— ier Spinn⸗ auch ſie daß trotz Augenblicke durchh die fall dor ſich den ſchatſen hern überein⸗ keine Emyfin⸗ während usnahme d kleinen lich ohne n ein⸗ per„Fauſt“ „Gretchen“ zu bedauern intereſſanten nehr aufmerk⸗ te hiefür die g auch gah worin die ren Fren „bewährte außer den hmann als nen öfterer ſſerem Ein⸗ artiſtiſchen deröheen hervor, 8d vorkommen ſten Kapell⸗ helfen cer Erjoh⸗ - den Kunſt⸗ lbſt wenn fie⸗ Erinnerungen. llustrirte Blälker kür Brnst und Bumorg. 82. Band.(Ein und vierzigſter Jahrgang.) Heft XI. Theodor. Novelle von Th. Reinwald. (Fortſetzung.) IV. ie Zurückhaltung, welche Theodor von Krü⸗ den am erſten Tage ſeiner Ankunft in Burgſtein gezeigt hatte, war in der darauf folgenden Zeit eher noch ſtärker geworden. Ja es war endlich keine bloße Zurückhaltung mehr— Hedwig nannte im Stillen ſein Benehmen ein entſchie⸗ denes Ausweichen. Sie fühlte ſich bitter verletzt dadurch. Zum erſtenmale traf ſie ſich auf der Schwäche, über die Gleichgiltigkeit eines fremden Mannes zu grollen. Aber er war ja ſchlimmer als gleichgiltig, er vermied, er floh Erinnerungen. LXXXII. 1861. ſie bei jeder Gelegenheit! Und wenn er mit ihr zu⸗ ſammen ſein mußte, wie gepeinigt ſchien er zu ſein! Wie eiſig wurde jedes warme Wort auf ſeinen Lippen! Dann gab es wieder Momente, wo ſie wünſchte, ſein glühender Blick, den ſie fühlte, ohne ihn zu ſehen, möge von ihr weichen. Das Gleichgewicht ihrer jungen Seele war geſtört. Mächtig zwang ſie ſich, dieſe Stim⸗ mung vor Alexander zu verbergen, und dieſer erſte Mangel an Vertrauen glich dem erſten Stein, der ſich von einem erſchütterten Bau loslöſt. Die launiſche Herbſtzeit brachte manchen Regen⸗ tag, wo die Bewohner des Landhauſes auf die Zimmer angewieſen waren. An einem ſolchen Abend ſchlug Alexander Muſik vor. Hedwig ſollte ſingen, aber es war ihr, als ſchnüre ſich ihre Kehle zu. „Du wirſt doch vor Theodor keine Furcht ha⸗ ben?“ bemerkte Alexander lachend.„Singe, mein 41 —— ——————— .——ͤ = S— —— Vögelchen; wir ſind das Publikum, und an gebühren⸗ dem Applaus ſoll es nicht fehlen.“ Hedwig ging mit brennenden Wangen zum Piano und wählte Schuberts herrliche„Ungeduld“. Anfangs zitternd, dann ſicherer und kräftiger werdend, kam dem Vortrage des Liedes gerade dieſe Steigerung zum Vortheil; der Refrain„Dein iſt mein Herz und ſoll es ewig bleiben“ wurde dadurch ſo wirkſam, daß Alexander laut Beifall klatſchte und die erregte Sängerin entzückt in die Arme ſchloß.„Mein ſoll es ewig bleiben,“ flüſterte er ihr zärtlich zu. Und Theo⸗ dor? Er lag unbeweglich auf dem Sopha und ſpielte blos mechaniſch mit den Franſen des Liſchteppichs; dabei ſah er geiſterhaft bleich aus. „Was träumſt Du? Ich glaube, Du haſt gar nichts gehört!“ rief Alexander ihn ſchüttelnd. „Nicht gehört! Es iſt ein Klang in dieſem Liede, der alle Fibern durchdringt.“ „Und das macht Dich ſo blaß? Wie ſentimental Du ſein kannſt, mon cher frère!“ „Der Geſang regt ſtets meine Nerven auf, und doch höre ich ihn nur um ſo lieber.“ „Nun ſo will ich Sie jetzt mit einem heiteren Liede verſöhnen, das heißt, heiter in Ihrem Sinne, ſagte Hedwig;„die„Ungeduld' gehört ſonſt nicht zu den traurigen Weiſen.“ Fetzt wählte Hedwig das friſche, reizende Sonn⸗ tagslied von Mendelsſohn. Als es verklungen war, war⸗ tete ſie vergebens, ein Wort der Anerkennung, nur der banalen Artigkeit von Theodor zu hören. Er ſchwieg. Er wünſchte auch offenbar, kein weiteres Lied zu hören. Erſt nach einer geraumen Zeit kam er wieder zu ſich und nahm am Geſpräche Theil. Solche Scenen wiederholten ſich oft. Hedwigs Unruhe ſtieg und ſchlug endlich auch auf Alexan⸗ ders lange ahnungsloſes Weſen zurück. Er fing an, ſeinen Bruder ſchärfer zu beobachten, vielleicht zu ſcharf, um unparteiiſch ſein zu können. Der geſchäftige Zufall trug ihm auch bald Material zu, um den Bau eines unſeligen Verdachtes wachſen zu machen. Eines Morgens war er abgehalten, mit Theo⸗ dor auszugehen, denn er hatte Geſchäfte mit dem Ver⸗ walter. Theodor ging allein, anſcheinend auf die Jagd, wie ſo oft früher. Hedwig wußte das und hoffte ſo die Freiheit zu einem lange entbehrten Gange nach dem Burgſtein zu gewinnen. Langſam näherte ſie ſich dem in ſeinen Mooſen und Epheu noch friſchgrünen, von herbſtlichem Krän⸗ keln verſchonten Steinſitze, als ſie plötzlich ſtutzend ſtehen blieb. Ihr Platz war ſchon beſetzt— Theodor ſaß dort, den Kopf tief in die Hände geneigt, die Büchſe neben ſich lehnen, Tartar ruhig und wachſam zu ſeinen Füßen. Aber mit einem Male ſprang der Hund laut bellend und freudig wedelnd auf und lief ſeiner Herrin entgegen. 3 Hedwig ſtand ſtill, unſchlüſſig, ob ſie gehen oder bleiben ſollte. Theodor fuhr bei dem Bellen des Hundes auf, und ſie hier erblickend, wurde er von einer tiefen Röthe übergoſſen. Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. „Hat heute Sankt Hubertus keine Huld für Sie gehabt?“ fragte Hedwig ſchüchtern, ohne näher zu treten. „Ich habe ihn noch gar nicht angerufen,“ ent⸗ gegnete Theodorſchon gefaßt;„ich fühlte mich un⸗ aufgelegt zur Tagd und dachte nicht, daß Sie heute dieſen Platz aufſuchen würden.“ „Wenn Sie es gedacht hätten, wären Sie ge⸗ flohen!“ warf Hedwig mit leiſer Bitterkeit ein.„Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie mich vermeiden?“ „Nichts, nichts, Hedwig!“ ſagte er, indem er ſie zum erſtenmale bei ihrem Namen nannte;„aber ich bitte Sie, laſſen Sie mich meinen Weg gehen. Er kann nie der Ihre ſein. Ihr heiterer, unbefangener Sinn, Ihr frohes Herz paßt nicht zu meinem ſchwerfälligen Temperament. Es iſt am Beſten ſo, wie es iſt.“ „Ich glaube, es iſt nicht gut ſo,“ ſagte Hedwig leiſe mit niedergeſchlagenen Augen;„Sie haben mich unſicher und zweifelſüchtig gemacht, Theodor. Ich weiß nicht mehr, ob Sie ſich bei uns wohl fühlen, und ich hätte doch ſo gerne dazu beigetragen! Unſer Zu⸗ ſammenleben iſt nicht ſo zwanglos, als es ſein könnte, und das kränkt mich—“ Sie ſtockte, offenbar erſchreckt über ihre eigenen Worte. Noch ſtand ſie vor ihm, der ſich gleichfalls er⸗ hoben hatte und ſie mit tiefer Erreguug betrachtete. Seine Bruſt hob ſich krampfhaft, ſein hellgraues Auge ſprühte und in jähem Farbenwechſel trieb auf ſeiner Wange das toſende Blut Welle um Welle. „Wenn meine Nähe Sie bedrückt und verwirrt, Hedwig,“ ſagte er nach einem kurzen Schweigen, „ſo will ich gehen. Sie haben Recht, unſer Zuſammen⸗ leben könnte anders ſein, aber Sie wiſſen nicht und ſollen nie ahnen, worin der Grund liegt. Ich danke Ihnen für Ihre Aufrichtigkeit.“ „O nein, nein!“ rief Hedwig mit plötzlicher Heſtigkeit;„bleiben Sie, Theodorl Die Welt würde Ihrer Entfernung eine falſche Deutung geben— ſie gliche ja einer Flucht! Und Alexander, der zum Glück nur wenig von den Diſſonanzen ahnt, die ſich für Sie in unſerem ſonſt ſo harmloſen Leben fanden, er würde mit Recht fragen, was Sie von ſeinem Hauſe forttreibt.“ „Sie widerſprechen ſich ſelbſt, Hedwig. Sie werfen mir vor, Sie verwirrt und gekränkt zu haben, Sie beſchuldigen mich, daß ich Sie fliehe, daß ich ſtö⸗ rend in Ihr Leben getreten bin, und doch wollen Sie dieſen Zuſtand verlängern! Laſſen Sie mich gehen! Betrachten Sie dieſe Zeit als einen wirren Traum. Da ich Ihnen nicht ſagen darf, was mein Ihnen räthſelhaft und drückend erſcheinendes Benehmen vielleicht erklären könnte, ſo gibt es nur dies eine Mittel.“ „Oh gewiß gibt es noch ein anderes,“ verſetzte Hedwig raſch. „Und das wäre?“ fragte er geſpannt. „Volles Vertrauen, Theodor 10 „Nein,“ war ſeine feſte Antwort.„Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen ſage: das iſt unmöglich! Es über⸗ ſtiege meine Kräfte, es wäre unedel von meiner Seite. 1 uld für Sie e näher zu indem er aber ich Er kann gener Sinn, ſchwafälligen gte Hedwig e haben mich dor. Ich fühlen, und Unſer Zu⸗ ſein könnte, ihre eigenen gleichfalls e⸗ g betrachtete laraues Auge ff ſeiner nd verwiert Schweigen Zuſammen⸗ 7 A und 4. 3c dale Welt würde — ſi geben f r der zum er, broe n di ſch ſi fanden, er Hauſe ſeinem 9 dwig. Sie Knkt zu hoben, e dah ih ſ⸗ A wollen Sie ch l. nich gehm 2.134 raum. — äthſelhaft zt erklären ich e 4“ berſetzie Th. Reinwald: Theodor. 323 Rütteln Sie nicht an verſchloſſenen Pforten! Das Un⸗ heil lauert oft dahinter.“ „Gut. Ich dringe nicht weiter in Sie. Aber er⸗ füllen Sie meine Bitte: bleiben Sie!“ „Ich will verſuchen, ob meine Kraft dazu aus⸗ reicht,“ entgegnete er leiſe. „Ihre Hand darauf?“ „Mein Wort!“ „Auf Wiederſehen,“ ſprach Hedwig ſchüchtern, indem ſie ſich langſam zum Fortgehen wandte, aber plötzlich blieb ſie wie entgeiſtert ſtehen. Alexander kam eben durch den Wald, nicht zwanzig Schritte trennten ihn mehr von ihr. Er beeilte ſich und kam auf ſie zu, mehr Erſtau⸗ nen als Freude im Blick; gleichzeitig traf ſein Auge den wie an die Stelle gebannten Theodor, deſſen Bläſſe in dieſem Augenblick auffallend mit Hed wigs brennender Röthe kontraſtirte und doch ſo unheilvoll übereinſtimmte. Alexander war maßvoll in Allem, was er that, und nie hatte er ſich zu einer vorſchnellen Hand⸗ lung, zu einem blind verdammenden Urtheil hinreißen laſſen. Auch jetzt behielt er ſeine Ruhe, obwohl ein leiſer Schauer durch ſein Herz flog. Aber es war nur ein Blitz, der ihm ein Geſpenſt gezeigt hatte; er ſchloß die Augen gewaltſam, und als er ſie wieder öffnete war die abſcheuliche Viſion verſchwunden. Hedwig benützte die ihr gegebene Sekunde, um ihre Unbefangenheit wieder zu gewinnen. „Sieh den wilden Jäger an,“ ſagte ſie mit ziem⸗ lich gelungenem Scherze;„ich fand ihn da ſo friedlich ſitzen und mit den Geiſtern der ſagenhaften Ritter ver⸗ 1 ehren, während wir ihn weit fort auf der Pürſch glaubten.“ Alexander ſchwieg und ſein Blick ſendete eine Frage an Theodor, der langſam näher kam. „Ich hatte heute weder Glück noch Luſt mit der Büchſe,“ ſagte er ruhig;„und wie ich ſo hier ſitze und mich meinen Gedanken überlaſſe, erſcheint die Gebie⸗ terin von Burgſtein, um den verunglückten Vaſallen zu ironiſiren.“ Alexander gebot ſeinen aufgeregten Gedanken Ruhe. An Hedwig zu zweifeln, hielt er für ein Ver⸗ brechen; von Theodors Seite nahm er deſſen ruhi⸗ gen, reinen Blick für eine Bürgſchaft an. Gemeinſchaftlich legten ſie den kurzen Rückweg durch das Thal zurück, wo es Hedwigs taktvollem Weſen gelang, den letzten Reſt von Unbehagen zu zer⸗ ſtreuen. V. An demſelben Nachmittag noch ſammelten ſich ſchwer drohende Gewitterwolken am Himmel, und als der Abend kam, brach es auch mit unerhörter Gewalt los. Das dre plle Firmament warf ſchwarze Schatten auf die Wälddr, daß ſie in mitternächtige Finſterniß ge⸗ hüllt, vom Stürme geſchüttelt, ächzend erdröhnten. Blitz ₰ auf Blitz fuhr nieder, während nur erſt einzelne dumpf grollende Donner ſich vernehmen ließen und große Tropfen zeitweilig an die Fenſter ſchlugen. Hedwig betrachtete das Schauſpiel von der ge⸗ ſchloſſenen Balkonthür aus. Sie gehörte nicht zu den nervenzarten Frauen, die vor dem Kampf der Elemente beben, aber in dieſem Augenblick beſchlich ſie ein Ge⸗ fühl der Angſt, das ſie ſich nicht zu deuten verſtand. Es war ihr, als ſollte ſich etwas Ungewöhnliches, Ern⸗ ſtes ereignen; das Zittern ihres Herzens mußte prophe⸗ tiſch ſein. Der Regen praſſelte jetzt dicht und heftig nieder und mitten in dem bereits vor dem Hauſe ange⸗ ſammelten Waſſerſtrom tauchte eine ſo raſch als mög⸗ lich in dem Unwetter ſich fortkämpfende Equipage auf. Es war die des Generals. Mit einem Freudenruf lief Hedwig hinaus und alarmirte das Haus. Die An⸗ kömmlinge wurden mit einem einſtimmigen Jubel be⸗ grüßt, denn Allen ſchien es, als müſſe die Gegenwart unbefangener Perſonen die in ihrem kleinen Kreiſe ent⸗ ſtandenen Diſſonanzen löſen. „Nun ich komme ganz großartig als Jupiter Kro⸗ nos, mein Herzchen,“ ſagte der alte General, indem er lachend ausſtieg und Hedwigs Arm nahm, während Alexander und Theodor um den Vorzug ſtritten, die Generalin aus dem Wagen zu heben, was um eini⸗ ger Schachteln Willen etwas ſchwieriger zu bewerkſtelli⸗ gen war. Theodor, der ſeine Eltern mehr als zwei Jahre nicht geſehen hatte, ging aus der Umarmung der Mutter in die des Vaters. Gerührt nahm der General den Kopf ſeines Sohnes zwiſchen beide Hände und ſchaute ihn lange prüfend an. Dann ſchüttelte er halb ſcher⸗ zend, halb im Ernſt den Kopf.„Man ſieht Dir Stuben⸗ luft und Aktenſtaub an, mein Junge,“ ſagte er;„es war nöthig, daß Du auf die Sommerfriſche kamſt.“ Frau von Krüden behielt ihre Wahrnehmun⸗ gen für ſich, aber die Blicke, womit ſie ihren Sohn be⸗ trachtete, enthielten noch weit mehr, als der General ausgeſprochen hatte. Indeß verklärte die Freude des Wiederſehens Theodors Weſen doch für den Augen⸗ blick, und es blieb immer noch ein Theil der mit ihm vorgegangenen Veränderung ſeiner ſcharfblickenden Mut⸗ ter verborgen. Der General war übrigens bei roſiger Laune. „Es gefällt mir bei Euch, Kinder,“ rief er vergnügt; „das ſoll eine prächtige Zeit werden. Vier Wochen be⸗ ſtimme ich noch für das Landleben, dann— was ſagſt Du dazu, Hedwig?— dann gehts in die Reſidenz! Ich will mich noch einmal ſehen laſſen, nachdem ich ein paar Jahre den Maulwurf geſpielt; ich will Staat mit meinem Töchterchen machen. Nun, freuſt Du Dich, kleine Frau? Wir führen ein getrenntes und doch ganz ver⸗ eintes Hausweſen, ſehen uns täglich, ſtündlich, beſuchen und geben Geſellſchaften! Holla! Freuſt Du Dich, frag ich?“ „Ich freue mich, Papa, um Ihrer jugendfriſchen Laune Willen zuerſt und dann auch ein wenig wegen der in Ausſicht ſtehenden Luſtbarkeiten,“ entgegnete Hedwig ſchüchtern;„aber,“ fügte ſie noch leiſer hinzu, 41* 324 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. 5 „haben Sie auch Alles bedacht, Papa? Paſſe ich auch in die Cirkel der Reſidenz?“ „Pah!“ ſtieß der General etwas ärgerlich hervor; „was ſind das für Skrupel? Gib ſie auf, wenn ich nicht meine gute Laune verlieren ſoll.“ „Ihre Güte rührt mich, mein Vater,“ ſagte Alepander dankbar„Es iſt mein innigſter Wunſch, Hedwigs Jugend und Vorzüge nicht hier ausſchließ⸗ lich vergraben zu müſſen. Wir allein würden aber wenig Vergnügen in der Reſidenz finden. Ich weiß Ihr Opfer vollkommen zu würdigen!“ Theodor hatte kein Wort von dieſer Unterhal⸗ tung verloren, obwohl er, ohne die mindeſte Zerſtreut⸗ heit zu verrathen, mit ſeiner Mutter plauderte. Das trauliche Familiengemälde hatte etwas dop⸗ pelt Gemüthliches, je mehr es mit dem immer toller tobenden Unwetter kontraſtirte. Es war inzwiſchen früh⸗ zeitig Nacht geworden. Der Regen hatte faſt gänzlich nachgelaſſen, aber ein orkanartiger Sturm heulte um das Haus und Schlag auf Schlag wechſelte mit bläu⸗ lichen, ſchlangenartigen Blitzen. Plötzlich folgte einem ſolchen blendenden Strahl ein ſo entſetzlicher Donner⸗ ſchlag, daß Alle, ſelbſt den General nicht ausgenommen, erſchreckt in die Höhe fuhren und unwillkürlich die Au⸗ gen ſchloſſen. „Das hat gezündet!“ rief Alexander nach einer ſekundenlangen Pauſe. „Und zwar ganz in der Nähe,“ bemerkte der Ge⸗ neral, an's Fenſter tretend. 1 „Dort iſt Feuer!“ rief Hedwig, nach dem Thale zeigend, wo in der That aus dem unheimlichen Dunkel der Wälder eine helle Flamme emporſchlug. „Das kann nur die Thalmühle ſein!“ ſagte Alexander raſch, und gleichzeitig gab er den Befehl, ein Pferd zu ſatteln. „Aber Du kannſt ja die Zügel nicht halten!“ rief Hedwig geängſtigt. „Zur Noth kann ich es ſchon,“ entgegnete er ent⸗ ſchloſſen;„ich muß hin; die armen Leute werden ſich nicht zu helfen wiſſen und die Nachbarn brauchen in ſolchen Fällen immer eine Aneiferung.“ „Ich begleite Dich,“ ſagte Theodor;„könnteſt Du nicht im Tylburi fahren, während ich vorausreite 2 „Gott bewahre! Sieh, wie die Flamme ſich ver⸗ größert, wir kommen ohnedies wohl ſchon zu ſpät.“ In fünf Minuten waren die Pferde geſattelt und der ungeduldige Alexander winkte nur noch mit der Hand ein Lebewohl, ohne Hedwigs Klagen und Ein⸗ würfe zu hören; dann ſprengten Beide mit verhängten Zügeln fort, denn in einem ſolchen Falle unterſtützte Alexanders Gewandtheit ihn derart, daß er, wenn auch blos einer brauchbaren Hand ſich bedienend, doch ſattelfeſt und ſicher blieb. Der Weg bis zur Thalmühle, die, wie Alexan⸗ der richtig vermuthete, bereits in vollen Flammen ſtand, betrug für die faſt fliegenden Pferde kaum zehn Minuten. Unweit der Unglücksſtätte ſtiegen die Reiter raſch ab und mit Empörung ſah Alexander, wie die Nachbarn des Müllers unthätig umher ſtanden, theils durch Schreck verblüfft, theils feige und ſelbſt⸗ ſüchtig, die Habe eines Andern dem gierigen Element überlaſſend. Die Müllerin, ein Weib in mittleren Jah⸗ ren, ſtürzte händeringend auf Alexander los, der bereits in vollem Aneifern der unthätig Zuſehenden be⸗ griffen war. „Um aller Heiligen Willen, gnädiger Herr, mein Kind, mein lahmer Sepp, er liegt in der Oberſtub'! Die Stiegen haben zu allererſt gebrannt, aber die Stub' muß noch ſicher ſein! Um des Heilands Willen, wer holt mir den armen Buben— er iſt lahm, er iſt des Todes!“ „Eine Leiter, raſch!“ rief Alexander, das arme Weib mit einem tröſtenden Blick beſchwichtigend; „welches Fenſter iſt s?“ „Du willſt doch nicht!“ ſagte Theodor haſtig; „Du, mit nur einem freien Arm!“ Zugleich begann er ſchon die inzwiſchen herbeige⸗ holte Leiter hinaufzuſteigen, die etwa fünfzig Sproſſen hoch, in die von Hitze, Rauch und Qualm verdichtete Atmoſphäre führte und an ein Fenſter im Obergiebel angelegt war. Rechts und links hatte der Brand bereits verheerende Fortſchritte gemacht. Das Unglück wollte, daß es eben ein Markttag im nächſten Städchen war und ſomit faſt alle thatkräftigen Männer aus dem Thale, den Müller mit eingeſchloſſen, ſich drüben be⸗ fanden. So fehlte mancher ſtarke Arm, mancher kräftige Wille. Der Blitz hatte im Hintertheil des Hauſes ge⸗ zündet und zunächſt das Mahlhaus, dann die Treppe zum Wohngebäude erfaßt. Der vordere Giebel, in der Mitte erhöht und nach auswärts gemauert, widerſtand am längſten— ſo ſchien es wenigſtens. Zu beiden Seiten glühten ſchon die Dachſparren und das Gerippen des Dachſtuhles begann ſich Stück um Stück loszutren⸗ nen. Ein ſolcher halbverkohlter Balken ſtürzte in dem Augenblick, als Theodor auf der Hälfte der Leiter⸗ ſproſſen angelangt, den Oberkörper zurück beugte, um einen Augenblick Athem zu ſchöpfen, da der Dampf ihn zu erſticken drohte. Der fallende Sparren traf ihn mit⸗ ten auf die Bruſt und ein Schrei von den Lippen der unten athemlos Lauſchenden betäubte den Ausruf, der dem Munde des Getroffenen entſchlüpfte. Er ſchwankte — aber er hielt feſt und erſtieg muthig den Reſt der Sproſſen. Das Fenſter mit gewaltigem Druck aufſtoßen und in das Zimmer ſpringen war Eins. Hier lag der lahme Knabe, ein Bild des Entſetzens. Sein Geſchrei war im Tumult des Feuers und der Rettungsverſuche für die Habe bisher machtlos verhallt; den ſchauder⸗ haften Tod in den Flammen vor Augen, unfähig, ſich zu regen, war der Knabe in eine Art Stumpfſinn ver⸗ fallen. Die Thür der Kammer war bereits verbrannt, die dünne Oberdecke glühte, dicker Qualm füllte die Stube und mit Mühe nur fand ſich Cheodor zu dem ärmlichen Lager des Knaben hin. Die hilfloſe Geſtalt auf die Arme nehmend, begann der muthige Retter ſeinen ſchwanken Weg zurück, begrüßt von dem Jubel⸗ geſchrei der athemlos Harrenden. B Die verzweifelnde Mutter ſtürzte heck, ſinnlos auf den Knaben zu und überſchüttete ihn mit Liebkoſungen. — und ſelbſt⸗ n Element leren Jah⸗ Herr, wan Oberſtub! er die Stub Willen, wer er iſt des der, das wichigend; dor haſtig; en herbeige⸗ Sproſſen verdichtete Obergiebel and bereits lück wollte, tädchen war aus dem * loszutten. der Leiter⸗ raf ihn mit⸗ Lippen der zruf, der erſchwankte en Reſt der Th. Reinwald: Theodor.„ Alepander, während dieſes kurzen aber peinlichen„Nun, was war denn?“ rief ſie ihnen entgegen. Vorganges einer furchtbaren Qual preisgegeben, ſchloß in gewaltſamer Aufregung ſeinen Bruder an das Herz. „Biſt Du unberletzt?“ fragte er innig. Aber Theodor antwortete nicht. Aus dem Arm des Bruders glitt er auf den Boden— er hatte das Bewußtſein verloren. In höchſter Beſtürzung beugte ſich Alexander über ihn und riß ſeine Kleider auf, um ihm Luft zu verſchaffen. Dann fiel ihm plötzlich jener ſtürzende Sparren ein und er unterſuchte mit ängſtlicher Haſt Theodors Bruſt, die ſich jedoch äußerlich unverletzt fand. Dabei kam ihm ein runder, theilweiſe eingedrückter, offenbar durch die Gewalt des Stoßes verbogener Gegenſtand in die Hand. Es war ein goldenes Medaillon, das er wohl kannte, denn er trug ein eben ſolches ſeit ſeiner Kindheit. Beide Brü⸗ der hatten darin Haarlocken ihrer Mutter bewahrt. In der Furcht, daß es hier verloren gehen könnte, nahm es Alexander zu ſich, in dem Augenblicke, wo Theo⸗ dor ſich zu erholen anfing, belebt durch die Hilfeleiſtung eines jungen Bauernmädchens, das ſchüchtern und ängſt⸗ lich ſeine Schläfe mit friſchem Waſſer benetzte. „Mein Gott, Theodorl wie haſt Du mich er⸗ ſchreckt!“ ſagte Alexander, ihn beim Aufſtehen unterſtützend;„fühlſt Du einen Schmerz oder iſt's blos eine Betäubung?“ „Nichts weiter— laß mir noch eine Minute Zeit — dann reiten wir heim. Iſt der Knabe wohlbe⸗ halten?“ „Ja, gnädiger Herr, und der barmherzige Gott lohne es Ihnen!“ ſagte die Müllerin herzutretend; 3s iſt nur ein armer Krüppel, dem Sie das Leben ge⸗ Settet haben, aber er iſt mein einzig's Kind!“ Thränen dankbarer Rührung unterbrachen das Weib.„Der un⸗ glückſelige Balken,“ ſagte ſie dann wieder beſorgt;„er hat Ihnen doch keinen Schaden gethan, Herr Baron?“ „Nein, Müllerin. Ich danke Euch. Blos der Rauch hat mich wirbelig gemacht— jetzt iſt es vor⸗ über.“ Alepander konnte ſich indeß trotz dieſer Ver⸗ ſicherung eines wiederkehrenden Angſtgefühles nicht er⸗ wehren. Er beſchenkte die Müllerin reichlich für den erſten Augenblick, indem er ſpäter kräftigere Hilfe ver⸗ ſprach,— denn das Haus war verloren und kohlte in ſeinen letzten Reſten;— dann blickte er fragend auf Theodor.„Biſt Du im Stande zu reiten?“ „Allerdings. Welchen Schreck würden wir den Frauen einjagen, wenn wir anders zurück kämen,“ ver⸗ ſetzte dieſer. Langſam ritten ſie durch die jetzt vollkommen fin⸗ ſtere Nacht, mit ihren vom grellen Feuerſcheine geblen⸗ deten Augen den Weg ſuchend. Mit heimlicher Seelenangſt erwartete Hedwig, nicht ohne Unruhe Frau von Krüden die Rückkehr Beider. Die Vorahnung, welche ſchon früher am Abend die junge Frau bedrückt hatte, kehrte verſtärkt zurück. Als der Hufſchlag der Pferde ſchon hörbar wurde, wechſelte Hedwig die Farbe und eilte ſelbſt hinaus in den Vorſaal, die Heimkommenden zu begrüßen. „Die Thalmühle iſt abgebrannt und Theodor hat ein Menſchenleben gerettet,“ ſagte Alexander mit tiefem Tone. „Das iſt ſchön und edel,“ ſprach Hedwig, ihre Hand dem herantretenden Bruder ihres Gatten rei⸗ chend;„aber, mein Gott! Gewiß haben Sie durch die Anſtrengung gelitten. Wie erſchöpft Sie ausſehen!