Erinnerungen. lustrirte Wlälter kür Brnst und Bumor. 77. Band.(Neununddreißigſter Jahrgang.) Heft II. KXN X N —= N atA N— 1Ga ℳſ 1' Iſabella mit Morello auf dem Kirchhofe. El Matador. Novelette von Sigismund Wallace. per Schauplatz unſerer kleinen Erzählung iſt Spanien zur Zeit, als es, von ſeinem Kö⸗ nige aufgegeben, es wagte in einen langen, blutigen Kampf mit dem Diktator zu treten, der damals ganz Europa Geſetze vorſchrieb. Vergebens ſandte Napoleon ſeine ta⸗ pferſten Heere nach der pyrenäiſchen Halbinſel. In offenen Feldſchlachten beſiegte er das alte Iberien, aber er konnte dasſelbe nicht unterjochen. Sein Bruder Joſef hieß zwar König von Spanien, aber er war nicht Herr des Landes, deſſen Bewohner keine Mittel ſcheuten, die verhaßten Königsmörder Erinnerungen. 1859. 2 G und Ketzer, wie ſie die Franzoſen nannten, beim frohen Gelage, im ruhigen Schlummer, im engen Gebirgspaſſe, auf offener Straße, in Kirchen und in der friedlichen Wohnung des Landmannes zu ver⸗ folgen und zu tödten.— Es war ein National⸗ Krieg. Ein Guerilla fiel, und zehn andere erſtan⸗ den auf der blutigen Bahn, gefährlicher durch Muth, Liſt und Ausdauer, als durch ihre Zahl. Jungfrauen ſelbſt und greiſe Prieſter führten Banden an. Ueberall war das Getümmel des Krie⸗ ges laut; Handel und Gewerbe lagen darnieder, die Felder feierten, der Landmann führte nicht den Pflug, ſondern das Schwert, und Großbritannien ſandte nicht allein ſeine Landeskinder zur Unter⸗ ſtütung der Spanier im Kampfe gegen Napo⸗ leon, ſondern auch Geld und Nahrungsmittel. 34 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Am Fuße einer der vielen Gebirgsketten, die Spanien in allen Richtungen hin durchziehen, liegt ein Dörfchen, in welches wir uns begeben; dort trägt Alles heute ein feſtliches Gewand, und nir⸗ gends iſt eine Spur von dem überall wogenden Kampfe zu ſchauen, wenn wir eine Kompagnie fran⸗ zöſiſcher Jäger abrechnen wollen, die ſchon ſeit eini⸗ gen Wochen in dem Dörfchen lagen und nur von Zeit zu Zeit einen Streifzug in das Gebirge gegen eine dort hauſende Guerillas⸗Bande unternahmen. Es war ein Feſttag, denn der Namenstag des Kirchenpatrons wurde gefeiert.— Die Meſſe war vorüber und der Jahrmarkt ſollte nun beginnen. Buden jeder Form und verſchiedener Größe waren aufgeſchlagen. Hier verkaufte man Heiligenbilder und gewaſ Kreuze und Roſenkränze; dort lockten Mandelkuchen und reife Früchte die Jugend an, die wenigen Maravedis in der Taſche zu verausgaben. Neben dem Verkäufer von rieſigen Zwiebeln, auf deren Haufen Bündel Knoblauchs lagen, bot ein anderer farbige Bänder und Halstücher feil. Hier pries ein Wunderdoktor ſeine Salben und Elexire, während ſein Gehilfe einem ſtämmigen Burſchen auf eine unſanfte Weiſe einen Zahn riß.— Dort ließ ein Bärenführer ſeinen Petz nach einer Trommel tanzen, während zwei Affen auf den Höckern eines Kameeles durch ihre poſſirlichen Sprünge große und kleine Kinder unterhielten. Dann ertönte laut eine Trompete, Polichinell in ſeinem Kaſten war ange⸗ kommen, und Alle, Männer, Weiber, Kinder eilten, verächtlich den Thieren den Rücken zeigend, die Späße des Lieblings der Volksbeluſtigung anzuhö⸗ ren. Vor dem kleinen unanſehnlichen Wirthshauſe, das ſich weder durch Reinlichkeit noch durch beſon⸗ dere Kennzeichen vor den übrigen Wohnungen aus⸗ zeichnete, befand ſich die Wache der franzöſiſchen Chaſſeurs, deren Mannſchaft, bis auf den Poſten vor dem Gewehre, mit mehreren Kameraden um einen Tiſch ſaß, aus kurzen Pfeifen rauchend und fleißig dem feurigen ſpaniſchen Landweine zuſprechend. — Die nicht zur Wachmannſchaft gehörigen waren leicht erkennbar durch die Feldmütze, welche ſie keck auf ein Ohr gedrückt, zur Kopfzierde gewählt hat⸗ ten, ſo wie durch die Ungezwungenheit mit der ſie ſich den Freuden des Bacchus und des Geſanges überließen. Unter dieſen zeichnete ſich wiederum ein Korporal aus, der kein Mädchen ungeneckt vorüber⸗ gehen ließ und der das Wort am lauteſten führte. Fleißig ging der mit Wein gefüllte Krug von Mund zu Mund, Scherz jagte Scherz, frohes Gelächter wechſelte mit derben Flüchen ab, während die ſpa⸗ niſche Bevölkerung des Dörfchens, gedrückten Ge⸗ müthes, feindliche Blicke den Franzoſen verſtohlen zuwerfend, ſchweigſam und gravitätiſch zwiſchen den Jahrmarktsbuden herumſchlich und mit verbiſſenem Ingrimme die Töne eines Liedes anhörte, das ſo eben der erwähnte Korporal angeſtimmt hatte, und deſſen Schlußzeilen im Chorus geſungen wurden. Waren auch die Worte den Spaniern unverſtändlich, ſo verrieth ihnen doch die herausfordernde Haltung, das blitzende Auge, das lebhafte Mienenſpiel der Sänger und die Melodie, daß ſie kriegeriſchen In⸗ haltes waren, und die Klinge manches Meſſers wurde heimlicherweiſe aus der Scheide von dem Be⸗ ſiter gezogen.— Die letzten Strophen des Liedes lauteten: Nützt den Augenblick, Kam'raden, Liebet, ſcherzet, küßt und ſingt, Den wer weiß, was dem Soldaten Schon der nächſte Morgen bringt; Ob nicht Kugel oder Schwert Morgen ſeine Freude ſtört. Schweigen Trommeln und Trompeten, Schwärzt uns nicht der Pulverdampf, Wenn die Roſſe nicht zertreten Junge Sant im Schlachtenkampf, Sollen Mädchen, Liebe, Wein, Freunde, die Parole ſein. d Während hier die Freude der Soldateska laut war, dort Jahrmarktsfreuden die trüben Dorfbe⸗ wohner durch Paukenſchlag und Trompetenſchall, ſo wie durch den armſeligen Firlefanz herumziehender Schauluſtſpekulanten anzulocken verſuchten, ſaßen zwei junge Mädchen in vertrautem Geplauder auf der Bank vor einem der im Hintergrunde ſtehenden Häuſer. Anna und Jſabella waren Nachbarskinder. Die letztere, eine Waiſe, lebte bei einer alten Tante, während die andere glücklicher in der Schickſalsurne geloſt hatte und nicht gezwungen war, die Gaſt⸗ freundſchaft einer Anverwandten in Anſpruch zu neh⸗ men.— Allerdings hatte Iſabella einen Bruder, aber dieſer Bruder weilte in der Sierra, und war einer der berühmteſten Guerillas— Alonzo, we⸗ gen der vielen Franzoſen, die er getödtet hatte, el Matador genannt, der es, wie es ſich von ſelbſt ver⸗ ſteht, nicht wagen durfte, das Dorf und die Schwe⸗ ſter zu beſuchen, ſeitdem eine franzöſiſche Beſatzung in dem erſteren ihr warnendes Zelt aufgeſchlagen hatte.— Nicht einmal ſein Name durfte genannt werden, da man mit Recht befürchtete, daß die Feinde, wenn ſie wüßten, daß Alonzo der Guerilla im Dorfe zu Hauſe und daß Iſabella ſeine Schweſter wäre, gegen alle Bewohner, beſonders aber gegen das junge Mädchen harte Maßregeln ergreifen und ſie zwingen würden, ſie in die Schlupf⸗ winkel, wo er mit ſeiner Bande hauſte, zu führen. Beide Mädchen waren jung und ſchön. Man hätte ſie für Schweſtern halten können, wenn ſich auch in Haltung, Geſtalt, Geſichtszügen und Ge— berden ein entgegengeſetzter Charakter ausſprach. Anna war klein, ſchmächtig, lebhaft und ein be⸗ ſtändiges Lächeln ſchwebte auf den friſchen Lippen des ſchalkhaften Mundes. Iſabella hingegen war groß, ſchlank, ernſt und gemeſſen in ihren Bewe⸗ gungen, und die Gluth ihres dunklen Auges ver⸗ rieth, daß ſie tiefen Gefühles fähig war und daß, Sigismund Wallace: El Matador. 35 wenn ſie einmal lieben ſollte, es für das ganze Le⸗ ben ſein würde. Umſonſt hatte Anna bereits alle ihr zu Ge⸗ bot ſtehenden Ueberredungskünſte aufgeboten, Iſa⸗ bella zu veranlaſſen, ſich mit ihr auf den Jahr⸗ markt zu begeben und Theil an der Unterhaltung der übrigen Dorfbewohner zu nehmen. Iſabella war ſchweigſam. Ihre Geſichts⸗ züge, ſo wie die in Falten gezogene Stirn zeigten Nachdenken an, und die Blicke des herumſchweifen⸗ den Auges ſchienen ſo auffallend Jemand zu ſuchen, daß es ſelbſt der kindlich plaudernden Anna auf— fallen mußte. Schelmiſch und liſtig ihren kleinen Mund zum Lächeln verziehend, ſchwieg ſie einige Augenblicke, doch plötzlich unterbrach ſie ihr abſicht⸗ liches Schweigen mit dem Ausrufe:„Dort kömmt der ſchöne Kapitän, ſchade daß er ein Franzoſe iſt!“ — Dunkle Röthe ſchimmerte durch die bräunliche 8 Geſichtsfarbe der Freundin, und wenn ſich auch die Augenlider ſenkten, ſo wurde doch ein nicht gewöhn⸗ licher Glanz der Blicke zum Verräther eines Geheim⸗ niſſes, das Anna leicht errathen hatte, wie es auch Iſabella zu verheimlichen ſuchte. . Iſabella liebte den Kapitän Morello, den jungen, hübſchen und liebenswürdigen Kommandanten der im Dorfe liegenden Jäger⸗Kompagnie. Sie, die Spanierin, die Schweſter eines Gue⸗ rillas⸗Anführers, auf deſſen Kopf ein hoher Preis ge⸗ ſetzt war, liebte einen Franzoſen, einen Ketzer, wie ſie gelehrt worden waren die Feinde, wenn auch mei⸗ ſtens Katholiken, zu nennen! Anna war zu ſehr Spanierin, zu ſehr erfüllt von dem Nationalhaß, der die franzöſiſchen Ein⸗ dringlinge verfolgte, um nicht Bekümmerniß über die Verblendung ihrer Freundin zu fühlen. In be⸗ 6 ſorgtem vorwurfsvollem Tone machte ſie dieſelbe auf 1 die Gefahren aufmerkſam, in welche ſie dieſe Liebe, die einem Verrathe an dem Vaterlande gleich käme, 186 ſtürzen könnte. Iſabella geſtand nun mit Thräuen in den 1 Augen alle die Gefühle, welche ſeit einigen Wochen 1 ihren Seelenfrieden geſtört hatten; wie ſie gekämpft habe, der Empfindung, welche laut für den Fremd⸗ ling, den Feind ihres Vaterlandes, ſprach, zu be⸗ meiſtern, wie ſie ihre Zuflucht zum Gebete genom⸗ men, um ihr Herz zu ſtählen und die keimende Lei⸗ denſchaft zu bewältigen. Sie erzählte ihr, wie oft 1 ſie den Entſchluß gefaßt hatte, in die Sierra zu ihrem Bruder zu entfliehen, um der Verſuchung zu Henigehen, aber daß alle ihre Entſchlüſſe, alle ihre uten Vorſätzee Schiffbruch gelitten hätten an einem Blicke, an einem zärtlichen Worte des theuren Man⸗ nes. Sie ſchloß mit der Verſicherung, daß ſie nur lieben und ſterben könne, denn ſie wiſſe wohl, was ihr Loos ſein werde, ſobald ihr Bruder von ihrer Liebe zu einem der Feinde Kunde erhalte. Anna hatte mit keinem Worte das Geſtänd⸗ V niß ihrer unglücklichen Freundin unterbrochen. Beim Beginne desſelben drückten ihre beweglichen Geſichts⸗ züge Schmerz, Zorn und Ungeduld aus; aber je länger Iſabella die Innigkeit und Tiefe ihres Gefühles für den Franzoſen und ſeine Liebe, an deren Wahrheit ſie nicht zweifelte, ſchilderte, deſto theilnahmsvoller und milder wurde ſie geſtimmt, und als die Freundin ſchwieg war ſie nicht mehr eine Feindin des Franzoſen, ſondern liebte ihn als den Geliebten ihrer Iſabella, und der Entſchluß war ſchnell zur Reife gekommen, mit Hand und Herz die treue Verbündete der Liebenden zu werden. Sie ſaß einige Augenbicke ſinnend und wandte ſich dann plötzlich mit der Frage an die Freundin:„Aber was ſoll daraus werden? Was iſt die Abſicht des Franzoſen?“ „Er will, daß ich nach Frankreich zu ſeiner Mutter gehe, um dann, ſobald er heimkehre, ſein Weib zu werden. Rathe, hilf mir in dem Kampfe zwiſchen Liebe und Pflicht!“ Anna war im Begriffe eine Antwort zu ge— ben, als von der Kirche herüber der Glockenſchall verkündete, daß die Zeit zur Abend⸗Mette gekom⸗ men ſei.— Ihr Geſpräch abbrechend, eilten die beiden Mädchen ohne Verzug Hand in Hand ſich den übrigen Dorfbewohnern, die aus dem Getüm⸗ mel des Jahrmarkts dem Gotteshauſe zueilten, an⸗ zuſchließen. Einige Stunden ſpäter breitete die Nacht ihren ſternenreichen Himmel über Dorf und Felder aus. Ueberall herrſchte Ruhe, nur hin und wieder flim⸗ merte noch ein Licht in einer und der andern Hütte. Auf das Geräuſch des Tages, das Lärmen des Jahr⸗ marktes war ein tiefes Schweigen gefolgt, das nur zuweilen unterbrochen wurde, wenn ein Hund an⸗ ſchlug oder eine Fledermaus geſpenſtig umherſchwirrte, mit ihren Flügeln faſt die Erde berührend. Nicht weit von der Kirche, um welche ſich der Friedhof breitete, ſtand die Wohnung des Prieſters, der von dem Krankenbette eines ſeiner Gemeindemitglieder kommend, derſelben mit bedächtigem Schritte und in tiefes Nachdenken verſunken zueilte. Die Geſtalt des Greiſes war gebückt, doch das lebhafte Auge ver⸗ rieth, daß der Geiſt in dem von Alter gedrückten Körper noch nicht alle jugendliche Schnellkraft ver⸗ loren hatte.* Eben war er im Begriff die Thüre des Hau⸗ ſes zu öffnen, als die kräftige und ſchlanke Geſtalt eines Mannes, in einen weiten Mantel gehüllt, auf ihn zutrat, die Hand auf ſeine Schulter legte und mit leiſer Stimme zu ihm ſagte:„Guten Abend, Padre Joſé!“ „Die gebenedeite heilige Jungfrau ſei Fremdling! Woher des Weges in ſo ſpäter Ste „Bin ich dem guten Padre ein worden? Kennt Ihr nicht....„ „Beim Himmel dieſe Stimme!“ „Iſt die Alonzo’s!“ 36 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. „Was will el Matador hier, wo die verhaßten Feinde ihr Zelt aufgeſchlagen haben?“ „Mittel und Wege finden, ſie zu überfallen und zu vertilgen.“ — Kinder unſeres blutenden Vaterlandes?“ „Eine Stunde von hier in einem ſichern Ver⸗ ſtecke, meines Winkes harrend, um mit Dolch und Schwert auf die Gottesläſterer und Kirchenſchänder ſich zu ſtürzen und ihre Seelen in die Hölle zu ſenden!“ „Der Feinde ſind viele, und ſie laſſen es nicht an Wachſamkeit fehlen!“ „Mit uns iſt der Himmel und die Heiligen ſtärken unſeren Arm!“ „Wohl wahr, mein Sohn, doch Vorſicht iſt die Mutter der Weisheit!“ „Morgen, hochwürdiger Vater, iſt noch Jahr⸗ markt. Die Gelegenheit iſt günſtig. Ich werde mich mit meinen Leuten unter die Schaar der Kaufluſti⸗ gen miſchen; laſſet Männer und Frauen ſich heim⸗ lich mit Meſſern verſehen; auf ein von mir gege⸗ benes Zeichen ſtürzen wir uns auf die Feinde und kein einziger ſoll dem Blutbade entgehen!— Doch nun vor allen Dingen ſagt mir, was macht meine Schweſter?“ „Deine Schweſter?“ wiederholte kopfſchüttelnd der Prieſter. „Um aller Heiligen willen, ſagt was iſt mit ihr!“ Statt dem Fragenden eine Antwort zu geben, legte der Prieſter die Hand auf den Mund, zum Zeichen, daß Alonzo el Matador, der Guerillas⸗ Anführer ſchweigen ſollte. Beide ſtanden einige Au⸗ genblicke ruhig und lauſchten, der Greis hatte ſich nicht geirrt. Schritte und leiſes Geflüſter zweier Redenden wurden hörbar, die immer näher kamen. Der Prieſter erfaßte den Guerilla am Arm und zog ihn raſch in einen Verſteck, von wo aus ſie den ganzen Kirchhof überblicken konnten. Arm in Arm wandelte ein franzöſiſcher Krie⸗ ger mit einem ſpaniſchen Mädchen. Als ſie der Guerilla erblickte, murmelten ſeine Lippen einen Fluch über die Verrätherin, und ſeine Hand griff nach dem Meſſer im Gürtel. Mit bebenden Lippen frug er ſeinen Begleiter, da er die Züge des Mädchens nichtserkennen konnte: „Wer iſt die Pflichtvergeſſene?“ „Iſabella, Deine Schweſter!“ lautete die Antwort des Gefragten. In demſelben Augenblicke kniete der Franzoſe auf einem Grabeshügel nieder, ergriff die beiden Hände der Spanierin und ſprach mit vollem Tone der Jugend und der männlichen Kraft, dem die Innigkeit ſeiner Gefühle einen unverkennbaren Aus⸗ druck der Zärtlichkeit und Wahrheit verlieh:„Hier auf dem Grabe Deiner Mutter beſchwöre ich Dich, laß, Mädchen, den Kampf der Völker nicht zwiſchen Dein und mein Lebensglück eine Scheidewand auf⸗ Wo iſt Deine Bande, wo ſind die tapfern richten!— Jenſeits den Pyrenäen ſoll Dir eine neue Heimat werden, dorthin entfliehe, und harre mein, bis das Geſchick mir es vergönnt Dir zu folgen und Dich mein Weib zu nennen!“ Iſabella, denn ſie war es, zog den Kapitän von dem Erdboden auf; ihr Mund flüſterte leiſe: „Ich will thun, wie Du verlangſt!“ und Morello umſchloß ſie mit ſeinen Armen, ihr die Worte von dem Munde küſſend. Bei dieſem Anblick ſtand Alonzo wie von einer Viper geſtochen, ſeine Bruſt hob ſich unter heftigen Athemzügen, er ballte die Fauſt und er würde wie eine Tigerkatze auf ihre Beute, auf den Franzoſen, den Geliebten ſeiner Schweſter geſprungen ſein und ihn erdolcht haben, wenn ihn der Prieſter nicht daran gehindert hätte, indem er ihm zuraunte:„Keine Uebereilung, morgen ſchlägt die Stunde der Rache, wenn die Feinde ſich in unſerem feurigen Wein be⸗ rauſcht haben und ſich der Freude des Tanzes mit unſeren Mädchen hingeben!“— Mittlerweile hatten ſich die Liebenden, ohne die Zeugen bemerkt zu haben, entfernt. Padre Joſé und der Matador verabredeten das Weitere für den nächſten Tag, und ſie waren eben im Begriffe ſich zu trennen, als ſie zu ihrem Erſtaunen Iſabella allein auf dem Schauplatz wieder erſcheinen ſahen. Schüchtern wie ein aufgeſcheuchtes Reh, und dennoch muthig wandelte das junge Mädchen zwi⸗ ſchen den Gräbern und eilte dem Madonnenbilde zu, das in der Nähe des Verſteckes ihres Bruders ſtand. Dort kniete ſie nieder. Raſch wie der Pfeil, der von der Hand des Schützen entſendet wird, ſprang nun Alonzo auf die Schweſter zu, ergriff ſie mit beiden Armen und eilte, die leichte Bürde davontragend, dem Gebirge zu. Der Prieſter ſtreckte ſeine Hand ſegnend aus und rief:„Bravo, Matador! ſichere das verirrte Schaf vor den Verfolgungen des Wolfes!“ Die verſchiedenartigſten Gefühle hatten in der letzten Zeit eine ſolche Wirkung auf das junge Mäd⸗ chen in dem Streite zwiſchen Liebe und Pflicht aus⸗ Zeübt, daß ihr Gemüthszuſtand ein mehr als auf⸗ geregter war. In dem Bedürfniſſe einer Seelen⸗ ſtärkung war ſie, weder die ſchweigende Nacht noch die Schrecken der Gräber fürchtend, allein auf den Friedhof zurückgekehrt, um beim Bilde der Madonna den entflohenen Seelenfrieden zurück zu erflehen. Als ſie die zürnenden Blicke des Bruders auf ſich ruhen fühlte, ſchloß ſie die Augen, ihn feſt mit den Armen umſchließend, und das Geſchehene als eine vom Him⸗ mel geſandte Entſcheidung betrachtend, verſuchte ſie es nicht, durch einen Laut der Stimme einen Ret⸗ ter herbeizurufen. Alonzo ließ in der Schnelligkeit ſeiner Schritte nicht nach, bis ihn das Gebirge mit ſeinem aufſtei⸗ genden engen und ſteinigten Pfade zwang, behutſa⸗ mer und langſamer zu wandeln. Aber nichtsdeſto⸗ weniger ſchwieg er, und auch Iſabella beharrte in ihrem Schweigen. Die Gewißheit, daß ſie nun Sigismund Wallace: El Matador. 37 für immer von Morello getrennt ſei, hatte ihre Sinne abgeſtumpft und machte ſie theilnahmslos. Sie war das blinde Werkzeug eines unvermeidlichen Geſchickes geworden. Als der Guerillas⸗Häuptling ſo den Rückweg in das Gebirge verfolgte, wurde er von dem in unſerer Erzählung erwähnten Korporale, der in der Gegend ſpionirte, bemerkt; dieſer, überraſcht von dem ſeltſamen Anblicke, der ſich ihm darbot, war ſchon im Begriffe den Nachtwandler anzurufen, als er eingedenk der Gefahren, die überall den vereinzel⸗ ten Franzoſen bedrohten, es vorzog zu ſchweigen, jedoch in der Vermuthung, daß er ein Geheimniß ergründen könnte, ſich raſch entſchloß, ungeſehen dem Spanier zu folgen. Die Verwegenheit ſeines Charakters, eine angeborne Vorliebe zu tollkühnen Abenteuern, ſo wie die Verachtung der Gefahren, deren er ſchon durch ſeinen Beruf, ſo wie durch einen längeren Aufenthalt in Spanien gewohnt war, ließen ihn vergeſſen, daß er ſich allein und ohne Schutz auf ein Terrain wagte, wo die geſchwornen mitleidsloſen Feinde der Napoleon'ſchen Soldaten hauſten. Immer unwegſamer und ſteiler wurde der Gebirgspfad, dichter das Geſtrüpp und wilder die Gegend. Bald ſchien ein Felſen jedes Vorwärts⸗ ſchreiten unmöglich zu machen, bald ſtürzte ſchäu⸗ mend und hemmend ein brauſender Waldbach von Felſen zu Felſen, aber für den Spanier, der ſeine Bürde tragend rüſtig vorwärts ſchritt, ſchien kein Hinderniß vorhanden zu ſein, und der franzöſiſche Sol⸗ dat kroch mehr auf Händen und Füßen nach, als er ihm folgte. Wie oft wäre bald ein rollender Stein zum Verräther geworden! Einigemal hatte der Spa⸗ nier auch vorſichtig und Verdacht ſchöpfend um ſich geſchaut, aber ein glückliches Ungefähr ließ den Ver⸗ folger unentdeckt. Schon hatten ſie mehr als eine Stunde das Gebirge erklommen, als ſich ein Felſenkeſſel, einer der von der Natur gebildeten Verſtecke für das Ver⸗ brechen und dunkle Thaten, zeigte. Da ertönte das „Wer da!