoß'ner Hirſebrei.— G Gefüllt bis an den obern Rand, Gleich vor der Braut die Schüſſel ſtand, Und mancher Krug von Zinn umher In bunter Schau gefüllt und leer. Die arme Braut, vom Durſt gequält, Die ſchleichenden Minuten zählt, Wo endlich ſie, vom Zwang befreit, Entkäm' der Durſtverlegenheit. Gleich vor der Braut beim Schüſſelrand Ein erſt gefüllter Humpen ſtand: Doch duldet ſie des Durſtes Qual, Verleidet ſich das frohe Mahl Aus allzugroßer Züchtigkeit, Aus falſcher Scham und Ehrbarkeit. Reicht auch ein Gaſt von Ungefähr Zum„Proſit!“ ihr den Humpen her, So netzt ſie an des Kruges Saum Trotz allem Durſt die Lippen kaum. Doch jetzt ein halbbetrunk'ner Gaſt Die ſchnuppenvolle Scher' erfaßt Und putzt mit tölp'ſcher Hand das Licht; Und— putzt es aus— der plumpe Wicht! Jetzt, denkt die Braut, iſt’s rechte Zeit, Wo man vom Dunmſte ſich befreit; Dem Krug von Zinn ſieht man's nicht an, Daß ich mir gütlich d'raus gethan; Und eh' die Stube Licht erhellt, Hab' ich den Krug ſchon hingeſtellt. Demnach die Braut mit blinder Haſt Den erſt gefüllten Krug erfaßt, Und trinkt v'raus ſo nach Herzensluſt, Daß ſie beträufelt Kinn und Bruſt. Doch, eher als ſie ſich's verſah, Kommt man mit Licht dem Zimmer nah, Und eh' die Stube Licht erhellt, Hat ſie den Krug ſchon weggeſtellt. Allein, wie bebt die arme Braut, Als ſie beim Licht ihr Unglück ſchaut! Das gute Kind ſtirbt faſt vor Scham, Als nun an's Licht ihr Wagniß kam; Ihr Blut erſtarrt vor Schreck wie Blei: Der Bierkrug ſtand— im Hirſebreil! Ein Spielchen am Abend. (Zu der Bilder⸗Beilage dieſes Heftes.) Per Spiel, wie dort,— im Kerzenſchein . 2. ☛ Der Stube wie im Kämmerlein, D' Wo mild des Mondes Dämmerlicht Durch's grünumrankte Fenſter bricht. Hier Kartenſpiel, dort Liebesſpiel. Der Unterſchied beträgt nicht viel; V V V 4 V . Aus Herrn Schwätz's Notizenbuche. Eih deutſches Sprichwort ſagt zwar: „Mann ohne Weirb.— Haupt ohne Leib“n aber gerade der Verheiratete weiß oft nicht, wo ihm der Kopf ſteht. 1 Worin kommen Schornſteinfeger und Schmeich⸗ ler überein?— Beide Jommen durch Kriechen in die Höhe.. 4 8 Es heißt, Fleiß und Begeiſterung ſeien die Eltern des Ruhmes. Der Ruhm von heute denkt ſich: Du ſollſt Vater und Mutter verlaſſen und dem Weibe anhängen, und ſo folgt er— der Reklame. Von allen Mesalliancen Mag wohl die ärgſte ſein, Wenn ſich mit gemeinem Waſſer Verbindet der edle Wein. Der Nächſte ſoll dir immer vorgehen, darum ärgere dich nie ſelbſt zuerſt, ſondern lieber Andere. Man pflegt zu ſagen:„Alte Liebe roſtet nicht.“ Das kommt wohl daher, weil kein Liebesband von Eiſen iſt. — nicht, wo ſſer en, darum er Andere. ₰ b 4 W 3 1 — ng 4 hh 1 A P— ppäp 0) ff ff ſai U n2 1 Vaduſ Ä 3 SS„ 1 6 1 3 W 1 uln; c an 3 2. 1 f M hA 8 1 l I ſ uxxu ſiſ üli a ffri ngiſh M d N8᷑N— 1 N N N N 1 G V 1 1 6 e ' 5 ng Ein Spielchen an Abend. Feuilleton. 347 III. Sage vom ſogenannten Heldenberge bei FSeifen.*) Ein armer, armer Holzhacker ging in den Wald, um Holz zu fällen. Als er in die Mitte desſelben kam, hörte er plötzlich im Gebüſche rauſchen. Da er auf das Geräuſch zugeht, ſieht er unten in der Erde durch das Moos hindurchſchimmern— reines, gediegenes Gold. Der Holzhacker geht nun nach Hauſe, um ſich die nö⸗ thigen Werkzeuge zur Ausgrabung des Goldes zu ho⸗ len: Haue, Schaufel und ſ. f. Als er aber zurückkommt, findet er weder das Gebüſch, noch ſchimmert ihm vom Boden Gold entgegen.— Es geht aber die Sage, daß einmal eine ganz ſchwarze Kuh über dieſe reichen Gold⸗ lager gehen und ſie aufwühlen wird; und aus dem jetzt unanſehnlichen Orte Seifen ſoll eine reiche Bergſtadt werden, die den Namen Heldenberg haben wird. Die Luftbahn. Von Karl Czermak. Eine„Luftbahn“? wird man fragen. Allerdings, aber nicht von einer Bahn in's Blaue wollen wir reden, wir haben es mit einem auf wiſſenſchaftlicher Baſis beruhenden Projekte zu thun. Ein wie es ſcheint überaus begabter Architekt zu Winter⸗ thur in der Schweiz, Friedrich Albrecht, hat die unſtrei⸗ tig höchſt originelle und beachtenswerthe Frage entwickelt, wie man den bisher für praktiſche Zwecke ſo unbrauchbaren Luft⸗ ballon als bewegende Kraft bei Beförderung von Laſten und ſelbſt auch Paſſagieren verwenden könnte. Es gilt dieß vorder⸗ hand nur von dem Transport auf Höhen, wie wir gleich hören werden.. Den betreffenden Berg hinan müßte ein Schienenweg ge⸗ legt werden, in welchem die zu bewegende Laſt von dem nun⸗ mehr lenkbar gewordenen Ballon gezogen wird. Zur beſſeren Verſtändigung fügen wir einen Holzſchnitt(Fig. 1.) bei, wo Fig. 1. wir das Geſammtbild einer derartigen Bahn zu entwerfen be⸗ müht waren. K iſt die zu befahrende Höhe, woran die Stützen b der zwei parallellaufenden Seile(Schienen) a befeſtigt ſind. Zwiſchen dieſen Seilen läuft nun eine bewegliche Rolle e, an deren oberem Ende der Ballon c, am unteren hingegen die Laſt d Platz finden. Da nun Erſterer ſtets nach oben ſtrebt, ſo muß er nothwendig die ihm angehängte Bürde mit ſich zie⸗ hen; dadurch kommt die leicht bewegliche Rolle(Fig. 2.) b in Bewegung und verfolgt die ihr durch den angelegten Schie⸗ nenweg a vorgeſchriebene Richtung. Hier wäre das unheilvollſte Hinderniß ein entgegengeſetzter Wind, welcher das gerade Auf⸗ ſteigen des Ballons verhindern würde. Allein iſt dieſer von gehöriger Größe, alſo um ſo kräftiger, der Wind hingegen nicht ſehr bedeutend, ſo könnte die Fahrt, wenn auch vielleicht etwas *) Ein Ort im Erzgebirge mit vielleicht 70 Häuſern. langſamer, dennoch ſtattfinden. Bei allzuheftigem Sturm würde man ſie ja ohnehin einſtellen. Natürlich