e Leſer andlung S=Z ———n dee teckiſchen Volkes in drei Haus“ Haus“, a.nn Joſef hhand us dem Er galt als der Sohn des reichen Grafen M. aus Kleinrußland. In engeren Kreiſen aber erzählte man ſich, er gleiche einem leibeigenen För ſter, der früher als Büchſenſpanner im Schloſſe des Grafen in Dienſten ſtand, auf ein Haar, weß halb ihn auch der Graf vom Hauſe entfernt und einem Inſtitute in Petersburg zur Erziehung über geben habe. Seiner loſen und boshaften Streiche wegen ſei er bald aus der Erziehungsanſtalt entlaſſen und dem alten Grafen wieder zugeſchickt worden, der ihn nun, erzürnt wie er war, nach Paris geſendet habe, um das ungerathene Kind, für das er im Herzen keine Stimme fand, ſo weit als möglich vom Hauſe zu entfernen. Wlkoff habe nun in Paris erſt recht die Gelegenheit gefunden, im Kreiſe gleichgeſinnter Kameraden ſeiner Zugeuoſigkeit nach zuhängen und ſei nach der Verpraſſung des ihm von dem alten Grafen ausgeſetzten Erbtheils zur afrikaniſchen Armee gegangen; von dort jedoch nach Jahresfriſt wieder entfernt, ſei er nach Paris zu rückgekommen, das er aber auch bald wieder ver laſſen mußte; und nun lebe er in Warſchau von einem kleinen Gnadengehalte ſeines nur zu gütigen Vaters. Wie es ſich in der That mit Wlkoffs Vor leben verhielt, laſſen wir dahin geſtellt ſein, für uns genügt es zu wiſſen, daß er der Tonangeber unter den jungen Leuten war, denen er durch die allbekannte Gewandtheit ſeiner Fauſt in Hieb und Stich, dann die Sicherheit ſeines Auges im Piſto lenduell nur zu ſehr imponirte, während er durch dieſe Geſchicklichkeit wie durch ſeine allzeit bereite Kampfesluſt und Streitſucht die Schwächeren förm lich terroriſirte. „Der Morgengruß, Herr Kapitän,“ ſagte der Zahlkellner, indem er dem geſchätzten und gefürch teten Stammgaſte, der nun mit Recht oder mit Unrecht den Titel eines franzöſiſchen Kapitäns be anſpruchte, ein Quart der ſtärkſten Wiſchnowka aus nahmsweiſe perſönlich präſentirte, welches dieſer nach altpolniſcher Sitte erſt gegen das Licht hielt, wohlgefällig beſah und darauf mit einem Zuge austrank.„Ah!“ ſagte er,„das wärmt, konnt' es kaum erwarten, mir iſt ſo kalt, ſo garſtig kalt. Jeanl bringen Sie Tſchai für uns Alle, und zwar Tſchai mit doppelt Rum! Aber ſchnell, recht ſchnell, ſonſt haben Sie's mit mi thun!“ „Sogleich, Herr Kapitän! im Augenblick, ich werde ſelbſt beſorgen,“ antwortete Jean, und eilte aus dem Salon. „Wird aber der Doppelrum nicht zu ſtark ſein?“ ſagte ein ſchmachtender Blondin in Civilkleidung. Ein finſterer Blick des Kapitäns, in dem Alles, nur nichts Gutes zu leſen war, genügte, um den beſcheidenen Frager und Trinker verſtummen zu machen. „Es war aber auch recht abſcheulich kalt, heute,“ ſagte Wlkoff, indem er ein Glas des in⸗ . F. Breuntovansly: Der Duellant. 195 deſſen hereingebrachten Tſchai's hinabſtürzte;„der verdammte Nebel an der Weichſel, er geht einem durch Mark und Bein! Sie ſcheint ſich völlig an zukleben, dieſe naſſe, ſchaurige Kälte! Hu, hu, noch einen Tſchai! Ha, ha, dem rothköpfigen Engländer, denn um ihn blond zu heißen, war er doch zue roth, wird wohl nimmer kalt ſein, der braucht weder Weichſel noch Porter mehr ſoll's probiren, ob ihm die ſchöne, ſtolze, pretentiöſe H edwig nun⸗ mehr warm machen könnte. Und wenn ſie vor Zorn, Eiferſucht oder Leidenſchaft in Flammen auf gehen wollte, den guten Jungen wird ſie nicht mehr in Transſpiration bringen, ha ha ha!“ „Gewiß nicht, Bruder Wlk off,“ entgegnete hierauf Graf Mirowsky, ein ſeiner Wunden halber auf Halbſold geſetzter Infanteriehauptmann,„der Stich war famos! Ein Appell, und die Klinge ſaß feſt, feſt bis zum Stichblatt! Ein zweiter à Gorge Stich wie dieſer wird nicht ſo bald in der Duell geſchichte vorkommen! Und die Grage, die kräftige Biegung Deiner Fauſt, ja, liebſter Wlkoff, es war, als offerirteſt Du unſerer ſchönen Großfürſtin einen Teller Bonbons, aber nicht als wollteſt Du einen hoffnungsvollen engliſchen Knaben, dereinſti gen Erben der Peerswürde, an den Spieß ſtecken!“ „Ja, ja, Freund Mirowsky, Du haſt recht, es war ganz ein charmanter à Gorge, aber, der Burſche war ja ganz außer ſich!“ „Das möchte ich denn nicht ſo ganz beſchwö ren,“ fiel v. Pawlowsky ein;„er zitterte wohl ein wenig, als er auf dem Platze ankam, aber dieß ſchien die feuchte Morgenluft zu verurſachen, denn als er den Degen in die Hand nahm, da, da ſtreckten ſich ſeine Glieder, das Zittern war im Nu vorbei, das Auge erglühte und muthvoll griff er an— doch der fatale Stich, der ging in's Leben.— Fecht meiſter war er wohl leiner, aber als Mann iſt er doch gefallen und ſein letztes Wort„Hedwig!“ das er ſo ſchmerzvoll im Sturze ausrief, es bezeugte, daß er ſie vom Herzen geliebt habe und mit ſich das Bewußtſein in die Grube trage, für ihre Ehre ſein Herzblut auf fremder Erde verſpritzt zu haben.“ „Freund Pawlowsky! Du nimmiſt Dich des albernen Burſchen wärmer an, als es mir an genehm iſt und. ich von meinem Freunde erwartet, hätte. Sollteſt Du vielleicht Luſt oder Beruf füh len, den Inſulaner zu vertreten und ſeine Partie zu nehmen? Bitte— hier bin ich nur offen, heraus mit der Sprache. Züchtigen Sie mich, Herr von Pawlowsky „Gott ſei vor! liebſter Wlkoff, ſo hab' ich's doch nicht gemeint, beleidigen wollt' ich Dich nicht Jaber ich meinte nur ſo— entſchuldige!— der ſteht nicht mehr auf, und alſo auch nicht mehr dafür, daß ſich zwei alte Freunde ſeinetwegen ent⸗ zweien ſollten! Deine Hand! Wlkoff!— und Vrence!“ 1 In digte, Majſe...e fruher.(Feſpräch der 174 jungen Ke der Sexviette abgewiſcht hat alle Welt Erinnerungen. bedrohend, bald wieder bis in die geheimſten Winkel der Boudoirs übergehend und die delikateſten Ge heimniſſe der damaligen Modedamen preisgebend. Wir wollen den verſchiedenen Wendungen deeſer weingeiſtreichen Konverſation durchaus nicht folgen, ſondern eröffnen dem geneigten Leſer in Kürze, daß Wlkoff an dieſem Morgen einen hoffnungsreichen jungen Mann, den zwanzigjährigen Arthur Glad ſtone, den einſtigen Erben eines immenſen Ver⸗ mögens, das ſich ſein Onkel im Dienſte der oſtin diſchen Kompagnie erworben, durch einen ſeiner Lieblingsſtöße in einem Duell erſtochen, und dieß, weil die Geliebte des jungen Engländers dem rohen Raufbolde den zebii eten Jüngling vorgezogen hatte. Der Speiſeſalon hatte ſich indeſſen mit Gäſten gefüllt, und die von dem bereits in aller Haſt ge noſſenen Getränke aufgeregte Geſellſchaft der jungen Leute verlangte nach Veränderung und friſcher Luft. „Wo ſpeiſen wir beute*“ rief Milkowsky. „Ich gehe nach Bagatelle!“ ſagte Wlkoff, „wer hält mit?“ „Wir Alle!“ rief's im einſtimmigen Chor, „wir Alle gehen nach Bagatelle, vielleicht machen wir in der Ujazdeiwer Allee die Eroberung irgend einer alten, reichen Erbin, die in dem halbentblät terten Laubengange über den Herbſt ihres Lebens nachdenkt.“ Lärmend und tobend, wie ſie gekommen, ent fernte ſich die Geſellſchaft, begleitet von den nicken den und ſich bückenden Kellnern des Hotels. 2 Wer von Warſchau nach Praga geht, über ſchreitet nunmehr ſtatt der bis zum Jahre 1831 beſtandenen Schiffbrücke eine konſtante in hohen und kühnen Bögen ſich wölbende Brücke. Praga iſt ein Name, der in der Geſchichte Polens mit un auslöſchlichen Lettern ſtehen wird. Schon in dem Jahre 1794 wurde ſie von den Ruſſen unter Su⸗ warow gänzlich eingeäſchert, und bei dieſer Ge legenheit verlor ſie über 5000 ihrer Einwohner. Noch nicht hergeſtellt, kamen in dem Jahre 1831. die Drangſale des Freiheitskrieges über die ſchwer geprüfte Stadt. Zur Zeit unſerer Erzählung erhoben ſich wohl ſchon wieder ſchöne und geräumige Neubauten aus dem Schutte, die Mehrzahl der Gebäude zeugte aber noch immer von dem Schrecken und der Wuth des Bürgerkrieges. Um ſo anmuthiger und lieblicher lachte dem Auge in einer der verlornen Seiten⸗ gaſſen Praga's ein kleines, ebenerdiges Häuschen, vor deſſen mit Weinreben umrankten Fenſtern ein kleines von niedern Staketen umrahmtes, mit Dah lien und Herbſtaſtern gefülltes Gärtchen dem neu gierigen Vorübergehenden den Blick in das Innere der Zimmer wehrte. Ein Fenſter übereilenden Soayrs War 98 den Vor Auchlendend Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. weiße Vorhänge verhüllten es zur Hälfte und ließen theilweiſe einen eleganten Käfig ſehen, in dem ein munterer Hänfling hin und her ſprang. Kamelien und zwei vollauf blühende Monat⸗ roſenſtöcke ſtanden auf dem Fenſterbrette, und hinter dieſen— doch wir benützen das Recht des Schrift ſtellers, ſelbſt in das trauliche Stübchen einzutreten. Friſch weht uns die Reinlichkeit dieſes kleinen Rau⸗ mes an. An der Hauptwand dem Fenſter gegen⸗ über beſindet ſich ein Kaſten, auf dem zwei blanke Leuchter mit Wachskerzen auf kunſtvoll geſtickten Unterlagen ſtehen; daneben auf jeder Seite prangt ein friſches Blumenbouquet. An der Wand hängt ein Porträt, welches einen der polniſchen Heerführer in Lebensgröße darſtellt. Ueber dem Bilde iſt ein welker Immortellenkranz angebracht. In einer Ecke ſeitwärts ſteht ein weiß über zogener Toilettetiſch mit allerlei Nippſachen. Ein Bett, einige Seſſel und ein Kleiderſchrank, auf dem die Büſte des Kosziusko ſteht, vollenden das ganze Ameublement. An dem Nähtiſchchen im Fenſter ſitzt die Herrin der beſcheidenen Wohnung. Dunkel braunes Haar umrahmt die hohe, edel geformte Stirne. Die lange, griechiſche Naſe, der feine Teint, die ſchwellenden nelkenrothen Lippen, ſo wie die zarten ſchmalen und weißen Hände, dann der etwas vorgeſtreckte wunderhübſche kleine Fuß in dem win zigen Schlafſchuh laſſen trotz der faſt ärmlichen Umgebung erkennen, daß das Mädchen den beſſern Ständen angehöre. In dieſem Augenblicke beſchäftigt ſie ſich mit einer feinen Stickerei; doch wie emſig ſie auch ihre Nadel führt, ſo iſt doch leicht zu erkennen, daß ſie nicht mit dem ganzen Geiſte bei der Arbeit ver weile, denn von Zeit zu Zeit hebt ſie das dunkle Auge unter den langen ſchwarzen Wimpern und blickt zum Fenſter hinaus, von da zur Thüre, und wenn es ſich wieder zur Arbeit ſenkt, entringt ſich ein Seufzer der gepreßten Bruſt. Da ließen ſich Schritte vor der nehmen, es klopfte.„Ahl er iſt's, rief ſie und ſprang auf, um dem Geliebten, dem ſo ſchmerzlich Erſehnten entgegenzueilen. Doch ſtatt ſeiner ſtürzte ein alter Diener mit blaſſer, verſtörter Miene in's Zimmer.„Fräulein, gutes Fräulein! Arthur! mein junger Herr!“ Weiter konnte er nicht, ſondern ſank auf den nächſten Seſſel, das ſchmerzentſtellte Geſicht in den Händen bergend. „Schnelll William!“ rief das Miädchen, „was iſt's, was iſt vorgegangen? Iſt Arthur vielleicht mit dem Pferde geſtürzt? Ich habe ihn immer gewarnt, nicht ſo tollkühn zu reiten.“ William verneinte es. „Alſo vielleicht ein Streit?“ drängte das Mäd chen von der höchſten Angſt gefoltert,„ſprich Wil⸗ liam! ich bin auf das Aergſte gefaßt! Iſt Arthur vielleicht mit Wlkoff zuſammengekommen? Sprich, Du tödteſt mich durch Dein Schweigen!“ „Wlkoff, ja Wlkoff!“ rief der alte Thüre ver⸗ er kommt!“ Diener, Nau⸗ anmn. 197 indem er in lautes Weinen ausbrach.„Heute thümliche und trockene, das größte Phlegma aus⸗ morgens ſtand mein Herr früher als gewöhnlich drückende Benehmen des Fremden ließen unſchwer auf— ſchrieb einige Briefe und nachdem er ſie in ihm den Engländer und zwar den unabhängigen, geſiegelt und in ſein Portefeuille geſteckt, reichte er hochgeſtellten Gentleman erkennen. Vor ihm auf mir die Hand und drlückte ſie ſo wehmüthig, ſo dem Teller lag ein ſaftiges Beefſteak, mit dem er warm, als wollte er für immer Abſchied nehmen. ſich ganz angelegentlich zu beſchäftigen ſchien, ob⸗ „William, alter Freund,“ ſagte er zu mir,„ich wohl ſein Blick hin und wieder, wenn er ſich un⸗ habe einen wichtigen Gang zu thun, erwarte mich bemerkt glaubte, über die anweſenden Gäſte ſchweifte, mit dem Frühſtücke; ſollte ich aber bis zehn Uhr als ob er Jemanden unter ihnen ſuchte oder er⸗ nicht nach Hauſe kommen, ſo gehe zu Hedwig warten wollte. und richte ihr meinen Morgengruß aus, und ſage Da trat Kapitän Wlkoff mit der uns be⸗ ihr, daß mir ihre Ehre und ihr Ruf über Alles kannten Geſellſchaft in das Speiſezimmer. Während theuer geweſen.“ Als ich ihn nach der Urſache dieſer ſein Blick auf den Engländer ſiel, hatte ihn dieſer ſonderbaren Stimmung fragen wollte, riß er ſich aber auch ſchon mit dem Auge erfaßt, und indem los, befahl mir zu bleiben und ging raſch von dieſes Befriedigung ausſprach, zog er für eine Se⸗ dannen! Nach neun Uhr, mein Gott! war das kunde die Stirn in tiefe Falten, worauf er ſich Räthſel gelöst,— ſchwere Tritte, verworrene Stim⸗ aber alsbald wieder in das vor ihm ſtehende Beef⸗ men in der Hausflur— ich öffnete die Thüre— ſteak vertiefte, ohne weiter einen Blick davon zu da liegt mein junger Herr auf einer Bahre, weiß verwenden. wie eine Lilie, aus einer Bruſtwunde ſtrömte ſein Wlkoff, der keine Gelegenheit vorübergehen Herzblut hervor!— Wlkoff iſt der Mörder.“ ließ, einen ihm nicht zu Geſichte ſtehenden, oft ganz „Alſo todt, todt!“ rief Hedwig mit einem unſchuldigen Menſchen zu necken und zu beleidigen, markdurchdringenden Schrei, und ſank leblos, ſelbſt hatte kaum dem aufwartenden Kellner ſeine Befehle zur Lilie geworden, zu den Füßen des ſchmerzge⸗ zugerufen, als er auch ſchon ohne Gruß an den beugten Dieners nieder. Tiſch des Engländers herantrat. Auf den Schrei der Tochter ſtürzte die Mutter,„Das Beeſſteak ſcheint Ihnen ſehr gut zu eine hohe Geſtalt, welcher der Gram und die Ent⸗ ſchmecken, Herr Engländer,“ ſagte er,„obſchon es behrung ſelbſt nicht die Spuren ehemaliger Schön⸗ in keiner engliſchen Küche gebraten wurde.“ heit zu vertilgen vermocht hatten, in das Zimmer„Yes!“ bejahte kopfnickend der Britte. und trug mit Hilfe des Dieners die Lebloſe auf das„Erlauben Sie doch, daß ich es auch verkoſte,“ Lager, wo ſie erſt nach den angeſtrengteſten Bemü⸗ fuhr der Raufbold fort, und ohne erſt die Antwort hungen wieder zum Bewußtſein kam. auf ſeine impertinente Forderung abzuwarten, griff Der herbeigerufene Arzt fürchtete für ihr Leben er nach einer Gabel und nahm ein tüchtiges Stůck um ſo mehr, als ſich noch im Laufe der folgenden Braten von dem Teller. Nacht die unzweideutigen Symptome eines heftigen Der Engländer ſagte kein Wort, er zuckte nicht Nervenfiebers einſtellten. einmal mit einer Miene, ſondern aß ganz ruhig So hatte die Hand eines ruchloſen Menſchen, fort, gerade, als ob ihn die ganze Geſchichte gar der nur ſeine Leidenſchaft und ſeinen zügelloſen Be⸗ nichts anginge. gierden Gehör gab, das Leben eines zarten, un⸗„Parbleu! der Braten iſt gut, ob denn auch ſchuldigen Weſens untergraben, und einen edeln und die Sauce ſo trefflich gerathen iſt?“ und damit hoffnungsvollen Mann in der Blüthe ſeiner Jugend fuhr er mit dem Finger in den Teller des Fremden. gemordet! Der Engländer rührte ſich nicht, nur ſchoß er unter den buſchigen Augenbrauen einen Blick auf 3. den Unverſchämten, der den geſpannt zuſehenden Gäſten deutlich kund gab, was in ſeinem Innern Ein Jahr iſt ſeitdem vorübergegangen und der vorgehe. Blüthenmond im Anzuge. Es iſt Abend geworden.„Verdammtes engliſches Phlegma!“ fuhr Wl⸗ Im„großen Czaar“ ging es, wie immer, auch am koff heraus;„ob ich denn doch dieſen Meerwolf heutigen Abend recht lebhaft zu. Unter den vielen Gäſten aus ſeiner Ruhe bringen werde?“ zugleich nahm bemerken wir an der Fremdentafel eine ſonderbare, er dem Britten den Teller vor der Naſe weg, auffallende Geſtalt. Es war ein Herr ber die Mitte machte eine ungeſchickte Bewegung, und begoß den der fünfziger Jahre, und obwohl er ſaß, konnte man Oberrock desſelben mit dem ganzen Inhalte der doch leicht erkennen, daß er unter die Großen ge⸗ Schüſſel. zählt werden müſſe. Das kurz geſchnittene Haar,„Kellner!“ rief der Gentleman ohne das ⸗ ſchon ſtark in's Graue ſpielend, das blaue Auge, ringſte Zeichen einer Aufregung,„noch ein Beefſteak!“ das ſorgfältig und auf das glatteſte raſirte Kinn, Als der Kellner dieſes gebracht hatte, fuhr der die hohen bis an das Ohrläppchen reichenden Vater⸗ merkwürdige Mann ſchweigend fort, ſich mit dieſem mörder, der lange, bis auf die Erde herabfallende zu beſchäftigen, nachdem er früher den beſchmutzten lichtbraune Oberrock, noch mehr aber das eigen⸗ Rock mit der Serviette abgewiſcht hatee. * Erinnerungen. Illuſtrirte 9 „Aus dem engliſchen Stock iſt doch kein Wort herauszubringen,“ ſchmollte brummend der Kapitän; „ſchade um Zeit und Mühe, die ich an dem See hund verſchwendet habe! Wir wollen lieber eine Partie Billard machen, wem iſt s gefällig, meine Freunde, und wie hoch ſpielen wir?“ Mit dieſen Worten überließ er den ſtummen, ruhigen Mann fürder ungeſtört ſeiner gaſtronomi⸗ ſchen Beſchäftigung und trat mit ſeinen Begleitern an das Billard, welches, obwohl beſetzt, von den Spielern in der halben Partie ſogleich freigelaſſen wurde. Indeſſen hatte der Engländer ſein verzehrt, ſchob den Teller vor ſich hin, legte die Serviette zur Seite und ſtand vom Tiſche auf. Nun erſt ſah man ſeine ganze Geſtalt; er war ein hochgewachſener, mehr magerer als beleibter Mann, dem jedoch Muskelkraft und Sicherheit der Bewe gung nicht abzuſprechen war. Die ganze Erſchei⸗ nung des alten Herrn imponirte der ganzen Ge ſellſchaft. Nachdem er ſeine Halskrägen noch mehr emporgezogen und das Kinn in die ſeidene Kravatte verſenkt hatte, nahm er ſeinen Hut und Stock und ging, aber nicht gegen die Thüre, wie man ſeinem frühern räthſelhaften, der Feigheit auf ein Haar ähnlichen Benehmen nach zu ſchl ießen berechtigt ſein konnte, ſondern gemeſſenen Schrittes auf das Bil lard zu, tupfte dem Kapitän auf die Schulter und Beeſſteak ſagte in dem harten Deutſch der Söhne Albions: „Herr Kapitän, oder was Sie ſind, Sie haben mich ſehr unanſtändig behandelt, mich, den alten Mann, den friedlichen Gaſt, der Niemanden Etwas in den Weg gelegt hatte. Ich muß Sie erſuchen, mir zu ſagen als Mann von EChre, ob Sie dieß aus Unüberlegtheit und kindiſchem Uebermuth gethan haben, oder ob Sie mich vorſätzllich beleidigen woll ten. Ich werde Ihre Antwort erwarten.“ Eine unmerkliche, vorübergehende Röthe, ſo wie das Zucken um die Mundwinkel ließ errathen, daß Wlkoff dieſe Anſprache, wenn auch nicht und / 7 erwünſcht, ſo doch ganz unerwartet kam; doch faßte er ſich alsbald und indem er den Engländer mit ſeinen frechen Blicken maß, ſtieß er den Billard ſtock auf den Boden und erwiederte mit höhniſcher Miene:„Das kann der Herr Engländer nehmen wie es Ihm beliebt, mir iſt es tout égal. Wie's beliebt, ſo oder ſo!“ „Alſo,“ entgegnete der trockene Gentleman mit ſtrengem Blicke,„ſehe ich die mir angethane Un⸗ verſchämtheit für eine gefliſſentliche Beleidigung an! War es nicht ſo?“ „ Gewiß war es ſo, Herr und nicht anders, um ſo mehr, Freundſchaft erzeigen wollen, Beleidigung zu halten!“ „Gut denn,“ ſprach ruhig der Engländer wei „da werden Sie alſo als Mann auch einſe⸗ daß Sie mir Erklärung darüber ſchuldig ſind mir als Offizier von Ehre, der Sie ſein ſol⸗ John Bull, ſo als mir die es für eine abgeſehene Sie und Blätter für Ernſt und Humor. len, die gehörige und eklatante Genugthuung nicht verweigern dürfen!“ „Das werde ich nie,“ rief Wlkoff,„und um ſo weniger, da es mein innigſter Wunſch ge⸗ weſen, mich auch einmal mit einem Sohne Albions zu meſſen. Beſtimmen Sie ohne weiters wann, wie und wo ich Ihnen Satisfaktion geben ſoll; ich werde pünktlich erſcheinen; nur bitte ich Sie, Aicht zu vergeſſen, Ihre irdiſchen Angelagenhenton in Ord⸗ nung zu bringen— denn dem Kapitän Wlkoff hat noch Niemand ungeſtraft in die Augen geſe⸗ hen! Beiläuſig mache ich Ihnen noch bekannt, daß Sie der Achtzehnte in meinem ſchwarzen Regiſter ſein werden, der Achtzehnte ſage ich, den ich ma foi! über den Styx zu expediren hoffe.1 Ruhigen Blickes, mit unveränderter Miene hatte der Engländer die lange und prahleriſche Tirade des Raufbolds angehört, und als dieſer geeudet, nickte er mit dem Kopfe, wobei ſein glat⸗ tes Kinn ganz in der Halsbinde ve rſchwand. „Meine Herren,“ ſagte er dann,„da ich hier ganz unbekannt bin, ſo kann ich den gelegenſten Ort zu einer ſolchen Schlichtung unſerer Angele⸗ genheit, wobei die kleinſte Störung ſehr unange⸗ nehm wird, nicht ſelbſt beſtimmen und erſuche da⸗ her, mir den geeignetſten Platz anzugeben. Eben ſo bleibt die Stunde ſo wie die Wahl der Waffen Ihnen überlaſſen. Endlich, da ich hier auch keine Freunde habe, ſo wird einer der Herren die be ſondere Güte haben, mir am morgigen Tage zu ſekundiren!