Erinnerungen. Pllu⸗krirte Blätker für Wrnsk und Bumor. 77. Band.(Neununddreißigſter Jahrgang.) Heft VIII. Der Verlorene. Novelle von Walter Lindau. ie gnädige Frau läßt den Herrn Kommer⸗ zienrath in's grüne Zimmer bitten,“ meldete ein Bedienter, indem er ehrfurchtsvoll an der Thür des kleinen Zimmers ſtehen blieb, welches an ein großes Komptoir ſtieß. Der Kommerzienrath blickte langſam von dem Hauptbuche auf, in deſſen Zahlen er ſich eben vertieft hatte, ſah den Bedienten einige Sekunden forſchend an, als wollte er ſich überzeugen, ob die⸗ ſer auch die Wahrheit geſprochen habe, dann ſagte „Gut.“ Der Diener zog ſich mit einer Verbeugung gräuſchlos zurück. Der Kommerzienrath legte die Beer, ohne ſie vorerſt von der Tinte gereinigt zu had⸗ auf den Tiſch, was bei ihm ſtets ein Zei⸗ chen v. Nachdenken war, ſonſt unterließ er es nie, die Fedr zu trocknen, ehe er ſie niederlegte. „Vis iſt denn vorgefallen, daß ſie mich in's Ehnnerungen. 1859. grüne Zimmer rufen läßt?“ ſprach er halb laut vor ſich hin und ſchüttelte dabei bedenklich den Kopf. Er hatte auch allen Grund ſich zu verwun⸗ dern, der gute Kommerzienrath, denn das grüne Zimmer war ſo eine Art Konklave, wo die wichtig⸗ ſten Angelegenheiten der Familie verhandelt wur⸗ den. Ein Fremder hatte dieß Heiligthum noch nie betreten und auch der Kommerzienrath hatte eine Art Scheu vor dieſem Raum, den er nur ſelten ſah. Faſt drei Monate waren verfloſſen, ſeit er das grüne Zimmer zuletzt verlaſſen, und damals hatte er, oder vielmehr ſeine Frau über die Zukunft ihres Sohnes entſchieden, der dieſer Entſcheidung zufolge ſich der politiſchen Laufbahn widmete, nach⸗ dem er zuvor zum Doktor der Rechte geſtempelt worden war. Langſam ſtieg er die Treppe hinauf in den erſten Stock, trat in das Boudoir ſeiner Frau und von da in ein Gemach, welches die Zimmerreihe des rechten Flügels ſchloß. Das war das grüne Zimmer, nicht groß, aber hell durch zwei Fenſter beleuchtet, die Tapeten an den Wänden von einem wohlthuenden Grün. Vier Porträts, die Eltern des Kommerzienraths und ſeiner Frau vorſtellend, hin⸗ 29 226 gen an den Wänden, ein großer Wandſpiegel, ein runder Tiſch aus Nußbaumholz, ein Sopha und zwei Fauteuils bildeten das ganze Ameublement. Auf dem Sopha ſaß die Kommerzienräthin, eine ſtattliche Frau von hohem Wuchſe und ſchar⸗ fen Zügen. Ihre Haltung, überhaupt ihr ganzes Weſen bekundete Sicherheit und Entſchiedenheit. Ihr gegenüber ſaß ein Mann in vorgerückten Jah⸗ ren. Sein Haar war ſtark mit Grau untermiſcht, noch mehr der mächtige Schnurrbart, der ſich der auffallendſten Sorgfalt des Beſitzers erfreute. Das war der Bruder des Kommerzienraths. Er hatte lange im Militär gedient und ſich endlich mit einem Orden und dem Hauptmannstitel bei ſeinem Bru⸗ der zur Ruhe geſetzt. In der Familie hieß man ihn nur„der Hauptmann“, die Kinder nannten ihn „Onkel Hauptmann“ und die Dienſtleute ſetzten ihm ein„Herr“ vor. Der Kommerzienrath ſetzte ſich ſeiner Frau zur Rechten in den Fauteuil. „Was iſt denn vorgefallen, Liebe?“ fragte er; „warum wird ſo unverhofft die Rathsglocke ge⸗ läutet?“ Die Kommerzienräthin warf ihrem Gemal einen ſtrengen Blick zu, den dieſer ruhig aushielt, dann ſagte ſie: „Hier iſt ein Brief von meinem Bruder.“ „Vom Geſandten?“ fragte der Hauptmann. „Von demſelben,“ verſetzte ſie. „Und was ſchreibt denn mein Schwager Ex⸗ cellenz?“ fragte der Kommerzienrath. Abermals erhielt er einen ſtrafenden Blick von ſeiner Gemalin. Mit der rechten Hand griff ſie nach der Perlenſchnur an ihrem Halſe und ſchob mit dem Zeigefinger die einzelnen Perlen über den Daumen herab, die linke hielt den Brief. „Lies,“ ſprach ſie nach einer Weile,„lies ihn laut, damit der Hauptmann ebenfalls erfährt, was er enthält.“ Der Kommerzienrath ſchob das Couvert zurück, entfaltete das Schreiben und las: „Vielgeliebte Schweſter! Es iſt mir leid, daß ich keine Ausſicht ſehe, Deinen Wunſch und mein Verſprechen zu erfüllen, da die Erfüllung nur in einem Theile von mir abhängt. Dein Sohn iſt zwar ein mit vielen Vorzügen begabter junger Mann; er be⸗ ſitzt Talente, die einen Andern weit bringen würden, er hat ein ausgezeichnetes Wiſſen nach vielen Richtungen; aber es fehlt ihm jener Ernſt, der alles dieß zur Geltung bringt, er iſt noch zu ſehr Student und hat manche üble Gewohn⸗ heiten von der Burſchenſchaft abzulegen vergeſ⸗ ſen. Wenn ich ihm auch nicht die Befähigung zur Diplomatie abſprechen mag, ſo iſt er doch allenfalls zu jung, zu wenig Herr ſeiner ſelbſt, als daß ich mir für die nächſten Jahre etwas von ihm verſprechen könnte, und ſomit rathe ich Dir, ihn in eine andere Sphäre zu bringen, Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. was mit ſeinen Intentionen gewiß übereinſtim⸗ men könnte. Indem ich Dich und Deinen Gemal auf's Herzlichſte grüße, bleibe iſt ſtets Dein liebevol⸗ ler Bruder Ernſt Baron von Roſenhain.“ Der Banquier legte das Blatt auf den Tiſch und ſah ſeine Frau lächelnd an. Der Hauptmann drehte mit der linken Hand bald die eine, bald die andere Spitze ſeines Schnurrbartes und trommelte mit der rechten einen Sturmmarſch auf der Sei⸗ tenlehne des Fauteuils. „Nun, was ſagſt Du zu dieſem Briefe mei⸗ nes Bruders?“ fragte die Frau. „Bittere Mandeln diplomatiſch überzuckert,“ entgegnete der Kommerzienrath.„Ich habe es vor⸗ aus gewußt, Anna, was aus dieſer diplomatiſchen Geſchichte werden wird, ich kenne meine Actien. Einen ähnlichen Brief habe ich ſeit zwei Monaten jeden Tag erwartet, nun wundert's mich nicht, daß er endlich angekommen iſt.“ „Daß er endlich angekommen iſt,“ wieder⸗ holte die Kommerzienräthin mit bitterem Accent. „Du freuſt Dich vielleicht gar, daß Dein Sohn ein Taugenichts iſt und daß ihm mein Bruder ein Zeugniß, wie dieſes da, vorausſchickt.“ „Halt, Frau Schwägerin!“ brach jetzt der Hauptmann los, indem er ſeinen Marſch mit einem raſchen Fingerlauf ſchloß und darauf die Hand, wie abwehrend, ausſtreckte;„den Taugenichts bitte ich zurückzunehmen. Otto ein Taugenichts? Ein Teufelsjunge iſt er, der ſeinen eigenen Kopf hat und ſich nicht ſchicken mag in jenen diplomatiſchen Kram, wo manches nicht recht klappen will. Dort geht alles zickzack und er marſchirt gradaus er bückt ſich nicht, er rückt ſich nicht. Otto iſt ein Kerl, ſag' ich Ihnen, der das Zeug zu was Rech⸗ tem in ſich hat!“ 3 „Ich wiederhole noch einmal, was ich ſchon oft geſagt habe,“ nahm der Kommerzienrath das Wort;„mein Bruder Hauptmann hat recht, Otto iſt zum Diplomaten nicht geboren.“— In dieſem Augenblicke erſchollen Stimmen im Korridor. „Ich will Sie zuerſt anmelden, ſie ſind im grünen Zimmer,“ ließ es ſich deutlich vernehmen. „Mach' keine Komödien, alter Hans,“ ent⸗ gegnete darauf eine andere klangvolle Stimme,„ich werde doch in meinem Elternhauſe nicht anticham⸗ briren müſſen!“— Und ſofort näherten ſich Schritte, die Thür⸗ klinke wurde kräftig ergriffen. Der Hauptmann war hinzugeeilt, hatte raſch den Schlüſſel der Thüre, welche nach dem Korridor führte, umgedreht, den Riegel zurückgeſchoben und ein junger Mann trat ei⸗ „Onkel Hauptmann!“ rief der Eingetreene und ſchlang ſeine Arme kräftig um den Bau des Hauptmanns, doch ſchnell machte er ſich von dieſem los und war mit einigen Schreten bei 1 fou fAn. 3 lbereinſiin⸗ en Gemol b 2 Reimal aufs dein lbeul⸗ oſeuhain“ auf den Tiſch r Dauptmann e, bald die und trommelte vor⸗ lomatiſchen Actien. maten mich nicht, daß iſt,“ wieder⸗ brach jebt der h mit einem e Hand, s bitte 2 Ein enen Kopf hat diplomatiſchen a will. Dort radaus Otto iſt ein 8 as ich ſchen th das n Stimmen im ſie ſind un " ent⸗ Hans, AM⸗ Ztimme,„ich „icßt anticham⸗ die Thür⸗ tmann wat Thüre, t, dell trat? Walter Lindau der Kommerzienräthin, deren Hand er an ſeine Lippen gedrückt hatte, ehe ſie die Dame zurückzie⸗ hen konnte; ihre ſteife Haltung jedoch und der Sitz auf dem Sopha, welcher wegen des Tiſches und der Seſſel nicht leicht zugänglich war, verhinderten die Umarmung. Der Kommerzienrath reichte ſeinem Sohne die Hand und dieſer unterließ es nicht, den Vater ſo innig an ſeine Bruſt zu drücken, daß dem guten Manne bei dieſer Umarmung recht herzlich wohl wurde; darauf wandte ſich Otto wieder zur Kommerzienräthin. „Es ſcheint, daß meine gute Mama ihrem Deſerteur ein wenig zürnen will. Schilt mich nur recht wacker aus, liebe Mutter, ich hab's redlich verdient, aber erſt morgen, oder eheſtens heute Abend; doch jetzt laß mir die Freude des Wieder⸗ ſehens recht voll und ungetrübt.“ Im Nu hatte er die Barrikade zerſtört, die ihn von der zürnenden Kommerzienräthin trennte, und die Frau mußte ſich in ihr Schickſal ergeben. Die natürlichen Liebkoſungen ihres Sohnes übten eine beſſere Wirkung auf das Mutterherz, als die Anſpielungen des Kommerzienraths und die Sturm⸗ märſche des Hauptmanns. Das Eis brach ſichtlich nach jedem Kuſſe und die ſtrenge Frau wußte nicht woher es kam, daß ihr Herz ſo weich wurde und daß ſogar einige unberufene Thränen über ihre Wangen floßen. „Der verſteht's,“ flüſterte der Hauptmann ſei⸗ nem Bruder zu;„der nimmt die Feſtung mit Sturm. Ein köſtlicher Junge, der Otto.“ „Und nun,“ ſprach Otto, als er ſeines Sie⸗ ges gewiß war,„da ich wieder unter euch bin, meine Lieben, laßt mich eures Anblickes recht froh werden. Mir iſt, als lägen Jahre zwiſchen unſerer Trennung.“—. Und er betrachtete Jeden der Reihe nach mit offenen, freudeſtrahlenden Blicken. „Doch ich vergeſſe ganz euch zu ſagen, warum ich wieder hier bin. Das Leben bei der Geſandt⸗ ſchaft iſt ein wahres Paraſitenleben, das mir nun und nimmer zuſagte. Man muß einen rechten Ka⸗ tzenrücken haben, um da fortzukommen, und genau in den tiefen ausgetretenen Gleiſen gehen, wenn man nicht fallen will. Ich habe mir erſt an ver⸗ ſchiedenen Kleinigkeiten ordentlich den Kopf zerſto⸗ ßen, dann hatte ich einige Händel mit Legations⸗ Sekretären, Attachés und dergleichen, dann fiel ich in einer Soirée bei einigen hochwohlgebornen Da⸗ men in Ungnade, endlich mit meinem Oheim ſelbſt in einen kleinen Prinzipienſtreit. Das iſt der ganze ſummariſche Sachverhalt.“ „Tauſendſappermenter Du!“ rief der Haupt⸗ mann und klopfte ſeinem Liebling auf die Schulter. „Doch, Du thateſt recht; und wenn Deine Mutter noch Manches dagegen hat, ſo will ich das Gefecht mit ihr aufnehmen.“ „Wenn irgend Jemand außer Otto ſelbſt die Schuld ſeiner Querköpfigkeit zugeſchrieben werden Der Verlorene.. 227 kann,“ entgegnete die Mutter,„ſo ſind Sie es, Hauptmann. Sie ſind auch ein ſolcher Starrkopf, der gerne den Starken ſpielt, Sie haben ihn ſtets an ſich gezogen und haben ihn an Ihre Weiſe gewöhnt. Sie werden es ſchwerlich durch Ueberredung ſo weit bringen, um mich zu überzeu⸗ gen, daß Otto recht gehandelt habe. Aber nun es einmal geſchehen iſt, kann ich, als Mutter, ſelbſt nichts anderes, als gute Miene zum böſen Spiel machen. Doch gebe ich Ihnen die Verſicherung, Hauptmann, und auch Dir, Otto, daß es zum letzten Male iſt, wo Du meine Verzeihung Deiner Excentricitäten von mir erhältſt. Wenn etwas der⸗ artiges künftig vorfallen ſollte, ſo wirſt Du mich ſo unerbittlich finden, wie Du mich ſchon oft geſe⸗ hen haſt.“ „Das iſt eine ſchwere Kapitulation, liebe Mama,“ ſprach Otto;„und ich verhehle es weder Dir noch mir, ich werde noch manchen ſchwierigen Stand zu überwinden haben, ehe ich Dir und zu⸗ gleich mir gerecht werde. Ich habe den beſten Wil⸗ len alles zu thun, was Du wünſcheſt; mir iſt es einerlei, als was ich einſt in der Welt daſtehen werde; aber betrete ich irgend eine Bahn, der ich meine Natur nicht anpaſſen kann, ſo muß ich wie⸗ der ſo handeln, wie ich gehandelt habe, denn ich beſitze nicht den Opfermuth mich da zu unterwer⸗ fen, wo ich nicht mit aller Luſt einſtimmen kann.“ Die Kommerzienräthin ſah ihren Sohn mit erſtaunten Augen an. „Wo ſoll das hinaus, Otto?“ fragte ſie. „Haſt Du denn gar kein ernſtes, männliches Stre⸗ ben? Du biſt fünfundzwanzig Jahre alt, biſt Dok⸗ tor, wozu? Der Beruf, der Dir am nächſten lag, für den Du Dich eigentlich herangebildet haſt, wollte Dich nicht feſſerln, Du magſt weder Advokat wer⸗ den, noch Dich im Staatsdienſt der juridiſchen Praxis widmen, Du haſt uns jetzt dieſen Streich geſpielt und eine ehrenvolle, ja glänzende Zukunft zerriſſen. Mein Gott, man muß ja doch etwas werden! Es bleibt Dir noch die Wahl in verſchie⸗ denen Richtungen; denke nach und erkläre Dich offen. Welcher Beruf iſt es, der Dich befriedigen könnte?“ Der Kommerzienrath nickte bei dieſen Worten ſeiner Frau beifällig mit dem Kopfe zu. „Du haſt hier zugleich meine Meinung ge⸗ hört,“ ſprach er.„Ich bin ein Freund von geſetz⸗ ter Thätigkeit und meine, es liegt jedem Manne ob, ſich einen Kreis zu wählen, in dem er wirken kann. Dieß haltloſe Umhertappen von einem zum andern iſt etwas, was den Kräften feindlicher iſt, als jede geregelte noch ſo ſchwere Anſtrengung. Der Charakter verliert daburch immer an Solidität und kömmt nie dazu, einen inneren Schwerpunkt zu ge⸗ winnen.“ „Ich erkenne dieſe Wahrheit, beſter Vater,“ verſicherte Otto,„und wollte, ich könnte etwas finden, dem ich mich ſo recht mit voller Luſt hin⸗ zugeben im Stande wäre. Im gegenwärtigen Augen⸗ 29* 228 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. blicke iſt mir alles gleichgiltig und ich werde auch nicht widerſprechen, was immer über mich verfügt wird; ich muß es nur als einen Verſuch betrachten, der mit mir angeſtellt wird, um meine Fähigkeiten zu prüfen, und kann ich mir ſelber genügen, ſo will ich dann mit Freuden die Richtung verfolgen, die ich eingeſchlagen habe.“ Die Kommerzienräthin hatte noch Manches einzuwenden und der Kommerzienrath half ihr ge⸗ treulich, aber ſie vermochten es nicht, ihrem Sohne ein beſtimmtes Verſprechen abzugewinnen, oder ihn in einer Richtung zu befeſtigen. „Was wollt ihr?“ unterbrach endlich der Hauptmann die unerquickliche Debatte.„Fangt doch einmal mit etwas Vernünftigem an. Stellt ihn irgendwo hin und ſeht, ob er dort aushält oder nicht. Ich meine, Otto taugt ſeinem Charakter nach am beſten zum Soldaten. Wetter! ich möcht' ihn einmal als Lieutenant ſehen!“ Die Kommerzienräthin erklärte ſich mit dieſem Vorſchlage durchaus nicht einverſtanden, auch der Kommerzienrath war damit nicht zufrieden und Otto war es gleichgiltig. Der Hauptmann mußte ſeinen Schnurrbart gewaltig drehen, um das unan⸗ genehme Gefühl zu verwinden, welches ihm ſeine Niederlage bereitet hatte. Endlich fand es die Kommerzienräthin am geeignetſten, ihren Sohn bei einem Departement im Miniſterium des Innern unterzubringen, zumal ſie vermöge ihrer adeligen Abkunft Verwandte be⸗ ſaß, deren Einfluß es gelingen konnte, ihm in kur⸗ zer Zeit eine ihrem Ehrgeize entſprechende Stellung zu verſchaffen. Otto hatte nichts dagegen und ſo war das Ganze vor der Hand arrangirt. Gleich in den nächſten Tagen trat Otto die Bahn ſeines neuen Berufes an und das mit allem Eifer, deſſen der gute Wille fähig iſt. Er wünſchte es aus vollſtem Herzen ſeine Eltern zu befriedigen, er ſetzte ſich auch vor, dieſe Befriedigung durch Aufopferung eines Theiles ſeiner Selbſtändigkeit zu erkaufen; freilich nur bis zu gewiſſen Grenzen, denn bis zur Selbſtverleugnung mochte er ſich in einem Falle, wo es ſich um das Glück ſeiner Zu⸗ kunft handelte, nicht erheben. Uebrigens war ihm ſein Dienſt wirklich leichter als manchem Anderen in dieſer Stellung, denn ſeine Vorgeſetzten ſahen in ihm den Sohn eines der reichſten Männer der Reſidenz, der ſich zudem der allgemeinen Achtung erfreute. Otto erkannte dieß bald und äußerte ſich voll Verſtimmung darüber gegen den Haupt⸗ mann, an dem er noch immer in derſelben Zu⸗ traulichkeit hing, wie er dieß als Knabe gewohnt war:„Ich mag es nicht, daß man mich protegirt. Was ich werde, will ich blos meinem eigenen Ver⸗ dienſte zu danken haben und ich will es dem Prä⸗ ſidenten bei der erſten Gelegenheit ſagen.“ Die Kommerzienräthin war inzwiſchen mit ihrem Sohne zufrieden, denn die Berichte, welche ihr über ſeine Thätigkeit zufloſſen, waren ganz von der Art, wie ſie ihrem Mutterherzen am wohlſten thaten. Aber ihr Geiſt, der für das Glück ihres Sohnes unermüdlich thätig war, freilich nur in ihrem Sinne, fand bald einen Hebel, der ihn in der einmal eingeſchlagenen Richtung mit einem Male weit vorwärts bringen ſollte. Sie war es von jeher gewohnt, an ihrem Geburtstage eine kleine Soirée zu veranſtalten. Auch dießmal ward allen Freunden eine ſolche kleine Soirée angekündigt, doch war der Ausdruck„kleine“ in Anbetracht der ausgedehnten Zurüſtungen, die zu dieſem Zwecke gemacht wurden, ein unpaſſendes Epitheton. Die Kommerzienräthin wollte allen Glanz ihres Reichthums entfalten, um die Augen der Gäſte zu blenden. Dieß geſchah jedoch nicht ohne beſonderen Zweck. Am Nachmittage desſelben Tages, an dem die Soirée ſtattfinden ſollte, nachdem alle Glückwünſche und Geſchenke bereits angebracht waren, nahm die Kommerzienräthin ihren Sohn bei Seite und machte ihm eine vertrauliche Mittheilung. „Mein Sohn,“ ſprach ſie,„ich wünſche, daß Du in der heutigen Soirée Deine Aufmerkſamkeit wenn nicht ausſchließlich, doch mit beſonderer Rück⸗ ſicht der Tochter des Freiherrn von Ellen zu— wendeſt. Sie iſt die Nichte Deines Chefs und ſchon deßhalb Deiner Auszeichnung empfohlen, wenn ſie auch minder ſchön und⸗geiſtreich wäre, als ſie es in der That iſt. Zudem iſt ſie ein Liebling des alten Herrn, der an ihr ſeine größte Freude hat, weil er ſelbſt kinderlos iſt. Es wäre mir übrigens nicht unangenehm, wenn ſie Dir nicht blos ein flüch⸗ tiges Intereſſe abgewinnen würde, doch will ich Dei⸗ ner Neigung in keiner Weiſe irgend einen Zwang auflegen.“ Otto blieb in Gedanken allein, denn ſeine Mutter wartete nicht auf Antwort, ſondern ging um eine letzte Heerſchau über alle Zurüſtungen zum heutigen Feſte zu halten. Er fühlte ſich durch das eben Gehörte unangenehm berührt; die Freiheit ſei⸗ nes Willens ſchien ihm dadurch beeinträchtigt. „Nein,“ ſprach er zu ſich,„ich will mich nicht in Feſſeln ſchmieden laſſen. Das Fräulein von El⸗ len hat kein größeres Recht auf meine Auszeich⸗ nung, als jede andere der anweſenden Damen, wenn ſie gleich die Nichte und meinetwegen auch der Lieb⸗ ling meines Cheſs iſt.“ Der Abend kam. Die Gäſte waren verſammelt und in Gruppen theils im Saale, theils in den verſchiedenen Ge⸗ mächern vertheilt. Alte Herren ſaßen bei den Spiel⸗ tiſchen, ältere Damen in Fauteuils, die jüngeren hatten im Saale hinreichende Beſchäftigung. Die Muſik und neckiſche Plaudereien in den Pauſen ſorg⸗ ten für die Unterhaltung der Jugend. Otto war es ziemlich unbehaglich inmitten dieſes geſelligen Durcheinanders. Die angeführten Worte ſeiner Mutter hatten ihm die gemüthliche Unbefangenheit im vorhinein genommen. In jedem — am wohlſten Glück ihres lich nur in der ihn in mit einem an ihrem deranſtalten. ſolche kleine druck kleine“ ungen, die unpaſſendes allen Glam Augen der nicht ohne „ an dem die Slückwünſche u, nahm die und machte ünſche, daß ffmerfſamkeit nderer Rück⸗ Ellen zu⸗ Cheſs und wenn ſie ng des Freude hat, ir übrigens zein flüch⸗ ich Dei⸗ n Zwang denn ſeine ondern ging n zum ) durch das Freiheit ſei⸗ ie jüngeren und. Die 5 irmitten augeführten a müthliche 4 In jedemn ang Walter Lindau: Der Verlorene. 229 Mädchenangeſicht fürchtete er das ihm ſo dringend. empfohlene Fräulein von Ellen zu finden, und wäre das Fräulein auch wirklich durch alle Eigen⸗ ſchaften, die ein Mädchen liebenswürdig machen, ausgezeichnet geweſen, er hätte ihr mit dem Bewußt⸗ ſein des Zwanges in ſeiner Seele nicht die verdiente Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Er floh in eines der entlegeneren Zimmer, wo⸗ hin die Töne der Muſik nur wie verhallend dran⸗ gen, dort warf er ſich auf einen Sitz und nahm ein Album zur Hand, deſſen Blätter er mit einer Auf⸗ merkſamkeit betrachtete, als hätte er ein maßgeben⸗ des Urtheil darüber auszuſprechen. Er merkte es nicht, daß die Muſik aufgehört hatte. Mit einem Künſtler hatte er ein Geſpräch über einen vorliegen⸗ den Gegenſtand angeknüpft, und Herzugekommene horchten mit Otto zugleich auf die lebendige Schil⸗ derung römiſcher Bildwerke, wie ſie der Maler mit eigenen Augen geſehen. Otto war eben daran, ſich in einem lang⸗ entbehrten Kunſtgenuſſe zu verlieren, als ſeine Mut⸗ ter eintrat. Otto errieth die Urſache ihres Erſchei⸗ nens und ging ihr mit einigem Widerſtreben ent⸗ gegen. „Ich weiß nicht, was Du haſt, Otto,“ ſprach die Kommerzienräthin leiſe, während ſie den Arm ihres Sohnes nahm;„Du thuſt, als ob Du hier der Letzte wäreſt. Ich wünſche, daß Du Dich mehr in Kreiſen bewegeſt, wo Deine Gegenwart durch Rückſichten angezeigt iſt.“ „Ich bin heute wirklich nicht in der Lage, die Pflichten, welche mir der Verkehr mit jenen Kreiſen auferlegt, zu erfüllen,“ verſicherte Otto,„und es wäre beſſer, wenn Sie auf dieſen Umſtand Rückſicht nehmen wollten.“ Die Kommerzienräthin ſah ihren Sohn ſtreng von der Seite an, dann ſagte ſie kurz: „Ich will Dich dem Fräulein von Ellen vor⸗ ſtellen.