“ einer ſpaniſchen Schildwache. Der Trä⸗ ger des jungen Mädchens erwiederte die dem Fran⸗ zoſen unverſtändliche Parole, und er wurde von vielen Stimmen willkommen geheißen. Der Korporal hatte im Tumult der Freude, welche die Rückkehr des Häuptlings hervorzurufen ſchien, es gewagt näher zu kriechen und einen Blick in das Lager der Gue⸗ rillas zu werfen, denn er wußte nun, wen er vor ſich hatte. Fünfzig bis ſechzig kriegeriſche Geſtalten lagen auf ausgebreiteten Mänteln auf dem harten Felſenbette, das durch einige brennende Kienholzfak⸗ keln beleuchtet wurde. Einige ſchliefen, andere rauch⸗ ten ihre Cigarretten und wieder andere verzehrten ein ſpätes Nachtmal, das aus großen Zwiebeln oder Knoblauch beſtand. Ihre Geſichter waren ſonnver⸗ brannt, Bart und Haare gaben ihnen ein wildes An⸗ Sombreros(Hüte) und die wilden Blicke der dunk⸗ len Augen erhöht wurde. Neben ihnen lagen ihre langen Gewehre; Piſtolen und Meſſer ſteckten in ihren Gürteln. Dem Franzoſen wurde es doch unheimlich in der Nähe dieſer zahlreichen Geſellen, deren jeder für ihn ein Henker geworden wäre, wenn ſie ihn ent⸗ deckt hätten. Er wandte ihnen ſchleunigſt den Rük⸗ ken und trat geräuſchlos den Rückweg an, ſich ſei⸗ nem guten Sterne überlaſſend, der ihn aus der Ge⸗ fahr glücklich in das Dorf zu ſeinen Kameraden führen würde.— Er hatte ſich nicht getäuſcht. Das Glück, wel⸗ ches ſo oft den Muthigen und Unerſchrockenen be⸗ gleitet, verließ ihn auch jetzt nicht, und auf faſt wun⸗ derbare Weiſe fand er den Weg hinunter in das Thal, auf dem er hinauf in das Gebirge geſtiegen war. Mit Bedacht und feſt entſchloſſen, ſeinen Hauptmann ſogleich bei ſeiner Ankunft von dem Geſehenen in Kenntniß zu ſetzen, ſchnitt er auf ſei⸗ nem Rückwege mit ſeinem Taſchenmeſſer Zeichen in die Baumſtämme, damit dieſe als Wegweiſer dienen könnten.— Er erreichte glücklich das Dorf und eilte ſogleich zu dem Kommandanten. Dieſer ließ, nach⸗ dem er von allem in Kenntniß geſetzt war, in der Stille die Hälfte ſeiner Mannſchaft rüſten und ver⸗ ſammeln und trat mit derſelben, ohne daß die noch ſchlafenden Dorfbewohner, unter denen mehr als ein Warner und Verräther geweſen wäre, es gewahrten, den Marſch in das Gebirge an, um die Guerillas zu überraſchen und Mann für Mann ohne Blut⸗ vergießen gefangen zu nehmen, da ſie gewiß in der Sicherheit ihres Verſteckes noch ſchlummern würden. Die Zurüſtungen zu dem nächtlichen Marſche in die Sierra und zu dem Ueberfall waren mit einer ſolchen Raſchheit getroffen worden, da Offiziere wie Mannſchaft vor Begierde brannten, endlich einmal wieder an einer Guerillas⸗Bande ſo viele erlittene Unbilden zu rächen, daß der Korporal unterwegs erſt Muße fand, den Kapitän von allen Eigenthümlich⸗ keiten des Schlupfwinkels der Feinde zu unterrichten. Wenige Augenblicke hatten genügt, dem ebenſo tüch⸗ tigen Soldaten im Felde, wie luſtigen Bruder bei der Weinflaſche einen ſtrategiſchen Plan einzugeben, durch deſſen Ausführung er mit ſeinen Kameraden die keine Gefahr ahnenden Feinde wie in einer Falle ohne Blutvergießen zu fangen hoffte. Auch hatte er dem Kapitän erzählt, daß der Guerilla, welchem er begegnet, wahrſcheinlich der An⸗ führer ſei, und daß derſelbe auf ſeinen Armen ein junges Mädchen getragen, deſſen Geſichtszüge er nicht hätte unterſcheiden können. Morello hatte keine Ahnung davon, daß er in der Mitte der Feinde das Mädchen finden würde, welches er ſo heiß und innig liebte, und noch weni⸗ ger dachte er daran, daß er bald dem Bruder ſeiner Geliebten feindlich gegenüber ſtehen würde. Geräuſchlos und vorſichtig erklommen die ſehen, das noch durch die großen breiträndigen franzöſiſchen Jäger das Gebirge, der Korporal 38 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. immer voran, bis er endlich das Zeichen zum Halt gab. Seiner Anordnung gemäß beſetzte ein Theil die beiden Zugänge, welche in den Felſenkeſſel führten, während die Andern die denſelben umge⸗ benden Felſen erſtiegen und beſetzten, damit den Feinden jede Möglichkeit der Flucht abgeſchnitten werde. Sie waren bisher vom Glücke begleitet geweſen, nichts hatte ſie verrathen. In dem Lager der Feinde herrſchte tiefe Ruhe.— Die Sicherheit ihres Verſteckes hatte ſie die Vorſicht vernachläſſigen laſſen, Vedetten auszuſtellen, und Alle ſchliefen, um ſich für den den nächſten Tag beſtimmten An⸗ griff und Kampf zu ſtärken. Noch einige Augenblicke und die getroffenen Anordnungen durch Winke und nicht durch Worte gegeben, wären ausgeführt geweſen, allein einer der die Felſen erſteigenden Jäger ſtrauchelte und ſein Gewehr entlud ſich beim Falle. Die Spanier ſprangen unter dem Rufe„los enemigos, los Franceses“ von ihrem Ruhela- ger auf, ergriffen ihre Gewehre und drängten ſich um ihren Anführer, der in der rechten Hand eine Piſtole haltend und mit der Linken ſeine zitternde Schweſter umfaſſend, in der Mitte des Felſen⸗ keſſels ſtand. Von allen Seiten her bedrohten ſie die in den erſten Strahlen der Morgenſonne blitzenden Gewehre der franzöſiſchen Scharſſchützen aus den beiden Ausgängen und von der Höhe der Felſenmauer.. Alonzo el Matador, ſo unerſchrocken und reich an Hilfsmitteln er ſich auch ſchon in manchem ver⸗ zweifelten Guerillas⸗Kampfe mit einer noch bedeuten⸗ deren Uebermacht erprobt hatte, ſah ſeine verzwei⸗ felte Lage ein, denn die Feinde hatten ihre Feuer⸗ waffe nur gegen ein gemeinſchaftliches Ziel zu richten, indem der Felſenkeſſel eng und nur durch die beiden nicht ſehr weiten, von Franzoſen dicht beſetzten Eingänge zu verlaſſen war, während ſeine Leute auf jeden einzelnen Franzoſen zielen mußten und nicht en masse gegen die Beſatzung der Aus⸗ gänge operiren konnten. Als Kapitän Morello daher, ehe er den Befehl zum Angriffe und Feuern gab, den Aufruf erließ, ſich zu ergeben, ſchwieg Alonzo einen Au⸗ genblick, und in banger Erwartung der entſcheiden⸗ den Antwort, die für viele der jungen, kräftigen Geſtalten franzöſiſcher und ſpaniſcher Männer die Gruft eröffnen konnte, herrſchte tiefes Schweigen in krächzender Krähen flog, während über denſelben noch ein rieſiger Adler mit ſeinen Schwingen die Wolken berührte. Da zuckte ein bitteres Lächeln über die im Ingrimme zuſammengebiſſenen Lippen des Guerillas⸗ Anführers, ſein Auge flammte und die hohe Ge⸗ ſtalt reckte ſich, ſo daß er ſeine Leute um ſo mehr überragte. Sein linker Arm hob die Geſtalt eines Mädchens, das die Franzoſen noch nicht bemerkt hatten, ſchwebend empor, indem er mit donnernder Stimme ausrief:„Zielet gut, Ketzer, die Verräthe⸗ rin an Kirche und Vaterland hat den Tod ver⸗ dient!“ Die Franzoſen erkannten Jſabella; Mo⸗ rello zuerſt, und er wäre ohne weiters in die Mitte der Guerillas geſprungen, wenn ihn nicht zwei Soldaten mit Gewalt zurückgehalten hätten. Wir wollen nicht die Empfindungen ſchildern, die in dieſer Lage das Herz des jungen Offiziers durchzogen, der ſo viele unter ſeinem Befehle ſte⸗ hende Feuerläufe auf ein Ziel gerichtet ſah, das ſeinem Herzen ſo lieb und theuer war. Was ſollte er beginnen?— Nach einigen Augenblicken des Nachdenkens hatte er den Entſchluß gefaßt, ſich in Unterhandlungen mit dem Feinde einzulaſſen. So geſchah es. Ohne die vortheilhafte Stellung ſeiner Mannſchaft im geringſten zu verändern, begehrte er mit dem Anführer der Guerillas zu reden. Es ge⸗ ſchah. Letzterer verſprach das junge Mädchen aus⸗ zuliefern, wenn ihm und ſeinen Leuten freier und ungehinderter Abzug bewilligt würde. Morello ſah ſich zur Nachgiebigkeit gezwungen, wollte er nicht ſelbſt die Urſache des Todes ſeiner Geliebten ſein, die ſchweigend den Ausgang der für ſie verhängnißvollen Unterredung zwiſchen dem Bru⸗ der und dem Geliebten erwartete. Alle Bedingungen wurden feſtgeſetzt und angenommen.— Während die Franzoſen die Felſen ſo wie den einen Ausgang aus dem Felſenkeſſel beſetzt hielten, gaben ſie den andern frei. Die Spanier mit ihrem Hauptmann hatten es beſchworen, das Mädchen zurückzulaſſen und ſich ſofort in das Gebirge zu⸗ rückzuziehen. Der Ausgang war nun frei; die Guerillas be⸗ gannen den Felſenkeſſel zu verlaſſen. Alonzo el Matador war der letzte; ſchon eilte Morello auf ſeine Geliebte zu, da ergreift Alonzo die Piſtole, ein Schuß dröhnt und Iſabella fällt von der Kugel des Bruders getroffen, der mit den Worten„Ketzer, ich verſprach die Schweſter zurückzulaſſen, aber nicht lebend!“ entſpringt. Einige Augenblicke vergingen, ehe Morello, entſetzt über dieſe unvermuthete grauſenhafte That, zur Beſinnung kam.— Die Zeit der Rache war da⸗ hin, Alonzo el Matador und die Guerillas waren auf Pfaden, ihnen allein bekannt, wie durch das Blendwerk eines Zauberers ihren Blicken entſchwun⸗ te, herrſcht chwe den. Vergeblich bemühte ſich Morello das Leben und außer dem Felſenkeſſel, über dem ein Schwarm ſeiner Geliebten zurückzurufen.— Sie war und blieb eine Leiche.— Der Bruder hatte die Schwe⸗ ſter der Vaterlandsliebe und dem Franzoſenhaſſe ge⸗ opfert!— — nernder erräthe⸗ 'd ver⸗ Mo⸗ in die on nicht ätten. ſchildern, Offziers ehle ſte⸗ ah, das as ſollte cen des „ſich in ſen. So ig ſeiner gehrte er Es ge⸗ en aus⸗ ier und wungen, es ſeiner der für m Bru⸗ ngungen wie den hielten, ihrem Nädchen ige zu⸗ las be⸗ nzo el llo auf tole, ein rKugel „Ketzer, er nicht rello, 2 That, war da⸗ zwaren rch das ſchwun⸗ Leben ar und Schwe⸗ aſſe ge⸗ Julius Ebersberg: Lieutenant Franziska Scanagatta, Oeſterreichs Amazone. 39 Lieutenant Franziska Scanagattana Oeſterreichs Amazone. Von Julins Ebersberg. ſdenn die fabelhaften Kriegerinen der Dich⸗ *) ter und die Heldinen der Romanſchreiber A nicht verfehlen, in der Lektüre ſelbſt ſolche 5 Perſonen angenehm zu unterhalten, deren Geſchmack der ausgeſuchteſte und wähle⸗ ? riſcheſte iſt, ſo darf ich mich wohl der Hoffnung hingeben, daß der Leſekreis dieſer Monat⸗ ſchrift, und insbeſondere der ſchönere Theil desſel⸗ ben nicht ganz ohne Theilnahme und Intereſſe völ⸗ lig wahrheitsgetreue Nachrichten über eine merk⸗ würdige, zu Mailand lebende Frau entgegennehmen wird, welche, nachdem ſie in einer der berühmteſten Militär⸗Akademieen Europa's und zugleich in der erſten unſeres theuren Oeſterreichs Unterricht er⸗ halten hatte, die Blüthe ihrer Jahre der Verthei⸗ digung des hart bedrängten Vaterlandes weihte, unerſchrocken und kühn mehrere Feldzüge mitmachte und ſich in allen Gelegenheiten ſtets als ein wahr⸗ haft verdienſtvoller Offizier der drei Regimenter benahm, in denen ſie diente und deren Akten für alle Zeiten rühmliches Zeugniß über ihre ausge⸗ zeichnete Haltung abgeben. Dieſe Frau iſt Franziska Scanagatta. Eine ganz getreue Schilderung ihrer militäriſchen Laufbahn, ohne der Uebertreibung oder Schmeichelei Raum zu geben, iſt der Zweck des vorliegenden, auf längeren genauen Nachforſchungen und Ermitt⸗ lungen beruhenden Aufſatzes. Was dieſe merkwür⸗ dige Amazonen⸗Erſcheinung am meiſten ehrt, iſt, daß ſie auf dieſer ihrer ſelbſtgewählten dornenvol⸗ len Laufbahn niemals auch nur um eine Haarbreite von den Geundſätzen der ſtrengſten Moral abwich, 5 ohne aber zu gleicher Zeit mit richtigem Blicke außer Acht zu laſſen, daß in den manchmal ſehr kritiſchen und ſchwierigen Lagen, in denen ſie ſich befinden mußte, ihr Stand, ihre Jugend und end⸗ lich das Herkommen eine den Anſtand nicht ver⸗ letzende Munterkeit und hie und da ſelbſt eine etwas übermüthige Aufgeräumtheit von ihr erheiſchten. Die merkwürdige Frau, deren militäriſche Lauf⸗ bahn der vorliegende Aufſatz zu ſchildern ſich bemü— hen wird, erblickte zu Mailand am 1. Auguſt 1776 als das Kind wohlhabender und angeſehener Eltern das Licht der Welt und wurde am 14. September 1781 in der Pfarrkirche zum h. Euſebius getauft.*) Sie ſchien beſtimmt, in dem heimlich ſtillen Frieden der elterlichen Behauſung eine glückliche *) Dieſe letztere Angabe, welche übrigens ſehr unwahrſchein⸗ lich klingt, weil in dieſem Falle Franziska oolle fünf Jahre ungetauft geblieben wäre(I), findet ſich in einer 1801 in Malland erſchienenen Flugſchrift:„Essai sur ''éducation et la conduite de Mademoiselle Sca- nagatta, Lieutenant au Régiment Baunat-Alle- mand dans l'armée autrichienune.“ Jugend zu verleben und das einzige Verlangen, das damals ihre kindliche Beuſt erſüllen konnte, mochte wohl dahin gehen, die Wonne und das Entzücken ihrer guten Eltern(Don Giuſeppe und Donna Iſabella, einer gebornen Villata) auszuma⸗ chen, welche, einer ausgezeichneten Familie angehö⸗ rend, nichts außer Acht ließen, um der geliebten Tochter eine vielſeitige, ſorgfältige und verſtändige Erziehung angedeihen zu laſſen, ſo wie ſie ihrer Ge⸗ burt und den damaligen Zeitverhältniſſen entſprach. Franziska Scanagatta hatte nicht nur den Vorzug einer adeligen Geburt für ſich, der, wenn er der äußern Mittel entbehrt, ziemlich wenig bedeutend iſt; ſondern mit dieſem Vorzuge ging auch eine gewiſſe Wohlhabenheit ihrer Eltern Hand in Hand, welche dieſen geſtattete, jene Pflicht zu er⸗ füllen, die allen Eltern heilig iſt, der aber nachzu⸗ kommen eben nicht allen leicht fällt; ſie konnten ihre Tochter für eine glänzende Zukunft mittelſt der ſtrengen Grundſätze einer verſtändig geleiteten Er⸗ ziehung vorbereiten, ohne deren Lehren und Ein⸗ drücke ſelbſt der Mann ſich nur ſchwer von der breiten Heerſtraße der Alltäglichkeit losreißen kann, um ſo weniger alſo das Weib: denn mögen auch dem ſtarken Geſchlechte manchmal die Mittel zu ernſten Studien gefehlt haben, ſo kann es dieſen Mangel doch durch die auf dem großen Weltthea⸗ ter gemachten Erfahrungen erſetzen, während das Weib, von den Geſetzen und dem Herkommen zur häuslichen Sklaverei verurtheilt, in keiner Weiſe ſich ſchadlos halten kann, wenn die Erziehung ihr nicht mit einem anhaltenden und lehrreichen Unter⸗ richte unter die Arme greift. Aber die Erziehung, eine ſo große Erleichte⸗ rung ſie auch auf der Lebensbahn gewähren mag, genügt an ſich allein nicht, dem Menſchen eine glänzende und ruhmvolle Laufbahn zu eröffnen, wenn Naturanlagen und Umſtände mit einem ſchö⸗ nen und gleichzeitigen Einklange ſich nicht vereini⸗ gen, die Bemühungen der Erziehung zu unter⸗ ſtützen; dieſer wünſchenswerthe Einklang nun, den man Schickſalsfügung nennen könnte, waltete über der Wiege Franziska's, um ſie zu Unterneh⸗ mungen vorzubereiten, die für einen altgedienten, rauhen Krieger leicht, für eine ſchwache Jungfrau aber unerfüllbar und unmöglich ſcheinen. Ein günſtiges Geſchick wollte es, daß Fran⸗ ziska's Kinderjahre und die erſte Entwicklung ihres aufgeweckten und frühreifen Geiſtes einer Gouver⸗ nante anvertraut wurden, die der Geburt, der Gei⸗ ſtesrichtung und dem Temperamente nach eine echte Franzöſin war. Franziska erlernte die deutſche und die franzöſiſche Sprache von dieſer Erzieherin, deren Name Madame Dupuis war. Es iſt hier an der Zeit zu bemerken, daß dieſe Frau ſeit ihrer früheſten Jugend einer Schauſpielertruppe angehört hatte, einige Bildung beſaß und ihrem Zögling für das Sprachſtudium viele Vorliebe einzuflößen wußte. Am meiſten trug hiezu die unterhaltende Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Methode bei, die Madame Dupuis anwmandte,(Pläne für ihre Zukunft, die Franziska's Abſich⸗ indem ſie Franzisken bald in der einen, bald in der anderen Sprache kleine franzöſiſche Theater⸗ ſtücke und Erzählungen, die dem Auffaſſungsvermö⸗ gen des Kindes entſprachen, herſagte und erklärte, und ſie dann nöthigte, dieſelben nach und nach zu wiederholen. Wer weiß, ob Franziska nicht in Folge dieſer vielen romantiſchen und außergewöhn⸗ lichen Bilder, die auf dieſe Weiſe ſich ihrem früh⸗ reifen Geiſte aufdrängten, unmerklich Vorliebe für den Kriegerſtand faßte und endlich den Grundſatz aufſtellte,„das weibliche Geſchlecht könnte eben ſo gut als das männliche die Laufbahn der Ehre und der Wiſſenſchaften betreten, wenn es nur gleich die⸗ ſem dazu aufgemuntert und für dieſelbe vorbereitet und unterrichtet würde“. Sobald ihre feurige Einbildungskraft in den unermeßlichen Reichen der poetiſchen Schöpfun⸗ gen herumſchweifen konnte, und ſie blitzſchnell im Gedanken die Heldinen Europa's verfolgte, ergoß ſich eine edle Gluth bis in's Innerſte ihrer Seele, und ſie ſchwur es ſich zu, die Bande und Ketten, die bisher ihr zurückgeſetztes Geſchlecht auf einen ruhmloſen Wirkungskreis beſchränken, zu zerreißen und in die glänzenden Fußſtapfen jener leuchtenden Vorbilder zu treten, welche ihr unveränderlich vor Augen ſtanden. Sie beneidete die Amazonen Bradamante und Klorinde und nahn ſich vor, es ihnen gleich zu thun. Ueberzeugt wie ſie war, daß nicht männ⸗ liche Kleider, ſondern ein männliches Herz allein zu hohen Unternehmungen befähige, verachtete ſie doch den Weiberrock, die Nadel und die Spindel, welche die Attribute des liebenswürdigeren Theiles des menſchlichen Geſchlechtes ſind und dieſen zu ſehr unkriegeriſchen Künſten verurtheilen. Schon in ihren Kinderjahren ſann Franziska darüber nach, wie ſie das über ihr Geſchlecht verhängte barba⸗ riſche Joch abſchütteln, den Degen umgürten, kühn durch Feld und Wald ziehen würde, wenn der elterliche Wille ſie vielleicht einmal zu dem Ein⸗ gehen eines verhaßten Ehebandes, das ſie ihren Plänen untreu machen könnte, nöthigen ſollte. Franziska machte ſich indeſſen Wiſſenſchaf⸗ ten, wie man ſie nur die Knaben zu lehren pflegt, zu eigen. Um ihren von Natur aus etwas ſchwäch⸗ lichen Körper zu kräftigen, wurde ſie frühzeitig mit allen Leibesübungen vertraut gemacht. Es gab Augenblicke, wo ihr würdiger Vater ſagte:„Die Natur hat ſich geirrt, als ſie aus meiner Fran⸗ ziska ein Mädchen machte.“ Um den Kontraſt in der Familie zu erhöhen, war Franziska's Bru⸗ der Giacomo ein faſt weiblicher Charakter. Schüch⸗ ternheit und Sanftmuth waren die Grundzüge ſei⸗ nes Weſens; Franzisken aber war er mit der rührendſten Zärtlichkeit zugethan, die ſie mit glei⸗ cher Innigkeit erwiederte. Ihr Vater hegte inzwiſchen, die geheimen Vor⸗— der Hauptſtadt unſeres herrlichen Vaterlandes lang ſätze ſeines Töchterchens nicht im entfernteſten ahnend, — ten ſchnurſtraks entgegengeſetzt waren, und ſchickte ſich an, dieſelben in's Werk zu ſetzen. Da er der in jener Zeit faſt allgemeinen Anſicht huldigte, nur durch Kloſter⸗Erziehung würden gute Gattinen und ſorgſame Mütter gebildet, beabſichtigte er, ſeine Tochter den ſtrengen Disziplinen einer ſolchen zu unterwerfen, die wohl für Seelen, die den Betrach⸗ tungen zugeneigt ſind, und für Menſchen von mäßi⸗ gen Leidenſchaften heilſam iſt, aber den feurigen Temperamenten deſto mehr ſchadet, da dieſelben, während man ſie zu unterdrücken ſucht, an Inten⸗ ſität zunehmen und ihre Entwicklung ſich nicht ver⸗ hindern läßt. Wir können bei dem Gedanken nur zurückſchaudern, wie groß und bitter das Leidweſen des Mädchens geweſen ſein muß, als man ſie zur Einſamkeit eines Kloſterlebens verurtheilte, während ſie nur von Waffenthaten und Abenteuern im Wa⸗ chen und im Schlummer träumte; die Folge ſollte beweiſen, daß ſie ſich auch mitten in allen Aufre⸗ gungen des Kriegsgetümmels keuſch und rein zu erhalten wußte, ſo keuſch und rein, als dieſes nur immer unter der Strenge einer läſtigen und harten Klauſur hätte der Fall ſein können. Im Alter von zehn Jahren wurde die kleine Scanagatta der Obhut der„Dame della vi- sitazione“ anvertraut, deren fromme Anſtalt heut⸗ zutage unter dem Namen„Kloſter der heiligen Soſia“ bekannt und noch immer eines der erſten Mädchen⸗Erziehungs⸗Inſtitute in ganz Italien iſt. Dieſes Kloſter wurde damals durch viele Beweiſe beſonderer Zufriedenheit des Kaiſers Joſef II. aus⸗ gezeichnet, obwohl dieſer Monarch bekanntlich kein beſonderer Freund der Klöſter im Allgemeinen war. Franziska benahm ſich daſelbſt in einer Weiſe, welche ihr die Achtung und Liebe des gan⸗ zen Hauſes erwarb;„denn nie gab ihr ſanfter, verträglicher und ruhiger Charakter Anlaß zu dem geringſten Streite oder zur Unzufriedenheit,“ es ſind dieß die eigenen Worte der ehrwürdigen Oberin Madame de Bayanne, die in Folge einer Einla⸗ dung des Kaiſers Joſef II. ihr Kloſter zu Grenoble verlaſſen hatte, um die Oberaufſicht über die Mäd⸗ chenerziehung in jenem zu Mailand zu übernehmen. Als Don Giuſeppe im Jahre 1794 eine Reiſe nach Wiener⸗Neuſtadt unternehmen mußte, um einen ſeiner Söhne, den ſchon erwähnten Gia⸗ como, in der dortigen Militär⸗Akademie unter⸗ zubringen, in welcher er als Frequentant die Vor⸗ träge hören ſollte, beſchloß er auch ſeine Tochter Franziska, die indeſſen ſchon zur mannbaren Jungfrau herangewachſen war, mit ſich zu nehmen und ſie in das Kloſter der Saleſianerinen, das noch heute des beſten Rufes als Mädchen⸗Erzie⸗ hungs⸗Anſtalt genießt, nach Wien zu bringen, damit daſelbſt an ihre Ausbildung zu einer tüchtigen Haus⸗ frau die letzte Hand gelegt würde. Damals war eine Reiſe von Mailand nach (l ···— Abſich⸗ ſchickte der der dte, nur gen und r, ſeine ſchen zu Betrach⸗ n mäßi⸗ feurigen wieſelben, Inten⸗ iht ver⸗ nken nur teidweſen dſie zur während im Wa⸗ gge ſollte n Aufre⸗ rein zu jeſes nur d harten die kleine lella vi- alt heut⸗ heiligen eer erſten falien iſt. Beweiſe II. aus⸗ tlich kein inen war. in einer des gan⸗ r ſanfter, ß zu dent „ es ſind n Oberin er Einla⸗ Grenoble die Mäd⸗ ernehmen. 