Erinnerungen. Fllusfkrärte Blätker kür Brnek und Bumor. nann. „ 141128. 9 224271523. — 141915. 17152723. 12113022. 127221523. 127291523. N ( 4 2) ſi I Es war Ladislaus, der bewußtlos auf dem Raſen lag Der Schreiber. Novelle von Flexander Hutſchenreiter. 1. eingetheilt in ebenmäßige, durch Pappeln begrenzte Vierecke, die mit ihrem frucht⸗ baren ſchwarzen Boden ſehnſüchtig die bebauende Hand des Menſchen zu erwar⸗ d ten ſcheinen; das unendliche Gewühle von Pflügen und landwirthſchaftlichen Geſpannen aller Arten und Formen iſt die herrſchaftliche Robot, welche die Felder des reichen Gutsbeſitzers, des Grafen B. von Daroczy, bearbeitet. Das Rufen und Schreien derjenigen, welche die Geſpanne lei⸗ Erinnerungen. 1859, ir ſehen vor uns eine weite ſchöne Pußta, dunkle Strohhut konnte nicht hindern, daß die ten und ihrerſeits von den herrſchaftlichen Haiduken zur Arbeitſamkeit angetrieben werden, ſchallt bis hinein in die dunkle herrliche Waldung, welche ſich am Rande des klaren Flüßchens auf ſanften Hü⸗ geln emporzieht. Dort aber unter jener rieſigen Eiche ſteht ein junger Mann in leichter Sommertracht. Der breite Sonne auch hier ihr bräunlichfärbendes Werk unter⸗ nahm, eine Färbung, die den hübſchen männlichen Zügen, welche der leicht gedrehte feine Schnurrbart noch mehr heraushebt, keinen Eintrag thut. Augen⸗ ſcheinlich iſt dieſer Mann der Leiter der Arbeiten, denn er ruft bald Dieſem, bald Jenem ein Wort der Aufmunterung, einen Befehl zu, während ein alter graubärtiger Haiduk, dem das Alter nichts an ſeinem friſchen militäriſchen Aeußern genommen, 9 66 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. auf und ab geht, um die Ordnung unter den Leu⸗ ten zu erhalten und die Befehle zu vollziehen, welche des Herrn Grafen Schreiber ihm ertheilt. Dieſe Stelle nämlich bekleidete der junge Mann, von dem wir eben geſprochen, der Schreiber, eine dem Titel nach geringe und doch in ihrem Kreiſe ſehr wichtige, von den Bauern ſehr reſpektirte Per⸗ ſon, ein kleiner General unter ſeinen friedlichen Truppen. Die Sonne ſinkt allgemach. Länger und län⸗ ger werden die Schatten. Auf der Landſtraße, welche die Felder begrenzt, rollen die Wagen nach Hauſe, gezogen von den müden, abgearbeiteten Thieren. Auch des Schreibers Roß ſcharrt ſchon wiehernd den Boden; die hoch aufgetriebenen Nü⸗ ſtern ſcheinen bereits im voraus die ſtärkende Nah⸗ rung zu wittern, welche ihm unter dem gaſtlichen Dache werden ſoll, das dort zwiſchen den ſchlanken Pappeln hervorragt. Da erhebt ſich in einiger Ferne eine Staub⸗ wolke, und wie ſie näher und näher kommt, erkennt man die ſchöne vierſpännige Kaleſche des Grafen, aus der zwei Mädchen neugierig auf das bunte Treiben der Bauern hervorblicken— das eine, ein Kind mit kaſtanienbraunen Locken und feinem Näs⸗ chen, das andere aber eine Jungfrau in der herr⸗ lichſten Blüthe, ſchlank wie die Tanne in den Ber⸗ gen. Wallende Locken überſchatten das liebliche Geſicht und die blauen Augen blicken freundlich wie die Sterne einer Sommernacht. Unſer Schreiber vertiefte ſich ſo ganz in die⸗ ſen Sommernachtstraum, daß er, als längſt ſchon der Wagen verſchwunden war, noch das holde Antlitz zu ſehen vermeinte. Und als Miska, der alte Haiduk, ihm das Pferd vorführte, das unge⸗ duldig an den Zügeln rüttelte und ſich bäumte, bemerkte er es erſt nach Langem und ſchwang ſich dann wortlos in den Sattel. Miska aber blickte ſeinem jungen Herrn, wie er ihn nannte, verwun⸗ dert nach, denn er konnte ſich ſein ungewöhnliches Benehmen nicht erklären— er begriff nicht, daß dieſer von den blauen Augen getroffen worden. 2 Das Schloß des Grafen von B. lag hart am Rande der Berge. Gegen Oſten hin dehnte ſich die große weite Ebene mit ihren Wieſen und Feldern aus; auf den Bergen aber dunkelten weite Forſte. Das Schloß ſelbſt ſtammte aus dem ſieb⸗ zehnten Jahrhundert. Es war eine gewaltige Maſſe von Mauern, die, im Quadrate gebaut, von mäch⸗ tigen Thürmen an den Eckn beherrſcht wurden. Wie viele Jahre waren an den grauen Häuptern der⸗ 9 5 ſelben vorbeigegangen, wie manchen harten Strauß hatten ſie ſchon gegen die Unbill der Zeit und die Hand des Menſchen beſtanden! Der Türkenkrieg war an ihnen vorbeigebrauſt und hatte ſeinen Na⸗ menszug mit bleiernen Lettern an ihre ſteinerne Bruſt geſchrieben, von wo derſelbe wie verwundert ſchaut auf die jetzt ſo ſtille, friedliche Welt. Auch die alten Zugbrücken, welche zu den vier Seiten des Schloſſes führen, mochten ſchon lange nicht mehr über dem Schloßgraben aufgezogen worden ſein, denn der Roſt zehrte an den ſchweren eiſer⸗ nen Ketten. Von den zwei Stockwerken des Ge⸗ bäudes enthielt das erſte die ſogenannte„Herren⸗ wohnung“ oder die Appartements des Grafen. Aus den geöffneten alterthümlichen Fenſtern lugten die ſchweren ſeidenen Vorhänge hervor, und man konnte die großen Ahnenbilder der gräflichen Familie darin bemerken— mit den ſteifen Halskrägen und noch ſteiferen Zügen, ernſt kontraſtirend gegen das jetzge bewegliche Geſchlecht. Ein kleiner Glockenthurm auf der Fagçade des Hauſes vollendete das Ganze. Einſt hatte er wohl gedient, die Ritter und Reiſi⸗ gen hinauszurufen zum Kampfe und zum Sturme— jetzt läutete man nur zur Mittagsſtunde für die Hungernden, zur Abendſtunde für die Betenden und zur ſchwerſten aller Stunden— zur Sterbeſtunde. Das Ganze war jetzt, trotz der kriegeriſchen Erin⸗ nerungen, ein Bild tiefen Friedens. Gleich daneben dehnte ſich ein ſchöner, ſchattiger Park aus, mit vielen dunklen Grotten und Lauben und den anſto⸗ ßenden zahlreichen Wirthſchaftsgebäuden. Rings auf den Wieſen aber weidete„ſchwer hinwandelndes Hornvieh“ von reinſter Berner Rage, und die Schafherden zogen vorbei, den glockenbehangenen Leithammel an der Spitze und den unvermeidlichen Eſel, der des Hirten einfache Reiſeſchatouille trägt. Es lag heute eine ſonntägliche Stille über der Gegend; doch drinnen im Schloſſe ging es lebhaft zu. Die Dienerſchaft war in großer Bewe⸗ gung. Im Hofe ſtand der Stallhaiduk des Grafen und donnerte in erbaulicher Weiſe den Knechten und Kutſchern zu, ſich mit der Reinigung der Ställe zu beeilen, indem, wie er ſagte, jeden Augenblick die Gäſte von da und dort eintreffen könnten. Andere Diener ſowie die Hausmägde rannten Stie⸗ gen auf und ab mit Schüſſeln, Speiſen und Ge⸗ räthen aller Art, während die alte Kammerzofe bedächtig ihre Befehle an ſie vertheilte, wobei denn auch die nöthigen, nicht immer ſchmeichelhaften Bemerkungen über dieſe oder jene der langzöpfigen Küchenſylphiden keineswegs mangelten. Der Schloß⸗ herr ſelbſt ging in den Höfen und Ställen umher, wohlgefällig ſeine ſchönen Renner betrachtend, die daſelbſt ſtampften und wieherten. Er war ein Mann zwiſchen den fünfzig und ſechzig Jahren, eine prachtvolle Magyarengeſtalt. Früher Soldat, hatte er ſich nun auf dieſe ſeine Beſitzung zurück⸗ gezogen, welche er, obwohl ſie die kleinſte unter ſeinen ausgedehnten Herrſchaften war, am meiſten ſowohl wegen ihrer ſchönen Lage, als auch darum liebte, weil ihm hier das freundliche Licht der Welt zuerſt angebrochen war. Von hier aus führte er die Oberaufſicht über ſeine wohlverwalteten Güter, hier lebte er ausſchließlich ſeiner Familie, der Jagd und dem edlen Reitvergnügen. ₰ — el Auch er Seiten ge nicht a worden ren eiſer⸗ des Ge⸗ „Herren⸗ afen. Aus gten die an konnte ilie darin und noch das jetige hurm auf 3 Ganze. nd Reiſ⸗ turme— 2 für die nden und rbeſtunde. hen Exin⸗ daneben aus, mit den anſto⸗ kings auf andelndes und die hangenen neidlichen lle trägt. ille über ging es er Bewe⸗ 3 Grafen Knechten er Ställe lugenblick könnten. ten Stie⸗ und Ge⸗ anmerzoſe obei denn chelhaften göpfigen Schloß⸗ n umher, tend, die war ein Jahren, Soldat⸗ g zurc⸗ ſte unte meiſten h darum der Welt führte er 1 Güter, der Jagd Alexander Hutſchenreiter: Der Schreiber. 67 Große echtere pflegten ſonſt eine heit auf dem Schloſſe zu ſein; allein heute war des Grafen Namnakag der in der Familie mit allem Glanze gefeiert wurde. Beſondere Einladun⸗ V gen ergingen zwar veßh lb nicht— aber man briet und buck eben ſo viel, daß eine Armee g genn ge⸗ habt hätte. Die Gaſtfreundſch haft des Schloßherrn vor deſen Tag faſt eine negrende Schon war es Nacht. Ruhig und mild ſchau⸗ ten die Sterne herab auf die ſchlummernde Gegend. Aus den Fenſtern des Schloſſes ſtrahlte blendendes Licht und rauſchende Muſik ſpottete der träumen⸗ den Nachtruhe. 1 Unter den vielen Gäſten, die ſich im glänzend dekorirten Salon nach dem ſchnellen Rhythmus der Zigeunerweiſen drehten, ſpielte Ladislaus, der Schreiber des Grafen, die Rolle eines ſtillen Be⸗ obachters. Träumeriſch in einen Winkel zurückgezo⸗ gen, blickte er mit wechſelnder Theilnahme auf die vielbewegte Szene. Eben wurde eine Tänzerin von ihrem Tänzer auf den neben der Gräfin leer ſtehenden Platz ge⸗ führt. Ein elektriſcher Schlag hätte Ladislaus nicht mehr erſchüttern können, als jetzt die Anſprache des Grafen, der ihn mit herablaſſender Freund⸗ lichkeit zu ſich winkte.„Sehen Sie,“ ſprach er, in den er Ladislaus dem eben erwähnten Fräu⸗ lein vorſtellte,„ich führe Ihnen hier meine Tochter auf, welche jetzt aus Peſt zurückgekehrt iſt, um unſere Einſantkeit zu theilen.— Viktorine,“ fuhr er fort, ſich an ſeine Tochter wendend,„ich engagire dieſen Herrn mit Dir auf einen Csärdäs, damit Du ſiehſt, daß man in Deines Vaters Hauſe das Tanzen noch nicht ganz verlernt hat.“ Das Mädchen machte eine ſtumme aber freund⸗ liche Verbeugung. An Ladislaus wäre es jetzt geweſen, einige Worte zu erwiedern, aber wie Blei lag es auf ſeiner Zunge. Das waren ja jene blauen herrlichen Augen, die ihm ſeine Ruhe genommen, das jene wundervolle Geſtalt, die ihm in ſeinen Träumen vorſchwebte.. Milden Blicks und mit einigem Vergnügen an dieſer Verlegenheit ſich weidend, betrachtete die Gräfin, Viktorinens Mutter, den jungen ſchö⸗ nen Mann, deſſen beſcheidenes Benehmen ſie von jeher angeſprochen. Oft ſchon hatte ſie mit ihm längeren Geſpräches gepflogen, wenn ſie mit ihrem Gemale einen Feldzug, wie ſie es ſcherzend nannte, durch Mais⸗ und Getreidefelder unternahm und das Treiben 8 denſelben beſchaute. Endlich hatte ſich Ladislaus ſeiner Verle⸗ genheit entriſſen und bat mit wenigen Worten die junge Komteſſe zum Tanze. Und als er nun dieſe ſchöne Geſtalt umfaſſen durfte; als er ihre Hand ſo weich und zart in der ſeinen fühlte; als er mit Viktorinen dahinflog nach den rauſchenden Tö⸗ nen der Muſik. da war es ihm, als wäre er nie, nie ſo überſelig geweſen! Gleich als fürch⸗ tete er ſich dieſes Gefühl durch ſein Auge zu ver⸗ V V Selten⸗ rathen, wagte er es nicht, in das herrliche Antlitz zu blicken, welches dem ſeinen ſo nahe war, daß die Locken ihn berührten. Wohl mochte Vikt orine nicht ohne eigene Erregung fühlen, wie Ladis⸗ laus' Hand zitterte, denn ſchwerlich konnte der Tanz allein ihr Antlitz mit ſolchem Purpur über⸗ goſſen haben. 9 5. Der Ball war zu Ende. Schon ſpiegelte ſich der erſte Sonnenſtrahl in den Scheiben der Fen⸗ ſter. Der Tag war erwacht— mit ihm Leben und Thätigkeit. Auch Ladislaus ſtand ſchon wieder draußen unter ſeinen Leuten, anordnend und nachſehend; aber es geſchah dieß nicht mit dem⸗ ſelben Eifer, wie es früher der Fall geweſen. Oft ſtand er lange Zeit ſtill, ganz in Gedanken ver⸗ ſunken. Der alte Miska, welcher ſeinen Dienſt wie gewöhnlich verrichtete, betrachtete forſchend ſei⸗ nen jungen Herrn und kounnte nicht begreifen, warum dieſer nicht einmal von dem redſeligen Alten anhören mochte, wie herrlich der Mais oder die Gerſte da drüben ſeit zwei Tagen geſchoſſen, oder welch' herrliches Fohlen heute Nacht die Miß Arabella geworfen. Bedenklich ſchüttelte Miska den Kopf, wobei ihm nach ſeiner Gewohnheit ein Ni, ni, mi à fenne(ſchau, ſchau, was zum T— iſt das?) entſchlüpfte, welches Kraftwort er nie auf ein hervorragenderes Ereigniß anzuwenden verfehlte. Mit gekreuzten Armen an den Baum gelehnt, ließ der Schreiber die Ereigniſſe der jüngſten Zeit wie einen Traum an ſich vorübergleiten. Da ſtand ſie vor ihm, die herrliche Jungfrau, die er von dieſem Orte aus zuerſt geſehen. Des Csardas Klänge umtönten ihn noch, er faßte wieder dieſe ſchöne weiche Hand— er wagte es zuletzt, einen heißen Kuß darauf zu drücken.... Da erwachte der Träumer und erſchrak vor ſeinem Traume! Er, der arme, unbeachtete Menſch, der nichts befaß, als ſeine Kenntniſſe und ſeine beſcheidene bürgerliche Stellung, er wagte es, ſein Auge zur Tochter des reichen Magnaten, um deren Hand Fürſten ſich bewarben— zu erheben!— Er, der arme Polenjüngling, deſſen Vater in den Kerkern Sibiriens, deſſen Mutter vor Noth und Gram in einer elenden Hütte geſtorben.... Mit eiskaltem, kritiſchem Auge durchforſchte er jetzt ſeine eigene Lage, und als wollte er die lodernde Flamme ſeines Schmerzes erdrücken, preßte er die Hände auf die Bruſt. Auf den heißen Tag folgte ein kühler Abend. An ſolchen Abenden widerfährt der ſchönen freien Natur ihr volles Recht. Der müde heimgekehrte Arbeiter ſetzt ſich auf die Bank vor ſeiner Hütte und verplaudert die kurzen Stunden, bis der Schlaf ſeine Augen ſchließt. Wen aber Beruf oder Will den Tag über im kühlen Zimmer zurückgehalten, der ſucht jetzt in der reinen milden Luft des Abends ſich zu erquicken. Auch Viktorine machte ſich mit 9* 68 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ihrer kleinen Schweſter auf, um ſich in dem ſtillen ſchattigen Bergwalde, der an's Schloß grenzte, zu ergehen. Bertha ſprang voll kindlichen Uebermu⸗ thes vor ihr her und beſtieg bald dieſen, bald je⸗ nen Hügel.— Viktorine folgte träumeriſch. Eben bogen ſie um eine Ecke des Waldes, da er⸗ blickten ſie von der Ferne einen Mann hoch zu Roß heranſprengen. Bei der Schnelle, mit der ſich der Renner bewegte, war es unmöglich, des Rei⸗ ters Geſichtszüge zu erkennen. Jetzt aber, als er näher kam, da erhob und entführte ein Windſtoß Viktorinens Schleier— das Pferd ſcheute, that einen mächtigen Satz, bäumte ſich hoch auf, und ſich überſchlagend ſtürzten Mann und Roß zu Boden. Das junge Mädchen erbleichte vor Schre⸗ cken, doch ſich ermannend eilte ſie an die Stelle des Unglücks und erfaßte kräftig die Zügel des Hengſtes, welcher ſich ſogleich aufrichtete und ruhig an einen Baum binden ließ. Dann wandte ſie ſich zu dem von der rieſigen Laſt befreiten Reiter. Es war— Ladislaus, der bewußtlos auf dem Raſen lag. Mit entſetzlicher Bangigkeit horchte ſie, ob er athme, und wie ein Stein wälzte es ſich von ihrem Herzen, als ſie in ruhigen Zügen die Bruſt ſich heben und ſenken ſah. Sie dachte daran, dem Ohnmächtigen die Halsbinde zu löſen, um ihm das Athmen leichter zu machen. Wie wenn ſie ein Verbrechen beginge, faßte ſie bebend das ſeidene Tuch und löſte es von ſeinem Halſe. Dabei ward ein kleines Marien⸗Medaillon ſichtbar, worauf die drei Worte ſtanden:„Von Deiner Mutter.“ Glü⸗ hendes Roth bedeckte Viktorinens Antlitz. So ſehr ſie es wünſchte, fürchtete ſie ſich doch vor dem Moment, wo Ladislaus zu ſich käme und die Augen aufſchlüge. Noch nie hatte ſie ſich allein einem Manne gegenüber befunden. Schon wollte ſie aufſpringen und davon eilen— aber— konnte, durfte ſie ihn hier hilflos verlaſſen— und ſprach nicht auch ein anderes Gefühl aus der tiefſten Tiefe ihres Herzens ſo leiſe und ſchmeichelnd zu Gunſten der Menſchlichkeit?— Da öffnete Ladislaus die Augen und befremdet um ſich blickend, rief er, als er Viktorine erblickte:„Sie im Walde hier— Komteſſe, was iſt geſchehen?“— Als er aber ſein Pferd im Sande ſcharren ſah, kehrte ſchnell das Gedächtniß des Geſchehenen zurück und die heftigen Schmerzen, welche ihm einige Quetſchungen verur⸗ ſachten, verkörperten gewiſſermaßen die Erinnerung. „Mein Gott, Sie bluten, Sie ſind verwun⸗ det!“ rief ſie voll innigſter Theilnahme,„und ich, Unglückliche, trage die Schuld!“ „Sie— Komteſſe— eine Schuld?— Was können Sie für einen Zufall— einen Zufall, für den ich Gott danke?“ Und er wagte es, in Vik⸗ torinens Auge einen tiefen, langen Blick zu thun, wie Einer den blauen Himmel entzückt an⸗ ſieht mit ſeinen Sternen. Dann richtete er ſich auf, unterſtützt von den beiden Mädchen. „Sie können— dürfen nicht allein gehen,“ begann Viktorine wieder,„nehmen Sie meinen ſchwachen Arm zu Hilfe, ich will Sie mit Bertha hinabführen zum Schloſſe.“ Obwohl Ladislaus ſich weigern wollte, ſo mußte er doch den Bitten der beiden Mädchen nachgeben. Mit der einen Hand faßte er Ber⸗ tha's Händchen, welche ſtolz war auf dieſes Amt, mit dem verwundeten Arme ſtützte er ſich auf den Viktorinens. Das Pferd aber, dem kleinſten Zuruf gehorſam, ſchritt hinter ihnen wie der Hund nach ſeinem Gebieter. 1 War es blos Ausdruck gewöhnlichen Mitleids, daß Viktorine oft einen ſchnellen, geheimen Blick auf ihren Begleiter oder vielmehr Begleiteten that, wenn ſie unbemerkt zu ſein meinte?— War es Zufall, daß ſie am Saume des Waldes, an wel⸗ chem ſich des Schloſſes Mauern emporheben, wie verabredet ſtille ſtanden— daß Viktorine, als Ladislaus ihre Hand gefaßt und einen ſo hei⸗ ßen, innigen Kuß darauf drückte, ihm dieſe nicht entzog? „Haben Sie Dank— Dank!“ flüſterte La⸗ dislaus, als ihn jetzt Viktorine mik einem leiſen Händedrucke verließ.— Eine Roſe, die ſie früher an ihrem Buſen trug, war jetzt an dem ſeinen. Er ſaltete wie betend die Hände und blickte den Mädchen ſo lange regungslos nach, bis ſie ſeinen Augen entſchwunden waren. 4. Nach mehrtägiger Kur von ſeinen leichten Wunden geneſen, konnte ſich der Schreiber ſchon wieder ohne fremde Hilfe im Garten ergehen. Langſam wanderte er durch die vielfach gewunde⸗ nen Laubgänge des Parkes. Manchmal hielt er ſtill und ſchrieb einige Worte in das Notizbuch, das er in der Hand hielt. Eine kleine mit Epheu umſponnene Grotte war der Zielpunkt ſeines Gan⸗ ges. Er trat hinein und war überraſcht, dort Vik⸗ torine, welche in einem Buche blätterte, zu finden. Sie erſchrak, als ſie Ladislaus erblickte. „Ich wollte nicht ſtören,“ begann der Schrei⸗ ber verlegen und im Begriffe ſich zu entfernen. „Stören?“ entgegnete Viktorine ſchnell— „Sie ſtören nicht— im Gegentheile erfüllt es mich mit Freude und Beruhigung, daß Sie nach dem bedauerlichen Zufalle, deſſen Schuld ich mir zuſchreiben muß, wieder ſo wohl ſind.“ „Noch immer dieſe Schuld, Komteſſe?— Und wäre es Ihre Schuld geweſen, ſollte durch Ihre Milde nicht tauſendfacher Erſatz dem armen Schrei⸗ ber geworden ſein?“ Viktorine ſchwieg und ſuchte ihr Geſicht in den herabwallenden Locken zu verbergen. Ladislaus öffnete ſein Buch, in welchem eine Roſe lag.„Sie iſt nun welk geworden,“ ſprach er ſtill vor ſich hin,„es iſt das Los der Blüthen und— der Hoffnungen.