“ Als ſich nun die jungen Herren eine kleine Weile unter einander berathen hatten, wurden leiſe der Platz und die achte Morgenſtunde dem Eng⸗ länder beſtimmt, mit dem Beifügen, daß man ver⸗ ſchiedene Waffen zur beliebigen Auswahl mitbrin⸗ gen wolle. Auch der Sekundant des Fremden wurde erwählt und ſo Alles zur beiderſeitigen Zufrieden⸗ heit in Ordnung gebracht. Nun erſt verneigte ſich der alte Herr mit Würde und nachdem er ſein„good night, meine Herren!“ geſagt, wandte er ſich zur Thüre und begab ſich auf ſein Zimmer. Das Erſtaunen und die Verwunderung der Anweſenden folgte ihm und die meiſten derſelben bedauerten ſchon den würdigen alten Herrn als einen todten Mann. Wlkoff aber lachte laut auf, warf den Bil⸗ lardſtock in die nächſte Ecke und indem er ein über das andere Mal den fremden Gaſt eine ausgetrock⸗ nete Theerjacke, naunte, die er tüchtig auszuklopfen ſich ernſtlich vornehme, trank er ein Glas Tſchai nach dem andern, theils um ſeinen Aerger herun⸗ terzuſpülen, theils um ſich von dem unangenehmen Gefühle zu befreien, welches ihn in Folge des im⸗ ponirenden und gemeſſenen Auftretens des alten Mannes beſchlichen hatte. So kam die Stunde des Nachhauſegehens und die Freunde trennten ſich ziemlich berauſcht und — F. Brentovansky: Der Duellant. 199 äußerſt geſpannt auf den Ausgang des auf den Herrn Gegners liegen dürfte, ſo glaube ich, es andern Tag anberaumten Zweikampfes. wäre am Beſten, ſo ſchuell als möglich an unſer Werk zu gehen!“ 4. Bei dieſen Worten zog er ſeinen Rock aus, legte ihn vorſichtig auf den Raſen, ſtellte ſeinen Hut Wenn man eine halbe Stunde entlang des darauf und den Knotenſtock daneben. Als er die linken Weichſelufers geht, ſo kömmt man auf einen Hemdärmel aufrollte, zeigte er zwei muskulöſe und geräumigen Raſenplatz, der rings von dichten Saal⸗ ſehnige Arme. weiden umgeben, wie eigens zur Schlichtung einer Wlkoff folgte ſchnell ſeinem Beiſpiele, die Ehrenſache mit den Waffen in der Hand einge⸗ Sekundanten ſchritten den Kampfplatz ab, die bei⸗ richtet zu ſein ſcheint. Es war dieſes der Ort der V den Gegner traten an ihre Plätze und ergriffen die heutigen Zuſammenkunſt und vor einem Jahre war ihnen dargereichten Degen. es hier, wo der arme Arthur von der Hand V Der Engländer legte ſich aus; er ſchien ſich Wlkoff's getroffen, den grünen Raſen mit ſeinem um zwanzig Jahre verjüngt zu haben, ſein ſonſt Herzblute gefärbt hatte. V ruhiges Auge blitzte vor Kampfluſt und Wlkoff Wlkoff ſaß ſchon hier auf dem Boden, mit V ſah nur zu bald, daß er es mit einem ſehr ge⸗ dem Rücken an einen Weidenſtumpf gelehnt, um wandten, wo nicht gar mit einem ihm überlegenen ihn herum die uns bekannten ſechs Begleiter. Die Gegner zu thun habe. Der erſte Gang war vor⸗ Rumflaſche ging von Mund zu Munde, denn eines⸗ über und es war Wlkoff noch immer nicht ge⸗ theils blies der Wind recht ſcharf von der Weichſel lungen, ſeinem Gegenpart auch nur im Geringſten her, anderntheils benöthigen Menſchen, die eine beizukommen. Er begann von Neuem, da— eins, ungerechte Gewaltthat vorhaben, immer betäuben⸗ zwei, drei— und Wlkoff's Degen flog in die —.„. 5 3—. 2.... der und aufregender Reizmittel. Luſt, weit hinaus und blieb in den Zweigen eines Wlkoff ſprach heute beſonders der geiſtigen entfernter ſtehenden Eichenbaumes hängen. Flüſſigkeit ſtark zu. Nachdem er wieder einen lan⸗ Ein Fluch entfuhr den Lippen des Kapitäns, gen Zug, der die Flaſche über die Hälfte leerte, während der Engländer den Degen ſeukte und lä⸗ gethan hatte, ſagte er zu ſeinen Freunden:„Ventre chelnd zu ihm ſagte: saint gris! der Alte kommt nicht, wird ſich's„Mein Herr! wählen Sie ohne weiters Ihre vermuthlich überlegt haben, der engliſche Meerwolf! Waffe, mit dem Degen können Sie gewiß, wie ich und während wir hier warten und uns langweilen, V ſehe, nicht umgehen. Vielleicht verſtehen Sie den iſt er vielleicht ſchon über alle Berge und Thäler!“ Säbel beſſer zu handhaben 15 „Freund Wlkoff hat Recht,“ erwiederte Graf V Kirſchroth im Geſichte vor Wuth und Scham Sowensky, der zum Sekundanten des Englän⸗ langte Wlkoff nach ſeinem Säbel und nachdem ders erwählt worden war;„es war ja voraus zu der alte Herr ſeinen Degen mit der neuen Waffe ſehen, daß der alte Mann es nicht wagen werde, vertauſcht hatte, begann ein friſches Aſſaut. Hagel⸗ den Kampf mit dem erſten Raufer unſerer Zeit dicht flogen nun die Hiebe und während Wlkoff r ſeine ganze Contenance verlor, blieb der Engländer ⸗ gleich ruhig, gleich beſonnen. Doch da der Kapitän aufzunehmen, beſonders wenn ihn die Kellner üb Deine Geſchicklichkeit aufgeklärt haben ſollten. Dieß⸗ mal ſind wir ſchön bei der Naſe herumgeführt nach einem tödtlichen Hiebe auf den Engländer ſich e rt worden!“ zu decken verſäumte, fuhr die Säbelſpitze des Letz⸗ Noch war das Gelächter der jungen Leute V tern über ſeine rechte Wange und das warme Blut über dieſe Bemerkung nicht verklungen, als ſich rieſelte aus der Wunde über ſein weißes Hemd Schritte näherten und die Bewegung der Weiden⸗ herab. ruthen einen neuen Ankömmling verkündete.„Ich wollte Sie nur ein wenig zeichnen, Herr Wirklich erſchien bald darauf über den Spitzen derſelben der Hut, dann das ernſte Geſicht mit den blauen Augen, hernach die Vatermörder, darauf die Halsbinde und endlich trat der ganze lange Eng⸗ länder mit einem tüchtigen Knotenſtocke in der Hand aus dem Gebüſche hervor. „Good morning, meine Herren!“ begrüßte V uhr der Alte fort,„aber dieß ift meine Waffe, Herr Großprahler!“ Außer ſich vor Zorn ließ ſich Wlkoff kaum Zeit, das herabrieſelnde Blut von der Wange zu wiſchen; er zitterte am ganzen Körper und knirſchte er die ſich mit Verwunderung anſehende, in ihrer mit den langen Zähnen, wie ein wildes Thier. Vorausſetzung getäuſchte Geſellſchaft und indem er Eine böſe Ahnung überkam ihn und ſchien ihm zu ſeine Uhr hervorzog und dieſelbe repetiren ließ, fügte ſagen, es dürfte dießmal wohl ſein letztes Duell er hinzu:„So eben muß es acht Uhr in der Stadt geweſen ſein. In banger Erwartung ſtanden die geſchlagen haben. Ich wollte pünktlich ſein und bin Zeugen umher und Achtung vor dem beleidigten daher nicht früher gekommen. Da eine Ausglei⸗ Gaſte nahm die Stelle der frühern Geringſchätzung chung durch Worte zwiſchen uns nicht thunlich iſt ein. Sie verlangten eine Pauſe zum Ausruhen der und wahrſcheinlich auch nicht im Plane meines Kämpfer, da ſie ſahen, daß ihr Freund ſeine ganze 75 2⁰00 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Haltung und Beſonnenheit verloren hatte. Doch dieſer ließ ſich nicht mehr halten, ſondern ſchüttelte fluchend mit dem Kopfe, daß das Blut weit um⸗ her ſpritzte. „An mir iſt der erſte Schuß,“ brüllte er,„ich bin der Geforderte!“ und ſchon krachte der Schuß — doch der Engländer ſtand unverſehrt und kalt⸗ blütig, wie er ſtets geweſen. Die Kugel war hoch über den Kopf hinaus in's Weite gegangen. „Hölle und Teufel!“ rief Wlkofſ; das rothe, blutunterlaufene Geſicht wurde aſchfarben, ſeine Arme ſanken ſchlaff hinunter und das ſchadenfrohe, boshafte Auge des Renommiſten wurde matt und irre. Seine Stunde hatte geſchlagen; dieß verrieth das Beben der Glieder, das Schlottern ſeiner Kniee. Mit ſtierem Blicke ſah er nach dem ſo ſchwer ge⸗ kränkten Engländer, der ſich nun hoch aufrichtete und mit feierlicher Stimme begann: „Meine Herren, bevor ich von meinem Schuſſe Gebrauch mache, habe ich Ihnen und dieſem Elen⸗ den noch ein Wort zu ſagen. Dieſer Schurke, die⸗ ſer Niederträchtige,“ fuhr er fort, indem er auf den nun zum Feigling umgewandelten Kapitän hinzeigte,„hat vor einem Jahre hier auf dieſem Platze meinen Neffen, einen Knaben noch, gemor⸗ det. Seiner niedrigen Leidenſchaft hat er einen edlen, hoffnungsvollen jungen Mann, den Erben meiner Würde und meiner Güter zum Opfer ge⸗ bracht. Ich bin aus meinem Vaterlande hierher gereiſet, um meinen theuern Arthur zu rächen und dieſen Elenden für immer unſchädlich zu ma⸗ chen. Dieß iſt meine Waffe, ſage ich noch einmal,“ und ſich zu Wlkoff wendend, rief er mit einer Donnerſtimme, indem er mit dem Finger auf ſeine Stirne zeigte:„Sieh!— hierher!— Bube!“ darauf fuhr er langſam mit der Piſtole in die Höhe— ein Blitz— ein Knall— und der Mör⸗ der Arthur's lag mit dem Geſichte auf dem Boden. Wie der Engländer auf ſeiner Stirne ge⸗ zeigt, ſo ging die Kugel über der Naſenwurzel zwi⸗ ſchen den Augenbrauen mitten durch den Kopf des Unglücklichen. Ein Schrei des Schreckens entfuhr den Lip⸗ pen der Anweſenden.—— Der Engländer hatte ſich in Kurzem wieder angekleidet und ſeinen Knotenſtock zur Hand genom⸗ men, dann grüßte er höflich die Augenzeugen ſeines Vergeltungswerkes und ging gemeſſenen Schrittes, ſo kalt, ſo ruhig wie er hierher gekommen, von dannen. Eine Stunde nachher fuhr eine elegante Reiſe⸗ kaleſche, in welcher Lord Woodſtock mit zwei in tiefer Trauer gekleideten, blaſſen damen— Hed⸗ wig und ihrer Mutter— ſaß, aus dem Hotel „zum großen Czaar“ nach Weſten gegen England zu. — Das deutſche weltliche Volkslied. Von T. Korber. „Thie Volkslieder, dieſe aus dem Herzen des 2 Volkes entſprungenen und eines der innig⸗ S= ſten Bedürfniſſe desſelben befriedigenden Ge⸗ Os ſänge, ſind, wie bei allen Völkern, ſo auch bei den Deutſchen der Anfang aller Poeſie, In jenen Zeiten, wo kein großer Bildungs⸗ unterſchied die Vornehmen von den Niedern trennt, wo gleiche Gefühle, gleiche Anſchauungen, gleiche Ahnungen vom Ewigen die Geſammtheit des Vol⸗ kes erfüllen, ertönt aus dem Munde des beſonders Begabten oder durch den bedeutenden Moment dich⸗ teriſch Erregten das Lied, deſſen Inhalt Alle als Ausdruck ihres Innern erkennen, das daher auch leicht und ſchnell Eigenthum eines Jeden werden kann. Iſt alſo, dem Charakter der älteſten Perio⸗ den eines Volkes gemäß, der Inhalt dieſer Lieder meiſt religiöſer und kriegeriſcher Art, werden Gott⸗ heiten, Stammhelden oder Heerführer gerne von Allen gefeiert— denn ihr Inneres in der Weiſe reiferer Nationen zu beſchauen haben dieſe kräftigen Kinder noch nicht gelernt— ſo tritt doch ſchon frühe das erotiſche Element hinzu, und Liebesaben⸗ teuer eines kriegskundigen und gewaltigen Helden ſind auch da ſchon ein beliebter Gegenſtand der Dichtung. Wir erfahren, für die urälteſten Zeiten von Römern, für die ſpäteren von einheimiſchen Schrift⸗ ſtellern das Vorhandenſein ſolcher religiöſen und hiſtoriſchen Lieder bei den verſchiedenſten germani⸗ ſchen Völkern. So lebte das Andenken des Ar⸗ minius bei den Deutſchen lebhaft fort, ja ſogar dieſelben Geſänge, die zu ſeiner Zeit geſungen wur⸗ den, ertönten vielleicht noch nach Jahrhunderten durch Deutſchland. In der Nacht vor dem Kampfe ließen es die Germanen an fröhlichem Sange nicht fehlen, ſo wenig als beim feſtlichen Mahle; Trink⸗ oder Schmauſelieder indeß kannten ſie nicht. Bei der unmittelbaren Theilnahme der Edel⸗ ſten konnte das Lied ſich wohl rein und edel be⸗ hauptet haben. Anders aber ward es in dem fol⸗ genden Zeitraum. Wie das Volk ſich nach Innen und Außen weiter entwickelte, wie die höhern Stände mehr und mehr aus der Maſſe hervortraten, ſehen wir als⸗ bald die Bedeutung des Wortes Volk, ſehen wir damit auch das Volkslied ſelbſt und nicht zum beſſern ſich verändern. Der Gedanke des Unedlen bei dem einen, Unedles und Unreines bei dem andern ſind die natürlichen Folgen. Von oben herab endlich ward das Chriſten⸗ thum, nicht überall in milder Weiſe, eingeführt; alles Heidniſche ſollte verſchwinden und die höhere Geiſtlichkeit wie die Könige ſelbſt eiferten gegen das Abſingen weltlicher Lieder. Erſt wurde dieß Verbot den Geiſtlichen und den Nonnen einge⸗ L. Korber: Das deutſche weltliche Volkslied. 201 —— beleeee ſchärft; letztere ſollten keine Liebeslieder ſchreiben müſſen ſcheiden; weiß Gott, wann ſie ſich wieder oder Jemanden ſenden; bald aber wurden auch die ſehen! Mit dem geliebten Manne flieht auch alle Laien von dieſem Verbote getroffen, wenn auch Freude dahin. en des nicht in ſo ſtrenger Weiſe. Fröhliche, leichtfertige, Dieſes und Aehnliches iſt der Inhalt dieſer unnig⸗ poſſenhafte Lieder, ſo lange ſie im Freien, in Häu⸗ Lieder, die auch im Aeußern, in Reim und Vers en Ge⸗ ſern oder auf den Gaſſen geſungen wurden, wären ihre Verwandtſchaft mit dem Volksliede nicht ver⸗ ſo auch wohl noch hingegangen; wenn man ſie aber in der leugnen; die Verſe ſind meiſt ähnlich der uralten Poeſte. Nähe von Kirchen oder gar in der Kirche ſelbſt, epiſchen Langzeile, wie ſie ſich im Laufe der Zeiten dungs⸗ ja ſogar unter Schmaus und Spiel und in aller⸗ veränderte und verkürzte, die Reime kaum ſo zu trennt, lei Vermummungen, woran dann noch endlich ſelbſt nennen, da gewöhnlich nur die Vokale dieſelben gleiche gar Frauensperſonen Theil nahmen, abſang, dann ſind und die Versausgänge alſo wohl ähnlich, aber 8 Vol⸗ war dieß allerdings ein Gräuel. Es waren dieß nicht gleich klingen, wo demnach jär und han, ſonders offenbar Ueberbleibſel des Heidenthums; ſo ging wünne und künne ohne Anſtand reimen. Auch nt dic⸗ es bei den Opferverſammlungen, Spielen und Fe⸗ ſind die Lieder meiſt kurz, oft nur einzelne Strofen. llle als ſten der Heiden zu— gegen dieſes unzüchtige Wir ſehen alſo anfangs keinen eigentlichen e dnd Weſen mußte— das verſteht ſich— eingeſchritten Gegenſatz in der Minne⸗ und Volkspoeſie; wohl werden. Daß die trockenen Reimereien der Geiſtli⸗ aber ſinden wir perſönliche Berührungen zwiſchen chen dem Volke ſeine lebendigen, alten Geſänge Kunſtmäßigen und Volksdichtern, und erſt in der nicht zu erſetzen vermochten, ja daß aller Eifer der⸗ Zeit der Blüthe der höfiſchen Poeſie ſcheidet ſie ſich ſelben ſogar wirklichen Unfug nicht abſtellen konnte, ſtrenger von allem Volksmäßigen. Konventionelle iſt freilich natürlich. Vorſtellungen und Neigungen und eine große Vor⸗ Verboten wurden die Spottlieder, die auf Per⸗ liebe für Fremdes, Phantaſtiſches, Geſuchtes, auch ſonen und Vorfälle des Tages bezüglich, Schimpf⸗ in der Form, wird immer mehr der Charakter der liches erzählten; ſchwankartige Erzählungen hinge⸗ höfiſchen Dichtung. gen, deren es genug gab, wurden ohne Anſtand Wir müſſen dieſe, ſo weit ſie Minnepoeſie iſt, geſungen. nun darum näher betrachten, weil ſie dieſelben Gat⸗ Unterdeſſen aber ging die Scheidung der tungen bietet, die wir ſpäter, wie geſagt, beim Stände ihren ruhigen Gang fort. Sang das Volk Voltsliede finden. Und ſo begegnet uns außer den ſeine Lieder, hegte es ſeine Sagen und Mähren, ſchon erwähnten Klagen über die Merker und Auf⸗ ja bildeten ſich durch Volksdichter die erſten An⸗ paſſer und dem Tageliede, die weitere Entwicklung ſcher Geſänge— ſo hatten die des letztern, das Wächterlied; es bewacht nämlich ſätze größerer epiſ 8 3 Edlen nicht minder ihre eigenthümliche Poeſie, die Einer die heimliche Zuſammenkunft der Liebenden ſich indeß, ſo weit ſie deutſch war— denn auch und warnt ſie vor der Gefahr der Ueberraſchung. lateiniſche Dichtung wurde, namentlich an den Hö⸗ Oder es ſind Botenlieder, indem der Bote vor der 6 fen, gepflogen— nur allmälig vom Volkstone und Frau ſingt und in ihr Neigung für ſeinen Herrn der ganzen Form des Volksliedes entfernte. zu entflammen ſucht; oder die Lieder erſcheinen Volksmäßige, ſeelenvolle Tiefe iſt der Charak⸗ ſelbſt als Boten und melden den Gruß aus der ter dieſer naiv⸗ſinulichen Lieder, von denen die älte: Ferne. So weit geht es noch immer; auch die blo⸗ ſten, die noch vor der Mitte des 12. Jahrhunderts ßen Bitten um Liebeserwiederung oder die Aus⸗ in Oeſterreich entſtanden, ſchon jene Gattungen vor⸗ brüche des Schmerzes oder der Freude ſind oft wahr gebildet zeigen, die wir dann im Minneliede in und natürlich; das Lob der Frauen im Allgemei⸗ Cdel⸗ reichſter Entfaltung und ſpäter im Volksliede ſelbſt nen aber, die Verherrlichung der Minne ꝛc. ſagen del be⸗ wiederfinden. Lernte ein Mädchen einen Ritter ken⸗ uns jett weniger zu und ſie finden ſich auch im en fel⸗ 4 nen und freute ſich deß: flugs kamen die Merker, Volksliede kaum wieder vor. Dafür ſind Reihen k die Aufpaſſer— verhaßtes Geſchlecht!— und ihr und Tänze, oft von ganzen Chören geſungen, ſehr Neid und aus iſt's mit aller Freude. Oder liebten beliebt und namentlich hier die Verbindung der ſich Zwei recht innig und freute ſich die Frowe Liebesgefühle mit denen, die Frühlings⸗ und Som⸗ des erwählten Mannes— gleich neideten ihr dieß merpracht in uns erwecken, ſehr charakteriſtiſch; ſie ſchöne Frauen, obwohl ſie ja nie den Trauten findet ſich aber auch in den früher genannten Arten. einer andern begehrte. Dieſe geſammte Poeſie iſt alſo der Ausdruck Daher muß man allerdings Rath ſuchen; kann des Weſens des damals an Bedeutung alles andere ſich der Abendſtern verbergen, warum ſollte man überwiegenden Ritterſtandes; wie er ſich ſtreng nicht Liebe verbergen können? Die Theure ſehe vom Volke ſchied, ſo war auch ſeine Poeſie nicht nur einen andern und nicht den Liebſten an, und für dasſelbe; mit Geringſchätzung blickte er auf Ehriſten kein Menſch weiß, wie es mit den Zweien ſteht; die einfachen Geſänge der niederen Stände herab. geführt; ſo meint wenigſtens der Liebende.— Oder ver⸗ Auch die höfiſchen Dichter, oder vielmehr dieſe e höhere brachten Zwei eine ſelige Nacht, ſo kommt ein lei⸗ mehr als die eigentlichen Großen, hatten dieſe n gegelt diges Vöglein, das ſich auf die nächſte Linde ſetzt Verachtung des Volksgeſanges; und wenn ſich ja nde dieß und dort den Tag verkündet; es hilft nichts, ſie ein Mächtiger von einem fahrenden Sänger etwas einge⸗ 4 Erinnerungen. 1859. 26 7¹ 2— 20² Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. vorſingen ließ, oder auch nur Geſchmack an der künſtlichen Volkspoeſie zeigte, die von Adeligen aus ging und ſehr gehegt wurde— wie jett die Dorf geſchichtenpoeſie— ſo hörte man gleich Klagen und die Unverſchämtheit der zudringlichen Fahrenden wurde von den höfiſchen Dichtern als unerträglich gebrandmarkt; und ſo blieb dieſen Leuten, deren Handwerk ſogar als überaus ſündig verrufen war, blos im Bauern⸗ und niederen Bürgerſtande ein dankbares Publikum. Aber auch der Bürgerſtand ſelbſt hob ſich im mer mehr, wurde immer reicher und angeſehener, und auch er mußte nun ſeine eigene Poeſie haben, die aber ſo langweilig und gekünſtelt war, als er ſelbſt mächtig und ehrenwerth. So ſehen wir alſo nach zwei Seiten hin eine Scheidung der Stände und damit auch ihrer An ſchauungen und Bedürfniſſe, und begreifen, wie die Kunſtpoeſie, ſelbſt in zwei Zweige getheilt, die bei aller Verſchiedenheit doch ein Aehnliches haben, das Konventionelle, der Volkspoeſie entgegenſtand und ſie ihrer Rohheit mehr und mehr anheimfallen ließ, ja dieſelbe durch die fahrenden Sänger, die auch Produkte der Kunſtpoeſie vortrugen, ſelbſt theilweiſe verdrängte. Beide Zweige aber verblühten allmälig, beide hatten hundertfach in immer ſchlechterer Form ge ſagt was ſie ſagen konnten: und wieder ſollte, zum zweitenmale, die Möglichkeit eines wahrhaft blü henden Volksgeſanges und bald auch dieſer ſelbſt eintreten. Denn ſowohl beim Ritter⸗ als beim Bürger ſtande war das den Stand Charakteriſirende allmä lig ein Formalismus von Aeußerlichkeiten gewor den; inſofern dieſe noch von einigen feſtgehalten wurden, ward aus der dieſen Ständen früher eigen thümlichen Bildung Verbildung, das Aeußerliche konnte auf die Dauer das Innere des Menſchen nicht befriedigen. Die es aber kühn wegwarfen, traten ohnedieß dem Volke näher, das unterdeſſen langſam aber ſicher zu jener Höhe gekommen war, auf der das Weſen des Zeitgeiſtes vernehmlich wird, und es war alſo jene Gleichheit der innern Bedürfniſſe und der Bildung wieder hergeſtellt, die wir gleich anfangs als Bedingung des Gedeihens des Volksliedes wahrnahmen. Gemüth und Phantaſie war nänlich bei allen vorherrſchend, die Gelehrſamkeit ein Monopol ein zelner, und durch die vielen kirchlichen und Volks feſte, ſo wie durch das patriarchaliſche Verhältniß zwiſchen Herr⸗ und Dienerſchaft vielfache Gelegen heit zu näheren Berührungen gegeben. Sehen wir ſo deutlich die Wirkung der nie deren, lebensvollen Kreiſe auf die höheren, ſo müſ ſen wir auch nicht außer Augen laſſen, daß im Volke ſelbſt, in Folge der Wandlung, die es bereits durchgemacht hatte und noch mehr durchmachen ſollte, das Intereſſe für ſeine eigene Vergangenheit, V die ſich nur noch abgeblaßt und verwirrt in ſeinen Helden- und hiſtoriſchen Liedern ſpiegelte, mehr und mehr verloren gegangen war. Die Theilnahme am Volkslied war alſo wirk⸗ lich eine allgemeine, Daß auch jetzt wieder viel Obſcönes und Gemeines mit einfloß, iſt natürlich; und ſo war ſchon durch dieſen allgemeinen, viel leicht aber noch mehr durch einen ganz beſonderen Umſtand der ernſteren, ſtrengeren Geiſtlichkeit Ver⸗ anlaſſung zu einer Reaktion geboten. Es gab nämlich eine Klaſſe von Geiſtlichen, die unter dem Namen Vaganten oder Goliarden ſich ſchon ſeit dem 12. Jahrhundert in Deutſchland zeigten, ähnlich wie fahrende Sänger herumzogen und aus kirchlichen Hymnen und Sequenzen lächer⸗ liche Parodien verfaßten, die ſie dann mit ihren urſprünglichen Melodien geſungen haben mögen, wobei der Kontraſt des Weltlichen und Geiſtlichen ſehr komiſch wirken mußte. Um nun dieſen und ähnlichen Geſängen und dem durch ſeine Ausar⸗ tungen gefährlich ſcheinenden Volksliede überhaupt entgegenzuwirken, war man ſchon im 14. Jahrhun⸗ dert, vielleicht auch ſchon früher darauf bedacht, weltlichen Melodien geiſtliche Texte unterzulegen oder wohl auch blos die Texte umzzudichten. Die⸗ ſes Verfahren, das uns nicht als ein anſtößiges erſcheinen darf, da ja Geiſtliches und Weltliches überhaupt noch nicht ſo ſtreng geſchieden war und da es ſich auch bei dem geſteigerten Bedürfniſſe nach Melodien für den kirchlichen Volksgeſang als der einzige Ausweg darbot, ſchuf eigentlich erſt das religiöſe Volkslied; und wenn wir auch Zuſammen⸗ ſtellungen, wie: Himmelreich, ich freue mich dein, Sommerzeit, ich freue mich dein; Ach, mein Gött, ſprich mir freundlich zu,— Ein Mägdlein ſprach mir freundlich zu; Auf meinen lieben Gott, trau ich in Angſt und Noth, Venus, du und dein Kind, ſind alle beide blind; O Gott im höch ſten Throne, Schürz Dich, Gretlein, ſchürz dich ꝛc. ꝛc. befremdlich finden, ſo erhob ſich doch aus dieſen Anfängen ſpäter ein Flor von ſelbſtän⸗ digen oder den Pſalmen nachgebildeten Geſängen, die die tiefe, heilige Begeiſterung, aus denen ſie entſprangen, auch jetzt noch Jedem wohl mitzuthei⸗ len im Stande ſind. Trotz alledem aber erreichte das Volkslied eine immer größere Bedeutung, bis es von der Mitte des 15. Jahrhundertes an ſeinen eigentli⸗ chen Hochpunkt erklommen hatte. Und wie der Minne⸗ und Meiſtergeſang vorzüglich in den Rhein⸗ und Donaulanden geblüht hatte, ſo ſehen wir auch jetzt wieder die ganze Länge des Rheins herab, in der Schweiz, in Schwaben und Franken, in Baiern, Tirol und Oeſterreich das Volkslied beinahe aus⸗ ſchließlich gepflegt. Dagegen wurden in's Nieder⸗ deutſche wohl ſehr viele Volkslieder überſetzt, aber nur wenig Originelles in dieſer Sprache geſchaffen. Während aber die rheiniſchen und ſchwäbiſchen Lieder, ſowohl dem Texte als der Melodie nach, einen allgemeinen Charakter an ſich tragen, verſe⸗ mehr rumzogen n lächer t ihren mögen, Heiſtlichen uüͤberhaupt Jahrhun ſbedacht, terzulegen. en. Die anſtößiges Weltliches war und edürfuiſſe ſang als erſt das iſammen lich dein, lch, mein Mägdlein n Gott, „du und im höch ſchürz doch n ſelbſtän Nſſängen, denen ſie ein, nitzuthei Volkelied von der in eigentli inahe auls Nieder⸗ L. Korber: Das deutſche weltliche Volkslied. 