er bei der delten und en Peofeſſor artetten 1 em Ge⸗ Perlen dieſer n O-dur, bon ¹ Op. 41 in D-dur. Wie den Kräften ngen zu Stimme ſene Volk t Faktur und ngegen boll t(bis auf t mit aller e die aus chtige Fort⸗ n Zeit des vellmeiſters Hier haltung blos bon Lieder⸗ Enſembles s und von t und rie ater Leßrele 4 en“, der it dann. auch mit ch bleibt ſeater gan deue Konteft „ Violiniſtin, 9 Entfaltung riſtin, ols in Be⸗ Hallee v ſet Zeit) die Alagten Erinn TNIus krigge Rlätker 82. Band. ” , „Bereit bin! feſt.„Meine Angelé dem Hauptmann für ad„.. N ſehr verpflichtet. Auch die Wace ₰ Ortes hat meinen Beifall. Sagen Sie ihm das, 7l. Herren. Und nun auf Wiederſehen in einer Stunde!“ Die beiden Officiere ſtanden auf und verabſchie⸗ deten ſich ceremoniös, von Theodor bis zur Thür geleitet. In ſein Zimmer zurückgekehrt, nahm Theodor ein ſchon bereit liegendes Billet von ſeinem Tiſche und ſchickte ſeinen Diener damit fort. Er mußte indeß nicht weit zu gehen gehabt haben, denn nach Ablauf einer halben Stunde kehrte er in Begleitung eines Herrn zurück, deſſen große, dürre Geſtalt und kahle Stirn im „ Aang mit der denkenden Phyſiognomie unzweifelhaft Mann der VPiſſenſchaft verrieth. „Sie haben mich rufen laſſen, lieber Baron,“ (Ein und vierz erungen. kül 36 8 lür Wonst und Bumor. igſter Jahrgang.) Heft XII — Ues Küffehen Ju derε‿αινινσσ wo ſie erſt ſpäter ein Wagen „Sie folgerna S r es ziemlich dunkel, das heißt Schildenburg⸗ 5 Se in der Atmoſphäre, die ſchnee⸗ Herr von S. Fu über der Gegend lag, daß die bei⸗ den afe, Sahinſchreitenden unwillkürlich zuſammen⸗ ſchauerten. Der Hirſchpark, vom Reſidenzſchloſſe etwa eine Viertelſtunde weit entfernt, lief in das Freie aus und zwar nur in traurige, eintönige, jetzt von ſchwer⸗ fälligen Raben und Krähen bevölkerte Stoppelfelder. Unweit davon jedoch lag eine kleine mit Bäumen be⸗ pflanzte Wieſe; dieſe hatte Schildenburg zum Kampfplatz erkoren. Der Hauptmann traf mit ſeinen Sekundanten faſt gleichzeitig von der einen Seite ein, als Theodor von der andern erſchien. Die Herren grüßten ſich ernſt und ſchweigend Schildenbung ſah finſter wie eine Gewitterwolke 45* 354 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. an ſeinem Lorgnon entdeckt zu haben und begann eifrig mit den Enden ſeines Foulards daran zu reiben. Theodors Lippen krümmten ſich zu einem bitteren Lächeln. Er ſchwieg indeß und ſtützte ſeine Stirn in die Hand, bis der alte Herr, der nie lange ſtumm ſein konnte, ſein Lorgnon wieder klar fand und ganz vom Zaune gebrochen ſagte: 6„Fräulein Martha iſt heute reizend. Hat ſie 3 nicht etwas Feenhaftes, Schwebendes, köſtlich Gra⸗ ciöſes?“ Theodor lächelte Beifall. Es war zu bekannt, daß Herr von Schildenburg die Bewunderung auf den Lippen führe, die ſein Sohn im Auge und im Herzen trage, daß man nichts thun, als unbedingt in dieſe Apotheoſe einſtimmen konnte. Im ſelben Moment kam der Hauptmann von Schildenburg auf das kleine Eckſopha zu und zog ſich ein Tabouret heran. „Lieber Freund,“ ſagte er zu Theodor von Krüden,„ich bin entzückt über das Glück, Ihrer ſchönen Schwägerin vorgeſtellt worden zu ſein; aber helfen Sie mir auf die Spur, wo ich dieſe junge Dame ſchon geſehen haben kann? Ich muß ihr irgend wo be⸗ gegnet ſein. Darf ich wiſſen, welchen Ort ſie ihre Vater⸗ ſtadt nennt?“ „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Theodor mitt etwas abweiſendem Tone. Aber aus der Scylla in die Charybdis gerathen, blieb ihm keine Rettung. „Sie wiſſen es nicht!“ wiederholte Schilden⸗ burg mit ungläubigem Lächeln;„bei Gott, das iſt ſonderbar! Sie waren ja gewiſſermaßen der Bruder Ihrer Schwägerin, ehe Sie ihr Schwager wurden— iſt ſie denn nicht eine Pflegetochter Ihrer Eltern?“ „Allerdings.“ „Und Sie wollen nicht wiſſen, wo ſie früher ge⸗ lebt hat, wo ſie geboren iſt?“ „Nein, ich weiß es nicht.“ Theodor ſagte dieſe wenigen Worte mit gepreßtem Tone. Ja wo waren Sie denn, als man die Welt ge⸗ dn de attt denmarenbueg laßend: wobnden „Wo haſt Du denn Dei Alexanders nicht bei?“ ein alter Landpfarrer ſeinen zur verſität kommenden Sohn.—„Beullen meine Frage nicht Aaretabe n.„Deines Geldbeutels neatmann etwas pikirt; „Sie ſind wie ein Barometer,“ ſahte i iſt aſnee zu einem in ſie bverliebten Tänzer:„Queckſilber unlten Aund nichts oben.— Witze aslöw im Vereine mi anderil, Künſtler, wie z. B. tniß repräſentirenden einheimiſchen die betreffenden Inſtrument irkung des kürzlich von hier Kräften, ſowie unter Mitwirkung n. Golter⸗ trefflichen Celliſten Hrr. fenen eſtellt und an Geleiſe der nega Geberde des Beläſtigtſeins, womit dieſes Wort begleitet war, reizte Schildenburg. „Sie halten alle meine Fragen für Neugierde,“ ſagte er etwas heftig;„ich will Ihnen nicht länger läſtig fallen. Uebrigens bin ich ſchon im Klaren. Der Anblick Ihrer Schwägerin, die eben dort an jenem Liſche Whiſt ſpielt, hilft meinem Gedächtniß auf. Jetzt weiß ich, wo ich ſie ſchon geſehen habe.“ Dieſe Worte waren ſtark betont. Theodor zit Seine Lippen öffneten ſich mühſam zu der Frage „Was wollen Sie mit Ihrem ſonderbaren Ton ſagen?“ „Ich denke blos etwas Sonderbares,“ verſetzt Schildenburg ſpöttiſch. „Erklären Sie ſich deutlicher— Sie müſſen es „Und weßhalb muß ich, Herr Baron?“ „Weil dieſe halben Anſpielungen und ſpottende Bemerkungen über eine Dame beleidigend ſind.“ „Sie ſind ſehr altmodiſch, Baron Krüder Uebrigens wiſſen Sie ungefähr, was ich meine u. deßhalb werden Sie roth und bleich. Aber ich ver⸗ ſichere Sie, daß ich nichts Ehrenrühriges ſagen wollte. Ich habe dieſe junge Dame ſehr oft in Baden⸗Baden am Arm eines alten Mannes geſehen. Das klingt ſehr einfach. Aber was man von dieſem Paare, das Vater und Tochter war, noch weiter ſagte, kann eine ſchänd⸗ liche Verleumdung geweſen ſein.“ „Was, was in aller Welt ſagte man?“ ſtieß Theodor keuchend hervor. „Soll ich es Ihnen denn hier wiederholen? Ah⸗ terte. mitleidig. „Sprechen Sie— ich will es hören.“ „Nun denn. Der Alte war als falſcher Gle⸗ ler bekannt, der ſeine Nächte bis zum grauen Prgen in der Spielhölle zubringe; die Tochter, hieß, wiſſe von ſeinem Treiben— für ſie häufe er das ferraffte Geld auf.“ Theodor ſtieß einen unterdrückten merzens⸗ ruf aus und faßte krampfhaft den Arm des fiptmanns. 4„Das iſt eine Lüge— das vofler anahr ſein ſagte er außer ſich. gen Erfolg hole. e „Ich bin es müde, Ihn genug in dieſer Zeit) ; 5 d beklagten ſas=re S„bon uns berührten und 9 dem ſcho chelhebanſung und unerquicklichen An L: ar ein Gaſt⸗ Stücke, ja es vring ſeßhiteten Bühne veralteter wärmung veraltet iner umſichtig f ⸗ Me s ein bei einer umſicht ber wir be ſpielſanerdanes eit ſeltenes Creigniß! wodnngem Schau⸗ zu dieſer Jahresz die Leiſtungen der gaſtirs z ber unge ie Ledner aus Leipzig noch beri swerth iſt der Beneſizaben wählt un 2 1 nach Stuttgart beru Unternehmung geſtellt Aerinn a9 e mann, an die Srihe dieberbi auf die Jetztzeit gleichſam Ln dhn ageweiche, von d6 8 Sseas du o dieſe genußreichen Daß der Abgang dreier Wiicirde uns mit dieſer Wah Wen un icht ſongsleiſtung be b eue 34 ie i athar r un Suorraßeden Dmatietr dieſe Saireͤmih Saiſon dah Pahe Gr 5 Ju 48 Lede 39 ae d ie ui eſaß skowia), 1) ebracht, haben wir⸗ ü u danken, der endlich einſah ena hurdeßn Phit Peerde din 8s iſe Hrn. Mildner zu der Violine am. is Praslomialaben as de ehm ans Orcheſterdirektor und Lelhete den Impuls und Heri headhg Län abaſte augäden Den ſervatorium überhaupt Luerſ dieſer Koncertabende Geſamm ſführung mder wieig hau n 19s Prudegewe ſbehiguzanden bereits und zwar teutiſenn wnrtin von derbhangt nde ird t die ha veneſh ansgehn uemnber Quartettſoireen tatt, am 14. und 21. No b p. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag. Redigirt unter Verantwortlichkeit des Verlegers.— Papier und Druck des art.⸗ty nen Sie etwas davon?“ fragte Schildenburg faſt ——— = 00 22 ——— —̈O— —2—————— — 5Vort begleite für Neugierde, en nicht länger im Klaren. Der jenem diſche auf. Jetzt weiß Theodor zit m zu der Frage derbaren Ton bares,“ berſetz müſſen es on? und ſpottende ſind.“ aron Krüder ich meine u Aber ich ver⸗ ges ſagen wollte. n Baden⸗Baden Das küngt ſehr are, das Vater ann eine ſchänd⸗ ee man?“ ſtieß derholen! Ah⸗ denburg faſt en alſchet Hle⸗ 2 wrgen. rauen Vrgel wiſſe „ erraffte das merzens⸗ aptmanns. 7 nahr ſeir Th. Reinwald: Theodor. 355 Phraſen zu wechſeln; dann empfahl er ſich und verließ die Geſellſchaft. Als man ihn ſpäter vermißte, ging im Saale die Rede, er ſei von einem plötzlichen Unwohlſein befallen worden. VIII. Beim erſten düſteren Grau des folgenden Mor⸗ gens ſaß Theodor von Krüden noch am Schreib⸗ tiſch, wo er die ganze Nacht hindurch gearbeitet hatte. Jetzt ſchien Alles beendet, denn er legte die Feder bei Seite und blieb in dumpfem Nachdenken, die Stirn in beide Hände geneigt, ſitzen. Was in dieſer Stunde an ſeinem Geiſte vorüber zog, mußte die höchſte Qual für ſein Herz geboten haben— als er ſich erhob, war ſein Geſicht entſtellt von einem grauſamen Kampfe. Bald jedoch kehrte ſeine Ruhe zurück. In den traurigen, öden Wintermorgen hinaus blickend, fand er die Kraft, den inneren Sturm zu bewältigen. Erwartungsvoll zählte er die fortſchreitenden Vier⸗ telſtunden, und kaum war das erſte Morgenläuten von den Thürmen der Stadt verklungen, ſo vernahm er ein leichtes Klopfen an der äußeren Thür ſeiner Wohnung. Der Diener mußte bereits inſtruirt ſein, denn trotz dieſer ungewöhnlichen Stunde öffnete er und ließ zwei in ihre Mäntel gehüllte Officiere eintreten. Theodor kam ihnen entgegen. „Ich habe Sie erwartet, meine Herren,“ ſagte er mit kühler Artigkeit, indem er ihnen zugleich Plätze an⸗ wies. Ein paar gleichgiltige Worte wurden gewechſelt, dann ſagte der ältere der beiden Beſucher:„Wir ſind von unſerem Freunde und Kameraden Hauptmann von Schildenburg beauftragt, Ihnen die näheren Be⸗ ſtimmungen des Rendez⸗vous mitzutheilen, Herr Baron. Schildenburg— obwohl der Beleidigte— ver⸗ zichtet auf das Vorrecht des erſten Schuſſes; er wünſcht, daß gleichzeitig gefeuert werde und zwar in einer Stunde, wenn Sie bis dahin bereit ſein können. Am Ausgang des Hirſchparks.“ „Bereit bin ich ſchon jetzt,“ verſetzte Theodor feſt.„Meine Angelegenheiten ſind geordnet und ich bin dem Hauptmann für die Raſchheit ſeines Verfahrens ſehr verpflichtet. Auch die Wahl der Waffen und des Ortes hat meinen Beifall. Sagen Sie ihm das, meine Herren. Und nun auf Wiederſehen in einer Stunde!“ Die beiden Officiere ſtanden auf und verabſchie⸗ deten ſich ceremoniös, von Theodor bis zur Thür geleitet. In ſein Zimmer zurückgekehrt, nahm Theodor ein ſchon bereit liegendes Billet von ſeinem Tiſche und ſchickte ſeinen Diener damit fort. Er mußte indeß nicht weit zu gehen gehabt haben, denn nach Ablauf einer halben Stunde kehrte er in Begleitung eines Herrn zurück, deſſen große, dürre Geſtalt und kahle Stirn im „ Aang mit der denkenden Phyſiognomie unzweifelhaft Mann der Viſeenſchaft verrieth. „Sie haben mich rufen laſſen, lieber Baron,“ ſagte er, eilig eintretend;„und da bin ich ſchon. Was iſt's? Sind Sie krank?“ „Nein, mein guter Doktor. Diesmal iſt es ein anderer menſchenfreundlicher Dienſt, den ich von Ihnen erbitte— ein Doppeldienſt als Arzt und als Mann von Ehre. Es handelt ſich um eine Ehrenſache. Wollen Sie mein Sekundant und zugleich unſer Beiſtand ſein?“ „Sie machen mich beſtürzt!“ rief der Doktor, un⸗ willkürlich zurücktretend.„Ich ſtehe Ihnen zu Gebot, lieber Baron, aber was un aller Welt Willen iſt denn vorgefallen?“ „Eine Lapalie,“ ſagte Theodor bitter. „Und Ihr Gegner?“ „Hauptmann von Schildenburg.“ „Was Teufel! Das hätte ich nicht erwartet. Er iſt doch ſonſt kein Händelſucher und als Freund Ihres Bruders! Ich begreife nicht!“ „Sie ſollen auch als Sekundant nichts begreifen, als Ihre Rolle, mein lieber Doktor. Sie wiſſen, wie exkluſiv ich gelebt habe; ich bin in der Wahl meiner Freunde in einem ſolchen Falle ſehr beſchränkt. Ich kenne Sie als Ehrenmann— alſo kein weiteres Wort! Die Sekundanten Schildenburgs ſind der Haupt⸗ mann von S... und Lieutenant M... Sie haben eine halbe Stunde Zeit zur gegenſeitigen Beſprechung, dann erwarte ich Sie hier. Um ſieben Uhr müſſen wir an Ort und Stelle ſein.“ Schweren Herzens entfernte ſich der Doktor. Die halbe Stunde, welche Theodor noch zu warten hatte, brachte er mit dem Ordnen von Kleinigkeiten und Auf⸗ trägen an ſeinen Diener zu, der etwas von der Sache zu ahnen anfing, ſo vorſichtig auch ſein Herr die Vor⸗ gänge des Morgens zu bemänteln ſuchte. Aber der ge⸗ meſſene Befehl zu ſchweigen, ſchloß dem geängſtigten Burſchen, wenigſtens vor der Hand, den Mund. Von Zeit zu Zeit trat Theodor lauſchend an das Fenſter, und während er die heiße Stirn an die eiſigen Scheiben preßte, hielt er die Hand an die Bruſt, als ob er dort einen gewaltigen Schmerz empfinde. Endlich erſchien der Doktor. Beide gingen, um alles Aufſehen zu vermeiden, zu Fuß bis an ihr Ziel, wo ſie erſt ſpäter ein Wagen erwarten ſollte. Noch war es ziemlich dunkel, das heißt, ſo melancholiſch trübe in der Atmoſphäre, die ſchnee⸗ ſchwer und bleigrau über der Gegend lag, daß die bei⸗ den raſch Dahinſchreitenden unwillkürlich zuſammen⸗ ſchauerten. Der Hirſchpark, vom Reſidenzſchloſſe etwa eine Viertelſtunde weit entfernt, lief in das Freie aus und zwar nur in traurige, eintönige, jetzt von ſchwer⸗ fälligen Raben und Krähen bevölkerte Stoppelfelder. Unweit davon jedoch lag eine kleine mit Bäumen be⸗ pflanzte Wieſe; dieſe hatte Schildenburg zum Kampfplatz erkoren. Der Hauptmann traf mit ſeinen Sekundanten faſt gleichzeitig von der einen Seite ein, als Cheodor von der andern erſchien. Die Herren grüßten ſich ernſt und ſchweigend Schildenburg ſah finſter wie eine Gewitterwolke 45* Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. aus. Trotzig lehnte er an einem Baume und beobach: Abend noch war er hier geweſen, um nach ſeines Bru⸗ tete die Bewegungen der Sekundanten. Theodor von Krüden ſtand allein. Sein Geſicht war unge⸗ wöhnlich gefärbt, ſein Athem ging raſch und ungleich. Der muthige Ausdruck des Auges aber und die edle, ruhige Haltung, fern von erzwungener Gleichgiltigkeit oder hinaufgeſchraubtem oſtenſiblen Muth, bewies, daß ſeine innere Aufregung gewiß keiner moraliſchen Zag⸗ haftigkeit angehören konnte. Die Diſtanz war abgemeſſen; die Waffen bereit. Der Form gemäß verſuchte der Hauptmaun von S... und der Doktor noch einmal von einer gütlichen Verſtändigung zu ſprechen. Aber Schildenburg that, als hörte er das gar nicht und Theodor ſagte kurz:„Bemühen Sie ſich nicht, meine Herren. Wo beide Theile ſich für beleidigt halten, kann von einer ſolchen Ausgleichung keine Rede ſein.“ Die beiden Gegner nahmen ihre Stellung. Eine Sekunde peinlicher Stille und auf den Ruf„Drei“ fie⸗ len die zwei Schüſſe mit ſtaunenswerther Präciſion. Schildenburg ſtand unverſehrt— Theodorhatte in die Luft gefeuert! „Das iſt eine ſehr unzeitige Großmuth,“ rief er heftig, aber im ſelben Augenblick ſah er Theodor wanken und von den Armen des Doktors kaum aufge⸗ fangen zuſammenbrechen. Ein ſtarker Blutſtrom färbte den fahlen Raſen. Beſtürzt und mit einem Male ernüch⸗ tert eilte Schildenburg auf den Blutenden zu. „Wo iſt er verwundet,“ fragte er angſtvoll den ſich niederbeugenden Doktor;„iſt's gefährlich?“ „Die Wunde, die Sie ihm beigebracht haben, können Sie verantworten,“ ſagte der Arzt;„ſie iſt in der Schulter und nur ganz leicht— aber da ſieht es borſten.“ Auf einen ſolchen Fall nicht gefaßt, fühlte ſich der Arzt ſelbſt faſt rathlos. Theodor glich einer Leiche. Mit aller Vorſicht hob man ihn in den Wagen und der Doktor ſetzte ſich zu ihm, ihn ſorgfältig ſtützend. „Eilen Sie,“ ſagte er raſch zu Schildenburg; „verlaſſen Sie den Platz, ehe die Schüſſe Jemand her⸗ beilocken können. Die Sache bleibt unter uns Vieren, meine Herren.“ Der Wagen fuhr ab und Schildenburg ſtand wie betäubt. Mechaniſch fühlte er, daß der Doktor ihm ein Billet in die Hand gedrückt habe. Er ſah es an und erblickte die Unterſchrift Theodors. Auf'’s Höchſte ge⸗ ſpannt und mit ſteigender Rührung las er: „Ich hatte eine Uebereilung gut zu machen und mache ſie gut. Ich erkläre, daß Sie die Wahrheit ge⸗ ſprochen haben und hoffe von Ihrer Ehre als Kavalier nur— ein unverbrüchliches Stillſchweigen darüber! Theodor.“ Schweigend faltete Schildenburg das Blatt zuſammen und fuhr gedankenvoll mit ſeinen Freunden der Stadt zu. Kaum zehn Minuten, nachdem Theodor ſich mit dem Arzte zu dem Rendez-vous begeben hatte, war ders Befinden zu forſchen, da ihn ſeine plötzliche Ent⸗ fernung aus dem Salon befremdet und das Gerücht ſeines Uebelbefindens beunruhigt hatte— aber der Diener ſagte, ſein Herr ſchlafe ſchon und dürfe durchaus nicht geſtört werden. Am Morgen nun eilte Alexan⸗ der abermals an ſeines Bruders Thür und ſollte ſich wieder abweiſen laſſen. Die unverkennbare Armen⸗ ſündermiene des Dieners erſchreckte ihn.