— ließ La nan ihm Zähne, ſehlten Hammel 88 1 Gada Schlage u war er Wein zu omptome der zehnte ſonen da. e meines Du die als die für ihn,” held und Hammel⸗ big über hle. Vor ſogar zahl aus die beiden kehrenden eit Da m Arme. ),000 fl. „Banus Ladung de Süd⸗ er„Banus erhielt ſich fe wurden nusgeſandt, z. Düſſel⸗ ſſes. Aus den Schrei zu ihrem 6 unange⸗ vei Kinder en, das gen gab 4 1 twerden trifft man. der Hud Ellis enrbiber Baſſer em⸗ 2 h en Eübe auß lon Fuß Gewich Dieſe Eit⸗ cern ab. grönlande über den ftegte El⸗ †. Weiſjen 52 000 9' Erinnerungen. IIIusfrirte Pläfkker kür Bonsl und Pumor. 82. Band. Louiſe Mennier. Von P. (Fortſetzung.) Mh gen der Madame Kie 7un -V gen de, an.. voer letzten DZine Nt begeguete! Er ging zu Madanz ſelbe veich und vor⸗ für ein Band mag denn zwiſchen daß nahn eine br hen? Er hat mir oft von einer 8. d Fläſchch ſollte er ihr Bruder ſein? Wenn 1 hen und Fläſchchen „..0..NI, 4 15 unaufhörlich endloſe verloren; alles kömmt zuſammen, der flötenähnlichſten (Ein und vierzigſter Jahrgang.) fnicht erſt beſonders Auch in der Nacht legte ſich meiſten dieſer Lieder Louiſe ſchlief jenen Schlaf, dßen aber ſonſt ſehr be— as Denken nicht hindertjueren die ſie mit ihren af Uhr Früh bemerkte 1861 1 Heft VIII. Waa og ml 1 Awin n keuſchen Ohren hörten oder mit ihren unſchuldigen Lip⸗ pen ⸗ſangen, nahmen daran nicht den geringſten Anſtoß Klärchen erröthete; aber ſie konnte ſich des Lachens kaum enthalten, zumal wenn einige von dieſen wahren Naturſängern den Troubadour ſpielen wollten! Dieſe Sr Beendigung der üblichen Beglückwünſchun⸗ m Fand ſogleich das Lieder ſind noch heute bei uns auf dem Lande gebräuch⸗ lich und an eine etwas derbe Metapher ſtößt man ſich auch heute noch nicht, wenn ſie nur romantiſch klingt und Effekt macht. Louiſe ertrug dergleichen Freiheiten in René's Gegenwart; ſie wußte nicht, daß die wahre Liebe ſich durch ihr eigenes Feuer läutert und daß ein unreiner Gährungsſtoff einen edlen Wein in Gährung ſetzen kann. Auf den Geſang folgte Tanz, der ſich ein wenig in die Länge zog, weil Jerome ſeine kaum erſt geneſene junge Gattin ſchonen wollte. Um Mitternacht dachte 29 — 226 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. man daran, ſich zu trennen. Die Gäſte brauchten nicht nach Hauſe zurückzukehren; ein Theil fand auf dem Pachthofe ſein Unterkommen, der andere wurde einge⸗ laden, auf einem eine Stunde weit entfernten Schloſſe zu übernachten, welches faſt ganz leer ſtand, indem die Beſitzer nur dann und wann, etwa alle drei Jahre, das⸗ ſelbe beſuchten, und nur von einem Verwalter bewohnt wurde. Dieſer, einer der Zeugen Jeromes, hatte in den leeren Zimmern des Schloſſes eine ſolche Menge Betten aufſtellen laſſen, daß keiner der Geladenen der ſüßen Ruhe zu entbehren brauchte. Man hatte Anfangs beſtimmt, L ouiſe ſollte auf dem Gute bleiben und René mit ins Schloß gehen. Aber Klärchen, die den beiden Verliebten nicht das Vergnügen eines nächtlichen Spazierganges rauben mochte, warf ein, es ſei beſſer, daß die älteren Perſonen auf dem Gute blieben und daß die jüngeren das Schloß bezögen, weil letztere die Abendluft beſſer ertrügen. So geſchah's denn. Nachdem die Frauen die Nachttoilette der Neuvermälten geordnet und Klärchen von ihren Eltern und Freundinnen den Abſchiedskuß erhalten, ſtieg man ſofort zu Pferde. Natürlich war dies den jungen Leutchen zu früh; durchkreuzte man doch dadurch ihren Plan, Jerome zu guter Letzt noch einen netten harm⸗ loſen Streich zu ſpielen; aber alles half nichts; jeder nahm die Seinige, wie man zu Lande ſagt, und ſo ging's davon. René reichte Louiſe, die ihm langſam folgte, die Hand; in ihrem weißen Kleide und ihrer weißen Kapuze kam ſie René vor wie eine junge Nonne, die er entführen ſollte; allerdings eine peinliche Situation. Bald hatten ſie die Uebrigen überholt und waren allein. Bald ging' über verlaſſene kahle Ebenen, bald über ſchattige Wege. Der Mond warf aufs ganze Land allerlei abenteuerliche Lichtbilder und verſilberte die Ne⸗ beltropfen, die ſich zahlreich an die Blumen des Feldes anhingen. René hatte noch immer die freie Hand Louiſens in der ſeinigen, und der etwas zurückge⸗ ſchlagene Mantel hatte ihm an ihrem Mieder ein kleines Sträußchen von Orangebeeren gezeigt, welches Klär⸗ chen aus ihrem Hochzeitskranze genommen und ihrer Freundin geſchenkt. „Louiſe,“ ſagte René,„das iſt eine Vorbe⸗ deutung und ein Symbol; darum bitte ich, erlauben Sie mir, daß ich mir eine dieſer Blumen nehme,“ und indem er ſie an ſich zog, neigte er ſich gegen ihren Bu⸗ ſen, um mit ſeinen Zähnen das kleine Blüthenzweiglein abzubeißen. Louiſe widerſetzte ſich nicht, aber ſie zog ihren Kopf zurück, um nicht von den Lippen Renés berührt zu werden. Bei dieſer Bewegung lehnte ſich ihr Kopf, von dem die Kapuze herunter gefallen war, an die Schulter des Geliebten. Ein warmer Hauch berührte Renés Stirn; er wollte ihn aus dem Munde, der ihn hauchte, aufſaugen. Das ſehnſüchtige Verlangen, welches eine von Furcht und Hoffnung erfüllte Erwartung in ihren Herzen erzeugt, lag in ſeiner Gänze in dieſer lan⸗ gen Umarmung. Rens ſagte ſich begeiſtert, daß er nun das Ziel ſeiner Wünſche erreicht, und Louiſe, ſich ebenfalls ganz ihrem unausſprechlichen Glücke über⸗ laſſend, liſpelte leiſe zu ſich:„Nun mag das Unglück, ja ſelbſt der Tod kommen; ich habe geliebt und bin ge⸗ liebt worden!“ Sie hatten inzwiſchen ihre Pferde angehalten und ihre Begleiter waren nahe daran, ſie einzuholen. Der eingeſchlagene Weg führte auf die Hauptſtraße, die ſie auch bald erreichten. Da fuhr eben eine Kaleſche vorbei; der Kutſcher brachte die Pferde zum Stehen und erbat ſich von René einige Aufklärung über die Lage des Ortes, der ſein Reiſeziel war. Letzteres ſei, ſagte er, die Beſitzung der Madame von Bourgueville,„Schlöß⸗ chen“ genannt. René gab die gewünſchte Auskunft; die Perſon aber, die im Wagen ſaß, merkte ſofort an der Sprache, daß der freundliche Auskunftsgeber kein gewöhnlicher Bauer ſei und zog das Rouleau auf, um äihren Dank abzuſtatten. Louiſe, deren Aufmerkſamkeit ſchon die Erwähnung des„Schlößchens“ geweckt, er⸗ ſchrak heftig bei den erſten Worten, welche der Unbe⸗ kannte an René richtete. Sie bemühte ſich, die Züge des Sprechenden zu ſehen. aber die Dunkelheit im In⸗ nern des Wagens ließ dieſe Verſuche hartnäckig ſcheitern. Die Unterhaltung zwiſchen René und dem Unbekannten dauerte kaum wenige Minuten, aber dieſe reichten hin, Louiſe in die größte Unruhe zu verſetzen; der Ton jener fremden Stimme verfolgte ſie; es ſchien, daß das Schickſal, das ſie früher angerufen, ſich ihr ſchon nahe. Sie kam daher am ganzen Körper zitternd in dem Hauſe an, deſſen Gaſtfreundſchaft ſie genießen ſollte. Beim erſten Schellenzug eilten die Diener herbei und nahmen die Pferde in Empfang. Dann beeilte man ſich, den Gäſten die für ſie beſtimmten Zimmer zu be⸗ zeichnen. Die Frau des Verwalters ſelbſt führte Louiſe in das für ſie beſtimmte Gemach. Louiſe konnte vor Aufregung die bereits halb vollendete Nachttoilette nicht beendigen; kraftlos und zitternd legte ſie ſich daher auf das in ihrem Zimmer befindliche Sopha, um wo möglich erſt in etwas ihre Ruhe wieder zu finden. Plötzlich fielen Re n's Blicke, deſſen Zimmer zufällig ſo lag, daß er in das Zimmer Louiſens hinein ſehen konnte, auf letzteres; er ſprang auf, wie von einer Ahnung getrieben, eilte an das nur zu zwei Drittel von dem herabgelaſſenen Rouleau ver⸗ deckte Fenſter; ſofort fielen ſeine Blicke(auch an Loui⸗ ſens Zimmer waren zwei Fenſter nur zum Theile ver⸗ hängt) auf die Geliebte. Ihre bleiche Geſichtsfarbe, die der Schein einer großen Lampe nur noch erhöhte, machte ihn zittern; ihre Schönheit und Unſchuld machte ihn er⸗ beben; vor Ueberraſchung, Entzücken und Schrecken konnte er nicht-zu ſich komwen. Die ganze Nacht blieb er ſchlaflos, obgleich er bo' das Fenſter wSaß lan um ſeine Aufregung durch eir fortgeſetzte Betra cht. Le ſ un leidenden Engs ans Unendliche zu fagem er das Bild, daß ſſe Augen geſ. V von ihm. gen geſehen, wich nicht Am andern Moen kehrte man zu Klär zurück; Spiel, Geſangſſen, Trinken und Tan dchen nen wieder von Neuß Nur die Toiletten wae ge mal nicht ſo reizendd maleriſch wie Tags zuvor; 8 2 V — ücke über⸗ s Unglütt nd bin ge⸗ dalten und holen. Der raße, die ſie ſche vorbei, und erbat e Lage des ſagte er die le,„Schlöß. e Auskunft; eſofort an ggeber kein zu auf um merkſamkeit geweckt, er⸗ der Unbe⸗ h die Züge beit im In⸗ dig ſcheitern. 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Der gute Mann hatte ſich's nun einmal zur Norm gemacht, nie anderswo als zu Hauſe in ſeinem Bette zu ſchlafen; und er hätte um keinen Preis eine Reiſe, und wäre ſie noch ſo kurz geweſen, unternommen, wenn ſie ihn vorausſichtlich hinderte, zur beſtimmten Minute zu Bette zu gehen, die gewohnte Abendglocke zu hören und den Poſtwagen paſſiren zu ſehen. René hatte den Befehl gegeben, die Kaleſche ſeiner Mutter ihm zu ſchicken; er bot Louiſen einen Platz darin an, und der Doktor, der zu ſeinen Kranken eilte, nahm es noch einmal an, die beiden Verliebten, wenn auch ungern, zu ſtören. Dieſe Tour war für René und Louiſe nicht weniger angenehm als die am vor⸗ hergehenden Abend; was letztere an Ueberraſchung ge⸗ boten, bot dieſe an Innigkeit und Zärtlichkeit. Die Ankunft Louiſens erfolgte vor der unge⸗ bührlichen Stunde, das heißt, bevor Veronika Thür und Fenſter verſchloſſen hatte. Gleich nach ihrer Ankunft überreichte letztere ihr eine Karte, die für ſie hinterlaſſen worden war. „Ein ſchöner junger Herr war heute hier und wollte Sie beſuchen; dieſe Karte hat er für Sie zurück⸗ gelaſſen.“ Louiſe las dieſelbe; ſie trug in ganz kleinen Buchſtaben den Namen Moriz Dornet. In demſel⸗ ben Augenblicke ſenkte ſie ihr Haupt in ihre Hände und ſtieß dabei einen Angſtſchrei aus. „Ach, ich habe zu lange gewartet,“ ſagte ſie zu ſich, als ſie wieder zur Beſinnung kam;„falſche Scham hat mein Vertrauen zu René, ja ſelbſt zu Klärchen zurückgehalten. In einigen Tagen werde ich vielleicht in ihren Augen nicht mehr ſein, als eine durch einen Kom⸗ plicen entlarvte Schuldige, nicht eine reine Seele, die ſtark in dem Bewußtſein ihrer Unſchuld und Tugend ihre Qualen ruhig trägt. Durch ihre Zuneigung und Liebe gerechtfertigt, hätte ich ohne Furcht dieſen Beſuch erwarten können, den ich empfangen muß und den ich nun ohne es zu wollen fürchte. Aber was mag denn eigentlich Moriz Dornet hier wollen? Iſt das etwa derſelbe, der uns in der letzten Nacht in dem Wa⸗ gen begegnete! Er ging zu Madame S audour. Was für ein Band mag denn zwiſchen dieſen Beiden beſte⸗ hen? Er hat mir oft von einer Schweſter geſprochen, ſollte er ihr Bruder ſein? Wenn dem ſo iſt, ſo bin ich verloren; alles kömmt zuſammen, um mich zu verderben.“ Auch in der Nacht legte ſich die Aufregung nicht; Louiſe ſchlief jenen Schlaf, der in Folge der Fieber⸗ zu einem Gange nach Tany vorbereitete, wo an dieſem Tage großer Markt war. Alle Bauern und Bäuerinnen, drei bis vier Meilen im Umkreiſe, fanden ſich dort zu⸗ ſammen. Gewiß traf Veronika dort Frau Tierce⸗ lin oder doch irgend eine ihrer Mägde. Louiſe war entſchloſſen, ihr Tagebuch an Klärchen abgehen zu laſſen. Sie legte ein Briefchen bei, in welchem ſie Klär⸗ chen erſuchte, ſie möchte, ſo bald ſie das Tagebuch durch⸗ geleſen, dasſelbe an René ſchicken.„Die Redlichkeit,“ ſagte Louiſe,„fordert dieſes Vertrauen; nimmt er es an, ſo wird er beſſer begreifen, daß es nicht darauf be⸗ rechnet war, ihn zu rühren und daß die Reinheit meiner Geſinnung dadurch nicht alterirt wurde.“ Indeß an dem Beſchluß war's nicht genug; um ihn auszuführen, mußte ſie ſich der Beihilfe Vero⸗ nikas verſichern. Mit der ruhigen und kalten Miene, die eine Folge ihrer Muthloſigkeit war, theilte ſie der rebelliſchen Alten den Auftrag mit, zu deſſen Ausfüh⸗ rung ſie auserſehen ſei. Veronika betrachtete Louiſe und die ſorgfältig eingewickelte Papierrolle, welche die⸗ ſelbe ihr gereicht, mit Mißtrauen. „Was geben Sie mir da?“ ſagte ſie.„Das ver⸗ ſtehe ich nicht.“ „Thut nichts!“ erwiederte Louiſe.„Wirſt Du mir einen ſo kleinen Gefallen nicht erweiſen?“ „Aber vielleicht kann ich es nicht, ohne mein Ge⸗ wiſſen zu beſchweren.“ „Brauchſt nichts zu fürchten! Und vor Allem bitte ich, dem Onkel davon nichts zu ſagen; der ſoll nichts davon erfahren.“ Dieſes Wort war mit einem Male für Veronika entſcheidend; ſie war immer einverſtanden, wenn man auf den Mangel an Takt und Delikateſſe ihres Herrn hindeutete. Sie errieth übrigens, daß Louiſe unglück⸗ licher ſei als ſie es verdiene; ja ſie fühlte ſich im Stande, für dieſelbe einige Jahre im Fegefeuer auszuhalten; freilich wußte ſie, daß ein ſolches Opfer doch nie von ihr würde verlangt werden. VI. Der Auftrag Louiſens wurde noch am Vor⸗ mittage desſelben Tages erledigt. Während Jerome auf dem Felde war, las ſeine allerliebſte Gemalin, in ihr zierlich möblirtes Zimmer eingeſchloſſen, mit dem höchſten Intereſſe das Tagebuch Louiſens, in wel⸗ chem es unter Anderem ſo hieß: „Ich ſagte Dir, liebes Klärchen, daß Fräulein Delphine Savenany und ich an einem und dem⸗ ſelben Uebel krankten, an Mangel an Vertrauen und Liebe; daß unſere Herzen für einander ganz verſchloſſen blieben. Ja, nur Antipathie herrſchte zwiſchen uns, und Du kannſt nicht glauben, wie tief dieſe allmälig wird bei Weſen, die tagtäglich dabei auf einander angewieſen ſind. Die ſogenannte Civiliſation hatte meine Natur verdorben und die Kunſt bot dafür keinen Erſatz. In Ins Denken nicht hindert. Den andern Morgen der Malerei und Muſik hatte ich mir einen ſehr hohen af Uhr Früh bemerkte ſie, wie Veronika ſich Grad von Fertigkeit erworben. Aber, ich habe Dir's 29* * — 228 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ſchon oft geſagt, liebes Klärchen, eine Künſtlerin bin ich nicht; nicht mein Geiſt iſt es, der bei mir ſchafft, ſondern nur das Gefühl. Ich war nicht im Stande, alle die Bande zu zerreißen, die die Knechtſchaft um mich geſchlungen, und ſo blieben mir die freien Regionen des Ideals fremd. Wie ein Vogel im Käfig ließ ich den Kopf hängen, und vergaß meinen Geſang. Im Uebrigen hatte man auch meine Leiſtungen in meinen eigenen Augen dadurch entehrt, daß man ſich ihrer bediente, um mich noch mehr fühlen zu laſſen, daß ich nicht frei ſei. Wie kalt und leer klangen die Töne des Klaviers, wenn es nach dem Wunſche jedes beliebigen Anweſenden lachen oder weinen mußte! Konnte es da der Dolmetſch meiner Seele ſein? Und jener Pinſel, der faſt immer einer frem⸗ den Laune dienſtbar war, konnte er in meiner Hand die Ideen wiedergeben, die ein Gott in mir weckte! „Nur ein Troſt, nur eine Hoffnung war mir ge⸗ blieben in meiner troſtloſen Einſamkeit und Knechtſchaft: der ſüße Traum, geliebt zu werden, in welchem mich nichts ſtörte. Keine ſchimpfliche oder nur täppiſche De⸗ müthigung kränkte oder verletzte mich, ſie ließ mich ſo recht die Unvollkommenheit der Menſchen fühlen und bewirkte, daß ich mich über alle erhaben dünkte. Bald war ich ſtolz, bald erboßt und verzweifelt ob der Kälte, womit man mich behandelte, um die Empfänglichkeit meines Herzens zu knicken. Mitunter ſchätzte ich mich glücklich, arm zu ſein; denn gerade die Armuth hatte mich gegen die Niederträchtigkeit und den Egoismus ſtets geſchützt. Ein andermal war ich wieder ſehr niederge⸗ ſchlagen, und ſo wechſelte die Stimmung ſehr oft. „Wie ſehr auch die Jugend ihre Geheimniſſe be⸗ wahrt, etwas entſchlüpft ihr doch immer. Nur das reifere Alter und der Greis können die empfangenen Eindrücke bemeiſtern. Ein Wölkchen auf meiner Stirn, ein plötz⸗ liches Erröthen, eine fieberhafte Aufregung, gefolgt von einer außerordentlichen Abſpannung, Ausgelaſſenheit und Melancholie: alles das ſpiegelte ſich ab in meiner Toi⸗ lette, und— das reichte für Delphine hin, vor Allem aber für ihre Eltern, die mich nun einmal wie eine Feindin ſtreng überwachten. „Dazu geſellte ſich bald noch inſtinktmäßige Eifer⸗ ſucht. Von Nah und Fern lockte der Ruf von dem Reich⸗ thum und der Grazie Delphinens zahlreiche Bewer⸗ ber herbei, aber die Meiſten hatten an der erſten Zu⸗ ſammenkunft mit ihr mehr als genug. Die Einen, die das mehr Bäueriſche des Provinziallebens noch bewahrt, ſchraken zurück vor den Aenderungen, die eine ſo luxuriös lebende Gattin in all ihre Gewohnheiten und Gepflogen⸗ heiten bringen würde; ja ſie ſahen in der geiſtigen Ueber⸗ legenheit und in den feinen Manieren Delphinens eine Anklage gegen ihre natürliche Derbheit und gegen einen Materialismus, deſſen Freuden ihnen ſo lieb und werth waren. Die Andern, die ſogenannten feinen Herren, fühlten ſich nur wenig hingezogen zu der langen, einem ausgefaſerten Froſch ähnlichen Geſtalt; überzeugt, daß ihre Verehrung für ſie nie ſo groß ſein würde, als ihr Vermögen und ihre äußere Stellung verdiente, zogen ſie ſich zurück, weil ſie dies für Gewiſſensſache hielten. Beide aber konnten es nicht unterlaſſen, ſie mit ihrer Gouver⸗ nante zu vergleichen. Und es dauerte nicht lange, ſo mußte Herr und Frau Savenayes erleben, daß man ſagte:„Ja, die Millionen der Einen und die Figur der Andern— das ließe man ſich gefallen!“ „So ſchlug allmälig die Animoſität gegen mich in hellen Flammen auf, die bis dahin in den Herzen nur als Funken fortglimmte. Ich ward der Gegenſtand der gehäſſigſten Späherei. Du haſt keinen Begriff davon, liebes Klärchen, wie geiſtreich und erfinderiſch einige Frauen ſind, wenn ſie ſich mit einander verſchwören, einer andern Leid und Schmerz zu bereiten. Sie wiſſen mit feinem Takt die verwundbarſten Stellen herauszufinden, und die Wunden, die ſie ſchlagen, ſind um ſo gefährlicher und tiefer, je geſuchter und feiner die gebrauchte Waffe. „So hatte ich bei meiner Empfindlichkeit nie Raſt, nie Ruhe; kaum hatte ich eine Attaque ausgehalten, ſo ſann man wieder auf eine zweite. Jeden Augenblick wechſelte man die Waffen; ein ſchiefer Blick, ein Verzie⸗ hen des Mundes, eine Bewegung, wenn ſie auch nur ein Haar von Prätenſion oder Selbſtbewußtſein zu ent⸗ halten ſchienen, und waren ſie noch ſo unſchuldig, reichte hin. Gleich ſtellte man ſich drob verletzt, ein verachtungs⸗ voller Blick, ein ironiſches Prädikat, welches ſtets auf meine Herkunft und Stellung anſpielte, waren ſofort die Strafen, die man über mich verhängte. So eine elende Gouvernante, hieß es, die nur dazu auf der Welt iſt, um mit Wiſſenſchaften ausgeſtopft zu werden, ſo ein Satellit, der nur die Beſtimmung hat, von dem glänzenden Geſtirn verdunkelt zu werden, ſo ein Mädchen ohne Vermögen, ohne Zukunft, will noch mitunter ſchön ſein, Geiſt haben und ſich beſſer beurtheilen können, als irgend ein Mann. Pfuil das iſt doch keck, abſcheulich, lächerlich und unſittlich! Und doch hatten dergleichen ungerechte, grauſame Frauen eine ganz richtige Berechnung angeſtellt. Denn wohin mußten die ununterbrochen angezettelten Ver⸗ ſchwörungen, die ſteten Schikanen ꝛc. ſchließlich führen? Zu Schmach und Schande oder zum Wahnſinn! Erſteres trifft nun wohl ſelten ein Mädchen, welches bis zu ihrem zwanzigſten Jahre nur ſeine geiſtige Ausbildung im Auge gehabt. Aber mit dem Wahnſinn verhält ſich's etwas anders! Ach! mit Entſetzen fühlte ich ihn oft an mich ſelber herantreten. Mein ganzes Ich, all meine Wünſche, all meine Pläne hatten die faktiſchen Verhält⸗ niſſe zum Feinde. Das Ziel meiner Sehnſucht war: Freiheit im Leben und Fortſchritt! Aber wo und wie waren ſie zu erringen? Ich wußte es nicht; und wohin immer ich mich um Auskunft wandte, eine genügende Antwort fand ich nicht. „Plötzlich ward mir in dieſer Beziehung ein Troſt geſchenkt; Jemand hielt um Delphinens Hand an. Es war ein Genieofficier, ein eleganter Fant, bei dem die äußere Erſcheinung den inneren Gehalt zu verbergen ſuchte; aber ſein Auftreten, das überall von feinem Takt und einem ſeltenen savoir vivre zeugte, verdeckte ſeine innere Leere jedem nicht geübten Auge. Delphinens Umgebung war ganz entzückt von den eleganten Ma⸗ nieren des jungen Officiers und dachte ſchon an nichts anderes als an eine würdige Ausſtattung, eine möglichſt glänzende Hochzeit und dergleichen mehr. Aber, ich weiß lange, ſo daß man Figur der — mich erzen uur enſtan⸗ and der riff dar von, rriſch einige voren, einer wiſſen mit uszufinden, gefährlicher chte Vaffe. t nie Raſt, chalten, ſo Augenblick ein Verzie⸗ auch nur ſein zu ent⸗ dig vichte erachtungs⸗ ſtets auf nſofort die eine elende Welt iſt, um Sakellit, den Geſtirn Vermögen, eiſt haben ein Mann. unſittlich! d el Denn telten Ver⸗ lich führen! mn! Erſteres wis zu ihrem bildung im erhält ſichs ihn oft an all meine pen Verhäl ſucht war: vo und wie und wohin 3 genügende gein Lroſt 8 Hand an. nt, bei dem verbergen feinem Takt ndeckte ſeine phinens anten Ma⸗ n an nichts ne englih er ich weiß ſelbſt nicht wie, ich zog die Aufmerkſamkeit aller Uebrigen auf mich und das führte unvermerkt und ohne irgend ein Zuthun meinerſeits zu neuen Unannehmlichkeiten und Reibereien. „Die erſten Tage, welche Herr von Saint: Mérin in der Familie verbrachte, würdigte er mich keines Blickes; dann beobachtete er mich näher, horchte weun ich redete, warf mir dann ab und zu einen freund⸗ lichen Blick zu und bald entfuhr ihm öfter Delphinen gegenüber die Aeußerung:„Und Ihre Freundin!