203 tzen uns die des Südens entſchieden in das Land ihres Urſprungs, und bei den erſten Tönen, den erſten Zeilen eines ſolchen Geſanges ſehen wir z. B. die ganze Pracht der Alpenlandſchaften vor unſern Augen. Und ſchon aus dieſer ganz eigen thümlichen Färbung der Melodie, die in der un mittelbarſten Beziehung zum Tepte ſteht und eben ſo friſch wie dieſer dem Volksherzen entquollen iſt, ſollte ſich die Mahnung ergeben, weder den grego rianiſchen Kirchengeſang noch den Minne⸗ und Meiſtergeſang als den Urſprung des Volksgeſan ges anzuſehen. Dann ſind auch die ſchöne, klare Rhythmik desſelben, der präciſe Takt, die leichte Faßlichkeit und Ueberhörbarkeit der Melodie Eigen ſchaften, die wir vergebens bei den oben genannten Geſängen ſuchen würden. Daß aber ſchon im 14. Jahrhundert die Einführung der Harmonie die deutſche Volksmuſik mit unglaublicher Schnelle ver änderte, wird uns allerdings ausdrücklich verſichert. Ueber die Melodien bleibt nun nur noch weniges zu bemerken. Daß ſie nirgends fehlten, verſteht ſich von ſelbſt; daß aber ſehr oft nach ihnen auch noch getanzt ward, ja daß in manchen Gegenden nur Tanzlieder vorhanden waren und noch ſind, wird Niemanden Wunder nehmen. Oſt wurden bekannten Melodien neue Texte unterge legt; nie aber die erſtere anders als durch Tradi tion erhalten. Wo Inhalt des Liedes und Melodie in Widerſpruch zu ſtehen ſcheinen, waltete oft der genaueſte Kunſtinſtinkt; und wenn das Lied vom leichtſinnigen Jäger, der ſich durch ſeinen Leichtſinn in’'s Verderben ſtürzte, das alſo gewiß den trau⸗ rigſten Inhalt hat, in der luſtigſten Melodie ge ſungen wird, ſo ſpricht dieſe einerſeits ganz den Charakter ves ſorgloſen Unglücklichen aus, anderer ſeits wird der Kontraſt um ſo entſchiedener, das ganze Liev um ſo ergreifender. Ueber die Form des Volksliedes im Allgemei nen nun läßt ſich beiläufig Folgendes ſagen: Statt der verwickelteren Formen der Kunſt poeſie finden wir meiſt einfache, theils ältere, theils aus dem Minnegeſange herübergekommene Stroſen arten; die Eigenthümlichkeiten der älteſten Volks poeſie kehren wieder, Refrains, alliterirende Anfänge, wiederholte oder ähnlich klingende Verſe, ein ewi ges Entlehnen von Wendungen, Bildern und Ver ſen, ja ganzen Strofen; gewiſſe Einleitungsformeln werden faſt allgemein angewandt, manche ohne Be ziehung zum Inhalte des Gedichtes, manche oft in überraſchender, gleichſam ſymboliſcher Weiſe. Die Darſtellung iſt, beſonders in der eigent lichen Blüthezeit, geprängt, oft ſpringend, nie lange bei einem Punkte verweilend, das einzelne Bedeu⸗ tende kräftig hervorhebend, ja wiederholend. Vieles, was ſich von ſelbſt verſteht, oder doch leicht zu er rathen, oder auch leicht zu entbehren iſt, wird ganz weggelaſſen, doch alles nur wie ſtizzirt, lückenhaft, der Phantaſie der Hörer die Ergänzung überlaſſen. Dieſe knappe Behandlung, die ſo vieles der Mit⸗ ſtimmung des Gemüthes und der muſikaliſchen Be⸗ gleitung, die alle Gegenſätze mildert oder ausgleicht, zu thun läßt, zeigt deutlich, wie dieſe Lieder ganz nur der Innerlichkeit des Gemüthes angehören. Was nun die Dichter dieſer Lieder betrifft, ſo können ſie allerdings bei der großen Mehrzahl gar nicht angegeben werden; bei vielen aber enthält die Schlußſtrofe entweder den Namen oder wenigſtens den Stand, vielleicht auch gar nur das Geſchlecht; denn auch Dichterinen ſinden wir, und nicht blos bei lyriſchen Gedichten, angegeben: Wer iſt's, der uns dieß Liedchen ſang, So frei iſt es geſungen; Das haben gethau drei Jungfräulein. Zu Wien in Oeſterreiche. Sonſt aber heißt es z. B.: Wer hat ſich, wer hat ſich Das Liedchen auserdacht? Das hat gethan ein Schreiber, Der liebt die jungen Weiber, Er liebt, er liebt Die Jungſern noch diel mehr. Oder, etwas komiſch: Der das Ligdel hat. gemacht, Hat's LiewengerNacht! 7 Die meiſten Lieder ſind nicht von Edlen her ſtammend, ſondern von abenteuernden, übermüthig heiteren, oft freigeiſteriſchen jungen Männern der niederen Stände. Arme Bettler, flotte Reiter, Landsknechte und Wegelagerer, Jäger und Hand werksburſchen, Bettelmönche und fahrende Schüler, alles Leute, bei denen Alles Leben, Alles Lebendig keit und Sinnlichkeit war, vie in aller Fremde herumfuhren, nirgends zu Hauſe waren, leine Ruhe und leine Raſt in ihrer Seele hatten und aus Erwerbſucht, Kriegsluſt oder Wißbegierde in dieſer raſtloſeſten Unſtetigkeit oft ihr ganzes Leben blie⸗ ben wie hätten ſie dieſen ihren Charakter nicht auch auf ihre Dichtungen übertragen, wie hätten ſie dem, der derbſten Wirklichkeit Entſprungenen nicht auch die grelle Farbe der Wieklichkeit verlei hen ſollen? Daß ſich aber dennoch ſo viel Zierli ches und Gewandtes im Styl zeigte, iſt vor allem dem Einfluſſe des Minnegeſanges, daß ſich ſo viel unvergleichliche Zartheit und Reinheit, ſo wahrhafte Poeſie’ behauptete, dem Charakter des deutſchen Volkes zuzuſchreiben, jenes Volkes, das, wie es überhaupt eine hohe Poeſie in allen Verhältniſſen. offenbart, ſo beſonders in der Liebe immer die ideale Seite hervorkehrt. (Schluß ſolgt.) 204 Das Weltall. Von Fr. Friedrich. P has Weltall!— Wer vermag zu erfaſſen, . 2T was mit dieſem einzigen Worte ausgedrückt 85 iſt! Wer kann ſagen, daß er mehr davon 9)5 geſchaut und erforſcht habe, als ein kleines —₰ Stück, denn noch keinem ſterblichen Auge iſt es vergönnt geweſen und wird es je ver⸗ gönnt ſein, das Weltgebäude in ſeiner Größe und Unendlichkeit zu durchſchauen und zu begreifen. Wohl richten wir Abends unſer Auge zum Himmel empor und laſſen es unter den Tauſenden und aber Tauſenden von Geſtirnen umherſchweifen, wir wiſſen, daß all' die flimmernden und leuchten⸗ den Sterne Weltenkörper ſind gleich unſerer Erde, nur tauſend Mal größer und durch einen Raum von uns getrennt, der ſich nur nach Millionen von Meilen meſſen läßt, unſer Auge vermag die Sterne über uns nicht zu zählen, denn Stern reiht ſich an Stern und uns ſchwindelt, wenn wir den Blick immer ſchärfer und tiefer zu ihnen emporrichten, uns ſchwindelt vor der Unendlichkeit des Raumes, den ſie erfüllen und der zwiſchen ihnen und uns liegt, uns ſchwindelt vor der unendlichen Menge der Weltenkörper, welche kein menſchliches Auge zu zählen vermag— und doch müſſen wir uns ſagen, daß unſer Auge erſt ein kleines Stück Welt ſchaut. Millionen und aber Millionen Meilen ſchauen wir weit und doch erblicken wir nirgends eine Grenze, eine Ende des Weltalls. Es iſt unendlich im Raume, ohne Ende, ohne Grenze. Ohne Grenze! Unſer Geiſt müht ſich vergebens, dieſe Worte zu begreifen und zu erfaſſen. Alles, was er ſchaut, hat ja eine Grenze, ihm ſelbſt ſind unüberſteigbare Schranken gezogen, er ſelbſt iſt begrenzt, deßhalb vermag er auch nicht zu begreifen, was es heißt: ohne Ende. Und wenn das Weltall ein Ende hätte, wäre unſer Erfor⸗ ſchungsgeiſt damit befriedigt, würde er in Gedanken nicht hinausſchweifen über dieſe Grenzen und ſich mit der neuen Frage quälen: was iſt dann? Was beginnt dort, wo das Weltall aufhört?— Uns i*ſt die Unendlichkeit unbegreifbar, ein Nichts iſt es noch viel mehr— beides ſpottet allen Sinnens und Forſchens des menſchlichen Geiſtes. Doch wozu ſollen wir unſeren Blick auf ein Gebiet richten, auf dem er nimmer befriedigt wer⸗ den kann. Iſt der Himmelsraum, den wir über⸗ ſchauen, iſt die Zahl der Sterne, welche uns ent⸗ gegenſchimmern, nicht groß genug unſerm Geiſte ein Feld darzubieten, das er nimmer völlig zu erfor⸗ ſchen vermag, iſt dieſes Stück des Weltalls nicht weit und gewaltig genug, uns zum Staunen hinzu⸗ reißen, unſern Geiſt zu erheben und ſeinem For⸗ ſchungstriebe Nahrung zu bieten für immer und immerdar. Schon vor Jahrtauſenden hat das Himmels⸗ gewölbe die Blicke der Menſchen auf ſich gezogen Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. und die hervorragenden Geiſter haben ſich gemüht, es zu durchforſchen und die Bahnen der einzelnen Sterne an ihm und die in ihm obwaltenden Ge⸗ ſetze zu erforſchen. Gerade weil das Weltall ſo un⸗ endlich groß iſt, und ſeine Betrachtung den Geiſt mit mächtiger Kraft erfaßt und erhebt, deßhalb iſt die Aſtronomie, die Erforſchung des Weltgebäu⸗ des und der einzelnen Weltkörper, die erſte aller Wiſſenſchaften geweſen, welche auf dieſen Namen Anſpruch machen konnte. Deßhalb iſt man nimmer und nimmer müde geworden, an dieſem gewaltigen und ſchwierigen Werke weiter zu bauen, tiefer und tiefer hineinzudringen in die unendlichen Regionen des Weltalls, um die Wahrheiten und Geſetze auf⸗ zufinden, welche mit ewigen Buchſtaben an das Himmelsgewölbe geſchrieben ſind. Was Hunderte und Tauſende der tüchtigſten Männer ſeit drei tauſend Jahren erforſcht haben, das liegt jetzt hinter uns und wir brauchen in den unendlich reichen Schatz, den ſie erworben, nur hinein zu greifen, um mit jeder Hand ein Gold⸗ korn zu erfaſſen, um das mit einem einzigen Blicke zu überſchauen, deſſen Erforſchung Mancher ſein ganzes Leben gewidmet hat. Das iſt der Gewinn, der uns ſpäteren Ge⸗ ſchlechtern zu Theil wird und den die, welche nach uns kommen, noch viel mehr genießen werden; wir brauchen nur auf die Schultern derer zu treten, welche ſich vor uns und für uns gemüht haben, und wir ſtehen unendlich hoch, unſer Blick reicht tief in das Himmelsgewölbe hinein und die Bahnen der einzelnen Geſtirne und die Geſetze, nach denen ſie abgemeſſen ſind, liegen vor unſerem Geiſtesauge ſo beſtimmt und offen da, als ob ſie von Menſchen⸗ hand in ein Buch hineingezeichnet wären. Dann aber erſt ſind wir im Stande, die Erhabenheit des Ganzen zu erfaſſen, wenn wir wiſſen, daß die Bahnen der Geſtirne nach Meilen und Fuß gemeſſen ſind, daß ihre Umlaufszeit nach Minuten und Stunden beſtimmt iſt; dann erſt er⸗ kennen wir, daß es etwas Höheres gibt als der Menſchengeiſt, etwas Erhabeneres als Menſchenwerke; dann erſt fühlen wir, daß nichts uns ſo gewaltig zu ergreifen und mit ſich fortzureißen vermag als die Betrachtung und Erforſchung des Weltgebäu⸗ des mit ſeinen Tauſenden und aber Tauſenden von Körpern. Und doch gibt es ſo unendlich viele Menſchen, welche tauſende Male zum Himmel emporgeſchaut und die Geſtirne erblickt haben und doch keine Ahnung haben von der Größe und Erhabenheit des Weltgebändes, von den Geſetzen, die in ihm obwalten, und der Weisheit, die ſich in allen Ge⸗ ſetzen der Natur kundgibt; doch wiſſen ſie kaum, daß die Sonne größer iſt als die Erde und daß die Erde, die ihnen ſo unendlich groß erſcheint, zu den kleinſten von allen Weltenkörpern, welche ſie er⸗ blicken, gehört. Schon der bloße Anblick des geſtirnten Him⸗ —ͤ— Zemüht, Nan Namen mmmer be ick reicht Menſchen⸗ nde, die wenn wir h Meillen benwerke; gewaltig ermag als Peltgebäu⸗ enden von Menſchen, porgeſchaut doch kelle Jrhabenheit di in imm mallen ge⸗ tſie taun, , und da ſchitt, 1 velche ſie er⸗ ruten Hin⸗ Fr. Friedrich: mels iſt ein erhebender und überwältigender, wenn an dem tiefblauen Gewölbe Tauſende von Sternen funkeln, gleichſam als wären ſie dahin geſäet als ewige Lichter, welche die Menſchennacht erhellen, ohne daß eine Menſchenhand zu ihnen hinaufreicht. Wir verſuchen wohl die Sterne zu zählen, aber bald laſſen wir davon ab, denn immer neue drängen ſich unſeren Blicken auf, imnier unbegrenz⸗ ter erſcheint uns der Raum des Himmelsgewölbes. Und ſelbſt wenn wir unſer Auge mit dem ſtärkſten Fernrohr bewaffnen, bleibt unſer Bemühen ein ver⸗ gebliches, denn über all' den Sternen, welche an dem Himmelsgewölbe über uns glänzen, gibt es noch weit größere und ausgebreitetere Weltenſyſteme, und von den Räumen, welche ſie von einander trennen, wiſſen wir nichts. Ja, unendlich iſt die Zahl der für uns ſicht baren Geſtirne am Himmelszelte. Gibt doch der Aſtronom Struve die Anzahl der auf beiden Hemiſphären bis zur zwanzigſten Größe erkennbaren Sterne auf 20.374,000 an und William Her ſchel, der in der Milchſtraße 116,000 Sterne in einer Viertelſtunde vor ſeinem zwanzigfüßigen Te⸗ leſkope vorübereilen ſah, ſchätzt die Summe der dort angehäuften Sterne auf mehr als 18 Millionen. Denn der über den ganzen Himmel ſich hinziehende weißlich ſchimmernde Streifen, der die Milchſtraße genannt wird, und ſelbſt diejenigen Stellen am Him⸗ mel, welche dem bloßen Auge und ſelbſt ſchwach vergrößernden Fernröhren wie vereinzelte Nebelflecken erſcheinen, ſind zahlloſe Anhäufungen von Sternen. Und von all' dieſen Sternen, welche wir mit unbe— waffnetem Auge nicht zu erkennen vermögen, iſt jeder tauſend Mal größer als unſere Erde, denn es ſind Firſterne, Sonnen gleich der unſrigen, mit eigenem, von ihnen ausſtrahlendem Lichte. Nur der unermeß⸗ liche, ja undenkbare Raum, welcher zwiſchen ihnen und uns liegt, läßt ſie ſo klein erſcheinen. Wollten wir dieſen Raum meſſen, ſo müßten n ir einen Maß⸗ ſtab annehmen, der nicht nach La und Mil lionen, ſondern nach Billionen Meilen zählt. Und wer von uns vexmag ſich einen Raum von Billionen Meilen vorzuſtellen? Die Erde er— ſcheint uns ſo groß und weit und doch beträgt ihr größter Umfang nur 5400 Meilen. Die Sonne iſt von uns 20.682,000 Meilen entfernt und ſelbſt 4854 Sonnenentfernungen würden noch nicht aus⸗ reichen, eine Billion zu bilden. Millionen Mal Millionen iſt eine Billion— das gehört für uns Menſchen zu den unbegreifbaren Zahlen! Unſere Sonne iſt 738 Mal größer als alle ihre Planeten zuſammengenommen und doch wür⸗ den wir ſie nicht erblicken, wäre ſie nur halb ſo weit von uns entfernt, als die nächſten Sterne der Milchſtraße. Und all' dieſe Sterne, die großen wie die kleinen, die fernſten wie die näheren, durchlaufen wie unſere Erde und nach demſelben Geſetze ihre Das Weltall. 205 Bahnen und keiner trägt die Gewalt in ſich, von dieſer Bahn abzuweichen. Und all' dieſe Sterne ſind Weltenkörper, ähn⸗ lich unſerer Erde, und wer vermag es als Unwahr⸗ heit zu beweiſen, daß nicht auch auf den meiſten von ihnen Weſen leben, denen gleich uns ein Herz unruhig und verlangend in der Bruſt ſchlägt, die ſich gleich uns ſehnen, hinaufzuſteigen zu den Ster⸗ nen über ihnen, um zu ſchauen und zu erkennen, wie es dort oben ausſieht! Iſt es uns doch, wenn wir in ſtillen Nächten zu den funkelnden Sternen emporſchauen, als ob auch auf ihnen Augen zu uns herabblickten und uns grüßten als geiſtesverwandte Weſen. Sollte dieß nur eine leere Täuſchung ſein! Es gibt eine Sehnſucht in der Menſchenbruſt, welche durch eine unbewußte und darum unzurückweisbare Ahnung hervorgerufen wird. Wer weiß es, ob es wahr iſt oder nicht! Der unendliche Raum des Weltalls iſt nicht leblos, denn nirgends in ihr iſt ein abſoluter Still⸗ ſtand. Ein ſolcher iſt in der Natur eine Unmög⸗ lichkeit. Die größten wie die kleinſten Weltenkörper befinden ſich in fortwährender Bewegung. Sie dre⸗ hen ſich um ihre Achſen, rollen auf elliptiſchen Bahnen ununterbrochen fort und beenden Um⸗ ſchwung und Umlauf genau in den ihnen feſtgeſetzten Zeiten. Das haben alle Sterne in dem großen Welten⸗ raume gemein, das iſt die Verwandtſchaft unter ihnen, daß ſie alle demſelben einen und gewaltigen Geſetze gehorchen. Keiner tritt auf die Bahn eines andern und hindert ihn, keiner vermag ſich aus der unerforſchlichen Harmonie loszutrennen, welche alle zu einem großen Ganzen vereint. Und doch hängt wieder einer von dem andern ab. Sie alle bilden gleichſam ein gewaltiges Uhrwerk, deſſen Räder in einander greifen, von denen keines fehlen darf. Es iſt dieß nur ein ſchwacher Vergleich, aber welches Werk von Menſchenhänden gemacht ließe ſich mit dem Weltall vergleichen? Wir könnten eben⸗ ſogut und noch eher den Sonnenſtaub, den der leiſeſte Lufthauch aufwirbelt und fortträgt, mit un⸗ ſerem Erdkörper vergleichen. Ja wie weit beide aus einander liegen, wie verſchieden ſie an Größe ſind, wäre möglich zu berechnen; an die Größe des Weltalls kann ſich keine Berechnung heranwagen. Trotz der außerordentlich großen Schnellig⸗ keit, mit der ſich die Weltkörper drehen und fort⸗ wälzen, iſt die Bewegung doch ſo ſanft, daß wir ſie bei der Erde gar nicht bemerken. Die Luft⸗ hülle, welche die Erde auf 9 bis 10 Meilen um⸗ gibt, wird gezwungen der Erde zu folgen, denn ſie gehört zu ihr und iſt von ihr unzertrennlich. Bliebe die Luft unbeweglich ſtehen, ſo würden wir, wenn überhaupt dann ein Leben auf der Erde mög⸗ lich wäre, während der vierundzwanzigſtündigen Dre⸗ hung der Ende all' den verſchiedenen Temperatur⸗ verhältniſſen aller Zonen ausgeſetzt ſein und wür⸗ 206 den in wenigen Stunden aus tropiſcher Hitze in ſibiriſchen Froſt übergehen. Alle Weltkörper haben eine runde Geſtalt wie unſere Erde, ſind aber gleich dieſer nicht kugelrund, ſondern in Folge ihres Umſchwunges an den Polen abgeplattet, werden nach der Mitte zu ſtärker und haben am Aequator den größten Umfang und Durchmeſſer. Fragen wir nun nach der Urſache, nach der gewaltigen Kraft, welche die Bewegung all' dieſer Weltkörper bewirkt und ihnen ihre Bahnen ange⸗ wieſen hat, ſo erkennen wir ſie in dem den Welt⸗ körpern inne wohnenden Streben, ſich ſeitwärts von anderen Körpern zu entfernen und in dem Vermögen, alle Gegenſtände außerhalb nach ihrem Mittelpunke anzuziehen. Die erſte Kraft wird die Schleuder⸗, Wurf⸗ oder Fliehkraft(Centrifugalkraft) genannt, die zweite die Anziehung oder Attraktion(Centri⸗ petalkraft). Dieſe Kräfte wohnen allen Weltkörpern inne und durch ihre gegenſeitige Einwirkung ſind ſie ge— zwungen ihre Bahnen in beſtändiger Regelmäßig⸗ keit zu durchlaufen, denn dieſe Kräfte bleiben ſich ſtets gleich oder verändern ſich nur unbedeutend. Hiedurch halten ſich