müßte die Schwere der angehängten Gondel der Tragkraft des Ballons entſprechen, ſo wie man überhaupt darauf bedacht ſein müßte, dieſen möglichſt groß zu fabriziren. Als geeignetſten Stoff hiezu bezeichnet Al⸗ brecht Kautſchuck, welcher zugleich dem allmäligen Ausſtrömen des eingefüllten Gaſes am hartnäckigſten widerſtehen würde. Auch hat unſer Erfinder ein Mittel entdeckt, das eben dieſen nachtheiligen Gasverluſt wo nicht ganz aufhebt, ſo doch auf das geringſte Maß reduzirt. Auf dieſe Art könnte ein Ballon von circa 20 Ellen Durchmeſſer bequem 20 Perſonen ſammt Reiſe⸗ gepäck in die Höhe heben und mit fortziehen. Ueber das Hin⸗ aufkommen wäre man alſo ſo ziemlich im Reinen, aber wie kommt man herab? Ein bloßes Hinuntergleitenlaſſen der Gon⸗ del würde mit zu viel Gefahr verbunden ſein und der Ballon, wird er nicht ſelbſt bei der Fahrt ein Hinderniß ſein, wenn er eine konträre Richtung annimmt? Doch auch dafür iſt vorgeſorgt. Die Laſt nach unten muß mit Ballaſt um ein Bedeuten⸗ des vermehrt werden, ſo daß das ganze Fahrzeug mit ange⸗ meſſener, weniger gefahrvoller Schnelligkeit herabgleiten kann. Albrecht möchte vor Allem ſeine Erfindung am Rigi, wel⸗ cher ſehr wenig Terrainſchwierigkeiten— die jedoch bei der Luftbahn nicht ſo ſehr in Anbetracht zu ziehen ſind— bieten ſoll, angewendet wiſſen, da ſie bei dem regen Fremdenverkehr auch einen nicht unbedeutenden pekuniären Gewinn abwerfen würde. Daß die Theilnahme von Seite der Reiſenden, deren Zahl ſich dort jährlich auf circa 30,000 beläuft, jedenfalls eine ſehr bedeutende ſein wird, daran glauben wir kaum zweifeln zu dürfen, da die gegenwärtige Beſteigung des genannten Ber⸗ ges eine langwierige, mühſame und koſtſpielige iſt. Jetzt braucht man bis auf Rigikulm(4200 Fuß) drei volle Stunden— dann würde man kaum 30 Minuten benöthigen; jetzt muß man ſich die allerdings herrliche Ausſicht auf dem Gipfel dieſes weltberühmten Rieſen mit dem Schweiße ſeines Angeſichts ſauer verdienen— dann könnte man in einer bequemen Gondel pu⸗ hig hinaufgleiten; jetzt zahlt man für ein Pferd 10 Fres.— dann würden 5 Frcs. für die Auf⸗ und Abfahrt genügen. Täg⸗ lich könnten 5 Fahrten(Züge) zu 10 Ballons abgefertigt wer⸗ den; wenn nun in jeden derſelben 20 Perſonen einſteigen, ſo⸗ mit in den ganzen Zug 200, ſo ergibt ſich eine tägliche Frequenz von 1000 Paſſagieren. Rechnet man nun obigen Fahrpreis— 5 Frcs. pr. Perſon— und nimmt man an, daß in der Sai⸗ — 4 ſon doch wenigſtens 20,000 Reiſende befördert werden, ſo ha⸗ ben wir eine Einnahme von 100,000 Fres. jährlich, die 5 per⸗ zentigen Zinſen eines Kapitals von 2,000,000 Fres. So könnte man nun gewiß noch ſeitenlang ſich ergehen in kühnen Problemen und idealen Plänen, doch das ſoll nicht unſer Zweck ſein. Wir wollen vielmehr darthun, daß es der Sache nicht unwerth ſein dürfte, nähere Unterſuchungen und Verſuche anzuregen, denn, ſind wir auch jetzt noch gezwungen, den an ſich ohne Zweifel höchſt intereſſanten Gedanken als ein Problem hinzuſtellen, ſo ſehen wir doch nicht ohne Zuverſicht einer be⸗ ſriedigenden Löſung⸗ desſelben entgegen. Hierbei erlauben wir uns noch die drei Hauptgrundſätze Albrecht's wörtlich anzuführen, die inſofern hohe Wichtigkeit haben, als Letzterer in ihrer Erfüllung allein die Ausführbar⸗ keit ſeiner Idee erblickt: „1. Die Luftbahn ſoll geeignet ſein, eine große Anzahl 44* —— 348 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Perſonen und Waaren in verhältnißmäßig kurzer Zeit auf eine große Anhöhe und wieder herab zu transportiren. 2. Der Betrieb darf nicht gefahrvoll und nicht allzuſehr von der Witterung abhängig ſein. 3. Ordentliche Rentabilität.“ Wir unſererſeits wünſchen dem Erfinder, daß dieſe ſeine drei Theſen den erſehnten Erfolg erringen und wird dieß wohl auch der Wunſch eines Jeden ſein, der für gemeinnützige Zwecke Sinn hat. Solchen empfehlen wir zur näheren Verſtändigung Albrecht's Broſchüre:„Die Luftbahn auf den Rigi. Syſtem einer Kommunikation mit Höhen, mit Anwendung der Luftbal⸗ lone als Lokomotive. Mit 4 Tafeln. Winterthur, 1859. Stei⸗ ner'ſche Buchhandlung.“ Aus dieſer entnehmen wir des allge⸗ meinen Intereſſes wegen folgende ideale Schilderung einer auf projektirte Weiſe ausgeführten Luftfahrt: „Der Ballon iſt gefüllt, circa 15 Perſonen ſteigen in die Gondel; das Gepäck derſelben wird aufgeladen. In den Waſ⸗ ſerbehälter wird ſo viel Waſſer eingelaſſen, bis der Ballon ge⸗ rade noch die nöthige Fahrſteigkraft beſitzt.— Fertig!— So weit die Bahn horizontal geht, wird das Fuhrwerk von der Hand in Bewegung geſetzt; jetzt beginnt ſie aber zu ſteigen. Langſam ſchwebt man aufwärts, aber nach und nach geht es immer ſchneller und ſchneller; man fliegt an Bäumen und Fel⸗ ſen vorüber. Die Bewegung wird endlich gar zu ſchnell; nun bremſt der Kondukteur mittelſt einer einfachen Vorrichtung. Es geht wieder langſamer. Nun kommt eine ſchwach geneigte Stelle der Bahn. Um dieſelbe raſcher zu befahren, läßt der Konduk⸗ teur durch Oeffnen eines Hahnes am Waſſerbehälter etwas Waſſer auslaufen. Es geht wieder raſcher und raſcher und— ah! welch' herrliche Ausſicht bietet ſich auf einmal dar! die wollen wir genießen. Halt! Es wird ſtark gebremſt und an jäh geneigter Bahn bleiben wir ruhig und ſicher ſtehen, über einem Abgrund in ſchwindelnder Höhe ſchwebend.— Aber vor⸗ wärts! Eine kurze Strecke und wir ſind oben. Die Bahn läuft horizontal aus und das Fuhrwerk bleibt ruhig ſtehen.— Rigi⸗ kulm! Ausſteigen!— Wir kommen gerade recht zur Mittags⸗ tafel. Proſit!