— efiedertem nicht ſehr ſise Erinnerungen. 8 Fürſten,“ N. war in dnen, allein en Schnel⸗⸗ geiz hatte b n d =n 9 und Bumor. 77. Band.(Neununddreißigſter Jahrgang.) Heft IV. g, SDZrer ßn ern e Wläliter kür erns enbuche. ſprechende: en Geſellen Alter nicht Deiner rad 64 Jar gra 5 Dem Grafen Daröczy wird die Freiheit verkündet. weſen ſey? ³ weſen ſeh? 9— Der Schreiber. 2 In den langen Zeltgaſſen, deren Oede und Ruhe nur hie und da der monotone Schritt der dus Novelle von Alexander Hutſchenreiter. Lagerwache, dann das häusliche Walten einiger zu⸗ 3 rückgebliebenen Marketenderinen unterbrochen hatte, :(Schluß.)— in dieſen Gaſſen brauſte jetzt der Strom des . 3 Lebens mit aller Macht. Der übermüthige Geſang Wagen als⸗ 6. der Krieger, das Wiehern der Roſſe, das Klirren der Waffen gab ein gar buntes Tongemälde. Dort Vhren letzten ſengenden Strahl hatte die afri⸗ trug man die ſchwer Bleſſirten zu den Feldſpitälern, kaniſche Sonne auf die Ebenen Algeriens her⸗ hier eilten die Gefunden oder nur leicht Verwun⸗ Wabgeſenkt, um deren Beſitz Frankreich mit den deten zu den Lagerſtätten, um die blutige Wehr S Söhnen der Freiheit— den flüchtigen Be⸗ und die beſtaubte Montour von ſich zu werfen und n. S duinenſtämmen rang. Es war heute ein heißer ſich der Ruhe oder des fröhlichen Gelages zu er⸗ Tag geweſen, die europäiſche Kriegskunſt hatte freuen. Abd el Kaders Waffenbrüder aus dem Felde Der Theil des Lagers, in welchen ich meine geſchlagen und, wenngleich mit vielen Opfern, einen Leſer führe, bietet insbeſondere ein ſonderbares Ge⸗ u glänzenden Sieg erfochten. Unter dem Getöne der miſche der verſchiedenſten Nationen und Sprachen nnin Prag Hörner rückten die Truppen in's Lager. dar. Da iſt der ernſte, ſinnige Deutſche neben Erinnerungen. 1859. 13 * 98 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. dem feurigen Italiener, der ſtolz einherſchreitende Spanier neben dem von der Heimat träumenden Polen. Es iſt dieß die Fremdenlegion. Der Durſt nach Ruhm, politiſche Unzufriedenheit hat dieſe bunte Geſellſchaft zuſammengewürfelt und ihren Mit⸗ gliedern die blinkende Waffe in die Hand gegeben. Zu den Zelten, welche ſich in dieſer Abtheilung des Lagers befanden, ſchritten zwei Reiteroffiziere. Ge⸗ nüge es zu ſagen, daß der Eine ein hoher, ſchöner Mann, ernſten Antlitzes war, der das Kreuz der Ehrenlegion auf der Bruſt ſicher der noch kaum vernarbten⸗Stirnwunde verdankte, mit welcher ein Beduinenſäbel dieſe gezeichnet; während des ande⸗ ren, an Geſtalt kleineren Kriegers volles, rundes Geſicht ſo luſtig in die Welt hineinblickte, als ob es überall nur einen Kommerz und Krampampoli gäbe, mit welcher Anſicht auch das alte Burſchen⸗ lied vollkommen übereinſtimmte, das er vor ſich hinträllerte: „Und fehlt's an Geld zuweilen, So heißt es dann verkeilen“ ꝛc. Die beiden Offiziere hatten ihr Lagerzelt er⸗ reicht. Nachdem ſie der blutigen Kleider und Waf⸗ fen ſich entledigt, ſtreckte ſich der Erſterwähnte auf ſein Lager, der Andere aber machte ſich ſogleich an die Vernichtung eines ziemlich bedeutend ausſehen⸗ den Abendmahls. „Hör' mal, Bruder Kapitän,“ begann der Eſſende jetzt im reinſten ſächſiſchen Dialekte,„hör' mal, willſt Du nich mithalten? Ich habe hier meinem Burſchen eene janz famoſe Hammelskeule abjekeilt, die er einem Beduinen, der nich mit ihm theilen wollte, jenommen. Du wirſt doch wohl, meine ich, auch einigen Hunger verſpüren— denn, bei meinem Bart! wie der alte Götz von Berlichingen ſagt,'s war'n tüchtiges Stück Arbeit heute! Ja, ja,'s gab'nen heißen, aber glücklichen Tag, wir haben die braunen Kerle daranjekriegt, daß es eene Art hat.“ „Glücklicher Tag,“ erwiederte der Andere und betrachtete die mit Blut bedeckten Säbel, welche der Diener eben hinaustrug,„Du willſt wohl ſa⸗ gen, es ſei Blut gefloſſen?“ „Ne“, erwiederte der Dicke,„ſchon wieder die alte Melancholie, Freund Bruder! Bei meinem Bart, hätte ich Dich nich ſchon hundertmal und auch heute wieder bewundert, wie Du jener braunen Mumie, die eine ſolche Luſt nach Deinem Schim⸗ mel bezeigte, die ſpärlichen Haare ſo ſäuberlich weg⸗ raſirteſt, wie der feinſte Barbier in Dresden; hätte ich's nich jeſehen, wie Du dann eenen Andern ſo prachtvoll tranchirt haſt, wie der ſchwäbiſche Ritter in Uhland's Schwabenſtreichen: „Und zur Rechten und zur Linken 1 Sah man einen halben Türken herunterſinken.“— bei meinem Bart! hätte ich das nich jeſehen und mir darob ſo das Herz jelacht, daß ich jubelnd in den Kampf ſprengte, wie der Bummler in die Schnapsboutique: ſo würde ich Dich eher für eenen finſteren Mönch halten, als für eenen Krieger. Man ſieht nun einmal, daß Dir der Krieg gegen das Unkraut, das die Kartoffel oder den Roggen zer⸗ ſtört, beſſer behagt, als der Kampf gegen dieſe Menſchen oder vielmehr Teufel will ich ſagen, denn mit einem Menſchennamen kannſt Du doch, trotz all Deiner Humanität, eene ſolche Bagage von luft⸗ gepöckelten Skalpirern, meiner Seele! nich beehren. Aber jetzt komm und iß, ſonſt, bei meines Vaters Bart! ſtehe ich nich gut dafür, ob dieſer Hammels⸗ braten da nich ganz in deutſchem Vaterlande na⸗ turaliſirt wird!“ Wie maſchinenmäßig ſtand der Angeredete auf, und nachdem er ſchweigend der Forderung des Ma⸗ gens Genüge geleiſtet, kehrte er wieder zu ſeinem Lager zurück und ſchloß die Augen.. Wohl mochten es liebe, aber keine freudigen Bilder ſein, die vor ſeinem Geiſte vorüberzogen— denn er ſeufzte. Ein fernes, ſchönes Land— nicht ſeine Heimat— aber ein Land, welches er henſo liebte, wie dieſe, lag vor ihm jene zarte Mäd⸗ chengeſtalt, welche ſo traurig, e vebrochene Lilie an der weinenden Mutter e den blühenden Garten dahinwandelt— er hat alles dieſes verlaſſen— muß es meiden— ein thaten⸗ reiches Leben aufſuchen, um ſich vor der Ver⸗ zweiflung zu retten! Er hat es nun erreicht, die⸗ ſes thatenreiche Leben— den Waffenruhm— die Ehre— aber ſein Gemüth iſt dasſelbe geblieben, das Blut kühlte nicht ſeinen Schmerz— anekelnd iſt ihm der Anblick der Leichen! Der Kapitän liebte zwar ſeine Kameraden und hatte das Be⸗ wußtſein, auch von ihnen geachtet zu werden; wenn ihn aber der Gedanke an die Vergangenheit er⸗ faßte, ſo betrachtete er ſein jetziges Leben wie ein Buch, welches der Leſer intereſſelos durchblättert, um den Inhalt ſchnell wieder zu vergeſſen. Jetzt erſchien des Kapitäns Diener und brachte ein Packet. Es waren Briefe, Zeitungen aus Eu⸗ ropa. Dort brauſte damals jener gewaltige Sturm, es geſtaltete ſich jener Umſchwung esi ge wel⸗ cher die alten Verhältniſſe in den H warf. Die verblühte Jungfrau Europa wollte wieder ju⸗ gendlich werden und ſehnte ſich nach neuem Schmucke. Der Kapitän nahm die Zeitungen aus dem Vater⸗ lande und begann zu leſen. Sein luſtiger Kame⸗ rad ſchlief und ſchnarchte ſo gründlich, daß ihn höchſtens eine Bombe geweckt haben würde. Nach und nach begann zwar der Lauf der politiſchen Ereigniſſe wieder ein geordneterer zu werden, ſo wie der Strom, welcher ſich über die Länder ergoſſen, nach unendlicher Verwüſtung der⸗ ſelben in ſein Bett zurückkehrt; aber die Sühne ſo mancher Thaten koſtete Blut! Mit Wehmuth überzählte Ladislaus die Urtheile, welche die ſtra⸗ fende Gerechtigkeit in Ungarn, ſeiner zweiten Hei⸗ mat, geſprochen. Plötzlich aber wurde ſein Antlitz Alexander Hutſchenreiter: Der Schreiber. 99 bleich— einen Augenblick ſtockten die Pulſe— auf eine Stelle und immer wieder auf dieſe eine ſtarrte regungslos das Auge. Da ſtand: „Laut Urtheil des Peſter k. k. Kriegsgerichtes iſt Graf Béla Daröczy des Hochverraths für ſchul⸗ dig erkannt und zu zehnjähriger Feſtungsſtrafe ver⸗ urtheilt worden. Zugleich wurde die Strafe der Konfiskation über das ſämmtliche liegende Ver⸗ mögen des Verurtheilten ausgeſprochen. Durch be⸗ ſondere a. h. Gnade iſt der Familie des Verur⸗ theilten das Schloß Daroͤczfalva noch fortan be⸗ laſſen worden.“ „Graf Daröczy ein Hochverräther! Un⸗ möglich!“ rief Ladislaus. Aber da ſtand es ja, die grauſamen dunklen Lettern ſprachen es nur zu gewiß aus, ein Irrthum war hier undenkbar. Viktorine, die reiche Magnatentochter, nun das Kind eines Sträflings! Ladislaus ſah im Geiſte die Mutter— er ſah Viktorine in un⸗ endlichem Jammer die Hände dem Vater reichen, bevor er in die traurige Verbannung ſchied— für eine Ewigkeit! Sind zehn Jahre nicht eine Ewig⸗ keit für einen Greis? Und— wenn er wieder⸗ kehrte, würde es dann für ihn und die Seinen noch kin Leben, noch einen Tag, eine Freude geben? Ladislaus ſprang auf. Im Augenblicke war in ihm ein Entſchluß zur Reife gekommen. Schnell warf er ſich in die Paradeuniform und verließ mit raſchen Schritten das Zelt. Nach einer Stunde kehrte er zurück. Eine Schrift lag in ſeiner Hand. Der Colonel hatte dem verdienſtvollen Kapitän Urlaub auf zwei Mo⸗ nate ertheilt; die Umſtände hatten günſtig dazu mitgewirkt, denn eben war in Folge der heutigen Schlacht ein Waffenſtillſtand abgeſchloſſen worden. 7. Der Herbſtſturm ſchüttelte die letzten gelben Blätter von den Bäumen der uns wohlbekannten Allee des Daroͤczfalver Schloſſes. An die ge⸗ ſchloſſenen Fenſter des Hauſes ſchlug der ſchwere, kalte Novemberregen, nichts unterbrach die trübe, melancholiſche Stille. In den weiten Höfen des Schloſſes war es wie todt— erſtorben das frohe Treiben von ehedem. Dort unter jener Thüre ſtand der alte Miska und rauchte ſein Pfeifchen. Allein es ſchien ihm nicht zu munden und er warf es unmuthig auf die nächſte Kommode. „Iſt das ein Leben,“ begann er, ſich an ſein Weib wendend, das am Fenſter ſaß und ſpann— „iſt das ein Leben, ni, ni, a fenne— ſo öde und todt. Und unſer arme Herr, deſſen Gewiſſen ſo rein iſt wie die Pflugſchar, wenn ſie aus der Furche kommt! Und das arme Weibsvolk da dro⸗ ben, wie ſich das härmt und weint— a fenne— es bricht einem völlig das Herz!“ Der Alte wiſchte ſich mit der Hand über die Augen.„Ja„aut.a 8 noch unſer alter Schreiber da wäre, 18, ewe d 1 noch einen Troſt für die arme junge Gräfin. Das iſt das Einzige, was unſerem guten Herrn zur Laſt fällt, daß er den lieben jungen Mann wegen ſo einer Liebeshiſtorie mir nichts dir nichts aus dem Dienſte entfernt hat. A fenne— hätt' ihm das Mädel auch geben können. Damals hat mir auch drei Tage lang nicht ein Glas Wein und keine Pfeife geſchmeckt——— daß——— Da erklangen die Töne eines Poſthorns luſtig durch die Stille. Der Alte horchte verwundert auf; ſo etwas war hier ſchon lange nicht gehört worden, ſeit man den Grafen fortgeführt. Jetzt rollte ein Wagen unter das Thor, und ehe der Haiduk hin⸗ ſpringen konnte, um den Schlag zu öffnen, ſprang ſchon ein hochgewachſener Offizier, deſſen Geſicht, ſo wie die fremdartige, prächtige Uniform er nicht kannte, aus der Kaleſche. Als aber Miska die Stimme des Ankommenden hörte, welcher nach der Gräfin fragte, da durchbebte es den Alten mit freudiger Gluth und mit dem Rufe:„A fenne, Herr Schreiber!“ faßte er des Offiziers Hände und ſchüttelte ſie treuherzig. Dann ſprang er, einem Jünglinge gleich, die breite Treppe hinauf, um den theuren Gaſt zu melden. Aber Ladislaus, ſchneller als er, faßte ihn bei der Hand, und den Finger auf den Mund legend, verbot er Miska, des Gaſtes Namen zu nennen. In demſelben Zimmer, in welchem Ladislaus einſt Abſchied genommen von der Gräfin, ſaß die Trauernde mit ihren Töchtern. Auf Miska's Meldung trockneten die Frauen haſtig ihre Thränen. Was wollte ein Fremder in dem Heiligthum ihres Leides? Ladislaus trat ein. Die Gräfin vermochte ſich dieſer gebräunten, etwas veränderten Geſichts⸗ züge, dieſer fremden Tracht nicht zu entſinnen; aber Viktorine hätte den Geliebten unter Tauſenden wieder erkannt. „Er iſt es, Ladislaus!“ rief ſie und eilte ihm entgegen. Als Gräfin, hoch über dem armen Schreiber ſtehend, hatte ſie ihm ja ihre Liebe ge⸗ ſchenkt, ſollte die Tochter des Gefangenen ſich dieſer Liebe ſchämen? „Ladislaus,“ ſprach die Gräfin, nachdem auch ſie ihn erkannt hatte,„trügt mich nicht meine Ahnung, ſo kommen Sie als Tröſter und Hel⸗ fer in der Noth. O wie ſchwer hat uns Gott geprüft. Ladislaus, wiſſen Sie————?“ „Ich weiß,“ ſprach Ladislaus, ohne das Ende von den Worten der Gräfin abzuwarten⸗ „Mein Gemal ein Hochverräther, er, der mit blutendem Herzen den unſeligen Bürgerkrieg be⸗ klagte, an dem er keinen Theil hatte! Er fiel durch die Tücke und Rache eines Mannes, den er einſt geliebt hatte wie einen Sohn.“ „Wer, wer iſt der Elende?“ drang La⸗ dislaus jetzt in die Gräfin. Dieſe zog ihn lang⸗ ſam an’s Fenſter. „Kennen Sie,“ ſprach ſie leiſe,„den Grafen Szatmäar, Viktorinens einſtigen Bräutigam?“ * 13²* 4 A 100 Erinnerungen. „Und jetzigen Gemal?“ entgegnete mit zagen der Stimme Ladislaus. „Bräutigam, Gemal! Ja, glücklicher Gatte ſeiner Leben ſeiner Tochter ſo müßte er nicht nung büßen. Ja, den ich„meine. hätte mein un⸗ Lieblingsidee das Glück und zum Opfer bringen wollen, jettt für den Adel ſeiner Geſin⸗ jielter Elende Szatmär iſt es, Wenige Tage nach Ihrem Ab⸗ ſchiede von uns, erſchien Graf Szatmar und warb förmlich um Viktorinens Hand. Mein Gemal ließ mich und meine Tochter zu ſich rufen und forderte letztere auf, ſich zu erklären, ob ſie Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Viktorine war ihm treu geblieben— aber ihr Szatmar's Gemalin werden wolle. Als aber Viktorine ihm weinend zu Füßen fiel und ſchluch⸗ zend bekannte, ſie könne nie des Grafen Weib wer⸗ den, als ſie mit aufgehobenen Händen ſo rührend flehte, man möge ſie nicht unglücklich machen, da erwachte zwar einen Augenblick in ihm die Erin⸗ nerung an den Sturm, welchen Sie einſt hervor⸗ gerufen, und der Zorn über die Vernichtung ſeiner lange gehegten Wünſche, aber die Liebe ſiegte zu⸗ letzt— er war ja Vater und ein guter Vater.“ „Augenblicklich machte Daröczy, wenn auch mit den ſchonendſten Worten dem Grafen Szat— mär das ungünſtige Reſultat ſeiner Werbung be⸗ kannt. O, er ahnte nicht, welche Schlange er bis jetzt in ſeinem Buſen genährt hatte! Szatmaͤr hörte ihn mit finſterer Miene an. Seine Pläne waren mit einem Schlage vernichtet, denn er hatte der reichen Erbſchaft bedurft, um ſeine zerrütteten Verhältniſſe wieder aufzurichten, ein Umſtand, wel⸗ chen man uns ſtets zu verheimnlithen zeunſt t hatte. Wüthend ſprang er auf und unter D rohungen ver⸗ ließ er das Haus, indem er ſchwur, die ihm ange— thane Schmach zu rächen.“ „Jahrelang hörten wir nichts von ihm. End⸗ lich brach die Bewegung los. Nach dem Ende des Kampfes erſchien Szatmar nach langer Zeit wie⸗ der auf ſeinen Gütern.“ „Von da an beginnt unſere Leidensgeſchichte. Die Zeit der Rache war gekommen. Szatmär trat als Ankläger gegen meinen Gemal auf und Glück, die Ehre und der Ruf des Hauſes lag in Trümmern! Er fühlte den Schmerz der Mutter, die Verzweiflung der Kinder und die Trauer des Freundes vereint in ſeiner Seele! Sein edles Herz dachte nicht der Schonungsloſigkeit, mit welcher Graf Daroczy ihn von ſich geſtoßen. Für ihn war er nur Viktorinens Vater, für deſſen Rettung Alles gewagt werden mußte. Am früheſten Morgen des nächſten Tages ſprengte der franzöſiſche Kapitän auf der Straße nach dem Schloſſe des Grafen Szatmar. Die Eile, zu welcher er das gute Roß antrieb, ſtimmte ganz überein mit der fieberhaften Aufregung, die ſich auf ſeinem Geſichte ausdrückte und den Sturm andeutete, der ſeine Seele ſo tief und mächtig er⸗ faßt hatte. 8. Wir treten in den Salon des Grafen Szat⸗ mar. Im Jagdkleide, den Hirſchfänger an der Seite, ging der Schloßherr auf und ab, manch auf die koſtbare Monatuhr ſehend— denn zer ge⸗ dachte heute einer zeaden Jagd beizuwohnen, we ein Diner in ſeinen Hallen beſchließen ſollte. ſchien die Stimmung des Grafen nicht eben ei feſtliche zu ſein, denn ein gewiſſer⸗ Gran lag über den ohnehin bleichen, abgelebten Zügen, deſſen er, ob er auch nechine. verſuchte die Stirne zu glät⸗ ten und heitereren Gedanken in ſeiner Seele Raum zu gönnen, nicht Here werden konnte. Da trat der Leibjäger in den Salon und meldete einen fremden Gaſt. Da ein ſolcher Woſuch durchaus nicht ungewöhnlich war, ſo ſien di Meldung nicht zu überraſchen. Auf das leiſe Kopf wußte es durch Liſt, Ränke und faſſhe Ausſagen dahin zu baungen, wurde. kommen und hoffentlich iſt dieſ ſe umde nicht mehr daß der Schuldloſe verurtheilt Doch ſeine Unſchuld wird noch an den Tag fern. Geſtern ſtarb in dem nächfte Dorfe Udvar ein Mann, welcher mir kurz vor ſeinem Tode ein verſiegel tes Schreiben des Inhalts ſandte, ich h möge mich eiligſt an ſein Sterbelager begeben, da er mir in Beträf des Grafen Szatmar und meines Mannes wichtige Mittheilungen zu machen habe. Allein er ſtarb, kurz bevor ich trotz aller Schnellig keit nach Udvar Lelargeñ konnte, in furchtbarer Seelenangſt und unter heftigen Schmerzen, indem er beſtändig meinen Namen rief. Sein Geheimniß aber ging mit ihm zu Grabe!“ Schweigend hatte Ladislaus die Erzählung der Gräfin angehört. Sein Herz war ihm übervoll, Ihres, wie ich ſehe, nicken ſeines Herrn zog ſih der Jäger zurück und ging, nachdem er mit einer Verbeugung dem drau⸗ ßen Harrenden den Eingang gewieſen, ſeinen Vor⸗ bereitungen zur Jagd nach. „Was gibt meinem Hauſe die Ehre Ihres Beſuches: 2“ begann der Graf zu dem Eintretenden. „Kennen Sie, Herr Graf,“ entgegnete dieſer, „den ehemali igen Schreiber von Daröczfalva?“ Szatmäar rleichke bei dieſen Worten; er hatte gedacht, ſeinen verhaßten, einſt faſt verachte⸗ ten Gegner nie mehr zu ſehen und nun ſtand er vor ihm, eine hohe achtunggebietende Geſtalt, ein Mann, den der Ernſt des Lebens geſtählt hatte. „Und welche Angelegenheit,“ ſprach er kalt und ſich faſſend,„f führt Sie zu mir? Sollten Sie veränderten Standes müde ſein und vielleicht meine Güter verwalten wollen?“ „Ich beſuche Sie, Herr Graf,“ entgegnete der Offizier, indem er jede Silbe ſcharf betonte,„ich beſuche Sie, Herr Graf, um Rechenſchaft von Ihnen zu fordern und Ihr Gewiſſen zu fragen, ob es die Sghiitte verantworten könne, die Sie zur Verur⸗ tis t, gedes Buſenfreundes Ihres Vaters, zum Ruin ſeiner Ehre und ſeiner Familie ſchändlicher Weiſe gethan haben!“ Szatmar ſchnellte empor.„Wer iſt es,“ ſchrie er,„der es wagt, ſolche Worte hier in mei⸗ nem Hauſe zu reden?“ „Ich wage es, Bube!“ entgegnete Ladis⸗ laus mit entſetzlich feſter, unheimlicher Stimme, und wie eine Eiſenſchraube faßte ſeine Hand Szat⸗ mar's Rechte—„ich wage es, Dich den feigen Mörder jenes Familienglückes zu nennen und ſetze mein Leben ein für dieſe meine Ueberzeugung!“ Ladislaus ſchien mit ſeinen Blicken ſeinen Gegner durchbohren zu wollen, gleich als könne er die Beweiſe ſeiner unerſchütterlichen Ahnung aus dieſen Zügen herausleſen. Im Nu aber hatte der Graf ſich aus ſeiner Gefangenſchaft losgewunden und ſich frei fühlend, war es das Werk eines Augenblicks den Hirſch⸗ fänger zu ziehen und damit auf den unvorbereite⸗ ten Kapitän zu ſtürzen, ſo daß dieſer nur Zeit hatte, durch Vorhaltung einer großen auf dem Tiſche lie⸗ genden Mappe die Kraft des Streiches zu lähmen, der ihm gleichwohl eine leichte Wunde beibrachte. Blitſchnell riß jetzt auch der Kapitän ſeine e heraus und vertheidig.e ſich mit Umſicht und Gewandtheit gegen ſeinen Angreiſer. Szatmar führte jetzt einen wuchtigen Hieb auf das Haupt des Gegners, a wieſer parirte und ehe der Graf ſich ſchützen konnte, traf ihn gleich darauf die Klinge des Kapitäns. Der Graf taumelte ſchwer verwundet zurück, der Stuhl, an welchem er ſich zu halten verſuchte, brach unter ihm zuſammen. Der Verwundete ächzte ſchwer. Er ſchien ſpre⸗ chen zu wollen, jedoch die Stimme verſagte ihm. Er erhob die Hand und winkte Ladislaus, nä⸗ her heranzutreten. Waff leiſer Stimme,„ich hatte gefrevelt und der Him⸗ mel nahm Rache! Möge mir vergeben werden, wie ich Ihnen vergebe. Eilen Sie, reiten Sie ſo ſchnell als möglich nach Daroczfalva, bringen Sie die Gräfin und Viktorine hieher; ich will ihren Fluch nicht mit in's Grab nehmen.— Leute,“ fuhr er fort, als die Diener, durch den Lärm erſchreckt, 8₰ eintraten und entſetzt dieſe Blutſzene betrachteten— i„Leute, wage es Keiner von Euch, ſich an meinem d Gaſte zu vergreifen!— Du, Imre— eile— a zum Stuhlrichter— er möge augenblicklich mich— atte beſuchen,— Du, Joska— zum Pfarrer— ich kal will— ich kann nicht eher— ſterben, bevor— Sr o Gott— o Gott!