— ut war, lag, igen Deutſch igen herüber⸗ tebenſo ab⸗ mſtand, daß mpagnieftrma dem deut⸗ d wat dem dings Igte tiſten in w ſo großartigen heranreichten; herliche Opern menhang aus i ihren pro⸗ nicht anders Hauptperſonen die moralſſche s Verſehen franzöſiſchen e namentlich gewieſen im VUpte gar dem ſo zu⸗ nt, daß das h ſelbſt zu der vielen en Momente en betrachtet, ſtändige, ge Inſtrumen⸗ die jeinende Nachahmung ſcheinen ihm geleuchtet zu Wiſt ihn die chſt jene des ſt zuvie in aſſendet An zu Raume d N nmern. der d ſt ernſt, würdg eßſcene(2. N kt verbunden Alt.„l un originel ſind d inale 5 4 recht hübſc Att) haben din avatine Rr. 12 wiſt ſehr ge und Gteichen die Quel enſcene N anl) e war di eine) und j eine) Uu endlich einl 2 nde ke Schal Th. Reinwald: Theodor. 291 „komm', mein Töchterchen; zum Abſchiede mußt Du mit mir noch eine Zimmerpromenade machen, während ich mein Pfeifchen rauche— Wachtpoſtenſchritt!“ Während Hedwig dies künſtliche Manoeuvre aus⸗ führte, an der Seite des an einem Beine ſtruppirten Veteranen gleichen Schritt zu halten, zog Frau von Krüden den Sohn ihres erſten Gatten zu ſich auf das Sopha. „Du biſt am Ziele Deiner Wünſche, Alexan⸗ der,“ ſagte ſie;„Hedwig beſitzt Eigenſchaften, die Du mit jedem Tage mehr ſchätzen lernen wirſt. Ach, wenn doch Theodor auch ſo weit wäre! Ich wünſchte ſehnlich, daß er ſich endlich einmal losriſſe. Seine Briefe werden immer kürzer, immer kühler;— ich leſe zwiſchen den Zeilen, daß ihn etwas bedrückt. Wie auffallend iſt die Hartnäckigkeit, womit er ſeit mehr als zwei Jahren jede Reiſe nach der Heimat ablehnt; wie eigenthümlich ſein Benehmen im Hauſe meiner alten Freundin, der Präſidentin von Brühl! Von der kränkenden Ab⸗ lehnung, Deiner Vermälung beizuwohnen, will ich gar nicht ſprechen,“ fügte die Generalin ſeufzend hinzu. „In den meiſten Punkten haſt Du vollkommen Recht, Mama,“ verſetzte Alexander begütigend; „was übrigens die Klagen der Präſidentin anbelangt, ſo können ja die Berichte etwas parteiiſcher Natur ſein. Theodor iſt kein Damenfreund, und Frau von Brühl hat eine ſehr hübſche Tochter. Es iſt wohl nur beleidigte Muttereitelkeit, die ſie verleitet, meinem Bru⸗ „ der einen Vorwurf aus ſeiner Zurückgezogenheit zu machen.“ „Da beurtheilſt Du die Präſidentin falſch,“ ent⸗ gegnete Frau von Krüden;„ſie iſt eine zu geiſtvolle Frau, um ſich der lächerlichen Schwachheit ſchuldig zu machen, nach jungen Männern Angeln auszuwerfen, und Martha von Brühl iſt zu hübſch, als daß der mindeſte Grund dazu da wäre. Der Mangel an Auf⸗ Serkſamkeit von Theodors Seite beleidigt ſie gewiß Scht in dem Sinne, wie Du glaubſt. Eher fürchte ich, daß ein Intereſſe des Herzens dabei im Spiele iſt!“ „Du glaubſt alſo—“ „Daß meine hübſche Pathe Martha ganz dazu fähig iſt, ſich für einen Querkopf wie Theodor zu paſſioniren, und je ſchroffer er ſich benimmt, je mehr beſtätigt dies meine Befürchtung. Es thäte mir leid die Wändeide, und mein liebſter Wunſch erlitte dadurch Fenſter undstoß. Entweder iſt Theodor der Liebe gar vnduri ghig, oder er verbirgt eine ältere Leidenſchaft, die müſſen, Marth a's Vorzüge blind macht.“ ander„Quäle Dich doch damit nicht, Mama,“ ſagte Morlexander.„Du kennſt ja ſeine abgeſchloſſene Natur. elläh meinestheils glaube, daß er die Liebe erſt kennen noch zen wird. Seine kargen Briefe ſind übrigens ein leicht aikteriſtiſcher Zug. Er haßt ſchriftliche Ergüſſe und erſieht zit ganzer Seele bei ſeinem Beruf. Ich freue mich materiadie Erfüllung ſeines Verſprechens, mich demnächſt auf länger zu beſuchen. Haben wir uns doch vier Jahre nicht geſehen, und was hat ſich ſeitdem verändert! Da⸗ mals dachte ich nicht, daß meine Laufbahn ſo bald en⸗ digen würde.“ Mit verdüſterter Miene blickte Alexander auf ſeinen linken Arm, der in den italieniſchen Feldzügen des Jahres 18**†F von einer Kugel faſt zerſchmettert worden und ihn zu weiterem Dienſte unfähig gemacht hatte. Die Auszeichnung, die ihm geworden, indem er bei noch nicht dreißig Jahren auf dem Schlachtfelde zum Major ernannt, dann noch ſeine Bruſt mit einem Eh⸗ renzeichen geſchmückt ſah, das ihm den Adel brachte, konnte ihn doch nicht mit ſeinem Geſchick verſöhnen, und oft brach der Gedanke an ſeine plötzlich geſchloſſene Carrière mit Bitterkeit in ihm hervor. „Nur heute laß dieſe Klagen,“ bat Frau von Krüden mit ſanftem Tone.„Freue Dich Deines ruhi⸗ gen Glückes. Hedwig iſt beſſer daran, als wenn ſie das angſtbewegte Leben an der Seite eines Soldaten führen müßte.“ Alexander ſchüttelte ſeufzend den Kopf; aber an dieſem Tage konnte wirklich die ſchmerzlichſte Em⸗ pfindung nicht Raum faſſen. Die Pfeife des Generals war ausgegangen, die Stützuhr auf dem Pfeilertiſch ſchlug Ein Uhr nach Mitter⸗ nacht. Noch eine ſtumme Umarmung und eiliſt entfloh der General in ſein Zimmer, um den feuchten Schim⸗ mer in ſeinem ſeit Jahren der Thränen ungewohnten Auge nicht blicken zu laſſen. Frau von Krüden vergoß mit Hedwig CThrä⸗ nen um die Wette, und dann lachten ſie einander durch dieſe Thränen an; es ſollten ja nur wenige Stunden Entfernung zwiſchen ihnen liegen, und der Winter ſie vollends alle in der Reſidenz pereinen. II. Es waren ſonnige Flitterwochen für das junge Paar. Die reizende Lage des Gutes entſprach ganz dem träumeriſchen Sinne Hedwigs, die in den Stun⸗ den, wo Alexander ſeinen adminiſtrativen Geſchäften nachging, auf ſich ſelbſt angewieſen blieb. Das Wohn⸗ haus, in elegantem Styl gehalten, ſtand in einem ein⸗ ſam gelegenen, von ernſten Wäldern geſchützten Thale, das außerdem nur durch einige einzelne Häuschen be⸗ lebt wurde, und in der Regel die ganze köſtliche Stille ſolcher Waldthäler bot. Die kleine Anſiedelung hieß Burgſtein, welcher alterthümliche Name ihr von der Tradition geblieben war, die an dieſe Stelle vor Zeiten ein großes Schloß geſtellt wiſſen wollte und ſogar auf deſſen Reſte hinwies. Es blieb indeß ſehr zweifelhaft, ob das Schloß Burgſtein je exiſtirt, und ob jener große, hoch und maſſenhaft aufgethürmte Steinhaufe, deſſen groteske Gruppirung an koloſſale Gräber mahnte, je⸗ mals zu einem Gebäude gefügt ſein konnte. Gewiß iſt, daß dieſe alten Steine Jahrhunderte lang unverrückt hier lagen und den wuchernden Moſen ihre vielfache Verſchlingung, dem ſchmiegſamen Epheu ſeine treue Umarmung geſtatteten. Die beweglichen Schatten der Waldbäume ſpielten über dem„alten Burgſtein“, wie das Volk ihn getauft, und nie drang die volle Helle des Tages bis zu dieſer lauſchigen Stelle. Hier brachte 8 37* Q——— ————— — —— —— 6 1 292 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. — Hedwig manche ſchöne Stunde zu. In Geſellſchaft eines Lieblingsautors, oder einer leichten Handarbeit, ſaß ſie auf den moſigen Steinen und träumte; zuweilen ſang ſie auch ein fröhliches Lied, deſſen reiner Schall ſich im Echo der Wälder brach. Alexander, von ſeinen Wanderungen heim⸗ kehrend, fand ſie oft hier und raſtete an ihrer Seite. Allmälig lernte er den Gedanken ertragen, ſeine Kraft auf ſpielenden Zeitvertreib verſplittern zu müſſen. Mit allem Ernſt warf er ſich auf das ihm bisher fremde Gebiet der Landwirthſchaft, und errang ſich in Kurzem wenn auch noch keinen großen Ueberblick, doch theil⸗ weiſen Einblick. Dann ſuchte er ſeine kleinen Fertig⸗ keiten wieder hervor. Hedwigs lieblicher Stimme zu ſekundiren, mit ihr auf gemeinſchaftlichen Ausflügen kleine Skizzen in crayon zu zeichnen, ihr in trauten Abendſtunden vorzuleſen, mit ihr die Blumen zu pfle⸗ gen, das war die Ausfüllung ſeiner Muße. So waren bereits mehr als fünf Wochen verflogen, und immer noch war der von Alexander ſehnſüchtig van Hedwig mit Neugierde erwartete Bruder nicht er⸗ ſchienen. An einem lauen Auguſtabend, deſſen Schwüle ein verſpätetes Gewitter erwarten ließ, hatte Hedwig nicht gewagt, bis zum Burgſteine zu gehen; ſie war in dem niedlich angelegten Gärtchen vor dem Hauſe ge⸗ blieben, wo eine dichtbeblätterte, an beiden Seiten offene Laube ihr Lieblingsſitz war. Alexander las diesmal für ſich, denn er war eben erhitzt und ermüdet von einem Streifzuge mit ſeinem Verwalter heimge⸗ kommen, als er plötzlich die räthſelhaften Pantomimen ſeines Bedienten bemerkte, der offenbar eine beſondere Meldung für ihn hatte. Hedwig ſah auf ihre Arbeit nieder, ihr entging alſo dieſer halb komiſche Auftritt. „Entſchuldige,“ ſagte Alexander,„man ruft mich ſchon wieder,“ und raſch ſchritt er um das Haus herum auf den geheimnißvoll winkenden Diener zu, als er mit einem Male einen Ruf der Ueberraſchung aus⸗ ſtieß und— in Theodors Armen lag. „Welche Freude! Welche Ueberraſchung! Sei will⸗ kommen, Du Langerwarteter— wie wird Hedwig ſich freuen!“ Der lebhafte Alepander erdrückte den An⸗ kömmling faſt, der nicht zu Worte kommen konnte. „Du biſt noch ganz der Alte,“ ſagte Theodor von Krüden endlich lächelnd;„ungeſtüm wie der Sturmwind, aber dabei ein prächtiger, treuer Menſchen⸗ ſohn! Hier haſt Du mich nun, weil Du es nicht anders wollteſt.“ Eine neue Umarmung war die Antwort, und als Alexander endlich den Bruder die Treppe hinauf⸗ führte, ſagte er vergnügt:„Ich habe eine herrliche Idee! Vor Allem mache es Dir bequem und dann zeige ich Dir mein Weibchen auf ihrem Lieblingsplätz⸗ chen, verklärt vom Abendſchimmer, eine Blume unter Blumen. Du ſollſt ſie ſehen, ohne daß ſie es ahnt, und dann erſt geſtehſt Du ihr nachträglich, daß Du ſie ſchon belauſcht haſt.“ „Ich bin's zufrieden,“ verſetzte Theodor;„ich weiß ja, daß Du immer etwas Appartes für Dich ha⸗ ben mußt.“ Während ſein Halbbruder in den für ihn ſeit lange bereitſtehenden Zimmern der zweiten Etage ſei⸗ nen Anzug ordnete, ſtellte ſich Alexander auf einen Beobachtungspoſten, von wo aus er Hedwigs Platz im Auge behielt. Es währte nicht zehn Minuten, ſo erſchien Cheodor wieder. Beide gingen Arm in Arm nach der Laube, in einen Seitenweg einbiegend, wo die Gebüſche ſie verbargen und Hedwig ihnen ihr rei⸗ zendes Profil zuwendete. „Jetzt ſieh hin,“ ſagte Alexander;„das iſt meine Hedwig!“ Theodor ſah nach der angedeuteten Richtung und ſtieß zurückweichend einen Laut der Ueberraſchung aus, während eine plötzliche Bläſſe über ſein Geſicht glitt. „Sie iſt ſchön, nicht war?“ fragte Alexander, der den Ausruf ſeines Bruders für eine Ueberwälti⸗ gung des erſten Eindrucks genommen hatte. Theodor ſchwieg noch immer. Er brauchte Zeit, eine Aufregung niederzukämpfen, die zu mächtig und räthſelhaft zugleich, um keinen Preis verrathen wer⸗ den durfte. Nach einer längeren Pauſe erhob er ruhig ſeinen Kopf und ſagte:„Ich kann Dir nur Glück wünſchen.“ „Und das ſagſt Du ſo kalt, Menſch von Eis, der Du immer warſt! Nun— Du biſt auch noch ganz der Alte, oder vielmehr, Du biſt noch ein weit ſchlimmerer Schönheitsverächter als ſonſt!“ Theodor ſchwieg. Er lächelte blos verſöhnend und Alexander war zu ſehr in ſeinem Glück befan⸗ gen, um den ſchmerzlichen Zug in dieſem Lächeln zu be⸗ merken. In wenigen Minuten ſtand der neue Ankömm⸗ ling vor der jungen Frau und jetzt zeigte ſein Geſicht keine Spur der eben empfundenen Erregung. Sie erhob ſich überraſcht und erröthend, als ihr Gatte ihr ſo unerwartet ſeinen Bruder vorſtellte, n ihre Begrüßung war vollkommen unbefangen. Al⸗ „Herzlich willkommen,“ ſagte ſie, ihre kleine Hand in die ſeine legend;„ich wünſche mir für die lange und vergebliche Erwartung Ihres Beſuches nur die Genugthuung, Sie ganz bei uns heimiſch werden zu ſehen.“ — Nichts konnte ermunternder ſein, als dieſe mit dem lieblichſten Lächeln und von ſo ſchönen Lippen ge⸗ ſprochenen Worte. Theodor von Krüden blieb kalt dabei. Er verbeugte ſich blos tief und ſchweigend. Es war Hedwig überlaſſen, mit feinem Takte über das Peinliche dieſes Momentes hinwegzuſchlüpfen, und es gelang ihr auch. Dann ſchützte ſie die Pflichten einer Hausfrau vor und überließ die Brüder bis zur Theezeit einem vertraulichen téte à-téte. Da ſchien Theodor leichter zu athmen. Mit einem Anklang an die alte Zeit, wo ſie Beide noch Jünglinge geweſen und trotz ihrer verſchieden organi⸗ ſirten Naturen ſich leidenſchaftlich geliebt hatten, ſchlang Theodor ſeinen Arm um die Tallle ſeines Halb⸗ bruders und ging ſo mit ihm die Gänge des Gartens entlang. für Dich ha⸗ für ihn ſeit en Etage ſei⸗ er auf einen dwigs Platz Minaen ſo Arm in Aen⸗ egend, wo die hnen ihr rei⸗ er;,„das iſt tten Richtung Ueberraſchung in Geſicht glit. Alepander, ſe Ueberwälti⸗ te. brauchte Zeit, mächtig und errathen wer⸗ r ruhig ſeinen ick wünſchen.“ von Eiß der noch gGanlz der ſchlimmerer verſöhnend Glück befan⸗ achec zu be⸗ euue Ankömm⸗ te ſein Geſichl ung. thend, als ihr orſtellte, N ai gen. 6 lleine hand für die lange ches nur die ch werden zu als dieſe mit nn Liypen ge⸗ tüden blie nd ſchweigen Th. Reinwald: Theodor. 293 „Es ſind vier Jahre, daß wir uns nicht geſehen haben,“ bemerkte Alexander mit einem tiefen Seuf⸗ zer;„ſage mir, wie haſt Du dieſe Zeit verlebt? Deine Briefe geben kein Bild Deines Lebens; ſie laſſen für Manche zu viel, für Manche zu wenig errathen.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte Theo⸗ dor mit einem raſchen Aufblitzen der Augen. „Nichts, als daß Du uns ſeit einiger Zeit räthſel⸗ haft geworden biſt. Mama grämt ſich über Dich, und ſo ganz Unrecht hat ſie nicht. Geſtehe mir aufrichtig, ob Du Dich immer befriedigt gefühlt haſt, oder ob irgend eine Lücke in Deinem Leben iſt? Sonſt warſt Du offen gegen mich— iſt es jetzt anders geworden?“ „Was willſt Du denn für Geſtändniſſe von mir haben, feierlicher Bruder?“ entgegnete Theodor mit etwas erzwungener Ironie.„Haſt Du mich jemals ſchwärmeriſch, oder weichlich, oder verzärtelt gekannt, oder ſollte ich das Alles jetzt geworden ſein? Was ſollen dieſe inquiſitoriſchen Fragen? Hat etwa Mama Dich beauftragt, zu ſondiren? Oh ich kenne die heim⸗ lichen Konſpirationen meiner Mutter und einer ge⸗ wiſſen andern alten Dame;— aber ſie tragen ſich Beide mit ſehr vergeblichen Gedanken.“ „Du biſt allzu ſcharfſinnig. Aber Du weichſt mir aus. Es iſt etwas an Dir, Theodor, das zwißhen Einſt und Jetzt einen großen Unterſchied macht; irßend Etwas, das ich fühle, aber nicht ſehen kann. Du biſt verändert und Deine Briefe waren ein treuer Abklatſch Deines Weſens. Biſt Du mit Deinem Beruf etwa un⸗ zufrieden?“ „Bah,“ ſagte Theodor mit einem halb ver⸗ ächtlichen Achſelzucken.„Der eine Beruf iſt ſo gut wie der andere; übrigens weißt Du ja, daß ich ihn mit Ueberlegung gewählt habe, zum größten Entzücken unſerer Mama, die durchaus Dich zum Advokaten machen wollte, während mein Papa aus mir einen ldaten ſchnitzen zu können glaubte. Wir wählten 8 umgekehrten Verhältniß und befriedigten ſo beide Theile.“ „Nun alſo?“ „Deine Frage iſt beantwortet. Ich bin mit Eifer und Glück Advokat, es macht mir Spaß, aus krummen Wegen gerade zu machen; übrigens bekümmere ich mich nicht weiter um das Leben der Reſidenz.“ „Aber auch nicht um das Deiner nächſten Umge⸗ bung!“ „Ah, wieder eine Botſchaft aus dem Feindes⸗ lager! Hat Frau von Brühl mich angeklagt?“ „Du biſt bitter und ſpottſüchtig,“ warf Alexan⸗ der erſtaunt über dieſe ſonderbare Stimmung ſeines Bruders ein;„ich werde nicht weiter forſchen, aber ich bin beſtärkt in der Idee, daß Dein Gemüth nicht frei von einem heimlichen Druck iſt, ſo ſehr Du ihn ver⸗ hehlen willſt.“ Ein tiefer Schatten lagerte ſich zwiſchen den aus⸗ drucksvollen Brauen CTheodors und hüllte gleichſam das große, hellgraue Auge ein. Um ſeinen feingeſchnit⸗ ttenen Mund zuckte der Wiederſchein herber Empfin⸗ ungen. 4 „Laß das,“ ſagte er endlich, wie beläſtigt durch dieſe Theilnahme, deren Echtheit er indeß nicht ver⸗ kannte;„Du weißt ja, daß ich als Knabe ſchon eigen war und darum oft geſcholten wurde. Papa nannte mich einen Kopfhänger und wollte mich deßhalb dis⸗ eiplinariſch kuriren,; Mama ging ſanfter zu Werke, ver⸗ griff ſich aber gleichfalls, denn auch ihre Diagnoſe war falſch. Sie brachte mich mit mediciniſchen Rathſchlägen zur Verzweiflung; um mich geſund zu machen, wühlte ſie in Recepten.“ „Aber, mein Gott, Du warſt ja vor dem Antritt Deines Berufes ſo ernſtlich leidend, daß wir Alle um Dich beſorgt ſein mußten und unſere ganze Hoffnung damals auf jener Reiſe beruhte—“ Alepander unterbrach ſich denn er ſah ſeinen Beuder plötzlich ſo blaß werden, daß er unwillkürlich ſeine Hand feſter faßte und ihm erſchreckt in's Geſicht ſah. Aber Theodor faßte ſich und geſtattete die Be⸗ merkung nicht, die auf Alexanders Lippen ſchwebte. „Nun, jene Reiſe,“ ergänzte er unbefangen,„hat mich von meinen Aerzten befreit; ſie bekam mir vor⸗ trefflich.“ „Vielleicht körperlich,“ warf Alepander ein, dem der ironiſche Ton dieſer Worte nicht entgehen konnte;„ich habe Dich ja ſeither nicht wiedergeſehen; aber erheitert hat ſie Dich nicht, denn von da an ſchreibt ſich die Stimmung, über die Mama ſtets zu klagen pflegt.“ Theodor preßte wie gepeinigt die Lippen über⸗ einander, und wie aus dem Himmel ſchien ihm jetzt die jugendfriſche Stimme zu klingen, die verkündete, der Thee erwarte die beiden Herren. Alexander fühlte ſich einen Augenblick nieder⸗ gedrückt von der ſonderbaren Verwandlung in Theo⸗ dors Weſen. Aber er war eine zu ſanguiniſche Natur, um ſolche Eindrücke lange feſtzuhalten, und der heitere Blick ſeines Weibchens gab ihm vollends ſeinen Froh⸗ ſinn zurück. Theodor blieb wortkarg und wechſelte mit der jungen Frau kaum einige allgemeine Phraſen. Er ſah abgeſpannt und ermüdet aus und zog ſich auch bald unter dem Vorwande, von der Reiſe fatiguirt zu ſein, auf ſein Zimmer zurück. III. Die Nacht war ſtill und lau. Am fernen Horizont drohte das Gewitter, das die Schwüle des Abends ſchon verkündet hatte. Durch die Stille des Waldthales führte der Wind das gewaltige Rauſchen der Baum⸗ wipfel herüber zum Landhauſe. Theodor von Krüden ſtand am geöffneten Fenſter und ſchaute unverwandt in die dunkle Wald⸗ partie hinaus. In dieſem düſteren Blick, dieſer re⸗ gungsloſen Haltung, ſprach ſich eine kalte Reſignotion aus; ein dumpfes Aufgeben der Hoffnuns⸗ wie nach einem plötzlichen vernichtenden Schlag. In der Tiefe ſeiner Bruſt gähren die Elemente noch, aber die Ober⸗ fläche iſt unbeweglich. Wie jene ſchwarze Wolke dort — — — 294 Erinnerungen. IFlluſtririe Blätter für Ernſt und Humor. am nächtlichen Himmel, ſo liegt ein ſchwerer Schatten auf ſeiner Seele; es zuckt wetterleuchtend in der Wolke und es zuckt auch in ſeinem Herzen; aber er preßt die Lippen zuſammen und geſtattet ſich keinen Laut; der Donner grollt in der Ferne, er bricht nicht los— die Nacht bleibt ruhig. Und ruhig lehnt der junge Mann im Fenſter, bis der Horizont ſich klärt, bis ſein Kampf ausgeſtritten; er hat einen Entſchluß gefaßt; was es ihn auch koſten mag, er muß bleiben und das Kom⸗ mende ertragen; ich will, ſagte er ſich ſelbſt, und dieſer ſtarke Wille wurde noch nie gebrochen. Friſche Morgenkühle folgte der lauen Nacht. Die Sonne kämpfte mit feuchten Dünſten und brach ſiegend hervor, ihre erſten Strahlen in das Zimmer werfend, wo Hedwig ſich geſchäftig am Frühſtückstiſch bewegte. Der erfriſchende Thau ihrer frohſinnigen Laune er⸗ füllte gleichſam ihre Umgebung. Ihr heiteres Morgen⸗ liedchen rief Alexander herbei, der ſie ſcherzend und koſend von ihren„Pflichten“ abzog und ſie zur cau- seuse in die Ecke führte, wo üppige Epheugewinde ſich über ihren Häuptern zu einer Laube verſchlangen. Hedwig beſaß die Politik, ſich jederzeit bereit⸗ willig in häuslichen Beſchäftigungen ſtören zu laſſen, ſobald ihr Gatte es wünſchte. „Wir werden wohl auf den Großſtädter lange warten müſſen,“ bemerkte ſie lächelnd;„der Kaffee wird kalt.“ „Laß ihn kalt werden,“ verſetzte Alexander, „und ſage mir lieber, mein ſüßes Weibchen, ob Dein pſychologiſcher Scharfblick Dich nicht etwas Sonder⸗ bares in Theodors Weſen finden ließ?“ „Wie kannſt Du ſo fragen?“ entgegnete Hed⸗ wig unbefangen;„ich kenne Theodor erſt ſeit ge⸗ ſtern und kann alſo unmöglich heute ſchon ein Urtheil ausſprechen, um ſo mehr, da er mir durchaus nicht à son aise zu ſein ſchien. Uebrigens muß ich Dir ge⸗ ſtehen, daß ich mich angenehm enttäuſcht über ſeine Er⸗ ſcheinung fühle; Du warſt trotz Deiner Liebe für ihn ungerecht in der Darſtellung ſeines Aeußern.“ „Er hat Dich alſo im Sturm erobert?“ lachte Alexander. „Das eben nicht. Aber ich finde in ihm etwas Bedeutſames, das Du mich nie ahnen ließeſt. Es iſt etwas Undurchdringliches und doch ſo Helles, etwas ſo Ruhiges und doch innerlich Bewegtes in ſeinem Weſen—“ „Nun, da ertappe ich Dich! Alles das haſt Du an einem Abend, in wenigen Stunden beobachtet?“ „Es hät ſich mir aufgedrungen, Alexander. Du ſagteſt mir immer: mein Bruder iſt von einem Ernſt, der Dir nicht zuſagen würde; er pflegt nie der Form eine Konceſſion zu machen, nie ſich in den Welt⸗ ton zu finden— er iſt nicht ſchön. Siehſt Du nun, da dachte ich mir ihn pedantiſch, philiſtrös, abſtoßend. Von dem Allen iſt vielleicht eine winzig kleine Doſis vorhanden, aber überwiegend iſt das Bedeutende, Ori⸗ ginelle an ihm. Er iſt eine intereſſante Studie.“ „Vortrefflich! Une mgs bin ich dann?“ „Ein offenes Buch für n wo ich jede Seite kenne und jedes Wort mich traut anlächelt, und wo ich meine eigenen Gedanken herauszuleſen pflege.“ „Das war ein GCötterwort! Aber nun, meine kleine Sibylle, muß ich den Langſchläfer wecken; jetzt kann er alle Reiſeermüdung ausgeſchlafen haben.