Erinnerungen. IIlusfrirte Slätker kür rnst und Wumar. 82. Band.(Ein und vierzigſter Jahrgang.) Heft VI. rum habe d ſein Louiſe Meunier. Folge mütterlicher Schwäche. Die Schwierigkeiten, wo⸗ mit ſie in den erſten Jahren ihres Witwenſtandes bei 4 Von P. 2. der Verwaltung ihres Vermögens zu kämpfen hatte, waren für ſie ein überzeugender Beweis von der Schwäche 8 des Weibes geweſen. Deßhalb achtete und ſchätzte ſie in nzwiſchen hatte die Begegnung Madame Bour⸗ ihrem Sohne den, der Chef der Familie geworden 16 Hguevilles mit den beiden Liebenden dieſer viel nicht nur durch das Recht der Geburt, ſondern auch . Kopfbrechens verurſacht. Der Verdacht, ihre Freun- durch ſeine Thätigkeit und außerordentliche Begabung. = din habe ſich Tags zuvor eben nur bei ihr inſinui⸗ Das Leben Renés war in der That kein müßi⸗ Gren wollen, ſteigerte ſich bis zur Gewißheit. Louiſe ges; er war ein leidenſchaftlicher Agronom, der nicht E ahnte vielleicht nicht einmal, wie wahr die Worte angſtlich an der Theorie klebte, der die Kultur ſeiner waren, die ſie zu René ſprach:„Ihre Mutter haßt Beſitzungen ſelbſt überwachte, und ſo bald ſein Ein⸗ mich ſchon!“ Die Gräfin war gar nicht im Stande, kommen nicht unmerklich vermehrt hatte. dem Wunſche ihres Sohnes zu widerſtehen, wenn er Wenn aber die Gräfin einen althergebrachten Re⸗ förmlich ſeinen Entſchluß, Louiſe zu heiraten, kund ſpekt vor der Suprematie des Mannes hatte, ſo hin⸗ gab. Und dieſe Nachgiebigkeit war keineswegs eine derte ſie das durchaus nicht, im übrigen alle weiblichen Erinnerungen. LXXXII. 1861. 21„ (Fortſetzung.) —— —.— 162 Vorurtheile aufs ſtrengſte zur Geltung zu bringen. Ja weich und nachgiebig, wie ſie im gewöhnlichen Leben war, konnte ſie Niemanden leiden, der es wagte, die Vorurtheile der Welt anzugreifen und ihre Geſetze und Gebräuche auch nur im mindeſten zu verletzen. Selbſt unfehlbar und voller Verſtand, verband ſie mit der Strenge der römiſchen Matrone den Fanatismus eines Inquiſitors. Sie war bürgerlicher Abkunft, aber der Adelstitel, den ſie ſich erworben, indem ſie dem Grafen von Bourgueville ein bedeutendes Vermögen brachte, war ihr darum nicht weniger theuer und werth. Im Gegentheil, eine Meſaliance René's war für ſie doppelt demüthigend; erſtens, weil ihr Sohn ſeine na⸗ türlichen Vorrechte dadurch verlor, und zweitens, weil ſie vorausſah, daß er für ſeine Nachkommen dieſelben ſich nie werde wiedererwerben können. Ja ſie hielt es ſogar für eine unerhörte Keckheit, daß ein bürgerliches Mädchen wie Louiſe ſich erfrechte, ihren Sohn in die Netze ihrer Liebenswürdigkeit zu verſtricken. Sie ſann daher auf Mittel und Wege, wie ſie ihm ſeine Liebe zu Louiſe verleiden könnte. Dieſes Mittel glaubte ſie denn auch bald gefunden zu haben, und ſo begab ſie ſich einige Tage ſpäter zum Notar der benachbarten Burg, der die Beſorgunggaller ihrer Rechtsſachen über ſich hatte. Das Erſcheinen der Gräfin war nichts Ungewöhn⸗ liches für unſern Mann des Geſetzes. Eine ganz natür⸗ liche Urſache hatte ſie ſchon oft zu ihm geführt. Ein Bruder des ſeligen Grafen von Bourgueville hatte ſeine Erbſchaft ungleich vertheilt. Den geringeren Theil hatte er ſeinem Neffen René vermacht, den bei weitem größeren aber einer jungen Nichte, der Tochter einer Schweſter, die ihm ſehr an's Herz gewachſen war. Schon waren fünf Jahre ſeit dem Tode des Erblaſſers ver⸗ floſſen, als zwiſchen den beiden Erben, oder vielmehr ihren Vertretern, ein Streit ausbrach, bei dem jeder ſich darauf berief, der Wortlaut des Teſtamentes ſei unklar. Um indeß jedem Proceſſe auszuweichen und alles aus⸗ zugleichen, ward der Vorſchlag gemacht, René ſollte ſeine junge Couſine heiraten. Aber die Gräfin Bour⸗ gueville hatte ſich, trotz der verführeriſchen Vortheile einer ſolchen Verbindung, dennoch geweigert darauf ein⸗ zugehen. Sie ſchützte dabei die Jugend ihres Sohnes vor, der erſt einundzwanzig Jahre alt, alſo erſt zwei Jahre älter ſei als die für ihn beſtimmte Braut. Sechs Monate ſpäter gab's nichts mehr zu erwä⸗ gen und zu berathen; die Erbin war verheiratet. Zwei Jahre ſpäter wurde ſie Witwe. Während dieſer ganzen Zeit hatte der Proceß geſchlummert, weil beide Parteien ſich nicht darum kümmerten. Die Gräfin erſchien indeß öfter, um Neuigkeiten zu erfahren, und der Notar ant⸗ wortete ſtets dasſelbe:„Da die liebenswürdige Madame Lucia de Saucour nun wieder frei ſei und René ihre Hand anbieten könne, ſo halte er dies immer für den beſten Ausweg.“ An jenem Tage hielt die Gräfin den Notar bei den letzten Worten feſt: dieſe Verbindung ſei ja un⸗ möglich, weil René ſich doch nicht ſelbſt der Madame Saucour in Paris vorſtellen könne; und wenn ihm Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor auch ihr Haus offen ſtände, ſo ſei darum doch nicht ge⸗ ſagt, daß er nicht abgewieſen würde mit ſeinem Antrage. Was Lucia betreffe, ſo werde dieſelbe ſchwerlich je Paris vertauſchen wollen mit dem„Schlößlein“— ſo nannte man nämlich den Herrſchaftsſitz der geborenen Grafen von Bourgueville, deren Repräſentantin die junge Witwe war— da ſei alſo keine Ausſicht auf einen günſtigen Erfolg. Der Notar merkte die geheimen Wünſche der Gräfin, und da ihm ein hübſcher Kontrakt in Ausſicht ſtand, erwachte ſein ganzer Eifer, und ſogleich zog er ſein Intriguantentalent, das er unter den verſchmitzten Bauern der Hochnormandie außerordentlich kultivirt hatte, zu Rathe.„Ich werde,“ begann er nach kurzem Nachſinnen,„an Herrn Dornet, Bruder der Madame Saucour und Exadvokaten am Kaſaationshofe, ſchrei⸗ ben, und durch ihn das Nöthige erkundigen laſſen.“ „Seien Sie des Erfolges gewiß,“ ſagte er wie⸗ derholt zur Gräfin.„Worauf kommt's an? Nur darauf, Madame Saucour unter dem Vorwande, es ſei ein Proceß zu arrangiren, zu einem zeitweiligen Aufenthalte auf dem ,Schlößlein' zu bewegen. Iſt das erreicht, ſo wird's genügen, daß beide Theile ſich ſehen, um die Sache in einer erwünſchteren Weiſe als durch einen Vertrag zu ordnen, nämlich durch eine Heirat. Und welcher Frau würde es nicht ſchmeicheln, René zum Gatten zu haben? Welcher Mann könnte der reizenden Madame Lucia widerſtehen? Vor Ablauf eines ein⸗ zigen Tages wird ſie jene kleine Gouvecnante weit über⸗ ſtrahlen, die ihrerſeits ohne Zweifel begreifen wird, daß mit einer ſo noblen, bezaubernden Dame rivaliſiren zu wollen reiner Wahnwitz und Tollheit ſei.“ Während er in dieſer Weiſe geſchickt deklamirte, ſagte er zu ſich ſelbſt:„Der junge Graf müßte doch gar ein ſonderbarer Kauz ſein, wenn er ein ſo prächtiges Geld geſchäft von der Hand weiſen wollte, davon abge⸗ ſehen, daß Lucia in der That auch ſehr hübſch iſt.“ Da die Gräfin ſich durch die Verſprechungen des Notars neu geſtärkt fühlte, und, wie ſchon geſagt, jede offene Oppoſition gegen ihren Sohn meiden wollte, beobachtete ſie ihn nicht mit Argusaugen, obgleich ſie ſich über keinen ſeiner Schritte täuſchte. Liebende aber wiſſen die Duldung ihres Verhältniſſes ſtets recht aus⸗ zunutzen; ſo war's auch bei René und Louiſe der Fall: ſie glaubten bald, ſchon ein Recht zu haben, ganz ſich ſelbſt zu leben. René genoß ſein Glück tagtäglich in der feſten Zuverſicht er werde ſtets der Herr ihres gemeinſchaftlichen Geſchickes bleiben. Louiſe aber, mit ihrem lüſternen Herzen und ihrer düſtern Phantaſie, weidete ſich an dieſem neuen Gefühle, in welchem ſie den idealen reinen Zauber erlaubter Liebe und geheim⸗ nißvoller Leidenſchaft fand. Die Anweſenheit Klärchens hörte ſogar bald auf, an den Eindrücken ihrer Freundin etwas zu ändern, wie dies bis dahin der Fall, wo Klärchen ſtets ihre Einbildung abkühlte. Klärchen ſtand übrigens in den Tagen ihrer Feuerprobe und des Kampfes; aber ſie fürchtete ſich nicht. —, e,g ſo SD zog er hmitzten kultivirt kurzem Ladame ſchrei⸗ um die h einen t. Und nirte, och gar üchtiges m abge: it. gen des gt, jede wollte leich ſie de aber ber, mit gantaſie, cem ſie gehein⸗ t bald ändern, a ts ihre ihrer hricht Louiſe Meunier. 163 III. Ungeachtet des Wortwechſels beim letzten Banket des Doktor Renoult hatte Madame Tiercelin Klärchen und ihren Onkel für's nächſte Kirchweihfeſt zu ſich geladen. Es war ein herrlicher Tag; man legte den kleinen Weg zur Kirche, um der Meſſe beizuwohnen, zu Fuß zurück; die jungen Bauernmädchen waren von der Schönheit und der Toilette Klärchens ganz ent⸗ zückt und die jungen Männer warfen ihr manch ver⸗ ſtohlenen Blick zu; die boshafteſten und größten aber ſtießen JFerome an den Elbogen, um ihm zu ſagen, daß er ein Glücksvogel ſei. Man hatte von zwei bis ſechs Uhr geſpeiſt, von ſieben bis Mitternacht getanzt. Klärchen hatte keinen andern Kavalier gehabt als Jerome und kehrte an ſeinem Arme mit etwas zer⸗ knittertem Kleide, das Haupthaar durchnächſt zurück, wo ſie Madame Tiercelin im Speiſeſaal erblickte. Bleich und ſchwach, ja halb ohnmächtig, ſaß ſie da, ihr Kopf ruhte auf dem Rücken ihres Lehnſtuhles, während ihr Gemal ſie mit all der Ungeſchicklichkeit und Unbeholfen⸗ heit bediente, die dem gewöhnlichen Bauer ſo ganz zu Geſichte ſteht. Augenblicklich trat Klärchen hinzu, brachte die Tante in eine bequemere Lage, lüftete die Kleider, die ſie irgend geniren konnten, und gab ihr, indem ſie ihre Schläfe mit wohlriechenden Waſſern leiſe einrieb und ſie gleichzeitig davon einathmen ließ, die Beſinnung wieder. Inzwiſchen erſchien der Doktor; er erklärte, den Zuſtand der Kranken nur dann beurtheilen zu können, wenn man ſie zu Bette bringe. Klärchen ſaß die ganze Nacht zu Häupten ihres Bettes; der Doktor kam zu wiederholten Malen, das Uebel zu beobachten, und ſetzte ſich dabei jedesmal an's andere Bettende, den Kopf auf die linke Hand, den linken Elbogen auf die rechte Hand geſtützt. Das Fieber war heftig; alle ihre Züge ſchwollen heftig an, bren⸗ nende Flecken begannen ſich auf der Bruſt und den Ar⸗ men zu zeigen; am andern Morgen war' klar, daß Madame Tiercelin die Blattern hatte. Der erſte Gedanke des Doktors war unter ſolchen Umſtänden, ſeine Nichte fortzubringen; aber Klärchen begriff plötzlich, daß ſie in dieſer Lage unentbehrlich ſei. Sie proteſtirte daher gegen die Zumuthung des Doktors, nach Hauſe zurückzukehren:„Kann ich Madame Tier⸗ celin ihrem Manne, ihrem Sohne und den Dienſt⸗ boten überlaſſen? Da würden Ihre Vorſchriften ſchön beobachtet werden!“ Der Doktor mußte nachgeben, und Klärchen richtete ſich ſofort in der Nähe der Kranken zur großen Freude des ganzen Hauſes häuslich ein. Die Krankheit war langwierig, und die liebenswürdige Zauberin wußte die Zeit zu benützen, um die Herzen für ſich zu gewinnen. Sie berührte die Kranke ſtets mit ſo zarter Hand, und verſüßte ihr die gereichten Arzneien durch ſo gutmüthige Blicke und durch ſo freundliches herzliches Lächeln, daß Madame Tiercelin bald nur mit ihrer jungen Wär⸗ terin ſich beſchäftigte. Man hatte im Krankenzimmer ſelbſt für Klärchen ein Ruhebett hingeſtellt, und * * während ſie auf dieſem nothdürftig ausruhte, vertrat ſie eine brave Bauersfrau, die einſt die Amme Jeromes geweſen war. Wenn ſie aufſtand, beſorgte ſie raſch ihre Toilette, und ſo war ſie, ſo oft Jerome die Mutter beſuchte, ſtets überaus reizend. Die Abſpannung, die in ihren Zügen unverkennbar lag, erhöhte nur deren Fein⸗ heit, und machte ſie erſt recht intereſſant. So kam es, daß ſich Aller Augen auf ſie richteten. Wenn die Kranke ſchlief und ſie ſomit einige freie Augenblicke hatte, be⸗ nützte ſie dieſelben oft zu einem Briefe an Louiſe und ließ ihn jedesmal gleich zur Poſt befördern. Unter dem Vorwande, Anſteckung zu vermeiden, verbrannte ſie Se⸗ railpaſtillen und ließ den balſamiſchen Duft derſelben durch ihre Kleider gehen. Der Zufall wollte, daß Je⸗ rome immer zugegen war, wenn ſie dieſe halbmagiſche Operation vornahm— und, merkwürdig, verfehlte ſeine Wirkung auf den jungen Gutsbeſitzer nicht, und be⸗ freite ihn zum Theil von ſeiner Schwerfälligkeit und Plumpheit. Inzwiſchen genaß Madame Tiercelinz die Re⸗ konvalescenz hatte begonnen. Daß aber Klärchen an ihrer Seite wie eine Tochter liebevoll gewacht und ſie gepflegt, das ſchien ihr noch immer nichts als ein kon⸗ fuſes Traumbild. War ſie etwa darüber erfreut oder ärgerlich? Das war ſchwer zu beſtimmen, ſie wußte es ſelbſt nicht. Eine zarte Erkenntlichkeit und Rührung, die ſich zu ihrer verdrießlichen Stimmung geſellte, verbun⸗ den mit der Hochſchätzung, die ſie der Zartheit, Ergeben⸗ heit, Opferwilligkeit nicht verſagen konnte, waren ge⸗ eignet, ſie für Klärchen einzunehmen. Aber der Ge⸗ danke, daß ſie vielleicht darum in die Heirat mit Je⸗ rome werde willigen müſſen, beunruhigte und quälte ſie ſehr, machte ſie mißtrauiſch und ſchroff. Klärchen war zu ſcharfſinnig, als daß ſie nicht die Vorgänge im Innern der Gutsbeſitzerin errathen hätte, wenn ſie ſprach: „Sie waren ſo gut, meine Theure, zu meiner Pflege zurückzubleiben; aber wie konnte mein Mann das zugeben. Sie ſind in der That zu ſolchen Liebes⸗ dienſten wie gemacht. Würden aber nicht Roſe und Franciska es am Ende auch übernommen haben?“ „Ihr Herr Gemal hatte aber mehr Zutrauen zu mir als zu jenen braven Kindern, die ſich, glaube ich, beſſer auf die Behandlung ihrer Kühe ec. verſtehen, als auf die Behandlung von Kranken.“ „Ach! Bauern, wie wir, ſind durch Arbeit und Strapatzen abgehärtet, und auf uns wirken alle jene kleinen Kleinigkeiten, die bei feinen Leuten ſchon helfen, gar nicht: ein Riechfläſchchen und ein Löffelchen Shrup das iſt nichts für uns. Wir haben eine beſſere Arznei: die reine Landluft und Gottes Hilfe. Hier, nehmen Sie, meine Theuerſte, in meiner Kommode ein Mouſſeline⸗ tuch, und geben Sie es mir; ich will mir den Kopf da⸗ mit bedecken, denn die Sonne ſticht förmlich.“, „Iſt's ſo gut?“ ſagte Klärchen, nachdem ſie aus dem Mouſſelinetuch eine Kaputze gemacht und die⸗ ſelbe bequem auf dem Kopfkiſſen ihres Fauteuils an⸗ gebracht. „Ja, das iſt wahr, es gibt nicht leicht ein junges 21* 164 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humotr. Mädchen ſo gefällig und gewandt wie Sie; aber darum bleibt's doch dabei; mein Mann hätte es nicht zugeben ſollen, daß Sie meinetwegen hier blieben; er konnte Sie leicht unglücklich machen, Sie konnten ſelbſt erkranken und dann weiß er nur zu gut, daß ich nicht gerne Ver⸗ pflichtungen übernehme, denen ich nicht entſprechen kann.“ „Aber, Madame, es kömmt mir nicht im entfern⸗ teſten in den Sinn, irgend eine andere Vergeltung als Ihre Freundſchaft von Ihnen zu erwarten für einen Liebesdienſt, den Freunde ſich unter einander freudig und gern erweiſen.“ „Ach! ſagen Sie das nicht, Klärchen; ich weiß etwas, was Ihnen lieber ſein würde als meine Freund⸗ ſchaft. Ich wollte ſchon... aber, liebes Kind, es iſt das eine ſchwere Sache! Indeß, ſie drängt nicht; wir wollen ſehen, nicht wahr? Sie ſind noch ſehr jung...“ Klärchen erwiederte lächelnd: „Eben weil die Sache gar nicht dringend iſt, ſoll⸗ ten Sie ſich damit nicht abquälen, und wenn Sie mir einen Gefallen thun wollen, laſſen Sie dieſen Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung gänzlich fahren.“ Frau Tiercelin kam aber immer wieder darauf zurück; von dem Gedanken an dieſe Heirat war ſie voll⸗ ſtändig beſeſſen; gab ſie ihre Einwilligung, ſo verur⸗ ſachte ihr das Kummer; gab ſie dieſelbe nicht, ſo machte ſie ſich darauskeinen Vorwurf. Sie hätte es am liebſten geſehen, Klärchen hätte dieſelbe ſelbſt für unmöglich angeſehen. Alles das konnte am allerwenigſten dem Scharf⸗ blick Klärchens entgehen. Sie ſuchte daher bei jeder Gelegenheit dergleichen Gedanken der Frau Tierce⸗ lin aus dem Kopfe zu verſcheuchen, und— noch war der letzteren Geneſung nicht vollſtändig, als die junge Wärterin ihre Vorkehrungen zur Abreiſe traf. Der Tag der Letzteren war ſchon feſtgeſetzt; aber Abends mußte man an Doktor Renoult ſchreiben, daß ſeine Nichte ein leichtes Unwohlſein verſpüre und daß man deßhalb ihre Abreiſe um vierundzwanzig Stunden aufſchieben mußte. Gleich darauf aber ging ein zweiter Brief ab, der ihn um ſchleunige Herüberkunft bat. Das arme Klärchen war während ihrer Krankenwärterſchaft— angeſteckt worden. Dieſe Kunde machte auf alle Mitglieder der Fa⸗ milie Tiercelin zwar einen verſchiedenen, aber doch überall einen tiefen Eindruck. Jerome, für den Au⸗ genblick untröſtlich, um die nächſte Zukunft ängſtlich be⸗ ſorgt, hätte gerne ſein halbes Leben für die Geſundheit ſeiner heiß Geliebten hingegeben. Herrn Tiercelin bereitete der Gedanke an die Gefahr, die das arme Kind lief, große Unruhe und mehr Sorge, als ihm je ſeine würdige Ehehälfte eingeflößt hatte; alle Augenblicke hielt er mit thränenden Augen Nachfrage über das Be⸗ finden der Kranken. Vor Allen aber war es Frau Tiercelin, die das Mitleid ganz umgeſtimmt hatte. Sie hatte, wie alle Leute ihres Schlages und Kalibers, mehr Mitgefühl, wenn ſie Jemanden körperlich, als wenn ſie Jemanden geiſtig leiden ſah. Ja, von dem Augenblicke an, wo ſie ihr den erſten Löffel Medicin reichte, betrachtete ſie Klärchen als ihre Tochter. Fort und fort jammerte ſie:„Welches Unglück war es, daß ich meine Zuſtimmung zu der Heirat nicht gab; das iſt der Grund ihrer Krankheit; ich habe ihr Herz ge⸗ brochen.“. „Werden Sie mir erſt wieder geſund, mein Kind,“ ſagte ſie halblaut zu Klärchen, ſo oft ſie ſichihrem Bette näherte;„man wird Ihnen Ihren Jerome ſchon geben. Fürchten Sie nichts; er wird nicht darauf ſehen, wenn Sie auch einige Pockennarben haben. Wenn man übrigens auf dem Lande lebt, hört's von ſelbſt in Folge der Sonnenhitze, der man ſtets ausgeſetzt iſt, mit dem weißen Teint auf— da iſt nachgerade alles ge⸗ hauen wie geſtochen.“. So oft Klärchen dieſe Troſtpredigten zufällig hörte, konnte ſie nicht umhin, ihre Empörung oder doch ihre Ungläubigkeit durch Zeichen zu erkennen zu geben. Wenn ihre Schmerzen etwas nachließen, was zwar ſelten geſchah, ſo wünſchte ſie ſofort, man ſolle ihr auf's Ge⸗ ſicht Watta legen, weil ſie ſagen gehört, daß die dadurch eintretende Transſpiration die Beulen leichter heile und das Zurückbleiben von Spuren erſchwere. Der Doktor hatte verſucht, dies Vorurtheil zu bekämpfen; aber ohne Erfolg, ſo ſehr er es auch betonte, daß ſie ſich vor zu⸗ rückbleibenden Spuren der Krankheit gar nicht zu fürch⸗ ten brauche, weil ſie als Kind geimpft worden. Es wur⸗ den allerlei kindiſche Verſuche zur Hintanhaltung ent⸗ ſtellender Folgen gemacht, ſo wie ſie in der vox populi zur Geltung gelangt waren; das Beſte an allen war, daß ſie wenigſtens nicht ſchadeten, wenn ſie auch den erwünſthten Erfolg nicht erzielten. Louiſe brannte indeß vor Ungeduld, ihre Freun⸗ din zu ſehen; ſie beſtürmte den Doktor täglich, er möchte ſie doch in ihre Nähe bringen; aber er verweigerte dies immer unter dem Vorwando, er befürchte weitere An⸗ ſteckung. „Fürchten Sie nur nichts,“ ſagte Louiſe,„es iſt kaum ein Jahr her, daß ich zum zweiten Male ge⸗ impft wurde. Nur keine allzu große Vorſicht zur unrech⸗ ten Zeit, lieber Herr Doktor! Die Doktoren wollen nur immer Vorſichtsmaßregeln brauchen, wenn es ſich um die Wiederherſtellung eines Kranken handelt; wenn es ſich aber um ihre eigéne Geſundheit handelt, oder um die ihrer nächſten Anverwandten, dann vertraut man der Natur mehr und läßt ſie ſchalten und walten.