krinnerungen. 77. Band.(Neununddreißigſter Jahrgang.) Heft X. In fſſſſſff ffffff 1 3 1 n fſf 0 dch lum das drohende Geſchick zu beſchwören? Soll ich Julius Cäſar von Capua. allein daſtehen und ſehen, wie Einer nach dem An⸗ Hiſtoriſche Erzählung von J. dern ſich treulos von mir wendet?“ 1„O tadelt nicht den Bruder, vergeßt nicht (Fortſetzung.) unſere Treue und Liebe. Mag Euch das Aergſte treffen, wir werden nie von Eurer Seite weichen.“ III. 1„Ihr wollt es nicht, doch werdet Ihr es kön⸗ — nen? Dein Gemal, der uns noch ſchirmen könnte, witters, das von der Ferne her ſich dro Schutz mehr. Auch Alopo wird ſinken, denn ich v hend ankündigt, traf die Kunde von der habe keine Macht, ihn zu retten. Ach, verhaßt ſind —— Gefangennahme Sforza's und dem herri⸗ Alle, die ich liebe, und gegen ſie richtet ſich der en ſchen Auftreten Jakob's den königlichen Groll des Feindes. Darum denke Du an Dein Hof, und Johanna ſah mit Bangen Heil, Katharina. Du biſt jung, ſchön und haſt der Stunde entgegen, wo Jakob ſeinen Einzug gerechte Anſprüche an das Leben, Du ſollſt nicht halten und ihre morſche Macht mit kühner Hand mit mir leiden.“— zerbrechen würde. Ihr Geiſt hatte keine Raſt und.„Nein, nimmer laſſe ich von Euch, meine Ruhe mehr, ſe zitterte für ſich und ihre Getreuen. Gebieterin und gern trage ich alles Leid, das mich „Wo weilt Pandolfello?!“ rief ſie ſchmerz⸗ treffen kann. Das ſoll mein Dank für Eure hohe lich zu Katharina;„will er ſich nicht ermannen, Gnade ſein.“ 99 Erinnerungen. 1859. 37 M ie ein plötzlicher Donnerſchlag eines Ge⸗ iſt in der Gewalt ſeiner Feinde; Du haſt keinen M 299 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Johanna ergriff Katharina's Hand und Thränen trübten ihre Augen. „Denk, Katharina, eine Mutter ſpreche zu Dir, folge ihrem wohlmeinenden Rathe. In Dir ſieht man nicht meine Freundin, nur Alopo's Schweſter und Sforza's Gattin. Begib Dich zur Schweſter Deines Gemals, ihre Macht wird Dich ſchirmen, bis uns wieder beſſere Zeiten werden. Dann öffnen ſich Dir wieder meine Arme.“ „Eure Güte beſchämt mich,“ ſprach Katha⸗ rina und barg ihr Haupt am Buſen der ihr ſo freundlich zuredenden Königin. Pandolfello trat ein und blieb ſchweigend vor der Gruppe ſtehen. „Sieh ba, Alopo,“ ſprach Johanna,„ein düſterer Tag ging uns heute auf; was wird er uns noch bringen, ehe er ſcheidet!“ Pandolfello trat an's Fenſter, das er öffnete. Indem er lauſchend hinausblickte ſprach er dumpf: „Da brauſt und brandet die Fluth des Vol⸗ kes und ſchwillt dem Grafen von Marche ent⸗ gegen, der als König ſeinen feierlichen Einzug in Neapel halten wird!“ „In Neapel als König, ſagſt Du?!“ rief die Königin erſtaunt,„und hab' ich keine Macht, dieſe Uſurpation zu hindern? So hält er den Vertrag, dahin brachte mich das drängende Anſuchen der Barone? Welche Luſt, bald Dienerin König Jakob's zu ſein! Warum doch hatte ich keinen feſten, un⸗ beugſamen Sinn! Doch noch weich' ich nicht! Laß den König Jakob nahen, laß des Volkes Maſſe beim Bewillkommnen ſich heiſer ſchreien! Den Gra⸗ fen, den Gatten habe ich erwartet, nicht einen Feind, nicht den Räuber meiner Krone!“ „Alles Wehren, Königin, iſt jetzt vergebens! Tretet dem Könige freundlich entgegen, entfernt al⸗ len Schein des Zornes. So könnt Ihr hoffen, wie⸗ der einige Macht und Sforzass Freiheit, welcher die Eure erringen wird, zu erlangen. Mich laßt als Sühnopfer ſinken in dieſem Sturme!“ „Dich ſinken?!“ riefen erſchrocken die Königin und Katharina. „Cäſar's und des Königs Grimm,“ ſprach Alopo ruhig,„entladet ſich auf meinem Haupte, an Euch zieht er unſchädlich vorüber. Ich füge mich allem, denn ich dulde für Euch.“ „Er wagt es nicht, Dich von mir zu reißen!“ „Königin, Sforza warf man in den Kerker, mich führt man zum Tode!“ 4 „Du ſollteſt ſterben, in der Blüthe Deiner Zugend ſterben?! O, wenn ich denn nicht mehr die Macht beſitze, Dich zu retten, ſo erhöre mein Flehen, Alopo, und fliehe, fliehe mit Deiner Schweſter!“ „Fliehen? hieße das nicht eine Schuld beken⸗ nen, von der ich mich doch frei fühle? Und ge⸗ länge es mir, aus ihrer Mitte zu entrinnen, dann träfe ihre Wuth ſtatt meiner— Euch!“ Die Königin warf ſich in einen Seſſel und weinte ſtill vor ſich hin. „Das iſt das königliche Hochzeitsfeſt in Noth und Thränen!“ Pandolfello trat mit ſeiner Schweſter Ka⸗ tharina an's Fenſter. „Katharina, mein trauriges Los iſt ent⸗ ſchieden. Mein Tag iſt zu Ende, komme denn die Nacht! Nur Deiner will ich noch denken, Deine zärtliche Liebe gegen mich war mir Sonnenlicht und Wärme, habe dafür herzlichſten Dank. Du reichteſt Sforza Deine Hand— meines Wohles wegen. Deine Liebe zu mir war ja ſo innig, ohne Gren⸗ zen, jedes Opfers fähig. Sforza iſt ein bied'rer Eiſenmann, der Dich zu ehren weiß; doch klage nicht über ſeinen Fall. Der Held wird nicht lange in Banden bleiben, er findet wieder ſeine Bahn zu ſeinem Wirken. Ich dagegen war nichts als ein Günſtling, den der erſte Sturm zerſchmettert, und ſo mag ich denn fallen, um mich nie wieder zu erheben. Du aber lehe Deinem Gatten und mei⸗ nem Angedenken.“— x. Katharina lag weinend an Pandolfel⸗ lo's Bruſt.— Die Königin trat zu ihnen. „Wenn es geſchieden ſein muß,“ ſprach ſie, „ſo reißt euch ſchnell vom liebenden Herzen, denn ſchon verkündet der wachſende Lärm das Nahen unſerer Dränger.“ Draußen hatte ſich der trübe Tag erheitert, einzelne lichte Sonnenſtrahlen ergoſſen ſich aus den zerriſſenen dunklen Wolken. Aus dem herrlichen Neapel wogte das freudig jauchzende Volk und drängte ſich auf dem Strande. Alle Herzen ſchlu⸗ gen dem Ankommenden erwartungsvoll entgegen. Wird er beſſere Zeiten bringen und Aller Wünſche erfüllen? „Sie nahen, ſie nahen!“ brauſte es verwor⸗ ren durch das ſich drängende Volk. Jeder freudige Ruf drang wie ein Dolchſtoß durch das Herz der Königin, die bleich, mit naſſen Augen, das Haupt auf die vor Aufregung zitternde Hand geſtützt, hin⸗ ausblickte. „Alles hat mich verlaſſen!“ ſprach ſie langſam und Thränen glitten über ihre Wangen,„Alles ſtrömt dem Sieger entgegen und bald ſeid auch ihr Theuren mir entriſſen!“ 5 Der Zug kam näher. Umgeben von ſeinen Franzoſen und den nea⸗ politaniſchen Baronen ritt Jakob unter einem ver⸗ goldeten Baldachin, begrüßt vom begeiſterten Zuruf des Volkes, in Neapel ein. „Wetterwendiſches Volk!“ rief Johanna, „ſonſt jauchzte es mir zu, wenn ich mit königlicher Freigebigkeit Gnaden austheilend, umgeben von meinem Adel, durch ſeine Mitte zog! Wo iſt jetzt die Erinnerung an meine Wohlthaten! O Jakob, auch Du wirſt einſt den Abfall desſelben Volkes beklagen müſſen, wenn Du nicht alle ſeine Wünſche Seſſel und ſt in Noth weſter Ka iſt ent e denn die for N. ten, Deine reichteſt wegen. Gren ein bied rer do dh llage ht lan nge ſprach ſie, denn Nahen erheitert, d aus den gherrlichen Volk und zen ſchlu entgegen. Wünſche s verwor⸗ freudige Herz der das Haupt ütt, hin ſie langſam „Alls auch nea⸗ d den einem ver⸗ — derten Zuruf gohanna, tküniglicer 1 „Wünſche T erfüllſt, wenn ſeineg Führer treu ihrer Untreue bleiben!“ „Königin, hald halten ſie vor unſerem Caſtell, was befehlt Ihr zu thun?“ „Armer Pandolfello, was ſprichſt Du vom Befehlen? Wir dürfen den wachen Löwen nicht reizen; unſere ſcheinbare Ruhe und Ergebung ſoll ihn einſchläfern. Grüß ihn als König! Tritt in die Schar ſeiner Trabanten, ſtimme ein in ihr Halloh, es kann Dich retten! Ich muß ja auch,“ ſprach ſie leiſe und das Antlitz gewaltſam zu einem Lächeln derziohend,„dem Könige mich beugen und Dehtemn Thun folgen!“ Pandolfello verließ das Gemach. Ihm war alles gleichgiltig geworden. Da er nur den Untergang vor ſeinen Augen ſah, ſo war ſein ſonſt zaghaftes Herz durch das Verſenken in dieſe Vor ſtellung für alle Furcht abgeſtumpft, ja faſt mit Kraft un Entſchloſſenheit erfüllt. Mit einigen Edel⸗ leuten ſtellte er ſich am Thore des Caſtel nuovo auf, ſtill dem Nahen des Königs entgegenſehend. „Heil unſerem König!“ ſchrie das Volk. Ja kob winkte dankend nach allen Seiten hin, in⸗ dem er durch die ſich in der Volksmenge öffnende Gaſſe vorritt. Sein Blick ſchweifte über die Fenſter des Palaſtes. An einem derſelben ſtand die Köni gin, die mit aller Macht den Schmerz und Grolk in ihrem Herzen zu betaͤuben ſich bemühte. „Sieh, Cäſar iſt wieder frei!“ rief ſie und faßte krampfhaft und wie Hilfe ſuchend Kathari⸗ n a's Hand;„mein Verderben funkelt aus ſeinem Blicke!“ Julius Cäſar ritt vor dem Könige in’s Caſtell und rief Pandolfello bemerkend:„Ge witzigt, Herr Großkämmerer? So wünſche ich Euch Glück!“ Pandolfello ſchwieg und ſchritt dem Kö⸗ nige mit ehrfurch tsvollem Gruße entgegen. Ohne ein Wort zu erwiebern, eilte dieſer mit ſeinen Be gleitern in den Saal, wo Johanna ängſtlich ihn erwartete. Jetzt aber erhob ſie ſich gefaßt bei ſeinem Er ſcheinen, ſie ſchien ſich bewußt zu werden, daß ſie es ſei, die hier zu befehlen habe. „Willkommen, mein werther Gemal, in mei⸗ nem Reiche!“ rief ſie ihm entgegen.„Ihr aber,“ ſprach ſie zu den verſammieelten Edelleuten,„wenn ihr mich liebt und treu dem Hauſe Durazzo an hängt, ſo begrüßt meinen Gemal als euren könig lichen Gebieter!“ Jakob ſah verwundert bei dieſem unerwar⸗ teten Empfange bald Johanna, bald die Edel⸗ leute an, die ihre Schwerter aus den Scheiden riſ⸗ ſen und um die Häupter ſie ſchwingend riefen:„Es lebe Königin Johanna, es lebe König Jakob! Heil beiden!“. Scheinbare Freude, täuſchender Friede ſchweb⸗ ten über dem Palaſte. Alle Befürchtungen ſchienen ſich in reines Glück verklärt zu haben, doch unter Julius Cüäſar von Capua. 7b 7⸗ dem ſchimmernden Schleier Zogen die Wolken des Verderbens ſich ſenmnn Die Königin ſtrahlte in verſtellter Freundlichkeit, Jakob wang ſich heiter, natürlich, glücklich zu erſcheinen. Die Edelleute aber hofften in Wirklichkeit ſchönere Zukunft, nur Cäſar ſchritt düſter buic die glänzenden Reihen und Alopo floh mit ſätnen Schweſter das Feſt. Unten wogte das Volk, Pracht und Glanz erwartend. Aber nur kurze Zeit war der Täuſchung ge weiht. Der hohle Freudenklang mußte bald verſtum⸗ men, um einer ſchauervoll bangen Stille zu wei chen. Dumpf legte ſich's wie die ängſtigende nie derdrückende Schwüle vor einem Gewitter auf die Gemüther Aller und glücklich pries ſich, wer die drohende Atmoſphäre vor ihrer Entladung verlaſ ſen konnte. Wenige Adelige umgaben nur mehr das kö⸗ nigliche Paar. Cäſar ſtand dicht vor demſel ben, durch ſeine Nähe die Erbitterung der Königin meh rend, ihre Geduld auf die härteſte Probe ſtellend. Da begegnete ſein finſter lauernder Blick dem des Königs, der faſt betroffen zuſammenzuckte, doch bald ſich faſſend ihm ein Zeichen mit der linken Hand gab und dann wieder der Königin ſich zuwendete. Bald verließen die letzten Gäſte den Saal. Unten harrte das Volk k noch immer, um eine glänzende Feier zu ſehen; wie ein erkältender Schauer wirkte die plötzliche Stille beklemmend und Ausſprüche böſer Vorbedeutung gingen von Mund zu Munde, wie das Meer unheimlich rauſcht vor dem nahen Sturme. Eine trübe, ſternenloſe Nacht legte ſich über Neapel, kalt wehte der Wind vom Meere her. Die Königin ſtand allein in ihrem Gemache am offenen Fenſter und athmete gierig die einſtrö mende friſche Luft; mächtig hob ſich ihre Bruſt, in welcher der Schmerz mit dem Zorne rang. Alopo trat ein, ſie beachtete es nicht. Stumm blieb er vor ihr ſtehen. Da erhob ſie ihr biſt's?— Kommſt Du vergebens nach Troſt und Faſſung ringt? Wie endet dieſer Tag! Ward ein ſolches Feſt jemals ge ſehen? Preiſe das Volk ſeinen prachtliebenden, frei⸗ gebigen König, der ihm bei ſeiner Ankunft ſol chen Glanz, ſolche rauſchende Vergnügung geboten! Fordere es von Jakob, was ich ihm einſt ge⸗ währte!“ „Jakob weiß ſich gut unwillkommene Störer vom Leibe zu halten; Caſtel nuovo iſt Jedem ver⸗ ſchloſſen!“ „Wie, ſo ſind wir fangene? 2 „Seine Franzoſen und Cäſar's Anhang be ſetzten das Caſtell, Jakob nur beſiehlt an dieſem Orte. Wer ſich nicht beugte, fiel oder fällt noch!“ „So wehe uns! Ich habe ihn erhoben, um mich ſelbſt zu ſtürzen!“ Haupt:„Alopo, Du endlich, da mein Herz Gefangene, Jakob's Ge⸗ 37* 292 Erinnerungen. Illuſtrirte Bätter für Ernſt und Humor. Pandolfello kniete vor ihr nieder und küßte ihre Hände. V „Du biſt mir treu! Wie lohne ich es Dir? Du leideſt durch Dein Mitgefühl mit meinem Elend. An der Seite eines ungeliebten Gatten ſoll ich leben, dienend ſtatt befehlend, gefangen ſtatt in gold'ner Freiheit, haſſend ſtatt liebend, entbeh⸗ V rend und doch ſo heißverlangend. Ich, die Köni⸗ gin Neapels, die Enkelin ſo vieler Könige! Wo iſt die ſchöne Zeit, die uns einſt gelächelt! Schönes Oeſterreich, du holdes kühles Alpenland, in deſ⸗ ſen Thälern Glück, Friede, Herzensgüte und Liebe wohnen, wie ein ſtiller Segen des Himmels, warum verließ ich dich! Alopo, dort waren wir ſelig, müſ⸗ ſen wir genoſſenes Glück mit dem Herzblut zahlen?“ „Königin, denkt, es war ein ſchöner Traum voll Glanz, aus dem der Strahl der Morgenſonne zum wirklichen Leben uns weckt!“ „Konnte er nicht länger währen, Alopo? Aus vollem Herzen habe ich Dich geliebt, jede ſeine Regung war nur Dir geweiht! O trauriges Los der Herrſcherin, die nie ihrem Herzen folgen darf! Ach, der Thron iſt ein rauher Fels, wo keine Blumen blühen!“—— „Cäſar, wie gefällt Dir dieſe Szene?“ ſprach plötzlich eine ſchneidend kalte Stimme in der Nähe. Die Königin fuhr erſchrocken auf. An der Schwelle des Gemaches ſtand hohnlächelnd König Jakob und ihm zur Seite Julius Cäſar. „Madame, warum entzieht Ihr Euch beſtän⸗ dig meiner liebenden Nähe?“ ſprach Erſterer mit einer Schärfe des Tones, daß die Königin im Grunde ihres Herzens erbebte;„ich hoffe, daß meine Sorge um Euch den Dank in Eurer Freundlich⸗ keit erntet.“ Die Königin erhob ſich. V „König Jakob,“ ſprach ſie mit leiſer, zittern⸗ V der Stimme,„hier iſt meiner Väter Halle, hier iſt mir die Macht gegeben, die meine Gunſt Euch ver⸗ lieh. Gebrauchet ſie nun gegen mich, die ich ſchutz⸗ V I los daſtehe.“ „Euer Glück iſt auch das meine!“ ſprach Ja⸗ kob und reichte ihr den Arm, um mit ihr das Gemach zu verlaſſen. Johanna warf einen weh⸗ müthigen Blick, den letzten ſchmerzlichſten des Schei⸗ dens auf den unglücklichen, beſtürzt daſtehenden Pandolfello Alopo und folgte Jakob. Cäſar nahte Alopo, indent ein feines Lä⸗ cheln des Spottes über ſeine ſonſt düſteren Ge⸗ ſichtszüge glitt. „Herr Großkämmerer, Eures Amtes iſt es nicht mehr, an dieſem Orte zu weilen, wo Ihr ſonſt ſo würdig gewaltet!“ Pandolfello blickte ruhig auf. „Ich weiß es! Der Kerker, das Schaffot wird jetzt mein Platz ſein. Ich ergebe mich der Noth⸗ wendigkeit. Drum laßt mich nicht lange in peinli⸗ cher Unſicherheit leiden, beſchließet ſchnell, was mit mir geſchehen ſoll.“ trauet meiner Liebe! „Dir iſt der Tod beſtimmt!“ ſprach Cäſar dumpf. „Der Tod! Und ſchön und reizend lacht mir noch das Leben!“ rief Pandolfello ſchmerzlich. „Doch ſei es, ich wußte das ja lange, und was mein Haupt treffen ſoll, iſt Gottes Fügung!“ „Leiden, ſterben, vergeſſen werden, das iſt der Menſchheit allgemeines Los; was wilſſt Du mehr? Trag' Dein redlich Theil. Doch ſprich— kann ich Dir Deinen letzten ſchweren Gang erleichtern?“ „Wollt Ihr den Segen eines Sterbenden, Julius Cäſar, ſo zürnt denen nicht, die im Leben liebend an mir hingen. Groollt nicht meiner Schweſter, die ich ſo hilflos zurücklaſſen ſoll. Ihr Gemal liegt im Kerker, ihr Bruder ſtirbt, die Kö⸗ nigin kann nicht mehr für ſie ſorgen. An Eure Ehre, an Eure Großmuth wende ich mich! Ver⸗ ſprecht mir, daß Ihr Katharina zu Mar⸗ garetha, Sforzas Schweſter, bringen werdet; Ihr habt Macht, Euch gelingt dieß Werk der Gnade! Schlagt ein, Julius Eäſaxl!“ „Hier meine Hand! Meine Ehre ſei Dir Bürge!— Doch ſtill, da im Gemache nebenan hör' ich Stimmen!“ Cäſar öffnete die Thüre des anſtoßenden Gemaches. In der Dämmerung desſelben ſtand Katharina, blaß, zitternd und mit der Rechten ſich an die Lehne eines Stuhles haltend. Ihr glü⸗ hendes, von Thränen rothes Auge blickte verzwei⸗ felnd und Hilfe ſuchend im Zimmer umher. Vor ihr ſtand Francesco Sforza, der Sohn ihres Gemals. „Um Alles in der Welt beſchwöre ich Euch!“ rief dieſer in jugendlicher Gluth auflodernd,„ver⸗ Aus allem Drangſal hol⸗ ich Euch heraus und ſollt' ich mit meinem Herz⸗ blut Euer ruhiges Aufathmen zahlen. Aus der Ferne kam ich, keine böſe Ahnung trübte meine Seele. Da traf mich die empörende Kunde, daß mein Vater im Kerker ſchmachte. Alle meine An⸗ ſtrengungen ihn zu retten, ſind vergebens. Ich hörte, daß Ihr bedroht ſeid wie Euer Bruder, trotz allen Wehrens drang ich zu Euch, wo mein Sinn ſtets geweſen. In meiner Seele lebte immer Euer Bild, doch jetzt erſt, da ich für Euch wirken, für Euch mich opfern kann, bekenne ich, daß ich Euch liebe. Za, ich liebe Euch, wie der Himmel die ſchöne Erde, über die er ſich lächelnd, ſegnend ſpannt!“ Entflammt rief Francesco die Worte, Ka⸗ tharina, wie von einem jähen Blitzſtrahl getrof⸗ fen, fuhr zurück und wehrte mit der Miene des höchſten Schreckens der weiteren Rede des jugend⸗ lich ungeſtümen Mannes, der jetzt nur um ſo lei⸗ denſchaftlicher fortfuhr: „Ich, ich liebe Dich, mehr wie mein Leben, meine Seligkeit! Du mußt mein werden, ſollt ich dem Himmel oder der Hölle Dich entreißen!“ „Willkommenes Verderben, was zagſt du ſo lange?!“ rief Katharina und rang vom höch⸗ — Cäſar lacht mir hwerzlich. d was iſt der mehr? kann ich tern?“ bt e nebenan aſtoßenden ben ſtand Rechten meine unde, daß meine An⸗ Ich hörte, trot allen 1 Einn ſtets Fuer Bid, Porte, Ka⸗ ahl gettoſ⸗ Miene des w igar um ſo le⸗ 4. 3 Julius Cäſar von Capna. 293 ſten Schmerz gefoltert die Hände.„Francesco, verlaßt mich, drängt nicht in mich, ich kann nicht reden flieht zu Eurem Wohle, zu Eurer Se⸗ ligkeit!“ Julius Cäſar trat vor. „Unglücklicher!“ rief er laut,„Du liebſt Dei⸗ nes Vaters— Weib!“ „Meines Vaters Weib!“ rief Francesco erſchüttert. Todtenbläſſe überzog ſein Antlitz, müh⸗ ſam rang er nach Athem. Katharina warf ſich an Pandolfello's Bruſt, der durch den Auftritt erſchüttert, vergebens nach Faſſung rang. Sein mühſam aufrecht gehal⸗ tener Muth brach. Thränen ſtürzten über ſeine Wangen. Katharina hielt ihn ſchluchzend umfaßt, als könne ſie nimmer von ihm laſſen. Francesco entfernte ſich mit wankenden Schritten. Julius Cäſar, im Herzen ergriffen, machte dem ſchmerzlichen Auftritte ein Ende, indem er ſei⸗ ner Wache winkte. „Lebe wohl!“ rief Pandolfello, noch ein⸗ mal nach der Schweſter ſich umſehend. „Ich folge Dir bald!“ rief dieſe und ſank betend auf die Knie, das Antlitz in den Händen bergend. IV. Eine traurige Zeit brach in Neapel an. Ja⸗ kob trat als unumſchränkter Herr und Gebieter auf und räumte ſich ſeine Gegner ſchnell und kühn aus dem Wege. Sforza und andere Anhänger der Königin lagen im Kerker des Caſtel del Ovo, Pandolfello Alopo, der unglückliche Günſtling Johanna'’s, theilte das Los ſeiner Genoſſen. Der Haß des Königs ließ ihn erſt die Folterkammer und dann das Blutgerüſt betreten. Selbſt Sforza drohte ein ähnliches Los. Dieſe und andere will⸗ kürlichen Handlungen des Königs erregten allge⸗ meine Unzufriedenheit. Man hatte einen freigebi⸗ gen, edlen, gütigen Herrn erwartet, der Johanna achten und mit ihr gemeinſam des Landes Wohl fördern würde; aber ſchon der erſte Tag ſeiner Herrſchaft zerſtörte dieſen Traum. War Johannas Regierung glänzend, ſo daß von dieſer Seite we— nigſtens ſie das Volk zufriedenſtellte, ſo war Ja⸗ kob's Auftreten karg. Man fing ſchon an, das heitere Leben unter Johanna zu entbehren und zurückzuwünſchen. Jakob's weitere Schritte aber entfremdeten ihm die Geſinnungen noch mehr und mit Unwillen wurde überall vernommen, daß Ja⸗ kob die Königin in ſchmählicher Bedrückung halte. So bereitete ſich nach und nach eine Oppoſition gegen ihn, und wie er ſchnell, aber nicht feſt und dauerhaft ſeine Macht ergriffen, ſo ſchritt das Streben gegen ihn langſam aber um ſo ſiche⸗ rer vor. Die elende, durch nichts als Treue gegen die Königin verſchuldete Lage Sforza's brachte deſſen Heer in Aufregung, beſonders als Francesco im Lager anlangte und durch ſeine feurige Rede, in der er mit lebhaften Zügen ſeines Vaters Lage, und Jakob's verwerfliches Handeln ſchilderte, die Krieger und ihre Führer Lorenzo und Miche⸗ letto fortriß. Von Tricarico aus, ihrem Stand⸗ lager, ergoſſen ſie ſich wie die verderbenbringende Fluth über das Land, das ſie bis gegen Neapel hin verwüſteten. Unzufriedene ſcharten ſich zu ihnen und mit der Menge wuchs die Verwegenheit. In dieſer Gefahr fand Jakob eine Stütze an dem ihm treu exgebenen Cäſar, deſſen Herz vor Ehrgeiz glühte. Jakob hatte ihm vieles zu danken und beſtrebte ſich auch, Julius Cäſar's Willen und Kraft ſich zu erhalten. Ihm verlieh er den Oberbefehl über das Heer, das den plündern⸗ den Sforza'ſchen Rebellen entgegenziehen und ſie vernichten ſollte. Cäſar wollte nicht gleich mit blutiger Waffe ihnen begegnen, er wußte ja, daß ſie nur ihres Führers Freiheit erkämpfen wollten, und ſchon oft hatte er dem Könige gerathen, die Haft desſelben zu mildern, um ſo drohenden Gefah⸗ ren vorzubeugen. Doch Jakob verharrte bei ſeiner Strenge und drohte ſelbſt mit Sforza's Tode. Cäſar ſchwieg, aber ſein Eifer für des Königs Sache kühlte ſich immer mehr ab. Endlich entſchloß er ſich, einige der Vornehm⸗ ſten des neapolitaniſchen Adels und der Franzoſen vorerſt an Micheletto Attendolo und Miche⸗ lino Ravignano, Sforza's Schwager, zu ſenden, in der Hoffnung, der Streit werde ſich friedlich beilegen laſſen. Er ſelbſt ließ durch ſei⸗ nen treuen Schreiber Alfonſo die in Schwermuth verſunkene, allem Troſte unzugängliche Katharina zu Sforza's Schweſter Margaretha nach Tri⸗ carico geleiten. In eben dieſer Stadt hielten ſich Cäſars Abgeſandte auf, um mit den feindlichen Heerführern ſich in Unterhandlung zu ſetzen. Margaretha war ihres kühnen, kriegeri⸗ ſchen Bruders würdig, ihr männlich ſtarker Geiſt zagte vor keiner Gefahr, keinem Unternehmen und ihre muthige Beharrlichkeit ſetzte den einmal gefaß⸗ ten Entſchluß durch. Doch auch den ſanften Gefüh⸗ len der Theilnahme war ihr Herz erſchloſſen, der Schmerz Katharina's ward auch zu dem ihrigen. Der Liebreiz der Schwägerin bezauberte ihr Herz, ihre Milde und Ergebung rührten ihre Seele, ihr Unglück weckte ihre Entſchloſſenheit. Wie eine liebe⸗ volle ſorgſame Mutter pflegte ſie die ihr Anver⸗ traute und freute ſich des Lohnes ihrer Zärtlichkeit, wenn ſchon ein leiſes Lächeln über Katharina's bleiches Antlitz glitt. Katharina dankte der edlen mütterlichen Freudin, in deren Geiſt der kühne Gedanke auf⸗ ſtieg, den Bruder zu befreien oder doch ſein Los⸗ zu erleichtern. 