“ „Sie ſind recht traurig, Herr Ladislaus,“ — ie meinen Bertha vollte, ſo Midchen er Ber⸗ ſes Amt, auf den lleinſten der Hund Mitleids, nen Blick ten that, War es an wel⸗ ben, wie ine, als ſo hei⸗ jeſe nicht 5 La⸗ iik einem e, die ſie an dem nd blickte bis ſie leichten er ſchon ergehen. ewunde⸗ hielt er otizbuch, t Epheu es Gan⸗ ert Vik⸗ u finden. e. Schrei⸗ rnen. hnell— füllt es ie nach ich mir — Und ich Ihre Schre⸗ Geſict welchem 1 ſprach Blüthe laus, Alexander Hutſchenreiter: Der Schreiber. 69 begann Viktorine,„ich habe Sie noch nicht fröh⸗ lich geſehen. Warum ſo düſtere Gedanken?“ „Ich liebe düſtere Bilder, Komteſſe, ſo wie der Nordländer ſeine traurige Heide. Wie hätte ich auch lernen ſollen, fröhlich zu ſein? Mein Le⸗ ben war bis jetzt zu arm an Freuden, als daß mich die Gewohnheit nicht gelehrt hätte, die Trauer zu lieben.— Früh aus meiner Heimat vertrieben, trug ich aus derſelben nur die Erinnerung an einen unglücklichen mißhandelten Vater— an das bleiche ſterbende Antlitz einer Mutter, welcher Kummer und Elend das Herz gebrochen. Keine Heimat hatte ich— keine Menſchen, die mich liebten— nur eine Stunde— eine einzige Stunde brachte einen Lichtſtrahl in die Nacht meiner Seele—— es war die erſte— und wohl auch die letzte!“ „Die letzte?“— entgegnete Viktorine— „ſollten Sie den Glauben an die Menſchen ſo ver⸗ loren haben, daß Sie ſie nur einer flüchtigen Er⸗ regung, einer oberflächlichen Theilnahme für fähig erachteten, vor der, wie vor einer begangenen Sünde das Herz zurückſchreckt, um wieder hinter die Schran⸗ ken eiſiger Höflichkeit zurückzukehren?“ „Nein, ſo tief iſt mein Vertrauen auf das Gute im Menſchen nicht geſunken,“ entgegnete La⸗ dislaus, die ſchöne kriſtallene Blumenvaſe auf dem Tiſche betrachtend;—„aber ſehen Sie, Kom⸗ teſſe, betrachten Sie dieſe Ameiſe— wie ſie ſich abmüht und hinaufringt nach den herrlichen Blu⸗ men, welche über dem Rande des Glaſes duften und blühen— welche Kraft wendet ſie an, die glatte Wand des Kriſtalles hinaufzuklettern? Aber umſonſt.— Am gebrechlichen Glaſe erlahmt ihre Kraft! Und ſo ſcheidet das einzige Weſen, welches jenes Licht in meine Seele gebracht, eine unendliche, ſteile Höhe von mir, die ich nicht zu erreichen, zu überſteigen im Stande bin.— Und dieſe Wand haben die Menſchen zwiſchen einander gethürmt— wohl iſt auch alle Hoheit nur gebrechlich wie Glas— aber ſtark genug, um des Einzelnen An⸗ ſtrengung zu ſpotten!“ „Halten Sie ein!“ rief das Mädchen,„und durchwühlen Sie nicht meinen Glauben, nicht Ihr eigenes Gemüth mit der erbarmungsloſen Sonde Ihres Grames. Muth und frohe Zuverſicht haben oft Berge geebnet, die unüberſteigbar ſchienen.“ Die kleine Bertha hatte ſich inzwiſchen drau⸗ ßen im Garten herumgetummelt und einen prächti⸗ gen Strauß von Blumen gepflückt. Da ertönte vom Schloſſe her die Glocke, das Kind hüpfte der Laube zu und blieb erſtaunt vor derſelben ſtehen. Vor ihrer Schweſter lag Ladislaus auf den Knieen— die ſchöne Jungfrau hatte die Arme um ſeinen Nacken geſchlungen und ihre langen Locken umflo⸗ ßen ſein Antlitz. Bertha ſtand eine Weile und als ſie ſah, daß man ſie nicht bemerkte, rief ſie ſchüchtern: „Viktorine!“— Wie vom Blitz getroffen flo⸗ gen die Beiden auseinander, die über ſich ſelbſt 1 alles Andere vergeſſen hatten— aber es war ja nur das liebe kleine Antlitz Bertha's, welches ſie ſo freundlich und neugierig anblickte!— Noch einen Händedruck— ein Lebewohl— und zwei Ueber⸗ glückliche ſchieden von einander, ohne daß ein Schat⸗ ten böſer Ahnung die Feier ihrer Herzen trübte. Weder ſie noch Bertha hatten jenen Mann be⸗ merkt, welcher dort zwiſchen den Gebüſchen verſtoh⸗ len herausgelugt hatte und als ſie aus der Laube traten, mit hohnlächelnder Miene verſchwunden war. 5. Am Morgen des folgenden Tages klopfte Miska an die Thüre des Schreibers. Zwar war dieſes mit einem ſtereotypen„Szerentsés jö reg- gelt kivänok“(Wünſche glückſeligen guten Mor⸗ gen) verbundene Erſcheinen für Ladislaus etwas ganz Gewöhnliches— allein heute wurde ihm dabei zu Muthe wie einem Menſchen, der ferne von Dach und Fach einen Sturm heraufſteigen ſieht und dem die Schwüle der Luft den Athem benimmt. „Ifjür“(junger Herr), begann der Haiduk, „der Herr Graf haben befohlen, möchten ſogleich zu ihm kommen.“ Schnell warf ſich der Angeredete in ſeine Kleider und nach zehn Minuten ſtand er mit eini⸗ gem Herzklopfen im Zimmer des Schloßherrn. Der Graf maß mit großen Schritten das Zimmer, ſein Geſicht drückte eine ungewöhnliche Aufregung aus. Kaum hatte er die Begrüßung ſeines Beamten kalt erwiedert, ſo begann er: „Mein Herr, Sie ſind aus meinen Dienſten entlaſſen.“ Ladislaus erbleichte. „Wiſſen Sie,“ fuhr der Graf fort,„was es heißt, die Ruhe einer Familie muthwillig zerſtören, das Glück eines Hauſes dem Wahnſinne, der Un⸗ verſchämtheit zum Opfer bringen? Sie verlaſſen ſogleich dieſes Haus; heute Abend wird Ihr Wa⸗ gen bereit ſtehen. Wagen Sie es nie mehr, meinem Zorne ſich auszuſetzen— denn bei Gott, ich ſtünde für nichts!“ Lautlos hatte der junge Mann den wüthen⸗ den Zornesausbruch des Grafen an ſich vorbei to⸗ ben laſſen. Stumm wie er gekommen, ſchritt er aus dem Zimmer, denn er wußte, daß jedes Wort der Entgegnung nur Oel in die Flamme gießen würde. Seine Ahnung war in Erfüllung gegan⸗ gen; die Roſe— war welk geworden. Als er, das glühende Geſicht in ſeinen Hän⸗ den bergend, ſeiner Wohnung zueilte, weckte ihn eine ſanfte Stimme aus ſeinen verzweifelten Ge⸗ danken. Es war Viktorinens kleine Schweſter, welche auf ihn gewartet hatte. Sie faßte den Schreiber freundlich bei der Hand und führte ihn in die Appartements der Gräfin.„Was mag ſie noch von mir wollen,“ dachte Ladislaus, der ſich wie willenlos leiten ließ;„ſollen vielleicht die 70 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Vorwürfe einer Mutter meinem Elende die Krone aufſetzen?“— Traurig ſtreichelte er die Locken des lieben Mädchens und küßte es. Dann folgte er raſch ihren Schritten. Ehe wir in unſerer Erzählung weiter ſchrei⸗ ten, müſſen wir hier mit einigen Worten der Er⸗ klärung andeuten, wie ſich der Graf zu dieſer ſchroffen Handlungsweiſe berechtigt glaubte. Nicht der Ahnenſtolz allein, es lag auch noch ein edleres Gefühl hier zu Grunde. In den Jah⸗ ren der franzöſiſchen Kriege hatte Graf Daröczy einem Waffengenoſſen, Grafen Sändor Szat⸗ mär, ſeine volle Freundſchaft zugewendet und die⸗ ſelbe ebenſo erwiedert gefunden. Als nach Beendi⸗ gung der Feldzüge Graf Szatmar durch Kauf grundherrlicher Nachbar zu Daroczy wurde, hatte ſich dieſes Verhältniß immer ſeſter und enger ge⸗ ſtaltet und ſo war eine Verbindung ihrer Kinder— Szätmar hatte einen Sohn und Daröczy eine Tochter, Viktorine— ſchon in der früheſten Jugend derſelben beſchloſſen worden. An Szaͤt— maär's Sterbebette hatte Graf Béla dem Freunde ſein Verſprechen erneuert und er war zu ſehr Mann, um ſein Wort zu brechen. Auch machte ihn die Liebe gegen ſeines Freundes Sohn zu blind gegen deſſen ſich mehr und mehr entwickelnden Fehler, als daß er darin einen Grund zur Aufgebung ſei⸗ nes Lieblingsplanes hätte erblicken können. An eine Weigerung Viktorinens dachte er vollends nicht; er glaubte, daß, was er liebe, unmöglich von den Seinen nicht geliebt werden könne, und die Grä⸗ fin, welche mit helleren Augen ſah, verſchob eine Aufklärung ihres Gemals immer und immer, indem ſie hoffte, daß ohne ihr Dazwiſchentreten die Zeit auch ihm die Augen öffnen würde. Als nun Graf Bela durch den Sekretär des Grafen Szaͤtmaͤr, der zufällig in Daroͤczfalva und Zeuge jenes Vorfalles im Parke geweſen war, Kenntniß hievon bekam, hielt er die Sache nur für einen Verführungsverſuch von Seiten ſeines Schrei⸗ bers und dachte nicht, daß Viktorinens Herz dabei betheiligt geweſen, und ſo brachten denn der Stolz, die verletzte Freundes⸗ und Vaterliebe ver⸗ eint den Sturm hervor, deſſen Opfer Ladislaus geworden.— „Ich zürne Ihnen nicht,“ redete die Gräfin ſanft den Eintretenden an,„meine Tochter“— ſie deutete auf die weinende Viktorine—„hat mir Alles geſtanden.— Von jeher kannte ich Sie, Herr Ladislaus, als einen beſcheidenen jungen Mann, oft habe ich Sie beobachtet, ohne daß Sie es ge⸗ ahnt.— Ihr ſeid beide gut, meine Kinder;— daß es ſo gekommen, beklage ich ſchmerzlich, ohne Euch zu zürnen. So gern ich Euch durch einander glücklich ſähe, ſo ſtehe ich doch ſelbſt den Verhält⸗ niſſen machtlos gegenüber. Darum— ſcheiden Sie von uns, Ladislaus, und Gott ſei mit Ihnen.— Gehen Sie, Sie ſind ein Mann.— Stürzen Sie ſich hinein in die Thätigkeit der Welt— glücklicher als wir Frauen, denen nur der ſtille Kreis des Hauſes bleibt, ein ſchlimmer Arzt gegen den Schmerz. Denken Sie manchmal unſer und werden Sie glücklich.“ Und wegblickend reichte die Gräfin Ladis⸗ laus ihre Hand, die er mit ſeinen Thränen be⸗ netzte; dann entfernte ſie ſich ſchnell in das anſto⸗ ßende Zimmer. Ladislaus war es, als ginge ſeine Mutter von ihm. Viktorine wollte der Mutter ſchnell nacheilen, als ſie aber in dem bit⸗ tenden Blicke des Geliebten die Frage„Nie mehr?“ las, kehrte ſie raſch um und legte beide Hände in die ſeinen. Sie konnte vor Thränen nicht ſprechen. „Lebe wohl!“ flüſterte ſie endlich nach langer Pauſe, welche ſprachlos und doch ſo reich an Ver⸗ ſtändniß vorübergegangen war,„lebe wohl, nie werde ich das Weib eines Andern!“ Sie ſteckte einen Ring an Ladislaus' Finger. Dieſer zog einen Goldreif von dem ſeinigen. „Bewahre ihn,“ ſprach er, ihre Hand an ſein Herz drückend,„er iſt von meiner Mutter. Unſer lettes Wort heiße: Auf Wiederſehen!“— Mit haſtigen Schritten ſtürzte er fort. (Schluß folgt.) Lieutenant Franziska Scanagatta, Oeſterreichs Amazone. Von Zulius Ebersberg. (Scluß.) 92 aum hatte Fähnrich Scanagatta ihren „A Wunſch erreicht, zu einem Truppentheile der —Soperirenden Armee eingetheilt zu werden, ſo & Jbegab ſie ſich unverweilt nach Wien, wo ſie „ den Befehl erhielt einen Rekrutentransport aus Ungarn ihrem Bataillon als Verſtär⸗ kung zuzuführen, welches ſich auf Vorpoſten am rech⸗ ten Rheinufer in der Nähe von Kehl befand, als ſie bei demſelben einrückte. Dasſelbe ſtand in der Truppenbrigade des Generalmajors Fink und wurde von dem Major Seitel befehligt. Wenige Tage ſpäter mußte es, als die Franzoſen den Rhein zwi⸗ ſchen Kilſtett und Diersheim überſchritten, ſich in die Stadt Mannheim zurückziehen. Um dieſe Zeit machte der Frieden von Campo Formio dem Feldzuge ein Ende. Daher ſetzte ſich Scanagatta's Ba⸗ taillon am 9. Dezember nach Böhmen und dann nach Schleſien in Marſch, wo es ſeine Standquar⸗ tiere in Troppau, hernach in Jägerndorf nahm; ſpäter, am 17. März 1798, marſchirte es nach Steiermark, und nachdem es daſelbſt in verſchie⸗ denen Garniſonen gelegen hatte, wurde es nach Klagenfurt verlegt, wo ihm für einige Zeit Ruhe gelaſſen wurde. Während Fähnrich Scanagatta, —— — nur der ter Anzt al unſer Ladis⸗ nen be⸗ anſto⸗ 3 ginge Ute der em bit⸗ mehr?“ ände in prechen. langer in Ver⸗ hl, nie e ſteckte iſer zog an ſein Unſer — Mit , mihren eile der den, ſo wo ſie ansport Verſtär⸗ im rech⸗ nd, ald in der wurde e Tage in zwi⸗ in die machte feldzuge s Ba⸗ d dann ndquar⸗ nahm; :8 Nla erſhie⸗ Julius Ebersberg: Lieutenant Franziska Scanagatta, Oeſterreichs Amazone. 71 als zur Beſatzung dieſer Garniſon gehörend, der Muße pflegte, immer darauf bedacht, keinen Arg⸗ wohn über ſein Geſchlecht aufkommen zu laſſen, erhielt ein anderer Fähnrich des Regiments die Nachricht von ſeiner Verſetzung in eines der zur Vergrößerung der Armee neu errichteten vierten Bataillone, und zwar in jenes des Regiments Wenzel Colloredo Nro. 56(jetzt F. M. L. Freiherr von Gorizutti); ein Befehl, welcher dem betreffenden Offiziere ſchweren Kummer verur⸗ ſachte, da derſelbe bei ſeiner Mittelloſigkeit genöthigt war, Frau und Kinder in Klagenfurt zurückzulaſſen und allein ſeiner neuen Beſtimmung zu folgen. Gerührt durch die mißlichen häuslichen Ver⸗ hältniſſe ſeines Kriegs⸗Kameraden, beſchloß Fähn⸗ rich Scanagatta ihm einen Tauſch anzubie⸗ ten. Drei Beweggründe entſchieden Franziska zu dieſem Schritte: erſtens dauerte ſie der arme Kamerad und ſie wollte ihm helfen, zweitens aber ſich ſelbſt der läſtigen Ueberwachung jener Perſonen entziehen, die ſie häufiger ſahen und daher zuerſt ihr Geheimniß erſpähen konnten; mehr aber als alle anderen Gründe bewog das ihr angeborene unſtäte Weſen und die Luſt neue Länder zu ſehen, ſtatt in der Langweile des Garniſonslebens ſauertöpfiſch zu werden, Franziska zu dieſem Entſchluſſe. Als die erbetene Verwechslung der beiden Offiziere die hö⸗ here Genehmigung erhalten hatte, verließ Fran⸗ ziska am 17. Auguſt(1798) Klagenfurt und ging zuerſt nach Mährens Hauptſtadt, Brünn, von wo ſie ihren Weg nach Lublin in Galizien fort⸗ ſette, wo ſich das 4. Bataillon Wenzel Collo⸗ redo befand, das von dem Major Deeber be⸗ fehligt wurde. Sie langte am 23. September in der genannten Stabs⸗Station an und wurde in die Kompagnie des Hauptmanns Kinſky einge⸗ theilt, welche damals in Sandomir lag. Dieſer raſche Wechſel von Garniſons⸗Orten ſtimmte vollkommen mit dem Geſchmacke, den Ge⸗ wohnheiten und Bedürfniſſen des geheimnißvollen Fähnrichs überein, welcher die Laſt der auf ſich ge⸗ nommenen Verkleidung bei dem jedesmaligen Wech⸗ ſel des Aufenthaltsortes weniger fühlte; Fran⸗ ziska war es wohl zufrieden, ſich immer unter ihr völlig fremden und unbekannten Menſchen zu be⸗ finden, welche weder ein Intereſſe noch den Wunſch haben konnten, das räthſelhafte Benehmen des jun⸗ gen Offiziers einer näheren Beobachtung zu unter⸗ ziehen. In Sandomir ſollte ihr die Furcht, ihr Ge⸗ heimniß entdeckt zu ſehen, eine ſehr lebhafte Unruhe bereiten. Franziska beſuchte nämlich das dortige Kaſino, in welchem ſich die ganze gute Geſeellſchaft der Stadt verſammelte; einige Damen, welche das⸗ ſelbe ebenfalls beſuchten, ſchöpften nun— ſei es, daß ihnen die Formen oder das allzu zurückhal⸗ tende Benehmen des jungen Fähnrichs verdächtig vorkam— Argwohn und theilten ſich dieſen gegen⸗ ſeitig mit; ſo kam es, daß ein junger Schöngeiſt von Sandomir eines Abends die Unverſchämtheit hatte, ſich zum Dolmetſch der Verdachtgründe der Damen zu machen und Franziska mit den Worten anzuſprechen: „Wiſſen Sie wohl, Herr Fähnrich, was die Damen an Ihnen bemerken?“— Franziska ahnte gleich, wo hinaus der junge Laffe wollte; aber ſie verbarg ihre Verlegenheit ſo gut es gehen mochte, und antwortete, daß ſie ſehr gerne zu er⸗ fahren wünſchte, was die Damen an einer unbe⸗ deutenden Perſönlichkeit, wie die ihrige, auszuſtel⸗ „len fänden.“ „Nun,“ antwortete der junge Mann,„die Damen finden, daß Sie ganz das Ausſehen eines Mädchens haben.“ Bei dieſen Worten begann Fähnrich Sca⸗ nagatta recht herzlich zu lachen, und antwortete dem jungen Herrn in einem ſcherzhaften und leicht⸗ fertigen Tone:„Die Entſcheidung einer ſolchen Frage ſteht natürlich den Damen zu und ich erlaube mir Ihre Frau Gemalin zu meiner Richterin zu erbitten.“ Bei dieſer Antwort, die eben ſo kühn als die Anſchuldigung herausfordernd war, hielt es der junge Herr für gerathen, den Rückzug anzutreten, indem er betheuerte, daß er weit entfernt ſei, mü⸗ ßigem Weibergeträtſche irgend Glauben beizumeſſen, und daß er nichts anderes habe bezwecken wollen, als dem Herrn Fähnrich vertrauliche Mittheilung von dem Verdachte zu machen, den dieſe oder jene Dame über ihn ausgeſprochen hätte. Aber der launenhafte Zufall, welcher Fran⸗ ziska's Standhaftigkeit auf ſehr harte Proben ſetzen wollte, ließ, kaum daß eine Gefahr überwunden war, deren neue entſtehen, um das heldenmüthige Mädchen zu zwingen, neue Kriegsliſten zu Ueber⸗ windung derſelben zu erfinden. Am 1. Februar 1799 erhielt die Kompagnie, mit welcher Fähnrich Scanagatta in Sando⸗ mir ſtand, Befehl, nach Kelm zu warſchiren; Fran⸗ ziska war darüber hoch erfreut, da es ihr nun gelang, ſich den Blicken der Damen Sandomirs zu entziehen, welche ſie nöthigten, ſich noch mehr vor⸗ zuſehen und zu überwachen als gewöhnlich; aber während des Marſches wurde ſie von einem hefti⸗ gen Gliederreißen überfallen, welches ihre Trans⸗ portirung nach Lublin, wo ſich nun der Regiments⸗ ſtab befand, nöthig machte. Die Krankheit wurde ſo ernſtlich, daß Sca⸗ nagatta ſich gezwungen ſah, durch volle zwei Monate das Bett zu hüten und ſich der ärztlichen Behandlung zu unterwerfen, welche ſich bei dieſer ſchweren und gefährlichen Erkrankung als ſehr drin⸗ gend herausſtellte. Nun mag ſich der arme Fähn⸗ rich nicht ſelten dem Arzte, dem Chirurgen und endlich auch dem Krankenwärter gegenüber in kei⸗ ner geringen Verlegenheit befunden haben. mußte ſie jenes undurchdringliche Geheimniß ver⸗ bergen, deſſen Entdeckung jetzt ein Leichtes geweſen wäre, wenn ſie nicht in dieſer entſcheidenden Epoche ihre Vorſichtsmaßregeln verdoppelt hätte, da ſich jetzt die Gefahren, ja ich möchte ſagen die Schlin⸗ gen verdoppelten, welche der launenhafte Zufall dem weiblichen Krieger in den Weg legte. Es be⸗ darf wohl kaum der Erwähnung, daß die Furcht vor Entdeckung, in welcher ſie fortwährend ſchwebte, wenig dazu beitrug, ihre an ſich ſchon gefährliche und ernſte Krankheit zu erleichtern. Da ſie wäh⸗ rend dieſes ganzen Krankenlagers kein Glied rühren konnte und ihr Körper unter einer vollkommenen und allgemeinen Entkräftung litt, ſo ſah ſie ſich genöthigt, ſich für alle Funktionen willenlos den Händen des Soldaten, der ihr aufwartete, zu über⸗ laſſen; glücklicher Weiſe war aber dieſer Burſche von einer ſolchen Einfalt und Stumpfiiunnigkeit, daß er auf gar nichts, was einem Andern höchſt wahrſcheinlich verdächtig geſchienen hätte, Achtung gab und ſich darum weiter nicht kümmerte, wenn ihm nicht alles mit rechten Dingen zu geſche⸗ hen ſchien. Die dankbare Franziska rühmt, ſo oft ſie auf dieſe ſchmerzliche Periode ihres Lebens zu ſpre⸗ chen kommt, die rührenden Beweiſe von Theilnahme und Wohlwollen, die ihr während ihrer Krankheit der Hauptmann Tauber ihres Regiments gab, und die ihr in einem Lande, in welchem ſie keine Menſchenſeele kannte, unendlich wohl thaten. Kaum hatte ſie nach und nach ihre Geſund⸗ heit wieder erlangt, ſo erhielt ſie, erſt in volle Rekonvaleszenz getreten, eine neue Beſtimmung; ſie war nämlich in das deutſch⸗banater Grenz⸗Re⸗ giment Nr. 12 durch den Hofkriegsrath überſetzt worden und erhielt den Befehl, mit möglichſter Be⸗ ſchleunigung bei demſelben einzurücken. Franziska meldete ſich augenblicklich bei ihrem Bataillons— Kommandanten Major Deeber zum Abgehen und obwohl dieſer biedere Stabsoffizier ſeine ganze Be⸗ redſamkeit erſchöpfte, um den ſchmucken Fähnrich zu vermögen, ſeine Abreiſe noch ſo lange aufzu⸗ ſchieben, bis ſeine Geſundheit wieder ganz herge⸗ ſtellt und zu der weiten Reiſe hinlänglich gekräftigt ſein würde, ſo beſtand der etwas eigenſinnige Schwarzkopf nichtsdeſtoweniger darauf, gleich ab⸗ zureiſen, indem er verſicherte, daß die Reiſe und die anhaltende