„Was iſt's, Burſche?“ fragte er barſch;„Du haſt etwas auf dem Gewiſſen, das ſehe ich. Warum ſoll ich geſtern und heute vergeblich hier ſtehen? Iſt Dein Herr krank?“ Der arme Burſche wußte nicht, was er beginnen ſolle. Er ſtammelte, verwirrte ſich, widerſprach ſich und brach endlich nur in den Ruf aus:„Ach Gott, Herr Gott!l ich glaube, s iſt was recht Ernſthaftes los.“ „Schwachkopf!“ ſagte Alexander, von Aerger und Unruhe übermannt;„rede die Wahrheit, ſonſt richteſt Du mit Deiner Zaghaftigkeit ein Unglück an.“ Das wirkte. Verworren und abgebrochen erzählte der Burſche, daß der Baron die ganze Nacht geſchrieben habe, dann lange wie verſteint geſeſſen ſei, dann zwei Officiere empfangen und endlich um den Doktor A... geſchickt habe, mit dem er zuletzt fortgegangen ſei.“ „Mein Gott!“ rief Alexander, dem jetzt die ganze Wahrheit vor Augen ſtand;„wer ſagt mir, wo ich ihn zu ſuchen habe? Ein Quell! Er, der ſo iſolirt lebt!“. Wie er noch in verzweifelter Unruhe auf und ab⸗ gehend vergebens den Grund dieſes unſeligen Vorgan⸗ ges zu errathen ſtrebte und mit ſich nicht einig werden konnte, wo er zuerſt Nachforſchungen beginnen ſollte, ſtürmte ein Mann mit eiligen Schritten die Treppe herauf.„Kommt nur ſchnell herunter,“ rief er mit ge⸗ dämpfter Stimme dem Diener zu.„Helft uns, ihn her⸗ aufbringen.“ Alexander erbleichte und ſtürzte auf den Un⸗ glücksboten los, deſſen Hiobspoſt er nur zu gut ver⸗ ſtand. An der Hinterpforte des großen Hauſes, das die Präſidentin bewohnte, hielt der Wagen. Der alte Haus⸗ hofmeiſter Günther, der das Thor geöffnet, ſtand da, zitternd und verwirrt hin und her trippelnd; ſeine Kraft hätte nicht ausgereicht, dem ſchon peinlich unge⸗ duldigen Arzte zu helfen. „Gott ſei gelobt, Herr Major, daß Sie kommen,“ ſagte der Doktor A... zu dem geiſterbleich auf ſeinen leichenähnlichen Bruder ſtarrenden Alexander;„es iſt die höchſte Zeit, daß ich den Baron an Ort und Stelle bekomme, ſonſt ſtehe ich für nichts.“ Schweigehd leiſtete Alexander den möglichſten Beiſtand, alle Aufklärungen verſchiebend, ſo ſehr er⸗ darnach brannte. Theodor wurde auf ſein Bett ge⸗ legt und jetzt erſt gab Doktor A..., während er die erſten Hilfsmittel anwandte, dem troſtloſen Alepan⸗ der Beſcheid. Zugleich forderte aber auch er einen ſolchen. „Dieſer gewaltſame Blutſturz,“ ſagte er nach Alexander in ſeiner Wohnung erſchienen. Spät am ſorgfältiger Unterſuchung,„muß eine frühere Urſache ···· ſeines Bru⸗ tzliche Ent. das Gerücht — aber der rfe durchaus te Alepan. nd ſollte ſich Armen⸗ Tas iſts, beginnen ſich und Gott Herr von Aerger erzählte geſchrieben dann zwei el. dem jetzt die ſagt mir, wo organ⸗ werden anen ſollte di Wrpye ef er mit ge⸗ ffnet, „ ſeine pelnd; ſein jalich unge⸗ geinlich 6 kommen, „ auf ſeinen ender;,„ an Htt und 1näjlcſi ſo ſeht et Bett ge⸗ 4 nd er die Alexaf- er einel Th. Reinwald: Theodor. haben. Ihr Bruder hat offenbar ſeit längerer Zeit ge⸗ litten, ehe es ſo weit kommen konnte. Er muß ſich heftig verletzt haben,— das Uebel hat ſeinen Urſprung von außen.“ „O mein Gott! FJetzt ahne ich Alles,“ verſetzte Alexander ſchmerzlich;„ja, Sie haben nur zu ſehr Recht.“ Und in wenig Worten berichtete er dem Arzte die Scene beim Brande, Theodors nachheriges, ſichtlich geheim gehaltenes Leiden. Doktor A... runzelte die Stirne, was bei ihm ein Zeichen von Bedenklichkeit zu ſein pflegte; dann ſagte er:„Still, er erholt ſich. Kein Wort über das Vorge⸗ fallene. Das Duell bleibt Geheimniß— wir dürfen bloß den traurigen Zufall benützen.“ „Und der Gegner?“ „Iſt unverſehrt. Auch er wird ſchweigen.“ Auf den Rath des Arztes zog Alexander ſich vor der Hand zurück in das nächſte Zimmer, wo er ein paar Zeilen an ſeine Mutter ſchrieb und bereit blieb, im paſſenden Moment hervorzutreten. Theodor erhielt langſam die Beſinnung wieder. Sein Blick ſchweifte matt umher und endlich fragte er leiſe:„Wer iſt bei mir?“ „Ich, Herr Baron,“ ſagte der Doktor.„Vor Allem muß ich Ihnen das Sprechen ſtreng unterſagen; Ihre Wünſche will ich Ihnen abfragen; Sie dürfen mir nur durch Zeichen antworten. Ich habe dafür geſorgt, daß Ihr Zweikampf geheim bleibt, was bei der edelmüthigen Art, wie Sie Ihren Gegner ſchonten, um ſo leichter iſt. Ihr Bruder allein weiß von dem Ouell, aber er kennt Ihren Gegner noch nicht.“ „Es iſt gut,“ ſprach Theodor leiſe. Dann drückte er den Wunſch aus, zu ſchreiben. Der Doktor reichte ihm Papier und Crayon und empfing ſodann den Auftrag, ein auf dem Liſche liegendes, verſiegeltes und an Alex⸗ ander adreſſirtes Packet in die Fächer des Schreib⸗ tiſches zu verſchließen— einen Brief, der daneben lag und an Frau von Krüden gerichtet war— zu ver⸗ brennen. Doktor A...— die Diskretion ſelbſt— that ſchweigend den Willen des Kranken und brachte ihm dann den Schlüſſel des Sekretärs. Theodor nickte matt zuſtimmend, dann ſchloſſen ſich ſeine Augen kraftlos und er verfiel in einen betäubenden Schlummer. Alexander kam jetzt, um an dem Bette Wache zu halten, während der Arzt und der Diener ſich ent⸗ fernten, die nöthigen Hilfsmittel herbeizuſchaffen. X. Acht Tage waren verfloſſen— in Furcht und Hoffnung für die Generalin, die treu bei ihrem Sohne ausharrte; in ſtillem Gram für Martha von Brühl, die unter einem Dache mit dem geliebten Manne, doch verurtheilt war ihm ferne zu bleiben; in herber Beun⸗ ruhigung für Alexander— in heimlicher Verzweiflung für Hedwig. Jeder Einzelne trug ſeine Laſt allein. Martha ſtill, wie ein Marmorbild, Hedwig auf entgegengeſetzte Weiſe. An der tödtlichen Angſt, die ſie jetzt verzehrte, fühlte Hedwig erſt, wie ſtark ihre unglück⸗ liche Leidenſchaft ſchon geworden war, und voll Ver⸗ zweiflung, voll bitterer Selbſtanklage, uneinig mit allen ihren Empfindungen rang ſie in der Einſamkeit ihres Zimmers die Hände und betete knieend zu Gott um Kraft, ihre verbrecheriſchen Gefühle aus dem Herzen reißen zu können. Alexander ahnte nichts von dieſen Kämpfen, aber er las doch in ihrem Auge die vernichtende Gewalt des Schmerzes, fühlte aus ihrem ungleichen Benehmen den verſtörten Zuſtand ihrer Seele heraus. Eine tiefe Traurigkeit überſchattete ſein Gemüth, aber er ſchwieg noch, nicht aus verächtlicher Indolenz, ſondern aus echter Großmuth, das verirrte Herz ſich ſelbſt überlaſſend, bis es ſich auch ſelbſt wieder finde. Alexander glaubte mehr und mehr an den Charakter ſeines Bruders— er hielt ſich überzeugt, daß Theodor nie einen Verſuch gewagt habe, dem jungen Weibe ſeines Bruders irgend ein Geſtändniß zu machen, oder nur ſeine Neigung ihr zu verrathen. Dann blieb aber das Porträt für Alexander ein undurchdringliches Räthſel, denn er fing jetzt an zu vermuthen, daß es aus einer früheren Zeit ſtamme. Konnte er aber darüber eine Frage ſtellen? Sein Gefühl ſträubte ſich dagegen und ſo duldete er ſchweigend die Pein einer zerſtören⸗ den Unruhe. Frau von Krüden befand ſich am Morgen des achten Tages nach Theodors Unfall allein bei ihrem Sohne. FJetzt erſt wußte ſie, ſeit ſie für ihn gezittert und gebangt, daß er der Liebling ihres Herzens ſei. Die ſtille Zärtlichkeit, womit er in dieſen Tagen ihr näher⸗ getreten war, ließ ſie von Stunde zu Stunde hoffen, er werde ihr ein volles Vertrauen ſchenken. Aber noch blieben ſeine Lippen geſchloſſen und er beſaß auch die Kraft nicht zu eingehenderen Mittheilungen. Der Name Hedwig, von ſeinen fiebernden Lippen ſo oft mit Schmerz und Sehnſucht genannt, kontraſtirte ſeltſam mit der auffallenden Art, ſie zu vermeiden. Wenn ſie kam, ſtellte Theodor ſich meiſt ſchlafend; war ſie nicht da, ſo fragte er nicht nach ihr. Frau von Krüden hätte keine Frau ſein müſſen, um dieſe einzelnen Fäden nicht zu einem Gewebe knüpfen zu können. Doch verwarf ſie ſchaudernd das Reſultat ihrer Kombinationen immer wieder. Heute hatte Doktor A... zum erſtenmale weniger Runzeln auf ſeiner Stirne gezeigt und ſelbſt eine kleine Konverſation mit Theodor gehabt— das warf einen glänzenden Strahl in das Herz der Mutter. Aus einem längeren Schlaf erwachend fah Theo⸗ dor ſeine Mutter liebevoll an und fragte:„Sind wir allein, Mama?“ „Ja, mein Theodor,“ verſetzte ſie ſchmeichelnd ſein Haar zurückſtreifend;„was willſt Du mir ſagen?“ „Alles, meine gute Mutter, was ich auf dem Herzen habe,“ ſagte er leiſe.„Setze Dich etwas zurück in den Schatten und beantworte mir dann auch meine Fragen wahrheitstreu wie Du ja immer biſt.“ „Gerne,“ entgegnete ſie. —————————————————ͤ—— Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. „Sage mir,“ begann Theodor,„was hat Dich und meinen Vater bewogen, Hedwig als Tochter auf⸗ zunehmen?“ „Das iſt nicht mit einem Worte geſagt, mein Sohn,“ verſetzte Frau von Krüden durch dieſen Ein⸗ gang nicht wenig beunruhigt;„Du weißt, daß wir vor jetzt bald drei Jahren eine Reiſe nach Frankfurt am Main unternahmen, weil Papa dort Verwandte beſuchen wollte. Wir brachten den Sommer dort zu, und gingen dann über die Höhe nach Homburg, um dem bunten Treiben dort etwas— freilich aus der Ferne zuzuſehen, denn Du weißt, daß Dein Vater nie eine Sympathie für die gefährlichen grünen Tiſche beſaß. Aber er beſieht ſich alles gerne und hoffte überdies einen alten Kameraden dort zu finden. Ich meinerſeits ergötzte mich an der herrlichen Gegend und an dem Gedanken an— die Heimkehr. Vom erſten Tage unſerer Ankunft war uns Beiden ein Paar aufgefallen, das uns bald auch inter⸗ eſſiren mußte. Es war ein alter, martialiſch ausſehender, aber offenbar von üblen Leidenſchaften vor der Zeit zum Greis gemachter Mann, mit Spuren von ehemaliger Eleganz, an ſeiner Seite ein kaum ſiebzehn Jahre altes, wunderſchönes Mädchen, das ſtets ſehr reich gekleidet ging, aber höchſt traurig ausſah und von der Männer⸗ welt nur aus der Ferne mit zweideutigen Geberden be⸗ trachtet wurde.“ Frau von Krüden unterbrach ſich, denn ſie be⸗ merkte, daß Theodor ſich den Schweiß von ſeiner bleichen Stirne wiſchte und gepreßt athmete. „Du biſt nicht ſtark genug, mich anzuhören,“ ſagte ſie. „O ja doch. Ich bitte Dich, Mama, ſprich!“ „Nun denn! Dieſes junge Mädchen war ſo ſchön, ſo kindlich und ſchien ſo unglücklich, daß wir Beide ſie zum Gegenſtande unſerer Aufmerkſamkeit machten. Dein Vater zog Erkundigung ein— aber was er erfuhr, dämpfte einigermaßen das ſympathiſche Gefühl für dieſes junge Geſchöpf. Der Alte,— ihr Vater— ſagte man, ſtehe im Verdacht, ein falſcher Spieler von Gewerbe zu ſein. Jede Nacht treibe er ſeinen Betrug am grünen Tiſch bis zum Morgen, und das Geld, das er ſo gewinne, bringe er ſeiner Tochter, um ſie glänzend kleiden zu können und ſo mit ihrem beſtechenden Aeußern die ab⸗ ſcheulichſten Pläne zu fördern.“ „Entſetzlich!“ ſtöhnte Theodor leiſe. „Ich,“ fuhr Frauvon Krüden fort,„nahm mich des armen Mädchens inſoweit an, daß ich ihre Mit⸗ wiſſenſchaft bei den Laſtern ihres Vaters beſtritt und ſogar überzeugt war, ſie laſſe ſich mit Zwang von dem Alten in ſo auffallend reicher Toilette umherſchleppen.“ „Du biſt immer ein Engel der Güte geweſen,“ ſprach Theodor, die Hand ſeiner Mutter mit ſeinen heißen Lippen berührend. „Ich habe nicht erwähnt,“ fuhr die Generalin fort, „daß das eigenthümliche Paar im Hauſe neben uns wohnte; daß ich das junge Mädchen oft ſah, und ſie, vielleicht in meinem Auge meine Gedanken leſend, endlich einen ſchüchternen Gruß, dann ein leiſes Wort wagte und ſo eine Art Rapport zwiſchen uns beſtand. Sie dauerte mich und Deinen Vater tief denn ſchon hörten wir, daß die Polizei auf den Alten ihr Augenmerk richte und er demnächſt gebrandmarkt werden ſollte, ſobald man ihn mit Beweiſen überführen könne. Da wurden wir plötzlich eines Morgens um drei Uhr durch einen furchtbaren Knall erweckt, und ehe wir erfahren konnten, was es ſei, ſtürzte das junge Mädchen bleich wie der Tod, im Nachtgewand, Entſetzen im Blick, in mein Zimmer, zu dem ſie ſich gewaltſam durch die Diener⸗ ſchaft Bahn gebrochen, und warf ſich ſchluchzend, halb ohnmächtig zu meinen Füßen. Ihr Vater hatte ſich ſoeben erſchoſſen!“ „O mein Gott!“ ſagte Theodor leiſe;„arme Hedwigl!“ „Ja, arme Hedwigl!“ wiederholte Frau von Krüden weich.„Sie war außer ſich. Gnädige Frau! rief ſie mit dem Muthe der Verzweiflung; erbarmen Sie ſich meiner Jugend, meiner Verlaſſenheit! Ich ſtehe allein in der Welt; retten Sie mich vor dem Geſetze, das vielleicht in der Tochter des falſchen Spielers, des Selbſtmörders, ohne Erbarmen ein verworfenes Geſchöpf ſehen wird. Ich ſchwöre es bei dem Heiland, daß ich rein bin von den Fehlern meines unſeligen Vaters.“ „Rein mußte ſie ſein,“ ſagte Theodor mit einer Art ſchwärmeriſcher Begeiſterung;„denn ſonſt müßte Gott ſelbſt die Lüge ſchaffen.“ „Die Situation des Augenblicks war kritiſch,“ fuhr Frau von Krüden fort.„Dein Vater aber, Dank ſei es ſeinem edlen, biedern Herzen, wählte den rechten Weg. Er gewährte dem armen Mädchen ein Aſyl und verſtändigte den Chef der Behörde davon en secret. Die Summen, welche der Unglückliche zuletzt an ſich geriſſen und noch manche andere fanden ſich vor; Hedwig gab ihre ganze reiche Garderobe und ihren Schmuck preis, um rein von unrechtem Gut zu ſein— und dann gehörte ſie uns! Dir die Dankbarkeit, die zarte Liebe, die grenzenloſe Anhänglichkeit Hedw igs zu ſchildern, bin ich nicht im Stande. Sie gewann unſere Herzen ſo ganz, daß, als Al exander beſchloß, ihr ſeine Hand zu reichen, Dein Vater ohne Bedenken wegen der Vergangenheit ſeine Einwilligung gab, wie ich ſelbſt.“ Frau von Krüden ſchwieg eine Weile; dann ſagte ſie zu dem wie in einer fernen Erinnerung ver⸗ lorenen Theodor: „Jetzt⸗ſprich Du, mein Sohn; wenn Du Dich ſtark genug fühlſt.“ „Ich,“ begann Theodor mit dem leiſen, ge⸗ brochenen Tone, der ihm jetzt eigen war,„machte dieſelbe Reiſe zwei Monate früher, als Ihr. Auch ich ſah täglich dasſelbe Paar auf den öffentlichen Promenaden— aber mit welch anderen Gefühlen! Ich, der bisher kalt an dem weiblichen Geſchlecht vorübergegangen war, fühlte beim Anblick dieſes jungen Mädchens mein Geſchick ent⸗ ſchieden. Ich ſah ſie jeden Tag, ich folgte ihr von Weitem, ich betete ſie an; wie man ein Heiligenbild betrachtet, ſo ſchaute ich zu ihr auf— aber nur aus der Ferne, ohne von ihr geſehen zu ſein.“ „Du näherteſt Dich ihr nie?“ fragte die Generalin. — hon hörten amerk richte te, ſobald Da wurden durch einen ten konnten, ich wie der k, in mein die Diener⸗ bzend, halb eſich ſoeben iiſe;„arme Frau von adige Frau! ; erbarmen it! Ic ſtehe dem Geſetze, n Spielers, Heiland, s unſeligen r mit einer ſonſt müßte ar ktitiſch, er aber, ke den wühl adchen ein ode davon Lod polett den ſich bor, . und ihren wann unſere oß, ihr ſeine n vegen der ch ſelbſt. Feile, dann nnerung ber⸗ dl dich ſtark n leiſen, ge⸗ aätt dieſelbe —ah läglih en— obtt kalt an fühlte 1 war, geſchit ent von Beitem 4 betrachti der Fernt⸗ „Gene ralin, Th. Reinwald: Theodor. 359 „Niemals, Mutter. Wie konnte ich auch? Der Ruf, in dem dieſes ſchöne, beklagenswerthe Weſen ſtand, zwang mich, ihr fern zu beiben, ihre Verlaſſenheit gebot mir, ſie zu ehren. Am Tage ließ der Vater ſie nicht vom Arm, bei Nacht hütete ſie ein treuer Wächter, der keinen Eindringling zuließ—“ „Ja, Tartar, das kluge Thier, das jetzt noch Hed⸗ wigs Schritte zu bewachen pflegt,“ warf die Gene⸗ ralin ein. „Wie oft,“ fuhr Theodor fort,„faßte ich den Gedanken, das treue Thier zu beſtechen und— Gott iſt mein Zeuge in wie reiner Abſicht— zu dem jungen Mädchen zu gelangen, ihr meine Liebe zu geſtehen, ihr meinen Schutz anzubieten. Aber ich that es nicht. ‚Die Tochter des Spielers' hieß ſie allgemein und Jeder glaubte die guten Sitten der Tochter von den ſchlechten Abſichten des Vaters befleckt. Meine Liebe wuchs— mein Entſchluß blieb feſt. Nur ihr Bild habe ich mir zum Abſchiede gemalt, als ſie einmal träumeriſch neben ihrem Vater ſaß und keine Ahnung von meiner Nähe hatte. Dieſes Bild, Mutter, trug ich mit Deiner Haar⸗ locke auf der Bruſt; das Medaillon fing jenen Stoß beim Brande zum Theile auf— Alexanderfand es.“ „Mein armer Theodor,“ ſagte die Generalin, als er erſchöpft ſchwieg. Nach einer Pauſe begann er wieder:„Alex⸗ ander hält mich für ſchuldig ſeinem Weibe gegenüber, während ich die entſetzlichſte Qual litt, ſie als ſein Weib ſehen zu müſſen! O Mutter! was ich in dem Augen⸗ blick empfand, als er mir ſie, trunken von Glück, zeigte — das kann kein Menſch faſſen.“ „Welch' unglückliches Zuſammentreffen von Um⸗ ſtänden, daß Du Hedwig in unſerem Hauſe nicht ſahſt!“ „Ja,“ ſagte Theodor ſchwermüthig;„ich ſelbſt habe mir vielleicht den Weg zum Glücke zerſtört. Wäre ich heimgekommen, als Du mich dazu aufforderteſt, um die neue Schweſter zu begrüßen— großer Gott! welches Entzücken hätte ich gefühlt! Aber zu jener Zeit litt ich durch den Gedanken, auf immer von meinem lebenden Heiligenbilde geſchieden zu ſein; im Kultus der Erin⸗ nerungen lag allein mein Troſt.“ „Jetzt begreife ich alles.