Erinnerungen. ſer 2 2 29 6 0 52 ¶‿ 6 6 Gſ llustrirte Blätier kür TBrnet wnd Bumor. Band.(Neununddreißigſter Jahrgang.) Heft V. Meiſter Einhand der Scharfrichter. Rathes, reich und hochgehert— durch Ränke und Sage von Ferd. Laufſer. Verfolgungen des regierenden Bürgermeiſters und DOberälteſten der Stadt, Habakuk Zirbel, eines W 1 harten, ſelbſtſüchtigen Mannes, in ſo dürftige Lage NVor drei Jahrhunderten lebte in Hof ein armer gekommen. Außer Schadenfeuer, Siechthum, Berau⸗ 76 Tagwerker, Namens Peter Ehrenſorg. Der bung und anderen Hiobsſchlägen, die lr Ae der war— ehedem Grundbürger und Beiſitzer des nen zeitlichen Wobls aus einem faſt ſiedenden Erinnerungen. 1859. 1 mit Eiswaſſer begoſſen wird, 17* 130 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ein langwieriger Rechtsſtreit mit dem Stadt⸗ despoten, den dieſer durch Beſtechung des Landvog⸗ tes und Oberrichters gewann, ihn vollkommen rui⸗ nirt. Grundeigenthum und Haus wurden als ver⸗ fallenes Lehen eingezogen. Peter war bettelarm, ſchämte ſich aber, die flache Hand nach einem Gna⸗ denpfennig zu ſtrecken, ſo lange er noch das Werk⸗ zeug einer ehrlichen Arbeit führen konnte. Er frohnte als Knecht um Tagelohn und blieb— ſein Thun und Gewiſſen vor jedem Makel bewah⸗ rend, ein wahrer„Ehrenſorg“. 1 Die Schale des Zornes oder der Prüfungen ſchwebte über dem Haupte des Gezeichneten; ſie ſollte ſich bald noch reicher und furchtbarer über ihn er⸗ gießen. Stadtſchreiber Juſtus Zirbel, des Ober⸗ mer, hatte durch ausgeſuchte, verruchte Buhlerkünſte die ſchöne Anne Marie, Peters Verlobte, nach⸗ dem dieſer arm geworden, von ihm und der Tu⸗ gend abgezogen. Als die Geſchändete zuletzt ernſtlich darauf drang, daß der Verführer ſie als Weib, nach ſeinem Schwur, wieder zu Ehren bringe, wurde ſie mit älteſten Sohn, ein junger Wüſtling und Kened Fußtritten, begleitet von herzzerſchneidender Hohn⸗ rede, über ſeine Schwelle geſtoßen. Sie wanderte hinaus in Nacht und Verzweiflung— drei Tage ſchon hatte kein Auge ſie im Weichbild des Städt⸗ ei eſehen. Das ſchließende N leins geſehen. Das war der ſchließende Nagel zum, Sarge, worin Peter Muth und Lebensfreudigkeit auf ewig begrub. So trug er die Bürde ſeiner Tage, ſtumm und finſter, im Schweiße ſeines Angeſichts; kannte keine andere Sehnſucht als die: nach dem e Da er eines Tages auf öffentlichem Ort, zu⸗ nächſt der Heerſtraße, die Holzaxt handhahte, tän⸗ zelte leichtfertig ſein jüngerer Todfeind auf ihn zu. Schief ſaß ihm das kecke, von Federn überwallte Barett auf dem Scheitel, von welchem lange, et⸗ was verwirrte ſchwarze Locken zur Schulter fielen. Ein zur Krauſe gefalteter Brüſſelerkant umrahmte den ſchlanken beweglichen Hals, ein flottes hell⸗ grünes, mit Troddeln geziertes Stutzerröcklein deckte ſeinen Leib kaum bis zur Hüfte, von der ein lan⸗ ger ſchmaler Stoßdegen an reichem Gürtel hing. Sein Geſicht wäre ſchön zu nennen geweſen, wenn ein Zug argen Hohnes, um das die Lippe deckende Schnauzbärtlein ſpielend, und die untrüglichen Spu⸗ ren eines ausſchweifenden Lebens, Denkzeichen wü⸗ ſter Leidenſchaften, ihm nicht einen widerwärtigen Ausdruck gegeben hätten. Bereits einen Schritt vorbei, drehte er ſich plötz⸗ lich auf einem Fuß zierlich zu dem Arbeitenden, zog ihm das niedergehaltene Antlitz am Kinn mit unzar⸗ tem Ruck empor und ſtarrte ihn frech lachend an. „Nun, Meiſter Peter, wie ſchlägt Euch das knurrige Täublein an in Eurer Klauſur? Wann geht's zur offenen Hochzeit mit der ſchönen Anne? Fert mich doch zum Brautführer und— Ge⸗ —— 4 Peters Fauſt ballte ſich krampfhaft am Stiel ſeiner Axt, ſein Auge begann zu funkeln, während die buſchigen Brauen ſich ſträubend in tieferer Richtung darüber zogen, die Zähne beider Kiefer wuchſen knarrend zuſammen, ſein Mund aber hatte keinen Laut, ſein Körper glich an Regloſigkeit einer Säule. „He!“ fuhr der Fant, ihm empfindlich den Bart zupfend, mit unverwüſtlicher Frechheit fort, „ſeid Ihr ein Oelgötz worden, oder taub, wie Loth's Weib? Ich, frage, wann die Geige Euch mit der Anne Marie zum Brautjuchhei aufſpielen wird? Wäret Ihr nicht wie ein Klotz gegen den, der ſich dun i tter antrug, wer weiß, ob Ihr als Braut⸗ gabe Micht eine nußbaumene Wiege in die Wirth⸗ ſcheſte. Dieſe Hohnrede erſtarb unter dem Dröhnen einen niederfallenden Holzaxt, der Freche taumelte mit eem durchdringenden Schrei in ſein Blut. 7„Mörder!“ zeterte es aus zwanzig Kehlen, hekzilllende Luſtwandler mit Dolchen, Stoßdegen uhd Stöcken in drohender Haltung umgaben den Armen, der, auf's Aeußerſte getrieben, vom Zorn des Augenblickes überwältigt, den verhängnißvollen Streich gethan. Er ſchien verloren, und bereits llegte ſich die breite ſchwielige Hand des Schmie⸗ des wie eine Klammer an die Achſel des Unbeweg⸗ lichen, da mit einemmal zuckte ſtürmiſches, über⸗ wältigefdes Leben ihm durch jeden Nerv, er ſchleu⸗ derte, ſich aufbäumend, die gewaltige Maſſe ſeines Gegners auf die Herzudrängenden, daß unter ſeiner Wucht drei ſtarke Männer wie gefällte Baumſtämme niederpolterten. Ein Tigerſprung hob ihn über de⸗ ren Nacken hinweg und in einem Augenblick hatte er freie Bahn gewonnen, die er mit der Behendig⸗ keit eines Rehes nun zu durchmeſſen begann. Die wüthende Meute, laut ſchreiend und Steine nach ihm ſchleudernd, in athemloſer Hatz hinter ihm drein. Bald war Peter, ſeinen Vorſprung benutzend, eine weite Strecke außerhalb der Stadtmauer ge⸗ kommen, ſeine Bruſt athmete freier, er ſah die Freiſtatt der Verbrecher, das Häuslein des Scharfrichters, vor ſich. Noch fünfzig Schritte und ſein verfallenes Haupt iſt geborgen! Da ſtrau⸗ chelt ſein Fuß über einen Stein— er ſtürzt. Ju⸗ bel und ſchadenfrohes Gelächter begleiten die ver⸗ hängnißvolle Niederlage. Die Vorhut der Verſol⸗ genden hat ihn erreicht, eine Fauſt langt nach ihm, er iſt— war's möglich? iſt es Wirklichkeit? Him⸗ mel! oder nur Täuſchung der Sinne— er iſt entſchlüpft!— Ein freier Abſtand von kaum Fin⸗ gerlänge hat den Aufgeſprungenen dem feſſelnden Griff entzogen, in der nächſten Minute fällt die ſchirmende Pforte bereits hinter dem Geretteten ins Schloß. Laut lärmend, vor Verdruß über die fehlge⸗ ſchlagene Hoffnung, bricht ſich an der verhängniß⸗ vollen Schwelle das Volk, gleich einer Woge von unſichtbarem Luftdruck zurückgetrieben. Ferd. Lauffer: Meiſter Einhand der Scharfrichter. 131 Ein ſeltſames, durch ſein Alter geheiligtes Herkommen war's, ein Geſetz, das zu umgehen ein unerhörtes Verbrechen geweſen wäre, daß je⸗ der Verbrecher im Hauſe des verrufenen Freiman⸗ nes unverletzlich wurde. Die weltliche Gerechtigkeit durfte ſich hier ſo wenig ihres Opfers bemächtigen, als an den Stufen des Altars, in der Nähe des Allerheiligſten. Indeß jeder Schritt über die Schwelle warf den Geächteten in einen Wald entgegenſtar⸗ render Partiſanen. Die Freiſtatt war auch ſein Gefängniß. Nur eine Bedingung gab es, un⸗ ter der er ungefährdet ſich wieder der Menſchheit zeigen durfte: wenn er im Gewande des Scharf⸗ richters ſich ſelbſt, als dieſer gebrandmarkten Gilde, deren bloße Berührung ehrlos machte, angehörig, den Blicken wies. 1 Die unverdienten, ſchrecklichen Schickſalsſchläge hatten einen Bodenſatz menſchen⸗ und weltverachten⸗ der Bitterkeit in Peter abgeſetzt, doch bisher hatte er duldend geſchwiegen— mit dem Wurf ſeiner Art aber war der Geiſt grimmigen, herausfordern⸗ den Widerſtandes in ihn gekommen. Zum Trotze der Welt, die ihm ſo arg mitgeſpielt, wollte er nun leben! unnahbar ihrem, ſeine Vernichtung anſtrebenden Verlangen. Genugthuung ſollte es ihm ſein, den glühenden Rachedurſt im Auge ſeines Feindes, des ſonſt allmächtigen Stadtherrſchers, un⸗ geſtraft ſehen und ſeiner ſpotten zu dürfen. Sein Entſchluß war gefaßt, wie der Riegel hinter ihm zugefallen; die ſchmale Bretterwand ſchied auch zwei Welten in ſeiner Seele. Wie er nach wenigen Minuten(ſo viel ihrer für einen Umtauſch des Gewandes nöthig), das breite Richtbeil in der Fauſt, den blutrothen Man⸗ tel um die Schulter geſchlagen, den breitkrämpigen Filzhut über der gewitterdunklen Stirn bis in's Auge gedrückt, vor die Pforte trat— lief ein Schrei ſeltſamer Ueberraſchung durch die Verſammelten, die Speere fielen zu Boden, als hätte der Bann⸗ ſtrahl ſeines unheimlichen Blickes jede Muskel ge⸗ lähmt. War das Peter, der weiland hochgeehrte, mit Glücksgütern geſegnete Bürger des Städtleins? ihr Mitbürger, vor dem in beſſerer Zeit Viele, die jettt vom Lärm der Verfolgung mitgeriſſen, im blinden Eifer nach einem vorgeblichen„Mörder“ haſchten, ehrerbietig den Hut gezogen, als Freunde ihm treuherzig die Hand gedrückt und ſeiner Gaſt⸗ freundſchaft genoſſen? Welche Verwandlung! wel⸗ cher abgrundtiefe Fall! Der Geiſt konnte mit dem, was die Sinne ihm zur Erkenntniß brachten, ſich nicht zurecht finden, er mühte ſich unwillkürlich, mit dem Auge der Vergangenheit das der Gegenwart Lügen zu ſtrafen. Peter ſprach kein Wort, er ſchaute blos um ſich. Hart vor ihm ſtand Korbmann, Rottenmei⸗ ſter der Schaarwache, den er als Beiſitzer des Ra⸗ thes zu dieſem Poſten durch ſeinen perſöͤnlichen und ſeiner Mittel Einfluß erhoben. Ein bitteres Lächeln lichtete wie ein Blitz die Finſterniß im Antlitz des Freimannes— nur einen Augenblick: dann war ſeine Miene wieder in nächtigem Ernſte— ſtarr, wie ein Grabſtein. „Das bin ich durch Euch geworden ¹“ ſprach ſein Blick— nicht ſeine Zunge,„blinde Werkzeuge zweier Verruchten, die mein Verhängniß ſind. Freut Euch dieſes Anblickes— wenn Ihr könnt!“ —— Die Menge zerſtreute ſich mit beklomme⸗ nem Schweigen. II. Peter war Scharfrichterknecht. Des andern Tages wollte er der ganzen Stadt ſeine Verach⸗ tung zeigen, er pflanzte ſich wie eine Schildwache am großen Steinkaſten des Ringes auf. Hier, Aller Blicken ſich bloßſtellend, forderte er die Aeußerungen des Haſſes und Spottes heraus; der ungebeugte Trotz in Miene und Haltung ſollte Jedermann lehren, daß ſein Schickſal weit über jedem Mitleid ſtehe und eben ſo jede Schadenfreude unzeitig erſcheinen laſſe. Indeß— kein Mann hatte ſo wenig Gefühl für Ehre und Schicklichkeit, das Auge an der bewei⸗ nenswerthen Verwandlung eines Mitbürgers zu weiden; ſie wichen ihm aus oder gingen abgekehr⸗ ten Antlitzes vorüber. Nur mehrere neugierige Weiber ſteckten am Eingang einer Gaſſe mit einem be⸗ deutſamen Flüſtern die Köpfe zuſammen und einige Schuljungen gafften in der Nähe ihn an. Schon ſchickte Peter, nach einer Stunde fruchtloſen Harrens auf eine Schmähung, ſich an, ſeinen Poſten zu verlaſſen, da fühlte er plötzlich von hinten her ſeine Backe von einem ſcharfen Strahl Speichel getroffen, er wendet ſich— und Herr Stadtſchreiber Zirbel, ſeinen Arm in zierlich ge⸗ ſchlungener Binde, ſteht drei wohlgemeſſene Schritte Diſtanz vor ihm. Sein widrigſtes Hohnlächeln auf der Lippe, ſprach der Ankömmling die räthſelhaften, doch im nächſten Augenblick dem Freimann furchtbar deut⸗ lich werdenden Worte:„Guten Tag, Geſelle Häm⸗ merling! Glück zum Handwerk. Friſcher, brühwar⸗ mer Fall— kommt wie beſtellt, daß Du Dein Meiſterſtück machſt! Nun,— wollen ſehen! Bei ehrlichen Leuten ſcheint Deine Fauſt kein Glück zu haben.— Peter, bei der unerwarteten Erſcheinung eines Menſchen, den er auf der Brücke zum Jenſeits glaubte, ganz außer ſich, ſtreckte bei dieſer kecken Hohnrede in krampfhaft⸗unwillkürlicher Bewegung ſeinen Arm aus und— griff in's Leere! Der Nichtswürdige, leichtfertig lachend und ſo ſeine Zähne weiſend, hatte ſich mit der Wendung eines Aals in die Menſchengruppe geworfen, die eben unter verworrenem Lärmen aus einer Gaſſe ſich auf den Platz bewegte. Ein Menſch, der aus einem faſt ſiedenden Dampfbade ſteigend, mit⸗ Eiswaſſer begoſſen wird, 8 172 15. . Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. 13² mag eine ähnliche Wirkung des plötzlichen Wech⸗ ſels der Einflüſſe empfinden, wie Peter beim An⸗ blick der Szene, die in gedankenſchneller Unmittel⸗ barkeit der eben ſtattgefundenen folgte. Sein noch eben in Zornesgluth alle Adern ſchwellendes Blut preßte ein vernichtender Schlag in's Herz zurück, das in übermächtiger Lebensregung flammende Antlitz wurde leichenfahl: vor ihm, mit gelöſten goldenen Haarwellen, welche die gefeſſelte Hand über's Antlitz zu ſtreichen, es zu verhüllen ſich mühte, im Kreiſe finſterer Häſcher, deren Einer eine mit blutigem Linnen umwickelte Bürde trug, ſtand Anna— die Kindesmörderin!... Die Unſelige, von ihrer Mutter verflucht, vom Geliebten verſtoßen, von der erbarmungsloſen Scha⸗ denfreude ihrer Freundinnen, die ehedem ſie als Erkorene des vornehmen Juſtus beneidet, tief ver⸗ letzt, hatte,— nachdem ſie in Strohkranz und Sün⸗ derhemd auf dem Pranger geſtanden, ſich gebroche⸗ nen Herzens in den Wald geflüchtet und dort in einem Anfall der Verzweiflung ihr neugebornes Knäblein ermordet. tiefſten Stelle des Elend mit ihrem Im Augenblick, wo ſie bei der Waldſtromes ſich anſchickte, ihr Bewußtſein zu vernichten, war ſie vom Förſter ergriffen und der ſtreifenden Schaar⸗ wache überliefert worden.— Drei Tage darauf ſprachen die ſchwarzen Rich⸗ ter, unterm Vorſitze des ſtrengen Herrn Habakuk Zirbel ihr„Schuldig!“ aus, brachen das Stäb⸗ lein der Gnade über ſie und überantworteten ſie für den kommenden Morgen dem Nachrichter. III. Die goldenen Wellen ſind unter dem Scher⸗ meſſer von der ſchönen Sünderin Haupt gefallen — es liegt auf dem Block. Grabähnliches, drücken⸗ des Schweigen laſtet über dem Volk, das ſich um das verhängnißvolle, ſchwarzbehangene Gerüſt ver⸗ ſammelt hat. Das Antlitz tief in die Falten ſeines Blutmantels gehüllt, ſtützt ſich der Freimannsge⸗ hilfe Peter Ehrenſorg, des Zeichens zum Mei⸗ ſterſtücke harrend, auf ſein furchtbares Richtbeil. Der Prieſter betet ſtill. Hart unter dem Galgen gähnt, von gebleich⸗ ten Schädeln Hingerichteter umlagert, eine dunkle Höhle— ein Grab, auf deſſen Hügel die Liebe keine Immortellen, der Glaube kein Kreuzlein pflanzen wird. Nun dringen die weinenden Töne des„Ar⸗ menſünderglöckleins“ durch die nebeltrübe Luft und eine tonloſe Menſchenſtimme ſpricht, ſie begleitend: „Bei Gott iſt Gnade!“ Noch bebt auf der Menſchenlippe ein Hauch der Worte, noch wimmern die Töne des Glöckleins fort, da— mit der Schnelle des Gedankens zuckt ein blendender Blitz durch die Luft, ein erſtickter Weheruf darauf und der ſchönſte Rumpf, den je der Arm eines Liebetrunkenen umſchlungen, liegt haupt⸗ los, blutig da. V D T er Meiſter Freimann aber ruht wieder unbeweglich, das Antlitz in die Falten ſeines Blut⸗ mantels gehüllt, auf ſeinem Beil; von der Lippe des Prieſters bebt ein„de profundis.“ Auf die Verſammelten aber ſank eine Ahnung des ungeheuern Schickſals, das in unerbittlicher Strenge waltend, nun ſeine Kreiſe vollendet, wie Schauer der Ewigkeit. Da war kein buntes, lärmendes Aus⸗ einanderſtäuben, wie es nach ſolchen Vorgängen gewöhnlich der Fall; ein ſeltſames Vorgefühl, als wäre das Schauſpiel noch nicht beendet, als ſtünde ein bedeutſamer Akt noch bevor, lähmte jeden Fuß, und Aller Augen waren ſtarr nach dem Vollſtre⸗ cker gerichtet. Der Prieſter hatte ſein„Amen!“ geſprochen. Da ſinkt die Mantelhülle von den Schultern des Freimanns, und ein Antlitz ohne Farbe des Le⸗ bens, ohne Mienenſpiel und Regung, doch voll Spuren überkommener Stürme, gleichend der tod⸗ ten Steppe, die vom verheerenden Erdbeben in ihre Tiefe geſpalten, in ſolcher Zerklüftung erſtarrt iſt, zeigt ſich dem Blick. Der todtenbleiche Mann hält nun in ſeiner Linken das Richtbeil, die Rechte taucht er in das quellende Blut des Opfers zu ſeinen Füßen. Jetzt legt er die triefende Rechte ſtumm auf den Block und mit markerkältender Ruhe und Si⸗ cherheit, ohne durch einen Laut oder das leiſeſte Zucken, Schmerzgefühl zu verrathen, trennt er mit einem Schlag ſie vom Arm. Drauf, ſein aufflam⸗ mendes Auge zum Himmel richtend und mit der Linken die abgehauene, noch zuckende Rechte empor⸗ haltend, ruft er mit einer Stimme,— ſeltſam und feierlich, wie ſie nie von der Lippe eines Leben⸗ den gekommen, die Worte:„Dieß Werkzeug irdiſcher Gerechtigkeit weihe ich Dir, ewige Gerechtigkeit droben!“— Es entſtand eine furchtbare Pauſe. Das Auge des Nachrichters, glanzlos wieder, wie das eines Graberſtandenen, wendet ſich nun dem Volke zu. Einen Augenblick überfliegt es ſu⸗ chend die Gruppen, dann haftet es auf einem be⸗ fiederten Barett, mitten im Gedränge, die lebende Hand hebt ſich— und bei den Worten ihres Eig⸗ ners:„Dieß Blut über Dich!“ läßt ſie die todte Rechte nach jener Richtung fallen. Ein entſetzlicher, herzzerreißender Schrei— die Woge ſtäubt auseinander. Herr Stadtſchreiber Zirbel, von dem blutigen Menſchenglied am Schei⸗ tel getroffen, iſt wie unter der Wucht einer Mör⸗ ſerkugel niedergeſtürzt und windet ſich, mit zerſchmet⸗ tertem Hirnſchädel, unter gräßlichen Zuckungen im Todeskampf. Im nächſten Augenblick liegt er hin⸗ abgewälzt im Grab unter dem Galgen und die nachrollenden Steine und Erdſchollen decken ſeinen Leichnam zu. Gott hat gerichtet. Keine Menſchenhand wagte es, den Rath⸗ ſchlüſſen der ewigen Gexechtigkeit zuwider, ihn noch einmal an's Tageslicht zu ziehen: er blieb in der blutgetränkten fluchbeladenen Erde. Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. mand in dem Zimmer geweſen. Leogane trat in ein anderes Zimmer, das ebenfalls leer war und er wollte ſich bereits wieder entfernen, als er noch einen Thürvorhang emporhob. Da erblickte er Miß Elliot, die im dunkelſten Winkel des Gemachs in ihrem Schaukelſtuhle ſaß, den Kopf geſenkt und die Hände gefalten auf den Knieen hielt. Ihr ein⸗ ziger getreuer Hüter, der ſie nicht verlaſſen hatte, ein großer ſchwarzer Neufundländer, lag zu ihren Füßen, ſprang aber bellend auf, als der Fremde erſchien. „Fräulein,“ begann Leogane ſofort,„ich habe erfahren, daß Ihr Vater einen Vertheidiger brauchen dürfte und ich ſtelle mich zur Verfügung. Erſt geſtern bin ich aus Frankreich angekommen; ich hörte von dem Unglück, das Ihnen widerfahren iſt und glaubte, es würde zur Linderung Ihres Schmerzes beitragen, wenn Sie wüßten, daß ein Mann entſchloſſen iſt Alles zu verſuchen, Ihren Va⸗ ter ſeinen Feinden zu entreißen. Ich kam um Ihnen dieß zu ſagen, wie um zu fragen, ob Sie mir ſonſt Befehle zu geben haben. Sie können doch unmög⸗ lich allein in dieſem großen öden Hauſe bleiben.