“ Miszellen. Unterhaltendes. In der Adelsgeſellſchaft der polniſchen Emigration macht eine Broche der Gräfin R. von ſich reden. Von 20 Brillanten umſchloſſen, ſah man auf dem tiefblauen Grunde des Lapis lazuli, der wieder mit einem Glaſe überdeckt war— vier ganz verborgene, halb verroſtete meſſingene Stecknadeln wie zu einem Stern zuſammen⸗ gefügt. Der ſeltſame Schmuck fand ſeine Löſung in Fol⸗ gendem: Der Graf hatte in ſeiner Heimat in dem Ver⸗ dacht geſtanden, zu viel Politik getrieben zu haben, und wurde in einer Nacht von Polizei⸗Beamten ſeiner Fa⸗ milie entriſſen. Eine Kibitka brachte ihn nach einer Feſtung; dort warf man ihn in ein feuchtes, dunkles Gefängniß. In Todtenſtille und Dunkelheit begraben, fühlte er ſeine Kräfte ſchwinden, ſeinen Geiſt ſich ver⸗ wirren— eine namenloſe Angſt ergriff ihn; er zitterte nicht mehr vor ſeinen Richtern, er zitterte vor ſich ſelbſt. In der Erkenntniß dieſer Gefahr war ſein Sinnen dar⸗ auf gerichtet, etwas zu finden, das ihn der doppelten Qual— des Müßig⸗ und Alleinſeins, entriß und vor Irrſinn zu bewahren vermöchte. Vier Stecknadeln, in ſeinem Rock, hatten ſich den Blicken ſeiner Peiniger ent⸗ zogen. Sie ſollten ſeinem Geiſt zur Rettung werden. Er warf die Nadeln auf die Erde ſeines düſteren Ker⸗ kers, und bemühte ſich, die verſtreuten wieder aufzu⸗ finden. Als er ſie nach mühvollem Suchen gefunden, warf er ſie von neuem aus— und immer wieder und wieder! Tagelang ſitzend, liegend, knieend und mit den Händen herumtaſtend, gelang es ihm, die ausgeworfenen zu ſammeln. Dieſes furchtbare und doch ſo ſehr wohl⸗ thätige Spiel dauerte— ſechs Jahre! Da endlich er⸗ öffnete ein großes politiſches Ereigniß den Kerker. Der Graf hatte die Nadeln ausgeſtreut, er wollte aber ſein Gefängniß nicht verlaſſen, ohne ſie, die ihn vor Ver⸗ zweiflung und Irrſinn bewahrt, mit ſich zu nehmen. In der hereinſtrömenden Tageshelle fand er ſie ſchnell. Als er ſeiner Gattin dieſe Geſchichte erzählte, griff ſie nach dieſen Nadeln. Dieſe gelbmeſſingenen, verkrüppel⸗ ten Nadeln, ſechs furchtbare Jahre hindurch ausgeſtreut und gefunden, waren ihr Reliquie, die ſie in einem Rahmen von Brillanten, 10,000 Fr. an Werth, als ungleich höheren Schatz auf ihrer Bruſt trägt. Man lieſt viel wunderſame Dinge von Irland, aber die Sage von dem lachenden Schädel beſitzt eine gräßliche Drolligkeit ohne Gleichen. Wie man erzählt, gab es dort einmal einen komiſchen Schauſpieler oder Miniſtrel, Namens Clephanus. Schon ſein Geſicht war eine ſolche Poſſe, daß ihn Niemand anſehen konnte, ohne zu lachen und wäre er in dem Augenblicke die Beute der höchſten Verzweiflung geweſen. Endlich ſtarb er und wurde auf dem Kirchhof begraben, wo im Laufe der Zeit Alles, was ſterblich an ihm war, verſchwand, bis auf den Schädel. Der Todtengräber, welcher auf derſelben Stelle für einen Andern Platz machte, ſchau⸗ felte den Schädel des Sängers heraus und ſtellte ihn auf einen großen Stein. Einige Vorübergehende brachen in ein ſo lautes Gelächter aus, daß der Todtengräber ſich höchlich verwunderte. Er ſah ſich alſo nach der Ur⸗ ſache um und als ſein Blick auf den Schädel des Clephanus fiel, deſſen Zunge ſonſt manche Geſellſchaft zum Lachen gezwungen hatte, konnte er auch dem Lach⸗ reiz nicht widerſtehen und lachte ſo lange, daß er nicht mehr graben konnte. Der Leichenzug kam und füllte die Luft mit dem entſetzlichen Geheule, das man bei ſolchen Gelegenheiten oft noch in unſern Tagen hören kann. Kaum aber näherte ſich der Zug dem Schädel, als ſich das Wehklagen plötzlich in unwiderſtehliches, lautes allgemeines Gelächter umwandelte. Der Sage nach war dieſer ſeltſame Schädel noch vor hundert Jahren zu ſehen, aber Niemand weiß, wo er hingekommen iſt. Während ein Zug die Baltimore⸗Ohi o⸗Bahn paſſirte, erzählt Frank Leslie's„Illuſtrirte Zeitung“ in Newyork, fiel einer der Paſſagiere in tiefen Schlaf. Von einem ſeltſamen Kitzeln auf der Seite erweckt, hatte er gerade noch Zeit zu ſehen, wie eine Menſchenhand aus einer ſeiner Bruſttaſchen mit ſeinem Taſchenbuche her⸗ ausfuhr, worin 61 Doll. enthalten waren. Da der Dieb ſich entdeckt ſah, ſprang er nach der Thür, wohin der Be⸗ ſtohlene ihm nachſprang, ihn aber erſt auf der Plattform erreichen konnte, wo er ihn am Rockſchoß zu erwiſchen bekam. Der Spitzbube machte einen Ruck und der Schoß riß ab. Aber ſchnell wie der Blitz ergriff der Beraubte den anderen Schoß, als ein zweiter Ruck auch dieſen los machte. Der Kerl ſprang darauf von dem Zuge, obgleich derſelbe mit der Schnelligkeit von vierzig Mei⸗ len in der Stunde lief, und enkkam. Der arme Ge⸗ plünderte nahm die amputirten Schöße mit auf ſeinen Sitz zurück und war angenehm überraſcht, als er in der Taſche des einen derſelben zwei goldene Uhren im Werthe von hundert und fünfzig Dollars fand. So hatte er gerade neun und achtzig Dollars dadurch gewonnen, daß ihm ſeine Taſche ausgeräumt wurde! Nachſtehende Aneldote wird eine Idee von der eiferſüchtigen Wuth geben, welche die Korporationen im vergangenen Jahrhundert gegen einander hegten. Um den Wetteifer der beiden Konſervatorien in Neapel aufrecht zu erhalten, mußten dieſelben abwechſelnd in zwei Kirchen Muſik machen. Neapel wohnte dieſen mu⸗ ſikaliſchen Wettkämpfen höchſt zahlreich bei; reiche Leute gaben bis fünf Thaler, um einen Stuhl zu erhalten; ohne zu bedenken, daß man an heiliger Stätte ſei, ap⸗ aber ſein dor Ver⸗ nehmen. gewonnen, Idee von orationen r begten. in Neapel elnd in jeſen mu⸗ iche Leute erhalten; t ſei, 49, Feuilleton. 