“ Krüden. „Zwiſchen uns, Mama, iſt es klar geworden,“ ſagte Theodor.„FIch bekenne Dir jetzt auch, daß ich für Hedwigs Ehre mich mit Schildenburg ſchlug. Er hatte ſie früher in Baden⸗Baden geſehen, wie wir in Homburg; er erkannte ſie und ließ Aeußerungen fallen, die mein Blut kochen machten. Ich beleidigte ihn durch ein Wort, daß kein Mann von Ehre dulden darf. Ueber Nacht beruhigte ſich mein Blut— ich fühlte, daß ich einen Mord beginge, wenn ſich ihn um einer traurigen Wahrheit willen zum Zweikampf zwänge.“ „Und doch ließeſt Du es zum Duell kommen?“ fragte die Generalin voll Erſtaunen. „Ja. Ich hoffte, daß ſeine Kugel mich in's Herz treffen werde, während ich die meine in die Luft ſchickte. Rückgängig konnte ich das Duell nicht machen, ſprach Frau von wenn ich nicht ehrlos ſcheinen wollte; Schildenbu rg hat den Widerruf jenes Wortes von mir ſchriftlich er⸗ halten, nachdem wir uns gegenüber geſtanden waren.“ „Du hoffteſt das, mein Sohn?“ warf die Gene⸗ ralin vorwurfsvoll ein;„iſt es möglich, daß ein kraft⸗ voller Männerwille ſo leicht zu brechen wäre? Sollte dieſe vergebliche Liebe Deinen Lebensmuth zerſtören?“ „Ich bin ſchwer für mein muthloſes Aufgeben be⸗ ſtraft,“ verſetzte Theodor leiſe.„Ich ſuchte den Tod, weil das Leben mir die Liebe verſagte,— jetzt ſehe ich, daß ich leben muß, denn die Kugel Schildenburgs hat mich bloß geſtreift und all das verlorene Blut mich nicht getödtet;— ich ſoll leben und werde es nicht wagen, mich ferner aufzulehnen, aber meine Strafe habe ich empfangen— es iſt ein Leben mit dem Schwerte über dem Haupte.“ „O nicht doch, mein Theodorl Der Himmel ſtraft nicht ſo grauſam; es wird noch alles gut werden.“ Theodor lächelte, halb ungläubig, halb auf⸗ munternd. Er war erſchöpft und bat um Ruhe; nur rief er ſeine Mutter noch einmal zurück, und ließ von ihr jenes Packet den Flammen übergeben, daß er durch Doktor A... hatte verſchließen laſſen. „Es waren Bekenntniſſe für Alexander, im Falle meines Todes,“ ſagte er, als Frau von Krüden die Papiere im Ofen aufflackern ließ;„wir bedür⸗ fen ihrer nicht mehr; was er wiſſen muß, will ich ihm ſagen.“ Am andern Tage, dem erſten, den Theodor im Sopha ruhend zubringen durfte, kam Alexander wie gewöhnlich mit ſeinem Stiefvater. Der General wußte nichts von dem Duell, aber um ſo ſchmerzlicher empfand er die Gefahr Theodors durch das ſchwere Leiden, das er überſtanden. Heute glänzte das Auge des alten Veteranen in friſcher Hoff⸗ nung und wie ein Kind ſcherzte er mit ſeinen Söhnen, die ihm nur zerſtreute Zuhörer ſein konnten, bis die Generalin unter einem paſſenden Vorwande ihn abrief. Theodor bemerkte die trübe Stimmung ſeines Bruders. „Alexander,“ ſagte er liebevoll, indem er den gedankenvoll zum Fenſter Hinausſtarrenden leicht am Arm zu ſich zog;„komm und ſage mir, daß Du nicht mehr an mir zweifelſt, daß Dein Mißtrauen ſelbſt ge⸗ ſchwunden iſt, ehe ich es durch eine Erklärung ver⸗ ſcheuchte. Haſt Du mich für fähig gehalten, in Deine heiligſten Rechte zu greifen?“ Alexanders Wange färbte ſich tief. Dann ent⸗ gegnete er offen:„Einen Augenblick habe ich es ge⸗ glaubt, Theodor. Als ich das Bild Hedwigs in jenem Medalllon erblickte, da verdunkelte ſich die ganze Welt vor mir— ich ſah nichts mehr, als Deine und ihre Schuld.“ „Sie iſt rein wie friſcher Schnee,“ rief Theodor mit Ueberzeugung,„und ich bin frei von der Schuld die Du mir zugemuthet haſt—“ Alexander bezwang ſich gewaltſam. Die Ver⸗ ſicherung von Hedwigs Unbefangenheit berührte ihn wie ein ſcharfer Stahl. Erinnerungen. Slluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Theodor nahm das Medaillon vom Tiſche und gab es ihm. „Nimm es,“ ſagte er mit geſenktem Blick.„Es ruhte lange auf meiner Bruſt, ehe Du ſelbſt noch Hed⸗ wig kannteſt— jetzt darf es dieſen Platz nicht mehr einnehmen. Meine ganze Schuld beſteht in der Schwäche, daß ich mich von dieſem Bilde nicht trennen konnte, als es nicht mehr das Porträt Hedwig Maldens war.“ Alexander war erſchüttert. Er umfaßte ſeinen Bruder leidenſchaftlich und legte ſeinen Kopf auf deſſen Schulter.„Ich verlange keine weitere Erklärung,“ ſagte er innig;„Dein Wort iſt mir heilig. Du warſt unglück⸗ lich, ich weiß es; aber auch ich habe in der letzten Zeit bittere Kämpfe gehabt.“ „Sie ſollen vorüber ſein,“ ſprach Theo dorfeſt. „Wir werden uns bald trennen, Alexander, und in dieſer Zeit klärt ſich alles.“ „Trennen? Wie ſo?“ „Ich muß nach einem milderen Klima, wenn ich die Hoffnung auf Heilung nicht aufgeben ſoll,“ verſetzte Theodor.„Gibt es noch eine Zukunft für mich, ſo muß ich ſie mir mühſam erringen, und ſchwer verdienen.“ „Aber Du wirſt ſie haben!“ rief Alexander friſch von Freude durchwogt;„wir wollen Beide auf ſie bauen!“ X. „Wir wollen Beide auf die Zukunft bauen“ hatte Alexander geſagt— und damit ein gutes Wort ge⸗ ſprochen. In ſeiner Seele lichtete ſich's allmälig wieder. Der Schatten, der zwiſchen ihn und ſein junges Weib getreten war, konnte verſchwinden, nach und nach, Theil um Theil, wie ein Nebel ſich von der Sonne zertheilt, verflüchtigt. Er ſchloß ſie innig, gütig, mit ſanfter Er⸗ munterung in ſeine Arme und verzagte nicht, als er dieſes junge Herz in namenloſer, ſchuldbewußter Angſt klopfen fühlte; er nahm die zitternde, reuige Hedwig ſo treu an ſeine Bruſt, wie ſonſt die zweifellos Liebende, und an dieſem Edelmuth erſtarkte ihr ſchwaches Herz. Eine treue, feſte Männerbruſt iſt für das zagende, ver⸗ irrte Weib der beſte Hort,— der einzige! Ohne die kraftvolle Selbſtverläugnung, ohne das edelſinnige Ver⸗ geben Alexanders und ſeine langmüthige Güte, ausſprechlich lieb ich ihn— mein Gott, ich danke Dir für ſein Leben!“ Dieſer Ausruf war Hedwigs letzte Verſuchung. Sie zwang ſich, den Gedanken zu ertragen, daß Martha ihm ihr Herz weihen dürfe und nun war ſie geheilt. Der Hauptmann von Schildenburg wurde Theodors beſter Freund und nie erfuhr Alexander, daß ſein einſtiger Waffengefährte von Hed wigs Vor⸗ leben die leiſeſte Kenntniß gehabt habe. Die„Welt“ fand bald einen Gegenſtand des Intereſſes, der die Forſchung über Hedwig verdrängte; ſie vergaß ſogar nach und nach, daß die junge Frau nicht„von Familie“ ſei und ſelbſt Herr von Schilden⸗ burg, der Vater, tröſtete ſich über dieſen Mangel ins⸗ beſondere als ſein Sohn der fraglichen Dame eine achtungsvolle Auszeichnung angedeihen ließ, die der alte Herr ſodann bereitwillig mit dem treuen Echo be⸗ gleitete, wie das Lob M arthas. Der Hauptmann ſang indeß das hohe Lied von Fräulein von Brühls Vorzügen immer ſeltener und ſeltener, weiſe gemacht durch die Erfolgloſigkeit ſeiner Huldigung, ja wie man behauptete, geradezu belehrt durch das gewichtige Wörtlein„nie“ aus Marthas Munde ſelbſt. Mit Eintritt des Frühjahrs ging Theo dor von Krüden nach der ſüdlichen Schweiz, um in den herr⸗ lichen Alpenthälern vollkommene Kräftigung für ſeine Bruſt zu ſuchen. Wir verfolgen ſeine Wege nicht weiter; nur glauben wir, daß der Abſchied von ihm ein kleines Fünkchen Hoffnung in Mart has Herzen zurückgelaſſen haben mußte. In ihrem leuchtenden Auge ſchimmerte es wie ein prophetiſcher Strahl, ihre friſch bluhen⸗ den Lippen ſchienen zu ſagen:„Ich vertraue auf die Zukunft!“ Ein Abenteurer wider Willen. Erzählt von Emil Dietze. (Schluß.) Marnals— es war zu Anfang des Jahres 1760 — waren die Holländer mit dem König von Condy in Zerwürfniſſe gerathen und zum Beginn wäre Hedwig im Sturm der Leidenſchaft verſunken und untergegangen. An ſeiner Bruſt fand ſie ſich ſelbſt wieder. Nie kam ein Wort über ſeine Lippen, das an jene Unglückszeit mahnte, nie ſprach ſein Blick einen Vorwurf aus. Die Verſuchung war an ihr vorüberge⸗ rauſcht; der Gifthauch hatte die Blume berührt aber nicht verſengt; ſie erhob ihr Haupt muthig wieder, von Treue und Liebe erfriſchend angeweht. „Wir wollen auf die Zukunft bauen!“ Vielleicht war das auch der leiſe, ſüße Gedanke Marth a's, der als helles Licht vor ihr aufblitzte. Klagelos hatte ſie den 5 der Feindſeligkeiten wurde ein Truppenkorps für 0 die Inſel Ceylon mobil gemacht. Dahin ſollte alſo Jolky mit abgehen. Blutenden Herzens fügte er ſich, da alle ſeine und ſeiner Familie Bitten fruchtlos blieben, ſeinem Schickſal, gab ſein Weib ihren Eltern zurück und ſegelte nach der Inſel Ceylon ab. Nach einem dreimonatlichen unblutigen Aufent⸗ halt unter den Eingaleſen und nachdem der Friede wieder hergeſtellt war, ward ihm der Befehl, ein nach Batavia beſtimmtes, mit Zimmet befrachtetes Schiff bis zur Inſel Banda zu begleiten. Schon gab er ſich der Hoffnung hin, daß er bald ganz nach Batavia Schmerz um Theodor in ihrer Seele verborgen, als er in Gefahr ſchwebte; jetzt, wo er ſich geneſen an Körper und Seele erhob, überfloſſen ihre Lippen. An Hedwigs Bruſt rief ſie alles vergeſſend:„O Hedwig, wie un⸗ werde zurückkehren und ſein Handwerk wieder aufneh⸗ men dürfen, allein von Schiff wurde er zu Schiff, von— Inſel zu Inſel kommandirt, bis er ſich plötzlich unter? hdanke Dir Verſuchung. Martha ſie geheit urg wurde exander, dwigs Vor⸗ enſtand des verdrängte; unge Frau LSchilden⸗ Mangel ins. Dame eine eß die der jen Echo be⸗ he Lied von ſeltener und fiateit ſeiner dezu belehrt Marthas eodor von in den herr⸗ ng für ſelne nicht weiter m ein kleines zurückgelaſſen ſchimmerte Auhen aue auf di sillen ——PB— Der hl. Ludwig Unc- 1 er hoell. Ludwig findet dic Brode unter St. Elieaboth'e AAV A AAANNA N 1 Mantoel in Roson vorwandelt. — — ꝛZ5ã☛ ,——,.,— —= Emil Dietze: Ein Abenteurer wider Willen. 361 Beſatzung eines kleinen abgelegenen Forts verſtoßen ſah, und einen Auftrag erhielt, der ſein Leben neuen Mühſeligkeiten, neuen Gefahren ausſetzte. Die Holländer hatten nämlich mit dem König von Condy einen Vertrag abgeſchloſſen, demzufolge nur an ſie allein die einzig auf dieſer Inſel erzeugten Gewürz⸗ nelken verkauft werden durften, nur wurden leider ſolche Maſſen davon erzeugt, daß man ſich wieder dahin einigte, daß alle überflüſſigen Bäume, gegen eine Ent⸗ ſchädigung von zwölf Gulden für den Stamm, ausge⸗ rodet werden ſollten. Die Vollziehung dieſes Vertrages zu überwachen, wurden vierundzwanzig Holländer und hundert vierzig Cingaleſen abgeordnet. Von da an gab es für Jolky kein anderes Ob⸗ dach als die Bäume des Waldes und kein anderes Bett als den Raſen am Lagerfeuer, keine andere Nahrung als Reis. Woche nach Woche durchzogen ſie unter der Lei⸗ tung von Eingebornen die Wildniſſe; die Elephanten, die hier hauſten, beunruhigten ſie kaum, und wenn ſie nach ihnen ſchoſſen, flohen ſie. Der Trupp war ſchon ein gutes Stück vorgerückt, als ſie ſich plötzlich auf allen Seiten umſtellt und angegriffen ſahen. Mit Schrecken erkannten ſie, daß ſie in Folge der Sorgloſigkeit ihrer Führer in das Gebiet des den Holländern feindlich ge⸗ ſinnten Waddahkönigs gerathen waren. Die leichtſüßi⸗ gen Cingaleſen, mit der Gefahr, die ihnen hier drohte, bekannt, ſuchten und fanden zum großen Theil ihr Heil in der Flucht, während die langſameren Holländer bis auf neun niedergemetzelt wurden. Die mit dem Tode Verſchonten, unter denen ſich Jolky befand, wurden gebunden und nach einem der Waddahdörfer geſchafft, um dort unter die vornehmſten Familienhäupter— das heißt an die beſten Jäger— vertheilt und von dieſen in käfigähnlichen Kerkern eingeſperrt zu werden. Die Waddahs, ein rohes Volk, ohne andere Wohn⸗ ſtätten als Berghöhlen, ohne eine andere Beſchäftigung als die Jagd, waren für die Holländer, die ſie ſtets fruchtlos angegriffen und zu unterjochen geſucht hatten, die hartnäckigſten und erbittertſten Feinde. Darum konnten die armen Gefangenen auch nur das Schlimmſte für ſich von ihnen erwarten, und nach den Zurüſtun⸗ gen und Freudenausbrüchen ſeiner Gewalth erren ſah Jolky nicht allein einem ſichern, ſondern auch einem cfualvollen Tode entgegen. Er ſuchte ſich in ſeiner Ein⸗ ſamkeit damit vertraut zu machen; wie ſollte das jedoch feinem jungen lebensluſtigen Manne möglich ſein. Er war ſchon in ſo mancher Lage geweſen, aus welcher ſich ihm kein Ausgang gezeigt, und doch hatte ihn der Herr daraus zu leiten gewußt; darum ließ er auch jetzt die Hoffnung auf Rettung nicht fahren, wenn er auch trotz alles Nachdenkens keine Wahrſcheinlichkeit vor Augen ſah, daß ſich ihm ein Ausweg zeigen werde. Eines Nachmittags, als es bereits dämmerte, ſah r vor ſeinem Kerker ein junges Mädchen auf und ab zandeln, das zum öftern ſtehen blieb und verſtohlen nach im hinblickte. Langſam, und wie es Jolky vorkam, heu, als fürchte ſie beobachtet zu werden, näherte ſie Dh ihm. In ihrem jugendlichen Geſicht drückte ſich en ſo viel Theilnahme als Neugier aus, Andreaszwei⸗ Erinnerungen. LXXXII. 1861. felte nicht, daß ihr ſein trauriges Los nahe ging, denn als ſie ſich ihm bis auf wenige Schritte genähert hatte, gab ſie ihm durch Zeichen zu verſtehen, daß er in Stücke zerhauen und gebraten werden ſolle. Das war eine ſchlimme Ausſicht. Eine ſo grau⸗ ſame Todesart hatte unſer armer Gefangener nicht er⸗ wartet. Fußfällig flehte er die höchſtens ſechzehnjährige Schöne an, ihm ein ſolches Schickſal zu erſparen. Der liebevolle Geſichtsausdruck des Kindes flößte ihm Hoff⸗ nung ein, und wirklich verſprach ſie, ihn zu retten, aber nicht bedingungslos. Der Gefangene erkannte, daß ſie ihn liebe und daß er ihre Neigung erwiedern ſolle. Wer wird ihn darum tadeln, daß er ihr ewige Liebe und Dankbarkeit zuſchwor? Neun Tage vergingen, für Jolky in der peinlich⸗ ſten Ungewißheit. Das Mädchen ließ ſich nicht wieder blicken; er wußte nun, daß er vom Leben Abſchied neh⸗ men müſſe. Schlummerlos lag er auf der kalten Erde, als ſich plötzlich die Thür ſeines Kerkers öffnete. Schon glaubte er, daß ihn ſeine Henker zum Feuertode abho⸗ len wollten; allein ſtatt ihrer zeigte ſich die Schwarze, be⸗ gleitet von zwei Dienern. In dieſem Augenblicke er⸗ ſchien ihm das Leben im roſigſten Lichte. Seine Bande wurden gelöſt, er ſtand auf und das Mädchen nahm ihn ſchweigend bei der Hand und führte ihn lautlos fort. Ueber rauhe Felſen und durch dichte Wälder führte ſie ihr Weg nach einem Fluſſe, auf welchem ein Kanoe bereit lag, groß genug für Vier. Hier warf ſich ihm das Mädchen in die Arme. Unter den kräftigen Ruderſchlä⸗ gen der beiden Waddahs trieb das kleine Fahrzeug raſch vorwärts. Als ſich am Himmel die erſten Spuren des anbrechenden Morgens zeigten, lag das Meer vor den Flüchtigen; zu beiden Seiten war das Land mit Süm⸗ pfen bedeckt; in einen derſelben lenkten ſie ein und er⸗ reichten endlich ein ſeichtes Waſſer, welches JFolky und die Schwarze durchwateten, während die beiden Diener das Kanoe zogen und hinter ſich das niedergebeugte Rohr aufrichteten, um ihre Spuren zu vertilgen. Nach einer eben ſo langen als beſchwerlichen Wanderung, bald durch kaum zu durchdringende Wälder, bald durch faſt grundloſe Sümpfe, gelangten ſie endlich in eine einer Wüſte ähnliche Gegend. Hier ließ ſich Jolky mit dem Waddahmädchen und den beiden Dienern nieder, hier wollten ſie ihren Wohnplatz auf⸗ ſchlagen, denn bis hierher würden nur ſchwer ihre Verfolger vordringen, hier, in einer ſo ſumpfigen, unwohnlichen Gegend würden ſie die Flüchtlinge kaum vermuthen. Und ſie täuſchten ſich nicht, ſie blieben in der That un⸗ beläſtigt. Kein menſchliches Weſen drang in dieſe Ein⸗ öde, die vielleicht noch nie zuvor von eines Menſchen Fuß betreten worden war. Und hier lebten die vier Perſonen länger als ein Jahr, abgeſchnitten von aller menſchlichen Geſellſchaft und im ſteten Kampfe mit unglaublichen Drangſalen. Eine kleine Hütte von Strauchwerk, die eben nur vor den Sonnenſtrahlen ſchützte, war ihre Wohnung, die bei⸗ den Waddahs, die Gefährten ihrer Flucht, ihre treuen Diener, die ſich faſt ausſchließlich damit beſchäftigten, ſie mit Nahrung zu verſorgen und Alles, was ſie an Ko⸗ 46 —, ͦ————————————— +——— — —ÿ 362 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. kosnüſſen, Paradiesfeigen, Kürbiſſen, Fiſchen und Schild⸗ kröten erlangen konnten, herzutrugen. Leider fühlte ſich Folky's Gemüth unter dieſen Ereigniſſen ungemein angegriffen und ſeine Kräfte nah- men ab. Die ungeſunden Ausdünſtungen der Niede⸗ rung mochten das Ihre dazu beitragen. Hier zeigte ſich die ganze Standhaftigkeit des braunen Mädchens; ob⸗ wohl der Tochter des Häuptlings Mangel und Entbeh⸗ rung bis dahin fremd geweſen waren, ſo trug ſie doch jedes Ungemach ohne Murren, ſie ſchwieg über das Schwinden ihrer eigenen Kräfte, ja ſie war es, die den troſtloſen Geliebten aufzurichten ſich bemühte, ſie, die ihn aufheiterte und mit ihm ſcherzte, wenn er auf Augenblicke ſeines Elends vergaß, ſie, die mit ihm weinte, wenn das Uebermaß des Schmerzes Seufzer aus ſeiner Bruſt preßte. Im Kummer über ihre Verlaſſenheit, deren Ende ſich nicht abſehen ließ, gewahrte Andreas kaum, wie ſeine Begleiterin zuſehends ſchwächer und hinfälliger wurde; erſt da ſie kaum noch im Stande war, ſich von