“ Zu ſeinem größten Erſtaunen klopfte Alexan⸗ der vergeblich an Theodors CThür; er erhielt keine Antwort, bis ihm auf der Treppe ſein Diener begeg⸗ nete, der den jungen Baron ſchon in aller Frühe in den Wald gehen geſehen hatte. Eben im Begriff, den Ausreißer aufzuſuchen, ſtieß Alexander mit ihm im Portal zuſammen. „Das nenne ich Landluft genießen! Du thuſt wohl daran, lieber Theodor; der Morgenſpazier⸗ gang hat Dein Ausſehen ſchon gebeſſert, aber Hed⸗ wig geräth in Verzweiflung, wenn wir ſie länger warten laſſen. Komm, komm, cher frore, es ſitzt ſich ſo wohlig hier innen beim Morgenkaffee und einer dampfenden Cigarre;— da iſt der Entflohene, Hed⸗ wig, und jetzt ſchelte ihn, damit er Hausordnung lernt!“ „Das wäre eine verkehrte Politik,“ ſagte Hed⸗ wig, den Eintretenden mit einem warmen Lächeln begrüßend;„wer ſich bei uns heimiſch fühlen ſoll, muß ſeine volle Freiheit haben. Guten Morgen, lieber Theodorl Setzen Sie ſich hier an meine Seite und nehmen Sie die Proſa zu Leibe, nachdem Sie bereits Morgenthau als Seelentrank gekoſtet haben.“ „O im Gegentheil,“ verſetzte Theodor ohne aufzublicken, indem er den angebotenen Platz einnahm, „die Poeſie fängt jetzt erſt an.“ Hedwigs roſige Wange bekam einen höheren Karmin bei dieſer ſo kühl ausgeſprochenen aber feinen Artigkeit. Während ſie die Taſſe für ihren Schwager füllte, und ſeinen Geſchmack bald über den Rahm, bald über die Süße zu Rathe zog, ſah Theodor zu Bo⸗ den und athmete haſtig. Die Hand, womit er die ge⸗ füllte Taſſe übernahm, bebte unmerklich; Hedwif fühlte es in ihren eigenen Fingern vibriren.„Haben Sie nicht gut geſchlafen, daß Sie ſo früh ſchon das Freie ſuchten?“ fragte ſie. „Es iſt meine tägliche Gewohnheit, den Morgen, Winter und Sommer, draußen zuzubringen,“ antwor⸗ tete er, flüchtig aufblickend. „Sie wollen auf meine Frage nicht antworten. Wiſſen Sie nicht, daß es ſehr wichtig iſt, wie man die erſte Nacht unter einem gaſtlichen Dache zubringt? Ich hätte Sie geſtern Abend aufmerkſam machen ſollen; der Traum dieſer Nacht ſoll ſich ſtets erfüllen.“ „Und wenn man nicht ſo glücklich war zu träu⸗ men?“ „Dann iſt's ein Beweis von gutem Schlaf.“ „Oder vom Gegentheil,“ warf Alexander ein. „Jagſt Du viel?“ fragte Theodor, der offen⸗ bar das Geſpräch nie gerne ſubjektiv werden ſah. „Ich?“ rief Alexander mit einer Art ſchmerz⸗ licher Heftigkeit.„Du vergißt, daß ich ein jämmerlicher Invalide bin! Ich war nie ein Nimrod, aber ſeit mir die Jagd eine verbotene Frucht iſt, ſchmachte ich dar⸗ — lt und wo flege.“ un, meine decen; jetzt dane lener bege er Früͤhe in Begriff den mit ihm im Du thuſt ngenſpazier⸗ aber Hed⸗ ſie länger es üitzt ſich e und einer chene, Hed⸗ ausordnung ſagte Hed⸗ nen Lücheln fühlen ſol, lieber dor ohne einnahm, WRren aber feinen n Schwaget Rahm bald dor zu Bo⸗ ter die ge⸗ Hedwi Haben ſchon das den Morgen, 4 antwor⸗ antworten. vie man die ngt! 3c Th. Reinwald: Theodor. 295 nach, wie Tantalus nach den Früchten. Wenn es Dir Freude macht, ſo findeſt Du ein prächtiges Revier und alles Rüſtzeug, das für mich nur noch Plunder iſt.“ „Alexanderl“ Mit dieſem ſchmeichelnd aus⸗ geſprochenen Wort ſchlang Hedwig ihren Arm um ſeine Schulter und ſtrich koſend ſein braunes Haar aus der Stirne.„Haſt Du mir nicht verſprochen, Dich dieſes traurigen Unmuthes zu entſchlagen? Du thuſt mir weh mit dieſer Heftigkeit! Was iſts denn auch um die Jagd! Haſt Du Langeweile? Biſt Du unbefriedigt durch unſere Einſamkeit?“ „Mein liebes Weibchen— verzeih!“ ſagte der ſchnell Beſänftigte, indem er einen Kuß auf dieſe beredt fragenden Lippen drückte;„es wird noch lange dauern, bis ich Dir mein Wort unverbrüchlich halten kann. Der Gedanke an meine ungenügende Thätigkeit iſt eine Qual für mich.“ Sie ließ ſchweigend ihren blonden Kopf auf ſeine Schulter fallen. Als ſie ihn nach einer Sekunde wieder erhob, war Theodor aufgeſtanden, und an der halb⸗ geöffneten Balkonthür lehnend, ſtarrte er vor ſich nie⸗ der. Die ſonſt matte Bronzefarbe ſeines Geſichtes war von einer auffallenden Bläſſe überhaucht. Ein halber Blick Hedwigs lenkte Alexanders Aufmerkſam⸗ keit dorthin. Er ſprang auf und ſah ſeinen Bruder fra⸗ gend an. 1 „Biſt Du nicht wohl?“ „Was fällt Dir ein,“ war Theodors kühle Entgegnung.„Ich ſchlage Dir einen Gang in den Wald vor, Deine Grillen zu verbannen. Der Zufall ließ mich heute ſchon einen intereſſanten Punkt ent⸗ decken. Das iſt ein Stück urweltlicher Natur.“ „Wie, Sie waren ſchon am Burgſtein?“ rief Hedwig lebhaft aus;„ach und ich habe mich ge⸗ freut, Ihnen dieſe ſchöne Partie ſelbſt und zuerſt zeigen zu können!“ „Dann bedauere ich den Zufall, den ich eben zch geprieſen habe,“ entgegnete Theodor mit einer Verbeugung.„Woher der Name Burgſtein für dieſe Steinmaſſen?“ „Der Volkstradition zu Folge hat ein Schloß da geſtanden, und treu der Sage will man in dieſen ge⸗ waltigen Steinen Reſte des alten Baues ſehen,“ er⸗ klärte Hedwig. „Das müßte ein Rieſenbau aus der Urzeit ge⸗ weſen ſein,“ entgegnete Theodor lächelnd.„Knüpft ſich nicht auch noch eine andere örtliche Sage an den Burgſtein?“ „Ich hörte eine— aber ſie entfiel mir wieder. Dafür habe ich dort meinen Lieblingsſitz aufgeſchla⸗ gen. Ich bilde mir oft ein, ich ſei das Burgfräulein und—“ „Und, und?“ „Noch eine Menge toller Dinge dazu. Es iſt ein köſtlicher Ort für das Treiben der Phantaſie; ich ver⸗ ſichere Sie, jeder Stein erzählt ſeine Geſchichte.“ „Es gibt nur gewiſſe bevorzugte Naturen, für die der todte Stein und die ſtumme Blume eine Stimme erhält. In ihnen ſelbſt klingt der Ton wie ein verbör⸗ genes Saitenſpiel, aber ſie hören ihn wie von weiter Ferne aus einem Märchenland kommen; Sie ſind eine ſolche Natur, nicht wahr?“ Bei dieſen Worten ſah Theodor zum erſten Male voll in das blühende Geſicht der jungen Frau, die, von dem Gegenſtande erfaßt, leuchtenden Auges ſeinem Blicke begegnete. So unbefangen der Strahl ihres von einem poetiſchen Gedanken erhellten Blickes auf ihm lag, ſo magiſch wirkte er; Theodors Wange überzog ſich mit einer jähen Röthe und dann mit plötz⸗ licher Bläſſe. Er wandte ſich ab und ging ſeinem Bru⸗ der in das nächſte Zimmer nach, um ihn nochmals zu dem vorgeſchlagenen Ausflug zu animiren. Nach einer Viertelſtunde traten Beide wohlausgerüſtet ihre Wan⸗ derung an. Alexander drückte einen herzhaften Kuß auf die Lippen ſeines Weibes. Unter ſanftem Sträuben machte ſich Hedwig los und bot, von Purpur über⸗ goſſen, ihre Hand dem Schwager, der ſchon halb ab⸗ gewandt zum Fortgehen bereit war. „Weidmannsheil!“ ſagte ſie lächelnd, denn Theo⸗ dor war zur Jagd gekleidet und Alexanders Hund Tartar umſprang ihn wedelnd und beuteluſtig. Er dankte ſtumm, nur mit einem Aufblitzen ſeiner ausdrucksvollen Augen und berührte die Hand der jun⸗ gen Frau kaum mit den Fingerſpitzen. Gedankenvoll blickte Hedwig den beiden Brü⸗ dern nach. Alexander ſah zurück und winkte ihr Grüße zu, Theodor ſchritt raſch vorwärts, ohne zu ihr aufzuſchauen. Er war nicht ſo groß als ſein Halb⸗ bruder und faſt zu ſchlank. Die Geſtalt hätte auf kaum vierundzwanzig Jahre ſchließen laſſen, wenn nicht das Geſicht etwas mehr verrathen hätte. Dieſe feſten, mehr im Ausdruck als in der Form edlen Züge erſchienen mit ihrer an die Kreolen mahnenden Bronzefarbe zu⸗ weilen wie aus Erz gegoſſen; und doch zuckte es hinter dieſer Außenſeite oft ſo ſchmerzlich, doch flammte es ſo unruhig in dem hellgrauen Auge, das den feſſelndſten Zauber beſaß. Die Stimme klang zuweilen ſo kalt, ſo feierlich, wie eine Glocke, und vibrirte auch wieder wie ein nachzitternder Saitenton. Was iſt', das ihn oft mit einemmale ſo blaß werden läßt? Was liegt Ge⸗ heimnißvolles in ihm verborgen? Warum iſt er nicht ſo frei, ſo offen, ſo heiter wie Alexander? So zog es an Hedwigs Geiſte vorüber, als ſie träumeriſch noch immer am Balkon ſaß, wo die beiden jungen Männer verſchwunden waren. „Er iſt eine intereſſante Studie,“ hatte ſie dieſen Morgen zu Alexander geſagt.„Eine gefähr⸗ liche Studie,“ dachte ſie jetzt ganz leiſe, ſo leiſe, daß der Gedanke wie ein Nebel durch ihren Geiſt ſchwebte und ein unbeſtimmtes Gefühl von Unbehagen in ihrer Seele erzeugte. Zum erſtenmale fand Hedwig keine paſſende Beſchäftigung, ſich die Zeit zu vertreiben. Sie ging ab und zu, blickte bald in ein Buch, bald koſte ſie mit ihren Vögeln; bald ſetzte ſie ſich an's Piano und brachte es nicht über ein Paar Takte hinaus; ſie wollte ſingen und fand es plötzlich ſonderbar, ſo ganz allein ihrer Stimme Schall zu hören. Eine nie gefühlte Un⸗ ruhe trieb ſie. Die Stunden ſchlichen heute ſo träge, es 296 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. wollte nicht Mittag werden. Plötzlich bekam ſie die Idee, im Garten Blumen für den Mittagstiſch zu ho⸗ len. Der Gaſt ſollte damit überraſcht werden. Ob er wohl die Blumen liebt? Dieſe Spielerei lenkte glücklich Hedwigs Gedanken ab. Wähleriſch ſuchte ſie die ſchönſten, friſcheſten und band ſie zu drei niedlichen Bouquets, die die Couverts zu zieren beſtimmt wurden, und ordnete die übrigen ſinnig in nette Körbchen, wo⸗ von eines die Mitte des Tiſches einnehmen und eines in Theodors Zimmer kommen ſollte. Endlich, end⸗ lich hörte ſie Stimmen und eilig mit ihren Blumen entfliehend ſprang ſie die Treppe hinauf; ihr Arrange⸗ ment war gelungen, ehe die Zurückkehrenden noch das Haus erreicht hatten. Erhitzt, klopfenden Herzens kam ſie ihnen entgegen, beide Hände gleichzeitig Beiden reichend. Tartar trug das von Theodor erlegte Wild und brachte es auf den Schmeichelruf Hedwigs zu ihren Füßen hin. „Sie haben alſo Glück gehabt,“ ſagte ſie. „Wie konnte ich anders, nachdem Sie mich mit einem Segenswunſche entlaſſen haben?“ verſetzte Theodor. Dann ging er auf ſein Zimmer, die Kleider zu wechſeln, und als er wieder herab kam, ſagte er keine Sylbe über die ihm zugedachte Ueberraſchung. Auch bei Tiſche ſchien er die Zugabe der Blumen natürlich zu finden. Alexander würdigte indeß die Tafelzierde beſſer. Er ſagte heiter:„Jeder ſchmücke ſich mit ſeinem Strauße,“ und gab das Beiſpiel, indem er den ſeinen ſcherzend an ſeinem Knopfloch befeſtigte. Hedwig ſteckte den ihren in den Gürtel und ſah erwartungsvoll auf Theodor, der langſam und mechaniſch die Blu⸗ men betrachtete und endlich ebenfalls in ſein Knopfloch hing, ohne ein Wort zu ſagen. (Jortſetzung folgt.) Kater und Katze. Stillleben am Sonntagsmorgen. (Hiezu die Bilderbeilage.) Am Sonntag früh da waren All Wohl in die Kirche gangen, 2 Der Kater und die Katz allein Umher im Zimmer ſprangen. Sie guckten hin, ſie guckten her, Ob nirgend was zu naſchen wär, Es roch ſo appetitlich. Der Kater ſtolz einherſpaziert: Jetzt bin ich Herr im Hauſe, Und geb' mich länger nicht mehr ab Mit hungrigem Gemauſe! Im Schrank dort ſteht ein Schinkenbein Und ein getratenes Entelein—. Wärs nur nicht eingeſchloſſen! * * Die Katze ſpricht: Ich bin die Frau, Weiß, wo die Milch zu finden, Weiß auch, wo Brod und Butter ſteht, Und gute Käſerinden. Auch anderthalb geback'ner Fiſch Sind aufgeſpart vom Mittagstiſch— Wärs nur nicht eingeſchloſſen! Der Kater ſpricht: Eine Leberwurſt Liegt auch noch in dem Schranke, Ein Schnäpschen derauf, fürwahr das iſt Ein trefflicher Gedanke! Die Flaſch' iſt zu? So trink ich gern Auch Milch— zwar iſt ſie nichts für Herrn— Wär ſie nur nicht verſchloſſen! Die Katze ſpricht: Ich wittere was Von guten Hefenklößen, Daneben liegt gebrat'ner Speck, Ich glaub, in ganzen Stößen! Der Kater ſpricht: Ein Hering auch Iſt gut, mit klein gehacktem Lauch— Wärs nur nicht eingeſchloſſen! Die Katze ſpricht: Ich bin die Frau, 2 So will ich ſitzen und ſpinnen. Der Kater ſpricht: Ich bin der Herr, Was ſoll denn ich beginnen? Es iſt ſo leer im ganzen Haus, Hm! fänd ich nur ne ſette Maus— Sind die auch eingeſchloſſen? Und als die Kirch' und Predigt aus, Die Hausfrau kommt geſchritten: „Ei, find ich euch bei meinem Schrank So häuslich guter Sitten? Ihr Muſter der Enthaltſamkeit, Wohl euch, daß die Gelegenheit 4 Euch klüglich ward verſchloſſen!“ Louiſe Meunier. Von P. D. (Schluß.) ⸗ IX. ouiſe ſuchte durch dieſe feinen Troſtſprüche René nur zu täuſchen; denn ſie war entſchloſ⸗ ſen, nie wieder auf ſeine Verſprechungen oder auf ſeine Liebe irgend welche Anſprüche zu er⸗ heben. Sie hatte die Stimmung der Gräfin zu genau erforſcht und durchſchaut, als daß ſie die Verſuche, dieſelbe zu ihren Gunſten zu bekehren, noch hätte fortſetzen mögen, deren Erfolgloſigkeit für ſie auf der and lag und die ihr höchſtens neue Demüthigun⸗ gen und neue Qualen einbringen konnten. Mn pnnidunnunnguwnman — — 8 Vnn Katen un te. Fal herei wüng die Yor ihre zöſ lich die La den ihre ben biet vor wei nur eine ver wer vie ne zu we Louiſe Meunier. 297 Sie theilte alſo René mit, daß man ihr, für den Fall ſie zu ihrem früheren Berufe zurückkehren wollte, bereits verſchiedene Anträge gemacht. Namentlich wünſchte eine in Paris lebende amerikaniſche Familie, die dringende Angelegenheiten auf ein Jahr nach New⸗ Vork riefen, ſie zu engagiren. Dieſelbe fürchtete, daß ihre Kinder während dieſer Zeit die Reinheit der fran⸗ zöſiſchen Ausſprache einbüßen möchten, wenn die täg⸗ liche Konverſation fehlte. Eine Freundin Louiſens, die im Kloſter zu Bayeux lebte, hatte ſie den jungen Lady's auf's Wärmſte empfohlen, und nicht unterlaſſen, denſelben alle trefflichen Eigenſchaften und vor Allem ihre ſeltene allſeitige Bildung gebührend hervorzuhe⸗ ben. Louiſe war entſchloſſen, das ehrenvolle Aner⸗ bieten nicht von der Hand zu weiſen. Rensé erſchrak vor einer ſo langen Reiſe über's Meer und einer ſo weiten Entfernung. Louiſe aber beſtand darauf, daß nur eine ſo vollſtändige Aenderung ihrer Lage und nur eine gänzlich neue Umgebung ihren Kummer zu lindern vermöge.— Schließlich verlangte dann Rensé, ſie ſolle wenigſtens mit ihrem Onkel erſt die Sache beſprechen; vielleicht würde Meunier, wenn er ihren Plan ver⸗ nehme, ſich doch entſchließen, ſie noch ein Jahr bei ſich zu behalten. Aber Alles half nichts; über dieſen Punkt waren und blieben Beide anderer Anſicht. So ſchieden ſie von einander. Aber Ruhe fan⸗ den Beide nicht. René fing bereits an zu ahnen, daß nun eine düſtere Zukunft für ihn beginne, ja ſo düſter, daß ſie nie wieder durch die Strahlen des ſo heiß erſehnten Glückes erhellt würde. Aber auch Louiſen fiel nachgerade ihr Entſchluß centnerſchwer aufs Herz. Ihre phyſiſche und moraliſche Kraft war wie mit einem Male gebrochen. Sie malte ſich ihren und Ren és Zuſtand nach der Trennung und die muthmaßlichen Folgen derſelben mit ſo lebhaften Farben vor, daß ein kalter Schauer nach dem andern ſie überlief. Aber was konnte Alles helfen? Was ſollte ſie thun? Nach langem Hin⸗ und Herbrüten entſchloß ſie ſich endlich, René's Wunſch doch zu erfüllen und ihren Onkel zu fragen, ob er ſie noch ein Jahr bei ſich behalten wolle. Sie that's. Und es wäre kein nennenswerthes Opfer für Meunier geweſen,„Ja“ zu ſagen; denn abgeſehen von den Annehmlichkeiten, die Louiſens Umgebung für ihn ſtets hatte, wog ihre Thätigkeit im Hauſe auch die etwaigen materiellen Opfer des Onkels mehr als auf. Aber Meunier war zu ſehr aufgebracht ob der Verzögerung, die die Gräfin in die Heiratsangelegenheit zu bringen gewußt. Er wollte nicht, und ließ wie ge⸗ wöhnlich bei dieſer Gelegenheit die Wuth, die er fühlte, an Louiſen aus. „Iſt's nicht mehr als genug,“ ſprach er,„daß ich Dich durch ein ganzes Jahr umſonſt ernährte? Und— wenn dieſer ſchöne Herr Graf Dich nicht heiratete, und das iſt ſehr wahrſcheinlich, was ſoll dann aus Dir werden? Wäre es nicht beſſer, Du ſäheſt Dich jetzt gleich wieder um eine Gouvernantenſtelle um, ſtatt ſo in den Tag hinein zu leben?“ Louiſe entgegnete kein Wort, ſondern nahm ſofort die Feder und ſchrieb an Miſtreß G...., daß Erinnerungen. LXXXII. 1861. ſie das ihr gemachte Anerbieten annehme und nach Ablauf von vierzehn Tagen in Havre eintreffen werde. Einen Theil dieſer Zeit brachte Louiſe bei Klärchen zu, die die Entſchloſſenheit ihrer Freundin um ſo mehr erſchütterte, als ſie hinter derſelben ein tiefes, verzehrendes Leiden gewahrte. Nur die letzten Tage vor ihrer Abreiſe blieb ſie zu Hauſe, um dieſelben ganz ihrem René zu widmen. Ach! wie liebte ſie ihn ſo ſehr! Wie verehrte ſie ſeine trefflichen Eigenſchaften und die Liebenswürdigkeit, die ſie Anfangs ſo ſehr be⸗ zauberte und ihn ſpäter über alle menſchlichen ihr be⸗ kannte Weſen erhaben erſcheinen ließ. So verzehrte ſie ſich in Liebesqualen mit einem gewiſſen Ergötzen, ohne daran zu denken, daß ſie das Opfer derſelben werden müſſe und keine andere. Moriz hatte inzwiſchen von den erfolgreichen Bemühungen der Madame von Bourguevbille Kenntniß erhalten. Er wagte es, Louiſe zu beſuchen: vielleicht hoffte er, in dem gegenwärtigen Augenblicke Verzeihung zu finden. Da Veronika ihn hineinführte, ohne ihn zuvor anzumelden, konnte Louiſe nicht an⸗ ders, als ihn empfangen; aber ſie ließ es ihn gleich fühlen, daß ſein Anblick ſie tief verletze. „Gehen Sie,“ ſagte ſie zu ihm,„Ihre Rolle haben Sie ausgeſpielt; Sie haben mein Glück getödtet, aber meine Liebe werden Sie nimmer ertödten; zwar werde ich nicht Ren és Frau werden, aber ich werde nie aufhören, ihn zu lieben, weil er immer meiner würdig bleibt.“ Moriz blickte ſie mit Entſetzen an; die gänzliche Veränderung ihrer Züge machte ihn faſt erſtarren. Wie hätte er ſich nicht ſagen ſollen, daß er, nur er daran Schuld ſei! Als Louiſe dies bemerkte und Schmerz und Ge⸗ wiſſensbiſſe aus ſeinen Zügen herauslas, ſprach ſie: „Fürchten Sie nichts; ich verzeihe Ihnen; ich leide zu ſehr, als daß ich noch Jemanden haſſen könnte; meine Leiden haben meinen Haß verzehrt. Ich möchte alle Weſen, die es wünſchen, mit jener unveränderlichen Liebe lieben, deren ich ſelbſt ſo ſehr bedürfte.“ Er verſuchte es, ihr zu antworten; aber es war ihm unmöglich, Eigenliebe, Aerger, Kummer, Rührung hatten ſich gleichzeitig ſeines Innern bemächtigt. Wie an dem Tage, wo er ihr ſeine Hand antrug, ſo verließ er ſie auch heute in der heftigſten Aufregung. Im Weg⸗ gehen ſtieß er ſeinen Stock wüthend auf den Fußboden, während er halbvernehmbare Worte ausſtieß, die auf wilden Zorn ſchließen ließen. Kaum aber hatte er zehn Schritte gemacht, da entrang ſich ſeiner Bruſt ein tiefer Seufzer und zwei dicke Thränen rollten über ſeine Wangen herab. Warum, das wußte er ſich ſelber nicht zu ſagen. Für Louiſe war der Abend vor ihrer Abreiſe gekommen. Von René Abſchied zu nehmen, dazu fühlte ſie ſich zu ſchwach und zu angegriffen; daher täuſchte ſie ihn, indem ſie ihn zu einer Stunde zu ſich bitten ließ, in der ihre Abreiſe ſchon erfolgt war. Sie traf dann ihre letzten Vorbereitungen; hiebei unterſtützte Veronika ſie mit einer Beſtürzung, die namentlich 38 —— ——— 7.* 2————n — 298 Crinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humot. bei ihr auffallen mußte; allein ſie hätte ſich's nie träu⸗ men laſſen, daß die Dinge ſo enden würden. Meu⸗ nier lächelte höhniſch in ſich hinein, als hätte er trium⸗ phirt über die Zerſtörung der Hoffnungen, zu denen er nie ermuthigt; aber in ſeinem innerſten Innern ſah es ganz anders aus; er fühlte jetzt zum erſten Male etwas wie väterliche Zärtlichkeit ſich regen. Ja, hätte er nicht gefürchtet, dadurch lächerlich zu erſcheinen, hätte er Louiſe vielleicht in jenem Augenblicke an der Abreiſe gehindert. Louiſe entging dieſe Umſtimmung ihres Onkels nicht.„Ach mein Gott,“ ſagte ſie zu ſich,„warum müſſen Alle ſo ſpät anfangen, mich zu lieben?“ Wie ſehr fühlte ſie ſich in den letzten Stunden verlaſſen, ohne René, ohne Klärchen!„Es gibt unglückliche Weſen,“ dachte ſie,„die fort und fort über ihrem Haupte die Worte ertönen hören: Du wirſt zur Erde zurückkehren, von der du genommen biſt! und zu dieſen gehöre ich. So ſelten meine Hoffnungen und Freuden waren, ich mußte beide noch dazu immer ſofort nach ihrem Erſcheinen wieder untergehen ſehen.“ Der Schlaf floh ihre Augen in der Nacht vor dem grauſamen Abſchiedsmorgen; noch einmal ſchrieb ſie an ihre vertrauteſte Freundin: „Morgen Früh reiſe ich ab, liebes Klärchen; dieſe Nacht, in der ich Dir dies ſchreibe, iſt die letzte, die ich hier zubringe. Alles iſt vorbei, wirſt Du es begrei⸗ fen? Ach!ich begreife es ſelbſt nicht. Wie hat mich das Glück, das mir zu winken ſchien, getäuſcht! Das Glück? Nein, René, nur er allein; ich liebte ihn ſo unaus⸗ ſprechlich. Morgen Früh ſoll ich abreiſen weit aus der Welt und ſoll ihn lange, lange nicht mehr ſehen! Mor⸗ gen ſoll ich ſo denken und handeln, als ob ich wirklich noch lebte; aber ich kann's unmöglich; ich liebe und lebe nur da, wo er iſt. Ach Gott! Ach Gott! „Die Seufzer erſticken mich! Ach! alle meine Thrä⸗ nen können das Geſchehene nicht ungeſchehen machen! Nur Geduld! wirſt Du ſagen; ein Jahr iſt ja keine Ewigkeit! O! ein Jahr warten, das iſt nicht möglich; meine Kräfte ſind erſchöpft! Ich ſoll hoffen! Das kann ich nicht! Warten, mein zukünftiges Glück mir lebhaft vorſpiegeln, um darin Stärkung zu finden! Auch das kann ich nicht; meine Phantaſie kennt nur mehr die Schreckensbilder des Unglücks. Ich weiß wohl, daß es überall Unglückliche gibt, denen das Schickſal ihr Lieb⸗ ſtes raubte; aber ſie ſind nicht allein und verlaſſen; man hilft ihnen, tröſtet ſie, ſucht ſie ſo viel möglich ihre Leiden vergeſſen zu machen. Jal ſelbſt wenn ſie Nie- manden haben, der ſie liebt; ſie haben doch wenigſtens etwas, was ſie lieben. Aber ich, ſo eine arme, ver⸗ laſſene Waiſe, wer liebt mich? Was liebe ich? Ich bin gewiß, daß es keinen unglücklicheren Menſchen auf der Welt gibt, als mich. Das Schickſal hat mich nicht nur zu ſeinem Opfer auserkoren, ſondern zu ſeinem Schlacht⸗ opfer! Es will mich zu Tode martern....