77. Band. 5 Erinnerungen. EIaſ ℳ 9 99 9652 0 8 96( ⁴ſ llustrirte Blärkter kür Brnst und Mumor. (Neununddreißigſter Jahrgang.) Heft IX. 74 4 dan Julius Cäſar von Capua. Hiſtoriſche Erzählung von Z. Die Welt zu täuſchen, blicke wie die Welt, Und trag' in deinem Aug' ein freundlich Grüßen, In deiner Hand, auf deiner Zunge. Sieh' aus Wie die unſchuld'ge Blume, aber ſei Die Natter unter ihr! Shakespeare. J. ſ(Darum ſchwebt ſtets Trübſinn um Dein 9 Antlitz, liebes Kind?“ ſprach Königin Jo⸗ hanna II. von Neapel zu Katharina Alopo, ihrer jungen ſchönen Dienerin; „wo iſt Deine ſonſt ſo freundliche Heiter⸗ keit, die meine Stunden mir oft ſo an⸗ genehm verkürzt? Sprich, nagt ein Kummer an Deinem Herzen? Du ſollſt in mir eine gütige, liebe⸗ volle Freundin und Beſchützerin finden.“ 1859. X N 0 5 +ℳ Erinnerungen. .t rt 4&- ¹ Katharina richtete ihr großes ſchönes Auge auf einem niedrigen Schämel ſaß. „Eure Majeſtät, wenn ich offen, wie es mein Herz verlangt, zu Euch ſpräche, würde ich Verzei⸗ hung von Euch erhalten können 24 „Verzeihung erflehſt Du Dir, ſtatt Gewäh⸗ rung? Thörichtes Mädchen, ſo wenig Zutrauen V haſt Du zu meiner Liebe? Rede frei, ich höre Dir V gerne zu.“ V auf ihre königliche Gebieterin, zu deren Füßen ſie „Was ich Euch vertrauen wollte, iſt mein, iſt Pandolfello's Flehen.“.. „Pandolfello's? Kennt er denn nicht meine Huld gegen ihn, daß er durch Dich ſein Anſuchen an mich richtet?“ „Eure Majeſtät,“ ſprach „ſchon einmal bat er 44 Katharina ſchüch⸗ V tern, Euch um die Gewäh⸗ rung ſeiner Bitte und— 26 „Und ich habe ſie ihm abgeſchlagen!“ rief Johanna und erhob ſich;„nein, alles würde 33 258 Erinnerungen. IJlluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ich ihm geſtatten, nur dieſes nicht! Der Condottiere Sforza büße im Kerker ſeine Theilnahme am Bunde der Barone gegen mich!— Doch, Katha⸗ rina, wie kommt es, daß jetzt Dein Bruder ſich Sforza's annimmt? Sie waren ja Gegner und Pandolfello hat ihn durch die Anzeige ſeiner aufrühriſchen That dem Kerker überliefert. Sind das Umtriebe von ihm, ſo möchte ich ihm freund⸗ lichſt rathen, ſich in nichts zu mengen, denn trotz meiner Gunſt könnte er ſich leicht ſein Verderben bereiten.“ Die Königin ging einige Male erregt durch das Gemach, dann blieb ſie wieder vor Katha⸗ rina ſtehen und ergriff ihre Hand. „Ich wollte Dir nicht wehe thun, liebes Mäd⸗ chen, ich weiß, ihr Beide hanget voll Liebe an mir, und ein treues Herz iſt mir koſtbar in dieſer Zeit, wo viele Dränger mich umſtehen. Doch ſage mir, warum wählte Dich Dein Bruder zur Fürſpreche⸗ rin, warum bekümmerſt Du Dich um Sforza?“ Johanna blickte Katharina ſtreng in’'s Antlitz, das ein volles Roth übergoß. „Rede frei— doch Dein Verſtummen iſt mir beredter!— Du liebſt Sforza! Darum wollt ihr ſeine Freiheit, die er benutzt, um gegen mich mit den Baronen zu handeln und auch euch mir zu entfremden! Allüberall ſeh' ich nur Eigennutz und Verrath. Hinweg von mir und vergiß die thörichte Liebe, ſonſt wehe Dir!“ Die erzürnte Königin wandte ſich ab, Ka⸗ tharina ſtürzte zu ihren Füßen. „Eure Majeſtät, ſtoßt nicht die Bittende von Euch! Auch in Eurer Bruſt ſchlägt ein liebendes, warmes Herz, das meine Schmerzen kennt und das Wehe zurückgewieſenen Flehens fühlt!“ „Thörichtes Mädchen, wie magſt Du den ſchon bejahrten Mann lieben, deſſen Herz zu ehern iſt, als daß ſanfte Gefühle es erfüllen könnten? Der Reiz des Ruhmes, Sforza's Macht und ſntattliche Haltung, das ſind wohl die Magnete, die Dein Herz anziehen und Deinen Bruder beſtimmen, dieſe Verbindung zu fördern. Doch keine eurer Bitten öffnet Sforza's Kerker!“ Johanna trat an's Fenſter und blickte hin⸗ aus in den Hof des Caſtel nuovo. Ihr Herz war mächtig erſchüttert durch das Bekenntniß Ka⸗ tharina's; hatte ſie ja ſelbſt den berühmten Kriegsführer geliebt und war deſſen kaltes Weſen gegen ſie mit ein Beweggrund zu ſeiner Gefangen⸗ nahme geweſen. Da öffnete ſich die Thüre des Gemaches und Pandolfello Alopo, ein ſchöner junger Mann, trat ein. Ihm, dem Günſtlinge und Großkämmerer der Königin, war ſtets der Zutritt zu ihr offen. Heute zeigte ſich ſein ſonſt heiteres Antlitz umdü⸗ ſtert. Einen traurigen Blick auf ſeine ſtill weinende Schweſter werfend trat er vor die ſinnende Köni⸗ gin hin. 1 „Pandolfello,“ ſprach dieſe düſter aufbii⸗ ckend,„Du wagſt es mir wieder zu nahen, nach⸗ dem Du Deine unkluge Bitte erneuert und mir neuen Schmerz, neuen Zorn bereitet haſt?“ „Eure Majeſtät, was ich gethan, war nur ein Beweis meiner Treue und Ergebenheit.“ „Deiner Treue? Nennſt Du es Treue, wenn Du meinen Feinden zu meinem Verderben neue Macht mit der Freiheit geben willſt?“ „Meine Treue wollte Euch einen verläßlichen, mächtigen Diener ſchaffen. Wird Sforza frei durch Eure Gnade, was könnte ihn mehr bewegen, Euch zu dienen? Doch zwingt man Euch, ſeinen Kerker zu öffnen, ſo muß er auf die Seite ſeiner Freunde und— Curer Feinde treten!“ „Meiner Feinde! Hab' ich denn keine Macht mehr, ſie niederzuſchlagen und zu walten, wie es Neapels Königin ziemt? Droht denn Gefahr, daß Du zitterſt?“ „Meine Sorge für Euer Wohl ahnt, ſieht ſie. Verkehrte Maßregeln haben wir ergriffen, um den Adel zu beugen. Ihr tratet den Einen nieder, zehn erheben ſich kühner gegen Euch.“ „Und gegen Dich?“ „Bin ich denn ihnen nicht verhaßt, da Eure Huld mir lächelt? Und will der Adel gegen Euch handeln, ſo iſt es gewiß ſein erſter Plan, mich zu ſtürzen. Durch Sforza's Gefangennahme hofften wir den Bund der Barone zu ſprengen, und ver⸗ mehrten nur ihre Unzufriedenheit. Nun ſammelt ſie Julius Cäſar, deſſen heftiger, kühner, ehrgeizi⸗ ger Sinn Grund zu gerechten Befürchtungen gibt.“ „O dieſer Cäſar, mein böſer Stern, wird noch mein Verderben. Steigt er, ſo muß ich fal⸗ len, denn ſeine Herrſchſucht kennt keine Grenzen!“ „Die Heere Sforza's ſind empört über die ihrem Führer geſchehene Schmach, ſie wollen mit Gewalt ihn befreien. In der Stadt Aquila lodert offene Empörung, die der Herzog von Seſſa mit dem Grafen von Fondi ſchürt, die Grafen von Gerace, Troja, Julius Cäſar von Capua rüſten ſich in Eurer Nähe zu gleichem Werke, daß der Befreite ihren Bund verſtärke. Kommt ihnen zuvor, hört auf mein Wort und Ihr werdet über ſie triumphiren können!“ Pandolfello trat zu ſeiner Schweſter zu⸗ rück, nach einigem Bedenken wendete ſich Johanna zu ihm.. „Laß mir noch einige Zeit zur Ueberlegung, denn jeder Entſchluß iſt folgenſchwer.— Doch was ſoll der Lärm in meinem Vorſaale? Will man denn auch da mir nicht mehr Ruhe gönnen? Sieh' nach, Pandolfello, wer der verwegene Stö⸗ ver iſt.“ Nach einer Weile kam Alopo zurück. „Eure Majeſtät, die Grafen ſind's, die drin⸗ gend um Gewährung einer Unterredung mit Euch anſuchen!“ „Was ſoll mir ihr Rath!“ rief Johanna, indem ihre Augen flammten,„was beſtürmen ſie — nahen, nach⸗ tert und mir haſt?“ var nur ein Treue, wenn erderben neue derläßlichen, za frei durch vegen, Euch en Kerker er Freunde mne Macht „ wie es Gefahr, daß ahnt, ſieht ſie. „ um den u nieder, zehn mich zu ne hofften gen, und ver⸗ mſammelt ſie hner, ehrgeizi⸗ tungen gibt.“ Stern, wird 3ich fal⸗ e Grenzen!“ ört über die e wollen mit Aauila lodert Seſſa mit e Grafen volt von Capua Werke, daß ommt ihnen er werdet über 6 1 Schweſter zu⸗ ſich Johanna ir Ueberlegung, — Doch was „ Pill man 21 ⸗ nnen? Sich 2t⸗ ervegent Julius Cäſar von Capua. 259 mich damit! Will ich handeln, ſo folg' ich meinem Willen. Ich will ſie nicht ſprechen, ich will ſie nicht hören!“ Kaum ſprach Johanna dieſe heftigen Worte aus, als ſchon die von Alopo Gemeldeten eintra⸗ V ten. Die Grafen von Troja, Gerace und An⸗ dere folgten dem kühn voranſchreitenden Julius Cäſar, der vor der Königin ſich ehrfurchtsvoll auf ein Knie niederließ und mit feſter Stimme ſprach: „Eure Majeſtät, Verzeihung für unſer Ein⸗ dringen. Wo es das Wohl des Landes, das Wohl unſerer Königin gilt, da kennt der treue Unterthan kein Bedenken.“ Die Königin faßte ſich. „Redet, ich höre Euch gerne zu, wenn Ihr mein und meines Landes Beſtes im Sinne habt.“ „Nur die Liebe zu ihm erfüllt mein Herz,“ ſprach Cäſar aufſtehend,„und die Seelen meiner Freunde; ſein Erblühen iſt unſer Stolz, und unſer einziges Streben geht dahin, es vor Schaden zu wahren.“ „Und welchen Schaden fürchtet ihr? Haltet ihr meine Herrſchaft dem Lande für verderblich? Bedenkt, daß ihr ſelbſt mich nach meines Bruders Ladislaus Tod auf den Thron erhoben und mir den Glanz verliehen habt, der wahrlich nicht beneidenswerth iſt!“ „Wir ehren Eure Herrſchaft, Ihr ſeid unſere Herrin, der wir dienen ſollen. Doch Ihr weiſet die Edelleute von Eurer Seite, wo doch ihr Platz iſt, Ihr umgebt Euch mit Güntſſtlingen, die nur ihr eigenes Wohl fördern, den Guten Euch entfremden, Euch und dem Lande nur Verderben bringen.“ „Wollt Euch näher erklären, Herr Graf,“ ſprach Alopo zornig vortretend;„meint Ihr denn, daß nur die das Wohl unſerer erhabenen Königin im Auge haben, die ihr ſo herausfordernd und dro⸗ hend wie Ihr entgegentreten?“ „Beruhige Dich, Alopo,“ ſprach Johanna. „Eure weitere Bitte, Cäſar?“ „Meine Bitte iſt die Bitte Eures ganzen Adels: Gebt Sforza ſeine Freiheit wieder! Was warf ihn in den Kerker? Eine grundloſe An⸗ klage, er ſei Euch feindlich geſinnt, läßt ihn im Gefängniſſe von Berevella ſchmachten, wo er noch zum Hohne ſeines Elends zu ſeinem Todfeinde Paolo Orſini geſchloſſen iſt. Wo war das Recht zu dieſer That? Wo war das Gericht, das ihn eines Frevels wegen verurtheilt, wo der Staatsrath, der dieß genehmigt hätte? Soll bei ſolcher Hand⸗ lungsweiſe ſich nicht der ganze Adel betroffen füh⸗ len, ſoll er ſich nicht erheben und fordern: Unter⸗ ſucht den Fall und verurtheilt den Schuldigen, den Schuldloſen aber laſſet frei?“ Mit erhobener Stimme hatte Cäſar die letz⸗ ten Worte geſprochen; die Königin zuckte zornig mit den Lippen. Alopo trat vor ſie hin. „Herr Graf, Ihr vergeſſet, zu wem Ihr redet!“ „Zu meiner Königin, Herr Großkämmerer, und ich wünſchte, daß ſie nur ſolche geſunde, ker⸗ nige Rede hörte, nicht ein ſchmeichelndes, doch ver⸗ derbliches Liſpeln feiger Günſtlinge. Dann litten biedere Männer nicht unſchuldig und ſtolze Empor⸗ kömmlinge brüſteten ſich nicht mit falſchem Glanze!“ Der Graf von Troja trat vor. „Eure Majeſtät, verzeiht meines raſchen Freun⸗ des kühnes Wort, denn alles ſpricht er zu Eurem Heil. Dem Lande kann eine große Gefahr erwach⸗ ſen, groß iſt Sforza's, groß Orſini's Macht. Beide Feldherren ſchmachten in Ketten. Wenn ihre Heere ſich verbünden zur Befreiung ihrer geliebten Führer, wer hemmt das daraus entſtehende Ver⸗ derben? Werden wir Euch ſchützen können?“ „Nein!“ rief Alopo,„ihr werdet euch mit ihnen verbünden!“ Cäſar warf ihm einen Blick voll Verach⸗ tung zu.. „Ein ſolches Wort kann nur aus Eurem Munde kommen und iſt nicht werth, daß ein Edelmann darauf erwiedere!— Doch, Eure Majeſtät, Ihr erhöret uns und das ganze Land verehrt Euch als ſeine beſte Fürſtin!“ Johanna erhob ſich. „Ein ſchwaches Weib nur iſt eure Königin, wenn ihr gegen ſie euch ſtellen wollt. Frei kann ſie nicht handeln, da ihr ſie bedrängt; ſtatt ſie voll Edelſinn zu ſchirmen, will Jeder ihr befehlender Rathgeber ſein!“ „Verzeiht die Unterbrechung,“ ſprach Cäſar, „verzeiht, wenn ich geradeaus meine Meinung ſage. Der Gemal iſt des Weibes ſtarker natürlicher Schir⸗ mer. Wählt einen ſolchen— ganz Neapel ſegnet Eure Wahl, Euch wäre eine kräftige Stütze, das Königreich könnte Ruhe hoffen und Erben, die einſt es ruhmvoll leiten.“ „Ihr redet frei, Graf von Capua, und habt Ihr Zartgefühl, ſo fordert nicht, daß ich mich ſo— gleich erkläre. Doch ſeid verſichert, was mein Land wünſcht— und was ich als ihm nöthig erachte, das werde ich thun. Doch geſtattet mir, auf einen Augenblick mich zurückzuziehen, eh' ich auf Eure erſte Bitte Antwort gebe.“ Die Königin trat von Katharina und Alopo begleitet in ein Nebengemach. Schweigend erwarte⸗ ten die Edelleute ihren Beſchluß. Bald erſchien ſie wieder, ihr leuchtender Blick ruhte auf dem ernſten Auge Cäſar's. „Ihr verlanget Unterſuchung von Sforza's Sache,“ redete ſie ihn an,„ſie ſoll ihm werden. Ich ehre eure treue Sorge für ihn und achte dieſe Einheit, die unter meinem Adel herrſcht. Darum wird meine Enade euch Sforza bald frei und unverletzt wieder geben, und wie ich hoffe, keine Undankbaren beglücken.“ „Heil Eurer Majeſtät!“ rief Cäſar,„unſer Blut für unſere Königin, die des Landes wegen unſerem Rathe folgt! Unſer Dank dafür ſoll unſer weitere, treue Dienſt ſein“ V 33* 6 260 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Sich verneigend verließen die Grafen das kö⸗ nigliche Gemach. „O könnte ich ſie zertreten!“ rief Johanna; „merkſt Du nicht, wie jedes ihrer Worte einen Stachel in ſich birgt? Ihr wollt Sforza wieder an eurer Seite haben? Der Großkonnetabel Mu⸗ tius degli Attendoli Sforza iſt mein treu⸗ ergebener Diener! Pandolfello, verkünde ihm ſelber ſeine Freiheit, meine Huld! Ich will ſehen, ob ich mich über dieſe hartnäckigen Rebellen erhe— ben kann! Einen Gemal wollen ſie mir geben, daß er König ſei und ich gehorche! Geſchieht auch das erſte, ſo wollen wir doch das Gehorchen uns noch gründlich überlegen!“ Pandolfello verließ das Zimmer. Mit heiteren Blicken nahte Katharina der Königin, die ſie gütig umarmte. „Mögeſt Du, gutes treues Kind, glücklich in Deiner Liebe werden und möge ſie mir wie Dir ein Stern des Glückes ſein!“ Mutius Sforza war mit dem Vorſchlage Alopo's, der ſo glänzend für einen Gefangenen war, gern zufrieden und ſo ſtand er bald da als der treueſte Anhänger der Königin. Die Würde eines Großkonnetabels von Neapel ſchmeichelte ſei⸗ nem ehrgeizigen Herzen und ſtellte ihn an die Spitze eines nun reichbeſoldeten Heeres, mit dem er gegen die aufſtändiſchen Barone und die mit ihnen ver⸗ bundene Stadt Aaquila handeln ſollte. Wie Alopo es der Königin verſprochen, traf es ein. Ihre Macht war gehoben, die ihrer Feinde gebrochen. Beim Herannahen von Sforza's Heer ergab ſich Aquila und die widerſpenſtigen Barone wurden zur Verſöhnung gezwungen, was um ſo leichter ge⸗ ſchah, als Johanna ſich endlich zur Wahl eines Gatten entſchloß und der Gewählte, Jakob von Bourbon, Graf von Marche, Allen willkom⸗ men war. So konnte man nun hoffen, daß ruhi⸗ gere Zeiten dem Lande erblühen würden. Nur in Cäſar's Bruſt lebte der Groll gegen Sforza, durch den der Bund des Adels, der ihn doch als ſeine Stütze aufnehmen wollte, gelöſt war. Sforza ſtand an der Spitze der Verwaltung, wäh⸗ rend Cäſar's glühender Ehrgeiz nie befriedigt wurde, und es war daher das raſtloſe Beſtreben des letzern, einzelne gleichgeſinnte Adelige um ſich zu verſammeln und eine neue Oppoſition gegen die Königin und ihren Anhang zu bilden. Nur ſchwer nach langem Drängen hatte ſich Johanna zur Vermälung entſchloſſen; ihre Seele war ganz furchterfüllt, daß ihr Gemal allen Ein⸗ fluß gewinnen, daß er die von ihr Begünſtigten verfolgen, ja ihre Freiheit ſelbſt einſchränken könnte. ſtärkte, der trotz ſeiner nunmehrigen Stütze an ſei⸗ nem Schwager Sforza doch ſeine Stellung immer mehr wanken fühlte. Im Juli 1415 langte Jakob in Venedig an und es war nun an der Königin, ihm eine Geſandtſchaft entgegen zu ſenden, die ihn begrüßen und nach Neapel leiten ſollte. Sie zauderte und dieſen Umſtand benützte der ſchlaue Cäſar, der mit ſeinen Verbündeten, ohne der Königin Auftrag lund Wiſſen, dem künftigen Gemale Johanna's entgegenritt, um ihm ſeine Dienſte zur Verfügung zu ſtellen und Aufſchlüſſe über den Hof von Neapel zu ertheilen.„ Groß war das Erſtaunen der Königin, als ſie Cäſar's eigenmächtige That erfuhr, und zu ſpät erkannte ſie, daß ſie ſelbſt Cäſar Gelegenheit zu ſeinem Beginnen gegeben habe. Selbſt ſich zür⸗ nend, ſuchte ſie Hilfe bei Sforza, den ſie eilig mit einem glänzenden Gefolge Jakob entgegenſandte. Dieſer war zu Troja angelangt, wo ihn Ju⸗ lius Cäſar traf, als er eben aus der Stadt mit ſeinem franzöſiſchen Gefolge reiten wollte. Kaum erblickte ihn Cäſar, als er vom Pferde ſprang und grüßend ihm nahte. „Erlauchter König, Eure Majeſtät ſei willkom⸗ men im Kreiſe Ihrer neuen, treuen Unterthanen!“ Freudig erſtaunt winkte ihm Jakob herab⸗ laſſend zu und die übrigen mit Cäſar gekomme⸗ nen Edelleute ſtimmten ein in den Ruf: „Es lebe unſer König Jakobl!“ Auf dieſe Weiſe hatte Cäſar ſeinen Zweck erreicht, von ihm empfing Jakob, der nach Jo⸗ hanna's Willen blos Graf und General⸗Gouver⸗ neur heißen ſollte, zuerſt die Huldigung als König, und indem Cäſar ſo Jakob's geheimen heißem Wunſche zuvorkam, mußte er die Guͤnſt desſelben gewinnen. In freundlichem Geſpräche mit ihm ſetzte Jakob ſeine Reiſe fort und erſt vor Benevent erſchien Sforza. War Cäſar kühn, nur ſich vertrauend, ohne allen Prunk vor dem Könige erſchienen, um ihm den höchſten Dienſt zu erweiſen und in ſeiner Gunſt die erſte Stelle einzunehmen, ſo war Sforza's Aufzug nur geeignet, Spott und ſtille Erbitterung in Jakob's Seele zu erzeugen. Prunkvoll nahte ſein Gefolge, welches das Jakob's in Schatten ſetzen und dieſen fühlen laſſen ſollte, welcher Ab⸗ ſtand zwiſchen ihm und der Königin ſei. Ein He⸗ rold ritt ihm voran mit ſeinem ſteten Rufe:„Es naht der Großkonnetabel der Königin Johanna!“ Jakob lächelte, als derſelbe auch vor ihm erſchien und ſeinen Spruch wiederholte. Er ließ ſei⸗ nen Zug halten, bis Sforza in ſeine Nähe kam. Dieſer ließ ſeinen düſtern Blick auf Cäſar haften, dann aber wandte er ſich gegen Jakob und auf dem Pferde ſich unbeholfen verbeugend, ſprach er: „Erlauchter Graf, die Königin, Deine Gema⸗ lin, iſt freudenerfüllt wegen Deiner glücklichen An⸗ Dazu kam, daß Alopo ſie in dieſer Meinung be⸗ kunft und erwartet Dich mit ihrem treuen Volke de an ſei⸗ elung immer in Venedi in, ihm eine ihn begrüßen zauderte und Läſar, der nigin Aufteag Johannas Verfügung f f von Neapel 8h Konigin, als 1 zür⸗ je eilig mit gegenſandte. oihn Ju⸗ s der Stadt ollte. Kaum e ſprang t ſei willkom⸗ Unterthanen!“ akob herab⸗ gekomme⸗ · 2 ſeinen Zweck ug als König, eimen heißem unſt desſelben ihm ſebzte r Benevent oor auend, ohnl , um ihm er Gunſt ako runtdb ſprach et: „ee Genna⸗ en An⸗ Volke ein ch . * Julius Cäſar von Capua. 261 —’’’ᷣ-— voller Ungeduld. Meine Ehre aber ſoll es ſein, Dich in ihre Reſidenz zu geleiten.“ „Vielen Dank, Herr Großkonnetabel, für dieß Willkommen,“ entgegnete Jakob,„und ich hoffe, daß mein ganzes Thun und Laſſen Eurer Zufrie⸗ denheit ſich erfreuen werde.“ Sforza umgab Jakob mit ſeinem Gefolge. Mißmuthig darüber wollte Cäſar mit ſeinen Freunden, die bisher Jakob zur Seite waren, ſich entfernen, dieſer aber winkte ihnen mit der Hand. „Verlaſſet mich nicht, meine treuen Freunde.“ An Cäſar's Seite ritt Jakob in Benevent ein, während Sforza ſeitwärts an der Spitze ſei⸗ nes Zuges ritt. Im Schloſſe von Benevent angelangt, huldig⸗ ten die Barone Jakob als ihrem Könige, nur Sforza fehlte. Im Vorſaale ging er düſter und mißgeſtimmt umher, er ahnte das Gewitter, das Julius Cä⸗ ſar heraufbeſchworen und das ſich auf ſeinem und der Königin Haupte entladen ſollte, er ſah Cäſar in der Nähe des gegen ihn ſo freundlichen Jakob, er wußte von der dieſem erwieſenen Huldigung als König, er wußte, daß Jakob als ſolcher auch in Neapel einziehen und begrüßt werden würde. Ein und aus gingen die Edelleute in das kö⸗ nigliche Gemach und warfen höhniſche Blicke auf Sforza, der krampfhaft den Säbelgriff in ſeiner Rechten preßte und ſeinen Zorn in der Bruſt ver⸗ ſchloſſen hielt. „Du ſollſt als König in Neapel walten!“ tönte es von Neuem aus dem Saale zu Sforza, „es ſtürze dieſes erbärmliche Weiberregiment ſammt den elenden Günſtlingen!