Fdüuſt fall nach reich ſein, erwerb und ſen in der t Horaz zu ſie ch gewor „der zwölf⸗ tten einſt i Wort 5 Erinnerungen. TMluskrirte Blärter für Wrnst und Bumor. 82. Band.(Ein und vierzigſter Jahrgang.) Heft VII. Louiſe Meunier. Von P. D. (Jortſetzung.) er Morgen war ſehr friſch geweſen; gegen Mittag wurde es unerträglich heiß. Da erreichten die Reiter einen Wald, durch den quer ein breiter Weg führte. Sie ritten Schritt; alle Drei ſchwie⸗ gen, alle Drei ſpürten jenen mächtigen Einfluß der Natur, der alles Erkünſtelte im Menſchen zu ertödten ſcheint. Aber die brennende Tageshitze ver⸗ fehlte dennoch ihre Wirkung nicht. Louiſe, die ſchwächſte, befiel eine große Abgeſpanntheit; ihre matte Hand führte nicht mehr ihr Pferd; ihre Schultern und ihre Taille ſenkten ſich unter der Laſt ihres Reitkleides; Erinnerungen. LXXXII. 1861. ſie achtete auf nichts; ſcheinbar träumend, dachte ſie vielleicht in Wirklichkeit an gar nichts. Nur hie und da warf ſie einen Blick auf René mit einem Ausdruck, der offenbar um ſeine Gunſt bat, und wenn er ſeiner⸗ ſeits nach ihr blickte, ſenkte ſie den Kopf; ihr Geſicht war ſonſt immer gegen die Erde gerichtet, wie eine Blume, welche die heißen Küſſe der Sonne ausgeſogen haben. Lucia dagegen hielt durch ihre vorübergehende Unbeweglichkeit die Erregungen, die ſie in ſich barg, nieder; ihre gerunzelte Stirn, ihre geſchloſſenen Lippen verriethen ihre Aufregung und Ungeduld; ein Stachel regte ihre Nerven auf. Sie war gekommen zu ſiegen und war beſiegt worden; ſie wollte triumphiren und— unterlag. Sie liebte Kenél Wie? das konnte ſie ſelbſt nicht beſtimmen! Seit wann? das wußte ſie noch weni⸗ ger; vielleicht erſt, ſeit ſie in der drückenden Luft ſich 25 U 1 I 1 — — —— —— — — 194 Erinnerungen. IFlluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. befanden! Genug, ſie liebte ihn und ſie ſchmeichelte ſich, nicht ohne Erfolg. Nur René behielt ſeine Geiſtesgegenwart: Die Männer wiſſen beſſer als die Frauen die erſten Regun⸗ gen der Liebe zu verſtehen und zu benutzen. Sage man was man will, die Männer verfolgen ihr Ziel weniger ungeduldig, mit mehr Ruhe; die Frau fürchtet immer, ihr Verhältniß möchte zu Waſſer werden; beim Manne iſt das anders, er kann weiter ſuchen; jene muß warten, bis ſie weiter geſucht wird. Alle Gedanken Renés konnten alſo ungefähr auf Folgendes hinaus laufen: „Es iſt angenehm, mit zwei liebenswürdigen Damen ſtundenlang beiſammen zu ſein, wenn dasſelbe nicht möglich iſt mit der einen allein, die man liebt!“ Als ſie nun aus dem Walde herauskamen, hatten ſie zur Linken einen Hohlweg, der ſie von der Ebene trennte. „Hier iſt's, wo ich ſtürzte,“ ſagte Madame Saucour. „Mit dem Pferde?“ fiel Louiſe ein, und fiel dabei ihrem Pferde um den Hals, als hätte ſie mit ihm Rath pflegen wollen. Dieſes aber erwiederte die Zärt⸗ lichkeit mit dem Verſuche, ſich zu bäumen; ein leichter Schrecken durchlief ſeine Glieder. Louiſe beſchwichtigte das Thier; dann kitzelte ſie es plötzlich mit der Reit⸗ peitſche in der Seite und— im Handumdrehen hatte ſie über den Hohlweg weggeſetzt und ritt auf der rechten Seite des Hohlweges im Galopp voraus, während Lucia und ihr Begleiter auf der linken vor Erſtaunen ſtumm fortritten. Die junge Pariſerin ſuchte ſo gut es ging ihre Verwunderung zu verhehlen, indem ſie die Kaltblütig⸗ keit und Gewandtheit Louiſens auf's äußerſte lobte. Nachdem ſie aber auf dieſe Weiſe ihrer Rivalin das ge⸗ bührende Lob gezollt und dadurch ſich das Recht erwor⸗ ben zu haben glaubte, ihre innerſten Gedanken auszu⸗ ſprechen, ſpielte ſie die Unterhaltung auf ein ganz an⸗ deres Gebiet hinüber, indem ſie an René die brüske Frage richtete: „Finden Sie nicht, daß es nichts Verdrießlicheres für eine Frau gibt, als einer Beſchäftigung, einem Stande, er heiße wie er wolle, ſich zu widmen?“ „Ohne Zweifel,“ ſagte René;„die Frau braucht Muße, um die Traumbilder ihrer Einbildung und ihres Herzens zu geſtalten und wieder zu zerſtören, jene Pe⸗ nelopegewebe, an denen man immer arbeitet, ohne ſie je zu beenden.“ „Ol dieſe Begründung iſt zu romantiſch. Der Grund liegt vielmehr einfach darin: jede amtliche Be⸗ ſchäftigung drückt der Perſon, der dieſelbe obliegt, ſtets ein unverkennbares Siegel auf; und die Frau ſoll doch an etwas ganz anderem kennbar ſein: nämlich an ihrer Anmuth und Eleganz.“ „Aber es gibt nichts Unzerſtörbares bei Damen,“ entgegnete René;„ſie führen den Schwamm über den angeborenen Fehler und— damit iſt Alles geſagt. Wie viel Zeit braucht eine junge Griſette, um die Rolle einer großen Dame einzuſtudiren?“ „Ahl eine Griſette, ſelbſt eine Lorette,“ erwiederte Lucia in einem eigenthümlichen Tone, der zugleich Furcht und Ueberlegung ausdrückte,„iſt etwas ganz anderes: dieſe tragen ſtets jenen Charakter jener aller⸗ liebſten Unthätigkeit, der die Frau ſo verführeriſch macht. Aber ſo eine Unterlehrerin! eine Gouvernante! eine Erzieherin! und was alles noch weiter nach Päda⸗ gogik riecht; glauben Sie(es iſt traurig aber wahr), ich habe mehrere gekannt, die ſo glücklich waren, einen Mann zu finden, die durch eine beſondere Gnade von Gott dem Schickſal einer alten Jungfer entgingen: aber — alle ſpielten als Frauen eine lächerliche Rolle.“ „Ah!l“ ſagte René, an dem Knopfe ſeiner Peitſche vor Ungeduld herumnagend. „Ohne Ausnahme ſind ſie hochnaſig und pedan⸗ tiſch; ich kenne einige, die wahrhafte Engel von Sanft⸗ muth ſind. Sie blieben durch zwanzig Jahre die demü⸗ thigen Verehrer ihrer Männer, und konnten ſich nie auf gleichen Fuß mit ihren Freunden und Bekannten ſetzen; man glaubte immer, ſie ſeien unter den Eltern ihrer Zöglinge; erfüllt von dem Bewußtſein ihrer Unwürdig⸗ keit betrachten ſie die Liebe als ein Mittel zur Seelen⸗ reinigung, als einen Weg zu einem tugendvollen Leben.“ „Rechnen Sie etwa Fräulein Louiſe unter dieſe Kategorie? Sie ſcheint mir nicht an übergroßer Char⸗ aktergeſchmeidigkeit zu leiden.“ „Nein, bei ihr iſt es etwas anderes.“ „Wollen Sie ſich etwas deutlicher ausſprechen?“ „Dieſe junge Dame hat Geſchmack, eine gewiſſe Nobleſſe und iſt recht hübſch; ſie beſitzt alle möglichen Anlagen, wie Ihre Mutter mir ſagte, und ich bezweifle es nicht. Bei ihr muß der Gehalt die Form überwiegen. Indeß, ſo liebenswürdig ſie iſt, ſo wird ſie doch nie für die Welt etwas ſein.“ „Ahl“ ſagte Rensé ſie unterbrechend, und gleich⸗ zeitig neugierig und ärgerlich. „Sie iſt hochmüthig und reizbar; ſie wird darum immer mißtrauiſch ſein; ſie wird weder anzuziehen, noch ſich mitzutheilen wiſſen, wie es einer Königin des Sa⸗ lons ziemt.“ „Was für einen Fehler würde ſie aber haben, wenn ſie ſtatt in den Salons in ſtiller Zurückgezogenheit lebte?“ fragte René immer neugieriger. „In ſtiller Zurückgezogenheit... zu Zweien, nicht wahr?“ erwiederte Lucia. „Jawohl.“ „Da wird ſie alle erwünſchten Eigenſchaften ha⸗ ben; aber ſie wird romanhaft und ſchwärmeriſch bleiben, ſo lange ſie lebt. Sie wiſſen nicht, wie viel Liebe dazu gehört, den Durſt einer Frau zu löſchen, die in ihren trockenen Studien ſelbſt austrocknete.“ „Ich kenne Fräulein Louiſe zu gut, als daß ich annehmen ſollte, daß ſie ſich durch Mittheilung obiger Expoſitionen gekränkt fühlen möchte.“ „Olich trete ihrer Sittlichkeit nicht zu nahe; aber ich glaube, ſie ſchmollt gern und iſt leicht verſtimmt.“ „Nie,“ antwortete René in einem Tone, in dem ein wenig verliebte Eitelkeit lag. Lucia deutete mit einer Kopfbewegung ihre Un⸗ zufriedenheit und ihre Ungläubigkeit an. Sie waren — ugleich 3 ganz aller- neriſch nante! Päda. wahd), einen de von a: aber 1 ſeiner pedan. Sanft⸗ demü⸗ nie auf ſetzen; ihrer rürdig⸗ Seelen⸗ Cben.“ er dieſe r Char⸗ echen!“ gewiſſe glichen zweifle wRn. nie für gleic darum en, noch des Sa⸗ haben, ggenheit en, nicht ften ha⸗ bleiben, be dazu in ihren daß ich obiger e, aber mt.“ in dem hre Un⸗ waren Louiſe Meunier. 195 inzwiſchen nahe daran, mit Louiſe wieder zuſammen zu treffen, und ſo ſagte René zum Schluſſe: „Man muß ſich vor Gemeinplätzen hüten, ſie beirren ein geſundes Urtheil. Glauben Sie denn, daß alle Pariſer Frauen dem Bilde entſprechen, welches ſich die Provinzbewohner von einer Pariſerin entwerfen?“ „Welches Bild entwerfen denn die ſich von uns? Da bin ich doch ſehr neugierig.“ „Fragen Sie mich um die öffentliche Meinung, ſo werde ich ſie Ihnen ſagen... theilweiſe; aber. Das Erſcheinen Lou iſe ns unterbrach dieſe Unter⸗ haltung. Aber die letzten Worte René'8 beleidigten Luciaz ſie glaubte darin eine Impertinenz zu erblicken und war überhaupt überzeugt, daß er auf Louiſens Seite ſtand. Die boshaften Bemerkungen der jungen Witwe hatten in Wirklichkeit ſeinen Geiſt ein wenig an⸗ gegriffen; das Bild, das ſie von Louiſe entwarf, er⸗ ſchien ihm vollſtändig als eine Karikatur. Anfangs hatten ihn die ſcharf zugeſpitzten Gloſſen Lucias amüſirt; das Pikante ihres Wortſprudels gefiel ihm, und vielleicht wußte er ihr ſogar Dank für die Eifer⸗ ſucht, die ſie, ohne es zu wollen, in ihm weckte. So geht’s oft; während die Gutmüthigkeit nur zu oft ver⸗ gebliche Anſtrengungen macht, ihr Ziel zu erreichen, ge⸗ lingt's der Bosheit und Verſchlagenheit durch ein Zu⸗ ſammentreffen von Umſtänden, die ſich nicht voraus⸗ ſehen ließen. Nach beendeter Promenade führte René die bei⸗ den Damen zu ſeiner Mutter zurück. Der Reſt des Tages war für die arme Louiſe eine wahre Folter. Lucia und die Gräfin richteten, wenn auch verſteckt, mit der rückſichtsloſeſten Perfidie ihre Angriffe gegen die Eigenliebe ihrer Gegnerin, ſo zwar, daß ſie ihr ſogar jede Gelegenheit zu einer Vertheidigung hinterliſtig be⸗ nahmen. Um dieſe Waffe gegen das Herz des Feindes zu kehren, hätte es mehr Kaltblütigkeit bedurft, als die arme mehr als je verliebte Louiſe beſaß. Wenn ſie ja ſich zu einer Erwiederung verſtand, war dieſelbe ſo gravitätiſch und kalt, daß ſie gegen den beißenden Hohn Lucias nicht aufkam. Sie hätte gern anders gehan⸗ delt; aber alle derartigen Verſuche erſtickten in den kaum verhaltenen Thränen. René legte dem Mortgefechte weit weniger Be⸗ deutung bei als die Damen, und ſo nahm er hie und da bald hier bald dort Partei. Uebrigens blieb ihm Manches doch räthſelhaft; von den Unartigkeiten, wo⸗ mit ſich Frauen traktiren, hatte er kaum je die Hälfte gehört. Im Momente der Abreiſe war Louiſe noch mehr betrübt; René führte ſie und Lucia zurück; aber man kam zu Meuniers Hauſe, ehe man zum„Schlößchen“ kam, und ſo mußte ſie die Beiden allein laſſen. Sie hatte zum wenigſten gehofft, René werde ſie um ein Rendez⸗ vous bitten; aber nein! Und doch hatte er ſich bei Lucia entſchuldigt, daß er am folgenden Tage leider nicht eine ſolche Promenade mit ihr machen könne, weil er frühzeitig in dringenden Geſchäften auf einem ſeiner Güter erſcheinen müſſe. Ueberhaupt ſuchte Rens ſeit der Ankunft der Madame Saucour kein Rendez⸗vous a mehr. War das Vergeßlichkeit oder wohlberechnete wohlmeinende Klugheit? War es Schonung oder Kälte? Die Nacht und den ganzen folgenden Tag befand ſich Louiſe noch immer in derſelben Beſtürzung und Aufregung. Als ſie aber aus dem Hauſe des Doktors zurückkam, wo ſie ſich nach Klärchen erkundigte, ſah ſie, wie René(es war nach acht Uhr Abends) raſchen Schrittes über das Feld ging. Aus der Richtung, die er eingeſchlagen, und vielleicht aus ſeiner Haſt, zog ſie den Schluß, daß das„Schlößchen“ ſein Ziel ſei. Das ver⸗ ſetzte Louiſe in Wuth; ſie wollte ihm nachlaufen, ihn anhalten... ſie machte auch in der That mehrere Schritte... aber bald ſah ſie doch das Lächerliche und Beſchämende ihrer Anſtrengungen ein. Einige Augen⸗ blicke ſah ſie ihm nach; dann bedeckte ſie plötzlich ihr Geſicht mit den Händen, und ſich von dem für ſie ſo ſchmerzlichen Anblick losreißend, eilte ſie in aller Haſt nach dem Hauſe ihres Onkels zurück. Es war gerade Zeit zum Soupiren— Louiſe nahm Platz, anſcheinend ruhig und ſchweigſam, wie ge⸗ wöhnlich; aber ihr Herz, dem Brechen nahe, ſchlug bis zu ihren Schläfen hinauf. Sie nahm nur ein wenig Obſt; unaufhörlich blickte ſie nach der Uhr, und während ſie dem Wege des Zeigers auf dem Zifferblatte folgte, zeigte ihr eine Erſcheinung, was Rens jetzt that. Sie ſagte ſich:„Jetzt geht er da über den Fußſteg, an der grünen Hecke vorbei; jetzt tritt er in die Allee; da kommt er!“ Dann ſprang ſie plötzlich auf. Was wollte ſie thun? Sie wußte es nicht; ſie war ganz außer ſich. Da ſchlug es halb neun; ihr Zittern verrieth Meunier die Auf⸗ regung Louiſens. Er verließ den Liſch und zog ſich raſch aber leiſe in ſein Zimmer zurück. Um acht und drei Viertel Uhr fuhr ein Poſtwagen des Weges. Nun war es Meuniers Hauptvergnügen, ſogar Bedürfniß wars bei ihm, ſich an's offene oder geſchloſſene Fenſter, je nach der Jahreszeit, zu ſetzen, um den Poſtwagen paſſiren zu ſehen. Aber immer mußte es in der erſten Etage ſein und nicht im Erdgeſchoß und ſeine Mütze mußte er über die Ohren gezogen haben. Ohne dieſes hätte er nie ſo gemüthlich in den Wagen hineingeſchaut, um zu ſehen, ob und wie er beſetzt ſei, und nie würden ihn die rothen Strahlen der Wagenlaternen entzückt haben. Louiſe ſchloß ſich inzwiſchen in ihr Zimmer ein; ſie hoffte, die Einſamkeit mit ihrer Freiheit werde ihr gedrücktes Herz erleichtern; aber, kaum hatte ſie ſich etwas wohler gefühlt, ſo fiel ihr ein, daß ſie nicht frei, ſondern eine Gefangene ſei. Wenn ſie an den Weg dachte, den Rens eingeſchlagen, ergriff ſie Schwindel: ſie mußte bleiben, ohnmächtig, unbeweglich; dort ſaßen ſie vielleicht, unterhielten ſich, lachten zuſammen... Da fühlte Louiſe zum erſten Mal die unwider⸗ ſtehliche Gewalt jener begeiſterten Hingebung, die eine kalte Ueberlegung nicht zuläßt. Aber ohne letztere pflegte ſie nie zu handeln; bis dahin waren die gewagteſten, keckſten Thaten ihres Lebens, ſelbſt die Rendez⸗vous mit René, das Reſultat einer vorangegangenen gewiſſen⸗ haften Ueberlegung. Diesmal war das ganz anders; ſie war über ihre Befürchtungen, Beängſtigungen und 25* —— 196 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. gewöhnlichen Skrupel hinaus; ſie ſah ſich ganz außer Stande, über ihre Gedanken und Gefühle irgend eine Kontrole zu führen. Bilder, zu denen ſie ſich früher nie fähig gehalten, ſtiegen in ihrer Einbildung auf; ſie ſah ſich auf dem Schoße Renés, die Arme um ſeinen Hals geſchlungen, den Kopf zurückgelehnt, als ſollte ſie einen Kuß bekommen; ſie ließ ihn in ihre ſchönen Augen ſchauen und ſagte zu ihm:„Liebe mich, ſieh mich an,“ und zog ſo ſeine Blickr von der Nebenbuhlerin ab, die dieſer gefürchteten und demüthigenden Scene anwohnte. Louiſe horchte aufmerkſam; tiefes Stillſchwei⸗ gen herrſchte; Meunier ſchlief ohne Zweifel; auch Veronika mußte ſchon im Bette liegen. Die Braut Renés nahm ihren Hut und einen kleinen Mantel und ſchlich leiſen Schrittes die Stiege hinunter, öffnete ſtill die Hausthür und ſchloß ſie dann eben ſo geräuſch⸗ los mit ihrem Schlüſſel hinter ſich zu. Sie ſchwankte nicht, ſie zitterte nicht! Weder die Einſamkeit, noch die Dunkelheit, die ſie zu umfangen begannen, erſchreckten ſie, und als ſie ſich auf dem Wege befand, auf dem ſie René zuletzt geſehen, war vollends jede Beſorgniß verſchwunden. Raſch eilte ſie vorwärts und war bald an ihrem Ziele. Was ſollte ſie nun thun? Bei Lucia ſo allein um dieſe Stunde erſcheinen, das ging nicht an. In einiger Entfernung von dem„Schlößchen“ ſtand am Wege eine Kirche. Die offene mit Bänken verſehene Vorhalle bot allen müden Reiſenden eine Ruheſtätte. Louiſe trat ein und ſetzte ſich nieder. Mußte ſie hier nicht René bei ſeiner Rückkehr vorbei⸗ gehen ſehen? Dieſer Gedanke beruhigte ſie. Und dann erinnerte ſie ſich, einſt ſo fromm in dieſer kleinen Kirche gebetet zu haben, daß ſie das verlorene Gottvertrauen wieder fand. Auch jetzt betete ſie. So verging faſt eine ganze Stunde; und ſchon wanderten die Sternenheere langſam um den Mond herum. Louiſe ſchlürfte die Ruhe, Stille und Erhabenheit des Anblicks in vollen Zügen. Nach und nach gerieth ſie ſogar in Entzücken, und ſie wußte nicht mehr, ob die Freude oder der Schmerz ſie hierhin geführt. Plötzlich hörte ſie Schritte; ſie beugte ſich, um zu ſehen, wer komme; er wars! Furcht, Angſt und eine unüberwindliche Scham befiel ſie alsbald; ſie ließ ſich auf die Bank, von der ſie ſich halb erhoben, wieder nieder, und wollte ſich ihm unſichtbar machen; René aber hatte einen Schatten ſich bewegen ſehen; er ſchaute nach der Stelle hin und erkannte Louiſe. Unſchlüſſig ſtand er einen Augenblick da und konnte ſich nicht er⸗ klären, wie ſie dahin kam; dann rief er mit einem Male aus: „Cheures, eiferſüchtiges Kind!“ Dann unterhielten ſie ſich über dieſe Eiferſucht und ihre Veranlaſſung, und Ren é verſicherte mit einer Freimüthigkeit, die jeden Zweifel beſeitigte, daß ſein Verkehr mit Lucia, den die Gaſtfreundſchaft unver⸗ meidlich mache, keineswegs auf Liebe beruhe, und daß er ſie nie und nimmer zur Frau haben möchte. „Nunmehr gehe ich raſcher meines Weges weiter, weil mein Herz leichter iſt und ich freier aufathme. Ich muß dieſer mißlichen Lage ein Ende machen, die mir ſo viel Herzenleid verurſacht. Morgen theile ich meinen Entſchluß der Mutter mit und dann muß ſie gleich zu Ihrem Onkel gehen. Haben wir dann einmal die Zu⸗ ſtimmung Beider, ſo mögen Sie immerhin den Tag, der uns vereinigen wird, beſtimmen.“ Louiſe konnte nun nicht länger widerſtehen, ohne ſich undankbar zu zeigen gegenüber der Angelobung René's. Indeß machte ſie ihren Freund darauf auf⸗ merkſam, daß er vielleicht doch auf Schwierigkeiten ſtoßen könnte; ſie wies dabei nicht undeutlich hin auf die inti⸗ men Beziehungen Lucias zur Gräfin, die für ſie keinem Zweifel unterlägen, und ſetzte hinzu: „Bis jetzt wars mein Stolz, der Sie von einer Erklärung Ihrer Mutter gegenüber abhielt, und jetzt— iſt's meine Liebe. Ach! René, ſie ſind eins unter ein⸗ ander und haſſen mich Beide, und ihre Loſung iſt: mein Verderben.“ „Was können ſie aber thun?“ ſagte Ren 6; „meine Mutter wird mir einige Gegenvorſtellungen machen und— dabei wirds bleiben.“ „Das weiß ich nicht,“ ſagte Louiſe;„aber ich habe ſchon oft gegen Animoſität, Unglück und derglei⸗ chen zu kämpfen gehabt— und immer war mein Los: eine Niederlage!“ René gab ſich alle erdenkliche Mühe, mit be⸗ ſänftigenden Worten und allerlei Schmeicheleien ihr Vertrauen zu beleben. Wenn aber dann die Zärtlich⸗ keiten Louiſe daran erinnerten, daß ſie hier allein ſei, in der Nacht, mit ihrem Geliebten, dann erwachte die Scham in einem ſo furchtſamen Beben, daß es Ren förmlich wehe that. Er wollte ſie nicht länger in dieſer peinlichen Lage laſſen; er nahm ſie in ſeinen Arm, um ſie nach Hauſe zurückzubegleiten. Als ſie vor Meuniers Hauſe angekommen, wollte Louiſe die Thür aufſchließen; aber von innen war ſie geſperrt. Ihre Wuth war eben ſo groß wie ihre Angſt; indeß zeigten beides nur ihre Blicke. „Alſo ſo bewacht Herr Meunier die jungen Damen?“ ſagte Rensé lachend. „Dieſen Streich hat der Onkel und Veronika mir geſpielt,“ erwiederte Louiſe, die die naive Auf⸗ faſſung und Aeußerung Ren s nicht theilte;„das iſt einer ihrer gewöhnlichen ſchadenfrohen Streiche. Ach, wäre nur Klärchen zu Hauſe, ſo würde ich bei ihr einſprechen, und brauchte hier nicht erſt zu danken.“ „Wollen Sie mit zu meiner Mutter gehen?“ fiel René ein. „Nein, nein! Treten Sie etwas bei Seite, ich werde klingeln; ich bin überzeugt, daß ſie mich erwarten; der Onkel ſchläft vielleicht, aber Veroni ka gewiß nicht. Sie laſſen mich nicht vor dem Hauſe ſtehen, davon kön· nen Sie feſt überzeugt ſein; das iſt nur ein boshafter Streich, um mich zu ängſtigen.“ „Begeben Sie ſich unter, meinen Schutz, und jeder ſoll Sie ſo reſpektiren wie ich ſelbſt.“ Ungeachtet dieſer Zuſicherungen blieb Louiſe unruhig, ja ſie ängſtigte ſich. Aber war es denn wirklich nur eine augenblickliche Verlegenheit, die ſie fühlte? Nein, es ſchien, daß Louiſe den Betheuerungen der Achl ſeine wie ſchul eine ſpre kon ſtoßen ie inti⸗ keinem einer etzt— er ein⸗ mein ené; ungen mmen, minnen nie ihre jungen onika ve Auf⸗ das iſt . Ac. Louiſe Meunier. 197 Achtung ſeitens Renés ſo gut nicht ganz traute, wie ſeinen Liebeserklärungen, und daß ſie von der einen wie von der andern Seite vor einer unliebſamen Täu⸗ ſchung ſich nicht ſicher fühlte. Die beiden Liebenden trennten ſich nun, nicht ohne eine letzte Umarmung, bei der die Hand für das Herz ſprach. Veronika war auf das Klingeln herunter ge⸗ kommen. „Eil woher kommen denn Sie?“ ſagte ſie mehr frech als erſtaunt;„Ihr Oukel wollte, ich ſollte die Thür abſperren; aber ich machte ihm begreiflich, Ihr Aus⸗ gang müſſe die Folge einer Wette oder eines Gelübdes ſein, denn ohne Zweifel haben ſich nicht etwa...“ „Schweig!“ ſagte Louiſe,„wenn Du nicht willlſt, daß ich morgen Früh alsbald dieſes Haus verlaſſe.