“ Dieſes fragmentariſche Schreiben ging an Klär⸗ chen ab. Ihm folgte am zweiten Tage darauf ein zweites. „Ich bin in Havre angekommen; in einer Stunde werden wir uns einſchiffen! Wie kam ich hieher? Was habe ich gethan? Ich weiß nichts davon! Was iſt mit mir vorgegangen? Allen äußeren Eindrücken bin ich mit einem Male unzugänglich; ob ich mich in munterer Geſellſchaft oder einſam und allein befinde, ob ich gehe oder ſitze, ob ich in der Sonne oder im Schatten weile — ich bin immer dieſelbe: das Wohlthätige, was man ſonſt da zu empfinden pflegt— ich ſpüre nichts davon. Mitten in dem Gewirre der Welt ſtehe ich einſam da; in der Einſamkeit umſchwirren mich meine Gedanken; will ich ausruhen, treibt's mich fort; will ich fort, bin V ich ſtarr und unbeweglich; meine kalten Glieder erwär⸗ men ſich nicht an den Strahlen der Sonne; meine Fie⸗ berhitze findet keine Linderung im Schatten! Iſt das nicht mein Todeskampf, der auf dieſe Weiſe beginnt! Ach! nein! in Mitten meiner troſtloſen, verzweifelten Lage fühle ich alle Qualen des unglücklichen Daſeins, welches ich friſte! Ach! Klärchen, René, wie lieb⸗ los waret Ihr gegen mich! Warum ließet Ihr mich ge⸗ hen? Achl ich glaube, jedes Weſen, jedes Ding, ſelbſt die todte Erde meines Vaterlandes, das ich verließ, würde ſich erheben und meiner Abreiſe widerſetzen, wenn ſie die Größe und Schwere meiner Leiden kännten.“ Inzwiſchen hatte René die wenigen Zeilen er⸗ halten, in welchen Louiſe ihm Lebewohl ſagte. Er erhielt dieſelben in demſelben Augenblicke, wo er ſich zu ihr begeben wollte. Der Gedanke, daß ſie ſchon weit, weit fort ſei, erſchütterte ihn bis in ſein tiefſtes Innere. Er verſuchte ihn zu verſcheuchen, ſich ſelbſt zu täuſchen— alles vergebens; er trat immer wieder mit verdoppelter Lebhaftigkeit vor ſeine geängſtigte Seele. Sofort eilte er zur Gräfin:„ „Ich habe Ihnen ein Verſprechen gegeben, theure Mutter, welches ich nicht halten kann; ich kann mich unmöglich von Louiſe trennen; binnen einer Stunde reiſe ich ab, ich gehe ſie ſuchen und führe ſie wieder hieher zurück.“ Seine Mutter blickte ihn erſtaunt an; die Züge ſeines Geſichtes ſprachen es deutlich aus, daß hier an den Erfolg einer Widerrede nicht im Geringſten zu denken ſei. Aber René kam leider zu ſpät! Er war davon jedoch keineswegs überraſcht; er hatte es auf dem gan⸗ zen Wege zu ihrer Wohnung zu lebendig geahnt, als daß es eine Täuſchung hätte ſein können. Aber als er an die ungeheure Meeresfläche dachte, die ihn nun von Louiſe trennte, da fühlte er ſich eben ſo verlaſſen wie ſie; da war auch er der Verzweiflung nahe. Aber was thun? Es blieb nichts anderes übrig, als ſie brieflich unter wiederholter Verſicherung ſeiner ewigen Liebe zur Rückkehr einzuladen. Das that er auch ſofort. Aber dieſer erſte wie alle folgenden Briefe blieben unbeantwortet. Er bot Alles auf, Erkundigungen über Louiſe einziehen zu laſſen; aber ſie hatten nur einen unvollſtändigen Erfolg. Das einzige, was man mit Beſtimmtheit erfuhr war, daß Louiſe während der Reiſe ihre Stelle als Gouvernante gekündigt, weil ſie ſich außer Stande fühl ihren Pflichten auf die Dauer nachzukommen. Ja, 1 — hatt Reiſ milte gork dann mitte ſuch⸗ ben Wa bel che die als lebe und Lor Kun 85 mer der Mo ihn leb die ein die — eher? Waz Was iſt mit ken bin ich in munterer ich gehe ſcanen weile ige, was man ts davon. einſam da; e Gedanken; ich fort bin jeder erwär⸗ meine Fie⸗ en! Iſt das ſe beginnt! verzweifelten hen Daſeins, né, wie lieb⸗ Ihr mich ge⸗ Ding ſelbſt ich berließ, widerſetzen, den kännten.“ den Zeilen er⸗ hl ſagte. Er e, Wwo er ſich ooß ſe ſchon m tiefſtes ich ſelbſt zu wieder mit tigte Seele. Len. Veute kann nüch einer Stunde re ſie wieder in; di 3üe daß hier an geringſten zu 7r war davon aufj dem gan⸗ . geahnt als 2 Aber als er iihn nun bon „ aſſen wie tf blieben ngen übe F. W. Grüner: Sitten und Naturtrieb des Fuchſes. 299 hatte, um ihre Freiheit ganz wiederzugewinnen, die Reiſekoſten, welche laut Kontrakt die amerikaniſche Fa⸗ milie zu tragen hatte, dieſer zurückgezahlt. In New⸗ York hatte ſie einige Tage in einem Gaſthofe zugebracht; dann aber hatte ſie, ohne Zweifel, weil ihre Subſiſtenz⸗ mittel ausgegangen, denſelben verlaſſen, und alle Ver⸗ ſuche, von da an ihre Spuren weiter zu verfolgen, blie⸗ ben ganz und gar erfolglos. Irrte ſie in einem wildfremden Lande umher? War ſie vor Elend, Hunger oder Verzweiflung geſtor⸗ ben? Das war die grauſame Alternative, die Klär⸗ chen und René fortan folterte. Wie oft ſah René die Arme im Traume ſterbend oder todt! Wie oft auch, als hätte ihn der Gott der Träume entſchädigen wollen, lebend, in ihrer ganzen Schönheit! Beides drohte nach und nach ſeine Kraft aufzuzehren. So auch bei Klärchen. Meunier vernahm die Kunde von dem Schickſal Louiſens ſchweigend. Er antwortete nichts; von Kummer war nichts bei ihm zu bemerken; er vermied es überall, von Louiſe zu ſprechen. Inzwiſchen be⸗ merkte Veronika, daß das alte Magenübel ihres Herrn ſich mit Rieſenſchritten verſchlimmerte, daß ſein Magen faſt alle und jede Funktion verſage. Sie bat ihn, deßhalb ſich zu ſchonen; aber er folgte nicht; er lebte nach wie vor in ſeiner alten Gewohnheit, obwohl die Krankheit ſtets bedenklicher wurde. Und kaum war ein Jahr vergangen, ſo ſtarb er wirklich an Apoplexie, die er ſich bei einem Mittagsmahle zuzog. Der Eindruck, den auf Moriz ſeine letzte Unter⸗ haltung mit Louiſe gemacht, war nicht von langer Dauer geweſen. Nur als er die ſchreckliche Ungewißheit erfuhr, in der man über Louiſens Los war, regte ſich noch einmal vorübergehend ſein Gewiſſen und warf es ihm vor, daß er das arme Kind zum Spielball ſeiner Eigenliebe gemacht. Madame von Saucour war die einzige, auf die Louiſens Schickſal keinen Eindruck machte. „Was geht mich das an,“ ſagte ſie zu ihrem Bru⸗ der;„warum ließ Rens ſie abreiſen?“ Zwiſchen René und ſeiner Mutter herrſchte fortan nur ein froſtiges Verhältniß. Aber eines Tages ging ſie zu René in ſein Zimmer, ſtürzte ſich an ſeine Bruſt und rief: „Achl mein theurer, theurer Sohn! verzeihe mir!“ Anfangs ſchwieg René; dann aber ſagte er in jenem treuherzigen, gutmüthigen Tone, den Louiſe ſo ſehr an ihm liebte: „Ja! Mutter, ich verzeihe Dir!“ Dieſes Wort, welches der Gräfin ihre Ruhe wie⸗ dergab, war für Rensé ein ſchweres, gewichtiges Wort. Allmälig wurden ſeine Züge ernſt und finſter; ſeine Stirn legte ſich in tiefe Falten, die ſeine tief in ihre Höhlen zurückgetretenen matten Augen unheimlich beſchatteten. Er verlor zwar nichts von ſeiner körperlichen und gei⸗ ſtigen Kraft; aber bei Allem, was er that, fehlte die freudige Luſt, die ſonſt ſtets bei ihm zu finden war. Wenn die Bauern in ſeiner Gegenwart einige jener Ipäße machten, die eine ſo wunderbare Miſchung von ſäinheit und Grobheit enthalten, und die er ſonſt mit lachender Miene aufzunehmen pflegte, ſo fühlte er ſich jetzt zwar nicht durch dergleichen beleidigt, aber— ſie zwangen ihm auch nicht mehr das anmuthige Lächeln ab, welches gewöhnlich die Spaßmacher belohnte und beglückte. Kurz, er war von da ab ganz umgewandelt. Er heiratete nie und hielt ſich aus jeder Damen⸗ geſellſchaft fern. Zehn Jahre ſpäter hätte jeder, der ſeine Güte, ſeine Uneigennützigkeit, ſeinen Edelmuth und gleichzeitig die derbe äußere Erſcheinung und ſeinen geſunden klaren Verſtand kennen zu lernen Gelegenheit hatte, nicht, wie eintt Noriz Dornet, geſagt: Das iſt eine Bauernſeele in einer feinen Edelmanns⸗Garde⸗ robe, ſondern: Unter dieſem Bauernkittel ſchlägt ein edles, durch zahlreiche herbe Schickſalsſchläge geläu⸗ tertes, biederes Herz! Sitten und Naturtrieb des Fuchſes. Von F. W. Grüner. So bekannt auch Meiſter Reinecke nach Leben und ( Sitten ſelbſt durch einen der herrlichſten Schätze Z unſerer Volkspoeſie geworden iſt, ſo dürfte doch — eine naturhiſtoriſche Sittenbeſchreibung dieſes li⸗ 8 ſtigſten und gewandteſten der Thiere nicht ganz † überflüſſig erſcheinen. Was die Mehrzahl der fleiſchfreſſenden Thiere nur der Stärke zu verdanken hat, erhält der Fuchs durch Geſchicklichkeit und darum in ſichererer Weiſe. Es iſt wohl ſelten, daß er, wie der Tiger, der Löwe und ſogar der Wolf, lange Faſten zu ertragen hätte; lebend in⸗ mitten der bewohnteſten Landſtriche, nie in Furcht, ſich den Wohnungen wieder zu nächern, nimmt er oft ſeinen Zehnten ſelbſt von den Erzeugniſſen des menſchlichen Gewerbfleißes vorweg; er iſt überhaupt ein Gegenſtand unaufhörlicher Beunruhigung für die Bewohner des Gefildes. Bevor der Fuchs ſich in einem Bezirk feſtſetzt, denkt er daran, ſich ein Lager zu verſchaffen, wo er in Sicher⸗ heit ausruhen könne, und das ihm zugleich die Frucht ſeiner Raubzüge verberge. Zu dieſem Zweck gräbt er ſich einen tiefen Bau aus, von mehreren Ausgängen durchbrochen, und am liebſten wählt er dazu den Saum eines dicken Geſtrüppes oder den Abhang eines felſigen Hügels, wo die Natur ſchon zum Theil die Unkoſten ſei⸗ ner Behauſung beſtreitet. Oft nimmt er ſich nicht ein⸗ mal die Mühe, ſich ſeine Wohnung aufzubauen. Iſt der ihm anſtehende Ort etwa durch Kaninchen bewohnt, ſo geht er den Bewohnern des Baues zu Leibe, und er⸗ weitert ihn alsdann, um ihn ſeinem Gebrauche anzu⸗ paſſen. Findet ſich, daß irgend ein Dachs ſeine Höhle ausgegraben hat an einem Ort, der ihm günſtig er⸗ ſcheint, ſo ſucht er ſich darin zum Meiſter zu machen, hütet ſich aber wohl, mit offener Gewalt den furchtbaren Feind anzugreifen, mit welchem der Kampf nicht immer zu ſeinem Vortheil ſich wenden könnte. Er ſteht Schild⸗ 38* Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. wache nahe bei dem Quartier dieſes argwöhniſchen und einſamen Thieres, benutzt den Augenblick, wo er ent⸗ fernt iſt, um ſeinen Koth am Eingang der Höhle abzu⸗ ſetzen, und nöthigt ſo den Dachs, deſſen Liebe für Rein⸗ lichkeit wohl als Sprichwort gelten könnte, ſich nun an⸗ derswo ein Lager zu graben. Der Fuchs bemächtigt ſich dann des ſchiefen Laufgrabens, der oft ſchon ſehr tief durch ſeinen Vorgänger vorbereitet iſt, und nachdem er ihn ein wenig erweitert hat, findet er darin eine eben ſo ſichere als bequeme Wohnung mit Röhren und Keſſel. Hat er ſich nun geſchickt einen Zufluchtsort beſorgt, der mit Ausgängen zur Flucht verſehen iſt und ein paar Nothbaue bei Verfolgungen enthält, ſo zögert der Fuchs nicht länger, ſich in's Feld zu legen. Benachrichtigt durch das entfernte Krähen des Hahnes, nähert er ſich dem Pachthof oder Weiler, den er zum Schauplatz ſeiner Räubereien zu machen denkt. Geduckt, nicht weit von dem Ort, welchen er bedroht, wartet er, bis die Nacht faſt gänzlich zu Ende iſt, kriecht auf dem Bauche fort und ſchleicht ſich quer hinein durch Hecken und Büſche, dabei ſorglich immer die Naſe in Witterung haltend. Er langt endlich an, und es iſt ſehr ſelten, daß ſeine Beharrlichkeit nicht belohnt werde. Er weiß Mauern zu überſpringen oder unterirdiſch einen Weg ſich zu graben, um in den Hühnerhof einzudringen, und dann wehe Allem, was ſich in ſeinem Bereich findet! In einem Augenblick iſt Alles zu Tode gelegt. Unter ſeinen Opfern ausleſend, zieht er ſich flink zurück, eine leidliche Beute wegtragend, welche er in ſeinem Bau niederzulegen geht. Er kehrt einen Augenblick darauf wieder, um eine zweite zu ſuchen, dann eine dritte und ſo hinter einander, bis er Alles entführt hat, oder der Tag anfängt zu däm⸗ mern und ihn benachrichtigt, daß es Unklugheit ſein würde, dem Orte ſich wieder zu nähern, wo er das Blutbad angerichtet. Er nimmt ſich übrigens in Acht, ſeine Beute in einem einzigen Schlupfwinkel niederzu⸗ legen, denn das würde ihn der Gefahr ausſetzen, Alles auf einmal zu verlieren; jedes Stück wird an einem verſchiedenen Ort niedergelegt und oft in bedeutenden Entfernungen bald unter Moos, bald unter Geniſte, bald in ein Loch, ausgehöhlt in der Haſt. Da iſt es, wo er nach Bedarf hingehen wird, ſie zu ſuchen, und er ver⸗ fehlt nicht, den Platz wieder zu erkennen, oft drei oder vier Tage nachher. Der Fuchs wählt vorzugsweiſe die langen und düſteren Winternächte, um ſich ganz in der Stille in unſere Hühnerſtälle einzuführen. Im Sommer legt er mehr Kühnheit in ſeine Raubzüge, als ob er dadurch das Weniger an Zeit ergänzen wollte, das ihm die kur⸗ zen und hellen Nächte laſſen. Bei Tage geduckt unter einem Strauch, erwartet er, daß irgend welches Geflügel komme, ein Obdach gegen die Hitze zu ſuchen. Manch⸗ mal ſogar ſtürzt er ſich in Mitte eines Hühnerhofes, er⸗ greift ſein Opfer und ſchleppt es fort, ohne ſich beun⸗ ruhigen zu laſſen durch das ihn verfolgende Geſchrei. Aber, um ſo offenkundig zu handeln, muß er durch einen gewaltigen Hunger getrieben ſein. Uebrigens ſind die Pächter und Meier nicht die einzigen, welche ſich oft viel Mühe geben, dem Fuchs irgendwelche ſehr ſaftige Mahlzeit zu verſchaffen, auch die Jäger bezahlen ihm ihren Tribut. Hat man in ſeiner Nachbarſchaft etwa Schlingen gelegt, Schnepfen, Droſ⸗ ſeln, Rebhühner u. ſ. w. zu fangen, ſo weiß er ſehr wohl ſie vor dem Vogelfänger zu beſichtigen und der in die Falle gegangenen Krammetsvögel ſich zu bemächtigen; er wiederholt ſogar ſeinen Umgang mehrere Mal in der Tageszeit, ſicher, daß er ſeinen Gewinn darin finde. Oft wenn das Bellen einer Koppel Hunde ihm anzeigt, daß man Haſen oder Kaninchen jage, legt er ſich in Hinterhalt und entführt das Wildpret im Durchzug auf irgend eine Weiſe vor der Naſe des Jägers. Wenn er nicht den Gewerbfleiß des Menſchen zu einem Vortheil wenden kann, wenn es keinen Jäger in der Gegend gibt, und der Hühnerhof durch einen allzu wachſamen Hund gehütet wird, ſo fürchtet der Fuchs deßhalb nicht Hunger zu leiden. Vereinigt mit einem Kameraden, geht er nun, das junge Häschen zu jagen; der eine ſucht die Fährte, folgt ihr anſchlagend wie ein junger Hund, verfolgt ſeine Beute mit Ausdauer und treibt ſie in die Nachbarſchaft ſeines Geſellen, welcher geduckt unter einem Heidekrautbüſchel ſie geduldig er⸗ wartet und beim Durchzug überfällt. Die Theilung ge⸗ ſchieht mit Billigkeit. Man verſichert, daß, wenn der, welcher auf ſolchem Anſtand war, ſeinen Satz verfehlt hat, weil er die Tragweite ſeines Sprunges ſchlecht be⸗ rechnete, er auf den nämlichen Platz zurückkehre und wieder anfange zu ſpringen, als ob er durch dieſe Uebung die Geſchicklichkeit erwerben wolle, ſich ein andermal nicht zu trügen. Iſt die Jagd auf den Haſen nicht glücklich geweſen, ſo ſchlägt der Fuchs einen andern Weg auf die Kanin⸗ chen ein. Oft überfällt er ſie im Lager oder verfolgt ſie, wenn ſie durch die Flinte eines Jägers verwundet ſind. Andere Male gräbt er die Erde oberhalb ihres Baues aus und bemächtigt ſich der jungen Kaninchen. Er ſucht auch die Neſter von Rebhühnern und Wachteln auf, nimmt die Mutter von den Eiern weg, verſchlingt gleicher⸗ weiſe die letztern und zerſtört ſo eine übermäßige Menge Wildpret. Im Uebrigen hat er keinen eigenſinnigen Ge⸗ ſchmack, und aus Mangel anderer Beute weiß er ſich recht wohl mit Ratten, Feldmäuſen, Schlangen, Kröten u. ſ. w. zu begnügen. Einzig unter allen Fleiſchfreſſern, wagt er den Stacheln des Igels zu trotzen. Er ſtößt und drückt ihn gegen die Erde, indem er ſorglich die Spitze der Dolche vermeidet, zwingt ihn, ſich aufzu⸗ rollen, und verſchlingt ihn dann, indem er ihn beim Bauche packt, dem einzigen Theil, welcher nicht beſchützt iſt. Nach Bedürfniß macht er ſich zum Fiſcher und er⸗ greift ſehr geſchickt den Fiſch, der wieder auf die Ober⸗ fläche des Waſſers herauffährt, oder die Krebſe, die allzuſehr dem Ufer ſich nähern. Endlich, wenn es ſein muß, macht er Jagd auf Käfer und Regenwürmer, ſelbſt auf Heuſchrecken und verſchlingt ſie zu Hunderten. Wenn der Zufall irgend Milch, Käſe, Früchte auf ſeine Bahn ſtellt, ſo läßt er ſich dieſe ebenfalls wohlgefallen. Er liebt ſehr die Trauben, und im Herbſt, wenn er ſich nach ſeiner Gemächlichkeit davon ernähren kann, wird er ſehr fett, verliert zum Theil ſeinen ſtarken Geruch — haffen, auch ran in ſeiner epfen, Oroſ. de ſehr wohl à det in die bemätügen; grere Mal in darin finde. ihm anzeigt, gt er ſich in Durchzug auf Nnſten zu nen Jäger in c einen allzu et der Fuchs gt mit einem en zu jagen; gend wie ein usdauer und llen, welcher geduldig er⸗ Theilung ge⸗ 3, wenn der, Sat verfehlt s ſchlecht he⸗ ückehre und dieſe llebung mandermal ſch geweſen, die Kauinr vefolgt ſie, ſwunden ſnd. ihres Bauts hen. Er ſucht achteln auf ingt leiche⸗ äßige Menge iinigen G⸗ weiß er ſi ngen Kröten geiſchfreſern, en. Er ſüßt F. W. Grüner: Sitten und Naturtrieb des Fuchſes. 301 und wird bei den Bauern des öſtlichen Frankreichs für ein ziemlich delikates Eſſen gehalten. Aber es gibt eine Speiſe, welche er jeder andern vorzuziehen ſcheint, das — V— 4 b.... 4 gekoſtet, Honig; um ſich dieſe Leckerei zu verſchaffen, trotzt pfändet den Stacheln der Bienen oder den noch furcht⸗ ſie auf degewiſſer Arten von Horniſſen. Beim erſten An⸗ falle des Feindes ſtürzen ſich dieſe Inſekten über ihn, um ihn zum Rückzug zu zwingen. Er entfernt ſich in der That, allein nur, um ſie, ſich auf der Erde vollend, Eine Juchsgruppe. zu zerquetſchen und alsdann zum Angriff wiederzu⸗ kehren, bis die geflügelte Republik, zerſtört oder ermüdet ihm erlaube, ſeines Sieges in Frieden zu genießen. „ dä 30² Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Bekanntlich lebt der Fuchs paarweiſe, und die Zeit der Begattung fällt in den Februar. Die Füchſin wirft im April ſieben oder acht Junge, welche ſie in den abgelegenſten Winkel ihres mit Moos ausgefütterten Baues ſetzt, und für welche ſie alle Sorge trägt, die man von der zärtlichſten Mutter erwarten kann. So⸗ bald ſie laufen können, läßt ſie ſie ausgehen, ſäugt ſie an der Sonne, wacht über ihnen mit der größten Sorg⸗ falt, und bei dem geringſten Geräuſch, bei der gering⸗ ſten Drohung von Gefahr heißt ſie ſie zurückkehren und gräbt ſich mit ihnen in ihre Höhle ein, bereit, mit Ge⸗ fahr ihres Lebens ſie zu vertheidigen. Man begreift, daß eine ſo zahlreiche Familie Bedürfniſſe haben muß; darum ſind Vater und Mutter fortwährend auf Jagd, ſei es zuſammen, ſei es geſondert, und ſie zerſtören in dieſem Abſchnitt mehr Geflügel und Wildpret, als im ganzen Reſt des Jahres. Wollten ſie freilich ihren Er⸗ werb in der Nachbarſchaft ſuchen, ſo würden ſie Gefahr laufen, hier ganz aufzuräumen; daher thun ſie ihren Nachbarn kein Unrecht und gehen in’s Weite, die noth⸗ wendige Nahrung für ſich und ihre Kinder zu ſuchen. Von da ſtammt das wohlbekannte Sprichwort, daß nie ein Fuchs auf ſeinem Bau gejagt habe. Im Herbſt ver⸗ laſſen die Jungen den Bau und ſuchen leere Höhlen auf oder graben ſich eigene. Die Sinne des Fuchſes vertreten den Vollkom⸗ menheitsgrad, den ſeine Lebensart verlangt. Sein Ge⸗ ſicht iſt ausgezeichnet, namentlich während der Dämme⸗ rung, ſein Gehör noch feiner, aber der Geruchſinn ſcheint bei ihm den höchſten Grad von Zartheit zu er⸗ reichen. Das iſt der Sinn, welcher ihn auf ſeinen all⸗ nächtlichen Streifereien leitet; darum wandert er im⸗ mer, die Naſe gegen den Wind gekehrt, bereit, die ge⸗ ringſte Geruchsausſtrömung zu erhaſchen, welche die Annäherung einer Beute oder eines Feindes verrathen könnte. Seine feſten und nervigen Beine eignen ihn zum ſchnellſten Laufe, während ſein Wuchs ihm erlaubt, die dickſten Geſtrüppe zu durchſchneiden, wo die Hunde oft Mühe haben, ihm zu folgen. Seine Kinnbacken, be⸗ waffnet mit Zähnen, weit ſpitziger, als die des Hundes, werden durch ſehr ſtarke Muskeln in Bewegung geſetzt, ſeine Biſſe ſind tief und gefährlich. Wenn er irgend einen Gegenſtand erfaßt hat, ſo beißt er mit einer Hef⸗ tigkeit zu, daß es oft nöthig wird, ein Brecheiſen anzu⸗ wenden, damit er ihn fahren laſſe. Seine Stimme gibt ſich zu verſchiedenen Beugungen her; im Winter, wenn er Haſen jagt, kläfft und bellt er, ſelten im Sommer, wo ſein winſelnder oder murmelnder Laut mehr den Ausdruck des Verlangens und der Sehnſucht, ſelbſt der Klage und Traurigkeit hat. Er kennt auch den Schrei des Schmerzes, aber dieſer ſcheint noch mehr ein Wuth⸗ ſchrei zu ſein; denn er läßt ihn nicht vernehmen, als wenn der Schuß des Jägers ihm ein Glied zerſchmettert hat. Um einer andern Verwundung willen ſchreit er nicht. Gefangen, erträgt er Stockſchläge ohne ſich zu be⸗ klagen, aber nicht, ohne ſich zu vertheidigen, ſelbſt bis auf den letzten Seufzer. Der Schlaf des Fuchſes iſt tief, und man kann ziemlich leicht ihm nahen, ohne daß er erwacht. Um zu ſchlafen, rollt er ſich zuſammen wie der Hund; aber wenn er nur ausruhen will, ſo begnügt er ſich, blos die Beine zu ſtrecken. In dieſer Lage pflegt er auf Mäuſe und kleine Vögel längs der Hecken zu ſpähen. Die Vögel kennen ihn wohl und ſtoßen, ſo bald ſie ihn ge⸗ wahren, einen Lärmſchrei aus. Der Fuchs begreift die⸗ ſes Zeichen, weiß, daß er entdeckt iſt, und entfernt ſich, um ſich weiter in Hinterhalt zu legen; aber die Hähne und die Amſeln namentlich folgen ihm, auf die Gipfel der Bäume fliegend, wiederholen ihre Anzeigeſchreie und begleiten ihn ſo oft mehrere hundert Schritte. Der Geſelligkeitstrieb ſcheint bei dem Fuchs wenig entwickelt. Die Geſellſchaften, welche er mit Thieren ſeiner Art bildet, ſind nur vorübergehend und haben blos das Bedürfniß zum Zweck, ſich die Nahrung des Augenblickes zu verſchaffen. Ganz jung gefangen, wird er ziemlich vertraut und ſpielt mit den Hunden von ſeinem Wuchſe. Aber es iſt unmöglich, ſeine fleiſchgierigen Triebe zu ver⸗ beſſern; kaum fangen ſeine Zähne an zu treiben, ſo fällt er Geflügel an, welches den Hof bewohnt. Eigen⸗ thümlich iſt, daß, wenn er angekettet liegt, er keineswegs den ihm nahenden jungen Hühnern zu ſchaden ſucht, wie ihn auch der Hunger treiben möge, während er doch gierig das Fleiſch verſchlingt, das man neben ihn hin⸗ ſtellt. Mit dem Spitzhunde gibt er fruchtbare Baſtarde, die jedoch leicht der Räude und ſelbſt der Wuth ausge⸗ ſetzt ſein ſollen. Betrachten wir endlich ſeine Phhſiognomie, wie ſie ſo ganz zu ſeiner Gemüthsart ſtimmt! Die horizon⸗ tale Stirn mit ſtraffangezogener liſtigglatter Stirnhaut gleicht einer mathematiſchen Tafel, auf der nur die Li⸗ nien des Kalküls hin⸗ und wiederſpielen. Das ſcharfge⸗ ſpitzte Ohr ſchiebt ſich unten weiter vor, als wolle es jeden Laut erfaſſen; das leiſeſte Geräuſch, das Zittern eines Blattes, das Zucken des träumenden Vogels fällt in die horchend ausgeſpannte Oeffnung. Wie viel Bos⸗ heit und Grazie, wie viel Geiſt liegt in dieſer feinen, langgeſtreckten und geſchmeidigen Naſenſpitze! Schön darf man das Fuchsauge freilich nicht nennen, denn es verräth das nächtliche Raubthier. Feucht vor ungeſtillter Gier, aufflammend in Mordluſt, ſchmachtend in zärt⸗ licher Verliebtheit, birgt es eine Welt voll Leidenſchaften. Der Fuchs iſt vielleicht der größte Mime, den das Thier⸗ reich aufzuweiſen hat. Kleine geſchichtliche Kurioſa. u Anfang des achtzehnten nahrhander ,. Vogelsberg ein Meſſerſchmied Namen d fenrath. Wie er auch vom frühen Morgen bis zur ſinkenden Nacht arbeitete, er brachte es nicht eben vorwärts. Mißmuthig dar verkaufte er Alles, was er ſein nannte, eetet⸗ ſich dem Erlös ein Landgut in der Wettero„un, wird ihm beſſer, denn er war ein ſpeb⸗ Len Geruch ſchaften. das dhir Kleine geſchichtliche Kurioſa. 