“— Der Unglückliche vermochte nude nur noch mit der Hand die Betreffenden fortzu⸗ 8u? weiſen; ohnmächtig vom Blutverluſt wurde er von der dden Dienern auf ſein Lager getragen. nih Eine Stunde war vergangen und des Grafen ihnen Schlafgemach barg eine zahlreiche Verſammlung. die 5 Wie ſtill lag er da auf ſeinem Bette und wie ſanft erur⸗ 4 2 und milde blickte er jetzt um ſich. Der ſchneeweiße 4 Alexander Hutſchenreiter: Der Schreiber. „Das war ein Gottesgericht,“ flüſterte er mit — 101 Anzug erhöhte die Bläſſe ſeiner Geſichtszüge, Nur langſam tropfte noch das Blut unter dem Ver⸗ bande hervor— aber mit jedem Tropfen verrann jetzt ein Jahr ſeines Lebens!— Eben hatte der greiſe Prieſter ſeine Pflicht erfüllt und der dem Tode Nahe richtete ſich nochmals auf und über⸗ ſchaute die Verſammlung. Außer dem Stuhlrichter und deſſen Kanzelliſten waren noch zwei verſchleierte Frauen, Ladislaus und einige Diener des Hau⸗ ſes zugegen. d Da winkte Szatmar dem Gerichtsſchrei⸗ ber ſich zu ſetzen und ſeine Worte zu Protokoll zu nehmen. „Ich,“ begann er mit ſichtlicher Anſtrengung, „Graf Szatmär, erkläre hiemit, daß ich durch falſche Zeugen und Urkunden meines Vaters Bu⸗ ſenfreund, den Grafen Daroczy“— ein ſchwe⸗ rer Seufzer hemmte hier des Sprechers Worte— „und ſeine Familie in namenloſes Elend gebracht habe. Gott hat mich gerichtet, durch einen Mann gerichtet, welchem ich nach dem Leben trachtete. Dieß bekenne ich vor Gott— und bitte ihn und diejenigen,— welche meine verruchte That betrof⸗ fen— mir, dem Sterbenden, zu vergeben und— wenn die Herſtellung— der Ehre des Grafen Daroczy und— ſeine Rückkehr in Eure Arme meinen Frevel ſühnen kann— ſo laſſet“— er deutete auf die beiden Frauen—„mich— m Frieden ſterben.“ Er ſchwieg. Lager herangetreten— mit ei Blick ſah er zu ihnen auf. ob ihm verziehen ſei? Sah er doch ihre Thränen ſo hell, ſo milde glänzen! Todtenſtill war’s, nur das Schluchzen der Anweſenden war vernehmbar. Nicht lange— ſo brachen ſeine Augen und die Lippen ſchloßen ſich für immer. — Die Frauen waren an ſein nem tiefen, rührenden Wollte er ſie fragen, 9. Das Neugebäude in Peſt bot um dieſe Zeit einen traurigen, das Gemüth beengenden Anblick dar. In den weiten, langen Höfen des Rieſenbaues herrſchte düſteres Leben. In dieſen ungeheuren Räumen, in welchen zwanzig Eskadronen Kavallerie exerziren können, bewegten ſich die Gefangenen, welche in den zur Promenade beſtimmten Stunden ihren traurigen Spaziergang im Freien machten. Wie wogte es da durcheinander von den verſchie⸗ denſten Geſtalten! Hie und da ſehen wir einen Mann durch's kleine vergitterte Fenſter hinausblicken auf das Ge⸗ wühle— auf ſeine Leidensgenoſſen, denen die Wache mit ſcharf geladenem Gewehre auf dem Fuße ſolgt. Docort in der Ecke des großen Hofes erhebt ſich ein Schwibbogen. Die durch denſelben führende Pforte bringt die Angeklagten zu den Gerichts⸗ höfen, vor denen ſie ihre Unſchuld zu rechtfertigen haben— der Rubicon für manches Menſchenleben. “ — 102 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Jenes Zimmer zur Rechten, in das wir jetzt treten, iſt von Männern angefüllt, deren düſterer Anblick zu dem finſteren Ausſehen des Gemaches vollkommen im Verhältniſſe ſteht. Welch' tiefe Stille herrſcht in dem Gemach, nur unterbrochen durch den Eintritt eines neuen Ankömmlings oder die Stimme des Auditors, welcher aus dem anſtoßen⸗ den Saale manchesmal heraustretend, die Anwe⸗ ſenden der Reihe nach vor die Unterſuchungs⸗Kom⸗ miſſion ruft, die dort ihre Sitzungen hält. Treten wir in ein anderes Gemach. An einem neben dem Fenſter ſtehenden Tiſch ſitzt— ein Ge— fangener— den Kopf in die Hände geſtützt. Sein Blick ſucht durch's Fenſter die Ferne zu gewin⸗ nen— vor ihm liegt ein Brief— es iſt eine Frauenhand, welche dieſe Zeilen bebend geſchrieben. Der graué Bart, die gebleichten Haare geben dem kühnen, geiſtvollen Antlitz einen ehrwürdigen, düſteren Ausdruck, der durch eine tiefe Furche, vom Kummer über die gebräunte Stirne gezogen, noch vermehrt wird. Und wie er ſo hinausblickt in die weite Ebene, die ſich nach Süden und gen Oſten hin ausbrei⸗ tet— da ſtreckt er ſeine Arme verlangend aus, ſeine Seele weilt fern von dieſen Räumen, auf den Flügeln der Sehnſucht hat ſie ſich erhoben und iſt hingeeilt zu den weinenden Lieben, die der Strom der Ereigniſſe im wilden Brauſen getrennt hat. Da ertönt Geräuſch an der Thüre. Unwillig wendet der Einſame das Haupt. Warum ſtört man ſeine Träume? Aber die Erſcheinung, die ſich ihm darbietet, hatte er nicht erwartet. Es iſt nicht der Kerkermeiſter, der ihm den gewöhnlichen Mor⸗ genbeſuch abſtattet— ein Mann tritt vor ihn in ſchimmernder Uniform. Unbemerkt von dem Er⸗ ſtaunten blicken zwei Frauenköpfe durch die halb⸗ geöffnete Thüre. Der Eintretende überreicht ſchwei⸗ gend dem Gefangenen eine Schrift. Als der Letztere ſie haſtig entfaltet hatte und dann den Inhalt zu leſen begann, fingen ſeine Hände zu zittern an und eine ungeheure Aufregung bemächtigte ſich ſeiner. „Frei!“ rief er,„frei!— o Gott, ich wäre frei!— aber das iſt unmöglich,“ fuhr er in zwei⸗ felndem Tone fort,„es iſt Blendwerk, das meine Augen trügt!“ „Nicht Blendwerk,“ entgegnete der Offizier mit einer vor Rührung bebenden Stimme. Bei ihrem Klange brach eine Fluth von Erin⸗ nerungen in das Gemüth des Greiſes. Die Hände falteten ſich über dem herabſinkenden Haupte zu⸗ ſammen, die Augen hatten ſich geſchloſſen. War die Stimme, die er vernahm, die eines Todten, welcher aus dem Grabe ſich erhebend, ihm in den Weg ſeines Lebens trat und Rache forderte dafür, daß er mit Schimpf hinausgeſtoßen worden aus dem Kreiſe der Glücklichen? Doch nein, es ſprach die Verſöhnung aus ihr, Vergebung, die ihm Frei⸗ heit kündete und— brachte.— Brachte? Ja, denn ein Blick auf das Papier überzeugte ihn vollends von der freudigen Wahrheit. Die Wucht der Eindrücke war zu groß, als daß er ſie ſogleich zu tragen vermocht hätte. Er verſank wieder in ein ſtummes, aber nicht trauriges Hinbrüten. Da fühlte er ſich von liebenden Armen um⸗ fangen. Die Worte„Béla!“„Mein Vater!“ ſchlu⸗ gen wie Himmelsklänge an ſein Ohr. War er im Gefängniſſe? Sind es nicht die theuerſten, verlo⸗ ren geglaubten Schätze, von denen er im Wachen und im Schlafe geträumt und die er nun an das pochende Herz drückt? Sein Weib, ſeine Kinder? Mit ſtummer fragender Geberde deutete jetzt Graf Bela, indem er die Gräfin anblickte, auf den Offizier, der in das Dunkel des Hintergrun⸗ des zurückgezogen die Szene betrachtete, nicht nur betrachtete, ſondern mitfühlte und darin lebte. „Ja ſieh' ihn hier,“ begann die Gräfin mit Wärme,„ſieh' ihn, Ladislaus, den Retter unſer Aller! Mit Gefahr ſeines Lebens hat er das Werk Deiner Befreiung unternommen.“ Und nun erzählte die Gräfin in Kurzem den Hergang der Ereigniſſe ihrem Gemale, der mit ſteigender Theilnahme, mit fieberhafter Ungeduld aufhorchte. Und als die Erzählung am Schluſſe war, da ſtand der Greis von ſeinem Sitze auf, nur einen Augenblick ſpiegelte es ſich in ſeinen Augen, wie wenn ein Widerſtreit von Gefühlen ſtattfände; aber plötzlich öffinelezunudie verſchränkten Arme und mit dem Rufe ind ein edler Mann!“ ſchloß er Ladislaus in dieſelben. 10. Die„alte Veſte“ Daroczfalva hatte wieder ein feſtliches Gewand angezogen. Zigeunermuſik drang aus ihren Räumen, die Höfe waren ange⸗ füllt von den Gefährten der Gäſte, in den Stäl⸗ len ſtampften und wieherten die herrlichen Roſſe, deren Wärter in feſtlicher Tracht, den Federhut kühn auf die Seite geſtülpt, die herrſchaftlichen Mägde nach den elektriſirenden Klängen herum⸗ wirbelten, hoch aufjauchzend und erhobenen Armes, wie dieß nun ſchon unumſtößliche Bedingung des Csardästanzes iſt, während Andere anderen Ge⸗ nüſſen zuſprachen, indem ſie an dem Weine ſich gütlich thaten, welcher perlend aus den weitbauchi⸗ gen Fäſſern entquoll, und die nach altungariſcher Manier in großartigem Maßſtabe zubereiteten Bra⸗ ten und das in purpurrothen Meeren ſchwimmende Paprikafleiſch vertilgten. Da ich meine Leſer nicht anders als über die Stiege in die Salons der Herrſchaft führen kann, ſo erwähne ich, daß das Stiegenhaus bis zu den Gemächern erfüllt iſt von dem Geſinde, welches neugierig dahin ſtrömt, um ſich an dem Vergnü⸗ gen der„urak“(Herren) zu weiden. Es herrſcht auf dem Lande und insbeſondere in Ungaru nicht jene ſtrenge Kontinentalſperre, welche Leid und Freud' der Herrſchaft und ihrer Diener ſo hart von einander imende ber die 1 kann, zu den welches gergnuͤ⸗ heri iſt 1 nicht Freud lnander Emil Lichtappel: Der Falſchmünzer und ſein Kind. 103 abgrenzt. Daher drängt ſich Kopf an Kopf vor der Doppelthüre des Salons und nur der alte Miska ſteht— ein gewaltiger Cerberus— in voller Montour an derſelben, um die allzu Wißbegierigen zurückzudrängen, indem er, ſein gewöhnliches„Ni, a fenne“ murmelnd, bald dieſem, bald jenem einen Klaps verſetzt. Aber umſonſt verſuchte er es, heute ein ernſtlich böſes Geſicht zuwege zu bringen, denn die Freude hat ſich des guten Alten ganz und gar bemächtigt. War doch jetzt Alles wieder in der gu⸗ ten alten— oder vielmehr in neuer, noch beſſerer Ordnung, denn früher. Doch warum der Erzäh⸗ lung vorgreifen? Am oberen Ende des Salons ſchauen wir eine freundliche Gruppe. Dort ſitzt der alte Graf mit ſeiner Gemalin und Bertha, daneben La⸗ dislaus an der Seite Viktorinens. Der Ka⸗ pitän hält des Mädchens Hand in der ſeinen, er darf dieß nun öffentlich thun, er, dem früher ein verſtohlener Händedruck zum Verbrechen geworden. Welche Seligkeit ſtrahlt aus ſeinen Blicken! Hat er nicht Alles, was er in glühenden Träumen nur geträumt— erreicht? Voll Entzücken ſchaut er in Viktorinens lieblich erröthendes Antlitz, welche die Augen auf den Boden heftet; gedenkt ſie des Myrtenkranzes, der auf ihrem Haupte ſchimmert? Nun iſt der Mann, an dem ſie mit ganzer Seele hängt, nicht mehzaader verſtoßene Flüchtling, dem ſie insgeheim die Roſe in die Hand gelegt, deren Blätter jetzt das Medaillon an ihrem Buſen fül⸗ len,— die Roſe ihres Daſeins hatte ſich duftend wieder erhoben! Der alte Graf aber iſt heute wieder jung ge⸗ worden. Hei, wie er den Schnurrbart dreht, gerade ſo wie einſt, da dieſer noch blond geweſen, die Zunge ſchnalzt und die Augen funkeln voll jugend⸗ licher Lebensluſt, da er die Gräfin um den Leib faſſend ausruft:„Einje Mama, laß uns auch noch einmal Kinder ſein mit den Kindern!“ und in den Reihen der Tanzenden verſchwindet. „Ni, a fenne,“ murmelte jetzt der alte Miska und eine Thräne benetzte die greiſe Wimper,„ei, da habt Ihr's, kann ein Fohlen beſſer ſpringen, als unſer alte Herr?“ Und der Alte vergaß einen Augenblick ſein Cerberusan und tänzelte ſporen⸗ klingend luſtig unter der Thüre umher. Sollen wir noch Weiteres unſerer Erzählung hinzufügen? Etwa, daß Ladislaus ſeinen ehren⸗ vollen Abſchied von der franzöſiſchen Armee mit dem Majorstitel bekam— daß ihn ſeine Beſucher meiſt an ſchönen Abende geſchmackvollen Kiosk, den eine alte Eiche überſchattet und ein junges Wäldchen umgebt, Kreiſe der Seinen ſinden? Unter dieſer großen Ciche hatte er, auf die vort vorbeiziehende Straße ſchauend, Vikto⸗ rine zuerſt erblickt. Das kleine Wäldchen, das ringsum gepflanzt iſt, nengen die Leute jetzt allge⸗ mein„das Schreiberwäldchen“. Der Falſchmünzer und ſein Kind.— Omne 95 nee, I+ℳ Novetketre von Emil Lichtappel. M 0 Für die letzten Pfennige habe ich unſerm — kleinen Charley ſo eben etwas Zwieback —d und Milch gekauft und Du haſt ſeit ge⸗ ſtern Mittag nichts gegeſſen,“ ſagte ein bleiches jugendliches Weib mit faſt kind⸗ lichen Zügen, auf welche indeß Entbehrung und Gram bereits tiefe Furchen gegraben hatten, zu ihrem Mann, der mit troſtloſer Miene und geſenk⸗ tem Haupte, die gefalteten Hände zwiſchen den Knieen, hinter dem lauwarmen Ofen ſaß. Ihr ward keine Antwort zu Theil. Auch ſie ſchwieg und näherte ſich dem Fen⸗ ſter, welches der ſchneidende Froſt bis auf eine kleine Oeffnung mit Eisblumen überzogen hatte, und ſtarrte hinaus in die wirbelnden Flocken da draußen, bis aus dem Winkel hinter dem Oſen der kleine Schläfer erwachte, ſich die Augen rieb und 2 ama. Mama!“ rief.“ Sie wendete ſich um, ihre Augen waren feucht, ſie hatte geweint.„Ich komme, mein Kind!“ ſagte ſie und wickelte es aus den Tüchern und Lappen heraus, mit denen ſie es ſorgſam vor der Kälte zugedeckt hatte. Es war ein hübſcher Junge von ungefähr zwei Jahren, der ſich ſo rothe Bäckchen geſchlafen hatte und noch immer ſchmeichelnd:„Papa! Mama!“ rief, während er ſich an die Mutter ſchmiegte, welche ihn jetzt auf ihren Schooß nahm, „Brod!“ rief er dann und ſie eilte, ihm das ſchon bereit gehaltene kärgliche Frühſtück zu geben. Bald war es verzehrt, aber der kleine Magen war noch nicht befriedigt, Charley ließ wiederholt noch ſeinen Ruf nach Brod erſchallen. „Warte nur, Kind, Du ſollſt gleich mehr haben, Mama muß erſt mehr holen. Hier, ſpiele ſo lange ein wenig!“ Sie ſtellte ihn an ſeinen kleinen Tiſch, gab ihm eine kleine aus bunten Lappen zuſammen⸗ gewickelte Puppe hin und ging dann mit leiſen un⸗ hörbaren Schritten in die anſtoßende Kammer. Ein leiſes Schluchzen wurde vernehmbar durch die nur angelehnte Thür. Dasſelbe weckte endlich den jungen Mann aus ſeiner Apathie. Er ſtand auf und ſtrich ſich die Haare von der hohen Stirn zurück, und öffnete dann die Kammerthür, während er den Arm um ſeine junge Frau legte, welche ihre brennend heißen Thränen in das Kopfkiſſen barg. „Haben wir denn gar nichts mehr zu verkau⸗ fen, Eliſe?“ feagte er leiſe. Ach, er wußte ja nur allzu gut, daß alles Werthvolle längſt zum Juden gewandert war.„Du haſt Recht, ſo geht es nicht mehr, aber wie Abhilfe ſchaffen? Ich habe mich ſchon lange um Arbeit beworben, und weiß Gott! ich würde auch die ſchwerſte nicht ſcheuen und mich auch der niedrigſten nicht ſchämen, aber alle meine Bemühungen ſind bisher vergeblich ge⸗ 4 U— ſollen wir denn heute Brod nehmen? überall ſtocken die Geſchäfte und wohin ich mich auch wende, überall werde ich abgewieſen oder komme zu ſpät und werde vertröſtet auf gelegenere Zeit. Ich würde ſchon ein wenig hungern können, aber daß ich Dich, mein geliebtes Weib, das einſt beſſere Tage geſehen hat, daß ich unſern Jungen darben ſehen muß, das bricht mir das Herz. Ich will noch einmal jetzt mein Heil verſuchen, habe Geduld, ich bringe Hilfe, koſte es, was es wolle!“ „Du wirſt kein Unrecht thun, Matthew, auch nicht in unſerer Bedrängniß, aber warte, nimm dieß Medaillon, das letzte Andenken von meiner verſtorbenen Mutter— ich will ihr Bild heraus⸗ löſen— es iſt nicht zu koſtbar, um das Leben un⸗ ſeres Kindes zu friſten.“ Matthew nahm das hübſche, zwar etwas alt modige, aber ſchwere Medaillon, und ging.„Es wird für eine Woche ausreichen und dann——“ murmelte er im Gehen. Matthew war ein ſehr geſchickter Goldarbei⸗ ter und Graveur, aber es ſchien, als wenn ſeit ſei⸗ ner Verheiratung mit Eliſa Duncan alles Glück von ihm gewichen ſei. Er ſah ſein kleines Ver⸗ mögen von dem betrügeriſchen Bankerott eines be⸗ deutenden Handelshauſes der City verſchlungen; eine langwierige Krankheit feſſelte ihn an das La⸗ ger, während welcher Zeit ſein geliebtes junges Weib mit ihrem Erſtgebornen, einem ſtarken präch⸗ tigen Jungen, niederkam, deſſen Geburt ſeiner Mut⸗ ter beinahe das Leben gekoſtet hätte. Sie lag lange krank darnieder und ſo folgte ſich Schlag auf Schlag; es war, als ob das Geſchick nicht müde werden wollte, die kleine Familie zu verfolgen. Kaum geneſen und noch ſchwach und matt von der überſtandenen Krankheit, fand er, da er ſeiner Selbſtändigkeit hatte entſagen müſſen, loh⸗ nende Beſchäftigung bei ſeinem alten Lehrmeiſter. Kaum aber hatten auf dieſe Weiſe ſeine Verhältniſſe ſich einigermaßen gebeſſert und ihm einen ſorgen⸗ freieren Blick in die Zukunft geſtattet, als der alte Lehrmeiſter vom Schlagfluß getroffen, plötzlich ver⸗ ſtarb und das Geſchäft aufgelöſt wurde, da nur weitläufige Verwandte ihn beerbten. Da pochte wiederum bittere Noth an die Thür der kleinen Familie. Alles, was noch an den frü⸗ heren Wohlſtand erinnerte, alles nur irgend Ent⸗ behrliche mußte veräußert werden für einen Spott⸗ preis, um dem Hunger das armſelige Leben ab⸗ zuringen. Mehrmals hatten Matthew finſtere Ge⸗ danken beſchlichen; es gelüſtete ihn, die ſchmale Schranke zu überſpringen, welche das Diesſeit von dem unbekannten Jenſeit trennt. Aber das unſäg⸗ liche Elend, welches dann über ſein alleinſtehendes geliebtes Weib, über ſein hilfloſes Kind unfehlbar hereinbrechen mußte, hatte ihn noch immer von dieſer That der Verzweiflung zurückgehalten. — Matthew blieb lange, lange aus, eine Ewig⸗ keit lang für die hungernde Mutter und das wie⸗ derholt nach Brod rufende Kind. Sie verſuchte es wieder in Schlaf zu bringen, aber es wollte ihr nicht gelingen, da das Kind daran gewöhnt war, mit der Flaſche voll warmer Milch in den Schlaf gelullt zu werden. Schreiend und weinend wollte es ſich nicht beſchwichtigen laſſen. Endlich kehrte Matthew zurück. Neun blanke Goldſtücke und eine Menge kleinerer Münze ſchüttete er in ihren Schooß, dann kramte er allerlei Lebens⸗ mittel aus ſeiner Taſche und aus einem kleinen Beutel etwas⸗Zuckerbrod für den jetzt bald beru⸗ higten Jungen, und ſchließlich holte er auch wieder das Medaillon aus ſeiner Bruſttaſche hervor und band es ſchweigend ſeiner Frau um den Hals. Freudig bewegt gewahrte ſie nicht gleich, wie ſein Blick nicht minder umdüſtert war, als vorher. Alle drei fielen jetzt erſt mit Heißhunger über die lang entbehrten Nahrungsmittel her und ſelbſt die ſorgenſchwere Stirn des jungen Mannes glät⸗ tete ſich, als er den Appetit ſah, welchen zu ſtillen ihm vergönnt geweſen. „Nun noch dieſes ſchöne Stück Fleiſch, dieſe Kartoffeln, das wird eine herrliche Mittagsmahlzeit abgeben!“ rief die Mama.„Du haſt einen Wohl⸗ thäter gefunden, Du haſt wieder Arbeit!“ ſagte ſie dann. 8 „Ja, ich habe wieder Arbeik antwortete er, und ſeine Stirn wurde wieder düſter.„Iß und trink, da haſt Du Geld, hole Milch für den Jun⸗ gen,“ ſetzte er mit ungewohnt harter Betonung hinzu. Sie ſchaute ihn verwundert an, dann nahm ſie von der Scheidemünze und ging, während ſie den Jungen ſeinem Arm übergab. ein⸗ Die ihre Von jetzt an ſchien der Wohlſtand wieder zukehren in dieſe ſchwer geprüfte Familie. Wangen der jungen Mutter rötheten ſich und Augen ſtrahlten wieder im alten Glanze. Der kleine Charley wuchs und gedieh, daß es eine Luſt anzuſehen war. Nur Matthew ſelbſt blieb ſtill und in ſich gekehrt, wie früher gar nicht ſeine Art geweſen war. Ein geheimer Kummer, den er tief verborgen in ſeinem Buſen trug, ſchien ihn zu drücken und ſeine Antworten auf die Fragen ſeiner beſorgten Gattin lauteten beſtändig ausweichend; dann auch zwang er ſich bisweilen, eine Luſtigkeit zu erheucheln, welche ſeinem Herzen fremd war. Mehr wie je beſtürmte er ſeine Frau, öffent⸗ liche Geſellſchaften zu beſuchen und er entwickelte hier oft einen Aufwand, welcher Staunen und Neid bei all' ſeinen Bekannten hervorrief, obgleich er nicht knauſerte und häuſig die ganze Geſellſchaft traktirte. Man flüſterte ſich allerlei in die Ohren, doch eer bemerkte nicht die zweideutigen Blicke, nicht die SRhelredan welche ihm nicht zu Ohren kamen. — . Emil Lichtappel: Der Falſchmünzer und ſein Kind. 105 Ein paar Jahre nach dem Zeitpunkt, wo un⸗ ſere Erzählung beginnt, verbreiteten ſich dumpfe Gerüchte durch London von dem Beſtehen einer großen weitverbreiteten Falſchmünzerbande, welche mit ungewöhnlichem Geſchick gearbeitete falſche Mün⸗ zen in großer Menge in Umlauf ſetzte und vielfach ſelbſt Kenner getäuſcht hatte. Nur eine nähere Prü⸗ fung und eingehende Unterſuchung ließ die Falſifi⸗ kate, deren Gepräge untadelhaft erſchien, von den guten Münzen unterſcheiden. Es wurden große Belohnungen ausgelobt auf die Entdeckung jener Fälſcher, aber ohne Erfolg. Täglich liefen neue Klagen ein. Mit drakoniſcher Strenge verurtheilten die damaligen Geſetze Englands jeden auf der That ertappten und überführten Falſchmünzer zum Tode durch den Strang. Nur die Ausſicht auf großen Gewinn konnte verlocken, dieß gefährliche Handwerk zu ergreifen. In dem Kellergewölbe eines weitläufigen Ge⸗ bäudes der vielen Vorſtädte Londons, welche jetzt ſchon längſt von der ihre Polypenarme immer wei⸗ ter erſtreckenden City verſchlungen iſt, waren vier Männer emſig beſchäftigt mit einer ſeltſamen Han- tierung. Obgleich draußen noch lichter Tag war, war hier doch kein Fenſter, kein Spalt, durch wel⸗ chen ein neugieriger Strahl hätte eindringen kön⸗ nen, um jene Männer bei ihrer lichtſcheuen Arbeit zu belauſchen. Die Thür war mit mächtigen Eiſen⸗ riegeln verſehen und von zwei Lampen warf die eine ihr Licht auf einen Prägeſtock von freilich etwas plumper Form, an welchem zwei Männer von wildem, abſtoßenden Aeußern rüſtig arbeiteten ſtig und der helle Klang glänzender Münzen zeugte von dem guten Fortgang ihrer Arbeit. Im Vor⸗ dergrunde ſaß vor einem niedern Tiſche ein junger bleicher Mann, emſig beſchäftigt, bei dem rothen Scheine eines ſchlechten Lämpchens die Inſchrift irgend einer Münze in Stahl zu ſchneiden. Im Hintergrunde war der Vierte vor einem Feuerherde mit dem Schmelzen von Metallen beſchäftigt. Er goß dieß jetzt aus dem mächtigen Tiegel in bereitſtehende Formen und ſchickte ſich darauf zum Fortgehen an. In dem Augenblick, als er die Thür öffnete, drängte ſich ein ungefähr ſechs Jahre alter blühender Knabe plötzlich an dem Ueberraſch⸗ ten vorüber, ſtutzte einen Augenblick und flog dann auf den an dem kleinen Tiſche emſig beſchäftigten Mann zu. „Hier bringe ich Dir Dein Frühſtück, das Du vergeſſen haſt, lieber Papa!