,—☛‿ 0 2 WBenet und Bumor. Heft VI. ſter Jahrgang.) Erinnerungen. 2 Tlluskrirte Blätter kür 77. Band.(Neununddreißig = Der Hüter der Hausehre. Meßner. Novelle von 2 A— 27(—s mußte etwas ganz Eigenthümliches ſein, 4(³ was auf Schloß Pfauenhof Alles von un⸗ c ten, den Regionen der modernen Sklaverei, 92 nämlich den Geſindſtuben und Stallungen, bis oben zu den„Herrenzimmern“ zu einer ‿ Stunde noch licht und wach erhielt, in der J dieß ſelbſt heute, nach längſt abgethaner„guter al⸗ ter Zeit“ als etwas höchſt Auffälliges erſcheinen 1859. Erinnerungen. N N würde, beſonders in einer am Lande und vorzugs⸗ weiſe im„Walde“ ſo hoch und heilig gehaltenen Nacht, als dieß allerwegen die Chriſtnacht iſt. Denn es war längſt Mitternacht vorüber und droben ſowohl in dem großen Saale ſtand der „Herrentiſch“ noch immer gedeckt und unbeſetzt, wie der des Geſindes unten in der Küchenſtube. Und in dem langen geräumigen Pferdeſtalle, der ſonſt zu dieſer Stunde immer ein vollkommenes Bild idylliſcher Ruhe bot, ſah es eben ſo öde und ver⸗ laſſen aus. Das duftige Heu hing melancholiſch, im leiſen Luftzuge hin und her ſchwankend, von den 21 162 Erinnerungen. eiſernen Raufen nieder und in dem Waſſer der granitnen Borne ſchwamm leiſe bewegt der matte Wiederſchein der verdrießlich und trüb leuchtenden Stalllaterne. Es ſollten Gäſte kommen— wohl liebe und ſehnlich erwartete Gäſte, denn ſonſt wäre an die⸗ ſem Abende wohl ſchwerlich der Herr ſelber bis an die Grenze gefahren, ſie einzuholen, und eben ſo wenig würde ſonſt die Gutsfrau, von männiglich die„gnä' Frau“ genannt, mit ſo offenkundigem Eifer bei jedem ſich ergebenden Geräuſche an's Fen- ſter geeilt ſein, um nach den ſpäten Ankömmlingen auszulugen, was indeß auch ſeinen guten Geund in der Hausfrau Erbangen um den Erfolg ihrer ſo hart geprüften Kochkunſt haben mochte. „Sie kommen!“ rief es endlich draußen auf der Stiege und darauf zur Thür des Saales herein, in deſſen Fo ſich auf dieſen Ruf eine lange, ha⸗ gere uee, aus einem altväteriſchen Schlaf⸗ ſeſſel erhobeAnd keinige Schritte gegen die Thür zu machte.„Sie kommen— nun! wir wollen ſehen!“ Nach dieſen, in einemganz ſeltſamen Tone heraus⸗ geſtoßenen Worten drehte ſich der Mann wieder um und vegfenkte ſich wieder in die weichen Leder⸗ ſ polſterten Stuhlungethüms, murmelte Male ſein kures„Wollen ſehen!“ und wenigen Augen Ocken wieder ganz ein⸗ zu ſein, obwohl dieß bei dem gewaltigen noch einig ſchien na geſchlafen Trouble folgte, Fohl nur durch das hohe Alter ermöglicht wurde, in dem der hagere Herr anſcheinend ſtand. Unter hellklatſchendem Peitſchenknalle und lu— ſtig klingendem Schellengebimmel fuhren zwei weite Korbſchlitten pfeilſchnell durch die beſchneite Linden⸗ allee in den Schloßhof ein und hielten vor dem Perron, an deſſen Stufen die Hausfrau, umgeben von lichtertragenden Mägden, die Gäſte empfing. Der Erſte derſelben, der ausſtieg und den der„Herr“ ſelber kutſchirte, ſchälte ſich leicht aus den verſchie⸗ denartigen Hüllen, mit denen er ſich zum Schutze wider die Kälte umgeben, und zeigte ſich, als er der Schloßfrau zuſchritt, als einen jungen, hübſchen Mann von etwa zwanzig Jahren, den der Schloß⸗ herr ſeiner Frau mit den Worten vorführte:„Der Vicomte Vilain, meine Liebe, der übrigens, wie ich weiß, es vorziehen wird, Deine Bekanntſchaft unter anderen Umſtänden zu machen, als hier in der Kälte und in dem verteufelten Zuge!— En avant, mon cher!“ rief er zurück,„ſputet Euch nachzukommen, edelſter aller Gouverneure,“ und ſtieg mit ſeinem Gaſte die Stufen hinan. Der alſo Angerufene hatte bei weitem mehr Mühe, ſich all' der Decken und Pelze zu entledi⸗ gen, mit denen er ſich zur Wehr gegen die Weih⸗ nachtskälte umgeben und wohl aus guten Gründen, V V V b mit dem die Ankunft der ſpäten Gäſte er⸗ denn er erwies ſich, als er mit Hilfe ſeines Kut⸗ ſchers auf herrſchaftlich Pfauenhofer Boden zu ſte⸗ hen kam, als einen alten, ſchwach und kränklich ausſehenden Herrn. Langfam ſchritt er dem Schloſſe und der Frau desſelben zu, verneigte ſich auf ſehr ceremoniöſe Weiſe vor ihr und ſprach, indem er ihre Hand ge⸗ meſſen an ſeine Lippen zog:„Erlauben Sie einem altem Manne, Sie zu grüßen, Madame, und Ih⸗ nen ſeinen Dank für das Aſyl zu ſagen, daß Sie ihm ſo großmüthig angeboten!“ worauf er der Vor⸗ leuchtenden in ehrerbietiger Weiſe nachfolgte. „Schläft der Vater ſchon?“ fragte der Schloß⸗ herr im Hinanſteigen.„Der Vater meiner Frau,“ zügte er vermittelnd bei. „Ich denke wohl, denn ſeine gewöhnliche Stunde iſt ſchon lange vorüber, obwohl errnoch oben im Saale iſt,“ meinte die Schloßfrau und beſtätigte dieß, als ſie den Saal erreicht hatte, nach einem raſchen Blicke auf den alten Herrn im Schlaſſeſſel mit einem kurzen:„Er ſchläft, die Kinder auch.“ —„Und Hedwig?“—„In der Küche,“ worauf ſich die Geſellſchaft zu Tiſch begab. Der Gutsherr erwies ſich als ein liebenswür⸗ diger Wirth, wie ſie dieß faſt alle oben im Walde ſind, die kleinen Souveräne, die man dort einem klimatiſchen Witze zufolge„Haberfürſten“ nennt. Herr Emmüller war überdieß ein feiner, jedoch kränklich ausſehender, vor der Zeit gealterter Mann; die„gnä' Frau“ eine hübſche, etwas korpulente Dame, Herr Vilain ein echter Vicomte der da⸗ maligen Zeit, geziert und ziemlich ſuffiſant, und ein eben ſo echter Gouverneur der alte Erzieher des⸗ ſelben— förmlich, ſteif ud kalt. War es die ſpäte Stunde oder die Müdigfeit nach der raſchen nächtigen Fahrt: die Unterhaltung bei Tiſche war eine ſchläfrige, einſylbige und es ſchien den Gäſten lieb und von Allen ein läſtiger Bann genommen zu ſein, als der Schloßherr die ſpäte Tafel aufhob.„Die Herren werden müde ſein,“ meinte er, die Glocke ziehend;„kein Wun⸗ der, eine Schlittenfahrt bei Nacht in unſeren Ber⸗ gen verlangt andere Naturen, als ein nächtlicher Ausflug an den immergrünen Ufern der ſchönen Dordogne.“ Waren es die hellſtrahlenden Lichter des Arm⸗ leuchters, mit dem die Tochter des Hauſes nun eintrat, die den düſteren weiten Saal plötzlich ſo hell erleuchtete, oder war es die in erſter Jugend⸗ ſchöne ſtrahlende Geſtalt des lieblichen Mädchens, von der ſo blendender Glanz ausging? Die beiden Fremden blickten einander erſtaunlich an und nicht der junge galante Vicomte war es, der das ſchöne Kind mit dem Titel einer„Roſe des Böhmerwal⸗ des“ begrüßte, ſondern der galante alte Magiſter, ſein Gouverneur. Herr Emmüller, der Schloßbeſitzer, lä⸗ chelte dem alten Manne freundlich zu:„Sie ſind ein echter Franzoſe, Herr C hamleresl möge Sie denn dieſe Roſenblüthe in unſerem winterlichen Walde einſtweilen tröſten über Ihr verlorenes Pa⸗ radies im Lande von Oc.— Gute Nacht alſo, Ihr Herren, und merket auf Eure heutigen Träume, hmell Magiſter, Der Hüter der Hausehre. 163. denn die erſten unter ſremden Dache„gehen aus“, wie wir hier im Walde ſagen. Gute Nacht und im Vorhinein Verzeihung für all' den Mangel an sa- voir, der Euch hier wohl auf Schritt und Tritt aufſtoßen wird.“ Es war indeß nicht ſo arg mit bemeldetem Mangel, denn die Gäſte fanden ihr Schlafzimmer ſtrotzend von dem Komfort, mit dem ſich der Land⸗ edelmann vorzugsweiſe zu umgeben liebt. „Es iſt ganz hübſch hier, Chamléres, und ich denke, es wird ſich hier ziemlich erträglich leben laſſen, ſo lange die Miſère im ſchönen Frankreich anhält.“ „Hm! das dürfte, meine ich, denn doch etwas länger dauern, als ich der Gaſtfreundſchaft dieſer guten Leute zumuthen möchte,“ gab der Alte be⸗ dächtigen Tones zurück,„und ich denke, obwohl ich mich Ihretwegen ſehr gern irren möchte, daß der Schaden, den dieß Unwetter zurücklaſſen wird, ein weit größerer ſein werde, als Sie annehmen mögen!“ „Pah!“ lachte der Vicomte,„laſſen wir das. Was ſagen Sie zu unſeren Wirthen? die Frau iſt hübſch— und— dürfte bald Witwe werden!“ Der Alte gab keine Antwort. „Die Tochter iſt ein Engel!“ fuhr der Vi⸗ comte fort. „Ein ſchönes Kind!“ meinte der Alte ernſthaft. „Sie ſind ein alter Mann, Chamleres, gute Nacht!“ rief der Vicomte ärgerlich und löſchte das Licht aus.—— Im Stalle unten ging es zur ſelben Stunde auch noch lebendiger zu, als ſonſt, denn außer dem Stallgeſinde, das ſich hier eingefunden hatte, um V „Er iſt ein Elſaſſer und dient; übrigens iſt er eine echt deutſche Natur und ſein Großvater mag ſich wohl noch Schamler geſchrieben ha⸗ ben.“ Nach dieſer kauſtiſchen Auslaſſung neigte der alte Bachelor ſich tiefer zu dem neben ihm auf einem Strohbunde ſitzenden Binder und flüſterte: „Es wird gut ſein, wenn wir die Augen offen halten, Binder!“ Der Binder ſah überraſcht auf. „Ich ſage Dir nicht, weßhalb! doch was Du auch immer bemerkſt, oder durch die Hausleute er⸗ fährſt, das ſagſt Du mir— allein!“ „Gewiß!“ „Ich werde indeß die Hände nicht in den Schoß legen und werde—— doch Ihr werdet es zeitig genug erfahren, was ich tentiren will und werde,“ ſagte mit kaltem ernſtem Tone der Ba⸗ ſchelor, ſtand auf und bot dem Binder die Hand. Wußte die ehrliche Seele, wozu er ſich ver⸗ band, als er herzhaft einſchlug? —— Der Bachelor ſchritt langſam über den beſchneiten Hof dem Schloſſe zu und als das Licht in ſeinem Zimmer erloſch, war es auch ringsum im Herrenhauſe Nacht, bis auf den Stall, durch deſſen verſchneite Fenſter ſich das Licht der Stall⸗ laterne kümmerlich Bahn brach. Deſto luſtiger und bewegter ging es draußen in der Schloßallee zu, deren ſchneebehangene Zweige mit leiſem Geflüſter auf⸗ und niederſchwankten und einander neugierig fragten, was es heute wohl ab⸗ geſetzt auf Pfauenhof; und droben auf dem Schloß⸗ ſich von dem Kutſcher die Abenteuer der kleinen Reiſe erzählen zu laſſen, war auch der alte Herr Bachelor“ herabgekommen, wie den Vater der —). 5 2 Schloßfrau männiglich nannte und welche Beneu⸗ den der alte Herr von der hohen Schule zu Würz⸗ burg davongetragen. Er ſetzte ſich neben einen großen hageren Mann, den herrſchaftlichen Binder, der heute den zweiten Schlitten kutſchirt hatte, und vertiefte ſich dache tummelten ſich die von der feuchten Winter⸗ luft gedrückten Rauchwolken haſtigum den Schorn⸗ ſtein herum, und beſprachen ſich eifrig mit einan⸗ der über das wenige Unzuſammenhängende, das ſie unten in der Küche beim Aufſteigen über die Gäſte erlauſcht, ehe ſie ſich in die klare Winterluft erho⸗ ben und verloren— wohin? nung den Titel eines Bakkalaureus bezeichnen ſollte, mit demſelben in ein angelegentliches Geſpräch, das natürlich die fremden Gäſte zum Gegenſtande hatte. „Und wie gefallen Dir die Leute?“ fragte der Bachelor endlich, nachdem er dem Binder die Einzelheiten der kurzen Reiſe abgefragt hatte. „Hm! wenn ich es aufrichtig ſagen ſoll: der Alte mag angehen, der Junge gefällt mir ganz und gar nicht.“ Der Bachelor ſah nachdenklich vor ſich nie— der.„Mir geht es auch ſo und es mag dieß Ueber⸗ einanderkommen unſerer Meinung wohl guten Grund haben. Der Junge iſt ein echter Franzoſe.“ Neujahr war in's Land gekommen und die heiligen drei Könige hatten mit Flitterkronen und Rauchfaß, ungeheuerliche Terzette abſingend, den „Wald“ auf und ab hauſirt— es war alſo eine Woche vergangen, ſeit Pfauenhof ſeine überheimi⸗ ſchen Gäſte beherbergte. Iſt freilich nur eine kleine Spanne Zeit eine Woche; aber wie viel Freud' und Leid, wie viel Weh' und Glück finden Raum darin und was „Ein echter Windbeutel!“ ergänzte der derbere Binder.„Der Alte gefällt mir recht gut, nur hat er eine ſo geſpreitzte Art——“ braucht es mehr für eine Saat— ob gut oder böſe— um Wurzel zu faſſen und luſtig aufzu⸗ gehen?“ Die Anweſenheit der Fremden hatte in dem gewöhnlichen Leben auf Pfauenhof eine große Ver⸗ änderung hervorgebracht. Der oberflächliche, gewandte Vilain hatte den weſentlichſten Antheil daran, theils duxch die geſchmeidige Geſchicklichkeit, mit der er in die bald abgelauſchten kleinen Liebhabereien 21* 164 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. des Gutsherrn einging, theils und meiſt aber durch die wahrhafte Virtuoſität, mit der er es verſtand, die Gutsfrau und ihre Tochter in den Kreis zu ziehen, den er unbemerkt um die Familie zog und den er, ein gefährlicher Zauberer, beherrſchte. Obwohl es Niemanden auffällig war, daß der alte Bachelor— immer ein eigener Mann— ſich ſeit der Anweſenheit der Fremden, die ihm na⸗ türlich unbequem ſein mochte, immer mehr von der Familie zurückzog und ſich in ſein Kaſtell, den al⸗ ten Schlafſtuhl, flüchtete, blieb es doch eben ſo we⸗ nig unbemerkt, daß er ſeit eben dieſer Zeit eine häufigere Kommunikation mit dem„Stalle“ pflog, dem Rendezvous der„kleinen“ Leute auf dem Gute. Was eben Jedermann auffällig ſein und in die Augen ſpringen mußte, das war das ſolidariſche Anſchließen der Schloßleute an den Alten. Allen unbewußt, wie oder wann, aber Allen gewiß, wo⸗ her er ergangen, waren ſie dem Rufe gefolgt, der ſie um das gefährdete Banner der Hausehre ſchaarte, und ohne daß es oben zur leiſeſten Ahnung kam, ſtand unten ein kleines, aber tapferes Häuflein be⸗ reit, jeglichem Angriffe auf jenes entſchieden zu wehren.— Indeß verlief Tag um Tag. Es war wieder Nacht geworden, die fünfzehnte, ſeit die Fremden unter dem gaſtlichen Dache von Pfauenhof weilten, wie der lange Binder dieß ge⸗ wiſſenhaft Rotirt hatte— da trat ein Ereigniß ein, eben ſo unerwartet als erfolgreich für die Plane der kleinen Verſchwörer. Der Binder kam wie allnächtlich nach der Fütterzeit in den Stall: dießmal nicht allein. Mit ihm kam ein alten freundlicher Herr, der Verwalter von Watendorf, dem anſtoßenden Gute. „Es iſt freilich nicht gar ſchön und herriſch eingerichtet in unſerem Kaſino, Herr Verwalter,“ meinte er ſcherzend beim Eintritte,„indeß, wo kä⸗ men wir ſonſt zuſammen? und da der alte Herr Bachelor ſich nicht ſcheut, herüberzukommen zu uns, ſo——“ „So meint Ihr ganz vernünftiger Weiſe, daß auch ich herüberkommen kann,“ ergänzte der Verwalter mit freundlichem Lächeln, indem er ſich auf eine Schütte Stroh niederließ.„Nun— ich denke beiläufig zu errathen, was Ihr mir mitzu⸗ theilen habt— es betrifft Eure fremden Gäſte!“ Der Binder nickte. 1 „Nun, und was wißt Ihr von Ihnen? iſt es etwas Gefährliches?“ Der Binder ſah den Frager verblüfft an. —„Mein' Seel'!“ meinte er nach einer ziemlich langen, verlegenen Pauſe,„was ich Uebles von den Fremden weiß, iſt eigentlich ſo viel wie nichts— 's iſt eben, daß ich ſie nicht leiden mag.“ Der Verwalter lächelte fein.„Ihr wißt gar nicht, mein lieber Alter, was für tiefer Sinn in Eurer Rede ſteckt, beſonders wenn Ihr gleich ge⸗ radezu geſagt hättet, Ihr mögt den jungen Herrn nicht; denn dem alten Manne, ſeinem Begleiter, V V werdet Ihr doch wohl das Nuheplätzchen hier und das Bischen Almoſen gönnen?“ „Ei du lieber Himmel! was denn nicht?“ rief der Binder, ſich verlegen im Kopfe krauend; „es iſt nur— es kömmt mir ver, als ſollt' dem Hauſe hier aus dem Beſuch der Fremden nichts Gutes erwachſen.“ „Hm, warum?“ meinte der Verwalter. „Ja, das iſt ja eben das, was mich ſo herz⸗ innerlich wurmt, daß ich dieß„Warum“ nicht zu beantworten weiß, obgleich dennoch die Ueberzeu⸗ gung hievon feſt in meinem Herzen ſteht, wie der ſteinerne Thurm auf Karlsberg drüben.“ Der Verwalter ſah nachdenklich vor ſich nie⸗ der und er hatte ſich bereits drei oder vier reiche Priſen aus der Schiltplattdoſe geholt, ehe er, mit ſich fertig, reſolut auf den Deckel klopfte und mit einiger Rührung ſprach:„Haſt es nicht Noth, Dir deßhalb den alten Kopf zu zerbrechen, wenn Du es nämlich außer mir keinem Andern mitzutheilen ge⸗ denkſt: ich weiß dieß„Warum.“ Genau, ſage ich Dir, ganz genau!“ „Und ich eben ſo genau!“ rief es hinter dem Rücken des auf dem Strohbunde Sitzenden hervor, und mit dieſem Ausrufe trat zugleich die Geſtalt des alten Bachelor aus dem Schatten des Ge⸗ wölbpfeilers heraus. Er ſetzte ſich ohne Weiteres an die Seite des Verwalters, ſeines alten Freundes, und indem er ſeine grauen ſtechenden Augen ſtarr auf den ihm ge⸗ genüberſtehenden Binder richtete, ſprach er langſam und mit gemeſſenem Ausdrucke:„Ich denke, da uns Allen bewußt iſt, was wir wollen, ſo han⸗ delt ſich's blos darum, zu berathen, wie dieſer un⸗ ſer Willen in's Werk zu ſetzen und zu vollführen iſt. Nicht wahr?“ „Es iſt ſo!“ beſtät'gten im Chorus die Ver⸗ bündeten. „Nun, ſo wiſſet denn,“ ſprach der Alte feuri⸗ ger werdend,„daß ich die nach meiner Anſicht allernöthigſten Maßregeln zur Erreichung unſeres Zweckes bereits getroffen habe— ſie ſind eben ſo einfach als ſicher. Soll ich Euch den Umfang der⸗ ſelben mittheilen, oder wollt Ihr mir vertrauen?“ „Allerwege!“ rief der Binder für Alle.„Wir wiſſen es ja AÄlle, daß Ihr immer gekonnt, was Ihr gewollt.“ „Gut,“ ſprach der Alte zufrieden,„ſo wiſſet denn, daß ich für unſere Zwecke bereits ſo viel er⸗ reicht, als mir allein möglich geweſen. Ich habe einen Verbündeten gefunden und für unſere Sache angeworben— ich will ihn Euch vorführen!“ Er ſtand auf, raſch und behende, wie man es nie von dem alten Manne erwartet hätte, und kam nach einer guten Weile, die ſtumm und von den kleinen Verſchwörern zu ſtillen Erwägungen benützt verſtrich, mit dem alten Gouverneur des Vicomte zurück. „Hier iſt der Verbündete!“ ſprach der alte Mann. ——— Der Hüter der Hausehre. treuherzigen blauen Augen unbefangen den verwun⸗ derten Blicken der ſonderbar zuſammengewürfelten Geſellſchaft, und da ex ſich gewiſſermaßen gedrängt fühlte, ſich auf eine ausführlichere, beſtimmtere Art einzuführen, ſprach er leiſe, aber feſten Tones:„Das Alter theilt ſich gerne mit, es iſt geſchwätzig, wie das Sprichwort ſagt. Wenn es dießmal, in mei⸗ nem Falle nämlich, Recht hat, ſo mag es darum ſein, denn es handelt ſich um einen guten Zweck, um die Wahrung der Ehre dieſes Hauſes! Kann ich reden, wie ich will, Herr Bachelor, und darf ich mich hier ausſprechen?“ „Gewiß! es ſind war die Antwort. „Nun denn,“ begann der Gouverneur,„ſo hö⸗ ret.— Der Herr Vicomte iſt ein für immer rui nirter, heimatloſer Mann, wie es heute deren zu Tauſenden ſeiner Standesgenoſſen gibt, die, zerſtreut in aller Herren Länder, das bittere Brod des Mit leids und d. Verbannung eſſe n. Er lernte Euren Herrn in Koblenz kennen und nahm deſſen Erbie⸗ ten, ihm hier ein Aſyl zu gewähren, dankbar und mit Freuden an.“ Der alte Chamlores begegnete mit ſeinen erzig 2 nur ſichere Leute hier!