303 ſiehe, es währte nicht lange, ſo ward er gräflich S. ſcher Pachter, und weil er gern noch mehr ſein wollte und es ihm auf eine Handvoll Thaler eben nicht mehr ankam, gräflich S. ſcher Kammerrath. Der einzige Sohn, welchen er beſaß, ſollte natürlich auch eine Carrière machen und ſie begann in der gräflichen Kanzlei, in der er ſchnell zum Sekretär avancirte. In dieſer Eigenſchaft hatte der junge Mann häufig Gelegenheit, mit der älteſten der ſiebzehn Töchter des Grafen zuſammen zu treffen und ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken. Einige Pro⸗ menaden in den Schattengängen des Schloßgartens brachten die Beiden einander näher, und es entſpann ſich eines jener Verhältniſſe, die eben deßhalb, weil ſie das Tageslicht ſcheuen müſſen, um ſo tiefere Wurzeln ſchlagen. Briefe gingen hinüber und herüber. Wie indeß überall ein Verräther lauert, ſo war auch den hoch⸗ gräflichen Eltern der im Dunkel der Nacht geſchloſſene Bund nicht lange ein Geheimniß; allein ſtatt ſelbſt ein⸗ zuſchreiten, beauftragten ſie den Hofprediger, durch ſeine Ermahnungen ferneren Zuſammkünften Einhalt zu ge⸗ bieten. Dies hatte nur die Folge, daß die Liebenden vorſichtiger wurden. Nichtsdeſtoweniger ereignete es ſich, daß ein Brief der Gräfin Wilhelmine, die damals bereits im dreißigſten Lebensjahre ſtand, dem Vater des Kanzleiſekretärs in die Hände fiel, der ſeinerſeits ein ver⸗ dienſtliches Werk zu thun glaubte, indem er das zarte Blatt der Gräfin Mutter überreichte und dem Sohn derb den Text las. Schlimme Folgen fürchtend machte ſich der junge Mann aus dem Staube; Wilhelmine, die ohne ihren Juſtus nicht leben zu können vermeinte, nahm die nächſte Gelegenheit wahr, ſich der väterlichen Zucht zu entziehen und bei der Frau von Steproth zu Dietz eine Zufluchtsſtätte für ihre Liebesnoth zu finden. Leider war ſie in dieſer Wahl nicht glücklich ge⸗ weſen. Frau von Steproth erfuhr kaum, um was es ſich handle, als ſie auch die flüchtige Tochter unter ſicherer Begleitung an ihre Eltern zurückſpedirte, von denen dieſe indeß nur ihre Mutter wiederfinden ſollte, da den Vater ein jäher Tod von der Welt abgerufen. Eine Zeit lang fügte ſich Gräfin Wilhelmine in anſcheinender Ergebung dem Willen ihrer ſtrengen Mutter, insgeheim traf ſie jedoch, unterſtützt von einer ihrer Schweſtern, Vorbereitungen zu einer abermaligen Flucht, und als die Mutter nicht lange nachher in die Grafſchaft Lich reiſte, benutzte ſie dieſe Gelegenheit, packte zuſammen, was ſie habhaft werden konnte, und floh mit der Schweſter über Gießen nach Frankfurt am Main, wo ſie(1744) beim Reichshofrathe wegen der Mitgift gegen ihre Mutter klagend auftrat. Inzwiſchen hatte ſich der Kanzleiſekretär Pfaffen⸗ rath nach Wien gewendet und beim Kaiſerlichen Kam⸗ merrath von Wieſenhüter als Privatſekretär eine Unterkunft gefunden. Hierher reiſte Wilhelmine nach kurzem Aufenthalte und die Liebenden ſahen ſich nun⸗ mehr wieder vereinigt. Freilich langte ſie in keinem ſehr befriedigenden Zuſtande an, die weite Reiſe hatte Geld gekoſtet, die Habſeligkeiten waren verkauft oder ver⸗ pfändet und die Gräfin beſaß eben nichts mehr, als was ſie auf dem Leibe trug. Pfaffenrath hatte ebenfalls noch keine Schätze zu ſammeln vermocht, er konnte der Geliebten nur ein beſcheidenes Stübchen bei der Witwe eines Malers anbieten. Monat verging auf Monat, die Beiden befanden ſich in einer traurigen Lage und ihre Zukunftsausſichten waren noch trübſeliger. Um ſie wenig⸗ ſtens nach einer Seite hin etwas zu mildern, ließen ſie ſich in Oedenburg von einem lutheriſchen Geiſtlichen kopuliren. Wer weiß, wie es dem jungen Ehepaar in Wien noch ergangen ſein würde, hätte nicht der Herr von Wieſenhüter ihm ſeine Theilnahme dadurch bewieſen, daß er Pfaffenrathan den Herzog Anton Ulrich von Meiningen empfahl, der ihn auch ohne Weiteres, und blos in Rückſicht auf ſein Abenteuer, zum Regierungsrath ernannte. Als Frau Regierungsräthin, als eine Gräfin von Geburt glaubte Frau Pfaffenrath den höchſten Rang an dem kleinen Hofe beanſpruchen zu dürfen. Kleine Zerwürfniſſe waren die nächſte Folge davon; die Damen des Hofes zogen ſich von ihr zurück und bei der Feier des Geburtsfeſtes der Prinzeſſin im Oktober 1746 hatte ſich von Damen nur die Gemalin des Landjäger⸗ meiſters von Gleichen eingefunden. Bei dieſem Anlaſſe brach der Streit um den Vorrang zum erſtenmal offen aus.„Sereniſſimus befehlen,“ entſchied der Hofſtabs⸗ Kommandant, Stallmeiſter von Buttlar, in Ab⸗ weſenheit des Herzogs,„daß Frau von Pfaffen⸗ rath den Rang vor allen Dames haben ſoll.“ Für die Frau Regierungsräthin war dies ein ungeheurer Triumph, den ſie ſich ſofort zu Nutzen machte, indem ſie die Ober⸗ ſtelle einnahm. Frau von Gleichen fügte ſich zwar, aber ihr Ingrimm machte ſich gegen ihren Nachbar, den Herrn von Pfau, Luft. Jetzt ward des Herzogs Schweſter, die Aebtiſſin von Gandersheim, in's Spiel gezogen; ſie kam ſelbſt nach Meiningen, und während alle Hofdamen ihr aufwarteten, nahm die Frau Regie⸗ rungsräthin von ihrer Anweſenheit nicht einmal Notiz. Die Aebtiſſin beſchwerte ſich bei ihrem in Frankfurt le⸗ benden Bruder.„Der Stallmeiſter von Buttlar,“ ſchrieb dieſer zurück,„ſoll den geſchwülſtigen Damen be⸗ deuten, der Pfaffenräthin ohne Anſtand den Rang zu geben oder ſich des Hofes zu entäußern. Es ſoll der⸗ ſelbe die Pfaffenräthin gegen alle Beſchimpfungen ſchützen oder es ahnden, was malhonnete Leute von ihr ſprechen. So habe ich auch mit großem Mißfallen vernommen, daß die Pfaffenräthin bei Anweſen⸗ heit der Herzogin von Bernſtadt nicht nach Hofe gedürft, welches auf Anſtiften der geſchwülſtigen Damen geſchehen, u. ſ. w.“ Da es nun zur Zeit in Meiningen nur zwei hoffähige Damen gab, Frau von Buttlar und Frau von Gleichen, die erſtere aber ſich ſofort der vorge⸗ ſchriebenen Rangordnung gefügt hatte, ſo traf die An⸗ ſchuldigung alſo nur die letztere, und dieſe vermied es fortan, bei Hofe zu erſcheinen. Inzwiſchen genas die Frau Regierungsräthin einer Tochter; die böſen Zun⸗ gen fanden darin neue Nahrung und die Frau Land⸗ jägermeiſterin ließ der ihren und ihrer Feder im Brief⸗ wechſel an ihre Freundinnen freien Lauf. Da erſchien denn eines Morgens, als ſie eben mit Zubereitungen für den Mittagstiſch in der Küche beſchäftigt war, vor ————————————ÿ— ———— —— ihrer Wohnung ein Hofwagen, begleitet von dem Ka⸗ pitän Pertſch, dem Regierungsregiſtrator Arnhold und ſechs bewaffneten Grenadieren, um ſie nach der Hochfürſtlichen Regierung abzuholen, wo ihrer ein ziem⸗ lich ſcharfes Verhör wartete, das mit dem Beſcheide en⸗ dete, ſie ſolle der Frau Regierungsräthin Pfaffen⸗ rath in deren Hauſe knieend Abbitte thun, wegen ih⸗ rer Lügen und Verleumdungen bußfertig um Verge⸗ bung bitten, und ihr für die Zukunft allen ihr gebüh⸗ renden Reſpekt verſprechen. Einem ſolchen Beſchluſſe ſich zu fügen, war von der Hofdame zu viel verlangt. Sie proteſtirte energiſch, aber dies bewirkte nur, daß man ſie nach dem Rath⸗ hauſe abführen und in einem kleinen ungeheizten Ge⸗ mache verwahren ließ. Zwei Grenadiere bewachten ſie und nur zwei ihrer Diener erhielten außer ihrem Gemal Zulaß. Er bat um ihre Befreiung. Umſonſt; man deu⸗ tete ihm ſogar an, ſeine Gattin zu vermögen, ſich der vorgeſchriebenen Abbitte zu fügen, und weil er dies geradezu verweigerte, führte man auch ihn in ein wohl⸗ verwahrtes unterirdiſches Geſängniß. Ein Bittſchreiben der Frau von Gleichen und ihres Schwagers, des kurſächſiſchen Miniſters Grafen von Holzendorf, blieb unbeantwortet; durch den Generalſuperindentent ward der Gefangenen indeß mitgetheilt, daß ihr keine Defenſion geſtattet werde, daß ſie vielmehr die Abbitte leiſten oder ſich der Exekution gewärtigen ſolle. Ihre Drohung, ſich eher eine Kugel durch den Kopf zu jagen als ſich ſo zu erniedrigen, hatte verſchärfte Maßregeln zur Folge. Meſſer und Gabeln wurden ihr weggenom⸗ men und zwei Mann bewachten ſie innerhalb ihres Gefängniſſes. Die Exekution ſollte endlich vor ſich ge⸗ hen. Man ſetzte ſie in einen Wagen und brachte ſie nach dem Pfaffenrathſchen Hauſe, wo die Frau Regierungsräthin in Geſellſchaft mehrerer Regierungs⸗ beamten ihrer harrte, um die vorgeſchriebene Abbitte entgegenzunehmen.„Haben Sie gethan, was ich geſagt habe— oder nicht?“ redete die entſchloſſene Frau ihre Gegnerin an. Dieſe ſchwieg. Und ohne weiteren Verzug ſetzte ſich der Zug mit der Frau von Gleichen an der Spitze nach dem Marktplatze in Bewegung, wo die Schmähbriefe derſelben, im Beiſein von tauſenden von Zuſchauern vom Henker öffentlich verbrannt wurden, und wonach Frau von Gleichen in ihren Arreſt zurückgebracht ward. Bei hundert Reichsthaler Strafe und ſechswöchentlichem Gefängniß wurde Jedem ver⸗ boten, von der Sache zu ſprechen. Sie war indeß doch zu weit getrieben, um nicht Aufſehen zu erregen. Hier und da wurden mißbilligende Stimmen laut und der Freiherr von Flörsheim, Kommandeur des deut⸗ ſchen Ritter⸗Ordens, war es, der beim Kaiſ. Reichs⸗ kammer⸗Gericht zu Wetzlar gegen den Herzog klagbar auftrat. Das hierauf erfolgende Mandat nahm der Herzog nicht an, der Bote mußte der Gewalt weichen und unverrichteter Sache zurückkehren. Eine Kaution zur Freilaſſung des Herrn von Gleichen und ſeiner Gemalin wurde abgewieſen, als jedoch eine kaiſerliche Kommiſſion in Meiningen eintraf, erhielten die zwei 304 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Zeit rückten Gothaiſche Exekutionstruppen vor die Stadt, die ſchleunigſt verrammelt und mit dreihundert Mann Landmiliz beſetzt wurde. Herzog Anton Ulrich aber verklagte den Herzog von Sachſen⸗Gotha als Landfrie⸗ densſtörer und wollte ihn in eine Strafe von 2000 Mark löthigen Goldes verurtheilt wiſſen. Das Reichs⸗ kammergericht entſchied jedoch anders; er wurde wegen Ungehorſams in die Exekutionskoſten verurtheilt.. Ob dieſer Rangſtreit damit beigelegt war und was aus dem Gleichenſchen Ehepaar wurde, darüber waltet ein Geheimniß, das zu durchdringen unſerem Gewährsmann leider nicht gelungen iſt. Leonhard von Caſanova, Herr von Ty⸗ ſani unweit Corte, und GeneralLieutenant des un⸗ glücklichen San Pietro, den die Deutſchen und Ge⸗ nueſen bis auf das Mark ausſaugten, wurde in einem Hinterhalte gefangen. Zum Glück ſiel er in die Hände ſeiner Neffen, die blos die Feinde ſeiner Fraktion wa⸗ ren und ihm daher das Leben friſteten. Auf Befehl des Senats wurde er in einem Gefängniſſe zu Baſtia untergebracht, der Vaterſtadt ſeiner Gattin Butta⸗ fuoco, die aus dem Blute der Colonn a's ſtammte. Eine Magd Leonhards hatte, um ihm das Eſſen zu bringen, Erlaubniß erhalten, ſeinen Kerker zu be⸗ treten, während jeder anderen Perſon, namentlich aber ſeinen Verwandten der Zutritt aufs ſtrengſte verboten war. Dieſes harte Verbot ſchreckte indeß Caſanovas jüngſten Sohn Antonio keineswegs. Gerührt von dem traurigen Schickſal und voll banger Furcht für das Leben ſeines Vaters, entwarf er einen Plan ihn zu retten. Er befleißigte ſich einige Tage hindurch, das Bartſcheren zu erlernen, kleidete ſich ſodann in die Ge⸗ wänder der Magd, warf ſich das Leinentuch, welches die Magd zu tragen pflegte, über das Geſicht, nahm den Korb mit Speiſen auf den Kopf und ging durch alle Thüren des Gefängniſſes, ohne daß die Wachen ſeine Verkleidung inne wurden. Haſtig umarmte er den überraſchten Gefangenen, raſirte ihn in möglichſter Geſchwindigkeit und warf ihm die Kleider über, in denen er gekommen war. Unangefochten gelangte der alte Mann aus dem Gefängniß, in welchem ſein Sohn zurückblieb. Faſt ſträubt ſich aber die Feder zu berich⸗ ten, daß die Genueſer ein Urtheil fällten, das zur Ehre der Menſchheit bis dahin in der Welt noch unerhört war— ſie verdammten einen Sohn zum Tode, der nichts verſchuldet hatte, als daß er das eigene Leben wagte, um das ſeines Vaters zu retten. Gefangenen endlich ihre Freiheit wieder. Zu gleicher GN 4₰ die Stadt, ert Mann rich aber Landfrie⸗ don 2000 Das Rächs⸗ unde wegen heilt. war und de darüber n unſerem n von Th⸗ at des un⸗ een und Ge⸗ de in einem die Hände raktion wa⸗ Auf Befehl e zu Vaſtia in Butta⸗ as ſtammte. n das Efen reer zu be⸗ entlich aber everboten ſano b ¹s rührt von Farcht füt a Plan ihn undurh, das tin die Ge⸗ duch, welches eſcht, nahm V 1 ducch ie Wachen deum el n m nöglicſter er hen in Herbſtlied, Gedicht. 305 5= = N N — n ſaa, 8 AA-CBEIENANN Denn es träumt bei ſolchem Klange Herbſtlieg. Durch die Wälder ſtreif' ich munter, Wenn der Wind die Stämme rüttelt Und mit Raſcheln bunt und bunter Blatt auf Blatt herunterſchüttelt. Luſtig ſchreit ich durch's Gefilde, Sich gar ſchön vom Frühlingshauche, Wo verdorrte Diſteln nicken; Von der Nachtigall Geſange Denk' an Maienröslein milde Und vom jungen Grün am Strauche. Mit den morgenfriſchen Blicken. Erinnerungen! LXXXII. 1861. Nach dem Himmel ſchau ich gerne, Wenn ihn Wolken ſchwarz bedecken; Denk an tauſend liebe Sterne, Die dahinter ſich verſtecken. 306 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Ein Abenteurer wider Willen. Erzählt von Emil Dietze. uſt um die Zeit, wo ſich Deutſchland nach dem Frieden von Aachen einer wohlthätigen Ruhe er⸗ freute— an einem warmen Julitage des Jahres 1754— wanderte ein junger Burſche über den Speſſart Aſchaffenburg zu. Weniger das Päcklein, welches ihm über den Rücken hing und das von ſehr beſcheidenem Umfange war, als das anhaltende Bergauf⸗ und Bergabſteigen preßte ihm manchen Schweiß⸗ tropfen ab, und oft lüftete er das grüne Käppchen, um ſich mit dem Taſchentuche den Schweiß von der Stirn zu wiſchen, aber Ruhe gönnte er ſich deßhalb nicht; raſtlos trabte er vorwärts, denn noch vor Abend wollte er die Stadt erreichen, die für heute ſein Ziel war. Nur einen Umweg durfte er ſich nicht verſagen: ſo oft ihn ſein Weg durch ein Dorf führte, klopfte er an alle Pfor⸗ ten und ſprach um einen Zehrpfennig an. Und wirklich, er hatte ihn ſehr nothwendig; wie vielmal er auch die Hand in die Taſche ſteckte, es klimperte kein Kreuzer darin, und wie ſollte er ohne Geld in Aſchaffenburg eine Herberge finden? Und ſiehe, der hübſche Wander⸗ burſche mit dem offenen, treuherzigen Geſicht fand überall eine freundliche Aufnahme, ein Kreuzer geſellte ſich in dem verſchrumpften Lederbeutelchen zum andern, und als er die Thürme der Stadt vor ſich im Abendſonnen⸗ ſchein erglänzen ſah, da ſchwenkte er vergnügt und be⸗ friedigt die Mütze in der Luft, und leichtfüßig, als habe ſeine Wanderung eben jetzt erſt begonnen, ſchritt er dem Thore zu. Andreas Jolky— das war der Name un⸗ ſeres Wanderburſchen— war der zweite Sohn eines ehrſamen Schneidermeiſters und ehemaligen Soldaten. Seine Wiege ſtand zu Bajä in Ungarn, einem Markt⸗ flecken der Bacſer Geſpanſchaft, der weit über die Landesgrenzen hinaus wegen ſeines Handels mit Ge⸗ treide und Schweinen und wegen ſeiner vier ſtark be⸗ ſuchten Jahrmärkte bekannt iſt. Ueberfluß gab es zwar im Hauſe der Eltern nicht, aber auch der Mangel blieb ihm fern. Der Vater nährte ſich auf ſein Handwerk ehrlich und redlich und hielt auch ſeine drei Jungen ſchon frühzeitig zur Arbeit an. Alle Drei verbrachten ihre Lehrjahre im elterlichen Hauſe. Den Aelteſten litt es dort nicht lange, er wollte ſich auch andere Städte anſehen und wanderte daher bald aus der Heimat fort. Er kam nicht weiter als nach Wien; es glückte ihm, bei der kaiſerlichen Garderobe angeſtellt zu werden, und von da an kam es ihm kaum in den Sinn, ſich fortzu⸗ wünſchen. Das Glück, welches dem älteſten Bruder gelächelt, verlockte auch Andreas, ſein Heil in Wien zu ver⸗ ſuchen; allein die Natur hatte ihn nicht mit der nöthi⸗ gen Doſis Sitzfleiſch ausgeſtattet. Es gefiel ihm in Wien ſchon recht gut, aber Paris, ſo hatte er gehört, ſollte doch noch viel, viel ſchöner ſein. Von da an ließ es ihm keine Ruhe mehr; um die Mitte März 1754 ſchnürte er ſein Bündel, ſagte dem Bruder Lebewohl, und mit ſeinen Erſparniſſen von wenigen Gulden in der Taſche ſich ein Cröſus dünkend, wandte er ſorglos und froh in dem Gefühle, daß ihm jetzt die ganze Welt zu eigen ſei, den düſtern Feſtungswerken den Rücken. Prag, Leipzig, Nürnberg, Erlangen lagen hinter ihm; ſie alle hatte er nach Handwerksburſchenart auf Schuſters Rappen durchritten und durchfochten, keine hatte ihn zu feſſeln oder von ſeinem Ziele abwendig zu machen vermocht. Auch in Aſchaffenburg gedachte er ſich nicht zu verweilen, wenigſtens nicht länger als nöthig war, nach dem anhaltenden Marſche wieder zu Kräften zu kommen. Daß ſeine Baarſchaft zur Neige gegangen war, daß er jede Mahlzeit, jedes Nachtlager, jede leib⸗ liche Erquickung ſich erſt erfechten mußte, das machte ihm die wenigſte Sorge. Hatte ihn doch der liebe Gott trotz mancher Bedrängniß bis hierher nicht verlaſſen, er würde es, davon war er überzeugt, auch ferner nicht. Wurde es ihm ja einmal zu toll, waren die Leute zu hartherzig, wollten die Wanderſchuhe oder die Klei⸗ dungsſtücke ihm ihre Dienſte verſagen, nun ſo konnte er immer noch zu dem letzten Mittel, Arbeit anzu⸗ nehmen, greifen. Sobald er die freundliche Stadt betreten, war ſein erſter Gang nach der Herberge, deren lärmende Geſellſchaft ihn bald umgab. An Eſſen und Trinken war da kein Mangel, und ſo lange unſer Andreas noch Kupferkreuzer in ſeiner Taſche klingen hörte, ließ er ſich Beides wohlſchmecken, überzeugt, daß der mor⸗ gende Tag ſo viel bringen werde, als ihm zur Noth⸗ durft ſei. Aber das Blättchen wendete ſich bald. Unter den Anweſenden befand ſich ein langer martialiſcher Kerl, der auf einem Nachbartiſche eine kleine Bank aufgelegt hatte, um welche ſich die große Menge ſcharte, um mit einigen Kupfermünzen ihr Glück herauszufordern. Jolky war dies eben nichts Neues, ſtets hatte er der Lockung widerſtanden, heute fühlte er ſich wunderbur— zu dem Tiſche hingezogen; auf die paar Kreuzer, die er eben noch ſein nannte, konnte es ihm kaum ankommen, ſie waren ſo leicht verdient, und es war doch etwas gar zu Angenehmes, die Hoffnung vor Augen zu haben, mit einem Satze das Zehn⸗ oder Zwanzigfache zu er⸗ langen. Schüchtern ſetzte er ſeine Kupferſtücke; es ſchien wirklich, als ob ihm das Glück beſonders wohlwolle, er ſah bald einen recht netten Haufen von Silber und Kupfer vor ſich; es gelüſtete ihm Alles zu haben, er ſetzte Alles auf einen Wurf und ſein Reichthum ver⸗ ſchwand urplötzlich vor ſeinen Augen— er war ärmer noch als zuvor. Es iſt aber eben der Fluch des Spiels, daß, wer einmal von der ſüßen Frucht genaſcht, ſich unwider⸗ ſtehlich zu ihr hingezogen fühlt eliehenes Geld bringt Glück, heißt es im Volksmunde und Andreas fand einen Gutherzigen, der ihm meh och gab als er ver⸗ langte. Er ſpielte mit wechſelnenm Glück, aber eine Stunde ſpäter ſchlich er ſich mißmutſhig in den düſterſten Winkel der Herberge und ſtützte ged anken⸗ und ſorgen⸗ voll, wie er ſeinen Gläubiger be iedigen ſolle, den — 10” Ali fete jung bace de ————— — rLebewohl Gulden in er ſorglos ganze Welt Rücken. lagen hinter ſſchenan auf kochten, keine le abwendig gedachte er er als nthig rzu Kräften e gegangen e, jede leib⸗ das machte er liebe Gott ſcht berlaſſen, ferner nicht. die Leute zu der die Klei⸗ un ſo konnte Arbeit anzu⸗ detreten, war en lärmende und Trinkn r Andreas hörte, ließ z der mor⸗ zur Noth⸗ . Unter den jaliſcher Kerl, ank aufgelegt ſcharte, um uszufordern. hatte er der 4 wunderbär rKreuzer, die Emil Dietze: Ein Abenteurer wider Willen. 