794 eine n mußte, ten Gia⸗ ne unter⸗ die Vor⸗ Tochter nannbaren u nehmen nen, das n⸗Erjie en, dannit ſen Haus⸗ and nach ddes laug „ Julius Ebersberg: Lieutenant Franziska Seanagatta, Oeſterreichs Amazone. 41 und mühevoll; denn zu jener Zeit waren nicht nur die pfeilſchnell dahinfliegenden Eiſenbahnen noch völ⸗ lig unbekannt, ſondern den Reiſenden ſtanden nicht einmal überall Diligencen oder andere geregelte, ſchnelle Beförderungsmittel zu Gebote. Die Reiſe nach Wien war daher für Don Giuſeppe, wel⸗ cher, wie viele Italiener, jenſeits der Alpen nur Barbaren vermuthete, ein Vornehmen der ernſteſten Art; er ängſtigte ſich namentlich um Franziska und fürchtete, daß ſie— wenn er zufällig auf der Reiſe erkranken ſollte— in Gefahren kommen könnte. Don Giuſeppe beſchloß daher, um jedes Skandal und jede Gefahr für ſie zu vermeiden, Franziska die Reiſe in Männerkleidung, als einen Bruder Giacomo's, zurücklegen zu laſſen. Wenige Tage vor der Abreiſe wurde Gia⸗ como ernſtlich krank, folglich konnte der ſchon feſt⸗ geſetzte Tag der Abfahrt nicht eingehalten werden. Schweſter Franziska widmete dem leidenden Bruder die liebevollſte Pflege und brachte manche kummervolle Stunde an ſeinem Krankenlager zu. Da entriß ſie in einer vertrauungsvollen Stunde ſeinen Lippen das Geheimniß, daß er nicht die lei— ſeſte Neigung zum Soldatenſtande fühle, und daß eer dieſe Laufbahn nur aus blindem Gehorſam ge⸗ gen den väterlichen Willen, dem er gewohnt ſei ſich unbedingt zu unterwerfen, keineswegs aber aus Be⸗ ruf oder mit freiem Willen betrete. Franziska erkannte bald, daß jeder Verſuch vergeblich wäre, ihrem Bruder Luſt und Liebe zu einem Stande einzuflößen, für den er ſich durchaus nicht geſchaffen fühlte; ſie mußte natürlich von einem nicht geringen Stolze erfüllt werden und ihre Bruſt ſtürmiſcher bewegt fühlen, wenn ſie bedachte, daß ſie, ein ſchwaches Mädchen, nichts anderes heiß erſehne, als eben jenen herrlichen Stand wählen zu können, gegen welchen der weichliche Jüngling eine ſo große Scheu hegte; ſie erglühte ſeufzend in dem Verlangen, ſeine Stelle in der Militär⸗Aka⸗ demie einnehmen zu dürfen, ohne daß aber in ihrem raſtlos nach einem Auskunftsmittel forſchenden Geiſte auch nur das Dämmerlicht einer Hoffnung aufſtieg, wie ſich die Erfüllung ihrer Wünſche herbeiführen ließe. Nichts deſto weniger dachte, ſann, überlegte und grübelte Franziska unverdroſſen nach, wie und wann ſich ihre Abſicht verwirklichen ließe, von der ſie mit all' dem verführeriſchen Zauber des Neuen und Außergewöhnlichen, zu dem ſie ſich ſchon von Natur aus hingezogen fühlte, unwiderſtehlich angelockt wurde, denn der kühne Vorſatz, den ſie gefaßt hatte, ſchien gerade eine jener romantiſchen Erdichtungen zu ſein, an welche ſich kaum ein Schatten der Wahrſcheinlichkeit des Gelingens und der Glaubwürdigkeit knüpft. Aber wenn Franziska in ihren Vorſätzen fantaſtiſch war, ſo war die Laune des Zufalls oder des Glückes denſelben gegenüber nicht weniger fan⸗ taſtiſch, indem ſie zur Verwirklichung des Wunſches Erinnerungen. 1859.. Franziska's nicht wenig mithalf, wie wir bald ſehen werden. Der Bruder genas langſam und die Reiſe wurde eben ſo langſam angetreten und bis Vene⸗ dig fortgeſetzt. Dort traf es ſich, daß Don Giu⸗ ſeppe durch ſeine Geſchäfte länger aufgehalten wurde, als er anfänglich geglaubt hatte. Er wollte den Sohn, ſeiner noch nicht ganz hergeſtellten Ge⸗ ſundheit halber, nicht allein weiter reiſen laſſen, benützte aber die Abreiſe des ihm bekannten Se⸗ kretärs Giuliani, der mit ſeiner Gattin nach Wien reiſte, um dieſes Ehepaar zu bitten, ſeinen andern Sohn Franzesko(ſo wurde nämlich Franziska auf der ganzen Reiſe genannt, um ihre Verkleidung nicht zu verrathen) nach Wien mitzunehmen. Das Ehepaar Giuliani nahm kei⸗ nen Anſtand, den Sohn ihres Freundes ſich ihnen auf der Reiſe nach Wien anſchließen zu laſſen. Nie⸗ mand ahnte in demſelben ein Mädchen, mit ſolcher Gewandtheit wußte Franziska ihr Geſchlecht zu verhehlen und ſo geſchickt verſtand ſie die zarten weiblichen Formen unter den freilich ihren eigen⸗ thümlichen Verhältniſſen angepaßten Männerkleidern zu verbergen. Franziska Scanagatta jauchzte vor Freude, als ſie das ſtillſchweigende Einverſtändniß ſah, mit welchem ihr Vater, indem er ſelbſt den Giuliani's das Geſchlecht ihres Schutzbefohlenen verbarg, ſeiner Tochter Abſichten— freilich ohne es zu ahnen— entgegenkam; ſie verwendete jetzt wo⸗ möglich noch mehr Sorgfalt darauf, ihr Geſchlecht zu verheimlichen, eine Aufgabe, die in Rückſicht auf die große Vertraulichkeit, in welcher ſie mit dem Ehepaare Giuliani während der ganzen Reiſe lebte, eben nicht ſo leicht war. Von ihren romanti⸗ ſchen Plänen erfüllt und ihren unabänderlichen Vor⸗ ſatz vor Augen ſann das ſchlaue Mädchen unabläſſig darüber nach, auf welche Weiſe es ihr gelingen könnte, die Stelle ihres Bruder in der Akademie einzuneh⸗ men, ſie begeiſterte ſich an dem Gedanken, daß ſie als „Franzesko Scanagatta“ das militäriſche Ehrenkleid anziehen, ſich in den militäriſchen Wiſſen⸗ ſchaften ausbilden und dann militäriſche Rangsſtufen erklimmen würde; wer weiß, welches Ziel Fran⸗ ziska's überaus rege und thätige Einbildungskraft ihren Wünſchen, Hoffnungen und Vorſätzen ſetzte. Es war Franziska nicht unbekannt geblieben, daß ihr Vater durch einen ſeiner Wiener Freunde bei dem damaligen Oberarzte der Neuſtädter Akademie, Herrn Haller(einem Manne, der eben ſo ſehr ſeiner tüchtigen Fachkenntniſſe halber, als wegen ſeines vortrefflichen Charakters die allgemeine Achtung ge⸗ noß), hatte anfragen laſſen, ob er wohl geneigt wäre, einen ſeiner Söhne in Koſt und Wohnung zu neh⸗ men. Mehrere Briefe hatten in dieſer Angelegenheit den Weg über die Alpen genömmen und endlich wa⸗ ren beide Parteien über die Bedingniſſe vollkommen in's Reine gekommen. Franziska’s ganzes Be⸗ ſtreben ging nun dahin, durch eine meiſterhafte Ver⸗ . 6 42 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. hehlung ihres Geſchlechtes das Ehepaar Giuliani zu überzeugen, ſie ſei derjenige Sohn, welcher für den Militärſtand beſtimmt ſei und bei dem Oberarzt Haller untergebracht werden ſollte. Es gelang ihr auch ohne viele Mühe, die Giulianis, welche weit entfernt waren Verdacht zu ſchöpfen, zu über⸗ reden, ſie nicht zweckloſer Weiſe nach Wien mitzu⸗ nehmen, ſondern ſie lieber gleich auf der Durchreiſe in Neuſtadt zurückzulaſſen. Geſagt, gethan! Als die kleine Reiſegeſellſchaft in Wiener⸗Neuſtadt angelangt war— es war am 16. Februar 1794— beeilte ſich Sekretär Giu⸗ liani, den jungen Franzesko dem biederen Oberarzte Haller als jenen angehenden Mars⸗ ſohn vorzuſtellen, der ihm ſowohl von dem Vater als von dem Wiener Freunde Scanagatta's auf das Wärmſte anempfohlen worden war. Hal⸗ ler, ſchon im vorhinein zu Gunſten ſeines neuen Hausgenoſſen und Schutzbefohlenen eingenommen, willigte ohne alle Bedenklichkeiten oder Zweifel darein, Franziska als Sohn des Don Giu⸗ ſeppe Scanagatta anzuerkennen und daher in Koſt und Wohnung zu nehmen, damit derſelbe die Lehrvorträge in der Akademie als Externiſt oder Frequentant beſuchen könne; ſeine Ueberzeugung, daß das ihm vorgeſtellte Individuum wirklich der ihm ſo warm anempfohlene junge Scanagatta ſei, war ſo groß, daß er mit rührender Güte Herrn Giuliani erklärte, er ſei es gerne zufrieden, wenn ſein neuer Hausgenoſſe nicht erſt nach Wien gehe, ſondern gleich in ſeinem Hauſe bleibe. Alle Bemühungen Franziska's und des Doktors gingen nun dahin, von der Akademie⸗Di⸗ rektion, welche damals der unvergeßliche„Vater Kinsky“ führte, die Erlaubniß zu erwirken, daß ſie die Vorträge der Akademie beſuchen dürfe. Als ihr die Bewilligung hiezu ertheilt war, befleißigte ſie ſich, ihren Geiſt zu ſchärfen und die Fähigkeiten ihres Verſtandes zu entwickeln, um im Fleiße und in dem Auffaſſungs⸗Vermögen mit den zahlreichen Zöglingen jener Akademie gleichen Schritt halten zu können. In kurzer Zeit hatte Franziska durch ihre Liebenswürdigkeit die Freundſchaft des Herrn Hal⸗ ler, ſeiner Gattin und ſeiner zwei allerliebſten Töchter in ſolchem Grade gewonnen, daß ſie in dieſem glücklichen Familienkreiſe wie ein Kind des Hauſes angeſehen und gehalten wurde. Ihre erſte Sorge war, ihren Vater von dem Vorgefallenen zu unterrichten; aber eben ſo vorſich⸗ tig als ſchlau wußte ſie ihren Brief derart abzu⸗ faſſen, daß Jedermann, der denſelben zu Geſicht bekommen mochte, überzeugt ſein mußte, es handle ſich in demſelben um einen Franzesko, und nicht um eine Franziskaz; ſo konnte ſie ſich verſichert halten, daß das auf dieſe kluge Weiſe nur ihrem Vater enthüllte Geheimniß von Niemand ſonſt in der Welt entdeckt würde. Meine Leſerinen können ſich ſicherlich leichter eine Vorſtellung von dem Eindrucke machen, den dieſe Nachricht auf Don Giuſeppe hervorbrachte, als meine ſchwache Feder das Erſtaunen, ja das Entſetzen des guten Mannes beim Leſen des Brie⸗ fes ſeiner Franziska zu beſchreiben vermag. Der geängſtigte Vater glaubte nichts beſſeres thun zu können, als ſeine Reiſe möglichſt zu beſchleunigen, indem er hoffte, daß es ihm gelingen würde, ſeine Tochter aus den Mauern jener Militär⸗Akademie zu entführen, innerhalb welcher ihr, ſeiner beſchränk⸗ ten Anſicht nach, nur Verführung und Verderben drohen konnte. Er reiſte daher ohne Zögern nach Wiener⸗Neuſtadt ab. Daſelbſt angekommen ſchützte er überaus große Ermüdung und Mattigkeit vor und ließ ſeine Tochter in den Gaſthof kommen, wo er ihr mit ſtrengen Worten ſeinen unabänderlichen Entſchluß ankündigte, ſie mit ſich nach der Haupt⸗ ſtadt zu nehmen, um ſie zur Vollendung ihrer weiblichen Erziehung in das Kloſter zu bringen. Aber das ſchlaue Mädchen hatte, wenn ſie auch ihre ſchöne Geſtalt in Männerkleidung gehüllt hatte, doch keineswegs die Erinnerung an die ſchrecklichen und unwiderſtehlichen Waffen verloren, mit welchen die Töchter Evens vorkommenden Falles Anord⸗ nungen, die ihnen mißfallen, mit großer Siegesge⸗ wißheit zu bekämpfen wiſſen; ſie ſtellte daher die ſüße⸗ ſten Liebkoſungen, die innigſten Bitten in's erſte Tref⸗ fen, und endlich, als dieſe nichts fruchteten und der ſtrenge Vater unerbittlich ſchien, da ſchickte ſie als ſchwere Geſchütz⸗Reſerve ſo heiße Thränen in's Feuer, ſie bat, ſeufzte und weinte ſo lange und bit⸗ terlich, daß der Vater, der ſie überaus liebte, end⸗ lich in das Zugeſtändniß willigte, die ſchon beſchloſ⸗ ſene Reiſe nach Wien ſo lange außzuſchieben, bis er eine Unterredung mit dem Oberarzte Haller ge⸗ habt hatte. Am nächſten Morgen fand die gewünſchte Un⸗ terredung ſtatt. Man kann ſich leicht vorſtellen, in welcher Angſt das kriegeriſche Mädchen ſchwebte, die, und zwar mit vollem Rechte, vorausſah, daß von dieſer Beſprechung ihr künftiges Schickſal abhängen würde. Aber das Glück, welches über dieſer Zuſam⸗ menkunft und Franziska's kühnen Plänen freund⸗ lich waltete, fügte es, daß die Unterredung in latei⸗ niſcher Sprache ſtattfand, da Don Giuſeppe ebenſowenig deutſch, als der Doktor italieniſch ſprach. Beide Herren hatten Mühe, ihre ziemlich ſpär⸗ lichen römiſchen Reminiscenzen zu ſammeln. Hal⸗ ler, der ſich noch mit mehr Grund als Fran⸗ ziska’ Vater auf den Cicero ſpielte, mochte ſich wundern, daß Don Giuſeppe, wenn er von ſei— nem Sohne ſprach, ſtets weibliche Ausgangsformen wählte, aber er ſchrieb dieſes Verſehen wahrſcheinlich einem Mangel an Uebung oder Kenntniß der latei⸗ niſchen Sprache zu, welche in jener Zeit ohnedieß nur im Munde der Gelehrten geſucht wurde, und ſchenkte daher dieſem Umſtande wenig oder gar keine Beachtung. Allmälig faßte das geängſtigte Mädchen Hoffnung, um ſo mehr, als Doktor Haller ihren — hen, den brachte, la das 8s Brie⸗ ag. Der thun; 1 un zu keunigen do 0./ e⸗ ſeine Atademie deſchränk⸗ Serderben bern nach en ſchütte gkeit vor imen, wo nderlichen r Haupt⸗ ng ihrer ingen. ſie auch- iltt hatte, hrecklichen t welchen Nnord⸗ Siegesge⸗ die ſüße⸗ iſte Tref⸗ und der e ſie als nen in's und bit⸗ bte, end⸗ beſchloſ⸗ ,, bis er ller ge⸗ ſchte Un⸗ ellen, in bte, die, daß von bhängen Zuſam⸗ freund⸗ in latei⸗ uſeppe ſprach⸗ von ſei⸗ fformen heinlich r latei⸗ nedieß de, und i keine lädchen Julius Ebersberg: Lieutenant Franziska Scanagatta, Oeſterreichs Amazone. 43 Vater dringend ermunterte, dem jungen Studenten zu erlauben, daß er fortfahren dürfe, den Lehrvor⸗ trägen in der Akademie als Frequentant anzuwoh⸗ nen, wobei er Don Giuſeppe verſicherte, daß „Franzesko“ was Aufführung und Fleiß betrifft, einer der beſten Schüler der Anſtalt ſei und ihm vorherſagte, daß er eines Tages die Zierde und der Ruhm derſelben werden dürfte. Endlich von den unaufhörlichen Bitten der Tochter und den dringen⸗ den Aufforderungen des Doktors erweicht, geſtattete Don Giuſeppe, deſſen Vatergefühle außerdem der kühne, ſchon ſo weit gediehene Plan ſeines Mäd⸗ chens ſchmeichelte, daß Franziska ihre Verklei⸗ dung beibehalten, ihre Studien fortſetzen und ſich endlich den Prüfungen unterziehen dürfe, um nach Vorſchrift unter die Zöglinge, welche die Akademie frequentirten, aufgenommen zu werden. Als Franziska die ſo heiß erbetene Einwil⸗ ligung ihres geliebten Vaters erlangt hatte, begann ſie den Unterricht in der Akademie mit 1. Juli 1794 zu genießen und zeichnete ſich vom erſten bis zum letzten Tage ihres Aufenthaltes in dieſer Anſtalt durch ſchnelle Auffaſſung und vollkommene Aneignung der verſchiedenen und ſchwierigen Unterrichtsgegenſtände aus, deren Erlernung die jener Akademie angehö⸗ renden Zöglinge ſich angelegen laſſen ſein müſſen, um der kaiſerlichen Gnade ſich würdig zu erweiſen, als Offiziere in die k. k. Armee ausgemuſtert und der Gelegenheit theilhaftig zu werden, auf den Schlacht⸗ feldern den Lorbeer erringen zu können.— Fran⸗ ziska Scanagatta wollte dieſes Ziel gleichfalls erreichen und widmete ſich daher mit dem uner⸗ müdlichſten Fleiße den Studien, ſie machte ſich mit ſeltener Leichtigkeit die deutſche, franzöſiſche und eng⸗ liſche Sprache eigen, dann unterzog ſie ſich dem Studium ſowohl der Wiſſenſchaft, die Waffen an— zufertigen, als der Kunſt, ſie tüchtig zu gebrauchen, ebenſowenig war ſie beim Exerciren zu ermüden und wußte in den verſchiedenen Reglements der In⸗ fanterie und der Reiterei vorzüglich Beſcheid; dabei gewann ſie bei ihrem unermüdlichen Fleiße noch Zeit, in das Gebiet der mathematiſchen Wiſſenſchaften tief einzudringen, welche für einen Offizier, der raſcher emporkommen und ſchnell eine höhere Rangſtufe er⸗ reichen will, ganz und gar unentbehrlich ſind. Zwei Jahre waren verfloſſen, ſeit ſie ſich in dieſe ſo ernſten und wichtigen Studien vertieft hatte, ohne daß ſie nur einen Augenblick Reue über den von ihr gefaßten Entſchluß gefühlt oder ihr uner⸗ müdlicher Eifer und anhaltender Fleiß abgenommen hätte, welche jene militäriſche Hochſchule von Allen zu fordern berechtigt iſt, die ihr anzugehören das Glück genießen. Noch heut zu Tage leben an ver⸗ ſchiedenen Orten der Monarchie alte Krieger, die Franziska Scanagatta's Kameraden in der Akademie waren; ich hatte Gelegenheit, einige die⸗ ſer ehrwürdigen Veteranen in Mailand kennen zu lernen und ſo nahm ich mehrmals Anlaß, den einen oder den andern dieſer alten Haudegen über Fran⸗ ziska zu ſprechen; Alle verſicherten, daß Keiner von ihnen jemals auch nur den Schatten eines Verdach⸗ tes bezüglich des Geſchlechtes ihres Mitſchülers ge⸗ hegt habe, der ſich durch die Leichtigkeit, Gewandt⸗ heit und Mannhaftigkeit ſeiner Bewegungen ſtets vortheilhaft auszeichnete. Die zugerittenen Hengſte gehorchten, nicht ahnend, daß eine zarte weibliche Hand ihre Bewegungen leite, gelehrig und ſanft, ſei es, daß Franziska durch einen ſcharfen Gebrauch des Zügels ihren Uebermuth in Schranken hielt, oder daß ſie die ihr allzu wenig lebhaften Pferde durch einen Druck des Schenkels oder der Sporen anfeuerte. Schwierig, gefahr⸗ und dornenvoll war in der That das Unternehmen, dem Fr anziska Sca⸗ nagatta ſich unterzogen hatte und das durchzu⸗ führen ſie mit einer heldenmüthigen Ausdauer feſt beharrte.— Es hatte ſich für ſie um nichts Ge⸗ ringeres gehandelt, als den Frieden eines ſtillen Fa⸗ milienlebens, die Ruhe eines Kloſters mit dem Ge— räuſche des Krieger⸗ und Feldlebens zu vertauſchen, und dieſen ungeheuren Schritt unternahm ein jun⸗ ges Mädchen von zarter Geſundheit, das unter ſorg⸗ ſamer Pflege aufgewachſen war und eine der Be⸗ ſtimmung ihres Geſchlechtes angemeſſene Erziehung erhalten hatte. Von den Annehmlichkeiten der Fa⸗ milie, von den Liebkoſungen der Eltern— welch' ein Schritt zu der einfachen, ſpartaniſchen Lebens⸗ weiſe einer Jugend, die ſich dem Soldatenſtande widmet und die daher angehalten werden muß, allen Entbehrungen, welche der Krieg in ſeinem Gefolge hat, ſich zu fügen; Wohuung, Kleidung, Speiſe, kurz Alles bis auf's Kleinſte herab, veränderte ſich und zwar mußte es ſich aus Weichheit in Härte, aus Zartheit in Rauheit, aus Sanftmuth in Ernſt und Strenge verwandeln; aber unicht darin allein beſtand der dornenreiche Theil jenes Unternehmens, welches Franziska auszuführen ſich vorgeſetzt hatte, die überwiegend größere Schwierigkeit lag unſtreitig immer darin, ſo unzählig vielen forſchenden und ſcharfen Blicken ihr Geheimniß zu verbergen. Am meiſten verdient daher Franziska's Schlauheit unſere Bewunderung, mit der ſie ihr Geſchlecht vollkommen und durch ſo lange Zeit zu verheimlichen wußte; ſie hatte dasſelbe nicht allein einem Arzte, einer lebhaften, aber mit militäriſchen Uebungen beſchäftigten oder durch lärmende Vergnü⸗ gungen zerſtreuten Kameradſchaft, ſondern, was weit mehr und wohl das Aergſte war, ſcharfblickenden Frauen zu verbergen, Frauen, mit denen ſie in Vertraulichkeit lebte, und es gelang ihr ſo gut, daß in denſelben nicht einmal der leiſeſte Verdacht auf⸗ ſtieg, der ihre angeborene Neugierde ermuntert und ſie angeſpornt hätte, ſich über das Geſchlecht eines Hausgenoſſen Aufklärung zu verſchaffen, deſſen zu⸗ rückhaltendes und vielleicht hie und da geheimniß⸗ volles Benehmen ſicherlich in ihnen irgend einen Argwohn erwecken mußte. Es iſt dieß ein Wunder, das man auf zwei Arten erklären kann, indem man entweder annimmt, daß der junge Kadet ſich eine 6* 44 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. wunderbare Zurückgezogenheit zum Geſetze gemacht hatte, oder indem man den Mädchen und Jünglin⸗ gen, welche Franziska umgaben, eine gute Doſis Unverdorbenheit beimißt; dieß alles im Vereine mit der wahrſcheinlich geringen Ueppigkeit der körperli⸗ chen Formen unſerer Amazone, trug dazu bei, daß das überaus kühne Unternehmen der Scanagatta vollkommen gelang und eine Reihe von Jahren Niemand Argwohn über den wahren Sachverhalt ſchöpfte Kaum waren die Beſorgniſſe, welche Fran⸗ ziska in der Akademie beunruhigen mußten, und die Gefahr überwunden, die ſie lief, heute oder mor⸗ gen ſich entdeckt zu ſehen, ſo harrte ihrer ſchon eine Feuerprobe anderer Art; nachdem ſie näm⸗ lich in den Jahren 1795 und 1796 jedesmal, ſo⸗ wohl durch ihre ausgezeichnete Aufführung als durch ihre Fortſchritte in den Lehrgegenſtänden den Preis der Auszeichnung errungen hatte, war ſie Dank ihrer frühzeitigen geiſtigen Entwicklung des für die Aka⸗ demie beſtimmten Lehrſtoffes mächtig geworden und mit allen jenen Kenntniſſen und Eigenſchaften aus— geſtattet, welche der Staat von einem Offizier ver⸗ langt, der im Stande ſein ſoll, ſeinen Untergebenen einen erfolgreichen Unterricht ertheilen zu können; ſie wurde am 16. Januar 1797 zum Fähnrich er⸗ nannt und nun war es Zeit für ſie, in der Praxis die Lehren der Theorie anzuwenden; dieſer für jeden Militär ſo entſcheidende Augenblick wurde von dem unternehmenden und ungeduldigen Fähnrich des ſchö⸗ nen Geſchlechtes noch beſchleunigt, indem ſie im folgen⸗ den Februar von dem Hofkriegsrathe ihre Einreihung in die operirende Armee erbat. Die Exfüllung dieſes Wunſches ließ nicht lange auf ſich warten; denn abge⸗ ſehen von ihrer hervorragenden Haltung in der Aka⸗ demie, welche die einſtimmig lobenden Zeugniſſe ihrer Profeſſoren anerkannten, und ihrer Feldkriegsdienſt tauglichkeit, bedurfte die Armee eben damals tüchtiger Offiziere, da ſie deren viele auf dem Felde der Ehre in den unglücklichen Kriegen verloren hatte, die nun ſchon mehr als fünf Jahre Europa und namentlich Deutſchland verheerten. Fähnrich Scanagatta wurde alſo in das Warasdiner St. Georger Grenz⸗Regiment Nr. 4 und zwar in das ſechſte Bataillon desſelben einge⸗ theilt, welches damals gerade am Rhein ſtand. Nachdem wir Franziska innerhalb die Mauern der Wiener Neuſtädter Militär⸗Akademie be⸗ gleitet haben, werden wir ihr nun auf die Schlacht⸗ felder folgen, um ſie ſpäter dem friedfertigen Walten der Hausfrau in ihrer doppelten Eigenſchaft als Gattin und Mutter zurückzugeben und es wird uns dann herzlich freuen, an Oeſterreichs Amazone auch die ihrem Geſchlechte insbeſondere eigenen Tugenden nicht minder rückhaltslos bewundern zu können, als wir ihr früher als lernbegierigem Zögling und tapfe⸗ rem Offiziere unſere achtungsvolle Anerkennung nicht verſagen durften., (Schluß folgt.) Die Meerfahrt der Braut. UTrr luſtig flattern die Wimpel im Wind, „y Denn über die tanzenden Wogen e Kommt Schön⸗Marie, des Kaufherrn Kind, In bekränzter Barke gezogen. Es lenket die Barke mit ſtarkem Arm Ein Jüngling im Mönchsgewande; Weit hinten folget der Gäſte Schwarm Zum Hochzeitsfeſte am Strande. Und als die Töne der fernen Muſik Dem eilenden Schifflein verhallen, Da ſchlägt der Mönch die Kapuze zurück Und läßt das Ruder fallen. Kein Mönch— es iſt des Schiffers Sohn, Dem einſt ſie Liebe geſchworen; Er blickt ſie an mit düſt'rem Hohn Und murmelt das Wort:„Verloren“. Kaum hat ihm Marie in's Aug' geſchaut, Erbleicht ſie zum Tode erſchrocken, Wie Grabgeläute ertönen der Braut Vom Ufer die feſtlichen Glocken. „Was täuſchteſt Du mit dem fremden Kleid?