“ Die⸗ ſen Worten folgte jedesmal ein allgemeines Erſtaunen, zuſammengekniffene Lippen und ein verhängnißvolles Schweigen. Im Allgemeinen entgehen dergleichen Vor⸗ boten eines nahenden Gewitters den Männern eher als den Frauen. Auch Saint⸗Mérin ſchien ſie nicht zu bemerken. Er wußte ſogar mich dahin zu bringen, an der Unterhaltung mich zu betheiligen, indem er mich um meine Anſichten frug; ja wenn dieſe ihm gefielen, unter⸗ ließ er es ſogar nicht, dies freudig zu betonen. Natürlich war das der Mutter Delphinens nichts weniger als lieb, daß Saint⸗Mérin auf dieſe Weiſe Delphi⸗ nen gegenüber minder liebenswürdig erſchien. Dennoch durfte ſie es nicht wagen, ihm dieſerhalb direkt einen Vorwurf zu machen; aber ſie ließ es ihm nicht undeut⸗ lich merken, daß er ſein Wohlwollen verſchwende, denn ich ſei keineswegs ſo untadelhaft und rein, wie er es zu glauben ſchien. Hierüber entſpann ſich dann eine Dis⸗ kuſſion unter ihnen, die damit endete, daß Madame Savenay Saint⸗Mérin aufforderte, mich über Delphine und ihren Charakter zu befragen, ſo könne er am beſten erfahren, wie er ihr gefallen könne. Nur beanſpruchte Madame Savenay bei dieſer Unterhal⸗ tung anweſend ſein zu dürfen; allein dieſe Zumuthung wies Mérin mit den Worten zurück:„Nie und nimmer werde ich Jemandem eine Schlinge legen, Madame!“ Darin willigte er indeß ein, gelegentlich meine Anſichten zu erforſchen und dies ſo einzurichten, daß er zugleich über meine Ehrlichkeit und Bravheit ſich ein Urtheil bilden könne. „Einige Tage nachher— wir waren damals auf dem Lande— ging Madame Savenay und Del phine in der Nachbarſchaft einen Beſuch machen. Ich war inzwiſchen einige Kleinigkeiten, Garn und Seide einkaufen gegangen. Mérin ſaß im Salon, wie ge⸗ wöhnlich in ſeine Lektüre vertieft. Ich kam vor den Da⸗ men zurück; der Tag neigte ſich.„Ich habe mit Ihnen etwas zu ſprechen, ſagte Mérin, und erſuchte mich, neben ihm auf dem Sopha Platz zu nehmen. Er ſchien Anfangs noch zweifelhaft, ob er die Unterhaltung be⸗ ginnen ſolle oder nicht; um uns wurde es allmälig dunkel, und ſo rückte er mir immer näher, um meine Geſichtszüge beſſer beobachten zu können. Er erklärte mir alſo zunächſt, wie viel ihm daran liegen müſſe, den Charakter Delphinens genau kennen zu lernen, und erſuchte mich dringend, ihm in dieſer Hinſicht offene Auf⸗ klärung zu geben. Ich ließ mich dazu ohne Weiteres her⸗ Louiſe Meunier. bei, in der Ueberzeugung, daß das, was ich an Del⸗ phine auszuſetzen fand, den ja gar nicht zu beirren brauche, den man für ſie zum Gemal auserſehen. Ihren Talenten und ihrer geiſtigen Befähigung mußte ich rückhaltlos Lob ſpenden. Im Uebrigen benahm ich mich in meinen Aeußerungen ſo, daß ich weder meinem Ge⸗ wiſſen zu nahe trat, noch auch Herrn Mérin die Selb⸗ ſtändigkeit ſeines Urtheils verkümmerte. Das Reſultat war, daß ich mich dahin äußerte, daß ſie immerhin ihren Gemal beglücken könne. „Mérin war mir dankbar für die ihm gewor⸗ dene Aufklärung und meinte, mir gebühre jedenfalls das Lob, Delphine zu dem gemacht zu haben, was ſie in der That ſei. Während er dieſe Worte der Anerkennung ſprach, drückte er mir zärtlich die Hand; ich aber war an dergleichen ſo wenig gewohnt, daß ich in eine ganz ab⸗ ſonderliche Aufregung dadurch gerieth. Meine Hand zitterte, er zog ſie an ſich und drückte einen heißen Kuß darauf. Mein Erſtaunen wuchs mit jedem Augenblick; ja ich fing ſogar an, mich zu ängſtigen, weils inzwiſchen ſchon ziemlich finſter geworden war. Wie es geſchah, weiß ich weiter nicht, genug, er ſchlang ſeinen Arm um meine Taille und zog mich in ſeine Arme. Dieſer Mo⸗ ment gab mir meine ganze Energie mit einem Male zurück; ich entzog mich ſeiner Umarmung und wollte zur Thür eilen. Mérin aber hielt mich feſt. „Fliehen Sie nicht,“ ſagte er,„verzeihen Sie mir me ine kleine Uebereilung, ich werde mich in Zukunft ſo be⸗ nehmen, daß Sie dieſelbe leicht vergeſſen.“ Gleichzeitig zündete er die Salonlampe an, um mich noch mehr zu be⸗ ruhigen und— griff dann plötzlich zu ſeinem Hute, um Delphinen und ihrer Mutter entgegen zu gehen. „Mir war darob noch immer ich weiß nicht wie; etwas Räthſelhaftes blieb in meinem Innern zurück; ich wußte mir nicht zu helfen; ich wußte einer gewiſſen Auf⸗ regung nicht Herr zu werden, die oben berührter Vorfall in mir hervorgerufen. Ich fühlte für Herrn Saint⸗ Mérin nichts, was einer Zuneigung oder gar der Liebe glich, das kann ich verſichern. Im Gegentheil, ſein über⸗ großes Selbſtbewußtſein, das an Stolz grenzte, belei⸗ digte mein Selbſtgefühl und ſchloß unbedingt jede An⸗ näherung meinerſeits aus. Ich habe überdies immer, das weißt Du, eine entſchiedene Abneigung gegen Alles, was Militär heißt, ſchon weil es mir immer nur ein Shmbol des Zwanges, der Knechtſchaft iſt, die mir in tiefſter Seele zuwider ſind. Selbſt geknechtet und meine Knechtſchaft verachtend und verwünſchend, konnte ich unmöglich den lieben, der durch ſeine Uniform bewies, daß er ſelbſt ein koſtümirter Knecht ſei. Darin unter⸗ ſchied ich mich nun einmal von der Mehrzahl der Frauen, die das„doppelte Tuch“ gleich berückt und berauſcht. „Nein, ich liebte ihn nicht! aber ſo oft er mit mir ſprach, elektriſirte er mich. Ich liebte ihn nicht! aber ſo oft er mich anſchaute, ſchlug ich verſchämt die Augen nieder; ich liebte ihn nicht! aber Aerger und Verdruß verurſachte es mir, wenn ich ſah, wie er ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit und Zärtlichkeit an Delphinen verſchwendete. Das Alles machte mich unruhig, ja unglücklich. „Ja, noch nie habe ich ſo viel gelitten, weil mein weiches Gemüth noch nie ein ſo empfindliches Gefühl befallen hatte; verſtimmt, gereizt, die Augen voll Thränen, die Bruſt zuſammengeſchnürt, die Stimme in Thränen 4 —ÿ4j— — —— — —— — 2 — 230 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. erſtickt, mußte ich oft den Saal verlaſſen und auf mein Kämmerlein flüchten. Dort ließ ich den Thränen freien Lauf, ſchluchzte und wehklagte. Die Zeit würde indeß dieſe eitle Empfindlichkeit, dieſe unſinnige Eiferſucht, de⸗ ren Grund nicht ein Mann, ſondern die Liebe war, wie⸗ der beſchwichtigt haben. Hätte man mich nur ein einziges Mal Seitens meiner Umgebung liebevoll und ernſtlich auf meine Blindheit aufmerkſam gemacht; das war doch ſo leicht. Aber nein! Klärchenz es ſcheint ein zu großes Vergnügen zu gewähren, ein armes, verlaſſenes, ſchutz⸗ loſes Kind zu quälen oder leiden zu ſehen, als daß man ihm beiſpringen ſollte! Wie könnte man auch ſonſt das Bewußtſein, einem höheren Stande anzugehören, haben, wenn man nicht gelegentlich die Kleinen und Schwachen unter die Füße träte? Und was hatten ſie denn eigent⸗ lich von mir zu fürchten? Die Thränen der Klytemneſtra ſind nur ein Thema für die Poeſie; man weiß immer wohl, daß am Schluſſe des Drama's Eriphile und nicht Iphigenie es iſt, die geopfert wird. „In wenigen Tagen ward ich dem ganzen Hauſe zum Geſpött! Es kam keine Freundin— und Freun⸗ dinnen waren alle die, welche die Tagesklatſchereien mit⸗ theilen konnten— ohne daß ihr als großes Geheimniß mitgetheilt wurde, daß ich in Saint⸗Mérin ſterblich verliebt ſei. Und ſchau, wie gut ſie waren! um mir nicht weitere Pein zu verurſachen, bewachten ſie mich aus Mit⸗ leid ſtreng bis zu Delphinens Heirat. Ein ſchönes Mitleid in der That, welches mich in aller Leute Augen lächerlich machte. Meine Reizbarkeit wurde dadurch na⸗ türlich noch erhöht, und je mehr ich auf mich Acht gab, deſto mehr wuchs meine Erregtheit. Erſt waren es Lippen⸗ bewegungen und Blicke, mit denen man mich unausge⸗ ſetzt inſultirte; bald aber wurde die Sache wirklich un⸗ geheuerlich und unerträglich. Ungeachtet man ſie ganz geheim hielt, hatte man doch laut genug davon geplau⸗ dert, um ſie aus dem Salon auf die Straße zu bringen. Mußte ich doch bald hören, wie das Stubenmädchen zum Hausknecht ſagte:„Fräulein Louiſe, die iſt in Herrn von Saint⸗Mérin berliebt. Ob die vielleicht Luſt hätte, ihn zu heiraten?“ und ſie ſetzte dann eine ſo gemeine Redensart hinzu, daß ich mich ſchäme, ſie Dir zu wiederholen. „Man hatte beſchloſſen, die Hochzeit auf einem Sa⸗ venay'ſchen Schloſſe in der Umgebung von Coutances zu feiern. Die ganze Familie ſiedelte dorthin ungefähr einen Monat vor dem Hochzeitstage über. Mérin ließ in dieſer Zeit zu unſerer Begleitung einen Pariſer Freund, einen Advokaten, kommen, der auch als Zeuge bei der Vermälung fungiren ſollte, weil er die Heirat vermittelt hatte. „Herr Dornet war weder ſchön noch verführeriſch und von ſehr zweifelhafter Liebenswürdigkeit. Dagegen verſtand er es prächtig, das Unglück Anderer zu beob⸗ achten und hatte die gewandteſte Zunge von allen Pari⸗ ſer Advokaten. Voll Eigenliebe, ehrgeizig, mehr aus Eitelkeit als aus Stolz, Egoiſt im höchſten Grade, be⸗ ſtändig eingenommen von ſeinen Verdienſten, boshaft, wenn man nicht für ihn ſo wie er ſelbſt ſchwärmte: ge⸗ berdete er ſich ſtets als der verkannteſte und verfolgteſte Menſch auf der ganzen Welt. Dieſe Miſanthropie trieb er indeß nicht ſo weit, daß er die Geſellſchaft geflohen hätte. Im Gegentheil: er unterhielt fleißig alle ſeine Be⸗ ziehungen, nahm gewiſſenhaft alle an ihn ergehenden Einladungen an und befand ſich an einer wohlbeſetzten Tafel ſehr wohl, falls er den erſten Platz und den beſten Biſſen bekam. Es war widerwärtig, ihn zu beobachten. Bald ſah man ihn ſchmeichelnd und kindlich bittend bis zur Kriecherei; bald arrogant und verletzend, ſo daß er ſeines Gleichen nicht einmal grüßte. Bald war er ſchweig⸗ ſam und nichts konnte ihn dann oft zum Sprechen be⸗ wegen; oft wieder entwickelte er eine brillante Bered⸗ ſamkeit, und wehe dem Unglücklichen, dem dann ſeine Pfeile und Geſchoſſe galten! Aber nie glänzte ſeine gei⸗ ſtige Fähigkeit heller, als wenn er jedem, ohne unzart zu werden, die größten Anzüglichkeiten und Unannehm⸗ lichkeiten ſagte. „Man kann ſich in der That glücklich ſchätzen, wenn ſo einem Menſchen etwas entgeht. Wie würde es mir ergangen ſein, wenn Madame Savenay oder ihre Freunde ihn in meine kurioſe Poſition eingeweiht hätten; das wäre für ſeine Bosheit und Ironie Waſſer auf die Mühle geweſen. Allein ſo ſehr man es auch Herrn Saint⸗Mérin zu verheimlichen ſuchte, daß man ſich hie und da auf meine Koſten luſtig machte, ſo war es dieſem doch nicht entgangen, und er fühlte es wohl, daß ſein Benehmen zum Theil Schuld daran war, daß ich jetzt ein Spielball des Geſpöttes war. Darum kam ihm die Ankunft ſeines Freundes ganz gelegen und er ſuchte meine Lage durch dieſen wo möglich erträglicher oder gar angenehm zu machen. Vielleicht wußte er mir's Dank, daß ich die auf mich gerichteten Angriffe nicht auf ihre Urheber, Delphine und ihre Eltern, ableitete. In der That war mir dies auch nie in den Sinn ge⸗ kommen. Ob in Folge meiner natürlichen Gutmüthigkeit oder meiner tief gewurzelten Reſignation, das weiß ich nicht. Leider iſt's nur zu wahr, daß ich mich bei den An⸗ griffen benahm wie ein ſchwankendes Rohr und ſchließ⸗ lich geknickt wurde wie eine Eiche. „Wie wußte Saint⸗Mérin Herrn Dornet für mich zu intereſſiren? Was für Ausſichten hatte er ihm gegeben auf die Ehre mich einzunehmen? In wie weit hatte er ihn in meine Geheimniſſe eingeweiht? Das ſind Fragen, auf die Du, liebes Klärchen, Dir eben ſo gut antworten wirſt, wie ich ſelbſt. Nur das eine weiß und ſage ich Dir poſitiv, daß Moriz bei erſter beſter Gelegenheit irgend einen jener wohlfeilen Triumphe zu feiern beſchloſſen hatte, die das Genie liebt, indem es ſich auf ſeines Gleichen oder auf Dummköpfe beruft. „Bald aber änderte ſich die Sache. Herr Dornet verſchaffte mir in unſerer engeren Umgebung, was man ſo zu nennen pflegt, einen Triumph. Ich hatte auf einen Moment meine Qual vergeſſen. Ich benahm mich Herrn Dornet gegenüber ganz vorurtheilsfrei und machte mir ſeine Freundlichkeit zu Nutzen. Ich zeigte mich ihm für den Anfang in jener trotzigen Beſcheidenheit und jener koquetten Furchtſamkeit, die mir nun einmal am meiſten eigen ſind. Beweglich, ſelbſt ungeſtüm, wie er war, ſuchte Dornet überall die Extreme, und man war 8 ☛—́éy—— —— Louiſe Meunier. für ihn nur Gegenſtand enthuſiaſtiſcher Vorliebe oder der ſtolzeſten Geringſchätzung. Sein Enthuſiasmus für mich ward, wenn auch nicht ernſt, ſo doch wahrhaft wü⸗ thend. Doch genug davon; er ging nicht ſo weit, mir ſeine Hand anzubieten, aber er ſchätzte ſich überaus glücklich, in meiner Nähe zu ſein; er malte mir in den reizendſten Farben das Leben in Paris aus und die Annehmlichkeiten, die dasſelbe für eine ſo geſcheite und ſchöne Dame wie ich hätte. Die Provinz ſei nicht für mich geſchaffen, und in der Provinz bleiben, gleiche bei mir einem Selbſtmord. „Ich geſtehe, dieſe Unterhaltung behagte mir; der Hintergedanke, der dahinter ſteckte, kümmerte mich wenig. Dornet hatte auf mich gar keinen Einfluß; aber trotz meiner Antipathie gegen ihn, fand ich ihn doch in Ueber⸗ einſtimmung mit meinen Anſichten, weil die Abneigung, die ich gegen mein bis dahin geführtes Leben hatte, mich auf jene ſchiefe Ebene trieb, auf die er mich zu 3 zerren ſuchte, auf jenen verhängnißvollen Pfad, wo man den Kopf verliert. Ich machte mir keinerlei Illuſion be⸗ treffs ſeiner Ergebenheit; das wäre ſogar bei ſeinem geſchliffenen Weſen ſehr gefährlich geweſen. Aber ich verſicherte mich ſeiner Beihilfe, um endlich das Joch Delphinens und ihrer Mutter abzuſchütteln, und mir nach ſo langer Demüthigung die Freiheit wieder zu verſchaffen. „Obgleich es ſonſt nicht mein Geſchmack iſt, ich auch die Mittel nicht beſitze, meine Rivalen zu über⸗ ſtrahlen, ſo konnte ich mich doch eines wonnigen Rache⸗ gefühles nicht erwehren, als ich delphine in einer ernſten Konverſation mit Dornet auf's Eis geführt ſah. Indeß dies ſo neue Vergnügen, mich endlich, wenn auch nicht geſchmeichelt, ſo doch gehört, um Rath gefragt, nicht gleich Null geachtet zu werden, wirkte in der That betäubend auf mich. In dieſe Schlinge gerieth ich, denke Dir! Ja, es iſt wahr, wir Alle gleichen jenen Kindern, 8 die ſich durch die äußere Erſcheinung eines Gauklers blanden laſſen. Dornet war aber zu ſehr Egoiſt, als daß er ſich rgend etwas vergeben hätte, um einem Andern zu gefalen. Ich blieb ſeine Loſung; aller möglichen kleinen Schae und Ränke bediente er ſich, um nur in meine Näcakommen, ſich meiner Geſellſchaft zu freuen, mich — feſſeln, ſelbſt dann, wenn der geſtrenge An⸗ 7 and ihn anders wohin rief. Mich ermuthigte er, mich aller Macht eigenwilligen Befehlen zu widerſetzen, s heißt, nichts zu thun, als was ſtrengſtens meines emtes ſei; bis dahin nämlich hatte ich mich auch zu allerlei Anderem ſtets nur zu ſehr bereit finden laſſen und war ſo der Spielball der Laune geworden. Jetzt bereitete ich mich über ſeine Aufforderung zu jenen bos⸗ haften Widerſetzlichkeiten vor. So war's zum Beiſpiel während unſeres Aufenthaltes auf dem Lande Gewohn⸗ heit geworden, nach jeder Mahlzeit einen kurzen Spa⸗ ziergang zu machen. Wenn die Damen dann zum 2 zchloſſe zurückkehren wollten, erſann Dornet ſofort nen geiſtreichen Vorwand, um unſere Unterhaltung —— ch weiter fortſpinnen zu können; bald entdeckte er h eine nahe gelegene ſchöne Ausſicht, bald hatte er N „A———. . 1 1 3 4 bei den Bauern noch etwas zu fragen ꝛc. Dann botter mir jedesmal ſeinen Arm an, und ich nahm ihn, als hätte das weiter gar nichts zu bedeuten. Aber bald konnte es mir nicht entgehen, daß dem doch nicht ſo war; wenigſtens Delphinens Mienen und Predigten ließen darauf ſchließen. „Der Erfolg dieſer tollen Streiche, womit Dor⸗ net ſeine Wirthe neckte und mich für ſich einnahm, trieb ihn an, immer wieder neue zu begehen. Eines Tages aber machte er es in der That faſt zu toll. Madame Savenay hatte etwa zwanzig Perſonen zu Tiſche ge⸗ laden. Nach langer reiflicher Ueberlegung hatte ſie die ſo wichtige Reihenfolge der Gäſte entworfen und trug dann Delphinen auf, nach dieſem Entwurf auf jedes Couvert eine Karte mit dem Namen deſſen, für den es beſtimmt war, hinzulegen. Dornet ſah dem aufmerk⸗ ſam zu, und warf dann, gleich nachdem Delphine fertig war, einen flüchtigen Blick über die Tafel. Da gewahrte er, daß ſeine Karte neben dem Couvert einer alten Dame lag, die die angeſehenſte Perſon in der Ge⸗ ſellſchaft war. Seine Eitelkeit ſchlummerte in dieſem Augenblicke; er wollte auf die Ehre, die ihm mit Langer⸗ weile drohte, verzichten. Er vertauſchte darum ſeine Karte mit der neben meinem Couvert liegenden. Als die Gäſte bereits ihre Plätze eingenommen; ſie war nahe daran, vor Aerger zu berſten; aber ſie faßte ſich, aus Furcht, ſie möchte dadurch ihrer Hausfrauenehre etwas vergeben. Nachdem ihr Blut ſich vollends beruhigt und abgekühlt, ſagte ſie zu Moriz: „Sie haben gewiß erwartet, mein Herr, deß bin ich gewiß, in meiner Nähe einen Platz angewieſen zu bekommen; darum bemerke ich Ihnen, daß der Platz, den Sie einnehmen, nicht der iſt, den ich für Sie be⸗ ſtimmte; meine Tochter hat ſich da offenbar geirrt; und ich bitte um Entſchuldigung.“ „Mutter,“ erwiederte Delphine in feſtem ge⸗ meſſenem Tone,„ich weiß ganz gewiß, daß ich mich nicht geirrt; die Verwechſelung iſt nicht meine Schuld.“ „Seien Sie in dem Punkte nur unbeſorgt und ruhig,“ ſagte Moriz Dornet mit ſpöttiſcher Unter⸗ würfigkeit;„das macht ja nichts; der die Ehre hat, hier Gaſt zu ſein, den kümmert der Platz wenig, den er ein⸗ nimmt; ich befinde mich auf dem Meinigen ganz wohl.“ „Madame Savenay's Antwort hierauf beſtand nur in einem ſtolzen, kalten Blicke auf Dornet. Auch mir warf ſie einen Drohblick zu, und— ich ertrug ihn nicht ſo feſt wie M oriz, ſondern erröthete und begriff ſogleich, daß die Diskuſſion hiermit noch nicht ihr Ende erreicht habe, ſondern nur verſchoben ſei. „Abends erſchienen wir beim Tanze, Dornet und ich, und zwar bei der erſten Quadrille, als Ma⸗ dame Savenayh ſich uns näherte. „Verzeihen, Fräulein,“ ſagte ſie, als ſähe ſie nur mich;„dieſer Platz gehört Nadame von Tery, welche Saint⸗Mérin eben eingeladen; ich bitte Sie deß⸗ halb, ihn zu verlaſſen.“ „Ich hatte kaum Zeit, mich über dieſe Impertinenz zu ärgern, als ſchon Moriz, mit halblauter Stimme, Madame Savena dieſe Aenderung bemerkte, hatten 23²2 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. aher doch ſo, daß Madame Savenay es hören konnte (und das ſollte ſie eben), zu mir ſagte: „Iſt's gefällig, einen Spaziergang durch den Park zu machen? Hier iſt ja doch kein Platz für uns.