“ Er hielt eine Weile inne, als ſei er mit ſich uneinig, wie und ob überhaupt das mitzutheilen wäre, was nun kommen mußte. „Nur weiter,“ ermunterte ihn der alte Ba⸗ ſchelor,„macht es kurz, man kann ja mit wenig Worten viel ſagen.“ Der Gouverneur fuhr fort:„Er mochte wohl 8 beſten u Willens voll und dankbaren Herzens her⸗ kommen ſein, damals: die auffallende körperliche Verkommenheit des kränklichen Gutsherrn, die ihn auf dieß Aſyl könne auf eine oder die andere Art ſein Eigenth hum— und der heimatloſe Flüchtling hier Herr werden: dieß iſt es, was ihn beſchäf⸗ tigt, Tag und Nacht—— ich kann dieß ſagen; denn er hat es mir verrathen— im Schlafe— im Traume.“ Die Geſellſchaft hörte geſpannt und faſt athem⸗ los zu. „Was ſoll ich weiter ſagen?“ fuhr der Alte fort;„hr wißt es, wie ich, daß die Spanne Zeit, ſeit wir hier weilen, dem ſchlauen Franzmanne ge⸗ nügte, ſich dem Herrn unentbehrlich zu machen und Ihr wißt vielleicht auch, daß heute Pfauenhof— Dank dem Unterrichte des ſchlauen Franzoſen, der Schauplatz nächtlicher O des Rheins wohl unbekannt geweſen, des 6 geto r 5 e es än te hier gewiß in dieſem ſtillen Waldwinkel— und zwar von Orgien, die den kränklichen Gutsherrn aufreiben müſſen— und ſollen. Ob es mehr dem Gat⸗ ten gilt, als dem Vater, oder nur dem Gutsbe⸗ ſitzer, weiß ich nicht zu entſcheiden. Bis zur Stunde wenigſtens noch nicht.— Gott vergebe mir, wenn ich eine Verleumdung ausſpreche.“— heute iſt es anders. Iſt die Idee brachte, Der alte Mann hielt erſchöpft inne und er⸗ wartete den Erfolg ſeiner Mittheilung. „Ihr habt Alles ge eſagt, wenn auch nicht ausgeſprochen, 8 amleres!“ erwiederte der Ba⸗ chelor nach einer langen, gedankenvollen Pauſe darauf;„der ſchlaue Franzoſe rechnet gut und ver⸗ läßlich: ein verſchlafener Morgen, ein üppiger Mit⸗ tag, ein mit hitzigem Jagen erſchlagener Nachmit⸗ tag und eine unter Orgien durchwachte Nacht tref⸗ fen ſo ſchnell und ſicher, wie eine meuchleriſche Ku⸗ gel, beſonders wo es an widerſtandsfähiger Kraft und Geſundheit fehlt! Was wird es heute wieder abſetzen, ſie ſind noch nicht daheim?“ „Ich denke, ſie kommen!“ meinte der Binder, „ich höre Pf erdege trappel!“ V Ein wildes, heiſeres Rufen erſcholl im ſelben Momente von dem Schloſſe her;— unwillkürlich ſtand der Bachelor raſch vom Sitze auf und horchte ſcharf nach der Schloßgegend hin:„Ruft V man nicht nach mir?“ 4 „Herr Bachelor! Herr Bachelor!l“ er ſcholl es jetzt ganz vernehmlich draußen. Der alte Mann ſchritt raſch durch den Stall. An der Thüre ſtürzte ihm eine Magd athemlos entgegen: Um Gotteswillen, Herr Vater, kommen Sie herauf in's Schloß, es iſt etwas Entſetliches , 4 T geſchehen!“ 8* „Was denn? was iſt geſchehen 3 durcheinander. „Der gnä' Herr hat ſich V en, d iſt mit ihm geſtürzt!“ kreiſchte di N J Mit einem Rufe des Entſetz zens ſtürzt die Geſellſchaft der Stallthüre zu und auf den Sch hloß⸗ platz hinaus. „Die Saat geht auf!“ ſeufzte der alte Cham⸗ leéres kummervoll, Pndenn er langſam nachging— „ich ahnte es, ſie mußte eine böſe werden!“ . bung!“— Der Mann, der dieß ſprach, und zwar V in einem Tone, der keinen Widerſpruch litt, war der Vicomte. aus drei Perſonen, die das Schickſal Schmerzenlager vereint, obgleich ihre Intentionen ziemlich auseinandergehende waren: die Gutsfrau nämlich, der alte Bachelor und Hedwig— durch einen jener Witze, Niemand fand für gut, dieſe Behauptung des Vicomte zu beſtätigen oder anzufechten; Alies herur mit fieberhaft geſpannter Erwartung. des erſten l au⸗ ten Athemzuges des bisher noch immer wie leblo Kundgebungen, die Furcht oder Hoffnung auf ihr richtiges Maß zurückführen mußten. glückliche regte ſich nicht. Braun „Ich verſichere Ihnen, es iſt nur eine Betäu⸗ 8* 2„* ℳ Das Publikum, zu dem er es ſprach, beſtand ſo häufig zu machen liebt, an dieſem. im Auge nblicke eine weiße Roſe, umſtanden dasſelbe. drgien iſt, die ſonſt dieß ſeits 8 5 Daliegenden und hiernach dinse jener pſychiſchenn och Minute auf Minute verrann— der Un⸗ 166 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. 166—————— Unglück gekommen 2“ rief unter Thränen der Sohn, „Wann kann der Arzt da ſein?“ fragte end⸗ eine raſche, gewaltige— er erhob den Oberleib lich, nach einer langen, qualvollen Pauſe des Schwei⸗ mit wunderbarer Kraft und ſeine ſtarren Augen gens der Vicomte. irrten wie ängſtlich ſuchend auf den bleichen Ge⸗ „Vor einer Stunde kaum!“ war die Antwort. ſichtern der Umſtehenden herum, bis ſie an jenem Der Vicomte zuckte leicht mit den Achſeln und des alten Bachelor haften blieben. zählte die leiſen, kaum merkbaren Pulsſchläge des„Habt— Acht——!“ ſtammelte er und— Ohnmächtigen.„Er wird vergehen, wenn nicht nichts mehr. Der Kopf fiel ſchwer zurück, die Bruſt ſchnelle Hilfe kommt.“ ſank nach dem letzten gewaltigen Athemzuge ein, Bei dieſen Worten trat der Ba chelor leiſe der Leib erzitterte und ſtreckte ſich— er war todt. hinzu und legte die zitternde Hand auf das Herz Vollführten wohl ſeine erſtarrenden Augen des ohnmächtig Daliegenden.„ Es zuckt kaum,“— V ihre letzte Miſſion und führten ſie das letzte Bild, ſagte er mit dumpfer, zitternder Stimme,„und das ſich ihnen bot, vermittelnd der entfliehenden wenn Gott nicht Wunder thut, hat dieß arme Seele zu— jenes des Alten, der mit wie zum Menſchenherz wohl ausgeſchlagen.“ Schwure erhobener Hand herzutrat und ſelbe ſtill⸗ Das herzzerreißende Schmerzensgeſchrei, mit weinend zudrückte? dem ſich nach dieſem Ausſpruche die Tochter des„Gott erbarme ſich ſeiner armen Seele!“ ſprach Vergehenden auf deſſen Leidenslager warf, wurde der Bachelor unter Thränen und ſchlug die ma⸗ plötzlich durch das polternde Aufſtoßen der Saal⸗ geren Hände vor das bleiche Antlitz.— Doch als er ſie wieder ſinken ließ, war der Ausdruck des thüre und das haſtige Hereinſtürzen eines jungen Mannes unterbrochen, der mit dem Weherufe: Schmerzes völlig daraus verflogen und es bot den „Mein armer Vater!“ auf das Schmerzenlager Anblick jenes eines kühnen, kampfgierigen Streiters, zuſtürzte. als er feſt und entſchieden ſprach:„Habt Acht, Es war ein eigenthümliches Schauſpiel, die war ſein letztes Wort!“ verſchiedenartigen Wirkungen zu beobachten, die das unerwartete plötzliche Erſcheinen des jungen Man⸗ nes auf die Geſellſchaft hervorbrachte, die das La⸗ Es iſt etwas Eigenthümliches, man möchte ger des Kranken— wohl ein Sterbelager— um⸗ ſagen Schreckliches, mit welcher Schnelligkeit Todte ringt hielt. b vergeſſen werden. „Hieher, Robert!“ rief der alte Bachelor Wer kann wohl ſagen: mit meinem Tode wird mit vor Freude und Aufregung zitternder Stimme in dem engeren Kreiſe der Meinen eine unausfüll⸗ und legte die lange magere Hand wie ſegnend auf bare Lücke werden? das Haupt des Jünglings, der laut weinend und Es zwaren vier Wochen ſeit dem Tode des keines Wortes mächtig neben dem Lager des Ver⸗ Gutsherrn verfloſſen; die inneren und äußeren gehenden in die Knie ſank. ſ Verhältniſſe des Herrenhauſes hatten ſich anſchei⸗ „Mein Sohn!“ rief die Gutsfrau, mehr über⸗ nend nicht verändert. raſcht und im Tone zweifelnder Frage, als anſchei⸗ Anſcheinend ſagen wi nend beruhigt durch die unbegreifliche Anweſenheit nicht alſo. ihres Aelteſten, in einem Augenblicke, der für ihn Die Frauen gingen in Schwarz und der Fa⸗ und beſonders für ſie von unendlicher Tragweite ſching, der im Lande tollte, war für Pfauenhof ſein mußte. nicht da. Dieß hinderte aber nicht, daß ſonſt Alles „Der Sohn!“ flüſterte zurücktretend der Vi⸗ ſeinen gewöhnlichen Gang ging, was auf Wirth⸗ comte und dieſelben Worte der alte C hamleres; ſchaft und das äußere Leben Bezug hatte. Im aber wie verſchieden war der Ausdruck dieſer bei⸗ innerlichen Weſen des Hauſes auf Pfauenhof aber den gleichlautenden, halbunterdrückten Rufe? war es anders, ganz anders, und der Vicomte, „Was iſt geſchehen? wie iſt das entſetzliche ß r, denn es war innerlich ohne daß Jemand wußte wie, der Mittelpunkt ge⸗ worden, um den und auf deſſen Geheiß ſich Alles indem ſein angſtvoller Blick ſtarr an dem verzerr⸗ bewegte— der neue Herr. 9. 2„. 8 3 7„„.— 2—.. ten Antlitze des Vaters hing, über das von Mo⸗ Wäre dieſer ſonderbare Prozeß auf was im⸗ Moment dunklere Schatten zogen, als de⸗ mer für eine, aber andere Art vor ſich gegangen, als durch die gänzliche Unterordnung des Haus⸗ weſens unter dem Vicomte, der hiedurch plötzlich ment zu ren Rücklaß ſich ein graufahler Schleier über die verzerrten, erſtarrenden Züge des Gutsherrn legte, der Schleier, mit dem Gottes Güte dem verzagen⸗ aus dem Aſylſuchenden der Gebieter und Aſylge⸗ den Menſchenkinde die Tiefe des Abgrundes ver⸗ bende geworden, ſo würde dieß wenigſtens die wei⸗ hüllt, der tiefgähnend zwiſchen hier und dort liegt tere Umgebung, obwohl nie jenen Bund getäuſcht —. zwiſchen Leben und— Tod. haben, der ſich da unter des alten Bachelor Füh⸗ rung zuſammengethan hatte zur Hut der Hausehre. Niemand fand ſich dazu berufen, die Frage des Sohnes zu beantworten— das Schickſal that So aber war es ſelbſt für die nächſte Nach⸗ es— zur Gänze. barſchaft Pfauenhofs bald kein Geheimniß mehr, Der Gutsherr machte noch eine Bewegung, daß ſich daſelbſt eine Regierungsänderung ergeben bof aber Vicomte, uut ge⸗ ſch Ales Der Hüte r der Hausehre. 167 werde, die nur durch die offene die bendun des Vicomte mit der Witwe oder Tochter ihrer öffent⸗ lichen Beſtätigung bedurfte. Wenn aber dieſe Frage ſchon die Umwohner Pfauenhofs beſchäftigte, wie mußte ſie dieß die Be⸗ wohner 11 Schloſſes und namentl lc die Bethei⸗ ligten? Während aber Frau und Tochter ihre kleinen, hierauf bezüglichen Geheimniſſe tief und ſorgfältig verbargen, wurde der Gegenſtand derſelben Tag für Tag— oder beſſer Nacht für Nacht an einem Orte ſorgſam und umſtändl ich in Erwägung und Berathung gezogen, wohin er ſeiner Natur nach wohl am wenigſten gehörte: in dem Stalle Jede Bewegung des Franzoſen, jede Aeuße⸗ rung desſelben kam allnächtlich vor das geheime Forum der modernen Vehnne auf Pfauenhof, und je weniger ſich mit der Zeit die Ueberzeugung feſt⸗ ſtellte, daß von einem„Verlaſſen“ auf die weibli⸗ chen Bethei iligten eine Rede ſein könne, deſto befe⸗ ſtigter ward die Anſicht der Verbündeten, daß nur durch ihr inniges Zuſammenhalten einem Ereig⸗ niſſe vorgebeugt werden könne, das aus dem Flücht⸗ ling das wirklich machen konnte, was er ſchien: den Herrn. Wie und wo ſich der gewandte Franzoſe die ſeinem Nationalcharakter ſonſt ſo fremden ökonomi⸗ ſchen Eigenſchaften angeeignet, die nach und nach hervortraten, zum allgemeinen Erſtaunen der verblüfften Verbün⸗ deten nahm der ariſtokratiſche Flüchtling, von Nie⸗ manden beanſtändet, die Zügel der kleinen Regie⸗ rung mit ſo viel Feſtigkeit und einer ſolchen auf⸗ fallenden Kenntniß der Umſtände in die Hand, daß der moraliſche Widerſtand der kleinen Leute, der anfangs ein unbeſiegbarer geſchienen, nach und nach auf jenes Nichts zuſammenſchrumpfte, das man mit wußte Niemand zu errathen, aber ſein konnte, Herrn zu bringen. Tag für Tag trat der Einfluß des Vicomte auf die„Herrſchaft“ offener hervor und Tag für Tag legte er einen Stein zu dem Baue ſeiner Pläne—— aber Nacht für Nacht führte nim⸗ mermüde die Schaar der Verſchworenen unter Lei⸗ tung des alten Bachelor ihre Gegenbaue auf, und ſo unerſchütterlich war das werirälen zu der Umſicht des Alten, daß, als von allen Seiten her Kunde auf Kunde kam, wie des Fremden Einfluß rieſig anwachſe und wie es nur eines Kleinen mehr bedürfe, um ihn offen zum„Herrn“ zu machen, wie er es in der That im Geheim war, der Gleich⸗ muth der Verbündeten nicht im Mindeſten erſchüt⸗ tert wurde: ſie ſahen dem Ausgange getroſt ent⸗ gegen; ſie wußten ja den Alten„auf der Wacht“. Der Winter war vergangen, der Schnee der Berge geſchmolzen und in mieeſbe Well engeſtalt hinab in's Land den Bächen, Flüſſen und— dem Meere zugezogen. Es war an einem Frühlingstage, zeitl ich frühe, als zur höchlichen Verwunderung von männiglich der bereits wachen und beſchäftigten Schloßbewoh⸗ nerſchaft ein Mann in einem ſo ſchnellen Gange durch die Lindenallee dem Schl oſſe Pfauenhof zu⸗ ſchritt, daß unwillkürlich Jeder in der Arbeit ein⸗ hielt und ſich die Frage, ſtellte was wohl im Stande Gſangel ſo vollſtändig aus ſei⸗ nem gewöhnlichen, Reſpekt erheiſchenden Amtsſchritte Denn dieß war beſagter Mann. Doch der Herr Verwalter ſchien weder die verwunderten Blicke, die ihm allſeitig nachfolgten, noch der Benennung„Räſonniren“ genügend bezeichnet. Dieß war jedoch bei einer Perſon nicht der Fall, von deren Alter man wohl die wenigſte Wierſiandſihiateit verhofft hätte, bei dem Ba⸗ chelor nämlich. Still aber unermüdet beobachtete er— ein vorſichtiger, kluger Feldherr— von ſeinem Schlaf— ſtuhle aus das Schlachtfeld, das zu behaupten er geſchworen, und ſeinem ſcheinbar ſchläfrigen, aber deſto wachſameren, ſcharfen Auge entging nichts, kein Blick, kein Wort und keine, ſelbſt nicht die vorſichtigſte, leiſeſte Bewegung des Feindes. 88 verging Tag um Tag. Es iſt eben die Trauerzeit eine ungeeignete für d That, aber die angemeſſenſte für den Ge⸗ danken, die Mutter derſelben. Welcher Art jene des Vicomte ſein mochten, war unſchwer zu errathen, indem ſie offenbar dar⸗ auf ausgingen, das hier gefundene herrenloſe Aſyl zu ſeinem Eigenthume zu machen und hier im Walde Erſatz für das zu finden, deſſen ihn jenſeits des Rheins das„Volk“ beraubt. die reſpektvollen Grüße zu beachten, mit denen er auf jedem arit beehrt wurde: wie eine ab⸗ geſchoſſene Kugel, pfeilſchnell und gerade ging er dem Hofe entlang dem Stalle zu und verſchwand unter deſſen offen gähnender F lugel thüre. Nach einer kleinen Weile kam aus derſelben ein junger, höchſt mangelhaft gewaſchener und be⸗ kleideter Burſche heraus, der auf das Herrenhaus zuging und in deſſen oberes Stockwerk hinaufſtieg, obgleich nicht anzunehmen war, daß ſein Beſuch der Herrſchaft gelten konnte. Er ſchlich auch an deren Zimmern leiſe und auf den Zehen vorüber und klopfte an die Thüre des Zimmerchens an, in das ſich ſeit Jahren der alte Bachelor zurückgezogen hatte. Bald darauf kam der Burſche eilig wieder zu⸗ rückgeſprungen und, vermuthlich in Folge einer von demſelben überbrachten Botſchaft, ſah man unmittel⸗ bar darnach Gſangel dem Schloſſe zuſchreiten und in dem Gange verſchwinden. Es mochte eine gute Stunde vergangen ſein, als der Verwalter wieder herabkam und wieder den Heimweg nach Watendorf einſchlug. Wer den würdigen Herrn bei ſeiner Ankunft und jetzt bei ſeinem Abgange genau beobachtet hätte, dem wäre der völlig geänderte Ausdruck ſeines gan⸗ 168 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. zen Weſens, namentlich aber ſeines Geſichtes, dieſes Spiegels der Seele, nicht entgangen. War nämlich jener bei ſeiner Ankunft ein be⸗ fangener, beinahe angſtlicher geweſen, ſo war er in dieſem Augenblicke ein ruhiger und auffällig zufriede⸗ ner. Auch ſein Gang war kein ſo haſtiger; er ſchritt, aus dem Schloßbanne gekommen, mit immer größe⸗ rer Mäßigung und die Hände auf den Rücken ge⸗ legt längs dem Straßenraine hin, und als er Wa⸗ tendorf näher kam, war ſein vordem ſo beflügelter Schritt der eines gewöhnlichen, harmloſen Spazier⸗ gängers. Sein Geſicht aber, ein alterndes, faltendurch⸗ furchtes, aber treuherzig offenes Geſicht, das beim Hingange finſter und drohend ausſah, erglänzte ſcheine einer innerlichen jett beinahe von dem Wiederf Zufriedenheit. Auf Pfauenhof aber verging der Tag wie alle andern: dafür war er ein überaus wichtiger für den N des Ver⸗ ſchwörer⸗Clubs und Jeder brannte vor Begierde, 1 die erſten Sterne aufblicken zu ſehen, die Zeichen des Feierabends, der Fütterzeit und— der Zu⸗ ſammenkunft. Endlich kam der Abend und mit ihm das Häuf⸗ lein der Verſchworenen zuſammen— Alle bis auf den Verwalter. Der alte Bachelor ſetzte ſich dießmal nicht wie ſonſt auf die Strohſchütte nieder: er ſtellte ſich ernſt, faſt traurig vor die verſammelten Vertrauten, und nachdem er ſich ebenſo vergewiſſert, daß ſie allein, als daß Keiner fehle, begann er mit be⸗ wegter Stimme:„Meine lieben Kinder! Als wir uns beſprochen, zu wachen insgeſammt, auf daß die Ehre dieſes Hauſes nicht gefährdet und beſonders der Name des Mannes nicht mit Schmach beladen werde, den wir viel zu früh in die Grube ſenkten vor einem kurzen Vierteljahre, da ahnten wir nicht, wie bald wir ein neues Bündniß werden ſchließen müſſen— ein ernſteres als das der Wachſamkeit, einem Bund— zur That.— Was ſagt Ihr dazu, wenn ich Euch mittheile, daß der Franzoſe und die Witwe des Mannes, auf deſſen feuchtem Grabe noch das erſte Gras nicht grünt, einig wurden, ein neues Geſchlecht hier erſtehen zu laſſen— auf Koſten des alten natürlich!“ Ein einſtimmiger Ruf des Unwillens ſchlug an die gewölbte Stalldecke empor. „Was ſagt Ihr aber dazu, wenn ich Euch mit theile, daß der Mann, der um die Witwe freit, zu⸗ gleich um die Tochter wirbt; und was meint Ihr, hier eine ruhige Heimat gründen und eine ſorgen⸗ loſe Zukunft ſichern will!“ fuhr der Alte mit er⸗ höhter Stimme fort. „Was dazu zu ſagen wäre? höchſtens ein Pfui!“ meinte der Binder trocken, und die Geſell⸗ ſchaft ſtimmte dieſem Ausſpruch einhellig bei. „Er bat ſich uns ſelber in die Hand gegeben,“ ſuhr der Alte fort,„der würdige Herr Verwal⸗ ter, unſer treuer Freund, hat mir heute früh die unwiderleglichſten Beweiſe gegeben, wie ſchlau der Franzoſe die Sache angeſtellt und wie er ſcharf daran iſt, ſie zu Ende zu führen. Da der ſelige Herr ohne Hinterlaſſung eines letzten Willens und ſo plöb⸗ lich ſtarb, kann die Witwe faſt ganz frei und unbe⸗ engt über den Nachlaß der noch minderjährigen Kinder verfügen, und ſie— die verblendete Thö⸗ rin, wird es zum Vortheile des Franzoſen thun, in jeder ihm beliebigen Ausdehnung, wenn ſich nicht Jemand findet, der einem jeden ſolchen Verſuche feſt entgegentritt, als Vertheidiger der Rechte der Kinder.“ „Ja wohl! ſo mag's wohl kommen!“ flüſterte es im Chore der Verſchworenen. Mit einem zufriedenen Kopfnicken ſtand der Bachelor auf; eine plotzliche, ſeltſame Verände⸗ rung war mit dem alten Manne vorgegangen und Alles ſtarrte ihn verwundert an, als er mit einem Male den ſeit Jahren hinfällig gebückten, gekrümm⸗ ten Leib hoch und ſtolz erhob, als er das immer müde niederhängende kahle Haupt raſch und kühn emporrichtete und mit freier kräftiger Stimme faſt ſingend und in ergreifendem Profetentone ſprach: „Das Eiſen glüht— der Amboß harrt:— ich will der Hammer ſein!