“ So ruft ſie aus mit Beben, „Was Dein Auge droht, das bitt're Leid, 144 Gott mög' es Dir vergeben! „Du ſchwureſt, M arie, mir treu zu ſein; Ich trüge, weil Du mich betrogen; Mein biſt Du, Marie, bis zum Tode mein, Bis zum Tode in den Wogen!““ Die Barke ſchwankt, die Welle dringt Hinein immer weiter und weiter; Ein Wehruf noch und die Fluth verſchlingt Die Braut und ihren Geleiter. Gar luſtig flattern die Wimpel im Wind, Schon nahen des Bräutigams Boote— Marie, des reichen Kaufherrn Kind, Sie war vermält dem Tode. —— Weihnachts⸗Gebrüuche im öſtlichen Böhmen. Von Eduard Herold. ◻◻⁵◻(((eihnachten, Chriſtabend, wie anheimelnd 6 ſchlagen dieſe Töne an unſer Ohr! Sie = rufen die verblaßten Bilder ſorgenloſer Jugendzeit in uns wach und ſtimmen den S einſam Daſtehenden ernſter als gewöhn⸗ lich; es überkommt ihn wie ein Heimweh: denn Weihnachten ſind Familienfeſttage. e=n 2= leid?“ mein, Ziele zuſteuernd. Eduard Herold: Weihnachts⸗Gebräuche im öſtlichen Böhmen. 45 Selbſt die Natur drängt durch ihre Rauheit den Wandernden an den gaſtlichen Herd und hält ihn dort gebannt mit ihren in der Luft geſponnenen feinen Fädchen, die als Sternlein den Pfad über⸗ decken und als Blumen ſich an die durchſichtigen Glasſcheiben legen. Auf dem Lande hebt ſo ein tüchtiges Schnee⸗ geſtöber plötzlich faſt alle Verbindung mit der Außen⸗ welt auf. Da drängt ſich ein Jeder in die niedrige warme Stube und läßt draußen die dichten Flocken vom Himmel herabfallen und Alles ellenhoch be⸗ decken; da wird nur der Weg aus dem Wohnhauſe über den Hof zu den Pferde⸗ und Viehſtällen, der Scheuer und dem Brunnen, mitunter auch der zum nächſten Nachbar freigeſchaufelt. Zur fernen Kirche treten ihn die Männer mit ihren feſten und breiten Winterſtiefeln aus und auf der ſo gebrochenen Bahn folgen trippelnd die Wei⸗ ber nach. Es iſt ein eigener Anblick, die in Pelze vermummten Dorfbewohner in langer Reihe über die weiße Fläche wandeln zu ſehen, zumal in der Morgenſtunde, deren tiefe Grabesruhe nur durch das Geläute der Kirchenglocke unterbrochen wird. Es iſt das erſte Zeichen zur Rorate. Kaum ertönt es, ſo blitzen hier und da in der dunklen Ferne Lichtchen auf und gleiten, in viele Gruppen getheilt, über den weißen Teppich hin, alle einem Es iſt dieß die hell erleuchtete Kirche. Durch volle vier Wochen eilt Alt und Jung über Ebenen und Berge, durch Wälder und über Bäche oft gegen zwei Stunden Weges weit in die Frühmeſſe. So rücken allmälig die von Jung und Alt, Herrn und Knecht ſehnlich herbeigewünſchten Feier⸗ tage heran. Schon am Morgen vor dem Weihnachtsfeſte wird fleißig Acht gegeben, wer zuerſt das Gehöfte betritt, denn nach dem Geſchlecht und der Anzahl der Beſucher ſchließt man auf die künftige Vermeh⸗ rung der Stallbewohner. Inzwiſchen werden die Gänſe, Enten und Hüh⸗ ner, welche ſich ſchon ſeit der früheſten Morgenſtunde auf dem Schnee im Hofe herumgetrieben haben, gefüttert, doch dießmal von der Hauswirthin eige⸗ ner Hand. Ihr ſonſt einfaches Gericht iſt heute reichlicher und verſchiedenhaltiger; Linſen, Gerſte, Hafer, Weizen, kurz alle Getreidearten und Hülſen⸗ früchte werden gemengt und den ungeſtüm Futter fordernden Schreihälſen vorgeworfen.„Legt nur recht viele und gute Eier!“ denkt die ſorgſame Wirthin und überſieht mit berechnendem Blicke die Größe und Anzahl der befiederten Zweifüßler. Daß heute dem ſtolz ausſchreitenden Beherr⸗ ſcher des Hofes, dem buntfedrigen Hahn, ein aus Knoblauch beſtehendes Extragericht präſentirt wird, iſt eine alte Sitte; es iſt dieß eine Belohnung für ſein gut geführtes Hofregiment und zugleich eine Aufmunterung, noch fernerhin mit Zärtlichkeit und Strenge ſeinen Pflichten als Hausvater nachzu⸗ kommen. Doch wie würde ſein Stolz und ſein Ehrgeiz ſich gekränkt fühlen, wenn er in Erfahrung brächte, daß dieſes ſo liebliche Gericht nicht ihm allein ge⸗ reicht werde, ſondern heute auch den Hauptbeſtand⸗ theil der Frühſuppe ausmache, welche das Geſinde bekömmt. Den Zweck und die Bedeutung dieſes beſon⸗ deren Gerichtes kennen die Eſſenden ſelbſt nicht, die Hausfrau aber weiß es, daß ſie hiedurch zur Arbeit tüchtiger werden. Iſt es ſchon die Wirkung der Knoblauchſuppe, oder ſpornt ſie das fromme Hausgeſetz, daß an den Feiertagen keine Arbeit verrichtet werden dürfe, zu vorſorglicher Geſchäftigkeit— kurz, die Knechte und Mägde ſind heute beſonders rührig, alles geht flink und luſtig von der Hand. Während die erſteren ſingend auf dem Boden oder in einer kleinen Stall⸗ kammer Häckerling ſchneiden, ſcheuern die letzteren unter geheimnißvollem Geflüſter und Gekicher Stube und Kammer, Fenſter und Thüren, Geſchirre und Tiſche, Bänke und Stühle. Hin und wieder ſieht der Hauswirth nach, wohl darauf achtend, daß alles gebührlich vollendet und die Heiligkeit der Feiertage nicht durch eine ſchlechte oder nicht gemachte Arbeit entweiht werde. In der Küche aber tummelt ſich gar emſig die Hauswirthin; da werden die aus dem beſten Mehle bereiteten, mit Eier, Zucker, Ro⸗ ſinen und Mandeln gefüllten länglich geflochtenen Weihnachtsſtriezel in den wohlberechnet geheizten Backoſen auf der Holzſchaufel geſchoben; da werden die vielpfündigen Karpfen zerſchnitten u. ſ. w. Viel Luſt herrſcht an dieſem Tage namentlich in der geſammten Kinderwelt trotz des gewiſſen⸗ haften Faſtens, als deſſen Lohn Abends der An⸗ blick des„goldenen Schweinchens“ ſehnlichſt erwartet wird. Die größeren Buben bauen in irgend einem Winkel der Stube Krippen mit Papierfiguren, welche ihnen die Mutter vom Stadtjahrmarkt mitgebracht hat. Die jüngeren und unbeholfenen ſchauen dem Aufbau mit freundlichen Augen zu und laufen und holen das dazu Nöthige aus allen Winkeln und Enden herbei. Aus dieſer ihrer Unterhaltung wer⸗ den ſie ſehr oft durch das Singen der von Haus zu Haus herumziehenden Kinder geſtört. Als Hirten verkleidet tragen dieſelben ein kleines Krippchen um⸗ her, welches von einem Burſchen, deſſen weißes Hemd und gekröntes Haupt den Engel erkennen läßt, gleichſam beſchützt wird. Während die Hirten ihre bekannten Geſänge abſingen, brummt der ſchwarzkoſtümirte Teufel und raſſelt mit der Kette zum größten Vergnügen der Zuſchauer. Am Schluſſe wird das Chriſtuskindchen reichlich beſchenkt und ſomit die wandernde Geſell⸗ ſchaft huldreichſt entlaſſen, die nun wieder in das nächſte Haus ihren Einzug hält.* Iſt endlich der erſehnte heilige Abend ange⸗ brochen, ſo wird der weißgeſcheuerte Tiſch mit dem nur bei hohen Feſttagen gebrauchten großen Tiſch⸗ tuch, zu welchem die Fäden im Hauſe geſponnen wurden, bedeckt, die Leuchter aufgeſtellt, die Teller mit dem Eßzeug vertheilt; dann kommen ganze La⸗ dungen rothwangiger Aepfel und hellbrauner Nüſſe, dazwiſchen ſtehen ganze Schüſſeln voll der nie feh— lenden ſogenannten Muſika(ein Gemengſel getrock⸗ neter und gekochter Aepfel, Birnen und Zwetſchken). Nach und nach verſammeln ſich alle Hausbe⸗ wohner in ihrem beſten Sonntagsſtaate, und auch die Hauswirthin tritt ein, und ſchneidet, nachdem ſie den Segen geſprochen, das Brod und die Strie⸗ zel an. Von beiden werden die erſten Stücke ſorg⸗ ſam bei Seite gelegt. Hat ſie dann nochmals in der Küche nachge⸗ ſehen, ſo tritt ſie wieder zum Tiſch, den ſie erſt nach beendigter Mahlzeit verlaſſen darf;— denn die Bruthenne würde nicht auf den ECiern ruhig ſitzen bleiben, würde ſie dieſe Sitte verletzen. Nun ſpricht der Hausvater ſein Gebet, in wel chem er Gott für das glücklich vollbrachte Jahr dankt und ihn bittet, Alle wieder das kommende geſund und glücklich verleben zu laſſen. Gelobt ſei Jeſus Chriſtus! antworten Alle im Chore und ſetzen ſich, die Familie oben, das Ge⸗ ſinde unten, zu den dampfenden Tellern nieder. Auf die dicke Fiſchſuppe folgt der blaue und ſchwarze, dann der gebackene Fiſch, darauf erſcheint ein eigenthümliches Gericht, der kerny Kuba, aus Graupen und Schwämmen, Aepfel und Nüſſe. Daß während der Mahlzeit fleißig dem Biere zugeſprochen wird, iſt ganz natürlich, denn der böh miſche Bauer gönnt ſeinen Leuten dieſe feſtliche La⸗ bung in Fülle. Achtſam werden alle Gräten, über⸗ haupt alle Tiſchabfälle aufgehoben. Es trifft ſich meiſtentheils, daß während der Mahlzeit der Ortshirte nach altem frommen Ge⸗ brauch durch das Dorf zieht, auf dem Horne bläſt, mit der Peitſche knallt und das bekannte Hirten⸗ lied ſingt: Zur Krippe, zur Krippe eilet Ihr Birden, Dort werdet Ihr finden ein wunderlieblich Kind Im Städtchen zu Bethlehem, eilt nur geſchwind, Ihr werdet dort finden ein wunderlieblich Kind. Dann h hört plötzlich alles Lachen und jedes Ge⸗ ſpräch eii und Alle, ſich bekreuzigend, rufen ſeeudig aus: Chriſtus iſt geboren, ſre wir uns!“ Dabei jubelu die Kinder nach Herzeusluſt. Sobald der Tiſch aigeriunt iſt, iien die Männer zuſammen, zuweilen geſellen ſich woh die Nachbarn dazu, und das Kartenſpiel im ſeinen Aufang. d wird um Nüſſe und zwar ge⸗ wöhnlich das Häufelſpiel„der Kaufmann“ geſpielt. Dieſe Unterha Pan dauert gemeiniglich, bis die Glocke das erſte Zeichen zur Mette gibt. Während die Männer in der warmen Stube 4 dann Liwanzen. Den Beſchluß macht die Muſika und die Vertheilung der Erinnerungen. Il lluſtrirte Bl ätter für Ernſti und Humor. l auch ſich dem Vergnügen des Karterſpeles hinge⸗ ben, die Kinder ſich herumtreiben, geht die um das Hausweſen beſorgte Hausfrau mit den vorer⸗ wähnten erſt abgeſchnittenen Brod⸗ und Striezelſtück⸗ chen, den erſten Aepfe In und Nüſſen hinaus in den Kuhſtall und ſteckt einem jeden ſeiner Bewohner ein Stückchen von den Eßwaaren in das Maul, um die Thiere vor Unglück zu bewahren. Das Uebrige wirft ſie in den Brunnen, auf daß er nie verſiege. Die Knechte aber eilen mit den Gräten und andern Tiſchabfällen nach dem Acker und graben alles dort ein, damit auch das Feld dadurch ge⸗ ſegnet werde und immerdar fruchtbar bleibe. Doch die größte und intereſſanteſte Unterhal⸗ tung haben die Mädchen. Leichten und ſchnellen Trittes eilen ſie zu der Hühnerſteige und rütteln an dem Thürchen, aufmerkſam und ängſtlich hor⸗ chend, wer zuerſt, ob der Hahn oder eine der Hen⸗ nen laut wird. Iſt es der Hahn, ſo kommt dieß Jahr der Bräutigam, iſt's eine Henne, ſo iſt iin ein Jahr keine Ausſicht auf den Brautkranz. Wollen ſie auch wiſſen, von welcher Seite der Freier an⸗ gezogen kommen wird, ſo binden ſie entweder den mit eigener Hand wohlgefütterten Hofhund und Viingen ihn vor das Thor, oder ſie ſchütteln an dem Zaune; nach welcher Seite hin das Bellen des Bndos gerichtet iſt, von dieſer rückt auch der Freier her. Frägt nun aber ferner die liebe Neugierde, wer oder was iſt dieſer angekündigte Freiersmann, ſo eilen die Mädchen flugs zu dem nächſten Eiſe und legen das Ohr an dasſelbe; da hören ſie ent⸗ weder hämmern, wie es der Schmied thut, oder es feilt drin, wie der Schloſſer, oder es tönt als wäre ein Muſikant unter dem Eiſe u. ſ. w. Befriedigt oder nicht befriedigt mit dem Re⸗ ſultate'treten die heiratsluſtigen Mädchen wieder in das Haus, um auch da noch einen Blick hinter den Schleier der Zukunft zu werfen. Sie gießen nämlich in ein kleines Glas voll reinen Waſſers das Weiße vom Ei und laſſen es über Nacht ſtehen, um früh Morgens aus den ver⸗ ſchiedenen Zacken, die wie Thürme oder Häuſer oder Wälder ſich auf das Waſſer hinzeichnen, noch etwas von dem künftigen Schickſale zu erfahren. Zu demſelben Zwecke werden am Abend auch noch verſchiedenfarbige Wachskerzchen in Nußſchalen (die erſten, die man öffnet) geſteckt und, nachdem man einem jeden dieſer Schifflein den Namen eines Theuern beigelegt hat, zu gleicher Zeit angezündet und in's Waſſer geſetzt. Derjenige Segler, welcher ſich zuerſt dem Frager naht, iſt der vom Schickſal beſtimmte Lebensgefährte. Ach, wie oft wird da der nicht Verlangte zurückgeblaſen und ſo lange gebla⸗ ſen, bis der heimlich Ewwähl te ſtolz— knnne⸗ weh he aber, verliſcht Einer der brennenden Maſtbäume! Dieſe harmloſen Späße währen bis zum erſten Glockengeläute. Nun wird alles bei Seite ge⸗ ſtellt, das warme Kleid angezogen, die Wachs⸗ — kräͤnze Fünder nachte dwige ſchium lichen boren — hinge⸗ le um vorer⸗ elſtück in den ner ein im die lebrige erſtege. en und graben ch ge⸗ terhal⸗ hnellen rütteln hh hor⸗ r Hen⸗ int dieß iſt für Wollen iier an⸗ der den nd und teln an len des uch der ugierde, smann, en Eiſe ſie ent⸗ oder es ls wäre m Re⸗ jeder in ter den as voll aſſen es den ver⸗ ſer oder etwas d auch ſſchalen nachdem en eines ezündet welcher Lchicſal da der gebla⸗ vommen unenden bis zum heite ge⸗ Wachs⸗ kränze in die Taſche geſchoben, die Laterne ange⸗ zündet, und hinaus geht es in die dunkle kalte Chriſt⸗ nacht. Von oben leuchten ſo klar und ſo feurig die ewigen Sterne, wie Augen, aus denen die Freude ſchimmert. Dieſelben Augen blickten ja auf den ärm⸗ lichen Stall hernieder, in welchem der Heiland ge⸗ boren ward. Bruder Luftikus und ſein Stern. Humoriſtiſche Erzählung von W. Ernſt. (Schluß.) achthundertſten Theile der erforderlichen Sum⸗ 3 me ſeine Wohnung ver⸗ ließ, um ſchnell die noch fehlenden 3995 Gulden aufzutreiben, hörte er Dvom unteren Dorfe her Fdie ſchmetternden Töne =p einer Trompete. Es — war das erſte Signal 8 für die reifere Jugend Wurzingens, ſich auf dem Platze um die große MWC. 72 lh Erntefeſtzug in das 1 Wirthshaus des Ober⸗ dorfes unternommen wurde. Kaum hatte Fritz dieſes erſte Zei⸗ chen der heutigen Feſt⸗ lichkeit vernommen, ſo waren auch ſchon alle Geldſorgen wie wegge⸗ blaſen. Indem er mit der Zunge und den Fin⸗ gern den Takt ſchnalzte, ſchlug er augenblicklich L die Richtung in's Nie⸗ derdorf ein und ſprang luſtig und guter Dinge, als hätte er ſein Schäfchen längſt im Trockenen, über Hecken und Zäune, um ſo auf dem kürzeſten Wege zum allgemeinen Stelldichein zu gelangen. Da ſich Wurzingen, dem Thale folgend, um einen Hügel zieht, ſo gelangt man auf dem ſchmalen Pfade, der das Birkengebüſch dieſer Anhöhe durchſchneidet, weit raſcher als auf dem Fahrwege im Thale von einem Ende des Dorfes in das andere. Herr Fink ver⸗ folgte den Fußſteig, der, obwohl die Sonne noch nicht geſunken war, doch ſchon von dem abendli⸗ NM en Schatten des Laubgehölzes überdämmert wurde. ) geholzes ül ls Herr Fink mit dem W. Ernſt: Bruder Luftikus und ſein Stern. *Linde zu ſchaaren, von —₰ wo aus regelmäßig der 47 Da brach plötzlich, wenige Schritte vor unſe⸗ rem Wanderer, eine ſeltſame Erſcheinung, die einem Strauchritter nicht ganz unähnlich ſah, aus dem Gebüſche und blieb, als ſie des Nahenden anſichtig wurde, unſchlüſſig ſtehen. So viel nahm Fritz wahr, daß dem Fremden der Hut fehlte und die Kleider an mehren Stellen ſehr bedenklich zerriſ⸗ ſen waren. Dieſe Zeichen äußerer Verwahrloſung ſtanden mit den Glackhandſchuhen und dem glatt⸗ raſirten Kinne des Unbekannten in einigem Wider⸗ ſpruche, den Fritz aber im Nu zu löſen verſtand. 's iſt ein Bruder Luftikus, dachte er, der irgendwo ſeine Zeche in Ermangelung landesübli⸗ cher Münze mit dem Hute bezahlt hat. Und in übermüthiger Laune rief er, auf den Fremden zu⸗ ſpringend: „Guten Abend, Freund, könnt Ihr mir nicht mit ein paar tauſend Gulden aus der Noth helfen?“ Der Fremde fuhr bei dieſer Anrede vor Schre⸗ cken zuſammen und machte Miene, die Flucht zu ergreifen; aber Fritz ſtand bereits vor ihm und lachte ihm ſo friedfertig in's Geſicht, daß er alle Aengſtlichkeit fahren ließ und ſtehen bleibend den Gruß erwiederte: „Es thut mir leid, mein Herr, daß ich Ihnen nicht dienen kann, denn ich befinde mich eben in einer Lage, in welcher ich ſelber verſucht bin, Sie um denſelben Dienſt anzuſprechen. Ich habe keinen rothen Heller bei mir.“ Fritz ſtutzte über die gewählte Sprache des Landſtreichers, der ihn zu intereſſiren anſing, konnte jedoch nicht umhin, ihm mit impertinenter Höflich⸗ keit zu ſagen: „Das iſt fatal; aber ich bitte, mein Herr, wollen Sie ſich nicht bedecken?“ Der Fremde begnügte ſich, bitter zu lächeln. Er ſchien ſehr ermüdet. Indem er ſich auf einen Stein am Wege niederließ, fragte er: „Können Sie mir nicht ſagen, wo ich mich eigentlich befinde und wie weit es von hier bis Neumarkt iſt?“ „Das Dorf hier unten heißt Wurzingen und von hier bis Neumarkt ſind zwei Meilen; aber dieſe haben zwei Verliebte gemeſſen.“ „Zwei Meilen!“ ſeufzte der Fremde.„So weit bin ich alſo in der Irre herumgerannt! Meine Beine tragen mich nicht mehr weiter. Könnte ich nicht hier im Dorfe einen Wagen bekommen, der mich noch heute nach Neumarkt zurückbrächte?“ „Das wird ſchwer halten,“ entgegnete Fritz,⸗ der den Sprecher verwundert angeblickt hatte.„Sie können doch unmöglich eine gewiſſe unentgelt⸗ liche Rückbeförderung wünſchen, da dieſelbe bei aller Sicherheit doch ihre unangenehme Se und überdieß würden ſich unſere Bauern, da⸗ das Erntefeſt gefeiert wird, nicht um alle Schätze Indiens von dem Tanzboden auf die Straße locken laſſen. Sie thun darum wo b Sie heute hier im Dorfwirt Ar lange nicht von ſeinem Erſtaunen zurückkommen. Allle ſeine Dankbezeigungen lehnte Fritz mit den und mit dem guten ge Als ich den Bruder Studio wegen einſtiger Be⸗ 48 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. „Im Dorfwirthshauſe?“ fragte der Fremde kleinlaut.„Erfreut man ſich wohl dort einer hin⸗ länglichen Sicherheit?“ Fritz blickte neuerdings verwundert auf den Frager.„Seien Sie unbeſorgt. Sie haben, ſo viel ich in der Dämmerung bemerke, ein ehrliches Ge⸗ ſicht; der Wirth, Herr Martin, wird nicht nach den Papieren fragen.“ Der Fremde lächelte wieder in eigenthümli⸗ cher Weiſe.„Das iſt es nicht, was mich beſorgt macht,“ ſagte er,„ich fürchte nur, ich fürchte....“ Als er verlegen mitten im Satze ſtockte, fiel Fritz raſch ein:„Laſſen Sie es gut ſein, ich weiß ja, wo Sie der Schuh drückt.“ Bei dieſen Worten griff er in die Weſten⸗ taſche und drückte dann dem Fremden die Fünf⸗ guldennote, welche er vor wenig Minuten als guten Anfang zu den vier tauſend Gulden zu ſich geſteckt hatte, in die Hand. Nun war die Reihe ſich zu verwundern an dem Fremden. Er erhob ſich von ſeinem harten Sitze und während er vergeblich nach dem Haupte griff, um den Hut zu ziehen, fragte er in einem Tone, der eben ſo Staunen wie eine tiefe freudige Erregung verrieth:„Wer ſind Sie, mein Herr, daß Sie einem Unbekannten, der nicht eben in der vortheilhafteſten Weiſe Ihnen erſcheinen muß, ſo reichlich beſchenken? Oder kennen Sie mich, mein Herr?“ „Ich bin nur ein armer Maler und kenne Sie nicht. Doch kommen Sie jetzt mit mir in meine Wohnung im Dorfe, ich habe dort noch eine Mütze am Nagel hängen, die überflüſſiger Luxus für mich iſt, dagich, wie Sie ſehen, nur einen Kopf habe.“* Der Fremde konnte, während er folgte, noch Worten ab:„Ich habe nur eine alte Schuld bezahlt.“ „Eine alte Schuld, wie ſo?