“ „Ich folgte dieſer Einladung ſofort; ich hatte einmal A geſagt, nun wollte ich auch B ſagen und ver⸗ traute mich ganz und gar meinem Beſchützer an. „Eine Stunde nachher kehrten wir in dieſelbe Gartenallee zurück; Dornet beſtürmte mich mit ſeinen Rathſchlägen und Beſchwörungen: Ich ſollte das Haus der Madame Savenay verlaſſen, ſelbſt wenn ſie nach der Verheiratung ihrer Tochter mich als Geſellſchafterin aufnehmen wolle und— meinen Aufenthalt in Paris nehmen. Es würde ſich dort leicht ein Maleratelier für Damen finden, wenn nicht, ſo würde auch ſchon Privat⸗ unterricht in der Muſik mir ein mehr als hinreichendes Auskommen ſichern. Dabei machte Dornet ſich ver⸗ bindlich, mich den Kreiſen der höchſten Ariſtokratie mit Erfolg zu empfehlen. Meine äußere Erſcheinung ver⸗ bürge den Erfolg in demſelben Maße wie meine künſt⸗ leriſche Tüchtigkeit. Dies würde der erſte Schritt zu meinem Glücke ſein. Eine ſo treffliche Dame, wie ich ſei, habe Anſprüche auf Alles, wenn ſie eine Stellung ver⸗ ließe, die ihre Schönheit und ihre Anmuth ſtets unter den Scheffel ſtelle. Er ſeinerſeits ſchätze ſich glücklich, in meiner Nähe als uneigennütziger Protektor und wahrer Freund leben zu können. Dieſe Ausſichten, die er ſehr plauſibel zu machen wußte, fanden mich nicht ſehr leicht⸗ gläubig und doch pochte mein Herz bei Dornets Worten mächtig, und die Ausſicht auf zukünftige Freiheit und Unabhängigkeit war für mich zu verführeriſch. „Nach der Rückkehr in den Saal wollte ich nicht mehr tanzen. Nachdem Alles ſich zurückgezogen, hatte Madame Savenay mit Saint⸗Mérin eine lange Unterredung, deren Gegenſtand ohne Zweifel ich allein war. Dann ließ ſie mich rufen und machte mir Vor⸗ würfe, daß ich mich auf ſo auffallende und eigenmächtige Weiſe aus der Geſellſchaft entfernt hatte. Gewöhnlich pflegte ich in ſolchen Fällen nur ein hartnäckiges Still⸗ ſchweigen zu beobachten; aber diesmal war ich kecker und reſoluter als ſonſt. Bemerken muß ich hier, daß Madame Savenay, die ſonſt in nichts ſich von den Damen der höheren reichen Bourgeoiſie unterſchied, etwas ganz beſonders Abſtoßendes und Verletzendes hatte. In ihren Zügen wie in ihrer Sprache lag etwas unausſtehlich Anmaßendes, Hartes— und die gewöhn⸗ lichen Leute bezeichneten es nicht unrichtig mit„Herz⸗ loſigkeit“. An jenem Abend ſchien's mir in der That, als wollte ſie mich für immer vernichten! Aber ich war entſchloſſen, mir keinerlei Demüthigung gefallen zu laſſen; meine erſte Antwort war ein Blick und ein Lächeln voll Ironie. Dann fragte ich ſie dreiſt und offen, worin denn die Ungeheuerlichkeiten, die ſie mir vorwarf, beſtänden; ſie ſolle mir die betreffenden Aeußerungen und Hand⸗ lungen nennen. Dabei bemerkte ich ihr, ſie ſolle ſich nur ja nicht täuſchen; ſie habe in mir kein Kind mehr vor ſich. „Madame Savenay hörte mir erſtaunt zu und erklärte mir dann wenn ich meine übertriebenen koketten Anſprüche wie bis jetzt noch länger erhöbe, würde ich mich entſchieden lächerlich machen. Da riß mir die Ge⸗ duld! Ich warf ihr vor, ſie habe mir's angewöhnt, mich lächerlich, ja verhaßt zu machen, indem ſie die Keime jugendlicher Beſcheidenheit in mir erſtickt. „Sie, rief ich ihr zu,„Sie wiſſen es nur zu gut, daß ich Ihrem Fräulein Tochter nie übel wollte; und, wenn ich dies gewollt, war's da nicht vielmehr Ihre Pflicht, mir dies im Vertrauen vorzuhalten, ſtatt damit Skandal zu machen, wie Sie es wirklich gethan? Sie klagen mich an, und gerade Sie ſind es, die ſich an meiner Perſon, an meiner CEhre ſchwer verſündigt! Aber daran war's nicht genug, daß Ihre Eitelkeit darin Be⸗ friedigung fand, daß Fräulein Delphine in Saint⸗ Mäérin einen Gemal fand; nein! es kam darauf an, um die gemachte Eroberung in einem glänzenderen Lichte erſcheinen zu laſſen, zu thun, als habe Delphine dabei ein Opfer gebracht; und ich ſollte bei der Gelegenheit den Sündenbock ſpielen.“ 4 „Dieſe heftigen Scenen ſagten ſo wenig meiner Gewohnheit und meinem Charakter zu, daß die Stimme mir verſagte, daß ich ſchluchzte und weinte. Madame Savenay erbleichte, während ich ſprach, und konnte die Regungen ihres Gewiſſens nicht verbergen. Nichts⸗ deſtoweniger ſuchte ſie ſich zu ermannen, um nicht von einer ſo ſchwachen Gegnerin beſiegt zu erſcheinen. „Vergeſſen Sie nicht, Fräulein, daß ich Herrin bin; ich habe zu befehlen, Sie haben zu gehorchen oder weg⸗ zugehen.“ „Ich verſtehe, Madame,“ entgegnete ich;„morgen werde ich weggehen. Ich habe dabei gar nichts zu ver⸗ lieren; Fräulein Delphine wird demnächſt heiraten und— dann bin ich überflüſſig!“ „Kaum hatte Madame Savenan dieſe meine entſchiedene Aeußerung vernommen, ſo bereute ſie das Wort, das ſie eben geſprochen. Sie mochte davon weiß Gott was Uebles befürchten. „Ueberlegen Sie erſt, Fräulein, bevor Sie handel; das dürfte nur zu ſehr in Ihrem Intereſſe ſein. Wer weiß, was geſchehen wird, wenn Sie ſich plötzlich von einer Familie losſagen, die nur Ihr Beſtes will.“ „Dieſe theilweiſe in drohendem Tone gemchte Bemerkung verletzte noch obendrein meine Eitge Kaber Madame Savenay hatte ſie offenbar—2,n ufre⸗ gung gemacht; das höhniſche, ſtolze Läche Ft? Dhre Lippen wich bald, und man ſah dann, daß eine gewiſſe Rührung ihr Herz beſchlich. Ach! hätte ſie derſelben nur einen Augenblick ſich freimüthig überlaſſen, wie leicht hätte ich vergeſſen— wie leicht ſogar lieben können, wenn man's gewollt. Da dies nicht der Fall war, ſo ſteigerte ſich meine peinliche Stimmung. Ich grüßte Ma⸗ dame Savenay ohne ihr zu antworten und ging fort; mein Kopf war brennend heiß. Da ich merkte, daß die Dienerſchaft nicht ſchlief, ſo ging ich in den Garten, um den geſtirnten Himmel und die kühle Abendluft um Rath zu fragen. „Begreifſt Du jetzt, liebes Kl ärchen, warum ich Madame Bourgueville ſo ſehr geſcheut und noch ſcheue? Was kann ich von ihr mehr erwarten, als von Madame Savenay? Sind nicht ihre Principien, Vor⸗ — — , ☛‿2 Aus der Neuen Welt. 237 Schuhputzer, Trödler, Obſt⸗ und Kandishändler, das unauf. ſhörliche Läuten der Glocken der Auktionare wirkt nach der Ruhe und Langweiligkeit der Seereiſe wahrhaft betäubend. DOen größten Lärm auf Long Wharf machen die Runners, Agenten für zwei konkurrirende Dampfbote nach dem Sakra⸗ mento oder S. Joaquin, die unaufhörlich mit lauter Stimme ſchreien, daß das Fahrgeld bis Stockton heute auf 1 Dollar um ihm eine Paſſagekarte zu verkaufen; ſie vertreten ihm den Weg, halten ihn feſt, und können oft nur mit einem Colt's Revolver aus dem Wege gebracht werden.„Fahren Sie mit dem andern Bote, wenn Sie Luſt haben, in die Luft geſprengt zu werden,“ iſt der tröſtende Nachruf des Runners, deſſen Zu⸗ dringlichkeit und Unverſchämtheit reſultatlos geblieben. Indem der Neuling neben dem Karren, der ſein Gepäck fährt, weiter ſchreitet, ſieht er vor einigen Häuſern große amerikaniſche Flaggen we⸗ hen. Sie ſcheinen ihm ein Feſtſchmuck, aber er überzeugt ſich bald, daß es nur Komptoire ſind, wo Seeleute für auszu⸗ gehende Schiffe angenommen werden, wie die Anzeigen unter den Balluſtraden angeben:„20 tüchtige Matroſen nach China und um's Kap der guten Hoff⸗ nung.“—„Ein Oberkellner und ein Koch für einen Dampfer.“—„12 Mann nach New⸗York direkt“ ꝛc. ꝛc. Schenken und Reſtaurationen ſind dort in großer Anzahl mit wirklichen und gemalten Flaggen, mit großen Speiſe⸗ zetteln an der Thür, welche zur näheren Erläuterung mit Bären, Hirſchen, Rehen, Feldhühnern, Fiſchen, wilden Gänſen, rieſigen Kohlköpfen und Rüben, auch wohl mit einem Löwen, Panther, Waſchbär, Reiher, Pelikan und andern eßbaren und nicht eßbaren Dingen garnirt ſind. Aus einem dieſer Häuſer tönt ein Lärm, der die Amerikaner Muſik nennen. Es iſtes Spielhaus, wo die Liebhaber Riliches Monte oder Roulette unter dem aale einer ſchlecht geſpielten Violine, die ve Guitarre, Banjo, Tambourin und den unentbehrlichen Klapperblättern begleitet wird, ihr Geld verlieren. Dieſe Art Muſik⸗ korps(hier ‚„Banden“ genannt) beſchmier⸗ ten ſich früher Geſicht und Hände mit Schwärze, ſetzten krauſe Negerperücken auf, und ſpielten und ſangen jene äthio⸗ piſchen Melodien, die weder äthiopiſch noch Melodien ſind. Weiterhin iſt ein anderes Haus, wo Pſeudo⸗LTiroler ſingen, und noch ein anderes, wo die Doublonen und Dollars muſikaliſcher klingen, als das Klavier, das von einem früheren Matro⸗ ſen, ſpätern Goldgräber, unbarmherzig mißhandelt wird. Zeitungsträger(llie⸗ geſetzt, daß ihr Bot das beſte in dieſen Gewäſſern, wenn nicht das beſte in der Welt iſt; daß die Fahrt mit dem andern Bote ſich auch nur 1 Dollar koſte, aber die Eigner beſſer thäten, n Paſſaaier 10 Dollars zuzugehen, wegen der ungeheuren 1 wonnemlichkeit. Kommt einer aus dem Innern (andsknecht) oder nur mit ein paar wollenen gerufen wird: Qenalichen Begleitern der hieſigen make! Die Nichtſpielende Runners auf ihn zu, gende Buchhändler, hier Newboys ge⸗ nannt) bieten jedem Vorübergehenden ihre neueſten atlantiſchen Zeitungen an, und der ſich ſtets wieder⸗ holende Ruf:„Dies iſt die neueſte Ausgabe des Newyorker He⸗ rald, der Weekly Tribune, des Boſton Journal und True Delta“ übertönt eine Weile das Wagengeraſſel, das Rufen der Runners, das muſikaliſche Chaos und das Geplauder der Chineſen und Franzoſen, die ſich darin ähnlich ſind, daß ſie immer paarweiſe über die Straße gehen, ſtets in lautem Geſpräch mit heftigen Ge⸗ ſtikulationen begleitet, ſo daß es immer ſcheint, als zankten ſie ſich. Durch das Getümmel drängt und ſchiebt ſich der Neuling, dem es vorerſt hauptſächlich darum zu thun iſt, ein Obdach zu finden, um ſeine ſieben Sachen, deren er, wie faſt alle hier Einwandernden, dreimal ſo viel bei ſich hat, als nöthig ſind, in Sicherheit zu bringen und dann den innern Menſchen zu pflegen. Er hält vor einem un⸗ anſehnlichen Bretterhauſe, woran mit großen Buchſtaben „Board and Lodging“ ſteht. Im Nu liegen ſeine Sachen auf der Straße, der Karrenführer ſagt kurz: „Dollar and a half'(anderthalb Dollar), nimmt ſein Geld und fährt, unbekümmert um das Leben oder die Gliedmaßen ſeiner Nebenmenſchen, in das dichte Getüm⸗ mel. Der Wirth iſt mit einigen Gäſten beim Euere(Kar⸗ tenſpiel) beſchäftigt, kann ſich daher um den Gaſt nicht be⸗ kümmern, was er ohnehin auch nicht eher thut, als bis der Gaſt ſich ihm gehörig vorgeſtellt hat. Der erſte Kellner (Barkeeper) ſteht hinter der Schenke und betrachtet lächelnd den neuen Ankömmling, dem er gleich anſieht, daß er ein Greenhorn(unerfahrener Neuling) iſt, und auf den er, ohne ihm übrigens im Mindeſten zu helfen, mitleidig herabſieht, denn er iſt ſchon drei Monate im Lande, folglich ein alter Kalifornier. Auf eine Frage beim Kellner, weiſt dieſer nach einem Winkel, wohin der Fremd⸗ ling ſeine Koffer, Betten, Waffen und Werkzeuge ſchleppt und dann bei einem Glaſe Gin-Cocktail(ein Getränk von Genever, bittern Tropfen ꝛc.) ein Geſpräch mit dem Kellner anknüpft. Unſer Reiſender erfährt, daß in dieſem Hauſe ſchon gegeſſen ſei, aber in der Nähe bei einem Re⸗ inſtrumenten einige weittönende deutſche Stücke vorträgt; mehr als 300 Schritte entfernt, an der Ecke der Long Wharf, läuft ein Mann beſtändig auf jede neue Gruppe der Vorübergehenden zu und ruft dabei mit einer Sten⸗ torſtimme, die Alles übertönt, daß, wer den einzigen an⸗ ſtändigen Ort für wahres Vergnügen in San Francisko beſuchen will, nur nach dem American gehen darf, wo er für 2 Dollar im Parterre, für 4 Dollar in der Loge, aber auch für 1 Dollar auf der Galerie(an letzterm Platze aber zwiſchen Gentlemen of colour, d. h. Neger und Baſtarde mit afrikaniſchem Blut, als: Mulatten, Quarteronen zc.) einen Sitz bekommen könne. Dabei zeigt er auf die von fern her leuchtenden Pechpfannen, die auf dem erwähnten Gerüſte angezündet ſind. Wir gehen Long Wharf weiter hinunter, da läßt ſich plötzlich ein ganz neues Getöſe von barbariſcher Art dicht neben uns hören: es iſt ein Speiſewirth, der anzeigt, daß ſein Abendeſſen fertig iſt, und deßhalb auf einer chineſiſchen Gong derge⸗ ſtalt trommelt, daß es nicht allein alle Leute in der Stadt, ſondern allenfalls noch die, welche eine Meile darüber hinaus wohnen, hören können. Straßenbeleuchtung gibt es freilich nicht, aber die hellerleuchteten, weit aufge⸗ ſperrten Reſtaurationen, Läden, Schenken und Spielhäuſer verbreiten hinreichende Helle, um ſowohl die Gegenſtände auf der Straße, als die Vorſäle in den öffentlichen Lokalen genau zu ſehen. Auf dem mit knarrenden Brettern be⸗ legten Trottoir werden wir auf einmal mitten im Wogen der Spaziergänger von einem Menſchen angehalten, m ſtaurant zu jeder Zeit nach der Karte geſpeiſt werden Wortknne. und Unas Nachdem er die Verſicherung erhalten, daß ſein Ge⸗ Nach'ngetsſtet bleiben und er zur Nacht ein Bett haben mehr tam⸗ ggibt er ſich nach dem bezeichneten Reſtaurant, Made ſich Suppe, Fleiſch, Kartoffeln, Pudding und eine Un⸗ Taſſe Kaffee geben, ißt wie alle Uebrigen ſtillſchweigend w und ſo ſchnell, als ob es eine Wette gälte, bezahlt jedes deſſen Dialekt ihn als einen Irländer zu erkennen gibt. Dabei zeigt ſein geröthetes Antlitz und ſeine ſchwankende Haltung, daß er mehr als half seas over(angetrunken).⸗ iſt. Er ſagt, indem er höflich an die Stirn greift, wo Hut oder Mütze geſeſſen haben würde, wenn dieſe ihm nicht ſchon im Gedränge abgeſtoßen wäre:„Meine Herren, ich ſehe Ihnen an, daß Sie hier etablirte wohlhabende Leute ſind, ich ſuche—(hierauf fällt er auf den ihm von der mit 25 Cents(jetzt kann man zu 12 ½ Cents die Portion ſpeiſen) und geht wieder fort. Auf der Straße begegnet ihm ein Bekannter. Mit ihm erklimmt er den Telegraphen⸗ berg, überſchaut das herrliche Panorama der Bai mit ihren Schiffen, Inſeln, Bergen und der Stadt in Abend⸗ beleuchtung. Indem unten die erſten Lichter ſchimmern, ſteigt er hinab, um San Francisko„bei Lichte“ zu be⸗ ſehen. Wir wollen ihn begleiten. Die Fuhrwerke aller Art, vom leichten Buggy und Kabriolet bis zum altkaliforniſchen Ochſenkarren, ſind aus den Straßen verſchwunden, aber das Treiben iſt noch ebenſo lebhaft, wie am Tage, denn jetzt erſt kommen die meiſten Leute, die nicht der arbeitenden Klaſſe angehören und den Tag über in ihrem Komptoir oder Bureau be⸗ ſchäftigt waren, von ihrem ſpäten Mittagstiſch, um ſich zu ihren Abenderholungen zu begeben. Andere fangen jetzt erſt ihren Tag an: Spieler, Glücksritter und Loafer, an denen San Francisko, wie alle nordamerikaniſchen See⸗ ſtädte, Ueberfluß hat. Dies iſt die Zeit der ohrenzer⸗ reißendſten Muſik, an die man ſich erſt gewöhnen muß. Vor dem neuen Schauſpielhauſe(American Theatre) in Sanſome⸗Street bemerkt man ein Gerüſt, wie vor unſern Gauklerbuden, auf dem ein Muſikkorps mit Blech⸗ Natur angewieſenen Schwerpunkt und redet in dieſer niedrigen Stellung fort)— eine Anſtellung als⸗Be⸗ dienter, Reitknecht oder ſonſt etwas. Ich bin ein Irländer, geboren und erzogen, ausgebildet in Sydney, New⸗ South⸗Wales“ ꝛc. Wir überlaſſen der inzwiſchen ſtehen gebliebenen Menge, das Selbſtlob des benebelten Hiber⸗ niers zu Ende zu hören, und treten in ein Auktionslokal, wo Abends, und zwar nur bei Lichte, goldene Uhren und Schmuckſachen, alles garantirt echt, dem Meiſtbietenden verkauft werden. Der Auktionär iſt ein deutſcher Jude, deren es in allen Städten des Landes eine Menge gibt und die faſt alle kein Deutſch mehr ſprechen. Er hält eine gewöhnliche vergoldete ſchweizer Chlinderuhr in die Höhe und ſchreit, daß er feuerroth im Geſichte wird, mit ſchlechtem Accent, aber ungeheurer Geläufigkeit:„twelve, twelve, twelve Dollars for this new english patent lever watch, diamand holes twelve, twelve,“ ſo daß es wirklich bewunderungswürdig iſt, wie noch ein Käufer ein Gebot bemerkbar, geſchweige denn hörbar machen kann. Jedem Neugierigen, an deſſen Kleidung oder u⸗ er zu bemerken glaubt, daß er ein Ankömmli, als von Minen iſt, hält er von dem hohen Tiſchancipien, Vor⸗ unter die Naſe, rühmt das ſchön— vorträgt der Long ⸗Gruppe der Sten. zigen an⸗ francisko darf wo ein gauf s hören: endeſſen g derge⸗ rStadt, darüber ung gibt aufge⸗ ſelhäuſer enſtände Lokalen tern be⸗ Wopen halten, in gibt. ankende runken wo Hut mm richt reen, ich de Leute von der dieſer s Be⸗ lländer, New⸗ ſtehen Hiber⸗ nölokal ren und etenden r Jude, ge gibt Er hält rin die d, mit welve, patent ſo daß. Kufer ——— 4 machen 1 er 9, von Vur Aus der Neuen Welt. 239 ſie 50 Pfd. in Liverpool gekoſtet habe, daß für 12 Pfd. Gold daran ſei ꝛc., bis Jemand 13 Dollars bietet, dem ſie auch ſogleich zugeſchlagen wird, um mit einer ſchwe⸗ ren Kette(natürlich auch von echtem Gold) das gleiche Spiel von vorne anzufangen. Im anſtoßenden Lokale werden ebenfalls von deutſchen Juden Hüte, Jacken, Ho⸗ ſen, Hemden ꝛc. verſteigert. Die gerade von den Minen angekommenen, meiſt ſehr abgeriſſenen Goldgräber equi⸗ piren ſich hier für den Abend(denn viel länger hält das Gekaufte gewöhnlich nicht), ziehen ſich im Hintergrunde des Lokales an, wobei ein geſchäftiger Judenjunge ihnen hilfreiche Hand leiſtet, und werfen ihr altes Zeug, Stie⸗ fel, Hüte ꝛc., auf die Straße, die permanent damit ge⸗ pflaſtert zu ſein ſcheint. Das kleine Spielhaus an der Ecke der Montgomery⸗Street reizt unſere Neugier. Die Melodie:„Oh Susannah! don't you cry for me“(O Suſanna, jammere nicht um mich) ſchallt uns mit der unvermeidlichen Begleitung der Auktionatorſchelle und dem Rufe des Kandiskrämers entgegen. Das Lokal iſt klein und gedrängt, die Wände ſind mit Darſtellungen aus der griechiſchen Mythologie überladen, die Schenke mit den gehörigen flüſſigen Stoffen verſehen, während die äthiopiſchen Minneſänger aus ihrem erhabenen Käfig den gräulichſten Lärm erſchallen laſſen. Ein Faro⸗, ein Monte⸗ und ein Roulette⸗Tiſch, an die man ſich mühſam hinandrängt, ſind mit Haufen Dollars, Unzen und Gold⸗ ſachen bedeckt; lederne Beutel mit Goldſtaub zeigen, daß eben erſt ein Goldgräber geplündert worden. Aber der Lärm iſt zu groß, das Gedränge für Jedermann, die Taſchendiebe ausgenommen, unbehaglich; wir gehen daher weiter. Ann den Ecken gegenüber ſtehen düſter und verlaſſen — denn die Geſchäftszeit iſt längſt vorüber— die Komptoire der Banquiers James King of William und B. Davidſon, Agent für Rothſchild. Letzteres iſt von be⸗ ſonders unfreundlichem Anſehen, weil es nach dem Modell babyloniſcher oder egyptiſcher Katakomben gebaut zu ſein ſcheint. Zwiſchen dieſen liegt die Kommercial⸗Street, am Abend die belebteſte Straße der Stadt. Vergebens winkt uns die ſchön geweſene Mrs. Whitney, der European S. Kmit der Lanften Wirthin, der Italian Saloon, den eine Italienerin mit ſieben Töchtern hält, und das Café des Artiſtes, in dem zwei deutſche Frauen die Honneurs — machen. Wir gehen zur„Polka“, dem einzigen renom⸗ mirten Spielhauſe in der Straße; es wird von einem Franzoſen gehalten. Drei Franzöſinnen ſtehen Woſel⸗ weiſe der Schenke vor, daher auch die Gäſte und Spieler meiſt dieſer Nation angehören; Faro, Reno, Monte, Roulette, Lotto, Trente et un ꝛc., jedes Spiel hat ſeine Bankhalter und Spieler. Man hört vom nächſten Tiſche: Jeu est fait! Game is made Gentlemen! All dwon, no more! Dix, vingt, vingt huit, trente deux! Red loses! Gentlemen make your game! Faites votre jeu Messieurs! Am Farotiſche werden Marken von 1 Dollar, 5 Dollar und 10 Dollar geſetzt, und ſtillſchweigend ge⸗ wonnen und verloren. Lauter geht's beim Lansquenet (andsknecht) zu, da immer der Stand des Spiels aus⸗ gerufen wird: Quatre piastres à faire, four Dollars to make! Die Nichtſpielenden ſtehen in Gruppen und unter⸗ halten ſich franzöſiſch, wobei Geſtikulationen und lebhaf⸗ tes Mienenſpiel nie fehlen; wenige engliſch, andere deutſch oder ſpaniſch. Dazu ſpielt ein ältlicher Mann die Violine und akkompagnirt ſie mit den fürchterlichſten Grimaſſen; während er auf die Noten ſieht, zieht er die Augenbrauen bis an ſeine kurz abgeſchnittenen Haare in die Höhe, ſo daß er die größte Aehnlichkeit mit einem gereizten Affen hat. Ein ſehr ernſt ausſehender Mann begleitet ihn auto⸗ matenmäßig auf dem Klavier. Beim Hinausgehen ſehen wir an der Schenke einen franzöſiſchen Matroſen, der den Arm in einer Binde trägt, und erfahren von ihm, daß er am Abend zuvor der unglückliche Zuſchauer eines Streites in dieſem Lokale war, wobei eine Piſtolenkugel in ſeinen Arm ſich verirrte. In dieſem Augenblicke entſteht Lärm beim Rouge et Noir, Flüche werden auf Engliſch und Franzöſiſch gewechſelt, die Revolvers knallen..... wäh⸗ rend der Tiſch mit Geld und Karten umgeworfen wird, und eine Menge Leute nach der Thür flüchten, erhält unſer Matroſe einen Schuß in den Oberſchenkel.