“ Das Mädchen dankte dem Fremden mit Thrä⸗ nen in den Augen, machte ihn darauf aufmerkſam, welcher großen Gefahr er ſich durch ſein Unter⸗ nehmen ausſetze und erzählte, daß ihr außer dem Hunde eine alte Negerin treugeblieben ſei, die ſie auch nicht verlaſſen werde, ſo daß ſie ſicher in dem Hauſe bleiben könne. Nach dieſem Beſuche im Hauſe Elliots ließ er ſich bei dem Herzoge von Jacmel ſelbſt melden und erhielt hier die Weiſung, nach der Sieſta des Herrn ſich wieder einzufinden, da er in dieſer durch⸗ aus nicht geſtört werden dürfe. Nach der Sieſta ging der Herzog von Jacmel in Generallieutenants⸗Uniform mit den Sternen und Bändern der haytiſchen Orden in dem großen Salon ſeines Palaſtes, den Fremden erwartend, auf und ab. Wäre das ſchwarze Geſicht und das graulicher Wolle gleichende Haar nicht geweſen, man hätte wahrhaftig einen ordentlichen General vor ſich zu ſehen glauben können. Der mit weißem Marmor belegte Salon war groß und hoch; die Möbels glänzten von Vergoldung; zwei Adjutanten ſchrieben was der General diktirte. Als Leogane erſchien, entfernten ſie ſich. Der General ging dem jungen Manne einen Schritt entgegen, deutete auf einen Stuhl, ſetzte ſich ſelbſt und wartete mit einer gewiſſen würdevollen Haltung bis Leogane be⸗ gann, er habe es für ſeine Pflicht gehalten ihm ſeine Aufwartung zu machen, da er in die Provinz gekommen, in welcher der General kommandire. Dieſer fühlte ſich offenbar durch ſolche Artigkeit ſehr geſchmeichelt und Leogane ſprach weiter, er habe zwar ſeine Jugend im Auslande zugebracht, aber nur um ſeinem Vaterlande nützen zu können, wenn dasſelbe ſeine Dienſte annehmen wolle. „So ſind Sie entſchloſſen bei uns zu bleiben und Sie haben uns nicht lächerlich gefunden?“ fragte der General, worauf der junge Heuchler ruhig antwortete: „Lächerlich habe ich nur Die gefunden, welche von unſerem ſchönen Vaterlande reden ohne es zu kennen, vielleicht ohne es je geſehen zu haben.“ Der General war entzückt und entgegnete: „Sie ſcheinen ein braver junger Mann zu ſein; man könnte Sie für Einen der Unſerigen halten und es iſt Schade, daß Sie weiß ſind. Indeß auch als Weißer können Sie ein guter Haytier ſein. Ihr Vater war es; laſſen Sie alſo gegen mich die Exzellenz weg; die Titel geniren mich wie die Uniform, die ich öffentlich tragen muß. Erlauben Sie, daß ich Beides ablege. Sie eſſen bei mir und wir plaudern mit einander. Das wird mich an meine Jugend und an Ihren Vater erinnern.“ Der General zog ihn in der That mit ſich in ein anderes Zimmer, gab ihm ein Leinwandjäckchen, zog ſelbſt ein ſolches an, führte ihn auf eine Ter⸗ raſſe, von der aus man die Rhede, die Stadt und einen Theil ihrer Umgebung überſehen konnte, und dann in den Speiſeſaal, wo bereits gedeckt war. So viele Schüſſeln es gab und ſo viele Weinflaſchen da ſtanden, der alte General und Herzog aß nur rothe Bohnen, unter der Aſche gebratene Bananen und trank nichts als Waſſer mit einigen Tropfen Genever darin. „Sie wundern ſich über meine Mäßigkeit?“ fragte er Leogane.„Ach, wenn man ſechzig Jahre alt iſt wie ich und ſechzig Jahre von Wurzeln und Früchten gelebt hat, wie wir es in unſern Unabhängigkeitskämpfen und Bürgerkriegen thun mußten, gewöhnt man ſich nicht an etwas Anderes. Nur ein Glas Wein will ich mit Ihnen trinken auf ihre glückliche Heimkehr.“ Er trank mehrere Gläſer, aber ſein Geſicht wurde dabei immer ernſter und betrübter, bis er endlich mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug und ſagte: „Ich will offen mit Ihnen reden. Sie wer⸗ den allerlei ſtolze Pläne und Hoffnungen mitbringen. Geben Sie Alles auf. Es läßt ſich nichts Dauern⸗ des hier begründen, ſo lange der Kampf zwiſchen den beiden Menſchenragen nicht beendigt iſt und nicht entweder die Weißen oder die Schwarzen bis auf den letzten Mann vertilgt ſind. Wenn die Farbigen ſiegen, ſo beginnt dann der Kampf zwi⸗ ſchen den Mulatten und den Quarterons, zwi⸗ ſchen den Quarterons und Meſtizen. Wenn Sie hier bleiben wollen, werden auch Sie ſich für eine der Parteien entſcheiden müſſen. Bleiben Sie aber lieber nicht da; in jeder wird, fürchte ich, viel Blut vergoſſen werden und ich möchte nicht, daß auch Sie erführen, wie ſchwer vergoſſenes Blut drückt. Wenn man auch ein„alter Affe“ iſt, der gar nichts Menſchliches hat, wie die Leute im⸗ mer von mir ſagen; wenn man es ſich auch immer vorſagt, man habe Das was man gethan, aus gegnete: zu ſein; halten 9— Indeß rer ſein. en mich unſern a thun Anderes. trinken Geſicht er, bis lug und ie wer⸗ kbringen. Dauern⸗ wiſchen iſt und gen bis goſſenes Iffe“ iſt, eute im⸗ himmer an, aus — guter Abſicht gethan und um größeres Unglück zu verhüten, man fühlt doch, daß man zittern wird auedem Tage, an welchem der liebe Gott Rechen⸗ ſchaft verlangen wird, da nun einmal ausgemacht ſein ſoll, daß man eine Seele hat. Das Traurigſte aber iſt, daß man immer wieder von vorn anzu⸗ fangen hat. Unſer Volk wird ohne Aufhören von den Fremden bearbeitet. Die Amerikaner beſon⸗ ders, die es gar zu gern ſehen, wenn unſere Kämpfe nicht aufhören, die uns erſchöpfen, uns herabſetzen und es ihnen immer mehr erleichtern, ſich einmal der Inſel zu bemächtigen, ſchicken ſogar Emiſſäre her, welche den Mulatten Aufſtand predigen und ihnen den Beiſtand der Vereinigten Staaten ver⸗ ſprechen. Sie haben wahrſcheinlich auch ſchon von der Verhaftung eines gewiſſen Elliot gehört. Er war ganz gewiß auch ein ſolcher geheimer Agent und ſeine geſtrige Unverſchämtheit hatte keinen an⸗ dern Zweck, als einen Aufſtand der Farbigen zu veranlaſſen. In voriger Nacht ſah ich zwei Leucht⸗ kugeln von dem großen Berge aufſteigen und zwei andere, die vom Meere herzukommen ſchienen, ant⸗ worteten ihnen. Da ſehen Sie am Horizonte das Schiff, das im Dunſte faſt verſchwindet? Sein Maſtwerk iſt zu hoch, als daß es ein Handelsſchiff ſein könnte. Gewiß iſt es ein Kriegsſchiff. Acht Tage ſchon lavirt es da herum, ohne ſich dem Lande ſo weit zu nähern, daß man ſeine Flagge erkennen könnte. Ich ſetze meinen alten Kopf zum Pfande, daß es eine Fregatte mit dem Sternenbanner iſt. Wenn ſie aber glauben, ſie würden mich in Angſt ſetzen, ſo irren ſie ſich, denn ehe acht Tage verge⸗ hen, wird der Mann, der Elliot, gerichtet und erſchoſſen ſein, er und Alle, die ſich nur rühren. Ihr Herren Mulatten wolltet den Krieg, als wir um Frieden und Einigkeit baten. Nun ihr be⸗ ſiegt ſeid, wollt ihr euch nicht unterwerfen und ſo müſſen wir immer wieder von vorn anfangen. Nun, wir werden ja ſehen. Sie, junger Freund, kennen die Mulatten noch gar nicht, jene Menſchen ohne Namen, die ihren Vater haſſen und ihrer Mutter ſich ſchämen müſſen. Nun, Sie werden ja ſehen, wie ſie zu Werke gehen, aber auch was wir thun, die Neger, die Affen, wie ſie uns nennen, ob wir gleich um Vieles mehr ſind als ſie, denn wir haben uns deſſen nicht zu ſchämen, was wir ſind; wir lieben unſer Vaterland und würden nie daran denken, Fremde herbeizurufen.“ Der alte Schwarze ſchlug dabei ſo tüchtig auf den Tiſch, daß alle Gläſer und Flaſchen empor⸗ ſprangen, und ging dann mit großen Schritten in dem Zimmer auf und ab. Leogane wünſchte ſich Glück, von Elliot nicht bereits geſprochen zu haben. Der Alte beruhigte ſich indeß bald und war faſt wieder heiter als er von Neuem ſich an den Tiſch ſetzte. „Nehmen Sie mir's nicht übel, daß ich mich in die Hitze geredet habe,“ ſagte er.„Kennen Sie den Elliot?“ — Ein Beſuch bei Soulouque auf Hayti. 135 „Nein. Ich bin erſt geſtern angekommen, als er ſchon verhaftet war.“ „Was ſuchten Sie dann heute Früh in ſeinem Hauſe? Sprechen Sie offenherzig, ohne Scheu und ohne Umſchweife. Sie ſehen ja, daß ich als Freund frage und Ihnen nützlich ſein möchte.“ „So will ich ganz offen ſein,“ antwortete Leogane.„Ich hörte geſtern von der Verhaftung Elliot's und daß er keinen Advokaten finden würde, der ihn vertheidigte. Ich war eben angekommen, wünſchte mich bekannt zu machen und gedachte ſo⸗ gleich dieſer Sache mich anzunehmen. Deßhalb begab ich mich zu der Tochter des Verhafteten und ich geſtehe, daß mich der Anblick derſelben ſo ergriff, daß ich mich verpflichtete, ihren Vater zu vertheidi⸗ gen. Bei Ihnen ließ ich mich dann melden, um Sie um Ihre Meinung zu fragen.“ „Sie haben ſich dem Mädchen gegenüber ver⸗ pflichtet?“ fragte der Alte verdrießlich. „Ja, Erzellenz. Wenn Sie an meiner Stelle geweſen wären und das arme Mädchen in Ver⸗ zweiflung und Verlaſſenheit geſehen hätten wie ich, Sie würden ſicherlich ebenſo gehandelt haben.“ „Nun, wenn Sie es einmal verſprochen haben, ſo müſſen Sie Wort halten. Was würden auch meine Worte gegen die Bitten und Blicke eines jun⸗ gen Mädchens vermögen! Ich muß Ihnen aber auch ſagen, daß ſie den Elliot nicht retten. So⸗ bald ich ihn meinen Richtern empfohlen habe, kön⸗ nen Sie reden was Sie wollen, er wird verur⸗ theilt werden. Will ich recht ſicher gehen, ſo brauche ich ihn nur durch Mulatten richten zu laſſen. Die macht die Angſt, ſich zu kompromittiren, unerbitt⸗ lich. Sehen Sie, wären andere Umſtände, ſo würde ich ihn loslaſſen; da aber jenes Schiff draußen liegt, kann ich es wahrhaftig nicht thun. Ich muß ein Exempel ſtatuiren. Wenn ich ihn losließe, würde es heißen, ich fürchte mich und man legte mir meine Nachſicht als Schwäche aus. Man würde dann noch kecker, es fände ſich eine andere Gelegenheit und ſtatt des Einen müßte ich vielleicht Hundert erſchießen laſſen. Auch bin ich nicht mehr frei. Schon geſtern Abend habe ich einen Courier an den Kaiſer geſchickt, um ihm zu melden was ge⸗ ſchehen iſt. Er wird entſcheiden. Will er den Elliot freigeben, meinetwegen, ja es ſollte mir lieb ſein um Ihretwillen. Und— wiſſen Sie was? Gehen Sie direkt zu dem Kaiſer nach Port⸗au⸗Prince und führen Sie bei ihm die Sache des Verhaf⸗ teten.“ „Würde ich Zutritt zu ihm erlangen? Und wie ſollte ich um die Begnadigung Elliot's bitten?“ „Wer hindert Sie,“ entgegnete der alte Schwarze lächelnd,„ſich für einen Verwandten, für den Bräutigam der Tochter auszugeben? Sagen Sie, Sie hätten das Mädchen heiraten wollen und den Vater im Gefängniß gefunden; Sie hätten ſich an mich gewandt und wären durch mich an 8 136 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. den Kaiſer gewieſen worden. Er hatte Ihren armen Vater ſehr lieb und wird Sie deßhalb ſehr freundlich aufnehmen. Wollen Sie aber einen guten Rath von mir annehmen, ſo reiſen Sie ſobald als möglich ab, wenn Sie die Begnadigung er⸗ halten haben, denn ich glaube beſtimmt, daß etwas Schlimmes in der Luft liegt und Sie wohlthun, wenn Sie ſich in Sicherheit bringen.“ Leogane ließ ſich leicht bereden und em⸗ pfahl ſich dem freundlichen Alten, um ſich zur Reiſe anzuſchicken und Abſchied von der Tochter Elliot's zu nehmen. Von Jacmel nach Port⸗au⸗-Prince iſt es nur zwanzig Stunden, aber man muß dort auf zwei anſtrengende Reiſetage rechnen, die 4— 500 Francs koſten. Man braucht zwei Pferde, eines für den Reiſenden ſelbſt, das andere für den Führer, und ein Maulthier, welches das Gepäck trägt. Die Pferde⸗ und Maulthier⸗Beſitzer, welche wohl wiſſen, wie ſehr eine ſolche Reiſe ihre Thiere angreift, vermiethen ſie nur zu hohen Preiſen, ſo daß man am beſten thut, man kauft ſie gleich, um ſie nach der Reiſe wieder zu verkaufen, wenn ſie dieſelbe aushalten und glücklich über die Berge, durch die Moräſte und Flüſſe kommen. Auf dem Wege von Jaecmel nach Port⸗au⸗Prince muß man 162 Male durch den Fluß reiten. Iſt das Waſſer gerade tief, ſo zieht man dabei die Beine ſo hoch hinauf, daß man faſt auf dem Sattel kniet und das Pferd, das daran gewöhnt iſt, ſchwimmt hindurch. Die erſten zwei Stunden, von Jaemel aus, iſt der Weg zwiſchen zwei ſteilanſteigende Felſen eingedrängt; die Paſſage iſt ſo ſchmal und die Felſen, die ſich zu beiden Seiten unabſehbar erheben, ſind ein⸗ ander ſo gleich, daß man nie weiß, wo man iſt. Auch drängt ſich Einem ſtets der Gedanke auf, ein Erdbeben werde einmal die beiden Felſenmaſſen wieder aneinander rücken, wie eines ſie jedenfalls auseinander geriſſen hat. Wehe dem Reiſenden, der ſich dahinein wagt, ohne ſich vorher überzeugt zu haben, daß kein Gewitter ihn erreicht! In einem ſolchen ſchwillt der Fluß in wenigen Minuten an und er reißt dann Alles mit ſich fort. Selbſt im Sommer iſt er hier einige Fuß tief. Waſſerpflanzen bedecken ſeine Ufer. Das Tageslicht dringt kaum je in die Schlucht hinein und alle Gegenſtände haben ein trübgrünliches Ausſehen. Die Bäume auf den Felſen treiben ihre Wurzeln bis in den Fluß, um einige Feuchtigkeit zu erlangen. Sie hän⸗ gen wie Stricke oder Taue herunter, ſo gerade und biegſam ſind ſie. Tauſend Lianen, tauſend Kletter⸗ pflanzen ſchlingen ſich um ſie und bekleiden ſie mit Grün und Blüthen; oft aber verräth auch ein ſtarker Ambrageruch einen Kaiman, der in der Nähe auf Beute lauert, oder eine Schlange löſet langſam ihre Ringe, um ſich in den Pflanzen am Wege zu verſtecken. Obgleich nun der Kaiman Menſchen groß als gefährlich ſind, begegnet man dieſen Ge⸗ ſchöpfen doch nie gern. Auf dieſem Wege kam Leogane drei Tage nach ſeiner Abreiſe nach Jacmel zurück. Der Tag näherte ſich ſeinem Ende und der junge Mann trieb ſein bereits mit Schweiß bedecktes Pferd zur Eile an. Er gelangte nach Camp de coq, ein em Dörfchen vier Stunden von der Stadt, wo die Reiſenden gewöhnlich einkehren, um ihre Thiere einmal verſchnaufen zu laſſen, ehe ſie die letzte Station beginnen. Das Pferd Leogane'ss blieb unbeweglich vor dem reichlichen Futter ſtehen, das ihm vorgeſtellt wurde, ohne dasſelbe anzurühren. Endlich legte es ſich gar und fing an ſich im Graſe zu wälzen. Der junge Reiter erzürnte ſich, da aber das Pferd trotz allen Maßregeln ſtöckiſch blieb, ſo entſchloß ſich unſer Held zu Fuße weiter zu gehen, ohne ſelbſt auf ſeinen Führer zu warten, der noch zurück war. „Er wird nicht weit kommen,“ ſagte laut der alte Neger, der dem Pferde das Futter gebracht hatte, aber Leogane hörte die Worte nicht, denn er war ſchon weit hinweg. Die Sonne war ja erſt im Untergehen begriffen und er glaubte Jaemel er⸗ reichen zu können, ehe der Abend vergehe, um der Tochter Elliot's das Reſultat ſeiner Reiſe noch mittheilen zu können. Er brachte die Begnadigung Elliot's. Sou⸗ louque war im Anfange heftig geweſen, hatte zu⸗ erſt erklärt, mit den Herren Mulatten ſei kein Fertigwerden und er begreife nicht, daß ſie ſich nicht unterwürfen, da ſie doch beſiegt wären, ſondern vielmehr immer von Neuem Unruhen erregten; endlich indeß hatte er ſich bewegen laſſen, nachdem Leogane betheuert, es handele ſich gar nicht um ein Komplott, ſondern nur um eine perſönliche Angelegenheit zwiſchen Elliot und dem Herzoge von Jaemel, welcher letztere geneigt ſei zu verzeihen. Der junge Mulatte marſchirte alſo ſcharf weiter und dachte an die Freude der Eva Elliot, wenn er ihr ankündigen werde, daß ihr Vater ge⸗ rettet ſei und ihr den Befehl zu ſeiner Freilaſſung vorlege. Wahrſcheinlich, meinte er, würde ſie in ihrer Ungeduld nicht bis zum andern Tage warten wollen, ſondern mit ihm ſogleich nach dem Gefäng⸗ niſſe gehen. Er bedauerte in dieſem Augenblicke weiter nichts, als daß er keine Flügel hatte, um an ſein Ziel zu fliegen. Es war nicht viel über 8 Uhr, als er, in Schweiß gebadet, die erſten Häuſer der Stadt erreichte. Dann gelangte er an das Thor des Amerikaners und lief in der Allee hin; aber in der Nähe des Hauſes mußte er ſtehen bleiben, denn ſein Herz ſchlug ſo ungeſtüm, daß ihm der Athem verging. Er ſetzte ſich auf den Stufen nieder, um wieder zu Athem zu kom⸗ men. Durch eines der Fenſter ſchimmerte Licht. Sehr bald ſtand er wieder auf, trat nähe nicht anfällt und die Schlangen auf Hayti mehr erkannte Miß Elliot, die vor der L Sou⸗ tte zu⸗ „ forr ſei kein ſie ſich ſondern T. N. Eſpe: Eine Skizze vom Geltſchberg. die Frage des ſchwarzen Kaiſers,„wie die Fürſten in Europa gegen Die handeln, welche ſich in Ver⸗ ſchwörungen gegen ſie einlaſſen. Einige laſſen die Verſchwörer vor Gericht ſtellen und verurtheilen, andere— und dieſe gelten für die größten— verzeihen und gewinnen die Schuldigen durch Gnade und Milde. Ein Kaiſer hat ſich durch eine ſolche That unſterblich gemacht.“ „Ein großer Kaiſer?“ fragte Soulouque, der ſehr aufmerkſam geworden war. „Ja, ein Kaiſer, der ſo groß war, daß ſein Jahrhundert nach ihm benannt worden iſt.“— Und er erzählte von der Verſchwörung Cinna's und V der Milde des Auguſtus. V Soulouque ſtand einen Augenblick nach— denklich da. „Das iſt groß! Das iſt ſchön!“ ſagte er end⸗ lich.„Warum hat mir das noch Niemand erzählt? — Das iſt ſchön und groß!“ wiederholte er noch⸗ mals.—„Aber jener Kaiſer hatte es auch nicht mit Mulatten zu thun. Ich war auch gutmüthig, ich war auch edelmüthig; ſie ſind ſchuld, daß ich es nicht mehr bin und nicht mehr ſein kann. Be⸗ gnadigte ich heute, ſo müßte ich morgen Hunderte erſchießen laſſen. Ein Exempel muß ſtatuirt werden. Da drinnen ſitz das Kriegsgericht ſchon. Es wird Sie und es wird Elliot verurtheilen und Sie wer⸗ den heute Abend erſchoſſen werden. Aber beruhigen Sie ſich; es ſollen keine Kugeln in den Gewehren ſein. Sorgen Sie nur dafür, daß Sie fallen, ſo⸗ bald die Soldaten Feuer geben, und bleiben Sie liegen, ohne ſich zu rühren, bis man ſie holt. Man wird Sie, ſobald es finſter geworden iſt, auf ein Schiff bringen, das Sie nach Jamaica fahren ſoll. Aber kommen Sie nicht zurück, nie,“ ſetzte der Kai⸗ ſer heftig hinzu;„denn wenn Sie wiederkämen, würden die Gewehre mit Kugeln geladen werden. Sie haben mir erzählt, was ein Kaiſer that, der mild und gnädig ſein konnte, ohne ſich in Gefahr zu bringen, und der wohl wußte, daß ſeine ſchöne That in der ganzen Welt bekannt und gefeiert wer⸗ den würde. Wer iſt nun größer? Jener Kaiſer oder der, welcher ſeine Gutherzigkeit unterdrücken muß und doch begnadigt? Und ich bin nur ein armer Neger!“ Aber ein ſtolzes Lächeln ſtrafte die Demuth Lügen, die in den letztern Worten lag, und man ſah es dem Kaiſer wohl an, daß er mit ſich zu⸗ frieden war. 3 Es geſchah ſo, wie der Kaiſer geſagt hatte. Das Kriegsgericht, das bereits verſammelt war, verurtheilte die Schuldigen ſehr geſchwind zum Tode. Die Sonne war bereits untergegangen, als man ſie zum Richtplatze führte. Die Nacht, welche in den tropiſchen Ländern faſt unmittelbar auf den Son⸗ nenuntergang folgt, hatte die wenigen Neugierigen bald zerſtreut, die in einiger Entfernung der Exe⸗ kution zugeſehen. Eine Stunde ſpäter waren Elliot und Leo⸗ 9 39 gan e, die, wie ihnen geheißen war, nach den Flin⸗ tenſchüſſen niedergefallen waren und ſtill gelegen hatten, am Bord des Schiffes und die Tochter Elliot's fand ſich bald da bei ihnen ein. Das war die Rache Soulouque'’s. Von Jamaica begaben ſich die Verwieſenen nach New⸗York. Leogane verheiratete ſich da mit der Geliebten und er ſteht nun, zugleich mit ſeinem Schwiegervater, an der Spitze eines großen Mahagoni⸗Handelsgeſchäftes. („Aus der Fremde.“) Eine Skizze vom Geltſchberg. Von T. R. Eſpe. ((Denn du, lieber Leſer oder liebe Leſerin, 3) einigermaßen vertraut biſt mit Stadt und 6— Dorf, Berg und Thal von Böhmen, ſo mußt du auch den herrlichen Geltſch bei 8. Leitmeritz kennen. Man ſieht ihn weit herum im Kreiſe und in der Nachbar⸗ ſchaft; auch der Prager kann ihn bei heiterer Atmo⸗ ſphäre vom Laurenziberg oder der Marienſchanze, dem altberühmten Rip(Georgsberg) zur Seite am Rande des nördlichen Horizontes mit unbewaffnetem Auge und ſtillem Vergnügen beſchauen. Vom Süden aus beſehen ſitzt er wie ein Sattel auf dem Lande, woher ſein böhmiſcher Name Sedlo ſtammt, oder, was meinem Sinne immer näher lag und dem ſtattlichen Berge mehr Ehre macht, wie ein lagern⸗ der Löwe, die ſchweren Tatzen vorn übereinander gelegt, den Kopf mit der prächtigen Mähne in majeſtätiſcher Ruhe nur wenig emporgehoben; in ſeinen Umriſſen etwa ſo wie der Löwe, den unſre „Prager Zeitung“ oben im Schilde hat. Der Geltſch verdient den hohen Ehrenpoſten, den er einnimmt, mit vollem Rechte. Die 2154 Wiener Fuß ſeiner Höhe könnte auch ein anderer Berg haben, das iſt kein ſonderliches Verdienſt; eine ſo herrliche Ausſicht über das weite Land hat aber kaum ein anderer in der Nachbarſchaft; es iſt über allem Zweifel erhaben, daß der Geltſch in dieſer Hinſicht den vielgeprieſenen, vielbeſuchten Mille⸗ ſchauer hinter ſich läßt.