“ „Selbſt wie ein Abgebrannter,“ entgegnete Theo⸗ dor, mit einem ſchwachen Lächeln auf ſeine zerſtörte Toilette deutend;„entſchuldigen Sie mich für heute Abend. Gute Nacht.“ Damit verſchwand er ſchnell in der zum oberen Stockwerk führenden Treppenflucht, und Hedwig warf ſich von unerklärlichen Gefühlen durchzittert an Alexan⸗ ders Bruſt. „Heute habe ich ſchmerzlicher als je mein Geſchick empfunden,“ ſagte er bewegt;„denn an meiner Statt hat Theodor das Wagniß unternommen.“ „Was gibt es, Kinder?“ unterbrach Frau von Krüden die noch immer in der Vorhalle Säumenden; „wo iſt Theodor?“ „Auf ſeinem Zimmer, Mama.“ „Dann will ich nach ihm ſehen.“ Alexander hielt ſeine Mutter zurück und flü⸗ ſterte ihr einige Worte zu. Sie ſah ihn beſtürzt an und begab ſich eilig zu ihrem jüngeren Sohne. VI. Die Vorfälle dieſer Nacht blieben nicht ohne Fol⸗ gen. Hedwig hatte ſchlaflos den Morgen erwartet, gefoltert von zahlloſen, unbeſtimmten Befürchtungen. Theodors Bild, wie er zuletzt vor ihr geſtanden, wollte aus ihrer Phantaſie nicht weichen. Sie bebte zurück vor ihrem heimlichen Wunſche, Frau von Krü⸗ den möchte dieſen Abend nicht gekommen ſein. Dann wäre ihr nichts verborgen geblieben und wenn er einer Pflege, einer Hilfe bedurfte, ſo wäre ſie ihr zuge⸗ fallen. Was war vorgegangen? Die Generalin kam noch ſpät geſtern herab und antwortete auf die allſeiti⸗ gen Fragen um Theodors Befinden blos: er wünſche Ruhe; vom kommenden Morgen werde es abhängen, was zu thun ſei. Man merkte es aber dem Tone der Generalin wohl an, daß ſie dieſen lakoniſchen Bericht nur gezwungen gab und ſelbſt eine heimliche Unruhe in ſich trug. Und jetzt war dieſer Morgen angebrochen und die erſte Nachricht, die man von Theodor be⸗ kam, war keine beruhigende. Er hatte Fieber und ſah ſich genöthigt, das Zimmer zu hüten. Seine Mutter allein ging ab und zu bei ihm— ſonſt wünſchte er keine Geſellſchaft. Hedwig hielt mit Mühe ihre vorbrechenden Thränen zurück, als ſie dieſe Berichte vernahm. „Aber, Kind!“ ſagte Alexander erſtaunt; „faſſe Dich doch. Es wird hoffentlich nichts Ernſtes ſein. Du weißt ja, daß Theodor ſehr erregbare Ner⸗ ven beſitzt, und wahrhaftig, ſein geſtriges Wageſtück 326 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. mußte die härteſte Natur erſchüttern. Wir wollen ihn einige Stunden der Ruhe überlaſſen und dann ſollſt Du Dich mit mir überzeugen, daß Du Dich zu ſehr von einer Kleinigkeit ängſtigen läßt.“ Gegen Abend endlich konnte Hedwig mit ihrem Gatten hinauf gehen. Theodor lag auf dem Sopha und ſah ſehr verſtimmt aus. „Lieber Theodor,“ ſagte Hedwig haſtig,„ich habe mich ſchrecklich geängſtigt. Sagen Sie mir, daß Sie nicht ernſtlich leiden; daß wir Sie bald wieder unten ſehen werden!“ „Sie ſind zu beſorgt, Hedwig,“ entgegnete er, indem er ihre dargebotene Hand an ſeine heißen Lippen drückte.„Ich will mich bemühen, Ihnen keine weitere Unruhe zu machen.“ „Du beſtehſt auf Deinem Eigenſinn, keinen Arzt haben zu wollen?“ fragte Alexander. „Wozu? Ich fühle mich fieberfreier.“ „Und auch ſonſt ſchmerzlos?“ „Ja. Dieſe kurze Antwort befriedigte Alexander nicht und er konnte das nicht verbergen. „Warum ſiehſt Du mich ſo forſchend an?“ fragte Theodor;„wenn ich nicht ganz ſo bin, wie ich ſein ſollte, ſo iſt dies in meinem Verdruß zu ſuchen. Ich habe etwas mir hr Theures bei dem Brande ver⸗ loren.“ „Du haſt es nicht verloren. Hier iſt's.“. Mit dieſen Worten zog Alexander das Me⸗ daillon hervor und hielt es ſpielend in der Hand. „Du haſt es gefunden!“ rief Theodor heftig darnach langend;„gib, gib; ich bin ſo glücklich, daß ich es wieder habe!“ Dieſe in Unruhe und Verwirrung ausgeſtoßenen Worte frappirten Alexander. Er be⸗ hielt das Medaillon noch immer in der Hand und ſah es prüfend an. Theodor zitterte; ſein Athem flog. „Du mußt es ausbeſſern laſſen,“ bemerkte Alex⸗ ander mit fortwährend geſenktem Blick;„ſieh’ es hat Schaden gelitten— hier, hier— und hier—“ und auf einmal wich die Feder dem Druck ſeiner Finger. Alexander zuckte und erblaßte, als hätte dieſe leicht aufſpringende Feder ihm einen ſcharfen Stich verſetzt. Geſchloſſen reichte er Theodor das Medalllon hin, der es zögernd, wie geiſtesabweſend nahm. „Es hat Dich vielleicht vor einem ſchädlichen Stoße bewahrt,“ bemerkte Alexander mit Ruhe. „Ein Stoß?“ fragte Hedwig, von dieſer ihr räthſelhaften Scene verwirrt;„es hat alſo eine Gefahr für Sie gegeben, Theodor?“ „Der Balken, der mich traf,“ antwortete er mit ſeltſamer Ironie,„prallte allerdings davon ab und verlor dadurch ſeine Kraft; aber als Talisman hat es ſich nicht bewährt. Gerade dadurch iſt mir ein Stoß verſetzt, den ich ewig nachfühlen werde.“ Dieſe letzten Worte waren ſo leiſe als unerklärlich. Hedwig verſtand ſie nicht und nahm eine neue Un⸗ ruhe mit ſich fort.„Alexander,“ bat ſie im Hinab⸗ gehen ſchmeichelnd,„habe Mitleid mit meiner Neu⸗ gierde, was enthält dieſes Medaillon?“ Er blieb ſtehen und ſah ſie erſtaunt, durchdringend an, als wollte er auf den Grund ihrer Seele ſchauen. Sie hielt ruhig dieſen Blick aus; der ihre ſprach nur von unbefangener Neugierde. „Nun; was enthält es?“ „Blos eine Haarlocke unſerer Mama, wie das meine.“ Mit dieſer edelmüthigen Lüge, die ſchwer über ſeine Lippen ging, ſtrafte Alexander ſich ſelbſt für den Verdacht an Hedwig und bedeckte großherzig eine Verirrung ſeines Bruders. Jenes verhängnißvolle Medaillon barg das wohl⸗ getroffene, in Aquarell ausgeführte Miniaturbild Hed⸗ wigs! Es dauerte mehrere Tage, bis Theodor ſein Zimmer wieder verließ. Man ſah, daß er mehr gelitten haben mußte, als er zugeſtanden. Auch verrieth es die ſtumme, ängſtliche Sorgfalt ſeiner Mutter. Er erſchien matt, trübe, einſylbig, träumeriſch. Finſtere Schatten ſchwebten zwiſchen ſeinen Brauen, verdunkelten ſeinen ſonſt ſo offenen Blick. Wenn Hedwigs Auge oft mit ſtiller Trauer auf ihm ruhte, lächelte er aufmunternd und fuhr mit der Hand über die Stirn, daß ſie ſich glätte. Seinem Bruder begegnete er mit einer Art ſchwer⸗ müthiger Innigkeit, aber offenen Blickes, wie früher, als läge nicht der leichteſte Schatten zwiſchen ihnen. Und Alexanders Herz vergab und vergaß gerne— in ſeinem Benehmen ſprach ſich auch nicht der leiſeſte Vorwurf aus. Hedwig war wachſam auf ſich ſelbſt, doch innerlich voll Kampf, voll Unruhe, voll Zweifel. Der General allein war ſeelenvergnügt. Ausga⸗ nommen einen beſorgt fragenden Blick, den er zuwrilrn auf Theodor warf, befand er ſich con amore. Ihm entging es ganz und gar, daß irgendwo ein Häkchen ſei. Alles befriedigte ihn:— das Wild, dem er den Tod ſchwur, und das er in chevaleresker Weiſe ſtets ſelbſt der Herrin des Hauſes überbrachte; der feine Tiſch, der blühende Zuſtand des Gutes, die komfortable Wohnung, das liebliche Lächeln Hedwigs. Alepan⸗ der leiſtete ihm meiſt Geſellſchaft, da Theodor ſich häufig auf ſeinem Zimmer hielt oder einſame Gänge unternahm und Hedwig von Frau von Krüden in Anſpruch genommen ward. Die Generalin war tief unzufrieden mit der Lage der Dinge. Vergebens ſuchte ſie in die verſchloſſene Natur ihres Sohnes einzudrin⸗ gen; es gelang ihr nicht mehr ſo wie ſonſt. „Theodor,“ ſagte ſie eines Tages, als ſie ihn düſter nachdenkend im Garten fand,„haſt Du mir nichts zu ſagen, nichts zu vertrauen?“ „Ich wüßte nicht,“ entgegnete er zerſtreut lächelnd; „weßhalb wollt Ihr Frauen doch immer Geheimniſſe erforſchen? Habe ich Dir nicht unlängſt einen Beweis meines ausſchließlichen Vertrauens gegeben, Mama?“ Frau von Krüden ſchüttelte mit traurigem Ausdruck den Kopf.„Dieſes Vertrauen iſt mir eine Qual, Theodor,“ ſagte ſie bittend;„wenn Du mir nicht geſtatteſt, gegen Deinen ſtarren Willen etwas zu thun, ſo vergehe ich in der Angſt um Dich! Du gehſt urchdringend eele ſchauen. ſprach nur e Schaiten kelten ſeinen Trauer auf uhr mit der er Att ſchwel⸗ efrüher, als ihnen. And 9— 1 1. 2 der leiſeſte f ſich ſelbſt, Zweifel. Ausge & Fuwrltt ore. Ihm ein Häcchen dem er den Weiſe ſtets der feine 1 mfortable . Alexar 3. 5 5 rſich eodor lch ſame Gänge Krüden Jen tar lief .77 ens ſuchte z einzudrin⸗ als ſie ihn nir nichs lächelnd zeheimniſe Fnen Beweis Mama! traurigemn Th. Reinwald: Theodor 327 zu weit in der Schonung für Andere. Es iſt auch eine Art Egoismus, das Leiden für ſich allein haben zu wollen. Warum verbirgſt Du Deinen Zuſtand ſo hart⸗ näckig?“ „Bah,“ verſetzte er achſelzuckend.„Mama wenn Du mich liebſt, ſo halte mir Wort. Ich haſſe dieſe tau⸗ ſend Fragen und Beſorgniſſe. Du weißt, ich habe mir in früheren Jahren nie viel aus meiner Geſundheit ge⸗ macht— jetzt noch weniger.“ „Du willſt alſo Dein Leben mit Abſicht preis⸗ geben?“ „Nimm die Sache nicht ſo tragiſch,“ ſagte er bitter;„was iſt's auch um ein Paar armſeliger Tropfen Blutes mehr oder weniger?— Uebrigens iſt es ja wieder gut; beruhige Dich.“ „Dieſes unglückſelige Feuer,“ klagte Frau von Krüden. Ein herber Ausdruck ſchwebte um Theodors Lippen. Kühl ſagte er nach einer Pauſe:„Wollteſt Du mir ſonſt etwas, Mama?“ „Nein. Ich ſehe, daß ich den Schlüſſel zu Deinem Weſen nicht mehr beſitze. Du biſt auch mir ein Räthſel geworden.“ „Verzweifle nicht an mir— vielleicht kann ich in Zukunft offener ſein,“ ſagte er mit trübem Lächeln. „Ich fürchte, Dein Räthſel liegt in der Vergan⸗ genheit,“ ſagte Frau von Krüden, ohne das For⸗ ſchende dieſer Bemerkung hervortreten zu laſſen. „Du haſt es getroffen,“ ſprach Theodor leiſe; „aber frage mich nichts!“ ſetzte er ſchnell hinzu, als er ſie bereit ſah, ihn weiter zu beſtürmen;„es iſt nicht gut, zurückzuſchauen. Vielleicht bin ich an Vielem ſelbſt Schud. Ich hätte Deinem Wunſche folgen und während dieſer zwei Jahre heimkommen ſollen.“ „Und was wäre dann beſſer?“ „Vielleicht viel— vielleicht nichts,“ ſagte er ſtill. Frau von Krüden gab jede fernere Frage auf. Sie verließ ihn und verglich im Stillen ſein Weſen von Einſt und Jetzt. Er war nie wie andere Knaben, nie wie andere Jünglinge,— jetzt war er vollends ein Mann wie wenig andere. Worin lag es? Er hatte wohl immer eine ganz beſondere Origine gezeigt; aber kultivirt war ſeine Eigenthümlichkeit nicht worden. Sie hatte ſich blos durchgedrängt durch alle angelegten Formen, wie die Zweige eines Baumes hinüber wachſen über Mauern und Einfriedungen. Von ihrem Sohne glitt Frau von Krüdens prüfender Blick auch auf He dwig. Sie fand ſie ern⸗ ſter, zurückhaltender als ſonſt. Aber das konnte ſo natürlich ſein! Manches weibliche Weſen ſtreift in der Ehe ſehr raſch den mädchenhaften Sinn ab, ohne darum an Reiz und Anmuth zu verlieren. Es klären und feſti⸗ gen ſich blos die ſprudelnden Elemente, es ſchwindet die lachende Sorgloſigkeit. Und Hedwig hatte ſchon gelernt, ſich zu be⸗ ven. Ihr junges Herz kämpfte einen heißen Kampf, ſtritt im Dunkeln; es kannte oder wollte ſeinen ſelbſt noch unbewußte, von ihrer Vernunft vielleicht ver⸗ abſcheute, von ihrem Gefühl aber ſchon aufgenommene Liebe. Und trotz dieſer verborgen arbeitenden Schlange in ihrer Bruſt war Hedwig noch rein, die Zättlichkeit, womit ſie ihrem Gatten begegnete, war noch kein Ver⸗ rath. Sie ahnte ſelbſt noch nicht, daß die bis jetzt ſchlummernde Leidenſchaft in ihr geweckt worden— und der ſie unbewußt geweckt, nicht ihr Gatte ſei! VII. Das Erſcheinen des Generals von Krüden in der Reſidenz nach einer zweijährigen Zurückgezogenheit auf dem Lande war ein Ereigniß, das der kleinen beau-monde einen willkommenen Geſprächsſtoff gab. Seit zwei Jahren hatte man ſich begnügen müſſen, nur einzelne Gerüchte über die Familienverhältniſſe des Ge⸗ nerals zu vernehmen, und die Mediſance rächte ſich dafür auf die ſchonungsloſeſte Weiſe. Vor zwei Win⸗ tern von einer Reiſe zurückgekehrt, hatte der General und ſeine Gemalin ein junges Mädchen mitgebracht, über deſſen Herkunft man durchaus keinerlei Gewißheit erlangen konnte. Feſt ſtand nur, daß dieſe junge Fremde im Hauſe des Generals wie eine Tochter aufgenommen ſei; daß ſie ſchön war und— daß Alexander von Treuen, damals eben aus dem Dienſte geſchieden— ihr die unzweifelhafteſte Aufmerkſamkeit widme. Das Alles wußte die Welt und fand es viel zu wenig für ihre Neugierde, obſchon es ſchwer begreiflich war, wie ſie zur Kenntniß dieſer Details gelangt ſein konnte. Die Wißbegierigſten wandten ſich Anfangs an Theo⸗ dor von Krüden, der ja doch über die Pflege⸗ tochter ſeiner Eltern eine Auskunft geben können mußte. Aber Theodor ſetzte dieſen Fragen eine abſchreckende Undurchdringlichkeit entgegen, die theils ihren Grund in ſeinem Abſcheu gegen alle indiskreten Forſchungen hatte, theils aus ſeiner eigenen geringen Kenntniß nä⸗ herer Umſtände über dieſen Gegenſtand herzuleiten war. Er hatte ſich begnügt, durch ſeine Mutter brieflich zu vernehmen, daß das Geſchick ihr eine liebenswürdige, aber verlaſſene junge Waiſe zugeführt habe, in der ſie von nun an eine Tochter— er eine Schweſter ſehen werde. Theodor feagte nicht weiter. Die zu jener Zeit überaus ernſte und tiefe Verſtimmung ſeines We⸗ ſens ließ ihn für Vieles gleichgiltig ſein, was ihn wohl ſonſt angeregt haben würde. Er ſelbſt war zwei Mo⸗ nate früher von einer längeren Reiſe zurückgekehrt, ſchmerzlich verwandelt durch ein Erlebniß, über das er keinem lebenden Weſen eine Mittheilung gönnte, das V V noch nicht kennen. Dieſer unſichtbare Feind im i einer Frau iſt eine leiſe heranſchleichende, ihr 1 aber ſein ganzes Sein auf grauſame Weiſe verändert haben mußte. Die Pflichten ſeines neuen Berufes nah⸗ men ihn wohlthätig in Anſpruch, aber ſie konnten ſei⸗ nen Trübſinn nicht heilen. Er floh jetzt die Geſellſchaft die er ſonſt blos nicht gerne geſucht hatte, und lebte; Hauſe der verwitweten Präſidentin von Brühl gezogen, unempfänglich für ihre Freundſch antheilslos für die Reize ihrer Tochter 1 —— 3 — 328 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. doch in den Kinderjahren eine Art verwandtſchaftlicher Zuneigung verknüpft hatte. Mit unbegreiflicher Kon⸗ ſequenz weigerte er ſich zwei Jahre hindurch, das Haus ſeiner Eltern wieder zu betreten. So kam es, daß er das junge Mädchen, das dort ein Aſyl gefunden, nicht kannte, nichts von ihr wußte, als daß ſie jung, ſchön, dankbar und gut, ſeinen Eltern bereits unentbehrlich, ſeinem Bruder theuer geworden war. Dann kam die Nachricht, Alexander habe ſie als Braut erwählt. Ein lauer Glückwünſch war ſeine Antwort und zugleich die Entſchuldigung, daß Geſchäfte ihn abhielten, der Trauung beizuwohnen. Auch jetzt noch fragte er nicht nach dem Namen der jungen Braut. Aber nun ſah er ſie!— und eine neue Verände⸗ rung ging mit ihm vor. Weßhalb? Wie war es möglich, daß die lichte, anmuthsvolle Erſcheinung Hedwigs ihn zurückbeben machen konnte? —— Vo Hedwig ſich zeigte, erregte ihre Schönheit Bewunderung, aber überwogen wurde dieſe durch das Intereſſe an ihrer Vergangenheit. Im Hauſe der Präſidentin von Brühl erſchien ſie zum erſtenmale im größeren Cirkel. Es war auch eine der erſten Abendgeſellſchaften in der angehenden Winterſaiſon. Die Salons ſtrahlten von Licht und Ele⸗ ganz, wogten von Menſchen. Intereſſante Männerge⸗ ſtalten, in allen Alters⸗ und Rangsſtufen vertreten, rei⸗ zende Frauenerſcheinungen ſtritten ſich hier um den Vorzug. Die Präſidentin verſtand es, ſich mit allen Feinheiten des Luxus zu umgeben und dabei den An⸗ ſchein zwangsloſer Einfachheit zu bewahren. Nichts er⸗ ſchien hier ſchwerfällig, pretentiös oder geſucht. Wir verſetzen uns geradezu in das lebhafte Ge⸗ wühl dieſes Abends und ſuchen dort bekannte Geſtalten neben neuen, die wir erſt kennen lernen ſollen. Dieſes hochragende, ſchlanke, von geiſtiger Be⸗ deutſamkeit überſtrahlte junge Mächen iſt Martha von Brühl. Man lieſt es in ihrem unergründlich tiefen braunen Auge, auf der klaren Stirn, daß dieſer ſo lange geſchloſſene, anmuthige Mund nichts von den gewöhnlichen Alltagsphraſen des Salons ausſprechen kann; Martha ſchweigt viel, in jener Bedeut⸗ ſamkeit des Gedankens, die ſich mit einem ſcharfen Beobachtungsvermögen und edler Schonung für die Schwächen Anderer paart. In dieſem Augenblick aber ſprach ſie und belebte ſich in anmuthiger Weiſe in der Unterhaltung mit Hedwig. Die junge Frau fühlte ſich hingezogen zu dieſem Mädchen, das durchaus keine ihr homogene Natur, doch einen gewiſſen Zauber auf ſie ausübte. Martha's Charakter war ſpiegelhell, feſt, ſicher; getragen durch einen ſtarken Willen, geſtählt durch eine andauernde Hoffnungsloſigkeit des Herzens. Sie richtete ſich an ihrer Liebe zu Theodor empor und trug ſie ſtill wie Heo ein Heiligthum in ſich— Hed wig mit ihren unklaren, ruhe mrworren ſich kreuzenden Gefühlen erlag faſt im Kampfe gehen ſchmerer Leidenſchaft, der ſie nichts entgegen zu ſetzen gierde, was enthaälende Selbſtvorthürfe. tle Auge Marthas ſchweifte langſam über die Geſellſchaft hin, wie erwartend, ſuchend. Hed⸗ wigs Blicke waren häufig an den Boden gebannt, aber ihr Ohr lauſchte um ſo angeſtrengter auf jeden Schritt, jedes Wort, jedes kleine Geräuſch. Unruhig wogte das Blut in ihren Adern. Da plötzlich übergießt ſich ihre Stirn und ihre Wangen mit heißer Röthe, während Martha ihren Pulſen gebietet, und nur ein blaſſer Schimmer auf ihrem ſchönen Geſichte kommt und geht wie ein Hauch. Theodor von Krüden iſt ſoeben in den Salon getreten! Sein Erſcheinen in die⸗ ſem Kreiſe iſt ſo ſelten, daß es auch eine ungewöhnliche Senſation hervorruft. „Prinz Dſchalma,“ flüſtert es leiſe hie und da, denn die von Theodor zurückgeſetzte Damenwelt hatte ſich dadurch an ihm gerächt, daß ſie ihm um ſeiner eigenthümlichen Geſichtsfarbe Willen den Namen des indiſchen Prinzen gab. „Prinz Oſchalma im großen Abendeirkel? Das muß etwas Beſonderes zu bedeuten haben.“ „O ganz und gar nicht,“ warf eine andere Stimme ein;„er kann. doch jetzt nicht den Einſiedler ſpielen, wo ſeine Familie überall zu erſcheinen und offenes Haus zu machen Willens iſt. Aber wie verändert er iſt!“ „Allerdings. Er ſieht nicht mehr blos melancho⸗ liſch, ſondern krank aus.“ „Ah da iſt ſein Bruder. Haben Sie ſeine ſchöne junge Frau ſchon geſehen? Dort iſt ſie an Fräulein von Brühls Seite. Zwei herrliche Gegenſätze.“ „Unſere ſchöne Adrienne ſucht ihren Prinzen Dſchalma mit flehenden Augen.“ „Welch ein lahmer Vergleich! Fräulein von Brühl hat rabenſchwarzes Haar l“ „Ja; aber ſie iſt ſo ſchlank und ſchön we Jdie echte Adrienne und ich glaube, auch ſo verlieb⸗ein ihren Hindu, wie jene.“ „Still, ſtill. Das iſt zu viel geſagt.“ Während zwei Gäſte ſich dieſe mediſanten Bemer⸗ kungen zuwarfen, hatte ſich die Scene geändert. Theo⸗ dor von Krüden kam feſten Schrittes auf Martha und Hedwig zu und begrüßte Beide mit einer cere⸗ moniöſen Verbeugung. Sein Geſicht hatte den un⸗ durchdringlichen Ausdruck, der alle innere Gluth be⸗ deckt; die Haltung zeigte von vollkommener Ruhe und Sicherheit. Nur der Schatten, der ſein Auge verſchleierte, und die intenſive Bläſſe auf ſeinen Wangen verriethen etwas von der Unechtheit dieſer Ruhe. Im ſelben Augenblicke, als er den jungen Damen näher trat, kam Alexander am Arm eines großen nobel ausſehenden Officiers und ſagte:„Hedwig, mein Freund und früherer Waffenbruder, Hauptmann von Schilden⸗ burg wünſcht Dir vorgeſtellt zu werden.“ Der Officier verneigte ſich ſehr tief und zeigte eine gewiſſe Ueberraſchung beim Anblick der jungen Frau, ſo daß ihn für einen Moment ſeine konverſatio⸗ nelle Gewandtheit verließ. Indeß fand er ſie au fait. 89- Ein„brillanter“ Geſellſchafter, wie die W, A gerne ausdrückt, konnte Schildenburg mitch genannt werden. Er bemächtigte ſich der Konvon —— ſuchend. Hed den gebannt teer auf jeden h. Unruhig düch übergießt heiher Röthe, t, und mu ain Geſichte kommt n Krüden iſt ſcheinen in die⸗ ungewöhnliche leiſe hie und tte Damenwelt eihm um ſeiner en Namen des JnTTNu bendeirkel! Das den.“ andere Stimme dler ſpielen, wo doffenes Haus dert er iſtl blos melancho⸗ Sie ſeine ſchöne ſie an Frällein zegenſäße. ihren Prinzen Fräulein von d ſchon wed a ſo berliebei 1 ₰— 5 dt Bemer⸗ 5 X— 0 diſanten Be 5 2 S reändert. Thl⸗ ¹. 3 E 8 3 3 A S 5 D 8 5 NMNNNN SD 1 5 7 Der Dort=UhTTDAChSP —,— N Der Dorf⸗Uhrmacher.— Der Schloſſer von Philadelphia. und verſtand ſie auf tauſend und ein Thema hinüber⸗ ſpielen zu laſſen, ohne gerade durch Seichtigkeit zu er⸗ müden. Als in Kurzem die kleine Gruppe ſich auflöſte, zog ſich Theodor in eine gemüthliche Ecke auf ein Sopha zurück, wo er indeß nicht lange allein blei⸗ ben ſollte. (Schluß folgt.) Der Dorf⸗Uhrmacher. (Hiezu die Bilderbeilage.) m Erzgebirg' iſt’s rauh und kalt, Hoch liegt der Schnee auf Dorf und Wald, Vor Meiſter Märten's Zimmer. Ticktack, geht's drinnen bis zur Nacht, Ticktack, wenn grau der Tag erwacht Mit ſeinem erſten Schimmer. Viel Uhren hat der Alte ſchon Gefertigt um geringen Lohn, Sein Haupt ward grau in Sorgen. Er ſah nur, wie die Zeit entflieht, Er ſingt ein traurig' Lebenslied, Er ſingt's jedweden Morgen. „Die Uhr ſchlägt Eins. Ich war ein Kind, Wie war die Zeit mir wohl geſinnt, Und flog dahin in Wonnen! Die Uhr ſchlägt Zwei. Es wächſt der Knab', Feld, Wald und Heid ſind ſeine Lab', Friſch fließt der Lebensbronnen. Die Uhr ſchlägt Drei— s wird ungerad! Die Welt iſt weit, und rauh der Pfad, Doch Kraft noch in den Seelen. Die Uhr ſchlägt Vier. Es winkt das Glück, Ihm nach, ihm nach, und nie zurück! Es kann dir gar nicht fehlen! Die Uhr ſchlägt Fünf. Ich hatt eine Braut Sie ward zum Weib mir angetraut, Wie ward die Arbeit ſüße!* Die Uhr ſchlägt Sechs. Das Haus ward voll, Der Kinder Luſt an's Ohr mir ſcholl, Doch Sorg' hat ſchnelle Füße. 1 Die Uhr ſchlägt Sieben. Krankheit kam, Mich lang und trüb gefangen nahm, Mein Weib ging für mich ſchaffen. Die Uhr ſchlägt Acht. Ich ſah einen Schrein, Da legten ſie mein Kind hinein, Konnt mich empor nicht raffen. Die Uhr ſchlägt Neun. Ich bin erwacht, Ich hab' mein Weib zur Ruh gebracht, Wohl unter den grünen Raſen! Erinnerungen, LXXXII. 