“ Er grüßte die Verſammlung mit leichter Hand⸗ bewegung und verließ den Stall. Es ward nicht viel mehr geſprochen, wohl aber viel erwogen und bedacht.—— So ward es heute ungewöhnlich bald ſtille im Stalle und als von dem Schloßthürmchen die zehnte Stunde her abtönte, bot der Stall den Anblick eines ganz ge⸗ wöhnlichen, und der einzige Ton, der ſeine Stille unterbrach, war das leiſe Schnaufen der Pferde und das melodiſche Klingen und Raſſeln der Half⸗ terketten. Es gibt Ereigniſſe, die für den entfernter ſte⸗ henden Zuſchauer plötzlich eingetreten zu ſein ſchei⸗ nen, während ſie nur das Auge des Eingeweihten ſich vorbereiten, keimen und entfalten ſieht. Ein ſolches war der Umſchlag der Dinge auf ⸗ Pfauenhof. Vilain, der echte, durch den jeden Wider⸗ ſtandes entbehrenden ſcheinbaren Erfolg ſeiner Pläne was derſelbe verdient hiefür, wenn ich Euch beweiſen in Ruhe gewiegte Franzoſe, gab ſich mit all dem kann, daß der Grund von alledem nicht die Liebe Leichtſinne ſeiner Nation den kühnen und ſtolzen des Mannes, ſondern der Erſolg eines feinen Kal⸗ Träumen hin, die ihm in nächſter Zukunft Erſatz küls des Abenteurers iſt, der ſich für jeden Fall für alles verlorene Gut und ihn als den Herrn iſt c nicht Etjatz 2 n Herru Der Hüter der Hausehre. 3 169 der Scholle zeigten, auf der der Verbannte Zuflucht gefunden. Seit Tagen war ein Gaſt in Pfauenhof ein⸗ gekehrt, der wohl gerechtes Bedenken unter den Hausleuten erregen mochte, der Advokat Chriſt aus der nahen Stadt„Berg“. Nichts indeß zeugte von dergleichen. Der Advokat ging ab und zu, die Gutsfrau ging in weſentlich gemilderter, leichter Trauer, der Vicomte las und ſchrieb den ganzen Tag. Der Stall war Nacht für Nacht belebt von ſonſt dort ungewöhnlichen Inſaſſen— den Ver⸗ ſchworenen. Es ging einige Nächte wohl, daß der Nacht⸗ gruß, mit dem der alte Bachelor täglich, eigent⸗ lich allnächtlich ſchied:„Ihr werdet von mir hö⸗ ren!“ einige Aufmerkſamkeit erregte, aber— als Tag für Tag verſtrich, als es Niemandem mehr ein Geheimniß ſein konnte, daß es nur von dem Franzoſen abhänge, um offen mit der Erklärung hervorzutreten, er ſei gegenwärtig hier„Herr“— da fing man an, das ſonſt heilig gehaltene Wort des alten Herrn für ein leeres zu halten, und als es vollends nach einiger Zeit allen Anzeichen nach offen ausgeſprochen werden konnte, was früher leiſe geflüſtert wurde:„Wir kriegen einen neuen Herrn — auf die oder die Art“— worunter zu verſte⸗ hen war, daß der Franzoſe dieß entweder durch die Witwe oder Tochter werden ſollte— da ſchien es mit dem Ernſte einer Oppoſition von Seite der kleinen Leute im Schloſſe ein Ende zu haben und — es kam eine Nacht, wo der Stall nichts anderes mehr hörte, als das Schnaufen der Pferde und das Klirren der Bornketten— man hatte ſich ergeben. Von dieſem Tage an ſah man den Bache⸗ lor nie wieder über den Hof gehen. Er hatte ſich, vielleicht verlockt von der bereits wärmer nie⸗ derſcheinenden Sonne, ſeinen Stuhl in den Hinter⸗ grund der Veranda vor dem Schloſſe tragen laſ— ſen und auf dieſem Poſten konnte man den alten Mann tagüber in dicke Pelze gehüllt halbſchlafend nicken ſehen, bis— bis—— Er ſaß einſt wieder dort wie gewöhnlich, als der Verwalter von Watendorf in auffallender Hitze herankam. Der ſonſt unerſchütterlich anſtändige Mann ſchien faſt außer ſich. Ohne Gruß, ohne Händedruck— etwas Uner⸗ hörtes bei dem förmlichen Manne, flüſterte er dem Alten ſaſt athemlos zu:„Wiſſen Sie ſchon—— 5“ „Alles!“ war die ruhige Antwort. „Nun? was werden Sie thun?“ Der Bachelor zog die hohe kahle Stirne in bedenkliche Falten und antwortete lange nicht; endlich ſagte er ruhig:„Warten, bis es an der Zeit iſt zu handeln.“ „Warten?“ lachte der Verwalter bitter;„und wenn es zu ſpät iſt, was dann?“ ene „Es iſt nie zu ſpät!“ ſprach der Alte in einem unwiderlegbaren Orakeltone. 3 Erinnerungen. 1859, 1 „Gott gebe es!“ meinte der Verwalter kläg⸗ lich;—„aber wie können Sie ſo ruhig ſein, oder ſcheinen Sie es blos, wenn Sie wirklich wiſſen, daß ſchon nächſten Montag die Trauung ſein ſoll?“ „Da ſind noch ſechs Tage hin———„ meinte der Bachelor gleichmüthig.„Fragt mich dann weiter!“ Der Verwalter ſtutzte über den ſonderbaren, ungewöhnlichen Ton, mit dem der Alte dieß an⸗ ſcheinend ſo ruhig ſprach.„Nun, Gott wende Alles zum Guten!“ ſprach er und wandte ſich zum Gehen „Amen!“ ſagte der Bachelor und ſah dem Scheidenden mit einem ſeltſamen Blicke nach. An demſelben Abende ſtiegen zwei Perſonen ſchweigend und langſam über die Stiege des Schloſ⸗ ſes zu dem Zimmer des Alten hinauf, jedoch nur die Eine derſelben betrat dasſelbe, die Andere blieb lauſchend vor der Thüre ſtehen. Es war die Gutsfrau und der Vicomte. Es waren kaum fünf Minuten vergangen, als ſich die Thüre zum Schrecken des Lauſchenden raſch öffnete und die Frau bleich und verſtört dem er⸗ ſchreckt Zurückprallenden entgegentrat. „Nun? vorüber die gefürchtete Unterredung? die war kurz!“ flüſterte der Vicomte. „Sehr kurz!“ ſprach die Frau ernſt und nach⸗ denklich.„Er hörte mich gelaſſen, faſt lächelnd an und gab mir nichts zur Antwort, als ein freund⸗ liches:„Ich weiß. Es iſt gut!“ „Merkwürdig!“ ſagte der Vicomte ſinnend im Herabſteigen. „Ja wohl, ſehr merkwürdig! Ich kenne den Mann——— und ich fürchte mich vor ihm, wenn er ſchweigt!“ „Pah!“ ſpottete Vilain und ſeinen Arm um die üppige Taille der Frau legend, flüſterte er mit jubelndem Tone ihr zu:„In ſechs Tagen mein!“ Sechs Tage!— genügen nicht eben ſo viel, ja nur eine Sekunde, um den mühſamſten Bau von Menſchenhänden zu zerſtören? Die ſechs Tage waren vergangen. Das Schloß war vom früheſten Morgen in lauter tumultuariſcher Bewegung. Nichts und Niemand war an dieſem Tage in gewöhnlicher Verfaſſung und Beſchäftigung. Alles rannte und ſtieß ſich neben und für einander, Trepp' auf und ab ging es in ununterbrochener Haſt, im Hofe ſtand eine Reihe Wagen, in denen die Nach⸗ barſchaft angekommen war, die zur Stunde, eines merkwürdigen Ereigniſſes gewärtig, oben im Saale verſammelt ſich im Beſprechen des überraſchenden Falles erging, der ſich auf Pfauenhof ergeben: die Vermälung der Gutsfrau mit„Herrn“ Vi⸗ comte Vilain, wie plötzlich der Mann hieß, der vor wenigen Tagen noch mit dem Titel„des da⸗ hergelaufenen“ Franzoſen belegt worden. 22 Blos auf eine Perſon ſchien die Feier dieſes Tages keinen Einfluß zu haben: wie ſonſt ange than mit dem langen grünen Pelzrocke, der ſo alt wie er ſelber ſchien, und ſtill und ruhig ſinnend wie gewöhnlich, ſaß der Bachelor, der Braut vater, an ſeinem gewöhnlichen Platze auf der Veranda in ſeinem hohen Schlaſſeſſel. Die Frage: ob er mitfährt, der Alte? die im Saale oben mit Ja und Nein abgehandelt wurde, war in dieſem Augenblicke auch Gegenſtand einer ernſten Beſprechung zwiſchen den Brautleuten. „Ich werde es verſuchen, aber ich weiß, es iſt nutzlos, da Deine Bitten nichts fruchteten——“ ſprach endlich der Vicomte unmuthig. „Gehe nur und bezwinge Dich zum Bitten! es iſt der Leute wegen!“ ſprach die Frau ſchmei chelnd und ſah dem verdrießlich über die Treppe Steigenden zärtlich nach. Was war das für ein räthſelhafter Schauer, der ihre Glieder durchrieſelte, als ſie die ſchlanke Geſtalt um die Treppenecke biegen und verſchwin den ſah? Sie ſtand eine Weile gedankenvoll und war es weibliche Neugierde, die ſie bewog, lang ſam und lauſchend die Stiege niederzuſteigen, oder war es eine Ahnung, die ſie niederzog— ſie hörte den Vicomte ſprechen, bittend, eifrig und ein dringlich und plötzlich einen Schuß, einen wil den, kreiſchenden Schrei und einen ſchweren Fall. Mit einem Satze war ſie in der Vorhalle ein erſchütternder Wehruf durchdrang die Hausflur und aus allen Thüren ſtürzten Dienerſchaft und Gäſte hervor, Ein entſetzliches Schauſpiel bot ſich ihren Bli⸗ cken: der Vicomte lag mit zerſchmettertem Haupte auf dem Pflaſter der Veranda, über ihm lehnte ohnmächtig die lebloſe Geſtalt der Gutsfrau und dieſer traurigen Gruppe gegenüber in dem hohen Großvaterſtuhle ſaß wie ſonſt bleich und regungs los der alte Bachelor, weit zurückgelehnt in die weichen Lederkiſſen todt. Seine ſtarre magere Hand hielt noch feſt das Piſtol umſchloſſen, das er gegen den Flüchtling ab gefeuert, und auf ſeinen ſtarren Zügen lag neben⸗ der Ruhe des Todes der Ausdruck tiefer Zufrie „denheit. Er war geſtorben, wie er gelebt— Hüter der Hausehre. ein treuer Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Der Knopf. Novellette von f. M. Winternitz. or vierzig Jahren! Ich war damals Student! Sie werden es ei nem alten Manne nicht verargen, wenn er in Ver zückung geräth. bei der Erinne rung an ſeine Ju gendzeit. Iſt es doch eine bekannte⸗ Wahr⸗ heit, daß der Menſch erſt X‿ dann ein Gut zu ſchätzen HNweiß, wenn er es nicht —mehr hat, und die Jugend ‚Piſt doch ſo ſchön! Mir iſt, als hätte die Welt . ſeitdem eine andere Farbe angenommen. Die Wieſen grünten und blühten damals anders, heller, duf tiger; der Vogelſang in den Zweigen ſchallte lau ter und freudiger; die Erde ſchien größer und reicher, und ſelbſt“ die Sonne deucht mir jetzt abgenützt und kalt gegen jene Sonne, deren Auf gang ich oft mit meinen Liedern begrüßte. Und ich war Student. Das galt etwas zu jener Zeit. Ein Student war der freieſte und glücklichſte Menſch auf der lieben Gotteserde. Sein Schritt war ſicher und feſt, als wäre der Boden, den er trat, ſein Erb⸗ und Eigenthum, ſein Blick war kühn und leuchtend, die Mode der Gläſer hatte ihn noch nicht getrübt und verwäſſert. Was ſind die Stu denten jetzt? Sie ſchreiten langſam und gravitä tiſch einher, den Cylinder auf's Haupt gethüymt, Brillen auf der Naſe, ſteife Vatermörder um den Hals, Glaceehandſchuhe an den Händen. Man meint, ſie gingen mit der Miene eines Cato censorius auf einen Hofball oder jeder von ihnen wäre be⸗ reits Doktor, noch bevor er ſeine Naſe in ein collegium logicum geſteckt hat.— Halt! Ich glaube, ich laſſe mich von meiner Gewohnheit zu räſonni ren wieder fortreißen. Am Ende will ich die Ju⸗ gend tadeln, weil ich alt geworden bin. Mir ſcheint, zu meiner Zeit haben die Alten auch über uns geklagt und ſo mag's fortgegangen ſein bis auf Adams Zeiten. Nun, ich will der jetzigen Genera tion nicht unrecht thun und man wird mir's nicht anrechnen, wenn ich meine Zeit für die beſſere halte, weil— ich damals jung war. Nun iſt mein Haar grau, die Laſt der Jahre ℳ = L. M. Winternitz: Der Knopf. 171 hat ihre Ziffern auf mein Angeſicht geſchrieben, körperliche Schmerzen, Seelenleiden und geiſtige Anſtrengungen ſind nicht ſpurkos an mir vorüber⸗ gegangen. Ob ich einſt ſchön war, ließe ſich jetzt ſchwer entſcheiden. Aber ich will aufrichtig ſein: ich war nicht ſchön. Die Natur hat mich um einige war's, welches mich unwiderſtehlich anzog. Sie hatte eine vortreffliche Erziehung genoſſen, kannte die Literatur ihres Vaterlandes genau, ſprach ge⸗ Zoll zu kurz werden laſſen, ſie hatte mich überdieß in meinem ſechszehnten Jahre, bis wohin ich nicht ſo übel geweſen ſein ſoll, reichlich mit Blattern be⸗ dacht, die ihre Abdrücke auf Stirn und Wangen urückließen. Meiner Mutter, meinen Geſchwiſtern zuruclt er 2 Geſch 4. und Freunden gefiel ich auch ſo, ob ich aber die Augen der Mädchen, wie es das Beſtreben eines jeden Studenten noch jetzt iſt, auf mich zog, weiß ich wirklich nicht. Ich„galt unter meinen Bekannten für einen guten Kopf, war Poet von Gottes Gnaden und manches meiner Gedichte brachte mir den Beifall meiner Freunde, auch ein freundliches Lächeln von ſchönen Lippen. In Geſellſchaft meiner Kollegen und Bekannten wußte ich mich ganz vortrefflich zu be⸗ wegen, aber in größeren Zirkeln, vorzüglich wenn ſie zum Theil aus Damen beſtanden, war ich un⸗ beholfen und linkiſch. Ich konnte wohl einzelne in eine Unterhaltung verweben, aber einem ganzen Kreiſe war ich nicht gewachſen. Drückende Verhält⸗ niſſe, welche frühzeitig auf mich eingedrungen wa⸗ ren, hatten mir den kecken Lebensmuth geraubt, und ſo viel ich mich auch bemühte, meiner Schüchtern⸗ heit Herr zu werden, nie konnte ich ſie völlig be— meiſtern. Am wohlſten fühlte ich mich entweder allein, oder, wenn die Ferien kamen, zu Hauſe. Da, von lauter Lieben und Theueren umgeben, war mir's ſo recht ſelig zu Muth, da wußte ich liebe— volle Herzen, die mir ohne Falſch zugethan waren. Es war daher ein unausſprechlicher Gewinn für mich, als ich in der Stadt durch einen Freund in deſſen Elternhauſe eingeführt und nach und nach darin heimiſch wurde. Ich war da in einem lieben Familienkreiſe, ich war ſelbſt ein Glied des Hau⸗ ſes. Nichts konnte mir angenehmer ſein, als in der Fremde eine neue Heimat gefunden zu haben. Die Familie beſtand aus einer Mutter mit zwei Söh⸗ nen und einer Tochter. Der Vater war bereits ge⸗ ſtorben. Still und friedlich lebte dieſe Familie, ohne vielen äußeren Verkehr und das Mädchen war be⸗ ſonders liebenswürdig. Sie hieß Anna. Sie war läufig franzöſiſch und ſpielte ausgezeichnet auf dem Klavier. Ich ſaß oft ſtundenlang neben ihr und horchte ihren Tönen, ſchlug die Notenblätter um und beobachtete ihre anmuthigen Bewegungen. Ich konnte mich nie ſatt ſehen. Ich befliß mich auch eifrig, ihren Muſikalienvorrath zu vermehren und plünderte zu dieſem Behufe alle meine Bekannten, bei denen Noten zu finden waren. Sie bewies ſich auch dankbar für mein Bemühen, ſie überſpielte eifrig, was ich ihr zuſammengetragen und belohnte meine Fürſorge, indem ſie mir das, was ich ihr brachte, mit ſicherer Hand vortrug Sie war über⸗ dieß in allen weiblichen Arbeiten ſehr bewandert, dabei hielt ſie das ganze Hausweſen in der pünkt⸗ lichſten Ordnung, nirgends war ein Stäubchen zu entdecken. In ihrer Nähe verbrachte ich den größten Theil der Zeit, die mir von Kollegien und vom Studiren übrig blieb, ich befand mich nirgends wohler, als an ihrer Seite. Oefter las ich ihr vor, wenn ſie nähte; ich freute mich, auch etwas zu ihrer Unterhaltung beitragen zu können, da ſie mir durch ihr Spiel ſo viele angenehme Stunden bereitete. Mir war es bald klar, daß ich dieſes Mäd⸗ chen unausſprechlich liebe. Wohl hatte ich ſchon früher zweimal zu lieben gewähnt, aber jene Ge⸗ fühle waren vorübergehend, ſie erwärmten das Herz für eine kurze Zeit, dann wurde es kühl und käl⸗ keinesfalls das, was die Kenner eine Schönheit nennen, denn ihr Geſicht war nicht oval genug und ihre Naſe um ein klein wenig zu lang, aber im übrigen war ſie ausnehmend reizend. Schöne⸗ res ſchwarzes Haar kannte ich nicht, die Stirn war mäßig und frei, das dunkle Auge brannte in einem eigenthümlichen Feuer und gab dem ganzen Geſicht ein geiſtreiches Leben, die Lippen waren ſchön geſchnitten, roth und friſch; wenn ſie lächelte zeigte ſich eine Reihe der weißeſten, wohl geordne⸗ ten Zähne und die Wangen waren von einem ſchalthaften Grübchen geziert. Dieſes Mädchen nun ter und bald war ich von meiner Einbildung zu⸗ rückgekommen. Dießmal aber war es anders. Zwei Jahre faſt kannte ich Anna und liebte ſie eben ſo lange. Das war alſo keine flüchtige Neigung, wie ich mich wohl Anfangs ſelbſt zu überreden ſuchte; das war Ernſt und Wahrheit. Liebte ſie mich? Ich legte mir dieſe Frage öfter vor, aber ich beantwortete ſie nicht. Ihr Benehmen gegen mich war ein gemeſſenes, ſie behandelte mich, wie man einen guten Hausfreund behandelt, mit Ach⸗ tung, mit Zuvorkommenheit. Ich wußte, daß ſie mich hochſchätzte, ob ſie mich liebte, wußte ich nicht, und wenn ich ſie anderen Bekannten gegenüber ſah, ſchien es mir faſt, als ob ich gegen dieſe im Nach⸗ theil ſtünde; doch dieß war nur gekränkte Eitelkeit. Die wenigen jungen Leute, welche noch in's Haus kamen, zwar ſeltener als ich, aber dennoch nicht in großen Zwiſchenräumen, hatten vor mir den Vor⸗ theil der äußeren Erſcheinung voraus. Sie waren alle hoch gewachſen und beſaßen noch andere Vor⸗ züge, deren ich mich nicht erfreuen konnte. Dieß machte mich mißtrauiſch gegen mich, gegen das Mädchen. Konnte ſie mich vor Anderen auszeichnen, da ich doch am wenigſten von Allen die Aufmerk⸗ ſamkeit eines Mädchens zu feſſeln mich getraute? Und wo das Selbſtvertrauen fehlt, da fehlt alles, der Unglückliche mag mit dem Leben und ſeinen Freuden nur ſogleich abſchließen. 22* 172 Erinnerungen. Ilkuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Ich war Doktor und hatte Ausſicht auf eine die Ferne; hinter mir ließ ich Freude, Seligkeit, ſchöne Anſtellung. Jetzt war es Zeit, mit meinen Anſprüchen hervorzutreten. Die Mutter ſchätzte mich, ſie wäre mir nicht entgegengetreten; vielleicht hätte auch die Tochter meinen Bewerbungen nachgegeben, denn die Gewißheit einer anſtändigen Verſorgung iſt einem Mädchen, welches wenig mehr als das⸗ jenige beſitzt, was Natur und Erziehung für ſie ge⸗ than Haben, immerhin etwas. Aber ich wollte ge⸗ liebt ſein. Mein ganzes Weſen war ja für die Liebe geſchaffen, mein Element war Liebe, jeder warmen Aeußerung eines Andern war ich mit ganzer Seele zugänglich und für einen Freund, für ein geliebtes Weſen hätte ich mein Leben hingeben können. Ver⸗ gebens beobachtete ich, vergebens verſuchte ich manche kleine Liſt, um mir nur eine ſchwache Andeutung von Anna's Liebe zu verſchaffen. Sie blieb ſich gleich und ich— war Thor genug in meiner ſtummen Sehnſucht zu verharren. Unterdeſſen hatte ich alle akademiſchen Grade erreicht. Mein Anſtellungsdekret lag in meinen Händen. Ich rüſtete mich zur Abreiſe. Am letzten Abende meines Aufenthaltes in der Stadt ſaß ich neben Anna am Klavier. Sie ſpielte eine traurige Abſchiedsmelodie nach einem einfachen Volksliede. Ich hörte ſie kaum; ich unterließ es ſogar die No⸗ tenblätter umzuſchlagen, das einzige Mal, wo ich mir dieſen Mangel an Aufmerkſamkeit zu Schul⸗ den kommen ließ. In meiner Seele wogte es ſtür⸗ miſch. Sollte ich dieſes Weſen, das mir über alles werth war, auf immer verlaſſen oder es für immer an mich zu feſſeln ſuchen? Wer räth mir in dieſer verhängnißvollen Stunde? Ich hatte keinen Freund in der Nähe, dem ich mich offen hätte vertrauen können, und ich war in einer Verfaſſung, die mich zu keinem Entſchluß kommen ließ.