ihrem Lager zu erheben, da öffneten ſich ſeine Augen für die mit ihr vorgegangene Veränderung, und er be⸗ gann zu begreifen, wie entſetzlich ihr Verluſt für ihn, dem ſie ihr Leben und ihr Alles zum Opfer gebracht, ſein würde. Er wagte kaum für ſie zu hoffen. Ohne Mittel, dem Uebel Einhalt zu thun, und gegen die Krankheit, an welcher die Arme litt, hat noch kein Arzt eines gefunden, mußte ſie von Tag zu Tage kraftloſer werden, und eben, da ſeit lange zum Erſtenmale wieder ein Schein von Hoffnung auf Geneſung in ihm aufzu⸗ dämmern begann, da warf ſie ſich in ſeine Arme und hauchte an ſeiner Bruſt ihren letzten Seufzer aus. Sie verſchied im dreizehnten Monat ihres Wüſten⸗ aufenthaltes, nachdem alle Verſuche, das fliehende Leben aufzuhalten, fruchtlos geweſen waren. War Jolky ſchon vorher trübſinnig geweſen, jetzt erfaßte ihn wilde Verzweiflung. Die aufopfernde Liebe des Mädchens, ihre kindliche Heiterkeit hatten ihn Man⸗ ches ertragen machen, was er ohne ſie vielleicht kaum ertragen haben würde. Jetzt ſah er ſich plötzlich verein⸗ ſamt und der Schmerz um ihren Verluſt drang über⸗ wältigend auf ihn ein. Die zwei Waddahs trauerten mit ihm; ſie boten Alles auf, ihn zu tröſten, und da nichts ihn von der ge⸗ liebten Leiche fortbringen konnte, ſtanden ſie im Begriff — ohne Zweifel dabei einer Sitte ihres Volkes folgend — ihm den Leichnam als Mahlzeit zuzubereiten. Nur mit Mühe konnte ſie JFolky davon zurückhalten, und faſt noch ſchwerer wurde es ihm, ſie zu bewegen, die Ueberreſte der Verſtorbenen der Erde zu übergeben. Jolkys Sehnſucht, die Wüſte zu verlaſſen und wieder unter Europäer zu kommen, regte ſich ſchon ſeit lange gewaltig, jetzt wurde ihm der Aufenthalt in die⸗ ſer Abgeſchiedenheit geradezu unerträglich. Er verließ ſeine Hütte und das Grab der Häuptlingstochter und baute mit Hilfe ſeiner zwei Gefährten eine andere in der Nähe des Meeres. Tag für Tag ließ er ſein Auge über die unbegrenzte Waſſerfläche ſtreifen, daß es faſt erblindete von dem Glanze, aber kein Fahrzeug wollte ſich ſeinem Blicke zeigen. V Eines Morgens, als er eben trübſinnig am Mee⸗ resſtrande auf und ab ging, entdeckte er— er glaubte ſeinen Augen kaum zu trauen— in weiter Ferne einen ſchwarzen Punkt; er kam näher und ward größer— es war eine chineſiſche Dſchonke. Seine Kniee zitterten, das Herz wollte ihm faſt brechen vor übergroßer Freude. So ſollte alſo doch ſein Verlangen, wieder unter Menſchen zu leben, nicht unerfüllt bleiben. In aller Eile wand er Piſangblätter an eine Stange und bewegte ſie in der Luft; er war überzeugt, daß man ihn bemerken müſſe, aber das Fahrzeug folgte gemächlich ſeinem Cours. Mit voller Bruſt begann er zu rufen, immer heftiger ſchwenkte er ſeine Stange, und ſiehe da, die Chineſen wurden end⸗ lich auf ihn aufmerkſam, er ſah wenigſtens, wie ein Bot gelöſt wurde und wie ſich dieſes, von zwei Ruderern ge⸗ führt, nach dem Geſtade zu bewegte. Da verließ ihn das Bewußtſein und er erwachte erſt wieder, da er mit den beiden Waddahs der Oſchonke zuſegelte. Er fand nebſt ſeinen Begleitern die menſchen⸗ freundlichſte Aufnahme, die liebevollſte Pflege, und welche Freude war es ihm zu hören, daß das Fahrzeug, welches von Ternate kam, direkt nach Batavia ſteuerte. Die Vorſehung hatte ihn in ihren Schutz genom⸗ men, ſchneller und früher als er zu hoffen gewagt, nã- herte er ſich der Stadt, die ihm eine zweite Heimat ge⸗ worden war, und wo ſein Weib lebte, das ihn ſicher todt glaubte. Welche Gefühle bewegten ſeine Bruſt, als er Batavia, die ſchönſte Stadt der Welt, die Perle des Orients, wie ſie damals noch genannt wurde, mit ihrer Häuſermaſſe und ihren dreimalhunderttauſend Einwoh⸗ nern ſich aus dem Meere langſam erheben ſah. Schon auf dem chineſiſchen Fahrzeuge erfuhr er, daß ſein früherer Gönner,vonder Parra, der Vorſteher der oſtindiſchen Handelsgeſellſchaft, jetzt Oberſtatthalter von Batavia geworden war. Ihm mußte ſein erſter Gang gelten. Und kaum hatte er den Fuß auf feſten Boden geſetzt, ſo eilte er auch nach dem Regierungspa⸗ laſte und warf ſich ſeinem Gönner zu Füßen. Von der Parra erkannte ſeinen ehemaligen Schützling trotz der in der Zwiſchenzeit mit ihm vorgegangenen Verände⸗ rung ſogleich wieder, und mit Thränen in den Augen hob er ihn vom Boden auf. Aufmerkſam und voller Theilnahme hörte er die Erzählung ſeiner Schickſale an. und nun erfuhr Jolky, daß in allen holländiſchen Landſchaften ihm und ſeinen Gefährten nachgeforſche worden ſei, ohne daß man etwas zuverläſſiges über ſie habe erfahren können. Auch über ſeine Familie wur⸗ den ihm tröſtliche Nachrichten mitgetheilt, und er ver⸗ ließ endlich den Palaſt des Statthalters mit der erfreu⸗ lichen Zuſicherung, daß er für ſeine Mühſeligkeiten ent⸗ ſchädigt werden ſolle. Ohne Verzug wendete ſich Andreas nunmehr dem Hauſe ſeines Schwiegervaters zu und umarmte mit dem Entzücken des Wiederſehens nach langer Trennung ſeine Gattin und die kleine Tochter, die ſie ihm nach ſeiner Abreiſe geboren. Sie Alle hatten ſchon ſeit lange die Hoffnung aufgegeben, ihn je zurückkehren zu ſehen, und ihn als todt beweint. 4 Das Unglück ſchien endlich müde geworden zu nig am Mee⸗ d— er glaubte —Ferne einen dd größer— es dee zitterten, das her Freude. So unter Menſchen aller Eile wand wegte ſie in der ken müſſe ours. Mit eſchwenkte wurden end⸗ wie ein Bot Ruderenn ge⸗ averließ ihn das da er mit den m die menſchen⸗ ia ſteuerte. Schutz genom⸗ fen gewagt, nä⸗ e Heimat ge as ihn ſicher todt ruſt, als er die Perle des de, mit ihrer nuſend Einwoh en ſah. zeuge erfuhr er, ra der Vorſteher Oberſtatthalte nußte ſein erſter Fuß auf feſten Regierungspo- zen. Von der gling troß der j nen Veründe⸗ n in den Augen fam und voller 1 Schickſale an 1 hollindiſchen nachgeforſch ſſiges über ſie 5 zunili wur⸗ 1b und er ver⸗ z mit der erfreu⸗ gkeiten ent⸗ ilt Emil Dietze: Ein Abenteurer wider Willen. 363 ſein, Jolky noch länger zu verfolgen, er ſollte das Le⸗ ben nun auch von einer heiterern Seite kennen lernen. Der Oberſtatthalter blieb ſeiner Zuſage eingedenk; er begnügte ſich nicht damit, ihm ſchon am erſten Tage eine Summe Geldes, ſowie Wein und Bier zur Stär⸗ kung ſeiner Kräfte, und ſonſt Alles, was zur Einrich⸗ tung einer neuen Haushaltung vonnöthen war, zu ſchik⸗ ken, er verſprach ihm auch ferner ſein väterliches Wohl⸗ wollen, ernannte ihn bald nachher zum Fähnrich bei der Bürgergarde und übertrug ihm auch zu gleicher Zeit die Vormundſchaft über die muhammedaniſchen und heidniſchen Waiſen. Dieſes Amt machte ihn zum Er⸗ zieher aller chineſiſchen Kinder und zum Verwalter ihres Vermögens. Dieſen Begünſtigungen folgte bald eine andere nicht minder werthvolle: der Oberſtatthalter verlieh ihm die Erlaubniß, zwölf Stadtlohnwagen zu halten und in Pacht zu nehmen. Aber dazu gehörte ein anſehnliches Kapital, über das unſer Jolky nicht verfügen konnte. Auch dafür ſorgte ſein Gönner. Frei⸗ gebig ſchoß er dem ehemaligen Schneider die erforder⸗ lichen Mittel vor und Jolky ſah ſich bald von Wagen, Knechten und Pferden und was er ſonſt bedurfte um⸗ geben. Eine ſo günſtige Wendung ſeines Schickſales, nachdem er ſo viele Drangſale erduldet, hatte Andreas nimmermehr erwartet. Er war ein guter Haushalter und ſein Wohlſtand nahm ſichtlich zu; nur reichten ſeine Kräfte nicht aus, Allem, was ihm oblag, vorzuſtehen; er ſah ſich daher genöthigt, den beſchwerlichſten Theil ſeines Geſchäftes aufzugeben, und ſo verkaufte er das ihm verliehene Vorrecht, Wagen zu halten, vortheilhaft an einen Andern und wendete ſich ausſchließlich dem Handel zu, in welchem er von Herrn von der Parra⸗ noch beſonders dadurch unterſtützt wurde, daß ihm dieſer einen unbeſchränkten Kredit gewährte. Binnen wenigen Jahren war Jolky's Vermögen ſo gewachſen, daß er ſich eine Beſitzung mit vierzehn bewohnten Häuſern er⸗ werben konnte. Während bis zu ſeiner Rückkehr nach Batavia ſich das Unglück an Jolkys Sohlen geheftet zu ha ben ſchien, war es von da an das Glück, welches ihn mit einem Uebermaß von Wohlwollen heimſuchte und buch⸗ ſtäblich nicht müde wurde, ihm fort und fort neue Ga⸗ ben zuzuwenden. Die Batavier ſahen ihn bald als Ka⸗ pitänlieutenant, als Mitglied des Rathes der Stadt und endlich wurde er gar als Geheimer Rath in das holländiſche Gouvernium berufen. Und Jolky miß⸗ brauchte das Vertrauen, welches ihm zu Theil ward, nie. Wo ſich ihm Gelegenheit bot, für das Wohl der oſtin⸗ diſchen Geſellſchaft, wie für das des Staates thätig zu ſein, da ſcheute er kein Opfer. Jolky war nicht allein ein Mann, den man um ſeines Vermögens willen ehrte, man achtete und verehrte ihn auch hoch um ſeiner Thätigkeit und Verdienſte willen, und der Ruf von ihm ging weit, über die Grenzen ſeines Wohnortes hinaus. Der Tod ſeines Weibes war der erſte bittere Kelch, der ihm nach langer Zeit gereicht wurde; zwei Töchter weinten mit ihm an ihrem Grabe. Noch war indeß die Wunde nicht verharſcht, als ihn ein neuer Todesfall 1 auf's ſchmerzlichſte traf— ſein Wohlthäter, der Herr von der Parra ſtarb. Dieſer Verluſt zweier theuren Perſonen in dem kurzen Zeitraume eines Jahres ſchlug ſeinen Lebens⸗ muth gewaltig zu Boden, er begann ſelbſt zu kränkeln und es wurde eine recht ernſtliche Krankheit daraus. Lange Zeit zweifelte man an ſeiner Wiederherſtellung; doch die Kunſt der Aerzte rettete ihn endlich. Während ſeiner Geneſung war Jolky von einer unwiderſtehlichen Sehnſucht nach ſeinem Vaterlande er⸗ faßt worden, und ſobald er das Lager verlaſſen durfte, beſchäftigte er ſich ernſtlich damit, alle ſeine häuslichen und geſchäftlichen Angelegenheiten für eine lange Ab⸗ weſenheit in Ordnung zu bringen. Seine Töchter über⸗ gab er der Pflege treuer Freunde und im Oktober 1776 beſtieg er ein holländiſches Schiff, das ihn Europa zu⸗ tragen ſollte. Noch ehe er mit ſeinen zwei ſchwarzen Begleitern das Vorgebirge der guten Hoffnung erreichte, warf alle Drei eine ſchwere Krankheit nieder, die ſie zwang, ihre Fahrt zu unterbrechen, und von der Jo lkyj allein nach mehreren Monaten wieder erſtand. Im Mai 1777 konnte er ſeine Fahrt endlich fort⸗ ſetzen und im Auguſt langte er wohlbehalten in Amſter⸗ dam an. Sein nächſter Beſuch galt dem ſchon vor Jah⸗ ren in ſeine Heimat— England— zurückgekehrten Schwiegervater; indeß verweilte er dort nicht lange, es zog ihn nach Wien und nach ſeiner Geburtsſtadt, und bereits am 21. Oktober fuhr er durch die Thore der Kaiſerſtadt und wirklich ward ihm die Freude, ſeinen Bruder noch am Leben zu finden. Das Erſcheinen dieſes neuen Robinſon machte ſelbſt in Wien viel von ſich reden; die Kaiſerin Marie Thereſie und ihr Sohn Joſeph, die ebenfalls davon hörten, wünſchten den Mann zu ſehen und ſeine Aben⸗ teuer von ſeinen eigenen Lippen zu hören. Die Liebens⸗ würdigkeit der beiden Majeſtäten entzückte den einfa⸗ chen Mann, und ob auch dies allein hingereicht haben würde, ihm dieſe Audienz unvergeßlich zu machen, ſo durfte er doch nicht ſcheiden, ohne als Gegengeſchenk für einige mitgebrachte indianiſche Gegenſtände, und als Erinnerung eine Medaille und eine Doſe, beide von Gold, empfangen zu haben. So nahe der Heimat wurde das Verlangen, ſei⸗ nen Vater und den Ort ſeiner Geburt wieder zu ſehen, immer mächtiger. Er machte ſich auf den Weg und hatte bald das Glück, ſeinen Vater, der ihn kaum wie⸗ der erkannte, zu umarmen. Auf Drängen ſeiner Ver⸗ wandten ſchlug er ſich die Rückkehr nach Indien ganz aus dem Sinne und ließ ſich in Ofen häuslich nieder. Hier war es auch, wo er, um eine Theilnehmerin ſeiner irdiſchen Habe und ſeiner häuslichen Sorgen zu haben, ein zweites Ehebündniß ſchloß. Als glücklicher Gatte und als Vater eines Sohnes ſah er dem Abend ſeines Lebens in beſchaulicher Ruhe entgegen. Doch nicht lange mehr ſollte er ſich der An⸗ nehmlichkeiten erfreuen, unter Verwandten und Freun⸗ den zu leben. Der durch unſägliche Mühſale frühzeitig entkräftete Körper wurde von Tag zu Tag hinfälliger. Ein Lungenleiden warf ihn auf das Krankenlager, das 46* 364 Erinnerungen. Illuſtrirte auch nur zu ſchnell ſein Sterbelager ward. Er verſchied am 6. December 1783 in einem Alter von ſechsund⸗ vierzig Jahren, betrauert von Allen, die ihn kannten, ganz beſonders aber von den Armen, denen er, im Rück⸗ blick auf ſeine eigene Vergangenheit, in der Stille ein warmer Freund geweſen. In Salona und im Banat. (u den für einen Touriſten anziehendſten Punkten Dalmatiens gehört auch Salona. Vor Alters gingen von dieſer wichtigen⸗ Handels⸗ und Regierungs⸗ ſtadt(jetzt iſt’'s nur noch ein Dorf) alle Hauptſtvaßen aus; dicke Mauern, nach innen zu von Pfeilern ge⸗ ſtützt, nach außen durch zahl⸗ reiche Thürme gedeckt, um⸗ zogen die Stadt in vielen. Biegungen, ſtarke Thore⸗ mit Fallgittern wehrten den Eingang in die mit großen⸗ Steinplatten gepflaſterten Straßen, und achteckige Thürme ſtiegen in kräfti⸗ gem Aufſtreben rechts und links neben dieſen Thoren empor als beſonderer Schutz. Derinen aber in der Stadt gab's zierliche Tem⸗ pel mit Marmorkuppeln, Theater und Amphitheater, 6 nette Wohnhäuſer mit Mo⸗ ſaikbildern auf dem Boden der Gemächer, eine uralte 3 chriſtliche Kirche, an deren Eingange zwei Hirſche aus N einem Gefäß trinkend in r Moſaik dargeſtellt waren. ⁶α In der Nähe entdeckte De 8 Carrara, der Ausgrabun⸗ gen im größten Maßſtabe dort einleitete und dem wir zumeiſt unſere Kenntniß des alten Salona verdanken, auch einen altchriſtlichen Friedhof mit reich geſchmückten Sarkophagen und ein rieſiges Felſengrab, deſſen Wände in grüner, weißer und rother Farbe Freskobilder ſchmücken, die Genien, Kränze, Blumenbouquets u. ſ. w. darſtellen. Nun iſt verſchwunden die Pracht der Römerſtadt, elende Hütten ſtehen auf dem Grunde ſäulenreicher ſtolzer Paläſte, Oliven grünen in der Arena, Schafe weiden auf den alten Tempelſtätten, Dornenbüſche und Grasbüſchel wachſen auf den Reſten acht Pfeiler, die von der großartigen Waſſerleitung ſtehen blieben, und im Schatten derſelben ſammeln ſich an⸗ der Bewohner von Salona. Blätter für Ernſt und Humor. heißen Sommertagen die Schaf⸗ und Ziegenhirten des Dorfes. Die Trachten im heutigen Salona gehören zu den einfachſten und ſchmuckloſeſten Dalmatiens. Sandalen, enge ungariſche Hoſen, ein breiter Gurt mit den nöthigen⸗ Handwaffen, Spenſer und ein niedriger runder Hut mit breiter umgebogener Krämpe oder Turban, das iſt faſt durchgehends die Bekleidung der Männer. Die Frauen tragen eine Art türkiſche Schuhe, weiße oder blaue Strümphe, kurzes Unterkleid mit engem Mieder, ein offenes Oberkleid von grobem Tuch, ähnlich einem Pa⸗ letot, eine bunte Schürze und ein Kopftuch, welches am⸗ Hinterkopfe zopfähnlich zu⸗ ſammengebunden wird. Von den zahlreichen weitern Dalmatinertrach⸗ ten erwähnen wir hier nur noch zwei. Vorerſt die ma⸗ leriſchſte und prachtvollſte, das iſt die der Riſano⸗ ten. Der Mann trägt einen gelben Turban oder ein ſchwarzes goldgeſticktes Käppchen, rothe Jacke oder violettes Wamms, darüber einen grünen Kaftan, blaue Pumphoſen und rothe Strümpfe; die Frau trägt K einen braunen Rock mit ro⸗ N ther Schürze, rothe Schuhe, grüne Joppe, gelben Schleier. Der Anzug bei⸗ der iſt dazu reich mit fei⸗ nen Schnüren und Metall⸗ knöpfen verziert. Mehr durch ihre Einfachheit ge⸗ fällt die Tracht in Spalato und Umgebung. Die Män⸗ ner ſind ganz blau gekleidet, mit ſchwarzem Baret und Haarzöpfen; die Frauen tragen gleichfalls blaues Wamms und blauen Rock, der an den Hüften in Fal⸗ ten gelegt iſt, darunter ein rothes Korſett mit knappen Schößen. Unſer zweites Bild führt uns in das Banat. Zu den geſegnetſten Ländern Europa's gehört das Banat. Hier iſt üppige Fruchtbarkeit gepaart mit über⸗ raſchender Schönheit. Unabſehbare Heiden wechſeln mit üppigen Getreidefeldern, ſchilfige Moräſte mit pracht⸗ vollen Laubwäldern, romantiſche Gebirgsthäler mit weiten Ebenen, und zu dieſer Mannigfaltigkeit der Landſchaften geſellen ſich der bunte Schmuck der ver⸗ ſchiedenen Trachten und der abweichenden Phyſiognomien der Landesbewohner. Hier hauſen blauäugige, gelb⸗ haarige Deutſche in ſtattlichen Dörfern, im nächſten Ort liegen Walachen in langen Hemden und weiten Bein⸗ ute 1 i 89 Qd — eeA — genhirten des hören zu den Sandalen, rnöthigen under Hut mit das iſ faſt Die Frauen e oder blaue Mieder, ein h einem Pa⸗ h welches am ne matinertrach⸗ n wir hier nur erſt die ma⸗ rachtvollſte, Riſano⸗ trägt einen ban oder ein oldgeſtickes e Jacke oder ns, darüber Kaftan, blaue othe Schuhe, be, ge lben Argag ber reich mit fel⸗ mund Metal⸗ ert. Mehr chheit ge⸗ palato t mitknappen 3 Banat⸗ ehort mit über⸗ bſeln mit rii pracht⸗ gtbäler mit Veaateit der der ver⸗ das ſogomie Pyht 0 gelb⸗ — zchſten L 1 n nü ein⸗ dlen Be In Salona und im Banat. 