“ Sie waren eben in den Saal gekommen. Ein ältlicher Herr trat zu ihnen. Otto begrüßte ſeinen Chef. „Ich habe ſchon mehrmal nach Ihnen gefragt, junger Mann,“ ſagte dieſer.„Kommen Sie, ich muß Sie meiner Nichte zeigen.“ Nach wenigen Schritten ſtanden ſie vor einer jungen Dame. „Herr Röber, meine Nichte Klara.“ Eine ſtumme Verbeugung Otto's wurde mit einem allerliebſten Lächeln und Kopfnicken erwiedert. „Laſſen wir die liebe Jugend beiſammen,“ fuhr der Herr fort und reichte der Kommerzienräthin den Arm.„Jedes in ſeinen Kreis.“ Mit einer freundlichen Bewegung gegen Klara und einem befehlenden Blicke auf Otto entfernte ſich die Kommerzienräthin an der Seite des Barons. Otto mußte ſich in ſein Schickſal ergeben und bleiben. Es war ihm dieß übrigens auch nicht ſo ſchwer, denn Klara hatte große helle Augen und ein ſchönes Geſicht, und welcher junge Mann ver⸗ mag es, der Anziehungskraft einer ſchönen Dame zu widerſtehen, deren Bekanntſchaft ſich ihm in un⸗ gezwungener Weiſe darbietet? Otto hatte eben nur noch Zeit, einige Worte hinzuwerfen, um ein Geſpräch einzuleiten, als die einleitenden Takte einer Quadrille ertönten, zum Zeichen, daß dieſer Tanz ſogleich beginnen werde. Otto bat um den Tanz und wurde angenom⸗ men. Die Paare ordneten ſich und das graziöſe Hin⸗ über und Herüber, und Rechts und Links begann. Die Quadrillen ſind ſo eigentlich die Tänze für den Salon. Sie ſind dazu beſtimmt die Annehmlichkeiten der rhythmiſchen Bewegung mit denen der Konver⸗ ſation zu verbinden und ermüden weder durch das eine, noch durch das andere, indem ſie es nirgends bis zu einem außerordentlichen Höhenpunkte kommen laſſen. Otto fand in den hingeworfenen Bemerkungen, zu denen die Quadrille Veranlaſſung gab, daß ſeine Tänzerin eines jener Weſen ſei, die durch Affektation einer gewiſſen Sentimentalität die Aufmerkſamkeit zu feſſeln ſuchen, und als der Tanz zu Ende ging, war der angenehme Eindruck, den ihr Aeußeres auf den erſten Anblick bei ihm hervorgebracht hatte, ſo ziem⸗ lich verwiſcht; doch kannte er die geſellſchaftlichen Formen zu gut, um ſeinem erneuerten Unmuth über dieſe Wahrnehmung keinen Ausdruck zu geben; ja er entfaltete ſein geſelliges Talent und wußte ſich der ſentimentalen Dame recht angenehm zu machen. Einmal im Zuge bewegte er ſich in der ſchönen Um⸗ gebung mit Sicherheit und Gewandtheit und kehrte öfter zu Klara zurück, mit ihr zu plaudern und ſie zum Tanze zu führen.. Wie alle Freuden und Leiden auf Erden ging auch dieſe Soirée zu Ende und Otto war vielleicht unter Allen, die ſich nach gethaner Arbeit aufs La⸗ ger warfen, der einzige, der Gott dafür dankte, daß ſie ſchon vorüber. Die Verſe aus verſchiedenen Dich⸗ tern jedoch, welche Klara bei paſſenden und un⸗ paſſenden Gelegenheiten fleißig zitirte, ſummten ihm noch im Kopf herum, wie unruhige Schmeißfliegen, die im Zimmer eingeſchloſſen, ſich vergebens die Köpfe an den Fenſterſcheiben zerſtoßen und nicht hinaus können. Dafür aber brachte ihm der folgende Tag ein Lob aus ſeiner Mutter Munde, das er ſeiner Ueber⸗ zeugung nach eben ſo wenig verdiente als verdienen wollte. Eine andere Ueberraſchung war ihm für die nächſten Tage vorbereitet. Er wurde zu ſeinem Chef gerufen und dieſer ſagte ihm nach mehrerxen einleitenden Bemerkungen Folgendes. 3 „Junger Mann, ich habe Sie als tüchtig und ſtrebſam kennen gelernt, Ihre Talente berechtigen Sie zu größeren Anſprüchen, als Leute gewöhnlichen Schlages machen dürfen, und ſomit habe ich keinen Anſtand genommen, Sie für die durch Ueberſetzung Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Eruſt und Humor. des Doktor Burger erledigte Stelle vorzuſchlagen. und die Kommis lächelten, wenn er wiederholt ſeine Sie ſiud zwar noch jung, aber der Miniſter hat meine Vorſtellungen als begründet gefunden. Hier haben Sie das Dekret.“ Otto ſtand da und ſtarrte den Präſidenten an, als hätte der ihm etwas Unverſtändliches geſagt, dann ſagte er kurz: „Ich kann die Stelle nicht annehmen.“ „Sie ſind zu ſtrupulks,“ verſetzte der Präſident, „Sie haben wohl noch nicht die Praxis, welche dieſes Amt erfordert, aber mit Ihrem Fleiße und Ihrem Talent ſind Sie in einem Monat vollkommen in die Geſchäfte eingeweiht.“ „Darum iſt mir auch nicht bange,“ entgegnete Ottoz„aber habe ich Verdienſte, die mich zu einem ſolchen Amte berechtigen? Ich keune einen, ja ich kenne mehrere Männer, die jahrelang ihre beſten Kräfte dem Staate geopfert haben, ſie leben mit ihren Familien in beſchränkten Verhältniſſen, ich⸗kann die⸗ ſen Männern nicht in den Weg treten, ich müßte mich ſchämen.“ Der Präſident ſah den jungen Mann groß an. „Sie ſind ein Narr,“ ſprach er und wandte ſich von ihm ab. Otto ging; aber von dieſem Augenblicke war ihm der Dienſt verleidet. Dazu kamen die Vorwürfe der Kommerzienräthin, welche das direkte Gegentheil von dem bewirkten, was ſie bewirken wollten, und nach acht Tagen erklärte er dem Familienrathe im grünen Zimuier ſeinen Entſchluß, dieſe Sphäre auf⸗ zugeben, weil ſie nicht geeignet ſei, ſeine Neigung zu befriedigen. „Er iſt ein Verlorener,“ klagte die Kommier zienräthin, nachdem ſich ihr erſter Zorn etwas ab⸗ gekühlt hatte;„er wird zu gar nichts taugen.“ „Er wird zu gar nichts taugen, er iſt ein Ver⸗ lorener,“ wiederholte der Vater. „Laßt ihn reiſen, ſag' ich euch,“ ermahnte der Hauptmann,„jung Blut muß austoben.“ „Das fehlte noch!“ rief die Kommerzienräthin. „Er bleibt bei mir,“ entſchied der Vater, und ſo blieb es. Am folgenden Tage ſaß Otto im Komptoir an einem breiten ſchwarzen Pult, addirte und mul⸗ tiplizirte, kopirte Briefe, um ſich in das Kauderwelſch des kaufmänniſchen Geſchäftsſtyls hineinzuſchreiben, und es klang recht komiſch, wenn der erſte Buch⸗ halter, ein noch junger Mann, dem Sohne ſeines Herrn ein oder das andere Blatt überreichte mit den Worten: Herr Doktor, wollen Sie gefälligſt dieß oder jenes u. ſ. w., was ſonſt gewöhnlich Sache eines fünfzehnjährigen Lehrlings war. Otto war geduldig. Er malte Ziffern, machte Auszüge und ſchrieb Briefe ab. Am ſchwierigſten ging es ihm mit den Rechnungen. Da war er herz⸗ lich ungeſchickt. Er hatte als Student die ſchwierig⸗ ſten mathematiſchen Aufgaben gelöſt, er hätte auch jetzt noch die verwickeltſte Gleichung beſſer aufgefaßt, als ein einfaches Diskonto berechnet. Der Buchhalter Berechnungen zurücknehmen und überrechnen mußte und er ſelbſt wurde bald unmuthig und unzufrieden mit ſich. Dieſe Unzufriedenheit jedoch ſuchte er ſo gut es ging, zu bemeiſtern; er wollte doch zu etwas in der Welt gut ſein, und der beſte Wille ſtand ihm in ſeinem Vorſatze bei; aber trotzdem erkannte er im⸗ mer deutlicher, daß er nicht zum Kaufmanne gebo⸗ ren ſei. Die regelmäßigen Geſchäftsſtunden, welche mit dem Schlage der achten Stunde bis Mittag, und von zwei bis ſechs Uhr dauerten, wurden ihm zur Pein, die todte Beſchäftigung, womit er ſeine Zeit hinbrachte, ohne auch nur dabei denken zu kön⸗ nen, widerte ihn an, dazu kam noch die Unzufrieden⸗ heit der Mutter, welche es nicht verſchmerzen konnte, daß ihr Sohn ſich ſo leichtſinnig jede Karriere ab⸗ geſchnitten natte. Es währte nicht lange, und Otto fühlte ſich gedrungen, ſeinem Vater zu erklären, daß er nicht den Beruf in ſich fühle, um dem Wunſche desſelben gerecht zu werden, und daß er überhaupt noch gar nicht abſehen könne, welche Richtung ſeine Neigun⸗ gen nehmen werden. „Er iſt verloren,“ murmelte der Banquier be⸗ trübt für ſich,„ſie hat recht, wenn ſie ihn einen Verlorenen nennt.“ „Er iſt verloren,“ wiederholte auch unabläſſig die Kommerzienräthin und das Weinen war ihr ſo nahe wie der Zorn. Der alte Hauptmann aber ſagte nichts mehr, denn die Kommerzienräthin wollte keine Vernunft annehmen und ſein Bruder ſtand in den wichtigen Angelegenheiten der Familie zu ſehr unter dem Pan⸗ toffel ſeiner Frau, als daß er irgendwie für ſeinen Liebling,„den Verlorenen,“ wie er ihn auch nun, aber blos ſcherzweiſe nannte, hätte wirken können. Ein wolkenloſer Himmel überwölbte die Erde, und das klare Sonnenlicht zeichnete den Geſichtskreis ſcharf und klar. Ringsum Bäume mit reifen Früch⸗ ten und die Felder waren bereits mit Stoppeln ab⸗ gelohnt für ihre Fruchtbarkeit. Auf der ſteinigen Landſtraße ſchritt ein einſamer Wandersmann. Wir wollen ihn dem geneigten Leſer nur ſogleich zu erkennen geben. Es war Otto. Ja, Otto, der Sohn des reichen Kommerzienrathes, ein Ränzlein auf dem Rücken, einen dicken Knotenſtock, wie jeder anſtändige Wandersmann, in der Hand, mit leichtem grauen Gewande bekleidet. Er war nun frei, frei wie der Vogel in den Zweigen. Vater und Mutter hatten ihn in die Welt geſchickt, daß er ſich ſelbſt einen Berufskreis wähle unter den tauſenderlei Beſchäftigungen, die den Menſchen zu einem nütz⸗ lichen Gliede der Geſellſchaft machen können; aber da er nun ſelbſtändig ſeine Zukunft beſtimmen wollte, ſollte er auch nur allein für ſeine Gegenwart ſorgen. So lautete der Ausſpruch der ſtrengen Mutter, und eerholt ſeine u mußte unzufrieden r ſo gut es twas in der und ihm in er im⸗ gebo⸗ welche ⁵ Mittag, iden ihm er ſeine zu kön⸗ nzufrieden⸗ 1 konnte, karriere ab⸗ fühlte ſih er nicht he desſelben bt noch gar ne Neigun⸗ ranquier be⸗ e ihn einen unabläſſig war ihr ſo ts mehr, Vernunft n wichtigen rdem Pan⸗ efür ſeinen mauch nun, ken könuen. e die Erde, ſichtskreis eifen Früch⸗ toppeln ab⸗ in einſamer Knotenſtod, der Hand, Er war nun Vater und deß er ſih tauſerderlei , nem nüt⸗ . aber da n wollte, vart ſorgen. Kutter, und der Vater gab dem Sohne nebſt einigen heilſamen Lehren auch einen Zehrpfennig. Der gute Onkel Hauptmann jedoch begleitete ſeinen Liebling eine ziem⸗ liche Strecke. Seine Abſchiedsworte waren: „Junge, geh' nur immer gradaus und handle ſo, daß Du ſtets zum Rapport bereit ſein kannſt; übrigens iſt's einerlei, was Du wirſt, wenn Du nur Deiner Fahne treu bleibſt.— Da iſt eine kleine Reſerve, von der Du im Nothfalle Gebrauch machen kannſt. Und nun Adieu!“ Der alte Mann drückte ſeinem Neffen ein Pa⸗ pier in die Hand, ihn ſelbſt an die Bruſt, dann riß er ſich los, machte raſch rechtsum und ging gradaus. Otto fand, nachdem er die Abſchiedsthräne im Auge zerdrückt hatte, daß ſein Oheim ihm eine Schrift zurückgelaſſen, welche ihn bevollmächtigte, beliebige Summen auf den Namen des Ausſtellers von einem bekaunten Banquierhauſe zu ziehen. In dem Momente, wo wir Otto gefunden haben, iſt er bereits weit von ſeiner Vaterſtadt ent⸗ fernt, und ſein Herz hat ſich nach und nach von der Laſt befreit, welche die verſchiedenen Vorgänge in der jüngſten Zeit auf ſeine Bruſt gewälzt hatten. Er blickt mit klarem Auge um ſich und freut ſich des reichbeladenen Weinſtockes, der Fruchtfülle auf den Bäumen. Der Herbſt zieht erſt dann ſein trauriges Kleid um, wenn alles leer und kahl iſt und nichts mehr rings auf Feld und Baum, was das Herz erfreut. Theilnehmend verfolgten Otto's Blicke einen Zug Vögel, die gen Süden ſteuerten. „Reiſe⸗ und Schickſalsgefährten,“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Dieß Volk hat auch in der Heimat keine Raſt, es wird fortgetrieben ins Weite, in die Fremde, die ungeſtillte Sehnſucht im Herzen.“ Auf einer Anhöhe, von welcher man eine reiche Fernſicht genoß, hielt er ſtill. Auf einer breiten Buche daſelbſt hatte ſich eine Schaar Vögel nieder⸗ gelaſſen, unter derſelben war ein Raſenbänkchen zur Bequemlichkeit der Reiſenden, es winkte Otto freundlich zu und er ſetzte ſich unter das noch volle friſche Laubdach. Die Anhöhe herauf ſchleppte ſich mühſam ein Fuhrwerk, ein großer Wagen mit einem Leinwanddach überdeckt, ein einziges mageres Röß⸗ lein an der Deichſel. Ein Bauernburſche in der Tracht dieſer Gegend zerrte emſig am Leitſeil und nebenher gingen drei ſeltſame Geſellen, die der Wan⸗ derer auf der Höhe mit hinreichender Muße be⸗ trachten konnte. Der Eine war ein Mann von nahe vierzig Jahren, er trug einen Paletot aus dünnem Zeug, der neben den üblichen Löchern noch einige, auf kei⸗ nem Modenbilde angezeigte, beſaß, durch welche ein weißes Hemd neugierig in die Welt blickte. Der große Kragen desſelben fiel über Schultern und Rücken des Trägers und war von einem leichten rothſeidenen Halstuch zuſammengehalten, deſſen lange „Zipfel über den Paletot herabfielen. Der Kopf war von einem Filzhute bedeckt, der nach aufwärts in Walter Lindau: Der Verlorene. 231 eine Spitze, nach abwärts in breite Krempen auslief. Das Geſicht war mit einem ſehr langen rothen Schuurrbarte geziert, ſonſt bot es nichts Ungewöhn⸗ liches. Der Andere dieſer drei Geſellen trug langes Haar, aber ein dreieckiger Hut ſaß darüber, ein ab⸗ geſchabter, doch ſauber gehaltener blauer Frack mit gelben Knöpfen ohne überflüſſige Zuglöcher, eine gelbe Weſte, Nankingbeinkleider und Schuhe mit Schnallen bildeten ſeinen Anzug, nicht zu überſehen den großen Bruſtlatz, der aus der Oeffnung der Weſte hervorſchaute, und einen leichten Spazierſtock aus gewöhnlichem Rohr, der ſich unter ſeinen Hän⸗ den heftig nach allen Seiten krümmte. Der Träger ſelbſt war ein dürres, hageres Männchen, an dem die Kleider mehr hingen als ſaßen. Endlich der Dritte wurde von Beinen getragen, die der liebe Herrgott wie aus Verſehen wohl um eine red⸗ liche Schuheslänge zu hoch gemacht hatte, ſo daß der Oberkörper ganz unſcheinbar aufſaß; den hatte er in einen ſchwarzen Rock geſteckt, deſſen Aermel offenbar zu kurz, deſſen Taille zu weit für den ge⸗ genwärtigen Träger waren. Eben dasſelbe gilt von den grauen Beinkleidern, welche einige Zoll über den Knöcheln Halt machten und auch durch den Zwang der Stege nicht tiefer herabgezogen werden konnten. Otto's Auge, welches den wandelnden Geſtal⸗ ten auf der Landſtraße ſelten einige Aufmerkſamkeit ſchenkte, ſondern in ſeinen Betrachtungen mehr die Landſchaft berückſichtigte, als die Staffage derſelben, fühlte ſich unwillkürlich angezogen durch den ſeltſamen Aufzug der Nahenden. Er erwartete ſie, die ſich den ſchleichenden Gang des dürren Gaules behaglich gefallen ließen und mit nachläſſiger Ruhe hinter dem Wagen einherſchritten. Endlich hatten alleſammt die Anhöhe erreicht und Otto arhob ſich, den Geſellen einen guten Tag bietend. Der Lange nickte vornehm, der im blauen Frack beachtete ihn nicht, nur der im zerriſſenen Paletot nahm ſeinen Hut ab, dankte und fragte: „Wohin denn, Wandersmann?“ „In die liebe Welt, wohin immer mein Fuß mich tragen mag,“ entgegnete Otto. „Schön geſprochen, Herr,“ meinte der Zerriſ⸗ ſene;„Sie müſſen ein Künſtler ſein!“ „Warum?“ fragte Otto. „Weil Sie kein Ziel haben,“ erwiederte jener, „die Kunſt hat keine Heimat, ſie gehört aller Welt; und da der Künſtler der Kunſt gehört, ſo iſt die Welt auch ſein Vaterhaus. So ſchließe ich.“ „Wenn Ihr Schluß richtig iſt, ſo muß ich we⸗ nigſtens Anlagen zu einem Künſtler haben,“ ſagte Otto lächelnd.„Vor der Hand bin ich jedoch nur ein ſchlichter Reiſender, ohne anderwärtigen Char⸗ akter.“ „Das iſt ſchlimm,“ entgegnete der Zerriſſene; „Einen Charakter muß man haben, ſchon wegen der Polizei, welche von jedem Manne verlangt, 232 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. daß er Etwas ſein ſolle. Wie wenn ich ein Gendarm wäre und Sie fragen würde: Herr, wer ſind Sie?“ „Sie ſetzen mir das Meſſer an die Kehle,“ ſprach Otto, der kaum das Lachen über die ſon⸗ derbare Weiſe des Zerriſſenen unterdrücken konnte, der bei Beginn ſeiner Rede plötzlich den Schritt anhielt und ſeine Fratze drohend und pathetiſch mit bezeichnender mimiſcher Aktion hervorbrachte.„Ich glaube gar, Sie ſind ein verkappter Polizeiagent und nehme deßhalb keinen Anſtand, mich Ihnen unter dem Namen Otto Röber, Doktor der Rechte aus N.., vorzuſtellen.“ „Doktor der Rechte?!“ wiederholte der Zerriſ⸗ ſene, ſeinen Hut lüftend, mit einem lauten Ausrufe. Die beiden Andern, welche um einige Schritte voraus waren, blieben bei dieſem Ausrufe ſtehen, ſahen ſich nach den Zurückgebliebenen um und der Lange ſtieß den Blauen an und ſagte halblaut: „Ein Doktor.“ Der Blaue nickte zum Zeichen des Verſtänd⸗ niſſes mit dem Kopfe und ging ruhig weiter, der Lange wartete auf die Herankommenden. „Ich bitte um Entſchuldigung, Herr Doktor,“ fuhr der Zerriſſene fort, nachdem er von ſeinem Staunen über die unerwartete Entdeckung zurück⸗ gekommen war,„doch ich wußte nicht— ich bin Schauſpieler—“ „Das habe ich erkannt,“ unterbrach ihn Otto; „und die beiden Herren ſind Ihre Kollegen?“ „Aufzuwarten, Herr Doktor,“ antwortete der Zerriſſene.„Dieſer Herr hier,“ und er deutete auf den Langen, den ſie inzwiſchen erreicht hatten, „ſpielt die Helden und Liebhaber, jener Herr im blauen Frack iſt unvergleichlich in komiſchen Par⸗ tien und meine Wenigkeit iſt ſtolz darauf, ſich Ihnen als Charakterſpieler vorſtellen zu können.“ Bei den letzten Worten machte der Sprecher eine tiefe und graziöſe Verbeugung und hakte den einzigen übrig gebliebenen Knopf ſeines Paletots in das über ſeine natürlichen Grenzen erweiterte Knopfloch, um ſich ein Air von Anſtand zu geben. „Ich bin erfreut über dieſe Entdeckung,“ ent⸗ gegnete Otto mit jenem verbindlichen Tone, wel⸗ cher die Jronie unter dem Schein von Höflichkeit verbirgt;„und wenn Sie nichts gegen meine Ge⸗ ſellſchaft einzuwenden haben, ſo möchte ich mir das Vergnügen machen, den Weg bis zur nächſten Stadt gemeinſchaftlich mit Ihnen zurückzulegen.“ „Allzugütig, Herr Doktor,“ verſetzte der Char⸗ akterſpieler verbindlich.— „Geſelligkeit in Freud und Leid, Des Wandersmannes Herz erfreut!“ deklamirte der lange Liebhaber und Heldenſpieler. „Wir wollen uns gemeinſchaftlich die lange Weile des Weges verkürzen.“ „Dieſer Herr iſt zugleich der Dramaturg, die eigentliche poetiſche Seele unſerer Geſellſchaft,“ er⸗ klärte der Zerriſſene auf den Langen deutend;„ein Dichtergenie, das in allen Formen zu Hauſe iſt und beſonders ſehr leicht und gut improviſirt, wie Sie ſoeben eine Probe ſeiner Kunſt erhalten haben.“ „Das iſt mir lieb,“ verſicherte Otto.„Man trifft in dieſem Leben voll Proſa ſo wenig poetiſche Ausnahmen, daß man dieſe Wenigen nur ſogleich an's Herz drücken ſollte.“ „Sie ſind ein Mann, der noch die Kunſt Und mithin auch den Künſtler ehrt, Drum macht der holden Muſen Gunſt Sie meines Lobgeſanges werth.“ So improviſirte der Lange, dann fuhr er in Proſa fort: „Herr Doktor, ich bin ſonſt verſchloſſener Na⸗ tur, aber in Ihrer Stimme liegt etwas, das mir Zutrauen erweckt und mir ſagt, daß Sie eine Aus⸗ nahme ſind von den Menſchen, die mit theilnahms⸗ loſem Herzen unter der Sonne wandeln. Erlauben Sie, daß ich Ihnen die Hand drücke, fremder Mann, Deß Stimme wunderſam erklingt, Wie wenn man Lieb' und Freundſchaft ſingt.“ Obſchon dieſe Sprache für den, der nicht daran gewöhnt war, ungemein lächerlich erſcheinen mußte, ſo lag doch etwas Gutmüthiges, ja Rüh⸗ rendes in dem Tone der Worte, daß Otto die dargebotene Hand ergriff und den Druck derſelben erwiederte. „Halt, Tankred!“ rief der Lange dem Blauen zu, der unbekümmert um ſeine Vereinſamung lang⸗ ſam vorwärts ſchritt. Der Blaue blieb ſtehen und ließ die Anderen herankommen. „Wo ſich ein redlich Herze findet, Das ſich dem Herzen ſchnell verbindet, Da ſtimme jeder Brave ein, Um mit den Braven ſich zu freu'n.“ Dieß deklamirend faßte er das kleine dürre Männchen bei den Schultern, ſchob ihn vor Otto und drückte ihn nieder, daß er ſich verbeu⸗ gen mußte. „Sie ſcheinen Geſellſchaft zu meiden?“ fragte Otto den Blauen. „Die Welt iſt ſchlecht, Monſieur,“ entgegnete der Kleine;„ein redlicher Menſch thut am beſten ſich zurückzuziehen und ſie zu verachten.“ „Das ſind düſtere Lebensanſichten, mein Herr,“ bemerkte Otto,„ich will von Ihrem Urtheil, das aus ſeiner Allgemeinheit auf mich übertragen ziem⸗ lich unangenehm klingt, abſehen; aber wie kann ein Mann wie Sie, der, wie ich gehört habe, die Komik zu ſeinem Fache gewählt hat, ſolche Anſichten haben, die dem Herzen alle Freudigkeit rauben?“ „Es herrſcht keine Treue in der Welt. Was da lebt iſt werth, daß es vergehe; denn nur die Liebe macht das Leben ſchön,“ antwortete der Blaue. „Denn nur die Liebe macht das Leben ſchön,“ wiederholten die beiden andern Schauſpieler mit 8 einem tiefgeholten Seufzer. 4 das mir A Aus⸗ Otto die ihn vor ſich verbeu⸗ en?“ fragte entgegnete t am beſten I ſchön, frieler wit t Walter Lindau: Der Verlorene. 233 „Wie mir ſcheint, ſind Sie alle drei kranken Herzens?“ bemerkte Otto. Sie ſahen einander an. „Ja, das ſind wir,“ beſtätigte der Zerriſſene. „Was ſollen wir es Ihnen verbergen, der Sie mit Ihrem Scharfblicke alles erſpähen? Wir tra⸗ gen ſämmtlich eine unglückliche Liebe im Herzen⸗“ „Sie laufen nur ſo nebenher,“ ſagte der Lange zu dem Zerriſſenen.„Kann ſich Ihr Schmerz mit dem meinen meſſen? Erreicht er auch nur den zehnten Theil jener Höhe bei Ihnen, zu der er ſich bei mir erhebt?“ „Ihre Höhe freilich nicht,“ entgegnete der Charakterſpieler und blickte zu dem Langen empor, „aber dafür iſt er bei mir wieder tiefer.“ „Wer ſeine Liebe meſſen kann, der liebt nicht recht,“ ſagte das blaue Männchen.