*) Von drei ſchönen Fels⸗ gruppen gegen Sud, Weſt und Nord ſieht man in weiter Ausdehnung über das„Paradies Böhmens“ hin, die ſchönbeſtellten Felder, die ſaubern Dörfer, die freundlichen Städte, die dunkeln Wälder, den im Süden bei Raudnitz hexüberglänzenden Elbe⸗ ſtrom, der im weiteren Laufe hinter den einzelnen *) Wem es nicht vergönnt iſt, dem Geltſchberge ſeinen per⸗ ſönlichen Beſuch zu machen, der leſe wenigſtens die ſchöne Schilderung desſelben von Dr. Karl Hoſer in den Schriften der böhm. Geſellſchaft der Wiſſenſchaften. 182 140 Hügeln und Bergen mit uns Verſteckens ſpielt, bis er in der Ebene bei Leitmeritz wie ein„breites Silberband“ vor uns liegt und dann zwiſchen ma⸗ leriſchen Bergen zur Grenze fortzieht. Der Geltſch mag in den urälteſten Zeiten, wie ein kundiger Geolog behauptet, nach Klingſteinſäulen zu beiden Seiten der Kuppe gegen einander zu ſchließen, um manche Fuß höher ge— weſen ſein, als der Milleſchauer, der jetzt beinahe 500 Fuß vor ihm voraus hat; es mag auch dar⸗ über geſtritten werden, ob Sedlo ſein älterer Name ſei oder Geltſch(was der Verfaſſer dieſer Skizze am liebſten von gol, d. i. holy ableiten möchte) — ſo viel ſteht feſt, daß er ein hübſch Paar Jahre am Rücken hat; iſt auch gar wohl zu begreifen, da er ſonſt nicht ſo groß und ſo breit und— ſetzen wir es ohne weiteres Bedenken dazu!— ſo ſchön ſein könnte. An ſeinem Fuß iſt ſchon manches Geſchlecht von„Sterblichen“ zur Welt gekommen oder, wie die Geltſchleute ſich ausdrücken,„jung geworden,“ hat auf ſeinen Abhängen unter Tannen und Fichten rothe und ſchwarze Beeren gepflückt, Pilze, Reisken und— Fliegenſchwämme geſucht, auf der Felſenhöhe nach uraltem Brauche das Jo⸗ hannisfeuer angezündet, aus ſeinen Wäldern Wärme für Ofen und Herd, Ruthen und Chriſtbäume für gute und böſe Kinder geholt, Balken für den Dach⸗ ſtuhl und Bretter für den— Sarg. Ein Jahr⸗ zehend nach dem andern iſt verſtrichen, ein Ge⸗ ſchlecht nach dem andern in's Grab gelegt worden. Was wird die Geſchichte unſers Landes von allen den langen Reihen zu erzählen haben, was wird, wie die Gelehrten ſich vornehm ausdrücken, die Muſe Klio mit ehernem Griffel in ihre Felſen graben? Und doch— wie oft ſteht in den Büchern der trockenen Geſchichte kein Sterbenswörtchen, wo das Buch des lebendigen Lebens manche Seite mit dunkler ſchwarzer, manche mit heller rother Farbe gezeichnet trägt! Was vor vier Jahren am Fuße des Gelt⸗ ſches geſchah, darüber wirſt du, freundlicher Leſer, durch die alte ſteinerne Klio nichts zu Ohren be⸗ kommen und ſo will denn ich davon erzählen. Vor vier Jahren, im Lenzmonat ſcharrten ſie am Fuße des alten Berges einen Mann in die kalte Erde, der des Lebens Bürde manche Jahre mit muthigem, trotzigem Sinne getragen hat. Der Tag, der dieſen Mann aus den Reihen der Leben⸗ den ſtrich, ſteht mir genau unter allerlei andern bedeutungsloſen Ereigniſſen des Monats im Kalender des Jahres 1855 aufgezeichnet:„Am 5. ſtarb der ehrliche deutſche Geltſch naz. Friede ſeiner Aſche!“ Der Friedhof des Dörfchens Sobenitz(kürzer auch Sobenz) hat die müden Gebeine des Mannes in ſeine ſtillen Räume aufgenommen. Der Geltſchnazr) war aber(vernehmt es mit *) Der Name iſt als vollkommener Spondeus(——) zu leſen; Naz iſt die gewöhnliche Kürzung von Ignaz. Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Verwunderungl) nichts weiter, als ein armer Bet⸗ telmann, der herumzog von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf und von den milden Gaben ſeiner Mit⸗ menſchen lebte. Er hieß der Geltſchnaz, weil er am Fuße des Berges, in den Geltſchhäuſern daheim der Neigung der mächtigen war, einem Dörfchen von nur wenigen Hütten; dort war ſeine Wiege geſtanden, wenn der Ge ltſchnaz jemals eine hatte. So oft der Bettler, den die weite Umgegend des Berges kannte, bei uns im Dorfe ſich einfand, lief Alles zuſammen, ihn zu bewillkom⸗ men und in ſeinem Aufzuge anzuſtaunen. Er trug vor Allem eine landesübliche„Jacke“, an der ein forgfältiger Romanſchreiber manch' ein Knöpflein vermißt, zum Erſatz aber der Knopflöchlein eine übrige Zahl gefunden hätte; eine gründliche Reno⸗ virung hätte der Jacke gut gethan, doch ſie blieb ewig dieſelbe, wie der Mann ſich gleichblieb, der in ihr ſtak. Das Kleidungsſtück, das der profane Mund Hoſe nennt, was alberner Weiſe ein una usſprech⸗ liches Wort ſein ſoll, mochte vor Zeiten ganz ſtattlich geweſen ſein, leider aber damals, als ſie der Geltſchnaz noch lange nicht an den Beinen hatte; der Zahn der Zeit, der nichts unberührt läßt, riß auch in ſie einzelne Lücken hinein, die ſich der arme Bettler mit Blättern und Zweiglein anſtatt der üblichen Flecke auszufüllen pflegte, wodurch er den wundervollen Geſtalten der alten Flußgotthei⸗ ten nicht unähnlich wurde.— Auf dem Kopfe trug der Geltſchnaz eine unanſehenliche Mütze mit dem landesüblichen breiten Schilde; waren die Tage ſchön, ſo ging er auch barhaupt herum. Ueber die Schulter hing ein langer Sack her⸗ ab; darin trug der Geltſchn az die Brodſchnitte, die er in ſeinem weiten Gebiete eingeſammelt hatte, mit Tannenzapfen friedlich untermengt; man ſollte nicht denken, was für Dinge ſich oft zuſammenfin⸗ den können. Sonderbar rollten die großen grauen Augen aus den Höhlen hervor, unſtät fielen ſie dahin und dorthin, ſo daß Einem unheimlich werden konnte, wenn man den Geltſchnaz nicht näher kannte; dann und wann zuckten die Geſichtsmuskeln zuſam⸗ men, ſchnell wie ein fernes Wetterleuchten. Der ſtruppige Bart und das wirre Haar gehörten als unentbehrlicher Rahmen zum Ganzen. Der rauhe Mann ſprudelte ſeinen kurzen Gruß hervor und bat um ein Brod. Man kannte ſeine ſchwache Seite und ſtrich ihm den weichen, ſaftigen Quark zweifingerdick auf die Schnitte; das war ein Lucullusmahl für den Armen, nichts ging ihm über eine rechtſchaffene„Quorkſchniete“ und je dik⸗ ker, deſto lieber! Ihnen zunächſt hatte der Geltſch⸗ naz in ſeinem einfachen Kochbuche die ſauern Gur⸗ ken geſtellt; die fand er immer am ſchmackhafteſten beim Pfarrer, wo man der ehrlichen Seele gern vom Vorrathe gab. Die ſauere Gurke gehört aber auch zum Landmanne unſerer Gegend; nirgends dürfte der Gurkenbau in ſolcher Blüthe ſtehen, wie in den fetten„Platta“⸗Gründen bei Polep. T. R. Eſpe: Eine Skizze vom Geltſchberge. 141 Reichte man dem Geltſchnaz einmal ſtatt als er ihm angeboten wurde, keines Blickes und des Brodes ein Geldſtück, ſo wies er es mit kur- ſagte nur, jetzt hätte er ihn nicht nöthig, man ſolle zen barſchen Worten zurück:„Behalt's ock ſalber, ihn nur aufheben, im Winter werde er ihn brau⸗ 7s Gald is rare,“ d. i. Behaltet es nur ſelber,'s chen. Ich weiß nicht, ob er ihn geholt oder auf Geld iſt rar! ihn verzichtet hat, weil vielleicht die alte treue s ein Bett⸗ Mütze immer noch gut genug war. Neuerungen waren dem Manne im Grunde der Seele verhaßt. Der Geltſchnaz trug ſein eigenes Speiſe⸗ geräthe mit ſich herum. Es beſtand aus einem kleinen Topfe, in den er ſich die Speiſe ſchütten ließ, und einem Topffragmente, einer Scherbe, die ihm ſtatt des Löffels diente— ſo mahnte er leb⸗ haft an den alten griechiſchen Philoſophen Dioge⸗ ſchaft“ nach ſeinen Kräften nützlich ſein; er fragte eeh von dem ähnliche Geſchichten erzählt werden. dann und wann:„Wullt'r epper Sand hon, ich Er zeigte aber in dieſer Gewohnheit nicht nur, wie warſ'n breng?“(Wollt Ihr etwa Sand haben, ich einfach er zu leben verſtand, ſondern 3 erklärte ſie werde welchen bringen.) Hatte man ſeinen freund⸗ ſelbſt derart, daß er meinte, die Leute würden ſich lichen Antrag angenommen, ſo kam der Geltſch— ſcheuen, mit ihm Ben demſelben Teller. oder aus naz in kurzer Friſt wieder und trug vom Berge derſelben Schüſſel zu eſſen; er kannte ſich nur zu herunter einen mächtigen Sandblock auf der Schul⸗ V gut und ia vft genug erlebt haben, daß furcht⸗ ter; da ſah er aus, wie ſie den Rieſen Atlas mit ſame Kinder vor han. garſtigen Vaitln davonliefen der Erdkugel abbilden. Es war aber meiſt ein Müd. Dis ſchmucken Mädchen mit Abſcheu zur Seite grober, ſchlechter Sand, den man wohl im Gar⸗ biie wenn er nei Vedin rrüherind, ten, nicht aber zum Scheuern der Stube brauchen G lich Zeit dei Kireheiöſsſee bihte demn mochte,— er gab, was er hatte. Ge t Pnaz 1 dAlen Deſenn. viele ſtille Freuden. So zog er weit herum im Gebiete des Geltſch⸗ 1. Mic Er die duſtene Kirhen Linſanntelid vinde berges; er kannte die Fußſteige zwiſchen den Fel⸗ ſeitene Koſt, die, er iit. weſſemi Bedachtr zu geuid⸗ Vei b. dier eenae vPtade 6 lde d mied ßen wußte. Einſt wollte er ſich den hübſchen Vor⸗ dern hin, die einſamen Piade im Walde uud unen rath von Kuchen für alle Fälle recht im Geheimen auch nicht die breiten offenen Straßen, auf denen aufbewahren und band ihn auf einer Tanne an; Hat euch das, liebe Leſer, jemal ler geſagt? Das konnte einzig und allein der Geltſchnaz thun, der erbarmungswürdige Bett⸗ ler, der den erbärmlichen Bettel Geld verachtete. „s Geld iſt rar!’ verſteht es wohl Jemand, mit einem geringeren Aufwand rhetoriſcher Mittel die ſchwere Noth der Zeit ſo treffend zu bezeichnen 2 Der Geltſchnaz mochte gern in der„Wirth⸗ 8 ſich ſo behaglich einherbummelt. 4 dort oben ſollte Niemand die guten Biſſen wittern. Einſt traf er unverhoffter Weiſe mit einem V Er hatte ſich vor ſeinen Feinden— auch der Gendarmen zuſammen, der ihn anhielt und einen Geltſchnaz mußte Feinde haben!— ſichern wol⸗ len; da kamen die Raben, an welche er nicht ge⸗ dacht hatte, und fraßen dem vorſichtigen Bettler die beſten Biſſen weg. Der meinte, der ſchlimme „Galtſchjager“, der Geltſchförſter, müſſe ihm den Streich geſpielt haben. So brachte der Geltſchnaz, die ehrliche Heimatſchein von ihm verlangte. Das kam dem ehrlichen„Stromer“(Vagabunden) nicht wenig ſon⸗ derbar vor, er ergriff ſeinen Mann vertraulich am Arme und meinte:„Nee, Vetter Standdorm,*) nee, ſu wos is bei uns ni Moude!“(Nein, Vetter Gendarm, ſo etwas iſt bei uns nicht in der Mode.) Wenn ſich der Geltſchnaz wirklich um einen Seele, ſein armes Leben hin; als der Tod ihn Heimatſchein gekümmert hätte, in den Geltſchhäu- mahnte, kroch der Bettler auf den Backofen, wo er ſern konnte ihn Niemand ausſtellen und vom Rich- zu ſchlafen pflegte, und da ſtarb er. ter der Kataſtralgemeinde, zu welcher die Berghüt⸗ Das weiß ich von ihm zu erzählen; ich habe ten gehören, ſoll er geſagt haben:„Dar brett kenn“ mir nicht die Mühe genommen, die einfachen Le⸗ (er trifft keinen), was wir unparteiiſch unentſchie⸗ benszüge des Mannes nach weltlicher Eitelkeit zu⸗ den laſſen. zuſchneiden und auszuſtaffiren, weil es des Mannes Es war ein abgedienter, aber immer noch unwürdig wäre, an deſſen innerem Werthe kein wohl konſervirter Filzhut im Hauſe. Der konnte V zußeres Flitterwerk haftete. Hätte ich auf das dem Geltſchnaz beſſere Dienſte leiſten, als die ſchmuckloſe wahre Bild falſche bunte Farben aufge⸗ ſchlechte, zerriſſene Mütze. Er würdigte ihn aber, tragen, ſo würde im Sinne des Geltſchnaz dieſe Skizze nichts anderes ſein, als„olbers Gelotſche“ lalbernes Geſchwätz). *) Fremdwörter müſſen ſich's gefallen laſſen, vom Volke ſo In dem weiten Gebiete, das er durchſtreifte, r z Of t auf dieſe Art 4. oder ſo verdeutſcht zu werden. Oft kommt auf dieſe ft des armen, ehrlichen Waldes⸗ ein köſtlicher Humor in ſolche Umbildungen. Aus einem wird man noch 5 Mn, 4 Melancholiker macht der phlegmatiſche Baier einen Maul⸗ ſohnes denken. In allen Dörfern weiß man be⸗ henkoliker, aus einem Aktuarius wird ein Aktenverwah⸗ ſondere Geſchichten von dem ſo rauhen und doch Aſus⸗ uns nafſitee gi eeſattirde is ned Shi ſo grundguten Bettelmanne zu erzählen. Wer an⸗ vilverdienſtorden ein Zuvielverdienſtorden u.. w. Das⸗ 1e Fſſifſch e d9 böhmiſche Landvolk machte aus Gendarme ztandar— dere Data ſeines klaſſiſch kinfachen ebena keunt, warum, das weiß man nicht. als die ich hieher geſetzt habe, der wird wohl daran 142 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Die Taubſtummen. Von X. Wiechovsky. In unſerer Zeit geht mehr und mehr Alles über thun, den angeknüpften Faden weiter zu ſpinnen. V einen Leiſten, die Originale ſind im Ausſterben begriffen. Der Geltſch wird kaum einen zweiten Geltſchnaz finden! III. (Eir haben bereits erzählt, daß 1797 das )) Taubſtummen⸗Inſtitut wieder nach Prag zurückkehrte. In den folgenden Jahren machte es unter den Lehr⸗Direktoren Norwegiſche Landſchaft. Schwarz, Guba, Stöhr, Mücke Bewegung — d bedeutende Fortſchritte, beſonders aber . unter letzterem, welcher äußerſt thätig für die ihm Dahie Wildneß So rwegiſche Gebir. ſ 5 e Hatig 3 9 3 Jir ilnis. De der adſchen dhtlrge eht anvertrauten Zöglinge ſorgte. Hier mögen nun S uhres Gleichen. Der ungeheure Belſen, aus einige Bemerkungen, gezogen aus den jährlichen c dem Norwegen beſteht, muß große Natur⸗ Berichten der Anſtalt folgen: 3 60) revolutionen erfahren haben, denn überall 319 2 5 — 8 2 3 0*. 5 5 ſtößt man auf Zeugniſſe fürchterlicher Zer⸗ 6 181 hatte es 19 Zöglinge dund zwar 12 Q 0 ¹ Zeugn 6 hen Knaben und 7 Mädchen, und ein Vermögen von trümmerung. Der Felſen des Landes iſt von 26,249 fl tiefen Spalten durchſetzt, in denen die Fluſſe und„ r. 29 256 1; 6 l=Eh, 828 war 29 Zö' er 9 K ⸗ Bäche hinziehen. Dieſe Spalten ſind die Thäler 15 ddaren 29 Zöglinge, darunter 19 Kna aoye vinztehen.&. Wenpalten ſind die Thäler, ben, 10 Mädchen, dazu noch 11 Schüler, welche in ihnen wohnen die Menſchen mit ihrem Fleiß, blos während des Unterrichtes in der Anſtalt ſich unit ihrem mühſeligen Teldbau und ihren Herden. aufhielten, in Privathäuſern aber ihre Verpflegung Will man von einem Thale in's andere, ſo gibt hatten; Vermögen 28,235 fl es weiter keinen Noo e Berge zu überf—. es weiter keinen Weg, als hohe Berge zu überklet⸗ 1831 im April wurde das Haus Nr. 669 tern, die zuweilen ewigen Schnee tragen, zuweilen f dem Karlsplatze für das Inſt if 6 4 4 9 715 g auf dem Karlsplatze für das Inſtitut angekauft und auch ſehr abgedacht ſind. Aber alle dieſe Berge im Oktober desſelben Jahres bezogen. ſind nicht ſpitz zulaufend, ſondern Gebirgsrücken, 1838 wurde für 20,000 fl. das jetzige In⸗ e en groſte Nlechen Heldam* Z,, 83* 20,. 6 3 welche oben große Flächen bilden; darum heißen ſtitutsgebäuden) angekauft. Das alte Gebäude hatte 9 2 or. Kioldor“ ilon iho ſi joſo 5. 8. 2 7 ,— 2. v. ſie auch Felder„Fjelder“. Zuweilen ziehen ſich dieſe ſich nämlich als unzweckmäßig erwieſen, vorzüglich Felder in ſenkrechter Steilheit hinauf und fallen wegen ſeiner Feuchtigkeit. In dieſem Jahre waren eben ſo nieder. Schwindelnde Fußſteige führen dann 41 Zöglinge: 28 Knaben, 13 Mädchen und 11 wohl zwiſchen den Klüften hin, und ein beherzter Schüler; das Vermögen betrug 69,332 fl. Fuß mag ſie wandeln; aber häufig müſſen auch Den 1 Mai 1840 trat der jetzige Direktor große Umwege gemacht werden, denn unten in der der Anſtalt, Seine Hochwürden der Herr Pater Thalſohle ſammeln ſich gewöhnlich die Waſſer und Mu Trſit J„ſne Noſſ; nhei henſennn krſich gemühulich die Luſſer und V Wenze[ Froſt(geboren 1814 zu Noſſadl bei Hehfnen un, Bhlloſe Menge gri zerer und kleinerer Melnik) ſein Amt an und durch ſeinen außerordent⸗ Gebirgsſee'n, die ganze Ketten bilden, aus denen lichen Fleiß, ſein ſtets reges Streben hat er das ſinſfnühee weir Thal zu Thal bis zum Meere die Inſtitut unter Mitwirkung vieler edlen Menſchen⸗ 3 3) 26 5.2.„ 3. F üſſe hing ſtürzen. 3 A. d freunde nach und nach in den jetzigen erfreulichen Bei dieſem unermeßlichen Waſſerreichthum und Zuſtand gebracht 5 der eigenthümlichen Beſchaffenheit des Landes, das* Beſonders ſtand ihm ſeit 1841 Seine Hoch— ganz durchwebt von Gebirgsmaſſen iſt, kann man würden Herr Pater Kotatko, welcher bis jett noch ſich denken, daß es die wahre Heimat der Waſſer⸗ als erſter Lehrer der Anſtalt eifrig wirkt, treu zur fälle ſein muß. Zahlloſe Gebirgsbäche kommen ſtark Seite 1 -—„—. und rauſchend von den hohen Fjeldern herab, in Die letzten Jahre ſind für die Anſtalt von der deren See'n ſie ihre Sammelplätze haben, und ſo hat größten Wichtigkeit ... 5 9 r 2 9 Ull. die Natur Norwegen mit einem Element beſchenkt, Nach der Volkszählung vom Jahre 1857 deſſen nutbare Kraft unerſchöpflich iſt und alle gibt es im Königreiche Böhmen 3371 Taubſtumme, Dampfmaſchinen überwiegt, welche anderen Ländern wovon 522 Unterricht genoſſen haben. Daraus künſtlichen Erſat geben müſſen. Unzählige Schneide ergibt ſich, daß eine große Anzahl dieſer Unglück⸗ mühlen, hervorgerufen durch den ſehr großen Wald⸗ lichen ohne alle Bildung bleibt. Es iſt unmäöglich, .5: 8 K 58„a 1 2. 5 4 Ththuur des Landes, werden dadurch in des Waſe daß das eine Inſtitut dem ganzen Kronlande Ge⸗ 5 6 Morko p„ 3 es Waſ⸗„.. J. 1 geſett, alle Werke der Induſtrie mit Hilfe des Waſ⸗ nüge leiſte.) Dem zu Folge war es ſchon lange ſers betrieben; aber es könnten viele Tauſende mehr dabei beſtehen, ja man kann behaupten, daß die— Geſammtinduſtrie der Erde von den Flüſſen und*) Gelegen an der Südſahe 85 Karlsplatzes Nr. 502, das 2„.. 6 ehemalige Baron Mladota'ſche Haus. Bächen Norwegens in Betrieb erhalten werden kann.**) Mit Anfang Oktober 1858 iſt in Leitmeritz ein zweites derartiges Inſtitut in's Leben getreten. Die Zahl der Zöglinge iſt 9. — 7— A. Wiechovsky: Die Taubſtummen. 