294 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Ihr Vorſatz ſtand feſt und die Ausführung desſelben erſchien ihr leicht. Wie eine Amazone ſchnallte ſie den Stahlpanzer um ihre Bruſt, deckte das Haupt mit einem funkelnden Helme, umgürtete ſich mit einem Schwerte, und die ihr faſt willen⸗ los folgende Katharina mit der Linken führend, ſchwang ſie in der Rechten das Kriegesbanner Sforza's und eilte ſo durch die Stadt. Die erſtaunten Bürger Tricarico's ſcharten ſich um ihre kühne Gebieterin, die die Stufen an der Marienſtatue am Hauptplatze hinaufſtieg und von dort mit kräftiger Stimme ihre Herzen an⸗ feuerte. „Was zögert ihr hier in feiger Unentſchloſſen⸗ heit? Wißt ihr nicht, daß man dort im Schloſſe um des edlen Sforza Leben handelt, kennt ihr die Schmach nicht, die ſein ehrwürdiges Haupt be⸗ troffen? Was zagt ihr noch! Wollt ihr den Helden nicht mit den Waffen in der Hand befreien, daß er euch zu neuen Thaten des Ruhmes führen könne? Seht mich an, ein Weib, will ich doch ringen und lieber verderben, als ruhig ihn leiden ſehen. Seht dieſes junge, ſchöne bleiche Weib an! Ihren Bru⸗ der, der ihr halbes Leben war, traf der Groll unverſöhnlicher Feinde und warf ihn in die Arme des Todes, doch ihrem geknechteten Gatten ſchafft ihr die Freiheit! Auf, mir nach zum würdigen Werke, Gottes Segen wird es krönen!“ Margaretha rief mit mächtiger Stimme dieſe Worte, die in jedem Herzen einen freudigen Widerhall fanden. Alles griff zu Wehr und Waffen, und folgte der weiter eilenden Heldentochter, die mit unwiderſtehlicher Kraft Alles mit ſich fortriß. Umgeben von ihrer leidenſchaftlich erregten Schar drang Margaretha in den Saal, wo die Geſandten ſich beriethen. Plötzliches Erſtaunen lähmte Alle bei ihrem Erſcheinen. Die Bürger Tricarico's beſetzten alle Räume. „Was ſoll das Rathen!“ rief Margaretha; „ſind das Männer, die ſtatt zum Schwerte zu grei⸗ fen, um mannhaft ihres Führers Freiheit zu er⸗ zwingen, zu Federn und zum eitlen Rathen ſich wenden? So wahret ihr eure und eures Führers Ehre? Glaubt mir, wäre einer von euch gefangen und Sforza frei, er würde mit bewaffneter Hand ohne langes Berathen ihn befreien!“ Geſenkten Blickes ſtanden die Hauptleute da und wagten keine Gegenrede. Margaretha fuhr fort: „Ich weiß, daß Zorn eure Herzen erfüllte, als ihr von der Sforza angethanen Unbilde hörtet. Ihr ließet das Schwert nicht roſten, doch nur Plünderung und Beute war euer Ziel und Zweck.— Julius Cäſar, Graf von Capua ſandte Geſandte. Warum nahmt ihr ſie auf, warum ginget ihr Unterhandlungen ein? Was iſt wohl die Sendung von Abgeordneten anderes, als das Bekenntniß eigener Schwäche! Frieden brauchen ſie und ſenden darum um ſolchen, oder ſie brauchen Zeit, um ſich während der Scheinunterhandlungen rüſten zu können. Warum habt ihr den richtigen Zeitpunkt nicht ergriffen, wie es eure heilige Pflicht geweſen! Mit mächtiger ſtürmender Hand hättet ihr gegen Neapel vordringen ſollen, um euch eueren Führer mit eurem Blute zu befreien, der Königin die ihr ſo ſchlau und ſo trugvoll entriſſene Macht wieder zu erkämpfen und die verhaßte, entwürdi⸗ gende Fremdenherrſchaft zu ſtürzen. Doch ihr habt's verſäumt; was ihr nicht gethan, das werde ich vollbringen!“ und zu den Geſandten ſich wendend, die bleich und um den Verlauf der ſeltſamen Be⸗ gebenheit bekümmert daſaßen, rief ſie: „Wie konntet ihr es wagen, da doch Krieg zwiſchen mir, Sforza's Heer und euch beſteht, hieher zu kommen! Wie Lanntet ihr hoffen, un⸗ verletzt mein Gebiet betreten zu dürfen? Unbedacht betratet ihr dieſen Ort, und nicht unbeſtraft werdet ihr ihn verlaſſen. Seht euch um da ſtehen die Treuen aus der Stadt meines Mannes! das iſt meine Wehr und euer Verderben. So lange mein Bruder Mutius degli Attendolo Sforza, ſo lange mein Gatte von eurem Könige gefangen ge⸗ halten werden, ſo arhabe ich Befehl und Macht in dieſer Stadt. Wollt 1 fandeln, ſo müſſen alle eure Forderungen an—— von mir genehmigt werden. Doch jeder Unkerhuandlung ſei mein Herz verſchloſſen. Ihr betratet recht⸗ und ſchutzlos mein Gebiet und ſo erkläre ich euch denn nach Kriegsrecht für meine Gefangenen. Nehmt ſie in eure Mitte, meine Treuen! Und hört: Nur wenn meines Bruders Kerker ſich öffnet, geht an eurem Hanpte das zum Todesſtreich geſchwungene Schwert vorüber!“ Die Bürger Tricarico's bemächtigten ſich der Geſandten, ohne daß von Seite der Räthe und Hauptleute eine Einſprache geſchah. So war die Berathung geſprengt, Marga⸗ retha hatte ihren Zweck erreicht; ruhig ſchritt ſie durch die ihr bewunderungsvoll und freudig zu⸗ jauchzende Menge ihrer Wohnung zu, ſorgſam Katharina leitend und ſich um ihr Wohl er⸗ kundigend. Die Nachricht von Margarethas kühner That erreichte Neapel. Man ſtaunte über die Frau, die durch ihr gewagtes Spiel vom Könige alles ertrotzen wollte. Jakob fürchtete wirklich für das Leben ſeiner franzöſiſchen Edelleute, und mit im⸗ mer dringenderen Bitten beſtürmten ihn die Ver⸗ wandten der neapolitaniſchen Adeligen, die von Mar⸗ garetha gefangen gehalten wurden, daß er das Spiel nicht mit blutigem Ernſte enden laſſen möge. Da von Margarethas feſtem unerſchro⸗ ckenem Geiſte alles zu erwarten ſtand, ſo geſchah, was Kriege und Bitten nicht vermochten: Jakob willigte in Margaretha's Forderungen ein. Sie und ihr Gemal Michelino Ravignano, V der ſeiner Haft entlaſſen wurde, in die er bei einem Streifzuge gegen Neapel gefallen, durften im Reiche = 2ESS gefangen ge⸗ recht⸗ e ich euch nen. Nehmt rt: Nur geht an chwungene 5 kühner e Frau, 1 maeſchabh⸗ . Jakob 21 ein. vr ananb, drin einem n im Niiche lel Julius Cäſar von Capua. 295 bleiben, alles Geſchehene ſollte vergeſſen ſein und keine ſchlimmen Folgen weder jetzt noch künftighin nach ſich ziehen. Micheletto Attendolo durfte ſich den Kirchenſtaat zum Schauplatz ſeiner unge⸗ bändigten Thatenluſt wählen. Nur Sforza's unbedingte Freiheit wurde nicht erreicht. Mit ſeinem Sohne Francesco, der Troſt am Vaterherzen geſucht und gefunden hatte, ſollte er in ehrenhafter Gefangenſchaft zurück⸗ gehalten werden, ſeine Güter aber ihm unbenom⸗ men bleiben. Durch dieſe Nachgiebigkeit ſtellte König Jakob den Frieden wieder her und hoffte ſeine Dauer. V. Julius Cäſar ſtand an dem Lager des Grafen von Troja. Dieſer edle Mann, nach Wandel und Geſinnung der beſte der Neapolitaner, der nur für den Ruhm ſeines Vaterlandes glühte, alle ſeine Kräfte ihm geweiht hatte, rang mit dem Tode. Seine fahlen Geſichtszüge, das erloſchene Auge, die matte heiſere Stimme kündeten an, daß ein verzehrendes Gift das Mark ſeines Lebens durchwühlte. Er hatte zuerſt den Fehlgriff erkannt, Jakob als König ausgerufen zu haben, er zuerſt es gewagt, ein ernſtes Wort an den König zu richten und die altbewährte Lehre ihm vorzuhalten, daß derjenige, der ein fremdes Volk beherrſchen wolle, ſeine alte Heimat vergeſſen und nur um das Erblühen der neuen beſorgt ſein müſſe, wenn er nicht ſein Verderben ſich ſelbſt bereiten wolle. Des Königs Ungnade traf ſeine Kühnheit und von unbekannter Hand empfing er das tödtliche Gift. „Cäſar, im Leben ſtanden wir treu bei ein⸗ ander,“ ſprach er zum Grafen von Capua und reichte ihm die Hand,„bald löſt der Tod unſeren Freundſchaftsbund. Ich trete ab von der Bahn, auf der nur Wunden der Preis des Ringens ſind. Nur das Bewußtſein meines reinen Strebens läßt mich ruhig zurück auf mein Leben ſchauen und ge⸗ troſt in die Zukunft blicken. In Eure Hand lege ich denn Neapels Ruhm und Glück, nach deſſen Ver⸗ wirklichung ich getrachtet. Lebt als ein echter Edel⸗ mann, der in dem Glanz der Krone den ſeinen erblickt, denkt Johann a's, die wir verrathen, denkt Jakob's, der uns dafür mit gleicher Münze gezahlt hat!“ Cäſar ſagte dem Grafen alles zu. Dieſer blickte gefaßt empor; kein Zucken in ſeinen Mienen verrieth den bangen Todeskampf. Klaglos ſtarb er. Lange blickte Cäſar die Leiche an. „Das iſt das Ende unſeres Strebens! das der Lohn unſerer Mühen, einem Bettler gleich zu ſterben, der durch ein elend Leben im Staube ſich gewunden! Soll ſo ich ſcheiden, wenn die Gluth in meiner Seele verlodert; wird ein gleicher Un⸗ dank auch mich in der Blüthe meiner Tage gebro⸗ chen bei Seite ſchleudern, ein verbrauchtes Werk⸗ zeug der Königslaune?“— Düſter kehrte Cäſar nach Neapel vom Grabe des Grafen von Troja zurück; eine ihm ſelbſt unerklärliche Verbitterung erfüllte ſeine Seele und all' ſein Ringen nach friſchem kräftigen Muthe war vergebens. Ehrgeizigen Plänen nachzuſinnen, Ränke zu ſchmieden, nach Macht zu ſtreben war der Pulsſchlag ſeines Herzens geweſen, und nun, da Jakob's Gunſt ihm lächelte, ſeine Feinde nie⸗ dergeworfen waren, traten Mißſtimmung, Unbehag⸗ lichkeit und Abſpannung in ſeinem ganzen Thun und Laſſen ein. Er ſehnte ſich nach Unglück, das ſein gepreßtes Herz erleichtern, nach neuem Kampfe, der es beleben, nach Verſöhnung, die es verklären ſollte. Verdroſſen ſah er nun Jakob's Macht, die doch ſein Werk war, und es erbitterte ihn, daß der König alle Kronämter an Franzoſen vergab, die mit ihm gekommen waren. Heuchleriſch äußerte Jakob gegen Cäſar ſein Bedauern über den Tod des Grafen von Troja, des biederen edlen Mannes, der von allen Neapolitanern nach Cäſar ihm der liebſte geweſen ſei.— Cäſar blickte bei dieſen Worten befremdet den König an.— Seine Gedanken weilten nur mehr bei Johanna, deren Leben in lauter Trüb⸗ ſal dahinrann. Es empörte ſich ſein ſtolzer adeliger Sinn, wenn er ſeine Königin, die zur Herrſchaft Berufene, der ſchmählichen Behandlung ihres un⸗ dankbaren, rachſüchtigen Gemals unterliegen ſah. Seine Empfindung ſchwankte hin und her und nur der Gedanke an die unglückliche Katharina Alopo, das einzige Weſen, für das ſein kaltes Herz in aufrichtiger Theilnahme ſchlug, war ihm ein lichter Strahl in dem Labyrinthe. Wie rührend ſtand ſie vor ihm, als ſie in Neapel trauernd ankam. Ihre Dienſte, die ſie der Königin wieder weihen wollte, wurden zurückgewieſen, denn Jakob gönnte ſeiner Gemalin nicht eine treue Freundin. Wie bat ſie Cäſar, daß er ihr Zutritt zum Ge⸗ fängniſſe ihres Gemals verſchaffe, da ſie Abſchied von ihm nehmen wolle, um dann in der Abge⸗ ſchiedenheit eines Kloſters Ruhe von den Stürmen des Lebens zu ſuchen. Cäſar widerſtand ihrer Bitte nicht. An einem klaren Winternachmittage eilte er durch die ſtillen Straßen der Stadt, um Katharina abzuholen und ſie in den Kerker ihres Gatten zu geleiten. An ihrem Arme ſchritt er über den Molo von Neapel. Vor ihnen lag das unendliche, ſtill fluthende herrliche Meer. Die Berge rings glühten im bläulichen Dufte, durch den noch ſo manches friſche Grün ſchimmerte; die ganze Landſchaft ſchwebte ſo mild in dem Sonnengolde, daß Katharina's Bruſt ſich erleichtert bei dem Anblicke hob. „Wie ſchön iſt die Natur um uns,“ ſprach ſie zu dem ſchweigſamen, in ſeine Gedanken wieder verſunkenen Cäſar,„wie ſtimmt mich ihr Anblick zu heiterer Ruhe! Allen zu vergeben, Alle zu ſeg⸗ nen! Seht, Cäſar, darin liegt mein Glück!“ 296 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. „Und dennoch wollt Ihr auf Eurem Vorſatze beharren, dem friſchen hellen Leben zu entſagen?“ „Cäſar,“ entgegnete Katharina,„was kann mir das Leben noch bieten, da mein Herz für ſei⸗ nen Reiz erſtorben iſt? Nur den haben wir wahr⸗ haft geliebt, deſſen Tod uns die Welt ſo leer macht. Die Erinnerung ſprießt wie eine unverwelkliche Blume in unſerem Herzen und umreiht mit grünen Blättern das geliebte Bild des Todten. Dann erſt erkennen wir, was er uns war, wir ſcheuchen jedes böſe Gedenken zurück und ſuchen nur das Schöne feſtzuhalten, daß es in uns lebe und uns beſſer mache.— O, wen Gott beſſern will, dem nimmt er den heißgeliebten, echten Freund!“ Cäſar ſchwieg; Katharina redete weiter: „Euer Blick iſt trübe, welcher Kummer drückt Euer Herz?“ „O preßte er es zu Tode!“ entgegnete Cäſar mit gedämpfter Stimme,„da kein lichter Strahl die erſtorbenen ſchönen Geſtalten darin wecket! Ihr ſpracht wohl. Erſt wenn der Tag ſtarb, ſehen wir im klaren Auge der Nacht ſein Bild, entſchleiert, rein von allen Flecken; wär's ſo mit mir, der ich jetzt meine ſtolzen Entwürfe zu Schutt, meinen Tag zur Nacht ohne Sterne werden ſah!— Doch fort, fort mit der Erinnerung. Laßt uns denken an unſer Vorhaben!“ Katharina blickte ihn befremdet an. Schwei⸗ gend ſetzten ſie ihren Weg fort über die Brücke, welche die Inſel Megaris, auf der das Caſtel del Ovo erbaut iſt, mit dem Feſtland verbindet. Bald langten ſie im Caſtell an, wo Sforza mit ſeinem Sohne Francesco gefangen gehal⸗ ten wurde. „Ihr beharrt alſo feſt darauf, ihn zu ſehen?“ fragte Cäſar. „Es iſt zum Letztenmale. Sein Segen ſoll mir werden, denn ich ehrte ihn wie meinen Vater!“ „Und dennoch wollt Ihr Euch von ihm trennen?“ „Steht mir denn andere Wahl zu? Wie ſchmerzlich ergriff es mich, als Francesco's glü⸗ hendes Bekenntniß mich wahre Liebe ahnen ließ! Graf Cäſar, wenn Ihr menſchlich fühlt, dann ehrt Ihr auch meinen Schmerz, erkennt den Zwie⸗ ſpalt meiner Stellung zwiſchen Vater und Sohn und billigt den Sehnſuchtsruf nach Frieden.“ Cäſar winkte leiſe ihr Gewährung und ließ die Thüren des Gemaches öffnen, wo die Gefan⸗ genen ſich aufhielten. Sforza ſaß ſinnend, das ſchon ergrauende Haupt in die nervige Hand ge⸗ ſtützt, da. Sein Sohn lehnte am Fenſter, durch das er ſehnſüchtig über das unten wogende Meer blickte, von goldener Freiheit und friſchem Wirken träumend. Das Nahen der Ankommenden weckte ſie aus ihrer Ruhe. Francesc o's erhobener Blick ſenkte ſich, als er dem ſanften Auge Katha⸗ rina's begegnete, Röthe übergoß ſein Antlitz und haſtig ſtürzte er in das Nebengemach. „Mein Weib!“ rief Sforza und ergriff Ka⸗ tharina's Hand,„endlich ſehe ich Dich wieder, in meiner Nähe! O könnte ich Dir Dein verlornes Glück erſetzen!“ „Laß es hin ſein,“ ſprach Katharina lang⸗ ſam,„es erſteht uns nie wieder;— ich hoffe kei⸗ nes auf Erden mehr! Ich ſehne mich nach Ein⸗ ſamkeit, die die Welt vergeſſen läßt und den Frie⸗ eine ſtete Bangigkeit erfüllt meine Bruſt— Sforza, gönne mir die Nuhe, die ich finden will. Ich be⸗ ſchwöre Dich bei der Liebe, die Du zu mir hegſt, willfahre meinem heißen Flehen!“ Katharina neigte ihr Haupt an ſeine Bruſt, gerührt blickte Sforza auf ſie nieder. „Armes Kind, was kann ich thun, als trauernd Deine Bitte gewähren. Nimmer werde ich Dein Unglück zu ehren vergeſſen, Dein Angedenken bleibt mir theuer. Gehe hin und athme den göttlichen Frieden und bete für mein Heil!“ „Wie gut Du biſt! Wie der ſüße Schauer im Segen des Vaters weht mir Deine Liebe ent⸗ gegen! Lebe wohl, Du edler Mann r⸗ „Und keinen freundlichen Gruß an Fran⸗ cesco?“ „An Francesco?“ liſpelte verwirrt Ka⸗ tharina;„er möge gut bleiben, ſeinem Vater nachſtreben, ſag' ihm das von mir, er möge wir⸗ ken und ein herrliches Ziel erreichen, denn mein letztes Flehen wird ſein— Dein Wohl ſein.“ Sforza küßte ihre bleiche Stirn. „So lebe wohl,“ ſprach ſie noch einmal,„auch Ihr, Cäſar, gedenket meiner!“ Langſam, die linke Hand über den Augen haltend, ſtieg ſie die Stufen empor, bewegt ſahen ihr die Zurückbleibenden nach. Sforza lehnte ſich an einen Pfeiler; jetzt erſt fühlte er, wie ſehr er ſie geliebt habe, und an der Wimper des eiſernen Mannes, der vielleicht noch nie in ſeinem Leben geweint hatte, hing eine ſchwere Thräne. In ſei⸗ nem Herzen erwachte der Vorwurf, daß er die Hand dem jugendlichen Weſen gereicht habe, das nur, um dem Bruder Macht zu verſchaffen, ihm zum Altare gefolgt war. Er würdigte ihre Selbſt⸗ verläugnung, denn er kannte Francesco's Liebe zu ihr, die dieſer ihm reuig geſtanden. Julius Cäſar trat zu ihm. „Sforza,“ ſprach er, ihm bewegt die Hand Leben deinem. In ſel⸗ L die daß er D das 2 . Julius Cäſar von Capua. 297 reichend,„was ſoll der lange Kampf hohlen Flit⸗ ters wegen, der uns ſelbſt die Wunden uns ſchlagen läßt. Ich haßte Euch, ich ſtritt gegen Euch, ich ſtürzte Euch und ſchwang mich zur Höhe der kö⸗ niglichen Gunſt, doch— mein Herz iſt leer. Euch, Katharinen nahm ich das Theuerſte, meine Kö⸗ nigin brachte ich in's Elend; um ſolchen Preis wollte ich Glück mir kaufen und erwarb nur Reue, die mich am erreichten Ziele quält. O könnte ich mit meinem Blute meine Thaten ſühnen, meine Unzufriedenheit mit mir ſelbſt endlich erſticken!“ Verwundert ſah Sforza Julius Cäſar an. „Herr Graf, ſpricht der Ernſt aus Euren Worten, kann ich Euch vertrauend die Hand zur endlichen Verſöhnung bieten?“ „Mein heiligſter Ernſt. Zu Euch, dem Ge⸗ beugten und doch ſo Gliücklichen ſteige ich nieder⸗ gedrückt, wollt Ihr verzeihen, wollt Ihr geſtatten, daß ich meinen Freund Euch nennen darf? Allein, einſam ſteh' ich in der Welt, kein liebendes Herz ſchlägt dem Manne entgegen, der als ein Spiel⸗ ball wilder Leidenſchaft hin⸗ und hergeworfen wurde, ihm und Andern zum Verderben. Ihr habt einen treuen Sohn, der Geiſt Eurer holden Gattin weht um Euch, Ihr leidet für Eure Königin, Euer Ruhm iſt Euer Werk, ihn verunſtaltet kein Makel, im Unglück ſeid Ihr nicht elend, während ich es im Glücke bin.“ Immer mehr erſtaunte Sforza bei dieſen unzuſammenhängenden Reden. Zweifelnd fragte er: „Kann ich hoffen, Cäſar, daß Ihr ſo fühlt, wie Ihr vorgebet, oder wollt Ihr mich in ein neues Netz locken, daß ich mich vollends verſtricke und meinen Untergang mir unvorſichtig ſelbſt bereite?“ „O Ihr trefft mit jeder Frage Euer Ziel, jeder Pfeil erreicht die wundeſte Stelle. Mein bis⸗ heriges Thun gibt Euch auch gerechten Anlaß, mei⸗ nen Antrag zur Verſöhnung zurückzuweiſen. Ein Mann ohne Halt ſteh' ich da.— Sforza, Ihr könnt mir die Hand zum Bunde nicht reichen, Ihr müßt mir mißtrauen und ich muß, mir ſelbſt grol⸗ lend, von Euch eilen.“ „Euch zurückzuſtoßen, Cäſar, der Ihr mir verſöhnend nahtet, war nicht mein Wille,“ ſprach Sforza gerührt durch den Accent der Wahrheit und Reue, der aus Cäſar'’s dumpfen Worten tönte.„Ihr habt meine Gattin treu mit Eurer Macht beſchützt, und ich vertraue Euch, ich hoffe, daß Ihr nach langer Feindſchaft mir zum treuen Freunde werdet; wenigſtens ſei mein Betragen ſo, daß es dieß bewirke.“ 5 Sforza's offener biederer Sinn ergriff Cä⸗ ſar mächtig.— „Ja, das will ich ſein!“ rief er,„Thaten ſind der Odem, in dem mein Geiſt nur leben kann, die Ruhe drückt wie bleierne Schwingen ihn in Trüb- ſal nieder. Du nahmſt mich verzeihend auf, und ich danke es Dir durch die Hilfe, die ich der Kö⸗ nigin bringen werde.“. Erinnerungen. 1859. „Du willſt für uns, für unſere Königin wir⸗ ken?!“ rief Sforza freudig bewegt.„So ziemt es dem Edlen des Landes, ſo ziemt es Deinem küh⸗ nen Geiſte! So werde ich, der fremde Truppen⸗ führer, der rauhe Kriegsmann, nicht länger allein Johannass königliche Umgebung bilden und ſehen müſſen, wie die Adeligen den fremden Unterdrücker ihrer Königin mit Glanz umgeben. Ich ehre Dich, Cäſar, da Du zu Deiner Pflicht zurückkehrſt.“ „Ich kehre zu ihr zurück! Doch glaube nicht, daß ich wie der Halm im Winde niicch treiben laſſe und je nach Laune meiner Leidenſchaft bald Dieſem, bald Jenem anhange. Ich haßte aus voller Seele die ſchwache, entnervende Weibes⸗ und Günſt⸗ lingsherrſchaft. Keinen Vorwurf Dir, Sforzal Du dienſt dem, der Dich zahlt, Dein Leben iſt ſein, doch Du übſt Treue und Biederkeit! Und hätte mit Scharfblick Johanna ſolcher Männer mehr um ſich geſchart, es wäre nicht zu ſo klägli⸗ chen Folgen gekommen. Ich ſtellte mich mit dem Adel dieſem Treiben entgegen und ſo grüßte ich Jakob als König, der ſelbſt die Herrſchaft ergrei⸗ fen und den ſchwachen Pandolfello Alopo und ſeinen Anhang beſeitigen ſollte. Dich, Sforza, mußten wir mitfallen laſſen, da Du nicht Theil an unſerem Werke haben wollteſt.“ „Gerecht zum Theile war Euer Vorgehen,“ entgegnete Sforza nachdenkend und zuſtimmend, „denn der Lebenswandel unſerer Gebieterin war nicht ohne Flecken, ihre Herrſchaft nicht ohne Druck und Elend.“ „Meine Träume vom Wohle des Vaterlandes ſind unerfüllt geblieben, denn Jakob kennt und will ſein Beſtes nicht. Statt einzuſehen, daß er, ein Fremder, ſich die Liebe des Landes durch Güte und Wohlthun erringen ſoll, lebt er fern von ſei⸗ nem Volke und ſchätzt die Hoheit und Macht des einheimiſchen Adels gering. Bei Gott, was hob ihn, was war das Fundament ſeiner Herrſchaft? Julius Cäſar von Capua warb ihm die Her⸗ zen des Volkes und des Adels, nachdem er ihnen die Königin verhaßt gemacht! Warum begünſtigt er jetzt ſeine Franzoſen und verleiht ihnen die Wür⸗ den, die den Einheimiſchen zukommen? Mag er uns zurückſtoßen, doch er ſoll fühlen, daß wir ihn ebenſo ſtürzen können, wie wir ihn gehoben haben!