Beſchäftigung, welche er in ſeinem neuen Wirkungskreiſe zu finden hoffe, der Herſtel⸗ lung ſeiner Geſundheit förderlicher ſein würden, als längere Ruhe und Unthätigkeit. Franziska ver⸗ lor daher keinen Augenblick, ihre Reiſe anzutreten, was am 10. April geſchah, und noch vor Ablauf eines Monats, am 6. Mai 1799, langte ſie in Pancſova im Banate an, wo ſich der Stab ihres neuen Regiments befand. Ihre Augen ſtrahlten vor Glück und Zufriedenheit über ihre wiedererlangte Geſundheit, noch mehr aber darüber, daß der Zu⸗ fall ſo großmüthig geweſen war, ihr jenen Diener, der bei ihr die Stelle des Krankenwärters ver⸗ treten hatte, zu belaſſen, vor deſſen Späherblicken ſie ſich nicht fürchten zu müſſen glaubte, da er ſich eines Grades von Unverdorbenheit erfreute, welcher den Bewohnern der heißen Regionen des Südens ganz unglaublich und ſelbſt den kalten Bewohnern des eiſigen Nordens kaum möglich erſcheinen dürfte. Franziska rückte gerade in dem Augenblicke bei ihrem neuen Regimente ein, als in demſelben Beförderungen ſtatt hatten; in ihrer Eigenſchaft als einer der rangsälteſten Fähnriche erwartete ſie bei dieſer Gelegenheit ihre Vorrückung zum Lieutenant; aber zu ihrer großen Ueberraſchung und mit nicht geringem Aerger ſah ſie ſich durch zwei andere Kameraden, die jünger im Range waren, übergangen. Sicher ihrer Sache, d. h. in dem guten Bewußtſein, daß die von den Regimentern, in de⸗ nen ſie bisher gedient hatte, ausgefertigten Kon⸗ duitliſten nicht den geringſten Anlaß zu einem Vor⸗ wurfe bieten konnten, führte ſie trotz ihres ſonſt ſehr ſanften und geduldigen Charakters heftige Klage über dieſe Zurückſetzung, indem ſie erklärte, ſie würde ſich nicht für würdig halten, die Uniform des Regiments und den Ehrenrock eines kaiſerlichen Offiziers zu tragen, wenn ſie das Unrecht, das man ihr zugefügt habe, geduldig und ohne Einrede ertrüge. Als Antwort auf dieſe Beſchwerde erhielt ſie unterm 13. Julius eine Zuſchrift, welche ſie vollkommen beruhigte, denn das Regiment bedeutete ihr, daß die beiden ſie kränkenden Beförderungen zu einer Zeit vorgenommen woeden waren, als das Regiment ſich noch nicht in der Kenntniß von der Ueberſetzung des Fähnrichs Scanagatta in dasſelbe befand, aber daß man bei der erſten ſich ergebenden Apertur nicht ermangeln würde, ſei⸗ nem Verdienſte Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, was auch wirklich einige Monate ſpäter,— am 1. März 1800— geſchah. Zu jener Zeit befand ſich Franziska in der Eintheilung beim Reſervebataillon, das gewöhnlich im Werbbezirke liegt, und damals unter dem Be⸗ fehle des Oberſtlieutenants und Werbbezirks⸗Kom⸗ mandanten von Einsfeld ſtand; aber da ſie nach der Ehre dürſtete, einen Feldzug mitzuma⸗ chen, bat ſie um die Ueberſetzung in eines der ſchon vor dem Feinde in Italien ſtehenden Bataillone des Regiments; dieſe Bitte wurde erfüllt, ſie erhielt die Eintheilung in das ſechſte Bataillon. Dasſelbe gehörte zu der mit der Blokade von Genua be⸗ trauten Heeresabtheilung und wurde von dem Ma⸗ jor Paulich befehligt. Franziska riückte bei dem Bataillon in den erſten Tagen des Dezembers in Borzonaſco ein, verließ aber dieſen Ort ſchon am 9. wieder, um die in der Nähe lagernden Franzoſen anzugreifen.— Als der Feind aus ſeiner Stellung gedrängt worden war, erhielt Fähnrich Scanagatta den Befehl, Barba⸗gelata, woraus er ſelbſt die Fran⸗ zoſen vertrieben hatte, zu beſetzen; Franziska war zuerſt, ihrem Zuge voraneilend, mit hochge⸗ ſchwungenem Degen und flammenden Augen in 4 — da er ſich e welcher Südens ewohnern en dürfte. ugenblicke demſelben igenſchft erwartete ung zum rraſchung ich durch ge waren, em guten , in de⸗ ten Kon⸗ nem Vor⸗ dres ſonſt iige Klage lärte, ſie Uniform taiſerlichen techt, das ne Einrede de erhielt welche ſie bedeutete derungen wen, als ttniß von gatta in erſten ſich irde, ſei⸗ zu laſſen, „— am ka in der ewöhnlich Dejem bers Ott ſcon lagernden Julius Ebersberg: Lieutenant Franziska Scanagatta, Oeſterreichs Amazone. 73 die Befeſtigung der Feinde eingedrungen. In die⸗ einem Fuße verwundet; ufähig, auf jenen ſteilen Felſen mehr herumſteigen zu können, vermochte dieſer Stabsoffizier nur noch ſeiner Truppe einen guten Aufſtellungspunkt zu bezeichnen, und nach⸗ dem er ſie denſelben beziehen geſehen hatte, mußte er ſich mit einem Theil ſeines Bataillons gefangen geben und ſich nach Genua bringen laſſen, wo er ſich der Abnahme ſeines Beines unterzog. Fähnrich Scanagatta, der nun unter den Befehlen des Haupmanns Luzier diente, eilte am 16. Dezember nach Pallazzuolo, wo er zu den Truppen des Generals Grafen Klenau ſtieß, der ſich genöthig ſah aus Mangel an Munition die Riviera von Genua mit ſeinem Truppenkorps zu räumen. Scanagatta wurde die ehrenvolle Auf⸗ gabe zu Theil, mit einem kleinen Detachement die Stellung von Barba⸗gelata wieder einzunehmen und ſich daſelbſt ſo lange als nur immer möglich zu halten, um auf dieſe Weiſe den Rückzug der öſterreichiſchen Nachhut zu decken. Sie traf hier mit einer Truppenabtheilung unter dem Befehle des Lieutenants Pavik zuſam⸗ men, mit welcher ſie die wenige, ihrem Befehle unterſtehende Mannſchaft vereinigte. Am 25. De⸗ zember erhielt unſer Fähnrich den Befehl, dieſe Stellung zu verlaſſen, um zu ſeinem Bataillon einzurücken, welches um dieſe Zeit von dem Vorpo⸗ ſtendienſte, den es ſchon ſeit einigen Monaten ver⸗ ſah, abgelöſt worden war. Sie traf dasſelbe, das nacheinander von den Hauptleuten Golub owich und Kliunowich befehligt worden war, in Cam⸗ piano und Caſtelbardi im Herzogthume Parma, von wo es gegen Ende Februar 1800 nach Li⸗ vorno in Garniſon geſchickt wurde. Um dieſe Zeit wurde Franziska in Faſ⸗ ſungs⸗Anlegenheiten des Bataillons nach Venedig, Mantua und Malland geſandt, und ſie genoß die Freude, ihre Familie auf der Durchreiſe in Cre⸗ mona zu ſehen, indem ihr Vater Intendant dieſer Provinz war. Sie verweilte im Elternhauſe einen Tag und zwei Nächte. Ihre Mutter, welche die Schickſale ihrer Tochter nie aus dem Auge verlor, hatte des Morgens bemerkt, daß Franziska beim Ankleiden ihre Bruſt ſehr enge zuſammenſchnürte, und mit Schrecken gewahrt, daß dieſer fortwährende Druck der Tochter ſchon ſchwarzblaue Male und Flecken erzeugt hatte; ſie theilte ihre Beunruhigung darüber ihrem Gatten mit, indem ſie ihm vorſtellte, daß ihre Tochter in kurzer Zeit das Opfer einer Krankheit ſein würde, wenn man ſie nicht zwänge, endlich ihrer Verkleidung und dem Kriegsdienſte zu ſeits wohl, das Geheimniß ſeiner Tochter zu ver⸗ ſem Augenblicke wurde Major Paulich ſchwer an entſagen.— Der Vater hatte ſeit dem erſten Au⸗ genblicke, als ihm die Nachricht zugekommen war, daß ſeine Tochter ſich als Knabe in die Neuſtädter Akademie eingeſchmuggelt habe, niemals aufgehört ſie dringend zu bitten, dieſer Verläugnung ihres Geſchlechtes zu entſagen; aber er hütete ſich anderer⸗ Erinnerungen. 1859. öffentlichen, über deren Aufführung ihm fortwährend die befriedigendſten Nachrichten zugingen und von der er auch irgend eines unklugen, gewaltthätigen Schrittes ſich gewärtig halten konnte, wenn er ih⸗ rem Willen ernſtlichen Widerſtand entgegenſetzen würde. Er ſchwankte einige Zeit über die Wahl der Mittel, zu denen er greifen konnte, um das bangende Mutterherz ſeiner Gattin zu beruhigen und ſeine Tochter, ohne ſie zu erbittern, ihrem Geſchlechte zurückzugeben. Er machte einen neuen Verſuch, ſie zur freiwilligen Rückkehr in das Eltern⸗ haus zu beſtimmen, indem er allen Nachdruck, ab⸗ geſehen von den übrigen Gefahren, denen ſie aus⸗ geſetzt war, auf jene legte, welche die ſcharkblickenden Augen ihrer Mutter entdeckt hatten und ihr außer⸗ dem verſprach, ihr Elternhaus dadurch zu einem Paradieſe umzugeſtalten, daß ihre leiſeſten Wünſche gerne und ſchnell erfüllt werden ſollten. Aber dieß alles war vergeblich; Franziska antwortete ihrem Vater ehrerbietig, daß ſie nicht er⸗ mangeln werde, auf das, was ihre Mutter an ihr bemerkt. hatte, ihre Aufmerkſamkeit zu richten, und daß ſie nicht einen Augenblick zögern wolle, in den Schooß ihrer, ihr immer über alles theuren Fa⸗ milie zu eilen, ſobald nur erſt Frieden geſchloſſen ſei, welcher Zeitpunkt außerdem auch nicht mehr ent⸗ fernt ſein könne; aber ſie bat ihren Vater zu überlegen, daß ſie das geringe Verdienſt, das ſie ſich etwa in ihrer Laufbahn erworben habe, einbü⸗ ßen würde, wenn ſie dieſelbe in dieſem Augenblicke verließe, und daß er ſich übrigens ihrethalben kein graues Haar wachſen laſſen dürfe, da ſie während des Laufes von vierthalb Jahren, immer nur auf ſich angewieſen, ſich in Mitten der Armee und un⸗ ter manchmal ſehr bedenklichen und kritiſchen Ver⸗ hältniſſen wackergehalten und ihre weibliche Würde in allen Stürmen eines ſo wechſelvollen Lebens ſtets unangefochten zu bewahren gewußt habe. Mit dieſen Worten verabſchiedete ſie ſich von ihren El⸗ tern und reiſte ab, um ſich des Reſtes ihrer Auf⸗ träge zu entledigen. Nun beſchloß ihr Vater ſich nach Mailand zu begeben, und ſeine Verlegenheit ganz offen dem Grafen Cocaſtelli zu vertrauen, der Don Giu⸗ ſeppe ſehr gewogen war und in ſeiner Stellung als General⸗Kommiſſär des Kaiſers in der Lombardie und bei der italieniſchen Armee ihm in einer ſo zarten Angelegenheit ſehr nützlich ſein konnte. Auf den Rath des Graſen und durch deſſen Ver⸗ mittlung richtete Don Giuſeppe an den Höchſt⸗ befehlenden der öſterreichiſchen Armee, Generalen der Kavallerie Freiherrn v. Melas ein Bittſchrei⸗ ben, in welchem er ihm die Mittheilung, daß eine junge Kriegerin unter ſeinem Befehle ſtand, machte und ihn bat, derſelben einen ehrenvollen Abſchied zu gewähren.— Während der Vater dieſe Schritte ohne Vor⸗ wiſſen der Tochter that, hatte dieſe die ihr vom 10 71 Erinnerungen Bataillons⸗Kommando anvertrauten Aufträge voll⸗ führt und war wieder zu ihrem Truppenkörper ein⸗ gerückt, welcher im April 1800 Befehl erhielt, zur Blokade von Genua zurückzukehren, deſſen Ueber⸗ gabe bevorſtand. Das Bataillon hatte bei Monte Becco ganz in der Nähe von Monte⸗Fiacco eine feſte Stellung bezogen, als gerade an dem Tage, an welchem Genua mittelſt eines Vertrages über geben wurde, Lieutenant Scanagatta durch ſein Bataillons⸗Kommando den Befehl erhielt, ſich auf Anordnung des Höchſtkommandirenden der Ar⸗ mee zu ſeinen Eltern nach Mailand zu begeben und verſtändigt wurde, daß ſich das Armee⸗Kom⸗ mando die weitere Verfü ügung über ihn vorbehalte. Der Scharfſinn Franziska' errieth bald den Grund, welcher den von dem Heere hochver ehrten Feldherrn bewogen hatte, ſie plötzlich der Dienſtleiſtung zu entbinden und ſie ahnte wohl, daß ihr Geheimniß entdeckt ſei; deßhalb verließ ſie alsbald, nicht ohne den bitterſten Schmerz, das Lager und beſchloß in das Elternhaus zurückzu⸗ kehren. In Nervi angelangt, erfuhr ſie, daß ihre Ahnung ſie nicht betrogen und daß ihr Vater, indem er ihr Geſchlecht verrieth, angeſucht habe, ſie in den Schooß der Familie wieder zurückkehren zu laſſen. Der Korps⸗Kommandant Feldmarſchall⸗Lieute nant Freiherr von Gottsheim behielt ſie an dieſem Tage an ſeiner Tafel zurück und ſie war überaus angenehm überraſcht, als ſie ſich immer noch als Lieutenant behandelt ſah, ohne daß es irgend Jemand beifiel, auf ihr Geſchlecht eine An⸗ ſpielung zu wagen. Am 3. Junius ſetzte ſie ihre Reiſe nach dem Elternhauſe fort. Aber als ſie am 8. zu Bologna erfuhr, daß die Franzoſen wieder in das Mailän diſche eingerückt ſeien, hielt ſie es für angezeigt, die Richtung nach Verona einzuſchlagen, wohin ſich der Generalſtab der bſierun hiſchen Armee begeben hatte. Sie erhielt daſelbſt auf ihr Verlangen eine neue Marſchroute nach Venedig ausgefertigt, wo ſich damals ihr Vater befand, und wo ſie, monat lich die Gage eines Lieutenants abfaſſend, bis zum April 1801 verpeilte, um welche Zeit ihr der Frieden von Luneville geſt tattete, mit Sicherheit in ihr Vaterland und in den Schooß ihrer Angehö⸗ rigen zurückzukehren. Ihrem militäriſchen Wirken wurde von dem Hofkriegsrathe eine ebenſo rührende als ehrenvolle Anerkennung zu Theil, indem dieſe höchſte Behörde unterm 11. Juli 1800 die durch den Austritt Franziskas erledigte Lieutenants⸗ ſtelle im Detſch, Pläter Grenz⸗Regimente einem ihrer Brüder, Guido, verlieh, der bisher als Ka⸗ det in dem Anfanterid⸗Negimente vacat Belgioſo geſtanden hatte. Außerdem erſtattete der Hofkriegs⸗ rath an Kaiſer Franz I. Bericht über die militä⸗ riſche Laufbahn der merkwürdigen Frau und dieſe erhielt von dem gütigen Monarchen unterm 10. De⸗ zember 1801 die ſtandesgemäße Penſion nebſt der — — Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. weitern Vergünſtigung, dieſelbe auch im Auslande verzehmen zu dürfen.— Der Ruhe zurückgegeben und des Ruhmes ſich freuend, den ſie in ihrer wenngleich kurzen aber mit ſo großer Auszeichnung zurückgelegten militäri⸗ ſchen Laufbahn erworben hatte— traf ſie ggegen Ende 1803 in der Casa Villata mit dem Lieute⸗ nant Spini zuſammen, welcher in der guardia presidenziale(d. h. Präſidentſchafts⸗ Garde; Na⸗ poleon hatte ſich nämlich, wie bekannt, zum Präſi⸗ denten der cisalpiniſchen Republik aufgeworfen, die er ſpäter in ein„Königreich Italien“ verwandelte) ſtand; als Spini ſie, bezaubert von den morali⸗ ſchen Eigenſchaften Franziska's und voll Be⸗ wunderung für ihre vollbrachten Thaten, zur Gat⸗ tin begehrte, erhielt er das erſehnte Jawort und die Vermälung fand am 16. Jänner 1804 zu Malland ſtatt. Als im Jahre 1805 die zu einer„königlichen“ umgeſtaltete„guardia presidenziale“ nach Paris gezogen wurde, folgte Franziska ihrem Gatten dahin, den ſie ſpäter auch zu dem italieniſchen Depot begleitete, das vereinigt mit dem des franzöſiſchen Heeres in Frankreich zurückgeblieben war. In den erſten ſechs Jahren ihrer Ehe genas Franziska von vier Kindern, zwei Knaben und eben ſo vielen Töchtern. Während den nachfolgen⸗ den Feldz ügen des Lieutenants Spini blieb Fran⸗ ziska in Malland zurück, ihre ganze Sorgfalt der Erziehung ihrer geliebten Kinder zuwendend; ebenſo wenig konnte ſie ihm nach Ungarn, wohin er im Jahre 1815 dienſtlich verſetzt wurde, folgen, da er, die Ordnung einiger Familien⸗Angelegenheiten in Veltlin wünſchend, die Abwicklung derſelben ſeiner Gattin überließ, die er mit allen Vollmachten aus⸗ geſtattet hatte. Er genoß die Befriedigung, dem von ſeiner Gattin Verfügten ſeine volle Zuſtim⸗ mung geben zu können. Ebenſo ſorgſam als Mutter, wie ſie eine treue liebende Gattin und ein ausgezeichneter Offizier war, gelang es Franziska, einem ihrer Söhne, den ſie zum Prieſterſtande beſtimmte, eine Fami⸗ lienpfründe zu ſichern und für ihre ältere Tochter einen Platz im Veroneſer Damenſtifte zu erhalten. Dann vereinigte ſie ſich wieder mit ihrem Gatten, n ſie nie wieder verließ, bis der Tod ihre Bande lüſte Als im Jahre 1832 der Major Spini aus di beſtätigte Kaiſer Franz I. Immer noch gedenkt Franziska Scana⸗ gatta ihrer militäriſchen Laufbahn und der Wie⸗ ner⸗Neuſtädter Akademie, in welcher ſie zu derſelben herangebildet worden war, mit tiefer Rührung. Dieß beweiſt unter Anderem der folgende, durch ſeine Einfachheit unendlich rührende Brief, den ſie gele⸗ ieſem Leben ſchied, ſeiner tapfern Witwe nicht nur die bisher genoſſene Lieutenants⸗Penſion, ſondern fügte noch die einer Majors⸗Witwe bei, o daß Oeſterreichs Amazone den Abend ihres ſo ereignißreichen Lebens in ſorg⸗ loſer Ruhe genießen kann. Aus Auslande uhuies ſich urzen aber militäri⸗ ſie gegen em Lieute⸗ guardia ude; Na⸗ im Prüſi⸗ verfen, die wwandelte) n morali⸗ voll Be⸗ zur Gat⸗ Wort und 1804 zu niiglichen“ nach Paris mn Gatten hen Depot anzöſiſchen Ehe genas aben und nahfolgen⸗ eb Frau⸗ rgfalt der d; ebenſo ſin er ull en, da er, nheiten in ben ſeiner cten aus⸗ ung, dem e Zuſtim⸗ eine treue Offizier er Söhne, mne Fami⸗ e Tochter erhalten. Gatten, re Bande pini aus franz. geuoſſene die einer Amazone in ſorg⸗ Scana⸗ der Wie⸗ derſelben ug. Dieß urch ſeine ſie gele — —,, Joſef Wenzig: Dalibor. gentlich der am 20. Juni 1852 feſtlich begangenen Säkularfeier der Wiener⸗Neuſtädter Militär⸗Akade⸗ mie an die löbliche Direktion dieſer berühmten An⸗ ſtalt richtete und welcher, wie folgt, wörtlich lautet: Unterzeichneter Lieutenant Scanagatta hat die Ehre gehabt, unter den Zöglingen der Militär-Akademie zu Wiener-Neuſtadt vom 1. Juli 1794 bis 1797 gezählt zu werden. Da das Jahrhundert der oberwähnten Aka⸗ demieſtiftung gefeiert wird und Unterzeichneter ſei⸗ nes Alters wegen ſich nicht dahin begeben kann, ſo bittet er unterthänig, gnädig die Wünſche auf⸗ nehmen zu wollen, die Unterzeichneter hegt, das i*ſt, daß die obbeſagte Militär⸗Akademie immer⸗ dar dauert und bilde auch in Zukunft, wie ſie bis nun gebildet hat, tüchtige, berühmte Offi⸗ ziers; mögen ſie künftig die Stütze des öſterrei⸗ chiſchen Kaiſerthums ſein und die Fußſtapfen folgen der verſammelten Helden, welche beitru⸗ gen zur Größe und zum Glanze Seiner Maje⸗ ſtät, der ruhmvolle Kaiſer Franz Joſef. Unterzeichneter hat die Ehre mit aller Ach⸗ tung zu ſein Dero unterthänigſter und ſubordinirter Franz Scanagatta m. p., Lieut., Majors Spini Witwe. Mailand den 16. Juni 1852. Durch die Gnade Seiner k. k. Hoheit des durchlauchtigſten Herrn Erzherzogs Albrecht wurde es dem Verfaſſer dieſer Skizze möglich, ein in Stahl geſtochenes Porträt*) der Heldin bei Aus⸗ arbeitung dieſes Aufſatzes vor Augen zu haben; es ſtellt donna Franzeska mit kurz verſchnitte⸗ nem Haupthaar und verſchränkten Armen in der Uniform ihres Regiments dar. Es iſt nicht zu läugnen,— eine Bemerkung, die auch der ebenſo geiſtreiche und liebenswürdige als gelehrte erzherzog— liche Bibliothekar Karl M üller**) ausſpricht— daß der Ausdruck der Phyſiognomie ein männlicher iſt und die faſt fabelhaft glückliche Durchführung eines gewagten Planes wahrſcheinlich macht. Meine liebenswürdigen Leſerinen ſchließen ſich mir gewiß in dem Wunſche an, den ich mir ſchließ⸗ lich auszuſprechen erlaube, daß Oeſterreichs Amazone den Abend ihres wechſelvollen und ſchönen Lebens noch terkeit genießen möge! *) Dasſelbe befindet ſich in Giacomo Lombr oſo's Pracht⸗ werk:„NVita dei primarj generali ed uffiziali ita- liani che si distinsero nelle guerre napoleoniche dal 1796 al 1815.“ Milane, coi tippi Borroni e Scotti. 1843. *) Siehe das ſehr leſenswerthe Werkchen:„Studien zur Geſchichte Oeſterreichs im novelliſtiſchen Gewande. Von Karl Müller.“ Wien. 1857. Druck und Verlag von A. Pichler's Witwe und Sohn. 1 Weich und ſchmelzend aus dem lange und in ungetrübter Hei⸗ V Dalibor.”) Von Joſef Wenzig. 1. /2—. TGlelche wunderbare Töne ſchweben Durch die ſtille Abendluft dahin? Kommen ſie aus jenem andern Leben, Aus der Heimat ſüßer Melodien? Nein, ſie quellen nicht vom Himmel nieder, Quellen aus des weißen Thurms Geſchoß, Der mit drei und zwanzig ſeiner Brüder Vor der Königsburg ragt rieſengroß. 