143 — die eifrigſte Bemühung der löblichen Oberdirektion der Anſtalt und des Herrn Direktors Froſt, ein Auskunftsmittel zu finden. lende komme. Der Taubſtumme, welcher gar keine Bildung Um die äußeren Angelegenheiten des Inſti⸗ genoſſen hat, iſt für die Geſellſchaft eine große Laſt, tuts zu leiten und in jeder Beziehung demſelben und ihr oft ſogar gefährlich; es wäre mithin ſchon zu helfen, hat ſich eine Anzahl von Menſchen⸗ viel gethan, wenn man wenigſtens nur ſo weit dieſe freundelr vereiniget. An der Spitze derſelben ſteht Armen bildete, daß ſie aus ihrem halbthieriſchen als Oberdirektor Se. Exzellenz Leopold Otto⸗ Zuſtande heraus kämen und die wichtigſten Kennt⸗ mar Freiherr von Hennet, Präſident des k. k. niſſe der Religion und des gewöhnlichen Lebens böhm. Ober⸗Landesgerichtes. Durch die Vermitt⸗ erlangten. Dieſes iſt nach der Methode des Dir. lung dieſer Männer und durch die menſchenfreund⸗ Froſt in einem Kurſus von zwei Jahren möglich. lichen Beiträge vieler Bewohner Böhmens, durch Man wendete ſich an die hohe Regierung, die Intereſſen der Kapitalien des Inſtitutes, durch um von ihr die nothwendigen Hilfsmittel zu er⸗ die Stiftungen, durch die Zahlungen hoher Gönner langen, und das hohe k. k. Miniſterium des Innern für Freiplätze und durch die von dem hohen Mi⸗ bewilligte mit dem Erlaſſe von 20. Juli 1857 niſterium des Innern bewilligten Zuſchüſſe in den aus dem böhm. Landesfonde für 30 Zöglinge einen letzten zwei Jahren war es möglich die Auslagen jährlichen Verpflegungsbetrag von 4200 fl., vor der des Inſtitutes zu decken. Hand auf zwei Jahre. Dieſe Wohlthat wurde nun Alle bildungsfähigen Kinder, welche keine jenen Taubſtummen vornehmlich zu Theil, welche Mutterpflege mehr bedürfen, werden aufgenommen, ſchon etwas älter waren, da ſie in den früheren natürlich, ſo weit die Mittel es erlauben. Eine Jahren immer zurückgewieſen werden mußten. größere Anzahl der Zöglinge zahlt entweder den Vermögen nicht im Verhältniſſe ſteht, ſo drängt ſich uns unwillkürlich die Frage auf, woher das Feh⸗ Mit dem Oktober 1857 traten ſie ein und ganzen Verpflegungsbetrag, oder einen Theil des⸗ befinden ſich jetzt in einem ſehr erfreulichen Zuſtande. ſelben. Mit Ablauf dieſes Schuljahres werden ſie nicht nur Die Tagesordnung iſt folgende: Da die Kin⸗ ſo weit ſein, daß ſie die heil. Sakramente im richtigen der ſehr regſam ſind, ſo gab es auch bis zur letzten Geiſte empfangen können, ſondern auch die aller-⸗ Zeit kein Geſetz für das Auſſtehen; doch weil ſie nothwendigſten Schulkenntniſſe beſitzen. zu zeitig ihre Betten verließen, was beſonders im Aber das Jahr 1857 iſt auch inſofern für Winter mancherlei Unangenehmes hat, wurde 6 die Anſtalt wichtig, als in demſelben der Neubau Uhr feſtgeſett. Darauf wiederholen ſie im Arbeits⸗ derſelben vollendet und bezogen wurde. Er machte ſaale bis 7 Uhr. Um dieſe Zeit genießen ſie eine einen Koſtenaufwand von beiläuſig 30,000 fl. Die Suppe. Nach dem Frühſtück wird von den Zög⸗ hohen Stände des Königreiches Böhmen bewilligten lingen die eigene Kleidung und auch das ganze unter Genehmigung eines hohen Miniſteriums des Inſtitut gereiniget. Von 8 bis 9 ½ ll. iſt Unterricht Innern menſchenfreundlich 20,000 fl. aus dem Do⸗ meiſtentheils in der Lautſprache. Dann haben ſie minikalfonde zu dem Baue. Es erlitt auch das eine halbe Stunde zu ihrer Erholung, während wel⸗ alte Gebäude namhafte Veränderungen, welche die cher ſie ein Stückchen Brod eſſen. Von 10 bis Nebindung mit dem neuen erheiſchten. Und ſo iſt 12 U. iſt wieder Unterricht und zwar von 11 bis ſtitut jetzt ein ſchönes Ganze. 12 immer allgemeiner ddeiegirnsn diru den der Die Einrichtung iſt eine ausgezeichnete; jeder Direktor den geſammten verſammel Zöglingen nſcheyfreund, der hier eintritt, muß hoch er⸗ ertheilt. Nach 12 Uhr ißt man zu Mittag. rreut ſein uber das, was Menſchenliebe daſelbſt Die fähigeren Zöglinge haben Nachmittags von für die unglücklichen Mitbrüder gethan hat. Net⸗ 2 bis 4 U. wieder Unterricht, die minder Befähigten, keit und Ordnung herrſcht in demſelben wie nur beſonders die Mehrzahl von den 30, die blos einen un wenigen Inſtituten, trotdem, daß es eine ſo be⸗ zweijährigen Kurſus durchmachen, arbeiten körper⸗ deutende Anzahl von Zöglingen beherbergt. lich, die Knaben in der Schuſter⸗ und Schneider⸗ 1858 waren 121 Zöglinge: 76 Knaben, 45 werlſſtatt, die Mädchen in der Nähſtube, wo ſie vesden und 16 Schüler. Am Schluſſe des J. 1857 verſchiedene weibliche Arbeiten lernen. Anſtalt ein Vermögen von 111,465 fl. Es gehört zu den ſehnlichen Wünſchen des Heol ſind 115 Zöglinge: 75 Knaben, 40 Mäd⸗ Inſtitutes, daß es bald in die Lage geſetzt werden chen und 20 Schüler. möge, noch andere Werkſtätten einrichten und ſo Nebſt den Zöglingen wohnen im Inſtitute: die Kinder allſeitiger und zweckmäßiger in den freien der Direktor, ſämmtliche Lehrer(7), der Offizial, Stunden beſchäftigen zu können.. die Hausmutter, der Hausverwalter, zwei Lehrerin⸗ Zwei Nachmittage in der Woche turnen die nen und ein Schneider, der zugleich Hausmeiſter iſt. Zöglinge und zweimal üben ſie Da die Verpflegung der Zöglinge(ſie erhal⸗. ten auch Kleidung), die Gehalte und der Lohn der nur halbweg erlaubt, ein kleiner Spaziergang ge⸗ dienenden Perſonen eine jährliche Ausgabe verur⸗ macht, die übrige Zeit bis zum Nachtmahle ver⸗ ſachen, die jedenfalls mit dem vorhin angegebenen wenden ſie zur Wiederholung.. 2₰ 1 144 Erinnerungen. Nach demſelben können ſie ſich beſchäftigen, wie ſie wollen. Je ein Lehrer führt den ganzen Tag die Aufſicht im Hauſe, ſo daß die Kinder ſich wohl frei bewegen können, doch nie des wachenden Auges entbehren. Die Mädchen ſtehen außer der Schulzeit mehr unter der Leitung der Hausmutter, welche zugleich Oberlehrerin iſt, und zweier Gehilfinnen. Das Inſtitut hat einen ſchönen Garten, cher nie den Zöglingen geſperrt iſt. Sonntags beſuchen ſie eine Meſſe und hernach hält der Direktor im ſchönen Prüfungsſaale, der auch zugleich Arbeitsſaal iſt, für ſämmtliche Zög⸗ linge eine Predigt und zwar mittelſt der Geberde. Zu dieſer Erbauungsſtunde finden ſich auch die er⸗ wachſenen Taubſtummen ſelbſt anderer Religions⸗ bekenntniſſe fleißig ein. Auch für Hörende, die der leichtverſtändlichen natürlichen Geberde mächtig ſind, bieten dieſe Er⸗ bauungsſtunden das höchſte Intereſſe. Betrachten wir nun die Art und Weiſe, welcher an unſerer vaterländiſchen Anſtalt ter⸗ richtet! wird. Deutſche und franzöſiſche Methode haben eine ſchöne Vereinigung gefunden. Aller Ünterricht, jener in der Religion ausgenommen, wird in der Laut⸗ ſprache ertheilt und dabei nur ſo weit die Geberde benützt, als es unumgänglich nothwendig iſt. In der erſten Beit der Bildung muß man, da noch gar keine Sprachfertigkeit vorhanden iſt, ſich vor⸗ nehmlich der Geberde bedienen; doch ſo, wie die Kenntniß der Sprache ſich erweitert, tritt jene in den Hintergrund. Es iſt von großer Wichtigkeit, daß ſich die Taubſtummen mit ihren Nebenmenſchen leicht ver⸗ ſtändigen können, und dieß iſt nur möglich, wenn ſie vom Munde die Sprüch ableſen und ſelbſt ver⸗ nehmlich zu ſprechen vermögen, Beides küm durch beſonderen Fleiß und in hinreichender, nicht über⸗ mäßig langer Zeit erreicht werden. Ferner iſt die Lautſprache auch für das geſammte Denken von großer Wichtigkeit, wie wir dieſes ſchon in dem Aufſatze der erſten Nummer gezeigt haben, wo wir darlegten, wie gerade dem Mangel der Laut⸗ ſprache es zuzuſchreiben iſt, daß die Taubſtummen in ihrer Ausbildung ſo weit zurückbleiben. Die Lautſprache fördert die formelle Ausbildung des Menſchen. Nach der franzöſiſchen Methode, die für die Lautſprache nun die Schriftſprache lnöſiniet haben die Zöglinge letzteren Vortheil wohl nahe⸗ zu auch, obwohl ſie nie ſo zum Bewußtſein der Sprache gelangen, wie nach der deutſchen; doch den erſtgenannten Vortheil bietet ſie gar nicht. Daß das genannte Ziel erreicht werden kann, davon lie gen Beweiſe vor. Wenn die Sprache der Taubſtum⸗ men auch häuſig etwas Rauhes und Einförmiges hat, ja wenn man, um ſich leicht mit ihnen ver⸗ ſtändigen zu können, ſich an die Ausſprache gewöh⸗ nen muß, ſo heben doch dieſe Uebelſtände den eigent⸗ wel⸗ Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. lichen Gewinn nicht auf. Ueberdieß muß hier noch bemerkt werden, daß die Lautſprache auch die Geſundheit fördert, indem ſie den Reſpirations⸗ organen die nöthige Uebung und Beſchäftigung gibt. Aber, wird man fragen, warum benutzt man beim Religionsunterrichte die Geberde? Viele Gründe ſprechen dafür. Die Taubſtummen kommen gewöhnlich ſehr vernachläſſiget in das Inſtitut, behaftet mit einer Unzahl von Fehlern, mehr Thieren als Menſchen ähnlich. Wie will man nun dieſe Weſen entwildern? Strafe, Zwang— o, das ſind bittere Mittel, die, wenn ſie auch ſcheinbar zum Ziele führen, den Charakter verderben; ſie bewirken nur ein Abrich⸗ ten, nicht aber eine wahre Umbildung des Geiſtes. Die Religion iſt der beſte Zügel für die Leiden⸗ ſchaften, durch ſie iſt man im Stande, die Rauh⸗ heit, Wildheit, Leidenſchaftlichkeit zu bändigen. Nach der rein deutſchen Methode, nach welcher auch die⸗ ſer Unterricht durch die Sprache ertheilt wird, dauert es ſehr lange, ehe man mit demſelben be⸗ ginnen kann; erſt nachdem die Zöglinge mehrere Jahre in dem Inſtitute ſind, kann man damit an⸗ fangen und erſt in dem letzten Bildungsjahre, wenn die Sprache ſchon ziemlich weit ausgebildet iſt, einen ordentlichen Unterricht in dieſem wich⸗ tigen Gegenſtande vornehmen. Unterdeſſen iſt nun aber eine bedeutende Zeit für die wichtigſte Bil⸗ dung des Gemüth es— denn wahrer Religionsun⸗ terricht muß Bildung des Gemüthes ſein— verloren gegangen und der Charakter ſchon mehr oder we⸗ niger fertig; der ſpätere Unterricht iſt nie ſo frucht⸗ bringend. Nehmen wir ſogar an, das Kind ſei ſo weit ausgebildet, daß es unſere Sprache verſtehen und auch gut vom Munde ableſen kann, ſo behaupten wir auch dann noch, daß die religiöſen Vorträge mittelſt der Lautſprache nicht den gewünſchten Er⸗ folg haben. Selbſt wenn der Zögling im Abſehen geübt iſt, bereitet dasſelbe ihm immer noch ziem⸗ lich viele Mühe; alle ſeine Aufmerkſamk keit muß auf die Sprachorgane gefeſſelt ſein, um nur den Sinn des Geſprochenen aufzufaſſen, und dieſe mühſam errungenen Gedanken ſind weniger geeignet, Ge⸗ fühle hervorzurufen. Der tiefe Eindruck, den die mannigfache Modulation der Stimme, welche die Seele in ihrem ganzen Leben wiedergibt, auf den Menſchen hervorbringt, fehlt hier ganz. Freilich ſa ſa⸗ gen eifrige Vertheidiger der deutſchen Methode, daß die Modulation der Stimme durch lebhafte Mimik erſetzt werden könne, ja durch die ganze Haltung des Körpers. In etwas mag dieß wohl wahr ſein, dieß wollen und können wir nicht widerlegen, doch die Wirkung kann nicht ſo bedeutend ſein, weil wie geſagt, der ableſende Zögling die Mimik nicht vollſtändig wahrnimmt. Denken wir uns einen Redner, den wir nur mit Anſtrengung verſtehen, und welcher uns, ich will Aagen, in den beſtgeſetz⸗ (ten Worten ganz in einem Tone ohne Veränderung A. Wiechovsky: Die Taubſtummen. 145 wir ähnlichen Vortheil von derſelben haben, wie der Stimme die ſchönſte Rede vorträgt, ſo werden der Taubſtumme, wenn er einen ſchön geſetzten dürfte wenig gewinnen. Die Geberde hingegen iſt dem Taubſtum- men als ſeine Mutterſprache lieb, ſie iſt für ihn, N — ſchen in ihrer religiöſen Ausbildung zuerſt gewiſ⸗ ſermaßen Heiden ſind und ſich erſt allmälig zum Chriſtenthume erheben. Dieſer Stufengang,, den jeder Menſch, den auch das ganze menſchliche Ge⸗ beachtet. gelaſſen werden. Erſt faßt das Kind Alles ſinnlich auf. Gott iſt ihm ein guter oder böſer Das Taubſtummen⸗Inſtitut in Prag. wenn ſie ausreicht, das leichteſte und ſchnellſte Ver⸗ ſtändigungsmittel; ſie kann ferner durch einigen Fleiß und Nachdenken leicht ſo weit ausgebildet werden, daß man im Stande iſt, durch dieſelbe alle Wahrheiten der Religion mitzutheilen, wenn man dabei ſtufenweiſe vorwärts geht. Der Gang iſt beiläufig folgender: Direktor Froſt geht von der Anſicht aus, daß alle Men⸗ Erinnerungen. 1859. Mann, welcher wirklich unter uns lebt. Den Him⸗ mel denkt es ſich in dem Gewölke und wähnt, wenn es auf die fernen Berge ſteige, könne es leicht in denſelben eingehen; er hat für dasſelbe ganz ſinnliche Freuden, da gibt es die köſtlichſten Speiſen, Pracht und Glanz. Die Hölle iſt ein ſchrecklicher Ofen, u. ſ. w. Später, wenn ſich die Religionsbegriffe erweitern, tritt Gott hervor als 19 116 Erinnerungen. lluſtrirte ein unendliches Weſen, und, um die Begierden zu zügeln, als ein ſtrenger Beſtraſer der Sünde; erſt wenn das Chriſtenthum in die Seele einzieht, er⸗ ſcheint der Höchſte als jenes unend liche Weſen, wel⸗ ches mit ſeiner all lmächtigen Liebe das All durch weht; man liebt das Gute ſeiner ſelbſt willen, nicht aus Furcht vor der poſitiven Strafe, nicht aus Verlangen nach poſitiven Belohnungen. Direktor Froſt weiß in kurzer Zeit mit ſei ner guten Methode und tüchtigen Eizibnngigite die Halbmenſchen zu entwildern. Er faßt ſie bei der Sinnlichkeit. Den Anfang macht er mit dem Magen, der bei dieſen Menſchen eine große Wich⸗ tigkeit hat. Er erzählt ihnen vom Schweine, Wür ſten, gutem Eſſen u. ſ. w. So feſſelt er ſie, ſie werden aufmerkſam. Nun geht er auf andere, ihnen nahe liegende Verhältniſſe über, die er wo möglich in kleinen, leichtfaßlichen Erzählungen er klärt. Man denke nicht, daß die Zöglinge da⸗ bei unthätig ſind, ſie folgen nicht nur mit größ⸗ tem Intereſſe, ſondern werden auch häufig gefragt, mimiſche Darſtellungen hineingezogen, ſo daß die größte Lebhaftigkeit unter ihnen herrſcht. Rachdem er verſchiedene andere Denkübungen in Beziehung auf Farben, Größe u. ſ. w. durchgemacht hat, geht er über zu dem Verhältniſſe zwiſchen Eltern und Kindern, weiter zum O rtsvorſteher, Grafen, endlich zum Kaiſer. Um ihnen die gerung der Perſön lichkeiten zu zeigen, bedient man ſich des Aeußern, der Kl leiderpracht, des Geldes, der phyſiſchen Kraft. Der Uebergang zu Gott iſt jetzt nicht mehr ſchwer. Sie können ſich leicht einen Menſchen d enken, der ſelbſt über alle Kaiſer be fiehlt, gegen den auch dieſe ge ring ſind, dem auch dieſe ſchnell gehorchen müſſen, der ſehr, ſehr groß iſt, ungeheure Kraft hat, ſo viel wie unzählige Kaiſer, der im größten Glanze wohnt. Dieß Verhältniß zu dieſem ſinnlichen Gotte faſſen ſie auf; er will ſtrengen Gehorſam, die ſtreng⸗ ſten Strafeß treffen den, welcher fehlt, aber auch großer Lohn erwartet den, welcher gehorcht. Das Feſt des heiligen Nikolaus wird gewöhnlich benützt, um die Neulinge in dieſer ſinnlichen Religion zu befe feſtigen, die Eindrücke tiefer zu machen. Vormit⸗ T Das in kleine Stei tags findet das Sittengericht ſtatt. ganze Lehrperſonal, ſämmtliche Schüler und auch viele ehſlar Taubſtumme ſind im großen Saale ver ſammelt. Jeder Zögling tritt einzeln vor. Vor Al⸗ lem geben die Kinder ihr Urtheil ab, dann die Lehrer; wer etwas vorzutragen hat, erbittet ſich die Erlaubniß der Mittheilung. Zitternd und ge⸗ ſenkten Blickes tritt derje nige vor, dem das Gewiſ⸗ ſen Vorwürfe macht, freudig aber ſchweift das Auge deſſen, der ſich keines groben Fehlers bewußt iſt, über die Menge. Es ſpricht hier vffen eine ganze Geſellſchaft und dieſ r Ausſpruch der Verwerfung oder des Lobes dringt tief in die zarten Herzen. Abends erſcheint im größten Pompe der Ni kolaus wirklich und beſchenkt die guten Kinder, die Blätter für Ernſt und Humor. böſen gehen leer aus oder erhalten wohl auch in Ausnahmsfällen noch eine beſondere Strafe. Man muß dieſes ſehen, um die Wirkſamkeit eines natür⸗ lichen Religionsunterrichts kennen zu lernen. Sie nahen mit Scheu, aber auch, wenn das Gewiſſen rein iſt, mit Liebe dem würdigen Greiſe Nikolaus, beantworten leichte Fragen, ſtreicheln den guten Mann und mit höchſter Wonne erhalten ſie dann aus ſeiner Hand das Geſchenk, beſtehend in Ae edfe n, Nüſſen, Pf efferkuchen u. dgl. Doch wenn der Di⸗ rektor auf die Frage des heiligen Nikolaus, ob das Kind brav war, es verneint, da jammert das Kind, das da fehlte, fällt auf die Kniee, verſpricht ſich zu beſſern. Die ältern Zöglinge, welche die Maskerade wohl verſtehen, wohnen mit größtem Ernſte bei, um das Wohl ihrer Inſtitutsgeſchwiſter zu fördern. Auf dem hier angedeuteten Wege Kinder immer weiter geführt, ihre Religion wird immer vollkommener, bis ſie endlich zu einem Punkte gelangen, der ſehr erfreulich und ſehr wohl⸗ thätig iſt Dieſe Reſultate nun kann die deutſche Me⸗ thode nicht erreichen, während die Vortheile, die ſie bietet, ſich l leicht mit der eben geſchilderten Art des Unterrichtes vereinigen laſſen, indem die Zög⸗ linge, ſobald ſie in ihrer Sprachkenntniß vorgerückt ſind, auch durch die Lautſprache die re eligiöſen Wahr. heiten aufnehmen können. Obwohl Direktor Froſt der Geberde früher ein größe eres Feld einräumte, hat er dieſelbe nun in die ge hörigen Grenzen gebracht und dadurch dem Inſtitute einen großen Vorſchub ge⸗ leiſtet. Im Inſtitute gibt es mancherlei kleine Feſte, die dazu dienen, das Familienleben zu erhöhen. Von einem, wel ſches nicht letzte iſt, haben wir ſchon geſprochen. Jeden Faſching wird es auch dem Inſtitute durch Beiträge edler Menſchen ermög— licht, einen kleinen Ball zu halten. Durch den Neu⸗ bau iſt die Anſtalt in den Beſitz eines hübſchen Saales gekommen, wir nannten ihn ſchon früher als Prüfungs⸗ und Arbeitsſaal, er wird in der lu⸗ ſtigen Zeit zum Tanzſaale und man kann dort am Abende dieſes Feſtes eine ſehr gewählte Geſellſchaft aus den beſten Häuſern Prags finden. Obwohl die Taubſtummen nicht den Klang der ermunternden Muſik hören, ſo haben ſie doch ein aufmerkſames Auge, das auf die Hörenden achtet, und ein gutes Gefühl, wodurch ſie die taktmäßigen Erſchütterun⸗ gen des Fußbodens wahrnehmen. Manche der Ar⸗ men tanzen mit einer Leichtigkeit, daß man ſie für Hörende halten könnte. Jeden Sonntag ferner geben die Zöglinge kleine mimiſche Vorſtellungen. Witz und Laune ſind oft dabei nicht zu verkennen und ihre Leiſtungen ſtehen ſicher nicht ähnlichen nach, welche oft von herumziehenden, ſelbſt beſſeren Truppen dem Pu⸗ blikum vorgeführt werden. Die Anweſenheit des hohen Kaiſerpaares hat werden die das ſchen n früher dort am ſe lſchaft wohl die nternden nerfſames ein gutes hütterun der Ar⸗ m ſie für göglinge aune ſind eiſtungen oft von dem Pu⸗ res hat aares ha F. W.: Folgen einer Entenjagd. unſerem Inſtitute auch mehrere feierliche Tage be⸗ reitet. Den 17. November beehrte Se. Exzellenz der Herr Graf Thun, Miniſter des Kultus und Unterrichtes, die Anſtalt mit ſeinem Beſuche, wohnte dem Unterrichte bei und ſuchte überhaupt eine ge⸗ naue Kenntniß vom Stande desſelben zu erlangen; erſt nach zweiſtündigem Aufenthalte verließ er äußerſt befriedigt dasſelbe.