“ Geſpannt hörte Sforza Julius Cäſar's leidenſchaftlicher Rede zu. „Und Du willſt Jakob nun verlaſſen?“ „Ja, das will ich! Sforza, ich fliehe ſeinen kargen Hof. Sehnſüchtig blickt das Volk zu den Fenſtern, hinter denen ſeine prachtliebende, ſonſt ihm ſo wohlwollende, wenn auch ſchwache Königin ſchmachtet, es wünſcht ihre Freiheit und verflucht den Julius Cäſar von Capua, der alles die⸗ ſes erſonnen, vorbereitet, gethan. Sforza, ſoll Cäſar ſein Werk nicht wieder gut machen?“ „Und welche Wege wählſt Du dazu? Jakob's 22 38 298 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Macht iſt groß, Johanna's Anhang zerſtreut, mein Heer aufgelöſt und ich bin— in Banden!“ „Ich allein vollführe das Werk und ſetze da⸗ für mein Leben ein. Als Mann trete ich vor Ja⸗ kob hin, als Mann vollbringe ich die That mit — meinem Dolche!! „Wirkt ein Mann mit dem Dolche?!“ rief Sforza entſetzt zurückbebend,„iſt ſchauervoller Mord eine That? Deine Hand willſt Du mit Jakob's Blut beflecken, dem Du früher Treue ſchwurſt? Verdient er ſolches Los? O Cäſar, aus ſolchem Thun erblüht kein Segen, Fluch und Abſcheu ſtraft den Meuchelmord und gäbe es auch gerechte Urſache dazu!“ „Mag man mich für die That verwerfen,“ ſprach Cäſar zu Boden ſtarrend;„ich bin mit meinem Leben zerfallen und achte nicht darauf, ob Jemand es tadelt oder preiſt, wenn es erloſchen. Vermagſt Du kein anderes Mittel zur Rettung zu nennen, ſo tadle den nicht, der ſich opfert und be⸗ fleckt, um Andere, ſeine frühern Feinde, zu retten und zu befreien.“ Cäſar erhob den Blick, unbeugſamer Trotz funkelte aus ihm. Bald aber ſenkte er ihn betrof— fen, als er dem offenen, im Eifer der Ueberredung glühenden Blicke Sforzas begegnete. „Cäſar, verſprich es mir, handle gut. Im Kriege wuchs ich auf, ſchuf Tod und Elend, und doch glüht der bloße Gedanke an Deine That wie Höllenpein in meinem Herzen. Schließe ſo nicht Deine Laufbahn. und verhüllte doch ſein Haupt, zurückbebend vor der That des Brutus!“ Cäſar reichte Sforza die Hand. „Du ſprachſt gewichtige Worte. Ich danke Dir und will handeln, wie es gut iſt.“ „So geleite Dich Gott und ſegne Dein rei⸗ nes Unternehmen!“ ſprach Sforza dem Davon⸗ eilenden nachſehend und ließ ſich daan gebeugt nieder. Francesco nahte ihm. „Vater, ſchied Katharina für immer?“ ſprach er leiſe mit wehmüthig zitternder Stimme. „Francesco, Du haſt Dich, wie ſie ſich bekämpft. Katharina ſchied, doch Dir wünſcht ſie Heil und Segen, aus ihrem Gebete ſoll Dir Dein künftiges hohes Glück erwachſen.“ „Sprach ſie das, Vater? Ja, dann lehre Du mich kräftig, männlich handeln. Meine thörichte wilde Liebe glüht nun in mir als geläuterte Flamme und ſie wird in meinem Herzen beſtändig die Be⸗ geiſterung erhalten, für das Edelſte Alles einzuſetzen.“ (Schluß folgt.) Cäſar fiel nicht als Verräther, Sigmund Oertel. Ein Sittenbild aus dem ſechzehnten Jahrhundert. =x den Fremden, die jetzt von fern und nah auf wohlgepflegten Straßen oder auf Eiſenſchienen in bequemen Wagen von einem Orte zum andern reiſen, denkt vielleicht nicht Einer daran, wie viele Beſchwer⸗ den und Gefahren ſich un⸗ ſeren Vorfahren bei einem gleichen Unternehmen vor Hunderten von Jahren ent⸗ gegenſtellten, ja, daß nur 4 Wenige kühn genug wa⸗ ren, dem Wagniß räuberiſcher Anfälle ohne eine angemeſſene Begleitung die Stirn zu bieten. Obwohl ſchon zu Anfang des vierzehnten Jahr⸗ hunderts Markgraf Friedrich der Strenge mit unbeugſamem Muthe gegen die raub⸗ und fehde⸗ luſtigen Edelleute des Meißner und Thüringer Lan⸗ des zu Felde gezogen war, einen großen Theil ihrer Burgen zerſtört und ihren Uebermuth gedemüthigt hatte, ſo war er doch nicht im Stande geweſen, ihre räuberiſchen Gelüſte für immer zu unterdrücken. Immer kecker erhoben ſie unter den zum Theil we⸗ niger energiſchen, zum Theil ſogar ſchwächeren Nach⸗ folgern ihr Haupt und ein nicht geringer Theil des Adels trieb ſein Weſen ſo ungeſcheut, daß er die reiſenden Kaufleute ſogar in der unmittelbarſten Nähe größerer Städte überfiel und beraubte. Hier davon ein Beiſpiel, das wir, um nichts von ſeiner Originalität zu verwiſchen, ganz ſo wie⸗ dergeben, wie es der Berichterſtatter, Hans Korn⸗ (thauer von Nürnberg, der nicht allein Augen⸗ zeuge des Vorfalles, ſondern auch in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Diener des unglücklichen Opfers, Bethei⸗ ligter geweſen, aufgezeichnet. Sigmund Oertel ſtand, obgleich er bereits Vater von ſieben Kindeenwar, in ſeinen beſten Jahren. Er lebte in ſehr glücklichen Verhältniſſen und ſeine Familie wie die ſeiner Frau zählte zu den vornehmen Patriziergeſchlechtern. Alljährlich unternahm er in Handelsgeſchäften eine Reiſe nach Leipzig zur Meſſe und dieß war auch im Frühjahr 1557 der Fall. Mit dreißig anderen Kaufleuten zog er von Nürnberg aus und ſie gelangten ſämmt⸗ nvon einem reiſen, r Eigen⸗ 3, Bethei⸗ 5 er bereits * en beſten Sigmund Oertel. 299 lich ohne einen erheblichen Unfall bis in die Nähe von Leipzig. Wir wollen jetzt Kornthauer ſelbſt erzäh⸗ len laſſen. „Den 7. Mai(1557) ritten ich und mein Junkherr Sigmund auf Leipzig zu. Als wir nun bis Lützen, zwei Meilen herwärts, kamen und an unſerm Tiſche aßen und fertig waren, ſprach der Junkherr zu mir: ‚Wie, wenn wir ſein gemachſam fortzögen? Damit war die andere Geſellſchaft, ſo an unſerem Tiſche mitgegeſſen, zufrieden und wir ſetten uns nach dem Mittagsmahl auf und zogen fort, als nämlich Sigmund Oertel, Hans Schwendendörffer der Alte, Hans Scho⸗ nich, Jörg Platt, ein Schwabe von Augs⸗ burg, Andres Rindfleiſch von Breslau, ich Hans Kornthauer, und waren unſer Sieben. Wie wir nun vor das Thor zu Lützen hinauskamen, ſo guckten ich und Andres Rindfleiſch hin⸗ für, wie ſich einem Diener auf der Straße gebührt. Als wir kaum eine Viertel Meile Wegs geritten und der Wind gegen uns ging, auch eine ſehr große Hitze war und es ſehr ſtaubete, ritt der Junk⸗ herr neben uns her und ſagte: ‚Ei, reit auch eine Weile hinten im Staub wie ich!« Das war nun ſein zeitlich Verderben, wie ihr hören werdet. Als nun der Junkherr vorausritt und der Schwab von Augsburg ihm nach und dann ich und die An⸗ dern und wir nicht eine halbe Meile Wegs mehr gen Leipzig hatten, kam uns Allen ein Schlaf an. Da führte das Unglück fünf Reiter und Einen zu Fuß von Schönau dem Dorfe überzwergs durch das Korn zu uns auf die Straßen. Wir ritten aber in einer Seichte, gleich einem Hohlweg. Nun übermannten uns die obgemeldeten Böſewichter, die Alle Büchſen in den Fäuſten hatten, mit aufgeſchla⸗ genen Hahnen. Der Erſte, Gabriel von Droſch⸗ witz, ein Edelmann, der rannte ſogleich dem Junk⸗ herrn mit der Büchſe in den Mund und ſtieß ihm die unteren Zähne aus. Da ich das ſah, griff ich an meine Büchſe. Indeſſen rennt Einer her und ſtößt mich mit der Büchſen in meine Seite, daß ich und mein Klepper, der müde und ſchwach war, ſchier zu Haufen gefallen wäre. Darnach ſchlug er mir nach dem Angeſicht, aber ich bückte mich und ließ den Schlag über mich hinrauſchen. Indeſſen nahm mein Junkherr die Flucht; er ſah wohl, daß wir überraſcht und übermannt wä⸗ ren. Aber Wilhelm von Droſchwitz ſprach zu einem Knecht, der jedoch auch Einer von Adel, Einer von Staps war: ‚Sieh, dort reitet der Böſewicht davon, renn ihm nach und fehl ihn nicht, oder ich will Deiner nicht fehlen.“ Aber mein Junk⸗ herr hatte einen großen Vorſprung, daß ich dachte: „Gott ſei Lob, weil nur Er davon iſt.“ Da führte noch einmal das Unglück acht Reiter gegen uns her, unter ihnen Einen von Pappenheimb, die ſcheuete der Junkherr, ſonſt wäre er wohl entron⸗ nen, da er nicht mehr als drei Büchſenſchuß zu einem Dorfe hatte, das Linda(Lindenau) heißt und nächſt bei Leipzig liegt. Der Knecht hatte aber ein ſehr gutes Pferd und errannte ihn. Der Junk⸗ herr war erſchrocken und fürchtete ſich vor denen, die vor uns und bei uns waren; ja, es waren auch hinter uns bei funfzehn Pferde; ſie waren aber unſere Geſellen, die es wohl geſehen, jedoch gemeint hatten, weil er ſo nah bei Leipzig war, daß es Leipziger wären, die uns empfingen. Alſo wehrte ſich Junkherr Sigmund nicht, wiewohl er den Hahnen auf die Büchſe geſchlagen hatte; aber ſein Rößlein begehrte ſich zu wehren. Das hörten die Schelmen, die uns drängten, ließen von uns ab und rannten auf ihn zu. Da ſagte ich zu meinem Geſellen:„Ich will mir den Edelmann vornehmen, der meinen Junk⸗ herrn geſtoßen hat und ihn über das Roß herunter⸗ ſchießen.“ Allein dieſe baten mich, das bei Leibe nicht zu thun. Indeſſen ſah ich von weitem, daß mein Junkherr vom Pferde fiel; da wollt ich allein hinan und gern für ihn geſtorben ſein; da ſagte aber Andres Rindfleiſch, der mein guter Geſell und Bruder allezeit geweſen iſt: ‚Lieber Hannesl, gib ihnen keine Ürſache, denn ſollteſt Du hinrennen, ſo würden ſie demnächſt eine Kugel durch den Junkherrn ſchießen, da würdeſt Du an ſeinem Tode ſchuldig ſein, und darnach würden ſie Dir und uns das Gleiche thun.“ Während dem ſah ich, daß ſich der Junkherr aufrichtete. O das ſollte er nicht gethan haben! Da ſchlägt ihn Einere mit der Büchſe mitten auf den bloßen Kopf, denn er hatte keinen Hut auf, daß er wiederum auf die Erde ſank. Da mir's nun unmöglich war, ihm zu helfen, weil ſie zu weit von uns waren— nun, lieber Gott, was ſollte ich machen, als daß ich mit weinenden Augen zu Gott rief und ſprach:„O lieber Gott, komm zu Hilf meinem lieben Junkherrn.“ Indeſſen ritten ich und Rindfleiſch zu ihm hin. Die Böſewichter wollten das Rößlein fangen, aber es ſchlug den Edelmann an das Schienbein, alſo daß ſie es nicht fangen konnten. Darnach rit⸗ ten ſie überzwergs feldein. Als ich aber zum Junk⸗ herrn kam, ging er auf der Wieſen zunächſt bei einem Weyher; ich ſprang von meinem Klepper, lief zu ihm und ſagte: ‚Ach, daß Gott im Himmel erbarm, lieber Junkherr, warum ſeid Ihr nicht bei mir geblieben? Ehe ich Euch alſo hätte ſchlagen laſſen, wollte ich geſtorben ſein. Ich wollte ſchie⸗ ßen, aber meine Geſellſchaft wollte es nicht.“ Da hub er an zu ſagen: ‚Lieber Hannesl, ich habe eine große Sorge gehabt, daß Du ſchie⸗ ßen würdeſt; o Du haſt recht gethan, daß Du nicht geſchoſſen haſt, denn ſonſt hätteſt Du mich und uns Alle um's Leben gehracht!’ Darnach ſagte er: ‚Laß mich auf Dein Rößlein ſetzen und fang Du meins.“ Da wollt ich ihm hinaufhelfen, aber er duldets nicht, ſondern ſaß ſelbſt auf. Er war gar keck und meinte nicht, daß er ſterben würde. 38* 300 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Darauf lief ich zu des Junkherrn Pferd, das ſich ſogleich von mir fangen ließ. Nun ſaß ich auf. Indeſſen kommt der von Pappenheimb und ſagt zu mir: ‚Warum habt ihr euch nicht gewehrt? Eurer ſind ſieben, jene nur fünf.“ Aber mein Junk⸗ herr, Rindfleiſch und ich zogen fort. Als wir in das Dorf kamen und bei dem Wirthshaus waren, ſprach ich: ‚„Lieber Junkherr, reitet da hinein, ich will den Balbirer holen.“ Da antwortete er mir: ‚Nein, ich will vollends hinein⸗ reiten.“ Nun ſaß eine große Menge Leute vor dem Thor am Wege, denen der Junkherr Etwas geben wollte. Da ſagte ich: ‚Junkherr, reitet fort, ich will ihnen geben,“ und gab auch. Darnach, dieweil ich ſah, daß er ſich ſo ſehr verblutete, gab ich ihm meine Wiſchtüchlein alle, die legte er über den Kopf und ſetzte den Hut obendrauf. Darauf fragte ich ihn: ‚Lieber Junkherr, was ſagte der Knecht zu Euch, als er zu Euch kam?“ Er erwiederte, daß er geſagt hätte: ‚Bruder, ich muß Dich ſchlagen, aber ich thue es nicht gern. Ich jedoch vermeinte ihnen zu entrinnen, im Dorfe Bauern zu nehmen und euch zu Hilfe zu kommen, da ich wohl ſah, daß wir ihnen viel zu ſchwach waren. O lieber Gott,“ ſprach er weiter, ‚wohl haben ſie mich ge⸗ ſchlagen, wohl ſind ſie unchriſtlich mit mir umge⸗ gangen, aber verleihe mir nur Geduld. Rindfleiſch und ich tröſteten ihn ſo gut wir konnten, aber er hub wieder an und ſagte: ‚Ich ſehe wohl, daß ich dieſen Schlag nicht ertrage; er⸗ trage ich ihn aber, ſo bin doch mein lebenlang ein elender Menſch.“— Ja wohl, denn das Blut kam ihm vornen über das Geſicht und hinten über den Mantel. Ich gedachte auch nun an ſein Weib und ſeine Kinder, deren er ſieben hatte und das größte von ihnen war noch nicht über dreizehn Jahr alt. Da ich aber ſah, daß er faſt mit dem Tode rang, wollte ich ihn mit zeitlichen Dingen nicht beſchwe⸗ ren. Als wir nun ſchier am Thore waren, wo ein Bader wohnte, da ſagte ich zu ihm: ‚Ach, lieber Junkherr, Ihr verblutet Euch zu ſehr, laßt Euch da verbinden.“ Darauf ſagte er zu mir:„Ei nein, es kann mir doch keine Gutthat geſchehen; reite hin⸗ ein, hole den Balbirer und thue das Haus auf.“ Nun ritte ich hinein und richtete aus, was er mir befohlen. Wie er nun mit Rindfleiſch in's Haus kam, hub ich ihn vom Roß hinunter und er legte mir ſeinen linken Arm um meine Achſel und ging ſo mit mir die Stiege hinauf und in die Schreibſtube hinein, die Hans aufmachte. Darauf ſetzten wir ihn in den Seſſel und verbunden ihn. Er hatte mitten auf dem Haupte einen großen Streich von den Hahnen, ein wenig über der Schläfe auf der rechten Seite; auf der linken Seite auch einen tiefen Streich, ein wenig hinten auch einen; im Genick war ein blauer Fleck, hinten am Kopf eine große Beule, über der Naſe ein Streich, die unteren Zähne waren ihm alle los und der Rücken ſammt beiden Armen waren ihm wohl zerbläut. Als wir ihn verbunden hatten, leg⸗ ten wir ihn in's Bett und wollten ihn ausziehen, da ſchrie er: ‚O weh, lieber Hans, o weh! ach Du lieber Gott!'« Wir zogen ihn aber bis auf's Hemde aus, das voll Blut war. Wie er nun eine gute Viertelſtunde im Bett gelegen, wobei Wilhelm Stumb ſtets bei ihm ſtund, auch ich mich abgeſtiefelt hatte, ging ich wie⸗ der zu ihm; da ſah er mich an, ſchwieg aber ſtill, als ich ihn fragte: ‚Wie thut's, Junkherr?⸗ Dar⸗ nach fragte ich ihn wieder: ‚Könnt Ihr nimmer reden?“ Da ſchüttelte er den Kopf ein wenig und als ich ihm dann ſagte: ‚Befehlet Euch unſerm Herrn Jeſu Chriſto!“ da ſeufzte er und winkte mit den Augen, that ſie zu und ſchlief ein und hub an zu ſchnarchen. O mein Gott, wenn da ſein frommes Weib dabei geweſen wäre, ich glaube nicht, daß ſie leben⸗ dig geblieben wäre, denn eine feinere und liebli⸗ chere Ehe habe ich mein Lebtage nicht geſehen, als dieſe Zwei geführt hatten. So lag er gegen ſechs Stunden, ſchnarchend und gleich einem Menſchen, der ſanft ſchlief. Um zwölf Uhr in der Nacht verbanden wir ihn noch einmal. Aber er wollte nicht aufwachen, und wenn der Balbirer oben in die Wunden druckte, ſo ſchrie er dumpf in ſich. Aber um ein Viertel vor drei Uhr verſchied er, wie wir's geſehen haben, gar ſanft. Der allmächtige, ewige, gütige Gott, der verleihe dieſem meinem lieben Junkherrn Sig⸗ mund Oertel ſammt uns Allen in Chriſto Jeſu eine fröhliche Auferſtehung, wo wir mit ihm herr⸗ ſchen werden, wie er es uns zugeſagt. Nun will ich aber auch anzeigen, wie man es mit dem Armen vollendet hat. Am Sonntag, das war am 9. Mai, ſchickte der Burgermeiſter Jeronimus Lotter zu uns: man ſollte die Leiche unter das Rathhaus tragen und wir Sechs ſollten als Zeugen auch hinkom⸗ men. Da es nun Mittag war, gingen wir unter das Rathhaus und die Träger folgten uns mit der Leiche nach. Da ſah man viele Tauſende Men⸗ ſchen, Fremde, die auf den Markt gezogen waren und Einheimiſche, die Alle begehrten, den frommen Sigmund Oertel noch einmal zu ſehen. Die⸗ ſer lag in einer wollenen Decken in einer Truhe mit einer ſchwarzen ſammetnen Decken mit ſchönen goldenen Engeln oben bedeckt. Als wir nun unter das Rathhaus kamen, ſetz⸗ ten ſie ihn nieder. Da ſprach der Schaffer zu uns, wir ſollten um die Bahre herumſtehen, man würde den Uebelthäter bringen. Das thaten wir und höret nun, was da geſchah. Wie man zuerſt den Knecht, ſo mich in die Seiten geſtoßen und den Junkherrn errannt hatte, brachte, ſo ging dem Sigmund Oertel das Blut unten in der Rinnen des Mun⸗ des ein wenig heraus. Da der Knecht nun zu uns -— —— —.——-— Sigmund Oertel. 301 tten, leg kam— war auch ein Edelmann, Einer von Schreiben gekommen vom Churfürſten des Inhalts: ausziehen Staps— hebt der Schaffer an und ſagt zu Wollten ſie gutwillig nicht bekennen, ſo ſolle man deh at ihm:„Höre, Geſell, was hat Dir der ehrliche ſie peinlich fragen. Da bat der von Droſchwitz fromme Mann allhie liegend ſein Lebtage gethan, um Gotteswillen, man ſolle das nicht thun, aber daß Du ihn ſo ſchändlich um ſein Leben gebracht haſt? Darauf hub der Knecht gar erſchrocken an und ſagte: ‚Ich hab's nicht gethan, ich hab's thun müſſen.’ Das war eine ſchöne Ausrede und der Schaffer ſagte: ‚„So leg ihm zwei Finger auf ſein Angeſicht und Du wirſt ſehen, ob Du es nicht ge⸗ than haſt.“ Da er ſie nun hinlegte, kam dem Junk⸗ herrn ſein Blut zum Mund. Darauf ſagte der Schaffer zu den Schergen: ‚Führt ihn hinweg und bringt einen Andern. Da brachte man einen jungen aufgeſchoſſenen Edelmann, Einen von Droſchwitz, und der Schaffer hob mit gleichen Worten zu ihm an, aber der verantwortete ſich, er wäre bei der That nicht geweſen. Wir hatten ihn auch nicht geſehen; gleich⸗ wohl mußte er auch ſeine zwei Finger auflegen; da wollte die Leiche gar nicht bluten und führte man ihn wieder fort. Darauf brachte man den Wilhelm von Droſchwitz und der Schaffer hub abermal an und fragte: ‚Höre, Du von Droſchwitz, was hat Dir der fromme ehrliche Mann, der ſein Leb⸗ tag kein Kind beleidigt, gethan, daß Du ihn alſo ſchändlich um ſein Leben gebracht haſt??— Hebt nun dieſer an ſich zu verfluchen und zu ſchwören, daß er es bei ſeiner Seelen Seligkeit nicht gethan hätte. Spricht der Schaffer zu ihm:„Legt ihm zwei Finger auf's Angeſicht, ſo werdet Ihr ſehen, ob Ihr recht geſchworen habt.“ Er konnte aber mit Reden umgehen und wollte mit uns disputiren; da rief Herr Jeronimus Rauſcher, der Bür⸗ germeiſter: ‚Legt die Finger hin!“ Und wie er ſie nun hinlegte, ſo ſpritzte dem Sigmund Oertel das Blut aus dem Mund und der Edelmann erſchrak darob ſo, daß er tödt⸗ licherer Farbe war denn die Leiche. Darnach brachte man einen Knecht, der mußte auch auflegen, aber es wollte nicht bluten. Dann wollte man drei Kna⸗ ben bringen, aber wir ſagten, es wären keine dabei geweſen. Als dieß zu Ende war, nahmen wir den Sigmund Oertel, trugen ihn in's Fürſten⸗ kollegium mit großem, ſchönem Kirchgang, desglei⸗ chen ich mein Lebtag bis auf dieſe Stunde noch nicht geſehen habe. Wie wir ihn aber in das kühle Erdreich in ſeiner Truhen legten, da ſungen die Studenten gar ſchön und lieblich und zuletzt hub man eine gar ſchöne Predigt an von ihm zu ſagen. ſie mußten des Fürſten Schreiben nachkommen und ihn ſammt den Staps den andern Tag peinigen laſſen. Nun bekannten ſie, ſie wären's Willens ge⸗ weſen, hätten aber eigentlich auf den Pfinzing gelauert; auch geſtanden ſie noch, wie ſie den Hans Menges von Nürnberg auch hätten um⸗ bringen helfen. Was ſie aber noch mehr bekannten, konnte man noch nicht erfahren. Die Herren von Leypzik aber hätten gewünſcht, daß ſie ſie nicht ge⸗ fangen genommen hätten, denn als es an dem war, daß man ſie ſollte richten laſſen, geſchah gar große Fürbitte von der adeligen Ritterſchaft an den Chur⸗ fürſten. Ja, auch des von Droſchwitz ſein Weib, eine Streitburgerin, hat einen Fußfall gethan, der Churfürſt aber hieß ſie aufſtehen und ſagte: ‚Weib, Euer Mann iſt nicht werth, daß er auf dem Erd⸗ reich umgehe, aber Ihr thut Eins, Ihr bleibt in meinem Frauenzimmer, da ſoll Euch alle Ehre be⸗ wieſen werden und ſollt unausgetrieben ſein, dieweil Ihr lebt.“ Da kann man ſich denken, was das gute Weib für einen Schmerzen gehabt hat. Darnach haben über achtzig Edelmänner auch einen Fußfall gethan, wobei der Churfürſt anhob und Etlichen erzählte: ‚Du haſt das gethan und Du das,“ alſo daß ſie Alle ſchamroth wurden und Keiner etwas zu ſagen wußte. Sie haben aber einen Brief gehabt, den hat er genommen, geleſen und zu ihnen geſagt: ‚Ich will mich bedenken.“ Darauf hat er flugs nach Leypzik geſchrieben: ob ſie keinen Schöppenſtuhl hätten. Hätten ſie kei⸗ nen, ſo wolle er ihnen einen ſchicken. Im Fall aber, daß noch mehrere Bitten für den Buben geſchehen würden, es wäre von Rittern, Edelleuten oder Doktoren, die ſollten ſie auf einen Wagen ſchmie⸗ den und ihm ſchicken. Nun, ich lobe den löblichen Herzog Auguſt, Churfürſten von Sachſen, daß er nicht wider Recht und Gerechtigkeit handeln wollte, und in der Aus⸗ übung derſelben ſogar gegen den Adel als ſeine Geſippten war. Die Herren von Leypzik aber be⸗ ſetzten das Gericht nicht, ſondern acht Bauern, welche die Zwei, bei denen der Leichnam geblutet hatte, zum Schwerte verurtheilten. Wie der Stab über ſie gebrochen war, führte man ſie hin, einem Jeden ſetzte man einen Roſen⸗ kranz auf, als wenn ſie zu einem Tanze gehen ſoll⸗ ten; der Droſchwitz in den hübſchen Kleidern, „ſer⸗ Da laſſe ich ihn nun liegen und ſchlafen und die er ſich vor zehn Wochen auf ſeine eigene Hoch⸗ r zu unb, komme wieder auf die armen Sünder. zeit hatte machen laſſen, der Meiſter Hanns hin⸗ an würde Man hatte den von Droſchwitz ſammt den ter ihnen her. Wie ſie nun zu Leypzik mitten auf d höret von Staps im Gefängniß und auf dem Rath⸗ den Markt auf eine gemachte Buhn angekommen Knecht hauſe oft gefragt, aber ſie haben allewege geleug⸗ waren, ſchlägt er dem von Droſchwitz den Kopf ſo herunter, daß er von der Buhn auf das Pfla⸗ ſter fiel. Darnach kam es an den von Staps. Der war nicht ſo keck wie ſein Herr, man mußte Juhen net. Der Gabriel von Droſchwitz, der in der Nacht, als man herausgefallen ſei, die Flucht genommen hätte, habe es gethan. Aber da iſt ein 3⁰² Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ihm den Kopf halten und derſelbe wollte auch nicht ſo ſpringen. Alſo habt ihr die erbärmliche Geſchichte von meinem lieben Junkherrn Sigmund Oertel. Unſer lieber Herr Gott aber wolle um Jeſu, ſeines lieben Sohnes willen, ihm eine fröhliche Auferſte⸗ hung verleihen; uns aber, die wir noch auf Erden herumgehen, behüten vor des Satans Wüthen, der uns immer nachſchleicht wie ein Löwe, auch uns das tägliche Brod nicht verſagen, ſondern uns er⸗ halten bis an unſer Ende.