“ „Wollen Sie mich etwa durch dieſen Vorwurf einer zeitweiligen Unvorſichtigkeit bewegen, eine neue zu begehen?“ „Das nicht; aber Sie ſollen dieſes Syſtem auf⸗ geben; bis dahin haben Sie überall, wo Sie die Wahl „hatten, die Natur der Wiſſenſchaft und Kunſt unterge⸗ ordnet; jetzt bitte ich Sie, die Kunſt der Natur unter⸗ zuordnen.“ „Sie verſpotten mich,“ ſagte der Doktor,„aber ich verſtehe Sie; bin ich Skeptiker, ſo ſind Sie ganz und gar ungläubig. Wohlan, bei meinem nächſten Beſuche ſollen Sie mit mir zu Klärchen gehen. Was wäre das Leben, wenn die Furcht vor Gefahr uns immer abhielt, unſere Wünſche zu befriedigen, unſere Pläne w — t. Fort 8, daß das iſt 1z ge⸗ Kind -ihrem erome darauf . Wenn elbſt in iſt mit Ues ge⸗ ufällig er doch geben. ſelten 8 Ge⸗ adurch eund Doktor e ohne ng ent. populi Wal 4 den Freun⸗ möchte rtte dies ere Ar 3 e,„kb Lale ge⸗ unrech⸗ len nur ſich um henn es der um ut man 7. gorwurf neue zu an auf⸗ te Vahl unterge⸗ unter⸗ aber a 88 5 nz und 4 Beſuche 3 wäle immer Pläne Louiſe Meunier. 165 auszuführen? Aber tauſend! ich dachte nicht daran, daß mein Pferd krank iſt; ich muß daher den Weg auf irgend einem Fuhrwerk eines unſerer Nachbarn machen, und da kann es leicht geſchehen, daß ich Ihnen nicht einmal einen ordentlichen Sitz anbieten kann.“ „Herr Doktor, Sie foppen mich gewiß; aber ich werde Ihnen dieſe Ausflucht unmöglich machen, und ſelbſt für eine Fahrgelegenheit ſorgen.“ Louiſe theilte René ihre Verlegenheit mit. Gerade hatte der junge Graf auf dem Gute, welches die Familie Tiercelin bewohnte, einen großen Holz⸗ verkauf eingeleitet, und ſo mußte er an dem einen oder andern Tage ohnehin dort ſein; er ſchlug Louiſen „vor, er wolle ſich dieſerhalb mit dem Herrn Doktor ver⸗ ſtändigen, der es dann auch nicht verſuchte, die ſo hübſch arrangirte Zuſammenkunft Louiſens und des jungen Grafen zu ſtören. Eine elegante amerikaniſche Kaleſche, mit einem prächtigen, feurigen Roſſe beſpannt, deſſen Zügel in Renés Hand ruhten, hielt nun eines Morgens vor dem Hauſe Renoults. Dorthin hatte man ſich ver⸗ abredet, denn Louiſe wollte nicht, daß ihr Onkel und Veronika bei ihrer Abfahrt zugegen ſeien. Schnell ſtieg ſie in den Wagen, ſetzte ſich und breitete ihr präch⸗ tiges Kleid über die Sitzpolſter aus; ein ſanftes Roſen⸗ roth lag auf ihren ſchönen Wangen und ihre Augen verriethen eben ſo viel Freude als Hoffnung. René be⸗ trachtete ſie; noch nie hatte er ſie ſo ſelig, noch nie ſo jugendlich ſchön geſehen. „So wird ſie alle Tage ausſehen,“ ſagte er,„wenn wir werden vereinigt ſein.“ Nachdem ſie ſich zuſammen an dem herrlichen An⸗ blick der bunten Landſchaft, an dem Zauberduft, der die Lüfte erfüllte, weidlich ergötzt, waren ſie an dem Ziele ihrer Reiſe angekommen und trennten ſich ſofort auf einige Zeit. René ging die Geſchäfte, die er hatte, be⸗ ſorgen; Louiſe ſchloß ſich mit ihrer lieben Kranken ein, die ſich bei ihrem Anblick ganz geſund und herge⸗ ſtellt glaubte. Frau Tiercelin hatte unterdeſſen ein Gabelfrühſtück für die Reiſenden bereitet und René mußte an demſelben Theil nehmen. Im Laufe der Unter⸗ haltung theilte ſie dann unter Anderem ihren Gäſten auch mit, daß ſie in einer alten benachbarten Abteikirche eine neuntägige Andacht abhalten laſſe, um die Wieder⸗ geneſung Klärchens vom Himmel zu erflehen. „Wenn Sie, ſetzte ſie zu Louiſe gewendet hinzu, „zu den Füßen unſeres Kirchenpatrons Ihr Gebet ver⸗ richten wollten, ſo würde ſich gewiß Klärchen bald wieder wohl fühlen.“ Dieſes Anſinnen befremdete Louiſe keineswegs, obwohl Frau Tiercelin nichts weniger als fromm war und die Sorge umss Zeitliche der ums Ewige ſtets voranſtellte: Gebete und Pilgerfahrten ſind nun einmal die erſten Heilverſuche, die die Landleute anzuſtellen pflegen. René bot ſich ſofort an, Louiſe zu begleiten; er hatte ohnehin ſich ſchon längſt vorgenommen, die ar⸗ chäologiſch merkwürdige Kirche einmal zu beſuchen. Louiſe hatte derlei Beſuche mit den Frauen und Fräu⸗ — lein, in deren Umgebung ſie gelebt, ſchon öfter gemacht. Man nahm alſo Notizbücher, Stammbücher mit und verſah ſich mit Zeichenſtiften. Man ſchrieb Inſchriften, die ſich auf verſchiedenen Monumenten fanden, ab, unter andern ſolche, die auf das Jahr der Herſtellung, auf die Errichter ꝛc. ſich bezogen. Auch kopirte man die langen Titelreihen manches hohen mächtigen Herrn und mancher hohen Dame, die in dem Stifte begraben wur⸗ den. Endlich wurden die beſſeren und intereſſanteren Statuen gezeichnet. Es war gerade Mittag und drückend heiß; um in die Kirche zu gelangen, mußte man eine von der Son⸗ nenhitze ausgedörrte Ebene paſſiren, auf der es aber auch nicht einen Zollbreit Schatten gab. Die Stille und Kühle der Kirche waren für die, welche ihre gewölbten Gänge beſuchten, ein wahres Labſal für Körper und Geiſt. Sie war erbaut im romaniſchen Styl, aber er⸗ baut in den erſten Jahren des 12. Jahrhunderts, trug ſie ſchon Spuren der durch ſeine primitive Reinheit ſo wunderbaren gothiſchen Bauart. Louiſe betrachtete die Rieſenſäulen, die eben ſo ſchlank als dauerhaft in die Höhe ragten, und die ma⸗ jeſtätiſch frei ſich wölbenden Bogen, und je mehr ſie ſich in die Betrachtung vertiefte, deſto mehr wurde es ihr klar, daß das ganze herrliche Gebäude mehr eine echt geniale, als eine ſchulgerechte Schöpfung ſei. Sie lauſchte den einfachen, würdevollen, mächtigen Tönen, die aus dem Ganzen gleichſam zu ihrem geiſtigen Ohre ſpra⸗ chen; ſie ſtaunte, daß dieſes ſteinerne Buch ſo belehrend ſei und ſo tiefe Eindrücke auf ihre Seele mache. Dieſes Erſtaunen theilte ſie auch René mit. „Die Architektur,“ begann ſie,„iſt die älteſte unter den Künſten; ſie iſt die erſte große Schöpfung der Ci⸗ viliſation. Sie iſt gleichſam die Natur⸗ und Univerſal⸗ ſprache, und kann man auch ihre Theorie nicht ohne ein eigenes Studium kennen lernen, ſo macht ſie doch auf jeden aufmerkſamen Beobachter einen tiefen und erhe⸗ benden Eindruck.“ „Denken Sie denn, der Bauer hätte, wenn er hier niederkniet, irgend einen Sinn für die Schönheiten ſo eines Bauwerks?“ „Wenn das Volk nicht in dieſen großartigen Bau⸗ ten die geheimnißvolle Leiter erkannt hätte, auf der es⸗ von der Erde zum Himmel emporſteigt, ſo würde es ſich wahrlich dieſelben nicht ſo viel Schweiß, ſo große Opfer, ſo viel Arbeit haben koſten laſſen.“ „Warum können aber wir, die wir mit der tiefen Kenntniß auch den Sinn für das Große zu beſitzen ſcheinen, in unſeren Werken nur dann Aehnliches leiſten, wenn wir jene nachahmen?“ „Man ſagt insgemein, der Mangel an gläubigem Sinn und an höherer religiöſer Begeiſterung ſei Schuld; ich möchte aber vielmehr den Grund in der Unabhän⸗ gigkeit ſuchen, in der wir von einander leben; während ſich das Individuum vervollkommnet und erſtarkt, löſt ſich die große Maſſe des Ganzen immer mehr auf und verliert ihre Kraft. Heutzutage arbeitet jeder für ſich; es iſt nicht mehr ein Gedanke, der uns begeiſtert, nein, es ſind unſere Sonderideen, denen wir huldigen; man 5 * 166 Erinnerungen. Illuſtrirte trägt nicht mehr ſein Steinchen zu einem gemeinſamen Bau bei, ſondern man baut auf eigene Fauſt.“ „Ja,“ ſagte Louiſe,„iſt's erlaubt, nach dem, was wir vor uns geſchehen ſehen, über die Künſtler zu urtheilen, ſo fehlt ihnen nicht nur nicht Begeiſterung, ſondern ſie erdrückt und lähmt ſie. Wir haben in der Welt gar kein Recht auf unſere Gedanken und Empfin⸗ dungen, ſie gehören nicht uns; wir verbinden mit un⸗ ſeren eigenen immer die, die vor uns ſchon gedacht und empfunden wurden. Ja, wir ſeufzen unter der Laſt der⸗ ſelben. Wir ſind die Träger der Welt, aber nach Art der Kariatiden: ſie ruht ſchwer auf unſerem Nacken, und wir haben weder Arme noch Beine, um ſie in Be⸗ wegung zu ſetzen.“ „Kommen Sie,“ ſagte René,„ich erkenne Sie ganz wieder; Sie überlaſſen ſich immer nur Ihren Ge⸗ fühlen, zur That, zum Handeln ſind Sie nicht zu bewe⸗ gen. Sie brauchten nur einen Schritt zu thun, und unſer Beider Glück wäre auf immer gegründet. In der That, Sie verdienen dieſen Vorwurf... Warum wollen Sie nicht meiner Mutter vorgeſtellt werden? Wie ſoll ſie denn wiſſen, daß ſie in Ihnen eine ſo liebenswürdige Tochter finden würde?“ Louiſe ſenkte die Augen und ſagte ausweichend: „Ich muß das Gebet für Klärchen verrichten, welches man von mir verlangt hat.“ Sie trat dann in die Seitenkapelle ein, rechts vom Chor, wo ſie nach der Ausſage der Frau Tiercelin die Statue des anzurufenden Kirchenpatrons finden ſollte. Die Statue war unförmlich und plump. Louiſe warf ſich auf die Kniee, ohne einen Blick auf ſie zu werfen; ihre Lippen bewegten ſich nicht, aber ihre Ge⸗ ſichtszüge bezeugten die Herzlichkeit und Innigkeit ihres Gebetes; und dennoch war etwas in ihrem Innern, was ihr die Hoffnung raubte. Louiſe wußte, um die Wahrheit zu ſagen, nicht, ob ſie gläubig oder ungläubig ſei. Ihre regelmäßigen amtlichen Beſchäftigungen hatten ihr zur Beantwortung dieſer Frage weder Zeit noch Gelegenheit geboten. Ihre Frömmigkeit war eine un⸗ gleiche und vorübergehende Gemüthsbewegung. Im höchſten Unglücke erhebt ſich die Seele nicht ſelten zum Himmel. Aber, wie alle die, für die das Leben nur ein beſchwerlicher, mühſamer Kampf iſt, ohne die herben Schläge eines unerbittlichen Geſchickes, ſo war auch Louiſe in ihrem religiöſen Kultus nur lau, ja oft ſo⸗ gar kalt. Nichtsdeſtoweniger betete ſie und betete in⸗ brünſtig, weil ſie, ohne es zu fühlen, durch die Anwe⸗ ſenheit René's in der nöthigen Stimmung war; die Vonne und Innigkeit, die er in ihr Herz ſenkte, theilte ſich ihren frommen Gefühlen mit. Nachdem ſie ihre An⸗ dacht verrichtet, erhob ſie ſich, um den Namen des Hei⸗ ligen auf dem Sockel der Statue zu leſen. „Heiliger Maurillus!“ ſagte ſie mit einer Art Entſetzen. „Ja,“ erwiederte René,„und ich will Ihnen ſagen, warum ihn das Volk verehrt. Aber was iſt denn das? Sie thun, als wäre Ihnen der Name nicht geläufig. Indeß, Sie brauchen ihn auch nicht zu kennen; er iſt überhaupt wenig gebräuchlich.“ Blätter für Ernſt und Humor. nen höre.“ Nach dieſen Worten blickte ſie mit derſelben Hoch⸗ achtung zu der Statue hinauf, die ſie vor dem Taber⸗ nakel bewieſen, und fügte hinzu: „Möchte er mich in ſeinen Schutz nehmen!“ Aber ihre Züge verriethen noch immer eine ge⸗ wiſſe Unruhe, und Rensé, der dieſe beſchwichtigen wollte, ſetzte ihr auseinander, daß die Landleute dieſen oder jenen Heiligen oft nur verehren wegen eines Wort⸗ ſpieles, wozu ihr Name Veranlaſſung bot. So werde der heilige Eutropius(weil man ihn von eau de trop, d. i.„zu viel Waſſer“ herleite) von Waſſerſüchtigen verehrt. In derſelben Weiſe bete man bei allen Krank⸗ heiten, welche eine Anſchwellung der Hände und des Geſichtes verurſachen, zum heiligen Maurillus— weil man ſpreche Mori, und dieſes gleichzeitig die Benen⸗ nung einer Kryptogame ſei, die bei fleiſchlichen An⸗ ſchwellungen gute Dienſte thut. Während dieſer Unterhaltung ſchritten ſie langſam der Kirchthür zu, um wieder fortzugehen. In dem Au⸗ genblicke aber, wo ſie aus dem Weihkeſſel Weihwaſſer nehmen wollten, ſprach René: „Dieſer Ort iſt ſo recht geeignet zu unſerer Ver⸗ lobung. Sehen Sie, dieſen Ring habe ich für Sie be⸗ ſtimmt,“ und mit dieſen Worten ſteckte er ihr einen Ring an den Finger in Form einer Roſe, die mit feinen Per⸗ len gefaßt war;„den nehmen Sie,“ ſetzte er hinzu, „nicht als Geſchenk, ſondern als Gelöbniß. Er möge uns auf ewig binden. Sagen Sie mir, Louiſe, daß nichts Sie je von mir ſcheiden wird und daß Sie bereit ſind, mir Ihre Hand und Ihr Herz zu ſchenken.“ „Ich verſpreche Ihnen mein Herz auf ewig.“ „Ach, Louiſe, iſt es nicht Stolz Ihrerſeits, wenn Sie in ein noch engeres Verhältniß zu mir zu treten ſich weigern?“ „Stolz oder Selbſtbewußtſein; Sie wiſſen, das ſind Dinge, die ſich oft nur ſehr ſchwer unterſcheiden laſſen.“ Es lag bei dieſen Worten ſo viel Melancholie und Liebe in den Blicken Louiſens, daß René ſich un⸗ möglich durch ihre Zurückhaltung verletzt fühlen konnte. Er hielt inzwiſchen fortwährend die Hand Loui⸗ ſens feſt. „Ich nehme mein Verſprechen darum nicht zurück, weil Sie mir Ihr Wort noch verweigern; nur Sie kön⸗ nen mir eine glückliche Zukunft ſchaffen; Ihre Liebe wird bald ſtark genug ſein, Ihnen zu beweiſen, daß nichts auf dieſer Welt uns trennen kann.“ „Warten Sie bis Klärchen wieder geſund ſein wird; ich muß mit ihr zu Rathe gehen. Wenn ſie ihre Zuſtimmung gibt, ſo werde ich zu Allem bereit ſein, was Sie von mir verlangen.“ „Dann bin ich meiner Sache gewiß,“ ſagte René; „Klärchen kann unmöglich mit mir in dieſem Falle abweichender Anſicht ſein.“ Man begab ſich nun gegen vier Uhr Nachmittags auf den Heimweg. Als der Wagen vor dem Hauſe Re⸗ noults hielt, nahm Louiſe beim Ausſteigen Renés V„Ol das iſt nicht das erſte Mal, daß ich ihn nen⸗ mang That glück Nähe müſſe herzl empf ſie A inner ihr b ſie il ſchie nicht ſchite füh ſie rich chen thü in S 0 entl u. ſ bei ſche M lich 8 wu nac mit mal Dis kam Auf blich mer hate ahn arg — n nen. n Hoch⸗ Taber⸗ eine ge⸗ dichigen ſe dieſen s Wort. b werde le trop, üchtigen Krank. ud des — weil Benen⸗ en An⸗ en Per⸗ hinzu, moge 8, dß e bereit 8 wenn utreten en, das ſcheiden glie und ſich un⸗ konnte. Loul⸗ zurüc Sie kon⸗ e Liebe ſen, daß und ſein ſie ihre eit ſein, Rene; Falle mittags iſe Re⸗ Kenès Louiſe Meunier. 167 Arm, und jetzt erſt fühlte ſie es ſo recht, wie ſchwer ihr die Trennung wurde. „Sie haben Recht, René,“ ſprach ſie;„wenn man ſolche Tage zuſammen verlebt, wird man in der That unzertrennlich.“ In der That war für Louiſe nach ſo ſchönen glücklichen Stunden der Gedanke, ſich nun wieder in der Nähe Meuniers und Veronikas bewegen zu müſſen, nahezu unerträglich. Noch nie hatte ſie vor jenen herzloſen Alltagsmenſchen einen ſolchen Widerwillen empfunden. Aber ein Troſt war ihr geblieben, an den ſie Anfangs nicht gedacht: jene zarte, handgreifliche Er⸗ innerung an René, der wunderſchöne Ring, den er ihr verehrte. Als ſie in ihrem Zimmer allein war, drückte ſie ihn wie oft an ihre Lippen und küßte ihn. Der Ring ſchien ihr Leben zu beſitzen; er ſchien ſich auszudehnen; nicht nur ihren Finger, nein ihr Herz, ihr ganzes Sein ſchien er ihr zu umfaſſen. Von dieſen wonnigen Ge⸗ fühlen beſeligt und in ihnen allein glücklich ſchlummerte ſie dann allmälig ein. IV. Um Rensé einen Gefallen zu thun, entſchloß ſich Louiſe, an einem der nächſten Tage der Gräfin ihre Aufwartung zu machen. Ihre Aufnahme war wider alles Erwarten zuvorkommend. Madame von Bour⸗ gueville hatte Nachricht von der bevorſtehenden An⸗ kunft der Madame Saucour erhalten, und ſo glaubte ſie Gelegenheit zu einer genauen Vergleichung Lucia's und Louiſens zu haben, die, wie ſie nicht zweifelte, zu Gunſten der jungen Witwe ausfallen mußte. In der That verbreitete ſich bald darauf die Nach⸗ richt, daß Diener eingetroffen ſeien, um das„Schlöß⸗ chen“ in Bereitſchaft zu ſetzen zum Empfang der Eigen⸗ thümerin. Die Gräfin ließ ihren Sohn ſofort hiervon in Kenntniß ſetzen und forderte ihn auf, Madame Saucour recht ſtattlich zu empfangen, ihr den Auf⸗ enthalt auf dem Lande möglichſt angenehm zu machen u. ſ. w., weil es ſich darum handle, in gütlichem Wege bei dieſer Gelegenheit einige ſeit mehreren Jahren zwi⸗ ſchen ihnen ſtattfindende Differenzen beizulegen. Rens ſah keinen Grund, ſich dem Wunſche ſeiner Mutter zu widerſetzen und verſprach alles, was mög⸗ lich, zu thun. Inzwiſchen war es Pflicht der Madame Saucour, zuerſt zur Gräfin zu gehen; aber dieſe wußte ihr dieſe Demüthigung zu erſparen. Am Tage nach der Ankunft Lucias ſchickte ſie ihren Sohn hin, mit der Anfrage, ob ihr nichts zu ihrer Bequemlichkeit mangle, und ließ ihr für dieſen Fall alles Mögliche zur Dispoſition ſtellen. Und ſchon an demſelben Nachmittage kam Madame Saucour, ſich bei der Gräfin für ihre Aufmerkſamkeit zu bedanken, und von dieſem Augen⸗ licke an gab's nichts als Beſuche, Geſellſchaften, Pro⸗ menaden, bei denen René die Honneurs zu machen hatte, und da er nicht im entfernteſten die Fallſtricke ahnte, die man ihm legte, ſo war er das eine Mal ärgerlich, das andere Mal machte ihm die Sache Spaß. Lucia, glaubte man, wiſſe nichts von den Plä⸗ nen der Gräfin; aber das war weit gefehlt; ſie benahm ſich mit einer ſolchen Feinheit und Gewandtheit, daß jede Aufklärung offenbar überflüſſig war. Die Hoffnung, Renes Gattin zu werden, deſſen Reichthum, Schönheit, Einfluß und Jugend ſie kannte, war die einzige, in der Madame Saucour lebte, und ſo machte ſie mit der Gräfin gemeinſchaftliches Spiel. Sie hatte dabei ein ſehr leichtes Spiel; ſie konnte viel dabei gewinnen, aber nichts verlieren. Denn was riskirte ſie? Moraliſch riskirte ſie nur ihre Eigenliebe und ihre Einbildung. Worauf war ſie denn ſtolz? Auf nichts als auf ihr hübſches Geſicht, auf ihre gewandte Tournure und ihre verführeriſchen Reize. Sie war weder gut noch böſe, weder kalt noch warm, weder freigebig noch geizig, weder klug noch dumm, weder gefühllos noch zartfühlend, weder proſaiſch noch poetiſch, weder ſanft noch aufbrauſend, weder verliebt noch ſpröde: ſie war alles und gar nichts, ſo wie es die Umſtände er⸗ forderten. Sie war ſtets Herr der Lage und hätte, wenn's nöthig geweſen, ſogar die Kunſt verſtanden, den Augen Thränen zu entlocken. Aber gerade weil ſie keinen beſtimmt ausgeſprochenen Charakter zeigte, und man ihr Gutes nicht nachreden konnte, war ſie der üblen Nachrede entgangen. Nur ihre Eleganz und ihre Schön⸗ heit waren allgemein bekannt, und wie ein Chamäleon aller Verſuche, ſeine Farbe zu entdecken, ſpottet, ſo ſpottete ihre Wandelbarkeit jeder Kritik. Bevor Lucia ſich mit Louiſe in einen Kampf einließ, wollte Madame von Bourgevbville ihr Ge⸗ legenheit geben, ſie in Abweſenheit Renés zu ſehen. Wie ſollte man auch einen Feind beſiegen, deſſen Stärke, Waffen und Strategie man nicht kennt? Sie erſuchte alſo Madame Saucour, mit ihr einen Beſuch zu machen bei einer jungen Nachbarin, einer einfachen Gouvernante, für die aber ihr Sohn nicht wenig ſchwärme, die er hochſchätze. Gleich beim Eintritt in Meuniers Haus wußte alſo Lucia, daß ſie zu einer Nebenbuhlerin kam, die vielleicht an natürlicher Begabung ihr überlegen, aber arm war, und eben darum ſich mit ihr in der äußern Erſcheinung und im feinen Auftreten nicht würde meſſen können. Mit richtiger Taktik erkannte ſie es darum als das beſte Mittel, über Louiſe zu triumphiren, wenn ſie dieſelbe gleich anfangs ihre materielle Ueberlegenheit fühlen ließe. Sie mußte ſie blenden; hätte ſie ſelbſt ein⸗ mal, dachte ſie, eine beſcheidenere Anſicht über ſich ge⸗ wonnen, ſo würde eine Umkehr Ren es nicht ſo ſchwer ſein. Das erſte Mittel alſo, wozu ſie griff, war äußerer Prunk. Sie warf ſich in ein Luxusnegligée, das viel koſtbarer war, als die reichſte Toilette einer Dame der Provinz: ſie trug ein Kleid von weißem Piqué mit ſchwarzen Borden, einen jener kleinen Hüte mit Federn, Blumen, Spitzen, Bändern, die alle wirklich unbeſchreib⸗ lich ſchön waren. Dagegen hatte Louiſe keinerlei abſonderliche Vorkehrungen getroffen; ſie blieb ſich gleich. Die gegenſeitige Begrüßung war anſcheinend ſo natürlich, als hätte man beiderſeits gar keine Ahnung —— — 3₰ 5 1 ——— 168 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. von einer Rivalität. Indeß, um von einander Näheres zu erfahren, erkundigte man ſich gegenſeitig über das Leben, welches man führe ꝛc. „Ohne die Geſellſchaft der Frau Gräfin,“ ſagte Louiſe zu Lucia gewandt,„würde ich Sie ſehr be⸗ dauern, Madame, man findet hier gar wenig Zer⸗ ſtreuung.