349 plaudirte man jede ſchöne Stelle raſend wie im Theater, und wenn die Muſik nicht gut war, ſo pfiff man zwar nicht, ſcharrte aber mit den Füßen und rückte die Stühle hin und her. Dieſe Theilnahme des Publikums ſteigerte die Eiferſucht der Schüler noch mehr. Am Feſte der heiligen Irene ſollte das Konſervatorium dei Turchini auftreten. Am Abend vorher aber ſchlichen die Schüler aus dem zweiten zu ihren Nebenbuhlern, beſtachen die Domeſtiken und legten die Inſtrumente, welche gebraucht werden ſollten, in Waſſer. Am andern Tage beſah man dieſelben weiter nicht und die Muſiker gingen damit in die Kirche. Wie groß aber war ihr Erſtaunen und ihr Zorn, als ſie ſtimmen wollten. Die gedrückt volle Kirche brach in ein allgemeines Gelächter aus und man konnte nicht ſpielen. Die Gekränkten ſannen auf Rache. Am Tage des heiligen Franziskus war die Reihe an den Schülern des Konſervatoriums des heiligen Onofrio. Man pflegte in der Kirche ein Orcheſter aus hohen zu⸗ ſammengebundenen Tafeln zu bauen. Was thaten die Turchini? In der Nacht ſtahlen ſie ſich in die Kirche und ſägten alle Tiſchbeine halb durch. Am andern Morgen kamen ihre Gegner triumphirend an und ſtie⸗ gen auf das Orcheſter. Im Anfange ging Alles recht gut und das Gebäude hielt, weil nur ein Muſikus nach dem andern ankam. Als aber Alle zugegen waren, als der Orcheſterdirigent das Zeichen zum Beginn gab und da⸗ bei ſtark mit dem Fuße ſtampfte, brach mit einem Mal das ganze Gerüſt zuſammen und Menſchen, Stühle, Contrebäſſe, Violinen, Hörner, Alles fiel durcheinander zu der ſeltſamſten Muſik. Am meiſten beſtürzt war man, als man ſich wieder ein wenig geſammelt hatte, daß man den Direktor nicht finden konnte, bis man ihn end⸗ lich, lebendig begraben in der großen Pauke liegen ſah. Mannigfaltiges. Der Porzellanthurm von Nanking, das Welt⸗ wunder, die große Pagode mit ihren 150 Glocken und 140 Laternen, trotz ihrer neun Stockwerke, die dreizehn⸗ ſtöckige genannt, indem der Plan auf dreizehn Stockwerke hinauslief, exiſtirt nicht mehr. Während der 1600 Jahre ſeiner Exiſtenz ſind die Stürme über ihn dahingebrauſt und haben ſeinen Dom hinweggeriſſen; der Donner hat über ihm gerollt und der Blitz die eiſenumwundene Kuppel auf den Boden herabgeſchleudert und Räuber haben mehrere Theile des Baues verunſtaltet. Doch erſt die Rebellen, welche die letzten fünf Jahre Nanking in Beſitz hatten, haben, wie„das Ausland“ berichtet, das Innere durch Feuer verwüſtet, das Gebäude durch Pulver in die Luft geſprengt und ſeine berühmten Back⸗ ſteine und alten Reliquien in alle Winde des Himmels zerſtreut. . Die Zuaven ſind der Stolz Frankreichs.„Ah, die Zuaven!“ ſagt jeder Franzoſe, wenn auf dieſe Truppe die Rede kommt. Sie ſind orientaliſch koſtümirt. Kurze bis an die Knie reichende Pluderhoſen, weiße Gama⸗ ſchen, ein Shawl als Gürtel, eine kurze brodirte Jacke und ein turbanumſchlungenes Fez bilden die Kleidung, ein blankſcheidiges Schwert und eine Flinte ihre Be⸗ waffnung. Vielen ſitzt auf dem Torniſter eine rieſige Angorakatze. Die Katze iſt das franzöſiſche Nationalthier. Das Erſte, was man in Paris bei ſeiner Ankunft ſieht, iſt eine rieſige Katze im Hausthor; in England iſt der Hund das Nationalthier. Ueberall ſind Katzen, im ele⸗ ganteſten Laden auf dem Pulte bilden die Angora's die größte Zierde. Und die Katze, ſonſt eben nicht kriegeriſch, außer Nachts in den Straßen im Rattenkampf— der, allnächtlich ſtattfindend, die größte Merkwürdigkeit von Paris bei Nacht iſt— iſt in Frankreich tapfer gewor⸗ den. Die Katze des Zuaven, die im Kriege ihm voran die Wälle erklettert, ſpringt auf jeden los, der den Zuaven ergreifen will. Jeder Zuave hat einen charakteriſtiſchen Kopf; faſt die Hälfte iſt blatternarbig und mit Narben geziert, der lange volle Bart umrahmt ſtruppig das wettergebräunte Geſicht, und der Kopf, deſſen Haupthaar von der Stirn an weit wegraſirt iſt, ſitzt auf einem Nacken von der Stärke eines Stieres. Dabei iſt dieſe Truppe ſo ge⸗ lenke und leichtfüßig wie nur irgend ein Turuer.— Die Zuaven ſind größtentheils pariſer Kinder oder Söhne der großen See⸗ und Provinzſtädte; Menſchen, die zu⸗ meiſt ein bewegtes, oft nicht fleckenloſes Leben hinter ſich haben; Leute, die oft alles gethan haben und deß⸗ halb alles zu thun im Stande ſind, auch Wunder der Tapferkeit. Wenn Eltern mit einem Sohne gar nichts mehr anzufangen wiſſen, ſo ſtecken ſie ihn„unter die Zuaven.“ In England iſt das Boxen ziemlich in Abnahme gekommen, während es in Amerika außerordentlich flo⸗ rirt. Zu einem ſolchen Streite werden die Boxer förm⸗ lich zugerichtet, ich möchte ſagen, wie die Rennpferde trainirt: Jeder muß mindeſtens vier Monnte eine ſehr ſtrenge Lebensart führen, darf nur nach Vorſchrift eſſen und trinken und ſich nie betrinken oder überhaupt gei⸗ ſtige Getränke zu ſich nehmen, er muß jede Ausſchwei⸗ fung vermeiden, täglich zwanzig Meilen, alſo mindeſtens ſechs bis acht Stunden angeſtrengt ſpazieren gehen, ſich Abends neun Uhr ſchlafen legen und früh Morgens wach ſein. Dazu übt er ſeine Fäuſte und Arme und wird bald ſo muskelſtark, daß ſein Fleiſch hart wie Eiſen iſt. Das Alles thut er, um in einem brutalen Fauſt⸗ kampfe zu glänzen, ſeinen Widerpart womöglich zum Krüppel zu ſchlagen und ſeinen Namen in den Zeitun⸗ gen zu leſen; es macht ihn ſtolz, wenn recht viele Wetten auf ihn eingeſetzt werden, wie auf ein Rennpferd. Hoffmann von Fallersleben hat kürzlich über den bekannten„Landesvater“ intereſſante Notizen ge⸗ geben. Der Verfaſſer desſelben iſt Aug. Niemann aus Altona, der 1782, als er noch Student in Kiel war, das Gedicht in einem aus 99 Liedern beſtehenden„aka⸗ demiſchen Liederbuch“, das er auch herausgab, zuerſt veröffentlichte. Das Gedicht fand nicht nur in der Stu⸗ dentenwelt, ſondern auch in anderen Kreiſen großen Bei⸗ fall, und man verſuchte, es auch auf andere, als ſtuden⸗ tiſche, auf allgemein bürgerliche Verhältniſſe anzuwenden. So erſchien 1797 eine Umgeſtaltung desſelben für den „Hamburger Bürger.