“ Darauf wagte Veronika kein Wort mehr; denn dieſe Drohung konnte Louiſe leicht ausführen. Bei den erſten Worten, die Meunier am fol⸗ genden Tage an Louiſe richtete, war leicht zu ſehen, daß er ſich über etwas beſchweren wollte, denn anders wußte er nie einen Verweis zu geben, ſelbſt wenn er dabei im vollſten Rechte war. Er befolgte ſeine ge⸗ wöhnliche Taktik; er ging erſt fort und fort um ſein Opfer herum, ohne es anzugreifen, um es in Wuth zu bringen, ſo wie die Wilden es machen, die durch ihre Tänze und Geſänge erſt das unglückliche Opfer ihrer Wuth betäuben. Louiſe erſuchte ihn, um die Sache kürzer zu machen, ſeine Erklärung bis zum Abend zu verſparen. Aber der Gedanke, daß man in ſolcher Weiſe ſeine Macht und ſeinen Eigenwillen zu beeinträchtigen ſuchte, brachte ihn außer ſich. Aber das nutzte Alles nichts; Louiſe blieb ſtumm; endlich gegen Mittag war die Aufregung nahe daran zu verrauchen, als plötz⸗ lich Madame von Bourgueville eintrat. Die Mutter Renés hatte ſein Geſtändniß, daß er Louiſe liebe, ohne Erſtaunen aber mit tiefem Ver⸗ druß vernommen. Es war, wie ſchon geſagt wurde, durchaus nicht ihre Gewohnheit, offen gegen was immer für eine Perſon oder Sache eine feindſelige Stellung einzunehmen. Sie machte daher nur einige ſchüchterne Bemerkungen; insbeſondere betonte ſie es, daß eine Heirat mit Lucia mehr ihren Intereſſen entſpreche, ſtandesgemäßer ſei ꝛc.; daß eine Heirat mit Louiſe, die gar kein Vermögen habe, ein großes Opfer ſei, wel⸗ ches dieſelbe ſchwerlich durch andere Vorzüge hinreichend aufzuwiegen vermöge. „Was liegt daran!“ rief René aus mit ſeiner helltönenden Stimme;„oder bin ich nicht im Stande, Weib und Kind zu ernähren? Ich dächte doch...“ Es wurde alſo beſchloſſen, Madame von Bour⸗ gueville ſollte noch an demſelben Tage den Heirats⸗ antrag ihres Sohnes an Louiſens Onkel überbrin⸗ gen. Dieſer Gang zu Herrn Meunier war der Gräfin ſehr bitter und brachte ſie in der That bald außer ſich. Sie wandte ſich darum an Madame Saucour: „Halten Sie dafür, daß ich, um die Hand jener Kleinen für meinen Sohn anzuhalten, verpflichtet ſei, ihrem Onkel einen Beſuch zu machen?“ Endlich erfand ſie ſelbſt ein paſſendes Auskunftsmittel! Sie erſuchte zunächſt Herrn Meunier, ihr ein Stückchen Land käuflich zu überlaſſen, das ſie zur Arrondirung ihres Beſitzthums nothwendig brauche; dazu brauchte ſie ungefähr eine halbe Stunde, nach deren Verlauf ſie dann an ihre eigentliche Miſſion dachte, deren Mißlingen ſie natürlich nur gar zu ſehr wünſchte. Während Herr Meunier ſie andächtig anhörte, konnte er ſich eines ſchalkhaften, ironiſchen Lächelns nicht enthalten; im Grunde aber war er nur höchlichſt er⸗ ſtaunt, daß ſeine Nichte ein ſolches Verhältniß anzu⸗ knüpfen vermochte, und noch mehr darüber, daß Ren é ſich auf ein ſolches ernſtlich eingelaſſen. Allein, da er Grund genug zu haben glaubte, ſowohl Madame de Bourgueville als auch Louiſen zu grollen, er⸗ ſterer wegen ihrer ſtets bewieſenen Hochnaſigkeit, letzterer wegen ihrer abſtoßenden Kälte, ſo beſchloß er, heute, wo er Herr der Situation zu ſein wähnte, ſich an Beiden zu rächen. Indeß in Rückſicht auf die Ehre, die der Graf ſeiner Nichte zugedacht, glaubte er ſich doch gewiſſer⸗ maßen zuſammennehmen zu müſſen. „Ich muß,“ begann er,„vor Allem Ihnen, Ma⸗ dame, und dann Herrn René ein Familiengeheimniß anvertrauen, welches vielleicht, wenn Sie Kunde davon gehabt, Ihren heutigen Schritt mindeſtens bedenklich gemacht haben würde.“ Louiſe ſchaute erſchreckt ihren Onkel an, der dann fortfuhr: „Sie wiſſen, meine Nichte hat kein Vermögen.“ Louiſe athmete bei dieſen Worten auf, weil ſie glaubte, darin läge ihres Onkels ganzes Geheimniß. „Das habe ich vermuthet,“ erwiederte Madame von Bourgueville,„aber ich dachte daran weiter nicht, in der Vorausſetzung, daß ſie Sie einmal be⸗ erben würde.“ Das berührte Herrn Meunier anſcheinend gar nicht, und ſo fuhr er, als hätte man ihm gar nicht ge⸗ antwortet, fort: „Sie hat nicht nur kein Vermögen, ſondern ihre Erziehung, ihre Talente verdankt ſie nur den Opfern, die ich ihr brachte. Ich hätte beſſer gethan, ohne Zwei⸗ fel, wenn ich's anders gemacht hätte; aber das iſt le⸗ diglich meine Sache. Ich verlange keinen Erſatz dafür. Dazu habe ich noch mancherlei Sorgen und Unannehm⸗ lichkeiten ihretwegen gehabt, die ſich ſo nicht erzählen laſſen. Ich ſage Ihnen nur das: Ihr Vater war mein leiblicher Bruder, ein Windfang, der nie auf meine Rathſchläge hörte, ein talentvoller Menſch, aber was er angriff, ſchlug fehl; ſo kam's endlich dahin, daß er ſich ſelbſt das Leben nahm.“ Louiſe unterbrach ihren Onkel mit einem Schmerzensſchrei. „Jal er nahm ſich ſelbſt das Leben, aber ſein Tod zahlte nicht ſeine Schulden. Ich hatte keine Luſt mehr, für ihn zu zahlen. Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte. Ich habe Alles den Gläubigern überlaſſen und Louiſe zu mir genommen. Wenn Rens ſie heiratet, hat er nichts mehr zu befürchten; es hat Niemand mehr das Recht, ihr etwas abzuverlangen.“ 198 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. „Aber, Onkel,“ rief Louiſe aus,„dieſe Ihre Er⸗ zählung betrifft nicht blos den Geldpunkt, ſondern auch den Ehrenpunkt. Sie hätten mich von dieſem traurigen Verhältniß in Kenntniß ſetzen ſollen; warum iſt das nicht längſt geſchehen? Madame,“ fügte ſie dann zur Gräfin gewendet hinzu,„ich betrachte Ihren heutigen Antrag beim Onkel als nicht dageweſen. Sagen Sie Herrn René, daß ich ihn aller ſeiner Verbindlichkeiten gegen mich feierlichſt entbinde.“ „Ich werde nicht ermangeln, dies René mitzu⸗ theilen; er ſchätzt die Familienehre ſehr hoch; aber er liebt ſie ſo ſehr, daß er vielleicht doch keine Notiz von der Sache nehmen wird.“ Für Louiſe waren vielleicht weniger dieſe Worte der Gräfin auffallend, als der Ton, in welchem ſie ge⸗ ſprochen wurden. Es war der Ton einer tiefgewurzelten Abneigung, der durch ſeine eigenthümliche Schneide durchaus verletzte. „Warum ſollte ſich der Graf aber auch abſchrecken laſſen?“ ſagte Meunier;„was kümmert ihn das! Weil man ſagt, die Mutter adelt nicht... „Genug, mein Onkel,“ ſagte Louiſe heftig; „Sie, Madame, brauchen weiter nichts zu fürchten; ich löſe das Verhältniß, wenn Ihr Sohn es nicht thut; ich gebe ihm ſein Wort zurück, wenn er es nicht zurück nimmt.“ Als Madame von Bourgueville fort war, wandte ſich Louiſe zu Herrn Meunierz; ſie wünſchte zu wiſſen, wie hoch ſich die Schulden beliefen, die ihr unglücklicher Vater hinterlaſſen, und erfuhr ſo, daß nach den durch das Mobiliar und den in ſeinem kleinen Ge⸗ ſchäfte zurückgebliebenen Aktiva nur noch die geringfü⸗ gige Summe von 3000 Franks zu decken ſei. „Einer ſo kleinen Summe wegen hat mein Vater ſich das Leben genommen! Das hätten Sie mir durch⸗ aus nicht verſchweigen ſollen! Ol wie würde ich gear⸗ beitet haben, und noch arbeiten, um dieſe Ehrenſchuld zu decken!“ Im erſten Augenblicke, wenn wir unſere theuerſten Hoffnungen vernichtet ſehen, hindert uns der Groll ge⸗ gen die Ungerechtigkeit des Schickſals unſer Unglück in ſeiner ganzen Größe zu erkennen. Wenn wir aber nach einer Weile ruhiger unſere Lage im Einzelnen betrach⸗ ten, ſo nähern wir uns immer mehr der Verzweiflung; der Blick in die Vergangenheit vergrößert unſer Unglück, und denken wir an die Zukunft— ſo iſt auch dieſe nur eine düſtere. So war's auch bei Louiſe; ſie griff in ihr ganzes ſeitheriges Leben zurück; ſie führte ſich alle ſchon erduldeten und die noch zu erwartenden Leiden vor die Seele. Und gerade dieſes, weit entfernt, ſie zu brechen, verlieh ihr ſchließlich doppelte Kraft. Und ſo ſchrieb ſie denn an René: „Ihre Mutter wird Ihnen die Meldung machen, mein Freund, daß unſerer Verbindung etwas im Wege ſteht. Vielleicht wollen Sie dieſes Hinderniß beſeitigen, wie Sie ſchon die andern beſeitigten; aber hören Sie ja da auf, wo Ihr eigenſtes Intereſſe in's Mitleid ge⸗ zogen wird; Ihre Generoſität iſt zu bereit, Opfer zu bringen, die die meinige anzunehmen mir verbietet. Uebrigens, wozu Sie täuſchen; ich bedauere es nicht, Ihnen etwas zu verdanken; ich wünſchte ſogar, ich ver⸗ dankte Ihnen Alles: Namen, Glück, Ehre, Ruhe! Ich liebe Sie zu ſehr, daß ich nicht alle Ihre Geſchenke lieb und werth halten ſollte. „Sie lieb und werth halten, das iſt zu wenig; ich wünſche mir Alles, was Ihnen gehört, das Dach, wel⸗ ches Sie ſchützt, die Mauern Ihrer Wohnung, die herr⸗ lichen Bäume Ihrer Domäne, kurz Alles, was Ihren Luxus bildet und worin Sie ſich gefallen. Ich würde von Allem gern meinen Theil nehmen, wie das Kind, das immer nach der Mutter koſten will. Was könnte es für mich auch koſtbareres geben, als etwas, was mich nur an Sie erinnert? „Ja! ich hätte gern von Ihrer Hand mein ganzes Lebensglück angenommen; aber— Ihre Mutter! Ihre Mutter wird nie die meinige ſein. Selbſt an Ihrem Arme, an der Wiege Ihrer Kinder würde ich für ſie der Eindringling, die Fremde, die Intrigantin ſein. „Aber wenn auch, mein lieber Re né, einzig Ihr und mein Wille zu entſcheiden hätte, ſo würde es, glaube ich, doch klug ſein, unſer Gelöbniß zu löſen. Ich werde mich von dieſer Ueberzeugung nie trennen. Ich bin in der Schule des Unglücks groß gewachſen und erzogen, und ich fühle, daß ich nie auf dieſe Weiſe glücklich ſein würde. Ich habe langſam und nach und nach in allen Stunden meines Lebens dulden gelernt. Ruhe und Freude ſind mir nachgerade fremd geworden. Aber— ich beſitze die Gabe der Selbſtverläugnung nun dafür, die für ein ſo unglückliches Weſen ſo nöthig iſt wie die Luft. „Noch einmal, lieber Ren 6, nehmen Sie Ihr Wort zurück. Ich will nicht Ihre Gattin werden, weil ich Ihnen nur die Vortheile rauben kann, zu denen Sie Ihre ſociale Stellung berechtigt, und weil ich gewiſſen Vorurtheilen und Anſchauungen keinen Zwang anthun will, der zweifelsohne ſchließlich nur auf mich zurück⸗ fallen würde. Hören Sie gleichwohl nicht auf, mich zu lieben, ich beſchwöre Sie, und wenn dieſe hoffnungsloſe Liebe Sie peinigt, ſo bedenken Sie, daß das nicht lange dauern darf. Meine Abweſenheit— ich drohe nicht mit meinem Tode— wird Ihnen bald Frieden und Frei⸗ heit wieder geben.“ Während René dieſen Brief las, ſteigerte ſich ſeine Liebe zum reinſten Enthuſiasmus. Je mehr Louiſe gedemüthigt, verlaſſen, verleumdet worden— deſto in⸗ brünſtiger liebte er ſie. Sein Mitgefühl für ihr Unglück war größer als die Leidenſchaft, die ihre Schönheit, ihre Talente, ihre Anmuth hervorgerufen. René verlangte alſo energiſch von ſeiner Mutter, ſie ſolle ſich von Neuem zu Herrn Meunier begeben und ihm ſagen, daß ſeine Abſichten unverändert geblie⸗ ben, und daß er nie und nimmer auf Louiſens Hand verzichten werde. Ja er erklärte, die Schulden, die Louiſens Vater noch hinterlaſſen, augenblicklich decken zu wollen. Und um ſeine zartfühlende Braut möglichſt zu ſchonen, erklärte er ferner, die betreffende Summe ohne Quittung und ohne irgend einen Anſpruch auf Erſatz oder Rückerſatz zu erlegen. Allein bei dieſem un⸗ — 3 nicht ſch ver. 1 36 ike lieb nig, ich ch wel. die herr. 3 Ihren würde ss Kind, onnte es as mich ganzes rl Ihre Ihrem glaube c werde h bin in erzogen, klich ſein in allen che und lber— dafür, R w Sie Ihr den, weil enen Sie gewiſſen anthun h zurück⸗ nich zu nungsloſe icht lange nicht mit und Fle⸗ gerte ſch rLouiſe deſto in⸗ r Unglüd nheit, ihre er Mukter, Louiſe Meunier.* 199 eigennützigen Anerbieten erwachte Meuniers Stolz; er wollte durchaus nicht dulden, daß ein Adeliger, ein Großgrundbeſitzer, ein Ariſtokrat— wie René war— ſich zum Vertheidiger der Ehre ſeiner Familie aufwerfe. Er gab ſein eigenes Gut als Hypothek hin für die Summe, die Rens flüſſig machte. Louiſe glaubte ſich verpflichtet, zu dieſer Be⸗ gleichung auch ihre Zuſtimmung nicht zu verweigern. Sie widerſetzte ſich nicht mehr ihrem Glücke; ſie ergriff dasſelbe diesmal ohne Zögerung; nur ihre Liebe zu René war maßgebend. Als indeß nun die Frage entſtand, wenn denn ihre Verbindung mit René ſeattfinden ſolle, wollte ſie jede Entſcheidung darüber bis zur Geneſung Klär⸗ ſchens vertagt wiſſen. Mit dieſer hatte ſie einen Ge⸗ wiſſensfall zu berathen, und obgleich ſie des erwünſchten Erfolges in dieſer Frage ſicher war, wollte ſie doch nicht die Form verletzen. Madame von Bourgueville hatte, in der Hoffnung ihren Sohn für ihre Pläne zu gewinnen, ihm die Schritte vertraut, die ſie gethan, um Lucia aufs Land zu ziehen, und das Heiratsprojekt, welches ſie da⸗ mit verbunden. Aber René war wieder keineswegs der Mann der ſich je dazu verſtanden hätte, mit einer Dame nur des Spaßes halber, oder um ihr einen Gefallen zu thun, ſich in Liebeleien einzulaſſen. Ja, er hatte im Ge⸗ gentheil nichts Eiligeres zu thun, als Madame Sau⸗ cour von ſeinem Verhältniß zu Louiſen in Kenntniß zu ſetzen. Für Lucia war dieſe vertrauliche Mittheilung mehr ärgerlich als überraſchend. Aber ſie ſuchte dieſen Eindruck durchaus zu verbergen, und wußte ſogar die ihrer wirklichen Stimmung gerade entgegengeſetzte zur Schau zu tragen: Sie überhäufte René mit den be⸗ geiſtertſten Glückwünſchen; jetzt war Louiſe mit einem Male ein Wunderkind, ein Meiſterwerk der Erziehung; nur Vermögen fehlte ihr. Aber mit ihren allſeitigen gründlichen Kenntniſſen würde ſie einmal ihrem Manne das Engagiren von Profeſſoren zum Unterricht der Kin⸗ der ganz erſparen. Dieſer poſſirliche Schluß der begeiſterten Lobrede der jungen Witwe mußte René die damit beabſichtigte Wirkung verrathen. Er glaubte daher, dadurch ſich fein derſelben entziehen zu können, daß er unter Beileidsbe⸗ zeigungen ſich entſchuldigte, daß er ſich ihrer Herrſchaft zu entziehen vermochte. „Meine Stunde war gekommen,“ ſagte er,„denn wenn mein Herz noch nicht vergeben geweſen wäre, ſo hätte es ſeine Freiheit ohne Zweifel bei Ihnen geopfert.“ Lucia nahm dieſe Huldigung nicht an; konnte ſie doch die Niederlage ihrer Prätenſionen nicht mildern. Daß René es bedauerte, ſie nicht lieben zu können, weil er nicht mehr frei ſei, konnte ſie für den angehofften Sieg nicht entſchädigen. Sie erwiederte, ein von dem geliebten Gegenſtande ganz erfülltes und begeiſtertes Herz ſei nicht im Stande, zu ſagen, was es würde ge⸗ than haben, wenn es noch frei geweſen. Wäre dies aber dennoch der Fall, ſo deute es gewiß an, daß das beſte⸗ hende Verhältniß ſich noch löſen könne und— dieſe Schwäche könne ſie bei René nicht vorausſetzen. Der Graf hielt's für's beſte, dieſe Unterhaltung nicht weiter zu führen und ſchwieg. So ſchien denn Madame Saucour nichts an⸗ deres übrig zu bleiben, als den Rückzug anzutreten, vulgo einzupacken. Aber eine ſo unfruchtbare Reiſe war für ſie eine Schlappe, die ſie nicht ertragen konnte. Sie mußte ſich dafür rächen. Aber wie war das anzufangen? Sollte ſie ſich mit Madame von Bourgueville entzweien, oder mit ihr enge verbinden, um eine Heirat zu hintertreiben, die Beiden gleich ſehr mißfiel? Sie ließ es darauf ankommen und machte der Gräfin einen Beſuch. Das Thema, welches bei dieſer Gelegenheit des Weiten und Breiten beſprochen wurde, war natürlich zunächſt Ren és Verblendung. Dann wurde Louiſe in die Mache genommen— und was Wunder! wenn Beide an ihr weiß Gott was Alles auszuſetzen fanden. Daß dabei die Wahrheit am ſchlechteſten wegkam, war im vorhinein zu erwarten, eben ſo, daß man vor einer Verleumdung der ſchwärzeſten Art nicht zurückſchrak. Und die Gräfin that's hierin der Madame Saucour zuvor! „René will dieſes Mädchen heiraten,“ ſagte ſie; „kennte er nur ihre Antecedentien, ihr früheres Leben, ihre frühere Aufführung! Wir kennen ihren Onkel, das iſt ein gemeiner Bürger mit Krämergrundſätzen, und wenn dieſer ſie in ſeinen Schutz nimmt, ſo iſt das gar keine Garantie.“ Dieſe Worte klärten die junge Witwe plötzlich auf; an ſo etwas hätte ſie nie gedacht. Sie hatte eine teuf⸗ liſche Freude, daß ſie auf eine neue Fährte gekommen war. „Ja, es iſt wahr,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„die Gouvernanten ſind mehr oder weniger immer kom⸗ promittirt. Bei ihrem Nomadenleben haben ſie bald hier bald dort eine Liebſchaft oder ein Abenteuer. Es wäre ein Wunder, wenn Louiſe da eine Ausnahme machen ſollte! Sie iſt ſo traurig, ſo in ſich gekehrt; iſt das Kummer, ſind das Gewiſſensbiſſe? Oder iſt es die Langeweile zu ſtrenger Sittſamkeit?“ Madame Saucour zog ſodann genaue Erkun⸗ digungen ein über die Perſonen, in deren Nähe, und über die Stellen, in denen ſie bis dahin gelebt. Sie ſammelte die deßfallſigen Auskünfte auf's Gewiſſen⸗ hafteſte. Als beſte und ergiebigſte Quelle ergab ſich bald ihr eigenes Kammermädchen, welches mit der Wäſcherin bekannt war, die wöchentlich in Meuniers Hauſe die Leinwäſche zur Reinigung abholte. Es wäre zwar nichts Großes geweſen, aus Veronika, tootz ihrer Schweig⸗ ſamkeit und ihrer Raffinerie, etwas herauszubringen, aber das junge Mädchen hatte bei ihrem lebhaften In⸗ tereſſe für die ausgezeichnete und liebenswürdige Louiſe ſtets während zwei bis drei Jahren ſich die Reiſen ge⸗ merkt, welche der Gegenſtand ihrer Verehrung machte. Nachdem Madame Saucour auf dieſe Weiſe einmal eine Baſis für weitere Nachforſchungen gewon⸗ nen, ſchrieb ſie an ihren Bruder Moriz Dornet. Dieſer Junggeſell, an den ſich der Notar der Gräfin 3 f 1 4 — — — 4 — ——— 4— —— — ——— —— 5— ————— 200 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ſchon früher gewendet, ſtand in den Vierzigern; er war das alter ego der jungen Witwe, die er ſtets mit ſeinen Rathſchlägen unterſtützte, ohne ſie mit ſeinen Verweiſen zu quälen, wofern nicht das gemeinſame Intereſſe es erheiſchte. Lucias Brief wird uns ſagen, was ſie von ihm wollte. „Wenn ich Dir ſagte, mein lieber Moriz, daß ich an dem Gelingen der Sache, die mich hierherführte, verzweifle, was würdeſt Du da vermuthen? Daß der Landaufenthalt einen Theil meiner verführeriſchen Reize zerſtört? Das wäre doch eine zu gewagte Annahme, wie Du oft Dich zu ſolchen verleiten läßt, obwohl ich Dir im Allgemeinen nicht einen ſicheren ſcharfen Blick ab⸗ ſprechen kann und mag. Oder Du glaubſt vielleicht, daß René nach Charakter, Geiſt ꝛc. nicht zu mir paſſe? Noch weiter gefehlt, lieber Bruderl René würde in allen Salons der Welt als ein ausgezeichneter, höchſt liebenswürdiger Menſch hervorragen. Sein Tempera⸗ ment iſt lebhaft und munter, er iſt intelligent und, was gar nicht ſchaden kann, er benützt ſeine Intelligenz zur Mehrung ſeines Vermögens und Einfluſſes dadurch, daß er überall als Ehrenmann ſich kennzeichnet. Er ver⸗ diente ein Ideal von einem Weibe: Sein loyales, edles, feinfühlendes Herz, ſchon in der Provinz eine Selten⸗ heit, würde in Paris geradezu ein Phänomen ſein, wo, wie mir mein Doktor oft ſagte, Charakterloſigkeit eine endemiſche Krankheit iſt. „Aber ich muß ſeine Empfindlichkeit loben, denn die iſt es gerade, die unſeren Plänen ſich entgegen ſtellte. Es war ſchon ſehr ſpät, zu ſpät, als die Gräfin von Bourgueville mich hierher berief. René war ernſtlich verliebt! Und in wen? Ach! Das iſt es, was mich tief kränkt! Sollteſt Du es glauben, lieber Moriz? In eine Gouvernante! Mein Gott ja! Sie iſt ſchön, talentvoll, geiſtvoll; aber eine Gouvernante! So eins von den für eine Mutter unentbehrlichen Meubels, die man jetzt von ſich ſtößt, dann wieder ruft, gerade ſo wie man einen Fußſchämel aus einer Ecke des Zimmers in die andere ſchiebt. Und dieſer Umſtand läßt den ſo poe⸗ tiſchen jungen Grafen ſehr proſaiſch erſcheinen, und er ſelbſt muß etwas Serviles an ſich haben, ſonſt könnte er unmöglich von einer dieſer niederen Kreaturen ſich berücken laſſen. „Aber, nein! Ich weiß, was ihn bezaubert und verblendet hat; die großen, melancholiſchen Augen Loui⸗ ſens— ich ſage, die großen, weil' einmal ſo in unſeren Romanen Mode geworden.— In der That aber ſind es die kleinen Augen Louiſens und die ſchwarzen Augenbrauen, die ihn bezauberten! Ihr ſeid freilich draußen kurioſe Menſchen; eine junge Dame ſchließlich nach der Krankheit noch hübſcher vor als braucht nur ſchmachtende Augen und ſonſt einige liebens⸗ würdige Züge zu haben, und gleich ſucht ihr dahinter ein tiefes Geheimniß. Als ob es etwas monotoneres gäbe als Traurigkeit! Hat denn etwa ein faſt ewig um⸗ wölkter düſterer Himmel darum einen Reiz, weil er hie und da einmal auf Augenblicke ſich erheitert?! Es iſt rein unbegreiflich, wie auf einen geſunden Sinn ein me⸗ lancholiſches Geſicht einen Zauber ausüben kann, während ein feuerſprühendes Auge, ungetrübte Heiterkeit... „Doch ich habe nicht die Feder genommen, um Dich mit dergleichen philoſophiſchen Beobachtungen zu traktiren. Ich möchte vielmehr gerne der armen Madame von Bourgueville, die über die Wahl ihres Soh⸗ nes untröſtlich iſt, einen Dienſt erweiſen, bei dem ich auch ſelbſt intereſſirt bin. Sie möchte gerne wiſſen, wel⸗ cher Art das Vorleben der Louiſe Meunier geweſen — das iſt nämlich der wenig ariſtokratiſche Name der obbenannten Braut— wiſſen möchte ſie, ob nicht in den Kreiſen, in denen ſie ſich als Gouvernante bis dahin be⸗ wegte, ſkandalöſe Gerüchte über ſie verbreitet ſind. Deine Verbindungen machen Dir' entſchieden leicht, dieſes Ge⸗ heimniß zu entdecken; Du haſt den nöthigen Scharfſinn dazu, und Nebenabſichten, am wenigſten unedle, wird Niemand in Paris dahinter ſuchen wollen, der Dich kennt. Louiſe hat ein Jahr in einem Kloſter zu Aix zugebracht; dann erhielt ſie eine Stelle bei Fräulein Delphine Savenay, deren Mutter nunmehr ſeit drei Vierteljahren ein Schloß in der Umgebung von Avranches bewohnt. Ich erinnere mich flüchtig, daß Du ſchon der Familie erwähnteſt; und Du wirſt Dich gewiß noch derſelben erinnern; daran zweifle ich keinen Au⸗ genblick. „Lebe wohl, mein lieber Moriz; thue in der Sache, was in Deinen Kräften ſteht. Ich baue auf Deine Bruderliebe. Ganz die Deinige Lucia von Saucour. „P. S. Wenn mir die Heirat nicht gelingt; den Proceß werde ich ſchon einleiten, und die Gegner werden die Koſten des Vergleichs zu tragen haben!!