“ rief er laut und fröh⸗ lich.„Ei, was für ſchönes, blankes Geld!“ rief er, auf den glänzenden Haufen zueilend. „Wie kommſt Du hierher?“ rief erſchreckt der Vater, von ſeinem Tiſche aufſpringend, während die Anderen überraſcht ihre Arbeit ruhen ließen und mit finſteren Blicken den kecken kleinen Ein⸗ dringling maßen. „Ei, lieber Papa, ich habe ſchon öfter Dir Erinnerungen, 1859. 1 aufgepaßt, wenn Du des Morgens weggingeſt, und als die Mama heute Morgens erwähnte, daß Du Dein Frühſtück vergeſſen hätteſt, ſo ſagte ich zu ihr, daß ich es Dir wohl bringen könnte. Sie wollte erſt mich nicht allein gehen laſſen, aber ich hörte nicht auf zu bitten und da ließ ſie mich ge— hen. Aber ich hätte Dich hier doch bald nicht ge⸗ funden; es war ſo dunkel, ſo öde hier, daß ich mich faſt fürchtete. Aber gib mir nun auch ein paar von den ſchönen blanken Dingern da.“ „Mach', daß Du wegkommſt, Charley, und ſage nicht, daß Du mich hier gefunden. Ich be⸗ fehle Dir ſtreng an, daß Du Niemandem, auch der Mama nichts von dem blanken Gelde ſagſt, ſonſt geht es Dir ſchlimm,“ ſagte Matthew, eine ſo ernſte und drohende Miene annehmend, wie ſie der Knabe noch nie von ſeinem gütigen Vater ge⸗ ſehen, während er ihn wieder zur Thür hinauslaſ⸗ ſen und zu Hauſe ſchicken wollte. Der Knabe ſah den Vater halb verwundert, halb ängſtlich an. 3 „Halt, Matthew,“ ſagten die drei andern Männer plötzlich, wie von einem Gedanken erfaßt, „ſo geht das nicht. Der Junge wird plaudern und in wenig Tagen wird uns in Tyburne der Hals ſo lang geſtreckt werden, daß uns der Athem ausgeht. Der Junge muß ſterben, damit wir leben!“ „Mein einzig Kind ſterben?!“ rief Matthew erbleichend.„Ihr ſeid wahnſinnig! Wehe dem, der dem Jungen auch nur ein Haar krümmt! Komm, Charley!“ Er riß den Knaben mit ſich fort und ging auf die Thür zu. „Elender Thor!“ donnerte Andrew,„glaubſt Du, daß wir ſcherzen? Glaubſt Du, daß uns unſer Leben nicht lieber iſt, als daß wir uns der Gefahr ausſetzen wollten, von dem Jungen verrathen zu werden? Zurück!“ Matthew drängte ſich vorwärts. „Zurück!“ brüllte Andrew nochmals und als Matthew dennoch vorwärts drängte, ſtreckte er ihn mit einem gewaltigen Fauſtſchlage zu Boden. Als Matthew halb bewußtlos hinſank, ſtürzte der kleine Charley ſich ſchreiend über ihn hin. In den beiden andern Männern ſchien eine menſchliche Regung zu erwachen.„Laß es gut ſein, Andrew, laß ihn gehen mit ſeinem Kinde, wenn er verſpricht, darüber zu wachen und ihm ſtreng das Plaudern zu unterſagen.“ In dieſem Augenblick fiel Andrew's Auge auf eine gewaltige Schere, welche an der Wand befeſtigt war. Ein anderer gräßlicher Gedanke be⸗ mächtigte ſich ſeiner bei dieſem Anblick. Er riß das Kind empor mit einem Griff ſei⸗ ner mächtigen Fauſt, während er den Vater und ſeine andern Spießgeſ ten, mit der andern wild zurückſchleudert Das Geſchrei des Kindes wurde krampfhaft— vann noch ein jäher Aufſchrei— plötzlich wurde es ſtill. 7 144 8 ellen, welche ihm wehren woll⸗ 106 „Verfluchter Mörder, mein Kind!“ ſchrie Matthew. Eine wohlthätige Ohnmacht befreite ihn für Augenblicke von dem Anblick der entſetzli⸗ chen Verſtümmelung ſeines geliebten Charley. „Jetzt ziſche nur, kleine Natter, das Ausplau⸗ dern wird Dir ſchon vergehen!“ hohnlachte der mit Blut bedeckte Andrew, während er den halbent⸗ ſeelten Knaben ſeinem ohnmächtigen Vater zuſchleu⸗ derte. Er hatte ihm die Zunge abgeſchnitten. Matthew erwachte aus ſeiner todtähnlichen Ohnmacht im Kerker. Das Toben und das kläg⸗ liche Jammergeſchrei des kleinen Charley war bis zur Oberwelt gedrungen und hatte eine Mord⸗ that in jenen finſteren Räumen vermuthen laſſen. Herbeigerufene Polizeimannſchaft war durch die in der Verwirrung geöffnet gebliebene Thür einge⸗ drungen und hatte die Verbrecher nach gewaltiger Gegenwehr verhaftet. Bald war den gefangenen Falſchmünzern der Prozeß gemacht, da ſie auf friſcher That ergriffen waren. Am Vorabende des letzten Tages dachte Matthew mit tiefer Wehmuth an das Scheiden vom Leben, von ſeiner geliebten Gattin und ſeinem unglücklichen verſtümmelten Knaben, an das unſäg⸗ liche Elend, welchem die Armen nun wieder entge⸗ gen gingen. Als er damals in der bitterſten Noth zum Juden gegangen war, um das letzte Kleinod, das letzte Andenken an frühere beſſere Tage zu ver⸗ äußern, um auf kurze Zeit Brod für ſich und ſeine Familie zu kaufen, hatte derſelbe die Verzweiflung des jungen Mannes, welcher ihm als ſo geſchickter Graveur bekannt war, benutzt, um ihm einen Vor⸗ ſchlag zu machen, deſſen Ausführung ihn mit einem Male aller Noth entrücken ſollte. Er ſolle die Stempel einiger Münzen von Zeit zu Zeit ſchnei⸗ den und die wenig anſtrengende Arbeit überreich⸗ lich belohnt erhalten. Matthew, dem die ſtren⸗ gen Strafen, mit welchen das Geſetz die Falſch⸗ münzerei belegt hatte, nicht unbekannt waren, ſchrak anfangs zurück, doch der ſchlaue Jude, welcher ſchon zu weit gegangen war, um wieder umzukehren, wußte ſeine Bedenken zu beſchwichtigen und ihn mit dem blanken Golde zu blenden, welches ihm ein Ende aller Noth verhieß. Was war es denn auch eigentlich?— Dort im ſchlimmſten Falle ein ſchneller Tod am Gal⸗ gen— hier der gewiſſe Hungertod— langſam und gräßlich ſeine Opfer beſchleichend— es anſe⸗ hen zu müſſen, wie von den gräßlichſten Qualen gefoltert ſeine Lieben hinſtürben, ihn, der nicht ret⸗ ten konnte, um Hilfe, um Erbarmen anflehten und endlich im Delirium mit eigenen Zähnen das letzte welke Fleiſch ſich von den Knochen riſſen. Er hatte eingewilligt. Nie Kb hatte ein 8 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Wort ſeiner Gattin verrathen, welch' ein gefährli⸗ ches Handwerk ihren kleinen Wohlſtand begründete, um ſie nicht zur Mitſchuldigen zu machen. Wäh⸗ rend ſie ihn in einem der reichen Goldſchmiedsla⸗ den beſchäftigt glaubte und ſich glücklich pries, der Nahrungsſorgen enthoben zu ſein, ſaß er ſtunden⸗ lang in finſtere Träume verſunken über ſeinem lichtſcheuen Gewerbe und konnte die Befürchtung nicht loswerden, daß das Damollesſchwert, welches über ſeinem Haupte hing, endlich doch auf ihn herabſtürzen werde. Jetzt waren dieſe Befürchtungen eingetroffen; ſchlaflos wälzte er ſich auf ſeinem harten Stroh⸗ lager umher. Da raſſelten die Schlüſſel an der Thür ſei⸗ nes Gefängniſſes. Iſt's möglich! wäre die Stunde ſchon da!— die letzte— von der keine menſch⸗ liche Gewalt uns erretten kann— mußte der Schritt jetzt ſchon gethan werden in das unbekannte Jen⸗ ſeits, aus dem noch Niemand wieder zurückgekehrt iſt— und nicht einmal der Abſchied war ihm vergönnt geweſen von Weib und Kind. Er fühlte, wie ſein Haar ſich ſträubte. Zwei Perſonen traten leiſe ein; es war der Schließer und noch eine verhüllte Geſtalt. Der helle Strahl einer Blendlaterne fiel in die ihn umge⸗ bende Finſterniß. Man gab ihm das Zeichen zu ſchweigen. Ein Bündel Kleider und etwas Wäſche legte man ihm hin unt ſagte, er ſolle ſich beeilen. Matthew kleidete ſich wie im Traume um. Wozu dieſe Heimlichkeit? War es nicht ſein Todtenhemd? Ein Hoffnungsſtrahl begann in ihm aufzudämmern. Als er ſich umgekleidet, gab man ihm ein Zeichen zu folgen. Durch ein Labyrinth von Gän⸗ gen hindurch ſchritten die Drei durch das Wohn⸗ gemach des Schließers, wo derſelbe ſeinen Mantel überwarf, bis ſie endlich durch ein kleines Hinter⸗ pförtchen in's Freie gelangten. Sie traten hinaus in die milde Nacht voll funkelnder Sterne; Matthew mußte gewaltſam ein Aufjauchzen unterdrücken.— Er war frei! Mit raſchen Schritten eilten die drei Männer durch die ſchweigenden Straßen der Themſe zu. Hier angelangt, fanden ſie einen Kahn am Ufer, in welchem ein Matroſe ſie bereits zu erwarten ſchien. Da fiel es Matthew mit einem Male ſchwer auf's Herz, daß er England verlaſſen ſollte, ohne ſein Weib, ſein unglückſiches Kind noch einmal ge⸗ ſehen, noch einmal an's Herz gedrückt zu haben. Er blieb unſchlüſſig ſtehen, aber der Unbekannte drängte ihn vorwärts in's Boot. Hier übergab er dem Schließer, der den Schlüſſel zu ſeiner Wohnung in den wogenden Strom warf, wie auch Matthew einen ſchweren Beutel und winkte zum Abſchied, indem er ſchwei⸗ gend ſich entfernte, wie er gekommen war, ohne den Dank des Betäubten abzuwarten. 1 einem dtn ng dtun lch er, in ſchien. ſchwer ohne al ge⸗ haben. kannte r den genden weren chwei⸗ ohne Mit kräftigen Ruderſchlägen flog das Boot die Themſe hinab an einen hohen Dreimaſter hin, der ſegelfertig auf dem Strome lag. Wer ſchildert das Entzücken Matthew's, als er das Verdeck des Schiffes betrat und ihm hier ſein Weib, ſein unglückliches, gemißhandeltes Kind weinend und ſchluchzend um den Hals fielen. Er hob das arme, mißhandelte Kind, welches ihn nun nicht mehr mit dem ſüßen Vaternamen begrüßen konnte, voll tiefer Wehmuth zu ſich empor und küßte es. Unmittelbar nachdem die beiden Flüchtlinge das Schiff betreten hatten, wurden die Anker auf⸗ gewunden und ehe noch die Strahlen der aufgehen⸗ den Morgenſonne ſiegreich die auf dem Strome gelagerten Nebel verſcheucht hatten, war das Schiff außer Verfolgung. Ein reicher Menſchenfreund, welcher die Ge⸗ ſchichte des unglücklichen Vaters erzählen gehört, hatte den Schließer beſtochen und ihn zur Flucht mit dem bereits Verurtheilten bewogen. Er hatte für den Schließer wie für Matthew und ſeine Familie die Ueberfahrt nach Kanada bezahlt und dort für ihr Unterkommen geſorgt. Sie lebten dort unter fremdem Namen und das Glück begünſtigte ihre Unternehmungen. Ihre Ehe wurde durch noch einen Sohn und eine Toch⸗ ter geſegnet, des Vaters und der Mutter Ehenbild und auch ihr älteſter Sohn erwarb ſich durch ketche Geiſtesgaben viele Freunde und Gönner. Am Morgen nach der Flucht Matthew's erlitten Andrew und ſeine Genoſſen den Tod durch Henkershand. — Die Sonne, Von Ir. Friedrich. die Sonne über uns am blauen weiten 4 Himmelsdome. Unſerem Auge erſcheint ſie Doals die Königin des Himmels und für —, uns iſt ſie es auch. Vor ihren Strahlen verſchwinden alle übrigen Sterne am Him⸗ mel, ſie verbreitet Tag über die Erde und ihre Strahlen erwärmen und beleben die Fluren und Geſilde, daß ſie grünen und blühen. Sie iſt die Quelle alles Lichtes und aller Wärme, die Schöpferin alles Lebens, welches auf der Erde webt und waltet, denn ohne ſie würde unſere Erde im ewigen Eis erſtarrt, todt und öde ſein. Kein Leben wäre ohne die Sonne möglich. Der geringſte Grashalm be⸗ darf der Wärme und des Lichtes, welches die Sonne Uenen erhaben und gewaltig erglänzt 1 2 ihm ſendet, das kleinſte Thier ſonnt und erwärmt ſich in ihren Strahlen. Aus unerſchöpflichem Füllhorne gießt ſie ihre Fr. Friedrich: Die Sonne. 107 Wohlthaten auf uns aus und noch nie iſt es zu viel und zu wenig geweſen, wenn auch der Menſch oft dagegen gemurrt hat. Ja der Menſch! Er weiß ja nicht einmal, was ihm ſelbſt Noth thut und zum Beſten iſt, viel weniger vermag er zu begrei⸗ fen, wie viel oder wie wenig die Erde nöthig hat. Er hält ſein Auge ſtets auf den Kreis, in welchem er lebt, beſchränkt, darüber hinaus reicht ſein Blick ſelten, nur in ſeinen Wünſchen ſchreitet er fort bis zum Unmöglichen. Kann es uns bei der unendlichen Wichtigkeit, welche die Sonne für unſere Erde und unſer ganzes Leben und Wohlſein hat, Wunder nehmen, wenn wilde Völker die Sonne als eine Gottheit anbeten? Täg⸗ lich ſehen ſie dieſelbe im Oſten aufgehen und über ihnen ſtehen, alles Gute und alles Leben ſehen ſie von ihr ausgehen oder doch durch ſie in's Le⸗ ben gerufen. Es iſt zu natürlich, daß ſie ihnen als die größte Macht erſcheint und daß ſie dieſelbe deßhalb als Gottheit verehren. Wir ſelbſt können uns zwar ein geiſtigeres, abſtrakteres Bild von der Gottheit machen, aber gewiß kein ſchöneres als die Sonne iſt. Auch wir ſehen die Sonne täglich am öſtli— chen Horizonte aufſteigen, auch für uns ſendet ſie Tag für Tag ihre Strahlen und hat noch nie einen Tag übergeſchlagen, und dennoch ſind ſo Viele, welche kaum eine Ahnung von ihrer Größe und Beſchaffenheit haben. Sie eſſen wohl das Brod, welches durch ſie gewachſen und gereift iſt, ſie er⸗ freuen ſich ſelbſt der wärmenden Sonnenſtrahlen, aber wie ſie ihren Blick meiſt auf die Erde gerichtet halten, ſo heben ſie auch ihren Geiſt nie zu etwas Höherem empor. Wie eine Königin thront die Sonne am Him⸗ mel, umgeben von ihrem Hofſtaat, den Planeten. Sie ſteht im Mittelpunkte derſelben und alle Pla⸗ neten mit ihren Monden müſſen ihre Bahnen um ſie durchlaufen und ihr folgen auf der großen, bis jetzt noch unberechenbaren Bahn, welche die Sonne ſelbſt um eine große gewaltige Centralſonne zurück⸗ legt. Und die Sonne kann mit Recht dieſe Hul⸗ digung verlangen, iſt ihr Körper doch 738 Mal größer als alle Planeten zuſammen genommen. Wir können uns am beſten einen Begriff von ihrer Größe machen, wenn wir uns vorſtellen, daß ſie einen Raum einnimmt, der in der Länge die Weite des Mondes von der Erde viermal übertrifft. Ihr wahrer Durchmeſſer beträgt 192,736 Meilen, wäh⸗ rend der unſerer Erde nur 1718 Meilen lang iſt. Ihr Umfang iſt 605,490 Meilen und die Geſammt⸗ maſſe ihres Körpers beträgt mehr als 3500 Billi⸗ onen Kubikmeilen. Dächte man ſich das Innere der Sonne hohl, ſo würden darin 112 Erdkugeln in grader Linie Platz finden und die Erde mit der ganzen ſie umringenden Mondbahn könnte, ohne daß der freie Mondlauf behindert würde, in die Sonnenhohlkugel hineingeſtellt werden. Uns erſcheint die Erde ſchon ſo unendlich 14 108 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. groß, und wie klein iſt ſie gegen die Sonne, denn die Maſſe unſerer Erde beträgt 2656 Millionen Kubikmeilen. Die Geſammtmaſſe der Sonne iſt dem⸗ nach 1,317,771 Mal größer als die unſerer Erde. Wir ſind nicht im Stande, uns eine ſolche gewal⸗ tige Maſſe vorzuſtellen und doch iſt die Sonne unter den ſelbſtleuchtenden Weltkörpern, alſo unter den Fixkörpern, einer der kleinſten. Ja in einer dreißig Mal geringeren Entfernung, als wir den Abſtand des Sirius von der Sonne vermuthen, würde dieſe für unſer Auge nicht mehr ſichtbar ſein, weil ſie zu klein iſt, um in ſolcher Weite noch bemerkbar zu ſein. Nach allen Beobachtungen der Aſtronomen iſt die Sonne ein völlig runder Körper und nicht wie unſere Erde an den Polen abgeplattet. Die Entfernung der Sonne von unſerer Erde beträgt 20,682,000 Meilen, ſie iſt alſo mehr als 400 Mal weiter als der Mond von der Erde ent⸗ fernt. Dieſen ganzen ungeheuren Raum durchlaufen die Sonnenſtrahlen in 8 Minuten und 17 Sekun⸗ den. Nach Wollaſton's Berechnung und Meſ⸗ ſung iſt die Sonne 801,073 Mal lichtſtärker als der Vollmond und außer Merkur und Venus wird unſere Erde am meiſten vor allen Planeten dadurch erhellt und erwärmt. Ehe wir auf das Sonnenlicht ſelbſt eingehen, wollen wir die Sonne ſelbſt genauer betrachten. Man hat lange geglaubt, daß die Sonne ein großes gewaltiges Feuer ſei, welches Licht und Wärme zu⸗ gleich entſende. Jetzt iſt man von dieſer Vermuthung längſt zurückgekommen; denn welchen Brennſtoff müßte ein ſolches unermeßliches Feuer haben und man hat ſeit Jahrtauſenden nicht die geringſte Abnahme des⸗ ſelben bemerkt. Jetzt ſteht die Annahme feſt, daß die Sonne mit ihren Planeten ziemlich von der⸗ ſelben Beſchaffenheit iſt. Auch ſie iſt ein feſter Körper, der ſich in 25 Tagen, 8 Stunden und 9 Minuten einmal um ſeine Achſe dreht. Nehmen wir ein gutes, mit einem dunklen Blendglaſe verſehenes Fernrohr zur Hand, ſo erſcheint uns die Sonne als eine weiß⸗ liche runde Scheibe, die mit mattgrauen Pünktchen und einigen Flecken beſäet iſt, welche inmitten ſchwarz erſcheinen und von einem grauen Nebel an den Rändern umgeben ſind. Zwiſchen ihnen ſchimmern unſerem Auge Lichtadern entgegen, welche Sonnenfackeln genannt werden und heller ſind als die übrigen Theile der Sonnenfläche. Jene mit Nebel umgebenen Flecken verändern ihre Geſtalt und verſchwinden endlich ganz. Dieſe Flecken ſind oft ſo groß, daß ſie ſich über den vierten, ja dritten Theil des Sonnendurchmeſſers erſtrecken und alſo 50 bis 60.000 Meilen lang ſein müſſen. Sie verändern ſich faſt täglich. Zuweilen erſcheint die ganze Sonnenſcheibe fleckenfrei und es hat Jahre gegeben, in denen aufmerkſame Beobachter nicht einen einzigen Flecken bemerkt haben. In andern Jahren hingegen ſind ſie wieder ſehr häufig. Die Aſtronomen ſind über die Urſachen, wo⸗ durch dieſe Sonnenflecken hervorgerufen werden, noch nicht völlig einig. Am meiſten hat Herſchel's An— ſicht für ſich. Nach ihm iſt, was die meiſten Neueren beſtätigt haben, der Sonnenkörper ſelbſt dunkel, aber von zwei Lichtſphären(Photoſphären), einer helle⸗ ren äußeren und einer weniger hellen innern um⸗ geben. Sobald nun beide Lichtſphären durch irgend eine Urſache zerriſſen oder getheilt werden, wird der dunkle Sonnenkörper ſichtbar und es erſcheinen die dunklen Flecken in der Sonnenſcheibe. Die beiden Lichtſphären ſind nämlich der Herd, von welchem das Licht und die Wärme ebenſo wie die elektriſchen galvaniſchen Kräfte ausgehen. Auf welche Weiſe ſie dort bereitet werden, wird dem Menſchen ewig ein Geheimniß bleiben, denn: „Ins Inn're der Natur ſchaut kein erſchaff'ner Geiſt.