— Plötzlich k kam mir ein Gedanke— ich meiner Weſte. Lächeln faßte den unterſten Knopf Sie immerhin bei dieſem Geſtändniß. Es gibt Augenblicke, wo der Menſch, unfähig ſich ſelbſt zu beſtimmen, zu dem Wider⸗ ſinnigſten ſeine Zuflucht nimmt, trotz Aufklärung, Gelehrſamkeit und allem, was die Herrſchaft der Vernunft bei ihm befeſtigen ſollte. Ein Knopf war es, dem ich die Entſcheidung meines ganzen Le⸗ bens vertraute. Ich faßte alſo den unterſten Knopf meiner Weſte und zählte: Soll ich— und dann die nächſt⸗ höheren— ſoll ich nicht— ſoll ich— ſoll ich nicht— ſoll ich— ſoll ich nicht!— Ich hielt den letzten Weſtenknopf zwiſchen den Fingern und er hatte das Gottesurtheil ausgeſprochen: Soll ich nicht! Ich gehorchte dem Knopfe. Ich erhob mich. Ich ſprach mit gepreßtem Herzen das Abſchiedswort, meine Hand zitterte, um meine Augen flirrte es. Ich ſah nicht den Schmerz in den Zügen von Mut⸗ ter und Tocht. ich erkannte nicht das Beben der zarten Hand, die die meine krampfhaft umſchloß, ich rief: Ade! und eilte fort— fort hinaus in Alles, Alles. Vierzig Jahre ſind nun verfloſſen ſeit dieſer Trennung. Ich bin ein alter Mann. Der Menſch, oder vielmehr die Zeit überwindet alles. Ich ſuchte zu vergeſſen und ich vergaß. Was aus dem Mäd⸗ chen meiner Liebe geworden, wußte ich nicht, ich hatte mich nie mehr nach ihrem Schickſal erkun⸗ digt, ich lebte meinem ärztlichen Berufe, der mir manche trübe, doch auch manche angenehme Stunde brachte. Dem Bedürfniß nach Häuslichkeit genügte ich dadurch, daß ich meine Schweſter zu mir nahm, die mir mein kleines Hausweſen beſorgte, die mich liebte und jedem meiner Wünſche entgegen kam. Doch bald dem Ruf der Liebe, und ich ſtandemlein. Aber auch an die Einfamkeit gewöhüte ich niichg Ich gab mich um ſo eifriger der Erfüllung mei⸗ ner Berufspflicht und meinen Studien hin. Vor einigen Monaten wurde ich zu einem Kaufmanne in der Nachbarſchaft gerufen. Es war eine Kranke dort, die meiner Hilfe bedurfte. Sie war aus der Stadt, eine Verwandte des Kauf⸗ manns, zu dem ſie auf Beſuch gekommen war, um in der friſchen Landluft ihre angegriffene Geſund⸗ heit wieder herzuſtellen. Die Arme hatte die ge⸗ wünſchte Erholung nicht gefunden, ich traf ſie ſehr leidend. Ihr Anblick erregte meine Theilnahme in außerordentlichem Grade, ich wußte nicht warum. Ihr Geſicht war mir völlig unbekannt, es war eingefallen, von den Furchen des Alters gezeich⸗ net, aber ihr Auge ſchien mich wie einen alten Bekannten anzuſprechen. Nachdem ich das Nöthige verordnet hatte, erkundigte ich mich bei dem Kauf⸗ manne nach dem Namen der Patientin. Er nannte mir einen ganz unbekannten. Sie hatte den Bruder ſeiner Frau geheiratet und war Witwe ſeit meh⸗ reren Jahren. Als ich am folgenden Tage wieder kam, fand ich ſie beſſer und ihr Zuſtand gab mir Hoffnung zu einer baldigen Geneſung. Aber je öfter ich ſie ſah, deſto mehr kam ich zur Ueberzeugung, daß ich ſie ſchon irgend wo im Leben geſehen haben mußte. Nach mehreren Wochen war ſie wieder völlig hergeſtellt Eines ſchönen Sommerabends ihrer Seite durch den Garten, mit beſonderer Vorliebe pflegte. „Finden Sie nicht,“ ſraß ich,„daß wir uns ſchon irgendwo, vielleicht vor langer Zeit einmal geſehen haben? Mir ſcheint, als wäre dem ſo. Ihr erſter Anblick ſchien mir ſo bekannt.“ „Ja wohl,“ ſeufzte die Frau, Zeit, vor etwa vierzig Jahren.“ Da durchzuckte es mich mit einem Male wie ein Blitz. Starr blickte ich ihr in's Antlitz. „Sind Sie nicht“— ſprach ich, aber mehr kam nicht über meine Lippen. „Anna, Ihre ehemalige Freundin,“ ergänzte ging ich an den der Kaufmann „vor langer mußte ich auch dieſe miſſen; ſie fo lgte. —— Mo. 4 kenſch, Ich ſuchte i Mid⸗ aufmann wir uns einmal 1 ſo, Ihr — — 5 4 Karl Guſtav Meyer: Die Sage vom Otterkönkge mit der goldenen Krone. ſie und ich fühlte eine warme Thräne auf mei⸗ ner Hand. Alſo ſie war es, ſie, die ich geliebt. Darum hatten mich ihre Augen ſo bekannt angeſprochen. Aber wie verändert war ſie, dieſe einſt ſo blühende Geſtalt. Wir ſtanden an einem klaren Baſſin. Ich ſah die Bilder von uns beiden auf der ruhigen Waſſerfläche abgezeichnet. Ich war ja auch ein Greis geworden. Jetzt, da Jahre über unſerer Trennung la⸗ gen, konnte ich ruhiger denken und ſprechen, und ich bekannte ihr offen die Qual, die ich damals empfunden und wie ſchwer mir das Scheiden war, und daß ein Knopf mein Geſtändniß zurückgehalten. Sie ſchwieg lange und Thräne rann auf Thräne teber ihre bleichen Wangen. Dann geſtand ſie mir, daß ſie mich geliebt, warm und innig ge⸗ liebt, daß ihr mein Scheiden das Herz gebrochen, daß ſie in eine lange Krankheit verfiel und daß ſie nach ihrer Geneſung dem Wunſche ihrer Mutter, welche die Tochter verſorgt wiſſen wollte, nicht wi⸗ derſtehen durfte. Sie hatte einen Kaufmann gehei⸗ ratet, ihre Ehe war nicht geſegnet, ſie mußte vie⸗ les, vieles leiden, ſie wurde Witwe, hatte keine Kinder, die ſie für manchen Schmerz hätten ent⸗ ſchädigen können. Wie mir war, als ich dieſes hörte, kann ich nicht beſchreiben. Der Knopf, der Knopf oder viel mehr meine Unentſchloſſenheit, mein alberner Aber glaube hatten uns beide um unſer Lebensglück betrogen. Die Sage vom Otterkönige mit der goldenen Krone. Erzählt von Karl Guſtav Meyer. n der niederen Stube einer abgelegenen Wald⸗ hütte des Erzgebirges ſaß vor gar langer Zeit Marget, die alte Witwe eines ſchon vor Jahren verſtorbenen Holzhauers, hinter ihrem - Spinnrade und warf von Zeit zu Zeit ſpähend den matten Blick durch die trüben Fenſter⸗ ſcheiben, als ob ſie Jemanden erwartete. Es war in den letzten Tagen des Spätſom⸗ mers, dieſer für die Gebirgsbewohner ſo genuß⸗ reichen Zeit, wo die durch die Sonne ausgebrann⸗ ten Haideſtrecken ſich wieder mit friſchem Grün bekleiden, Maßliebchen und Waldglocken und alle die buntfärbigen Blumen auf's Neue ſproſſen und blühen, der Schlehdorn und die Hagebutte ſich mit ihren Früchten ſchmücken und die Bäume des Wal⸗ des den würzigſten Duft, aushauchen. Es mochte der Nachmittag ſchon weit vorge⸗ rückt ſein; die Schatten der hie und da vereinzelt auf der Haide ſtehenden Bäume dehnten ſich zu 173 Rieſengeſtalten, die in grotesken Formen über das üppig und ſchwellend aufgeſproßte Gras hin und her wogten, da ein leiſer Wind über die Haide ſtrich. Von dem klaren Bache, der ſich durch die niederen Gebüſche ſchlängelte, erglänzte ſtellenweiſe das ſcheideude Sonnenbild in zuckenden Strahlen wieder. Am nahen Hügel, gebildet aus taubem Geſteine und lockerem Gerölle des nahen Eiſenſtein⸗ ſchachtes, ſonnten ſich noch die grünlich ſchillernde Eidechſe und die braungefleckte Haſelotter, welche aber furchtſam ziſchend in die nahen Geklüfte hin⸗ einſchlüpften, als Menſchentritte hörbar wurden und vom nahen Walde her ein junger Mann kam, deſſen Geſchäft man auf den erſten Blick an der über die breiten Schultern hängenden Säge und der ſcharfen Axt in der ſehnigen Rechten erkannte. Es war ein Holzhauer, der eben von ſeiner mühe⸗ vollen Arbeit heimkehren mochte. Der junge Mann mußte die Haſelotter bemerkt haben, denn als er dem Gerölle näher gekommen, blieb er lauſchend ſtehen, neugierig ob das Gethier etwa wieder hervorkriechen möchte; als er jedoch längere Zeit geſtanden, ohne daß ſeine Erwartung befriedigt wurde, ſchritt er langſam der Hütte zu, aus deren Thüre eben das alte Mütterchen trat. Sie ſetzte auf den runden Steintiſch vor derſelben einen mächtigen Milchnapf und begrüßte den An⸗ kommenden freundlich mit den Worten: „Du biſt heute länger geblieben als gewöhn⸗ lich, Joſef; die Röſe war ſchon hier und hat nach Dir gefragt.“ Bei der Mittheilung der letzten Worte ſchien ein Strahl der Freude über das Geſicht des jun⸗ gen Mannes zu fliegen, denn mit ſichtbarem Ver⸗ gnügen reichte er der Mutter die ſchwielige Hand, (legte das mitgebrachte Werkzeug ab und ſetzte ſich auf die zunächſt des Steintiſches gerückte Bank, indem er lächelnd erwiederte: „Ja, ja, Mutter, Röſe iſt doch ein gutes Kind, und ich hahe ſie auch recht lieb, und gewiß! längſt würden wir ſchon ein Paar geworden ſein, wenn wir Beide nur nicht gar ſo arm wären; aber ſo—“ fuhr Joſef wieder düſterer werdend fort—„ſo wird es wohl noch einige Zeit dauern, ehe dieß geſchehen kann, außer— ich habe einmal das Glück den Otterkönig zu treffen und ſeine Goldkrone zu finden. Nun, hiezu kann doch Rath werden, da ich den Ort jetzt weiß, wo ſich der Otterkönig aufhält. Ich habe heute ſchon mehrere ſeiner Diener geſehen,— und wo dieſe ſind, da iſt der König auch, oder wenigſtens nicht weit.“ „Und Du meinſt,“ fiel Marget ein,„das werde ſo leicht gehen, wie Du Dir es einbildeſt? Siehe Joſef, ich bin alt geworden hier in der Hütte, und auch Dein Vater, Gott habe ihn ſelig! aber weder wir noch Einer unſerer Bekannten ha⸗ ben den Otterkönig getroffen, wenn er ſeine Gold⸗ krone abgelegt und ſich mit ſeinen Genoſſen im falben Mondſcheine erluſtiget hat. Wohl hat Deine 174 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Urahne, die Anne⸗Liſe mir in meiner Jugend einmal vertraut, daß ſie einſtens ſo glücklich gewe⸗ ſen, dieſen zu treffen; als ſie aber ſchon nach der glänzenden Krone greifen wollte, da hätte der ganze Schwarm der übrigen Ottern ſie ziſchend und zün⸗ gelnd umgeben, und ſie wäre froh geweſen unge⸗ fährdet herauszukommen aus dem Gewirre der un⸗ heimlichen Thiere!“ „Das will ich ſelbſt meinen,“ ſagte Joſef, welcher mittlerweile den Milchnapf zur Gänze her⸗ ausgelöffelt und die letzten Tropfen ausgeſchlürft hatte,„Anna⸗Liſe hat nur die Sache nicht ver⸗ ſtanden; denn wie ich vom alten Berghäuer Martin gehört habe, der doch derlei Dinge verſteht und dem Manches unter die Hand gekommen iſt, muß der, welcher den Otterkönig belauſchen will, wenn er ſein Goldkrönchen ablegt, nur um Mitternacht vor einem Marientage auf der Haide weilen und an einem Orte, wohin kein Mondſchein fällt, ein weißes noch ungebrauchtes Tüchlein ausbreiten. Auf dieſes legt ſodann der Otterkönig, den die weiße Farbe beſonders anlockt, ſeine Goldkrone ab, weil ſie ihn in den freien Bewegungen bei ſeinen Spie⸗ len hindert. Iſt dieß nun geſchehen und hat der Glückliche das ausgebreitete Tüchlein mit ſeinem koſtbaren Kleinode errafft, ſo iſt eiliges Entfernen gegen Sonnenaufgang ohne alle Umſchau nöthig; denn wenn er ſich umblickt oder eine andere Richtung des Weges nimmt, ſo iſt er verloren, da alle Ottern und Nattern der Umgebung ihn dann umringen und geifernde Molche ihr Gift auf ihn ſpritzen, bis er umgekommen vom verpeſtenden Hauche.— Freilich dann, wenn das Wagniß ge⸗ lungen, dann iſt jener glücklich zu preiſen, der im Beſitze eines ſolchen Kleinodes iſt;— ihm gelin⸗ gen alle Unternehmungen, er ſieht die Lager aller verborgenen Schätze in der Erde Tiefen, und die Erd⸗ und Luftgeiſter ſind ihm unterthan.“ Während dieſes Geſpräches war Röſe, die Tochter des nachbarlichen Köhlers, Beiden unbemerkt näher geſchlichen, und indem ſie den vollen runden Arm um den gebräunten Nacken ihres Geliebten ſchlang und dieſen herzlich küßte, ſagte ſie freudig: „Ich habe Dir vorhin zugehört, Joſef, und was Du da gewollt, das kann ja heutz Nacht ge⸗ ſchehen, denn morgen haben wir gerade einen Marientag, und der Mond ſieht gar freundlich und hell zur Erde nieder. Willſt Du es wagen, um Mitternacht hinauszugehen auf die Haide, ſo haſt Du hier das begehrte neue weiße Tüchlein; unter dem Schutze der hohen Himmelskönigin möge es Dir wohl gelingen!“— War Joſef ſchon immer willens, den Ver⸗ ſuch zu wagen, ſo wurde er durch eine derartige Aufforderung in ſeinem Vorhaben um ſo mehr beſtärkt.— Als gegen Mitternacht Baum und Strauch der Haide im reinen Mondlichte erzitterten, da trat er hin in die Nähe der wüſten Halde, dort wo der buſchige Eibenbaum ſteht, deſſen dichtbelaubten Aeſte weithin ihre Schatten warfen, und breitete das Tüchlein am Fuße des Stammes aus, hinter dem er ſich in ängſtlicher Erwartung der Dinge, die kommen würden, verbarg. Und es währte nicht lange, da raſchelte es in den Gebüſchen und in dem Knieholze, aus den Klüften des Geſteines und aus den Ritzen der Felſen ringelten ſich Ottern und Nattern hervor und ſchlüpften über Gräſer und Moos hin gegen das lockere Gerölle neben dem alten Schacht, wo all' das Gethier einen weiten Kreis bildete und mit wunderſamen Geziſch und mancherlei Tönen ſeinen König zu rufen ſchien. Als der Mond gerade im Zenithe des Kreiſes ſtand, da fing es auch an ſich in der Halde zu regen; einzelne Steinchen kollerten herunter, ſchwerfällig kroch eine dickleibige Otter heraus und wälzte in wel⸗ lenartigen Schwingungen ihren Leib über die Haide gegen den Eibenbaum zu, während die übrigen Genoſſen ſie gleichſam ſpielend und dienend um⸗ huſchten und zu dem dort ausgebreiteten weißen Tuche wie zu ihrem Ruheſitz und Throne geleiteten. Hier rollte ſich das Thier zuſammen, ſo daß Kopf und Schweif Eins zu ſein ſchienen und man weder Anfang noch Ende erkennen konnte, ſchnellte ſich endlich zuckend empor und miſchte ſich unter den übrigen Haufen;— auf dem Tuche aber erblitzte im Dunkel ein lichter Schein. Der aufmerkſam lauſchende Joſef erkannte augenblicklich die abge⸗ legte Krone⸗ mit einem haſtigen und doch leiſen Ruck zog er das Tüchlein an ſich und rannte dann ohne umzublicken über die Haide hin durch Geſtein und Geſtrüppe der gegen Sonnenaufgang liegenden Hütte zu, ohne ſich von dem Geziſche und den wun⸗ derlichen Tönen beirren zu laſſen, die ihn verfolg⸗ ten. Erſt als die Hütte ihn aufgenommen und er die Thüre feſt verſchloſſen hatte, blieb er tiefath⸗ mend ſtehen.. Freudig und erwartungsvoll wurde nun das Tuch geöffnet, und, o Wunder! eine zierlich geformte goldene Krone glänzte dem Gliücklichen entgegen. Ihre fünfkantige obere Rundung umſchloß einen hellglänzenden Karfunkel, deſſen magiſcher Schimmer die Stube mit farbigem Lichte erfüllte! Als aber ſpäter auch die übrigen Wirkungen des köſtlichen Kleinodes ſich äußerten, als die Schätze in der Erde Tiefen dem glücklichen Beſitzer desſel⸗ ben zugänglich wurden und ſein Reichthum un⸗ endlich ſich mehrte: da erbaute ſich der ſonſt ſo arme Holzhauer auf einem hohen Berge ein ſtatt⸗ liches Schloß, wo er mit Theres in der Fülle des Glückes lebte. Die goldene Krone ſoll durch viele Generationen im Beſitze ſeiner Nachkommen geblieben und erſt dann verſchwunden ſein, als die letzten Sprößlinge zur Strafe böſen Thuns eines jähen Todes verblichen. — thel elaubten ud hre⸗ dreitete binter Dinge, rie nicht dd in dem à und aus die Ha die Halde 9 e übrigen „ rationen und erſt ißlinge verblichen Geh' hin und ſündige hinfort nicht mehr.*) „Dieß Weib, es ward auf off'ner That betroffen, Als es dem Gatten ſchnöd die Treue brach; Sag,, welche Strafe trifft die arge Schmach? Darf dieſe Sünderin Verzeihung hoffen?“ So frug der Heuchler Schaar. In Strömen troffen Des Weibes Zähren, das zuſammenbrach. Ernſt blickt der Herr. Das Herz deß, der ſo ſprach, Der Sünd'rin Herz— ſie liegen beid' ihm offen. Er ſpricht voll Ruh':„Bei Gott iſt das Vergeben, Wer rein iſt, ſoll den Stein auf ſie erheben.“ Bald war die Halle von den Heuchlern leer. „Wo ſind ſie, die zu richten ſich vermeſſen? Du haſt bereut, die Schuld iſt Dir vergeſſen, Geh' hin und ſündige hinfort nicht mehr.“ ——— Dolce ſar niente. Ein volkswirthſchaftliches Apergu von Dr. Cheophil Pisling. — AADas„5: A 2 1. G& üßer Müßiggang! Welcher Zauber liegt in (Mieſem Worte! Wie Manchem mag es als Ss letztes Ziel ſeiner Hoffnungen, als das Ideal „„S einer beſſern ſchönern Zukunft erſcheinen! Ar⸗ es beiten wir nicht alle, um dann müßiggehen zu können? Erſcheint dieſer Hang zum Mü⸗ ßiggang, mit dem wir auf die Welt kommen, durch⸗ aus als kein verwerflicher? Die Natur iſt uns mit ihrem Beiſpiele vorangegangen, und beinahe alle Geſetzgeber haben dieſem Hange Konzeſſionen gemacht; und dennoch iſt es nicht blos das Sprich⸗ wort, ſondern auch die Erfahrung, die uns lehrt, aß Müßiggang aller Laſter Anfang, und Rouſ⸗ eau behält ewig Recht, wenn er behauptet:„Riche u pauvre, puissant ou faible: tout citoyen isif est un fripon.“(Reich oder arm, mächtig oder chwach— jeder müßige Bürger iſt ein Schelm.) Das ſehen auch alle Vernünftigen ein, und dennoch verden von ihnen neunundneunzig unter hundert on dem paradieſiſchen Zuſtande des Nichtsthuns räumen, von jenem Eldorado der goldenen Aepfel, die ſo tief herabhängen, daß man nur die Hand auszuſtrecken braucht, oder gar von den gebratenen Tauben, die in den Mund fliegen, wobei man ſo⸗ gar die Hände im Schoße liegen laſſen kann. Aber die Volkswirthſchaftslehre bewegt ſich glücklicherweiſe *) Zu der Bilder⸗Beilage dieſes Heftes. Das Original zu unſerer Pylografie, ein Aquarellgemälde von E. Cor⸗ bauld, befindet ſich in der k. Sammlung zu Osborn. Prinz Albert hat voll Anerkennung des Talentes, das ſich in dieſem Gemälde ausſpricht, den Maler zum Zei⸗ chenlehrer der k. Hoheiten, Seiner Kinder, erwählt. Dr. Theophil Pisling: Dolce far niente. 175 auf einem reelleren Boden als dem der goldenen Aepfel und gebratenen Tauben, und darum dürfte es ihr am früheſten gelingen, den Schlüſſel zu die⸗ ſem Räthſel zu finden und den Widerſpruch zwi⸗ ſchen einem Geſetze der Natur und des Verſtandes aufzuklären. Vor allem gibt es keinen abſoluten Müßig— gang, denn eben ſo wenig als Zeit und Natur ſteht die Thätigkeit des Menſchen einen Augenblick ſtill. Stillſtand der Thätigkeit iſt gleichbedeutend mit Tod. So lange der Menſch lebt, treibt ihn der Drang der Selbſterhaltung zur Thätigkeit, nur iſt der Prozeß derſelben eben nicht immer ſichtbar und vollbringt ſich oft, wie die große Thätigkeit der Natur, in geheimen Werkſtätten. Weſentlich unterſchieden von der bloßen Thätigkeit, die ebenſo konſumirend als produzirend ſein kann, iſt die Arbeit. Zur Arbeit wird die Thätigkeit erſt durch die Intention des Schaffens, durch ein Ziel, das ihr geſetzt wird und welches wir gewöhnlich Produkt nennen. Um dieſes Ziel zu erreichen, muß ſich die Thätigkeit mit der Anſtrengung ver⸗ binden; dieſe Verbindung von Thätigkeit und Mühe bildet das Weſen der Arbeit. Das Maß der Thä⸗ tigkeit beſtimmt die quantitative, das der Mühe die qualitative Größe des Produktes. Das Streben der Intelligenz iſt, die Qualität des Produktes zu verbeſſern und die Mühe zu vereinfachen. Die Na⸗ tur der Mühe, nicht aber die der Thätigkeit, be⸗ ſtimmt auch den Charakter der Arbeit; die Thä⸗ tigkeit iſt ſtets mehr eine phyſiſche, die Mühe mehr eine geiſtige. Jemehr letztere überwiegt, deſto edler iſt die Arbeit. So iſt z. B. bei der geiſtigen Arbeit die Mühe der Konzeption, des Denkens der über⸗ wiegende Faktor, die Thätigkeit des Niederſchreibens der ſekundäre. Iſt ohne Thätigkeit keine Exiſtenz möglich, ſo wird ſie durch Arbeit erleichtert. Der Philoſoph Hobbes ſagt:„Gott hat die Mittel zur Nahrungund Erhaltung rings umher um uns niedergelegt, aber es bedarf der Arbeit und des Gewerbefleißes, um ſie in Empfang zu nehmen; der Wohlſtand eines Volkes hängt von ſeiner Ar⸗ beit und ſeinem Fleiße ab.