“ V Während dieſer Brief ſeinen Weg zurücklegte, er⸗ hielt Louiſe einen, der ihr die Rückkehr Klärchens meldete. Die Intelligenz des Arztes, ihres Onkels, die mütterliche Pflege ſeitens der Madame Tiercelin hatten gemeinſchaftlich die große Gefahr beſeitigt, die dem jungen Leben der Patientin drohte. Es war ſogar zu hoffen, daß ihre Schönheit nicht den geringſten Scha⸗ den gelitten. Ihre Züge waren faſt unverändert; keine Narbe entſtellte ihr Geſicht, nur war ihr ſonſt ſchnee⸗ weißer Teint etwas röthlich geworden. Jerome hatte übrigens keineswegs erwartet, daß ſie ihre ganze frühere jugendliche Friſche wieder erhalten werde. Darum war er nicht wenig erſtaunt; denn nachdem er mehr für die Erhaltung ihrer Schönheit, als für die ihres Lebens ge⸗ betet, fühlte er, daß er ſie doch auch geliebt hätte, wenn⸗ ſie häßlich geworden wäre. Ja, ihm kam Klärchen früher. Und wie war die Stimmung des ganzen übrigen Hauſes? Eine brillante! Alle gewannen ſie während ihrer Geneſung unendlich lieb; ihr freundliches Lächeln, ihr Humor, ihre Leutſeligkeit— ihr todtgutes Herz be⸗ zauberte Alles was Leben hatte in ihrer Umgebung: Mann und Weib, Jung und Alt, Katzen und Hunde, Pferde, Kühe, Kälber, Hühner: kurz Alles, Alles! 1 Der Tag der Heirat war nicht mehr fern. Acht — een, um agen zu radame 3 Soh. em ich en wel⸗ geweſen ame der tin den ahin be. d. Deine leſes Ge. harfſinn le, wird er Dich zu Air rräulein ehr ſeit ng von daß Du gtwiß nen Au⸗ in der aue auf our. k, den werden egte, er⸗ rchens kels, die reelin tigt die ar ſogat enScha. t. keine ſchnee⸗ je hatte frühere um war für die Johann von Pomuk wird in die Moldau geſtürzt. 201 Tage zuvor kehrte ſie noch einmal zum Onkel zurück, wo auf jeden Fall wenigſtens der erſte Theil der Vermä⸗ lungsfeier ſtattfinden ſollte. Louiſe hatte ihre Ankunft erwartet, um ſie von dem Antrage Ren é's in Kenntniß zu ſetzen, und die Beglückwünſchungen, die ſie darob empfing, ließen ſie ihr Glück tiefer empfinden als je vorher. Klärchen ſuchte ihre Hoffnungsloſigkeit und ihre Ahnungen zu zerſtreuen; denn Louiſe befürchtete, mit einer vielgeprüften Menſchen oft anklebenden Aber⸗ gläubigkeit, ſie möchte in ihr eigenes Unglück ſtürzen, und die beſſere Zukunft, die ſie träumte, möchte eben nur ein Traum ſein. Aber Klärchen forderte ſie drin⸗ gend auf, vielmehr nur an all die Güter zu denken, die ſie mit René theilen würde: an das Schloß, das ſchöne, majeſtätiſche Wohnhaus, an den herrlichen, ſchattigen Park, in dem ſie ihre ſchönſten Träume träumte. Nach⸗ dem ſie ihr dann die Freuden einer Schloßherrin ge⸗ ſchildert, kam ein anderes Thema zur Sprache. Wie viele einfache, allerliebſte Toiletten entwarfen nun die beiden Freundinnen! Louiſe hatte mehr Geſchmack, Klärchen mehr Ueberlegung, und ſo machten ſie, das eine mit dem andern verbindend, ſich zu leibhaftigen Feen. Von Liebe ſprach man wenig, dachte aber daran viel; indeß Louiſe wußte ſchon was Blicke, Klärchen was ein Kuß bedeutete. Aber Louiſe hatte noch immer einen Skrupel: „Ich will nicht,“ ſagte ſie,„unſere letzten ſorgloſen Mädchenfreuden ſtören. Ich ſammle für Dich die Blätter meines Tagebuches; ich werde ſie Dir am Morgen Deiner Vermälung geben, Du wirſt ſie in Deiner reinen geho⸗ benen Stimmung leſen; dann wirſt Du mir Dein Ur⸗ theil mittheilen und— ich werde mich demſelben unter⸗ werfen.“ Der Hochzeitstag war bald da; Eltern, Verwandte, Freunde, Alle waren vom erſten bis zum letzten erſchie⸗ nen. Louiſe und René führten den Titel:„Ehren⸗ fräuleit und Ehrenpage“ und hatten die Beſtimmung, zu begleiten und„fein in Obacht zu nehmen“ die Jung⸗ vermälten. Die Etiquette verlangte, daß ſie ſtets bei⸗ ſammen blieben; noch mehr, man betrachtete ſie auf dem Lande ſchon als Verlobte; und weit entfernt, an ihrer Intimität Anſtoß zu nehmen, ſuchte man dieſelbe durch alle möglichen Kunſtgriffe noch zu ſteigern: ſo ein Bauer, ſo wenig fein er iſt, er weiß ſehr gut, was die Liebe will und verlangt. Vom Hauſe des Doktors bis zur Kirche wurde, wie üblich, von Reitern Spalier gebildet; jeder Reiter nahm ſeine Genoſſin, die er ſich gewählt oder die man ihm zugewieſen, hinter ſich auf's Pferd. Die Bauern hatten jene derben Ackerpferde, die man nicht ſo leicht lendenlahm macht; Rensé hatte ſein Lieblingspferd, dasſelbe, welches Louiſe damals geritten. Aber das kluge Thier erkannte die jugendliche Amazone; denn, als ſie ſich in den Steigbügel hob, machte es gar nicht den Verſuch, nah der übrigens leichten Erhöhung ſeiner Laſt auszuſchlagen. Es machte einen kleinen Bückling und ſetzte ſich dann in einen gemeſſenen Trab, wäh⸗ rend der Reiter ſich von dem Arme Louiſens elek⸗ triſirt fühlte, den er mehr um ſeine Taille vermu⸗ Erinnerungen, LXXXII. 1861. thete als gewahrte; ſo furchtſam hatte ſie ihn um⸗ fangen. Nach der Civiltrauung umarmte der Maire, wie dies gewöhnlich geſchah, die Braut, die es, wenn auch nicht gern, ruhig geſchehen ließ; dann begab man ſich in die Kirche. Ddie religiöſe Ceremonie war eben ſo kurz wie die auf der Mairie; denn der gute Pfarrer, dem das Reden überhaupt ſchwer fiel, drückte in ſeiner Anrede nur den Wunſch aus, daß die Verbindung der jungen Cheleute alle die zeitlichen und ewigen Früchte tragen möchte, die ihre Jugend und ihre Tugend erwarten ließen. Die meiſten Theilnehmer an dieſer kirchlichen Feier vergaßen, trotz ihrer zarten Anhänglichkeit an die Braut, für die⸗ ſelbe zu beten; ihr Brautſchmuck, vor Allem aber der allerliebſte Kranz aus Orangen⸗ und Apfelblüthen feſſelten ihre Aufmerkſamkeit ausſchließlich. Die einzigen bewegten Momente bei der ganzen Feier waren die, wo die barmherzigen Brüder, der Kirchendiener und die Schweſtern von der heil. Jungfrau ihre Spenden ſammelten. Man hielt der Freigebigkeit der Theilneh⸗ mer des Feſtes Teller und Schalen von Blech hin, auch alte durchlöcherte Beutel und Frühſtückſchalen. Jeder beantwortete die an ihn geſtellte ſtumme Frage mit einem Sou bis zu einem Centime und die, die nicht Kleingeld genug hatten, wechſelten erſt auf dem hinge⸗ haltenen Sammelapparat. Nach der kirchlichen Feier tanzte man vor dem Portal auf dem Kirchhofe einen Kontretanz. René und Louiſe, denen auch hier die Hauptrolle zufiel, machten ihre Sache ganz nach Vorſchrift, aber man ſah ihnen gleich an, daß auch ſie ſehr in einander verliebt waren. Nach Beendigung des Tanzes kehrte man zum Hauſe des Doktors zurück, um das Dejeuner einzuneh⸗ men. Mit der Zeit ward ſehr geſpart; dieſe erſte Ruhe dauerte nur zwei Stunden. Dann ſtieg man zu Pferd und begab ſich zu den Eltern Jeromes. (Fortſetzung folgt.) 5 Johann von Pomuk wird in die Moldau geſtürzt. (Hiezu die Bilderbeilage.) (Dme Gewaltthat gräßlichſter Art. Nicht bloße Drohung und Einſchüchterung, der vielleicht doch die Vollſtreckung nicht gefolgt wäre, ſondern nächtlicher Mord, auf Geheiß des Tyrannen von Jo deſſen Schergen an einem geweihten Diener der Kirche verübt. In dunkler, nur vom Fackel⸗ ſchein der Vollſtrecker des Gräßlichen und vom matten Lichte des bald von Wolken bedeckten Mondes erhellter Nacht wird der Märtyrer, gefeſſelt, von rohen Henkers⸗ knechten über das Geländer der Brücke in die Wogen des Stromes geſtürzt, die ihn ſchweigend bedecken ſollen. Geharniſchte Ritter überwachen die Vollſtreckung des Machtgebotes ihres Herrſchers. Der Leib des Opfers inkt in die Tiefe; ſein Geiſt aber ſchwingt ſich zum 4 26 202 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Throne des Höchſten, wo er ein Fürſprecher werden ſoll der Bedrängten und Verfolgten, ſein Gedächtniß ein neues Band des Glaubens für die Völker der katholi⸗ ſchen Kirche und ihre Zukunft. Die Richtung des 15. Jahrhunderts, wo in ver⸗ ſchiedenen europäiſchen Ländern ſtaatskluge und kräftige Fürſten ſich, bei ihrem Kampfe mit den mächtigen Prä— laten und Baronen, auf die blühenden Städte und überhaupt auf die zahlreicheren untern Schichten des Volkes ſtützten, eine Richtung, die eben in den ſich ver⸗ ändernden geſellſchaftlichen Verhältniſſen ihren Grund hatte, trieb ſchon im 14. Jahrhunderte ihre Keime und Karl IV. dürfte in einer ſpäteren Zeit ein entſchiedener Vertreter derſelben geworden ſein. Auch Wenceslaus hatte einen Zug dahin, hat ſich ſeine Regierung hindurch mit den Bürgern noch am beſten vertragen, und war bei den unteren Ständen, aus denen er ſeine vertraute⸗ ſten Umgebungen wählte und deren Sprache und Sitte ihm behagten, nicht unbeliebt. Mit dem Klerus dagegen war er von früh an im Streit. Sein ſkeptiſcher Sinn mochte Glauben und Chrfurcht in ihm erſtickt haben. Der Verkehr mit England, den ſeit 1382 die Vermä⸗ lung ſeiner Schweſter Anna mit dem Könige Richard II. vermittelte, brachte wiklefitiſche Schriften und Meinun⸗ gen in das Land, deren Verbreitung Wenzel nicht hin⸗ derte, ohne zu ahnen, welch bittere Früchte dereinſt für Böhmen und Deutſchland daraus erwachſen ſollten. Die ſittlichen Mahnungen geiſtlicher Prediger fand er läſtig und benützte gern die Gelegenheit, die ihm der ſittenloſe Wandel vieler damaliger Kleriker bot, das Mißverhält⸗ niß zwiſchen ihrem Leben und ihren Lehren bloßzuſtellen. So durchſuchte er Nachts die Häuſer der Stadt, in denen ſittenloſe Gewerbe getrieben wurden, und wenn er Geiſt⸗ liche darin fand, ließ er ſie mit den Buhldirnen an den Pranger dem Pöbel zum Spott ſtellen. Als die Huldi⸗ gung des Königs in Breslau von dem Klerus behindert ward, weil die Stadt, wegen eines unerheblichen, rein weltlichen Streithandels, von dem Domkapitel mit dem Interdikte belegt worden war, ließ er die Häuſer und Güter des Doms und anderer kirchlicher Stiftungen plündern, und ſah zu, wie ſeine Böhmen einen geiſtlichen Spottaufzug auf dem Markte hielten(1381). Eben ſo verfuhr er in Prag gegen die Güter des Erzbiſchofs, Johann von Jenſtein, mit dem er über⸗ haupt in heftigen Streit kam. Derſelbe war früher, als Biſchof von Meißen, ein lebensluſtiger Geſelle geweſen, der ſich des Weidwerkes und der Tourniere freute und durch weltmänniſche Sitten und elegante Bildung glänzte. Wenzel hielt ihn auch Anfangs ſo werth, daß er ihn zum Kanzler ernannte und zu ſeinem Beichtvater erkor. Als aber der gleichfalls überaus lebensluſtige Erzbiſchof Ludwig von Magdeburg zu Calbe, nach einer munter durchtanzten Nacht, vor einem ausgebrochenen Feuer flüchtend, den Hals gebrochen hatte, ergriff das Schickſal des alten Kumpans den Prager Erzbiſchof mit warnen⸗ dem Schrecken. Er ging in ſich und verbrachte ſein wei⸗ teres Leben in allen Bußen und Selbſtpeinigungen der ſtrengſten Asketik. Nur unter Mönchen lebend, trug er ein härenes Gewand unter den Kleidern, ſchlief auf der Erde, das Haupt auf die Bibel oder auf einen Stein gelehnt, geißelte ſich blutig, ſetzte ſich der ſtrengſten Kälte aus, wuſch Bettlern die Füße, ſpeiſte auf der Erde und bediente die Mönche. Sein Beichtvater durfte ihn für das leichteſte Vergehen bei den Haaren umherſchleifen, und er ſelbſt hielt dem Könige ungewohnte Strafpre⸗ digten, die dieſem keineswegs behagten. Das möchte durch die Wahl eines anderen Beicht⸗ vaters auszugleichen geweſen ſein. Aber der König fand den Prälaten auch ſtarr und unbeugſam in Vertheidi⸗ gung der Rechte und Beſitzthümer der Kirche, und hätte ſich eben an dieſen gern erholt, um der Zerrüttung ſei⸗ ner Finanzen abzuhelfen. Schon hatte er dem Adel, zum Theil unter blutigen Hinrichtungen, die von frühe⸗ ren Königen verſchenkten Kammergüter wieder abge⸗ preßt. Jetzt wollte er auch die der Kirche verliehenen zurückfordern, fand aber bei dem Erzbiſchof entſchiede⸗ nen Widerſtand, und dasſelbe trat bei den Eingriffen des Königs in die geiſtliche Gerichtsbarkeit ein. Der Unterkämmerer Sigmund Huler, der zwei Geiſtliche am Leben beſtraft und zwei rückfällige getaufte Juden be⸗ ſchützt hatte, ward in den Bann gethan, dem König die Erhebung der Abtei Kladrau, deren Abt der neue könig⸗ liche Beichtvater geworden war, zu einem Bisthum ge⸗ weigert. Da ſchrieb der König dem Erzbiſchof einen heftigen Brief, worin er ihm mit Erſäufen drohte, wie⸗ derholte die Drohung bei perſönlichem Erſcheinen des Erzbiſchofs und folgte dieſem, der ſich unterweges ret⸗ tete, in das Kapitelhaus. Hier ließ der wüthende König den Dechanten, nachdem er ihm den Kopf mit dem De⸗ genknopf blutig geſchlagen, und vier Geiſtliche verhaften und auf die Folter ſpannen. Da auch dieſe Qualen den erzbiſchöflichen Vikar Johann von Pomuk und den Offi⸗ cial Nikolaus Puchnik nicht zu den Ausſagen brachten, die der König begehrte, ſoll er ſie eigenhändig mit einer Fackel gebrannt haben, und ließ er darauf, am 21. März 1393, den Johann von Pomuk, mit einem Knebel im Munde und gebundenen Händen und Füßen, nach Mit⸗ ternacht in die Moldau ſtürzen. Der Leichnam ward erſt am 6. Mai aufgefunden, hat nachmals ein präch⸗ tiges Grabmal zu Prag erhalten, und der Märtyrer ſelbſt ward in Böhmen hochgefeiert und 1729 vom Papſte heilig geſprochen. Die Legende läßt übrigens den Johann, welcher Welflin geheißen haben ſoll und 1320 zu Pomuk geboren war, hauptſächlich deßhalb ermordet werden, weil er ſich geweigert habe, das Beichtgeheimniß der Königin zu verrathen, und der Umſtand, daß gegen ihn allein ſo grauſam verfahren ward, ſcheint darauf zu deuten, daß der König einen Grund zum Haß gegen ihn hatte, der ihn allein traf. Indeß war es bei Wenzels Charakter leicht möglich, daß ſchon eine trotzige Aeuße⸗ rung des Verfolgten ihn zu der Unthat gereizt hat. Bereut ſcheint er dieſe zu haben. Denn er entließ den Puchnik und füllte ihm Taſchen und Stiefeln mit Gold, ließ ſpäter den Unterkämmerer Huler, der ihn haupt⸗ ſächlich angereizt haben ſoll, ſelbſt enthaupten, und ſuchte ſich auch, wiewohl ohne dauernden Erfolg, mit dem Erz⸗ biſchof auszuſöhnen. A ——y— S ——— Stein Kälte e und in für leifen, dafpre. Beicht. g fand theidi⸗ hätte ng ſei. Ael, frühe⸗ abge hhenen hiede⸗ giiffen Der he am den be⸗ nig die könig. um ge⸗ einen , wie⸗ en des es ret⸗ König A Dr haften en den it einer Mätz ebel im c Mit⸗ ward präch⸗ tärtyrer 9 vom ns den 13²⁰ mordet heimniß gegen rauf zu gen ihn enzels Aeuße⸗ t hat. eß den Gold, haupt⸗ b ſuchte m Erz⸗ Der Redakteur. 203 Der Redakteur. elcher Leſer gibt heutzutage ſich noch Mühe, ſagt der Verfaſſer der ſchon wiederholt ge⸗ nannten„Picta et Scripta“, beim Leſen ſeine Phantaſie noch beſonders anzuſtrengen, dafür war ja der Autor da, er ſelber(der Leſer) will nur genießen, Freiſtunden ausfüllen, viel⸗ leicht auch ſich ſanft in den Schlaf hinüber leſen. Kein leſendes Individuum wird alſo jemals daran denken, wie viel Zeit, Mühe, Sorge, Kummer, Arbeit u. ſ. w. die Herſtellung des kleinen Büchleins gekoſtet, das er in der Hand hält. Er denkt nicht daran, daß der Autor Monate lang über dieſe Seiten geſchrieben, denkt nicht daran, daß das kleine Buch Gegenſtand einer lebhaften Korreſpondenz zwiſchen Autor und Verleger wurde, daß dann drei Setzer darüber ſetzten, der Faktor die erſte und der Autor die zweite Korrektur las, zu welchem Behuf die einzelnen Bogen unter Kreuzband die weite Reiſe vom Wohnort des Druckers nach dem des Autors zu machen hatten, daß dann Buchbinder und Buchhändler⸗ kommiſſionäre nöthig waren u. ſ. f. Er denkt nicht daran, daß das kleine Werkchen, nehmen wir beiſpielsweiſe das vorliegende, zu ſeiner Herſtellung einen Koſtenaufwand von vierhundert Thalern mindeſtens erforderte, er macht ſich nicht klar, daß in einem durchaus nicht dickleibigen Werke mehr Geld ſteckt, als in manchem Krämerladen der Provinzialſtädte. Sic est, mi lector carissime! Winziger aber als ein ſelbſtändiges Buch, erſcheint ihm noch die Nummer einer Zeitſchrift. Es ſind nicht viel Seiten aber noch weniger Blätter, und doch haben noch mehr Hände an der Herſtellung gearbeitet als beim Buche. Denn dieſes ſchrieb(wir wollen es hoffen) der Autor allein, und an der Zeitſchrift war der Redakteur und ſein Herr Mitarbeiter thätig. Dabei aber ſteht doch keine Zeile in den loſen Blättern des Journals, die der Redakteur nicht geleſen. Wahrlich, ein wichtiger Poſten und ein wichtiger Mann. Peſſimiſten und zur Verleumdung hinneigende Sterbliche werden zwar behaupten, daß ein Oaſein nicht intereſſant ſein könne, welches unter Leſen, Excerpiren und hin und wieder erfolgendes Probiren des eigenen Federkiels verſtreiche. Solche Leute haben nie in ein Redaktionsbureau geguckt. Als Redaktions⸗Bureau bei literariſchen Journalen fungirt in den meiſten Fällen das Arbeitszimmer des Redakteurs. Noch ſteht die erſte Taſſe Mokka auf dem Schreib⸗ tiſch und Dr. F., der Redakteur, ſchneidet die erſte Feder. Denn in dieſer Beziehung iſt er konſervativ und hält es mit der alten guten Sitte des Federkiels, ja er kann nicht begreifen, wie in dem federflaumig⸗weichen Jahrhundert die Stahlfeder in Aufnahme gekommen iſt, während im Säkulum des Stahls und Eiſens die Federpoſe gang und gäbe war. 18 handlung bringt mit vielen Empfehlungen des Chefs und einer Einladung zu freundſchaftlichſtem Souper ein Packet Bücher aus dem neueſten Verlage jener Handlung. In einem Handbillet bittet der Chef um recht baldige freundliche Beſprechung der Werke und verſichert den Doktor wiederholentlich ſeiner Hochachtung. Dr. K. öffnet das Packet und enthüllt mit gemäch⸗ licher Ruhe zwei dreibändige Romane. Nachdem er die Titel geleſen und die Namen der Autoren ungefähr mit demſelben Intereſſe betrachtet hat, mit welchem er einen Unbekannten anſtaunen würde, der irgend ein Wagniß unternommen, ſchreibt er auf jedes Buch kalt den Namen irgend eines ſeiner Mitarbeiter, der mit nächſter Gele⸗ genheit die Bücher empfangen und dann das Vergnügen haben ſoll, ſich mit dem Inhalt bekannt zu machen, ihn geiſtig zu verarbeiten und darüber zu referiren und einen Urtheilsſpruch zu fällen. Andere Burſchen kommen und bringen andere Bücherſendungen, welche per Beiſchluß der geehrten Re⸗ daktion übermittelt ſind. Einige dieſer Bücher erfreuen ſich des Vorzuges, vom Redakteur für ſich zurückgelegt zu werden, andere werden wieder mit gewiſſen Namen ver⸗ ſehen. Das geſchieht während des Frühſtücks. Später re⸗ tournirt dann der eigene Burſche des Doktors und bringt die Poſtſachen. Es iſt ein ganzer Haufen Briefe, der jeden Morgen den Schreibtiſch des Redakteurs einnimmt; Freundesbriefe von fern und nah, Beiträge für ſein Blatt aus Oſten, Weſten, Süden und Norden. Die erſteren er⸗ kennt er an der Handſchrift und durchfliegt ſie ſchnell, die letzteren kennzeichnen ſich durch gewiſſe Chiffern und werden vorläufig ad acta gelegt. Aber noch eine dritte Sorte Briefe iſt da, in der Regel mit feingefalteten Couverts umgeben, die nicht ſelten nach Roſen, Myrrhen, Ambra und ſämmtlichen Wohlgerüchen Indiens duften. Er erbricht den einen. Hochzuverehrender, hochgeſchätzter Herr Doktor! „Es ſchlägt die Lerche und die Amſel ſchlägt, Der Frühling hat den Winter todtgeſägt“ (aha, ein Poet, murmelt der Doktor vor ſich hin, über⸗ ſchlägt mit ſchlecht verhehlter Indignation den Erguß einer gefühlvollen, poetiſchen Seele und geht an das Praktiſche, an das Leſen der Proſa des Briefes.) „Dieſe Verſe hat mir die erwachte Natur in das Herz gelegt und ich ſchrieb ſie für dieſen Brief nieder, ohne daß es meine Abſicht iſt, ſie der Oeffentlichkeit zu übergeben. „Aber die ſchöne Zeit, welche nun gekommen, hat andere Klänge in meinem Buſen gereift, ähnlich, hoch⸗ geſchätzter Herr, wie bei Geibel, als er ſang: Der Mai iſt gekommen, die Bäume ſchlagen aus. „Auch mein Herz, ſehr verehrter Herr Doktor, iſt eine Lerche und ſtimmet ein mit Schall. „Anbei erfolgen denn zehn Wanderlieder, die ich zur Veröffentlichung in Ihrem geſchätzten Blatte beſtimmt habe. Dem Honorar ſehe ich bald entgegen, denn iſt im Augenblick des poetiſchen Schaffens die Honorarfrage äter hervor. Es klopft und der Laufburſche irgend einer Buch⸗ ſelbſtverſtändlich ganz im Hintergrunde, ſo tritt ſie doch 26* — — 204 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. „Uebrigens bin ich bereit, Ihnen von jetzt an in beſtimmten Perioden poetiſche Beiträge für Ihr Blatt zu ſenden. „Daß ich den Namen Herzlieb von der Roſenau unter meine Gedichte ſetze, werden Sie gewiß auch billigen. Rückert nannte ſich zuerſt, glaube ich, Frei⸗ mund und auch der große Richter iſt nur als Jean Paul bekannt. Auch ſcheint mein Name für einen Dichter nicht paſſend zu ſein. „Mit Ungeduld ſehe ich Ihrer, wie ich gewiß glaube, zuſtimmenden Antwort entgegen und zeichne ꝛc. N. N. den und den. Oskar Blaſius, Aktuar.