“ „O,“ fiel Madame Bourgueville ein,„Ma⸗ dame Saucour iſt eine treffliche Amazone, und jeden Tag macht ſie mit René einen langen Spazierritt.“ Louiſe überlief bei dieſen Worten ein leiſer Schauer. Lucia wies das Kompliment von der Hand, welches man ihrer Reitkunſt machte, und führte als Grund an, daß ſie noch vor einigen Tagen geſtürzt ſei. Sie hätte über einen Graben ſetzen wollen, über den kurz vor ihr René mit ſeinem Pferde hinweggeſetzt war. Allein der Satz ſei mißlungen, wahrſcheinlich weil ſie dem Pferde zur unrechten Zeit einen Stoß verſetzt, und ſie ſei mit demſelben in die Tiefe des Grabens ge⸗ ſtürzt. Sofort ſei René zu ihrer Hilfe herbeigeeilt, habe ſie mit Mühe und Noth aus einer Pfütze, in der ſie gelegen, herausgezogen, ſei in eine benachbarte Stroh⸗ hütte geeilt, mit Waſſer zurückgekehrt, habe dann ſein Battiſttaſchentuch zu kalten Umſchlägen benutzt, weil ſie ſich an einem Fuße verletzt habe, und habe auf dieſe Weiſe es allmälig durch die liebevollſte Pflege dahin gebracht, daß ſie zu Fuß habe zurückkehren können. Dieſes und das weitere Schickſal ihres Pferdes u. ſ. w. erzählte ſie mit einer ſolchen Gewandtheit und Sicherheit, daß nicht der leiſeſte Zweifel an der Wahr⸗ heit ihres Berichtes Platz greifen konnte. Am Ende ihrer Erzählung hatte Madame Sau⸗ cour ihren Fuß auf den vor ihr ſtehenden Schämel Fräulein zu fragen, ob es ein Reitkleid beſitze; geſetzt, gleichſſam um an ihm und mit ihm den Beweis zu liefern, daß ſie nicht aufſchneide. Sie trug ſo feine Strümpfe und ſo hübſche ſchmale Schuhe von Gold⸗ leder, daß Louiſe bei ihrem Anblick ganz bezaubert war; ſie fing an, ſich einem närriſchen Angwohn hinzu⸗ geben. Nachdem Lucia auf die beſagte Weiſe ihren Knalleffekt zu Tage gefördert, ſchickte ſie ſich an, wegzu⸗ gehen. „Werden Sie reiten?“ ſagte Madame Bour⸗ guevile zu Louiſe. „Jawohl, Madame,“ antwortete ſie. Straße in Staub hüllte. Wer war's? Sie und er waren es, die im blanken Galopp vorbeiritten. Louiſe hatte kaum Zeit, ſie zu erkennen; ſie glaubte indeſſen, René habe ihr einen Blick zugeworfen. Sie eilte hinauf in ihr Zimmer und konnte noch in weiter Ferne die Amazone und ihren Kavalier wahrnehmen; genau aber gewahrte ſie zu ihrer Verzweiflung nichts als das Wallen von Luciass Schleier. So geht es überhaupt bei Liebenden; die Tage vergehen, aber gleichen ſich nicht. Welch' unendliche Mannigfaltigkeit weiß die Liebe auch in die monotonſte Exiſtenz zu bringen! Welchen Sturm birgt oft ein Blick! Welche Aufregung erzeugt oft ein Lächeln! Bald genügt ein Wort, dir den unſäglichſten Schmerz zu be⸗ reiten, bald reicht’s hin, dich in die höchſten Regionen des Glückes emporzutragen. Vierzehn Tage nach dem Beſuche Lucias erſchien ein Bediente bei Louiſe. „Würde das Fräulein geneigt ſein, einen Spazier⸗ ritt mit dem Herrn Grafen und der Madame Sau⸗ cour zu machen? In dieſem Falle bin ich beauftragt, um ein Uhr Nachmittag, falls dieſe Stunde konvenirt, Ihnen ein Pferd zu bringen.“ „Ich werde mich bereit halten; ſagen Sie René für ſeine Aufmerkſamkeit meinen beſten Dank.“ „Der Herr Graf hat mir auch aufgetragen, das wenn nicht, werde Madame von Bourgueville eins beſorgen.“ Ich habe, Gräfin.“ Louiſe nahm alſo aus dem großen Reiſekoffer, welcher ſchon über ein Jahr ihre Garten⸗, Bade⸗ und Ferienkleider beherbergte, ihr Reitkleid heraus. Als ſie dasſelbe mit ſeinen reichen Schleppfalten angelegt; als ſie um ihre ſchlanke Taille das Mieder zugeknöpft, deſſen langen Schöße über ihre wenig vorſpringenden Hüften reichten, da mußte Louiſe ſich ſagen, daß ſie, groß und ſchlank wie ſie war, in dieſem Anzuge eben ſo ele⸗ gant als würdevoll erſcheine. Dann nahm ſie ihren kaſtanienbraunen Strohhut mit doppelter Krämpe und einer langen ſchönen Feder und ſetzte ihn auf und zwar ſo tief, daß man von ihrer Stirn nur die glänzend was ich brauche; ich danke der Frau ſchwarzen Augenbrauen wahrnahm, die ihrem bleichen „Das iſt doch wirklich um toll zu werden,“ dachte die Gräfin bei ſich;„ſie kann alles, ſie weiß alles, ſie hat zu allem Möglichen Talent; und doch kann ich nicht begreifen, wie René ihre Schwachheit erträgt, und ſich von zwei Pferden. René kam ſelbſt mit dem Bedienten, nicht bei ihr langweilt.“ „Alſo, weil Sie auch Reiterin ſind, werden Sie mit uns einen Spazierritt machen müſſen.“ Louiſe antwortete mit einer Bewegung des Kopfes, die weder Ja noch Nein bedeutete. Tags darauf gegen vier Uhr, als das arme Kind in ſeine Stickerei vertieft war— denn ſeit der Ankunft Lucias hatte René ihr geſchrieben, und ſie einmal beſucht, aber nie ſie zu einem Rendez-vous im Park eingeladen— ſah ſie, wie ſich vor ihren Augen die Teint einen ſo ſeltenen Zauberreiz verliehen. Als ſie ſich dann zum erſten Male in dem ganzen Anzuge genau betrachtete, war ſie faſt ſelbſt über ihr reizendes Aus⸗ ſehen entzückt. Zur beſtimmten Stunde hörte Louiſe die Tritte der ihr das Pferd brachte. Veronika und Herr Meu⸗ nier betrachteten alle Vorbereitungen mit ſichtlichem Staunen. Meunier war ſehr verſtimmt, aber er nahm ſich vor, nächſtens Rache zu nehmen, obwohl er noch nicht wußte wie. Als Louiſe bereit war aufzuſteigeng ſagte ſie zu René: „Warum geben Sie mir denn das größte Pferd; mir ſcheint, das würde beſſer für Sie paſſen.“ Das Pferd, welches ich reite, war die Urſache des — — rwaren e hatte René fin ihr mazone Ahree len von die Tage endliche notonſte oft ein 1l Vald zu be⸗ egionen erſchien nnl ſteiget Golsbub. n Pferb, e † ſache des ach — —= — — — — Der Geißbub. 169 Unfalls, welcher Madame Saucour getroffen; dadurch wurde ich mißtrauiſch und ich biete es Niemandem mehr an.“ „Iſt es ſcheu?“ „Keineswegs.“ „Gut, geben Sie mir's; wir werden bei dem Tauſche Beide gewinnen.“ René fügte ſich dem Willen Louiſens; die Sättel wurden gewechſelt und bald darauf ritten Beide nach dem„Schlößchen“, um daſelbſt Madame Sau⸗ cour abzuholen. Viel kleiner als Louiſe, unterſetzt, wenn auch nicht unſchön, machte Lucia zu Pferd eine minder graciöſe Figur; aber was ihr in dieſer Beziehung ab⸗ ging, erſetzte ſie durch eine Lebhaftigkeit, ein Feuer und ein Ungeſtüm, die die Aufmerkſamkeit ihrer Geſellſchaft nothwendig beſonders auf ſich ziehen mußten. Sie trug ein einfaches Sammtmützchen, unter welchem ihre grauen Augen hervorleuchteten. Rensé, obgleich jeden Augenblick von ſeiner un⸗ ruhigen Nachbarin geſtört, beobachtete dennoch heimlich ſeine Louiſe. Sie zeichnete ſich immer aus, ohne zu blenden; ſie ritt trefflich, ihre Haltung war tadellos; aber auch hier fehlte ihr, wie überhaupt, jenes Feuer, welches ſo leicht und ſo raſch zündet und alles im Sturme mit ſich fortreißt. (Fortſetzung folgt.) Der Geißbub*). (Hiezu die Bilderbeilage.) lüſterndes, ſäuſelndes Glockengeläute, ineinander G verſchwimmend, bald fern vom Winde verweht und erſterbend, verſtummend,— dann plötzlich S wieder laut anſchwellend, im gaukelnden Durch⸗ einander eine akkordloſe Harmonien⸗Fülle, ſtrömt von der Höhe hernieder. Nun tönt einfarbig, hohl, aber doch auch von den Lüften weich modulirt und abgerundet ein Hornruf dazwiſchen,— der kommt und geht, bald nah und grell ans Ohr ſchlägt, dann wieder weit, weit hinein in's Schluchten⸗Gewirr der Felſen ſich verkriecht, ein neckiſcher Kobold, der Ver⸗ ſteckens zu ſpielen ſcheint. Du ſtehſt und lauſcheſt dieſem geiſterhaften Klangſpiel, das zauberiſch und unbeſtimmt daher weht, und Dich gefangen hält, ein neuer, wunder⸗ barer Reiz der Alpenwelt. Er iſt der Geißbub, der droben an den Flühen ſeine genäſchige, neckiſche, klet⸗ ternde Herde weidet. Er hat uns erblickt und ein freude⸗ſchmetterndes„Juhu“ ſendet er uns als kernigen Alpengruß herüber. Der Geißbub iſt ein Attribut der Gebirgswelt wie der Lauinendonner und das Alpenglühen, wie der *) Aus den„Alpen in Natur⸗ und Lebensbildern“ von H. A. Berlepſch, Leipzig 1861, mit beſonderer Er⸗ kaubniß des Verlegers Herrn Hermann Coſtenoble. Erinnerungen, LXXXII. 1861. Gemsjäger und das fliehende, pfeifende Murmelthier. Er iſt ein Schmuck der Berge, ein jovial die hohen Fluhtoſſen und Felſenwüſten belebendes Element. Wohin kein Senn die ſchweren Thiere treiben darf, weil Weg und Steg verſchwinden und die Kräuterdecke nur wie zerzauſte Flocken am verwitternden Geſteine hangt, da klettert der braune, fröhliche Knabe mit der meckernden Ziegenſchar hinauf und träumt ſich größer und reicher und ſeliger als Ordens⸗Komthure und Kapital⸗Regenten. Und doch iſt's gewöhnlich der ärmſte Bube des Dorfes, oft vaterlos oder ganz verwaiſt, der nicht die Jugendfreude anderer Kinder kennen lernte, nicht am elterlichen Herde Schutz und Nahrung und Frieden fand. Damit er nicht der Gemeinde zur Laſt falle und früh ſein Brod verdienen lerne, wies ihn die Vormund⸗ ſchaft hinaus in die Einöde des Gebirges, wo ſonſt keines Menſchen Fuß weilt. Dort iſt ſein Aufenthalt vom beginnenden Frühling bis ſpät hinaus ins Jahr; dort zieht Mutter Natur an ihrem Buſen ihn groß und tränkt ihn mit reinem Aether und macht ihn groß und ſtark zum gefährlichen Beruf, den er ſpielend und mit Freude erfüllt. Aber er liebt ſie auch, die nährende Mutter, und der wie ein wildes Reis aufgeſchoſſene, halb verwilderte Knabe ſchwelgt in Genüſſen, die wir bedürfnißvollen Thalmenſchen kaum zu ahnen vermögen. Der Bergbauer theilt die große reiche Tafel, welche die Alpen ſeinem Viehſtande darbieten, nach ſeiner Kon⸗ venienz, nach der Möglichkeit: den größten Nutzen aus den Weideplätzen zu ziehen, in verſchiedene Klaſſen ein. Was drunten in der Nähe der menſchlichen Wohnungen und in den„Vorderen Berggütern“ liegt, das ſchneidet die Senſe für die winterlichen Vorrathskammern, für die aromatiſchen Heuſtöcke ab. Weiter hinauf, was ſanft geneigt als flächenhafte Halde oder Hochmulde ſich aus⸗ dehnt, iſt zu Kuhalpen„gerechtſamt und verbrieft“ und wird nach den verſchiedenen Staffeln mit einer beſtimmten Anzahl Vieh„beſtoßen“ und„abgeätzt“. Was darüber hinausliegt, ſteil und ſteinig wird, wo nur ganz kurzes Futter wächſt, das ſteht im„Alprodel“ als„Schafalp“ verzeichnet und wird in Tirol und Graubünden an die Bergamasker Hirten verpachtet oder, in anderen Gegenden, ſonſt vom„Schäfler“ ab⸗ geweidet. Und jene Parzellen endlich, die dann noch wilder und zerklüfteter ſind, wo nur Legföhren und Alpenroſengeſträuch den kleinen Kräuterwuchs über⸗ wuchern,— oder die Holzſchläge und„Forſt⸗Stocketen“, in denen eine reichfarbig⸗blühende Flora prangt, nach der das große Milch⸗Vieh aber wenig Gelüſten zeigt, — dieſe gehören dem Geißbuben und ſeiner Herde an. Es iſt ein ganz anderes, lebensfriſcheres, be⸗ ſtimmteres Naturell, das aus ſolch' einem Geißbuben herausſchaut, als das träge, verſchwommene Element des ſtrumpfſtrickenden Schäfers in der norddeutſchen Heide, oder des halb ſtumpfſinnigen, platt vegetirenden Dorfhirten in den Agrikultur⸗Diſtrikten. Hier iſt Elaſti⸗ cität, Feſtigkeit, Rage,— wenn auch noch ſo roh und naturwüchſig. Durch das tägliche Verweilen in der Wildniß und bei ſteter Uebung werden dieſe 12 bis 16jährigen Knaben ſo vertraut mit allen anwendbaren 22 „ 1 8 * P 34 8 1 170 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Vortheilen im Felſenklettern, daß man ebenſowohl über ihre eminente Gewandtheit als naturaliſtiſche Gymna⸗ ſtiker, wie über ihre ſeltene Unerſchrockenheit und ihren reſoluten Ueberblick, mit welchem ſie den rechten Pfad ausſpähen, erſtaunt. Da, wo man wähnt, es könne kaum eine Maus auf dem ſchmalen Felſenkarnieß vorüber⸗ ſchlüpfen, geſchweige denn eines Menſchen Fuß Raum für Tritte finden, ſpäht der Geißer Wege für ſich und ſeine Ziegen aus. Pfeifend und johlend kriecht er wie eine Katze an den Abſätzen herum, denn er hat ein Kletterbedürfniß in den Gliedern, das ihn nicht ruhen läßt. Schwindel iſt ein Ding, das nicht in ſeinem Be⸗ griffs⸗Vokabularium ſteht. Als J. G. Kohl auf ſeinen Alpenreiſen einen Gotthards⸗Bergbauer fragte, ob denn ſein Bube keine Furcht habe, an den Zacken herumzu⸗ klettern, antwortete dieſer ihm:„non ha paura di cervello“ d. h. er hat keine Gehirnfurcht(Schwindel); „als Säugling iſt er mit Ziegenmilch genährt worden, und das gibt Berggeſchick und Klettermuth.“ Das iſt der gleiche Volksglaube wie mit dem Gemſenblut, von dem, ältere Alpenbeſchreiber faſeln, daß die Jäger es warm tränken, um den Schwindel zu verlieren. Und adlerartig ſcharf bildet das Auge ſich aus, eine Kräftigung der Sehorgane, die an's Märchen⸗ hafte grenzt. So ein Bube zeigt uns auf ſtundenweit entfernten Höhepunkten Gemſen, beſchreibt ihre Be⸗ wegungen und ſpecialiſirt das Terrain nach ſeinen kleinſten Formverhältniſſen, wo der Ungeübte nur eine große, unbelebre Geſammtmaſſe erblickt. Aus ſolchen Buben werden dann in der Regel auch die verwegenſten Wildheuer, die furchtloſeſten und leidenſchaftlichſten Gemſenjäger. Ich habe Geißbuben geſehen, die den Ernſt eines in der Schule des Lebens geſtählten Mannes hatten; unter der braunen, verwitterten Wildheit des Antlitzes ſchaute etwas von der kalten Energie jener Marmorgeſichter hervor, welche die Helden alter Zeiten auszeichnete. Ol Exemplare ſolcher Jungen gibt's, die, wenn ſie auf einem in der Weide liegenden Felſenbrocken ſtehen, trotz der zerlumpten Lodenhoſe und dem form⸗ loſen, alten Filzdeckel etwas Diktatoriſches in ihrem ganzen Weſen haben; in dem ruhig beobachtenden Blicke, in den jugendlich entſchloſſenen Mienen des ver⸗ brannten Geſichtes, in der dreiſten, ungezwungenen Haltung, liegt das ausgeprägte Bewußtſein:„Hier bin ich Herr!“— Und er iſts im vollſten Maße, er iſt Alleinherrſcher in dem von ihm betriebenen Gebiete. Gehen wir hinauf auf die Hochalp in die Steinrieſete oder in die Gocht, wo der Geißer hauſt! Er, der vorhin uns mit einem elektriſchen„Juchzger“, wie man ihn weit und breit in den Bergen nicht mehr hört, bewill⸗ kommnete, hält uns nun, wo wir ihm näher kommen, keines Grußes werth. Keck ſchaut er uns in's Geſicht, als ob er fragen wollte:„Und nun?“ Es liegt etwas Herausforderndes in dem meſſenden Blicke, und dabei ſpielt ein verſchlagenes Lächeln, wie fernes Wetterleuchten, um die Mundwinkel. Nun gut! grüßen wir ihn zuerſt und richten wir irgend eine Frage an ihn. Die ſeinem Ohre fremden Laute müſſen ihm unendlich komiſch klingen, denn das Lächeln nimmt einen leicht höhnenden Ausdruck an; es zuckt über die Stirn, als ob er ſagen möchte:„Ach! Ihr Mode⸗Mannli, was wollt auch Ihr da in meinem Revier?“ Nöthigen wir ihn endlich zu einer Antwort, ſo fragt es ſich noch ſehr, ob's nicht eine ziemlich abweiſende, wenn nicht gar trotzige iſt. Er be⸗ trachtet es eben als abſolut überflüſſiges Unternehmen, da in die Wildniß zu ihm herauf zu ſteigen, und man darf es ſolchen in dieſer Einöde aufgewachſenen, fern von allem geſelligen Umgange abgeſchnittenen, urnatürlich entwickelten Knaben nicht verübeln, wenn Mißtrauen gegen fremde Leute in ihm wohnt. Eine Ausnahme davon machen die Appenzeller Buben; das Bedürfniß, in einem derben, ungeſuchten Witze ihren Anſchauungen und plötzlichen Launen Luft zu machen, der im ganzen Volke tiefwurzelnde Hang zur Spöttelei, tritt bei dieſen Buben ſchon draſtiſch zu Tage, und es bedarf eines recht gemüthlichen, durchaus nicht empfindlichen Ein⸗ gehens auf den angeſchlagenen Ton, um ſie zu einiger Vertraulichkeit zu bewegen. Hat man dies Ziel erreicht, dann iſt ſolch ein Knabe aber mitunter auch ein wahrer Goldkerl voll friſcher, urwüchſiger Gedanken, wie eine flott gewurzelte a la prima-Skizze eines genialen Malers. Aug. Corrodi ſchwärmt(in ſeinen genialen Alpenbrie⸗ fen) mit Recht für den Hanbiſchli(Johann Baptiſt) auf der Ebenalp. Aber auch den Gefahren gegenüber ſind ſolche Bu⸗ ben völlig Herren ihres Revieres; von der Vermeſſenheit ihres Muthes, von ihrer ſpannfriſchen, nervigen Schlag⸗ bereitſchaft, von ihrer momentanen Entſchloſſenheit, macht man ſich kaum einen Begriff. Sie ſind gleichſam auf der Menſur großgewachſen, haben von Jugend auf den feindlichen Elementen trotzen lernen, und darum überraſcht ſie auch durchaus Nichts. Wehe dem Räuber, der ein Herdeſtück anzugreifen wagt,— er hat's mit einem hartnäckigen, beſonnenen und entſchloſſenen Kämpfer zu thun. Am meiſten haben's die Buben auf die großen Raubvögel abgeſehen; wiſſen ſie das Neſt eines ſolchen, ſo iſt's um die junge Brut geſchehen. Beiſpiele von den frecheſten Wageſtücken, um Neſter von Stoßvögeln aus⸗ zunehmen, gibt's in den Alpen allenthalben. Aber auch den Alten gegenüber ſtellen ſie ihren Mann. Ein Bra⸗ vourſtück jüngſter Zeit möge hier Platz finden. Gegen Ende des Juli 1859 befand ſich der vierzehnjährige Knabe Jann Guler auf einer Schafalp im Gemeinds⸗ gebiete von Kloſters(Prätigau), da wo es„im Hafen“ heißt. Schon früher hatte er einigemale einen großen Raubvogel in den Lüften über ſeinem Weideplatze kreiſen ſehen und war deßhalb beſonders aufmerkſam. Eines Tages ſieht er plötzlich ſeine Thiere aufgeſchreckt aus⸗ einanderfahren, und in dermächſten Sekunde ſtürzt ein völlig ausgewachſener Adler hernieder und verfolgt ein in die Legföhren ſich flüchtendes Lamm. Der Knabe, raſch entſchloſſen, ſpringt mit ſeinem eiſenbeſchlagenen Bergſtecken zu dem Gebüſch, in welches der Raubvogel ſich ſo völlig verſtrickt hatte, daß er von den Flügeln keinen Gebrauch machen konnte; hier hämmerte nun der Knabe ſo lange energiſch auf den Adler ein, bis dieſer tödtlich getroffen erlag. Nicht mindere Beſonnenheit, Muth, Ausdauer ehmen, d man en von dtürlich trauen nahme ürfniß, ungen ganzen dieſen eines Ein⸗ niger cht, vahrer ſe eine Kalers. enbrie⸗ gaptiſt) nheit, cſam. ugend darum däuber, einem ämpfer großen ſpolchen, on den n aus⸗ er auch n Bra⸗ Gegen ährige reinds⸗ Hafen großen kreiſen Eines t aus⸗ rzt ein lgt ein Knabe, genen bvogel lügeln e nun bis dauer Aus Kroatien. 