“ Sein berühmter Geg⸗ ner Locke ſtimmt mit ihm hierin überein:„Wenn wir die Dinge,“ ſagt er,„welche wir gebrauchen, näher betrachten und unterſcheiden, was die ur ſprüngliche Natur, was die Arbeit für ſie gethan hat, ſo werden wir bei den meiſten finden, daß neunundneunzig Hundertſtel davon ganz auf Rech nung der Arbeit zu ſtehen kommen. Der Menſch erhält Eicheln, Waſſer, Thierfelle und Blätter aus der unmittelbaren Hand der Natur, aber der Unter⸗ ſchied, welcher zwiſchen Eicheln und Brod, Waſſer und Wein, Fellen und Blättern und Tuch und Seide herrſcht, iſt einzig und allein der Erfolg der Arbeit.“ Das was wir im gewöhnlichen Leben Müßig⸗ gang nennen, iſt daher nicht Unthätigkeit, denn eine ſolche gibt es nicht, ſondern Mangel an Ar⸗ beit. Entſteht dieſer Müßiggang durch das Fehlen 176 Erinnerungen. der Arbeit, dann iſt es die traurigſte Art desſel⸗ ben, nämlich der Müßiggang der Armuth; entſteht er durch Ueberflüſſigkeit der Arbeit, dann iſt es die beſte Art desſelben, der Müßiggang der Rei⸗ chen, das dolce far niente. Der Hang zum Mü⸗ ßiggang, das heißt zu einer Thätigkeit ohne Mühe, kann alſo ebenſo löblich als ſträflich ſein, je nach den Bedingungen, unter welchen er entſteht. Henry Maghew, der Verfaſſer des ausgezeichneten Wer⸗ kes:„London Labour and the London Poor“ theilt die Menſchen erſtens in ſolche, welche nicht zu arbeiten brauchen, zweitens in ſolche, die nicht arbeiten können, drittens in ſolche, die nicht arbei⸗ ten wollen, und viertens in ſolche, die arbeiten wollen. Nach dieſem Syſteme gruppiren ſich auch die Müßiggänger in ſolche, die es ſein dürfen, die es ſein müſſen, die es nicht ſein dür⸗ fen und ſolche, die es nicht ſein können. Ebenſo wenig aber, als es einen abſoluten Müßig⸗ gang in dem Sinne von Unthätigkeit geben kann, eben ſo wenig kann es einen Menſchen geben, der nie müßig geweſen. Müßiggang in dem Sinne von Thätigkeit ohne Mühe iſt ebenſo eine Bedingung der Exiſtenz wie die Arbeit. Dieſer Müßiggang, der Allen gemein iſt, beſteht in der müheloſen, den Bedürfniſſen des Körpers gewidmeten Thätigkeit, welche, wenn wir den Schlaf hinzurechnen, mehr als ein Drittel jedes Menſchenlebens in Anſpruch nimmt. Dieſer Müßiggang iſt aber wie das Brach⸗ liegen ein produktiver, weil durch ihn die Möglich⸗ keit der Arbeit bedingt iſt. Dieſen Müßiggang müſſen wir auch bei jenen Menſchen finden, die wir nach unſerer Abtheilung in die letzte Klaſſe derjenigen eingereiht, die nicht müßiggehen können, weil ihr Lebensunterhalt von der Arbeit abhängt. Dieſe Klaſſe iſt die größte. Sie bildet den Kern jeder Bevölkerung, den Mittelſtand. Ihr gegenüber ſteht die Klaſſe derjenigen, die müßiggehen müſſen. Dieſer fällt die Menge der Armen altheim, die keine Arbeit finden, oder durch Gebrechen und Krank⸗ heit keine annehmen können. Der Müßiggang die⸗ ſer iſt der unverſchuldete und der durch ihn entſtehende Ausfall des Erwerbes muß durch die Wohlthätigkeitsanſtalten erſetzt werden. Nun kommen wir zu den zwei übrigen Klaſ⸗ ſen, die wieder einen Gegenſatz zu einander bilden. Die Klaſſe derjenigen, die nicht arbeiten wollen, umfaßt das Heer der der Geſellſchaft gefährlichen Individuen. Ihr Müßiggang iſt ein ſträflicher, gegen den die Macht des Staates einſchreiten muß, weil durch ihn eine doppelte Beraubung des Scha⸗ tzes entſteht, den jeder Staat in der National⸗ arbeit beſitzt; durch ſträflichen Müßiggang werden dem Staate nicht nur Arbeitskräfte, welche pro⸗ duktiv wirken könnten, entzogen, ſondern es fallen ihm auch die dieſer Klaſſe Angehörigen zur Laſt. Sie haben ſich hier inſolvent erklärt, der Staat muß ſie alſo in Arbeits⸗ und Korrektionshäuſern zwingen, ihre Schuld zu bezahlen. Dieſe Schuld Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. beſteht in dem Maße der Arbeit, mit welchem jeder Bürger den Staat für das, was er ihm gewährt, bezahlen muß; denn„Arbeit,“ ſagt Adam Smith, „iſt der urſprüngliche Preis, das Originalkaufgeld, womit Alles bezahlt wird. Nicht mit Silber und Gold, das ja auch erſt erarbeitet werden mußte, ſondern mit Arbeit iſt aller Reichthum der Welt zuerſt erkauft worden.“ Anders verhält es ſich mit der vierten Klaſſe derjenigen Müßiggänger, die es ſein dürfen. Das ſind die Männer des dolce far niente. Sie be⸗ dürfen für ihre eigene Ernährung der Arbeit nicht, denn ihr Reichthum erlaubt es ihnen, Andere für ſie arbeiten zu laſſen. Dem Staate zahlen ſie den Werth ihrer Arbeit ſtatt dieſer ſelbſt und der Staat hat allen Grund mit dieſem Tauſche zufrieden zu ſein, da auch ihr Müßiggang produktiv iſt, indem er Andern Erwerbsquellen öffnet. Freilich läßt ſich dem far niente nur dann das Wort reden, wenn 2s auch dolce iſt. Nur aus dem Streben, die der Arbeit entzogene Zeit möglichſt angenehm aus⸗ zufüllen, entſpringt ein produktiver Müßiggang und nur ſo lange dieſes Streben die Grenze des dolce nicht überſchreitet, wird das far niente die⸗ ſer einen Klaſſe eine wohlthätige Rückwirkung auf die drei andern ausüben. Von den Bedürfniſſen derjenigen, die nicht zu arbeiten brauchen, hängt die Beſchäftigung derjenigen ab, die arbeiten müſ⸗ ſen. Aber nur ſo lange iſt die Abhängigkeit eine wünſchenswerthe, als die Bedürfniſſe nicht gewiſſe Schranken überſchreiten, was gewöhnlich da ein— tritt, wo ſich die Lebensweiſe nach Ständen unter⸗ ſcheidet und dieſe mit einander um ſich künſtlich auferlegte Bedürfniſſe zu wetteifern beginnen, wobei der günſtige Einfluß, den Luxus und Modewechſel, welche die Hebel des dolce far niente ſind und auf welche wir vielleicht nächſtens zu ſprechen kom⸗ men— auszuüben berufen ſind, wieder paraliſirt wird durch den Umſtand, daß viele Arbeitskräfte durch die Produktion des Ueberflüſſigen der Produktion des Nützlichen entzogen werden. Alles Unproduktive iſt Ballaſt der Schöpfung, der jeden Aufſchwung hemmt und vermieden werden muß, um dieſen zu fördern. Das Maß der Unprodukti⸗ vität iſt auch das Maß des Elends; die phyſiſche und geiſtige Produktivität iſt der Adel des menſch⸗ lichen Geiſtes, der, ob mittelbar oder unmittelbar, doch immer ſchaffend iſt. Nichts, was produktiv iſt, kann deßhalb ganz verwerflich ſein. Wir haben gezeigt, daß auch dieſer Müßiggang produktiv ſein kann; darum wollen wir im Gegenſatze zu Vielem auch das Nichtsthun nicht verwerfen. Das Nichtsthun zu einem ſüßen zu geſtalten, iſt freilich nur Men⸗ ſchen von Geiſt möglich, deren geiſtige Unterhal⸗ tung ein Müßiggang nach unſerer Definition, eine Thätigleit ohne Mühe iſt. Solches dolce tar niente aber— das müſſen auch unſere Geg⸗ ner geſtehen— iſt ſtets produktiv. — den jdder gewährt — 719 dor M der Welt om⸗ varaliſtrt räfte 1 s menich⸗ ttelbar, roduktib Wir haben foduktiv ſein un Vielem „Nichtsthun nur Mel- e Uuterhal⸗ Kuition, eille lcces dolce unſere Geg⸗ ———— Volkstrachten in Oeſterreich. 177 Volkstrachten in Oeſterreich. 1. Tracht des Egerländers. Von einem Egerländer. Pnſer Egerländer trägt eine blaue, grüne r oder braune Tuchjacke, die eben ſo nett als S kurz iſt, ſchwarze bocklederne, weite Pump⸗ 2 hoſen, die knapp bis unter die Achſeln hin⸗ „ aufreichen und mittelſt eines ſtarken, ſchwarz⸗ ledernen, meiſt mit reicher Stickerei gezier⸗ ten Hoſenträgers, der an einem gro⸗ ßen vergoldeten Meſſingknopfe v. 2 bis 2 ½ Zoll Durchmeſſer und an zwei kleineren von circa 1 bis 1 ½ Zoll Durch⸗ meſſer haftet, feſt⸗ gehalten werden. Unter dem Trä⸗ ger befindet ſich ein kurzes Leib⸗ chen meiſtens von ſchwarzer Farbe. Um den Hals ſchlingt ſich ein ſchweres ſchwar⸗ zes Seidentuch, das dort gebun⸗ den iſt, wo unſern Ahnen einſt der Haarzopf hing. Auf dem Kopfe trägt der Eger⸗ länder einen run⸗ den Filzhut, auf dem der„Holz⸗ ſtoß“— ein Ge⸗ hefte von handbreiten ſchwarzen Seidenbändern— angebracht iſt. Auf den Hüten der alten Junggeſellen erblicken wir noch hie und da ein ſchmales rothes Band. Im Winter trägt der Bauer ſtatt des Hutes eine Pelzmütze von grünem Sammt mit Fiſchotter⸗ Ausſchlag. Im Sommer und Winter ſehen wir den⸗ ſelben in einen grünen oder braunen Kragenmantel von 8—9 Ellen feinen Tuches gehüllt. Die Füße bekleidet er mit ziegenledernen Stiefeln, welche ſo knapp anpaſſen, daß man oft nicht weiß, ob man mehr die Geſchicklichkeit der Erzeuger oder des An⸗ ziehers bewundern ſoll. Ueber der Thüre eines Wirthshauſes las man Erinnerungen, 1859. vor nicht langer Zeit unter Glas und Rahmen folgenden Vers: „Nach Neuerungen ſtreben Fall' keinem von uns ein; Hübſch feſt am Alten kleben Soll unſer Wahlſpruch ſein!“ Aber es ſcheint, daß wenig Gäſte in die zur Fer⸗ tigung in dieſem Sinne auf der braunen Geſchirr⸗ bank aufliegenden Liſte ihre Namen zeichneten, denn dieſe eigenthümliche kleidſame Nationaltracht iſt im⸗ mer mehr im Verſchwinden, obſchon für deren Beibehaltung von Vorgeſetzten das Möglichſte ge⸗ than wurde. Auch Seine Eminenz, der hochwürdigſte Herr Kardinal⸗ Fürſt⸗Erzbiſchof von Schwar⸗ zenberg, for⸗ derte vor mehre⸗ ren Jahren bei der Ankunft im Egerländchen zur Beibehaltung der Volkstracht auf, als 50 Egerlän⸗ der zu Pferd im Nationalkoſtume Se. Eminenz bei der Bezirksgrenze nächſt dem Dorfe Gaßnitz empfin⸗ gen. Es läßt ſich profezeihen, daß dieſe Tracht in wenig Jahren nur noch ein Schau⸗ ſtück alter oder armer Großväter ſein wird, da jetzt ſelbſt Männer mit grauen Haaren noch aufangen, die Moden der Städ⸗ ter nachzuahmen. Die Egerländerinen tragen meiſt dunkle Kopf⸗ tücher, welche ſo um den Kopf gebunden werden, daß kein Haar vorſieht. Das ausgeſchnittene Mieder iſt mit goldenen oder ſilbernen Stickereien geziert; die Jacke mit dem gefältelten Kragen ſchließt ſich eng an; der faltenreiche Rock fällt bis auf die Knöchel herab, und wird zum größeren Theile von der breiten und langen faltenloſen Schürze bedeckt. —j— — — 178 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Folgen einer Entenjagd. Humoreske von g. W. (Schluß.) — Der Liebhaber und der Hageſtolz. Durch den Regen in die— Traube. G ißmuthig und mit tiefherabhängendem Haupte —Lſchritt der Herr Poſtmeiſter Peter in ſei⸗ nem mit allem erdenklichen Luxus ausge⸗ — ſtatteten Zimmer auf und nieder, während Emilius in einem niedrigen Fauteuil ſitzend, 7 trübſelig zu dem mit dichten Wolken ver⸗ hüllten Himmel hinaufblickte, der ſich die Feſttags⸗ paſſion machte, durch ganze Ströme von Regen jedes Ausflugsprojekt zu Waſſer werden zu laſſen. „Wenn ſich das Wetter nicht bald ändert, ſo ſtopfe ich meinen neuen Frack mit Heu aus und ſtelle ihn in's erſte beſte Krautfeld,“ ſprach der Poſt⸗ meiſter, das lange Stillſchweigen brechend. „Wenn Sie nur nicht ſo obſtinat wären,“ re⸗ plizirte Emilius,„Sie ſind doch im Beſitze eines gutgedeckten Wagens und fürchten ſich vor dem Bis⸗ chen Regenwetter? Was werden die guten Mädchen dazu ſagen, wenn wir nicht zur Zeit erſcheinen?“ „Bah!“ rief der Poſtmeiſter,„der Mädel hal⸗ ber laſſe ich mir nicht ein neues Geſchirr verder⸗ ben, und mit einem alten können wir, die Hono⸗ ratioren der Stadt, unmöglich fahren.“ „Dieſer Grund ſcheint mir ledern,“ entgegnete Emilius.„Es iſt eine Schmach, wenn wir wort⸗ brüchig werden, und wer vermag ſie abzuwaſchen? nicht einmal der heutige Regen, der mir der furcht⸗ barſte ſeit der Sündfluth zu ſein dünkt.“ Der Sprecher ſchloß mit einem tiefen Seufzer. „Zum Kukuk! Sie ſind doch nicht verliebt?“ bemerkte der Poſtmeiſter, ſeinen Marſch durch das Zimmer unterbrechend. „Je nun— vor Ihrer Perſon brauche ich kein Geheimniß daraus zu machen; die liebenswür⸗ dige Anna hat mein Herz mit dem allbeſeligenden Gefühle zarter Liebe erfüllt; ſie muß mein werden, und ſollte ich ſie aus Aetna's Krater während der Eruption holen!“ „Daß Sie ſich nur nicht die Finger dabei verbrennen,“ lachte der Poſtmeiſter aus vollem Halſe.„Hüten Sie ſich, Freundchen, Sie ſtehen am Ran tes Abgrundes.“ „Bitte, Herr Peter!“ replizirte Emilius — von ſeinem Llaſtiſchen Sitze ſich raſch erhebend, „glauben Sie etwa, meine Liebe iſt eine— Enten⸗ 22⸗ 1 Jagd? 1 4 e. de „Ha Freundchen, viel beſſer wahrhaftig nicht!“ begutachtete der immer noch lachende Poſtmeiſter. „Nun denn, werther Jagdgenoſſe,“ entgegnete Emilius,„wie wäre es, wenn Sie mir jetzt benſo in dieſen Abgrund nachſprängen, wie ich Ihnen dazumal in jenen? Babettchen würde eine gar ſtattliche Poſtmeiſterin abgeben.“ „Paperlapap!“ rief der Poſtmeiſter abwehrend, „ſo lange noch ein nobles Herz unter meinem wei⸗ ßen Gilet ſchlägt, wird nicht einmal eine unſerer Städterinen in dasſelbe einziehen, geſchweige denn eine Nymphe vom Lande.“ Gerieth der Poſtmeiſter einmal in üble Laune, ſo wurde er der abſolute Widerſpruch. Er konnte in ſolchen Augenblicken ſeinen eigenſten Wünſchen entgegenhandeln, wenn ſie ein Zweiter befürwortete. Emilius wußte das und ſo begnügte er ſich, kurz zu erwiedern: „So laſſen Sie es bleiben. Erlauben Sie nur, daß der Wagen vorfahren darf, damit wir baldigſt zu den Kirmeßfreuden gelangen.“ „Nicht doch! gedulden Sie ſich, bis das Re⸗ genwetter etwas nachgelaſſen,“ replizirte der Poſt⸗ meiſter.„Am beſten wäre es wohl, wenn wir erſt Abends uns dahin verfügten; denn da gibt es einen luſtigen Tanz, den ich allenfalls aus Geſundheits⸗ rückſichten mitzumachen pflege; für die rieſigen Freu⸗ den einer ländlichen Kirmeßtafel ſind wir ohnehin nicht geſchaffen. Unterdeſſen brechen wir einigen Fläſch⸗ chen den Hals, bis uns Freund Hesperus von dieſer halsbrecheriſchen Beſchäftigung abruft.“ Emilius fügte ſich in ſein Schickſal. Freundchen Poſtmeiſter langte nach einem Re⸗ genſchirm, und Emilius unter ſeinen Schutz neh⸗ mend, trabte er, ein Liedchen trällernd, hinaus. Als die Beiden auf der Gaſſe fürbaß ſchritten, ſahen ihnen die Leute laut lachend nach, wie ſich unter dem Schirme der Eine duckte, der Andere aber in die Höhe dehnte. Sie verſchwanden in der Weinhandlung„zur Traube“. Die Ehrenmänner. Juch! welche flotte Zeit, Juch! welche tolle Freud', Kirmeß iſt heut! In dem Dörfchen, wo Tante Ju ſtine bereits ſeit mehreren Tagen ſchöne Kirm'skuchen gebacken hatte, ging's äußerſt luſtig zu. 8. Da wurde gekocht und gebraten, daß den qual⸗ menden Feuereſſen die Köpfe wackelten; dabei ſchien hier die Sonne mit ihrem milden Herbſtlichte un⸗ getrübt hernieder auf das muntere Treiben, dem ſich Alt und Jung mit froher Laune ergab. Es war hoher Mittag. Die kirmeßſtolzen Bauern ſchritten, die Hände in den Hoſentaſchen, gravitätiſch ihren Wohnungen zu, darin die geſchäftigten Hausfrauen mächtige Schüſſeln und rieſige Bratpfannen zur Tafel tru⸗ gen. Auch unſer Tantchen wollte derlei, ach ſo gut zubereitete Schüſſelchen auftragen, und hatte ſchon zum wiederholtenmale hinausgelugt, um die Per⸗ ſonen zu empfangen, die ihre bewährte Kochkunſt ——— 2— — en vürde bwo wwehrend, inem wei⸗ ne unſerer eige de denn mit Kennergeſchmack würdigen ſollten; allein dieſe kamen nicht. Ihr Mann, der alte Poſtklaus, rauchte verdrießlich ſein Pfeifchen— die Wartezeit wurde ihm ſchon zu lang, und dabei rückte die ſauber ge⸗ putzte Wanduhr ein um's anderemal aus. Eben hatte der Hammer zur zweiten Stunde ausgeholt, als ſich Klaus erhob, bedächtig ſein Pfeifchen weglegte und die anweſenden Gäſte ſeiner Verwandtſchaft zu Tiſche nöthigte. „Bring' die Suppe, Tinel Deine Stadtleute werden ſo nicht mehr kommen. Na, na, laßt euch's gut ſchmecken, wir ſind ungeſtört,“ ſetzte er mit Nachdruck bei. Tante Juſtine ſeufzte ein paarmal und trug ſtumm die ſo herrliche, vielaugige Suppe auf. Während des Eſſens kamen mehrere Boten hintereinander, um zu fragen, ob denn die Herren aus der Stadt ſchon da wären; ſelbſt die Frau Ortsvorſteherin ermangelte nicht, einen Dienſtboten mit derſelben Frage abzuſenden, und hatte ſogar für den bejahenden Fall ein Briefchen beigegeben. Doch alle dieſe Erkundigungen und Briefchen waren fruchtlos. Die Herren waren durch eine doppelte Strömung, eine innere und äußere, in der Stadt feſtgebannt. Der Tag verrann und Luna hing die Lampe aus. In der alterthümlichen Wohnung des Bürger⸗ V meiſters im Dorfwirthshauſe, das mit ſeinem hohen bemoosten Schindeldache, mit ſeinen kleinen, wenig Tageslicht durchlaſſenden Fenſterchen jeden Menſchen finſter anglotzte, herrſchte reges Leben. Alles ſchwirrte, ſprang und hüpfte durcheinander, und hoch ſchmet⸗ terten die Trompeten und furchtbar dröhnte der Kontrabaß ſeinen Part dazu. Der Ortsvorſteher hatte ſich mit den Honoratioren des Ortes in ein Seitenſtübchen geflüchtet, denn: Er war ſo klug und weiſe Und tanzte nicht mehr mit. Dafür tanzten ſeine Töchterchen mit, und wenn wir nicht irren, ſo ſehen wir auch die Frau Verwalterin, Tante Juſtine, die Schulmeiſterin, die Müllerin, Alle im dichtgedrängten Reigen— heiße Perlen ſchwitzen. Sie Alle haben den nicht erſchienenen Herren aus der Stadt Rache geſchwo⸗ ren, und ihnen zum Trotz ſich unter der bunten Volksmenge hoch erluſtigt. Hier galt's aber gute Miene zum böſen Spiel zu machen; da waren Fußtritte und Rippenſtöße mit in der Tanzordnung verzeichnet. Mittlerweile waren unſere beiden Freunde aus der Stadt unbemerkt angekommen, aber in einem Zuſtande der Balltoilette, welcher einigermaßen an das Schlammbad lächerlichen Andenkens erinnerte. Der Poſtmeiſter, welcher dem Weine eine aufge⸗ regte Stimmung verdankte, hatte es ſich nicht wehren laſſen, ſelbſt die Zügel der Pferde zu er⸗ greifen und ſo war er denn, als wollte er alle Weiſe unterbrochen. F. W.: Folgen einer Entenjagd. 179 raſender Eile nach dem Dorfe zu gefahren, b umſchlagende Wagen in ziemlich erſchütternder Weiſe ihn an das Sprichwort erinnerte:„Eilen thue ten gut.