„Meine Liebe hat weder Höhe noch Tiefe— ſie iſt— ſie iſt— ich kann kein Maß, keinen Vergleich finden. Doch, wozu Worte? Laßt mich meinen Schmerz einſam tragen, nur die Einſamkeit kann ihn erleichtern und erträglich machen.“ Nach dieſen Worten machte er einige raſche Schritte, welche ihn ſchnell der Geſellſchaft entführten. „Dem ſitzt der Haken tief im Herzen,“ be⸗ merkte der Charakterſpieler,„er wird noch men⸗ ſchenſcheuer als ſonſt.“ „Und verſchmäht die beſte Geſellſchaft,“ er⸗ gänzte der Lange. Niemand wird ſchneller bekannt und vertraut mit einem Fremden, als ein reiſender Schauſpieler, und ſo währte es auch nicht lange und Otto er⸗ fuhr, daß ſeine Geſellſchafter zu einer Truppe ge⸗ hörten, welche in der nächſten Stadt mit dem kom⸗ menden Tage ihre Vorſtellungen eröffnen wollte. Die Drei waren die letzten Nachzügler, welche dem Bagagewagen als Bedeckung beigegeben waren; der Direktor mit dem Kern der Truppe war bereits an Ort und Stelle und bemüht, alles für die erſte Vorſtellung ſo glänzend als möglich zu arrangiren. Auch über die Liebe ſeiner Reiſegefährten erfuhr Otto ſo viel, als den Liebenden ſelber bekannt war. Es war nämlich ein junges Mädchen vor Kurzem in das Fach der Liebhaberinen und Hel⸗ dinen bei dieſer Truppe getreten und entflammte nicht nur die drei Schauſpieler, die wir bereits kennen, ſondern ſämmtliche männliche Mitglieder der Geſellſchaft zu einer unſinnigen Liebe. Emilie Reich, ſo hieß die verführeriſche Schauſpielerin, war aber gegen Alle eben ſo kalt wie liebenswür⸗ dig, und vergebens mühten und beſtrebten ſich Hel⸗ den, Liebhaber, Intriguanten, ja ſelbſt der Direktor um die Gunſt der Spröden. Der Weg bis zur nächſten Stadt nahm noch etwa drei Stunden in Anſpruch und Otto kam während dieſer Zeit in ein recht vertrautes Ver⸗ hältniß zu dem Langen und dem Zerriſſenen. Der „Kleine marſchirte unabläſſig voraus und wandte ſich nur zuweilen um, wenn das Geſpräch hinter Erinnerungen. 1859, ihm gar zu laut wurde, oder wenn ſein Name ge⸗ nannt wurde, was nicht ſelten geſchah, denn der Charakterſpieler ſchien es darauf anzulegen, ſeinen Kollegen Tankred zu ärgern, wo ſich nur eine Gelegenheit bot. Endlich erreichten ſie die Stadt, als ſchon der Abend hereindämmerte. Es war dieß einer jener vielen Orte, welche zu groß für ein Dorf, zu klein für eine anſtändige Stadt, ſo eine Art Zwitter⸗ charakter haben, wo der eigentliche Bürgerſtand nicht recht hervortreten kann. Solche Orte werden gewöhnlich von den wenigen Beamten, die daſelbſt die laufenden Geſchäfte leiten, und von den vier oder fünf Offizieren, welche da ſtationirt ſind, be⸗ herrſcht. Die Stadt an und für ſich hatte übrigens eine ſchöne Lage, und aus den Höhenzügen auf ihrer entgegengeſetzten Seite ſchloß Otto, daß einige hübſche Partien in ihrer Umgebung ſein mögen, welche einige Blätter in ſeiner Reiſemappe zu füllen Gelegenheit bieten dürften. Der Lange, beſtätigte ihm dieſe Vermuthung, indem er einige beſonders hervorragende Punkte beſchrieb, welche er ſelbſt vor zwei Jahren kennen lernte, wo er in derſelben Stadt einige Wochen mit einer andern Theatergeſellſchaft zugebracht hatte. Auch von einem Gemälde Dürer's erzählte er ihm, welches der Be⸗ ſitzer eines Nachbarſchloſſes nebſt noch anderen werthvollen Bildern in ſeiner Sammlung hatte. „Was bleibt einem beſcheidenen Menſchenkinde dann noch zu wünſchen übrig?“ ſprach Otto, als er die Beſchreibung des Langen, der ſich übrigens Herr Bianchi nannte, vernommen.„Hier will ich Hütten bauen, denn es ſcheint, als gäbe es auf Gottes weiter Erde kein lieberes Plätzchen. Eine ſchöne Natur, darſtellende und bildende Kunſt, und, wie mir die Geſichter der Damen, die in ihrer Abendpromenade uns entgegenkommen, unwider⸗ ſprechlich ſagen, auch ſchöne Frauen. Mein Gott, was verlangt ein Mann mehr, um glücklich zu ſein d4 Sie hielten vor dem größten Wirthshauſe an. Da war bereits der Tanzſaal zum Theater herge⸗ richtet. Die beſcheidenen Hinterzimmer im erſten und zweiten Stock waren an Schauſpieler und Schauſpielerinen vergeben, nur der Direktor hatte ein Frontezimmer genommen, ſeiner hohen Würde gemäß. Otto nahm ſeine Wohnung ebenfalls in demſelben Gaſthofe. Der Wirth, der ihn anfangs ebenfalls für einen Schauſpieler hielt, zuckte die Achſeln und meinte, er hätte nunmehr alle ſeine Räumlichkeiten an die Herren Schauſpieler verge⸗ ben, es wäre nur noch das noble Gaſtzimmer übrig. Er war aber nicht wenig erſtaunt, als Otto eben dieſes Gaſtzimmer für ſeine Perſon anſprach und dem verdutzt Dreinſchauenden die Miethe für eine Woche im vorhinein bezahlte. „Der gnädige Herr ſind alſo nicht von den Schauſpielern?“ erkundigte ſich der Dicke, während er die ihm von Otto übergebene Note umwechſelte. 30 234 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. „Nein,“ entgegnete der Gefragte. „So bitte ich den gnädigen Herrn tauſend⸗ mal um Entſchuldigung, daß ich—“ „Schon gut, wird angenommen,“ unterbrach ihn Otto lachend und blickte aus dem geöffneten Fenſter auf den großen Platz, den er ſo ziemlich leer fand. Am folgenden Tage machte er einen Ausflug in die Gegend, welche ihm Bianchi geprieſen hatte. Er fand wirklich einige Partien, die ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit feſſelten. Wir wollen uns nicht in einer detailirten Schilderung der Einzelnheiten ergehen, die unſern unſteten Doktor anzuziehen vermochten. Wir finden ihn am Abende desſelben Tages unter den Zuſchauern in Parterre, welche dem ſel⸗ tenen Vergnügen einer theatraliſchen Vorſtellung in ihren Mauern wie einer Offenbarung lauſchten. Otto fand gerade ſo viel, wie er ſich verſpro⸗ chen, nämlich— nichts. Es war da, wie bei den meiſten wandern⸗ den Bühnen, ein zuſammengelaufenes Volk von den verſchiedenſten Qualitäten, nur nicht von der rechten. Jeder hielt ſich für einen vollendeten Künſtler, den nur die Ungerechtigkeit des Schickſals zu einem ru⸗ heloſen Wanderleben verdaumte, der aber unfehl⸗ bar auch an jeder Hofbühne ſein Glück machen müßte, wenn er eben noch aweniger Talent, aber etwas mehr Protektion haben würde. Unter Anderen gelang auch wohl hie und da mancher Ton, aber es war nicht das Verdienſt des Schauſpielers, was er recht machte, er kam dazu mehr aus Inſtinkt als durch klares Bewußtſein. Unter den männlichen Mitgliedern war es vor⸗ züglich Herr Tankred, unſer dürre Bekannter im blauen Frack, der auf der Bühne wirklich ein Ta⸗ lent zur Komik entwickelte, welches aber in ſeiner Entwickelung ungedämmt ſich öfter in's Fratzenhafte überſchwang, was wohl dem Pöbel reichlichen Ap⸗ plaus entlockte, dem Kunſtſinnigen jedoch wenigſtens einen Zug des Mißmuths in's Antlitz rief. Otto war auf die Erſcheinung der Dame begierig, welche dem männlichen Theil der Bühnen⸗ geſellſchaft ſo gefährlich geworden. Sie kam im letzten Akt. Otto hatte, ohne daß er ſich es zu⸗ geſtand, nach den Leiſtungen ihrer Kollegen ein Vorurtheil gegen Fräulein Emma Reich, deren Aeußeres jedoch, wie er gleich bei ihrem erſten An⸗ blick erkannte, vollkommen geeignet war, das Auge der Männer für ſich zu gewinnen; aber auch ihr Spiel unterſchied ſich, wenn nicht auffallend, doch für den aufmerkſamen Beobachter deutlich genug von dem der Uebrigen. Man merkte es ihr an, daß ſie mit Liebe zu ihrem Berufe erfüllt ſei, daß ſie das Geſprochene empfinde. Eine glückliche Naturgabe kam ihr nach außen zu Hilfe und ſie fand in vielen Fällen, ohne daß ſie es ſuchte, Ton und Miene. Doch ließ ſie im Ganzen noch alles zu wünſchen übrig, denn nirgends zeigte ſich Klar⸗ heit und Kunſt, es war alles blos ein Spielen mit dem Ungefähr, eine merkliche Unſicherheit, ein Tappen und Haſchen ohne Halt. Otto fühlte ſich unangenehm berührt durch dieſe Wahrnehmung. Er hatte von jeher eine große Liebe für die Kunſt, und ſeine Erziehung geſtattete es ihm auch ſeiner Neigung in dieſer Beziehung zu folgen. Das Theater ſeiner Vaterſtadt, wo ausgezeichnete Kräfte zuſammenwirkten, kannte ihn als einen ſelten fehlenden Gaſt. Er war mit den beſten Schauſpielern perſönlich bekannt, und dieſe, welche ihn bei verſchiedenen Veranlaſſungen in Privatzirkeln und auf Liebhabertheatern zu ſehen Gelegenheit bekamen, waren voll verdienten Lobes für ſein ausgezeichnetes Talent; und wären ihm nicht die ariſtokratiſchen Geſinnungen ſeiner Mut⸗ ter, die ſoliden Grundſätze ſeines Vaters hinder⸗ lich geweſen, er würde ſeiner Neigung gehorcht und ſich der Bühne gewidmet haben. Er erkannte in Emma ein Mädchen mit den beſten Gaben für's Theater, aber ohne jede Bil⸗ dung, welche allein den Schauſpieler zum Künſt⸗ ler macht, indem ſie ihn das Maß ſeiner Kräfte erkennen und praktiſch würdigen lehrt. In dieſer Geſellſchaft, davon war Otto überzeugt, mußte das beſte Talent in verhältnißmäßig kurzer Zeit ſich verflachen und zu Grunde gehen. Mißgeſtimmt verließ Otto nach der Vor⸗ ſtellung den Saal und zog ſich auf ſein Zimmer zurück. „Schade, daß ich nichts für ſie thun kann,“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Aus dieſer Emma könnte wirklich eine Schauſpielerin werden, und deren gibt es noch immer nicht viele.“ Am folgenden Morgen ging er wieder hinaus. Die Eindrücke vom verfloſſenen Abend hatte ein geſunder Schlaf verſcheucht und er überließ ſich unbefangen, wie gewöhnlich, dem Einfluß der Na⸗ tur. Er zeichnete, er ruderte im See, er erkletterte Felſen, erſtieg Berge und träumte vor ſich hin, oder ſang ein Lied, das ihm eben die Stimmung brachte. Erſt als er in die Stadt zurück kehrte, erinnerte er ſich an die Schauſpieler und an Emma. Er war ſchon entſchloſſen dieſen Abend in einem Kaffeehaufe, dem einzigen in der Stadt, zuzubringen, um ſich der Wiederholung des unangenehmen Ein⸗ druckes zu entziehen, welchen er am verfloſſenen Abende aus dem Theater mitgebracht hatte. Aber da kamen eben der lange Herr Bianchi und Wun⸗ der, der zerriſſene Charakterſpieler auf ihn(zu. Bianchi ſprach ihn in Verſen an, Wunder, der ſeinem zerriſſenen Rock einige Flecke aufgeſetzt hatte, in Proſa. Sie waren beide heute beſchäftigt und Otto wurde demnach moraliſch, gezwungen ſeine Reiſegefährten debutiren zu hören. Auch Emma ſpielte wieder und Otto kehrte mit denſelben Ge⸗ danken und Empfindungen heim, wie am verfloſſe⸗ nen Abende. Nahe eine Woche war Otto bereits in der — erührt durch er ei 2 er eine große eſtattete hinder⸗ 0 In dieſer , mußte er Zeit ſich der Vor⸗ 2. Zimmer atte ein ich 9 ſ überlie .„ rück kehlte, an Emma⸗ in einem 1 zazubringen, hmen Eil⸗ n verfloſſenen ber da atte. A i und Wal- denſeben am veifloſſe heceits in Walter Lindau: Der Verlorene. 235 Stadt. Er hatte auch die Kunſtgalerie des Schloſſes! Blick ſenkte ſich raſch und eine zarte Röthe überfloß geſehen und gefunden, daß der von dem Langen ihr Antlitz. ihm gerühmte Albrecht Dürer bles ein gewöhnlicher„Das Urtheil iſt mir unwillkürlich entſchlüpft,“ Farbenklexer geweſen, der dem großen Meiſter nicht ſprach Otto,„ich bitte um Entſchuldigung für einmal den Pinſel hätte halten dürfen. Dafür hatte mein lautes Denken.“ er aber in der Stadtkirche einige alte Schnitzwerke„Es iſt gerecht,“ klang Emmass Stimme gefunden, die unbeachtet in finſteren Niſchen ſtanden herüber,„ich ahn' den Geiſt, doch ich erfaß' ihn und durch ihn aus ihrer Vergeſſenheit gehoben wur⸗ nicht.“* den, nachdem er Gelegenheit gefunden hatte, den„Sie ſind ſtreng gegen ſich,“ verſetzte Otto; Bürgermeiſter, den er im Kaffeehauſe kennen lernte,„Sie haben ſich nur nicht recht in die Situation darauf aufmerkſam zu machen. hineingedacht. Sie haben den Monolog ſo aufge⸗ Otto ſchnürte ſein Ränzchen. Er hatte in faßt, als entſpränge er der Aufwallung einer vor⸗ ſeinem geheimen Rathe beſchloſſen mit der Poſt ei⸗ übergehenden Leidenſchaftlichkeit und nicht der Sehn⸗ nige Meilen weiter zu fahren. Nach einigen Stun⸗ ſucht eines tief empfindenden Herzens.“ den wollte er die Stadt verlaſſen. Emma horchte auf. Es war nicht der Blick Faſt gedankenlos lehnte er an dem hinteren einer in ihrem Künſtlerbewußtſein gekränkten Schau⸗ Fenſter ſeines Zimmers, welches nach dem Garten ſpielerin; ſie glich einer Schülerin, die mit Auf⸗ ſchaute, und blickte hinab auf die Bäume, in deren merkſamkeit den Worten des Meiſters lauſcht. Zweigen reife Früchte hingen, deren Blätter aber„Sie ſprechen ſchön, mein Herr,“ entgegnete zu welken begannen und hie und da ſchon den Bo⸗ Emma nach einer kleinen Panſe;„es klingt ſo den deckten. Eine troſtloſe Aſternflora blickte aus den natürlich, was Sie mir da ſagen, aber ich kann Beeten zu ihm herauf, und die Bohnenblätter, welche Sie doch nicht recht verſtehen. Wollten Sie— doch ſich über ein Geſtell von grünen Latten zogen, um nein—“ eine Laube zu bilden, waren vertrocknet. Aber„Warum nicht?“ fragte Otto, ihre Gedan⸗ drinnen in der traurigen Laube ſtand ein blü⸗ ken errathend.„Es macht mir Vergnügen mich mit hendes Menſchenbild, Emma Reich, die er nun Ihnen über die Iphigenia, sie, beiläufig geſagt, zum erſten Male, beſchienen von dem Glanze des mein Lieblingsdrama iſt, zu unterhalten. Ich willl Tages, ſah. ſogleich herabkommen.“ O, ſie war ſchön! Ernſte, faſt ſchwermüthige Und ohne erſt ihre Antwort abzuwarten war er in wenigen Sprüngen unten und im Garten, — Züge, eine majeſtätiſche Geſtalt, große braune Au⸗ wo ihm Emma bis an die Pforte entgegen ge⸗ gen, die ſo vertrauensvoll in die Welt blickten, als wären ſie unbekannt mit deren Fehlern und Tücken. kommen. Otto ſah zu ihr hinab, er war wohlthätig berührt Otto nahm ihr das Buch aus der Hand durch den Anblick ihrer Schönheit, die in ihrer Voll⸗ und las nach einigen einleitenden Bemerkungen. jede kommenheit auch ihre Umgebung mit einer Art Emma horchte auf jeden Ton, beobachtete jede Verklärungsglanz beſtrahlte. Miene. Sie war bezaubert. Otto fühlte ſich von Sie hielt ein Buch in der Hand und las einer Begeiſterung getragen, wie er ſie noch nie angelegentlich in demſelben, dann legte ſie es auf f empfunden. Jede Empfindung, die ihm aus den den Tiſch und begann mit lauter Stimme einen Zeilen entgegen trat, jeder Gedanke, den er aus⸗ Monolog. Otto war überraſcht. ſprach, ſchien in ſeiner Bruſt, in ſeiner eigenen Seele geboren und erwachſen zu ſein. So kam er anu's Ende des erſten Aktes und ſchloß das Buch. „Sie ſind ein Künſtler!“ rief Emma und faßte „Hinaus in eure Schatten, rege Wipfel—“ ſo tönte es von ihren Lippen und eine Iphigenia auf Tauris ſtand vor ihm. Wie war die Stimme ſo klar und klangvoll, herübergetragen von der fri⸗ ſeine Hand.„Ja, ſo habe ich es nicht empfunden, ſchen Herbſtluft. Wie war ihr ganzes Weſen ſo auf- das iſt neu, das iſt groß, o Gott!“ ſtrebend und rein und ſie ſelber eine an das Ufer„Ich habe mich nur in den Geiſt des Stückes der Barbaren verſchlagene Königstochter, die ſich hineingelebt,“ entgegnete Otto,„und mir durch bede ſucht von den Banden einer Prieſter⸗ einige Uebung etwas von der Darſtellung angeeignet.“ ſ, die zu eng, zu qualvoll waren für ihren„Nein, verſtellen Sie ſich nicht,“ ſppach Emma in's Weite ſtrebenden Geiſt. faſt flehend;„Sie ſind ein Schatſpiel um zwar Der Monolog war beendet. ein großer Schauſpieler.“ „Mehr Klarheit, mehr Bewußtſein!“ klang es Otto mußte über dieſes Urtheil lächeln, aber vom Fenſter in den Garten hinab und als Emma dennoch that es ihm wohl. ihren beruhigten Blick überraſcht erhob, waren die„Ich bin ein Rechtsgelehreter, der ſich nur Worte ſchon geſprochen und nicht mehr zurückzu⸗ als Dilettant mit der Kunſt beſchäftigt hat,“ nehmen; auch das Fenſter verlaſſen durfte Otto verſicherte Otto. uicht mehr.„O, dann widmen Sie ſich der Kunſt,“ Emma ſprach nichts. Ihr fragend erhobener! Emma; Sie müſſen Großes, Großes leiſten. ) Ih 1 11 3 8 — 30* 236 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Otto antwortete nicht, ſondern ging ſchweigend neben Emma und blickte gedankenvoll vor ſich. „Sind Sie ſchon lange bei der Bühne?“ fragte er nach einer großen Pauſe, während welcher Emma ihn unabläſſig betrachtete. „Ein Jahr,“ antwortete Emma. „Und haben Sie dieſen Beruf aus Liebe zur Kunſt gewählt?“ „Ich liebe die Kunſt, ich liebe ſie vom Herzen,“ verſicherte Emma,„ich liebe ſie jetzt erſt neu, da ich durch Sie erkannt habe, daß es etwas Erha⸗ benes iſt um die Kunſt. Aber um aufrichtig zu ſein, wählte ich meinen Stand um mir Unabhän⸗ gigkeit zu ſchaffen. Mein Vater war Stadtſchrei⸗ ber in einer Landſtadt und ſtarb früh, meine Mut⸗ ter ließ mir einigen Unterricht ertheilen, ſie wollte mich zur Gouvernante ausbilden. Ich wurde auch Erzieherin. Doch viele Umſtände trugen dazu bei mir dieſe Stellung auf immer zu verleiden. Ich ſehnte mich nach Unabhängigkeit, nach Freiheit, und wurde Schauſpielerin.“ „Und haben Sie in dieſem Stande die ge⸗ wünſchte Unabhängigkeit gefunden?“ fragte Otto. „Leider nicht,“ antwortete Emma;„ich habe erkannt, daß man ſich auf Erden nirgends ohne Feſſeln bewegen kann; ich bin auch hier eine Skla⸗ vin, aber es iſt dieß wenigſtens eine leichtere Skla⸗ verei, als die frühere, und dazu gewährt mir meine Beſchäſtigung manche Freude, wenn ich mir hie und da etwas recht mache. Leider werden aber dieſe Momente der Selbſtzufriedenheit je weiter, immer ſeltener. Ach es fehlt mir noch viel, ſehr viel, bis ich es dahin bringe, wohin ich gelangen möchte, und Sie haben nun den Abgrund, der mich von meinem Ziele trennt, wohl um ein Großes erweitert.“ Sie ſprachen weiter über die Verhältniſſe, welche bei dieſer Theatergeſellſchaft herrſchten, und Otto entſetzte ſich faſt vor dieſem troſtloſen Bilde einer Kunſtgenoſſenſchaft, welche kein höheres Ziel hatte als ein dürftig Brod, das ihnen mehr durch das Mitleid des Publikums als durch ihr eigenes Ver⸗ dienſt gereicht wurde. Emma, das hatte Otto ſchon früher erkannt, war die Seele, der eigentliche Lebensnerv der ganzen Truppe. Ihr zuliebe verfammelte ſich allabendlich das Publikum, wenn ſie nicht ſpielte war das Haus leer, und da der Direktor keine feſten Gagen zahlte, ſondern die Schauſpieler ſich nach jeder Vor⸗ ſtellung umg die Einnahme nach beſtimmten Ver⸗ hältniſſen eilten, ſo war Emma mehr als gebühr⸗ lich, faſt über ihre phyſiſchen Kräfte beſchäftigt, denn ſie mußte überall ſpielen, mochte es Poſſe, Luſtſpiel oder was immer ſein, das da aufgeführt wurde. Otto hatte, nachdem er Emma verlaſſen, ſo viel zu denken, daß er für einige Stunden an ſeine beabſichtigte Abreiſe vergaß. Als er am Nach⸗ mittage jedoch ſich dazu anſchickte, pochte es an ſeine Thür und Emma mit dem Langen traten ein. Emma erröthete und Herr Bianchi überreichte Otto einen von ſeiner Hand geſchriebenen Theater⸗ zettel, der zur heutigen Vorſtellung, welche dem Vortheile von Fräulein Emma Reich gewidmet war, einlud. Otto nahm einen Sitz und drückte dem Schauſpieler eine Note in die Hand. Als ſie das Zimmer verlaſſen hatten, warf Otto den Stock in eine Ecke. Seine Gedanken von Vormittag kehrten wieder. „Wenn ich da helfen könnte,“ ſprach er zu ſich;„aber was vermag ich? Sie iſt dem Elend verfallen, wie manches Talent vor ihr und neben ihr. Es gäbe mehr Großes in der Welt in Kunſt und Wiſſenſchaft, wenn jeder Gottesfunke, der in mancher Menſchenſeele verborgen glimmt, zur wah⸗ ren Flamme angefacht werden könnte. Oefter bleibt er jedoch unentdeckt, öfter iſt es ſchon zu ſpät, denn die Kohle iſt langſam verzehrt worden, nichts blieb zurück als die todte Aſche.“ Er erhob ſich und griff nach ſeinem Felleiſen, um es auf den Rücken zu ſchnallen und den Stab weiter zu ſetzen, da fiel ſein Blick auf den Theater⸗ zettel und auf den Namen Emma Reich. Er warf das Felleiſen ab und blieb. Er wußte nicht, warum er ſeinem Vorſatz untreu wurde, aber es ließ ihn nicht fort. Es gibt ſchon ſolche Augenblicke im Menſchenleben, wo man frei han⸗ deln könnte, und dennoch nicht Herr ſeines Wil⸗ lens iſt. Der Abend brachte der Benefiziantin ein vol⸗ les Haus, viel Applaus und Kränze. Ein für die Kunſt oder vielleicht für die ſchöne Künſtlerin begeiſterter junger Patrizier hatte ſogar von dem Hauptſchullehrer ein Gedicht ſchreiben und auf ei⸗ gene Koſten drucken laſſen, welches am Schluß des dritten Aktes im Parterre herumflatterte. Otto kam mit der erneuerten Ueberzeugung auf ſein Zimmer, daß aus Emma etwas werden könnte, wenn— nun wenn die Verhältniſſe nicht eben die Verhältniſſe wären. „Sie iſt verloren,“ murmelte er und ſchlief ein und träumte von ihr. Die Sonne ſchien bereits in ſein Zimmer, als er erwachte. Er trat an's Fenſter. Im Garten war Emma. Raſch war er angekleidet und faſt inſtinkt⸗ mäßig zog es ihn zu ihr. „Ich erwartete Sie, mein Herr,“ ſprach Emma, ihm die Hand bietend. „Sie erwarteten mich?“ fragte Otto überrojhi „Ja, was ſoll ich läugnen?“ antwortete Ema. „Mir ſagte etwas, daß ich Sie hier wiederſehen werde. Ich will Ihnen nur mittheilen, daß ich geſtern zum letzten Male geſpielt habe.“ Otto ſah ſie mit großen Augen an. Ueber⸗ raſchung verſagte ihm die Worte. „Sie wundern ſich über den raſchen Ent⸗ ſchluß?