1861. Die Uhr ſchlägt Zehn. Das Herz mir brach, Die Kindlein folgten der Mutter nach, Haben mich all verlaſſen. Die Uhr ſchlägt Elf. Die Zeit iſt ſtumm, Wie einſam iſt's um mich herum, Nichts will zurück mir kehren! Genug, genug! Bald ſchlägt es Zwölf, Den letzten Schlag, Gott helf, Gott helf', Werd ich ihn endlich hören?“ Der Schloſſer von Philadelphia. Erzählung. mos Sparks nar ein guter, rechtlicher Mann und verſtand ſein Handwerk ganz vortrefflich. ₰ Mit fünfunddreißig Jahren hatte er einen klei⸗ 6 nen eiſernen Koffer mit vielen geheimen Federn ½ gemacht. Nach der Meinung vieler Kenner war A dies ein kleines Kunſtwerk, und in vielen Zei⸗ tungen wurde dem Erfinder die gebührende Anerken⸗ nung ſeines Fleißes und Talentes zu Theil. Als er ſo plötzlich für einige Tage berühmt geworden war, gingen ihm von vielen Seiten glänzende Anerbietungen zu. Aber er wies ſie alle zurück und verſchmähte ſogar die ſich ihm bietende ſchöne Gelegenheit, in das Atelier des größten Mechanikers zu New⸗York, Namens Patſon, einzutreten. Als Grund ſeiner Weigerung gab er an, daß es ihm unmöglich ſei, Philadelphia, ſeine Vaterſtadt und die Gräber ſeiner Eltern zu verlaſſen und die kleine Miethwohnung, wo er ſich verheiratet und wo die Wie⸗ gen ſeiner Kinder geſtanden, mit einer andern zu ver⸗ tauſchen. Für einige Tage hatten die Leute wohl die Köpfe über den Mann, der ſein Glück nicht machen wollte, geſchüttelt, dann aber war er bald in Vergeſſen⸗ heit gerathen— und zu der Zeit, wo unſere Erzählung beginnt, nur noch in dem engen Kreiſe ſeiner Nachbarn und Kunden bekannt. Jakob, ſein Sohn, ein blühender Burſche von fünfzehn Jahren, war ſein einziger Lehrling. Von früh bis zum ſpäten Abend arbeiteten Vater und Sohn emſig in ihrer Werkſtätte und gönnten ſich nur ſelten eine kurze augenblickliche Raſt. Ihr Fleiß brachte ihnen aber wenig genug ein. Amos Sparks war mehr Künſtler als Handwerker, was wohl der Hauptgrund war, der ihn damals ſeine Freiheit und Unabhängigkeit einer zwar dem Anſchein nach glänzenden, aber doch unfreien und abhängigen Zukunft vorziehen ließ. Bei der einfa⸗ chen, einförmigen Arbeit, wie ſie ſein ſo wenig ausge⸗ breitetes Geſchäft eben nur verlangte, grübelte und ſann er unaufhörlich Verbeſſerungen und neuen Erfindun⸗ gen nach, an welchen ja ſchon ſeit Jahrhunderten die Mühen und Hoffnungen oft eines ganzen Menſchen⸗ lebens geſcheitert ſind. Trotz der faſt kümmerlich be⸗ ſchränkten Verhältniſſe, in welchen die Familie Sparks, 330 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. beſtehend aus den Eltern, dem ſchon erwähnten Sohne und zwei Töchtern, zu leben genöthigt war, herrſchten Eintracht und Zufriedenheit in dem häuslichen Krei des würdigen Schloſſermeiſters. Frau Sparks hatte ihre Töchter ſchon frühzeitig den ihr ſelbſt innewohnen⸗ den Fleiß und weiſe Sparſamkeit gelehrt. Eines Tages ereignete es ſich, daß der alte, reiche, ſehr geizige Kaufherr Struttmann den Schlüſſel zu ſeinem Geldſchranke verlegt oder verloren hatte. Da dies unglücklicher Weiſe an dem letzten Sonnabende des Monats geſchah und er bis Nachmittag vier Uhr eine bedeutende Zahlung zu leiſten hatte, ſah ſich der Geiz⸗ hals nach langem vergeblichen Suchen genöthigt, einen ihm nahe wohnenden Schloſſer kommen zu laſſen, der jedoch, nachdem er auf alle Arten vergeblich verſucht hatte, den Schrank zu öffnen, eingeſtand, daß es ihm unmöglich ſei dies zu thun. Der ungeduldige Kaufherr überhäufte ihn über ſeine Ungeſchicklichkeit mit Vor⸗ würfen.—„Meiner Treu,“ ſagte der Meiſter,„ich meine, mein Handwerk zu verſtehen wie einer. Laßt ſie nur Alle herkommen und ſeht zu, ob Ihr einem Ge⸗ ſchickteren darunter begegnet“— ſich zum Gehen wen⸗ dend, fügte er leiſe hinzu,„Einen vielleicht ausgenom⸗ men.“— Den ſcharfen Ohr des Herrn Struttmann war dieſe Bemerkung nicht entgangen und haſtig fragte er nach Namen und Wohnung dieſes Einzigen.„Es iſt Amos Sparks und wohnt in dem ärmlichen Hauſe mit dem Schloſſerzeichen in dem nächſten engen Gäßchen.“ Herr Struttmann zuckte verächtlich die Achſel und ſandte nach der Wohnung des Genannten, um ihn augenblicklich zu ſich zu beſcheiden, denn ſchon war es drei Uhr und keine Zeit mehr zu verlieren. In der größ⸗ ten Eile erſchien Amos Sparks in Begleitung ſeines Sohnes auf den Ruf des bedrängten Kaufherrn und ſchon eine Viertelſtunde nachher kniete Amos vor dem Geldſchranke. Es ſchien als habe er nicht beſſeres Glück als ſein Kollege und als ſolle es ihm auch nicht gelin⸗ gen, den wichtigen Schrank zu öffnen.„Ein prächtiges Schloß, Herr Struttmann,“ ſagte er,„aber ſo gern ich auch die innere Konſtruktion bewundern möchte, ſo unmöglich iſt es mir, es zu öffnen.“— Das war zu viel für den ungeduldig harrenden Struttmann, er machte ſeinem Aerger in heftigen Schmähungen über die Ungeſchicklichkeit des immer noch vor dem Schranke knieenden Meiſters Luft.— Als Jakob, der ſeinen Vater über alles verehrte und liebte und etwas heißer Gemüthsart war, dieſe Schmähungen hörte, legte er die Hand auf ſeines Vaters Schulter und ſagte: „Komm, laß uns gehen, ſchelten ſoll er Dich nicht länger.“ „Nein, nein, Ihr müßt bleiben und den Schrank öffnen,“ rief der empörte Kaufherr, denn ſchon zeigte die Uhr auf zwanzig Minuten vor vier Uhr.„Ich ver⸗ ſpreche Euch ein Pfund Sterling, wenn der Schrank in fünf Minuten geöffnet iſt!“— Sparks, welcher be⸗ reits ſich der Thür genähert hatte, kehrte um und ver⸗ ſuchte, mehr von der Schwierigkeit der Sache als dem hohen Preiſe angezogen, nochmals das hartnäckige Schloß zu öffnen. Ehe drei Minuten verfloſſen waren erklang es zu gleicher Zeit von ſeinen und ſeines Sohnes Lippen: „Geöffnet!“ Und wirklich drehte ſich die eiſerne Thür leicht in ihren Angeln und zeigte das Innere des Schrankes, deſſen verſchiedene Abtheilungen mit hohen aufeinander gethürmten Kaſſenanweiſungen und vielen Stößen und Schichten Goldes angefüllt waren. Um ſich der Arbeiter nun ſchnell zu entledigen, reichte Strutt⸗ mann ihnen ein kleines Geldſtück hin und wollte ſich dem geöffneten Schranke nähern, als ihm Sparks ziemlich ruhig ſagte, daß er ſeinem Verſprechen nach ihm ein Pfund Sterling ſchulde. „Ein Pfund Sterling für ein Schloß zu öffnen! Ihr müßt von Sinnen ſein. Wann ſeid Ihr je für ſo leichte Mühe ſo gut bezahlt worden? Kaum einen Schilling habt Ihr verdient— freut Euch Eures Glückes und geht.“„Nein, Herr!“ rief Jakob vorſpringend, „wir werden nur gehen, wenn Sie uns das verſprochene Geld gegeben haben.“ In demſelben Augenblick warf er mit einer raſchen Bewegung, ohne daß ſein Vater es verhindern konnte, die kaum geöffnete Thür wieder in das Schloß.— Struttmann erbleichte vor Schreck und Wuth— er fühlte Luſt, ſich auf den Knaben zu ſtürzen, aber ein Blick nach der Uhr, die bis auf acht Minuten vor vier Uhr vorgerückt war, ließ ihn andere Seiten aufziehen. Er wußte, daß der Empfänger der zu zahlenden Summe ſchon im Komptoir ſeiner warte und daß eine Verlängerung des Auszahlungstermins nicht nur bedeutende Koſten verurſachen, ſondern auch ſeinem Kredit ſchaden würde. Er bezwang ſich ſo gut es eben gehen wollte und verſprach für nochmaliges Oeffnen be⸗ ſtimmt ein Pfund Sterling zu zahlen. Sparks näherte ſich ſchon dem Schranke, als Jakob ihn aufhielt und, zu Struttmann gewendet, ausrief:„Geben Sie meinem Vater vorher das Geld!“„Unverſchämter Elender,“ ſchrie der Kaufherr außer ſich,„ich werde Dich auf dem Gerichte zur Verantwortung ziehen und mich zu rächen wiſſen.“ Als er aber bemerkte, daß Sparks Miene machte, ſeinem Sohne nachzugeben, reichte er ihm ein Pfund Sterling hin und zeigte, als das Schloß wieder geöffnet war, ſtumm nach der Thür.„Mein Herr,“ ſagte Sparks,„wenn ſich mein Sohn heftig und unziemlich betragen hat, ſo verzeihen Sie es ſeiner Jugend und Unbeſonnenheit und erinnern Sie ſich, daß Sie ihn durch Ihre Ungerechtigkeit gereizt hatten. Ihn der Obrigkeit anzuzeigen wäre eine ſchlechte That, die Ihnen kein Heil bringen würde.— Als Vater und Sohn wieder daheim waren, erzählten ſie den Ihrigen den Auftritt. Die beſorgte Mutter ſchalt den heißblüti⸗ gen Jüngling und küßte ihn unter Thränen, die böſe Ahnungen ihr erpreßten. Ungefähr ein Jahr nach dieſen Vorfällen wurde in der Bank von Philadelphia eine Summe von einer Million Thaler geſtohlen. Mehrere verdächtige Perſo⸗ nen waren eingezogen, aber wegen Mangel an Bewei⸗ ſen wieder freigegeben worden. Zu Meiſter Sparks größtem Erſtaunen ſah er eines Morgens vier Polizei⸗ — waren erklang hnes Lippen: (eiſerne Thür t hohen ad vielen Um ſich eichte Strutt⸗ und wollt ſich ihm Sparks eiſprechen nach Nioß zu öffnen! Irr je für ſo aum einen Glückes prir verſprochene lick warf Tater es Thür wieder in hte vor Schreck den Knaben zu ie bis auf acht zuch ſeinem ut es eben s Oeffnen be arks näherte MeR und Geben Sie Unverſchämter ich werde Dich chen und nich dß Syarlẽ ben, reichte el i das Shloß Der Schloſſer von Philadelphia. 331 männer in ſeinen anſpruchsloſen Laden treten, welche den Befehl vorzeigten, eine Hausſuchung bei ihm zu halten. Jakob arbeitete an dieſem Tage glücklicher Weiſe nicht zu Hauſe. Nach einer dreiſtündigen ſehr ge⸗ nauen Unterſuchung(die allerdings nicht die geringſten Reſultate gehabt) entfernten ſich die Gerichtsdiener höf⸗ licher als ſie erſchienen waren.„Darf ich mindeſtens wiſſen,“ fragte ſie Sparks beim Weggehen,„was mir dieſen Beſuch zugezogen hat?“— Er erfuhr zu ſeinem Erſtaunen, daß es die an der Bank geſtohlene Summe ſei, nach welcher man in ſeiner armen Wohnung geſucht habe.„Des Diebſtahls angeklagt,“ rief der ehrliche Mann händeringend, in dem kleinen Stübchen, wo die beſtürzte Familie beiſammen war, auf⸗ und abgehend, aus. Die Nachbarn, die ſich, theils um Troſt zu bringen, theils wohl auch aus Neugierde eingefunden hatten, ver⸗ ſuchten es, den aufgeregten Mann und die weinenden Frauen zu beruhigen. Einer von ihnen rieth Sparks, Erkundigungen über die Urſache des Verdachtes einzu⸗ ziehen. Dieſen Rath zu befolgen machte der Schloſſer⸗ meiſter ſich auf den Weg und erzählte bei ſeiner Heim⸗ kehr, daß der reiche Kaufmann Struttmann der Ur⸗ heber der ihm widerfahrenen Unbill ſei. Dieſer hatte nämlich ſein Geſchäft aufgegeben und den von Sparks einſt geöffneten Geldſchrank der Bank überlaſſen. Die geſtohlene Summe hatte ſich in dieſem Schranke, welcher mittelſt eines Häkchens oder Nachſchlüſſels geöffnet wor⸗ den war, befunden. Sogleich nach der Verübung des Diebſtahls hatte der Direktor der Bank Struttmann befragen laſſen, ob er im Beſitze eines zweiten Schlüſſels geweſen und dieſer ihm vielleicht entwendet worden ſei. Strutt⸗ mann, welcher wohl meinen mochte, daß die Zeit, ſich an Sparks und ſeinem Sohne zu rächen, nun erſchie⸗ nen ſei, hatte geantwortet, daß ſeiner Ueberzeugung nach nur ein Mann, nämlich der Schloſſermeiſter Amos Sparks, im Stande ſei, das Schloß des Schrankes zu öffnen. Nach den Erkundigungen, die der Direktor über die Familie Sparks eingezogen und welche ſämmtlich zu ihren Gunſten gelautet, hatte man an⸗ fänglich jede Beſchuldigung gegen die Ehre des Mei⸗ ſters zurückgewieſen. Als aber am Ende alle Verſuche, den Dieb zu entdecken, geſcheitert waren, ſah die Be⸗ hörde ſich genöthigt, eine Hausſuchung bei dem Be⸗ ſchuldigten halten zu laſſen. Dieſer Erzählung wohnte der unterdeſſen heimge⸗ kommene, von den beſtürzten Frauen von dem Vorgange unterrichtete JFakob bei. Kaum gelang es den vereinten Bitten ſeiner Mutter und Schweſtern ihn abzuhalten, auf der Stelle zu Struttmann zu gehen und von dieſem Genugthuung für ſeinen beleidigten Vater zu verlangen. Während dieſes Geſprächs, welches den jun⸗ gen Mann in die höchſte Aufregung verſetzt hatte, trat der Direktor der Bank ein und verlangte e ine Unterre⸗ dung unter vier Augen mit Sparks zu haben.„Re⸗ den Sie, mein Herr,“ rief dieſer aus,„ich habe keine Geheimniſſe vor meiner Familie.“ Das einfache, edle Benehmen des Schloſſers ſchien dem Direktor zu imponiren, er begann in ſichtlicher Ver⸗ legenheit und ziemlich verworrenen Ausdrücken den Grund ſeines Kommens zu enthüllen.„Ich bin von Eurer Ehrenhaftigkeit überzeugt, ſolltet Ihr aber dennoch gegen alle Wahrſcheinlichkeit zufällig im Beſitz der ent⸗ wendeten Million Thaler ſein, ſo würde man Euch ge⸗ gen freiwillige Herausgabe des größeren Theiles der Summe jede weitere Unannehmlichkeit erſparen kön⸗ nen.“ Kaum war dem athemlos an ſich haltenden Jakob die in dieſem Vorſchlage enthaltene Beleidi⸗ gung klar geworden, ſo ſtürzte er auf den Direktor zu, erfaßte ihn mit beiden Händen am Kragen ſeines Rockes, ſchleppte ihn auf die Straße hinaus und ſchloß die Thür hinter ſich. Dieſe unbeſonnene That hatte die traurigſten Fol⸗ gen für die Familie Sparks. Der Direktor bot ſeinen ganzen nicht unbedeutenden Einfluß auf, den Verdacht gegen Sparks immer dringender darzuſtellen, ſo daß dieſer wenige Tage nach der oben geſchilderten Scene in das Gefängniß abgeführt wurde. Ein peinlicher Monat verging, ehe Sparks vor dem Geſchworenengericht erſchien. Trotz der ſehr ge⸗ wandten Rede des von dem Bankdirektor beſtellten An⸗ waltes wurde über Sparks am Ende der Sitzung wegen Mangel an Ueberführungsgründen ein„nicht ſchuldig“ ausgeſprochen. Er durfte ſogleich das Gefäng⸗ niß verlaſſen und zu ſeiner glücklichen Familie zurück⸗ kehren. Aber ach! ihre Freude war nur von kurzer Dauer.— Der Verdacht, der auf ihm gelaſtet, folgte ihm nach ſeinem Hauſe, begleitete ihn überall hin wie ſein Schatten. Nur zu bald bemerkte er, ſo wie die Glieder ſeiner Familie, daß die Nachbarn, mit denen ſie bisher im freundlichen Verkehr geſtanden, ihnen aus⸗ wichen und ſich nach und nach von ihnen zurückzogen. Scheu und unwillig erwiederte man in der Straße ihre Grüße, und Tage vergingen, ehe irgend ein Kunde in dem kleinen Laden erſchienen wäre. Dazu kam noch, daß der heißblütige Jakob— der nicht ertragen konnte, ſeinen unſchuldigen Vater verachtet zu ſehen— faſt täglich ſich in allerlei Streitigkeiten für den Ruf und die Ehre desſelben einließ. Die Beſtellungen wurden immer ſpärlicher, und bald war es Sparks nicht mehr möglich, ſeine Familie von dem Ertrage ſeiner geringen Arbeit zu ernähren. So wurde denn zwei Monate nach der Freiſprechung im Familienrathe beſchloſſen, daß man Philadelphia, wo Ehre und Exiſtenz ſo ungerechter Weiſe verloren ſei, verlaſſen und ſich in einer andern Stadt niederlaſſen wolle. Als Jakob ſah, wie ſchmerz⸗ lich es ſeinen Eltern war, ihre geliebte Heimat zu ver⸗ laſſen, ſchlug er ihnen vor, allein weggehen und ſein Glück in der Fremde verſuchen zu wollen, um, wie er ſagte, ihnen durch ſeine Heftigkeit nicht immer neue Un⸗ annehmlichkeiten zu bereiten.„Nein, mein Sohn,“ er⸗ wiederte Sparks, ihn umarmend,„man würde Dich ſchuldig glauben, gingeſt Du allein weg. Es ſoll keine Trennung zwiſchen uns ſein. Laß uns unſer Unglück, unſern Schmerz vereint tragen.“ Der gefaßte Entſchluß wurde ſchnell ausgeführt; es fand ſich ein junger Mei⸗ ſter, der die Werkſtatt übernahm. Die übrigen Habſelig⸗ keiten der Familie wurden in wenige Bündel geſchnürt 42* 332 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. und waren bald am Bord des Dampfbotes, welches ſie ihrem neuen Wohnorte zuführte, untergebracht. Das Glück was dem ehrlichen Schloſſermeiſter ſo lange den Rücken gekehrt hatte, ſchien ihm in Norris⸗ town günſtig ſein zu wollen. Nachdem er von dem Gelde, welches er aus dem Verkaufe ſeiner Werkſtätte in Philadelphia gelöſt, einen Laden in guter Lage ein⸗ gerichtet hatte, befand er ſich in ſechs Monaten im Beſitz einer größeren, einträglicheren Kundſchaft, als er in ſei⸗ ner Vaterſtadt beſeſſen. Schon fing die ſchwer geprüfte Familie wieder an, Muth zu ſchöpfen, der traurigen Vergangenheit nicht mehr nachzuhängen und mit fri⸗ ſchem Vertrauen in die Zukunft zu blicken, als ein un⸗ glückſeliges Verhängniß einen Tuchhändler von Phila⸗ delphia nach Norristown führte. Dieſer, voll von Neid über den Wohlſtand des ſeiner Anſicht nach vorſchnell freigeſprochenen Mannes, rühmte ſich in einem Gaſt⸗ hauſe der Stadt, daß er des Schloſſermeiſters Amos Sparks Zukunft auf ſeiner Zungenſpitze trage. Wie er vorausgeſehen, ward er von allen Seiten zum Er⸗ zählen gedrängt, welchen Aufforderungen er natürlich ſehr gern und ausführlich nachkam. Nur allzu bald ver⸗ breitete ſich die Kunde von den Vorgängen in Phila⸗ delphia in der Stadt, und nach kurzer Zeit ſah ſich die Familie Sparks zu einem zweiten Umzuge genöthigt. Sie ſuchen einen neuen Zufluchtsort auf, ſind aber auch hier nicht glücklicher als in Norristown, die Kunde ihres unverſchuldeten Unglücks verfolgt ſie überall. Vom Schickſal ſo unerbittlich verfolgt, verläßt die Unglück⸗ lichen endlich der Muth, noch länger gegen Verdacht und Verachtung zu kämpfen. Es bleibt ihnen nur noch eins zu unternehmen übrig, das Schloſſerhandwerk ganz aufzugeben, ſich von den Menſchen, die ihnen ſo vielen Kummer und Kränkungen zugefügt, zurückzuziehen und ſich nach den großen weſtlichen Einöden zu begeben, um hier von der Bebauung des Bodens und den ſelbſt er⸗ zielten Produkten ihr Leben zu friſten. Traurig treten ſie eines Morgens dieſe, wie ſie glauben, letzte Reiſe an und machen ihren erſten Halt ſpät am Abend unter dem ſchützenden Laubdach einer ſchönen uralten Sycomore, um ihr Abendeſſen einzunehmen. Jakob, welcher vor Traurigkeit nicht Theil an dem gemeinſchaftlichen Mahle hatte nehmen können, ſetzte ſich in einiger Entfernung unter einem zweiten Baume nieder. Um ſeinen ſchmerz⸗ lichen Gedanken eine andere Richtung zu verleihen, be⸗ gann er ein unterwegs eingekauftes Zeitungsblatt zu leſen. Plötzlich hören ihn die Seinen einen Freudenſchrei ausſtoßen— er eilt zu ihnen und lieſt ihnen Folgendes in fliegender Eile vor:„Philadelphia: Der Dieb der Million Thaler iſt entdeckt. Sparks war nicht ſchuldig.“— Der ſonſt ſo ruhige Mann nimmt das Blatt aus den Händen ſeines Sohnes und lieſt ſelbſt weiter.„Kein anderer war der Dieb als der Zahlmeiſter der Bank ſelbſt. Im Augenblick, wo er hatte flüchten wollen, war er mit einem Mitſchuldigen feſtgenommen und, da die Summe bis auf eine fehlende Kleinigkeit bei ihm gefunden wurde, vollſtändig überführt worden.“ Der Berichterſtatter fügte hinzu, daß der Direktor der Bank ſein Verfahren gegen den verleumdeten Sparks nun freilich zu ſpät bereue und den Kaufmann Strutt⸗ mann beſchuldige, einen großen Theil der Schuld an dem der Unſchuld zugefügten Unrechte zu tragen. Die Stimme des Volkes fordere einſtimmig, daß dem Ge⸗ kränkten Genugthuung gegeben werde und daß die Bank alles aufbiete, die Familie Sparks wieder auf⸗ zufinden, um ihr vollſtändigen Erſatz für den erlittenen unverſchuldeten Verluſt zu geben. Niemand vermöchte die Freude und das Glück der ſo ſchwer Heimgeſuchten bei dieſer unerwarteten Kunde zu ſchildern. In Aller Augen glänzten Freudenthränen und einmüthig knieten ſie nieder, ein heißes Dankgebet zu Gott emporſteigen zu laſſen.„Laßt uns zurückkehren nach Philadelphia,“ rief endlich Fakob, nachdem der erſte Freudenrauſch verflogen.„Ja, auf nach Philadelphia!“ ſtimmten ihm Alle freudig bei. Der Tag ihrer Rückkehr, den Sparks dem ein⸗ zigen Freunde, welcher in Noth und Verleumdung ſich ihm ſtets treu erwieſen, angezeigt hatte, war ein feſt⸗ licher für die Familie Sparks und die Bewohner Philadelphia's. Eine Menge Menſchen gingen ihnen entgegen und führten ſie wie im Triumphe ein. Es war eine Sammlung veranſtaltet und ein Feſtmahl vorbe⸗ reitet worden, bei welchem die Sparksſſche Familie die Ehrenplätze einnahm. Nach der Tafel, welche durch viele ihnen zur Ehre und zum Lobe geſprochene Reden und Trinkſprüche belebt war, begleitete ſie die enthu⸗ ſiaſtiſche Menge mit Hurrahrufen nach ihrer alten klei⸗ nen Wohnung. Der bisherige Bewohner hatte ſie Sparks wieder freiwillig überlaſſen. Dem Vorſchlage, einen Proceß gegen den Bankdirektor einzuleiten, ſchenkte er kein Gehör und ſchlug ſelbſt das reiche Anerbieten desſelben, ihm eine jährliche Rente auszuſetzen, ab. Gern und dankend empfing er dagegen die Beſtellun⸗ gen wichtiger, jahrelanger Arbeiten, welche von ver⸗ ſchiedenen Handelsherren und der Behörde der Stadt bei ihm gemacht wurden. Bald arbeiteten unter ſeiner Leitung zahlreiche Gehilfen, und nachdem Jakob im Stande war, ihm viel von den Geſchäften, die ſich täg⸗ lich vermehrten, abzunehmen, blieb ihm zuletzt doch noch Zeit übrig, ſeinen Verbeſſerungen und Erfindungen, welche auszuführen ihm nun die Mittel nicht mehr fehlten, nachzudenken und dieſelben in's Werk zu ſetzen. Von dieſer Zeit an wurde der Wohlſtand und das Glück der Familie Sparks nicht mehr geſtört. Sparks ſah alle ſeine Unternehmungen gelingen, genoß bis zu ſeinem Ende die Achtung und das Vertrauen ſeiner Mitbürger and bekleidete oft hohe bürgerliche Ehren⸗ ſtellen, zu denen man, wie es hieß, keinen beſſeren, recht⸗ licheren Mann als den Schloſſermeiſter Amos Sparks wählen könne.(Baz.) —e A h daß dem Ge. 2 und daß die ks wieder auf⸗ den erlittenen and vermöchte Heimgeſuchten n. In Aller ig knieten orſteigen Philadelphia,“ e Freudenrauſch ſtimmten ihm arks dem ein⸗ erleumdung ſich war ein feſt⸗ die Bewohner ingen ihnen n. Es war ſtmahl vorbe⸗ rksſſche Familie fel welche durch prochene Reden ſie die enthu⸗ hrer alten klei⸗ hatte ſie Vorſchlage N ſcheokt iche Anerbieten etzen, ab. die Beſtellin nelche bon ber⸗ de der Stadt munter ſeiner Jakob im ten die ſic täͤg⸗ Gulezt doch noch brindungen, rich mehr niel Der Soldatenrock als Kulturmittel. 