— Den 20. November erſchien in demſelben auch Se. Exzellenz Herr v. Bach, Miniſter des Innern, um ſich von dem Fort gange der durch ſeine thätige Verwendung in das Inſtitut aufgenommenen Zöglinge zu überzeugen. Kurz vor dem Abgange der beiden Majeſtäg ten von Prag machten auch ſie noch dieſem ge meinnützigen Inſtitute ihren Beſuch. Die Zöglinge erwarteten Sonntag den 21. November mit der größten Spannung das Kaiſerpaar. Nach 11 Uhr traten die hohen Gäſte in den geräumigen Prü⸗ fungsſaal der Anſtalt. Ein Knabe und darauf ein Mädchen redeten die beiden Majeſtäten in deut⸗ ſcher Sprache vernehmlich an, mit kurzen Worten die Freude über den Beſuch kundgebend. Mit Ge nehmigung Sr. Majeſtät des Kaiſers hielt der Herr Direktor Froſt einen Vortrag, den wir hier in Kürze vorführen wollen. Es wurde ein Bild aufgerollt, worauf eine Mütze, ein Stab und ein gewöhnlicher Seſſel ge⸗ zeichnet war; ein zweites führte ein Auge, eine Hand und ein Herz, als Sinnbilder des Ver⸗ ſtandes, des Willens und des Gefühles vor. Nicht nur der Menſch, ſondern auch das Thier beſitzt Verſtand, Willen und Gefühl. Dieſe drei ſind ge⸗ mein, wie Kappe, Stab und Stuhl. Beim Kaiſer aber in ſeinem ganzen Glanze verwandelt ſich die Kappe in die Krone, der Stab in den Szepter, der Stuhl in den Thron, ſo nun beim Men⸗ ſchen Verſtand in Vernunft, Wille in freien Wil len, Gefühl in Gemüth. Der Verſtand iſt die Krone des Geiſtes, der freie Wille ſein Szepter und das Gemüth der Thron in unſerem Herzen, welchen die Liebe zu Gott inne haben ſoll. Der Kaiſer folgte mit Spannung und er erlaubte dem nach noch einen zweiten kurzen Vortrag, den wir hier übergehen. Nachdem die Majeſtäten dem Di⸗ rektor verdientes Lob geſpendet hatten, beſichtigten ſie noch die Räumlichkeiten des Inſtitüktes. Wir ſchließen dieſe Artikel mit dem warmen Wunſche, daß dieſes ſegensreiche Inſtitut, gefördert von wackeren Menſchenfreunden, in gleicher Weiſe wie bisher gedeihlich ſich fortentwickeln und ſo an dern Anſtalten derſelben gemeinnützigen Wirkſam keit in unſerem Vaterlande zur Anregung und zum Muſter dienen möge. Folgen einer Entenjagd. Humoreske von F. W. Die beiden Jagdfreunde. Die ganze Welt ſoll es erfahren, Daß wir die beſten Freunde waren! s wird wohl auf dem ganzen lieben Erdenrunde kaum ein Städtchen, ja kaum ein Dörſchen geben, das nicht ge⸗ wiſſe Perſönlichkeiten aufzuweiſen hätte, die ſich durch jovia⸗ len Humor oder mitunter wohl auch 2 durch etwas Poſſen⸗ reißerei bemerkbar S machen und dadurch die oft ſehr miß⸗ muthige Einwohner⸗ ſſchaft zur frohen und munteren Laune ſtimmen. ae M —— 6 O;, deeR 8 NM 1 13RrG T L. d DARn Auch das ſchöne, VN im mittleren Böh⸗ 2 H 9 men gelegene Städt⸗ 3SB chen P.... hatte ſich derlei bemerkbaren Perſönlichkeiten zu erfreuen und nebſtbei noch zweier noch augenfällige⸗ ren abſonderlichen Gebäude, die den erſtern zum bleibenden Wohnſitze dienten. Das anſehnlichere dieſer benden Fenarkablen Häuſer, das Poſtamt, ein altes Stück architektoniſcher Schöpfung, trug an ſeiner Stirn den ſchwarz an⸗ geſtrichenen Aar, bei deſſen Anblicke ſich männiglich verwunderte, warum der Künſtler ſtatt des üblichen Reichsapfels— ein Poſthorn, und ſtatt des Szepters und des Schwertes— eine mächtig geſchwungene Peitſche in ſeine Fänger gepinſelt habe. Das zweite Gebäude, ein anſtoßender Nachbar, war ein würdiges, um manches Jahr älteres Ge⸗ genſtück des erſtern; denn auch dieſes trug auf ſeiner ſtolzen Stirn ein Zeichen, um zu zeigen, was es einſt geweſen und itzt noch ſei. Hoch oben, unterm Giebel, ſaß im ovalen Relieſſchilde— eine ſtumpfnaſige, altmodiſch gekleidete Jungfrau mit halbverbundenen Augen, in der linken Hand eine Wage, und in der rechten— ein gewaltiges Szepter haltend, auf welch' letzterm mehrere Bündel Kerzen und Bürſten befeſtigt waren. Die eine tief herabhängende Wagſchale trug einen Zuckerhut nebſt⸗ etlichen Gewürzdüten, während die andere oben⸗ N zweier Exemplare von 148 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ſchwebende einige Senſen, Sicheln, Ketten und noch andere Eiſenwaaren kelaſteen. Hätte Jeinand darin ein Zeichen erblickt, daß in der Schale der Gerechtigkeit ſiets das Herbe obenan ſchwebe, ſo hätte er geirrt, denn dieſe allegoriſche Figur mit den Handelsprodukten verkündete nur, daß unter dieſer ſo komplizirten Firma— ein löbl iches Bürgermeiſter⸗ amt und eine wohlaſſortirte Spezerei⸗ und Mate⸗ rialwaarenhandlung im friedlichen Verbande zugleich betrieben wurde. Nun, die beiden Firmen, die uns eine lächelnde Bewunderung entlocken, waren einmal da und zwar ſchon von Alters her, und unter dieſen wohn— ten jene zwei Perſönlichkeiten, die als die Helden unſerer Erzähl ung einige Aufmerkſamkeit in Anre⸗ gung bringen mögen. Im Hauſe des letztbeſchriebenen Zeichens be⸗ gegnen wir einem vierundz zwanzigjährigen, blonden und blauaugigen Menſchen, deſſen Körper, etwas außergewöhnlich in die Höhe geſchoſſen, faſt in's Linienartige überging; hinwider zeichneten ſich ſeine Geſichtszüge durch eine angenehme Rundung aus und ein ſtetes Lächeln ſpiegelte ſeine gemüthliche Seele Allen zur Gunſt ab. Er war der letzte Sproſſe. eines reichen Bürgermeiſt erſtammes, in deſſen Linie ſchon ſeit undenklichen Zeiten das Szepter einer mil⸗ den Gerechtigkeit gehand habt wurde; doch bei dem zeitlichen Hintritt des letzten Konſuls ging die Würde— aus Urſache des unzureichenden Alters des Prätendenten— auf ein älteres Haupt über, und dem Themisſohne verblieb blos die merkantili ſche Wage. Ueber den Verluſt des Szepters konnten ihn aber die hinterbliebenen Kaſten und Käſtchen der ſeligen Mama tröſten, die ſchwer an dem zu ſammengeſcharrten klingenden Gute wogen und unſerem Junggeſellen erſter Größe kein geringes Gewicht bei den ſchönen Pekunianerinen verliehen. Unter den Fittigen des Aares ruhte der Poſt⸗ meiſter er, ein wohlbeleibtes feſches Männchen, dem die Lachluſt zu jeder Miene herauslugte. Er war von kleinem Wuchſe, welchem Uebelſtande weder die hohen Abſätze noch die hohe Kakadufriſur hinläng⸗ lich abhelfen konnte; aber wo ſeine kurzbemeſſene Perſönlichkeit nicht auszureichen vermochte, dort ver⸗ ſchaffte ſich ſein geläufiges Mundwerk achtung⸗ gebietende Geltung. Mit demſelben Rechte, mit welchem man ein heiteres Wetter ein ſchönes nennt, konnte man auch ſein fröhlich Angeſicht ein ſchönes nennen; und doch trieb er ſich zum Verdruße manch' einer Inhaberin der reiferen Ju⸗ gend bereits volle dreißig Jahre unter der unge⸗ bändigten Schaar des Junggeſellenthumes unſtät herum und ſeit dem die ſiegreichen Eiſenbahnen im⸗ mer mehr und mehr an Terrain gewannen, ge⸗ wann auch er— in Folge des hieraus entſtandenen flauern Poſtgeſchäftes— mehr Muße, anderer Beſchäftigung nachzugehen, und zwar in der Eigen⸗ ſchaft eines leidenſchaftlichen Nimrod's— der Jagd. treppe, d Eben lehnte er ganz nachläſſig im Raume eines offenen, grüngepolſterten Zimmerfenſters, über einen neuen Jagdplan ſinnend, als plötzlich einige zitterhafte Poſthornſtöße und kräftige Peitſchenſignale die Ankunft einer Diligenze verkündeten. Der Poſtmeiſter horchte, wie wenn er ſeinen Ohren nicht recht trauen wollte, und er ſchob den Kopf mit beiden Händen weit über die Fenſterbrü⸗ ſtung hinaus. Ein Wagen fuhr vor und machte Halt; der Schlag wurde geöffnet, und es entwickelte ſich ein junger langbeiniger Menſch wie ein zuſammengeleg⸗ ter Klafterſtab aus demſelben; doch kaum hatte er den Boden betreten, als er auch ſchon von dem neu⸗ gierig herabblickenden Poſtmeiſter angerufen wurde: „Emil! Emiliusl ſind Sie endlich von der langen Reiſe da? Hoch Weidmannsheil! nun hat die lange Weile ein Ende!“ Mit dieſem freudigſt bewegten Ausrufe rollte er über die breite Wendel⸗ ie zu ſeinem Appartement führte, hinab, und in Zeit weniger Minuten hing er am— Unterleibe des jungen Mannes, da er ſeine Freude⸗ äußerung nicht höher anzubringen im Stande war. Der junge Mann, dem dieſe Umarmung nicht ſonderlich gefallen mochte, bog ſich zu einer gefäl⸗ ligern hernieder; allein kaum wurde das kleine Männchen dieſe günſtige Gelegenheit gewahr, ſo hing er auch ſchon mit einem komiſchen Sprunge am Halſe des Freundes, der es nur ſeiner leicht bieg⸗ ſamen Körperkonſtitution zu danken hatte, daß er bar, Buſenfreund, Jagd, wollte. nicht⸗ gleich einem überlaſteten Hebel mitten ent⸗ zwei brach. „Mein lieber, theurer Emilius, Nach⸗ Dianens Waffenträger, Euſtachs Kugelgießer! ſeien Sie tauſendmal willkommen!“ ſchrie der Poſtmeiſter im berauſchenden Wort⸗ ſchwall, während der junge Mann, der Inhaber der handeltreibenden Themis mit den Worten:„Bitte, bitte, Herr Poſtmeiſter— wir gehen beide unrett⸗ bar zu Grunde,“ ſich ſeiner theuren Laſt entledigen „Morgen, ach morgen ſchon geht's wieder zur zur— Entenjagd, zu der herrlichſten der Welt, Freundchen!“ ſchrie der Poſtmeiſter weiter, den Freund noch feſter umklammernd. Die laute Stimme des Poſtmeiſters mochte jedoch bis in den Hintergrund des Poſthofes ge⸗ drungen ſein, denn mit einem Male brach eine ver⸗ ſchiedenragige Hundemeute aus demſelben hervor, und die ringende Umarmung beider Freunde als einen ernſten Kampf betrachtend, fielen ſie, ihrem Gebieter Hilfe bringend, über Emilius her, wo⸗ durch denn das ſchwerbehauptete Gleichgewicht ver⸗ loren ging und unmittelbar auf dem Schoße der Mutter Erde ein tragikomiſches Hand⸗ und Hunde⸗ gemenge entſtand. F. W.: Folgen einer Entenjagd. 149 Tritte einen kleinen aber ſchweren Oberkörper, auf Die verhängnißvolle Entenjagd. Und es war ein ſchöner Tag, Den der Jäger wünſchen mag. Es iſt ein angenehmer Herbſtmorgen. Im magiſchen Dämmerlichte ſchritten zwei Geſtalten— ein luſtiges Jägerlied ſingend, die weite Flur entlang; doch während die erſtere von ziemlicher Größe, ein langes, dem Wagbaume eines Ziehbrunnens ähnelndes Gewehr auf der Schulter tragend, mit langen Schritten die Welt durchmaß, balanzirte die andere ſchwerfällig mit watſchelndem d 1 den noch dazu eine reichgepfropfte Jagdtaſche und eine immenſe Teichflinte äußerſt drückend einzuwir⸗ ken ſchienen. Wenn wir jedoch die Geſtalten näher betrach⸗ ten, ſo erkennen wir wie vorauszuſehen in denſelben gewiſſe uns bekannte Perſonen, nämlich den Herrn Poſtmeiſter und Emilius, welche Beide mit dem erſten Hahnenrufe ſich aufgemacht haben, um der edlen Jagdluſt huldigend, auf ihrem gemeinſchaftlich gepachteten Territorio Dianens Laune zu verſuchen. „Iſt das ein prachtvoller Morgen,“ ſprach Emilius, nachdem der Refrain des beendeten Liedchens in weiter Ferne verhallt war;„ich möchte die ganze Welt vor ſeligem Entzücken an meine Bruſt drücken!“ „Und ich hege den Wunſch, ſo ein halb Schock Enten erlegen und hierauf ein Stück Wildpret nebſt einem Glaſe Madeira einnehmen zu können— ein Kapitalfrühſtück das!“ entgegnete lakoniſch der Poſt⸗ meiſter. „Ha! Sie ſind von jeher mehr ein Gour⸗ mand, als ein Freund der Natur geweſen.“ „Na, na, Freundchen! Erſt den Magen ver⸗ ſorgt, dann ſieht ſich die Natur viel roſiger an, als unter ſonſtigen hungrigen Umſtänden.— Wo ſchweift aber unſer Pekas herum? Das Malefizvieh hat auch ſo ſeine eigene Ideen von der Natur.“ Nach einem puſtenden, dem dicken Backenpaare befände. entwichenen Lokomotivpfiffe ſprang ein ſtarker Vor⸗ ſtehhund aus dem nahen Geſtrüppe hervor. Beide Freunde eilten plaudernd und ſcherzend weiter. Emilius trieb fortwährend zu größerer Eile an, während der Poſtmeiſter keuchend und ſchweißtriefend kaum weiter zu ſchreiten vermochte. Endlich erblickten ſie in einiger Entfernung den glatten Spiegel eines Teiches, bei deſſen Sicht ſie vorſichtig Halt machten. „Sehen Sie!“ rief kurz athmend der Poſtmei⸗ ſter,„dort— ſehen Sie nichts darauf wimmeln? Lauter Enten, Rohrhühner und Wildgänſe!“ Emilius ſah und lugte, aber ſein ſcharfes Auge konnte nichts erſpähen, was mit dem ge⸗ nannten Waſſerwilde eine Aehnlichkeit gehabt hätte, außer einem Paar Kibitze am Strande, die mit ihrem unangenehmen Rufe die Jäger begrüßten. „Dorthin müſſen Sie ſchauen, dem Geröhricht entlang,“ ſprach ganz leiſe der Poſtmeiſter;„neh⸗ men Sie die Flinte zurecht, im Falle ſich jene Punkte— lauter Blaß⸗ und Tauchenten— in die Höhe erheben ſollten; dann d'rauf und d'ran!“ „Aber, Herr Poſtmeiſter,“ erwiederte Emi⸗ lius,„Sie täuſchen ſich, das ſind lauter Waſſer⸗ blumen und Schilf und kein Waſſervolk! Zum Beweiſe, daß es auf dieſem Teiche keine Enten gibt, werde ich jenem Kibitze das Lebenslicht aus⸗ blaſen;— Sie mögen nach dem andern Zeuge ſehen;“ und dieß geſagt, feuerte er auf einen der Kibitze, welcher glücklich getroffen von dem etwas erhöhten Strande auf den weichen Schlammgrund hinabfiel. Der donnerähnliche Schuß machte den Poſt⸗ meiſter, der ein„Halt“ auf der Zunge hatte, ver⸗ ſtummen; allein als er ſah, daß auf dem Waſſer kein ſonſtiges Wild ſich regte, warf er ſeine Flinte weithin in's Gras und befahl mit verdrießlichem Tone dem auf dem Sprunge begriffenen Pekas, den erlegten Kibitz zu holen. Pekas folgte und ſprang vom beſagten Strande mit einem kühnen Satze hinab, während die beiden Jagdfreunde näher hinzutraten, um das Spiel des Hundes zu betrachten. Doch Pekas hatte Mißge⸗ ſchick! Der Schlamm war weich und tiefgründig, und obzwar erſterer den Kibitz erſchnappt hatte, blieb er dennoch ſtecken; doch hier war es, wo der Poſtmeiſter den Entſchloſſenen ſpielte, ſeinen Lieb⸗ ling, der in ſo großer Gefahr klebte, zu retten. Mit einer Reſignation, die einer größern Sache werth war, näherte er ſich raſch dem Ufer, um hinab in den tiefen Schlund zu ſpringen; allein kaum hatte er den etwas wandelbaren Rand betreten, als auch gleich darauf ein dumpfer Schall dem erſchrockenen Emilius verkündete, in welcher Gefahr ſich ſein aufopferungsvoller Jagdgenoſſe Doch auch Emil bewies ſeinen menſchen⸗ und thierfreundlichen Charakter, und nachdem er mit einem kurzen Blicke ſeine langen Leibträger— ſo wie die Tiefe des ſchlammigen Elementes, das den braven Poſtmeiſter verſchlungen, bemuͤeſſen, ſprang auch er hinab zu den Seinen und brachte nicht ohne viel Mühe die Entſchwundenen aus dem Ab⸗ grunde an's Geſtade. Da ſtanden ſie nun, ſtatt zwei ingeniöſen Jagdgeſellen einem Paar Mumien ähnlich, über und über inkruſtirt vom Schlamme. Der Poſtmeiſter räuſperte ſich und während er mit beiden Händen die Urſache entfernte, die ihm das Augenlicht benahm, rief er gerührt: „Lieber Freund! mein Sohn! mein Alles! empfangen Sie meinen herzlichſten Dank für die glückliche Rettung meines Daſeins vom Schlamm⸗ tode. Sie haben Anwartſchaft auf meinen gegen⸗ ſeitigen Dienſt.“ „Doch was ſollen wir jetzt beginnen,“ fuhr er wehmüthig fort, als er ſah, wie ſauber ſein treuer Pekas ſich den Koth vom Leibe leckte. „Pfui! das können wir doch nicht machen, noch weniger den Schlamm bis zum Waſſer durch waten, um uns zu reinigen, und dann abermals in den Schlamm gerathen. Auch in die Stadt dür⸗ fen wir uns in dieſem Zuſtande, von wegen des Pöbels, nicht wagen; aber halt! zur Tante Ju⸗ ſtina, die in jenem freundlichen Dörfchen wohnt, wollen wir eilen, uns dort einer entſprechenden Douche bedienen, um wieder zu Menſchen zu werden.“ „Ein eminenter Einfall das, Herr Poſtmei⸗ ſter; doch wie wollen wir dahing es führt keine hohle Gaſſe nach Küßnacht?“ witzelte Emilius. „Bahl! auf dem Lande geht's durch dick und dünn; dort durch die Sträucher führt ein ziemlich einſamer Weg zu der Holden— die freilich er⸗ ſchrecken wird ob den vermummten Geſtalten; allein ſie wird mich an meiner ihr wohlbekannten Stimme erkennen. O eilen wir, ſonſt wird mir die Schlamm ſchichte auf dem Leibe zu purem Eiſe!“ Und ſie eilten, ſo gut als es die Umſtände erlaubten, dahin, während Pekas, mit der einzigen Jagdtrophäe im Maule, ihnend ſchnüffelnd nach⸗ folgte. Eine Neawren 3 a t. „ 4æ Und ſie ſaßen im traulen Kreiſe Und lebten froh nach ihrer Weiſe Bei Tantchen Juſtina war große Geſellſchaft. In einem freundlich eingerichteten Nebenſtüb⸗ chen ſaßen um einen runden Eichentiſch, auf wel⸗ chem das ſchönſte Hausbackwerk, dampfende Kaffee ſchalen und duftende Liqueurflaſchen den Platz ſich ſtreitig machten, mehrere Frauen und einige Mäd⸗ chen. Tante Juſtina verſtand es, eine Geſellſchaft auf’s Beſte zu bedienen. Und heute läßt ſie ſich die Bewirthung um ſo mehr angelegen ſein, denn ſie feiert heute ihren fümfzigſten Namenstag. Doch nicht wundern dürfen wir uns, daß wir in einem ſchlichten Bauernhauſe dieſen Luxus tref fen. Frau Juſtina, dieſes kugelrunde, trotz der fünfzig Jahre immer noch nette Weibchen, ſtammt 150 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. aus einem vornehmern Geſchlechte, als es etwa die große Scheuer und die anſtoßenden wachsthumbe⸗ fördernden zerſetzten Strohhaufen vermuthen ließen; der Poſtmeiſter aus der Stadt nennt ſie ſeine Tante, denn ſie iſt die leibliche Schweſter ſeines zu den Vätern gegangenen Vaters. Einer nicht ungewöhn⸗ lichen Romanenidee folgend, hatte ſie ſich vor mehr als drei Dezennien in einen blutjungen und bild⸗ hübſchen Poſtillon verliebt, und dieſer Poſtillon d'amour iſt nun der Dorfmann, dem Juſtinchen als Weib angehört. Und wie glücklich ſie iſt! Doch der Mann iſt heute nicht anweſend; er hat ſich, wie es auf dem Lande üblich, wenn Frauen ein ernſtes Wort mit einander zu reden haben, aus dem Staube gemacht, und ſomit finden wir die Damengeſelſſchaft ſich ſelbſt überlaſſeu. Obenan breitet ſich die reſpektable und tonan⸗ gebende Frau Verwalterin nach allen Breitegraden, dagegen die neben ihr ſitzende ſüßthuende Meier⸗ hofspächterin nach Längengraden aus; weiter unten ſitzen zwei gewichtige Gevatterinnen, ein Stückchen Kuchen kauend und leiſe flüſternd. Die Jugend der Schule wurde auch vertreten durch die Alles wiſſen⸗ wollende Frau Schulmeiſterin, und die Frau Mül⸗ lerin, die ihr Mühlchen heute beſonders rührig klappern läßt, ſchüttet immer auf. Die Frau Orts⸗ vorſteherin ſitzt in beſcheidener Würde faſt am un⸗ terſten Plätzchen; dafür hat ſie an der Seite zwei Mädchen— gleich zwei ſchwellenden Knoſpen am Stängel einer alten Roſe. Sämmtliche Damen waren erſchienen, um Tante Juſtine ihre“Glückwünſche und ſonſtigen freundſchaftlichen Verſicherungen darzubringen. „Auf Ihre Geſundheit, Frau Namenstag!“ rief Frau Verwalterin, ſich von ihrem Stuhle er⸗ hebend und ein gefülltes Roſogliogläschen hoch ſchwenkend. Nun galt's Beſcheid thun. Alle Damen grif⸗ fen zu den Gläschen, und lächend und lichernd brachten ſie ihre„Lebehochs“ der Tante Juſtine dar, die wie ein Kreiſel herumtrippelte und unzäh⸗ lige„Danke ſchön“ austheilte. Da öffnete ſich plötzlich die Thür, und eine ſonderbar betünchte Geſtalt ſchlüpfte herein, mit dem Rufe:„Tantchen, Tantchen, liebes gutes Tantchen, weiblicher Samiel, hilf!“ „Die Geſellſchaft ſtäubte mit einem entſetzlichen Geſchrei auseinander und flüchtete ſich in alle Win⸗ kel, als ſie des unheimlichen Gaſtes anſichtig wurde. „Was ſoll dasehier!“ rief die Tante mit einer gut vernehmbaren Stimme,„pack' Er ſich hinaus, Er Unverſchämter!“ „Aber Tantchen! ſo betaſte mich nur, ich bin es ja, Dein guter Neffe, dem Gott Neptun mit der Helfershelferin Diana ein Schlammbad ange⸗ deihen ließ. Schaffe nur ein paar Kleider her, denn draußen ſteht auch ein Freund, hilfsbedürftig gleich mir. Bringe uns zur Pumpe und gib uns dann durch einige Jacken Deines Alten der Menſchheit wieder!“ Alle erkannten nun in dem ſchlammigen Manne den fröhlichen Poſtmeiſter und brachen in ein hell⸗ lautes Lachen aus, als Juſtina ihren nicht eben ſalonfähigen Neffen eiligſt hinausdrängte, worauf viel erzählt wurde von⸗Kobolden, Waſſernixen und ihren Streichen, von Hexenaund Geiſtern. An letztere wären wir faſt auch verſucht zu gläuben, da jetzt Tante Juſtina mit zwei ſeltſa⸗ men Erſcheinungen wieder hereintritt, in denen wir kaum den Poſtmeiſter und ſeinen Freund E milius erkennen. Die Kleider des Landwirths waren für W.: Folgen 4 den erſteren viel zu knapp und zu lang, für den letztern viel zu weit und zu kurz. Emilius ſchnitt hocherröthend bei ſeinem Eintritte unzählige Komplimente, während der Poſt⸗ meiſter lächelnd ſich vor der Geſellſchaft verbengte und dann einen leeren Sitz an der Seite eines der beiden Mädchen okkupirte und ausrief:„Jetzt Tant chen ſchaffe was zum Eſſen her; mein Proviant hat von der Näſſe gelitten. Kommen Sie, Emi lius, ſetzen Sie ſich ſchon der ſymmetriſchen Tiſch ordnung wegen an die jenes freundlichen Mädchens;— die übrigen Damen ſollen ſogleich Seite unſere Hochachtung empfangen; ſobald wir ſitzen, ſtehen wir Ihnen Red' und Antwort.