all' die Tauſende von Sternen gegenſeitig das Gleichgewicht und es iſt unmöglich, daß ſie zuſammenſtoßen. Je größer ein Weltkörper iſt, um ſo größer iſt die ihm inne wohnende Kraft und um ſo größer die Einwirkung, welche er auf geringere Körper aus⸗ übt. Dieſe ſind deßhalb gleichſam von den grö⸗ ßeren zu Sklaven gemacht, welche ihren Bahnen folgen müſſen. So zwingt die größere Erde den kleineren Mond vermöge ihrer größeren Einwirkung, um ſie zu kreiſen, und die Erde wird wiederum durch die größere Sonne genöthigt, ihren Umlauf um dieſelbe zu vollbringen wie alle Planeten. Und ſelbſt die Sonne hat eine Bahn zu durchlaufen, deren Mittelpunkt dem menſchlichen Geiſte bis jetzt noch nicht deutlich bekannt iſt. Allen Annahmen nach hat ſie ihre Bahn um eine große allgemeine Cen⸗ tralſonne zu durchlaufen, welche alle Firſterne zu gehen haben. Und wer gibt uns die Gewißheit, daß dieſe Centralſonne das letzte Glied in der unendlichen Kette ſei! Sie bildet für die Erkenntniß des menſch— lichen Geiſtes den Grenzſtein— aber gibt es in dem unendlichen Weltall auch eine Grenze! Der Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Menſch glaubt wohl, wenn er die Sterne am Him- melszelte überſchaut, daß ſ telpunkte derſe wähnt— wer weiß, wie unendlich viele Billionen Meilen wir von dem Mittelpunkte entfernt ſind. Wie bereits erwähnt, wohnt einem jeden Weltkörper eine Anziehungskraft inne, welche ſtets nach dem Mittelpunkte desſelben hinſtrebt und je nach der Größe derſelben eine verſchiedene iſt. So iſt die Anziehungskraft der Sonne eine neunund— zwanzig Mal größere als die unſerer Erde, während eine kleine Erde im Mit lben liege— der Menſch glaubt, er die des Mondes nur ein Sechſtel ſo groß iſt als die der Erde. Zu den intereſſanteſten Reſultaten hat die ge⸗ naue Unterſuchung der Anziehungskraft unſerer Erde geführt, denn von ihnen aus können wir auch auf die Stärke der Anziehungskraft anderer Weltkörper ſchließen und ſie berechnen. Nicht blos den Weltkörpern als ſolchen wohnt eine ihnen eigene Anziehungskraft inne, ſondern ſelbſt ſchon größeren Theilen derſelben, welche bei manchen genauen Unterſuchungen und Berechnungen von außerordentlicher Wichtigkeit ſind. So hat ſchon jeder Berg der Erde, der ſich über 300 Fuß über den Meeresſpiegel erhebt, eine eigene Anziehungskraft. Beobachtet man nämlich ein in ſeiner Nähe auf— gehängtes Bléiloth, ſo wird man wahrnehmen, daß dasſelbe nicht genau die lothrechte Richtung nach dem Mittelpunkte der Erde zeigt, ſondern durch die Schwere und Anziehungskraft des Berges abge⸗ lenkt wird. Auch Steine, welche man von hohen Thürmen fallen läßt, fallen nicht ganz ſenkrecht, ſondern ſtets um einige Linien nach Oſten zu. Dieſe Abwei⸗ chung wird indeſſen durch den Umſchwung der Erde bewirkt. Auch die Schnelligkeit des Falles hängt allein von der Anziehungskraft der Erde ab. Die Alten glaubten, die Schnelligkeit des Falles richte ſich nach der Schwere der fallenden Körper, ſo daß 10 Pfund zehn Mal ſchneller fielen als ein Pfund. Dieß iſt falſch. Iſt die Schnelligkeit beim Fallen bei verſchiedenen Körpern verſchieden, ſo rührt dieß nur von dem Widerſtande her, den ihnen die Luft entgegenſetzt. In einem luftleeren Raume fallen alle Körper gleich ſchnell, ein Stein nicht ſchneller als eine Feder. Die genauen und beſtimmten Geſetze, welche beim Falle obwalten, verdanken wir der Forſchung des großen Newton und ſie ſind zu intereſſant, um ſie hier nicht kurz zu erwähnen. Er hat zuerſt erkannt, daß alle Körper im luftleeren Raume gleich ſchnell fallen und hat das beſtimmte Verhältniß ihrer Schnelligkeit erforſcht. Fällt nämlich ein Stein in der erſten Sekunde 10 Fuß tief, ſo fällt er in der zweiten Sekunde 30. Fuß, in der dritten 50 Fuß, in der vierten 70 Fuß und in der fünften 90 Fuß. Daraus ergibt ſich das Geſetz, daß die Schnelligkeit des Falles ſich in jeder Sekunde im Verhältniß der ungraden Zahlen beſchleunigt. Nimmnt man den ganzen Raum, den ein Stein durchfällt, nach der erſten Sekunde als 10 Fuß an, ſo iſt er nach der zweiten Sekunde 40 Fuß, nach der dritten 90, nach der vierten 160 und nach der fünſten 250 Fuß, denn die durchlaufenen Fall⸗ 1 räume verhalten ſich wie die Quadrate der Fallzeiten. Auf die Geſchwindigkeit des freien Falles übt indeß der geografiſche Ort auf der Erde einen großen Einfluß aus, denn die Anziehungskraft der Erde iſt nicht auf allen Punkten ihrer Ober⸗ — manchen en von t ſchen uß fl r uß über ſtets Abwei⸗ der Erde —Fallen rt dieß die Luft e fallen ſchneller welche Forſchung ſant, um at zuerſt 3 gleich allt er in 0 Fuß⸗ 5 90 Fuß. — fläche dieſelbe. Je weiter nämlich ein Gegenſtand von dem Mittelpunkte der Erde entfernt iſt, um ſo langſamer fällt er, und je mehr er ſich dem Mit⸗ telpunkte nähert, um ſo ſchneller, weil die Erde dann eine größere Anziehungskraft ausübt und der Gegen⸗ ſtand ſelbſt ſchwerer wird. Deßhalb fallen Körper in der Nähe der Erdpole ſchneller als in der Nähe des Aequators. Ein Stein, der an den Polen 441 Pfund wiegt, iſt am Aequator nur 439 Pfund ſchwer. Wäre ein Stein ſo weit wie der Mond von dem Mittelpunkte der Erde von uns entfernt, ſo würde er dort 3600 Mal leichter ſein als bei uns, weil er von der Erde 3600 Mal ſchwächer ange⸗ zogen würde. Hätte er bei uns 3600 Pfund Gewicht, ſo würde er in der Mondweite nur 1 Pfund wie⸗ gen, und angenommen er fiele bei uns in einer Se⸗ kunde 15 Fuß, ſo würde er in der Mond⸗ weite eine volle Stunde gebrauchen, um dieſe 15 Fuß zu falleu oder ſich um ſo viel der Erde zu nähern. Wie wichtig dieß Verhältniß der Anziehungs⸗ kraft und der Schwere in dem großen Weltenraume und zur Erforſchung und Berechnung der einzelnen Weltkörper iſt, brauchen wir hier kaum zu be⸗ rühren. Die Entfernung, durch welche die einzelnen Körper von einander getrennt ſind, bernht allein auf ihrer Anziehungs⸗ und Abſtoßungskraft. Um den Leſern von der Unendlichkeit des Raumes, durch welchen die einzelnen Weltkörper von einander getrennt ſind, einen leicht erfaßlichen Be⸗ griff zu geben, wollen wir die Schnelligkeit, mit welcher der Lichtſtrahl den Raum durchdringt, als Maßſtab annehmen. Denn wollten wir dieſe Räume nach Meilen meſſen, ſo würden die Meiſten die Größe der Zahlen nicht zu faſſen vermögen, denn wie Wenige ſind, die ſich ſelbſt nur von der Größe einer Billion und Trillion einen Begriff zu machen vermögen. Das Licht pflanzt ſich nämlich, ſo viel uns Menſchen bekannt iſt, außer dem elektriſchen Lichte mit der größten Geſchwindigkeit fort. Es durch⸗ läuft nach Savary's Berechnung in einer Zeit⸗ ſekunde den ungeheuren Raum von 41,549 geo⸗ grafiſchen Meilen und das elektriſche Licht nach Wheatstone's Berechnung ſelbſt 62,500 Meilen. Der Lichtſtrahl leuchtender Körper durchläuft dem⸗ nach in 24 Stunden den Raum von 3,589,833,600 Meilen. Der Sonnenſtrahl, welcher von der von uns 29,682,000 Meilen entfernten Sonne ausgeht, braucht nur 8 Minuten und 17 Sekunden ehe er zu uns gelangt und die nächſten Sterne unter den Fixſternen haben 3 Jahre und mehr nöthig, ehe ihr Licht zu uns gelangt, ja der Stern Wega in dem Sternbilde der Leyer hat ſelbſt 12 Jahre nöthig. Unſer Verſtand iſt nicht mehr im Stande, die Unermeßlichkeit dieſes Raumes zu erfaſſen, und doch iſt dieß nur eine kurze Bahn in dem unend⸗ lichen Weltall, kürzer als ein Fuß auf unſerer Ferd. Lauffer: Vater Pafnuzi. 207 e, denn das Licht von den in der Milchſtraße angehäuften Sternen hat über 2000 Jahre nöthig, ehe es zu uns gelangt und das von den entfernteſten Nebelflecken ſelbſt gegen zwei Millionen Jahre. Keiner von uns kann dieſe Zahlen und Größen erfaſſen, aber ſie erfüllen unſere Bruſt doch mit einer Ahnung von der Unermeßlichkeit des Weltalls, ſie erfüllen uns mit Staunen und zugleich mit dem Bewußtſein unſerer eigenen Schwäche und Kleinheit. Der Menſch denkt ſich ſo unendlich groß, und doch ſchlägt ſein Herz ſchon unruhig und ſehnſuchts⸗ voll, wenn er nur wenige Stunden und Meilen von ſeinen Lieben entfernt iſt. Er fühlt ſich allein und verlaſſen, als ob er nimmer wieder zu ihnen gelangen könne. Möge er in ſolchen Stunden auf⸗ ſchauen zu dem beſtirnten Himmel, möge er zu erfaſſen ſuchen, wie weit die Sterne, die uns ſo freundlich zuzunicken ſcheinen, von uns entfernt ſind, möge er ſich öffnen für die Größe und Unendlichkeit des Weltalls, und Alles, was unſere Erde anbetrifft, Erdennoth und Erdenſorgen werden ihm ſo gering erſcheinen, daß er kaum noch daran zu denken wagt. Sie ſind ja noch weniger als ein kleiner Tropfen aus dem Ocean geſchöpft, noch kleiner als ein Sand⸗ korn von der Erde aufgenommen. 3 Ja, mögen alle die, denen das Herz bange und ſchwer iſt, zum geſtirnten Himmel aufſchauen, und die Größe und Unendlichkeit des Weltgebäudes wird ſie erfaſſen und durchſchauern, daß ſie begeiſtert ausrufen:„Wie iſt der Menſch ſo gering und ſo klein, ein Atom in dem Weltall!“ Und ſie werden ruhiger und zufriedener werden wenn ſie daran denken, daß die fernen, fernen Sterne auch für ſie einen Lichtſtrahl herabſenden, daß ſie auch für ſie funkeln und glänzen. Sie werden ſich gering füh⸗ len, aber der Anblick des Himmels wird ſie über ihre eigene Kleinheit erheben, er wird ihren Geiſt hinauf zu ziehen ſuchen in das Unendliche, ſie wer⸗ den die Erde mit ihren Mühen und Sorgen ver⸗ geſſen— der Himmel hat ſich ihrer angenommen! — das iſt es!— Vater Pafnnzi. Schwank aus dem Studentenleben. Von Ferd. Lauffer. 1. 2 ollega Pafnuzius war ein„urgenüüthli⸗ Aches altes Haus“, ein Jünger des Weltwei⸗ Wuſen Epikur von reinſtem Vollblut, eines —) jener Originale, wie ſie bei den das Char⸗ *= akteriſtiſche verwiſchenden und verflachenden S Einflüſſen der Gegenwart immer ſeltener werden. --— 208 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Seine Geſtalt war kurz und unterſetzt, ein artiges Bäuchlein benahm ihm trotz ſeiner Jugend beinahe die Ausſicht auf's Knie, ein ſtereotypes Lächeln des wonnigſten Wohlbehagens ſpielte um ſein ehrliches, glänzendes, noch bartloſes Doppel⸗ kinn. Seine kleinen grauen Aeuglein blinzelten ſchalkhaft aus wulſtigen Lidern, das etwas ſteife ſtrohgelbe Haar trug er, ganz wider alle Studen⸗ ſitte,„à la Stoppel“ geſchoren und darüber thronte wie entwachſen dem„hiſtoriſchen Kopf“ das Pracht⸗ gebäude eines ſchmalkrempigen, nach obenhin ſich topfartig erweiternden Cylinders. Ein blauer, mit glänzenden Meſſingknöpfen gezierter Frack, nach einer Mode des vorigen Jahrhundertes von des Dorſſchneiders Künſtlerhand ausgefertigt, ſchlug mit ſeinen ſcheerenartig auseinandergehenden Schößen ihm beide Knöchel. Jede ſeiner Bewegungen war gemeſſenen, beinahe ſpießbürgerlichen Anſtandes, ſeine ganze Haltung hatte ſchon jetzt einen eigen⸗ thümlichen Anſtrich der Väterlichkeit! Darum wurde er von den flotten Brand⸗ und Kohlfüchſen verächtlich:„Philiſter“— von ſeinen Freunden und Bewunderern aber zärtlich„Vater Pafnuzi“ oder kurz„Nuzi“ genamſet. Eine Eigenthümlichkeit kommt hier noch beſon⸗ ders zu erwähnen. Sein rechter Zeigefinger pflegte nach jedem wichtigen Worte oder Ereigniſſe auf eine radförmige Doſe von Schildkrot, das ehrwür⸗ dige Erbſtück ſeines Großvaters, zu tupfen; darauf klappte der Deckel und während ein ſchlaues Zwin⸗ kerfältlein am Auge ſichtbar ward, reichte er ſie dem Nächſten mit fettem Ausdruck der Stimme ſprechend:„Na, eine Priſe!“— Aber das merkwürdigſte, ſeinen Ruf begrün⸗ dende Charakteriſtikon wurde indeß die durch fort⸗ währende Uebung bis in's Mirakulöſe geſteigerte Dehnbarkeit und Elaſtizität ſeines Magens ange⸗ ſtaunt und ein Verdauungsvermögen, das im vol⸗ len Wortſinne das eines Straußes war. Nament⸗ lich hatte er es im Vertilgen von Würſten zu unerhörter Virtuoſität gebracht. Von ihm ging die Sage, daß er einmal beim Anblick eines Telegrafendrahtes in tiefes Nachden⸗ ken verſunken ſei. Seine Begleiter meinten, er re⸗ flektire über die Großartigkeit dieſer Erfindung, dieſen Triumph der Wiſſenſchaft, welche die Natur⸗ kraft nach ihrem Geſetze menſchlichen Zwecken unter⸗ ordnet und die Begriffe von Zeit und Raum auf⸗ hebt oder überfliegt. Man frug ihn, über was er ſinne?„Seht,“ entgegnete er mit den Augen blin⸗ zelnd,„nach X... iſt's eine Meile(ſie waren Alle im Begriff, dorthin einen Ausflug zu machen), wenn das“— er deutete nach dem geſpannten Draht—„etwas niedriger hinge und eine Knack wurſt wäre— wie gemächlich äße man ſich hin!“ Er war es, den wir in der„Kneipe“ feier⸗ lich beim Schall der geblaſenen Blechtrichter und gepaukter hohler Fäſſer zum Doctort Pafnuzius Gastronomiae promovirt, dem man die hölzerne Butterbüchſe als Siegelhalter an's Diplom gebun⸗ den, die Preßwurſthaut aber als Ordensband an die Knöpfe ſeines ſtattlichen Frackes. Und ſiehe! er ſchritt Baccalauren, Kandidaten und Licentiaten zu weidlicher Erbauung alſo dekorirt des andern Tages in's Kollegium. Doch meine man nicht, daß er nur der Kul⸗ tur ſeines Magens obgelegen und die nach Cicero „die Jugend nährenden Studien“ vernach⸗ läſſigt habe! Er war in vielen Zweigen und Fä⸗ chern derſelben zu Haus. Ich hörte ihn vor einem leeren Glaſe Kant's Ariom vom Nichtdaſein des leeren Raumes mit außerordentlichem Scharf⸗ ſinn widerlegen. Beim Anblick eines winzigen Knö⸗ chelchens, das ihm ein Kellner als Spanferkel vor⸗ geſetzt, hielt er Vorleſungen über Optik und ihre in Betreff räumlicher Größen ſo wohlthätigen Sin⸗ nestäuſchungen. Beim Verſchwinden ganzer Berge heimatlicher Backklöſe quollen ihm die tiefſinnigſten Betrachtungen über die Vergänglichkeit alles Irdi⸗ ſchen von den Lippen. Mit bärtigen Söhnen Iſraels erprobte er um alte Stiefel und dergleichen, tief in's Leben greifende, den Fortſchritt unſeres Jahr⸗ hunderts bedingende Stoffe ſein ſpekulatives Inge⸗ nium. Am glänzendſten aber äußerte ſich ſein Ge⸗ nius dort, wo er in geiſtreich ſalbungsvollen De⸗ duktionen und Folgerungen darthat, wie die harmo⸗ niſche Ordnung unſeres Planeten als Organismus, nur durch zirkulirenden Uebergang und Umgeſtaltung der Dinge und Weſen, von Magen zu Magen beſtehend erhalten werde. Nach Dieſem erſchien ihm die höhere Stellung des Menſchen im Weſenreiche in der Fähigkeit, ſich das Meiſte und Mannigfachſte aus den übrigen Naturreichen mundgerecht zu prä⸗ pariren und beizubiegen begründet. Einmal, da er von einer Ferienreiſe nicht u 5„..— 1N 9 heimkam, ſtrömte ich meine Sehnſucht nach dem „Vater“ in nachſtehender Pafnuzias mit homeriſchen Rhythmen aus: Wo nur weileſt Du itzt, mein Nuzi, trauter Odyſſeus, Mächtiger Zwinger der Wurſt, ruhmvoller Klöſever⸗ nichter? Fern dem Itaca Düngersdorfs, dem ſcholligen Eiland, ESprich, wo weileſt Du nun?— verzehrt unnennbare Sehnſucht, Alſo hinausgeſpült in die ſtürmiſche Woge des Lebens, (Dich nach der Heimat nicht, der beglückenden? Hier ja träufelt Dir nektariſche Milch und ambroſiſcher Hummelhonig, Hier ja gackert das Huhn Dir im Korb und der röth⸗ lich bekämmte Düngerbeherrſcher ſorgt, auf daß nicht ſchwinde der Küchlein Pfannenzierende Brut; hier ſtrebt die gemüthliche Mutter Fettgans, ehrbaren Schritts, beſonnen aber entſchieden Fort in das Wellenhaus der ſchöngeſchenkelten Sänger.*) Hier auch gurrt Dein Braten im Schlag, ungeräucher⸗ ter Schinken Dehnet am Troge ſich, dem plätſchernden, ſüßen Behagens Voll und der Apfel ſchrumpft, der erquickende, unver⸗ dauet. *) Fröſche. gebun⸗ and an ſiehe! entiaten andern er Kul⸗ Cicero dernach⸗ u ſ nd Fä⸗ reinem daſein Scharf⸗ en Knö⸗ Iraels hen, tief 8 Jahr⸗ 90 Inge⸗ Ge⸗ len De⸗ harmo⸗ nismus, ſtaltung ell agfachſte zu präͤ⸗ ſe vicht ach dem meriſchen z Lebens, „ Hier la elhonig, ith⸗ he Mutter ſchieden er.) geräucher⸗ Trauter, wo weileſt Du doch? o künde mir's! hält Dich gefeſſelt Mutter Barbara*) gar mit bethörendem Lotos⸗ ſtrudel? Oder riſſen in wirbelnde Luſt die Phaiaken Vienna's, Sie, die bratſpießkundigen, fußbeflügelten Dich auch? Hält Dich Kirke etwa, die holde, melodiſche Göttin Durch ihr verlockendes Harfenſpiel in bezaubernden Netzen,— Schnöd Dich verwandelnd zuletzt?**) und Du verga⸗ ßeſt der Heimat, Wo Penelope Dir, die apfelwangige, harmvoll Harrt am ſchnurrenden Rad und dem überſprudelnden Melkfaß, Wo ſie duftende Käſe Dir oft, dem Erſehnten bereitet— Ach, und ſie laben Dich nicht!—— Beſtändig das Zielblatt des Wi⸗ tzes und kollegia⸗— ler Neckereien be⸗ ſaß er eine merk⸗ X würdige, unver⸗ K= wüſtliche Gutmü⸗ S 6 thigkeit und die Eigenſchaft, nie über Etwas in Zorn zu gerathen. Den Triumph gönnte er Keinem, daß er bei einer bitteren Pille je die Miene verzog. Doch durfte man ſich, wenn einmal der Handſchuh ge⸗ worfen, vor ſei⸗ ner Schalkheit, die von anderer Seite ſich ſehr eigenthümlich äu⸗ ßerte und uner⸗ bittlich heimzah⸗ lend, Einen oft in die empfind⸗ lichſten Klemmen brachte, wohl in Acht nehmen! Er ſetzte Trumpf auf Trumpf, nicht au⸗ genblicklich, aber zu rechter Zeit— treffend und ge⸗ wiß. Dergleichen Scharmützel aber ſtörten nicht im Geringſten das freundſchaftliche Verhältniß unter uns, ſie waren die pikante Würze unſeres flotten Burſchenlebens. 4 Zwei der anmuthigſten Hiſtörchen will ich hier mittheilen. *) Schmausbaberl mit ihrer hiſtoriſchen Halle, gegen⸗ über der Univerſität in Wien. **) Kirke verwandelte ihre bethörten Freier in— Schweine. Erinnerungen. 1859. Ferd. Lauffer: Vater Pafnuzi. 209 Freund Grüner, ein kordialer, lebensluſti⸗ ger Junge, ein ſogenanntes fideles Haus, den Kopf voll luſtiger Schwänke und Einfälle, hatte den guten Vater Nuzi vor Allen und ununter⸗ brochen auf dem Korn. Das Hänſeln desſelben war ihm wie täglich Brod zum Lebensbedürſniß geworden. Dafür hing ihm der Herausgeforderte gelegentlich manch' artige Schlappe an, welche die Lacher auf Nuzi's Seite zog. Einmal bearbeitete Grüner den ehrbaren, der eitlen Luſt des Tanzes ganz abholden Vater, aus ſich ſelbſt und ſeinen gewohnten Gleiſen einmal nach dem Grundſatze„variatio delectat“ heraus⸗ zutreten, die alte etwas angeſchim⸗ melte Schlangen⸗ haut ſich verjün⸗ gend abzuſtreifen und einen fri⸗ ſchen Zug aus dem Freudenbe⸗ cher des Karne⸗ vals zu thun. „Das iſt gegen meine Natur!“ deprezirte der Be⸗ ſtürmte,„ich habe zu kurzen Athem und bei raſtloſer Erfüllung wich⸗ tigerer Berufs⸗ pflichten“, erſtrich die Rundung ſei⸗ nes Unterkörpers, „die Dreſſur mei⸗ ner Unterthanen vernachläſſigt.— Würde in dem glänzenden Kreiſe galanter Weltda⸗ men und Mode⸗ herrchen nur das getreue Konterfei eines ſtummen und ſteifen Mei⸗ lenzeigers ſein.“ „Lirum, la⸗ rum!“ entgegnete der Dränger, „das fällt weg! Wir beſuchen maskirt die Redoute. Alle Zwangsformen der Salonetikette haben dort aufgehört; Du kannſt ungenirt Deinen natürlichen Witz dort ſpielen laſſen, Dir con amore, nach Deiner Art ein Späßchen machen.“ Nuzi ſchüttelte— langſam auffaſſend und etwas begriffſtützig— den Kopf, klopfte verlegen auf ſeine Doſe und vergaß zwei oder drei Mal ſein gewohntes:„Na, eine Priſe!“ Grüner er⸗ müdete indeß nicht wihn zu beſtermen, die Nichtig⸗ 27 210 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. keit ſeiner„Wenn und Aber“ ihm darzuthun und brachte es endlich durch zehn Haupt⸗ und nicht weniger Nebengründe dahin, daß ſich„der Kieſel⸗ kopf“ entſchloß, den Redoutenſaal in der Maske eines Pierrot nächſtens zu betreten.— Der erwartete Abend kommt. In einem weißen, mit fauſtgroßen ausgeſtopf⸗ ten Knöpfen gezierten Hanswurſtkleide, als Al⸗ bino der Harlekins, ſchreitet Ehrennuzi, eine ungeheure höckerige Wachsnaſe wie ein Fühlhorn vor ſich ſtreckend(die Larve hatte er, als beängſti⸗ gend, abgelehnt), mit uns über die breite Treppe, in die bisher unnahbaren Regionen des Tanzſaa⸗ les auf. „Jetzt mußt Du aber auch die leichtfertige Geberde, Deiner Charaktermaske angemeſſen, zeigen, das zudringlich dreiſte, queckſilberne Weſen eines Pierrot annehmen, mußt Jedermann necken und mit Deiner Pritſche hübſch unter der Naſe ſpielen!“ belehrte Grüner der Schalk ſein„Gimpelchen in der Schlinge“.—„Wenn Du Deine ſchwerfällige Grandezza beibehältſt, ſo biſt Du aus Deiner Rolle gefallen und wirſt ſelbſt die Zielſcheibe Deiner ſcheckigen Brüder.“ Als wir eben über die Schwelle in die feen⸗ haft erleuchteten Räume des Redoutenſaales zu tre— ten uns anſchicken, nadelt der loſe Grüner, den paſſenden Augenblick benutzend, ihm ein Papierblatt von auffallender Größe auf den Rücken. Nuzi, den tiefgehenden Stich fühlend, wendet ſich und ſagt etwas verdrießlich:„Was ſtichſt Du mich?“ „Iſt mir nicht eingefallen!