171 und Gewandtheit entwickeln die Geißbuben, wenn eines ihrer Thiere ſich verſtiegen oder„verjuckt“ hat, d. h. durch einen Sprung auf einen Felſenſatz gekommen iſt, von dem es weder vor noch zurück kann. Denn wo nur irgend eine grüne Stelle lockt, klettern die Ziegen wie die Schafe hin, erblicken dann von der Höhe unter ſich abermals neue Raſenbänder und ſpringen von Abſatz zu Abſatz, oft klafterhoch, hinab, bis ſie nicht weiter können. Da wird es dann Aufgabe des hütenden Kna⸗ ben, das gefangene Thier zu löſen. Unſer Illuſtrator Rittmeyer hat auf dem beigegebenen Blatt einen ſolchen Moment dargeſtellt. Das iſt ganz die zähe, unnach⸗ giebige, ſtörriſche Natur eines echten Vollblut⸗Geißbuben. Beide, Thier und Knabe, ſind wie aus einem Stück gegoſſen. Droben ſchweben die Adler, die durch das Klagegeſchrei der Ziege aufmerkſam gemacht, dieſe, ohne des Buben Erlöſung, durch Flügelſchlag in die Tiefe geſtürzt und als Beute zerfleiſcht haben würden. Und kämen ſie noch jetzt, eher ließe ſich der Bube mit in den Abgrund niederſchmettern, als daß er ſeine Geißmutſch losließe. Eine Schrotladung ihm in den Rücken gege⸗ ben, würde das harnäckige, ſtarrſinnige Weſen des Buben nicht brechen. Im Hochgebirge bleiben die Schafe oft Monate lang ſich ſelbſt überlaſſen und nagen die ſporadiſch an den Felſen hangenden Raſenſtellen ab. Es genügt dann, daß der Eigenthümer vom Thal oder von ſeiner Hütte aus(wo er mit dem Großvieh weilt) täglich einigemal durch's Fernrohr ſeine Schafe beobachtet und überzählt. Entdeckt er nun, daß ſich einige derſelben verſtiegen haben, ſo ſteigt er auf die Höhe des Gebirges, von der aus er glaubt ſenkrecht von oben herab den Schafen beikommen zu können. Der Entſchloſſenſte, meiſt ein Bube unſerer Zeichnung, wird dann am Seil hinab⸗ gelaſſen. Da begegnet' denn, daß die Thiere ſcheu ge⸗ macht durch die von oben herniederſchwebende Erſchei⸗ nung, dieſe wahrſcheinlich für einen Raubvogel halten, ſich zu flüchten ſuchen, und ſämmtlich in den Abgrund ſtürzen. Dann aber kommts auch wieder vor, daß man die genaue Richtung verfehlt hat und der Bube noch über manches Raſenband, oder längs glatter Felſen⸗ wände, an denen er faſt nur wie eine Schwalbe klebend ſich zu halten vermag, weiter klettern muß. Hat er dann wirklich die Thiere erreicht, dann kommt erſt das eigentlich Lebensgefährliche der Aufgabe. Auf ſchmaler Felſen⸗ kante muß er das Thier ergreifen, nach ſich ziehen oder Angeſichts des oft ſchaurigen Abgrundes das Thier ſich über den Kopf heben und ſo belaſtet, nur mit einer freien Hand zum Anklammern, den Rückweg antreten, bis er das Seil erreicht, an dem dann das wiederge⸗ wonnene Herdenhaupt gebunden und emporgezogen wird. Dieſes Manöver ſetzen ſolche Buben drei, vier und mehrmal fort, bis ſie ihren Zweck erreicht haben. Sie ſind durch Nichts abzuſchrecken, und es iſt oft vielleicht weniger der eigentliche Werth, um den es ſich hier handelt, als das eigenwillige, ſtarrköpfige Durchſetzen eines einmal gefaßten Entſchluſſes.— Und dann der Lohn aller dieſer Gefahren, Ent⸗ die Lebensweiſe dieſer originellen Halbwilden im Kultur⸗ lande ein wenig näher. Der Geißer treibt gewöhnlich Morgens ſehr früh vom Thal aus eine große Menge Milchgeißen in's Gebirge hinauf. Er hat ſein näſchiges, neugieriges, überall hin exkurſirendes Hornvölklein gut in Ordnung und kommt mit demſelben viel raſcher in die Höhe hinauf, als man glauben ſollte; ehe die Sonne nur einigermaßen hoch ſteht, iſt er ſchon mehrere Stunden weit von ſeinem Dorfe. Dort überläßt er die Herde ihrem bon plaisir, legt an einem ihm bequemen Platze ſich nieder und verträumt im Ideenkreiſe ſeiner Geiß⸗ bubenphiloſophie den Tag. Hat er Hunger, ſo muß ein Stück hartes, trockenes Gerſtenbrod und etwas Käſe ihm zur Sättigung dienen,— hat er Durſt, ſo zieht er die erſte beſte Ziege herbei, legt ſich unter ihre Euter und melkt in den Mund hinein, daß es ſchäumt. Rückt dann der hohe Mittag heran, der mit ſengender Gluth die Felſenwände erhitzt, dann ſucht der Knabe für ſich und ſeine Herde ein ſchattiges Plätzchen, wo alle zuſammen Sieſta halten. So auch für einbrechende Hochgewitter hat er Höhlen oder Felſenbuchten, in die er ſich ſtüchtet. Iſt's aber ein kalter, regneriſcher Soinmer, dann hat der arme, barfußlaufende Tropf höchſtens einen alten Sack über die Schulter zum Schutz gegen die Näſſe. Deſſen ungeachtet iſt er fröhlich und ſcheint die Unbil⸗ den der Witterung wenig zu fühlen. Abends dann treibt er heim, hat ſeinen Hut mit Alpenblumen gge⸗ ſchmückt, und kehrt ſo friſch und kräftig inhs Dorf zurück, als er am Morgen auszog.„So gehts vom frühen Frühjahr bis in den Späthelbſt. Und als baren Lohn erhält er für's Stück jährlich goch dis drei Batzen. Es gehört eben Geißbubenſtoff z d ſolch einem Menſchen. 1 3 —— 3 * 42 7 Aus Kroatien. as Kronland Kroatien⸗Slavonien zieht ſich als Streifen vom Quarnerobuſen am adriatiſchen Meere nach der Save hinüber und füllt im Ganzen das weite Gebiet zwiſchen Sabe, Drave und Donau. Da ſich im Süden aber die Mili⸗ tärgrenzgebiete als Saum hinziehen, ſo berührt die Save das Kronland unmittelbar nur eine kurze Strecke weit, wogegen ihr Zufluß die Kulpa Kroatien von der Militärgrenze viele Meilen lang ſcheidet. Auch die Donau bildet nur einige Meilen weit die Oſtgrenze, nämlich von der Mündung der Drave bis zum Einfluß der Theiß. Im Ganzen enthält das Kronland 333 Quadratmeilen mit nahe an einer Million Einwohner, von denen zwei Orittheile kroatiſchen, ein Drittheil ſer⸗ biſchen Stammes ſind, unter denen die kleineren Kolo⸗ nien der Deutſchen, Magyaren und Italiener leben. Dem Bekenntniß nach gehören die Bewohner der katho⸗ liſchen oder griechiſchen Kirche an. Zwar iſt die Induſtrie und der allgemeine Wohl⸗ ſtand noch mancher Verbeſſerung fähig, da es der Fa⸗ e behrungen und Widerwärtigkeiten?— Betrachten wir brikate wenig gibt und der Handel ſich auf Rohprodukte 22* — — 172 Erinnetungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. und auf das Weiterſchaffen der eingeführten Waaren beſchränkt, aber dennoch iſt die Bevölkerung fleißig, reli⸗ giös und zeichnet ſich durch ein patriarchaliſches Fami⸗ lienleben aus, welches ſich manche hochciviliſirte Nation zum Muſter nehmen könnte. Mit Wenigem iſt der Kroat zufrieden, und dabei noch ſtets bereit, mit dem Armen das Wenige zu theilen. Nach der Arbeit erheitert er ſich gern durch ein frohes Feſt. Vater und Mutter, ſo wie ältere Perſonen, behandelt er mit Ehrfurcht, ge⸗ horcht ihren Ermahnungen, nimmt ſich deren Rath zu Herzen und iſt bereit zu darben, damit die Eltern nicht Mangel leiden. Nicht ſelten bewohnen mehrere Familien ein und dasſelbe Haus und wählen den Er⸗ fahrenſten zum Oberhaupt. Dieſer ordnet ihre Arbei⸗ ten, nimmt den Gewinn derſelben in Empfang, da⸗ mit er Allen zu Gute kommt, und hält auf Verträglich⸗ keit und Eintracht, ſo daß ſich nach altteſtamentlicher Weiſe ein reines, einfach patriarchaliſches Leben ent⸗ wickelt. Selten wird man einen Kroaten oder Sla⸗ vonier betrunken, noch we⸗ niger andern Ausſchwei⸗ fungen ſich hingeben ſehen, dagegen war ſein Volk ſeit alten Zeiten ſtets bereit, für Kaiſer und Vaterland mit Freuden in den Tod zu ge⸗ hen; denn ſeinen Kaiſer betrachtet der Kroat als das Oberhaupt der ganzen Volksfamilie. Hat der Kroat die Woche über gearbeitet, ſo ſchmückt er ſich am Sonntag auch gern einmal und vergnügt ſich am Tanz oder bei einem öffentlichen Volksſpiele. Dann kleidet ſich die Kroa⸗ tin in ſchöne Farben. Das Mädchen legt das mit Gold⸗ ſtickereien bedeckte Mieder an, welches panzerartig die Bruſt umſchließt, und flicht in die Zöpfe, welche lang den Rücken hinunter hängen, bunte Bänder ein. Die Frau dagegen bedeckt den Kopf mit einer großen Haube, von welcher hinten lange Ge⸗ webe mit reichen Stickereien und Spitzenbeſatz nieder⸗ fließen. Wohl aber hüten ſich Mädchen und Frauen, die ſchönen Schuhe ohne Noth zu beſchmutzen, weßhalb ſie Schuhe und Strümpfe in der Hand tragen, bis ſie in's Dorf oder vor die Kirche gekommen ſind. Dort erſt be⸗ V ziehen ſich an Berglehnen und über breite Gründe hin, kleiden ſie ihre Füße. Kroate und Frau Auch die Männer tragen einen Bruſtlatz, den bunte Stickereien in Blumengeſtalt ſchmücken, und ziehen dann über denſelben einen eng anliegenden Spenſer, den mehrere Reihen blanker Knöpfe und Schnüre ver⸗ zieren. Ein breitkrämpiger Hut bedeckt den Kopf, auf dem Hute aber ſchwanken große Büſche von Blumen und Straußfedern. Ein ſolcher Buſch iſt der Stolz des Kroaten. Der kriegeriſche Uebermuth treibt wohl den Einen oder Andern, nach dem Gottesdienſt auf den Dorfplatz mit einer hohen, langen, goldig ſchimmernden Pfauenfeder am Hute hin⸗ zutreten, um durch dieſe Trotzfeder einen Muthigen zum Raufkampfe heraus⸗ zufordern. Bald hat ſich ein ſolcher gefunden, das Raufen beginnt, aus dem Wettkampf wird ein ernſter Zweikampf, Hetzer und Nei⸗ der miſchen ſich ein, der Zweikampf artet zur Schlä⸗ gerei aus, die draußen auf dem Felde zu Ende gebracht wird, wenn die Ortspolizei die Streitenden vertreibt. Kaum erkennt man hier den anſpruchsloſen Kroa⸗ ten wieder. Harmloſer iſt er beim Tanz, bei feier⸗ lichem Empfang ſeines Monarchen oder eines von deſſen hochgeſtellten Die⸗ nern, oder wenn er einem Sänger lauſcht im Wirths⸗ haus hinterm Krug rothen Weins. Da ſchaut Lebens⸗ luſt froh aus den dunkeln Augen, da bricht ſeine Freude in lauten Jubel aus, da öffnet ſich ſein tie⸗ fes Gemüth und fühlt er ſich poetiſch angeregt! Der Sänger erſcheint, alte Er⸗ innerungen aus der Hel⸗ denzeit der Türkenkämpfe erwachen in der Zuhörer Seele, dazwiſchen aber be⸗ ſingt der Guslakünſtler die Anmuth ländlichen Still⸗ lebens, ſo wie Begebenheiten des friedlichen Dorflebens V in einfachen Volksliedern. Kroaten und Slavonier beſchäftigen ſich mit Ge⸗ treide⸗ und Weinbau, erziehen aber auch zahlloſe Schweineherden, weiden Schafe, Pferde und Rinder, oder pflegen in anderen Gegenden Maulbeerbäume der Sei⸗ denkultur wegen, oder beſäen weite Strecken mit Flachs, V und haben unabſehbare Waldungen von Pflaumenbäu⸗ men angelegt. Hunderttauſende fruchtbeladener Bäume d ziehen Spenſer nure ver. opf auf Blumen Stolz des vohl den auf den mernden zute hin⸗ ich dieſe duthigen heraus⸗ hat ſich en, das us dem rernſter vertreibt. „ hfer d Nlec⸗ Kroa⸗ öſer iſt feier⸗ ſdne nes von en Die⸗ er einem Wirths⸗ rothen Lebens⸗ dunkeln t ſeine Jubel ſein tie⸗ fühlt er gtl Der alte Er⸗ er Hel⸗ kämpfe Zuhörer aber be⸗ ſtler die Stll⸗ rllebens nit Ge⸗ ahlloſe t, oder er Sei- Flachs, enbäu⸗ Bäume de hin, Emil Dietze: Die Hofburgbelagerung. 173 ſo daß der grüne Boden bei der Ernte zollhoch mit blauen eirunden Pflaumen bedeckt iſt. Wie klappert und praſſelt es, wenn die Bäume geſchüttelt werden, ſo daß Körbe und Wagen ſich füllen und letztere häufig wieder⸗ kehren müſſen, ehe ſie den Ernteſegen heimbringen kön⸗ nen. Dann aber beginnt große Geſchäftigkeit im Hofe, die Hände regen ſich, die Pflaumen zu ſäubern, ſie auf die Dörröfen zu ſchaffen, um ſie zu trocknen und dann als Waare weit auszuführen. Andere entkernen die Pflaumen, zerquetſchen und deſtilliren die Maſſe, miſchen hierauf etwas Branntwein bei, und erzeugen den weit⸗ verbreiteten wohlſchmeckenden Pflaumenbranntwein Sli⸗ bowitza. Bei keinem Feſt im ſlaviſchen Ungarn darf der Slibowitza fehlen, den Gaſt empfängt man mit einem Glas dieſes feurigen Getränkes und ſelbſt in fernen Kronländern verſorgt ſich der Hausherr mit einigen Flaſchen ſlavoniſchen gebrannten Pflaumenſaftes, um bei feſtlichen Gelegenheiten ſich daran zu erquicken. Kommt der Auguſt heran, ſo ziehen Jung und Alt in die Eichenwälder, um Knoppern oder Galläpfel zu ſuchen, mit denen ein bedeutender Handel getrieben wird, weil Gerber und Färber ſie brauchen. Aufmerkſam ſchauen die Suchenden nach den Eichenzweigen, an denen die eckigen, regellos geſtalteten, faſt ſtachligen Knopper⸗ Auswüchſe ſitzen. Wie die Galläpfel auf den Blättern, entſtehen die Knoppern aus den Samenblüthen durch den Stich eines Inſekts, weßhalb in ſolchen Jahren, wo viel Knoppern ſich finden, nur wenig Eicheln ſich zeigen. Die Galläpfel wie die Knoppern beherbergen die Eier des Inſekts, aus denen ſich Maden, Puppen und zuletzt die vollſtändigen Gallwespen bilden. Bald füllen ſich die Säcke und Körbe der Slavonier mit Knoppern, welche zum Kaufmann geſchafft werden, damit er ſie nach Fiume und Trieſt, oder nach Fünfkirchen, Oeden⸗ burg und Peſt ſchafft. Ueber 200.000 Preßburger Metzen ſolcher Knoppern, welche beſonders zum Schwarzfärben verwendet werden, verſendet allein Ungarn. Die Hofburgbelagerung. Ein dunkles Blatt aus Wiens Vorzeit. Von Emil Dietze. an ſchrieb das Jahr 1461. Nicht Wien allein, das ganze, eben erſt zum Erzherzogthum erhobene Oeſterreich gährte in Do wilder Aufregung. Unzufrieden mit demenergie⸗ —˙“ loſen Regimente Friedrichs, des Dritten ſeines Namens auf dem deutſchen Kaiſerthrone, hatten ſchon ſeit dem Beginn ſeiner Regierung die häufigen Kämpfe zwiſchen ihm und ſeinem Bruder, der Erbſchaft wegen, keineswegs dazu dienen können, Liebe für ihn zu erwecken. Schon einmal, als er eben von ſeiner Vermälung aus Italien heimkehrte, hatten ihn viertauſend ſeiner Unterthanen zu Neuſtadt ernſtlich be⸗ droht, und hätte nicht der tapfere Andreas Baum⸗ kirch ihm kräftig beigeſtanden, es würde vielleicht ſchon damals ein anderes Ende genommen haben. Eben jetzt aber war der Unwille gegen ihn noch höher geſtiegen. Die Fehden mit ſeinem Bruder Albrecht und dem Erzherzog Sigismund, wie mit ſeinen Unterthanen hatten ihn von Geld gänzlich entblößt. Die Zölle waren bereits erhöht worden, neue Mauthen errichtet und die in Umlauf kommenden Münzen ſo werthlos, daß ſie das Volk ſpottweiſe Schinderlinge nannte und zwölf Gulden erſt den Werth eines einzigen erreichten. Alle dieſe Maßregeln, zu denen der bedrängte Herzog ſeine Zuflucht genommen und die ſo ſchwer auf ſeinen Unterthanen laſteten, fruchteten ſo gut wie nichts, und die Gläubiger begannen ungeduldiger zu werden und immer heftiger zu drängen. Wie aber ſollte er ſich ſeiner Schulden entledigen?— er ſah kein anderes Mittel als ſeinen Schuldherren das Recht zu ertheilen, Schinderlinge zu prägen. Wie es ſich wohl vorausſehen ließ, erwies ſich dies als eine der unſeligſten Maßregeln. Das hin und wieder noch vorhandene gute Silber ver⸗ ſchwand im Auslande und die Preiſe der Lebensmittel, von denen ohnedies eine Steuer erhoben wurde, ſtiegen zu einer unglaublichen Höhe. Dabei gab es Münzen in Ueberfluß, nur, daß ſie ſo mißachtet waren, daß die Kinder damit ſpielten, wie heute kaum mit Rechen⸗ pfennigen. Auf ſolche Weiſe entfremdete ſich Friedrich die Zuneigung ſeines Volkes mehr und mehr. Waren auch inzwiſchen die Waffen zwiſchen den beiden Brüdern in Folge einer Vermittlung Georg Podiebrads auf die Dauer von zehn Monaten in die Scheide geſteckt worden, ſo gewann das Volk dadurch doch nur wenig. Alle Klagen, alle Bitten um Abhilfe wurden von Friedrich mit Vertröſtungen beantwortet. Zu dem blieb Albrecht auch nicht unthätig. Er for⸗ derte ebenfalls Steuern, die Friedrich zu entrichten ſofort unterſagte. Das Uebel wuchs dadurch, daß Niemand wußte, wer eigentlich Herr war. Zu allen dieſen Drangſalen geſellten ſich indeß noch neue. Die von beiden Parteien ohne Sold ent⸗ laſſenen Kriegsknechte zogen raubend und plündernd durch das Land. Unter Geſpött und rohem Lachen trieben ſie erbarmungslos das letzte Stück Vieh aus dem Gehöfte des Landmanns oder trugen ſeinen einzigen Brodleib davon. Die Kirchen waren die Zufluchtsſtätte der Räuber, die ſelbſt der Kinder nicht ſchonten, um ein Löſegeld zu erpreſſen, und die in ihrem Uebermuth Frauen und Jungfrauen ſchändeten. Niemand wehrte ihnen und es konnte daher kaum anders kommen, als daß die Beraubten ſelber zu Räubern wurden. So ſtanden die Sachen im Erzherzogthum Oeſter⸗ reich, und es war ſehr Zeit, daß eine Aenderung zum Beſſern eintrat. Da gelang es endlich einigen einſichts⸗ vollen Räthen, die beiden Brüder zu einem Landtage zu bewegen, welcher über den Streit der zwei Fürſten entſcheiden und ihn beenden ſollte. Nun ſpaltete ſich aber die Hauptſtadt Wien in zwei Parteien; die eine, kleinere, hielt ſich zu dem Kaiſer, die andere, größere, zu Albrecht. Dem Magiſtrat, der, — ——— —— fremd, daß man den greiſen Bürgermeiſter Prenner, 174 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. wie ſich wohl von ſelbſt verſtand, kaiſerlich war, lag ernſtlich daran, Ruhe und Ordnung wieder herzuſtellen, und mehr wie einmal hatten die Rathsherren ihrem Oberherrn feierlichſt zugeſagt, nichts zu unternehmen, was dieſem oder der Stadt Nachtheil bringen könne; im Gegentheil mit allen Kräften dahin zu ſtreben, das immer weiter um ſich greifende Uebel in ſeinem Laufe zu hemmen. Daß ſie einen ſchweren Kampf zu beſtehen hatten, ſahen ſie nur zu wohl ein, denn das ganze mißvergnügte Volk, dem der thatkräftige und bis zur Verſchwendung freigebige Albrecht weit beſſer zuſagte, ſtand ihnen gegenüber, und es war ihnen auch nicht den man als das Haupt ihrer Partei betrachtete, zu ſtürzen trachtete. Dem entgegenzuarbeiten wurde insgeheim eine Verſammlung im Auguſtinerkloſter angeordnet; allein das Vorhaben war doch nicht ſo geheim geblieben, daß es nicht Einigen aus dem Volke bekannt geworden wäre, und ſo drängte ſich, als eben Bürgermeiſter und Raths⸗ herren die Sitzung eröffnet hatten, ein Volkshaufe, meiſt loſes Geſindel und Handwerksburſche in das Ge⸗ mach und machte durch ſein Lärmen und Toben jede Verhandlung unmöglich. Ganz dieſelbe Scene wieder⸗ holte ſich bei einer zweiten Verſammlung, die am fol⸗ genden Tage bei den Franciskanern ſtattfand. Die Pöbelrotte erſchien diesmal noch zahlreicher und unge⸗ ſtümer, und unter Schmähungen und Vorwürfen mußten ſich die Magiſtratsperſonen flüchten. Im Anſtiften dieſer Unruhen war Niemand eifriger als der Münzmeiſter Ulrich Holzer. Sein Vater hatte im Viehhandel ein beträchtliches Vermögen erworben und der ſpekulative Sohn es durch eigene Thätigkeit bedeutend