“ „Es iſt jetzt über ein Jahr,“ erzählte Fritz, „da war ich auf meinen Kreuz⸗ und Querzügen durch Deutſchlandenach und nach in einen nicht ganz ſalonfähigen Zuſtand gerathen. Daß derſelbe trüb⸗ ſelig genug war, können Sie daraus ſchließen, daß man mir nirgends mehr, wo ich anklopfte, aufthun wollte. So blieb ich eines ſchönen Tages im Schat⸗ ten eines Zaunes liegen und wäre wohl nimmer aufgeſtanden, wenn ſich nicht ein barmherziger Sa⸗ maritan Meiner erbarmt hätte.'s war nur ein wandernder Student, und was er mir reichte nur ein Schluck aus der Flaſche und ein Thaler aus der Taſche, aber daß ein wildfremder Menſch ſich eines wildfremden Menſchen, ohne erſt lang zu fragen, ſonder weiſe Lehr' und Ermahnung freund⸗ brüderlich annahm, das ſtärkte mich wunderbar; im Innerſten erfriſchk, gewann ich neuen Muth V Muthe iſt alles gewonnen. 4* zahlung um ſeine Adreſſe bat, erwiederte er, er gehöre zur Klaſſe der armen Teufel, und wenn ich einmal zu„Moos“ käme, möchte ich nur an einen ſolchen den„Pump“ ausfolgen.— Nun, mein werther Unbekannter, ich glaube meine Schuld an den rechten Mann ausgezahlt zu haben; laſſen Sie die paar Gulden bei Gelegenheit wieder einem an⸗ dern unſerer großen Sippe zukommen.“ Der Fremde drückte Herrn Fink ſchweigend die Hand. Er ſchien über etwas zu ſinnen; nach einigen Augenblicken ſtummen Einherſchreitens ſagte er:„Ich werde dieſe Stunde nie vergeſſen. Ich hätte nie geglaubt, je eines Almoſens zu bedürfen, doch der Zufall, der ſeit einigen Stunden ſein Spiel mit mir treibt, hat ſeine wunderlichen Launen. Werden Sie es glauben, daß ein kleiner Windſtoß mich von Neumarkt hieher verſetzt hat?“ Fritz rümpfte die Naſe; ihn ärgerte nichts ſo ſehr, als Windbeutelei, eine Eigenſchaft, die der Fremde in hohem Grade zu beſitzen ſchien. „Die Sache klingt ſonderbar,“ fuhr derſelbe fort,„und ſie iſt doch ganz natürlich. Nach dem Mittagsmahle machte ich eine kleine Verdauungs⸗ promenade auf die Anhöhe hinter Neumarkt. Als ich auf dem Gipfel angelangt bin und mich an der hübſchen Ausſicht erfreue, entführt mir plötzlich ein Windſtoß einen neuen Seidenhut und rollt ihn wie einen Ball den Abhang hinunter. Ich renne hinterdrein und ſehe bald zu meinem Aerger, daß auch ein Hund ſich das Privatvergnügen nicht ver⸗ ſagt, Jagd auf meinen tanzenden Cylinder zu ma⸗ chen. Der Hund gewinnt mir bald den Vorſprung ab, erfaßt meinen Hut und eilt damit, was er kann, dem nahen Walde zu. Ich ſtürze ihm in der Hitze der Verfolgung nach, doch je mehr ich rufe und drohe, deſto unaufhaltſamer rennt er durch Dick und Dünn über Stock und Stein. Als ich endlich athemlos die Verfolgung aufgebe, gewahre ich zu meinem Schrecken, daß ich nicht mehr weiß, wo ich ſei. Ich war in meinem Leben noch nie allein in einem Walde geweſen und drum, ich will es wohl geſtehen, verwirrte mich die Furcht immer mehr. Ich glaubte bei meinem Vordringen ſtets eine gerade Richtung zu verfolgen und kam ſchließ⸗ lich immer wieder auf früher betretene Plätze zurück. Meine Angſt ſteigerte ſich von Minute zu Minute; was ich am meiſten fürchtete, geſchah: ich wurde angefallen und beraubt.“ „Und mit wilden Thieren hatten Sie kein Abenteuer?“ warf Frit gleichgiltig dazwiſchen. „Ich ſchwöre Ihnen,“ entgegnete der Fremde etwas gekränkt,„daß ich die lautere Wahrheit rede. Ein unheimlicher Menſch verfolgte mich durch eine große Strecke des Waldes und ſchrie fortwährend: Geld her! Geld her! Als er mir endlich ganz nahe auf den Ferſen war, zog ich meine Börſe und ſtreute ihren Inhalt rings auf den Boden. Wäh— rend er die einzelnen Münzen zuſammenlas, gewann ich Zeit, ihm aus dem Geſichte zu kommen. Meine 4 — er, er enn ich einen mein uld an en Sie in an⸗ eigend nach ſagte Ich ürfen, Spiel aunen. indſtoß nichts die der t ver⸗ u ma⸗ ſprung das er in der rufe durch (ls ich wahre weiß, ſch nie h willl immer ſtets hließ⸗ surück. enute; wurde kein en. remde rede. eine rend: nahe und Wäh⸗ wandl Meine W. Ernſt: Bruder Luftikus und ſein Stern. 49 Liſt hatte mich gerettet. Mehr todt als lebendig gelange ich endlich aus dem Walde, aber ich ſchämte mich vor mir ſelber, als ich mich in mei⸗ ner vollſtändigen Deroute erblickte. Die Kleider zerfetzt und beſpritzt, die Glanzſtiefel geſprengt und den Hut, den Hut verloren! Ich wußte nicht, ſollte ich lachen oder weinen, als einige Kinder, die mit dürrem Holze aus dem Walde kamen, entſetzt vor mir die Flucht ergriffen, da ich ſie nach dem Wege fragen wollte. Nun begann von neuem eine Jagd, nur mit dem Unterſchiede, daß ich wieder zum Ver⸗ folger wurde; denn ich folgte den Kindern von der Ferne, um auf dieſe Weiſe doch zu menſchlichen Wohnungen zu gelangen. So bin ich endlich unter mancherlei Unfällen bis hieher gelangt, und zwar, wie ich ſagte, im Grunde doch nur durch einen Windſtoß.“ „In der That merkwikrdig!“ rief Fritz.„Man könnte eine zweite Odyſſee darüber ſchreiben und ich würde darin ganz die Rolle der Nauſikaa ſpie⸗ len. Doch da ſind wir bei meiner Wohnung.“ Die Beiden hielten vor einem beſcheidenen Häuschen und traten durch einen engen Hausflur in Fink'’ Stübchen, durch deſſen zwei grünum⸗ rankte Fenſter die Sonne ihre letzten Strahlen warf. Hannchen's Bild an der Wand gegenüber erglänzte ſo freundlich in denſelben, als lächelte das Wirthstöchterlein in eigener Perſon in Sonntags⸗ ſtimmung aus dem Rahmen. Bereits erſcholl das zweite Trompetenſignal. Fritz verſah den Fremden ſchnell mit einer Kopf⸗ bedeckung und nachdem er ihm noch den vielbetre⸗ tenen Weg zum„Gerichte“ gezeigt hatte, eilte er haſtig den Weg zurück, den er eben gekommen war. Das Birkengebüſch auf dem Hügel ſollte Herrn Fink neuerdings eine intereſſante Ueberraſchung be⸗ reiten. Als er nämlich jetzt zum zweitenmale leichten Fußes auf dem ſchmalen Pfade die Anhöhe erklomm, holte er ein Pärchen, das gleichfalls dem Niederdorfe zueilen mochte, auf eine ſolche Diſtanz ein, daß er deutlich das Geſpräch desſelben vernehmen konnte. Es verhält ſich mit dem Horchen wie mit der Lektür frivoler Bücher; ertappt man Andere dabei, Jo ffühlt man ſich moraliſch entrüſtet, wird uns aber belbſt ungeſucht dazu Gelegenheit, ſo ſind die Bedenk⸗ richkeiten geringer. Fritz, der an den Stimmen alſo⸗ dileich ſeinen Nebenbuhler Chriſtof und Röſe, Aine arme Waiſe, die als Magd diente, erkannt hatte, impfte ſeine Schritte nach Möglichkeit, um nichts zu g6 ſerhören und nicht bemerkt zu werden. Er hatte ſch igſt ein zartes Geheimniß zwiſchen Chriſtof er d R öſe vermuthet; jetzt hoffte er es zu ergründen. iem Nebenbuhler gegenüber macht man ſich nicht cen eicht ein Gewiſſen.— Röſe weinte und ſchluchzte.„Ja, ja,“ klagte ſie, kann Alles, was Du mir verſprochen haſt, in den chfang ſchreiben.“ „So ſei doch bei Troſte, Röſe,“ erwiederte iſtof.„Die Hanne mag mich am Ende gar Erinnerungen. 1859. nicht, denn die hat ſicher den hergelaufenen Luftikus im Kopfe. Ich kann keck ſo thun, als ob ich ſie wollte!“ „Ja aber wenn Du ſo thuſt und ſie ſo thut, ſo thut's nicht gut; Chriſtof, mein Leben, wenn Du eine Andere nimmſt, ſo kannſt Du keck für mich den Todtengräber beſtellen.“ „Na, na, Röſe, mach's nicht ſo ängſtlich. Wenn nur Dein Vetter, der Mittelbauer, was für Dich thöte. Der Geizkragen, er hat doch ſelber keine Kinder. Höre, Röſe, unter tauſend Gulden geht's einmal nicht, die verlangt der Vater partu.“ „Ach Gott,“ ſchluchzte Röſe,„ich habe nichts als zwei Fäſſer Flachs und eine Webe Leinwand.“ Während der Pauſe, die zetzt entſtand, hatte Fritz Zeit auf Mittel zu ſinnen, wie er dem armen Mädchen helfen und zugleich einen Nebenbuhler los werden könnte.„Tauſend Gulden? Bagatelle! Sobald ich das Bergwerk habe, ſollen ſie glücklich werden.“ Er verlor ſich jetzt ernſtlich in Gedanken, bei wem er die 4000 Gulden für einige Stunden ent⸗ lehnen könnte. Es gab außer Herrn Martin nur noch drei reiche Leute im Dorfe, und das waren der Groß⸗, Mittel⸗ und Unterbauer. Mit allen dreien hatte er beim Weine freundfchaftlich verkehrt, alle drei hatte er porträtirt, alle drei hatten zu wiederholten Malen geäußert, daß ſie„große Stücke auf ihn hiel⸗ ten.“ Es konnte nicht fehlen, einer oder der andere mußte ihm dieſe kleine Gefälligkeit erweiſen. Die Klänge eines Marſches, die vom nahen Niederdorfe herauftönten, beflügelten ſeine Schritte wie die des veraneilenden Paares. Nach wenigen Mi⸗ nuten hatten die Verſpäteten den Zug erreicht, der paarweis geordnet unter lautem Jauchzen ſich nach dem„Gerichte“ in Bewegung ſetzte. Vergebens ſah ſich Fritz nach Hannchen um; ſie war zu Hauſe geblieben und ſo hatte er ſeinen doppelten Weg um⸗ ſonſt gemacht und eine koſtbare Stunde Zeit für das große Werk dieſes Abends verloren. Der Fremde war mittlerweile im„Gerichte“ eingekehrt und erlabte ſich mit ſichtlichem Appetite an einem frugalen Imbiß. Dieſe Beſchäftigung nahm ihn ſo in Anſpruch, daß er nur geringe Aufmerkſam⸗ keit für die Bauern übrig hatte, die ſich nach und nach um die langen Tiſche längs der Wände ihr Plätzchen ſuchten. Auch unter den Bauern gibt es eine Ariſto⸗ kratie, die freilich nicht nach Ahnen, ſondern nach Jochen gemeſſen wird. Herr Martin ſenkte ſeine grüne Sammtkappe vor einem eintretenden Gaſte immer um ſo tiefer, über je mehr Ochſen der letz⸗ tere verfügen konnte. Als nun das ſtattliche Klee⸗ blatt: der Groß⸗, Mittel⸗ und Unterbauer in die Wirthsſtube trat, da hätte man das Käppchen ſehen ſollen, wie es in der Luft zu tanzen verſtand. „Schön willkommen, meine Herren! Freut mich, daß Sie ſo frei ſind, mich zu beehren. Weg dort, Ihr kleinen Lümmel, vom Ehrentiſch, macht Platz für die Großen!“ Nachdem ſie der Wirth auf diefe Weiſe bis zu ihren Sitzen komplimentirt . 7 50 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. hatte und die hohen Gäſte von Hannchen flink mit allem Gewünſchten bedient waren, legte Herr Martin nach dem würdevollen Eingangsceremo⸗ niell ſein Geſicht in gemüthlichere Falten. „Hm, meine Herren, hm, hat Sie nicht unſer Bruder Luftikus dieſen Abend in gewiſſen Angele⸗ genheiten angeſprochen?“ Alle drei verneinten es. „Nun, das iſt mir lieb, daß ich dem Spring⸗ insfeld noch zuvor komme. Es handelt ſich um einen Hauptſpaß für den heutigen Abend.“ „Er braucht gewiß wieder Geld, der Lufti⸗ kus?“ fragte der Unterbauer zwiſchen den Zähnen, da er ſich eben die Pfeife anzündete. „ freilich,“ ſchmunzelte der Wirth,„doch nur ein paar tauſend Gulden.“ „Nur?“ bemerkte der Mittelbauer.„Da wer⸗ den wir einmal dem Maler'was malen.“ „Gut gegeben!“ lachte Herr Martin laut auf.„Es handelt ſich nämlich um eine Wette. Ich habe dem Naſeweis, der immer ſo thut, als wäre Geld nur Spreu und als könnte er Dukaten wie die Pflaumen von den Bäumen ſchütteln, mein Kohlenbergwerk zum Präſente verſprochen, wenn er mir bis Mitternacht vier tauſend Gulden aufwei⸗ ſen kann. Nun frage ich, gibt es hier unter uns einen ſolchen Narren, der ſo viel Geld ohne alle und jede Hypothek möglicher Weiſe auf's Spiel ſetzen wollte?“ Ein allgemeines Schütteln der Köpfe und die nachdrücklichen Kernworte, die ſich zu einem einſtim⸗ migen„Nein“ reſumiren ließen, gewährten Herrn Martin vollkommene Beruhigung. Er rieb ſich ver⸗ gnüglich die Hände und ſagte:„Das wird einen königlichen Jux geben, wenn wir den Luftikus von dem Einen zu dem Andern geheimnißvoll werden ſchleichen ſehen. Sein Geſicht muß zuletzt ſo lang werden, daß er es auf einer Webe Leinwand von 72 Ellen nicht mehr porträtiren könnte.— Blitz, da habe ich noch einen Einfall. Es bleibt ausge⸗ macht, daß ihm Niemand ſo viel borgt, als man vom Finger bläſt. Um ihm nun ſo recht zu zeigen, wie viel Kredit er habe, verſprechen wir ihm Alle, zwei tauſend Gulden zu ſchenken, wenn ihm heute noch Jemand die andern zwei tauſend leiht. Das kann er nicht übel nehmen und er muß ſich doch darüber ärgern, daß er alle Farben ſeines Farben⸗ kaſtens ſpielen wird.“ Der Vorſchlag fand lärmenden Beifall. Hann⸗ ſchen hatte von alledem nichts gehört, da ſie bald nach dem Eintritte der drei Primatoren ſich ent⸗ fernt hatte, um dem Zuge, bei welchem ſie ihren Fritz vermuthete, entgegenzueilen. Als nun endlich Wurzingens Jugend mit ſchallender Muſik in die Stube einzog, da fingen die Fenſter zu zittern und die Tiſche zu beben an. Fritz eröffnete mit der Wirthstochter den Reigen. Auf der kurzen Strecke, die ſie mit einander gegan⸗ gen waren, mußten ſie ſich wohl recht innig ver⸗ ſtändigt haben, denn ſie blickten ſich, während ſie eng aneinandergeſchmiegt, durch die Stube flogen, ſo voll Seligkeit in die Augen, als— wäre es der Brauttanz. Wer am wenigſten Behagen an dem geſteiger⸗ ten Tumulte zu finden ſchien, das war der fremde Gaſt. Er rief den Wirth und beſtellte ein Zimmer. Herr Martin machte große Augen und indem er ſeine Blicke auf die vielen Löcher im Gewande des Fremden richtete, ſchien er in wohlweiſes Bedenken zu gerathen, ob er einem ſolchen verwahrloſten Ge⸗ ſellen, ohne unliebſame Folgen zu befürchten, den Vorzug eines wohlbeſtellten Bettes angedeihen laſſen könne.„Sie werden wohl,“ dehnte er,„mit einer Schütte Stroh in der Scheuer vorlieb nehmen müſſen, denn alle meine Kammern ſind anderwei⸗ tig beſetzt.“ „Ich ſoll auf Stroh in die Scheuer?“ rief der Gaſt entſetzt.„Iſt denn nirgends hier im Hauſe ein Plätzchen, wo ich ein paar Stunden mich hinſtrecken könnte?“ „Nun da iſt hier gleich nebenan ein Stübchen; aber Sie werden dort etwas geſtört ſein. Doch ſehen Sie ſich's an.“ Der Fremde folgte dem Wirthe in ein kleines Kämmerchen, das mit der Stube durch eine Thür zuſammenhing. Vorſichtig, faſt ängſtlich, ſah er ſich hier überall um und muſterte bald die Fenſter, bald den Fußboden. Dann trat er zu der Seitenwand, durch welche eine mit zwei Gitterſtäben verſehene Oeffnung in eine Kammer nebenan Einblick bot. „Wozu ſoll das?“ fragte er den Wirth arg⸗ wöhniſch, indem er den kleinen Vorhang, der die Lucke bedeckt, lüftete. „Das iſt nun einmal ſo. Wenn Ihm unſere Architektur nicht recht iſt, ſo....“ Brummend ließ er den Gaſt allein, der ſich, nachdem er aus einem Stuhle früher ein Bein ge⸗ brochen, mit dieſer Waffe hinter einem Tiſche auf eine Bank ſich ſtreckte.— Als Fritz inzwiſchen ſeinen Rundtanz mit Hannchen beendet hatte, trat er an den Ehren⸗ tiſch und bezeigte ſich gegen die Honoratioren des Dorfes, die ſich wechſelſeittg mit dem Elbogen an⸗ ſtießen, außerordentlich freundlich. mit Jedem einige muntere Worte gewechſelt, klopfte er vertraulich dem Großbauer auf die Schulter und bat ihn, auf ein Wort unter vier Augen mit ihm in's Kämmerchen daneben zu treten. Mit Müh' unterdrückte man das Lachen, als man die Beiden Arm in Arm ſich entfernen ſah. Zu gleicher Zeit verſchwand auch Herr Martin. Es währte nicht lange, ſo kehrte Fritz mit dem Großbauer wieder zurück. Letzterer blinzelte ſeinen Tiſchnachbarn zu, als wollte er ſagen:„es iſt gekommen wie wir dachten.“ Darauf nahm Fritz den Mittelbauer auf's Korn und als dieſer aus dem Kämmerchen zurück⸗ Nachdem er faſt — kam, Frit wat argl ulſie viß unſer Fir wirk noch — d ſie ogen, der iger⸗ emde amer. im er e des denken 1 Ge⸗ den laſſen einer hmen rwei⸗ ej der ſe ein recken bchen; Doch leines Thür r ſich bald wand, ſehene ot. axg⸗ r die unſere ſich, n ge⸗ e auf 3 mit Chren⸗ en des en al⸗- er faſt klote er und it üm Müh⸗ Beden r heit mit ügelte .„es aufs rück⸗ W. Ernſt: Bruder Luftikus und ſein Stern. 51 kam, erhob ſich der Unterbauer unaufgefordert, um Fritz dahin zu begleiten. „Es kann uns doch hier Niemand belauſchen?“ war die erſte Frage des dürren Männchens, das argwöhniſch in der Kammer umherſchielte. „Es iſt hier keine Seele, als der Fremde,“ be⸗ ruhigte Fritz,„und der ſchläft vor Müdigkeit ge⸗ wiß ſo feſt, daß ihn ſelbſt die türkiſche Trommel unſerer Muſik nicht ſtört.“ „Gut, gut.— Sagen Sie mir jetzt, Herr Fink, haben Ihnen der Ober⸗ und Mittelbauer wirklich 2000 Gulden verſprochen, wenn Sie heute noch irgendwo 2000 Gulden auftreiben?“ „Ja ſo iſt es; wie wiſſen Sie es?“ „Herr Fink, man macht, mit Verlaub, einen Narren aus Ihnen. Merken Sie denn nicht, daß Alles ſo verabredet iſt? Aber Sie können ſich rä⸗ chen und die Spötter alle in Schaden bringen.“ „Ich ſehe nicht, ein, auf welche Weiſe.“ „O ſehr leicht. Verſprechen Sie mir die Hälfte von dem Gelde, wie vom Kohlenwerke, und ich borge Ihnen binnen einer Stunde die gewünſchten vier⸗ tauſend Gulden. Man wird zwar anfangs nicht zahlen wollen, aber ich ſage ihnen, wir laſſen es auf einen Prozeß ankommen und wir werden ſehen, wer gewinnt.“ Wenn Fritz nicht wußte, was er auf dieſen Antrag antworten ſollte, ſo ward er raſch aus der Verlegenheit gezogen, denn aus der obenerwähnten Lucke der Seitenwand ertönte ein furchtbares Zeter⸗ mordio des Wirthes:„Ein Dieb, ein Betrüger! Haltet ihn feſt! zu Hilfe! zu Hilfe!“ Nun entſtand auf einmal eine a. Verwirrung in allen Räumen der Stube und der beiden Kammern. Die Muſik erſtickte kreiſchend, die Mädchen flüchteten ſich ängſtlich in die Winkel und Männer und Burſchen liefen wirr durch einan⸗ der, da ſie nicht wußten, wen ſie zu packen hätten. Ein Theil drang in das Kämmerchen des Fremden, der erſchreckt emporgeſprungen war und mit dem Stuhlbeine fortwährend die Figur einer 8 in der Luft beſchrieb. Sein verdächtiges Aeußere und dazu dieſe defenſive Haltung machten raſch den Gedanken rege, daß er der Schuldige ſei, gegen den Herr Martin ihre Hilfe aufgerufen habe. Der Unter⸗ bauer ſtimmte aus Leibeskräften mit in den Hilfe⸗ ruf ein und rettete ſich durch dieſen Kunſtgriff aus dem Getümmel, das um den Fremden immer dichter und dichter wurde. Ein anderer Theil war in die zweite Kammer geſtürzt, wo der Wirth— ach in welch tragikomi⸗ ſchem Zuſtande! hing, in allem Ernſte hing, denn er hatte, um Fink's Geſpräch mit den Bauern zu belauſchen, ſeinen Kopf immer weiter durch die Eiſen⸗ ſtäbe der Lucke geſteckt und als er denſelben raſch zurückziehen wollte, es nicht mehr vermocht. Je mehr er ſich mühte loszukommen, deſto enger ſchie⸗ nen ſich nur die Stäbe zu ſchließen. Er zappelte und flatterte, wie eine Amſel im Sprenkel, und 7,— rdre, * ſtöhnte, ſchimpfte, wimmerte und kommandirte bunt durcheinander. Da änderte plötzlich ein einziges Zauberwort die ganze tolle Szene; ein Bergknappe, der in die⸗ ſem Augenblicke vom Schachte her anlangte, rief mit einer den chaotiſchen Lärm übertönenden Sten⸗ torſtimme:„Kohlen!“ Als der Wirth dieß Wort vernahm, achtete er nicht weiter ſeiner Ohren und raſch war der Kopf aus den Stangen. Faſt ebenſo ſchnell war das Mißverſtändniß mit dem Fremden aufgelöſt und ſtatt des Streites ein allgemeiner Jubel eingetreten. Mit klingendem Spiele zogen die geſammten Gäſte nach dem Schachte, wohin der Wirth mit judendlicher Schnelligkeit vorausgeeilt war. Eine herrliche Mond⸗ nacht begünſtigte die improviſirte Feier. Fritz wollte ſich eben als der einzige Trau⸗ rige dem jauchzenden Zuge anſchließen, als ihn der Fremde freundlich bei der Hand faßte und zurückzog. „Sie ſind alſo der Bruder Luftikus, der mit dem Wirthe die ſeltſame Wette gemacht hat?“ fragte er drängend. „Ja, ich habe die Ehre,“ antwortete Fritz, indem er ſich loszuwinden ſuchte. „Ei, das trifft ſich herrlich, daß ich Ihnen noch heute einigermaßen die Freundlichkeit vergelten kann, die Sie wiederholt gegen mich bezeigt haben, da Sie faſt alle ſechs oder ſieben leiblichen Werke der Barm⸗ herzigkeit an mir übten. Wollen Sie mir die Ge⸗ fälligkeit erweiſen Lrlauſeed. Gulden auf beliebige Zeit von nle auzunehmen?“ un glaubte Fritz in allem Ernſte, er habe es mit einem Tollhäusler zu thun.„Wollen Sie mich zum Beſten haben? Ich bin eben nicht in der Laune, Spaß zu verſtehen,“ fuhr er barſch auf.„Wie konnten Sie von mir meine letzten fünf Gulden an⸗ nehmen, wenn Sie Tauſende bei ſich tragen?“ „Ihre letzten fünf Gulden? Laſſen Sie ſich⸗ umarmen, Freund! Ein ſolches Herz ſchlug noch nie an meiner Bruſt.“ Bei der ungeſtümen Umarmung fühlte Fritz den ungewohnten Druck einer gefüllten Brieftaſche in der Bruſttaſche des Fremden, und er hätte gleich⸗ falls ausrufen können:„Ein ſolcher Freund ruhte noch nie an meiner Bruſt!“ Als der Fremde hierauf ſein Portefeuille öff⸗ nete und aus den Papieren desſelben einige Tau⸗ ſendguldennoten hervorzog, da ſtammelte Fritz ver⸗ legen:„Sagen Sie mir doch um alles in der Welt, ob ich unbewußt einen mächtigen Rauſch habe, in dem ich Dinge ſehe, die nicht exiſtiren?“ Dem Frenden ſchien Finks Ueberraſchung herzliche Freude zu machen.„Wie viel Stück ſehen Sie?