“ fuhr Emma fort;„aber er iſt nichts deſto weniger feſt. Ich bin zur Ueberzeugung gekommen, daß ich wohl den beſten Willen habe eine Künſtle⸗ A — di überreicte nen Theater⸗ welche dem hh gewidmet und drükte and. tten, warf ne Ged edanken rach er t dem Elend t und neben elt in Kunſt der in zur wah⸗ eſter bleibt ſpät, denn ichts blieb tem Felleiſen, den Stab den Theater⸗ tin ein vol⸗ Ein für Künſtlerin n dem id auf ei⸗ uß des eden könnte, icht eben die und ſohlief „Garten war jaſt inſtinkt⸗ rach Emma, überrgcht rbele 9 wiederſehen n., daß ich en, an. Ueber⸗ aſchen Eit⸗ — nichts deſto „ aekommen, ine Künſtle⸗ — 4 zu L. Korber: Das deutſche weltliche Volkslied. 237 rin zu werden, aber kein rechtes Talent. Dieſe Ueberzeugung danke ich meiner geſtrigen Unterhal⸗ tung mit Ihnen. Es iſt ſchrecklich, ſich ſo was geſtehen zu müſſen, beſonders wenn die ſchönen Träume eines ganzen Jahres dadurch plötzlich ver⸗ weht werden; aber ich beſitze wenigſtens die eine Tugend, ich bin redlich gegen mich. Und da ich denn keine Künſtlerin werden kann, will ich ei⸗ nen Platz ſuchen, den auszufüllen ich völlig im Stande bin.“ „Nein nein! das werden, das dürfen Sie nicht!“ rief Otto. Er ſprach dieſe Worte, als wäre ein hehrer Geiſt über ihn gekommen, der ihm das Schickſal Emm a's in die Hände legte. „Und warum nicht?“ fragte Emma mit ungewiſſem Tone. „Weil Sie zur Schauſpielerin, zur Künſtle⸗ rin geboren ſind,“ verſicherte Otto,„und weil es eine Sünde gegen den Genius wäre, wenn Sie den heiligen Geiſt, der Sie durchweht, verbannen könnten.“ „Ich habe kein Vertrauen mehr zu mir,“ ſprach Emma einfach und reſignirt, daß dieſe Worte Otto durch's Herz ſchnitten. „Laſſen Sie mich Ihnen das Vertrauen wie⸗ der geben!“ rief Otto hingeriſſen,„laſſen Sie mich Ihren Freund, Ihren Rathgeber ſein!“ „Sie ſind ein edler Mann,“ ſagte Emma gerührt,„aber laſſen Sie mich meinem Schickſale.“ „Wenn es erſt Ihrer würdig iſt,“ entgegnete Otto.„Weiſen Sie mich nicht zurück. Meine Ueberzeugung ſteht feſt, Sie haben eine große Zu⸗ kunft. Geſtatten Sie mir, was an mir iſt, Sie darauf vorzubereiten. Viel fehlt Ihnen noch, das ſage ich offen, aber die Hauptbedingungen ſind da: Talent und Wille; das andere muß ſich finden.“ „Ihre Worte klingen ſüß und verlockend,“ ſprach Emma;„es kündet ſich darin eine Seele, die — die— ich finde das Wort nicht. Sie bieten mir viel. Ihre Freundſchaft, Ihre Unterſtützung, — das iſt mehr als worauf eine Unbekannte An⸗ ſpruch machen kann. Aber ich fürchte mich an Ihrer Großmuth zu verſündigen, wenn ich ſie nicht annehmen würde.— Ich vertraue mich Ihnen, ſein Sie mein Lehrer,— mein Freund.“ Sie reichte ihm die Hand und ohne zu wiſſen was er that drückte er ſeine Lippen darauf. Der Bund war geſchloſſen. * (Schluß folgt.) Das deutſche weltliche Volkslied. Von T. Korber. (Schluß.) U' enden wir uns zu dem Einzelnen, ſo ſchei⸗ b]) det ſich das ganze Gebiet des Volkslie⸗ ‿˙ des in zwei große Gruppen: in die des —o epiſchen und in die des lyriſchen Liedes. Das eigentlich hiſtoriſche Volkslied gelangte in Deutſchland zu einer verhältnißmäßig nur geringen Bedeutung. Die Gegenſtände von allgemeinem Intereſſe waren ſo bedeutend, daß ſie in den engen Rahmen eines Liedes ſich nicht fügten, oder ſie waren nicht Thaten, ſondern Be⸗ gebenheiten, alſo ohne eigentliche epiſche Elemente und nur für den Roman mit Erfolg zu benützen. Was aber von allgemeinem Intereſſe nicht war, gab zwar vielleicht den Stoff zu einer Romanze, die aber bald verhallte, da ja eben dieſe Perſön⸗ lichkeiten und Verhältniſſe für alle übrigen unver⸗ ſtändlich oder von abſoluter Bedeutungsloſigkeit wa⸗ ren. Geſchehen iſt an allen Orten genug, aber nur Weniges davon hatte irgend bedeutende Folgen. Wo dieſe aber eintraten, fehlte auch der Geſang nicht. So riefen im 14. und 15. Jahrhunderte unter den Schweizern ihre ruhmvollen Schlachten gegen Oeſterreich und Burgund zahlreiche Lieder hervor, wovon die berühmteſten ſind die des Luzer⸗ ner Halb⸗ſuter, von dem beſonders jenes auf die Schlacht bei Sempach, in der er ſelbſt mitgefochten hatte, von großer Kraft und dem ganzen kecken Trotz der Eidgenoſſen zeugend, und die Veit We⸗ ber's, der die Verbindung der Schweizer gegen, und ihre Siege über die Burgunder beſang. Andere Lieder entſtanden im Norden unter den Dithmarſen, die ſich im 15. und 16. Jahr⸗ hunderte ſiegreich gegen eroberungsluſtige Fürſten zu vertheidigen wußten. Die Lieder aber, die die Fehden einzelner Kantone, oder Vorfälle im Innern von Deutſch⸗ land zum Inhalt haben, ſind durch Werth und Verbreitung von weit geringerer Bedeutung. Anders ward es in den beiden erſten Drit⸗ teln des 16. Jahrhundertes, wo im Gefolge der Reformation ſo Vieles geſchah, was allgemeine Theilnahme erregte, und ſo wurden die Helden der Reformation, die Ereigniſſe des Bauernkrieges, die Belagerung Wiens durch die Türkentund Anderes beliebte Gegenſtände des Volksgeſanges. Auch ſagenhafte Stoffe aus den Fabelkreiſen der früheren Jahrhunderte waren nicht ſehr im Schwunge, außer wenn ſie Wunder⸗ und Liebes⸗ geſchichten enthielten. Bisweilen wurden noch die Namen der Perſonen und andere Bezüge beibehal⸗ ten, wie im Tannhäuſerlied; meiſt aber ward all' dieſes getilgt, und unzählige Liebesromanzen, an denen die Deutſchen ſo reich ſind, beruhen auf die⸗ Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ſen alten Sagen oder auch auf Zeitbegebenheiten, die aber ganz in ähnlicher Weiſe behandelt wur⸗ den. Glückliche oder unglückliche Begebenheiten Lie⸗ bender, merkwürdige Vorfälle, komiſche Auftritte und Schwänke, bei denen meiſt auch die Liebe etwas zu thun hat, dieſes und ähnliches iſt der Inhalt der meiſt romanzenartigen Lieder, bei denen man zuweilen, wo ſie handſchriftlich überliefert ſind, die Namen der Perſonen am Rand angemeerft ün⸗ det, zum Beweis, daß eine wirkliche Begebenheit zu Grunde liegt. Bald finden die alten Eltern ihre verlorene, todt geglaubte Tochter: Es hatt' ein König ein Töchterlein, Mit Namen hieß es Annelein. Es ſaß an einem Rainelein, Las auf die kleinen Steinelein. Es kam ein fremder Krämer in's Land, Er warf ihr dar ein ſeiden Band. „Jetzt mußt Du mit mir in's fremde Land.“ Er trug's vor einer Frau Wirthin Haus, Er gab's für einen Bankert aus. Hier muß ſſie nun nach Kräften dienen. Da kommt ihr Bruder, iſt entzückt über das wunder⸗ ſchöne Mädchen und erkennt in ihr endlich die Schweſter. Er eilt mit ihr heimwärts. Und wie er durch den Hof einritt, Seine Mutter ihm entgegen ſchritt: „Biſt mir willkommen, Du Sohne mein, Und auch dieß zarte Fräuelein.“ „Es iſt doch nicht mein Fräuelein, Es iſt doch nur Euer liebſtes Kind, Das uns ſo lang verloren ging.“ Und nun iſt ſie wieder das Königskind. Bald werden in irgend einer Weiſe Gefährdete gerettet, bald wieder Unglücksgeſchichten zum Beſten gegeben, bei denen die Sänger nicht ahnten, daß ſie eigentlich an uralte Dinge, an Hero und Lean⸗ der(es waren zwei Edelkönigskinder) u. ſ. w. ihre Theilnahme verſchwendeten. Das Erſchütternde, Schroffe, Tragiſche mil⸗ dert ſich zwar eine Zeit lang hie und da und be⸗ ſonders in der Muſik in's Weichere und Rührende; aber in den wilderen Zeiten zu Ende des 16. und noch im 17. Jahrhunderte kehren jene blutigen und ſchauerlichen Geſchichten wieder, und das Ge heimnißvolle und Myſteriöſe in der Behandlung, die draſtiſche Kürze gerade bei den bedeutendſten Punkten der Erzählung und der durch den gleichen Refrain und die gleiche Melodie herbeigeführte Anſchein dertgrößten Ruhe verleihen dieſen Ge⸗ dichten einen ungemeinen Reiz, ſehr oft auch wirk⸗ lich bedeutenden, ungemeinen Werth. Wie herrlich iſt z. B. das Gedicht:„Die Mordeltern“(Es waren einmal zwei Bauernſöhne), wo der Sohn mit Silber, rothem Gold und unga⸗ riſchen Dukaten aus dem Kriege heimkehrt und, ohne erkannt zu ſein, unvorſichtiger Weiſe ſeine Nichts läßt uns die Gedanken der Da heißt es plötzlich: Schätze verräth. Mutter ahnen. 1 Und als die Mitternacht aubrach, Die Frau zu ihrem Manne ſprach: „Wir wollen den Reiter erwürgen.“ Zwar warnt der Gatte, aber: Die Frau ſtund. auf, mit vielem Fleiß Macht ſie das Fett im Pfännchen heiß, In'n Hals thut ſie's ihm gießen. S nahm ihn bei der ſchneeweißen Hand, chleift ihn in Keller in kühlen Sand: „Da lieg' und bleib' verſchwiegen.“ So weit und auch noch weiter, bis die ruch⸗ loſe That entdeckt iſt, bleibt der Dichter ruhig. D dann aber ruft er aus: Ei, du verfluchtes Geld und Gut, Bringſt Manchen um ſein junges Blut Und um ſein jung friſch Leben.— um aber gleich wieder zur Erzählung zurückzukehren: Die Frau wohl in den Brunnen ſprang, Der Mann ſich in der Scheuer erhang: Drei Mord an einem Tage.— Oder wie ergreifend wirkt in dem Liede:„Es ſollt' ein Mädchen die Lämmlein ꝛc.“ das plötzliche Umſchlagen des Refrains: lachte das Mäd⸗ chen ſo ſehr“ in das Traurige:„Da weinte das Mädchen ſo ſehr“, was ſich noch bis zur Wieder⸗ holung„ſo ſehr, ſo ſehr“ ſteigert. Was aber die Liebesromanzen betrifft, ſo ſind dieſelben ſchon um ihres Inhaltes willen die an⸗ ziehendſte Gruppe unter dieſen Liedern. Sehr oft iſt der Konflikt Folge der Vermi⸗ ſchung ungleicher Stände. Es ſpielt ein Graf mit einer Magd, Sie ſpielten mit einander. —₰ „Da Er überläßt ſie dann ihrem Schickſale und die Arme ſtirbt. Doch nun: Des Nachts wohl um die halbe Nacht Dem Grafen träumt es ſchwere, Ihm träumt von ſeiner herzlieben Magd, Daß ſie geſtorben wäre. Der Graf zu ſeinem Reitknecht ſprach: „Sattel mir und Dir zwei Pierde, Wir wollen weiter Tag und Nacht, Bis wir den Traum erfahren.“ Bald hören ſin die Glocken läuten und: Als ſie woh l auf d den Kirchhof kamen, Wohl unter die hohen Thöre, Da trugen ſie ſein Feinsliebchen daher Auf einer Todtenbahre. Noch einmal muß er ſie ſehen— ſie iſtuts wirklich: „Du biſt fürwahr mein Schatz gewef Und haſt'’s nicht wollen glauben. Und hätt' ich keinen Freund gehabt, Du wärſt mein ehliche Fraue. Er zog ſein Schwert von rothem Gold Und ſtach es ſich in's Herze. Doch auch umgekehrt ereignet es ſich wohl, meiſt aber mit minder traurigem Verlaufe. plotzliche NMP d Mäd deinte das Wieder Wieder t, ſo ſind m die an⸗ Vermii⸗ 8 ich woh V — Ein Reiter(„Es ſteht ein Baum in Oeſter reich“) freit ſieben Jahre um des Königs Toch ter und Er kann ſie nicht erfreien. „Laß ab, laß ab, Du junger Knab, Du kanuſt mich nicht erfreien, Ich bin viel beſſer geboren denn Du, Von Vater und auch von Mutter.“ Nun wird er des Königs gedingter Knecht, der in der Scheune ſchlafen muß. Allein: Des Nachts wohl um die halbe Nacht Das Mägdlein begunnte zu trauern, Sie nahm ihre Kleider an ihren Arm Und ging wohl zu der Scheuer. Und ſo wird der Reiter des Königs Eidam. Und wohlgemerkt: Der uns dieß neue Liedlein ſang, Er hat's gar wohl geſungen. Er iſt dreimal in Frankreich geweſt Und allezeit wieder kommen. Noch viel hübſcher iſt aber das Lied:„Es war ein feiner Zimmergeſell.“ Der baute nämlich dem Markgrafen ſein Haus ſo wohl, daß die Frau Markgräfin ihn dafür zum Dank nothwendig küſ ſen mußte, oder eigentlich er ſie; nur wird es lei der verrathen. Der Gemal wüthet: „Und hat er geküßt meine ſchöne Frau, Des Todes muß er mir ſein.“ Es wird auch voller Ernſt gemacht. Aber die Markgräfin weiß zu helfen: „Ihr Herren, und käm die Frau Markgräfin Vor Euer Bettchen zu ſtahn, Würdet Ihr ſie halſen und küſſen, Oder würdet ſie laſſen gahn?“ Da ſprach der Markgraf ſelber wohl: „Wir wollen ihn leben lahn; Iſt keiner doch unter uns allen hier, Der dieß nicht hätte gethau.“ Und wie nun der Geſelle, reich beſchenkt, von dannen zieht, tröſtet ihn ſeine hohe„Beſchützerin“: „Und wenn Dir Wein zu ſauer iſt, So trinke Du Malvaſier, Und wenn mein Mündlein Dir ſüßer iſt, So komm nur wieder zu mir.“ Andere Lieder rühmen wieder die Treue und Ausdauer in der Liebe, und wohl keines ſchöner als das:„Es ſah eine Linde in's tiefe Thal“— wo der Geliebte nach ſieben Jahren als ſein eige ner Verleumder auftritt, für den vermeintlichen Verrath aber nichts als Segensſprüche erntet: „Ich wünſch ihm all' das Beſte, So viel der Baum hat Aeſte. Ich wünſch ihm ſo viel gute Zeit, So viel als Stern am Himmel ſeind. Ich wünſch ihm ſo viel Ehre, So viel als Sand am Meere.“ Was zog er von dem Finger ſein? Einen Ring von rothem⸗ Golde fein. L. Korber: Das deutſche weltliche Volkslied. 239 Er warf den Ring in ihren Schoß, S ie weinte, daß das Ringlein floß. „Ich wollt' Dich nur verſuchen, Ob Du würdeſt ſchwören oder fluchen. Hätt'ſt Du einen Fluch oder Schwur gethan, Von Stund an wär ich geritten hindauu.“ So ſchön aber dieſe Lieder waren, ſo ganz ſuperweiſe, wunderbare Lehren zog man auch oft aus ihnen: So geht's in der Welt: wenn man verliebt iſt, Muß man ſein Leben laſſen! Aber auch Handlungen aus der Thierwelt werden uns, oft mit dem köſtlichſten Humor, vor geführt. So ſchlagen einſt Kukuk und Nachtigall eine Wette an, wer, von beiden beſſer ſinge. Der Kuluk ſprach:„So Dir's gefällt, Ich hab' zur Sach' ein'n Richter erwählt, Und thät' den Eſel nennen, Denn weil er hat zwei Ohren groß, So kann er hören deſto baß Und was recht iſt erkennen.“ Es geſchieht. Der Eſel heißt die Nachtigall ſingen. Die Nachtigall ſang lieblich aus; Der Eſel ſprach:„Du machſt mir's kraus, Ich kaun’s in Kopf nit bringen.“ Nun ſingt aber der Kukuk. Dem Eſel geſiel's, er ſagt:„Nun wart', Ein Urtheil will ich ſprechen: Wohl ſungen haſt Du, Nachtigall, Aber, Kukuk, Du ſingſt gut Choral, Und hältſt den Takt fein innen. Das ſprech' ich nach meinem hohen Verſtand, Und koſtet' gleich ein ganzes Laud, So laß ich Dich's gewinnen.“ Von bei weitem größeren Umfange aber iſt das Gebiet des lyriſchen Volksliedes, das beſonders im Liebes⸗ und Trinklied ſeine ſchönſten und duf⸗ tigſten Blüthen trieb. Ihm fiel in dieſer Periode alles anheim, was im Minnegeſang allgemein menſchliches, wahrhaft volksthümliches gelegen hatte und daher das unverwüſtliche Lebenselement derſel⸗ ben ausmachte. Alles aber war durch die ſchon dargelegten Verhältniſſe geſteigert, geſchärft, auf die Spitze getrieben. Die Leidenſchaft, unbeirrt von aller Rückſicht, nur unterbrochen oder zeitweiſe zu rückgedrängt durch ganz äußere Zufälle, der volle Genuß des ſelten erhaſchten Augenblickes, dieſe Mächte herrſchen, rein von aller Raffinerie, im ly riſchen Volksgeſang. Dieſe Mächte ſind es auch, die ſich jene eigenthümliche Form ſchufen, wo in der ſcheinbaren Unregelmäßigkeit des Versbaues, im ſcheinbar willkürlichen Wechſel des Maßes, oft die bedeutendſte, zaubervollſte Wirkung liegt. Dabei⸗ that der Leichtſinn, die geſunde Sinnlichkeit und der unverwüſtliche Humor der unteren Stände mehr für das Gelingen, als die größte Kunſt vermocht hätte. Denn die größte ſinnliche Lebendigkeit, der ſpringende und ſtoßweiſe Gang, die unmittelbarſte 240 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Lebendigkeit ſind ja, wie die natürlichſten Folgen jener Eigenſchaften, ſo auch gerade die nothwen⸗ digſten Erforderniſſe des echten lyriſchen Gedichtes. Nicht ſtellt uns ein ruhiger Dichter, der künſtleriſch mit ſeiner Empfindung zu gebahren weiß, das zarte Spiel derſelben in der glatteſten Form dar: die Empfindung ſelbſt ſpricht unmittelbar aus dem Sänger. Heftig und tief von derſelben bewegt, ſpringt er von Extrem zu Extrem, erregt mit Einer Wendung, Einem leiſen Anſtoß Rührung oder Erſchütterung, lächelt unter Thränen und weint unter Lachen. Wir ſind mit dieſer allgemeinen Charakteriſtik ſchon ziemlich ſtark in's Liebeslied gerathen, das ja der eigentliche Hoch⸗ und Kernpunkt des deut⸗ ſchen Volksgeſanges iſt. Ehe wir dieſes aber näher betrachten, nur noch ſchnell etwas Hiſtoriſches. Aus derſelben Zeit, wo neben der verfallenden höfiſchen Poeſie der Meiſtergeſang auf⸗— blühte kann man eigentlich nicht ſagen— erfahren wir zuerſt wieder etwas Näheres über das lyriſche Volkslied. Neben der Bemerkung nämlich, daß die volksmä⸗ ßige Muſik nach der Mitte des 14. Jahrhundertes vervollkommnet worden ſei, was wir ſchon wiſſen, ſind uns auch einzelne Strofen und die Anfänge mehrerer damals gangbaren Volkslieder mit Er⸗ wähnung der Heimat und Verbreitung derſelben überliefert. Wir können auch vermuthen, daß viele von denen, die uns erſt das 16. Jahrhundert über⸗ mittelt hat, aus dieſen älteren Zeiten ſtammen. Wie ſehr aber dieſe volksmäßige Lyrik mit der älteren höfiſchen zuſammenhing, zeigen uns ganz beſtimmt die Poeſien einiger namhafter Dich⸗ ter aus dem Ende des 14. und dem Anfange des 15. Jahrhundertes, in denen, bei großer Volksmä⸗ ßigkeit, doch noch ſowohl die allgemeinen Züge der früheren Kunſt, als auch deren ganz beſondere Formen(Wächter⸗ und Tagelieder ꝛc.) und Be⸗ handlungsarten wiederkehren, die ſich, wie ſchon oben bemerkt, zum größten Theile auch in's 16. Jahrhundert hineinziehen. Auch entſtrömte noch nicht Text und Melodie Einem Munde. Der Herr machte das Lied, die Weiſe der Diener.— Und nun können wir uns endlich zum Liebesliede wenden. Die äußere Form theilt es mit allen andern. Was aber ſchon bei manchen Liebesromanzen der Fall iſt, daß wir nämlich bei denſelben eigenthüm⸗ liche Einleitungsverſe finden, die uns ein Natur⸗ gemälde, irgend ein kleines Geſchehniß in derſelben, kurz etwas mittheilte, das meiſt nicht in äußerem Zuſammenhange mit dem folgenden ſteht, aber in deſto überraſchenderem inneren; wie z. B. in: Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht Wohl über die ſchönen Blaublümlein, Sie ſind verwelket, verdörret— wodurch die ganze folgende Geſchichte ſymboliſch dargeſtellt iſt: das finden wir viel häufiger bei den lyriſchen Gedichten, die uns dadurch oft in zarte⸗ ſter Weiſe ſchon bei der erſten Strofe in die Stim⸗ mung des Gedichtes verſetzen: Wie ſchön blüht uns der Maien, Der Sommer fährt dahin, Mir iſt ein fein's Jungfräulein Gefahren in den Sinn. Oder die welken Blätter rieſeln von den Bäumen — aus iſt's mit der Liebe und mit der Freude: Entlaubet iſt der Walde Gen dieſem Winter kalt, Beraubet werd ich balde Meines Liebs, das macht mich alt. Sollte aber nicht auch trotz Sturm und Eis das Herz glühen dürfen? Außen Froſt und Tod, innen Gluth und Leben— auch das iſt möglich. Dage— gen aber ſingt wieder Einer: Ach, Bäumchen, du ſtehſt grüne, Gott gab dir lang zu ſteh'n. Ich hab' mein Lieb verloren, D'rum muß ich trauern geh'n. . Dieß findet man nun in jeder Weiſe; das Korn iſt ſchon reif, der Herbſt naht: Ich hör' ein Sichlein rauſchen, Wohl rauſchen durch das Korn, Ich hör' ein Mädchen klagen, Sie hätt' ihr Lieb verlor'n.— Oder, wer zweifelt an der Roſe? Iſt ſie nicht ſchön und herrlich? Wer will mit in den Roſenthal geh'n, Allwo die Roſen am ſchönſten ſteh'n? Steh'n der Roſen im Garten ſo viel, Kann man brechen wo man will. Haben wie Roſen beiſammen geſeſſen, Du biſt mein Schatz, mein Engel geweſen; Hätt' mir nicht gebildet ein, Daß mein Schatz ſo falſch könnt ſein. Das wußte alſo jener allerdings beſſer, der behauptete: Es iſt kein Röslein ſo roſenroth, Es ſitzt ein Würmchen darin; Kein Mädchen von achtzehn Jahren, Es hat einen falſchen Sinn.— Bisweilen iſt indeß der Zuſammenhang ziem⸗ lich loſe; ſo z. B. iſt beides gleich natürlich: Wenn alle Brünnlein fließen, So ſoll man trinken. Wenn ich mein'n Schatz nicht rufen darf, Thu ich ihm winken.. Doch auch am Ende des Gedichtes findet man dergleichen; ſo z. B. in einem Abſchiedsliede: Saßen einſt zwei Turteltäubchen Dort auf einem dürren Aſt; Wo ſich zwei Verliebte ſcheiden, Da verwelket Laub und Gras.— Mit ſcharfen Sinnen beobachten die Dichter dieſer Lieder die Natur; uralte Volksſagen, uralter Volksglaube findet bei ihnen Bedeutung und An⸗ wendung, alles lebt und bewegt ſich wie ſie. Die den Bäunen H △ tder Freude: unen age⸗ ——.= r Weiſe; das ? Rf ſie nicht Innt ſein. en darf, findet an liede: L. Korber: Das deutſche weltliche Volkslied. 241 Bäume ſprechen, warnen, wie die Blumen, die ſo⸗ gar wandern. Zeit und Raum ſchlagen in einander um, und liegt ein Ort zwiſchen Oſtern und Pfing⸗ ſten, warum ſollte man nicht Armslang ſchweigen können? Und gelangt hier die Keckheit zum Aeußer⸗ ſten, ſo iſt ſonſt alles unmittelbar wahr, wir ſehen es, erleben es mit, brauchen daher auch gar keine Verſicherung des Dichters, es ſei ihm wohl oder weh um's Herz; ebenſowenig braucht er zu ſagen, daß ihn, daß die Menſchen, mit denen er umgeht, die Natur freut und rührt. Singt Einer: Geſtern Abend in der ſtillen Ruh Hört' ich im Wald der Amſel zu. Als ich nun da ſaß, Meiner ganz vergaß— wer fühlte da nicht alle die Luſt und Freude mit? Und wie vertraut ſie alle mit der Natur ſind! Vögel ſind ihnen Liebesboten; die Nachtigall(„Auf dem Kirchbaum ſteht ein Roſenbaum“): „Frau Nachtigall, klein Vögelein, Willſt du Herzliebchens Bote ſein?“ „Wie wollt ich Dein Botſchaft können ſein, Ich bin nur ein klein Waldvögelein.“ „Biſt Du klein, ſo biſt Du hell, Trag' meinem Lieb die Botſchaft ſchnell.“ Sie flog den Berg, den tiefen Thal, Bis daß ſie vor Schlaffenſter kam. Sie gab dem Fenſter einen Stoß: „Schläfſt du mein Lieb oder biſt du todt?“ Aber auch der Kukuk iſt dazu zu verwenden und recht gut richtet er aus: „Gott grüß Dich, liebſtes Herzchen mein! 3 Kukuk! Hier ſchickt Dein Schatz ein Ringelein, Guck immer, guck immer, Kukuk!