3654 kleidern müßig vor den Thüren der Holzhäuſer, wogegen draußen vor den weißen Wohnungen des nächſten Dorfes ſtämmige Serben arbeiten, Bulgaren auf den Aeckern pflügen, oder ſchlanke Magyaren in ſauſendem Galopp auf klapperndem Wagen hinaus nach der Pußte jagen. Damit das Land aber neben dem Reichthum an irdiſchen Schätzen auch unter weiſen Herrſchern der höheren Güter nicht entbehre, gewann der Türken⸗ und Fran⸗ zoſenbeſieger Prinz Eugen bei Zenta einen ſeiner ſchönſten Triumphe. Banater Bauern. Der Name Banat bedeutet urſprünglich Grenz⸗ oder Markgrafſchaft. In den langen Türkenkriegen tummelten ſich nur zu oft die Reiterſcharen der Türken und Ungarn in blutigem Kampfe auf den weiten Gras⸗ und Getreideehenen der Theißländer, ein Ban ſtand als beſonderer Schutzbeamter dieſem Gebiete vor. Doch nur die ſtarke Hand der habsburgiſchen Kaiſer vermochte das ſegenſtrotzende Land vor den Glaubensfeinden genügend zu ſchirmen; dafür hing es auch mit hin⸗ gebender Treue am Kaiſerhauſe, ward deßhalb 1849 von Ungarn getrennt, und mit der ſerbiſchen Woiwo⸗ dina zu einem beſonderen Kronland von etwas über 544 Quadratmeilen und mit mehr denn 1½ Million Einwohner vereinigt. Das Banat bildet größtentheils eine faſt wage⸗ rechte Ebene, denn außer dem weidereichen Plateau, das ſich in der Mitte der Batſchka(ungar. Bacs) erhebt, ziehen von Siebenbürgen Bergſtreifen mit maleriſchen Thälern nach Weſten, bis ſie nach und nach zu nur niedrigen Bodenwellen herabſinken, um endlich unmerk⸗ lich in die Fläche der banater Ebene überzugehen. Ein Hauptzug dieſer Berge begleitet das ſüdliche Ufer der Maros in einiger Entfernung und ſendet nach Norden und Süden Verzweigungen aus. Zwiſchen ihm und den Bergen von Lugos fließt die Bega in weitem Thale nach Weſten. Faſt parallel mit ihr beſchreibt weiter nach Süden zu das Thal der Temes, welche aus dem banater Militärbezirk herabfließt, einen weiten Bogen, indem es anfangs gegen Norden in die Ebenen von Lugos und Temesvar hinabſteigt, dann aber nach Süden ——ſſ —— —— —————·———— Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ſich wendet und hier zahlreiche Nebenflüſſe aufnimmt, um endlich in die banater Militärgrenze überzugehen, wo es ſich wieder nach Oſten wendet und große Bruch⸗ niederungen enthält, ehe die Temes in die Donau mündet. Die Niederungen der Batſchka, vor Zeiten der Tummelplatz blutiger Schlachten altrömiſcher und tür⸗ kiſcher Heere, umſchließen mit ihrer getreidetragenden Stromebene ein niedriges, wenig fruchtbares Plateau, auf welchem Roßherden und Rinder weiden und das man unter dem Namen Batſchka nicht mit zu begreifen pflegt. Dagegen darf man die Niederungen, welche Theiß und Donau mit ihrem fetten Schlamme düngen, das Nilland der Monarchie nennen. Da wogen unab⸗ ſehbar die hochhalmigen Weizenfelder in grünen oder gelbbraunen Wellen, da duftet es aromatiſch von dem reifenden Roggen, da ziehen ſich Hanfäcker als dunkel⸗ grüne Streifen zwiſchen Weinbergen und Obſthainen hin, blöken Schafherden drüben auf dem Anger, kriechen Kürbißranken mit gewaltigen Früchten beladen am Boden hin, und ſchaut des Maulbeerbaumes weiße Frucht verſtohlen aus der Schattenwelt der Blätter her⸗ vor. Behaglich breiten ſich zwiſchen Wieſen und Gärten die reichen Dörfer der deutſchen Bauern aus, welche mit Fleiß und Sorgfalt den fruchtbaren Boden benutzen und durch das ganze Kaiſerthum wegen ihrer Wohl⸗ habenheit, ihrer Treue, wie ihres Fleißes rühmlichſt bekannt ſind. Freundlich ſchimmern zwiſchen dem Grün der Pflaumen⸗ und Apfelbäume die weißen Giebel⸗ wände hinaus über die wallenden Getreidefluren, als wollten ſie den Wanderer zur Einkehr einladen, und folgt er ihnen, ſo empfängt ihn nach alter Sitte der Name des Erbaners, ein frommer Spruch und die Jahrzahl des Baues über der Eingangsthüre des Ge⸗ höftes, auf welchem Enten, Hühner, Gänſe und Trut⸗ hühner lärmen, ſtattliche Roſſe arbeitsluſtig am Wagen ſcharren, blonde Dirnen, den Kamm im zurückgekämmten Haar, behend nach dem Stalle eilen, um die ſtrotzenden Euter der Kühe zu leeren, Schweine im Kofen rumorend ungeduldig an der Decke über dem Troge rütteln und kräftige Burſchen ſich eben zu einer Wettfahrt vereinigen. Hui, wie fliegen die leichten Wagen raſſelnd die ſtaubige Straße dahin, ſauſen über den Anger, daß die Hengſte dampfen, und der unaufhörlich peitſchende Roſſelenker, vorn auf dem Wagen ſtehend, vor Luſt aufjauchzt! So eintönig die flache Landſchaft iſt, ſo einförmig die Städte und Flecken mit ihren gradlinigen breiten Straßen und beſcheidenen Häuſern ausſehen; ſo male⸗ riſch erſcheinen die bunten Trachten der Volksſtämme, die ſich geſchäftig durch einander bewegen. Serbiſche die verwilderten Geſtalten der Schiffszieher auf, die reihenweiſe an eine Leine geſpannt, die ſchwerfälligen Donauſchiffe den Fluß hinauf ſchleppen, wobei ſie mit jedem Schritt eine Laſt von vielen tauſend Centnern und den Widerſtand des Stromes zu bewältigen haben. Glücklicher Weiſe nimmt dieſe quälende Arbeit ſeit der Benutzung der Dampfſchlepper ab. Unſer Bild führt uns ſpeciell den banater Bauer in ſeiner Tracht vor. Derſelbe trägt entweder Sandalen, weite leinene Pumphoſen, eine leinene Blouſe, die über den Hüften mit einem breiten ledernen Gurt zuſammen⸗ gezogen wird, und auf dem von langen dünnen Haaren umwallten Kopfe eine hohe Pelzmütze(und das ſind meiſt die arbeitſamen fleißigen Walachen)— oder iſt er ein Deutſcher, ſo trägt er enge Lederhoſen, hohe Stiefel, einen mit Schafpelz gefütterten, beſchnürten Rock, der bis nahe an die Knie reicht, und einen Hut mit ſehr breiter herabhängender Krämpe. Noch ein⸗ facher erſcheint die Frau; Sandalen, grobe graue Strümpfe, ein grober Unterrock, breiter Gurt, eine lei⸗ nene Jacke mit weiten Aermeln und ein weißes Kopf⸗ tuch iſt ihr ganzer Anzug. P. D. Die Skrophuloſe und der Leberthran. oO nter den egyptiſchen Landplagen, von welchen 9/† die Bewohner großer Städte heimgeſucht werden, iſt die Skrophuloſe noch die glimpflichſte, obwohl⸗ von ihr das bekannte Sprichwort gilt, daß unter den Blinden der Einäugige König iſt. Wir alle wiſſen wie ein ſkrophuloſes Kind ausſieht, aber gewiß werden nicht alle Leſer die Urſachen dieſer Krankheit kennen, die beſonders unter dem kind⸗ lichen Alter ſo häufig auftritt. Die Urſache der Skro⸗ phuloſe iſt eine verſchiedene. Skrophuloſe, tuberkuloſe Eltern können ſie ihren Sproſſen mittheilen und dieſe kommen daher entweder ſchon mit den ſichtbaren Keimen zur Welt, oder werden in der Kindheit die Beute der⸗ ſelben. Andere Urſachen ſind ſchlechte, unzureichende, den Verdauungskräften des Individuums nicht entſpre⸗ chende Nahrungsmittel, unreine, dumpfe, lichtarme Luft, feuchte Kellerwohnungen, enge von hohen Häuſern ein⸗ geſchloſſene Straßen, enge ſchattige feuchte Thäler, Fa⸗ briken, Arbeitshäuſer, Bergwerke, Waiſenhäuſer ꝛc. Nach Humboldt begünſtigt Mangel an atmoſphäriſcher Elek⸗ tricität die Entwicklung und den Fortſchritt der Skropheln. Die Skropheln haben ihren Sitz in den Lymph⸗ Matroſen mit dem rothen Fez und der abgetragenen Jacke, Walachen mit hoher Mütze, Ungarn im Schaf⸗ pelz, mit weiten Linnenhoſen und breitrandigem Hut, die wilden Geſtalten der Roß⸗, Schwein⸗ und Rinder⸗ hirten, die derben Deutſchen in engen Lederhoſen und hohen Stiefeln, die Geiſtlichen in langen wallenden Gewändern, die Frauen in grell bunten Kleidern mit Stickereien aller Art, dazwiſchen kühn blickende Officiere und ernſte Beamte— dies gibt ein reiches Bild aus dem Volksleben der Monarchie. Vor Allen aber fallen drüſen, der äußeren Haut, den Schleimhäuten und den Knochen, wodurch Anſchwellungen der Drüſen, Eiter⸗ herde, chroniſche Ausſchläge und Geſchwüre, und der Knochenfraß hervorgerufen werden. So hat man in dem Blute Skrophulöſer eine verminderte Menge der Blutkörperchen gefunden, weßhalb wir uns auch erklären können, daß bei ihnen eine ſparſamere Gallenabfonde⸗ rung und in Folge dapon eine mangelhafte Bereitung des Speiſeſaftes und ein verminderter Uebergang von = S A—S— S= mMaͤö— ——————— f, die rfälligen ſie mit nA Fontn ao Lenmern tigen haben. beit ſeit der ſe, die über tzuſammen⸗ en Haaren d das ſind — oder iſt hoſen, hohe beſchnürten d einen Hut Noch ein grobe graue eine lei⸗ ißes Kopf⸗ P. D. verthran. on welchen bt werden, ſe obwohl W uoter p oſes Kind „ diellſachen kind⸗ he der Skro⸗ ruberkuloſe und dieſe — rre Keimen d„Peute der⸗ 1 ureichende, 4 entſpre⸗ Luft, ter dem abfonde⸗ 4 Beuilung „na bol ergang Athmungsſtoffen in das Blut ſtattfindet. Es hängt eben damit Alles zuſammen, was auf eine geſunde Blutbe⸗ reitung Bezug hat, denn das Blut iſt der Lebensquell, von dem die Wohlfahrt und die Geſundheit unſeres Körpers abhängt. Wir alle eſſen, weil wir die ver⸗ brauchten Stoffe wieder erſetzen müſſen, wodurch eben die Neubildung des Blutes vor ſich geht. Denn die Nahrungsſtoffe werden vom Magen und Darmkanale durch die Saugadern in das Blut gebracht, wo ſie dann durch den Sauerſtoff der eingeathmeten Luft zur Bildung der eiweißartigen Beſtandtheile des Körpers vor⸗ und zubereitet werden. Was wir eben geſagt gilt von Milch, Käſe, Blut, Fleiſch, Eingeweide, Getreideſamen, Hülſen⸗ früchten, d. i. den ſog. Blut⸗ und Fleiſchbildnern; die anderen Nahrungsmittel aber, als Schmalz, Butter, Eierdotter, Honig, Zucker, Olivenöl, Alkohol ꝛc. dienen theils zur Bildung der Gewebe, theils zur Entwicklung der Eigenwärme, weßhalb eine gemiſchte Koſt für den Körper am zweckdienlichſten iſt. Es ſind alſo zwei Faktoren, welche für jedes Menſchenleben von hoher Wichtigkeit ſind: geſunde friſche Luft und kräftige Nah⸗ rungsmittel. Dieſe beiden Faktoren ſind aber ganz be⸗ ſonders in jenen Fällen zu berückſichtigen, wo die Krank⸗ heit durch ſchlechte unzweckmäßige Nahrung, durch Auf⸗ enthalt in ungeſunden Wohnungen hervorgerufen wurde. Wie ſoll nun aber der vielgeprieſene Leberthran, dieſes Alleinheilmittel gegen Skrophuloſe, die Grundurſache der Krankheit beſeitigen? Dieſe Frage ſoll uns nun zu⸗ nächſt beſchäftigen. Es wird jederzeit das Dichten und Streben eines wahrhaft gebildeten Arztes ſein, die Urſache jeder Krank⸗ heit aufzuſuchen und geeignete Mittel anzuwenden, welche dieſelbe beſeitigen können. Was iſt nun aber hier die krankheitmachende Urſache? Wohl einzig und allein der Skrophelſtoff. Iſt nun dieſer Skrophelſtoff durch un⸗ reine abgeſperrte Luft, durch eine unzweckmäßige Er⸗ nährung, durch mangelhafte Blutbildung entſtanden, dann mag ſich Jedermann ſelbſt an den Fingern ab⸗ zählen, wie der Leberthran, der im Anfange Verdauungs⸗ ſtörungen und Ekel erregt, ja bei fieberhaften Zuſtänden gar nicht in's Blut aufgenommen wird, wie dieſe Anti⸗ Skrophel⸗Mixtur überhaupt das leiſten kann, was man von einem ſoliden Heilmittel mit Fug und Recht er⸗ langen kann! Iſt der Leberthran im Stande, den kranken Stoff aus dem Organismus auszuſcheiden(was eben bei der Behandlung der Skrophuloſe die Hauptaufgabe des Arztes iſt) und an ſeine Stelle einen geſunden lebensfähigen hineinzuſchaffen? Daß dies unter den ge⸗ nannten Bedingungen nicht der Fall ſein kann, iſt jedem Laien einleuchtend, der gar keine Kenntniß von der chemiſchen Zuſammenſetzung des Leberthrans hat. Wenn das Kind nicht in eine geſunde Wohnung gebracht wird, kann ſachverſtändlich jedes andere Heilmittel auch nichts nutzen, weil ja die krankmachende Urſache nicht entfernt iſt; iſt jedoch eine falſche Ernährung der Kinder an dieſer Krankheit ſchuld, dann frage ich Jedermann, ob der Le⸗ berthran, womit man ſich anderwärts die Stiefeln ſchmiert, wirklich ein Nahrungsmittel iſt ſelbſt im weiteſten Sinne des Wortes, indem hier nur durch gute Nahrung die Die Skrophuloſe und der Leberthran. 367 geſunkenen Funktionen des Organismus, die herabge⸗ ſtimmte Ernährung gehoben werden kann. Sachver⸗ ſtändlich wird dies nicht durch Leberthran geſchehen, an den man ſich wie an eine bittere, ekle Medicin gewöhnen, den das Kind gleichſam hinunter würgen muß, und der deßhalb niemals einen Rang unter den Nahrungsſtoffen einnehmen wird, welche, wie alle Fette, zur Bildung der Gewebe und zur Entwicklung der Eigenwärme beitragen. Wenn es nun wiſſenſchaftlich erwieſen iſt, daß Butter, Schmalz Gänſe⸗ und Schweinefett ganz dieſelbe Wirkung haben, wie der Leberthran, ſo wird es wohl jede ver⸗ nünftige Mutter vorziehen, das Brod, welches ſie ihren Kindern gibt, mit Butter oder Schweinfett zu beſtreichen, was doch eine angenehme und ſchmackhafte Speiſe iſt, ſtatt die Kinder mit Thran zu regaliren, der einen trefflichen Verdauungsapparat erfordert, wie er eben bei Skrophulöſen ſelten zu finden iſt. Der letzte Ein⸗ wand jedoch, daß der Leberthran jodhältig ſei und der Jodgehalt namentlich auf die Lymphdrüſen wirke, iſt kinderleicht zu widerlegen, indem einerſeits der Jodge⸗ halt ſehr gering iſt, anderſeits der Arzt, wenn er Jod verordnen will, dasſelbe in jeder beliebigen Doſis ver⸗ ſchreiben kann, während er den Jodgehalt des Leber⸗ thrans nie genau bemeſſen, mithin auch nicht die Wir⸗ kung desſelben bemeſſen kann, was im erſteren Falle doch annäherungsweiſe möglich iſt. Wir ſehen alſo, daß der Leberthran nach allen Seiten hin entbehrlich iſt, wenn es die Mütter einmal gelernt haben werden, ihre Kinder naturgemäß zu ernähren, fette Speiſen zu geben und nicht wie es leider allgemein üblich iſt, dieſelben als ſchädlich zu halten. Gewiß werden ſchon viele Leſer gehört haben, wie Eltern ihren Kindern beim Eſſen predigten, daß fette Speiſen ungeſund ſeien, während ſie dann anderſeits durch den Leberthran die fehlenden Fettbildner in den Organismus hineinſchaffen, mithin die Dummheit der Eltern ſich an den eigenen Kindern rächt. Es iſt überhaupt ein großer Fehler der Haus⸗ haltungen in großen Städten, daß man zu mager kocht. Die Urſache davon iſt oft eine nicht zu billigende Oeko— nomie, in den meiſten Fällen aber der künſtlich ver⸗ theuerte Preis der allernothwendigſten Nahrungsmiktel. Iſt nicht das Butterbrod, das für das Kind auf dem Lande etwas ganz Alltägliches iſt, für das Kind in der Hauptſtadt eine Delikateſſe, weil die Butter 70—P 80 kr. koſtet, gerade verhältnißmäßig ſo theuer wie der Zucker, der leider auch einen unverantwortlich hohen Preis hat und in der Schweiz nur circa 21 kr. pr. Pfund koſtet? So lange man alſo in den Hauptſtädten nicht die Bau⸗ art der Häuſer verbeſſert, damit die Wohnungen luftig und ſonnig werden, ſo lange die Preiſe der Nahrungs⸗ mittel, welche durch ungebührliche Mittel vertheuert werden, nicht von Seite des Staates und der Polizei herabgemindert werden, damit dem Publikum nicht auf eine unverantwortliche Weiſe die nothwendigſten und wichtigſten Lebensbedürfniſſe entzogen werden; ſo lange man nicht für ein geſundes reines Trinkwaſſer, für die Beſeitigung großer ebener unbebauter Sandflächen in⸗ mitten von volkreichen Stadttheilen und für Aulegung zierlicher Gärten zur Erholung für die Kinder ſorgt, — BC——---————=— „——— ————— 1 94— ———————— 4 368 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für ſo lange werden auch die Hauptplagen der großen Städte, als Typhus, Cholera, Tuberkuloſe und Skro⸗ phuloſe, wenn auch nicht gänzlich beſeitigt, ſo doch nie in ihren Wirkungen abgeſchwächt werden, weil eben die Urſachen oder Grundbedingungen dieſer Krankheiten fort⸗ beſtehen. So iſt, um nur ein Beiſpiel zu erwähnen, in der Schweiz die Skrophuloſe eine ſeltene Krankheit, weil dort alle Grundbedingungen fehlen, wodurch ſie hervorgerufen wird. Es war nicht der Zweck dieſer Zeilen, den Leber⸗ thran gänzlich in Mißkredit zu bringen, was auch ver⸗ gebliche Mühe wäre, weil ſich gewiſſe Vorurtheile nicht mit einem Schlage ausrotten laſſen, aber wir wollten den Müttern einen Fingerzeig geben, wie ſie auf eine einfache und naturgemäße Weiſe die Geſundheit ihrer Kinder ſchützen und erhalten können und welche Mittel ſie anwenden mögen, die bereits eingetretene Krankheit zu beſeitigen, was ſie dann freilich nur im Vereine mit einem vernünftigen Arzte thun können. Sobald unſere Mütter die große Kunſt erlernt haben, ihre Kinder naturgemäß zu ernähren und das Wohlſein derſelben auf eine leichte Weiſe zu befördern, wird auch der Leber⸗ thran und mit ihm die Skrophuloſe verſchwinden und einem geſunden kräftigen Geſchlechte Platz machen. Es lohnt ſich deßhalb wohl der Mühe, daß Eltern der Ernährung ihrer Kinder die nöthige Aufmerkſamkeit ſchenken, da ja der Säugling ſchon der richtigen Er⸗ nährung bedarf und die Sterblichkeit unter den Neu⸗ gebornen gewiß weniger eine Folge des zarten kind⸗ lichen Organismus, als vielmehr der fehlerhaften un⸗ vernünftigen Behandlung von Seite der Erzieher iſt. Und die Kunſt Kinder naturgemäß körperlich und geiſtig zu erziehen iſt den Jungfrauen, den einſtigen Müttern, nicht angeboren, ſondern muß wie tauſend andere Dinge Ernſt und Humor. ſchlagen, als der Abbate ſein Ungeſchick bemerkte und ausrief:„O wie bin ich doch einfältig! ich habe meiner Stärke zu viel zugetraut und es gemacht wie der Fürſt B...