“ „Und der rohe Lanzenknecht ſoll die Verwe⸗ enheit büßen, ſtolz dem Könige Jakob entgegen⸗ genh 3 g geg zutreten!“ Seiner nicht mehr mächtig erhob ſich Sforza, um in den Saal zu ſtürzen. Da öffnete ſich die Thüre desſelben und Julius Cäſar von Capua erſchien lächelnd an der Schwelle. „Wohin, ſtolzer Herr Großkonnetabel, ſo eilig?“ redete er ihn ſpöttiſch an;„dort werdet Ihr nur Männer, aber keine Weiberknechte finden.“ „Auch die Weiberknechte führen ein Schwert!“ zuſteht? Darfſt Du Dich, Du in einem elenden Städtchen der Romagna geboren, erdreiſten, dem rechtmäßigen Oberherrn die ſchuldige Verehrung und Huldigung zu verſagen; während die Edlen des Landes ſie leiſten, darfſt Du Dein Haupt ſtolz über dieſe erheben?“ Sforza biß zornig bei dieſer Rede in ſeine Lippen, daß ſie bluteten, ſeine Augen rollten glü⸗ hend in den Augenhöhlen unter den buſchigen, dro⸗ hend zuſammengezogenen Augenbrauen. „Die Königin iſt Herrſcherin, ihr, niemanden Anderem beuge ich mich und werfe Dir und allen Deinen Genoſſen die Schmach des Verrathes in's ſchamloſe Antlitz! Und poche Du nur auf Deinen Adel, dieſen Dunſt und eitlen Flitter, der unver⸗ dient euch umgibt. Schande denen, die der Väter Verdienſt als ihr eig'nes anſehen. Was ich bin, hat meine Thatkraft mir errungen und hier mein wackeres Schwert iſt mein Adel, der meine und meiner Königin Ehre wohl zu ſchirmen weiß!“ „Ich zweifle gar nicht an Eurem Werthe! Im wilden Lager, im Kreiſe roher unbändiger Kriegs⸗ geſellen iſt Euer Platz, hier ſchließt ſich Eurem rau⸗ hen Tone der Zutritt zum Könige.“ „Elender! noch ein ſolches Wort und ich ver⸗ geſſe, was ich dem Dienſte meiner Königin ſchul⸗ dig bin!“ „Deiner Königin!“ höhnte Cäſar,„felſenfeſt ſtützeſt Du ihren Thron!— Sforza, willſt Du nie dem beſſern Werke Deine Kräfte weihen? Nur Manneskraft ſoll herrſchen! Schon einmal boten wir Dir die Hand, Du ſchlugſt ſie zurück! O ge⸗ duldiger Mann, der ruhig erträgt, wenn ihn die Königin, wenn den Helden ein Weib bald wie ihren Schoßhund ſchlägt und bald wieder ſtreichelt! Geht hin, wenn's Euch beliebt, zu ihrem Dienſte, zu den ſchmeichelnden ſchönen Katzen, mit denen ſie Helden zähmt, gewinnt; uns laßt als Männer ſteh'n beim ſelbſtgewählten Herrn!“ „So höhne zu und ſchimpfe das beſte Herz, das ſich mir erſchloſſen, ſtürze Deine Königin! doch harre meiner Rache!“ „O, edler Sforza, Deine Rache! Wie ehre ich dieſes Dein Wort, den Zeugen Deiner Ehre und Biederkeit! Fürwahr, Du wäreſt würdig, unſer rief Sforza grimmig,„und wehe dem, den dieſes trifft! Wohin ich will, fragt Ihr? Zum Grafen von Marche, und wer will mir, dem Geſandten Kopfbedeckung vom Haupte und warf ſie mit kräf⸗ unſerer erhabenen Königin, den Weg dazu ver⸗ treten?“ „Ich will's, Herr Großkonnetabel!“ entgegnete Cäſar ruhig. „Und glaubt Ihr wohl, ich laſſe mir etwas Dein Haupt die ſchmählichſte Verachtung!“ von Jemanden ungeſtraft wehren?“ „Ich glaube es und darum wehr' ich Euch! Wer ſoll zu unſerem Könige den Zutritt haben? Nur der, welcher ihm treu iſt, nicht aber ein ſol⸗ cher, der ohne Ehrfurcht ihm begegnet. Wer biſt denn Du, daß Dir ſolch' ein hochfahrendes Weſen König zu ſein mit Alopo, Deinem ehrenwerthen Schwäher, zur Seite“ Seiner nicht mehr mächtig riß Sforza ſeine tiger Hand Cäſar zu Füßen. „Da liegt mein Aufruf zum Kampf auf Tod und Leben. Wohnt noch ein Funke von Ehre in Deiner Bruſt, ſo nimm ihn auf, ſonſt falle auf Mit wilden Blicken ſchritt Sforza durch das Gemach und riß ein Fenſter auf. Die kühle Abend⸗ luft ſtrich herein und wehte mit ſeinen wirr um das Haupt flatternden dunklen Haaren. Er lehnte ſich an's Fenſtergeſimſe und ſtierte drohend Cäſar an. 262 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. „Nun, entſcheideſt Du Dich endlich? Haſt Du nur Muth zu Worten und nicht zu Thaten?“ „Hier haſt Du mein Zeichen zum Kampfe!“ rief Cäſar und die Hände auf der Bruſt kreu⸗ zend blickte er kalt, gelaſſen Sforza an, der mit gieriger Hand das Barett mit den Reiherfedern ergriff und in der Linken zuſammenpreßte. „So zieh' das Schwert!“ rief er, als Cäſar ruhig blieb, und ſchwang das Schwert,„ſchnelle Entſcheidung iſt die beſte Entſcheidung!“ Cäſar z. mit keiner Miene. „So fahre hin zur Hölle, wenn Du Dich nicht wehren willſt, Dein falſches Herz ſchlag' ſei⸗ nen letzten Schlag!“ Sforza wollte ſich ſchon auf Cäſar ſtürzen, da öffnete ſich die Thüre des Saales, der Graf von Troja, als oberſter Seneſchall trat ſchnell zwiſchen die erbitterten Gegner. „Ruhe im Namen Königs Jakobl“ Jakob trat in dieſem Augenblicke, von ſeinen Edelleuten umgeben, ein. Sein Auge überblickte ſchnell die Szene. Julius Cäſar ſtand ruhig wie früher da. Der noch immer ingrimmige Sforza ließ das in der Fauſt eingeklemmte Schwert mit dieſer ſinken und rollte die Augen, bald ſeinen Geg⸗ ner mit ihnen durchbohrend, bald die ihn umge⸗ benden Edelleute finſter und vorwurfsvoll anſehend. „Iſt das die Begrüßung meiner Ankunſt,“ ſprach Jakob,„daß unerbittliche Fehden gleich unter meinen Augen losbrechen? Herr Großkonne⸗ tabel, wahrt Ihr ſo die Würde eines Geſandten der Königin von Neapel? So vergeßt Ihr die ihr und mir ſchuldige Ehrfurcht?“ Sforza kniff gereizt, im Herzen glühend, die Zähne zuſammen und blickte zu Boden, mühſam ſeinen aufwallenden Zorn unterdrückend. Jakob wendete ſich zu Julius Cäſar. „Und Ihr, der Ihr mir zuerſt Treue und Ergebenheit geſchworen, Ihr lohnt ſo meine Güte gegen Euch, Ihr hadert mit dem Geſandten mei⸗ ner Gemalin, Ihr, der erſte meiner Barone, wahrt ſo ſchlecht Euren Adel? Wahrlich, Beſſeres hätte ich von Julius Cäſar von Capua erwartet!“ „Ihr ſeht, Eure Majeſtät,“ ſprach Cäſar ruhig und ein leiſes Lächeln ſpielte um ſeinen Mund,„nicht ich habe das Schwert gezogen. Feſt ſteckt's in der Scheide. Lieber wollt' ich's zerbrechen, als es ſo unwürdig führen. Und reizte denn anderes meinen Gegner zu ſeinem wahnſinnigen Beginnen, als mein Eifer Euch zu dienen, meine Euch erwie⸗ ſene Huldigung, meine Ruhe, die ſeinem aufwallen⸗ den Jähzorn ſich entgegenſtellte? Doch, Eure Ma⸗ jeſtät, gebrochen iſt der Friede, der in der Umge⸗ bung eines Königs ſtets walten ſoll, ich will es büßen, auf daß ich Eurer Verzeihung und Gnade theilhaftig werden könne. Hier, Herr Seneſchall, iſt mein Schwert. Gebt mir's erſt zurück, wenn ich rein vor meines Königs Auge ſtehe, wenn ich es würdiger für ihn führen kann!“ V Jakob blickte freundlich Cäſar an, der ru⸗ hig ſein Schwert abſchnallte und dem Grafen von Troja überreichte. „Ich folge Euch zur Haft!“ Aller Augen waren nun auf Sforza gerich⸗ tet, der regungslos wie ein Marmorbild daſtand. Der Seneſchall trat zu ihm. „Euer Schwert, das Ihr ſo unwürdig führt!“ Sforza faßte und zerbrach es und warf die Stücke zu Boden. „Königin, Deine Sonne ſinkt, denn Cäſar's Sonne geht auf!“ rief er und folgte der Wache. Julius Cäſar warf einen Blick der Hoff⸗ nung und des Sieges auf Jakob und verließ mit dem Grafen von Troja das Gemach. (Fortſetzung folgt.) Der Verlorene. Novelle von Walter Lindau. (Schluß.) Won dieſer Stunde an hatte Otto ein wenig⸗ ſtens vorübergehendes Ziel, aber doch ein Ziel, dem er mit Luſt und Liebe nachſtreben , Stonnte. Eine begabte Natur bilden, ſie der ð& Kunſt, der wahren Kunſt zu geben, iſt im⸗ mer etwas, das einem Charakter wie Otto eine würdige Aufgabe erſcheinen mußte. Aber er verhehlte ſich nicht, daß dieſe Aufgabe keineswegs ſo leicht zu löſen ſei, als dieß bei einer flüchtigen Betrachtung erſcheinen mochte. Vor allem mußte er den Geiſt Emma’'s bilden, er mußte ihn durch Viſſenſchaft bereichern, welche allein zum Verſtändniß und zur Selbſtän⸗ digkeit führt. Er ließ ſich von Emma bei deren Mutter einführen und begann den Unterricht. Emma war eine Schülerin wie wenige. Es konnte jedoch nicht verhindert werden, daß das Verhältniß, in welches Otto zu Emma trat, bald von ihrer Umgebung bemerkt wurde. Die Leute waren jedoch weit entfernt von einer richtigen Würdigung desſelben, und Otto, der bis jetzt für einen Mäcenas galt, wurde ſchnell ein Gegenſtand des Haſſes bei allen männlichen Theatermitgliedern, welche ihn für den begünſtigten Liebhaber Emma’s anſahen, die gegen alle Bewerbungen von Seiten der Schauſpieler ſo kalt geblieben war. Auch der Direktor, ein ganz unbedeutender Menſch, begann es ſeine Untergebene fühlen zu laſſen, daß ſie aus der Art geſchlagen. Zum Glück jedoch mußte er anerkennen, daß er mehr von Emma abhänge, als ſie von ihm und Frieden halten. Dafür wurde ſie aber bei den Proben und wo ſich ſonſt Gele⸗ — u, der ru⸗ drafen don za gerich⸗ d daſtand. ig führt ein wenig⸗ r doch ein nachſtreben en, ſie der /, iſt im⸗ wie Otto Aber er neswegs r flüchtigen Emmas bereichern, r Selbſtän⸗ ren Mutter mma war verden, daß mma trat, Irde. Die Fegenſtand rmitgliedern, er Emma 5 Seiten daß* 9 mußte er . abhänge, Dafür wurde ſonſt Gel⸗ Walter Lindau: Der Verlorene. 263 genheit zur Zuſammenkunft bot, von allen ihren Kollegen und auch von den Kolleginen gemieden, welche ſich nun im Vergleiche mit Emma als wahre Heilige betrachteten. Emma jedoch war glücklich in dem neuen Kunſtleben, welches ihr Otto erſchloß, und küm⸗ merte ſich jetzt eben ſo wenig um die Ungunſt ihrer Genoſſen, wie ſie es früher um ihre Gunſt gethan. Otto freute ſich über die ſichtlichen Fort⸗ ſchritte ſeiner Schülerin. Zu ſeiner Aufgabe gehörte es auch, mit ihr die Rollen durchzugehen, in denen ſie eben auftreten ſollte. Wenn er ihr in ihrer kleinen Wohnung gegenüber ſtand und die Worte ſprach, die ſie auf den Brettern gewöhnlich von dem Langen oder dem Zerriſſenen zu hören pflegte, ſo fühlte ſie ſich eigenthümlich gehoben. Das Feuer, das von Otto ausſtrömte, ging auf ſie über. Auf der Bühne war es anders, da arbeite⸗ ten die Herren für ihren Taglohn, es war kein Geiſt, kein Leben in ihren Worten. Otto erkannte dieſen Uebelſtand, der immer ſeinen nachtheiligen Einfluß auf Emma haben mußte und faßte darüber einen Entſchluß. Er ging zum Direktor. Das große Zimmer mit der Ausſicht auf den Platz, welches der würdige Mann bewohnte, war in der ſeltſamſten Verfaſſung. Auf Stühlen und Tiſchen, auch in den Winkeln am Boden lagen Bücher, Hefte und andere Papiere in wunderbarer Unordnung mit verſchiedenen anderen Dingen unter einander. Den Eingang hütete ein kleiner Junge, welcher Wache haltend im papiernen Tſchako und mit hölzernem Säbel auf und ab ging, in der Mitte des Zimmers kroch ein kleinerer, ganz in natura am Boden umher, und ließ gar unangenehme Töne aus ſeiner Kehle fließen. Eine Frau, welche auf dem Theater in dem Fach der Anſtandsdamen, in Ermanglung deren aber als alte, keifende Mieths⸗ frau oder Großmutter beſchäftigt war, kochte Kaffee ohne ſich um den ſchreienden Rangen zu kümmern. Der Direktor, ein Mann von vierzig Jahren mit einem nichtsſagenden, vollen Geſichte und ſtattlichen Körper, war mit der Garderobe beſchäftigt, welche in einem ziemlich troſtloſen Zuſtande auf einem Haufen über einander lag und im Ganzen einem Berge von bunten Lappen nicht unähnlich ſah. Das ganze Zimmer war überdieß in eine neblige Atmo⸗ ſphäre gehüllt, welche mit dem Dufte von ausgelau⸗ fener und auf der Eiſenplatte verbrannter Milch reichlich geſchwängert war. Der Direktor erhob ſich aus ſeiner kauernden Stellung und ging dem Eintretenden entgegen. Er bot ihm eine Priſe aus ſeiner Horndoſe und fragte nach dem Begehr des Herrn Doktors. „Ich möchte mich in Ihre Garde aufnehmen laſſen, Herr Direktor, und komme, Ihnen meine Mitwirkung auf der Bühne anzubieten.“ „Sie ſcherzen, verehrteſter Herr Doktor,“ meinte der Direktor;„ein Mann wie Sie, reich, unabhängig, Sie wollten—“ „Es iſt mir vollkommener Ernſt,“ unterbrach ihn Otto.„Ich möchte es einmal mit dem Thea⸗ ter verſuchen, wozu ich ſchon ſeit jeher eine unüber⸗ windliche Neigung beſaß.“ „reilich, freilich,“ ſprach der Direktor vor ſich hin,—„man hat Beiſpiele, daß ſogar große Män⸗ ner zur Bühne gingen; Kaiſer Nero— um bei den Alten anzufangen—“ „Ich will es blos verſuchen,“ el Otto ihm ins Wort, um die heranziehende hiſtoriſch⸗drama⸗ turgiſche Abſchweifung abzuſchneiden,„und deßhalb bitte ich Sie, mich als eine Art Volontär aufzu⸗ nehmen. Sie gehen mir gegenüber keine Honorar⸗ verpflichtungen ein, ſondern erlauben mir nur mich hie und da in einer Partie zu beſchäftigen.“ „Ich hätte wohl nichts dagegen,“ meinte der Direktor,„doch wiſſen Sie, wie es bei einer Bühne geht. Jeder hat ſein Fach, aus dem er ſich nicht gerne verdrängen läßt, beſonders von einem— Neuling, ich bitte den Ausdruck nicht übel zu neh⸗ men, Herr Doktor.“ „Wenn ſich blos dieß Bedenken meinem Wunſche entgegenſtellt,“ erwiederte Otto,„ſo iſt die Ange⸗ legenheit geordnet. Ich zweifle nicht, daß ich mich mit jenen Herren, welche ſich durch mich beein⸗ trächtigt fühlen dürften, privatim verſtändigen werde.“ „In dem Falle habe ich nichts dagegen, daß Sie einen Verſuch machen. Ich werde ſehen, wie ſich das Publikum Ihnen gegenüber benimmt.“ Der Direktor war innerlich froh über dieſe Acquiſition, von der er ſich viel verſprechen durfte. Er verzieh ihm ſogar, daß er die Gunſt ſeiner erſten Heldin und Liebhaberin erobert hatte. Otto galt ja für reich, er konnte die geſunkenen Kräfte des Theaters im Nothfalle unterſtützen, und Emma war das Band, durch welches Otto in Kurzem unbedingt herübergezogen werden konnte; ſo wäre allenfalls einer oder der andere, in deſſen Fach Otto eben eintreten würde, entbehrlich, und da Otto als reicher Mann, der ſich blos aus Liebe zur Kunſt dem Theater widmete, auf Honorar kei⸗ nen Anſpruch machte, ſo entfiel da abermals ein Perſonenantheil zum Vortheile des Direktors. Der Lange, deſſen Nachfolger Otto zu wer⸗ den wünſchte, verſchluckte ſeinen Groll gegen den glücklichen Nebenbuhler in einer Flaſche Wein, die Otto für ihn bereitwillig zahlte. Auch war er es zufrieden, daß er durch einen Subſtituten der Mühe des Rollenlernens enthoben wurde, denn das Studiren war eben ſeine ſchwache Seite, und mit einem Anflug von Humor pflegte er zu ſagen: „Wenn jemand für mich ſtudiren könnte, ſpielen würde ich ſchon ſelber wie ſichs gehört.“ Otto ſpielte. Wir wollen uns nicht in überflüſſige Details einlaſſen. Aus dem Vorhergehenden wird der Leſer wohl ſchließen, daß das Publikum durch dieſe Sub⸗ 264 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Eruſt und Humor. ſtitution nichts verloren hatte. Auch der Direktor erkannte mit Wohlgefallen, daß das Haus ſich regel⸗ mäßig bei jedem Auftreten Otto's füllte. Herr Bi⸗ anchi ließ ſich auch dieſe offenbare Niederlage gerne gefallen, denn bei dem Theilungsſyſteme, welches in Bezug auf die jedesmalige Einnahme herrſchte, entfiel ein ungleich größerer Theil für ſeine Perſon. Iin vertrauten Kreiſe ſeiner Kunſt⸗ genoſſen ſchimpfte er wohl auf den Geſchmack des Publikums, welches an dem hergelaufenen Doktor einen Narren gefreſſen habe, aber gegen Otto ſelbſt war er von wegen des Weines, den dieſer wieder⸗ holt für ihn bezahlte, ſehr liebenswürdig. Otto hatte nun bei den Proben, ſo wie überhaupt in dem engeren Verkehr mit den Schau⸗ ſpielern die beſte Gelegenheit alle die Mängel ken⸗ nen zu lernen, welche ſich einer wohlthätigen Ent⸗ wicklung der Kunſt entgegenſtellten. Zuvörderſt war es das vielerwähnt Theilungsſyſtem, welches viel⸗ fache Unannehmlichkeiten verurſachte. Dann war es die Schwäche des Direktors ſelbſt, der weder die Mittel, noch die Kraft beſaß ein ordentliches Unter⸗ nehmen zu lenken, endlich die Indolenz der einzel— nen Mitglieder, denen es nur um das tägliche Brod, nicht aber um die Kunſt ſelbſt zu thun war. Otto ſah keinen andern Weg, um dem nach⸗ theiligen Einfluß, der durch dieſe Umſtände auf die Entwicklung ſeiner Schülerin geübt wurde, entgegen zu arbeiten, als die Leitung der Bühne ſelbſt in die Hände zu nehmen. Das war nicht ſchwer. Der Direktor wurde durch einen monatlichen Abfindungs⸗ betrag leicht dazu bewogen, ſein Amt in Otto's Hände zu legen. Die Honorare der Mitglieder wurden nach beſtimmten Normen feſtgeſetzt und nach ihren Leiſtungen angemeſſen erhöht, die Garderobe wurde in einen angemeſſenen Stand geſetzt, eben ſo alles Theatergeräthe, und die ganzen Theaterverhält⸗ niſſe in erfreulicher Weiſe geordnet. Es waren große Opfer, womit Otto alle dieſe Vortheile erkaufte, aber er that es gern, denn der Einfluß, der dadurch auf Emma ausgeübt wurde, war ein ungemein wohlthätiger. Ein reger Eifer erwuchs unter den einzelnen Mitgliedern, welche Otto's Strenge fürchteten und ſich um ſeine Gunſt be— warben. Die anſehnlichen Mittel, die zu ſolchen Veränderungen nöthig waren, ergaben ſich aus der Anweiſung des Hauptmanns, welche Otto für die⸗ ſen Zweck zu benützen keinen Anſtand nahm. Ein Jahr verging. Otto hatte mit ſeiner Geſellſchaft, wie es bei einer wandernden Truppe nicht anders geht, wiederholt den Aufenthalt ge⸗ wechſelt, ſtets eifrig bemüht die Ausbildung Emma's ſo gründlich als möglich zu verfolgen. Seine Ein⸗ richtungen waren ſo zweckmäßig, daß er mit dem Erfolge zufrieden ſein konnte. Aber auch eine an⸗ dere Wahrnehmung ergab ſich hierbei. Otto fand, was er geſucht.— Er war eine Künſtlernatur. Die Anlage, welche in ſeiner Seele dämmerte, wurde mit einem Male zum vollen Bewußtſein geklärt, durch— die Liebe. Wohl manches Herz wurde von dieſem Gottes⸗ ſtrahl getroffen, aber wenige Glückliche gibt es, denen dieſer Strahl eine wohlthuende Leuchte ward, eine Siegesfackel des Geiſtes und Gemüths. Viele ſind zu ſchwach, ſie ertragen die Gluth dieſes Strahles nicht, ſie ſchmelzen hin. Die ſind nicht aus dem rechten Stoff. Wenige gibt es, die ſtärker ſind als die Liebe, die dem Strahl eine weiße polirte Fläche entgegenhalten, daß er wirkungslos zurückgeworfen wird. Die Wenigſten ſind ſo recht für das Glück der Liebe geſchaffen. Das ſind die Auserwähl⸗ ten, die ebenſo durch die Liebe namenlos glücklich ſind, wie ihre Brüder durch ſie namenlos elend werden. Wie es kam, daß Otto für Emma mehr zu fühlen begann, als er je geahnt, er wußte es nicht; er kannte nicht den Moment, wo ſein Herz ſich allmälig zu erwärmen und zu weiten anfing. Es wurde ihm plötzlich klar, daß er Emma liebe, ohne daß ihn irgend etwas von außen angeregt, und ihm ſo ſeinen geheimen Seelenzuſtand entdeckt hätte, und er mußte glauben, daß er ſie von dem Momente an liebte, der ihm ihr Bild zum erſten Male vor die Augen geführt. Die Liebe machte ihn zum Künſtler. Bis zu dem Augenblicke, wo er ſich ſeiner Liebe bewußt wurde, war er ein Schauſpieler mit ſchöner Bega⸗ bung, der ſeine Mittel einſichtsvoll zu beherrſchen wußte. Er wollte nur durch ſein Spiel anregend wirken, war aber weit entfernt davon, ſich für einen Künſtler zu halten. Der Gedanke ſeine Zukunft der Bühne anzuvertrauen war ihm nicht gekommen, wie er überhaupt bis jetzt noch nicht recht an ſeine Zukunft denken konnte, weil er ſich ſelbſt in ihrem Raume keine Form zu geben wußte. Mit dem Bewußtſein ſeiner Liebe überkam es ihn auch wie einen Auserwählten. Er erkannte zugleich ſeinen Beruf. Die Bühne war es. Und mit dieſer Er⸗ kenntniß kam erſt der rechte Geiſt über ihn. Das Bewußtſein ſeiner Liebe erfüllte ihn mit einem eigenen künſtleriſchen Feuer, welches ſeine ganze Erſcheinung hob und ihr jene Weihe gab, die ein großes Talent unter günſtigen Umiſtänden erhält. Ob ihn auch Emma liebte?