“ fragte er lächelnd, indem er die Noten ihm vor die Augen hielt. „Vier Stück,“ antwortete Fritz mit komiſchem Ernſte. „Ganz richtig; der Beweis iſt hergeſtellt, Sie ſehen noch nicht doppelt. Ich bitte nur zuzugreifen.“ 7½ 52 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Fritz that es zögernd, indem er nicht ohne einigen Argwohn fragte:„Wer ſind Sie, mein Herr, daß Sie über ſolche Summen verfügen können?“ „Ich heiße Stern, bin ein bemittelter Pri⸗ vatier und Kommerzienrath aus der Reſidenz und reiſe gegenwärtig zu meinem Vergnügen.“ „Aber, Herr Stern, Sie ſagten doch vor einigen Stunden, Sie wären ohne Geld und nah⸗ men mit ſichtlicher Freude eine Kleinigkeit von mir an, die bei dem Inhalte Ihrer Brieftaſche ganz verſchwindet?“ „Ich erzählte Ihnen doch auch, lieber Freund, daß ich durch einen räuberiſchen Anfall um meine Börſe gekommen ſei. Dieſer unangenehme Vorfall hatte mich nun in ſolche Furcht verſetzt, daß ich überall Räuber und Mörder witterte. Zudem wa⸗ ren mir die Dorf⸗ und Waldwirthshäuſer aus mei⸗ ner Romanlektüre von zu unheimlicher Seite bekannt geworden, als daß ich es hätte wagen können, durch das Vorzeigen eines werthvolleren Papiers böſe Gelüſte rege zu machen. Doch wir verſchwatzen da die koſtbare Zeit; bedenken Sie, daß Sie mit dem Schlage der zwölften Stunde Ihre Wette verlieren und darum laſſen Sie uns eilen.“ Fritz folgte Herrn Stern wie im Traume. Hatte er doch bereits alle Hoffnung aufgegeben und ſich über ſeinen Leichtſinn in dieſer Angelegenheit, bei welcher ſelbſt Hannchen's Beſitz auf dem Spiele ſtand, die bitterſten Vorwürfe gemacht— und jetzt war auf einanar ae e ſeinem Glücke gewendet. Das Erſte, was er that, wer daß er Hannchen mit einem lauten Freudenſchrei um den Hals fiel, denn ſie war von dem Vater zurück⸗ beordert worden, um einige Fäſſer Wein nach dem nahen Schachte verfrachten zu laſſen. Er ließ es ſich von ſeinem ſchnellgewonnenen Freunde, der fortwährend zur Eile drängte, nicht wehren, ihr dabei behilflich zu ſein. Es dauerte nicht lange, ſo fuhren alle drei auf dem weinbeladenen Wagen im Triumphe dem Kohlenwerke zu. Daſelbſt entfaltete ſich ein vielbewegtes Bild vor ihren Augen. In bunten Gruppen zertheilt trieben ſich die neugierigen Dorfbewohner um den Schacht; die Alten berechneten den„unbändigen“ Gewinn der künftigen Ausbeute und beneideten den überglücklichen Herrn Martin, das junge Volk aber tummelte ſich bereits wieder nach dem Takte der unermüdlichen Muſik. Die Dorfjungen hatten ein Feuer angemacht und unabſichtlich damit den künſtleriſchen Effekt einer doppelten Beleuchtung er⸗ zielt, da der Mond in ruhiger Klarheit über der lebendigen Szene ſtand. Der Wagen mit den Fäſſern wurde mit Hal⸗ loh begrüßt. Als Fritz von demſelben ſprang, er⸗ tönte ein allgemeines Gelächter, in das ſelbſt Herr Martin aus voller Bruſt mit einſtimmte. Er hatte ſich bereits mit eigenen Augen in der Tiefe des Schachtes von der Mächtigkeit des aufgefun⸗ denen Lagers überzeugt; ſeine Freude kannte keine 9 3 Grenzen, ſelbſt ſein arg ſchmerzte ihn nicht mehr. „Guten Abend, Bruder Luftikus!“ rief er in ausgelaſſener Laune.„Sie kommen gewiß, um Abſchied zu nehmen, denn in einer Stunde müſſen Sie ja Ihr Bündel ſchnallen. Nun, nun, Sie haben ja ein hübſches Reiſegeld, denn ich habe mit eigenen Ohren durch die Lucke gehört, daß Ihnen der Großbauer und der Mittelbauer zwei tauſend Gulden ſchenken wollen. Ich gratulire, Bruder Luftikus.“ „Euere Zeugenſchaft bei dieſem Verſprechen,“ entgegnete Fritz gelaſſen,„kommt mir ganz gelegen, Herr Martin. Da auch mein Freund, Herr Ste rn, Kommerzienrath aus der Reſidenz, in der Lage iſt, mir dieſelbe zu leiſten, ſo werden wohl die beiden ge⸗ nannten Herren Groß⸗ und Mittelbauer nicht erſt Umſtände und Ausflüchte machen, mir die betreffende Summe auszuzahlen. Hier zeige ich im Angeſichte Aller die erforderlichen viertauſend Gulden und erkläre zugleich dieſes Kohlenbergwerk für mein Eigenthum.“ Herr Martin und die beiden Bauern wa⸗ ren wie vom Schlage getroffen. Sie konnten an— fangs kein Wort vor Schrecken hervorbringen, als ſie aber zu gleicher Zeit wieder die Sprache gewan⸗ nen, übertäubten ſie ſich gegenſeitig mit ihren Pro⸗ teſtationen. Nun trat der Fremde hervor und mit jener zu⸗ verſichtlichen Weiſe, welche die Paragrafen des Ge⸗ ſetzss als Hilfstruppen ins Feld führt, ſchüchterte er durch die Androhung eines Prozeſſes alle drei der Art ein, daß ſie ſich, wenn auch grollend, willfährig dren,, Nerſprechen zu erfüllen.„Das iſt die ge⸗ rechte Strafe,“ ſchloß er mit einem Pathos, deſſen ſonorer Ausdruck in den tiefern Tönen durch einen in der Nachtluft ſchnell entſtandenen Schnupfen viel gewann,„das iſt die gerechte Strafe dafür, daß Ihr bei Eurem Stolze auf Eure ſtrotzenden Geldſäcke ein leichtfertig Spiel mit einem Manne zu treiben wagtet, der an Geiſt und Herz, an Bildung und Edelſinn ſo weit über Euch ſchwebt, wie, wie....“ „Wie ein Luftballon über einem Fuhrwagen,“ ſupplirte Fritz mit Geiſtesgegenwart den ſtockenden Redner. Und zu den beiden Bauern ſich wendend fuhr er fort:„Um nun meinen geehrten Vorredner in Betreff des gerühmten Edelſinnes nicht Lügen zu ſtrafen, fühle ich mich zu folgender Erklärung veranlaßt: Ich übertrage hiemit die mir gebüh⸗ renden 4000 Gulden zu Gunſten der Röſe, deren Augen ſo neugierig hieher gerichtet ſind. So trägt nicht nur ihr lieber Vetter, der Mittelbauer, ſon⸗ dern auch ihr künftiger Schwiegervater, der Groß⸗ bauer— Du brauchſt Dich nicht zu verſtecken, Chri⸗ ſtof— zu dem anſehnlichen Heiratsgute bei, deſ⸗ ſen Mangel ſo lange zwei liebende Herzen getrennt hielt. Und nun, Herr Martin, noch ein Wort an Euch.“ „Schon gut, Herr Fink,“ unterbrach ihn dieſer,„ich weiß ja im voraus, was Sie wollen. hergenommenes Haupt ————,· hi — 8 Haupt ief er in iß, um. emüſſen in, Sie zabe mit 5 Ihnen tauſend Bruder prechen,“ gelegen, iiht erſt treffende ngeſichte eerkläre nthum“ ern wa⸗ ten an⸗ gen, als gewan⸗ en Pro⸗ ner zu⸗ es Ge⸗ terte er rei der lfährig die ge⸗ deſſen einen en viel aß Ihr eldſäcke treiben reduer Lügen lärung gebüh⸗ deren trägt fer Groß⸗ Chri⸗ „di⸗ trennt Wort ihn ollen. Humoriſtiſches. 53 Ihr Stern ging Ihnen in der That zur rechten Zeit auf. Hier meine Hand, Herr Bergwerksbeſitzer! Sie haben in dieſem Momente aufgehört, ein Ritter von Habenichts zu ſein und darum darf Ihnen jetzt— komm' her Hannchen— neben Ihrem Sterne auch noch das Sternbild der Jungfrau aufgehen!“ Die allgemeine Aufmerkſamkeit erhielt plötzlich wieder eine neue Richtung, da der Fremde auf einen Flurſchützen, der von dem Feuer angelockt eben herbeigekommen war, ſich mit aller Heftigkeit ſtürzte, indem er ausrief:„Das iſt der Dieb, der Räuber, der mich verfolgt hat!“ „Sind Sie auch da?“ entgegnete der Flur⸗ ſchütz gelaſſen.„Das iſt mir lieb, denn ſo werde ich endlich den Hut los, den Ihnen ohne Zweifel mein Hund davongetragen hat. Mit dieſem Hute lief ich Ihnen durch den ganzen Wald nach, ohne Sie einzuholen.“). 9₰ „Aber, was ſchrieen Sie denn fortwährend?“ „Gelt, Herr, das iſt Euer Hut! ſchrie ich. Und hier iſt auch das Geld, welches Sie verloren haben.“ Herr Stern machte ein langes Geſicht, als verdröße ihn faſt die unromantiſche Löſung.„Son⸗ derbar, höchſt ſonderbar!“ rief er.„Wenn Jemand dieß Alles beſchreiben wollte, ich meine, er fände keinen Glauben.“ Alt und Neu. u und Neu— das ſind zwei Dinge, — Die ich jetzt mit Fleiß beſinge, Weil das Jahr bei ſeinem Schluß Dieſes Thema bringen muß. „Alt und Neu ſind Gegenſüätze“, Sage ich, der Schuſter Schwätze; Neuer Durſt und alter Wein Können doch beiſammen ſein. Alt und Neu ſind zwar Extreme, Doch hat, wenn ich recht vernehme, Alte Schulden, neues Geld Der und Jener auf der Welt. Alt und Neu ſind ſehr verſchieden, Doch ſie leben oft im Frieden; So ſteh'n auf der Prager Bruck Alt' und neue Meiſteſſtuck. Alt und Neu, das kann ich ſagen, Thun ſich oft auch nicht vertragen; Alte Handſchrift, neuer Streit Machen große Zwiſtigkeit. Altes Uebel, neue Schmerzen; Manchem geht es ſehr zu Herzen, Daß er wegen Jahresſchluß Seine Rechnung zahlen muß. Alt' Quartier und neues Steigern; Ha! wer will es wohl verweigern, Daß dieß mancher Miethpartei Ein'germaßen unlieb ſei? Alte Sitte, alte Tugend Kennt nicht mehr die neue Jugend; Lernen will ſie gar nichts mehr, Iſt viel lieber Kritiker. Alte Reifröck ſind Maſchinen Wie die neuen Krinolinen; Ahltes Eiſen, neuer Putz, Sind vereint zu Schutz und Trutz. Alte Waare, neu' Reklamen Halten brüderlich zuſammen, Wie man wohl in manchem Blatt G'legenheit zu ſehen hat. Doch verſtumme, meine Ode! Poeſei iſt alte Mode; Ungereimtes will man nur Von der neuen Lit'ratur. N 2₰—— Räthſel. Er iſt ein Zeichen von der Zeit, Wir werden nie von ihm befreit. In China und der Mongolei Da treibet er ſein Weſen frei. Er ſitzet mit im Sitzungsſaal; Der Michel hat ihn allzumal. Jurisprudenz und Medizin— Die hatten ihn, die haben ihn! —— — — ¾—/8—— 54 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätte r für Ernſt und Humor. Illuſtrationen zu deutſchen Dichtern. 9 Thn 177 fuhr um's Mor D XN = MN‿Od X? W ſ — ' N Richt Euch!— Himmelsdunner.... aber, mgeene Herren, wozu ſein denn die Steene da?! M 5 „ W W ſ WW M 1 5 genroth. J A S M WW — ⏑‿-—õ=— 6= Humoriſtiſches. 55 Die Naſe. Sinnſprüche von Ovidius Naso. Kriegſt Du eine rothe Naſe, Ei, dann meide Bier und Wein; Kriegſt Du kurzweg eine Naſe Wird ein Gläschen Troſt verleih'n. Haſt Du eine feine Naſe, Merke auf des Windes Weh'n, Und Du wirſt mit langer Naſe Niemals Deines Weges geh'n. Trage nicht zu hoch die Naſe, Denn ſonſt ſtöß'ſt Du manchmal an; Laß Dich lieber an der Naſe Ruhig führen dann und wann. Geh'ſt Du g'rade nur der Naſe 5 Nach, ſo ſiehſt Du nicht um's Eck; Aber ſteck' auch Deine Naſe Nicht ſo leicht in jeden Topf. Willſt du heutzutag beſtehen, Sei, wo's paßt, recht naſeweis, Barnum ſagt:„Nur Naſen drehen! Dieſe Kunſt hat jetzt den Preis.“ Aus Horaz. (ib. V. 1.) Komm, dem Meerſchaum reizend entſprung'ne Göttin, Der ich lang kein Opfer entzündet,— denn es Brannte blattumgürteten Nymphen meine Fidibusflamma. Wieder weiht mein Mund ſich zu deinem Dienſte, Sei gegrüßt, ſchon naheſt du meinen Lippen, Duftig wallt rings Silbergewölk von Porto- Rico-Canaster. Moderniſirteg Fauſt. Gretchen. Fauſt. Gretchen. Verſprich mir, Heinrich! Wgs ich kchgon. 3 So ſagk ciir doch ein Wort von Hei⸗ 5. rat ſchon; Du biſt ein herzlich guter Mann, Allein ich glaub', Du hältſt nicht viel davon. Fauſt. Laß das, mein Kind! Du fühlſt, ich bin Dir gut; Für meine Lieben laß ich Gut und Blut, Doch will ich Niemand ſeine Freiheit rauben. ;— Gaudeamus igitur, juvenes! Dumm sumus! „Kellner, zahlen!“ rief der Student, da ließ er ſeine Zeche ankreiden. „Es geht doch nichts über's Waſſer,“ ſagte der Wirth, als er es kannenweis in den Wein goß. „Aller guten Dinge ſind drei,“ meinte Qui⸗ dam; da hatte er aber noch nicht ſeine dritte Frau. „Geben iſt ſeliger, denn nehmen,“ dachte Hans, als es an's Prügeln ging. „Ehrlich währt am längſten,“ ſagte der Gefangene, als er eine Gelegenheit zur Flucht aus⸗ ſchlug.. „Schlaft heute etwas ſchneller,“ ſagte d Bauer zu ſeinen Mägden,„denn morgen geh früher an die Arbeit.“ Die Sylveſternacht iſt ein Feſt der Erinne⸗ rung und Hoffnung. Die Erinnerung iſt kurzſich⸗ tig, denn ſie ſieht das Nächſte am beſten, die Hoff⸗ nung aber weitſichtig, denn ſie richtet ihre Blicke immer in die Ferne. Beide bedürfen alſo der Glä⸗ ſer. Kein Wunder darum, wenn in der Sylveſter⸗ nacht die Gläſer an der Tagesordnung ſind. Janus, der Gott mit dem doppelten Ge⸗ ſichte, iſt der Patron der Jahreswechſels. Ihm zu Ehren ſieht Alles in der Sylveſternacht doppelt. Gar Mancher würde ſich Glück wünſchen, wenn ihm Niemand zum neuen Jahr Glück wünſchte. „Ich weiß nicht, was ſoll es bedeuten, Daß ich ſo traurig bin;. Ein Mädchen aus alten Zeiten, Das geht mir nicht aus dem Sinn.“ Ein Verehrer der Dejazet. Wie ein altes Sprichwort ſpricht, Roſtet alte Liebe nicht; Dpch das ſoll ja nur beweiſen, Keine Treue ſei ein Eiſen. 1—,. — „Eine krxe Spanne Zeit . Iſt uns zugemeſſen.“ 5„f =e c Mo re le ndt. — 7. hennA,— 5 „Ihr Ma a 2 en Au Schiller im„Wilhelm Te leüber 1 ddie neueren Bühnenprodukte. Ter*gh.“ iner Frau, Die junggermaniſchen Schüler. zu ing 56 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. . Aus dem Schulmeiſterleben. 2l — Wart, Du Schlingel, ich will Dir Dein Spätkommen anſtreichen! Wo ſteckteſt Du wieder Thunichtgut? Na, ich will Dir zeigen! Laß 8 ſej H 4 28 4 it d!1 3— 3 9 riff 1 oj e Laß es gut ſein, ſinmelsdunner.... abel⸗ Kind 1 Ich habe mich nur vergriffen, ich meinte de Raus mit Dir, Du zeigen! 19.2e 8 ——————— 8 einmal, Du Feuilleton. Zum Jahreswechſel. 1859!— Schon ſeit Monden haben uns Kalender und andere Bücher an den Anblick dieſer Zahl gewöhnt, die uns jetzt erſt im ſchriftlichen Verkehr federgerecht werden poll. Wohl Jeder, wenn er zum erſtenmal die neue Jahreszahl niederſchreibt, hält dabei einen Augen⸗ blick in Gedanken inne, als wollte er das Schickſal fragen, von welcher Bedeutung, ob Niete oder Gewinn, dieſe neue Nummer im. Hazardſpiele des Lebens ihm ſein werde. Zwiſchen zwei Zahlen bewegt ſich das Leben: die eine ſteht auf dem Taufſcheine, die andere auf dem Grabſteine. Wird die erſte eingeſchrieben, wiſſen wir ebenſowenig davon, wie ſpäter, wenn man die letzte eingräbt. In den erſten Lebensjahren zählt man noch nicht mit, uns kümmern, wie die Pflanze, nur Jahres⸗ zeiten, nicht die Jahre; haben wir aber einmal auf dem erſten Schreibbuche mit zackigen Zügen Namen und Datum unterfertigt, dann zählen wir unter mancherlei Wandlung langſam eine Einheit nach der andern mit der Weltgeſchichte weiter, bis unſere kleine Reihe abbricht und eine fremde Hand mit einem † den Abſchluß be⸗ zeichnet. Es iſt in der That ein ſinniges Spiel des Zufalls, daß der Tod und das Plus dieſelben Zeichen haben; es ſcheint das † hinter einem Namen zu ſa⸗ gen, die Summe ſei noch nicht abgeſchloſſen, es ſolge noch ein Mehr. 1859!— Wird die Weltgeſchichte dieſe Zahl als eine wichtige in ihre Annalen ſetzen? Wenn wir auf chronologiſchen Tabellen die Reihe der Jahreszahlen mit den angehängten Schlagwörtern, den Schlachten und Friedensſchlüſſen, den Umwälzungen und Entde⸗ ckungen überblicken und, je weiter wir in der Geſchichte unſeres Geſchlechtes zurückſteigen, die bezeichneten Zeit⸗ räume deſto größer werden ſehen, bis ſich zuletzt alle Zahlen in's Unbeſtimmte verlaufen: da überkommt uns Erinne ungen. 1859. bei dem Gedanken, daß einſt auch unſere Periode für ein Jahrtauſende ſpäteres Geſchlecht kaum mehr ſein werde, als was uns jetzt Indiens alte Geſchichte iſt, recht lebhaft das Gefühl der Geringfügigkeit alles menſchlichen Thuns und Schaffens. Hinterlaſſen ſelbſt ganze Völker von ihrem Leben nur flüchtige Spuren der Erinnerung, was iſt der Einzelne zu hoffen berech⸗ tigt, der gleich dem Tropfen im Strome vorüberrauſcht? Und doch, wie ein noch ſo kleines fallendes Stein⸗ chen auf den ganzen Erdkörper ſeine Wirkung äußert, ſo wirkt auch jeder Einzelne durch das, was er leiſtet und anſtrebt, in unberechenbare Zeit weiter. Sind auch die Reſultate unbemerkbar,— ſie ſind doch vorhanden. Kein ausgeſprochener Gedanke geht verloren, keine wa⸗ ckere That, auch wenn ſie ſcheitert, erfolglos in's Leere. In unaufhaltſamen Schwingungen und in der mannig⸗ faltigſten Wechſelbeziehung pflanzt ſich jeder Anſtoß im geiſtigen Leben weiter; jeder Einzelne arbeitet mit an der Hebung oder am Verfalle ſeiner Nation und ſteht durch ſeine Nation mit dem Geſammtleben unſeres Ge⸗ ſchlechtes im wirkſamen Zuſammenhange. Dieſes Gefühl der Geſammtheit hebt uns über den Schrecken der Ver⸗ gänglichkeit, welcher die einzelnen Werke des Menſchen zu unterliegen ſcheinen, und es ermuthigt uns, das Unß'ige getreulich zu thun, ob auch nicht augenſchein⸗ licher Erfolg es lohnt. Nur wenig Genien der Menſchheit iſt es gegönnt, daß die nachhaltige Wirkung ihres Geſchaffenen durch Jahrhunderte auf die Quelle zurückweiſt, von der ſie ausging, wie ſich die Kreiſe im Waſſer, die ein fallen⸗ der Tropfen hervorruft, ſo weit ſie ſich ausbreiten, im⸗ mer auf dasſelbe Zentrum beziehen. Vor hundert Jah⸗ ren wurde unſer Friedrich Schiller geboren. Mit dem Namen dieſes Mannes, der voll ſittlicher Kraft, aller Ungunſt der Verhältniſſe zu Trotz, die heiligſten Inter⸗ eſſen der Menſchheit verfocht, ſollte jeder Dentſche zum günſtigen Omen das Jahr 1859 begrüßen... 4 8 2 8— 58 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Prager Sprechſtübchen. „Die Herzen auf, die Taſchen auf! Geſchwinde, geſchwinde!“ Weihnachten ſind da, die trauten, lieben Weihnachten; ſie klopfen mit grünem Tannenzweig all⸗ überall an die Fenſter und aller Kinder Augen warten auf die geheimnißvolle Beſcheerung. Wir haben unſer Feuilleton mit einer Neujahrs⸗ betrachtung eröffnet und jetzt kommen wir auf Weih⸗ nachten zurück, wie man ja, wenn man von der Hei⸗ mat ſcheidet, die Blicke noch aus der Ferne auf ſie zu⸗ rücklenkt. Es iſt zwar eine böſe Sache, wenn man die Zeit zurückzudrehen verſucht, allein zu Weihnachten möchte es wohl Jeder für ſeine Perſon ſo weit wün⸗ ſchen, daß er noch einmal all' den Kinderjubel theilen könkte. Doch da Geben ſeliger ſein ſoll denn Nehmen, friſch die Herzen auf, die Taſchen auf! Alle Läden und Schaufenſter ſcheinen in dieſer Woche zu rufen: Herz, was verlangſt du? Sucht man nun für einen Lieben eine Freude aus Bronze, Holz oder Leder, eine Ueber⸗ raſchung aus Tuch oder Seide, ein Angebinde von Auſtern und Weinflaſchen, oder will man mit einem Werke des Konditors oder einem Werke des Buchhan- dels eine Probe ſeines feinen, wähleriſchen Geſchmackes liefern, gedenkt man mit kleinen Nippſachen Jemanden ein großes Vergnügen zu bereiten oder mit Schätzen der Kunſt und des Reichthums ſich theuer zu machen: man findet alles in reicher Auswahl,„Diamanten und Perlen, alles was Menſchen⸗Begehr“. Und wohl auch„die ſchönſten Augen“, um mit Heine fortzufahren. Doch Weihnachten ſind nicht ihre eigentliche Saiſon, dieſe tritt erſt im Faſching ein, wo am meiſten„in Blicken“ gemacht wird. Ich darf mich dieſes Börſenausdruckes wohl bedienen, denn die Blicke treiben ja auch eine Art Wechſelgeſchäft. Wie große Ereigniſſe ihren Schatten vorauswer⸗ fen, ſo klingt bereits der Faſching in ahnungsvollen Tönen an, noch lange bevor er mit klingendem Spiele ſeinen Einzug hält. Die Muſikproben beginnen bereits; der Tag oder vielmehr die Nacht für den Juriſtenball iſt beſtimmt und auch die Techniker treffen ihre Vorbe⸗ reitungen, den Jüngern der Themis es gleich zu thun. Der Winter iſt die Erntezeit der Leihbibliotheken; der Faſching kann für eine hierorts jüngſt errichtete Leihanſtalt von eigenthümlicher Art ein Erntefeſt, die Zeit der ſieben fetten Kühe werden. Dieſelbe leiht näm⸗ lich gegen ein tägliches Abonnement von 3 fl. jenes Kleidungsſtück, das als eine Jacke mit verlängerten Rückentheilen zum Behufe zweier Taſchen definirt, mit dem techniſchen Ausdrucke„Frack“ bezeichnet und als ein unumgängliches Bedürfniß in erhöhteren Lebens⸗ und Geſellſchaftsmomenten betrachtet wird. Es iſt die⸗ ſes Ausleihen zugleich eine Art Glücksſpiel, denn der je Siebente erhält für 3 fl. den Frack erb⸗ und eigen⸗ thümlich für ewige Zeiten. Ein aufliegendes Gedenk⸗ buch kontrolirt die Richtigkeit der Gebahrung. Zieht dieſe„Leihfrackothek“(sit venia verbo) vielleicht mit der Zeit auch andere Ausſtattungsſtücke in ihr Re⸗ pertoir, ſo könnte ſie ſich auch, wie eine hieſige Leih⸗ bibliothek, den hebenden Beiſatz:„Univerſal“ beilegen, denn vorderhand vertritt ſie nur eine Fraktion der Kleiderwelt. Wenn für etwas eine Leihanſtalt am Platze wäre, ſo wäre es in dieſen Tagen des Schnupfens und der Katarrhe eine Sänger⸗ und Schauſpieler⸗Leihanſtalt für unſer Theater. Die Einflüſſe der Witterung zerſtö⸗ ren fortwährend das Repertoir, welches eben nur dazu ſein ſcheint, damit wir wiſſen, was wir alles haben könnten, aber nicht haben können. Der ſtattliche Bau des Sommertheaters vor dem Roßthore naht immer mehr ſeiner Vollendung, wäh⸗ rend das Pulvermagazin in der Nähe abgebrochen wird. Mars und die Muſen waren von jeher nicht ſo gute Nachbarn wie Apoll und Bachus, und darum wird die neue Reſtauration beim Sommertheater gewiß ſo recht am Platze ſein; denn— Apoll und Bachus— wer A ſagt, ſagt meiſt auch B. Wiener Briefe. K. Cz. Die Vorbereitungen für die nahenden Weih⸗ nachtstage nehmen jetzt das meiſte Intereſſe in An⸗ ſpruch und verdunkeln augenblicklich Alles, was wohl ſonſt als beachtenswerth erſcheinen dürfte. Graben und Kohlmarkt haben ihr ſchönſtes Gewand angethan und wetteifern, ſich gegenſeitig an Glanz und Pracht ihrer Schaufenſter zu überbieten. Allenthalben putzen ſich die Kaufläden mit dem Allerſchönſten, was die eben ange⸗ brochene Saiſon brachte, die belebteſten Plätze der Stadt füllen ſich mit den alljährlich wiederkehrenden, immer⸗ grünen Gäſten, den lieblich duftenden Tannenbäumchen, und oft kann man bemerken, wie die fröhliche Schul⸗ jugend in dieſen hergezauberten Wäldchen ſich herum⸗ tummelnd ſchon einen Vorgeſchmack all' der Freuden verkoſten will, die vorläufig noch in dem geheimnißvoll dunklen Nadelholze verborgen ſchlummern. Unter den vielen, vielen Feſtgeſchenken, die uns allüberall aufſto⸗ ßen, müſſen wir eines originellen Einfalls einer hieſi⸗ gen Großweinhandlung erwähnen; dieſelbe hat nämlich ein kleines Sortiment der geſuchteſten Weine in nied⸗ lich gearbeiteten Kiſtchen vereinigt. Auf dieſe Weiſe findet der Käufer in dieſen Körbchen Alles, was zur reichlichen Beſetzung ſeiner Weihnachtstafel in Bezug auf geiſtige Getränke nur gewünſcht werden kann.