“ Der Bankier, welcher dem Spiele zuſah, ſtand wie auf Kohlen; aber der Fürſt blieb unbewegt und fragte leichthin:„Warum vergleichen Sie ſich mit dem Fürſten?“„Weil,“ fuhr der Abbate, der ſeinen Gegner nicht kannte, ſorglos heraus,„weil er ſich für einen guten Schachſpieler hält und doch in Wien, wo er fünfzig⸗ tauſend Thaler verloren, bewieſen hat, daß er nur ein mittelmäßiger iſt.“„Sie irren,“ entgegnete der Fürſt, „er hat nur vierzigtauſend Thaler verloren.“—„Immer⸗ hin,“ ſchloß der Abbate;„ſo iſt er doch vierzigtauſend⸗ mal ein Narr!“ Die Partie war jetzt zu Ende; der Fürſt bezahlte ſie und entfernte ſich haſtig. Mit welchem Schrecken hörte nun der Abbate, wer ſein Gegner ge⸗ weſen war! Er eilte, den Wagen des Fürſten zu erreichen, er ſuchte ihn in ſeiner Wohnung auf; B.. fühlte ſich zu tief gekränkt, er ließ ihn nicht vor und zog es auch vor, Rom zu verlaſſen, ohne den römiſchen Schachſpielern weitere Triumphe zu gewähren. In der Reiſebeſchreibung eines ungenannten Ver⸗ faſſers aus den letzten Jahren des ſiebzehnten Jahr⸗ hunderts befindet ſich u. a. eine bemerkenswerthe Notiz aus der Zeit ſeines Aufenthaltes in Padua.„Es ſind,“ heißt es wörtlich darin,„faſt durch alle Gaſſen der Stadt Schwibbogen, welche zwar ziemlich commode, daß man bedeckt gehen kann, allein ſie machen auch die Straßen enge und dunkel und geben Gelegenheit zu der berühmten Straßenmörderei, ſo man in Padua das Qui-va li nennt. Es iſt eine recht ſeltſame Sache, daß die Studenten in Padua das Recht haben zu ermorden und Arme und Beine entzwei zu ſchmeißen, ohne daß erleent werden. Kleine geſchichtliche Kurioſa. Mer Fürſt B... war einer der leidenſchaftlichſten 4 Schachſpieler ſeiner Zeit. Er durchreiſte die halbe Welt um ſich mit den Schachſpielern aller Länder e zu meſſen und— zu unterliegen, denn ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit ſtand mit ſeiner Leidenſchaft nicht im gleichen Verhältniß. Sein Unglück beſſerte ihn keineswegs und mit Geringſchätzung blickte er auf die ungeheuren Summen, welche er ſeiner Leidenſchaft zum Opfer brachte. Während ſeines Aufenthaltes in Rom traf er bei ſeinem Bankier mit einem Abbate zuſammen, der, weil er ebenfalls mit Vorliebe dem Schach huldigte, von dieſem zur Unterhaltung des vornehmen Fremden zur Tafel gezogen worden war. Nach dem Mittagseſſen ſchlug der Abbate eine Partie Schach vor und der Fürſt nahm ſie begierig an. Was ſeit lange nicht geſchehen war, geſchah hier, B.... gewann ſeinem Gegner fünf Partien ab und er war in Folge einer Unachtſamkeit desſelben nahe daran, ihn auch zum ſechstenmale zu man die geringſte Hilfe oder Recht deſſentwegen hoffen kann. Sie gehen haufenweiſe gewaffnet, ſobald es Abend worden: verbergen ſich alsdann hinter die Pfeiler unter den Schwibbögen; gehet nun Jemand vorbei, ſo ruft Einer Qui-va-li! und alsbald ein Anderer hinter ihm Qui-va-la! Alſo kann der Arme weder hinter ſich noch vor ſich, und es iſt kein ander Mittel, er muß zwiſchen dem Qui-va li und dem Qui-va-la ſterben ohne zu wiſſen, durch wen. Und hiervon machen ſich dieſe Mes- sieurs nur eine Kurzweil. Es geſchieht öfters, daß dieſe Studenten ganz Unbekannte oder wohl manchmal gar einige von ſich ſelbſt um's Leben bringen, nur daß ſie ihr ſchönes Privilegium, ſo ſie ſich zugeeignet, erhalten. Es iſt zwar wahr, daß das nicht eben alle Tage geſchieht, denn man nimmt ſich in Acht und hält ſich verſchloſſen und heimlich ſo viel wie möglich, doch vergehen wenig Monate, da nicht ein dergleichen unglück vorgeht. Dies geſchieht nicht darum, weil man dieſer Verwegenheit nicht Einhalt thun könnte, ſondern weil die Venediger, ſo die Politique etwas gar zu weit extendiren, dieſe Ruthe für die Paduaner, ingleichen dieſe Nachtwache, ſo ſie nichts koſtet, gar gerne ſehen.“ 5 — e und neiner Fürſt „ſtand gt und it dem Gegner guten fünfzig⸗ nur ein Fürſt, zmmer⸗ auſend⸗ dr Fürſt welchem gnet ge⸗ rreichen, ihlte ſich es auch ſpielern ten Ver⸗ en Jahr⸗ ie Nolii ſind, r Stadt le, daß auch die aheit zu adua das ache, daß ermorden ohne daß en hoffen es Abend äleer unter i ſo uft inter ihm ſch noch z zwiſchen ohne ju dieſe Mes- daß dieſe ul be h Mit der Fülle ſüßer Lieder, Mit dem Glanz um Thal und Höh'n, Heil'ge Nacht, ſo kehrſt du wieder, Wie die Welt dich einſt geſeh'n! Da die Palmen lauter rauſchten, Und verſenkt in Dämmerung, Erd und Himmel Worte tauſchten, Worte der Verkündigung; Da mit Purpur übergoſſen, Aufgethan von Gottes Hand, Alle Himmel ſich erſchloſſen, Glänzend über Meer und Land; Da den Frieden zu verkünden, Sich der Engel niederſchwang, Auf den Höhen, in den Gründen Die Verheißung wiederklang; Erinnerungen. LXXXII. 1861. rember. Heilge Nacht, auf Engelſchwingen Nahſt du leiſe dich der Welt, Und die Glocken hör ich klingen Und die Fenſter ſind erhellt. Selbſt die Hütte trieft von Segen, Und der Kindlein frommer Dank Jauchzt dem Himmelskind entgegen, Und ihr Stammeln wird Geſang. Da der Jungfrau Sohn zu dienen, Fürſten aus dem Morgenland In der Hirten Kreis erſchienen, Gold und Myrrhen in der Hand; Da mit ſeligem Entzücken Sich die Mutter niederbog, Sinnend aus des Kindes Blicken Nie gefühlte Freude ſog. Heil ge Nacht, mit tauſend Kerzen Steigſt du feierlich herauf; O ſo geh in unſern Herzen, Stern des Lebens, geh' uns auf! Schau, im Himmel und auf Erden Glänzt der Liebe Roſenſchein: Friede ſoll's noch einmal werden Und die Liebe König ſein! 47 — ————— 1 1 3 1 ¹ 1. 370 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Die unabhängigen Tſcherkeſſen. tereſſe verloren, ſeit Schamyl in ruſſiſche Gefan⸗ Kämpfe im Kaukaſus haben für uns an In⸗ 5 genſchaft gerathen iſt. Wie die letzten Scenen O eines Trauer ſpiels, nachdem wir den Helden haben fallen ſehen, uns kalt laſſen, ſo betrachten wir den fortdauernden Widerſtand der Tſcher⸗ keſſen, nachdem der tapfere Führer der Tſchetſchenzen von der Bühne abgetreten iſt, als ein unintereſſantes Nachſpiel. Eine weitere Bedeutung hat dieſer Wider⸗ ſtand in der That auch nicht. Schamyl hatte als Refor⸗ mator und Wiederbeleber des Islams eine geiſtige Kraft für ſich, die ihn, wenn er auch ſchließlich unterlag, zwanzig Jahre lang aufrecht erhielt. Was die heutigen Tſcher⸗ keſſen gegen die Ruſſen in die Wagſchale werfen können, iſt nichts als die Tapferkeit roher Völker. Haben ſie ſich, wie uns mitgetheilt wird, eine Art von Verfaſſung gegeben und ſich ein kleines Heer nach europäiſcher Art eingerichtet, ſo ſind das keine Momente, die einem Feinde wie Rußland gegenüber den Ausſchlag geben können. Sie werden und müſſen unterliegen, nur das Wann iſt ungewiß. Wenn auch nicht wegen ihres hoffnungsloſen Kampfes, doch wegen ihrer Volksthümlichkeit verdienen die Tſcherkeſſen, daß wir uns mit ihnen beſchäftigen. Sie bewohnen die Küſte von Anapa, das ziemlich an der Nordgrenze des Kaukaſus liegt, bis Gagra an der Grenze von Abchaſien. Wie weit landeinwärts ſie ihre Unabhängigkeit behauptet haben, läßt ſich nicht angeben, denn die ruſſiſche Vorpoſtenkette bildet hier die ſtets wandelbare Grenze. Wollen unſere Leſer eine Kaukaſus⸗ karte zur Hand nehmen, ſo werden ſie bemerken, daß dieſes Gebiet einen leeren Raum darſtellt. Längs den Küſten ſind einige Namen verzeichnet, alles Andere iſt weiß, d. h. mit andern Worten, dieſe Gegend iſt den Geographen unbekannt. Einen Bericht über eine Reiſe in's Land der Tſcherkeſſen gibt C. Stücker, ein ehemaliger Officier der engliſch⸗deutſchen Legion, in ſeinen„Sitten⸗ und Charakterbilder aus der Türkei und Cſcherkeſſien.“ Wie der Verfaſſer erzählt, trat er nach der Auf⸗ löſung der Legion in türkiſche Dienſte. Er war für die neue Gensdarmerie beſtimmt, aber da aus dieſer nichts wurde, ſo war er wieder geſchäftslos und ging nach Tſcherkeſſien. Der noch nicht beſetzte Theil des Landes hatte zwei Häupter. Im Norden, alſo in der Nähe von Anapa, führte Sefer Paſcha, ein verſteckter Freund der Ruſſen, das Regiment, und der Süden gehorchte Naib Paſcha, einem Vollblut⸗Tſcherkeſſen. Stücker blieb nicht viel über ein Jahr, von 1857 bis 1858, im Gebirge. Nachdem er die von den Ruſſen verlaſſenen kleinen Küſtenfeſtungen, vier an Zahl, zum Gebrauch für die Tſcherkeſſen eingerichtet und einige Abtheilungen Fuß⸗ volk eingeübt hatte, wurde er verwundet und behielt als Nachwehen ein Fieber, von dem er in dem arztloſen Lande keine Heilung erwarten durfte, weßhalb er nach Konſtantinopel zurückging. Die Zuſtände, die er ſchildert, haben ſich inzwiſchen nicht geändert. Der Krieg im Kaukaſus dauert fort, und jüngſt ſollen die Ruſſen ſogar eine Niederlage er⸗ litten haben. Von Trapezunt aus wird durch Bote mit einem Segel fortwährend eine Verbindung mit den Tſcherkeſſen unterhalten. Die Eigenthümer dieſer Fahr⸗ zeuge ſind Türken, und ſie haben das Patent, unter ruſſiſcher Flagge das ſchwarze Meer, mit Ausnahme der tſcherkeſſiſchen Küſte, befahren zu dürfen. Werden ſie unterwegs von einem ruſſiſchen Patrouillenſchiff ange⸗ halten, ſo geben ſie die ſtehende Antwort, daß ſie nach Anapa ſegeln. Von dieſer ruſſiſchen und wirklich be⸗ ſetzten Feſtung aus ſtreifen täglich Patrouillenſchiffe längs der tſcherkeſſiſchen Küſte hin. Die anderen vier, nächſt Anapa gelegenen, ehemals ruſſiſchen Feſtungen (Gebiet der vier Feſtungen, von Naib Paſcha komman⸗ dirt) wurden von den Ruſſen während des Krimfeld⸗ zuges aufgegeben und ſind jetzt von den Tſcherkeſſen beſetzt. Wird demnach ein ſolches Bot nicht in der Nähe von Anapa, ſondern mehr nach der tſcherkeſſiſchen Küſte zu von dem Patrouillenſchiff angetroffen, ſo gibt es keine Entſchuldigung mehr, die Mannſchaft wird ohne Erbarmen gebunden und kann in beſonderen Fällen auf Beſuch nach Sibirien geſandt werden. Da dies Schickſal keineswegs beneidenswerth iſt, ſo⸗ ſegeln die Bote, wenn ſie ſehen, daß ſie bei Nacht die tſcher⸗ keſſiſche Küſte nicht mehr erreichen können, eiligſt zurück, um in der darauffolgenden Abenddämmerung ihr Heil zu verſuchen. Im günſtigen Falle dauert daher die Fahrt drei bis vier, bei ungünſtigem Winde acht bis zwölf Tage. Die Ladung beſteht meiſt in Kleidungsſtücken, Salz, Kaffee, Thee, Zucker, Seife u. a. und es werden dafür Mais, Weizen, Roggen, Häute u. ſ. w. einge⸗ tauſcht, denn Geld exiſtirt in Tſcherkeſſien faſt ſo viel wie nicht. Recht anſchaulich ſchildert Stücker die Gaſtfreund⸗ ſchaft und die Lebensweiſe der Tſcherkeſſen. In Tſcherkeſſien hat jedes Gehöft, etwa in der Mitte der Umzäunung, noch ein kleines Haus, das ſo⸗ genannte Fremdenhaus, welches von dem Reiſenden auch vielfach in Anſpruch genommen wird, denn dieſer kommt oft ſehr weit aus dem Innern des Landes, um an der Küſte ſein Getreide umzutauſchen. Bei dem höchſt geringen Grade an äußerer Kultur iſt es leicht begreiflich, daß von öffentlichen Gaſthäuſern im Lande nicht die Rede ſein kann. Da es nun dem Reiſenden unmöglich iſt, ſich für den ganzen Weg ausreichend zu verproviantiren, auch jedenfalls nicht angenehm, ſtets unter freiem Himmel zu logiren, ſo iſt er auf dieſe Gaſtfreundſchaft angewieſen, und vergilt dann im vor⸗ kommenden Falle an ſeinem eigenen Herde Gleiches mit Gleichem. Kehrt ein Reiſender mit ſeinem Pferde bei einem ſolchen Gehöft ein, ſo erſcheint ſogleich ein Angehöriger des Beſitzers, um für das Thier zu ſorgen und es auf die Weide zu führen. Dann wird er erſt ſelbſt in das erwähnte Fremdenhaus geleitet, wo er ſich ohne weiteres nach türkiſcher Sitte auf einen Teppich niederläßt, der Dinge, die noch geſchehen ſollen, mit ruhiger Ergebenheit harrend. Jetzt kommt der Wirth, der gleich nach ſeinem fort, ge er⸗ te mit t den Fahr. unter nahme Lerden ange⸗ le nach ſch be⸗ ſſchiffe vier, rungen mman⸗ imfeld⸗ eckeſſen in der ſſiſchen ſo gibt t wird nderen n. Da ſegeln tſcher⸗ zurück, hr Heil Fahrt zwölf ſtücken, verden de ſo viel freund⸗ in der das ſo⸗ eiſenden dieſer ees. umn. ei dem e5 leicht Lande iſſenden hend zu m, ftets uf dieſe im bor⸗ ches mit Die unabhängigen CTſcherkeſſen. 37 — Eintritt ſich wie eine Bildſäule ſtumm an die Wand ſtellt. Jeder Angehörige, der dem Eintretenden folgt, erſcheint in derſelben Weiſe und betrachtet, gleich dem Hausherrn, den Gaſt mit unverwandten Augen. Hat dieſe Förmlichkeit, etwa nach fünf Minuten, ihr vor⸗ ſchriftsmäßiges Ende erreicht, ſo geht der Wirth mit dem üblichen Gruße: Salam alaicum auf ſeinen Gaſt zu und beginnt mit ihm ein Geſpräch, während Jemand, nach echt homeriſcher Weiſe, mit einem irdenen Waſſer⸗ kruge und einer hölzernen Waſchſchüſſel ſich dem Gaſt nähert(bei den reicheren Tſcherkeſſen tritt an Stelle des irdenen Kruges ein kupferner); dieſer läßt ſich nun Waſſer über die Hände gießen, um ſie von dem Reiſe⸗ ſtaub zu reinigen. Hierauf bringt man einen runden Tiſch von zwei Fuß Durchmeſſer und einem Fuß Höhe, auf welchen die verſchiedenen Speiſen aufgetragen wer⸗ den, als da ſind: dicke oder ſüße Milch, in der Mitte mit Baſta, die unſerer Hirſe ſehr nahe kommt und hier das Brod vertritt, ein Viertel gebratenes Rindfleiſch, Honig ꝛc. Bei jedem neuen Gange erſcheint ein neuer Tiſch, der erſtere dagegen mit dem alten Gericht wird hinausgetragen. Die Milch ißt man mit einem Holz⸗ löffel, den Hirſebrei fiſcht man mit den Fingern heraus, denn der Muhammedaner bedient ſich beim Eſſen be⸗ kanntlich keiner Meſſer und Gabeln; daher ſchneidet er ſich vom Braten nicht Stückchen vor, ſondern reißt und zerrt an dieſem ſo lange herum, bis er ſeinen Appetit geſtillt hat. Während des Eſſens ſteht der Wirth mit ſeinen Angehörigen längs der Wand, ſieht dem Gaſte ruhig zu und wartet, bis dieſer ein Stück von dem Braten abreißt und es Einem von ihnen hinreicht, der gleich nach Empfang desſelben ſich wieder auf ſeinen Platz begibt, um es gemüthlich zu verzehren. Sobald der Gaſt dann ſeine Pflicht erfüllt, d. h. ſo viel als möglich ſelbſt verzehrt und auch die Anweſenden mit reichlichen Biſſen verſorgt hat, wird die Ouverture des Gaſtmahls erneuert, der Waſſerkrug und die Waſch⸗ ſchüſſel erſcheinen wieder und nach der Reinigung erfolgt das Finale, d. h. ein dienſtbarer Geiſt kehrt den Platz rings um den Liſch mit einem Beſen. In der beſchriebenen Weiſe wird jeder Gaſt freund⸗ lich und achtungsvoll aufgenommen, und es iſt hierbei von keinem Belang, ob er vornehm oder gering iſt; dieſer Unterſchied hat nur in ſo fern Einfluß, als bei einem Edelmann die Bewirthung mit Thee eröffnet wird; auch erhält ein ſolcher als Bett ein Federkiſſen, nach Umſtänden auch zwei, ein leinenes Betttuch und eine Wattendecke mit rothem Atlasüberzug; ein ärmerer Gaſt dagegen erhält nur eine Matratze von Schafwolle, Kopfkiſſen und eine Wattendecke mit Kattun überzogen. Das Fremdenhaus, in welchem der Gaſt auch übernachtet, unterſcheidet ſich in äußerer und innerer Einrichtung durchaus nicht von den übrigen Wohn⸗ gebäuden, wenn man dieſe ſo nennen darf. Größten⸗ theils, mit höchſt ſeltenen, erſt ſeit dem Krimfeldzuge datirenden Ausnahmen, ſind dieſe von Holz aufgeführt, die Wände beſtehen aus Weidengeflecht, mit darüber geſtrichenem Lehm. Die Fenſter ſind in die Wand ge⸗ brochene Löcher, welche durch eine Klappe nach Belieben verſchloſſen werden können. Den Fußboden bildet eine aufgetragene Lehmſchicht, welche ſich mit der Zeit feſt⸗ tritt; in dem durch geflochtenes Waldſtroh hergeſtellten Dache vertritt eine Oeffnung zum Abzug des Rauches den Schornſtein. Zu beiden Seiten des Kamins befindet ſich eine anderthalb Fuß hohe Terraſſe, mit einem Teppich belegt, um während des Tages hier ruhen und des Nachts ſchlafen zu können, wozu die oben erwähnten Decken hierher getragen werden. Dieſer Kamin ſelbſt dient nicht blos zur Durchwärmung, ſondern auch zur Erleuchtung des Raumes, da man von einer Lampe noch keine Ahnung hat; im Winter wie im Sommer wird er bei einbrechender Dunkelheit geheizt. Nur für einen höheren Gaſt tritt ausnahmsweiſe noch eine andere Beleuchtung ein. Es werden nämlich zwei kleine Fackeln angezündet, welche zwei dienſtbare Geiſter halten müſſen; dieſes Amt verwalten entweder ruſſiſche Sklaven oder, wenn ſolche nicht vorhanden ſind, tſcherkeſſiſche Knaben. Zu beiden Seiten des vornehmen Gaſtes poſtirt, müſſen ſie ſo lange leuchten, bis derſelbe ſein Abendeſſen beendet hat. Möbel findet man weiter gar nicht in dieſen Häuſern; jeder Zierrath fällt daher von ſelbſt weg, außer daß die Wände mit Waffen und Uten⸗ ſilien, an hölzernen Nägeln befeſtigt, beſetzt ſind. Außer dem Gaſthauſe gibt es auf einem Gehöfte noch ein Gebäude für die Herrſchaft, eines für die weib⸗ lichen, eines für die männlichen Perſonen, auch mehrere auf vier Pfählen ruhende Vorrathshäuſer, um das auf⸗ geſpeicherte Korn trocken zu erhalten. Zur Bergung des Viehes während der Winterzeit iſt gewöhnlich eine Art Remiſe vorhanden, deren Dach und Seitenwände ein ſehr dünnes Flechtwerk haben. Ein kleines Haus dient als Kapelle, in welcher der Cſcherkeſſe ſein Gebet ver⸗ richtet, d. h. abplappert, und die außer den vier Wänden keine beſonderen Ornamente zeigt. Auf dem Hofe ſelbſt ſind mehrere Nuß⸗, Feigen⸗ und andere Obſtbäume ge⸗ pflanzt; das ganze Gehöft wird durch eine gute und feſte Umzäunung geſchützt. Da nun, bei dem gänzlichen Mangel an gemein⸗ ſam verbundenen Wohnſtätten, dieſe Gehöfte ſehr zer⸗ ſtreut, ja nach Beſchaffenheit des Landes oft meilenweit aus einander liegen, ſo kommt es nicht ſelten vor, daß der Reiſende einen ſolchen Wohnſitz nicht mehr erreicht, und dann bivouakiren muß. Nachdem er in ſolchem Falle ſich ſeinen Ruheplatz für die Nacht ausgeſucht hat, ſattelt er ſein Pferd ab und läßt es graſen, wo es Luſt hat. Er zündet hierauf ein luſtiges Feuer an und geht dann auf Entdeckungsreiſen nach türkiſchem Weizen aus, welchen er auch gewöhnlich ſehr bald findet, da er hier und dort auf den Feldern reichlich wächſt; vielleicht hat er auch ſchon unterwegs dafür geſorgt. Dieſer, über dem Feuer geröſtet, wird nun ſein Abendbrod, und am andern Morgen ſein Frühſtück. Sein Lager macht er ſich aus dem Sattel und ſeinem Gepäck zurecht. Bei Tagesanbruch ſattelt er ſein Pferd wieder und ſetzt die Reiſe fort, kehrt dann aber gewöhnlich bei dem nächſten Gehöft ein, wo er nach beſchriebener Weiſe freundlich und ohne Bezahlung bewirthet wird.