“ ——— Symbolik und Mythologie der Blumen. Nach J. Z. Friedreich. lumen ſind das Symbol des⸗Le⸗ bens und ſeiner Hoffnungen. Die Alten gaben der Hoff⸗ nung, als Göttin, eine Blume ſinnbildlich in „ die Hand. Insbeſon⸗ dere iſt die Lotosblume in Indien und Egyp⸗ Lebens, der 4 ſchaffenden Naturkraft; — dem Egyptier kündet dieſelbe alljährlich das Aufleben der Natur h an und wurde ſo zum à Sinnbilde des ſich ſtets er⸗ A neuernden Lebens, und deß⸗ ) halb auch Symbol der See⸗ 3 lenwanderung; daher fand 1 e man die Mumien mit Lotosblu⸗ — men um den Hals geziert. Auch in deutſchen Sagen finden wir die Idee des Uebergangs der Seelen in Blumen:„Neben dem Haupte gefallener Chriſten wächſt eine weiße Blume; aus dem Grabe Hingerichteter ſprießen weiße Lilien zum Zeichen ihrer Unſchuld; aus dem Grabe des Mädchens drei Lilien, die kein Anderer als der Geliebte brechen ſoll.“ Fauſt traf einſt auf der Frankfurter Meſſe vier Zauberer, welche einan⸗ der die Köpfe abhieben und wieder aufſetzten, und ſobald ein Kopf vom Körper getrennt war, wuchs aus einem dabei ſtehenden Gefäße voll deſtillirtem Waſſer eine Blume, welche die Wurzel des Lebens hieß, hervor, und als Fauſt dieß bemerkte, durch⸗ ſchnitt er die Blume, als ſie eben wieder hervor⸗ ſchoß und entkräftete damit den Zauber. Ein Ritter, der im hohen Alter in's Kloſter gegangen war, konnte nichts mehr erlernen als die Worte:„Ave Maria“, welche er immer ausſprach; nach ſeinem Tode wuchs eine Lilie aus ſeinem Grabe, auf deren jedem Blatte dieſe Worte mit goldenen Buchſtaben ſtanden, und als man nachgrub, fand man, daß die Blume im Gaumen des Todten wurzelte: es war alſo gleich⸗ ſam die Seele des Ritters in dieſe Worte aufge⸗ gangen, welche ſich deßhalb auf der Blume zeigten, deren Geſtalt die Seele darſtellte. Nach altdeutſcher Sage ſprießen aus den Herzen, die man den in Zauberſchlaf verſenkten Mädchen ausſchneidet und in die Erde vergräbt, Blumen hervor, und aus dem reinſten Herzen blüht auch die ſchönſte Blume. Auch die Roſe, die Blume der Liebe, und die Rebe, die treue Ranke auf Triſtan's und Jſolden’'s Grab, wurzelten nach Heinrich von Freiberg in deren Herzen. Aber auch die Blumen, mit denen man die Todten und Gräber ſchmückt, ſie ſind nicht Symbole des Todes, ſondern Symbole des neuen Lebens, der Auferſtehung im Tode. So ſpricht auch Blumenkranz ein doppeltes Wort: das Wort der Liebe und das Wort des Fortlebens des Gei⸗ ſtes nach dem Tode. Als Symbole der Liebe und ihrer Freu⸗ den werden die Blumen von allen Völkern jeder Zeit begrüßt. Blumen ſind die Symbole der Liebes⸗ gottheiten; der indiſche Liebesgott Kamas trägt ſtatt der Pfeile fünf ihm geweihte Blumen. Die Blumen ſind das Bild der Geliebten, denn die Liebe iſt des Lebens Blüthenzeit; die Blumen ſind der Schmuck der Brautleute als Sinnbilder des neuen Lebens der Liebe und ihrer Pflichten; die Griechen nehmen zu den Brautkränzen blühende Zweige von Rosmarin(welcher das Gedächtniß ſtärken ſoll, damit die Gatten ihres gegenſeitigen Verſprechens ſtets eingedenk ſein ſollen), Epheu(als Schlingpflanze ein Sinnbild der ehelichen Einigung) und Immortelle(Sinnbild der unwandelbaren Ge⸗ ſinnung). Es ſind aber die Blumen der Schmuck der Eheleute, wenn ſie am Jubelfeſte das greiſe Haupt zieren, als neu belebende Rückerinnerung an die erſte Blüthenzeit ihrer Liebe. Am tieſſten haftend iſt die erotiſche Bedeutung der Blumen bei den ſlaviſchen Völkern: dem Serben verwandeln ſich die Hochzeitsgäſte geradezu in Blumen, die zur Schmük⸗ kung des Feſtes kommen, und anſtatt Straußge⸗ ſchmückte werden ſie geradezu als Sträuße angeredet: „auf ihr Sträuße und Bräutigamsbegleiter“; in ſerbiſchen Liedern werden Jünglinge und Mädchen als Blumen aufgeführt, z. B.„ſahen ſich Zwei gerne im Dorfe, Knabe Hyacinthe und Mädchen Nelke“. Sinnreich iſt die Guirlande der Julie, eine vom Herzoge von Montauſier für die ſchöne Julie von Rambouillet erdachte Galanterie: als er näm⸗ lich das Verſprechen ihrer Hand hatte, mußte er, nach alter Sitte, ſeiner Braut jeden Morgen bis zum Tage der Hochzeit einen Strauß von den ſchönſten Blumen der Jahreszeit ſchicken; allein er e zeigten, altdeutſcher eln ſich die r Schmük⸗ Straußge⸗ angeredet: er“; ill d Mädchen ſch Zwei 1 Mädchen Julie eine böne Julie er nüm⸗ leite mußte er, (orgen bis an den 3 allein et J. B. Friedreich: Symbolik und Mythologie der Blumen. 303 ließ es nicht blos dabei bewenden, ſondern er ließ noch die ſchönſten Zierblumen von den beſten Ma⸗ lern auf Pergamentblätter malen, die erſten Dichter von Paris mußten die Blumen unter ſich ver⸗ theilen und die Blumen in einem ſinnreichen Ma⸗ drigal an die ſchöne Iulie ſprechen laſſen, der beſte Schreibmeiſter ſchrieb jedes Madrigal unter die Blume, und der geſchickteſte Buchbinder mußte dieſe Pergamentblätter auf das Prächtigſte einbinden; am Tage ihrer Hochzeit fand Julie dieſes Buch auf ihrem Putztiſche. Auch das Lebensglück ſymboliſirt die Blume. Daher bekränzte, um das Glück des Hau⸗ ſes zu erflehen, bei den Römern der Hausherr die Laren(Hausgötter) des von ihm eben gekauften Hauſes, und nach einer Verordnung des Kaiſers Auguſtus mußten jährlich an einem beſtimmten Tage die Laren mit Blumenkränzen geſchmückt werden. Es war eine im Alterthume verbreitete Sitte, daß jüngere Perſonen, die ihre gegenſeitige Zuneigung bekräftigen wollten, einander Blumenkränze zuſchick⸗ ten, oder die Hausthüren damit ſchmücken ließen, und ſo ſchickten ſich auch Freunde gegenſeitige Blu⸗ menkränze zu, wenn ſich irgend eine erfreuliche Be⸗ gebenheit im Hauſe zutrug, und kam eine Begeben⸗ heit vor, die das ganze Volk erfreute, ſo ſchmückte ſich Jeder mit Blumen; ſo erſchien z. B. das römi⸗ ſche Volk mit Blumen geziert, als Severus in die Stadt einzog, und dasſelbe geſchah, als Nero die Stadt verlaſſen mußte. In deutſchen Volksſagen wird, wie Grimm mittheilt, eine Wunderblume ge⸗ nannt, die der Beglückte zufällig findet und an ſeinen Hut ſteckt; nun ſteht ihm auf einmal der Zugang zu den im Berge verborgenen Schätzen offen; hat er innen in der Höhle des Berges ſeine Taſchen gefüllt, und vom Anblicke der Koſtbarkeiten erſtaunt den Hut abgelegt, ſo erſchallt hinter dem Weggehenden die warnende Stimme„vergiß das Beſte nicht“, allein es iſt zu ſpät, und nun ſchlägt bei ſeinem Ausgange die eiſerne Thüre zu, und Alles iſt verſchwunden; dieſe Blume heißt gewöhn⸗ lich die Schlüſſelblume, weil ſie den Eingang zu dem Schatze zu öffnen vermag, und auch das Sym⸗ bol der ſchlüſſeltragenden weißen Frau iſt, welcher das Schlüſſelbund als Ahnmutter und Schließerin des Hauſes ziemt, die aber auch zugleich den Schatz zu öffnen Macht hat. Und damit nichts fehle zu dem Symbole des Glückes und der Freude, ſo finden wir auch Blumen und Kränze bei frohen Gaſtmahlen, was Heliogabel ſo weit trieb, daß er ſeinen Gäſten nicht nur Kränze reichen, ſondern ſie auch mittelſt Maſchinen in der Decke ſeines Speiſe⸗ zimmers mit den wohlriechendſten Blumen über⸗ ſchütten ließ.. Die Blumen treten bei der tiefen Seite des religiöſen Gemüthslebens als bedeu⸗ tungsvolle Sinnbilder hervor. Betende und Opfernde trugen Kränze, die Opferthiere, die Altäre wurden bekränzt, die Tempeln mit Blumen⸗ gewinden verziert, die Säulen hatten zu ihren Ka⸗ pitälern Blätter und Blüthen u. ſ. w. Der Blu⸗ menkranz, den die Götter trugen, war Symbol des Sternenkranzes und das Verſetzen gottähnlicher Menſchen in den Himmel bezeichnete man durch das Aufſetzen eines Blumenkranzes auf ihr Haupt; der Kranz ſymboliſirt hier das göttliche, himmliſche Leben, die Unſterblichkeit. Und ſo wie im Moſais⸗ mus die Gerechten Gottes mit grünenden und blühenden Bäumen verglichen werden, ſo auch mit Blumen. Auch das gute und böſe Prinzip wird im Deutſchen durch Pflanzennamen ſymboliſirt, in⸗ dem ſchöne und nützliche Pflanzen(das gute Prin⸗ zip) Namen von Gott, Chriſtus, Engeln, Heiligen haben, z. B. Gottesgnadenkraut, Chriſtwurzel, Engelwurzel, Mariensröslein ꝛc., während Gift⸗ pflanzen(das böſe Prinzip) nicht ſelten den Namen Teufel führen, wie Teufelsbeere, Teufelsmilch, Teu⸗ felspeterlein u. ſ. w. In der chriſtlichen Symbolik wird die Blume als Sinnbild der Unſchuld auf die heilige Maria bezogen, und mehrere Blumen⸗ namen beziehen ſich auf dieſelbe, z. B. Marien⸗ handſchuh. Ueberhaupt wird die heilige Jungfrau in Kirchenliedern öfters Blume der Blumen(ſlos florum) genannt und der alte ſpaniſche Dichter Gonzalo Berceo verglich Namen und Tugenden der Maria mit den ſchönſten Blumen auf den Auen. Die Blumen ſind ſelbſt verkörperte Gedanken, Worte, Sprache geworden. So hat ſich eine eigene Blumenſprache gebildet. Wir begegnen, ſagt Bratraneck, dieſer Sprache überall, wo die Phantaſie ſich zu regen beginnt, bei dem Jünglinge ſowohl, der das Schönſte auf den Fluren ſucht, womit er ſeine Liebe ſchmückt, ſo wie bei kindlichen Völkern, die den Zweig des Friedens darbieten in der Annahme, daß das heitere Lebensgrün nicht auf eine Fortſetzung gegenſeitigen Mordens gedeutet werden könne. Es ſind aber auch die meiſten Worte dieſer Sprache leicht zu verſtehen, weil ſie ja nur wegen ihrer in die Sinne ſprin⸗ genden Bedeutung erwählt wurden; es iſt leicht begreiflich, daß die Roſe von Liebe ſpricht, und auch noch viele andere ſprechen ſo deutlich, es iſt ihre Symbolik ſo in der Eigenthümlichkeit der Pflanze begründet, als daß ſie nicht allgemein ver⸗ ſtanden werden ſollte: ſo darf man nur das feſte, grünweiß alſo edelheiter geſtreiffe Bandgras an⸗ ſehen, um gleich in ſeinem Darreichen den Antrag eines Herzensbandes zu errathen; ſo deutet ſich auch die anhaftende, lieblich geröthete Pechnelke auf An⸗ hänglichkeit, und der Ackerwindling leicht auf ein liebevolles Gemüth, welches, wie jener, überall nach einem Gegenſtande ſucht, an dem es ſich anklammern könnte; ſo ſieht man in den leichtabfälligen Schnee⸗ ballblüthen die Flüchtigkeit der Zeit, während die unverwelkliche Strohblume von der Unſterblichkeit ſpricht, ſowie auch die Zeitloſe, deren Herbſtblüthe auf das Laubgrün, als auf ein erſt im Frühling eines neuen Lebens zu erfüllendes Sehnen hinweiſt. 304 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Man wird anch auf Symbole geſellſchaftlicher Zu⸗ ſtände in der Pflanzenwelt ſtoßen; man wird das ſcharfe Aroma der Pfeffermünze auf ſcharfen Witz und Spott, und die Pappelroſe auf Prachtliebe und Herrſchſucht deuten. Aber noch mehr: die Blu⸗ men, weil ſie ſprechen, werden auch dem Fragen⸗ den die Zukunft vorherſagen. Unter den heidniſchen Böhmen, die ihren Flüſſen Blumen opferten, war es am Sobotkafeſte Sitte, daß die Mädchen Blu⸗ menkränze den Fluß entlang ſchwimmen ließen, um daraus das Schickſal ihrer Liebe zu erproben. Die Mädchen der Neugriechen hängen ſich vor dem Schlafengehen ein Säckchen um den Hals, in wel⸗ chem ſich eine weiße, eine rothe und eine gelbe Blume befindet, und nach dem Erwachen ziehen ſie eine Blume aus dem Säckchen, welche nach ihrer Farbe ihren künftigen Mann andeutet, indem die weiße Blume einen jungen Mann, die rothe einen guten und braven, und die gelbe einen Witwer bedeutet. Ein ähnlicher Glaube iſt auch den Deut⸗ ſchen nicht fremd:„wenn ein Kranz von Sinngrün, geflochten in der Mathiasnacht, auf ein— fließendes Waſſer geworfen und von einem Mädchen, welches zuvor um das Waſſer ſchweigend getanzt hat, ſchwei⸗ gend ergriffen wird, ſo bedeutet es den Braut⸗ kranz“. Allein nicht nur die Zukunft der Liebe, auch die Zukunft des Lebens ſollen die Blumen andeuten. Am ſlaviſchen Ruſelkafeſte werden Kränze an beſtimmte Orte gelegt, um nach einiger Zeit aus dem Grade des Verwelktſeins auf die Dauer der Lebensjahre zu ſchließen; es wurden dieſe welken Kränze in's Waſſer geworfen, und jeder nicht unter⸗ tauchende Kranz war ein Anzeichen von einer be⸗ ſtimmten Zahl Lebensjahre. In einem indiſchen Volksliede pflanzt ein junger Mann, der ſeine junge Frau verlaſſen muß, eine Lavendel in den Garten und heißt die Frau darauf achten, ſo lange die Blume grüne und blühe, gehe es ihm wohl, welke ſie aber, ſo ſei ihm ein Unglück begegnet. Wenn man die ſtille Idealität des Blumen⸗ daſeins betrachtet, ſo liegt es auch nahe, daß Blu⸗ men und Sterne in vergleichende Bezie⸗ hung gebracht werden.„Jeder Stern am Himmel,“ ſagte Paracelſus,„iſt ein geiſtiges Gewächs, dem ein Kraut bei uns auf der Erde entſpricht, und jener zieht durch ſeine anziehende Kraft das ihm eutſprechende Kraut auf der Erde an, und jedes Kraut iſt daher ein irdiſcher Stern, und wächſt über ſich dem Himmel zu.“ Wie die Sterne als beglückende Gewißheit und Allgegenwart des Lichtes aus dem Trauermantel des Nachthimmels hervor⸗ blitzen, ſo erblüht auch aus der irdiſchen Finſter⸗ niß und auf der dunklen Indifferenz des Grünen der farbige Sieg des Lichtes in tauſenderlei rei⸗ zende Geſtalten gefaßt. Calderon nennt die Blu⸗ men irdiſche Sterne, und nach orientaliſcher Welt⸗ anſchauung erſcheint der Sternenhimmel als Blumen⸗ garten Gottes, und die ganze Welt mit all' ihrem Trei⸗ ben als ein allumfaſſender, unendlicher Blumenkelch Volkstrachten in Oeſterreich. II. Die Tiroler. (Schluß.) bwohl die Tracht der Tiroler viel Gemeinſames hat, ſo unterſcheidet ſie ſich doch in Farbe, e Stoff und Schnitt nach den verſchiedenen Thä⸗ lern. So tragen die Oberinnthaler rothe We⸗ e ſten, bunte Jacken, grüne Hoſenträger, grüne oder blaue Strümpfe; die Puſterthaler lederne Weſten und Beinkleider, grüne Hoſenträger, ſchwarz⸗ lederne Gürtel mit weißen Pfauenfederkielen ge⸗ ſtickt, weiße und blaue Strümpfe; die Grödnerthaler ſchwarze Röcke, blaue, grün ausgeſchlagene kurze Beinkleider, ſchwarze breite Hüte und weiße Fuhr⸗ mannsmützen; die Sarenerthaler rothe Weſten und Jacken, braune Hoſenträger, weiße Strümpfe, auf dem Hute Pfauenfedern und Bänder u. ſ. w. Das Trachtenbild dieſer Nummer ſtellt eine Gruppe von Landleuten aus dem Paſſeyrer Thale dar. Der Mann trägt einen großen, ſchwefelgelben Hut, um den ein breites grünes, mit Goldtreſſen beſetztes Band ſich ſchlingt. Das Halstuch iſt loſe um den Hals gebunden. Ueber die wammsartige Weſte, die an den Seiten geſchnürt wird, laufen die ledernen Hoſenträger, deren zwei oder drei Bänder durchbrochene Verzierungen haben; den ge⸗ ſtickten Gürtel ſchließt eine gewaltige Schnalle. Die Hoſen ſind ſehr kurz, kürzer als bei den Nordtiro⸗ lern; ebenſo auch die Strümpfe. Letztere umkleiden hier auch die Füße; die Schuhe ſind leichter und netter als in Nordtirol. Die Frauen tragen eine hohe, ſpitze Woll⸗ haube, die meiſt indigoblau iſt und manchmal wie in einen Flaſchenhals zuläuft. Die Zipfel des leicht um den Hals gelegten Tuches werden hinten durch einen Ring geſteckt; und ſo zuſammengehalten. Die Jacke iſt kirſchroth mit roſarother Verzierung, die Schürze dunkelblau, der Rock ſchwarz. Die Wohnungen der Tiroler ſind meiſt von Holz. In Dörfern und Märkten bedeckt ein flach⸗ giebeliges, weit über die Seitenwände des Hauſes vorſpringendes Dach das ganze Gebäude, welches gewöhnlich in ſeiner vorderen Hälfte die Wohnung, in ſeiner hinteren Hälfte, und zwar im Erdgeſchoß, die Viehſtallungen, darüber die Scheune enthält, zu welcher eine flache Brücke hinanführt. Iſt das Haus aus Holz gezimmert, ſo beſteht es aus auf einander gelegten und an den Eckn in einander gefügten Balken mit einem das Haus an mehre⸗ ren Seiten umlaufenden Altan oder Gang. Die Fenſter ſind klein und in's Quadrat geformt, außer⸗ dem mit zwei aus den Ecken der Fenſter auslau⸗ fenden, ſich in der Mitte durchſchneidenden Eiſen⸗ ſtäben geſperrt. Das Dach iſt mit Schindeln gedeckt, DO X, Z== —2— eih Vemeinſames h in Farbe, 2ene ee edenen Thä⸗ r rothe We⸗ de Fuhr⸗ Weſten und rrüümpfe, auf ¹. ſ. w. r ſtellt eine ſeyrer Thale der drei n; den ge⸗ . Die Nordtiro⸗ e umkleiden leichter und ſoite Vol⸗ Volkstrachten in Oeſterreich. 305 welche ſtatt der Nägel mit daraufgelegten Steinen befeſtigt werden, und dieſe wiederum werden durch lange über das Dach hingelegte Stangen vom Ab- fallen abgehalten. Außerdem iſt die ganze vordere Seite, die Giebelſeite, mit Schnitzwerk verziert. Auf dem Dache erhebt ſich ein jenen Zierathen ent⸗ ſprechendes Thürmchen mit einer kleinen Glocke, welche die auf der Flur befindlichen Arbeiter zur Mahlzeit ruft. In den tiefen, wohlhabenderen Hauptthälern tritt an die Stelle der gewöhnlich (wenn ſie von Lerchenholz ſind) tiefbraunen Häu⸗ ſer der maſſive Bau; ſo findet man z. B. im Oberinnthale viele ſteinerne Häuſer, die von Außen mit großen Heiligenbil⸗ dern geziert ſind. Die Haupt⸗ erwerbsquelle der Tiroler iſt die Viehzucht. Die Viehbe⸗ ſorgung iſt ſehr beſchwer⸗ lich, die Hüt⸗ ten auf den höchſten Ber⸗ gen und Aſten (den Voral⸗ pen) ſind mit= wohlgefüllten Ställen und Heuſtadeln⸗ verſehen, je⸗ doch unbe⸗. wohnt, riaſti⸗ ge Dirnen er⸗ ſcheinen alle Tage oft aus einer Entfer⸗ nung v. meh⸗ ren Stunden zur Milchzeit in denſelben, und liefern die Milch mit ungemeiner Anſtrengung im Sturm, Wind und Schnee alltäglich nach Hauſe. Früher beſorgten ſie faſt allgemein das Vieh auf den Alpen, jetzt aber iſt der Gebrauch allmälig ab⸗ gethan, und an die Stelle der Senninen(Sendi⸗ nen) traten größtentheils Männer als Beſorger des Alpnutzens. Dieſe heißen nach der Verſchieden⸗ heit ihres Geſchäftes Küebue, Fuetarar, Hüetar, Melchar u. dgl. In den Nebenſtunden, deren es natürlich den ganzen Sommer über ſehr viele gibt, verfertigen ſie aus Föhrenholz eine Menge Späne, oder ſie ſchnitzen Löffel, Teller, Milchgefäße und Erinnerungen. 1859. 5 5 Tracht im Paſſeyrer Thale. allerlei anderes Hausgeräthe. Die Arbeit, nicht er⸗ müdend, in längſt geübten Handgriffen beſtehend, wird mit Liedern und Geſang begleitet, die theils angelernt, theils nagelneu in älplicher Begeiſterung erfunden ſind. Da überdieß in jeder Alphütte ein⸗ Paar Maultrommeln, eine Waldflöte, ein Schwe⸗ gel, ein Hackbrett u. dgl. Tonwerkzeuge zu finden ſind, ſo fehlt es nicht an fröhlichen Intermezzo's zur Sinneserheiterung. So poetiſch dieſe Seite des Alplebens, eben ſo widerlich iſt der Schmutz und die Unreinlichkeit der Alpleute. Sie tragen den ganzen Sommer ein einziges Hemd und ſetzen ihren Stolz darein, allen Mitge⸗ genoſſen den Vorrang des unfläthigſten , Hemdes ab⸗ zugewinnen, beſonders bei der Heim⸗ fahrt, wo ſie den ekelſten Schmutz als Beweis rüſti⸗ ger Alpenthä⸗ tigkeit ſelbſt⸗ gefällig zur *Schau tra⸗ gen.— Die Heimfahrt iſt ein ſehens⸗ würdigerZug der ſich in nachfolgender Weiſe ordnet. Der Melcher mit einem Stocke be⸗ waffnet, lang⸗ ſamenSchrit⸗ tes voran, ſtolz auf den Stolz der ſchönen Heer⸗ de trotzend; nach ihm un⸗ mittelbar die Mairkuh, die gekrönte Siegerin in den ſommerlichen Alpenkämpfen, am Halſe mit einer ungeheuren Schelle, der Hafen genannt, beſchwert, alle andern weit übertönend; hierauf die übrigen Kühe nach der Ordnung, mit Schellen, Blumen⸗ ſträußen und geſtickten Halsriemen geziert. Daran ſchließt ſich der Galterer(Wärter des Galtviehes, meiſt des jungen, noch unträchtigen) mit Kälbern und Stieren, hinter ihm der Gaißer mit den Zie⸗ gen, der Schäfer mit dem Wollvieh, die Saudirn mit den Schweinen, die mit feierlichem Grunzen den Zug beſchließen. 39 306 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Außer der Viehzucht betreiben die Tiroler auch Ackerbau, der aber ſehr beſchwerlich und wenig loh⸗ nend iſt; dagegen iſt der Obſtbau beträchtlich. Von den induſtriellen Erzeugniſſen Tirols ſind die Tep⸗ piche und die künſtlichen Holzſchnitzwaaren zu nennen. Böhmiſche Faſchingsſpiele. Von Alfred Waldau. 