“ Aber auch ſonſt unterreden ſie ſich mit Vög⸗ lein nicht nur, ſondern auch mit Sträuchern: Es wollt' ein Mädchen tanzen geh'n, Sie ging gar wunderſchöne. Was faud ſie da am Wege ſteh'n? Eine Haſel, die war grüne. „Nun grüß dich Gott, Frau Haſelin, Wovon biſt du ſo grüne?“ „Nun grüß Dich Gott, fein's Mägdelein! Wovon biſt Du ſo ſchöne?“ So haben auch verſchiedene Blumen und Früchte ihre beſtimmte, immer wiederkehrende Be⸗ deutung. Im Vergißmeinnicht, um mit dem lieben Blümchen anzufangen, blüht treue Liebe: Blau iſt ein Blümelein, Heißet Vergißmeinnicht, Leg' es an's Herze dein Und denk' an mich. Dagegen: Ein Blümlein auf der Heiden Mit Namen Wohlgemuth, Laß uns der lieb' Gott wachſen, Iſt uns für Trauern gut. Erinnerungen, 1859. Ein ganz ſchlimmes Kräutlein wieder iſt die Neſſel, dafür um ſo erwünſchter ein Apfel, von der Liebſten geſchenkt; und wird er zerſchnitten und die Kerne ſpringen vor Herzliebchens Thür— Da kam ein Abendstänzchen herfür. Und ſo hat auch jeder Baum ſeine Bedeu⸗ tung, der eine ſeine freudige, der andere mahnt an die Todten. Wie ſchön und lieb aber ſind die Mädchen! Kaiſerin, Engel, Stern, höchſte Krone und Aehnli⸗ ches ſcheinen allein würdige Bezeichnungen. Daher gilt aber auch: Wenn alle Waſſer wäden Wein, Und alle Berge wären Edelſtein, Und ſie wären mein, So ſollt' mir mein Schätzlein Noch viel lieber ſein.. Und das verdienen ſie wirklich nicht nur nach ihrem Aeußern, das freilich das reizendſte iſt, denn: Dein purpurrother Mund Macht Herze geſund, Macht d' Jugend verſtändig, Macht Todte lebendig, Macht Kranke geſund.— alles Eigenſchaften, die eben ſo den weißen Händ⸗ chen, den klaren Aeuglein innewohnen,— ſondern auch ihr Inneres iſt ſo rein und tief, daß man die Jungen glücklich preiſen kann, denen ſolche Mädchen werden. Auf dieſer Welt hab' ich keine Freud, Ich hab' einen Schatz und der iſt weit, Und wenn ich mit ihm reden kunnt, So würd' mein junges Herz geſund. Hätt' ich einen Schlüſſel von rothem Gold, Mein Herz ich Dir auſſchließen wollt'. Ein ſchönes Bild es iſt darein, Mein Schatz, es muß wohl Deines ſein. Und eine Andere klagt: Biſt nun weit aus meinen Augen, Aber nicht aus meinem Sinn, Du hätteſt mir doch können glauben, Daß ich treu, beſtändig bin. Komm' ich Morgens auf die Gaſſe, Seh'n mir's alle Leute an, Meine Augen ſteh'n voll Waſſer, Weil ich Dich nicht vergeſſen kann. Mit ſolchen Mädchen nun ſind ſie glücklich und Heiterkeit und Frohſinn ſpricht aus ihren Augen, aus ihren Liedern. Auch ein kleiner Muth⸗ wille fehlt nicht: So viel Laub an Buſchund Linden iſt, So vielmal hat mich mein Schatz geküßt; Doch ich muß geſteh'n, Daß ſonſt nichts geſcheh'n; Die Amſel in dem Wald allein Könnte meine Zeugin ſein. Nun das Scheiden, das thut freilich weh. Wie, wenn die Theure ſtirbt? Sollte ſie nicht alles verlaſſen und dem Geliebten nachfolgen? Da wird 31 ——— 242 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. denn alles Böſe dem gewünſcht, der das Scheiden hat erfunden! Doch nicht ſelten iſt Einer froh, wenn's ein Ende nimmt; und nicht nur Einer, auch Eine; ja, die iſt gar falſch und untreu, alles Böſe über ſie; oder nein, ſie iſt doch ſo lieb, ſie bleibe froh und glücklich. Manchem aber bricht das Herz unter dem Leichtſinn der Geliebten; auf's tiefſte gekränkt und verletzt klagt dann der Arme: Lang genug hab' ich geſchwiegen, Dieweil Du biſt ſo hoch geſtiegen, Dieweil Du mich ſo ſehr verachtſt, Und meine Treuheit gar auslachſt. Haſt gemeint, Du biſt die Schönſte Das iſt aber weit gefehlt, Wer Du biſt, der bin ich auch, Wer mich veracht, veracht ich auch. Deine Schönheit wird vergehen Wie ein Blümlein auf dem Feld: Es kommt ein Reiflein über Nacht, Nimmt den Blümlein ihre Pracht. Gift und Gall' hab' ich getrunken, 1 Iſt mir tief in's Herz geſunken, Daß ich faſt kein Leben hab', Und muß fort in's kühle Grab. Andere aber ſind kurz angebunden: Reich und ſchön, das biſt Du nicht, Das weißt Du ſelber wohl, Ja wahrlich Deines Gleichen Bekommt man überall. Oder auch: Willſt Du mich deun nicht mehr lieben, Ei, ſo kannſt Du's laſſen ſein, Ich will mich nicht d'rum betrüben, Will nun leben ganz allein. So wechſelt alſo Trauer und Luſt, Sehnſucht und Spott. Und bei manchen ſchlüpfrigeren, wie originell iſt da das Bemühen, für das Unausſprech⸗ liche Gleichniſſe herzuholen, die das Ding ſo vor⸗ trefflich ſagen, als es nur möglich iſt— wie ori⸗ ginell dieſes Heucheln von Unſchuld, dieſe naive Unverſchämtheit. Aber je jünger die Lieder werden, deſto mehr häufen ſich auch die unſauberen Züge, und ſo kam es denn auch hier zu Aergerniß und manchem Be⸗ mühen der Ausrottung. Mit erotiſchen Elementen durchwebt iſt auch das Jahreszeit⸗Lied, das jetzt aber auch ſchon ſelb⸗ ſtändig auftritt. Frühlings⸗ und Sommerlieder gibt es ſehr ſchöne, aber auch Herbſt⸗ und Winterlieder kommen vor, namentlich letztere ziemlich häufig. Unvergleichlich ſind auch viele Trinklieder, die jetzt erſt neu aufkamen, während ſie in lateini⸗ ſcher Sprache ſchon lange bekannt waren. Sie ſind höchſt geiſtreich und witzig, belebt und friſch in Erfindung und Ausführung. Statt des rothwangi⸗ gen Mägdleins lobt ſich der Trinker das im höl⸗ zernen Reifrock, und wir glauben ihm gerne, wenn Der liebſte Buhle, den ich hab', Der liegt beim Wirth im Keller, Er hat ein hölzern Röcklein an Und heißt der Muskateller. Und der andere verſichert: Kleine Kinder hab' ich nicht gern, Der Wein, der iſt mein Morgenſtern. Und ſo geht es durch alle Tonarten durch. Aber auch zu reflektiren und zu räſonniren wußte man, bald ernſt, bald humoriſtiſch, bald über Weltbegebenheiten, bald über kleinliche Verlegenhei⸗ ten. Und ſo ſang man auch politiſche Lieder, in denen Thaten und Perſonen gefeiert oder verdammt, geprieſen oder geſcholten wurden. Ritter, Türken, Papſt und Kaiſer wurden gleich beſungen, jedoch viel werth waren dieſe Lieder ſelten. Dagegen ſinden wir in den folgenden Klaſſen wieder viel Schönes, in den Jäger⸗ und Berg⸗ mannsliedern, den Geſängen der Studenten, Sol⸗ daten und Handwerker. Sehr häufig ſind die Jä⸗ gerlieder(die Jägerromanzen gehören natürlich unter die epiſchen Gedichte), die aus dem Jägerleben Belehrendes oder Ergötzliches darſtellen; ich erinnere nur an das Lied: Geſtern Abend ging ich aus— Wo der Haſe ſich vom Herzen kräukt, Wenn er an ſein kurzes Schwänzlein denkt.— ſo wie die Handwerkslieder, von denen aber nur jene vortrefflich, die, wie die Wanderlieder, die Allgemeinſten ſind. Die Ruhm⸗, Ehr⸗ und Preis⸗ lieder der einzelnen Handwerke ſind ſehr nach einem Leiſten gemacht, und nur manche Ruhmredigkeit wirkt hier eben ſo komiſch, wie das Herabziehen des Gegners in den Spott- und Hohnliedern auf die verſchiedenſten Handwerke, wobei freilich die Schneider am übelſten wegkommen, wie denn ſchon frühe, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, „das böſe Lied von der Gaiß“ in Regensburg zu ſingen verboten ward.— Auch die Eheſtands⸗ und Brautlieder könnten hieher gerechnet werden, und beſonders unter den erſten gibt es Dinge, die an Humor beinahe alles andere übertreffen(„Ich ging in meinen Stall, da ſah ich ei, ei“). Hiemit ſind wir bereits über die Grenzen der Blüthezeit hinaus gelangt. Denn mit Luther und der Reformation kam ein neues Element, das alle Gemüther ergriff, in's Daſein, und die beſten Kräfte wandten ſich nun der Löſung der neuen Aufgabe, je nach ihrer beſonderen Auffaſſung derſelben zu. Und da die weitere Ausbreitung der Buchdrucker⸗ kunſt gerade mit in dieſe Zeit fiel, ſo las man lieber als man ſang und breitete ſich lieber in Proſa oder längeren Gedichten aus, als daß man ſich in der Liederform beſchränkt hätte. Eine tiefe Kluft trennte von nun das früher in Religionsſa⸗ chen einheitliche Volk, es erwuchs die Reflexion, die Wiſſenſchaft verbreitete ſich unter die höheren Stände, die Bibel und Pasquille nahmen die Zeit der nie⸗ er ſingt: deren in Anſpruch. Jeue ſuchten wieder eine eigene 5 rten durch. u rüſonniren ich, bald über Verlegenhei Lidder, in r derdammt, Türken, nden Klaſſen und Verg aber nur erlieder, die und Preis ach einem digkeit Herabziehen ic enn ſchon rhunderts, gensburg zu ſtands⸗ und verden, und ge, die an 7„ch ging Jrenzen der Luther und t, das ale heſten Kräfte Aufgabe, eerſelben zu. guchdrucker⸗ 7 las man ſ— H lieber in daß man iine tieft Veligionsſa⸗ erion, die n Stände, et der nie⸗ eigene ein Das neapolitaniſche Volk. 243 Poeſie zu gewinnen, und wer ſich ja dem Volks liede zuwandte, produzirte mit Bewußtſein nachah⸗ mend und übertrieb und verdarb, was naiv und ſchön war. Und ſo ſank das Volkslied immer tiefer, und nur was ſich aus früheren Zeiten erhielt, bewahrte eben noch theilweiſe wenigſtens die alte Reinheit und Vollendung. Für einzelne Zweige aber gab es doch noch günſtige Momente. So entſtanden im dreißigjährigen Kriege, in den Türken⸗ und anderen Kriegen in Eugen’s Zei ten, ſo wie ſpäter in denen Friedrich II. Soldaten lieder, die, da ſie nicht aus der Hefe der Kriegs heere, ſondern von gebildeten Abenteurern herſtamm ten, die ihre urſprüngliche Bildung mit demn Sinne und Geiſte des Volkes zu vermälen wußten, hiemit in gleicher Weiſe, wie das frühere Volks lied, die beſten Bedingungen für ihr Gedeihen vor fanden. Und ſo waren auch für's Jägerlied bei er neuerter, kunſtmäßiger Betreibung des Weidwerkes im 17. und 18. Jahrhunderte alle Bedingungen zur Blüthe vorhanden. In's Volk indeß drang nur dasjenige und erhielt ſich in demſelben, was ſich nicht auf's Speziellſte des Jagdhandwerks bezog. In den übrigen Gattungen verſchwand der feinere Duft, das Bäueriſche, Rohe nimmt über hand; die herrliche Regelloſigkeit ſcheint verächtlich, man wird logiſcher, nüchterner und zuletzt proſaiſch. Was früher lebendig aus der Seele quoll, wird zur todten, unverſtandenen rein erborgten Wendung, und das handwerksmäßige Gedicht nun hier ebenſo, wie in der Kunſtdichtung. Fremde, romaniſche For men verdrängen die urdeutſchen; wir haben im Volke dasſelbe, was unter den Gebildeten die ſchleſiſche Dichterei iſt. Wie ſich die deutſche Kunſtpoeſie endlich zu ihrer zweiten herrlichen Blüthe erhob, gehört nicht hieher; wohl aber können wir einiges wenige über Aufnahme des Volksliedes unter die Gebildeten ſpre chen, wobei ſich der Einfluß desſelben auf die Kunſtpoeſie von ſelbſt ergibt, wenn man nur den einen Namen Goethe nennt. Als im letzten Drittel des vorigen Jahrhun⸗ dertes, vorzuglich Percy's Sammlung und Macpher ſon's Oſſian in Deutſchland ein größeres Intereſſe für Volksgeſang erweckte, war es beſonders Herder, der auf den hohen Werth desſelben aufmerkſam machte; und alsbald begann man, die deutſchen Volkslieder, die ſich auf fliegenden Blättern, in Hand⸗ ſchriften oder in alten Liederblichern erhalten hatten, theils in Zeitſchrifften und Sammelwerken, theils in eigenen Liederſammlungen dem Publikum zugäng⸗ lich zu machen. Verſuchten auch Einzelne dieſes Streben lächerlich zu machen, ſo gewannen ſie doch keinen Einfluß oder erreichten, wie Nicolai, das Gegentheil von dem, was ſie beabſichtigten. Die Sammlung dieſes Mannes erſchien unter dem Ti⸗ tel:„Eyn feyner kleyner Almanach Vol ſchönerr echterr lieblicherr Volksliederr, in 2 Jahrgängen“; und war ſo, wenn auch in ganz anderer Abſicht, ein Anfang gemacht, ſo lam gleich auch Herder mit ſeiner Sammlung von Liedern aller Nationen, und bald Andere, beſonders Arnim und Brentano mit „des Knaben Wunderhorn.“ Auch Büſching und van der Hagen, ſowie Meinert mit Liedern in der Mund art des Kuhländchens ſind zu erwähnen, und wegen der beigegebenen Originalmelodien, wodurch erſt die Volksliederſammlungen ihre eigentliche Bedeutung erhalten, Erk und Irmer, und ganz vorzüglich Hoffmann und Richter mit ihren ſchleſiſchen Volks liedern. Uhland's alte hoch⸗ und niederdeutſche Volks lieder ſind ein wahrer Schatz von Volksdichtungen, und ebenſo die Sammlung Simrock's wegen ihrer leichtern Verſtändlichkeit ſehr zu empfehlen. Ueber Volkslieder iſt ſehr Vieles, ja Unüber⸗ treffliches geſchrieben, und wenn wir den„Verſuch einer geſchichtlichen Charakteriſtik der Volkslieder germaniſcher Nationen von Talaj“, den Abſchnitt bei Gervinus und ganz beſonders die Abhandlung „das Volkslied“ in Profeſſor Bratranel's„Beiträ gen zu einer Aeſthetik der Pflanzen“ hier nament lich aufführen, ſo geſchieht dieß blos, weil dieſe Schriften die leichtere Zugänglichkeit vor andern voraus haben. Schließlich nur noch eine Bemerkung zur rech ten Würdigung der meiſten Sammlungen: eine charakteriſtiſche Auswahl iſt nur bei den zuletzt ge nannten zu finden; ſie allein bieten zum größten Theile ſchönes, wahrhaft hieher gehöriges: die an deren verwirren mehr als ſie nützen und beſtäti gen nur in ſehr geringem Maße das Urtheil über das deutſche Volkslied, das im Verlaufe dieſes Auf ſatzes als wirklich berechtigt mitgetheilt worden iſt. Das neapolitaniſche Volk. G=. Gh ee„ Ihe Charakter des neapolitaniſchen Volkes hat, (2 wie der eines jeden Volkes, ſeine guten und ( So ſchlechten, ſeine Licht⸗ und Schattenſeiten. ,)7 Der Neapolitaner iſt leicht erregbar und — leidenſchaftlich. Beim geringſten Wortwechſel zittert er gleich am ganzen Körper, aus ſei nen Augen ſprüht Feuer blinder Leidenſchaft. Da hauen die Mütter ihre Kinder auf den Boden, oder beißen ſie in's Geſicht oder in die Hände. Zuwei len übergeht eine krampfhafte Wuth in eine Art von Tanz. So ſah ich in St. Lucia zwei Weiber, welche nach hartnäckigem Gezänke zu tanzen und einander zuzukreiſchen begannen:„Willſt Du hier die Frau ſein?“ dabei blähten ſie ihre Kleider nach Geſtalt der Krinolinen auf. Zu dieſem heißen Temperament, das vom heißen Klima geſchaffen wird, geſellt ſich große 31* 244 Erinnerungen. Trägheit, die Mutter der Unreinlichkeit, in wel⸗ cher die Neapolitaner wahrlich unübertrefflich ſind. Schmutziges Geſchirr und beſchmutzte Hände bei der Zubereitung der Speiſen erfüllen uns mit Ekel, Zimmer, in denen keine Gäſte empfangen werden, wäſcht man mehrere Jahre hindurch gar nicht. Be⸗ fleckte und zerriſſene Kleider trifft man ſelbſt bei Vermöglichen, und manche varnehute Dame beſitzt vielleicht mehr ſtrahlende Brillanten als reine Wäſche. Viele Weiber der niederen Klaſſe kämmen ihre Haare an Wochentagen nicht. Um wenigſtens die Kinder vor Ungeziefer zu ſchützen, wird denſelben das dichte Haar ganz ab⸗ geſchnitten und der Kopf in ein turbanartig zuſam mengerolltes Tuch gewickelt. Ueberall liegen Haufen von Miſt namentlich in den Seitengaſſen. Wo keine Scham zu finden, da iſt auch Man gel an Ehrgefühl. Ein neapolitaniſcher Marcheſe und Koth, warnte mich einyr als er hütt⸗ daß ich bei einem Handwerker Arbeit beſtellt habe:„Signore, ſeien Sie auf Ihrer Hut, alle Neapol itaner ſind Schur ken!“„Ha, dann werden Sie am Ende auch einer ſein!“ rief ich halb im Scherz, l halb ergrimmt aus.„Ja, ja, aber nur ein hal lber Schuft,“ erwiederte er, helllaut auflachend.— Vergaß ſein Diener etwas zu kaufen, verfiel der Marcheſe in furchtbaren Zorn, nannte ihn einen Eſel, einen Schelm und drohte ihm mit Abzug ſeines Monats⸗ lohnes. Dieſe Drohung wirkte mehr deun alle S himpfnamen.„Eecellenza!“ leh ihn der Diener ,„prügeln Sie mich, nur Geldſtrafen legen Sie mir nicht auf, denn das Geld thut mehr wehe!“ Züngſt gab ich einem zur Erde gebeugten Knaben ſcherzweiſe Anen Klaps. Dieſer erhob ſich und ſprach:„Signore, bezahlen Sie mich dafür.“ Das Geld iſt der Hebel, der die Bewohner Neapels in Bewegumg ſetzt. Gelv wird für die ge ringfügigſte Dienſtleiſtung, ja für einen Scherz ge fordert. Sie lachen für’s Geld, ſie ſpringen für's Geld, ſie tanzen für’s Geld, ſie ſingen für’s Geld. Einſt ging ich längs dem Meerbuſen an einer Gruppe Matroſen vorüber. Sie ſaßen im Kreiſe um einen Greis, der ihnen einige Geſchichten zum Beſten gab. Von Neugierde getrieben blieb ich ſte hen, der Greis hielt jedoch in ſeiner Erzählung inne.„Ich will Euch nicht ſtören,“ ſagte ich.— „Meine Erzählung iſt zu Ende,“ erwiederte er, „falls der Signore nicht zahlen will. 7„Wohlan denn!“ rief ich aus,„ich will Euch bezahlen, ver haltet Euch nur hübſch artig.“— Bei den Wor ten„ich will Euch bezahlen“ fing der Alte wie begeiſtert ſeine Erzählung von vorn an. In dieſer wurden mir Helden des Meeres und des Feſtlan des, Helden des Himmels und der Hölle vorgeführt. Die Neapolitaner legen ihre Worte durchaus nicht in die Wagſchale. Sie ſchwören bei allen Heiligen, kreuzen die Finger und ſprechen feierlich: „Ich ſchwöre beim heiligen Kreuze Gottes“— den⸗ Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. noch aber haben ſie gelogen. Die Kaufleute kennen keine feſtgeſettte Preiſe und laſſen dem, der mit ihnen zu handeln ve rſieht zwei Drittel, ja ſogar drei Viertel der verlangten Summe nach. Hier wird um Alles gehandelt; man handelt nicht allein um die Speiſen und Getränke in der Kneipe, ſon⸗ dern auch ſogar um Einlaßkarten in's Bad, ja um die Poſtgebühr. Der Neapolitaner verſpricht Alles, ſelbſt wenn er ſein Verſprechen zu halten nicht im Stande iſt. Man muß daher im Ungange mit ihnen vor unbe⸗ dingtem Vertrauen ſich hüten. Der Neapolitaner hält vas Vertrauen für Dummheit und will aus demſelben eben ſolchen Nutzen ziehen, wie vom ſchmutzigen Geizhals, den er verachtet. Betrügereien gibt es hier eben ſo gut wie in anderen Städten. Man erzählte mir von einem Herrn, welcher beim Fabrikanten Wachs kaufte und um 2000 ducali Wachskerzen und dieß ſogleich auf Maulthieren heimtransportiren ließ. Vor den Kaufmann ſtellte er zwei ſchwere mit Gold und Silber vollgeſtopfte Säcke auf den Tiſch. Dieſer Herr hatte bereits 20 ducali herausgenommen, als zwei Bettler mit der Bitte um ein Almoſen in den Laden traten.„Packt euch zum Teufel!“ ſchrie der Fremde ergrimmt ob der Störung beim Geldzäh⸗ len. Die Bettler gehen nicht von der Stelle; er wird leidenſchaftlich, ergreift den Stock, drängt ſie zur Thüre hinaus und zeigt ſich nicht mehr. Un⸗ heil ahnend leert der Kaufmann die Säcke und findet noch gegen vierzig Stück echten Goldes, das übrige war alles falſch. Von Diebſtählen hört man übrigens ſelten, wiewohl der pfiffige und gewandte Neapolitaner ſehr große Fähigkeiten hiezu beſitzt. Er hat zu kleine Bedürfniſſe und verſteht es, die paar Gran, die er zum Lebensunterhalte bedarf, auf leichte Art zu verdienen. Unredlicher Erwerb wird buscare genannt, und wer den Diebſtahl verdammt, ſieht nichts Böſes darin, wenn ein armer Teufel buscirt. Der Koch, welcher ſeiner Herrin Gemüſe am Markte einkauft, zahlt für eine Schüſſel mit Gemüſe um vier Gran weniger als zu Hauſe; er buscirt daher zwei Gran für ſich und zwei erſpart er noch ſeiner padrona. Der Diener, der für ſeinen Herrn einen Wagen miethet, erhandelt zwei Carolini und buscirt einen für ſich. Sein Herr weiß es und zahlt ihn dafür erbärmlich. Will man Jemand eines augenſcheinlichen Diebſtahls zeihen, ſo muß man hiebei ſehr vorſich⸗ tig zu Werke gehen. Gegen Seidentücher ziehen ge⸗ wöhnlich zwei Gauner zu Felde, von denen einer geſchickt und leiſe das Tuch aus der Taſche zieht. Bemerkt man dieß und fpackt Auan ihn bei der Hand mit dem Zuruf:„Halt, Du Dieb!“ ſo wird er mit der unſchuldigſten Miene antworten:„Che volete?“(Was wollen Sie?) und zeigt die leeren Hände, denn das Tuch nahm ſein im Menſchen⸗ gedränge verſchwundener Spießgeſelle mit.„Che — aie kennen der mit ſa ſogar ch. Hier icht allein deipe, ſon 8. R. Rd, ja um dlbſt wenn Stande ſſt vor unbe gpolitaner gut wie in von einem kaufte und dieß ſogleich Vor den Vold und ſch. Dieſer oſen in den ſchrie der t zu paar Gran, leichte Art d buscare mt, ſieht ufel buseirt. am Markte Hemüſe um wseirt daher noch ſeiner Herrn einen und buscirt d zahlt ihn nicheinlichen ehr vorſih⸗ — giehen ge⸗ denen einer Taſche gieht n bei der 9 ſo wild tten:„Che tdie leeren Menſchen⸗ nit. vhe amen, als, volete?“ wiederholt der Beleidigte und man ſteht verblüfft da. Ertappt der Fremde den Dieb auf friſcher That und will ihn durchwalken oder der Polizei übergeben, ſo nimmt ſich das Volk meiſt des Schelmes an und bittet:„Laſſen Sie den ar men Teufel, machen Sie ihn nicht unglücklich!“— Denn zwiſchen„Mein“ und„Dein“ herrſcht bei dem gemeinen Volke noch eine nicht unbedeutende Begriffsverwirrung. Ueber Morde ſelbſt ſpricht man mit der größ ten Gleichgiltigkeit. So erklärte mir ein Gaſtwirth die Bedeutung eines ſolchen Verbrechens auf fol gende Weiſe:„Ich erwähne derjenigen nicht, die je ſo gemacht hatten(dabei zeigte er durch Mimik einen Dolchſtoß an), denn dieß kann Ihnen und mir alle Augenblicke widerfahren. Ich ſpreche nur von ſolchen, die ſich eines Verbrechens ſchuldig ge⸗ macht haben.“ In Neapel frug ich Galeerenſträſlinge um den Grund ihrer Strafe.