— Er ahnte es, ja, er wußte es, wenngleich kein Wort des Geſtändniſſes noch über ihre Lippen gekommen war. Aber die Liebe ſieht ſcharf, ſie erſpäht jedes Zeichen, welches unwillkürlich den innerſten Seelenzuſtand verräth. Und dieſer Zeichen gab es viele von bei⸗ den Seiten. Nur der Liebende verſteht ſie; wer nie geliebt, der achtet ihrer nicht. Durch die Einrichtungen Otto's war einige Ordnung, ein regeres Leben in die kleine Geſell⸗ ſchaft gekommen. Manche alten, ſchädlichen Elemente wurden ausgeſchieden und dafür andere bildſamere Kräfte eingefügt. Der Lange, auch der kleine Komiker im unverwüſtlichen blauen Frack hatten m Gottes⸗ tes, denen ward, eine Niolo Viele ſind 8 Strahles lanregend für einen ne Zulunft kommen, an ſeine ſt in ihrem Mit dem nauch wit leich ſeinen dieſer Er⸗ ihn. Das it einem ne ganze ab, die ein en echält. — Er ahnte „ Wort des Walter Lindau: Der Verlovene. 265 ihren Abſchied erhalten; doch der Zerriſſene hielt getreulich aus. Auch war ſein äußerer Menſch zu⸗ folge der erhöhten Gage und der geordneten Lebens⸗ weiſe ein ganz anderer geworden. Der einzige Unzufriedene war der, welcher am meiſten bei der neuen Ordnung gewonnen hatte, nämlich der Direktor. Er war eiferſüchtig auf Otto, nicht ſowohl deßhalb, weil er der einzige war, der ſich Emm a's Gunſt erfreute, als vielmehr darum, daß es Otto gelungen war in kurzer Zeit das zu erreichen, was er ſelbſt im Laufe vieler Jahre ver⸗ gebens angeſtrebt hatte. Auch begann ihm ſeine Abhängigkeit von Otto, in welche er unter den obwaltenden Verhältniſſen nothwendig fallen mußte, läſtig zu werden, und er ſuchte nun wieder ſich der ſeinen Händen entfallenen Zügel zu bemächtigen. Inzwiſchen hatte Otto gefunden, daß ſeine und Emma's Lehrzeit ihren Abſchluß erreicht hatte. Sein Ehrgeiz war nicht darauf gerichtet, endlich ein⸗ mal wirklicher Direktor einer wandernden Schau⸗ ſpielertruppe zu werden, auch ſtanden ſie beide in ihrer Künſtlerſchaft zu hoch über allen denen, die mit ihnen zuſammen wirkten, als daß hier je eine Harmonie hätte erzielt werden können. Darum übergab er dem würdigen Direktor wieder die ge⸗ wünſchten Zügel und nahm ſeinen Abſchied. Das⸗ ſelbe that Emma. Beide zogen in Geſellſchaft von Emma'’'s Mutter nach B... Es war wieder Herbſt. Wie ſchnell war das Jahr verfloſſen! Wie viel hatte ſich in Otto geändert! Wer die Verhältniſſe einer großen Bühne kennt, der wird es leicht begreifen, daß Otto in B... mit mannigfachen Schwierigkeiten zu käm⸗ pfen hatte, ehe er für ſich und Emma die Erlaub⸗ niß zu einem Gaſtſpiele an der dortigen Hofbühne erlangte. Derartige Inſtitute fühlen ſich gewöhn⸗ lich uur berufen, bereits gemachte Namen zu be⸗ ſtrahlen. Junge Dichter und Schauſpieler haben dieß oft bitter empfunden. Freilich iſt eine Hof⸗ bühne kein Exerzirplatz für Literaten und Mimen, aber auch das Kaſten⸗ und Monopolſyſtem iſt in einem derartigen Kunſtinſtitute nicht recht am Orte. Wir wollen den Leſer mit Aufzählung all' der Hinderniſſe verſchonen, welche Otto zu bekämpfen hatte, ehe es ihm gelang zugleich mit Emma vor ein großes Publikum treten zu dürfen. Wir ver⸗ ſuchen es den Leſer ſogleich in jenen Abend zu ver⸗ ſetzen, welcher über die Lebensfähigkeit zweier jugend⸗ lichen Talente entſcheiden ſollte. Zwei unbekannte Namen ſtanden an dieſem Tage auf dem Theaterzettel, auch hieß es nicht dort, wie bei dem erſten Auftreten berühmter Künſtler: „Bei aufgehobenem Abonnement“, darum war auch der Zudrang kein ungewöhnlicher; doch ſorgte der Spätherbſt durch ſeinen langen, unfreundlichen Abend Erinnerungen. 1859. für ein mäßig großes Publikum. Aber gleich das erſte Auftreten der jugendlich ſchönen Geſtalten war ein günſtiges, ſchon um ihrer äußeren Erſcheinung willen. Es iſt kaum glaublich, aber dennoch durch die Erfahrung ſehr begründet, daß die Perſönlich⸗ keit des Künſtlers einen großen Moment für die Beurtheilung ſeiner Kunſt darbietet. Wie viele mit⸗ telmäßige Talente haben ſich blos darum auf der Bühne und in der Gunſt des Publikums erhalten, weil die Natur ihre Sprödigkeit in«Bezug auf den Geiſt des Künſtlers durch körperliche Vorzüge aus⸗ glich. Otto und Emma bedurften aber kaum dieſes äußeren Empfehlungsbriefes, denn ihr Aeu⸗ ßeres ſtand in vollkommener Harmonie mit ihrer Begabung, und das Publikum, welches mit einem Vorurtheil gegen unbekannte Namen die Räume betrat und in der Wahl zwiſchen der Langweiler des Theaters und des Kaffeehauſes oder eines Klatſch⸗ kränzchens ſich nur aus Neugierde für das erſtere entſchied, ſprang aus der Ueberraſchung ſchnell in Begeiſterung über, und that, wie in ſolchen Fällen gewöhnlich, eher etwas zu viel als zu wenig. Otto und Emma feierten einen wahren und ſchönen Triumph. Und als am Schluſſe der Vorſtellung der Vorhang wiederholt und wiederholt in die Höhe ging und des Beifalls kein Ende war, und das Publikum beharrlich auf ſeinen Plätzen blieb, als hätte es die Abſicht bis zur nächſten Vorſtellung da zu bleiben, da fehlte nicht viel und Otto und Emma wären einander auf offener Bühne voll überſtrömender Wonne in die Arme geſunken. Aber wie auf Erden ſich die Dinge trotz ihrer anſcheinenden Unwandelbarkeit dennoch ändern müſſen, ſo war es auch hier, und kaum wußten die Glück⸗ lichen, wie es kam, daß ſie ſich in ihrer beſcheidenen Wohnung im Gaſthofe fanden und— Bruſt an Bruſt und Lipp' an Lippe die erſten Liebesworte ſtammelten.— War der Frühling in Beider Herzen ſchon längſt aufgegangen, vor ihren Augen erblühte er erſt jett. Auf ihren Wangen ſahen ſie ſeine Ro⸗ ſen blühen, in dem Hauche ihres Mundes fühlten ſie ſein duftig Wehen. Ja, es war Lenz, ewiger Lenz, trotz des Novemberſturmes, der draußen ſeine Schneeflocken an die Fenſterſcheiben warf und die letzten Blätter von den trübſeligen Bäumen fegte. Die Kritik gab die Stimmung des Publikums wieder, und der nächſte Abend, der zu ihrem Auf⸗ treten beſtimmt war, brachte ein abonnement suspendu, ein gefülltes Haus und erneuten, kaum enden wollenden Beifall. So waren mit einem Male, wie ſich einer der Kritiker ausdrückte, zwei neue, hell glänzende Sterne am Kunſthimmel aufgegangen, von denen man nicht wußte, woher ſie kamen. Aber es war kein Traum, es war Wirklichkeit, die Sterne waren da, um— auf der erſten Bühne den Ort ihres Wirkens zu finden. Otto und Emma erhielten bald von der Intendanz der Hofbühne zu B... einen ſchmei⸗ E. 5 1 34 266 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. chelhaften Antrag, ſie nahmen ihn an mit den üblichen Klauſeln von Ferien, Gaſtſpielen u. ſ. w. Nichts iſt mehr geeignet ſeine Runde im Mo⸗ ment durch alle Kreiſe zu machen, als das Uner⸗ wartete. Ein Künſtler, der ſo plötzlich auftaucht, gehört eben ſo gut zu den Aufſehen erregenden Din⸗ gen, wie die größte Zeitungsente. Die Namen Otto's und Emm a's, natür⸗ lich nicht ihre wirklichen Namen, ſondern jene, welche ſie zum Behufe ihrer Künſtlerſchaft wählten, erlangten im Laufe von wenigen Monaten einen Ruhm und einen Glanz, der ſie neben die Erſten ihres Standes ſtellte. Es erübrigt uns noch einen Moment aus ihrem Künſtlerleben hervorzuheben. Wir kehren in Otto's Vaterſtadt zurück. In Kaffeezirkeln, bei Tiſche, auf der Promenade war ein Thema an der Tagesordnung: das erſte Auf⸗ treten zweier berühmten Gäſte, welches auf den heutigen Tag feſtgeſetzt war. Man war neugierig, geſpannt, man konnte kaum glauben, daß die ſtets übertreibende Fama dießmal nicht auch etwas zu viel gethan haben mochte. Aber die Ueberzeugung lag nahe, wenige Stunden nur, und die Kunſtver⸗ ſtändigen hieſiger Stadt hatten ſich ſelbſt ihr kriti⸗ ſches Urtheil gebildet und den Geſchmack von ſo und ſo berühmten Kunſtrichtern kontrolirt. Es ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, daß alle Logen⸗ und Sperr⸗ ſitzbeſiter ſchon vor der eilften Vormittagsſtunde jenes Tages, auf welchen die Vorſtellung angekün⸗ digt war, ihr Prioritätsrecht geltend machten, und der Abend brachte eine ſolche Zahl von Zuſchauern in alle Räume, wie dieß nur bei der Anweſenheit berühmter Komiker zu ſein pflegte, obſchon weder der eine, noch der andere von den heute auftre⸗ tenden Gäſten in einer komiſchen Rolle beſchäftigt war. Es iſt unnöthig den Erfolg des erſten Auf⸗ tretens unſerer wohlbekannten Künſtler zu ſchildern. Wir werfen dafür einen Blick in eine nahe an der Bühne liegende Rangloge, in welcher wir alte Bekannte finden, nämlich den Kommerzienrath, ſeine Frau und ſeinen Bruder. Die Drei waren zuerſt überraſcht von der Aehn⸗ lichkeit, welche zwiſchen dem Gaſte und ihrem Otto herrſchte, dem Taugenichts, der, wer weiß wo, in der Welt herumbummelte. Auch der alte Onkel Hauptmann war ſeinem Liebling gram geworden, weil dieſer nichts von ſich hören laſſe.— Wenige Minuten genügten jedoch die Drei zu überzeugen, daß der berühmte Gaſt, der jetzt ſchon in der erſten Szene mit Beifall überſchüttet wurde, kein anderer ſei als Otto, der Verlorene. Seltſame Empfindungen waren es, welche die drei Seelen in der Loge bewegten. Die Kommerzien⸗ räthin war entrüſtet, daß ihr Sohn ſich zum Schauſpieler erniedrigen konnte; der Kommerzienrath brummte:„Mir iſt es am Ende einerlei, was der Junge iſt, wenn er nur zu etwas taugt“; der Haupt⸗ mann ſagte:„Ein Teufelskerl, der Otto, der hat das Zeug,'s iſt was rechts in ihm. Donnerwetter, hätt's nicht gedacht, ein Teufelsjunge das, könnt' ihm vor Freude gleich um den Hals fallen.“ Inzwiſchen nahm die Vorſtellung ihren Ver⸗ lauf, und die Gäſte erwärmten die Herzen der Hörer immer mehr und riſſen ſie endlich in Sturm mit ſich fort. Die Kommerzienräthin wurde nach und nach auch mit hingeriſſen, der Kommerzienrath ſah auf die Bühne mit weit aufgeriſſenen Augen, und der alte Hauptmann gab ſich keine Mühe die hervorquellenden Thränen zu verbergen. Die Vorſtellung war beendet, auch der nicht enden wollende Applaus war vorüber, das Publi⸗ kum drängte ſich aus den Pforten, aber die Loge, in welcher unſere Bekannten ſaßen, wurde nicht leer. Es war keinem von ihnen eingefallen das Theater zu verlaſſen. Sie ſprachen nichts, ſie ſahen auf den Vorhang, der vor ihrem Otto nieder gefallen, und hinter dem ſie ihn jeden Augenblick hervortre⸗ ten zu ſehen glaubten. Da öffnete ſich die Thür hinter ihnen und Otto trat herein mit Emma. Die Mutter breitete ihm ihre Arme entgegen, ſie preßte ihn an ihre Bruſt.“ „Mein Ottol Mein Otto!“ rief ſie,„mein Sohn!“ „Und hier Deine Tochter,“ ſprach Otto, und Emma nahm ſeinen Platz ein am mütterlichen Buſen. Zur Geſchichte der Kunſt in Böhmen. Eine Skizze von K. Born. I. (deben der reichen Kunſtblüthe, die ſich zu ¼ Anfang des ſiebenzehnten Jahrhundertes in Ge den üppigen Niederlanden und dem be⸗ 6 nachbarten Holland, dort in der glühen⸗ —— den Farbenpracht der Schule des großen Rubens, hier in den tiefſinnigen und in⸗ nigen Schöpfungen Rembrandt' und ſeiner Nach⸗ folger, entfaltete, waren es nur Vereinzelte, und eben in ihrer Vereinzelung verkümmernde Triebe, die den mächtigen Wurzeln des noch vor einem Jahrhundert himmelan ſtrebenden Baumes deut⸗ ſcher Kunſt auf heimiſcher Mutterrede entſproß⸗ ten. Die künſtleriſch ſchaffende Kraft des deutſchen Genius ſchien in dem mächtigen Stürmen und Drängen der Geiſter des fünfzehnten Jahrhunderts erdrückt, gebrochen worden zu ſein. Als daher in eben dieſer Periode ein deutſcher Fürſt, von den verwirrten Bahnen ſeiner Zeit ablenkend, die lei⸗ tenden Fäden einer Idee wieder anknüpfen wollte, welche ein unheilbarer Riß ſeinen Zeitgenoſſen in unverſtandene Fernen gerückt hatte,— als Ru— F S==S G6. S hmen. K. Born: Zur Geſchichte der Kunſt in Böhmen. 267 dolf II. im Hinblicke auf einen Papſt Julius Il., Leo X., auf das Haus Medici an einer Stätte, deren Namen in der Geſchichte der deutſchen Kunſt aus den Tagen des vierten Karl bereits einen guten Klang hatte, in Prag, den Künſtlern ein heimatliches Aſyl, den Künſten eine dauernde Pflanzſtätte ſchaffen wollte: da waren es zumeiſt, und was die bedeutenderen anbelangt, faſt einzig italieniſche oder niederländiſche Künſtler, die, dem Rufe des kunſtſinnigen Monarchen folgend, an deſ⸗ ſen Hofe die Prager Künſtlerakademie bilden halfen. So finden wir als Baumeiſter thätig den Venetianer Vincenzio Scamozzi, des großen Palladio Schüler, der im Style der reichen Renaiſſance die Einfahrtshalle zum Prager Shloſſe baute, und Ferrabosco del Lagno, deſſen Werk das be⸗ reits unter Ferdinand I. nach Meiſter Stella's Plane erbaute Belvedere iſt. Als Maler waren thätig Roland Savery und der Sammt⸗ oder Blumen⸗Breughel, die zu tüchtigſten Gliedern der üppigen, glänzenden Schule der Land⸗ ſchaftsmalerei zu Brabant zählen, ſowie Bar⸗ tholomäus Spranger und Johann v. Achen, die, obwohl Deutſche von Geburt, manieriſtiſch im Sinne der römiſchen Schule arbeiteten. Daher kam es, daß allen den wohlgemeinten Einrichtungen des Kaiſers, daß ſeiner Akademie, ſeinen ausge⸗ dehnten Kunſtiennmlunaen⸗ eine weſentliche Bedin⸗ gung ihrer Exiſtenz abging, es fehlte ihnen gänz⸗ lich jedes nationale Element; ſie dankten einer wenn auch noch ſo rühml ichen Fürſtenlaune ihr Entſtehen und boten als bloße Hofgebilde dem Volke, unter dem und mit dem zu gedeihen und fortzubeſtehen ſie beſtimmt waren, nichts Ver⸗ wandtes, nichts Congeniales, ſo daß jenes theil⸗ nahmslos an ihrem Wirken und Schaffen vor⸗ überging, kalt ihrem endlichen Vergehen und Ver⸗ wehen zuſah. Dazu geſellte ſich noch der Umſtand, daß es in den Prinzipien der Akademie als ſolcher begründet lag, jene Einheit des Strebens, jenes bewußte Stylgefühl einer„Schule“, das der aus aller Herren Ländern konzentrirten Künſtler⸗Gilde nothwendig mangeln mußte, durch den koloſſalen Apparat und Formenzwang einer artiſtiſchen Lehr⸗ anſtalt im Sinne der gleichzeitigen italieniſchen In⸗ ſtitute, welche aber von dem, ſo zu ſagen, vater⸗ ſtädtiſchen Kunſtgefühle ihrer Jünger und Schüler getragen und gehalten wurden, zu erſetzen und die Wiſſenſchaft der Kunſt im gegliederten Syſteme von Generation zu Generation zu propagiren. Dem war aber nicht ſo. Der Gunſt des Augenblickes, der Gunſt der Verhältniſſe entſproſſen, konnten die Schöpfungen dieſer Akademie das Nachlaſſen der Spannkraft, welche das Gehobene der Stimmung bewirkt hatte, nicht überdauern, und ſelbſt eine min⸗ der bedeutende Kriſis, als turz nach dem Tode Rudolſ's eintrat, hätte genügt, den ganzen ſtolzen Bau in Trümmer zu werfen, die Glieder planlos und wüſt umherzuſtreuen. Bald nach dem Ableben Rudolf's, als der kaiſerliche Hofhalt von Prag weg wieder nach Wien verlegt wurde, wohin auch, namentlich unter Fer⸗ dinand II., die bedeutendſten Schätze der Prager „Kunſt- und Vende Kammer⸗ wanderten, und wirren verließnn die Künſit er, großteinheils Prote⸗ ſtanten, die vereinſamte Hauptſtadt Böhmens, da⸗ hin und dorthin, zumeiſt nach den Niederlanden oder nach den norde⸗italieniſchen Städten als Stätten der einzelnen Schulen ſich wendend. In Prag ſtockte alle künſtleriſche Produktion, die Prgehtdat äſte ſtanden leer und öde, Galerien und Bibliotheken, Samm⸗ lungen und Muſeen, die der Adel d kaiſerlichen Beiſpiele nacheifernd gleichfalls angelegt hatte, ver⸗ fielen in wüſter Unordnung, ein offener Tummel⸗ platz bilderſtürmender Pfälzer und beuteluſtiger Schweden. Inmitten dieſer troſt⸗ und hoffnungsloſen Zeit⸗ läufte geſchah es aber, daß, von einander unabhängig und getrennt, zwei ihrem innerſten Weſen ebenſo wie ihrem äußeren Entwickelungsgange nach durch⸗ aus verſchiedene künſtleriſche Talente nach einander ſich heranbildeten, denen es in der zweiten Hälfte des ſiebenzehnten Jahrhundertes gelang, auf einer, wenn auch, vorzüglich bei dem einen, durchaus nicht ſpezifiſch nationalen, ſo doch dem damaligen Zeitgeiſte entſprechenden Baſis durch das Bedeut⸗ ſame ihrer Schöpfungen auf dem Gebiete der Malerei Sinn und Empfänglichkeit für die Kunſt bei den Gebildeten des Landes zu wecken und den Grund zu einer künſtleriſchen Thätigkeit zu legen, deren Entwickelung und Fortgang man in Böhmen bis zum Anſchluſſe an modernere Richtungen um die Mitte des vorigen airhunderiei verfolgen kann. Die Namen dieſer beiden Künſtler ſind Karl Screta Sotnovsky von Zaworic uud der etwas ſpätere Peter Johann Brandel. Beide gingen in ihren Studien von den kurz vorher namentlich in der Schule der Caracci zu Bologna zur vollendeten Geltung gekommenen Prinzipien des ſogenannten ellektiſchen Styles aus, wweſch r auf die großen italieniſchen Zeichner und Koloriſten des fünfzehnten und ſechzehnten Jahr⸗ hunderts, auf Michel Angelo ſo gut, wie auf Raphael und neben Tizian auf Paolo Vero⸗ neſe zurückgehend, Erneuerung der Klaſſizität durch die Wiederbelebung der als muſtergiltig aufgeſtell⸗ ten Formen jener Meiſter anſtrebte. Dieß war, wie bereits erwähnt, namentlich die leitende Idee der ausgedehnten Schule der Bologneſen, deren Jünger für die weitere Verbreitung derſelben in Frankreich und Deutſchland ſorgten. Doch konnte es nicht aus⸗ bleiben, daß bald Modifikationen auf das Weſen der Ellektik umgeſtaltend einwirkten, welche ein Auseinandergehen derſelben nach zwei Richtungen zur Folge hatten, deren eine in dem Formencanon der Akademie ſich fortbewegend bald die Freiheit der Produktion einzubüßen und in einen gewiſſen 34* 268 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Schematismus zu verfallen drohte, indeß ſich die andere durch einen naturaliſtiſchen Grundzug ihrer Methode wenigſtens die freie Wahl der be⸗ treffenden Form zu ſichern ſuchte, bald aber in vages und ſyſtemloſes Umherſchweifen und Schwan⸗ ken zwiſchen dem gewählten Vorbilde und der mächtig ſich aufdrängenden Natur ausartete. Mit dieſen beiden Richtungen fällt auch ungefähr das Streben Screta's und Brandel's zuſammen. Karl Screta wurde in den erſten Jahren des ſiebenzehnten Jahrhunderts zu Prag aus altem böhmiſchen Geſchlechte geboren. Bereits früh ſoll er Unterricht im Malen genoſſen haben, doch ſcheint derſelbe von keinem oder nur geringem Einfluß auf ſeine ſpätere Entwickelung geweſen zu ſein und ſeine eigentliche künſtleriſche Entwickelung beginnt erſt als er, vertrieben durch die Unruhen in der böhmiſch⸗pfälziſchen Epiſode des großen Religions⸗ ſtreites, alſo noch als ganz junger Mann, Prag und Böhmen verließ und ſich nach Italien wandte, das damals in noch höherem Grade als jetzt das Ziel aller Künſtler war. Begleitet man ihn auf dieſen künſtleriſchen Wanderjahren mit der ſteten Berückſichtigung des gleichzeitigen Standes der ita⸗ lieniſchen Kunſt, ſo erkennt man klar, wie Screta jene Vielſeitigkeit in der Reproduktion erſchauter Formen und die Sicherheit und Gewandtheit im Erfaſſen und Wiedergeben des Eigenthümlichen und Beſonderen ſeiner Vorbilder gewonnen, die, oft über Gebühr erhoben und geprieſen, ihm den Namen des„böhmiſchen Apelles“ verſchafft haben. Er ging zunächſt nach Venedig, wo er ſich durch einige Jahre aufhielt. Hier hatten ſich noch die Traditionen der Schule, das Studium der Farbe nach Tizian und Paolo Veroneſe, dieſen Meiſtern des Kolorits und der Farbengebung, erhalten und Aleſſandro Varotari, il Padovanino wirkte in dieſem Sinne nicht ohne Glück neben den minder bedeuten⸗ den Pietro Liberi und Aleſſandro Turchi, »'Orbetto. Es gelang Screta, wenn auch nicht jene Gluth, die aus den Bildern der alten Venetianer leuchtet, wiederzugeben, ſo doch mit dem warmen bräunlichen Ton, den auch die Bologneſen adoptirt hatten, in der Behandlung der Lokalfarbe einen glücklichen koloriſtiſchen Effekt der Stimmung des ganzen Bildes zu erzielen. In dieſer Weiſe iſt ein Altarblatt in der Maltheſerkirche zu Prag, eine Maria in den Wolken, gemalt. Von Venedig begab er ſich nach Bologna, das für ſeine künſtleriſche Ausbildung von der höchſten Bedeutung ſein mochte. Die Caracci's waren bereits geſtorben(Lodovico, der Gründer der Schule, 1619 und noch vor ihm ſeine beiden Neffen Agoſtino 1601, und Anni⸗ bale, das eigentliche Haupt der Bologneſen, 1609); noch aber lebten der allerdings etwas nüchterne, aber mit einem gewiſſen unbewußten Sinn für Schönheit der Anordnung klug berechnende Do⸗ menichino, der zwar ohne idealen Schwung, aber mit lebendiger Empfindung malende Guercino, neben ihm Albani mit ſeinen anmuthigen und phantaſiereichen Darſtellungen aus der gleichzeitigen italieniſchen Schäferpoſie, und vor allem Screta's Ideal, Guido Reni, der nicht ohne kräftige na⸗ turaliſtiſche Elemente und frei von aller, an den Bologneſen hie und da haftenden Einſeitigkeit, na⸗ mentlich in ſeiner mittleren Epoche ein zum klaren Bewußtſein gebrachtes Schönheits⸗Ideal in der wilden Poeſie des Schmerzes, in den ſtarren Schre⸗ cken des Todes ebenſo, wie in den zarten, wenn auch etwas abgeblaßten Empfindungen moderner Bildung und feinen Geſchmackes zur Erſcheinung zu bringen wußte. In dieſen Kreiſen, an ſolchen Muſtern erwarb ſich Screta eine Fertigkeit des Pinſels, eine Vollendung der Technik, die ihn, wenn er ſich, mit etwas mehr Sinn für Originalität ausgeſtattet, nicht ebenſo in die Richtungen ſeiner Vorbilder gefangen gegeben hätte, als er ſich ihre Manier mit Bewußtſein und Takt anzueignen wußte, denſelben ebenbürtig an die Seite geſtellt haben würde und er hätte für die weitere Ent⸗ wickelung der Kunſt von maßgebenderem Einfluß werden können, als es ſpäter in ſeinem Vater⸗ lande durch den beſchränkten Kreis einiger Schüler für Dezennien geſchah. Ungeachtet ſeines Talentes, ungeachtet ſeiner Vollendung iſt er in der Ge⸗ ſchichte des deutſch⸗italieniſchen Eklektizismus in der Malerei eine in all' ihrer Bedeutſamkeit verein⸗ zelte Erſcheinung geblieben, einer Bedeutſamkeit, bei der jedoch alles Individuelle, Charakteriſtiſche in der großen, umfaſſenden Allgemeinheit ganzer Richtungen aufging. Was ferner Screta Beſonderes aus der Bologneſiſchen Schule davontrug, war die Fertigkeit in der Anwendung maſſenhafter maleri⸗ ſcher Kontraſte in der reichen Zahl ſeiner Kirchen⸗ bilder, das in äußerliches Prunken übergegangene kirchliche Element, worin er ſich nach dem Vor— gange der Caracci's auch an Correggio und Giulio Romano, aber mit minder günſtigem Erfolg, als es ihm bei den ſeiner Zeit näher lie⸗ genden Vorbildern glückte, verſuchte, und namentlich konnte ihm das Helldunkel des erſtgenannten Mei⸗ ſters bei ſeinem im Lokalton etwas manierirten Kolorit nicht gelingen. Den ſzeniſchen Effekt aber, wodurch ſeine Bilder in ähnlicher Weiſe wirkten, wie die gewagten perſpektiviſchen Experimente in der Manier der Kirchen jener Zeit, in welchen dann maleriſches Maß mit architektoniſchem Verhältniſſe in gleichmäßiger Abweichung von der Reinheit des Styls dennoch befriedigend harmoniſirte, hatte er den Caracci's glücklich abgelauſcht, ſich aber in der Zeichnung mit richtigem Takt von den oft gewalt⸗ ſamen Verkürzungen und gezwungenen Akten der gleichzeitigen Nachahmer jener Meiſter fern gehalten, was wohl das Verdienſt ſeiner bald darauf erfolgten eifrigen Studien nach der Antike iſt, welche von jenen über dem Nachſpüren in den muſtergiltigen Vorbildern in der Regel verſäumt worden ſind. K. Born: Zur Geſchichte der Kunſt in Böhmen. 269 Ganz im Geſchmacke der Gönner und Kunſtbeför⸗ derer damaliger Zeit gehalten, waren es nament⸗ lich dieſe Bilder, die ihm ſpäter in ſeinem Vater⸗ lande ſeine Beliebtheit erwarben und ſicherten. Von den in Prager Kirchen befindlichen Bildern wären hier anzuführen: Eine hl. Familie im Teyn, der hl. Thomas, Almoſen ſpendend, in der Auguſtiner⸗ Kirche und die Marter der hl. Barbara in der Mal⸗ theſer⸗Kirche auf der Kleinſeite. Das nächſte Ziel ſeiner Wanderung war Flo⸗ renz, wo neben Nachahmern des Michel An⸗ gelo und dem geiſtvollen Allori, die mehr den Bologneſen und vorzugsweiſe dem Domenichino verwandte Schule des Matteo Roſelli blühte, unter deſſen zahlreichen Schülern namentlich der zarte, theilweiſe bis zur Verzücktheit ſentimentale Carlo Dolci den etwas älteren Screta durch die Feinheit ſeiner Pinſelführung und die höfiſche Auffaſſung des katholiſchen Himmels in ſeinen Hei⸗ ligen-⸗Bildern, wie ſie bereits Correggio angebahnt hatte, anregte und feſſelte; mehrere ſeiner Bilder ſind mit Abſicht in der Manier dieſes geſchmeidig⸗ ſten und einſchmeichelndſten unter den Malern ge⸗ malt. Mißglückt ſind ſeine gleichzeitigen Verſuche, die monumentale Größe und Erhabenheit Michel Angelo's, die mächtige Linienführung und Gruppi⸗ rung dieſes Künſtlers, mit ſeinen übrigen künſtleri⸗ ſchen Erfahrungen zu vereinen. Im Jahre 1634 begab er ſich endlich mit ſeinem Freunde Wilhelm Baur nach der ewigen Stadt, nach Rom. Seit dem Ende des ſechzehnten Jahrhunderts, wo im = — Karl Sereta.——j;, Anſchluß an die übrigen oberitalieniſchen Städte auch in Rom die Nachahmung des Michel Angelo in affektirter Großartigkeit, aber flüchtiger Hand⸗ werklichkeit das Gebiet der Malerei beherrſchte und eine kleine Anzahl Künſtler in dieſem Sinne wirk⸗ ten: Siciolante da Sermoneta, Taddeo und Federico Zuccaro, Ceſari, il Cavalier d'Arpino,— gab es daſelbſt keine eigentliche, einheimiſche Schule, die etwa die große Erbſchaft des Urbiners angetreten und weiter vermittelt hätte; ſondern eine große Künſtlerrepublik, die ihre Bür⸗ ger in allen Ländern des kunſtſinnigen Europa's warb, bevölkerte den klaſſiſchen Boden, verbunden in dem Verſuche, die verſchiedenartigſten Richtun⸗ gen im Studium der Antike in Einklang zu brin⸗ gen. Vorzugsweiſe ſtark vertreten waren die Spa⸗ nier(obwohl ſie ſich auch zahlreich nach Neapel wandten), Franzoſen, für welche ſogar eine eigene Akademie gegründet wurde, und Niederländer, die, minder hochfahrend als ihre Nachbarn, ihren Mit⸗ telpunkt in einer Kneipe fanden und als fröhliche Schänkengeſellſchaft,„Schilderbent“ genannt, vaterländiſche Kunſt auf fremdem, wälſchen Boden wacker förderten. Screta ſchloß ſich an die letzteren an, wurde in die„Schilderbent“ aufgenommen und erhielt als Mitglied derſelben den ziemlich renommi⸗ ſtiſch klingenden Namen Eſpadron. Unter dieſen Künſtlern machte ſich eine gewiſſe barok⸗geniale Auffaſſung des gemeinen Lebens geltend, welche 270 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. das Poſſenhafte, Komödienartige desſelben nicht ohne Verzerrung in kecken, belebten Szenen zur Darſtel⸗ lung brachte. Screta mag mit der univerſellen Seite ſeines Talentes auch dieſe Richtung zu er⸗ faſſen nicht verſchmäht haben, wenigſtens bewahrt die Galerie patriotiſcher Kunſtfreunde zu Prag eine Karnevalsſzene, die, inſoweit es bei einem Nach⸗ ahmer des Guido Reni möglich iſt, ſo ziemlich an eine„Bambocciade“ mahnt. Großen Fleiß verwen⸗ dete er in Rom auf das Studium der Antike: ein reicher Schatz von Zeichnungen, Skizzen und Ent⸗ würfen nach Werken der alten bildenden Kunſt, den ſein Sohn nach dem Tode des Vaters nebſt ande⸗ ren anſehnlichen Kunſt⸗Sammlungen nach Nürn⸗ berg verkaufte, gibt Zeugniß von demſelben; auch lernte er wohl erſt hier Raphael gründlich ken⸗ nen, deſſen Zeichnungen er in einigen Bildern wie⸗ derzugeben verſuchte; ſo ein engliſcher Gruß in der Teynkirche und, nach Schaller, ein hl. Schutzengel in der biſchöflichen Kirche zu Leitmeritz. Screta genoß allgemeine Achtung und Anerkennung ſeines Talentes bei den Italienern, namentlich bei den Bologneſen, die ihm als einen der bedeutendſten Vertreter ihrer Richtung kurz vor ſeiner Rückkehr nach Böhmen ein Lehramt an der Akademie zu Bologna anbieten ließen, welchen Antrag, der die würdige Stellung Screta's zur Schule und ſeinen Rang in derſelben beweiſt, er jedoch ausſchlug. Ge⸗ gen Ende der dreißiger Jahre kehrte er in ſeine Vaterſtadt zurück. Daſelbſt war er bereits von Italien aus be⸗ kannt und es entfaltete ſich nun ſeine künſtleriſche Thätigkeit mit einer Produktivität, für welche die bisher noch gar nicht konſtatirte große Anzahl ſei⸗ ner Gemälde, welche man faſt in jeder Kirche Prags, über ganz Böhmen hin in Kirchen, Klöſtern, Schlöſ⸗ ſern und in mehreren anſehnlichen Galerien des Auslandes findet. Er arbeitete ſehr viel im Auf⸗ trage des hohen böhmiſchen Adels und auch des Kaiſers Ferdinand III., und von ſeiner Hand rührt eine reiche Zahl Familien⸗Porträts her. Im Fache des Bildniſſes hatte er ſich eine gewiſſe Selbſtändigkeit des Styls gewahrt und ſeine Por⸗ träts mahnen in erfreulicher Weiſe an die gediege⸗ nen Schöpfungen gleicher Art, die aus den Schulen der Niederländer und Holländer hervorgehen. Es ſind noch wahrhaft hiſtoriſche Porträts, in denen ſich die ganze bedeutſame Allgemeinheit ihrer Zeit, dieſer Zeit der wildbewegten Charaktere, der Em⸗ porkömmlinge, der kriegeriſchen Staatsmänner und höfiſchen Würdenträger der Kirche, abgeſpiegelt in der ſcharf getroffenen individuellen Beſonmerheit, die kriſtalliniſch ſich aus dem Zeiten⸗ und Lebenslaufe herausgeſtaltete, dort jenes„hiſpaniſch klugen Haup⸗ tes“, hier des Kriegsoberſten mit krauſem Schwe⸗ denkopf, güldner Gnadenkette und breitem Ring⸗ kragen. Einige ſeiner Porträts befinden ſich in der Galerie patriotiſcher Kunſtfreunde, darunter auch ſein eigenes, das wir in einer Zeichnung hier un⸗ ſern Leſern vorführen. Screta lebte unter ſehr gün⸗ ſtigen Umſtänden, allgemein geachtet und beliebt: der Prager Magiſtrat verlieh ihm das Bürgerrecht und im Jahre 1644, am 8. Mai, wurde er Mit⸗ glied der 1348 von fremden Künſtlern geſtifteten Malerbrüderſchaft in der Altſtadt Prag, aus wel⸗ chem Anlaſſe er das Hochaltarblatt im Teyn, eine Himmelfahrt Mariens, in der Manier des talentir⸗ ten, aber etwas handwerklich arbeitenden Schülers des Caracci, Giovanni Lanfranco, malte. 1652 wurde er Oberälteſter der Geſellſchaft, welche ſein Andenken durch eine in Gold und Silber ge⸗ prägte Medaille mit ſeinem Bruſtbilde dankbar ver⸗ ewigte; dieſes Amt legte er jedoch wieder nieder. Kaiſer Ferdinand III. würdigte Screta's künſtle⸗ riſche Verdienſte, indem er ihm den Adel, welchen ſeine Familie unter Ferdinand II. nach der Schlacht am weißen Berge verloren hatte, wieder verlieh. So verlebte unſer Meiſter ein nach innen und außen reiches, ſchönes Künſtlerleben, als Koryphäe neben den Beſten ſeines Landes ſtehend, geachtet von ſeinem Fürſten, geehrt von ſeinen Landsleuten, geprieſen im ganzen Gebiete der Kunſt,— ein Leben, deſſen ſich außer Peter Paul Rubens und den erhabenen Künſtler⸗Fürſten Italiens nicht viele Künſtler als eines ähnlichen am Ende ihrer Tage rühmen können. Screta ſtarb im Jahre 1674, ungefähr im 70. Jahre ſeines Alters, und wurde mit großem Gepränge in der Pfarrkirche zu Sanct Gallus vor dem Hochaltare beigeſetzt. Man hat vor einigen Jahren die üdee dedent das Anden⸗ ken dieſes Mannes durch Aufſtellung ſeiner Büſte in der genannten Kirche, oder wenigſtens durch die Errichtung einer Gedenktafel neu zu beleben, iſt aber bisher auch nur bei der Idee dieſes der Bedeutung Screta's in der vaterländiſchen Kunſtgeſchichte ganz angemeſſenen Projektes geblieben. Es iſt wahr, Screta war, im Großen und Ganzen genommen, Manieriſt, er hatte ſich in die wenn auch noch ſo weit gezogenen Grenzen eines gewiſſen Bormenſchemattmät verrannt, doch iſt es das Selbſtändige, Bewußte, man wäre faſt ver⸗ ſucht zu ſagen Stylvolle ſeiner Manier, das allen ſeinen Werken— vermag man nun von dieſem auch mit Beſtimmtheit anzugeben, es ſei nach Guido Reni, und von jenem, das ſei der Styl Annibale Caracci's— den Charakter der Urſprünglichkeit, den Stempel der Originalität des ſchaffenden Geuies auf⸗ drückt. In lebendigſter Anſchauung, tiefſtem Erfaſſen begründet, ſteht ſeine Nexroduten als ein berechtig⸗ ter, organiſcher Prozeß künſtleriſchen Schaffens, un⸗ beſchade t ihrer Vepeutſankeit neben der Originalität manches Künſtlers unter ſeinen Zeitgenoſſen, von de⸗ nen ſih faſt keiner vom Eklektizismus fern zu halten vermochte. Geht man bei Feiden Bildern zur Be⸗ trachtung und Prüfung des Einzelnen über, ſo findet man, daß ſich bei allem kirchlich-oſtentiöſen Prunk in denſelben eine Sammlung und maßvolle Aus⸗ gleichung in der Idee, ein Zurücktreten der For⸗ eyn, eine an hat Das neapolitaniſche Volk. men in die Tiefen jener äußert, die Zeugniß von der mehr als oberflächlichen und blos nachahmen⸗ den Thätigkeit Screta's; neben der lebendigen, kräftigen Geſtaltung in ſeinen Porträts zeichnen ſich in ſeinen Heiligenbildern namentlich die weiblichen Köpfe durch hohe Zartheit und Gefühlsinnigkeit aus. Als Beleg ſeien blos zwei Beiſpiele angeführt: das Antlitz der Madonna auf dem ſogenannten „Maleraltar“ im Teyn, Demuth und Seelenadel in ſeinen Mienen einend, und die im Schauer des Todes mild verklärten Züge der hl. Roſalie auf einem Bilde in der Kirche bei St. Stefan zu Prag, das Screta drei Jahre vor ſeinem Tode malte und das man nebſt einer Taufe Chriſti in derſelben Kirche(beide Gemälde mahnen an Guido Reni) an die Spitze ſeiner Werke zu ſtellen berechtigt iſt. Wie viele Gemälde wir dem durch ein halbes Jahr⸗ hundert thätigen Pinſel Screta’'s verdanken, genau anzugeben, iſt eigentlich unmöglich; noch fehlen die hiezu nöthigen ausgebreiteten Forſchungen. Schal⸗ ler in ſeiner Topograſie Prags und der ſechzehn Kreiſe hat der erſte die über das ganze Land ver⸗ breiteten Gemälde des Meiſters bei der Beſchrei⸗ bung der einzelnen Kirchen, Schlöſſer ꝛc. erwähnt und nie verſäumt, bei einem jeden gewiſſenhaft den Künſtler zu nennen, in deſſen Manier es ausge⸗ führt iſt; Dlabae in ſeinem Künſtlerlexikon be⸗ nützte und ergänzte Schaller's Daten, doch ſind dieſelben, da man von vielen, im Privatbeſitz in Vergeſſenheit gerathenen oder verſchleppten Stücken durchaus keine Kenntniß beſitzt(ſo ſind einige Ge⸗ mälde aus dem ehemaligen Profeshauſe der Jeſui⸗ ten bei St. Niklas auf der Kleinſeite ganz ver⸗ ſchollen), noch lange nicht zum Abſchluſſe gebracht. Unter Screta'’s Schülern, deren ſich bald nach ſeiner Rückkehr aus Italien eine bedeutende Anzahl um ihn ſammelte, war unſtreitig der begabteſte und tüchtigſte ein Würzburger, Johann Bartholo⸗ mäus Kloſſe, der drei Jahre lang ſeinen Un⸗ terricht genoß und deſſen Gemälde neben den beſten Screta'ſchen Bildern hochgeſchätzt wurden. Im Jahre 1670 in die Bruderſchaft der Prager Maler auf⸗ genommen, folgte er bereits 1679 ſeinem Meiſter im Tode nach. Neben demſelben zeichneten ſich noch Johann Schindler, der fünf Jahre Screta's Schüler war, und Franz Paling unter den Uebrigen aus. Nach ſeinen Werken ſtachen die be⸗ ſten Kupferſtecher ſeiner Zeit, deren Zahl in Böh⸗ men keine geringe war: ein J. Sandrart, Da⸗ niel Wuſſin, Kaspar Droms, M. Küſel u. v. A. m., und wahrhaft unzählbar iſt die Menge von Theſen, Titelblättern, Illuſtrationen zu Bilder⸗ werken, Gelegenheitsblättern ꝛc., die nach ſeinen Zeichnungen und Entwürfen angefertigt wurden. Von gleichzeitigen Schriftſtellern wird er häufig mit der größten Auszeichnung genannt und nament⸗ lich iſt es der gelehrte Jeſuit Bohuſlaus Balbin, der keine Gelegenheit vorübergehen läßt, mit gro⸗ ßer Pietät des„böhmiſchen Apelles“ zu gedenken. Ihm verdanken wir eine für damalige Anſchauun⸗ gen recht charakteriſtiſche Anekdote aus Screta's Leben: Der Künſtler hatte den Auftrag erhalten, eine Kopie des Gnadenbildes der hl. Maria auf dem hl. Berge nächſt Pribram zu machen; trotz der oft. wiederholten Verſuche ſoll es ihm jedoch nie gelungen ſein, die in ihrer Schroffheit und Ge⸗ bundenheit charakteriſtiſchen Typen, die ſcharfen, ecki⸗ gen Formen dieſes Werkes mittelalterlicher Skulp⸗ tur befriedigend wiederzugeben, ein Fall, der ſich genugſam erklärt, wenn man die an eine ſchwung— volle Linienführung, an die Darſtellung gerundeter, voller Formen gefeſſelte Manier Screta's in Er⸗ wägung zieht. Balbin aber kann im frommen Er⸗ ſtaunen nicht umhin, Mirakel zu ſchreien und allen ſkeptiſchen Rationaliſten ſeiner Zeit zuzurufen: Ri- dete, quidquid est domi cachinnorum! Cur- rente rota cur urceus exit?— Gleichzeitig findet ein anderer, bekannterer Vorfall aus Screta's Leben hier ſeinen Platz, da er neben des Künſtlers hoher Trefflichkeit auch ſeine Beſcheidenheit in's ſchönſte Licht ſtellt: Er bot einem böhmiſchen Edel— manne ein Bild als eine Kopie nach Annibal Ca⸗ racci, das dieſer jedoch als gänzlich verfehlt und mißlungen ſchnöde zurückwies. Screta nahm die Beleidigung ſtillſchweigend hin, verſah aber, ſeiner Sache gewiß, das Gemälde an einer minder be⸗ merkbaren Stelle mit ſeinem Monogramm und ſchickte es zum Verkaufe nach Florenz. Und dort ſoll es eben jener Edelmann, der kurz darauf eine italieniſche Reiſe unternahm, als einen echten Ca⸗ racci erworben und nach ſeiner Rückkehr prahlend mit ſeiner Kennerſchaft dem Künſtler vorgewieſen haben, der nun die Genugthuung haben konnte, ihn durch einen Fingerzeig zum beſchämenden Schwei⸗ gen zu bringen. Das neapolitaniſche Volk. (Schluß.) h aß die Leidenſchaftlichkeit und natürliche Roh⸗ 9— heit des Neapolitaners zuweilen in Barbarei (ch ausartet, iſt nicht zu wundern. Das Vieh Lr) wird unbarmherzig gemartert. Der Eſel wird — mit einem ſpitzigen Eiſen an wunden Stel⸗ len geſtochen. Die Pferde werden im Zorn fürchterlich geprügelt; darum wird Neapel„die Hölle der Pferde“ genannt. Die Hühner werden früher gerupft und dann erſt abgeſtochen. Die Fleiſchhauer ſchlagen den Schafen, ehe ſie dieſe ſchlachten, vor⸗ her eiſerne Haken durch die Füße. Die Buben bin⸗ den dem Vogel, der in ihre Hände geräth, einen Bindfaden an einen Fuß und laſſen ihn dann flie⸗ gen, den Faden in der Hand haltend. In Sor⸗ rento wird alljährlich ein Feſt abgehalten, das mit 272 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. derlei barbariſchen Spielereien verbunden iſt. Im Hafen hängt an einem Balken ein Strick mit zwölf an denſelben gebundenen Gänſen. Im leichten Na⸗ chen kommen zwei junge Burſchen herangerudert; der eine lenkt den Nachen und der zweite packt die erſte Gans beim Halſe, ſpringt aus dem Nachen und taucht mit derſelben unter's Waſſer. Dreht er der Gans unter Waſſer den Hals um, wird ſie ſein eigen; gelingt ihm dieſe Operation nicht, dann wird er ausgelacht. Auf dieſe Art unterhalten ſie ſich ſo lange, bis alle Gänſe ihre Köpfe verloren haben.— Die Standesunterſchiede ſind nicht ſo groß wie bei uns. Eheſchließungen zwiſchen dem Adel und der Bürgerſchaft ſind tägliche Ereigniſſe. Der hinten auf dem Wagentritt ſtehende Diener bittet den Herrn um eine Priſe Tabakw; dieſer reicht ſie ihm über die Achſel und räſomnirt dabei:„Was ärgerſt Du mich, Burſche!“— Kauft der Evel⸗ mann irgend etwas im Laden und es gebricht ihm an Geld, ſo genirt er ſich nicht, den Diener anzu ſprechen, und bringt er durch dieſen die Summe nicht zuſammen, dann muß der Kutſcher herhalten. Trotdem werden die Titel gewiſſenhaft regar⸗ dirt; die vertrauteſten Freunde nennen einander in ihrem Geſpräche: Caro Signor marchese, conte oder principe. Einige laſſen ſich„marchese“ als Eigenthuͤmer eines Grundſtückes nennen, das ihnen jährlich kaum fünfzig Gulden einträgt. Wer es vermag, trachtet nach Luxus, Equipagen, Pfer⸗ den und einigen Bedienten. Aus dem Grunde eben ſparen ſie auf dem Lande einige Jahre hindurch, um ſich dann in der Stadt mit Aufwand einen Monat hindurch zeigen zu können. Die Paläſte werden häufig mit Gold, ſchweren Teppichen und Bildern verziert und dennoch findet man in den ſelben keine Spur von Reinlichkeit, Ordnung oder Bequemlichkeit. Zuweilen wird aller Schmuck im Empfangzimmer(galeria) aufgehäuft, die übrigen ſtehen öde. Steigt man in den zweiten Stock des Palaſtes, ſo erblickt man daſelbſt einen ungeheuren Saal, in dem die Dienerſchaft faulenzt, ſchläft, kocht oder Stiefel putt. Der Kammerdiener führt den Gaſt durch einige leere Gemächer in den Saal des Fürſten. Hier wird der Fremde von einem in einen Nankin⸗Spencer gekleideten Manne empfan gen, und bittet er denſelben, ihn dem Fürſten vor zuführen, ſo wird er lächelnd antworten:„Der bin ich und ſtehe zu Dienſten.