333 Der Soldatenrock als Kulturmittel. MPaß Marie Stuart beſſer war, als ihr Ruf, iſt WPeine alte Geſchichte. Daß in unſerm Soldaten⸗ (— weſen ein mächtiges, wenn auch nicht gerade XWddurch Wohlfeilheit ausgezeichnetes Bildungs⸗ k element gegeben iſt, dürfte minder bekannt ſein. . Zweierlei⸗ Tuch iſt durchſchnittlich bei der ſchöneren Hälfte der Menſchen ebenſo beliebt, wie bei der ſtärkeren Hälfte unbeliebt, und die Stimmung der Letzteren ruft viele ſchiefe Urtheile hervor. Man ſieht die Schatten⸗ ſeiten des Soldatenweſens bis auf das kleinſte ſchwarze Pünktchen, aber man überſieht die Lichtſeiten, obgleich ſie weit überwiegen. In der That iſt jedes Heer eine Schule, in der Tauſende und aber Tauſende eine gute und ſtrenge Erziehung durchmachen. Sie weiß ihre Schüler überall zu finden, nicht das entlegenſte Feld⸗ dorf, nicht der einſamſte Weiler im Hochgebirge entgeht ihr, und wohin ſonſt gar keine Kultur dringen würde, dahin ſchickt dieſe Schule ihre entlaſſenen Zöglinge und macht dadurch Propaganda für die Bildung. Wer ein⸗ mal gedient hat, wird dadurch auf eine höhere Stufe gehoben, und ſelten wird ſich das Erlernte von einem „alten Soldaten“ ganz abſtreifen. Wir ſagen das natürlich mit Bezug auf die unterſten Klaſſen, die der Kultur am bedürftigſten ſind und aus denen die Heere faſt ausſchließlich ihre Rekruten holen. Was würde aus dieſen Klaſſen werden, wenn ihre Angehörigen, nachdem ſie der Dorfſchule entwachſen ſind, ſich ſelbſt überlaſſen blieben! Zum größten Theile würden ſie eine todte Maſſe ſein, von ſich ſelbſt und von der Welt nichts wiſſen und weder von Ordnung noch von Reinlichkeit einen Begriff haben. Es iſt ſehr bezeichnend, daß die Regierungen verwahrloſter Völker, wenn ſie zu Reformen ſchreiten, ſtets mit der Annahme unſeres Heerweſens den Anfang machen. Dieſes iſt den Türken, den Perſern, den Sikhs und andern ſolcher Völker mehr zu dem ge⸗ worden, was ein Pfropfreis für einen wilden Stamm iſt. Wenden wir uns zur Vergangenheit zurück, ſo wird uns über die kulturgeſchichtliche Miſſion des Sol⸗ datenthums kein Zweifel bleiben. Bleich ſeine erſten Repräſentanten, die in der Geſchichte der neuern Völker auftreten, wurden zu dem Hammer, der das alte Lehns⸗ weſen zerſchlug. Spaniſche Soldaten unterwarfen wie im Fluge die neue Welt, portugieſiſche, holländiſche und engliſche Soldaten wurden die Gründer von aſiatiſchen Reichen, auf der Baſis des Soldatenthums erhob ſich Preußen, mit einem Beſen von Bajonneten kehrte Napoleon den Wuſt des alten Europa's weg. Wie in der politiſchen Geſchichte, ſo hat auch in der Sitten⸗ geſchichte das Soldatenthum ſeine Rolle geſpielt, heute im guten, morgen vielleicht im böſen Sinne. Es hat ſeine Zeiten der Erhebung, ſeine Zeiten des Verfalls gehabt. Aus dem ehrbaren frommen Landsknecht iſt der Räuberſoldat des dreißigjährigen Krieges geworden, aus dem ehrliebenden Soldaten des großen Kurfürſten der zuchtloſe geworbene Knecht von 1780, der ſeine Fahne wechſelte, als ob es ein Hemd wäre. Die kulturgeſchichtliche Seite des modernen Heer⸗ weſens hat noch keine erſchöpfende Darſtellung gefunden. Man pflegt ſie in den Werken, die ſich mit der Sitten⸗ geſchichte befaſſen, ganz nebenbei zu behandeln. Auch ein neues Werk des Grafen Rudolf von Kanitz: „Aus dem deutſchen Soldatenleben“ Berlin, bei Wilhelm Hertz) iſt nicht als eine Löſung der bis⸗ her vernachläſſigten Aufgabe zu betrachten. Sein ſehr gebildeter und gut unterrichteter Verfaſſer hat ſeine Arbeit ſelbſt nur als„Militäriſche Skizzen zur deutſchen Sittengeſchichte“ bezeichnet. Die Auffaſſung des Sol⸗ datenweſens iſt aber die richtige und kann Andern, die eine ganze Geſchichte der modernen Heere zu geben gedenken, als Richtſchnur dienen. Als den Schöpfer der Landsknechte, die zum Aus⸗ gangspunkte für unſere Heere wurden, betrachtet Graf Kanitz den Kaiſer Maximilian I. Ueber den Namen Landsknecht iſt viel geſtritten worden und man hat ihn bald von Lanze, bald von Land hergeleitet. Die letztere Erklärung verdient den Vorzug. Landsknechte, d. h. Knechte vom flachen Lande, nannte man die neuen Fußtruppen, im Gegenſatze zu ihren berühmten Neben⸗ buhlern, den Schweizern aus dem Hochgebirge. Die Landsknechte, dieſe Schöpfung des„letzten Ritters“, verſetzten dem Ritterthum den Todesſtoß. Die Reiter⸗ ſcharen des Lehnsadels konnten gegen die Schlacht⸗ ordnung des neuen Fußvolks nichts ausrichten. Die Formation, welche für faſt unüberwindlich gehalten wurde, war die der gevierten Ordnung, wobei die Schlachthaufen ebenſo viel Rotten tief ſtanden, als das vorderſte Glied Streiter zählte. Da die Anzahl der Fähnlein verſchieden war, ſowie auch die Stärke derſelben, ſo war auch die Stärke dieſer Kolonnen eine ſehr verſchiedene. Wir finden deren von 100 bis zu 10.201 Mann angegeben. Letztere Schlachthaufen waren Quadrat⸗Kolonnen, welche aus 101 aufgeſchloſſenen Gliedern gebildet waren, von denen jedes auch 101 Köpfe zählte. Dieſer ungeheure Haufen muß allerdings einen äußerſt impoſanten Eindruck gemacht und auch eine beträchtliche phyſiſche Druckkraft entwickelt haben; ebenſo begreiflich iſt es aber auch, daß, wenn der Angriff (der Choc) ſolcher Maſſen nicht gelang, der Feind aber ſich hineinzudrängen wußte, die gänzliche Vernichtung die faſt unausbleibliche Folge ſein mußte, da 10.000 ineinandergedrängte, ſchwerfällig bewaffnete Menſchen ſich eher gegenſeitig behindern als unterſtützen können und folglich faſt wehrlos waren, ſobald die kompakte Maſſe erſt einmal durchbrochen war. Wenn nun ein ſolcher Haufen ſich zum Angriff vorwälzte, ſo zogen ihm vorher eine Anzahl Freiwillige oder durch das Los Beſtimmte voraus, welche der verlorene Haufe(enfans perdus) genannt wurden, da ſie bei rückgängigen Bewegungen häufig in Stich gelaſſen werden mußten. Dieſe eröffneten gewiſſermaßen als eine Art Tirailleurs das Gefecht, wobei ſie von den an die Flügel der nachdrückenden Kolonne ange⸗ hängten Hakenſchützen unterſtützt wurden. Ehe aber das Gefecht begann, ſtürzten Alle in füßfälligem Gebet auf die Knie und warfen den Staub hinter ſich, gleichſam — — — 334 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. als wollten ſie dadurch in dem hochwichtigen Augen⸗ blicke, da ſie im heißen Kampfe ihr Leben für ihren und ihres Kriegsherrn Ruhm und Ehre einzuſetzen in Begriff waren, alles Schlechte, Irdiſche von ſich ſchleu⸗ dern. Dem Haufen unmittelbar voran zogen die Oberſten und Hauptleute, um vor dem eigentlichen Maſſen⸗ angriffe durch ritterliche Zweikämpfe mit ebenbürtigen Gegnern ihren Untergebenen mit kühnem Muthe voran⸗ zugehen, und die Geſchichte hat uns ſchöne Beiſpiele ſolcher einzelnen Heldenkämpfe aufbewahrt, die an die glänzendſten Tage des blühenden Mittelalters erinnern. Nun erſt folgte der ſogenannte helle Haufen, in fol⸗ gender Zuſammenſetzung Zuerſt ſieben bis neun Glieder mit langen Spießen, welche gefällt wurden, weßhalb die Hintermänner auf die Lücken der vorderen Glieder traten; dann fünf Fähnlein, umgeben von einem Blatt Knechte mit kurzen Waffen(unter einem Blatt verſtand man eine gewiſſe Anzahl Glieder von Gleichbewaffneten); hierauf folgte ein Wald von aufrecht getragenen Spießen, an welche ſich, etwa die Mitte der Kolonne bildend, ein Blatt Schwerter und Hellebarden anſchloß, in deſſen Innern wieder vier bis fünf Fähnlein flatterten. Nun kam nochmals eine ſtarke Anzahl Glieder mit langen Spießen, dann noch ein Blatt mit kurzen Waffen, welche die letzte Fahnenreihe umgaben, und endlich, die queue der Kolonne bildend, drei bis fünf Glieder mit Spießen, wozu die kräftigſten Männer ſorgfältig aus⸗ gewählt waren, wie um den ganzen mächtigen Koloß bei etwaigem Stocken mit Fauſtgewalt vorwärts zu drängen. Eine Reihe Hauptleute und Doppelſöldner folgten dem Haufen, welche die Beſtimmung hatten, Zaghafte und Stutzende vorwärts zu bringen, feig davon Fliehende aber niederzuſtoßen. Eine andere beliebte Gefechtsform, die aber haupt⸗ ſächlich nur in Defenſivſtellungen oder bei rückgängigen Bewegungen, namentlich der Reiterei gegenüber zur Anwendung kam, war der ſogenannte Igel, ähnlich, wenn auch viel maſſenhafter, unſerm von den Schützen bei Kavallerieangriffen zu bildenden Knäuel. Die Knechte machten Front nach allen Seiten und die außenſtehenden ſenkten ihre Spieße in ſchräger Richtung quer überein⸗ ander. Zwiſchen die Spießträger wurden Hakenſchützen gemiſcht und auf dieſe Weiſe gelang es häufig, ſelbſt weit überlegene Reiterangriffe zurückzuweiſen. Die Landsknechte hatten einen gut bürgerlichen Charakter und lebten in einfachen, nach ehrbarer Zunft⸗ ſitte geordneten Verhältniſſen. Nur unbeſcholtene Burſche, die auf eine würdige Behandlung Anſpruch machten, fanden in ihren Reihen Aufnahme. Ihr wohlgeordneter Gerichtsgebrauch hat ſich in den Kriegsgerichten bis auf unſere Tage erhalten. Selbſt die ſoldatiſchen Fehler, die man ihnen vorwarf, wurzelten in ihren bürgerlichen Gewohnheiten. Sie wollten im Felde ihre gute Ord⸗ nung haben und wurden dadurch langſam und ſchwer⸗ fällig. Als ſie in den Türkenkriegen zur Zeit der Refor⸗ mation wenig Erfolge hatten, ſagte Luther von ihnen: „Freilich können ſie wider den harten Erzfeind nichts ausrichten, da ſie immer ihre linden Federbetten unter ſich haben müſſen.“ Die meiſten Knechte nahmen ihre Frauen in den Krieg mit, und ſo entſtand ein unge⸗ heurer, den Marſch erſchwerender Troß. In ihren kurzen kräftigen Sinnſprüchen erfreut uns ein biederer Sinn. Zum Beweiſe mögen die folgenden dienen. Sollſt dich nicht beſaufen, Aus dem Gefecht nicht laufen, Gott, den Herrn, lobpreiſen, Wohl verwahr'n Dein Eiſen, Auf dein Fähnlein blicken, Dich in Mühſal ſchicken. Wer Lob und Ehr erlangen will, Derſelb allzeit muß wachen viel, Muß nit in Faulheit jubilir'n, Sondern in ſein Schild und Helm führ'n. Ehrenfreudigkeit, wachbar und rund, Treu, mannlich mit Hand, Herz und Mund; Dann auß der faulen Rott' und Art Nie keiner zu kei'm Ritter ward. Und noch eins, wenn auch wohl aus etwas ſpäterer Zeit: Will bang Dir werden in Schlacht und Kampf, Umhüllt Dich Qualm, Schutt und Dampf, Blick auf Dein Fähnlein, trau auf Gott, Verachte Deiner Feinde Spott. Drück feſt den Helm Dir ins Geſicht, Hau brav um Dich und fürcht' Dich nicht: Wer Gott vertraut, Brav um ſich haut, Wird nimmermehr zu Schanden! An dem ſittlichen Verfall der Landsknechte trugen die Fürſten viel Schuld. Sie hatten ſelten Geld und kannten unſer Auskunftsmittel der Staatsſchulden noch nicht. Ihre Krieger erhielten daher oft Monate lang keinen Sold, mußten aber doch leben und halfen ſich ſelbſt, indem ſie Freund und Feind plünderten. Solche Heere müſſen ſchnell verwildern. Ein Beiſpiel bietet uns der Zug des Konnetable von Bourbon gegen Rom. Karl V., der Herr beider Indien, hatte einen leeren Beutel, und man vertröſtete die meuternden Lands⸗ knechte auf Rom. Als ſie die ewige Stadt erſtürmt hatten, machten ſie ſich bezahlt. Rom blutete unter den Gräueln der roheſten Brutalität einer verwilderten Soldateska, die ſowohl das Andenken ihres großen Führers als auch den bisher erworbenen Soldatenruhm befleckte. Die zügelloſen Banden hauſten wochenlang auf haarſträubende Weiſe in der Weltſtadt, bis Papſt Klemens VII., der ſich ſelbſt in die Gewalt der kaiſerlichen Heere begab, durch glän⸗ zende Geldverſprechungen endlich ihren Abzug aus derſelben bewirkte. Da aber dieſe glänzenden Verſpre⸗ chungen nicht erfüllt wurden, kehrten die gänzlich auf⸗ gelöſten, durch die Peſt und andere anſteckende Krank⸗ heiten, namentlich durch die übertriebenſten Ausſchwei⸗ fungen decimirten Banden, ohne alle Disciplin und ohne Führer, deren ſie ſich durch Mord und Meuterei längſt entledigt hatten, wieder nach Rom zurück, um dort noch ärger als zuvor zu hauſen. Erſt den ange⸗ ſtrengteſten Bemühungen des Kaiſers und der anderen Mächte gelang es endlich, den Papſt von ſeinen Peini⸗ gern, Rom und Italien von ihren Blutſaugern zu befreien. Aber nur wenige erreichten den vaterländiſchen — Bodel komme Die als„ genar bei I Weig im R verſe ſcim in de Das Herku riſſiſ verüb ſchon ihner werd dert nit dem ichs Di krie Ads einſ ware die und — ein unge⸗ ihren kurzen derer Sinn. aus etwas ct ehte teugen Geld und zulden noch onate lang halfen ſich Solche eiſpiel bietet gegen Rom, einen leeren nden Lands⸗ t erſtürmt der roheſten die ſowohl den bisher uigelſe bende Weſf der ſih ſebſt durch glän. tzug aue Verſpte⸗ azlich auf⸗ ande frrnt n Ausſchwe olin und t euterei der anderen augern zu ndiſchen Der Soldatenrock als Kulturmittel. 335 Boden. Sie fielen faſt ſämmtlich vereinzelt und ver⸗ kommen ihrer gänzlichen Demoraliſirung zum Opfer. Die wenigen Reſte dieſer einſt ſo ſtolzen Heere zogen als„gartende Knechte“, wie die entlaſſenen Soldaten genannt wurden, welche mit dem Schwerte in der Hand bei Bürger und Bauern Almoſen forderten und jede Weigerung mit Mißhandlung und Lodtſchlag rächten, im Reiche umher, Land⸗ und Stadtgemeinden in Schrecken verſetzend, und fanden ſchließlich zum großen Theil ein ſchimpfliches Ende auf dem Hochgerichte. Auf ſeinem Tiefpunkte kam das Soldatenthum in der eiſernen Zeit des dreißigjährigen Krieges an. Das Geſindel der halben Welt von den Säulen des Herkules bis zum Balkangebirge und von den klein⸗ ruſſiſchen Steppen ſammelte ſich in Deutſchland und verübte drei Jahrzehnte lang jeden Gräuel. Hauſten ſchon die geordneten Heere ſchrecklich, ſo trieb es das ihnen folgende Geſindel noch ſchrecklicher. Dieſe Marodeurs, auch Merode⸗Brüder genannt, werden von einem Zeitgenoſſen folgendermaßen geſchil⸗ dert:„Betreffend nun erſtlich ihren Namen, will ich nit hoffen, daß es demjenigen dapfferen Kavalier, unter dem ſie ſolchen bekommen, ein Schimpf ſei, ſonſt wollte ichs nicht einem Jeden ſo öffentlich auf die Nas binden. Dieſer Name wird nicht abgehen, ſo lange die Teutſche kriegen; es hat aber eine ſolche Beſchaffenheit damit: Als dieſer Kavalier(nämlich ein Herr von Merode) einſtmals ein neu geworben Regiment zur Armee brachte, waren die Kerle ſo ſchwacher, baufälliger Natur, wie die frantzöſiſche Britanier, daß ſie alſo das Marſchirn und ander Ungemach, das ein Soldat im Feld aus⸗ ſtehen muß, nit erleiden konnten, derowegen denn ihre Brigade zeitig ſo ſchwach wurde, daß ſie kaum die Fähn⸗ lein mehr ausfüllen konnte, und wo man einen oder mehr Kranke und Lahme auf dem Marſch, in Häuſern und hinter den Zäunen und Hecken antraf und fragte: Was Regiments! ſo war gemeiniglich die Antwort: „von Merode!“ „Davon entſprang, daß man endlich alle dieje⸗ nige, ſie wären gleich krank oder geſund, verwundt, oder nit, wenn ſie nur außerhalb der Zugordnung daher zot⸗ telten, oder ſonſt nicht bei ihren Regimentern ihr Quar⸗ tier im Feld nahmen, Merode⸗Brüder nannte, welche Burſch man zuvor Immenſchneider geheißen hatte; denn ſie ſind wie die Brumſer in den Immenfäſſern(Bienen⸗ ſtöcken), welche, wenn ſie ihren Stachel verloren haben, nicht mehr arbeiten, noch Honig machen, ſondern nur freſſen können. Ein Reuter, ſo ſein Pferd und ein Mus⸗ ketier ſeine Geſundheit verleurt, ſo vergleichts ſich mit nichts beſſer, als mit den Zügeinern, weil ſolch Geſind⸗ lein nicht allein nach ſeinem Belieben vor, nach, neben und mitten unter der Armee herumb ſtreicht, ſondern auch denſelben beydes an Sitten und Gewohnheit ähn⸗ lich iſt; da ſieht man ſie haufenweis bei einander(wie die Feldhühner im Winter) hinter den Hecken, im Schat⸗ ten oder nach ihrer Gelegenheit an der Sonnen oder irgends umb ein Feuer herumb liegen, Tabak zu kauen und zu faullenzen, wenn unterdeſſen anderwärts manch ’ armer Soldat vor Mattigkeit unter ſeinen Waffen ver⸗ ſinken möchte. Sie ſpoliren vor, neben und hinter der Armee alles, was ſie antreffen; und was ſie nicht ge⸗ nießen können, verderben ſie, alſo daß die Regimenter, wenn ſie in die Quartier oder ins Läger kommen, offt nicht einen guten Trunk Waſſer finden.“ Ein Spottgedicht der Zeit läßt die Soldaten von ſich ſelbſt ſagen: „Wir ſind Leut von Qualitäten, Unter uns iſt wenig Beten, Fluchen, Läſtern, Bauern plagen, Nichts nach Höll' und Himmel fragen. Wir tragen, was nicht gehen kann Und führen es mit uns von dan'n; Was mancher Bauer lang verborgen, Das macht uns manchen frohen Morgen. Wir ſorgen nicht um Wein und Bier Wann wir nur finden gut Quartier, So ſchafft man uns all' dieſe Sachen, Wenn wir uns wacker unnütz machen. Oft müſſen wir den Hiob ſingen Und hungern, daß die Bäuche ſpringen; Oft ſind wir ganz von Beuten reich Und leben recht den Schweinen gleich. Vor uns man Alles muß verhehlen, Dieweil wir wie die Raben ſtehlen. Wir freſſen manchen guten Braten; Mit Namen heißt man uns Soldaten!“ Die Wiedererhebung des Soldatenthums erfolgte durch Preußen und ſeinen großen Kurfürſten. Man nahm tüchtige Leute in das Heer auf, ſorgte vorzüglich für die Ausbildung der Officiere und bezahlte die Leute ſo, daß ſie nicht zu plündern brauchten. Die erſte Frucht der neuen Ordnung war der glänzende Sieg von Fehr⸗ bellin(18. Juni 1675). Ihm folgte die Eroberung von Demmin durch den Generallieutenant v. Görkzke, bei der eine That geſchah, die uns zeigt, welcher Geiſt in den brandenburgiſchen Soldaten lebte. Görtzke beſchloß, dieſe Feſte womöglich durch Ueber⸗ rumpelung zu nehmen, und hatte eine ſtürmiſch dunkle Nacht zur Ausführung dieſes kühnen Vorhabens aus⸗ erſehen. Fünfundzwanzig Dragoner, geführt von dem Wachtmeiſter Jobſt Bertram, waren freiwillig vorge⸗ treten, um das Unternehmen zu wagen, bei dem es darauf ankam, eine über den Graben geſchobene Planke zu überſchreiten, den Wall zu erklettern, die Thorwache niederzumachen und den inzwiſchen außerhalb verſam⸗ melten Truppen die Thore zu öffnen. Um eilf Uhr Abends führte Jobſt Bertram in aller Stille ſeine tapfern Fünfundzwanzig zu der Stelle, wo die Planke über den Graben geſchoben werden ſollte. Die Schwe⸗ den mußten, ſollte es gelingen, im Schlafe überfallen werden; tiefes lautloſes Schweigen war daher die ein⸗ zige Inſtruktion, die jeder ſich einzuprägen hatte. Der alte Görtzke war ſelbſt zugegen und gab das Zeichen zum Hinüberſchieben der Planke, was unentdeckt ge⸗ lang. Der Wachtmeiſter betrat ſie zuerſt, und kam wohl⸗ behalten drüben an; ihm folgte in athemloſer Stille Einer nach dem Andern, bis auch der Einundzwanzigſte die ſchmale Bahn betrat. Er mochte ungefähr bis an die Mitte des Grabens gekommen ſein— da plötzlich hört man ein dumpfes Geräuſch, wie von einem ſchwe⸗ ren Falle, die Waſſer rauſchen auf, die Planke klatſcht 336 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. zwei bis drei Mal auf den Spiegel, dann aber iſt Alles ſtill, wie zuvor. Stumm und lautlos war der Tapfere in den Tod gegangen, die Ordre, der er ſich Angeſichts eines ſchrecklichen Unterganges klar bewußt blieb, ſchloß ihm den Mund. Aber dieſer traurige Un⸗ fall konnte das Unternehmen nicht aufhalten; die Letzten folgten und gelangten glücklich hinüber, und Görtzke eilt in das Lager zurück, um an der Spitze der Seinigen ſich zum Eindringen bereit zu halten. Kaum ſitzt er im Sattel, da knallen Schüſſe aus der Stadt; der bekannte Siegesruf:„Hoch, Brandenburg!“ tönt durch die Nacht, die Thore fliegen auf und mit Hurrah dringen die Trup⸗ pen in die durch jene tapferen Freiwilligen ihnen geöff⸗ neten Straßen. Nach kurzem, blutigem Gefecht ſind die ſchlaftrunkenen Schweden beſiegt, niedergemacht, gefan⸗ gen, und der rothe Adler flattert von den Wällen des eroberten Demmin. Als am andern Morgen der General die fünf⸗ undzwanzig Freiwilligen vortreten laſſen wollte, konnten nur noch acht erſcheinen, von den anderen waren vier ſchwer bleſſirt, die übrigen, auch der Wachtmeiſter, wa⸗ ren todt. Die Leiche des Ertrunkenen war im uner⸗ gründlichen Moor verſunken, ſein Vordermann wie ſein Hintermann waren geblieben, und ſo iſt ſein Name nie ermittelt worden. Der Ruhm des preußiſchen Heeres erhielt ſich in jenem und dem folgenden Jahrhundert ungeſchwächt. Während man aber in faſt allen Ländern Preußen ſich zum Muſter nahm, begann der Geiſt aus ſeinen Trup⸗ pen zu weichen. Unter Friedrich dem Großen ſelbſt, in den letzten Jahren des ſiebenjährigen Krieges, verſchlech⸗ terte ſich der preußiſche Soldat. Die alten Kernſcharen hatten ſich ſtark gelichtet und waren durch Ueberläufer, Kriegsgefangene und Landſtreicher erſetzt worden. Um dieſe Menſchen im Zaume zu halten, bedurfte es einer ſtrengen entwürdigenden Zucht. Nach dem Hubertsbur⸗ ger Frieden kam der Kamaſchendienſt in Flor, geiſtloſe Officiere gaben Alles auf Aeußerlichkeiten und Schnurr⸗ pfeifereien, doch hielt ein Reſt der alten Tüchtigkeit noch in den erſten Revolutionskriegen vor, und erſt als Na⸗ poleon die Franzoſen in ſeine beſſere Schule genommen hatte, konnte in der Schlacht bei Jena der zerſchmet⸗ ternde Schlag auf die„Schüler des großen Friedrichs“ geführt werden. Das Söldlingsheer verſchwindet nun, ſeine Stelle nimmt das Volksheer ein, deſſen Geſchichte mit dem Feldzuge von 1809 beginnt. Aus dem Kern der Bevölkerung herausgenommen und in dieſe nach kurzer Dienſtzeit zurückkehrend, iſt dieſes Heer, obgleich man es gern zu einem getrennten Körper machen möchte, weſentlich ein Beſtandtheil des Volkes. Vom höheren kulturgeſchichtlichen Standpunkte aus läßt es ſich deß⸗ halb bezweifeln, ob von 1809 an von einer Geſchichte des Soldatenthums noch wird die Rede ſein können. Welchen Werth als Bildungselement das Heer gerade jetzt hat, deuteten wir bereits an. Ein Abenteurer wider Willen. Erzählt von Emil Dietze. (Fortſetzung.) Fhe portugieſiſche Hauptſtadt war eben jetzt ganz beſonders ſehenswerth; im November vorher war ſie von dem allbekannten Erdbeben heimgeſucht 9 worden, und von den grauenvollen Verwüſtungen, welche dasſelbe angerichtet, zeigten ſich noch überall die ſe aſwech Spuren. Jolky be⸗ nutzte die müßige Zeit, in der Stadt und in ihrer nächſten Umgebung umherzuſchlendern; aber dies ſetzte ihn in die traurige Nothwendigkeit, vom Morgen bis zu ſeiner Rückkehr am Abend zu hungern, denn er beſaß nichts, um ſich irgend einen Genuß verſchaffen zu können. Dies gab ihm den Muth, den Kapitän um eine klingende Belohnung, die er für ſeine während der langen Fahrt geleiſteten Dienſte wohl beanſpruchen zu dürfen glaubte, zu bitten. „Was!“ ſchrie ihm dieſer entgegen,„Geld wollt Ihr haben? Iſt es nicht genug, daß ich Euch mitge⸗ nommen und die ganze Zeit über unentgeltlich beköſtigt habe?