„Wir begingen eine Dummheit(pazzia),“ erwiederte ruhig einer aus ihnen. Auf die Frage, worin die Dummheit be ſtanden habe, erzählte er nicht ohne Befriedigung, daß ſie in Capri einen Hirten, ihren Todſeind, in demſelben Feuer verbrannt hätten, welches dieſer angezündet habe. Der Umſtand, daß der Hirt ſie einſt empfindlich beleidigt hatte, rechtfertigte in ihren Augen dieſe häßliche That. In einem Lande, wo Mordthaten ſo häufig ungeahndet verübt wer den, wo der Verfolgte ſo häufig keinen Schutz und der Beleidigte keine Genugthuung ſindet, ſucht Je der ſelbſt ſich Gerechtigkeit zu verſchaffen, ſeine Rache zu befriedigen. Man erleichtert den Verbre chern die Flucht auf jede mögliche Art, wenn die Behörde ſie verfolgt.„ Die neapolitaniſche Gendarmerie iſt gut orga niſirt, ſchön und von hohem Wuchſe. Man hört jedoch ſehr häufig von Räubereien auf der römi ſchen Heerſtraße zwiſchen Gaeta und Terracina, in den Abruzzen und in Kalabrien. Bei den neapoli taniſchen Räubern handelt es ſich nur um's Geld; haben ſie dieſes, dann ſind ſie nicht mordgierig. Die Banditen ſind zumeiſt Mörder, die vor dem Arme der Gerechtigkeit in die Gebirge ſich flüchteten; daher der Name: Bandito(Verbannter). Die minder ziviliſirten Völker zeichnen ſich oft durch wilde Verwegenheit aus. Dieß lann man jedoch von den Neapolitanern durchaus nicht ſagen. Fahren ſie z. B. einen ſteilen Berg herab, oder gleitet ihnen das Maulthier aus, dann ſchreien ſie: „Langſam! langſam! o mamma mial leigentlich: o meine Mutter!) langſam! halt!“ und ſpringen gleich aus dem Wagen. In noch ſo großer Anzahl verſammelte Kinder fliehen vor einem Schoßhündchen, und ein tüchtiger Schweizerſoldat treibt das ganze Dorf vor ſich her. In Schlachten ſtrecken die einheimiſchen Sol daten faſt immer die Waffen und ſchreien:„Mamma mia! o mamma mia!“ Enſtachius Schnabel, der Notizenſammler. 245 Zur Nachtzeit ſchlug jüngſt, als ich in Capo vimonte übernachtete, der kalte Blitz in die Mauer eines Hauſes ein, und nächſten Morgen ließ ſich die Hälfte der Einwohner des Ortes zur Ader, daß ihnen der Schrecken nicht ſchade. (Schluß ſolgt.) Enſtachins Schnabel, der Notizenſammler. ℳ ag es immerhin in manchen Fällen erſprießlich ſein, 8*) durch etwas Ima S6 h. gination der un N vollkommenen Wirklichkeit zu Hilfe zu kommen, ſo iſt es doch auch wahrlich kein beneidenswerthes 8* Glück, ſich einer Vhallzu lebhaften — Phantaſie rühmen zu dürfen. Mit einem Gold netz umſpinnt ſie uns; wir ſitzen in der Mitte desſel ) ben, lächeln die vor uns gaukelnden ſchönen Bilder an und glauben— ſie ſeien wirklich. Mit leuchtenden Blicken weiſen wir auf ſie hin:„Seht, Menſchlein, ihr da draußen, alle dieſe Herrlichkeiten exiſtiren und ſind mein!“ Erſt ein plötzlicher Sturz von der Höhe öffnet uns die Augen, wir ſchlagen an die Stirn und das Ende vom Liede iſt dann gewöhnlich:„O welch' ein Thor war ich, das für blankes Gold zu halten, was nur eitel Schaum und Dunſt!“ Auch Herr Euſtachius Schnabel gehört zu den Perſonen, bei denen die glühende Einbil dung Alles, der helle Blick des Verſtandes— Nichts iſt. Doch eines müſſen wir an ihm bewundern, die ſtarre Konſequenz, die er einhält. Seinen erträum⸗ ten Gebilden haucht er Leben ein, führt ſie dann hinaus in die kalte Wirklichkeit, glaubt in ſeiner Unſchuld, man werde ihre Wahrheit erkennen und gleich ihm preiſen; und zwingt nun das Un⸗ glück ihn, oberwähnten Monolog zu halten, ſo lä chelt er ſtill vor ſich hin— und iſt der gute alte Euſtachius Schnabel wieder wie vor. Doch ſtatt aller weiteren Beſchreibung will ich ihn gleich wirkend meinen Leſern vorführen. * Herr Euſtachius Schnabel ſitzt gemäch⸗ lich in einem weichen Fautenil im engliſchen Kaffee⸗ 246 Erinnerungen. ſalon und nimmt in kurzen Abſätzen ſeinen, dam⸗ pfenden„Kapuziner“ zu ſich, nach jedem Schlucke wonniglich ſchmunzelnd. In ſeiner Linken hält er das Tagesblatt:„Die Poſaune“ und ſtudirt gar fleißig einen Artikel desſelben. Man könnte wetten, er leſe ihn zum fünfzigſtenmale. Wir blicken ihm über die Schulter und ſtillen unſere Neugierde. „ Die überaus zahlreiche Theilnahme des P. T. Publikums am geſtrigen Leichenbegängniſſe des Herrn Sammethändchen ließ uns mit tiefer Rührung die Liebe und Verehrung erkennen, die der Verblichene im Leben genoſſen. Und wirklich, Herrn Sammethändchen's Güte kannte keine Gren⸗ zen; er war ein Menſchenfreund im vollſten rein⸗ ſten Sinne des Wortes, und die Thränen, die wir in den Augen der Leidtragenden erblickten, ſie wa⸗ ren fürwahr ihm die ſchönſte Lobrede.— Herr Sammethändchen ſtarb im neunzigſten Jahre ſeines ſegensreichen Lebens als Junggeſelle und demnach — kinderlos.— Friede ſeiner Aſche.“ Sollte der † nicht Herr Euſtachius Schna⸗ bel ſelbſt ſein, der ſeine Laufbahn als Notizenjäger ſo glänzend begonnen?— Er lieſt ſeinen pracht⸗ vollen Aufſatz zum einundfünf fzigſtenmale. Plötzlich ſchreitet ein junger Mann in ſchwarzer eleganter Kleidung auf ihn zu und muſtert ihn mit höhni⸗ ſchen Blicken. Herr Schnabel ſchaut auf, wer der verwegene Störer ſei, der ihn in ſeiner Lektüre unterbreche. „Wünſchen der Herr vielleicht„die Poſaune“?“ liſpelt er mit ſüßer Stimme und lächelt den Frem⸗ den freundlichſt an,„iſt heute ſehr intereſſant„die Poſaune“— beſonders ein Artikel über das Be⸗ gräbniß des Herrn Sammethändchen— man ſieht, daß es noch Menſchen gibt, denen das Herz am rechten Flecke ſitzt. Bald zu Thränen hätte mich der Aufſatz gerührt, wirklich bald zu Thränen.“ Schnabel fährt mit dem Rockärmel über ſeine Augen. „Will Ihnen gleich„die Poſaune“ geben— muß noch einmal leſen den trefflichen Artikel.— Die überaus zahlreiche—“ Schnabel verſtummt, denn der Fremde legt ſeine Hand auf das Blatt und ſtarrt ihn wild und drohend an. „Mein Herr, Sie ſind— 2 „Euſtahins Schnabel, aufzuwarten,“ ſtottert erbleichend dieſer, und ſeine Augen irren hilfeſuchend umher. „Wohl, mein Herr!“ ſchreit der Fremde, Sie ſind der Schnabel und ich bin der Enkel Sam⸗ methändchen's, den Sie in Ihrem Eifer als ehrſamen Junggeſellen Fer ürden ließen.“ „Sie? S Sein Enkel?“ ſtammelte Schnabel. „Ja, ſein Enkel, und dieß als Dank für Ihr noch ſo wenig gewürdigtes Verdienſt—“ Wir laſſen den Vorhang fallen und blicken in die nächſte Nummer der„Poſaune“. „I Wie wir aus glaubwürdiger Quelle ver Illuſtrirte B ätter für Ernſt und Humor. nehmen, ſollen ſich geſtern im Kaffeeſalon des Herrn Maiſele zwei Herren auf Degen gefordert haben. Ueber den Grund hievon kurſiren verſchiedene Hy⸗ potheſen, die wir als ſolche unerwähnt laſſen. Wie ein Gerücht aber wiſſen will, ſoll das Duell wirk⸗ lich ſtattgefunden und einer der heißblütigen Lions eine ziemlich ſtarke Kopfwunde davon getragen ha⸗ ben. Doch wird eine Amputation des verletzten Gliedes hoffentlich nicht nöthig ſein.“ II. Herr Euſtachius Schnabel ſtreicht mit geſenktem Haupte durch die Gaſſen der Stadt, lang⸗ ſam, ohne alles Feuer, wie lebensüberdrüſſig; er, der ſonſt ſo hurtig durch das Gewühl ſich hindurch⸗ arbeitete, deſſen helle Aeuglein überall hinblinzelten, er, der bei dem leiſeſten Geräuſche aufmerkſam auf⸗ horchte, aus jedem nur flüchtig hingeworfenen Worte, aus jedem nur etwas abſonderlich ausſehenden Men⸗ ſchenantlitz eine merkwürdige Begebenheit ſchöpfte, die ſeine Phantaſie ausſchmückte und im Sonnen⸗ lichte der„Poſaune“ ſtrahlen ließ— ach, eine ſeltſame Mißſtimmung bemeiſtert ſein Herz, denn Spott lohnt den ſchönſten Eifer! Doch er ſchüttelt ſeine Locken und der böſe Traum iſt vorüber. Was ſchadet auch ein kleiner Regenſchauer? Alles blüht nur friſcher dann! Drum Roſen auf den Weg ge⸗ ſtreut und des Harm's vergeſſen! Mit ſeinem Freunde Rapp verläßt unſer Euſtachius die dumpfe Stadt und treibt ſich in den Felſenpartien um, die ſich am Fluſſe hinziehen. In der freien Natur wird er wieder zum heiteren Kinde. Dieſes helle Auflachen, dieſes Herunagen, wie bezeugt es ſeine harmloſe Freude! Er klatſcht in die Hände und wälzt ſich auf dem Raſen, ſpringt dann auf, faßt Rapp am Arme und veranſtaltet ein luſtiges Wettrennen, um dann ſeinem keuchen⸗ den Freunde ein artiges Pröbchen ſeiner Lieblings⸗ kunſt abzulegen— nämlich wie ein Schweinchen zu grunzen. Jetzt ſtehen ſie oben auf dem Berge und locken aus der gegenüber ſtarrenden Felswand die liebliche Echo. Wie herrlich hallt ſie die ausgerufe⸗ nen Schimypf⸗ und Spottnamen zurück und gar das Grunzen, welches Schnabel zur höchſten Freude Rapp's wieder anſtimmt! Den Tag nach heſen Ausfluge des Herrn Eu⸗ ſtachius Schnabel leſen wir in der„Poſaune“: „* Der ähre Eifer für Wiſſenſchaft mißachtet jegliche prunkvolle Oſtentation, nur in der Stille entfaltet ſich ſeine Blüthe, dem Veilchen gleich, das jetzt im Frühling im verborgnen Buſche ſeine ſüßen Düfte aushauchet— worauf wir zugleich unſere blumenliebenden ſchönen Leſerinen aufmerkſam ge⸗ macht haben wollen.— Auf dieſe unſere Gedan⸗ ken brachte uns die Thatſache, daß geſtern mehrere hieſige Gelehrte ganz im Stillen ſich verſammelten, um in den nahen, wahrhaft romantiſchen Felſen⸗ partien akuſtiſche Verſuche anzuſtellen, die glänzend haben. den e edene Hy⸗ hinziehen. n heiteren agen, klatſcht z, ſoringt anſtaltet euchen⸗ g⸗ zum lleich, das ein ſißen aich unſere rfſam ge⸗ 4 Gedan⸗ 1 mehrere ammelten, en⸗ „al änfend n Fel e ni Randgloſſen zum April. Der Monat April hat ſich das Privilegium an⸗ gemaßt, alle Welt zu narren. Man könnte ihn drum den Moniteur April nennen. Der Name April kommt, wie Philologen behaup⸗ ten, von dem Worte„aperire“— öffnen, weil in dem genannten Monate für die ſtudirende Jugend meiſt ein neues Semeſter, für die Zeitungsleſer ein neues Quartal, ſür die Spaziergänger die Gartenreſtauratio⸗ nen und für Alle insgeſammt die Schleußen des Him⸗ mels eröffnet werden. Profeſſoren, Journaliſten und Wirthe ſind drum mit dem Waſſer im Bunde. Der April iſt meiſt beſſer, der Mai aber ſchlech⸗ ter als ſein Ruf. Mit Bezug auf Letzteres nennt man die Jugend den Mai des Lebens und ſagt: Jugend hat keine Tugend. Man ſchilt den April wegen ſeiner Inkonſequenz. Was will man?— er iſt ein„gemiſchter Charak⸗ ter“ und als ſolcher durch Gutzkow nun ebenſo poeſie⸗ fähig, wie der vielbeſungene Mai. Der April iſt in ſeiner Veränderlichkeit ein Bild des Lebens. Das Leben hat auch ſeinen erſten und letzten April. Wenn ein Menſch zur Welt kommt, ſo heißt es, der Storch habe ihn gebracht;— das iſt der erſte April. Wenn der Menſch geſtorben iſt, ſo ſetzt man ihm einen Leichenſtein, auf dem viel Rüh⸗ mens und Preiſens gemacht wird;— das iſt der letzte April. Was zwiſchen beiden liegt, iſt meiſt eine Kette von Täuſchungen. Zuerſt ſteht man unter der Hand der Lehrer. Dieſe führen nicht ſelten „Herauf herab und quer und krumm . Ihre Schüler an der Naſe herum.“ Kaum iſt man der Hand der Lehrer entrounen, ſo feſ⸗ ſelt man ſich an die Hand eines Mädchens und kommt nun recht aus dem Regen in die Traufe. „Ein Mägdelein nasführet Dich.“ Erinnerungen. 1859. Ueton. Der Name April iſt verhängnißvoll, denn die fünf Buchſtaben, aus denen er beſteht, ſind die Initia⸗ len folgender fünf Worte: Aberglaube, Politik, Nabuliſten, Ideale, Liebe. Wer iſt durch eines dieſer Worte nicht ſchon— zum Aprilnarren geworden? Einiges über„Zukunftsmuſik“. Bei Gelegenheit des Mediziner⸗Konzertes. Das von den Hörern der Medizin in Prag am 12. März l. J. veranſtaltete große Wohlthätigkeitskon⸗ zert, zu welchem als Dirigent und Mitwirkender Liſzt's Schwiegerſohn, Haus von Bülow, einer der renom⸗ mirteſten, aus der Weimarer Schule hervorgegangenen Vorkämpfer der ſogenannten„Zukunftsmuſik“ berufen wurde, gibt uns Gelegenheit, für den weiteren Kreis unſerer Leſer hier einige Bemerkungen über die in neue⸗ ſter Zeit in gewiſſen wichtigen muſikaliſchen Sphären verfolgten reformatoriſchen Beſtrebungen aufzuzeichnen. Daß dieſes Konzert die Aufmerkſamkeit des Publikums, ſo wie überhaupt des muſikaliſchen, mit dieſer Richtung ſchon ſeit längerer Zeit vertraut gewordenen Prag im hohen Grade feſſeln mußte, ging ſchon nothwendiger⸗ weiſe aus dem Inhalt des Programms hervor, in welchem die eigentlichen Matadoren der„Zukunftsmuſik“ Liſzt und Richard Wagner jeder mit zwei Orcheſterkom⸗ poſitionen vertreten waren. Wir hörten die ſymphoni⸗ ſchen Dichtungen von Liſzt:„Feſtklänge“ und„Mazeppa“; ferner eine„Fauſtouverture“ und das Inſtrumentalvor⸗ ſpiel zur Oper„Triſtan und Iſolde“ von Richard Wag⸗ ner(Letzteres überhaupt zu allererſt in Prag aufge⸗ führt). Bekanntlich hat Lißzt bisher neun derartige Dichtungen geſchrieben; ebenſo bekannt iſt, daß das ge⸗ ſammte künſtleriſche Wirken dieſer beiden Muſikrefor⸗ matoren ſchon bei Beginn von einer Seite verhimmelt, von der andern auf das Heftigſte angegriffen wurde. Erſtere, mit dem geiſtreichen Aeſthetiker und Redakteur F. Brendel in Leipzig an der Spitze und in der innig⸗ ſten Verbindung mit der von F. Liſzt provocirten Wei⸗ marer Schule, erfand für die reformatoriſchen Beſtre⸗ 32 250 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. bungen dieſer beiden Komponiſten, inſofern ſie als Tonwerke erſchienen, ſo wie für die der gleichen Tendenz huldigenden Produkte ihrer unbedingten Anhänger, die Benennung„Zukunftsmuſik“, welcher Ausdruck der be⸗ treffenden Gegenpartei ſo manchen Anlaß zu hämiſchen, zuweilen auch unpaſſenden Ausfällen gegeben hat. Hier⸗ nach wäre im Allgemeinen zum populären Verſtänd⸗ niß der Begriff der„Zukunftsmuſik“ verſuchsweiſe an⸗ gedeutet und als deren ſinnenfälliges Merkmal dem Laien gegenüber ein gänzliches Fallenluſſen der bis⸗ her von den Tonſetzern beobachteten Form hervorzu⸗ heben. Dieſe Richtung verfolgt gegenwärtig Liſzt in der Inſtrumentalmuſik, Wagner in dem muſikaliſchen Drama. Die Nothwendigkeit eines ſteten Fortſchrittes in jeder Sphäre des menſchlichen Schaffens wird wohl Niemand läugnen; auch muß zugegeben werden, daß namentlich in den genannten beiden Kunſtrichtungen eine radikale Reform längſt Noth that, und daß ein in dieſer Richtung gegebener Impuls vielſeitige Senſation und Theilnahme erregen mußte. Wir verweiſen Jeden, der hierüber ausführlich belehrt werden will, auf die zahlreichen, in dieſem Fache bereits erſchienenen Werke und Streitfragen. Auch wollen wir uns nicht in die Un⸗ terſuchung einlaſſen, inwieſern beide Reformatoren be⸗ reits zu irgend einem maßgebenden Abſchluſſe ihrer Schaffungsperiode gelangt ſind; jedenfalls dürfen hierüber die Akten noch lange nicht geſchloſſen ſein. Dem großen Publikum wird wohl eine weiſe Reform in der Oper dringender als je in einer andern Kunſtrichtung erſchei⸗ nen, denn ſo beſtechend für Auge und Ohr die großen Opern der letzten Zeit auch gewirkt haben mochten, ſo wird doch jeder denkende und richtig fühlende Zuhörer zugeben, daß die Komponiſten dieſer Zeit des äußern Effektes wegen ſich oft gar zu ſehr gegen die dramatiſche Wahrheit verſündigt haben. Dieſen Uebelſtand zu be⸗ heben und das muſiksliſche Drama, mit kunſtverſtändiger Benützung der inzwiſchen hinzugekommenen reicheren Tonwerkzeuge und deren artiſtiſcher Behandlung, auf die Grundprinzipien Gluck's zurückzuführen, hat ſich R. Wagner zur Aufgabe gemacht. Sein gegenwärtiges muſikaliſches Glaubensbekenntniß iſt um ſo überzeugen⸗ der, als er früher als Opernkomponiſt einer andern Richtung(im„Rienzi“) gefolgt war, und dieſe ſeither gänzlich verlaſſen hat. Daß ſich ſeither auch das große Publikum mit Wagners Intentionen zum Theil und infofern ſie nicht ein aſcetiſches Verwerfen melodiöſer, ſinngemäßer Ausſchmückung manifeſtiren, befreundet hat, zeigte die ſeinen beiden letzten Opern„Tannhäuſer“ und „Lohengrin“ an mehrern Bühnen gewordene ſehr gün⸗ ſtige Theilnahme. Anders ſcheint es ſich mit Liſzt's reſormatoriſchen Be⸗ ſtrebungen in der Inſtrumentalmuſik zu verhalten; über dieſe ſtehen ſich in der Muſikwelt die gegentheiligen Meinungen ſchroff gegenüber. Liſzt's intimer Freund und Bewunderer, F. Brendel, ſagte zwar über deſſen ſpmphoniſche Dichtungen, daß in denſelben der Weg betreten iſt, der einzig noch übrig war,— der Weg aus den bisherigen Schranken der Inſtrumentalmuſik heraus zu freier Dichtung es ſei darin mit Beſtimmt⸗ heit jenes Ziel ergriffen und verwirklicht, welches auch R. Schumann in der erſten Epoche ſeines Schaffens ahnte, Schumann habe ganz beſtimmt in frühern Jahren ein ſolches Ziel vor Augen gehabt, aber die Zeit wäre noch nicht reif geweſen, die Entwickelung der Kunſt noch nicht ſo weit gediehen, um das ſolchergeſtalt Geſchaute auf das Orcheſter übertragen zu können; Schumann bätte, erſchreckt vor den Konſequenzen, deßhalb einen Schritt rückwärts gethan, welchem Schritte wir aber jene(Schumann's) herrlichen Orcheſterwerke zu danken haben, die zu den bedeutendſten nach den Beethoven'ſchen Schöpfungen gehören. Liſzt habe dieſen Schritt voll⸗ bracht, er habe den Faden der Entwickelung da aufge⸗ nommen, wo ihn ſeine Vorgänger fallen ließen, er wäre eingetreten in den geſchichtlichen Prozeß als ein ganzer 8 Deutſcher, und hiernach wäre die Idee der ſymphoni⸗ ſchen Dichtungen hiſtoriſch gerechtfertigt.— Nach dieſer Anſchauung, und da Brendel überdieß zweifelt, ob überhaupt in der Symphonie, ſobald dieſelbe an der bisherigen Form feſthält, noch ein Fortſchritt der Kunſt ſich offenbaren kann, müßte man Beethoven’s„Neunte“ ebenſo für einen überwundenen Standpunkt, wie Liſßzt's „neun ſymphoniſche Dichtungen“ für wahre Offenba⸗ rung der Zukunft, alſo für die eigentliche„Zukunfts⸗ muſik“ gegenüber der bisherigen Inſtrumentalmuſik hal⸗ ten. Anderſeits veröffentlicht Brendel, daß gleich nache dem Erſcheinen von Liſzt's ſymphoniſchen Dichtungen ſich ganz entgegengeſetzte Meinungen hierüber ergeben haben. So liest man in ſeiner mnſikaliſchen Zeitſchrift über die beiden vorgenannten Werke nachſtehendes Dop⸗ pelurtheil: Mazeppa. 4 (Von der Spree.) Ein gellender Peitſchenknall!— und die geängſtigte Mähre flieht ſchnaubend über Stock und Stein, nur zuweilen die Carrière mit dem Galop vertauſchend, bald von chromatiſch heulenden Wölfen verfolgt, bald durche die vom pizicato und allegro begleiteten Klagelaute Mazeppa's angetrieben, bis ſie endlich zur großen Be⸗ ruhigung des Zuhörers, athemlos niederſtürzt. Wie⸗ derum Jammer und Seufzer neben dem ſterbenden Roſſe, bis ſchließlich ein brillanter Triumphmarſch uns zeigt, daß der Komponiſt auch menſchliche Gefühle in ſich trage und in ſeinen Zuhörern vermuthe. .(Vom Rhein.) Ein lauter Schmerzensſchrei!— und der Genius zerreißt die beengenden Bande kleinlicher Erdenſorgen, er entflieht den hämiſchen Anfeindungen der alles Große verfolgenden Pygmäen und ſchwingt ſich auf in die freie⸗ ren Regionen des nur ihm geöffneten ſonnigen Kunſt⸗ himmels. Umgeben von den gigantiſchen Bildern ſeiner erhitzten Phantaſie ſchafft er unverſtanden von der Menge, raſtlos arbeitend Werk um Werk, bis endlich ſein Kör⸗ per den Anſtrengungen des Geiſtes zu erliegen droht. Doch der Tag der Vergeltung naht! Die Freunde er⸗ heben ſich, die Feinde weichen und aus dem Staube erhebt ſich triumphirend ein König! Feſtklängfe. (Von der Spree.) Der Komponiſt läßt ſich in dieſer Nummer herab, um ein fröhliches Feſt zu arrangiren, doch kann er es nicht unterlaſſen, auch dabei ſeine ſonderbaren harmoni⸗ ſchen und rhythmiſchen Wendungen anzubringen. So er⸗ tönt gleich Anfangs zu dem klaren C- dur-Accorde die fragende Septime B als Freudeſtörerin in den Bäſſen, und dieſer Sekundenaccord geht, ſtatt nach F, regel⸗ loſer Weiſe ſo lange nach G-moll mit der kleinen Sep⸗ tine, bis endlich die Pauke ſich unſerer erbarmt, und die Auſlöſung desſelben ganz allein übernimmt. (Die weiter nun folgenden, keineswegs delikaten Bemerkungen, laſſen wir, als keiner dieſer Parteien nahe ſtehend, auf ſich beruhen.) (Vom Rhein.) Pauken, Hörner, Hoboen und ſchmetternde Trom⸗ peten laden zum Freudenfeſte, dem jedoch auch die ernſte Weihe nicht fehlen darf. Immer reger wird das Leben, Volksklänge werden wach, die feierliche Polonaiſe ertönt und alle Inſtrumente miſchen ihre Töne zu den glänzend⸗ ſten Accorden, um jubelnd den Pomp des großartigen Feſtes zu erhöhen. Wir wollen in dieſen wenigen Zeilen nur die Exiſtenz der ſymphoniſchen Dichtungen anzeigen, (es werden nämlich gleichzeitig noch die vier erſten Werke dieſes Cyelus beſprochen, ohne tiefer in die originale Feuilleton. 251 Form und den genialen Inhalt derſelben einzugehen, und ſind überzeugt, daß dieſelben, trotz alles bedenklichen Kopſſchüttelns ſo maucher muſikaliſchen Philiſter, ſich Bahn brechen werden. Sie werden aber auch nicht den Anfeindungen der um ihr zukünftiges Schickſal beſorgten erfindungsloſen Nachahmer entgehen ꝛc. ꝛc. Bei einer ſo eklatanten Meinungsverſchiedenheit dürfte die wahre Anſicht über den Kunſtwerth dieſer Werke ſo ziemlich in der Mitte liegen. Brendel ſelbſt ſagt, daß alle hieher bezüglichen Fragen erſt dann eine Erledigung finden können, wenn Lißt ſelbſt zu einem Abſchluß gelangt iſt, wenn zugleich wir uns immer mehr in dieſe Werke hineingelebt haben und durch häufigere Aufführungen damit vertrauter geworden ſind.