“ In dem Briefe nun lagen, von ſauberer Aktuarius⸗ handſchrift geſchrieben, zehn roſafarbene Blätter. Der kalte und nichtswürdige Dr. X. knitterte das zarte und weiche Papier zuſammen, ſteckte es in die Schlafrock⸗ taſche, zündete eine neue Cigarre an und verließ auf einige Minuten das Zimmer. Nach ſeiner Rückkunft erſt ging er an die Lektüre der anderen Briefe. Da war wieder ein provinzieller Poet, deſſen Pro⸗ dukte das Schickſal des erſten hatten. Ein dritter Brief endlich war ein Mahnbrief. Nicht etwa von Schuſter, Schneider oder Handſchuhmacher, o nein, der Doktor iſt ein ordentlicher und pünktlicher Mann, der Mahn⸗ brief kommt auch von einem jener unſeligen Poeten, welche die Gaben ihrer lyriſchen Muſe vertrauensvoll in des Doktors Hände gelegt hatten, und der nun, wie alle ſeine Kollegen, noch jeder Antwort vergebens ent⸗ gegenſah. Nun wurde der Dr. F. böſe. Sofort riß er ein Blatt Papier hervor und warf mit wenigen Feder⸗ ſtrichen eine fulminante Antwort für den Briefkaſten ſeines Blattes darauf, in welcher er darauf hinwies, wie oft es ſchon ausgeſprochen worder ſei, daß keiner der unberufenen Einſender von Beiträgen einen An⸗ ſpruch auf Antwort habe, und daß jeder Einſender von Gedichten gefälligſt Abſchrift nehmen möge, da man ſich auf's Remittiren nicht einlaſſen könne. Dann ſchloß er die Thür und befahl ſeinem Bur⸗ ſchen, jeden Beſucher abzuweiſen, da er, der Doktor, arbeiten wolle. Mit Macht wirft ſich nun der Redakteur den Muſen in die Arme, da zu morgen eine Einleitungs⸗ abhandlung für ſein Journal fertig ſein muß. Während der Zeit hat der Burſche draußen alle Hände voll zu thun. Denn der Doktor iſt nicht nur ein viel geplagter Mann, ſondern auch ein viel beſuchter, was im Grunde dasſelbe ſagen will. Alle, die da kamen, gingen auf die Weiſung des Burſchen ruhig fürbaß, ſelbſt vertrautere Freunde, die zwar nicht glaubten, daß der Doktor zu ſo früher Stunde(es iſt zehn Uhr) ſchon ausgegangen ſei, aber auf die ihnen zugeflüſterte Nachricht, daß der Herr arbeite, zartfühlend genug waren ihrer Wege zu gehen. Ein junger Mann nur, mit ſchwärmeri⸗ ſchen Zügen und einem alten fadenſcheinigen Frack, bewies eine unerſchütterliche Beharrlichkeit. Mit wei⸗ chem Stimmfall geſtand er dem verzweifelnden Diener, daß er warten müſſe, ſo lange, bis der Herr Doktor retournire. Und beſcheiden nimmt er auf der So einer Mauerniſche Platz, die zufällig im Korridor an⸗ weſend iſt. „Der Herr Doktor kommen aber möglicher Weiſe erſt gegen Abend,“ meldet der Diener. „So werd ich bis zum Abend warten müſſen,“ ſagt der Mann mit dem ſchwarzen Frack reſignirt,„ich bin darauf eingerichtet.“ Mit den letzten Worten nimmt er aus einer der Fracktaſchen ein Stückchen Brod und beginnt ſein Frühſtück. Der Burſche hat indeſſen ſeine beobachtende Stel⸗ lung bewahrt. Gar zu gern möchte er den ſchwarzen Frack los ſein, denn aus der Bruſttaſche ſchauen weiße Blätter verdächtig hervor, und er hat die Erfahrung ge⸗ macht, daß ſein Herr ſtets böſer Laune war, wenn er ſchwarzen Fracken mit weißen Blättern Audienz gegeben hatte. Durch Beharrlichkeit hofft der Knappe des jungen Mannes los zu werden.— „Georg, Georgl' erklang jetzt eine Baßſtimme aus dem Innern des Zimmers.„Der Herr Doktor ruft,“ ſpricht der Frack gleichmüthig zum Burſchen, der indeſſen ſchon auf dem Sprunge iſt, dem Rufe Folge zu leiſten. Aus dem Innern tönt jetzt etwas, das wie„kann man denn nirgends mehr Ruhe haben“ klingt; darauf öffnet ſich die Thür und der Frack wird unter der Be⸗ dingung eingelaſſen, daß ſein Aufenthalt nicht lange dauere, denn der Herr Doktor ſei im Begriff aus⸗ zugehen. Es erfolgt nun eine jener Audienzen, denen ein Journal⸗Redakteur ſo vielfach ausgeſetzt und die in den Schlußvers des Spruches: Genieße was dir Gott beſchieden, Entbehre gern was du nicht haſt. Ein jeder Stand hat ſeinen Frieden. Ein jeder Stand hat ſeine Laſt. gehören. Der ſchwarze Frack iſt nämlich wieder ein ver⸗ kanntes Genie, und kann, wie alle ſeine Kollegen, das beati possidentes nicht auf ſich beziehen. Die weißen Blätter, die ſo verdächtig aus dem Frack ſchauten, ent⸗ halten diesmal ausnahmsweiſe keine Verſe, ſondern No⸗ vellen. Es ergeht ihm aber wie jenem Dichter, er kann keinen Verleger finden, obgleich nach ſeiner beſcheidenen Autormeinung durch Styl, Auffaſſung und Ausführung ſeiner Geſchichten Boccacio vollſtändig geſchlagen ſei. Nun iſt der ſchwarze Frack auf den nicht unſchlauen Gedanken gekommen, dieſe Novellen dem Herrn Doktor widmend zu Füßen zu legen. Eine Ovation dürfte aber wohl einer Aufmerkſamkeit werth ſein, weßhalb wohl auch der Herr Doktor die Freundlichkeit haben würde, für einen guten und gleich zahlenden Verleger zu ſorgen. Einem ſo geachteten Namen könne das ja nicht ſchwer werden. Der Redakteur hat, um ſein Vorhaben recht wahr⸗ und augenſcheinlich zu machen, mittlerweile nach Hut und Stock gegriffen, er erſucht nun, ihm das Manuſkript behufs nöthiger Durchſicht anzuvertrauen und ihm ge⸗ fälligſt auch die betreffende Adreſſe zu hinterlaſſen, um zu geeigneter Zeit ſchleunigſte Mittheilung machen zu 88 t ich er der t ſein Ste 2 Otel⸗ warzen weiße ein ver⸗ en, das weißen en, ent⸗ ern No⸗ er kann eidenen führung n ſei. ſchlauen Doktor iite aber b woll würde, 1 ſorgen. ſchwer rrre Der Redakteur. können. Mit Freuden wird dem Verlangen gewillfahrt und der ſchwarze Frack entfernt ſich hoffnunggeſchwellt und kühn um ſich blickend. Nach einigen Tagen aber ſchon empfängt er die Blätter zurück und in dem Begleitbriefe dankt der Doktor für die Ehre der Widmung, die er leider ausſchlagen müſſe, da die Novellen auch den niedrigſten Anforde⸗ rungen nicht gerecht würden.—— Geht der Redakteur Abends in den Klubb, ſo iſt er hier der officielle Beurtheiler aller Fragen, die in's Gebiet der Literatur oder Kunſt hinüberſchweifen. Er muß ſich fade Elogen über ſein Blatt und ſich gefallen laſſen und iſt glücklich, wenn er möglicher Weiſe einen Kollegen trifft, der einer andern ſchriftſtelleriſchen Koterie angehört und alſo Stoff zu einer Disputatiunkula gibt. So verfließen die Tage eines Redakteurs literari⸗ ſcher und belletriſtiſcher Journale. Anders iſt es bei ſeinen Kollegen von der Tages⸗ preſſe. Ich ſagte ſchon oben, daß ich hierfür ein Beiſpiel aus der Provinzial⸗Zeitungspreſſe nehmen würde. Eine täglich erſcheinende politiſche Zeitung iſt ein umfaſſenderes Unternehmen, als ein in größeren Zeitab⸗ ſchnitten erſcheinendes Unterhaltungsblatt. Eine ſolche Zeitung hat natürlich ihr eigenes Redaktionsbureau, an deſſen Thür mit Goldſchrift zu leſen iſt, daß ein ſo viel beſchäftigter Mann, wie der Redakteur, nicht fortgeſetzt dem verehrlichen Publiko zu Dienſten ſein kann, ſondern daß von 12 bis 1 Uhr Sprechſtunde ſei. Ich erinnere mich noch ſehr gut des frommen Schauders, der mich durchrieſelte, als ich ein ſolches Bureau zuerſt betrat. Von hier aus wurde alſo ein großer Theil der politiſchen Meinung einer Provinz dirigirt und gemacht, hier waltete der mächtige Mann, der kühn und vor aller Welt in jeder Nummer bekundete, daß er bereit ſei, jede Zeile, die dem Leſer geboten, zu verantworten. Das Redaktionsbureau beſteht gemeinhin aus zwei Zimmern; im erſten haben der Redaktions⸗Sekretär und der Korrektor, beide außer ihrer officiellen Stellung noch ſtark beſchäftigte Mitarbeiter der Zeitung, Platz gefun⸗ den. Eine kleine Bibliothek, einige Schränke voll alter Skripturen und eingebundener Jahrgänge der Zeitung, die Wände mit Karten behängt, ein Tiſch und einige Stühle für etwaigen Beſuch, ſo ſtellt ſich das Vorbureau, wie ich den Aufenthaltsort des Sekretärs und Korrektors nennen möchte, den Augen dar. Durch eine Seitenthür gelangt man in's Aller⸗ heiligſte, in's Arbeitszimmer des Redakteurs en chef. Eleganter ſieht dieſes Bureau allerdings aus. Die Wände ſind mit Tapeten beklebt und mit Bücherſchränken geſchmückt, der Arbeitstiſch des Redakteurs iſt ein Mei⸗ ſterſtücklein von Eleganz, ein neumodiſches ſchönes Sopha mit einem faſhionablen Tiſch davor und die hochlehnigen, ſein geflochtenen Rohrſtühle vollenden den behaglichen Eindruck des Ganzen. Die Wände ſind mit ſchönen Bil⸗ dern geſchmückt, Seine Majeſtät und ein großer Theil des königlichen Hauſes natürlich immer vorhanden, und außerdem, je nach der politiſchen Richtung des Blattes, entweder die Führer der feudalen oder diejenigen der liberalen Partei, theils in Miniſter⸗, theils in Land⸗ botenbildern. Nur das Herrenhaus vermag ſich immer noch keinen Eingang zu verſchaffen. Der Redakteur ſteht vor ſeinem Pulte und hat einen mächtigen Stoß Zeitungen vor ſich, an einer Seite aber ein ganzes Bündel aufgeſchnittener Briefe liegen, die in Stelle des Briefbeſchwerers, der ruhig lächelnden Ant⸗ litzes daneben ſteht, von der Papierſchere bedrückt werden. Im Augenblick unſeres Hereintretens nimmt der Redakteur ſo eben ein großmächtiges Zeitungsblatt vor. Während er das Blatt auseinander ſchlägt, fällt uns das Zeichen des Kreuzes in die Augen. Der Mund des Re⸗ dakteurs(der Zufall hat uns an den Herd eines wüthen⸗ den Oppoſitionsblattes geführt) ſpitzt ſich höhniſch und ſeine Augen leuchten zorneskühn. Plötzlich aber ſchwillt ihm die Stirnader bedeutend an, er legt die Cigarre weg, die ihn hindert, mit den Zähnen zu knirſchen, und lieſt aufgeregt aber mit Auf⸗ merkſamkeit. Dann jedoch erheitert ſich ſeine Miene wie⸗ der, er erhebt ſich und öffnet die Thür zum Vorbureau. „Die biedere Zeitung(er hält dabei die Titelſeite in die Höhe) hat uns ſchmählich angegriffen, meine Herren.“ „So?“ fragt der Sekretär, eine Muſterſtatue von beharrlicher Arbeitſamkeit und gemäßigtem Phlegma. „Schon wieder?“ fragt der Korrektor, ein junger blondgelockter Schriftſteller, ſchnell und ſprühenden Au⸗ ges.„Doch nicht wegen meines Artikels?“ „Gerathen, Herr Pfeifer,“ ſagt der Redakteur; „nun können Sie die Sporen verdienen und ſich ſelber wehren.“ Da geht ein erhebender Freudeſtrahl über das Ge⸗ ſicht des Korrektors und erfreut dankt er für das Ver⸗ trauen, das er ſchon rechtfertigen werde. Der Redakteur begibt ſich ſchmunzelnd zurück und murmelt dann vor ſich hin:„Pfeifer iſt in Extaſe und wird den guten Rundſchauer ſchon abführen.“ Der Redakteur ſelber iſt ein behäbiger Mann, der das patriotiſche W des Militärs, beſtehend in Schnurr⸗ und Backenbart, trotz ſeiner politiſchen Meinung trägt. Daß er eine Brille trägt, liegt in der Natur der Sache und in ſeiner Stellung. Vorn in dem tadelloſen Hemd glänzt eine prächtige Buſennadel, die ihm einſt irgend eine hochgeſtellte, wohl gar fürſtliche Perſönlichkeit als Andenken gab. Nur öffentlich ſpricht er ſich in's Feuer, wie z. B. bei Vorwahlen u. dgl., ſonſt wahrt er ſtets die Würde ſeiner Stellung. Man kann nicht behaupten, daß ſeine Arbeit eine leichte und dankbare ſei, ja der Uneingeweihte dürfte ſie leicht als im höchſten Grade langweilig finden. Aber es geht den Herren von der Feder, zumal der politiſchen, eben ſo wie den kühnen Weidmännern im fernen Weſten, davon uns Ferry, Cooper und Andere ein Mehreres und Lehrreiches erzählen. Die Leutchen der Büchſe, gebräunten Hant, Mokkaſſins und ſichern Hand können ſich von ihren Gefahren nicht trennen, und würden vor Heimweh nach der Wildniß ſterben, wenn ſie in kultivirtere Gegenden und ruhigere Lebensſtellungen verſetzt würden, und der politiſcher Blätter würde geiſtig zu Grunde 2⁰06 gehen, oder, um einen techniſchen und bezeichnenden Aus⸗ druck zu benutzen,„verſimpeln“, wenn er die Politik, den Kampf der Parteien, die geiſtige Aufregung nicht hätte. Seine Stellung iſt übrigens eine mächtigere, als die philiſterhafte Meinung der Menſchheit einräumen will. Die Preſſe iſt ein Staat im Staate, eine Macht in der Macht, und wohl gehört es zu den größten Kunſt⸗ ſtücken kluger, einſichtsvoller Staatsmänner, ſich dieſe Macht zur Bundesgenoſſin zu erringen. Dieſe Kunſt be⸗ ſitzt unſer liebenswürdiger Nachbar jenſeits der Kehler Rheinbrücke in ausgedehntem Grade, und der Erfolg beweiſt ja, ob er richtig kalkulirte. Das Publikum, beſonders das Handel und Ge⸗ werbe treibende, kennt übrigens dieſe Macht auch recht gut, wie hätten ſonſt die Goldbergerſſchen Rheumatis⸗ musketten, das Bullrich⸗Salz, die Revalenta arabica, der Apfelwein und das Hoff ſche Malzextrakt ſo immenſe Summen einbringen können. Die Gewerbetreibenden haben einfach nachgemacht, was ihnen die Buchhändler ſeit Langem vormachten. Der Büchertiſch des Redaktionsbureau's iſt das ganze Jahr hindurch mit zum Theil koſtbaren literariſchen Spenden bedeckt, zur Weihnachtszeit aber füllt ſich auch die häusliche Wirthſchaft des Redakteurs. Der geneigte Leſer weiß, daß die Preſſe es liebt, bei beſonders guten Anläſſen, und als beſte iſt doch die liebe ſchöne Weihnachtszeit zu betrachten, die Verkaufs⸗ anſtalten der Stadt einer Beſichtigung zu unterwerfen und die ſtattlichen Firmen mit ihren eleganten Lokalen die Revue paſſiren zu laſſen. Alle die Firmen ſowohl, die im Voraus wiſſen, daß ſie in dem Parademarſch mitwirken werden, wie auch diejenigen, ſo da gern in dieſem Schauſpiel eine Rolle übernehmen möchten, beob⸗ achten der Redaktion gegenüber eine„Schicklichkeit“, die nicht lobend genug anerkannt werden kann. Der Schreib⸗ tiſch und das Arbeitszimmer des Redakteurs, der Putz⸗ und Nippestiſch, ſo wie die Küche der Redaktrice füllen ſich mit allerhand Schönem und Gutem. Und Zahlung dafür wird eben in der„Weihnachtswanderung’ voll⸗ ſtändig geleiſtet. Spekulative Redaktoren und ſolche, denen es um Hebung von Handel und Gewerbe beſonders zu thun iſt, halten eine Parade im Jahr zweimal ab: ſie ver⸗ anſtalten nämlich, unter gleichen Umſtänden und Bedin⸗ gungen wie zur Weihnachtszeit, noch eine Johannis⸗ verſur. Was von künſtleriſchen Notabilitäten, Virtuoſen und ſchauſpieleriſchen Gäſten nach der Stadt kommt, macht im eigenen Intereſſe natürlich dem Redakteur den erſten Beſuch, damit eine vorläufige Ankündigung im Feuilleton oder Lokalen, vielleicht gar mit Hinweiſung auf frühere Leiſtungen des Künſtlers, welche dem Re⸗ dakteur bekannt ſind, das Publikum im Voraus neu⸗ gierig mache. Doch nicht nur Künſtler ſteigen die Gradus ad Redactorem hinan, ſondern auch Künſtlerinnen. Mit bauſchigen, rauſchenden Gewändern angethan und ſtrotzend in koſtbarem Putz und ſonſtigen Zierathen, erſcheint ein ſolches Meteor im erſten Bureau und fragt, klangvollen Organs, ob der Herr Doktor oder Redakteur Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. zu ſprechen ſei. Manchmal wendet ſie ſich mit ihrer An⸗ rede auch direkt an einen der beiden Herren. Darauf ſehen beide auf, der Korrektor mit dem Blick eines jungen Mannes, der noch ein großes Stück Leben vor ſich hat, der Sekretär mit den Augen des Kenners. Der Korrektor beantwortet dann ſtets die Frage und weiſt auf die Thür zum Nebenzimmer, manchmal antworten beide Herren unisono, wenn nämlich irgend welche körperlichen Vorzüge der Dame auch dem Sekretär in die Augen ſtechen. Die Dame klopft und verſchwindet auf das landes⸗ übliche Herein. Melancholiſch ſieht ihr der Korrektor nach, und ſchaut dann zur Decke empor, wahrſcheinlich der fernern Zeit denkend, wo auch er Redakteur en chef ſein und ſolche ſeltene Blumen in ſeinem Bureau empfan⸗ gen wird. Der Sekretär aber, der ſchon lange Jahre im Zimmer auf demſelben Platz geſtanden, gearbeitet und manchen Beſuch hinein in das elegantere Zimmer ge⸗ wieſen hat, iſt kaltblütiger als ſein Kollege: er geht gleich an die Arbeit, hat er doch überhaupt ſchon über all die Provinzialkorreſpondenzen, durch deren Ertrag arme Schulmeiſterlein ihr karges Einkommen zu ver⸗ mehren ſuchen, die Hoffnung aufgegeben, je etwas an⸗ deres als ſeinen jetzigen Sekretariatsſitz zu erreichen. Kurz nachdem die Audienz drinnen beendigt iſt, kommt auch ein Zettelchen aus dem Hauptbureau, das direkt in die Druckerei geht, um noch in die heutige Num⸗ mer ſeinen Inhalt zu bringen. Es enthält die ſchon er⸗ wähnte vorläufige Anzeige, doch kann ich mich nicht ent⸗ halten zu berichten, daß der Wunſch um recht zahlreichen Beſuch, mit welchem dieſe kleinen Reklamen grundſätzlich ſchließen, um ſo wärmer zu ſein pflegt, je geſegneter mit körperlichen Vorzügen die Künſtlerin war. An den Sonnabenden der Sommermonate möchte ein ſolcher Redakteur ſich tripliciren können. Da erſchei⸗ nen Inhaber von Vergnügungslokalen, Maitres de danse, die Italieniſche Nächte veranſtalten, Feuerwerker, die Mögliches und Unmögliches im Gebiete der Pyro⸗ technik zu leiſten verſprechen, Schwimmmeiſter, Gondel⸗ führer und wie die Leute alle heißen, welche für das Ver⸗ gnügen des Publikums ſorgen;— und alle dieſe Leut⸗ chen ſtellen das kindlich naive Verlangen, daß ihnen ein beſonderer Artikel gewidmet werde. Der Redakteur, der in den meiſten Fällen ein gutmüthiger und gutherziger Mann iſt, verſpricht Alle zu befriedigen und kann es doch Wenigen nur halten. Oft wird aber auch an ſeine Autorität appellirt, wenn durch irgend ein übelgeſinntes Geſchick das Inſerat zu einer Luſtbarkeit zu ſpät fertig geworden iſt, ſo daß der Komptoiriſt unten in der Expedition mit Achſelzucken bedauert, den Zeilen keinen Raum mehr gönnen zu kön⸗ nen, es ſei ſchon zu ſpät, die ganze Zeitung bereits zu⸗ ſammengeſtellt und in den Druck gegeben. In einem Falle, der mir vorſchwebt, war der Mann, ſo die Inſerate annahm, ohnehin ein grober und mürri⸗ ſcher alter Herr, der ſtolz auf die Autorität ſeiner Würde war und das Publikum ſo recht weidlich nach Herzens⸗ n chef mpfan⸗ chen. eNum⸗ Hon er⸗ icht ent⸗ vlreichen ndſätlich ter mit ne e möchte Jelſche tres de erwerker, er Phro⸗ Gondel⸗ das Ver⸗ eſe Leut⸗ hnen ein tteur, der thecziget kann es ayrlit 33nſerat — ſo daß ſetzucken zu kön⸗ reits zu- t Mann, d mürtr r Winde Herzenb⸗ —— Der Redakteur. luſt und Bedürfniß, plagte und chikanirte. Konkurrenz war nicht da, die Leute mußten ja wieder kommen. Ein Feuerwerker oder Pyrotechniker, wie er ſich nannte, hatte mit bedeutenden Unkoſten ein großes Kunſt⸗, Land⸗ und Waſſerfeuerwerk arrangirt. Der ſpäteſte Ter⸗ min zur Annahme der Inſerate war die elfte Stunde des Morgens, da die Zeitung bereits um zwei und ein halb Uhr zum Verſandt fertig ſein mußte. Ausnahms⸗ weiſe waren an dieſem Tage auch eine Unſumme In⸗ ſerate vorhanden. Da kommt kurz vor zwölf der arme Pyrotechniker in Begleitung ſeiner ehrenwerthen Ehegenoſſin mit einer großmächtigen Ankündigung ſeines Feuerwerks. Der Mann der Inſerate erklärt ihm in kühlem Geſchäftston, daß es zu ſpät zur Aufnahme ſei und lieſt mit dem anweſenden Setzerlehrling die Korrektur einer Spalte ſchon geſetzter und gedruckter Inſerate, während der Feuerwerker vernichtet auf einen anweſenden Stuhl zu ſinken ſich bemüht. Die Frau des Feuerwerkers iſt gefaßter und be⸗ ginnt nun alle Schleuſen und Maſchinerien des weib⸗ lichen Bittapparats in Bewegung zu ſetzen, aber auch ihre Bemühungen prallen an dem Eiſenherzen des Man⸗ nes ab. Schließlich ſchleudert ihm die Frau einen Blick der Verachtung zu und geht in Begleitung des nieder⸗ geſchlagenen Mannes hinaus. „Ein Mittel gibt es noch, Mann, komm herauf zum Herrn Doktor.“ Und hinauf begeben ſich die Petenten. Oben im Vorbureau ſind ſie bekannte Größen, denn der Mann arrangirt alle vier Wochen ſolch' ein Feuer⸗ werk und hat jedesmal das Unglück gehabt mit ſeinen Inſeraten zu ſpät zu kommen und jedesmal hat ihn noch der Doktor oben gerettet, allerdings dabei auch immer geſagt, daß es das letzte Mal geweſen ſei und der Mann mit ſeinen Inſeraten künftighin zeitiger kommen möchte. Der Redaktionsſekretär überlegt ſo eben, ob er die Leutchen nicht ſofort wieder abweiſen ſolle, damit ſie endlich Ordnung lernten, als zufällig der Redakteur en chef in's Bureau tritt. Beide Petenten beginnen ſofort eine gemeinſchaft⸗ liche Attaque und überſchütten den Redakteur förmlich mit ihren„allerliebſter Herr Redakteur“,„allerguteſter und allerbeſter Herr Doktor“. Der Doktor bewahrt heute eine ernſte und kalte Miene und das bringt nun die Frau mehr aus dem Koncept als den Mann der gemach ſeine Ruhe wieder⸗ findet. Als nun der Redakteur eine lange moraliſirende Rede beginnt und im Eingange auf die Unmöglichkeit hinweiſt, dem Verlangen genügen zu können, klappen die beiden Armepaare der feuerwerklichen ehelichen Ver⸗ bindung wie weiland die Holztelegraphen: ſie erheben ſich und ſenken ſich verzweifelnd. Vergeblich behaupten Mann und Frau, daß es ja kein anderes Mittel gebe, das Feuerwerk anzukündigen als die Zeitung, da das Zettelaustragen etwas gar zu Prekäres ſei, vergeblich werden Sonne, Mond und alle Sterne des Firmaments zu Zeugen angerufen, daß es nicht am guten Willen gelegen habe, wenn das Inſerat zu ſpät gekommen ſei. Der Doktor ſcheint hart zu blei⸗ ben, der Sekretär hält die Angelegenheit gar nicht der Mühe werth, ſich dadurch unterbrechen zu laſſen und nur der Korrektor ſtudirt die konvulſiviſchen Windungen und Verrenkungen des Paars ungefähr mit demſelben Intereſſe, das ein Phyſiker den Zuckungen eines Froſch⸗ ſchenkels widmet, den er der Einwirkung des galvani⸗ ſchen Stromes ausgeſetzt hat. Der kalte Schweiß ſteht dem Pyrotechniker auf der Stirn und endlich bricht er in die Worte aus:„Laſſen Sie uns doch nicht ſo lange zappeln, Herr Doktor, Ihr gutes Herz wird uns ja gewiß und wahrhaftig helfen.