“ Angenommen wird, daß die Sonne, wie alle ſelbſtleuchtenden Weltkörper, den Lichtſtoff aus dem ungeheuren Weltenraum empfängt. Nach den mühevollen und ſorgfältigen Unter⸗ ſuchungen der beiden Aſtronomen W. Herſchel und Schröter iſt der Sonnenkörpern von ziemlich gleicher Beſchaffenheit wie die Planeten. Auch die Sonne umgibt eine Atmoſphäre, in der ſich Wolken bilden und über die Sonne hinziehen, wie Erden⸗ wolken an trüben Tagen. Auch auf der Sonne gibt es Bergketten und Bergſpitzen, tiefe Krater und Thäler. Ob aber auch dieſe Thäler grünen, ob auch an dieſen Bergabhängen Blumen blühen und duften, ob auf jenen unermeßlich weiten Flu⸗ ren, welche der Sonnenkörper darbietet, ähnliche Freuden und Leiden wohnen, wie ſie hier auf Er⸗ den die Menſchenbruſt erfüllen? Wer weiß es? Wer kann es behaupten, wer läugnen! Grünt und blüht es auch auf der Sonne, rauſcht auch dort der Wind durch die Wipfel hoher Bäume, gibt es auch auf ihr lebende Weſen und mit Bewußtſein ſchlagende Herzen, ſo wiſſen wir zum wenigſten, daß ſie anders organiſirt ſein müſ⸗ ſen als wir, anders als unſere Thiere, unſere Bäume und Blumen, denn die Beſchaffenheit des Sonnenkörpers ſelbſt iſt eine andere als die unſe⸗ rer Erde. Aus der genau berechneten Attraktions⸗ kraft der Sonne, welche nur 355,499 Mal grö⸗ ßer iſt als die unſerer Erde, wiſſen wir, daß die Dichtigkeit des Sonnenkörpers die unſerer Erde nicht erreicht. Sie iſt nur ungefähr ¼ ſo dicht als unſere Erde und hat ziemlich die Dichtigkeit unſeres Ebenholzes und unſerer Braunkohle. Hier⸗ aus folgt, daß die Schwerkraft an der Oberfläche der Sonne faſt 29 Mal größer iſt als an der Ober⸗ fläche der Erde. Ein Körper, der bei uns 4 Pfund wiegt, würde nach unſerem Gewichte auf der Sonne mehr als ein Zentner ſchwer ſein und ein Stein, der bei uns in der erſten Sekunde 15 Fuß fällt, würde auf der Sonne in derſelben Zeit 435 Fuß fallen. Würden wir mit unſerem Körper auf die Sonne verſetzt, ſo würden wir kaum im Stande ſein, unſere Füße emporzuheben, ſo ſchwer würden ſie durch die neun und zwanzig mal größere Anziehungskraft des Sonnenkörpers ſein. Fielen wir auf ihn nieder, ſo würden wir uns ſchwerlich wieder erheben kön⸗ nen, denn unſer Körper würde durch die Heftigkeit des Falles zerſchmettert ſein, ebenſo als wenn wir auf die Erde von einem hohen Gerüſte herabfielen. Blühten unſere Blumen auf der Sonne, der ſchwache Stengel würde nicht im Stande ſein, die Blüthen zu tragen, die Aeſte unſerer Bäume würden durch ihre Schwere herabgedrückt brechen. Schon aus dieſen wenigen Punkten können wir erſehen, daß, wenn die Sonne wie unſere Erde mit Geſchöpfen belebt iſt, ſie anders organiſirt ſein müſſen, es müſſen Cyklopen an Kraft ſein. Und auch an Größe, denn mit Recht können wir aus den entſprechenden Verhältniſſen, welche wir überall im ganzen Weltall wahrnehmen, ſchließen, daß ihre Größe im richtigen Verhältniß zur Sonne ſelbſt ſtehen wird. Die Sonne ſcheint ſich in einem größten Kreiſe, deſſen Mittelpunkt unſer Auge bildet, von Oſten nach Weſten zu bewegen; in Wirklichkeit läuft ſie aber von Weſten nach Oſten und zwar in dem Zeitraume von 365 Tagen, 5 Stunden, 48 Mi⸗ nuten und 45 Sekunden durch ſämmtliche Geſtirne des Thierkreiſes. Wenn am 21. März die Frühlings⸗Nachtgleiche (Aequinoctium) eintritt, ſteht die Sonne im Widder. Auf der ganzen Erde iſt Tag und Nacht gleich. Die Sonne ſcheint höher zu ſteigen, die Tage werden länger, die Nächte kürzer, bis ſie am 21. Juni, der Sonnenwende(Solſtitium), das Geſtirn des Krebſes erreicht. Die Tage ſind bei uns am läng⸗ ſten, die Nächte am kürzeſten. Nun ſcheint die Sonne ſich wieder zu ſenken, bis ſie am 21. September in das Sternbild der Wage tritt. Es iſt Herbſt⸗Nacht⸗ gleiche(Aequinoctium) und zum zweiten Male im Jahre iſt für uns Tag und Nacht gleich. Die Sonne rückt weiter und erreicht am 21. Dezember, der Winterſonnenwende(Solſtitium), das Sternbild des Steinbocks. Die längſte Nacht und der kürzeſte Tag iſt für uns eingetreten. Der Kreislauf der Sonne iſt vollendet. Sie ſchreitet dem Geſtirne des Widders wieder zu und mit jedem Schritt vorwärts wächſt das Hoffen des Menſchen auf längere, ſonnige Tage, auf Frühling und Blüthenduft. Der Lauf der Sonne iſt nicht immer gleich⸗ mäßig. Während ſie im Januar in der Stunde 61 Minuten und 11 Sekunden fortrückt, rückt ſie im Juli in demſelben Zeitraume nur 17 Minuten und 11 Sekunden weiter, deßhalb vermögen unſere Uhren dem Sonnenlaufe auch nicht zu folgen. Der obenangegebene Zeitraum, in welchem die Sonne ihren Lauf durch die Geſtirne des Thier⸗ kreiſes vollendet, bildet das aſtronomiſche Jahr, welches 5 Stunden 48 Minuten und 45 Sekunden 4 Fr. Friedrich: Die Sonne. 109 länger iſt als unſere mechaniſche Zeitbeſtimmung, denn unſer Jahr enthält nur 365 Tage. Dieſer ſich jährlich ergebende Ueberſchuß wird auf die Weiſe ausgeglichen, daß alle vier Jahre, wo der Ueberſchuß 23 Stunden und 12 Minuten, alſo einen Tag beträgt, ein Tag eingeſchaltet wird und zwar zwiſchen dem 23. und 24. Februar. Dieſer Tag heißt Schalttag, das Jahr Schaltjahr und zählt 366 Tage. Eine äußerſt intereſſante Erſcheinung, welche für uns in periodiſch und regelmäßig wiederkehren⸗ den Zeitabſchnitten mit der Sonne vorgeht, ſind die Sonnenfinſterniſſe. Sie finden jedes Mal ſtatt, wenn der Mond zwiſchen die Sonne und die Erde tritt und durch ſein Vorübergehen vor der Sonnen⸗ ſcheibe uns das Licht für die Zeit des Vorüber⸗ gehens entweder ganz oder theilweiſe entzieht. Es wird Manchem unerklärbar ſein, wie der kleine Mond im Stande iſt, den fünfundſiebenzig Millionen Mal größeren Sonnenkörper für uns zu bedecken. Dieß erklärt ſich leicht daraus, daß der Mond unſerer Erde viel näher iſt, als der Sonne. Ein kleines Haus iſt auch im Stande, uns einen hinter ihm liegenden und viel tauſend Mal grö⸗ ßeren Berg zu verbergen, ſobald wir uns dicht vor dasſelbe ſtellen. Entfernen wir uns davon, ſo wird natürlich der Berg ſofort für uns ſichtbar hervor⸗ treten. Der Zeitpunkt, wann eine Sonnenfinſterniß eintritt, läßt ſich von den Aſtronomen bis auf die Minute und Sekunde genau und auf tauſend Jahre im Voraus berechnen. Ein neuer Beweis, welche Genauigkeit, welche Ordnung in dem großen Gan⸗ zen des Weltalls herrſcht. Eine Genauigkeit, der ſich der Menſch in ſeinen ſorgfältigſten und müh⸗ ſamſten Werken nicht einmal annähernd nahen kann. Noch jetzt herrſcht im Volke über Sonnen⸗ finſterniſſe ein vielfacher Aberglaube, weil es das Natürliche dieſer großartigen Erſcheinung nicht kennt und ſich deßhalb auch die dahei hervortretenden einzelnen Erſcheinungen nicht zu erklären vermag. Noch jetzt deckt man in vielen Gegenden während einer Sonnenfinſterniß die Brunnen und Quellen zu, läßt Thiere während dieſer Zeit kein Waſſer ſaufen, weil man glaubt, daß das Waſſer durch die Sonnenfinſterniß vergiftet werde. Die Sonnenfinſterniß übt aber auf das Waſ⸗ ſer nicht den geringſten Einfluß aus. Bei totalen oder ſehr ſtarken Sonnenfinſterniſſen ſuchen aller⸗ dings die meiſten Vögel, z. B. Hühner, Schwal⸗ ben u. ſ. w. ihr Nachtlager auf, Blumen, welche ſich des Abends ſchließen, thun es auch während der Finſterniß, und alle Gegenſtände erhalten eine eigenthümliche bleiche, faſt aſchgraue Färbung, ähnlich, als wenn ſie in einem dunklen Raume durch eine Spiritusflamme beleuchtet werden; aber dieß Alles wird durch das verdeckte Sonnenlicht, 110 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. welches nur ſchwach und in gebrochenen Strahlen zu uns dringt, hervorgerufen. Die Thiere führen keinen Kalender, in dem ihnen die Sonnenfinſterniß vorher angezeigt wird, ſie ſuchen, wie täglich bei eintretender Dämmerung, ihr Nachtlager auf. Iſt aber die Sonnenfinſterniß vorüber, ſtrahlt das volle Sonnenlicht wieder auf die Erde nieder, dann kommen auch die Thiere wieder hervor und die Blumen öffnen ſich wieder, bis der Abend ſie wie immer von Neuem ſchließt. Seit Jahrhunderten, ja Jahrtauſenden hat man geglaubt, die Sonne ſtehe ſtill in dem großen Weltenraume und auch jetzt iſt dieſer Glaube noch ziemlich allgemein verbreitet. William Herſchel verdanken wir die große Entdeckung, daß die Sonne außer ihrer Achſendrehung mit ihrem ganzen Sy⸗ ſteme in fortwährender Bewegung iſt. Die tüchtig⸗ ſten Aſtronomen haben ſeitdem dieſer Entdeckung ihre ganze Aufmerkſamkeit gewidmet und nach den mühevollen und ſorgfältigen Unterſuchungen Mäd⸗ ler's können wir es jetzt als beſtimmt annehmen, daß die Sonne mit ihrem Syſteme, wie überhaupt alle die Millionen Sterne, welche wir am Himmel erblicken, um eine große, gewaltige Centralſonne ihre unermeßliche Bahn durchläuft. Wo dieſe Centralſonne iſt? Bis jetzt iſt ſie noch nicht genau erforſcht. Man vermuthet ſie nach allen Unterſuchungen in dem prachtvollen Siebenge⸗ ſtirn, in der herrlichen Gruppe der Plejaden. Die Aleyone iſt der heliſte Stern in dieſer Gruppe und ihn ſieht man als den Centralpunkt, als die große Centralſonne für all die Millionen Sterne, welche wir erblicken, an. Aber welche Bahn iſt es, welche unſere Sonne um dieſes Centrum zu durchlaufen hat? So weit es bis jetzt berechnet iſt, würde ſie dieſelbe erſt in 18 ½ Millionen Jahren vollenden. So weit reicht keines Menſchen Auge und Alter! Und wie viel tauſend und tauſend Generationen müſſen auf uns folgen, ehe ſie ſagen können, jetzt hat die Sonne ihre Bahn einmal vollendet, ſeitdem der Menſch die Entdeckung derſelben gemacht hat! Wer weiß, ob, wenn die Erde überhaupt dann noch beſteht, es noch Menſchen auf ihr gibt! Wer kann ſagen, daß eine Geſchichte von 18 Millionen Jahren möglich iſt! Dieſe Gedanken machen uns in's Endloſe abirren. Richten wir lieber unſer Auge und unſern Geiſt auf Näherliegendes, um zu erkennen, wie unendlich viel und zugleich wie unendlich wenig wir noch erforſcht haben! Größer noch als die Sonne am Hinmel iſt unſere Geiſtesſonne, unermeßlicher noch ihre Bahn. Da weiß Niemand, wo ſie beginnt und wo ſie endet, da kennt Niemand ihr Centrum. Wir ſagen wohl, das iſt die abſolute Wahrheit, aber ohnmäch⸗ tig ſtehen wir davor und fragen wieder:„Was iſt wahr?“ Die Ruinen Carthago's. ie kleinſten Ruinen ſind die traurigſten. Große Ruinen haben etwas impoſantes, das die (ec melancholiſche Gegenwart durch ein lebhafte⸗ 20)5 res Bild der großen Vergangenheit erſetzt. — Wer die großen Trümmer Roms erblick, denkt wohl zuerſt an die vergangenen Tage, in denen ſolche Rieſenbaue entſtanden, an ihre Schö⸗ pfer, und erſt ſpäter an die todte Stille rings⸗ umher. Wo aber nichts mehr übrig blieb, als einige unbebeutende, formloſe Steinhaufen, wo man nicht mehr mit Gewißheit ſagen kann, da oder dort ſei jene unvergeßliche Weltbegebenheit geſchehen, wo ſelbſt die Archäologen, die„ausdauernder als die Rache und zudringlicher als die Hyäne“ geſcholten werden, an jener beſtimmten Spur verzweifeln: dort pflegt der Eindruck für die Menſchenwürde ſehr unerfreulich„u ſein. Es gibt 4 feigen und niedrigen Zug im Menſchen, der ihn ſtets drängt, den Sieger zu er⸗ heben, den Beſiegten zu verachten und jeden Aus⸗ ganz für ein Gottesurtheil anzuſehen. Wahr iſt der Flucht in der Weltgeſchichte: Weh dem Beſiegten! Der Unterlegene verſchwindet in den Annalen, und ungerächt fallen heißt auch unvermißt und ungefeiert dahinſinken. Vielleicht iſt kein Ort der Welt, wo ſich dieſe Bemerkungen ſo aufdrängen wie in Carthago. Das praktiſchere und kriegeriſche Volk ſiegte, vom Be⸗ ſiegten hinterblieb nur der Hohn und der böſe Leumund des Siegers oder ſein unfreiwilliges Ge⸗ ſtändniß. Wir Alle wiſſen, wie in dieſem Lichte die beſiegten Götter und Helden zu Kobolden und Räubern werden.— Alle Ruinen pflegen drei Epochen durchzuma⸗ chen. Kein größeres Gebäude, um ſo weniger eine Stadt, verſchwindet wohl auf einmal, es bleiben ſtets einige Ruinen, die erſt die Zeit und ſpäter Be⸗ ſchädigungen allmälig von der Erdoberfläche ver⸗ tilgen, bis alles begraben und vergeſſen iſt. In der erſten Periode befinden ſich die römiſchen Ruinen in Algier, Armenien, in der zweiten Carthago und unlängſt noch die Städte Meſopotamiens. Dann erſt kömmt die eigentlich archäologiſche Periode, wo die Ruinen als ſolche aufgeſucht, erforſcht und re⸗ ſtaurirt werden, die unwillkürlich an Sainte Beuve's Worte erinnert:„Der ſchöne akademiſche Moment um eine untergegangene Nationalität zu rekon⸗ ſtruiren iſt, wenn von ihr nichts mehr übrig iſt, als eine unentzifferbare Schrift auf zerbrochenen Töpfen.“ Bei Carthago kam noch eine beſondere Wuth hinzu, um ſeine Ruinen mehr zu vernichten, als aller römiſche Haß. Das energiſcheſte und charakter⸗ feſteſte Volk der Welt hatte kaum vor 24 Jahren denjenigen mit den gräßlichſten Flüchen belegt, der das von ihm zerſtörte Carthago wieder aufbauen würde, als es ſelbſt dahin Leute ausſendete, und die Gegenpartei, Adel und Prieſter, konnten nichts mehr thun, als erzählen, wie die Säulen der Land⸗ meſſer durch Wölfe umgeſtürzt wurden, ohne daß dieſes Prodigium etwas half. Auguſtus ſendete 3000 Familien dahin ab. Bald wurde dieſe Stadt ſo puniſch, daß ſelbſt ihr römiſcher Name Junonia verloren ging; ſie wuchs zur erſten Stadt Nordafrika's und wurde durch eine Jronie der Weltgeſchichte einmal die Haupſtadt des römiſchen Reiches! Auch nach der Zerſtörung (697 nach Chr.) durch die Araber verödete ſie nicht ſogleich, denn noch 1270 er⸗ wähnt Wilhelm von Nangis hier eines Dorfes. Dieſes zweite Carthago iſt es zumeiſt, deſſen Trümmer man noch vorfindet, Die Ruinen Caxthago's. 111 wig, der nach der arabiſchen Tradition auf dem Todbette(13. Auguſt 1270) ſich zum Islam be⸗ kehrte. Der ſüdliche Hügelzug zeigt blos wüſte Steinmaſſen mit Zwergpalmen, Färberflechten(Roc- cela) und Sedum azureum bewachſen. In dem Rohr am Meere hauſen wilde Eber, und ſtolziren Flamingos auf und ab. Für puniſch hält man blos zwei Reſte, die Ciſternen und die erſte Anlage der Byrſa und des Hafens. Das geſchichtliche Centrum der Stadt war die Byrſa, die Akropolis am Südweſtabhang des Hügels nicht fern vom Meere, ein Hügel, dem wohl Menſchen⸗ hände ſeine re⸗ gelmäßig vier⸗ eckige Geſtalt gaben. Alle Reiſen⸗ den ſchildern die Ausſicht von dieſem Hügel als unendlich von erſten kann wohl gelten was der Dichter ſagt: „Jamjam pe- riere ruinae.“ Zwiſchen dem Golf vom Tu⸗ nis des Mittel⸗ meeres öſtlich, dem Strandſee von Tunis ſüd⸗ lich und dem Strandſee von Sakkora(dem ehemaligen Golf von Utika) nörd⸗ traurig, das Meer mit der Inſel Zowamur, die weißen Kalk⸗ felſen des Cap Addar, die nack⸗ ten Gebirge bis über dem wei⸗ ßen Tunis, die kahlen Salzſtep⸗ pen umher, die nur um das Dorf Ariana, das ſeiner Ro⸗ ſen halber be⸗ rühmt iſt und — lich, liegt eine in einem Oli⸗ etwa drei Q.⸗ venwald liegt, Lieues große etwas Grünes Halbinſel, die darbietet, bis im ſchmälſten zum fernen Dze⸗ weſtlichen Theile bel Zaghwan nur drei tauſend Carthagiſcher Tempel.(4133 hoch)— Schritte breit etwa ſo wie zur wird. Dieſer weſtliche Theil iſt Sanddüne, der öſtliche ein Hügel. Die alte puniſche Stadt nahm den größern öſtlicheren Theil dieſer Halbinſel ein, die römiſche nur die Nordoſtecke des Hügels. Den größern Theil dieſer Halbinſel, die Niederung, wie den nördlichen Hügelzug decken jetzt Gärten voll Oliven⸗, Feigen⸗ und Johannisbrodbäumen. Dazwiſchen liegen einige elende Dörfer, einige Landhäuſer, das Fort Dzedid (das neue) und eine Batterie am Meere, ein Leucht⸗ thurm und zwei Gräber, beide desſelben Mannes, hier verehrt als muſelmänniſcher Herliger Lidi busaid bekri, dort als chriſtlicher Heiliger Lud⸗ Zeit, als Marius ſich hier verbarg. Wie ſchön mußte dieſer Hügel zur puniſchen Zeit ſein, als vom Markte drei treppenartige ge⸗ pflaſterte, 1500“ lange ſchmale Gaſſen(die Römer überſetzten auf Brettern von einem Dache zum an— dern) ſechsſtöckiger Häuſer hinanführten, drei Mau⸗ ern ihn umgaben und 60 Stufen zum goldglän⸗ zenden Tempel des Eſchmun führten, des Himmels⸗ gottes und Beſchützers von Carthago, dem Staats⸗ ſchatz und Sitz des geheimen Rathes, der fernhin leuchtend dem Meeresſchiffer die Welthandelsſtadt verkündete. Am ſchönſten mußte er aber ſein im letzten Todeskampf Carthago's, als Seipio's Sol⸗ 112 Erinnerungen. daten nach tagelangem Kampf und Brand in den Straßen andringend ihn in Flammen aufgel hen ſa⸗ hen, da die letzten Vertheidiger Carth hago's ſich lieber ſelbſt verbrannten als ergaben, und die muthige Gattin Hasdrubals dem Gatten das Beiſpiel gab, was beim Falle des Vaterlandes zu thun ſei. Um dieſen Hügel herum l lag der glänzendſte und bevölkerteſte Stadttheil. Das beſterhaltene Monument Carthago's ſind die öſtlich von der Byrſa gelegenen Liſternen, 18 Gewölbe neben einander von zuſammen 150“ Länge und 120“ Breite. Jetzt liegen ſie trocken, die hintern beherbergen Häänen und Schakale, in den vorderen ſchreiben ſich die Beſucher Carthago's auf die Wand auf. Längs des ganzen Meeresufers gab es einen Quai mit Thürmen, der nun im Meere liegt. Die größten Reſte kann man im Süden verfolgen, wo über 500“ lang und 300“ breit große Quadern im Meere liegen. Der eigentliche Hafen von Carthago beſtand aus zwei künſtlich gegrabenen Strandſeen(portus alii effodiunt). Der äußere Handelshafen hing mit dem Meere zuſammen und hatte 1800“ Länge und 800“ Breite. Aus ihm kamen die Kriegsſchiffe durch einen Kanal in den Cothon, der etwa 5000“ Q.⸗Fuß groß war, und nach der Inſel in der Mitte hieß. Ein einziges Denkmahl Carthago's erinnert immerwährend an ſeine alte Größe: die Waſſer⸗ leitung vom Zaghwan zu den Ciſternen, die in gerader Linie 8 Meilen, durch die vielen Umwege aber vielleicht doppelt ſo lang iſt. Es iſt wohl römiſche Arbeit, unter Hadrian oder Sever, wo ihrer zuerſt erwähnt wird. Die Röhre iſt 5 ½, breit und 2 ½ hoch, gewölbt und läuſt theils ober, theils unter der Erde. Die Pfeilerreihen beſtehen aus dem parietes fornacei genannten Mauerwerk. Ueberall ſind Oe effnungen zum Reinigen der Röhre, wo ſie unterirdiſch läuft, ganze Schächte von oben herab hiezu gebaut. (Nach der„Wiſſeenſchaftl. Beogra doneien Kalackö.) —--— Ritter Kuno. Von Robert Gyr)—.9 (Schluß.) 2 D) itter Kuno war eine poetiſche Seele!— Es war der letzte Tag von den achten, die ihm ein löblicher Regimentsbefehl ge⸗ gönnt hatte, in ſeinem Zimmer ungeſtört Be⸗ trachtungen über die Unverträglichkeit von Poeſie und Inſpektion anzuſtellen. 8 Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Natur irgendwo vergeſſen haben, Ritter Kuno ging in ſjiai ziemlich großen und in Folge deſſen nur um ſo leerer ausſehenden Zimmer auf und ab. Wer iſt nicht ſchon auf und ab gegangen? wer hätte nicht ſchon, um Abwechsl lung in dieſe einförmige Bewegung— die in ihren Fol gen ſchon oft rieſen- und vielförmige Bewegung im Wettl auf verurſachte— zu bringen, wer hätte nicht ſchon einmal die Breite und einmal die Länge ſeines Behäl tniſſes gemeſſen? Aber für Ritter Kuno war das noch viel zu gewöhnlich— er maß die Diagonalen, zueft ſo, dann wieder ſo, ſeinen Weg anders kreuzend; denn aus der Hypothenuſe konnte er ja die Summe der Quadrate der beiden Katheten berechnen, d. h. wenn er jemals über jene ſtolze Brücke gewandelt war, die ſchon ſeit io Vihe Jahrhunderten hält und Hälſe bricht, Pythagoras muß doch ein tüchtiger Vaumeiſter zane ſein!— Er konnte alſo Summen berechnen und Summen war für ihn ein großes Wort, wo es in ſeiner Buchhaltung ſo viel zu ſubtrahiren und ſo wenig zu addiren gab. Schon ſeit einigen Minuten hatte ſich die Thüre geöffnet und Lieutenant K. ſchaute mit ver⸗ ſchränkten Armen den Kefens und Querzügen ſei⸗ nes Kameraden zu. Der ließ ſich aber dadurch gar nicht ſtören. K. trat endlich vollends in's Zimmer, ſchloß die Thüre hinter ſich zu und brach in ein heiteres Gelächter aus. „Was zum Henker treibſt D er W. an. Dieſer blieb vor K. ſtehen und in napoleoni⸗ ſcher Stellung antwortete er ernſt: „Freund, ich mache Pläne.“ „Pläne? was für Pläne?“ „Pläne reich zu werden, denn ich fühle es, ich bin zum Millionär geboren!“ „Schon möglich,“ erwiederte K. lachend,„aber die Million, die Dir beſtimmt war, muß Mutter denn ſo viel ich weiß, berfteige bei Dir„Soll“ immer das„Haben“.“ „Das heißt nichts anderes als„ſollte haben“!“ verſetzte im vollen Ernſte Ritter Kuno. „Ja, Du haſt recht!“ lachte K. noch heiterer. „Das iſt eine neue Anſchauungsweiſe, die ich mir merken und verſuchen will, ſie nächſtens meinem Vater begreiflich zu machen. Aber laß hören, was haſt Du denn für Pläne gemacht?“ „O großartige! Da nimm aber Zigarren!“ und damit ſtellte er ein Zigarrenkiſtchen auf den Tiſch, ohne in ſeiner Verzückung zu bemerken, daß ein roſarothes Papier, das den Boden deckte, und zwei Baſthänder den g ganzen Inhalt desſelben aus⸗ machten, der an das einſt Dageweſene mahnte. „Ja, da ſind ja gar keine darin!“ lachte K. hell auf. „So?— na, da rauche denn eine von den u denn da?“ rief Robert Byr: Ritter Kuno. 113 deinigen, kannſt mir bei der Gelegenheit auch gleich eine geben.“ Beide brannten ſich an einem mühſam hinter einer Kommode aufgetriebenen Zündhölzchen die Zi⸗ garren an, K. warf ſich der Länge nach auß's krei⸗ ſchende Bett und Ritter Kuno begann wieder ſei⸗ nen Spaziergang von Winkel zu Winkel. „Alſo Deine Pläne?“ hob K. wieder an. „O alles großartig! ich kann es nicht vertra⸗ gen zu knickern im Kleinen, während man auf der andern Seite glänzen will!“ antwortete W. und blies ſtolz eine bläuliche Rauchwolke an der Naſe vorbei gerade himmelwärts. „Da haſt Du recht, ich denke auch ſo.“ „Ich wäre bis auf's Kleinſte bedacht,“ ſetzte Ritter Kuno fort,„die Gamaſchenknöpfe der Die⸗ ner ſelbſt müßten aus gediegenem Golde ſein.