— Recht feſtlich ſieht es gegenwärtig in allen Buchhand⸗ lungen unſerer Reſidenz aus; denn, obſchon dieſe Ge⸗ ſchäftsbranche ſonſt mit ſogenannten„Saiſons“ we⸗ nig oder gar nichts zu ſchaffen hat, ſo iſt's gerade die liebe Chriſtzeit, welche auch hier ihre gerngewährten Rechte verlangt. Da gibt es denn, wie alle Jahre, eine übergroße Auswahl der verſchiedenartigſten Bücher für Jung und Alt, Klein und Groß, und das Gute unter denſelben findet bei den Käufern des nichtmateriellen Weihnachtsbedarfes vielfache Anerkennung; nur bemerkt man mit Bedauern, daß die Literatur dieſes Jahr noch ſehr wenig Neues geboten hat.— Unter dieſem geſchäf⸗ —————— ———— — 1 beilegen, kt ton der llate wäre 8 und de Keihanſtat ung zerſtö⸗ 1 nur dazu lles haben vor dem ung, wäh⸗ ochen wird. ct ſo gute n wird die iß ſo recht — wer A nden Weih⸗ ſe in An⸗ was wohl raben und ethan und racht ihrer en ſich die ben ange⸗ der Stadt herum⸗ r Freuden nißvoll Unter den all aufſta⸗ iner hieſi⸗ t nämlich in nied⸗ ſe Weiſe was zur in Bezug kann.— zuchhand⸗ dieſe Ge⸗ us“ we⸗ erade die ewührten ihre, eine lcher für ute unter materiellen bemerkt uht oc geſchf⸗ im Joſefſtädter und im Theater an der Wien ziem⸗ tigen Treiben der Tage vor Weihnachten geht ſo Man⸗ ches mit wenig oder gar keiner Beachtung vorüber, was wohl zu anderer Zeit mehr Theilnahme gefunden hätte. Vor Allem war dieß bei Herrn Haaſe's Gaſtſpiel der Fall, bei dieſem ſo unglü cklichen Gaſtſpiel dieſes ſonſt ſo gefeierten Künſtlers. Doch nicht die gegenwärtige Periode allein, auch der genannte Schauſpieler ſelbſt trägt Schuld an der kalten Aufnahme ſeines Auftretens am hieſigen Carltheater. Die leidige Geſchichte der ver⸗ ſuchten Rezenſentenbeſtechung hat ſich nicht vollſtändig aufgeklärt, obwohl ſie in den öffentlichen Blättern in Aufforderungen und Entgegnungen behandelt wurde. Haaſe's Gaſtſpiel, welches eigentlich auf zwölf Dar⸗ ſtellungen berechnet war, reduzirte ſich auf ſechs, hingegen verdoppelte Frl. Déjazet unter fortwährend ſteigendem Beifalle ihren urſprünglich feſtgeſetzten Cyklus von Vorſtellungen. Das Theater wurde bei ihrem letz⸗ ten Auftreten mit der Gegenwart Ihrer Majeſtäten des Kaiſers und der Kaiſerin beehrt, und die Scheidende am Schluſſe mit einem wahren Regen von Kränzen und Bouquets überſchüttet. Auch die vielgeprieſe⸗ nen Violin⸗Virtuoſinen Ferni haben uns verlaſſen. Dagegen iſt Pepita mit einem jungen Mädchen, das als ihre Schweſter gilt, in unſeren Mauern eingerückt und wir erwarten außer dem fröhlichen Weihnachtsfeſte noch ſo manches Neue, namentlich in der Theaterwelt. Vorläufig haben zwei ſogenannte„Zukunfts⸗Poſſe I lich günſtigen Erfolg und wir können der„letzten Baſtei“ und ihrer Kollegin„Nach der Stadterwei⸗ terung“ immerhin ein längeres Leben profezeien. Letzteres Stück perſiflirt in pikanter Weiſe die Gegenwart, indem es eine Reihe ſatyriſcher Bilder in dem künftigen Wien vor Augen ſtellt. Schulknaben gehen mit Schul⸗ mädchen Arm in Arm aus dem Konvikt nach Hauſe, Feuilleton. Paſſagiere wollen über die Taxe zahlen, worüber die Fiaker ſich beſchweren und Beſtrafung des Unverſchämten verlangen, reiche Hausherren, die in Noth, Wirthe, die höflich ſind dc. oc. In der Burg führte man Herſch's „Anneliſe“ mit ſchwachem Erfolge auf und bereitet jetzt die„Feenhände“ vor. Kaiſer's neueſtes Stück:„Die Wirthstochter“, ſoll nächſtens im Carltheater zur Aufführung kommen, im Joſefſtädter Theater haben bereits die Proben von Berg's neuem Stücke:„Die Tochter des Tiſchlers“, begonnen. Sie ſehen, für Unterhaltung wird vorgeſorgt. Zudem erwarten wir Direktor Renz mit ſeiner Geſellſchaft; der Circus Renz in der Leopoldſtadt wurde vollſtändig renovirt.. Miszellen. Literariſches. Eine außerordentlich erfreuliche Erſcheinung iſt Louis Libny's großes Prachtwerk„Egypte, scenes de voyage en Orient“, Text von Alfred v. Kremer (Kommiſſions⸗Verlag von Gerold). Die uns vorliegende erſte Wiſfeue enthält vier äußerſt geſchmackvolle Far⸗ bendruckbilder in gr. Folio⸗Format aus dem ausgezeich⸗ 59 neten Inſtitute der HH. Reifferſtein& Röſch nach Li⸗ thografien von R. Alt und neben dem beigefügten Text und Proſpektus einen ſehr anerkennenden Brief Alex. v. Humboldt's. 10 Lieferungen ſind bereits vollendet und das Ganze ſoll in 15 Heſten abgeſchloſſen werden. Dieſes Werk beweiſt, daß nicht nur im Auslande vor⸗ zügliches in dieſer Sphäre geleiſtet, ſondern auch in unſerem ſo ſehr im Aufſchwung begriffenen Vaterlande erreicht werden kann.— Ebenſo reger Theilnahme er⸗ freut ſich auch die neue Ausgabe von Galetti's„Welt⸗ kunde“(Hartleben's Verlag), deren erſte Lieferung fer⸗ tig vorliegt. Auch hierüber drückt ſich der greiſe Autor des„Kosmos“ in einem dem erwähnten Hefte beige⸗ fügten autografiſchen Briefe in den ſchmeichelhafteſten Worten aus.— In der poetiſchen Welt regt es ſich auch geſchäftig. Außer einer recht anziehenden Dichtung von Karl Rick:„Poet. Briefe einer Frau“(Tendler), „Neueren Gedichten“ und„Novellen“ von Foglar (in der im Verlage der liter⸗⸗art.⸗typ. Anſtalt erſcheinen⸗ den„Sammlung öſterr. Dichter der Gegenwart“) und „Ein Dutzend Gedichte“ von Theodor Steinmann — meiſt lyriſchen Inhalts— die in der neueſten Zeit erſchienen, befinden ſich noch unter der Preſſe:„Ge⸗ ſchichte der modernen Poeſie Italiens“ von Kaj. Cerri, welcher ſich bereits durch ſeine„didaskaliſchen Dichtun⸗ gen“ bekannt gemacht hat, und„Junges Grün“, eine Sammlung durchwegs lyriſcher Poeſien von Karl Heidt. Auch dürfen wir nicht vergeſſen, daß Pölitz's „Oeſterr. Geſchichte“(bis zum J. 1815) ſich in der durch Ottokar Loxrenz neu beſorgten Ausgabe viele Freunde gewinnt. Die Verlagshandlung(Tendler und Komp.) hat ſich durch Herausgabe dieſes intereſſanten Werkchens um die Vermehrung der vaterländiſchen Ge⸗ ſchichtsliteratur ſehr verdient gemacht. Von Arneth's „Prinz Eugen“(liter.⸗art.⸗typ. Anſtalt) liegt nunmehr der dritte Band vollſtändig vor. Er reiht ſich den an⸗ dern in gleich würdiger Weiſe an.— Noch machen wir auf zwei bei C. Bellmann erſchienene Werke aufmerk⸗ ſam: Friedrich,„Aus dem Volksleben“. Erzählun⸗ gen. 2 Bände.— Kaempf,„Nichtandaluſiſche Poeſie andaluſiſcher Dichter aus dem 11., 12. und 13. Jahr⸗ hundert“. Ein Beitrag zur Geſchichte der Poeſie des Mittelalters. 2 Theileé.„ Demnächſt wird in Paris eine franzöſiſche Ueberſetzung in Verſen des„Fauſt“ von Goethe(des wirklichen„Fauſt“) von dem Artillerie⸗Lieutenant Alfons Fürſten von Polignac erſcheinen, welcher dieſe Ueber⸗ ſetzung der deutſchen Dichtung, deren Sprache er zur Zeit ſeiner Verbannung ſtudirte, vor den Mauern Se⸗ baſtopols, in den Laufgräben, begann und förderte. Das Manuſkript über die ungariſchen Zigeuner von Franz Lißt befindet ſich bereits in den Händen eines Pariſer Verlegers.. Muſik und Theater. Ein Neffe Meyerbeer's, Julius Beer, hat eine Oper vollendet, welche noch in dieſem Winter an einem Privattheater in Paris aufgeführt werden ſoll. 4 Direktor Thomè in Prag will noch in dieſem Winter die Opern„Sizilianiſche Veſper“ und„Lohen⸗ grin“ aufführen laſſen.. Im k. k. Hofoperntheater in Wien ſollen die noch in laufender Saiſon zu gebenden Opern in nachſtehender Reihe folgen:„Alma“ von Loewe;„Die Zauberin“ von Balfe;„Diana von Solanges“ vom Herzog von Koburg⸗Gotha. Der rühmlich bekannte Kompoſiteur Hr. Doppler, deſſen nationale Opern, wie„Bengovszty“, „Wanda“ u. ſ. w. in der ungariſchen Muſt— im 2 WDehe. 4 8* 60 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ſtrengſten Sinne des Wortes— Epoche machten, ſeierte jüngſt in Hannover einen ſchönen Triumph. Seine Oper„Ilka“ fand da die erſte Aufführung in Deutſch⸗ land und einen vollen Beifall. Herr Doppler wurde wiederholt gerufen und die Oper zählt in Hannover bereits zu den beliebten Tondichtungen. Mozart's„Figaro's Hochzeit“ iſt am 10. De⸗ zember in Paris im Theatre Lyrique zum achtzigſten Male gegeben worden und zwar mit ſtets ſteigendem Beifalle. Man erwartet jetzt in demſelben Theater eine neue Oper:„Fauſt“ von Gounod, in 5 Akten, von welcher ſich die Journale viel verſprechen, beſonders von den Chören. Zani de Ferenti, k. belgiſcher Kammervirtuoſe, genannt der Paganini auf der Guitarre, gibt derzeit mit großem Beifalle Konzerte in Trieſt. Die in Venedig wohnenden Deutſchen, denen bisher ein Vereinigungspunkt zum geſelligen Vergnügen gefehlt, gründen daſelbſt einen deutſchen Geſangsverein. Auf dem deutſchen Theater in St. Petersburg ga⸗ ſtirt jetzt Jra Aldridge unter ſtarkem Zulauf. Er ſpricht engliſch, die Uebrigen deutſch, was, wie ein dor⸗ tiges Blatt bemerkt, für diejenigen durchaus keinen unangenehmen Eindruck macht, die weder engliſch noch deutſch verſtehen. Der engliſche Schauſpieler Phelps, einer der berühmteſten Künſtler Londons, wird im April nach Wien kommen, um mit ſeiner Geſellſchaft im Carlthea⸗ ter Gaſtvorſtellungen zu geben. Die Schauſpielerin Frau v. Bulyowski vom Nationaltheater in Peſt, die Rachel Ungarns ge⸗ nannt, befindet ſich in Berlin, um ſich in der deutſchen Sprache zu vervollkommnen und ſich dann der deutſchen Bühne zu widmen. Wie die„Spen. Ztg.“ hört, wird Nehn v. Bulyowski ihre erſten Verſuche auf der kön. ühne in Berlin machen. Monumente und Jubiläen. Die Wiener Univerſität feiert im Mai 1865 ihr fünfhundertjähriges Stiftungsjubiläum. Aus dieſem Anlaſſe iſt ſchon jetzt von Seite des Doktoren⸗Kolle⸗ Fünne der philoſophiſchen Fakultät an das Univerſitäts⸗ onſiſtorium das Erſuchen dahin geſtellt worden:„Es möge ein Ausſchuß gebildet werden, welcher die Vorbe⸗ reitungen zur fünfhundertjährigen Gründungsfeier der Wiener Univerſität zu treffen hätte.“ Es ſoll auch nach der Ernennung des Ausſchuſſes eine Subſkription ein⸗ eleitet werden, um aus deren Ergebniſſen dem erſten Erzherzoge von Oeſterreich, Rudolf IV., dem Stifter, dem Wien den St. Stefansdom und die Univerſität verdankte, vor dem neu zu erbauenden Univerſitäts⸗Ge⸗ bäude ein Denkmal zu ſetzen und dasſelbe am erſten Fade der Feierlichkeiten im Jahre 1865 enthüllen zu önnen. Das 500 jährige Jubiläum der Grundſtein⸗ legung der St. Stefanskirche in Wien wird dieſes Jahr begangen. Dieſe erfolgte nämlich durch Rudolf IV. am 7. April 1359. Derzeit ſind es gerade hundert Jahre, daß der ehrende Titel apoſt. Majeſtät für Kaiſerin Maria Thereſia im Jahre 1758 von Papſt Klemens XIII er⸗ neuert wurde. Urſprünglich wurde dieſer Titel der Kö⸗ nige von Ungarn dem h. Stefan von Ungarn im Jahre 1000 von Papſt Sylveſter II. beigelegt, weil derſelbe nicht nur das Chriſtenthum in Ungarn ſehr befördert hatte, ſondern auch in Nachahmung der Äpoſtel ſelbſt predigte. 7 „ In dieſem Jahre wird es ein halbes Jahrhun⸗ dert, daß der Tirolerheld Andreas Hofer vom 20. Jän⸗ ner bis 4. Februar in Wien verweilte und in dem Hauſe Nr. 269 zu Gumpendorf, welches nun den Schild „zum Sandwirth“ führt, wohnte. Zur Erinnerung an dieſen folgenſchweren Aufenthalt beabſichtigen einige dort befindliche Tiroler das genannte Haus mit einer entſprechenden Gedenktafel für immerwährende Zeit zu ſchmücken. Chmel⸗Denkmal. Mehrere Mitglieder der k. k. Akademie der Wiſſenſchaften haben eine Subſkription zur Errichtung eines würdigen Grab⸗Denkmales für das würdige Mitglied Herrn Chmel eröffnet. An dem Erzherzog Karl⸗Monumente wird der Hauptguß in den erſten Tagen des Monates Jän⸗ ner bewerkſtelligt werden. Im Februar und März wird ſodann die Uebertragung der Gußarbeit auf den Auf⸗ ſtellungsplatz erfolgen. Eine Statue des Dichters Platen wurde in Ans⸗ bach am 5. Dezember feierlich enthüllt. Abends fand eine Beleuchtung des Monumentes durch bengaliſches Feuer ſtatt. Aus Karlsruhe ſchreibt man: In den erſten Monaten dieſes Jahres wird der Direktor des groß⸗ herzogl. Hoftheaters, Herr Eduard Devrient, das 40 jährige Jubiläum ſeines dramatiſchen Wirkens feiern. Das geſammte Perſonal des Hoftheaters bereitet ſoeben das Feſt und die Feſtgabe vor. Herr Devrient iſt am 11. Auguſt 1801 in Berlin geboren und betrat ſchon im 18. Lebensjahre die Bühne, zuerſt als Opernſänger, dann als Schauſpieler. Seit 1832 wirkte er auch als dramatiſcher Schriftſteller. Wie bekannt, hat die franzöſiſche Regierung das einſtige Wohnhaus Napoleon's I. auf St. Helena ſammt dem dazu gehörigen Terrain angekauft. Ebenſo weiß man, daß ein höherer Offizier der franzöſiſchen Armee als Hüter des Grabes und der Wohnung Na⸗ poleon’'s I. in St. Helena eingeſetzt wurde. Man hat auch beſchloſſen, das alte Haus zu Longwood, das einſt der gefangene Kaiſer bewohnte, ganz in den Zuſtand herzuſtellen, in dem es ſich befand, als der Kaiſer ſtarb, ſowie die übrigen Gebäude ebenfalls zu reſtauriren. Nun wird aber auch an einem hervorragenden Punkte am Meere ein Monument mit der Statue Napoleon's I. errichtet, und iſt der Geniekapitän Maſſelin mit allen vom Kaiſer approbirten Plänen nach St. Helena abge⸗ gangen, um die Arbeiten zu leiten. Induſtrielles. Der Plan, im Jahre 1861 eine allgemeine Kunſt⸗ und Induſtrie⸗Ausſtellung in London zu organiſiren, wird aller Wahrſcheinlichkeit nach zur Ausführung gelangen. Die Society of Arts, welche die Ausſtellung vom Jahre 1851 angeregt hatte, ſteht auch dießmal an der Spitze und hat ſich bereits mit ihren auswärtigen Mitgliedern in Verbindung geſetzt, um vorerſt deren Meinungen einzuholen, bevor ſie eine be⸗ ſtimmte Einladung zur Betheiligung erläßt. In der Mormonenhauptſtadt am Salzſee wurde am 4. Oktober eine Induſtrie⸗Ausſtellung eröff⸗ net, welche ein erfreuliches Zeugniß von der Geſchick⸗ lichkeit und dem induſtriöſen Sinne des Utah⸗Volkes ablegt, und die von dort ankommenden Berichte bemer⸗ ken, daß einige ihrer Erzeugniſſe, z. B. Waffen, mit den amerikaniſchen den Vergleich zu ſcheuen nicht nöthig hätten. Ganz beſonders werden noch die Arbeiten der Damen, die Stickereien dc. hervorgehoben, die in gro⸗ ßer Schönheit und Menge ausgeſtellt waren. — Vahrt 120. Jän⸗ der k. k. lbſtription nales für ute wird ates Jin⸗ Närz wird den Auf⸗ in Ans⸗ eods fand ugaliſches den erſten des groß⸗ ent, das ens feiern. itet ſoeben ernſänger, auch als rung das t. Helena .CEbenſo anzöſiſchen nung Na⸗ Man hat das einſt Zuſtand r ſtarb, en Punkte voleon's I. mit allen ena abge⸗ emeine London nach zur velche die ſeeht auch hun⸗ Feuilleton. 61 theil umgewandelt worden. brikanten gebildet, welcher ſich die Aufgabe ſtellt, neue Für Porzellan⸗Knopf⸗Fabriken iſt in Frei⸗ burg eine Maſchine erfunden worden, welche die Knöpfe auf die Karten näht. Dieſelben werden auf dem Rücken liegend in einen Behälter gebracht, vertheilen ſich auf beliebige Zahl Karten und werden durch die Maſchine hier befeſtigt. Die Maſchine ſoll in der gleichen Zeit zwölfmal ſoviel Karten fertig bringen, als in jetziger Weiſe für eine erforderlich iſt. Der Telegrafendienſt wird in Spanien noch ſo vorſündfluthlich betrieben, daß Depeſchen von Bayonne bis Madrid und umgekehrt oft drei Tage gebrauchen, bis ſie an ihre Adreſſe gelangen, und dann ſind ſie mitunter ſogar unterwegs nach und nach in ihr Gegen⸗ Der Ausweis über die Bergwerksproduk⸗ tion Oberöſterreichs bringt unter Anderm auch die nicht unintereſſante Notiz, daß im Jahre 1858 am Inn⸗ fluß Gold gewonnen wurde. Beträgt auch das Quan⸗ tum nur 2 ¾ Loth, ſo bleibt die Thatſache doch immer⸗ hin erwähnenswerth. Bei dem ſteigenden Mangel an Papiermate⸗ rial empfiehlt man Wieſenwolle oder Wollriet, welches in großer Anzahl in Sumpfwieſen wächſt und häufig zum Ausſtopfen der Betten benützt wird, ferner das Weidenröschen, deſſen Samenkapſeln mit einem weißen, wollartigen Stoffe gefüllt ſind, die Rohrkolben, die eine Menge von Wolle erzeugen, die Diſteln und Weide⸗ kätzchen, welche ſämmtlich Wolle erzeugen, die in der Regel verloren geht. Man nimmt an, daß durch das Sammeln derſelben jährlich mehrere tauſend Zentner Material zur Papierbereitung gewonnen werden können. In Gent(Belgien) hat ſich ein Verein von Fa⸗ Erfindungen in Schutz zu nehmen und zu verbreiten. Alle Perſonen, welche eine Erfindung gemacht haben, können ſich an den Verein wenden und die Hilfsmittel zur Verbreitung ihrer Erfindung benützen, welche der⸗ ſelbe organiſiren wird. Statiſtiſches. Der geſammte Flächenraum der öſterr. Monarchie umfaßt 12,121 geogr. Q.⸗Meilen, welche 11,594 öſterr. Q.⸗Meilen gleichkommen. Von den 116 Millionen Joch entfallen auf den landwirthſchaftlich benützten Boden 99 Millionen Joch, während 17 Mil⸗ lionen Joch die unproduktive Fläche bilden, zu welcher jedoch auch der von Straßen, Seen, Flüſſen und Ka⸗ nälen bedeckte Boden gerechnet wird. Der Werth des produktiven Bodens iſt annähernd auf 10,140 Millio⸗ nen Gulden anzuſchlagen, das Joch(zu 1600 Wiener OQ.⸗Klafter) produktiven Bodens hat in runder Summe einen durchſchnittlichen Werth von 100 Gulden, Der Rohertrag dieſes produktiven Bodens beläuft ſich jähr⸗ lich im Durchſchnitte auf 1,568,100,000 Gulden. Oeſterreichs Zuckerverbrauch betrug im Jahre 1857 bei 1,200,000 Zentner, von denen bei 5 ½ Millionen Steuern eingingen. Füuf Zwölftel dieſer Menge waren Rohrzucker, ſieben Zwölftel Rübenzucker. Der Export derk. k. Tabakregie wird ſelbſt bei den ſchwierigen Zeitverhältniſſen von Jahr zu Jahr bedeutender. Nach Rom, Toskana, Parma und Modena werden jährlich bei 40,000 Zentner Aerarial⸗Tabak ab⸗ gegeben; auch für das franzöſiſche Tabak⸗Monopol ſind wieder Sendungen eingeleitet. Den größten Bücher⸗Abſatz unter allen Buch⸗ handlungen in Oeſterreich dürfte der k. k. Schulbücher⸗ Mit Ende des Jahres 1859 werden ſich in Oeſterreich 543 Meilen Eiſenbahnen im Betriebe befin⸗ den. Im Jahre 1838 waren 30 Meilen Eiſenbahnen im Betriebe, es ſind ſomit binnen 20 Jahren 513 Mei⸗ len zugewachſen. Das Anlagekapital für dieſe Eiſenbah⸗ nen beläuft ſich auf circa 400 Millionen Gulden. In Peſt wurden vom Jahre 1846 bis 1856, alſo in einem Verlauf von eilf Jahren, 1616 Neubauten mit 5975 Wohnungen aufgeführt. In neuerer Zeit hat dort die Bauluſt jedoch bedeutend abgenommen. Vom Jahre 1856 bis Ende Juli 1858 ſind nur 108 Neu⸗ bauten aufgeführt worden. Die Geſammtſumme der Steuern in Europa bei einer Einwohnerzahl von 267 Millionen beträgt nahe an 1695 Millionen. Die größte Beſteuerung für je einen Einwohner kommt in England vor, nämlich mit 17 fl. 40 kr., die kleinſte in der Schweiz mit 52 kr. und die nächſt niedrigſte in Rußland mit 1 fl. 37 kr. In Oeſterreich beträgt die Steuer bei einer Einwohner⸗ zahl von ungefähr 40 Millionen für je einen Einwohner über 4 fl., in Frankreich bei einer Einwohnerzahl von nahe an 36 Millionen bei 12 fl., in Hamburg bei einer Einwohnerzahl von mehr als 200,000 Seelen nahe an 14 fl. Während in den letzten zehn Jahren aus England 2,750,000, aus Deutſchland 1,200,000 Indivi⸗ duen auswanderten, verlor Frankreich weniger als 200,000. Kleine Damenzeitung. In Schweden ſind in vielen Buchdruckereien Mädchen und Frauen als Schriſtſetzerinen beſchäftigt. Auch werden mehrere Zeitungen daſelbſt von Damen herausgegeben. Die Regierung beabſichtigt auch in den Telegrafenbureaux junge Mädchen als Telegrafiſten an⸗ zuſtellen. Die Gründung einer weiblichen Hand⸗ lungsſchule in Wien iſt, wie die„Autografiſche Kor⸗ reſpondenz“ meldet, im Plane. Sie würde Mädchen in der Buchführung und der einfachen gewerblichen Korre⸗ ſpondenz ausbilden. In Nörreſundby auf Jütland iſt, wie däniſche Blät⸗ ter melden, der erſte Schritt zur Emanzipation der Frauen in bürgerlicher Stellung geſchehen. Es ſind nämlich bei den letzten Wahlen der dortigen Bürger⸗ repräſentation auch zwei Damen, welche über zwei Tha⸗ ler jährlicher direkter Steuer an die Kommune zahlen, auf die Wählerliſte geſetzt worden. Das Regulativ ſpricht nämlich nur von„Einwohnern“, und ſo hielt man es für billig, auch den weiblichen Steuerpflichtigen das Gemeindewahlrecht einzuräumen. Welche umfangreiche Verbreitung die Krinolin⸗ röcke trotz der Fehde, welche Seitens der Männerwelt gegen dieſelben ausgekämpft wird, erlangt haben, dafür ſpricht unter Anderem der Umſtand, daß ein Berliner Agent einer Fabrik bei Solingen für den Betrieb der Stahlfederreifen in ſechs Monaten eine Proviſion von 1200 Thalern, und ein anderer Agent derſelben Fabrik in Wien für dieſelbe Thätigkeit 1400 Thaler in glei⸗ cher Zeit verdient haben. Die Eigenthümer der gedach⸗ ten Fabrik ſollen ſeit Jahresfriſt ein höchſt bedeutendes Vermögen durch dieſen Fabrikationszweig erworben haben. Verſchleiß nachweiſen. In demſelben werden jährlich bei zwei Millionen Lehrbücher abgeſetzt. 