307 Kopf in beide Hände. Dieſer näherte ſich ihm bald. Allein ſtatt ihn wegen des Darlehens zu drängen, rich⸗ tete er durch aufmunternde Worte den niedergeſchlagenen jungen Mann auf, und da auch dieſe auf einen unfrucht⸗ baren Boden fielen, griff er zu einem kräftigeren Mittel. Der Tiſch ſtand in Kurzem voll Flaſchen und Gläſer, wer Luſt zu trinken hatte, trank. Das wirkte. Das muntere Geſpräch, der nicht in kargen Zügen genoſſene Wein führten bald die von Natur heitere Stimmung in Jolky zurück. Er trank, um den Unmuth, der ihn wohl noch zuweilen überkam, zu erſticken, und er trank, ohne es zu wollen, mehr als ihm dienlich und bis er trunken war und die Beſinnung ihn verließ. Am Morgen erwachte er verſtört; wie entſetzte er ſich aber, in ſeiner Taſche, in der am Abend vorher nicht ein Kreuzer mehr war zehn blanke Silberthaler zu finden. Mühſam rief er ſich die Ereigniſſe des ver⸗ floſſenen Abends in das Gedächtniß zurück. Daß er im Spiel unglücklich geweſen, wußte er, ſollte er im Rauſche nochmals geſpielt und dieſen Reichthum gewonnen haben? Wohl entſann er ſich der Freigebigkeit des Ua⸗ bekannten— alles Uebrige war ihm in Dunkel gehüllt. Nur das kam ihm bei längerem Nachdenken in den Sinn, mit welcher Redſeligkeit dieſer das Soldaten⸗ leben geprieſen. Die Ahnung, daß er einem Werber in die Hände gefallen ſein könne, fiel ihm gar ſchwer auf's Herz, und daß dies ſo war, davon überzeugte er ſich bald. Da war mit einem Male jede Wirkung des Rauſches verflogen, die bitterſte Reue erfaßte ihn, allein das Geſchehene ließ ſich nicht ändern, die Pforten der Rückkehr waren ihm verſchloſſen. Wie ein Alp lagerte ſich ihm der Gedanke auf die Bruſt, daß er das freie Leben eines Handwerksburſchen mit dem beſchwerlichen eines Soldknechtes vertauſchen, daß er ſtatt des Wander⸗ ſtockes die ſchwere Flinte und ein kaum minder ſchweres Torniſter tragen ſolle. Traurig und niedergeſchlagen wanderte er in der Stadt umher. Er wagte kaum, das Geld, um deſſen willen er ſeine Freiheit verkauft, anzurühren. Da führte ihm der Zufall ein junges Bauerweib in den Weg. Er klagte ihr ſeine Noth und wie gern er aus der Stadt fortmöge.„Iſts nicht mehr,“ antwortete ihm dieſe, „ſo will ich Euch helfen. Setzt Euch in meinen Korb, ich decke das Tuch über und trage Euch durch das Thor.“ Wer war froher über dieſen glücklichen Einfall als Andreas Jolky. Es fehlte nicht viel, er wäre dem Weibe auf offener Straße um den Hals gefallen. Das Wagſtäc ließ ſich nicht lange aufſchieben. Jo lky holte ſeine Papiere von der Herberge, ließ aber, um keinen Argwohn zu erregen, alle ſeine übrigen Habſelig⸗ keiten zurück. Die Beiden begaben ſich in die dunkle Hausflur eines abgelegenen Hauſes, der junge Mann kroch in den zum Glück etwas geräumigen Korb, die Frau warf ein Tuch darüber und trug langſam und bedächtig ihre koſtbare Bürde aus der Stadt. So war er denn für diesmal dem Kalbfell und dem Soldatenrocke entronnen; frei wie der Vogel in der Luft und reich durch die Silberthaler des Werbers, marſchirte er leichten Herzens Hanau zu. „Halt!“ rief ihm die Schildwache am Thore ent⸗ gegen, und forderte ſeine Kundſchaft. Arglos reichte er ſie hin; ſie wurde nach allen Seiten beſehen, der wacht⸗ habende Lieutenant ſprach angelegentlich mit dem Unter⸗ officier und nach wenigen Minuten trat der Letztere heraus und forderte Jolky auf, ihm zu folgen. Dieſem ahnte nichts Gutes und ſeine Ahnung betrog ihn nicht; der Weg ging direkt nach der Kaſerne. Jetzt wußte er, was ihm bevorſtand, und auch hierin täuſchte er ſich nicht. Man nahm ihm ſein Geld, entledigte ihn ſeiner Kleidung und ſteckte ihn in die Montur der Rekruten. Das war gewiß für den jungen Mann ein neuer und ſchwerer Schlag. Wie fern war ihm da mit einem Male wieder das Ziel ſeines Wanderns, die franzöſiſche Hauptſtadt gerückt worden. Er war nahe daran, den Muth zu verlieren; allein die Hoffnung, auch diesmal mit Gottes Beiſtand dem Kalbfell zu entgehen, hielt ihn aufrecht; nur bot ſich keine Gelegenheit, kein gut⸗ müthiges Bauernweib kam in ſeine Nähe, er durfte nicht einmal die Kaſerne verlaſſen. Etwa vierzehn Tage mußte er hier aushalten. Dann wurde er mit einer ziemlichen Anzahl von Leidensgefährten, die er vor⸗ gefunden, aufgerufen und ſie mußten ihr Bündel ſchnüren, denn ſie ſollten nach Hannover abgeführt werden. Das Leben eines Soldaten war eben ſo wenig nach Andreas Sinne, wie die Ausſicht, ſich für Je⸗ mand, für den er kein Intereſſe beſaß, todtſchießen zu laſſen. Vom Morgen bis zum Abend ſann er darauf, wie er dem verhaßten Schickſal entgehen könne; allein er kannte kein Mittel, nirgends zeigte ſich eine Gelegen⸗ heit, wie die, welche ihm früher aus der Montur geholfen. Der Trupp ſetzte ſich in Marſch. Bei dem Streif⸗ zuge durch die freie Natur erwachte in Jolky der Trieb nach Freiheit um ſo mächtiger; ganz wider Er⸗ warten bot ſich ihm plötzlich beim Marſch durch einen Wald Gelegenheit, ohne Aufſehen zurückzubleiben und ungeſehen zwiſchen dem dichten Unterholze des Waldes zu verſchwinden. Scheu wie ein Reh floh er dahin, aber welcher Schrecken bemächtigte ſich ſeiner, da er einen Verfolger hinter ſich hörte. Schon hielt er ſich für ver⸗ loren. Wie ſehr er auch ſeinen Lauf beſchleunigte, der Verfolger war dicht hinter ihm. Er konnte nicht mehr, mit dem Muthe der Verzweiflung blieb er ſtehen, er wollte einen Kampf um ſeine Freiheit wagen; doch welche Ueberraſchung: der ihm auf den Ferſen war, war ein Böhme und gleich ihm Flüchtling. Gemeinſam ſetzten ſie nun, ſobald ſie ſich erholt hatten, ihre Wanderung fort. Sie war mühſelig genug; nicht nur, daß ſie aus Furcht, an ihrer Montur als Ausreißer erkannt zu werden und ſo wieder in die Ge⸗ walt der Heſſen zu gerathen, nur bei Nacht, und wenn ſich die Gegend ſicher zeigte, bei Tage marſchirten, man⸗ gelte es ihnen auch an allen Lebensmitteln, und wenn ihnen nicht die Gutherzigkeit der Landleute forthalf, mußten ſie ſich mit den rohen Früchten des Feldes begnügen. Nachdem ſie ſich indeß weit genug entfernt glaubten, und nachdem es ihnen geglückt war, ihren Soldatenkittel gegen einen Bauernrock zu vertauſchen, wurden ſie dreiſter, wanderten bei Tage und um⸗ 39 308 Erinnerungen. Illuſtrirte Bl ätter für Ernſt und Humot. gingen nicht länger die Städte, die in ihrem Wege lagen. Frankreich war noch immer Jolkys Reiſeziel; er richtete alſo unausgeſetzt ſeinen Lauf nach Weſten. Auf deutſchem Boden, das ſah er wohl, blühte ihm kein Glück, deßhalb gönnte er ſich mit ſeinem böhmiſchen Reiſegefährten nicht früher eine längere Raſt, als bis ſie Nymwegen erreicht hatten. Hatten die Beiden auch nirgends verſchmäht, die Mildthätigkeit für ſich in Anſpruch zu nehmen, ſo war doch nach dem langen Marſche ihre Baarſchaft gewaltig geſchmolzen, und auch ihre Kleidung, die ja nicht einmal auf ihren Leib gemacht war, bedurfte der Erneuerung. In ſolcher Lage mußte unſer Andreas ſich wohl nach Arbeit umſehen und ſein Reiſegefährte folgte dem Beiſpiele, obwohl auch für ihn eine regelmäßige Thä⸗ tigkeit nicht eben allzuviel Reiz beſaß. In der Werkſtatt, in welcher der Erſtere ein Unter⸗ kommen fand, befand ſich auch ein Heſſe, der viel von ſeinen Verwandten in Rotterdam und von dem präch⸗ tigen Leben daſelbſt erzählte und wie oft ſich Gelegen⸗ heit biete, von dort nach Frankreich hinüberzuſchiffen. Die Berichte klangen zu verführeriſch, um nicht in Jolky die Luſt zu wecken, den Heſſen auf ſeiner bevor⸗ ſtehenden Wanderſchaft nach Rotterdam zu begleiten. Der Böhme verſprach, ſich ihnen anzuſchließen. Nachdem ſie ihr Aeußeres wieder einigermaßen in Stand geſetzt hatten, nahmen ſie von Nymwegen Abſchied und mach⸗ ten ſich in Begleitung des Heſſen nach Rotterdam auf den Weg. Eine Stadt wie Rotterdam konnte auf Leute, die dem Meere noch nie ſo nahe geweſen waren, ihren Eindruck nicht verfehlen. Das wogende Leben und Treiben einer ſo bedeutenden Handelſtadt, die Menge von Kanälen, welche die Stadt nach allen Richtungen hin durchkreuzten, die Unzahl von Schiffen und Fahr⸗ zeugen aller Art darin, die eigenthümliche Bauart der Häuſer, Alles das war den beiden Wanderburſchen neu und feſſelte ſie. Noch mehr behagte ihnen die zu⸗ vorkommende und überaus freundliche Aufnahme im Hauſe des Vetters ihres Gefährten. Die Gaſtfreundſchaft ſchien hier ihren Wohnſitz aufgeſchlagen zu haben. Eſſen und Trinken kamen nicht vom Tiſche, und Jolky und der Böhme machten ſich dies nach ſo langer Entbehrung wacker zu Nutze. Nach vier Tagen müßigen Umher⸗ ſtreichens vermißten ſie den Heſſen. Er war ſpurlos verſchwunden. So unerklärbar und ſo leid ihnen dies war, weil ſie durch ihn, der die Sprache des Landes verſtand, einen Platz auf einem nach Frankreich ſegeln⸗ den Schiffe erhalten ſollten, ſo ließ ſich doch nichts ändern; aber ſie wagten nun auch nicht länger, die Gaſtlichkeit des Holländers zu mißbrauchen und be⸗ ſchloſſen, ſelbſt für ihr weiteres Fortkommen zu ſorgen. Mit Dankesthränen in den Augen ſagten die Beiden den Leuten für alles empfangene Gute Lebewohl. Doch welche Ueberraſchung ſollte ihren Dankes⸗ ergüſſen Einhalt thun. Der Holländer antwortete ihnen ganz trocken, daß ihre Zeche fünfzig harte Thaler be⸗ trage und daß ſie nicht aus ſeinem Hauſe dürften, bevor ſie nicht Alles in Ordnung gebracht. Jolky und ſein Gefährte waren bei dieſen Worten wie aus den Wolken gefallen. Einen ſolchen Fallſtrick hatten ſie nicht geahnt. Beider Baarſchaft betrug nicht ſo viele Groſchen, als ihnen hier Thaler abgefordert wurden. Worte ſchildern ihre Lage nicht. Den Wirth zu befriedigen war unmög⸗ lich; ſie legten ſich auf Bitten, der erſt ſo freundliche Holländer war jetzt kalt und hart. Mit dem Phlegma ſeines Landes verlangte er ſein Geld und drohte mit den Soldaten, wenn es nicht zur Stelle herbeigeſchafft würde. Und dieſe Drohung war kein leerer Scherz. Der Holländer verkaufte noch an demſelben Tage ſeine beiden Schuldner, und dieſe mußten, wie ſehr ſie ſich auch dagegen ſträubten, abermals den Soldatenrock anziehen. Was half da alles Fluchen und Toben und Wüthen? Es war eben eine hübſche Anzahl von Deut⸗ ſchen und Holländern beiſammen, und weil man keinem traute und ihnen jede Gelegenheit zum Entweichen ab⸗ ſchneiden wollte, transportirte man ſie wie Gefangene auf einen Dreidecker, der nach Weſtindien beſtimmt war. Von hier war allerdings ein Entrinnen unmöglich. So verzweifelt ſich Jolky anfangs geberdet hatte, die Ausſicht, die Welt zu ſehen in Verbindung mit dem ihm bisher ſo fremden Leben auf dem Schiffe blieben auf ſeine Gemüthsſtimmung nicht ohne Einfluß; er würde ſich ſogar mit ſeinem Schickſal ausgeſöhnt ha⸗ ben, wäre nicht die Arbeit ſo gar anſtrengend geweſen. Am 30. Oktober 1755 endlich ging das Schiff unter Segel. Während ſie noch zwiſchen Frankreich und England dahin ſegelten und während Jolky noch mit dem unvermeidlichen Uebel kämpfte, welches alle Rei⸗ ſenden auf ihrer erſten Seefahrt zu überfallen pflegt, erhob ſich ein heftiger Sturm. Blitz auf Blitz fuhr aus den dunkeln Wolken, das Brüllen des Donners über⸗ täubte die Kommandorufe der Officiere und der Regen goß in Strömen auf das Verdeck und drohte Alles fortzuſpülen, was ſich dort befand. Wer nicht durch ſeine Pflicht zum Obenbleiben gezwungen war, hatte ſich unter Deck geflüchtet. Ueber der ganzen Bemannung lag eine drückende Stille; das fürchterliche Naturſchau⸗ ſpiel, welches das gewaltige Fahrzeug zu einem Spiel⸗ ball der Wellen machte, wirkte ſo betäubend und zu⸗ gleich ſo entmuthigend, daß Jeder in Schweigen ver⸗ harrte. Die hin und wieder laut werdenden Flüche der Seeleute und die von Todesangſt ausgepreßten Anru⸗ fungen Gottes oder irgend eines Heiligen machten einen um ſo tieferen Eindruck. Mit einemmale erhob ſich ein entſetzlicher Tumult: einer der Blitze hatte das Schiff getroffen und gezündet. Die dadurch herbeigeführte Verwirrung überſtieg alle Begriffe. Die ganze Mannſchaft ſchwebte in der ent⸗ ſetzlichſten Furcht. Wie laut und energiſch auch der Ka⸗ pitän ſeine Befehle ertheilte, Niemand hörte auf ihn, Niemand gehorchte ihm, ja Niemand regte eine Hand, dem Umſichgreifen der Flammen Einhalt zu thun. Alle hielten ſich ſchon jetzt für verloren, und ſtatt zu han⸗ deln wußten ſie nichts anderes zu thun, als ihr Los zu bejammern und durch ihre Wehklagen denen, die — — ky und ſein den Wolken nicht geahnt. Jooſchen, als In ſchildern war unmög ſo freunduche dem Phlegma h drohte mit erbeigeſchaff Scherz. Der Tage ſeine ſehr ſie ſich Soldatenrock ddoben und von Deut⸗ lman keinem ntweichen ab⸗ ie Gefangene mmt war. en unmöglic berdet hatte cift blieben Einfluß, dr gyeſöbnt ha⸗ :nd geweſen. das Schiff ankreich und ky noch mit 3 alle Rei⸗ zaben eg fuhr aus onneks über⸗ nd der Regen drohte Alles rricht durch n war, halte Bemannung 1 Naturſchau⸗ einem Syiel⸗ einenn hend und zü bweigen ber⸗ en Flüche der zten Anru⸗ Vor den Thoren Magdeburgs. 309 etwas mehr Muth und Vertrauen beſaßen, dieſe zu ſchwächen. Unter ſolchen Umſtänden griff das Feuer trotz des Regens im Innern des Schiffes raſch um ſich, und wer nicht ganz zur Salzſäule geworden war, ſuchte eine Planke oder einen Balken loszureißen, um ſich mit ihm in das wogende Meer zu ſtürzen. Jolky blieb nur übrig, dieſem Beiſpiele zu folgen und einer Planke, die er mit ſich genommen, ſein Leben anzuvertrauen. Nirgends zeigte ſich Land und der Abend brach ein. Vor ſich ſahen ſie nichts als das brennende Schiff und die unermeßliche grauſenhaft beleuchtete Waſſer⸗ fläche. Es war eine entſetzliche Nacht, die Jolky bevor⸗ ſtand. Sich krampfhaft an das Holz klammernd, wurde er umhergetrieben, bald hoch hinauf auf den Kamm der Wellen, bald tief wie in den bodenloſen Abgrund, und die Wogen ſchlugen über ihm zuſammen. So, kaum zum Bewußtſein ſeiner Lage kommend und nur mechaniſch die Bohle umklammernd, ſchwankte er unauf⸗ hörlich zwiſchen Tod und Leben. So verging ihm die Nacht. Mit dem Grauen des Morgens legte ſich zwar der Sturm, dafür machte ſich jetzt die Kälte um ſo fühlbarer. Jolky war vom Froſt erſtarrt und mehr wie einmal nahe daran, ſein Rettungsbot fahren zu laſſen. Der Tag brach an. Den faſt endloſen Waſſerſpiegel begrenzten einige Erhöhun⸗ gen— es war Land, es mußte die engliſche Küſte ſein. Das richtete den Muth unſeres Andreas wieder etwas auf. Die Fluth trieb ihn dahin und mitleidige Fiſcher, die ſchon mehrere ſeiner Unglücksgefährten auf feſten Boden gebracht, entriſſen auch ihn dem Tode. Andreas war ſo glücklich, von einem Manne aufgenommen und beherbergt zu werden, deſſen liebe⸗ volle Pflege ihm bald wieder zu Kräften verhalf. Lange duldete es ihn aber nicht an dieſem abgelegenen Orte. Er verſäumte keinen Tag, nach dem Geſtade zu gehen und auszuſpähen, ob nicht ein Fahrzeug vorüberſegle, das ihn aufnehme. Sein Wunſch ſollte endlich erfüllt werden, denn ein anderes holländiſches Schiff wurde vom Sturme nach dieſer Küſte verſchlagen und der Kapitän verſtand ſich dazu, Jolky unter der Bedingung an Bord zu nehmen, daß er den Botsknechten die Kleider aus⸗ beſſere. Jolky würde ſich jedem Vorſchlage gefügt haben, wenn ſich ihm dadurch die Ausſicht eröffnete, nach Europa zurückzukehren. Das Schiff ſegelte zwar zunächſt nach der holländiſchen Kolonie Surinam, ſollte jedoch von dort nach kurzem Verweilen ſeinen Cours wieder der Heimat zuwenden. Einige Wochen noch und ſie liefen glücklich in den Hafen von Paramaribo ein. Jolky blieb dort nur eben Zeit, ſich ein wenig umzuſehen. So fruchtbar das Land war, ſo war es ihm doch ein wenig zu heiß dort, um zurückzubleiben; ſobald das Schiff ſeine Ladung, die in Tabak und Gewürzen beſtand, eingenommen hatte, wurden die Anker gelichtet. Unter den günſtigſten Vorausſichten ſteuerte das Fahrzeug Europa zu, eine volle Woche lang trieben ſie unter dem günſtigſten Winde dahin und kein Unfall ſchien die Fahrt beun⸗ ruhigen zu wollen. Am zehnten Tage erhob ſich plötz⸗ lich ein Sturm. Raſte er auch nicht mit der Heftigkeit des überſtandenen, ſo war er doch gewaltig genug, um das ſchon etwas alte Fahrzeug leck zu machen. Auf offenem Meere ließ ſich der Leck nur nothdürftig aus⸗ beſſern; mit Mühe kamen ſie in die Nähe von Portugal und legten zu Liſſabon bei, um das Fahrzeug für die Weiterreiſe in Stand zu ſetzen. (Fortſetzung folgt.) Vor den Thoren Magdeburgs. Novollette. m Frühling des Jahres 1810 traf zu Bern in demſelben Hôtel, wo ich wohnte, ein junges Ehe⸗ paar ein, für welches ich bald ein großes Intereſſe empfand. Vom Grüßen kamen wir zum Sprechen, und ehe ein Monat verging, wurden wir Freunde und bildeten ein ſehr glückliches Trio. Heinrich Zeiberwar ein Deutſcher, ſeine Frau, die ſchöne Nina, eine Franzöſin. Erſt wenige Wochen vor ihrer Ankunft in Bern waren ſie durch den Segen der Kirche verbunden und trotz ihrer gegenſeitigen Liebe ſchien mir eine Wolke der Traurigkeit den Sonnenſchein ihres Glückes zu ver⸗ hüllen, die jedoch mit der Zeit immer leichter und we⸗ niger bemerkbar wurde. Ich war genöthigt, mich mehre Monate in Bern aufzuhalten, und die Zeit wäre mir ohne den Umgang des liebenswürdigen Zeiber und ſeiner freundlichen Gattin oft ſehr lang geworden. Bei ihnen fand ich eine Häuslichkeit, war ihnen ſtets willkommen und verlebte viele genußreiche Abende in ihrer Geſellſchaft, indem ich ihnen vorlas oder den hübſchen Balladen und Liedern lauſchte, die Nina mit einer ſüßen Stimme und vielem Ausdruck ſang. Den größten Theil meiner Zeit widmete ich dem Malen und eines Tages, nachdem ich Ninas Geſicht lange betrachtet hatte, faßte ich mir ein Herz und bat ſie, mir zu einer der Hauptfiguren in meinem neuen Gemälde zu ſitzen. Sie willigte ein und war ſehr neugierig, das Bild zu ſehen; ich weigerte mich jedoch entſchieden, ihr den Gegenſtand, den es darſtellte, zu nennen oder ſie vor deſſen Vollendung einen Blick auf mein Werk werfen zu laſſen. Nina ſaß drei aufeinander folgende Tage, dann verſchloß ich die Thüre meines Ateliers und malte ſchweigend weiter. Jeden Tag fragte Heinrich, ob das Gemälde vollendet ſei, und jeden Tag erhielt er eine verneinende Antwort. Er hatte eine an Anbetung grenzende Liebe für ſeine Gattin, und ich wußte, daß das Intereſſe, welches er für mein Werk an den Tag legte, ihm der Wunſch einflößte, ihre ſchönen Züge auf der Leinwand wiedergegeben zu ſehen. Endlich war das Gemälde vollendet. Es war nach einer kleinen ſpaniſchen Erzählung und ſtellte eine dunkle Höhle dar, welche dicht am Meere lag, deſſen grüne ſich kräuſelnde Wogen bis in die Oeffnung derſelben drangen. Im Mittelpunkte ———————· 3¹0 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. des Gemäldes, da, wo die Höhle ſich öffnete, befanden ſich, herausgehoben von dem dunkeln Hintergrunde der rauhen Felſen und der ſchäumenden Wogen, zwei Fi⸗ guren— ein Mann, der auf dem Boden ausgeſtreckt lag, ſo daß ſeine Füße beinahe vom Waſſer benetzt wurden, das todtenbleiche Antlitz nach oben gerichtet — und über ihn gebeugt die Geſtalt einer Frau, den Ausdruck der Angſt und Verzweiflung im Geſicht, das dunkle Auge dem Ausgange der Höhle zugewendet, als ſchweife es ſorgend über das Waſſer. Den Hintergrund füllten Felſen und finſter blickende Männer. Der einzige Lichtſtrahl fiel von oben in die Höhle auf das Geſicht des ſterbenden Mannes und den oberen Theil des Ant⸗ litzes der über ihn gebeugten Frau, indem nur ihre dunkeln, verzweifelnden Augen beleuchtet waren. Ich ſtellte mein Gemälde in das beſte Licht und rief meine Freunde, es zu betrachten. Sie kamen. Ich beobachtete ſie genau, begierig, welchen Eindurck mein Werk auf ſie hervorbringen werde. Ninas Angeſicht überzog eine leichte Bläſſe, während Heinrichs eine dunkle Gluth. überflog und beide ſich unwillkürlich enger aneinander drängten. Ich war erſtaunt, welche erſchütternde Wir⸗ kung das Bild auf ſie hervorbrachte. Mein Künſtlerſtolz fühlte ſich nicht wenig geſchmeichelt. Träume künftiger Größe, von einem in den Jahrbüchern der Kunſt ver⸗ zeichneten Namen ſtiegen in mir auf; ſie wurden aber plötzlich unterbrochen, indem mich Heinrich mit rauher Stimme fragte: „Was gab Ihnen die Idee zu dieſem Gemälde, Herr Valentin?“ „Ich benutzte einen mir bekannten Stoff,“ ant⸗ wortete ich. Im nächſten Augenblicke fühlte ich zwei Hände mit eiſernen Griffen meinen Hals packen, die Füße verſagten mir den Dienſt, ich fiel zu Boden und Heinrich Zeiber kniete auf meiner Bruſt. Ich war verwirrt, erſchrocken, ſchloß meine Augen und gab mich verloren, denn ich glaubte in die Hände eines Wahn⸗ ſinnigen gefallen zu ſein. Zwiſchen Furcht und Erſtickung hatte ich faſt meine Sinne verloren, als Ninas be⸗ bende Stimme gleich der ſchönſten Muſik in mein Ohr tönte: „Heinrich, Heinrichl was willſt Du thun?“ Ich hörte an den dumpfen Tönen, die er ausſtieß, daß er die Abſicht habe, mich zu ermorden. Ich zitterte am ganzen Körper, kalter Schweiß bedeckte mich; o, ich zittere noch! Plötzlich fühlte ich ſeine Finger ſich löſen, hörte Nina in ihrer gewinnenden Weiſe zu ihm ſpre⸗ chen. Vorſichtig öffnete ich die Augen; aber noch waren die ſeinen dunkel und drohend auf mich gerichtet und ſeine Finger immer noch an meinem Halſe, bereit den tödtlichen Griff zu wiederholen. Ich wagte nicht, mich zu bewegen, und beſchloß, auf das Schlimmſte gefaßt zu ſein. Es ſchien mir, als hätte ich drei Stunden ſo ge⸗ legen, obgleich nur wenige Minuten darüber hingegangen waren, als Heinrich ſich erhob und Nina ſich über mich beugte. Ich fühlte, daß ſie mich mitleidig anblickte, obgleich ich meine Augen nicht wieder zu öffnen wagte. Mit leiſer, trauriger Stimme ſagte ſie: „Heinrich, Heinrichl Du haſt ihn getödtet!