— Die Speiſen würden bei mir nicht aufgetragen, ſondern ſie höben ſich durch eigene Flaſchenzüge aus der Küche in kleinen ſilbernen Wägelchen, die dann auf einer niedlichen Bahn von goldenen Schie⸗ nen an den Gäſten vorbei bis auf ihren Platz auf der Tafel rollten.— Einrichten würde ich mein Haus überhaupt großartig. Zwanzig Diener müß⸗ ten bei Tag und zehn bei Nacht bereit ſein, auf das leiſeſte Glockenzeichen in das Zimmer zu ſtürzen.— Ich ſage Dir, Freund, ich verſtände es zu leben. Zum Beiſpiel ich will nach Paris reiſen, ich reiſe aber nicht gerne, was mache ich?— Ich gebe ganz einfach meinem oberſten Kammerdiener den Befehl:„Morgen nach Paris, um acht Uhr Früh Dienſtag mich aufwecken!“— dann nähme ich einen Schlaftrunk und legte mich zu Bette. Mein Haus hat keine Stiegen, ſondern Senk⸗ und Hebemaſchinen. Zur beſtimmten Stunde läßt mich mein oberſter Kammerdiener ſammt dem Bette auf die Verſenkung rollen, das Bett ſenkt ſich, unten erwartet mich mit geöffnetem Dache ein Waggon aus meiner Remiſe, an dem eine Lokomotive mit ſich ſelbſt legenden Schienen— neueſter engliſcher Erfindung— angeſpannt iſt; dieſe ſchleppt mich auf den nächſten Bahnhof, ein Separatzug entführt mich nach Paris, die Lokomotive mit mitreiſenden Schienen führt mich in mein Hotel, wo ich wieder gehoben werde und Dienſtag um acht Uhr von meinem oberſten Kammerdiener geweckt, die Augen in meinem Pariſer Schlafgemache aufſchlage.“ „Freund, Du haſt eine mützelburgiſche Phan⸗ taſie! Du biſt ein Mann der kühnſten Illuſionen und alhambraartiger Luftſchlöſſer!“ rief K., der bis jett halb lächelnd, halb verwundert zugehört hatte. „Sage lieber, der Pläne!“ erwiederte W., der ſich dabei ſelbſtzufrieden durch die Haare ſtrich. „Ja, Pläne ſind das ſchon, aber keine wie die Million zu bekommen iſt, ſondern wie ſie mit mancher Schweſter durchgebracht werden könnte. Ich dachte, Du habeſt eine Idee, wie reich zu werden!“ „Das kann nicht ausbleiben, ich habe Dir ja ſchon geſagt, ich bin dazu geboren.“ Erinnerungen. 1859. „Du machſt Dir Illuſionen!“ „Ohne Illuſionen wäre das Leben auch zu traurig!“ meinte Ritter Kuno. „Da bin ich ganz der entgegengeſetzten An⸗ ſicht; denn ſo lange man nach Illuſoriſchem ſtrebt, ſind die Enttäuſchungen nur natürlich und jede Illuſion geht mit einem Schmerz verloren, den man ſich erſparen kann, wenn man ſich alle mög⸗ liche Mühe gibt, ſelbſt die Iluſionen abzuſchüt⸗ teln. Man wird dann vielleicht vieles ſchlechter ſe⸗ hen, aber man iſt auch keiner bittern Enttäuſchung ausgeſetzt. Man wird das Reelle ſuchen und im Reellen endlich auch ein dauerndes Glück finden.“ „Ah was, Dichter müſſen Illuſionen haben, und ich bin Dichter!“ verſetzte Riter Kuno. „Weit gefehlt! Phantaſie iſt nöthig, aber Jl⸗ luſion iſt eine Zugabe, die ſich die Dichter ſelbſt aufdisputiren.“ „Nun, das iſt alles eins. Du biſt Humoriſt, Du greifſt deßhalb die Illuſionen an. Ich aber lebe in der Illuſion, daß es gleich fünf Uhr ſchla⸗ gen wird und meine Befreiungsſtunde da iſt.“ „Darin,“ erwiederte K.,„täuſcheſt Du Dich auch nicht, es war alſo keine Illuſion.“ „Dann muß ich ſogleich fort!“ „Wohin?“ „Zu ihr!“ „Zu ihr? zu ihr?“ fragte erſtaunt K. „Nun ja, zu Bertha!“ „Ja, wer iſt denn dieſe Bertha?“ und K. erſtaunte immer mehr. „Ja weißt Du das nicht?“ „Woher denn?“ „Nun ſo höre!“ begann W. feierlich.„Als ich letzthin meiner Elſe, meiner Muzi wollt' ich ſagen, nachgelaufen war und den Rückweg ſuchte, da kam ich auf einen Feldweg, den ich noch nie betreten hatte. Der Weg führte auf einem Damme dahin, der gegen die Ueberſchwemmungen gebaut ſein mochte. Rechts vom Wege zog ſich ein Park voll alter Bäume dahin, der durch eine Mauer von de gß war. Da ſie aber in der Tiefe ahedusmgüber ſie in de ehe hwaree anz alße 4 vor Zorn über meine luugezogene Muzi— nun, jetzt kann ſie ein anderer erziehen!— der Mond ſchien ſo hell und klar vom Himmel....“ „Nur nicht poetiſch werden!“ unterbrach ihn K. „Da erblickte ich,“ ſetzte W. fort,„eine weiße Geſtalt auf einem Hügel in der Ecke der Park⸗ mauer, die träumeriſch auf einer Bank ſaß.“ Die Parkmauer?“ „Ach! die Geſtalt! und in den Mond ſah.“ „Alſo eine Mondſüchtige!“ unterbrach K. „Höre doch auf, Spötter!“ verſetzte W.„Ich konnte ihr Antlitz nicht ſehen, denn ganz geräuſch⸗ los konnte ich mich doch nicht nähern, und als ſie meiner anſichtig wurde, floh ſie wie ein derſcheuch⸗ tes Reh.“. 15 114 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. K. ſpöttiſch. „Du läßt mich ja gar nicht erzählen!“ „Nun, ſo erzähle nur.“ „Freund, ſie war ſo ſchlank, ſo leichtfüßig, ſie ſchwebte nur wie eine Fee!“ rief W. enthuſiaſtiſch aus. „Nun, und iſt das alles?“ „Ja.“ „Sonſt gar nichts mehr?“ „Nein.“ „Woher weißt Du denn alſo, daß ſie Ber⸗ tha hieß?“ „Ach, ich nannte ſie nur ſo, weil der Name mir gefällt.“ „Sooo!“ „Freund, ich habe ein Gedicht auf ſie gemacht, höre mich an!“ W. deklamirte ſehr getragen: „Verhüllt vom Mondenlicht und weißem Nachtgewande, Schwebt leicht ſie hin durch dunkle Wildparksgänge.“ „Du, laß das auf ein andermal!“ unterbrach ihn K. „Du haſt recht, ich muß fort! Bedanken gehe ich mich erſt morgen. Angezogen bin ich ſchon, jetzt brauche ich nur noch etwas; leihe mir Deine Ter⸗ zerollen!“ „Meine Terzerollen? was willſt Du denn mit denen?“ fragte erſtaunt K. „Glaubſt Du, ich ſolle mich blind in ſolch' ein Abenteuer ſtürzen? Du biſt mein Hintermann und rechneſt wohl auf meine Stelle! Kann nicht ein eifer⸗ ſüchtiger Gatte oder ein blutdürſtiger Vater....?“ „Ach, Ritter Kuno, Du biſt unverbeſſerlich!“ lachte K. „Lache meinetwegen, aber gib mir die Ter⸗ zerollen!“ „Na, mir iſt's recht; komm zu mir hinüber.“ W. ging mit K. in deſſen Zimmer, nahm die Fauſtrohre in Empfang, lud ſie bis an die Mündung mit Kugeln, Schrotten und Nägeln und verſenkte ſie in ſeine Taſchen. „Gl ück auf!“ rief K. ₰ W. ſchlug len Badeplatze ein; mtantiſchen Feldweg entlang, kletterte ce, wo der Hügel war, über die Parkmauer und ſchlenderte unbefangen, als wenn er mit vollem Rechte beim Hauptthore hereingekommen wäre, durch die dunkeln Gänge. Er promenirte ſchon eine Viertelſtunde nach Zallen Richtungen, als er es plötzlich bei einer Bie⸗ ec. gung des Weges weiß ſchimmern ſah. eee Sie war es— Bertha war es.— Er hatte ſie ſich kaum ſo ſchön vorgeſtellt.— Da ſaß e ſie, reizend hingegoſſen auf eine Raſenbank, den Strohhut neben ſich, unter einer rieſigen Linde ackund las.— 7 Sie las! ach ſie las!— und das mußten „Nicht ſehr ſchmeichelhaft für Dich!“ bemerkte Gedichte ſein. Der grüne Einband, der Goldſchnitt, das rothe Einlegeband— das alles verrieth Gedichte. Sie las mit Entzücken, ſie ſeufzte, ſie ließ das Buch in ihren Schoß ſinken und ſchlug ſchmachtend das.... „Ach!“ ſchrie eine liebliche Mädchenſtimme. Bertha hatte den unbekannten Offizier geſehen und erhob ſich um zu entfliehen, aber der Schrecken lähmte ihre Füßchen und ſie ſank wieder auf die Raſenbank zurück. „O bleiben Sie!“ ſprach W. bittend, indem er vortrat.„O bleiben Sie, ſchon einmal flohen Sie vor mir!“ „Mein Gott!“ ſeufzte das Mädchen noch im⸗ mer vor Schrecken außer ſich. „Beruhigen Sie ſich, mein Fräulein! Nichts Arges habe ich im Sinne. Der Schönheit Glanz zieht mich zu Ihren Füßen!“ deklamirte W. Der Schönheit Glanz!— welches Damen⸗ herz würde ſich dabei nicht beruhigen? und dieſe Wirkung empfand auch unſere Heldin. Sie blickte aber noch ganz ſcheu auf den Fremden, der ihr doch nicht ſo ganz wie ein Räuber erſcheinen mochte, denn ein leichtes Lächeln glimmte in ihren blauen Augen.— „Ach, reizende Daphne, warum wollten Sie entfliehen? Habe ich denn ſo Fürchterliches an mir?“ fragte W. „Nein, das gerade nicht,“ antwortete die„rei⸗ zende Daphne“ verlegen,„aber— wie kommen Sie denn in den Park?“. „Auf der Liebe leichtbeſchwingten Flügeln!“ deklamirte W. wieder. Eine Purpurfluth wogte über Stirn, Wan⸗ gen und Nacken des liebenswürdigen Mädchens.— Ach, ſie hatte ſchon ſo lange von Liebe geträumt! Die Dichter, die Romane malten ſie ihr ſo ſchön, ſo verführeriſch! Wie herrlich mußte es nicht ſein, ſo Zärtliches aus dem Munde eines Jünglings zu hören, ſo feurig von einem Auge angeblickt zu wer⸗ den, von dem ſchon Phidile ſang: „Sein Auge, himmelblau und klar, Schien freundlich was zu flehen, So blau und freundlich als das war, Hab' ich noch kein's geſehen!“ Und jetzt war das alles ſo, wie ſie es geträumt hatte. Der Jüngling ſtand vor ihr, flachsblond und bittend und ſah ſie an, ſo feurig und waſſer⸗ blau, daß ihr ganz warm um's kleine Herz wurde und ſie auf das Unzukömmliche und Außerordent⸗ liche der Situation ganz vergaß. „Sie leſen?“ begann W. wieder,„Sie lieben die Dichter?“. „Ja,“ verſetzte ſie ſchüchtern. „So wie ich ſie liebe, die Sänger, die uns unſere geheimſten Gefühle ablauſchen und ſie uns erſt recht klar werden laſſen.“ „Es iſt Redwitz,“ ſagte ſie zaudernd. V Robert Byr: Ritter Kuno. 115 W. nahm das Buch und blätterte darin, dann deutete er auf eine Stelle und deklamirte: „Nun iſt ſo held Dein Angeſicht, Wie Nöslein Deine Wangen, Wie eine Lilie ſchlank und licht So biſt Du aufgegangen!“ und er hielt ſchwärmeriſch inne, dann begann er aber wieder friſch und leicht: „Ich freue mich, Redwitz in Ihren Händen zu ſehen— er gehört für Mädchen.— Was iſt's, das Ihnen von ihm am beſten gefällt?“ „Amaranth!“ ſprach das Mädchen, durch das Lob ihres Lieblings zutraulicher geworden,„und dieß hier iſt auch nicht ſo übel!“ und ſie las mit leiſer Stimme, obwohl nicht ohne Ausdruck: „Mir iſt ſo ſelig um's Gemüth, Ich möcht' ein Kindlein werden, Und wo im G as ei Blümlein blüht, Mich lagern auf der Erden; Und möcht' in ſeinem Hauch und Glanz Mich ſtundenlang verſenken, Und mit ihm Aug' im Auge ganz An Gottes Liebe denken.“— W. ließ ſie die zwei nächſten Strophen gar nicht weiter leſen, denn er rief enthuſiaſtiſch: „Ach fürchte nichts,— es gibt noch edle Herzen, Die für das Hohe, Herrliche erglüh'n!“— „Ich habe mich nicht getäuſcht,“ fuhr er in ungebundener Rede fort,„zog's mich doch zu Ihnen wie ein Magnet. Ich wußt' es ja, ich müſſe eine verwandte Seele finden!“ „Sie leſen gerne?“ fragte das Mädchen im⸗ mer offener werdend.„Nicht wahr, es iſt ein hoher Genuß, das alles ſo zu finden, wie wir's ſchon lange ſelber dachten?“ „Gewiß, gewiß! wenn wir uns, ſo zu ſagen, ſelbſt gezeichnet finden. Und darum liebe ich auch die Romane ſo ſehr!“ 3„Ach, Romane!“ ſeufzte das Mägdelein.„Wie „Und hält Sie dabei eingeſperrt, denn ich habe Sie noch nie in der Stadt geſehen.“ „Ja, eingeſperrt bin ich. Außer alle Jahre einmal auf vier Wochen zur alten Muhme nach C. komme ich nicht aus dem Hauſe und dem dazu gehörigen Parke. Mein Vater ſagt, ich ſei noch zu Pjung für die Welt.“ „Der Tyrann!“ brummte Ritter Kuno, wäh⸗ rend ſeine Augen blitzten und ſeine Rechte in die Taſche fuhr, um ſich des Daſeins ſeiner Terzerollen zu verſichern. „Ach nein, böſe iſt der Vater gar nicht— im Gegentheil, er iſt recht lieb, aber trotdem würde er doch recht böſe werden,“ und dabei erröthete ſie wieder,„wenn er wüßte, daß ich jett mit einem wildfremden Herrn Soldaten ſchon ſo lange ſpreche.“ „Und wollten Sie mich deßhalb fortſchicken?“ fragte mit bittendem Blicke W. und ſetzte wehmü⸗ thig hinzu:„Ich gehe, wenn Sie's befehlen!“ „Nein!“ ſprach ſie kaum hörbar und ſah zur Erde nieder. „Nein?“ deklamirte entzückt W.„Nein? „Ach dieſes Nein iſt himmliſch ſüßer Klang!“ Sie befehlen mir nicht zu gehen! nicht!— ach, und dennoch muß ich fragen: „Warum ſchlägt ſo laut mein Herz, Iſt es Wonne, iſt es Schmerz?“— „Weßhalb denn Schmerz?“ fragte ſte, indem ſie verwundert den Blick zu ihm aufſchlug.“ W. ſtürzte auf ein Knie nieder, wir glauben das rechte war's aus militäriſcher Gewohnheit, ſeine Hand, ebenfalls die rechte, agirte vom Herzen aus Telegrafenzeichen und glühend ſprach er: „Ich liebe Dich, Du Holde! doch verrathen Darf Niemand meines Buſens dunkles Wiſſen, Denn heilig ſind der Liebe Blüthenſaaten!“— Das Mädchen, deſſen Namen wir ſo unga⸗ lant waren, noch nicht zu erforſchen, war wie in ſehne ich mich nach Romanen! Erſt zwei habe ich geleſen:„Das Blutgericht um Mitternacht“ und „Guſtav Lindorm“, aber die waren ſo ſchön, daß ich, während ich ſie las, die Nächte hindurch kein Auge zuthun konnte.— Dieſe beiden Bücher, die fand ich oben am Dachboden unſeres Hauſes hinter einem alten Schranke,— ſie waren ſchon ganz gelb geworden, aber deßhalb gefielen ſie mir doch recht ſehr.— Der Vater will nicht, daß ich mich mit Romanen beſchäftige und da mußte ich denn nur ganz im Geheimen leſen.“ „So! und warum will denn der Vater das nicht?“ 3 „Er meint, da ſtehe lauter dummes Zeugs „darin, was den jungen Mädchen den Kopf ver⸗ drehe.— Er iſt durch eigenen Fleiß von einem armen Geſellen zum reichen Fabriksbeſitzer gewor⸗ den und da lobt er nur das„Praktiſche“ und hat mir ſtrenge verboten, etwas anderes zu leſen als die Bücher, die er mir ſelbſt gibt.“ Abendröthe getaucht und wandte das brennende Antlitz zur Seite. „Ich dacht' es ja!“ begann W. bitter mit dem Kopfe nickend.„Wo ſind meine Träume? „Ach, ich ſah ſie fortgeriſſen, Treiben in der Wellen Tanz! Unglücklich iſt meine Liebe, Mir bleibt nichts mehr als der Tod!— Und ſterb' ich denn, ſo ſterb' ich doch Durch Sie, durch Sie, Zu Ihren Füßen doch!“ und W. zog eine jener unglücklichen Terzerollen aus der Taſche und erhob ſie gegen ſeine Stirne. unſchädlich durchgegangen, wie bei einem unſerer Bekannten, den eine feindliche Kugel in den Unter⸗ leib traf, ohne zu tödten,— denn die Eingeweide waren vor Hunger und Leerheit zuſammengeſchrumpft und die Kugel ging glücklich durch die Zwiſchen⸗ räume.— 15 Hätte er losgebrannt, die Kugeln wären⸗ N 4 116 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Aber ſo weit kam es nicht, denn das Mäd⸗ chen fiel ihm mit einem Schrei in den Arm, oder vielmehr in die Arme und W. konnte glückſelig und freudig deklamiren: Heil mir! jetzt iſt es heller Tag 72 In meiner frohen Seele!“— Sie hielten ſich lange umſchlungen, er ſprach:„O meine Berthal“ ſie ſprach:„O mein Kuno!“ oder ſonſt welche Namen, die der Somnambulismus der Liebe errathen hatte, und der erſte Kuß ver⸗ einigte ihre Lippen.—— „Auf ewig Dein! Wenn Berg und Meer uns trennen, Wenn Stürme dräu'n, Wenn Weſte ſäuſeln oder Wüſten brennen, Auf ewig Dein!“ ſprach Ritter Kuno,— aber ſeine Zunge erſtarrte, die Arme, die ſeine Bertha umſchlungen hielten, ſanken ihm matt wie gelähmt herab und ſein Blick wurde ſtier, denn er hatte auf die hohe ſeattliche Figur eines noch ziemlich rüſtigen Mannes getrof⸗ fen, der von den Seligen unbemerkt, auf demſel⸗ ben unheimlichen Flecke ſtand, wo Kuno ſeiner Bertha erſchienen war. „Der Vater!“ ſchrie entſetzt Bertha und wäre gewiß in Ohnmacht gefallen, wenn ſie ſchon mehr Romane geleſen hätte. „Der Tyrann!“ drängte es ſich zwiſchen W.'s feſtgeſchloſſenen Zähnen hervor. Aber er vergaß der Terzerollen, denn der „Tyrann“ ſprach ſehr ernſt und feſt: „Mein Herr! Sie haben ſich in mein Haus eingeſchlichen und meiner Tochter den Kopf ver⸗ dreht, ich hätte alſo das Recht, Sie hinauswerfen zu laſſen.— Runzeln Sie nicht die Stirne, denn ich bin nicht geſonnen, von meinem Rechte Ge⸗ brauch zu machen, nur muß ich Sie ernſtlich erſu⸗ chen, wenn Sie kein Freund von üblen Folgen ſind, den Weg, den Sie heute und vielleicht ſchon früher herein einſchlugen und den Sie gewiß auch wieder zurück finden werden, für die Zukunft zu ver⸗ geſſen.— Ich hoffe, mein Herr, Sie haben miche verſtanden!“ Er nahm, ohne ein Wort weiter zu ſagen, ſeine Tochter unter dem Arme und verſchwand mit der Schamerglühten hinter den Gebüſchen. W. ſah lange nach und ſeufzte: „„Lebewohl! lebewohl! mit Dir auch zieht mein Herz!“ ae aeee, Aber Ritter Kuno war eine Petiſche Seele! Solche Hinderniſſe ſpornten ſeine romantiſche Ader.— Auch der„Tyrann“ mußte ſich durch dieſen Vorfall überzeugt haben, daß es wohl eine Unmög⸗ lichkeit ſei, ein Mädchen vor Romanen und vor der Liebe zu bewahren, wenn einmal die verhäng⸗ nißvolle Stunde geſchlagen hat, denn drei Monate b ſpäter weihte W. ſeiner Muzi⸗Ilſe eine wehmüthige Erinnerung, holte einen gewiſſen alten zerleſenen Roman hervor und unterſtrich mit Röthel folgende Stelle: „Ritter Kuno aber und Frau Bertha hauſten noch lange, lange Jahre auf ihrer Burg.“ während er die darauffolgende: „Und Kinder und Kindeskinder ſcharten ſich um ſie und pflegten ihrer treulich bis in's hohe Alter.“— ununterſtrichen ließ, um der Zukunft nicht vorzu⸗ greifen.— Freund K. aber bekam faſt Luſt, ſich zu den Illuſionen zu bekehren, um auch eine poetiſche Seele zu werden. Der Stiefelknecht. zt wär' ich aufgelegt zum Dichten, 223 Qh Dde He 0— 6 2 Drum, Muſe, ſteig' herab zu mir; H Hab' ich genügt den Bürgerpflichten, So dichte ich für mein Plaiſir. Man tadelt mich, jedoch ich hoffe Noch zu beſiegen Spott und Hohn; Es fehlt mir nur am rechten Stoffe, Die Gabe hab' ich zweifelsohn'. Es geht ja allen großen Dichtern Wie es dem Schuſter Schwätze geht; Hör' ich doch einen Schiller richtern, Und Göthe, heißt's, ſei kein Poet! An Stoffen fehlt's; was ſoll ich ſchreiben, Das nicht ſchon längſt geſchrieben wär'? Und wollt' ich Fabelwerk betreiben, Trieb's Aeſop, Gellert und Lichtwer. Sanctas⸗ 27 7— clag, mul Der Faſching als Redetheil. 117 E Ein ſchmelzend Liebesliedchen reimen?— Einſt war's mein eifrigſtes Geſchäft; Allein jetzt nenn' ich's— Zeitverſäumen Seit Prutzens neuem Liederheft.. Jüngſt wollte ich den Holden ſpielen Und kalt auf Kuß und Liebe ſchmäh'n, Da ſprach man laut:„Er muß nicht fühlen, Er muß den Redwitz ſchlecht verſteh'n.“ Dieß kränkte mich, und Todtenlieder Und Grabgedanken weinte ich; Da höhnte man auf's Neue wieder: „Er dichtet ja ganz kernerlich!“ Dieß ſchuf Erbitterung— Satyren Goß ich auf alle Menſchheit aus; Da drohte man mit Konfisziren, Mir ſelbſt ach! mit dem Narrenhaus. Natur wird viel von mir beſungen, In welcher Form ſie auch uns lacht; Das bracht' ich den„Erinnerungen“, Die es bis heut' noch nicht gebracht. Auch Scherzgedichte wollt' ich ſpenden, Für Hochzeit und Gevatterſchmaus; Da ſprachen trock'ne Rezenſenten Nur ſchweigend ſich darüber aus. Dann ſang ich Sagen und Balladen, Romanzen, wie's nur Vogel kann; Da ſprach ein Freund:„Kind, laß Dir rathen Und ſchaff' ein Orgelwerk Dir an.“ D'rauf folgte ich im Dramenweſen Der neu'ſten Dramendichter Spur; Doch, als Verleger es geleſen, So riefen ſie:„Ach— Maklatur!“ Was ich auch immer wollte ſchreiben, Ich nährte nur die Tadelſucht; So mag es denn beim Alten bleiben, Ich nehm' zur Dreiſtigkeit die Flucht. Und will demnach nicht lange wählen;— Als einen Stoff, für Alle recht, Daß ſich kein Tadler braucht zu quälen, Beſing' ich meinen— Stiefelknecht! Mein Stiefelknecht verdient vor Allem Ein ſchöngereimtes Lobgedicht; Ob es nun Jedem wird gefallen, Dieß darf mich kümmern freilich nicht. Mein Stiefelknecht muß mich bedienen Bei Tag und Nacht auch ohne Sold; Macht doch deßhalb nicht ſau're Mienen Und hat darum noch nie geſchmollt.— 9 Nicht blos allein zum Stiefelhalten Iſt er in meinem Haus verdammt, Nein, Vieles noch muß er verwalten Und weit umfaſſend iſt ſein Amt. Was keine Waffe kann verrichten, Wenn ſich ein Dieb im Hauſe regt, Läßt ſich auf leichte Art wohl ſchlichten Allein mit meinem Stiefelknecht. Hab' ich, um Grillen zu verlieren, Mich auf mein Kanapee gelegt, Dann muß mein Pudel apportiren Und tanzen mit dem Stiefelknecht. Hab' ich bei einem Trinkgelage Ein Mal etwas zu viel gezecht, Find' ich zu Haus die Weiberplage, Doch auch dafür— den Stiefelknecht. Sollt' ich ein Heer Philiſter ſchlagen Wie Simſon einſt, wär' mir zu ſchlecht Ein Eſelskinn— um ſie zu jagen, Da nähm' ich meinen Stiefelknecht. Und ſtirbt dereinſt der Schuſter Schwätze, Ein Biedermann, gar ſchlicht und recht, So wünſche ich, daß man ihm ſetze Als Denkmal einen Stiefelknecht. Auf dieſem ſei in Gold zu leſen: „Hier ruht Hans Schwätze, ein Poet, Der ſonderlich ein Freund geweſen Des Genre und der Realität.