“ Dieſe treuherzigen Worte bringen eine ſo urko⸗ miſche Wirkung hervor, daß das ſämmtliche Redaktions⸗ Perſonal in ein heiteres Gelächter ausbricht. Sogar der Redaktionsſekretär kann ſich dieſer Wirkung nicht erweh⸗ ren. Wer aber erſt die Lacher auf ſeiner Seite hat, der hat ſeinen Zweck ſchon halb erreicht. So auch hier. In aller Gemüthlichkeit ſagt der Redakteur, daß er zuſehen wolle, was zu machen ſei. Nun aber kommt der bärbeißige Mann der In⸗ ſerate, und ſelbſt der Redakteur vermag nicht auf das Kieſelherz zu wirken und muß ſich wirklich zuletzt ent⸗ ſchließen, einen politiſchen Artikel, der keiner übermäßi⸗ gen Wichtigkeit ſich erfreut, wegzulaſſen, damit Platz für das Inſerat gewonnen werde. Darauf werden dem Pyrotechniker noch gute Re⸗ geln und Verhaltungsbefehle für künftige Zeiten gegeben, und der erfreute Mann, der in der Haſt der Freude Alles verſpricht, iſt entlaſſen. Der Sekretär ſchüttelt in Mißbilligung ſein Haupt und der Doktor ſagt zu dem treuen Gefährten in ent⸗ ſchuldigendem Tone:„Der arme Teufel dauerte mich.“ „Er wird aber wieder kommen, im Vertrauen auf Ihre Gutmüthigkeit,“ ſagt der Sekretär. „Dann ſoll er gewiß und wahrhaftig vergebens bitten,“ entgegnet der Doktor und verſchwindet in ſei⸗ nem Bureau. „Wer' glaubt,“ brummt der böſe Sekretär in den Bart. Das wäre Einiges aus dem Leben der Redakteure. Und es muß ja wohl aus dem Leben ſein, da es nach der Natur gezeichnet wurde. Es iſt, wie der Leſer geſehen, reich an ſeinen Berufsleiden und kleinen Freuden. Wenn aber die geſellſchaftliche Stellung, wenn auch gut, ſo doch immer noch nicht den gerechten Anſprüchen entſpricht, die der Mann machen darf, der eine ſo wichtige Macht, wie die Preſſe, leitet, ſo liegt das einfach im deutſchen Zopf und in der behaglichen Schwerfälligkeit, mit wel⸗ cher das Germanenthum dem Neuen geneigt wird. Die Zeit aber wird, und hoffentlich in nicht gar zu langer Zeit, auch kommen, wo das Alles ſich ändert. Die Welt ſchreitet unaufhaltſam in ihren Bahnen weiter, und eine ſchöne Zukunft blüht denen, die an dieſem Weiter⸗ ſchreiten arbeiten, ihm förderlich und dienſtlich ſind. 207 — 2 —— — 208 Deutſche Bäume. Von Hermann Jäger. . 3. Die Eiche. 2— MMie Eiche iſt die erhabenſte Baumgeſtalt unſerer 0 Pnordiſchen Natur, und wenn ich ſie erſt als dritten —/ ÿ in der Reihe deutſcher Bäume aufführe, ſo wollte Xcich damit nur zeigen, daß ich eine Rangordnung 0 unter ihnen nicht befolgen will und anerkenne. Wurde auch die Linde des Volkes Liebling ge⸗ nannt, die vertraute Freundin ſeiner Freuden und Leiden, die Buche und der Buchenwald als das Schönſte in der deutſchen Waldnatur dargeſtellt, ſo überragt ſie doch der gewaltige Eichbaum als König der Wälder, und neben ihm treten alle übrigen Bäume beſcheiden und gleichſam ehrerbietig zurück. Wo mächtige, alte Eichen auftreten, da ſind ſie Herrſcher und angeſtammte Beſitzer des Bodens, und jeder andere Baum, ſei er auch zuweilen der Eiche an Höhenwuchs überlegen, tritt nur als untergeordnet und gleichſam nur geduldet auf. Dieſe Ueberlegenheit bewirkt ſie faſt immer als ſelbſtändige Geſtalt ganz für ſich allein; ja dieſe Wirkung wird durch Vereinigung kaum erhöht, indem im Eichenwald jeder alte Baum als Einzelnweſen erſcheint, wenn er auch anders als alleinſtehend wirkt. Die Eichen bilden im Alter nie eigentlichen Wald(was wir nämlich darunter verſtehen), ſondern immer nur Haine, und der Ausdruck„deutſcher Eichenhain“, welchen die Dichter meiſt ohne recht zu wiſſen, was ſie damit bezeichnen, ganz in dem Sinne wie Wald gebrauchen, iſt zufällig ſehr bezeichnend ge⸗ wählt. Es fehlt ſtets die zum Begriff des Waldes nöthige Gruppirung, die Annäherung der Stämme, das Be⸗ rühren und Verſchlingen der Aeſte verſchiedener Bäume. Die Eiche gehört der deutſchen Vorzeit an, und jede dieſer herrlichen, erhabenen Geſtalten, welche wir ſtaunend bewundern, brauchte Jahrhunderte, um ſich aufzubauen. Wir haben ſie ererbt, und mancher herrliche Baum wird hoffentlich noch auf unſere ſpäten Nach⸗ kommen vererben. Aber endlich werden die Eichen, wie wir ſie jetzt noch kennen, nur noch in der Sage leben, wenn nicht vielleicht hie und da noch ein Baum in dem geheiligten Berichte eines Parkes oder einer Feldflur erhalten wird. Deutſchland wird zwar immer Eichen auch im Walde behalten, indem die Forſtkultur ihnen wieder beſondere Aufmerkſamkeit zuwendet und vielleich noch mehr zuwenden muß, weil die Eiche zu manchen Zwecken, namentlich zum Schiffsbau als Holz und zur Gerberei faſt unerſetzlich iſt; aber man wird die Eichen im Walde nicht mehr ſo alt und mächtig werden laſſen, wird ſie ſchlagen, wenn das Holz nach vielleicht 200 bis 300 Jahren die größte Güte und Nutzbarkeit hat, wird ſie zum Lohſchälen als Buſch erziehen und den erhabenen Baum einer jämmerlichen Erniedrigung preis⸗ geben. Was die uralten Eichen bis jetzt noch gerettet hat, war der Reichthum an Holz, der geringe Werth des alten Eichenholzes, und die heilige Scheu und Ver⸗ ehrung, welche ſich von den Vorfahren auf uns verpflanzt Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter f ür Ernſt und Humor. hat. Aber ſeit dem der Holzmangel fühlbar geworden iſt, müſſen in den meiſten Forſten und Feldmarken auch die alten Eichen unter den Hammer des Förſters. Meine Erinnerung reicht noch nicht 40 Jahre zurück, aber wie viele mächtige Eichen ſah ich nicht ſchon in dieſer kurzen Zeit der Axt erliegen! Mußte ich doch ſelbſt in meinem Berufe alte Bäume, die nicht mehr zu erhalten waren, fällen laſſen! Aber auch ſchon jetzt, wo es noch in allen Theilen Deutſchlands alte Eichen, in manchen ſogar noch viele gibt, erſcheinen uns die Eichen wie vorzeitliche Geſtalten, und wir betrachten ſie mit denſelben Augen, wie eine geſchichtliche Denkwürdigkeit. Dem Gebildeten erſcheinen ſie unwillkürlich in Verbindung mit den alten Recken, mit den Nibelungen, mit den Männern Her⸗ manns des Etruskers, welche Weſtphalens Eichenwälder mit römiſchem Blut tränkten, mit den heldenmüthigen Sachſen, deren Blut Karl der Große unmenſchlich ver⸗ gießen mußte, um der Menſchheit im Allgemeinen zu nützen, mit den eiſernen Kämpfern des Mittelalters. Dieſes hat jedoch noch einen tiefern Grund, als den der Ueberlieferung, der in der Schule eingeimpften An⸗ ſchauung. Hat nicht der Eichbaum in ſeinem gewaltigen Auftreten, ja in der Stellung ſeiner Aeſte zum Stamm, einige Aehnlichkeit(wenigſtens mehr als jeder andere Baum) mit einem kämpfenden Helden der Vorzeit? Man betrachte nur ein Bild, wo germaniſche Krieger im Kampfe zugleich mit Eichen abgebildet ſind, und die Aehnlichkeit wird dem ſogleich auffallen, der überhaupt fähig iſt, Aehnlichkeiten vermittelſt Gedankenverbindungen aufzufinden. Auch wie Ruinen erſcheinen uns alte Eichen, nicht nur, weil es wirklich oft nur noch Baumruinen ſind, und weil uralte, knorrige, graue Stämme altem Ge⸗ mäuer höchſt ähnlich ſehen, ſondern ebenfalls durch den Gedanken, daß die Zeit der alten Eichen vorüber iſt, daß ſie wie die verfallenen Burgen einer vergangenen Zeit angehören. Eine ſo erhabene, ja rieſige Geſtalt, wie die Eiche, mußte vor allen andern Bäumen, wie jede groß⸗ artige Naturerſcheinung, bei dem einfachen Menſchen der Vorzeit den Begriff des Göttlichen rege machen, den er dann aus ſeinem Gefühle auf den Baum ſelbſt übertrug. Ja, man mochte in dem Rauſchen der Eichen, wenn der Wind durch ihre Wipfel geht, ſogar die Offen⸗ barung des Göttlichen ſelbſt zu vernehmen meinen. Gewiß hat auch der Umſtand, daß der Blitz oft in Eichen einſchlägt, weil ſie die höchſten Bäume ſind, zur Eichenverehrung beigetragen. In der That ſpielt die Eiche in der Naturreligion aller Völker der Alten Welt, auf deren Wohnplätzen Eichen wachſen, die her⸗ vorragendſte Rolle. Dieſes gilt beſonders von den ger⸗ maniſchen Stämmen, in deren rauhen Wäldern die Eiche der Hauptbaum war, während der an Pflanzen reichere Süden Europa's und das übrige Küſtenland des Mittel⸗ meeres eine größere Auswahl von erhabenen Pflanzen⸗ geſtalten boten, wo die frühere Kultur des Geiſtes auch die ſchöneren, nützlicheren Pflanzen den milderen Göt⸗ tern heiligte, wo den unſrigen ähnliche Eichen über⸗ haupt nur in den höheren Gebirgen einheimiſch waren. Was wir von dem religiöſen Kultus unſerer Vorfahren Vorzeit! Krieger und die herhaupt de groß⸗ Mrnſtzen machen, um ſelbſt er Eichen, Hermann Jäger: Deutſche Bäume. 209 wiſſen, beruht bekanntlich auf den unzuverläſſigen Mit⸗ erſte Apoſtel in Deutſchland, und ebenſoviel läßt ſich theilungen römiſcher Schriftſteller und den Beziehungen, aus ſpäterem Aberglauben und Gebräuchen ahnen. welche wir mit Recht aus der ausgebildeteren Mytho⸗ Da ich die mythologiſchen Beziehungen, ſowohl im d Se 63 „n i Ma I. „ze l n Die Eiche. logie Skandinaviens entnehmen können. Helleres Licht Kultus der Germanen, als der Griechen und Römer, über den Kultus der Eichen bei den Germanen verbreiten als jedem Gebildeten bekannt vorausſetzen darf, ſo will die erſten Jahrhunderte des Chriſtenthums und deſſen ich ſie nur kurz erwähnen. Die Eiche war dem Odin Erinnerungen. LXXXII. 1861. 27 ———;— —--— — ——— — — — 210 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor oder Wodan geheiligt, welcher nur im heiligen Eichen⸗ haine und unter einer Eiche verehrt werden konnte. Auch die Prieſter Wodan's, nach dem römiſchen Ge⸗ brauch Druiden(d. h. Eichenbewohner, von dem griechi⸗ ſchen Worte drys) genannt, wohnten in heiligen Hainen. Das Andenken mehrerer heiliger Eichen und Haine hat ſich bis auf unſere Zeit erhalten, und manche Volksge⸗ bräuche deuten auf die Heiligkeit der Eiche hin. So war beſonders der Harzwald dem Wodan geheiligt. Bekannt iſt die heilige Wodans⸗ oder Donner⸗Ciche bei Hof⸗Geis⸗ mar in Heſſen, welche Bonifacius oder Winfried, der Apoſtel der Deutſchen, als Biſchof von Fulda in den Jahren zwiſchen 725 bis 731 umhauen ließ, um den zu Bekehrenden zu beweiſen, daß ihr Gott ein ohn⸗ mächtiges Weſen ſei, welches nicht einmal ſeine heilige Eiche ſchützen könne. Berühmt waren ferner die heiligen Eichen bei Mückenberg in Preußen, bei Grünhain in Sachſen, die Bils⸗Eiche bei Kitzingen in Franken u. a. m. Nicht minder herrſchte der Eichenkultus bei den Kelten⸗ und Slaven. Berühmt waren der heilige Eichenhain von Romove(Hromove) und die Eiche von Thorn, welche ſechs Ellen im Durchmeſſer gehabt haben ſoll. Von letzterer erzählt die Sage ſie ſei Sommer und Winter grün geweſen und ſo dicht, daß weder Schnee noch Regen durchdringen konnte. Ferner waren berühmt die heiligen Eichen bei Wehlau, bei Heiligenbeil, Labiau, ſämmtlich im Lande der alten Preußen. Die bekannte Stubbenitz war ein heiliger Eichenhain auf der Inſel Rügen. Unter ſolchen Bäumen opferten die ſlaviſchen Stämme ihrem Gott Perkunos oder Perun, welcher gleichbedeutend mit dem germaniſchen Odin, oder Wodan iſt. Bei Altenburg ſtand die Eiche des Prono oder Prove, bei deſſen Namen die alten Sachſen(Wenden?) ſchwuren, und um ſie her ſollen über 1000 Götzenbilder geſtanden haben. Die Heidenbekehrer waren nicht alle ſolche Eiferer wie Boni⸗ facius, ſtützten im Gegentheil auf die Heiligkeit der Eichen und Haine ihre Bekehrung, indem ſie chriſtlichen Gottesdienſt unter den heiligen Eichen hielten und Ka⸗ pellen dabei und daraunter erbauten, wodurch ſie weit leichter zum Ziele gelangten. Bei den Griechen und Römern war die Ciche dem Zeus oder Jupiter ge⸗ heiligt. Berühmt war der Eichenhain von Dodona in Epirus wegen ſeines Orakels, der Mons Esquilinus in Rom u. a. m. Es knüpfte ſich an dieſen Kultus aber ſchwerlich ein ſo erhabener Gedanke, wie bei den nordi⸗ ſchen Völkern; denn es waren die heiligen Eichen wohl meiſt von der Art mit eßbaren Früchten(Quercus es- culus L., Speiſeeiche), und man hatte vielleicht dabei mehr die Früchte im Sinne, indem alle Bäume mit eichelartigen Früchten(auch die Buche) dem Zeus ge⸗ heiligt waren. Auch bei der Verehrung des Bacchus und bei dem Feſte der ſamiſchen Juno wurden Eichenzweige gebraucht. Von der Eiche leitet man auch das Wort Dryaden ab und bezeichnet damit ſpäter alle Bäume bewohnenden Waldnymphen. Mit der Eiche verknüpften ſich bei Griechen und Römern eine Menge Gebräuche, wenn auch nicht ſämmtlich mit religiöſer Beziehung; doch nahm man dazu wohl ſelten unſere Eichen, vielmehr die immergrünen ſüdeuropäiſchen Arten, welche mit Aus⸗ nahme der Blüthe und Frucht mit den unſerigen wenig Aehnlichkeit haben. So iſt es wahrſcheinlich, daß zu Ehrenkränzen, als Bürgerkronen, Sieges⸗ Dichter⸗ und Künſtlerkronen, vorzugsweiſe immer⸗grüne Eichen, deren Laub dem Lorbeer ähnelt, benutzt wurden. Auch bei den häufig in der Bibel erwähnten Eichen darf man nicht an unſere Eichen denken, ſondern vorzugsweiſe an die kleinen immer⸗grünen Arten. Die Eiche war von jeher und iſt noch bei allen Völkern, welche ſie kennen, das Sinnbild der Kraft und Stärke. In der That gibt es ein beſſeres Symbol in der belebten nordiſchen Natur nicht; denn die Eiche kommt, was ihre Dauer und Widerſtandsfähigkeit betrifft, ſogleich nach den Felſen. Dieſe Eigenſchaften kommen ſelbſtver⸗ ſtändlich nur dem Manne zu, daher die Eiche auch nur mit dem Manne ſymboliſirt werden kann. Von jeher wurden Helden und große Männer mit Eichen verglichen und mit Eichen geehrt. Selbſt in einem niedrigeren Sinne iſt die Vergleichung mit der Eiche noch ehrend. Ein Mann„aus Eichenholz geſchnitzt“ wird immer ein Ehrenmann ſein, wenn auch unbeugſam, hart und halz⸗ ſtarrig oder grob; denn alles, was aus Eichenholz ge⸗ macht iſt, hat Dauer, Güte und Werth. Der Eichenkranz war ſchon im Alterthum ein Ehrenzeichen. Doch ſcheint unſer jetziger Eichenkranz als Lohn für Bürgertugend mehr eine Nachahmung der römiſchen Bürgerkrone (Corona civica) zu ſein, welche zuerſt dem Coriolan verliehen wurde. Daß Kränze und Gewinde von Eichen⸗ zweigen ſehr beliebt bei allen größeren Feſtlichkeiten ſind, mag wohl weniger mit mythiſchen Ueberlieferungen zuſammenhängen, als dem Umſtande zuzuſchreiben ſein, daß ſich von keinem Baume ſchönere Kränze binden laſſen. Neuerdings wurden häufig in Städten Eichen zum Andenken gepflanzt und Denkmäler damit umgeben, um das Andenken großer Männer zu ehren. Eins der her⸗ vorragendſten und ſinnreichſten Beiſpiele dieſer Art iſt die Körnereiche bei Wöbbelin in Mecklenburg, unter welcher Theodor Körner, der deutſche Held und Sänger, begraben liegt. Er konnte nicht ſinniger und höher ge⸗ ehrt werden, als mit dieſem Denkmal und einem Eichen⸗ kranze.— Das deutſche Volk hat die Eiche zum Symbol erwählt, oder vielmehr Dichter haben ſeit Klopſtock die Eiche die deutſche genannt und als ſolche gefeiert, obſchon die Mehrzahl des Volkes nichts davon weiß. Abgeſehen davon, daß der Name Teut, wovon wir unſer Teutſch (Deutſch) ableiten, ſchon auf den Baum Odins hinweiſt, haben wir gewiß eine wohlbegründete Berechtigung, den herlichſten Baum unſerer Wälder, den noch lebenden Zeugen alter Zeiten und großer Thaten zum Symbol unſerer Volkskraft zu erwählen, und wenn ich früher die biegſame und fügſame Linde als beſonders dazu befähigt erklärte, ſo geſchah dies mehr aus Ironie— auf unſere gemißhandelte Nation und ihre Zähigkeit. Allein wir dürfen uns nur nicht anmaßen, daß wir mehr V Recht auf die Eichen hätten, als andere germaniſche Völkerſtämme oder als unſere ſlaviſchen Nachbarn, dürfen uns nicht einbilden, daß die Eichen nirgends in ſolcher Herrlichkeit, Größe und Menge erſcheinen, wie in D Deutſch⸗ land. Die Eiche war in Europa überall dem Hauptgott — wenig da 9 uch bei⸗ dei allen raft und dl in der kommt, ſogleich elbſtver⸗ uch nur binden hen zum ben, um der her⸗ Att iſt 1, unter Sänger, döher ge⸗ bichen⸗ Symbol jſtock die obſchon geſehen deuſſch inweiſt h früher ais dazu ir mehr naniſche dürfen n ſolcher Deutſh⸗ auptgott Emil Dietze: Die Hofburgbelagerung. 211 geweiht, mochte er Wodan, Perun, Zeus oder Jupiter heißen, und Frankreich, England, Polen, Ungarn und andere Länder, wo Eichen gedeihen, haben ebenſo ſchöne und ebenſo denkwürdige, mit ihrer Vorzeit verwebte Eichen. Wir ſollten daher von„deutſchen Eichen“ ebenſo wenig reden, wie von einem freien„deutſchen Rhein“ ſprechen, da in der That beide nicht eigenthümlich deutſch ſind, und der Rhein noch dazu unfrei iſt. Daß unter „deutſcher Eiche“ nur die Winter⸗ oder Steineiche zu verſtehen ſei, und nur dieſe jene heiligen Bäume gebildet habe, wie behauptet wird, iſt gewiß falſch; denn gerade die ſtärkſten Eichen ſind nicht von dieſer Art, und ſie iſt in den Niederungen Deutſchlands, welche doch das eigentliche Eichenland bilden, ſehr ſelten und nur in den Bergen zu Hauſe. Allerdings nannten die Römer die in Germanien wachſenden Eichen Robur, welchen Namen jetzt die Wintereiche führt, aber damit meinten ſie beide Arten. Können doch jetzt nur wenige Menſchen beide Eichen ſicher unterſcheiden! Es iſt ferner nicht wahr, daß dieſe Eiche außerhalb Deutſchlands nicht ſehr ver⸗ breitet ſei und nicht ſo gut gedeihe; denn obſchon ſie an den Alpen ihre Südgrenze findet, ſo geht ſie doch ſehr weit nach Norden. (Schluß folgt.) Die Hofburgbelagerung. Ein dunkles Blatt aus Wiens Vorzeit. Von Emil Dietze. (Fortſetzung.) 2 ohl mochte es dem Kaiſer ſchwer um's Herz ſein, als er von den Fenſtern ſeiner Hofburg aus den wilden Tumult der Bürger und ihre Anſtalten, ihn zu belagern, gewahrte, aber ein Blick auf ſeine Freunde, wie gering ſie auch an Zahl waren, mußte ſeinen Muth heben. Ein Häuflein von nur zweihundert Mann um⸗ ſcharte ihn. Sie machten ſich auf einen heißen Kampf gefaßt und rüſteten ſich zu hartnäckigem Widerſtande. Wer eine Waffe tragen konnte, nahm ſie zur Hand; ſelbſt der Probſt von Preßburg vertauſchte das geiſtliche Gewand mit dem Harniſch und nahm einen der zu vertheidigenden Poſten ein. Friedrich hatte ſich in⸗ zwiſchen ebenfalls von ſeinem erſten Schrecken erholt, und im Vertrauen auf die Gerechtigkeit ſeiner Sache und die Ausdauer ſeiner Freunde beſchloß er, ja ſchwur er, die Burg bis auf den letzten Mann zu vertheidigen und wenn ſie ſein Grab werden ſollte. Die Feindſeligkeiten begannen. Wer den Anfang machte, iſt in Dunkel gehüllt. In der Stadt behauptete man, aus der Burg ſei zuerſt auf einige arglos vorüber⸗ gehende Männer mit Pfeilen getödtet worden. Erſt in gerung ernſtlicher Tune niederriß und das ve Geſchüt Bürger hatten ſich ſicherlich den Sieg ziemlich leicht vorgeſtellt, darum erſtaunten ſie auch nicht wenig, als man ihnen mit Stücken antwortete und als aus Mör⸗ ſern abgefeuerte große Steine die Belagerungsluſtigen ſchnell zerſtäubten. Wer die mächtigen Steinklumpen hatte die Erde aufwühlen ſehen, floh, ohne Verlangen zu tragen, ſich ſelbſt allzu großer Gefahr auszuſetzen. Zum Glück waren nicht Alle ſo verzagt. Die Beherzteren ſammelten ſich und hielten Zinkendorfers Geſchoſſen, die meiſt gut gerichtet waren, Stand, nur daß man ſich nicht in unmittelbare Nähe der Burg wagte und daß man die Angriffe aus den naheliegenden Häuſern fortſetzte oder auch wohl Fäſſer vor ſich her wälzte, um den feindlichen Kugeln nicht die volle Perſon preiszugeben. Drei Tage gingen vorüber, ohne daß man das Ganze hätte mehr als eine Spielerei nennen können, denn man wechſelte Schüſſe, die Niemand ſchadeten. Die Wiener ſahen, daß ſie ſo nichts erreichten; ſie fingen an, Erdbatterien aufzuwerfen und ſie mit ihrem ſchwe⸗ ren Geſchütz zu bepflanzen. Die Stampfmühle war das nächſte Ziel ihrer Kugeln; ſtürzte ſie ein, ſo mußte ſie nothwendiger Weiſe den Schloßbrunnen verſchütten, und geſellte ſich zu dem Mangel an Lebensmitteln noch der an Waſſer, ſo war die Einnahme der Burg weſentlich erleichtert, die Inſaſſen wurden wohl gar gezwungen, ſie zu übergeben. Drinnen war man aber auch klug und durchſchaute die Abſicht der Belagerer. Chriſto ph Quoß vereitelte ſie, indem er den gefährdeten Brunnen durch Pfähle und durch ein Pfoſtendach ſchützte. Die Wiener verſchwendeten eine Zeit lang ihr Pul⸗ ver nutzlos, richteten aber, ſo bald ſie inne wurden, daß ihre Bemühungen erfolglos blieben, ihre Geſchütze nach dem Theile der Burg, welchen die Kaiſerin mit ihrem Sohne und ihren Hofdamen bewohnte. Es blieb den Bedrohten nur übrig, ſich in die unterirdiſchen Gewölbe zurückzuziehen. Mittlerweile ſetzten die Wiener ihre Belagerung fort; allein wo viele Köpfe ſind, ſind auch viele Sinne; es fehlte an einem Führer. Jeder that, was ihm be⸗ liebte, und nirgends herrſchte Ordnung und Einigkeit, durch die allein es möglich wird, ein vorgeſtecktes Ziel zu erreichen. So herrſchte während dieſer Zeit unter den Bürgern die größte Unordnung; ſtatt ihren Zweck mit Behaerlichkeit zu verfolgen, überließen ſie ſich der Völle⸗ rei, und ſo oft ſie ein Stück abbrennen wollten, verkün⸗ dete dies den Belagerten ein lautes Jubelgeſchrei und dazwiſchen das Geſchmetter von Trompeten, Trommeln und Pfeifen. So blieben die Sachen eine geraume Weile, ohne daß eine oder die andere Partei irgend einen Vortheil errungen hätte. Mit einemmale ſahen die Eingeſchloſſenen ihre Gegner in Verwirrung gerathen; ſie ſtellten ihre An⸗ griffe ein und ein großer Theil der aufrühriſchen Bür⸗ ger zog von der Burg ab, freilich nur, um durch ein ſtarkes Heer Landvolk erſetzt zu werden. Ueber den Grund dieſer auffälligen Erſcheinung blieben die Bela⸗ gerten nicht allzulange in Ungewißheit: Andreas — — — ——— —— —— —— Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Baumkircher und Hinko von Böhmen hatten ein Heer zuſammen gebracht, um den Kaiſer und ſeine Fa⸗ milie den Händen ſeiner rebelliſchen Unterthanen zu