„Trop de malheur!“ ruft er aus. Wir überzeugen uns indeß, daß die Verletzung keine Gefahr hat, gratuliren ihm zu dem „bonheur allemand“, und verlaſſen die enge Hölle, um uns auf Portsmouth Square(auch ſchlechthin the Plaza- genannt, weil er der belebteſte Platz der Stadt iſt) ein weiteres Feld für Beobachtungen zu ſuchen. In dem großen Saale der„Kalifornia⸗Börſe“ iſt es leer; Union⸗Hötel hat nur politiſirende Trinker; das„Jenny Lind⸗CTheater“ iſt voll von applaudirenden Zuſchauern(denn der Amerikaner applaudirt Alles); wir gehen daher zum„Eldorado“, dem größten, beſuch⸗ teſten und älteſten Spiellokale in der Stadt. Vor zwei Jahren war es noch ein leinenes Zelt; als hölzernes Haus brannte es dreimal ab, jetzt iſt es ein ſtattliches, vierſtöckiges, maſſives Gebäude. In dem untern Saale finden wir amerikaniſche und mexikaniſche Bankhalter, ſowie Spieler aller Nationen. Mexikaner, Chilener, Peruaner(hier im Allgemeinen„Spanier“ genannt) bilden die Mehrzahl; auch ſind die anweſenden Frauen⸗ zimmer, bis auf eine Franzöſin, welche ein Würfelſpiel hält, ſämmtlich aus dieſen Republiken. Unſere ſpaniſchen Republikaner ſpielen nur Monte. Sie ſetzen ihr Geld, ohne hinzuſehen, und verlieren oder gewinnen, ohne eine Miene zu verziehen, ohne ihre Papier⸗Cigarren ausgehen zu laſſen, während ſie, unbekümmert um die Hitze, behaglich in ihre Serappe gehüllt bleiben. Unter den Frauen ſieht man ſelten ein hübſches Geſicht. Ihre Hautfarbe iſt ſo dunkel wie die der Männer, ihre india⸗ niſche Abkunft iſt nicht zu verkennen. Dieſe rauchen mit einem Anſtande, um den ſie die emancipirten Bloomers beneiden würden, wenn ſie nicht die üble Gewohnheit hätten, unaufhörlich höchſt vulgär dabei auszuſpeien. Ihre Tracht iſt gewöhnlich ſehr einfach: ein dunkel. farbenes Kleid, ein blau und weiß gemuſterter Shawl (Rebozo), der über den Kopf geſchlagen iſt, und ſeidene weit ausgeſchnittene Schuhe über unbeſtrumpften nied⸗ lichen Füßen. Die Chilenas haben unter Allen die beſte Hautfarbe, auch zeichnen ſie ſich durch ihr langes ſchwarzes Haar aus, welches ſie ſtets einfach ſcheiteln und in zwei langen Flechten über den R ab- 8 —— —— —— — 240 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. hängen laſſen. Die Frauen ſpielen ebenſo leidenſchaftlich wie die Männer und ſetzen oft mit gleichgiltiger Miene ſechs Unzen(96 Dollars) auf eine Karte. Manche von ihnen ſind mit goldenen Ketten, Ringen und anderen Koſtbarkeiten überladen, denn ihre Verſchwendung für dergleichen Zierath iſt ebenſo groß, wie ihre Sparſam⸗ keit beim Einkauf nützlicher Sachen, wobei ſie im Stande ſind, um einen halben Real zu knickern. Die Lücken, welche die Spanier etwa an den Monte⸗Tiſchen laſſen, beſetzen Abenteurer aus allen Ländern, hauptſächlich Matroſen, Goldgräber und an⸗ dere für den Augenblick unabhängige Leute, die ihr mühſam erworbenes Gut erſt durchbringen müſſen, ehe ſie wieder in See oder in die Berge gehen. Sie ſehen mit ihren gebräunten Geſichtern und langen Bärten ſehr herausfordernd aus. Jeder von ihnen hat, wenn nicht einen Revolver oder Sechsläufigen, doch ein Dop⸗ pelterzerol bei ſich, von dem ſie bei der geringſten Ver⸗ anlaſſung Gebrauch machen. Das einzige Volk, das nicht in Spielhäuſern und Schenken vertreten iſt, ſind die Chineſen. An den Favrotiſchen ſitzt meiſtens die Haute volée— franzöſiſche Künſtler, amerikaniſche Spieler und die müſſigen Herumtreiber und Glücksritter aller Nationen. Marken aus Elfenbein zu 1, 5, 10 bis 50 Dollars vertreten die Stelle des baaren Geldes, und in der größten Stille wird ein Vermögen gewonnen oder verloren. Der Roulette⸗ und der Würfeltiſch ſind wenig frequentirt, nur gelegentlich geht ein neugieriger Greenhorn an den letztern, um einer jungen Franzöſin, die hier die Honneurs macht, einige Dollars zu opfern. Wenige Schritte vom Eldorado liegt Bella Union (das erſte Wort wird hier ſpaniſch, das zweite engliſch ausgeſprochen), ein ebenfalls ſehr beſuchtes Spielhaus. Etwas höher an der Plaza ſteht„Kalifornia Reſtaurant“, ein ganz deutſches Haus, bis auf den Koch, der ein Franzoſe iſt. Es rühmt ſich keiner Muſik, keiner Spiel⸗ tiſche und Raufereien, hat dafür aber gute Speiſe und guten Wein. Wir ſind eben im Begriff einzutreten, als Feuerlärm entſteht und der Klang der Glocke vom Monumental⸗Spritzenhauſe alle Bewohner der Stadt elektriſirt. Selbſt die Spieler ſpringen vom Tiſche und eilen an die Thüre. Alsbald raſſelt die Spritze, von 50 Burſchen verſchiedener Klaſſen(boys, nach der Aus⸗ ſprache richtiger b'hoys) gezogen, von einem Spritzen⸗ mann in voller Uniform kommandirt und von tauſend Menſchen begleitet über den Platz in Kearney Strect hinein. Es hatte indeß nur eine Fenſtergardine gebrannt und das Feuer war raſch gelöſcht. Nachdem die Ge⸗ müther beruhigt ſind, gehen wir Pacifie⸗Street hinauf, um einen mexikaniſchen Tanz zu ſehen. In einem kleinen Lokale zu ebener Erde befindet ſich links der Schenktiſch(bar), von den hieſigen Deut⸗ ſchen, die Baare“ genannt; eine ſehr paſſende Korruption, da ſchon mancher daran ſcheiterte. Ein ernſter Mexikaner ſchenkt hinter dem Tiſche die Getränke aus und wirft von Zeit zu Zeit einen Blick auf die offene Thür, um den Zögernden zuzurufen:„Entren Ustedes, Caballe- ros!“(Treten Sie näher, meine Herren!) Wir treten ein und erſticken faſt vor Hitze und Cigarrenrauch, denn das kleine Lokal iſt gedrängt voll. Nur im Hintergrunde iſt ein beſchränkter Raum frei, ſpärlich von einer Thranlampe und zwei Talglichtern erhellt. Die Muſik beſteht nur aus einer ſehr kleinen Harfe, die der ſitzende Mann auf einen Schämel geſtellt hat, um ſie ſpielen zu können, und einer mexikaniſchen mit Metallſaiten beſpannten Guitarre. Das Geraſſel hat gerade wieder angefangen und ein zerlumpter Chilene, in einen Poncho gehüllt, mit dem Hut auf dem Kopfe und der Cigarre im Munde, tritt in den Kreis, trippelt und klappert ſehr taktfeſt mit den Füßen und hängt den Kopf ſo ſehr nach vorn, als ob er Stecknadeln ſuche. Eine kleine Mexikanerin tritt ihm gegenüber, ſinkt in dieſelbe gebückte Stellung, während ſie ebenſo wie er mit ihren unter dem Kleide unſichtbaren Füßen klappert. Beide verändern ihren Platz um keinen Zoll und würdigen ſich keines Blickes, treten endlich erſchöpft von verſchiedenen Seiten ab, um, wenn das Geraſſel noch fortdauert, von einem andern Paare erſetzt zu werden. Jedes Land hat freilich ſeine Weiſe! aber wie man dies Getrippel Tanz nennen kann, iſt unbegreiflich. Auf den längs den Wänden befindlichen Bänken ſitzen mehrere Frauenzimmer,— Ladies würde man hier ſagen— theils Mexikanerinnen, theils von Peru oder Chili, rauchen ihre Cigaritos und bemühen ſich, mit ihren amerikaniſchen Courmachern engliſch zu reden, trinken aus deren Glaſe und laſſen ſie dafür den Reſt der von ihnen angerauchten Cigarre beenden. Zuweilen bricht eine der Schönen dieſe ſüßen Plaudereien ab, um im obern Stock friſche Luft zu ſchöpfen. Man würde ihr Entſchweben kaum bemerken, wenn ihre leichten Füße einige Minuten ſpäter nicht ein merkwürdig ſtarkes Echo, wie von kräftigem Männertritt, auf einer draußen befindlichen Treppe hervorriefen. Eine Quadrille, aus⸗ geführt von vier B'hoys, zwei Weibern, einem Kinde und einem derben Burſchen, der ſich durch ein über den Kopf gehängtes Rebozo zur Tänzerin metamorphoſirt hat, verhindert uns, Betrachtungen über die eigenthüm⸗ liche Akuſtik des Saales anzuſtellen, iſt jedoch auch nicht mehr im Stande, unſere Aufmerkſamkeit lange zu feſſeln. Zum Schluſſe wartet unſer dauc noch ar um blick, der die bereits ſehr rege gewordene Sehnſucht nach unſerm Hötel zur unwiderſtehlichen ſteigert durch den Ckel, den er uns einflößte. Wir traten nämlich auf einen Augenblick in eine ganz gewöhnliche Branntwein⸗ ſchenke, die in der Regel faſt nur von weiblichen Weſen beſucht wurde.(Wir haben eine Illuſtration beigegeben, die jedes weitere Wort zur Erklärung unnöthig macht.) Wir brechen nun auf und wandern der untern Stadt zu, um in unſerm Hötel Erholung und Schlaf zu ſuchen. Wir ſtolpern über einige illuminirte Schläfer, ſtören hier und dort Scharen von Ratten in ihrem Straßenſäuberungswerk. Endlich ſind wir da und haben die erſten Eindrücke einer pilzartig aus dem Boden geſchoſſenen Stadt in uns aufgenommen. Pajekens anziehendes Buch, dem vorſtehendes entnommen wurde, trägt den Titel:„Reiſeerinnerungen und Abenteuer aus der Neuen Welt.“ Herbſt, Gedicht. — zuunde iſt en hranlompe eht nur das Mann auf zu bnnen, beſpannten ungefangen do gehüllt im Mande, taktfeſt mit hvorn, al anerin tiitt e Stellung dem Kleide 4 dern ihren nes Blike Seiten ab⸗ von einem uſgfhff fagſhe l aber wie nbegreilic. danken ſihen e man hier Pem oder en ſich, mit S zu reden, 1 jr den Neſt 1. Zuweilen ien ab, um Es fallen von den Bäumen Die welken Blätter ab, Ich wandle ſtill in Thränen Den Felſenpfad hinab. Ran wütde Hünhdl hre leichten Die Wolken, wie ſie jagen, ündig ſtats Im Abendgolde blüh'n, iner draußen Von Stürmen fortgetragen, adrille, al⸗ inem Kinde ein über den Und in die Nacht verglühen! tmoryhoſtt. In Schwärmen kommt gezogen Vergang'ne Jahre ſchweben etentin Der Wandervögel Schar, Mit Wind und Wolken fort, Lu Dem Süden zugeflogen: Vergangen Leid und Leben, . 4ö— Zu Ende geht das Jahr. Verklungen Lied und Wort.— e Sehnſuch Die Blumen an dem Bache, Der Wind entlaubt die Bäume— inet an Vom letzten Thau geſtärkt, Mir iſt es einerlei— Guntnen Verblühen in ſtillem Ache, Die Tage werden Träume, lichen Leſe Allmälig unvermerkt. Die Freuden ſind vorbei. beigegeln thig macht der untenn thendes rſt 0 gen rinnerun Erinnerungen. LXXXII. 1861. 8 — ——— ͦ——y—·—yÿy Die Hofburgbelagerung. Ein dunkles Blatt aus Wiens Vorzeit. Von Emil Dietze. (Schluß.) D.... ( ſ ür Wien begann nunmehr eine gar ſchlimme Zeit. 3 5 Während noch der Kaiſer ſich in Enzers⸗ —e dorf dem Vergnügen der Jagd überließ, eilte ( Erzherzog Albrecht ungeſäumt nach Wien zurück zog in die Burg ein und ließ die Bürger ſich den Eid der Treue ſchwören. Von dem Vertrage wurde wenig, um nicht zu ſagen, nichts gehalten. Friedrich trat Albrecht die namhaft gemachten Plätze nicht ab und Albrecht dachte eben ſo wenig, irgend einen Theil ſeiner Zuſagen zu erfüllen. Um ſich indeß beliebt zu machen, berief er einen Landtag zuſammen, auf welchem über das Un⸗ weſen der Räuber und die Erhaltung der Eintracht verhandelt werden ſollte. Der Kaiſer hörte kaum davon, als er auch den Landſtänden bei hoher Strafe unter⸗ ſagen ließ, der Aufforderung Folge zu leiſten. Kein Wunder alſo, daß auch nur die erſchienen, die Albrechts Freunde und Anhänger waren. Und ſie erwieſen ſich auch als ſolche, denn ſie verwilligten ihm, um ſowohl der Regierung mit Würde vorſtehen, als auch die Räu⸗ ber und ſonſtige Feinde bekriegen zu können, aus den Einkünften der Weingärten eine Summe, die wohl dazu ausreichte. Kaiſer Friedrich konnte dabei nicht gleichgiltig bleiben; er beſchwerte ſich bitter gegen die Fürſten des Reichs über des Bruders Anmaßung und Herrſchgier, und forderte ſie auf, ihm zur Erhaltung ſeiner kaiſer⸗ lichen Würde beizuſtehen. Während er ſo nach außen thätig war, blieb er auch daheim nicht müßig. Andreas Baumkircher bemächtigte ſich Korneuburgs, beſetzte das Schloß und beunruhigte von hier aus die umliegen⸗ den Orte, welche Albrecht verpflichtet waren, und andere kaiſerliche Hauptleute thaten das Gleiche. Albrecht erzürnte ſich darüber auf's heftigſte, er verſtärkte ſein Heer durch ſeine Bundesgenoſſen und durch ſeine Völker in Oberöſterreich und am Rhein. So rüſtete man ſich beiderſeits zum Kampfe. Indeß hegte der Erzherzog doch gegen die Treue der Wiener einiges Mißtrauen; er war überzeugt, daß es unter ihnen noch viele Anhänger des Kaiſers gab, und er bediente ſich einer Liſt, die, welche er als ſolche kannte, unſchädlich zu machen. Mit einem in hebräiſcher Sprache und Schrift geſchriebenen Briefe, den angeblich der Schultheiß von Berchtelsdorf, Johan nes, einem Juden abgenommen haben ſollte, begab er ſich zu Ende des Januar in den Sitzungsſaal des Rathes auf dem Stadthauſe, zeigte den Brief vor und klagte Simon Poel, Niklas deßler, Oswald Reichwolf, Georg Angerfelder, Stephan Kießlina, Thomas Tenk, Chriſtian Prenner und Jo⸗ hann Odenacker nebſt noch mehreren Anderen an, einen Anſchlag gemacht zu haben, demzufolge ſie die Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Stadt an mehreren Orten zugleich anzuzünden gedachten, um während der hierbei entſtehenden Verwirrung den Erzherzog zu ermorden, oder wenn dies mißlingen ſollte, ihn mit Gift umzubringen. Die Anſchuldigung wurde zwar durch keinen Be⸗ weis unterſtützt, aber die vermeintlichen Uebelthäter wurden in Verwahrſam genommen, peinlich— d. h. unter Martern— verhört und verurtheilt, mit Zurück⸗ laſſung ihrer Habe und ihres Vermögens, welches Al⸗ brecht an ſich zog, ſich aus dem Lande aufs ſchnellſte zu entfernen, und die Armen mußten froh ſein, mit dem Leben davon zu kommen. Die alſo Vertriebenen wendeten ſich nach Regens⸗ burg und brachten es im Verein mit dem Kaiſer dahin, daß die dort verſammelten Fürſten und Stände des Reichs über Albrecht die Acht ausſprachen und ihn aller ſeiner Ehren und Würden und Beſitzungen inner⸗ halb und außerhalb Oeſterreich entſetzten. Das war für Albrecht ein harter Schlag; er wendete ſich an den Papſt, um ihn unwirkſam zu machen, dieſer jedoch, der dem Mißverhältniß der beiden Brüder ſchon lange mit Unwillen zugeſehen hatte, und auf den Friedrich einen nicht unweſentlichen Einfluß üben mochte, wies ihn mit ſeinem Anſuchen nicht allein ab, er verhängte auch den Kirchenbann über ihn. Statt ſeine Situation zu verbeſſern, hatte er ſie verſchlimmert. Was nun geſchehen ſolle, darüber ging er mit den Landherren, den Wiener Rathsherren und den Lehrern der Hofſchule zu Rathe und ſie vereinigten ſich dahin, daß der Erzherzog noch einmal an den Papſt appelliren müſſe. Er that es, indem er ſeine Gerechtig⸗ keit und Billigkeit anrief, ſich gegen die erhobenen An⸗ klagen rechtfertigte und über Unterdrückung von Seiten ſeines mißgünſtigen Bruders klagte. Aber weder vom Papſte, noch von den Ständen des Reichs wurde etwas geändert. Während dieſe Zwiſtigkeiten in vollem Gange waren, erhielten die Räubereien einen neuen Aufſchwung. Die entlaſſenen Krieger der beiden Brüder vereinigten ſich bei Mödling unter Wenzel von Wettow als Oberſten, kündigten Albrecht den Krieg an, nahmen vierhundert Winzer gefangen, ſperrten ſie in einen Weinkeller und preßten ihnen durch allerhand Martern ſo viel Geld ab, als ſie erlangen konnten. Nachdem ſie obendrein das Städtchen ausgeplündert hatten, bemäch⸗ tigten ſie ſich des Kloſters Herzogburg und der umliegen⸗ den Dörfer, befeſtigten Mödling durch Zäune und Boll⸗ werke und verheerten von da aus den ganzen Gau. Kein Bauer war mehr ſeiner Habe und ſeines Le⸗ bens ſicher. Wiewohl von allem dieſen Unweſen, das ſich bis unter die Mauern der Stadt ausbreitete, täglich neue, traurigere Botſchaften in Wien einliefen, ſo erhob ſich doch kein Arm, die Frevler zu züchtigen. Um ſich zu betäuben, führte Albrecht ein Leben voller Aus⸗ ſchweifungen und Genüſſe. Ritterſpiele und Gelage wechſelten mit einander ab, und doch bei allem Anſchein von Sorgloſigkeit beargwöhnte er die Treue der Bürger; beſonderes Mißtrauen hegte er gegen den unruhigen t dem lange drich wies zhängte er ſie ging igten Papſt chtig⸗ An⸗ Seiten vom eiwas Gangt wung. nigten w als ahmen einen artern em ſie emäch⸗ liegen Boll⸗ Gau. s Le⸗ ch ble neue, b ſich ich zu 103. Helage ſchein aeget, higen + Emil Dietze: Die Hofburgbelagerung. 243 Bürgermeiſter Ulrich Holzer. Sich vor ihm ſicher zu ſtellen, nahm er zweihundert Bürger in ſeinen Sold und nannte ſie ſeine Leibwache. Um nun auch die Uebrigen an ſich zu feſſeln, ſicherte er ihnen, bis er im Stande ſein würde, ſie zu bezahlen, den Zoll einer ſeiner Städte zu. So ſuchte Albrecht die Wirkung der Acht und des Bannes zu ſchwächen und ſich wieder in Ruhe und Sicherheit zu wiegen, ja, er fühlte ſich endlich ſo ſicher, daß, nachdem er durch die Landſtände hinreichend mit Mitteln zur Beſtreitung ſeiner Ausgaben verſehen wor⸗ den war, er ſeine Leibwache entließ und wie ſchon vor⸗ her ſorglos ſeinen Neigungen und Gelüſten fröhnte. Wie es nicht anders kommen konnte, bewirkte Albrechts Verſchwendung, daß das ihm verwilligte Geld bald zur Neige ging. Die Ebbe in ſeinem Schatze veranlaßte ihn, unter dem Vorwande, den räuberiſchen Kriegsgeſellen ihren noch rückſtändigen Sold auszahlen zu wollen, von der Bürgerſchaft eine Schatzung zu begehren. Unwillig wurde er abgewieſen. Ohne Geld konnte der Erzherzog indeß nicht lange bleiben; es ſich zu verſchaffen, war er um Mittel eben nicht verlegen; er brauchte ja nur Anhänger ſeines Bruders aufzuſpüren, einzukerkern oder des Landes zu verweiſen und ihr Ver⸗ mögen zu konfisciren. Das that er denn auch ganz unverſehens und keineswegs in allzubeſcheidener Weiſe. In Wien herrſchte ſchon ſeit lange Zwietracht zwiſchen den Bürgern und dem gemeinen Volk; von Tag zu Tag nahm ſie mehr überhand und Jeder war mehr darauf bedacht, ſich vor ſeinem Nachbar als vor den äußeren Feinden zu ſchützen. Dazu kam, daß Al⸗ brecht nicht aufhörte, alle möglichen Gewaltthaten zu verüben. Verbannung und Kerker, Geldſtrafen, Ver⸗ luſt des Vermögens, Brandmarkung durch glühendes Eiſen, Folter. Abhacken der Finger, die den Schwur der Trens geleiſtet, das waren die Urtheilsſprüche, die zür Tagesordnung gehörten. An immer neuen Opfern fehlte es nie, denn Albrecht beſoldete ein gutes Heer von Kundſchaftern. Wer in ihre Unzufriedenheit mit der Albrecht'ſchen Regierung einſtimmte, war, ehe er es noch ahnte, des Herzogs Gefangener. Die Angeberei ſtieg ſo ungeheuer, daß Eltern und Kinder und Eheleute einander mit Mißtrauen beobachteten oder wohl gar einander anſchuldigten. Das Elend war größer geworden, als es irgend je zuvor war. Das war der Zeitpunkt, den Kaiſer Friedrich nicht vorübergehen laſſen durfte, wenn es je für ihn eine Ausſicht auf Erfolg gab; jetzt war ſie vorhanden. Emiſſäre über Emiſſäre gingen nach Wien und waren raſtlos thätig, die Kluft zwiſchen Albrecht und der Bürgerſchaft und dem Volke noch mehr zu erweitern und namentlich das Letztere auf Friedrichs Seite zu ziehen. Konnte Holzer für das Intereſſe des Kai⸗ ſers gewonnen werden, ſo war dies für Albrecht ein Hauptſchlag, und unter den gegenwärtigen Umſtänden war eine ſolche Aufgabe nicht mit zu großen Schwierig⸗ keiten verknüpft. Die Verhandlungen wurden eingeleitet und blieben nicht ohne den gewünſchten Ausgang; welche Beweggründe den Bürgermeiſter vorzugsweiſe leiteten, in das Lager ſeines bisherigen Gegners über⸗ zutreten, dürfte ſchwer zu entſcheiden ſein; daß indeß der Eigennutz dabei eine nicht unbedeutende Rolle geſpielt, läßt ſich wohl kaum bezweifeln; und eben ſo ſehr kann man annehmen, daß er von der nur noch kurzen Dauer des Regimentes Albrechts überzeugt war. Einmal ein Verbündeter des Kaiſers, entwarf er einen Plan, die Stadt in deſſen Hände zu liefern, und Friedrich nahm ihn bereitwillig auf. So leicht aber war die Aus⸗ führung nicht. Es war wirklich eine auffällige Erſcheinung, daß einer von des Kaiſers Regierungsäthen, einer ſeiner treueſten Anhänger, der Propſt von P eßburg, während dieſer ganzen Zeit unbeläſtigt in Wien gewohnt hatte, ja es ließ ſich kaum erklären, wie es möglich geworden war, daß dieſer ſelbe Propſt Albrechts Vertrauen erworben; genug daß es ſo war. Nichtsdeſtoweniger ging der Prälat damit um, dem Kaiſer die Stadt wieder zu überliefern, und gelang ihm dies, ſo ſollten ſechs⸗ tauſend Gulden des Preßburgers Anhäu glichkeit be⸗ lohnen. Um dies ſchneller zu erreichen, trat er mit Ulrich Holzer, der um dieſe Zeit bereits dem Kaiſer die Zuſage ſeiner Beihilfe gegeben, in Verbindung, und dieſer verſprach ihm, die Unterſtützung der Viertels⸗ und Zunftmeiſter zu erwirken. Alſo ging man an's Werk. Unfern der Sradt lagerten unter der Auführung Auguſtin Triſtams vierhundert Reiſige des Grafen⸗ eggers. Dieſe in die Stadt zu bringen, ſollte die erſte Maßregel ſein. Der Propſt Georg übernahm die Verabredung mit dem Grafenegger und Holzer die Einführung der Krieger in die Stadt. Das Volk, dem daraus nur zu leicht Anlaß zu Argwohn, wo nicht gar zu einem Aufruhr gegeben, durfte davon nichts erfahren; ihm, dem Manne des Volkes, mußte Alles daran liegen, daß Alles, was er unternahm, den Anſchein erhalte, als geſchehe es zum Beſten der Gemeine. Unter dieſen Vorbereitungen kam die Charwoche heran. Am Charfreitage eilten vertraute Boten durch die Stadt, um die Rathsherren, die vornehmſten Bürger und die Handwerksgeſchworenen zu einer vertraulichen, das Gemeinwohl betreffenden Berathung in ſeine Woh⸗ nung zu entbieten. Daß etwas Wichtiges im Werke ſei, ahnte Jeder und darum blieb Keiner aus; fiel es aber ſchon auf, daß jedem Haufen ein anderes Gemach zur Verſammlung angewieſen wurde, ſo befremdete es die Eingeladenen noch mehr, daß ſich der Beginn der ver⸗ ſprochenen Mittheilung bis zu einer ſpäten Stunde verzögerte. Zeichen von Ungeduld wurden laut. Holzer war überall, um den Unmuth zu beſchwichtigen. Es ſeien noch nicht Alle beiſammen, verſicherte er, und die, welche fehlten, wären eben ſolche, von denen er wiſſe, daß ſie Alles, was vorgehe, dem Fürſten hinterbrächten. „Dann müßt Ihr als Bürgermeiſter eine ſolche Untreue von Amtswegen beſtrafen!