1. Der Taubenhaltertanz. Soen in den älteſten Zeiten finden wir zur 20) Faſtnachtszeit in verſchiedenen Ländern die Se verſchiedenſten Gebräuche und Feſtlichkeiten, de 5) mit denen die Blüthezeit der Luſt und Freude an jedem Orte in anderer Weiſe feſtlich be⸗ 2 gangen wurde, wo Jedermann unter der buntfarbigen Narrenkappe dem TVον˙ιν σςισαυνυν freudig oblag. Allgemein bekannt ſind die italieni⸗ ſchen, franzöſiſchen und deutſchen Faſtnachtsunter⸗ haltungen; viel weniger dagegen iſt die Kunde von den ſlaviſchen und ſpeziell von den böhmiſchen ver⸗ breitet. Die Haupturſache davon mag wohl in dem Umſtande beruhen, daß die alterthümlichen Ge⸗ bräuche beſonders in dem jüngſten Decennium im⸗ mer mehr aus der Uebung gerathen und völlig zur Karrikatur ausarten. Die Blüthezeit der feſtli⸗ chen, oft ſehr prunkreichen Maskenumzüge, wie ſie ſo viele Städte des deutſchen und des böhmiſchen Mit⸗ telalters genoßen, iſt zugleich mit dem mittelalter⸗ lichen Zeitgeiſt verſchwunden; die prächtigen Inſi⸗ gnien und Embleme auf den Schildern und Fahnen der durch die Straßen ziehenden, glänzend koſtü⸗ mirten adeligen und bürgerlichen Geſellſchaften ſind nirgends mehr zu ſchauen. Die elegante Welt hat ihre„geſchloſſenen Bälle“, ſelten einen Koſtümball oder eine Redoute, wo die Langeweile ihre Triumphe feiert; das gemeine Volk iſt auf ſeinen Tanz in ſchwülen Schänkſtuben beſchränkt und ſieht immer ſeltener einen Tag kommen, wo ſich noch ein mat⸗ ter Abglanz des mittelalterlichen Faſtnachtstreibens offenbart, indem eine Schar flotter Geſellen in kleidſamer Tracht auf offener Straße ihren Tanz aufführt, während ein oder zwei Hanswürſte mit der lieben Jugend allerlei ſcherzhaften Unfug trei⸗ ben, oder plötzlich aus den dichtgedrängten Haufen der neugierigen Zuſchauer ein hübſches Mädchen erfaſſen, ſich mit ihr paarmal herumwirbeln und dann die höchlich Erſchreckte mit einem weitſchallen⸗ den Kuſſe wieder loslaſſen. Da lacht dann Publi⸗ kus und freut ſich des derben Schwankes, bis ſchnell Einer oder der Andere unverſehens von den verſchlagenen Hanswürſten im Geſichte geſchwärzt wird. Und je ärgerlicher der Betroffene darüber ſich äußert, deſto lauter und größer iſt die allge⸗ meine Freude. Dieſe ſeltſame Sitte iſt alt, uralt, hat aber wohl ſchwerlich ihren Urſprung in Böhmen genom⸗ men. Man findet ſie auch durch ganz Deutſchland verbreitet, unter anderm auch in dem berühmten „S chäffl ertanz“, welcher alle ſieben Jahre in München aufgeführt wird(zuletzt im Jahre 1858). Dieſem gleicht in manchen Stücken der böhmiſche Taubenhaltertanz(holubarsky cech), deſſen Urſprung in vergangenen Jahrhunderten zu ſuchen iſt. Mag er auch nicht ſo alt ſein, wie der Münch— ner Schäfflertanz, deſſen Urſprung ſich im grauen Alterthume, ja bis in die heidniſche Zeit verliert und ſogar vielleicht bis zum Schwerttanze der Ger⸗ manen hinaufführt, ſo kann doch mit ziemlicher Ge⸗ wißheit angenommen werden, daß er bis zur Mitte des vierzehnten Jahrhundertes hinaufreiche, wo in Böhmen der fuürchterliche ſchwarze Tod wüthete. In Folge dieſer Seuche lagen nicht blos alle Ge⸗ ſchäfte leblos darnäcder ſondern es waren auch die Gemüther der Menſchen von der ſchmerzlichſten Nie⸗ eedtſch agenheit befallen. Da heißt es nun in den alten Aufzeichnungen, daß einzelne Gewerbsgenoſ⸗ ienſchaften zuerſt wieder ihren alten Frohſinn ge⸗ funden und ihn auch der geſammten Bevölkerung mitzutheilen beſchloßen. Da hätten ſie nun wieder ihre„alten Tänze“ herfürgenommen oder neue er⸗ ſonnen und zu allgemeiner Erheiterung und Ergö⸗ tzung öffentlich aufgeführt. Dahin gehört nun auch ohne Zweifel der holubärsky cech, der vor Zeiten in vielen Städten Böhmens beliebt war, allmälig aber auf die Städte Wamberg und Hohenbruck im öſtlichen Böhmen beſchränkt wurde, bis ihn die politiſchen Stürme des Jahres 1848 auch dort— und viel⸗ leicht für immer— unterdrückten. Aus dieſem Grunde ſcheint mir eine von zuverläſſiger Seite mir mündlich mitgetheilte Beſchreibung desſelben deſto nöthiger und erſprießlicher, weil er ſonſt gar bald einer gänzlichen Vergeſſenheit preisgegeben wäre. Am Nachmittage des Faſchingsdienſtags bilde⸗ ten ſtets ſämmtliche Taubenfreunde der Stadt einen maskirten Feſtzug von der Wohnung ihres„Ober⸗ älteſten“ aus, der von ihnen am vorjährigen Fa⸗ ſchingsdienſtage auf ein Jahr lang zu dieſer Würde graduirt worden war und ſie heute mit einem Feſt⸗ eſſen bewirthete. Ein Bajazzo in Ledertrikots trug in der Mitte des Zuges am Rücken einen rieſigen, mit bunten ſeidenen Bändern gezierten Käfig, der mit Tauben aller Farben angefüllt war, indeſſen andere Masken kleinere Käfige, worin je zwei Tau⸗ ben ſich befanden, in den Händen trugen. Den Oberälteſten in feſtlichem Aufputz und die Träger der Zunftlade an der Spitze, anfänglich von einer ſehr einfachen, aus der Schwegelpfeife und einer Trommel beſtehenden Muſik, in ſpäteren Zeiten je⸗ doch von einer wohlbeſetzten türkiſchen Muſik, die 1 4u=æͤ e — 7— — ½& ne darüber die allae⸗ allge⸗ b hat aber den ge — genont⸗ 2 eutſchland berühmten a Nahre in ² 1858). rböhmiſche ch), deſſen zu ſuchen Münch⸗ um grauen verliert ge der Ger⸗ He⸗ zur Mitte che, wo in d wüthete. s alle Ge⸗ en auch die ichſten Nie⸗ n in den genoſ⸗ hſinn ge⸗ ölkerung n wieder r neue er⸗ d Exgö⸗ ; aber auf im öſtlichen olitiſchen und viel⸗ lus dieſem ſiger Seite desſelben r ſonſt gar geben wäre. ſags bilde⸗ Stadt einen res„Ober⸗ hrigen Fa⸗ jeſer Würde einem Feſt⸗ trikots trug en rieſigen, Käfig, der ar indeſſen wei Tau⸗ gen. Den die Träger von einer und einer Zeiten ſe⸗ Muſik, die Alfred Waldau: Böhmiſche Faſchingsſpiele. 307 einen luſtigen Marſch ſpielte, begleitet, begab ſich der Faſtnachtszug nach dem Ringplatz. Während daſelbſt von vielen der hervorragenden„Zunftglie⸗ der“ allerlei humoriſtiſche Reden und Debatten ge⸗ pflogen wurden, die ſich vorzugsweiſe als ſcherzhaft feindſelige Demonſtrationen gegen das bisherige Oberhaupt manifeſtirten, zog die Abtheilung der taubentragenden Masken mit der Muſikbande durch die Stadt, zuerſt vor das Rathhaus, dann vor die Häuſer aller Honoratioren in abſteigender Linie. Meiſtentheils gaben ſich alle Theilnehmer(holu- bari) im Kreiſe die Hände, ohne die Käfige bei Seite zu ſtellen, und tanzten um den großen Käfig einen kurzen, eigenthümlichen Reigen; hernach er⸗ hielten ſie überall ein Geldgeſchenk, das häufig recht namhaft ausfiel. Nach vollendetem Rundgang begab ſich der ganze Zug vor das mit einer Ehrenpforte ge⸗ ſchmückte Haus des„Zweitälteſten“, welcher nun mit lebhaften Akklamationen zum Aelteſten für das laufende Jahr gewählt wurde. Kaum war dieß ge⸗ ſchehen, ſo wurden, wie auf einen Wink, ſämmtliche Käfige geöffnet und durch die Lüfte flatterte, von einem homeriſch lauten Jubel begleitet, das befreite Heer der Tauben nach allen Richtungen hin. Manch⸗ mal wurden ſchon während des Zuges, der an ein⸗ zelnen beſtimmten Stationen anhielt, ſtets zwei Tauben losgelaſſen. Zu gleicher Zeit wurden zahl⸗ reiche Piſtolenſchüſſe abgefeuert. Hierauf lud der Neugewählte ſeine Wähler in ſein Haus zu einem Feſtmahl, wo es an Braten, Kolatſchen, Bier und Liqueur durchaus nicht mangelte. Schließlich ging der koſtümirte Zug, an der Spitze den neuen Ober⸗ älteſten, der auch den Titel cechmistr(Zunftmei⸗ ſter) hatte, in nicht mehr ganz ſtreng geregelter Ordnung in das Wirthshaus, wo fröhlicher Jubel und Tanz bis in die erſten Stunden des Aſcher⸗ mittwochs herrſchte. Auf dieſe Weiſe ging es viele, viele Jahre zu. Der Faſchingsdienſtag des Jahres 1848 hat aber den letzten„Taubenhaltertanz“ geſehen. Mit die⸗ ſem wurde auch die ganze originelle„Zunft“ zu Grabe getragen und ihre Häupter wurden den „entthronten Größen“ beigeſellt. Die„letzten Mo⸗ hikaner“ des holubärsky cech in Wamberg wa⸗ ren der Stadtbarbier Poſtkehovſky und der Schuhmacher Polatek, beide ſehr paſſionirte Tau⸗ benfreunde, welche viele Jahre hindurch in dem Amte des Oberälteſten und Zweitälteſten abwechſelten. II. Der Wachteltanz. Eine Faſchingsunterhaltung ganz eigener Art beſtand und beſteht wohl theilweiſe noch jetzt in den Gegenden von Pürglitz, Schlan, Beraun, Plaß, Jungbunzlau, Kuttenberg u. ſ. w. Dieſe iſt eigent⸗ lich aus einem Kinderſpiele hervorgegangen, dem die Dorfjugend auf den Dorfplätzen, in Gärten, auf Angern und Wieſen an ſchönen Frühlings⸗ und Sommerabenden mit Vorliebe obzuwalten pflegt. Die erwachſenen Burſchen und Mädchen hingegen haben es mit einigen Modifikationen zu einem Faſtnachtstanze gebildet, der in der großen Wirths⸗ ſtube als„Wachteltanz“ zur allgemeinen Beluſti⸗ gung aufgeführt wird. Sechs Burſchen und ſechs Mädchen treten auf. Sie tragen Geſichtslarven in Geſtalt von Vogel⸗ köpfen und ſind am ganzen Körper mit bunten Lappen, dann mit Weizen⸗ und Erbſenſtroh behan⸗ gen. Die Burſchen heißen krepelèci(Wachtel⸗ männchen), die Mädchen krepelky(Wachtelweib⸗ chen).— Indeſſen Alt und Jung im Tanzſaale einen großen Zuſchauerkreis bildet, ſtellen ſich die Zwölf in der Mitte in zwei Reihen auf— hier die Burſchen, da die Mädchen. Nun erfaſſen ſie einen etwa klafterlangen Stab, und jener Burſche, der ſo glücklich iſt, denſelben allen Andern zu ent⸗ winden, iſt krepeläk nejstarsi(der Wachtelkönig) und gebietet als ſolcher über alle Andern. Da ruft er mit lauter Stimme den Muſikanten zu: „Tus, pâni muzikanti!“(Einen Tuſch, Ihr Her⸗ ren Muſikanten!) Sogleich ertönt eine luſtige Fan⸗ fare und mit hellem Jubel fallen die Zuſchauer ein. Nun bilden die Zwölf eine Ronde und hüpfen von rechts nach links, wobei ſie das nachſtehende Liedchen ſingen: „Peter ſä'te Hirſe, Weizen, Eine Wachtel ſcheuchte er auf; Das Wachtelweibchen haben wir, Das Wachtelmännchen iſt nicht hier— Wenige ſind wir, Wenige ſind wir, Geh Du, Janek, Weg von uns!“ Bei den letzten Worten ſtößt der Wachtelkönig Einen aus der Kette heraus, der bei Seite gehen muß. Die Uebrigen ſchließen wieder die Kette und ſingen das Lied von Neuem, bis bei den letzten Worten abermals eine Perſon verbannt wird. Alſo geht es im Ganzen zehnmal zu, bis zuletzt nur der Wachtelkönig und die Wachtelkönigin übrig bleiben, die ſich nun die Hände reichen und kreis⸗ förmig ſich drehen. Dabei ſingen ſie: „Peter ſä'te Hirſe, Weizen, Eine Wachtel ſcheuchte er auf; Das Wachtelweibchen haben wir, Das Wachtelmännchen iſt nicht hier— Wenige ſind wir, Wenige ſind wir, Kommt ihr Alle Her zu uns!“ „Tus, pni muzikanti!“ ruft wieder der Wachtelkönig, die Muſik fällt mit rauſchenden Klän⸗ gen ein und alle„Wachteln“ treten in den Kreis und beginnen paarweiſe nach Art des bekannten, Holubiec in dem polniſchen Mazur ſchnell zu tan⸗ zen, wobei ſie ſingen: 39* Erinnerungen. Itluſtrirte Nlätter für Ernſt und Humor. „Wachtel flog vom Felſen auf, den Wolken zu, Weckte ein Paar blauer Augen Aus der Ruh'. Hätten nicht geruht die Aeuglein, Blau und hell, Konnten ſie die ſchöne Wachtel Fangen ſchnell!“ Iſt das Lied beendigt, ſo ruft der Wachtel⸗ könig zum dritten Male:„Tus, paâni muzikanti!“ Die Trompeten ſchmettern und die Halle wieder⸗ hallt von lachendem Gejauchze. Nach einer Weile beginnt das Spiel von Neuem. Es dſt, wie ſchon erwähnt wurde, jetzt bei weitem nicht mehr ſo üblich unter den Erwachſenen, wie vor Jahren; nur die Kinder führen es noch heutzutage ſehr gern im Freien auf, natürlich ohne Masken, Muſik und Tanz. Bemnierkenswerth iſ noch der intereſſante Umſtand, daß ſchon die alten Griechen ein ähnli⸗ ches Tanzſpiel, das ſie ebenfalls Wachtel l„697&* hießen, kannten.(Vergl. Plutarch's: De audien- dis poetis.) — Herrn Friedlich's Verflüchtigung. Ein Schwank. Menn Jemand Grund hatte, in ſeinem Na⸗ men eine Ironie auf ſeinen Charakter zu 3, finden, ſo war es der Schneider Fried⸗ Nlich, ein Männlein von höchſt kriegeri⸗ ſchen Gelüſten. Friedlich ſtammte aus einer kriegeriſchen Familie, denn ſein Va⸗ ter und Großvater hatten in der Armee als Schnei⸗ der gedient; kein Wunder alſo, wenn ſich ein an⸗ geborner martialiſcher Geiſt in ihm regte und er von nichts als Kämpfen und Duellen träumte. Er hatte ſich freilich trotz ſeiner Raufluſt noch nie in ſeinem Leben ais hlagen, doch nicht etwa, weil es ihm an Muth fehlte, ſondern weil er das Unglück hatte, auf lauter Seg Pas zu ſtoßen. Obwohl er nicht mehr als vier Schuhe maß, ſo wollte doch Niemand mit ihm anden ſei es nun, daß man ihn in der That fürchtete, oder daß in der Heimat Friedlich's die chriſtliche Tugend der Nachgiebigkeit zu Hauſe war. Trat Friedlich Jemanden abſicht⸗ lich entgegen, ſo begnügte ſich der Herausgeforderte lediglich damit, unſerem kleinen Helden ſo freund⸗ ſchaftlich auf den Rücken zu klopfen, daß alle Kno⸗ chen aus ihren Fugen hätten ſpringen mögen,— und damit war aller Streit ſchon abgethan. „Blut und Wunden! Ich verſchimmle und verroſte in dieſem faulen Frieden!“ Mit dieſem Aus⸗ rufe der Ungeduld machte ſich Friedlich gewöhnlich Luft, wenn er nach der friedlichen Beilegung einer Ehrenſache in ſeiner Junggeſellenwohnung ſaß und mit einem Gefühle der Bitterkeit die Spitze der Nadel und die Schneide der Schere betrachtete. Daß er bei ſolcher Gemüthsverfaſſung nicht mit geſammeltem Geiſte bei den Werken ſeiner Hände war, iſt begreiflich; die Nadel wurde ihm oft„zum Stachel ſeiner Schmerzen“ und die Schneiderhölle zur wirklichen Hölle. Eines Tages ſtand Friedlich an ſeinem Ar⸗ beitstiſche und bügelte die Näthe eines alten Fracks, den er für Herrn Selig, einen Privatgelehrten des Ortes, bereits das dritte Mal gewendet hatte. Seine Hände ruhten auf der Handhabe des Bügeleiſens und ſein Kinn auf den Händen. Während er ſich ſo unbeweglich geſtützt hielt, war er ganz unbeküm⸗ mert um den Rauch, der ſich von dem verſengten Tuche erhob. Er ſtand da ein verſteinertes Modell des Unglücks oder der verkannten Größe. In dieſer Stellung traf ihn Herr Selig, der eben noch zu rechter Zeit kam, einer weiteren Verheerung ſeiner Frackſchöße Einhalt zu thun. Herr Selig war eben⸗ falls ein vollendeter Typus des Unglücks, wie Herr Friedlich; er hatte einen Ausdruck von einer reſignirten Niedergeſchlagenheit und neben ſeiner Naſe ſah man zwei Furchen herabgehen, die ohne Zweifel ſeine Thränen ausgehöhlt hatten, als er noch weinen konnte. „Guten Morgen, Herr Selig,“ ſagte der Schneider, als der Gelehrte eintrat,„wollen Sie ſich nicht ſetzen?“ Herr Selig ſebte ſich, und nachdem er ſich den Schweiß von der Stirne getrocknet hatte, ſtellte er ſeinen Hut auf den Tiſch und ſah den Schnei⸗ der an. Der Süder betrachtete wieder ſeiner⸗ ſeits Herrn Selig, ohne daß von einer Seite durch mehrere Minuten ein Wort geſprochen wurde. End⸗ lich ahoß der Gelehrte ſeine Stimme und ſagte: „Herr Friedlich, iſt mein Frack noch nicht fertig?“ „Ich bin eben im Begriffe, ihn zu bügeln,“ antwortete Friedlich.„Wenn Sie nur ein wenig Geduld haben wollen..... 1 „Geduld?“ entgegnete Hände zuſammenſchlug,„Gedul Friedlich?“ „Ja Geduld!“ entgegnete mit einiger Heftig⸗ keit der Schneider, in den wieder die Kampfluſt fuhr;„wenn Sie widerſprechen, daß ich ſagte: Ge⸗ duld, ſo, ſo. „Ach, Friadt ich, ich widerſpreche nie. Seit ich verheiratet bin und mein Leben mit Ünterricht friſte, bin ich ſelbſt Tag und Nacht in der Schule der Geduld. Es iſt mir in dieſer Zeit nur einmal bei⸗ gekommen, den Schatten eines Zweifels auszu⸗ ſprechen, aber ich habe es bereut und ſeitdem wage ich nicht einmal mehr zu zweifeln.“ „Gut, wenn Sie alſo Geduld haben, ſo will ich Ihnen jetzt von einem Ende zum andern er⸗ zählen, was mich ſo betrübt macht.“ Und der Schneider erzählte dem Gelehrten zum Selig, indem er die d, ſagen Sie, Herr betrahhed. uicht mit er Hände oft„zum Oneiderhöle m m ſeinem Ar⸗ en Fracks, ehrten des S.. ulle, Seine ſeiner die ohne „ als er ſagte: ch nicht lu“ in, r ein wenig : Ge⸗ Herrn Friedlich's Verflüchtigung. 30⁰09 diße der fünfzigſten Male die Geſchichte ſeiner Leiden, die wieder mit den Worten ſchloß:„Blut und Wun⸗ den, ich verſchimmle und verroſte in dieſem fau⸗ len Frieden!“ „Sie haben für Ihren friedlichen Beruf, der alles Getrennte vereint, einen zu martialiſchen Geiſt,“ belehrte der Gelehrte.„Wenn Sie meinem Rathe fol⸗ gen wollen, ſo will ich Ihnen ſagen, wie Sie einen Wellenſchlag in die ruhige Oberfläche Ihrer Exi⸗ ſtenz bringen können. Nehmen Sie eine Frau. Sind Sie erſt einmal ein Vierteljahr in dem hei⸗ ligen Stande der Ehe, ſo haben Sie ſich ſicher nicht mehr über den Ueberfluß an Frieden und Ruhe zu beklagen. Experto crede Roberlo.“ „Verſtehen Sie darunter, daß mir eine Frau Furcht einjagen könnte?“ rief der Schneider mit entſchloſſener Miene, indem er nach der Elle, wie nach einem Degen griff. „Friedlich,“ entgegnete der Gelehrte mit Sanftmuth,„legen Sie die Waffe weg, die ich nicht zu führen verſtehe und horchen Sie meinen Worten, als kämen ſie aus dem Munde eines Profeten: wenn Sie, wie Sie ſagen, in faulem Frieden ver⸗ ſchimmeln und verroſten, wenn Sie müde ſind, in Ruhe zu leben, ſo heiraten Sie.— Da mich meine Frau erwartet und ich daher nicht länger ausbleiben kann, ſo bitte ich mir den Frack in's Haus zu ſchicken. Gott befohlen!“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Herr Selig; der Schneider blieb, und, die Elle in der Hand, betrachtete er mit nachdenklichen Blicken noch lange die Thür, durch, welche der Gelehrte verſchwun⸗ den war. Viele Leute haben das Glück ſo nahe, daß ſie nur zugreifen mögen; es handelt ſich nur darum, daß ſie darauf aufmerkſam werden. Der Schneider hatte ſich bisher unglücklich gefühlt, weil er auf einem falſchen Pfade war, nun aber hatte ihm Herr Selig eine Idee in den Kopf geſetzt, die eine ganze Revolution darin bewirkte und die Herr Friedlich mit der vollen Wärme ſeiner ritter⸗ lichen Natur verfolgte. Er wunderte ſich jetzt dar⸗ über, wie der kriegeriſche Geiſt ſeiner Familie ſein Herz ſo vollſtändig einnehmen konnte, daß es allen zarteren Gefühlen wie verſchloſſen war. Die Umwandlung, welche mit ihm nach dem Beſuche des Gelehrten vorging, erfüllte alle ſeine Bekannten mit Erſtaunen. Bisher hatte ſich über ſein Leben ein düſterer Himmel voll Stürme und Ungewitter geſpannt, kein Wunder alſo, wenn jedes ſeiner Worte ein Donner, jeder ſeiner Blicke ein Blitz war; jetzt aber ſchien ſich ein ewiger Frühling um ihn zu ziehen, ſein Herz grünte wieder und trieb als ſüße Blüthen gar manches ſchöngereimte Gedicht. Jeder ſeiner Tage war heiter, und wenn ja eine Wolke ſich zeigte, ſo ſaß der kleine beflügelte Schelm mit dem Bogen darauf und eine reizende Iris lächelte herab und ſchien ihm zuzurufen:„Blut und Wunden! Friedlich, warum heirateſt Du nicht?“ Friedlich war Pſycholog genug um zu wiſſen, daß das, was er empfand, Liebe ſei. Aber bei die⸗ ſem ſeinem Gefühle ging er nicht wie der gewöhn⸗ liche große Haufe der Verliebten zu Werke, welche damit anfangen, erſt eine ſchöne Evatochter zu fin⸗ den und dann ihr Herz an ſie zu verlieren; er hatte vielmehr ſeine Leidenſchaft ſchon im Voraus fertig, ganz zugeſchnitten und ausgenäht, wie einen Rock auf dem Lager, der nur den Kunden erwartet. Der Gelehrte war die erſte Perſon, welche Friedlich in Betreff ſeiner Leidenſchaft um Rath fragte. Das Herz voll Freude und Sonnenſchein begab er ſich zu dieſem melancholiſchen Manne und theilte ihm mit überſtrömendem Gefühle mit, daß er verliebt ſei. „Verliebt?“ ſagte Herr Selig; wiſſen in welches Mädchen?“ „Vorderhand noch in keines insbeſondere; ich liebe ſie noch Alle im Allgemeinen.“ „Das iſt eine univerſelle Leidenſchaft,“ bemerkte der Gelehrte,„die unmöglich zu einem Ziele führt, da Sie doch nicht Alle heiraten können.“ Der Gelehrte ſchüttelte den Kopf und ſchien ziemlich unglücklich; Friedlich rieb ſich die Hände und ſchien vollkommen glücklich. Der Gelehrte ſchüt⸗ telte ein zweites Mal den Kopf und ſchien unglück⸗ licher als früher, Friedlich's Glück aber wuchs gleichfalls beim zweiten Reiben der Hände.—— Um dieß Geheimniß gleich zu erklären: Selig wäre nicht ſo unglücklich geweſen, wenn Friedlich nicht ſo glücklich ſich gezeigt hätte, und Friedlich hätte ſich nicht ſo glücklich gezeigt, wenn Selig nicht ſo unglücklich geweſen wäre. Das iſt die Wirkung des Kontraſtes. „Sie haben nicht unrecht, Herr Selig,“ ſchmunzelte der Schneider.„Da ich nun einmal verliebt bin, ſo iſt es wohl an der Zeit, mir eine Frau zu ſuchen.“ „Ach, Friedlich,“ warnte der Gelehrte, „verſuchen Sie den Himmel nicht! Doch verfahren Sie nach eigenem Gutdünken, die traurigen Fol⸗ gen Ihrer Kühnheit fallen auf Ihr eigenes Haupt.“ „Wir werden ja ſehen,“ antwortete der Schnei⸗ der.„Ich bin nicht gekommen, Ihre Jeremiaden anzuhören, ſondern um zu erfahren, ob Sie mir zu einer Heirat behilflich ſein wollen.“ „Sehen Sie mich an, Friedlich,“ ſagte der Privatgelehrte mit Feierlichkeit.„Sie erblicken in meiner Perſon ein lebendiges Warnungszeichen, einen ſprechenden Beweis des ehelichen Ungemachs. Ich glaube, daß kein Stand auf der Erde glückli⸗ cher iſt, als der ledige. Die meiſten Männer, die ſich eines Doppelkinns und eines wohlgewölbten Leibes erfreuen, ſind Cölibatäre, und, Friedlich, im Allgemeinen iſt jeder dicke Menſch glücklich. Sie wiſſen auch, wie rund und ſtattlich ich vor meiner Hochzeit ausſah, und Sie wiſſen, um wie viel Sie ſeitdem meine Kleider enger machten. Drum überlegen Sie den Schritt, damit Sie nicht „darf man — 310 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. einſt in wörtlicher und figürlicher Bedeutung ſo in ſich gehen, wie ich.“ „Daran liegt mir wenig,“ entgegnete der Schneider.„Heiraten erfordert Muth und drum iſt Heiraten meine Sache. Wenn Sie mir eine Frau verſchaffen können, Herr Selig, ſo wende ich Ihnen den Frack zum vierten Male umſonſt.“ „Nun denn,“ ſagte Selig ſich zufriedenſtel⸗ lend,„was denken Sie von Hannchen Gut, der Fleiſcherstochter? Sie ſind ohnehin nicht wenig blutdürſtig und können ſo leicht auf eine unſchul⸗ dige Art Ihren Durſt ſtillen. Es iſt zwar nicht zu läugnen, Friedlich, daß ſie faſt noch einmal ſo groß und dreimal ſtärker als Sie ſein mag; aber aus eben dieſem Grunde nehmen Sie ſie zur Frau. Die meiſten großen Thiere ſind gutmüthig, und behüte der Himmel jeden meiner Freunde vor einer kleinen Frau.“ „Kein Wort weiter, Herr Selig. Mädchen iſt es gerade, in das ich verliebt bin. Seien Sie ohne Furcht, ich werde über ihr Herz triumphiren, wenn ein Mann auf der Welt es im Stande iſt.“— Es gehörte übrigens nicht viel Muth dazu, Hannen'’s Herz zu erobern; denn das Feld war frei und kein Nebenbuhler machte den Sieg ſtreitig. Die Eltern der Schönen legten auch nicht Hinder⸗, niſſe in den Weg, es ſchien ihnen im Gegentheile dieſe Verbindung ſehr erwünſcht zu ſein, und als die nöthigen Einleitungen getroffen waren, drückten ſie Herrn Friedlich die Hand mit einem Aus⸗ drucke, der mehr Beileid als einen Glückwunſch bezeichnete. Die Hochzeit, welche bald erfolgte, bot nichts Beſonderes. Als der Gelehrte von ſeinem Stüb⸗ chen aus die Hochzeitsgäſte mit dem Bräutigam in das Haus des Fleiſchers ziehen ſah, ſeufzte er: „Ach, der arme Friedlich! man führt ihn wie einen Ochſen zur Schlachtbank! Nun hat es wohl ein Ende mit ſeinem Spruche: Ich verſchimmle und verroſte in dieſem faulen Frieden.