entreißen; ſie ſagten den Wienern den Krieg an und verheerten die ganze Umgegend mit Feuer und Schwert. Am meiſten waren die Weinberge, Wiens Stolz und Hauptnahrung, bedroht. Die Winzer hatten ſich bereits vor den wilden Horden geflüchtet, und durch ſie kam die erſte Mähr in die Hauptſtadt. Die Wiener ent⸗ ſchloſſen ſich raſch; ſie übertrugen dem Landvolk die Ueberwachung der Burg, und jagten den in zerſtreuten Truppen umherſchweifenden Feind aus der Gegend. Indeß war kaum dieſer Feind aus dem Felde ge⸗ ſchlagen, als ein neuer erſchien. Der böhmiſche König Georg beſchloß den Kaiſer in Perſon zu entſetzen, ſen⸗ dete aber ſeinen Sohn Viktorin mit einem bedeu⸗ tenden Heere voraus, und dieſer machte, nachdem er beim Schloſſe Ort die Donau überſchritten, Halt, um das Kriegsheer der Steirer, Kärnthner und Krainer zu erwarten, die zu ihm zu ſtoßen verſprochen hatten. Sie ließen nicht lange auf ſich warten, und die vereinigte Heeresmacht rückte bis Enzersdorf vor und ſchlug hier ihr Lager auf. Friedrich und die Seinen fühlten ihr Herz von Hoffnung überſtrömen; ſie benützten die abermalige Be⸗ ſtürzung der Wiener, indem ſie ſie durch ihre Geſchütze noch mehr einzuſchüchtern ſuchten. Dieſe wußten ſich nicht anders zu helfen, als den Erzherzog Albrecht um Hilfe anzugehen, die ihnen dieſer auch aufs Bereit⸗ willigſte zuſagte und zu Beginn des November zur großen Freude der Stadt mit ſeinen Mannen einzog. Die Wiener und er errichteten einen Landbund auf zwei Jahre, und ſie kamen dabei überein, den Kaiſer nicht eher aus ſeinem Nothſtall zu laſſen, als bis er ihre For⸗ derungen bewilligt haben würde. Kaum fühlte man ſich in der Stadt wieder auf feſterem Fuße, als auch Ulrich Holzer Alle verhaften ließ, die man als Anhänger des Kaiſers kannte. Damit begnügte man ſich indeß nicht, man zog, da man des Geldes bedurfte, auch ihr Vermögen ein. Nur Wenige entgingen ihrem Schickſal durch ſchleunige Flucht. Auch Albrecht ſagte nunmehr ſeinem Bruder in aller Form den Krieg an. Die anfänglich gehegten Hoff⸗ nungen der Eingeſchloſſenen auf Entſatz wollten ſich nicht erfüllen; vom Reiche ließ ſich noch immer keine Hilfe ſehen, wiewohl Friedrich ſchon bei Beginn der Belagerung ſeine Räthe Albrecht Hartung und Heinrich Marſchalk ausgeſendet hatte, den Stän⸗ den die Kunde ſeiner Bedrängniß und des Frevels ſei⸗ ner Unterthanen zu hinterbringen. Die Stände aber beeilten ſich nicht eben allzuſehr. Erſt zu Ende Oktober hatten ſich einige Stände, und unter ihnen Markgraf Albrecht von Brandenburg, entſchloſſen, nach Re⸗ gensburg aufzubrechen. Ulrich von Gurk, des Kai⸗ ſers Kanzler, ſchilderte mit beredten Worten und mit Farben, welche nur eine glühende Phantaſie verleihen kann, den Verſammelten die Noth des Kaiſers und ſein Begehren. Er erlangte mehr nicht als die Zuſage, daß die Angelegenheit in Ueberlegung genommen werden ſolle. Zum Glück für Friedrich traf um dieſe Zeit ein Geſandter aus Böhmen ein, der neue Botſchaften überbrachte; ihm folgte ein Sendbote des Kaiſers, der den anweſenden Ständen mittheilte, daß in der Burg nur für drei Wochen Lebensmittel vorhanden ſeien. Nun durfte man die Hilfe doch nicht allzuſehr auf die lange Bank hinausſchieben, ja man ging ſogar ernſtlich an eine Berathung und gelangte zu dem Entſchluſſe, dem Kaiſer zu Hilfe zu eilen und an die abweſenden Reichsſtände ein Aufmahnungsſchreiben für den gleichen Zweck ergehen zu laſſen. Ueber alle dem war eine geraume Zeit verſtrichen, und es mußte nothwendiger Weiſe noch mehr verſtrei⸗ chen, ehe der beabſichtigte Zweck in's Werk geſetzt wer⸗ den konnte. Es blieb alſo den Wienern zum Handeln Zeit genug, und ſie ließen ſie auch nicht müßig verſtrei⸗ chen. Nachdem ſich die Zahl der Geſchoſſe durch Al⸗ brechts Beitritt um einige vermehrt hatte, begannen die Belagerer die Beſchießung auf' Nachdrücklichſte. Und dennoch kamen ſie ihrem Ziele nur langſam näher. Die Mauern widerſtanden ihren Geſchützen. Die Wie⸗ ner wurden ungeduldig, ſie wollten die Mauern fallen ſehen. In einer Berathung kamen die Anführer überein, eine Mine zu legen und ohne Zaudern gingen die Leute an's Werk. Allerdings würde dadurch der Erfolg nicht zweifelhaft geblieben ſein, und die Bürger jubelten be⸗ reits des Sieges gewiß, wenn ihnen nicht ein unerwar⸗ tetes Hinderniß entgegen getreten wäre. Der Kaiſer beſaß unter den Belagerungstruppen immer noch einige ihm Wohlgeſinnte; einer davon, ein Siebenbürger Namens Thomas, mochte ihn nicht einer ſchmachvollen Demüthigung preisgegeben ſehen und verrieth das Unternehmen, indem er mit beſchrie⸗ benen Pergamentſtreifen befiederte Pfeile in die Burg abſchoß. Die Minirer ſahen ſich plötzlich angegriffen. Nach einem kleinen Scharmützel wurden ſie zurückge⸗ trieben, und ein Vergleich geſchloſſen, nach welchem auf ſolche Weiſe keine weitere Beunruhigung ſtattfinden ſolle. Und während dieſer ganzen Zeit waren die Zinke⸗ niſten mehr beſchäftigt als die bewaffnete Mannſchaft, denn das Muſiciren nahm vom frühen Morgen bis in die ſinkende Nacht kein Ende. Die Noth in der Burg ſtieg inzwiſchen immer höher. Hatte man auch nur geringe Urſache, den Feind außerhalb der Mauern zu fürchten, ſo erhob ſich doch im Innern ein viel furchtbarerer, der von Stunde zu Stunde wuchs, und mit ſeinen Rieſenarmen Alles um⸗ faßte und zu verderben drohte— der Hunger. Die Vorräthe an Getreide, Fleiſch und Wein waren bis auf geringe Ueberreſte aufgezehrt. Für die kaiſerliche Tafel gab es allerdings noch Weizen, aber wer nicht durch ſeinen Rang Anſpruch darauf hatte, daran Theil zu nehmen, der mußte ſich mit einer karg zugemeſſenen Quantität von Erbſen, Gerſte und Kleienbrod begnügen. Waſſer erſetzte durchgehends den Wein, und mit ein wenig Honig gemiſcht, war es ſogar ein Luxusgetränk. Der kleine Maximilian konnte lange dem Gerſten⸗ brei keinen Geſchmackgabgewinnen; weinend verlangte er von ſeiner kaiſerlichen Mutter einen Krammetsvogel, — eſe Zeit ſchaften ds, der Burg ſeien. ernſtli tſchluſſ veſenden c gleichen rſtrichen, verſtrei⸗ eßt wer⸗ gannen clichſte. uppen . ün n wicht en ſehen beſchrie⸗ llles um⸗ Die cit durch il zu Emil Dietze: Die Fofburgbelagerung. 213 und es wurde ihr ſchwer, dem Kleinen begreiflich zu machen, daß ſie Gott bitten müßten, damit er ihnen nur das liebe Brod erhalte. Da zeigten ſich mitten unter den Belagerern einige Züge des Mitleids. Sigmund von Schaumberg ſchickte dem Kaiſerſohn Eier, Mehl und andere leichte Speiſen. Keiner der Bürger, ſelbſt Holzer nicht und Herzog Albrecht widerſetzten ſich dem, aber die wacht⸗ haltenden Bauern riſſen dem Boten ſeine Laſt ab, war⸗ fen Alles auf die Erde und traten es mit Füßen. Ein Anderer, einer von des Kaiſers Hofdienern, ein ſieben⸗ bürgiſcher Schneider Namens Kronber ger, der durch Zufall von ſeinem Herrn ausgeſchloſſen worden war, ging vorſichtiger zu Werke. Er verſtändigte ſich mit ſeinen Freunden in der Burg, und ließ ſich im Dunkel der Nacht beladen mit allerhand Geflügel von ihnen aus dem Burggraben mit Stricken heraufziehen. Sein Sohn, ein Student, folgte ſeinem Beiſpiele. Alles, was er an Geld ſein nannte, und das waren vier Gulden, gab er für Geflügel aus, und gleich ſeinem Vater ließ er ſich nach vorausgegangener Verabredung in die Burg ziehen. Zum Lohn für dieſe Opferbereitwilligkeit machte ihn der Kaiſer zum Edelmann, nachmals zum Burg⸗ grafen, und der dankbare Maximilian verlieh ihm, nachdem er den Kaiſerthron beſtiegen, den Titel eines Domheern und bereicherte ihn durch ſechzehn Präbenden. Viktorins ſechstauſend Böhmen und das kaiſer⸗ liche Heer lagerten noch immer bei Enzersdorf; ſie be⸗ gnügten ſich mit kleinen Angriffen auf die Vorſtädte, die indeß ſo gut wie gar keinen Erfolg hatten. Den Hauptſtreich verſparten ſie bis zur Ankunft Georg von Podiebrads. Es gelang ihnen auch, dieſe Ab⸗ ſicht den Eingeſchloſſenen durch einen Boten Vikto⸗ rins unter dem Schutze der Nacht mitzutheilen. Vik⸗ torin erbot ſich jedoch, falls die Gefahr dringend ſei, den Angriff zu beſchleunigen, und ein angezündetes Feuer bei Nacht, oder ein ausgeſtecktes weißes Fähnlein bei Tage ſollte als Zeichen dazu dienen. Friedrich ſäumte nicht, es zu geben, denn die Noth in der Burg war groß und baldige Hilfe that noth, er ſendete auch Boten ab, damit mit einem kräftigen Angriffe nicht länger gezögert werde. Die Wachſamkeit der Bürger ver⸗ eitelte indeß, zum Theil wenigſtens, den beabſichtigten Zweck; einer der Boten wurde aufgefangen, und die Wiener erhielten Zeit, ſich zur Gegenwehr zu rüſten. Wiewohl der November bereits bis zur Mitte vor⸗ geſchritten war, ſo ſetzte ſich das kaiſerliche Heer doch noch am ſelben Tage in Marſch, zog über St. Gilgen⸗ kirch und übernachtete in Gumpendorf. Am frühen Mor⸗ gen des darauf folgenden Tages ſtanden Viktorin, Andreas Baumkircher und Schaumberg mit ihren Kriegern in Schlachtordnung, und zogen durch die Weingärten der St. Ulrichsvorſtadt zu. Wilhelm von Buchheim, Heinrich Strein und Wolfgang von Roggendorf, welcher letztere das öſterreichiſche Panier trug, ſtürmten den Uebrigen voraus auf die Wälle zu; allein ſie fanden die Bürgerſchaft ſchon zu ihrem Empfange bereit. Ulrich Holzer hatte zwan⸗ zigtauſend Mann zur Vertheidigung auf die Wälle po⸗ ſtirt und Albrechts Kriegsleute ſtanden hinter dieſen, um Diejenigen, welche feiger Weiſe die Reihen verlaſſen wollten, wieder zum Kampfe zu treiben. Dreimal ſtürmten die Kaiſerlichen gegen die Wälle, der ſtark gefallene Schnee machte ihnen das Erklimmen derſelben unmöglich. Die in der Burg Eingeſchloſſenen, die das vergebliche Abmühen ihrer Hilfsvölker von ihren Thürmen aus beobachten konnten, gedachten ihnen zu Hilfe zu kommen. Es konnte dies auf keine andere Weiſe geſchehen, als indem ſie die nächſtgelegenen Häuſer in Brand ſteckten: aber die ausgeworfenen Feuerbrände verlöſchten im hohen Schnee. Der Graben unterhalb des Walles war mit feind⸗ lichen Leichen angefüllt, als endlich die Kaiſerlichen den Kampf aufgaben und ſich nach Gumpendorf zurückzogen. Die dadurch ermuthigten Wiener machten einen Ausfall durch die⸗Ulrichspforte, verfolgten die Fliehenden und kehrten mit zwei erbeuteten groben Geſchützen wieder heim. Zweihundert Böhmen und Oeſterreicher bedeckten den Wahlplatz, während der Verluſt der Bürger kaum nennenswerth war, und mehr in Verwundeten als in Todten beſtand. Die Wiener waren über ihren Sieg ſo erfreut, daß ſie jubelnd und lärmend und mit Muſik durch die Straßen zogen, ſich allen Ausgelaſſenheiten hingaben, und in der Ueberzeugung, daß der Kaiſer nunmehr in ihrer Gewalt ſei, die Belagerung der Burg mit neuem Ernſt wieder aufnahmen. Ihr Triumph war nicht von langer Dauer. Es verbreitete ſich plötzlich die Nachricht, König Georg Podiebrad nahe ſich der Stadt mit neuntauſend kriegsgeübten Leuten. Angſt und Beſtürzung war auf Aller Geſichtern zu leſen, wie konnten ſie hoffen, ihm zu widerſtehen? Die Furcht ſpiegelte den bisher ſo über⸗ müthigen Bürgern die entſetzlichſten Schreckgebilde, Gal⸗ gen, Schwert und Rad, vor, und eine Kapitulation, die ihnen Leib und Gut ſicher ſtellte, war ihr nächſter Gedanke. Da verkündete der Wächter auf dem Stephans⸗ thurme, daß von Korneuburg her eine Reiterſchar heran⸗ ziehe. Schon fürchtete man die Ankunft des Böhmen⸗ königs ſelbſt. Noch war er es nicht, er ſendete nur ſeine Abgeſandten Zdenko von Sternberg und Zet⸗ riſch von Tſchernaho mit fünfzig Reitern voraus. Ehe ſie noch der Erzherzog Albrecht vor ſich ließ, um ihre Botſchaft, die er wohl ahnte, zu vernehmen, griff er die Burg aufs Heftigſte an, damit er noch vor der Ankunft des Königs Herr derſelben und des Kaiſers werde. Von der Burg aus wehrte man ſich indeß mit dem Muthe der Verzweiflung, und Albrecht mußte weichen. Nun erſt empfing er im Verein mit dem Ma⸗ giſtrat Georgs Abgeſandte etwas freundlicher. Er gab ſich den Anſchein, als bedauere er ſeinen Bruder, und zeigte ſich geneigt, auf die vorgeſchlagenen Friedens⸗ unterhandlungen einzugehen. Nachdem ihm von Georg ein freies Geleit zuge⸗ ſagt war, ritt er in deſſen Lager nach Kopneuburg und wurde dort mit Vorwürfen empfangen, weil ſelbſt unter Ungläubigen Brüder ſich nicht zu bekriegen pflegten, und weil es noch weniger löblich ſei, daß Unterthanen gegen ihre angeborene Obrigkeit die Waffen ergriffen, und ſich —— — 214 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. und ihre Familien der höchſten Noth und Todesgefahr preisgäben. Albrecht ſuchte ſich mit ſchönen Worten zu rechtfertigen, bedauerte das Unweſen, unterließ aber nicht, den Kaiſer anzuklagen, der nur nach ſeinem eige⸗ nen Kopfe gehandelt, ohne auf ſeinen Rath, wie auf den ſeiner Landſtände zu hören. Dann bat er den König, ſelbſt als Schiedsmann zwiſchen ihnen aufzutreten und Frieden und Einigkeit fördern zu helfen. Er überreichte dabei die von ihm aufgeſetzten Friedensbedingungen. Georg mochte ſie nicht annehmen, bevor er nicht den Kaiſer ebenfalls gehört habe. Da übermannte den Erz⸗ herzog der Zorn, er brach die Verhandlungen kurz ab und kehrte nach Wien zurück. König Georg aber ging mit ſeinem Heere über die Donau und lagerte ſich mit den übrigen kaiſerlichen Kriegsvölkern und den Truppen ſeines Sohnes bei Enzersdorf. Albrechts Zorn verrauchte. Nun wieder zum Unterhandeln geneigt, erbot er ſich, Geſandte nach Kor⸗ neuburg abzuordnen. Georg willigte ein, und verlangte vom Kaiſer Gewalt und Vollmacht, in ſeinem Namen zu handeln. Dieſe zu geben war Friedrich doch etwas bedenklich, er ſchickte Sigmund von Sabriach und Georg von Kainoch nach Korneuburg, und von Seite der Bürger begab ſich Ulrich Holzer dahin. Allerdings lag es nicht in Podiebrads Abſicht, für den Kaiſer in allen Punkten Partei zu nehmen; er wünſchte wohl, ihn gegen ſeine Unterthanen zu be⸗ ſchützen, doch gedachte er ihm auch bei dieſer Gelegen⸗ heit die Flügel ſo zu beſchneiden, daß er ſelbſt nicht Ur⸗ ſache erhalte, den mächtigen Nachbar zu fürchten. Die Freilaſſung der Belagerten bildete den Haupt⸗ punkt der Friedensunterhandlung, ſodann ſollte Erzher⸗ zog Albrecht dem kaiſerlichen Bruder alle die Städte, Burgen und Gebiete, welche er vordem mit Gewalt der Waffen an ſich geriſſen, dieſem wieder abtreten, dagegen ihm jedoch die Regierung der Länder unter der Enns gegen einen jährlichen Tribut von viertauſend ungari⸗ ſchen Gulden(Dukaten) auf acht Jahre überlaſſen wer⸗ den. Die kaiſerlichen Geſandten ſperrten ſich gewaltig gegen eine ſolche Bedingung, als aber der Böhmen⸗ könig ſeine kräftige Stimme gegen ſie ertönen ließ und ihnen ſagte, daß ſie ſich fügen müßten, wollten ſie von der Belagerung befreit werden, da unterzeichneten ſie Korneuburg zu begleiten. I Albrecht ließ nunmehr ſeine Truppen von der Burg abziehen, und Georg meldete dem Kaiſer, daß er ihn vor der Stadt erwarte, um ihn wohlgerüſtet nach Seinem Boten folgte der Böhmenkönig ſelbſt mit einer ſtarken Schar und lagerte ſich unter Trompetengeſchmetter vor dem der Burg zu⸗ nächſt gelegenen Thore. Friedrich, dem die Burg während voller zwei Monate ein Kerker geweſen, beeilte ſich, mit ſeiner Familie und ſeinem Hofſtaate zu ihm zu gelangen. Der Empfang war mehr feierlich als herzlich, und nach einer Menge von förmlichen Begrüßungen machten ſich Alle marſchfertig. Der Kaiſer begleitete Weib und Kind nach der Diepoldsvorſtadt und nahm dort von ihnen Abſchied, weil ſie von den Kärnthnern und Steiermärkern nach Neuſtadt gebracht werden ſollten. Vier verhängnißvolle Monate lagen nunmehr hin⸗ ter dem Kaiſer; drei ſchwere Unfälle waren ihm zuge⸗ ſtoßen: zwei Niederlagen im Reich mit dem Verluſt des Banners und eine wenig ehrenvolle, gewiß aber ſehr demüthigende Niederlage in der Burg. Friedrich, dem ohne Georgs Beiſtand wohl leicht ein anderer Ausgang bereitet worden wäre, fühlte, wie ſehr er ihm verpflichtet war, und er bewies ſeine Erkenntlichkeit da⸗ durch, daß er Viktorin zum Herzog von Münſterberg erhob. Am Tage nach ihrer Ankunft zu Korneuburg wur⸗ den die Vertragshandlungen erneuert. Erzherzog Al⸗ brecht wohnte ihnen bei, und mit hochfahrenden Wor⸗ ten trat er ſeinem Bruder entgegen und ſuchte ſein Thun zu rechtfertigen. Friedrich that nicht, als ob er zuge⸗ gen ſei, Georg von Volkersdorf machte für ihn den Sprecher. Kurz darauf, am Pfingſttag vor Barbara, wurde der Vertrag unterzeichnet und beſiegelt. Die bei⸗ den gekrönten Häupter ritten in der Frühe des andern V Morgens nach Enzersdorf, hielten ſich dort drei Tage I lang auf und ſchieden dann; Georg, um nach Böh⸗ men zurückzukehren, Kaiſer Friedrich. um ſich in Be⸗ gleitung von ſechshundert böhmiſchen Reitern nach Bruck an der Leitha und von da nach Neuſtadt zu Weib und Kind zu begeben.. V(Sohluß folgt.) — den Pakt. Blieb doch der Vertrag immer noch ungiltig, ſo lange nicht der Kaiſer ſelbſt ſeine Zuſtimmung gab. Freilich ſtemmte ſich hiergegen Albrecht ſo viel er nur konnte, doch mußte er der Drohung des Böhmenkönigs, die ganze Handlung aufzuheben, weil ſie von Rechts⸗ wegen nicht verbrieft werden könne, nachgeben. Nachdem Albrecht von Georg die Zuſicherung erhalten, daß der Kaiſer zwar in Freiheit geſetzt, aber nicht aus dem Lande gelaſſen werden ſolle, bevor nicht alle Punkte unterſchrieben ſeien, nachdem ihm angedeutet worden war, daß ſich die Fürſten und die Städte des Reiches rüſteten den Kaiſer zu befreien— worauf der Erzherzog ſpökkiſch erwiederte, daß ſein Schwager Herzog Albrecht von Baiern ganz allein dieſe geſchlagen und ihnen das Reichsbanner abgenommen— willigte dieſer ein und ein Handſchlag bekräftigte den Bund. Die Lungenſchwindſucht. M 10,. 2 e denjenigen Krankheiten, ſchreibt Dr. Kr. im Fam.⸗Journ., welche als furchtbare Geißeln der Menſchheit die größten Verheerungen an⸗ SAh nchten, ſteht die allgemein gefürchtete und be⸗ kannte Lungenſchwindſucht oder Auszehrung unbedingt oben an. Ich werde dem Leſer in dem Folgenden eine kurze und einfache Darſtellung dieſer ſchrecklichen Krankheit in ihren Anfängen, ihrem Fortſchreiten und Ende, ſowie eine Anleitung zur Verhütung ihres Ausbruchs und zur Behandlung der vollſtändig ausgebildeten Krankheit geben, ſoweit eine ſolche Behandlung in dieſem Falle bei der Lungenſchwindſucht überhaupt möglich iſt. — on der Ak ie Vurg z beeilte drich, anderer t er ihm hkeit da⸗ niſterberg Barbara, Die bei⸗ 3 andern drei Tage nach Böh⸗ ich in Be⸗ nach Bruck Weib und Dr. Kr. te Geißeln ungen an— . und be⸗ kusjehrung dine kurze rankheit nde, ſowie uchs und Kr ankheit em zall wiſ. —— Die Lungenſchwindſucht. 215 Die Krankheit kann, je nach der Art ihres Auf⸗ tretens oder dem Alter des Patienten, in wenigen Tagen oder Wochen zum Tode führen, aber auch Jahre lang den Behafteten quälen und nur nach langer Dauer die Urſache ſeines Todes werden. Die Fälle der erſtern Art bezeichnet man im ge⸗ wöhnlichen Leben mit dem Namen der galoppirenden Schwindſucht, und dieſe Art der Krankheit rafft ihre Opfer meiſt in der Blüthe des Lebens hinweg. Die gewöhnliche Lungenſchwindſucht aber entwickelt ſich in der Regel, beſonders als Konſtitutionskrankheit, in folgender Weiſe: Die Lungen werden vorzugsweiſe an der Spitze von theils einzeln verſtreuten, theils gruppirt beiſammen ſtehenden Knötchen durchſetzt, zwiſchen welche ſpäter, in Folge hinzutretender Entzündung, eine der Krankheit eigenthümliche Anfüllung der einzelnen Lungenzellen hinzutritt, welche dieſelben luftleer und dicht macht, und ſie durch neuen Anſatz nach außen hin mehr und mehr vergrößert. Inmitten dieſer zuſammengeballten Knötchenmaſſen beginnt die Erweichung, Schmelzung und Vereiterung derſelben; die geſchmolzene eiterähnliche Maſſe entleert ſich endlich in die nächſten Luftröhren⸗ äſte und hinterläßt eine mehr oder weniger große Eiter⸗ höhle(das ſogenannte tuberkulöſe Lungengeſchwür), welche ſpäter verjauchend um ſich frißt, oder in ſelte⸗ neren Fällen ſich wieder ſchließt und vernarbt. Der ganze Krankheitsproceß kann aber auch auf jeder ſeiner vier Stadien(der Knötchen⸗Ablagerung, der Erweichung, der Geſchwürbildung und der Vernarbung) zum Still⸗ ſtand und zur allmäligen Heilung gelangen, obſchon dieſer letztere Fall immer zu den großen Seltenheiten gehört, ſobald ſich ſchon bedeutende ſchwindſüchtige Zufälle eingefunden haben. Dieſem anatomiſchen Verlaufe entſprechend, zeigt die konſtitutionelle Lungenknotenſucht im Stadium der Ablagerung ſchon charakteriſtiſche Zeichen. Der Bruſt⸗ kaſten wird an ſeinem obern vordern Theile platt, flach und ſchmal, die Gruben ober⸗ und unterhalb der Schlüſ⸗ ſelbeine ſinken ein, das Bruſtbein ſenkt ſich nach ab⸗ wärts, ſo daß der Hals länger und magerer erſcheint und die Schlüſſelbeine ſchräg nach innen gerichtet ſind. Die den verdichteten Lungentheilen entſprechenden Rippen ſind weniger beweglich, während der Rücken ſich in dieſer Gegend etwas nach vorn krümmt, ſo daß die Schulterblätter flügelartig abſtehen. Nach unten hin aber verlängert ſich der Bruſtkaſten in mehr oder weniger ehlindriſcher Form, ſo daß die falſchen Rippen mit weiten Zwiſchenräumen ſchräg nach dem Becken herab⸗ ſtehen. 