“ Und der Mann lachte ſo höhniſch, daß unſer armer Teufel ſich voller Scham und Verdruß und mit dem Vorſatze, einem ſo undankbaren Manne nicht ferner zu dienen, zurückzog. Jolky hatte nun zwar volle Muße, ſich die Ruinen von Liſſabon anzuſehen, allein daran dachte er nun kaum noch; ſeine Gedanken beſchäftigten ſich jetzt weit mehr damit, ein Schiff aufzufinden, deſſen Führer ihn beſſer lohnte. Fahrzeuge gab es im Hafen genug und von allen Gattungen. Andreas lief von einem zum andern, auf keinem bedurfte man eines Schneiders. Da ſchlich er denn recht traurig einher, und wenn ſich nicht ein paar gutherzige Matroſen ſeiner angenommen und ihm von ihrem Ueberfluß einige Brocken mitgetheilt hätten, er hätte, ohne daß ein Hahn darum gekräht, in Liſſabon verhungern können. Einer ſeiner Gutthäter gehörte einem Malteſer⸗ ſchiffe an, das in wenigen Tagen unter Segel gehen ſollte. Ermuthigt von ſeinem ſeemänniſchen Freunde, machte er noch einen Verſuch bei deſſen Kapitän. Der Erfolg war kein beſſerer als alle ſeine bisherigen, er wurde kurz abgewieſen. Jolky ließ indeß ſeinen letzten Retkungsanker nicht ſo ſchnell fahren; er legte ſich auf Bitten. Lange wollten auch dieſe nicht fruchten; aber endlich erreichte er doch, was er wünſchte: Aufnahme und Ausſicht auf Lohn für ſeine Arbeit. Wie es beſtimmt war, trat das Fahrzeug ſeine Fahrt wenige Tage darauf in Begleitung eines größeren Schiffes an. Das Wetter war heiter, der Wind günſtig: Alles ging vortrefflich bis zum ſechsten Tage. Eine kräftige Briſe, die ſich am Morgen erhoben hatte, trieb die beiden Fahrzeuge raſch vorwärts. Da gewahrten ſie gegen Mittag in ziemlicher Entfernung ein ungeheuer großes und zwei kleinere Schiffe, die, wie ſie bald zu ihrem Schrecken erkannten, Naubſchiffe waren. Schnell⸗ ben jezt gauz der borher war eimgeſucht gerwüſtungen, en ſich noch n. Jolky he⸗ rer nächſten ſezte ihn in Szu ſeiner beſaß nichts, können. Dies eine küngende langen Fahrt rfen glaubte, Geld wollt Euch mitge⸗ tlich beköſtigt ſch, daß unſer druß und mit ne nicht ferner ze, ſich die an dachte er ten ſich jetzt eſſen Führer Gn d von einem es Schneidets. wenn ſich 8 genommen ien mikgethel mn gekkäht in m Malteſer⸗ (aehe Segel gehen 1 Freunde Der 1 zſeir te ſich alf ber me 9 fruchten; 0 „ Aufnah gahrzeug ſeine nes größeren eot ind günſtig Emil Dietze: Ein Abenteurer wider Willen. 837 Flucht hätte ſie retten können, unglücklicher Weiſe trieb ſie der Wind ihnen gerade entgegen. Der Wind wurde zum Sturm; näher und näher kamen ſie den Korſaren. Da zerſplitlerte der Mittelmaſt und jetzt waren weitere Fluchtverſuche geradezu unmöglich. Daß es zum Kampfe kommen würde, darüber konnte Niemand in Zweifel ſein, und da er nicht zu vermeiden war, rüſtete man ſich dazu. Was nutzte die tapferſte Gegenwehr gegen die Uebermacht der Türken? Die beiden Malteſerſchiffe waren nach kurzem Gefecht geentert, die Muſelmänner ſtürmten auf das Verdeck, hieben Jeden nieder, der ihnen Widerſtand leiſtete und legten die Wehrloſen in Feſſeln. Jolky, der ſchmächtige, waffenloſe Jüngling, gehörte zu dieſen letzteren. Sieben lange Wochen ſchwammen die armen Ge⸗ feſſelten auf dem Meere und ſieben lange Wochen mußten ſie ſich an der Ruderbank abmühen, ohne daß man dafür geſorgt hätte, ſie mit anderer als der elendeſten Koſt abzuſpeiſen. Endlich erreichten ſie Land. Wie es hieß, hat Jolky nie erfahren, denn die Sprache ſeiner Kerkermeiſter war ihm fremd. Nach einem kurzen Aufent⸗ halt am Hafen ſetzte ſich der Zug der Gefangenen unter gehöriger Bedeckung in Bewegung. Auf dem Marktplatze einer volkreichen Stadt machten ſie Halt; ſie wurden zum Verkauf ausgeſtellt. Ohne Zweifel hielten die Korſaren Jolky, ſeiner zarten Hände wegen, für einen Jüngling von vornehmer Abkunft, wenigſtens war der Preis, den man für ihn forderte, ſo hoch, daß Alle vor dem Kaufe zurückſchreckten. Während alle ſeine Unglücksgeſährten Liebhaber fanden, blieb er allein übrig. Er wurde weiter transportirt nach einem Orte, der Bachna hieß. Hier fand unſer Andreas ſeinen Käufer in einem vornehmen Türken, einem wohl⸗ wollenden Greiſe, der ihm das Joch der Sklaverei kaum empfinden ließ, deſſen Aufſeher indeß durch Grau⸗ ſamkeit das rechte Maß wieder herbeizuführen wußte. Bald im Haus und bald im Garten oder auf dem Felde beſchäftigt, mußte Jolky vom frühen Morgen bis in die ſinkende Nacht, die beſchwerlichſten, anſtren⸗ gendſten und erniedrigendſten Arbeiten verrichten, und Alles, was ihm dafür zu Theil wurde, war eine dürftige erbärmliche Koſt und Prügel. Mit blutendem Herzen gedachte da der Arme bei ſeiner ſchweren Tagesarbeit ſeines Vaterlandes und ſeiner Eltern und Brüder und Freunde, die je wieder zu ſehen er kaum zu hoffen wagte. Warf er ſich des Abends auf ſeine elende Schlaf⸗ ſtätte, dann fühlte er ſich zu kraftlos und erſchöpft um ſich noch länger mit ſeiner traurigen Lage zu beſchäftigen. Daß ſie je ein Ende nehmen würde, das ſchien ihm kaum möglich. Und doch ſollten noch beſſere, aber auch noch ſchlimmere Tage ihm bevorſtehen. Jolky's Gebieter pflegte ſich jede Woche einmal nach einer unfernen Inſel fahren zu laſſen, um ſich dort am Fiſchfange zu ergötzen. Faſt regelmäßig begleitete ihn Andreas und dies war für dieſen, weil er dann der Gewalt des Aufſehers entzogen war, der einzige Feſttag der Woche. Die Vorbereitungen zu dieſer Fahrt wurden eben Erinnerungen. LXXXII. 1861. auch wieder getroffen, als ſich dem alten Türken für den nächſten Tag ein Freund zum Beſuch anſagen ließ. Alles wurde ſogleich in Bewegung geſetzt, ihn prächtig zu bewirthen; man bedurfte dazu auch der Fiſche und der Aufſeher erhielt Befehl, mit Jolky und einem Knaben nach der Inſel zu fahren und nicht ohne einen guten Vorrath heimzukehren. So geſchah es auch; das Fahrzeug ſtieß vom Lande⸗ Kaum hatten ſich die Drei vom Ufer entfernt, als auch der Aufſeher, ohne irgend eine Urſache dazu zu haben, ſeine Würde dadurch zur Geltung brachte, daß er den chriſtlichen Sklaven, während dieſer mit dem Aufſpannen der Segel beſchäftigt war, mit Schlägen traktirte. In Jolky kochte es vor Wuth, ein plötzlicher Gedanke überkam ihn— zum erſtenmale befand er ſich mit dem verhaßten Aufſeher allein— und ſo wie der Gedanke ſich regte, folgte ihm die Ausführung. Ohne ſich zum Ueberlegen Zeit zu gönnen, packte er den Aufſeher, der ſich eben über Bord neigte, an den Beinen und ſtürzte ihn in's Meer. Aber dieſer war ein vortrefklicher Schwimmer, der ſich nicht ſo ſchnell aus der Faſſung bringen ließ. Kaum kam er an die Oberfläche des Waſſers zurück, ſo arbeitete er dem Fahrzeuge nach. Jetzt galt es! Nachdem der erſte Schritt gethan, durfte Jolky nicht vor den weiteren zurückſchrecken— ſein Leben ſtand auf dem Spiele. Mit dem Stocke des Aufſehers bewaffnet, ſtand Andreas bereit, und ſo oft der Muhammedaner ſich dem Bote näherte, trieb ihn der junge Mann mit Stockſtreichen wieder davon. Noch einigemale verſuchte der Aufſeher des Schiffes wieder habhaft zu werden, aber alle ſeine Verſuche ſcheiterten. Er mußte fürchten in dem unnützen Kampfe ſeine Kräfte zu verlieren, und ſo ließ er endlich ab und wendete ſich dem Ufer zu. Jolky athmete hoch auf, er war frei! Mit Entſetzen hatte der Knabe dem ganzen Vor⸗ gange zugeſchaut. Wohl mochte er fürchten, daß nun auch an ihn die Reihe kommen werde. Er warf ſich auf die Knie und flehte um Schonung. Aber es lag nicht in Jolky’s Abſicht, ihm ein Leid zuzufügen, im Gegen⸗ theil betrachtete er ihn als einen ſchätzbaren Gehilfen; er beſchwichtigte ſeine Beſorgniſſe, und als ihm dies ge⸗ lungen war, wendete er ſeine Aufmerkſamkeit dem Laufe des Schiffes zu. Da ſah er denn nun freilich, daß er ihn nicht in ſeiner Gewalt hatte, und er hielt es für ein Glück, daß der Wind es vom Lande abtrieb, ein weiteres Glück war es, daß bereits die Mundvorräthe für den Herrn an Bord gebracht geweſen waren, ſie kamen den beiden Jerfahrern jetzt ſehr zu ſtatten, wenn ſie ſchon bei der Ungewißheit der Dauer ihrer Fahrt, damit äußerſt haushälteriſch umgehen mußten. Acht Tage und neun Nächte ſchwammen die Beiden dahin, ohne daß ihnen ein Unfall zugeſtoßen, ohne daß ihnen aber auch ein Fahrzeug in Sicht gekommen wäre; am neunten zeigte ſich ihnen am Horizonte ein ſchwarzer Punkt. Daß es ein Schiff war, ließ ſich nicht bezweifeln, es war ſogar ein ſehr großes. So ſehr Jolky nach einer ſolchen Rettung aus⸗ geſchaut hatte, ſo ſehr bemächtigte ſich jetzt ſeiner die 43 338 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Beſorgniß, es könne ein Korſarenſchiff ſein. Je länger er das Schiff beobachtete, je mehr hielt er ſich von ſeiner Befürchtung überzeugt, ja er zweifelte zuletzt gar nicht mehr daran, von Neuem in die Hände der Türken zu gerathen und dem Loſe, welchem er ſich entronnen glaubte, nochmals anheim zu fallen. Und trotz allen Ruderns ließ ſich eine Begegnung nicht vermeiden. Der Wind trieb das kleine Bot gerade dem Schiffe zu. Andreas zitterte vor Furcht; aber er konnte ſeine Blicke nicht abwenden von dem Fahrzeuge, welches ihn einer vielleicht noch grauſameren Gefangenſchaft zuführen mußte. Diesmal ſollte er ſich umſonſt geäng⸗ ſtigt haben; die Bauart des Schiffes wich von der der türkiſchen weſentlich ab— es war ein portugieſiſcher Kauffahrer. Jetzt wußte ſich Jolky vor Freude kaum zu faſſen; er umarmte den Türkenknaben und ſchrie und ſang und ſchwenkte Tücher, um die Aufmerkſamkeit der Portugieſen auf ſich zu ziehen. In Sprechweite rief man ihn an; er mußte eine Menge von Fragen beant⸗ worten, ehe ihm geſtattet wurde, das Deck zu betreten. Nachdem Jolky dem Kapitän genügende Aus⸗ kunft über ſich und ſein Abenteuer gegeben, reihte ihn dieſer den Matroſen ein, während der kleine Türke für den Kajütendienſt verwendet wurde. Allerdings war dieſe Arbeit nicht nach dem Geſchmacke des Schneider⸗ jünglings, aber er mußte doch Gott danken, dem un⸗ gleich drückenderen Joche und der Peitſche der muſel⸗ männiſchen Sklaverei entgangen zu ſein, unter civili⸗ ſirten Menſchen zu leben und hoffen zu dürfen, das Vaterland wieder zu ſehen. Jetzt lag dieſe Hoffnung freilich noch ſehr fern, denn Macao war das Reiſeziel und ſie warfen auch nach einer mehrmonatlichen Fahrt im März 1757 auf der Rhede El Tappa, die von vier felſigen Inſeln gebildet wird, und vor allen Orkanen Schutz gewährt, Anker. So ſah ſich denn Jolky unerwartet von der Türkei nach China verſetzt, unter ein Volk, deſſen Le⸗ bensart und Sitten ihm völlig unbekannt waren. Nichts deſto weniger behagte es ihm in Macao ganz wohl die Stadt ſelbſt mit ihrem lebhaften Verkehr, ihren ſchönen Straßen, ihrer prächtigen Lage und allen ihren Eigen⸗ thümlichkeiten gewährte ihm viel Zerſtreuung, und er konnte ſich einem ſorgloſen Leben wenigſtens für einige Zeit um ſo leichter hingeben, als ihm der Verkauf ſeines türkiſchen Fahrzeuges die hübſche Summe von achtzig ſpaniſchen Thalern in die Hände gebracht hatte. Voll Dank für alle ihm erwieſenen Wohlthaten nahm Jolky von dem menſchenfreundlichen Portu⸗ gieſen, der nicht ſo bald nach Europa zurück kehrte, Ab⸗ ſchied, und traf mit dem Führer eines chineſiſchen Fahr⸗ zeuges das Uebereinkommen, ihn mit nach Kanton zu nehmen. Den Türkenknaben wollte der Chineſe indeß ſchlechterdings nicht mit aufnehmen, Andreas über⸗ ließ ihn daher für eine mäßige Summe dem portugie⸗ ſiſchen Kapitän und ſege„ab. Auch Kanton ſah er nach einer ſehr glücklichen Fahrt vor ſich. Mehr die Neugier, eine chineſiſche Stadt zu ſehen und der jugendliche Uebermuth als die Noth⸗ wendigkeit hatten ihn hierher verführt. Und wirklich fand er des Sehenswerthen genug, denn Kanton mit ſeinen vierhundert Pagoden, ſeinen in das Waſſer ge⸗ bauten Häuſern und ſeinen zu Wohnungen dienenden Jonken bot einen Anblick, wie wohl kaum eine andere Stadt der Welt. Aber Jolky' Neugier wurde um ſo raſcher befriedigt, je ſchneller ihm die Chineſen ſeine ſpaniſchen Thaler abzunehmen verſtanden. Er war bald wieder ſo arm wie er nur je geweſen, und er mußte auf Mittel bedacht ſein, nicht blos ſein Daſein zu friſten, ſondern auch dem chineſiſchen Reiche zu entfliehen. Es gab kaum eine andere Hilfe, als bei den Holländern Dienſte zu nehmen, doch ſollte dies nur die letzte Zu⸗ flucht ſein; das Soldatenleben ſtimmte zu wenig mit des Jünglings zwangsloſen Gelüſten überein, um ſich ihm ſo leichthin zu überliefern. In ſeiner Bedrängniß und von der Hoffnung ge⸗ tragen, daß ſich doch wohl noch ein anderer Ausweg finden werde, ſuchte er den holländiſchen Konſul de Viet auf und erzählte dieſem, wie er von Wien aus⸗ gewandert, um nach Paris zu gehen und wie er ſtatt dahin zu gelangen nach den unglaublichſten Irrfahrten bis hierher verſchleudert worden war. Wenn Jolky vielleicht geglaubt hatte, durch ſeine Erzählung die Theilnahme des Konſuls zu erwecken und durch ihn die Mittel zur Heimreiſe zu erhalten, ſo ſollte er ſich arg getäuſcht ſehen. Der phlegmatiſche Holländer gab ihm nur den Rath, unter die Truppen einzutreten, und von der Noth gedrängt trat er ein. Aber der Dienſt war beſchwerlich; die Truppen⸗ zahl war gering und Jolky kam kaum vom Wacht⸗ poſten fort. Das behagte ihm keineswegs, und als im November ein holländiſches Schiff im Hafen lag, das nach Batavia ſegeln ſollte, erwirkte er ſich die Erlaub⸗ niß, dorthin zu reiſen, um dort bei der Miliz Dienſte zu nehmen. Batavia, dieſe berühmteſte aller holländiſchen Pflanzſtätten, eine Hauptſtadt und der Sitz eines Ge⸗ neralſtatthalters, gefiel Jolky ungleich beſſer. Er ſah ſich wieder unter Europäern, deren Sprache er ſich leicht aneignete, allein mit ſeinem Loſe war er deßhalb doch nicht zufrieden, er hätte gar zu gern die ſchwere Mus⸗ kete von ſich geworfen, um wieder zu der leichten Nadel ſeines Handwerkes zu greifen. Bald ſollte ſich dazu eine Gelegenheit bieten. Der Hauptmann der Miliz hatte das Unglück, von ſeinem P. abgeworfen zu werden. Einen Schaden an ſei⸗ n eibe hatte der Officier zwar nicht genommen, aber ſeine Uniform war in einem troſtloſen Zuſtande und ganz beſonders waren ihm die Hoſen quer über das Knie zerriſſen. Andreas trat aus dem Gliede und bat um die Erlaubniß, den Schaden heilen zu dürfen. Seine Arbeit war ſo ſauber und fand ſo viel Beifall, daß der Hauptmann ihm noch weitere Beſchäftigung zutheilte und vom Wacheſtehen ganz befreite. Es dauerte nicht lange, ſo hörte der Vorſteher der oſtindi⸗ ſchen Handelsgeſellſchaft von der Parra von dem ſeltſamen Miltzſoldaten, der ſich auf das Schneider⸗ handwerk verſtand. Ein ſolcher Mann war ſchätzbar, er ließ ſich beſſer im Hauſe verwenden als vor dem — Ranton mit Vaſſer ge⸗ dienenden dne andere vunde um ſo iineſen ſeine Er war bald rmußte auf zu friſten, Niehen. Es Holländern ie letzte Zu⸗ wenig mit ein um ſich voffnung ge⸗ erer Ausweg Konſul de 1Wien aus⸗ wie er ſtatt Irrfahrten durch ſeine rwecken und ten, ſo ſollte ſe Holländer einzutrten, Truppen⸗ mn Wacht⸗ nd als im rlag, das de da. pilz Dienſte olländiſchen 3 eines ge⸗ ſer. Er ſah er ſic leich eßhalb doch were Mus⸗ gten Radel bieten. Der nem von ſei nen an ſei⸗ mmen, aber Emil Dietze: Ein Abenteurer wider Willen. 339 Hauſe; er befreite ihn nach zweimonatlichem Dienſte vom Soldatenrock und nahm ihn in ſeine Wohnung, um ihn dort auf ſeine Profeſſion arbeiten zu laſſen. Für Jolky brach nunmehr eine goldene Zeit an. Von allen Seiten wurde er mit Aufträgen über⸗ häuft und ſelbſt bei dem angeſtrengteſten Fleiße war es ihm nicht möglich, Allen zu genügen. Durch ſeine Geſchicklichkeit erwarb er ſich zahlreiche Freunde, aber auch ſeine Jugend erwarb ihm in der Frau von der Parra eine Gönnerin, die ihn mehr als einmal in Verſuchung führte. Er widerſtand ihr wacker, ſollte aber ſchwer dafür büßen. Zu ſeinem Glücke fehlte Jolky in der That nur wenig, er war geachtet und geſchätzt und hatte einen ſo hübſchen Verdienſt, daß er etwas zurücklegen konnte. Bei alledem war er nicht zufrieden, ihm fehlte ein Weib und auch die Sehnſucht nach Europa erwachte von Zeit zu Zeit lebhafter. Wie lange Jahre ſollten nicht noch vergehen, und welche Ereigniſſe ſollten nicht noch ſeinen Lebensweg durchkreuzen, ehe er ſo glücklich war, ſeinen Fuß auf europäiſchen Boden zu ſetzen. Dem Mangel eines Weibes ſuchten ſeine Freunde bald abzuhelfen, ſie führten ihm die Tochter eines vermögenden Pachters, Namens Sequin, zu und es währte nicht lange, ſo führte er ſie als Gattin in ſein Hausweſen ein. Wenn er nun auch überzeugt geweſen war, durch dieſe Verbindung zugleich ſeine äußeren Umſtände zu verbeſſern, ſo hatte er doch ganz und gar unterlaſſen, ſowohl über den Charakter des Weibes, wie über den ſeines Schwiegervaters ſich zu unterrichten. Kaum nach⸗ dem der verhängnißvolle Schritt geſchehen war, begann er zu ahnen, daß wohl ſeine Hoffnungen auf häusliches Glück zu ſanguiniſch geweſen waren, und ſeine Erwar⸗ tung auf eine anſehnliche Mitgift erwies ſich vollends als trügeriſch, denn nicht nur, daß der Schwiegervater dieſe hartnäckig verweigerte, er verſtand ſich auch, da Jolky durch die Beſchaffung ſeiner häuslichen Ein⸗ richtung alle ſeine Erſparniſſe ausgegeben, durchaus nicht dazu, das junge Ehepaar zu unterſtützen, als es der Unterſtützung dringend bedurfte. Zu den vielen Mühſeligkeiten und Widerwärtig⸗ keiten, welche unſer armer Andreas überſtanden, ſollte nun auch noch die kommen, ein wenig liebens⸗ würdiges Weib und einen geizigen Schwiegervater zu haben, die ihm Beide das Leben nicht allzuſehr ver⸗ ſüßten. Damit ſollten indeß ſeine Unfälle noch nicht zu Ende ſein, im Gegentheil ſchien ihn auch jetzt noch tgs Schickſal dazu erkoren zu haben, ihn zum Spielball ſeiner Launen zu machen. Noch ungleich größeres Unge⸗ mach und Elend ſtand dem Aermſten bevor. Jolky erholte ſich eben— Dank ſeiner Thätig⸗ keit— von ſeinen pekuniären Nöthen, als ein neuer Unfall ſchweres Ungemach über ihn bringen ſollte. Zu der bevorſtehenden Vermälung einer reichen Holländerin wurde ihm ein Stück koſtbarer Sammet zum Braut⸗ kleide übergeben. Die Zeit drängte, und wollte er nicht ſeinem Rufe ſchaden, mußte er mit ſeinen eingeborenen Gehilfen bis tief in die Nacht daran arbeiten. Die müßhevolle Arbeit war ſchon nahezu vollendet, da warf einer der Leute unverſehens die Lampe um und der koſtbare Stoff war unrettbar verdorben. Starr vor Schrecken blickte Andreas auf das Unheil, dann packte ihn wilde Verzweiflung, in der er nahe daran war, den Unglücklichen, der dieſen Schaden herbeigeführt, zu er⸗ morden. Am Morgen hatte er nichts Eiligeres zu thun, als nach dem Magazin der oſtindiſchen Geſellſchaft zu gehen, und da er ſelbſt keinen Kredit fand, auf den Namen des Herrn von der Parra neun Ellen von dem gleichen Sammet zu kaufen. Die angeſtrengteſte Thätigkeit machte es möglich, das verhängnißvolle Kleid noch zu rechter Zeit abzuliefern. Unterſtützt von einigen bemittelten Gönnern tilgte er am nächſten Tage ſeine Schuld im Waarenmagazin. Damit würde eigentlich die Sache abgethan ge⸗ weſen ſein, aber ſie war es nicht, ſie ſollte ſogar für Andreas ſehr unheilvolle Früchte tragen. Der Sammetpoſten erſchien— mit der Notiz der Zahlung — auf der Monatsrechnung von der Parras. Dieſer, der von nichts wußte, fragte ſeine Gattin, wozu der Sammet verwendet worden ſei, und wer ihn be⸗ zahlt habe; ſie wußte ebenfalls nichts. Von der Parra ſchickte nach dem Magazin und der Diener entſann ſich, daß Jolky den Stoff entnommen und ihn auch bezahlt hatte. Der Präſident war über einen ſolchen Mißbrauch ſeines Namens erzürnt; ungleich mehr aber war es ſeine Frau; ſie gerieth außer ſich vor Zorn, und voll Groll gegen Jolky, der ihre Neigung verſchmäht, drang ſie auf nachſichtsloſe Beſtrafung. Parra konnte nicht widerſtehen, ein Diener wurde beordert, den nichts ahnenden Jolky herbeizuſchaffen, und nun erſt erfuhr dieſer, um was es ſich handle. Der Arme, der ſich mit Schimpfworten und Vorwürfen überſchüttet ſah, erzählte ſeinen Unfall und ſeine Ver⸗ legenheit. Auf den Knieen flehte er um Vergebung, allein das Weib, das eine ſo ſchöne Gelegenheit, ſich um ihrer verſchmähten Liebe Willen rächen zu können, nicht ungenutzt vorüber gehen laſſen mochte, war uner⸗ bittlich— auf ihren Antrieb wurde Jolky ſeinem Hauſe entriſſen und wieder zur Miliz abgegeben. Hatte der Soldatendienſt für den friedliebenden Jolky nie Reize gehabt, jetzt war es ihm geradezu un⸗ erträglich, ſeinen Wohlſtand, ſein ruhiges Leben aufge⸗ ben zu müſſen und ſich als willenloſe Maſchine von Ort zu Ort ſchleudern zu laſſen. Genug, Jolky mußte ſeinem Weibe Lebewohl ſagen und in die Miliz eintreten. Und doch war es eine außerordentliche Begünſtigung, daß man ihn als Sergeant mit einem Monatsgehalt von vierundzwanzig Gulden aufnahm. (Schluß folgt.) Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Bocca di Cattaro. 8 i geräumiger Hafenbucht liegt Cattaro dicht von öden, zerriſſenen Felswildniſſen umgeben, und hält als Grenzpoſten weſteuropäiſcher Kultur Wacht. Gleich jenſeits der Berge beginnt Mon⸗ tenegro’s Gebiet mit ſeinen raubluſtigen Be⸗ wohnern, gegen deren Anfälle der Boeccheſe ſtets gerüſtet ſein muß, weßhalb er nicht nur in jedem Zimmer Flinten, Piſtolen und deutſche Wolfsklingen hängen hat, ſondern auch Haus, Thür und Fenſter feſtungsartig mit Schießſcharten und Verrammlungen und Gordiccio aus geöffneten Höhlen ausſpeien. Kaum einige hundert Schritt vom Thore ſchießt die 60 Klaftern breite Fiumera aus einem öden Felsabhange hervor und tobt in einer Schlucht entlang zum Hafen, wogegen die Gordiccio, welche gleichfalls dicht vor dem Thore aus einer Höhle hervorbricht, unter dem Meeresſpiegel im Hafen mündet. Dort ſteigt ſie gewaltig broddelnd empor, treibt das Waſſer wirbelnd im Kreiſe umher und bildet nach anhaltenden„Bindfadenregen“ mäch⸗ tige Wellenberge. Nicht minder ſeltſam hat ſich das Kalkgebirge hinter Cattaro aufgeſchichtet, denn von der Stadt aus ragt es wie eine ſchief geſtellte Tafel 800 Fuß empor, um dann jäh und ſchroff nach Oſten hin Krieger, Bauern, Schiffer und Handelsleute der Bocca die Cattaro. verſieht, um ſich eindringender Feinde zu erwehren. Nichts liebt der Cattarer mehr als goldreiche Kleider und mit Perlmutter ausgelegte Gewehre. An den zahlreichen Buchten des Hafens breitet ſich die Stadt aus, Kanonenmündungen ſchauen von dem Kaſtell auf den Felſen, hohe Mauern ſchützen die Stadt mit ihren zahlreichen Kirchen, Leder⸗ und Cor⸗ duanfabriken, und enge Straßen krümmen ſich hügelauf und hügelab. Unheimlich fühlt ſich der Fremde ergriffen, wenn er von der kleinen Grenzfeſte nach den nahen öden Felſen ſchaut, die den Ort in's Meer zu drängen drohen, an ihrem Fuße nur Wein⸗ und Olivengärten dulden und plötzlich die waſſerreichen Flüſſe Fiumera zuutſtdigen. Mauern klettern an dieſem Rieſenfelsblock empor, Baſtionen und Thürme decken die Zugänge und eintönig klingt des Nachts von dort oben der Anruf der Schildwachen hernieder in die Stadt. Cattaro iſt für die Montenegriner der Handels⸗ platz, an dem ſie ihre Felle, Holz, Käſe, Fiſche, Kar⸗ toffeln, Wolle, gedörrtes Fleiſch, Wachs, Honig, Mais u. ſ. w. gegen Fabrikwaaren eintauſchen. In großen Zügen kommen ſie an den Markttagen herabgeſtiegen, um den Bazar vor dem Thore zu beſuchen, denn in die Stadt dürfen ſie nur, wenn ſie im Thore ihre Waffen abgeliefert haben. Bäume umſchatten den viereckigen Bazar, vor welchem ein ſteinerner Vorbau gegen de Berg kann. grinen er es abzu unte Catt meil und umre Olibe bilde eieen. Kaum 60 Klaftern Ange herbor en wogegen dem Thore Neeresſ Neeresſpiegel g broddelnd reiſe umher egen“ mäch. hat ſich das n von der Lafel 800 hOſten hin K 4 8 . eſenfebblot Zzug unge und 2 der Anruf „er Handels⸗ züſche, Kal⸗ Mais 2 an großen denn i⸗ re Waffen „ 2 erecigen 1a gen d Berge hin liegt, deſſen Eingang leicht verrammelt werden kann. Iſt der Handel abgemacht, ſo eilt der Montene⸗ griner auf ſteilem Felspfade in ſeine Heimat, wobei er es nicht unterläßt, von Zeit zu Zeit ſeine Piſtolen abzuſchießen und laut ſchreiend mit Bekannten ſich zu unterhalten. Weiter hinab vom Golf von Cattaro(Bocca di Cattaro) ziehen ſich am ſchmalen Küſtenſaume entlang meilenweit zerſtreute Flecken mit lieblichen Landhäuſern und Paläſten, deren Balkone und Vorhallen von Wein umrankt, von Granaten umblüht, von Feigen und Oliven beſchattet ſind, ſo daß ſie reizende Landſchafts⸗ bilderchen geben. 