8 1 Und es ſammelt ſich vor dem weißen Thurm Das Volk mit lauſchendem Ohr, Und horchet den Klängen, die aus dem Bau Entzückend ſtrömen hervor. „Wer ſchafft dort unten,“ ruft es erſtaunt, „Solche Wunder mit zaubernder Hand? Ward nicht der furchtbare Dalibor In den Kerker hinab gebannt?“ Und noch ſüßer, als des Baches Welle Rauſcht im grünen Wald vom Felſenhang, Als aus dichtbelaubter Gartenſtelle Quillt im Lenz der Nachtigall Geſang, Süßer ſtrömt's auf wunderbare Weiſe Aus des Kerkers Nacht an's Tageslicht, Daß es allem, was im weiten Kreiſe Lebt und fühlt, zur tiefſten Seele ſpricht. Und es lauſcht das Volk, und mit jedem Ton Die Luſt ſich der Horchenden mehrt. „Wer hat,“ ſo heißt es,„die ſüße Kunſt en wilden Ritter gelehrt? Das Schwert zu führen verſtand er wohl, Und zu ſchrecken im weiten Land; Doch wer hat die Saiten zu ſtreichen ſo zart Gelehrt die eherne Hand?“ D Und es ſtrömt in immer ſüß'ren Tönen Thurm hervor, Und ein mächtig, ein unendlich Sehnen, Ein gebrochenes Herz, das Viel verlor, Dem das Glück der Liebe nicht gegeben, Und der Freundſchaft Troſt entriſſen ward, O ein ganzes ſchmerzenreiches Leben Klagt in Klängen wunderbarer Art. Da fühlen die Horcher ſich alle gerührt; „O Schade,“ rufen ſie laut, „O drei Mal Schade um Dalibor, Daß bald ihn der Tod umgraut! Nein, was er auch immer frevelnd verbrach, Wer ſolche Künſte verſteht, Der iſt kein böſer, verworfener Wicht, Der ſei zu den Sternen erhöht!“ *) Aus dem Lieder⸗ und Balladeneyklus:„Banase ſch men“ in„Die Umgebungen Prags“. Verlag Bellmann. 19 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Und ſo oft die Abendlüfte ſtreichen, Und hernieder ſinkt der Dämm'rung Flor, Quillt es himmliſch, wie aus Himmelsreichen, Aus des Thurmes Erdgeſchoß hervor, Und es lauſcht den wundervollen Tönen Mit Entzücken ſtets der Hörer Kreis, Und aus hundert Augen brechen Thränen, Tauſendſtimmig ſchallt des Künſtlers Preis. 2. Wieder athmen ſanfte Abendlüfte, Hauchen ſüßer, als ſie je gehaucht, Haben in ein Meer balſam'ſcher Düfte Die geſtirnten Fittige getaucht. Und auch aus dem weißen Thurme wallet Wieder ſüße Melodie hervor, Klinget ſüßer, als ſie je geſchallet, Klinget wie ein Himmelschor. Und es horcht das Volk auch im Gedränge, Horcht entzückter, als es je gelauſcht, Auf den reichen, vollen Strom der Klänge, Der aus dem Geſchoß des Thurmes rauſcht. O ſo tönt es durch des Himmels Weiten, Wenn zum ſchönſten Feſte glanzgekrönt Geiſter rauſchen laſſen ihre Saiten, Wie es heute hier ertönt. Aber plötzlich, horch— ein Riß, als ſprängen Alle Saiten jammernd jett entzwei, Nichts mehr hört das Ohr von ſüßen Klängen, Schwertgeklirr nur, Stimmen mancherlei; Und die Sterne, wie vom Schmerz, bedecken Mit Gewölk das holde Angeſicht, Ob dem Hof der Burg mit düſt'rem Schrecken Schwebt nur blut'ges Fackeliicht. Und auf alle, die es außen ſehen, Wälzt Beſorguiß ſich mit Bergeslaſt, Und gleich Felſen ſtarren ſie und ſtehen, Von gar ſchlimmer Ahnung Macht erfaßt. Doch jetzt rufen ſie:„Nicht Zeit vergeudet! O ſie tödten, ja ſie tödten ihn, An deß Spiel wir uns ſo oft geweidet! Sprengt das Thor! Zur Hilfe hin!“ Aber ſchon erſchließt ſich ſelbſt die Pforte Und ein ernſter Herold tritt aus ihr: „Fort,“ ſo ruft er mit gewicht'gem Worte, „In des Königs Namen fort von hier! Durch das Schwert des Henkers iſt gefallen, Den zum Opfer das Geſetz erkor. Kehrt in Frieden heim in eure Hallen, Nicht mehr athmet Dalibor!“ Und die eh’rne Pforte ſchließt ſich wieder, Aber allen, die das Wort gehört, Rieſeln kalte Schauer durch die Glieder, Und ſie ſteh'n erblaßt da und verſtört, 7 „Weh,“ ſo klagen dann ſie mit Geſtöhne, Und die Klage ſchwillt zum dumpfen Chor, „Weh, dahin iſt er, der Fürſt der Töne, Nicht mehr athmet Dalibor!“ 1 3 3. Er iſt nicht mehr! Doch wenn auch längſt zu Staube Sein Heldenleib ſammt Geig' und Bogen ward, Sein Name ward dem Tode nicht zum Raube, Lebt ewig jung nach ſeines Geiſtes Art, Und Daliborka wird der Thurm begrüßet, Wo er ſo reuig ſeine Schuld gebüßet. Und ſtets, ſo oft der Frühling kommt gezogen, Wird Strauch und Buſch von Klängen neubelebt Rings um den Thurm, der noch zum Himmelsbogen Sein Haupt, wie ſonſt, mit ſtolzem Sinn erhebt, Und es verkünden tauſend Nachtigallen: Hier ließ ein Dalibor ſein Spiel erſchallen. Und auf die ganze Heimat ausgefloſſen Iſt ſeine Kunſt in vielgetheilter Fluth, In tauſend Seelen hat ſie ſich ergoſſen, Und ſo im Dom zur heil'gen Andachtsgluth, Wie um des Feſtmahls heit're Luſt zu krönen, Rauſcht böhmiſche Muſik in vollen Tönen. —— Die Taubſtummen. Von X. Wiechovsky. II 8 aiſer Joſef machte ſchon vor ſeiner Thron⸗ Wbeſteigung in verſchiedene Länder Europa's Reiſen, um die Einrichtungen derſelben ſo⸗ Johl in Bezug auf das allgemeine als auch S beſondere Wohl näher kennen zu lernen und die gemachten Erfahrungen zum Beſten der ihm anvertrauten Völker zu benützen. So kam er auch 1777 nach Paris. Dort wirkte ſchon ſeit 20 Jahren höchſt ſegensreich Abbé de l'Epée(geb. 1717 zu Toulouſe, geſt. 1789 zu Paris), der ſich mit allem Eifer und ſeltener Menſchenfreundlichkeit bemühte, die Taubſtummen zu bilden und ſo bedeutende Er⸗ folge erzielte, daß man allgemein über ſein Wirken ſprach. Bald hörte auch der Monarch von dem ehrwürdigen Prieſter und beſuchte ſeine Anſtalt, um ſie und die Erfolge derſelben kennen zu lernen. Er überzeugte ſich von der Möglichkeit der Taubſtum⸗ menbildung und ſo beſchloß er, auch in ſeinem Staate eine ähnliche Anſtalt zu gründen. Bald zeigte ſich auch ein Mann, welcher zu dieſem edlen Werke gern bereit war. Damals be⸗ fand ſich in der Militärſchule zu Paris als Lehrer — gezogen, teubelebt m elsbogen erhebt, rThron⸗ Europas elben ſo⸗ als auch rnen und eſten der hkam er ſeit 20 b. 1717 nit allem bemühte, ende Er⸗ Wirken son dem galt, um rnen. Er nubſtum⸗ ſeinem lcher zu nals be⸗ Lehrer der deutſchen Sprache ein junger Böhme, Namens Joſef Mai(zu Grabern im Leitmeritzer Kreiſe geboren). Die zu der Zeit ſehr gedrückte Lage Frank⸗ reichs verleidete ihm ſeinen Aufenthalt und rief das lebhafte Verlangen in ihm wach, wieder in ſein Vaterland Oeſterreich ſich zu begeben. Die Auwe— ſenheit ſeines Monarchen ſchien ihm eine günſtige Gelegenheit zu bieten, ſeinen Wunſch zu verwirkli⸗ chen. Ohne Scheu begab er ſich zu ihm und bat ihn um eine Anſtellung. Der Kaiſer, welchem der junge Mann geſiel, machte ihn mit ſeinem Plane, V in ſeinem Staate eine Taubſtummenanſtalt zu grün⸗ den, bekannt, und da Mai bereit war, ſich dieſem Unterrichte zuzuwenden, erhielt er die Weiſung, flei⸗ ßig das Inſtitut de l'Epée's zu beſuchen, um deſſen ausgezeichnete Lehrmethode zu erlernen. Der Monarch ſetzte ihn durch einen angemeſſenen Ge⸗ halt in die Lage, dieß ohne Sorgen thun zu kön⸗ nen und entließ ihn mit den Worten:„Ich werde Ihnen noch einen Kollegen aus Wien herſenden; ich hoffe, Ihr beide werdet recht fleißig ſein. Es gilt hier einer höchſt unglücklichen Menſchenklaſſe, die leider zu lange unbeachtet geblieben i*ſt, zu hel⸗ fen. Welcher Triumph für den Lehrer, große und erhabene Ideen auch in dieſen von der Natur und den Menſchen ſo verwahrloſten Weſen wecken zu können!“ Als der Kaiſer in ſeine Hauptſtadt zurückge⸗ kommen war, ſchickte er auch noch den Weltprieſter Friedrich Stork nach Paris, welcher mit Mai acht Monate die Schule de L' Epée's beſuchte. Im J. 1779 errichtete dann Maria The⸗ reſia im Bürgerſpitale zu Wien eine Freiſchule für Taubſtumme, aus welcher ich im Laufe der Zeit die jetzige k. k. Taubſtummenanſtalt entwickelt hat. Dieſes Inſtitut wurde die Mutteranſtalt des Prager Inſtitutes. Ueber das Entſtehen desſelben wollen wir hier im Auszuge dasjenige mittheilen, was„Groß“ in Wilfling's Schullehrer⸗Kalender vom J. 1790 darüber ſchreibt: „Herr Karl Berger, ein würdiger Welt⸗ prieſter und ſchätzenswerther Kinderfreund, der die Seelſorge in Schönfeld, Platten und Seifen mit dem Schulunterrichte auf das Eifrigſte verband, hörte von der l' Epee'ſchen Lehrmethode. Da er ſich das Unglück der Taubſtummen recht lebbaft vorſtellte und den überſchwenglichen Nutzen erwog, den er derlei Unglücklichen durch Unterricht verſchaf⸗ fen könnte, reiſte er 1780 nach Wien und lernte dort auf eigene Koſten dieſe Methode. Er kam nach Böhmen zurück und unterrichtete vorerſt die Taubſtummen ſeiner Vaterſtadt. Die ganze Gegend freute ſich des würdigen Mannes, der ſich ſeiner bedauernswürdigen ſprach⸗ und gehörloſen Mitmenſchen mehr als väterlich an⸗ nahm. Der Ruf davon drang bis in die Hauptſtadt. Die edlen Einwohner derſelben, welche das Waiſenhaus fundirt hatten, trugen dem würdigen Prieſter die Leitung einer öffentlichen Taubſtum⸗ A. Wiechovsky: Die Taubſtummen. 77 menſchule an, die ſie zu errichten beſchloſſen hatten, und Herr Berger folgte dieſer Einladung mit Freuden. Er reſignirte auf ſein Beneficium und am 7. Dezember 1786 wurde das Inſtitut*) er⸗ öffnet, nachdem ſchon vorher der Obervorſteher desſelben, Herr Kaspar Hermann, d. h. r. R. Graf von Künigl die höchſte Genehmigung hier⸗ über ohne mindeſten Anſtand erhalten hatte. Berger reiſte im J. 1787 noch einmal nach Wien, um ſich aus der Taubſtummenmethode noch⸗ mals prüfen zu laſſen, und erhielt den belohnen⸗ den Beifall Sr. Majeſtät des Kaiſers ſowohl, wel⸗ cher ſelbſt dem feierlichen Akte beiwohnte und ihn prüfte, als auch der ganzen hohen Verſammlung.“ Jeder Taubſtumme, weſſen Standes und Ge⸗ ſchlechtes er auch immer ſein mochte, war zur Auf— nahme in das Inſtitut geeignet, wenn er ein für den Unterricht empfängliches Alter(10 Jahre) er⸗ reicht hatte. Es waren 10 Zöglinge darin; von dieſen genoßen 6 die milde Stiftung unentgeltlich und für 4 zahlten edle Gönner. Die Stiftlinge wohnten in einem Hauſe bei⸗ ſammen und erhielten nicht nur nebſt dem Unter⸗ richte freies Quartier, Heizung und unentgeltliche Verköſtigung, ſondern wurden auch wohl gekleidet. Für zahlende Zöglinge war der Betrag von 60 fl. beſtimmt, für die erſten Bedürfniſſe erlegte man 20 fl. Der Grund der Lehrmethode war nach de -'Epee die Geberdenſprache. Geberden und Mienen ſind die natürlichen Zeichen der Ideen, dieſe ſind im Geſichte, jene in den Handlungen und Stellungen des ganzen Leibes ſichtbar; ſie ſind der ſichtbare Ausdruck deſſen, was in der Seele vorgeht. In der Sammlung aller Geberden beſteht die Geberdenſprache, worauf ſich die ganze Methode gründet. Die Geberden der Taubſtummen, wodurch ſie ſich verſtändlich machen, ſind meiſtens von blos ſinn⸗ lichen Objekten genommen; ſie ſind zu mangelhaft; es liegt alſo ob, ſie zu verbeſſern. Außer der vervollkommneten Geberde lernten die Taubſtummen auch unſere Sprache durch die de l'Epee'ſche Methode, um durch Wörter neue Begriffe und Kenntniſſe zu ſammeln, und zwar auf folgende Weiſe: Dem Kinde wurde für das ange⸗ ſchriebene Wort die Bedeutung und das aus der Natur hergenommene einfache Geberdenzeichen ge⸗ geben. Um die verſchiedenen Beziehungen der Wör⸗ ter zu einander anzuzeigen, welche wir Hörenden durch Endſilben, Vorſilben, Umlaute u. dgl. be⸗ zeichnen, gab es ganz beſondere mehr oder weniger willkürliche Geberden. Man hatte zur Mittheilung die gewöhnliche *) Im Salmſchen Hauſe auf der Reuſtadt Nr. 671, ge⸗ genüber dem Rathhauſe, im 1. Stog. 78 Erinnerungen. Schrift und das Fingeralphabet. Nach letzterem entſpricht jedem Buchſtaben ein beſtimmtes Zeichen, dieſe werden zu Buchſtaben zuſammengeſetzt, analog der Lautſprache und durch ſie kann man ſich ſo genau wie mit der Schriftſprache verſtändigen. Sie iſt auch nur eine Ueberſetzung derfelden in andere Zeichen. Sobald die Schüler mechaniſch ſchreiben konn⸗ ten, welche Fertigkeit ſie in 4—6 Wochen erreich— ten, fing man mit der Grammatik an, und zwar nahm man die Fürwörter und Zeitwörter zuerſt vor, weil hiedurch gleich Gelegenheit wurde, ſich in kleinen Sätzen zu üben. arauf ging man zu den Nennwörtern und endlich zu den übrigen Rede⸗ theilen über. Es mögen einige Beiſpiele folgen: Mit bei den umgekehrten Händen vor ſich weiſend, zeigte die gegenwärtige Zeit an; mit der and einmal über die Achſel ſchlagend, drückte die halbvergan⸗ gene, zweimal die vergangene und dreimal die längſtvergangene Zeit aus. Das Geſchlecht unterſchied man nach der Tracht und dem Putze des Kopfes. So bezeichnete man das männliche Geſchlecht, indem man nach dem Hute griff, das weibliche, indem man die Obrne hänge berührte; griff man an den Hut und die Ohrgehänge und verneinte beides, ſo zeigte dieß das ſächliche Geſchlecht an. Waren die Zöglinge nun ſo weit gekommen, ſie ganze Sätze ſchreiben konnten und ihren Sinn verſtanden, ſo konnte man, nachdem ſo die Hilfsmittel zur Verſtändigung gewonnen waren, zum Unterrichte in verſchiedenen Fächern ſchreiten. Die Taubſtummen wurden in der Religion, in der Sprach⸗ und Naturlehre, im Schreiben, in der Arithmetik, in der Zeitrechnung unterrichtet und ſie ſollen in allen dieſen Lehrgegenſtänden gute Fortſchritte gemacht haben. Mit dieſer beſchriebenen Methode war noch eine zweite verbunden, welche das Inſtitut ausneh⸗ mend empfahl. Mittelſt derſelben lernten die Taub⸗ ſtummen auch ſprechen. Da die Direktion einſah, daß es von großer Wichtigkeit ſei, die Kinder ſchon frühzeitig an Ar beitſamkeit zu gewöhnen, ſo lernten die Taubſtum⸗ men auch ſtricken, nähen, ſpinnen, klöppeln und wurden auch in verſchiedenen anderen häuslichen Verrichtungen unterwieſen. Sie hatten eine eigene Lehrerin, deren Fleiß und Geſchicklichkeit es ſo weit brachte, daß die Lehrlinge die ſchönſten Spitzen nach verſchiedenen Muſtern, ſowohl von gemeinem als Reſſelgarn verfertigen konnten. Der Adel der Stadt und mehrere vermögende Bürger, frei von dem Vorurtheil, daß nur das Ausländiſche einen vorzüglichen Werth habe, machten Beſtellungen Die Bildungszeit der Zöglinge richtete ſich nach den Fähigkeiten. Ihre Stundeneintheilung war folgende: Im Winter ſtanden ſie um 6, im Sommer um 5 Uhr ele D 31 3 Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. auf. Nachdem ſie ſich angekleidet, verrichteten ſie ihre Morgenandacht; Einer betete mündlich vor und ein zweiter zeigte Alles, was jener ausſprach, zu gleicher Zeit in Geberden an. Nach genomme⸗ nem Frühſtüͤcke wiederholten ſie bis 8 Uhr, was ſie vorigen Tags gelernt hatten. Darauf wurde, Sonn- und Feiertage ausgenommen, bis 12 Uhr Religions⸗ und literäriſcher Unterricht abwechſelnd ertheilt. An heiteren Tagen gingen ſie nach Tiſche gemeinſchaftlich unter Aufſicht ſpa zieren. Die übrige Zeit bis zum Nachtmahle arbeiteten ſie. Bald nach dieſem legten ſie ſich dac verrichtetem A bendgehe zur Ruhe. Gleich im erſten Jahre, da das Inſtitut noch ein Kind in der Wiege war, beſuchte Joſef II dasſelbe, bezeigte ſeinen Beifall über die wohlge⸗ ordnete Verfaſſung, gab über die Art, wie den Taubſtummen die mündliche Ausſprache beigebracht wurde, ſeine Zufriedenheit zu erkennen und beſchenkte noch insbeſondere jeden Zögling. So weit geht der Bericht von Groß. Wir wollen nun in Kürze das weitere Geſchick der An⸗ ſtalt verfolgen. Ende Juli 1793 überſiedelte das Inſtitut in ein anderes Quartier, Nr. 315 auf dem Karls⸗ platze, weil die alte Wohnung einen andern Haus⸗ herrn bekommen hatte. Im achten Jahre ſeines Beſtehens wurde dem würdigen Lehrer die Dechantwürde in Komotau verliehen, und weil man glaubte, daß er für den Taubſtummen⸗-Unterricht unerſetzlich ſei, beſchloß der Vorſtand, die Anſtalt demſelben folgen zu laſſen, damit er auch ferner die Aufſicht darüber führen könne. Im Mai 1795 erfolgte mit großer Feierlich⸗ keit die Ueberſiedlung. Zu derſelben Zeit trat auch Andr. Schwarz, Ordensprieſter des heil. Franziskus von Aſſiſi als erſter Lehrer ein, welcher das Inſtitut ſehr förderte und ſich beſonders der Lautſprache annahm. Frü⸗ her hatte man weniger auf das, was eigentlich dieſen Unglücklichen Noth thut, geſehen und ſich meiſt der Geberde als Unterrichtsmittel bedient. Es klebten an der Methode die Mängel, welche immer bei den erſten Verſuchen nicht fehlen können. Bald gelangte dieſer denkende Lehrer zu fol⸗ gender Anſicht: „Die Zöglinge müſſen blos in dem unterrichtet werden, was ſie als Taubſtumme zu ihrer künftigen Beſtimmung wirklich brauchen. Je unehn man ihnen das Nahe, was vor ihren Augen liegt, bekannt mache, deſto weiter werde man ſie führen und je mehr man ihnen die Begriffe anſchaulich zu machen ſuche, deſto größer müſſe der Fortgang 5 Ganzen ſein. Die Tonſprache ſei das Weſentliche, worauf man beim Unterrichte ohne Unterlaß und mit Nach⸗ druck zu ſehen habe. Unausgeſetzte Uebung im Spre⸗ chen werde ihnen die Sprache ſelbſt geläufig machen. Die Geberdenſprache ſei nur in ſo weit zu gebrau⸗ — — dicteten ſie indlich vor 3 ausſprach, genomme⸗ hr, was auf wurde, ds 12 Uhr abwechſelnd nach Tiſche Die übrige Bald nach Abendgebet nſtitut noch Joſef I.. die wohlge⸗ t, wie den beigebracht d beſchentte Proß Wir ick der An⸗ Jnſtitut in dem Karls⸗ dern Haus⸗ wurde dem Komotau er für den beſchloß der zu laſſen, über führen er Feierlich⸗ Schwarz, n Aſiiſi als ehr förderte ahm. Frü⸗ eigentlich en und ſich tel bedient. gel, welche n können. hrer zu fol⸗ unteriictet rer künftigen rman ihlen gt, bekannt gren und je h zu machen im Ganzel he, worauſ d mit Nahh⸗ „6 re⸗ ng um 97 ufig machen. 1 gebraul⸗ 2. A. Wiechovsky: Die Taubſtummen. 79 chen, als ſie mit unſern Begriffen auffallend ähn⸗ liche Zeichen darbiete, und wir nicht umhin könnten, den Taubſtummen manches dadurch begreiflich zu machen.