“ Zum Glück trugen die beiden Ki weihgäſte keine anderen Spuren von dieſem Unfall davon, als einige geognoſtiſche Rückerinnerungen an die oberſte Erdſchichte, mit der ſie in unangenehme Berührung gerathen waren. Die Verwüſtung des eleganten Ballanzuges war übrigens nicht allzube⸗ trächtlich, da der Platzregen, welcher durch mehrere Stunden über der Stadt hinſtrich, ſchon vor der Stelle des Umſturzes ſeine Grenze gefunden hatte; deſſenungeachtet konnten die beiden Herren, die den Glanz der Stadt auf dem Dorfballe reprä⸗ ſentiren wollten, ſich nicht unmittelbar nach ihrer Ankunft im Dorfe auf dem Tanzboden zeigen. Da ſie Juſtinen's Haus verſchloſſen fanden, ſo fuhren ſie in den Hof des Dorfwirthshauſes und ſchlichen, nachdem ſie den Hausknecht in ihr Intereſſe gezo⸗ gen, von ſeiner Laterne geleitet, ſo ſtill und heimlich als möglich in ein von der Tanzſtube entfernt ge⸗ legenes Kämmerchen, um hier unbemerkt die frü⸗ here Eleganz wieder zu gewinnen. Als ſich der Hausknecht mit ihren Kleidern und Schuhen für einige Zeit entfernte, gewannen ſie Muße, ſich in dem Kämmerchen bei dem Scheine der zurückgelaſ⸗ ſenen Laterne ein wenig umzuſehen. Es enthielt ein breites Himmelbett, zwei buntbemalte Schränke und einige Laden. Es wehte ein ſüßer Duft durch den ganzen Raum, denn ein großer Theil des Fuß⸗ bodens war mit großen Kirmeßkuchen teppichartig belegt. Der Poſtmeiſter, lüſtern wie Eva, konnte der Lockung nicht widerſtehen, er ergriff einen Ku⸗ chen, brach ihn und gab dem Emilius davon, der es ſich auch ſchmecken ließ. Aber in dieſem Genuſſe wurden ſie plötzlich auf ſehr unerwartete Tritte näherten ſich auf dem Gange vor dem Kämmerchen und zwei bekannte Mädchenſtimmen wurden laut. Emilius blies ſchnell das Licht in der Laterne aus, ſchob den Poſt meiſter hinter das Himmelbett und zog ſich an ſei ner Seite auf eine möglichſt kleine Dimenſion zu⸗ ſammen. Kaum waren ſie ſo in Sicherheit gekom⸗ men, ſo traten auch ſchon die beiden Mädchen mit einer Kerze in die Kammer, die ſie ſorgfältig ver ſchloſſen. Babetten waren beim Tanze einige Falten ihres Kleides ausgeriſſen worden und Ann chen beeilte ſich, mit Nadel und Faden den Schaden ſchnell wieder gut zu machen. So leicht unſere Freunde im Verſteck auch bekleidet waren, ſo wurde ihnen doch nicht wenig heiß zu Muthe, als ſie mit angehaltenem Athem Zeugen eines Geſpräches wur⸗ den, das ſie ſelbſt zum Gegenſtande hatte. Die beiden Mädchen gaben und zwar nicht mit den freundlichſten Worten ihre Unzufriedenheit kund, welche ihnen das Ausbleiben der erſehnten Stadt⸗ gäſte verurſachte, aber aus jedem herben und der⸗ ben Worte war doch herauszuhören, daß eben dieſer Flügel der Liebe an Schnelligkeit überbieten, in Unwille einem ſehr freundlichen Gefühle entſprun⸗ 23 180 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. gen ſei. Beide Mädchen ſeufzten zu wiederholten⸗ malen und neckten ſich dann gegenſeitig darüber. Dem dicken Poſtmeiſter, den Emilius voll Aengſt⸗ lichkeit und Bangen immer enger in den Winkel zwiſchen Bett und Mauer klemmte, wurde es in⸗ zwiſchen äußerſt unbehaglich, und ſein Schnaufen immer ſtärker. Emilius legte ihm vergebens die Hand auf den Mund; die beklemmte Lunge ver⸗ langte ihr Recht durch ein plötzliches lautes Stöh⸗ nen. Erſchreckt fahren die Mädchen zuſammen, und als ſie nun mit der Kerze in der Hand dem ver⸗ dächtigen Winkel näher tretend, der beiden weißen Geſtalten anſichtig werden, ſtoßen ſie ein entſetzli⸗ ches Hilfegeſchrei aus. Eben hatte ſich auf dem Tanzboden Alles wieder dem jauchzenden Treiben hingegeben, als man plötzlich von draußen her einige Stimmen vernahm, die laut poſaunten:„Schlagt ſie todt, die Stadtvögel!“ Es entſtand ein furchtbarer Lärm, und Alles drängte ſich hinaus, um zu ſehen, was es denn gäbe. Gleichzeitig hatte ſich ein unberittener Bau⸗ ernkurier in die Stube gedrängt, dem Ortsober⸗ haupte Bericht erſtattend: daß man oben in der Schlafkammer der Mädchen zwei fremde Kerle ein⸗ gefangen, die allem Vermuthen nach des löblichen Bürgermeiſters leibliche Töchter zu entführen ge⸗ willt waren, da ſelbe in der Nähe eine Kutſche in Bereitſchaft hatten, um ſolches ſchleunigſt aus⸗ zuführen. „Sperrt ſie ein in's Loch!“ befahl der ſorgen⸗ volle Bürgermeiſter;„hier iſt der Schlüſſel, und laßt mich am hohen Kirmeßtage ungeſchoren.“ Da trat der alte Poſtklaus, der ſich perſönlich überzeugt, wer die Gäſte draußen waren, herein, und die geballte Fauſt an des Bürgermeiſters Tiſch ſtemmend, fragte er in einem ziemlich dreiſten Tone: „Ihr werdet doch nicht meinen Neffen in's Loch ſetzen laſſen wollen?“ „Gilt mir gleich! und wer ſich unterſteht, mir zu widerſprechen, der folgt nach,“ war des Erzürn⸗ ten Antwort. „Das wollen wir ſehen!“ rief der beleidigte Klaus— hinauseilend. Allein des Bürgermeiſters Wort galt. Die nicht mehr nüchternen, mit allen Waffen, die der Augenblick bot, armirten Bauern exekutirten hier eine Art Lynchjuſtiz, und— der Herr Poſtmeiſter ſammt Emilius wurden dahin befördert, wo ſchon Mancher mit mehr oder weniger Schuld geſchmachtet. Die Thüre klappte zu, und lärmend ſtrömte das Volk, das ſich das Müthchen gekühlt hatte, ins Schänkzimmer, und nachdem der Rapport des Ge⸗ ſchehenen abgeſtattet worden, ging's wieder— hei⸗ dideldum! „Daran iſt die dumme Entenjagd ſchuld, die ſukzeſſiv uns alle Stadien des Malheurs durch⸗ machen läßt,“ ſprach der Poſtmeiſter, mit einem ngebraunten Streichhölzchen die ſchöne Gegend ſeines Aſyl's betrachtend.„Ein Hundeloch iſt das — zum größten Glück leer— blos für uns ge⸗ macht; aber nicht einmal eine ſogenannte Pritſche — keine Bank, kein Stuhl iſt zu finden— Ar⸗ muth ſcheint hier noch mehr zu Hauſe als ander⸗ wärts! Sehen Sie, wie weit die Entenjagd, wo⸗ hin die Liebe führt! Emilius aber ſummte ſtill vor ſich den hübſchen Vers aus„Annchen von Tharau“: „Kerker, Verfolgung, Betrübniß und Pein Soll unſerer Liebe Verknotigung ſein.“ „Was wird der Tag erſt bringen?“ fuhr der Poſtmeiſter ſeinerſeits fort.„Dieſe Schmach; aber eine ſchreckliche Satisfaktion werde ich verlangen! Uns einzuſperren ohne Verhör, ohne uns Gelegen⸗ heit zu geben unſere Unſchuld zu beweiſen.“ „Bitte, Herr Poſtmeiſter, reißen Sie die Wun⸗ den nicht noch weiter auf;“ entgegnete Emilius, „Sie wiſſen nicht, welche Qual ich ohnedieß zu leiden habe; es hat mich ſogar eine freche Hand — geſchlagen.“ „Meiner Treu'!“ rief der Poſtmeiſter,„ich verſpüre jetzt auch ſo was! Wenn ich das erforſche und nur einen einzigen blauen Fleck auf meinem Leibe finde, ſo ſuche ich um eine Schwadron Hu⸗ ſaren an, und laſſe die ſämmtliche Dorfgeſellſchaft, Tantchen Juſtine und die beiden Mädchen aus⸗ genommen, über die Klinge... Das Nahen eiliger Männertritte unterbrach den poſtmeiſterlichen Ausſpruch. „Hören Sie nichts, Sie Ritter von der trau⸗ rigen Geſtalt? Licht— licht wird's ich ſehe es durch alle Ritzen. Hilfe, Rettung naht! O kom⸗ men Sie, kommen Sie, Oreſtes an Pylades' Bruſt, auf daß man ſehe, wie innig unſere Freund⸗ ſchaft ſelbſt vor dem Hochgericht iſt!“ Da drehte ſich ein Schlüſſel in dem roſtigen Schloſſe der Thür, und hereintritt— der Haus⸗ knecht mit den geputten Kleidern und einige Zeit darauf der Bürgermeiſter ſelbſt, geführt von ſeiner Frau und den zitternden zwei Töchterchen, und im Nachhange: Tante Juſtine, ihr Mann und ſämmtliche Frauen, die wir von Juſtinens Na⸗ menstag her kennen. „Folgen Sie mir nach, meine Herren,“ war die kurze Anrede des Bürgermeiſters, und den ge⸗ richtlichen Zug eröffnend ſchritt er ſeiner Amts⸗ ſtube zu. Kaum daſelbſt angelangt, wollte der von Wein und Zorn aufgeregte Poſtmeiſter nach dem Säbel greifen, der als eine alte Trophäe aus den Fran⸗ zoſenkriegen zwiſchen zwei verroſteten Sattelpi⸗ ſtolen am Nagel Ruhe gefunden; welche Eigen⸗ mächtigkeit jedoch dem Herrn Peter von der ihn umringenden Freundſchaft verweigert wurde. „Meine Herren,“ ſprach pathetiſch, eine wür⸗ dige Amtsmiene entfaltend, der Bürgermeiſter,„ſind Sie Ehrenmänner?“ „Wer daran zweifelt, der lade die zwei Pi⸗ — it das uns ge⸗ Pritſche Hu⸗ lſchaft, aterbrach 1., hlades Freund⸗ ou ſeiner und im ann und ens N⸗ en,“ war den ge⸗ ar Amts⸗ von Wein en Säbel en Fran⸗ Zattelpi⸗ e Eigen⸗ n der ihn lde. eine wük⸗ ſer, nſind we i⸗ 3 2 ſtolen, die über jenem Bette hängen, und ſtelle ſeinen Mann,“ entgegnete der Poſtmeiſter. „So muß Ihnen auch die Ehre eines ehren⸗ haften Hauſes lieb und werth ſein,“ betonte ziem⸗ lich ſcharf der Ortsvorſtand. „Daraus folgt jedoch nicht, daß man ſich ſo mir und dir nichts von jedem Dummrian einſper⸗ ren zu laſſen braucht,“ replizirte der Poſtmeiſter. „Aber Peter!“ erinnerte Tante Juſtine verweiſend. „Neffe!“ ſprach Onkel Poſtklaus. „Herr Peter!“ die Frau Verwalterin und die übrigen Damen. „Ich war Korporal, ich habe in Ehren meine Kapitulation durchgemacht, in Ehren dieß Haus ſammt Garten und Feld ererbt, und Sie haben alle dieſe Ehren angetaſtet,“ ſprach der Ortsvor⸗ ſteher, ohne ſich durch die verwegene Einſprache des Poſtmeiſters ſtören zu laſſen.„Sie ſind dem Rufe und der Ehre meiner Töchter durch frevlen Vor⸗ witz nahegetreten und ich verlange jetzt als Vater und als Bürgermeiſter zugleich, daß Sie eine Ge⸗ nugthuung leiſten, welche die Scharte in unſerer Ehre wieder auswebzt.“ „Sie müſſen einander heiraten!“ ſchrie plötz lich die lebensluſtige Frau Verwalterin;„zwei ſchöne Pärchen das, und paſſen zuſammen, wie— eine Lerche zur andern.“ „Gut ſo,“ begutachtete der alte Poſtklaus,„ſo denke ich auch,'s iſt der beſte Weg, die ganze Sache zu ſchlichten.“ „Ha, ha, ha!“ lachte der Poſtmeiſter,„das auch noch— ich ſoll Kuall und Fall um Mitter nacht— eine Heirat eingehen? Aber man höre doch wenigſtens, ehe man verurtheilt, daß nichts, als der bloße Schein gegen unſere Ehrenhaftigkeit ſpricht.“ Indeſſen drängten ſich einige Frauen an den abwehrenden Sprecher heran, und indem ſie ihn eng' umſchloſſen und ihm hunderterlei in beide Ohren flüſterten, verlor er dermaßen ſeine Faſſung, daß er ſich ruhig wie ein Lamm zum Opfertiſche, zu Babettchen führen und dann ſeine Rechte in der des Mädchens ruhen ließ, ohne nein oder ja zu ſagen; dagegen ſchwamm Emilius in ſeliger Wonne, da er im Drange der Umſtände aus der Frau Bürgermeiſterin eigenem Munde die frohe Kunde vernommen, Annchen ſei ihm nicht abge⸗ neigt, und ſie ſelbſt mit ihm als Schwiegerſohn ganz zufrieden. Der Poſtmeiſter ſtand unterdeſſen immer noch da, wie eine Bildſäule, das liebe Babettchen bei ihm in aller Reize Fülle, mit ſauft geneigtem köpfchen, deſſen Wangen die Scham überglühte,— ſtill wie ein Blümchen, das ſich unter des Pflückers Hand beugt.— Sein Auge wendete ſich ihr zu und ruhte lange und mit Wehmuth auf den lieblich blühenden Zügen, dann ſchlug er ſich derb mit der Des Sekretarius Melchior Strimpel ſcherz⸗ und ſchmerzhafter Lebeuslauf. 181 ein Narr, daß ich mich vor dem Geſchwätze der Stadt ſcheue. Können Sie mir mein anfängliches Zögern vergeben, theuere Babette, und wollen Sie meine Hand ſammt Zubehör entgegennehmen?“ Und Babettchen hauchte ein„Ja“, und flog in die offenen Arme— ihrer ſie erwartenden Mutter. „Ich habe ſchon ja geſagt, nicht wahr Herr Emilius?“ fragte ganz naiv Annchen den ent⸗ zückten Emilius, und er drückte das holde Mäd⸗ chen an ſein pochendes Herz. Ein gräßlicher Tuſch, der von den ſämmtli⸗ chen Muſikinſtrumenten hervorgebracht, durch's ganze Haus erdröhnte, brachte die Anweſenden in paar⸗ weiſe Gruppen, und bald fand das Tanzvergnügen die fröhlichſte Fortſetzung. Sechs Wochen darnach hatte trotz allen böſen Reden und Pasquills, die in der Stadt, namentlich unter der heiratsfähigen Damenwelt cirkulirten, eine glänzende Doppelhoch⸗ zeit ſtatt. Es genügt nur noch zu ſagen, daß weder der Poſtmeiſter noch Emilius bis heute Urſache hatten, die Folgen der Entenjagd zu be⸗ klagen. Des Sekretarins Melchior Strimpel ſcherz⸗ und ſchmerzhafter Lebenslauf. Eine Autobiografie. (Fortſetzung.) 6(s heißt gewöhnlich, die Zeit der Kindheit .Lyyſei die glücklichſte Periode des Lebens. Mei⸗ —r nes Erachtens aber iſt dem nicht ſo, denn ich fühlte damals die Streiche der Ruthe —o nicht minder ſchmierzlich, als ſpäter die 8 Streiche des Schickſals. Und ich wurde nicht wenig gezüchtigt, denn ſchon in der Kindheit verſtand mich mein Jahrhundert nicht. Ich war ein ſeltſamer Junge in den Augen aller derer, die ſich für verſtändig hielten, und in dieſer Selbſttäu⸗ ſchung lebt leider ein Jeder. Mein philoſophiſcher Geiſt regte ſich frühzeitig. So konnte ich z. B. die längſte Zeit vor einem Wegweiſer ſtehen, der mit ſeinem Arme nach links wies, während doch die Schrift darauf die Richtung von links nach rechts einſchlug. Dieſer Widerſpruch machte mir ſo viel Kopfzerbrechen, wie ſpäter kaum die Handlungs⸗ weiſe lebendiger Wegweiſer, deren Worte und Tha⸗ ten ebenſo diametral auseinander gingen. Verſäumte ich nun bei ſolchem Nachdenken irgend einen Auf⸗ trag, ſo lernte ich bei meiner Heimkehr regelmäßig die Wahrheit des Ariſtoteliſchen Satzes erkennen, daß die Wurzeln der Weisheit bitter ſeien, Hatten mich doch, ſelbſt ehe ich noch leſen konnte, die Bü⸗ cher mit mir ſelbſt in argen Zwieſpalt gebracht geballten Fauſt vor die Stirn, und rief:„Ich bin und mir nicht geringe Gewiſſensſtrupel verurſacht. — —— ——— 182 Erinnerungen. Illuſtrirte Es war mir nämlich ein ſonderliches Vergnügen geweſen, die Bilder in den großen Gebetbüchern meiner Mutter zu betrachten und die böſen Juden, die ich darauf in der Nähe des Heilandes fand, mit ſtrafender Hand in effigie zur Verantwortung zu ziehen. Nun hatte ich aber bei meinem ſum mariſchen Verfahren, wie ich nachträglich bemerkte, auch hin und wieder einen Apoſtel mit ergriffen und gar ſchnöde behandelt, ein Vergehen, das ich mit dielen Thränen büßte. Wie oft habo ich ſpäter bei mancher Gelegenheit an dieſe Apoſtel gedacht! Mancher Leſer wird vielleicht bei dieſem Zuge boshafter Intoleranz an meiner natürlichen Gut müthigkeit irre werden. Ich ſelber bin geneigt, es zu werden, wenn ich mir manche Wünſche und Handlungen aus meiner Knabenzeit in’s Gedächt niß rufe. So habe ich mehr als eiumal, wenn mir die Schulſtunden zu lang währten, oder wenn ich einer drohenden Schulſtrafe gern entgangen wäre, gar ſehnlich gewünſcht, es möchte irgendwo in der Nähe ein Feuer ausbrechen, oder der Herr Lehrer bettlägerig werden, oder ſeine Frau noch ſchnell ein Kind bekommen. Dergleichen alſo war ich zu wünſchen fähig; von der Heimtücke in mei nem thatſächlichen Gebahren nur ein Pröbchen. Gegen meinen Schulnachbar war ich in der feind lichſten Stimmung, weil er nie meinen Familien namen„Strimpel“ nannte, ohne daß er einen ehrenrührigen Reim ich glaube es war ein Vogelname— daran geſchloſſen hätte. Wenn es den jungen Göthe verdroß, daß Herder ſeinen Namen mit den Gothen und gar mit dem Kothe in Ver bindung brachte, ſo hatte wohl auch ich das Recht, über die Verunglimpfung meines Namens entrü ſtet zu ſein; aber ich hätte mich doch nicht auf ſo raffinirte Weiſe rächen ſollen, wie ich es that. Als mein Nachbar einſt an der Tafel ſtand, bemäch tigte ich mich heimlich ſeines Leſebuches, hob mit angefeuchtetem Fingerknöchel einzelne Buchſtaben aus dem Texte und ſetzte ſie an ungehöriger Stelle in der Weiſe ein, daß der Sinn der Sätze nicht gerade in der erbaulichſten Weiſe verändert wurde. Las nun der gute Junge ſpäter, wenn er auſge rufen wurde, mit unſchuldigem Vertrauen ſeine Zeilen ab, ſo kam ein ſtrafendes Ungewitter in ſchrecklicher Weiſe über ihn, da der Lehrer keine Ahnung von den hinzugetretenen Druckfehlern hatte. Namentlich fand ſich dieſer bei der Stelle:„Gräſer, Thiere und Steine zeigen, was du vermagſt“, in ſeiner eigenen Perſon angegriffen, als mein Nach bar in Folge meiner Eniendationen ſolchergeſtalt ſich hören ließ:„Gläſer, Biere und Weine zeigen, was du vermagſt.