“ Da wird aber nicht mehr das Schwert, ſondern der Hut geſchwungen, und Der, an welchem die Reihe iſt, läßt Kaiſer Franz und den Erz⸗ herzog Karl leben und den Hamburgrr Senat: Jeder unſrer Senatoren, Oberalten— der geſchworen Hamburg's Staate treu zu ſein. Aber dieſe und ähnliche Verſuche mißglückten, und das Lied blieb, was es von Anfang ſein ſollte, ein reines Studentenlied. Ein gewiſſer Ladner ſoll das von Fulton ſchon er⸗ fundene unterſeeiſche Boot dermaßen vervollkomm⸗ net haben, daß es acht bis zehn Stunden unter Waſſer bleiben, dort jede beliebige Tiefe halten und nach Außen wirken kann. Das Boot hat die äußere Geſtalt eines Fiſches und wird am hinteren Ende durch eine Schraube bewegt. Ein ſtarker Mann kann es in der Schnelligkeit eines Fußgängers durch Handarbeit fortbewegen, dann den Stand desſelben regeln; auch können Perſonen, in die Taucherapparate gehüllt, durch ſichere Seitenklappen das Boot verlaſſen, Ausflüge in verſunkene Schiffe ma⸗ chen und ſonſtige Angelegenheiten auf dem Seegrunde beſorgen. Außen angebrachte Sägen können Balken zer⸗ ſägen, wenn man nicht vorzieht, Sprengladungen an den Schiffen anzubringen, welche zu ſchwer ſind, als daß man ſie mit dem Boote nach der Oberfläche ſchlep⸗ pen könnte. Die Ladung wird dann mit einem Uhr⸗ 350 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. werke in beliebiger Zeit angezündet, ſo daß das Boot indeſſen ohne alle Gefahr aus dem Bereiche des Schuſſes gleiten kann. Für die Perlenfiſcherei wird das Boot eine große Erleichterung bringen, ohne Gefahr die Perlen aufzuſuchen, die dem Taucher zu tief liegen, und würde mit Lichtern ſogar den Meeresboden erhellen, wo das Sonnenlicht nicht hindringen kann. Die größten Wun⸗ der dürfte das Boot im Kriege leiſten. Es würde in feindliche Häfen dringen, durch Röhren über dem Waſ⸗ ſer die genaueſten Erkundigungen der Werke und Flotten einziehen, Sprengladungen unter den Schiffen anbrin⸗ gen, ſich dann unbemerkt aus der Mitte der Feinde ſtehlen und in Kanonenſchußweite die Zeit ruhig ab⸗ warten, wo die feindliche Flotte gen Himmel flöge. Die neue Erfindung könnte den Seekrieg ganz unmög⸗ lich machen oder doch zu einem„unterſeeiſchen“ um⸗ geſtalten. ℳ Briefe, welche mit Oblaten oder mit Lach ver⸗ ſchloſſen ſind, laſſen ſich öffnen und wieder ſchließen, ohne daß Spuren dieſer Manipulation beim Empfange wahrzunehmen ſind. Will man ſeine Briefe gegen un⸗ berufene Eindringlinge ſicher ſtellen, ſo muß man zu⸗ erſt eine Oblate anwenden, in das Papier, welches ſie bedeckt, eine Oeffnung von etwa zwei Linien im Durch⸗ meſſer anbringen und darüber den Brief verſiegeln. Lack und Oblate verbinden ſich dann in einer Weiſe, welche weder durch feuchte, noch trockene Wärme zu löſen iſt: der Brief muß nothwendig aufgeriſſen werden und die Spuren davon ſind nicht zu vertilgen. Zur Geſchichte der Moden. In der Limburger Chronik heißt es zum Jahre 1389:„Fürder trugen die Männer Aermel an Wamm⸗ ſen und anderer Kleidung, die hatten Stauchen(Hän⸗ geärmel) beinahe auf die Erde. Und wer die allerläng⸗ ſten trug, der war der Mann.“ Doch kann man noch eine viel größere Zahl von Exzentrizitäten jener Zeit zuſchreiben, denn weiter wird uns auch erzählt von über⸗ mäßigem Beſatz der Kleider mit Knöpfen, von denen für eines oft drei bis vier Schock verwendet wurden, von Halsbändern und ausgeſtopften Bruſtlätzen der Männer, gleich Weiberbuſen, ferner von Schuhen mit ellenlangen Spitzen, die ungefähr die Form von Storch⸗ ſchnäbeln annahmen und gegen welche im Jahre 1480 ſogar eine päpſtliche Bannbulle eiferte, dann von der Schellentracht, welche Mewegs blos das handwerks⸗ mäßige Zeichen der Narrenzunft geweſen iſt, ſondern die aus dem Uebermaß der Luſt, die damals an Höfen und in Städten herrſchte, oder aus der Abſicht der hohen Herren entſtand, ihr Kommen ſchon von fern durch Geklingel Zfl verkündigen. Wie ſehr man ſchon damals die Natur zu verfälſchen liebte, das erſieht man aus Peter Suchenwirts Worten:„Baumwolle legſt du dir vor und ziehſt dich ein in den Seiten, daß du ſchlank biſt; du thuſt dir ſelbſt weh und biſt ein Spott, und machſt dich anders, als dich Gott nach ſeinem Bilde ge⸗ ſchaffen hat. Früh und ſpät ſchmierſt du dein Antlitz ein; deine Stirn glitzert und Salben durchziehen deine Wangen, daß du falſcher Farbe Schein giebſt. Auch fremdes Haar bindeſt du ein, und machſt deine Zähne anders, als ſie dir Gott gegeben hat, lang, ſpitz und krumm wie des Teufels Naſe.“ Die Pluderhoſe in ihrer koloſſalſten Geſtalt hat man ſich folgendermaßen vorzuſtel⸗ len: Die nur bis zum Knie herabgehende Hoſe, welche von feſterem Stoff war, wurde von oben herab in lauter ſenkrechte Streifen rundherum zerſchnitten, welche oben und am Knie zuſammenhingen. Um das Bein herum zog man durch dieſe Schlitze eine ſolche Menge leichteren und andersfarbigen Stoffes, daß er aus den Oeffnungen heraus in dichten faltigen Maſſen bis gegen die Füße herabfiel. Man ging endlich ſo weit, für ein Paar ſolcher Hoſen 100, 130, ja ſogar 200 Ellen Zeug zu verbrauchen, und es iſt zu denken, daß dadurch die Pluderhoſe ein ſehr koſtbares Kleidungsſtück wurde. Welches Aufſehen und welche Indignation dieſe renom⸗ miſtiſche Tracht bei der ganzen anſtändigen und ſolid⸗ denkenden Welt erregte, kann man ungefähr daraus er⸗ meſſen, daß von der Kanzel herab, ſowie in eigens zu dem Zwecke geſchriebenen Flugſchriften gegen ſie geeifert wurde. Des Andreas Muskulus„Hoſenteufel“ iſt vor Allem bekannt geworden und ſehr hübſch ſagt derſelbe: „Es rauſchte, wenn die Hoſenhelden kamen, als wenn der Elbſtrom durch die Brücke oder über ein Wehr iefe.