“ Ich verſchmähte, ihr gütiges Herz in dieſer Angſt zu laſſen, gab einen ſchmerzlichen Ton von mir und machte eine ſchwache Bewegung. Abermals beugte ſich Nina nieder und fragte in furchtſamem Tone: „Herr Valentin, ſind Sie ſchwer verletzt?“ Ich war mehr erſchrocken, als verletzt, hielt es aber für klüger, mir für einige Zeit ein anderes An⸗ ſehen zu geben, und ſtieß deßhalb mit ſchwacher, gebro⸗ chener Stimme die Worte hervor:„Ich kann nicht mehr! Können Sie mir nicht aufhelfen und mich nach meinem Bett führen?“ Dabei hielt ich die Augen feſt geſchloſſen und ſtieß von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer aus. Ich lag noch einige Sekunden, dann fühlte ich mich von den kräftigen Armen meines Gegners emporgehoben, in das nächſte Zimmer getragen und nicht ſehr ſanft auf das Bett niedergelegt. Sobald Heinrich das Zimmer verlaſſen, ſprang ich vom Bette auf, neben dem die vor Angſt be⸗ bende Nina ſaß. „In Himmels Namen, Nina, erklären Sie mir das entſetzliche Benehmen Ihres Gatten!“ „Ich kann es nicht, Herr Valentin, aber Hein⸗ rich ſelbſt ſoll es thun, denn nur auf dieſe Weiſe kann er Sie wegen ſeiner furchtbaren Heftigkeit um Verzeihang bitten. Befinden Sie ſich jetzt beſſer? Können Sie ihm zuhören? Ich will ihn rufen.“ „O thun Sie es nicht,“ rief ich und meine Hand faßte unwillkürlich meinen gemißhandelten Hals. Nina lächelte und ſagte, indem ſie nach der Thüre ging: „Sie haben nichts zu fürchten.“ Nachdem ſie das Zimmer verlaſſen, zog ich meinen Stuhl an's Fenſter, entſchloſſen, auf die Straße zu ſpringen, wenn Heinrich Zeiber einen neuen Angriff auf mich machen ſollte. Aber Nina hatte die Wahrheit geſprochen. Als Heinrich in das Zimmer trat, ſchien ſeine Aufregung vorüber und mit trauriger Stimme⸗ bat er:— „Mein beleidigter Freund, können Sie mir ver⸗ geben?“ „O gewiß,“ antwortete ich, ſo freundlich ich es vermochte.„Bitte, ſetzen Sie ſich, und laſſen Sie mich Ihre Erklärung hören.“ „Ich kann ſie nur dadurch geben, daß ich Ihnen folgende Epiſode erzähle: „Die unglücklichen Schlachten bei Jena und Auer⸗ ſtädt waren geſchlagen, Preußen der Willkür eines vom Glück begünſtigten Siegers preisgegeben, der es in dem von ihm diktirten Feieden von Tilſit der ſchönſten ſeiner Provinzen beraubte. „Auch meine Vaterſtadt, Magdeburg, ſeit beinahe zwei Jahrhunderten zu Preußen gehörig, als ein ſo herrliches Juwel in ſeiner Krone betrachtet, daß die edle Königin Louiſe, wiewohl vergeblich, um ſeine Zurückgabe bei dem franzöſiſchen Machthaber bat, war verloren gegangen— und, o der Schande, durch Ver⸗ rath und Feigheit, nicht erſtürmt durch die Macht der Waffen. Praui fönig überg gedw der um Her wan im g im S Feſe wurd Aem traut Sach des oder mein end das oQ— getödtet! ieſer Angſt nmir und beugte ſich R erlege“ eht hiek G anderes An⸗ acher gebro⸗ nicht mehr! ach meinem en und ſtieß h lag noch täftigen nächſte j das Bett derlaſſen, or Angſt be⸗ en Sie mir aber Hein⸗ Weiſe kann „Verzeihung en Sie Wm geine Hand ls. nach der ich weinen „Sttaße de euen Angrif die Wahrheit e teat ſchien & Aeceie gel die mir bel⸗ dihh it et ſen Sie m 3 ich Ihnen und Auer⸗ jr eines vom ez in dem Kaſten ſeine Vor den Thoren Magdeburgs. 311 „Mit Zorn und Schmerz trug das Herz jedes Preußen die fremde Herrſchaft. Wohl hatte uns der König ſelbſt unſeres Eides entlaſſen, dem fremden Fürſten übergeben; aber wie er es mit blutendem Herzen und gezwungen that, ſo wenig konnten Worte die Bande der Treue und Liebe zerreißen, welche Jahrhunderte um die Herzen des Volkes und ſeines angeſtammten Herrſcherhauſes geſchlungen hatten. „Die franzöſiſchen Machthaber wußten dies und wandten alles an, den Geiſt, der ſich zu ihrem Entſetzen im geheimen regte, zu dämpfen, jede Aeußerung desſelben im Keimen zu erſticken. „Nicht allein daß franzöſiſche Beſatzungen in die Feſtungen gelegt wurden, Regierung und Verwaltung wurde nach franzöſiſchem Muſter eingerichtet, viele Aemter mit Franzoſen beſetzt, andere nur ſolchen anver⸗ traut, von denen man ſich überzeugt hielt, daß ſie die Sache ihrer Landsleute feig verließen und das Panier des Feindes ergriffen. O, es war eine Zeit der Schmach oder vielmehr ſie iſt es noch, denn noch immer ſeufzt mein armes Vaterland unter dem fremden Joche, wann endlich wird die Stunde ſchlagen, wo es ſich ermannend dasſelbe abſchütteln wird!“ Heinrich Zeiber verſank einige Minuten in düſteres, ſchmerzliches Nachſinnen, dann fuhr er fort: „Einige der franzöſiſchen Beamten und Officiere verſuchten es auf eine andere Weiſe, Eingang bei der deutſchen Bevölkerung zu finden und dieſelbe für ſich zu gewinnen, indem ſie ihr Haus gaſtlich öffneten und durch Liehanswürdigkeit und echt franzöſiſche Grazie viele Beſucher dahin zu ziehen ſuchten. „Zu dieſen gehörte der Kapitän Loiret, und die⸗ ſem gelang es beſſer als jedem Andern, weil ſein Mün⸗ del, die ſchöne Eliſe, die Augen aller jungen Männer auf ſich zog und ihrer Anmuth ſelbſt das Herz des wü⸗ thendſten Franzoſenfeindes nicht widerſtehen konnte. Bald war ſie von vielen Bewunderern umſchwärmt; ſie aber ſchenkte ihr Herz dem jungen Ebſtorff, dem Sohne einer alten und geachteten Familie, deren Na⸗ men ſchon ſeit einer langen Reihe von Jahren auf einer der bedeutendſten Firmen der alten Handelsſtadt geglänzt. „War es aber auch dem Kapitän Loiret ganz recht, durch die Schönheit und Anmuth ſeines Mündels viele Söhne der angeſehenſten Familien in ſein Haus zu ziehen, ſo dachte er nicht daran, je in eine Verbindung derſelben mit einem Deutſchen zu willigen, beſonders aber war ihm Moriz Ebſtorff ein Dorn im Auge, da der junge Mann ſich durch ſein lebhaftes Tempera⸗ ment ſchon oft zu unvorſichtigen Aeußerungen hatte hin⸗ reißen laſſen und Loiret ihn in Verdacht hatte, eine geheime Verbindung zu einer Schilderhebung nach dem Vorbilde des kühnen Schill zu organiſiren. Er ſagte dies Eliſe und verbot ihr jede nähere Beziehung zu Moriz. Dieſer Grund war jedoch nicht hinreichend für das junge Mädchen, denn obgleich Franzöſin, konnte ihr edles Herz doch innig mit den Leiden des deutſchen Volkes ſympathiſiren, und was ſie erfuhr, war nur geeignet, ſie inniger an den zu binden, dem ſie ihre Liebe geſchenkt. „Eines Abends ſaß Loiret ruhig ſeinen Thee ſchlürfend im Zimmer, als plötzlich ein Sergeant herein⸗ trat und ihm eine verſiegelte Ordre ſeines Regiments⸗ Chefs übergab. „Ein Lächeln des Triumphes verbreitete ſich über ſein Geſicht, als er dieſelbe geleſen, und ſich zu Eliſe wendend ſagte er:„Dieſe Nacht wird es mir alſo end⸗ lich möglich ſein, mich jenes Verräthers Ebſtorff und ſeiner thörichten Freunde zu bemächtigen. Ihre hirnloſen Anſchläge wie der Ort ihrer Zuſammenkunft ſind ver⸗ rathen, ich habe den Befehl, ſie todt oder lebendig zu fangen und werde ihn gewiß pünktlich ausführen.“ „Alle ihre Kraft zuſammennehmend, denn ſie fühlte, daß ſie keine Schwäche zeigen dürfe, antwortete Eliſe ruhig, daß ſie nicht für Ebſtorff fürchte. Sobald ihr Vormund jedoch das Haus verlaſſen, ſank ſie auf ihr Knie nieder und weinte bitterlich. Doch nur wenige Se⸗ kunden überließ ſie ſich ihrem Schmerze, dann ſprang ſie entſchloſſen auf. „Moriz, ich will Dich retten— Dich retten oder ſterben! Was wäre das Leben ohne Dich! Geſegnet ſei die Stunde, wo Deine Liebe Dich antrieb, mir das ganze Geheimniß zu entdecken, jetzt kann ich Dich retten und ich will es!“ „In wenigen Sekunden war Eliſe angezogen und bereit, jeder Gefahr zu trotzen. Ohne daß einer von der Dienerſchaft es bemerkte, verließ ſie das Haus; aber wie aus den Thoren der feſt verſchloſſenen und bewachten Feſtung gelangen? Es gab nur einen Weg, und Eliſe beſchloß ihn zu gehen, ſo gefahrdrohend er auch war. Der Strom war gefroren, dahin richtete ſie ihren Weg, drängte ſich durch Brücken, Wälle und Gräben, warf ſich, ſobald ſie eine Schildwache herankommen ſah, auf den Boden, hörte ſich anrufen, eine Kugel dicht an ihr vor⸗ überſtreifen und gelangte endlich unter unſäglichen An⸗ ſtrengungen, an Händen und Füßen blutend, in's Freie. „Hier hielt ſie einen Augenblick an, um zu ruhen; aber die Uhr des nahen Dorfes ſchlug halb Zwölf, ſie hatte keine Zeit zu verlieren, wollte ſie rechtzeitig den Ort erreichen, den ihr Moriz als den Sammelplatz bezeichnet hatte, wo er allwöchentlich mit Männern, meiſt auf den umliegenden Dörfern wohnend, zuſam⸗ menkam, mit ihnen die Noth des Vaterlandes zu be⸗ ſprechen und auf Abhilfe zu ſinnen. Endlich erreichte ſie einen ſchmalen Seitenweg, der zu einer in einem mäßigen Hügel ſich öffnenden, hart an der Elbe liegen⸗ den Grotte führte. Die Männer waren in tiefem Ge⸗ ſpräche begriffen, und ſo leiſe war ſie gekommen, daß ihnen ihre Gegenwart nur durch den Ruf kund ward: „Flieht, Ihr ſeid verrathen!“ Sie ſahen auf und er⸗ blickten eine zarte weibliche Geſtalt mit fliegendem Haar und blutenden Händen, eine Erſcheinung, welche ſie mit einem abergläubiſchen Schauer erfüllte, und ehe ſie ſich noch klar über den Eindruck Rechenſchaft geben konnten, befanden ſie ſich inſtinktartig auf der Flucht. Nur Einer blieb und dieſer war Moriz Ebſtorff. Er wandte ſich um, blickte ſcharf um ſich, die Dunkelheit ließ ihn die Heißgeliebte nicht erkennen. „Wer biſt Du, die Du von Verrath zu ſprechen wagſt?“ Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. „Fliehe, es gilt Dein Leben, und frage nicht! Fort, Moriz, fort!“ „Jetzt erkannte er ſie und ſprang vorwärts. In dieſem Augenblicke ließ ſich ein ſchwacher Lichtſchein ſehen, die Soldaten nahten ſich. Sie erblickten die ſchlanke, männliche Geſtalt, der vorderſte der Männer feuerte und Moriz feel. „Die Soldaten drangen in die Höhle, während Eliſe außerhalb derſelben, von einem Baume verbor⸗ gen, zitternd ſtand. Sie durchſuchten dieſelbe, da ſie aber Niemand darin fanden und der am Boden Liegende kein Lebenszeichen von ſich gab, ſo zogen ſie ſich endlich zurück. „Sobald ihre Schritte verhallt, trat Eliſe in die Höhle, beugte ſich über den Geliebten und glaubte noch einige ſchwache Lebenszeichen zu entdecken. Sie eilte in das nächſte Dorf, wußte ihm bei braven Landleuten ein Unterkommen zu verſchaffen und kehrte am andern Tage zu ihrem Vormund zurück, dem ſie freimüthig, ſoweit es ſie betraf, geſtand, was ſie gethan, aber verſchwieg, daß das Opfer ſeiner Rache noch am Leben ſei. „Der bald darauf ausbrechende Krieg mit Oeſter⸗ reich rief auch den Kapitän Loiret wieder zu den Waffen. In der Schlacht bei Aſpern tödtete ihn eine feindliche Kugel und machte Eliſe zur unumſchränkten Herrin ihres Vermögens und ihrer Hand. Sie reichte dieſelbe dem geneſenen und ſeinen Verfolgern glücklich entgangenen Moriz Ebſtorff und ging mit ihm nach der Schweiz, einem Lande, das wenigſtens einen Schein der alten Freiheit bewahrt hat. „Ich, Herr Valentin,“ ſagte Zeiber, als er die Erzählung beendet,„ich bin jener Moriz Ebſtorff, und Nina, meine theure Nina, Eliſe, die in jener Nacht ihr Leben an die Erhaltung des meinigen ſetzte. Ihr Gemälde rief mir die ganze Vergangenheit in's Ge⸗ dächtniß zurück, ich glaubte, daß Sie Alles wüßten und mich verrathen wollten. Reichen doch überall die Arme des franzöſiſchen Kaiſers und konnte er doch mitten im Frieden einen Enghien aus einem befreundeten Lande holen und erſchießen laſſen! Wahnſinn ergriff mich— Sie wiſſen das Uebrige— können Sie mir verzeihen?“ „Von ganzem Herzen,“ erwiederte ich,„gewähren Sie mir die Bitte, dieſes Gemälde von mir anzunehmen, es iſt mein beſtes, denn das Geſicht Ihrer heldenmüthi⸗ gen Gattin, welches daraus herniederblickt, hat es gehei⸗ ligt, und gebe Gott, daß der Tag komme, wo Sie die⸗ ſelbe unter glücklicheren Verhältniſſen in Ihr Vaterland führen.“ Der Tag iſt gekommen. Auf Leipzigs Gefilden hat Moriz Ebſtorff für die heilige Sache des Vater⸗ landes gekämpft und geblutet, iſt mit den Verbündeten nach Paris gezogen, hat aber, nachdem der Frieden ge⸗ ſchloſſen, die Waffen niedergelegt, um an der Seite ſeiner Gattin ein Leben zu führen, das die Krone der Bürgertugenden ſchmückt. Ich bin im innigſten Verkehr mit ihm geblieben, und noch oft erinnern wir uns— jetzt beide Greiſe— der Geſchichte des Bildes, welches im Wohnzimmer meines Freundes prangt.(Baz.) Die Folterkammer auf der Burg zu Nürnberg. QMem Eintritt in das vorderſte Thor des äußern „) Theils der Burg überraſcht, ja ich möchte ſagen ⸗, erſchreckt den Fremden an dem ſeitwärts gele⸗ genen Gebäude der alten Burgamtmanns⸗ S wohnung eine Tafel grauenvollen Inhalts. Sie enthält eine Aufzählung der Folterwerk⸗ zeuge und ſonſtigen Kriminalrechtsalterthümer, die in einem Gewölbe dieſes Gebäudes dem Fremden als ein unerfreuliches Denkmal des graſſeſten Aberglaubens und Unſinns, der gröbſten Ungerechtigkeit und Greuel⸗ thaten gezeigt, und in ihrer Anwendung in der„guten alten Zeit der freien Reichsſtadt“ genau erklärt werden. Hieran anknüpfend dürfte es nicht ohne Intereſſe ſein, ein kurzes Bild von der ſchauderhaften und willkür⸗ lichen Uebung dieſes Mordinſtruments zu entwerfen, wie ſie in den letzten drei Jahrhunderten, in manchen Staaten ſelbſt bis in's neunzehnte Jahrhundert hinein die Quelle unzähliger Juſtizmorde war. Aller Grund dieſes unſittlichſten und widerrechtlichſten Inſtituts lag in dem Abwege, in den das peinliche Beweisverfahren jener Zeiten gerathen war, um über Schuld und Un⸗ ſchuld zu entſcheiden. Als Hauptziel eines jeden Proceſſes galt es, auf alle mögliche Weiſe ein Geſtändniß herbei⸗ zuführen. Und wie dies in früheſter Zeit durch Gottes⸗ urtheile, Zweikämpfe, ſpäter im öffentlichen und münd⸗ lichen Verfahren der Vehmgerichte geſchehen war, ſo brachte der im fünfzehnten Jahrhundert in Frankreich, Spanien und Italien bereits mächtige Abſolutismus, im Bunde mit pfäffiſchem Aberglauben, die Folter als ein neues, einfaches und energiſches Mittel, dem Läug⸗ nenden ein Geſtändniß abzupreſſen, auch nach Deutſch⸗ land, wo ſie leider gar zu bald die Oberhand über die bisherigen ſchwierigeren Beweismittel gewann. Nur mit ihr in der Hand war es der Willkür möglich, Tau⸗ ſende von Schuldloſen als Zauberer und Hexen auf den Scheiterhaufen zu liefern. Ein widerſinniger Ver⸗ dacht war hinreichend, die Unglücklichen, die in die Hände der Gerichte gefallen waren, wenn ſie nicht ſo⸗ fort, um den unſäglichen Qualen der Tortur zu ent⸗ gehen, lieber gleich im erſten Verhör Alles eingeſtanden hatten, auf die Folter zu werfen. So kam es in unzäh⸗ ligen Fällen vor, daß ſie Handlungen geſtanden, woran oft ſchon der bloße Gedanke ein Unſinn und eine Un⸗ möglichkeit war. Allein bei den Martern, die größer als jede Strafe waren, betrachteten die Inquiſiten den Tod als einen Troſt. Die Folter ſelbſt wurde mit einer ganz ſchamloſen und empörenden Procedur vorbereitet. Ihr folgte die eigentliche peinliche Frage mit dem Daumen⸗ ſtock, einer Schraube, in die der Daumen gelegt und durch allmäliges Zuſammenſchrauben gequetſcht wurde. Half das nicht, ſo legte man dem armen Sünder die ſpaniſchen Stiefel oder Beinſchrauben an, welche die Waden und das Schienbein breit preßten. Um die Leiden zu erhöhen, ſchlugen die grauſamen Henkers⸗ knechte noch mit einem Hammer auf die Schrauben, wodurch oft Knochen zerſplitterten. Die Verbindung der — küruberg. des äußern nohte ſagen wart gele⸗ gamtmanna⸗ en Inhalts. Folterwerk⸗ mmer, die in den als ein berglaubens Greuel⸗ „guten werden. ſein, nd willkür⸗ u enwerfen, in manchen ndert hinein Aller Grund inſtituts lag eisverfahren uld und ÜUn⸗ den Proceſſes dniß herbel Gottes⸗ und münd⸗ n war, ſo Frankreich, ſolutismus, Folter als de Aoug⸗ nach Deutſch⸗ and über die ewann. Nur nö öglich Tal- Hexra all nniger Ver⸗ die in die ſie nicht ſo⸗ tur zu enk den eſſ ein Knhän z in unzo äh⸗ en, woran W. Ernſt: Heitere Skizzen aus dem Kadettenleben. 313 Daumen⸗ und Beinſchrauben hieß der Bock. Er beſtand lebend, in kreuzweiſem Zuſammenſchrauben je eines Daumens und einer großen Zehe, ſo daß der Gefolterte nur einen wimmernden Klumpen bildete. Widerſtand der Inquiſite noch, ſo kam es zur Streckleiter mit Flaſchenzug. Man band den Armen die Hände auf den Rücken, dieſe an ein Seil, welches mit einem Kloben an der Decke be⸗ feſtigt war, und ſo wurde er bald in der Luft frei ſchwe⸗ bend, bald an einer Leiter, bei der oft in der Mitte eine mit ſpitzen Häkchen verſehene Rolle, der geſpickte Haſe genannt, angebracht war, auf⸗ und abgezogen, bis die Arme umgedreht und verkehrt über dem Kopfe ſtanden. Dabei ließ man ihn manchmal ſchnell herab⸗ ſchnellen und zog ihn wieder auf. Ueberſtand der Un⸗ glückliche auch dieſe Leiden, ſo hing man ihm zur Er⸗ höhung der Schmerzen Gewichte an die Füße, legte ihm auch noch die Beinſchrauben an und ließ ihn dabei oft Stunden lang leiden. Läugnete er immer noch, ſo goß man ihm Schwefel und Pech brennend auf den nackten Leib oder hielt ihm Fackeln unter Arme, Füße oder andere Theile des Körpers. Auf dieſe Weiſe hatten die Gerichte neun Grade der Folter. Die Meiſten ſtarben während der Tortur oder gleich darnach. Hielt aber Einer unter ſtandhaftem Betheuern ſeiner Unſchuld dieſe Qualen wirklich aus, ſo war ein ſiehes, unglück⸗ ſeliges Leben und ein zerfleiſchter, halbverbrannter Kör⸗ per ſein Lohn. Jedoch wurde in den meiſten Fällen das Geſtändniß, wie erpreßt, ſo auch gegeben; denn einer Weigerung folgte ebenſo gewiß neue und ſchwerere Folter. Das Gleiche geſchah bei einem ſpätern Wider⸗ ruf, die häufig vorkamen. Erſt im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts traten Männer wie Thomaſius, Hommel, Beccania, Montesquieu und Voltaire offen und kräftig gegen dieſe Schande des ſechzehnten, ſiebenzehnten und achtzehnten Jahrhunderts auf. Aber nur ganz allmälig gelang es ihnen, den Deſpotismus von der Ungerechtig⸗ keit und Grauſamkeit jenes traurigen Mittels zu über⸗ zeugen. In Deutſchland ging Allen voran der fürſtliche Philoſoph und Menſchenfreund Friedrich der Große 1754. Ihm folgte 1767 Baden, dann Mecklenburg 1769, Sachſen 1770. In Baiern hob ſie 1807 der wohlwollende König Max Joſef auf, in Württemberg beſtand ſie noch bis zum Jahr 1809 und in Hannover ſelbſt noch im Jahre 1818. So viel über die Folter und ihre Werkzeuge. Noch einige Worte über die ſonſtigen Kriminalrechtsalterthümer in dem Gewölbe zu Nürn⸗ berg. Dieſelben dienten meiſtens als Exekutionsmittel der Todesſtrafen oder peinlichen Leibesſtrafen. Was die von der peinlichen Gerichtsordnung Karls V. verhängten Todesſtrafen betrifft, ſo gab es deren ſieben Arten: 1. Das Viertheilen des Körpers. Die einzelnen Stücke wurden darauf öffentlich gewöhnlich in vier Straßen aufgehängt. 2. Das Lebendigbegraben und Pfählen. Der Verurtheilte wurde in ein Grab gelegt und ihm ein zugeſpitzter Pfahl durch den Leib getrieben und dann das Grab geſchloſſen. 3. Das Verbrennen auf einem Scheiterhaufen. 4. Das Rad. Dem Verurtheilten wurden Arme und Beine ausgeſtreckt und dann mit dem Rad zerbrochen. Darauf wurde er, gewöhnlich noch Erinnerungen. LXXXII. 1861. auf dieſes Rad geflochten und dasſelbe auf einen Pfahl geſteckt. So mußte nun der Unglückliche verſchmachten und auf der Richtſtätte verweſen. 5. Eine weitere Todesart beſtand darin, daß man den Ver⸗ urtheilten in einen leinenen Sack ſteckte und dann zum Ertränken in das Waſſer warf. 6. Das Erdroſſeln und Aufhängen an einen Galgen mit Strang oder Kette. 7. Das Enthaupten mit dem Schwerte. Dieſe Todes⸗ ſtrafen konnten aber noch weiter geſchärft werden, durch „Reißen mit glühenden Zangen“ vor der Hinrichtung, in der Regel durch ſechs Griffe; ferner durch„Schleifen“ zur Richtſtätte. Unter den peinlichen Leibesſtrafen waren die gewöhnlichſten: 1. Die verſtümmelnden Strafen: Augenausſtechen, Zungenabſchneiden, Abhauen einer Hand oder einzelner Finger Abſchneiden der Ohren u. dergl. m. Dieſe Strafen wurden durch den Henker vollzogen und machten zugleich ehrlos. In der Regel war auch Ausſtellung am Pranger damit verbunden. 