“ warf ihm Holo⸗ brunner ein,„denn ſie allein iſt ſo lange ſchon die Quelle aller Unruhen der Bürger geweſen.“ Ohne etwas zu erwiedern ſchlüpfte Holzer aus dem Zimmer, denn er hörte in dieſem Augenblicke den Richter Kirch⸗ heim mit noch drei anderen Rathsherren daherkommen, 3 31* — — ͤſ — —— 244 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. und ihnen eilte er entgegen. Was ſollte es aber bedeu⸗ ten, daß er auch ſie in ein abgelegenes Gemach führte und hinter ihnen die Thür verſchloß? Jetzt ſchien der Zeitpunkt der Mittheilung gekom⸗ men. In einem langen Vortrage berichtete er ſein Vor⸗ haben. Indem er ihnen ſeine Bemühungen für das Wohl der Stadt in das Gedächtniß rief, wie er nie angeſtanden habe, ihm ſein Hab und Gut zu opfern, verſicherte er hoch und theuer, daß nur die Sorge um das Heil und Wohl der Bürgerſchaft ihn jetzt ange⸗ trieben habe, den gegenwärtigen Handel vorzunehmen. Verſchwiegenheit fordere er nicht, er ſei überzeugt, daß Jeder über das, was er geſagt, ein unverbrüchliches Schweigen bewahren werde. Die, denen er mißtraue, ſeien geſondert geblieben. Dann fuhr er fort, er kenne Albrechts Pläne, der mit den Seinen beſchloſſen habe, Kriegsleute in die Stadt einzuführen, damit ſie ihn durch die Gewalt der Waffen bei den Willkürmaß⸗ regeln ſeiner Regierung unterſtützen ſollten, er wiſſe, daß der Erzherzog beabſichtige, die Freiheiten der Bür⸗ ger aufzuheben und mit ihnen nach Belieben zu ſchalten und zu walten. Bedürfe es da der Gabe der Voraus⸗ ſehung, wo die Vergangenheit und die Gegenwart ſo laut für ſeine Behauptungen ſprächen? Sei es nöthig, an überſtandene Leiden zu erinnern? Müſſe ſich nicht Jeder ſagen, was Alles ihm noch bevorſtehe? Habe man nicht Geld verwilligt, damit Albrecht die Räuber fort⸗ treibe? Und was ſei geſchehen? Nichts. Das ſchöne Geld ſei in allerlei Schwelgerei aufgegangen; die Räuber beunruhigten noch immer die Gegend, ja ſie ſeien in der letzten Zeit zahlreicher und frecher geworden. Man müſſe nun mit gleicher Münze zahlen und ihm die Wehr verbieten, ohne die ſeine aus der Scheide zu ziehen. Schon hätten vierhundert deutſche berittene Knechte zu ihrem Beiſtand in der Nähe ihr Lager auf⸗ geſchlagen; ihnen dürfe man trauen; ſie wären bereit, ihnen ein paar Monate ohne Sold zu dienen, und wie er zuverſichtlich hoffe, wohl im Stande, den Fürſten im Zaume zu halten, wenn es nicht gar gelinge, Frieden zwiſchen den beiden Brüdern zu ſtiften. Sollte indeß keine von allen dieſen Hoffnungen in Erfüllung gehen, ſollte Erzherzog Albrecht in ſeinem Vorſatze verharren und geſunden Rath nicht annehmen, nun ſo wollten ſie mit Hilfe der Reiſigen das Joch von ſich werfen und ſich wieder unter des Kaiſers Schutz begeben, der wenigſtens ſtandhafter(!) und beſcheidener ſei.„Wenden wir uns ihm zu,“ ſchloß Ulrich Ho lzer ſeine lange Rede,„und wir dürfen uns überzeugt halten, daß der Kaiſer uns verzeihen und uns ein gnädiger Herr ſein wird. Iſt aber Friedrich mit uns, werden der Papſt und die Fürſten nicht länger wider uns ſein.“ Ein allgemeines, kaum endenwollendes Beifalls⸗ geſchrei bewies dem Bürgermeiſter, wie richtig er ge⸗ rechnet. Und doch, kaum hatte ſich der Tumult gemil⸗ dert, als auch Stimmen laut wurden, die zu Gunſten Albrechts das Wort nahmen und wenigſtens forderten, daß die Sache zuvor der Gemeine mitgetheilt und auch Albrechts Bewilligung— wenn auch unter einem geholt werden ſolle. Widerſpruch würde jetzt geradezu verderblich geweſen ſein, Holzer ſah dies wohl ein; deßhalb fügte er ſich auch den Umſtänden, verſprach den Vorſchlag in Betracht zu ziehen, und nachdem ſich Jeder feierlichſt zur Verſchwiegenheii verpflichtet, trennte ſich die Verſammlung, welcher der junge Morgen auf ihrem Heimwege leuchtete. Mittlerweile hatten ſich die Reiſigen, vom Propſt dazu aufgefordert, der Stadt genähert und am Char⸗ ſamſtag, dem Tage nach der Verſammlung in Holzers Hauſe, ritt ihnen der Prälat mit einem Haufen der Seinigen entgegen und führte ſie mit entblößtem Schwerte nach dem Platze, der Hof genannt. Wie ſich wohl denken ließ, erregte der Aufzug nicht blos die Neugier, ſondern auch die Beſorgniſſe der Einwohner⸗ ſchaft, die von dem Vorausgegangenen nichts wußte. Drohend griff das Volk zu den Waffen und fragte, woher und weßhalb ſie kämen. Holzer und Ode⸗ nacker waren ſchnell zur Hand; ſie beſchwichtigten das Volk durch die Verſicherung, daß keine Gefahr vorhanden ſei, und dieſes, das noch ein unbegrenztes Vertrauen in ſeinen Bürgermeiſter ſetzte, begann ſich zu zerſtreuen. Nicht minder überraſcht als das Volk war der Erzherzog. Wohl waren ihm vor Kurzem von Holzer und Odenacker die Grafenegger Kriegsleute angeboten worden, allein noch hatte er entſcheidende Antwort darüber nicht gegeben. Und daß ſie die Stadt betraten, ehe er davon Nachricht erhalten, war zu auffallend, um nicht Mißtrauen in ihm zu erregen. Er ließ Holzer darum befragen.„Erzherzog Albrecht ſolle darum keine Sorge haben,“ antwortete der Bürgermeiſter,„die Kriegsknechte ſeien auf ſeine Veranlaſſung und zu des Erzherzogs Schutze gekommen.“ Da auch ſeine Hofdiener die beruhigende Botſchaft beſtätigten, ſchwand ſein Arg⸗ wohn und von Neuem überließ er ſich ſeiner alten Sorg⸗ loſigkeit. Holzer aber trieb das Stadtvolk in ſeine Wohnungen und wies den Reitern ihre Herbergen an. Liebhard, der Münzmeiſter, und Jakob Stark trauten gleichwohl Ulrich Holzers Verſicherung nicht, um ſo weniger, als ſie davon ſprechen hörten, daß der Schultheiß und noch drei Rathsherren von ihm gefangen gehalten würden und bei ſorgfältigerer Nachforſchung das Gerücht beſtätigt fanden. Ohne Verzug eilten ſie nach der Hofburg, theilten Albrecht die ſeltſame Neuigkeit mit und machten ihn auf die drohende Gefahr aufmerkſam. So muthig Albrecht ſonſt einer Gefahr in's Auge blickte, jetzt erſchrak er doch; er wußte für ſich keinen Rath und keiner ſeiner Vertrauten wußte Hilfe. Seine Verlegenheit wuchs bei dem Gedanken, daß er kaum für einen Tag Lebensmittel in der Burg habe und dieſe ſelbſt eines Widerſtandes unfähig war; denn noch zeigten ſich die Mauern in ihrem zerſchoſſenen Zuſtande und nur hin und wieder waren die Schäden leicht mit Bohlen und Holzwerk überkleidet. Nichts⸗ deſtoweniger entſchloß er ſich, ſich bis auffs Aeußerſte zu vertheidigen und lieber umzukommen alsdſich zu ergeben. Schleuniges Handeln that noth. Auf den Rath andern Vorwande— zum Einziehen der Truppen ein⸗ Remprechts von Ebersdorf wulden Ausrufer in —õ die nächſten Straßen geſendet und die Glocke des Micha⸗ elisthurmes angeſchlagen, damit das Volkzur Hilfe herbei⸗ eile. Alles ſtürzte aus den Häuſern nach dem Markte, wo Holzer noch damit beſchäftigt war, den Reiſigen ihre Quartiere anzuweiſen. Als die Leute erfuhren, um was es ſich handle, kehrte die Mehrzahl nach ihren Wohnungen zurück und nur Einzelne ſchlugen den Weg nach der Hofburg ein. Seinen Mißgriff erkennend, ließ Ebensdorfnunmehr am Stubenthore eine Fahne aufpflanzen und Alle dahin berufen, denen der Fürſt und der Wohlſtand der Gemeine lieb ſei. Das bewirkte einen Umſchlag. Die Bürger ſahen, daß ſie Holzer getäuſcht hatte, ſie eilten nach dem Stubenthor und von dort wieder mit Drohungen und Verwünſchungen zu Holzer. Unter ſolchen Umſtänden ſah Holzer ſeinen Plan ſcheitern, er entſchuldigte ſein Verfahren nach beſten Kräften und betheuerte, die Reiſigen ſeien nur zum Schutze der Stadt und zur Erhaltung der Ordnung ge⸗ kommen und würden, ſobald man es verlange, die Stadt wieder verlaſſen. Das Gleiche erklärte Auguſtin Triſtam; auch er erbot ſich, wenn man ihm mißtraue, wieder davon zu ziehen. Nur Wenige hörten, was die Beiden ſagten, und wer die Worte verſtanden, glaubte ihnen nicht. Das Getümmel wurde immer wilder, die Drohungen gegen die Reiter lauter und heftiger; man griff ſie ſogar an. Das war zu viel; nun griffen auch die Söldner zu den Waffen, um ſich ihrer Haut zu wehren. Aber die Ueber⸗ macht war zu groß, und da man ſogar von den Dächern mit Steinen nach ihnen zu werfen begann, zogen ſie ſich langſam nach dem Thore zurück. Es war verſchloſſen. Jetzt entſpann ſich ein neuer, erbitterterer Kampf, der drei Stunden andauerte und mit der Niederlage und Gefan⸗ gennehmung der Reiter endete. Dem verrätheriſchen Bürgermeiſter galt der nächſte Sturm; allüberall begann man nach ihm zu ſuchen, nirgends war er zu finden; entweder hielt er ſich verſteckt oder er war der Wuth des Volkes bereits entronnen. Wie hätte Albrecht, der ſich bereits für verloren hielt, nicht hocherfreut ſein ſollen über den unerwar⸗ teten Beiſtand der Bürger; er geſtattete ihnen gern, das Haus des Bürgermeiſters zu plündern, und eine Stunde ſpäter glich das Gebäude nur noch einer Ruine. Den Reiſigen bewilligte der Erzherzog auf Georg von Plottendorfs Fürbitte mit Ausnahme Triſtams freien Abzug. Sülgetene,—- u gezwungen haben, zur Flucht gewendet als es noch Aufzeichnunggreichte er das Thor und bald hze: Bei ſeinem Freunde und Seit wo, ung hatte ſich ibek auf Schloß Kahlenberg lag dir Sen t gefochten zu finden. Welche Kränkung iher n hinter ihm wieſen zu ſehen. Er mußte en Stao ndeten e Auf abgelegenen, einſamen Idfußpfaden eilte erach Mödling, ließ ſich über die nj ſetzen und begab ſich nach Schloß Weidenegg, das ihm der Erzherzog als Eigenthum verliehen. Doch auch hier konnte ſein Bleiben nicht ve“ Dauer ſein. Emil Dietze: Die Hofburgbelagerung. 245 Es verlangte ihn zu erfahren, welche Wendung die Dinge in Wien genommen. In dem dürftigen Gewande eines Weinhackers und in Begleitung dreier Knechte ging er nach Nußdorf, um Nachrichten aus der Stadt zu ſammeln. So unkenntlich er ſich gemacht zu haben glaubte: Nußdorf ſollte Ulrich Holzers Capua werden. Ein Metzger erkannte den flüchtigen Bürgermeiſter. Froh⸗ lockend theilte er ſeine Entdeckung den Bauern mit, und ehe Holzer noch eine Gefahr ahnte, ſah er ſich von den handfeſten Bewohnern des Dorfes umringt. Umſonſt war da jeder Widerſtand. Am dritten Tage nach ſeiner Flucht zog er gefeſſelt wieder in Wien ein. Erzherzog Albrecht begrüßte ihn nicht eben mit ſanften Worten; Holzer verlor indeß dabei ſeine Faſſung nicht, er antwortete dem Fürſten trotzig, daß er ſich keiner andern Uebelthat ſchuldig gemacht, als der, an welcher Albrecht Mitwiſſer ſei. Die Härte, mit welcher bis dahin der Fürſt gegen alle ſeine Gegner verfahren, ſollte Ulrich Holzer nun auch an ſich kennen lernen; der trotzige Ton ſeiner Antworten mußte ſein Los nur verſchlimmern. Wirklich ſchritt man auch ſogleich zur Folter, ohne indeß ein Bekenntniß zu erlangen. Was der Gepeinigte ſagte, wußte man bereits oder er konnte und wollte es nicht läugnen. Namen von Theilnehmern brachte auch der größte Schmerz nicht über ſeine Lippen. Aichtsdeſtoweniger verſtrickte man dreizehn Bürger: Oswald Reichwolf, Sebaſtian Zieglhauſer, Johannes Burghauſen, Chriſtian Prenner, Nikolaus Ernſt, Thomas Tenk, Chriſtian Wieſinger,AndreasSchönbruckner, Johannes Odenacker, Egydius Knab, Lorenz Schwarz, Wolfgang Holobrunner, Georg Hallech, den Angersfelder und den Mannersdorfer, und Andere. Es würden noch mehr verhaftet worden ſein, hätten ſie nicht, das Kommende ahnend, ſich durch die Flucht gerettet. Das Oſterfeſt kam heran. Unter der Bürgerſchaft herrſchte eine dumpfe Schwüle; hatte man ſich auch bereits daran gewöhnt, ihre angeſehenſten Mitglieder gefänglich eingezogen und dann des Landes verwieſen zu ſehen, Blut war noch nicht gefloſſen; jetzt war es kaum zweifelhaft, daß das Vergehen des Hochverraths durch Menſchenleben geſühnt werden ſolle. Und das Volk hatte ſich nicht getäuſcht. Am Freitage nach Oſtern wurden AuguſtinTriſtam, Ulrich Holzer, Reich⸗ wolf, Zieglhauſer, Burghauſen, Odenacker und Holobrunner aus ihren Kerkern geführt. Es galt ihren letzten Gang. Es war eine traurige Prozeſſion, welche die ſieben Wagen, auf denen die Verurtheilten ſaßen, nach dem Hohen Markte begleitete. Hier floß das erſte Blut— Au guſtin Triſtams Kopf fiel. eines andern Schauplatzes und dazu war der Hofmarkt erwählt worden. Sie ſollten einen härteren Tod er⸗ leiden, das zeigten die mannigfachen Mordinſtrumente, welche den Gefeſſelten nachgeführt wurden./ Wer möchte es verſuchen die Mordſcene, die n Noch blieben die Andern verſchont; für ſie bedurfte es ℳ ihren Anfang nahm, in ihrer ganzen Gräßlichkeit⸗ ſchildern? Reichwolf betrat 5 das Blutg⸗“ — 4 . / —————————“— · 8 — 246 Erinnerungen. Flluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor.— er bat das Volk, für das Heil ſeiner Seele zu beten, er ſei ſich keines Unrechts bewußt, das eines ſo ſchmäh⸗ lichen Todes werth ſei. Zieglhauſer redete ebenfalls zur Verſammlung; er flehte das Volk an, dahin zu trachten, daß die fürſtlichen Brüder eins mit einander würden, denn es möchte ein Blutbad kommen, größer als das heutige, von dem einſt Kind und Kindeskinder ſingen und ſprechen würden. Er ſterbe, weil er, der dem Kaiſer geſchworen, ihm treu geblieben und Albrecht zu dienen verweigerte. Sie Alle ſtarben unter Henkers Hand, Holzerwar allein noch übrig. Der Anblick der Hinmordung ſeiner Gefährten, der ſeine Strafe ſchärfen ſollte, hatte ihn nicht ſo ſehr mit Todesfurcht erfüllt, als man wohl beabſichtigt. Getroſt betrat er das Blutgerüſt, ohne Schaudern blickte er auf die fünf kopfloſen Leichen, ohne Schaudern ſah er die Blutwerkzeuge, die ihn vom Leben zum Tode bringen ſollten, und als der Scharf⸗ richter zu ihm trat und ihm ſagte, daß er einen Tod ſterben werde, der ſeinen Leib den Vögeln preis gäbe, da antwortete er mit bitterem Lächeln:„Ich weiß, daß Chriſtus, deſſen Gedächtniß wir vor acht Tagen gefeiert, unſchuldig für mich geopfert wurde; alſo will auch ich den Tod erleiden, obwohl er grauſamer iſt, als ich ihn verdient.“ Und widerſtandslos ließ er geſchehen, was die Knechte an ihm thaten. Er verſchied ohne einen Schmerzenslaut, nur einmal hob er den Kopf, um der blutigen Arbeit zuzuſchauen; dann ſchloſſen ſich ſeine Augen für immer. Der zerſtückelte Leichnam wurde an den vier Stadt⸗ pforten, und das Haupt bei der Vorſtadt, durch welche er die Reiſigen eingeführt, aufgeſteckt. Die übrigen Gefangenen erhielten auf Fürbitten ihrer Verwandten und Freunde gegen ein Löſegeld von vier und zwanzig tauſend Gulden ihre Freiheit. Damit aber war die Ruhe noch bei weitem nicht hergeſtellt; auch das Raubunweſen nahm kein Ende, im Gegentheil wurde es nur ſchlimmer. Albrecht zog von einem Orte zum andern, Wien mochte vom Kaiſer nichts wiſſen, und umſonſt bemühten ſich der Papſt und verſchiedene Fürſten, einen Frieden zwiſchen den feindlichen Brüdern zu Stande zu bringen, ja, es währte gar nicht lange, ſo ſchlugen die Mißhelligkeiten zwiſchen dem Kaiſer und Albrecht auf's Neue in helle Flammen auf. Mehrere hochangeſehene Männer des kaiſerlichen Hofes waren von Friedrich abge⸗ fallen und hatten ſich Albrecht zugewendet, der ſie hocherfreut aufnahm. Nach einiger Zeit indeß glaubte er Urſache zum Mißtrauen gegen ſie zu haben; die Edelleute zogen es unter ſolchen Umſtänden vor, ſich reumüthig dem Kaiſer zu Füßen zu werfen und ihm ihre Dienſte von Neuem anzubieten. Dieſer Zuwachs kam Friedrich ſehr gelegen, er ſah ſich im Geiſte bereits im Beſitz von ganz Oeſterreich und griff zu den Waffen. Seine Truppen umſchwärmten Wien, ſie ſchnit⸗ ten die Zufuhr ab und lähmten den Handel. Durch zermittlung mehrerer Fürſten kam endlich ein Waffen⸗ ſtand zu Stande, der am 22. September 1463 zu einem Friedensſchluſſe führte, deſſen einzelne Artikel zu Tuln unter dem Vorſitze des päpſtlichen Legaten geneh⸗ migt werden ſollten. Wie ſchon früher einmal erhoben auch jetzt die Abgeordneten des Kaiſers Schwierigkeiten. Es handelte ſich um den rückſtändigen Sold der Kriegs⸗ knechte, der allerdings zu einer ungeheuren Höhe ange⸗ wachſen war und das Land ſchwer belaſtete. Auch der Kaiſer ſelbſt erhob immer neue Einwendungen und trug endlich auf einen allgemeinen ⸗Landtag zu Hadersdorf an; Albrecht ging darauf ein; als aber der Tag kam, an welchem der Landtag zuſammentreten ſollte, erließ Friedrichein Patent, in welchem er ſeinen Unterthanen verbot, auf dem Landtage zu erſcheinen. Das Ende der Verwirrungen war nicht abzuſehen, um ſo weniger als die Zwietracht jetzt eben ihren höchſten Grad erreicht hatte. Da trat der Dov dazwiſchen und löſte den vielverſchlungenen Knoten. Herzog Albrecht erkrankte plötzlich; ein heftiges Fieber durchſchüttelte ſeinen Körper und ſchwarze Beulen zeigten ſich unter ſeinem Arme. Der ſchnell herbei gerufene Arzt ver⸗ ſchlimmerte das Uebel durch unzweckmäßige Mittel, von Stunde zu Stunde vermehrten ſich die Leiden des Kran⸗ ken, von denen ihn endlich ein Schlagfluß erlöſte. Die Wiener beklagten Albrechts Tod, der ihn in ſeinem fünfundzwanzigſten Lebensjahre ereilte, unge⸗ mein. Liebte er auch Ritterſpiele und Gaſtgelage in einer Weiſe, die von der Stadt manches Opfer erheiſchte, ja, die ſie mit Schulden überlud, ſo war er doch ein eben ſo tapferer als freigebiger Mann und ſo freundlich gegen Jedermann, daß man ihn durch den Beinamen des Leutſeligen ehrte. Zwar erhob des Kaiſers anderer Bruder, Sigis⸗ mund, der, ſo lange Albrecht gelebt, kaum ein Zeichen ſeines Daſeins gegeben, nach deſſen Ableben Anſprüche auf Oeſterreich und zwar forderte er das Land ob der Enns; aber die zu Linz verſammelten Landſtände er⸗ kannten nur den Kaiſer als ihren rechtmäßigen Herrn an und Sigismund mußte ſich mit dem begnügen, was ihm bisher zu Theil geworden, dem dritten Theile der Einkünfte von Oeſterreich. Das Glück, das Kaiſer Friedrichſo lange und ſo hartnäckig den Rücken gekehrt, wendete ſich ihm wieder zu. Die Wiener dachten allen Ernſtes an eine Aus⸗ ſöhnung, ja es blieb ihnen nichts anderes übrig, als ſich der Gnade deſſen, den ſie ſo ſchwer beleidigt und gekränkt, anheimzugeben. Wenn ſchon viele ſeiner Räthe eine ernſte Züchtigung verlangten, ſo ſchenkte Friedrich den Wienern doch ein geneigtesg; er wußte ſut fpyen mittheilen, daß er nur an doertrauten wußte Hilfe. ,... ₰△ 2 A. Kaüſeri thun löblich ſei, njdemnye und d dr us Die Wiener unterwarfen ſich dnke a dos, 58 1 und erhielten, nachdem ſie einen Fußfall gethanc⸗ zeihung, worouf ſie auf's Neue den Eid der Treue lein. Und damit endlich mar die lang entbehrte he⸗ wieder hergeſtellt. *f — Die Nonne von Monza. 