“ Unter Ludwig XIV. gelangte die Perücke, d. h. die Allongenperücke zur abſoluten Herrſchaft,„der gefeierte Liebling der Zeit, das Schlagwort, der prägnanteſte Ausdruck ihres ganzen Weſens.“ Das Charakteriſtiſche der Perücke dieſer Zeit beſteht darin, daß ſie nicht einen Mangel der Natur verheimlichen ſoll, ſondern der Natur zum Trotz in der Falſchheit ihre eigentliche Be⸗ deutung hat. Sie negirt das Eigenhaar; es muß fallen, damit die Perücke, ein Werk der Mode, Platz findet. Ludwig XIV. ſelbſt widerſtrebte in ſeiner Jugend der neuen Mode, indeß, als ſie ſich für ihn aber als Be⸗ dürfniß herausſtellte, trug er⸗ kein Bedenken mehr, ſich ſelbſt die Perücke aufzuſetzen. Nun griff er in ſeiner Weiſe abſolutiſtiſch durch. Im Bahre 1655 ernannte er auf einmal achtundvierzig Hofperruquiers, und im näch⸗ ſten Jahre errichtete er für Paris und die Vonſtädte eine Innung derſelben, zweihundert an der Zahl. Das war ein Staatsſtreich, mit dem er auf einen Schlag Frankreich die unbedingte Herrſchaft in der ganzen mo⸗ diſchen Welt ſicherte. In Deutſchland hatten bis zu die⸗ ſer Zeit, alſo bald nach der Mitte des 17. Jahrhunderts, alle ehrbären Leute wenn auch langes, doch ihr eigenes Haar getragen; nur das bedürftige Alter und nament⸗ lich die ſtutzerhafte Jugend, deren Augen auf Frank⸗ reich gerichtet waren, hatten vorbedeutende Ausnahmen gemacht. Das Edikt Ludwigs XIV. bezeichnete auch für Deutſchland den Umſchwung, denn die Fürſten desſelben folgten eiligſt ſeinem Beiſpiel. Bald trugen die ſämmt⸗ lichen Höfe bis zum Lakaien herab die Perücke. Von hier verbreitete ſie ſich über die ganze modiſche Welt vom Edelmann zum vornehmen Bürger, zum Gelehrten und Studenten, ja nicht ſelten bis zum Handwerks⸗ mann. Das war geſchehen, ehe noch zwei Jahrzehnte verfloſſen. Nur allein die Geiſtlichkeit, welche vor der Hand auch die einzige und heftige Oppoſition bildete, machte noch kurze Zeit eine Ausnahme. In ihrer voll⸗ ſten Schönheit und Größe war die Perücke ein koſtba⸗ rer Putz, in der ſie wohl auf tauſend Thaler zu ſtehen kam. So zierte ſie freilich nur die hohen Häupter dieſer Erde, und ihnen war ſie der Nimbus der Hoheit, Würde und Majeſtät, und indem man des mähnenum⸗ lockten Löwen gedachte, des Königs der Thiere, verknüpfte ſich mit ihr der Begriff allesbezwingender Stärke. Kurioſa. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts ſtritt man in öffentlichen Blättern dreizehn Jahre lang, ob man nicht wohlthue, Allem, was man vom Gauner⸗Ge⸗ ſindel bekommen könne, das Trommelfell zu ſprengen, um dasſelbe taub und zur weitern Kommunikation unter ſich unfähig zu machen. In Frankreich hielt ſich zu Anfange dieſes Jahrhunderts im Departement des Var eine Diebsbande auf, gegen welche alle Bemühungen der Behörden ſich fruchtlos zeigten, bis es dem Präfekten gelang, einen entſchloſſenen Vertrauten zu gewinnen, welcher mit den Räubern ſcheinbar gemeinſchaftliche — Mrſſen hſo weit, 00 Ellen dadurch k wurde. renom⸗ e ſämmt⸗ ungen Präfekten gewinnen, rſchaſtliche Feuilleton. 351 Sache machte. Er wußte ſie unter glaubhaftem Vor⸗ wand in ein abgelegenes Haus bei Aups zu locken, nachdem dasſelbe vorher unterhöhlt und mit Pulver an⸗ gefüllt worden war. Nachdem die Räuber ſich dort ein⸗ funden hatten, wußte der Vertraute ſich zu entfernen, legte Feuer an die Miene, und ſo wurden vierzig⸗Men⸗ ſchen in die Luft geſprengt. Eine merkwürdige Kaffeemühle kann man in dem Laden eines Krämers zu Newyork ſehen. Da erblickt man drei Eichhörnchen in einem eylinderförmi⸗ gen Drahtkäfig, wo die Achſe von vier Fuß auf kleine Räder wirkt, welche die Kurbel einer Kaffeemühle in Bewegung ſetzen. Ein Eichhörnchen kann mittelſt dieſer ſinnreichen Maſchine durch ſein Herumſpringen ohne die mindeſte Anſtrengung in jeder Stunde ein Pfund Kaffee mahlen. Man ſchätzt in dieſer Kombination die Kraft eines Eichhörnchens auf 64 Pfund. Ein Schulze aus der Pr. Holländer Gegend wurde wegen Jagdkontravention angeklagt, weil er auf ſeinem Grund und Boden, auf welcher die Jagd ruhte, einen Haſen mit den Händen gegriffen und mit nach Hauſe genommen hatte. Um ſich von der Beſchuldigung zu befreien, gab er vor Gericht an, daß er das Thier rein aus Humanitätsrückſichten aufgegriffen habe; denn dasſelbe habe an einem Beine eine Verletzung, wahr⸗ ſcheinlich in Folge eines erhaltenen Schuſſes, gehabt, welche er dem Thiere durch Anlegung einer Schiene habe kuriren wollen; es ſei ſeine Abſicht geweſen, demſel⸗ ben die Freiheit wieder zu geben. Der erſte Richter nahm ſolchen Einwand als nicht ſtichhaltig an, ſondern er⸗ kannte gegen den Angeklagten auf 5 Thlr. event. fünf⸗ tägige Geſängnißhaft. Auf die Appellation des Ange⸗ klagten beſtätigte auch das königsb. oſtpr. Tribunal das erſte Urtheil; denn auch dieſem Gerichtshofe iſt der Einwand des Angeklagten nicht ſehr plauſibel er⸗ ſchienen. 