15 Gleichzeitig beginnt der Kranke häufig kurz und trocken zu hüſteln, beſonders nach Körperbewegungen, Treppenſteigen, ſehr tiefem Einathmen und nach den leiſeſten Hautverkühlungen, gegen welche er immer em⸗ pfindlicher wird. Dieſe Zufälle treten daher beſonders früh nach dem Aufſtehen, nach Gemüthsbewegungen und anderen Aufregungen ein. Sein Athem wird kürzer, beſonders das Einathmen, auch wohl ſtoßweiſe gebrochen und beſchleunigter, nadentlich bei den genannten Ver⸗ anlaſſungen, welche auch leicht Beklemmung oder Herz⸗ klopfen nach ſich ziehen. Die Stimme wird matter, die Muskeln welker und die Haut zeigt ſich bei verſuchter Faltenbildung ſchlaffer und dünner. Die Hautfarbe wird nach und nach die der Schwindſucht eigenthümliche, d. h. graulich⸗weiß oder gelblich⸗fahl; die früher rothen Wangen erbleichen entweder ganz, oder es findet ſich ſpäter eine eigenthümliche Wangenröthe ein, die ſoge⸗ nannten Schwindſuchtsroſen. Die Haut ſchwitzt leichter, beſonders des Nachts, vorzüglich aber gegen Morgen, oder nach Huſtenanſtrengungen. Hier und da erſcheinen an verſchiedenen Stellen der Bruſt, des Rückens, oder des Zwerchfells leichte flüch⸗ tige Stiche, oder anſcheinend rheumatiſche Schmerzen der Bruſt⸗ oder Rückengegend. Der Puls iſt gewöhnlich beſchleunigt und ſehr veränderlich. Geiſtige Verſtimmt⸗ heit, wechſelfieberartige Anfälle, Bleichſucht, anſcheinende Magen, oder Leberſtörungen und andere oft ſehr täu⸗ ſchende Erſcheinungen können dieſen erſten Jeitraum der Lungenſchwindſucht begleiten, bei welchem der Aus⸗ wurf bald ganz fehlt, bald dem gewöhnlichen katarr⸗ haliſchen gleicht, doch zuweilen ſchon blutſtreifig oder ganz blutig iſt. Oftmals iſt die eintretende Lungen⸗ blutung das erſte auffallende Zeichen der begonnenen Lungenſchwindſucht. Im Stadium der Erweichung oder des eiterigen Zerfließens einzelner Knötchenmaſſen tritt hierzu der eigenthümliche eiterig⸗ſchleimige Auswurf, der chroniſche Katarrh größerer Luftröhrenäſte und die Zerfreſſung größerer Blutgefäße. Der Auswurf fängt daher an, reichlicher und großklumpig zu werden, und enthält den aus den Lungenknötchen(Tuberkeln) erzeugten Eiter. Dieſer Eiter iſt gewöhnlich in grobſchaumigen Luft⸗ röhrenſchleim eingehüllt, ſo daß er auf dem Waſſer ſchwimmt und von da nach dem Boden des Gefäßes die in einem feinen Schleimröhrchen eingeſchloſſenen Eiterkügelchen in Form gelblicher feiner Fäden ſenkrecht herabfallen läßt, welche ſich ſodann am Boden des Gefäßes in horizontalen Schichten anſammeln und beim Umrühren das Waſſer milchig trüben. Uebrigens iſt der Auswurf der Schwindſüchtigen nicht immer ganz genau von der oben beſchriebenen Beſchaffenheit, ſondern von der verſchiedenſten Farbe, Konſiſtenz und Miſchung, bald übelriechend und jauchig, bald mehr eiterig oder ſchleimig, auch theilweiſe im Waſſer zu Boden ſinkend. In dieſem Stadium beginnen auch, wenn ſie nicht ſchon früher eintraten, häufigere und reichlichere Anfälle von Bluthuſten, wobei das Entleerte bald roth, bald ſchwärzlich, mit oder ohne Schaum, flüſſig, feſt oder locker geronnen, eiterhaltig oder in Eiter und Schleim eingehüllt ſein kann. Auch erſcheint jetzt gewöhnlich das charakteriſtiſche hektiſche Fieber mit Fröſteln und Nach⸗ mittags eintretender Hitze, nächtlichen, ermattenden Schweißen, fliegender Wangenröthe u. ſ. w. In dem folgenden Stadium d ankheit ent⸗ wickeln ſich die angegebenen Symptöme entweder in weit höherem Grade und der Patient geht in längerer oder kürzerer Zeit an gänzlicher Entkräftung durch reichliche Schweiſe und innerliche Eiterung zu Grunde, * 5 1 3 5 2 1* 216 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. oder die Krankheit kommt, wie ſchon bemerkt, in ſel⸗ tenen Fällen durch Vertrocknen der bereits gebildeten Eiterhöhlen zum Stillſtande. Die Urſachen der Lungenſchwindſucht ſind mannig⸗ facher Art, und, wie wir ſehen werden, oftmals ſo tief im menſchlichen Organismus begründet, daß nur eine ununterbrochene Aufmerkſamkeit auf jede eintretende Störung des körperlichen Wohlbefindens und die ängſt⸗ lichſte Sorgfalt für die Aufrechthaltung aller normalen Funktionen den Ausbruch dieſer ſchrecklichen Krankheit aufzuhalten im Stande iſt. Vor allem muß erwähnt werden, daß die Krank⸗ heit in den meiſten Fällen auf einer angeborenen und vererbten, oder von den früheſten Lebensjahren her erworbenen Anlage beruht. Bei keiner Krankheit iſt die Mittheilung der Anlage durch Vererbung ſo groß, als hier; doch gehört dazu, daß beide Eltern oder wenigſtens eines von ihnen, das Uebel vor der Geburt des Kindes hatten. Es gibt daher ganze Familien, in welchen dieſes Leiden einheimiſch und niemals ganz auszurotten iſt. Aber auch bei vollſtändiger Geſundheit der El⸗ tern kann die Anlage zur künftigen Lungenſchwindſucht unmittelbar nach der Geburt durch unzweckmäßige Be⸗ handlung der Neugeborenen ſehr leicht herbeigeführt werden, wenn, wie es leider ſo oft geſchieht, eine gründ⸗ liche und vollſtändige Entwickelung der Lungen verab⸗ ſäumt wird. Es iſt unbedingt für das ganze zukünftige Leben des Kindes von dem größten Einfluſſe, wenn die Lungen durch kräftiges Schreien und dadurch bedingtes tiefes Einathmen bis in die entfernteſten Theile aus⸗ gedehnt werden und demzufolge diejenige Elaſticität und Größe gewinnen, welche zur regelmäßigen Aus⸗ übung ihrer Funktionen durchaus nöthig iſt. Es muß daher unverbrüchliche Regel bleiben, die Neugeborenen, ſobald ſie nicht von ſelbſt durch kräftiges Schreien ein tiefes und gründliches Einathmen hervorbringen, durch Beſpritzen mit kaltem Waſſer dazu anzuregen. Wird dieſe Maßregel nicht ſogleich nach der Geburt in An⸗ wendung gebracht, oder wohl gar ganz außer Acht ge⸗ laſſen, ſo iſt der Grund zu künftiger Engbrüſtigkeit und lebenslänglichem Siechthum gelegt. Iſt die Anlage zur Schwindſucht einmal im Körper eines Menſchen vorhanden und begründet, ſo bedarf es meiſt nur ſehr geringer Urſachen, um ſie zum Aus⸗ bruche und unaufhaltſamen Fortſchritte anzuregen. Vor⸗ züglich ſind es die ſo häufig vorkommenden und doch ſo wenig beachteten, ja ſogar gröblich vernachläſſigten leichten Erkältungen, welche die unmittelbare Urſache zum künftigen ſchmerzvollen Tode manches Menſchen ſind, der vielleicht ohne ſie die Zahl ſeiner Jahre auf das Doppelte gebracht haben würde. Jeder betrachte eine ſogenannte leichte Erkältung als einen Gifthauch, der von ſeiner dereinſtigen Grab⸗ ſtätte zu ihm hexüberweht und ihn in nähere Berührung mit derſelben beitgt; er betrachte ſie wie ein Mahl, das der Tod mit furchtbarem Finger ihm aufdrückte, und womit er ihn gleichſam vorläufig bezeichnen wollte, während er vorüberſtreifte, um an einem ſeiner Gewalt ſchon gänzlich verfallenen Schlachtopfer ſein Amt zu verrichten. Beſonders Diejenigen mögen das Geſagte beher⸗ zigen, welche ſich irgend eines Fehlers oder einer Schwäche ihrer Konſtitution bewußt ſind und mit ſchlimmen Wahr⸗ zeichen: einem langen Halſe, einer engen, platten Bruſt, hochrother Geſichtsfarbe, einer auffallenden Abhängigkeit von den Luftveränderungen ꝛc. behaftet ſind, oder mit kurzen Worten: Alle, bei denen Symptome von aſthma⸗ tiſchem oder ſchwindſüchtigem Charakter zum Vorſchein kommen, wenn ſie ſich verleiten laſſen ſollten, eine leichte Erkältung oder einen gelinden Katarrh zu vernachläſſi⸗ gen und dieſe Vernachläſſigung für etwas Geringes zu achten. Ein bewährter Arzt des vorigen Jahrhunderts nennt die Erkältung„den Urſprung und gleichſam den Keim faſt aller unſerer Krankheiten“, und der berühmte Arzt Tiſſot ſagt mit Recht, daß auf dieſe Weiſe mehr Menſchen am Katarrh ſterben, als an der Peſt. Es iſt wirklich erwieſen, daß an vernachläſſigtem Schnupfen und Huſten, alſo an Krankheiten, die an und für ſich und bei gehöriger Abwartung durchaus keine Gefahr mit ſich bringen, die meiſten Menſchen unaufhaltſam zu Grunde gehen. Merkwürdig und zugleich charakteriſtiſch iſt es für die Schwindſuchtkranken, daß ſie faſt Alle, trotz ihres gewöhnlich reizbaren und ſanguiniſchen Temperaments, dennoch die größte Gleichgiltigkeit und Unbeſorgtheit über den eigenen Geſundheitszuſtand, vorzüglich was die Lunge betrifft, an den Tag legen. Gewöhnlich über⸗ ſehen ſie bei den Berichten und Erzählungen über ihren Geſundheitszuſtand, dem Arzte gegenüber, die Lungen⸗ beſchwerden ganz, oder übergehen ſie auch wohl abſicht⸗ lich, indem ſie ihre Krankheit in der Regel auf einen andern Theil, beſonders den Unterleib, übertragen. Sie bilden in dieſer Hinſicht den direkten Gegenſatz zu den Hypochondriſten. Außer der ſchon angeborenen, oder ſofort nach der Geburt erworbenen Anlage wirken auch noch andere Umſtände in ſpäteren Lebensjahren auf den Ausbruch dieſer Krankheit hin. Beſonders übt hierbei das Klima oder die Luftbeſchaffenheit der Wohnung einen großen Einfluß aus. Das Leben in verdorbener, feuchter, ein⸗ geſchloſſener und beſonders durch thieriſche Stoffe ver⸗ peſteter Luft disponirt am meiſten zum Ausbruche der Lungenſucht, wie dies am deutlichſten die Häufigkeit des Uebels in großen volkreichen Städten zeigt. Auch iſt ein feuchtes nördliches Klima der Entwickelung dieſer Krankheit günſtiger, als ein mehr ſüdliches, denn es iſt eine entſchiedene Thatſache, daß die nördlichen Gegenden die Lungenkrankheiten, die ſüdlichen mehr die Leber⸗ und Unterleibskrankheiten begünſtigen. Die Lebensart und Beſchäftigung der Menſchen hat bisweilen an der Erzeugung und Ausbildung des Krankheitsſtoffes nicht wenig Antheil; beſonders iſt dies bei einer ſitzenden Lebensart, oder bei Beſchäftigung mit ſchädlichen, die Athmungswerkzeuge angreifenden, Sub⸗ ſtanzen der Fall. Daher kommt es, daß z. B. Schulleh⸗ rer, Maurer, Steinhauer, Bergleute, Schleifer, Nähterin⸗ underts m den rühmte mehr Es iſt hnupfen ür ſich Gefahr ltſam ſt es für ot ihres 3 ch was 8 Loer⸗ zbruch as Klima großen hter ein⸗ toffe ver⸗ ruche der figgkeit gung mit den, Süb⸗ 5 hullc Nähtecin 1 — Die Lungenſchwindſucht. 217 nen ꝛc. vorzugsweiſe von der Lungenſucht heimgeſucht werden und ihr zum Opfer fallen. Alle Krankheitsſtoffe, wenn ſie ſich auf die Lungen werfen, können die Krankheit erregen, und ganz beſon⸗ ders kommt dies bei verkehrter Behandlung der Gicht, des Rheumatismus, der Skropheln und bösartigen Aus⸗ ſchlagskrankheiten vor. Dasſelbe bewirken auch unter⸗ drückte gewohnte Blutausleerungen(worunter nicht etwa das Blutlaſſen durch Adernöffnung zu verſtehen iſt), die plötzliche Unterdrückung des Fußſchweißes und Aehnliches. Endlich läßt ſich nicht läugnen, daß bei einem hohen Grade von eiteriger Lungenſchwindſucht ſich aus den Lungen ein Anſteckungsſtoff entwickeln kann, der die Kranheit Anderen, welche dazu disponirt ſind und in naher Verbindung mit einander leben, z. B. Eheleuten oder Stubengenoſſen, mitzutheilen vermag, ja ſelbſt in lange gebrauchte Federbetten und Kleidungsſtücke über⸗ tragen werden kann. Dieſe Uebertragung des Anſteckungs⸗ ſtoffes geſchieht in ſüdlichen Gegenden leichter als in nördlichen. Der Verlauff der chroniſchen Lungenſchwindſucht iſt ſelten gleichmäßig, in der Regel taktweiſe mit einzel⸗ nen Verſchlimmerungen und dazwiſchen liegenden ruhi⸗ gen Zeiträumen. Ihr gewöhnlicher Ausgang iſt der Tod, und wenigſtens der ſechſte Theil der Menſchen fällt ihr zum Opfer. Sie tödtet am häufigſten durch Erſtickung in Folge von Ueberfüllung der Lungen mit ſchaumigen Auswurfsſtoffen; ſeltener durch Herzlähmung oder Er⸗ ſchöpfung in Folge der ſchwächenden Diarrhöen, oder durch Blutleere. Die Heilung der Lungenſucht geſchieht in eini⸗ gen ſeltenen Fällen von ſelbſt und erfolgt dann durch Stillſtehen der Knötchenbildung und Vertrocknen der ſchon gebildeten Maſſen; doch iſt die Ausſicht auf Hei⸗ lung bei der konſtitutionellen oder erblichen Anlage zur Schwindſucht niemals günſtig, denn hier liegt der Keim der Krankheit in der Organiſation ſelbſt und das ganze Leben iſt ein fortwährendes Streben, denſelben zu ent⸗ wickeln. Bei dem weiblichen Geſchlechte kann ſie bis in die Jahre ohne Lebensgefahr ſein, in welchen der Ueber⸗ gang zum Alter liegt, dann aber iſt die Kranke entſchie⸗ den gefährdet. Oft ſchnell zum tödtlichen Ausgange füh⸗ rend iſt die Krankheit bei jugendlichen Perſonen vor vollſtändig erreichter Körperreife und ſogar noch ſpäter, etwa vom ſechzehnten Jahre an bis zum dreißigſten. Es iſt dies die Zeit, wo das Blutleben vorherrſcht und die Leidenſchaft das Blut immer nach Herz und Lunge drängt; daher in dieſer Zeit die meiſten Lungenſüchtigen vorkom⸗ men. Nach dem dreißigſten Lebensjahre wird die Krank⸗ heit nach und nach etwas weniger gefährlich, obſchon ihre Nachwehen oft bis in's höchſte Alter hinein noch auf den verſchiedenen Wegen Opfer fordern. Nach dem Wochenbette ausbrechende Lungenſuchten tödten um ſo ſchneller, weil ſie vorher durch die Schwangerſchaft unter⸗ brochen worden waren. Kommt die Krankheit durch Unterdrückung der Fußſchweiße, gewiſſer Abſonderungen, oder der flechtenartigen Hautausſchläge zum Vorſchein, ſo iſt ſie ebenfalls gewöhnlich unheilbar. Die Behandlung muß ſich hauptſächlich darauf Erinnerungen, LXXXII. 1861. beſchränken, den drohenden Ausbruch der Krankheit zu verhindern, oder das ſchon vorhandene Uebel zu mildern. Eigentliche Arzeneien ſind aber zu dieſem Zwecke von geringem Nutzen und nur bei einzelnen gefährlichen Symptomen anwendbar. Die Grundideen der Behand⸗ lung ſind daher folgende. Der Schwindſuchts⸗Patient muß eine trockene, ſon⸗ nige, wohlgelüftete Wohnung und Schlafſtätte beziehen, am Beſten ſich fleißig im Freien auf dem Lande, in wal⸗ digen, bergigen, jedoch nicht rauhen und gegen ſcharfe Nord⸗ und Oſtwinde geſchützten Gegenden aufhalten und friſche Waldluft, beſonders den Duft von Nadelhölzern einathmen. Während der kälteren und ſtürmiſchen Mo⸗ nate iſt es am zweckmäßigſten, den Kranken ganz in der gleichförmigen Temperatur des Zimmers zu erhalten, dann aber durch fleißiges Lüften, Vermeidung von Staub, Rauch und Tabaksqualm und durch Aufſtellen grüner, häufig mit Waſſer beſprengter Pflanzen für eine geſunde und reine Luft zu ſorgen. Das ſicherſte Mittel zur Ver⸗ hütung der immer wiederkehrenden Verſchlimmerungen und Rückfälle, welche den Kranken zuletzt aufreiben, iſt jedenfalls die rechtzeitige Ueberſiedelung in ein milderes Klima, welches man bald trocken, bald feucht wählt. Im erſteren Falle wird man daher Malaga, Malta, Algier oder Kairo, im letzteren Falle aber Madeira, Piſa, Hyé⸗ res, Pau, Rom oder Palermo zu wählen haben. Oftmals nützen zu demſelben Zwecke auch gewiſſe Gegenden des deutſchen Vaterlandes, z. B. Wiesbaden, Baden⸗Baden, Meran, ferner die Gegend des Genfer Sees u. ſ. w., oder, wenn eine ſolche Luftveränderung nicht möglich ſein ſollte, das Tragen eines Reſpirators vor dem Munde während der rauhen Jahreszeit. Das anhaltende Sitzen mit zuſammengepreßtem Körper iſt unbedingt zu unterlaſſen. Die Athmungswerk⸗ zeuge ſind unter den nöthigen Vorſichtsmasregeln fleißig zu kräftigen, zu üben und zu tiefen Einathmungen anzu⸗ regen, wozu gymnaſtiſche Uebungen, namentlich mit den Armen, ferner Fahren, mäßiges Reiten und Bergſteigen kleine Fußreiſen, Gartenarbeit, lautes Vorleſen, Sprechen und Deklamiren nützen, hingegen heftigere erhitzende An⸗ ſtrengungen durch Tanzen, Laufen, Schreien u. ſ. w. ſchädlich ſind.— Kalte Waſchungen der Bruſt und des Rückens mit Waſſer, verdünntem Branntwein, Eſſig, Terpentinöl, Rosmarinſpiritus und dergleichen, ſowie im Sommer die kühlen Fluß⸗, See⸗ oder Soolbäder, im Winter die ruſſiſchen Dampfbäder dienen bei noch nicht zu weit gediehener Krankheit zur Kräftigung der Ath⸗ mungsmuskeln, ſowie zu der hier ſo wichtigen Hautkultur und zur Abhärtung gegen die ſo häufig eintretenden Er⸗ kältungen. Katarrhe ſind, wie ſchon oben geſagt, auf jede Weiſe zu vbermeiden und die ausbrechenden baldigſt energiſch zu beſeitigen. Hierzu nützt beſonders in der rauhen Jahreszeit die Flanellbekleidung auf der bloßen Haut, das Warmhalten der Füße durch wollene Strümpfe, Kork⸗ oder Gummiſohlen, die Speckeinreibungen des ganzen Körpers ꝛc. Die Diät wird faſt ohne Ausnahme kräftigend, jedoch, den beſonderen Verhältniſſen des Patienten ent⸗ ſprechend, bald reizend, bald mehr kühlend, reizlos und 28 — —— —— — ſKen eine große Fontanelle an diejenige Stelle der 218 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. mild ſein müſſen. In letzterer Hinſicht empfehlen ſich be⸗ ſonders die Milchkuren, und zwar der Genuß der friſch gemolkenen warmen Kuhmilch, auch der Ziegen⸗ und Eſelinmilch; ferner der Gebrauch der Obſtkuren(mit Erd⸗ beeren, Weintrauben, Gurkenſaft ꝛc.) und der mehlig⸗ ſchleimigen Nahrungsmittel aus dem Pflanzenreiche. Zu den letzteren gebraucht man Salep, Carrhageen, islän⸗ diſches Moos, Roggenmehlſuppen und andere zuckerige oder eiweißhaltige Gemüſe, jedoch in leichtverdaulichen Formen. In der Regel aber, beſonders wo ſtärkeres Fie⸗ ber fehlt und die Blutarmuth offenbar iſt, paſſen die kräftigeren, reizenden, thieriſchen Speiſen, namentlich rohe Eier(Eidotter und Eiweiß, am Beſten unmittelbar aus der Schale geſchlürft), oder weich gekochte Eier und Spiegeleier; ferner gute Fleiſchbrühen und Gallerten von Kalbsfüßen, Schildkröten, Schnecken und dergleichen mehr; übrigens aber gute Fleiſchkoſt überhaupt, beſon⸗ ders gebratenes, oder auch rohes, geſchabtes oder ge⸗ wiegtes Fleiſch, weicher roher Schinken, Auſtern oder Kaviar. Fette Speiſen werden überhaupt, ſofern ſie nicht den Magen verderben, zu empfehlen ſein. Als Getränk ſind Milch und Chaudeau, ferner kleine Mengen eines ſüßen Weines und gutes malzreiches Bier ſehr gern zu geſtatten. Exeeſſe aller Art in Eſſen, Trinken, Nachtſchwärmen u. ſ. w. ſind möglichſt zu mei⸗ den. Ruhe des Gemüths iſt zur Friſtung ſolcher Kranken weſentlich erforderlich. Von den eigentlichen arzneilichen Mitteln leiſten in den erſten Stadien neben der ſchon angeführten Diät das Trinken des mit warmer Milch vermiſchten Selters⸗ waſſers und das Einathmen des Theerdampfes den we⸗ ſentlichſten Nutzen. Auch auf die Erleichterung des Aus⸗ wurfs muß, ſofern dieſer ſich ſchwierig löſt und dem Kran⸗ ken Beſchwerden macht, ernſtlich eingewirkt werden; er⸗ ſtens, weil dadurch die Reinigung und Heilung des Lun⸗ gengeſchwüres befördert, und zweitens, weil das Fieber vermindert und die allzugroße Schwächung des Leidenden verhütet wird. Mamyedient ſich zu dieſem Zwecke gewöhn⸗ lich einer Abkochung von Salep, der man eine geringe Quantität mineraliſchen Kermes oder Goldſchwefel zuſetzt, gewöhnlich auf ſechsazen Flüſſigkeit etwa eine Drachme. Die übermäßige Zunahme der ſo erſchöpfenden Morgenſchweiße bekägpft man am Beſten durch leichte Bedeckung, frühzeitiges Aufſtehen und den Genuß der engliſchen Schwefelſäure in Limonadenform; die ſchwä⸗ chenden Diarrhöen aber durch Klyſtiere von Ratanhia⸗ Abkochung oder Kalkwaſſer, oder Opium mit Milch. Die Anwendung künſtlicher Geſchwüre iſt bei der Lungenſchwindſucht oftmals von ganz außerordentlicher Wirkung, beſonders im Anfange und bei denjenigen Fäl⸗ len, wo das Uebel dadurch entſtanden iſt, daß ſich ein anderer unterdrückter Krankheitsſtoff auf die Lunge ge⸗ worfen hat. Hier kann ein künſtlich angelegtes Geſchwür in der That eine Verſetzung der Eiterung von innen nach außen bewirken. Man hat Beiſpiele, daß Lungenſüchtige zufällig große Verbrennungsverletzungen erhielten und während der langwierigen Eiterung derſelben von der Schwindſucht gänzlich genaſen. Man ſetzt daher am Bruſt, wo der Kranke die meiſten Schmerzen hat. Nur vermeide man ſie in dem Falle, wenn der Kranke ſchon ſehr von Kräften gekommen iſt, oder wenn man bemerkt, daß ihn die künſtliche Eiterung auffallend ſchwächt. Wendet ſich die Krankheit nicht zum Beſſern, ſo tritt bald das letzte Stadium ein. In dieſem Falle kann die Behandlung nichts weiter thun, als den Weg zum Grabeerleichtern. Wie eine Frau liebt. Erzählung. §. lſause r,“ ſagte eine junge blühende Frau, „das Frühſtück ſchmeckt Dir heute nicht; biſt X9, Ou krank?“ Sie rückte näher zu ihm heran und 2 legte ihren Kopf ſchmeichelnd an ſeinen Arm. 2„Nein,— ja— ich fühle mich ermüdet. Ich war geſtern mehr als je mit Geſchäften über⸗ häuft,“ ſagte Walther aufſtehend, um ſich den weitern Fragen und klaren angſtvollen Blicken ſeiner Gattin zu entziehen.„Sollte ich nicht zum Mittagsbrod zurück ſein, ſo warte damit nicht auf mich, es iſt möglich, daß ich in der Bank zurückgehalten werde. Komm, Marie, und gib mir einen Abſchiedskuß.“ „Armer Walther,,“ ſeußzte die liebende Gattin, als ſie allein und beſchäftigt war, in ſeinem Zimmer Bücher und Papiere, die in buntem Wirrwarr über dem Schreibtiſch zerſtreut lagen, zu ordnen. In der Mitte des Zimmers befand ſich eine Staffelei mit einem noch nicht ganz vollendeten Oelgemälde, welches großes, unverkenn⸗ bares Talent bekundete. Wehmüthig ſtand die junge Frau lange vor dem Bilde, bis Thränen ihrem dunklen Auge entfloſſen.„Armer Walther,“ ſagte ſie,„daß Du mit Deinem Künſtlerſinn und Dichterherzen genöthigt biſt, Tag für Tag auf dem Komptoir zu ſein und immer und immer zählen, addiren und multipliciren mußt. Wird das nie anders werden, ſoll Deine heiße Sehnſucht, die Dich von New⸗York fort über das Meer nach dem Wun⸗ der⸗ und Künſtlerlande Italien zieht, denn nie erfüllt werden? O, wie unendlich glücklich würde es mich ma⸗ chen, hätte ich Dir außer meinem Herzen auch reiche ir⸗ diſche Güter zugebracht, mit denen Du hättes frei Dei⸗ nem Genius leben können.