“— Es mag hier dahin geſtellt ſein, wie weit dieſe Anſicht ihre Richtigkeit hat, wir werden ſie ſpäter in der neuen Einrichtung des Inſtitutes mo⸗ difiziert wieder vorfinden. Es dürfte hier am Platze ſein, Einiges über die wichtigſten Methodeu des Taubſtummen⸗-Unter⸗ richtes zu erwähnen. Wir haben zwei von einan⸗ der ſehr unterſchiedene Lehrweiſen, die franzö⸗ ſiſche und die deutſche. Jene verdankt ihre Ausbildung dem ſchon frü⸗ her erwähnten Abbé de(Epee; ſie benutzt vor⸗ nehmlich, ja ausſchließlich die Geberde, das Finger⸗ alphabet und die Schriftſprache und nur gelegent⸗ lich werden in beſonderen Fällen Verſuche in der Lautſprache gemacht. Berger gehörte dieſer Rich⸗ tung an. Nach der deutſchen Methode legt man alles Gewicht auf die Lautſprache, geleitet vornehmlich durch die große Wichtigkeit derſelben für den ge— wöhnlichen Verkehr. Die Lautſprache iſt dem zufolge auch der wich— tigſte Gegenſtand; der übrige Unterricht fußt auf dieſem und muß ihm auch mehr oder weniger die⸗ nen. Die Kinder werden vorzüglich im Lautſprechen und im Ableſen des geſprochenen vom Munde geübt und bringen es auch hierin ziemlich weit. Der Zweck der Bildung iſt, die Taubſtummen dahin zu bringen, daß ſie auch in unſerer Sprache denken, ein Buch ordentlich verſtehen und ſich den hören⸗ den Menſchen mittelſt der Lautſprache mittheilen können. Nach dieſer Methode findet der Religionsun— terricht erſt in den ſpäteren Bildungsjahren, wenn die Zöglinge bereits ſprechen und Geſprochenes ver⸗ ſtehen, ſeine Geltung und die Schüler bleiben dem nach ziemlich lange ohne die ſo wichtige Bildung des Herzens und Willens. Der Erfinder dieſer Methode iſt Samuel Heinicke(geb zu Naut⸗ ſchütz bei Weißenfels am 10. April 1729, geſtorben 30. April 1790 zu Leipzig), ein Zeitgenoſſe des Abbé de l'Epée. Mit Letzterem ſtand er auch in einem ziemlich lebhaften und ſcharfen Streite, der jedoch zu gar keinem Ziele führte, da ſie ganz ent gegengeſetzte Wege verfolgten und bei Verfechtung ihrer Meinungen zu leidenſchaftlich waren. Er grün⸗ dete das Leipziger Taubſtummeninſtitut im J. 1778. Seine Methode wird vornehmlich in Deutſchland angewendet und fand auch hier ihre Weiterbildung. Die wichtigſten Inſtitute dieſer Richtung ſind zu Leipzig und Weißenfels; beſonders hat letzteres durch den ausgezeichneten Taubſtummenlehrer M. Hill einen bedeutenden Ruf erlangt. Uebrigens gibt es wohl ſo viele verſchiedene Methoden, wie Anſtalten; die eine neigt ſich mehr zur Franzöſiſchen, die andere mehr zur Deutſchen. — Alle Taubſtummenlehrer aber ſtimmen darin über⸗ ein, daß man die Geberde nicht ganz vom Unter⸗ richte entfernen könne, doch wie weit dieſelbe ihre Anwendung finden ſolle, darüber hat man viel ge⸗ ſtritten, wird ſich auch noch viel ſtreiten und noch nicht ſo bald zu einem Abſchluſſe kommen. Dieſer Streit dauert ſo lange, als überhaupt beide Me⸗ thoden beſtehen und dieß iſt ziemlich ein Jahrhun⸗ dert. In neueſter Zeit ſcheint eine Vereinigung zu Stande kommen zu wollen. Zu dieſer neuen Lehr⸗ weiſe, welche in der Vereinigung der beiden Metho⸗ den beſteht, haben wir um ſo mehr Vertrauen, weil ſie dem Prinzipe nach die Anerkennung der erſten Männer vom Fach erlangt hat, wenn man auch in ihrer Anwendung noch nicht ganz ſicher iſt. Da wir ſchon mehrfach erwähnten, daß es möglich ſei, Taubſtummen auch die Lautſprache bei⸗ zubringen, wird es nicht am unrechten Platze ſein, Einiges hierüber mitzutheilen. Daß geſunde Sprach⸗ werkzeuge die Grundbedingung eines ſolchen Unter⸗ richtes ſind, verſteht ſich wohl von ſelbſt, dieſelben fehlen auch gewöhnlich dieſen Armen nicht. Den Anfang macht man mit dem a. Der Lehrer nimmt den Schüler vor ſich, um ganz ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln und ſpricht den genannten Laut deutlich aus, ja ſogar mit Anſtren⸗ gung, damit der Zögling zur Einſicht gelange, daß er mehr als die Mundſtellung zu machen habe. Nun wird er aufgefordert, deu Lehrer nachzu⸗ ahmen. Der erſte Verſuch gelingt ſchon häufig und es läßt ſich ein ziemlich deutliches a hören, aber auch nicht ſelten macht der Schüler blos die Mund⸗ ſtellung. Das Erſtere dürfte eintreten, wenn, wie wir ſchon früher mittheilten, das Kind durch ſeine Er⸗ fahrungen zu der Idee geleitet wurde, daß es mög⸗ lich ſei, ſich mit den Sprachorganen zu verſtändi⸗ gen und es ſich, wenn auch nur des Schreies, als Mittel bediente, die Aufmerkſamkeit anderer auf ſich zu lenken. Es bemerkt, daß der Lehrer ſich in ſeinem Aeußern ſo zeigt, wie ein ſprechender Menſch, und wird einen Laut hervorbringen, der durch die be⸗ ſtimmte nachgeahmte Mundſtellung das a gibt. Hat man dieſes Reſultat erzielt, ſo iſt gewon⸗ nen, in kurzer Zeit wird es auch die übrigen Selbſt⸗ laute erlernen und zwar nur dadurch, daß man ihm dieſelben deutlich vorſpricht; es handelt ſich hier blos um die richtige Mundſtellung. Alle Kinder, die Vokalgehör haben, kommen leicht zum Bewußt⸗ ſein der Sprache und machen demnach auch ſchnelle Fortſchritte. Wir haben es ſelbſt geſehen, daß ſolche Taubſtumme in einigen Minuten alle Selbſtlaute ziemlich rein ausſprechen lernten. Doch, wenn das Kind noch nicht weiß, wie man einen Laut hervor⸗ bringen kann, wird die Aufgabe bedeutend ſchwieri⸗ ger. Es ahmt erſt nur die Mundſtellung nach oder bringt vielleicht auch, indem es ſich anſtrengt, einen Fiſtelton hervor. 80 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Nun muß man es auf die Erſchütterungen aufmerkſam machen, die der Laut am Kopfe, an den Schultern, an der Bruſt hervorbringt. Dieſes ge⸗ ſchieht, indem man die Hand des Kindes auf die eigene Bruſt legt, und das a deutlich ausſpricht. Man deutet ihm nun, es möge ſich auch bemühen, die Erſchütterungen hervorzubringen. Vielleicht ge— lingt dieſer Verſuch, wenn nicht, ſo bedient man ſich auch dieſes Mittels: Man ſpricht mehrmals hinter⸗ einander ganz ſtark pa pa.... Das Kind verſucht dieß nachzuahmen und dabei kommt oft der erſte Laut heraus. Nun fordert man es auf, ſich ſelbſt die Hand auf die Bruſt zu legen, um die Erſchüt⸗ terungen zu fühlen und bald weiß es, was der Lehrer will. Kommt man aber auf dieſe Weiſe immer noch nicht zum Ziele, dann muß man Ge⸗ duld haben und wiederholt dieſe Verſuche anſtellen. Stete Aufmerkſamkeit auf das Kind gibt vieleeicht zufällig ein Mittel an die Hand; ſo ſtößt es z. B. nicht ſelten bei irgend einer Gelegenheit einen Schrei aus, wenn der Lehrer es gleich ermuntert, noch ein mal und mehreremal dasſelbe zu thun, ſo wird oft auf dieſe Weiſe der Laut feſtgehalten und über die Schwierigkeiten geſiegt. So kann man mit andau⸗ erndem Fleiße jedes Kind, welches geſunde Sprach organe hat, zum gewünſchten Ziele führen. Ge⸗ wöhnlich lernen ſelbſt minder befähigte Kinder die Selbſtlaute im Verlaufe von einigen Tagen. Die Konſonanten ſind meiſtentheils leichter; nur wenige wie die Kehllaute und das r machen mehr Mühe. Erſtere, weil das Kind die Stellung der Sprachor⸗ gane in dieſem Falle nicht ſehen kann, letzterer, weil er eine ungewohnte Kraftäußerung der Zungen⸗ muskeln beanſprucht. Der Taubſtummenlehrer muß ganz genau die Thätigkeiten der Organe bei jedem Laute kennen, dieſelben bei der Ausſprache ſelbſt markiren und das Kind darauf aufmerkſam machen. Im Uebrigen ver⸗ fährt man wie bei den hörenden Kindern. Die ein⸗ fachen Laute werden alſobald zu Silben und wo möglich auch zu kleinen Wörtern zuſammengeſetzt, die im praktiſchen Leben ſogleich ihre Anwendung finden können, um die Liebe zu dieſem Unterrichte zu vergrößern. Die Namen der Buchſtaben erfährt der Taub⸗ ſtumme erſt viel ſpäter; er buchſtabirt nicht, ſon⸗ dern lautirt. Man bedient ſich genau der Me⸗ thode, welche in allen guten Schulen eingeführt iſt. Mit dem Leſenlernen geht die Unterweiſung im Schreiben Hand in Hand. Damit die Taubſtum⸗ men die einzelnen Laute rein ausſprechen und gut mit einander verbinden, muß der Lehrer unausge⸗ 7 ſetzt auf ſie achten und jeden vorkommenden Fehler verbeſſern. Es iſt dieß ſchon bei hörenden Kindern, nothwendig, um ſo mehr bei dieſen Unglücklichen, denen das Mittel fehlt, ſich ſelbſt zu verbeſſern. Kehren wir nun zu unſerer vaterländiſchen An⸗ ſtalt zurück und ſehen wir, wie ſie ſich weiter aus⸗ gebildet hat. Schwarz neigte ſich jedenfalls mehr zur deut⸗ ſchen Methode, Berger, der Gründer zur franzö⸗ ſiſchen, wie natürlich, da er von da ſeine eigene Aus⸗ bildung erlangt hatte. Das Inſtitut zeigte ſchon damals ein Bild des geſammten Taubſtummenwe⸗ ſens; es repräſentirte ſelbſt den Streit, da ſich Di⸗ rektor und Oberlehrer in ihren Meinungssverſchie⸗ denheiten entgegenſtanden. Nach den noch vorhan⸗ denen Schriftwerken, ſcheint der Zwiſt nicht allzu unbedeutend geweſen zu ſein. Beſonders mochte ſich der gewiß hochverdiente Berger gekränkt fühlen, daß einer aufſtand, der ſeiner Methode Mängel vor⸗ warf, Verbeſſerungen einführte und wie es ſcheint auch gute Erfolge und Anerkennung errang. Im Jahre 1796 legte Berger das Amt eines Direktors nieder und widmete ſich ganz der Seel⸗ ſorge. So kam die Anſtalt ganz in die Hände des erſten Lehrers. Weil dem zufolge auch die Ton⸗ ſprache ein Hauptgegenſtand wurde, ſo beſtimmte man, daß die Kinder, welche aufgenommen werden ſollten, im Alter von 7 bis 14 Jahren ſein müßten, weil in dieſer Zeit die Sprachorgane noch biegſam und bildungsfähig ſind. Anfang November 1797 kam das Inſtitut wieder nach Prag zurück, da die Urſache der Ent⸗ fernung von der Hauptſtadt weggefallen war. Die Geſellſchaft miethete für dasſelbe das Haus Nr. 478 und 479 in der Lindengaſſe, auf der Neuſtadt, wo das Inſtitut an 34 Jahre blieb. Das Rathhaus in Komotau. 8 1 ie älteſten Gebäude der Stadt Komotau ſind das jetzige Stadthaus und die ehemalige (‿ Sankt Katharina⸗Kirche. Letztere war die (D urſprüngliche Pfarr⸗ und Ordenskirche der — deutſchen Ritter, welche dieſelbe jedenfalls zu Anfang des 14. Jahrhundertes erbauten.*) Das jetzige Stadthaus iſt anſtatt des frühe⸗ ren Komthur⸗Gebäudes der deutſchen Ritter, die Komotau und die Umgebung von 1252 bis zu Ziska's Zeiten beſaßen, von Herrn Sebaſtian von der Weitmühl, Beſitzer von Komotau,*) im Jahre 1520 von Grund aus drei Stock hoch neu erbaut worden; ſein Wappen mit der Jahrzahl 1520 befindet ſich noch am Haupteck. Die Herren von der Weitmühl beſaßen ihre Herrſchaften und Güter ſtets ungetheilt und ihr Hauptort war Ko⸗ motau. Der genannte Sebaſtian bewohnte das *) Mehr darüber in R. Millauer's„Der deutſche Rit⸗ terorden in Böhmen“. Prag, 1832. **) Dieſes Geſchlecht war in Böhmen reich begütert, beſaß Komotau von 1468 bis 1560, in welchem Jahre es der letzte männliche Sproſſe dieſes ſo reichen altadeligen Geſchlechtes dem Erzherzog Ferdinand von Oeſterreich verkaufte. weelgte ſchon tummenwe⸗ da ſich di och vorhan⸗ nicht alzu mochte ſich änkt fühlen, Mängel vor⸗ wie es ſcheint errang. das Amt eines anz der Seel⸗ die Hände des duch die Ton⸗ ſo beſtimmte mmen werden n ſein müßten, noch biegſam das Inſtitut ſache der Ent⸗ otall Komotau ſind die ehemalige e war die denskirche der jedenfalls zu s erbauten.“) att des frühe⸗ Ritter, die 1252 bis zu Sebaſtian Komotau,*¹) ei Stock hoch der Jahrzahl Die herren rrichaften und t war Ko⸗ ohnte das der deutſcht Rü⸗ elchem Ja 3 eichen altadeligen on Oeftertti dortige Schloß bis zu ſeinem Tode im J. 1550, wo es an ſeinen Sohn und Nachfolger, Herrn Johann von der Weitmühl, den letzten männ⸗ lichen Sproſſen dieſes Stammes überging. Dieſer bewohnte es bis 1560, wo er es verkaufte; der neue Herr, Erzherzog Ferdinand, ließ es durch⸗ aus repariren und wohnte durch drei Jahre hier. Er verkaufte es an den Herrn Boh uslaus Felix von Lobkowitz und Haſſenſtein, der es bis zu ſeinem Tode 1583 beſaß und es ſeinem Sohne Bohuslaus Joachim von Lobkowitz und Haſſenſtein hinterließ, der es 1589 ſeinem Oheim Georg Popel dem ältern von Lobko⸗ witz(nicht Haſſenſteiner Linie) gegen Jungbunzlau Das Rathhaus in Komotau. Das Rathhaus in Komotau. 81 Stadt abbrannte, zu Grunde. Der erſte Hauptbrand war 1418, der zweite 1525, wo noch 70 Bücher der berühmten Bohuslaus Lobkowitz⸗Haſ⸗ ſenſtein'ſchen Bibliothek, die Dr. Martin Lu⸗ ther für ſeine Zwecke aus derſelben, die ſich auf dem Schloſſe Haſſenſtein befand, borgte, mit ver⸗ brannten. Obwohl Komotau damals nicht der Lobkowitz⸗Haſſenſteinſſhen Familie gehörte, ſo mußten ſie doch hierher geſchafft werden, weil ſonſt keine Straße nach Haſſenſtein ging. Nach die⸗ ſem Brande ſtand das Gebäude längere Zeit wüſt und wurde, nachdem ſich die Stadt vom Kaiſer Rudolf II. 1605 freikaufte, um ein Stockwerk abgetragen und ſammt der Kirche hergeſtellt. Erſt abtrat. Derſelbe ſtiftete hier ein Kollegium der im Jahre 1629 wurde das frühere Schloß zum Jeſuiten und ein Seminär für 100 arme Studen⸗ ten von ſeinen Herrſchaften und übergab ihnen ſeine Schloßkapelle ſowie das Patronatsrecht von 39 Kirchen auf ſeinen Herrſchaften. Leider fiel der⸗ ſelbe beim Kaiſer Rudolf II. jedenfalls unſchul⸗ dig in Ungnade; alle ſeine Herrſchaften wurden konfiszirt und er 1606 in Ellbogen hingerichtet. Nach der Konfiskation wurden alle Schriften und Bücher desſelben auf zwei Wagen nach Prag ge⸗ ſchafft und dort wohl vernichtet oder unbeachtet Was ſich in Komotau noch an alten Büchern und Schriften befand, ging beim dritten und letzten Hauptbrande 1598, wo die ganze liegen gelaſſen. Erinnerungen, 1859. Rathhaus eingerichtet und dort die erſte Sitzung abgehalten; im 30 jährigen Kriege war es öfter das Hauptquartier der ſchwediſchen Generale. Im Juli des J. 1687 brannte das Rathhaus nebſt der Frohnfeſte und der St. Katharina⸗Kirche ganz ab. Im Jahre 1790 wurde die Kirche entweiht und das Gebäude um 300 Gulden der Stadt verkauft, die es bis heute als Getreide⸗ und Spritzen⸗Depo⸗ ſitorium benützt. Erſt in neuerer Zeit, etwa vor 12 bis 15 Jahren, wurde im Rathhauſe ſelbſt ein neues Stiegenhaus und ein Thor gebaut. — —— — 11 82 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Ritter Kuno. Von Robert Zyr. — Ditter Kuno war e eine poetiſche Seele!— Eine poetiſche Seele! das will he „Ja, aber er ſchläft!“ gab von ſeinem ſtolzen Privatdienerſockel herab Paul zur Antwort. „Alſo ſagen Sie ihm, daß der Herr Rittmei⸗ ſter befohlen hat, der Herr Lieutenant wolle die Eskadron zum Baden führen.“ „Warum waren ſchon nicht gar! auch das Vormittag beide Pferde noch? Jetzt draußen— heutzutage und da ſoll der Braun wohl gar zum zweiten nicht vi iel geſagt haben, heutzutage, wo Poeſie Male hinaus? und ich kann dann wieder putzen!“ und Seele ſo gänzlich unbrunihbare Dinge rief Paul indignirt. 4 2 Perden ſind,— heutzutage, wo Geiſt und„Die Eskadron iſt um fünf Uhr geſtellt!“ 9 Seld allein als gangbare Werthe courſi⸗ bemerkte, ohne ſich an die paulaniſche Epiſtel zu ren.— Saelen heißen freilich alle Bewohner eines kehren, der Korporal vom Tage und verſchwand, Ortes, eines Staates, aber die Geldbeſitzenden allein um die Marketenderei zu viſitiren— es war ja ſind die Hauptbewohner, die gelten,— die andern heute ſo warm! Seelen wohnen nur ſo mit. Von Poeſie hat Es war ſchon halb fünf. Paul nahm alſo zwar jeder ſeinen eigenen Vorrath, wie die ſorg⸗ ein Paar Schuhe und die lederbeſetzten Inexpreſ⸗ ſame Hausfrau ſaure Gurken einlegt oder ſüße ſibles ſeines Herrn und ging in's künſtlich verdun⸗ Früchte einſiedet;— Geiſt aber gilt als ein ge⸗ kelte Cchl lafgemach, um der Herrn Lieutenant, der ſuchter Artikel, der nicht überall aufzutreiben iſt. ſich ſo ſehr angelegen ſein ließ ſeinem Dienſte 0 Alſo Ritter Kuno war eine poetiſche Seele. Wer aber war Ritter Kuno?———— „Die Eskadron iſt heute2 Tour zum Baden, glaube ich?“ „Ja, Herr Nittmeiſter. „Gehen Sie alſo, Wachtmeiſter, und melden. m Herrn Inſpektions⸗Offizier, er ſolle mit u obliegen, aus ſeinen ſüßen Träumen zu wecken. Süß mußten ſie geweſen ſein, denn ein alter zer⸗ 8 ſener Roman war ſeiner Hand entfunken, anmu⸗ thig kräuſelten ſich die langen flachsblonden Haare um ſeine faltenloſe Stirne, unter den geſchloſſenen Augenlidern vermuthen wir ein Paar waſſerblauer . Augen und der ziemlich weit geöffnete Mund gibt de ſeinem Antlitze einen Ausdruck ſo naiver Glückſelig⸗ der Eskadron um fünf Uhr zum Baden gehen.“ keit, daß jeder, der ihn in dieſem Augenblicke geſe⸗ „Sehr wohl, H Herr Rittmeiſter.“ hen hätte, welche Wette immer eingegangen wäre, „Aviſiren Sie auch den Unterarzt.“ hinter dieſer Duodezſtirne könne unmöglich ein welt⸗ „Sehr wohl, Herr Rittmeiſter.“ bewegender oder ſtaatsgefährlicher Witz Platz finden. W. war bei alledem ein hübſcher junger Mann. Marodeurs.“ 8 war von mittlerer Größe, gut gebaut, hatte Nachmittag an der „Und daß mir niemand unabgekühlt in's Waſ⸗ ſer ge eht t, ſonſt gibt's wieder eine Maſſe „Sehr wohl, Herr Rittmeiſter.“ regelmäßige Züge, einen gut gepflegten Schnurr⸗ Der geſtrenge Herr Rittmeiſter verließ die bart, trug ſeinen üppigen Haarwuchs in einem Kanzlei, der„führende“ Wachtmeiſter aber ſetzte künſtlichen Walde von Locken und ſprach, wenn ſeine Mütze auf, nahm ſeine Pfeife von der Wand, auch zu Zeiten etwas ungewöhnlich, im Ganzen den rothgeſtickte n Tabaksbeutel aus der Tiſchlade doch verſtändlich. Ein Wiener hätte ihn höchſtens und begann mit aller Gemüthlichkeit die Chemnitzer„geſchwollen“ gefunden. Bei einer gewiſſen Klaſſe zu ſtopfen, während der Schreiber dienſteifrgſt um von Damen wäre ihm eine Eroberung nicht zu den Korporal vom Tage lief. ſchwer geworden. Der Korporal klopfte beſcheiden an die Thüre Er träumte alſo ſüß, als ihm ſein Paul und trat auf ein barſches„Herein!“ in's Zimmer, einige gerade nicht zu ſanfte Stöße gab, um ihn wo er, nachdem er die Hand an den Schirm ge⸗ zu wecken, welche Bemühungen auch durch ein rei⸗ legt, ſteif und kerzengerade die Befehle des ge⸗ ſtrengen Herrn Wachtmeiſters erwartete. „Melden Sie dem Herrn Lieutenant von W., daß er die Eskadron um fünf Uhr zum Baden führen ſoll.“ „Sehr wohl, „Iſt gut!“ Der Korporal vom Tage machte„Kehrt“ zur Thüre hinaus und ſchritt bch den langen finſtern Gang der Reiterkaſerne zu M. nach der Wohnung des Herrn Lieutenants von W. Er klopfte an die Thüre zum Zimmer des Dieners und wurde von dieſem gnädigſt eingelaſſen. „Iſt der Herr Lieutenant in ſeinem Zimmer?“ zendes Gähnen belohnt wurden, das W.'s Mund noch etwas mehr öffnete. Paul ſtellte die Schuhe auf den Boden, legte die Unausſprechlichen über die Lehne eines Stuhles und ging die Fenſterläden zu öffnen. Als er dieß glücklich bewerkſtelligt hatte und die Sonne zum offenen Fenſter hereinbrannte, ging er wieder zum Bette, um ſeinen einſtweilen wieder eingeſchlafenen Herrn abermals ein Paar Stöße zu geben, die dießmal durch ein: err Lieutenant, aufſtehen!“ verſtärkt wurden. W. brummte ohne die Augen zu öffnen:„Iſt gut!“ und ſchlummerte weiter. Paul nahm die Flaſche und ging in den Herr Wachtmeiſter.“ „H r Rittmei⸗ wolle die c? Jett kaußen— in zweiten T putzen 1 geſtellt! Gpiſtel zu erſchwand, 8 war ja nahm alſo Jnexpreſ⸗ ch verdun⸗ enant, der em Dienſte zu wecken, alter zer⸗ ken, anmu⸗ den Haare eſchloſſenen aſſerblauer Nund gibt Glückſelig⸗ glice geſe⸗ gen wäre, ein weli⸗ latz finden. ger Mann. aut, hatte Schnurr⸗ in einem ach, wenn in Ganzen höchſtens ſſen Klaſſe nicht zu en Paul um ihn h ein rei⸗ 3 6 Mund oden, legte Stuhles s er dieß onne zum — — 4——— Der letzte Heller. 