62 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Wir bringen auf der dritten Seite des Umſchlages ein Modenbild. Obwohl es für das kundige Auge— und welches Damenauge verdiente in Betreff der Mode dieſes zierende Beiwort nicht?— keiner Erklärung be⸗ darf, ſo halten wir doch einige begleitende Worte nicht für überflüſſig. Die ſchönſten Kleider der Winter⸗Sai⸗ ſon macht man gegenwärtig mit zwei großen Volants, die entweder in gerader Richtung oder um abzuwech⸗ ſeln, in den mannigfaltigſten Wellenlinien angebracht werden. Manchmal ſetzt man auch über einem einzigen großen Volant fünf oder ſechs ganz kleine. Die Taille iſt ein wenig kürzer als im vergangenen Sommer. Die graue Farbe ſcheint jetzt ihre Herrſchaft zu verlie⸗ ren, die Stoffe dieſer Winter⸗Saiſon haben eine leb⸗ haftere, friſchere Färbung. Die Hüte ſind ziemlich groß mit einem nach der Stirne zu verlängerten Schirm. Das Neueſte der Pariſer Mode iſt, daß die weiten Ueberkleider der Damen, welche bisher das Straßenpflaſter gefegt haben, gegenwärtig mit Schnal⸗ len(Agraffen) aufgeneſtelt werden. mittelſt einer ſtarken elaſtiſchen Schnur am Guͤrtel be⸗ feſtigt und der untere Theil des Kleides in die zangen⸗ artig eingerichtete Spange geſpannt. Der gute Ge⸗ ſchmack weiß dann den untern Theil des Kleides male⸗ riſch zu drapiren und es wird große Sorgfalt auf die Wahl von prächtigen Unterkleidern verwendet. Die Da⸗ men ſehen, ſo ausgeſtattet, den Schäferinen aus den Bildern alter Zeit ähnlich— oder, wenn es an Ge⸗ ſchmack mangelt, umherwandelnden Fenſtern, die mit Gardinen behangen ſind. Witterungsverhältniſſe. Die Witterungsverhältniſſe des dießjähri⸗ gen Vorwinters ſind einer beſonderen Beachtung wür⸗ dig. Nach einem überaus heitern und warmen Herbſte ſank am Tage des letzten Mondesviertels im Monate Oktober plötzlich das Thermometer in faſt ganz Europa auf den Null⸗(Gefrier⸗) Punkt. Schon am 1. Novem⸗ ber trat in dieſen Gegenden überall Froſt ein. Beſon⸗ ders merkwürdig war in meteorologiſcher Hinſicht der 4. November, wo, während Paris Froſt hatte, Peters⸗ burg ſich einer Wärme von faſt drei Grad erfreute. Der Wind, der an dem genannten Tage über die Haupt⸗ ſtadt Rußlands hinſtrich, war ein Weſtwind, der ihr die Dünſte des atlantiſchen Meeres über Schweden und das baltiſche Meer zuführte, während Deutſchland und Frankreich in derſelben Zeit trockenen Nordoſtwind hat⸗ ten. Dieſer letztere Wind entfaltete überall ein ſibiri⸗ ſches Klima. Der 10. November war überall am kälte⸗ ſten. Um 8 Uhr Früh zeigte das Thermometer in Pa⸗ ris— 2, Grad, in ganz Nord⸗Frankreich— 5 bis 6 Grad, in Wien— 6,5 Grad, in Warſchau— 8 Grad, in Moskau— 10 Grad, während in Petersburg der Nordweſt herrſchend blieb und das Thermometer nicht unter Null ſank. England und Irland haben von jener Kälte nichts geſpürt, doch würften die während dieſer Zeit dort wahrgenommenen, ungewöhnlich ſtarken Ne⸗ bel von ihr hergerührt haben. Am 1. November mußte in London den ganzen Tag Gas brennen. Im Süden von Frankreich, ſo wie an den Küſten von Piemont, wo der Winter ſich ſonſt kaum ſpüren läßt, wehte der Nordwind mit viel ſtärkerer Gewalt als in England und an den Nordweſtküſten Frankreichs. Zu Nizza fiel der Schnee in Maſſen. Im Allgemeinen iſt noch zu bemerken, daß der dieſes Jahr ſo frühzeitig eingetretene Winter gleichzeitig ganz Europa getroffen hat. Er iſt nach einem heißen und außerordentlich langen Sommer ſo raſch eingebrochen, daß er ſelbſt den Zugvögeln, welche doch ſonſt einen ganz beſonderen Inſtinkt ffir die Vorausſicht atmoſphäriſcher Veränderungen haben, uner⸗ wartet kam. In Frankreich hatten ſich viele Sch elben in Folge der milden Witterung und der Mengt von Die Spange wird Fliegen, welche ihnen zur Nahrung dienen, nicht dem großen Zuge angeſchloſſen, welcher im Oktober in ſüd⸗ Uc Gegenden auswanderte. Zu Orleans ſah man ſie in großer Menge bei einer Kälte von 6 Grad in den Straßen Jagd auf die ſpärlichen Inſekten machen, welche der Strenge der Jahreszeit widerſtanden hatten. Verſchiedenes. Die k. k. Schraubenkorvette„Erzherzog Friedrich“, Kommandant Korvettenkapitän v. Teget⸗ hoff(bekannt durch ſeine Reiſen in Afrika und die da⸗ ſelbſt ausgeſtandene Gefangenſchaft) hat vor einigen Tagen eine Reiſe nach der marokkaniſchen Küſte unter⸗ nommen, mit allen Bedürfniſſen für eine längere Kam⸗ pagne verſehen, ſogar mit einem Backofen, ſo daß die Mannſchaft ſtets friſches Brod zu ihrer Speiſung haben wird.⸗Wie man vermuthet, werden Seeleute geſcheiter⸗ ter öſterr. Kauffahrer in Marokko gefangen gehalten und die genannte Korvette ſoll deßhalb Nachforſchungen pfle⸗ gen. Die Gattin eines der Kapitäne jener Schiffe lebt in Trieſt und hat von dem Schickſal ihres Mannes ſchon mehrere Jahre keine Nachricht. Die photografiſchen Abbildungen, welche im Auftrage des h. Miniſteriums des Innern von den Baſteien und Stadtthoren Wiens angefertigt wurden, werden in den Reichs⸗ und Gemeinde⸗Archiven aufbewahrt werden. Die Arbeiten waren der k. k. Hof⸗ und Staatsdruckerei übertragen, welche neue Inſtru⸗ mente mit ſiebenzölligem Objekte benützte. Die gewon⸗ nenen Bilder werden ſpäter auf photografiſchem Wege auch vervielfältigt werden. In Haſtings(England) wurde angeblich am 3. v. M. ein Fiſch gefangen, wie er in Europa noch nie lebendig geſehen wurde. Er hält ſich ausſchließlich in den indiſchen Gewäſſern auf, wird aber auch dort nur äußerſt ſelten lebendig gefangen. In Indien nen⸗ nen ſie ihn den Polypen, mit dem er einige Aehnlich⸗ keit hat. An der ſpitzig zulaufenden Schnauze befinden ſich nämlich acht Arme oder Fühler, deren jeder unge⸗ fähr 200 Ausläufer zum Einfangen der Beute trägt. Außer dieſen befindet ſich auf dem Kopfe ein Behälter für eine tintenartige Flüſſigkeit, die das Thier ſeinen Verfolgern entgegenſpritzen kann. Das eben eingefan⸗ gene Exemplar mißt 7 Fuß in der Länge— ſo näm⸗ lich erzählen engliſche Blätter. Unterhaltendes. In einem Hotel in der Leopoldſtadt haben neulich zwei Stammgäſte die Kunſt erfunden, wie es möglich iſt, Champagner zu trinken, den man vielleicht erſt nach einem Jahrtauſend oder gar nie zu zahlen braucht.— Der Wirth in jenem Hotel iſt ein äußerſt charmanter Mann, der eine warme Freundſchaft und ein eiskaltes Bier für ſeine Gäſte hat und gern einen Spaß mit⸗ macht. Deshalb beſchloſſen zwei Gäſte, dem Wirth auf eine gute Weiſe eine Bouteille Champagner herauszu⸗ locken, welche ſie nichts koſten ſollte. Das große Werk wurde nun auf folgende Weiſe zu Stande gebracht: Die beiden Gäſte ſagten dem Wirth, daß ſie miteinan⸗ der eine Wette um eine Flaſche Champagner gemacht hätten. Natürlich müſſe ſonach derjenige von ihnen den Champagner zahlen, der die Wette verliere.„Und was iſt das für eine Wette?“ fragte der Wirth.„Das kön⸗ nen wir nicht verrathen,“ war die Antwort,„darüber ſoll ein anderer entſcheiden.“—„Und wer?“— Die Gäſte nannten nun den Namen eines anderen Herrn, der auch öfters in jenes Gaſthaus kommt. Dieſer ſollte bei nächſter Gelegenheit entſcheiden, wer die Wette ver⸗ loren habe. Im Vertrauen auf dieſen Schiedsrichter gab der Wirth die Flaſche Champagner her, ſie wurde ———,————.—— nicht dem der in ſüd⸗ „ſah man 6 Grad in en machen en hatten. einigen iſte unter⸗ gere Kam⸗ o daß die ung haben geſcheiter⸗ jalten und en pfle⸗ iffe lebt Mannes ungen, Innern e Inſtru⸗ ie gewon⸗ hem Wege blich am opa noch ſcchließlich ch dort en nen⸗ Aehnlich⸗ befinden r unge⸗ ute trägt. 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Man erzählt ſich in Paris folgendes tragikomiſche Abenteuer. Gräfin L. off ſchlug zwei jungen Leuten, die ſie mit Wiſſen und Einverſtändniß ihres Gemals in's Theater begleitet hatten, nach Beendigung des Stückes vor, ein Hallenſouper einzunehmen. Die Hal⸗ lenſoupers ſind ordinär und langweilig; aber einige phantaſtiſche Schriftſteller haben ſie mit den anziehend⸗ ſten Farben geſchildert. Die Neugierigen, welche, dieſen Schilderungen auf das Wort glaubend, ſich hinzugehen verleiten ließen, hüten ſich wohl einzugeſtehen, bis zu welchem Grade ſie myſtificirt wurden. Sie ſagen den Andern:„Geht hin, es läßt ſich einmal anſehn, wir be⸗ reuen unſern Gang nicht.“— Und ſo macht ein Narr zehn andere. Die Ritter der Dame, welche die Halle nur dem Namen nach kannten, nehmen mit Freude und ohne die geringſte Einwendung den Vorſchlag an. Der Wagen hält vor einem Hauſe voll Lärm, Blouſen und Gezänk. Man bringt die Geſellſchaft mehr über eine Leiter als über eine Stiege in ein Zimmer des fünften Stockes; aber wie ſieht es hier aus! das Tiſchtuch voll Flecken, die Mauer feucht, die Seſſel ſchmutzig; aus den anſtoßenden Zimmern vernimmt man Redensarten, die durch Schläge markirt werden. Bei dieſen überraſchen⸗ den Eindrücken, welche Geſicht, Geruch und Gehör nicht ſonderlich angenehm afficiren, hatte unſer Trio ſchon gute Luſt, ſich unſichtbar zu machen, aber es will Nie⸗ mand das Zeichen der Flucht geben. Man verſuchte zu lachen— wie die Feiglinge ſingen— und verlangte Auſtern. Mittlerweile erfolgte in den Zimmern links und rechts ein Waffenſtillſtand. Man bringt die Auſtern und meldet:„Die Polizet““ Die Polizei iſt an dieſen Orten nichts weniger als ungewöhnlich. In der That tritt ein Polizeiſergeant mit ſeiner Begleitung ein und verlangt von der Gräfin, die er mit„meiune Kleine“ anſpricht, die Papiere.— Natürlich hatte die Gräfin nicht die Gewohnheit, ihren Heimatſchein bei ſich zu tra⸗ gen. Die Polizei beſteht darauf; die jungen Leute pro⸗ teſtiren:„Sie irren ſich, es iſt die Gräfin L.. off.“ „Ich kenne das,“ erwiedert der Agent.„Wenn man ſeine Papiere nicht in Ordnung hat, ſo iſt man gleich Gräfin. Das iſt bekannte Sache!“ Es half keine Wider⸗ rede, die Gräfin wurde auf die Polizeipräfektur geführt und mußte daſelbſt die Nacht in Geſellſchaft von fünf oder ſechs weiblichen Weſen zubringen, die eben nicht zur gewählten Geſellſchaft gehörten. Erſt am Morgen darauf wurde die Gräfin durch ihren Mann reklamirt und befreit. Sie hatte nichts eiligeres zu thun, als ein Bad zu nehmen und— nach Italien zu reiſen. Vor einigen Wochen hat in Berlin eine höchſt inter⸗ eſſante Wette ſtattgefunden. Der durch die Naturwahr⸗ heit ſeines prächtigen Baumſchlages bekannte Landſchafts⸗ maler Joſef Firmenich traf nämlich in einem dortigen Hotel mit dem Chef eines Champagner⸗Hauſes zuſam⸗ men. Gegenſtand der Unterhaltung war bald die Kunſt. Der Kaufmann wußte von den herrlichen Leiſtungen ſeiner Landsleute viel zu erzählen, namentlich aber rühmte er die Schnelligkeit, mit der ſie ihre Werke auf diß Leinwand zauberten.„Ganz recht,“ entgegnete Fir⸗ Feuilleton. 63 menich in ſeiner großen Lebendigkeit,„ſchnell malt der Franzoſe; aber dann iſt's auch liederlich, was er gemalt. Kommen Sie mit, ich will Ihnen zeigen, daß auch der deutſche Künſtler ſchnell zu malen im Stande iſt; immer wird aber das, was er auf die Leinwand wirft, korrekt ſein.“ Man einigte ſich dahin, daß Firmenich eine Eiche malen ſollte, während der Kaufmann eine Regalia rauchte. Einige Körbe Champagner waren der ausgeſetzte Preis. Sofort begab man ſich in Begleitung einiger Zeugen, die meiſt dem Künſtlerſtande angehörten, nach Firme⸗ nich's Atelier. Der Künſtler ſetzte ſich an ſeine Staffelei, der Franzoſe brannte ſeine Zigarre an, eine Uhr wurde auf den Tiſch gelegt. Mit Blitzesſchnelle flogen nun die Farben auf die Leinwand von einem Fuß Länge, und gerade in einer Stunde war das genial ausgeführte Bild, eine wundervolle Steineiche in einer ſonnigen Landſchaft, fertig. Jubelnd riefen die Zeugen:„Ge⸗ wonnen!“ Der Künſtler nahm das Bild und über⸗ reichte es dem Franzoſen mit den Worten:„Ich mache Ihnen mit dieſem Bilde ein Geſchenk; kehren Sie in Ihre Heimat zurück, dann zeigen Sie es den franzöſi⸗ ſchen Künſtlern und ſagen Sie ihnen: das hat ein deut⸗ ſcher Künſtler in Einer Stunde gemalt!“ Mazarin war ein leidenſchaftlicher Spieler. Selbſt auf dem Krankenbette vermochte er der aufregenden Un⸗ terhaltung mit den Karten nicht zu entſagen. Frau v. Motteville redet dem Kardinal nach, er habe die im Spiel gewonnenen Goldſtücke auf ſeinem Schmerzens⸗ lager eigenhändig gewogen und die leichten davon ab⸗ geſondert, um ſie wiederum im Spiel zu verwenden. Von der Spielwuth überhaupt, welche die franzöſiſche Geſellſchaft zur Zeit Mazarin's beherrſchte, führte Rénée die folgenden aus Tauſenden jener Epoche gewählten Züge an:„Gourville nahm dem Herrn von Fouquet in einer halben Stunde 55,000 Franken ab. Herr von Crequi verlor an einem Abend 300,000 Franken und bezahlte nur die Hälfte der Summe. Der Marſchall von Eſtrees, der beim Spiele leicht aufbrauſte, verlor eines Abends bei ſich 100,000 Franken. Dabei entdeckte er eine zum Ueberfluß angebrannte Kerze, ließ dieſe aus⸗ löſchen und ſchrie über die Verſchwendung ſeiner Die⸗ nerſchaft. Der königliche Prinz, der damals den Titel: „Monſieur“ führte, verlor 300,000 Franken gegen Dan⸗ geau und Langlée. Um zu bezahlen, verkaufte er ſein goldenes Geſchirr und ſeine Edelſteine. Endlich gewann der König ein Mal im Bette liegend 2700 Piſtolen, und wir wiſſen, daß ein Abbé de Gordes nur dadurch be⸗ kannt geworden, weil Ludwig XIV. 150,000 Franken an ihn verlor.“ Dabei ging es nicht einmal ehrlich zu. In den verſchiedenen Denkwürdigkeiten, denen obige No⸗ tizen entlehnt ſind, iſt wiederholt von„Mogeleien“ die Rede. Ein Spieler von Rang unterrichtete den andern in den Künſten des Betruges. Auf die letzten, hieß es, müſſe man ſich verſtehen, um vor der Unredlichkeit An⸗ derer geſchützt zu ſein. Schimpfworte fehlen nicht, wo⸗ durch Grafen und Marquis als Schelme, Diebe und Gauner bezeichnet werden. In dem Verfahren, welches von einer Herzogin de la Ferté erzählt wird, iſt ſogar etwas wie Humor. Eine Dame ſchreibt davon in ihren Memoiren:„Die Herzogin de la Ferté ließ ihre Liefe⸗ ranten, Schlächter, Bäcker u. ſ. w. in ihrem Hotel zu⸗ ſammenkommen, hieß ſie, ſich um einen Tiſch herum⸗ ſetzen und ſpielte mit ihnen eine Art Landsknecht. Sie ſagte mir dabei in's Ohr:„Ich betrüge ſie,— aber nur darum, weil ſie mich beſtehlen.“ Auf dieſe origi⸗ nelle Weiſe verſuchte die Herzogin den Betrag ihrer Rechnungen herabzuſetzen.“ Buchſchau. Die Lehre von den Nahrungsnitteln, ihrer Verfälſchung und Konſervirung, vom techniſchen Geſichtspunkte aus bearbeitet von Ferd. Artmann. Erſtes Heft. Prag, bei Carl Bellmann. Sorgfältige Zuſammenſtellung der neueſten im Gebiete der Nahrungsmittellehre gewonnenen wiſſenſchaftlichen Reſultate, eine auch den Laien in der Chemie und Phyfiologte verſtändliche Darlegung derſelben in einer bündigen, jedoch keineswegs tro⸗ ckenen, ſondern friſchen, lebendigen Vortragsweiſe, Fernhalten von jedem dem Zwecke des Werkes ſicher nur ſchädlichen Pole⸗ miſiren, charakteriſirt vorliegende Arbeit auf eine ſo vortheil⸗ hafte Weiſe, daß ſie Jedermann beſtens empfohlen werden kann, der mit den ſo ergiebigen Forſchungen der Neuzeit auf dieſem Felde nicht vertraut, eine zweckmäßige Belehrung hier⸗ über ſucht. Den Inhalt des erſten Heftes bildet zuerſt eine in ge⸗ drängter Kürze gehaltene Einleitung, umfaſſend die zum Ver⸗ ſtändniſſe der Folge nöthigſten chemiſchen und phyſikaliſchen Grundbegriffe, worauf als Beginn des eigentlichen Gegenſtan⸗ des die Lehre von der Ernährung folgt. Alterthümer und Denkwürdigkeiten Böh⸗ mens. Mit Zeichnungen von Joſef Hellich und Wilh. Kandler. Beſchrieben von F. B. Mikowec. Prag, Kober& Markgraf. Mit Freude begrüßen wir ein Unternehmen, welches dem uns vorliegenden Programm nach zu urtheilen nicht nur ein ſehr reichhaltiges, ſondern auch höchſt intereſſantes zu werden verſpricht und nicht nur in Böhmen allein, ſondern auch im Auslande viel Anklang finden dürfte. Den Text liefert der in der Alterthumskunde als tüchtig anerkannte Ferd. B. Mikowec, der das ſeltene Talent beſitzt, die oft trockenen hiſtoriſchen Data in ein ſo angenehmes Ge⸗ wand zu kleiden, daß ſelbſt Leſer der zweiten Kategorie, näm⸗ lich diejenigen, die ſich nur unterhalten laſſen wollen, unwill⸗ kürlich in's Intereſſe gezogen werden. Das uns vorliegende erſte Heft enthält: König Ottokar's Grab in der Domkirche. Die Ruine Kokorin. Die St. Ste⸗ fanskirche in der Neuſtadt. Bei Ottokar's Grab, welches als Bildwerk von dem rühm⸗ lichſt bekannten hiſtoriſchen Maler Joſef Hellich gezeichnet und in Leipzig geſtochen wurde, führt uns der Verfaſſer auf die blutige Wahlſtatt am Marchfelde, erwähnt der königlichen Leiche dreimalige Uebertragung und öffentliche Ausſtellung und über⸗ geht dann zu einer ſehr intereſſanten Schilderung der früher ſächſiſchen nun ſternbergiſchen Kapelle im Prager Dome, in wel⸗ cher ſich das weißmarmorne Grabmal der Premyſliden befindet. Hierauf gibt uns der Verfaſſer einen hiſtoriſchen Ueberblick über die Beſitzer von Kokorin. Die Anſicht dieſer romantiſch gelegenen Ruine lieferte uns Herr W. Kandler. Von demſelben Künſtler iſt auch das dritte ſauber geſtochene Blatt der St. Stefanskirche in der Neuſtadt. Die Geſchichte dieſer Kirche(der Schluß folgt im näch⸗ ſten Hefte) iſt eine äußerſt reiche und intereſſante und wird uns in lebendiger Schilderung vor das Auge geführt. H. Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Caritas. Kalender für deutſche Frauen. Prag, bei Kober& Markgraf. Der ganze Ertrag iſt dem Franz Joſef⸗Kinderſpitale in Prag gewidmet. Bedarf es noch eines weiteren Beweggrundes zum Ankauf des hübſchen Buches, ſo nennen wir die Namen Löſchner, Ebert, Meisner und noch manch' anderen von gutem Klange, die alle kinderfreundlich ihr Scherflein zum ſchönen Zwecke beigetragen. Buchſtaben⸗Rebus von Johann Jaroſch. Fta R« T. Beim Jahreswechſel. Dechiffrir⸗Problem von J. Liebmann. 141128. 19111827. 31152727113028131829., 141128. 19111827. 3115272719232329, 353022. 32151318281521. 321927. 17151224271523. 28192314; 14241318. 1519231528. 2829151829. 1922. 32151318281521. 16152829, 141128. 28192314. 321927. 281521122829,— 141915. 32152129. 192829. 27152829; 302314. 321128. 2211. 23. 192829. 141128. 28252719131829. 28191318. 17152723. 321915. 2824232315232119131829. 302314. 3211231415212829152723, 321915. 12213022. 1922. 16152114. 302314. 12113022. 1922. 32112114, 1923. 2829271118211523, 161127121523, 162427221523. 12112114, 302314. 11212824. 11301318. 1923. 322427291523. 113028, 321915˙28. 15121529. 122714301318. 192829. 1923. 141522. 18113028. 2527242015281318. 31. 2428291523. Näthſel von J. N. K. Kannſt Du drei Buchſtaben nennen, Ohne die Reihe zu trennen, Wie ſie ſich folgen im Alphabet, Nimmſt Du noch einen vierten, Fern von ihnen poſtirten: Sagſt Du, woraus die Welt beſteht. Die Auflöſungen der beiden Rebus im November⸗ hefte der„Erinnerungen“ ſind: „Ein Narr macht zehn.“ „Aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben.“ (Die Namen der Auflöſer können wir wegen Mangel an Raum 3 erſt im nächſten Hefte bringen.) Verantwortlicher Redakteur: W. Ernſt.— Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag. Ausgegeben am 1. Jänner 1859. 2— +——