“ Der Stiefelknecht repräſentiret Die Praxis und die Poeſei; Er iſt der Lyra gleich formiret, Und doch den niedern Dienſten treu. Wer will es mir demnach verargen, Wenn ich die Stiefelknechte ehr'? Warum ſoll ich mit Verſen kargen: Was gern geſchieht, das fällt nicht ſchwer. Der Faſching als Redetheil. Mas der Faſching ein Hauptwort iſt, wird S jedes Mädchen anzugeben wiſſen, wenn es übri⸗ gens auch noch ſo wenig mit der Grammatik auf befreundetem Fuße ſteht. Der Faſching iſt ein Hauptwort ſämmtlicher Geſchlechter, denn man ſagt: der Faſching, die Faſtnacht und wie die Grammatiker wollen, das Carnevale. Moraliſten halten den Faſching für ein leich⸗ tes Subjekt, Anderen hingegen iſt er ein wich⸗ 118 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. tiges Objekt ih⸗ rer Aufmerkſam⸗ keit, Vielen wird er ſogar zur Co⸗ pula für's ganze Leben. Als Eigen⸗ ſchaftswort be⸗ trachtet gehört der Faſching in die Klaſſe der unre⸗ gelmäßigen Steigerung— aller Ausgaben. In dieſer Rückſicht wird er auch als ein nicht unbedeu⸗ tendes Zahlwort angeſehen. Er iſt weniger Ord⸗ nungszahl, als Grundzahl, da er mehr Grund. zum Zahlen gibt, als Ordnung in's Zahlen bringt. An allen Straßenecken tritt der Faſching in ſeinen Affichen als anzeigendes Fürwort auf; perſönlich wird er auf dem Tanzboden, inſofern er hier Gelegenheit gibt, manche Herzensangelegen⸗ heiten perſönlich zu befürworten, worauf ſich dann aus dem Verhältniſſe äußerer Bezie⸗ hung entweder eine innige Zueignung ergibt, oder in Folge von Aſchermittwoch⸗Reflexionen ein trauriges Reflexiv ſich bildet. Der Faſching als Zeitwort bringt den al⸗ ten, wohl ſchon im Paradieſe üblichen Numerus des Duals in Uebung. Wenn er in der gegen⸗ wärtigen Zeit ſteht, iſt er in thätiger, ſo⸗ bald er aber vergangen, in leidender Form. In der Faſchingszeit macht manches Mädchen die vier Konjugationen der alten lateiniſchen Schul⸗ grammatik, nur in umgekehrter Ordnung durch: audio— ſie hört die zärtlichen Betheuerungen ihres Tänzers an; lego— ſie lieſt dieſelben Tags darauf in einem zierlichen Billet- doux; doceo— und äußerſt gelehrig konjugirt ſie in Kurzem: amo— ich liebe, du liebſt, er liebt, wir lieben dc. Die Nebenwörter des Faſchings, auch Umſtandswörter genannt, bilden die Garde⸗ damen. Man kann ſie auch als Vorwörter betrachten, welche die Aufgabe haben, die Verhältniſſe der ihnen beigeſellten Hauptwörter in Sicht zu halten. Ueber den Faſching als Bindewort und Empfindungswort bedarf es keiner weiteren philologiſchen Erklärung. Ein mythologiſches Bild. = N X Der Schönſten 6 Ein Flötiſt, Dilettant von Ge⸗ burt, hatte in Leip⸗ zig vor mehreren Jahren eine Woh⸗ nung über derje⸗ nigen von Herloß⸗ ſohn bezogen und blies hier in ſei⸗ nen Mußeſtunden unabänderlich das zarte Lied:„Nach Sevilla!“ auf der Flöte. Voll Ver⸗ zweiflung ſchrieb der gequälte Schriftſteller dem Hausgenoſſen ei⸗ nes Tages:„Ich bin von Ihrer Sehnſucht nach Sevilla aufs Tief⸗ ſte gerührt und mache Ihnen den Vorſchlag, im Fall Sie die Reiſe antreten wollen, die erſte Station bis Lützen zu bezahlen.“ In einer guten deutſchen Stadt ſollte die Gasbeleuchtung eingeführt werden; der Herr Bür⸗ germeiſter ließ daher die Mitglieder der ehrſamen Spenglerzunft zuſammen kommen und fragte, um welchen Preis ſie die Laternen liefern würden. Der begehrte Preis ſchien dem Herrn Bürgermeiſter viel zu hoch und er ſchrieb deßhalb nach Berlin. Das Gebot, das von dorther kam, war freilich um ein gutes Drittel wohlfeiler als das der in der Stadt angeſeſſenen Spengler. Das Stadtoberhaupt rief ſie demnach wieder zuſammen und legte ihnen den Berliner Laternenpreis mit dem Bemerken vor, daß, wenn ſie den Preis nicht eben ſo niedrig ſtel⸗ len könnten, er die Laternen von Berlin beziehen müßte; worauf ein Meiſterlein die Devotion ſo weit aus den Augen ſetzte, daß er in die Worte ausbrach:„Wenn wir früher gewußt hätten, daß man in Berlin alles ſo billig liefert, ſo hätten wir unſern Herrn Bürgermeiſter auch von dorther bezo⸗ gen, der wäre uns dann auch wohlfeiler gekommen.“ Ein Geck wollte einen Juden, der bankerott geworden war, hänſeln und ſagte daher zu ihm: „Amſchel, ich wollt', ich hätt' Euer Geld.“„Und ich,“ replizirte der Jude,„ich wollt', ich hätt' Euren Verſtand, dann hätten wir Beide— Nichts.“ Karl Fiſcher: Die Bürgermeiſterw ahl. Nach dem Volksmunde. Von G. G. .„Nun durchſchaue ich die Sache,“ meinte die Köchin, als ihr der Boden aus dem Topfe fiel. „Süße Frucht der Jugendliebe,“ 2 ₰ — x 3—— und meinte Karl zu den Roſinen. n ſei⸗„Ich werde vor Lachen ſterben,“ ſagte unden der kitzliche Mann, als ihm der Henker den Strick hdas um den Hals legte. Nach„Nicht die Größe des Geſchenkes ij der macht deſſen Werth aus,“ ſagte der Mann, Ver⸗ dem ſeine Frau Drillinge gebar. brieb„Hier ſcheint es etwas feucht zu ſein,“ älte ſagte der Trunkene, in den Bach fallend. dem„Man muß die Jugend nicht in Ver⸗ n ei⸗ ſuchung führen,“ ſagte der Froſch und ſprang „Ich in's Waſſer, als er einen Jungen einen Stein Jhrer aufheben ſah. nach„Heiraten müſſen ſein,“ philoſophirte die⸗ Hans,„denn wie hätte einer ſonſt die Wäſche in und Ordnung?“ Die Bürgermeiſterwahl. Von Karl Aiſcher. die Bür⸗ 8 nachbarlichen Sachſenland, amen Im Städtchen N. N. wohlbekannt, um Wollt' man, ich will es kurz erzählen, D Einſt einen Bürgermeiſter wählen. Es war hiezu die Bürgerſchaft erlin. 5 um Verſammelt, nach Geſetzeskraft 1der Durch Stimmenmehrheit zu entſcheiden, haupt Wer dieſe Würde ſollt' bekleiden. ihnen tpor, Da traf es ſich von ungefähr, ſ Daß Dreien ward die hohe Ehr' Der Stimmenmehrheit, gleich an Zahlen, n ſo Was ſelten wohl ſo trifft bei Wahlen. Vorte. 3 5. Für heute war der Akt nun aus lit Und jeder Bürger ging nach Haus, lnd Um morgen wieder zu erſcheinen, veie Zu wählen aus den Dreien— Einen. Nachdem hierzu die Bürgerſchar Des andern Tags verſammelt war, Fehlt' es nur noch an jenen Dreien, kerott Die Wahl des Einen zu erneuen. ihm: „Und Da ſprach ein Bürger klug und fein: kuren„Die Wahl wird bald entſchieden ſein, Ein Mittel habe ich gefunden, * Den rechten Mann uns zu erkunden: 1 Wißt, Bürger, daß ob unſ'rer Stadt Es dieſe Nacht geregnet hat, So, daß umher in großen Pfützen Man ſieht das Regenwaſſer ſitzen. So iſt ja eben auch gleich hier Vor unſ'rer hohen Rathhausthür Das non plus ultra aller Pfützen, Dieſelbe ſoll hierzu uns nützen.— Was Jeder bei der Pfütze thut, Hierauf nun unſ're Wahl beruht; Laßt dießmal meinen Rath nur gelten, Und wollt mich keinen Thoren ſchelten.“ Die Bürger ſah'n ſich zweifelnd an, Doch ließen ſie es ſein gethan; Indeß mit gravität'ſchen Tritten Der Erſte kam daher geſchritten. Er kam zur Pfftze, ſetzte an: Mit Einem Sprung wasr's abgethan; Doch ach, mit dieſem Sprung war eben Sein Wahlglück hin für's ganze Leben. „Dieß iſt noch nicht der rechte Mann,“ Fing jetzt der kluge Sprecher an. „Wollt, Bürger, Dieſen nicht erkieſen, Ihr würdet's nur mit Reue büßen. So wie er bei der Pfütze that, Würd' er auch thun in unſ'rem Rathh— Was ihm nicht leichtlich würd gelingen, Das würd' er gleichfalls überſpre n.“ — Den Bürgern ſchien die Sache klar, Wie ſie der Redner ſtellte dar; DDen Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Indeß mit wohlbedächt'gen Tritten Der Zweite kam herbei geſchritten. Wer ahnt nicht, wie er ſich benahm, Als zu dem Hinderniß er kam? Er hat, im Rathsſaal zu gelangen, Die Pfütze ſäuberlich— umgangen. „Auch dieß iſt nicht der rechte Mann, So unſ're Stadt regieren kann; Wie bei der Pfütze wir geſehen, Würd' er manch' And'res auch— umgehen.“ So hieß es jetzt im Rathe frei, Und auch mit Dieſem war's vorbei; Indeß mit männlich ernſten Schritten Man endlich kommen ſah den Dritten. Mit vieler Spannung ſchaut' man nun, Was er würd' bei der Pfütze thun: Er aber iſt ganz unbefangen Die Pfütze mitten durch gegangen.— „Vivat! das iſt der rechte Mann, So unſ're Stadt regieren kann: Er wird, was recht iſt, thun und ſchätzen Und jede Schwierigkeit durchſetzen.“ — Die Bürger ſtimmten jubelnd ein Und Jedes Stimme wurde ſein; Sie wählten Dieſen von den Dreien Und durften nie die Wahl bereuen.— d'' 3 A „2 d — F — WEEili M ————:— h en.“ — 7 — 3— TE ee Feuilleton. Prager Sprechſtübchen. Es iſt einmal vor Jahren die Bemerkung gemacht worden, daß es in Prag kein Haus gäbe, in welchem ſich kein Klavier befände. Heutzutage kann man faſt be⸗ haupten, daß es wenige Häuſer gibt, in denen kein Muſik⸗Inſtitut anzutreffen iſt. Seit die Götter Vater Prokſch den glücklichen Gedanken eingaben, ſeine Anſtalt zu gründen, die ſich in erſtaunlich kurzer Zeit der Gunſt des Publikums zu erfreuen hatte, haben ſich viele Nachahmer gefunden, die alle bemüht waren, die Prager Jugend in die Myſte⸗ rien der Kunſt einzuweihen. In der guten alten Zeit, als Meiſter Prokſch die zarten Hände unſerer Jungfrauen über die Taſten glei⸗ ten ließ, war Niemand da, der mit ihm wetteiferte, er konnte ſeine Schülerinen und Schüler auswählen, er konnte den Machtſpruch thun:„Nur der Talentirte darf dieſe heiligen Hallen betreten.“ Dieſes Recht der Auswahl und überhaupt der Reiz der Neuheit trug viel dazu bei, um Prokſch's Inſtitut raſch berühmt zu machen. Jiranek errichtete nach Jahren eine gleiche An⸗ ſtalt in größerer Ausdehnung; er hatte mehrere hundert Schüler und es war daher kein Wunder, wenn ſich der Wunſch, eine ähnliche Anſtalt zu errichten, bald bei Mehreren geltend machte. Karl Hodytz, wenn ich nicht irre, ein Schüler Tomaſchek's, wählte die Kleinſeite als den Platz ſei⸗ ner Wirkſamkeit und machte ſich dadurch um die Klein⸗ ſeitnerinen ſehr verdient, die nun nicht mehr dreimal der Woche die Brücke paſſiren und ihren größten Fein⸗ den, der glühenden Sonnenhitze und der Strenge des Winters, Trotz bieten mußten; ſie brauchten nur drei Schritte zu machen, um Künſtlerinen zu werden. Dem muſtkaliſchen Prag genügten drei Anſtalten nicht und es entſtanden noch die Inſtitute des Peter Maydl und Cöleſtin Müller. Erinnerungen, 1859, Maydl gibt ſo viele Soiréen, als es Sonntage in den Faſten gibt. Wenn dieſe Soiréen, die übrigens in allen unſeren Muſik⸗Inſtituten in der Mode ſind, den Zweck haben, die Schüler aufzumuntern, ihren Eifer zu ſtärken, ſo finden ſie gewiß alle Anerkennung, doch wäre im Intereſſe der Schüler ſelbſt zu wünſchen, daß dieſelben auf das geringſte Maß reduzirt würden, da⸗ mit man nicht mehr Zeit auf das Einſtudiren der Stücke zur Produktion, als auf die eigentliche Schule verwen⸗ den müßte. Cöleſtin Müller, ſelbſt als Virtuos rühmlichſt— bekannt, errichtete in neuerer Zeit ein nach großem Maßſtabe angelegtes Inſtitut. Das h. k. k. Handels⸗ Miniſterium hat ihm ein Privilegium auf die Erfin⸗ dung eines techniſchen Inſtrumentes zur leichteren Er⸗ lernung des Pianoforteſpieles ertheilt. Dieſe Erfindung beſteht in einem bis jetzt noch wenig bekannten beweg⸗ lichen Handleiter, welcher dem Schüler Vortheile bie⸗ tet, die bisher durch kein ähnliches Inſtrument erreicht werden konnten. In unmittelbarer Verbindung mit letzterer Anſtalt und ebenfalls unter der Leitung C. Müller's ſteht das Inſtitut des humaniſtiſchen Muſik⸗Vereines. Das Inſtitut Frömmter's, eines ſehr fleißigen Mannes, ſteht in gutem Rufe. Von den in neueſter Zeit entſtandenen Inſtituten der Herren Schimak, Jelinek, Wiedemann und Höger müſſen wir erſt den Erfolg abwarten, um etwas mehr als ihr Beſtehen erwähnen zu können. Ausſchließlich für Geſang exiſtiren die Anſtalten des ausgezeichneten Kapellmeiſters Franz Skraup, des Lehrers des k. k. Hofopernſängers Dr. Schmidt, Czaboun und der Frau Hametmagyer. Außerdem unterrichtet man auch in den Inſtituten des Peter Maydl und Cöleſtin Müller im Ge⸗ ſange; in dem Inſtitute des Letzteren leitet der Opern⸗ ſänger Joſef Emminger die Geſangsabtheilung. 16 122 Wiener Briefe. K.(z. Das fröhliche Weihnachtsfeſt und Neujahr ſind dahin, all' ihre Freuden und Leiden haben wir durchgekoſtet und unſer unerbittliche Drang nach Neuem findet endlich wieder ſeine Befriedigung in dem ſoeben ſtattgehabten Regierungsanteitte des fröhlichſten aller gekrönten Häupter— des Prinzen Karneval. Iſt auch der politiſche Himmel etwas getrübt, verliert der dießjährige Faſching durch den plötzlichen Abgang un⸗ ſerer wackern Garniſon gar manchen flotten Jünger des Frohſinns, ſo hoffen wir doch, daß er uns ſeine vielfältigen Freuden auch dießmal nicht entziehen werde: im Gegentheil, die tanzluſtige Jugend beutet die gegen⸗ wärtige Periode ſchon in reichſtem Maße aus und allent⸗ halben werden ununterbrochen neue Pläne zu fröhlichen Ballfeſten geſchmiedet, man tanzt und während des Tanzens denkt man ſchon an eine zweitnächſte Unter⸗ haltung und mehr. Trotz all' dieſem Getreibe erman⸗ geln die Theater nicht, uns mit Novitäten aller Art zu überſchütten. Obenan ſtehen die nun endlich zur Aufführung gelangten„Feenhände“ nach Scribe. Das Publikum nahm dieſes echt franzöſiſche Produkt ziemlich günſtig auf, da es ſich durch Eleganz des Dialogs und beſonders glänzendes Aeußere auszeichnet. Die Kritik nennt es allgemein ein reines Toiletten⸗ ſtück und dieſe Bezeichnung verdient es in der That, da die Hauptaufgabe des größten Theiles der weiblichen Rollen darin beſteht, prunkenden Kleiderſtaat zu ent⸗ wickeln. Im Hofoperntheater macht das bereits in Ber⸗ lin ſeit Jahren beliebte Ballet:„Satanella“ ungeheue⸗ res Furore. Unſere Künſtler ſtehen auch in ihren Lei ſtungen jenen an der Spree durchaus nicht nach. Im Carltheater kam ſoeben eine neue Operette von Offen⸗ bach,„Schuhflicker und Millionär“ zur Aufführung. Auch dieſe Kompoſition fand eben denſelben Beifall wie die zwei ihr im Verlaufe der dießjährigen Saiſon bereits voran gegangenen anmuthigen Singſpiele die⸗ ſes ſchnell beliebt gewordenen Tondichters. In der Jo⸗ ſefſtadt weiß Pepita immer noch ihre alten Rechte geltend zu machen und bezaubert immer noch ihre alten Anbeter durch ihren feurigen El Ole, ihre mitgebrachte Schweſter(?) ſcheint jedoch eine ſehr untergeordnete Rolle zu ſpielen. An der Wien, wo vor Kurzem die liebenswürdigen Geſchwiſter Ferni zum zweiten Male aufgetreten und einen ebenſo enthuſiaſtiſchen Bei⸗ fall wie das erſte Mal errangen, erwarb ſich dieſer Tage eine neue Poſſe von Feldmann:„Drei Kandi⸗ daten oder dumm, dümmer, am dümmſten“ die ungetheilteſte Anerkennung. Der beliebte Luſtſpiel⸗ dichter ward nach jedem Akte ſtürmiſch gerufen. Di⸗ rektor Renz fährt fort, das ſeinen weltberühmten Cirkus beſuchende Publikum nach wie vor auf die angenehmſte Art zu amüſiren. Man ſieht alſo, daß trotz ſo manchen trüben Erfahrungen und beängſtigenden Ge⸗ rüchten unſere friedliebenden Mitbürger, auf die gute Sache und das unantaſtbare Recht unſeres Vaterlandes vertrauend, ſich in ihren harmloſen Ver⸗ gnügungen nicht ſtören laſſen und das Beſte hoffend, ruhig der nächſten Zukunft der Dinge entgegen ſehen. Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Miszellen. Literatur, Kunſt und Wiſſenſchaft. Im Verlage von E. Meid inger Sohn& Komp. ſind unlängſt drei Werke bewährter deutſcher Novelliſten ausgegeben worden:„Das Geheimniß der Mutter,“ Novelle von Robert Heller,„Dichter und Apoſtel,“ Ro⸗ man in vier Büchern von Ernſt Willkomm, und„Ver⸗ loren und gefunden,“ Roman in zwei Bänden von Theodor Mügge. Von Gutz kow's neuem Roman:„Der Zau⸗ berer von Rom“, genügten die aufgelegten 3000 Exem⸗ plare ſo wenig, daß ſie nach acht Wochen total vergrif⸗ fen waren, und dadurch eine zweite Auflage des erſten Bandes nöthig wurde, welcher in dieſen Tagen von der Brockhaus'ſchen Verlagshandlung ausgegeben wird. M. G. Saphir's„Konverſations⸗Lexikon für Geiſt, Witz und Humor“ erſcheint in einer zweiten, von Adolf Glasbrenner redigirten, durchaus veränderten und reichvermehrten Auflage bei Robert Schäfer in Dresden, und zwar in 30 Bändchen, von denen das erſte ſchon Ende d. M. ausgegeben wird. Den Verlag des Werkes für Oeſterreich hat die Buchhandlung von Kober und Markgraf in Prag übernommen. Die Bühne ſcheint ſich nun doch dieſen Winter auf das deutſche Originaldrama werfen zu wollen. Die „Welſerin“ des Herrn v. Redwitz macht nach und nach die Runde über die Theater. Daß ſie in ihrer Heimat Augsburg„nicht enden wollenden“ Beifall fand, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Gemäßigter war der Applaus in Hamburg und Leipzig. In Frankfurt iſt das„Teſta⸗ ment des Kurfürſten,“ wie überall, mit Anerkennung der mancherlei Schönheiten, aber ohne durchgreifenden Erfolg gegeben worden. Breslau brachte das neueſte Stück eines heimiſchen Poeten, Rudolf Gottſchall:„Ma⸗ zeppa,“ das vom Publikum mit Beifall, von der Kri⸗ tik mit Anerkennung aufgenommen wurde. Herſch's „Anna Liſe“ iſt in Weimar mit mäßigem Erfolge ge⸗ geben worden; es wird ſich jedenfalls nicht auf der Bühne halten. Das Jahr 1859 iſt für das deutſche Schauſpiel in Wien ein bedeutungsvolles. Es ſind nämlich gerade 150 Jahre, daß dasſelbe in Wien ſtabil geworden. Da der eigentliche Gründer des deutſchen Schauſpieles in Wien, der berühmte Hanswurſt Joſef Stranisky war, ſo be⸗ ſchränkte ſich im J. 1709 dasſelbe vorzugsweiſe nur auf extemporirte Burlesken und hatte noch obendrein mit den italieniſchen Opern und Arlekinaden zu kämpfen, die ſeit 1705 in Wien einheimiſch waren. Erſt im Jahre 1747 gelang es dem Schauſpieler Weidner durch Gott⸗ ſched's Theaterreformation ermuthigt, ein regelmäßiges metriſches Schauſpiel von Krüger:„Die otomaniſchen Brüder“ auf die Bühne zu bringen, das an ſich zwar ohne Werth, doch der Neuheit der Sprache wegen das Publikum anzog, weßhalb ſich der damalige Theater⸗ direktor bewogen ſah, die Bühne auf einen regelmäßigen Fuß zu ſetzen und mehrere Mitglieder„für ſtudirte Stücke“ zu engagiren. Das germaniſche Muſeum in Nürnberg, das ſich raſch aus kleinen Anfängen zu einem bedeu⸗ tenden Inſtitute emporgeſchwungen, auf welches Deutſch⸗ land ſtolz ſein kann, findet immer mehr die nationale Anerkennung, die allein eine ſichere Baſis für dasſelbe bilden kann. Die ſächſiſche Staatsregierung hat einen Jahresbeitrag von 1000 Thalern bewilligt. In Hamburg wird der Bau eines neuen Mu⸗ ſeums beabſichtigt, wofür binnen wenigen Tagen 70,000 Thlr. gezeichnet werden. viel in de 150 da der Wien, ſo be⸗ ar auf it den 1, die Jahre Gott⸗ ßiges iſchen zwar n das eater⸗ ißigen zudirte nberg, bedeu⸗ eutſch⸗ ionale sſelbe einen Mu⸗ Tagen Die badiſche Regierung hat genehmigt, daß das fünfte allgemeine Sängerfeſt zu Pfingſten 1859 in Freiburg abgehalten werden darf. Unſer Landsmann, der Kammer⸗Virtuos und Kon zertmeiſter Laub, welcher mit Herrn von Bülow in Riga Konzerte gegeben und von dort ſich zu demſelben⸗ Zwecke nach St. Petersburg begeben hatte, befindet ſich gegenwärtig in Tobolsk und iſt im Begriff, ſeine Kunſt⸗ reiſe nach Amerika fortzuſetzen. Herr Laub iſt auf 8 Monate beurlaubt. Richard Wagner hat ſeine Oper„Triſtan“ voll⸗ endet. Die Dedikation des Textbuches hat die Großher⸗ zogin Louiſe von Baden augenommen und wird die erſte Aufführung dieſer Oper zur Feier des Geburts⸗ tages des Großherzogs Friedrich im September d. J. in Karlsruhe ſtattfinden. Man erwartet, daß der be⸗ rühmte Komponiſt eingeladen wird, die Aufführung ſei⸗ nes Werkes ſelbſt zu leiten. Der General⸗Intendant der Hofmuſik in Berlin, Graf von Redern, komponirt jetzt eine Oper nach einem von Guſtav zu Putlitz verfaßten Text. Die Oper ſoll in Berlin mit großer Pracht zuerſt in Szene gehen. Nächſtens kommt daſelbſt ein neues Ballet von Taglioni zur Aufführung, wozu auch Graf von Redern die Muſik komponirt. Das Sujet iſt dem Shakespeare'ſchen Stücke: „der Sturm“ entlehnt. Die Sonneunflecken haben die deutſche Aſtro⸗ nomie in der neueren Zeit ausgezeichnete Triumphe feiern laſſen. Es war der deutſche Aſtronom Schwabe in Deſſau, welcher die Periodizität derſelben zuerſt er⸗ kannte und der deutſche Aſtronom Lamont in München wies zuerſt den Zuſammenhang der langen Perioden in den Schwankungen des Erdmagnetismus mit den Sonnenflecken nach. Beiläufig erwähnt, ermittelte auch ein Deutſcher, Kreil in Prag, zuerſt, daß der Mond Einfluß auf den Erdmagnetismus ausübe. Monumente. Die Ausführung des Mozart⸗Denkmals in Wien iſt dem Bildhauer Gaſſer daſelbſt übertragen worden, der die Arbeit im künftigen Frühjahr begin⸗ nen will; es ſind bereits 8000 Fl. dazu bewilligt. Am 2. Januar, dem Geburtstage des Profeſſors Rauch, wurde am Grabe des Verſtorbenen das Mo⸗ dell zu dem Denkmal aufgeſtellt, womit ſeine Ruhe⸗ ſtätte geziert werden ſoll. Das Denkmal ſelbſt wird von Granit ausgeführt und mit einer Bronzefigur, die Hoffnung darſtellend, geſchmückt werden.. Das Komité des Schillervereines zu Marbach richtete an die Verehrer Schiller's folgenden Aufruf:„Mit dem Jahreswechſel ſind wir in des Jahr eingetreten, das uns in dem vorletzten ſeiner Monate die Feier des 100jährigen Geburtstags Schillers nahe⸗ legt. Aus unſerer Anſprache vom Mai v. J. ſind unſere Zwecke bekannt:„Erwerbung des Geburtshauſes aus Privathänden, ſeine Wiederherſtellung in den früheren Zuſtand und angemeſſene Ausſtattung; ein Denkmal— wenn auch beſcheidenſter Art— auf unſerer freundlichen Schillershöhe.