“ Von allen Büchern, die ich im Knabenalter las, hat mich keines ſo lebhaft beſchäftigt, wie die Geſchichte von einem indiſchen Königsſohne, welcher, ohne daß er ſeine Abſtammung kannte, fern vom Hofe von armen Leuten erzogen wurde, um bis zu ſeiner Großjährigkeit allen Einflüſſen der Schmei Blätter für Ernſt und Humor. chelei fern zu bleiben. So gut nun dieſe Methode bei dieſem Prinzen in Betreff ſeiner Beſcheidenheit an⸗ ſchlug, ebenſo verkehrt wirkte die Kenntniß derſelben auf mein jugendlich Gemüth. War es nicht mög lich, daß auch ich ein ſolcher Königsſohn und der einſt zur Regierung eines großen Reiches berufen ſei? Je mehr ich darüber nachdachte, deſto mehr Wahrſcheinlichkeit erhielt die Sache; denn hieß ich nicht auch Melchior gleich einem der drei Könige aus dem Morgenlande? Bald kam es ſo weit, daß ich von nichts anderem mehr träumte, als von meinem großen Reiche, von meinen Schlöſſern, Kutſchen und Gärten. Leider muß ich auch beken nen, daß ich mich in meiner Phantaſie weit weni ger mit dem Glücke meiner Unterthanen, als mit den Freuden der Tafel beſchäftigte, die nach mei⸗ nem Plane alle Tage ſelbſt die Kirmeß überbieten ſollten. Bald wußte ich auch, wer dereinſt neben mir auf dem Throne ſitzen würde. Ich liebte. Dem großen Dante nicht unähnlich wurde ich ſchon in dem zarteſten Alter von dieſem mächtigen Gefühle ergriffen. Unſerem Hauſe gegenüber lag, nur durch eine Mauer und einen Garten getrennt, eine Spi ritusfabrik. Der Beſitzer derſelben, eie ſonderlicher Kauz, auf den wir ſpäter noch zu reden kommen, hatte frühzeitig ſeine Frau verloren und deßhalb ſein einzig Töchterlein ſeinen weiblichen Verwandten in der Stadt zur Erziehung gegeben. Allein das liebe Kind ſiechte in der Stadt hin und wurde darum wieder auf das Land gebracht, um ſich hier zu erholen. Das Mädchen mochte damals eilf Jahre zählen. Es war ſo zart, lieb und wunder mild, daß mir ſelbſt jetzt nach ſo vielen Jahren bei der Erinnerung ganz warm und weich um mein altes Herz wird. Ich habe das Engelskind nie geſprochen, ja mich demſelben, ſo lange es lebte, nie nähern können, und dennoch war ich be ſtändig bei ihm. Am Giebel unſeres Hauſes war ein Taubenſchlag angebracht. In dieſen kroch ich in jeder freien Stunde und richtete durch eine Lucke desſelben ein altes Fernrohr, das mir ein Pathe geſchenkt hatte, nach dem Garten der Fabrik, in welchem das liebe blaſſe Weſen den größeren Theil des Tages zubrachte. Kein Aſtronom kann aufmerlſamer von ſeiner Warte aus die Himmels erſcheinungen beobachten, als ich von meinem Tau benſchlage aus jede Bewegung des theuren Kindes verfolgte. Traf es ſich zufällig, daß ſich die tief blauen Aeugelein desſelben nach dem Giebel unſe⸗ res Hauſes wandten, ſo fuhr ich hinter meinem Glaſe erſchreckt zuſammen und fühlte, wie mir alles Blut in das Geſicht ſtieg. Ich habe ſpäter, wie der Leſer im Verlaufe meiner Biografie erfahren wird, noch oft geliebt, aber ich meine, in ſo hohen Regionen ſchwebte ich dabei nie mehr. Nichts läßt ſich mit der Sehn⸗ ſucht vergleichen, die ich empfand, als ich im An⸗ fange des Herbſtes durch mehrere Tage des Mäd⸗ um — 8 3 XO 3 — deuilleton. Prager Sprechſtübchen. Obwohl noch der Faſching herrſcht, der luſtige Macht⸗ haber, nach deſſen Pfeife die ganze civiliſirte Welt tanzt, ſo wollen wir doch in unſerem kleinen Sprechſtübchen mit allem Ernſte über einen Gegenſtand plaudern, der zwar ſchon in der mannigfachſten Weiſe und an den ver⸗ ſchiedenſten Orten behandelt wurde, aber bis jetzt immer noch nicht genug erſchöpft ſcheint,— über Nichts. Schil⸗ ler hat dem Nichts ein„durchbohrendes Gefühl“ zugeſchrieben; daher mag es kommen, daß eine leere Taſche und ein Loch in der Taſche ſynonyme Ausdrücke ſind. Wie am Ausgange des Mittelalters ein Held ſteht, der nach der„leeren Taſche“ benannt wird, ſo ſtehen am Ende des Faſchings wohl auch manche Hel⸗ den da, welche derſelben Bezeichnung nicht unwerth wären. Doch auch die, deren Geld und Geldeswerth. ſich auf ein Nichts reduzirt, können ſich mit dem Wort⸗ laute des Satzes tröſten, daß heutzutage Nichts über Geld geht. Ein Kenner des menſchlichen Herzens hat einmal behauptet, es müßte für Viele ein beſonderes Vergnü⸗ gen ſein, in einem brennenden Tanzſaale, ſo lange man noch vor Flamme und Rauch ſicher wäre, zu tanzen. Der heurige Faſching ſpricht ganz für die Wahrheit dieſer ſonderbaren Bemerkung, denn während man bereits an allen Ecken und Enden kriegeriſchen Rauch aufſtei⸗ gen ſieht und das Emporſchlagen der Flamme fürchtet, ergibt man ſich mit aller Lebhaftigkeit den Freuden des Karnevals. Dem Tanze ſteht alles nach. Auf der Sofieninſel weichen ihm zeitweilig ſelbſt die himmliſchen Sphären, die Herr Hofmann derzeit vorführt, und die Gaſtronomie ſchlägt die Aſtronomie aus dem Felde.— Der Faſching befördert wie kaum eine andere Zeit die Cirkulation des Blutes, des Geldes, ja auch die Cirkulation in den Erinnerungen. 1859. Straßen. Wie iſt es jetzt oft in den Nachtſtunden lebendig in den Gaſſen der Stadt! Zu anderer Zeit merkt man nur vor zehn Uhr, der Sperrſtunde, eine lebhaftere Strö⸗ mung des Publikums; dann wird es ruhig und ſtill, bis um Mitternacht, wo die öffentlichen Lokale geſchloſ⸗ ſen werden, die letzten Mohikaner ausdauernder Geſel⸗ ligkeit mit hallenden Schritten ihre Wohnungen ſuchen. Wie mächtig auch unſere Metropole bei Tageslicht den Beſchauer feſſelt, ſo iſt ihr Anblick in einer Voll⸗ mondnacht doch von weit größerer Wirkung. Wer zu ſolcher Zeit einen Gang über die ſteinerne Brücke macht, der wird, falls er Herz und Augen offen hat, von ma⸗ giſchem Zauber umſponnen und er lernt begreifen, daß man ſich in dieſe Stadt, um einen ſeltſamen aber ganz bezeichnenden Ausdruck zu gebrauchen— verlieben kaun. Es gibt Leute in Prag, die, obgleich ſie hier ohne Freunde und Bekannte leben, ſich doch nicht von dieſem Orte ohne das ſchmerzlichſte Heimweh trennen können. Es gab eine Zeit, wo Prag in jeder poetiſchen Schil⸗ derung ſtereotyp„die Königswitwe“ genannt wurde. Zieht man eine Parallele zwiſchen den Städten und den Frauen, ſo könnte man die Landſtädtchen den jungen Mädchen vergleichen; beide werden meiſt dann erſt Stoff des Geſpräches, wenn ſie— in Feuer gerathen. Fabrik⸗ ſtädte gleichen den Emancipirten; ſie machen ſich durch viel Geräuſch bemerkbar und rauchen ſtark. Handels⸗ ſtädte repräſentiren die reifere weibliche Jugend; ſie ſuchen Verbindungen. Hiſtoriſch merkwürdige Orte erin⸗ nern an die alten Jungfern; es bleibt bei den erſteren immer dieſelbe Jahreszahl, bei den letzteren dieſelbe Zahl der Jahre ſtehen. Univerſitätsſtädte ſind Blau⸗ ſtrümpfe, Badeorte verlockende Quellnymphen; Berg⸗ ſtädte endlich gleichen zum zweitenmale verheirateten Frauen— ſie behaupten, ihr Beſtes ruhe unter der Erde. Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Miszellen. Literatur und Journaliſtik. Varnhagens, Denkwürdigkeiten“ werden endlich nach ſeinem Tode fortgeſetzt. Der nächſte(achte) Band enthält„Charakteriſtik Metternich's“. Das Grimm'ſche Lexikon der deutſchen Sprache ſchreitet etwas langſam vorwärts; man iſt zum Ende des zweiten Bandes gediehen, aber das neueſte Heft geht noch nicht weiter als bis Einöde. Rötſcher in Berlin gibt bei Engelmann in Leip⸗ zig einen Band Kritiken und darmaturgiſcher Abhand⸗ lungen heraus. Berthold Auerbach's Schauſpiel„Der Wahr⸗ 72— ſpruch“ wurde in Weimar mit vielem Beifalle aufgeführt. Von Gu ſtav Freitag wird demnächſt ein neues Werk und zwar ein Trauerſpiel erſcheinen. Tegner's Werke werden in Schweden jetzt in einer wohlfeilen Volksausgabe vorbereitet. Der Dich⸗ ter iſt in ſeinem Vaterlande ſo beliebt, daß ein Ham⸗ merſchmied in Wärmland(woher Tegner ſtammt) ſich ſämmtliche Werke abſchrieb. In London ſind in engliſcher Ueberſetzung von Lady Chatterton„Auszüge aus den Werken Jean Paul's“ erſchienen. Maffei, der ſeine Landsleute mit den Schiller'ſchen Dramen bekannt gemacht, bearbeitet nunmehr auch die Gedichte. Zeitſchriften. In Berlin erſcheint ſeit Neujahr eine neue handelspolitiſche Zeitſchrift, die„Berliner Wochenpoſt“, herausgegeben von Otto Hübner. Ein ähnliches Unternehmen,„Der Grundbeſitz“, hat Ignaz Kuranda, der jetzige Beſitzer der„Oſtdeutſchen Poſt“, zu Wien ins Leben gerufen. Dagegen iſt die neue ka⸗ tholiſche Zeitung„das Vaterland“, die von Neujahr an in Köln anſtatt des eingegangenen„Deutſchland“ erſchei⸗ nen ſollte, nicht zu Stande gekommen. Eine neue bel⸗ letriſtiſche Zeitſchrift, die„Blätter für deutſche Dichtung“, welche ſeit Anfang d. J. unter der Redaktion des Dich⸗ ters Bernhard Endrulat zu Hamburg erſcheinen, ſucht ſich Bahn zu brechen. Franz Pfeiffer's gediegener germani⸗ ſtiſcher Zeitſchrift„Germania“, die Anfang 1859 von Stuttgart nach Wien verlegt wurde, bat ſich das von Ebert unter Mitwirkung Ferdinand Wolf's herausge⸗ gebene„Jahrbuch für romaniſche und engliſche Litera⸗ tur“ würdig zur Seite geſtellt. Auch die theologiſche Zeitſchriftenliteratur hat ſeit Neujahr einen Zuwachs erhalten in„Geſetz und Zeugniß. Ein Monatsblatt zum homiletiſchen Studium und zur Erbauung. In Verbindung mit mehreren Geiſtlichen herausgegeben von G. Leonhardi und C. Zimmermann“(Leipzig, Teubner) und in der in Berlin erſcheinenden„Neuen Evangeli⸗ ſchen Kirchenzeitung“, herausgegeben von L. H. Meßner. Die geſammte Bücherproduktion in den Vereinigten Staaten von Nordamerika beläuft ſich im vergangenen Jahre auf 912 Werke. In Deutſchland erſchienen in dem gleichen Zeitraum 10,321 Bücher. Periodiſche Schriften, die meiſten darunter allerdings blos ein bis zwei Mal wöchentlich erſcheinend, ſoll es in den Vereinigten Staaten jetzt gegen 4000 geben, und manche davon erſcheinen in kleinen Dörfern von ein paar Hundert Einwohnern. Die religiöſe Preſſe iſt durch 120 Blätter vertreten, die in etwa 500,000 Exemplaren wöchentlich abgehen. Nach den neuſten Poſtver zeichniſſen erſchei⸗ nen in Europa derzeit circa 5000 verſchiedene Zeitungen. Muſik. Malerei. Plaſtik. „Richard Wagner hat Gluch's„Iphigenie in Au⸗ lis“ in einer neuen Bearbeitung bei Breitkopf und Härtel in Leipzig erſcheinen laſſen. Die„Hochzeit des Figaro“ hat dem lyriſchen Theater in Paris bereits über 400.000 Fr. eingebracht. Ueberhaupt ſchwärmt Paris für unſern Mozart und wird ſogar bald ſeine Mozartsgaſſe haben. Es iſt der Vor⸗ ſchlag gemacht, der Rue de Sentier, in welcher der ge⸗ niale Tondichter einſt wohnte, ſeinen Namen beizulegen. Bendemann in Dresden hat eine großartige und lebensvolle Kompoſition, die„Zerſtörung Jeruſalem's durch Nebuchodonoſor“ im Carton vollendet. Die dießjährige Ausſtellung der Akademie der bildenden Künſte in Wien wird am 15. April er⸗ öffnet und Ende Mai geſchloſſen. Die Prager Kunſt⸗ Ausſtellung wird am 1. Mai eröffnet. Der Bildhauer Prof. Hänel in Dresden iſt mit der Ausführung des Grabdenkmals für den verſtorbenen König Friedrich Auguſt beauftragt worden, wobei ihm das Denkmal Kaiſer Karl's IV. in Prag als Vorbild dienen ſoll. In Mailand hat der Bildhauer Magni den Auf⸗ trag zur Ausführung eines Modelles erhalten, das Leonardo da Vinci, von ſeinen Schülern umgeben, dar⸗ ſtellt und in vollendeter Geſtalt auf 60.000 L. zu ſtehen kommen dürfte. Dem deutſchen Techniker Joſef Reſſel, Erfin⸗ der der Schraubendampfmaſchine, ſoll auf einem öffent⸗ lichen Platze in Trieſt ein Denkmal errichtet werden. Da Reſſel aus einer ſächſiſchen Familie ſtammt, hofft man auf eine lebhafte Betheiligung in Deutſchland an den zu veranſtaltenden Sammlungen. Kunſtakademie in New⸗York. Nach Briefen aus New⸗York geht man dort mit dem Gedanken um, eine höhere Kunſtſchule, eine Art Akademie zu errichten, deren obere Leitung dem Maler Leutze, der kürzlich von Düſſeldorf wieder nach Amerika überſiedelte, anvertraut werden ſoll. Leutze’s Waſhington⸗Bilder haben in der Union die vollſte Anerkennung gefunden. Profeſſor Rietſchel iſt gegenwärtig ausſchließ⸗ lich mit dem Lutherdenkmal für Worms beſchäftigt. Erinnerungsfeier. Am 1. Auguſt wird in Minden die 100jährige Jubelfeier des großen Sieges ſtattfinden, durch welchen Herzog Ferdinand von Braunſchweig die Franzoſen aus Deutſchland verjagte. Die Feſtlichkeit wird ein bleiben⸗ des Andenken durch Gründung eines ſteinernen Denk⸗ mals gewinnen, das, in einer Höhe von 40 Fuß und in byzantiniſchem Styl erbaut, auf dem Marktplatze der Stadt aufgeſtellt werden ſoll. Felix Mendelsſohn's 50. Geburtstag wurde am 4. Februar in St. Martin's Hall in London durch ein Rieſenkonzert gefeiert. Es kamen ausſchließlich Werke des Verſtorbenen zur Aufführung und die Betheiligung des Publikums war eine außerordentlich große, da Men⸗ delsſohn zu den Lieblingen Englands gehört. Hebels, des allemanniſchen Dichters, Denkmal in Schwetzingen wird am 11. Mai, ſeinem Geburts⸗ tage, enthüllt werden. Der Marchbacher Schillerverein hat das Ge⸗ burtshaus Schillers für ſich angekauft. Feuilleton. Profeſſor Cuno Fiſcher in Jena ſoll, wie die „Jahreszeiten“ berichten, ein geſchworner Feind aller Lyrik ſein und u. A. kürzlich vom Katheder herab ge⸗ predigt haben,„daß Geibel ſeines Erachtens nach rich⸗ tiger„Schreibel“ und Herwegh„Schmerweg“ hieße, da Beide nur poetiſche Schmierer unſerer Literatur ſeien.“ Der Telegraf, der die franzöſiſche Thronrede nach London blitzte, hat ſich einen ſehr burſchikoſen Schreibfehler erlaubt, indem er den Kaiſer anſtatt„ré- gion infime“(die Welt der kleinen Börſenmänner und Rentiers)„région infame“ ſagen ließ, was mehre Blät⸗ ter treuherzig überſetzten. Nach einer Mittheilung des Herrn O. v. Haxt⸗ hauſen im„Theater⸗Moniteur“ ſoll Hamlet verrückt, nämlich entſchieden wahnſinnig geworden ſein! Schmerz⸗ lich überraſcht von dieſer traurigen Neuigkeit, telegra⸗ firten wir ſofort an den Geiſt ſeines Vaters(Shak⸗ ſpeare) und erhielten von dieſem die beruhigende Ant⸗ wort:„Mein Hamlet iſt nur toll bei Nordnordweſt; wenn der Wind ſüdlich iſt, kann er einen Kirchthurm von einem Leuchtpfahl und Herrn O. v. Haxthauſen von einem Dramaturgen unterſcheiden.“(Berlin.) Der Komiker Levaſſor wirkte jüngſt in einer der Vorſtädte von Paris in einem Konzerte zum Beſten der Armen mit. Nach dem Konzerte vereinigte der Pfar⸗ rer die mitwirkenden Künſtler zu einem Dejenner. Le vaſſor fand unter ſeiner Serviette ein Oſterei, aus wel⸗ chem, als es zerbrach, fünf Napoleond'ors herausfielen. „Ah! Herr Pfarrer,“ ſagte der Künſtler, luſtig,„Sie wiſſen, daß ich gerne geſottene Eier eſſe; aber Eines wiſſen Sie nicht, daß ich nur das„Weiße“ eſſe. Er⸗ lauben Sie mir das„Gelbe“ Ihren Armen zu laſſen.“ Gerichtsfälle. Die Biografie Rozſa Saͤndor's, welche wir⸗ in Nr. V. brachten, enthielt einige Unrichtigkeiten. Der vom k. k. Staatsanwalte eutwickelten Anklage Rozſa Säaͤndor's entnehmen wir nun folgende Daten: Rozſa Sändor wurde am 16. Juli 1813 in der untern Stadt Szegedin geboren und in der katholiſchen Kirche getauft. Er iſt der eheliche Sohn des Bauers Andreas Rozſa und deſſen Gattin Eliſabeth, geborne Hantos, hat keine Schule beſucht, keinen Unterricht ge⸗ noſſen und die Jugend als Viehhirt zugebracht. Sein Vater wurde bei Verübung eines Raubes erſchlagen und er ſelbſt ſtand, erſt 22 Jahre alt, im Jahre 1836 durch den Oberfiskal Ferd. Aigner des Verbrechens des Raubes angeklagt, vor dem Gerichtshofe zu Szegedin, der ihn dieſes Verbrechens mit Urtheil vom 10. Sep⸗ tember 1836 auch ſchuldig ſprach und zu anderthalbjäh⸗ rigem Gefängniſſe, ſo wie zu 150 Stockſtreichen— jedes Vierteljahr 25— verurtheilte.. Rozſa Saͤndor erſchien nämlich mit zwei anderen berittenen Betyären in der Nacht des 10. Februar bei dem Hauſe des Steph. Darabos in Szegedin, der durch das Hundegebell geweckt, aus dem Hauſe trat, ſogleich aber von zweien der Betyären ergriffen und unter gräu⸗ lichen Flüchen mit Piſtolen und Hacken mit dem Auf⸗ trage, ſich nicht zu rühren, bedroht wurde, während der dritte Raubgenoſſe zwei Kühe aus dem Stalle trieb, die dann die drei Räuber mit ſich fortführten. Rozſa Sändor leugnete auch damals hartnäckig die That, obgleich ſeine Perſonsidentität durch beeidete Zeugen erwieſen wurde. Der öffentliche Ankläger verlangte ſchon damals auf Grund des I. Theils 15 und fl. Artikel des Ver⸗ böczy'ſchen Tripart., daß Rozſa Säͤndor zur Todesſtrafe durch den Galgen verurtheilt werde... Als Rozſa während ſeiner Strafzeit wie gewöhu⸗ lich am 10. Juli 1837 mit den übrigen Sträflingen auf dem öffentlichen Arbeitsplatze war, ſchlugen er und * 189 Franz Kiſs ſich die Eiſen von den Füßen ab und ent⸗ ſprangen. Seit dieſer Flucht wurde Rozſa durch die Sicherheitsorgane fortwährend eifrigſt, jedoch fruchtlos geſucht, der Ruf ſeiner böſen Thaten verbreitete ſich aber immer mehr. Insbeſondere ſtand er in Verdacht, daß er kurz nach ſeiner Flucht im Csongrader Komitate, auf der Pußta Nyeki, zwei Soldaten ermordet, im Jahre 1838 aber in der Stadt Makö einen bedeutenden Raub verübt und den ihn verfolgenden Sicherheitskommiſſär erſchoſſen und in der Nachbarſchaft mehrere Raube ver übt habe. Im Jahre 1842 hat Rozſa in Geſellſchaft des Samuel Török und Anderer einen Raub verübt, wurde betreten, allein es gelang ihm, zu entfliehen. Im Jahre 1845 bat Rozſa um Allerhöchſte Nach ſicht der noch rückſtändigen Strafe. In dem hierüber er⸗ ſtatteten Berichte vom 5. Mai 1845 wurde er vom Ge⸗ richtshofeund Fiskalate als derjenige bezeichnet, welchen das Volk für einen der allergrößten Uebelthäter des Landes hält, weshalb er einer ſtrengen Unterſuchung unterzogen werden ſollte. Hierüber wurde auch mit Allerhöchſtem Erlaſſe vom 5. Juli 1845, Z. 8686 796, die ſorgfältigſte Ausforſchung des Rozſa und hiezu das gemeinſame Zuſammenwirken mehrerer Komitate aufge⸗ tragen. Allein alle Verfolgungen und Nachforſchungen blieben erfolglos, bis im Jahre 1848 die Revolution ausbrach und die revolutionäre Regierung Rozſa amne⸗ ſtirte, der nun im Oktober 1848 etwa 40 Männer ſeines Gelichters verſammelte und im Banate mehrfache Plün⸗ derungen und Braudlegungen ausführte. Obgleich be⸗ züglich dieſer Periode ſeines verbrecheriſchen Wirkens eine ſtrafrechtliche Verfolgung, kraft eines Allerhöchſten Gnadeuaktes nicht ſtattfindet, ſo ſei doch zur Charakte⸗ riſtik der damaligen Unternehmungen Rozſa'’s erwähnt, daß er ſelbſt angibt, es ſei ihm in Peſt die Beraubung der Serben mit dem zur Hauptaufgabe gemacht worden, daß die Beute zur Hälfte ihm und ſeinen Leuten, zur Hälfte dem Staate, d. h. der revolutionären Regierung zukommen ſolle. Aufangs 1849 zog ſich Rozſa von ſeinem Korps zurück. Er ſoll zwar ſpäter, von M. P. und G. E. zur Bildung eines neuen Betyärenkorps aufgefordert worden ſein, was Rozſa ſelbſt angibt und auch aus einem Berichte des Szegediner Stadthauptmanns hervorgeht; allein Rozſa will ſich nicht mehr daran betheiligt haben; dagegen diente er mehreren Grundbeſitzern von Szegedin kurze Zeit als Pferdehirt. Als im Auguſt 1849 die Revolution niedergedrückt wurde, war man beſorgt, dem in erſchrecklicher Weiſe um ſich gegriffenen Räuberweſen das Handwerk zu legen und ſo begann auch wieder die Verfolgung Rozſa Sändor’'s. Mitte November 1849 gelangte man zur Kenntniß, daß Rozſa ſich mit Katharina Rödo, mit der Rozſa verheiratet ſein will, ohne daß über dieſe Ehe irgend eine ämtliche Beglaubigung zu erhalten war und von der er zwei Kinder hat, in der Tanya des Paul Tary aufhalte. Es wurde nun ein Räuberkordon von Militär dahin abgeordnet, welcher die Tanya zur Nacht⸗ zeit umſtellte. Rozſa, deſſen Auweſenheit Katharina Rödo ſelbſt beſtätigt, feuerte durch das Fenſter und tödtete zwei Soldaten, worauf es ihm gelang, unbemerkt zu entfliehen. Im Jahr 1852 ſollte Rozſa zu neuer Thätigkeit gerufen werden. Die flüchtigen Revolutionsmänner waren, wie bekannt, damals bemüht, in Ungarn per⸗ manente Guerillabanden zu organiſiren und der juſtifi⸗ zirte Karl v. Andräsſy geſtand in ſeinem Verhöre vom 31. Mai 1852, daß er durch den berüchtigten Mack be⸗ auftragt war, Rozſa Sändor, Noßlopi und Mätſa als Bandenführer zu gewinnen. Obzwar Rozſa behauptet, daß ihm ein ſolcher Antrag damals nicht gemacht wurde, ſo gibt es doch manche Zeugen, welche bei den ausge⸗ breiteten, kombinirten Raubzügen jener Zeit Rozſa als einen der Anführer erkannt haben wollen, ohne jedoch die Identität ſeiner Perſon beſchwören zu können, da 190 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. die Räuber jedesmal ſorgfältig vermummt waren und nur die große, ja volle Aehnlichkeit wird beſtimmt be⸗ hauptet. In der That hat Rozſa S. am 12. September 1852 in Geſellſchaft von vier uniformirten berittenen und bewaffneten Betyaren zuerſt in mehreren zur Obe⸗ ren Stadt Szegedin gehörigen Tanyen viele Bewohner, von denen er ſich verrathen hielt, ſchonungslos miß⸗ handelt und zu Krüppeln geſchlagen. Bei einem hier⸗ auf nach Dorozsma unternommenen Ritte ſtieß die Bande auf eine Patrouille von zwei k. k. Gendarmen und einem k. k. Uhlanen. Rozſa und ſeine Gefährten, die in der Mehrzahl waren, ließen ſich in einen Kampf ein, der ſich bis zu einer Tanya fortſpann, wo die Räuber aus ſicherem Verſtecke unaufhörlich auf die Patrouille feuerten. Nach langem Kampfe waren die drei Mann, der Patrouille, in Ausübung ihrer Pflicht tödtlich verwundet, auf dem Platze geblieben und Rozſa mit ſeinen Räubern ritt davon. Die allgemeine Klage über die ſo ſehr gefährdete Sicherheit des Lebens und Eigenthums in jenen Gegenden veranlaßte das hohe k. k. Generalgouvernemeut mit Kundmachung vom 26. März 1853 auf den Kopf Rozſa Sändor's eine Prämie von 10,000 fl. CM. zu ſetzen.