87 legenheit, die vorwitzige Wurſt ſich zuzueignen; Theile der Schale herumläuft, oder wohl auch allein da ſie ſeinem Verlangen nicht allein Folge einem Krieger, der auf der Flucht die gefährdetſte leiſten konnte, weil das Wickelband des Bettchens Stelle mit ſeinem Schilde bedeckt hält. Und für⸗ ſie zu feſt an mich anſchloß, ſo mußte ich die wahr, ich hatte einen Schild von nöthen, denn raſche Fahrt von der Bank herunter und zur mit geſchwungenem Löffel ſtürzte mein zürnend Müt⸗ Thüre hinaus unfreiwillig mit antreten. Wohl V terlein mir nach und verfolgte mich unter dem ſchal⸗ ſtürzten meine Pathen mit Geſchrei alsbald dem lenden Gelächter der Nachbarn rings um das Haus. Räuber nach, der mit ſeiner Beute durch den Nur einmal hatte mich das gefürchtete Werkzeug, bahnloſen Schnee der winterlichen Fluren zu ent- das nur zu den Künſten des Friedens beſtimmt. kommen ſuchte, allein die ſeltſame Schlittenpartie ſchien, feindlich geſtreift, und doch merkte ich ſchon, fand doch nicht eher ihr Ende, als bis die Deich⸗ wie ſich meine runden Beinchen verlängerten, denn ſel, deren zähe Umkleidung lange dem Zerren ſpot- ich überſetzte jetzt trotz der beſchwerlichen Rüſtung tete, endlich abriß. Mir war in der weichen Um⸗ haſtig Steine und Gräben, über die ich früher nur hüllung des Bettes, aus welchem nichts als mein mit Mühe gekommen war. Trot all dem entging ich Näschen hervorguckte, kein weiteres als das ober⸗ der ſtrafenden Gerechtigkeit nicht, die der hölzerne wähnte Unheil widerfahren und ſo hatte ich, weil Szepter bald ſo reichlich übte, daß ich ohne Zwei⸗ Andere tranken, für die Zeit meines Lebens eine fel davon ſo lang und gedehnt geworden bin, wie— rothe Naſe bekommen, wie ich denn auch ſpäter wie meine Perioden. noch häufig für das büßte, was Andere verbrachen. Wenn der Leſer ferner meine derzeit faſt ha⸗ gere Geſtalt betrachtet hat, ſo wird es ihm ſchier unglaublich dünken, wenn ich ihm ſage, daß ich (Fortſetzung folgt.) einſt ein ſo draller, dicker Junge geweſen, wie——„ G man nur jemals auf den Parkmauern alter Gär⸗ Der letzte Heller. ten Amoretten und Engelein ſehen konnte. Meine SA: Sos ſchafft der Durſt gar viele Qual Ueberſetzung aus dem Sancho⸗Panſiſchen in's Don⸗ J. Ouixottiſche ging unter eigenen Umſtänden vor ſich, Den. Räiſthentindenn, allzumal; deren Anführung mich vielleicht in den Verdacht Doch tröſtlich An dvenker bedenk des Aberglaubens bringen wird. Es war in der del tröſt 99 iftee, üdenin ien edenit, Faſchingszeit. Mein Mütterlein ſtand am Tiſche Daß ſeder 2 r Til entt und rührte eifrig den Teig zu den Krapfen in Zur Schattie. einer Moßen Schüſſel, welcher Wühr leit ich in Da ſteh' ich vor der Schänkenthür, fuher Vorahnung des leckeren Gebäckes von der Wo ich mich in Gedanken ſchier ank aus aufmerkſam zuſah; denn dergleichen rüh⸗ Verſenke: 4* 4 rende Bewegungen waren unter unſerem Dache Du Vöglein unter'm Himmelszelt eine Seltenheit. Da bleibt plötzlich unſere Wand⸗ Iut fucheſt ſonder ſchweres Gel 2, 5“ Du ſucheſt ſonder ſchweres Geld uhr ſtehen und ich klettere ſo behend, als es mein Die Tränke! kleiner dicker Körper erlaubt, auf den Tiſch, um. von dieſem Poſtamente aus den ſtockenden Zeitrech⸗ Es zieht das letzte Hellerlein ner wieder in Gang zu bringen. Als ich mich nun Unwiderſtehlich mich hinein auf die Zehen ſtelle und nach Mgglichkeit ſtrecke, ... Zur Schänke; verliere ich Unglückſeliger das Gleichgewicht, über⸗ Es mag bei ihm wohl Sehnſucht ſein ſchlage nach rückwärts und falle ſo verhängnißvoll, Nach ſeinen andern Brüderlein; daß ich gerade, wie auf einen elaſtiſchen Pfühl, in Man denke! die feſtliche Schüſſel mich ſetzte. Die Mutter, den gehobenen Rührlöffel in der Hand, ſteht erſt als Die Wirthin lacht verführeriſch, ein Bild des Schreckens, bald aber als die Neme⸗ Beſetzt von Freunden ſind die Tiſch' ſis mit dem rächenden Schwerte hinter mir und Und Bänke. da ich oft gehört hatte, daß ein Schlag mit dieſem Schnell, Wirthin, einen vollen Krug! Inſtrumente den Gezüchtigten ebenſo ſchmal, lang Heidi! ich habe Geld genug und dürr mache, wie es ſelber iſt, ſo ergriff mich Und Schwänke. ſolche Furcht, daß ich nur in der ſchleunigſten Flucht mein Heil erkannte. Im Nu war ich vom Tiſche auf die Bank und von dort auf den Boden geſprungen und rannte dann ſpornſtreichs zur Thür hinaus. Aber o Jammer! die Schüſſel war unter⸗ halb meines Rückens hängen geblieben und ſo glich ich in meinem Laufe einem Rebhühnchen, das, wenn es aus dem Ei geſchlüpft iſt, noch mit einem guten Und iſt der letzte Heller hin, So überkommt mich frommer Sinn; Ich denke: v“ Der Reichthum— ach ein eitel Gut— Verdient nicht, daß ein heitres Blut Sich kränke. 88 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Die Namenstags⸗Ueberraſchung. 1. Profeſſor(ſehr gerührt): Meine Herren! Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr mich Ihr Glückwunſch erfreut und wie mich Ihre Feſtgabe überraſcht. Obwohl, wie Sie wiſſen, nicht gewohnt, Geld oder Geldeswerth anzunehmen, will ich doch den Beweis Ihrer Liebe nicht zurückweiſen. Vielleicht freut Sie es zu erfahren, daß Sie recht unerwartet mit Ihrem Geſchenke einem längſt gehegten ſtillen Wunſche Erfüllung gebracht haben. ——— (Zwei Wochen früher.) Höre, Frau, in vierzehn Tagen habe ich meinen Namenstag. Nimm hier das alte Eßbeſteck und laß ein neues Etui darüber machen. Kommen dann meine Studenten Dich zu fragen, womit ſie mich am beſten überraſchen könnten, ſo laſſe ihnen, ohne daß es auffällt, dieß Eßbeſteck hier gegen Empfangnah me von circa vierzig Thalern durch dritte Hand zukommen.. lückwunſch deswerth jahren, daß zaben. 1 fTFtuilleton. Der Faſching. „Die heiligen drei König ſind kommen allhier; Es ſind ihrer drei, und ſind nicht ihrer vier, Und wenn zu den dreien der vierte wär', So wär' ein heil'ger Drei⸗König mehr.“ Alſo ſingt Göthe in ſeinem„Epiphaniasfeſt“. Je⸗ ner Regent, welcher in unſerer Feſt⸗ und Zeitrechnung unmittelbar nach den heiligen drei Königen kommt, ver⸗ dient nichts weniger, als das Epitheton„heilig“, er iſt vielmehr ſeinem Urſprunge nach ein alter Heide und ſeiner Herrſchaft nach ein—„Fürſt von Thoren“. Wir wollen hiemit keineswegs einen Stein auf den Faſching geworfen haben, denn wir halten Horazens „Dulce est desipere in loco“(Süß iſt es, zur Zeit etwas närriſch zu ſein) für ein gar liebes und wahres Wort und die Saturnalien, in denen man den Ur⸗ ſprung des Faſchings erblickt, für die ſchönſten und hei⸗ terſten Feſttage der alten Römer. Kaum hatte man an dieſen Tagen dem Gott Saturn die wollenen Fußbin⸗ den gelöſt, ſo ſchien das goldene Zeitalter, dem gr einſt vorſtand, wieder auf Erden einzukehren. Die allgenrkine Freude, die ſich oft in zügelloſer Freiheit äußerte, hob jeden Rangunterſchied auf; die Sklaven lagerten ſich mit ihren Gebietern um denſelben Tiſch, ja ſie wurden wohl gar von den letzteren bei den Gelagen bedient. Auch fehlte es nicht an fröhlichem Treiben auf der Gaſſe und an Maskenſcherz aller Art. Derſelbe klaſſiſche Boden, welcher die Feier der Saturnalien ſah, blieb auch im Mittelalter der Haupt⸗ ſchauplatz des Karnevals. Dieſe Feſtzeit, welche mit Bezug auf die darauffolgenden Feſte als der Abſchied vom Fleiſche— carne vale— bezeichnet wurde, war namentlich in Venedig und Rom eine Zeit der ausge⸗ laſſenſten Freude und des bunteſten Treibens, das übri⸗ gens ſeine beſtimmten Regeln und ſein Feſtprogramm Erinnerungen, 1859, hatte. In Rom, deſſen Karnevalsfeier im 18. Jahrhunderte alles überbot, waren die letzten acht Tage vor Aſcher⸗ mittwoch für den Maskenſcherz feſtgeſetzt, alle Stände nahmen daran Theil und Fremde ſtrömten ſchaarenweis zu. Da drängte ſich Harlekin, Scaramuz und Pantalon, da wimmelten zu Hunderten die neckenden Pulcinells, die bärbeißigen Capitanos, die tänzelnden altfranzöſi⸗ ſchen Stutzer und Dominos von allen Farben. Witz und Laune hatte in Tracht und⸗Worten freie Hand und die Satyre konnte ungeſtraft ihr Ziel ſich wählen; nur geiſtliche Masken waren verboten. Noch heute bietet der Corſo— die längſte und breiteſte Gaſſe einer italieni⸗ ſchen Stadt— an den letzten Faſchingstagen ein leb⸗ haftes Bild allgemeiner allegria. Den mittleren Raum der Gaſſe nehmen zwei Wagenreihen ein, die in unun⸗ terbrochenem Zuge langſam ſich fortbewegen, während zu beiden Seiten auf den Trottoirs unter verworrenem Geſchrei die Fußgänger ſich tummeln und die dichtge⸗ drängten Masken in den Wagen mit den weißen Con⸗ fetti bewerfen und ihrerſeits wieder von den Angegrif⸗ fenen mit gleichen Geſchoßen überſchüttet werden. Nach dem Wettrennen, das um die Zeit der Dämmerung ſtattfindet, werden die Moccoli, kleine Wachskerzen, an⸗ gezündet und nun beginnen die wechſelſeitigen Verſuche, einander die Lichtchen auszublaſen. In Paris hält der feſtlich geſchmückte boeuf gras, ein auserleſener fetter Ochs mit vergoldeten Hörnern, ſeinen Triumphzug— zur Schlachtbank, in Deutſchland, das vom 13. bis in's 17. Jahrhundert ſeine Faſtnachts⸗ ſpiele hatte, wird der Faſching jetzt nur noch in einzel⸗ nen Städten, namentlich in Köln, als eine Art Volks⸗ feſt gefeiert. Die Redouten und Maskenbälle von heute erinnern meiſt an das Urtheil, das der Fuchs in der Fabel über die Larve fällte. 12 90 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Prager Sprechſtübchen. Der Faſching iſt da, denn er hat ſeine Viſitkarten von rieſigem Formate bereits an alle Straßenecken ge⸗ klebt. Man könnte ihn den„Jüngling aus der Fremde“ nennen, der„mit jedem jungen Jahr, ſobald die erſten Geigen ſchwirren“, erſcheint und ſich beſonders„den liebenden Paaren“ hold erweiſt. Daß„ſchnell ſeine Spur verloren iſt“, ſobald er am Aſchermittwoch„wie⸗ der Abſchied nimmt“, wollen wir nicht unhöflicher Weiſe ihm gleich bei ſeinem Eintritte vorhalten, ſondern ihn ſchon deßhalb freundlich willkommen heißen, weil er männiglich zu Luſt und Fröhlichkeit auffordert. Luſt und Fröhlichkeit!—„Hu, Toms friert.“— Ob denn die älteren Leute recht haben, welche behaup⸗ ten, daß die Lebensheiterkeit ſeit Jahrzehnten um viele Thermometergrade geſunken ſei? Wir zweifeln wenig⸗ ſtens, daß das jüngere Geſchlecht ſo viel von drolligen Abenteuern und tollen Streichen fröhlicher Geſelligkeit dereinſt wird zu erzählen haben, wie derzeit ſeine Väter und älteren Brüder. Da gab es vor nicht gar langen Jahren einen gewählten Kreis von muntern jungen Leuten in Prag, die ſich Chineſen nannten, ob von we⸗ gen der Zöpfe, die zu Zeiten die Häupter der Dürſten⸗ den beſchwerten, oder aber weil die Chineſen Leute ſind, ſo das Pulver erfunden, das bleibe dahingeſtellt. Kurz, die Prager Chineſen hatten ihre Ordnungen, Satzun⸗ gen, Titel und Zöpfe ſo gut wie jene im Reiche der Mitte. Nun fiel es ihnen in guter Stunde einſt bei, Herrn Herloßſohn in Leipzig zum Ehrenchineſen zu er⸗ kieſen und ihm das Ehrenbürgerrecht auf einer gar zierlich mit Drachen⸗ und Zopfarabesken ornirten Ur⸗ kunde zu ertheilen. Herloßſohn entbietet hierauf in einem Dankſagungsſchreiben den löblichen Mandarinen ſeinen Gruß und überſendet als Gegengeſchenk laut Angabe eine echt chineſiſche Mütze mit dem Bedeuten, dieſelbe möge ihm zur Ehre im Kreiſe ſeiner Herren mongoliſchen Mitbürger von einem Haupte zum andern wandeln. Die Kappe wird mit Freuden begrüßt, als käme ſie von Konfutſe ſelber und mit Feierlichkeit dem Vorſitzenden auf's Haupt geſetzt. Doch während die Ver⸗ ſammlung ihre Aufmerkſamkeit auf dieſe weihevolle Zierde, dieß neue Symbol gemüthlicher Geſelligkeit richtet, ſchüttelt Einer der Anweſenden, der in den Trachten der Völker wohl bewandert war, bedenklich den Kopf, da er ſieht, daß die Mütze ganz unchineſiſch in zwei Zipfeln ſich gipfelt, die zu beiden Seiten lang herunterfallen. Die Mütze war— eine gewöhnliche Narrenkappe. Von China bis Indien iſt kein weiter Weg. Wir Prager hatten vor Kurzem noch Gelegenheit, eine Reiſe durch die intereſſanteſten Partieen Indiens zu unter⸗ nehmen, wobei nichts weiter, als allenfalls ein guter Pelz von nöthen war. Unſer Landsmann, der bekannte Landſchaftsmaler Herr Kautſky, hatte im Circus auf dem Karlsplatze ein in neuer eigenthümlicher Weiſe konſtruirtes Pleorama ausgeſtellt, das in manchfacher aus drei beweglichen Fronten, dem Vorder⸗, Mittel⸗ und Hintergrunde, die ſich mit verſchiedener Geſchwin⸗ digkeit in der Weiſe vor unſern Augen abrollen, daß wir wie von einem Schiffe aus die Landſchaft an uns vorübergleiten ſehen. Der kräftig angelegte, mit reicher Staffage verſehene Vordergrund bewegt ſich in einem beſtimmten Verhältniſſe raſcher als der Mittelgrund, hinter welchem der duftige Mittelgrund langſam ſich abkollt. Je größer gewiß die Schwierigkeiten waren, die Berechnung derart zu treffen, daß ſich bei dieſen verſchiedenen Bewegungsverhältniſſen die einzelnen Theile zu einander harmoniſch verhielten, um ſo mehr Aner⸗ kennung verdient der Künſtler, dem es gelang, dieſen Schwierigkeiten zum Trotz ein auch vom Standpunkte der Kunſt beachtenswerthes Werk zu ſchaffen. Den Ge⸗ genſtand der Darſtellung bilden entweder hiſtoriſch⸗be⸗ rübmte oder durch die charakteriſtiſche Eigenthümlichkeit ihres Pflanzen⸗ und Thierlebens merkwürdige Partieen im Stromgebiete des Ganges von Kalkutta angefangen bis hinauf zu den Ruinen des alten Monea. Nicht minder intereſſant als der architektoniſche Theil der Landſchaften, welcher die Bauwerke Indiens aus alter und neuerer Zeit zur Anſchauung bringt, ſind jene Szenen, welche ebenſo mit wiſſenſchaftlicher Genauigkeit als mit künſtleriſchem Effekt die großartige Natur die⸗ ſes Landſtriches darſtellen. Die üppige Vegetation tritt in charakteriſtiſchen Gruppen vor's Auge ſowohl in den Kokos⸗ und Arekapalmen, den Bananenbäumen, von denen jeder einzelne für ſich einen mächtigen Wald bil⸗ det, den Bambusgebüſchen wie in den langarmigen Schlingpflanzen und den ſaftigen, großdoldigen Pflan⸗ zen, die den Erdboden der Schlammniederungen über⸗ ziehen. Von trefflicher Wirkung iſt namentlich das Bild einer Dſchungel, eines waldigen Werders am Hugli, der Heimat der Tiger, Elephanten und Schlangen. Will man dieſe letzteren Gäſte nicht blos in effigie, ſondern in natura ſehen, ſo genügt ein Gang auf den Heuwagsplatz, wo ſie in der Menagerie des Herrn Renz nebſt andern mehr oder minder wilden Geſellen aller Zonen einem ſchauluſtigen Publikum ſich präſentiren. Einen eigenthümlichen Eindruck macht auf Viele der Eskimohund, wenn er mit ſeinem verſtändigen und ſo wehmüthigen Blicke durch die Stäbe ſeines Käfigs ſchaut oder in kläglichen Tönen entweder ſeine Lang⸗ weile oder ſein Heimweh äußert. Denkt er der unge⸗ heueren Schneeflächen, die das Nordlicht überſtrahlt, oder denkt er— der faulen Fiſche ſeiner Jugendzeit? Gibt's keine„faule Fiſche“ in Prag, um ihn zu tröſten?— Muſik in Prag. Alljährlich bietet in Prag die mit der rauhern Jah⸗ reszeit beginnende Zeitperiode, die ſogenannte Konzert⸗ ſaiſon, die erfreulichſten Beweiſe, wie ſehr die Muſik .. 6 4 6„ hier in weitern Kreiſen der Geſellſchaft überhaupt ge⸗ Beziehung eine größere Theilnahme verdient hätte, als pflegt, wie thätig darnach geſtrebt wird, den Sinn t ür ihm zu Theil wurde. Dieſes Wandelgemälde beſteht] gediegene Erſcheinungen auf dieſem Gebiete dadurch rege —.— ⸗, Mittel⸗ Geſchwin⸗ collen, daß aſt an uns mit reicher hiin einem tittelgrund, engſam ſich bei dieſen en Theile mehr Aner⸗ g, dieſen ndpunkte . Den Ge⸗ vriſcbe⸗ thümlichkeit ge Partieen fangen Nicht Theil der 8 aus alter ſind jene Val bil⸗ migen en Pflan⸗ gen über⸗ ich das Bild am Hugli, hlangen. in effigie, vr. p j LVi digen und ſo nes Küfigs ſeine Lang⸗ er der unge⸗ überſtrahlt, Jugendzeit? um ihn zü zu erhalten, daß die neueſten und bedeutendſten Kunſt⸗ produkte zur möglichſt gelungenen Aufführung gebracht werden. In der erſten Bäffte dieſes Zeitraumes kon⸗ centrirt ſich jene auf unſere Kunſtzuſtände ſo wohl⸗ thätig wirkende Thätigkeit vorzugsweiſe in den Leiſtun⸗ een zahlreicher, achtbarer Dilettanten, die unter einer zuunſterglühten energiſchen Leitung vereint, zuweilen dem Muſiker Hochgenüſſe bereiten, die man kaum einen der ſtabil hier beſtehenden Kunſtinſtitute nach deren jetziger Verfaſſung zumuthen könnte. Wir meinen hier vorerſt den Cäcilienverein, dem wir durch eine lange Reihe von Jahren faſt ausſchließend das Verdienſt zu⸗ ſchreiben müſſen, daß er die bemerkenswertheſten Ton⸗ werke der Gegenwart hier zur erſten Aufführung brachte, auf welche wir ſonſt, wenn nicht für immer verzichten, ſo doch ſonſt eine ſehr lange Zeit hätten warten können. Wir hörten in den dießjährigen zwei erſten Vereins⸗ konzerten Schumanns hochpoetiſche:„Pilgerfahrt der Roſe“(zum Erſtenmal), dann die Muſik zu„Oedipos auf Kolonos“ von Mendelsſohn. Bis auf die Solo⸗ Geſangs⸗ und die Blasſtimmen des Orcheſters, welche von renommirten Opernkräften ausgeführt wurden, haben ſich in der übrigen großen Enſemblemaſſe der Vokaliſten und Inſtrumentaliſten an dieſer Produktion nur Dilet⸗ tanten betheiligt. Durch Vermittlung dieſes Vereines, der unſer Publikum auch zuerſt mit Wagners Kom⸗ poſitionen bekannt machte, wird gleichſam ein geiſtiger muſikaliſcher Rapport zwiſchen unſerer Hauptſtadt und dem übrigen Norddeutſchland erhalten, und es hat die⸗ ſer Umſtand vieles dazu beigetragen, daß Prag ſich ſo bald und die erſte unter den Städten der Monarchie mit den, beſonders auf dem Felde des muſikaliſchen Drama in der neueſten Zeit geltend gemachten bedeu⸗ tenden und zeitgemäßen Reformen befreundet hat. Ein anderer Verein, die Sofienakademie, der neben dem Elementargeſangsunterrichte bekanntlich die Emporhe⸗ bung des klaſſiſchen und vorzugsweiſe des Kirchengeſan⸗ ges tendirt, hat auch bereits in dem erſten Konzerte dieſes ſein lobenswerthes Streben in erfreulicher Art dargethan. Aus der Zuſammenſetzung dieſer jetzter⸗ wähnten Dilettantenkräfte mit jenen des Theaters und des Konſervatoriums geſtalten ſich gleichſam unter den Auſpicien der prager Tonkünſtlergeſellſchaft alljährlich zwei große Konzertproduktionen, deren eine vor kurzem, zu Weihnachten ſtattfand und uns unter der bewährten Leitung des Kapellmeiſters Hrn. F. Skraup Hillers meiſterhaftes Oratorium:„Die Zerſtörung Jeruſalems“ in der großartigſten Tonwirkung erſcheinen ließ. Von Enſembleaufführungen ſtehen uns noch in der zweiten Hälfte der Eingangs erwähnten Saiſon die Leiſtungen des Konſervatoriums und(in der Regel) jene des Thea⸗ terorcheſters in den vielen Wohlthätigkeits⸗Konzerten, wie auch die Faſtenproduktionen der zahlreichen Privat⸗ inſtitute Prags bevor. Eine beſondere Zierde im Ge⸗ biete der Kammermuſik und einen ſtets von allen Mu⸗ ſikern alljährlich heißerſehnten Kunſtgenuß gewähren die von dem trefflichen Cellovirtuoſen Profeſſor Golter⸗ mann im Vereine mit den Herren Bennewitz, Paulus und Kindl veranſtalteten Quartettſoiréen. Dießmal wurden nebſt den bereits auf dieſem Felde bekannten Kompoſitionen von Haydn, Mozart, Spohr, Mendels⸗ ſohn auch als Novitäten zum Erſtenmal Beethovens grandiöſes Opus 127, dann ein Quartett von Volkmann und das Preisquartett in G-moll(mit Klarinet) unſeres eachteten Theaterkapellmeiſters Hrn. Tauwitz aufge⸗ führt. Auch gab es bereits Klavierkonzerte zweier jugend⸗ lichen Virtuoſinen und eines fahrenden Pianoaccrobaten, die wir als ſolche einfach notiren. M. Feuilleton. 91 Miszellen. Literatur und Kunſt. Grillparzer feiert am 15. d. M. ſeinen 68. Ge⸗ burtstag. Derſelbe hat drei Trauerſpiele vollendet: „Libuſſau,„Die Jüdin“ und„Rudolf II.