vermehrt. Deſſenungeachtet beſaß er unter ſeinen Kollegen an der Magiſtratstafel nur wenige Freunde; ſeine Zunge war ſpitz und ſeine Rede ſcharf, er that ihr ſelten Zwang an; und unter denen, die er in früherer Zeit zu ſeiner Privatbeluſtigung geißelte, ſtand Graf Cilly oben an. Spottreime und Zerrbilder auf dieſen, wie ſie zu Dutzen⸗ den in der Stadt in Umlauf waren, wurden ihm zu⸗ geſchrieben. Holzer erwarb ſich dadurch allerdings Freunde im Volke, aber auch eben ſo erbitterte Feinde bei Hofe; er fiel in Ungnade und wurde bei Cilly's Rückkehr auf deſſen Betrieb wegen ſeiner Schmähungen zur Rechenſchaft gezogen. In Folge davon verlor er nicht allein ſeine Freiheit, ſondern auch ſein Vermögen. Als ihm beides ſpäter wieder zu Theil wurde, ging er als unverſöhnlicher Feind Friedrichs aus dem Ge⸗ fängniſſe hervor, und er machte ſeinem Haſſe in lauten Worten Luft. Als einer der beredteſten und kühnſten Straßenredner wurde er ſchnell ein Liebling des Volkes, und mit einem ſchlauen Geiſte begabt, wußte er dieſen Umſtand wohl zu nutzen und von einer Staffel der Ehre zur anderen zu ſteigen. Zu der Zeit, in welcher unſere Erzählung ſpielt, war er Hubmeiſter der Stadt, Münzmeiſter und Rathsherr, lauter Aemter und Wür⸗ den, die ihm einen nur um ſo größeren Einfluß möglich machten. Holzer war es auch vornehmlich geweſen, der durch ſeine Beredſamkeit des Volkes Haß gegen Kaiſer Friedrich vermehrte. Gleichgeſinnte hatten ſich ihm bald als Freunde zugeſellt. Friedrich Weſtendörfer, Profeſſor Haſelbach, der Prieſter Odenacker und der Medikus Kirchheim waren ſeine Vertrauten, die nicht minder eifrig auf den Sturz des treu an ſeinem Kaiſer hängenden Bürgermeiſters Prenner hinar⸗ beiteten, und ſie waren es geweſen, welche die Störung der Rathsherren⸗Verſammlung veranlaßt hatten. Nur wenige Stunden waren ſeitdem erſt vergangen als Kirchheim der Medikus an der Spitze von ſechzig Bewaffneten durch die Straßen zog und ſich dem Rath⸗ hauſe zuwendete, in welchem ſich die Magiſtratsper⸗ ſonen beiſammen befanden. Mit der Gewalt ihrer Waffen drangen ſie in den Saal, und Alle, die eben anweſend waren, der Bürgermeiſter Chriſtian Pren⸗ ner, Oswald Reichwolf, Stephan Kiesling, Nikolaus Teſchler, Johannes Angerfelder, Thomas Tank, Simon Rottl, Ulrich Kar⸗ ner und einundzwanzig Andere, deren Namen die Chronik nicht aufbewahrt hat, wurden zu Gefangenen gemacht. Dieſe Menge würde aber doch die Gefängniſſe zu ſehr gefüllt haben, deßhalb ließ man die ledig, welche verſprachen, nichts gegen die Aufrührer zu unternehmen und die Rathsſtube nicht ferner zu betreten. Holzer, ein ehrgeiziger Mann, war dem, wonach er trachtete, etwas näher gerückt; das dankbare Volk er⸗ nannte ihn noch am ſelben Tage zum Beſchützer der Gemeine und zum oberſten Zunftmeiſter. Ein neuer Rath wurde gebildet und durch dieſen ſelbſt der Kaiſer, der ſich damals ſchon ſeit einem Jahre zu Neuſtadt aufhielt, von Allem, was vorgefallen, in Kenntniß geſetzt. Die Herren entſchuldigten ſich und luden ihn ein nach Wien zu kommen, um die noch ſchwebenden Zerwürfniſſe zu ſchlichten. Da verbreitete ſich mit einemmale die Nachricht, Kaiſer Friedrich habe die Boten des Rathes ent⸗ haupten laſſen. Alles gerieth in Bewegung und die Aufregung ſteigerte ſich in bedenklicher Weiſe. Den kaiſerlichen Räthen, welche Friedrich voraus kamen, verweigerte man den Einlaß, erſt ihre Verſicherung, daß Niemand ein Leid widerfahren ſei, verſchaffte ihnen eine geneigtere Aufnahme. Indeß ließ ſich der Argwohn der Wiener nicht ſo ſchnell beſchwichtigen, und als es gar bei der Annäherung des Kaiſers hieß, er komme mit einem großen Heere die Stadt zu züchtigen, dachte man ganz ernſtlich an Widerſtand. Das Gerücht hatte nicht gelogen. Friedrich ſtand wirklich mit viertauſend Söldnern bei St. Mark. Sofort griff Alles zu den Waffen. Holzer blieb nicht müßig, er verſtärkte die Poſten, ließ Geſchütz aufführen und nahm vierhundert berittene Söldner Herzog Al⸗ brechts in die Burg. Am andern Morgen— es war der des 23. Septembers— ſandte er zwar ein Entſchuldigungs⸗ ſchreiben an den Kaiſer, der mit ſeiner Gemalin und ſeinem kleinen Sohne Maximilian vor dem Thore harrte, und ſchob die Schuld des verweigerten Einlaſſes darauf, daß noch keine genügenden Vorbereitungen zu ſeinen Botſe verſic von wie! jube Tage bug Ledi liche ſich d Fri Vort daß Vat bore Fr Se Di wi ſto di d — Kaiſer m bald örfer, er und ten die ſeinem hinar. örung n. Nur en als nehmen ga. T. elk er ⸗ r der diſen Jahre len, in h und e noch ſcricht s ent⸗ nd die Den kamen, g, daß ihnen gwohn als es komme dachte drich Mack. nlaſſes gen zu Emil Dietze: Die Hofburgbelagerung. 175 ſeiner Aufnahme getroffen ſeien. Der Kaiſer nahm die Botſchaft halb ſcherzend, halb vorwurfsvoll auf und verſicherte den Ueberbringern, es ſollte Niemand etwas von ihm zu fürchten haben. Das Volk zeigte ſich da wie umgewandelt, es fiel vor ihm auf die Kniee und jubelte ihm zu; deſſenungeachtet vergingen volle zwei Tage mit Unterhandlungen, ehe der Kaiſer ſeinen Ein⸗ bug in die Stadt halten konnte, und eine der Haupt⸗ Ledingungen, unter denen es geſchah, war die unverzüg⸗ liche Entlaſſung ſeines Kriegsvolkes. Niemand fühlte ſich durch dieſen Beweis von Schwäche mehr gekränkt als Friedrichs Gemalin; ſie überhäufte den Kaiſer mit Vorwürfen und ſagte zu ihrem Sohne„Wenn ich wüßte, daß Du dereinſt eben ſo handeln könnteſt, wie Dein Vater, ich würde bedauern, Dich für einen Thron ge⸗ boren zu haben.“ Um weiteren Unruhen vorzubeugen veranſtaltete Friedrich alsbald eine Rathswahl und ernannte Sebaſtian Ziegelhauſer zum Bürgermeiſter. Dieſer war aber keineswegs der Mann, den das Volk wünſchte; Holzer, der ſelbſt nach dieſer Würde ſtrebte, ſtachelte den Unmuth der Menge noch mehr an und dieſe machte ſich endlich in lauten Beſchwerden Luft, daß bei dieſer Wahl der Stadt Geſetze und Gewohn⸗ heiten nicht beachtet worden ſeien. Ziegelhauſer wurde auf' ſchmachvollſte verunglimpft und ange⸗ feindet, bis er ſelbſt für gut fand ſeine Würde nieder⸗ zulegen und ſie Ulrich Holzer zu überlaſſen. Das war es, was Holzer, das war es, was ſein Anhang beabſichtigt hatte. Der Kaiſer, zu ſchwach zum Widerſtande, forderte nur, daß ihm Holzer und die übrigen Stadtobern ſchwören ſollten, und kaum war dieſe Förmlichkeit vollzogen, als er auch, um jeden wei⸗ tern Argwohn zu beſeitigen, ſeine ſteiriſchen Reiſigen entließ. Gab es irgend etwas, was neue Unruhen herbei⸗ zuführen im Stande war, ſo war es dieſe Maßregel, denn die Krieger waren— ohne Sold heimgeſchickt worden und Raub und Plünderung häuften ſich von Tag zu Tag. Die ſchwer heimgeſuchten Wiener beſchwer⸗ ten ſich bei Friedrich nachdrücklicher als zuvor. Aller⸗ dings hätte er ſelbſt gern dem Unweſen ein Ende ge⸗ macht, aber er war von allen Hilfsmitteln entblößt. Um den Wünſchen der Bürger willfahren zu können, forderte er ein Anlehen von ſechstauſend Gulden, eine Forderung, die der Bürger böſes Blut auf's Neue in Wallung brachte. Gerade zu dieſer Zeit begnadigte Friedrich einen Mann, der vom Magiſtrat um irgend eines Ver⸗ gehens willen zum Tode verurtheilt worden war. Der Kaiſer beſtand auf der Freilaſſung, der Magiſtrat auf ſeinem Urtheil. Friedrich, der ſein kaiſerliches An⸗ ſehen ſo mißachtet ſah und gleichwohl nachdrückliche Schritte ſcheute, entzog dem Rath den Blutbann. Sich dafür zu rächen, legten die Bürger die Gefälle in Be⸗ ſchlag, ſtießen die Anhänger des Kaiſers aus ihrem Kollegium, und da des Raubens noch immer kein Ende gemacht wurde, ja als es dem Volke ſchien, als ob Friedrich die Räubereien begünſtige, riſſen ſie die kaiſerlichen Abgeſandten, die vermittelnd eintraten, von den Stühlen, ſchleppten ſie nach dem Kerker und drohten ihnen mit dem Tode. Dem Kaiſer aber ſandten ſie— es war am Erichtage nach Michaelis 1462— folgenden Abſagebrief: „Aller durchlauchtigſter Kaiſer, allergnedigſter Herr, — Wir der Bürgermeiſter, Richter, Räthe, Genannte und die ganze Gemain der Stadt zu Wien haben Ew. Kaiſ. Gnaden mannichmalen umb merklich groß anliegend Notturfft ſchriftlich und mündlich als das wiſſentlich iſt, verkündt und zu erkennen gegeben, und des Verderben, darin wir vor der Zeit her, der Vormundſchaft unſers Herrn Königs Ladiſloi ſeel. und nochmals Euer Erbl. Regiments, mannichfaltiger Weiß kommen ſein, darwider uns Ew. Kaiſ. Gn. allweg gar gnediglichen ſchrift⸗ und mündlich vertröſtet hat, uns Gewalt und Unrechts, von der Feind wegen des Lands, und in ander weg vor zu ſein, dem aber noch unzher notturftiglich nie nachgegangen worden iſt, ſondern das Land und wir für und für nur in mehrer Schäden und Verderben kommen ſein und noch täglich kommen. „Allerdurchl. K. Nun haben wir uns das vergan⸗ gene Jahr als die Feinde um Königſtetten lagen auf Ew. K. Gn. und auf Euer Räth Vertröſtung hoch und vaſt angegriffen und ſeind aus uns die beſten und mannhaftigſten, mitſammt der Gemein auf ſolch Euer Kaiſ. Gn. Vertröſtung und Hilf gegen den Feind gezogen und haben dazumal von Ew. K. Gn. ſolcher Hilf er⸗ wartet, daß uns aber gar Niemand iſt kommen, alſo daß wir flüchtiglich, nachdem uns der Feind zu ſtark worden, mußten abziehen, uns und der Stadt zu großer Koſtung und Schmach auch Schande. Und von derſelben Zeit haben wir ſtetiges merkliches und groß dargelegen auf Söldner zu Roß und zu Fuß in der Stadt zu wider⸗ ſtehen den Feinden zu Günthersdorf, Mödling, Berch⸗ tolsdorf, Nußdorf und auf Schloß Kahlenberg, auf dem Tabor, daſelbſt zu Burkersdorf, unzher gethan, das wir doch Ew. K. Gn. von Rechtswegen nicht ſchul⸗ dig ſeind geweſen zu thun, ſondern Ew. K. Gn. und ein jeder Landsfürſt iſt den Seinen ſchuldig ſie vor Gewalt und Unrecht zu ſchützen und zu ſchirmen, darum nimmt er ihm des Landes Nutz und Renten ein. „Wir haben von Ew. K. Gn. von guten Willen und mehren Gehorſam mit unſern großen Schaden und Mehnigern viel Jahre her gethan, das unſer Vorfordern Euern Vorfordern nie gethan haben. „Item haben wir auch bei den Zeiten unſerer Vor⸗ fordern, Regierern, Burgermeiſtern und Räthe viel wenig und ungewohnlich Anſchlag geduld und ſein jetzt am nechſten zu widerſtand Euern Gnaden Feinden eins ſondern merklichen Anſchlags und Eidſteuer überein worden nach großem und unſern merkl. Verderben, und hätten gehofft, daß uns ſolcher unſer williger Dienſt und ſchwer Darlegen, die wir Euer kaiſ. Gn. unver⸗ droſſentlich haben gethan, unzher zu gut nit ſollten ver⸗ geſſen werden, davon aber Ew. K. Gn. kein benügen „noch aufhören gehabt, ſondern als ſich jetzt Ew. K. G. gewilliget, die Söldner zu bezahlen an uns vorvor be⸗ gehrt hat, Ew. Gn. zu Hilf zu geben 6000 Gld., daß 176 doch dieſelb Ew. Gn. wohl verſteht, daß wir unſer Soldner nicht zu bezahlen haben. „Allerd. K. und Herr, So wir nun ſolcher Hilf nicht vermügen, hat Ew. Gn. einen andern Weg erdacht und meint den Söldnern etliche Schloß, mit Namen March⸗ egg, Potenſtein und das Kaſtenamt hier zu Wien bei dem Rothenthurm, mitſammt den Nutzen und Renten, als wir vernehmen, zu verſchreiben. Solt das beſchehen, ſo war demnach kein Landfried dadurch beſchloſſen und ſie würden uns und das Land gar verderben, wie ſie nun jetzt anheben, uns unſer Frucht einzufeßnen, das wir das ganze Jahr leben ſollten, fahen, ſchätzen und morden, die Leut nehmen, die Roß, Wägen und ander Gut, ſchlagen den Meiſch vor den Weingärten auf die Erde metten und ſothan ſich aller Bosheit. Solches Gewalts und Unrechts Ihr uns doch als Landsfürſt gnediglich und v. R. w. ſollet vor ſein, So ſehen wir aber lauter und merken, daß kein Erbarmen, ſondern nur Verderben dabei iſt. „Allerd. Kaiſer, Sollt aber lieb und Gnad gehn uns erſchinnen ſein, die wir doch wohl größlich verdient hätten, ſolch Verderben war längſt wohl und ſänftlich niedergelegt worden, daß ſich jetzt wohl erſchienen hat, aus dem, daß Euer K. Gn., zu den dreien Parteien, noch in den Landsfrieden, der mit Ehren aufzunehmen ge⸗ weſen wäre, nit hat kommen laſſen, wiewohl wir Ew. K. Gn. ſolches, da wir um Rath gefragt ſein, treulich gerathen haben und doch Euere K. Gn., ohn die vier Parteien und ſolchen Landsfrieden kein redlicher Ge⸗ horſam nimmermehr geſchehen mag. „Allerd. K., nachmalen haben wir Euer Kaiſ. Gn. auf den aufgenommenen und geruften Frieden erſucht, Euer Gnad ihre Söldner ihres Solds entrichten, ſie aus dem Land abfertigen wollten, dadurch ſolcher Frie⸗ den deſto füglicher gehalten und unſer Früchte, der wir uns das ganze Jahr in unſern Nothdurften betragen müſſen, herein in die Stadt bringen ſollen, ſeither aber das nicht beſchehen und Ew. Gn. Land und Leuten, auch uns ſelbſt nichts beſſers iſt, denn der Fried, das wir an Ew. K. Gn. nicht erlangen mögen, und darum ſein zu merken, daß wir arm Leut von Ew. K. Gn. ſo gar veracht und gering geſchätzt werden, und unſer arme Dienſt ſo wenig Gedächtniß würdig iſt, auch ein Uebelthäter höher fürgenommen wird, denn fromme Leut und wir doch nie übel an Ew. K. Gn. gethan, ſondern uns allezeit in demüthiger Gehorſam beweiſet haben. Aber uns das alles nicht hilft und ſich Euer Kaiſ. Gn. als unſer Herr und Landesfürſt, zu thun ſchuldig iſt. Nachdem und wir doch Euern K. Gn. unſer, als Unterthanen gegen unſern Herrn und Landsfürſten zu thun ſchuldig ſein, gethan. „Und ſo wir dann Ew. K. Gn. und Ew. Gn. Erben und Sohne mit Eiden und Gelübden verbunden ſeind, ſo erlauben und müßigen uns wir von Ew. K. Gn. und Euer Gn. Erben und Sohne, von ſolchen Eiden und Gelübden allen, wie wir die Euern Gnaden gethan haben, es ſei zu erblicher Huldigung Burger⸗ meiſter, Richter, Räthe, Genannten und die ganze Ge⸗ meinde und aller Aemter, Eiden und Gelübden, wie die Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. genannt ſein, meinen und wollen auch Euch hiefür keinerlei Gehorſam, von Ehren und Rechtens wegen darum nichts pflichtig noch ſchuldig ſein zu thun, noch auch fürbaß weder um Geld, Mauth, Bürgerſteuer, noch keinerlei Rente reichen und geben laſſen, ſo lang daß wir mit den dreien Parteien einsgeworden ſeind, dadurch wir als der vierte Stand vereintlich, Ew. K. Gn., als unſerm Herrn und Landsfürſten gehorſam ſein und gedienen mögen, als wir dann zu thun ſchuldig ſein und von Alter beſchehen und herkommen iſt. „Allerd. K. Nun ſoll Ew. K. Gn. ohne allen Zweifel ſein, daß wir ſolcher unſer Eid und müſſigen ſo vor berühret iſt; nicht gern thun, Ew. K. Gn. Gemahl und Sohne unſer Herrſchaft zu Leib ſchaden, zu Schmach noch zu keinerlei Widerwärtigkeit. Es ſoll auch das in aller Wahrheit an uns nicht erfunden werden, ſondern als wir zu Gott hoffen und Zutrauen haben, es ſoll für Ew. K. Gn. und Ew. Gnad Gemahl und unſerm jungen Herrn als unſer, das wir getrauen, gnedig Herrſchaft dazu für Land Leut und in kein Unbilligkeit noch un⸗ ziemliche Widerwärtigkeit nit, und Ew. K. Gn. wolle das in keinerlei Meinung von uns zu beſchehen ſein, nicht glauben, und wollen darauf nach dem Landsfried ſelber trachten, wenn durch den Landsfrieden Ew. K. Gn. auch Land und Leut aufnehmen und wollet zu den 3 Parteien und Ständen treten und uns mitſammt Ihnen den Landsfrieden geben, von daraus kommt, Land und Leut wieder in altes Weſen und gewöhnlich Herkommen und aus dem Landsfrieden geht, das Lands⸗ recht und dasſelbige ſchutzt und ſchirmet den Landsfrieden und männiglich von Gewalt und Unrecht, dadurch dann Ew. K. Gn. als unſeren Herrn und Landsfürſten, deſto baß gedienet werden mag. Mit Urkund der Geſchrift zu Ende bewahret mit unſerm gemeinen, fürgedruckten Stadt Inſiegel. Geben zu Wien am Erichtag nach Michaelis A. D. 62.“ In der Burg herrſchte nach Empfang dieſes Schreibens nicht geringe Beſtürzung. Friedrich war nahe daran, den Kopf zu verlieren. In ſeiner Bedrängniß ſendete er den eben in Wien anweſenden Hauptmann von Günß und ſeinen getreuen Friedrich Zenger nach Neuſtadt und an andere Ortſchaften, um die ihm treugeſinnten Landeshauptleute und Kriegsoberſten zum Beiſtand aufzufordern; auch befahl er ſeinen Räthen augenblicklich, die Burg mit Lebensmitteln und Kriegs⸗ munition zu verſehen. Leider wurde es dazu zu ſpät, denn ſchon am folgenden Tage kündigten ihm die Bür⸗ ger in aller Form den Krieg an, erklärten ſich als des Kaiſers offene Feinde und ſchnitten alle Zufuhren ab. (Fortſetzung folgt.) ſein und Aldig ſein en Zweifel n ſo vor nahl und cch dann en, deſto Geſchrift ruckten die ihm ten zum Räthen Herbſtlich ſonnige Tage, Gedicht. „Beptember.- Sr/ 1 Berbſtlich ſonnige Tage. —— — Herbſtlich ſonnige Tage, Mir beſchieden zur Luſt, Euch mit leiſerem Schlage Grüßt die athmende Bruſt. — — — O wie waltet die Stunde Nun in ſeliger Ruh'! Jede ſchmerzende Wunde Schließet leiſe ſich zu. —— Nur zu raſten, zu lieben, Selig lern ich es ſpüren, Still an ſich ſelber zu bau'n, Wie die Schöpfung entlang Fühlt ſich die Seele getrieben, Geiſt und Welt ſich berühren Und mit Liebe zu ſchau'n. Zu harmoniſchem Klang. Und ſo ſchreit ich im Thale, Was da webet im Ringe, In den Bergen, am Bach, Was da blüht auf der Flur, Jedem ſegnenden Strahle, Sinnbild ewiger Dinge Jedem verzehrenden nach. Iſt's dem Schauenden nur. Jedem leiſen Verfärben V Jede ſproſſende Pflanze, Lauſch' ich mit ſtillem Bemühn, Die mit Düften ſich füllt, Jedem Wachſen und Sterben, Trägt im Kelche das ganze Jedem Welken und Blüh'n. Weltgeheimniß verhüllt. Schweigend blickt’'s aus der Klippe, Spricht im Qellengebraus; Doch mit heiliger Lippe Deutet die Muſ'es aus. Erinnerungen. LXXXII. 1861. 23 —x 178 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Vier Fakultäten. Ein Genrebildchen. 