“ Mit großem Danke haben wir zu er⸗ kennen, daß uns ſo viele und aus manchen Orten reiche Gaben zugekommen ſind; ſie belaufen ſich auf die Sum⸗ me von 2000 fl. Da uns die Erwerbung des Hauſes in ſeinem gegenwärtigen Zuſtande allein 4000 fl. hin⸗ wegnehmen wird, ſo iſt noch nicht die Hälfte unſeres Bedarfes gedeckt. Möchten deßhalb in dem eingetre⸗ tenen Jahre unſerer Sache weitere Herzen ſich zuwenden und wir in den Stand geſetzt werden, den zu erwarten⸗ den Tag in einer des großen Mannes würdigen Weiſe . Feuilleton. 123 feiern und die Anſtalten zu dieſer Feier bald treffen zu können.“ Das Modell des in Dresden zu errichtenden We⸗ ber⸗Denkmals von Profeſſor Rietſchel war in Dresden im Atelier des Meiſters bis zum 15. Januar ausgeſtellt. Ein Denkmal für Mickiewicz. In Poſen befindet ſich ſchon ſeit längerer Zeit eine von dem Bild⸗ hauer Olesezynſki in Paris gearbeitete Bildſäule des polniſchen Dichters Adam Mickiewiez. Es hatten ſich in Betreff der Aufſtellung derſelben Anſtände ergeben, welche neuerdings indeß behoben wurden, da durch Reſkript des Miniſters Flottwell vom 30. Dezember v.⸗J. geſtattet worden iſt, das Denkmal demnächſt auf dem Kirchenplatze bei der St. Martinskirche in Poſen aufzuſtellen. Statiſtiſches. Ueber das Ergebniß der im Jahre 1857 vorgenommenen Volkszählung berichtet die „Oeſterr. Correſp.“ Folgendes: Die Ziffer der civilen Geſammtbevölkerung ergab ſich dießmal mit 37.339.012. Sie iſt ſeit der letzten Zählung, 1850— 51, um 1.588.392 Seelen geſtiegen, und fügt mau noch das aktive k. k. Militär nebſt der k. †. Gendarmerie hinzu, ſo erhebt ſich der jetzige Bevölkerungsſtand auf beiläufig 38 Millio⸗ nen, wobei die Zahl der in Oeſterreich domicilirenden Ausländer mit 133.876, die der im Auslande ſich auf⸗ haltenden Oeſterreicher mit 114.888, ungerechuet etwa 6000 ſolche auswärts beſindliche Individuen, die keiner inländiſchen Gemeinde angehören, beziffert erſcheint. Dieſe Bevölkerung wohnt in 877 Städten, 970 Vorſtäd⸗ ten, 2436 Märkten, 71.120 Dörfern und 5.720.640 Häuſern; die jüngſte Zählung ergibt gegen die frühere ein Mehr von 424.460 Häuſern und Gebäuden. Die öſterreichiſche Staatseiſenbahnge⸗ ſellſchaft hat im Laufe des Jahres 1858 eine Ein⸗ nahme von 14.381413 fl. ergeben. Der deutſche Buchhandel zählt gegenwär⸗ tig im Ganzen 2385 Firmen. Im verfloſſenen Jahre ſind 132 neue Handlungen entſtanden und 81 einge⸗ gangen. Einer offiziellen Darſtellung über die Wildaus beute in Boͤhmen für das Jahr 1858 entnehmen wir folgende Daten: In ſämmtlichen Kreiſen wur⸗ den erlegt, u. z.: In den Revieren der Domänen und der von denſelben gepachteten Gemeinde⸗Jagdbarkeiten 1,042,490 Stück Wild. In den übrigen nicht au die Domänen verpachteten Gemeinde⸗Jagdbarkeiten 206,761 Stück Wild, im Ganzen 1,249,251 Stück Wild. Der dafür gelöſte Geldbetrag von 663.718 fl. 44 kr. reprä⸗ ſentirt ein Kapital von 13,371,374 fl. 20 kr. CM. Spe⸗ ziell heben wir noch hervor, daß im Kronlande Böhmen 573,384 Stück Haſen und 301,159 Stück Rebhühner erlegt wurden. Es gibt gegenwärtig in der Hauptſtadt Böh⸗ mens 10 Buchdruckereien mit 30 Schnellpreſſen und 95 Handpreſſen, an denen zuſammen 465 Individuen beſchäftigt ſind, deren Verdienſt von 40 kr.(für die Lehrlinge) bis zu 8 fl. pr. Woche ſteigt.(Der Verdienſt der Setzer variirt zwiſchen 6—8 fl. bei den Aecidenz⸗ ſetzern und den ſogenannten metteur en pages aber zwi⸗ ſchen 8— 12 fl.) An Hilfsſtoffen werden circa 8.—9000 Ballen Papier, was— den Ballen durchſchnittlich zu 35 fl. berechnet— ein Kapital von 289 bis 315.000 fl. darſtellt, und etwa 130 Ztr. Druckfarben in beehe von ungefähr 6000 fl. verbraucht.(Wie viet Iir ſchrift?) Zwei Viertel der Thätigkeit wird der Produktion von Büchern, eines der von Zeitungen, das letzte den ſoge⸗ 1 1 96 3. 4 4 92 34 124 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. nannten Accidenzarbeiten gewidmet. Mit der Xylogra⸗ fie beſchäftigen ſich in 2 Buchdruckereien 12, ſelb⸗ ſtändig 3 Individuen; in 15 lithografiſchen Anſtalten beſtehen 45 Preſſen, welche 153 Perſonen beſchäftigen. Es gibt 10 Kupfer⸗ und Stahlſtecher und außerdem noch 10 Druckereien; die Globusfabrikation wird von 8 Arbeitern jedoch nicht ununterbrochen betrieben, in 2 Koloriranſtalten arbeiten 12 bis 20 Individuen, meiſt Kinder. Die Kartenmalerei zählt 10 Meiſter mit 18 bis 20 Gehilfen, die jedoch, da meiſt Wiener Spielkarten gebraucht werden, nicht über 5000 Spiele erzeugen, und auch von dieſen geht der größere Theil auf's Land. 3 Buchdruckereien beſitzen zugleich Schriftgießereien mit 19 Gußmaſchinen, 9 Gußöfen und einem Perſonalſtand von 146 Individuen, deren Verdienſt ſich bis auf 8 fl. in der Woche ſtellt; die Produktionsmenge beläuft ſich wöchentlich auf 43 ½ Ztr.; mit 2 Buchdruckereien ſind Buchbindereien verbunden, die 20 bis 30 Arbeiter unter 2 Meiſtern zählen.— Am Lande befinden ſich im Kam merbezirke 4 Buchdruckereien mit 12 Preſſen und einem Perſonale von 40 bis 50 Individuen.— Was die eine Hauptbranche des Buchhandels, den Sortimentshandel, betrifft, ſo beſtehen in Prag momentan 12 Buchhand⸗ lungen, welche 36 Gehilfen mit einem Gehalte zwiſchen 300— 750 fl., 9 Lehrlinge und 25 Austräger beſchäfti⸗ gen. Der ungefähre Umſatz betrug im Jahre 1853 in Prag 270.000 fl., am Lande 80.000 fl., zuſammen 350.000 fl.; im Jahre 1855 in Prag 300.000 fl., am Lande 100.000 fl.; zuſammen 400.000 fl. Der unge⸗ fähre Abſatz inländiſcher Bücher war im Jahre 1853 — 110.000 fl. im Jahre 1855— 150,000 fl., ausländi⸗ ſcher Bücher im Jahre 1853— 240.000 fl., im Jahre 1855— 400.000 fl. Für den Antiquarbuchhandel be⸗ ſtehen in Prag 8 Befugniſſe, zugleich mit eigentli⸗ chem Buchhandel. Die eigentlich erſt ſeit 1856 exiſti⸗ rende Verlagsbuchhandlung iſt jedoch uur bei 3 Firmen bedeutend. Die durchſchnittliche jährliche Produktion von Büchern und ſonſtigen Verlagsartikeln, Muſi⸗ kalien, Landkarten, Bildern ꝛc. beträgt in Prag 540.000 fl., im übrigen Kammerbezirk 20,000 fl., zu⸗ ſammen alſo 560.000 fl., und fügt man noch den Werth der im übrigen Böhmen produzirten Artikel mit 60000 fl. bei, ſo wäre die Geſammtproduktion Böhmens demnach 620.000 fl. Die Einnahmen des allgemeinen öſterreichiſchen Zollgebietes an Ein⸗, Aus⸗ und Durchfuhrzöllen und Nebengebühren betrugen in den Monaten Jänner bis Oktober 1858 im Ganzen 18,600,281 fl.(1,610,275 fl. mehr als 1857). Auswanderung. Im Jahre 1858 wanderten über Liverpool 70,406, über Bremen 23,127, über Ham⸗ burg 19,559 und über Antwerpen 4080 Perſonen aus. Der Erfinder erbietet ſich ein derartiges Boot von 8 Tonnen Gehalt für 12 bis 15 Mann zu bauen. Das⸗ ſelbe hat Raum, eine Menge Pulverſäcke und ſonſtige Exploſionsapparate aufzunehmen, kann ſich ohne Luſt⸗ zufuhr von außen mehrere Stunden entweder ganz nahe unter dem Meeresſpiegel oder in einer Tiefe von über 100 Fuß mit einer Schnelligkeit von 3 Meilen per Stunde nach allen beliebigen Richtungen hin bewe⸗ gen, folglich in das Centrum feindlicher Flotten ein⸗ dringen, Schiffe und Batterien in die Luft ſprengen, feindliche Fahrzeuge anbohren; kann ein ſchweres Ge⸗ ſchütz mit ſich in die Tiefe nehmen, um inmitten einer feindlichen Flotte plötzlich aufzutauchen, das Geſchütz abzufeuern und wieder unterzutauchen; kann übrigens auch zu friedlichen Zwecken, zur Perlenfiſcherei, zum Heben verſunkener Schiffe u. dgl. gebraucht werden. Ueberſchuhe. In Paris und auch in Brüſſel werden jetzt ſtatt der Kautſchuk⸗Ueberſchuhe Ueberſchuhe aus geflochtenem Stroh getragen, welche viel leichter ſind und den Uebelſtand zurückgehaltener Ausdünſtung nicht haben. Als das ſicherſte Schutzmittel gegen Ent⸗ zündung feiner Gewebe und anderer leicht Feuer fan⸗ genden Stoffe wird von Dr. F. Döbereiner das phos⸗ phorſaure Ammoniak empfohlen, welches die Eigenſchaft beſitzt, daß es nach dem Trocknen an der Luft oder durch das heiße Plätteiſen die ſeinſten, wie die gröbſten Stoffe hinreichend beweglich läßt, ohne im geringſten auf die Faſer ſtörend einzuwirken. Es kann ſelbſt mit dem zum Stärken dienenden Kleiſter gemiſcht werden. Im Jahre 1860 ſoll in Konſtantinopel eine allgemeine Ausſtellung Statt finden. Das von der engliſchen Geſandtſchaft begünſtigte Projekt ſoll allen anderen Geſandtſchaften vorgelegt werden; auch hat ſich bereits eine Geſellſchaft gemeldet, welche den Ausſtel⸗ lungs⸗Palaſt auf ihre Koſten erbauen will. Nach dem jüngſt ausgegebenen Verzeichniſſe des k. k. Privilegiums⸗Archives wurden im Monate Oktober 62 k. k. Privilegien neu verliehen, 51 Privilegien verlängert und 30 Privilegien durch freiwillige Zurück⸗ legung, Zeitablauf oder Nichtausübung außer Kraft ge⸗ ſetzt. Unter den neu verliehenen Privilegien ſind die Erfindungen neuartiger Tabakpfeifenköpfe, neuartiger Waggons, die zum Transporte zu Waſſer und zu Land verwendbar ſind, neuartiger Räder und Schienen aus Eiſen, die ſowohl auf gewöhnlichen Straßen als auch Eiſenbahnen benützt werden können;— einer Zigarren⸗ . Die Baumwollſpin nerei war im Jahre 18566 in der öſterreichiſchen Monarchie durch 200 Spinnereien mit 1,563,928 Spindeln vertreten. Erfindungen. Induſtrielles. Die Steuerfrage iſt, wenn auch nicht auf dem Gebiete der Volkswirthſchaft, ſo doch der Luftſchifffahrt, für welche ſie bisher bekanntlich eine Lebensfrage war, durch einen Lehrer der Stettiner Realſchule, den Prof. Emsmann, glücklich gelöſt worden; wenigſtens hat der⸗ ſelbe in Poggendorf's Annalen das von ihm entdeckte Geheimniß veröffentlicht, auf welche Weiſe man Luft⸗ ballons ganz beliebig zu dirigiren vermag. Ein Wunderſchiff. Der brittiſchen Admiralität liegt gegenwärtig eine von einem Amerikaner ihr zum Kauf augebotene neue Erfindung vor— ein Boot, das unſichtbar unter Waſſer ſich fortbewegen kann und es mit allen Kriegsflotten der Welt aufnehmen würde. bohr⸗Maſchine, durch deren Anwendung Zigarren ſtets Luft erhalten;— eines Schiffes zum Befahren der Flüſſe gegen die Strömung u. ſ. w. Stenotypen⸗Druck. Währeud bisher nur Litho⸗ graphie und Autographie die Vervielfältigung der zahl⸗ reichen ſtenographiſchen Blätter und Zeitſchriften über⸗ nehmen konnten, iſt man endlich dahin gelangt, die ſtenographiſchen Zeichen durch den Druck wiederzuge⸗ ben. Dieſe Erfindung iſt in der Hof⸗ und Staatsdru⸗ ckerei in Wien gemacht worden, die bereits eine gelun⸗ gene Probe dieſes Stenotypen⸗Druckes geliefert hat. Damit wäre eine Aufgabe gelöſt, die bisher für unlös⸗ bar gehalten wurde. Die Vollendung der Eiſenbahn zwiſchen Alexandrien und Suez hat am 4. Dezember v. J. ſtatt⸗ gefunden. Am 16. Dezember wurde die indiſche Ueber⸗ landspoſt zum erſten Mal von Suez direkt nach Ale⸗ xandrien auf der Eiſenbahn befördert. Verſchiedenes. Das Oſterfeſt fällt in dieſem Jahre auf den 24. April(Georgitag), was ſeit 1791 nicht der Fall war, und 2. und ſich vor dem Jahre 201! nicht wieder ereignen wird. Seit Einführung des gregorianiſchen Kalenders war dieß bisher nur der Fall in den Jahren 1639, 1707 und 1791. Die Oſtergrenze geht vom 22. März(früheſtes) bis zum 25. April(ſpäteſtes Datum), ſo daß überhaupt 35 Kalenderformen möglich ſind. In dieſem Jahrhun⸗ dert wird der Faſching nur im Jahre 1886 länger ſein (um einen Tag) als der heurige, weil das Oſterfeſt dann auf den 25. April fällt.— Nach einer alten Weiſ⸗ ſagung im aufgeklärten Frankreich iſt das Jahr, in wel⸗ chem das Oſterfeſt auf den 24. April fällt, ein beſonde⸗ res Unglücksjahr, wie eine zirkulirende franzöſiſche Lied⸗ ſtrophe noch heut zu Tage beſagt. Der Rath des öffentlichen Nutzens zu Konſtan⸗ tinopel hat die Errichtung von Schulen für türkiſche Mädchen beſchloſſen. Man wird ſie leſen, ſchreiben und weibliche Arbeiten lehren. Inſerte. Seit längerer Zeit erſchienen in den Pa⸗ riſer Blättern Inſerate, welche Auſſehen und Nachden⸗ ken erregten, z. B.:„ein Herzog, vier und ſiebenzig Jahre alt und im geregelten Beſitze ſeiner Adelsdiplome, wünſcht den jungen Sohn einer reichen Bürgerfamilie zu adoptiren,“ oder„ſehr wohlfeil zedirt man zehn rechtsgiltige Schuldforderungen an hochgeſtellte Perſo⸗ nen,“ oder„man wünſcht ein reiches Mädchen, welches mit der hinfallenden Krankheit behaftet iſt, an einen jungen Arzt in Paris zu verheiraten.“ Man weiß jetzt, wer und was hinter dieſen Inſeraten ſteht: Ein noch nicht alter Herr, welchen ein Gichtleiden am Ausgehen verhindert, ſucht ſich die Zeit zu vertreiben, indem er durch ſolche Miſtifikationen eine ausgebreitete Korreſpon⸗ adenz mit Perſonen und Familien anknüpft, welche ſich den größten Lächerlichkeiten oder den ſchmutzigſten Lei⸗ denſchaften überlieſern. Die Zuſchriften, die poste re- stante unter verſchiedenen Inizialen maſſenhaft an ihn elangten, ſollen in Wirklichkeit an Verderbtheit, Feig⸗ heit, feiler Habgier und Verrath alle erfundenen Aus⸗ geburten der franzöſiſchen Romanliteratur überbieten. Ein Romanſchreiber hat für dieſe Korreſpondenz, die er als„Studien nach der Natur“ auszubeuten gedenkt, eine nicht unbedentende Geldſumme angeboten. Unter vielen Zuſchriften ſtehen geachtete Namen, welche die Welt mit Erſtaunen und— Entſetzen vernehmen würde. Auf dieſen Umſtand ſpekulirte ein Geſchäftsagent, der für die Korreſpondenz 10.000 Fr. anbot. Die Sicher⸗ heitsbehörde legte ſich jedoch in's Mittel. Sie ließ alle kompromittirenden Briefe wegnehmen und amtlich ver⸗ brennen. Verfall großer Familien. Eine Herzogin von St. Simon verdient ſich ihren Unterhalt als Aufwär⸗ terin in Belleville bei Paris.— Der Erbe des letzten Dogen von Venedig treibt das Geſchäft eines Parfu⸗ meurs in St. Denis und verwahrt das koſtbare Erb⸗ ſtück ſeiner Familie, die goldenen Schlüſſel von Vene⸗ dig, in ſeinem Wohnzimmer unter einer gläſernen Glocke.— Eine Großtochter der Herzogin von Sanu Saverino arbeitet in einem Putzgeſchäft in Paris, und die einzige Tochter der ſchönen Aiſſe, um deren Hand ſich der Prinz de Conti beworben, lebt als Nähterin in Chaillot. Der ruſſiſche Fürſt Dolgoruki begründet in Oberſchleſien eine Ackerbaukolonie, die einem Theil ſeiner Leibeigenen als landwirthſchaftliche Bildungs⸗ ſchule zu dienen beſtimmt iſt. Diejenigen, welche davon Gebrauch machen, erhalten die Freiheit und den Beſitz von Grundeigenthum. Für Haus und Hof. Bewahrung des Kaffeearo mas. Der zu⸗ ete Kaffee, wenn er lange ſteht, verliert ſein Aroma; Feuilleton. 125 um dieſen Verluſt zu vermeiden, fügt man auf 50 Pf. Kaffee ſofort nach dem Brennen 1 ½ Pf. Melis oder Kandiszucker hinzu. Dieſer umgibt im Augenblick den Kaffee und ſaugt das Aroma in ſich hinein. Dieſem Kunſtgriff hat mancher Materialiſt ſeinen Ruf von gu⸗ tem Kaffee zu verdanken, und nicht der Vorzüglichkeit der Sorte oder der Bohne. Wenn man ſich ſelbſt ſeinen Kaffee brennt, kann man ihn um ſo ſicherer mit ge⸗ ſtoßenem Zucker beſtreuen und des Erfolges gewiß ſein. Wann iſt die zum Fällen der Bäume geeignetſte Zeit? Da beim Holze Alles auf Dauer⸗ haftigkeit und Feſtigkeit ankommt, hat man in neuerer Zeit umfaſſende Verſuche angeſtellt, in welcher Zeit die Bäume gefällt werden müſſen, um ein feſtes und dauer⸗ haftes Holz zu geben, und es wurde gefunden, daß der Monat Dezember das in allen Beziehungen beſte Holz liefert. Die Urſache iſt, weil die Saftkanäle der Bäume in demſelben am geſchloſſenſten ſind und dadurch das Holz vor der äußern Einwirkung am geſchützteſten iſt. Während Holz, welches in Monaten, wo die Saftka⸗ näle noch ganz offen ſind oder ſich ſchon mehr zu öffnen anfangen, geſchlagen iſt, leichter(und zwar um ſo mehr, als die Schlagzeit ſich der wärmeren Witterung nä⸗ hert) vom Waſſer und den Einflüſſen der Luft leidet, nimmt das im Dezember geſchlagene Holz nur ſehr ſchwer Waſſer an und iſt der Fäulniß nicht im glei⸗ chen Maße unterworfen. Auch die Heizkraft ſowie die Feſtigkeit iſt im Dezemberholze entſchieden größer als in anderem. Wer viele Hühner hat, und von denſelben be⸗ trächtlichen Nutzen ziehen will, der laſſe ſie nur recht fleißig Eier legen!— Aber wie?— Auf eine ſehr ein⸗ fache, leichte, billige und ſichere Art. Man füttert die Hühner mit gekochtem und gut ausgekühltem Hafer, auch der Neſſelſamen befördert das Legen ſehr, wenn derſelbe reif geſammelt, getrocknet und gereinigt wird, und man damit, beſonders in den kalten Wintertagen, die Hühner füttert, dadurch erzweckt man, daß ſie anſtatt jeden dritten Tag, alle Tage ein Ei legen. Noch größeren Nutzen ſchöpft man, wenn man Fruchtkleie, Flachsſamenſpreu und Eichelmehl gleichtheilig vermengt, ſiedendes Waſſer dar⸗ auf gießt, und dann abgekühlt dieſe Maſſe den Hühnern vorlegt; man gewinnt dadurch nicht nur, daß dieſelben täglich legen, ſondern auch, daß die meiſten, und bei⸗ nahe alle Eier zwei Dotter haben. Die Eier können ſehr lange und gut erhalten werden, wenn man ſie in einen Verſchlag zwiſchen Heu und Spreu einpackt, man legt unten eine Lage vermengtes Heu und Spreu, dann eine Reihe Eier, darauf wieder Heu und Spreu, und wieder eine Reihe Eier, bis der Verſchlag voll iſt; ſo hat man ſie oft ein ganzes Jahr hindurch aufbewahrt und friſch erhalten; der Verſchlag muß auf trockenem Orte gehalten und jeden Monat wenigſtens zweimal um⸗ gekehrt werden. Unterhaltendes. Der Sand voriges Jahr nicht gerathen. Dieſer Tage kam in Graz eine Sandverkäuferin zu einer Frau, welche ihr ſchon mehrmals Sand abgekauft hatte, und bot ihr ſolchen an, jedoch bedeutend theurer als ſonſt. Die Frau wies deßhalb den Ankauf zurück.„Ja, mein Gott,“ erwiederte die Händlerin,„dieſer hohe Preis darf Sie nicht wundern, denn der Sand iſt vo⸗ riges Jahr gar nicht gerathen!“ Die große Seeſchlange taucht wieder einmal auf. Ein Schiffskapitän hat folgendes Schreiben an Aſtonbl. gerichtet, deſſen Inhalt geeignet ſein möchte, eine Erklärung der angeblich öfter geſehenen großen Seeſchlange zu geben:„Wir befanden uns am 27. Au⸗ guſt im atlantiſchen Ocean unter 45⁰ 30“ nördlicher 126 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Breite und 30⁰ 20 weſtlicher Länge. Um die Mittags⸗ zeit bemerkten wir auf der Oberfläche des Meeres gerade vor dem Schiff in deſſen Kurslinie einen Gegenſtand, der einer außerordentlich langen und großen Seeſchlange glich und ſich auf und ab bewegte. Beim erſten Anblick ſchien der Gegenſtand einer Menge leerer Theertonnen zu gleichen, die in gerader Linie verbunden waren und ſich auf der Meeresfläche hoben und wieder ſenkten; aber als wir uns mehr näherten, merkten wir deutlich, daß der Körper Leben und Bewegung hatte und vorwärts ſchritt, und noch auf 50 Faden Entfernung glaubten alle an Bord Befindlichen verſichern zu können, daß es ſich in der That ſo verhalte. Zu unſerer größten Verwun⸗ derung ſchien unſere Annäherung auf das Wunderthier durchaus keinen Einfluß zu üben, vielmehr ſetzte es ſeine ebenmäßig fortſchreitende Bewegung fort. Da wir nun nicht länger einem Zuſammenſtoß mit dieſer ungeheuern Beſtie entgehen konnten, bereute ich in der That meine Dreiſtigkeit und Neugier, und Furcht und Unruhe er⸗ griffen uns Alle. Als unſere Furcht am größten war, und einige Augenblicke bevor der Zuſammenſtoß ſtatt⸗ finden mußte, entdeckten wir, daß dieſe künſtlich ſich ſchlängelnde Maſſe nichts anderes war, als ein Härings⸗ ſchwarm, der auf eine ſo ſonderbare Weiſe durch das Meer zog. Was wir für Schuppen auf der Schlange gehalten hatten, waren hüpfende Fiſche geweſen.