“ Emilius leiſtete etwas verlegen Folge. zwei Mittlerweile brachte Tante Juſtina ein paar Weinflaſchen und etwas kalte Küche herein, welchen Gegenſtänden bald eifrig von den beiden Hungern un den zugeſprochen wurde ſtigen„Tantchen,“ ſprach der Poſtmeiſter, behaglich J kauend,„Tantchen, Du wäreſt verloren geweſen, tag!“ wenn Du, ſo wie ich, das Schlammbad verſucht le er⸗ hätteſt; ich ſelbſt wäre ſicher durch die Erde durch hoch nach Jenſeits gefahren, wenn mich nicht Emilius, mein Retter, den ich Dir hier vorzuſtellen die Ehre giff habe, rechtzeitig bei den Beinen erfaßt hätte. 19 Tauſeud was ſoll denn der Kranz dort um jenes Zild? Potz Element! Tantchen! Emilius! Tant Pin— Dein Namenstag heilige Juſtina! Emilius, auf! Sie ſind von jeher ein geübter 1 Ge legenheitsdicht er deweſen, improviſiren Sie ge rden ſchwind ein Gedicht! O theures Tantchen!“ 4 nchen Em ilin s erhob ſich, und als er ſah, daß 10 Aller Blicke fragend auf ihm ruhten, räuſperte er einige Be ſich, und begann nach kurzem Bedenken Reime an einander zu fügen, die mit höchlicher wunderung aufgenommen, aber in ihrem beſten Fluſſe plötzlich durch die ſchrillen Töne eines ver ſtimmten Leierkaſtens unterbrochen wurden, welcher im Vorhauſe ein beſcheidenes Aſyl ſeiner Kunſt gefunden. Ein vielſtimmiges„Ah“ ertönte gleichzeitig von allen Lippen, als das betagte Orgelwerk auf alle vorhandenen Gehörsorgane ſeine durchdringende Wirkung äußerte. „Hurrah! der pfeift aus dem F!“ rief der Poſtmeiſter, Gabel und Meſſer bei Seite legend. „Tantchen, eine einzige Tour, bitte!“ Und dieß geſagt, umſaßte er auch ſchon das liebe Tantchen und poſſirl lich bewegte ſich das runde Paar in dem ſchleppenden Gange eines Ländlers, zu welchem die poſtmeiſterlichen langen Rockſchöße den Tatt ſchlugen. Beiſpiele ziehen. Alle Anweſenden wurden von der magiſchen Tanzluſt ergriffen. Nur die Diisvoſuhtemn tanzte nicht, dafür aber drehten ſich ihre beiden Töchterlein— meiſt von Emi⸗ lius' kunſtgewandter Hand geleitet, deſto eifriger. Schweißtriefend und ſchwer aufathmend warf enſ tbet Manne in hell⸗ icht eben worauf iru und einer Entenijagd. Frau 151 ſich endlich der Poſtmeiſter, ſeinen bis über die Ohren ragenden Flaußrock lüftend, auf ein breit gebettetes Sofa; allein die Ruhe, die er ſuchte, wurde ihm nicht lange zu Theil, denn raſch er faßte ihn eine anſehnliche Frau Gevatterin, und dahin ſauſten ſie— zwei eilenden Frachtwagen vergleichbar. „Ach, laßt ab! bitte, laßt ab rief ängſtlich ſich geberdend der werde ſonſt krank, und— die Thür!“ „Ach gut, Herr Poſtmeiſter!“ begutachtete die Frau Verwalterin, die eben auch zu einer Tour ſich anſchickte;„da⸗ Sie der Kirmeß erwähnt haben, ſo folgt an beide Herren die freundliche Einladung, nach Ihrer Wahl dieſer bei uns beizuwohnen, no tabene mit dem Beding, daß Sie zum Schluſſe derſelben auch ein Tänzchen mitzumachen uns ver ſprechen, als Regreß des verkürzten heutigen Un verhofft. „Danke verbindlichſt, meine Gnädige,“ antwor tete ſüßlich der Poſtmeiſter;„ich werde nicht er⸗ mangeln, der gütigen Einladung Folge zu leiſten, Gevatterin!“ Poſtmeiſter,„ich Kirms iſt vor der und geſtehe unverholen, daß ich mich ſchon im Voraus auf ein Tänzchen freue“. Dabei ließ er 4919— feine Augen in der Stube herumſchweifen, bis ihr Blick auf das ſchöne Profil eines der Mädchen fiel und daſelbſt Halt macht. „Gegeſſen wird bei mir, Ihr lockern Schlem und tanzen könnt Ihr, wo es Euch beliebt mer, Frau Verwalterin?“ ſprach Tante nicht wahr, Juſtina. „Gewiß, Juſtinchen“ entgegnete Frau Ver walterin, ſo viel wie möglich herablaſſend:„doch ſehen Sie nur,“ fuhr ſie leiſer fort,„wie der Herr Emilius mit, Annchen ſchön thut; man ſieht es auch dem Mädchen an, daß er ihr nicht gleich giltig iſt! Und Herr Peter aber Juſtin⸗ chen, gucken Sie nur von der Seite hin— wie er mit der Babette liebäugelt; das wäre ein Pärchen!“ Als nach einiger Zeit die Geſellſchaft lachend und fröhlich auseinander ging, fanden die beiden Jagdfreunde, daß Tante Juſtina umfaßende Vor ſorge für die Rückreiſe getroffen hatte. Ein maſſiver, aus einem früheren Säkulum ſtammender Rumpelkaſten, mit zwei ſchwerbeinigen Ackergaulen beſpannt, fuhr vor, und nahm die Ermüdeten in ſeinen weichen Schooß. Nachdem die letzten Abſchiedsgrüße verhallt waren, lehnten ſich der Poſtmeiſter und Emil ius ſchweigend jeder in eine Ecke zurück und überließen ſich daſelbſt ihren Gedanken. In dieſem außerordentlichen Zuſtande, Zunggeſellen ſein Bedeuk liches hat, erreich⸗ der bei teen ſie glücklich die Stadt, das Ziel ihrer Fahrt. 3 Schluß folgt.) —— 152 Erinnerungen. Illnſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Sprichwort im Rebus. ) G W' N( Ven WWWW 8— N 1M] 1 S 1. — 4 1 7 ‿ M— 9' üW — mn 1 M 1 7hääpn Küchengenre. Nix einzuſtricken? Prager Sprechſtübchen. Am 3. Februar ſeierte der Cäcilienv erein in Prag, gelegenheitlich ſeines dritten Abonnementkonzertes, entriſſene Tondichter Felix Mendelsſohn⸗Bar⸗ tholdy vor fünfzig Jahren geboren wurde. Da ſonſt von keiner anderen Kunſtkorporation unſerer im Auslande noch immier geachteten Muſikmetropole dieſes bedeutungsvollen Momentes äußerlich gedacht wurde, ſo hat ſich der gedachte Verein um ſo mehr die hier ſo zahlreichen Verehrer des liebenswürdigſten aller neueren Komponiſten zu Danke verpflichtet, und auch dem Nimbus unſeres Kunſtlebens einen großen Dienſt erwieſen. Mendels⸗ ſohns in objektiver Beziehung ſo vielſeitige und ſtets auch geniale Produktivität bei dieſer Gelegenheit nach Zulaß der Kräfte und des Konzertſaales möglichſt zu manifeſtiren, war die Aufgabe dieſes Tages, an wel⸗ chem, dieſer Tendenz gemäß, ſich auch das Programm eben ſo reichhaltig als intereſſant geſtalten mußte. Letz⸗ teres erhielt demnach nur Werke dieſes Meiſters. Auf die Klavierkompoſition und Kammermuſik konnte bei dem Or⸗ ganismus des Vereins eben ſo wenig, wie auf des Kom⸗ poniſten Sphäre in der Oper, in welcher nebſt der Jugendarbeit„Die Heimkehr aus der Fremde“, dem Fragment„Loreley“, noch die vollſtändige Oper:„Die Hochzeit des Camacho“ aufzuzählen iſt, ſelbſtverſtändlich reflektirt werden. Doch blieb noch immer ein überrei⸗ cher Stoff zur Auswahl übrig. Der feurige, impoſante Hochzeitsmarſch aus dem„Sommernachtstraum“ eröff⸗ nete die Feier. Dieſem folgte ein von unſerem geiſtrei⸗ chen Aeſthetiker Herrn Joſef Bayer gedichteter Prolog, deſſen ſchwungvolle Sprache und treffende, zeitgemön Beziehungen allgemein gewürdigt wurden. Nebſtbei ent⸗ hielt die erſte Abtheilung den„Feſtgeſang der Künſtler“, dann die hochintereſſanten Fragmente des Oratoriums „Chriſtus“, und die erſte Symphonie; letzteres Werk Erinnerungen. 1859. Feuilleion. gebührt nicht nur für die pietätvolle ſtammt aus des Meiſters Jünglingsjahren, und läßt, obwohl im ganzen Bau geſtützt an ältere Muſter, doch in der Ueppigkeit und Friſche der Ideen und deren Durchführung den nachherigen Tonmeiſter deutlich er⸗ den Jahrestag, an welchem der leider ſo früh der Kunſt kennen. Die zweite Abtheilung brachte zuerſt das herr⸗ liche, längſt bei allen Liedertafeln und Singvereinen ein⸗ gebürgerte Männerquartett:„Der Jäger Abſchied“ nebſt dem„Wanderlied“, ferner das erhebende Gebet für Chor und Orcheſter„Verleih' uns Frieden“. Hierauf folgten die herrlichen, ſelten gehörten Volkslieder von Heine, für Sopran, Alt, Tenor und Baß, welche ſo gefielen, daß ſie wiederholt werden mußten. Der groß⸗ artige 114. Pſalm für achtſtimmigen Chor und Orche⸗ ſter, Op. 57, gab dem Konzerte den würdigſten Ab⸗ ſchluß. Dem unermüdet thätigen Direktor Herrn Apt Vorbereitung die⸗ ſes Konzertes, ſondern auch für das mühſame Einſtu⸗ dieren ſämmtlicher Pieceu, die trefflich vorgetragen wur⸗ den, die lauteſte Anerkennung. Auch ſei in Dankbarkeit der gefälligen Mitwirkung aller hiebei Betheiligten gedacht.— Als Vorbote jenes Theiles unſerer Konzertſaiſon, der nach Ablauf des Karnevals noch bevorſteht, erſchien dießmal das anmuthige Schweſternpaar Ferni. Nach den bedeutenden Erfolgen, die dieſe jugendlichen Violin⸗ virtuoſinnen in der Reſidenz und in einigen Hauptſtäd⸗ ten der Monarchie errungen, war es erklärlich, daß auch Prag auf ihre Kunſterſcheinung ſehr geſpannt war. Sie ſind Schülerinnen von Beriot und Alard, und ver⸗ treten auch ihre Meiſter in der einen Richtung, näm⸗ lich als Virtuoſinnen, die es zumeiſt auf den äußerlichen Glanz der Schauſtellung techniſcher Fertigkeit abgeſehen haben. Immerhin bleibt aber letztere, wenn⸗ ſie im Ver⸗ ein mit einer jugendlich reizenden Perſönlichkeit ſich be⸗ merkbar macht, einer beſondern Beachtung ſehr werth. Beide Fräulein beſitzen eine vollendete techniſche Aus⸗ bildung, und führen alle Schwierigkeiten auf ihrem 4 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Inſtrumente mit einer überraſchenden Ruhe, Sicherheit(Stoffſammler, wie gewiegte Pariſer Autoren ſie ſich zu und Grazie aus. Dabei iſt ihr Spiel von jeder Affek tation und larmoyanter Süßlichkeit frei, die Bogenfüh rung iſt decidirt und kräftig, der Ton, wenn auch nicht groß, doch voll und weich, das Zuſammenſpiel unver gleichlich präeis. Ihr Vortrag hat wohl hie und da Innigkeit, doch ſcheint dieſe Nüance weniger aus der unmittelbaren Empfindung, als aus einem äußerlichen Studium zu kommen, welches letztere bei Frl. Karoline Ferni in der Bravour prävalirt. Mehr Wärme im Vortrage zeigt Frl. Virginia Ferni. Beide Schweſtern erzielten auch hier, wo ſie im Theater konzertirten, einen. ſehr günſtigen Erfolg. Ihr Programm enthielt zumeiſt Kompoſitionen modernen, jedes inneren Kernes baren Genres. M. Miszellen. Literatur und Kunſt. Eine beſondere Thätigkeit herrſcht gegenwärtig auf dem Gebiete der vaterländiſchen Kulturge ſchichte. Scherr'’s„Deutſche Kultur⸗ und Sittenge ſchichte“ erlebte eine zweite Auflage, während Bieder mann, der Begründer des kulturgeſchichtlichen⸗Vereins zu Weimar, einen zweiten Band von„Deutſchland im 18. Jahrhundert“ erſcheinen ließ. Eine ganz beſondere Pflegeſtätte hat die junge Wiſſenſchaft in Nürnberg bei dem germaniſchen Muſeum gefunden. Außer der gehalt reichen„Zeitſchrift für Kulturgeſchichte“, welche daſelbſt ſeit 1856 von Johannes Falle und Joh. Müller herausgegeben wird, veröffeutlichte erſterer mit A. v. Eye das Sammelwerk„Kunſt und Leben der Vorzeit“ bis zum 35 Hefte und letzterer begann ein anderes unter dem Titel:„Deutſchland vor dreihundert Jahren in Le⸗ ben und Kunſt“, welches auf 25 Lfgn. berechnet iſt. Jakob Falle, Bibliothekar des Fürſten von Liech⸗ tenſtein zu Wien, hat in ſeiner„Geſchichte der deut ſchen Trachten⸗ und Modenwelt“ eine höchſt gelungene Verarbeitung des weit zerſplitterten Materials gegeben, während Johannes Falke, Konſervator am geyma niſchen Muſeum, mit einer„Geſchichte des deutſchen Hau⸗ dels“ hervorgetreten iſt. Andere ſchätzenswerthe Beiträge zur Kenntniß des deutſchen Lebeus bieten die„Geſchichte des deutſchen Studententhums“ von Dolch „Geſchichte des jenaiſchen Studentenlebens“ der Gebrü⸗ der Keil; ferner Pröhle's„Kirchliche Sitten“ und Avèl⸗Lallemant's Arbeit über„Das deutſche Gau nerthum“, deren dritter Band die deutſche Gaunerſprache behandeln wird. Nicht zu übergehen ſind Schäfer's „Deutſche Städtewahrzeichen“, deren erſter Band im Laufe des vergangenen Jahres erſchien. Unter den kul turhiſtoriſchen Arbeiten über einzelne Gegenden und Orte Deutſchlands dürften die bereits vielfach beſpro chenen Schriften von Riehl und von Becker über die Pfalz, von Fecht über den ſüdweſtlichen Schwarzwald, von Genth über die Stadt Schwalbach hervorzuhe⸗ ben ſein. Die benachbarte Schweiz betreffen Wolf's „Biografien zur Kulturgeſchichte der Schweiz“, deren Erſcheinen 1858 begonnen hat. Wandlungen. Wer kennt nicht das thränenreiche Drama„Zurückſetzung“, welches Dr. C. Töpfer ſ. Z. nach Ancelot’s„préference d'une mére“ als Original luſtſpiel brachte? Das franzöſiſche Stück war in Frank⸗ reich längſt verſchollen, als ein deutſcher Lumpen⸗ oder und die halten pflegen, dem Kompagniegeſchäft von Barrère und Capendu die alte„Zurückſetzung“ vorlegte. Das Stück wurde bearbeitet, die Kaiſerin weinte ein Paar Thränen darin ſein Erfolg iſt geſichert und ſiehe da: bereits hat ein deutſcher Freibenter„le nouvelle Cendrillon“ zu⸗ rücküberſetzt und bietet ſie vertrauensvoll den Bühnen⸗ vorſtänden als Novität. Elmar's„Teufels Brautfahrt“ naht ſich im Thea⸗ ter an der Wien der hundertſten Aufführung.— In den Bouffes Pariſiens erlebte in dieſen Tagen Offenbach's zweiaktige Zauberoper:„Orpheus“ die hundertſte Wie derholung. Berg's Lebensbild:„Ein Wiener Dienſt bot“ iſt nun auch in Philadelphia ein Kaſſaſtück geworden. Göthe wird der Lieblingsdichter des Auslandes: nachdem ihm Amerika durch Lewes eine ſo glänzende Huldigung dargebracht, erhalten wir jetzt eben wieder eine vortreffliche Ueberſetzung der Gedichte von zwei Engländern: W. E. Aytoun und Th. Martin, Poëms and Ballads of Göthe, Edinburgh, Blackwood. Richard Wagner, der ſeine Textbücher, wie man weiß, ſelbſt ſchreibt, was für ihn abſolute Nothwendig keit, da ſeinem Prinzip nach beide ſich das Gleichgewicht halten müſſen, Poeſie und Muſik hat ſeinen neueſten Operntext:„Triſtan und Iſolde“ bei Breitkopf in Leip zig erſcheinen laſſen und gibt der Kritik Gelegenheit, ſchon jetzt das Meſſer zu wetzen. Der Virtuoſe M. Hauſer, der mit ſeiner Geige die Erde umſegelte, und am Hofe der Pomare als erſter Konzertgeber erſchien, wird nächſter Tage in Wien ein tveffen. Herr Hauſer hat während ſeiner zehnjährigen Abweſenheit ganz Nordamerika, Weſtindien, Kanada, Ka⸗ lifornien, Südamerika, Otaheiti, alle Richtungen Auſtra⸗ liens und einen Theil Aſiens und Amerikas durchzogen und nahe an 1200 Konzerte gegeben. Man ſchreibt aus Paris, daß ein gegenwärtig dort weilender, aus Baja in Ungarn gebürtiger Knabe von 10 Jahren, der Pianiſt Henri Ketten, in den muſit kaliſchen Kreiſen großes Aufſehen erregt. Seinem erſten Konzerte wohnte die Elite der Pariſer Muſikwelt bei. Halevy und Meyerbeer ertheilten dem Knaben Lob ſprüche, Roger, der in dem Konzerte mitwirkte, des gleichen. Am 23. Mai wird im Haag eine Kunſtausſtel lung von Werken lebender Meiſter aller Na tionen eröffnet, die bis zum 4. Juli dauert. Die Re⸗ gierung hat ſechs goldene Reichsmedaillen ausgeſetzt, um ſie drei inländiſchen und drei ausländiſchen Künſtlern zu ertheilen, deren ausgeſtellte Werke als beſonders hervorragend dafür würdig erachtet werden; ferner hat die Gemeinde⸗Verwaltung der Reſidenz zehn goldene Medaillen zur Vertheilung an ſieben Inländer und drei Ausländer beſtimmt. Die Verbindung der„Junggermanen“ hat mit Herausgabe ihres Jahrbuches„Teut“ einen neuen Beitrag zur Erheiterung des Publikums gegeben. Das Haupt der Geſellſchaft bringt nämlich in einem mit Fremdwörtern reichlich durchflochtenen Aufſatz die Verbannung ſämmtlicher Fremdwörter„zur Wiederher⸗ ſtellung der deutſchen Nationalgeſchichte in ihrer Echt⸗ heit und Urſprünglichkeit“ in Anregung und will den Gebrauch dieſer Auswüchſe durch Mitglieder der Schule mit Geldſtrafen belegt wiſſen. Der neue Reformator gibt alsdann eine Art Lexikon, worin u. A. die Worte figuriren: Genirv— Nervenſyſtem, Glitzmache— Elek triſirmaſchine, Pruf Kritik, Pläſter— bildender Künſtler, Schlachttone— Trompete, Waltung— Staats⸗ miniſterium, Vorgeton— Ouverture, Täſtſtück— Kla⸗ vierſtück, Fußmann— Infanteriſt, Kriegsbaun— Ar⸗ mee, Streichtonmeiſter— Violinvirtuoſe, Klimperge⸗ ton— Guitarrenpiece, Tonik— Muſik, Vertoner— Komponiſt, Tonen des Tonerraums— Orcheſter⸗In⸗ ſtrumente. Die Berliner Theaterzettel werden jetzt ſehr praktiſch ſo gedruckt, daß der bisher freigelaſſene Raum des Randes und der Rückſeite mit Tagesneuigkeiten, telegrafiſchen Depeſchen und Annoncen, zur Lektüre in den Zwiſchenakten, ausgefüllt wird. Gedächtnißfeier. Auf den 15. Februar fällt der hundertjährige Ge⸗ burtstag des Philologen Friedrich Auguſt Wolf (geboren 1759 zu Hainrode bei Nordhauſen). In minder weitem und zahlreichen Kreiſe als in conspectu des ganzen Deutſchlands, aber in deſto erleſenerem, in den Hallen deutſcher Univerſitäten, Akademieen und Gelehr⸗ tenſchulen, insbeſondere da, wo er einſtmals glänzte und mit überwältigender Kraft wirkte, zu Halle und Berlin, wird der Name und Ruhm des Begründers der Alter⸗ thumswiſſenſchaft, des in allen Landen gefeierten größ⸗ ten Philologen ſeiner Zeit feierlich erklingen. Ihm lebt noch fern und nah eine Elite dankbarer Schüler und Zuhörer. Und wie Viele dürfen ſich nicht ſeine mittel⸗ daren Schüler zu ſein rühmen! Unter der Zahl der Eſoteriker F. A. Wolf's zählt das eine Berlin zwei der höchſten Zierden philologiſcher Wiſſenſchaft, Auguſt Böckh und Immanuel Bekker. König Ludwig ſoll neuerlich bei einem Münchener Künſtler die Büſte Heinrich Zſchokke's beſtellt haben. Die Aufnahme derſelben in die Walhalla würde gewiß mit allgemeiner Theilnahme begrüßt werden. Univerſitäten. Das Verzeichniß ſämmtlicher Mitglieder der Pra⸗ ger Univerſität weiſt 51 Doktoren der Theologie, 378 Doktoren der Rechte(wovon der älteſte bereits im Jahre 1794 promovirt wurde), 1027 immatrikulirte und 2 nicht immatrikulirte Doktoren der Medizin, 5 imma⸗ trikulirte Doktoren der Chemie, 47 immatrikulirte und 62 nicht immatrikulirte Doktoren der Philoſophie nach. Die Univerſität in Peſt zählt im Winterſe⸗ meſter 1858/59 70 Theologen, 518 Juriſten, 187 Medi⸗ ziner, 197 Chirurgen, 22 Philoſophen, 60 Pharmaceuten, 79 Schülerinnen der Geburtshilfe. Die Geſammtſumme beläuft ſich ſomit auf 1133, gegen 1048 im gleichen Semeſter des vergangenen Jahres. Die ſechs Univerſitäten Preußens(Berlin, Bonn, Breslau, Greifswald, Halle⸗Wittenberg, Königs⸗ berg) zählen im laufenden Winterſemeſter im Ganzen 383 immatrikulirte Studirende. Außerdem ſind 048 zum Beſuche der Vorleſungen berechtigt. Unter der Ge⸗ ſammtzahl der immatrikulirten Studirenden ſind 1433 Theologen Inländer und 97 Ausländer; 803 Juriſten Inländer und 130 Ausländer; 678 Mediziner Inländer „und 92 Ausländer, 873 Philoſophen Inländer, 277 Ausländer. Die Geſammtzahl der immatrikulirten Stu⸗ direnden iſt in Berlin 1467, in Bonn 770, in Bres⸗ lau 770, in Greifswald 292, in Halle 703, in Königs⸗ berg 381. Die katholiſche Akademie in Münſter beſuchen 488 Studirende. Statiſtiſches. Man hat berechnet, daß der gegenwärtig vorhan⸗ dene Vorrath von Steinkohlen auf der ganzen Feuilleton.. 155 Erde 10 Kubikmeilen beträgt. Eine Kubikmeile iſt 3600 Lachter hoch, davon geht bei jetziger Förderung jährlich 1 Lachter ab; der Geſammt⸗Kohlenvorrath der Erde würde demuach bei jetziger Förderung noch auf 36,000 Jahre ausreichen. Die ganze Dampfkraft, welche in Großbri⸗ tannien verbraucht wird, ſchätzt man der Handarbeit von 400 Millionen Menſchen gleich, mehr als die dop⸗ pelte Zahl der männlichen Bewohner des Erdballs. Das deutſche Bundesheer im Frieden zählt an Infanterie 458,215 Mann, Kavallerie 79,030 Mann, Artillerie 54,172 Mann, Pionniere und Genietruppen 11,943 Mann, höhere Stäbe 1291 Mann, im Ganzen alſo 604,651 Mann. Rechnet man zu dieſer Zahl der ſtreitbaren Mannſchaft die Nichtkombattanten(Sanitäts⸗ truppen, Beamten ꝛc.) 41,327 Mann, ſo ergibt der Totalbeſtand des deutſchen Bundesheeres 645,978 Mann. Lebensmittelpreiſe. Eine amtliche Ueberſicht der Lebensmittelpreiſe gewährt einen intereſſanten Ein⸗ blick in die volkswirthſchaftlichen Verhältniſſe an ver⸗ ſchiedenen Orten der öſterreichiſchen Monarchie.