5s wird in dieſem Jahre, erzählt der Verfaſſer SOr des Renommiſten, wieder einmal jährig(zum — wie vielten Male,— das iſt mein Geheimniß), daß ich mich ein Sohn der Mark, aufmachte, um o ernſtliche und Pecielle Unterſuchungen darüber — anzuſtellen, ob'die Provinz meiner Heimat den Namen„des lieben Gottes Streuſandbüchſe“ auch wirk⸗ lich verdient. Ich ſtelle nicht in Abrede, daß es in der Mark auch Sand gibt, im Gegentheil, ich pflichte denen bei, die da behaupten, es gebe viel Sand in der Mark. Diejenigen aber fordere ich vor die Feder, alias Lanze, die deßhalb gleich über die ganze Mark den Stab brechen. Oft hat's michzgekränkt, wenn ich, ein harmloſer Märker, im Coupé ß und nun rechts und links über meinen Heimatgau hergezogen wurde, daß einem braven Kerle, der die Scholle liebt, auf welcher er zuerſt laufen lernte, die Fauſt gewaltig jucken mußte. Und Geibel hat recht wenn er ſingt: c O Heimatliebe, Heimatluſt, Du Born der Sehnſucht unergründet, Der jedem einſt in ſeiner Bruſt Vom Himmel ſelber ward entzündet. Gefühl, das wie der Tod ſo ſtark Uns eingeſenkt ward bis in's Mark, Das uns das Thal, da wir geboren, Mit tauſendfarb'gem Schimmer ſchmückt, Und wär's im Steppenſand verloren, Und wär's vom ew'gen Schnee gedrückt. ꝛc. Stellt den einfachen Wüſtenſohn an den Strand Andaluſiens, die Wunder der Erde ringsumher, die Wunder des Meeres dort oſtwärts, wohin er den Blick kehrt, und er wird Euch ſagen: Gott iſt groß und die Erde iſt ſchön und ſchön das Meer. Aber die Wüſte, mein Heimatland mit ſeinem flimmernden Sando, ſeiner flim⸗ mernden Luft, ſeinen Kameelen und ſeiner Fata morgana, iſt doch tauſendmal ſchöner. Wann werde ich dich wieder⸗ ſehen mein ſchönes, mein geliebtes Heimatland! Ich alſo ballte im Coupé die Fauſt und entgegnete nichts. Man ſicht nicht gern gegen Windmühlen, wenn man nicht eine ſympathetiſche Verwandtſchaft zu dem ehrenfeſten Ritter von La Mancha fühlt! Und die Herren, die meinen Heimatgau beſudelten, gehörten zu Denen, die in faſhionabelſter Kleidung, aber mit Muſterkaſten unterm Arm, auf den Straßen der Städte umherlaufen, und die ich nur in einigen wenigen Exemplaren, die mir lieb und werth geworden ſind, goutiren kann. Ich blieb in meiner Ecke ruhig ſitzen und las den Roman„Ein Sohn der Mark“, der in den märkiſchen Kreiſen viel Aufſehens machte und den ehemaligen Hauptmann Karl Guſtav von Berneck, damals in Frankfurt g. O. irre ich nicht Adjutant, zum Verfaſſer hatte. Allen meinen Leſern iſt dieſer liebenswürdige Schriftſteller als Bernd von Guſeck bekannt. Führt man die Leute, welche der Mark ſpotten, allerdings mit ausgeſuchter Raffinerie in die Steppen der Mark, nun, dann ſehen ſie freilich nur Steppen. Wir haben aber auch recht hübſche Oaſen. Auf einer dieſer Oaſen hauſe ich jetzt, in der Nähe meines freundlichen Oderdorfes Tſchicherzig. Rings um mich her auf dem Sandhöhenzuge, der die Oder treulich ein gut Stück Weges begleitet, grünt und blüht und zittert im ſpielenden Winde der Weinſtock; von vielen Hügel⸗ kuppen ſchauen freundliche Villen in die gelben Oder⸗ wellen. Und dort vor mir das ganze lachende Oderthal. Vorn Wieſen und belebte Triften, dazwiſchen wieder Eichenwälder und Dörfer, und hinten kiefernbewachſene Höhen Schleſiens, als Ruhepunkte für's Auge. Glaubſt Du nicht, lieber Leſer, daß man hier ſehr gut wohnen kann, glaubſt Du nicht, daß man hier manche andere ſchöne Gegend des Vatertandes vergeſſen kann, zumal wenn noch ein neuer Reiz hinzukommt, die Nähe der Heimatſtadt z. B. und die Nähe vieler Weſen, die dem Herzen theuer ſind. Hier, guter Leſer, ſind auch die meiſten dieſer Skizzen, Betrachtungen und Genrebildlein aufgezeichnet worden, wie denn auch hier, in den Oder⸗Weinbergen, meine geiſtreiche Kollegin Julie Burom einige ihrer bekannteſten Romane geſchrieben hat,„den Arzt in einer kleinen Stadt,“„Aus dem Leben eines Glücklichen“, und die gekrönte Preisnovelle„das Pfarrhaus in Na⸗ thangen“. Ich alſo ſaß im Coupé und ließ mich von der Loko⸗ motive durch das reizend gelegene Frankfurt nach Po⸗ delzig bugſiren und war desſelben Abends per Poſtge⸗ legenheit in Wriezen, woſelbſt ich in den letzten Jahren, der Nähe des freundlichen Bades Freienwalde wegen, einige Wochen des Sommers zuzubringen pflegte. Ein Vetter von mir, Bürgermeiſter in Wriezen, war mein liebenswürdiger Wirth, ein angeſehener Arzt der Stadt wurde mir ein väterlicher Freund, und ein zum Beſuch anweſender Kandidat der Gottesgelahrtheit ſchenkte mir bei Spaziergängen die Ehre ſeiner Beglei⸗ tung. Ich vertrat ein Weniges die Philoſophie. Freienwalde wurde ſo bald als möglich beſucht. Die tüchtigen Renner des Arztes trugen uns auf der wohlkonſervirten Chauſſee in einer kleinen Stunde nach der Perle der Mark. Im Höôtel Bellevue, unſerm ge⸗ wöhnlichen Standquartier, wurde eingekehrt, und das liebliche Bad mit ſeinen Sehenswürdigkeiten dann ab⸗ geſucht. Am Brunnen beſuchten wir den Profeſſor Kiß, den genialen Bildhauer, deſſen Amazonengruppe vor dem Muſeum in Berlin meinen Leſern bekannt iſt, und der es liebt, die erquickliche Sonnenluft Freienwaldes den Staubwolken Berlins vorzuziehen. Wir klommen den Kapellenberg hinan und mach⸗ ten dann den ziemlich weiten Weg über den Monte Caprino nach dem königlichen Schloſſe mit ſeinen präch⸗ tigen Gartenanlagen. Den Vandalenberg mit ſeinen paar einſamen Föhren verſchmähten wir heute. Der Weg iſt zu langweilig jetzt, nachdem die Väter der Stadt Freienwalde den Berg abholzen ließen, weßhalb die Le⸗ gion penſionirter Officiere, welche in Freienwalde, der Billigkeit und Annehmlichkeit des Aufenthaltes wegen, — ‿‿ Vier Fakultäten. 179 Quartier genommen hat, den verwunderſamen Namen Vandaleuberg erſann. Vor Höôtel Bellevue ſaßen wir nun alſo bei einer Flaſche trinkbaren Rothweines(es iſt auch möglich, daß es mehrere geweſen ſind) und verkürzten die Zeit durch lehrreiche und luſtige Anekdoten. Die vier Fakultäten kamen der Reihe nach an's Erzähleramt. Der Sanitäts⸗ rath als Alterspräſident begann: Es iſt eine geraume Zeit vergangen, wie Ihr mir wohl glauben könnt, Herrſchaften, daß ich das bunte Band und Mützchen des Studenten trug und acht Se⸗ meſter länger iſt es her, daß ich die Alma mater bezog, um an den Brüſten der Weisheit zu ſaugen. Von jeher hatte ich viel Neigung für die Wiſſen⸗ ſchaft, der ich nun ein treuer Jünger bin. Ich ſkalpirte ſchon in früher Jugend todte Ratten und Katzen und entſinne mich, als Sextaner ein allerliebſtes Mäuſe⸗ ſkelett hergeſtellt zu haben, indem ich eine verewigte Maus in einem Glaskäſtchen ausſtellte und dieſes nebſt Inhalt einem Ameiſenhaufen zur Beluſtigung gab. Meine Neigung für die Medicin wuchs aber zur Leidenſchaft, nachdem ich als Sekundaner den Fauſt ge⸗ leſen hatte. Kann es auch wohl was Schönres geben, als Mephiſto's Worte: Der Geiſt der Medicin iſt leicht zu faſſen: Ihr durchſtudirt die groß und kleine Welt, Um es am Ende gehn zu laſſen Wie's Gott gefällt. Das klingt doch für ein Sekundanerherz erfreulich. Der Geiſt der Medicin war nach der Meinung des Biedermannes Mephiſto leicht zu faſſen und ſchließlich fällt doch noch all' und jede Verantwortung auf den lieben Gott. Ich kann mich auch nicht enthalten, die andern ſchönen Verſe anzuführen, obgleich Ihr ſie alle ſchon kennt; in der Erinnerung ſchwelgt ſich's ſo ſchön und ein ganzes Panorama ſchöner Jugendſcenen ent⸗ wickelt ſich vor meinen Augen, wenn ich die Worte citire. Vater Goethe kannte die Welt und die Gefühle der Ju⸗ gend. Welchen angehenden Mediciner müſſen nicht Wonneſchauer durchrieſeln bei den Worten: Ihr ſeid noch ziemlich wohlgebaut, An Kühnheit wird's euch auch nicht fehlen, Und wenn ihr euch nur ſelbſt vertraut, Vertrauen euch die andern Seelen. Beſonders lernt die Weiber führen. Es iſt ihr ewig Weh und Ach, So tauſendfach Aus Einem Punkte zu kuriren. Und wenn ihr halbweg ehrbar thut, Dann habt ihr ſie all' unterm Hut. Ein Titel muß ſie erſt vertraulich machen, Daß eure Kunſt viel Künſte überſteigt; Zum Willkomm' tappt ihr dann nach allen Siebenſachen, Um die ein andrer viele Jahre ſtreicht, Verſteht das Pülslein wohl zu drücken Und faſſet ſie mit feurig ſchlauen Blicken Wohl um die ſchlanke Hüfte frei, Zu ſehn wie feſt geſchnürt ſie ſei. Welche herrliche Ausſicht vor meinen feurig ſchlauen Blicken. Und täglich jubelte ich mit meinem Kollegen, dem Schüler: Das ſieht ſchon beſſer aus! Man ſieht doch wo und wie? —— und Mephiſto, der ſchon mein Mann war, wurde es noch immer mehr durch ſeine geniale Weisheitsregel: Grau, theurer Freund, iſt alle Theorie Und grün des Lebens goldner Baum. Drei Jahre ſpäter machte ich ein erträgliches Abiturientenexamen und ſtand nun als Mulus an den Pforten des Paradieſes. Das mediciniſche Studium hat aber nicht den Vorzug großer Billigkeit und mein Wechſel hatte nicht den bedeutenden innern Werth. Ich mußte Alles daran ſetzen, einige Stipendien oder ſonſtige Bevorzugungen zu erlangen. Jedenfalls mußte um möglichſte Erlaſſung reſpektive Stundung der Kollegiengelder petitionirt wer⸗ den. Manchmal waren es unangenehme Gänge, die ſich leider auch nur in ſeltenen Fällen als erfolgreich erwie⸗ ſen. Einen dieſer Gänge will ich erzählen. Der Profeſſor X las über Anatomie und ſeine Kollegien zu belegen fiel meinem Geldbeutel außeror⸗ dentlich ſchwer. Hier mußte alſo eine Petition verſucht werden. Ganz denſelben Gedanken mußte auch ein Kollege moſaiſchen Glaubens gehabt haben, denn wir Beide trafen uns in dem Flur der profeſſorlichen Woh⸗ nung. Das Jüdlein war nicht unbemittelter Eltern Kind, gedachte aber ebenfalls ſeinen Wechſel durch Privatſpe⸗ kulationen noch zu erhöhen. Ich wußte, daß der Pro⸗ feſſor es nicht leiden konnte, wenn mehrere gleichzeitig ſein Zimmer beſuchten, und den angeſtrengteſten Be⸗ mühungen gelang es auch, Herrn Markus zu bereden, meiner draußen zu harren, damit ich erſt die Stim⸗ mung des wetterwendiſchen Mannes da drinnen erkun⸗ den könne. Allerdings war ich nicht aufrichtig gegen den Kolle⸗ gen, da in meines Herzens tiefſter Tiefe etwas wie eine Ahnung ſchlummerte, daß nur einer von uns Beiden ſo glücklich ſein würde, ſeinen Zweck zu erreichen. Und ich wollte dieſer Glückliche ſein. Als ich aber die Thür öffnete, ſchlüpfte auch Herr Markus mit hinein. Wahrſcheinlich hatte er den mora⸗ liſchen Katzenjammer wegen ſeiner Nachgiebigkeit be⸗ kommen. Und um mir nun ganz den Rang abzulaufen, trat Herr Markus auch zuerſt mit ſeinem Anliegen hervor. „Wie heißen Sie?“ fragte der Profeſſor. „Joſef Markus,“ erhielt er zur Antwort. „Ihr Vater?“ „Auch Markus,“ ſagte der Sohn verblüfft. „Das will ich nicht wiſſen,“ entgegnete der Pro⸗ feſſor ungeduldig;„ſondern welch' Standes Ihr Va⸗ ter iſt.“ „Ein armer Handelsmann, Herr Preofeſſor.“ „Wie viel Geſchwiſter?“ Frechheit hilf! mochte der Kollege denken. Ich wußte, daß er nur eine Schweſter hatte, aber trotzdem antwortete er:„Vierzehn, Herr Profeſſor.“ Und ſiehe da, ihm wurde die Hälfte der Gelder erlaſſen. Nun kam ich an die Reihe. Dasſelbe Examen begann. Da ich der Wahrheit gemäß den ärztlichen Stand meines Vaters nannte, er⸗ 23* —— — 3— —— — —— — — —— — Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. freute ich mich eines Seitenblicks vom Profeſſor, der faſt wohlwollend genannt werden konnte. Gleich darauf aber ſchrieb der Profeſſor weiter. „Wie viel Geſchwiſter?“ Einen Augenblick ſchwankte ich, ob ich nur meinen Bruder und meine Schweſter nennen, oder dem Schöpfer vorgreifen und, ähnlich dem Kollegen, meine Familie ſelber vermehren ſollte. Von der nöthigen Unverſchämt⸗ heit hing aber manches Goldſtück ab und ſo ſtammelte ich denn: „Sieben, Herr Profeſſor!“ Kaum aber war mir die Mittheilung geworden, daß mir ein Drittel erlaſſen ſei, als der Handelsgeiſt in meinem Kollegen rege wurde und er mir ins Ohr raunte:„Aber, Menſch, warum ſagen Sie nicht einund⸗ zwanzig, er hätte Ihnen das Ganze erlaſſen.“ Die Situation wurde mir nun doch zu komiſch. Nolens volens brach ich in ein homeriſches Gelächter aus, Markus fiel mit ein und hinaus ſtürzten wir, den erzürnten Profeſſor zurücklaſſend. Natürlich konnte weder Markus noch ich von der Güte des Herrn X Gebrauch machen. Ein anderer Profeſſor, der über Pſychologie und Phyſiologie las, gab uns einſt eine Erklärung der vier Fakultäten, ihrem Benehmen bei gewiſſen Krankheits⸗ fällen nach. Da ich aber nur von der Eigenthümlichkeit der Erklärung erzählen will, ſo erlaube man mir jene Krankheitsfälle in einem noch viel mehr verbreiteten, abnormen Zuſtand zu überſetzen, in die Geldbeutel⸗ ſchwindſucht. Von beſagtem Profeſſor war bekannt, daß er den Studioſen gern half mit Rath und That. Es klopft.„Herein!“ Ein ſchmächtiger Jüngling mit langen Haaren tritt herein. Die Spuren verſchie⸗ dener durchwachter und durchkneipter Nächte, die deut⸗ lichſten Symptome der Geldbeutelſchwindſucht, ſind auf ſeinem Geſicht verzeichnet. „Der Friede Gottes ſei mit Ihnen, Herr Profeſſor!' „Ich danke.“ „Werke der Liebe und Werke der Barmherzigkeit, von denen ich zu ſprechen nur hier vor Ihnen, unter vier Augen, wage, da man das Gute thun ſoll ſtill und verborgen, Werke des Erbarmens alſo haben meinen Geldbeutel in jüngſter Zeit ſo ſehr angegriffen, daß ich gekommen bin, Sie um liebevolle Hilfe, das heißt um ein Darlehen zu bitten, wofür Gott der Herr, unſer Vater, Ihnen mit ſeinem reichſten Segen lohnen wird.“ Wer mit dieſen Worten Geld zum Verkneipen borgt, iſt ein Theologe Es klopft. „Guten Morgen, Herr Profeſſor.“ „Guten Morgen.“ „Beſtrebt in meiner Bibliothek das zu erſetzen, was im Laufe der Zeit durch Verborgen mir abhanden gekommen iſt, und eingedenk des Goetheſſchen Wortes: ‚der Mann, der recht zu wirken denkt, muß auf das beſte Werkzeug halten, erlaube ich mir, Sie ganz gehor⸗ ſamſt um ein Darlehen zu bitten, da mir gerade jetzt Gelegenheit zu einem vortheilhaften. Büchereinkaufe ge⸗ boten iſt.“ Wer auf dieſe Weiſe ſich Geld verſchafft iſt natür⸗ lich Philologe. Heißt es aber:„Guten Morgen, Herr Profeſſor. Ich muß ſchon wieder einmal ſtören, aber nach Ihrer eigenen Theorie braucht der Menſch verſchiedene feſte und flüſſige Subſtanzen, durch deren Genuß er ſein Le⸗ ben friſten kann. Mich hungert barbariſch und Geld habe ich nicht. Leihen Sie mir, beſter Herr Profeſſor, nur diesmal noch etwas.“ Aus dieſer Rede guckt der Mediciner heraus. Kommt aber ein luſtiger Bruder, der noch auf dem Korridor ſein Butterbrod und Leberwurſt, juchheidi, juchheida ꝛc. ſingt, ſo weiß man in der Regel ſchon im Voraus, wer ſich dem Zimmer naht. „Schönen guten Morgen, Herr Profeſſor. Sie ſind zwar Mitglied des Senats, aber doch wenigſtens ein vernünftiger Mann, der ſich daran erinnert, daß er auch einmal jung geweſen. Ich bin in der nichtswürdigſten Verlegenheit von der Welt. Manichäer belagern mit ſeltener Konſequenz mein Haus und ich wittre das Schlimmſte, wenn Sie mir nicht diesmal aus der Patſche helfen. Pumpen Sie mir, verehrteſter Herr Profeſſor, nur diesmal noch zehn Thaler. Ich cedire Ihnen meinen Monatswechſel als Sicherheit und bekomme das Uebrige dann heraus.“ Der ſo Sprechende iſt Juriſt natürlich: er pumpt, der Mediciner leiht, Philologe und Theologe bitten um Darlehen. Der Philoſoph ſchwankt ſelbſtverſtändlich zwiſchen Medicin und Philologie. Das wollte ich Ihnen erzählen und nun, Bürger⸗ meiſter, ſind Sie an der Reihe. Der Sanitätsrath ſchwieg und mein Vetter be⸗ gann die Geſchichte von einem Nachexamen. Es war vor Achtundvierzig. Wir gingen damals unſrer fünf hoffnungsvolle Referendarien in's dritte Examen und mir war keineswegs hoffnungsfroh zu Muthe. Leider Gottes hatte ich viel zu ſpät den ver⸗ nünftigen Gedanken gefaßt, die Fachwiſſenſchaften zu kultiviren und erſt vor gar nicht langer Zeit den Di⸗ lettantenmalerpinſel fortgeworfen, um nun dem Corpus juris obzuliegen. Lieber Gott! Ich wußte wohl, daß es mit der dicken ſchweinsledernen Schwarte allein nicht abgethan ſei, und gerade freundlich ſahen mich die alten, ſeit langem vernachläſſigten Lettern auch nicht an. Aber ein Feld muß doch einmal vorzüglich bebaut ſein, da⸗ mit ſein Glanz auf die ganze Wiſſenſchaft ſtrahle.— Wir machten unſre Viſiten und ſchon hier, wenn ich die Sicherheit meiner Kollegen ſah, konnte man mir mit Recht zurufen: it ei jam podex cum glacie funda- mentali, ein jedenfalls eben ſo paſſender wie eleganter lateiniſcher Stammbuchvers. Als wir den Präſidenten des Ober⸗Tribunals, Coctor, verlaſſen hatten, konnte ich nicht umhin, meinen Kollegen für die Sicherheit, mit welcher ſie dem alten Herrn nicht nur entgegen getreten waren, ſondern ihm Sottiſen geſagt hatten, meine Bewunderung auszuſprechen. Nun, dieſe Sicherheit hat ſich beſtraft genug, irre ich nicht, ſo ſchleppten ſie ſich nur mit Mühe und Noth durch's Examen. wahrl und darin und übrig auf! nächf Zeit? Ihne Stief rühm gerin lich d backe mal⸗ eine leich exan getre die g wickel der kannt Kunſſ was tor kon; Ihre ſtehe ſchwa war komn Vier Fakultäten. 181 Mich ritten die Herren Examinatoren auf eine wahrhaft unverantwortliche Art und Weiſe. Landrecht und Corpus juris, Corpus juris und Landrecht. Und darin war ich zu meinem Glücke, Gott ſei Dank, feſt und ſicher. Das Reſultat beſagte, daß ich mit„gut“, die übrigen Herren mit„hinreichend“ beſtanden hatten. Nach dem Examen trat Herr Präſident Coctor auf mich zu, gratulirte und erſuchte mich dann, ihn am nächſten Tage Nachmittags zu beſuchen. „Herr Präſident haben zu befehlen, um welche Zeit?“ „Bitte, Herr Aſſeſſor, nur zu bitten. Wenn es Ihnen recht wäre zu einem Schälchen Kaffee?“ „Wird mir eine unſchätzbare Ehre ſein.“ Jetzt erſt fiel mir das Herz vollſtändig in die Stiefel. Jene Taſſe Kaffee hatte damals juriſtiſche Be⸗ rühmtheit, wurde doch mit ihr ſtets ein durchaus nicht geringes Nachexamen verbunden. Freilich war ich glück⸗ lich durch, aber als eben erſt fertig gewordener, neuge⸗ backener Aſſeſſor blamirt man ſich wirklich nicht gerne. Herr Coctor hatte, wenn ich nicht ſehr irre, da⸗ mals nochmals geheiratet und erfreute ſich des Beſitzes einer wirklich netten und liebenswürdigen Frau. Viel⸗ leicht konnte ich durch ſie von den Schrecken des Nach⸗ examens entbunden werden. Als ich mich alſo pflicht⸗ getreu eingeſtellt hatte, ſuchte ich um Alles in der Welt die gnädige Frau in ein intereſſantes Geſpräch zu ver⸗ wickeln, denn auf dem Balkon bemerkte mein zuckendes Herz die nöthigen Kaffeegeſchirre und den mir wohlbe⸗ kannten ſchweinsledernen Folianten. Ich war gewiß an dem Tage groß in Allem was Kunſt, Wiſſenſchaft, Literatur, ja ſogar Mode betrifft, was aber nützten alle Kunſtſtücke, Herr Präſident Coc⸗ tor forderte mich bald auf, freundlichſt nach dem Bal⸗ kon zu kommen. „Aber gnädige Frau werden uns doch die Ehre Ihrer Geſellſchaft ſchenken?“ „Ach, was die Herren da verhandeln, davon ver⸗ ſtehe ich nichts,“ meinte die niedliche Frau und ver⸗ ſchwand mit einem anmuthigen Knixe. Dieſe Grußart war nämlich zu jener Zeit noch nicht aus der Mode ge⸗ kommen. Da ſaßen nun Herr Präſident Coctor und ich. Wir tranken Kaffee, ſprachen über juriſtiſche Problemata und kramten im alten Corpus juris herum. Der hin⸗ kende Bote des Examens kam wirklich nun erſt nach. Schon einige Male war ich bedeutend in die Enge ge⸗ trieben worden und hatte triumphirende Blicke des Prä⸗ ſidenten zu ertragen. Eben war ich wieder auf dem beſten Wege in die Klemme zu gerathen, als ein Ereig⸗ niß eintrat, das mich rettete, Herrn Coctor allerdings aber zwei Paar Taſſen koſtete. Ich hatte damals einen reizenden Pudel von der Größe eines mittelmäßigen Kalbes. Das treue Thier konnte ich zu meiner Viſite doch unmöglich mitnehmen und hatte es deßhalb in meinem Zimmer gelaſſen. Stambul, ſo hieß mein Pudel, mußte aber Mittel und Wege zur Befreiung gefunden haben, meiner Spur ge⸗ folgt ſein und draußen auf dem Korridor nach Hundeart um Einlaß gefleht haben. Irgend eine mitleidige Hand hatte die Thür geöffnet, und nun ſtürzte mein Stambul mit freudigem Gebrüll durch das Balkonzimmer nach dem Altane, ſprang aber dermaßen ungeſchickt auf der Tiſchſeite an mir in die Höhe, daß zwei Paar Taſſen ut dixi an der Erde lagen, man wußte nicht wie. Der Präſident, welcher mit einer allzugroßen Doſis natürlichen Muthes nicht begabt ſein mußte und den Hund wahrſcheinlich für toll hielt, ſprang erbleichend und mit dem Ausrufe:„Schlagen Sie die Beſtia todt!