“; er iſt feſt entſchloſſen, dieſelben, ſo lange er lebt, nicht zur Auf⸗ führung zu bringen.— So berichtet die„Aut. Correſp.“ Der Orientaliſt Salomon Munk, ein ge⸗ borener Preuße, iſt zum Mitgliede des pariſer Inſtituts (Akademie) ernannt worden. Derſelbe beſchäftigt ſich jetzt, ungeachtet er ſchon ſeit einigen Jahren durch allzu anſtrengende Studien des Augenlichtes beraubt iſt, mit Herausgabe der philoſophiſchen Werke arabiſcher und hebräiſcher Schriftſteller des Mittelalters. Er iſt auch Mitglied des iſraelitiſchen Central⸗Konſiſtoriums zu Paris, bei welchem er noch die Stelle eines Sekretärs vertritt. Er iſt der erſte Jude, welcher Mitglied des Inſtituts geworden. G. H. Lewes, der Biograf Goethe's, iſt mit einer engliſchen Ueberſetzung der Werke Spinoza's be⸗ ſchäftigt. Gottfried Kinkel gibt mit Anfang dieſes Jah⸗ res in London ein deutſches Wochenblatt heraus, das „Hermann“ heißen wird. Außer der Politik ſoll beſon⸗ ders das Ziel in's Auge gefaßt werden, von deutſchen Erfolgen in Leben, Kunſt und Wiſſenſchaft Bericht zu geben, zumal wenn ſie von Landsleuten im Auslande errungen worden ſind. Jules Janin hat zu Neujahr ein Buch heraus⸗ gegeben:„Rachel et la Tragédie“. Man hat geſagt, Janin habe die Rachel„erfunden“; jedenfalls war er der Erſte, der im Auguſt 1838 im„Journal des De⸗ bats“ Lärm von ihr ſchlug. Dr. Franz Lißt hat die Direktion der Oper in Weimar niedergelegt. Veranlaſſung zu dieſem Schritte war die ausgeſprochene ungünſtige Aufnahme einer von ihm dirigirten, von einem ſeiner Schüler komponirten neuen Oper:„Der Barbier von Bagdad““, Peter von Cornelius. Dr. Lißt wird nur noch die Konzertauffüh⸗ rungen der Hofkapelle dirigiren. Nach Ira Aldridge's Gaſtſpiel in Petersburg wird das des Herrn Daviſon erwartet. Nächſten April ſoll in Paris ein großes Sän⸗ gerfeſt ſtattfinden. 208 franzöſiſche Geſangvereine mit 7000 Mitgliedern ſollen ſich an demſelben betheiligen. An der Spitze dieſes Unternehmens ſtehen die Herren Vaudin, Redakteur des„Pays“ und des„Orpheon“, und Delaporte, Präſident der Societé Chorale don Pa⸗ ris. Meyerbeer, der ſich dafür ſehr intereſſirt, hat einen. Chor für dieſes Feſt geſchrieben, der von den 7000 Sängern vorgetragen werden ſoll. Der Text desſelben iſt von Vaudin. In Treviſo iſt eine neue Oper des über 80 Jahre alten Pacini:„Il Saltimbanco“ mit Enthuſiasmus auf⸗ genommen worden. Paeini wurde 25 Mal gerufen. In Belgien ſind die Induſtriellen und Künſtler, namentlich die Maler, ſchon offiziell benachrichtigt wor⸗ den, daß im Jahre 1861 in London eine Weltausſtel⸗ lung ſtattfinden ſoll, mit beſonderer Berückſichtigung der ſchönen Künſte. Uebrigens würden nur Gegenſtände, die wirklichen Fortſchritt beweiſen, aufgenommen und die eingeſandten Arbeiten nach den verſchiedenen Gat⸗ tungen klaſſifizirt aufgeſtellt werden, nicht nach den Län⸗ dern, aus denen ſie herrühren. Anna Schikaneder. Längſt vergeſſen und kaum mehr genannt, friſtet in Regensburg ſeit vielen Jahren 12* 92 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. eine in der Blüthe ihrer Jahre berühmte deutſche Sän⸗ gerin, Anna Schikaneder— nun 85 Jahre alt, faſt er⸗ blindet, von den Gaben guter Menſchen das Leben. Jetzt hat König Max der Armen für ihre Lebensdauer eine monatliche Unterſtützung von 25 Fl. ausgeſetzt. Anna Schikaneder hat ihre künſtleriſche Ausbildung in Wien von Mozart ſelbſt erhalten und iſt die letzte lebende Perſönlichkeit, welche bei der erſten Aufführung der „Zauberflöte“ mitwirkte. Glänzende Engagements in allen Hauptſtädten Deutſchlands brachten ihr ſpäter Ruhm und Gold; heute, oder vielmehr in den letzten Jahren ſah man die alte Frau die Gnadenſuppe holen. Monumente. Bauwerke. Der Provinziallandtag von Königsberg hat 1900 Thaler für das zu errichtende Deukmal Kant's be⸗ willigt. Das Poſtament ſammt Fundamentirung für das Erzherzog Karl⸗Monument am äußeren Burgplatze wird im Monate Jänner hergeſtellt ſein, ſo daß im Fe⸗ bruar die Marmorverkleidung beginnen kann, welche bis Ende März fertig ſein dürfte. Der Architekt und Steinmetz Herr Kranner, welcher die Arbeiten leitet, hat alle Kräfte aufgeboten, um den Termin einzuhal⸗ ten, damit die Enthüllung des Monumentes am Jah⸗ restage der Schlacht bei Aſpern erfolgen kann. König Ludwig läßt jetzt durch den Profeſſor Halbig auch das Bruſtbild des um die Erfindung des elek⸗ tromagnetiſchen Telegrafen hochverdienten Profeſſors Steinheil anfertigen. Das öſterreichiſche Pilgerhaus in Jeru⸗ ſalem, welches ſein Entſtehen Sr. Eminenz dem Hrn. Kardinal⸗Erzbiſchof von Rauſcher verdankt, iſt nun bis auf die innere Einrichtung vollendet und wird heuer ſchon von den nach Jeruſalem kommenden Pilgern theil⸗ weiſe benützt werden können. Das Gebäude, im mittel⸗ alterlichen Style gehalten, iſt in einem Garten gelegen, hat eine Länge von 25 und eine Breite von 12 Klaf⸗ tern, iſt einſtöckig und nur der Mitteltrakt hat ein zwei⸗ tes Stockwerk. Im Hauptgebäude ſind 25 theils grö⸗ ßere, theils kleinere Zimmer, im Nothfalle für 100 Pilger angebracht; die Nebengebäude bieten Raum für 50 Pilger. Außerdem iſt für ein Refektorium, einen Speiſeſaal, ein Krankenzimmer u. ſ. w. Sorge getra⸗ gen. Mehrere entdeckte, in Felſen gehauene Ziſternen verſorgen das Haus mit vortrefflichem Waſſer. Wenn man bisher fragte, welches die höchſten Gebäude der Welt ſeien, ſo nannte man die Pyra⸗ miden und einige Kirchen oder Kirchthürme. Indeſſen unſere induſtrielle Zeit wird bald die Pyramiden und Kathedralen überragen mit— Fabrikſchloͤten. In der Stadt Glasgow erhebt ſich der„chimney-stalk“ der Herren Tennant u. Komp. bis zur Höhe von 450 Fuß und bald wird an der Fabrik chemiſcher Stoffe des Herrn Townſend ein noch viel höherer Rauchfang em⸗ porſteigen. Ein noch höherer Schlot ſoll in dieſem Au⸗ genblick im Erzgebirge gebaut werden. Eiſenbahnen. Telegrafen. Schifffahrt. Am 30. Dezember iſt die erſte Lokomotive auf der Debreczin⸗Miskolezer Bahn bis an die Hernad ge⸗ fahren, von wo aus nunmehr die Beſchotterung der Bahn ohne Unterbrechung ſtattfindet; 16 Meilen dieſer Bahn werden nunmehr bereits befahren. Bis auf vier Stunden iſt die egyptiſche Eiſen⸗ bahn vollendet. Mit ihrer Vollendung werden für die Beſorgung der Poſtfelleiſen aus Indien und China allein jährlich 20,000 Pfund St. erſpart. Die engliſche Admiralität verausgabt jetzt jedes Jahr für die Beför⸗ derung der überſeeiſchen Poſt 1,040,940 Pfund St. Seit dem Jahre 1830 wurden in den Vereinig⸗ ten Staaten 27,000 engliſche Meilen Eiſenbahn gebaut, im Durchſchnitt zu 35,000 Dollars die Meile, was im Ganzen die Summe von 945,000,000 Dollars ergibt. Eiſenbahnwagenmit Gasbeleuchtung. Am 10. Dezember v. J. ging der erſte Wagen von Paris nach Straßburg ab, der mit portativem Gas erleuchtet war. Man hatte an den Wagenlaternen nichts verän⸗ dert, als daß man ſtatt des Oels Gas in die Laternen gethan hatte. Das Licht war weiß und flackerte nicht und zog durch ſeine Schönheit die Aufmerkſamkeit der Reiſenden auf ſich. Die offiziell konſtatirten Reſultate ver⸗ ſprechen bei weſentlicher Verſchönerung der Beleuchtung auch einen nicht unbedeutenden ökonomiſchen Gewinn. Der kürzlich vollendete unterſeeiſche Telegraf von der engliſchen Küſte bis Emden kann zu Anfang dieſes Jahres für den größeren Verkehr in Thätig⸗ keit kommen; ſeine Anlagekoſten werden auf mindeſtens 300,000 fl. angegeben. Um etwaige Beſchädigungen des betreffenden engliſch⸗ hannover'ſchen Kabels thunlichſt leicht zu ermitteln und feſtzuſtellen, ob ſolche auf der Ems oder See zu ſuchen ſeien, iſt auf der Inſel Bor⸗ kum, dem Scheidepunkte beider, eine Schleife des Ka⸗ bels angebracht. Die Regulirung der Donau in Niederöſter⸗ reich bis zur Grenze Ungarns, welche vor acht Jahren in Angriff genommen wurde, wird heuer wieder fort⸗ geſetzt und iſt dazu für dieſes Jahr eine halbe Million Gulden angewieſen. Statiſtiſches. Zeitungen in Oeſterreich. Die k. k. Poſt⸗ Direktion hat ein Verzeichniß der ſämmtlichen in Oeſter⸗ reich erſcheinenden Zeitungen in Druck gelegt. Darnach beläuft ſich die Zahl der politiſchen und ſtempelpflichti⸗ gen Zeitungen in deutſcher Sprache auf 52, in dechiſcher Sprache 4, in polniſcher 4, in ſerbiſcher, kroatiſcher, ili⸗ riſcher, rutheniſcher und ſloveniſcher Sprache je 1, in italieniſcher Sprache 21, in ungariſcher Sprache 9, in rumeniſcher Sprache 2, in griechiſcher 1, im Ganzen 98 politiſche Zeitungen.— Nicht politiſche Zeitungen erſcheinen in deutſcher Sprache 32, in ſlaviſchen Spra⸗ chen 21, in italieniſcher Sprache 86, in ungariſcher Sprache 25, in ruſſiſcher Sprache 1, daher 264 nicht politiſche Zeitungen. Die Geſammtzahl aller Zeitungen beläuft ſich auf 362. In einem größeren Artikel„Zur Statiſtik des Tabakbaues in Ungarn und ſeinen Nachbarländern“ ſtellt die„P. O. Z.“ eine Reihe von Daten zuſammen, aus welchen hervorgeht, daß ſich der ungariſche Tabak⸗ bau ſeit Einführung des Monopols von 40,113 Pflan⸗ zern und einem Anbau⸗Areale von 35,136 Kataſtral⸗ Jochen auf 115,492 Pflanzer und 133,864 Joch Anbau⸗ Areale, mithin um 75,379 Pflanzer oder um 187.3 pCt. und im Anbau⸗Areale um 98,728 Kataſtral⸗Joche oder um 280., pCt. vermehrt hat. In Oeſterreich befinden ſich derzeit über 3000 Poſtanſtalten und zwar Poſtämter, Poſtſtationen und Poſtexpeditionen. Induſtrielles. Erfindungen. Wunder der Induſtrie. Von der großarti⸗ gen Bedeutung der Induſtrie kann man kein ſchlagen⸗ deres Beiſpiel finden, als wenn man den Werth der gemeinſten Naturprodukte auf den verſchiedenen Stufen induſtriöſer Verfeinerung betrachtet. So z. B. ſteigt ein — tdie Beſör⸗ und St. i⸗ en Vereinig⸗ lahn geball, ile was im laes ergitt. htung. Am von Palis as erleuchtet ichts derin⸗ die Laternen lackerte richt ſamkeit der teſultate ver⸗ Beleuchtung en Gewinn. Telegraf zu Anfang in Thätig⸗ jmindeſtens igungen des s thunlichſt che auf der Inſel Bor⸗ eife des Ka⸗ Niederöſter⸗ acht Jahren wieder fort⸗ albe Million k. k. Poſt⸗ n in Oeſter⸗ gt. D in kechiſcher oatiſcher, ili⸗ che je 1, in prache 9, in im Ganzen e Zeitungen iſchen Spra⸗ ungariſcher r251 nicht er Zeitungen zuſammen, iſche Wobal⸗ ,113 Pflan⸗ Kataſtral⸗ Joch Aubau⸗ n 187, pE. LJoche öder it über 3000 ationen Und Feuilleton. 93 Stück Schmiedeeiſen im Werthe von 10 fl., verarbeitet zu Hufeiſen auf 20 fl., zu Meſſerkfingen auf 360 fl., zu Nähnadeln auf 710 fl., zu Federmeſſer klingen auf 6570 fl., zu Stahlknöpfen und Schnallen auf 8670 fl. und zu Uhr⸗ federn auf 500.000 fl. Ein Stück Gußeiſen, im Werthe von 10 fl., verarbeitet zu gewöhnlichen Gegenſtänden, ſteigt auf 40 fl., zu Schmuckſachen auf 450 fl., zu Schnal⸗ len und den ſogenannten Berliner Artikeln auf 6000 fl., zu Halsketten auf 13,800 fl. und zu Hemdknöpfen auf 58,000 fl. Der Berliner Porträtmaler und Photograf C. Braſch hat im Verein mit ſeinem Aſſiſtenten, dem Techniker und Photografen D. Di etrich, die Erfin⸗ dung gemacht, poſitive Lichtbilder unmittelbar auf nack⸗ ten Holzſchnittplatten in der größten Schärfe herzuſtel⸗ lin, ſo daß es nur der geſchickten Hand des Xylografen bedarf, um die von der Natur vorgezeichneten Bilder in Drucktypen umzuwandeln. Wie für bildliche Gegen⸗ ſtände, kann die neue Vervielfältigungs⸗Art gleichfalls für alte Handſchriften in Anwendung kommen, und die Gelehrten wie die Bibliotheken haben Ausſicht, Kopien ſolcher künftig und zwar um einen verhältnißmäßig ge⸗ ringen Preis, zu beſitzen. Steinkohlenfeuerung für Backöfen iſt in England ſchon längſt im Gebrauch. In neuerer Zeit hat man auch in Preußen und Hannover Verſuche damit gemacht, die geglückt ſind. In der Stadt Hannover ſind vor einigen Tagen drei neue Steinkohlenöfen in Betrieb geſetzt worden. Die Herſtellung eines ſolchen iſt koſtſpie⸗ iger, als die eines Holzofens(ca. 250 Thlr. gegen 80 Thlr.), an Heizmaterial wird aber ungleich mehr geſpart. Die Elektricität als Geldkaſſenbeſchütze⸗ rin. Ein Mechaniker in Verona wendet zum Schutz der von ihm fabricirten Geldkaſſen gegen unberechtigtes Eröffnen die Elektrieität an. Der Gedanke iſt nicht neu, aber— wie die veroneſer Blätter verſichern— von dem ſinnreichen Mechaniker in ſehr zweckentſprechender Weiſe ausgeführt. Der Kaſſier kann mit Leichtigkeit den elektriſchen Strom unterbrechen und ſo, ohne Stöße und Erſchütterungen zu befürchten, ſeine Geſchäfte an der Kaſſe verſehen, während jeder von einem in das Geheimniß nicht Eingeweihten gegen die Kaſſe gemachte Verſuch augenblicklich eine hochgradige Wirkſamkeit des elektriſchen Apparats erzeugt und ein weiteres Vorgehen verhindert. Die Fiſchjagd ſoll Pulver und Blei erhalten. Der Büchſenmacher Devisme hat auf Beſtellung zweier Rheder in Havre einen Wallfiſchfänger mit den von ihm erfundenen neuen Büchſen und den dazu gehörigen Platzkugeln ausgerüſtet. Dieſes Geſchoß wurde von dem Löwentödter Gerard mit vielem Erfolge gegen den Kö⸗ nig der Thiere verwandt. Man will nun auch Verſuche an den Ungethümen des Ozeans machen, welche natür⸗ lich Geſchoße von ſtarkem Kaliber erfordern. Ein neues Geſchütz, erfunden und ausgeführt von den Herren Armſtrong in Neweaſtle, iſt vor einer Regierungs⸗Kommiſſion mehreren Proben unterworfen worden und ſoll, was Tragweite anbelangt, alle bisher gebrauchten Geſchütze weit hinter ſich laſſen. Bei einer Elevation von 30 Graden ſchoß man aus demſelben eine 32 pfündige Kugel auf eine Entfernung von 9600 Durds d. i. über eine deutſche Meile weit. Dieſelbe iſtanz wurde durch einen 16 Zentner ſchweren Neun⸗ pfünder von gleicher Bauart erzielt. 3 Für Haus und Hof. Zur hühnerologiſchen Kultur lieferte jüngſt eine große Ausſtellung in den Räumen des Breslauer Wintergartens intereſſante Beiträge. In einer langen Reihe von Käfigen, ſchreibt man der„W. Z.“ hierüber, ſtanden die gefiederten Schönen aus allen Zonen und eine lange Reihe ungefiederter Schönheiten wogte in eleganten Toiletten an ihnen vorüber. Franzoſen und Cochinchineſen trotz aller Zeitungsberichte in friedlicher Eintracht, ſchwarze Tſcherkeſſen mit rothem Kamme, jene ſeltſamen créve-coeurs mit dem ſchwarz⸗weißen, geſträubten Gefieder, das auf einen ſehr polemiſchen Charakter zu deuten ſcheint, bilden die bunte Bevölke⸗ rung der Käfige, welche ihre Bewunderung des elegan⸗ ten Publikums in den verſchiedenſten unverſtändlichen Idiomen herausgackerte. Das Ganze war indeß mehr Sklavenmarkt als Harem! Bald hier, bald dort wurde eine unglückliche Schöne beim Schopf genommen und in einen Tragkorb eingeſperrt— die Lotterie hatte über ihr künftiges Loos entſchieden. Jedenfalls ſteht in Schle⸗ ſien, beſonders in Görlitz und Breslau, die Hühnerzucht in Blüthe und die Vereinshennen fangen bereits an, gol⸗ dene Eier zu legen. Wie Göthe eine„Weltliteratur“ an⸗ ſtrebte, ſo unſere Zeit eine„Weltkultur“. Völker und Zonen greifen ineinander— Betrachtungen, die ſich dem aufmerkſamen Beobachter ſelbſt vor dieſen kosmopoliti⸗ ſchen Hühnerſtällen aufdrängen. Die geografiſchen Kennt⸗ niſſe der deutſchen Hausfrauen werden durch dieſe Orien⸗ talinen, die jetzt ihrer Pflege anvertraut ſind, außer⸗ ordentlich vermehrt. Und welche exotiſche Eierkuchen werden bald unſere Gourmands erquicken. Geräuchertes Stroh als Futter für Kühe. Ein Herr Goodiff theilt in„Agric. Gaz.“ die intereſ⸗ ſante Erfahrung mit, daß ſeine Kühe mit größter Be⸗ gierde geräuchertes Stroh verzehren, zu welchem Behufe er alles ſchlechte Stroh verwendet. Zur Räucherung des Strohs wurde der Rauch durch Verbrennen von Torf erzeugt.— Welche Wirkungen ſich bei dieſer Fütte⸗ rung hinſichtlich der Milch⸗ und Fleiſchproduction ge⸗ zeigt haben, iſt nicht mitgetheilt, die Idee aber jeden⸗ falls in Zeiten von Wichtigkeit, wo ſchlechtes Stroh zu verfüttern eine Nothwendigkeit iſt, um die Thiere nur zu erhalten. Todtenſchau. Ihre kaiſerliche Hoheit die durchlauchtigſte Frau Erzherzogin Maria Anna, Tante Sr. Majeſtät des Kaiſers, iſt am 26. Dezember v. J., nach kurzer Krank⸗ heit und Empfang der heiligen Sterbeſakramente zu Baden bei Wien verſchieden. Reichsgraf Waldſtein⸗Wartemberg †. Am 24. Dez. v. J. ſtarb in Prag der bisherige Chef eines der erlauchteſten und berühmteſten Adelsgeſchlechter Böh⸗ mens: Se. Excellenz Herr Chriſtian Reichsgraf von Waldſtein⸗Wartemberg, k. k. geheimer Rath, Oberſterb⸗ landvorſchneider in Böhmen, Großkreuz des k. k. Leo⸗ pold⸗Ordens, Beſitzer des Armee⸗ und des königlich böhmiſchen Gardekreuzes, Ehrenritter des Maltheſer⸗Or⸗ dens, Präſident des böhmiſchen Muſeums und des böh⸗ miſchen Forſtvereins dc. Der Dahingeſchiedene war am 2. Jänner 1794 geboren, hätte ſomit in wenigen Tagen ſein 65. Lebensjahr vollendet. Aus ſeiner Ehe mit Grä⸗ fin Maria von Thun⸗Hohenſtein(vermält 14. Mai 1817) leben zwei Söhne und vier Töchter. Der älteſte Sohn und jetzige Chef des Hauſes, Graf Ernſt, ſeit 1851 in zweiter Ehe mit Prinzeſſin Maria von Schwarzenberg, Palaſtdame Ihrer Majeſtät der Kaiſerin, vermält, iſt k. k. Kämmerer und Rittmeiſter in der Armee, der zweite, Graf Joſef Ernſt, Maltheſer⸗Ordensritter, Major im Adjutanten⸗Korps und Flügel⸗Adjutant Sr. Majeſtät des Kaiſers. Von den Töchtern iſt Komteſſe Gabriele mit Sr. Durchlaucht Fürſten Arthur von Rohan⸗Gue⸗ menèé vermält.