“ Zu den Converſazioni kommen die Hausfreunde um 9 oder 10 Uhr Abends ungeladen und dieß entweder an feſtgeſetzten Tagen oder jeden Abend. Der daſelbſt einmal eingeführte Fremde hat Zu tritt ein für allemal. Es wird viel geſchwätt, Li⸗ monade, Gefrornes und eingemachte Früchte, jedoch kein anderer Imbiß verabreicht. Hier produziren ſich auch Muſik⸗Dilettanten, die ihre Ausbildung der daſigen Muſikſchule(collegio di musica, oder Conservatorio di San Pietro a Majella) zu verdanken haben und oft den Namen Künſtler ver⸗ dienen. Die jungen Leute ſuchen im Tanz ihre Unterhaltung, die älteren greifen bald zu den Kar⸗ ten und ſpielen mit Leidenſchaft bis in die ſpäte Nacht hinein. Die Karten ſind bei allen Klaſſen beliebt. Das eigenthümliche Volksſpiel iſt das ſogenannte scope, mit einer Unzahl mannigfaltiger Figuren. Oft kann man Fiſcher mit den Karten in der Hand am ſan⸗ digen Strande liegen ſehen, die das scope ſpielen. Mit großer Mühe iſt man im Stande, die auf den Karten angebrachten Adler, Schwerter, Kreuze oder andere Figuren zu unterſcheiden. Das Volk kennt kein anderes Kartenſpiel. Außer dem oft ſchon beſchriebenen Spiele mora iſt die ſogenannte boccia in ganz Italien ſehr beliebt. Jeder der Spieler hält eine Kegelkugel, die er nach einer kleineren ſchleudert. Es handelt ſich hiebei darum, die eigene Kugel zunächſt des Zieles zu werfen, oder die eines zweiten zu entfer⸗ nen. Dieß Spiel wird auch auf dem Billard geſpielt. Wer die täglichen Unterhaltungen des Volkes ſehen will, braucht ſich nur in die strada del molo zu begeben, in der Künſtler jeder Art vor einer Maſſe Soldaten, Matroſen, Fiſcher und Aus⸗ länder ſich produziren. Dieſer preiſet Fleckenſeife und Stiefelwichſe an, Jener zeigt irgend ſeltene Mäuſe und zahme Schlangen; hier läßt wieder ein Feuer⸗ werker Raketen ſteigen, dort trommeln und blaſen vor ihrer Bude einige Athleten, der Bajazzo lobt und preiſet die Künſte eines Feuereſſers und trachtet auf jede Art ein Publikum herbei zu locken.— Ein beſonderer Zug im Charakter des neapo⸗ litaniſchen Volkes iſt der Aberglaube. An Geiſter⸗ erſcheinungen und Hexen, wie ſie ſich der neblige Norden ſchafft, glaubt zwar der Bewohner der ſüdlichen Himmeksſtriche nicht, hingegen mangelt es ihm nicht an anderen Hirngeſpinnſten. Menſchen z. B., die lange Zeit im Todeskampfe zubringen, werden als vom Teufel beſeſſen angeſehen. Ein anderer, in ganz Jtalien verbreiteter Aber⸗ glaube iſt das Dafürhalten, daß gewiſſe Perſonen mit ihrem Blicke, mit einem Worte oder nur durch ihre bloße Anweſenheit Unglück herbeiführen. Solche Leute(jettatori) brauchen durchaus nicht böſe zu ſein, aber Unglücksfälle ſind in ihrem Gefolge ohne ihr Wiſſen und Wollen. Als Fatale(wie das aber⸗ gläubiſche Volk dafürhält) werden angeſehen: Mönche, namentlich Franziskaner, wenn ſie Reiſegefährten ſind oder wenn man ihnen zuerſt begegnet. Ent⸗ ſteht ein Sturm auf dem Meere und befindet ſich auf dem Verdecke des Schiffes zufällig irgend ein Ordensbruder, ſo wird das Unwetter ihm zuge⸗ ſchrieben und er kann ſich in Acht nehmen. Wird in einer Geſellſchaft, in der ein Geiſtlicher ſich be— findet, eine Lampe, eine Schale oder was immer zerſchlagen, ſo begegnet dem Armen nur zu bald das Auge der Hausfrau voll ſtillen Vorwurfs. Der jettatura verdächtig erſcheinen außer den — ſtler ver⸗ Lanz ihre den Kar⸗ 8. die ſpäte iebt. Das te SScope, At kann en Spiele zu eutfer⸗ er Art vor d Aus⸗ Mläuje ein Feuer⸗ und blaſen aazo lobt d trachtet n Geiſter⸗ der neblige vohner der en mangelt Merſchen zubringen, ſe Perſonen nur durch ren. Solche icht böſe zu Volkstrachten in Oeſterreich. 273 Mönchen auch Menſchen, die Perücken oder Augen⸗ gläſer tragen(grüne Augengläſer ſchaden mehr als weiße), magere Leute und alle blaſſen und dabei unangenehmen Geſichter. Den meiſten Schaden brin⸗ gen vhät ienſhe und Belobungen, die von den Lippen ſolcher Leute dargebracht werden. Sagt der jettatore Uüber ein Kind:„Hübſcher Knabe, er möge Euch glücklich zedeihen dann zittert die Mutter um esſelbe Der Reiter geräth in Zorn, wenn ein ſolcher Menſch zu ihm tritt und ihm ſagt: „Sie reiten ein herrliches Thier.“ Gleitet dem Bauer das Maulthier auf ebenem Pflaſter aus, bricht an einem Schiffe das Steuerruder, wird in der Lotterie eine Nummer gezogen, die nur um ein Auge von der differirt, die der Lazzarone ge⸗ ſpielt, verſpielt Jemand trotz guter Karten,— ſo trägt irgend ein bekannter oder unbekannter jetta⸗ tore die Schuld. Zum Bannen derartigen Zaubers bedient man ſich folgender Mittel: Entweder ſpricht man leiſe die Worte:„Böſe Augen ſind hier nicht thätig“, oder man bildet aus einer Hand eine Fauſt, wobei der Zeige⸗ und kleine Finger nach Art von Hörnern ausgeſtreckt werden. Auch trägt man gol⸗ dene oder beinerne Hörner von ganz kleiner Art, die man bei Behexungen ergreift, was ſehr wirk⸗ ſam ſein ſoll. Von Alters her war Virgil in den Augen des Volkes ein mächtiger Zauberer, deſſen Ruhm noch heutzutage in vielen Traditionen ſich erhält. Er war es ja, der Poſilippo durchbrochen und die Wundergrotte ausgehauen hatte, durch welche der Weg nach Puzzuoli führt. Er war auch Neapels Gründer, der aus dem Wunder-Ei das Schloß del Ovo geſchaffen. Auf einem Thurme hing er an einer Kette einen Apfel auf; hätte dieſen Je⸗ mand berührt, ganz Neapel hätte dann gezittert; wäre er aber entwendet worden, ſo hätte Neapel einſtürzen müſſen. Die Kloaken und neapolitaniſchen Aquädukte ſollen Virgil's Werk ſein, ebenſo die Schwefel quelle von St. Lucia und die alterthümli⸗ chen Bäder in Puzzuoli. Der gute Virgil ſchuf auch einen von einer unſichtbaren und undurch⸗ dunlichen Mauer umgebenen Garten auf Poſi⸗ lippo, der, wiewohl niemals vom Regen befeuchtet, reichlich Obſt, Blumen und heilſame Kräuter trug. Hier ſtand ein bronzener Hornbläſer, der den ſchäd⸗ lichen Wind Sirocco in ſein Horn auffing und ihn mit mächtigem Stoß gegen das Meer trieb. Ritter⸗ und Heldengeſchichten enthaltende Werke findet man viele. Der Lieblingsheld der romanti⸗ ſchen Poeſie iſt jedoch Rinaldo, neapolitaniſch: Li⸗ nardo. Wer es ſich beikommen läßt, einen anderen Helden höher zu ſchätzen, läuft Gefahr, in Unan⸗ nehmlichkeiten und blutigen Zwiſt zu gerathen. Die Dozenten leſen und erklären alle Tage öffentlich die Werke der berühmteſten Dichter, als da Taſſo und Arioſto ſind. Der Neapolitaner iſt mit einem Worte ſo phantaſiebegabt, wie alle ſeine italieniſchen Brüder; er liebt die Poeſie und beſitzt Erinnerungen. 1859. namentlich Talent zur Improviſation. Dieſe Gabe zeigt ſich beſonders in den unterſten Volksſchichten durch Deklamiren improviſirter Verſe, Lieder und Erzählungen, die zwar an und für ſich wenig Werth haben, jedoch als Werke maomentaner Eingebung träftigen Eindruck üben. Die Improviſatoren, auf die man in Deutſchland, in Frankreich ſtößt, ſtehen weit hinter den italieniſchen. Mit Unrecht wird der Neapolitaner dumm genannt; er beſitzt ſehr viel Mutterwitz, oft be⸗ ſchämt er ſogar die Vernünftigſten mit ſeinem na⸗ türlichen geſunden Verſtande, wenn er auch leider bei d vernachläſſigten Schulen ohne die geringſte Bildung bleibt. Der gemeine Bauer kann ſelten ſchreiben, und der wird für gelehrt gehalten, der ſchreiben gelernt hat. Die Leute höherer Klaſſen heüteß eine nur mangelhafte und Linſeltigo Erzie⸗ hung, die nur auf oberflächl liche Kenntniß der reli⸗ giöſen Ceremonien, auf Beſchäftigung mit Muſik und Verſen und auf Erlangung der Eleganz im Benehmen hinzielt; der Geiſt wird faſt gar nicht ausgebildet. Volkstrachten in Oeſterreich. II. Die Tiroler. hie Bewohner von Tirol ſind größtentheils 31 Deutſche, nur von Süden dringt der romaniſche Stamm in das Gebirge ein So und beherrſcht das Etſchthal und ſeine Sei⸗ — tengegenden bis zur Einmündung des öſtli⸗ chen Aviſio und des weſtlichen Nosbaches. Weiter aufwärts im Etſchthale vermiſcht ſich die italieniſche Sprache mit der deutſchen, ſo daß man dort echt deutſche Worte mit romaniſcher Fügung vernehmen kann, wie crauti Kräuter, il wagerle Wägelchen, il trager Träger, il tisler Tiſchler, il slosser c. Der deutſche Volksſtamm verkündet durch die Verſchiedenartigkeit ſeiner Mundart die Verſchiedenheit ſeiner Abſtammung. Faſt den gan⸗ zen Oſten der Alpenwelt nimmt der bojoariſche, den Weſten der allemanniſche Stamm ein, zwiſchen beiden hinein haben ſich auch Volksſtämme des höheren deutſchen Nordens gedrängt. In den Vintſchgauern vermuthet man ſogar Ueberreſte der mongoliſchen Horden Attila's und ſucht in den Ortsnamen des Vintſchgaues: Compatſch, Latſch, Matſch, Flatſch, Gratſch, Tartſch, Tarſch, Tſchars u. ſ. w. hiefür eine ſuracht iche Beſtätigung. Trotz dieſer Stammesverſchiedenheit haben die Tiroler doch ihr eigenthümliches Gepräge, ſo daß man ſie leicht von den Bewohnern der angrenzen⸗ den Provinzen, den Salzburgern und Steirern, 35 274 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. unterſcheiden kann. Sie ſind im Ganzen ein ſchöner Menſchenſchlag, von grobem Knochenbau, breitſchul⸗ terig, meiſt über Mittelgröße; ſie haben eine ge⸗ ſunde Geſichtsfarbe und kluge, muntere Augen. Weniger ſchön iſt bei ihnen„das ſchöne Geſchlecht“; die Südtiroler ſind kleiner und ſchwärzer. Die Sprache des Volkes iſt im Allgemeinen der bojoariſche Dialekt, deſſen ſchmiegſame, einzelne Buchſtaben verſchmelzende Ausſprache aus folgenden Beiſpielen erhellt: Wuſcht-Wurſt; Kiſchta- Kirch⸗ tag; Dloggen-Glocke; ghoat gehabt; gſoat- ge⸗ ſagt; wundachts dich⸗ wundert es dich; Wiecht- Wirth. Die Endſylbe„er“ wird in ar oder a, die Endſylbe„en“ in e umgewandelt. An ſeltſamen Wörtern iſt kein Mangel; z. B. Grauwutl-Teu⸗ fel; blauge- ſchüchtern; Gigl- Schaf; wehrla- garſtig; Triel- Lippe u. ſ. w. Der Charakter der Tiroler iſt Biederkeit, Fleiß, Heimatsliebe, Religioſität, Anhänglichkeit an den Herrſcher, Gewandtheit, Tapferkeit, die oft in Rauf⸗ luſt ausartet und— Gewohnheit. Dieſe Züge ſind zum Theile natürliche Folgen der ganzen Lebens⸗ art, zu der ſie von der Natur gezwungen werden. In der Alpenwelt pflegt nicht blos der Wald⸗ arbeiter, der Kohlenbrenner, Holzflößer, Jäger und Hirt Tage, Wochen, ja Monate lang Umgang und vertraute Bekanntſchaft mit den Bergen, auch der Ackersmann muß ihr Vertrauter werden; denn er hat nicht, wie der Bauer der großen Ebene, ſeine Felder nahe und bequem beiſammen; im Alpen⸗ lande iſt des fruchtbaren Erdreichs weniger und dieß Wenige auf verſchiedenen Stufen der Boden⸗ erhebung weit zerſtreut. Hier thut's Noth, jeden kleinen Fleck aufzuſuchen und zu benutzen; in den oberſten Regionen des Gebirges weidet er ſein Vieh; in den mittleren findet er ſein Holz; in der unteren iſt mancher kleine Streifen Feldes oder der kleine Weinberg zu beſtellen.— Und die Be⸗ wohner der Flecken und Städte, der Arzt, der Prieſter, der Verkehrsmann, ſei es der Spitzen⸗ und Schnittwaarenhändler aus Vorarlberg und dem Lechthale, der Handſchuh- und Teppichverkäufer aus dem Ziller⸗ und Tefferegger⸗Thale oder der Vieh⸗ händler aus Paſſeir, oder der Wein⸗ und Frucht⸗ händler aus den geſegneten Etſchgauen— ſie alle ziehen über die Alpenpäſſe, aus einem Thale in's andere. Mit dieſer Natur von Jugend auf ver⸗ wachſen, durch ſie tagtäglich in Anſpruch genom⸗ men, auf ihren Umgang faſt allein angewieſen, ſollte nicht der Alpenbewohner vorzugsweiſe von lebendi⸗ ger Liebe zur Heimat erfüllt werden? In der Abgeſchloſſenheit ſeines Thales, bei der Unbekanntſchaft mit der Außenwelt, iſt er im⸗ mer auf dieſelben Gegenſtände und deren Wieder⸗ kehr angewieſen. Auf denſelben Wegen zieht er in ſeinen Thälern und Bergen fortwährend hin und zurück. Ein Abweichen vom gewohnten Thal⸗ oder Bergwege könnte oft nur mit großer Mühe und unter Gefahren geſchehen. So wirkt die Natur von verſchiedenen Seiten her, um ihn auf dem alten Gleiſe der Gewohnheit überhaupt zu halten. Viele gewöhnliche Geſchäfte des Alpenbewoh⸗ ners ſind nicht nur ſehr anſtrengend, ſondern auch bisweilen eben ſo gefährlich, als in ihrem Erfolge unſicher. Seine Beſitzſtätte iſt demnach eine fort⸗ währende Kampfes⸗ und Uebungsſtätte zu Ausdauer, Unverdroſſenheit, Genügſamkeit und Gottvertrauen. Aber religiöſer Sinn wird noch durch ande⸗ res geweckt Bei den vielen Gefahren, die ihn faſt bei jeder Verrichtung umſchweben, wird er doppelt an Den dort oben gemahnt, der über Sonnenſchein und Sturmesbrauſen gebietet, und ſo findet ſich der Alpenbewohner vor Beginn des Geſchäftes oder der Reiſe mit ſeinem Schöpfer ab. Gar oft kann man unten am Fuße des Joches, über welches die Wanderung geht, oder oben auf dem Bergrücken, in der Oede zwiſchen grauen Felſen und glänzen⸗ den Schneefeldern und jenſeits in der Tiefe Zei⸗ chen und Stätten flehender und dankender Andacht gewahren. Die vielen Gefahren, auf welche die Alpen⸗ bewohner ſtets gefaßt ſein müſſen, machen ſie auch unerſchrocken, zuverſichtlich, gewandt und ſtark, und der immer nöthige Kampf mit der Natur übt in hohem Grade ihre Erfindungskraft und ihren Kunſt⸗ ſinn. Sie ſind bekannt als tüchtige Mechaniker, Holzſchnitler(z. B. in Gröden) und Maler. Nicht minder anziehend iſt ihre Kunſt des Geſanges. In vielen Gegenden ertönt uns aus der niedrigſten Bauernhütte Geſang und Zitherſpiel entgegen. Und welchen fremden Wanderer belebt nicht jene jauchzende Freude der jodelnden Sennen und Senninen! Die Strauß'ſchen und Lanner'ſchen Zauberwalzer ſind nur die verklärten Töne des Jodelns. Auch dieſes Jodeln(wobei Terzen oder Sexten ſo ſchnell mit einander verbunden werden, daß der Geſang faſt zweiſtimmig klingt) iſt aus der Natur der Alpen hervorgegangen, indem er auf die Erweckung des in den hohen Felswänden ſchlummernden Echo's berechnet iſt; denn um das⸗ ſelbe zu wecken, iſt ein laut ſchallender Geſang nö⸗ thig, aber beſſer von einem Einzelnen, als von einem Chore. Von allen Bergen hört man's jodeln und pfeifen, ſo hinter jedem Pflug, hinter jedem Fenſter. Ihre Beſchäftigungen ſind Seidenzucht, Sei⸗ denweberei, Mais⸗ oder Reisbau, Weinbau im Sü⸗ den und Alpenwirthſchaft und im Unterinnthale Ge⸗ treidebau; Andere beſchäftigen ſich mit Baumwollen⸗ und Teppichweberei, Andere reiſen in der Welt mit Handſchuhen, Meſſern, Hoſenträgern eꝛc. umher, Andere handeln mit Bildern, treiben Spitzenklöppelei u. ſ. w. In einem Waldthale beſchäftiget man ſich ſogar ſeit dem 17ten Jahrhundert mit der Zucht von Kanarienvögeln, die man auch ſchön ſingen und allerhand Kunſtſtücke lehrt. In ſeinen Beluſtigungen iſt der Tiroler ein derber Burſch. Kegel ſchiebt er nur mit gewaltigen a auch Frfol Crſolge olge eine fort⸗ „ Ausdauer, Pelt mit d. umiher, enklöppele net man⸗ ſich t der zucht ön ſülgen Tire ler ein Newaltigen Kugeln, daneben iſt er Meiſter im Scheibenſchießen, Kugelwerfen, im Hoſenrecken und Hakeln, wobei Einer den Andern am Mittelfinger faßt und an ſich zu ziehen ſucht. Im Unterinnthale und Ziller⸗ thale ſind die Robler oder Raufer zu Hauſe. Mit einem gellenden Schrei, den er in's Gebirge ſendet, fordert der Robler ſeine unbekannten Gegner auf, welche den Schrei erwiedern und den Herausforderer aufſuchen. Bald ſtehen die kräftigen Männer einan der gegenüber, den Stoßring von Eiſen und Silber mit dem großen Knopf um die Fauſt ge⸗ ſchlungen; Zuſchauer ha⸗ ben ſich ein⸗ gefunden, um als Kampf⸗ richter dazwi⸗ ſchen zu tre⸗ ten. Jetzt be⸗ ginnt der wü⸗ thende Kampf. Schlag folgt auf Schlag, daß es dröhnt und man meint, Arme und Bruſt müßten zer⸗ ſchlagen ſein; aber die ge⸗ wandten Fech⸗ ter wiſſen den Schlag ſchnell zu ſchwächen, aufzufangen, und erſt nach langer An⸗ ſtrengung und vielem Blute erklärt ſich der Eine für be⸗ ſiegt, worauf ihm der Sie⸗ ger die Feder vom Hute ab⸗ nimmt. Wer aber drei ſolcher Federn am Hute trägt, erklärt damit, daß er es mit jedem Geg⸗ ner aufnimmt. Eine intereſſante Erſcheinung iſt auch der tan⸗ zende Tiroler; jauchzend, ſtampfend und klatſchend dreht und kreiſelt er ſich mit künſtleriſcher Fertig⸗ keit um ſeine Tänzerin. Seine poetiſche Anlage offen⸗ bart er durch Gaßlreime, Trutzliedl und Märchen⸗ erfindung, ſeine künſtleriſche durch Ausſchmückung Tracht im Volkstrachten in Oeſterreich. 10 — 1 ◻4 ſeines Hauſes mit zierlichem Schnitzwerk und bun⸗ tem Anſtrich. Die Tracht der Tiroler iſt im Ganzen ge⸗ nommen maleriſch. Unſer Bild zeigt eine Gruppe von Bewohnern des Duxerthales, in welchem ſich ein kräftiger, abgehärteter Menſchenſchlag vorfindet. Die Kleidung des Duxerthalers beſteht aus einem runden Hute, auf welchem nie der Schmuck einer Alpenblume fehlt, aus einer groben Jacke ohne Schöße, einem leicht — ʃ um den Hals 5— geſchlungenen —4, sh D Tuche, kurzen, 1 bis an die Kniee reichen⸗ den Beinklei⸗ dern, die mit⸗ telſt breiter Hoſenträger und eines le⸗ dernen, oft buntverzier⸗ ten Leibgür⸗ tels feſtgehal⸗ ten werden, aus groben Strümpfen, die das Bein zwiſchen den Knieen und Knöcheln um⸗ kleiden, und endlich aus ſchweren, dick ſohligen, nä⸗ gelbeſchlage⸗ nen Schuhen; für den Schutz der bloß ge⸗ laſſenen Kniee ſcheint die Na tur ſelbſt zu ſorgen, da, wie der Fremde nicht ohne Er⸗ ſtaunen wahr⸗ nimmt, meiſt eine dichte Duxerthale. Hülle von Haaren dem Knie die fehlende Bedeckung erſetzt. Die Frauen tragen gleichfalls einen runden Hut und eine grobe Lodenjacke. Die faltigen, meiſt ſchwarzen Röcke rei⸗ chen bis an die Knöchel. Die rohen Stoffe zu ihrer Kleidung verferti⸗ gen ſich die Duxerthaler ſelbſt, wie ſie denn über⸗ haupt in genügſamer Abgeſchloſſenheit ihre wenigen Bedürfniſſe durch eigene Thätigkeit befriedigen. Wie man dem Tiroler im Allgemeinen nachredet, daß 35* Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. er ein Freund geiſtiger Getränke ſei, ſo kann man auch von dem Duxerthaler insbeſondere behaupten, daß er bei all' ſeiner ſonſtigen Mäßigkeit dem Reize des Kirſchwaſſers oder des ſüßen dicken Weines nicht leicht widerſteht. Wenn am Sonntage die Meſſe zu Ende iſt, ſo führt der Weg aus der Kirche Viele ſchnurgerade in's Wirthshaus und oft ſind am Dienſtage oder auch ſpäter noch manche von ihnen dort anzutreffen. Für die Unterkunft jener, die bei ſo lang anhaltender Stärkung zu ſchwach geworden ſind, als daß ſie ſich noch auf den Stühlen halten könnten, iſt auf eine originelle Weiſe geſorgt. Es befinden ſich nämlich an der Wand beim Ofen in geringen Diſtanzen über ein⸗ ander befeſtigte Bretter, wie man ſie allerorten bei den Bäckern ſehen kann. Auf dieſe Bretter lagert man nun ſchichtweiſe die ſchweren Duxerthaler ab, damit ſie dort ruhig und unangefochten ihren Rauſch verſchlafen. Einen eigenthümlichen Anblick gewähren dieſe Bewohner der vielen Stockwerke, wenn die Glocke der nahen Kirche das Zeichen zum Gebete gibt. Während die übrigen Gäſte plötzlich in ihrer Unterhaltung verſtummen, aufſtehen und die Hände zum Gebete falten, drehen ſich die Männer auf den Brettern um, ſtrecken den Kopf über Bord und bewegen andächtig die Lippen. Die Sitte des wechſelſeitigen„Schänkens“ herrſcht hier in ſolchem Grade, daß jeder ſein eige— nes Glas zumeiſt durch Andere leeren läßt, wäh⸗ rend er ſelbſt wieder den angebotenen fremden Glä⸗ ſern verſchiedenen Inhaltes zuſpricht. Die Koſt iſt ſehr frugal und beſteht faſt aus⸗ ſchließlich aus Mehlſpeiſen; namentlich ſind die Knödel ſehr beliebt. Rindfleiſch kommt äußerſt ſel⸗ ten auf den Tiſch, nur zuweilen wird gekochtes Schweinfleiſch präſentirt. (Schluß folgt.) —— Euſtachius Schnabel, der Notizenſammler. (Schluß.) „† Mit tiefem Bedauern erzählen wir unſern geehrten Leſern eine Geſchichte, die ſich geſtern in unſerer Stadt zutrug und ſchmerzlich jeden Men⸗ ſchenfreund berühren muß, da er ſieht, wie die Jugend leichtſinnig über alles hinwegſchlüpft und den Rath des Klugen mißachtet. In einem hie⸗ ſigen Gaſthauſe ſaßen zwei Freunde, ihrem Aus⸗ ſehen nach Studenten, und gingen eine Wette ein, der zufolge der Eine alle auf dem Speiſetzettel no⸗ tirten Speiſen der Reihe nach zu ſich zu nehmen ſich erbot. Geſagt, gethan. Bruder Studio machte ſich an's Werk. Wir warnten ihn freundſchaftlichſt — vergebens! Mit gieriger Haſt verſchlang er Portion auf Portion, gewann richtig die Wette, trank noch einige Gläſer ſtarker Punſcheſſenz, lehnte dann ſein Haupt auf die Tiſchplatte.... Wir Um⸗ ſtehenden traten zu ihm, fuhren aber ſchaudernd vor Entſetzen zurück. Der junge ſchöne Mann, die Freude, der Stolz ſeiner Eltern, die Hoffnung des Vaterlandes— war todt!