“ leugnete der Schelm,„ich habe Dir blos eine Falte ausgeglät⸗ tet. Jetzt aber— Schnecke werde zur Schlange! Was ſeufzeſt Du? Der Menſch kann Alles, was er will, wenn er nur will, was er kann.“ Und ſiehe! die fußbreite Steinſchwelle iſt Scheidelinie einer ſeltſamen und unerhörten Meta⸗ morphoſe— eines Wunders geworden! Ja, das ſind die Bewegungen des raſchge⸗ ſchmeidigen Reptils! ſo rinnt das Queckſilber unter den fangenden Fingern fort! Iſt's doch, als wäre er an mehren Stellen zugleich ſichtbar. Welche Energieentfaltung! Alles ſtäubt vor den Schlägen ſeiner Pritſche auseinander und er gewinnt drei Schritte um ſich freien Raum. Das Hochgefühl des Sieges ſchwellt ſeine nach Luft ringende Bruſt. Da ſchallt es plötzlich von ſeiner Kehrſeite: „Doktor Pafnuzius, Herr von Wurſtbekg und Schinkenheim, Ritter des Salamuziordens, vieler freſſologiſchen Geſellſchaften wirkliches Mitglied!“— „Pſt!“ droht der Gerufene, vermeinend, ich und Grüner wären die Höhnenden, verweiſend nach rückwärts. Seine Kehrſeite wird Andern ſichtbar und der Ruf wiederholt ſich vielſtimmiger und erſtickt nur zeitweilig in einem homeriſchen Gelächter. Ein mit gemalten Kränzen von Schnitt⸗ und Knoblauch, Salat und Krauthäuptern, dann Peterſilienſtengeln umflochtenes Wappen, worin der Erzpater der Plunzen im Kreis einer artigen Menge aller Wurſtgattungen im biergelben Feld ſich abzeichnet, iſt nebſt der Signaliſirung in Aller Auge gefallen. Das Orcheſter hat eben ſeine rufenden, beflü⸗ gelnden Schallwellen auszuſenden begonnen. Nie⸗ mand tritt an; die vom erſchütterten Zwerchfell ausgehenden Töne übertäuben die des Metalles— Terpſichore iſt von Comus vollſtändig aus dem Felde geſchlagen. Jetzt fängt ein Harlekin an, zu dem Chaos dieſer Töne auf dem Rücken des Verblüfften, dem die Schelle anhängt, den Takt zu ſchlagen; loſe Masken reißen ihm die Polſterknöpfe ab. Des An⸗ gegriffnen Beſtürzung äußert ſich erſt in zweifel⸗ haften Bewegungen, er öffnet die Lippen— die Stimme erſtickt in einem unartikulirten Knurren — dann ſteht er horchend ſtill. Ein tüchtiger Naſen⸗ ſtüber galvaniſirt ihn aufs neue, er fängt an, wie ein von der Schnur gelaſſener Kreiſel ſich völlig geiſtesbar um ſeine eigene Achſe auf den Fußſpitzen umzudrehen. Ich ſah ein holdes Weſen neben mir lachen, dem ein vorbrechender Thränenquell das zarte Roth von der Wange ſpülte. Die Muſik iſt verſtummt— ſie hat in die⸗ ſem Augenblick weder Zweck noch Wirkung. Endlich erbarmt ſich ein gutmüthiger Junge des Gehetzten und nimmt ihm die Firma ab. Und ſiehe! da ſteht er das leibhafte Ebenbild des Stroh⸗ mannes im Feld, um den luſtige Vöglein flattern. Seine Hand hält das verhängnißvolle Wappen, ſein Auge haftet gebannt an den lockenden Inſi⸗ gnien desſelben— ſeine Zähne— zum erſtenmal in ſeinem Leben bei ſolchem Anblick! wäſſern ihm nicht. Man ſieht, wie ſein Genius ringt, die Fä⸗ den der auseinandergeriſſenen Gedanken wieder ſam⸗ melnd anzuknüpfen. Endlich iſt die Erſtarrung über⸗ wunden, er ſammelte die abgeriſſenen Knöpfe vom Boden, betupft zählend die leergewordenen Stellen ſeiner Bruſt, dann addirt er die gefundenen Ballen und füllt die Taſchen ſeiner Schöße damit. Er zieht ſie wieder hervor und zählt abermals— könnte er ſich doch beim erſtenmale verrechnet haben. Was würde der Garderobier ſagen, wenn ein„theures Haupt“ ihm fehlte? wenn falſches Ehrgefühl über ſeine Ordnungsliebe geſiegt und er ſich als Kahl⸗ gerupfter hinausgedrückt hätte? Endlich iſt er ſeiner Sache gewiß und nun erhaben über Schickſals⸗ und Menſchentücken, nimmt er die Wachsnaſe ab, zieht dann ſein ehrwürdiges Rad aus der Hoſen⸗ taſche, der Zeigefinger ſchlägt wie im Triumphe ſchallend den Deckel, es klappt, und— nie haben breitere Finger mit bedächtigerem, würdevollerem Anſtand dem Geſichtsvorſprung ſein Labſal zugeführt. Hierauf ſeine Naſe wieder auſſetzend, ſchreitet er mit der Gravität eines Senators, der die Tri⸗ bune verlaſſen, durch die Menge, die keines Blickes gewürdigt wird, hinaus. Wie er über die verhäng⸗ 5 — — ☛ Ferd. Tauffer: Vater Pafnuzi. 211 nißvolle Schwelle getreten, fällt ſchmetternder Fan⸗ farenjubel ein, der Tanz rangirt ſich— Sie rauſchen auf, ſie rauſchen nieder— Den Jüngling ſieht Keiner wieder.... 2. „Ich bin doch begirrice ſprach ich Tags darauf als ich mit Grüner die gelungene Faſtnachtſchnurre, die bereits Stadtgeſpräch war, belachte,„was Vater Nuzi auf dieß für einen Trumpf bringen wird. Je ſchweigſamer er iſt, deſto ſicherer führt er etwas im Schilde oder grübelt, mit einem Plänchen in's Reine zu kommen. Sieh Dich vor! dießmal dürf⸗ deſt d u— der Streich war zu empfindlich— wenn Du in ſeine Falle gehſt, ordentlich Haare laſſen.“ Eine Woche war ohne Ereigniß vorübergegan⸗ gen, da ſtand wieder:„Große Redoute am**— an allen Straßenecken zu leſen. Ich begegnete auf der Gaſſe dem eilfertig da⸗ herkommenden Grüner und hielt ihn an. „Wohin?“ frug ich. „In’'s Poſthaus!“ war die Antwort;„ich habe Emmelinen geſtern ſchriftlich auf die heutige Re⸗ doute geladen und ſie erſucht mir umgehend zu be⸗ richten, welche Maske ſie im Erſcheinungsfall wählen werde und an welche Erkennungszeichen ich mich zu halten habe. Ich gehe, mir jetzt die eben ange⸗ kommene, erſehnte Antwort zu holen.“ Emmeline war eine hübſche, diſtinguirte Erzieherin, derzeit in X... zwei Meilen von der Stadt, auf dem Gute des Grafen N.... ſich auf⸗ haltend unr Grüners riceen„Flamme“. Ein roſiges Briefchen ward in Empfang ge⸗ nommen, geküßt und dann haſtig erbrochen— es enthielt nichts weiter, als in feinen, zierlichen Schrift⸗ zügen die Worte:„Domino blau— rothſeidenes Sternchen auf der linken Ehu ter, Quäſtchen von gleicher Farbe. Adieu! Ewig Deine Emmeline.“ Bald hatte Abends das ſpähende Auge mei⸗ nes Freundes das Zeichen, nach dem der Zug ſeiner Seele ging, wie das Auge des Seemann's nach dem Angelſtern, im Gewühle der Verlarvten auf⸗ gefunden, bald hing ſie dem Ueberſeligen am Arm. Die ſchönen Wellenlinien ihres ſchlanken und doch üppigen Leibes waren, wie ſie vorausgemeldet, von den neidiſchen Falten eines weiten blauen Dominos den Blicken vollſtändig entrückt, nur das rothe Trod⸗ delchen wiegte ſich graziös an den kennbar ſich ab⸗ zeichnenden reizenden Konturen der einen Schul ler Grüner brWüſtete ſich als altkaſtiliſcher Don. Der kurze ſteife Mantel fiel maleriſch über ſeinen Rücken und eine ſchneeweiße Halskrauſe ward von einer, an der Hutagraffe hangenden ſchwarzen Straußfeder in ſchwungvollem Bogen überdacht. Die Inſtrumente ſenden wieder ihre elektriſi⸗ renden Schallwellen aus— Damenwahl! Mit welcher Anmuth Emmeline ilren Arm um den glücklichen Freund legt, wie ſie ihn anblickt, bezau⸗ bernd, ſelbſt durch die Larvenhülle— unwiderſteh⸗ lich, unbeſchreibl ich! Herz und Pulſe müſſen ihm im heftigeren Takte hämmern, a als die Muſik. Jetzt gleiten ſie fort— ſylphidenhaft!— im nächſten Augenblick hat der Wirbel des Reigens ſie meinem Blick entzogen. Grüner war alle Stunden vor Mitternacht in roſigſter Stimmung, doch mir ganz unangenglic Ich ſah, an eine Säule der Galerie gelehnt, auf das bunte veränderliche Schauſpiel, da— vorüber⸗ huſchend wie ein Schatten aus Eliſium, flüſterte er mir einmal flüchtig zu:„Götterwonne! Meine Emmeline war nie ſo hingebend, wie heut'!“— Kurz vor der Raſtſtunde entriß ſich die Ge⸗ nannte mit einer graziöſen Wendung plötzlich ſeinem Arm, ſchlug ihn neckend mit dem Fächer und ſprach mit affektirtem Schmollen:„Zur Strafe, weil Du mit der jönen Tirolerin dort immer Liebesblicke gewechſelt, verlaſſe ich Dich jetzt.“ „Em meliner rief der betroffene Grüner, indem er nach der, wie vom Wind Erfaßten, ge⸗ dankenſchnell Liu's Gedränge Entſchlüpfenden die Arme ſtreckt— ſie war verſchwunden. In ziemlich ärgerlicher Stimmung über dieß plötzliche, unbegreifliche Benehmen ſeiner Huldin, dieſe„unzeitige Neckerei und Laune“, wie er ſich ausdrückte, betrat Grüner nach fruchtloſem Su⸗ chen, dem allgemeinen Menſchenſtrome folgend, den Eßſaal Arm in Arm mit mir. „Dort ſitzt die Loſe— noch verlarvt 1“ ſagte ich, auf den nächſten Tiſch deutend. „Spottvöglein!“ flötete Grüner, haſtig nach der bezeichneten Stelle ſchießend und das kennzeich⸗ nende Quäſtchen ängſtlich und krampfhaft, als könne es ihm zum zweitenmale entſchlüpfen, feſtfaſſend, „jetzt ſind Deine loſen Fittige in die Fänge eines Habichts gekommen, ich werde Dich fortan—“ Ein verſchobenes Meſſer klirrte an einem Glaſe — die Begrüßung war zu ſtürmiſch geweſen, es fehlte wenig, daß es zerſprang. Im nämlichen Au⸗ Waubi riß auch ein derber Griff an ſeine Schulter den Faden ſeiner zärtlichen Vorwürfe, die nun fol⸗ gen ſollten, ab und brachte eine unwillkommene Diſſonanz in die wiedergekehrte Harmonie ſeiner Gefühle. Er wendete ſich barſch mit den Worten:„Was ſoll's?“ Ein bekannter Lohnkutſcher, der eben erſt ſchwe⸗ ren Trittes über die Treppe emporgekommen, ſtand vor ihm und mit den Worten:„Das hat mir ein Fremder für Sie übergeben!“ ſchob er ihm einen Brief in die Hand. Grüner trat zur Gasflamme und las vom enthülsten Billet:(ich ſchaute über ſeine Schulter) „Begeben Sie ſich nderzüglic zur St. Mauriz⸗ ſäule!(im Luſtwäl bdche en außerhalb der Stadt) ich habe Ihnen dort eine euwecung von höchſter Wich⸗ tigkeit zu machen. Keine Minute Verzug! Ich be⸗ ſchwöre Sie bei Allem, was Ihnen theuer iſt. 27* 212 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Denken Sie an**48!— Ihr ganzes Lebensglück ſteht auf dem Spiele. Jahrelange Reue wird den Verluſt einer einzigen Viertelſtunde nicht auſwiegen. Ein Freund.“ Ich ſah meinen Kollegen ſich entfärben und wußte warum. Er hatte im Jahre vorher, wo im Allgemeinen die ſtudierende Jugend Deutſchland's die Stadien eines„politiſchen Rauſches“ durchge⸗ macht— von ſeinem feurigen Temperament und jugendlichem Schwärmergeiſte ſich auch hinreißen laſſen, manches unüberlegte Wort zu ſprechen, viel⸗ leicht auch Manches gethan, wofür er bei kälte⸗ rem Blut und gereifterer Ueberlegung nicht wieder einſtehen mochte und war— oder bildete ſich we⸗ nigſtens ein, gravirt zu ſein. „Mein Paletot!“ herrſchte Grüner dem Kell⸗ ner zu. Die Haſt, womit er das dargereichte Kleidungs⸗ ſtück anlegen wollte, machte ſeine Bewegungen un⸗ ſicher, er kam zweimal in den unrechten Aermel und ſtampfte, das Dekorum und die Nähe ſeiner angebeteten, zartnervigen Emmeline vergeſſend, mit Nachdruck eines Holſteinerhufes die Parquetten. Endlich zu Stande gekommen, nahm er meenen Arm mit den Worten:„Du begleiteſt mich!“ „Bedienen Sie dieſe Dame auf's beſte! Alles auf meine Rechnung!“ wendete er bereits im Ab⸗ gehen begriffen, ſich zum Ohr des Kellners,„wenn ich wiederkomme, werde ich berichtigen. Noch ein„Adieu! meine Süße, auf baldig Wiederſehen!“— und wir waren über der Schwelle. Wir wanderten durch die pechfinſtern, veröde⸗ ten Straßen über das ungleiche Pflaſter fort und erreichten in einer halben Stunde nicht ohne Un⸗ fall und Schwierigkeit das Luſtwäldchen und die St. Maurizſäule. Grüner umkreiſte das Stand⸗ bild und rief geheimnißvoll wie einer Liebſten zum Stelldichein:„Pſt! pſt!“— Alles todtenſtill. Kaum rauſchte autwortend ein dürres Eichblatt mit einem Flüſterlaut. Grüner beſchrieb einen Kreis von dreißig Schritten hart am Saume des umgebenden Wäld⸗ hens und von ſeiner Lippe tönte das weidmänniſch⸗ laute:„Hugh!“ Dasſelbe Schweigen. Er wanderte eine Strecke zwiſchen den Stämmen in die Tiefe des Parkes fort, kam auf Umwegen zurück, blieb wieder ſtehen, rief:„adsum!“ als ob er im Hör⸗ ſaale aufgerufen wäre, lauſchte dann nach allen Windrichtungen und kehrte wieder zu mir zurück. „Ich denke, man hat uns eine Faſtnachtspoſſe geſpielt,“ meinte er mit erleichtertem Herzen;„mei⸗ nethalb! immer noch beſſer, als wenn mich hier eine Hiobskunde erwartet hätte.“ „Das iſt Tells Geſchoß!“ ſprach ich la⸗ chend—„und daran erkenne ich meinen Pappen⸗ heimer! Vater Nuzi hat Dich um ein ſeliges Schäferſtündlein an der Seite Deiner Angebeteten grauſam betrogen. Renuen wir da, wie zwei Ahas⸗ vere durch Nacht und Graus, durch Sumpf und Moor, während jene an der Tafelrunde bei allen Gaben der Ceres, des Vater Bacchus und der Laren von der Geflügelſteige und dem idylliſchen Stalle ſich gütlich thun und uns Märtyrer aus⸗ lachen.“ Schweißtriefend und von den Memento's der Pfützen(es war trotz der wenig vorgerückten Jahres⸗ zeit ſeit einigen Tagen ſtarkes Thauwetter und dieß eine auffallend laue Nacht) arg gezeichnet, in einem, nichts weniger als ſalonfähigem Zuſtand, kamen wir wieder in's Ballhaus, eben zum Abhub zurecht. Alle Wetter! auf der Wahlſtatt war aufge⸗ räumt worden! Welche Bravour im Angriff mochte da geherrſcht haben, welch' energiſche Ausdauer hat es zu ſolchen Erfolgen gebracht? Iſt's doch, als wäre der Würgengel über die Tafel hinweggegan⸗ gen. Batterien von Flaſchen Champagner, Rhein⸗ wein und grand vin, chateau Laſfitte liegen da, — demontirt! Die aufmarſchirten Paſteten ſind in die Pfanne gehauen, die leichten Truppen der Konditorien und Zuckerbrödchen wie Spreu ſpurlos zerſtoben, das ſchwere Volk der Rind- und Ham⸗ melkeulen bis auf die Knochen vernichtet worden. Emmeline war nicht mehr hier und auch trotz eines halbſtündigen Suchens in keinem Raume zu finden. Sollte ſie unſers längeren Ausbleibens überdrüßig geworden ſein? es verletzend gefunden haben? „Wann hat das Fräulein ſich entfernt?“ frug Grüner den Bedienenden. „Vor einer Viertelſtunde.“ „Nach welcher Richtung?“ „Kann nicht dienen, war eben beim Kredenz⸗ tiſch beſchäftigt.“— „Ich bin ihrer Launen müde und ſchreibe ihr morgen Valet,“ fuhr Grüner nach einer Pauſe fort, völlig disguſtirt und in verdrießlicher Stim⸗ mung;„mag die Kokette einen Andern am Narren⸗ ſeile führen.“ Dann zum Kellner ſich wendend: „Zahlen! was beträgt meine Rechnung?“ „Fünfzehn Gulden, dreißig Kreuzer Conven⸗ tions⸗Münze.“ „Wie viel?“ „Fünfzehn Gulden, dreißig Kreuzer Conventions⸗Münze!“ „Ich denke, Sie ſind verrückt!“ fuhr der reiz⸗ bare Grüner den Devoten an,„oder glauben Sie einen Narren vor ſich zu haben?“ „Bitte um Entſchuldigung!“— er dentete nach einem Theil der Tafel, der von einem Heu⸗ ſchreckenſchwarm aufgeräumt ſchien,„dieß Alles ha⸗ ben Fräulein zu ſich genommen: eine Hammelkeule, zwei Paſteten, vier Teller voll Konditorien, eine geſelchte Zunge und ein Stück Salami, dazu eine Flaſche Champagner und Chateau Lafitte. Jene Herren dort ſind meine Zeugen, ſtaunten Alle über der Dame mirakulöſen Appetit. Iſt mir in meiner Praxis— bin zwanzig Jahre Kellner— noch nie vorgekommen.“ „Das iſt Tells Geſchoß!“ platzte ich unwill⸗ —— Ferd. Lauffer: Vater Pafnuzi. 213 kürlich heraus,„ich erkenne den Löwen an ſeiner Klaue. Eine herrliche Faſtnachtſchnurre, die in Deiner theuerſten Erinnerung leben wird. Vater Nuzi hat ſich furchtbar gerächt.“ Was half alles Demonſtriren und Erörtern meines, vom väterlichen Genie niedergedonnerten Freundes, er mußte für die, unſere Baarſumme überſteigenden fünf Gulden, dem höflich unerbittli⸗ chen Ganymed ſeinen Paletot in Verſatz laſſen. Grüner verließ die Hallen der Freude mit einem Fluch. Des andern Morgens ſuchte er, mich mitziehend, voll ſchlimmer Vor⸗ ſätze ſeine„theure Flamme“ auf. Das freund⸗ lichſte Zwinker⸗——mm fältlein am Auge, ob des köſtlich ge⸗ lungenen Strei⸗ ches, empfing uns. Vater Nuzi klopfte auf ſein ehrwürdiges Do⸗ ſenrad und reichte es mit dem fet⸗ teſten Ausdruck ſeiner Stimme entgegen:„Na! eine Priſe!“— „Wer war die gedungene Dir⸗ ne?!“ donnerte Grüner als Antwort ihm den Tabakhälter aus der Hand ſchla⸗ gend, zu,„der Nachtvogel, der beim Tanze mir und im Eßſaal meiner Börſe die Schwindſucht zugezogen?“ „Heute im Kaffeehauſe,“ent⸗ gegnete mit un⸗ verwüſtlichem Behagen Nuzi, indem er die ver⸗ ſtreute„Gottesgabe“ mit den Fingern zuſammen⸗ ſtrich,„wirſt Du die ſchöne Harfnerin ſingen hören:„Ach, wenn ich ein Vöglein wär', flög' ich zu ihm!“ und Du kannſt in duetto ihr antworten: „Ach, wenn Du wäreſt mein eigen!“ „Götterwonne! ſo hingebend wie heut war meine Emmeline noch nie!“ entfuhr es meinen Lippen und ich brach in ein erſchütterndes Gelächter aus, in welches der Gefoppte grimmig, mit er⸗ zwungenem„ha! ha! ha!“ wie ein höhnendes Echo einſtimmte. 4 X X D Imj Als Grüner ſich auf die Zuſicherung, daß Nuzi den Paletot auslöſen wolle, etwas beruhigt, erhielten wir vollſtändigen Aufſchluß über Alles, was uns noch dunkel war. Vater Nuzi, davon in Kenntniß, daß Erſterer ſeiner Emmeline ge⸗ ſchrieben und auf der Poſt geweſen, hatte eine Stunde vor Abgang derſelben das Petſchaft des Schreibers aus der Schublade genommen und auf Vorweiſung desſelben und die Angabe: er habe noch etwas beizuſetzen, ohne Anſtand den Brief zurückerhalten. Ein Couvert, datirt von dem Gute des Grafen, von einem früheren ☛☚„„„Briefe der Ge⸗ (. A 2 liebten, wurde als — Umſchlag um das 8 Schreiben der Pſeudo⸗Emme⸗ line benützt und dieß am andern Tag mit der Auf⸗ ſchrift„poste re- stante“ aufgege⸗ ben. Jeder der Schriftzüge in den wenigen Worten war von Nuzi's Künſtlerhand— Buchſtabe für Buchſtabe— den Jzierlichen Zeichen X der wahren Em⸗ meline ſo treu nachgemalt wor⸗ den, daß ſelbſt das Fräulein ſpäter von der Gleichheit betroffen ward und ohne Kennt⸗ niß des wahren Vorganges an eine Doppelgän⸗ gerin geglaubt haben würde. Er hatte näm⸗ lich, einen unbe⸗ wachten Augen⸗ blick nützend, aus Grüners Brieftaſche ein Ori⸗ ginalſtück ſich zu verſchaffen gewußt. Die Harfeni⸗ ſtin gab ſich um ein Billiges für die Rolle der Emmeline her. Sie war erſt angekommen in der Stadt und ihre auffallende Aehnlichkeit an Wuchs, Geſichtsbildung und namentlich in der Stimme mit der Erwählten ſeines Freundes, ſtellte ſie zur glücklichen Löfung dieſer Aufgabe als vor⸗ züglich befähigt dar; dieſe Aehnlichkeit war für Vater Nuzi am hellen Tag ſo frappirend, daß er die fahrende Künſtlerin mit dem Namen Jener begrüßte. Sie hatte ihm den Anſtoß zur Erfin⸗ 8H 4/ 9 72 ——— 214 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. dung dieſer Fopperei gegeben. Am Abend war eine Entdeckung um ſo weniger zu beſorgen, da ſie die ſchützende Wachshülle vom Geſicht nur im Dü⸗ ſter der ſchattigſten Pfeiler auf Augenblicke abzog. Unmittelbar vor der Raſtſtunde übernahm auf Ver⸗ abredung Nuzi ihre Rolle und zwängte für ſein kurzes Debüt den etwas widerſtrebenden Korpus mit zierlicher Anſtrengung in die Chryſalide. Der beſtellte Lohnkutſcher auf der Treppe wartend, war — ſein Signal, das ſcheinbar zufällige Anklingen eines Meſſers am Glas, bei Grüners ſtürmiſcher Begrüßung— vernehmend, ſogleich eingetreten und er und der Schreck gönnten dem Getäuſchten nicht eine Minute Zeit, bei näherer Beobachtung des Sitzenden in Argwohn zu verfallen. Daß Vater Nuzi lobeſam, aus allen Kräften auf des Abwe⸗ ſenden Unkoſten dann ſeine„Beſtimmung“ an der lieben Gottesgabe erfüllte, findet man wohl ganz natürlich und auch— recht! Die Niederlage ſei⸗ ner Ehre im Ballſaal konnte nur durch Heka⸗ tomben geſühnt werden. Makame des zweideutigen Briefes.*) (Von einem Briefe, der— grade geleſen— verleihet Adel,— Doch rückwärts geleſen, ausſpricht Tadel.—) — ðſſ K Neman, der Esrachite, ſpricht: Ich befand mich im Egypter⸗Land,— — zur Zeit, als es in Flor noch ſtand,— o lieblich, wie Jeruſalem, war anzuſchauen, =.— da ſeine Auen— weit und breit— d voll waren jeder Köſtlichkeit,— und edle Bäume— verherrlichten ſeiner Gärten Räume;— es glich einer Braut im Feierkleide,— der Nil— ſtrom war ſein Halsgeſchmeide;— es war er⸗ hellt,— als wär's beſtellt— zum Leuchtthurm für die dunkle Welt.— Bald machte ich Bekannt— ſchaft— mit junger Mannſchaft,— die aus wer— then Leuten beſtand— und gelehrt zu ſtreiten ver⸗ ſtand;— ſie waren im Stand,— Dunkles auf— zuhellen— und mit Verſtand ein Urtheil zu fäl⸗ len;— ſie vermochten das Meer der Wiſſenſchaft zu ſpalten— und aus harten Felſen Weisheit zu entfalten.— Sie waren das Poſtament,— auf dem der Dichtung vielarmiger Leuchter ſich erhebt, — oder das Firmament,— an dem der Sterne Lichtkranz ſchwebt;— durch ihres Geiſtes Schleier — ſtrahlte Diamanten-Feuer,— ihrer Worte Fluß glich einem erquickenden Regenguß;— für die begierigen Hörer war ihre Rede,— wie ein Waſſerſtrom in dürrer Oede,— und ihr Herz war für der Dichtkunſt Gedeihung—„das Thal der Prophezeiung“.— An edler Geſinnung waren Alle gleich,— Alle gedankenreich— und voll Er— *) Siehe Buchſchau. kenntniß aus dem höheren Bereich.