2. Das Aushauen mit Ruthen oder Peitſchen, in deren Riemen bleierne Kugeln befeſtigt waren, welches eben⸗ falls durch den Henker am Pranger vollzogen wurde. Für alle geſchilderten Strafexekutionsmittel ſind die Werkzeuge in dem erwähnten Gewölbe als Zeugniß einer ſchrecklichen Vergangenheit aufbewahrt. (Jll. W.) Heitere Skizzen aus dem Kadettenleben. Von W. Ernſt. (Fortſetzung.) Metamorphoſe. UWog ich mir in früherer Zeit manchmal das M Innere der Feſtung betrachtet hatte, ſo war ich doch niemals in die inneren Räume einer Kaſerne gekommen. Deßhalb erſchien mir jetzt Alles beim Eintritte in meine nunmehrige Reſidenz wie Sce⸗ nen aus einer fremden Welt. Namentlich machte ein eigenthümlicher Geruch, der von dem Kommißbrod und den verſchiedenen Putz⸗ und Anſtrichingredienzien herrührt, einen abſonderlichen Eindruck auf meine ver⸗ wöhnte Naſe. Die Augen hatten aber, als ich an der Seite meines Feldwebels über den Kaſernenhof nach meiner neuen Wohnung ſchritt, ſo viel zu ſchauen, daß ich dieſes Duftes wenig achtete. Uebrigens gewöhnte ich mich auch ſehr bald daran, wie ein Gärtner an das Aroma, das ihn umgibt. Auf einer Seite der langen Gänge hängen ſymmetriſch die Gewehre, mit den Na⸗ men der Beſitzer bezeichnet, und hie und da eine Trom⸗ mel. Die Mannſchaft, in der verſchiedenartigſten Adju⸗ ſtirung, iſt eifrigſt beſchäftigt, ihre Waffen und Rüſtungs⸗ ſorten zu reinigen, wobei gepfiffen, geſungen und ge⸗ lacht wird. Das kam mir recht luſtig vor. Als ich mit dem Feldwebel durch dieſe Gänge ſchritt, ſah ich erſt, was für ein großer Herr ſo ein Feld⸗ 40 314 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. webel iſt, denn bei ſeinem Erſcheinen ließ Jedermann ſeine Arbeit ſtehen, machte gegen ihn Front und ſalu⸗ tirte. Ich bekam, je weiter wir gingen, immer mehr Reſpekt vor meinem Begleiter. Endlich gelangte ich an meinen Beſtimmungsort. Das Feldwebelszimmer, oder auch die Kompagniekanzlei genannt, hatte eine ſehr ein⸗ fache Ausſtattung. Ein ſchwarzer Kanzleitiſch, ein lan⸗ ger, aus weichem Holze gezimmerter Kommißtiſch, zwei Betten, zwei Stühle— das waren die Möbel. Einige Schließeiſen für Arreſtanten, einige alte Keſſel und Kaſſerolle, die ſich gleichfalls hier vorfanden, waren mir räthſelhaft, da ſie mir weder für unſern Gebrauch noch zur Zierde des Zimmers geeignet ſchienen. Am meiſten unter den genannten Mobilien intereſſirten mich die Betten, für die ich eine beſondere Gebrauchsanweiſung für nöthig erachtete, da ich weiter nichts als einen ge⸗ wöhnlichen Strohſack mit einem am Kopfende zuſam⸗ mengerollten Pack von Leintüchern und einer wollenen Decke bemerkte. Wie ſollten wohl ſo einfache und doch ſo verwickelte Dinge zu einem komfortablen Nachtlager hergerichtet werden? Vor der Hand dachte ich aber noch nicht ernſtlich an dieſe inneren häuslichen Angelegen⸗ heiten, ſondern hegte nur den Wunſch, mich baldmög⸗ lichſt meinen Angehörigen als ungariſchen Soldaten präſentiren zu können. Ich äußerte darum die Bitte, recht bald mit einer Montur bekleidet zu werden, und ſie wurde auch gewährt, obgleich in einer nicht gerade einem Kadetaſpiranten entſprechenden Weiſe. Alle Röcke und Hoſen, ſo wie die Schuhe des Magazins waren mir zu groß; daher blieb mir nichts übrig, als von einer im Wuchſe mir ähnlichen Perſon bereits getra⸗ gene Montuesſtücke mir zu entlehnen. Dieſe fanden ſich bei dem zweiten Feldwebel, deſſen Garderobe ſich eben nicht durch Ueberfluß und Feinheit auszeichnete. Ein alter Rock wurde ſeiner größten Zierde, der drei Sterne, beraubt; dieſer Rock, ein Paar ungariſche Hoſen und Schuhe und eine Holzmütze waren hinreichend, aus mir einen andern Menſchen zu machen. Auf dieſe Art herausſtaffirt, mit einem kurzen Bajonnete, dem ſogenannten Zahnſtocher, behangen, wurde ich im Salutiren einepercirt. Raſch und leicht begriff ich dieſe Anfangsgründe der Kriegswiſſenſchaft. Nach dieſer erſten Lektion wurde mir die Erlaubniß auszugehen ertheilt, zugleich aber auch eingeſchärft, mit dem Zapfenſtreiche pünktlich zu Hauſe, das iſt, in der Kaſerne zu erſcheinen. Nun fühlte ich mich bereits als Soldat und be⸗ trachtete mich mit Stolz und Wohlgefallen, wie ein Knäblein, das die erſten Höſelein angezogen, nach Mög⸗ lichkeit vom Kopf bis zu den Füßen. Da kein Trumeau⸗ ſpiegel ſich unter den Möbeln der Feldwebelswohnung vorfand, konnte ich freilich zu keinem rechten Ueberblicke meiner neugebornen Perſönlichkeit gelangen, ich war aber überzeugt, daß mir die Uniform reizend ſtehen müſſe, und ich erwartete, nicht wenige Erfolge daheim in der Vaterſtadt zu erzielen. In möglichſt militäriſcher Haltung ſchritt ich meinem Ziele zu und ſalutirte jeden vorübergehenden Officier mit rühmenswerther Fertigkeit. Auf meinem Vege begegnete mir ein Schulka⸗ merad mit ſeinen Eltern, der gleichfalls die Abſicht hatte, in mein Regiment als Kadetaſpirant einzutreten. Kaum hatte ich die Geſellſchaft erblickt, ſo warf ich mich, des guten Eindruckes gewiß, ſtolz noch mehr in die Bruſt. Er aber wurde merkwürdiger Weiſe bei meinem Anblicke verlegen und es war mir zweifelhaft, ob er mich in meinem Glanze beneidete, oder ob ich ihm ſehr wenig zu meinem Vortheile verändert vorkam. Natür⸗ lich war ich mehr für die erſte Anſicht, obſchon die zweite die richtige war, da die alten, gänzlich unpaſſen⸗ den Kleider mich förmlich verunſtalteten und der un⸗ ſichere Gang und die gezwungene Haltung alles Unge⸗ ſchick eines Rekruten verriethen. Die Eltern des Kame⸗ raden betrachteten mich mit mitleidigem Blicke und ſahen bald auf meine plumpen, ſchwerfälligen Schuhe, bald auf das grobe Tuch meines Waffenrockes. Sicher wurde ich, nachdem ich mich ihnen empfohlen hatte, dem Söhnlein als abſchreckendes Beiſpiel vorgeſtellt. Da der Kamerad in der That nicht Soldat geworden iſt, ſo bin ich zu der Annahme berechtigt, daß mein Anblick ihn von ſeiner Vorliebe für den Militärſtand geheilt haben mag. So beſchaffen war die erſte Wirkung, die ich auf das Civil hervorbrachte. In kaum günſtigerem Lichte mochte ich mich zu Hauſe präſentiren; denn mein Papa, der mich für den erſten Augenblick gar nicht erkannte, erſchrak faſt, als ich mich als ſeinen vielgeliebten Sohn zu erkennen gab, und meine Mutter war einer Ohnmacht nahe. Ich ſchob das Alles auf das Ungewohnte der Neuheit, aber als wir uns ſpäter zu einem Spaziergang anſchickten, fiel es mir doch bedenklich auf, daß ſich mein vierjähriges Schweſterlein, welches als Pythia für das grüne Regi⸗ ment entſchieden hatte, ſtandhaft weigerte, von mir ſich führen zu laſſen. Sie ſchien ſich vor mir wie vor einem Popanz zu fürchten.. Nichts deſto weniger zog ich auf dem Spaziergange die Aufmerkſamkeit der Damenwelt in hohem Grade auf mich. Beweis deſſen war mir, daß ſich die meiſten bei meinem Vorübergehen wiederholt umkehrten, als wollten ſie ſich die Gewißheit verſchaffen, ob der auf⸗ fällige Marsſohn derſelbe ſei, der wenige Tage vorher im ſchwarzen Frack und weißer Atlaskravatte auf dem Beamtenballe mit ihnen eine Quadrille oder einen Walzer getanzt hatte. Ja, ja, es war derſelbe, aber da⸗ mals nur noch ein Studioſus, aber jetzt in völlig ver⸗ änderter und wie ich meinte weit verbeſſerter Auflage, ein Kandidat der höchſten Officiersſtellen. Der Abend verfloß raſch und mit ängſtlicher Ge⸗ nauigkeit berechnete ich die Zeit, welche ich nothwendig hatte, um in der Kaſerne pünktlich zum Zapfenſtreich einzutreffen. Ich, derſelbe, der oftmals genug gegen unſere Hausordnung gemurrt hatte, die mir nicht er⸗ laubte, über zehn Uhr auszubleiben, fügte mich nun willig und gewiſſenhaft dem Rufe der Trommel, die mich um neun Uhr in die Kaſerne kommandirte. Des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich. ———— —— — H— — die Abſcct einzutreten. arf ich mich, mehr in die eba weinem felhoft, od er ich ihm ſehe kam. Natür⸗ obſchon die ich unpaſſen⸗ und der un⸗ alles Unge⸗ des Kame⸗ Blicke und nSchuhe, vorgeſtellt. dat geworden mein die ich auf ich mich zu mich fün Den nf falt als fennen gab, . Ich ſchob t aber als bickten, fel Resähtiges grune Jag. von mir ſich ie vor einem Spaziergange ohem Grade die meiſten kehrten, Nl ob der auf⸗ W. Ernſt: Heitere Skizzen aus dem Kadettenleben. 315 Erſter Leldzug. Geraume Zeit vor dem Zapfenſtreiche erſchien ich in der Kaſerne und meldete meinem Feldwebel mein Eintreffen. Dieſer wies mir noch einige Arbeit am Schreibtiſche und dann mein Lager an. Jetzt erſt löſte ſich mir das Räthſel, wie ein militäriſches Bett herge⸗ richtet wird. Auf den bloßen Strohſack wird ein Lein⸗ tuch gebreitet, auf welches in gleicher Weiſe das zweite und ſodann die wollene Decke gelegt wird. Mehr be⸗ darf es nicht, um das Lager zu formiren. Mit einer gewiſſen Neugierde kroch ich zwiſchen die zwei Lein⸗ tücher unter die Decke und verſuchte den erſten Schlaf auf Soldatenweiſe zu ſchlafen. Ich lag nur kurze Zeit, als ich an vielen Stellen meines Körpers Stiche verſpürte, wie ſie ein kleines, jedoch höchſt läſtiges Inſekt, das ich im Vaterhauſe mehr aus der Naturgeſchichte als aus perſönlicher Be⸗ kanntſchaft kannte, zu verurſachen pflegt. Auf ſo viele Quäler jetzt Jagd zu machen, wäre ein fruchtloſes Unternehmen geweſen; ich ergab mich daher in mein Schickſal, wappnete mich mit Empfindungsloſigkeit und wollte ſchlafen, aber es war durchaus keine Möglichkeit. Von Stunde zu Stunde ſchienen ſich dieſe Miniatur⸗ blutegel zu vermehren und ſie ſetzten ſo lange ihre Maſſenangriffe fort, bis ſie mich in Verzweiflung und aus dem Bette brachten. Ich ſetzte mich auf einen Stuhl, um im Freien zu kampiren. Meine Schlafkame⸗ raden lachten und ergötzten ſich an meiner Qual, mei⸗ nen Seufzern und Verwünſchungen und ich mußte es geduldig leiden bis ſie einſchliefen und mir durch ihr Schnarchen verriethen, wie gut und behaglich ſie ruhten. Dieſer Gegenſatz zu meiner Ruheloſigkeit ließ mich die Pein der letzteren doppelt fühlen. Noch nie im Leben habe ich den Morgen ſo ſehnſuchtsvoll erwartet als in der erſten Nacht meiner Dienſtzeit auf dem harten Kommißſtuhle. Am andern Tage kaufte ich eiligſt eine Flaſche des berühmten perſiſchen Inſektenpulvers, womit ich mein Bett höchſt verſchwenderiſch einpuderte, um ſo Tod und Verderben meinen blutdürſtigen Feinden zu bringen. Das war mein erſter Feldzug. Ich hätte nicht ge⸗ glaubt, ſo bald im Pulverdampfe zu ſtehen. Meine Schlafkameraden ſahen meinem Manöver mit verſchmitz⸗ tem Lächeln zu, deſſen Urſache mir nicht recht klar wer⸗ den konnte. Die Löſung des Räthſels erfuhr ich erſt ſpäter, und auch der Leſer wird ſie ſeiner Zeit erfahren. Rapport und Menage. An dieſem zweiten Tage— eigentlich dem erſten meiner Dienſtzeit, lernte ich kennen, was ein Kompagnie⸗ Rapport ſei. Nach der Stundeneintheilung fällt dieſer Rapport gewöhnlich, je nach den Beſchäftigungen des Tages, in die Morgenſtunden und wird vom Kompagnie⸗ Kommandanten im Beiſein der Kompagnieofficiere ab⸗ gehalten. Eine halbe Stunde nach der Tagwache trägt der erſte Feldwebel den von den vier Zugskomman⸗ danten abgenommenen Rapport in das Rapportjournal ein, welches ſodann beim Kompagnie⸗Rapport vor⸗ geleſen wird. Dieſer beſteht gewöhnlich aus verſchieden⸗ artigen Meldungen, Bitten, Beſchwerden, dem Dienſte, den Namen der Maroden und Arreſtanten u. ſ. w. Die vorzuſtellende Mannſchaft wird zur beſtimmten Stunde durch den Tags⸗Korporal aviſirt und tritt ge⸗ wöhnlich auf dem Kaſernengange oder einem ſonſt geeigneten Platze an. Sobald ſie vom Feldwebel rangirt iſt, wird dem gegenwärtigen jüngſten Officier die Mel⸗ dung erſtattet. Dieſer beſichtigt die Adjuſtirung, ſtellt allenfalls vorkommende Fehler ab und meldet hierauf dem nächſt älteren Officier und dieſer in aufſteigender Linie weiter bis zum Kompagnie⸗Kommandanten, daß der Rapport geſtellt ſei. 5 So ſtand denn auch ich das erſte Mal in Reih' und Glied und wartete mit Spannung der Dinge, die da kommen ſollten, Endlich erſchien mein Hauptmann, ein großer ſtarker Herr von echt militäriſchem Ausſehen. Vom rechten Flügel an begannen die Meldungen. Auch ich recitirte die mir beigebrachte Formel:„Herr Haupt⸗ mann, ich melde gehorſamſt, daß ich zur Kompagnie eingerückt bin,“ worauf der Hauptmann meine erbärm⸗ liche Montur viſitirte und den Befehl gab, der Kom⸗ pagnie⸗Schneider ſolle ſogleich die Adjuſtirung einer beſſeren beginnen. Das gefiel mir vom Hauptmann ungemein und er hatte ſogleich einen Stein bei mir im Brette. Ich hörte ihm ehrfurchtsvoll zu, als er mir Fleiß, Akkurateſſe und andere militäriſche Tugenden einpfahl und mir einen tüchtigen Unterofficier zum Abrichter empfahl, ſo wenig auch das Wort„Abrichter“ meiner Eigenliebe als Menſch und geweſenem Studioſus ſchmeichelte. Um eilf Uhr war Menageabeſſen. Da die Mann⸗ ſchaft des Regiments zum großen Theil aus Ungarn, Romänen und Zigeunern beſtand, ſo war auch ihre Menage eine von den nicht ungariſchen Regimentern durchaus verſchiedene. Obſchon ich in Ungarn geboren und erzogen bin, ſo war ich doch ganz in deutſcher Sitte aufgewachſen und an deutſche Koſt gewöhnt, und daher vermochte auch die ungariſche Menage meinem deutſchen Gaumen nicht zu behagen. Eine Probe dieſer ungariſch militäriſchen Küche gibt folgende, wöchentlich einigemale vorkommende Speiſe. In die blechernen Menagekeſſel wird Fleiſch und einiges Gemüſe— letzteres lin dem Zuſtande, wie es eben vom Greisler kommt, mit Waſſer gekocht, ſodann eine beſtimmte Menge Fiſolen dazu gegeben, gleichfalls in dem Zuſtande, wie man ſie kauft, denn eine Abſonderung der unbrauchbaren Bohnen wäre der Quantität nachtheilig, und ſchließlich das Ganze mit einem Zuſatz von ſogenannter Einbrenn zu einem Brei verarbeitet. Bei Vertheilung der Menage werden die Menageſchalen in Reihen aufgeſtellt und der Inhalt des Keſſels mit höchſter Gewiſſenhaftigkeit durch den Gefreiten, öfters auch durch einen Korporal, durch die Anzahl der Schalen dividirt, bis alle gleichmäßig gefüllt ſind. Hierauf ſtreut man in jede Menaggeſchüſſel ein gehöriges Quantum feingeriebenen Paprika, ſo daß es ausſieht, als ob Ziegelmehl oder die bei den Zimmer⸗ leuten gebräuchliche rothe Farbe darin wäre. Sowie 40* Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Einfache Reinlichkeit iſt halbes Futter. Herr:„Verdammter Kerl, was haſt Du mit dem Pferde gemacht?“ Stallknecht:„Euer Gnaden, ich habe die Reinlichkeit verdoppelt und die ganze Fourage erſpart; das Pferd hat es aber nicht vertragen.“ Paprika iſt auch Eſſig ein Hauptfaktor aller und jeder Menage. Selbſt wenn ſogenannte„Nockerln“ gemacht werden, kann der Mann die Fleiſchbrühe ohne Eſſig nicht wohlſchmeckend finden. Der Verſuch, einen Löffel des rothen Breies zu verkoſten, brachte bei mir einen krampfhaften Huſten, thränende Augen und einen geſchwollenen Mund her⸗ vor und ich konnte auf die Frage meines Feldwebels, wie es mir ſchmecke, nur antworten:„Man ſpeiſt hier eben ſo gut, wie man gut ſchläft.“ Die Mannſchaft indeß ließ es ſich bei ihrem Male wohl ſein und ich ſah mit Verwunderung, wie die Soldaten nicht mit Huſten und Thränen, ſondern mit ſchnalzender Zunge das rothe Gericht verſchlangen. Das Fleiſch wird gleichfalls vertheilt und mit Salz zu einem Stück Brod verzehrt. Obſchon ich meine beſondere Koſt aus einem Gaſthauſe bezog, ſo hatte ich doch Urſache, der guten Küche im elterlichen Hauſe mit Sehnſucht zu gedenken, jener Fleiſchtöpfe Egyptens, von denen ich jetzt durch das rothe Meer des Paprikabreies getrennt war. Zweiter und dritter Feldzug. Nachmittags wurde in Befolg des gegebenen Befehls mit der Abrichtung begonnen. Obwohl ich noch ohne Gewehr blos die Stellung und die Kopf⸗ und Körperwendungen zu erlernen hatte, ſo ermüdeten mich doch dieſe ungewohnten Körperwendungen ſo ſehr, daß ich recht froh war, als mein Abrichter die erſte Lektion für beendet erklärte. Zu meiner großen Freude war im Laufe des Tages meine neue Montur ſoweit fertig geworden, daß ich mit einer paſſenden Hoſe und einem anliegenden Waffen⸗ rock meine Vaterſtadt beſuchen konnte. Diesmal war der Eindruck, den ich hervorbrachte, jedenfalls günſtiger, denn mein Schweſterchen weigerte ſich nicht, mit mir zu gehen; die Damen aber ſahen ſich leider weniger nach mir um. (Fortſetzung folgt.) -KOO ig. es gegebenen wohl ich noch ie Kopf⸗ und müdeten mich — ſo ſehr da e erſte Lektion ufe des Tages nden, daß enden Paftn Dieämal war alls günſiiger un mt ni nder weniget — — ee A Feuilleton. Gemeinnütziges. eefeld hat man zur Vertilgung der Mänſe Soyweine in'’s Feld geführt. Dieſelben ſchnappen die umherlaufenden Mäuſe weg und wühlen die anderen aus ihren Löchern heraus. Der Dampfkochtopf. Es iſt eine bekannte Wahr⸗ nehmung, daß in unſeren gewöhnlichen Gefäßen und bei vollem Barometerdruck die Temperatur des Waſſers mittels Erhitzung nicht über 800 R. geſteigert werden kann. Iſt dieſer Grad erreicht, ſo tritt das Sieden ein, es bilden ſich in dem Theile der Waſſermaſſe, welcher dem Feuer am nächſten und daher am ſtärkſten erhitzt iſt, Blaſen, die an die Oberfläche des Waſſers ſteigen und als Dämpfe all' die Wärme entführen, welche das Waſſer auf eine höhere Temperatur zu ſteigern vermöchten. Anders ge⸗ ſtaltet es ſich, wenn der Topf, in welchem das Waſſer ſich befindet, durch einen feſt anliegenden Deckel gegen außen luftdicht abgeſchloſſen iſt. Hier kann die Ver⸗ hampfung nicht eintreten, die der Flüſſigkeit zugeführte zärme verbleibt derſelben und dieſe kann ſomit einen oheren Temperaturgrad annehmen. Die Richtigkeit dieſes Satzes wurde ſchon von dem um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zu Marburg lebenden Gelehrten Papin nach⸗ gewieſen und es wird daher auch ihm zu Ehren ein ſolcher Topf noch heutigen Tages Pupinianiſcher Topf be⸗ nannt. Aber es bedurfte eines Jahrhunderts und es mußte ſich der Unterſchied in den Preiſen der Lebensmittel und iusbeſondere des Holzes erſt in empfindlicher Weiſe geltend machen, bis jener Gedanke beim Publikum ſich Eingang und praktiſche Benutzung verſchaffen konnte. Dieſe An⸗ wendung des Papinianiſchen Topfes, auf welche ſchon der Erfinder hingedeutet hatte, iſt die Benutzung desſelben als Dampf⸗ oder Schnellkochtopf. Hat man Speiſen mit dem nöthigen Waſſer verſehen, zur Zubereitung in einen Kan Jluftdicht verſchloſſenen Kochtopf gebracht, ſo werden Gold*'ge der höheren Temperatur viel raſcher gar ge⸗ behaud H dadurch tritt nicht nur eine Erſparniß an Zeit, hättend& d eine namhafte Erſpurniß an Brennmaterial nach B Ine wohlfeilere Speiſebereitung ein. Hierzu Werth d. Henoch, daß in Folge des luftdichten Ver⸗ der Kandd N elüchtigen der nahrhaften Speiſebeſtand⸗ und bei Win unmöglich und dadurch eine nahr⸗ die Expedd*8 bhaftere Bereitung der Speiſen gegeben Smith, Koß llichen Vortheilen der Dampfkochtöpfe erobert wurg würde im Vergleich mit den gewöhnlichen Kochgeſchirren ein Nachtheil gegenüberſtehen: die Möglichteit der Explo⸗ ſion durch die zu große Spannung der Dämpfe inner⸗ halb des Gefäßes. Dieſer Gefahr wird aber durch ein auf dem Topfe angebrachtes Sicherheitsventil entgegen⸗ gewirkt. Ueberdies läßt ſich für den unwahrſcheinlichen Fall, daß das Ventil ſo verroſtet oder verſtopft wäre, daß es ſeinen Dienſt nicht thun würde, mit Leichtigkeit die Einrichtung treffen, daß der zu ſtark geſpannte Dampf mittels ſeines Drucks auf den Deckel und eine an ihm angebrachte Schraube den elaſtiſchen Bügel, welcher er⸗ ſtern niederdrückt, in die Hohe heben und dadurch nach allen Seiten entweichen kann. Dieſe Töpfe haben im Aus⸗ lande eine große Verbreitung, dagegen in Deutſchland nur erſt in einigen größeren Städten Eingang gefunden, und es dürfte daher wohl am Platze ſein, auf eine ſo zweck⸗ mäßige Erfindung aufmerkſam zu machen. Statiſtiſches. Nach einer ſtatiſtiſchen Zuſammenſtellung der „Mor. Nov.“ gibt es in Oeſterreich 55.370 nicht regu⸗ lirte Geiſtliche. Die Zahl der Männerklöſter beträgt 720 mit 6754 Prieſtern, der Frauenklöſter 298 mit 5198 Nonnen. Die Einkünfte ſind bei den weltlichen Benefi⸗ cien 8,772.984 fl.(Kapital 99,748.166 fl.), bei den Klö⸗ ſtern 4,258.147 fl.(Kapital 50.607.276 fl.), bei den Kir⸗ chen 6,083.281 fl.(Kapital 34,326.736 fl.), bei den Schu len 329.252 fl.(Kapital 838.566 fl.), bei den Krankenhäu⸗ ſern 184.016 fl.(Kapital 152.223 fl.), bei den Wohlthä⸗ tigkeitsanſtalten 12.033 fl. Die Einkünfte des Prager Erzbisthums ſind mit 71.680 fl., des Prager Domkapitels mit 80.000 fl., des Kreuzherren⸗Ordens in Prag mit 54.000 fl., des Strahöwer Prämonſtratenſerſtiftes mit 41.500 fl., Seelau mit 27.850 fl., Tepl mit 223.000 fl., des Benediktinerſtiftes in Braunau mit 41.900 fl., in Brkewnow mit 18.235 fl., in Emaus mit 13.000 fl., des Ciſtercienſerſtiftes in Hohenfurth mit 51.100 fl., in Oſſegg mit 87.900 fl., der Auguſtiner in Prag mit 10.450 fl. angegeben. Vom menſchlichen Leben. Die Anzahl der in der Welt vorhandenen Sprachen beträgt 3064 und deren Be⸗ wohner bekennen ſich zu mehr denn tauſend verſchiedenen 318 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Religionskulten. Die Zahl der Männer iſt ungefähr der Zahl der Weiber gleich. Die durchſchnittliche Lebensdauer des Menſchen iſt ungefähr 33 Jahre. Ein Viertel derſelben ſtirbt vor Erreichung des 7. Jahres, die Hälfte vor dem 18., dünegen genießen diejenigen, die über dieſes Alter hinaus leben, eines Glückes, welches der andern Hälfte verſagt iſt. Von jedem Tauſend Menſchen wird nur einer hundert Jahre alt, und von jedem Hundert erreichen nur 6 das 65. Jahr, ſowie von jeden fünfhundert Perſonen nur einer 80 Jahre alt wird.— Die Erde hat 1000,000.000 Bewohner, von dieſen ſterben 333,333.333 in jedem Jahre, 91.824 täglich, 3730 ſtündlich und 60 in jeder Minute, oder in jeder Sekunde einer. Durch eine gleiche Anzahl Geburten werden dieſe Verluſte aber beinahe aufgehoben. — Die Verheirateten leben länger als die ledigen, und be⸗ ſonders diejenigen erfreuen ſich einer längeren Lebensdauer, die ein mäßiges und thätiges Leben führen. Große Leute leben länger, als kleine. Frauen haben vor Erreichung des 50. Lebensjahres eine günſtigere Chance als Männer, nach⸗ her aber ſehr wenig.— Die Zahl der Ehen iſt im Ver⸗ hältniß von 75() zu jedem Tauſend Menſchen. Hochzeiten finden häufiger nach den Aequinoktien ſtatt, d. h. während der Monate Juni und Dezember.— Die im Frühjahr ge⸗ borenen Menſchen ſind gewöhnlich kräftiger, als andere. Geburten und Todesfälle ſind während der Nacht häufiger als bei Tag.