— Ein herrlicher und ſtolzer Wuchs, der beſonders in breiter Bruſt, ſtarken 47* —ͤ——-——— — —, ͦ — ͤG— Crinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humot. Schultern und enger Taille ſich geltend macht, hebt den Mann hervor. Die Frauen fallen vorzüglich durch ihre breiten und hohen Hüften auf, ſonſt ſtehen ihre Glieder in dem ſchönſten Ebenmaß und ſie laufen in Wohlge⸗ ſtalt allen Europäerinnen unſtreitig den Rang ab. Die Augen der Tſcherkeſſen, durch die ſtarken Brauen ſehr vortheilhaft gehoben, ſind blau oder braun; in ihnen thront das kräftige Freiheitsgefühl des Mannes, das ſeelenvolle Leben des Weibes. Die Geſichtsfarbe läuft bei jenem etwas in's Gelbliche, bei dieſen läßt ſie eine ſanfte Röthe durchſchimmern. Der Tſcherkeſſe weiß ſehr wohl, mit welchen Vorzügen ihn die Natur ausgeſtattet hat, und deßhalb duldet er bei einer Verheiratung ſehr ſelten die Einmiſchung fremden Blutes. Die Kleidung des Mannes beſteht in einem langen, bis über die Knie reichenden Rock, der vorn an Bruſt und Hals nicht ſchließt und überhaupt der Knöpfe und des Kragens entbehrt. Unter dieſem liegt ein anderer, der bis an den Hals hinaufreicht und deſſen Form ſehr an unſere ſeidenen Steppröcke erinnert. An den beiden Bruſtſeiten des oberen Rockes laufen ſilberbeſetzte Pa⸗ tronentäſchchen, die nach dem Wohlſtande des Beſitzers, ebenſo wie die übrige Bordirung der Rockkanten, mehr oder weniger reich verziert ſind. Die Hoſen, entweder roth, grün oder ſchwarz, ſind theils von Sammet oder Seide, ihre Seitennähte mit ſilbernen Treſſen beſetzt; ſie ſind in der Mitte und nach oben zu ſehr weit, unten ſehr eng. Die Stelle der Knöpfe und Träger vertritt ein um die Lenden geſchlungener Gurt. Die Kopfbe⸗ deckung iſt bei allen dieſelbe, ſie beſteht aus einer fuß⸗ hohen, über die Hälfte mit Pelz beſetzten Mütze. Die Fußbekleidung bilden Stiefeln von rother, gelber oder auch ſchwarzer Farbe, deren Buntſcheckigkeit an ein corps de ballet erinnert. Sie werden Winter und Sommer ohne Strümpfe getragen und von den Frauen verfertigt, die auch für die übrige Bekleidung ſorgen müſſen. Weſte, Halstuch und Manchetten ſind für den naturwüchſigen Tſcherkeſſen natürlich unbekannte Luxus⸗ artikel. Jeder Mann, ohne Ausnahme, iſt mit einem Dolche verſehen, den er des Morgens beim Aufſtehen ſogleich in ſeinen Leibgurt ſteckt und erſt Abends, beim Schlafen⸗ gehen, ablegt. Selbſt Knaben, kaum fünf Jahre zählend, wollen dieſes Recht ſchon genießen. Der Säbel, welcher in einer Lederſcheide ſteckt, iſt ohne Bügel und hat die Form unſerer Kavallerie⸗Säbel. Der Griff am Säbel, wie am Dolche, iſt meiſtentheils von Silber, denn die Waffen ſind ſein einziges Kleinod, und er würde nie auch nur ein Stück von ihnen verkaufen. Die Gewehre, an den Schäften mit Silber und Elfenbein ausgelegt, ſind durchgängig ſehr koſtſpielig. Dieſe Waffe iſt ſtets im ſauberſten Zuſtande, und doch habe ich einen Tſcherkeſſen ſie nie mit etwas Anderem, als einem einfachen Tuch⸗ lappen, putzen ſehen. Sporen kennt er nicht, er führt nur eine Reitpeitſche bei ſich, die er ſich ſelbſt aus ge⸗ trockneten Viehdärmen verfertigt. Seine Waffen und ſein Pferd muß der Mann ſich ſelbſt verſchaffen, im Unvermögensfalle liefern ihm die Reicheren die erfor⸗ derlichen Mittel. Die nationale Tracht der Weiber unterſcheidet ſich nur wenig von der männlichen. Sie tragen ebenfalls ſehr weite, ja noch weitere Hoſen, als die Männer, über dieſe einen nicht über die Knie reichenden Rock. Gleich den türkiſchen Frauen tragen ſie über dieſen einen Mantel, d. h. ein vierkantiges Stück Tuch, deſſen eine Spitze als Kragen bis über die Taille herabfällt, während es vorn an der Bruſt zuſammengeſchlagen wird und unten bis auf die Füße reicht. Das reiche ſchwarze Haar laſſen ſie auf die Schultern fallen, und ſchneiden es bei zunehmendem Wuchs ohne weitere Akkurateſſe ab. Die Männer dagegen lieben ein auffallend kurzes Haar, und wenn ſie im Beſitz eines Raſirmeſſers ſind, ſo ſcheeren ſie es ſich glatt ab; ein höchſt eigenthümlicher Geſchmack. Die tſcherkeſſiſchen Frauen gehen, wie die Türkinnen, verſchleiert; mit dieſem ſehr unnützen Zierrath ſieht man ſie jedoch ſelten zu Hauſe. Gleich den Frauen der Os⸗ manen haben die Reicheren einen Diener(jedoch keinen Eunuchen), der ſie beim Ausgehen oder Ausreiten be⸗ gleitet. Eine reitende Tſcherkeſſin gewährt übrigens einen poſſierlichen Anblick; ſie nimmt nämlich auf dem Pferde dieſelbe Stellung ein, wie ein Mann, was bei der für das Reiten beſchwerlichen und gefährlichen Be⸗ ſchaffenheit des Landes in der That ſehr praktiſch iſt. Die Pferde, welche man in dieſem Gebirgsterrain allein gebrauchen kann, ſind nicht groß, aber ſehr kräftig und von bewundernswerther Ausdauer. Sie geben im Laufen den arabiſchen nichts nach, und werden oft ohne die geringſte Fütterung den ganzen Tag hindurch bis in die ſpäte Nacht hinein geritten. Sie müſſen nicht ſelten die ſteilſten Felſen hinauf⸗ und hinunterklettern, wo ein Fußwanderer kaum noch gehen und folgen könnte. Ihr Futter ſuchen ſie im Sommer ſich ſelbſt, und im Winter nehmen ſie mit Heu vorlieb. Sie ſind fromm wie die Lämmer, und einem jungen Thiere, das zum erſten Male geritten wird, fällt es nie ein, ſeinen Reiter durch allerlei Manöver aus dem Sattel werfen zu wollen. Sie werden mit einer einfachen Trenſe geritten, und das ganze Riemenzeug beſteht aus geſchnittenen, getrockneten Häuten, welche der Tſcherkeſſe, ohne jede andere Zubereitung, ſich ſelbſt verfertigt. Der Sattel iſt einem ungariſchen Bockſattel ſehr ähnlich, und beim Reiten wird auf ihn noch ein mit Federn oder Haaren geſtopftes Kiſſen gelegt, auf dem man einen höchſt be⸗ quemen Sitz hat; übrigens reitet man durchweg mit ſehr kurzen Steigbügeln. Die Lebensweiſe der Tſcherkeſſen iſt bei den Reichen wie bei den Armen ſo ziemlich dieſelbe. Im Sommer des Morgens gegen vier oder fünf Uhr halten ſie ihre Hauptmahlzeit, d. h. man ißt friſchgekochtes Rind⸗ Schaf⸗ oder Ziegenfleiſch. Sodann genießt man friſche, ſüße Milch(welche im Winter gekocht wird), und ſchließlich Baſta, dem derſelbe Zuſpruch geſchieht, wie unſerem Brod. Im Laufe des Vormittags genießt man hin und wieder dicke Milch, dann abermals Baſta und hierzu etwas Schafkäſe. Nachmittags dasſelbe, und Abends wiederholt ſich das Morgengericht, nur fügt man oft noch Rührei und Geflügel hinzu. Der Wohlhabende trinkt Morgens und Abends wohl noch ſeine Taſſe Thee et ſich nfalls über Glach einen n eine ährend d und Haar es bei . Die r und heeren ic. ht man er Os⸗ keinen und im fromm 15 zum n Reiter rfen zu geritten nittenen, ne jede zattel iſt nd beim 1 Haaren ühſt be⸗ weg mit Reichen Sommet ſie ihre „Schf che, ſüßt ſlizlih anſerem lin und d hierzu Abends Aus Hebels Leben. 373 (hier Schei genannt), und ißt auch mitunter etwas Brod und Butter, d. h. unſer europäiſches, im Lande ſonſt ganz unbekanntes Brod. Er bäckt dieſes auch mit Honig in einer Pfanne, aus der überhaupt manche ſchmack⸗ hafte Gerichte zu Tage gefördert werden, wie z. B. ein Pudding nach Art des engliſchen Puddings. Auch ein vortreffliches Mixpikkel, aus verſchiedenen Fleiſcharten mit dem zugehörigen Gewürz, wird in dieſem Genre producirt. Geiſtige Getränke kennt man nicht; anſtatt des Weines, Bieres und Kaffees bereitet man nur den ſogenannten Buſah. Um dieſes Getränk zu gewinnen, verdünnt man Honig mit Waſſer und heißt es Faus. Wenn dieſem noch Hirſemehl zugeſetzt und das Ganze einer Gährung unterworfen wird, ſo erhält man eine Art Meth, der bei den Tſcherkeſſen den Namen Buſah führt. Dieſer Trank iſt ohne irgend welche berauſchende Wirkung und im Sommer höchſt erquickend. Die Ein⸗ führung des Branntweins würde den Cſcherkeſſen einem unfehlbaren Ruin entgegenführen. Die nationale Truppenart iſt die Reiterei. Die Tſcherkeſſen vermeiden jedes größere Treffen und unter⸗ nehmen nur in kleinerer Anzahl Streifzüge gegen die Ruſſen. Einer ſolchen Abtheilung reitet der Führer, der umſichtigſte und gewandteſte Tſcherkeſſe, voran und bildet ſo die Spitze einer Art Avantgarde. Ferner reiten links und rechts in größerer Entfernung von dieſer Ab⸗ theilung Flankenbedeckungen. Je nach den Umſtänden des Terrains theilt ſich auch dieſer Trupp auf Seiten⸗ wege und trifft ſpäter wieder zuſammen. Die größte Stille wird beobachtet und durch Zeichen hat der Führer ſeine Mannſchaft an der Hand. So macht z. B. der Trupp unverzüglich Halt, wenu er den Finger auf den Mund legt. Gibt er einen bekannten Wink, ſo ſprengen die Reiter im geſtreckten Galopp dahin. Weiſtt er auf die Erde, ſo ſitzt die ganze Mann⸗ ſchaft ab. In der Nacht wird dieſe Art Tirailleurlinie ſchon geſchloſſener und die Aufmerkſamkeit noch geſpannter. Der Führer reitet in etwas kleinerer Entfernung voran, begleitet von einer Bedeckung mit geſpanntem Hahn. —Unverwandten Blickes lauert er auf die geringſte Be⸗ wegung der Ohren ſeines Pferdes; auch das kleinſte Geräuſch entgeht ihm nicht. Wie die Wilden in Amerika, ſo legen ſich auch hier zeitweiſe die Flankenbedekungen mit dem Ohre auf die Erde, um ein Geräuſch in der Ferne zu belauern. Die Tſcherkeſſen können auf dieſe Weiſe den Tritt verſchiedener Thiere ſehr gut unter⸗ ſcheiden. Man orientirt ſich während einer ſternhellen Nacht nach dem Polarſterne und nach dem kleinen und großen Bären. Nach dem Nebengeſtirn der Lager be⸗ rechnet man die Stunden. Iſt nun aber der Himmel umwölkt, ſo ſteigt der Führer einer ſolchen Patrouille auf eine Anhöhe, birgt die Hand in den Buſen und ſtreckt ſie nach einiger Zeit, erwärmt, in die Luft. Wo ſie am kälteſten afficirt wird, da liegt für ihn der Norden. Wenn nun ein dicker Nebel des Nachts das weite Sehen verhindert, und die einzelnen Trupps anfangen ſich zu ſehr zu zerſtreuen, ſo werden Funken von einem Feuer⸗ ſtahl geſchlagen. Auf dieſe Weiſe kommen ſie oft unentdeckt mitten in das Lager des Feindes. Das iſt ein kleiner Krieg, bei dem die Tſcherkeſſen oft genug im Vortheil ſein mögen. Ihr endliches Schick⸗ ſal, von den Ruſſen unterjocht zu werden, können ſie auf dieſe Weiſe nicht von ſich abwenden. 7 Aus Hebels Leben. V.. b ines Abends kehrte Hebel— er war ſchon Prälat— von einem Spaziergange von Mühl⸗ burg nach Karlsruhe zurück, heitern Sinnes und fröhlichen Herzens, wie immer und wie nur gute Menſchen ſein können. Er war in ſeinem ganzen Leben nie ein Kopfhänger ge⸗ weſen, obſchon er ein Geiſtlicher war und vielleicht eben deßwegen; viele aber meinen, das Kopfhängen und der Kirchenrock, das ſeien zwei Dinge, die ſich nicht von einander trennen laſſen. Der Prälat Peter Hebel hat ſie getrennt. Weil er aber an dieſem Abende beſonders ge⸗ müthlich und ſogar ein Wenig muthwillig aufgelegt war, ſo hätte er gerne außer ſich ſelbſt noch weitere Geſellſchaft gehabt(eine beſſere freilich, als ſich ſelbſt konnte er nicht finden) und deßwegen beſchleunigte er ſeine Schritte, um einen andern Spaziergänger einzu⸗ holen, der ehrbar und bedächtig vor ihm herwandelte. Dem einſamen Spaziergänger ſchien es nicht ſo leicht um's Herz zu ſein, als dem geiſtlichen Herrn hinter ihm, denn er ging gebeugten Hauptes, als wolle er die Kieſelſteine auf dem Wege zählen; von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen und holte tief Athem, als hätte er einen ſchweren Kummer, oder ſchaute in die Wolken hinauf, als wolle er ſich Troſt vom Himmel herunter holen, oder plauderte auch wohl mit ſich ſelber und geſtikulirte mit ſeinem Regenſchirme. Dem Herrn Prälaten entging keine dieſer Bewe⸗ gungen, und es intereſſirte ihn, aus den Aeußerlich⸗ keiten des einſamen Wanderers herauszufinden, wer und was er ſei, und die Abſicht zu errathen, die ihn nach Karlsruhe führe. Die ganze äußere Erſcheinung des Fremden be— zeichnete ihn als Geiſtlichen. Dieſer lange ſchwarze Rock, mit der kurzen Taille, dem hohen Kragen und den bauſchigen Achſeln, war offenbar von einem Dorf⸗ ſchneider gemacht worden; der Mann war alſo ein Landgeiſtlicher. Der Rock war ſauber zwar und ſorg⸗ fältig gebürſtet, das Tuch aber grob und fadenſcheinig, und dem Hute war offenbar durch etwas Bier oder Zuckerwaſſer ein letzter vergänglicher Glanz verliehen worden, der Geiſtliche war alſo arm und hatte eine geringe Pfarrei.— Daß aus der hinteren Rocktaſche der Mundſpitz einer Pfeife herausſah, erhöhte nur die gute Meinung, die der Herr Prälat bereits von dem Pfarrer zu faſſen entſchloſſen war, denn Hebel war ſelbſt ein gewaltiger LL9, ———..——.— 374 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humot. Raucher, und alle Raucher umſchlingt eine Art ſympa⸗ thetiſches Band. So weit war der Herr Prälat im Reinen. Was war aber die Abſicht, die den Landgeiſtlichen in die Reſidenz führte? Der Herr Pfarrer trug unter dem Arme ein klei⸗ nes in Papier eingewickeltes Päckchen. Das Päckchen war an der einen Ecke aufgegangen und aus der Oeffnung ſchaute der Zipfel eines ſchwar⸗ zen Frackes heraus und betrachtete ſich neugierig die Gegend. Jetzt war dem Herrn Prälaten Alles klar. Ein armer Landpfarrer, der mit einem ſchwarzen Fracke unter dem Arme gegen Karlsruhe marſchirt, der kann keine andere Abſicht haben, als ihm dem Prälaten ſelbſt, einen Beſuch zu machen. Das Reſultat ſeiner Beobachtungen ergötzte den Herrn Prälaten ganz ungemein, und ein gemüthliches Lächeln auf den Lippen beeilte er ſich, ſeinen Vorgänger einzuholen. Er grüßte freundlich, und mit der ihm eigenen Leichtigkeit hatte er mit dem Fremden bald ein inter⸗ eſſantes Geſpräch angeknüpft. Der Pfarrer war ein noch junger Mann, ein wohlwollendes und verſtändiges Geſicht, dem aber Kummer und Sorgen ihre Stempel aufgedrückt hatten. Dabei ein Mann von Charakter und Grundſätzen und geſunder Lebensanſchauung, wie Hebel bald heraus⸗ gefunden hatte, und ein Mann von tüchtigem Wiſſen, denn Hebel pochte im Laufe der Unterhaltung an ver⸗ ſchiedenen Thüren an und überall ward ihm aufge⸗ than, er berührte verſchiedene Felder der Viſſenſchaft und überall hielt ihm der Landpfarrer tüchtig Stand. Der Fremde ſelber ſchien eine große Freude zu haben an dem Geſpräche und noch eine größere an ſeinem freundlichen Begleiter. Auf einmal blieb Hebel ſtehen und ſagte: „Und nun, Herr Pfarrer, erlauben Sie mir eine Frage:“ „Sie wollen den Prälaten Hebel beſuchen?“ Der Pfarrer ſah überraſcht auf. „Woher wiſſen Sie?“ Hebel lächelte.„Genug, ich weiß.“ „Und wollen ſich bei dem Prälaten um eine beſſere Pfarrei bewerben?“ „Ich bin erſtaunt,“ ſagte der Pfarrer und warf einen mißtrauiſchen Blick auf ſeinen Begleiter,„wie können Sie meine Geheimniſſe errathen?“ Hebel verſuchte ein ernſtes Geſicht zu machen und erwiederte: „Herr Pfarrer, vor der Polizei gibt es keine Ge⸗ heimniſſe.“ „Alſo ſind Sie bei der Polizei?“ fragte der Pfarrer mit ungeheucheltem Erſtaunen. Doch Hebel, ohne über dieſen Punkt Aufklärung zu geben, examinirte in dem Tone eines Inquiſitors fort:„Kennen Sie den Prälaten?“ „Nein,“ erwiederte der Andere, und vergrößerte unwillkürlich den Raum zwiſchen ſich und dem ver⸗ meintlichen Polizeimann,„nein, den Prälaten kenne ich nicht, aber Hebel kenne ich. Wer kennt Hebel nicht?“ Hebel zuckte die Achſeln und lächelte:„Sie meinen wegen ſeinem Kalender und ſeiner Versmacherei? Pahl fades Zeug. Hätte man ſollen von der Polizei verbieten.“ „Wie, mein Herr?“ rief der Pfarrer mit wahr⸗ haftem Entſetzen. Doch Hebelfuhr mit unerſchütterlicher Ruhe fort: „Welcher Gedanke, in einer Sprache zu dichten, die kein gebildeter Menſch verſteht! Und dann der Ka⸗ lender! Wie unpaſſend für einen Geiſtlichen, Spitz⸗ bubengeſchichten zu ſchreiben!