“ Am Abende des Hochzeitsfeſtes tanzte Herr Friedlich, dem der genoſſene Wein ein wenig zu Kopfe geſtiegen ſein mochte, mit der„Kranzel⸗ jungfer“ und ſetzte ſich nach dem Tanze an ihre Seite. Hier entwickelte er über das Kapitel„Schön⸗ heit“ einige Beredſamkeit, man ſagt ſelbſt, daß er ihr manches Wörtlein leiſe in's Ohr flüſterte und Dieſes dabei mit vieler Freundlichkeit das Kinn ſtrei⸗ chelte. Dieſes téte-à-téte dauerte einige Zeit ohne eine beſondere Aufmerkſamkeit zu erregen; nur eine einzige Ausnahme fand ſtatt, aber dieſe Ausnahme war für ſich allein ſo viel als alle Regeln. Hann⸗ chen Friedlich erhob ſich, dann ſetzte ſie ſich nieder und nahm ein Glas Wein, hierauf erhob ſie ſich zum zweiten Male. In ihrem Gefühle als Gattin auf's höchſte empört, näherte ſie ſich den Beiden, die ſich nichts Argen verſahen, und im Momente lag Herr Friedlich in Folge einer wohl applizirten Ohrfeige am Boden. Ruhig, als hätte dieſer Vorfall weiter nichts mehr zu bedeu⸗ ten, bückte ſich nun Frau Friedlich, hob ihren Gatten auf, nahm ihn unter den Arm wie ein Scheit Holz und verließ mit würdevollen Schrit⸗ ten die Tanzſtube, um ſich in die hochzeitliche Kam⸗ mer zurückzuziehen. Am Morgen darauf fand ſich Herr Selig ein, um dem Schneider Glück zu wünſchen. Fried⸗ lich drückte leiſe die Hand ſeines Kunden, der ihn fragend anblickte. Der Gelehrte glaubte ein leichtes Kopfſchütteln zu bemerken, er war aber ſeiner Sache nicht gewiß, denn da er in demſelben Augenblicke ſelbſt den Kopf ſchüttelte, ſo meinte er, daß leicht eine optiſche Täuſchung habe ſtattfinden können. Friedlich hatte der glücklichen Täuſchung gelebt, daß ſeine Ehe nur eine Parentheſe in ſei⸗ ner Exiſtenz bilde und daß er gleich nach der Hoch⸗ zeit, als wäre indzwiſchen nichts vorgefallen, ſeinen Heroismus wieder aufnehmen könne. Die Rückſich⸗ ten, welche wir dem Familienleben ſchulden, ver⸗ bieten uns, jene Vorgänge an Friedlich's häus⸗ lichem Herde an das Tageslicht zu ziehen, welche manchen Schlagſchatten zu dem Bilde unſeres Freundes liefern könnten. Wir erwähnen nur, daß Friedlich bald ſich zu ſcheuen anfing, mit dem Gelehrten zuſammenzukommen. Vor der Hochzeit hatte es ihm Freude gemacht, ſo oft Herr Selig ſeinen Laden beſuchte, im Gefühle der eigenen be⸗ häbigen Rundung dem hagern Gelehrten mit iro⸗ niſchen Bemerkungen wegen ſeines ſchwellenden Ge⸗ deihens zu gratuliren. Herr Selig hatte den Scherz nie übel genommen, denn ſeine Philoſophie war nicht wie ſein Fleiſch; ſie verließ ihn nie. Nicht gar. lange nach den Flitterwochen zog Herr Friedlich eines Tages ſeine ſchönſten Klei⸗ der an. Während er die Weſte zuknöpfte, ſchüttelte er den Kopf ganz wie Herr Selig. „'s iſt zum Erſtaunen,“ ſeufzte er,„dieſe Weſte ſaß mir ſonſt wie ein Handſchuh. Merkwür⸗ dig, wie das Tuch ſich ausdehnt.“ „Wo gehſt Du hin?“ fragte ihn die Frau, als ſie ihn ſo in Putz ſah. „Je nun, zur„Traube“ auf ein Gläschen.“ „Du gehſt heute wohl nicht mehr aus,“ ſagte die Frau ruhig, aber beſtimmt. „Ich werde gehen,“ erwiederte Friedlich mit Heftigkeit,„und wenn die ganze Welt es mir verbieten will. Blut und Wunden, Weib, für wen ſiehſt du mich an? Bin ich nicht der Friedlich, der noch nie ſeinen Mann und Meiſter gefunden? der Friedlich, der verroſtet und verſchimmelt in dieſem faulen Frieden? Nimm Dich in Acht, Weib, wenn ich einmal in Wuth komme, ſo kann ich ſehr unbeſonnen werden.“ „Du gehſt heute nicht aus,“ wiederholte die Frau mit einem bezeichnenden Blicke. Ungefähr eine halbe Stunde ſpäter ſaß Fried⸗ lich ruhig bei ſeiner Arbeit. Er fing nach und — h uhig, als zu bedeu⸗ hob ihren n wie ein Schrit⸗ liche Kam⸗ elig ried⸗ n, der ihn leichtes ner Sache Herrn Friedlich's Verflüchtigung. 311 nach an, alles mit Stillſchweigen zu ertragen, denn das Schweigen iſt, wie ihm ſein gelehrter Freund oft wiederholt hatte, eine Probe der Weisheit. Nicht lange Zeit darnach begegnete Fried⸗ lich eines Abends aus Zufall auf einem Brette, welches als Brücke über einen Bach gelegt war, Herrn Selig. Dieſes Brett war nur einen Fuß breit, ſo daß zwei Perſonen ſich auf demſelben nicht ausweichen konnten. Wir finden nicht Worte genug, um den Schrecken der Beiden zu ſchildern, als ſie wahrnahmen, daß ſie darauf ohne ſich zu ſtreifen aneinander vorüber gegangen waren. Sie ſahen ſich über den Bach mit befremdeter Miene an, am meiſten verblüfft war aber Herr Selig. „Alle guten Geiſter....!“ rief er,„Fried⸗ lich, ich beſchwöre Sie zu reden, damit ich gewiß weiß, daß Sie noch am Leben ſind.“ Friedlich bekundete durch einen tiefen Seuf⸗ zer ſeine annoch materielle Exiſtenz. „Armer Freund,“ fuhr jetzt der Gelehrte fort, „antworten Sie jetzt auf meine Frage mit jener feierlichen Wahrheit, deren der Menſch nur in er⸗ höhten Augenblicken, zum Beiſpiel unter dem Gal⸗ gen fähig iſt: Verſchimmeln und verroſten Sie immer noch in faulem Frieden?“ Der Schneider ſammelte ſich erſt, bevor er antwortete. Er öffnete ſeine Weſte, wickelte ſie einige Male um ſich herum und ſprach dann aus⸗ weichend mit düſterer, vorwurfsvoller Stimme: „Wie konnten Sie mir, Freund Selig, den feind⸗ ſeligen Rath ertheilen, eine Frau zu nehmen?“ Der Gelehrte ſchüttelte den Kopf nach ſeiner kläglichen Weiſe; aber ach, er bemerkte bald, daß der Schneider jetzt ſich eben ſo gut wie er darauf verſtand, den Kopf zu ſchütteln. Tags darauf machte ſich der Schneider ſeine Kleider wieder enger und von Zeit zu Zeit fuhr er fort, ſie mit den abnehmenden Dimenſionen ſeines Körpers in das rechte Verhältniß zu ſetzen. Es währte nicht lange, ſo hatte unſer Friedlich den Gelehrten auf der Bahn des Unglücks weit hinter ſich gelaſſen. Drei Jahre waren noch nicht ſeit der Hochzeit verſtrichen und der Schneider hatte ſchon ſo viel von ſeiner Schwere eingebüßt, daß er an einem windigen Tage nicht mehr ausgehen konnte, ohne Gewichte in den Taſchen zu tragen. Der Schneider mußte eine große Lebenskraft beſitzen, um bei der bedenklich fortſchreitenden Ver⸗ minderung ſeiner Perſon noch exiſtiren zu können. Nach Verlauf von noch zwei Jahren konnten ihn ſeine Freunde nicht mehr von ſeinem Schatten unterſcheiden, was zuweilen ſehr unangenehme Ver⸗ wechslungen zur Folge hatten. So wollte ihm z. B. einmal einer ſeiner Kunden eine kleine Rech⸗ nung auszahlen und den Betrag dem Schatten überreichen; Friedlich gelang es nun wohl, den Irrthum aufzuklären, aber er ſah ſich doch zu dem Geſtändniß gezwungen, er vermöge es nicht mehr, das Geld nach Hauſe zu tragen. Der arme Schneider ertrug ſeinen Zuſtand ſo lange er konnte, aber ſchließlich wurde ihm doch ſeine geiſterhafte Leichtigkeit zur Laſt und er be⸗ ſchloß, ſeinem ſchwachen Daſein ein Ende zu ma⸗ chen. Nachdem er alle Todesarten reiflich erwogen, verſuchte er es, ſich mit einem Schermeſſer die Adern zu öffnen; aber ach! ſein Heldenblut wollte bei einer ſo ſchmählichen Gelegenheit nicht fließen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er kein Blut mehr in den Adern hatte. Was war zu thun? Er nahm zum Strange die Zuflucht und ſuchte ſich an einem Balken ſeines Ladens zu erhängen. Neues Mißgeſchick! Sein Gewicht war ſo gering, daß es nicht hinreichte, um ihm den Tod zu ge⸗ ben. Sein dritter Verſuch beſtand in dem Erträn⸗ ken, aber er brachte es nicht zum Untertauchen. Alle Elemente ſchienen ſich gegen ſeinen Tod ver⸗ ſchworen zu haben und ſo war er dazu verdammt, ewig auf der Erde zu bleiben. Aber er hörte nichts⸗ deſtoweniger auf ſich zu vermindern, bis er zuletzt mit der Zeit auf ein ſolches Minimum geſchmol⸗ zen war, daß ihn das menſchliche Auge nicht mehr wahrnehmen konnte. Auch auf dieſer Stufe konnte er nicht immer bleiben. Bald kam es ſo weit mit ihm, daß er nur noch durch das Gehör bemerklich wurde. Er war ſomit nur noch ein Echo von einer menſchli⸗ chen Exiſtenz, oder wie ſich unſer Gelehrte aus⸗ drückte: vox et praeterea nihil. Herr Selig behauptete freilich, ihn noch von Zeit zu Zeit zu ſehen, das kam aber nur daher, weil ſich Herr Se⸗ lig ſelbſt auch in Kummer und Drangſal immer mehr vergeiſtigt hatte. Auch die Stimme Friedlich's wurde immer dünner und dünner, bis ſie zu einem unbeſtimm⸗ ten Murmeln und ſchließlich zu jenem feinen Ge⸗ töne ſich abſchwächte, das wir mit Ohrenklingen bezeichnen. f Wenn einem ledigen Manne die Ohren klin⸗ gen, ſo ſitzt der Schneider Friedlich in der Ohr⸗ muſchel und warnt auf leider unverſtändliche Weiſe vor einem unüberlegten Sprunge in den Eheſtand. Das iſt die ſeltſame und ſchreckliche Geſchichte von dem Schneider, welcher, wie es auch recht iſt, in ſeiner Eigenſchaft als Held dem Tode entging. Er ſchmolz hin wie ein Eiszapfen, verduftete wie ein Thautropfen und verflüchtigte ſich wie Aether, indem er der Wahrnehmung irdiſcher Sinne ſich entzog und im Immateriellen aufging. Herr Se⸗ lig, der Gelehrte, lebt noch ein leibliches Daſein und hat alle Fülle ſeines Körpers und alle Kraft ſeiner Seele wieder erlangt, ſeine Frau aber iſt vor zwei Jahren geſtorben. Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Der Invalide. Mo wäre der Himmel mein Lagerzelt, &ℳ 1 Mein Bett die grüne Erde: Mich drückt kein Schuh auf dieſer Welt, Mein Herz drückt keine Beſchwerde. Die Füße liefen mir längſt voran, Ich hole ſie ein am Ende. Ich bin drum doch ein ganzer Mann, Und fehlten mir ſelbſt noch die Hände. Am Rheine liegen die Füße mein In kühler Erde begraben; Drum ſing' ich gern beim Gläschen Wein: „Sie ſollen ihn nicht haben!“ Dann ſchwing' ich das Glas mit lautem Hoch: „Glück auf, ihr jüngeren Streiter! O hätte ich Graubart die Füße noch, Gern würde ich euer Begleiter!“ Das billige Modell. (Zu der Bilder⸗Beilage dieſes Heftes.) Mer Maler ſitzt an der Staffelei S und ſchafft aus eigener Phantaſei ⁵ Aus alter Zeit ein Konterfei. Der Künſtler iſt ein feiner Geſell, Er ſucht zu ſeinem Bilde ſchnell In nächſter Näh' ein billig Modell. Doch ſinge ich Lieder in dieſer Zeit, Die anno dreizehn erklungen: Da wird das Herz mir groß und weit Von ſchönen Erinnerungen; Da ſetz' ich die Kappe keck auf's Ohr Und ſtreiche den Bart, den grauen, Und bin wie ein Baum im zweiten Flor Der Herbſtzeit anzuſchauen. Der Fund iſt ihm gar raſch geglückt, Sein Pudel, ritterlich geſchmückt,— Er ſitzt dem Maler ganz unverrückt. Der Künſtler lächelt:„Das nenn' ich bunt, Man geht durch theure Modelle zu Grund, Und kommt durch billige— auf den Hund.“ ——— F Fenilletan. Muſik. Wie alljährlich, ſo häuft ſich auch dießmal gegen das Ende der Saiſon die Anzahl der Konzerte, deren größerer Theil, als einer allerdings löblichen Wohlthä⸗ tigkeitstendenz wegen im Programm bunt zuſammen⸗ gewürfelt, dem wahren Kunſtintereſſe etwas fern ſteht und hier nur einfach als abgethan zu notiren iſt. Von wahrhaft großer Bedeutung erſchien jedoch das zweite Konzert des Konſervatoriums und die von der Tonkünſtler⸗Geſellſchaft zu Stande gebrachte Aufführung des großen Oratoriums„Samſon“ von Händel. Er⸗ ſteres perherrlichte Servais, mit Recht der Erſte unter den jetzt lebenden Violoncelliſten, durch ſeine vollendete Kunſtleiſtung. Er ſpielte ſein C-moll-Konzert, dann die Phantaſie über ſlaviſche Volksmelodien. Die außer⸗ ordentliche Technik, Eleganz und Feinheit des Spieles, die nicht ſo ſehr mit Oſtentation, als vielmehr den Total⸗ eindruck des durch einen wunderbar großen Ton geho⸗ benen Vortrages illuſtrirend erſcheint, übt einen eigen⸗ thümlich wohlthuenden Zauber, wie ihn nur das von Meiſterhänden behandelte ſangvollſte aller Inſtrumente äußern kann. Die Konſervatoriums⸗Zöglinge traten dießmal als Soliſten in Geſangs⸗, Klarinett⸗ und Vio⸗ linkompoſitionen mit ſehr befriedigendem Erfolge auf, im Enſemble trugen ſie zuerſt unter Leitung des Herrn Direktors Spohr's Symphonie Nr. 2 in D-moll mit dem genaueſten Verſtändniß, hierauf eine„Konzert⸗ Ouverture“ nach G. A. Bürger's Gedicht:„Der wilde Jäger“ von C. M. Ritter v. Savenau unter des Kom⸗ poniſten Leitung vor. In letzterer zum erſten Male auf⸗ geführten Novität tritt der junge Komponiſt, nachdem er ſchon ſo manche gelungene Probe ſeines produktiven Talentes ſowohl in der Kammer⸗ als Vokalmuſik und im ſtrengen Kirchenſtyl gegeben, zuerſt in der Orche⸗ ſtralſphäre vor die Oeffentlichkeit. Die Bezeichnung die⸗ Erinnerungen. 1859. V V ſes Werkes als„Ouverture“ iſt wohl deßhalb gewählt worden, um dem Vorwurf zu begegnen, als wolle der Komponiſt überhaupt die in der neueſten Zeit von ge⸗ wiſſer reformatoriſchen Seite aufgebrachte und verfolgte Richtung der Programmmuſik zu ſeiner eigenen machen. Dieſe Ouverture iſt aber jedenfalls ein geiſtreich angeleg⸗ tes und mit einer für den erſten Anfang ungewöhnli⸗ chen und anerkennungswerthen Routine und Inſtrumen⸗ tirungskenntniß aufgeführtes Tongemälde, welches ſich in richtiger Erkenntniß des äſthetiſchen Prinzips inner⸗ halb der Schranken der Inſtrumentalmuſik in der Art bewegt, daß es, inſoweit dieſer letztern die Aeußerung eines in allgemeinen Umriſſen gehaltenen Ausdruckes möglich iſt, denſelben mit allem diſponiblen Kunſtappa⸗ rat getreu und in richtigem Verhältniß zu der Steige⸗ rung der als Motto dienenden Epiſode verſinnlicht. Dabei enthält ſich der jugendliche Komponiſt mit Be⸗ ſonnenheit jeder kleinlichen Detailmalerei, durch welche zuweilen in der eigentlichen Programmmuſik der Ab⸗ gang des Sinnes für architektoniſches Ebenmaß, der Produktivität und der kunſtgerechten thematiſchen Durch⸗ führung, zum Zwecke, durch geſuchte Originalität oder eigentlich Bizarrerie den unbefangenen Laien zu blen⸗ den, beſchönigt wird. Sehr wirkſam deuten die beweg⸗ ten Violinpaſſagen und die alternirenden anregenden Stellen der Blechharmonie das tolle Treiben der„wil⸗ den Jagd“ an und bilden zu den klagenden Phraſen der Holzbläſer einen überraſchenden und treffenden Ge⸗ genſatz. Der Expoſition dieſes erſten Haupttheiles, dem nur eine gedrängtere Kürze der Durchführung, dann eine auf die wirkſamere Steigerung gegen den Schluß hin abzielende, angemeſſene Vertheilung und Kombinirung der Klangfarben und Tonmaſſen zu wünſchen wäre, folgt nach einem impoſanten Ruhepunkte als zweiter Haupttheil die muſikaliſche Zeichnung des dämoniſchen Elementes, die in jeder Beziehung ſehr gelungen iſt, 40 314 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. obwohl hier die oft unwillkürliche Benützung ſo man⸗ cher bereits von illuſtren Muſtern her bekannten Klang⸗ effekte ſehr nahe gelegen war. Der Umſtand, daß der Komponiſt zu den hervorragenden jüngern einheimi⸗ ſchen Kräften gehört, dürfte hier das nähere Eingehen in ſein Erſtlingswerk rechtfertigen.— Das Oratorium „Samſon“ wurde zur Gedächtnißfeier des vor hundert Jahren(am 13. April 1759) verſtorbenen Tonmeiſters unter der bewährten Leitung des Kapellmeiſters Herrn F. Skraup gegeben. Das gewaltige Werk äußerte in ſeinem eigentlichen Schwerpunkte, den herrlichen, im⸗ poſanten Chören den großartigſten Eindruck, und es gereichte die vortreffliche Aufführung, als eine den Ma⸗ nen des großen Tondichters in der würdigſten Art dar⸗ gebrachte Huldigung, unſerer Kunſtmetropole und ſpeziell den betreffenden Arrangeurs und Mitwirkenden zur großen Ehre. M. Allerhand Appetite. Ein Italiener begnügt ſich mit einem Stück Brod und Trauben, ein Eskimo aber verſchlingt an einem Tage zwanzig Pfund Fleiſch; ein Hindu genießt zwi⸗ ſchen Sonnen⸗Auf⸗ und Untergang nichts als einige Löffel voll Reis, ein ruſſiſcher Tatar aber verzehrt in derſelben Zeit vierzig Pfund Fleiſch; ja ein Tatar, den Kapitän Cochrane in ſeiner Reiſebeſchreibung erwähnt, aß binnen vierundzwanzig Stunden die Hinterviertel eines großen Ochſen, zwanzig Pfund Fett und eine ent⸗ ſprechende Menge zerlaſſener Butter, und Drei aus demſelben Stamme— Jakuten— halten es für eine keineswegs ſchwere Aufgabe, ein ganzes Rennthier auf einmal zu vertilgen. 3 Noch verſchiedenartiger als die Menge iſt die Art deſſen, was gegeſſen wird. Die ſeltſamen Leckereien laſſen ſich gar nicht aufzählen, die für Leute Reiz haben. Der Neubraunſchweiger findet einen ganz beſonderen Reiz in der Naſe des Muſethieres. Haifiſchfloſſen, halbbe⸗ brütete Enteu⸗ und Hühnereier mit den Jungen darin, Seeſchnecken und Vogelneſter ſtehen bei den Chineſen in hohem Anſehen. Die Eskimos gerathen in Entzücken, wenn man ihnen Talglichter zum Eſſen gibt, und die Abyſſinier berauſchen ſich faſt in rohem Fleiſche und warmem Blute, das in der That auf ſie ſo aufregend wirkt wie auf Andere Spirituoſa. An manchen Ovrten wird bekanntlich Pferdefleiſch gegeſſen und bei der Welt⸗ induſtrieausſtellung 1851 in London zeigte und verkaufte ein Herr Brocchieri deliciöſe Kuchen, Paſtetchen und Bonbons von Ochſenblut. Der äußerſte Norden zeigt vielleicht die ſonder⸗ barſten Arten von Luxus in Eßſachen: thraniger Wall⸗ fiſchſpeck mit unverdautem Rennthierfutter als Salat da⸗ zu; Wallfiſchhaut, in Würfel geſchnitten, ſchwarz wie Ebenholz und ähnlich im Geſchmack wie Cocusnuß. Gefrorener Seehund iſt vortrefflich als Beihilfe auf Rei⸗ ſen und faulender Seehund, der den ganzen Sommer über in der Erde gelegen hat, wird für das unüber⸗ trefflichſte Wintereſſen gehalten. Die Wintervorräthe der Grönländer beſtehen in Moosbeeren, Angelica und be⸗ brüteten Eiern, Alles zuſammen in einen Sack von Seehundsfell gethan und mit Thran übergoſſen. Ein Eskimo verzehrt im Nothfalle ſeinen Schlitten, wenn er aus getrocknetem und zwiſchen zwei Häute genähtem Lachs und Rennthierknochen beſteht. Kaimans und Krokodile, Eidechſen und Fröſche werden mit Wohlbehagen von Manchen gegeſſen. Das eigentliche Krokodil ſchmeckt wie Kalb. Die Auſtralier verzehren ſelbſt die giftigſten Schlan⸗ gen und die, welche davon auch gekoſtet haben, ver⸗ ſichern, ſie ſchmeckten wie Aal, im Allgemeinen aber wie Kalbfleiſch. In alter Zeit war Vipernſuppe was für uns Schildkrötenſuppe iſt und Vipern⸗Gelze gilt heute noch in Italien als Stärkungsmittel. Die Jäger am Miſſiſſippi haben bis auf den heutigen Tag ein Gericht, musical jack genannt, daß ſie außerordentlich lieben, obgleich es nur„Klapperſchlangenſuppe“ iſt. Afrikaniſche Gutſchmecker ſind nie mehr entzückt, als wenn ſie einen zarten jungen Affen eſſen können, der in der Erde gebacken iſt. Affe ſchmeckt wie Kanin⸗ chen, ſoll angenehm und nahrhaft ſein. Auch Fledermäuſe werden gegeſſen, aber ſie ſtehen nicht eben hoch in der gaſtronomiſchen Ariſtokratie, denn ſie haben einen unangenehmen ranzigen Geſchmack. Katzen und Hunde finden ſtets bereitwillige Käufer in China, wo ſie im Metzgerladen neben Dachſen— die wie wilde Schweine ſchmecken ſollen— und andern Fleiſcharten hängen. Auc in der Südſee gehört Hunde⸗ fleiſch zu den beliebteſten C ichten und„gedämpfter jun⸗ ger Hund“ iſt eine königliche Speiſe in Zanzibar, doch muß erwähnt werden, daß die Hunde überall da, wo man ſie ißt, zu dieſem Zwecke beſonders gemäſtet und nur mit Milch und Aehnlichem gefüttert werden. Ein Süd⸗ Afrikaner gibt gewiß ſehr bereitwillig eine große Kuh für einen anſehnlichen Hund. Die Chineſen befinden ſich in Kalifornien in einem wahren Rattenparadieſe, denn es gibt da unglaublich viel, unglaublich große und ſehr wohlſchmeckende Ratten; ſie bereiten dort ſogar ein beſonderes Gericht von„Rat⸗ tenhirn“, das dem berühmten Gericht von Nachtigal⸗ lenzungen wenigſtens gleichſtehen ſoll, welches in der römiſchen Geſchichte erwähnt wird. Rattenſuppe über⸗ trifft nach der Meinung aller verſtändigen Chineſen Schildkrötenſuppe unendlich weit. Manche Völker eſſen Inſekten. Heuſchrecken ver⸗ treten bei dem Araber das Getreide und werden zu einer Art Brod zuſammengeſtoßen, abgeſehen davon, daß man ſie einſalzt, räuchert oder einfach kocht oder bratet. Die Mauren ſetzen eine ſchöne fette Heuſchrecke ſelbſt über eine Taube und die Hottentotten bereiten aus den Eiern eine kaffeefarbige Suppe. Die weißen Ameiſen— Ter⸗ miten— ſollen ein ganz gutes Gericht geben, wie die Ameiſen überhaupt, die jedenfalls einen angenehm ſäuer⸗ lichen Geſchmack haben. In Schweden deſtillirt man ſie mit Roggen, um geringen Branntwein zu verbeſſern. Spinnen ſind Deſſert⸗Delikateſſen für die Buſchmänner; Lalande und die gelehrte Schurman(auch andere Leute) aßen ſie wie Nüſſe, denen ſie im Geſchmacke gleichen ſollen. Die Hottentotten verſchlingen Hände voll ge⸗ röſteter Raupen, die wie gezuckerter Rahm oder Man⸗ delteig ſchmecken ſollen. Sie ſind ſo begierig darnach wie die Kinder bei uns nach Zuckerplätzchen, Die Körbe und das menſchliche Leben. Die Körbe, meine freundlichen Leſer, ſind aus Ru⸗ then geflochten und für manchen Menſchen flicht ſich das ganze Leben zu einer Ruthe. Schon in früheſter Jugend macht der Menſch nicht felten Bekanntſchaft mit einem Korbe, dieß iſt zur Zeit, wenn er ſeine erſten Schritte prüft, da hält er ſich an dem Laufkorb. Dieß geſchieht in der erſten Jugend bis zur erſten Liebe, wo er ſich als Jüngling revanchirt und der erſten Liebe wo möglich alsbald auch den Korb gibt, den er aber oftmals wieder empfängt, wenn er— ſeine Hand vergeben will. Wenn die Mädchen das vierzehnte Jahr erreicht, wenn ſie wirthſchaftsfähig geworden ſind, dann wird ihnen von der liebenden Mutter ein Korb anvertraut, worin ſich die Schlüſſel befinden und der aus dieſem Grunde der Schlüſſelkorb genannt wird. Feuilleton. 