— Die Zahl der Männer, welche die Waffen zu tragen fähig ſind, iſt zu einem Viertheil der Bevölke⸗ rung berechnet. Humoriſtiſches. Ein junger Menſch kam in einen Barbierladen, um ſich raſiren zu laſſen. Der Ladenbeſitzer ſeifte ihn ein und ließ ihn dann ſitzen.—„Warum laſſen Sie mich ſo lange warten?“ fragte endlich der hoffnungsvolle Jüngling ſchüchtern.—„Entſchuldigen Sie, mein Herr, ich wollte erſt Ihren Bart ein wenig wachſen laſſen.“ Welche Pathen reichen die kleinſten Gaben?— Die Homöopathen. „Mir iſt, als hätte ich Sie ſchon irgendwo ge⸗ ſehen,“ ſagte ein Windbeutel zu einem Manne,„aber ich kann mich nicht beſinnen, wo.“—„Möglich,“ erwie⸗ derte dieſer;„ich bin ſeit zwanzig Jahren Gefängniß⸗ ſchließer.“ Jemand las, daß mehre önndert italieniſche Damen für die Einheit Italiens aufgetreten ſeien.— „Wie edel!“ ſprach er.„Die, welche keinen einzigen Mann für ſich erwärmen konnten, feuern jetzt Tauſende für den König an.“ Ein amerikaniſcher Geiſtlicher bemerkte, daß während eines Platzregens plötzlich ſehr viele Spazier⸗ gänger in die Kapelle eintraten, in welcher er predigte. —„Dies Haus iſt ein Bethaus,“ rief er im Fluß der Rede;„Ihr aber habt einen Regenſchirm daraus gemacht.“ „Ihre Tochter iſt eine wahre Perle,“ ſagte ein Schmeichler zu einer Dame.—„Folglich bin ich Perl⸗ mutter,“ erwiederte dieſe. „Was koſtet dieſe Pelerine?“ fragte ein ſchönes Mädchen einen jungen Kaufmann.—„Nur einen Kuß,“ erwiederte dieſer galant.—„Gut, aber ich bitte mir zu kreditiren,“ verſetzte die Dame, nahm die Pelerine und empfahl ſich.— Ein Buchdrucker, der ein Adreßbuch herausgab, bemerkte, daß ihm noch die Hausnummern einer Straße fehlten, und beauftragte ſeinen neuen Burſchen, ihm dieſe Nummern zu bringen. Zwei Stunden ſpäter wurde der Burſche von der Polizei arretirt, weil er von den Häuſern die Nummernſchilder abzureißen ſuchte. 3 Ein Engländer wurde beſtohlen, ergriff den Dieb auf der That und riß ihm ein Ohr ab.—„Hilfe, Mör⸗ der!“ ſchrie der Dieb.—„Räuber!“ erwiederte der Be⸗ ſtohlene;„Euch geſchah Recht. Warum habt Ihr mein Geld genommen?“—„Euer lumpiges Geld,“ ſprach der Dieb voll Schmerz und Wuth,„hier iſt es!“— Er warf es ihm vor die Füße.—„Gut,“ verſetzte der Engländer ruhig,„hier iſt auch Euer Ohr!“ Vermiſchtes. Aus London wird geſchrieben, daß der Earl of Aberdeen, welcher den größten Theil des Jahres aus Ge⸗ ſundheitsrückſichten in Egypten zubringt, einen Theil ſeines in London befindlichen Palaſtes in eine Gewerb⸗ ſchule umgeſtalten läßt, in welcher ſechzig Knaben auf ſeine Koſten zu Handwerkern herangebildet werden ſollen. Auch Leſezimmer und Bäder werden der Anſtalt beige⸗ geben, die den Armen des Viertels zur freien Benutzung offen ſtehen.(Bravo! Gehet hin und thuet desgleichen!) Eine reiche Arme. Am 4. d. ſtarb, drei Tage nachdem man ihren Mann zu Grabe getragen hatte, die Hausmeiſterswitwe Heiſemann in der Wipplingerſtraße (Liebig'ſches Haus) in Wien. Die Eheleute waren an⸗ ſcheinend ſo arm, daß ſie oft Almoſen erhielten, ja für die Frau wurde in ihrer letzten Krankheit von den Kommis des Liebig'ſchen Handelshauſes eine Kollekte veranſtaltet, deren Ertrag die Kranke mit vielem Danke annahm. Vor ihrem Tode ließ ſie ſich einen ſchweren Sack unter ihren Kopf legen, einen andern nuter ihren Leib, und ſo ſtarb ſie, von einem fremden Mädchen gepflegt, dem ſie vor ihrem Hinſcheiden nur noch mittheilen konnte, daß ihr Teſtament nebſt wichtigen Papieren oben auf dem Schranke liege. Wie überraſcht war man, als ſich zeigte, daß die Säcke unter ihrem Körper mit Silber gefüllt waren und ſich auf dem Schranke verſtaubte Obligationen im Geſammtwerthe von mehren tauſend Gulden vor⸗ fanden. Das Teſtament auf verſchmiertem Papier ſetzte das erwähnte Mädchen zur alleinigen Erbin ein. Neuerdings ſind in den öffentlichen Bibliotheken Frankreichs ſo viele Bücher ꝛc. entwendet worden, daß die Regierung Befehl ertheilt hat, daß alle Kataloge von Büchern, Manuſkripten und Autographen, die zur Ver⸗ ſteigerung beſtimmt ſind, beim Generaldirektor der Archive des Kaiſerreichs eingereicht werden müſſen. Der königliche Akademiker, Profeſſor Dr. Dove, theilte unlängſt in der„Geſellſchaft für Erdkunde“ zu Berlin ſeine nicht minder intereſſonten als wichtigen Unterſuchungen über das Licht des zuletzt ſichtbar ge⸗ we enen Kometen mit. Es wurde zuerſt mit einem Nikold⸗ ſchen Prisma allein operirt und alsdann der großern Sicherheit wegen mit vorgeſchobenen Gypsplättchen von verſchiedener Dicke. Das Licht zeigte ſich bei der einen wie bei der andern Unterſuchungsmethode vollſtändig po⸗ lariſirt, woraus folgt, daß der Komet nicht mit eigenem, ſondern mit erborgtem Lichte glänzt. Es iſt dieſer Verſuch nur eine Beſtätiguͤng der früher ſchon mit Wandelſternen angeſtellten. Somit wären denn Kometen keine ſelbſt⸗ leuchtenden Körper und vor allen Dingen die Furcht vor einer Entzündung der Erde durch Kometen als gänzlich unbegründet zu bezeichnen. 1 1 Die Engländer ſchonen kein Geld, wenn es gilt, eine praktiſche Frage zu löſen. So fanden jüngſt Schieß⸗ übungen gegen eine neue Scheibe ſtatt, welche ein Segment des„Warrior“ vorſtellte und aus demſelben Material, wie dieſe Eiſenfregatte angefertigt war⸗ Die beſagte Scheibe koſtete 2000 Pf. St., das iſt viel, aßer, man erreichte ein Reſultat, nämlich es zeigte ſich mir ſechs Kugeln aus ſchweren Armſtrong⸗Kanonen, miger gleichzeitig dieſelbe trafen, die dicken Eiſenplatte“ ſchmetterten, daß alſo Eiſenſchiffe, ſelbſt von der des„Warrior,“ nicht ſchußfeſt ſind. Etwas vom verſtorbenen König Friedrif helm 1V. von Preußen. Als vor zwanzig Jahren ſelige König zur Regierung gelangt war, lief nach ſeiner Thronbeſteigung den General⸗Gart — ſprach der — Er warf Engländer er Earl of res aus Ge⸗ einen Theil ne Gewerb⸗ inaben auf m ſollen. lt beige⸗ Benutzung leichen!) diei Tage hatte, die plingerſtraße waren an⸗ ſa für den Kommis eranſtaltet, e annahm. Sack unter ib, und ſo t, dem ſie kounte, dai en auf dem zſich zeigte, ber gefült enl den, daß ataloge vou zut Ver der Archibe 1 wlotheten ord Dr. Dobe, unde“ zu wichtigen ſichthar ge inem-Nikel der größern lätichen von der einen lſtändig po mit eigenem, ſſer Verſuch Landelſternen ine ſelbſt Futcht bor 23 aänzlic Dktober... Feuilleton. 319 Lenné zu ſich kommen und ſagte zu ihm: Ich habe Sie rufen laſſen, damit Sie mir einen Plan entwerfen. Der Herzog von Deſſau hat aus ſeinem ganzen Lande einen großen Garten gemacht, das kann ich ihm nicht nach⸗ machen, dazu iſt mein Land zu groß, aber aus der Um⸗ gegend von Berlin und Potsdam könnte ich nach und nach einen Garten machen, ich kann vielleicht noch zwanzig Jahre leben, in einem ſolchen Zeitraum kann man ſchon was vor ſich bringen, entwerfen Sie mir einen Plan in Berückſichtigung der Worte, die ich eben zu Ihnen ge⸗ ſprochen.— Wie es jetzt in Potsdam ausſieht, iſt jedem Gartenfreunde hinlänglich bekannt. Aus Mans wird folgende Kaspar⸗Hauſeriade be⸗ richtet: In der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober habe man vor der Thüre des dortigen Hoſpitals ein ungefähr ſiebzehn Jahre altes Mädchen geknebelt gefunden, welches kaum ſprechen konnte und ſich im elendeſten Zuſtande be⸗ fand. Auf alle Fragen, welche man an ſie richtete, habe ſie in unartikulirten Lauten geantwortet, von welchen man nichts als das Wort:„Charette“ verſtand. Sie kann ſich kaum ihrer Glieder bedienen und aufrecht ſtehen, ihr Körper iſt mit Narben bedeckt, im Geſicht, an den Händen und am rechten Knie hat ſie große Brandwunden, ihre linke Hand iſt entſetzlich verſtümmelt und unförmlich. Die gute Stadt Mans iſt darüber fürchterlich aufgeregt und die Polizei hat Alles in Bewegung geſetzt, um zu er⸗ fahren, wer das unglückliche Geſchöpf iſt und wie es an die Thüre des Hoſpitals gekommmen. Die Japaneſen beſitzen, wie ſich neuerdings ergeben hat, einen vollſtändigen geographiſchen Atlas ihres Reichs, aus 74 Karten in Querfolio beſtehend. Auf feſtem, aber ungemein leichtem, etwas grünlichem Papier, wie es ſcheink, lithographiſch gedruckt, haben ſie durch Anwendung der blauen Farbe für das Waſſer, der grünen für Berge und Wald, der rothen für Straßen, der gelben und weißen für verſchiedene Klaſſen von Ortſchaften, ein ziemlich bun⸗ tes Anſehen erhalten. Nach Petermann's Verſicherung kann ſich hinſichtlich des Details, welches auf den Karten nieder⸗ gelegt erſcheint, keine bisher in Europa gefertigte Karte von Japan mit jenen meſſen. Am Morgen des Krönungstages trat in Königs⸗ berg ein alter Invalide an die zum Schloßhofe führende Pforte. Da er keine Einlaßkarte hatte, ſo rief ihm die Wache ein„Zurück“ entgegen. Der alte Graubart richtete ſich hoch empor und rief:„Zurück? Heute iſt der 18. vor 48 Jahren hieß es an dieſem Tage: Voörwärts!“— Und vorwärts ſchritt der Alte und betrat unangefochten den Schloßhof. Ddie engliſche Krone zählt folgende Iuwelen: einen großen unregelmäßig geſchliffenen Rubin(den der ſchwarze Prinz von Don Pedro, König von Kaſtilien, im Jahre 1367 zum Geſchenk erhalten haben ſoll), einen großen und 16 kleinere Saphire, 11 Smaragde, 4 Rubine, 1393 Diamanten, 1273 Roſetten, 147 Tafelſteine, 8 große und 273 kleinere Perlen. Die Krone, die im Jahre 1838 für die Königin Viktoria aus den vorhandenen Juwelen angefertigt worden war, wiegt 39 ½ Unzen.. Bis vor drei Jahren kam es in Lievland(und wohl auch in Großrußland) häufig vor, daß Edelleute Jagdhunde für Leibeigene eintauſchten und junge Wind⸗ ſpiele durch leibeigene Frauen groß ſäugen ließen. Im Tower in London zeigt man eine große Kanone, von welcher der Aufſeher ſagt, daß ſie von Gold und anderm koſtbaren Metall gemacht ſei. Man behauptet, daß die Juden 20.000 Pfd. St. dafür geboten hätten, während zwölf davon abgeſchnittene Zoll, die nach Birmingham zum Schmelzen geſchickt wurden, einen Werth von 8000 Pfd. St. auswieſen. Die Inſchrift auf der Kanone ſagt aus, daß ſie im Jahre 1530 gegoſſen und bei der Einnahme von Aden im Jahre 1839 durch die Expedition unter dem Kommando des Kapitän H. Smith, Kommandeurs des königlichen Schiffes„Voyages“, erobert wurde. In Neiſſe hat ſich ein Vorfall ereignet, der allge⸗ meinen Abſcheu erregt und jedenfalls für ſolche Hand⸗ werker, die ihre Lehrlinge in der brutalſten Weiſe zu miß⸗ handeln gewohnt ſind, eine bedeutende Warnung enthält. Man fand nämlich in dem Keller eines Gelbgießers ſeinen Lehrling erhängt. Den Grund zu dieſer That ſprachen auf's Deutlichſte mehre Löcher im Kopfe und ein faſt herausgeſchlagenes Auge aus. Die allgemeine Entrüſtung über eine derartige Beſtialität will ſogar vermuthen, daß hier ein ſchlimmeres Verbrechen vorliegt. Jedenfalls wird die gerichtliche Unterſuchung den wahren Thatbeſtand auf⸗ klären. Ein neuer Vorfall in der Strafanſtalt zu Moabit wirft ein eigenthümliches Streiflicht auf dieſes Inſtitut. Kürzlich war ein als Heizer beſchäftigter Sträfling, als er eine kurze Zeit allein in einem Zimmer geblieben war, durch den Genuß von reinem Spiritus aus einer offen⸗ ſtehenden Flaſche in einen ſo hohen Grad der Trunkenheit oder Erregung gerathen, daß der Beamte der Anſtalt, welcher ihn in dieſem Zuſtande vorfand, ſofort dem der Brüderſchaft angehörigen Polizeiinſpektor der Anſtalt den Vorfall meldete. Statt nun, wie man erwarten durfte, den Sträfling in's Lazareth zu ſenden, wurde derſelbe ſofort auf Latten in den Souterrain des Gefängniſſes gelegt, wo er noch in derſelben Nacht am Gehirnſchlage verſtarb.. Die Mopſe ausgeſtorben. Der Wiener Thier⸗ händler Hr. J. Staudinger hat von Paris aus den Auf⸗ trag erhalten, ein Paar Mopſe bis zu einem Preiſe von 600 Frc. anzukaufen. Hr. Staudinger hat ſich deßhalb mit ſeinen Geſchäftsfreunden in allen Weltgegenden, ſelbſt bis in das nördliche Rußland hin in Korreſpondenz ge⸗ ſetzt, ja einen Preis von 100 Frc.„auf die Entdeckung von Mopſen“ ausgeſchrieben. Alles vergebens. Die Gat⸗ tung Hunde, mit denen Mitteleuropa vor 40 Jahren noch überſchwemmt war, da Hundemütter deren ſechs bis ſieben „nachwatſcheln“ hatten(vom Laufen war bei dieſen Thieren keine Rede) und faſt kein Penſioniſt ohne Mops war— wäre alſo ausgeſtorben. Eine merkwürdige Anwendung der Photographie findet jetzt in Nordamerika ſtatt. Die gefangenen Se⸗ ceſſioniſten werden bekanntlich von den Unioniſten ent⸗ laſſen, ſobald ſie der Union einen Eid der Treue ablegen. Man photographirt ſie aber vorher, um ſie im Falle eines Eidbruchs wieder zu erkennen und zur Rechenſchaft zu ziehen. Eine der größten Schildkröten, welche jemals nach Hamburg gelangte, wurde neulich in einer dortigen Reſtauration geſchlachtet. Das Thier wog über 300 Pfund. Der abgeſchlagene Kopf wurde auf einer Schüſſel ins Schaufenſter geſtellt und erregte noch den ganzen Tag. die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden, indem er durcht Oeffnen und Schließen des Mundes noch bis Abends Spuren des Lebens zeigte. Stockholm wird nicht mit Unurecht das Paradies des Nordens genannt, wenn man die ſchöne Gruppirung der Gegend nimmt. Man kann es vielleicht kaum eine Stadt nennen, denn man merkt nirgend, daß man ein geſchloſſen iſt. Ueberall hat man die Ausſicht in's Freie. Stockholm iſt einer der lieblichſten Plätze der Erde, und würde, wenn der Mälar die Sonne des Arno hätte, mehr Elyſium ſein, als Florenz. Wie in der Schweiz der Telegraph theilweiſe von Frauen bedient wird, ſo hat nun auch die bairiſche Oſt⸗ bahn angefangen, zwei Expeditionsämter an Frauen zu übergeben. Werden ſich dieſelben gut qualificiren, ſo ſollen noch mehre Oſtbahn⸗Expeditionen mit Frauen beſetzt werden. Dem„Monde“ geht aus Rom folgende Schil⸗ derung von dem furchtbaren Unwetter zu, welches am 30. Oktober die ewige Stadt heimſuchte: Seit zwei Tagen blies der Sirokkon Bo Pocht; große ſchwarze Wolken nes Jer. Suf àd Heßen at hinite ſichemerkte Alexander lachend. d ieheng.en Abend 41 Form ———————ÿü———ÿ——— 320 Erinnerungen. Zlluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. eines Kegels mit breiter, leuchtender Baſis. Sie nahm ihren Weg durch die Gärten und Weinberge, ſtrich dicht an dem Janikulus und der Porta San Spirito vorbei und ſtürzte ſich auf den Vatikan nieder. Die 89 Blitz⸗ ableiter, welche die Wohnung des Stellvertreters Chriſti beſchützen, empfingen die erſten Ladungen dieſer fürchter⸗ lichen Batterie; alsdann ſah man die Spitze des Kegels in dem großen Hofe von Sandamasko, auf welchen die Logen des Rafael münden, wirbeln, und ſogleich wurden die großen Glasthüren und die ungeheuren Fenſter der Galerien mit fortgeriſſen und zertrümmert. Alle Lichter gingen aus und die zahlreichen Bewohner des Vatikans, betäubt und halb erſtickt, glaubten an eine völlige Zer⸗ ſtörung. Das entſetzliche Getöſe und die furchtbaren Donner⸗ ſchläge, welche den Palaſt in ſeinen Grundfeſten erſchüt⸗ terten, ließen im erſten Augenblicke das Auffliegen einer Mine unter den Zimmern des Papſtes fürchten. Pius IX. war während des Aufruhrs der Elemente im Gebet ver⸗ ſunken.„Ich bin wie Hiob,“ ſagte er zu den Eintreten⸗ den,„der böſe Geiſt greift mich von allen Seiten an.“ In dem großen Konſtantius⸗Saale, wo ſich die Fresken von Giulio Romano befinden, ſind alle Fenſter zertrüm⸗ mert und nach außen geſchleudert worden. Stücke von den Glaskugeln, welche ſich in dem großen Ehrenſaale auf den Gaskandelabern befanden, waren in einem benach⸗ barten Hof wider eine Mauer geflogen und ſaßen zum Theil in derſelben feſt. Große genueſiſche Schieferſteine, von der Dicke eines Drittelzolls, welche das Belvedere be⸗ deckten, wirbelten wie Federn in der Luft herum. Zum Glück iſt keines der großen Gemälde von Rafael be⸗ ſchädigt worden. Das Arſenal hat wenig gelitten. Die Tiber iſt ausgetreten und hat das Land überſchwemmt. Baumſtämme, Trümmer und todte Thiere treiben auf ihrer Oberfläche; man will ſelbſt einen todten Schäfer, umgeben von ſeinen todten Schafen, haben vorbeiſchwimmen ſehen. Mehre Brücken und Kunſtwerke ſind fortgeriſſen worden. Eine mertkwürdige Verwundung. Ein kräftiger 35jähriger Neger gerieth in einer Reismühle mit ſeiner Hand zwiſchen ein Rad und einen breiten Treibriemen. Die Maſchine erfaßte die Hand und den Vorderarm, riß den Neger mit äußerſter Geſchwindigkeit nach vorn, bis die Schulter an einen ungefähr 1½ Zoll vom Rade ent⸗ fernten Balken gerieth. Hierdurch erhielt der Neger einen Stützpunkt; die Maſchine aber bewegte ſich mit ihrer ganzen Gewalt weiter, zog natürlich am Arme, und ſo wurde— ohne Schmerzempfindung für den Neger— der ganze Arm nebſt dem Schulterblatt abge⸗ riſſen. Der Mann fiel von dem Rucke zu Boden, ſtand aber wieder auf und ging allein 30 Ellen weit zum Thore der Mühle hinaus. Da die äußere Haut glück⸗ licherweiſe oberhalb des Schulterblattes erhalten war, ſo fand ſich nur eine verhältnißmäßig kleine ovale Wunde von 6 Zoll Länge und 3 Zoll Breite. Es wurden Um⸗ ſchläge mit kaltem Waſſer gemacht, und nach ſechs Wochen war die Wunde vernarbt, die Heilung vollſtändig.— Dieſer glückliche Ausgang klingt faſt wie ein Märchen; doch iſt die Thatſache nicht etwa einem Journale, welches auf das Staunen ſeiner Leſer ſpekulirt, ſondern dem „Archiv f. Klin. Chir.“ entnommen, in welchem Dr. Gurlt in einem Bericht über die Leiſtungen der Chirurgie nicht nur dieſe Beobachtung, ſondern noch drei ihr ähnliche unter Angabe der Quellen anführt. Im Jahre 1737 wurden einem 26jährigen Müller von einem Rade Arm und Schulterblatt ausgeriſſen. Auch dieſer empfand dabei keinen Schmerz und ‚„war ſehr überraſcht, als er ſeinen abgeriſſenen Arm im Rade erkannte.“ Er ſtieg noch eine ſchmale Leiter hinab auf den Boden und ging circa 100 Ellen weit, um ſeiner Familie Mittheilung von dem erlittenen Unfalle zu machen. Nach zwei Monaten war er vollſtändig geneſen. Im Jahre 1832 betraf einen . Bieo.—„Räuber!“ erwieder 13jährigen Knaben und 1833 einen an einer Spinn⸗ maſchine beſchäftigten Knaben derſelbe Unfall: auch ſier wurden vollſtändig geheilt.— Der Umſtand, daß trotz der ungeheuren Verwundung die Kranken im Augenblicke derſelben keinen Schmerz empfanden, wird durch die Schnelligkeit erklärlich, mit welcher der Unfall vor ſich ging. Auch alle Diejenigen, welche durch den ſcharfen Schuß einer Kugel verwundet wurden, verſichern überein⸗ ſtimmend, im Augenblicke der Verwundung keine Empfin⸗ dung gehabt zu haben. Theater. Unſer Rückblick über die Bühnenleiſtungen während der letztern zwei Wochen muß ſich nur, mit Ausnahme der zum Benefiz des Hrn. Haſſel gegebenen zwei kleinen Novitäten, auf bereits ſehr Bekanntes beſchränken, auch iſt diesmal keine Veranlaſſung gegeben, im Allgemeinen eine beſondere Anerkennung zu äußern; höchſtens könnte man in dieſem Zeitraum Frl. Brenners Leiſtung als „Dinorah“ in Meyerbeers gleichnamiger, plötzlich ohne beſondere Vorbereitung eingeſchobener Oper als den ein⸗ zigen Glanzmoment bezeichnen. Die neue Oper„Fauſt“ iſt wegen Erkrankung der Darſtellerin des„Gretchen“ zeitweiſe vom Repertoir verſchwunden, was zu bedauern iſt, da man bei öfterem Anhören dieſer intereſſanten Novität auf die einzelnen ſchönen Stellen mehr aufmerk⸗ ſam hätte werden können. Man ſubſtituirte hiefür die Ober„Czar und Zimmermann“ von Lortzing, auch gab man desſelben Komponiſten„Waffenſchmied“, worin die Titelrollen zu den beſten Leiſtungen der Herren Kren⸗ und Steinecke gehören. Namentlich letztere bewährte wieder ihre alte Zugkraft und es verdienten außer den genannten beiden Sängern ſowohl Herr Bachmann als Knappe„Georg“, als auch die Chöre, daß ihnen öfterer und lauter Beifall gezollt wurde. Die in unſerem Ein⸗ gangsbericht v. M. angeregten Mängel in der artiſtiſchen Geſchäftsführung der Oper traten in der oben berührten Repriſe der„Dinorah“ wieder einmal grell hervor; es iſt kaum begreiflich, wie jetzt ſolche Konfuſionen, wie z. B. im erſten Chor des zweiten Aktes bei einer Oper, die ſonſt in Deutſchland zu den beſten zählte, vorkommen können, abgeſehen von andern, lediglich dem erſten Kapell⸗ hier bei dem Mangel an Routine, an praktiſcher Erfah⸗ rung und an der richtigen Vorſtellung über den Kunſt⸗ werth einer Aufführung, etwaige Proben, ſelbſt wenn ſie mit dem beſten Willen gehalten werden ſollten, nicht allein aus. Die beiden, von Hrn. Haſſel zum Benefiz gewählten Novi⸗ täten:„Onkel Tannhäuſer“, Luſtſpiel von Gaßmann und„Lied Fortunio's“, Operette von Offenbach, wurden gut gegeben und unterhielten ſehr. Beide Novitäten wurden bald darauf mit richtigem Takte wiederholt und verſetzten das zahlreiche Publikum in eine offenbar noch weit animirtere Stimmung als das erſtemal, namentlich der„Onkel Tannhäuſer“, von dem man ſagen kann, daß Alles in ihm recht glücklich gegriffen iſt, außer eben dem Titel, denn faſt könnte man ſagen, daß der Name jedes Onkels eben ſo gut paſſen würde. Der Verf. hat mit dem Namen Tannhäuſer offen⸗ bar die Neugierde ſteigern wollen, und nach dieſer, aber auch nur nach dieſer Seite hat er auch den Tittel„glücklich“ gegriffen. Die Operette liefert einen neuen Beweis für die vielgerühmte Geſchicklichkeit Offenbach's in geſchmackvoller Gruppirung und geſchickter Verwerthung des verſchiedenſten melodiſchen Materials, und wird gewiß noch lange ge⸗ fallen. Löblich war es, den Gedächtnißtag Schillers durch die Aufführung des„Don Carlos“(am 11. d. M.) zu feiern. cch geſchah Recht. Warum habt Ih⸗ Redigirt ier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag. meiſter zu imputirenden Unrichtigkeiten; allerdings helfen