— In ihrem Kreis— befand ſich ein Greis,— der auf dem Felde der Gelehrſamkeit— ſammelte, was zer⸗ ſtreut,— und im Gebiete der Dichtung— ſich befaßte mit Sichtung und Lichtung:— bald ver⸗ arbeitete er die Stoffe mit ſeinen Meiſterworten— zu kunſtgeſtickten Borten,— belegt mit dem Golde ſeines Verſtandes,— reizend, wie der Faltenwurf eines Schleppgewandes,— und bald fuhr er um⸗ her auf der Wiſſenſchaften weitem Meer,— um zu ſtillen die Wellen,— die ſchwellen,— um herauszufiſchen die Perlen aus den Muſchel⸗Quel⸗ len,— und aus der Strömung Buſen— zu ho⸗ len die Korallen der Muſen.— In ihn drangen,— die nach dem Waſſer ſeines Brunnens trugen Ver⸗ langen:— er ſoll ſie unterrichten— im kunſtge— rechten Dichten,— das ſo ſchwer zu erſtreben,— da ſein Pfad nicht nahe und nicht eben,— ſo daß ſelbſt kühne Denker— und löwenmüthige Lenker— von der Wiſſenſchaften Kriegswagen— es nicht wagen,— ſeine Wege aufzuſuchen— und auf ſeinen Stegen einen Lauf zu verſuchen;— denn das iſt ein Pfad, den Raubvögel nicht ken⸗ nen,— und eine Strömung, in die ſo leicht nicht Ruderſchiffe rennen.— Er erwiederte: ich will mein Beſtes laſſen zu Euch fließen,— will Euch erſchließen— der Räthſel Thor,— ſchenkt mir nur geneigtes Ohr.— Wiſſet! der Geſang— von Belang,— die Gedichte— von Gewichte,— die Briefe ſchweren Styls— und die Dichtung höh'ren Ziels— haben verſchiedene Arten und Weiſen,— in deren Kreiſen— oft ſich verirren ſelbſt die Weiſen— auf ihren Fahrten und Reiſen.— Die Kunſt, die über Alles geht,— die auf der höch⸗ ſten Stufe ſteht,— ſind die Briefe von doppeltem Weſen,— die man vorwärts kann und rückwärts leſen,— wobei der Pfeil vom Bogen— rückwärts kommt geflogen,— und der Pfad, der ausgetre⸗ ten,— vermieden wird von dem Poeten:— lie⸗ ſeſt Du ſie grade,— ſo wandelſt Du auf ebenem Pfade,— doch kehrſt Du um das Ziel,— iſt Dir's, als umfluthete Dich der Nil,— oder als wenn der Jordan zurücke fiel.— Da rief die Verſammlung: dieſer Weg hat keinen Wandyrer noch geſpürt,— dieſe Kunſt iſt Jungfrau noch, von keinem Mann berührt;— willſt Du ſie mit uns vermälen,— ſo magſt Du nach Belieben wählen— Dir eine Gabe,— dann ſollſt Theil Du haben an unſerer Habe.— Hierauf ſprach er zu ihnen:— o Kinder, laßt Euch dienen!— nur um Gottes willen lehr' ich,— und nicht Lohn begehr' ich!— Ich will Euch regnen laſſen köſt⸗ liche Speiſe— aus der Wiſſenſchaft himmliſchem Kreiſe,— will vor Euch leſen einen Brief, der lieblich und hold,— wie in Silber gefaßte Aepfel von Gold,— einen Brief, tiefſinnig erdacht,— zur Rüſtkammer gemacht,— wie junges Reh voll Pracht,— doch auch einer Löwin gleich, die Grauen einjagt,— und wie ein Bogen, der beim Span⸗ Makame des zweideutigen Briefes. 215 nen„Nein“ ſagt;— einen Brief, der unvergleich⸗ bar— und unerreichbar,— als Wunder ange⸗ ſtaunt vom Volk im Land,— in deſſen Mitte er entſtand;— Fürſtentöchter, die ihn ſahen, konnten ihren Beifall nicht verhehlen,— ihn prieſen ſelbſt die ſtolzen Seelen,— die von ihm gehört erzäh⸗ len.— Lieſ't man ihn von Anfang bis zu Ende, — dann ſchlägt für ihn das Herz behende,— dann zeigt es ſich, daß Lob er ſpende,— dann gleicht er einem Frauenbild,— das ſanft und mild;— doch lieſ't man ihn zurück— mit um— gewandtem Blick,— dann tritt hervor das Unge⸗ heuer,— dann wird der Storch zum Geier,— dann wandelt ſich der Beifallszoll— um in Miß⸗ fallsgroll,— dann wird das Adeln— zum Ta⸗ deln,— und der Segensſpruch— zum Fluch.— Dieſer Brief zündet ein Licht in der Finſterniß an — und läßt zurück die Sonne geh'n auf ihrer Bahn,— ſo daß Alle, die dieß Wunder ſchauen, — überfällt ein Grauen;— er iſt ſchwärzlich,— aber ergötzlich,— ein Lächeln thront in ſeinem Munde,— doch ein Sticheln wohnt im Hinter⸗ grunde;— er trägt Sanftmuth im Blicke,— und hegt im Herzen Tücke;— ſeine Zunge iſt des Honigs Stelle,— ſein Inn'res aber eine Hölle; — beim Vorwärtsgange iſt er ſüßes Brod,— beim Rückwärtszwange aber bitterer als der Tod; — er iſt doppelgehaltig,— wie das Schaubrod geſtaltig;— wer ihn lieſ't auf die rechte Weiſe und das Süße koſtet, das in dieſem Gleiſe,— wird ausrufen:„Dieſe Koſt iſt Engelsſpeiſe!— dieſer Moſt ſtammt aus des Himmels Kreiſe!“— Doch wendet man ihn um,— gleicht er dem Schaubrod, das entfernt ward aus dem Heilig— thum;— denn er iſt des Guten wie des Böſen mächtig,— iſt zwillingsträchtig;— die Kinder in ſeinem Leibe— machen ein Getreibe,— und her⸗ aus kommt der Eine, voll Unſchuld und Milde,— dann folgt der Andere, voll, Unhuld, Böſes füh⸗ rend im Schilde.— Dieſen Brief hab' ich erfunden— und um der Dichtung Stickerei gewunden,— mit Sorg⸗ falt ihn gepflegt— und mit meiner Worte ſchön⸗ ſten Perlen ausgelegt,— um als Waffe ihn zu ſhwingen— wie die Zeiten es bedingen;— er iſt an Würze reich,— an D Duft der Myrrhe gleich; — unter Allen,— denen beigefallen,— auf ſei— nem Pfad zu wallen— und zu lauſchen ſeinem Hallen und Schallen,— wollt' es Keinem gelin— gen,— Aehnliches ſerorzubeirgen⸗— Mit die⸗ ſem Briefe wollte ich bezwecken,— daß die Tho— ren meiner Zunge Geißel ſchmecken,— auch wollte ich die Gecken— aus ihrem Hochmuthstraume wecken.— Ich habe dieſen Brief verfaßt auf Einen jener Großen,— welche um ſich ſtoßen,— jener hemreinde. Leiter und Lenker,— die nur gemeine Streiter und Zänker,— jener Frommen,— die den Nächſten um laſſen kommen,— und jener Hirten,— die die Schafe vierten.— Ich hatt' ihm anfangs Lob geſpendet,— er aber hat mir keinen Lohn darob geſendet;— drum hab' ich ihn geſchildert nun in dieſem Briefgedichte,— damit es die Geſchichte— der Nachwelt treu berichte.— Wenn das Gedicht gelangt in jenes Kauzes Hände — und er es lieſ't behende,— wird er ve rmei⸗ nen, daß es Lob ihm paude— und nicht hdn daß es ſeinen Namen ſchände;—„ein überlauter Morgenſegen, der in Fluch verwandelt ſich am Ende.“— Und nun merkt auf— und lauſcht des Briefes ſtaunenswerthem Lauf!— Und er begann und ſprach: „Gebieter!— Unglücks⸗Verhüter!— Glück⸗ Verbreiter,— Mißgeſchicks⸗Beſtreiter!— Fudofe Vermehrer,— Leiden⸗ Zerſürer!— Ruhm Beſchee rer,— Kummer⸗Wehrer!— Glanz⸗Spender,— Schmach⸗Abwender!— Heil— Errichter,— Unheil⸗ Vernichter!— Tugend-Freund,— Laſter⸗ Feind — Vol ks⸗Beglücker,— Frevler⸗ Entrlikert— Er⸗ löſung-Bringer,— Feinde⸗Bezwinger! Witwen⸗ Beſchirmer,— Räuber⸗Beſtürmer!— Waiſen⸗Er⸗ nährer,— Sünder⸗Bekehrer! ſcheinheiliger Menſchen, der Tugend entſchiedener Verächter,— Haſſer und Befechter!— Du biſt voll Adel,— ohne Tadel!— Du haſt Seele,— keine Fehle, — Du biſt gerecht,— nicht ſchlecht,— freigebig, — nicht ſchäbig,— mild,— nicht wild,— zart, — nicht hart.— Sei beglückt,— nicht gedrückt! — Dir werd' Verehrung,— nicht Zerſtörung!— Sei beneidenswerth,— nicht bemitleidenswerth! — heiße Sieger,— nimmer Unterlieger!— Er⸗ ziele Geſundheit,— nicht fühle Wundheit!— Du ſollſt erben Reichthum,— nicht Siechthum!— Du ſaüſ werden alt,— nicht ſterben bald!— Hin— terla ſſe Ruhm,— nicht komme un!“— Darauf ſprach er zu ihnen: Das iſt die Hymne, die Adel ertheilt,— dahinter aber Tadel weilt;— ſeh't! ich lege vor Euch heute einen Spruch,— der Segen in ſich faßt und Fluch;— woll't Ihr ihn nach der Ord⸗ nung leſen,— wird harmlos zeigen ſich ſein We⸗ ſen,— doch woll't die Ordnung um Ihr kehren — und den graden Bau zerſtören,— ſo fangt vom Ende an— und ſchreitet rückwärts auf der Bahn,— dann werdet Ihr leſen: „Umkomme! nicht Ruhm hinterlaſſe! bald ſterben,— nicht alt werden ſollſt Du!— Siech⸗ thum, nicht Reichthum erben ſollſt du!— Wund⸗ heit fühle,— nicht Geſundheit erziele!— Unter⸗ lieger, nimmer Sieger heiße! Bemitleidenswerth, nicht beneidenswerth ſei! Zerſtörung, nicht Vereh⸗ rung werd' Dir! gedrückt, nicht beg lückt ſei! Ha — nicht zart,— wild, nicht mild,— ſchäbig, nicht zraigebi— ſch lecht, nicht gerecht biſt Du; — Feyhle, keine Seele haſ Du;— Tadel hne Adel) voll biſt Du.— Befechter und Haſſer, Ver⸗ ächter entſ ſchiudener Tugend der Menſchen! ſchein⸗ heiliger Bekehrer!— Sünder⸗Ernährer!— Wai⸗ ſen⸗Beſtürmer,— Räuber⸗Beſchirmer,— Witwen⸗ 216 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Bezwinger,— Feinde⸗Bringer,— Erlöſung⸗Ent⸗ rücker,— Frevler⸗Beglücker,— Volks⸗Feind,— Laſter⸗Freund,— Tugend⸗Vernichter,— Unheil⸗ Errichter, Heil⸗Abwender,— Schmach⸗Spender, — Glanz⸗Wehrer,— Kummer⸗-⸗Beſcheerer,— Ruhm⸗Zerſtörer,— Leiden⸗Vermehrer,— Freu⸗ den⸗Beſtreiter,— Mißgeſchicks⸗-Verbreiter,— Glück⸗Verhüter,— Unglücks⸗Gebieter!“— Und er ſprach zu ihnen: auch folgende zwei Verſe kann man, gleich dem Briefe, rückwärts leſen, — ſo daß ſie zeigen ein widerſpenſtig Weſen.— Und er hob ſein Gleichniß an und ſprach: Hoheit, nicht Keckheit beſitzeſt Du,— biſt tugendſtark, nicht ſchwach! Rohheit iſt fremd Dir, nicht eigen,— Dein iſt Ruhm, nicht Schmach!— Und er bemerkte wieder:— wer dieſe Lieder — leſen will verkehrt,— der wird geſteh'n, daß Gottes Zorn in ihnen ſich bewährt: Schwach, nicht tugendſtark biſt Du, beſitzeſt Keckheit, nicht Hoheit! Schmach, nicht Ruhm, iſt Dein eigen, nicht Dir fremd iſt Rohheit!— Darauf ſchwieg er beinahe eine Stund',— dann öffnete er ſeinen Mund— und rief: bei Dem, Der in der Höhe wohnt— und im Ver⸗ borg'nen thront,— Deß Blick durchdringt die Schranken— der Gedanken,— ſchwör' ich's! daß dieſes Briefgedicht— den Hochmuth aller Dichter bricht,— daß es erreicht wird nicht— von den Sängern in Oſten und Weſten,— weder von Arab's, noch von Eber's Muſen⸗Söhnen, den beſten!— Denn ſolche Stickerei iſt Niemand noch gelungen,— ſolche Dichtungsart iſt keinem Ohre noch erklungen;— vor diefer Dichtung Fluthen muß Arab's Dichter⸗-Strom ſich neigen,— da ſie die höchſten Berge überſteigen.— Ja, wer ſich befliſſen— im arabiſchen und hebräiſchen Wiſſen, — der wird verſteh'n zu koſten meiner Dichtung ſüßen Biſſen,— der wird zu unterſcheiden wiſſen.— Der Erzähler fuhr fort: Wir hörten zu, und unſer Muth begann zu wanken,— irre und wirre wurden unſere Gedan⸗ ken,— Alles ſtand wie gebannt in Schranken— vor ſeinen ſtolzen Mienen,— wir erſchienen uns wie Heuſchrecken, und ſo ſind wir auch ihm er— ſchienen.— Nur nach ſeinem Namen fragten wir den Alten— und wo er pfleg' ſich aufzuhalten,— wir ſprachen zu ihm:„wir möchten kennen gern— dieſes ſelt'nen Schatzes Herrn,— möchten wiſſen, von welchem Stern— dieſes Lichtes heller Kern, — und dieſe Weisheit, aus welcher Fern'’?“— Lächelnd hörte er uns an— und begann ſodann:— Ich bin ein Dichter, der ſein Wort verwendet Für blödes Aug' iſt mein Gedicht ein Licht, Das nur für meine Haſſer dunkel endet. Mir ſind die Muſen freundlich zugethan, Obgleich von allen andern abgewendet. Wer zu erklimmen meine Höh' ſich müht, Dem rufe zu:„wie ſehr biſt Du verblendet!— Du wirſt Dich plagen, nicht erjagen, drum Hüt, Dich, daß Deine Seel' nicht werd' gepfändet! Willſt Deine Ehre ſetzen Du auf's Spiel?— Verſchulden, daß Dein Name werd' geſchändet?“— Als dieſes Lied wir hörten, haben wir er⸗ kannt,— daß der Alte Cheber ha⸗Keni iſt benannt;— ich warf mich an ſeine Bruſt,— umarmte ihn voll Luſt— und weilte läng're Zeit — an ſeiner Seit’,— um meine Tage zu verle⸗ ben in Heiterkeit.— Endlich ließ der Trennung Rabe hören zwiſchen uns ſein Krächzen,— und ich ſchied von ihm mit Seufzen und mit Aechzen. — So mußte Juda weiter ziehen,— unter Pla⸗ gen, unter Mühen!— doch nahm ich mit mir die Erinnerung an ihn,— die mir als würz'ge Reiſekoſt erſchien.— In der Schmiede. Zu der Bilder⸗Beilage dieſes Heftes. . Ghlenn⸗Annchen ſitzt beim Schmied, dem alten, ☛ Der raſtend gern ſein Fläſchchen preiſt. 80„Willſt, Kleine,“ lacht er,„mit mir halten? 's iſt ein beſonders ſtarker Geiſt.“ Die Kleine dankt verſchämt dem Meiſter, Und altklug fügt ſie noch hinzu: „Es gibt gar bitterböſe Geiſter; Laßt mit dem ſchlimmſten mich in Ruh'.“ Der Alte ſchmunzelt:„Kind bedenke, Dein Unverſtand beleidigt mich; Es iſt der Geiſt hier im Getränke Ein Meiſter Schmiedd ſo gut wie ich. Denn merke: bei dem erſten Gläschen Fängt er die Gluth zu ſchüren an, Daß man den Dampf gleich in dem Näschen Mit Wohlbehagen ſpüren kann. Beim zweiten ſteigert er die Wärme, Und bringt das Eiſen recht in Gluth; D'rauf hämmert er mit wildem Lärme Beim dritten ſchon in unſ'rem Blut. Im Kopf, als ſeiner Arbeitsſtätte, Da hauſt zumeiſt der flinke Schmied; Er füget dort an eine Kette Bei jedem Glas ein neues Glied. Die Kette kann man zwar nicht greifen, Doch hängt ſie ſchwer herab vom Kopf; Man muß ſie oft am Boden ſchleifen Als einen laugen Eiſenzopf. Die Kette bringt den ſtärkſten Zecher Am Ende aus dem Gleichgewicht. Das alles thut der Schmied im Becher,— Zu Lob, das er Gemeinde⸗Häuptern ſpendet. Aus meinem Munde quillt ein Segensſtrom, Der aber meinem Feind in Fluch ſich wende Doch mir, dem Zunftgenoſſen, nicht.“ — N 1 1- d fäü M ung. ec RELLMOANM. Asc Feuilleton. Prager Sprechſtübchen. Faſtenzeit! Der Karneval hat ausgetobt, die Zeit der Reue beginnt. Gar Vielen liegt ein ſchwerer Stein auf dem Herzen und ſie ſeuſzen:„Herr, laß dieſen Stein Brod werden.“ Faſtenzeit! Kaum hat uns der Aſchermittwoch erinnert, daß all' unſer Trachten und Dichten eitel ſei, ſo führt uns der Erfolg der Philippine Welſer wieder dieſen Ge⸗ danken nahe. Faſtenzeit! Zwiſchen dem tollen Faſchiug und den heitern Oſtern liegt die düſtere Faſtenzeit mit ihren Konzerten mitten inne. In medio Virtuos. Faſtenzeit! Die Schreckenszeit für die Stockfiſche. Wenn die⸗ ſelben, um nach Leſſing zu reden, in dieſen Tagen den Kopf nicht verlieren, ſo haben ſie keinen zu verlieren. Die Faſtenzeit bringt uns heuer Frühlingswetter. Heiter lacht der Himmel über uns— über die Poſſen⸗ ſpiele auf Erden; die Lerchen trillern friſch an jedem Morgen, ohne durch Heiſerkeit das Repertoire der Natur zu ſtören; die erſten Schmetterlinge melden ſich unter den Angekommenen in den Zeitungen; Goldkäfer ma⸗ chen dem Frühling Reklame, als wäre er ein reiſender Künſtler; an Bäumen und Sträuchen ſchlagen die nicht politiſchen Blätter aus, im Gegenſatze zu den politiſchen, die jetzt bei dem Winde aus Süden recht einzuſchlagen beginnen. Krieg oder Frieden? das iſt die Frage, welche jetzt jedes Zeitungsblatt, ja jede Konverſation in friedliche oder kriegeriſche Weiſe erörtert. Das Zeichen unſerer Zeit iſt und bleibt nun einmal das 2 Erinnerungen. 1859. Cinis— fumus! Unſere Zeit gleicht einem Katechismus, Frage folgt auf Frage. Kein Wunder, der Menſch iſt ja ſelbſt ein Räthſel, das immer fragt bis zu ſeiner— Auflöſung. In unſerer Stadt hat eine Auflöſung ſogar ei⸗ nen räthſelhaften Charakter. Wenn ſonſt drei Perſonen erforderlich ſind ein Kollegium zu bilden, ſo genügen hier ſchon zwei, um eine Zunft in Beſtand zu halten. Die Bäckerzunft der Neuſtadt beſteht aus nicht weniger als zwei Meiſtern, von denen der eine als Obervor⸗ ſteher an der Spitze— des andern ſteht. Räthſelhaft ingleichen mag es erſcheinen, daß Prag, die Hauptſtadt im„Lande der Töne“, bisher ohne einen Männergeſangverein war. Jetzt endlich ſoll, wie die Kunde geht, ein ſolcher unter der Leitung des Kapell⸗ meiſters Tauwitz in der Bildung begriffen ſein. So mit geſchieht wieder ein Schritt, den Vorwurf, es fehle in Prag an geſelligem Ton, an geſelliger Stimmung und Harmonie zu widerlegen. Prag iſt nicht nur die Stadt der Töne, ſondern auch der Monumente. Man ſagt, jeder Stein in Prag ſei hiſtoriſch, und ſo koönnte man, wie Schelling die Architektur eine„gefrorene Muſik“ nannte, Prag als — die„verſteinerte Geſchichte“ bezeichnen. Es iſt jetzt im Werke, zur Erinnerung an die akademiſche Legion im Jahre 1899 ein Denkmal außzuſtellen, das der verſtor⸗ bene Bildhauer Joſef Max vor Jahren zum Zwecke der 500 jährigen Jubelfeier unſerer Univerſität model lirt hatte. Es ſtellt dieſes trefflich gelungene Kunſt⸗ werk einen böhmiſchen Studenten aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges vor und iſt daher zugleich ein Denkzeichen einer anderen Geſchichtsepoche, in welcher die ſtudirende Jugend unſerer Univerſität in kräftiger Abwehr des Feindes ſich männlich bewährte. 28 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Miszellen. Literatur. Die Goetheliteratur wächſt in's Unendliche und wohl noch in keinem Jahre ſind ſo viel Schriften, die unſern großen Dichter betreffen, erſchienen, als im Laufe des vergangenen. Unter den biografiſchen Wer⸗ ken, welche Goethe's ganzes Leben umfaſſen, ſind außer dem trefflichen Werke des Engländers G. H. Lewes, das von Freſe überſetzt wurde und auch in Deutſchland in einer billigern engliſchen Ausgabe erſchien, vor allem die zweite Auflage von Schäfer’s„Goethe's Leben“ und die Monografie über Goethe in Gödeke's„Grundriß zur Geſchichte der deutſchen Dichtung“ hervorzuheben. Schätzbare Beiträge zur Lebensgeſchichte des großen Dichters gaben unter anderm H. Siegfried in ſeiner „Epiſtel an G. H. Lewes“, C. Jügel in ſeiner erſt kürzlich in den Buchhandel gelangten Schrift„Das Puppenhaus“ und Kneſchke in„Goethe und Schiller in ihren Beziehungen zur Frauenwelt“. Manches Neue über die beiden Koryphäen der deutſchen Literatur theilt Diezmaun im„Goethe⸗Schiller⸗Muſeum“, ſowie in dem künſtleriſch reich ausgeſtatteten„Weimar⸗Album“ mit; viele kleinere Beiträge brachten auch mehrere Zeitſchrif⸗ ten, wie das„Bremer Sonntagsblatt“, das„Frankfur⸗ ter Muſeum“, die„Blätter für literariſche Unterhaltung“, das„Deutſche Muſeum“ u. ſ. w. Oldenburg ſchrieb „Grundlinien zur Pädagogik Goethe's“, Clemens über „Schiller im Verhältniß zu Goethe“, der Holländer van Ooſterzee„Ueber Goethe's Stellung zum Chriſten⸗ thume“, Aderholdt„Ueber Goethe's Farbenlehre“. Auch die Erläuterungsſchriften über einzelne Werke Goethe's ſind durch mehrere neue vermehrt worden. Dahin ge⸗ hört zunächſt die Goethe betreffende Abtheilung der bei Hochhauſen in Jena erſcheinenden„Erläuterungen zu den deutſchen Claſſikern“, welche von Düntzer beſorgt wird. Es liegen aus derſelben bereits„Hermann und Dorothea“,„Werther“,„Wilhelm Meiſter's Lehrjahre“, die„Wahlverwandtſchaften“ und„Wilhelm Meiſter's Wanderjahre“ vollſtändig vor. Hierzu kommen noch die zweite Auflage von H. Düntzer’s„Goethe's Fauſt, voll⸗ ſtändig erläutert“, ſowie deſſen Erklärung von„Goethe's lyriſchen Gedichten“(2 Bde.). Viſcher veröffentlichte „Kritiſche Bemerkungen zu dem erſten Theil von Goe⸗ the’'s Fauſt“ und Schnetger ſchrieb„Der zweite Theil des Goethe'ſchen Fauſt“. Eine Nachleſe zu Goethe's kleinern Dichtungen gab der Philolog Th. Bergk in „Goethe's Acht Lieder“. Beachtenswerth ſind auch die „Briefe Goethe's und der bedeutendſten Dichter ſeiner Zeit an Herder“, herausgegeben von H. Düntzer und von Herder. Schon 1857 gab Lancizolle eine„Ueber⸗ ſicht der wichtigſten Schriften von und über Goethe“, welche den großen Reichthum der Goetheliteratur er⸗ kennen läßt.(Cent.