— Der Geſtorbene, der ſo ſchwer ſeine Unbeſonnenheit büßen mußte, ſoll ein braver Sohn, ein dienſtfertiger Freund geweſen ſein. Mancher arme Kommilitone verliert an ihm ſeinen wackeren Wohlthäter. Unſere ſchönen Leſeri⸗ nen werden ſich ſeiner hoffentlich erinnern, denn er war ein gar trefflicher Tänzer, der alle eleganten Bälle mitmachte. Gewiß, manche Thräne wird bei ſeinem Begräbniſſe über ſchöne Wangen niederglei⸗ ten. Der Verblichene ſoll noch vor ſeinem Ende, das er nicht ahnte, in der„Poſaune“ geleſen und herzlich über ihr Feuilleton gelacht haben.— Der Arme, jetzt kann er auf die Fortſetzung warten, denn unſerem Wiſſen nach erſcheint droben die Po⸗ ſaune erſt am jüngſten Tage....“ Am nächſten Tage kam der Redaktion der „Poſaune“ durch die Stadtpoſt folgender Brief zu: „Löbliche Redaktion! Daß ich lebe, ſagt Ihnen mein Brief; daß ich alle Speiſen des Speiſezettels aufgezehrt, iſt wohl richtig, denn er enthielt ihrer nur noch zwei; daß ich aber über das humoriſtiſche Feuilleton der „Poſaune“ gelacht habe, dieſer Zumuthung wider⸗ ſpricht mein ſanftes Einſchlummern beim Leſen, was Ihr geehrter für Todesſchlaf hielt. Ein verzeihlicher Irrthum! Von einer Wette iſt mir nichts bekannt. In Ehrfurcht Ihr Hieronymus Miſe, stud. med., m. p.“ Mit einem ſardoniſchen Lächeln reicht der Re⸗ dakteur der„Poſaune“ das Schreiben dem erblei⸗ chenden Schnabel und legt ihm zugleich in ein⸗ dringlicher Weiſe an's Herz, fortan die Grenze zwi⸗ ſchen Wahrheit und Dichtung ſchärfer im Auge zu haben, da bei wiederholter Verrückung der Grenz⸗ ſteine die Spalten der„Poſaune“ dem phantaſierei⸗ chen Referenten ℳ* ſich ſchließen müßten. Euſta⸗ chius erkennt ſeinen Fehler, geht reuig in ſich und beſchließt, mit dem alten Adam auch zugleich das alte Zeichen, unter dem er viel geſündigt, ab⸗ zulegen. Unter einer neuen Chiffre will er ein neues, nur auf Wahrheit begründetes Daſein beginnen. So leſen wir denn auch ſchon am folgenden Tage in der„Poſaune“: „OO Der geſtrige Artikel unſeres ehrenwer⸗ then Kollegen p bedarf einer kleinen Berichtigung, iſt aber nicht im mindeſten im Stande, den leiſe⸗ ſten Schatten auf die Wahrheitsliebe zu werfen, die unſere geehrten Leſex an dem gewiſſenhaften † Referenten gewiß achten gelernt. Geſtern promenirte wohl eine Dame in der Gimpelgaſſe, doch war es nicht Miß Paſtrana, ſondern eine reiche Gold⸗ ſchmiedswitwe aus der Windgaſſe, die(die Witwe) Mr Um⸗ haudernd Kann, die Euſtachius Schnabel, der Notizenſammler. 277 im freundlichen Geſpräche mit einem jungen Manne ſich dort längere Zeit erging.“ Als der gute Schnabel dieſen erſten wahr⸗ heitsgetreuen Bericht ſchrieb, ahnte er wohl nicht, wie verhängnißvoll ihm dieſe wenigen Zeilen wer⸗ den ſollten. IV. „Die Frau Sonne macht heute ein freundli⸗ ches Geſicht, das bedeutet geſegneten Tag!“ Mit dieſem Ausrufe tritt Euſtachius Schnabel auf die Straße, wo ſich das erſte Leben des Tages zu entfalten beginnt. „Die Frau Sonne macht heute ein freundli⸗ ches Geſicht, das bedeutet geſegneten Tag!“ wie⸗ derholt Schnabel, denn dieſer ſein Gedanke ge⸗ fällt ihm über die Maßen, ſo daß er ſich gar nicht von ihm trennen kann. Aber was ſehen wir? Warum bückt ſich Herr Schnabel? Warum ſtreckt er die Hand aus? Was hebt er vom Erdboden auf? Was verbirgt er ſo ſorgfältig unter ſeinem rechten Rockſchoße? Warum ſieht er ſich ſo vorſichtig, ja faſt ängſtlich um? Warum beſteigt er jetzt einen Erdhaufen, wel⸗ cher zur rechten Seite der Straße liegt, wo den vergangenen Tag über wegen Legung der Gasröh⸗ ren gegraben worden war? Und wohin verſchwin⸗ det er ſo urplötzlich?— Da hinunter in die Grube iſt er geſprungen, wo er mit gierigen Fingern in der lockern Erde wühlt. Sein Falkenauge hatte ihn nicht getäuſcht. Siegesſtolz klimmt er wieder auf die Straße, birgt ſeinen neuen Schatz unter dem linken Rockſchoß, preßt über beide die Hände und eilt dem Thore zu. Erſt, wenn die freie neuerwachte Frühlingsnatur ihn anlächelt, der Lerchen Geſang zum da capo des ſchmetternden wonnevollen Ju⸗ bels ſeiner Seele wird, erſt dann falle ungetrübtes Sonnenlicht auf ſeine Trophäen! Auf einem hohen Raine nimmt er Platz und enthüllt ſeine Schätze. Ein vielfach verbogenes, ſtark durchlöchertes roſtiges Stück Eiſenblech iſt's, was ſein rechtes Auge betrachtet, während das linke einen rieſigen Knochen muſtert. Dann breitet er ſein blaues Schnupftuch auf den feuchten Raſen aus und legt ſorgſam ſeine Herrlichkeit darauf, daß ſie ja keinen Schaden nehmen. Dann wälzt er im Schweiße ſeines Angeſichtes einen großen Feldſtein herbei, ſchlägt auf ihm ſein Notizenbuch auf und ſpitzt ſeine Bleifeder, die er hurtig über das glatte Papier laufen läßt: „t Archäologiſches. Mit Freuden be⸗ richten wir heute von einem ſehr intereſſanten ar⸗ chäologiſchen Funde in unſerer hundertthürmigen Stadt. Bei unlängſt eines profanen Zweckes wegen geſchehenen Nachgrabungen ſtießen die Arbeiter auf ein altes Eiſenſtück, das ſie in ihrer Einfalt weg⸗ werfen wollten, indem ſie glaubten, daß auf ſeine Acquiſition ſich ſelbſt der kühnſte Hauſirer nicht einlaſſen werde. Man ſollte wirklich nur Gelehrte zu derlei Arbeiten verwenden, ſonſt gehen noch tau⸗ ſende der werthvollſten Reliquien zu Grunde, denn nicht immer iſt das Schickſal ſo hold gelaunt, einen Kenner hinzuzuführen, wie es bei uns der Fall war. Wir hoben das vermeintliche Eiſenblech, das uns ſchon vorher in die Augen ſtach, auf und man denke ſich unſer freudigſtes Erſtaunen, als wir in ihm den prächtigſten Bruſtharniſch erkannten. Mit zitternden Händen hielten wir ihn, wagten es kaum, uns dieſes Glück zu geſtehen. Erſt nach einiger Zeit gewannen wir die nöthige Ruhe, um unſeren Fund näher zu unterſuchen, und da— in der rechten Ecke war ein Eindruck wie von mehreren Buchſtaben ſichtbar— ein großes L, darüber eine Krone und darunter ein kleines m und ein ditto b! Wer kann zweifeln, beſonders wenn er das Alter⸗ thümliche der Arbeit und die vielen Löcher des Harniſches in's Auge faßt, die Inſchrift bedeute: Libussa, mater bohemiae! Libuſſa, Böhmens Mutter!— Durch dieſen wichtigen Fund ermu⸗ thigt, ließen wir ſogleich auf unſere Koſten weiter nachgraben und goldene Zinſen trug uns die ge⸗ machte Auslage. Ein Menſchengerippe kam zum Vorſchein, trefflich konſervirt, die Knochen vom blen⸗ dendſten Weiß, von der edelſten Form, mit einem Worte— königlich! Ja, an dieſem Orte lag Li⸗ buſſa begraben, hier iſt der Platz, zu dem die jetzige Generation Wallfahrten unternehmen, wo ein Pan⸗ theon ſich zur ſtrahlenden Morgenſonne erheben ſoll, über deſſen goldenem Portale Libuſſa's Panzer ſchweben und als deſſen ſchönſtes Kleinod der ge⸗ ſchwätzige Cicerone den ſtaunenden Söhnen Albions oder den Männern vom Strande der Neva Li⸗ buſſa's Skelett zeigen wird!“ Herrn Schnabel bricht die Spitze ſeiner Bleifeder ab, weßhalb er gezwungen iſt, ſeinen Aufſatz zu beſchließen. Er ſteckt ſein Büchlein wie⸗ der ein, wickelt die Reliquien in ſein Schnupftuch, nimmt dieſes unter den Arm und tritt ſeelenver⸗ gnügt ſeine Rückkehr an. V. Herr Gelaſius Klaps, wohlbeſtallter Re⸗ ferent der„Trompete“, tritt ein in den Saal, wo eine Gelehrtenſitzung gehalten werden ſoll, doch bis jett iſt keiner der geladenen oder mitwirkenden Gäſte erſchienen. Klaps geht an das Tiſchchen des Präſidenten, wo einige Zeitungsblätter auflie⸗ gen. Er nimmt eins davon in die Hand und lieſt: „P.— Hier iſt dieſer Tage ein wahrlich nicht mit Gold aufzuwiegender Fund gemacht worden, der nicht nur bei Alterthumsforſchern, ſondern in der ganzen ziviliſirten Welt Aufſehen erregen wird: Das Skelett Libuſſa's nebſt ihrem Harniſch!— Welcher Gewinn hiedurch für Archäologie und Spe⸗ zialgeſchichte erwachſen iſt, läßt ſich kaum berechnen.“ Klaps nimmt ein anderes, in einer bairi⸗ ſchen Stadt verlegtes Blatt. 278 Erinnerungen. Illuſtrirte Bätter für Ernſt und Humor. „P.— Wo haben wir Hermann's Gebeine, wo ſein Schlachtſchwert aufzuweiſen? Die Slaven ſind glücklicher daran, denn jetzt hat ein Dr. Sch. Libuſſa's wohlerhaltenes Skelett, ihre ganze Rü⸗ ſtung, ihre Krone, ihr Szepter aufgefunden!“ Klaps lächelt und nimmt eine belgiſche Zei⸗ tung zur Hand. „P.— Eine ſonſt kaum genannte Stadt dringt ſich jettt der Welt auf und wir wollen es geſtehen, nicht mit Unrecht, beſonders wenn wir berichten, daß in ihr Libuſſa's mumienartige Leiche und ihr ganzer Krönungsornat ſammt Szepter und Reichs⸗ apfel aufgefunden wurden. Libuſſa ſoll im ſiebenten Jahrhundert unter dem Slavenvolke als Seherin und Herzogin gelebt haben. Ihr glücklicher Auffin⸗ der hat ſchon einen türkiſchen und einen ruſſiſchen Orden bekommen!“ Klaps legt das Blatt nieder und lieſt das Programm für die heutige Sitzung, auf welchem es unter anderem heißt: „Dr. N. will ſich erkundigen, wer etwa von den Anweſenden das unlängſt von der„Poſaune“ aufgefundene Libuſſa⸗Skelett unterſucht habe; zu⸗ gleich ſoll der Auffinder erſucht werden, dasſelbe der Verſammlung demnächſt vorzuzeigen.“ Klaps unterbricht ſeine Lektüre, denn ein neuer Gaſt erſcheint, der ſich demuthsvoll verbeugt. Es iſt niemand Anderer als Euſtachius Schna⸗ bel, der hier ſo unerwartet auf ſeinen Gegner und Kollegen, Herrn Klaps, ſtößt. Allmälig füllen ſich die Räume des Saales. Der Präſident klingelt, nachdem die Mitglie⸗ der um den langen grünen Tiſch Platz genommen. Nach einigen vorausgegangenen Debatten erſucht Dr. Y. um geneigtes Gehör, welches ihm auch freundlichſt zugeſtanden wird. Die ſchon früher zitirten Zeitungsblätter liegen vor ihm ausgebreitet. „Ich ſetze den Inhalt dieſer Blätter als be⸗ kannt voraus,“ beginnt Y. nach längerem Räuſpern, „und erkläre der geehrten Verſammlung, daß ich es auf mich genommen, die näheren Daten über den ſo wichtigen Gegenſtand zu ermitteln.“(Bei⸗ fälliges Gemurmel. Hört! hört!)„Um nun dieſes mein von Ihnen belobtes Vorhaben in's Werk zu ſetzen, begab ich mich zu Herrn Schnabel, dem Entdecker der fraglichen Kleinodien, um mit ihm perſönlich zu verhandeln, konnte ihn aber nie zu Hauſe treffen.“ „Hier iſt Schnabel!“ ruft dieſer ſich ver⸗ geſſend aus,„wir entziehen uns Niemanden, der uns ſprechen will!“ Alles blickt nach der Galerie, von wo die Stimme erſcholl. Auf eine Einladung des Präſi— denten kommt Euſtachius in den Saal, wo er zu ſeiner höchſten Befriedigung Sitz und Stimme in der Verſammlung erhält. „Da nun der Herr Schnabel ſich in unſe⸗ rer Mitte befindet, ſo will ich kurz meinen Bericht ſchließen, und Herr Schnabel wird dann woll die Güte haben, uns die Details ſeines intereſſan⸗ ten Fundes mittheilen zu wollen.“ Schnabel verneigt ſich gegen Y. ſehr galant. „In Herrn Schnabel's Wohnung traf ich deſſen Haushälterin, die ich befragte, ob ihr nichts von ihres Herrn Schätzen bekannt wäre. Die Frau ſah mich verwundert an. Ich aber beſchrieb ihr den von der„Poſaune“ beſchriebenen Bruſtharniſch und das Skelett Libuſſa's. Da ſah mich das Weib an, als wäre ich aus dem Monde gefallen. Ich wiederholte meine vorigen Fragen. Das Weib lachte, bis es endlich zu folgenden, von mir ſogleich notirten Worten ſich herbeiließ: Unlängſt hatte mein Herr einen gewaltigen Knochen mit nach Hauſe gebracht, den er unter ſeinem Bette verbarg. Ich aber— verrathen Sie mich nur nicht, mein beſter Herr— ich verkaufte ihn, da er ſeine vier Pfund wiegen konnte.—“ Dr. Y. hielt ein wenig inne. Schnabel er⸗ hob ſich langſam von ſeinem Stuhle und ſtarrte ihn mit gläſernen Augen an. Ihm ſchwante nichts Gutes. „Ich fragte nach dem Harniſch,“ fuhr Dr. Y. fort.„Das Weibsbild lachte mir in's Geſicht. Was, einen Harniſch will der Herr! Wo ſollte denn Herr Schnabel ein ſolches türkiſches Unding herneh⸗ men? Ein verbogenes, zerbrochenes Ofenthürchen, an dem die Klinke ſehlte, hat mein Herr zugleich mit dem Knochen hieher gebracht und dort hinter den Ofen gelegt.— Ich nahm das mir gebotene Eiſenſtück in die Hand und konnte nicht länger an ſeiner Identität mit einem invaliden Ofenthürchen zweifeln; weßhalb ich Herrn Schnabel zur Auf⸗ klärung der ganzen Sache auffordere.“ Alle Blicke wendeten ſich nach Schnabel, der wie ohnmächtig in ſeinen Stuhl zurückſank. Dr. Y. wiederholte ſeine Frage. Schnabel erhob ſich und verſuchte einige Worte zu ſtammeln, die aber in dem allgemeinen Gelächter verſchwanden, welches die Löſung der von der„Poſaune“ und den Vettern derſelben in alle Welt hinauspoſaunten ſeltſamen Geſchichte feierte. Von zwei edelfühlenden Herren wurde Herr Schnabel aus dem Saale geführt. In ſeiner Behauſung angelangt, legt Euſtachius ſich zu Bette. Der zur Ofenthüre degradirte Harniſch lä⸗ chelt ihn aus ſeinem Winkel an, weßhalb Schna⸗ bel ſchaudernd ſeine Augen ſchließt. Der Eintritt eines kleinen blondlockigen Jungen weckt ihn aus ſeinem Halbſchlummer. Der junge Mercurius hält einen Brief in der Hand und übergibt ihn dem Adreſſaten. Mit zitternden Händen öffnet Herr Schnabel denſelben und mit den leiſe hinge— hauchten Schreckensworten:„Des Dienſtes entlaſ⸗ ſen!“— ſinkt er ohnmächtig in die Kiſſen zurück. VI. Als Euſtachius Schnabel wieder zu ſich kam, trieb ihn die Macht der Gewohnheit auf die — ereſſan⸗ galant. raf ich nichts e Frau tieb ihr har n ſiſch te mein Hauſe 3. Ich n beſter Pfund bel er⸗ ſtarrte nichts Dr. Y. Was, Herr herneh⸗ hürchen, zugleich hinter ebotene wanden, und den ſaunten de Herr 1 ſeiner ſich zu iſch lä⸗ 5chna⸗ Eintritt on aus us hält ön dem t Hert hinge⸗ entlaſ⸗ 1 zurück zu ſich auj die — Unter der Linde. 279 Gaſſe, als hätte er daſelbſt wie vordem ſeine No⸗ tizenjagd zu halten. Wie ſchal und zwecklos kam ihm aber jetzt hier alles Leben und Treiben vor, da ſein Griffel außer aller Beziehung mit demſel⸗ ben geſetzt war. Was frommte es ihm jetzt, daß hier ein unvorſichtiger Knabe überfahren wurde, dort ein Hund ohne Maulkorb einem harmloſen Wanderer in die Waden fuhr, hier ein Geier auf einem Kirchendache eine Taube verzehrte und dort gar ein Kind aus einem Fenſter des dritten Stock⸗ werkes, ohne Schaden zu nehmen, auf das Pflaſter fiel— das alles waren Dinge, die ohne Zeilen⸗ honorar in das Meer der Vergeſſenheit ſinken ſoll— ten! Ziellos ſchritt Schnabel vorwärts; es be⸗ mächtigte ſich ſeiner immer mehr jene düſtere Stim⸗ mung, in welcher die Welt uns unerträglich er⸗ ſcheint und jedes Mittel willkommen iſt, das uns mit einem Schlage den alten Verhältniſſen zu ent⸗ heben und in einen ganz neuen, fremden Lebenskreis einzuführen verſpricht. Ein Klopfen auf die Schul⸗ tern reißt endlich unſern Euſtach aus ſeinem Hinbrüten. Ein junger Mann ſteht an ſeiner Seite und frägt in einem nichts weniger als freundlichen Tone, ob er die Ehre habe, mit Herrn Schna⸗ bel, dem Notizenſammler, zu ſprechen.— Schna⸗ bel ſieht ſich bemüßigt, die Frage zu bejahen und hierauf dem Fremden zu folgen, der ihn am Arme faßt und nicht mehr von ſich läßt. „Ich bin,“ erklärt dieſer,„der Neffe der Goldſchmiedswitwe aus der Windgaſſe und von der Dame beauftragt, Sie zur Verantwortung zu ziehen, weil Sie dieſelbe durch einen ſehr unzarten Vergleich mit der Miß Paſtrana dem öffentlichen Geſpötte preisgegeben haben. Sie folgen mir jetzt, um meiner geſchätzten Tante jene Satisfaktion zu geben, die ſie verlangen wird.“ Schnabel läßt ſich wie willenlos in ein Haus der Windgaſſe führen. Dort tritt er mit ſei⸗ nem Begleiter in eine bequem bürgerlich eingerich⸗ tete Wohnung des zweiten Stockes und erblickt da⸗ ſelbſt eine in Thränen aufgelöſte Frau, deren Züge in der That zu einem Vergleiche mit dem Urbilde der Häßlichkeit auffordern. Nun entladet ſich nach den erſten einleitenden Worten eine Fluth von Vorwürfen über das Haupt des unglücklichen Ex⸗ notizlers, der beim Schreiben der verhängnißvollen Zeilen nicht ahnte, daß er damit nicht nur das Herz der Witwe, ſondern auch ein neues, kaum geknüpftes Verhältniß derſelben zerreißen würde. Nichts iſt der Liebe ſo feindlich, als der Fluch der Lächerlichkeitt. Dem guten Euſtach gingen die Augen über, als er bei dem erſten Blicke die un⸗ geheuchelten Schmerzensthränen und bei dem zwei⸗ ten die ebenſo echten großen Perlen an Hals und Armen der Dame erblickte. Er ſtammelte tauſend Entſchuldigungen und erbot ſich zu jeder öffentli⸗ chen Erklärung.— Eine ſolche erfolgte auch wirklich ſchon nach wenigen Tagen und zwar in dem Inſeratentheile der„Poſaune“, wo zum Erſtaunen aller Bekannten Schnabel's, wie folgt, zu leſen war: „Euſtachius Schnabel, Literat, und Ma⸗ rianne Sieber, Goldſchmiedswitwe, empfehlen ſich ihren Freunden und Bekannten hiemit als Verlobte.“ Es erübrigt nur noch zu bemerken, daß dieſe Notiz die letzte ſchriftſtelleriſche Arbeit des Herrn Taſtach ius Schnabel war, der jetzt beim An⸗ blicke ſeines Weibchens anderweitig Gelegenheit hat, der lubeilkonmenen Wirklichkeit durch etwas Phan⸗ taſie zu Hilfe zu kommen“. J. R. H. Unter der Linde. (Zu der Bilder⸗Beilage dieſes Heftes.) I och oben im luftigen Laubbereich Da ſitzen die Muſikanten, * Und pfeifen und ſchmettern den Vögeln gleich, Den Zunft⸗ und Sinnesverwandten. Es haben die Vöglein, die Muſici Wohl Beide durſtige Kehlen; Drum darf den einen die Tränke nie, Getränke den andern nicht fehlen. Und unter der ſchattigen Linde mengt Sich Jung und Alt in den Reigen; 's iſt Kirmeß heut und der Himmel hängt In Wirklichkeit voll Geigen. Lied des Mißmuths. Mhe Welt iſt ſo ſchal geworden, —= So ſchal auch alles auf ihr, ³ Die Liebe und die Freundſchaft Und allzumeiſt das Bier. Und falſch iſt alles auf Erden; Trotz gleißender Etiquette Liegt jetzt die Wahrheit ſelber In einem gefälſchten Bett. In ſeinem Durſt nach Echtem Verzehret ſich mein Herz; O könnt' ich doch mit Weinen Auslöſchen den heißen Schmerz. O könnte ich doch ruhen Tief unten im Erdenſchoß, Und dort im kühlen Keller Zieh'n meinen Jammer groß. Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Illuſtrationen zu deutſchen Dichtern. 