6 1, nn ,g 6 Bocea di Cattaro. 341 Seiten vom Meer und einem ſchräg bis an die Küſte ſtreichenden Bergzuge gebildet werden. Kleine Forts, die maleriſch in Schluchten und Engpäſſen ſich ver⸗ ſtecken, ſchützen die Grenze der Schuppa, wie man dieſes Dreieck nennt, deſſen Ende der verfallene Thurm Bos⸗ covitſch bezeichnet. Was nun die Volkstrachten in Cattaro betrifft, ſo hat es derſelben, ſowie Dalmatien, überhaupt mehr als irgend ein anderes Land; ja es gibt deren ſo viele, daß man faſt für jeden Diſtrikt, für jede Inſel eine andere annehmen kann. Am häufigſten ſieht man fol⸗ gende Tracht: Das Haar wird in Zöpfe geflochten und mit dem rothen türkiſchen Käppchen oder halb Bewohner der Bocca die Cattaro. In dieſen Landhäuſern wohnen meiſtens Schiffs⸗ kurz geſchnitten und mit dem Fetz bedeckt; ein braunes, kapitäne und Rheder, und erholen ſich in dieſen kleinen Paradieſen von ihren anſtrengenden Reiſen. So nahe und häufig die Gefahren räuberiſcher Einfälle der Montenegriner auch ſind, ſo ſorglos vereinzeln die Küſtenbewohner trotzdem ihre Wohnungen, und be⸗ gnügen ſich damit, ihre Zimmer mit Waffenvorrath und das Haus mit Schießſcharten zu verſehen. Sogar die Kirchen ſind oft durch Eckthürmchen befeſtigt, um ſie vertheidigen zu können, und die Kirchendiener ver⸗ richten ihren Dienſt bewaffnet. Die äußerſte Grenze Dalmatiens bildet ein neun Meilen langes DOreieck, langes Oberkleid aus grobem Tuche, und Beinkleider nach ungariſchem Schnitte ſind ebenfalls häufig; hierzu kommt ein reich beſchnürter Spenſer und ein breiter lederner Gurt, in welchem verſchiedene Waffen ſtecken; die Fußbekleidung beſteht bei der ärmeren Klaſſe aus Sandalen, bei der mittleren meiſt aus plumpen Leder⸗ ſtiefeln, bei der reichern aus feinen türkiſchen Schuhen von gelbem oder rothem Leder. Die Tracht der Frauen iſt meiſt ſehr einfach: Ueber dem engen und kurzen Rocke, der die feinen Wollſtrümpfe und die niedlichen leicht beſchuhten Füßchen ſehen läßt, ſitzt meiſt ein eng deſſen Grundlinie bei Cattaro liegt, und deſſen andere anliegender mit zwei Reihen Knöpfen verſehener Spenſer, — 342 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. bald mit engen, bald mit halbweiten Aermeln; als Oberkleid erſcheint ein gerader ärmelloſer Mantel, bald iſt derſelbe um die Taille feſt zuſammengezogen, der Hals bleibt meiſtens ganz frei, höchſtens wird ein leichtes buntſeidenes Halstüchel gebraucht, das aber auch mehr die Schultern als den Hals bedeckt; Kopfbedeckung iſt meiſtens der Turban. Anders erſcheinen zum Theil die Trachten auf dem zweiten Bilde. Bei den Männern Fetz als Kopf⸗ bedeckung, Doppelſpenſer, Gurt, ſehr weite unter dem Knie zuſammengezogene Beinkleider, Wollſtrümpfe, Sandalen; daneben aber auch eine Art Plaid oder gewöhnlicher Gehrock als Ueberrock; die Frau hat den Kopf vorn bis nahezu an die Augen in ein weißes Tuch gehüllt und vom Hinterkopf herab hängt ein mittelgroßes, meiſt geſticktes Kopftuch; über dem bis zu den Füßen reichenden Unterkleide ſitzt eine bis unter das Knie gehende Art von Burnuß, der nach vorne übereinanderfällt und geſtickte weite Aermel hat, die bis zur Hand reichen. Ueber einzelne dalmatiniſche Trachten werden wir noch berichten, wenn wir die Tracht der Bewohner von Salona demnächſt bringen. Der erſte Schnee. Erzählung. egleitet von ſeinen beiden Söhnen ſchickte ſich Johann Werner, ein Landmann, an, die kleine in einem Thale der Alpen gelegene Stadt M..,, die er in Geſchäften beſucht hatte, zu verlaſſen, um nach ſeinem heimatlichen Berg⸗ dorfe zurückzukehren. Franz, der älteſte der Knaben, fünfzehn Jahre alt, geſund und kräftig, der ganze Stolz ſeines Vaters, trug auf dem Rücken in einem großen Tragkorbe allerlei in der Stadt eingekaufte Vorräthe und hielt in der Hand einen ſorgfältig in Stroh gepackten kleinen Kirſchhaum, den Werner neben ſein Haus zu pflanzen beabſichtigte, während Ludwig, der jüngere, ein Knabe von neun Jahren, an der Hand des Vaters einherſchritt. Nahe dem Thore wurde Werner von einer dort wohnenden alten Ver⸗ wandten angeredet, die ihn bat, bei ihr einzutreten, da ſie ihn wegen eines ſie bedrohenden Proceſſes um Rath zu fragen wünſchte. Der Landmann willfahrte ihren Wünſchen, hieß ſeine Kinder immer vorausgehen, da er ſie ſicher auf der Hälfte des Weges einholen werde, und beſchwichtigte die Beſorgniſſe der alten Frau, welche die Knaben nicht allein gehen laſſen wollte, mit der Bemerkung, daß Franz verſtändig, Ludwig ganz ſicher unter ſeinem Schutze und das Wetter ſehr ſchön ſei. Das Wetter war allerdings ſchön, als ſich Vater und Kinder trennten; die Jahreszeit war jedoch bereits ſo weit vorgeſchritten, daß in jenen Gebirgsgegenden ein Augenblick hinreichte, einen vollſtändigen Wechſel der Witterung eintreten zu laſſen. Die beiden Brüder hatten noch keine Viertelmeile ihres Weges zurückgelegt, als ſich ein heftiger Windſtoß erhob, der einen Wirbel dichter Schneeflocken, der erſten, die der Herbſt brachte, vor ſich her trieb, und bald befanden ſie ſich inmitten eines heftigen Schneeſturmes. Franz bedurfte ſeiner ganzen Kenntniß des Weges, um ſich nicht zu verirren. Er führte ſeinen Bruder bei der Hand, und als der Kleine nicht weiter konnte, leerte er ſeinen Tragkorb, deſſen Inhalt er unter einer am Wege ſtehenden Fichte verbarg, ſetzte ſeinen Bruder hinein, lud ihn auf den Rücken und ſchritt, den Kirſchbaum als Stütze benutzend, muthig vorwärts. So ſtark er aber für ſein Alter war, verließen ihn doch die Kräfte nach einiger Zeit. Er hielt an, ſetzte ſeine Laſt zu Boden und bemerkte mit Schrecken, daß ſein Bruder ſtarr vor Kälte war und nur mit großer Anſtrengung ſich bewegen konnte. Dennoch ermunterte er ihn zu gehen; jedoch der Schnee fiel mit verdoppelter Heftigkeit, der Wind trieb den Knaben die eiskalten Flocken in's Geſicht und ſchon nach wenigen Schritten begann Ludwig zu weinen und war trotz aller An⸗ ſtrengungen und Ermahnungen ſeines Bruders nicht zu bewegen, ſeinen Weg weiter fortzuſetzen. In der Hoffnung, daß ſein Vater in der Nähe ſei, erhob Franz ſeine Stimme zum lauten Rufen— vergebens; er erhielt keine Antwort. Bereits hatte er die Hälfte des Weges zurückgelegt, zögerte er hier noch länger, ſo lief er Gefahr, ſammt ſeinem Bruder umzu⸗ kommen. Er entſchloß ſich daher, den Kleinen dicht am Wege niederſitzen zu laſſen und ihn mit ſeinem Trag⸗ korbe, der groß genug war, zu bedecken. Dann häufte er ringsum Schnee und pflanzte den Kirſchbaum daneben. „Erwarte mich hier, Ludwig,“ ſagte er,„ich werde bald zurückkommen. Rühre Dich nicht von der Stelle oder Du biſt verloren!“ Ludwig befand ſich nicht in der Lage ungehorſam zu ſein, er hatte ſich ohne Widerſtand unter den Tragkorb ſtecken laſſen und beſaß nicht die Kraft, nur ein Wort zu ſprechen. Nachdem Franz ſeinen Bruder auf dieſe Weiſe geborgen hatte, bot ſich ihm eine neue Verlegenheit in der Wahl des Weges dar. Sollte er den nach dem Dorfe führenden Pfad weiter verfolgen? Sollte er umkehren und ſeinem Vater entgegen gehen? Er fürchtete ihn zu verfehlen, da es ſehr möglich war, daß Werner einen Fußpfad eingeſchlagen hatte, der einige hundert Schritte über dem Orte, wo ſich Franz jetzt befand, in den Hauptweg mündete, und deßhalb hielt er es nach einigem Ueberlegen doch für gerathen, nach dem Dorfe zu gehen, um Hilfe herbeizuholen. Unter unſäglicher Anſtrengung gelangte er endlich dahin. Mehrmals drohten ihn ſeine Kräfte zu verlaſſen; doch der Ge⸗ danke an ſeinen Bruder hielt ihn aufrecht und ließ ihn ſein heimatliches Dorf erreichen. Zu Hauſe angekommen ſank Franz vor Ermattung zuſammen und fand erſt nach einigen Minuten die Kraft, das Vorgefallene zu erklären; dennoch ſprach er die Abſicht aus, ſogleich umzukehren, um ſeinem Bruder Hilfe zu leiſten. Die Mutter rief jedoch weinend:„Ich habe eins meiner Kinder verloren und Du willſt mich auch noch andern berauben.“„Nein, Mutter,“ entgegnete Fran 9 — mit ft Dir b 1 boten dem zuget Ort ſchlu trage weni zubr macht neigte nung Voff Berg ihner mehr mach ſtaun leer — b zurückgelegt, einen Wirbel Herbſt brachte, ſch inmitten dedurfte ſeiner ct zu veritren und als der nen Tragkorb, ehenden Fichte ihn auf den üte benutzend, ein Alter war, Reit. Er hielt mitSchrecken, ndur mit großer ich ermunterte t verdoppelter die eiskalten igen Schriten rot aller An⸗ Bruders nicht der Nähe ſei en Rufen— ereits hatte er er hier noch Bruder unzu⸗ inen dicht am ſeinem Trag⸗ Dann häufte um daneben. ate et, nich Ach vdn der g befand ſich hatte ſich ohne ſen und beſaß jdieſe Weiſt erlegenheit in ch dem Dorfe er umkehren füchtete ihn aß Verner inige hundert jeßt befand, et er es na dem Hotft er unſägliher b Mehrmals doch der or und ließ ihn Der erſte Schnee.— Das Alter der europäiſchen Kronen. 343 mit frommer Zuverſicht,„mit Gottes Hilfe werde ich ſie Dir beide zurückbringen.“ Einige Nachbarn, die herbeigekommen waren, er⸗ boten ſich, gerührt von dem Schmerze der Mutter und dem Muthe des Knaben, zu Ludwigs Rettung aus⸗ zugehen. Unglücklicherweiſe konnte aber nur Franz den Ort wieder auffinden, wo er ihn verborgen hatte. Sie ſchlugen deßhalb vor, Franz auf ihren Schultern zu tragen und verſprachen der beſorgten Mutter, ihr wenigſtens dieſen Sohn ſicher und ungefährdet zurück⸗ zubringen. So überredet willigte ſie ein, und die Männer machten ſich ohne Verzug auf den Weg, denn der Tag neigte ſich bereits ſeinem Ende zu. In einiger Entfer⸗ nung vom Dorfe bemerkten ſie zu ihrem Schrecken Wölfe, welche der Schnee und der Sturm von den Bergen herabgetrieben hatte. Auch der Umſtand, daß ihnen Werner auf ihrem Wege nicht begegnete, ver⸗ mehrte ihre Unruhe bedeutend. „Hier iſt es!“ rief plötzlich Franz. Die Männer machten Halt; wer aber beſchreibt ihr ſchmerzliches Er⸗ ſtaunen, als ſie den Tragkorb umgedreht und den Platz leer fanden. Dicht dabei lag der Kirſchbaum, den Franz wie eine Reliquie mit ſich nahm. War Ludwig ſeinem Bruder ungehorſam geweſen, hatte er den ihm angewieſenen Platz verlaſſen und ſich im Schnee verirrt? War er ein Raub der Wölfe geworden, oder war Werner des Weges gekommen, hatte den Kirſchbaum bemerkt und ſein Kind mit ſich genommen? So lebhaft alle dieſe Fragen auch die Männer beſchäftigten, war es doch nicht möglich, ſich länger aufzuhalten, da Kälte, Ermüdung und Aufregung Franz in einen beſorgniß⸗ erregenden Zuſtand verſetzt hatten. „Hört, Gottlieb und Max,“ ſagte der Schäfer Fritz zu ſeinen Gefährten,„kehrt Ihr mit Franz nach dem Dorfe zurück, während ich nach der Stadt gehe, um zu ſehen, ob ſich Werner mit ſeinem Sohne dort befindet! Punkt ſechs Uhr richtet Eure Augen nach der Seite, wo die Stadt liegt. Habe ich Werner gefun⸗ den, ſo zünde ich dort auf einem mir bekannten ge⸗ ſchützt liegenden Platz eine Flamme an. Seht Ihr nach dieſem Feuerſchein noch einen zweiten aufſteigen, ſo iſt auch Ludwig gerettet.“ Mit dieſer Verabredung trennten ſich die Land⸗ leute. Ihre Rückkehr verſetzte die arme Mutter in die tiefſte Betrübniß, an welcher das ganze Dorf Theil nahm. Auf einer kleinen Anhöhe vor der Kirche, von wo man die weiteſte Ausſicht nach der Stadt hatte, verſammelten ſich faſt ſämmtliche Dorfbewohner, in ihrer Mitte die Mrwor und Franz, welcher ſich trotz ſeinexe Mattigkeinothigen Betten verſehen. Das Bett vildet das uhr ſchind wichtigſte Möbel in jeder Behauſung von höchſteaten, wie ſchon die Redensart ſchließen läßt:„in Wortniſon liegen.“ Wir waren an ſechzig Kadetten auf ſammen, denn eine Menge lernfauler Studenten hatte berh durch den Kriegslärm verleiten laſſen, zum Militär eidi gehen. Man fand darunter faſt alle Nationen Mittel⸗ garopa's vertreten, von den Zwiebel⸗ und Speckſachſen Biebenbürgens angefangen bis weit über die Kaffee⸗ (ichſen im Königreiche Sachſen hinaus. Bei der Ein⸗ Erinnerungen. LXXXII. 1861. ſank die Mutter in die Arme der Nachbarn. Ein lauter Freudenſchrei rief ſie in's Leben zurück. Auch das zweite Signal war erſchienen. „Er iſt gerettet, er iſt gerettet!“ rief es jubelnd von allen Seiten,„und dies iſt ſein Retter,“ fügte die Mutter hinzu, indem ſie den freudeſtrahlenden Franz in ihre Arme ſchloß. Am Morgen des nächſten Tages— es war ein Sonntag— kehrte der Vater mit ſeinem Sohne, der geſund und kräftig war, nach ſeinem Dorfe zurück. Nach⸗ dem der erſte Sturm der Freude vorüber, erzählte Werner ſeiner Frau und den herbeigeeilten Nachbarn, daß der neben dem Schneehügel gepflanzte Kirſchbaum ihm aufgefallen ſei und ihn veranlaßt habe, jenen zu unterſuchen. Er habe darunter ſeinen Sohn ohne Be⸗ ſinnung gefunden und ſei in der größten Eile mit ihm nach der Stadt zurückgekehrt, indem er glaubte, Franz ſei ihm entgegengegangen und habe ihn verfehlt, da er wirklich jenen Seitenpfad eingeſchlagen, der aber durch das Schneegeſtöber faſt gänzlich verweht war. Auf dieſe Weiſe erklärte ſich ſein langes Ausbleiben, welches für ſeine Kinder leicht die verderblichſten Folgen gehabt hätte. Die glücklich wiedervereinigte Familie begab ſich zur Kirche, um Gott gemeinſchaftlich für ſeine große Gnade zu danken. Dann pflanzte der Vater mit ſeinen beiden Söhnen den Kirſchbaum, der in ſeiner Stroh⸗ hülle der Kälte getrotzt hatte. Seine Zweige breiten ſich jetzt vor den Fenſtern des Hauſes aus und er wird allen Beſuchern des Dorfes als eine Merkwürdigkeit gezeigt.(B... r.) Das Alter der europäiſchen Kronen. S ls Kurfürſt Friedrich II. von Brandenburg am 5 KNis. Januar 1701 die preußiſche Königskrone — auf ſein Haupt ſetzte, war dieſe jüngſte der ⸗ Kronen Europa’s die zehnte in der Altersfolge S derſelben, ungerechnet die von Karl dem Großen im Jahre 800 geſtiftete ehrwürdige römiſch⸗ deutſche Kaiſerkrone, welche erhaben über allen ſchwebte. Die älteſte unter den damals(im Jahre 1701) noch exiſtirenden chriſtlichen Königskronen war die von Egbert durch Vereinigung der angelſächſiſchen Reiche im Jahre 827 begründete engliſche. Dieſer folgten, auf Grund des zwiſchen den Enkeln Karls des Großen lich Jahre 843 geſchloſſenen Vertrags zu Verdun: für deutſche und 3. die franzöſiſche, wenn wir nicht zwanz aus merovingiſchen Urzeiten herdatiren wollen, dann freilich allen übrigen in der Anciennetät folgenthen würde. aus vier lombardiſche Krone vom Jahre 562 und die nach deſch⸗arelatiſche vom Jahre 888 können, beiläufig zunehmehier als blos noch titular nicht in Betracht einer Pf ebenſowenig die unſelbſtändige norwegiſche Mund g(re 1033, die ſo vielen Wechſelgeſchicken aus⸗ machte. ind erſt im vorigen Jahrhundert erneuerte L 344 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ſiciliſche vom Jahre 1130, und die böhmiſche Mediat⸗ krone vom Jahre 1139, und noch weniger die Kronen in partibus von Cypern und Jeruſalem. Das bedeutungsvollſte Jahr 1000 n. Chr. brachte drei neue Kronen, nämlich 4. die ſpaniſche, zufolge der Theilkönigreiche Kaſtilien, Aragonien und Navarra; 5. die polniſche und 6. die ungariſche. Zu dieſen geſellte ſich bald auch noch 7. die däniſche Krone(1015), 8. die ſchwediſche, 9. die portugieſiſche(1139), und damit ſchien lange Zeit die Zahl der Planeten, die um die Kaiſerkrone kreiſten, geſchloſſen. Erſt ſechs Jahrhunderte ſpäter hob mit der(10.) Krone Preußens eine neue Schöpfungsära an, in raſcher Folge ſtiegen auf 11. Sardinien, deſſen thatkräftige Ohnaſtie den Hohenzollern, gleichwie drei Jahrhunderte früher in der Fürſten⸗, ſo jetzt in der Königswürde nacheilte(1720), 12. Rußland(1721) und 13. die Krone beider Sicilien(1739), welcher das Verhängniß der ominöſen Zahl 13 nicht erſpart bleiben ſollte. Gleichwie aber Preußens Aufgang das 18., ſo eröffnet des Heiligen Römiſchen Reichs deutſcher Nation Untergang das 19. Jahrhundert, und aus ſeinen Trümmern erheben ſich fünf neue Kronen: 14. die öſterreichiſche(1804); 15. die baieriſche, welche zwar in ihrer nunmehrigen Erneuerung napoleoniſchen Ur⸗ ſprungs, aber durch eine mehr als tauſendjährige Vor⸗ geſchichte ſanktionirt iſt; 16. die württembergiſche, (1805); 17. die ſächſiſche(1806) und 18. die hanno⸗ verſche(1814). Dieſen reihen ſich endlich noch als neueſte Kreationen an die Kronen: 19. der Nieder⸗ lande(1815), 20. Belgiens(1831) und 21. Griechen⸗ lands(1832). Von jenen neun alten Königskronen nun, welchen die preußiſche ſich im Jahre 1701 als zehnte zugeſellte, ſind inzwiſchen drei in Abgang gekommen, ſo daß nun⸗ mehr Preußen die ſiebente Anciennetätsſtufe in dem europäiſchen Staatenſyſtem einnimmt— eine heilige Zahl, welche die Politiker früherer Zeiten, wo man nur ſieben Planeten kannte, unwillkürlich zu aſtrologiſchen Gleichniſſen verlockt haben würde. Noch wunderbarer, ſchließt die Sternzeitung, wel⸗ cher wir dieſen Artikel entlehnen, iſt das Geſchick, welches über den Dynaſtien gewaltet hat, die jene ſechs aus der vorpreußiſchen Zeit allein noch übrigen Kronen trugen. In dem kurzen Zeitraume von kaum mehr als anderthalb Jahrhunderten ſind ſie bis auf Eine abge⸗ gangen, und zwar hat in England die Dhnaſtie inzwi⸗ ſchen zwei Mal gewechſelt, in Frankreich und Schweden ſogar je drei Mal, in Spanien und Portugal aber ein Mal, ſo daß alſo das jugendliche Königshaude, Hohenzollern nunmehr— nächſt dem bereits klche gang begriffenen däniſchen— der älteſte Krone der Europass iſt. ganz hön ſei. Vater bereits jenden Wechſel Brüder 42 ½ —. tere Stizzen aus dem Kadettenleben. Von W. Ernſt. (Fortſetzung.) ſ/ NM iederum traf ich rechtzeitig vor dem Zapfen⸗ ſtreiche ein und wurde zum Schlafengehen angemeſſen mit Abſchreiben beſchäftigt. Er⸗ müdet, wie ich von meiner erſten Lektion und dann von meinem forcirten Spaziergange war, hoffte ich einen guten Schlaf zu thun. Behäbig ſchlüpfte ich unter die Decke, meine ſüße Hoffnung durch die Bemerkung gegen meine Schlafkameraden äußernd: „Heute werde ich doch Ruhe haben, da ich ſämmtliche Leichen, die dem mörderiſchen Pulver als Opfer ge⸗ fallen ſind, ausklopfen ließ.“ Aber, o Wahn! als ob ſich das Geſchlecht der Blutſauger gegen mich verſchworen hätte, auch dieſe Nacht und in noch verſtärkterer Maſſe griffen ſie meinen müden Körper an und nahmen blutige Rache für ihre gemordeten Brüder. Es blieb nichts übrig, als auf einer Bank in voller Kleidung ſo viel als es eben mög⸗ lich war zu ſchlafen. Den kommenden Morgen verdoppelte ich die Doſis der Einſtreuung, ließ alle Bettſorten nochmals gehörig ausklopfen und weidete mich an der Unzahl der dahin⸗ geſchiedenen Flöhe, die wie Körner aus einem Pfeffer⸗ ſiebe herabfielen. Aber die harte Prüfung ſollte, wie ich in der näch⸗ ſten Nacht erfuhr, noch immer kein Ende haben. Es lag ein Geheimniß in dem Umſtande, daß gerade ich ſo viel des Zimmers, die zwei Feldwebel, ſich nicht beklagten. Daß das perſiſche Pulver echt war, dafür bürgte mir der Erfolg, es mußte alſo mit unrechten Dingen zu⸗ gehen, daß die Inſekten immer wieder neues Leben be⸗ kamen. Kurz, ich litt in der dritten Nacht wiederum ſo unſäglich, wie die Nächte vorher. In der Verzweiflung warf ich die Decke von mir und ſuchte nach etwas An⸗ derem, um mich zuzudecken; allein vergebens, denn ich ſelber hatte ich noch keinen Mantel und den eines Feld⸗ webels durfte ich mich nicht unterſtehen zu nehmen. Wie ich mich nun ſo voll Rathloſigkeit auf meinem Lager wälze, ruft mir mein Feldwebel zu: „Sein's ruhig und tröſten Sie ſich. Die Decke, welche Sie weggeworfen haben, iſt die letzte, in der noch Flöhe ſind. Die meinige und Feldwebels Mrazeks 2iſt. ſchon rein.“ Fenr.. drohten ihn ſeine Kräfte zu berlaſſen; doch Urde jede danke an ſeinen Bruder hielt ihn aufrecht und lie beiden ſein heimatliches Dorf erreichen. Zu Hauſe angekomtſiſchen ſank Franz vor Ermattung zuſammen und fand e nach einigen Minuten die Kraft, das Vorgefallene z. erklären; dennoch ſprach er die Abſicht aus, ſogleich umzukehren, um ſeinem Bruder Hilfe zu leiſten. Die Mutter rief jedoch weinend:„Ich habe eins meiner Kinder verloren und Du willſt mich auch noch des andern berauben.“„Nein, Mutter,“ entgegnete Fran ) zu leiden hatte, während die beiden andern Bewohner— 71 1 — theile Kaſel Korp wieſe ware das Mit gin zeit und ſoge feine geit ſtand zun muß mit durf als erſa — ettenleben. afengehen cäftigt. Er⸗ Lektion und aziergange war, Behäbig ug durch aͤußernd: mmtliche als Dyfer ge⸗ Geſchlecht der itte, auch dieſe Rache für ihre übrig, als auf zes eben mög⸗ hdie Ooſis ehörig c in der näch⸗ haben. Es lag ade ich ſo viel gt beklagten. ebürgte mir Dingen zu⸗ Leben be⸗ neu derum ſo At mie ht wie 5 W. Ernſt: Heitere Skizzen aus dem Kadettenleben. 