247 Die Nonne von Monza. ()hilaret Chasles hat in einem Werke: Virginie 5 de Leyva das Leben einer Italienerin aus dem Anfang des ſiebzehnten Jahrhunderts dargeſtellt, die durch ihre Schönheit und ihre Verbrechen an Beatrice Cenci erinnert. Die letztere iſt Jeder⸗ mann aus Shelley's Tragödie bekannt, aber auch Virginie hat die Dichter beſchäftigt. Sie figurirt in einer Epiſode von Manzoni'’s Verlobten und iſt die Heldin von Roſini's Roman: Die Nonne von Monza, einer Fortſetzung der„Verlobten“. Nach dieſen beiden Dichtern ſammelte Dandolo alle auf Valerie bezüglichen Akten und Dokun nte, und nach ſeinen gelehrten For⸗ ſchungen hat Chasles ſeine leichte und lesbare Arbeit gemacht. Der Großvater der verbrecheriſchen Nonne war Don Antonio de Leyva, ein ſpaniſcher Abenteurer, der mit einem Haufen Soldaten, die er für Karl V. gewor⸗ ben hatte, nach Italien kam. Die Annahme, daß Kinder häufiger nach den Großeltern als nach den Eltern arten, findet in dieſem Falle ihre Beſtätigung. Antonie von Leyva war ein glühend ſinnlicher, verwegener, mit ſeinem eigenen Blute wie mit dem ſeiner Feinde verſchwende⸗ riſcher Mann. Er leiſtete ſo wichtige Dienſte im Felde, daß er mit großen Ländereien, unter andern mit Monza, belohnt wurde. Sein Sohn, Don Martino, ſchickte ſeine Tochter Virginie ins Katharinenkloſter zu Monza. Die Güter der Familie ſollten an ihren Bruder fallen, aber die junge Nonne behielt gewiſſe Einkünfte und außer⸗ dem die Gerichtsbarkeit über Monza. Dieſe ſollte ihr aber verderblich werden. Im Katharinenkloſter wurde eine junge Dame, Iſabella degli Ortenſti, erzogen. Ein in der Nähe wohnen⸗ der Edelmann, Oſio degli Oſti, deſſen Fenſter in den Kloſtergarten gingen, verliebte ſich in die junge Schöne, gab ihr durch Zeichen ſeine Gefühle zu verſtehen und gewann ihr Herz. Kaum hörte davon Iſabellens Vater, ſo nahm er ſie aus dem Kloſter und verheiratete ſie mit einem reichen und angeſehenen Manne. Oſio rächte ſich für den Verluſt ſeiner Geliebten, indem er dem Vater einen Dolch in's Herz ſtieß. Er begab ſich darauf in ſein Haus, verrammelte alle Zugänge, bewaffnete ſeine Diener und harrte des Weitern. Der Richter von Monza hatte wenig Luſt, einen ſo verzweifelten Menſchen anzugreifen. Ein Befehl Virginiens, ſeiner Gerichtsherrin, würde ihn dazu gezwungen haben, und ſie war, wie ſie in einer ihren vielen Aufzeichnungen behauptet, feſt entſchloſſen, den Mörder ohne Erbarmen zu verfolgen. Sie führte dieſen Entſchluß indeß nicht aus und beſchützte ſogar Oſio in einem ſolchen Grade) daß das Gericht ihn frei umhergehen ließ. Fühlte ſie blos ein weibliches Mitge⸗ fühl mit einem Liebenden, den die Raſerei über den Ver⸗ luſt ſeines Theuerſten auf Erden zu einem Verbrechen getrieben hatte, oder liebte ſie den ſchönen Mann bereits ſelbſt? Wir möchten das letztere annehmen, denn von ihr, die ihn ebenſo oft wie Iſabella geſehen, war dem Vater die Anzeige von der Liebſchaft ſeiner Tochter mit Oſio zugekommen. In jener Zeit hatte ſie, in ſeinen An⸗ blick verſunken, zu der Nonne Candida geſagt:„O Gott kann es auf dieſer Welt etwas Schöneres geben?“ Wieder ſtand Virginie in Candida's Zelle am Fenſter und blickte in den Garten, als Oſio erſchien und ihr durch Zeichen zu verſtehen gab, daß er ihr einen Brief zu übergeben wünſche.„Er machte eine höfliche Verbeugung,“ ſchreibt ſie,„und hatte dabei eine ſo demüthige, flehende und doch ſchöne Haltung, daß ich ihm ſeine Bitte unmöglich abſchlagen konnte.“ Die weitere Vermittlung übernahm Arrighone, Virginiens Beichtvater. Dieſer abſcheuliche Mönch machte der ſchönen Nonne ſelbſt Liebesanträge und unterſtützte nun ihren Verkehr mit Oſio in der teufliſchen Berechnung, daß ſie, wenn ſie einmal gefallen ſei, auch gegen ihn nicht länger grauſam ſein werde. Arrighone beſeitigte ihre Gewiſſens⸗ biſſe und zog zugleich ihren Aberglauben in's Spiel. Wie ſie verſichert, widerſtand ſie der Leidenſchaft nach Kräften. „Oſio übte auf mich eine Gewalt,“ ſagte ſie,„die etwas Teufliſches hatte. Um alle Schätze Spaniens und alle Throne ſeiner Fürſten hätte ich ihn nicht lieben mögen. Ich wollte eine Wallfahrt antreten. Ich peitſchte mich mit Ruthen, bis das Blut an meinem Leibe niederrann. Aber die Leidenſchaft wuchs immer fort. Ich ſah in jedem Gegenſtande ſein Bild, ich ſchlief nicht mehr, ich lebte nicht mehr. Eines Tages bat er mich, daß ich ein goldenes mit Diamanten beſetztes Büchschen küſſen möge, das er ſo⸗ gleich wieder an ſich nahm und an ſeine Lippen preßte. Es war ein Amulet, welches, da Arrighone es für ihn zubereitet und mit Weihwaſſer beſprengt hatte, meine Bedenklichkeiten überwinden mußte. Oſio gab mir auch ein Buch aus der Bibliothek meines Beichtoaters, des⸗ ſelben Arrighone, in dem zu leſen war, es ſei keine Sünde, wenn ein Mann die Zelle einer Nonne betrete, aber die Nonne dürfe das Kloſter nicht verlaſſen, denn das ſei ſündlich. Ich war in Verzweiflung und wünſchte mir hundertmal den Tod.“ Während ſie noch mit ſich kämpfte, machte die freche Zudringlichkeit Arrighone's ihren Bedenklichkeiten ein Ende. Sie fühlte, daß ſie im Mittelpunkte ihrer Gerichts⸗ barkeit, in der Zelle ihres Kloſters eines Beſchützers gegen ſeine Künſte bedürfe. Arrighone hielt nämlich die Zeit für gekommen, die Maske des Vertrauten abzulegen. Er ſchrieb ihr einen kurzen Brief des Inhalts, daß er alle Liebesbviefe Oſio's geſchrieben habe, daß er ſie liebe und auf Erwiederung rechne. Sie behandelte ihn mit ſtolzer Verachtung und warf ſich ohne Rückhalt in die Arme ihres Geliebten. Die Liebſchaft dauerte lange. Bei ihrem Beginn war Virginie zwanzig, bei ihrem Ende zweiunddreißig Jahre alt. Eine Dienerin, Katharine von Meda, opferte der vornehmeren Virginie ihren Ruf und gab ſich für die Mutter der Kinder aus, welche dieſe gebar. Oft fühlte die ehrvergeſſene Nonne ſolche Gewiſſensbiſſe, daß ſie den Umgang mit Oſio abbrach, den Zugang zu deſſen Hauſe vermauern ließ und den geheimen Schlüſſel in den Brun⸗ nen warf. Ihre Leidenſchaft trug aber immer den Sieg davon. Endlich wollte die Meda die fremde Schande nicht A1 ☛ —— 248 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. mehr auf ſich nehmen und drohte mit Verrath. Ein Ver⸗ ſuch, den Virginie mit zwei andern Nonnen machte, die gefährliche Mitwiſſerin zu ermorden, mißlang. Oſio wurde gerufen, und der wußte Rath. Er erſchlug die Meda mit einem Hammer und begrub ſie unter dem Beiſtande der beiden Nonnen. Inzwiſchen waren Gerüchte von dem Leben im Katharinenkloſter in die Oeffentlichkeit gedrun⸗ gen und ein Apotheker Ranieri hatte laut davon geſpro⸗ chen, wie es innerhalb der heiligen Mauern zugehe. Die Fürſten von Ascoli, Virginiens Verwandte, ſchritten um der Ehre ihres Hauſes willen ein und ließen Oſio nach Pavia in's Gefängniß führen. Virginie befreite ihn durch eine von allen Nonnen unterſchriebene Erklärung, daß die Ehrbarkeit im Kloſter nie verletzt worden und das Gerede über Oſio und Virginie eine niederträchtige Lüge ſei. Oſio war einige Stunden wieder in Monza, da wurde Ranieri erſchoſſen. Virginie verbarg nun den Mörder vierzehn Tage lang in ihrer Zelle, um den erſten Lärm vorübergehen zu laſſen. Mit ihren eigenen Ge⸗ richten hätte ſie fertig werden können, aber nun miſchte ſich die geiſtliche Behörde ein. Eines Tages wurde Virginie in das Sprechzimmer gerufen, wo ſie den Kardinal Borromeo fand. Er em⸗ pfing ſie freundlich, ſprach mit anmuthiger Gefälligkeit über eine Menge von Kleinigkeiten und verbreitete ſich dann über die Pflichten einer Nonne. Zu ſeiner nicht geringen Ueberraſchung war Virginiens erſte Antwort ein offenes Bekenntniß ihrer Liebſchaft mit Oſio.„Man brachte mich,“ rief ſie aus,„gegen meinen Willen in ein Kloſter und ließ mich die Gelübde leiſten, ehe ich mündig war. Ich wurde dem Altar mit Gewalt verbunden. Meine Gelübde ſind daher nichtig, ich muß heiraten, ich habe gewählt, verbinden Sie mich mit dem Manne mei⸗ ner Liebe.“ Der Kardinal wurde von dieſem Geſtändniß ſo betroffen, daß er das Zimmer verließ, ohne ein Wort zu ſagen. In der Nacht fuhr ein mit vier Maulthieren beſpannter Wagen vor, Virginie wurde hineingehoben und in das Kloſter des Bocchetto zu Mailand geſchafft. Den beiden Nonnen, welche die Mitſchuldigen des an der Meda begangenen Mordes waren, bangte vor einem ähnlichen, wenn nicht ſchlimmeren Schickſal. Oſi war auf ihre erſte Bitte bereit, ſie zu retten. Er verhalf ihnen Nachts zur Flucht aus dem Kloſter und gab ihnen mit zwei Dienern, Ricci und Homati, ſicheres Geleit. Der Weg führte am Lambro hin, und Oſio blieb mit Ricci und der einen Nonne etwas zurück. Ein Wink, und Ricci ſtößt ſie in den Fluß, um im nächſten Augenblicke von ſeinem Herrn erdolcht zu werden. Die andere Nonne läßt ſich in den Wald führen, bis zu einem Brunnen, in den Homati ſie ſtürzt. Zum zweiten Male blitzt Oſio's Dolch— und der letzte Mitwiſſer verſtummt. Alle dieſe Schändlichkeiten verfehlten ihren Zweck, dem in Blut gebadeten Mörder Sicherheit zu verſchaffen. Die in den Lambro geſtürzte Nonne und die in den Brunnen geworfene retteten ſich beide und eilten vor Gericht, um gegen Oſio und Virginie Zeugniß abzulegen. Oſio floh in die Wälder der Gebirge am Comer See und bildete eine Räuberbande. Die Behörde ließ ſein Haus in Monza niederreißen, und blos eine Mauer blieb als 3 Schandſäule für ihn ſtehen. Ihn ſelber bekam man weder durch Liſt noch durch Gewalt in Gewahrſam. Graf Fuen⸗ tes, der Statthalter von Mailand verlor als echter Spa⸗ nier die Geduld nicht und bot dem, welcher Oſio todt oder lebendig einbringe, eine hohe Belohnung. Ein Jugend⸗ freund des Geächteten verdiente ſich das Geld. Er lud ihn zu ſich in's Haus und ſetzte ihm Eſſen und Wein vor. In der Trunkenheit erzählte Oſio, wie er Katharine von Meda erſchlagen habe. Sein Wirth beſaß einen eben ſol⸗ chen Hammer wie der, mit dem das Verbrechen ausge⸗ führt worden war, und bat Oſio, mit ihm in den Keller zu gehen, wo er ganz ausgezeichneten Wein habe. Im Keller lauerten Bewaffnete, und auch ein Mönch zum Beichtehören war da. Oſio ging in die Falle und wurde auf dieſelbe von ihm eben beſchriebene Weiſe wie die Meda erſchlagen. Von den andern Verbrechern wurden blos zwei beſtraft. Arrighone, der lüſterne Beichtvater, mußte drei Jahre auf den Galeeren rudern. Virginie wurde für immer in ein Kloſter eingeſperrt. Sie verbrachte ihr ſpäteres Leben halb in Gebet, halb in Thränen und ſtarb zuletzt im Geruch der Heiligkeit— come una santa, wie Kardinal Borromeo von ihr ſagt. Urſprung der Seebäder. Meer iſt ſagt Michelet in ſeinem ſchon erwähnten Werke, nichtsdeſtoweniger ſehr gut und wohl⸗ un gegen ihn geweſen. Als die Erde, die er ſo liebt, ihn erſchöpft und verbraucht hatte, war es das Meer, das gefürchtete, verfluchte Meer, welches ihn an ſeinen Buſen ohne Groll nahm und ihm Kraft und Leben w'edergab. Kam nicht das Lehen aus dem Meere? Bewahrt es nicht alle Lebenselemente in ſeltener Fülle? Weßhalb ſollten wir nicht, wenn wir uns ſchwach fühlen, an der Quelle, die uns zu ſich ladet, ſchöpfen gehen? Das Meer iſt gut für Alle, aber am wohlthätigſten, ſcheint es, für die, welche ſich am wenigſten weit von der Natur entfernen, für die unſchuldigen Kinder welche für die Sünden ihrer Väter büßen müſſen, für die Frauen, die Opfer unſerer ſocialen Verhältniſſe, die, obgleich weniger ſchuldig als wir, dennoch an der Laſt des Lebens viel ſchwerer zu tragen haben. Das Meer hilft ihnen gern; leiht ihnen von ſeiner Kraft, ſchmückt ſie wieder aus dem Quell ſeiner ewigen Jugendſchöne. Venus, die einſt ſeinen Wellen entſtieg, entſteigt ihnen noch heute,— nicht die entnervte, weinende, melancho⸗ liſche Venus,— ſondern die wahre, ſiegreiche, in ihrer triumphirenden Kraft der Fruchtbarkeit und des Ver⸗ langens. Wie kann zwiſchen dieſer großen, heilſamen, aber rauhen und wilden Kraft und unſerer großen Schwäche irgend ein Verhältniß ſtattfinden? Das war die große Frage. Eine Kunſt, eine Einweihung waren nothwendig. Fhe von dem Menſchen ſo grauſam behandelte — an weder raf Fuen. ter Spa. odt oder Jugend⸗ Er lud Rvor. arine un eben ſol. en ausge⸗ den Keller habe. Im önch zum nd wurde e wie die los zwei ußte drei zurde für rahte ihr ͤnen und ome una thandelte ewwähnten nd wohl⸗ de, die er gatte, war hte Meer, nohm und Bewahlt Peßhalb , an der thätigſten, Urſprung der Seebäder. 249 Um ſie zu begreifen, muß man die Zeit und die Gelegen⸗ heit kennen, wo dieſe Kunſt anfing, ſich zu erfüllen. Zwiſchen zwei Perioden der Kraft, der Zeit der Renaiſſance und der Zeit der Revolution, gab es eine Zeit, wo gewichtige Symptome auf eine moraliſche und phyſiſche Erſchlaffung hindeuteten. Die alte Welt, welche verſchwand, und die junge, die noch nicht da war, ließen zwiſchen ſich einen Zwiſchenakt von einem oder zwei Jahrhunderten. Schwache, krankhafte Geſchlechter, her⸗ vorgegangen aus dem Uebermaß der Luſt und dem Uebermaß des Elends. Das dreimal gründlich ruinirte Frankreich ſuchte ſein Elend in der Orgie der Regent⸗ ſchaft zu vergeſſen. England, das indeſſen auf unſere Koſten wuchs, ſchien kaum weniger vom Uebel ergriffen. Die puritaniſche Idee hatte an Kraft verloren, und eine andere war nicht an ihre Stelle getreten. Das unter Karl II. erniedrigte England wurde durch den Schlamm der Walpole's geſchleift. In der allgemeinen Erſchlaffung zeigten ſich Neigungen ſchrecklichſter Art. Das ſchöne Buch Robinſon Cruſoe läßt nicht undeutlich das herein⸗ drohende Geſpenſt der Alkoholvergiftung erblicken. Die wüſten Gedanken, die ſchlechten Sitten, ein verweichlichtes, ungeſundes Leben offenbarte ſich phyſiſch in der krankhaften Schlaffheit des Fleiſches, in Skrofeln u. ſ. w. Das ſchönſte Fleiſch bedeckten die ſchrecklichſten Uebel. Die durch die außerordentliche Friſche berühmte Anna von Oeſterreich litt an einem Geſchwür. Die Prinzeſſin Soubiſe, dieſe herrliche Blondine, zerfiel ſo zu ſagen in Stücke. In England fragt ein großer Herr, der Herzog von Neweaſtle, ſeinen Doktor Ruſſell, weßhalb die Rage ſich verſchlechtere, weßhalb die Lilien und Roſen Skrofeln decken? Es iſt ſehr ſelten, daß eine entnervte Rage ſich wieder hebt. Die engliſche that es indeſſen doch. Sie entwickelte(auf 70, 80 Jahre) eine ganz außerordent⸗ liche Kraft und Thätigkeit. Sie verdankte dieſe Wieder⸗ geburt einmal den großen Thaten(Nichts iſt ſo geſund als die Bewegung), und das andere Mal dem Wechſel ſeiner Gewohnheiten. Es acceptirte eine andere Nahrung andere Erziehung, andere Heilkunſt; jeder wollte ſtark ſein, um handeln zu können. 3 Es bedurfte dazu nicht des Genies. Die Ideen, worauf es ankam, waren ſchon lebendig, brauchten nur angewandt zu werden. Der Moldauer Comenius hatte ſchon ein Jahrhundert vor Rouſſeau geſagt:„Haltet euch an die Natur! folgt der Natur!“ Der Sachſe Hoff⸗ mann hatte geſagt:„Kehrt zur Natur zurück. Folgt ihr in der Heilkunſt!“ Hoffmann war zur rechten Zeit, zur Zeit der Re⸗ gentſchaft, gekommen, nach der Orgie der Luſt und der Orgie der Medikamente, durch welche man jene noch verſchlimmerte. Er ſagte:„Flieht die Aerzte und trinkt Waſſer!“ Es war eine moraliſche Reform. So ſahen wir Prießnitz nach den Bacchanalien der Reſtauration (1830) der hohen Ariſtokratie von Europa die härteſte Büßung auferlegen: ſie mußten ſich mit Bauerbrod nähren; die zarteſten Damen mußten ſich unter eiskalte Waſſerſtürze ſtellen. So groß iſt beim Menſchen die Erinnerungen. LXXXII. 1861. Liebe zum Leben, ſo groß ſeine Furcht vor dem Tode, ſeine Andacht vor der Natur, ſobald er fühlt, daß ſeine Kraft nachläßt. Und in der That, weßhalb ſollte das Waſſer nicht das Heil des Menſchen ſein? Nach Berzelius beſteht er (vier Fünftel des Ganzen) aus Waſſer, wird ſich morgen wieder in Waſſer auflöſen. In den meiſten Pflanzen findet dasſelbe Verhältniß ſtatt. Als ſalziges Waſſer bedeckt es vier Fünftel des Planeten. Für das trockene Element iſt es eine beſtändige Hydrotherapie. Es er⸗ nährt dasſelbe, ſchwellt die Früchte, die Ernten. Selt⸗ ſame, wunderbare Fee! Mit Wenig ſchafft ſie Alles; mit Wenig zerſtört ſie Alles, Baſalt, Granit, Porphyr. Das Waſſer iſt die große Kraft, aber auch die elaſtiſche Kraft, die ſich allen Wandlungen der großen Metamor⸗ phoſe anſchmiegt. Es umhüllt, durchdringt, wandelt die ganze Natur. In welche ſchreckliche Wüſte, in welchen ſchauer⸗ lichen Wald gehen die Leute nicht, um die Waſſer, die aus der Erde quellen, aufzuſuchen! Welche abergläubiſche Anbetung der Quellen, welche uns die verborgenen Tugenden der Erde zuführen? Ich habe Fanatiker ge⸗ ſehen, die nur Karlsbad zum Gott hatten, dieſes wunder⸗ bare Zuſammenſtrömen der verſchiedenſten Waſſer! Und ich ſelbſt war ergriffen von dem ſiedenden Schlamm, in welchem das Schwefelwaſſer von Acqui quellt, mit ſeltſamen Pulsſchlägen, wie man es nur an belebten Weſen ſieht. 8. Die Thermen! ſie bringen Leben oder Tod; ihre Wirkung iſt entſcheidend. Wie viel Kranke hätten ſich noch lange hinſchleppen müſſen, wenn man ſie nicht in die Bäder geſchickt hätte! Oft bewirken dieſe mächtigen Waſſer eine Wiedergeburt, einen Augenblick der Geſund⸗ heit, ein fürchterliches Erwachen derſelben Leidenſchaften, welche das Uebel erzeugten. Es iſt ein Ausbruch, der zu Tage bringt, was man am liebſten vor Allem ver⸗ borgen hätte. Nichts iſt verborgen in dieſen Babeln, wo man unter dem Vorwande der Geſundheit außer⸗ halb der Gefahr dieſer Welt lebt, wie in der Freiheit der kommenden. Bleiche Schemen drängen ſich um den Spieltiſch und enthüllen die Nacht ihrer ungezügelten Leidenſchaften, auf die ſo oft kein Morgen folgt. Anders iſt der Hauch des Meeres. Es reinigt durch ſich ſelbſt. Dieſe Reinheit entſteht durch die Luft; ſie entſteht auch durch den rapiden Austauſch der Waſſer der beiden Oceane. Nirgends Ruhe, nirgends geräth das Leben in’'s Stocken. Das Meer treibt und ſchafft und treibt ohne Unterlaß. Von Zeit zu Zeit regt es ſich in wilder Kraft und ſtößt krankhafte Stoffe mit übermüthiger Gewalt von ſich. Ebenſo iſt die Luft durch die Winde, durch die elektriſchen Stürme in ewiger heilſamer Revolution. Auf dem Lande leben heißt ruhig leben; auf dem Meere leben heißt im Kampfe leben; in einem kräfti⸗ genden Kampfe für die, welche ſtark ſind. Das Mittelalter haßte das Meer,„das Reich des Fürſten der Winde“, wie man den Teufel nannte. Das edle 17. Jahrhundert mochte nicht unter rauhen Ma⸗ —.——— 3 ———— ᷣↄ-—--——--—yͤ—— 8——. 2— — 250 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. troſen leben. Das Schloß mit ſeiner monotonen Phy⸗ ſiognomie, mit ſeinem wüſten Garten, lag immer möglichſt weit vom Meere, in irgend einem ruhigen, von feuchten Wäldern rings umgebenen Ort. Ebenſo ſpiegelte ſich das engliſche Herrenhaus im Schatten der großen Bäume oft in dem ſchwarzen Waſſer eines Sumpfes. Jetzt wimmelt England von Villen, die am Meere liegen; aber dieſer Aufenthalt an dem Meere, dieſe bis in den Winter fortgeſetzten Seebäder ſind etwas ganz Modernes und ein Reſultat der Ueber⸗ legung. Die Küſtenbevölkerungen, die das Meer ernährt, hatten ſich auch für das Meer eine größere Sympathie bewahrt. Ihr Inſtinkt ahnte in ihm eine heilende Kraft. Sie hatten wohl bemerkt, daß dieſe Kraft ſehr mächtig das Uebel der Zeit, die Skrofeln, bekämpfte und die Wun⸗ den, welche die Skrofeln ſchlugen. Sie glaubten, daß das bittere Meerwaſſer ein treffliches Mittel gegen die Wür⸗ mer der Kinder ſei. Sie benutzten den Seetang und ge⸗ wiſſe Polypen(Halcyonia) in all den Fällen, wo unſere heutigen Aerzte Jod vorſchreiben. Ruſſell kannte dieſe Hausmittel wohl; ſie brachten ihn auf den rechten Weg und halfen ihm die Frage des Herzogs von Newcaſtle beantworten. Dieſe Antwort iſt enthalten in dem wich⸗ tigen und merkwürdigen Buche:„De tabe glandulari, seu de usu aquae marinae.“ 1750. „Es handelt ſich nicht darum, zu heilen, ſondern wieder von Neuem zu ſchaffen.“ Es ſetzt ſich ein Wunder, aber doch ein mögliches Wunder vor: Fleiſch und Gewebe zu ſchaffen. Es war die Epoche, wo Bakewell das Fleiſcheſſen erfand. Die Thiere, von denen man bis dahin faſt nur die Milch benutzt hatte, ſollten von nun an eine kräfti⸗ gere Nahrung geben. Die Milchdiät mußte von Leuten aufgegeben werden, die es darauf anlegten, ſtark zu ſein. Ruſſell ſeinerſeits erfand in ſeinem kleinen Buche das Meer; ich meine: er brachte es in die Mode. Das Ganze reſumirt ſich in einem Worte, das freilich eine ganze Heilkunſt und eine ganze Erziehung einſchließt. 