— Graf Chriſtian Waldſtein ſtarb an Entkräftung in Folge innerer Blutung. * 94 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Die einſt gefeierte Sängerin Kathinka Heine⸗ fetter iſt nach kurzem Krankenlager in Freiburg ge⸗ ſtorben. Kurioſa. Ein Eſſen, das ein gewiſſer engliſcher Lord vor neun Jahren in den Bädern von Lucca gab, beſchreiben die„Notes and Queries“ folgendermaßen: Fleiſch, Fiſch und Gemüſe waren zum wenigſten zwei Jahre alt, da ſie in einer jetzt freilich ganz ungewöhnlichen Weiſe ein⸗ gemacht worden; die Karaffen enthielten Waſſer, das urſprünglich ſalzig geweſen, aber durch einen eben da⸗ mals entdeckten chemiſchen Prozeß ſüß gemacht war; der Wein war vermittelſt einer Taucherglocke von dem Grunde der Themſe heraufgeholt, wo er über ein Jahr⸗ hundert in einem verſunkenen Schiffe gelegen hatte, und das Brod war aus Weizen gebacken, den der Lord ſelbſt in einer der Pyramiden gefunden und in England geſäet hatte. Von Kowno in Rußland wird die erſtaunliche Kunde berichtet, daß die Bauern in dieſem Gouverne⸗ ment das vor drei Monaten in den Kirchen gemachte Gelöbniß, keinen Branntwein zu genießen, treulich hal⸗ ten, trotz aller Lockungen der Wirthe, ſie zum Beſuche der Schänken zu bewegen und trotz der äußerſt ermä⸗ ßigten Preiſe. Die Gutsbeſitzer haben das Brennen eingeſtellt. Am 18. Dezember v. J. ſtellte der Prof. Dr. Vir⸗ chow in Berlin einem Komité von Aerzten und Medi⸗ zinſtudirenden in der Charité einen achtzehnjährigen jungen Mann, Namens Gottfried Dietze, aus Weiden⸗ heim bei Torgau gebürtig, vor, der ohne Arme zur Welt gekommen iſt. Er verrichtet mittels der Füße die mannigfachſten Dinge mit der größten Gewandtheit. Er verfertigt künſtliche Schnitzarbeiten, näht, flicht Körbe, ſpielt die Ziehharmonika und ſchreibt ſehr gut. In Lierre(in Frankreich) ließ am 26. Dezember v. J. ein Ehepaar ſein ſechsundzwanzigſtes Kind tau⸗ fen, 23 Kinder ſind am Leben. Verſchiedenes. Auch bei dem vorjährigen Weihnachtsfeſte prangte auf der königlichen Tafel zu Windſor nach herkömmli⸗ cher Sitte der unter dem Namen Royal baron of beef bekannte rieſige Rinderbraten. Er wog dießmal drei Zentner. Der Braten bleibt bis zum Neujahrstage auf einem Seitentiſche im Speiſeſaale des Schloſſes ausgeſtellt. Seine Umgebung bilden der Kopf eines wilden Schweines und eine Auerhahnpaſtete, gleichfalls Gerichte, die um dieſe Jahreszeit im engliſchen Königs⸗ ſchloſſe herkömmlich ſind. Anderſen, der berühmte Breslauer Schachſpie⸗ ler, der ſich nun auch mit Murphy, dem Amerikaner, in Paris gemeſſen, iſt unterlegen, wie alle Anderen. Murphy hat fünf Partien gewonnen, zwei verloren und eine iſt unentſchieden geblieben. Intereſſante Gerichtsfälle aus alter und neuer Zeit. Anklagebeſchluß gegen Rozſa Saäͤndor. Das k. k. Landesgericht in Ofen hat gegen den im vo⸗ rigen Jahre von Szegedin nach Peſt eingelieferten be⸗ rüchtigten Rozſa Sändor nach vorhergegangener Vor⸗ unterſuchung einen Anklagebeſchluß wegen: 1. des Ver⸗ brechens des vollbrachten Mordes(begangen an fünf Perſonen), dann 2. des verſuchten Mordes an zwei Perſonen, ferner 3. des Raubes, 4. der ſchweren kör⸗ perlichen Beſchädigung, begangen durch Mißhandlungen mehrerer Tanyenbewohner, endlich 5. wegen des Ver⸗ brechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit, begangen durch mehrſeitige Widerſetzlichkeiten und gefährliche Dro⸗ hungen, gefaßt. Nachdem von Seite des Beſchuldigten gegen den Anklagebeſchluß keine Berufung angemeldet wurde, ſo dürfte die Schlußverhandlung, auf Grund der koloſſal angewachſenen Unterſuchungsakten noch im Jänner bei demſelben k. k. Landesgerichte ſtattfinden. Ein amüſanter Prozeß ward dieſer Tage in Liverpool verhandelt. Zwei junge Damen wandeln auf dem Bürgerſteig und füllen ſeine ganze Breite mit ihrer Krinoline. Ein junger Mann begegnet ihnen, ruft: ich muß das Zeug zerſchneiden!— zieht ein Einſchlag⸗ meſſer und beginnt den Angriff. Er ſchneidet und ſäbelt und fetzt und wird inne, daß Krinoline etwas anderes bedentet als Pferdehaarzeug. Der Zudrang zu dem Pro⸗ zeſſe war ungeheuer. Der Richter, um die Sache recht zu genießen, verfügt ſich aus ſeinem kleinen Termin⸗ zimmer in die große Halle, die 3⸗ bis 4000 Perſonen faßt. Alles iſt zur Stelle, was Liverpool an Schön⸗ heit und an Krinolinen beſitzt. Auf dem Gerichtstiſch ſteht das corpus delicti, dem Gerippe eines Kirgiſenzeltes vergleichbar, mit ſeinen Stahlreifen, deren einige noch die Spuren der frevelhaften Waffe tragen. Die beiden Damen ſchwören, daß der Verklagte der Thäter ſei; aber andere Zeugen ſchwören, daß er zu der angegebe⸗ nen Zeit ganz wo anders geweſen. Die Jury hat zu entſcheiden, wem ſie glauben will. Sie bleibt lange aus, kann ſich offenbar nicht vereinigen, ſchickt endlich nach Ueberröcken und Fußſäcken, denn man gibt ihr kein Feuer in dem Berathungszimmer. Todesſtille der Er⸗ wartung, in der man 3000 Herzen klopfen hört. End⸗ lich erſcheinen die Geſchwornen; Verdikt: Nicht ſchuldig. Kannibaliſches Jubelgeſchrei erhebt ſich aus dem männ⸗ lichen Parterre und die Schönen machen ſich ſo klein wie möglich! Hinrichtung des Hofſchloſſers Stieff in Berlin. Der neuliche Silberdiebſtahl im königlichen Schloſſe zu Berlin brachte einen ähnlichen Fall, der im Jahre 1718 vorkam, in Erinnerung. Es erlitten damals der Kaſtellan Runck und der Hofſchloſſer Stieff den Tod durch Henkershand. Der Bericht des Predigers Andreas Schein über die letzten Stunden des Letztgenannten lautet im Auszuge:„Da nun im Gefängniſſe Nichts mehr für ihn zu thun, ſchwebete unſerem Schlöſſer noch die emphatiſche Rede des Heilandes am erſten Pfingſt⸗ tage aus dem Johannes 14 im Gemüht, die ihm Herr Prediger Pape in meinem Beyſeyn tröſtlich erklähret hatte, dahero er ſich zu uns Predigern und ſeinem be⸗ trübten Weybe munter umbkehrete, den Hut ergriff, ſa⸗ gend: Auf! laſſet uns von hinnen gehn! Ehe wir aber von dannen gingen, beugeten wir unſre Knye zuſam⸗ men und bedankten uns vor Gott für die bisher ge⸗ habte Herberge, die dem Fleiſche zwar über alle maſſen unangenehm, aber dem Geiſte ſoviel geſegneter geweſen. Sobald dieſes aus war, gings mit ihm Schritt vor Schritt immer näher und freudiger zur Ewigkeit. Vor der Haußvoygtei⸗Thür wartete unſer, die wir vorantra⸗ ten und unſern armen Sünder auch zuerſt ſollten exe⸗ cutiren laſſen, ein Bataillion Fuß⸗Volks, das ſich they⸗ lete, 200 Mann gingen vor uns her, und ſo viel ſofort nach uns, zwiſchen denen und darauf ſchließenden 200 Mann ward allererſt der Caſtellan herausgebracht, den man auf einen Leiterwagen, beſpannt mit zweyen Pfer⸗ den, rückwärts ſetzete, ihn ganz nackend entkleydete bis an die Hüfften, und mit den Händen an beiden Seiten feſtband. Vor ihm war ein großer eiſerner Napf voll Alühenden Kohlen, davor ein Knabe ſaß und mit einem laſebalg die Glut unterhielt. Da wir mit unſerem Schlöſſer fürüber gingen und ſolche fürchterliche prae- paratoria erblickten, daß uns auch die Feuerflammen entgegenweheten, gabs Betrachtung vom hölliſchen Feuer zu reden, wie daſſelbe anders ſeine Flammen ſpeien und — gen des Ver⸗ t, begang 36.ralggen ahriche Dro⸗ Ceſchuldigten 3 angemeldet Grund ſſer Tage in wandeln auf nit ihrer en, ruft: Einſchlag⸗ und ſäbelt twas anderes u dem Pro⸗ eSache recht ten Termin⸗ Perſonen an Schön⸗ angegebe⸗ Jury hat zu bleibt lange ſchickt endlich ihr kein Andreas tgenannten Nichts ſer noch en Pfingſt⸗ ihm Herr lich erklähret nem be⸗ wir aber zuſam⸗ je bisher ge⸗ alle maſſen eter geweſen. Feuilleton. 95 länger dauern würde, wenn uns nicht Chriſti Blut es ausgelöſchet hätte. Man meynete immer, daß der Ca⸗ ſtellan inſoweit Pardon bekommen und der Kniffe frey bleiben würde, allein die Hoffnung ſchlug fehl; denn ohngeachtet wir unſre Straße fortgingen und uns ſo wenig in die Höhe als zur Seyten umbſehen wollten, ſo merkte mans doch an ſehr vielen Umſtänden, daß hinter uns was vorginge. Und da ich mich umbſahe, ſtieg ein blauer ſtarker Dampff in die Höhe vor der Haußvoygtey, und der Kniff gab, weil ein ſtarker feſter Körper ihn litte, ein hörbahres fürchterliches Geziſche. Mit was für Empfindung und äußerlicher Schmerzbe⸗ zeugung der Mann die erſte Feuer⸗Probe ausgeſtanden, haben wir ſelbſt nicht ſehen können. Die Menſchen aber, die jenſeits des Waſſers aus den Fenſtern und aufge⸗ nommenen Dächern ſahen, ſchlugen an ihre Bruſt und bezeugten damit, daß ihnen noch daſelbſt was Menſch⸗ liches ſäße. Vor der Schatzkammer ſtand der Schlöſſer von ſelbſt ſtille, wies mit traurigen Gebärden auf die⸗ ſelbe, ſagend: das iſt der unglückliche Ort, davon ich mir den Tod hole. Vor der Schatzkammer empfing der Caſtellan auch den andern Kniff und ſoll dabei geſagt haben: Gott ſeegne den König, ſein Haus und ſein ganzes Land! Uufern am ſpandauer Thore empfing er den dritten Kniff unterwärts am Arme, in deſſen Ver⸗ ſetzung der beorderte Scherge unvorſichtig zu nahe an die Bruſt griff. Darüber ſoll der Delinquent kläglich haben thun wollen, ſei aber durch zureden der Herrn Prediger wieder in Andacht gebracht worden. Wir ka⸗ men vor das Hochgericht und daſelbſt in einen gemach⸗ ten Kreyß, da ein Major von der Infanterie das Com⸗ mando hatte. Wir funden hier nicht allein an der Erden die eingepflockte Pfähle, ſondern auch den königlichen Hof⸗ und Criminal⸗Raht Herrn Gerbert, der das Ürtheil vorlas. Unſer Schlöſſer blieb dabei unverändert, bätete und empfahl ſich Gott, ließ ſich entkleiden und ſetzte ſich ſelbſt zur Erden, daraus wir ſattſam ſchließen konn⸗ ten, weil auf unſere Fragen keine fernere Antwort er⸗ folgte, ſeine Seele wäre tieff in Gott eingekehret, daß ſie alles Deſſen, was noch äußerlich dem Leibe begeg⸗ nen ſollte, vergeſſen. Die Schergen legten ihm einen etwas langen Strang dreifach umb den Halß, zogen ein wenig— doch auf ihre Art— denſelben zu, daß ſie ihn daran auf beiden Seiten feſte hielten, wenn die Rad⸗Stöſſe erfolgten, und er that ſich unter ihre Hände, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführet und ab⸗ gethan werden ſollte. Wir hatten dem armen Sünder verſprechen müſſen, uns ſeiner Banden nicht zu ſchämen, ſondern bei ihm zu bleiben, vielmehr, ſo es möglich wäre, ihm unter ſeinem Supplicio den ſüßen Namen Jeſu einzuſchreien, an den er ſich einzig und allein hal⸗ ten und durch ihn mit ſeinem unſterblichen Geiſte zu ſeinem verſöhneten Vater reiſen wollte. Solches haben wir ihm auch treulich gehalten, beugten uns zur Erden zwiſchen die Henkerſtricke zu ſeinem Haupte, ſprachen ihm ſonderlich zuletzt die tröſtliche Strophe zu aus dem bekannten Schlafliede, womit wir auch ſeine Seele unter den Händen Gottes zu Bette brachten: Breit aus die Flügel Beide, O Jeſu, meine Freude, Und nimm die Küchlein ein. Will Satan mich verſchlingen, So laß die Englein ſingen, Dies Kind ſoll unverletzet ſein. Kaum war dieſer Zuruff geſchehen, ſo war der Halß feſte und er empfing bald darauf durchs Rad ſeine Stöſſe, den erſten am rechten Fuß, den andern am lin⸗ ken Arm, den dritten am linken Fuß und den vierten am rechten Arm. Dieweil es doch einmahl alſo ſollte vom Leben zum Tode gehen, trugen wir billig Sorge und wünſchten, daß die Gebeine bald gebrochen würden. Der Scharfrichtergeſelle folgete unſer Jurede eilete nicht allein wacker mit den Schlägen, daß er damit endlich auch auf die Bruſt und Folgendes auf das Genick am umgewandten Körper käme; ſondern es mochte ihm wohl auch der liebe Gott vor den ausgetheilten Stöſſen zuvorkommen ſein, der das Leben wahrſcheinlich, wie es mich bedünkete, ſchon weg hatte, maßen man nicht die geringſte Ungeberde verſpürete, noch den geringſten Laut hörete, nachdem er den Strick umb den Halß kriegte, außer daß das Herz nach erlittenem Radſpiel zweimul auf einander gar ein wenig ſich bewegte und nachge⸗ hends mit eins ſtille und alſo zur Leichen wurde. Wer war froher, als wir Prediger, daß der treue Gott uns bisher beigeſtanden und ſo eine ſchwere Laſt von unſe⸗ ren Seelen abgenommen hatte, da kein Wunder gewe⸗ ſen wäre, wenn uns eine Ohnmacht befallen und zu Boden geworfen hätte, denn gewiß jeder Schlag mit dem von Blei in der ausgebohrten Höhle gefüllten Rade dröhnete uns in das Innerſte unſeres Herzens, daß es uns durch Mark und Bein ging und das ganze Ge⸗ blüte echauffirte und ich auf der Stelle gedachte: Wenn Alle, die Solches ſehen und hören, fühlen möchten, was Du fühleſt, der Appetit zu frechen Frevelthaten würde ihnen vergehen.“ Unterhaltendes. Ein junger Student in Berlin kam in der letzten Neujahrsnacht aus einer Geſellſchaft, in der er durch die dargebotenen Genüſſe lebhaft erregt worden war, ſo daß er auf dem Wege nach Hauſe darüber nach⸗ dachte, in welcher Weiſe er ſich wohl ein recht eklatantes Vergnügen machen könne. Da fiel ihm ein, daß irgend ein ſiegreicher Feldherr der alten Welt von ſeinen Mit⸗ bürgern dadurch belohnt worden war, daß ihm ſtets ein Flötenſpieler voraugehen und ſeine Anweſenheit der Be⸗ völkerung durch ſein Spiel verkünden mußte, damit ſie ihn jubelnd und preiſend begrüßen könnte. Der junge Mann hatte nun zwar noch keine Siege erfochten, die für das Vaterland von Wichtigkeit geweſen wären, es iſt auch eine derartige Belohnung bei den Völkern der neuen Zeit niemals Mode geworden, Alles dieß genirte aber unſern jungen Zukunftshelden nicht, er beſchloß viel⸗ mehr, da er die Kraft zu großen Siegen in ſich ſpürte, ſich die Belohnung vorweg auf eigene Hand zu Theil werden zu laſſen. Aber wo einen Flötenſpieler Nachts um die zweite Stunde hernehmen? Schon am Tage würde ſich ein genügendes Individuum ſchwer gefunden haben und nun gar zur Nachtzeit! Doch horch! Schallt da nicht der Ton eines reizend geſtimmten Leierkaſtens durch die Straßen? Wahrlich, gelegener konnte nie ein luſtiger Student einem geldbedürftigen Drehorgelſpieler begeg⸗ nen. Der Erſtere verzichtet auf ſeinen Flötenſpieler oder beſſer geſagt, er begnügt ſich mit dem Leiermann; die⸗ ſer ſteckt den letzten Thaler des Studenten in die Ta⸗ ſche und geht nun vor ihm her unter weithintönendem Spiele, die ſieben neueſten Lieder mit möglichſt heiſerer Stimme abſingend. Der Student aber geht ſtolzen hüpfenden Schrittes hinterher und bald umjubelt ihn, wie den Sieger der alten Zeit, eine jubelnde, luſtig ſchreiende Menge, die in die Geſänge des Drehorglers einſtimmt und dadurch den luſtigen Studenten auch ver⸗ anlaßt, mit kräftiger Stimme das Spiel zu begleiten. So geht es eine Strecke weit und in ſeiner Freude ſieht der Student nichts, was um ihn vorgeht, ſo ſehr erfreut ihn Kaliſch's heiteres Couplet„Vom Alpenglühn, was den Berlinern gezeigt werden ſoll“; er ſingt ſo eben luſtig und laut die Strophe:„Und einen kleinen Tell, ſchaſſen wir ſchnell,“ da klopft ihm Jemand ziem⸗ lich nachdrücklich auf die Schulter. Entrüſtet, ſich geſtört zu ſehen, wendet der junge Mann ſich heftig um, aber es bleibt ihm ſofort der ſchon dreuende„dumme Junge“ in der Kehle ſitzen, denn vor ihnt ſtehen ſeine„Herrn Eltern“, die auch auf dem Nachhauſegange aus einer Geſellſchaft begriffen ſind und dabei ihrem Sohne be⸗ gegnen, der ſich von dem Jubel der Straßenjugend und einem Drehorgelſpieler begleiten läßt.— Daß der ———— 96 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. -— Jubel nach dieſem Erkennen ſofort ein Ende nahm, wer will daran zweifeln? Mit hängendem Kopfe ſchlich der Muſenſohn davon und der Herr Papa kündigte dem Herrn Sohne an, daß derartige hiſtoriſche und heroiſche Studien nicht nach ſeinem Geſchmack ſeien und der Brodkorb ihm daher etwas höher gehängt werden würde. In dem alten Hotel Lambert, wo der Polen⸗ fürſt Adam Gartoryski ſeinen Hof hält, verauſtaltet die Fürſtin Anna Gzartoryska, eine geborene Prinzeſſin Sa⸗ pieha, alljährlich einen ſogenannten Bazar, deſſen Er⸗ trägniſſe den hilfsbedürftigen Mitgliedern der Polniſchen Emigration zu gute kommen. Da ſitzen die Polniſchen Damen und verkaufen allerlei mehr oder minder koſt⸗ bare elegante Kleinigkeiten für hohe Preiſe, wie das in ähnlicher Weiſe wohl auch anderwärts geſchieht. In dieſem Jahre ſollen namentlich die vornehmen Ruſſen große Summen bei dieſem Bazar im Hotel Lambert aufgewendet haben, um ihre Verſöhnung mik dem Po⸗ lenvolk zu beweiſen. Vielleicht erinnert man ſich auch noch, daß ein reicher Herr im vorigen Jahre halb ſcher⸗ zend äußerte, er werde für eine Locke der Verkäuferin gern 10,000 Francs zahlen, und doch einigermaßen überraſcht war, als die ſchöne Verkäuferin ſofort ſich die gewünſchte Locke abſchnitt, ſie dem Kavalier über⸗ reichte und dafür die große Summe für die armen Landsleute in Empfang nahm. In dieſem Jahre nun hat ſich ein Ereigniß zugetragen, welches alle Geſchich⸗ ten der Art in Schatten ſtellt. Seit etwa drei Jahren liebte ein unermeßlich reicher Mann ein junges Fräu⸗ lein von edler Familie, das aber ſehr arm war; ver⸗ gebens wurde ihr von ihrer Familie aufs lebhafteſte zu⸗ geredet, die Hand dieſes Millionärs anzunehmen.„Ich verkaufe meine Jugend nicht“, antwortete die junge Dame feſt,„es iſt kein Segen dabei; wenn ich reich wäre, ſo würde ich nicht anſtehen, ſeine Beſtändigkeit durch meine Hand zu belohnen; wenn er arm wäre, würde ich vielleicht nicht weiſe genug ſein, ihm meine Hand zu verweigern, und meine Armuth mit der ſei⸗ nigen zu verknüpfen; aber ich verkaufe meine Jugend nicht.“ Dieſes Fränlein kam vor einigen Tagen von dem Bazar im Hotel Lambert und erklärte nun ihrer Mutter, ſie ſei bereit, die Wünſche ihres reichen Ver⸗ ehrers zu erhören, und demſelben ihre Hand zu rei⸗ chen, wenn ſich derſelbe entſchließe, dieſe Hand mit 100,000 Frks. zu bezahlen, d. h. die Summe den Ar⸗ men geben. Dann würden ſich, ſagte das Fräulein, ſo viele kleine Händchen, ſo viele zitternde Hände alter und ſchwacher Männer und Frauen ihren Bund ſeg⸗ nend gen Himmel heben, daß dieſer glücklich werden müſſe. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß dieſe Summe noch am ſelben Tage gezahlt wurde; die Hochzeit findet in dieſen Tagen ſtatt. Zur Geſchichte des Fürſten Miloſch erzählt der „Wdr.“ folgende Anekdote: Es mochte im Jahr 1840 oder 1841 geweſen ſein, als Herr v. N. aufgefordert wurde, ſich um die erledigte Sekretärſtelle beim Für⸗ ſten Miloſch zu bewerben. In Kragujewatz angelangt, ward er ſehr freundlich vom Fürſten empfangen. Da derſelbe jedoch mannigfache dringliche Geſchäfte zu er⸗ ledigen hatte, erſuchte er Herrn v. N., ſich eine Stunde lang im Garten zu amüſiren, worauf er mit Muße die nöthigen Einleitungen dc. mit ihm beſprechen werde. „Sie ſind ſo gut wie aufgenommen,“ mit dieſen Wor⸗ ten verabſchiedete er Herrn v. N., der ſich auch ſofort mit einem ihm als Ciderone beigegebenen Hofbedienten nach dem ſogenannten Park begab. Kaum hatte Herr v. N. den Garten betreten, als er auf einer Eiche einen Gehenkten erblickte, in deſſen nächſter Umgebung eine förmliche Zuſammenkunft von allerhand befiedertem Raubgeſindel ſtattfand. Herr v. N., der eben nicht ſehr ſtarke Nerven hatte, prallte entſetzt zurück und frug mit bebender Stimme ſeinen Begleiter, was dieß zu bedeu⸗ ten habe.„Das iſt der frühere Sekretär des Fürſten,“ entgegnete dieſer ganz gleichgiltig. Herr v. N. war in ſeinem Leben kein Freund ſchneller Kommotionen, allein dieß Mal hätte er wohl mit dem geübteſten Schnell⸗ läufer ſicherlich wetteifern können. Seinen Ehrgeiz hatte er im Garten zurückgelaſſen. —— Rechnungs⸗Aufgabe aus einem drei Jahrhunderte alten Rechenbuche. Ein Tochter fraget jr Mutter, zu jr ſprechende: Hertzallerliebſte Mutter, ich hab ainen ſchönen Geſellen underhanden, den wöllt ich gern zur Ehe haben, wenn ich nur nicht zu jung wäre; derhalben bitt ich Dich, ſo Dir mein Alter noch wiſſend wäre, mir ſolches anzuſa⸗ gen. Antwortet die Mutter: Liebe Tochter, ſo Du ver⸗ mayneſt, daß er für Dich ſey, ſo wirds das Alter nicht mehr hindern; denn ſo Du ¼, ⅛ und ⁄16 Deiner Jar mit einander multiplizireſt, ſo biſt Du grad 64 Jar alt. Nun frag ich, wie die Tochter geweſen ſey? Auflöſung der Preis⸗Rebus im I. Hefte der„Erinnerungen“: 1. Einem vollen Mann' ſoll ein Wagen aus⸗ weichen. 2. Aus dem Regen in die Traufe. Auflöſung der Charaden: 1. Meiineid. 2. Rathhaus. Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt.— Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag. Ausgegeben am 15. Jänner 1859. 2 6*