— So ſtellte ſich z. B. mit Beginn des Monats Dezember v. J. der niedrigſte Preis in Neukreuzern für das Wiener Pfund Rindfleiſch in der Bukowina, zu Biſtritz in Sie⸗ benbürgen und Werſchetz in der Wojwodſchaft Serbien mit 7, der höchſte Preis hingegen in dem Freihafen Trieſt mit 31 112 Neukreuzer heraus.— Kalbfleiſch wurde am billigſten in Teſchen mit 8, am theuerſten in Wiener⸗Neuſtadt mit 70 Nkr. per Pfund verkauft.— Die Klafter hartes Brennholz war am billigſten mit fünf Gulden Oeſterr. Währ. zu Ottochaz in der Mili⸗ tärgrenze, am theuerſten mit 26 fl. 75 Nkr. in Wien. — In den Stein⸗ und Braunkohlenpreiſen zeigen ſich ſehr unerhebliche Schwankungen; deſto auffallender iſt die Verſchiedenheit der Taglöhne für gewöhnliche Arbei⸗ ter ohne Beköſtigung. Von dieſen erhielt z. B. in Hot⸗ zenplotz in Schleſien ein Arbeiter täglich 24, während in dem Freihafen Trieſt einem ſolchen 1 fl. 40 Nkr. bezahlt werden mußten. Hieran reiht ſich zunächſt Linz mit täglichen 1 fl. 20 Nkr. In der Haupt⸗ und Reſidenz⸗ ſtadt Wien erhielten ſich die Taglöhne auf der Höhe von 1 fl. 5 Nkr., was ohne Zweifel dem maſſenhaften Zu⸗ ſtrömen von Arbeitskräften wegen der begonnenen Stadt⸗ erweiterung zu verdanken iſt. Gegenwärtig beſtehen in Konſtatinopel ſechs böh⸗ miſche Glashandlungsfirmen, von denen die Firma Helgel's Erben dort ſeit 130 Jahren anſäſſig iſt. Erfindungen. Induſtrielles. Neue Methode, einen unterſeeiſchen Fel⸗ ſen zu ſprengen. Im Hafen von Fecamp will man einen unterſeeiſchen Felſen wegräumen, der ſelbſt bei Ebbezeit nicht vom Waſſer frei wird, und außerdem ſo hart iſt, daß ihm mit den gewöhnlichen Werkzeugen nicht beizukommen iſt. Um ihn nach und nach wegzuräumen, werden Flaſchen, die mit 50 Kilogr. Pulver gefüllt und in Körben wohl verpackt ſind, auf den Felſen ver⸗ ſenkt. Sobald die Fluth den höchſten Stand erreicht hat, wird das Pulver mittelſt eines elektriſchen Fun⸗ kens entzündet. Indem nun die über dem Felſen ſtehende Waſſermaſſe der Exploſion einen ſtarken Wider⸗ ſtand entgegenſtellt, werden von dem Felſen große Stücke abgeſprengt, und ſo wird man ihn allmälig ganz entfernen. Um der alten Abhängigkeit von der franzöſiſchen Mode entgegenzuarbeiten, haben die Berliner Hutmacher damit angefangen, eine eigene neue Hutform für nächſte Saiſon zu entwerfen, die ſeitdem auch von ſämmt⸗ lichen Hutfabrikanten Berlin's als maßgebend für ihre 20ÖÖ"9696U 156 Erzeugniſſe angenommen worden iſt. Der neue Hut wird als geſchmackvoll, gefällig, kleidſam, gediegen ge⸗ arbeitet und— patriotiſch geſchildert; in ihm verkörpert ſich das nationale Streben der Gegenwart. Die Hut⸗ macherinnung hat faſt ſämmtlichen Hut⸗Fabrikanten Deutſchlands Mittbeilung von ihrem Unternehmen ge⸗ macht und ſchon zahlreiche Verſicherungen erhalten, daß man ſich ihr anſchließen oder ihr nachfolgen werde. Der Krinoline ſteht von Seiten der Seiden⸗ Fabrikation ein gefährlicher Feind auf. Man verfertigt in Lyon ſo ſchwere Kleiderſtoffe, daß ſie die pferdehaa⸗ renen„Wegebreite“ überflüſſig machen. Leider ſtehen ſie zu hoch im Preiſe, um von der unglücklichen Ehe⸗ mannſchaft unſeres Jahrhunderts erſchwungen werden zu können. Das Zeug allein koſtet 900 Fr., das Kleid mit Zuthaten und Macherlohn aber 1200 Fr. Man verfertigt in Wien Regenſchirme aus Kautſchuk, die ſehr zweckmäßig und bequem ſind. Sie ſind mit zuſammenlegbaren eiſernen Drahtfedern befeſtigt, können bequem in einer Rocktaſche getragen werden, ohne durch Gewicht und Umfang dem Träger läſtig zu fallen. Der übertriebene Luxus unſeres Jahrhun⸗ derts bringt die wunderlichſten Erfindungen zu Stande. Die Amerikaner haben Schaukelſtühle erfunden, die bei jeder Bewegung ein koſtbares Arom ausſtrömen. Im Kriſtallpalaſte zu Newyork war ein ſolches„wohlriechen⸗ des Möbel“ ausgeſtellt und wird folgendermaßen be⸗ ſchrieben: Am linken Arm iſt das biegſame Rohr, wel⸗ ches, durch koſtbare Parfüms gehend, einen Strom von kühler Luft dem im Stuhl Sitzenden in das Geſicht bläſt, ſobald man durch die Schaukelbewegung den unter dem Stuhl angebrachten Blaſebalg in Thätigkeit ſetzt. Denken wir uns in einen Cirkel von Damen, jede in einem ſolchen luftblaſenden und parfümhauchenden Stuhle lehnend, alle ſchaukelnd, alle blaſend, die eine Patſchuli, die andere Mille Fleurs, die dritte Roſe Canelle, jede anders hauchend. Da hört denn Alles auf! Profeſſor Dr. Emsmann in Preußen hat, wie wir bereits mittheilten, eine ſichere Methode zur Lenkung des Luftballons gefunden. Sein Vorſchlag be⸗ ſteht darin, die feſte Kohlenſäure in größeren Quanti⸗ täten darzuſtellen, mit derſelben einen hinreichend feſten Körper zu füllen— ähnlich einem Kanonenrohre, aber von Schmiedeeiſen— und die Mündung ſo zu verſchlie⸗ ßen, daß man dieſelbe durch ein Ventil oder dergleichen nach Belieben mehr oder weniger öffnen kann. Bringt man ein ſolches Rohr auf einen Wagen in horizontaler Lage feſt an, ſo wird die aus der Mündung ausſtrö⸗ mende, luftförmig werdende Kohlenſäure durch ihre Rückwirkung auf das der Mündung entgegengeſetzte Ende den Wagen vorwärts treiben, indem hierbei ge⸗ nau dasſelbe geſchieht, wie bei einer angezündeten Ra⸗ kete. Es kommt alſo darauf an, die feſte Kohlenſäure in größerer Maſſe darzuſtellen und an Eiſenbahnen die betreffenden Verſuche zu veranſtalten. Glücken dieſe Ver⸗ ſuche, ſo iſt die Steuerung des Luftballons gelöſt. Man bringe an der Gondel zwei ſolcher Raketen diametral in paralleler Richtung an, die ſich horizontal und ver⸗ tikal beliebig ſtellen laſſen. Werden die beiden Raketen geöffnet, ſo treiben ſie die Gondel vorwärts und dieſe zieht den Ballon nach. In Paris iſt wieder eine deutſche Erfindung ge⸗ macht worden, die in der Taufe einen griechiſchen Na⸗ men erhielt. Das Hedregma, auf deutſch Sattelhalter, iſt eine Vorrichtung, die unter unſeren kriegeriſchen Ausſichten ſich als ganz zeitgemäß bewährt. Mit Hilfe desſelben kann viel raſcher aufgeſattelt werden, ja, was noch bedeutender iſt, jeder Reiter kann im Sattel ſitzend ſter ſ ohne abſteigen zu müſſen. nach Belieben feſter ſatteln, Reiter werden dieſen Vortheil zu ſchätzen wiſſen; die V Pferde auch, da ſie vom Sattel nicht mehr wund gerie⸗ ben werden können. Die neue Erfindung empfiehlt ſich überdieß durch einen geringen Umfang und ein gerin⸗ ges Gewicht. Der Erfinder, Herr Sievers, ſteht, wie wir hören, mit dem franzöſiſchen Kriegsmi niſterium in Verbindung. Bauten. Die Börſe in Antwerpen wird ganz auf der⸗ ſelben Stelle, wo die abgebrannte ſtand, und mit allem Aufwande von Kunſt wieder aufgebaut. Guffens und Swerts, die Antwerpener Hiſtorienmaler, denen wir die trefflichen Studien über deutſche Kunſt verdanken und die auch die alte Börſe mit ihren Fresken geſchmückt, haben den gleichen Auftrag für die neue erhalten. Den Vorwurf bildet die Handelsgeſchichte der Stadt. Berichten aus der Schweiz zufolge iſt das Projekt einer Luftbahn auf den Rigi vom Architekt Al⸗ brecht nicht neu, ſondern vom Architekt Reichlie in Schwyz ſchon vor vier Jahren entworfen. Die Idee, den Luftballon als Lokomotive zu benutzen, iſt indeſſen noch älter. Projektirter Kanal zur Abkürzung der China⸗Fahrt. Man denkt in London ernſtlich an die Ausführung eines vor längerer Zeit entworfenen Planes, den Weg nach China bedeutend abzukürzen. Ein 12 engliſche Meilen langer Kanal, mitten durch einen beſonderen Theil der malayiſchen Halbinſel gegra⸗ ben, würde nach den Vorlagen Sir John Bowrings und mehrerer Sachkundiger die Fahrt zwiſchen Kalkutta und China um 1175 Meilen kürzen. Jetzt muß man bei der Straße von Malacca einen langen Umweg machen, der vermieden werden könnte, wenn es möglich wäre, bei dem an der Südſpitze des Königreiches Siam gelegenen ſogenannten Iſthmus von Kraw eine Durch⸗ fahrt zu eröffnen. Offiziellen Angaben aus Siam zu⸗ folge exiſtirt auf dieſer Seite des Iſthmus ein ſchiff⸗ barer Fluß, der von einem andern an der entgegenge⸗ ſetzten Seite gelegenen durch einen blos 12 engliſche Meilen breiten Landſtrich getrennt iſt. Sir John Bo⸗ wring bemerkt, daß die direkte Paſſage über den ganzen Iſthmus ungefähr 50 Meilen beträgt, und daß ein Kanal zwiſchen jenen beiden Flüſſen ohne allzugroße Schwierigkeiten hergeſtellt werden könne. Die Handels⸗ kammer von Bombay hat ſich ſehr warm für dieſen Plan ausgeſprochen, und man ſieht weiteren Berichten mit Spannung entgegen. Das Rieſeenſchiff„Leviathaun“, welches mo⸗ natelang in halbvollendetem Zuſtande auf der Themſe bei London lag, ſoll endlich doch flott werden. Nachdem die neue Aktiengeſellſchaft, welche den„Leviathan“ über⸗ nommen bat, jetzt regelrecht konſtituirt iſt, ſoll nach Verlauf von vierzehn Tagen an deſſen endliche Vollen⸗ dung Hand angelegt werden. Die Arbeiten ſind aus ökonomiſchen Rückſichten drei verſchiedenen Firmen über⸗ trger worden. Von der einen werden die Eiſen⸗Arbei⸗ tenan Kiel und Maſten, von der zweiten die Aufta⸗ kelung, von der dritten die innere Einrichtung beſorgt. Sie alle haben ſich kontraktlich verbindlich gemacht, bin⸗ nen fünf Monaten mit der ihnen anvertrauten Aufgabe fertig zu ſein, und ſo hofft man, das Schiff Mitte Juli ſeine erſte Probefahrt in die hohe See hinaus antreten zu ſehen. Todtenſchau. Am 2. d. M. verſtarb in Prag der k. k. penſionirte Bibliotheksſkriptor Herr Joſef Adolf Ha nslik im Alter von 74 Jahren an Lungenlähmung. Nebſt meh⸗ reren meiſt äſthetiſch⸗philoſopiſchen und belletriſtiſchen Schriften, hat er auch eine Geſchichte der Prager Uni⸗ L1— 4 verſitätsbibliothek und Dambel's Aeſthetik herausgegeben, und war Redakteur der Prager Zeitſchrift„Kratos“. Sein älteſter Sohn iſt der k. k. Miniſterialkonzipiſt Dr. Eduard Hanslik, als geiſtreicher Aeſthetiker und Kritiker, namentlich im Gebiete der Muſik bekannt. Frau Eliſabetb v. Arnim(gewöhnlich Bet⸗ tina genannt) iſt am 20. v. M. zu Berlin geſtorben. Sie war die Enkelin von Sophie La Roche und Schweſter des Dichters Klemens Brentano. Sie iſt 1785 zu Frankfurt a. M. geboren. Ihre Erziehung Gum Theil in einem Kloſter) und ihre Beziehungen zu dem bekannten Fräulein von Günderode, ein lebhafter Naturſinn und dazu eine tief poetiſche Anlage, trieben ſie zu manchem, dem nüchternen Auge ſehr excentriſch erſcheinenden Gebahren. Am meiſten ſpiegelt ſich dieſe Richtung in dem„Brieſwechſel Goethes mit einem Kinde“ ab, der ihre Schwächen und auch ihre edlen Anlagen in reichem Maße zur Schau trägt. Die ſozial⸗ politiſchen Erſcheinungen der letzten Jahre brachten ihren beweglichen Geiſt in eine neue Richtung, und mit dem ihr eigenen Feuereifer und der hingebenden Gemüths⸗ innigkeit machte ſie ſich zum Anwalt der vom Elend heimgeſuchten Klaſſen. Sie ſuchte dieſes ſchöne Ziel nicht blos durch werkthätiges Eingreifen zu erreichen, ſondern beſtrebte ſich auch, die Quellen jenes Uebels durch ſchriftſtelleriſche Thätigkeit aufzudecken und zu bekäm⸗ pfen. Die Zeugen hiefür ſind:„Dieß Buch gehört dem Könige“ und„Julius Pamphilius und die Ambroſia“. Vermält war ſie mit dem bekannten Dichter Achim v. Arnim. Gerichtsfälle. Aus Rozſa Sandors Leben, deſſen Prozeß bekanntlich in wenigen Wochen zur Verhandlung kommt, theilt die„P. O. 3 einige Umſtände mit. Ungefähr im Jahre 1810 geboren waren Rozſas Eltern nicht un⸗ bemittelte Bauersleute auf einer nach Szegedin gehöri⸗ gen Tanya. Seine Mutter ſtand im Ruſe einer from⸗ men, tugendhaften Frau, die vielleicht zu ſeinem Un⸗ glück früh verſtarb. Sein Vater, ein ſehr ſtrenger Mann, hielt den jungen Sandor zum fleißigen Schulbeſuche an und gab ihn deßhalb in die Stadt zu Verwandten, die ſich jedoch wenig um den wilden Studenten kümmerten. Sandor trieb ſich, ſtatt in die Schule zu gehen, oft 2 lis 3 Tage, ſpäter ſogar wochenlang auf Pußten herum, wo er bei Bekannten und Freunden einſprach, manchmal auch in Gemeinſchaft mit bekannten Dieben einen Pferde⸗ oder Schaſdiebſtahl vollführte, worauf dann aus dem Erlös der geraubten Thiere in irgend einer Cſarda tagelang gezecht wurde. Das war die Schule des nachmaligen Räuberhäuptlings. Bald zeich⸗ nete ſich Rozſa Sandor durch außerordentliche Fertig⸗ keit im Reiten, Schwimmen, überhaupt in allen Kör⸗ perübungen, wie durch eine ungewöhnliche Geiſtesſchärfe ſo aus, daß er von ſeinen Genoſſen ſtillſchweigend als Haupt anerkannt wurde. Er organiſirte nun aus ent⸗ laufenen Viehhütern und andern vagabundirenden In⸗ dividuen eine große Diebsbande, die durch mehrere Jahre ihren Lebensunterhalt vom Viehdiebſtable im Gebiete des Alföld ſuchte. Bald erfüllte Rozſa Sandors Name einen großen Theil Ungarns, wie einſt jener Sobri's, mit Schrecken und Entſetzen. Umſonſt hatten die Komi⸗ tats⸗ und Stadtbehörden ihre Perſekutors und Traban⸗ ten gegen die Bande und ihren Anführer zu wiederhol⸗ ten Malen aufgeboten, und wenn auch einzelne Raubge⸗ noſſen ergriffen wurden, Rozſa ſelbſt entging jedesmal. Er war überall und nirgends, und heute wurde ein Raub auf der Hortobagy und morgen in dem Hotter von Thereſiopel vollführt. Nichtsdeſtoweniger gerieth er öfters in die Enge, aus der er ſich dann durch Geiſtes⸗ gegenwart, Verwegenheit und ſeine Lokalkenntniß rettete⸗ Feuilleton. milie zu ernähren im Stande ſein. 1⁵ Man erzählt, daß er einſt in einem Stalle, als er ſein Pferd gewohnterweiſe pflegte, von 12 Trabanten über⸗ raſcht wurde, welche die Tanya, ſein Verſteck, umſtellten und das Dach in Brand ſteckten. Rozſa war mit einem Kameraden im Stalle, als der Rauch zu ihnen drang. Raſch beſtiegen beide ihre Pferde, öffneten das Thor, vor dem die Panduren ihrer harrten, und voraus ſprengte Roſza's Spießgeſelle, den die Wächter für den Häupt⸗ ling hielten und ihm nachſetzten. Gebückt und geſchützt durch den Hals des ſchnellen Roſſes, ſprengte nun Rozſa Sandor mit gezücktem Piſtol aus dem Hofe, und ent⸗ kam den Panduren, die den andern Räuber, ihn für Rozſa haltend, weithin verfolgten. Ein anderes Mal entdeckt man Rozſas Schlupfwinkel in einem Rohr⸗ felde, und umzingelt dasſelbe; nur in die Theiß ſteht ihm der Weg offen. Bereits brennt das Rohr, und der dicke Rauch droht ihn zu erſticken, da ſtürzt ſich der Räuber vor den Augen ſeiner Verfolger in die Fluthen des Fluſſes und erreicht unverſehrt das jenſeitige Ufer. Bei dem Kreisgericht zu Leitmeritz in Böhmen fand am 19. v. M. eine Schlußverhandlung gegen eine Häuslerstochter Statt, welche ihr uneheliches Kind un⸗ gefähr acht bis neun Stunden nach der Geburt dadurch getödtet hatte, daß es ihm, um es zu erſticken, einen Baumwollenlappen in den Hals ſteckte. Die Staatsan⸗ waltſchaft plaidirte für gemeinen Mord, weil das Kind erſt einige Stunden nach der Geburt, alſo nicht„bei der Geburt“ getödtet worden ſei. Der Vertheidiger Hr. Dr. Weber ſuchte dagegen die That als Kindesmord hinzu⸗ ſtellen, weil das Geſetz nicht ſage„während der Geburt“, alſo der Ausdruck„bei der Geburt“ immerhin noch eine Zeit nach der Geburt in ſich ſchließe. Der Gerichts⸗ hof erkannte auf Kindesmord und verurtheilte die An⸗ geklagte zu ſechsjähriger ſchwerer Kerkerſtrafe. Am 18. v. M. fand bei dem Kreisgerichte Tabor (Böhmen) die Schlußverhandlung gegen einen Meuchel⸗ mörder Statt. Der Angeklagte Mathias Joſef K., 27 Jahre alt, der Sohn armer Eltern, in der Erziehung ganz vernachläſſigt, wurde mit Anfang des Monats Februar 1858 zu Radinow in eine Mühle als Knecht in den Dienſt aufgenommen, wo gleichzeitig die Magd Maria Janauſchek im Dienſte ſtand. K. verliebte ſich in ſie, doch wollte dieſelbe dieſe Neigung nicht erwiedern, weil ſie bereits einen Liebhaber hatte. Da die Ehefrau des dortigen Mühlenbeſitzers wahrſcheinlich verhindern wollte, daß das Mädchen ihrem Geliebten untreu werde, ſo entſpann ſich eines Tages zwiſchen der Müllerin und ihrem Dienſtmädchen ein Zwiegeſpräch, wobei die Erſtere der Andern den wohlgemeinten Rath ertheilte, von ihrem Geliebten nicht abzulaſſen, derſelbe ſei als brav bekannt und Profeſſioniſt, der Knecht K. aber ganz arm und kein Handwerker, jener werde eher als dieſer eine Fa⸗ Dieſem Zwiegeſpräch hatte K. unbemerkt zugehört, und von dieſem Augenblicke an wuchs mit jedem Tage die Eiferſucht gegen den ihm unbekannten Geliebten des Mädchens, und das quälende Gefühl der Mißgunſt brachte ihn wahrſcheinlich auf den Gedanken das Mädchen umzubringen. Am 28. Auguſt v. J. wurde dieſer Mordplan ausgeführt. K. lockte das unglückliche Opfer zu einem Teiche, unter dem Vor⸗ wande, daß dort auf einem Steine oder Stocke Geld liege, welches aber der Böſewicht ſelbſt hingelegt hatte. Das argloſe Mädchen folgte der Aufforderung und in dem Augenblicke, wo es das Geld, welches in Kupfer⸗ münzen beſtand, nehmen wollte, ſtieß ſie K. mit aller Gewalt in den Teich nahe bei einer Mühlſchleuße, und als die Arme wieder oberhalb des Waſſerſpiegels zum Vorſchein kam, drückte ſie der Elende wieder in das Waſſer und hielt ſie ſo lange unter demſelben feſt bis ſie ihren Geiſt aufgab. Der Gerichtshof ſprach Math. Joſ. K. des Verbrechens des Meuchelmordes ſchuldig und verurtheilte ihn zum Tode. ——— erfolgt, das verſchriebene Papier aber Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Berlin iſt die Stadt der originellen Prozeſſe. So ſchwebt gegenwärtig ein Prozeß, deſſen Objekt nicht mehr und nicht weniger als— ein Silbergroſchen iſt. Es hatte nämlich eine Berliner Handlung ihre kauf⸗ männiſchen Offerte unfrankirt verſandt. Der Empfänger eines der Briefe, der von den Offerten keinen Gebrauch machen wollte, hielt ſich in ſeinem Vermögen durch die ihm veranlaßte Portoauslage von 1 Sgr. beſchädigt und hat auf Erſatz geklagt. Der Verklagte weigert den⸗ ſelben, weil der Kläger den Brief angenommen und er⸗ brochen hat. Die richterliche Entſcheidung iſt noch nicht hat ſchon lange den Werth des Klageobjektes überſchritten, und die Pro⸗ zeßkoſten werden es noch mehr thun. So unweſentlich indeſſen der Gegenſtand der Klage iſt, ſo wichtig dürfte das richterliche Urtheil in ſeiner prinzipiellen Bedeu⸗ tung erſcheinen. Kurioſa. In Hamburg, dem Eldorado der Stabilität, kam kürzlich der komiſche Fall vor, daß ein im Staatsdienſte „proviſoriſch Angeſtellter“ ſein 50jähriges Jubiläum als ſolcher feierte. Ein Abonnement auf„ewige Zeit.