1) Man muß Meerwaſſer trinken, ſich in Meerwaſſer baden und Alles vom Meer Erzeugte ge⸗ nießen, wo irgend die Tugend des Meeres koncentrirt erſcheint. 2) Man darf das Kind nicht warm anziehen; man muß es ſtets der Luft ausſetzen. Waſſer, Luft— weſſen bedarf es weiter? Der letzte Rath war ſehr kühn. Das Kind in einem feuchten, wechſelnden Klima faſt nackt gehen laſſen, hieß von vornherein die Schwachen opfern. Die Kräftigen blieben leben, und das konnte freilich der ſo nur von Starken fortgepflanzten Rage nur zu Gute kommen. Dazu kommt, daß die Schifffahrt, das rege, nach Außen gerichtete Leben, das Kind nicht lange in der Schule ſchmachten ließen, es bald emancipirten von jener ſeß⸗ haften Erziehungsweiſe, welche England nur für die in Orford und Cambridge erzogenen Söhne ſeiner Vor⸗ nehmen reſervirte. . Als Ruſſel ſein geiſtreiches, nur vom Inſtinkt des Volkes diktirtes Buch ſchrieb, war er weit entfernt, zu du daß im nächſten Jahrhundert alle Wiſſenſchaften ihm Recht geben, daß man in dem Meere eine ganze Therapeutik entdecken würde. Die koſtbarſten Elemente des Lebens der Landge⸗ ſchöpfe finden ſich im Meere in herrlichſter Fülle. So konnte denn die Wiſſenſchaft zu Allen ſagen: kommt zu mir, ihr Völker, kommt zu mir, ermüdete Ar⸗ beiter, erſchöpfte Frauen, Kinder, die ihr die Sünden eurer Väter zu büßen habt;— komm her bleiche Menſch⸗ heit, und ſage mir frei heraus in Gegenwart des Meeres, weſſen es zu deiner Heilung bedarf. Das heilende Prin⸗ cip, ſei es, welches es ſei, findet ſich in ihm. Ddie allgemeine Baſis des Lebens, den embryonen⸗ reichen mucus, den lebendigen Schleim, in dem der Menſch geboren wird, aus dem er fortwährend ſich wie⸗ der regenerirt,— das Meer hat ihn in ſolcher Fülle, daß es ſelbſt dieſer Schatz iſt. Es umkleidet damit ſeine Pflanzen, ſeine Thiere ſo reichlich, daß ihre Freigebigkeit die Armuth der Erde beſchämt. Es gibt— verſteht ihr es denn, zu nehmen. Aber, ſagt der Menſch, ich bin in dem angegriffen, was ſo zu ſagen die Stütze und das Gerüſt des Körpers bildet. Unſere Knochen biegen ſich, halten das Gewicht nicht mehr aus. Die ſchwache Nahrung, die nur den Hunger täuſcht, erſetzt nicht die verbrauchte Kraft. Wohl! der Kalk, der euch fehlt, findet ſich im Meere in ſolcher Menge, daß es damit ſeine Muſcheln und Korallen be⸗ deckt, daß es daraus Kontinente macht. Die Fiſche tra⸗ gen es in ſolcher Maſſe durch den Ocean, daß man die an das Ufer geſpülten Ueberbleibſel als Dünger be⸗ nutzen kann. Fehlt euch die Wärme? Das Meer hat ſie und ſo mächtig(in den Fiſchen, in allen Fettkörpern), daß, wenn dieſelbe nicht verbreitet und in's Gleichgewicht gebracht wäre, das Eis ſchmelzen und aus dem Pol eine heiße Zone werden würde. Das rothe Blut iſt die höchſte Blüthe des Meeres. Durch das rothe Blut hat es ſeine Rieſen belebt und mit weit über das irdiſche Maß hinaus gehender Kraft angefüllt. Das Meer hat dies Element geſchaffen und kann es auch in dir erſetzen, arme, bleiche Blume. Es hat Ueberfluß daran. In den Kindern des Meeres iſt das Blut ſelbſt ein Meer, welches beim erſten Stoß fließt und fließt und den Ocean ringsum färbt. So iſt das Geheimniß enthüllt. Alle Elemente, welche in dir vereinigt ſind, ſind bei dem Meere, dieſem weſenloſen Weſen, getrennt vorhanden. Es hat deine Knochen, es hat dein Blut, es hat deine Wärme, jedes Element vertreten durch dieſes oder jenes ſeiner Kinder. Und es hat, was du eben nicht haſt, Ueberfülle von Kraft. Sein Hauch verleiht uns ein Gefühl der Thätig⸗ keit, der Fröhlichkeit, der Schaffungsluſt, eine Art phyſi⸗ ſchen Heroismus. Trotz aller ſeiner Rauhheit ſpricht es doch auch von Liebe, von jener großen, gewaltigen Liebe, von der es erfüllt iſt. e ganze Landge. ſogen: ete Ar⸗ ünden Maich. Meeres, de Prin⸗ rchonen⸗ em der ſich wie⸗ er Fülle, nit ſeine gebigkeit ſteht ihr egriffen, Körpers Gewicht aur den „Wohll ſolcher aUlen be⸗ ſche tra⸗ nan die ger be und ſo 3 wenn gebracht ne heiße Meeres. lemente — dieſem at deint 8 jedes Kinder. fülle von Jhätig⸗ t phyſt⸗ vicht es en Liebe, Hermann Jäger: Deutſche Bäume. 251 Deutſche Bäume. Von Rermann Jäger. 3. Die Eiche. (Schluß.) ie Eichen ſind die bedeutendſten, mächtigſten Ge⸗ ſtalten unter den Bäumen unſerer Erdzone. An Höhe von wenigen übertroffen, wird die Eiche an Stärke des Stammes, an Breite der Krone und Reichthum und Stärke der Aeſte nur ſelten von einzelnen Linden, im Süden Europa's von Platanen und Kaſtanien erreicht. In Bezug auf den Höhenwuchs, Stärke und Alter ſind die einheimiſchen Eichen etwas verſchieden; doch will ich hier nur von den Eichen im Allgemeinen ſprechen. Wo die Eichen ihre mächtigen Aeſte frei nach allen Seiten entwickeln können, erreichen ſie keine bedeutende Höhe, und 80 Fuß dürfte das durchſchnittliche Maß für alte Eichen ſein. Doch kommen ſie auch oft über 100 Fuß vor und ragen dann weit über alle Waldbäume empor. So ſtand vor nicht langer Zeit noch bei Bamberg eine Stieleiche, welche 137 Fuß hoch war, und man hat Ueberlieferungen von 180 Fuß hohen Bäumen(Stieleichen). 120 bis 130 Fuß hohe Bäume ſind von beiden Arten nicht ſehr ſelten. Wahrhaft rieſig iſt die Stärke des Stammes. Noch im vorigen Jahrhunderte kannte man Eichen von 25 bis 30 Fuß Durchmeſſer. Der Oberförſter Kunze in Tolle in der Altmark ließ eine ſolche Eiche fällen, welche 30 Klaftern Holz gab. Bei Bemel an der Lahna in Heſſen ſteht eine Eiche von 15 Fuß Durchmeſſer. Ray erzählt in ſeiner Geſchichte der Pflanzen(1686 bis 1704), daß er in Weſtphalen noch Eichen von 30 Fuß Durchmeſſer geſehen habe. Noch ſtand bis auf die neueſte Zeit eine Eiche bei Saintes im Departement der unteren Charente in Frankreich, welche man für die größte noch lebende in Europa hielt, von 21 Fuß Stammdurchmeſſer(in 6 Fuß Höhe gemeſſen), nahe am Boden ſogar 27 Fuß ſtark, in welcher ein Kämmerchen von 12 Fuß Weite ausgehauen war. Dieſer Rieſenbaum hatte nur 60 Fuß Höhe, aber einen Kronendurchmeſſer von 120 Fuß. Eichen von 9 bis 10 Fuß Durchmeſſer ſind faſt in allen Gegenden Deutſchlands noch einzeln zu finden. Aber es bedarf ſo rieſiger Verhältniſſe nicht einmal, um den Charakter des Erhabenen auszudrücken. So ſind Stämme von 6 Fuß Durchmeſſer mit bedeutender Kronenausbrei⸗ tung, deren es überall noch gibt, ſchon bewunderungs⸗ würdige, mächtige Bäume. Sehr reich an alten ſchönen Eichen ſind die Parke von Muskau in der Niederlauſitz, von Morizburg in Sachſen, von Buchwald in Schle⸗ ſien, von Rheder und Bentheim⸗Steinfurt in Weſtphalen und andern Orten, wo ſie durch ihren freien Stand mehr in die Augen fallen, als im Walde. Am reichſten an alten ſchönen Eichen ſind die deutſchen Niederungen und Hügelgegenden zwiſchen den mitteldeutſchen Ge⸗ birgen und Oſt⸗ und Nordſee, beſonders näher am Ge⸗ birge, ferner die niedrigen Höhenzüge, die Ebenen und das Hügelland Süddeutſchlands bis in die Voralpen, namentlich von Salzburg an weſtlich bis zum Schwarz wald, die Ufer der Torfmoore(Mooſe), See’n und Flüſſe. In eigentlichen Gebirgen ſind ſo mächtige Eichen ſeltener, doch finden ſich deren auch. An Schirmfläche (Kronenausdehnung) kommt kein Baum der Eiche gleich, wenn wir einige Linden ausnehmen. 100 Fuß Kronen⸗ durchmeſſer iſt ſehr gewöhnlich. Ich kenne eine Eiche bei Brückenau am ſüdlichen Fuße des Rhöngebirges, welche keine 4 Fuß Stammdurchmeſſer und noch keinen trocknen Aſt hat, alſo verhältnißmäßig noch jung(etwa 200 Jahre alt) iſt, die mit ihren 35 dichtbelaubten Aeſten eine Krone von 125 Fuß Durchmeſſer bildet, alſo noch mehr als die ſtarke Eiche in Frankreich. Der Stamm, in der Jugend ſilbergrau und glatt bis zu einem Alter von ungefähr 60 Jahren, iſt meiſtens geradſchaftig und bildet ſich im Alter zu jenen eckigen, felsartigen Formen aus, welche wir an der Eiche ſo be⸗ wundern. Aber er hat faſt immer eine lothrechte Haupt⸗ richtung, was ſehr charakteriſtiſch iſt; denn alle Laub⸗ holzbäume nehmen Licht ſuchend, von andern Bäumen gedrängt, eine ſchräge Haltung an; die Eiche aber läßt ſich nicht drücken, ſie behauptet ihren Platz oder geht unter. Nur an Felſen und ſteilen Bergen kommen, in Folge von Schneedruck, krumme Eichen vor. Wo nicht umſtehender Hochwald es verhinderte, beginnen die Aeſte nahe am Boden, oft ſchon bei 10 Fuß Höhe, meiſt bei 15 bis 20 Fuß; daher iſt der Stamm faſt immer kurz, was bei ſeiner großen Stärke noch mehr auffällt. Schwarzgrau von Farbe, mit tiefriſſiger Rinde, voll Knoten und Beulen, im Walde moosbewachſener als jeder andere Baum, ſteht er da wie ein Felſenthurm. Und welch' ein Aſtbau! Kühn, wild, bald zackig, bald gerundet, wagerecht ausgeſtreckt, oder wie es im Walde und bei manchen Bäumen der Fall iſt, ſpitzwinkelig in Krüm⸗ mungen aufſtrebend, kaum einen Zoll lang gerade aus⸗ laufend, unendlich und doch überſichtlich getheilt, jeder Aſt oft ein Baum für ſich, mit allen Eigenſchaften des Stammes ſtehen ſie da: „Uralter Bäume Patriarchenzahl, Wie Geiſter der im Kampf Erſchlag'nen faſt, Ein ſtummes Händeringen jeder Aſt.“(Anaſt. Grün.) Die Belaubung der Eiche iſt reich und dicht, die unendlich vertheilten, kurzen, büſchelförmigen, dicht und nach allen Seiten ſtehenden Zweige breiten ihre herr⸗ lichen, buchtigen Blätter vom ſchönſten dunkeln Grün ringsum aus, und die Blätter ſtehen an den kurzen Zweigen alter Bäume oder Sträucher oft roſettenartig dicht beiſammen, freiſtehend, die Oberfläche auch nach unten gekehrt, wie ſonſt bei keinem andern Baume. Die Eiche belaubt ſich ſpät, in Norddeutſchland oft erſt gegen Mitte Mai, und erſcheint in den erſten Tagen braun, dann olivengrün, endlich erhärtend dunkelgrün. Es iſt aber gerade dieſes Grün in Miſchwaldungen, wie es faſt immer vorkommt, ſehr ſchön und zu einer ausdrucks⸗ vollen Farbenharmonie faſt nothwendig in der Land⸗ ſchaft. Von wunderbarer Schönheit wird die Belaubung der Eichen, wenn das junge Laub theilweiſe von Mai⸗ käfern abgefreſſen wurde und nun im Sommer licht⸗ grün nachtreibt und bis zum Herbſt eine hellere Farbe — — ———— —————ʒ—————— — 252 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Die vorſchriftswidrigen Sporen. General:„Sie haben ja vorſchriftswidrige Sporen?“ Lieutenant(ſich faſſend):„Dieſelben wie der Herr General.“ General(ſich betrachtend):„Sie haben recht, Stunden für Ihre Sporen zum Profoßen.“ behält, das mit den alten Blättern und unbeſchädigten Laubpartien die ſchönſte Schattirung hervorbringt. Da ſolcher Maikäferfraß faſt alle 4 Jahre vorkommt, ſo iſt die Wirkung in der Landſchaft ſichtbar genug. Auch der bei Stockausſchlag bis zum Herbſt anhaltende Sommer⸗ trieb hat eine andere Belaubung und Farbe, die oft ganz roth wird. Im Herbſt geht die Farbe der Blätter im Oktober plötzlich in ein düſteres Braun über, ſo daß Eichen nur ſo lange zur Schönheit des herbſtlichen Waldes beitragen, als ſie noch grün ſind, während andere Bäume ſchon in Gelb und Roth übergehen. Dagegen iſt das Braunroth der jungen Blätter Ende Mai zwiſchen dem Lichtgrün anderer Bäume von prächtiger Wirkung. Das Laub fällt ſpät und bleibt bekanntlich an manchen Bäumen den ganzen Winter, beſonders bei Stockaus⸗ ſchlag und nach Maikäferfraß, wo der Saft noch lange in Thätigkeit iſt. Oft ſtoßen erſt die jungen Blätter Ende Mai die alten trocknen ab.— Iſt aber auch die herbſt⸗ liche Eiche nicht ſchön, ſo zeigt ſie ſich doch wieder herrlich und in der ganzen Eigenthümlichkeit ihres plaſtiſchen Weſens, wenn die Bäume völlig entlaubt daſtehen, wenn ſie ſich gegen den weißen Schnee oder den abendlichen Winterhimmel ſcharf abzeichnen, oder wenn ſie mit Eis⸗ darum gehen Sie zwölf Stunden für meine, und zwölf kryſtallen(Duft oder Rauchfroſt) bedeckt, wie ein Schnee⸗ berg in der Sonne blitzen, während der niedrigere Wald umher von ihren Strahlen nicht getroffen wird. Wer dies nicht geſehen hat, kennt ſie noch nicht in ihrer ganzen Schönheit, und wer nicht das nackte Gerippe im Winter beobachtet, wird ſie nie kennen lernen. Gilt dies von den Laubbäumen im Allgemeinen, ſo gilt es doch ganz be⸗ ſonders von der Eiche. Welches Gewirr von Zacken und Spitzen,— als ob 1000 Hirſchgeweihe vereinigt wären! — Einen bedeutenden Eindruck machen auch die Wur⸗ zeln, wenn ſie, wie es im Walde der Fall iſt, bemooſt vom Stamme an frei über dem Boden liegen, bevor ſie eindringen, und oft den mächtigen Stamm faſt wie auf Stützen tragen. Wo ſie aber können, dringen ſie weit in die Tiefe, und auf ſie iſt es ſo recht zu beziehen, wenn Lenau(Waldlieder) ſagt: „Die Wurzel holt aus ſelbſtgegrabenen Schachten Das Moos des Stamms und treibt es himmelwärts.“ Dem ließe ſich noch viel hinzufügen, aber wir müſſen ſchließen.(Nat.) GOSN n Schnee⸗ gete Vald ird. Ver ter ganzen im Vinter von den ganz be⸗ aten und twären! die Wur⸗ bemooſt bevor ſie t wie au je weit in e, wenn ten 1 uloñni aber wir Nat.) Gemeinnütziges. Trockene Milch. In den Vereinigten Staaten be⸗ ſteht in Blackford eine Fabrik, welche die Milch in feſte Form bringt. Dort gießt man 112 Pfund Milch, welcher man 28 Pfund Zucker und einen Theelöffel voll kohlen⸗ ſaures Natron beigibt, in ein Geſchirr, welches man in ein anderes mit Waſſer gefülltes ſetzt, darunter Feuer macht und ſo lange dieſes Waſſerbad in gehöriger Hitze erhält, bis die Milch im erſten Geſchirr in feſten Zuſtand verwandelt wird. Dieſe feſte Milch wird dann verſendet und beim Gebrauch als Milch in Waſſer aufgelöſt. Als ein vortreffliches Mittel gegen Verbrennungen wird das Auflegen von neuer Watte gerühmt. Das ver⸗ brannte Glied wird ſofort nach der Verbrennung ganz in Watte eingehüllt und dieſe nicht eher hinweggenommen, bis der Schmerz ganz und gar beſeitigt iſt. Auch nachher noch läßt man dieſelbe eine geraume Zeit liegen und kann ſie auch erneuern. Durch dieſe Watte wird zunächſt ein furchtbar brennender Schmerz entſtehen, aber die Blaſenbildung verhindert und bald vollſtändige Heilung eintreten. An mehrfach beobachteten Fällen war an den mit ſiedendem Waſſer verbrannten Händen und Armen nach zwei Tagen nichts zu bemerken, als eine kleine Röthe der Haut, die aber auch bald wieder ſchwand. In Küchen, wo dergleichen Unfälle ſo oft vorkommen, ſollte man dieſes leichte, einfache Mittel ſtets zur Hand haben, da es ſich eben nur bei ſofortiger Anwendung als bewährt gezeigt hat. 3 Ueber Roſtflecke im Weißzeuge. Mit Kleeſalz Roſtflecke aus dem Weißzeug zu entfernen, iſt eine längſt bekannte Weiſe, doch in der Regel wirkt das Kleeſalz ſehr langſam und man kommt ſchneller zum Ziele, wenn man die fleckigen Stellen des Weißzeugs in einen zinnernen Löffel legt und darin mit einer Kleeſalzlöſung übergießt. Eine faſt augenblicklich entfärbende Wirkung bietet eine ſchwache Auflöſung von Zinnſalz, es muß dann aber mit vielem Waſſer nachgeſpült werden. Segen die Feldmauſe. Die einfachſten Mittel, die Feldmäuſe in Maſſen fangen und vertilgen zu können, ſind: das Eingraben von Töpfen— von Blechröhren oder die Senkung glatter Pöcher mittels des Erdbohrers. Auf Nachdem S K and von etwa drei dhäſiln 8 ie, inn opfe, einer runden Blechröhre Maheiſeſinei 3—N inem Tage zuſammen 900, fFeuillrton. . ſage und ſchreibe neunhundert Mäuſe gefangen. Ein rüſtiger Junge beging ein Fangloch nach dem andern und zog die eingefangenen Mäuſe mit einer dazu beſonders angefertigten Gabel, welche die gefangenen Thiere zugleich tödtete, aus den Fallen und hätte wenigſtens das Drei⸗ fache der Arbeit leiſten können. Ließe ſich übrigens in jeder Gemeinde unter den Feldbeſitzern eine Vereinigung zum gemeinſamen Kriege gegen jene vierfüßigen Feinde erzielen, ſo könnten die Landwirthe ihrer getroſt ſpotten; ſo lange aber Unverſtand und böſer Wille mit ihnen ge⸗ meinſchaftliche Sache machen, wird es ſchwer ſein, ihrer Herr zu werden. Statiſtiſches. Der Länderbeſitz Oeſterreichs beſtand, nach dem „ſtatiſtiſchen Handbüchlein für die öſterreichiſche Monarchie“, bei dem Tode der Kaiſerin Maria Thereſia aus 11.095% Geviertmeilen; bei dem Regierungsantritte Kaiſer Franz II. am 1. März 1792 aus 12.040,%, nach dem Preßburger Frieden von 1805 aus 11.030,2, nach dem Vertrage von Fontainebleau im Jahre 1807, wodurch Monfalcone abgetreten wurde, aus 11.023, 3, nach dem Wiener Frie⸗ den von 1809 aus 9172,3, nach dem Vertrage mit Rußland von 1810, welches damals Tarnopol und Czort⸗ kowern erhielt, aus 9042,%, nach der Pariſer Ueberein⸗ kunft vom 3. Juni 1814, wodurch Nordtyrol und Vorarl⸗ berg zurückerlangt wurde, aus 9255,%„,nach dem Wiener Kongreß von 1815 aus 11.372,„nach dem Münchner Vertrage vom 14. April 1816, welcher Salzburg, den Innkreis, den halben Hausruckkreis, das Ziller⸗ und Brixenthal zurückgab, aus 11.584, 1, nachsder Erwerbung von Krakau 1846 aus 11.604,%, nach dem Frieden von Zürich aus 11.252,3, Quadratmeilen. Danach hat der Beſitzſtand des Kaiſerſtaats in einem Zeitraum von mehr als 80 Jahren um 157, Qnadratmeilen zugenommen, und man wird alſo Oeſterreich nicht den Vorwurf machen können, daß es ein ländergieriger und eroberungsſüchtiger Staat ſei. Seine beſten Eroberungen hat es im Innern gemacht. Die Volkszahl, welche nach den Erſchütterungen langer Kriege im Jahre 1818 aus 29,813.586 Seelen beſtand, war ungeachtet der dazwiſchen liegenden Revo⸗ lutions⸗ und Kriegsperiode im Jahre 1857 auf 37,129,867 254 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. und mit Hinzurechnuug des Militärs auf 37,754.856 Seelen, alſo um etwa 26 ⅜ Procent geſtiegen.— Der auf Grundlage der Beſitzveränderung von 1851 bis 1855 und anderen Unterlagen ermittelte Werth des Realbe⸗ ſitzes nebſt Viehſtand und Inventar beſtand im Jahre 1858 aus 10,785,173.688 fl. und war belaſtet mit Hypo⸗ thekenſchulden im Werthe von 1,416,729.882 fl., ein Verhältniß, das in keinem Staate der Welt günſtiger ſein wird. Der Grundbeſitz beſtand aus 35,854.995 Joch Aeckern und Reisfeldern, 1,091.984 Joch Weingärten, 13,785.989 Joch Wieſen und Gärten, nebſt Oliven⸗, Lorbeer⸗ und Kaſtanienwäldern, 14,569.318 Joch Weiden, 31,864.873 Joch Waldungen und 612.893 Joch Sümpfen mit Rohrſchlag, zuſammen in 97,749.964 nach öſterr. Jochen. Seeit dem Beſtehen der Gewerbefreiheit in Oeſter⸗ reich wurden in Wien 99 neue Kaffeehäuſer eröffnet. Vor der Gewerbefreiheit waren in Wien 100 Kaffee⸗ häuſer. Jetzt wird daſelbſt das zweihundertſte eingerichtet. Humoriſtiſches. Was muß ein Jüngling thun, den die Schön⸗ heit einer Dame in Feſſeln ſchlägt?— Er muß die Ruthe küſſen, die ihn ſchlug. „Iſt Herr S. zu Hauſe?“—„Nein, aber nach dem Eſſen iſt er gewiß da.“—(Vier Stunden ſpäter): „Iſt Herr S. da?“—„Nein.“—„Aber es iſt jetzt Abend, und Sie ſagten doch, er werde nach dem Eſſen da ſein.“—„Ja, er hat auch noch nicht gegeſſen.“ Was ſcheint eine Dame zu ſagen, welche ein roſiges Näschen hat?— Küſſe mich sub rosa! Warum die Damen ſo hartnäckig die Krinolinen, eine Art Panzer, als kriegeriſche Kleidung tragen?— Weil die Lieutenants von ihren Schnürleibern Gebrauch machen. Ein junger Mann erbot ſich einer jungen Dame ein Geburtstagspräſent zu machen und fragte ſie, was ſie⸗ ſich am liebſten wünſche.— Nun, erwiederte die Gefragte mit feinem Doppelſinn, ich erwarte Ihren Antrag. Ein Knabe ſetzte ſeines Vaters Brille auf, fiel auf die Naſe und ſchlug ſich Glasſplitter in dieſe.— „Was iſt denn geſchehen?“ rief die Mutter erſchrocken. —„O Mutter, ich bin in ein Loch gefallen!“—„In ein Loch?“—„Ja, wo Glas drauf und Eiſen drum war.“ Wie viele Sinne hat ein Menſch?— Sieben: Den Geſchmack, das Gefühl, eine Naſe, zwei Augen und zwei Ohren. Ein Großprahler, der wegen ſeines Geſchwätzes auffiel, ſagte unter Auderm zu ſeinem Nachbar:„Glauben Sie, mein Herr, es gibt auch noch heute, wie zu Bileams Zeiten, ſprechende Eſel.“—„Wie ich höre!“ verſetzte der Angeredete. Jemand rettete eine Dame vom Tode des Er⸗ trinkens und ihr nun hinzukommender Gatte ſchenkte ihm zum Dank zwei Groſchen. Die Zuſchauer waren über dieſe Knauſerei entrüſtet.