4 Anekdoten. Zur letzten Pariſer Gemäldeausſtellung war auch eine„Eva vor dem Sündenfalle“ eingeliefert und zwar von einer Dame gemalt, was die Jury ſehr indolent fand und deßhalb das Bild zurückwies. Es machte ſich aber zu Gunſten der Gekränkten eine Oppo⸗ ſition geltend, und dieſe meinte, ein ſolches Prinzip könne nicht durchgehen, dergleichen ſei für die Künſtler eine Frage des Brodes.„Nicht doch,“ erwiederte die Jury,„es iſt eine Frage des Fleiſches.“ Die Frau eines Reichen wollte ſich eine koſt⸗ bare Uhr kaufen. Der Kaufmann zeigte ihr mehrere und pries vorzüglich eine reich mit Diamanten beſetzte, welche noch obendrein 36 Stunden ginge.—„In einem Tage?“ fragte die Dame naiv. Ein Bauernknabe war bei ſeinem Pathen zur Kirmſe geweſen. Bei ſeiner Heimkehr entſpann ſich fol⸗ gendes Geſpräch zwiſchen Vater und Sohn:„Nun, Gottfried, da biſt Du ja! wie war'ſch?“—„Nu, ſcheene.“ —„Was habt Ihr den gegeſſen?“—„Schweinebra⸗ ten.“—„Nu, das war ja was für Dich. Da haſt De gewiß recht zugelangt?“—„Ne!“—„Warum denn nicht?'s iſt ja ſonſt Dein Leibeſſen.“—„Er war ſu fett, mer kunnten'n gar nich eſſen.“—„Nu, was habt Ihr denn da gemacht?“—„Mer aßen'n doch.“ Ein Schulmeiſter auf dem Lande, leſen wir in ſchwäbiſchen Blättern, examinirte einen Knaben über ſeine im Addiren gewonnenen Kenntniſſe. Als Reſultat dieſes Examens ergab ſich folgendes Zwiegeſpräch: Schulm.: 2 und 1 Peterle?— Peter: 3.— Schulm.: 3 und 12 — Peter: 4.— Schulm.: 4 und 12— Peter: neune. — Schulm.: Falſch; Peterle 4 und 12— Peter: achte. — Schulm.: Eſel! wenn du vier Stückla Brod geſſa haſcht, und dei Muatter gibt der no eis derzu, wie viel haſcht no?— Peter: Derno han i gnuag. Fragen und Autworten. Warum kann ein Menſch, der ſich eine Frau ſucht, niemals ein Sklave ſein?— Weil er ein Freier iſt.— Welche Aehn⸗ lichkeit iſt zwiſchen den Augen eines ſentimentalen Men⸗ ſchen und den ſchlechten Soldaten im Kriege?— Sie gehen leicht über.— Warum ſind vornehme Damen die beſten Patriotinen?— Weil ſie viel fürden Staat ausgeben.— Warum brauchen arme Leute nicht ſoviel zu ſprechen als wohlhabende?— Weil ſie von jenen unterhalten werden müſſen. Als der verſtorbene große Devrient noch in Breslau engagirt war, quälte ihn ein junger, gänzlich talentloſer Menſch fortwährend um eine Rolle. Devrient befahl ihm denn eines Abends, als grade ein Stück von Iffland gegeben wurde, in eleganter Kleidung auf die Bühne zu kommen, um in der Vorſtellung mitzuwirken. In der Garderobe heftete Devrient dem Kunſtjünger einen großen Orden auf die Bruſt, ſtellte ihn hinter die Couliſſen und antwortete ihm auf alle Fragen, was er zu thun habe, nichts als:„Das werden Sie ſchon ſehen.“ Im fünften Akt endlich ſagt einer der Schau⸗ ſpeiler auf der Szene:„Das muß der Präſident er⸗ fahren.“„Hören Sie,“ ruft Devrient dem jungen Di⸗ lettanten zu,„jetzt war von Ihnen die Rede. Der Prä⸗ ſident ſind Sie! So nun kleiden Sie ſich aus, und gehen Sie ruhig nach Hauſe, Sie haben recht gut geſpielt!“ Der Zufall hat oft ſeine humoriſtiſche Laune; dieß beweiſen vor Allem manche Druckfehler. So ſollte z. B. vor Kurzem die Ueberſchrift eines Leitartikels in einer politiſchen Zeitung lauten:„Deutſchland rüſtet.“ Der Setzer ſetzt:„Deutſchland vaſtet“ und nach ge⸗ ſchehener Korrektur heißt es richtig:„Deutſchland ro⸗ ſtet.“ Dieſer Druckfehler hat übrigens wohl ebenſowenig ominöſe Bedeutung, wie ein anderer, welcher in der erſten Ausgabe der Gedichte eines unſerer größten jetzt leben⸗ den Poeten ſich eingeſchlichen hatte. Das erſte Gedicht, eine Art Pxolog, ſollte mit den Worten anfangen:„Lie⸗ der ſind wir;“ allein es fiel das i der erſten Silbe aus und nun hieß es:„Leder ſind wir.“ Das i wurde freilich ſpäter wieder eingeſchaltet, aber unglücklicher Weiſe am unrechten Platze und ½ Gedichte führten ſich nun mit den Worten ein:„Leider ſind wir.“ Einen der komiſchſten Druckfehler brachte ein älteres Buch, das mit einer Art Selbſtironie das lange Druckfehlerver⸗ zeichniß mit der Ueberſchrift eröſfnei.„Dreckfuhler.“ Biografieen von Zeitgenoſſen. Graf Cavour. Der Vater des jetzigen ſardiniſchen Premierminiſters war Getreidehändler in der Grafſchaft Nizza, und wurde erſt vom Könige Karl Albert in den Adelsſtand erhoben. Camillo Cavour wurde 1809 in Turin geboren, und empfing dort ſeine wiſſen⸗ ſchaftliche Ausbiltung, welche er auf Reiſen in Frankreich und England zu erweitern bemüht war. Staatswiſſenſchaften und namentlich der Nationalökonomie wandte er ſich mit Vorliebe zu und ſeine Kenntniſſe auf dieſen, damals in Piemont noch wenig gepflegten Gebieten, trugen vorzüglich dazu bei, ihm früh⸗ zeitig eine hervorragende Stellung zu verſchaffen. So gehörte er zu den Gründern der Associacione Agraria, welche neben 352 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. den Kulturbeſtrebungen auch politiſche Zwecke verfolgte, und im Vereine mit den Häuſern der liberalen Ariſtokratie, Balbo, Franchi, Santa⸗Roſa u. A. gab er das„Risorgimento,“ eine Zeitſchrift heraus, welche für den gemäßigten Fortſchritt wirkte und ſchon vor der Bewegung des Jahres 1847 konſtitutionelle Ideen verbreitete. Selbſtverſtändlich betheiligte er ſich auch an der Bewegung lebhaft, und gehörte zu den Unterzeichnern der Adreſſe, welche vom König Karl Albert eine Verfaſſung erbat. In die Kammern gewählt, trat er während des erſten Jahres des Parlamentarismus in Sardinien nicht ſehr hervor, wenn auch ſeine Geſchäftstüchtigkeit Gelegenheit genug fand, ſich zu bethätigen. Als in der Kammer von 1849 das Zentrum all⸗ mälig das Uebergewicht über die beiden extremen Richtungen — demokratiſche Linke und klerikale Rechte— gewann, wuchs auch die parlamentariſche Bedeutung des Grafen