⸗Anz.) Neue Dramen. Bald wird man unſere geſammte neue Literaturgeſchichte in Szene geſetzt ſehen. Gottſched und Gellert, Bürger und die Hainbundsgenoſſen nebſt dem„Vater Gleim“, Schiller und Goethe wurden be⸗ reits auf die Bühne gezerrt(der Letztere freilich nur als halbwüchſiger Junge und werdendes Genie); und nun erſcheinen auch Leſſing und ſein Moſes Mendels⸗ ſohn als die Hauptfiguren eines fünſaktigen Schauſpie⸗ les, welches einen Dr. Otto Girudt zum Verfaſſer hat. König Maximilian II. von Baiern hat zur Förderung der dramatiſchen Poeſie abermals eine Preis⸗ konkurrenz eröffuet und zu dieſem Behufe einen Preis von 200 Dukaten für das beſte Trauerſpiel oder Schau⸗ ſpiel ausgeſetzt. Der Stoff des Drama's muß der Ge⸗ ſchichte Bäaierns oder der Pfalz entnommen ſein; die Ausſührung neben den Forderungen der Aeſthetik auch den Anſprüchen der gegenwärtigen Bühne genügen. Hinſichtlich der Form wird der Vers gewünſcht. Die Einſendung hat an das Kapitel des Maximiliansordens für Wiſſenſchaft und Kunſt zu München im Verlaufe des Monates November im Jahre 1860 zu geſchehen. Die Entſcheidung wird von einem durch Se. Maj. den König zu ernennenden Preisgericht ausgehen, u. z. in der Art, daß die Richter zunächſt eine Anzahl der vorzüg⸗ licheren Stücke zur Darſtellung auf der Münchner Hof⸗ bühne vorſchlagen, ihr letztes Urtheil aber erſt, wenn der Cyklus der Aufführungen geſchloſſen iſt, unter Mit⸗ berückſichtigung der erzielten Bühnenwirkung abgeben. Die Namen der Preisrichter werden vor Ablauf des zur Einlieferung der Drameu angeſetzten Termins ver⸗ öffentlicht. Bildende Kunſt. Unter den bildenden Künſtlern Wien’s, welche bisher in mehrere, einander ſchroff gegenüber⸗ ſtehende Parteien geſpalten waren, hat ſich gelegentlich der bevorſtehenden akademiſchen Ausſtellung eine Ver⸗ ſöhnung angebahnt. Die Akademie hat ſich endlich be⸗ wogen, die„Eintracht“ förmlich anzuerkennen, und die Mitglieder der letzteren Genoſſenſchaft, zu welcher Künſtler wie Rahl, v. Haanen, Gurlitt, Greefe, Aigner u. v. A. gehören, werden ſich in Folge deſſen in Maſſe an der Ausſtellung betheiligen. Der„Eintracht“, welcher na⸗ mentlich viele junge Künſtler angehören, ſteht bekanntlich der„Albrecht⸗Dürer⸗Verein“ gegenüber, zu welchem namentlich Anhänger der Akademie und überhaupt Ael⸗ tere zählen. Eine Gruppe von klaſſiſcher Schönheit iſt jetzt vom Bildhauer Fraikin in Brüſſel vollendet, und in deſſen Atelier zur Anſicht ausgeſtellt worden. Aphrodite, die ſchaumgeborene Göttin, ſteht, ihren Schleier als Segel gebrauchend, in einer Muſchel, welche von Amor, ihrem Sohne, mit dem Bogen gelenkt wird. Die Formen dieſer in Lebensgröße ausgeführten Figuren ſind ſo meiſterhaft, die Stellung und die Verhältniſſe ſo richtig „und edel aufgefaßt, daß das allgemeine UÜrtheil dieſe Gruppe für das beſte Erzeugniß Belgiens auf dem Ge⸗ biete der Plaſtik erklärt. Der jetzt in München lebende griechiſche Maler Theodor Bryſakis wird den Befreiungskampf ſeines Vaterlandes durch eine Reihe hiſtoriſcher Gemälde ver⸗ herrlichen, von denen die drei erſten bereits vollendet ſind. Der Künſtler, welcher ſelbſt in den Reihen der Kämpfer gefochten und Perſonen wie Ort der Handlung aus eigener Anſchauung keunt, hat in dieſen ſo Vor⸗ treffliches geleiſtet, daß ihm die Anerkennung der Kunſt⸗ freunde wie auch die beſondere ſeiner Regierung zu⸗ theil geworden iſt. Das Miſſale, an welchem im Auſtrage Sr. Majeſtät des Kaiſers ſeit einigen Jahren von Mitglie⸗ dern der k. k. Akademie der Künſte gearbeitet wird und das für S. H. den Papſt beſtimmt iſt, wird im Jahre 1860 vollendet ſein, und ſeiner Beſtimmung zugeführt werden können. Bei den Arbeiten wurden die verſchie⸗ denſten Zweige der bildenden Künſte in, ihrer edelſten Richtung verwendet. Muſik. Die aus Muſikern beſtehende Kommiſ⸗ ſion, welche damit beauftragt war, auf Mittel zu ſin⸗ nen, um in allen muſikaliſchen Inſtituten Frankreichs eine gleichmäßige Stimmung herzuſtellen, hat dem Staatsminiſter unterm 1. Februar ihren Bericht einge⸗ ſandt. Mit Zugrundelegung der darin ausgeſprochenen Anſichten hat der Miniſter die Einführung einer„Nor⸗ mal⸗Stimmgabel“ verfügt, bei welcher für das ſtimman⸗ gebende A 870 Schwingungen auf die Sekunde kommen. Feuilleton. 219 Das muſtergiltige Exemplar dieſes Inſtruments findet 9 ſeinen Platz im kaiſerlichen Konſervatorium der Muſik und Deklamation. Jede vom Staate autoriſirte muſi kaliſche Anſtalt muß mit einer ſolchen Stimmgabel ver⸗ ſehen ſein. Die Anwendung des„diapason normal“ tritt in Paris mit dem 1. Juli und in den Departe⸗ ments mit dem 1. Dezember in Kraſt. Meyerbeer’'s neue Oper wird wohl ſchwerlich vor dem Herbſt in Paris zur Aufführung gelangen, da der Komponiſt nicht geneigt ſein möchte, mit dem Werke in die Sommermonate hineinzugerathen. Auch ſoll Ma dame Cabel, welcher die Hauptpartie auvertraut iſt, in Gefahr ſein, dieſelbe zu verlieren. Meyerbeer hat näm lich eine junge ſchöne Sängeriu, Mademoiſelle Montroſe, entdeckt, eine Schülerin von Duprez, und neuerdings⸗ dieſe für ſeine Oper auserſehen. Nun kann mau auf gewöhnlichem Wege Madame Cabel die Rolle natürlich nicht abnehmen, aber man hofft ſehr gemüthlich, dieſe Sängerin mit unausgeſetzten täglichen Proben dermaßen zu ermüden, daß ſie, wenn es endlich an die Aufführung. geht, wird erklären müſſen:„Ich kann nicht mehr!“ In dieſem erſehnten Moment ſoll dann Mademoiſelle Montroſe enthüllt werden, die ebenfalls einſtudirt wird und im Geheimen in einer finſtern Loge allen Proben beiwohnt!— In Meyerbeer's neuer Oper wird auch eine Ziege erſcheinen, man ſieht deßbalb jetzt jeden Morgen in Paris drei Ziegen zur Probe in die Opéra comique führen, um ſie dort zu unterrichten und ihnen die Partie einzuſtudiren. Für die Aufführung wird die intelligenteſte von den dreien ſchließlich ausgewählt werden, die beiden andern treten nur im Erkrankungs falle der erſtern auf. In Holland blüht noch ein herzhafter Enthuſias mus für die Künſtler; in Utrecht haben die Studenten Fräulein Marie Mösner nach dem Konzert am 21. Februar einen Fackelzug unter Vortritt der Bürgermuſik und des Militärmuſikkorps gebracht; als die Künſtlerin nach nicht endenden Vivats ihnen noch ein Stück auf der Harfe am offenen Fenſter entgegenſpielte, faud der Jubel keine Grenzen, Sänger und Orcheſter ſtimmten die öſterreichiſche Volkshymne an und führten Fräulein Mösner im vierſpännigen Wagen nach ihrem Hotel! Statiſtiſches. In der ganzen öſterreichiſchen Monarchie befinden ſich 7139 Civilärzte, 5635 Chirurgen und 3031. Apotheker, wovon auf die lombard.⸗venetian. Provinzen⸗ allein 3123 Doktoren, 558 Chirurgen und 1465 Apo theker kommen. In der Monarchie kommt ein Arzt auf 5200, ein Chirurg auf 6600 und ein Apotheker auf 12.30) Einwohner. In Oeſterreich u. d. Enns kommt ein Med. Dr. auf 2200, in Oeſterreich o. d. Enns auf 750), in Salzburg auf 4400, in Steiermark auf 7000, in Krain auf 15.000, in Kärnthen auf 11.000, im Kü ſtenland auf 3800, in Tirol auf 2500, in Böhmen auf 6200, in Mähren auf 10.700, in Schleſien auf 15.400, in Galizien auf 18.700, in der Bukowina auf 26.300, in Ungarn auf 8600, in Siebenbürgen auf 26 600, in der Wojwodſchaft Serbien auf 12.100, in Kroatien auf 13.800, in Dalmatien auf 5400, in der Lombardei auf 1500, im Venetianiſchen auf 1600 Einwohner. Die ge⸗ ringſte Anzahl der Aerzte finden wir im Zolkiewer Kreiſe mit 80.000, die größte in der Provinz Padua mit 1200 Einwohnern auf 1 Arzt. Paris zählte bei Eintritt der Erweiterung bis zu den Feſtungswerken 1,174,316 Einwohner; die jetzt hin⸗ zugezogenen Gemeinden zählen 351,189 Einwohner, das erweiterte Paris hat demnach 1,525,535 Einwohner, und iſt ſomit die volkreichſte Stadt des europäiſchen⸗ Feſtlandes und nach London die zweitvolkreichſte Stadt Europa's. Nach dem neueſten Bericht der General⸗Regiſtratur hat London, das zu Anfang dieſes Jahrhunderts noch nicht eine ganze Million(958,863) Einwohner zählte, gegenwärtig bereits eine Bevölkerung von mehr als 2.800,000 Seelen. Das heutige London iſt drei mal ſo groß als das vom Jahre 1801; es bedeckt einen Flächenraum von 121 engliſchen Quadratmeilen. Englands Handel hat im vorigen Jahre den Ausfuhrwerth von 116,614,331 Pf. St.(1,451,776 Pf. weniger als 1857, aber immer noch 787,383 Pf. mehr als 1856) erreicht. Die„Wiener Ztg.“ veröffentlichte einen Ausweis über die von der Oberſten Polizeibehörde ſeit Jänner 1853 bis letzten Dezember 1858 an Bildungs⸗ und Humanitätsanſtalten, Vereine ꝛc. vertheilten Preß erzeugniſſe. Es wurden im Ganzen 80,061 Preß⸗ erzeugniſſe vertheilt; dieſelben beſtanden aus 67,832 Büchern und kleineren Druckſchriften, 7236 Bildern, 1205 Muſterzeichnungen und 3788 Muſikalien. Im Monate Jänner ſind in Deutſchland ungefähr 1000 Bücher(einſchließlich der neuen Auflagen, Bro ſchüren, Zeitſchriften) erſchienen. In dem gleichen Zeit raume verließen in Eugland 303 und in Frankreich 1037 Schriften die Preſſe. Oeffentliche Bibliotheken von mehr als 300,000 Bänden gibt es zehn und zwar: die kaiſerliche Bibliothek in Paris mit 800,000 Bändeu, das britiſche Muſeum in London mit 560,000; die kaiſerliche Biblio⸗ thek in St. Petersburg mit 520,000; die königliche Bi⸗ bliothek in Berlin mit 500,000; die königliche Biblio thek in München mit 480,000; die königliche Bibliothek in Kopenhagen mit 410,000; die kaiſerliche Bibliothek in Wien mit 365,000; die Univerſitäts⸗Bibliothek in Göttingen mit 360,000; die königliche Bibliothek in Breslau mit 350,000; die königliche Bibliothek in Dres⸗ den mit 305,000 Bänden. Truppenzahl und Kriegsflotten der Haupt ſtaaten: Frankreich zählt 409,062 Mann und 461 Schiffe mit 12,510 Kanonen; Großbritannien 222,874 Mann, 538 Schiffe mit 15,791 Kanonen; eich 700,000 Mann, 135 Schiffe mit 852 Kanonen; Preußen 511,108 Mann, 55 Schiffe mit 265 Kanonen; Rußland 833,462 Mann und 158 Schiffe; der⸗deutſche Bund(ohne Oeſter reich und Preußen) 361,596 Mann; Sardinien 47,915 Mann, 29 Schiffe mit 436 Kanonen; die Niederlande 58,195 Mann, 86 Schiffe mit 1740 Kanonen; Schwe den und Norwegen 158,337 Maun und 1039 Schiffe; Dänemark 27,420 Mann, 116 Schiffe mit 932 Kanuo⸗ nen; die Schweiz 108,000 Mann; Spanien 200,401 Mann, 87 Schiffe mit 887 Kanonen; die Türkei 209, 152 Mann und 70 Schiffe; die Moldau, Walachei, Serbien und Montenegro 61,644 Mann. Wie groß der Champagner⸗Verbrauch in Rußland iſt, ergibt ſich aus der Notiz, daß in 11 Jah ren 9,823,316 Bout. für 21,571,870 Rbl. S. daſelbſt eingeführt wurden. Im Jahre 1842 haben ſich in Rußland 939, 1813 ebenfalls über 900, im Jahre 1856 dagegen 1500 Menſchen zu Tode getrunken. Eiſenbahnen. Telegrafen. Aus einer ſtatiſtiſchen Erörterung über die ſämmt lichen Eiſenbahnen in Euvopa geht hervor, daß in Sachſen die Eiſenbahnen am einträglichſten ſind und daß im Großherzogthume Baden der Betrieb am öko⸗ nomiſchſten iſt, indem 41 Procent der Einnahmen genü⸗ gen, um die Betriebskoſten zu decken. 28* 220 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Das ruſſiſche Telegrafennetz umfaßt bereits 34 Gubernial⸗Hauptſtädte, und es zählt 80 Stationen. Sechs Linien gehen von Petersburg aus: 1. nach War⸗ ſchau und Preußen, 2. nach den Oſtſee⸗Provinzen, 3. nach Abo in Finnland, 4. über Kiew und Odeſſa nach Simferopol, 5. nach Charkow, und 6. nach Wladimir und Niſchney⸗Nowgorod. Im Laufe dieſes Jahres wer⸗ den 460 Wegſtunden neue Linien gebaut; u. A. ſoll die Linie von Niſchney⸗Nowgorod bis Kaſan, von dort bis Laiſchew und ſpäter bis Orenburg verlängert werden. Dem Unternehmen des transatlantiſchen Te⸗ legrafen wird von der engliſchen Regierung eine Di⸗ vidende von 8 Proc. auf 25 Jahre garantirt. Der Einfluß des Druckes auf die elektri⸗ ſche Leitungsfähigkeit metalliſcher Drähte iſt von Profeſſor Wartmann in Genua zum Gegenſtand einer Reihe von Verſuchen gemacht worden. Die in⸗ tereſſanten Ergebniſſe derſelben laufen dahin hinaus, daß ein Druck von 30 Atmoſphären das Leitungsver⸗ mögen eines Kupferdrahtes vermindert, und daß dieſer nachtheilige Einfluß mit der Vermehrung des Druckes wächſt. In England ſind Verſuche im Großen angeſtellt worden, die Feldarbeiten durchgehends mit Dampfkraft zu betreiben, wozu Halkett die Anregung gegeben hat. Es werden zur Anfuhr des Düngers, zum Ackern, zur Einbringung der Erde u. ſ. w. bewegliche Eiſenbahnen benutzt und alle landwirthſchaftlichen Verrichtungen durch von Dampf bewegte Maſchinen betrieben. Techniſches. Induſtrielles. Man hat jetzt in Boſton die Aufgabe in gelungener Weiſe gelöſt, ein fotografiſches Bild unmittelbar auf Stein in einer Weiſe zu fixiren, daß dasſelbe ohne weitere Vorbereitung zum Druck dienen kann. Schuhe aus Alligator⸗ oder Krokodilhaut verfer⸗ tigt ein gewiſſer Benedict in Galveſton; ſie ſind fein und weich wid kalbslederne, haben aber das Anſehen wie Schildkrötenſchale. Man kaun ſich leicht ſelbſt Dochte für Nacht⸗ lichter anfertigen, indem man Feuerſchwamm nimmt, dieſen in der Form von kleinen Dochten ſchneidet, mit den Fingern rundet und dann in den Schwimmer des Nachtlichtes ſteckt. In gut gereinigtem Oel brennt die⸗ ſer Docht mit kleiner Flamme durch eine ganze Nacht äußerſt wenig Oel verzehrend. Gelatine wird als wohlfeiles und ſchönes Erſatz⸗ mittel für farbiges Glas in Vorſchlag gebracht, wovon bereits Illuminationslampen gefertigt werden, welche von der ſchönſten Wirkung ſein ſollen. Eiſen ſpielt bekanntlich eine wichtige Rolle in der neueren Medizin, namentlich in Fällen der Blutarmuth u. ſ. w. Doch wollte es bisher nicht gelingen, dasſelbe mit Stoffen zu verſetzen, welche keinerlei ſtörende oder ſchädliche Wirkung auf den menſchlichen Organismus ausübten. Der Apotheker Baſtick in London behauptet aun, daß die Verbindung von Leberthran und Eiſen alle Eigenſchaften beſitze, welche die Heilkunde verlan⸗ gen könne. Zur Verpackung von Schnupftabak bedient man ſich bekanntlich Blei⸗ oder Zinnfolien, wodurch mancherlei Gefahren für die Geſundheit entſtehen kön⸗ nen. Um dieſe zu beſeitigen, bedient man ſich in eini⸗ gen Tabakfabriken Deutſchlands mit gutem Erfolge zur Verpackung von Schnupftabak der Guttapercha. Möbel aus Kautſchuk. Verſuchsweiſe werden ſehr hübſche Möbel aus Kautſchuk verfertigt. Der Kaut⸗ ſch 9 ſchuk erhält durch Zuſatz von Schwefel und etwas Pech eine hornähnliche Geſtalt. Die Möbel ſehen aus wie vom ſchönſten Ebenholz angefertigte und ſind nicht viel theuerer als Möbel von Eichenholz. Die amerikaniſchen Journale erzählen von einer neuen Erfindung, welche Nachahmung verdient. Es ſind das Laternen, deren Lampe oder Kerze man anzünden kann ohne ſie zu öffnen. Dazu dienen Reib⸗ hölzchen, die von außen durch den Druck eines Stiftes aus einem Büchschen worin ſie liegen vorgeſchoben werden und dabei durch zwei Reiber gehen müſſen, wo⸗ bei ſie ſich ſelbſt entzünden und dann den Docht an⸗ glühen und auch entzünden. Will man die Laterne auslöſchen, ſo dient dazu ein zweiter Knopf, mittelſt deſſen man eine Platte über den Docht ſchiebt und den Luftzug hemmt. Ein neues Verfahren zur Konſervirung der Bienenſtöcke theilt Nachtmann in den„Neueſten Erfindungen“ mit. Wenn nämlich die Stöcke über Sommer nicht ganz ausgebant werden, ſo füllt er die leeren Räume im Herbſt aus, und zwar nicht mit Heu oder Stroh, ſondern mit Holzkohle und hat ihm Früh⸗ jahr das Vergnügen, alle ſeine Stöcke geſund und volk⸗ reich zu ſehen. Die Holzkohle iſt nicht nur der ſchlech⸗ teſte Wärmeleiter, ſondern zieht auch die Feuchtigkeit und alle übeln Gerüche an. Unglücksfälle. eeber den Einſturz der Stadtpfarrkirche in Wei⸗ ßenporn theilen die Augsburger und Ulmer Blätter folg die ſchon ſeit 3— 400 Jahren ſteht, war in den letzten Paar Wochen Gegenſtand allgemeiner Befürchtung ge⸗ worden, während ſchon ſeit Jahren über den Bau der⸗ ſelben hin und wieder verhandelt wurde. Am Morgen des 22. Febr. nun fand um 6 Uhr früh, wie alltäglich, der Frühgottesdienſt ſtatt, zu dem ſich eine nicht geringe Zahl Gemeindeglieder eingeſtellt hatten. Während der Wandlung, um ½¼ über 6 Uhr bröckelte Kalk und Mauerwerk von der 50 Fuß hohen Decke in's Schiff. Faſt in demſelben Augenblick ertönte aus der Mitte der Andächtigen der Ruf:„Macht, daß Ihr hinauskommt!“ Alles ſprang auf, um zu fliehen. Doch ſchon krachten die Balken des Gewölbes zuſammen, riſſen die Decke mit ſich und verſchütteten viele Anweſende. Bald darauf ſtürzte auch die ſüdliche Wand nach, ſo daß die Kanzel und der ſüdliche Altar ganz überſchüttet wurden. Das Krachen des Einſturzes und der darauf folgende ent⸗ ſetzliche Hilferuf ſchreckte die Leute auf den Platz des Jammers herbei. Alles wollte helfen, doch konnte man mit Wegräumung der Trümmer nur vorſichtig zu Werke gehen, da man den Einſturz der anderen Seitenwand ebenfalls zu fürchten hat. Eine Anzahl junger Leute (man ſpricht von 8 bis 10), die auf der Emporkirche waren, ſollen durch Herausdrücken des Fenſters und durch einen Sprung(etwa zwei Stock hoch) ſich geret⸗ tet haben. Die Geiſtlichen konnten ſich ſämmtlich in die Sakriſtei retten, während das Volk durch alle Thore und Thüren zu entkommen ſuchte. Dreizehn Menſchen⸗ leben ſind zu beklagen und noch über 20 ſind mehr oder minder beſchädigt. Die Unglücklichen wurden ganz verſtümmelt aufgefunden, nur eine Magd iſt bis heute noch im Schutte begraben. Viele von den Geretteten erlitten unter der Thüre noch Beinbrüche und Zer⸗ quetſchungen, indem der Andrang zu groß und Alle über einander zur Thüre hinausſtürzten.. Das preußiſche Schiff„Urania“ iſt in der Oſtſee in der Nähe von Libau geſcheitert. Es ging dabei nicht blos die ganze Mannſchaft des Schiffes zu Grunde, ſondern auch die Schiffer, die dem verunglückten Fahr⸗ ude Einzelnheiten mit: Die Baufälligkeit der Kirche, zeuge zu Hilfe eilen wollten, fanden ihren Tod in den Wellen. Die ‚Zahl der Verunglückten ſoll mindeſtens 480 Perſonen betragen. Aus Taganrog wird von einer ſurchtbaren Ka⸗ taſtrophe berichtet. Am 10. Jänner bei einer Kälte von 15 Grad, bei blauem Himmel und ruhigem Wetter, ſetzte ſich bei Tagesanbruch eine Fiſcherexpedition in Bewegung, welche mit ihren Schlitten und Pferden den Eisſpiegel weithin bedeckten. Sie entfernten ſich ſoweit als möglich und warfen durch Löcher, die in das Eis gehauen wurden, ihre Netze aus. Da erhob ſich gegen Abend unvermuthet ein wüthender Orkan. Am andern Tage brach das Meer ſeine Feſſeln und ſchwoll zu einer furchtbaren Höhe an. Der Wind dauerte noch den 13. fort. Gegen 3000 Fiſcher ſollen ſich auf den beweglichen Eisſchollen des Meeres befunden und in der Nacht will man ihre verzweifelten Rufe gehört haben, die ſich mit dem Heulen der Windsbraut vermiſchten. Todtenſchau. Der berühmte Geſchichtsſchreiber Preßscott ſtarb am 28. Jänner in Newyork, im Alter von 63 Jahren. Der Verlagsbuchhändler B. Fr. Voigt ſtarb am 17. Februar in Weimar. Der ungariſche Publiziſt Joſef Iriny ſtarb am 20. Februar in Peſt. Der deutſche Naturforſcher J. Miny ſtarb Anfangs Februar in Madrid. Franz Morelly, der dritte im einſtigen Klee⸗ blatte Strauß, Lanner und Morelly, vor vielen Jahren gleichfalls ein Liebling der Wiener, ſpäter der lebens⸗ luſtigen Peſter, iſt als Kapellmeiſter Sr. Exzellenz des Lord⸗Gouverneurs Elphinſtone, zu Bombay in Oſtin⸗ dien, am 17. Januar d. J. im 49. Lebensjahre ver⸗ ſtorben. Am 26. Februar fand in Paris das feierliche Lei⸗ chenbegängniß des Grafen Kraſinski, der für einen der bedeutendſten polniſchen Dichter gilt, Statt. Am 1. März ſtarb in Prag Joſef Chauer, Mit⸗ glied der kön. ſtänd. Bühne. Mannigfaltiges. Das Grütli, auf welchem der Grund gelegt wurde zur ſchweizeriſchen Eidgenoſſenſchaft, war längere Zeit Gegenſtand eines Streites, weil auf dem Platze ein Wirthshaus etablirt werden ſollte, und dieſe Ver⸗ wendung Anſtoß erregte. Die Sache iſt jetzt gelöſt, in⸗ dem das Grütli von der Schweizeriſchen gemeinnützigen Geſellſchaft um 55.000 Fr. angekauft worden iſt. Aus Sebaſtopol erfährt man, daß alle Verſuche, die im Hafen verſenkten großen Linienſchiffe wieder an's Tageslicht zu fördern, bisher fruchtlos geweſen ſind, während es in der That gelang, einige kleinere Fahr⸗ zeuge wieder flott zu machen. Man hat nun begonnen, die großen Schiffe unter dem Waſſer zu ſprengen, um ſie ſtückweiſe heben zu können. Der berühmte Reiſende in Japan, v. Siebolt, der ſeit einigen Jahren in Bonn lebte, verläßt zu An⸗ fang nächſten Monats dieſe Stadt, da ihm ein ehren⸗ voller Auftrag in Japan, an der Seite des holländiſchen Geſandten daſelbſt zu Theil geworden iſt. Unter den Kriminaliſten Deutſchlands wird zur Zeit lebhaft die Frage erwogen, ob nicht für Deutſchland ein gemeinſames Strafgeſetzbuch geſchaffen werden könne. Der gründliche Mittermaier hat dieſe Feuilleton. 221 Frage in einem Aufſatze behandelt und vorläufig nur acht Hinderniſſe gefunden, welche dem Angriffe des ge⸗ meinſamen Werkes entgegenſtehen ſollen! Der nunmehrige Ex⸗Kaiſer Soulouque ſcheint während ſeiner Regierung hinreichend dafür geſorgt zu haben, daß er für die Eventualität eines Sturzes ſich ein ſtandesgemäßes Auskommen ſichere. Abgeſehen von den Geldern, die er bei europäiſchen Banken und in Eiſenbahnen angelegt haben ſoll, hatte er zum franzöſi⸗ ſchen Konſul 57 Kiſten, jede mit 20,000 amerikaniſchen Piaſtern(à 2 fl. KM.) bringen laſſen, ungerechnet die Kronen, Diademe, Juwelen und Kleinodien von höchſtem Werthe. Dieſe Kiſten wollte er einſchiffen laſſen, das Volk aber belegte ſie mit Beſchlag. In ſeinem Palaſte, den der Pöbel plünderte, ſoll man außerdem viel Gold und fünf Millionen in ganz neuem Papiergeld ge⸗ funden haben. Ein engliſches Blatt meldet, Soulouque wolle ſeinen Wohnſitz künftig in Paris aufſchlagen.— Von Soulouque's Grauſamkeit erzählt man, es habe in der Rähe ſeines Palaſtes ein unterirdiſcher, vom Meer beſpülter Kerker exiſtirt, wohin er Jene expedirte, welche in der Stille verſchwinden ſollten. Wer dahin ge⸗ bracht wurde, war binnen 48 Stunden todt. Auf dieſe Art ſollen 1507 Perſonen, Männer und Frauen, umge⸗ kommen ſein; der Gefäugnißwärter mußte die Schädel der Opfer als„Beweisſtücke,“ daß er Soulouque's Be⸗ fehle ausgeführt, aufbewahren. In einem franzöſiſchen Journale wird ein Mit⸗ tel gegen Gicht mitgetheilt, das außerordentlich ſchnell und ſicher wirken ſoll und bisher in Deutſchland noch gänzlich unbekannt war. Man ſoll Eſchenblüthe und Hollunderblüthe vermiſcht drei Stunden lang in Waſſer kochen laſſen und dieſes Waſſer zu Fußbädern gebrauchen; es wird verſichert, daß hierauf die Gicht in zwei oder höchſtens vier Tagen gänzlich verſchwindet. Aus dem Arva'er Komitate. Für Jedermann, der den Werth geiſtiger Bildung zu würdigen weiß, und insbeſondere für jeden öſterreichiſchen und ungari⸗ ſchen Vaterlandsfreund dürfte es von einigem Intereſſe ſein, zu erfahren, daß in Unter⸗Kubin, dem Hauptorte des Arva'er Komitates, eine öffentliche Bibliothek be⸗ ſtehe, welche unter die bedeutenderen der öſterreichiſchen Monarchie gezählt werden kann und daß ſie auch wirk⸗ lich zur Hebung der geiſtigen Bildung dieſes Komitates benützt werde.