3—. F 4— g Mein ſchönes Fräulein, darf ich's wagen? Auch ein Rouge ou noir. Feuilletan. Muſik. In weiterer Verfolgung der gedrängten Beſprechung der gegenwärtigen Konzertſaiſon in Prag kommen wir abermals auf einen Glanzpunkt, der in unſeren Kunſt⸗ annalen beſonders zu notiren iſt, nämlich auf: Klara Schumann. Dieſe edle, poetiſche Kunſterſcheinung hat, abgeſehen davon, daß ſie noch in voller Kraft als geiſt⸗ oolle Pianiſtin florirt und als ſolche eine der erſten No⸗ tabilitäten ihrer Sphäre vorſtellt, für Prag ein höheres Intereſſe ſchon dadurch, daß wir ihr,— wie ſich ältere Konzertbeſucher gut zu erinnern wiſſen werden, von der Zeit her, als ſie, ein zartes Mädchen noch, zum erſten Male mit einem gediegenen, Namen wie Seb. Bach, Beethoven u. A. enthaltenden Progromm auftrat und durch die wahrhaft reine, keuſche Kunſtleiſtung den größten Enthuſiasmus erregte,— die Veredlung der Geſchmacksrichtung in der Klaviermuſik zu verdanken haben. Denn ſeit dieſer Zeit begriff unſere bis dahin nur das Geklingel eines Herz, Czerny u. A. kultivirende Jugend, daß es auch Werke von unvergänglicher Ge⸗ diegenheit und nachhaltigerem Effekte gibt, die freilich zu einer ſolchen Geltendmachung eines größeren Kunſt⸗ fondes und tieferen Studiums bedürfen. Frau Schu⸗ mann gab dießmal leider nur zwei Konzerte; ihr Pro⸗ gramm enthielt nebſt Kompoſitionen ihres berühmten Gatten abermals auch Werke von Beethoven und Seb. Bach, und ſie machte mit dem genialen Vortrage aller, beſonders aber der Gavotte aus der engliſchen D-moll- Suite wahres Furore.— Eine weitere Zierde unſerer Konzertſaiſon, Alexander Dreyſchock, feierte in dem erſten Konzerte des Konſervatoriums den gewohn⸗ Erinnerungen. 1859. ten Triumph. Er ſpielte, nachdem er kurz vorher in mehreren deutſchen Hauptſtädten die größte Senſation erregt, Beethoven's Es-dur-Konzert mit unvergleichlicher Vollendung; von ſeinen eigenen Klavierwerken lernten wir den ſehr ſchwierigen Triumphmarſch kennen. Der Cäcilienverein brachte in ſeinem vierten Kon⸗ zerte, getreu ſeiner löblichen Tendenz, durchaus Novi⸗ täten, unter welchen Rob. Schumann's Inſtrumental⸗ Kompoſition op. 52 als eine wahre Perle erſchien. Desſelben Tonpoeten B-dur-Symphonie op. 38 ge⸗ langte in dem Armenkonzerte am 25. v. M. von Seite des Theaterorcheſters unter Leitung des Kapellmeiſters Herrn Neswadba zu einer trefflichen Ausführung. Auch die Sofien⸗Akademie gab in dem erſten Vokalkonzerte ihr auf Emporhebung des klaſſiſchen Ge⸗ ſanges gerichtetes Streben durch ein gut gewähltes Programm und entſprechende Aufführung kund.— Das bevorſtehende zweite Konzert des Konſervatoriums ver⸗ ſpricht uns in der Mitwirkung des berühmten Celliſten Servais einen ſeltenen Genuß. Der zahlreichen Wohlthätigkeitskonzerte und Klavierproduktionen in den Inſtituten Prags ſei, als weniger in der Saiſon maß⸗ gebenden Erſcheinungen, nur ſummariſch erwähnt. Da⸗ gegen wäre noch auf die gediegenen kirchlichen Muſik⸗ produktionen unter Leitung des Herrn Direktors der Organiſtenſchule, J. Krejéi, die allſonntäglich in der Kreuzherrenkirche ſtattfinden, hinzuweiſen. M. Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Böhmiſche Nationaltänze.*) Es iſt eine längſt anerkannte Thatſache, daß keine Nation mit einer ſo glühenden Vorliebe dem Vergnügen des Tanzes huldigt, als die ſlaviſche, und in dieſer nimmt wieder der polniſche und czechiſche Stamm den Vorderrang ein. Können ſich die Polen rühmen, die ſchönſten Tänze zu beſitzen, ſo dürfen die Böhmen ſtolz darauf ſein, daß ſie die meiſten Tänze haben; denn überall, wo ſie geſellſchaftlich zuſammenkommen, muß geſungen, gelubelt und getanzt werden. Keine Hochzeit, keine Kindstaufe, kein Erntefeſt, keine Kirch⸗ weihe, ja ſelbſt kein Begräbniß eines Junggeſellen oder einer Jungfrau kann vorübergehen, ohne mit Geſang und Tanz gefeiert zu werden; ſogar der Lein kann, dem Volksglauben nach, nicht gut gerathen, wenn die Säerin, und wäre ſie noch ſo alt, in der Faſtnachts⸗ woche oder am Kirmeßtage ſich nicht am Tanzboden einfände und ihren Reigen tanzte. Schön und zierlich tanzen können gilt unter der böhmiſchen Dorfiugend ſtets für ein glänzendes Ver⸗ dienſt, und der Burſche oder das Mädchen, welche die größte Leichtigkeit und Vielſeitigkeit im Tanzen ent⸗ wickeln, genießen auch das höchſte Lob und Anſehen. Der Tanz gibt ferner den böhmiſchen Dorfburſchen die rechte Gelegenheit, Parade zu machen. Sie haben bei den Sonutagsmuſiken gewöhnlich die Jacken ausge⸗ zogen und zeigen das blendend weiße, fein geſtickte Feſttagshemd und die ganze Pracht einer Sammtweſte mit ſilbernen Knöpfen. Vorn im Gürtel hängt ihnen ein weißes, gleichfalls mit hübſchen Stickereien aus⸗ ſtaffirtes Schnupftuch herab und weht in der Luft wie eine Flagge; denn wie die Letten mit den Handtüchern, ſo machen die Böhmen und auch die Ungarn und Wal⸗ lachen mit den Schnupftüchern während des Tanzes ſehr gerne Parade. Dabei ſchnalzen ſie mit den Fingern, jubeln wiederholt laut auf und begleiten die Muſik mit Geſang und improviſirten Scherzen. Die muſikaliſche Begleitung iſt beim Tanze ent⸗ weder reine Inſtrumentalbegleitung, oder man tanzt zum Geſange. Letztere Art waltete in früheren Zeiten bei den böhmiſchen Dorfbewohnern vor: die mannigfachſten Tanzlieder wechſelten mit den Tönen des Dudelſackes oder Hackbrettes, wornach die fröhliche Bauernjugend in den Schänkſtuben, in den Scheuertennen oder uuf freien Grasplätzen ihre Reigen ausführte. In unſeren Tagen jedoch ſind Dudelſack und Hackbrett(cymbäl) ſchon ziem⸗ lich ſelten geworden; nur in wenigen Dörfern haben ſie ſich in ihrer alten Würde und Geltung erhalten, und werden an vielen Orten nur als Kurioſität ange⸗ ſehen und eine Weile lang angehört. Eine um ſo wich⸗ tigere Rolle ſpielt nun bei den ländlichen Tanzunter⸗ haltungen der Leierkaſten und die Harfe, bei grö⸗ ßeren Feſtlichkeiten das Dorfmuſikanten⸗Orcheſter. Die Namen der Tänze leiten ſich entweder von dem Inhalt des begleitenden Tanzliedes her, oder von dem in ihnen hauptſächlich veranſchaulichten, nachge⸗ ahmten Gegenſtande, oder ſchließlich von dem Orte, wo ſie entſtanden und zumeiſt beliebt ſind. Unter ſämmtlichen böhmiſchen Tänzen nimmt un⸗ ſtreitig den erſten Rang ein: die Polka.— Zu An⸗ fang der dreißiger Jahre tanzte ein junges Bauernmäd⸗ chen, das in Elbeteinitz bei einem Bürger im Dienſte ſtand, eines Sonntagnachmittags zur eigenen Erheite⸗ rung einen Tanz, den es ſich ſelbſt erdacht, und ſang hiezu eine paſſende Melodie. Der dortige Lehrer, Na⸗ mens Joſef Neruda, der zufällig anweſend war, ſchrieb die Melodie nieder, und der neue Tanz wurde kurze Zeit darauf zum erſten Male in Elbeteinitz getanzt. Um das Jahr 1835 fand er in der böhmiſchen Metropole *) Auszug aus„Böhmiſche Nationaltänze. Culturſtudie von Alfred Waldau.“ Prag. Hermann Dominikus. 1859. Eingang und erhielt dort, wahrſcheinlich wegen des in ihm waltenden Halbſchrittes von dem böhmiſchen Worte půͤlka, d. i. die Hälfte, den Namen„Polka“. Vier Jahre ſpäter wurde er durch eine Abtheilung des Mu⸗ ſikchors der Prager Scharfſchützen unter der Leitung des Kapellmeiſters Pergler nach Wien gebracht, woſelbſt Muſik und Tanz ſich einen außerordentlichen Beifall errangen. Im Jahre 1840 tanzte zuerſt Raab, ſtändi⸗ ſcher Tanzlehrer in Prag, dieſe böhmiſche Polka auf dem Odéontheater zu Paris mit ausgezeichnetem Er⸗ folge, worauf derſelben mit ſtaunenswerther Schnellig⸗ keit der Eingang in die eleganten Salons und Ballſäle von Paris geſtattet wurde. Die erſte Polka, die im Muſikalienhandel erſchien, war von Franz Hilmar, Lehrer in Kopidlno komponirt. Sie wurde noch am 27. Februar 1859 in der Mai⸗ länder Scala vom großen Orcheſter ausgezeichnet ge⸗ ſpielt, indeſſen die Prima ballerina auf der Bühne den ſchönen, einfachen böhmiſchen Tanz aufführte. Als eine Abart der Polka erſcheint der Trasäk, welcher nichts Geringeres iſt, als die ſeit mehreren Jah⸗ ren in der Salonwelt ſo ſehr beliebt gewordene„Polka tremblante“. Im Jahre 1844 wurde er durch den be⸗ rühmten Tanzlehrer Cellarius in Paris eingeführt. Die nächſten Anverwandten des Trasäk ſind wieder die Trinozka und die Skoéënä, welche letztere ſich ſelbſt in viele deutſche Gegenden verirrt hat und, z. B. in Wien unter dem Namen„Zäpperlpolka“, ſehr häufig getanzt wird. Ein beliebter Tanz iſt ferner die Kalamajka. Die⸗ ſelbe iſt urſprünglich ein mit Geſang begleiteter, fröh⸗ lich hüpfender Tanz der karpathiſchen Slaven, bekam ſeine Benennung von dem Städtchen Kolomyi am Pruth, und beſteht aus zwei Repriſen zu vier Takten im Zwei⸗ vierteltempo. Der dabei gebräuchliche Liedertext lautet in wörtlicher Uebertragung: „Tanzt die Kalamajka fort, Schonet nur die Stieſel wohl, Denn die Sohlen reißen ſchnell, Nur die Stiefelröhre bleibt.“ An die Kalamajka reihen ſich die verwandten Tänze: Klouzäk, Dupäk, Vosñäk u. a., in denen der Frohſinn und die Luſtigkeit ihre höchſte Stufe erreichen, und die ſich bisweilen bis zur bacchantiſchen Wildheit ſteigern. Eigenthümlich iſt der Anblick, den ſie darbieten. Schnell, wie der Wind die Mühle treibt, ſo geht es auf dem Tanzboden um, daß ſelbſt den ruhigen Zuſchauer der Schwindel ergreift. Nicht nur ein einziges Paar erfaßt ſich, ſondern vier, fünf, und wohl auch noch mehr rei⸗ chen ſich in kreisförmiger Verſchlingung die Hände; Alles reißt ſich rund um und wirbelt ſich hinab, fliegt wie der Blitz dahin, und jauchzt und jubelt. Eine Er⸗ müdung, ein Raſthalten ſcheint gar nicht eintreten zu wollen: je länger der Tanz währt, deſto berauſchter, deſto ſeliger werden die Tänzer. Ein vollkommenes Gegenbild dieſer wildentflamm⸗ ten Tänze bietet uns die Sousedskäà; ſie ſtellt gewiſſer⸗ maßen ein ſich leicht drehendes Paar vor, das ſich zur ſehnſüchtig zärtlichen Fröhlichkeit vereinigt hat. Bei den ſonntägigen Dorfmuſiken wird ſie ſehr gern getanzt, ja ſelbſt ältere Perſonen nehmen mit Vergnügen daran Antheil. Oft geſchieht es ſogar, daß nur die ehrenwerthen Väter und Mütter des Dorfes mit feierlichem Anſtande paarweiſe im langſainſten Dreivierteltakte dahin ſchlei⸗ fen, indeß die feurige Jugend nur vergnügt das ſchöne Schauſpiele betrachtet. Von ſanfterer Natur iſt auch der Hulän(der Uhlane), der einer der beliebteſten Tänze in den böh⸗ miſchen Dörfern iſt. In ſeinem Schritte ähnelt er ſehr dem bekannten Schottiſchen. In einem andern, mehr dem Genre der deutſchen Volkstänze verwandten Takte bewegt ſich der Baboräk wieder ſich ſelbſt z. B. in 1 6 n zu erauſchter, Feuilleton. 285⁵ ckungen zuſammen, ſondern ſchnalzte mit der Zunge und rief:„Noch ein Glas!“ Nicht Gift, ſondern Arac de Goa hatte er getrunken. Natürlich folgte eine rüh⸗ rende Verſoͤhnung! Wie man in Amerika Kaſſemachtl So man⸗ cher arme deutſch⸗amerikaniſche Bühnen⸗Direktor mar⸗ tert ſein Gehirn vergebens ab, um eine Kriegsliſt zu erſinnen, die das ſtörrige Publikum nach ſeinem Muſen⸗ tempel ziehen könnte. Auf eine ſolche iſt vor Kurzem der in Berlin wohlbekannte W. Böttner, gegenwärtig in Chicago, gerathen. In dem Theater des deutſchen Hauſes gibt es nämlich Abends 11 Uhr einen„freien Lunch.“ Nachdem der Geiſt ſeine Nahrung aktweiſe er⸗ halten, beginnt die Fütterung des ſterblichen Leibes; erſt„die Räuber“ und dann Auſtern, erſt„Menſchen⸗ haß und Reue“ und dann Schweinsknöchel mit Sauer⸗ kraut.— Es gibt in Wien derzeit eine Innung, welche aus einer einzigen Perſon beſteht. Es iſt dieß die Faßzieher⸗Innung. Der einzige noch lebende Faßzieher in Wien hält in ſeiner Perſon die Innung noch auf⸗ recht, er vertritt alle ihre Gerechtſame und trägt alle ihre Laſten, er bezahlt die geſtifteten Jnnungsmeſſen im St. Stefansdome und wohnt ihnen mit ſeinen Arbei⸗ tern bei, er vertritt mit ſeinen Arbeitern die Innung bei der Frohnleichnams⸗Prozeſſion und läßt von einem derſelben die Innungsfahne tragen, kurz, er iſt der letzte Mohikaner der Faßzieher⸗Innung und wahrt ihre Rechte mit rührender Treue. Jüngſt fand in Audenarde ein großer Konkurs ſtatt, an dem ſich viele Bürger betheiligten, um denje⸗ nigen, welche am beſten das Krähen des Hahnes und das Gackern der Henne nachahmten, einen in einer ſil⸗ bernen Medaille beſtehenden Preis zuzuerkennen. Der erſte Preis wurde einem Herrn Auval zuerkannt, der zweite einem Herrn Van Wyndale. Beiden brachte man eine Serenade de coquericos. Ein Deutſcher in Cincinnati hat einen Pudel, der ſeiner Klugheit wegen in der halben Stadt bekannt iſt. Jeden Morgen holt er ſeinem Herrn die deutſche Zeitung„Der Volksfreund“. Die Leute in dem Bureau machen ſich bisweilen den Spaß und reichen dem vier⸗ füßigen Boten eine andere Zeitung, er nimmt aber nur die dentſche Volkszeitung und man kennt kein Beiſpiel, daß es einmal gelungen wäre, ihm ein anderes Blatt unterzuſchieben. In Maſſachuſetts führte ein Mann eine blü⸗ hende Braut am 9. März zum Altar, am 10. wurde er Vater und am 11. forderte er in den Zeitungen das Publikum auf, ſeiner Frau nichts zu borgen. Der Hauptmann einer Zigeunerbande, die bei Indianopolis lagert, bietet die Hand ſeiner Tochter mit einer Mitgift von 10,000 D. öffentlich demjenigen acht⸗ baren Manne an, der ſie heiraten will. Mannigfaltiges. Es iſt England gelungen, die Canna(Oreas Canna), eine der größten Antilopenarten aus dem ſüd⸗ lichen Afrika, zu akklimatiſiren. Viele der vornehmen Thierzüchter beſitzen dieſe Thiere, die ſich leicht fort⸗ pflanzen, und die in England geworfenen Jungen wer⸗ den ſtärker und fetter als die aus Afrika eingeführten. Die Canna iſt leicht gezähmt und ihr Fleiſch iſt ſchmack⸗ hafter als unſer Rindfleiſch. Im vorigen Jahre ſchlach⸗ tete man eine Canna, die in Europa geworfen und ge⸗ zogen, aber nicht gemäſtet worden war. Sie wog über 1000 Pfund und lieferte äußerſt zartes und ſchmackhaf⸗ tes Fleiſch. In Zablagen in Württemberg hat der Buchdrucker Helgerad 160 Taubſtumme zu Schriftſetzern ausge⸗ bildet und die Druckerei desſelben wird von ihnen auf's Beſte bedient. Der König von Württemberg hat ihm dafür eine goldene Medaille verliehen. Die Handels⸗Lehr⸗Anſtalt für Mädchen, welche im verfloſſenen Jahre in Stuttgart gegründet worden, hat ſoeben ihren Kurs beendigt; die veranſtal⸗ tete öffentliche Prüfung hat überraſchende Erfolge erge⸗ ben. Die Arbeiten, Hauptbücher, Tagebücher, Inventa⸗ rien, Rechnungen, Geſchäftsbriefe ꝛc., welche vorlagen, zeigten, daß die Schülerinen die Bedeutung einer ge⸗ regelten Geſchäftsführung vollkommen inne und jenen Ordnungsſinn ſich angeeignet hatten, ohne den in kei⸗ nem Geſchäfte ein nachhaltiges Gedeihen zu hoffen iſt. Aus dem Kanton Genf meldet man, daß ſich die Gemeinde Rigrin zu einer Genoſſenſchaft vereinigt hat, welche Maſchinen anſchafft und gegen Lohn arbeiten läßt. Die Preiſe ſind ſehr gering. Der Gewinn, welchen die Landwirthe dabei machen, iſt ſehr bedeutend, aber auch die Geſellſchaft, welche die Maſchinen auf ihre Ko⸗ ſten angeſchafft hat und verleiht, macht brillante Geſchäfte. Auch in Rußland ſoll man beabſichtigen, den mehr⸗ ſtimmigen Männergeſang populär zu machen. Der Kaiſer Alexander II. hat ſogar anbefohlen, verſchiedene Geſanglehrer in Paris zu gewinnen, um in dieſer An⸗ gelegenheit in Rußland zu wirken. Am 26. März, Abends um 9 Uhr, fand in Wien im Fernkorn'ſchen Gußhauſe der Hauptguß des Erzher⸗ zog Karl⸗Monumentes ſtatt. Dreihundert Zentner Erz floſſen in die vier Klafter tiefe Gußgrube, welche das Modell umſchloß. Nächſt der Bavaria war es der größte Guß, der in neueſter Zeit in einem Gußhauſe vorgenommen worden iſt. Die Nachricht von dem Ge⸗ lingen des Guſſes erfüllte alle Freunde der Kunſt mit aufrichtiger Freude, mit der ſich die wieder lebendig gewordene Erinnerung an den großen Heerführer innig verbindet. Wir entnehmen einem Briefe der Priorin der„Da⸗ men des heiligen Paulus“ in Cayenne an ihre Schwe⸗ ſter in Paris folgende Erzählung:„Die Deportirten, welche in Cayenne ankommen, ſind von der fixen Idee beſeſſen, daß ſie, einmal auf dem Lande angekommen, mit Leichtigkeit entwiſchen können. Kürzlich flohen meh⸗ rere dieſer Unglücklichen in die Wälder, ohne Lebens⸗ mittel, ohue Alles. Nach mehreren Tagen ſtellte ſich Hunger ein und da ſie nicht mehr hinreichend Fiſche, Schildkröten und Wildpret fanden, ſo beſchloſſen ſie, unter ſich einen auszuwählen, welcher den Uebrigen zur Nahrung dienen ſolle. Es waren ihrer vier; einer wurde getödtet, Herz und Leber ausgeriſſen, gebraten und ver⸗ zehrt, während die übrigen fleiſchigen Theile als Pro⸗ viant mitgenommen wurden. Als dieſer aufgezehrt war, ſollte der Jüngſte von ihnen an die Reihe kommen; dieſer aber entfloh und kam glücklich in die Strafanſtalt Zurück. Die beiden Anderen trieb der Hunger ebenfalls zur Rückkehr und ſie kamen mehrere Tage ſpäter an. Sie erzählten was geſchehen war und wurden nach Cayenne geſchafft, wo die beiden Hauptſchuldigen hin⸗ gerichtet wurden, während man den dritten zu fünf Iahren verurtheilte. Zugleich mußte er die beiden Köpfe ſeiner hingerichteten Kameraden nach dem Hoſpitale tra⸗ gen. Wie die Brieſſtellerin berichtet, konnte er kaum gehen und ſank vor Schwäche zu Boden; auch ſchien er vollſtändig den Kopf verloren zu haben.“ 286 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Ein franzöſiſches Provinz⸗Journal veröffentlicht fol⸗ gendes unfehlbare Heilmittel gegen die Hunds⸗ wuth. Man ſoll bei einem Apotheker drei Handvoll Dattra⸗Stramonium(Stechapfel) nehmen, es in drei Seidel Waſſer auf die Hälfte einkochen laſſen und dem Kranken auf einmal eingeben. Nach kurzer Zeit ſtellt ſich ein heftiger aber nicht lange anhaltender Wuthan⸗ fall ein; reichlicher Schweiß tritt ein und nach 24 Stun⸗ den iſt der Kranke vollkommen hergeſtellt.— Dieſes Heilmittel wurde von dem R. P. Legrand, Miſſionär in Anam und Tokin, mitgetheilt. Der ehrw. Vater hat es ſelbſt erprobt und bei 60 Befallenen 60 Heilungen erzielt. Wenn in der Bretagne die Mutter eines Säug⸗ lings ſtirbt, ſo wird das Kind von allen andern Müt⸗ tern der Gemeinde oder des Dorfes als ihr eigenes angenommen. Der Prieſter wählt eine Mutter aus, in welche er ſein beſonderes Vertrauen ſetzt, und ſie em⸗ pfängt den heiligen Dienſt, für das Kind zu ſorgen, als ein Geſchenk des Allmächtigen. Iſt eine zu arm, als daß ſie das Kind allein unterhalten könnte, ſo ver⸗ einigen ſich mehrere für dieſen Zweck. Eine der Mütter nimmt das Kind in ihre Wohnung auf und die andern warten und pflegen es ſtundenweiſe abwechſelnd. Alles, was auf die Kindheit Bezug hat, wird in der Bretagne mit frommen Gebräuchen umgeben. Niemand geht an einer Frau, die ein Kind trägt, vorüber, ohne zu ſagen: „Gott ſegne Dich!