“ „Mein Herr,“ rief der Pfarrer mit großer Wärme, „hier ſind mit mir noch viele Tauſende ganz anderer Anſicht. Hebel iſt ein Mann des Volkes und wird von dem Volke vergöttert. Hebel hat durch ſeine Schriften die Gemüther gehoben, die Herzen erwärmt und erfreut, und hat mehr guten Samen geſäet, als— Sie ver⸗ zeihen— die Polizei jemals... Doch, was ereifere ich mich. „Hebel iſt ein großer, ein edler Mann!“ „Hebel iſt ein Prälat,“ rief der vermeintliche Polizeibeamte, ebenfalls in Eifer gerathend,„und zwar ein Prälat, der Kalendergeſchichten ſchreibt und welr⸗ liche Lieder dichtet, und damit iſt Alles geſagt. Man hat ihn verdorben durch die Lobhudeleien, die man ihm ims Geſicht wirft und er iſt ſtolz, eitel, er iſt.. „Halt,“ rief der Pfarrer mit glühendem Geſichte und erhobener Hand,„halt, mein Herr! Ich habe mich in Ihnen geirrt. Sie läſtern den Charakter eines braven Mannes und eines Abweſenden. Unſere Wege gehen nicht zuſammen. Gott befohlen!“ und damit wendete ſich der erzürnte Pfarrer kurz ab und bog mit ſeinem Päckchen unter dem Arme in einen Seitenweg des Hard⸗ waldes ein. Ueber Hebels Geſicht zuckte es wie Rührung. „Ein prächtiger Trotzkopf,“ murmelte er, dann rief er dem forteilenden Pfarrer nach: „Wenn Sie den Prälaten beſuchen wollen, kommen Sie morgen Früh vor acht Uhr!“ Der Pfarrer wendete noch einmal den Kopf, dann eilte er aus dem Bereiche des verleumderiſchen Polizei⸗ mannes zu kommen. Am andern Morgen Schlag acht Uhr ſtand der Herr Pfarrer im ſchwarzen Fracke und weißer Halsbinde vor Hebels Thüre. Er war ſönſt ein muthiger Mann, jetzt aber pochte ſein Herz, denn der Polizeibeamte von geſtern hatte ihm über ſeinen Empfang bei Hebel doch ängſtliche Zweifel erregt. Endlich aber faßte er Muth und klopfte an. „Herein!“ rief eine wohltönende Stimme. Dem Herrn Pfarrer wars gerade, als hätte er die Stimme ſchon gehört. Er öffnete die Thür und— blieb über⸗ raſcht auf der Schwelle ſtehen, denn in dem Zimmer ſelbſt, an einem gedeckten Frühſtücktiſche, im Schlaf⸗ — kenne debel ſcherei! Polizei wahr. he fort: dichten, der Ka⸗ Spitz⸗ Wärme, anderer ird von ſchriften erfreut, sie ver⸗ ereifere eintliche nd zwar n well⸗ Man dan ihm Geſichte be wich braven gehen wendete ſeinem es Hard⸗ Kührung. n rief er kommen vpf dann 4 4„. Polizei⸗ ſtellung an der Porte St. Martin kam er durch einen Sturz in Lebensgefahr. Eriſt der vielſeitigſte aller Schauſpieler, die je aufgetreten ſind, indem er auf den Bühnen von vier Nationen in den verſchiedenſten Rollen Ruhm geerntet hat. In Kalnok, einer von Sachſen und Rumänen bewohnten Ortſchaft, iſt kürzlich ein Sachſe, auf den bei einem Brande der Verdacht der Brandſtiftung fiel, von den ſächſiſchen Einwohnern ſofort gelyncht und in das Feuer geworfen worden, wo er bei lebendigem Leibe verbrannte. Auguſte Klein, Tochter des berühmten Kriminaliſten, jetzt Malerin, war mit der Familie des Geheimraths Delbrück, Erziehers Friedrich Wilhelms IV., viel zuſammen, und ſo fügte es ſich zuweilen, daß der letztere als Knabe oft mit ihr ganze Stunden zubrachte, ſie mußte ihm dann Geſchichten erzählen, und es wurde zum Gebrauch, daß er ihr jedesmal zum Dank einen Kuß gab. Als der König 1844 in Strelitz war, hörte er, Auguſte Klein ſei auch dort, traf ſie auf der Straße, umarmte ſie, gab ihr auf jede Backe einen Kuß und rief dann:„Nun erzählen Sie mir aber auch eine Geſchichte!“ Der Herzog Karl von Mecklenburg⸗Strelitz, ge⸗ ſtorben 1837, war unter Friedrich Wilhelm I11. einfluß⸗ reich und gefürchtet. Nach Varnhagen's Urtheil über ihn war er ein beſchränkter Kopf, voll Hoffahrt, prinzlicher und militäriſcher, die ſelbſt den Prinzen und dem Militär läſtig war. Seine poetiſchen Erzeugniſſe bei Hoffeſten ſollten für gewaltige Leiſtungen gelten, waren aber höchſt mittelmäßig. Man rühmte ihn als Schauſpieler und hier⸗ über ſind die Verſe von Stägemann bekannt: „Als Menſch, als Fürſt, als Held nur ſchofel; Einzig aber als Mephiſtophel!“ Er war ſehr verhaßt; auch in Mecklenburg konnte ihn Niemand leiden. Einſt hörte er ſelbſt im Vorbeigehen dort, daß eine Waſchfrau bei ſeinem Anblick ausrief: „Was! Iſt das Ungeheuer auch wieder hier?“ Auf dem Rückwege ſah er dieſelbe Frau noch daſtehen, gab ihr zwei Friedrichsd'or und ſagte ihr, ſie ſolle künftig nicht ſo ſchlecht von ihm ſprechen. Die Nachkommenſchaft von einem Schweinepaar wird ſich nach Verlauf von ſechs Jahren zu der anſehn⸗ lichen Familie von 119.160 Gliedern ſteigern, angenommen, daß jedes Mutterſchwein jährlich 15 Ferkel wirft. Ein Schafpaar würde in der nämlichen Zeit nur 64 Kinder, Enkel, Ur⸗ u. ſ. w. Enkel zählen. Eine Pferdefliege legt in einem einzigen Sommer nicht weniger als 20,085.320 Cier. Kaiſer Napoleon hatte ſeine Gemalin an ihrem diesjährigen Namenstage(15. November) mit zwei großen Vaſen überraſcht, die von maſſivem Golde und reich mit koſtbaren Edelſteinen verziert ſind. Sie rühren von der chineſiſchen Expedition her(aus dem zerſtörten Sommer⸗ palaſt des Kaiſers von China) und ſind om Befehl des Kaiſers wen Engländern abgekauft worden aeſehen von dem Reichtham ihrer Verzierungen und hrem fünſtleriſchen Werthe ſind ſie nach dem Goldgenftht alee 100.000 Francs werthe 21 In den Vereinigten Staaten Nordamerike’s hält ſich Jeder zun Verwaltung foldender drei Fächer für be⸗ fähigt; ein Amt zu bekleiden, eine Zeitung zu redigiren, und ein Hotel zu halten. Daher findet man in allen Re⸗ gierungsdepartements die Mittelmäßigkeit triumphiren und in der Journaliſtik den aufgeblaſenen Blödſinn, während der wahre Werth, das wahre Verdienſt zuͤrückſtehen muß. Am traurigſten berührt dabei die unverſchleierte Unred⸗ lichkeit der Aemterverwalter, denn die„Stealings“(von Stehlen) d. h. die unrechtmäßigen Amtsſporteln gehören zum Amte, wobei es vorkommt, daß Beamte mit 5000 Dollars mindeſtens 30.000 jährlich zuſammenraffen. Das projektirte nene Opernhaus in Wien hat, ohne die Hoflogen, 98 Logen— die, geräumig angelegt, je ſechs Perſonen faſſen können— 690 Sperrſitze, wovon Feuilleton. 383 gleicht man das neue Opernhaus im Verhältniß der Zu⸗ ſchauerräume mit den größeren italieniſchen Opernhäuſern, ſo ergibt ſich ſein Rang von ſelbſt; denn das Teatro Reale in Turin faßt 2000, die Fenice in Venedig 2700, San Carlo in Neapel 35000, Carlo Felice in Genug 3000, die Scala in Mailand 4000 Perſonen. Die Pläne ſind von den Architekten Profeſſor van der Nüll und v. Siccardsburg. Bei einer Parade im Jahre 1841 drängt ſich eine Dame ungeſtüm bis zum Koͤnig vor, redet ihn an und bittet ihn, ihrer bedrängten Lage abzuhelfen. Sie ſchien darauf zu rechnen, einen guten Eindruck zu machen, dem Könige zu gefallen, und kokett wie ihre Mienen war auch ihr Anzug. Der König betrachtete ſie eine Weile, ſprach ein paar Worte mit ihr und gab ihr dann ein Goldſtück mit dem Bedeuten, dafür könne ſie ſich zu den zwei Falbala's, die ſie ſchon habe, noch ein drittes um den Rock ſetzen laſſen! Wie Herr Patzke nach Yſtadt gereiſt iſt, erfährt man jetzt durch die Kreuzzeitung in folgender Weiſe. Zu⸗ erſt beſtreitet dieſelbe, daß Herr Patzke eine blaue Brille getragen, und ſagt dann wörtlich:„Erſt in Nauen hat er ſich eine ſchwarze Reiſemütze gekauft, und das iſt ſeine einzige Bekleidung auf der ganzen Reiſe geweſen.“ Hiernach iſt Oberſt Patzke förmlich im Stande der Un⸗ ſchuld nach Iſtadt gekommen. Die beiden ſchönſten und größten Perlen, welche man ſeit Menſchengedenken geſehen, wurden vor etwa einem Monat im Golf von Panama gefiſcht. Eine der⸗ ſelben, 40 Karat ſchwer, gelangte in den Beſitz des Kauf⸗ manns Steffens, eines Deutſchen, die zweite wurde von dem Handelshauſe Miro u. Komp. einem Neger abgekauft und ſoll der Königin von England angeboten werden. Graf Platen an Friedrich Wilhelm IV. Auguſt Graf Platen, der edle Meiſter der deutſchen Sprache und des deutſchen Geſanges, deſſen Wort: Daß ſein Schatten glänzend wandelt einſt das deutſche Volk entlang, ſich jetzt erfüllt, richtete im Jahre 1831 an den damaligen Kronprinzen von Preußen, den ſpätern König Friedrich Wilhelm IV., ein poetiſches Sendſchreiben, das dieſer hochbegabte Fürſt ſehr huldvoll beantwortet hat. In dieſem Sendſchreiben wird„dem Mächtigen“ folgende Warnung ertheilt: Er rühme nicht ſich und erdichte Ein göttlich Recht! Es ruft Geſchichte Ihr lautes Nein! So Manche, deren Gräber ſprechen, Erlangten Kronen durch Verbrechen; Kann ein Verbrechen göttlich ſein? Manch Reich entſtand aus Schwert und Flamme, Es iſt von manchem hohen Stamme Die Warzel faul. Und ſeit es Kön'ge hat gegeben, So rief ſie nur das Volk in's Leben, Gleich jenen erſten König Saul Nur um des Volkes Wunſch zu ſtillen, Hat ihn geſalbt mit Widerwillen Des Herrn Prophet. O, mögen Fürſten ſtets empfinden, Daß Erdentage ſchnell verſchwinden Und nur des Namens Ruhm beſteht! Ein armer rumäniſcher Einwohner in Kalotaszeg gerieth in die bitterſte Noth und war nicht mehr im Stande, ſich und ſeine Familie zu ernähren. Von Verzweiflung erfaßt, ergriff er ein Meſſer, ſchlitzte ſich den Leib auf, riß die Eingeweide heraus und warf ſie ſeinem Hunde vor⸗ Die Schloſſerſtadt. So kann mit Recht die Stadt Wolwerhampton in der engliſchen Grafſchaft Staffordſhire genannt werden. Sie hat gegen 60,000 Einwohner, die faſt ausnahmslos von der Schlöſſerfabrikation leben, und ihre Fabrikate in alle Gegenden der Erde liefern. Die in 430 im Parterre, 930 Sitzplätze, 500 Stehplätze, ſo daß im Ganzen 2740 Perſonen bequem Platz finden können. Ver⸗ Oſtindien und in der Levante ſo ſtark geſuchten Wolwer⸗ hamptoner Vorlegſchlöſſer ſchließen durch ihre beiſpielloſe — ÿqꝑõqõq-ę—o————„ —— 384 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Billigkeit(1 Stück koſtet im Einzelverkaufe einen Penny) jede Konkurrenz aus. Ein ſchweres Straferkenntniß. Unter den jüngſt in Preußen Begnadigten befand ſich auch ein Sträfling, welcher wegen Entwendung einer Kiſte Cigarren zwölf Jahre hinter Schloß und Riegel zugebracht hat. Es war ſein vierter Diebſtahl geweſen, in Folge deſſen nach den damals geltenden Geſetzen auf lebenslängliche Zuchthaus⸗ ſtrafe gegen ihn erkannt worden war.(In den Gerichts⸗ ſälen treibt ſich noch heute mancher widerſinnige Paragraph herum!) Ein Deutſcher, der ſeine letzten Lebensjahre in⸗ Paris zugebracht, hat ſein Vermögen„Denjenigen, die ihm Vergnügen gemacht“, teſtamentariſch hinterlaſſen. Zu den ſo Beſchenkten gehören einige Romanſchriftſteller, Feuille⸗ toniſten, dramatiſche Autoren und Komponiſten. Der Fall iſt gewiß ſelten, daß der Schöpfer eines geiſtigen Genuſſes dafür einen wirkſamen Dank von dem Genießenden em⸗ pfängt, und wir theilen das Beiſpiel mit, auf daß es vielleicht in Deutſchland einmal Nachahmung finde. In Bremen ſtarb kürzlich der Paßſchreiber Suffert im Gefängniß, der in 49 Jahren ſeiner Amtsführung Unterſchleife und Fälſchungen im Betrage von 170.000 Thaler verübt hatte. Von dieſer Summe konnte der bremiſche Staat nur 22.000 Thlr. retten. Seltſame Vererbungen. Burdach erzählt, daß die Tochter einer Frau, die nach einem Aderlaß on Blutleere ſtarb, ſo empfindlich war, daß ihr die geringſte Verletzung großen Blutverluſt verurſachte, und daß dieſes Uebel ſich auch noch auf ihren Sohn vererbte. In der Revue britannique wird behauptet, daß das Zeichen der Brandmarkung ſich oft vererbe. Die jungen Hühnerhunde ſtehen auf Hühner ohne jede Dreſſur. Gall erzählte, daß das Laſter des Stehlens ſich von Familie zu Familie forterbe. Daß Wahnſinn und Lungenkrankheit erblich ſind, iſt bekannt. Im Pompadourgeſtüt erblindete ein ſchönes Hengſtpferd — alle von ihm abſtammenden Fohlen erblindeten im dritten Jahre. Sogar das hohe Alter iſt erblich. In einer franzöſiſchen Arbeiterfamilie ward der Sohn 108, der Vater 104, der Großvater 108 Jahre alt. Der Pole Jean Golembiwski, welcher unter Napolen I. diente, ward 102 Jahre, ſein Vater 121 Jahre, ſein Großvater 130 Jahre alt. Vor dem Schwurgericht in Weimar ſtand kürzlich ein fünfzehnjähriger Knabe, L. Heſſe aus Toba, ſchlecht erzogen und ein Thierquäler. Er hatte einen Hund an einem Baume in die Höhe gezogen, demſelben den Leib aufgeſchnitten und dem noch lebenden Thiere das Fell abgezogen. Darüber war er von einer Frau betroffen und zur Rede geſetzt worden, und dies ärgerte den jugend⸗ lichen Böſewicht ſo, daß er ihr drohte, er werde es ihr gedenken. Geſagt, gethan: er legte in dem Hofe der Frau Feuer an und 9 Wohnhäuſer und 20 Wirthſchaftsge bebäude wurden ein Opfer der Flammen. Der jugendliche Verbrecher wurde zu acht Jahren Arbeitshaus verurtheilt. Koncerte und Theater. Wir haben in unſerem gegenwärtigen Rückblick in Betreff der bereits begonnenen Koncertſaiſon noch der dritten und letzten Quartettſoirée zu erwähnen, die zwar kein eigentliches Streichquartett brachte, aber dagegen im Gebiete der Kammermuſik andere Tonſtücke aufwies, die vielſeitiges Intereſſe erregten. Wir hörten eines der herr⸗ lichen Streichtrios von Beethoven aus des Meiſters erſter, noch von Mozart beeinflußter Schaffungsperiode, hierauf ein neues Trio von unſerem genialen Landsmann Veit, deſſen Klavierpart die treffliche Pianiſtin Frln. Marie Prokſch vollendet ausführte, endlich ein Doppelquintett von Göbel, welche letztere Kompoſition aber nicht zu den bedeutenden gehört. Der Cäcilienverein gab am 30. No vember ſein erſtes diesjähriges Koncert und brachte, ſeinem höchſt lobenswerthen Principe getreu, nur Neues und Gutes. Es wurde eine Symphonie in C von Jadasſohn mit ciner maſſenhaften Orcheſterbeſetzung und recht ge⸗ lungen aufgeführt, das Werk ſelbſt hat Friſche und Ori⸗ ginalität, iſt mit Routine geformt, pikant inſtrumentirt. und ſehr anregend. Dieſem folgte ein„Paſtorale“, betitelt „die Maikönigin“, Text aus dem Engliſchen, für Chor, Soloſtimmen und Orcheſter komponirt von St. Bennet. Die Betonung dieſes Gedichtes zeigt von Poeſie und glücklicher Erfindung lyriſcher Tonideen, die ein charak⸗ teriſtiſches den Worten anpaſſendes Tonbild wiedergeben und angenehm, auch mitunter nachhaltig anſprechen. Durch die Vorführung dieſer beiden Novitäten hat ſich der unermüdete Hr. Vereins⸗Direktor Apt die Kunſtfreunde zu beſonderem Danke verpflichtet. Auch das reiſende Vir⸗ tuoſenthum hat uns bereits einige ganz achtbare Reprä⸗ ſentanten geſtellt, ſo die Klaviervirtuoſen Frln. Vrabely und Hrn. Decker aus Wien, dann den Koncertmeiſter Hrn. Becker aus Mannheim und den Bariton Hrn. Mo⸗ rani⸗Rocca aus Mailand. Das meiſte Aufſehen von allen den Genannten erregte der Violinvirtuos Hr. Becker, ein noch ſehr junger Mann, der, obwohl hier dem großen Puöolikum noch ganz unbekannt, ſchon im erſten Koncert durch erſtaunliche Technik und wahrhaft künſtleriſchen Vortrag außerordentliches Furore machte. Sein Gefährte, Hr. Morani⸗Rocca wußte ſich ebenfalls durch kunſtgemäßen Geſang eine ehrende Anerkennung zu verſchaffen. Auch zu humaniſtiſchen Zwecken fand bereits ein Koncert und zwar zum Vortheile der Leſehalle deutſcher Studenten Stattz ferner gab die Sophienakademie am 5. December ihr Koncert, worin ſie ihr auf Kultivirung des Kirchen⸗ geſanges zumeiſt gerichtetes Streben neuerdings beurkun⸗ dete.— Unter den Bühnenleiſtungen nennen wir zuerſt die in dieſer Zeit vorgekommenen Benefizvorſtellungen, und zwar des Hrn. Hertzſch(Hugenotten), des Frlus. von Schulzendorf(die Schule der Verliebten) und der Frau Frey(1740, Luſtſpiel von Hirſch). Die beiden letzten Vorſtellungen fanden bei überfülltem Hauſe Statt und aus den dargebrachten Ovationen konnten die betreffenden Damen deutlich die Ueberzeugung hinnehmen, daß ſie erklärte Lieblinge unſeres Publikums ſind⸗ Es iſt ſehr anzuerkennen, daß Frau Frey bei dieſer Gelegenheit eine Novität brachte, wenn auch letztere keineswegs als eine Bereicherung des Repertoirs erſcheint. Frlnu. Ledner vom Stadttheater in Leipzig, ſetzte ihr Gaſtſpiel als„Julia“ in Shakeſpeare's Tragödie, als„Anna“ im„Sonnwendhof“ und als„Eugenie“ in Raupachs„Geſchwiſter“ fort und zeigte in allen dieſen Leiſtungen Begabung, Verſtändniß und Wahrheit. In der Oper gab es, wie immer, manche Täuſchung. Vorſtellungen, wie z. B.„Fauſt“, wurden plötzlich abgeſagt, andere, wie B.„Maurer und Schloſſer“ unerwartet eingeſchoben, als Lückenbüßer diente der„Waffenſchmied“. Zweifelhaft bleibt es übrigens, ob die Repriſe der Mozart'ſchen Oper„Figaro’s Hochzeit“ am 3. December einer zufälligen Eingebung der Theater⸗ direktion zu verdanken war oder ob letztere irgend welche Ahnung hatte, daß in dieſer Woche der Todestag des großen Meiſters in würdiger Weiſe hätte in Erinnerung gebracht werden können. Wir bitten die 3. und 4. Seite des Umſchlages, unſere Abonnements⸗Einladung enthaltend, beſonderer Aufmerkſamkeit zu würdigen. Redigirt unter Verantwortlichkeit des Verlegers. Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmaunn in Prag.