— Dieſe Bibliothek zählt über 60.000 Bände meiſt wiſſenſchaftlichen Inhaltes, insbeſondere iſt die Geſchichte, Geografie, Naturgeſchichte, Philologie und Theologie vertreten. Die Werke ſind theils in deutſcher, theils in lateiniſcher, theils in ungariſcher und theils in ſlaviſcher, zum geringern Theil auch in anderen europäi⸗ ſchen Sprachen geſchrieben. Dieſe beträchtliche Biblio⸗ thek hat der aus Jaszenova im Arva'er Komitate ſtam⸗ mende gew. Bibliothekar der gräflich Stefan Zichy'ſchen Familie, Laurenz Csaplovics, im Jahre 1839 den be⸗ ſtandenen Arva'er Ständen unter der Bedingung ge⸗ ſchenkt, daß dieſelbe dem Arva'er Publikum zur Benü⸗ tzung freiſtehen ſolle. Die Arva'er Stände haben dieſe Schenkung in der Mai⸗Kongregation d. J. 1839 ange⸗ nommen, die Bibliothek mit bedeutenden Koſten von Preßburg nach Unter⸗Kubin übertragen und durch einen eigens aufgeſtellten Bibliothekar unter der Leitung des dermaligen k. k. Komitatsgerichtsrathes Daniel von Szontagh ordnen und im Sinne des edlen Stifters verwalten laſſen. Bis zum J. 1849 haben die Arva'er Stände und beziehungsweiſe das Arva'er Publikum ihre Rechte auf dieſe Bibliothek unbeanſtändet ausgeübt. Im Jahre 1849 iſt in Folge der politiſchen Umformung Ungarns, nachdem die ungariſchen Komitats⸗Stände aufgehört haben, eine ſelbſtändige politiſche Körper⸗ ſchaft zu bilden, die Frage rege gemacht worden, ob denn nicht nunmehr der Staat als Eigenthümer dieſer Bibliothek anzuſehen ſei, und ob es nicht ſohin zweck⸗ — mäßig wäre, dieſelbe an einzelne Gymnaſien zu ver⸗ theilen. Dieſe Frage iſt endlich dahin eutſchieden wor⸗ den, daß der Staat ein Eigenthumsrecht betreffs dieſer Bibliothek nicht beauſprucht, ſondern ſich blos das Auf⸗ ſichtsrecht darüber vorbehält.— Um nun dieſen Bücher⸗ ſchatz für Arva zu erhalten, hat ſich im J. 1852 über Aufforderung der zwei Mitglieder der ehemaligen Ar⸗ vaer Stände, Daniel von Szontagh und Michael von Kubinyi, eine Aktien⸗Geſellſchaft gebildet, welche gleich bei ihrem Entſtehen einen Fond von 3900 fl. K.⸗Mze. zuſammenbrachte. Ueberdieß hat die Stadt⸗Gemeinde Unter⸗Kubin den erſten Stock des Gemeindehauſes für immerwährende Zeiten zur Anfbewahrung der Biblio⸗ thek gewidmet. Dieſe Aktien⸗Geſellſchaft, urſprünglich aus 45, nunmehr bereits aus 60 Mitgliedern beſtehend, wurde auch von der h. Regierung auerkannt, und wirkt unausgeſetzt für die Erhaltung und Vermehrung dieſer werthvollen Bücherſammlung. Die Theilnahme des Arva'er Publikums bei der Benützung dieſer Bibliothek iſt, insbeſondere in der neueſten Zeit, ziemlich lebhaft. Wohl in keinem deutſchen Staate dürfte mit Ar⸗ reſtationen von Seiten der Polizeibehörde ſo umfaſſend vorgegangen werden als in Hamburg. So ſind im Jahre 1857, den Belegen der Staatsabrechnung zufolge, nicht weniger als 12,210 Perſonen inhaftirt, von denen aber nur 2314 irgend eines Vergehens für ſchuldig be⸗ funden wurden. Da nun jeder nicht gänzlich mittelloſe Arreſtant für ſeine Verbaftung 5 Mrk. 14 Sch. zu entrichten hat, ſo läßt ſich annehmen, daß die Koſten, welche eine ſo große Polizeiſorgfalt in Anſpruch nimmt, ziemlich gedeckt werden. Unterhaltendes. Charakteriſtiſch für unſere Zeit iſt es, daß der Krieg bisher auf der Bühne, an der Börſe und durch die Blätter geführt wird(drei B), während die Kabinette, Kammern und Kaſernen(drei K) in beredtem Schweigen und in würdevoller Ruhe wetteifern. In Olmütz wurde einem Bühnenhelden bei ſei⸗ ner Benefizvorſtellung als geräucherter Preis eine, im grünen Blätterwerk eines Kranzes verborgene Wurſt von einem Verehrer der Kunſt vom Parterre aus zuge⸗ worfen! 4 Im Circus Wollſchläger in Berlin fanden dieſer Tage die Produktionen eines Herrn Manaux Statt, welcher mit der Biegſamkeit ſeines Körpers faſt un⸗ glaubliche Wirkungen hervorbringt. Herr Manaux nahm aus einem Teller mit dem Sporn ſeines Stiefels die Kartoffeln und ſteckte ſie rückwärts über den Kopf hin⸗ weg auf's Bequemſte in den Mund. Im Stehen leerte er auf gleiche Weiſe das Weinglas, das ihm ſeine Fuß⸗ ſohle darbot. Er bog ſich im Stehen rücklings, brachte den Kopf zwiſchen die Beine hindurch, richtete ihn vor denſelben lächelnd in die Höhe und wandelte ſo herum, eine wirklich gräuliche Ungeſtalt. Er drehte ſich 1½ mal um die Achſe ſeiner Wirbelſäule und klopfte ſich ſtehend mit ſeinem geſtreckten Beine eben ſo behaglich gegen die Stirn wie gegen den Hinterkopf; er weidete ſich aus, d. h. er drängte alle Baucheingeweinde in Bruſt und Becken zurück, lediglich mit der Zuſammenziehung der Bauchmuskeln u. ſ. w⸗ Weibliche Barbiere. Ein neues Etabliſſement in der Reue Rivoli zu Paris droht allen Friſeuren, Haarſchneidern und Raſeuren den Untergang zu bereiten. Dort heißt es: Kommt her, die ihr nicht raſirt und friſirt ſeid, hier in dieſen Räumen geſchieht es von den Händen hübſcher Mädchen. Da ſtehen und wirken ſie, die ſchaumſchlagenden Grazien, welche mit zarter Haud Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. die Kinnlade einſeifen und die kleinſten Stummel des Bartes über die ſchacfe Klinge ſpringen laſſen; Händ⸗ chen, weiß wie Marmor, führen das Brenneiſen nach dem Haupt der Struwwelpeter, um für einen Frank einen Adonis hervorzuzaubern. Bärenfett und Löwen⸗ pomade ſind hier aufgeſtapelt zu Pyramiden, wo der weibliche Figaro im gemeſſenen Krinolinekleid das Werk der Ziviliſation beginnt. Junge, ſchöne Mädchen, welche raſiren, ſie müſſen gewinnen, ſie müſſen ihr Glück machen und dieß jedenfalls, weil ſie— das Heft in der Hand haben. Brenneiſen und Papilloten in die Haare, damit ſie gekräuſelt hervorgehen, wo früher ein borſtig Weſen geherrſcht. Ach! welche Lockungen und Verwicklungen in dieſem kleinen Glaspalaſte, wo auch Bärte und Haupthaar nach Belieben geſärbt werden. Das Werk des Barbierens geſchieht mit der größten Zartheit und wenn auch ja einmal Einer geſchnitten wird, der vielleicht eine Warze hat, ach! ſo eine Wunde, geſchlagen von ſchöner Hand, ſie muß ſüß ſein; ſo da⸗ zuſitzen im rothen Sammtſeſſel, um ſeine Schultern den ſchneeweißen Beduinenmantel und ſo von lieblich kunſtfertiger Hand in die Scheere genommen zu wer⸗ den.— Das Etabliſſement iſt eine Novität und— dennoch Alles dageweſen. Wie ſo Manchem iſt nicht ſchon in Paris der Kopf warm gemacht worden, wie ſo manchem Fremdling iſt nicht ſchon daſelbſt ein Bart gemacht, und er von einer franzöſiſchen Dame— bar⸗ birt worden. Dienſtbotenthum in Auſtralien. Fowler er⸗ zählt in ſeinen Skizzen aus Auſtralien:„Hier verlangt eine Dienſtmagd jährlich 35 Pſd. Sterl.(cirea 420 fl.) Lohn, wöchentlich zwei freie Tage und Unbeſchränktheit der Liebhaberzahl. Eines Nachts wache ich durch einen heſtigen Huſtenanfall auf, rieche Feuer, fahre aus dem Bett, und weil ich über mir etwas höre, rufe ich der Magd, um zu erfahren, ob ſie irgendwo etwas in Brand geſtect habe.„Ach Gott, Herr, nein,“ antwortete ſie mit der größten Unbefangenheit,„es iſt blos ein guter Freund bei mir, der nach dem Abendeſſen eingekehrt iſt und ſeine Pfeife raucht.“ Ein anderes Mädchen verließ uns an dem Tage, wo meine Frau in's Wochenbett kam. Sie wäre nicht gewohnt, in einem Hauſe bei einem Regiment Kinder zu leben. Eine Dritte ging eines Abends wie gewöhnlich zu Bett, klopfte um 3 Uhr Morgens an unſere Schlafkammer, ſagte uns höflich Adieu, fuhr dann aus dem Hauſe, indem ſie einen Re⸗ genſchirm mitnahm, und ward fortan nicht mehr geſe⸗ hen. Drei oder vier Tage nach ihrer Flucht bekamen wir den Regenſchirm „Fräulein Marianne läßt ſich pflichtſchuldigſt empfehlen und hofft und bittet, daß Sie ihretwegen außer Sorgen ſein mögen. Nächſten Freitag werde ich mich verhei⸗ rathen.“ Auch eine ſchöne Gegend. Der im J. 1851 verſtorbene preußiſche Hoftheater⸗ und Hoffriſeur War⸗ nick wird als Urheber der freilich ſpäter in ſehr verſchie⸗ denem Siune gebrauchten Redensart:„s iſt auch ne ſchöne Jegend“ bezeichnet. Nach den Jahren 1814 und 1815 nämlich begegnete ihm einmal eine ihm befreun⸗ dete Frau, die er ſeit einigen Jahren nicht geſehen hatte, und indem ſich Beide des Wiederſehens freuten, klagten ſie einander auch ihr Leid und ihre ſchweren Verluſte. „Ach,“ ſprach die Frau,„Sie beſitzen doch noch mehre Kinder, ich habe aber meine beiden einzigen Söhne ver⸗ loren; der eine ſtarb in Deutſchland.“—„Das iſt recht traurig,“ erwiederte Warnick,„glauben Sie mir, ich fühle Ihren Schmerz mit, denn dort blieb auch mein Kind. Und wo ſtarb Ihr zweiter Sohn?“—„„In Hol⸗ land,“ antwortete die Frau.—„Nun, ˙s iſt auch'ne ſchöne Jegend,“ ſagte Warnick. 4 Der ſchlechteſte Platz im Theater heißt faſt allgemein das„Paradies“. Der Ueſprung dieſer Be⸗ mit folgendem Billet wieder:: her ein n und o auch 33 Ulr z höflich 4 Re⸗ Feuilleton. 223 zeichnung dürfte in dem Umſtande zu ſuchen ſein, daß „Paradies“ ehedem die Vorhalle der Kirchen, an deren Decke der Sündenfall abgemalt war, hieß. Hier muß ten die Profanen und Büßenden verweilen, die nicht in's Heiligthum gelangen konnten. Von den Kirchen ging der Ausdruck auf die Theater über. Ein Teich mit Wein gefüllt. Der chineſiſche König Stiens, mit dem der Stamm Hiaa zu Grunde ging, ſoll als Zeichen ſeiner Macht einſt einen großen ſchiffbaren Teich haben graben und mit Wein füllen laſſen, aus welchem wechſelweiſe ſtets 3000 Menſchen auf Hundeart trinken und ſodann von den an den be⸗ nachbarten Bäumen aufgehängten gebratenen Ochſen, Schweinen, Hirſchen dc. eſſen mußten. Bei einem Negerſtamme in Afrika ſoll die Sitte beſtehen, daß die Frauen angehalten werden, fort während Waſſer im Munde zu führen, um ſo an un⸗ nützem Geſchwätz gehindert zu werden. Dieſe Maß⸗ regel wäre wohl auch bei uns hie und da nicht unan⸗ gezeigt. Bei Verſteigerung der hinterlaſſenen Effekten eines verſtorbenen Pfarrers mußte ein Protokoll aufge⸗ nommen werden. Der Schreiber, der damit beauftragt war, machte eine Ueberſchrift darauf: Protokoll, abge halten bei der Verſteigerung des verſtorbenen Pfarrers N. N. am u. ſ. w.“ Ein Kaufmann war für einen andern lange Zeit gut geſtanden, dieſer konnte aber immer nicht zah⸗ len und jener wurde, da er auch nicht ſeiner Verpflich⸗ tung nachkommen konnte, verhaftet. Als ihn ein Freund im Gefängniß beſuchte, ſagte er:„Weil ich für den Kaufmann B. gut geſtanden bin, läßt er mich jetzt aus Dankbarkeit ſitzen.“ Ein Berliner Blatt erzählt folgende drollige Geſchichte: Ein Berliner, der einen ihn beſuchenden auswärtigen Freund im Opernhauſe vor Taſchendieben gewarnt hatte, ohne Gehör zu finden, machte ſich beim Hinausgehen den Scherz, ſeinem Freunde das Taſchen⸗ tuch aus dem Rocke zu ziehen und zu ſich zu ſtecken. Kaum iſt dieß geſchehen, ſo drückt ihm ein Dritter mit der Bemerkung, er ſehe eben, daß der Angeredete„zu uns“ gehöre, eine goldene Taſchenuhr in die Hand und bittet um Aufbewahrung; wahrſcheinlich hatte er ſich gegen eine polizeiliche Unterſuchung, die am Ausgauge über bekannte Taſchendiebe zuweilen ohne ſpeziellen An⸗ laß verhängt wird, ſicher ſtellen wollen. Zu der am 21. Februar in Schweidnitz(in Schleſien) vollzogenen Kämmererwahl hatte ein Kandi⸗ dat als Erſatz ſeines perſönlichen Erſcheinens ſein Por⸗ trät eingeſandt. Naive Diebslogik. Ein in L. in Mähren zu 14tägiger Arreſtſtrafe verurtheilter Holzdieb erklärte nach geſchöpftem Urtheil wörtlich:„Ich habe zu Hauſe ſechs Kinder, wenn ich und dieſe ſechs alle auf einmal in's Arreſt gehen würden, könnte da nicht die Strafe in zwei Tagen endigen?“ In Deutſchland hat faſt jede Stadt je nach Art der Bereitung, der Güte und des Gehalts des Bieres ihre eigenthümliche und beſonders benannte Bier⸗ ſorte, von denen manche in früheren Zeiten hochbe⸗ rühmt waren. Die Namen dieſer Biere ſind oft char⸗ akteriſtiſch genug. Ein Bierkenner ſtellte unter andern folgende zuſammen: In Boitzenburg: Bint den Kerl, Brandenburg⸗Alter Klaus, Breslau: Schöps, Delitzſch: Kuhſchwanz, Eisleben: Krabbel an die Wand, Garde⸗ legen: Garley, Halle: Muff, Helmſtädt: Klapper, Her⸗ fordt: Rammel, Jena: Dorfteufel, Königslutter: Duck⸗ ſtein, Kolberg: Block, Kyritz: Mord und Todtſchlag, Leipzig: Raſter, Lübeck: Iſrael, Münſter: Kalte, Osnr⸗ brück: Buße, Wernigerode: Lumpen⸗Bier, Wittenberg: Guckguck, Zerbſt: Würze, Zittau: Tunke, Marburg: Juniber, München: Bock u. a. m. Vor einigen Tagen machte in Lyon ein Ameri⸗ kauer, Lees Wilſon, durch ſeinen ſonderbar geformten Bagagewagen großes Aufſehen. Der Inhalt desſelben waren alle nur erdenklichen Henkerwerkzeuge aus allen Zeiten und allen Ländern, welche der Yankee auf ſeinen Reiſen geſammelt hatte und unter denen ſich auch die vollſtändige Guillotine befindet, die 1793 zuerſt auf dem Place Maubert in Paris gebraucht wurde. Mit dieſem Kurioſitäten⸗Kabinet hatte der Eigenthümer in der Union und in England durch öffentliche Ausſtellung ein bedeu tendes Geſchäft gemacht. In Frankreich hatte er die Er⸗ laubniß nicht erhalten, ſeine Marterwerkzeuge zu zeigen. Ariſtoteles ſagt:„Erſt der Staat, dann die Familie.“ Es gibt viele Frauen, welche ganz dieſem Prinzipe huldigen. Der Weinſtock iſt vielen Weinwirthen der Mo⸗ ſesſtab, mit dem man Waſſer liefert. Buchſchau. Nichtandaluſiſche Poeſie andaluſiſcher Dichter aus dem elften, zwölften und dreizehnten Jahrhundert. Ein Beitrag zur Geſchichte der Poeſie des Mittelalters. Von hr. S. J. Kaempf. Prag. Carl Bellmann's Verlag. 1858. Auch die hebräiſche Poeſie hat ihre alexandriniſche Pe⸗ riode. Wie die griechiſchen Gelehrten zur Zeit der Ptolo mäer nach den muſtergiltigen Werken des goldenen Zeitalters in einer Sprache dichteten, die bereits in ihrer klaſſiſchen Form aus dem Volksmunde geſchwunden war, ſo nahmen auch ein zelne begabte, wiſſenſchaftlich gebildete Männer des jüdiſchen Volkes nach dem Untergange des jüdiſchen Reiches die Sprache wieder auf, wie ſie im Bibelcanon zur Vollendung gekommen, und ſchufen in derſelben Werke der Poeſie und Gelehrſamkeit, die aller Beachtung werth ſind. Die Blüthezeit der neuhebräi⸗ ſchen Kunſtpoeſie fällt in das elfte und zwölfte Jahrhundert und Andaluſien iſt der Boden, wo ſich unter dem wohlthä tigen Einfluſſe arabiſcher Kultur die hebräiſche Dichtung zu einem neuen Höhenpunkte emporhob.„Die Sänger Andaluſiens nahmen es,“ um mit den Worten des Verfaſſers zu reden, „mit der Poeſie ernſthaft; ihnen war ſie Selbſtzweck. Dieſer geſunden Anſchauung verdanken wir neben der ſchwungreichen und kunſtvollendeten religiöſen Poeſie auch eine weltliche, die an Schönheit und Anmuth, Wohllaut und Gedankenfülle keiner Kunſtpoeſie der Welt nachſteht.“ 3 Das obgenannte Werk führt den Leſer durch Proben aus den beſten andaluſiſch⸗hebräiſchen Dichtungen in Verbindung mit literar⸗hiſtoriſchen Erläuterungen und biografiſchen Angaben in dieſe wohl den Meiſten fernliegende Poeſie ein, und der Verfaſſer hat dadurch nicht blos den Literaturhiſtoriker, ſondern jeden Gebildeten überhaupt zu Dank verpflichtet. Das Werk beſteht aus zwei Theilen: der deutſchen Bearbeitung und dem kommentirten Originalterte. Wir haben es hier nur mit der erſten zu thun. Dieſe zerfällt in zwei Abtheilungen, von denen die erſte die Biograffe und Charakteriſtik des Dichters Chariſi und zehn ſeiner Makamen, die zweite in kompendiöſer Weiſe die Geſchichte der neuhebräiſchen Poeſie und die ſpezielle Wür digung ihrer Hauptyertreter: Sal. Ibn Gabirol, Moſes ben Esra, Abr. ben Meir und Jehuda ha⸗Levt— enthalt. In Betreff der Uebertragung iſt der Verfaſſer vollkommen den — ——— 4 224 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Anforderungen nachgekommen, die er ſelbſt in der Vorrede aus⸗ ſpricht,— die Ueberſetzung eines poetiſchen Werkes müſſe ſo klar, faßlich und fließend ſein, daß ſie dem Leſer wie Originalpoeſie erſcheine. Die Ueberſetzung einer Makame des Chariſi, die wir in dieſem Hefte bringen, möge als Beleg dienen. Gedichte von Louiſe Tipka. Carl Bellmann's Verlag. 1859. „Was ich gefühlt, gedacht, geahnt, Erſehnt und ſchmerzvoll oft errungen, Was ich erreicht, was angebahnt, Was freudig in mir nachgeklungen— Es formte ſich mir zum Gedicht, Zum Liede und zur ſchlichten Weiſe, Wie man am Wege Blumen bricht.“ Mit dieſen einleitenden Worten der Widmung werden die Gedichte der vorliegenden Sammlung in ganz entſprechender Weiſe charakteriſirt. Sie laſſen ſich als Gelegenheitsgedichte in jenem höheren Sinne bezeichnen, in welchem nach Göthe jedes wahrhaft empfundene Lied ein Gelegenheitsgedicht iſt. Bei dem jetzigen Standpunkte der literariſchen Entwicklung, wo„die ge⸗ bildete Sprache für uns dichtet und denkt“, iſt bei Gedichten gewiß zuerſt der Vorzug hervorzuheben, daß eine urſprüngliche Empfindung in ihnen klar zu ihrem eigenen Ausdrucke gekom⸗ men iſt, daß ſie nicht— gemacht ſind. Dieſen Vorzug würde ſelbſt eine mäkelnde Kritik den meiſten Gedichten des Fräu⸗ leins zugeſtehen müſſen. Was an Freud und Leid ein Mädchen⸗ herz bewegt, iſt in denſelben ſchlicht und mit natürlicher An⸗ muth ausgeſprochen, ja man merkt es ſelbſt nicht ungern der metriſchen Form an, daß ſie mehr dem feinen Gefühle für Melodie, als dem Studium der Proſodie und Metrik ihre Glätte und Rundung verdanken mag. Die Gedichte ſind,„das Waldkonzert“ etwa ausgenommen, durchwegs lyriſcher Natur, in mehreren derſelben kommt der Refrain zu glücklicher Wirkung. Prag. Briefe über Gutzkow's„Zauberer von Rom.“ 1. 2. 3. Von Alexander Alt. Prag. Carl Bellmann's Verlag. 1859. Der Verfaſſer der genannten Broſchure hat mit Geiſt und Schärfe die drei erſten, bis jetzt erſchienenen Bände des„Zau⸗ herer von Rom“ der kritiſchen Sonde unterworfen und im An⸗ hange einige der bedeutenderen Kritiken, die ſich im freundlich⸗ ſten Sinne über das genannte Werk ausſprachen, näher be⸗ leuchtet. Das Schriftchen wird jeden Leſer, mag ihn nun der Zauberer von Rom bezaubert oder entzaubert haben, höchlich intereſſiren. J. G. Behrend, die Kunſt hundert Jahre zu leben. Achte Auflage. Naumburg. Verlag von Louis Garcke. 1859. Dem Motto des Büchleins:„Der Geiſt heilt den Leib“ entſprechend, zeigt der Verfaſſer, wie durch eine vernünftige Le⸗ bensweiſe und die Macht des Geiſtes über den Körper die Geſundheit erhalten, die geſtörte wieder hergeſtellt und ein ho⸗ hes Lebensalter erreicht werden könne. Die Symbolik und Mythologie der Na⸗ tur. Von J. B. Friedreich. Würzburg. 1859. Verlag der Stahel'ſchen Buch⸗ u. Kunſthandlung. Was ſich die Völker an Sagen über die organiſche und unorganiſche Natur erzählt haben oder noch erzählen, die Wun⸗ derkräfte, welche der Aberglaube, die ſymboliſche Bedeutung, welche Vorzeit und Gegenwart den einzelnen Gegenſtänden der Schöpfung beilegen, Ausſprüche der Dichter und Philoſophen, Sprichwörter, Anekdoten, Volksgebräuche, inſofern ſie in irgend einer Weiſe mit einem der behandelten Naturobjekte in Beziehung ſtehen— dieß alles iſt mit ungewöhnlicher Beleſenheit in dem vorliegenden Buche zuſammengetragen, das als eine wahre Fundgrube der intereſſanteſten Bemerkungen und Notizen aus einer kaum überſehbaren Literatur bezeichnet werden kann. Teut. Jahrbuch der junggermaniſchen Geſellſchaft. Herausgegeben von Fr. J. Kruger. Hamburg. Das erſte Heft des erſten Jahrganges dieſes Jahrbuches, welches die„Junggermanen“ als ein Organ„der neuen Rich⸗ tung der deutſchen Literatur“ bezeichnen, enthält einen Bericht über die erſte junggermaniſche Verſammlung, einen kulturhiſto⸗ riſchen Aufſatz über Nürnbergs Blüthezeit von Louiſe Otto, Einiges über die Reinigung und Fortbildung der deutſchen Sprache und über die Zukunft der deutſchen Verskunſt,„die Schlacht bei Tannenberg“ von Wilh. Grothe,„Julius Fröbel und das Deutſchthum in Amerika“ vom Herausgeber, ferner eine junggermaniſche Blüthenleſe, Korreſpondenzberichte und Be⸗ ſprechungen literariſcher Erſcheinungen. Rebus von Heinrich Möchel. Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt.— Papier und Druck des art⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag. Ausgegeben am 15. März 1859.