345 theilungen formirt, denen lange düſtere Räume in den Kaſematten der Feſtungswerke zur Behauſung und einige Korporale und geübte Soldaten zu Abrichtern ange⸗ wieſen wurden. Das gab nun einige ſauere Wochen; denn kaum waren wir durch die Tagwache geweckt, als auch ſchon das Kommando zum Ausrücken erſcholl. Spät gegen Mittag wurde eingerückt, und kaum war abgegeſſen, ſo ging das Exereiren wieder an, ſo daß ich äußerſt ſelten Zeit fand, die Lieben in der Vaterſtadt aufzuſuchen. Ach, und ich hatte mir doch faſt nur zu dieſem Zwecke eine ſogenannte Extramontur, das heißt, einen Anzug aus feinem Stoff, aus eigenen Mitteln angeſchafft. In dieſe Zeit fiel auch die Kadeikenprüfung, die ich glücklich be⸗ ſtand. Nichts deſtoweniger verzögerte ſich die Ernennung zum Regimentskadetten einige Tage. Dieſe Ernennung mußte erſt im Befehl erſcheinen, bevor ich den Säbel mit dem Porte⸗epée gegen das kurze Bajonnet vertauſchen durfte. Und doch gelüſtete es mich gar zu ſehr, ſchon als Kadett zu figuriren, daß ich alle möglichen Schliche erſann, um, wenn auch nur auf wenige Minuten, den Säbel tragen zu können. Aus dieſem Grunde ging ich im Mantel aus, unter dem ich den mit dem Porte⸗epée verſehenen Säbel gut halten konnte, bis ich die Fe⸗ ſtungsthore paſſirt hatte. Dann erſt durfte die annoch nicht geſtattete Zierde im heiteren Sonnenlicht glänzen, um aber ſogleich wieder unter dem Mantel zu ver⸗ ſchwinden, wenn ein Officier des Weges kam. In mei⸗ ner Vaterſtadt, wo die Officiere meiſt ihre freien Stun⸗ den zuzubringen pflegten, war ich mit meinem militäri⸗ ſchen Schmucke gar ſchlimm daran. Entweder bewegter ich mich auf den öffentlichen Plätzen oder in den beleb⸗ teſen Gaſſen, um mein neues Porte⸗epée der Welt zu zeigen, und dann lief ich ſicher Gefahr, auf meiner Rechtsanmaßung ertappt zu werden und dafür in Strafe zu gerathen, oder ich mußte die abgelegenen Gaſſen und unbeſuchten Plätze der Stadt aufſuchen, wo wieder Niemand da war, meinen mit dem Porte⸗epée gezierten Säbel zu bewundern. Schreckliches Dilemma, das erſt ſeine Löſung fand, als nach einer Reihe unruhevoller Tage meine Ernennung erſchien. Zugleich mit dieſer Ernennung kam der Befehl, in die neu errichtete Kadetten⸗ ſchule einzurücken. Kadettenſchule. Acht geräumige Zimmer in einer großen Kaſerne waren zu dieſem Zwecke vom Regimentskommando an⸗ gewieſen worden und wurden im Laufe der erſten Tage mit den nöthigen Betten verſehen. Das Bett bildet das erſte und wichtigſte Möbel in jeder Behauſung von Soldaten, wie ſchon die Redensart ſchließen läßt:„in Garniſon liegen.“ Wir waren an ſechzig Kadetten Fiſammen, denn eine Menge lernfauler Studenten hatte nh durch den Kriegslärm verleiten laſſen, zum Militär di gehen. Man fand darunter faſt alle Nationen Mittel⸗ gropas vertreten, von den Zwiebel⸗ und Speckſachſen Biebenbürgens angefangen bis weit über die Kaffee⸗ (ichſen im Königreiche Sachſen hinaus. Bei der Ein⸗ Erinnerungen. LXXXII. 1861. theilung in die einzelnen Zimmer blieb es uns theil⸗ weiſe überlaſſen, unſere Geſellſchaft zu wählen, und ſo kam es, daß ſich in den drei gemeinſchaftlichen Schlaf⸗ ſälen zum größten Theil geſinnungsgleiche Kameraden zuſammenfanden. Man wird mich hier nicht mißver⸗ ſtehen und das Wort„geſinnungsgleich“ in der Be⸗ deutung nehmen, wie es etwa eine politiſche Zeitung gebraucht; denn unter den Soldaten darf nur ein Geiſt herrſchen und es ſoll und kann keine Spaltung irgend welcher Geſinnungen hier ſtattfinden. Ich meine vielmehr die Gewohnheiten und Neigungen, die ein⸗ zelne Menſchen mit einander gemein haben, und die bei einem engeren Zuſammenleben zu einem mehr freund⸗ ſchaftlichen als nur äußerlich kameradſchaftlichen Ver⸗ hältniſſe führen. So waren denn in unſerer Kadettenſchule drei verſchiedene Schlafſäle und auch eben ſo viel Parteien oder Brigaden, wie wir ſie nannten. Zuerſt die Nobelgarde, zu der zu gehören auch ich die Ehre hatte. Wie ſchon der Name andeutet, mußten ſich die Kadetten dieſer Brigade durch ein etwas ele⸗ ganteres Benehmen auszeichnen oder wenigſtens nach einem guten Ton ſtreben. Die bei uns herrſchende Sitte war eine ſogenannte ariſtokratiſche. Das Beſuchen der Officiers⸗Kaſino's, der Platzmuſiken, des Theaters und ähnliche mehr den Officieren zuſtehenden Vergnügungen galten bei uns mehr als das Beſuchen der ordinären Wirthshäuſer(Peiſel) und übermäßiges Zechen. Da⸗ durch entſtand eine gewiſſe Abſonderung von allen jenen, welche andere Orte zu ihren Vergnügungen auf⸗ ſuchten, und eine Art Geſpanntheit, die ſich häufig in gegenſeitigen Witzen äußerte. Die zweite Brigade, die zur Mehrzahl aus Slaven beſtand, hieß nach ihrer Lieblingsſpeiſe die Povidelbri⸗ gade, und die dritte, welche viele Magyaren zählte, die Paprikabrigade. Schon durch das Frühſtück unterſchie⸗ den ſich charakteriſtiſch die drei genannten Abtheilungen. Bei der Nobelgarde beſtand es aus einem Kaffee oder, ließen es die Geldmittel nicht zu, aus einem Glaſe kalter Milch, die uns eine junge, ſchöne, aber äußerſt ſpröde Bäuerin brachte. Anders war es in der Brigade Pa⸗ prika. Hier würde Jeder, der Kaffee gefrühſtückt hätte, Abends mit den derben Strohpolſtern durchgewichſt und für ein unwürdiges Mitglied der Brigade erklärt wor⸗ den ſein. Hier durften nur echt militäriſche Leckerbiſſen gefrühſtückt werden. Dieſe beſtanden aus einem Stücke Kommißbrod mit Speck und einem Gläschen Sliwowitz. In der Powidelbrigade herrſchten auch eigenthüm⸗ liche Frühſtücksſorten; zum Beiſpiel fünf— ſechs Talken für den Mann. Einer brachte es einmal auf vierund⸗ zwanzig Talken mit Powidel zum Frühſtück. Das merkwürdigſte Frühſtück aber blieb unſtreitig folgendes. Die ſogenannte Schluckgeſellſchaft, beſtehend aus vier Kadetten, ſtarken Rauchern, kam regelmäßig nach dem Exerciren zuſammen, um ihr Frühſtück ein⸗ zunehmen. Dieſes beſtand aus nichts mehr als— aus einer Pfeife, die mit Dreikönig geſtopft von Mund zu Mund ging und woraus jeder einen kräftigen Schluck machte. Damals konnte ich noch nicht begreifen, wie 44 man an ſolch' einem Frühſtück Geſchmack finden könne, aber im Verlaufe von noch nicht einem Jahre war es oft durch viele, viele Tage auch das meinige geworden. 346 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Die heil'gen drei Könige mit ihrem Stern, Gibt's nichts zu beißen, ſo rauchen ſie gern. Briefkaſten. Unſer Zuſammenleben währte noch nicht lange, ſo war auch ſchon jeder Kadett mit einem Spitznamen ver⸗ ſehen, der irgend eine lächerliche Eigenſchaft ſeines Trä⸗ gers oder ein komiſches Ereigniß zur Veranlaſſung hatte. So war mir der Name„Briefkaſten“ zu Theil gewor⸗ den, weil ich häufig, wenn ich über etwas nachdachte oder einen Gegenſtand fixirte, den Mund etwas geöffnet hielt. Dieſe Oeffnung wurde nun mit jener eines Brief⸗ kaſtens verglichen und daher der Name. Ich hatte dieſer üblen Angewöhnung wegen viel Neckereien auszuhalten, bis ich ſie ablegte. Ich will nur einen Fall erzählen, der mir mehr Gelächter eintrug als es mir lieb war. Gegenüber der Kaſerne wohnten zwei recht hübſche Mägdelein, Töchter einer Großhändlerin in Grünzeug, von denen mir die eine beſonders reizend in die Augen ſtach. Der jedesmalige„taghabende“ Kadett hatte den Einkauf der Menageartikel zu beſorgen, und da beſorg⸗ ten denn die meiſten von uns den zwei hübſchen Mäd⸗ chen zu Liebe die betreffenden Einkäufe in dem Grün⸗ zeugladen gegenüber. Wenn wir früh vom Exercirplatz einrückten, führte der Weg gerade an dieſem Laden vorüber, ſo daß wir beinahe täglich das Vergnügen zeugladen den Mund mit krampfhafter Geberde, ſo daß es den Anſchein hatte, als ob mir ein Erdapfel aus von dem Atelier meiner Neigung im Halſe ſtäke; aber es einen ließ ſich nicht mehr gut machen, was mir jener böſe merk Augenblick geſchadet hatte, denn, um dies Kapitel wür⸗ zeich dig mit einer allgemeinen Sentenz zu ſchließen: Lächer⸗ zu lichkeit iſt der Mehlthau der Liebe. ben Ber Der Herr Profeſſor. ſch Ich ſchreite nun zur Schilderung unſeres werthen Hau Herrn Profeſſors, des Lieutenants von Schuß. Dieſer unb iſt unſtreitig die merkwürdigſte Figur in meinen Skizzen. die Was ſein Aeußeres betrifft, ſo war er nichts weniger de als ein Adonis, was übrigens für einen Profeſſor Mü gleichgiltig iſt. Die Eule, der Vogel der Viſſeenſchaft, Sch macht auch nicht auf Wohlgeſtalt Anſpruch. Er geber⸗ dete ſich kurzſichtig, denn er pflegte in alle Sachen tief ſich hinein zu gucken, und war in der That ſchwerhörig was fulf uns oft ſehr zu Statten kam. Da er bei ſeiner ziſcheln⸗ den Ausſprache noch außerordentlich ſchnell ſprach, glich di ſeine Rede dem Guße einer Dachtraufe. En Verſetzen wir uns in den Lehrſaal der Kadetten⸗ ſchule und hören hier geduldig einer Vorleſung über ei Geographie zu. Es wurde dieſer Gegenſtand vom ge. nannten Herrn Lieutenant vorgetragen. Die Kadetten un ſitzen an ihren Tiſchen und memoriren noch aus ihren he Explikationen, bevor der Officier erſcheint. Sobald der⸗ ſelbe den Saal betritt, nehmen alle die vorgeſchriebene de militäriſche Stellung ein, und ein dazu beſtimmter Ka⸗ ſar P genoßen, vor dieſen zwei zwiſchen gelben Rüben, Erd⸗ det erſtattet die Meldung, wer fehle. Auf ein gegebenes üü äpfeln und Mehlſäcken blühenden Roſen zu defiliren. Zeichen nehmen die Kadetten ihre Plätze ein und warten„ ſin Es iſt natürlich bekannt, daß der Soldat in Reih' und mit Spannung auf die ſchon mehrere Tage vorher an⸗ 2 Glied nicht Herr ſeiner Bewegungen ſein darf, daher geſagte Prüfung. Der Profeſſor zieht einen Bogen Pa⸗ d auch jede willkürliche Außerachtlaſſung der militäriſchen pier hervor, worauf das rangsmäßige Verzeichniß aller d Haltung ſogleich vom Vorgeſetzten gerügt wird. Kadetten ſteht, und wirft einen bedächtigen Blick in dass T Als wir alſo eines ſchönen Morgens vom Exer⸗ ſelbe, während er mit der andern Hand mehrere Male L ciren einrücken, ſteht gerade die reizendere der beiden auf ſeinem Geſicht herunterfährt, gleichſam um die un. n Grünzeugdryaden vor dem Laden und wirft mir, wie zähligen Runzeln desſelben zu glätten, und ruft mit hefe ſc es mir vorkommt, bedeutungsvolle Blicke zu. Kein tiger Stimme den Namen eines Kadetten.’ 6 Wunder, daß auch ich ſie zu fixiren ſuchte, wobei mir Diesmal trifft das Donnerwort den unglückſeligen 65 aber, der leidigen Gewohnheit zu Folge, der Mund Espe von Kielheim, einen nicht mehr jungen Ka⸗ wieder auseinanderging. Da das nun gegen die Gleich⸗ detten, dem ich hier gleichfalls einige Worte widmen um heit der Geſichter in Reih' und Glied einen grellen Ab⸗ will. Er hat bereits das Jünglingsalter vorüber, denn ta ſtand verurſachte, wurde das Vergehen ſogleich und erſt nachdem er wohl ein Decennium als unbeſoldeter zwar mit lauter Stimme von unſerem Kommandanten Praktikant bedienſtet geweſen, hat er eingeſehen, daß 8 gerügt.„Einige haben das Maul offen. Briefkaſten⸗ ihm bei ſeinem friedlichen Amte keine Roſen blühen ne machen's den Mund zu!“ lauteten die ſchallend ane daher beſchloſſen, ſich dem Dienſte des Mars zu 9 Worte. Ein plötzliches Zuſchnappen zweier kußlüſter eihen. Er beſitzt ſehr löbliche und brauchbare Eigen⸗ Ih Lippen und eine mehr als purpurne Röthe, die ſicy un aften, was Kanzleien betrifft, für die Muskete aber ſ über das ganze Geſicht ergoß, waren die augenblickliche ahm ſein zehnjähriges Praktikantenthum nicht als 1 Folge davon. Die Urſache dieſer Röthe läßt ſich leicht die p. Vorſchule gedient, denn er kann nicht ohne un errathen, denn welche Beſchämung trug ich vor den Zittern u Schweiß einige Minuten die Gewehrgriffe ſch Augen unſerer liebenswürdigen Nachbarin davon! Sie exerciren und rickt bei jeder Bemerkung des V be o lachte was ſie konnte und lief lachend zu ihrer Schwe⸗ ſetzten zuſamm r auch ſein Name„Espe it 5 ſter, um ihr dieſen Spaß zu erzählen, und ſie ſchien auch Als Espe ſeinen Namen hört, nimmt ſein de ſpäter immer mit Gewalt das Lachen unterdrücken zu hin blaſſes Geſicht eine fahlgraue Färbung an, me⸗ gl müſſen, wenn ich in ihre Nähe kam. Von der Zeit an dürren Finger zittern, ſeine Kniee ſchlottern, denn, o P 8 ſchloß ich zwar ſchon auf zehn Schritte vor dem Grün⸗ eben heute kann er nichts, rein gar nichts. 7 4 Geberde, ſo daß n Erdapfel aus ſäte, aber es mir jener böſe ſes Kapitel wür. plioße wließen: Lächer. unſeres werthen Schuß. Dieſer zweniger Profeſſor Wſſenſchaft, Er geber⸗ alle Sachen tief hwerhörig, was jſeiner ziſcheln⸗ nell ſprach glich einen a der Kadetten⸗ Vorleſung über nſtand vom ge⸗ Die Kadetten noch aus ihren * Sobald der⸗ vorgeſchriebene eſtinn ter Ka⸗ ein gegebenes in und warten am um die un⸗ nd uft mit hef 1 glücſeligen ebr jungen Ka⸗ Poltt widmen rüber, deun Gewehlg 1 des I b 65pe un tſein an 3 ug 1 7 4 W. Ernſt: Heitere Skizzen aus dem Kadettenleben. 347 An der Schultafel hängt eine ſehr große Karte von Deutſchland. Der Lieutenant wirft auf dieſelbe einen prüfenden Blick, ob nicht etwa mit Bleiſtift Be⸗ merkungen über Einwohnerzahl, Flächeninhalt ꝛc. ver⸗ zeichnet ſind. Um jedoch recht ſicher zu gehen, daß der zu Prüfende nicht etwa geheime Zeichen auf der Karte benütze, bedeckt er haſtig— denn haſtig ſind alle ſeine Bewegungen— mit der Hand die Gegend der ſächſi⸗ ſchen Länder und frägt barſch:„Was iſcht daſch?“ Unſer Espe ſtarrt voll Angſt auf die mit der Hand bedeckte Stelle und ſeiner Erinnerung ſchwebt in unbeſtimmten Umriſſen und verſchwimmenden Farben die große Menge der kleinen ſelbſtändigen Reiche vor, die unter der Handfläche verborgen ſein können; mit Mühe ſammelt er ſein Gedächtniß und ſtammelt:„Reuß, Schleiz, Lo...“ „Schi haben nichtſch gelernt. Schi wiſchen gar nichtſch. Schetzen Schi ſchich. Schi haben einen Dreier fürſch ganze Monat.“ Niedergeſchmettert wankt der Unglückliche ſeinem Tiſche zu und ſchwitzt den Schweiß des Schreckens zu Ende. Der Lieutenant blickt im Saale herum und ſucht ein anderes Opfer. Doch nein, er ſucht einen ſeiner Lieblinge, damit die Beſchämung um ſo größer werde, und das Verdienſt ſeines Protektionskindes deſto mehr hervor leuchte. Der Gerufene iſt ein Feſtungskind, gewöhnlich nur der Bruder genannt, weil er das Glück hat, eine bild· ſaubere Schweſter zu beſitzen. O es iſt ein Glück, eine hübſche Schweſter zu haben; ſelbſt bei der Geographie ſind die Wirkungen zu merken. Der Bruder hat einſtweilen ſich die Stelle, welche der Lieutenant vorſichtig noch immer bedeckt hält, auf der eigenen Landkarte wohl angeſehen, tritt ſtolz zur Tafel und beginnt mit Zuverſicht ſämmtliche ſächſiſche Länder herzuzählen; und entwickelt, ſobald der Lieute⸗ nant die Hand von der Karte gezogen, auch ganz be⸗ ſondere ſtatiſtiſche Kenntniſſe, wobei ihm die auf den Gebirgen mit Bleiſtift geſchriebenen Zahlen ſehr zu Statten kommen. Der Profeſſor iſt mit der Prüfung ſehr zufrieden und dem Bruder wird eine Vorzugsklaſſe in den Ka⸗ talog eingetragen. Nachdem noch Einige geprüft worden ſind, be⸗ hinaus vor die Thür und applicirt einem unglückſeligen Gemeinen, der gerade vorüber geht, eine tüchtige Ohr⸗ feige mit der kategoriſchen Bemerkung:„Daſch Maul ſchu halten und abſchufahren.“ Mit Sack und Pack. Es iſt Sonntag! Die geſammte Kadettenſchule hat zur Kirchenparade auszurücken. Beim erſten Signal rangiren ſich die Kadetten und werden durch den Herrn Lieutenant von Schuß viſi⸗ tirt. Da gibt es eine Menge Anſtände. Bei Einem iſt eine Extra⸗Halsbinde— Alles, was nicht vom Aerar dem Mann gegeben wird und ſich nicht ſtreng an die Vorſchrift hält, heißt„extra“— beim Zweiten findet ſich ein ſeidenes Porte⸗epée, der Dritte hat die ungari⸗ ſchen Schuhe mit unrechten Schuhzeichen geſchnürt. Sind die Fehler bedeutend oder iſt der unglückſelige Kadet gerade nicht ein beſonderer Liebling des Lieutenants, ſo heißt es mit Sack und Pack ausrücken. Das iſt für gewöhnlich nicht gerade eine Unterhaltung, viel weniger noch aus Strafe. Noch jetzt, wo ich längſt die Muskete mit der Feder vertauſcht habe, drückt es mich wie ein Alp und preßt mir einen unbehaglichen Schweiß auf die Stirne, wenn ich an die vergangenen Qualen des „Sack und Pack“ mich erinnere. Ich war mit Sack und Pack viel bei Paraden und auf Märſchen, jedoch nie wurde es mir ſo läſtig als damals, wenn Herr von Schuß mich viſitirte. Mit Todesangſt mußte man daſtehen; ſelbſt nach der ſorgfältigſten Bemühung, nett und rein zu erſchei⸗ ven, konnte doch— nein es mußte bei jedem Manne etwas vorkommen, was gegen die Vorſchrift war. Die geheimſten Winkel des Gewehres, der Patrontaſche wur⸗ den durchſtöbert; wehe, wenn irgend wo ein Stäub⸗ chen ſaß! Wir ſtehen alſo mit Sack und Pack in Reih' und Glied. Mann für Mann wird viſitirt. Mit banger Er⸗ wartung ſehe ich den Augenblick kommen, in welchem ich mein Sündenregiſter hören werde. Der entſcheidende Moment iſt da. Alles iſt rein und ordentlich an mir, kein Laut, keine tadelnde Bemer⸗ kung kömmt über die Lippen des Unterſuchers. Schon ſtrahlt mir die Hoffnung, den Sonntag frei und unge⸗ hindert genießen zu können:— als plötzlich ein boshaft freudiger Blick unſeres Exercirmeiſters mein ſündenbe⸗ ginnt der weitere Vortrag. Die Kadetten ſchreiben fleißig nalch. Plötzlich klopft einer derſelben verſtohlen an den Fiſch, auf die Art, wie man es an einer Thür zu ghu erflegt. Der Profeſſor horcht und befiehlt einem Kadett ſtopr die Thür zu ſchauen, wer draußen ſei. Natü uſß eineiß Jedermann außer dem Profeſſor, woher das unen ſtamme; doch der Befehl wird befolgt, de 4 ſichnet die Thür, welche auf den Kaſernenga ne Fohldet— es ſei Niemand da. nuch In einer Weile ſtößt ein A⸗ in⸗ f dender Melodie des Oefilirmarſe.( ali⸗ ggleiz Ohrenſpitzen von Seiten de ſor æ iſt der Setzinung, einer der Soldaten uf em Gange Bor ſtöre ſo den Unterricht. Wü aruger ſtürzt er ladenes Haupt trifft, worauf die wohlfriſirten Haare erlich geordnet ſind. „Lange Haare!— Schreiben Schi ihn auf, Kadet⸗ eldwebel,— rückt heute Nachmittag drei Uhr noch⸗ malſch mit Schack und Pack aus mit kurtſchen Haaren.“ Was die Haare betrifft, war überhaupt unſer von Schuß ein großer Verehrer der à la Bedouin⸗Friſur. V Die Vorſchrift lautet: vorn ein Zoll, rückwärts ein halb Zoll. Mit dieſer Länge läßt ſich allenfalls noch eine anſtändige Kopfzierde heraus bürſten. Er aber übertrieb, wie in andern Dingen, ſo auch hier das Maß und be⸗ V ſtand feſt auf ganz kurz geſchorenen Haaren wie bei Galeerenſträflingen. 44* Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Der Auftrag. RArRIidDhYn 8 Mn vEE Mmödn Herr:„Jan! morgen früh weckſt mich Schlag drei Uhr auf.“ Bediente:„Ganz wohl, Euer Gnaden, belieben nur gefälligſt zu läuten“. Was blieb alſo übrig, als ſchnell nach der Kirchen⸗ parade zum Friſeur zu gehen und die Haare ſtutzen zu laſſen. Auf dem Wege dahin begegnet mir der Poſtwagen. Welche Ueberraſchung! Meine Marie, meine eigent⸗ liche, wahre Liebe ſitzt darin! Meine freudigen Gefühle, nach langer Trennung das holde Weſen, das ich das letzte Mal als Student geſehen, nun als Kadet, das heißt, als privilegirter Kurmacher wieder zu ſehen, ver⸗ mag ich gar nicht zu beſchreiben, denn ſie waren unbe⸗ ſchreibliche Gefühle! „Sie dürfte dich bemerkt haben,“ dachte ich.„Wie freue ich mich, ſie heute im Elternhauſe zu treffen.— Ihr Aufenthalt wird wohl nicht lange währen, denn ſie pflegt immer bald wieder abzureiſen.— Wenn nur ſchon dieſes Ausrücken mit Sack und Pack vorüber wäre!— Erſt um drei Uhr ſoll es ſtattfinden.— Wie viele ſüße Stunden gehen da verloren!“ Hlagen und ſagte:„Schneiden Sie ſo, daß de pfne b 1 7 S ÿyyu Mit dieſem Wechſelſpiel der Gefühle von nHoftnung und Beſorgniß trat ich in die Barbier⸗ und Friſeurſtube, um mir die Haare ſcheren zu laſſen. „Wie wünſchen Sie, à la Bedouin oder na Vorſchrift?“ Ich dachte an Marie. Mit einem Galeerenſträf⸗ lingsgeſicht konnte ich unmöglich vor ſie treten. Das HeJu oder vielmehr die Eitelkeit rief: à la Bedouin, Vernu pn⸗ und Pflicht: nach Vorſchrift. Ich ſuchte in dieſen zid ber zeite der Meinungen die goldene Mittelſtraße wils in wenig Friſur zu machen iſt.“ (Schluß folgt.) XOs „ Pp„ Das 57d en Pernu- d ver luls ine an öfiffe mo 1 in e gel 7 N8 un79 — ᷣ— —— 8 —— W Feuilleton. Gemeinnütziges. Intereſſante Heilverſuche werden jetzt im k. k. Thierſpitale zu Wien an rotzkranken Pferden gemacht. Die Kurſchmiede Mathias Imre, Perl und Kuhn aus Ungarn, die Erfinder des Arkanums gegen die Rotzkrankheit, haben vom Kriegsminiſterium eine Anzahl Pferde zur Be⸗ handlung zugewieſen bekommen, und die Thiere befinden ſich thatſächlich ſeit Wochen in der Beſſerung. 8 Eine heizbare Feuerſpritze hat der Glockengießer Friedrich Hönig in Arad(Ungarn) erfunden. Dieſelbe kunn in fünf Minuten geheizt werden, um das Einfrieren des Waſſers zu verhindern. Statt der bisherigen Druck⸗ einrichtung wird die Spritze durch ein Schwungrad in Bewegung geſetzt, wodurch ein einziger Mann mehr leiſtet, als an den gewöhnlichen Spritzen zwölf und noch mehr Leute. Für Jäger. Unter hundert Jagdgewehren, welche berſten, iſt es bei 95 gewiß immer der linke Lauf, der zerſpringt. Warum? Die Fabrikation iſt dieſelbe, die an⸗ geſtellten Proben ſind identiſch. Die Jäger laden die beiden Läufe auf die nämliche Weiſe u. ſ. w. Und doch muß es eine Urſache geben, warum die linken Läufe leichter platzen. Folgendes aber geſchieht auf der Jagd. Der Jäger überraſcht ein Stück Wild... er ſchießt, der Schuß iſt aus dem rechten Gewehrlaufe abgefeuert... iſt das Wild gefallen, ſo wird der leere Lauf wieder geladen... iſt es nicht getroffen, ſo wird gewiß der zweite Schuß nicht abgefeuert, wenn es in's Weite ge⸗ gangen iſt. Die Ladung des linken Laufes iſt nur zur Reſerve da und wird in ſeltenen Fällen benutzt. Beim erſten Anſchein ſollte dies nun dem geſchonten Laufe zu ſtatten kommen; dem iſt aber nicht ſo. So oft der Schuß des rechten Laufes losgeht, verurſacht die Erſchütterung eine Störung in der Ladung des linken Laufes, der Pfropf und die Schrote weichen von dem Pulver und es bilden ſich größere oder kleinere Zwiſchenräume. Die weitere Folge iſt, daß der Lauf zerſpringt. Um dieſem Uebelſtande vorzubeugen, gibt es ein ganz einfaches Mittel: wenn man nicht beide Läufe abfeuern will, ſo muß man, nach⸗ dem man den ausgeſchoſſenen Lauf friſch geladen hat, ſgleichzeitig auch die Ladung des geſchonten mit dem Setzer wieder feſtdrücken. Die müheloſe Anwendung dieſer Vorſicht würde manches Unglück verhüten Statiſtiſches. Die Zu⸗ und Abnahme der Bevölkerung europaiſcher Großſtädte ſeit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts wurde jüngſt von Dr. Stricker in Frankfurt Inandene geſtellt und berechnet. Wir ordnen auf Grundlage dieſer Berechnung einige Städte nach der Procentzahl der Zu⸗ nahme im Vergleich zu der frühern Bevölkerung. Liverpool hatte 1774 34.407 Einwohner und bis 1851 eine jähr⸗ liche Zunahme von 13 Proc., in faſt ähnlicher Weiſe auch Mancheſter. Peſt ſtieg bis 1857 jährlich um 11 Proc., nachdem es 1784 nur 13.550 Einwohner hatte. Berlin hat bis 1858 um 3 Proc., London bis 1859 um 26 5, Proc., Petersburg bis 1857 um 2 ¼, Brüſſel bis 1860 um 2, Madrid bis 1857 um 1 ½, Turin bis 1860 um 1 ½⅓, Wien, das 1783 kaum 260.000 Einwohner hatte, bis 1857 um 1 ¼, Hamburg bis 1858 um 1, Florenz um%⅜, Mailand bis 1860 um ½⅛, Rom bis 1858 um ½ Proc. zugenommen. Palermo aber bis 1856 um 1 ,Venedig bis 1857 um ½⅛ und Neapel bis 1856 um 6 Proc. jähr lich abgenommen. Das Londoner Oberpoſtamt veröffentlicht den Ausweis ſeiner Thätigkeit im Jahre 1860. Die Zahl der im Lande beförderten Briefe iſt noch immer im Steigen begriffen. Die engliſchen Poſtämter beförderten im vori⸗ gen Jahre 462 Millionen Briefe(22 Briefe per Kopf der geſammten Einwohnerzahl); die ſchottiſchen Poſtämter 54 Millionen(17 per Kopf), die iriſchen 48 Millionen(8 per Kopf). Die größte Anzahl Briefe kommt natürlich auf Rechnung London’'s(43 per Kopf.) Nicht weniger als 2 Millionen Briefe konnten wegen mangelhafter Adreſſe, Wohnungswechſel der betreffen den Perſonen u. dgl. nicht ausgeliefert werden. In den allermeiſten Fällen lag die Schuld an der Nachläſſigkeit der Abſender, und es wurden im vorigen Jahre mehr als 10.000 Briefe aufgegeben, welche ganz ohne Adreſſe waren. Täglich kommen in London an 20.000 Briefe an, auf denen die Wohnungs⸗ anzeige fehlt, die ſomit der Poſt bei der Auffindung der rechtmäßigen Eigenthümer ungeheuere Mühe machen. Die unehelichen Geburten in verſchiedenen Ländern Europa's. Vergleichen wir die Zahlen der unehelichen Ge⸗ burten in verſchiedenen Ländern Curopa's, ſo kommen auf je 100 eheliche Geburten uneheliche: in Piemont 2,% Proc., in Schweden 6,, in England 6,„ in Belgien 6,„, in Frankreich 7, in Preußen 7„„ in Dänemark 93, in 7 350 Crinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Hannover 95, in Oeſterreich 11,3, in Württemberg 11, in Sachſen 14, und in Baiern 20 Proc. Demgemäß hätten Sachſen und Baiern den traurigen Vorzug der meiſten unehelichen Kinder. Für Baiern ſtimmt hiermit die Angabe vollſtändig überein, welche Hermann in den „Beiträgen zur Statiſtik für Baiern“ gemacht, nach welcher auf je 3, eheliche bereits 1 uneheliche Geburt erfolgt. Auf je 1000 Neugeborene finden ſich in Baiern nicht weniger als 210 uneheliche Kinder, und läßt man die Pfalz weg, in welcher das Verhältniß am günſtigſten iſt, ſo treffen im diesſeitigen Baiern auf 1000 Neugeborene 240 außereheliche Geburten. Humoriſtiſches. Ein kleines Landmädchen brachte Quark zu einer Stadtfrau.