— Inzwiſchen kam Rozſa im April 1853 mit ſeinem Raubgenoſſen Szabo Palkö in ein großes Gedränge, aus dem er ſich durch einen Mord rettete. Es hatte nämlich der gleichfalls berüchtigte Betyär Andreas Abraham an dem Szegediner Magi⸗ ſtratsrath Johann Farkas einen Raubmord verſucht, worauf zur Ergreifung dieſes Räubers und gleichzeitiger Säuberung des Landes eine umfaſſende Streifung durch ein Truppenaufgebot vorgenommen wurde, bei welcher Rozſa Sandor ſich ſtark in die Enge getrieben ſah. Rozſa hat in Folge deſſen mit Szabö Palkö den Andreas Abra⸗ ham ermordet und den Leichnam auf eine leicht ſicht⸗ bare Stelle gelegt. Als der Leichnam des Raubmörders gefunden wurde, ward auch die weitere Perſekution ein⸗ geſtellt und Rozſa fühlte ſich wieder ſicher. Am 5. Jänner 1857 erſchien Rozſa mit, dem im vorigen Jahre in Peſt hingerichteten Räuber Kiſs Bäcsi (Ballango) zu Uermenyhäza im Hauſe des Mich. Csik. Nachmittag kam der Ortsrichter Johann Hußka mit zwei Gendarmen dahin, und als er an die Thüre klopfte, ſchoß Rozſa denſelben nieder; die Gendarmen lei⸗ ſteten dem tödtlich getroffenen Ortsrichter, vergehens Hilfe, während Rozſa mit Kiſs Bäesi und Michael Csik auf einem Schlitten davonfuhren. Rozſa und der Letztere kehrten in der Nähe von Szegedin bei dem Ge⸗ vatter Rozſa’s, Paul Katona, ein, woſelbſt Rozſa öfters Unterſtand fand, und wo zu ſeinem Verſtecke große Heu⸗ und Strohſchober ausgehöhlt waren. Am 9. Mai 1857 endlich ſtießen zwei Jäger aus Szegedin in der Nähe der Tanya des Paul Katona, wo ſie einen angeſchoſſenen Haſen aufſuchten, auf Rozſa Saͤndor, der im Getreide lag und gegen den Jäger Seyff zweimal ſeinen Karabiner abfeuerte, ohne den⸗ ſelben jedoch zu treffen, worauf ſich die Jäger zurückzo⸗ gen, Rozſa aber, in dem Wahne, er ſei durch Paul Ka⸗ tona verrathen worden, in die Tanya desſelbeu eilte, die⸗ ſen zu ſich rief, ihn zuerſt bedrohte und dann einen Rauf⸗ handel begann, wobei ſich eines der Gewehre Rozſa's entlud und den Paul Katona tödtlich verwundete. Doch hatte Letzterer noch Kraft genug, Rozſa feſtzuhalten, bis mehrere Menſchen zuſammenkamen, ſich des Rozſa bemächtigten und ihn gebunden nach Szegedin brachten. Es wurden nun zuerſt Vorerhebungen gepflogen, um Rozſa Säͤndor vor das Standgericht zu ſtellen, al⸗ lein da ſich hierzu die Beweiſe, wie das Geſetz ſie for⸗ dert, nicht fanden, ſo wurde er mit Beſchluß des k. k. Komitatsgerichtes Szegedin vom 29. Auguſt 1857 und über auf Anregung des k. k. Landesgerichtes in Ofen neuerlich gepflogene Erhebungen nochmals zum ordent⸗ lichen Verfahren an das k. k. Ofner Landesgericht über⸗ wieſen, welches wegen des, dem Rozſa zur Laſt liegen⸗ den Hochverrathes auf Grund des§. 10 der St.⸗P.⸗ O. kompetent war; als aber die Unterſuchung wegen des politiſchen Verbrechens mit allerhöchſter Entſchlie⸗ ßung vom 2. November 1858 niedergeſchlagen wurde, iſt das k. k. Ofner Landesgericht zur Fortführung der Unterſuchung gegen Rozſa wegen der ihm zur Laſt liegenden gemeinen Verbrechen durch das k. k. Ober⸗ landesgericht in Peſt delegirt worden. Der Zimmermann Lavocat bewohnte mit ſeiner 26jährigen Tochter Mathilde ein zur Gemeinde Celles gehöriges, die kleine Müble genanntes, einzeln ſtehendes Haus. Er trieb dort zugleich das Gewerbe eines Müllers und eines Zimmermanns, und lebte von dem Ertrage beider und von der Hände Arbeit ſeiner Tochter. Letztere hatte ſeit einiger Zeit mit Abdon Bordel, einem Bauer aus Plesnay, ein Liebesverhält⸗ niß angeknüpft und dieſer hatte ihr verſprochen, ſie zu heiraten. Am 17. Oktober v. J. ging Bordel nach Celles und man ſah ihn in der Geſellſchaft Lavocat's. Er erzählte dann Mathilden, daß er bei ihrem Vater um ſie angehalten, daß aber dieſer zur Zeit noch nicht eingewilligt habe, unter dem Vorgeben, daß es ihm an Gelde fehle. Am 21. November verließ Lavorat früh⸗ zeitig ſeine Wohnung, um ſich nach La Ferté zu begeben, ohne ſeiner Tochter die Zeit ſeiner Zurückkunft anzuzei⸗ gen. Gegen halb ſieben ÜUhr Abends legte ſich Mathilde zu Bett, ließ aber, weil ihr Vater noch nicht zurückge⸗ kehrt war, die Thüre auf. Bald nach 9 Uhr kam Bor⸗ del in's Haus, zündete eine Lampe an, ging an die Kammer, wo Mathilde ſchlief und ſagte ihr, daß er am Dienſtag wiedeͤrkommen werde, um ihren Vater um ihre Hand zu bitten. Dann entfernte er ſich, kam jedoch um halb eilf Uhr zurück und blieb jetzt bei Mathilde. In⸗ zwiſchen kehrte Lavocat von La Ferté zurück, Mathilde erkannte erſchreckt ſeinen Tritt und rief ihrem Geliebten mit leiſer Stimme zu:„Rette dich, ſonſt ſind wir ver⸗ loren!“ Bordel aber zog nur das Bette über den Kopf und ſuchte ſich ſo zu verbergen. In demſelben Augen⸗ blick trat Lavocat in die Kammer und da er den Zipfel einer Blouſe bemerkte, begab er ſich, ohne ein Wort zu ſagen, nach der Küche, von wo er mit einem Stock oder einem anderen Inſtrumente zurückkehrte. Bordel ſprang jetzt aus dem Bette und als er Lavocat mit wüthendem Blick auf ſich zukommen ſah, bat er ihn flehentlich, ihm kein Leids zuzufügen; zugleich ſuchte er durch die Küche zu entfliehen. Kaum war er aber au der Kammerthüre angelangt, als er von Lavocat meh⸗ rere ſo heftige Schläge über die rechte Schulter und den Kopf erhielt, daß er mit lautem Schmerzensſchrei und um Gnade bittend zur Erde fiel. Doch Lavocat hörte nicht auf zu ſchlagen, nach ſeinem eigenen Ge⸗ ſtändniß ſchlug er über eine Viertelſtunde auf Bordel los. Erſt als ſein Arm müde wurde, öffnete er die Thüre und warf Bordel, der keine Klage mehr von ſich gab, mit den Worten auf die Straße:„Warte, ich werde Dich fortgehen lehren.“ Bordel war eine Leiche. Ohne erſt zu ſeiner Tochter zurückzukehren, begab ſich Lavocat zum Maire, erzählte ihm getreu den Vorfall und veranlaßte ihn zur Aufnahme des Thatbeſtandes. Der Körper Bordels war mit Wunden überſät, die Hirnſchale allein zeigte ſechs Wunden und vier Brüche. Der Tod hatte dieſen ſchrecklichen Verletzungen unmit⸗ telbar folgen müſſen. Anſcheinend waren dieſelben mit einem ſpitzen Hammer zugefügt; doch behauptete Lavo⸗ cat, daß er das Inſtrument nicht kenne.— Die Ge⸗ ſchworenen erklärten nach beendigter Verhandlung den Angeklagten Lavocat des Mordes für nicht ſchuldig, da⸗ gegen der Körperverletzung, durch die der Tod herbei⸗ geführt worden, für ſchuldig. Auch nahmen ſie mildernde Umſtände an. Der Gerichtshof verurtheilte Lavocat in Folge deſſen nur zu drei Jahren Gefängniß. Einen eigenthümlichen Fortſchritt der tech⸗ niſchen Induſtrie hatte kürzlich das Zuchtpolizeigericht von Lauſanne zu beurtheilen. Ein Mechaniker hatte eine Dreſchmaſchine dem öffentlichen Verkehr gewidmet und ſie ſo eingerichtet, daß er mittels einer verborge⸗ nen Röhre einen Theil der Frucht für ſich ableiten und entwenden konnte. Der induſtriöſe Scharfſinn wurde mit 15 Monaten Strafhaus bedacht. Vor Kurzem hatte das in Schweidnitz tagende Schwurgericht Veranlaſſung, den Spruch eines ſrüheren nach neuerdings aufgenommener Unterſuchung möglichſt wieder gut zu machen. Ein junger Mann aus Peters⸗ waldau war wegen Straßenraubes zu 10jähriger Zucht⸗ hausſtrafe verurtheilt worden, da allen ſeinen Unſchulds⸗ betheuerungen gegenüber die Indicien und Zeugenaus⸗ ſagen zu ſtark gegen ihn zu ſprechen ſchienen. Nachdem der Verurtheilte ſeine Strafe bereits durch drei Jahre abgebüßt hatte, iſt endlich durch Verfolgung der Spu⸗ ren eines Gerüchtes die Wahrheit ans Licht gekommen. Das Motiv der Intrigue war Rache, die Zeugenaus⸗ ſage falſch, das corpus delicti, ein aus der Kleidung des damals Angeklagten herausgeriſſenes Stück Zeug, nicht bei Gelegenheit des vorgeblichen Raubes, ſondern bei einer früheren Prügelei unbemerkt von dem Ange⸗ klagten, in die Hände eines Feindes gekommen. Na⸗ türlich iſt der früher Verurtheilte ſogleich in Freiheit geſetzt worden. Barbariſche Hinrichtungen in Amerika. Zu Union⸗Springs in Alabama und zu Troy im Staate Miſſouri wurden zwei Neger, welche in Folge jahrelang fortgeſetzter Mißhandlungen ihre Herren erſchlagen, von dem„erleuchteten Volke“ lebendig verbrannt. Der De⸗ linquent in Union⸗Springs litt zwei und eine halbe Minute, nachdem das Feuer angezündet war. Noch grauenhafter war der Auftritt in Troy. Dort kettete man den Neger an einen Baum, legte, nach Indianer⸗ art, in einiger Entfernung von ihm einen Kranz von ziemlich niedrig aufgeſchichtetem Holze und zündete das⸗ ſelbe an. Somit ward dem unglücklichen Schwarzen nicht die Wohlthat des Erſtickens zu Theil, ſondern er wurde geradezu lebendig gebraten, während ſeine Pei⸗ niger, wie Wilde heulend und jauchzend, ſich an ſeiner gräßlichen Todesqual weideten. Anekdoten. Sommerwohnung. Das Einkehrhaus„Zum braunen Bären“ war beſetzt, kein Winkel mehr war zu vergeben, denn der Andrang der Reiſenden war ein fa⸗ belhafter, weil Tags darauf das berühmte Schwedenfeſt mit Schießen, Feuerwerk und glänzendem Schützenball abgehalten werden ſollte. Da kam noch ſpät am Abend ein Wagen angefahren, ein kleiner, ſehr lebhaft geſtiku⸗ lirender Herr kugelte heraus und verlangte ein Zim⸗ mer.„Verehrteſter Herr!“ entſchuldigte ſich der Gaſt⸗ wirth,„es thut mir ſehr leid, daß ich nicht mehr die⸗ nen kann, aber es iſt Alles bis auf das letzte Bett ſchon vergeben!“—„Sacre dieu!“ erwiederte darauf der Fremde,„bin ich hergekommen expressement wegen die Feſt, bin ich beliebte mattre de danse, werden Sie mich nicht laß ſchlafen auf die Gaß, wenn bin ich kommen auf Recommandation exprès zu Monsieur! Werden Sie ſein galant, Monsieur hotelier, wie haben ich gehört lo⸗ ben überall die Bärenwirth!“ Während aller dieſer Tiraden erinnerte ſich der Bärenwirth, daß er noch ein Dachſtübchen, jedoch ohne Ofen und bei der herrſchen⸗ den Kälte ohne Schutz gegen die Witterung und ohne allen ſonſtigen Komfort, zur Noth vergeben könnte. Er faßt ſich alſo Muth und durch die Schmeicheleien des Frauzoſen kühner gemacht, wagt er es endlich und er⸗ öffnet dem Reiſenden, er hätte wohl noch eine Som⸗ Feuilleton. 191 reden, die Sommerwohnung war an⸗ und in wenig Minuten darauf in plena forma eingenommen. Des andern Tages Morgens kam der Franzoſe zähneklap⸗ pernd, blau von Farbe und knieſchlotternd in das Spei⸗ ſezimmer herab, wo er, ohne ein Wort ſprechen zu können, den warmen Ofen umfaßte, ſo innig, ſo herz⸗ lich, als hinge ſein Leben daran. Der Wirth, den Grund ſolch' auffallenden Gebahrens leicht errathend, kam ſchüchtern heran und fragte nach dem Befinden des gnä⸗ digen Herrn und wie derſelbe geſchlafen habe.„Ah mon Dieu!“ ſagte wie ein Storch klappernd der Franzoſe, „haben wir geſchlafen brillant, aber, Monsieur hoteli er, ſein Sie vraiment brave Mann, daß Sie mir haben geben Sommerwohnung, das war tros bon, hätten Sie mir geben Winterwohnung— parole d'honneur, wäre ich ſchon gefroren todt!“ Oliver Goldſchmith, der Verfaſſer des„Vi⸗ kars von Wakefield“, hatte anfangs Medizin ſtudirt, konnte aber trotz des Doktorgrades, den er zu Padua erhalten zu haben behauptete, keine Patienten erlangen. „Ich praktizire nicht,“ ſagte er einmal,„ich mache es mir zur Regel, nur für meine Freunde zu verſchrei⸗ ben.“—„Bitte, theurer Doktor,“ ſagte Beauclerk, än⸗ dern Sie Ihre Regel und verſchreiben Sie nur für Ihre Feinde.“ In G... ſollte vom Gremium der Stadträthe über eine Sache abgeſtimmt werden und der Bürger⸗ meiſter ſetzte als ſein Votum an die Spitze der Ab⸗ ſtimmenden die Worte:„Stimmt der Mehrzahl bei.“ Der erſte der Räthe ſetzte darunter:„detto“ und ſo ging es bis zum letzten. Als das Zirkular zurückkam, wußte nun der Bürgermeiſter was er zuvor gewußt hatte, und es blieb nichts anderes übrig, als nochmals abſtimmen zu laſſen. Bei einem heitern Mahle wurde tüchtig ge⸗ geſſen und getrunken.„Jetzt kann ich aber nicht mehr,“ ſprach einer der Gäſte,„jetzt iſt bei mir die Pforte ge⸗ ſchloſſen.“ Kaum hatte er dieſes geſagt, ſo wurde noch zum Schluſſe ein köſtlicher Wein aufgetragen. Die Luſt, auch von dieſem zu koſten, ſiegte.„Aber Sie haben ja ſchon die Pforte geſchloſſen,“ ſprach einer der Anwe⸗ ſenden zu dem auf's neue Trinkenden,„wo ſoll nun dieſer Wein hin, den Sie ſoeben getrunken?“—„Der muß noch zum Schlüſſelloch hinein,“ antwortete der muntere Zecher. Ein Todtenbeſchauer kam in nicht geringe Ver⸗ legenheit, als er für einen vom Dache geſtürzten Schie⸗ ferdecker einen Todtenbeſchauzettel ausſtellen ſollte. Die Nubrik„Krankheit“ machte ihm Kopfzerbrechen. Endlich. ſchrieb er:„N. N. ſtarb an wenig Anhaltung an der Dachrinne.“ Im Jahre 18l8 erſchien ein Büchlein nur 62 Seiten ſtark, unter dem Titel:„Kleine Sammlung hochdeutſcher Gedichte von G. F. W. Renner“. Man kaun ſich nichts Lächerlicheres denken, als dieſe Samm⸗ lung, aus welcher wir zum Belege des Geſagten nur folgende Kleinigkeiten entnehmen: An Theodor Körner. Man rühmt Dich häufig als Poet, biſt's werth auch, tapf'rer Körner! Denn Deine Verſe ſind ſehr ſchön und bleiben es auch ferner. Wie Annchens Geliebter auf einige Zeit verreiſen mußte und von dem Mädchen Abſchied nahnn. Ach Anuchen! weine nicht, ich bitte Dich mein Liebchen! Ich werd’ zu traurig ſonſt und geh' aus Deinem Stübchen. Daß wir uns trennen itzt, iſt Schickſal(destinde), merwohnung, ſollte dem gnädigen Herrn dieſe annehm⸗ u 3. 4 Adieu, mein Kind! ich Dich bald wieder ſeh'. bar erſcheinen, ſo———“ Er konnte nicht mehr aus⸗ — 192 Unterſuchungsrichter. Herr Niklas! Sie ſind hieramts angeklagt, den Spitznamen Ihres Nachbarn „Cato“ auf Ihren Pintſch übertragen zu haben. Was haben Sie dawider anzubringen? Niklas(über die Brille ſehend). Bitte, Herr Un⸗ terſuchungsrichter, wie ſchreibt mein Nachbar ſeinen ver⸗ meinten Spitznamen? u.(die Klageſchrift hinhaltend). ſelbſt; er ſchreibt ihn mit C⸗a⸗t⸗o. N.(die Brille richtend). Wenn das ſo iſt, dann iſt der ganze Prozeß unnöthig; denn mein Hund ſchreibt ſich K⸗a⸗t⸗o. Hier leſen Sie Buchſchau. Geografiſch⸗ ſtatiſtiſche Tabellen des öſterreich. Kaiſerſtaates nach der neueſten politiſchen Eintheilung. XXII. Das lombardiſch⸗ venetianiſche Königreich. Prag. Carl Bellmann's Verlag.„ In überſichtlicher Darſtellung, bei welcher ſich das Auge trotz der Mannigfaltigkeit des rubrizirten Materials auf das Leichteſte zurechtfindet, enthält dieſe Tabelle, auf welche wir auf⸗ merkſam machen, Lage, Grenzen, Größe und Bevölkerung des lombardiſch⸗venetianiſchen Königreiches, ſeine Produkte, Straßen und Bahnen, die politiſche Eintheilung, alle Städte und wichti⸗ geren Dörfer. Fes und Tſchako. Soldatengeſchichten von Jul. Gundling. Leipzig. Ludw. Herbig. 1859. „Fes und Tſchako“ kann als eine Fortſetzung der Solda⸗ tengeſchichten betrachtet werden, welche der Verfaſſer vor bei⸗ läufig einem Jahre unter dem Titel„Deutſche Hiebe“ veröffent⸗ lichte. Die Vorzüge welche die Kritik bei letzterem Werke her⸗ vorhob: gewandte Darſtellnng und eine ergiebige Phantaſie, die ſich ebenſo in lebhafter Schilderung des Einzelnen wie in ver Erfindung ſpannender Situationen bekundet, werden auch in dem vorliegenden Werkchen, das drei Novellen enthält, nicht verkannt werden. Die erſte Novelle,„Türkiſche Schiffe“, welche eine Epiſode der türkiſch⸗egyptiſchen Verwickelungen im Jahre 1838 behandelt, geht mit umſtändlicher Detailmalerei auf den Bau und die Einrichtung eines Kriegsſchiffes und auf das Leben auf demſelben ein, die zweite,„Tirols Erhebung“, reiht an einen romantiſchen Faden einzelne Ereigniſſe des tiroler Frei⸗ heitskampfes im Jahre 1809,„das Ende der Tortur“, ein vüſteres Gemälde von Schuld und Reue, hat durch eine ſelt⸗ ſame, dem Kaliban nachgebildete Figur einen dämoniſchen Anſtrich. K. H. L. Pölitz Oeſterreichiſche Geſchichte. Neu herausgegeben von Ottokar Lorenz. Wien. Tendler& Komp. Der Verfaſſer hat ſich vie Aufgabe geſtellt, gegenüber der einſeitig nationalen Auffaſſung der Geſchichte Oeſterreichs die Darſtellung der politiſchen Entwickelung des öſterreichiſchen Staa⸗ tes von einem allgemeineren Standpunkte aus zu unternehmen und hat zu dieſem Zwecke das vielverbreitete aber bereits in mancher Hinſicht veraltete Pölitz'ſche Handbuch in der Weiſe überarbeitet, wie es der gegenwärtige Stand der Geſchichtsforſchung verlangt. ——y— —— Verantwortlicher Redakteur: T Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. reiſenden Malers Erzählungen eines Uebertragen von L. Du von Wilkie Collins. Bois. Lemgo und Detmold. handlung. 1859. Die ſechs Erzählungen dieſes Buches werden alle Leſer unterhalten, welche Freunde einer lebhaft bewegten Handlung und ſpannender Situationen ſind. Fränzchens Lieder von Hoffmann v. Fallers⸗ leben. Lübeck. Dittmar'ſche Buchhandlung. Alles, was die Seele des Kindes anregt und erfreut— Vögel, Blumen, Spiele und Kinderfeſte— iſt zum Gegenſtande kleiner Lieder geworden, die durch ihren herzlichen, oft neckiſchen Ton ganz an die wunderlieben Kinderlieder unſeres Volkes mahnen, die Simrock geſammelt hat. Die Lieder ſind in drei Abtheilungen gruppirt:„Kind und Natur“,„Kind und Haus“, „Kinderleben“. Andenken an liebe Reiſende von Joſef Kaspar Lavater. Baſel. Bahnmaier's Buchhand⸗ lung. 1859. 200 Aphorismen von verſchiedenem Gehalte aus dem Gebiete äußerer und innerer Erfahrung. . Ernſt.— Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag. Ausgegeben am 1. März 1859. Meyer'ſche Buch⸗ — 2