Cavour, und im Jahre 1849, als die Kammer den Friedensvertrag mit Oeſterreich nicht unbedingt annehmen wollte und deßhalb aufge⸗ löst wurde, berief ihn Marquis d'Azeglio in das Miniſterium. Cavour übernahm das Portefeuille des Handels, und er war es, der dem Miniſterium durch die Verbindung mit beiden Zentren der Kammer eine feſte parlamentariſche Stütze verſchaffte. Zu Anfang 1851 übernahm er auch die Verwaltung der Finan⸗ zen. Nur ein Mann von bedeutender Kapazität, Erfahrung und Energie konnte dieſer Stellung gewachſen ſein. In dem Augen⸗ blicke, da Sardinien erſt aus langer Erſtarrung zu politiſchem und wirthſchaftlichem Leben erwachte, wurde es ſogleich in einen ſo unheilvollen Krieg verwickelt, welcher die über Vermögen ange⸗ ſpannten Kräfte des Landes zerrütten mußte; nun ſollten dieſe friſchen Wunden geheilt und zugleich die größten Anſtrengungen gemacht werden, damit ſich Piemont auf dem einmal eingenomme⸗ nen Platze in der Reihe europäiſcher Staaten behaupte. Ca⸗ vour hat in dieſer Beziehung alles mögliche aufgeboten, er refor⸗ mirte im Innern nach freihändleriſchen Grundſätzen, baute Stra⸗ ßen und Eiſenbahnen, ſchloß Handelsverträge mit den benachbar⸗ ten Staaten. Aber gerade die letzteren gaben Anlaß zu heftigen Angriffen auf den Finanzminiſter, da man in Sardinien wie in allen an's Prohibitivſyſtem gewöhnten Ländern, ſich dem Auslande gegenüber beeinträchtigt glaubte. Die Verfolgung der freiſinnigen Handelspolitik brachte es mit ſich, daß Cavour in den fortgeſchrittenen Fraktionen der Kam⸗ mer ſeine eigentliche Stütze fand, während ſeine Kollegen, wenn auch der liberalen Partei angehörig, wie er, ſich mehr der rechten Seite der Zentrums zuneigten. So geſchah es, daß die beiden leitenden Perſönlichkeiten des Miniſteriums d'Azeglio und Cavour, jede ihre eigene Partei in der Kammer hatten, und zwar überwog die des Finanzminiſters allmälig die des Miniſterpräſidenten. Die aus dieſem Verhältniſſe erwachſende Differenz im Schooße des Miniſteriums wurde durch den Austritt Cavours gelöſt (Anfangs 1852).. Dem Miniſterium war dadurch eine wichtige Stütze ent⸗ zogen, und ſchon im Oktober desſelben Jahres ſah es ſich ge⸗ nöthigt, abzudanken. Den äußeren Anlaß gab der bekannte Zwieſpalt mit dem päpſtlichen Stuhle bezüglich der Kirchengüter. Der König ſchwankte längere Zeit, in weſſen Hände er das Staatsruder geben ſollte, aber keine der konſervativen Fraktio⸗ nen hielt ſich für ſtark genug, um in dieſer Kriſis eine Ver⸗ waltung zu bilden, ohne von den bisher befolgten Regierungs⸗ grundſätzen im weſentlichen abzuweichen. Man mußte ſich an das linke Zentrum, das heißt an Cavour wenden. Derſelbe bildete das Miniſterium und übernahm neben der Präſtdentſchaft in demſelben zunächſt wieder das Portefeuille der Finanzen. Jetzt wurde Graf Cavour nicht nur die Seele des Kabinets, er war eigentlich das Kabinet ſelbſt; es iſt kaum ein Departe⸗ ment, dem er nicht zeitweilig wenigſtens vorgeſtanden hätte. Seine erſte Sorge war, ſich durch Verſchmelzung der Zentren wieder eine kompakte Majorität in der Volksvertretung zu ſichern. Nun ging er auf dem Wege weiter, deſſen Berfolgung ſein Vorgänger nicht durchgeſetzt hatte. Trotz des heftigen Wider⸗ ſtandes des Papſtes und der Geiſtlichkeit im Lande führte er den Verkauf der Kirchengüter durch und nahm der Geiſtlichkeit das ausſchließliche Vorrecht des Unterrichts. Weitere Schritte wurden wohl nur vorläufig aufgeſchoben, da andere Pläne ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen. Die Idee der ſardiniſchen Hegemonie in Italien, welche zwar ſeit 1848 nie ganz verſchwunden war, ſich aber ſeit No⸗ vara nicht offen hervorgewagt hatte, wurde durch den Grafen Cavour zum neuen Leben erweckt. Selbſtverſtändlich hieß der erſte Schritt zu dieſem Ziele: Losreißung der Lombardie von Oeſterreich. Niemand wird dem Grafen Cavour abläugnen kön⸗ nen, daß er mit reiflicher Ueberlegung, langſam aber ſicher auf ſein Ziel losſteuerte. Zu dem Zwecke mußte er ſich von einem Grundſatze des Marquis d'Azeglio losſagen, der dieſem von je her zum höchſten Ruhme angerechnet worden war: Beſeitigung des franzöſiſchen Einfluſſes. Wenn Cavour die Vertreibung der „Fremden“ predigt, ſo meint er damit ſtets nur die Deutſchen; wenn er gleichzeitig die Franzoſen ins Land ruft, ſein Vater⸗ land der Gefahr ausſetzt, eine franzöſiſche Provinz zu werden, ſo befolgt er darin nur eine Politik, welche ſeit tauſend Jahren in Italien ſich forterbt und unheilvolle Früchte bringt. Durch die an ſich unnütze und dem Lande ſchwere Opfer auferlegende Theilnahme am orientaliſchen Kriege verpflichtete Sardinien ſich die Weſtmächte und hatte die Genugthuung, in Paris mit den Großmächten tagen zu dürfen. Da tauchte zum erſtenmal wieder„die italieniſche Frage“ auf. Wie dieſelbe wei⸗ ter geſponnen worden iſt, über das befeſtigte Aleſſandria, den Hafen von Villafranca, die freiwillige Botmäßigkeit gegen den Willen Frankreichs bis zu den Rüſtungen und dem Ausbruche des Krieges gegen Oeſterreich— das liegt Allen in friſcher Erinnerung. 3 Graf Cavour wird in ſeinem Aeußeren als ein„behäbi⸗ ger Bourgeois“ geſchildert, doch verrathe bald ein feines, iro⸗ niſches Lächeln den Mann von Welt. Als Redner iſt er trocken, ſchwunglos, mit ſcharfem, unangenehmen Organ, aber außer⸗ ordentlich klar und ſchlagfertig. Rebus von Fr. Joſ. Aill. Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt.— Papier und Druch des art⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag. Ausgegeben am 15. Mai 1859.