“ Das Aeußerſte des Zunftzopfes wurde un⸗ längſt in einer Stadt an der Weſer in Szene geſetzt; daſelbſt gaben ſich zwei Freunde das Verſprechen, daß der den Andern Ueberlebende der Witwe desſelben einen Sarg ſchenken ſolle. Kurz darauf ſtirbt der Eine und ſein Freund Zimmermann liefert getreu ſeinem Ver⸗ ſprechen das bretterne Haus zur letzten Ruhe. Die Leiche wird hineingebettet und der Sarg verſchloſſen. Die Rache für das Verbrechen, von einem Zimmermann einen Sarg als Geſchenk angenommen zu haben, er⸗ ſcheint gar bald in Geſtalt zweier Vorſteher der Tiſch⸗ lerinnung. Dieſe treten in das Zimmer, in welchem die Leiche ſteht, ſprengen, unbekümmert um die im Neben⸗ zimmer krank darniederliegende Witwe, den Sarg und konfisziren denſelben, um ihn zu zerſchlagen. Auf er⸗ folgte Anzeige bei der betreffenden Behörde übernimmt dieſe die Sorge für eine anſtändige Beerdigung und ſteht zu erwarten, daß dieſe empörende Handlungsweiſe nicht ungeahndet bleibt. Eine eigenthümliche Anekdote von Alexan⸗ der v. Humboldt erzählt der„Publiziſt“:„Der be⸗ rühmte Gelehrte hatte vor längerer Zeit von dem Groß⸗ vater der Frau Prinzeſſin von Preußen einen kohlſchwar⸗ zen Papagei zum Geſchenk erhalten, den er ſehr liebte. Am 13. Jänner, als Herr v. Humboldt vom Diner nach Hauſe kommt, ſieht er den alten Vogel traurig auf ſeiner Stange ſitzen, tritt zu ihm und fragt:„Nun, Jakob, wer von uns Beiden wird wohl zuerſt ſter⸗ ben?“—„Excellenz,“ bemerkte der anweſende Kam⸗ merdiener,„ſprechen Sie doch zu einem Vogel nicht von ſo ernſten Sachen!“ Der Gelehrte wendet ſich ab und nimmt ein Buch. Eine halbe Stunde darauf dreht der Vogel ſich plötzlich um, ſieht nach ſeinem Herrn und— fällt todt von der Stange. Er wird für dieſen gegen⸗ wärtig im Muſeum der Univerſität ausgeſtopft.“ Die thurmhohen Wellen des Meeres, die in ſo vielen Beſchreibungen von Seeabenteuern Ein⸗ gang gefunden haben, werden jetzt als Ausſchmückun⸗ gen bezeichnet, die dem Leſer auf dem Feſtlande im weichgepolſterten Armſtuhle oder am warmen Ofen ſicher einen großen, ſchauerlichen Reiz gewähren, in der Wirk⸗ lichkeit aber aus weißbemähnten Rieſen in gepuderte Zwerge zuſammenſchrumpfen. Neuere wiſſenſchaftliche Meſſungen haben nämlich die überraſchende Thatſache feſtgeſtellt, daß auf offener See die größten Wellen nur zwölf bis ſechzehn, höchſtens zwanzig Fuß über den Meeresſpiegel ſich erheben. Es iſt um die Roman⸗ tik vollſtändig geſchehen, wenn die Wiſſenſchaft ſortfährt, ihr ſo unbarmherzig auf den Leib zu rücken. Die gaſtronomiſche Literatur erhält ſo eben einen ungemein werthvollen Beitrag in der inter⸗ eſſanten, ihren Stoff erſchöpfenden Schrift:„Der Ka⸗ paun in naturgeſchichtlicher, ökonomiſcher und kochkünſt⸗ leriſcher Beziehung. Anleitung zur Erziehung desſelben und ſeine Bereitung zum menſchlichen Genuſſe auf 35fache Weiſe, von Cuillerapot. Gratz. Mühlfeit.“ Das Buch iſt voll der wichtigſten und intereſſanteſten Enthüllun⸗ gen, auch in hiſtoriſcher Beziehung. Gerichtsfälle. Ein origineller Rechtsfall wurde in einer Grafſchaft von England verhandelt. Die Frage war: ob es einem Stadtbewohner zuſtehe, Thiere zu halten, deren Lärm der Nachbarſchaft ernſtlich beſchwerlich falle. Mr. Abraham beglaubigt durch Zeugen, daß ſein Nach⸗ bar, Mr. Minder, einen Hahn habe, der in 25 Minuten 150 Mal krähe. Der gelehrte Richter ſprach ſich aus, daß die menſchliche Natur ein ſolches Uebermaß von Hahnengeſchrei nicht auszuhalten vermöge und ver⸗ urtheilte den Mr. Minder zu einem Schilling Schaden⸗ erſatz. Es fragt ſich: wie viel Mal darf ein rechtſchaf⸗ fener Hahn des Tages krähen? Aus Poſen wird geſchrieben: Eine intereſſante Streitſache nimmt jetzt die Aufmerkſamkeit des Publikums in hohem Grade in Anſpruch. Ihren Leſern wird noch erinnerlich ſein, daß vor längerer Zeit ein Judenmädchen aus dem Städtchen Jarocin von einem katholiſchen Muſik⸗ lehrer, der ihr die Ehe verſprochen, ſofern ſie zur ka⸗ tholiſchen Kirche übertrete, entführt wurde. Das Mäd⸗ chen war nach Poſen gebracht, hier von einem katholi⸗ ſchen Geiſtlichen getauft und dann in ein Kloſter geſchickt, gleichzeitig aber von ihrem Ver⸗ und Entführer verlaſſen. Die Eltern des Mädchens verlangten darauf die Rück⸗ gabe ihrer Tochter, die Anfangs verweigert, dann aber, nachdem der Beiſtand der oberſten weltlichen Behörde in Anſpruch genommen war, bewilligt wurde. Im September vorigen Jahres zeigt darauf das Mädchen ihren Wiederaustritt aus der katholiſchen Kirche gerichtlich an. Jetzt iſt dieſelbe von einem Knaben entbunden wor⸗ den, als deſſen Vater der oben erwähnte Muſiklehrer, der wegen anderer Vergehen ſich in Haft befindet, proto⸗ kollariſch ſich bekannt hat. Nunmehr hat ſich darüber ein Streit entſponnen, welcher Religion der Knabe ange⸗ höre? Der katholiſche Ortsgeiſtliche verlangt, daß derſelbe katholiſch getauft und erzogen werde; die Mutter aber und deren Familie wollen das Kind im Judenthum er⸗ ziehen. Zunächſt hat ſich die Ortspolizei in die Ange⸗ legenheit gemiſcht und eine Eutſcheidung des Kreisge⸗ richts kontrahirt, die zu Gunſten des katholiſchen Pfar⸗ rers ausgefallen iſt. Das Urtheil lautet, dem Vernehmen nach, nämlich ſo:„Da die Mutter ihren Wiederaustritt aus der katholiſchen Kirche zwar in vorſchriftsmäßiger Weiſe erklärt hat, dadurch aber noch keineswegs wieder Jüdin geworden iſt, da ferner der Vater der katholiſchen Kirche angehört, ſo iſt auch das Kind katholiſch zu taufen und zu erziehen.“ Die Mutter und deren Eltern haben gegen das Urtheil ſofort Proteſt eingelegt und es wird nun die höhere Entſcheidung mit Spannung erwartet. In Landshut wurde gegen den Pfarrer Karl Schumm von Hebramsdorf und ſeinen Bruder, Prieſter Ignaz Schumm, wegen Amtsehrenbeleidigung Verhand⸗ lung gepflogen. Der Erſtere hatte in ſeinem Pfarrhofe eine junge Söldnerstochter aus der Umgegend von Rotten⸗ burg aufgenommen, welche die heiligen Wundmale an ſich zu tragen vorgab und der Gemeinde vor dem Al⸗ tar als eine Gottesbegabte vorgeſtellt wurde. Auf An⸗ Feuilleton. 127 ordnung des biſchöflichen Ordinariats von Regensburg und der Regierung in Niederbaiern wurde dieſelbe aus dem Pfarrhofe unter dem Widerſtand der beiden Geiſt⸗ lichen durch Anwendung von Zwang entfernt und zur Unterſuchung in das Eliſabethinerinenkloſter nach Strau⸗ bing gebracht, wo es ſich herausſtellte, daß ſie eine Be⸗ trügerin war. Gegen die Ausführung dieſer Maßregel hatte der Pfarrer in einem an das Landgericht Rotten⸗ burg gerichteten Schreiben proteſtirt, das höchſt unehr⸗ erbietige Ausdrücke gegen das königliche Regierungs⸗ präſidium enthielt und beim Zwangsvollzug nebſt ſei⸗ nem Bruder ſich gegen Landrichter Schütz und Gerichts⸗ arzt A. Müller ſehr injuriöſer Ausdrücke bedient. Der Strafantrag des Staatsanwaltes lautete für Pfarrer Karl Schumm auf 12 Monate, für deſſen Bruder Ig⸗ naz Schumm auf 10 Monate Gefängniß. Das Bezirks⸗ gericht verurtheilte den Erſteren zu 10 Monaten Fe⸗ ſtungsarreſt. Die weitere Verhandlung gegen Prieſter Ignaz Schumm, welcher bei der Verhandlung nicht zugegen war, wurde vertagt. Vor dem Polizeigericht in Speyer wurde un⸗ längſt ein Fall verhandelt, der ſeines Gleichen in den Jahrbüchern der Gerichtspflege ſuchen dürfte. Ein Lein⸗ weber von Speyer, der ſich immer rühmte,„ein aus⸗ gezeichneter Schütze zu ſein,“ ſuchte endlich ſeiner Mei⸗ ſterſchaft die Krone aufzuſetzen und ſchoß wirklich ſei⸗ nem zwölf Jahre alten Buben in der Entfernung von fünfzehn Schritten eine Kartoffel vom Kopfe. Weil je⸗ doch ſeine Nachbarn den Meiſterſchuß bezweifelten, hier af angeſtellten Nachforſchungen wurde ermittelt, daß dieß Individuum mehrere Frauen geheiratet hatte, die Polizei ſpürte ihm nach und er wurde nach lan⸗ gem Suchen durch den Polizeiinſpektor Leonors und den Conſtabler Green verhaftet und zwar in der Woh⸗ nung ſeiner zweiten Frau; dieſe beſuchte er am häu⸗ figſten, weil ſie die bemitteltſte unter ſeinen Gattinnen wiederholte er noch an demſelben Abend den Schuß (der Knabe mußte der Dunkelheit wegen eine Laterne halten), und abermals flog die Kartoffel vom Kopfe des Kindes. Die Nachbarn gingen in Verwunderung darü⸗ ber nach Hauſe. Inzwiſchen wurde die Sache in wei⸗ teren Kreiſen ruchbar und der neue Tell gerichtlich be⸗ langt. Auf die Frage, ob er ein Narr ſei, gab er ein kurzes„Bisweilen“ zur Antwort. Er wurde zu einer Geldſtrafe und fünf Tagen Gefängniß verurtheilt. In England iſt kürzlich ein Mann verhaftet worden, der zur Zeit ſechs Frauen hat, vielleicht hat er deren noch mehr, denn eine ſiebente Ehe desſelben iſt ſchon zur Anzeige gebracht. Das iſt denn doch unerhört— in Deutſchland kommt höchſtens das Verbrechen der Doppelehe vor. Die Sache wurde dadurch entdeckt, daß zuerſt zwei Frauen gleichzeitig bei der Behörde Anzeige über das Verſchwinden ihres Gatten machten. Dieſer Don Juan heißt Glouceſter Gale, iſt zur Zeit angeb⸗ lich 33 Jahre alt und nichts weniger als ſchön; er iſt von kleiner Geſtalt und trägt einen ſtarken Backenbart und kleinen Schnurrbart. Er hat ſich ſeinen ſechs Frauen gegenüber ſtets für einen Schiffskapitän, der weite Seereiſen machen müſſe, ausgegeben. Deshalb wunderten ſich denn die Frauen nicht, wenn er auf kürzere oder längere Zeit verreiſte; zu einigen derſelben kehrte er häufig, zu einer gar nicht zurück. Mr. Gale wurde in Egham verhaftet und zunächſt dem dortigen Richter vorgeführt, der ſich für inkompetent erklärte und die Unterſuchung der Sache dem Richter überwies, zu deſſen Bezirk Islington gehört, in deſſen Kirche die zweite Trauung des Gale— alſo das erſte Verbrechen desſelben— ſtattgefunden hatte.. 3. Ueber die Vorunterſuchung berichtet die„Gazette des Tribunaux“ nach engliſchen Blättern: Der Ange⸗ ſchuldigte erklärt, er heiße Glouceſter Gale, ſei 33 Jahre alt und wohnhaft in Hommermith. Die Verfolgung iſt angeregt und wird geleitet durch Mr. Cattlin im Na⸗ men des Vereins zum Schutze der Frauen(ein ſolcher Verein ſcheint in England wirklich nöthig zu ſein!) Mr. Cattlin erklärt: Die Sache wurde zuerſt in Folge einer Anzeige von zwei Frauen, die ſich nach ihrem verſchwundenen Mann, einem Schiffskapitän, erkundig⸗ ten, zur Kenntniß des Lord⸗Mayor gebracht. Durch die war. Die Frau war bei ſeiner Verhaftung gerade in der Kirche, er ließ ein Billet an ſie zurück, welches die Worte enthielt:„meine Sünden ſind endlich entdeckt, ich bitte Dich, ein gutes Wort für mich einzulegen.“ Es werden hierauf 4 ſeiner Frauen vernommen, die letzte(die ſechſte) erklärte, daß er bei ihr nur einen Tag geblieben ſei. Cattlin fährt fort: Wir haben eine Brieſtaſche, die bei Gale gefunden worden iſt, durchge⸗ leſen, es ſind darin alle Specialitäten über die von ihm abgeſchloſſenen Ehen verzeichnet. Es ergiebt ſich daraus, daß der Angeſchuldigte an einem Tage Briefe an vier ſeiner Frauen geſchrieben hat und daß er an einem andern Tage mit dreien derſelben an Orten, wo ſie ihn erwarteten, eine Zuſammenkunft hatte. Der Angeſchuldigte Gale bekennt ſich ſchuldig und behält ſich vor, ſich vor dem Schwurgericht zu verthei⸗ digen. Er erklärt, daß er ſeinen Frauen mehrere Sa⸗ chen, die ihr Eigenthum ſeien, zurückgeben wolle und deshalb mit ſeiner Frau ſprechen müſſe. Der Richter. Mit welcher?(allgemeines Ge⸗ lächter.) Mr. Gale. Mit welcher? Nun, mit meiner erſten Frau, die meine rechtmäßige Frau iſt. Mr. Cattin. So eben erfahre ich, daß der An⸗ geſchuldigte vor zwei Jahren noch eine ſiebente Ehe abgeſchloſſen hat. Der Angſchuldigte wird in das Gefängniß(New⸗ gate) zurückgeführt und wird in Kurzem vor dem Schwur⸗ gericht erſcheinen. Der Gaſtfreund. Ein ehrbarer Bürger und Meiſter hatte einen guten Jahresabſchluß gemacht, die Jahresrechnungen gingen nach Wunſch ein und er war fröhlich und guter Dinge. Nun wollte es der Zu⸗ fall, daß er vor einigen Abenden mit Freunden in der Bierſtube zuſammentraf, die gleich ihm keine Urſache hatten, in das alte Klagelied über die ſchlechten Zei⸗ ten mit einzuſtimmen, und im traulichen Geſpräche die gewöhnliche Stunde der Heimkehr verpaßten. Auf den erſten Schritt aus dem gewöhnlichen Geleiſe folgte der zweite. Die rechte Zeit war verſäumt, die Laune war eine fröhliche und der Stoff zur Unterhaltung wollte kein Ende nehmen; da entſchloß man ſich kurz, aus⸗ nahmsweiſe ein anderes Lokal zu beſuchen, wo die Gäſte länger zu verweilen pflegen und mit einem ge⸗ müthlichen Weißen ſich nicht begnügen. Auch hier ver⸗ ging die Zeit ſchneller, als man dachte und wünſchte, und endlich mußte man ſich dennoch trennen. Jeder Einzelne ſchlug den Weg nach ſeiner Wohnung ein. Allein des Schwärmens ungewohnt, wandelte unſeren Meiſter ein unheimliches Gefühl an; da fiel ſein Blick auf eine Konditorei, und mit einem Male wurde es ihm klar, daß ihm nichts weiter, als eine Taſſe Kaffee fehle, und wohlgemuth trat er, ohne zu ahnen, in welche Geſellſchaft er ſich miſche, in eine unſerer nächtlichen Konditoreien ein. Freilich war es ihm auffallend, bei ſo ſpäter Stunde in ſolchem Lokale ſo viele Gäſte an⸗ weſend zu finden; allein er wollte eine Taſſe Kaffee trinken, was kümmerten ihn die vielen Gäſte, kümmer⸗ ten dieſe ſich doch nicht um ihn!— Einer unter den Gäſten ſchien indeß ein gleiches Schickſal mit ihm zu theilen, gleich ihm ſich einſam in der zahlreichen Geſell⸗ ſchaft zu fühlen. Er näherte ſich ihm, und nicht lange, ſo waren ſie in ein tiefes Geſpräch verwickelt. Der neue Bekannte, ein Menſch von vielem Gemüthe, hatte das Herz auf der Zunge, und bevor er die Taſſe Kaffee, die ungeachtet ſeines Appetits nach dieſem Getränke 128 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ihm gar nicht munden wollte, verzehrt hatte, war er mit der Lebensgeſchichte und den Verhältniſſen ſeines neuen Bekannten vertraut geworden. Zuletzt hatte der⸗ ſelbe ihm noch offenbart, daß er Viehhändler ſei, am vergangenen Abende den Eiſenbahnzug verſäumt habe und jetzt, da er ſehr knapp bei Kaſſe ſei und das für das Fahrbillet beſtimmte Geld nicht angreifen dürfe, in einen Gaſthof nicht habe einkehren köunen, ſondern die Nacht in einem ſolchen Lokale zubringen müſſe. Das that unſerem Meiſter leid, er fühlte ein menſchliches Erbarmen und griff nach der Taſſe, um den letzten Reſt hinunterzuſpülen. Hu! welch ein Rieſeln durch alle Glieder! war es eine dunkle Ahnung deſſen, was ihm bevorſtand, oder war es die Wirkung eines infernali⸗ ſchen Gebräues, welches unter dem Namen„Kaffee“ kredenzt worden war? Wer vermag das zu ſagen? Allein er überwand das Grauſen und ſagte im gemüth⸗ lichſten Tone von der Welt:„Freund, wenn es weiter nichts iſt und Ihr fürlieb nehmen wollt, dann kommt mit mir. Ich kann allerdings meine Frau nicht in ſpä⸗ ter Nacht noch wecken, großes Aufſehen im Hauſe ma⸗ chen und ein Bett aufſchlagen laſſen; allein ihr könnt in meiner Werkſtatt ſchlafen. An Unterlage und an Decke ſoll es Euch nicht fehlen. Und morgen trinkt⸗Ihr, bevor Ihr Euch auf die Reiſe begebt, eine Taſſe Fa⸗ milien⸗Kaffee mit mir, aber beſſer ſoll er Euch mun⸗ den, als dieſer hier. Brrr!“ Wer war mehr erfreut, als unſer Viehhändler bei ſeiner geſchmolzenen Kaſſel! Die beiden neuen Freunde traten nun ihren gemein⸗ ſchaftlichen Heimweg an. Der Viehtreiber wurde in der Werkſtatt auf Leder und Decken paſſabel weich gebettet und erhielt einen ſchönen warmen Düffelrock zum Zu⸗ decken. Am Morgen ging der Meiſter, wenn auch etwas verſchlafen, zur gewohnten Stunde nach der Werkſtatt, und war nicht wenig erſtaunt, die Thür derſelben geöffnet zu finden. Er trat näher und das Räthſel war gelöſt. Sein Gaſtfreund hatte den Kaffee nicht abgewartet, ſondern war ohne denſelben verſchwun⸗ den und hatte den faſt neuen Düffelrock und eine Menge ganz vortrefflichen und ſehr koſtſpieligen Handwerkzeu⸗ ges mit ſich fortgenommen. Er wunderte ſich, meinte aber bei ſich: es ſei am Beſten, zum böſen Spiele gute Miene zu machen und zu ſchweigen. So kam der Nach⸗ mittag heran. Da ſührte ihn ein Geſchäftsgang in eine ziemlich entfernte Straße, als er plötzlich eine Menge Menſchen zuſammenlaufen ſah; ein geborner Berliner, konnte er doch nicht in der Ferne bleiben; er mußte hingehen und mit eigenen Augen ſehen, was ſich da zugetragen hatte. Wie in der Regel, ſo war auch hier die Veranlaſſung zu dem großen Auflaufe eine ſehr geringfügige. Ein Bummler hatte in einem Brauntweinladen der Labung zu viel zu ſich genom⸗ men, das Krakehlwaſſer, wie der Berliner dasſelbe zu⸗ weilen benennt, hatte gewirkt, er fing Händel an und wurde hinausgeſchmiſſen; damit nicht zufriedengeſtellt, war er zum zweiten Male in den Laden eingedrungen, hatte einen Höllenlärm gemacht und war abermals hinausgeworfen. Auf der Straße nahmen ihn zwei Schutzmänner in Empfang, um ihm Zeit und Gelegen⸗ heit zum Ausſchlafen zu geben. Iſt man aber an Ort und Stelle, ſo will man auch Alles genau ſehen So wollte denn unſer Meiſter ſich den Krakehler näher an⸗ ſehen, und erkannte zu ſeiner Ueberraſchung in demſel⸗ ben ſeinen Gaſt von der vergangenen Nacht. Hat er in der Nacht mich begleitet, dachte er bei ſich, ſo will ich ihn jetzt auch begleiten, und folgte ihm nach der nächſten Wache. Hier erzählte er dem Revier⸗Lieutenant, was wir bereits wiſſen. Unſer Bummler wollte aber durchaus kein Viehhändler ſein und ſeinen Wirth nicht V „24 A e kennen. Als er indeſſen merkte, denn er war plötzlich nüch⸗ tern geworden, daß er mit dem Leugnen nicht durch⸗ kommen würde, räumte er ein, bei unſerem Meiſter die Nacht in der Werkſtatt zugebracht zu haben; aber den Düffelrock und das ſchöne Handwerkzeug wollte er nicht mitgenommen haben. Nach ſeiner Ausſage war er plötzlich gegen Morgen erwacht. Alles um ihn her war finſter, der Ort ſelbſt war ihm unbekannt; er wußte nicht, was mit ihm geſchehen war; das Eine war ihm nur erinnerlich, daß er viel Punſch getrunken hatte. Jetzt griff er nach der Taſche, richtig, das Feuerzeug war da; er zündete ein kleines Licht an und erblickte ſich in einer wildfremden Werkſtatt. Wie er hineinge⸗ kommen war, wußte er nicht; aber das wußte er, daß er mehrmals wegen Diebſtahls beſtraft worden und je⸗ denfalls in den Verdacht eines verſuchten Diebſtahls kommen mußte, wenn man ihn bier beträfe. Ihm blieb alſo nichts übrig, als die Werkſtatt von innen aufzu⸗ ſchließen und aufzuriegeln und das Weite zu ſuchen. Allein das Letze war leichter gedacht, als gethan!— Die Hausthür war verſchloſſen, und er nicht im Beſitz eines paſſenden Schlüſſels. Er wandte ſich daher nach dem Hofe und tappte hier ſo lange umher, bis er ein heimliches Gemach entdeckte, welches zwar keinerlei An⸗ nehmlichkeiten bot, ihn aber wenigſtens bis zum Auf⸗ ſchließen der Hausthür vor Entdeckung ſchützte. Als die⸗ ſelbe aufgeſchloſſen war, ſuchte er das Freie. Wie der Diebſtahl und von wem derſelbe ausgeführt worden, wollte er hiernach nicht wiſſen können; allein er meinte, erklären ließe derſelbe ſich ſchon, da er in ſeiner Be⸗ ſtürzung die Thür zur Werkſtatt zuzumachen vergeſſen hätte. Dieſe Ausrede war von einer Zuverſichtlichkeit begleitet, welche darauf ſchließen ließ, daß der Gaſt auf der Flucht ſich den beſten Erfolg von derſelben ver⸗ ſprach. Als ihm aber hinterher die Frage vorgelegt wurde, wie er zu dem Gelde gekommen, was man bei ihm vorgefunden und das für ſeine Verhältniſſe nicht unerheblich war, wurde ſein Geſicht merklich länger. Er erklärte indeſſen mit Beſtimmtheit, daß ſeine Mut⸗ ter ihm das geliehen habe, damit er ſich einen ordent⸗ lichen Rock anſchaffen und eine gute Schlafſtelle miethen könne. Die angeſtellten Ermittelungen haben dieſe Be⸗ hauptung nicht bewahrheitet. Unſer Mann wird alſo in der Klemme ſitzen bleiben. Buchſtaben⸗Rebus von Joh. Jaroſch. M Rmng „ 7⁵ℳ. Räthſel. — c., 3——/ Eingeſendet von Konſt. Mandrovis. Groß und einſam ſchweb' ich in den Lüften, Doppelt leb' ich in den Felſenklüften; Dieſes Erdenrund berühr' ich nicht. Klein erſcheine ich am blauen Himmel, Klein erblickt man mich im Sterngewimmel, Größer, wenn der Mund von Liebe ſpricht; Unter Menſchen ſucht man mich vergebens, Ob ich gleich der Anfang jedes Lebens Und an jedem Ziel der Letzte bin. Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt.— Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag. Ausgegeben am 1. Februar 1859.