„Ob Liſzt (fährt Brendel fort) berufen iſt, in der Reihe der Ton⸗ ſetzer allererſten Ranges, in die Reihe die Heroen der Muſik einzutreten, ob ſeine Werke ein ſo nachhaltiges, eine ganze Epoche beherrſchendes Intereſſe einzuflößen vermögen, wie die Schöpfungen Jener: das jetzt ſchon mit völliger Beſtimmtheit beantworten zu wollen, wäre übereilt. Ebenſo wenig wage ich zu beſtimmen, ob dieſe Richtung als Endreſultat des Bisherigen oder als Aus⸗ gang für eine neue Entwicklung zu betrachten iſt. Wir müſſen allerdings zugeben, daß Lißt, der zur Zeit ſeines größten Ruhmes die Künſtlerlaufbahn des Virtuoſen verließ, um ſich den ernſteſten Studien der Muſik mit dem ſeinem lebendigen Geiſte eigenen Feuer zu widmen, im Stande ſein dürfte, eine bedeutende Miſ⸗ ſion in der fernern Entwicklung der Muſik zu erfüllen. Bis jetzt war ſein Hauptſtreben als Inſtrumentalkompo⸗ niſt auf das Aufgeben der bisherigen Form gerichtet. Sonſt haben bedeutende Symphonie⸗Komponiſten ſtets darnach getrachtet, eine Fülle muſikaliſcher Diktion inner⸗ halb einer Taktart, eines Tempo's zu entfalten; Liſzt hin⸗ gegen entfaltet, allerdings oft in ſehr geiſtreicher Art und mit der reichſten Inſtrumentation, eine Menge von Taktarten und Tempo's über die Hauptmotive, auch tragen zuweilen ſeine Orcheſtralwerke den Charakter der Improviſation, als ob ſie inſtrumentirte Klavierkapricen wären. Jedenfalls iſt, wie auch Marx in ſeiner treffli⸗ chen Schrift„die Muſik des neunzehnten Jahrhunderts“ bemerkt: das Vorwärts eine Nothwendigkeit, und jene feurigen Jünger der Kunſt, die von einer„Muſik der Zukunft“ weiſſagen— ſie mögen viel oder wenig im Einzelnen irren: in der einen Ahnung, daß der Geiſt vorwärts ſtreben müſſe, darin irren ſie nicht. Noch müſ⸗ ſen wir bezüglich des Eingangs erwähnten Konzertes erwähnen, daß wir in Herrn v. Bülow einen trefflichen Dirigenten und vollendeten Klaviervirtuoſen kennen ge⸗ lernt haben; er ſpielte die große von Lißzt ſymphoniſch bearbeitete Phantaſie von J. Schubert op. 15 und Lißzt's ungariſche Rhapſodie. M. Miszellen. Literatur und Kunſt. Die deutſche Dichtung gewinnt immer mehr Boden in Frankreich, und in dieſer Beziehung hat die Revue Germanique in der kurzen Zeit ihres Beſtehens Außerordentliches geleiſtet. Sowohl die deutſchen Ro⸗ mane und Novellen, wie die deutſchen Dramen, die ſie gebracht, haben allgemeinen Beifall gefunden; in letzter Zeit Auerbach's„Spinoza“ und Grillparzer's„Des Meeres und der Liebe Wellen“. Dadurch aufgemuntert, wird ſie in kurzem unter anderen Novellen Heyſe's „Kreisrichter“, und unter anderen Dramen Heyſe’s „Sabinerinnen“, Moſen's„Otto III.“, Glaſer's„Ga⸗ lilei“ u. ſ. w. bringen. Die anderen Revuen benutzen die Erfahrung, welche die Germanique für ſie ge⸗ macht, und bringen ebenfalls Ueberſetzungen aus dem Deutſchen. Die Schriftſtellerhonorare, welche in den Vereinigten Staaten Nordamerikas von den Verlegern bezahlt werden, geben einen annähernden Maßſtab ab für die ungemeine Ausdehnung, welche der Bücherver⸗ kehr daſelbſt in der letzten Zeit erreicht hat. So hat u. a. die Familie des Dr. Kane für deſſen bekanntes Reiſewerk die Summe von 60,000 Dollars für ebenſo viel verkaufte Exemplare des Werkes bezogen. Die Firma J. B. Lip⸗ pincott& Komp. in Philadelphia hat an die Verfaſſer eines ſehr verbreiteten Apothekerbuches, die Doktoren Wood und Bache, nach und nach 80,000 Dollars, Little, Brown& Komp. in Boſton für die Werke des be⸗ rühmten Juriſten Story ſogar 200,000 Dollars gezahlt. Namentlich auch für Schulbücher ſind die Honorare ſehr bedeutend. So erhält Sanders für ſeine außeror⸗ dentlich verbreiteten Leſebücher nicht weniger als 30,000 Dollars jährlich und Thompſon für ſeine Rechenbücher 10,000 Dollars jährlich. Der Abſatz dieſer Bücher iſt al⸗ lerdings auch enorm. Die weltumſegelnde Fregatte„Novarau wird im Herbſte dieſes Jahres zurückkehren. Auf Befehl des Erzherzogs Ferdinand Maximiliam erſcheinen dann zwei Reiſebeſchreibungen im Druck, von denen die eine die wiſſenſchaftlichen Reſultate vorlegen, die andere kürzere das größere Publikum von der Weltfahrt unterhalten ſoll. Profeſſor Schmidt an der Accademia delle arti in Mailand, im vorigen Jahre noch Werkführer am Kölner Dome, hat den Auftrag der Wiederherſtellung der Kirche San Ambroſio in Malland erhalten. Bekanntlich iſt dieſe Kirche in architektoniſcher Beziehung eines der merk⸗ würdigſten Denkmale Mailands. Die zur Erbauung einer Kathedrale in Madrid eingeſetzte Kommiſſion beſchloß einen europäiſchen Kon⸗ kurs auszuſchreiben, und die Arbeiten der Leitung des Meiſters zu übergeben, welcher das beſte Projekt ein⸗ reiche. Der zweite Preis wird eine Prämie von 1000 Piaſtern ſein. Der gewählte Styl iſt der gothiſche. Die Zahl der römiſchen Alterthümer, die man ſeit einiger Zeit in dem Badeorte Bertrich an der Moſel ausgegraben hat, iſt durch eine ſehr gut erhaltene und ſchöne Statue der Diana in karrariſchem Marmor ver⸗ mehrt worden. Ueber die Violinwunderkinder Raczek bringen die „Signale“ einige Mittheilungen. Die ganze Familie reiſt ſeit längerer Zeit in Rußland, im vorigen Som⸗ mer brannten die armen Leute in Pawlowsk bei Peters⸗ burg gänzlich ab und büßten all' ihre Habe ein. Sie kon⸗ zertirten dann in Moskau, gingen weiter in das In⸗ nere von Rußland und befinden ſich jetzt in Saratoff an der aſiatiſchen Grenze. Der Vater ſchreibt, daß er ſtarke Luſt habe, nach Sibirien zu gehen„wo es unge⸗ mein viel Geld haben ſoll.“— Nicht nur in Deutſch⸗ land war man von den merkwürdigen Leiſtungen der Kinder auf das Angenehmſte überraſcht, wie man uns mittheilt, ſind auch die Ruſſen und Tartaren von ihrem Spiel und den Stücken, welche ſie vortragen, auf das Tiefſte ergriffen, und ſie würden glänzende Geſchäfte machen, wäre die Reiſe(zu ſieben Perſonen) nicht gar ſo koſtſpielig und beſchwerlich. Monumentales. Erinnerungsfeier. Man beabſichtigt, dem Dichter des„Bank⸗bau“, Katona Joſef, ein würdiges Grabmal zu ſetzen. Das Monument des Dichters ſoll mit einem Koſtenaufwande von 1200 fl. in der Nähe des Keeskemeter Bahnhofes errichtet werden. Die belgiſche Regierung beabſichtigt auf dem Rath⸗ hausplatze von Brüſſel, wo die Grafen Egmont und Horn hingerichtet, denſelben ein öffentliches Denkmal zu errichten.. 32* 252 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Zu Chren des am 4. Jänner 1795 geborenen und am 30. Jänner 1829 zu Teheran in einem Aufſtande des Perſiſchen Volkes ermordeten berühmten Dramati⸗ kers Gribojedow wird in Petersburg ein Denkmal aus ſchwarzem Marmor auſgerichtet werden. In mehreren größeren Städten der Union treffen die Deutſchen Anſtalten zu einer großen Jubelfeier an Schillers 100. Geburtstage. Die Weimarſſche Hofbühne, die einſtige Wiege des deutſchen klaſſiſch⸗idealen Dramas, will Schiller's Jubelfeier mit beſonderer Pietät begehen. Dingelſtedt ver⸗ anſtaltet wieder ſogenannte Muſtervorſtellungen; ſämmt⸗ liche dramatiſche Originalwerke unſeres Dichters, von den„Räubern“ bis zum„Wilhelm Tell“, ſollen in chronologiſcher Reihenfolge, unter Mitwirkung der nam⸗ hafteſten Künſtler, in Weimar zur Aufführung gebracht werden. Da im November die darſtellenden Kräfte nicht wohl zu vereinigen ſind, ſo hat man als Zeitpunkt für dieſes Schiller⸗Jubiläum den Monat Juni gewählt. Am 9. Juni ſoll zur Vorfeier ein Feſtſpiel gegeben werden, deſſen Dichtung Friedrich Halm übernommin. Am 7. März feierte die am Fuße des Thüringer Waldgebirges gelegene Erziehungsanſtalt zu Schne⸗ pfenthal das Feſt ihres 751jährigen Beſtehens. Bekannt⸗ lich war es Ch. G. Salzmann, der die aus unſchein⸗ baren Anfängen ſo ſchön erblühte Anſtalt in's Leben rief, indem er zu Anfang des Monats März 1784 das von ihm erkaufte Gut zu Schnepfenthal bezog, und ſo⸗ fort den Bau des„Erziehungshauſes“ begann; der Zudrang zur Anſtalt war aber ſo bedeutend, daß ſchon 1791 ein zweites, 1795 ein drittes mit Buchdruckerei und Buchhandlung, 1799 ein viertes und 1804 ein fünftes errichtet werden mußte. Salzmanns literariſcher Ruf, eine Anzahl geſchickter Mitarbeiter(André, Bechſtein, Lenz, Glatz, Gutsmuths, Weißenborn u. A.) ſo wie die vortreffliche Einrichtung des Ganzen und das hei⸗ tere Leben der Zöglinge erwarben der Anſtalt einen, man kann ſagen, europäiſchen Ruf. Statiſtiſches. Der Grundbeſitz im Kaiſerthum Oeſter⸗ reich iſt, nach den im vorigen Jahre veranlaßten amt⸗ lichen Zuſammenſtellungen, mit Hypothekenſchulden im Geſammtbetrage von 1835 Mill. Fl. Konventions⸗Münze belaſtet, ſo daß auf die Quadratmeile eine Schuld von 175.000 Fl., auf das Joch von 17 ½ Fl. im Durchſchnitt kommen. Auf die zum deutſchen Bunde gehörigen Kron⸗ länder entfallen von dem Ganzen 1211 Mill“, oder 35 Fl. auf das Joch, auf die italieniſchen Provinzen 292 Mill., oder 49 ⅜ Fl. auf das Joch, auf die polniſchen 111 Mill., oder 8 ½⁄6 Fl. auf das Joch, auf die Länder der vormals ungariſchen Krone 120 Mill., oder 2 10 Fl. auf das Joch. Böhmen, deſſen Flächenraum 907,87 Qua⸗ dratmeilen beträgt, hat eine Hypotheken⸗Schuld von 280,182,250 F., wovon 1,836,586 Fl. mit 6%, 72,651,468 Fl. mit 5%, 12,906,101 Fl. unter 5% verzinſt werden, 533,802 Fl. aber zinslos eingetragen ſind. Weiter reichen die Angaben über den Zinsfuß in Böhmen nicht. Auf Böhmen folgt Lombardei mit 279, Niederöſterreich mit 220, Oberöſterreich mit 184 ⅛, Venedig mit 113, Stei⸗ ermark mit 107 ⅜ Mill. Fl. an Hypothekenſchuld. Aus den Zahlen der Aus⸗ und Einfuhr in Oeſtexreich ergibt ſich für das vorige Jahr eine nicht unbeträchtliche Vermehrung des Handelsverkehrs. Der Werth der Einfuhr betrug 318, Millionen Gulden neuer Währung, 30,, Mill. mehr als 1857. Der Werth der Ausfuhr erreichte 293, Mill. Fl., 51, Mill. mehr als im Vorjahre; dieſe erhebliche Steigerung fällt haupt⸗ ſächlich auf Metalle und gewebte Stoffe. Die Zollein⸗ nahme lieferte bei der Einfuhr 21,276,212 Fl., bei der Ausfuhr 648,493 Fl., im Ganzen 1,747,961 Fl. mehr als im J. 1857. Nach dem letzten Verzeichniſſe gibt es derzeit in Oeſterreich zur Hebung der Pferdezucht 605 Beſchäl⸗ ſtationen mit circa 2400 Hengſten. Die Einnahmen der k. k. priv. öſterr. Staats⸗ eiſenbahn belaufen ſich in dieſem Jahre bis zum 18. März auf 2,863,888 Fr. und ſind daher um 143.426 Fr. höher als im gleichen Zeitraume des Vorjahres. Nach einer auf Grund ſtatiſtiſcher Ausweiſe ver⸗ faßten Berechnung beſteht der Sch warzkohlen⸗ Reichthum der ärariſchen Flötze in Galizien, Mähren und Böhmen in 5666 Millionen Zentner. Wenn der⸗ ſelbe zu dem Durchſchnittspreiſe des jetzigen Reiner⸗ trages(drei Kreuzer K. M. per Zentner) verkauft würde, könnte die Staatskiſſn damit ein Kapital von circa 280 Millionen Gulden erwerben. Es iſt berechnet worden, daß ſich gegenwärtig in Europa 2,800,570 Juden befinden, es kommt demnach im Durchſchnitte auf 96 Einwohner überhaupt 1 Jude. Am ſtärkſten ſind die Juden in Frankfurt a. M. vertreten (1 Jude auf 16 Einw.) und in Heſſen⸗Homburg(1 Jude auf 23 Einw.), am ſchwächſten ſind dieſelben in Schwe⸗ den und Norwegen(1 Jude auf 6003 Einw.), in Sicilien (1 Jude auf 4308 Einw.) und in Belgien(1 Jude auf 3448 Einw.) vertreten. In Oeſterreich kommt 1 Jude auf 43 Einw., in Frankreich auf 487, in England auf 763 Einw. Die Geſammtſumme der Juden auf der Erde wird in runder Summe mit 5 Mill. ange⸗ nommen, d. i. 0,3s Procent der ganzen Bevölkerung. In England wurden im verfloſſenen Jahre 134,647,800 Eier importirt.. Einer eben veröffentlichten Statiſtik zufolge ſind vom 30. September 1813 bis zum 1. Dezember 1858 insgeſammt 4,0 52,000 Paſſagiere(darunter faſt 2 ½ Millionen männlichen Geſchlechtes) zur See in den Vereinigten Staaten angekommen. Man hat berechnet, daß ungefähr 20,000 Han⸗ delsfahrzeuge aller Art im Jahre 1859 in die See gin⸗ gen. Von dieſen Fahrzeugen ſind 3073 untergegangen; davon durch Brand 72, durch Strandung oder Zuſam⸗ menſtoß 88. Die Totalſumme der verlorenen Dampfer beträgt 113. Die jüngſte Volkszählung in Berlin hat für die preußiſche Hauptſtadt eine Einwohnerzahl von 463,000 Köpfen ergeben, darunter etwas über 15,000 Juden. Im verfloſſenen Jahre haben in Berlin beinahe 300 Perſonen durch Selbſtmord oder Unglück ihren Tod gefunden. Bei den Selbſtmorden war immer nur der vierte Fall ein ſolcher, wo ein Weib Hand an ſich gelegt und, klaſſificirt, ſind geſtorben: ungefähr 60 Per⸗ ſonen durch Erhängen, 20 Perſoneu durch Erſchießen und Erſtechen, 25 Perſonen durch Erſäufen 5 Perſonen durch Herabſtürzen aus dem Fenſter und 5 Perſonen durch Vergiftung. Die Zahl der Unglücksfälle iſt größer, als die der Selbſtmorde. Im verfloſſenen Jahre haben in Wien nur ſieben Perſonen ein Alter von 91 Jahren erreicht. In einem Alter von 91 Jahren iſt in Wien im v. J. Niemand geſtorben. Die Juſtiz⸗Subaltern⸗Beamten bei den Untergerichten des preuß. Staats zählen: 2237 Bureau⸗ und Kaſſenbeamte I. Klaſſe und zwar 1942 Sekretäre, Kontroleure und Sportelreviſoren, 241 Salarienkaſſen⸗ Rendanten, 29 Depoſital⸗Rendanten, 22 Kalkulatoren, ferner 1454 Bureau⸗ und Kaſſenbeamte II. Klaſſe, und ſwenr 1126 Bureau⸗ und Kaſſen⸗Aſſiſtenten, 328 Kanz⸗ liſten. n bei den 7 B Nach offiziellen Angaben wurden in Frankreich im J. 1856 nachſtehende Quantitäten Zigarren verbraucht: Havanah und Manilla 360,856,500; in Frankreich fa⸗ brizirte Zigarren 481,071,500; Zigaretten 6,478,000; zuſammen 848,406,000 Stück. Induſtrielles. Oekonomiſches. In einer Verſammlung des Wiener Gewerbevereins wurden Bücher vorgezeigt, deren Rücken ſtatt von Le⸗ der aus Kautſchuk gefertigt iſt und ſich ſowohl durch Feſtigkeit als Biegſamkeit auszeichnet. In England wird der Kautſchuk ſchon länger zu Einbänden ver⸗ wendet. Hufeiſenmaſchinen ſind jetzt in Amerika in Anwendung, die 210 Stück in der Stunde anfertigen. Die Eiſen beſtehen aus Gußſtahl, der direkt in die Ma⸗ ſchine gegoſſen wird, und ſind etwas theuerer, aber auch dauerhafter als ſchmiedeiſerne. Eine der großartigſten Erfindungen der Neuzeit iſt die hauptſächlich mit Hilfe von keinen Nähemaſchinen und Zuſchneidepreſſen betriebene Schneiderei mit Dampf, wie ſolche von dem Schneider Tait in Limerik, der für die engliſche Armee arbeitet, eingerichtet iſt und nach ſeinem Vorgange von der engliſchen Regierung in London demnächſt eingerichtet werden wird. Außer ſeinen Maſchinen beſchäftigt Tait noch gegen 1100 Ar⸗ beiter, von denen jeder, wie verſichert wird, nicht unter einer Guinee wöchentlich verdient. Dieſe Dampſſchnei⸗ derei vermag 10,000 Anzüge wöchentlich zu liefern. So erhielt Tait am 22. Mai v. J. eine Regierungsbeſtellung auf 800 Uniformen ſofort auszuführen. Doch wo das Zeug dazu hernehmen? Tait telegrafirt nach London und läßt ſich Zeug und Zubehör den größten Theil des Wegs mit Extrazug kommen. Schon am 28. Ma ſchickte er die 800 Uniformen fix und fertig nach London. Nach der deutſchen Gewerbeztg. verfertigt man in Sachſen Strohſohlen zum Einlegen in Schuhe und Stiefeln. Sie halten die Füße ſehr warm und zeichnen ſich auch durch Haltbarkeit aus, indem zwei Paar, ab⸗ wechſelnd getragen, länger als 3 Monate brauchbar bleiben. In der neuen Gaseinrichtung von St. Peters⸗ burg ſind die großen Röhren, 200 Meilen lang und die größten haben 36 Zoll im Durchmeſſer.- In Paris wurde in der Straße Trouchet eine neue Fleiſchbank eröffnet. Dieſe iſt auf 30 Fuß Länge ganz mit weißem Marmor bekleidet, und hat Porphyr⸗ ſtützen und Frieſe; das halbkreisförmige Komptoir darin iſt gleichfalls aus weißem Marmor und von weißmetal⸗ lenen Karyatyden getragen. Ein porphyrnes Waſſer⸗ becken iſt im Mittelpunkte. Blumenvaſen und Kübel mit exotiſchen Geſträuchen ſind ſo geſchmackvoll vertheilt, ſo daß ſie einen reizenden Anblick vermitteln.— 7 Gutta⸗Percha iſt als Mittel zu empfehlen, Früchte lange vollkommen friſch zu erhalten. Wenn man die Gutta⸗Percha in Schwefelkohlenſtoff auflöſt, ſo erhält man 3 Schichten. Die oberſte enthält ſchleim⸗ artige, die unterſte erdige Stoffe und die mittlere Schichte den eigenthümlichen Grundſtoff der Gutta⸗Percha am reinſten. Mit einem Heber kann man dieſe mittlere Schichte von den andern abſondern. Man pflückt die Früchte kurz vor ihrer völligen Reife, läßt ſie an der Oberfläche trocknen, bürſtet ſie ab und taucht ſie in Weingeiſt. Dann taucht man ſie mehrmal in die flüſſige Gutta⸗Percha, um eine dünne Schicht darauf ablagern zu laſſen. Die auf dieſe Weiſe zubereiteten Früchte wer⸗ den in einem Raum aufbewahrt, deſſen Temperatur ſich nicht über 8 Grade erhöht.— Beim Gebrauche nimmt man die Schale mit dem Meſſer weg und wird die Frucht ganz friſch erhalten finden. Feuilleton. 253 Knochenmehl als Futtermittel iſt neuer⸗ dings vorſchlagen worden. Zu dieſem Zwecke werden die friſchen, gut erhaltenen und von geſunden Thieren ſtammenden Knochen auf einer Schlagmühle zu einem feinen Mehle vermahlen und unter anderes Futter ge⸗ miſcht, den Schweinen und dem Geflügel gegeben. Die⸗ ſes Knochenmehl, das ſehr nährend und mäſtend iſt und ſehr zur Knochenbildung beiträgt, ſoll überall, wo es angewendet wurde, gute Reſultate geliefert haben. Mannigfaltiges. Zur dießjährigen vom Severinus⸗Verein veran⸗ ſtalteten Pilgerfahrt na ch Jeruſalem, deren Ab⸗ fahrt von Trieſt am 19. März erfolgte, haben ſich eilf Prieſter und ſieben Laien vereinigt, davon ſind zwölf aus dem Kaiſerſtaate und ſechs vom außer⸗öſterreichiſchen Deutſchland. Die neueſten Frühjahrmoden zeigen die kleinen Damenhüte wie früher, nur den halben Kopf be⸗ deckend und vor einer Krinolinfriſur zurückweichend. Die neueſten Hüte ſind zweifärbig, meiſt aus grünem und weißem Seidenſtoff verfertiget. Frühjahrs⸗Mäntel werden von geſtreiften oder quadrillirten meiſt dunklen leichten Wollenſtoffen à la Toge mit Kapuchons verfer⸗ tiget, getragen, welche bis zum Ellenbogen enge an⸗ ſchließend ſich ſodann im reichſten Faltenwurf eutwickeln. — Die Amazonenhüte ſind auch heuer nebſt den Hüten kleiner Form zur Abwechslung beliebt. In einem der literäriſchen Inſtitute Londons hält jetzt eine in New⸗York als Doctor medicinae graduirte Dame, Eliſabeth Blackerell, vor einem Frauen⸗Audito⸗ rium Vorträge über ſpezielle Abtheilungen der mediz. Wiſſenſchaft. Sie hat in New⸗York ſieben Jahre lang praktizirt, und ſoll einen ſehr ſchönen Vortrag haben. Schon hat eine engliſche Dame 8000 L. angeboten, wenn in London ein Frauenhoſpital mit weiblichen Aerzten zu Stande kommen könnte. Mit Hilfe des Mikroſkops hat man entdeckt, daß die Perle das Gehäuſe eines Kerbthierchens iſt und durch Sammlung und Pflege dieſer Thierchen will man nun das künſtliche Erzeugen der Perlen möglich machen. Das Wrack der„Lutine“, das bereits ſeit fünfzig Jahren in der Meerestiefe unweit Terſchelling liegt, iſt durch ein in jüngſter Zeit veranſtaltetes Tauch⸗ unternehmen noch nicht aller ſeiner reichen Schätze ent⸗ ledigt, und am 6. März ward wiederum, nur eine Ka⸗ bellänge von der verſunkenen„Lutine“ entfernt, das engliſche Schiff„Eldorado“ von den Wogen verſchlun⸗ gen. Dieſer letztere Seefahrer führte ſeinen bedeutungs⸗ vollen Namen mit Recht. Das Schiff hatte 766 Bal⸗ len Silber⸗Erz, jeder Ballen von einem Werthe zu 1260 Gulden, und außerdem eine große Quantität Ku⸗ pfer an Bord. Die gefährliche Untiefe bei Terſchelling kann wohl mit Fug Goldklippe zubenannt werden. Der bekannte geografiſche Schriftſteller Cannabich ſtarb am 2. März in ſeiner Vaterſtadt Sondershauſen im Alter von 82 Jahren. In Wolfersdorf in Böhmen feierte eine zwei⸗ undachtzigjährige Witwe ein gewiß ſeltenes Familien⸗ feſt, indem ſie an dieſem Tage ihre noch lebenden zehn Kinder, vier Söhne und ſechs Töchter, ſammt Schwie⸗ gerſͤhnen und Schwiegertöchtern zu einem Mahle bei ſich verſammelte, bei welchem auch ihre 58 Enkel, 23 Ur⸗ enkel und ein Ur⸗Urenkel, im Ganzen an hundert Nach⸗ kommen zugegen waren. Unterhaltendes. Der bekannte Klaviervirtuoſe und Hofpianiſt Hans v. Bülow gab in der Singakademie zu Berlin ein Kon⸗ . 254 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. zert, bei welchem mehrere Liſzt'ſche Kompoſitionen auf⸗ geführt wurden. Nach der ſymphoniſchen Dichtung„die Ideale“ wurde ein ſchwacher Beifallsverſuch mit Ziſchen erwiedert, worauf der Konzertgeber die Ziſchenden auf⸗ forderte, den Saal zu verlaſſen, was dieſe aber nicht thaten, und das Konzert dann ruhig zu Ende ging. Das Publikum hat ſich für dieſe Inſulte nun durch einen Witz gerächt, indem es behauptet: Herr v. Bülow könne zwar die Leute mit Liſzt aus ſeinen Konzerten vertrei⸗ ben, aber nicht mit Gewalt. Eine amerikaniſche Zeitung erzählt allen Ernſtes von einem Manne, der die Kunſtfertigkeit abge⸗ richteter Bienen zeigt, und damit ungeheueres Aufſehen erregt. Vor ſich auf einem Tiſch hatte er einen Bienen⸗ korb ſtehen und nicht eins der Thierchen läßt ſich blicken. Dann ertönt von dem Mann das Kommandowort und hui! kommen die Bienen heraus, wo ſie ſich auf den Hut eines Zuſchauers ſetzen. Wiederum Kommando und die Bienen ſetzen ſich auf die entblößten Arme ihres Herrn und Meiſters, daß die Arme ausſehen, als hätte ſie der Mann in einen Muff geſteckt. Kommando und die Bienen ſitzen auf ſeinem Geſicht, daß man glaubt, er habe eine Maske umgebunden. Endlich müſſen ſie auf einer langen Tafel marſchiren, Schwenkungen vor⸗ nehmen und dergleichen mehr. Der Amerikaner Barnum ſoll Sr. Majeſtät Sou⸗ louque und ſeinem Vaſallen, dem Herzog de la Marlade, eine Zivilliſte von 1 Mill. mit allen ſeinem ſouveränen Rang gebührenden Ehren angeboten haben, wenn Aller⸗ höchſtderſelbe geruhen wollen, mit ihm eine Rundreiſe durch Europa zu machen. Er behält ſich nur den Tri⸗ but vor, welchen die kaukaſiſche Neugierde zu den Füßen der ſchwarzen Majeſtät niederlegen werde. Am 2. März wurde eine rieſige Krinoline, die eine junge Dame aus Eupen barg, von dem Mauth⸗ beamten in Verviers angehalten und viſitirt. Es ergab ſich, daß dieſelbe außer der Dame noch 117 Paar weißer Kltüm d barg, die nach Belgien eingeſchmuggelt werden ollten. „Du liebe Zeit, Frithe, wie alt ſiehſt Du aus?