“ hinter den Tiſch. Ich hatte Mühe, den Pudel und den Präſidenten zu beruhigen und war nach den heutigen Vorfällen glücklich, das Examen geſtern beſtanden zu haben, denn „daß du ihn ſchwach geſehen vergibt er nie!“ Meines Bleibens war allerdings nun nicht mehr und ich empfahl mich, um in den nächſten Tagen nach Frankfurt als Aſſeſſor abzugehen. Dies meine Hiſtorie. Nun kam der liebenswürdige Kandidat an die Reihe, der die bei Paſtoren ſeltene Kunſt beſaß, zur rechten Zeit heiter, zur rechten Zeit ernſt zu ſein und im Leben ſtets nach dem horaziſchen medium tenuere beati handelte. Ich war Hauslehrer in— berg in der Neumark bei einer Juriſtenfamilie, die ſich aus alter Anhänglich⸗ keit in das kleine Neſtchen zurückgezogen hatte. Der Mann hatte ſich ſelbſt als Rechtsanwalt penſionirt und lebte von den Zinſen des erworbenen Vermögens, die Frau half ihm dabei und war eine höchſt gebildete, liebenswürdige Dame. Man machte ein ziemlich angenehmes Haus, ſtand mit den Gutsbeſitzern der Umgegend auf Hoſpizkomment und ſah oft die Kavallerie⸗Officiere der kleinen Garni⸗ ſon bei ſich. Eines ſchönen Tages ward eine Landpartie von den Officieyen arrangirt, man gab ſich mit den Kame⸗ raden der Nachbarſchaft ein Rendez⸗vous in einem aller⸗ liebſten Eichenwalde. Natürlich fehlte die juſtizräthliche Familie nicht unter den Eingelavenen and weie imman wurde der Fnformator als Anhängſel auch mit geſchleppt. Draußen war ein fröhliches, bewegtes Leben, fehlte es doch eben ſo wenig an jungen Herren als jungen Damen. Punſere Juſtizräthin galt ſtets als Anführerin der jungem Damenwelt. So wurde denn Alles unternommen, was auf Landpartſien unternommen zu werden pflegt. Geſungen, geſprungzen, Fanchon geſpielt und der Oritte abgeſchla⸗ gen, hiſgefallen, geſchäckert, geneckt und zuletzt im Freien ſoupirtiſ. Was aber nicht immer auf Landpartien einzu⸗ treten Rpflegt war eingetreten: in einem erſt kürzlich in die Naßchbarſchaft verſetzten jungen Officier entdeckte die lebensgluſtige Juſtizräthin einen cher cousin. tMatürlich, daß der Couſin bei allen Göttern der alten Wund neuen Zeit ſchwor, die Couſine ſchon morgen luchen, und eben ſo natürlich, daß man dem Beſuch Freude entgegen ſah. 1. kreil Der andere Morgen kam, und richtig, zur geeig⸗ Viſitenſtunde trabte der Couſin vor das Haus. Ueber der ſogenannten guten Stube des Juſtiz⸗ 182 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. raths hatte aber ein eigenthümliches Ungemach ge⸗ ſchwebt, das düſtere konventionelle Gewitterwolken heraufbeſchwor. Karlchen, des Juſtizraths jüngſter Sohn, war auf eine, bisher unaufgeklärte Weiſe, in die gute Stube gelangt. Hier war ihm plötzlich in den Sinn gekommen einer von der Natur gebotenen Nothwendigkeit zu fol⸗ gen, die uns Sterbliche von der Wiege bis zum Grabe verfolgt, nur daß die Kindheit das Vorrecht hat, ohne Menſchenfurcht und Scheu dem Naturgebote öffent⸗ lich folgen zu können. Karlchen machte diesmal wenn auch nicht von der Oeffentlichkeit, ſo doch von einem gewiſſen Vorrechte und dem Teppich vor dem Sopha Gebrauch. So eben ſtand der kleine Uebelthäter da und ſtaunte mit Ge⸗ wiſſenhaftigkeit und Seelenruhe das Reſultat ſeiner Be⸗ mühungen an, als die Juſtizräthin mit dem Couſin in's Zimmer trat, natürlich den unvermeidlichen Informator im Gefolge. Die junge Frau gewahrte mit ſchnellem Blick ſo⸗ fort das Vergehen, das ſich zugetragen, und warf raſch gefaßt das Taſchentuch auf's Corpus delicti. Der Couſin aber eilte als galanter Mann das Taſchentuch aufzu⸗ heben. Sei es nun, daß durch die Erſchütterung des Rittes, die nachwirkte, ſei es durch die niedergebeugte Stellung, kurz im Innern des Couſins ſetzte ſich jene eigenthümliche Saite in Schwingungen, auf welcher der Menſch nur an ſtillen, abgelegenen Orten, überhaupt nur wenn er allein iſt, ſpielen ſoll. Die junge Frau konnte nicht anders glauben, als der Officier habe Alles geſehen und in ſeinem Manöver einen Akt der Rache üben wollen. Sie faßte das aufge⸗ hobene Mouchoir mit zwei Fingern und ſagte pikirt: „Ich habe nicht geglaubt, daß der Blüthe auch die Frucht gleich folgen würde.“ „Aber, Kandidate, Kandidate,“ rief nun der Sa⸗ nitätsrath,„auf welchen Wegen ertappt man Euch.“ Dee Souſiu empfahl ſich und ward nicht mehr geſehen. „Nennen Sie mir ein Wort in meiner Erzählun das Anſtoß erregt und ich widerrufe Alles.“ duhng Wir lachten und ſetzten uns in den mittlerweile vorgefahrenen Wagen. 1 6 Ein Brief aus Galizien vom Jahre 1 846. er„Landsknecht“, beim jetzigen Zuſamm enſtoß und Kampf der Nationalitäten in Oeſtxerreich entſchieden auf Seiten der Altrechtler, dſde ge⸗ ſchichtliche Ueberlieferungen im Volkslebeſon für heiliger und naturgerechter erachten, dennf alle papiernen, nach abſtrakten Principien gegeh eenen Verfaſſungen, hat ein neues Bändchen„Antedilg jeia⸗ niſche Fidibusſchnitzel“(ein ſechſtes Fascikel) als Sfe Ap ſchrift für Freunde drucken laſſen. Es enthält Bl 2 ſeines Tagebuches über die Ereigniſſe in Galizien vom Jahre 1846 und kurze Erinnerungen an den Sonder⸗ bundskrieg in der Schweiz von 1847. Der Verfaſſer war bei beiden Ereigniſſen ein thätiger Zuſchauer, ein mithandelnder Agent. Seinen Standpunkt in der Sache der Nationalitäten außer Betracht laſſend, finden wir namentlich in Bezug auf Galizien Blicke, Winke und Züge, die uns die Tiefe der Bewegung, wo nicht ſchil⸗ dern, doch andeuten. Der angebliche Brief eines Reiſen⸗ den auf jenem Schauplatz, den wir in Folgendem mit⸗ theilen, iſt um ſo intereſſanter, da Polen, ſelbſt auf preußiſch⸗deutſchem Gebiet, nicht blos unter ruſſiſchen Bajonneten, heute von Neuem Zuckungen verräth, die den alten Satz:„Polen iſt noch nicht verloren“, d. h. noch nicht begraben, wenn auch hundertfach in ſich ſelbſt verloren und erſtickt, abermals bethätigen. Ein Volk ſtirbt langſam und es nimmt ſeine langen Todeskrämpfe oft für Zeichen neuen Lebens. Jener Brief in des Lands⸗ knechts Papieren beginnt im März 1846 ſeine Schilde⸗ rungen wie folgt: „Wertheſter Freund, Sie verlangen„einfache Wahrheit“, nichts als„einfache Wahrheit“, wie Sie ſagen, über die Ereigniſſe in Galizien und die Scenen, denen ich auf meiner Reiſe durch dies Land als Zeuge beizuwohnen Gelegenheit hatte.„Wahrheit!“— und wiſſen Sie denn, was Sie damit von mir fordern?— Wiſſen Sie denn nicht, daß gerade an die Wahrheit kein Menſch glaubt, eben weil er überhaupt nicht daran glauben will, und daß insbeſondere in leidenſchaftlichen, erregten Verhältniſſen derjenige, welcher ſie ausſpricht, ſchon eo ipso als Lügner paſſirt? Wer in einer Kneipe unter Betrunkenen, die ſich ſtreiten, die Wahrheit predigen will, bekommt gewöhnlich die meiſten Schläge und wird über die Schwelle hinaus⸗ geworfen. Wer für Völker und Generationen die Wahr⸗ heit lehrt, wandelt ſicher zur Schädelſtätte, auf welcher Phariſäer und Sadducäer ihn an das erſt für die Nach⸗ welt heiligende Marterholz heften. Alſo Wahrheit!— Gut, ich will ſie Ihnen über die beſagten Ereigniſſe geben, obſchon ich überzeugt bin, daß eben, weil es die Wahrheit iſt, kein Menſch, viel⸗ leicht auch Sie ſelbſt nicht, mir dieſelbe glauben wird. Den von dem Komité in Paris abgeſendeten Emiſſären war es gelungen, die Elemente polniſcher Nationalität, welche durch die milde und gerechte Hand der öſterreichiſchen Regierung, beſonders in Galizien, erhalten worden waren, zu benutzen, einen großen Theil des Adels, welcher ſtets beinahe ausſchließlich das pol⸗ niſche Nationalprincip darſtellt, in eine umfaſſende Kon⸗ ſpiration zu verwickeln. Ueber das ganze Land dehnte ſich die weitverzweigte Verbindung aus. In Poſen und in Galizien hatte ſie ſich am meiſten ausgebreitet und befeſtigt;— am wenigſten im ehemaligen Königreiche, — leider kein günſtiges Reſultat der Schonung und Milde— während Rußlands eiſerne und konſequente Strenge deſto zweckmäßigere Wirkungen hervorbrachte. Man ſtand auf einem ſchon ſeit Jahren unterminirten vulkaniſchen Boden, und ſchon nahte die Stunde der Eruption, nämlich eine polniſche Vesper, in welcher alle — deutſ Bean⸗ im L Reich Rzes erfol Gift Die Fäde zur aber ſelbſt die E verſu die p Bart die? Tarr Krei theit Sal in” lich entſ wen einen ihre — offen verſt worn ſond burſe Boch Krak Adju geſen in jer unge die Infa Truh Gre Jan In ſein gege ſpreꝛ Flüc Reſt rette Bau Gnc trup don bom adder⸗ faſſer ein Sache wir te und ſchil. 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Da ergreift das Landvolk, gewarnt, aber wegen Mangel an disponiblem Militär auf ſich ſelbſt reducirt, Dreſchflegel und Miſtgabel, beantwortet die Ermunterungen und endlich die terroriſtiſchen Zwangs⸗ verſuche der Aufwiegler mit Mord und Todtſchlag, und die projektirte polniſche Vesper verwandelt ſich in eine Bartholomäusnacht gegen den inſurgirten Adel und die Anhänger des Polenthums. In drei Tagen iſt im Tarnower, Bochnier,Rzeszower, Wadowicer und Jaszloer Kreiſe alles, was dieſer Partei angehört theils erſchlagen, theils gefänglich eingebracht; auch im Sandecer und Sakoner Kreiſe ſteht das Landvolk noch mehrere Tage in Waffen und verfolgt die Verdächtigen. In den öſt⸗ lichen Kreiſen, wo die Elemente der Bewegung weniger entſchieden auftraten, iſt auch die Reaktion weniger heftig, wenn auch ebenſo drohend. Mittlerweile verſuchen die Inſurgenten aus Krakau einen Freiſcharenzug über die Weichſel, in der Hoffnung, ihre Anhänger zu ermuthigen und an ſich zu ziehen; — das von Truppen entblößte Wieliczka ſteht ihnen offen. Theils durch Gewalt, theils durch Ueberredung verſtärken ſie ſich dort mit ein paar hundert Zuzüglern, worunter kein einziger Bauer aus dem Galiziſchen, ſondern lediglich junge Studenten oder Handwerks⸗ burſchen, und rücken bis Gdow, auf der Straße nach Bochnia, zwei Meilen von Wieliczka, zwei Poſten von Krakau vor. Der Oberſtlieutenant und Generalkommando⸗ Adjutant Benedeck, welcher vom Landesgouverneur ab⸗ geſendet worden war, um die militäriſchen Maßregeln in jenen Gegenden einzuleiten, war inzwiſchen in Bochnia angelangt. Er zaudert keinen Augenblick, ſetzt ſich an die Spitze einer aus einigen ſchwachen Kompagnien Infanterie und fünf Zügen Cheveauplegers beſtehenden Truppenabtheilung, verſtärkt ſich durch eine Schar Grenzjäger unter dem Befehl des Grenzkommiſſärs Janiczewski, und bietet die Bauern der Umgegend auf. In wenigen Stunden ſtellen ſich deren über tauſend zu ſeinem Befehl.. Mit dieſer Macht rückt er den Inſurgenten ent⸗ gegen, trifft ſie in Gdow, greift ſie unerwartet an, zer⸗ ſprengt ſie nach geringem Widerſtand, verfolgt die Flüchtigen über Wieliczka bis Podgorze, wo ſich der Reſt der Freiſcharen über die Weichſel nach Krakau rettet, während mittlerweile die den Nachtrab bildenden Bauernhaufen die zurückbleibenden Inſurgenten ohne Gnade niedermetzeln, trotz der Bemühung der Linien⸗ truppen, die Gefangenen zu ſchonen. Ein gleichzeitiger Angriff auf Podgorze von Wa⸗ dowice her, bringt dieſes wieder in die Hände der Kaiſer⸗ — lichen. Unmittelbar darauf rücken ruſſiſche und preußiſche Truppen in den Freiſtaat, und in wenigen Tagen erfolgt die unblutige Beſetzung von Krakau und ſomit das Ende der Inſurrektion. Alles kehrt in die Ruhe zurück, und es erübrigt der Regierung nur noch, die lediglich zu ihren Gunſten erhobene Bewegung zu beſchwichtigen, die Gemüther zu beruhigen, und nach und nach die Wunden zu heilen, welche dieſe unglücklichen Ereigniſſe dem Lande geſchlagen haben. Es ſteht alſo das Faktum feſt, daß— trotz der ausgebreiteten, vielverzweigten Verbindung, die ihr Lebensprincip nur in den Kreiſen der Güterbeſitzer und ihrer Abhängigen und eines Theiles der Levitas(ſo nennt man in Spanien alle bürgerlich oder modiſch Gekleideten) fand, dieſelbe nicht allein im Landvolke durchaus keinen Anklang finden konnte, ſondern viel⸗ mehr an deſſen entſchiedenem Widerſtand ſcheiterte— daß der Dreſchflegel des Bauers den ſchon gezückten Dolch des Verſchwornen nebſt dem Arme, der ihn führte, und dem Kopfe, der ihn leitete, zerſchmetterte. Es ſteht feſt, daß von den zahlreichen Bataillonen, welche gegen die Inſurgenten zogen, ſämmtlich einge⸗ borene Landeskinder der Regimenter Nugent, Haynau, Fürſterwärther, Hohenegg nicht ein einziger gemeiner Mann zum Feinde überging; ſondern vielmehr alle Urlauber der beſagten Regimenter und der dazu ge⸗ hörigen Landwehrbataillone freiwillig zu ihren Fahnen ſcharenweiſe herbeieilten; es ſteht feſt, daß dieſe ge⸗ ſammte, früher auf dem Lande zerſtreute und ſich ſelbſt überlaſſene Mannſchaft allen Verführungskünſten der Verſchworenen trotzte, und gerade ſie am offenbarſten ihre Anhänglichkeit an das Kaiſerhaus und ihre ent⸗ ſchiedene Abneigung gegen die ſogenannten nationalen Umtriebe an den Tag legte, welche ſomit ihren eigenen Untergang durch jene Werkzeuge fanden, die ſie am allermeiſten zu ihren Zwecken zu benutzen hofften, und die Reaktion, welche ſie hervorriefen, als weit mächtiger erſcheinen ließen, als das Princip, welches einen Umſturz des Beſtehenden beabſichtigte. Dieſe Erſcheinungen werden Jenen, welche Polen, Galizien und die öſterreichiſche Regierung überhaupt nur aus Journalen kennen, und die Reſultate abſtrakter Theorien auf die ihnen unbekannten praktiſchen Ver⸗ hältniſſe und Zuſtände anwenden wollen, ein Räthſel ſcheinen. Wer aber mit letztern vertraut iſt und ſich nicht durch vorgefaßte Meinungen, oder wenn auch edle und poetiſche, aber nichts deſtoweniger irreleitende Sympa⸗ thien und Antipathien blenden und täuſchen läßt, wird den Faden leicht finden, an dem er zur Löſung dieſer ſcheinbaren Widerſprüche gelangt. Es gehört zu der Eigenthümlichkeit des polniſchen Charakters, daß er alles glänzend anfängt und wenig konſequent durchführt. Während die kleinen Gutsbeſitzer, faſt durchgängig auf die Bewegung eingehend, keine Koſten, keine Aufopferung ſcheuten, um ihre Zwecke vor⸗ zubereiten, vergaßen ſie gerade das Wichtigſte, nämlich das Werkzeug dazu— den Bauer zu gewinnen— welches, wenn ſie ſeit einigen Jahren ihre Aufmerkſam 184 Erinnerungen. keit darauf verwendet hätten, wenigſtens bis zu einem gewiſſen Grade, eine Kataſtrophe, wie die ſtattgefundene, unmöglich gemacht haben würde. Aber, obgleich ſie wußten, daß ſie ſeiner bedürfen würden, dauerte die Bauernſchinderei fort, und gab den Kreisämtern be⸗ ſtändige Gelegenheit, die dankbare Rolle des Beſchützers gegen die Bedrückungen der Gutsherren und Verwalter zu ſpielen. Bemerkenswerth iſt die Ordnung, die Disciplin, welche das Landvolk in ſeiner Reaktion, beſonders an⸗ fänglich beobachtete. Während der vier oder fünf Tage, in welchen die erſte und größte Aufregung vorwaltete, und Scharen von Bauern— oder zu ihren Regi⸗ mentern ohne irgend eine militäriſche Aufſicht wandernden Urlaubern— die Straßen überfüllten, war der Anblick eines Betrunkenen eine höchſt ſeltene Erſcheinung. Bei dieſen blutigen und traurigen Exekutionen wurde zwar der Verdächtige erſchlagen, vwielleicht hier und da auch ein Unſchuldiger, wenn er als„untreu⸗ dem Kaiſer“ be⸗ zeichnet war, aber Weiber und Kinder durchgängig ge⸗ ſchont, Raub und Brandlegung fielen anfangs gar nicht vor; erſt ſpäter, als ſich der Bewegung ſchon bösartigere Elemente anſchloſſen, oder wenn ſich die Bewohner der Edelhöfe hartnäckig vertheidigten, wobei auch einige Frauen thätigen Antheil nahmen, traten Ausnahmen ein, es wurde dann Feuer angelegt, geplündert, und bei ſolchen Veranlaſſungen ſind auch, wiewohl höchſt ſelten, Frauen mißhandelt worden. Graf R. flüchtete mit ſeiner Frau und ſeinem Knaben. Auf der Landſtraße hielten ihn die Bauern an, hießen ihn ausſteigen, und als ſie in ihm einen der Hauptinſurgentenführer erkannt hatten, wurde er mit Dreſchflegeln todtgeſchlagen, ſammt Kleidern, Uhr und Börſe wieder in den Wagen hineingelegt, und dem Kutſcher geheißen weiter zu fahren. Die Bauern hatten vortreffliche Notizen. Sie hielten nach Erſtürmung eines Sdelhofes ordentlich Gericht über„die Getreuen oder Ungetreuen“. Beim Grafen L., einem ehemaligen Officier und dem Kaiſerhauſe bekanntermaßen ſehr ergebenen Kavalier, ſchirmten ſeine Unterthanen deſſen Perſon, Familie und Vermögen, erſchlugen aber vor dem Hauſe zwei ſeiner polniſchen Beamten, und richtig, es fanden ſich in deren Wohnungen Vorräthe von Waffen und Munition. Bei M. wurde der Grundherr S. verſchont, aber der Pfarrer und Schenkwirth erſchlagen, und hier fand ſich auch das für die im Dorfe ſtationirte Militärmann⸗ ſchaft beſtimmte Gift. Auf dem von deutſchen Beamten nach Recht und mit Humanität verwalteten Gute Tuszow des Herrn v. E.