“ Selbſt der eingefleiſchteſte Haß wird durch dieſe Sitte entwaffnet. Der unverſöhnlichſte Menſch wird ſeinem Feinde ein Segenswort zurufen, wenn derſelbe ein Kind auf dem Arme hat. Am 25. März ſtarb in Chrudim die Taglöhners⸗ Witwe Margaretha Kroupa im Alter von 106 Jahren. Dieſelbe war eine geborene Türkin. Während einer Belagerung von Belgrad hatten die ſich flüchtenden Tür⸗ ken ein kleines Kind zurückgelaſſen, welches von einem böhmiſchen Soldaten aufgefunden wurde, der es an Kindesſtatt annahm, taufen ließ und auf ſeinem Torni⸗ ſter bis in ſeine Heimat trug. Einen Beweis, wie häufig der Name als Werth⸗ meſſer eines Kunſtwerkes zu gelten pflegt, liefert ein Vorgang, der kürzlich in Paris ſtattgefunden und in den muſikaliſchen Kreiſen das ſchadenfrohe Tagesgeſpräch bildet. Die Pariſer Chorgeſellſchaft hat einen Preis für eine kirchliche Kompoſition ausgeſchrieben. Unter ande⸗ ren Werken liefen zwei Tonſtücke ein, welche von dem Beurtheilungskomité als unbrauchbar bezeichnet wurden. Als hierauf die Adreſſenzettel behufs der Retournirung geöffnet wurden, fand ſich der Name C. M. v. Weber. Ein deutſcher Künſtler machte ſich nämlich das Vergnü⸗ gen, zwei von den bereits im Drucke erſchienenen treff⸗ lichen Kirchenkompoſitionen Webers abzuſchreiben, ihnen den im Preisausſchreiben beſtimmten Text zu unterle⸗ gen, ſelbe der Jury einzuſenden und ihr ſo auf den Zahn zu fühlen. Die Myſtifikation gelang auf das Glänzendſte und die Preisrichter haben ſich auf das Unſterblichſte— blamirt. Gerichtliches. In München begann am 31. v. M. vor dem ober⸗ bairiſchen Schwurgerichte die Verhandlung über einen Fall, der im vorigen Jahre ſchmerzliches Aufſehen ge⸗ macht: den von dem 22jährigen Studenten Georg Ferner aus Edenkoben an ſeiner Geliebten verübten Mord. Nach der Anklageſchrift wird G. Ferner als ein talent⸗ voller, gut beleumundeter junger Mann geſchildert, der im verfloſſenen Herbſte nach vollendeten juridiſchen Stu⸗ dien ſein theoretiſches Schlußexamen machen ſollte. Im Winter vorher hatte er mit der Bildhauerstochter Frie⸗ derike Sanguinetti ein Liebesverhältniß angeknüpft; dieſe hatte auch eine übrigens nicht leidenſchaftliche Zunei⸗ gung für ihn, da ſie öfters gegen Freundinen äußerte, ſle önne nicht abwarten bis G. Ferner ihr eine Ver⸗ ſorgung zu bieten im Stande ſei, weßhalb ſie das Ver⸗ hältniß mit ihm bei deſſen Abreiſe von München löſen wolle. Zugleich zeigte ſie ſich aber beſorgt über Dro⸗ hungen Ferner's gegen ſie, die dahin gingen, er werde ſich ſelbſt den Tod geben, wenn ſie ihm nicht treu bleibe. In Folge dieſes Verhältniſſes willigte Friederike San⸗ guinetti auch zwei Mal ein, mit G. Ferner in dem Gar⸗ ten ihrer Eltern, hinter der Anlage der Glyptothek, zuſammenzukommen; das dritte und letzte Mal kam ſie mit G. Ferner am 7. Oktober Abends zuſammen, da derſelbe wenige Tage darauf abreiſen ſollte und wollte hiebei die dem Ferner ſchon früher abgegebene Erklärung wiederholen, daß ſie ſich für die Zukunft nicht binden könne. Dieſer aber war in den letzten Tagen ſehr nie⸗ dergeſchlagen, ohne daß man indeß an ihm eine auf⸗ fallend erregte Gemüthsſtimmung wahrnehmen konnte. Seine Freunde kannten ſeinen ſchwärmeriſchen Charakter und ſeine Liebe, aber nichts ließ darauf ſchließen, daß er zu irgend einem Gewaltſchritte entſchloſſen ſei. Es finden ſich jedoch Schriften Ferner's bis zum 21. Sep⸗ tember 1858 rückwärts vor, worin er von Selbſtmord und einer vorangehenden Tödtung ſeiner Geliebten ſpricht; dazu kommt, daß er gegen Ende Septembers ſich mit einem Doppelterzerol, ſechs Kugeln und Kapſeln verſehen und ſo bewaffnet ſich bei dem letzten Rendez⸗ vous eingefunden hat. Von dieſem Augenblick ab machte nun Ferner verſchiedene Angaben: bald behauptete er, daß er den Entſchluß, das Mädchen zu tödten, erſt im Garten gefaßt habe, als er dort eine halbe Stunde lang allein gewartet; bald ſagte er, erſt der letzte Moment der Trennung hätte ihn zu der allerdings ſchon vor⸗ bereiteten Handlung hingeriſſen. Als Motiv der That gab er bald Eiferſucht, bald die Unmöglichkeit an, ſich in eine Trennung zu finden, welche ihm auch den Ge⸗ danken des Selbſtmordes eingeflößt habe. Wieder ein andermal äußerte er, er habe das Mädchen erſchoſſen, als ſie davon eilte, weil er geglaubt habe, ſie wolle wegen des von ihm beabſichtigten Selbſtmordes Lärm machen, oder die Piſtole habe ſich bei der Bemühung ſeiner Geliebten, ihn vom Selbſtmorde abzubringen, gegen ſeinen Willen entladen. Die That ſelbſt fiel um 10 Uhr Abends vor und um 11 Uhr meldete ſich Ferner auf der k. Polizeidirektion, wo er ſogleich ſeine That geſtand und jede verlangte Antwort richtig abgab, wenn auch mit Zeichen geiſtiger Aufregung. Die Leiche fand man am bezeichneten Orte, dort lagen auch abgeriſſene Stücke von dem Kleide des Mädchens, man ſah viele Fußtritte von Beiden in den Beeten des Gartens, ſo wie Pulvexreſte in Papier eingewickelt. Der Schuß war durch die Bruſt eingedrungen, hatte die Leber und die großen Blutgefäße des Unterleibes zerriſſen, ſo daß der augenblickliche Tod die nothwendige Folge war. G. Ferner war unmittelbar nach der That in den engliſchen Garten geeilt, in der Abſicht ſich ſelbſt das Leben zu nehmen; das Rauſchen des Waſſers ſoll ihn aber zu ſich gebracht und an die Pflicht erinnert haben, der weltlichen Gerechtigkeit Genüge zu thun. Aus dieſem Grunde warf G. Ferner die Piſtole ins Waſſer und ſtellte ſich auf der Polizei⸗Direktion. Der Eigenthümer der„Preſſe“ Herr Zang gegen den Redakteur der„Kirchenzeitung“ Herrn Dr. Seba⸗ ſtian Brunner. Im k. k. Wiener Landesgerichte wurde am 31. März die Privatangelegenheit des Herrn Zang, Eigenthümer der„Preſſe“, wider Dr. Sebaſtian Brunner, Redakteur der„Wiener Kirchenzeitung“, wegen Fhreubeloidiopng durch dieſes Blatt zum Austrag ge⸗ bracht. Feuilleton. 287 Der Sachverhalt iſt in Kürze folgender: Die„Kirchenzeitung“ brachte im vorigen Jahre mehrere ſehr heftige, gegen die„Preſſe“ gerichtete Artikel, in denen ſie dieſem Journale eine irreligiöſe, ſittenverderbende, ja ſtaats⸗ gefährliche Tendenz zum Vorwurf macht. Am 27. Oktober v. J. endlich brachte die„Kirchenzeitung“ unter dem Titel„Kleine Wiener Charade“ einen erneuten Ausfall auf die„Preſſe“, in welchem es unter andern hieß: Kein Mann, der nur einen Fun⸗ ken Ehre im Leibe hat, kann ſolche Beſchuldigungen ruhig hin⸗ nehmen; ärgere Dinge ſind noch keinem Blatte vermacht worden, ſo lange es eine Journaliſtik gibt. Die„Preſſe“ aber läßt alles das über ſich ergehen, muß ſich prügeln laſſen wie ein Bär, den man beim Naſenring gefaßt hat; ſie duldet es willig und ſchwei⸗ gend, nur um ihrer Neigung fortfröhnen zu können... ſie(die „Preſſe“) kann nicht anders, es iſt das gagne-pain jener Her⸗ ren, welche in der Proſtitution und Lüge ihre ergiebigſte Nah⸗ rungsquelle eröffnet haben. In Folge dieſer Anſchuldigung machten der Eigenthümer der„Preſſe“ ſo wie der verantwortliche Redakteur dieſes Blat⸗ tes, gegen Dr. Sebaſtian B. die Klage wegen Ehrenbeleidigung anhängig und am 31. März fand die Schlußverhandlung Statt, nachdem die von letzterm gegen den Anklagebeſchluß ergriffene Berufung vom k. k. Oberlandesgerichte als unbegründet zurück⸗ gewieſen worden war. Dr. Br. trat in ſeiner Vertheidigung den Beweis der Wahr⸗ heit an. Er ſagte, der inkriminirte Artikel ſei nicht von ihm geſchrieben, ſondern eingeſendet, deſſen ungeachtet habe er die Verantwortlichkeit übernommen. Vor Allem müſſe er jedoch er⸗ klären, daß er durch alle jene, von dem Privatkläger bezogenen Artikel nichts anderes bezweckte, als die pantheiſtiſchen Anſchauun⸗ gen zu bekämpfen, welche durch die Anti⸗Thierquälereien gepflegt und in der„Preſſe“ vertreten wurden. Nach dieſen Anſchauun⸗ gen ſei das Thier dasſelbe wie der Menſch; woraus ſich z. B. als Konſequenz ergebe, daß ſogar der Mord etwas Erlaubtes ſei. Noch ſchauerlicher werden die Folgen dieſer Irrlehre ſein, welche der Angeklagte daher weder als Menſch noch weniger als Prieſter, dulden könne— dieß ſei der Grund geweſen, daß er ſich mit der„Preſſe“ in eine Polemik eingelaſſen habe. Hr. Zang habe ihm(dem Angeklagten) in einem Artikel der„Preſſe“ Denunziation, Lüge, Verleumdung und Verbreitung der Dumm⸗ heit vorgeworfen; Dr. Br. habe eine Entgegnung geſchrieben und den Eigenthümer der„Preſſe“ um Aufnahme derſelben erſucht, aber vergebens; auch andere Wiener Blätter weigerten ſich, dieſe ſeine Vertheidigung zu veröffentlichen, und als er ſich in dieſer Angelegenheit ſchließlich an die k. k. Staatsbehörde wandte, erzielte er keinen beſſern Erfolg. Er ſtehe deßhalb heute noch als ein Denunziant, als ein dummer blöder Menſch vor dem Publikum da, und dieſes habe er Herrn Zang zu verdanken. Auf Antrag der Vertheidigung wurden nun eine Menge in der„Preſſe“ zu verſchiedenen Zeiten erſchienene Artikel ver⸗ leſen, wodurch der Angeklagte zu beweiſen ſuchte, daß die ſeit einem Dezennium von jenem Blatte verfolgte Tendenz eine ver⸗ werfliche und gemeinſchädliche, und der ihm gemachte Vorwurf der Proſtitution und Lüge ein ganz begründeter war. In einem Artikel z. B., die Abneigung der Innsbrucker gegen die Einführung der Gasbeleuchtung betreſſend, erſah Dr. Br. einen Ausfall gegen die Jeſuiten; aus einem andern, die Bildung eines Anti⸗Krinolinen⸗Vereins mit einem Vikar an der Spitze in Frankreich, ſo wie aus mehreren andern Notizen fol⸗ gerte der Angeklagte die Abſicht der„Preſſe“, die Kirche in ihren Trägern zu verſpotten und zu verhöhnen u. dgl. m. Durch mehrere Notizen, welche auch in ſpäteren Nummern theilweiſe ihre Berichtigung fanden, ſuchte Dr. Br. den der„Preſſe“ ge⸗ machten Vorwurf der Lüge zu rechtfertigen und zu beweiſen, daß in dieſen aus der Luft gegriffenen, in ausländiſche Blätter übergangenen Notizen der Grund des in dem proteſtantiſchen Deutſchland gegen Oeſterreich ſich richtenden Sturmes zu ſu⸗ chen ſei. Aus mehreren Bruchſtücken der in der„Preſſe“ er⸗ ſchienenen Romane und„Plaudereien aus Paris“ ſuchte Dr. Br. darzuthun, daß dieſes Blatt die Frivolität unterſtütze u. ſ. w., Verbrecher glorifizire, ſogar dem Ehebruch das Wort rede, und beantragte hierauf noch die Verleſung eines in der„O eſterrei⸗ chiſchen Zeitung“ zu Anfang des vorigen Jahres erſchienenen Artikels, worin Herr Warrens dem Eigenthümer der„Preſſe“ ein langes Sündenregiſter vorhielt. Herr Zang habe auf alle dieſe Anſchuldigungen nichts entgegnet, und ſonach müſſen die⸗ ſelben auch als begründet angenommen werden. Aehnliche Bei⸗ ſpiele, ſetzte die Vertheidigung des Herrn Angeklagten hinzu, könnten noch eine Menge aufgebracht werden, allein ſie glaube, daß die vorgebrachten zur Charakteriſirung der Tendenz der „Preſſe“ hinreichen werden. Bezüglich des von Herrn Warrens herrührenden Artikels bemerkte Herr Zang vorläufig, daß er beim Erſcheinen desſel⸗ ben verreiſt war, bei ſeiner Rückkehr im k. k. Landesgerichte eine Klage anhängig gemacht, dieſelbe aber fallen gelaſſen habe, als ihm Herr Warrens brieflich Abbitte that. Das bezügliche Schreiben befinde ſich noch in Händen des Herrn Unterſuchungs⸗ richters. Bezüglich der vom Herrn Angeklagten angeführten„ſit⸗ tenverderblichen“ Romane, bemerkt Herr Zang, daß dieſelben ſpäter auch im hieſigen Buchhandel erſchienen, öffentlich verkauft und ausgeſtellt wurden, ohne daß eine Einſprache von Seite der Behörden erfolgte; die Tendenz derſelben dürfte daher keine ſo gefährliche ſein. Dr. Berger, der Vertreter des Privatklägers ſuchte nun zu beweiſen, daß durch alle die von dem Angeklagten vorgebrachten Beweisſtücke weder der der„Preſſe“ gemachte Vorwurf der Lüge noch der der Proſtitution gerechtfertigt ſei. Unbegründete Noti⸗ zen kommen in jedem Blatte vor, denn die Journale ſchreiben keine Geſchichte; auch in der„Kirchenzeitung“ werden ſich ſolche irrthümliche Nachrichten in Menge finden laſſen, allein dieſe Unrichtigkeiten verdienen darum noch nicht die Bezeichnungen der Lüge. Ebenſo verhalte es ſich mit der Anſchuldigung der Sitten⸗ verderbniß, der„Proſtitution“. Es ſei Aufgabe der Preſſe, die Krebsſchäden der ſocialen Verhältniſſe bloszulegen, denn dadurch werde es der Kirche und den Perſonen, denen dieſes zuſteht, ermöglicht, jenen Schäden entgegen zu arbeiten, um ſie zu heilen. Die Preſſe verdiene da⸗ durch den Dank der Geſellſchaft, doch keinen Vorwurf. Wenn ſie die Sachen darſtellt, wie ſie ſind, ſo könne man nicht ſagen, daß ſie die Frivolität unterſtütze. Die große Verbreitung der „Preſſe“ ſei ein Beweis, daß ſeine Tendenz mit den religiöſen und ſtaatlichen Grundſätzen übereinſtimmen müſſe, und er ſehe um ſo mehr einem verurtheilenden Erkenntniß entgegen, da es ſonſt den Anſchein gewinnen würde, als ob die„Preſſe“ wirklich ſittenverderbliche Tendenzen verfolge, daß ſie in der That ihren Erwerb in Proſtitution und Lüge finde. Der h. Gerichtshof ging von der Anſicht aus, daß einige aus der„Preſſe“ vorgeleſene Artikel in der That derart ſeien, daß die Beſchuldigung, als werde dadurch die Frivolität unter⸗ ſtützt ꝛc. nicht unbegründet erſcheine; daß der Angeklagte als Re⸗ dakteur eines Kirchenblattes auch den Beruf in ſich fühlen konnte, ſolchen Tendenzen entgegenzutreten, daß ſohin auch die böſe Ab⸗ ſicht bei ihm nicht anzunehmen ſei u. ſ. w. und ſprach das Schuldlos über Dr. Br. aus. Herr Zang hat dagegen die Berufung angemeldet. Biografieen von Zeitgenoſſen. Richard Wagner. Eine der intereſſanteſten künſtleriſchen Perſönlichkeiten der Gegenwart iſt Wilhelm Richard Wagner, geboren am 22. Mai 1813 in Leipzig, um ſo anziehender für die Zeitgenoſſen, als er daszjenige, was er erſtrebt und erreicht hat, im Weſentlichen V ſeiner eigenen Kraft verdankt. Wagner hatte das Mißgeſchick, im zarten Alter ſchon ſeinen Vater durch den Tod zu verlieren. Dieſer Verluſt wurde zwar einigermaßen durch die abermalige Verheiratung von Wagner's Mutter mit dem Maler und Schau⸗ ſpieler Geyer erſetzt, ſo daß ihm wenigſtens ein Stiefvater zu Theil ward; allein auch dieſer ſtarb ſchon nach Verlauf von einigen Jahren. So entbehrte denn Wagner bis zu dem Zeit⸗ punkte, wo die Welt die Erziehung des Menſchen zu überneh⸗ men pflegt, mehr oder weniger einer männlichen Beaufſichtigung und Leitung ſeines Thuns und Laſſens. Wagner's künſtleriſcher Trieb machte ſich nicht ſehr früh⸗ zeitig mit jener Entſchiedenheit geltend, welche keinen Zweifel 288 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. über die Wahl der Berufes aufkommen läßt. Dagegen zeigte ſich bald jene Vielſeitigkeit des Talentes, durch die ſpäter dieſes Künſtlers Anſchauungen und Beſtrebungen in der Sphäre ſeines Schaffens weſentlich beeinflußt und charakteriſirt wurden. Sein Stiefvater beſtimmte ihn der Malerei, alsdann trat eine Nei⸗ gung zur Dichtkunft hervor, und bald darauf gewann wiederum der Entſchluß, Muſiker werden zu wollen, die Oberhand. Hiezu kam noch die ausgeſprochene Apathie Wagner's gegen die tro⸗ ckenen Studien der künſtleriſchen Technik, welche ihn in ſeinen Neigungen zu dieſer oder jener„Sonderkunſt“ nicht beharren ließ, und vielmehr ein mannigfaches unvermitteltes Ueberſprin⸗ gen von Einem zum Andern begünſtigte. Wie wenig ernſtlich übrigens Wagner in ſeinen Jugend⸗ jahren daran dachte, ſich ganz der Kunſt zu widmen, geht dar⸗ aus hervor, daß er während ſeines Beſuches der Kreuzſchule in Dresden, wohin ſeine Familie ſich inzwiſchen von Leipzig aus gewandt hatte, ein wiſſenſchaftliches Fachſtudium zu ergreifen gedachte. Nur nebenher gab er ſich abwechſelnd dichteriſchen und muſikaliſchen Verſuchen hin. Ein paar Jahre ſpäter führte ihn ſein Schickſal nach Leipzig zurück, wo er behufs Vollendung ſeiner Gymnaſialbildung die Nikolaiſchule beſuchte. Hier fing ſein künſtleriſcher Trieb an ſich ſtärker zu entwickeln. Wagner vollendete ein in Dresden bereits entworfenes Trauerſpiel und ſetzte eine Muſik dazu, ohne jedoch im Beſitze irgend welcher theoretiſchen Kentniſſe zu ſein. Auch komponirte er demnächſt ſelb⸗ ſtändige Stücke für Orcheſter, während ihm die zeitweilige Anleitung und Unterweiſung eines Muſikers von Fach zu Theil wurde. Dieſe Arbeiten nahmen ihn ſo ſehr in Anſpruch, daß ſein Schulfleiß darunter litt. Dennoch beendete er trotzdem den Gymnaſial⸗Curſus mit dem achtzehnten Jahre, und nachdem er die Schule verlaſſen, beſuchte er eine Zeitlang philoſophiſche Col⸗ legia auf der Univerſität Leipzig. Die künſtleriſchen Beſtrebungen Wagner's waren inzwiſchen ins Stocken gerathen. Doch wurden ſie plötzlich wieder aufge⸗ nommen, und zwar in beſonderer Beziehung auf Muſik. Wag⸗ ner entſchloß ſich bei dem zu jener Zeit in Leipzig an der Thomasſchule wirkenden Cantor Weinlig theorotiſchen Unterricht zu nehmen. Denſelben genoß er eine verhältnißmäßig kurze Zeit hindurch. Jetzt folgten verſchiedene Kompoſitionen, von denen beſonders eine Symphonie namhaft zu machen iſt, welche ſogar eine Aufführung in den Leigziger Gewandhaus⸗Konzerten erlebte. Von hier ab zeigte Wagner indeſſen faſt ausſchließlich den Trieb zu dramatiſch⸗muſikaliſcher Geſtaltung; er kompo⸗ nirte zunächſt nur noch Opern mit Ausnahme einer„Fauſt⸗ ouverture“. Von dieſen Opern, die jedoch alle unbekannt ge⸗ blieben ſind, werden genannt:„die Hochzeit,“„die Feen“ und „das Liebesverbot“. Der Komponiſt hatte ſich zu ihnen die Texte ſelber gemacht. Im einundzwanzigſten Jahre trat Wagner in die muſika⸗ liſch⸗praktiſche Wirkſamkeit ein, und zwar wurde er ſogleich Muſikdirektor am Magdeburgiſchen Theater. Hier verblieb er in ſeiner Stellung von 1834—36. Nach Ablauf dieſer Zeit ging er in gleicher Eigenſchaft an die Königsberger Bühne und ſodann als Muſikdirektor nach Riga. Dort nun ſchritt Wagner 1838 zur Ausführung derjenigen Oper, die ſpäter von mannig⸗ facher Bedeutung für die äußere und innere Geſtaltung ſeines Lebens werden ſollte, und zu der er ſchon im Jahre vorher den Plan gefaßt hatte:„Cola Rienzi, der letzte der Tribunen“. Inmitten dieſer Schöpfung kam ihm der Entſchluß, nach Paris zu gehen, welchen er auch im Sommer 1839 wirklich aus⸗ führte. Ohne im Beſitze ausreichender Subſiſtenzmittel zu ſein, wurde der andauernde Aufenthalt in dieſer Weltſtadt für Wag⸗ ner eine Quelle materieller Sorgen und Entbehrungen. Sein reger, elaſtiſcher Geiſt leiſtete jedoch der ihn heimſuchenden Proſa des Lebens kräftigen Widerſtand, ſo daß er nicht allein den Rienzi vollendete, ſondern auch außerdem noch das Buch und die vollſtändige Muſik zum„fliegenden Holländen“ komponirte, zu welchem ihm auf der Seereiſe nach Paris über London An⸗ regung geworden war. Dieſe zuletzt entſtandene Oper wurde durch Vermittelung Meyerbeer's, der Wagner überhaupt während ſeines Pariſer Aufenthaltes mannigfache Beweiſe eines that⸗ ſächlichen Wohlwollens gegeben hatte, von der Berliner Hof⸗ bühne zur Aufführung angenommen. Faſt gleichzeitig erfolgte die Annahme des„Rienzi“ an dem Dresdener Hoftheater. Dieſe Ereigniſſe veranlaßten Wagner zur Rückkehr nach Deutſchland, die im Frühjahr 1842 erfolgte. Er wandte ſich zunächſt nach Dresden und wohnte dort der erſten, im ſolgenden Jahre be⸗ werkſtelligten Aufführung des„Rienzi“ bei, welche Oper ihm das ehrenvolle Amt eines königlich ſächſiſchen Hofkapellmeiſters eintrug. Der Erfolge des„Rienzi“ gab Veranlaſſung, ſehr bald auch den„fliegenden Holländer“ aufzuführen. Während des Dresdener Aufenthaltes entſtand außer einer Cantate,„das Liebesmahl der Apoſtel“, die Oper:„Tannhäuſer“ und der Entwurf zu„Lohengrin“. Der Tannhäuſer ging bald nach ſeiner Entſtehung im Jahre 1845 über die Dresdener Hofbühne, wo⸗ gegen der Lohengrin, in Zürich beendigt, im Laufe des Jahres 1855 und zwar auf dem Weimar'ſchen Hoftheater ſeine erſte Darſtellung erlebte. Seit dieſer Zeit erſt fing das Intereſſe für Wagner's Bühnenſchöpfung an, ſich zu verallgemeinern, in⸗ dem namentlich der Tannhäuſer eine erfolgreiche Runde über die meiſten deutſchen Theater machte, während die Aufführung Wagner'ſcher Opern bis dahin faſt ausſchließlich auf Dresden beſchränkt geblieben war. Wagner verblieb in ſeiner Stellung als königlich ſächſiſcher Kapellmeiſter bis Anfang 1849; in Folge ſeiner Betheiligung an dem Dresdener Maiaufſtande ſah er ſich genöthigt, die Flucht zu ergreifen. Er ging zunächſt nach Paris und von da nach Zürich, wo er ſein dauerndes Domicil nahm. Hier war Wag⸗ ner ſehr thätig. Er ſchrieb dort„die Kunſt und die Revolu⸗ tion“,„das Kunſtwerk der Zukunft“,„Oper und Drama“, ſowie den ſogenannten„Nibelungenring“, deſſen drei Theile „die Walküre“,„der junge Siegfried“ und„Siegfrieds Tod“ benannt ſind. Von dieſer Trilogie, zu welcher noch ein Vorſpiel gehört, ſo daß die vollſtändige Aufführung vier auf einander folgende Abende beanſpruchen würde, ſoll der erſte Theil bereits in Muſik geſetzt ſein. Außerdem wird noch die Kompoſition eines in Zürich entſtandenen muſikaliſchen Drama's„Triſtan und Iſolde“ genannt. Wagner's Aufenthalt in Zürich währte mit zwei Unterbrechungen, während welcher er in Paris und London war, bis zur Mitte des Jahres 1858. Seit dieſer Zeit lebte er in Venedig.— Rebus von Rermann Schirſchante. I J.⁴ Rebus von Reinrich WMöchel. — Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt.— Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag. Ausgegeben am 15. April 1859. AInAn