“ Es war Mittag geworden d Wahther nicht heimgekommen. Obgleich Maßie übe⸗ ſeine Abweſen⸗ heit nicht unruhig war, vermißte ſie doch ſchmerzlich ſein liebes Geſicht und berührte ihre Mahlzeit nur wenig. Ihre Ehe war, wenn auch Wolken ihren Lebenshimmel trübten, dennoch eine glückliche. Marie liebte ihren Gatten noch heute nach funf Jahren eben ſo wie an dem Tage, da der Segen der Kirche ſie vereinigt hatte. „Komm zu mir, Georg,“ ſagte ſie zu einem lieb⸗ lichen blonden Kinde, welches am Boden des Zimmers ſpielte;— in dieſem Augenblick trat ihr Vater ein— aber wo iſt das ihm ſtets eigene freundliche Lächeln, warum bietet er nicht wie ſonſt froh die Hand zum 4 Gruße dar und wankt langſamen, unſicheren Schrittes — t. Nur e ſchon emerkt t. en, ſo le ana g zum e Frau, ͤt; biſt tan und n Arm. det. Ich en über⸗ weitern attin zu rückſein, aß ich in je, und „Gattin, Zimmer iber dem itte des ch nicht derkenn⸗ ge Frau Wagt Du mit bigt biſt mmer und tt. Wird ſucht die em Wun⸗ ie ecfüllt mich ma⸗ reiche ir⸗ frei Lei⸗ her nich Abweſen⸗ azlch ſein ir wenig. nöhimmel bte ihren jean dem 1 Wie eine Frau liebt. 219 als hielte er ſich nur mühſam aufrecht, dem ſich ihm zuerſt anbietenden Stützpunkte entgegen? „Sende das Kind aus dem Zimmer,“ ſagte er mit vor Aufregung zitternder Stimme,„ich habe mit Dir zu ſprechen, Mariel“— Ihre Gedanken flogen ſofort zu ihrem Gatten und ihren bleichen Lippen entrang ſich der Ausruf:„Was iſt's mit meinem Walther? O, ſage mir nicht, daß er todt ſei!“—„Beſſer für ihn und uns, wenn er es wäre,— beſſer todt ſein, als leben zur Schande der Seinigen,“ ſagte der alte Mann, kummer⸗ voll ſein graues Haupt ſchüttelnd. „Was hat Schande mit Walthers Namen ge⸗ mein,“ rief Marie mit leuchtenden Augen.„O lieber Vater, ſprich nicht ſo grauſame Worte,“ und flehend blickte ſie auf in ſein Antlitz.—„Schande hat er gebracht über uns alle,“ ſagte der ſtolze alte Mann,„über Dich, mich und ſeinen unſchuldigen Knaben. Er hat eine Summe ihm anvertrauten Geldes veruntreut, iſt feſtgenommen, und ich bin gekommen Dich und Dein Kind nach meinem Hauſe zu führen— denn Du mußt ihn verlaſſen und ver⸗ geſſen, Marie.“—„Walther verlaſſen, meinen Gat⸗ ten, den Vater meines Kindes vergeſſen! Nie, niemals,“ ſagte ſie feierlich.„Es iſt nicht möglich, daß mein edler, hochſinniger Gatte— nein, nein, mein Vater, es muß ein Irrthum ſein, der bald ſich aufklären wird. Nimm, o nimm dieſe ſchrecklichen Worte zurück. Ob auch alle Welt ihn verlaſſe, ich will an ihn glauben und ihm treu⸗ ſein. Laß mich zu ihm gehen!“—„Marie,“ ſagte der „Mann,„Du mußt von ihm laſſen, er wird die Strafe ſes Verbrechens empfangen. Sobald ſein Urtheil ge⸗ ſpchen, biſt Du geſetzlich frei von ihm. Komm zurück in a Vaterhaus, wo Du die Tage Deiner glücklichen Ju⸗ gen verlebt, nimm wieder für Dich und Deinen Knaben den alten makelloſen Namen Deines Vaters und vergiß ihn, der Schande in unſer Haus gebracht— Deine Pflicht gebietet es. Sollteſt Du mir nicht folgen wollen,“ fügte er gereizt hinzu, als er in ihrer Miene kein Eingehen auf ſein Verlangen las,„ſollteſt Du gegen meinen Willen auf Deinem voreilig gefaßten Entſchluſſe beharren, dann—“ „Was dann?“ fragte ſie ruhig.—„Dann biſt Du nicht länger mein Kind!“ rief der zornige alte Mann. „So helfe mir Gott!“ rief die junge Frau,„denn ich will Walther weder verlaſſen noch vergeſſen.“ Bald eilte die zunge Frau nach dem Gefängniß⸗ hauſe; auf ihre Bitte itete ſie der Gefangenwärter nach der dunkeln Zeuezges Gatten. Bei ihrem Eintritte erhob Walther ſich ſchnell von ſeinem Strohlager, machte aber keine weitere Bewegung ihr entgegen zu gehen. Sie ließ ihm auch kaum Zeit dazu, in einen. Augenblicke um⸗ fingen ihn ihre Arme, ruhte ihr Haupt an ſeiner Bruſt. Vergeblich verſuchte er zu ſprechen, ſie preßte ihre Hand auf ſeine Lippen, ſie wollte, konnte es nicht vernehmen, ſelbſt nicht von ihm, daß er ſo tief gefallen ſei. Es war ein rührender Anblich dieſe beiden Geſtalten in dem 4„Kerker, feſt ſich umſchlingend, ſo jung, ſo ſchön 1 alücklich. So dachte wohl auch der Hüter, als ha⸗— Zelle wieder verließ und verſchloß, noch I nach ihnen hinblickte. 1860 Feind hat mich verſucht,“ ſagte end⸗ lich der jammervolle Mann;„er ſpiegelte mir eine freie, Dir und meiner Kunſt geweihte Zukunft jenſeits des Meeres vor. Das Geld,“ fügte er zögernd hinzu,„wollte ich dem Beſitzer, der jetzt noch im Kindesalter ſteht und es nie früher hätte aus der Bank ziehen können, bei ſei⸗ nem Mündigwerden mit Kapital und Zinſen zurückſtel⸗ len.“— Leiſe weinte Marie; er hob ihr das Haupt empor und ſah ihr in das Auge.„Weißt Du nicht, daß das Geſetz Dich von mir ſcheidet?“ „Ich bin Dein bis in den Tod!“ flüſterte Marie. —„Gott ſegne Dein edles, ſtarkes Herz! Nun habe ich Kraft, meine Strafe zu ertragen.—— „Das Härteſte iſt nun überſtanden,“ ſagte Wal⸗ ther, als nach der langen Schlußſitzung, in welcher das Urtheil gefällt worden, ſein treues Weib ihm die heiße Stirn badete,„aber unſer armer kleiner G eorg!“ und der ſchuldige, bereuende Mann beugte ſein Haupt, als er der Schande gedachte, die er in einem unheilvollen Au⸗ genblick an den Namen ſeines Kindes geheftet, und ver⸗ goß Thränen heiliger Reue. Marie arbeitete muthig für ihren und ihres Knaben Lebensunterhalt; in der er⸗ ſten Zeit ihrer Che hatte Walther ſie gelehrt, kleine Bilder in Waſſerfarben zu malen, zu dieſer Geſchicklichkeit nahm ſie nun ihre Zuflucht und fand für ihre Arbeit einen unerwarteten Käufer in dem Bewohner der größeren Hälfte des Hauſes, in welchem ſie eine kleine Wohnung bezogen. Dieſer Mann war ein von Glücksgütern über⸗ häufter Sonderling, der nur für ſeine Bücher lebte, aller Menſchen Umgang mied und deſſen einzige Bedienung ein alter Neger mit ſchneeweißem Haupte war.— Täglich beſuchte Marie ihren Gatten und brachte ihm Troſt und neue Lebenshoffnung. Wie Muſik erklangen ihm ihre Fußtritte, wenn ſie durch den langen Korridor wie⸗ derhallten. Liebevoll richtete ſie den gebeugten Mann auf, ſprach erhebende und heilige Worte des Troſtes und führte den reuevollen Sünder zurück zu den Füßen des vergebenden gnädigen Gottes. Und tief und unauslöſch⸗ lich gruben ſich mit heilender Kraft die Worte, welche einſt von heiligen Lippen tönten:„Gehe hin und ſün⸗ dige nicht mehr!“ in ſein innerſtes Herz ein. So vergingen Wochen, Morn de, Jahre, und in ſihrem Lauf erſchien endlich der Tag der Walthern die Freiheit zurückgab, an dem er aus dem dunkeln Kerker heraus in das helle Licht des Tages, unter den ewigen blauen Himmel treten konnte— ein freier, ein gebeſſerter Mann. Geflügelten Schrittes eilte er zu ſeiner Marie. In dem kleinen Zimmer, wo die mu⸗ thige Frau gearbeitet, gebetet und oft auch geweint hatte, empfing ſie den ihr zurückgegebenen Gatten.— „Wo iſt Georg? Laß mich meinen Knaben küſſen,“ rief der glückliche Vater.„Wo iſt unſer Kind?“— „Bei ſeinem himmliſchen Vater,“ ſagte Marie mit erſtickter Stimme.—„Todt? Und dieſen großen Schmerz haſt Du ſchweigſam in Deiner Bruſt verwahrt und un⸗ getheilt getragen, um nicht neuen Kummer auf mein ge⸗ beugtes Haupt zu häufen!“ Er kniete nieder vor ſolcher 4 Seelengröße und ſolchem Heldenmuthe.—„Hatteſt Du nicht ſchon genug des eigenen Schmerzes?“ ſagte Ma⸗ rie, als ihre Thränen vereint auf eine blonde Haar⸗„. 8 28* 5 —— —j Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Die ungariſche Profeſſion. —yy— —— ——— 8 S K ö N h— IIW='' le 7 „Körem a lasän Herr Hauptmann, möcht' ich gern Soldat werden.“ „Nun, wenn Du Luſt haſt und tauglich biſt, ſo kann es geſchehen; was biſt Du von Profeſſion?“ „Edelmann, Herr Hauptmann.“ locke, das Einzige, was ihnen von ihrem geſchiedenen Kinde geblieben, niederfielen.— Es war dunkel gewor⸗ den in dem kleinen Stübchen, die Gatten gedachten trauernden Herzens ihres todten Lieblings und vergaßen bei dem Schmerze ihre eigene noch planloſe Zukunft. Da öffnet ſich leiſe die Thür und mit Staunen gewahren ſie durch die Dämmerung die dunkeln Umriſſe des Ne⸗ gers. Schweigend nähert ſich derſelbe dem Tiſche, legt ein in Papier geſchlagenes Packet darauf und verläßt das Zimmer ſo leiſe wie er es betreten.— Wer be⸗ ſchreibt das Erſtaunen der Gatten, als ſie, die Umhül⸗ lung des an Marie adreſſirten Packetes löſend, darin Billets zur Ueberfahrt nach Curopa und eine große Summe Geldes in Banknoten vorfinden. Dabei lag ein Zettel, welcher die Worte:„Heil der Frauentreue“ ent⸗ hielt. Den geheimnißvollen Geber durch den Ueberbrin⸗ ger erkennend, eilte Marie mit dankerfüllter Seele zu ihm hinauf in ſeine Wohnung. Aber fremde, in derſel⸗ ben ſich befindende Menſchen theilten ihr mit, daß ſich „der Sonderling“ auf eine lange Reiſe begeben und wahrſcheinlich nie wieder nach New⸗Vork zurückkommen werde.— Am zweiten Morgen verließen die Gatten ihre Heimat, erreichten nach glücklicher, ſchneller Reiſe Europa und befanden ſich bald unter dem ſonnigen Himmel Italiens. Waltheri iſt ein ernſter, ſtiller Mann geworden, der nur ſeiner Kunſt und ſeiner Gattin lebt. Er hat ſein Vergehen bereut, tief und wahr bereut, aber er kann es ſich weder vergeben noch vergeſſen, und daher kommt es, daß er zu ſtets erneuter Buße ſeine Meiſterwerke ohne Namen in die Welt ſendet und auf dem Sühnaltar der Vergangenheit den Stolz und die Freude opfert, welche der Künſtler empfindet, deſſen Name hochberühmt und allüberall guten Klanges iſt.(Baz.) † ³⁴ᷓ OM 4 n 18 geben und ückkommen die Gatten eller Reiſe ſonnugen geworden gr hat ſein er kann 66 kommtes, werke ohne maltar der jnt welche ühmt und (Bah) 1 1 Tp 1 b 1 4 1860 Z 61. Gemeinnütziges. Um Hühneraugen(oder Warzen) gänzlich zu ver⸗ treiben, ſchneidet und ſchabt man dieſelben mit einem ſcharfen Meſſer bis auf die weiche Haut ab und betupft dann die Stelle mit Weingeiſt. Dies Abſchaben wieder⸗ holt man alle Tage, oder alle zwei Tage und betupft jedes Mal die Stelle auf's Neue. Noch beſſer iſt es, wenn man ein Scharpiebäuſchchen mit Weingeiſt getränkt auf⸗ legt. Binnen vierzehn Tagen ſind, bei dieſem Verfahren, alle Schmerzen der Hühneraugen für immer verſchwunden. Bei lufttrocken erſcheinenden neu erbauten Wohnun⸗ gen bemerkt man oft wieder beim Beziehen derſelben ein⸗ neues Auftreten feuchter Luft. Dieſem Uebelſtande abzu⸗ helfen ſtellt man Becken mit glühender Holzkohle oder Coaks in die feuchten Ränme und verſchließt Thür und Fenſter. Nach dem Verlöſchen der Kohle öffnet man die Thür eine Stunde lang ohne einzutreten, dann öffnet man die Fenſter, um einen ſtarken Luftzug hervorzubringen. Dieſe Operation wiederholt man noch zweimal und ſetzt dann den Raum einige Tage dem Luftzuge aus. Der Raum iſt jetzt völlig trocken und kann ohne Gefahr be⸗ zogen werden.. Kürzlich hat auch das Berliner Polizeipräſidium vor den vielfach vorkommenden(weißen) Kautſchuck⸗Mund⸗ ſtücken für Saugflaſchen kleiner Kinder, die wegen ihres bedeutenden Gehalts an Zink⸗ und Bleioxyd deren Ge ſundheit und Leben gefährden, gewarnt.(Wir brachten eine ähnliche Warnung ſchon einmal! Dies iſt eine neue Beſtätigung.) Statiſtiſches. Innerhalb des geſammten deutſch⸗öſterreichiſchen Poſtvereins wurden im vorigen Jahre etwa 348 Millionen Stück Briefe durch die Briefpoſten verſandt. Das größte Kontingend ſtellte Preußen, dann Oeſterreich und in dritter Reihe Baiern. An Zeitungsexemplaren kamen 157,663.207 zur Verſendung, worunter Preußen wieder die meiſten hat. Hierin folgt ihm zunächſt Baiern und dann Oeſter⸗ reich. Die Zahl der Frachtſtücke betrug 66,127,988. Die preußiſchen Univerſitäten im Winterſemeſter Nach dem Centralblatt für die geſammte fFeuilletun. Unterrichtsverwaltung in Preußen ſtudirten auf den preußiſchen Univerſitäten einſchließlich der Akademie zu Münſter im Winterſemeſter 1860—61 nicht weniger als 720 Ausländer. Davon gehörten 181 der theologiſchen, 154 der juriſtiſchen, 104 der mediciniſchen, 281 der philo⸗ ſophiſchen Fakultät an. 36 dieſer Ausländer waren Ame⸗ rikaner, 4 aus der Türkei, 69 aus Rußland, 27 aus Polen, 3 aus Italien, 3 aus Schweden, 13 aus Griechenland, 13 aus dem britiſchen Reiche, 4 aus Frankreich, 16 aus der Moldau und Walachei, 4 aus den Niederlanden, 2. aus Dänemark, 40 aus der Schweiz, 54 aus Oeſterreich, die übrigen aus den deutſchen Bundesländern. Die meiſten, Ausländer zählte Berlin unter den Studirenden, nämlich 395, auf Berlin folgte Bonn mit 107, Halle mit 77, Münſter mit 154, Breslau mit 37, Greifswald mit 29, Königsberg mit 21. Auf den genannten Univerſitäten in der Reihe, in welcher ſie eben genannt wurden, waren immatrikulirt 1225, 728, 656, 475, 738, 243, 389, im Ganzen 4456 Inländer, von denen 888 der Rheinprovinz, 758 Schleſien, 629 Brandenburg, 626 Sachſen, 557 Preußen, 516 Weſtphalen, 252 Pommern, 228 Poſen, 2 Hohenzollern angehörten. Die preußiſche Armee im Jahre 1861. Nach Ausweis der Rangliſte für 1861 hat die preußiſche Armee: 1 General⸗Feldmarſchall, 1 General⸗Feldzeugmeiſter, 31 Generale, 36 General⸗Lieutenants, 68 General⸗Majors, 77 Oberſten, 85 Oberſt⸗Lieutenants und 495 Majors der Infanterie, 18 Oberſten, 21 Oberſt⸗Lieutenants und 106 Majors der Kavallerie, 14 Oberſten, 20 Oberſt⸗Lieutenants und 67 Majors der Artillerie, 6 Oberſten, 7 Oberſt Lieutenants und 34 Majors des Ingenieurkorps und 1. Oberſten und 9 Majors des Trains.— Das der Rang⸗ liſte angehängte Namenregiſter enthält im Ganzen 14.200 Namen. Nur ſehr wenige derſelben kommen auf Perſonen, die nicht Militärs und ausſchließlich Verwaltungsbeamte ſind. Unter den 14.200 Officieren ꝛc. befinden ſich 5835 adliche reſp. fürſtliche, und 8365 bürgerliche Namen. Die letzteren gehören vorzugsweiſe den niederen Graden, dann aber auch der Artillerie, dem Ingenieurkorps und den Landwehr⸗Regimentern beider Aufgebote an, deren Kom⸗ mandeurs und Führer aber meiſt Adliche ſind, Die Anciennitätsliſte nennt an der Spitze, den General⸗Feld⸗ marſchall Frhrn. v. Wrangel und den General⸗Feldzeug⸗ meiſter(mit dem Range eines General⸗Feldmarſchalls) Prinzen Friedrich Karl Alexander von Preußen als Che * — — — Hͦͦͦ — — — —— — 222 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. der Artillerie. Ihnen folgen 31 Generale, von denen 21 fürſtliche, 10 adliche Perſonen ſind. Unter den 36 General⸗ Lieutenants befinden ſich zwei bürgerliche Namen: Dann⸗ hauer(Bevollmächtigter bei der Bundes⸗Militch miſſion in Frankfurt a. M.) und Hering(Direktor de Militär⸗ Oekonomie⸗Departements im Kriegsminiſterium). Mter den 69 General⸗Majors findet man 6 bürgerliche Näfen, 5 unter den 77 Oberſten von der Infanterie, 5 unter den 85 Oberſt⸗Lieutenants von der Infanterie ꝛc. Humoriſtiſches. „Herr Doktor,“ ſagte eine Dame,„ich bin gar nicht zufrieden mit meinen Augen.“—„Tröſten Sie ſich,“ erwiederte der Arzt,„Sie würden noch weit unzufriedener ſein ohne dieſelben.“ Man ſpricht ſo oft über die ungebührliche Weite der Krinolinen;— die weiteſte umfaßt doch immer nur zwei Fuß. Inwiefern gleicht ein Barbier einem Telegraphen⸗ drahte?— Er läuft von Kopf zu Kopf. „Portier,“ ſagte eine Dame auf dem Bahnhofe, „wann geht der Neunuhrzug ab?“—„Sechzig Minuten nach acht Uhr, Madame.“ In einem Berichte über einen großen Brand hieß es:„Säuglinge rannten, ihre verlorenen Mütter ſuchend, jammernd durch die Straßen.“ Die Direktion einer Eiſenbahn, auf welcher oft Unglücksfälle vorkamen, machte, um das Publikum zu ermuthigen, bekannt, daß alle ihre Bahnbeamten chirurgiſche Unterweiſungen erhalten hätten. An einer amerikaniſchen Ladenthür war zu leſen: Verkauf von Butter, Käſe, Ciern, Wachs, Hanf, Holz, Speck, Honig, Branntwein, Lichtern, Talg, Erbſen, Zünd⸗ hölzchen, Wolle und anderen eßbaren Sachen. „Weßhalb ſpringſt Du denn wie beſeſſen neben Deinem Pferde her, Bob? Du kannſt ja reiten!“—„Nun, darum laufe ich ja auch, daß ich die Beine verlieren möchte.“ Während eines Zeugenverhörs vor dem Geſchwor⸗ nengerichte ward eine kokette Dame gefragt, wie alt ſie ſei.—„Fünfundzwanzig,“ lautete die Antwort unter zweifelndem Gemurmel der Zuhörer. Bald darauf erſchien ein junger Mann.—„Wie alt ſind Sie?“ fragte der Präſident.—„Siebenundzwanzig.“—„Kennen Sie dieſe Dame?“—„Es iſt meine Mutter.“—„Hum, da müſſen Sie ſehr früh geheiratet haben, Madame,“ bemerkte der Präſident. Im Zuſchauerraume brach Gelächter los. Wer hat den größten Ruf?— Die Zunge, ſie iſt in Aller Munde. Vermiſchtes. Der k. k. Hofopernſänger Herr Beck iſt nun bei gleichzeitiger Ernennung zum k. k. Kammerſänger mit einem jährlichen Gehalte von 10.000 fl. und eventuell einer Penſion von 4000 fl. lebenslänglich für die Wiener Hofbühne engagirt worden. Prinz Heinrich von Bourbon, Sohn des großen Condé, ſpeiſte eines Abends mit mehren Freunden in einem Wirthshauſe, wobei ihn der Prinz Conti, ein be⸗ ſchränkter Kopf, mit einer Erzählung von der Gefräßigkeit ſeiner Spürhunde langweilte.—„Meine Hunde ruiniren mich, denn ihr Unterhalt koſtet wenigſtens 1000 Kronen⸗ monatlich!“—„Und doch“, rief Prinz Heinrich,„wette ich, daß nicht einer von ihnen ſo viel auf eine Mahlzeit verzehren kann, als mein Diener La Guiche. Es iſt bald Mitternacht. Ich wette 1000 Louis, daß La Guiche dieſes ganze Stück Fleiſch aufißt, während die Uhr zwölf ſchlägt.“ —„Das kann er nicht,“ rief Conti,„ich nehme die Wette an.“—„Topp!“ erwiederte Prinz Heinreich und ließ La Guiche holen. Er war ein kleiner Kerl. Als man ihm von der Wette ſagte, grinſte er und zeigte dabei Zähne, um welche ihn ein Wolf beneidet haben würde. Es fehlten noch 10 Minuten; La Guiche ſetzte ſich vor die Hammel⸗ ſchulter, ſchnitt das Fleiſch von dem Knochen, theilte es in zwölf Portionen und wartete dann, mit der Gabel in der Hand, auf den erſten Schlag. Beim erſten Schlage verſchlang er zwei Portionen, mit dem ſechſten war er eine voraus und benutzte dies, um ein Glas Wein zu trinken; mit dem neuten Schlage zeigte er aber Symptome der Ueberſättigung. Prinz Conti jubelte, denn der zehnte Schlag war vorbei und noch lagen zwei Portionen da. —„Hundert Louis und die Haushofmeiſterſtelle meines Hoôtels im Marais!“ rief Prinz Heinrich,„wenn Du die Wette gewinnſt. La Guiche nahm die beiden Portionen und verſchlang ſie mit einem Male; er ſtürzte zu Boden, ganz ſchwarz im Geſicht und dem Erſticken nahe, als die Ühr zwölf ſchlug.—„Tragt ihn fort und ſorgt für ihn,“ ſagte Prinz Heinrich. La Guiche erhielt das Geld und die Haushofmeiſterſtelle, aß aber nie wieder Hammel⸗ ſchulter. Die Londoner Poſtbehörden ſind ſehr unruhig über die häufigen von Briefträgern begangenen Diebſtähle. Vor den letzten Aſſiſen in Newgate wurden nicht weniger als neun Briefträger wegen ſolcher Verbrechen verurtheilt. In der Wohnung eines Briefträgers fand die Polizei dreizehn, in der eines andern ſieben, in der eines dritten ſogar vierzig Sovereigns, abgeſehen von einer Anzahl aus Briefen geſtohlener Juwelen. In der Nacht zum 13. September ſtießen die beiden auf der Donau in entgegengeſetzter Richtung verkehrenden Paſſagierdampfer,„Eliſabeth“ und„Sophie“ unweit Da⸗ lya in Slawonien zuſammen, wobei das erſtgenannte Schiff bedeutend beſchädigt wurde. Von den Paſſagieren erlitt nur der Reſtaurant Ilmer eine Kontuſion am Arme. Der verurſachte Schade wird auf beiläufig 50.000 fl. angegeben. Am 14. September früh ſind die Schiffe„Banus Jellacié“ und„Monte Carmello“, beide mit Ladung von Trieſt kommend, bei der Klippe Porrer an der Süd⸗ ſpitze von Iſtrien, auf einander geſtoßen. Der„Banus Jellaéié“ verſank alsbald, das andere Schiff erhielt ſich über Waſſer. Die Mannſchaften beider Schiffe wurden gerettet. Ein Kriegsdampfer wurde von Pola ausgeſandt, um zu retten, was noch zu retten iſt. 5 Vor Kurzem war der Ort Dümpten(Rgbz. Düſſel⸗ dorf) der Schauplatz eines gräßlichen Ereigniſſes. Aus dem Hauſe eines Bergmannes hörten Nachbarn den Schrei von Kinderſtimmen. Sie eilten hinzu und ſahen zu ihrem Entſetzen die Frau des abweſenden Bergmanns unange⸗ kleidet vor dem Bette ſtehen, in welchem ihre zwei Kinder lagen, eins von zwei, das andere von vier Jahren, das letztere bereits todt, das erſtere nach kurzer Zeit ſterbend. Die Mutter war wahnſinnig geworden und hatte beide mit einem Meſſer getödtet. Auf die entſetzten Fragen gab ſie nur die Antwort:„Ich muß ja doch Soldat werden!“ An vielen Stellen des Polarmeeres trifft man auf Eisberge, auf die rieſenhafteſten jedoch in der Hud⸗ ſonsſtraße, der Davisſtraße und der Baffinsbai. Ellis fand dergleichen von 15— 1800 Fuß Dicke. Forbiſher ſah einen ſolchen, der 80 Klafter über das Waſſer em⸗ porragte. Roß ließ durch Lieutenant Parry einen Eisbe berechnen, der 61 Faden tief ging, 12.507 Fuß lan 11.067 Fuß breit und 91 Fuß emporragte. Sein Gewich, wurde auf 1,292,397.673 Tonnen beſtimmt. Dieſe Eis⸗ berge löſen ſich von den gewaltigen Ufergletſchern ab. Der ſog. Humboldtgletſcher an der Weſtküſte Grönlands iſt 20 deutſche Meilen lang und ragt 500 Fuß über den Meeresſpiegel. 1. Der in Zarſkojeſelo bei Petersburg gepflegte Ele⸗ phank bedarf jährlich unter Anderm 16.000 Pf. Weizen. mehl, 2000 Pf. Butter, 2000 Pf. Zucker, 32.000 Pf. Heu und 20.000 Pf. Stroh. Ein theurer Zögling!