“ ſagte ein Bekannter beim Wiederſehen nach langer Tren⸗ nung zu einem andern.—„Närrchen, warum wundert Dich dieß denn? Ich bin ja auch all' mein Lebtage noch nicht ſo alt geweſen als heute!“ Gerichtliches. Am 4. März wurde beim Ofner k. k. Landesge⸗ richte eine Gerichtsverhandlung abgeführt, welche in Hinſicht auf den Gegenſtand, der das eingeleitete Straf⸗ verfahren bedingte, von mehrfachem Intereſſe iſt. 32 Individuen, Männer, Weiber und Mädchen, die ſich zu einer geſetzlich nicht anerkannten religiöſen Sekte beken⸗ nen und den Namen:„Nachfolger Chriſti“ führen, er⸗ ſcheinen vor den Gerichtsſchranken. Mehr als die Hälfte von ihnen ſind Slovaken aus der Liptau, in der Gegend von Hradek und Szt.⸗Miklös, die andern Vorſtadtbe⸗ wohner von Peſt. Der Gerichtshof hat in Berückſich⸗ tigung vieler mildernder Umſtände die Sektirer zu ein, anderthalb und zwei Monaten Arreſt verurtheilt; die meiſten der nach Peſt Zuſtändigen haben die Berufung angemeldet, während die Slovaken mit dem Urtheil zu⸗ friedengeſtellt, nur baten, ihre Strafzeit in der Heimat zurücklegen zu dürfen.(Die Anhänger dieſer Sekte nen⸗ nen ſich auch„Fröhlichianer“, da der vor zwei Jahren verſtorbene Stifter dieſer Sekte Fröhblich hieß, welcher ſich bald in der Schweiz, bald in Frankreich aufhielt, den Anhängern ſeiner Lehre zahlreiche Briefe ſchrieb und den Erhebungen nach von den Beiträgen ſeiner An⸗ hänger ein ganz behagliches Leben führte. Zwei Schloſ⸗ ſergeſellen aus Ungarn, Ludwig und Emerich Hencsey, brachten vor 15 Jahren die Irrlehre dieſer Sekte aus der Schweiz, wo ſie durch Fröhlich verführt worden, nach Ungarn. Dieſe Sekte hat ihre nicht zahlreichen An⸗ hänger in der Schweiz, in Frankreich, Deutſchland, Nie⸗ deröſterreich, Böhmen, Ungarn und im Banate. Ihre Proſelyten nehmen ſie aus allen chriſtlichen Konfeſſionen, der katholiſchen ſowohl wie der lutheriſch⸗ und kalviniſch⸗ evangeliſchen und aus allen Nationalitäten Ungarns. Den Kirchenbeſuch verwerfen ſie, weil ihr Herz der „Tempel Gottes“ ſei, ſie verſammeln ſich aber ſehr oft in ihren Wohnungen zur Leſung der heiligen Schrift. Ihre Ehen ſchließen ſie nicht vor der„weltlichen Macht“, ſondern ſie umgehen hierbei dieſe wie die Kirche gänzlich. Auch werden„Freunde“ und„Freundinen“ jene ihrer Mitglieder genannt, welche erklären, ihrer Sekte ange⸗ hören zu wollen, aber die Wiedertaufe noch nicht erlangt haben, alſo ihre ſogenannten Katechumenen; während „Brüder“ und„Schweſtern“ jene genannt werden, welche in die Sekte durch die neue Taufe vollkommen aufge⸗ nommen werden. Charakteriſtiſch an dieſen Sektirern iſt ihr außerordentlich frömmelndes Weſen und ein be⸗ ſtändiges Zitiren von Stellen der heiligen Schrift alten und neuen Teſtamentes. Sie nennen ſich in aller Be⸗ ſcheidenheit„Heilige“ und behaupten, daß ſie rein ſind von Sünde; dabei aber überhäufen ſie alle chriſtlichen Kirchen mit den größten Schmähungen und die Erhe⸗ bungen konſtatirten, daß auch unter dieſen„Reinen“ Unreine, und Böcke unter den Schafen ſind. New⸗York. Der Senator Sickles war vor wenigen Jahren unter Buchanan Geſandtſchafts⸗Sekretär in Lon⸗ don. Seine junge Frau, die Tochter eines in New⸗York auſäſſigen italieniſchen Muſikmeiſters, erregte dazumal bei Allen, die ſie kannten, wegen ihres heitern kindlichen Benehmens, lebhafte Theilnahme, und von ihrem Manne wurde ſie geradezu vergöttert. Letzterer wurde im Jahre 1856 von einem New⸗Yorker Wahlbezirke in den Kon⸗ greß gewählt, und zählte ſeitdem zu den populärſten und hoffnungsvollſten Mitgliedern. Herr Key, ein Neffe des Oberrichters der Vereinigten Staaten, ein Mann von 42 Jahren, Witwer und Vater von vier Kindern, kam oft in das Sickles'ſche Haus, und, darüber iſt kein Zweifel mehr, verführte die junge Frau. Das verbrecheriſche Verhältniß ſcheint im April vorigen Jahres begonnen zu haben; Key hatte ein Haus gemie⸗ thet, wo geheime Zuſammenkünfte ſtattfanden; endlich kam ein anonymer Brief, der dem betrogenen Ehemanne die Augen öffnete, und damit war das Schickſal des Verführers beſiegelt. Sickles überzeugte ſich vor Allem, daß der Brief die Wahrheit ſagte, er erhielt von ſeiner Frau ein volles Geſtändniß ihrer Schuld; er erfuhr durch ſie die geheimen Rendezvous⸗Signale, die ſie mit ihrem Verführer zu wechſeln pflegte, und gerade als die Unglückliche in Thränen Alles geſtanden hatte, er⸗ blickte ihr Mann den Verführer vom Fenſter aus, wie er eben zu einem Stelldichein hinaufwinkte. Das war zuviel für dieſes Mannes Herz, der ſeine gefallene Frau zärtlich liebte. Er ſtürzt in ſeine Stube, erfaßt zwei Piſtolen und einen Revolver, ſtürzt hinab auf die Straße, ereilt den falſchen Freund auf dem eleganteſten Puds Waſhingtons, und mit dem Ausruf:„Schuft, Du mußt ſterben!“ ſchießt er ein Piſtol gegen ihn ab. Die Kugel ſtreift Key's Wange; dieſer wirft, waffenlos wie er iſt, ein Opernglas, das er bei ſich hat, Sickles entgegen, um ihn abzuwehren, verſucht auch, ihm das andere Piſtol zu entwinden, aber es gelingt ihm nicht. Eine zweite Kugel wirft ihn zu Boden, und unter dem Rufe „Tödte mich nicht!“ empfängt er eine dritte in die Bruſt, worauf er ſterbend zuſammenſinkt. Der Thäter übergibt ſich, nachdem er ſein Opfer lange angeſtarrt hat, freiwilliz den Gerichten. Die Frau mit dem älteſten Kinde ſchickt er in ihr Vaterhaus zurück. Kein Menſch zweifelt, daß Sickles von den Geſchworenen freigeſprochen werden wird. Feuilleton. 255 Biografieen von Zeitgenoſſen. Heinrich Freiherr von Heß, k. k. öſterr. Feldzeugmeiſter und Chef des Generalquartiermei⸗ ſterſtabes der öſterreichiſchen Armee, wurde im Jahre 1788 zu Wien geboren. Im Jahre 1805 begann er ſeine militäriſche Laufbahn im kaiſerlich öſterreichiſchen Heere, in der es ihm be⸗ ſchieden war, gleich anfänglich an den großen vaterländiſchen Kämpfen, wenn auch in den unterſten Offiziers⸗Graden, mit Auszeichnung Theil zu nehmen. Seine hervorragende Intelligenz verſchaffte ihm ſehr bald den Eintritt in den Generalquartier⸗ meiſterſtab, in welcher Stellung er den Feldzügen von 1805, 1809, 1813, 1814 und 1815 beiwohnte. Im Jahre 1809 zum Oberlieutenant und für bewieſene Tapferkeit in der Schlacht bei Wagram noch in demſelben Jahre zum Kapitänlieutenant in dieſem Korps ernannt, begleitete Heß 1813 u. A. den General Graf Bubna bei deſſen bekannter diplomatiſcher Miſſion nach Dresden; ſpäter machte er, in deſſen Stabe zum Hauptmann aufgerückt, die Schlacht bei Leipzig, 1814 die Gefechte bei Genf und Lyon mit. 1815 befand er ſich im großen Hauptauartier, wo er zum erſten Male Gelegenheit fand, in die Operations⸗ pläne großer Armeen Einſicht zu nehmen. Noch im nämlichen Jahre ward er Major, und nach Beendigung des Krieges ſchmück⸗ ten bereits vier Orden die Bruſt des 2 7jährigen Stabsoffiziers. Kriegsgeſchichtliche und militär⸗geografiſche Arbeiten bildeten die mit Vorliebe betriebenen wiſſenſchaftlichen Beſchäftigungen in den nun folgenden Friedensjahren. 1819 ward Heß zum 33. Infanterie⸗Regiment verſetzt, 1822 Oberſtlieutenant in demſelben Regiment, 1829 Oberſt und Kommandant des 2. In⸗ fanterie⸗Regiments. 1830 erfolgte ſeine abermalige Verſetzung zum Generalquartiermeiſterſtabe und zwar zum Chef der Gene⸗ ralſtabsabtheilung der mobilen Korps in Ober⸗Italien. Dieſe wichtige Stellung führte ihn an die Seite des kommandirenden Generals Grafen Radetzky, deſſen Vertrauen er ſich in höch⸗ ſtem Grade erwarb und deſſen Ideen und Entwürfe er mit ſeltenem Verſtändniß ausführte. Radetzky's klarem Geiſte waren die Gebrechen und Uebelſtände nicht unbekannt, welche der öſter⸗ reichiſchen Armee namentlich in Betreff ihrer Manövrirfähigkeit anhingen. Aber erſt in der unabhängigen Stellung eines kom⸗ mandirenden Generals war es ihm möglich, ſeine auf die Be⸗ ſeitigung dieſer Gebrechen gerichteten Ideen zur Ausführung zu bringen. Heß wurde das geſchickte Werkzeug, dieſelben ſchriftlich in's Leben zu rufen, denn aus ſeiner Feder floſſen die„Feld⸗ Inſtruktion“ und die„Manövrir⸗Inſtruktion“, welche die Augen aller intelligenten Offiziere Europa's bald auf die italieniſche Armee richteten, als dieſelbe in der praktiſchen Einübung dieſer Vorſchriften deren Vortrefflichkeit bekundete. Trotz aller Wider⸗ ſprüche der Anhänger des Hergebrachten wurden dieſelben end⸗ lich bei der ganzen öſterreichiſchen Armee eingeführt und durch ſie iſt an die Stelle der frühern Schwerfälligkeit und Unbeholfen⸗ heit eine Gewandtheit getreten, welche die Siege der Oeſterrei⸗ cher 1848 und 49 weſentlich mit herbeiführen half und ihnen unter allen kontinentalen Armeen eine große Bedeutung verſchafft hat. Das Jahr 1834 rief Heß als Generalmajor und Briga⸗ dier der Infanterie nach Mähren, aber ſchon 1839 ward ihm die Leitung der Geſchäfte des Generalquartiermeiſterſtabes über⸗ tragen, in welcher Eigenſchaft er 1842 zum Feldmarſchall⸗Lieu⸗ tenant aufrückte. 1848 war er zum Ober⸗Kommandanten der in's Leben gerufenen Nationalgarde deſignirt, als ihn Radetzky's Wunſch, ihn wieder zur Seite zu haben, einem ihm mehr zu⸗ ſagenden Wirkungskreiſe zuführte. Er ward im Mai 1848 zum Generalquartiermeiſter der Armee in Italien berufen, und in dieſer Stellung war es, wo ihm unvergängliche Lorbeern zu pflücken beſchieden war. Heß fand bei ſeiner Ankunft in Italien die öſterreichiſche Armee zwar nicht entmuthigt, aber hilflos und zerſtückelt hinter die Etſch zurückgezogen. Nur 35,000 Mann ſtark, auf drei Seiten von feindlichen Armeen bedroht, lagerte ſie innerhalb des wichtigen Feſtungsvierecks Peschiera, Verona, Mantua, Legnago. Als aber am 25. Mai die erſten Reſerven (19,000 Mann unter Graf Thun) vom Iſonzo eingetroffen waren, begann Radetzky die tiefdurchdachten Pläne ſeines neuen Generalquartiermeiſters in Ausführung zu bringen. Die erſte ſchöne Operation, welche Heß entwarf, war der kühne Flanken marſch, den die öſterreichiſche Armee faſt unter den Augen des Feindes von Verona auf Mantua ausführte. Sie führte zu den Kämpfen von Curtatone und Montanara, ſtrebte aber als hö⸗ heres Objekt den Entſatz von Peschiera an. Obgleich dieſer nicht gelang, ſo kam es doch zu ſtrategiſchen Nachtheilen für die feindliche ſardiniſche Armee. Noch ehe ſie dieſelben ausgeglichen hatte, erfolgte ein zweiter unerwarteter Schlag. Die Oeſterrei⸗ cher gingen eiligſt zurück, aber nicht in ihre alten Stellungen bei Verona, wie die Sardinier wähnten, ſondern mit der Haupt⸗ maſſe auf das neun Meilen entfernte, in ihrem Rücken gelegene Vicenza, welches 15,000 Mann päpſtliche und Nationaltruppen unter Durando beſetzt hatten. Die kühne und unerwartete Weg⸗ nahme dieſes Platzes, die mit einem Male das venetianiſche Feſtland vom Feinde ſäuberte, iſt eine der ſchönſten Waffenthaten der italieniſchen Armee. Als die Sardinier ſie erfuhren, ſtanden die Oeſterreicher bereits wieder bei Verona. Eine Periode der Unthätigkeit trat jetzt ein, den Oeſterreichern erwünſcht, um Verſtärkungen an ſich zu ziehen. Als dieſelben Mitte Juli ein⸗ getroffen waren, ward von ihnen die Offenſive ergriffen. Die ausgedehnte Stellung der Sardinier führte zu dem Gedanken, dieſelben in der Mitte zu durchbrechen und dann in Flanken und Rücken anzugreifen. Das Manöver gelang vollſtändig; in den dreitätigen Kämpfen von Cuſtozza ward die ſardiniſche Armee zerſprengt und eine energiſch betriebene Verfolgung wies dieſelben nach großen Verluſten in ihre Grenzen zurück. Die ganze Operation hatte nur ſiebenzehn Tage gedauert, worauf ein am 9. Auguſt abgeſchloſſener Waffenſtillſtand den Kampf bis auf Weiteres vertagte. Am 16. März 1849 kündigte ihn Sardinien, wie Radetzky lange erwartet hatte. Heß hatte indeß ſeinen Plan längſt fertig, doch blieb er ein tiefes Geheimniß bis zum Moment der Ausführung; auch gehörte zu dieſer letz⸗ teren eine Umſicht, Schnelligkeit und ein Nachdruck, wie ſie nur gute Armeen und Führer gewähren. Man wollte von Pavia aus mitten durch den Feind auf Turin operiren, vor der Front des Gegners aber, ſowie überhaupt in der Lombardie nur 10,000 Mann ſtehen laſſen. Der Erfolg des Planes war voll⸗ kommen. Die geſammte öſterreichiſche Armee, bei Pavia ſchnell und geheim konzentrirt, ging hier über den Po und drang über Mortara gegen Novara vor. Das ſardiniſche Heer ward in ſeinem Vormarſche vollſtändig durchſchnitten und der rechte Flü⸗ gel von der Armee getrennt. Am 23. März kam es zur Schlacht bei Novara, in der die ſardiniſche Armee vollſtändig geſchlagen wurde. Schon den 26. bat Viktor Emanuel um den Frieden, nachdem der ganze Feldzug kaum fünf Tage gedauert hatte. Nie iſt ein Krieg raſcher begonnen und beendigt worden und immer wird er lehrreich für das Studium bleiben. Mit edler Beſcheidenheit meldete Radetzky ſeinem Kaiſer:„Dem Feldmar⸗ ſchall⸗Lieutenant v. Heß— ich bezeuge es hiermit von ganzem Herzen— gebührt der bei weitem größte Antheil an den Er⸗ folgen, den die Waffen des Kaiſers in dem letzten Feldzuge er⸗ rungen haben.“ Die Wahrheit dieſes Zeugniſſes war es auch wohl, die den Kaiſer veranlaßte, außer andern Belohnungen Heß den 27. September 1849 zum Chef des Generalſtabs der geſammten Armee und ſpäter zum Feldzeugmeiſter zu ernennen. Meiſterhaft ſind ſeine Anordnungen zu der Konzentrirung der öſterreichiſchen Armee 1850 zu nennen, als die Verwicklungen mit Preußen droheten. 1855 berief ihn der Kaiſer zum kom⸗ mandirenden General der zur Zeit des orientaliſchen Krieges gegen Rußland aufgeſtellten öſterreichiſchen Armeen. Auch hier bewährten ſich ſeine großartigen politiſch⸗ ſtrategiſchen Kombina⸗ tionen. Durch die Aufſtellung zweier Armeen, von denen die eine von Galizien aus Polen bedrohete, die andere in der Bu⸗ kowina und Siebenbürgen Front gegen die Donaufürſtenthümer machte, wurden die Ruſſen ohne Schwertſtreich genöthigt, den Vormarſch gegen den Balkan durch die Dobrudſcha aufzugeben und die Donaufürſtenthümer zu räumen. Oeſterreichs Einfluß war geſichert und der Krieg von ſeinen Grenzen entfernt.— Feldzeugmeiſter v. Heß, ſeit 1849 in den Freiherrnſtand erho⸗ ben, iſt ein noch rüſtiger Greis und wohl die erſte im öſterrei⸗ chiſchen Heere befindliche militäriſche Kapazität. Er iſt ſeit April 1841 mit Marianne Freiin v. Diller verehelicht, ſeine militä⸗ riſchen Würden beſtehen außer den genannten noch in der In⸗ haberſtelle des Inſanterie⸗Regiments Nr. 49; hiernächſt iſt er k. k. wirkl, geh. Nath und beſitzt außer vielen ausländiſchen 4 256 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Ehrenzeichen an öſterreichiſchen Orden: das Kommandeurkreuz des militäriſchen Marie⸗Thereſienordens, das militäriſche Verdienſt⸗ kreuz und die Großkreuze des Leopold⸗ und St. Stefanordens. Prinz Napoleon. Napoleon Joſef Karl Paul Bonaparte, zweiter Sohn des ehemaligen Königs von Weſtfalen Hieronymus und der Prin⸗ zeſſin Friederike von Württemberg, wurde am 9. Sept. 1822 in Trieſt geboren. Er iſt ein Vetter des gegenwärtigen Kaiſers und befand ſich wie dieſer in Italien, als 1831 die Revolution in der Romagna ausbrach. Aber während Ludwig Napoleon mit ſeinem Bruder an der Bewegung Theil nehmen konnte, mußte Prinz Napoleon, damals erſt acht Jahre alt, natürlich in Rom ein ruhiger Zuſchauer bleiben, trotzdem aber nach der Unterdrückung des Aufſtandes den Kirchenſtaat verlaſſen und ſei⸗ nen Aufenthalt in Florenz nehmen. 1835 begab er ſich nach der Schweiz, blieb zwei Jahre in einer Penſion in Genf und trat 1837 in die württembergiſche Militärſchule in Ludwigsbürg. Nach Vollendung eines dreijährigen Kurſes nahm er jedoch keine Dienſte, da er nicht ſeinem Vaterlande dienen konnte, und brachte fünf Jahre auf Reiſen in Deutſchland, England und Spanien zu. Erſt 1845 erhielt er nach vielen fruchtloſen Verſuchen von dem Miniſterium Guizot die Erlaubniß, unter dem Namen eines Grafen von Montfort nach Paris zu kommen, wo ihn aber ſeine Verbindungen mit der demokratiſchen Partei bald verdäch⸗ tig machten und ihm nach viermonatlichem Verweilen einen Aus⸗ weiſungsbefehl zuzogen; doch durfte er mit ſeinem Vater bereits 1847 wieder nach Frankreich zurückkehren. Der Sturz der Dynaſtie Orleans ließ jedem Ehrgeiz freie Bahn und Prinz Napoleon verfehlte nicht, ſich bereits am 24. Fe⸗ bruar auf dem Stadthauſe in Paris bemerklich zu machen. Zwei Tage ſpäter veröffentlichte er einen Brief, durch welchen er ſich der proviſoriſchen Regierung zur Verfügung ſtellte und erklärte, „daß es die Pflicht jedes guten Bürgers ſei, ſich der Republik anzuſchließen.“ Noch entſchiedener ſprach er ſeine republikaniſchen Grundſätze in einem Sendſchreiben an die Wähler Korſika's aus, wo er als Kandidat für die konſtituirende Verſammlung auftrat. Aus der Wahlurne als Erſter auf der Liſte hervorge⸗ gangen, ſchloß es ſich in der Verſammlung den gemäßigten Re⸗ publikanern an. Am 10. Februar 1849 zum bevollmächtigten Miniſter am Madrider Hofe erngunt, pard er nach ſehr kurzer Zeit abberu⸗ fen, weil er ſeinen Poſten ohne Urlaub verlaſſen hatte. Seitdem ſchloß er ſich der Oppoſition an und ſaß in der geſetzgebenden Verſammlung, auch dießmal für Korſika gewählt, auf den Bän⸗ ken der Linken. Nach dem Staatsſtreiche zog er ſich ganz in das Privatleben zurück. Als die Wiederherſtellung des Kaiſerreiches es wünſchens⸗ werth machte, den Verwandten Ludwig Napoleon's eine ausge⸗ zeichnete Stellung anzuweiſen, trat auch Prinz Napoleon aus der bisherigen Zurückgezogenheit hervor. Ein Dekret vom 18. De⸗ zember 1852 erklärte ihn, in Ermangelung anderer Erben, zum Thronfolger, und durch Senatsbeſchluß vom 23. desſelben Mo⸗ nats erhielt er den Titel eines franzöſiſchen Prinzen und als ſolcher einen Sitz im Senat und im Staatsrath; gleichzeitig empfing er das Großkreuz der Ehrenlegion und, obgleich er noch gar nicht gedient hatte, die Ernennung zum Diviſions⸗General. Der Krieg gegen Rußland ſtellte dem neuen General Ge⸗ legenheit in Ausſicht, ſich Lorbeern zu erwerben, und auf ſeinen Wunſch gab ihm der Kaiſer den Befehl über eine Infanterie⸗ Diviſion, die in den Schlachten an der Alma und bei Inkerman die Reſerve bildete. Kränklichkeit war wohl blos der Vorwand, daß Prinz Napoleon gegen den Schluß des Jahres ſein Kom⸗ mando niederlegte und nach Frankreich zurückkehrte. Nach dieſer militäriſchen Epiſode wendete ſich Prinz Napo⸗ leon wieder friedlichen Beſchäftigungen zu und wurde zum Prä⸗ ſidenten der kaiſerlichen Kommiſſion der großen Induſtrie⸗Aus⸗ ſtellung des Jahres 1855 ernannt, wo er eine von den Aus⸗ ſtellern und den Abgeordneten des Auslandes anerkannte er⸗ ſprießliche Thätigkeit entwickelte. Seit dem Kaiſer ein Sohn geboren worden, hat ſich der Prinz Napoleon faſt ganz von den Staatsgeſchäften zurückgezogen und erſt ganz neuerdings hat er wieder eine politiſche Rolle übernommen. 1857 unternahm er auf der Korvette Reine Hortenſe eine Reiſe nach Island und dem Polarmeere, die in einem kaiſerlich ausgeſtatteten Pracht⸗ werk beſchrieben iſt, und nach ſeiner Rückkehr, als die nach dem Jännerattentat von der Regierung ergriffene Repreſſivpolitik den Franzoſen zu ſchwer auf den Schultern zu laſten anfing, war es Prinz Napoleon, der wiederholt Anlaß nahm, ſich öffentlich, wenigſtens in der Theorie, für liberalere Grundſätze zu erklären und auf die Nothwendigkeit größerer Preßfreiheit und einer Lockerung der ſtaatlichen Centraliſation hinzuweiſen. Am 24. Juni 1858 trat er an die Spitze des neugebildeten Miniſteriums für Algerien und die Kolonien und iſt im vorigen Monat aus demſelben geſchieden. Seine Vermälung mit der Prinzeſſin Klo⸗ tilde, der älteſten Tochter des Königs Viktor Emanuel, wurde binnen vierzehn Tagen aus einem unverbürgten Zeitungsgerüchte zu einer vollendeten Thatſache, ſo ſchnell hat ſie die drei Sta⸗ dien der Werbung, Verlobung und Trauung durchlaufen, welche letztere am 30. Jänner ſtattfand. Der Prinz Napoleon, durch Geſichtsbildung und Wohlbe⸗ leibtheit ſeinem großen Onkel am ähnlichſten von allen Napoleo⸗ niden, affektirt auch das Napoleoniſche Koſtüme bis zum grauen Ueberrock und dreieckigen Hütchen. Aber weder dieß noch ſeine liberalen Reden haben ihm die Popularität gewonnen, die zu erwerben er immer eifrig beſtrebt geweſen iſt⸗(Eur.) W Rnnuntlllün Nebus von K-y. Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt.— Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag. Ausgegeben am 1. April 1859,