315 Wenn die Mädchen mit dem Schlüſſel zu ihrem Herzen nur ſo vertraut wären wie mit dem Schlüſſel zur Speiſekammer, dann wäre es gut. Von dieſem Schlüſſel wollen ſie zu ihrer Selbſt⸗ kenntniß wenig wiſſen, zumal ihr Herz nicht ſelten auch einer Speiſekammer gleicht. Hier in der Ecke liegt ein alter Reſt von Liebe, dort ein Stückchen vom Flügel der Hoffnung, womit ſich ihre Wünſche vergebens em⸗ porgeſchwungen. Dort ſteht ein fetter Braten, nach wel⸗ chem ſie umſonſt geſchnappt und gegenüber vielleicht ein Schälchen mit Milch der frommen Denkungsart, die aber, als die Liebe Hitze bekam, etwas ſauer wurde. Von den ungelegten Eiern, um die ſich ihr Herz be⸗ kümmert, wollen wir ſchweigen. Der Menſch iſt oft ein Tragkorb, worin das Leben nichts wie Kummer, Noth und Sorgen gepackt hat. Da hat es das Handkörbchen, das Strick⸗ körbchen doch beſſer. Es bekümmert ſich nur um kleine loſe Dinge. Wenn ihm auch einmal der Zwirn ausgeht, es weiß, daß bald wieder neuer Stoff ankommt. Jedem in der Welt ſein Recht! mithin auch dem Waſchkorb, der meiſt in der Kammer ſeine ſtille Wirkſamkeit entfaltet. Ach! wie viel ungewaſchenes Zeug muß er in ſich aufnehmen, er, der Waſchkorb sen., der Aeltere in der Familie, der kann reden vom Schweiß des Lebens. Wehmüthig blickt er auf geknickte Vatermör⸗ der, auf verwelkte Häubchen und Wiſchtücher, die— grau wie alle Theorie— neben den Servietten liegen, welche noch träumen von den Tafelfreuden vergangener Tage. Wie anders, wenn die große Wäſche vor ſich ge⸗ gangen und Waſchkorb jun. wieder die Gereinigten an⸗ nimmt in ſeine netten und biegſamen Räume. Die Welt, möchte ich ſagen, hat viel Aehnlichkeit mit dieſen Waſchkörben. Friſch und geſtärkt gehen die Menſchen in die Welt, wenn auch die Lauge des Schick⸗ ſals und die Verhältniſſe ſo Manchen mehr als den Andern eingerieben. Der niedere Stand, das ſind die groben Sacktü⸗ cher, die wollenen Socken, die immer und ewig unten bleiben auf harten Wegen und ſtets erfahren, wo ſie der Schuh drückt. Das ſind die Wiſchlappen, die Scheuerlappen, das ſind die Servietten, die ſich den Mund wiſchen, wenn Andere bei der vollen Tafel ſitzen. Die Reichen und Vornehmen ſind die großen Tafel⸗ tücher. Parfümirte Schnupftücher ſind die Gecken; feine Spitzenhäubchen die vornehmen Salondamen; die reiche Welt, die Glücklichen, welche nicht unter die Rolle, unter die Mangel kommen. Jetzt, meine freundlichen Hörer, kommen wir an den Holzkorb. Auch unter den Menſchen gibt es ſo manchen Holzkorb. Sie haben eine Stelle, die ſie eigentlich nicht verdienen. Sie ſitzen warm zu aller Zeit, es wird ihnen zugeſteckt, ſie wiſſen nicht warum. Der Papierkorb iſt der nahe Verwandte des Schreib⸗ tiſches in abſteigender Linie. Er ſteht mir ſo nahe, er iſt mir ſo zu ſagen an der linken Hand getraut und — bald hätte ich ſeiner vergeſſen. Papierkorb! Dein Name iſt: Vergeſſen. Er führt eigentlich, wenn man in ſein Inneres ſchaut, ein recht zerriſſenes Leben. Die Worte des alten Kammerdieners, in Kabale und Liebe:—„Legt's zu dem Uebrigen!“ iſt an ſeine Stirn geſchrieben, das Kainszeichen, das man ihm aufgedrückt. Alte durchſtrichene Rechnungen und abgethane Briefe ruhen da friedlich nebeneinander; hier hat nichts mehr Geltung. Das menſchliche Herz iſt eigentlich auch nichts weiter als ein Papierkorb. Mit vierzehn Jahren ſenkt der Menſch ſeine Jugendträume hinein, mit zwanzig Jahren ſeine erſte Liebe, mit dreißig Jahren ſeinen Ehr⸗ geiz, ſeine aufbrauſenden Leidenſchaften und mit vierzig Jahren ſeine getäuſchten Hoffnungen. Der Kehrichtkorb ſteht entfernt in der tiefſten Ecke des Hauſes, wo weder Mond noch Sonne ihn be⸗ ſcheint. Sein Luſt⸗ und Freudentag iſt der Sonnabend, da kommt er heraus an das Licht mit ſeinen Lumpen und Lümpchen. Wenn der Ruf ertönt: den Kehricht heraus! oder wie es in vielen Städten heißt:„Gemülle raus!“ dann beginnt ſeine Thätigkeit.— Es gibt ſo viel Aus⸗ kehricht in der Menſchheit, aber es kommt auch Einer mit der Schaufel der da ruft: Gemülle raus! und— da muß Alles fort, was in dem großen Korb beſtimmt iſt für die Schaufel. Bis dahin wollen wir ausharren und uns von Zeit zu Zeit manchmal an einen Korh halten, der mir der liebſte von Allem, dieß iſt— der Flaſchenkorb.(Nach Th. Drobiſch.) Miszellen. Unterhaltendes. Vor 6 Monnten ging in Paris Horace de T., ein junger Mann mit drei Millionen im Vermögen, des Abends aus einer Geſellſchaft. Ein junges Mädchen ging die Straße entlang, und da es regnete, ſo hatte Horace Gelegenheit, unter dem ein wenig geſchürzten Kleide ein niedliches kleines Füßchen zu bemerken. Bald bemerkte er auch, daß ſie ſehr ſchön war, und bot ihr ſeinen Arm an. Sie wies ihn zurück:„Sehen Sie denn nicht an meiner Kleidung, mein Herr, daß ich arm bin?“ —„Gewiß.“—„Daraus können Sie entnehmen, daß ich ein ehrbares Mädchen bin.“—„Das iſt wahr, denn mit dieſen Augen könnten Sie ſchon lange in einem ele⸗ ganten Wagen fahren, wenn Sie wollten— aber mit Allem muß man anfangen.“—„Würden Sie, mein Herr, morgen zu ſtehlen beginnen, wenn man Ihnen dieſen Rath gäbe?“—„Welche Frage!“—„Das iſt Eins und Dasſelbe... alſo, mein Herr, bon soir!— Das Alles war mit ſo viel Einfachheit und Natürlich⸗ keit ausgeſprochen, daß Horace nicht mehr in ſie drang, ſondern ruhig ſtehen blieb. Während des Geſprächs hatten die Beiden die Brücke Louis Philippe erreicht. Das Mädchen wollte raſch die Brücke paſſiren, kehrte aber gleich wieder um. Sie hatte Furcht vor einem Betrunkenen, der ihr auf der ſchmalen Brücke eben ent⸗ gegen kam; und nun nahm ſie, wenn auch zögernd, den ihr neuerdings angebotenen Arm von Horace an, der ſie nun über die Brücke zu führen verſprach. Am andern Ufer aber wollte Horace das reizend ſchöne Mäd⸗ chen nicht mehr verlaſſen; ſie geſtattete ihm die Beglei⸗ tung bis zu ihrem Hauſe und verließ ihn mit einem leiſen Danke. Horace zog Erkundigungen ein und erfuhr, daß Jeanne ein armes, aber im reinſten Sinne des Wortes ehrbares Mädchen ſei, das mit Sticken ihr Brod verdiene und ihren Eltern die Laſten der kleinen Wirthſchaft tragen helfe. Ihr Vater ſei ein ausgedienter, dekorirter Soldat der afrikaniſchen Armee, jetzt Arbeiter und die ganze Familie ein Muſter der Tugend! Horace war entzückt, als es ihm endlich vergönnt war, in das Heiligthum dieſer kleinen Familie zu gelangen, und er begriff jetzt erſt, wie viel Tugend in Paris im Ver borgenen blüht zur Seite der Laſter, die dieſe große Stadt offen zur Schau trägt. Horace hatte neben ſeinen Millionen auch noch ein Herz am rechten Flecke. Er bemerkte, daß Jeanne nach und nach ihre Heiterkeit ver⸗ lor, daß ſie erröthete, wenn er kam, daß ſie zitterte, wenn ſie mit ihm ſprach, und eines Tages ſagte er ihr: „Jeanne, ich liebe Dich, willſt Du meine Fran wer⸗ den?“ Sie antwortete nur durch einen Strom von Thränen. Die braven Arbeiter zögerten mit der Ein⸗ willigung zur Heirat ihrer Tochter mit einem Millionär. Aber endlich gelang es Horace, alle dieſe Schwierig⸗ 40* 316 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. keiten zu überwinden und vor einigen Tagen war die Hochzeit. Sie werden auf einem Landgute in der Pro⸗ vinz, entfernt von dem Geräuſch der großen Welt, ſich und ihrer Liebe leben. Folgende Geſchichte von einem Amerikaniſchen Seekapitän erzählt Boz: Auf ſeiner letzten Heimreiſe hatte der Kapitän eine junge Dame von beſonderer Perſönlichkeit an Bord. Fünf junge Herren, Paſſagiere desſelben Schiffes, liebten die junge Dame mit Innig⸗ keit und ſie ihrerſeits war in alle fünf gleich innig ver⸗ liebt und wußte nicht, welchem ſie den Vorzug geben ſollte. Unfähig ſich allein aus der Verlegenheit zu ziehen, erbat ſie ſich Rath von meinem Freunde, dem Kapitän. Dieſer, ein Mann originellen Geiſtes, ſagte zur jungen Dame:„Springen Sie über Bord und heiraten Sie den Mann, der ihnen nachſpringt.“ Der Schönen leuch⸗ tete die Idee ein, und da ſie beſonders gern badete, namentlich bei ſo warmem Wetter, als es gerade war, ſo ergriff ſie den Vorſchlag des Kapitäns, während die⸗ ſer für etwaige Unfälle ein Boot bemannte. Als nun am nächſten Morgen die fünf Paſſagiere auf dem Ver⸗ decke waren und andachtsvoll auf die junge Dame blick⸗ ten, ſprang dieſe in's Meer. Vier von den Liebhabern ſprangen ihr augenblicklich nach. Als die Dame und die vier Ritter wieder in Sicherheit auf's Schiff ge⸗ bracht waren, ſagte die erſtere zum Kapitän:„Was ſoll ich mit den Vieren anfangen, ſie ſind ſo naß?“ Der Kapitän antwortete:„Nehmen Sie den Trockenen!“ Und die junge Dame that es und heiratete ihn. Der Mann, der bei jedem Gange ſeinen Regen⸗ ſchirm mitnimmt, zählt die Vorſicht zu ſeinen Tugenden, er enthält ſich aller gewagten Spekulationen und wird ſeine weiſe Sparſamkeit mit der Zeit durch Reichthum belohnt.— Der Mann, der ſtets ſeinen Regenſchirm, ſelbſt bei naſſem Wetter, zu Hauſe läßt, denkt ſo wenig an den heutigen als an den morgenden Tag. Er iſt ſorglos, unbedachtſam, vergißt Nachts ſein Haus zu verſchließen, verpaßt den Eiſenbahnzug, und fügt ſich durch ſeine Vergeßlichkeit unberechenbaren Schaden zu. — Der Mann, der ſtets ſeinen Regenſchirm verliert, iſt ſicher, auch noch mehr zu verlieren; ihm darf nichts anvertraut werden; wehe dem, der ihm eine ſächſiſche Banknote von 100 Thlrn. zum Aufbewahren gegeben! — Der Mann, der ſtets in Furcht, daß ihm ſein Re⸗ genſchirm abhanden kommen könne, und alle Augen⸗ blicke nach dem Winkel hinblickt, in welchen er ihn ge⸗ ſtellt hat, iſt voll Mißtrauen und Argwohn. Man thut daher ⸗nicht gut, mit ihm ein Geſchäft zu machen, eine Partie Whiſt oder Skat zu ſpielen, da er ſelbſt die ehr⸗ lichſten Menſchen im Verdacht des Betruges hat.— Der Mann, der ſich einen baumwollenen Regenſchirm kauft, iſt ein Philoſoph oder ein Oekonomiſt, denn ent⸗ weder bietet er der Mode Trotz, oder er zieht die Baumwolle der Seide vor, weil die erſtere wohlfeil und die letztere theuer iſt. Kurioſa. Bezeichnend ſür die Kulturgeſchichte Polens iſt folgende Notiz, die wir einer polniſchen Familien⸗ chronik entnehmen. Als Herr Michael von S— ki im Jahre 1672 heiratete, dauerte die Feier ſeiner Hochzeit an 10 Tage, bei 42 Fäſſer Wein wurden geleert. Wäh⸗ rend dieſer Zeit befand ſich ſtets ein Wundarzt im Schloſſe für den Fall, daß bedeutende Verwundungen vorkommen ſollten. Der nächſte Deſzendent, Matthäus, ſeierte ſeine Hochzeit im Jahre 1718 durch 7 Tage, 20 Fäſſer Wein wurden geleert. Deſſen Sohn Auguſt trat im Jahre 1756 vor den Altar, die Hochzeit dauerte 4 Tage, die Gäſte leerten 3 Fäſſer Wein. Der nächſte Nachkomme, Stanislaus, begnügte ſich mit einer ein⸗ tägigen Weier ſeiner Hochzeit, ſeine Gäſte mit 1 Faſſe Wein. eſſen Sohn Eugen, der 1816 ſeine Hochzeit feierte, gab ein ſplendides Mittageſſen, bei dem über 40 Flaſchen Bordeaux und bei 30 Flaſchen Champagner zur Erheiterung der Gäſte beitrugen. Der letzte Sproſſe des Geſchlechtes, Emil, feierte endlich ſeine Hochzeit in⸗ kognito bei 16 Taſſen Thee. Zur Beſoldungsfrage. Jeder unſerer Leſer hörte wohl ſchon Klagen über geringe und ungenügende Beſoldung. Zum Troſte der Klagenden wollen wir die jährlichen Revenuen eines Cſikos anfübren, die derſelbe dafür erhält, daß er— meiſt zu Pferde— die Herden der halbwilden Roſſe auf den Puſzten Ungarns Tag und Nacht hütet. Es erhält nämlich ſolch' ein Burſche außer den nöthigſten Kleidungsſtücken und Nahrungs⸗ mitteln— 4 bis 6 Gulden Konv.⸗Münze jährlich. Indianerglaube. Die Indianer in den ſüd⸗ amerikaniſchen Beſitzungen der Spanier glaubten noch im 18. Jahrhundert, daß das Haupt des Königs von Spanien aus lauterem Golde beſtehe. Er eſſe auch nichts anderes als Gold und deßhalb ſuchten die Spanier in allen Klüften und Gruben ſo eifrig nach dieſem Metalle. Ein Wechſelſchuldner in Berlin hat ein neues Mittel verſucht, die ihn mit Verhaftung drohende Schuldverſchreibung unſchädlich zu machen. Als der Gläubiger, den Wechſel präſentirend, ſelben auf den Kaſſentiſch legt, geht der Schuldner, ein Eiſenkrämer, in's Nebenzimmer, kommt dann mit einem Topf voll Schwefelſäure zurück, ſtellt ihn auf den Kaſſentiſch und wirft ihn dabei ſo ungeſchickt⸗geſchickt um, daß die Schwefelſäure den Tiſch und ſomit auch das keſthare Papier überfluthet. Den kühnen Griff, den Wechſel aus der ätzenden Flüſſigkeit zu retten, muß der Gläubiger mit verbrannten Fingerſpitzen bezahlen. Die Magdeburger Zeitung hatte vor Kurzem fol⸗ gendes Inſerat:„Für den Herrn, der in voriger Woche ein Opernglas von mir geliehen und nicht wie⸗ der abgeliefert hat, ſteht auch noch das Futteral zur Verfügung.“ Vor Kurzem ereignete ſich, dem„Eco di Fiume“ zufolge, in der Umgegend von Fiume folgender Vor⸗ fall. Eine Bäuerin zu Morſasco hatte 27 Stück Na⸗ poleous erſpart, und glaubte dieſelben am ſicherſten in einem Sacke von Heidekorn verſtecken zu können. Un⸗ glücklicher Weiſe aber trug der Bauer dieſen Sack mit den Napoleonsd'or zur Mühle; der Müller hörte wäh⸗ rend des Mahlens zwar ein ſeltſames Geraſpel, achtete aber nicht beſonders darauf, bis die Bäuerin in Ver⸗ zweiflung herbeiſtürzte und den Sachverhalt enthüllte. Es war aber bereits zu ſpät, die Goldſtücke waren zu Staub verwandelt. Wenn die Liebhaber der Cleopatra Perlen, und die Tafelgenoſſen Lorenzo's von Medici geſchmolzenes Gold in Wein zu trinken bekamen, ſo mag ſich nun auch der Bauer von Morſasco ſeine gold⸗ haltige Polenta ſchmecken laſſen. Das Geſetz gegen den Branntweinverkauf in den Vereinigten Staaten in Nordamerika hat zu den verſchiedenſten Mitteln zu ſeiner Umgehung Anlaß ge⸗ geben. Das neueſte derſelben ereignete ſich kürzlich in einem der eleganteſten Salons von Neu⸗York. Ein Herr trat in denſelben, ging an den Ladentiſch und ver⸗ kangte eine Flaſche Branntwein um 10 Cents. Es iſt nun herkömmlich, für eine ſolche Flaſche 15 Cents zu verlangen, wenn die Flaſche nicht zurückgegeben oder durch eine andere erſetzt wird; als daher der Kunde nur 10 Cents auf den Zahltiſch legte, ſo wurden noch weitere 5 Cents von ihm verlangt.„Ich brauche die Flaſche nicht,“ entgegnete der Kunde,„ziehen Sie nur Feuilleton. 317 den Pfropfen heraus.“—„Der Branntwein darf nicht hier im Hauſe getrunken werden,“ entgegnete der Li⸗ queurhändler.—„Ich will ihn auch gar nicht hier trin⸗ ken,“ verſetzte der Andere; und der Kaufmann, in der Meinung, daß er ein Gefäß bei ſich habe, um den Branntwein hineinzufüllen, zog den Stöpfel aus der Flaſche, worauf der Kunde ruhig einen großen Schwamm aus der Taſche zog und den Branntwein langſam hin⸗ eingoß. Als dieß geſchehen war, nahm er ſich einen Stuhl, ſog langſam an dem Schwamm, nickte dem Kauf⸗ mann bedeutſam zu und ſagte:„Sie ſehen, daß ich nicht gegen die Vorſchrift verfehle, denn das Geſetz verbietet nur, den Branntwein im Verkaufslokal ſelbſt zu trinken, und ein Schwamm iſt ja kein Trinkgefäß!“ Der bekannte Gelehrte Agaſſiz in Boſton erhielt kürzlich eine Aufforderung, für eine bedeutende Summe eine wiſſenſchaftliche Vorleſung zu halten. Er ſchlug es ab. Man erhöhte die Summe. Neue Weigerung.„Aber warum wollen Sie denn nicht ſelbſt die Summe be⸗ ſtimmen?“ fragte man endlich.„Ich habe nicht— Zeit, Geld zu verdienen!“ antwortete der Gelehrte. Der Direktor einer kleinen reiſenden Geſellſchaft in Hannover annoncirte vor wenigen Monaten auf einem Zettel:„Der Sohn der Wildniß,“ oder„Eine Liebe vor Chriſti Geburt“! Welche Seltſamkeiten noch immer in der deutſchen Nomenclatur ſich finden, erſieht man aus einer in den preußiſchen Blättern gebrachten Ernennung, bei welcher im Ober⸗Bergamts⸗Diſtrikt Dortmund der Name eines Berg⸗Referendarius Max Kreuzwendedich von dem Borne figurirt. Ein aufrichtiger Oberrichter eines der ameri⸗ kaniſchen Gerichtshöfe war genöthigt, ſich folgendermaßen an die Jury zu wenden:„Meine Herren Geſchworenen, in dieſem Falle ſind die Erwägungen auf beiden Seiten unverſtändlich; die Zeugen auf beiden Seiten verdienen keinen Glauben, und ſowohl der Kläger als der Be⸗ klagte hat einen ſo ſchlechten Charakter, daß es mir gleichgiltig iſt, welchen Ausſpruch Sie thun.“ Mannigfaltiges. Anſichts des drohenden Krieges hat ſich Jemand die Mühe genommen, die Schlachtopfer der Kriegs⸗ periode von 1791 bis 1814 zu ermitteln, und gefun⸗ den, daß nicht weniger als 4,356,000 Menſchen in dieſem Zeitraume als Kanonenfutter ausgehoben wor⸗ den ſind. Wie New⸗Yorker Zeitungen erzählen, wettete ein junger Mann um 1000 Doll., auf Stelzen durch den Niagara an den Fällen da zu gehen, wo er am reißendſten iſt. Er bediente ſich zwölf Fuß langer, flacher, ſcharfkantiger Stelzen, die er an die Füße) anſchnallte und begann ſeine gefährliche Wanderung u Beiſein mehrerer Zuſchauer. Selbſt die Abgehärketſten unter dieſen konnten vor Angſt kaum athmen. Der Stelzen⸗ läufer ſchritt indeß ſcharf aus. Ein Paar Mal freilich ſchien er das Gleichgewicht verlieren zu müſſen. Am höchſten ſteigerte ſich die Erwartung als der Kühne in die Mitte des reißenden Fluſſes gelangte und er mit bloßen Augen kaum noch zu erkennen war. Der Mann gewann die Wette, fiel aber als er am andern Ufer ausſtieg, vor Ermattung in Ohnmacht. Uebrigens iſt zu bemerken, daß er zu einer Seiltänzergeſellſchaft ge⸗ hörte und namentlich von Kindheit auf ein Stelzen⸗ geher⸗Virtuos geweſen. Ein Meiſterſtück der Tiſchlerarbeit, und zwar der ruſſiſchen, erregt in Berlin die Bewunderung des Publikums. Es iſt dieſes ein Schrauk von 5 Fuß Höhe, 4 Fuß Breite und 2 ½ Fuß Tiefe, in welchem nicht weniger als 50 Stück Hausrath von normaler Größe eingepackt ſind. Der Tiſch, welcher aus dem⸗ ſelben gezogen wird, eines dieſer Geräthe, bietet Platz zu 26 Gedecken. Wenn man alle dieſe Stücke dem Schranke entnehmen ſieht, glaubt man von den Kunſt⸗ griffen eines Taſchenſpielers hinter das Licht geführt zu werden, kann aber dieſen Gedanken nicht aufrecht erhalten, weil es Jedem geſtattet iſt, an dem Einpacken zu helfen, und Jeder ſich von der geiſtreichen Benutzung des Raumes in dieſem Zauberkaſten durch den Augen⸗ ſchein überzeugen kann. Heil Dir im Siegerkranz. Hoffmann von Fallersleben hat nachgewieſen, daß dieſe preußiſche Volks⸗ hymne von dem holſteiniſchen Prediger Heinrich Harries, dem Herausgeber des flensburger Wochenblattes, her⸗ rührt und zuerſt in der 29. Nummer dieſes Wochenblat⸗ tes(vom 27. Jänner 1790) als„Lied für den däniſchen Unterthan, an ſeines Königs Geburtstag zu ſingen“, abgedruckt wurde. B. G. Schuhmacher, dem die Hymne in der Regel zugeſchrieben wird, iſt nur der Urheber einer Zeile und der Umwandlung eines holſteiniſchen Liedes in ein preußiſches. Das Harries'ſche Geburts⸗ tagslied beginnt: Heil Dir, dem kiebenden Herrſcher des Vaterlands, Heil, Chriſtian, Dir! Fühl' in des Thrones Glanz Die hohe Wonne ganz Vater des Volks zu ſein u. ſ. w. Als hiſtoriſches Kurioſum ſei hierbei erwähnt, daß, als Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1826 von einem Bein⸗ bruche, den ey erlitten hatte, geneſen war, die berliner Straßeniugend ſich unter ſeinen Fenſtern verſammelte und ſang: „Heil Dir im Siegerkranz, Unſerm König ſind die Beine wieder ganz.“ Für Damen. Es iſt von einem gewiſſen kulturhiſtoriſchen Inter⸗ eſſe, daß, als die Krinoline oder der Reifrock im vori⸗ gen Jahrhundert das erſte Mal in Deutſchland von Spanien aus erſchienen war, dieſe Tracht bei uns eben⸗ falls mit Spott und Satyre aufgenommen ward. In einem ſatyriſchen Gedichte aus dieſer Zeit heißt es: Wer wird das Frauen⸗Volck doch noch dahin vermögen, Daß ſie die Hühnlein⸗Körb von ihrem Leib ablegen? Fährt man noch ferner fort mit dieſer eitlen Tracht, So iſt es Noth, daß man die Gaſſen weiter macht!— Ach! welcher wolte nicht der tollen Mode lachen, Die auch den ſchönſten Leib gantz ungeſtalt kan machen? Die Kirchen ſind anitzt gewißlich viel zu klein, Wenn in denſelbigen viel ſolche Röcke ſeyn, Die man dem Frauen⸗Volck nicht darf zuſammenpreſſen, Die Bauck, auf der vorher bey 20 ſind geſeſſen, Hat wegen ſolcher Röck gewißlich itzo kaum, Wie man gar wohl geſpürt, vor 10 Perſonen Raum, u. j. w. Toaſt auf die Frauen. hr Modedamen, ich wünſche euch: Daß ihr an Tugenden ſo reich, So groß und mächtig alle Zeit Wie eure Krinoline ſeid. Was nun betrifft die Fehler ſchnell, So nehmt den Kopfputz zum Modell; Ein jeder Fehler ſoll ſo klein, So klein wie euer H ütchen ſein. 282 318 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Wenn ſich in unſerer Zeit im Orient die Frauen nicht mehr dem ſtrengen Herkommen fügen wollen, welches ihnen in Betreff des Umgangs auferlegt war und vorzüglich die Damen in Konſtantinopel ſich immer mehr Terrain in dieſer Hinſicht erobern, ſo ſcheint man in Syrien dagegen noch große Einwendungen zu ma⸗ chen, wie dies unlängſt zu Damaskus geſchah. Eine Dame bemerkte einen Reiſenden und lüftete vor ihm ihren Schleier. Mit Ingrimm bemerkte dieß ein vor⸗ übergehender Arnaute. Er griff nach ſeinem Piſtol und ſchoß die Dame auf der Stelle nieder. Wie ſich ergab, kannte er die Getödtete nicht einmal, es geſchah alſo nicht aus Eiferſucht, ſondern in polizeilicher Hinſicht. Außer der Liebe und Treue ſcheinen die Chine⸗ ſen von ihren Gattinen noch etwas Anderes zu ver⸗ langen, was denſelben wohl ſchwer werden wird— Schweigen; wenigſtens gibt ihnen das Geſetz das Recht, ſich von der Frau ſcheiden zu laſſen, wenn ſie beweiſen, daß ſie zuviel ſpricht. Ein Offizier bewarb ſich um die Hand der hol⸗ den Generalstochter, die Thereſia hieß, und bat denſel⸗ ben um ſeine väterliche Einwilligung. Der General antwortete:„Nimm den Namen meiner Tochter, ver⸗ doppele in demſelben einen Buchſtaben und Du wirſt durch geeignete Beſetzung die Antwort finden.