“ Ein dieſer Tage verſtorbener Tiroler Schullehrer, ein eifri⸗ ger Zeitungsleſer, hat ſeine Heimat Pfunders mit einer Stiftung bedacht, vermöge welcher Pfunders auf„ewige Zeiten“ die„Schützenzeitung“ und den„Tiroler Boten“ zu beziehen hat! In Newyork verkauft ein origineller Spekulant gegen zwanzig Dollars bar Liſten, auf denen eine Menge reicher Mädchen oder Witwen verzeichnet ſind, die viel⸗ leicht zu verheiraten ſein würden. Sie enthalten nicht nur die Namen der unfreiwilligen Heiratskandidaten, ſondern auch die detaillirteſten Angaben über deren Ver⸗ mögens⸗ und Familienverhältniſſe, eine faſt ſteckbrief⸗ liche Beſchreibung ihrer Perſon, eine detaillirte Ausein⸗ anderſetzung ihrer phyſiſchen und moraliſchen Eigenſchaf⸗ ten, die Angabe des Alters, kurz Alles, was einem Bewerber nur wiſſenswerth erſcheinen kann. Jedem, der eine ſolche Liſte kauft, ſteht es frei, ſich nach Belieben — Körbe zu holen. Im Dorfe Salza bei Nordhauſen iſt der Fall vorgekommen, daß man über den bei Leichenbegängniſſen üblichen Imbiß vergaß, den zu Beſtattenden in den Sarg zu legen und ſo der leere Sarg unter den herkömmli⸗ chen Geſängen und Gebeten beſtattet wurde. Erſt drei Wochen nach dem Leichenbegängniß entdeckte man die Leiche in dem Stalle, wo ſie auf Stroh niedergelegt worden war. Natürlich allgemeine Verwunderung über die aus dem Grabe zurückgekehrte Leiche, Unterſuchung des leeren Sarges und nochmaliger Imbiß mit feierli⸗ cher Beſtattung— dieß Mal aber mit der Leiche. Nachdem in Berlin Niemand mehr im Zweifel darüber iſt, daß Miß Ella, die kühne und graziöſe Reiterin, thatſächlich dem ſtärkern Geſchlechte der Menſch⸗ heit angehöre und daß die Berliner ſich durch ſie haben dupiren laſſen, bringt die„Oſtpreuß. Ztg.“ folgende Nachricht, von der wir einfach Notiz nehmen, ohne na⸗ ſtürlich ihre Wahrheit zu garantiren:„Ueber die des Ovid würdige Metamorphoſe der Miß Ella in einen Mann theilt uns ein ſoeben aus London anlangender junger Gentleman mit, daß alle über die intereſſante Dame durch die Blätter verbreiteten Nachrichten in das Gebiet des Puffs gehören. Er hat Miß Ella in Da⸗ mentouilette im London Circus reiten geſehen, ſie ſelbſt geſprochen und ſich von ihrer eigenen Verwunderung über die ausgeſprochenen Albernheiten überzeugt. In London gilt die Dame für eine Tochter des Direktor Stokes, und keinem Menſchen iſt es eingefallen, an ihrer Weiblichkeit zu zweifeln.“ Iſak Slocum, ein amerikaniſcher Poſtmeiſter, hatte ſich lange ſchon durch ſeine große Zerſtreuung ausgezeichnet und hat neulich das Meiſterſtück in dieſer ſeiner Kunſt gemacht. Ein Mal hielt er ein Ei in der Hand und kochte ſeine Uhr fünf Minuten lang. In einer Nacht, ſo erzählt eine amerikaniſche Zeitung— und die amerikaniſchen Zeitungen lügen bekanntlich nie — begab er ſich in ſein Schlafzimmer, kleidete ſich aus, legte die Beinkleider ſorgfältig in das Bett und hing ſich dann über die Stuhllehne, in welcher Stellung er die Nacht über blieb. Feſtgedicht. Die„Voſſiſche Ztg.“ bringt unter vielen anderen auch folgendes Gedicht an den neuge⸗ bornen Prinzen in Preußen: Es heißt Dich heut, als kleinen Fritz, Willkommen Hoch und Niedrich; Gelangſt Du einſt zum Herrſcherſitz, Werd' uns ein großer Friedrich! Ein ſchon 65 Lebensjahre zählender Inſaſſe zu Csongrad nahm ſich im verfloſſenen Jahre ein zwei⸗ tes junges Weibchen zur Frau und erlebte die Freude, von derſelben am 17. v. M. mit— vier Kindern auf einmal beſchenkt zu werden, wovon eines zwar bald nach der Geburt ſtarb, die andeng drei aber friſch und munter ſind. Im Jahre 1810 ließ man zu Stuttgart in einem Saale ein von Kork gearbeitetes Modell der Stadt Paris für Geld ſehen. Ehe der Beſitzer dieſes Kunſtwerks ge⸗ dachte Reſidenz verließ, ließ er noch folgende Bekannt⸗ machung ergehen:„Da ſich die Stadt Paris nur noch kurze Zeit in Stuttgart aufhält, iſt das Entreegeld von 30 auf 10 Kreuzer herabgeſetzt.“ Verſchiedenes. Die Marcheſa von Alta.. war vor einigen Wochen von Madrid in Paris angekommen, um einer Hochzeit beizuwohnen. Sie hatte ihre Diamanten ver⸗ geſſen. Einige Tage vor der Hochzeit theilte ſie einer Gräfin v.... dieſen Vorfall mit; die Gräfin verſichert ihr, daß eine Dame ihres Ranges ohne Diamanten einer Hochzeitstafel nicht gut beiwohnen könne, und dringt ihr ein Brillanten⸗Kollier auf, das die Gräfin zu ihrer Vermälung erhalten und das damals 45,000 Fr. gekoſtet. Am Tage des Feſtes ſchmückt ſich die ſchöne Spanierin mit den Diamanten der Gräfin. Als ſie Abends zurückkehrt, legt ſie das Kollier in eine Schub⸗ lade. Am nächſten Tage ſoll ſie bei ihrer Freundin, der Gräfin, ſpeiſen, ſie will ihr die Diamanten zurück⸗ bringen, ſie öffnet die Lade, ſie ſucht und findet.... nichts. Umgeben von Dienſtleuten des Hotels, ihr alle unbekannt, zweifelt ſie nicht, daß man ſie beſtohlen hat. Sie verabſcheut aber jeden Skandal, und beſchließt, der Gräfin ein ebenſo koſtbares Kollier wiederzuerſtatten, als das verſchwundene war. Sie eilt zu Cramer. Cramer hatte den Diamantenſchmuck der Gräfin verfertigt, er kennt das Kollier und zeigt der Marcheſa ein anderes, das dem verſchwundenen vollkommen ähnlich iſt und nur um 10,000 Fr. mehr koſtet. Die Gräfin iſt zwar anfangs untröſtlich, nicht ihr Kollier wiederzuerhalten, ſogar über den Gedanken der Marcheſa verſtimmt; allein zuletzt ſtellt ſich das gute Einvernehmen wieder her, die Gräfin behält den neuen Schmuck. Tags darauf durch⸗ ſuchte die Marcheſa von neuem alle Räume ihres Schranks und entdeckte endlich in der Schublade un⸗ terhalb jener, in die ſie an jenem Abend die Dia⸗ manten gelegt, das koſtbare Kollier. Sie eilt zu dem Juwelier. Da ſie einen Schmuck zu Madrid beſitzt, ſo will ſie dieſes Kollier, deſſen ſie nicht benöthigt, dem Juwelier zurückſtellen. Der Juwelier erklärt die Dia⸗ ——— Feuilleton. manten für— falſch. Die Gräfin, ihre Freundin, hatte ihr falſche Diamanten geliehen, und ſich echte zurückerſtatten laſſen! Sie eilt zur Gräfin, wirft das Kollier der Dame zu Füßen, und ruft:„Ich habe Ihre Diamanten wiedergefunden, Madame. Sie ſind falſch! Ich bitte mir die meinigen zurückzuerſtatten, die echt ſind.“ Die Gräfin gab der Marcheſa ſogleich ihren Schmuck zurück. Dieſe mußte bald die Ueberzeugung gewinnen, daß ihre Freundin unſchuldig ſei. Sie war⸗ von der Echtheit ihrer Edelſteine überzeugt. Und den⸗ noch war es unmöglich daran zu zweifeln, daß dieſes Kollier falſch ſei, ebenſo unmöglich aber auch die An⸗ nahme, der Graf habe in den Hochzeitskorb ſeiner Braut damals falſche Diamanten gelegt. Cramer ſelbſt hatte erklärt, daß ſie bei ihm gekauft wurden. Die Löſung des Räthſels iſt einfach. Der Graf hatte bei dem letz⸗ ten Frühlingsrennen 70,000 Fr. verloren. Er rechnete auf die Sommerzeit, wo die Damen ihren Schmuck nicht bedürfen und hatte insgeheim das falſche Kollier an die Stelle des echten gelegt. Bis zur Winterszeit konnte er ja längſt wieder alles in den frühern Stand zurück⸗ verſetzt haben. Das echte Kollier war verpfändet. Der Graf entſchloß ſich, der Marcheſa den wahren Sachver⸗ halt mitzutheilen. Die Marcheſa bat die Gräfin, den von ihr gekauften Schmuck als Zeichen der Verſöhnung zu behalten. Bis zu dieſem Momente hat noch nicht das Zartgefühl der einen Dame über das der andern den Sieg errungen. In Solz bei Meiningen ſtarb kürzlich ein alter Mann, der eine Lieblingskatze hatte. Dieß Thier konnte nur mit Gewalt von dem Todten entfernt werden. Am Tage der Beerdigung, nachdem der Leichnam in den Sarg gelegt und der Sarg mit dem Deckel geſchloſſen war, fehlt die Katze. Man ſucht, öffnet noch einmal den Sarg und findet in ihm die Katze zu den Füßen ihres todten Herrn gelagert. Man entfernt ſie und der Alte wird beerdigt. Von dieſer Zeit an nahm das Thier keine Nahrung zu ſich, mochte man ihm Speck, Wurſt oder Milch vorſetzen, es ließ alles unberührt und kre⸗ pirte nach zwei Tagen.— Iſt das die ſprichwörtlich gewordene Falſchheit der Katze? Der Pantomimiſt Anders Lehmann wurde nach einer Vorſtellung im Hamburger Bazar vom Publikum herausgerufen, ſtolperte über ſeinen Hut, fiel nieder und iſt in Folge dieſes Falles in den letzten Tagen verſtor⸗ ben. Lehmann war ein Preuße von Geburt und hat ein ungemein bewegtes Leben geführt, ſich als Pierrot nicht nur in Deutſchland, ſonderu in den entfernteſten Ländern, in Oſtindien und Amerika, in der Havannah und bei den Kirgiſen einen Ruf erworben. In Kopen⸗ hagen hatte Lehmann ein eigenes kleines Théater und auch ein hübſches Beſitzthum gekauft, doch zeigte ſich dieß bald als eine verfehlte Spekulation. Er reiſte dann wieder als Pierrot und als ſolcher hat er ſich ein be⸗ deutendes Vermögen erworben, ſo daß ſeine hinterlaſ⸗ ſene Witwe ſehr gut von den Intereſſen leben kann. Lehmann war in einigen Stücken ganz beſonders aber⸗ gläubiſch. Das Merkwürdigſte war ſeine Anhänglichkeit an ſeinen alten Filzhut. Er beſaß denſelben ſeit dem Anfaug ſeiner Laufbahn als Pierrot, circa 40 Jahre lang. Der Hut war mit ihm alt geworden, doch konnte man ihn nie dazu bewegen, ſich einen neuen anzuſchaf⸗ fen, denn er behauptete ſteif und feſt, nur mit dieſem Hut habe er Glück, mit dieſem Hut wolle er einſt be⸗ graben werden. Eigenthümlicher Weiſe iſt eben dieſer Filzhut, der ihm vor die Füße fiel und ihn zum Stol⸗ pern brachte, die Urſache ſeines Todes geworden. Der Schachſpieler Morphy aus Amerika, der ſeinen Wettkampf gegen den berühmten breslauer Schachſpieler Anderſſen in Paris gewann, wird im März nech Berlin kommen, um ſich mit den dortigen Spielern „ zu meſſen, wobei er wieder gleichzeitig acht Partien mit verbundenen Augen ſpielen wird. Die Kometen gelten für Propheten: daß dieſer Glaube nicht ganz unbegründet iſt, meint man aus nachfolgender Zuſammenſtellung von Kometenerſcheinun⸗ gen und bedeutungsvollen Ereigniſſen nachweiſen zu können. Vor Chriſtus 440 Schlacht von Salamis, 431 peloponeſiſcher Krieg, 331 Schlacht von Arbela, 43 Tod Cäſar’s. Chriſtliches Zeitalter: 1 Geburt Chriſti, 62 Erdbeben in Achaia, 70 Zerſtörung von Jeruſalem, 79 Ausbruch des Veſuv und Zerſtörung von Hereulanum, 332 Tod Konſtantin's, 400 Einfall Alarich's in Ita⸗ lien, 813 Tod Karl des Großen, 877 Tod Karl des Kahlen, 999 die großen Ereigniſſe des Jahres 1000, 1066 Eroberung von England durch die Normanen, 1253 Tod Philipp Auguſt's, 1254 Tod Urban IV., 1265 Tod Manfred's, Königs von Neapel, 1273 Thron⸗ beſteigung Rudolf's von Habsburg, 1454 Einnahme von Konſtantinopel, 1500 Einfall der Tartaren in Polen, Hunger in Schwaben, 1516 Johann von Leyden in Münſter, Peſt in England, Ueberſchwemmung in Hol⸗ land, Erdbeben in Portugal, 1556 Abdankung Karl's V., 1560 Tod Franz II., 1572 Blutbad in der St. Bar⸗ tholomäusnacht, 1580 Epidemie in Italien und Frank⸗ reich, 1793 Hinrichtung Ludwig's XVI., 1804 Kaiſerreich, 1811 Geburt des Königs von Rom, 1820 Napoleon betrachtete dieſen Kometen als ein Zeichen, daß ſein Tod nahe ſei, 1858— 2 Anekdoten. Das weiße Roß. Der Wirth zum weißen Roß in Tr., genannt der Hallerwenz, pflegte des Vormittags unter dem Laubengange vor ſeinem Gaſt⸗ hauſe zu ſtehen und die vorüberziehende Welt zu mu⸗ ſtern, währen er ganz gemüthlich die Daumen in den Armlöchern ſeiner rothen Sammttweſte auf und ab zu ſchieben pflegte. Da trat ihn eines Tages ein reiſender Berliner an, und fragte:„Lieber, juter Herr! könnten Sie mir man nich' ſagen, wo hier das weeße Roß is?“„Sö wölla wißa,“ entgegnete ſchnell der Haller⸗ wenz,„wo's weiße Roß is? Bitte, das bin ich ſalber!“ Der in Hamburg⸗-Altona erſcheinenden„Norddeut⸗ ſchen Theater⸗Zeitung“, von Frau Chriſtiany heraus⸗ „gegeben, iſt es gelungen, ſich durch einen äußerſt ko⸗ miſchen Druckfehler auszuzeichnen. Sie berichtet in einer ihrer letzten Nummern wörtlich:„Frau Boni⸗ war wirklich großartig im Spiel ꝛc und erinnerte uns an die ſchönſte Brütezeit der unvergeßlichen Schröder⸗ Devrient.“ „Aber, lieber Mann, ich möchte doch wiſſen, woher unſer Sohn all' dieſe ſchlechten Launen hat! Doch gewiß nicht von mir?“—„Nein, fürwahr, Emilie, denn Du haſt noch keine einzige von den Deinigen ver⸗ loren!“ verſetzte der Ehemann. 8 Auf einem preußiſchen Kaſſenſcheine fand man jüngſt folgende Variante eines Schiller'ſchen Verſes „Sollt'ſt auch du dich fruchtlos von mir wenden, Ich habe keinen zweiten zu verſenden!“ Buchſchau. Es iſt immerhin eine erfreuliche Erſcheinung, daß Böhmen ſeit einigen Jahrzehnten eine ſo reiche literariſche Thätigkeit in deutſcher Sprache entfaltet. Die Geſchichte der deutſchen Lite⸗ ratur hat bereits mehrere nicht unbedeutende Namen zu ver⸗ 160 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humoc. zeichnen, die Böhmen als ihre Heimat nennen. Ebert's„Wlaſta“ erfreute ſich in Deutſchland eines allgemeinen Beifalls, Meiß⸗ ner und Moriz Hartmann repräſentirten eine ganze Richtung der deutſchen Poeſie und Adalbert Stifter brachte in die Lite⸗ ratur jene Empfänglichkeit für das Kleinleben der Natur, welche uns noch immer wohlthut, damals aber, zur Zeit als die „Studien“ erſchienen(1844), die Blaſirtheit jener Tage er⸗ folglich bekämpften; auch Herloßſohn, Kapper und Joſ. Rank haben ſich einen klangreichen Namen in Deutſchland erworben. Haben nun auch die dem poetiſchen Streben ſo ungünſtigen Verhältniſſe der Gegenwart wie in Deutſchland überhaupt, ſo auch in Böhmen keine neue Kraft zu durchgreifender Wirkung auf dem literariſchen Felde gelangen laſſen, ſo tritt uns doch noch immer manche erfreuliche Erſcheinung entgegen, die uns Bürge iſt für die treue Pflege und Fortentwicklung der Poeſie in unſerem Vaterlande. Wir greifen zum Belege deſſen einige Novitäten unſeres Büchertiſches auf. Sul Suleiman. Dramatiſches Gedicht in ſünf Ab⸗ theilungen nebſt einer Introduktion. Von S. J. Kaempf. Prag, Carl Bellmann's Verlag. 1859. Der Inhaltedes Dramas iſt folgender. Suleiman, eben ſo groß als Staatsmann wie als Dichter, iſt durch bittere Er⸗ fahrungen des wirklichen Lebens wie durch Zweiſel auf dem Gebiete des Wiſſens in einen Zuſtand tiefer Erbitterung gegen alles Beſtehende gelangt und eben im Begriffe, ſelbſtmörderiſch Hand an ſich zu legen, als ihn Jachja, ein Greis, deſſen Sinn in der Schule des Lebens zu beſonnener, ruhiger Betrachtung der Dinge gereift iſt, von ſeinem Vorhaben abgezogen wird. Zu gleicher Zeit trifſt die Kunde ein, daß ſich die Regierungs⸗ verhältniſſe des Landes geändert haben; die vordem verketzerten Schriften Suleimans werden von dem Chalifen nach ihrem hohen Werthe gewürdigt, Jachja, der Verwandte des Chalifen aus dem Exil an den Thron des Letztern als Großvezier berufen. Gegen dieſe freundliche Wendung der Dinge erhebt ſich Omar, Abdal⸗ lahs, des geſtürzten Herrſchers Sohn, Suleimans Todfeind. Beide, Omar und Suleiman, lieben Leila, Jachjas Tochter; die rohe ſinnliche Aufdringlichkeit des erſteren wird entſchieden zurückge⸗ wieſen, während der letztere ſich der innigſten Gegenliebe erfreut und von Jachja, der ihn zur Uebernahme des Großvezirats be⸗ redet, die väterliche Zuſtimmung erhält. Das Volk jubelt Su⸗ leiman, dem neuen Vezier entgegen, deſſen weiſe Maßregeln das Land bald wieder in Flor zu bringen verſprechen; aber raſch ſpinnt ſich am Hofe eine Intrigue gegen ihn an. Durch ſein Streben „Der Krone Anſehen und des Volkes Wohl In untrennbare Harmonie zu bringen“ hat er ſich den Haß ehrgeiziger Ulemas, deren Zwecken er nicht dienen mochte, zugezogen und mit ihrer Hilfe gelingt es Omar durch einen veranſtalteten Volksauflauf Suleiman in Ungunſt zu ſetzen, doch da„des Anſchlags Früchte nicht ſchnell reifen wollten“, ſo greifen die Verſchwörer zum Dolche und Suleiman fällt durch Omars Hand. Letzterer erfreut ſich nicht lange der geſättigten Rache und der Ausſicht auf neue Größe, denn da das angelegte Spiel an den Tag kommt, ſtürzt er ſich, um dem Gerichte zu entgehen, in einen Abgrund. Dieß ſind die Grundzüge der Handlung. Das genannte Drama ſcheint nicht auf Bühnenwirkſamkeit berechnet zu ſein, denn ſein Schwerpunkt ruht zumeiſt in ſeinen philoſophiſchen Di⸗ alogen, welche die wichtigſten allgemeinen Intereſſen der Menſch⸗ heit zum Gegenſtande haben⸗ In derſelben Weiſe, in welcher Leſſing in ſeinem Nathan die Ideen einer ſpäteren Zeit in eine frühere Periode zurückverlegt, hat der Verfaſſer des Su⸗ leiman alle höheren Fragen, welche die Gegenwart bewegen, in die Zeit des Chalifats zurückgetragen. Geſchieht es nun hie⸗ durch zuweilen, daß Manches in dem Munde der Sprechenden als Anachtonismus klingt, ſo zieht den Leſer die Fülle und Tiefe der Gedanken, die Feinheit pſochologiſcher Beobachtungen, die oft epigrammatiſche Schärfe der Bemerkungen doch ſo in das Intereſſe, daß er bei der Entwickelung des allgemeinen Gedanken⸗ prozeſſes leicht den Abgang einer vollſtändig hiſtoriſchen Färbung überſehen mag. Die Sprache hat oft den Wohllaut, die Ein⸗ fachheit und die wunderbare Lieblichkeit der Verſe in Göthe's Fauſt, nur zuweilen wäre eine etwas ſtrammere Haltung wün⸗ ſchenswerth und manche harte Eliſion, wie Ley'r, Eu'r ꝛc. ꝛc. zu vermeiden geweſen. Gedichte der Katharina Klauczek. Prag. Gera⸗ bek. 1859. Ein künſtleriſches Streben iſt in den„Gedichten“ von K. Klauczek nicht zu verkennen. Wer die früheſten Jugend⸗ gedichte derſelben, von denen freilich nur wenige in die vorlie⸗ gende Sammlung aufgenommen worden ſind, mit den ſpäteren z. B. mit den trefflichen Liedern„Selma an Leo“(S. 137) vergleicht, der wird anerkennen, daß die Dichterin in einem ſteten Fortſchreiten begriffen war. Dieſe Lieder zeichnen ſich eben ſo ſehr durch das tiefe, innige Gefühl, das dieſelben belebt, als durch die edle Form aus, die ſich weich und harmoniſch dem Gedanken anſchmiegt. Wenn an einander wir vorübergehen, Da möcht' ich laut die frohe Stunde ſegnen, Doch wag' ich's nicht, Dir in das Aug' zu ſehen— Wie könnt' ich Deinem Feuerblick begegnen? Mein Blick würd' zum Verräther an dem Herzen Und möchte Dir im feuchten Glanze klagen, Daß ich noch nicht gelernt die herben Schmerzen Der ew'gen Trennung muthig zu ertragen. Wie die Dichterin in dieſen Liedern einer tiefen glühenden Leidenſchaft— es ſind Fragmente eines unvollendet gebliebenen Romans— einen wahren und ſchönen Ausdruck verleiht, ſo verſteht ſie es an andern Orten eben ſowohl ſchalkhaft und fröhlich zu ſein, wie in den zerſtreuten Blüthen(S. 132). Die Naturſchilderungen ſind klar und durchſichtig; ſowohl in anmuthigen Gemälden, wie es die vier Tageszeiten ſind, als in dem düſteren, großartig angeregten Bilde„St. Helena“. Die Gedichte ſind vorwiegend lyriſcher Natur, nur wenige erzählende Poeſien ſind mitgetheilt; dieſe wenigen, unter ihnen das größere epiſche Gedicht,„Aphrata“ beweiſen, daß es der Dichterin auch nicht an Talent für epiſche Poeſie gemangelt habe und wir können es nur lebhaft bedauern, daß es dieſem reichen und ſchönen Talente nicht vergönnt war, ſich vollſtändig zu entfalten. Das Buch iſt mit dem Bilde der Dichterin geziert. Das Vorwort erwähnt, daß man in dem Nachlaſſe derſelben noch drei zur Gänze beendete Tragödien, eben ſo viel Luſtſpiele, einen unvollendet gebliebenen Roman, eine unbeendete Tragödie und einige größere epiſche Gedichte gefunden habe. Das März⸗ heft der„Erinnerungen“ 1858 brachte eine Biografie der im 24. Lebensjahre verſchiedenen Dichtſyin. Rebus von Coh. Jaroſch. ——’xꝛꝛ— Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt.— Papier und Druck des art.⸗typ. JI Ausg egeben am 15. Februar 1859.