— Bſt! ſagte ein Spötter, der Herr wird wohl wiſſen, was er gibt. Hätte dieſer Held hier ſeine Frau nicht gerettet, ſo würde er vermuthlich einen Louisdor erhalten haben. Vermiſchtes. Mit der Bemerkung„Buchſtäblich wahr“, erzählt die„N. Münchner 3.“: Eine in der jüngſten Zeit an einen deutſchen Monarchen gerichtete Bittſchrift eines Landmannes trug die folgende Adreſſe:„J. Hochwohl⸗ geboren Herrn Königl. Majeſtät des Königs und ſeiner Gemalin Ehefrau in**(Zum allerhöchſten Selbſter⸗ brechen).“. Die Polizei zu Freiburg verhaftete unlängſt einen Bettler, der ſich in einem äußerſt mitleiderregenden Zu⸗ ſtande befand und deſſen ganzes Aeußere darauf berechnet war, auf die bitterſte Noth, den größten Mangel ſchließen zu laſſen. Als man denſelben näher unterſuchte, fanden ſich mehre tauſend Thaler in Werthpapieren bei ihm vor. Eine Anfrage bei ſeiner Heimatbehörde in Berlin über ſeine Perſönlichkeit brachte die Nachricht, daß das Geld ſein Eigenthum und der Verhaftete ein ganz wohlhaben⸗ der Mann ſei. Derſelbe iſt auf einer Vergnügungsreiſe in die Schweiz begriffen und bettelte ſich in dieſer Weiſe durch, weil es ihm der Geiz nicht zuläßt, einen Pfennig von ſeinem Vermögen anzugreifen. Am 7. Oktober wurde in Olmütz ein 14jähriger Bäckerjunge ertappt, als er brennenden Zunder unter die Marktbuden am Oberring ſteckte. Der junge Brandleger wurde ſofort verhaftet. In Sorbais(Frankreich) hat ſich folgender merk⸗ würdige Fall ereignet. Eine Bauersfrau trank eine Schale kalte Milch und verſchluckte dabei eine lebende Eidechſe. Sie ſpürte zwar, daß ſie etwas mit hinuntergeſchluckt hatte, gab aber nicht weiter Acht darauf. Andern Tags ſtellten ſich jedoch ſehr heftige Magenſchmerzen ein, die täglich zunahmen, ſodaß ſie, nach drei Wochen der ent⸗ ſetzlichſten Leiden, glaubte ſterben zu müſſen. Da gelang es ihr endlich, nach unerhörten Anſtrengungen, eine große Menge unverdauter Stoffe durch Erbrechen von ſich zu geben, worunter ſich glücklicher Weiſe die Eidechſe befand. Dieſelbe lebte noch zwei Stunden. Die Bauersfrau wurde wieder ganz hergeſtellt. Ein furchtbares Eiſenbahnunglück begab ſich am 3. September auf der Hannibal⸗ und St. Joſef⸗Bahn in Miſſouri. Die Seceſſioniſten hatten die 100 Fuß lange und 35 Fuß breite Eiſenbahnbrücke über den Little Platte⸗Fluß auf ſo heimtückiſche Weiſe zerſtört, daß ſie feſt zu ſtehen ſchien und zur mörderiſchen Falle wurde. Die Bindebalken der Brücke unterhalb des Fahrweges waren verbrannt, das Feuer aber war, nachdem es die⸗ ſelben verzehrt hatte, ſorgſam ausgelöſcht worden. Ein Bahnzug mit 85 bis 100 Perſonen, unter ihnen Weiber und Kinder, kam in der Nacht um eilf Uhr auf dieſe Brücke und ſtürzte in den Abgrund. 17 Perſonen blieben auf der Stelle todt, die Mehrzahl der übrigen wurde gräßlich verwundet und verſtümmelt. Nur drei Perſonen kamen wie durch ein Wunder unverſehrt davon. 4 Einer Weinhändlerswitwe in Berlin war ein Hundertthalerſchein abhanden gekommen. Der Verdacht des Diebſtahls fiel auf eine Aufwärterin. Dieſe läugnete jedoch die That, gab ſofort den Dienſt auf und zog zu ihrem Geliebten. Die Weinhändlerin ſuchte ihre gewe⸗ ſene Magd in ihrer Wohnung auf, wahrſcheinlich, um ſie zur Herausgabe des Scheines zu bewegen. Hiebei mögen Beide in Streit gerathen ſein, welcher damit endete, daß die Frau von dem Mädchen erdroſſelt wurde. Die Thä⸗ terin fuhr dann die Leiche auf einem Kinderwagen zum Kanal und warf ſie in's Waſſer, wurde jedoch bemerkt und verhaftet. Bei der Durchſuchung ihrer Wohnung fand man den vermißeen Hundertthalerſchein in einem Verſtecke. In Leipzig nahm am 29. Sept. die Polizei bei einem dortigen Steindrucker falſche öſterr. Zehnkreuzer⸗ münzſcheine nebſt den dazu verwendeten Steinplatten in Beſchlag. Fünf Perſonen wurden wegen dieſer Fälſchung, die glücklicherweiſe gleich im Beginn entdeckt wurde, verhaftet. 1 Der„Tagesbote“ erzählt: Als am letzten Sonn⸗ tag der von Dresden kommende Zug in Bodenbach hielt, entſtieg ein Herr dem Coupô, ſetzte ſich während der Aufenthaltszeit behaglich auf einen im Bahnhofe liegen⸗ den vollen Hopfenſack und brannte ſich eine Cigarre an. Zwei andere ebenfalls mit demſelben Train angekommene Herren betrachteten aus der Entferhung den Sitzenden und bewunderten deſſen auffallende Ae. Grafen Forgäch. Endlich tr 5 ein ef fremden Herrn am Hopfenſa⸗ — ſt einen den Zu. eerechnet ſchließen fanden im bor. n über Geld a gsreiſe R Weiſe Pfennig ljähriger unter die randleger er merk⸗ e Schale Eidechſe. geſchluckt en Tags ein, die der ent⸗ a gelang ine große ſich zu e befand. au wurde ſich am ſef⸗Bahn duß lange en Little daß ſe e wurde, ahrweges es die⸗ en. Ein a Woder auf dieſe en blieben en wurde Perſonen war ein Verdacht eläugnete d zog zn hre geibe⸗ t, um ſi bei mögen ndete, daß Die Wa⸗ agen zun A bemerkt nuung fand kennen Sie den Grafen Forgäch?“—„O ja, ſehr gut,“ war die Antwort.—„Dann wird es Ihnen ohne Zweifel ſchon aufgefallen ſein, welch' eine frappante Aehnlichkeit Sie mit ihm haben?“—„Die Aehnlichkeit mag in der That ſehr groß ſein, denn ich bin Graf Forgäch ſelbſt,“ erwiederte freundlich lächelnd der Angeſprochene. Der neugierige Frager wollte eine Entſchuldigung vorbringen, aber die Stationsglocke geſtattete kein weiteres Zwie⸗ geſpräch. 3 Dieſer Dage kaufte in der Gegend von Pribram ein Gänſehändler eine Gänſeherde von 34 Stück. Er⸗ trieb ſelbe ſieben Stunden weit in ſein Heimatsdorf und übergab ſie bei ſeiner Ankunft ſeinem Buben zur Hütung. Da es ſchon Nacht war, ſchlief der Knabe ein. Als nun der Gänſehändler wieder kam, waren die Gänſe alle ver⸗ ſchwunden. Er fand zwar bald ihre Spur, mußte aber die ſieben Stunden, die er bei Tage gemacht, nochmals zurücklegen, da die Gänſe, vom Heimweh ergriffen, in ihre Heimat zurückgekehrt waren. So erzählt der„Cas“. Die Gänſe mußten jedenfalls entweder ſehr raſch mar⸗ ſchiren, oder aber einen gewaltigen Vorſprung haben, daß ihr Eigenthümer ſie nicht früher einholte. Kürzlich iſt in Glaz ein Streich paſſirt, wie er in neuerer Zeit bereits ind mehren ſchleſiſchen Städten ausgeführt worden iſt und zwar wahrſcheinlich von einer und derſelben Perſon. Ein anſcheinender Handlungs⸗ reiſender logirt ſich in einem der erſten Gaſthöfe ein, übergibt dem Wirthe ſeine ſchwere lederne Geldtaſche zur Verwahrung und ißt und trinkt anſtändig. Am andern. Tage von Gaſchäften kommend, beklagt er ſich über ſchlechte Einnahme und fügt hinzu, daß er noch dazu da und da den Schlüſſel zur Taſche vergeſſen habe, wo⸗ durch er außer Stande ſei, verſprochenermaßen augen⸗ blicklich 20 Thaler abzuſchicken, da er nur 11 habe. Der Wirth läßt ſich bereit finden, 9 Thaler auf die Dauer von 24 Stunden vorzuſchießen und empfängt dafür den ergebenſten Dank. Die Zeit vergeht, aber unſer Reiſende wird nicht ſichtbar. Der gutmüthige Wirth ſchöpft Ver⸗ dacht, unterſucht die Geldtaſche, welche ihm für ſein Darlehen bürgen ſoll, und findet, ſorgfältig in Papier eingepackt— zwei alte Uhrgewichte, welche durch Form und Schwere Kourantrollen heucheln. In der Radetzkyſtraße zu Graz fand am letzten September Abends ein großer Zuſammenlauf ſtatt. Anlaß hiezu gab ein irrſinniger junger Mann aus guter Familie, welcher ſich in einem heftigen Anfall von Raſerei mit einem ſcharf geſchliffenen Schwerte auf die Haustreppe ſtellte und Jeden, der die Treppe paſſiren wollte, bedrohte. Es mußte eine Militärpatrouille herbeigeholt werden, welche ſich des Raſenden erſt dann bemächtigen konnte, nachdem er einen der Soldaten am Arme ſchwer ver wundet hatte. In der franzöſiſchen Stadt Rhodez hat eine junge Witwe, welche die Folgen eines Liebesverhältniſſes für ihre Ehre fürchtete, durch freiwilligen Hungertod ihrem Leben ein Ende gemacht. Sie zog ſich in ein Gehölz zurück, wo ſie erſt nach bierzehntägiger Hungersqual ihren Leiden erlag.. Am 6. September wurde in Kralowic ein Frauen⸗ zimmer zu Grabe getragen, das rückſichtlich ihres leiden⸗ vollen Lebens kaum ſeines Gleichen finden dürfte. Bald nach ihrer Geburt gelähmt, konnte ſie ſich bis zum zehnten Jahre nur mühſam bewegen. Vom zehnten bis zum neunehnten Jahre vegetirte ſie ſitzend, und von da an bis Je ihrem Lebensende, nämlich bis zum 39 Jahre, lag o regungsunfähig im Bett, wo ſie nach und nach 2 einer Mumie zuſammenſchrumpfte. Endlich erlöſte ſie vd Tod von ihren Martern. em Monat Oktober ſindet in Rom die Hochzeit de ſcen Fürſtin von Wittgenſtein mit dem Pianiſten Liſzt ſtett. Derſelbe iſt vor Kurzem vom Großherzog von Weimar zum Kammerherrn ernannt worden. Rachdem Kreutzberg mehre Wochen lang ſeine Menagerie, in Hamburg in der Vorſtadt St. Pauli zur Feuilleton. Schau geſtellt, wurde dieſelbe an die Elbe transportirt, um nach Bremen befördert zu werden. Unterwegs aber entkam ein Löwe, der 5000 Thaler gekoſtet haben ſoll, aus dem Behälter und packte ein Droſchkenpferd an der Gurgel. Mit vieler Mühe gelang es, den Löwen, während er gierig das Blut des armen Pferdes ſchlürfte, durch Stricke feſtzuhalten, wobei er jedoch erdroſſelt wurde. Von General Lyons, der kürzlich in Miſſouri gefallen iſt und deſſen Tod ſo allgemein bedauert wird, erzählen amerikaniſche Blätter, daß er, obwohl als tapferer Mann bekannt, doch ein entſchiedener Gegner des Duells war, ja ſogar einmal den moraliſchen Muth hatte, eine Ohrfeige einzuſtecken, ohne ſeinen Angreifer zu fordern. Trotzdem wurde er ſein Leben lang als braver Officier geehrt und iſt als tapferer Mann gefallen. In der Nacht vom 12. auf den 13. September ermordete ein in dem ungefähr eine Stunde von Pader⸗ born belegenen Dorfe Elſen wohnender Hilfsbahnwärter ſeine im hochſchwangern Zuſtande befindliche Frau, indem er dieſelbe im Bette überfiel und ihr mit einem Hammer und einem Inſtrument, mit welchem die Senſen geſchliffen zu werden pflegen, den Hirnſchädel gänzlich zerſchmetterte. Nach vollbrachter That ſchleppte er den Leichnam auf den Hausflur, legte ihn unter eine dort befindliche Boden⸗ lucke und ſtürzte eine Leiter über denſelben, damit es den Anſchein gewinne, als ſei ſeine Frau beim Herab⸗ ſteigen der Leiter mit derſelben umgeſtürzt und habe ſo ihren Tod gefunden. Der Mörder iſt bereits der Staats⸗ anwaltſchaft eingeliefert worden. Als Beweggrund ſeiner That wird angegeben, daß er mit einem andern Frauen⸗ zimmer ſchon längere Zeit in einem vertrauten Verhält⸗ niſſe gelebt und dieſe habe heiraten wollen. Die Stadt Rheinau am linken Rheinufer im Elſaß wurde gegen Ende des 16. Jahrhunderts durche Ueberfluthungen des Rheins zerſtört und allmälig ver⸗ ſchlungen. Seitdem hat der Strom ſein Bett weiter links geriſſen, ſodaß die Trümmer jener Stadt jetzt am rechten Ufer auf badiſchem Grunde liegen und dort kürzlich auf⸗ gefunden worden ſind. Ein Wiener Hötelbeſitzer iſt auf den originellen Gedanken gekommen, ſeine Lokalitäten nach Art einer alten Ritterburg herſtellen zu laſſen. Die Kellner ſollen als Knappen gekleidet, mit bunten Schärpen einhergehen, alle Ankommenden werden mit Trompetenſchall empfangen, Minneſänger laſſen ihr Saitenſpiel erklingen, kurz Alles ſoll nach Ritterſitte eingerichtet werden.. Ein achtzigjähriger Greis aus oinem polniſchen⸗ Orte in der Nähe der Stadt Wolborcz hat ſich unlängſt auf einem von ihm ſelbſt im Walde errichteten Scheiter⸗ haufen verbrannt. Der Arme war in ſeinem Hauſe ſchlechter Behandlung ausgeſetzt und ſuchte den Tod, um ſich von derſelben zu befreien. Neulich erſchoſſen ſich in Baden⸗Baden wieder zwei junge Männer, die an der Spielbank ihr ganzes Beſitz⸗ thum— vielleicht auch das ihnen anvertraute fremde Gut— verloren hatten. Dergleichen Unglücksfälle gehören leider in den Bädern, welche Spielbanken enthalten, zu den gewöhnlichen Erſcheinungen, obwohl man ſelten davon⸗ ſpricht. Alle Spuren der That werden raſch beſeitigt; die Uinglücklichen werden nächtlicher Weile und ſtill wegge⸗ ſchafft, ſo daß oft die Mitbewoh ner des Hauſes, ja des⸗ ſelben Stocks nichts dovon erfahren. Man thut dies, um das Spiel nicht zu ſtören, um die Luſt daran nicht zu verleiden und bei den Badegäſten keinen Schrecken gegen Dasſelbe zu erzeugen. Nicht nur die Spielpächter und deren Handlanger, ſondern auch Gaſtwirthe, Kaufleute, Wohnungsvermiether, kurz Alle, welche von den Fremden Vortheile ziehen, ſind befliſſen, dergleichen Trauerſpiele zu verbergen, ſo daß oft kein Laut davon offenbar wird. Kürzlich wurde in Leipzig zu einem Wundarzt ein zweijähriges Kind gebracht, welches ſeit mehren Wochen heftige Leibſchmerzen hatte und nicht die geringſte Berührung des Leibes vertrug. Bei der Unterſuchung fand der Chirurg rechts neben dem Nabel eine außer⸗ ——— 256 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ordentlich empfindliche Stelle, über welcher die Haut etwas geröthet war, und als er unter heftigem Geſchrei des Kindes ſchärfer zudrückte, kam aus der Haut die Spitze einer Nadel hervor: es war eine vier Zoll lange Stopfnadel, welche mit Hilfe einer Zange herausgezogen wurde. Das Kind genas in einigen Tagen vollſtändig. Am 30. September Abends zwiſchen ſieben und acht Uhr, während die Familie beim Nachtmahle ſaß, drangen in das Haus eines Handelsmannes zu Szanät acht bewaffnete Männer, deren Geſichter durch ſchwarze Farbe unkenntlich gemacht waren. Nachdem die Räuber jedem Einzelnen die Hände nach rückwärts gebunden hatten, zwangen ſie den Hausherrn zur Herausgabe des Geldes und der ſonſtigen Werthgegenſtände. Auf dieſe Weiſe raubten ſie 10.800 fl. in barem Gelde, Pretioſen und ſonſtigen Werthſachen. Der k. preuß. Hofmuſikhändler Guſtav Bock hatte einen Feſt⸗ oder Triumphmarſch im großen ſymphoniſchen Styl für das Krönungsfeſt des Königs Wilhelm I. von Preußen ausgeſchrieben. Hiefür waren 83 Konkurrenzar⸗ beiten eingegangen. Den ausgeſetzten Preis von zwanzig Dukaten ſprachen die Preisrichter(Lachner in München, Taubert und Dorn in Berlin) dem Kapellmeiſter Friedrich Lux aus Mainz zu. Vor den Aſſiſen von Caen(Calvados⸗Departement in Frankreich) iſt der ehemalige franzöſiſche Gendarmerie⸗ Officier Leprovoſt zu lebenslänglicher Zwangsarbeit ver⸗ urtheilt, in Anbetracht ſeines vorgerückten Alters aber die Zwangsarbeit in Gefängniß verwandelt worden. Er hatte gemeinſchaftlich mit ſeiner Tochter Adele, welche Poſt⸗ verwalterin war, große Unterſchleife begangen. Die Tochter hat ſich durch Verſchlucken von Stecknadeln frei⸗ willig das Leben genommen. In ein ſlavoniſches Dorf kamen kürzlich drei Vagabunden und wollten aus einem Hofe eine Kuh ſtehlen. Durch das anhaltende Bellen des Hundes aufmerkſam gemacht, geht der Hauswirth zum Hausthor, zu ſehen, was es gibt; in dem Augenblick aber holt einer der drei Gauner mit der Axt zu einem Hiebe nach ihm aus. Glücklicherweiſe trifft er ihn nicht, der Hauswirth packt den Gauner und ſchleppt ihn in die Küche, wo eine Rau⸗ ferei zwiſchen Beiden entſteht. Einer der draußengeblie⸗ benen Gauner eilt herbei, ſeinem Kameraden zu helfen, erſchlägt aber in der Dunkelheit ſtatt des Hauswirths ſeinen Genoſſen. Auch der dritte Wegelagerer eilt nun herhei und adreſſirt gleichfalls ſeine Streiche an den un⸗ rechten Mann, indem er auf ſeinen zweiten Kollegen— den unfreiwilligen Mörder des erſten— losſchlägt und ihn auch tödtet. Nachdem ſich ſo die Gauner unter ein⸗ ander erſchlagen, hatte der Hauswirth mit dem noch übrig gebliebenen Dritten leichte Arbeit. In Dublin fand kürzlich ein Wettlauf zwiſchen einem Indianer aus Nordamerika, der ſich Deerfoot(Reh⸗ fuß) nennt und einem Engländer Namens Levett ſtatt. Eine ungeheure Menſchenmenge wohnte dem Wettlauf bei. Die Rennbahn betrug zehn engliſche(etwas über zwei deutſche) Meilen. Der Wettpreis waren 50 Pfund Ster⸗ ling. Nach fünf Minuten Lauf gab der Engländer den Kampf verloren und zog ſich zurück. Der Indianer dage⸗ gen legte die ganze Strecke in 53 ½ Minuten zurück. Die letzte Viertel Meile lief er mit außerordentlicher Schnel⸗ ligkeit und ſchien die kleine Leibesübung gar nicht er⸗ ſchöpfend zu finden. Theater. . Nach Ablauf der ſchönen Jahreszeit iſt abermals jener Zeitraum da, worin wir den Leiſtungen unſeres Theaters wieder einige Aufmerkſamkeit zu widmen haben, um, der Tendenz dieſes Blattes entſprechend, auch in der Sphäre heimiſcher Kunſt alles Bemerkenswerthe, wo immer nur es zu finden iſt, zur Kenntniß der weiteren geſelligen Kreiſe zu bringen. In der Oper ſtellte das hochintereſſante Gaſtſpiel der Pariſer Primadonna Mademoiſelle Artöôt gleichſam die Einleitung zu dieſem Zeitraum vor; unſer Publikum, ſeit Jahren vorzugsweiſe der Oper zugeneigt, empfand durch den Glanz der Leiſtungen dieſer Künſt⸗ lerin mit einem Mal das regſte Intereſſe für dieſes Fach und ließ auch durch den maſſenhaften Beſuch der Direk⸗ tion die Sorgfalt und Bemühung, ein ſo außerordent⸗ liches Gaſtſpiel zu ermöglichen, in materieller Beziehung reichlich entgelten. Die Artét iſt in der That eine Geſangs⸗ künſtlerin von ſeltener Vollendung, gleich bewunderns⸗ werth in ihrer inſtrumentalen Kehlengeläufigkeit und dramatiſchen Darſtellungsweiſe. Die Vielſeitigkeit ihrer künſtleriſchen Individualität kennzeichnet ebenſo ihre ſeltene Begabung, als ihre Technik das umfaſſendſte Studium vorausſetzen läßt. Sie war in ihren verſchiedenen Leiſtun⸗ gen als„Roſine“(im Barbier), als„Marie“(in der Regimentstochter), als„Leonore“(im Trovatore) gleich vortrefflich. Die Theaterdirektion wird zu ſorgen haben, wie das einmal durch ſolche Experimente für die Oper erregte Intereſſe des Publikums in der nächſten Zukunft wach zu erhalten ſei. Vorläufig erſcheint das Perſonale durch das Eintreten des Tenors Herrn Bernard hinläng⸗ lich kompletirt, dem Bedarf an Opernnovitäten ſcheint auch Rechnung getragen zu werden, da Gounod's„Fauſt“ demnächſt aufgeführt wird. Dieſe Oper hat in Deutſch⸗ land im laufenden Jahre an manchen QOrten ſehr, an anderen weniger gefallen; ſie iſt immerhin ein neues Werk von einiger Bedeutung, welches ohne Zweifel nach Maßgabe der Aufführung bei unſerem kunſtſinnigen Publikum die entſprechende Würdigung finden wird. Wün⸗ ſchenswerth wäre es, daß endlich einmal im Repertoir ein beſtimmter Plan gefaßt werde, daß z. B. aus der Menge alter guter Opern verſchiedenen Genres die Wahl mit Rückſicht auf die zu Gebote ſtehenden Solokräfte zu treffer wäre, ſo zwar, daß man den einzelnen Kunſtperſönlich keiten die Gelegenheit bietet, in dankbaren Rollen, die das gewiſſenhafte Einſtudiren lohnen, vor das Publikum zu treten. Allerdings müßte bei der Vertheilung und Be⸗ ſetzung der einzelnen Partien jedes vorgefaßte Vorurtheil oder irgend welche Parteilichkeit gänzlich fern bleiben; auch verſteht es ſich von ſelbſt, daß das Einſtudiren der Opern von Seite des artiſtiſchen Leiters mit der gehörigen Umſicht und verſtändiger Eintheilung der Proben überwacht werde. Eine intenſive Leiſtungsfähigkeit läßt ſich auch nun⸗ mehr vom Schauſpiel erwarten, da endlich zwei wichtige, längere Zeit verwaiſte Fächer, nänzlich das des Charakter⸗ ſpielers und jenes der naiven Liebha berin durch das Enga⸗ gement des Herrn Harry⸗Meyer und des Fräuleins von Schulzendorf gut beſetzt wurden. In dieſer Beziehung be⸗ friedigte ſehr die zwar verſpätete Vorführung der Tragödie „Judith“ von Hebdel und die Aufführuung des Schauſpieles „Der Goldbauer“, des neueſten Prod uktes von Charlotte Birch⸗Pfeiffer. Die Leiſtungen des Som mertheaters gehören ihrem Weſen nach weniger in den Kreis unſerer Beſpre⸗ chung, doch ſoll nicht unerwähnt bleiben, daß auch hier die Wahl der Novitäten in der verfloſſſenen Saiſon eine größtentheils löbliche war und Stücke weſſerer Tendenz, wie z. B. die Poſſe„Die Studenten von Rummelſtadt“ oon Haffner viele gut beſuchte Aufführungen erlebte n. Wir hegen die Erwartung, daß uns die Bülenen⸗ ſleiſtungen in der bevorſtehenden Saiſon Stoff gnug bieten werden zu einem, in nach je vierzehn Tagen wil'er⸗ kehrenden Zeiträumen zu machenden, Rückblicke; der ei nicht unterlaſſen wird, auf einzelne Aufführungen jer ach ihrer Wichtigkeit bis in's Detail der Beſprechung lnenzu⸗ gehen. 7 nl Redigirt unter Verantwortlichkeit des Verlegers.— Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellman n in Prag⸗ ——