“(The⸗ reſia, i verdoppelt, gibt die Antwort: Heirat' ſie!) — Ein General dagegen bot einem Offizier die Hand ſeiner Tochter an, die Eliſabeth hieß. Der Offizier, der an der Tochter nicht beſonderliches Behagen finden mochte, dieß Bekenntniß aber möglichſt zart ſeinem Ge⸗ neral zu erkennen geben wollte, ſchrieb ihm, daß ſeine Antwort in dem Namen ſeiner Tochter enthalten ſei. (Eliſabeth gibt durch Verſetzung der Buchſtaben die Wörter: Behalt' ſie!) Anekdoten. Einem Mann mit grünem Rocke, der ſich ſelbſt vor ſeinen Standesgenoſſen durch anziehende Erzäh⸗ lung von Jagdgeſchichten auszeichnete, ſetzte ſich einmal Jemand zur Linken und ſuchte ihn mit allerlei Ge⸗ ſchichten zu regaliren. Die erſte und zweite hörte dieſer ruhig mit an; auch die dritte nahm er noch Neduldis hin. Als aber die vierte begonnen wurde, unterbrach er ihn:„Bitte, lieber Freund, das erzählen Sie meinem Nachbar zur Rechten, ich lüge ſelbſt!“ Charakteriſtiſch für die Bäuerinnen der Dreuthe iſt die felgene Anekdote, welche ſich beim Beſuche des Prinzen Wilhelm V. zutrug. In Weſterborg wünſchte dieſer Prinz eine Bauerwohnung zu beſuchen und näher in Augenſchein zu nehmen. Nachdem er in der erſten beſten Wohnung alles beſichtigt hatte, näherte er ſich der Hausfrau, die eifrig fortſpann, und wollte ihr zum Abſchied ein Goldſtück in die Hand drücken. Die Bäue⸗ rin wies jedoch die Gabe mit Freundlichkeit zurück in⸗ dem ſie ſagte:„Hol doe't maar, Prins, doe hest et meer neug als ik!(Behalt' es nur, Prinz, du haſt es nöthiger als ich!) Der Oberbürgermeiſter:„Nach dem trauri⸗ gen Brande, meine Herren Stadtverordneten, der unſere gute Stadt betroffen hat, iſt es nunmehr an der Zeit, daran zu denken, daß wir insbeſondere auch unſer Rath⸗ haus baldigſt wieder aufbauen. Ich habe Sie daher an Ort und Stelle hieher beſchieden, um Ihre Meinung in der Sache zu hören. Was meinen Sie nun Herr Tamohrlich?“ Der Stadtverordnete Tamohrlich:„Ja ſähn Sie mei kuter Herre Oberbergermeiſter, mir von der Bau⸗ depentation denken Sie nune in unſere Gedanken ſo. Sähn Se, der ganze Margt muß nune in andern Ty⸗ phus kriegen und das neue Rathhaus muß'ne ſchöne „Fraſſade kriegen und, was das Nothwendigſte iſt,'n ſchönes großes Pordal muß'nein und daß der ganze Platz richtig blamirt werden muß, das verſteht ſich von ſelbſten, da dervor werden Sie ſchont ſorgen, is das nich auch Ihre Meinung, Herr Oberbergermeiſter?“ Gerichtliches. Der geiſtig ſehr beſchränkte Taglöhner T. K. in Wolin heiratete im Jahre 1849 eine um 19 Jahre ältere Frauensperſon, lebte mit derſelben ruhig und fried⸗ lich, war aber ſtets ein ſchlechter Arbeiter und ſtellte ſich immerwährend krank. Deßhalb wollte ihn auch Nie⸗ mand in Arbeit nehmen. Um nur ſein Leben friſten zu können, erwarb er ſich die Bewilligung der Behörde, mit einem Leierkaſten im Kreiſe herumziehen zu dürfen. Bei dieſer Erwerbsweiſe trug gewöhnlich ſeine Frau den Leierkaſten, und nicht ein, ſondern mehre Mal ereignete es ſich, daß er gefragt wurde, ob die Trägerin des Leierkaſtens ſeine Mutter ſei. Er fand dieß in der Ord⸗ nung. Als er jedoch vor Kurzem auch verhöhnt und verſpottet wurde, daß er ſich ein ſo altes Weib auf den Hals gebunden, ging ihm dieß ſehr zu Herzen. Kurz darauf ging er allein mit dem Leierkaſten in die Fremde, gab ſich für einen Witwer aus und fand auch bald eine liederliche Perſon, die ſich ihm anſchloß und mit der er über acht Tage in vertrautem Umgange lebte. Bei der Trennung verſprach er ſeiner neuen Bekannt⸗ ſchaft, nach Oſtern wiederkommen zu wollen. Als er nach Hauſe kam, hielt ihm ſeine Schweſter, die inzwi⸗ ſchen Alles erfahren hatte, ſein liederliches Leben ſtreng vor und erklärte ihm, daß eheliche Untreue eine noch größere Sünde wäre, als ſelbſt der Todtſchlag. Von dieſer Zeit an war, nach ſeiner eigenen Ausſage, ſein Sinnen und Trachten nur dahin gerichtet, wie er ſich der größern Sünde entziehen könne, und ſo reifte in ihm der Entſchluß, ſeine Frau aus dem Wege zu räu⸗ men. Sonntags den 20. März vermochte er dieſelbe, zur Beichte zu gehen, behandelte ſie den ganzen Tag hindurch ſehr liebevoll, kaufte ihr Abends ein Seidel Roſoglio und ging um acht Uhr zu Bette. Als er wahr⸗ nahm, daß ſeine Ehehälfte feſt ſchlief, ſtand er auf, kniete ihr ſchnell auf die Bruſt und würgte ſie am Kehlkopfe ſo lange, bis ſie eine Leiche war. Um ſich von ihrem wirklichen Tode noch beſſere Ueberzeugung zu verſchaffen, zündete er ein Licht an und beobachtete ſie ſorgfältig; ſodann betete er eine ganze Stunde bei der Ermordeten. Der plötzliche Tod der rüſtigen Frau erregte Aufſehen, die gerichtliche Unterſuchung wurde eingeleitet, und es fanden ſich bei der Leichenobduktion die von einem ſtarken Druck herrührenden Merkmale am Halſe, auch waren drei Rippen gebrochen und die Leber geborſten. Der Leierkaſtenmann wurde alſogleich eingezogen und war der That ſchon beim erſten Verhöre geſtändig. Aus dem Haag. Die öffentlichen Gerichtsver⸗ handlungen der Unterſuchung des der Giftmiſcherei an⸗ geklagten General⸗Lieutenants Gunkel begannen am 7. und wurden am 9. April geſchloſſen. Der Angeklagte, ein magerer, langer, breitſchultriger S4jäh⸗ riger Greis, deſſen bleiches, bläuliches, von einem ſchneeweißen kurzen Barte umgebenes Geſicht ſich kaum von der weißen Kalk⸗ wand abzeichnet, wurde auf die Anklagebank mehr getragen als geführt. Der Inkulpat iſt ſeiner That geſtändig und bezeichnet als das Motiv zum Verbrechen die zärtliche Sorge um Louiſe Esbra, deren Elend er nach ſeinem Ableben befürchtet habe. Die Zeugenvernehmung ſtellte einen dreimaligen Verſuch der Vergiftung durch Arſenikſäure feſt. Der erſte Verſuch im Juli v. J. geſchah durch ein mit Arſenik gemiſchtes Glas Genever. Louiſe Esbra erkrankte heftig und trug eine Lähmung der Beine und Fingerſpitzen davon. Der zweite Verſuch erfolgte einige Wochen ſpäter durch Miſchung von Arſenik und— wie es ſcheint— von nux vomica in die Suppe. Der bittere Ge⸗ ſchmack der Speiſe veranlaßte Louiſe Esbra, die Suppe weg⸗ zuſchütten. Der dritte Verſuch ward vom General Gunkel am Feuilleton. 319 4. Jänner d. J. ausgeführt, und zwar durch eine vergiftete Wurſt. Louiſens Bruder verzehrte einen Theil der Wurſt und ſtarb in Folge des Genuſſes vier Tage nachher. Die Schweſter hatte nur gekoſtet.— Das Publikum des überfüllten Gerichts ſaales gerieth in eine hörbare Bewegung des entrüſteten Mit⸗ gefühls, als die erſte Zeugin, Louiſe Esbra, an beiden Beinen jämmerlich gelähmt, vor den Richter getragen wurde. Der Grund zu der ſchauderhaften That des Generals wurde von dem Richter in dem Umſtand erkannt, daß der General Gun⸗ kel, finanziell derangirt, ein der Louiſe Esbra zugehöriges, aus einem Lotterie⸗Gewinnſte herrührendes Kapital in Staats⸗Obli⸗ gationen zum Betrage von 3000 fl. entwendet hatte. Die Rückerſtattung des Kapitals und die fernere Verheimlichung der That bot dem General gleiche Schwierigkeiten dar. Außerdem überſtieg die Zahlung eines der Esbra ausgeſetzten Wochengel⸗ des die pekuniären Mittel des Generals:„Louiſe Esbra ſtand ihm im Wege.“ Der Angeklagte proteſtirte hiergegen und hielt ſeine erſte Ausſage ſeſt.„Der Weg, auf dem ich ging,“ ſagte er,„war eiſeskalt. Mein einziger Sohn verſtarb mir. Louiſe war ſo dankbar für das, was ich an ihr that; bei ihr allein fand ich Theilnahme und Troſt in einem Leben, das mir längſt zur Laſt war. Selten hat Einer mehr gelitten als ich. Ich trug mich ſchon lange mit Selbſtmordsgedanken.“ Der Präſi⸗ dent erinnerte den Angeklagten mit einiger Bitterkeit an den Beſitz der noch lebenden Ehefrau, deren Edelmuth gegen den Angeklagten während der Unterſuchung an's helle Tageslicht ge treten ſei. Die Staatsanwaltſchaft beantragte die Strafe des Todes, weil das Verbrechen eines vorbedachten Mordes vorliege. Die Vertheidigung wies auf des Angeklagten langen, ſtets unbeſcholtenen, ſo verdienſtlichen und ſo ruhmvollen Lebenslauf hin. Sie verſuchte den Beweis vom Wahnſinn und von einer Monomanie des Angeklagten, welche letztere ſich erſt in einem Selbſtmord einen Ausweg habe ſuchen wollen, zu führen. Der Vertheidiger beſtritt überdieß, daß das Verbrechen eine gewinn ſüchtige Abſicht zum Hebel gehabt habe und ſchloß mit der Darlegung, daß überhaupt nur ein homicidium casuale voll⸗ bracht ſei, indem die Vergiftung gegen Louiſe Esbra gerichtet geweſen. Die Staatsanwaltſchaft vermochte ſich den Gründen der Vertheidigung nicht anzuſchließen und hielt den Beſchluß des erwähnten Strafmaßes aufrecht. Der Präſident erklärte dem⸗ nächſt die Verhandlungen der Unterſuchung für geſchloſſen und bezeichnete den 16. April als die Zeit des richterlichen Aus ſpruches. Der Angeklagte, der trotz ſeines hohen Alters und ſeiner Hinfälligkeit im Allgemeinen keine Sympathie erregte, zeigte während der Verhandlungen nur hin und wieder eine lebhaftere Theilnahme für das, was um ihn vorging. Beim Sprechen geſtikulirte er heftig. Der Vertheidigungsrede ſchien er mit Geſpanntheit zu folgen. Er machte ſonſt den Eindruck einer lebendigen Leiche. Der Prozeß endete am 16. April mit der Verurtheilung des 84jährigen Greiſes zum Tode durch den Strang. Der Gerichtshof hat die Behauptung des Vertheidigers, es habe der Angeklagte an Geiſtesverwirrung oder Schwäche des Denkvermögens gelitten, nicht anerkannt, vielmehr angenommen, daß die Thatſachen das vollſte Bewußtſein, ſeine Geliebte Louiſe Esbra mit Vorbedacht vergiften zu wollen, begründen. Der General blieb bei Verkündigung des Urtheils äußerlich ziemlich ruhig. Biografieen von Zeitgenoſſen. Giacomo Meyerbeer, mit ſeinem eigentlichen Namen Jakob Meyer Beer, ſeit 1830 der ruhmreiche Repräſentant der großen franzöſiſchen Oper, iſt im Jahre 1791 zu Berlin geboren, wo ſein Vater ein ſehr bedeutendes, angeſehenes Banquiergeſchäft führte. Schon im frühen Knabenalter zeigte Meyerbeer auffallende muſikaliſche Fähigkeiten, in Folge deſſen er Klavierunterricht bei dem ſeiner Zeit wohlbekannten, aber im Laufe der Jahrzehnte verſchollenen Klavierſpieler und Komponiſten Franz Lauska erhielt. Dieſem Unterrichte geſellte ſich weiterhin theoretiſcher bei Zelter hinzu, und ſo ſcheint es, daß Meyerbeer, in Erkenntniß ſeines muſi⸗ V b V V kaliſchen Talentes, mit voller Abſicht ſchon ſeit ſeiner Kindheit dem Künſtlerberufe entgegengeführt wurde. Im Klavierſpiel überraſchte er bald durch außerordentliche Leiſtungen, welche ein öffentliches Auftreten zur Folge hatten. Auch außerhalb Berlin, und namentlich in Wien, ließ er ſich öffentlich unter rückhalt⸗ loſer Anerkennung der gewichtigſten Kenner und bewährteſten Fachmänner hören. Trotz dieſer Erfolge wendete Meyerbeer ſich von der Virtuoſenlaufbahn ab und traf alle Anſtalten, ſich aus⸗ ſchließlich der Kompoſition zu widmen. Demzufolge ging er zu dem damals in hohem Anſehen ſtehenden Abt Vogler nach Darmſtadt, bei welchem er als Mitſchüler K. M. v. Weber's, des genialen Schöpfers der nationaldeutſchen Oper, Kompoſt tionsſtudien trieb. Meyerbeer blieb vom Jahre 1810— 1811 in der perſönlichen Umgebung Vogler's. Während dieſer Zeit ſchrieb er ſein erſtes umfangreiches Werk:„Gott und die Na tur“, eine Kantate. Hierauf ging er zur dramatiſchen Kompo⸗ ſition über, welcher er fortan ſeine Kräfte ausſchließlich wid mete. Die erſte Oper, welche eine öffentliche Aufführung, und zwar in München erlebte, war„Jephtha“. Ihr ſolgte eine ko miſche Oper:„Die beiden Kalifen“, gegeben in Wien und Stuttgart. Die verhältnißmäßig geringen Erfolge dieſer beiden Opern beſtimmten Meyerbeer, der, wie ſein ſpäteres Leben ge zeigt hat, den Beifall der Menge liebt, ſeine bisherige, von ernſterem künſtleriſchen Streben zeugende Richtung gegen eine gefällig einſchmeichelnde und ſinnlich effektvolle Kompoſitions weiſe zu vertauſchen. Namentlich mochte hierbei Roſſini’s Bei⸗ ſpiel, deſſen glänzendes Geſtirn eben im Aufgehen begriffen war, weſentlich mitgewirkt haben. Denn Meyerbeer wandte ſich nach Italien und ſchrieb in nächſter Folge, in dem durch Roſſini be gründeten neuitalieniſchen Opernſtyl, für die italieniſche Bühne eine Reihe von Opern, als:„Romilda e Coſtanza“,„Semira mide riconnosciuta“,„Emma di Resburgo“,„Margherita d'Anjou“,„Eſule di Granada“ und„il Crociato in Egitto“. Die Entſtehung derſelben fällt in die Periode von 1817— 1825. Für das Heimatland des Komponiſten blieben ſie zum größten Theil gänzlich unbekannt, mit Ausnahme der Opern„Emma di Resburgo“,„Margherita d⸗Anjou“ und„il Crociato in Egitto“, welche eine vorübergehende Darſtellung in Berlin fan⸗ den, ohne jedoch durchgreifenden Erfolg zu erlangen. Die da malige Kritik ſprach ſich ſogar einmüthig mit aller Offenheit gegen dieſe Erzeugniſſe aus, indem ſie namentlich die von Meyer beer eingeſchlagene, überwiegend äußerliche Richtung tadelte. Dieß Reſultat entmuthigte indeß den jungen Maeſtro nicht. Er ſchritt vielmehr auf der einmal betretenen Bahn vorwärts und bediente ſich blos anderer Mittel, um zu ſeinem Zweck zu gelangen. Hierbei war ihm Scribe, der effektreiche Intriguendramatiker, behilflich. Der Verbindung Meyerbeer's mit Dieſem verdanken wir die Entſtehung der modernen großen franzöſiſchen Oper. Dieſes Kunſtprodukt, welches eine eigene Gattung repräſentirt, darf im Grunde eine muſikaliſch⸗ weltbürgerliche Monſtroſität genannt werden. Denn mit geſchicktem und raſſinirtem Caleül auf die große Maſſe berechnet, iſt es ein unerquickliches Con glomerat aller möglichen entgegengeſetzten Eigenſchaften, denen Vorzüge wie Mängel in gleichem Maße eigen ſind. Die mo derne große franzöſiſche Oper läßt eine Vermiſchung verſchiede ner Style, Wahrheit und Unwahrheit, Geſchmack und Geſchmack loſigkeit, Nobleſſe und Trivialität, Schönheit und Unſchönheit erkennen. Außerdem zeigt ſich ein Aufgebot an äußerlichen Mit⸗ teln aller Art, wodurch für eine blendende theatraliſche Wirkung überreich geſorgt iſt. Das erſte in dieſe Gattung gehörende Gebilde war„Ro bert der Teufel“, zugleich die erſte Oper Meyerbeer's, welche ihm ſehr ſchnell Ruhm nach allen Weltgegenden hin eintrug. Der Komponiſt trat mit ihr 1830 vor das Forum der Oeffent lichkeit und errang einen Erfolg, der nicht nur nichts zu wün⸗ ſchen übrig ließ, ſondern auch für den Augenblick die beiden gefeierten Meiſter jener Tage, Roſſini und Auber, verdunkelte. Vielfach hat man behauptet, daß dieſer Erfolg hauptſäch lich durch materielle, eines echten Künſtlers unwürdige Opfer vorbereitet und herbeigeführt worden ſei. Hierin iſt man jedoch offenbar zu weit gegangen. Mag auch viel von Seiten des Komponiſten geſchehen ſein, um ſich damals der öffentlichen Meinung in Paris und namentlich der Kritik zu verſichern, ein ſo brillanter und noch heutigen Tages fortwirkender Erfolg, 320 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. wie ihn„Robert der Teufel“ hatte, läßt ſich nicht ein⸗ für allemal künſtlich präpariren, ſondern nur gewiſſermaßen zum Theil erhöhen. Wenn dieß letztere hier der Fall geweſen ſein dürfte, ſo iſt der größere Theil des erzielten Erfolges unbe⸗ denklich auf Rechnung der Wirkung zu ſtellen, die das Werk durch ſich ſelbſt ausübt.„Robert der Teufel“ iſt eine Oper, die unter allen Umſtänden jedes größere Publikum hätte für ſich gewinnen müſſen. Auch das Sujjet erweiſt ſich, trotz man⸗ cher Ungereimtheiten und Abſurditäten, in ſßeniſcher Hinſicht wirkſam; es iſt in genauer Kenntniß des Bühnenweſens mit außerordentlichem Geſchick zuſammengefügt. Die Muſik ſteigert den Eindruck der Handlung: ſie iſt ungewöhnlich prägnant, melodiös in's Gehör fallend, ſinnlich anſprechend und energiſch erregend, oft charakteriſtiſch und bezeichnend für die Situation, und effektreich durch grelle, kontraſtirende Inſtrumentalfarben. Dieſe Eigenſchaften, ebenſo ſehr das Produkt einer talentvollen Begabung als eines geiſtig ſpekulativen Raffinements und einer ſcharfſinnig reflektirten Kombinationsgabe, ſichern vollkommen den äußeren Erfolg. Mit Hilfe derſelben verdeckt Meyerbeer manche Blöße ſeines Künſtlerthums und namentlich den Mangel an Gefühlstiefe und warmer Empfindung. Denn obſchon ihm einerſeits ein gewiſſer Fanatismus der Leidenſchaft zu Gebote ſteht, vermöge deſſen er große und nachhaltige Eindrücke her⸗ vorbringt, ſo ſteht ihm für das Sublime meiſtens nur ein künſt⸗ lich reflektirtes Vermögen zu, welches ihm indeſſen bei geiſtrei⸗ cher Auffaſſung und ebenſo glänzender als gewandter Technik unter allen Umſtänden die Möglichkeit gewährt, dramatiſch⸗ theatraliſche Wirkungen zu erreichen. Beſſer noch als in„Robert der Teufel“ iſt dieß Alles in den„Hugenotten“ wahrzunehmen. Dieſe Oper, welche 1836 zuerſt über die Pariſer Bühne ging, ſteht in muſikaliſcher Hin⸗ ſicht wohl ziemlich in gleicher Linie mit„Robert“. Wenn dem letztgenannten Kunſtwerk der Vorzug größerer Friſche und ju⸗ gendlich ſchöpferiſcher Kraft zuzuerkennen iſt, ſo entſchädigen die „Hugenotten“ dagegen durch höheren dramatiſchen Schwung, namentlich im dritten und vierten Akte. Die Erfolge beider Opern haben ſich übrigens das Gleichgewicht gehalten. Entſchieden ſchwächer iſt die dritte große Oper Meyer⸗ beers:„Der Profet“. Der ebenſo einſichtsvolle als vorſichtige Komponiſt ſcheint dieß ſelbſt empfunden zu haben, denn obwohl der„Profet“ lange fertig war und die öffentlichen Blätter fort⸗ während mit unermüdlicher Ausdauer— freilich oft vergeblich — ſein Erſcheinen auf der Bühne profezeiten, ſo zögerte den⸗ noch Meyerbeer von Jahr zu Jahr mit einer Aufführung, welche faktiſch erſt 1849 erfolgte und zwar wiederum zu Paris. Im „„Profeten“ iſt gegen die beiden vorhergehenden Opern ein Sin⸗ ken der muſikaliſch ſchöpferiſchen Kraft unverkennbar, während das Aufgebot an ſzeniſchen Mitteln ungewöhnlichſter Art über⸗ wiegend in den Vordergrund tritt. Sonnenaufgang, Schlitt⸗ ſchuhlauf, Brillantfeuerwerk,— kurz ein Bühnenwunder über das andere. Trotzdem finden ſich in dieſer Oper immer noch manche Muſikſtücke von hervorragender Bedeutung, ſowohl in den Einzelpartien, als auch in den Enſembles. Ueberreich, wie der„Profet“ äußerlich ausgeſtattet iſt, hat er gleichfalls große Erfolge bei der Menge gehabt. Doch ſcheint es, daß die ihm gewordene Theilnahme nicht ſo lange ausdauern werde, als die den beiden andern Opern gezollte. Schon jetzt macht ſich dieß einigermaßen fühlbar. Zwiſchen die Veröffentlichung der„Hugenotten“ und des „Profeten“ fällt ein äußeres Lebensereigniß Meyerbeer's. Es betrifft ſeine Berufung und Ernennung zum königl. preußiſchen Generalmuſikdirektor, welche im Jahre 1842 erfolgte. Seitdem lebt Meyerbeer hauptſächlich abwechſelnd in Paris und Berlin. Während dieſer Zeit ſchrieb er die Muſik zum„Feldlager in Schleſien“, zu„Struenſee“(einer Tragödie ſeines Bruders Michael Beer) und endlich zum„Nordſtern“ mit Wiederbenu⸗ tzung der Hauptnummern des„Feldlagers in Schleſien“. Dieſe Kompoſitionen ſtehen jedoch gegen die drei großen Opern Meyer⸗ beer's zurück. Meyerbeer's neueſte Oper:„Die Wallfahrt nach Ploörmel“, wurde mit beiſpielloſem Erfolge zum erſten Male in Paris am 4. April d. J. aufgeführt. Wie Meyerbeer ſeinen Studien nach ein Kosmopolit, der beim deutſchen Vogler beginnend, dem Beiſpiele Mozart's folgend, ſich ſpäter den Italienern anſchließt, um die Errungenſchaften ſeines mühſamen Strebens zuletzt als vorwiegend franzöſiſche Produkte zur Erſcheinung zu bringen, ſo finden wir auch in dieſer Oper eine Fraterniſirung verſchie⸗ dener Style, wie verſchiedene Anſchauungsweiſen. Seine In⸗ ſtrumentirung, die ſich bisher im Dienſte von gewaltigen, hyper⸗ dramatiſchen Effekten gefiel, offenbart ſich im„Pardon de Ploörmel“ auch im Anmuthigen des Ivpylliſchen, in der lie⸗ benswürdigen, leichten Tändelei des Heiteren und verläßt nur ſelten das Maßvolle, das ſich im wirklichen Kunſtwerke auch bei der höchſten Spannung des Effektes zu behaupten weiß. Dabei durchweht die ganze Partitur eine Friſche und Freudig⸗ keit des ſchaffenden Triebes, welcher der neuen Oper den Stem⸗ pel der Jugendlichkeit aufdrückt, die Freund wie Gegner gleich überraſchen mußte. Der Erfolg iſt der Muſik ganz allein zuzu⸗ ſchreiben und das Libretto beſchränkt ſich auf die Poeſie des legendenhaften Bodens und auf die Ereigniſſe, die außerhalb der eigentlichen Handlung unſer Intereſſe in Anſpruch nehmen. Der Kaiſer hat Meyerbeer nach dem zweiten Akte in ſeine Loge rufen laſſen und ihn, wie der„Meſſager de Paris“ er⸗ zählt, über die Schönheit ſeines Werkes beglückwünſcht und hin⸗ zugefügt:„Ich für meinen Theil, mein Herr, danke Ihnen, daß Sie Frankreich wählen, um zuerſt Ihre Meiſterwerke auf⸗ führen zu laſſen.“—„Sire“, habe der Maeſtro erwiedert, „ich verdiene dieſen Dank nicht; ich, im Gegentheil, muß dan⸗ ken für die Aufnahme, welche ich in Frankreich, dem Lande der beſten Künſtler und der beſten Richter, finde. Uebrigens bringt mir die Regierung Eurer Majeſtät Glück, denn es iſt dieß das dritte Werk, welches ich aufführen laſſe, ſeit Sie in Frankreich regieren.“—„Herr Meyerbeer,“ ſagte nun die Kaiſerin,„ich hoffe, daß Sie jetzt keinen Grund mehr haben, uns die ‚Afri⸗ kanerine vorzuenthalten.“—„Um Vergebung, Majeſtät, es fehlt mir noch etwas,“ erwiederte Meyerbeer.—„Und was denn?“—„Ach, Madame— die Afrikanerin.“ Rebus von Heinrich Möchel. Rebus von Yermann Schirſchante. Rgviyo Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt.— Papier und Druck des art⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Pras. Ausgegeben am 1. Mai 1859.