—„Iſt der Quark auch ſauber?“ fragte dieſe.—„Ja,“ antwortete die Kleine naiv,„Mutter hat geſtern ſchon alle Haare herausgeleſen.“ In einem Café hatte ein Gaſt ein ganzes Pack Zeitungen in Beſchlag genommen und beſchäftigte ſich ſo lange damit, daß endlich ein Anderer ſich ihm in der Abſicht näherte, das Recht der übrigen Leſeluſtigen zu be⸗ anſpruchen.—„Sie wünſchen Zeitungen, mein Herr?“ fragte der Uſurpator;„ich verſichere Ihnen, daß gar nichts drin iſt.“—„Dann haben Sie ſich ſehr lange mit Nichts beſchäftigt,“ war die Antwort. Ein Landmann kam in’s Weinhaus und forderte eine Flaſche Wein.—„Wünſchen Sie Laubenheimer?“ fragte der Kelluer.—„Laubenheimer? Nein, ich werde mich wohl hüten, mir Bauchgrimmen zu machen.“—„Wie ſo?“—„Nun hier ſteht doch: von vorzüglicher Qual.“ —„Ach ſo! daß iſt bloß abgekürzt.“—„Abgekürzt? Hören Sie mal, ich möchte keine Qual haben, und wenn ſie nur eine Sekunde dauerte.“ „John, eine einzige Frage!“ ſagte Veit, fin Landmann, auf der Straße zu einem andern.—„Aber mach ſchnell, ich habe Eile!“—„Was gabſt Du Deiner Kuh, als ſie neulich krank war?“—„Ein Pfund Terpentin.“ Damit ging John ſeines Weges. Am andern Tage ſah Veit John wieder.—„Ach John, Du haſt mir ſchlecht gerathen!“—„Wie ſo denn?“—„Ich gab meiner Kuh ein Pfund Terpentin und ſie ſtarb.“—„Ja, meine auch,“ erwiederte John. „Warum biſt Du traurig, Freund?“—„Meine Geliebte hat einen Andern geheiratet.“—„Und Du haſt dabei den Pfarrer gemacht.“—„Wie ſo?“—„Nun, Du haſt getraut.“ „Wo haſt Du denn Deine Uhr gelaſſen?“ fragte ein alter Landpfarrer ſeinen zum Beſuch von der Uni⸗ verſität kommenden Sohn.—„Beim Uhrmacher zur Re⸗ paratur.“—„Deines Geldbeutels natürlich!“ fügte der Vater hinzu. „Sie ſind wie ein Barometer,“ ſagte eine Dame zu einem in ſie berliebten Tänzer:„Queckſilber unten und nichts oben.“—„Bitte um Vergebung, meine Dame,“ erwiederte der Tänzer,„oben trage ich Ihr Bild.“ Vermiſchtes. Der Aſtronom Otto Skruve hat vom Kaiſer Alex⸗ ander II. von Rußland eine Summe von 125.000 Fr. erhalten, um auf der Höhe des Arrarat eine vollſtändige Sternwarte zu errichten. Bekanntlich iſt dort die Luft von einer ſeltenen Reinheit und Durchſichtigkeit. 1 Folgende in Köln verübte Betrügerei verdient mitgetheilt zu werden. Ein unbekannter junger Mann von ganz anſtändigem Aeußern und zuverſichtlich auf⸗ tretend, kehrte in einem dortigen Gaſthofe ein. Als er von einem Ausgange wieder in's Hötel zurückkam, ſagte er dem Wirthe, er habe Einkäufe gemacht; wenn die gekauften Sachen gebracht würden, möge er ſo gefällig ſein, das Geld dafür, etwa acht Thaler betragend, dem Ueberbringer zu bezahlen oder, ſetzte er hinzu, wenn er dies nicht gern thue, möge er er ihm jetzt gleich einen Hundertthalerſchein wechſeln. Der Wirth war zuvor⸗ kommend und erklärte, das Geld auslegen zu wollen. Als hiernächſt der junge Mann wieder ausgegangen war, kam ein Dienſtmann, verlangte und erhielt für ein Paket, das ex für den Kaufmann N. N. abzugeben habe, den Preis der darin enthaltenen Waare mit 7 Thlr. 20 Sg. 6 Pf. Der Herr N. N. blieb jedoch aus und bal ſellie ſich heraus, daß das Paket werthloſe Sachen enthielt. In der Nacht vom 14. zum 15. Oktober hat in Brüſſel ein furchtbarer Sturmwind gewüthet, deſſen Wuth auch noch am 15. fortdauerte. Eine Menge Kamine wurden umgeworfen, Dächer abgedeckt und eine 28 Fuß lange Mauer niedergeworfen, die ein 27jähriges Mädchen unter ihren Trümmern begrub, das lebensgefährlich ver⸗ wundet in's Spital gebracht wurde. Verſchiedene im Bau begriffene Häuſer ſtürzten ein. Menſchenhandel in Bukareſt. Der Bukareſter reformirte Seelſorger Franz Koos macht in öffentlichen Blättern folgende Mittheilung über einen wahren Men⸗ ſchenhandel. Ein Abenteurer, Namens Emerich Bene, bereiſt jedes Jahr das übervölkerte Szekler Land und lockt den armen Szeklern, die ſich kaum zu ernähren vermögen und ſelbſt oft zum Broderwerbe nach der Moldau gehen, die herangewachſenen Knaben, beſonders aber die Mädchen ab, unter goldenen Verſprechungen, er werde ſie in Bukareſt bei vornehmen Familien unter⸗ bringen, wo ſie es weit bringen würden. In Bukareſt angelangt, verkauft er die Kinder, mit welchen er einen förmlichen Handel treibt, die Knaben per Kopf um einen Dukaten an ungariſche und deutſche Handwerker, die Mädchen aber um viel höhere Preiſe. Dieſes ſchändliche Gewerbe treiben außer Bene noch Mehre, ſo daß in Bu⸗ kareſt allein ſich über 6000 ſolcher Szekler⸗Kinder be⸗ finden. Prediger Koos hat Bene bei der Bukareſter Polizei verklagt, in Folge deſſen Letzterm verboten wurse,— künftig Mädchen nach Bukareſt zu bringen. Bene aber erklärte offen, das ſei ſein Erwerb, er könne denſelben nicht aufgeben und wolle von nun an die Szekler⸗Kinder nach Giurgewo ſchaffen. 1 König Dahomeh hat wieder eines jener ſcheußlichen Menſchenopfer vor, deren Rieſigkeit mit Schauder erfüllt. Es ſollen dafür nicht weniger als 1500 Schlachtopfer bereit gehalten werden. 3 Die deutſchen Kaufleute in Liverpool haben be⸗ ſchloſſen, unter ſich 7000 Pf. St.(= ca. 47.000 Thlr.) zum Bau eines Dampfkanonenbotes für die deutſche Flotto aufzubringen.—. 1 Wieder ein Opfer religiöſer Schmärmerei. Aus Elberfeld wird berichtet: Vor einiger Zeit fand ſich auf dem dortigen Rathhauſe ein äußerlich anſtändiges Frauen⸗ zimmer ein. Nachdem ſie ſchon längere Zeit dort ſtill⸗ ſtehend gewartet, fragte ſie ein Beamter:„Suchen Sie Jemand?“, worauf ſie leiſe„Ja!“ antwortete.„Wen denn?“—„Feſus,“ war die Antwort.„Wollen Sie Etwas?“—„Ja, einen Paß.“ Nach dem Paßbüreau gewieſen, wünſchte ſie einen Paß nach dem Himmel, und als ihr bedeutet wurde, ſich zu entfernen, folgte ſie dieſer Weiſung nicht, ſondern wiederholte laut weinend ihr Geſuch mit dem Vorgeben, daß ihre bereits verſtorbenen Eltern ſie erwarteten und ſehr ungehalten ſein würden, wenn ſie nicht bald erſcheine; ſie wäre ſehr ſtreng er⸗ zogen und dürfe nicht unfolgſam ſein. Da nichts von ihr zu ermitteln war, wurde ſie einſtweilen als obdachlo in Polizeigewahrſam gebracht. Der Komiker Fleſche aus Magdeburg war z Berlin in einem Luſtſpiele in der wirklichen Uniforf eines preußiſchen Polizeibeamten auf der Bühne erſchien und dieſes gräßlichen Verbrechens halber bei ſeiner Rü — öt, wenn die ſo gefällig ſragend, dem erhielt für ein bzugeben habe, mit 7 Thlr. ch aus und loſe Sachen dtober hat in t deſſen Wuth ge Kamine er Bulmrtſter ffentlichen erbe nach der en, beſonders echungen, amilien unter In Bukareſt chen er einen knne denſelben Szekler Kinder ner ſcheußlichen ner ſar erfl. Schlachtopfer bt⸗ T Il haben, on O00 Thlr.) autſche Flotts g llen Oh aasbüreaul P aßbüre 3 n . zimmel, Äin late ſie dieſt weinend ün 4 I eeſtorbeulen Feuilleton. 351 kehr nach Magdeburg in Anſpruch genommen worden. Der General⸗Intendant der königlichen Schauſpiele, von Hülſen, gab ſein Gutachten jedoch dahin ab, daß das Tragen der Civil⸗ und Militäruniformen bei Hinweg⸗ laſſung der Feldzeichen zu der getreuen Darſtellung einer ſolchen Rolle auf dem Theater durchaus zuläſſig ſei und man dem nichts entgegenſetzen könne. Trotzdem wurde die Anklage gegen Fleſche zur öffentlichen Verhandlung gebracht, jedoch freiſprechend entſchieden. In Frankfurt a. M. hatte ein 15jähriges bisher unbeſcholtenes Mädchen eine Uhr im Werthe von 4 ½ Fl. geſtohlen, um ihrer Mutter den noch fehlenden Mieth⸗ zins zu verſchaffen! Daß ſie nur dieſe Abſicht gehabt haben konnte, wurde durch die Verhandlung erwieſen. In⸗ Berückſichtigung dieſes Umſtaudes und ihres jugendlichen Alters wurde die Diebin nur mit einem gerichtlichen Verweiſe beſtraft. Ueber Laibach entlud ſich am 15. November ein überaus heftiges Gewitter, wobei der Blitz in einen Stall ſchlug, in welchem ſich die Beſpannungspferde der dort garniſonirenden Artillerie⸗Abtheilung befanden. Zwei Pferde wurden niedergeſtreckt und ein Kanonier vom Blitze ge⸗ ſtreift. Derſelbe mußte in's Spital gebracht werden. Ein weiter Kanonier wurde betäubt. Keine Glocke kommt an Größe der von Miako, auch Kio genannt, auf der japaneſiſchen Inſel Riphon gleich. Dieſe Glocke iſt 2,400.000 holländiſche Pfd. ſchwer und 17 Fuß hoch. In Graudenz haben ſich an einem und demſelben Abende ein Artilleriemajor und ein penſionirter Haupt⸗ mann erſchoſſen. Ein Zuſammenhang zwiſchen den beiden Selbſtmorden ſcheint nicht zu beſtehen, doch weiß man auch bis jetzt keine Urſache, weßhalb der Eine und der Andere ſich das Leben genommen haben. In Groningen lebt ein junger Menſch von neun⸗ zehn Jahren, welcher das ſeltene Gewicht von 384 Pfd. hat. Im Urſulinerinnen⸗Kloſter zu Hermannſtadt war wiederholt Feuer ausgebrochen. Da das Gerücht zwei Nonnen der Brandſtiftung beſchuldigte, wurde eine ge⸗ richtliche Unterſuchung eingeleitet, Polizeiwache in’'s Kloſter gelegt und Aufſicht über die beiden Nonnen angeordnet. Das franzöſiſche Linienſchiff Infernal iſt am 1. Oktober auf der Rhede von Valparaiſo ein Raub der Flammen geworden. Das Feuer brach um Mittag mit einer ſolchen Heftigkeit aus, daß es unmöglich war, Herr desſelben zu werden. Man überließ alsbald das Schiff ſeinem Schickſal und feuerte über 100 Kanonenkugeln auf dasſelbe ab, um es in Grund zu bohren. Alle trafen, ohne daß es untergiee bis es, zuehteeed a . 2 ge rUmhn kammer und mitaf das Schiff in die Luft zu ſprengen. Die Erſchüttekung, welche die Exploſion hervorbrachte war ſo ſtark, daß alle Fenſterſcheiben der in der Nähe der Rhede gelegenen Straßen zertrümmert wurden. Der Schaden, den die franzöſiſche Marine durch den Verluſt dieſes Schiffes erlitt, wird auf 2 ½ Millionen Fres. geſchätzt. Ein weiblicher Kapitän. Ein nordamerikaniſches Blatt meldet, daß eine der Louiſiana⸗Kompagnien in der Schlacht bei Bull's Run ihren Kapitän verlor, und daß die Aaranne leinimmig ldie Frau des Gefallenen an atz wählte. Dieſe fü jetzt wirklich i r luiaa AemaDi führt auch jetzt wirklich in voller Die Eguipirung der Poſtreiter der kaliforni Staffettenpoſt iſt macher Mdüüle Reiter kaliſorniſchen vollſtändigen Anzuge von Bockfell mit den vollen Haaren verſehen. Die haarige Seite iſt nach Außen gekehrt, ſo daß im Falle eines Unwetters Schnee oder Regen nicht ein⸗ dringen, die Kleider ſchwerer machen und dadurch das Pferd aufhalten können, ſondern die Näſſe von der mehr oder minder öligen Subſtanz in den Haaren abläuft. Die Brieftaſchen, vier an der Zahl, ſind dicht unter dem Sattelknopf angebracht. Vier achtzöllige Colts⸗Revolver jeder zu ſechs Schuß, vollſtändig geladen, ſind ſo arran⸗ girt, daß ſie, halb aufgezogen, fertig zum Dienſt ſind. Sodann ein Meſſer vo⸗ 1s Zoll Länge, deſſen Rücken eine Höhlung bildet, welche mit Queckſilber gefüllt iſt, ſo daß beim Stoße das Queckſilber nach vorn ſchießt und den Stoß kräftiger macht. Ungefähr 100 engl. Meilen iſt die Entfernung, welche ein jeder Reiter zurückzulegen hat, wozu ihm eilf Stunden erlaubt ſind. In einer amerikaniſchen Stadt kam der Fall vor, daß ein Ehemann ſich weigerte, eine ziemlich beträcht⸗ liche Summe für Waaren, welche ſeine Frau gekauft hatte, zu bezahlen, weil er ſeine Frau ſtets anſtändig verſorgt habe, aber Luxusartikel nicht bezahlen könne. Die Ge⸗ ſchworenen erkannten dieſen Grund als richtig an und wieſen die Klage des Kaufmanns ab. Die Aufhebung der Klöſter im Königreich Neapel, welche der Unruhen wegen verſchoben worden war, iſt nun endlich erfolgt. Die Orden, welche ſich mit Erziehung und Krankenpflege beſchäftigen, bleiben beſtehen. In Koburg wurde dieſer Tage vom Schmurge⸗ richte ein Schuhmachermeiſter, welcher ſeinen fünfjährigen Stiefſohn durch fortgeſetzte Mißhandlungen, Hunger, Kälte, ꝛc. getödtet hatte, zum Tode durch Enthauptung verur⸗ theilt.— Der Verurtheilte hat ſich im Gefängniß ſelbſt entleibt. Vor Kurzem iſt von den berühmten Werkſtätten von Cramer⸗Klett in Nürnberg der zehntauſendſte Eiſen⸗ bahnwagen abgeliefert worden. In Paris hat ſich unlängſt ein junger Menſch von ſiebzehn Jahren aus Verzweiflung darüber, daß ſein Vater ihm nicht geſtatten wollte, mit einer Statiſtin von einem der kleinen Theater ein Liebesverhältniß zu unter⸗ halten, auf eine ebenſo ſonderbare als lächerliche Weiſe das Leben genommen. Er hat ſich nämlich ein Strumpf⸗ band der beſagten Statiſtin zu verſchaffen gewußt und dieſes— verſchluckt! Der herbeigerufene Arzt hat, trotz aller angewandten Mittel, nicht vermocht, das Strumpf⸗ band wieder herauszuſchaffen, und ſo iſt der Unglückliche am dritten Tage an den Folgen geſtorben. Dem in Stralſund im Jahre 1809 gefallenen Freiſcharenführer Schill ſoll dort auf einem Kirchhofe ein Denkmal geſetzt werden. Da der bezügliche Kirchhof jedoch innerhalb des Feſtungsrayons liegt, ſo hatte die Erlaubniß zur Aufſtellung dieſes Denkmals nach dem Rayon⸗Reglement nicht ertheilt werden können. Der König von Preußen befahl jedoch, der Aufſtellung des Denkmals kein Hinderniß entgegen zu ſetzen. Intereſſant iſt, daß der bezügliche Befehl des Königs aus Compidgne datirt, wo ſich damals König Wilhelm bei dem Neffen jenes Herrſchers als Gaſt befand, den Schill ſo tief gehaßt und c es Fĩ̃r̃t⸗ 4 m der Atmoſphäre, die ſchnee⸗ Es iſt betanntlich keine Selienheit, daß Schwer Lunnen den Stutzen ganz vortrefflich zu führen wiſſen. Far bat eine Kellnerin bei der Schützenwirthſchaft in lltſtätten, Barbara Göldi von Sennwald, neulich bei einem kleinen Feſtſchießen auf 520 Fuß Entfernung unter zwölf Schüſſen acht in's Schwarze geſchoſſen. Mehre derſalbe waren nahe dem Centrum. Lin amerikaniſches Witzblatt erklärt die berüchti 3 rüchti Liederlage bei Bull's Run jetzt elteeadenüchtinte 8 chlacht war beinahe gewonnen, da traf die Kunde auf den Schlachtfelde ein, daß zwei einträgliche Poſten im a0 amt zu vergeben ſeien. Da machten ſämmtliche Officiere ebt um uid die ganze Armee lief hinterdrein.“— ffbeihende Anſpielung auf die amerikaniſche Stellen⸗ Am 28. Oktober wurde vor dem T Am wu Tarnower k. k. Kreisgerichte eine langwierige Schlußverhandlung zu Ende geführt. Auf der Anklagebank ſaßen der in Tarnow ſeit 10 Jahren als Winkelſchreiber ſein Unweſen treibende 352 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Moſes Berſohn unter der Anklage eines zweifachen Ver⸗ brechens des Betruges, deſſen Gattin Brindel Berſohn und der geweſene Schreiber des Moſes Berſohn, Ber⸗ ſohn's Schwager. Wie umfangreich dieſe Schlußverhand⸗ lung war, geht darous hervor, daß die elbe 25 Tage in Anſpruch nahm, bei derſelben 111 Zeugen abgehört, 3 Kunſtbefunde aufgenommen und an 100 Zwiſchen⸗ anträge von der k. k. Staatsbehörde und der Verthei⸗ digung geſtellt wurden. Das Plaidoyer, welches getrennt über die Schuldfrage von jener über die Strafbarkeit der Angeklagten geführt wurde, nahm 2 ½ Tage, die Bera⸗ thung des Gerichtshofes einen halben Tag und die Pu⸗ blicirung des Urtheils ſammt Gründen über zwei Stunden in Anſpruch. Alle drei Angeklagten wurden der ihnen zur Laſt gelegten Verbrechen für ſchuldig erkannt. Eine wahrhafte Tragödie hat ſich in dem franzö⸗ ſiſchen Dorfe Les Chaumes de St. Aignan zugetragen. Dort verſuchte eine Frau, welche in einem Alter von 15 Jahren einen 44jährigen Mann geheiratet hatte, dieſem im Schlafe geſchmolzenes Blei in die Ohren zu gießen, um ſich von ihm zu befreien. Von furchtbarem Schmerz geweckt, ſprang dieſer auf und ſchlug ſeine zärtliche Gattin mit drei Beilhieben zu Boden. Die Verwundung war derart, daß die Frau am nächſten Tage nicht verhaftet werden konnte. Am 18. November ſtand der Mörder des greiſen Jenaer Profeſſors Dr. Wachter, der zuletzt in Lobeda zurückgezogen gelebt hatte, vor dem Schwurgerichte in eimar. Der Mörder, welcher der That geſtändig war, iſt ein zwanzigjähriger Zimmergeſelle, Namens Rodeck aus Lobeda. Er wurde zum Tode durch Enthauptung verurtheilt. Er hörte das Todesurtheil anſcheinend gleich⸗ giltig an. In Zürich hat ſich der Generalintendant der Londoner Union für Süddeutſchland und die Schweiz, Ulrich Beck von Bern, auf ſchreckliche Weiſe ſelbſt ent⸗ leibt. Er ſtürzte ſich in die Limmat und brachte ſich, von der Fluth fortgetrieben, zehn bis zwölf tiefe Stiche in Hals, Bruſt ꝛc. mit einem Stockmeſſer bei. Als die Leiche aus dem Waſſer gezogen wurde, fand man noch das Meſſer in ihrer Bruſt ſtecken. Koncerte und Theater. (Im November.) WerreGieit, einer Reihe von Jahren. beainnt ſtets unſere dabei den Pfarrer gemacht.“—„Wie ſo?“—„Nun, Du haſt getraut.“ 3 „Wo haſt Du denn Deine Uhr gelaſſen?“ fragte ein alter Landpfarrer ſeinen zum Beſuch von der Uni⸗ verſität kommenden Sohn.—„Beim Uhrmacher zur Re⸗ paratur.“—„Deines Geldbeutels natürlich!“ fügte der Vater hinzu. „Sie ſind wie ein Barometer,“ ſagte eine Dame zu einem in ſie berliebten Tänzer:„Queckſilber unten duld nichta abone Baiſtönigslöw im Vereine mit miſchen 9 V. wllr ⸗ i en Fürſ wie Z3 ſrumende repräſentirenden huheinilhi Kie beteiſſendoee unter Mitwirkung des fürzuich Golter⸗ drifte untgart berufenen weiticer en irg Veſtellt und ie Spitze dieſer Ui M 1 ichſam mann, an der en ubende bis auf die destzeitleuhlder ſo Aie gehalten. Daß der Abgang icht in’s Stocken in C 3 arigen Quartetts dieſe Soireen nich Baſon vor⸗ datrüch haben wir für die deßenn endlich einſah, ſſ ildner zu 1 oli üadume Bre Aeterdirekior und Lehrer der Violine am aß i 1. 1 onſerv atorium üb erhaupt pzuer t obliege 7 den J p K ſ 1 8 mpu 8 am 14. und 21. Novembe ertabende und das Arrangement ſeßügl anden berans und zwar vonſih ausdehe nülaſader Quartettſoiréen Statt, die dritte wird am 28. November folgen. Außer dem Hrn. Entrepreneur als erſten Violiniſten finden wir Hrn. Brückner bei der zweiten Violine, Hrn. Weber bei der Viola und den kürzlich aus Moskau überſiedelten und hier an Goltermann's Stelle neu angeſtellten Profeſſor Schmit am Cello mitwirkend. Von Streichquartetten hörten wir zwar ſchon bekannte, aber mit feinem Ge⸗ ſchmack gewählte Kompoſitionen, wahre Perlen dieſer Kunſtgattung, und zwar von Mozart Nr. 6 in C-dur, von Haydn op. 76 in B-dur, von Schumann op. 41 in A-moll und von Mendelsſohn op. 44 in D-dur. Wie nicht anders von den genannten ausführenden Kräften zu erwarten, kamen dieſe Tonſtücke ſehr gelungen zu Gehör; beſonders iſt zu bemerken, daß ſich keine Stimme auf Koſten der andern hervordrängte, wie dies zuweilen, wo jugendliches Ungeſtüm mit im Spiele iſt, zu geſchehen pflegt. Eine intereſſante Abwechslung war es, daß an jedem dieſer Koncertabende zwiſchen beiden Quartettpiècen ein Trio placirt war, und zwar zuerſt jenes von Volk⸗ mann op. 3, und letzthin eines von W. Borgiel, dort mit Frl. Em. Mildner, hier mit Frl. Auguſte Kolar als Inhaberin des Klavierpartes. Beide Kompoſitionen ſind geiſtreich angelegt und gewandt durchgeführt, jene Volk⸗ manns zeigt mehr äußerlich Eleganz in der Faktur und ſinnenfälligem Toneffekt. Borgiel's Werk iſt hingegen voll Poeſie, Tiefe des Ausdrucks und Originalität(bis auf das Scherzo). Die Damen ſpielten ihren Part mit aller Sorgfalt und kunſtrichtig, namentlich excellirte die aus Meiſter Prokſch trefflicher Schule hervorgegangene eminente Pianiſtin Frl. Kolar in Borgiel's ſchwieriger Aufgabe.— Unſer wackere Männergeſangverein gab am 14. eine Abendunterhaltung, in welcher deutlich der mächtige Fort⸗ ſchritt, den dieſes Unternehmen ſeit der kurzen Zeit des Beſtehens unter Leitung des würdigen Kapellmeiſters Hrn. Tauwitz gewonnen, ſich bemerkbar machte. Hier hört man nicht nur die, eine geſellige Unterhaltung blos bezweckenden, mannigfachen, dem Programm von Lieder⸗ tafeln entnommenen friſchen und luſtigen Enſembles; ſondern auch Kompoſitionen ernſten Inhalts und von anmuthige Bogenführung und inſtrgen uis Jaide ſich(ſeltſam genug in dieſer ai0 1 s berührten und bennguf⸗ in dem ſ iſe der negativen Leiſtun lunerguicichan Gaſ rleſäna veralteter Stücke, ja es bring ſ gar en mhi i i ichtig C) gele 6 ſpiel; allerdings ein bei eine unſt deleber üh ir Schau⸗ 4 der gaſtirenden 1 sweiſ 1 berichten werden. rchun Frl. Ledner aus Leipzig ng des Frls. Brenner⸗ Frwähnun 4 rdäme Rordſtern“ von Meherbeer hiez ernühlirjtent it dieſer den ar un wuir ſt ſels„Katharina“ in kanntlich ausgez 4 der dhrerdeno dronr) lobende Anerkmanum, Di un Hertz 3 ke ze Geſommtaaſſahr von der Umſicht der artiſtiſchen Leitung uls vom bloßen Zufall abhängig⸗ Das Theater bewegt Redigirt unter Verantwortlichkeit des Verlegers.— Papier und Druck des art.⸗ty p. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag⸗