(Bankier in Wien) bewachten die Gemeinden die herrſchaftlichen Vorräthe und verübten nicht den ge⸗ ringſten Unfug, ebenſo auf jenem des Freiherrn von B. Dasſelbe geſchah auf den Gütern des Grafen T., in Woynicz beim Grafen 3. und bei mehreren andern durch ihre Anhänglichkeit an Oeſterreich und ihre humane Behandlung der Unterthanen bekannten Grundherr⸗ ſchaften, und zwar gerade im Tarnower, Bochnier und Rzeszower Kreiſe, wo ſich das Landvolk am aufgeregteſten Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor zeigte. Die Gemeinden, durch ihre Ortsrichter mit Bei⸗ wirkung ausgedienter Kapitulanten geleitet, hatten ſich ganz militäriſch geordnet, hielten ſtreng Wache, machten Patrouillen und man hörte bei Nacht von Dorf zu Dorf das Blaſen der Wächter mit dem Kuhhorn, auf der Straße das Feldgeſchrei der mit Dreſchflegeln und Miſtgabeln bewaffneten Bauern. Und eben dieſe Bauern, an deren Dreſchflegeln und Miſtgabeln noch das Blut klebte, ließen ſich von jedem dazu geſendeten Beamten, von einem Korporal oder Gefreiten folgſam leiten, be⸗ fehligen und von jeder Ausſchweifung abhalten. Leider aber war es nicht möglich, ſchnell genug überall Re⸗ gierungsorgane hinzuſenden, um jedes Uebergreifen der einmal entwickelten. Bewegung zu hindern, dieſelbe in den Schranken der Nothwendigkeit zu erhalten und dadurch manches traurige Ereigniß zu verhüten. In Lyſagora bei Tarnow ſiel der Schuß, welcher zuerſt Dreſchflegel und Miſtgabel in Bewegung ſetzte. Dieſes ungefähr eine Meile von Tarnow befindliche Dorf war einer der vier Hauptſammelplätze, an welchen ſich die vier zum Angriff auf Tarnow beſtimmten Sturm⸗ kolonnen vereinigen ſollten. Tarnow war als der Haupt⸗ punkt auserſehen, welcher zum Foyer der Bewegung im weſtlichen Galizien dienen ſollte. Nach dem anfänglichen Plane ſollte dort ein Ball veranſtaltet werden, dem alle Civill- und Militärbehörden beigewohnt hätten. Die Damen ſollen die Aufgabe übernommen haben, die Officiere durch Aufforderung zum Tanz zu ent⸗ waffnen. Bei einem gegebenen Zeichen ſollten dann die anweſenden Polen über die Waffenloſen herfallen und ſie niedermachen. Zu gleicher Zeit wären die Truppen und die wenigen zurückgebliebenen Officiere in ihren Quartieren überfallen und vereinzelt, ohne Führer leicht bewältigt worden, während die vier Sturmkolonnen durch das Aufſteigen einer Rakete vom Gelingen des Anſchlages in Kenntniß geſetzt, auf Tarnow losgerückt wären und es beſetzt hätten. Den andern Tag hätte die Inſtallirung der revolutionären Regierung mit dem Blutgerichte begonnen, als deſſen Opfer zunächſt die oberſten Regierungsbehörden, der Kreishauptmann und die andern übrig gebliebenen Beamten im voraus be⸗ zeichnet waren, die am nächſten Morgen als die erſten Früchte am blühenden Freiheitsbaume aufgeknüpft wer⸗ den ſollten. Dann ſollte das neue Gouvernement in Funktion treten. In Bochnia, Rzeszow, auch in Lem⸗ berg, Stry, Tarnopol ſollte nach demſelben Plane gleichzeitig die Bewegung auf dieſelbe Art losbrechen und ſonach mit einem Schlage die politiſche Admini⸗ ſtration und die militäriſche Gewalt in ganz Galizien vernichtet werden. Allein durch vielfache Andeutungen aufmerkſam gemacht, und durch die Ereigniſſe in Poſen gewarnt, hatte die Regierung, deren Milde und Gerechtigkeits⸗ liebe bis jetzt jede gewaltſame Präventiv⸗Maßregel zu⸗ wider war, mehrere Arreſtationen vornehmen zu müſſen geglaubt, und die Verſchworenen beſchloſſen daher, die Ausführung ihres Planes zu beſchleunigen, um den Be⸗ hörden keine Zeit zu laſſen, ſich auf den projektirten Angriff vorzubereiten. — Bei⸗ ſich ichten Dorf f der und auern, Blut amten, n, be. Leider 1 Re⸗ en der be in und Haupt⸗ ung im glichen 1, dem hätten. er leicht olonnen gen des gerück ätte die it dem hſſt die inn und aus be⸗ e erſten pft wer⸗ nent in in Lem⸗ Plant bbrechen Amini⸗ Galizien Ein Brief aus Galizien vom Jahre 1846. Einige von ihnen begaben ſich zuerſt nach Pilsno, wo ſie den als der öſterreichiſchen Sache ergeben be⸗ kannten Bürgermeiſter ermordeten, Poſtpferde requi⸗ rirten und ſich dann nach Lyſagora, wo eine größere Anzahl bewaffneter Inſurgenten, Edelleute mit ihrem Anhange, Verwalter und einige Geworbene ſie erwar⸗ teten, wendeten. Dort waren auch die Bauern unter dem Vorwande irgend einer Dominikal⸗Leiſtung in Maſſe hinbeſtellt. Aber ſchon im Vorhinein durch dieſe bereits länger dauernden Umtriebe beunruhigt, und durch die Plünderung und Mord fürchtenden Juden angeſtiftet, hatten die Landleute ſich nach Tarnow be⸗ geben und um Schutz und militäriſche Aſſiſtenz gebeten. Die Zahl der Truppen aber war zu gering, um Tarnow zu entblößen, und es wird den Bauern der Beſcheid gegeben:„nach Möglichkeit ſich von allen dieſen Um⸗ trieben fern zu halten, und im Nothfalle es zu ver⸗ ſuchen, gewaltſamen Maßregeln mit Gewalt ſich zu widerſetzen.“ Die Aufrührer verſuchten Anfangs die verſammelte Maſſe des Landvolkes durch Ueberredung und Verſprechungen von Aufheben der Dominikal⸗Lei⸗ ſtungen und ſonſtigen Laſten zu gewinnen und zur Mithilfe zu bewegen. Eben ſo fruchtlos wandten die anweſenden Geiſtlichen ihren Einfluß an, im Namen der, nach ihrer Ausſage unterdrückten Religion, die Bauern in Bewegung zu ſetzen. Ein paar ausgediente Kapitulanten und einige Ortsrichter nahmen das Wort und verweigerten im Namen ihrer Genoſſen jede thä⸗ tige Mitwirkung zu einem Aufſtande gegen„den guten Kaiſer“— da wollten die Inſurgenten terroriſtiſche Maßregeln anwenden, und einer derſelben(ich glaube, es war Graf W...) zog die Piſtole aus dem Gürtel und ſchoß den„Raiſonneur“, wie er ihn nannte, vor den Kopf. Ein anderer Verſchworner feuerte ſein Dop⸗ pelgewehr auf den Bauernhaufen ab. Das war das Signal zu der Reaktion. Die Bauern, ſtatt ſich er⸗ ſchrecken und imponiren zu laſſen, fielen über die Ver⸗ ſchworenen her, erſchlugen ihrer ſechsundzwanzig auf dem Flecke und trieben die andern in den Edelhof, wo ſie ſich vertheidigten, indem ſie aus den Fenſtern her⸗ ausfeuerten. Bald aber erſchien die von Tarnow ent⸗ ſendete Eskadron des Grafen Thurn von Kaiſer⸗Che⸗ veauplegers und nahm die noch verſchonten Inſurgenten in Empfang. Die Todten und Verwundeten wurden auf Wagen geladen und von den Bauern ſelbſt nach Tarnow gebracht. Erlauben Sie, daß ich Ihnen einige Züge an⸗ führe, welche, wie die Schattenſtriche in einem Ge⸗ mälde, vielleicht am meiſten dazu dienen, die eigen⸗ thümliche Phyſiognomie dieſer Begebenheit zu be⸗ zeichnen. In Pilsno ſah ich einen Haufen Bauern ſtehen. Bei meiner Annäherung(ich war in Uniform) grüßten ſie mich ehrerbietig, und wären nicht die Dreſchflegel in ihren derben Händen geweſen, man hätte ſie für ganz friedliche Supplikanten gehalten, welche irgend eine Gemeinde zur Abhaltung einer Pachtlicitation ab⸗ geſendet haben dürfte. Auf meine Frage, was ſie eigentlich da machten, antworteten ſie:„Wir haben Erinnerungen, LXXXII. 1861. Polen gebracht“(Polakow).—„Wie das— Polen,“ erwiederte ich;„was ſeid denn Ihr?“—„Wir, wir ſind keine Polen, wir ſind kaiſerliche Bauern.“—„Wer ſind denn alſo die Polen?“—„Ah,— Polen!— Das ſind die Herren, die Verwalter, die Schreiber, die Gelehrten, die wohlgekleideten Herren,— wir aber ſind Bauern(Chlapy), kaiſerliche Bauern!“— Iſt dieſes Geſpräch nicht ſchon an und für ſich die Charakteriſtik des ganzen Vorganges? Bei Wadowice begegnete ich einem Transporte Arreſtanten, welche bei Podgorze in Gefangenſchaft ge⸗ rathen waren.— Es waren an dreißig, meiſt junge Geiſtliche und Kleriker darunter;— einer antwortete auf meine Frage: warum ſie ſich der aus Krakau her⸗ beigekommenen Freiſchar angeſchloſſen hätten?—„Um für die unterdrückte katholiſche Religion zu beten, und im Nothfalle zu fechten!“— Nun ſehen Sie, werther Freund, ich begreife, daß in einer polniſchen Bruſt ein polniſches Herz ſchlägt, und dieſes Blut im mächtigen Pulsſchlage durch den Arm ſtrömt, und ihn zum Kampfe zuckt. Ich würde, wenn auch auf mein eigenes Geheiß die Kugel dieſe Bruſt durchlöchert, das Herz in derſel⸗ ben achten!— Aber dieſer Geiſt der Lüge, durch wel⸗ chen man auch das Heiligſte zum untergeordneten Mittel eines fremden Zweckes zu machen ſtrebt, dieſes berau⸗ ſchende Opium⸗Gift, welches man der Jugend eintrich⸗ tert, das empört mich! Als ich in Tarnow mich aufhielt, fand eine Kir⸗ chenparade ſtatt. Mehrere Bataillone, aus kaum ein⸗ gerückten Urlaubern beſtehend, und eine Abtheilung des ſich während dieſer bewegten Epoche durch Tapfer⸗ keit, Ausdauer, Haltung beſonders auszeichnenden leich⸗ ten Reiter⸗Regiments„Kaiſer“ paradirten vor Sr. kaiſerlichen Hoheit dem Landes⸗Gouverneur. Außer dieſen Reitern, welche deutſches Volk ſind, und dem ſiebenbürgiſchen Regimente Graf Leiningen, beſtanden alle andern Truppen durchaus aus Polen, und gerade dieſe Truppen zeigten die größte Kampfbegierde— und Tag und Nacht ſah man in den Quartieren die neu eingerückten Urlauber ihre Waffen putzen, ſäubern, und Montur und Rüſtung ſo ſchnell als möglich in guten Stand ſetzen. Als die Truppen mit klingendem Spiele, mit der Hymne:„Gott erhalte den Kaiſer“ defilirten, was mußten da die Gefangenen hinter ihren Gittern fühlen und denken? Wohl hatten ſie Stoff und Muße, die Unhaltbarkeit der wahnſinnigen Täuſchung zu be⸗ trauern, in Folge deren ſie dieſe Maſſe von Trauer, Leid und Schmerz über ihr Land verhängt hatten. Aber die, welche es anzettelten, ſitzen nicht hinter dieſen Gittern, ſondern ſchmauſen, kritzeln, kritteln und intri⸗ guiren in Paris und London und ſpotten vielleicht der unglücklichen Verirrten, die hinter Riegeln oder auf dem Schmerzenlager ſchmachten!— Eine eigenthümliche Stellung in Galizien be⸗ hauptete das Judenthum. Die armen Juden waren in großer Angſt. Der Sieg der Revolution hätte ihr Leben und Eigenthum gefährdet. Die Juden in Gali⸗ zien repräſentiren eigentlich den Mittelſtand, denn in einer ſocialen Organiſation, wo es nur zwei Elemente, 24 11 1 1 Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. 186 Crinnerungen. den kriegenden Edelmann und den arbeitenden Fröh⸗ ner gab, fiel Alles, was in der Mitte liegt, Handel und Wandel, Induſtrie und Geldgeſchäft,— wohl auch Intelligenz und Geſchäftsſinn in ihren Bereich. Durchaus der Regierung zugethan, aber doch zu furcht⸗ ſam zu einer poſitiven Handlung, wußten ſie doch den Maßregeln der Regierung durch ihren Einfluß viel Vorſchub zu leiſten und jenen der Verſchworenen zu hemmen. Das Judenthum in Galizien iſt eine mächtige Potenz,— es iſt durchaus konſervativ, und hat das Bewußtſein, daß die ſogenannte Juden⸗Emancipation, wenn ſie mit allen ihren Folgen durchginge, die Macht des iſraelitiſchen Princips in Galizien durch innere Auf⸗ löſung mehr ſchwächen, als eine Verbeſſerung herbei⸗ führen würde. Es wurde in meinem Beiſein ein Veaihtweceß angehalten und von den Grenziägern viſitirt, die eröffneten Fäſſer zeigten ſchöne Orangen in Schichten gepackt. Schon war man Willens die Fäſſer wieder zu ſchließen, als ein dabei ſtehender Iſraelit kläglich wim⸗ merte:„Haben Se den Kern nit geſehen,— der macht Geimen(Schmerzen)!“ Dadurch dufneitian gemacht, unterſuchte man genauer, und— ſiehe da— unter den Orangen funkelten bald die geſchliffenen Senſen⸗ klingen heraus. In Krakau fand ich lebhaftes Truppengewimmel. Der Tſcherkeſſe und Koſak, der preußiſche Uhlane oder Landwehrmann, der öſterreichiſche Reiter und Muske⸗ tier wanderten wieder, was ſeit dreißig Jahren nicht geſchehen, neben einander, und ihre Poſten löſten ſich mit derſelben Parole ab. Ob es von den Polen klug war, ſich zum Magnet zu machen, der die Lanzenſpitze des ruſſiſchen Koſaken, das preußiſche Bajonnet und den öſterreichiſchen Pallaſch wieder in einen gemein⸗ ſamen Eiſenring ſchmiedet, laſſe ich Sie ſelbſt beur⸗ theilen. Krakau ſprach mich wehmüthig an. Der Eindruck, welchen ich empfand, war jenem ähnlich, der mich in Venedig befängt. Hier und dort ſtehe ich an Rieſen⸗ gräbern der Zeit. Auch Krakau iſt eine Königswiege und ein Heldenſarg,— ja! der Sarg eines ganzen Volkes! Ich begreife den wehmüthigen Blick des Vene⸗ tianers, der vom Palazzo Mocenigo und von der Piazza St. Marco hinausſtreift auf die Lagunen!— ich verſtehe das geſenkte Haupt des Polen in der Gruft, wo Sobieski's, Kosciusko's und Poniatowski's Helden⸗ aſche ruht!— Jedes Volk, wie jeder einzelne Menſch denkt dabei an die geheiligte Aſche der Vergangenheit, die er ſelbſt begraben hat!— Aber eben deßhalb muß man von den Gräbern wieder hinaufblicken in das grünende, wogende Leben, und ſeine Thatkraft nicht an Mauſoleen und in Nekropolen verdorren laſſen. Ich ſtieg auf das Krakauer Schloß, einige ver⸗ palliſadirte Tambours und die auf die Stadt gerich⸗ teten Geſchütze machten die alte Jagellonen⸗Burg zu einem Zwing⸗Krakau. Dies iſt die Sühne für unſere, im Krakauer Freigebiete hinterliſtig überfallenen und meuchleriſch gemordeten Soldaten und den tapfern Lieutenant Begg von Kaiſer⸗Cheveauxlegers, der nach heldenmüthiger Gegenwehr von dem Blei der Mörder fiel.— Sein Kamerad, Lieutenant Berndt, gleichfalls meuchleriſch überfallen, hatte noch Zeit ſein Roß zu be⸗ ſteigen, und nachdem er mit Piſtolen und Säbel ſechs ſeiner Angreifer erlegt hatte, gelang es ihm, trotz eines Schuſſes durch den Unterleib— mehrere Kugeln hatten Mantel, Sattel und Helm durchlöchert— ſich durchzu⸗ hauen, den langen Ritt bis Krakau— etwa drei deutſche Meilen, trotz ſeiner zahlreichen Verfolger, glücklich zu⸗ rückzulegen, und als er von den Letztern beinahe ſchon umringt, den vorgezogenen Schlagbaum am Krakauer Thore erreicht hatte, durch einen kühnen Sprung den⸗ elben zu überſetzen, und auf dem Platze ſich der aufge⸗ ſtellten Infanterie anzuſchließen, wo er aber, durch An⸗ ſtrengung und Blutverluſt erſchöpft, vom Pferde ſank. Vom Krakauer Schloſſe bot ſich eine weite Aus⸗ ſicht dar. Mein Blick folgte dem krummen trägen Laufe der Weichſel, die zwiſchen ſchlammigen Ufern nach dem Norden ſich wälzt. Gegen Südoſt ſtiegen über die Kar⸗ pathen dichte Nebel auf, und im Weſten war die Sonne längſt hinabgeſtiegen am trüben Horizont, und kaum ein fahler röthlicher Schimmer bezeichnete, daß ſie da⸗ geweſen! Da blickte mein Auge zu den Sternen, die eben heraufſtiegen und durch die Nebel blinkten. Und ich erkannte, daß nur der, welcher aufrichtig emporſchaut, aus all dieſem Schlamm, Moder und Nebel nach dem ewigen Himmel, dort Beruhigung und die Löſung jener Probleme findet, welche ohne dieſe Beleuchtung in der Geſchichte der Völker ſowie in jener der einzelnen Menſchen für Verſtand und Herz ſtets ein dunkles unauflösbares Räthſel bleiben würden.“ (Eur.) Der Kamin im Juſtizpalaſt zu Brügge. ie alte Stadt Brügge bewahrt eins der ſchönſten —PDenkmäler der Holzſchnitzerei, und zwar iſt dies ein Kamin, der ſich in dem ſeit 1722 zum Juſtiz⸗ palaſte umgewandelten Schloſſe der Grafen von Flandern befindet. Man muß die Mannigfaltig⸗ 88 keit und den Reichthum dieſes außerordentlichen Werkes ſelbſt ſehen, um ſich eine richtige Vorſtellung machen zu können, welcher Vollendung die Kunſt der Holzſchnitzerei überhaupt fähig iſt. Der Kamin hat einen Flächenraum von hundert Quadratellen. Statuen in Lebensgröße, einige von koloſſalen Verhältniſſen; Karha⸗ tiden, Medaillons, Säulen, Ornamente, Kranzleiſten und Wappenſchilder ſind ſämmtlich aus Eichenholz ge⸗ ſchnitten und nur die vier Basreliefs, we lche die Ge⸗ ſchichte der Suſanna darſtellen, beſtehen aus weißen Marmor. Das Kunſtwerk wurde im Jahre 1529 z Ehren Kaiſer Karls des Fünften errichtet, deſſen Stati auch den Mittelpunkt des Kamines einnimmt. Zu ſein Linken erblickt man Karl den Kühnen, Herzog ve Burgund, und Margaretha von Jork, deſſen Gemali — ——— — — — öß eines n haten durchzu. deutſche Klich zu. ihe ſchon Krakauer ung den⸗ er aufge. rch An⸗ de ſank. te Aus⸗ en Laufe lach dem rügge. ſchönſten iſt dies m Juſtiz⸗ orſtellung Kunſt der hat einen tataen in m⸗Karha⸗ ranzleiſten enholz ge⸗ e die Ge⸗ weißen 1529» en Statl Zu ſein zog be Gemal —— —— ——y . Feuilletaon. Gemeinnütziges. Einzelne Gemeinden Belgiens haben den Gebrauch der Hunde zum Ziehen, der in Belgien ſehr verbreitet iſt, ganz verboten, andere, wie Brüſſel, den Gebrauch auf einen Hund auf ein Gefährt beſchränkt. Wenn es auch nicht unwahrſcheinlich iſt, daß die Tollheit der Hunde eine ihnen eigenthümliche, von ſelbſt entſtehende Krankheit iſt und nur durch Anſteckung verbreitet wird, ſo iſt doch thatſächlich, daß, wo die Hunde zum Ziehen benutzt wer den, Ausbrüche der Tollheit weit häufiger vorkommen. Die Wiener Polizeidirektion hat eine Kundmachung erlaſſen, welche die allgemeinſte Nachahmung verdient: ſie hat nämlich das Fenſterputzen bei eingehängten Fen ſtern in Halb⸗ oder höheren Stockwerken ſtreng unterſagt. Zum Behufe des Putzens müſſen die Fenſter immer von verläßlichen männlichen Perſonen erſt ausgehängt werden. Lebensquelle. In Ivanda(tarantaler Komitat Ungarns) iſt eine Quelle von Bitterwaſſer, die als ſpeci fiſches Heilmittel gegen Milzanſchwellungen nach Wechſel⸗ fiebern mit Erfolg gebraucht wird. Dieſe Krankheitsform tritt in jenen Gegenden häufig auf und wohlthätig hat die Natur auch die Arznei dagegen unmittelbar nahe gelegt. Aerzte von Ruf in Wien und Peſt verordnen jetzt dieſes Waſſer häufig bei ſolchen Leiden. Statiſtiſches. 4 Vom Jahre 1800 bis 1849 ſind in Spanien von ſogenannten poliſchen Verbrechern 188 gehängt, 206 er⸗ droſſelt, 30 erſchoſſen und 36 auf martervolle Weiſe hin⸗ gerichtet worden, zuſammen 460. Der Verbrauch der Melonen war in dieſem Jahre in Frankreich ein außerordentlich großer. So hat ein ein⸗ ziger Ort, das Städtchen Cavaillon im Departement Vaucluſe, heuer 1,063.093 rothe Melonen, 4,205.776 grüne und 168.828 Waſſermelonen verkauft. Da dieſelben im Durchſchnitt 2 ½ Fres. das Dutzend verkauft werden, gibt dies eine Summe von 1,132.847 Fres. Profeſſor Anſted hat eine Statiſtik der Erdbeben herausgegeben, in welcher er nachweiſt, daß die Zahl der Erderſchütterungen ſeit dem ſechzehnten Jahrhundert das Vierfache von dem beträgt, was für die früheren Jahr⸗ hunderte feſtgeſtellt iſt. In den jüngſten Jahren hat man 320 Erdbeben beobachtet, ſo daß allemal eins auf den neunten Tag fällt. Dabei iſt es jedoch tröſtlich, daß die Heftigkeit dieſer Naturerſcheinung abgenommen hat, wäh rend die Häufigkeit größer geworden iſt. Die erſte deutſche Sprachlehre ſchrieb Valentin Ickelſamer im ſechzehnten Jahrhundert unter dem Titel: Deutſche Grammatika, daraus einer von ihm ſelbſt mag leſen lernen. Die erſte deutſche Monatsſchrift erſchien durch Chriſtian Thomaſius unter dem Titel: Freimüthige, jedoch vernunft⸗ und geſetzmäßige Gedanken über Allerhand, fürnehmlich über neue Bücher auf die Jahre 1688 bis 1690. Halle 1690. Auflagezahl der Wiener Zeitungen. Die in Wien erſcheinenden Zeitungen haben dermal folgende Auflagen: Preſſe 29.000, Morgenpoſt 12.600, Fremdenblatt 10.000, Vorſtadt⸗Zeitung 9800, Wiener Zeitung 6000, Neueſte Nachrichten 4000, Wanderer 3400, Allgemeine mediciniſche Zeitung 3000, Oſtdeutſche Poſt 2800, Volksfreund 2800, Mediciniſche Wochenſchrift 2400, Gerichtshalle 1900, Fort⸗ ſchritt 1800, Gegenwart 1600, Militärzeitung 1100, Tri⸗ büne 1000, Donau⸗Zeitung 750, Kirchenzeitung 700, Au⸗ ſtria 610, Oſt und Weſt 550, Theaterzeitung 300, Volks⸗ wirth 280. Die größte aller Reſidenzen dieſer Welt muß ohne Zweifel der Vatikan in Rom ſein, der nach Angabe faſt aller Quellen nicht weniger denn 11.000 Säle, Zim⸗ mer cz enthält. Eun wahrer Gegenſtand des Neides für jeden eifrigen Bibliothekar muß die Bibliothek des britiſchen Muſeum ein. Ihr jährlicher Zuwachs an Büchern be⸗ trägt 20—30 Tauſend Bände. Rings um den Leſeſaal iſt ein eiſernes Gehäuſe aufgeführt, welches 1,400.000 Bücher jeden Formats aufnehmen kann. Im heurigen Jahre ſind für Anſchaffungen von Büchern 10.000 Pfd. St., von Handſchriften 2600 Pfd. St., für das Einbinden von Büchern 7500 Pfd., für das Einbinden von Hand⸗ ſchriften 900 Pfd., für Bücherkäſten 6030, für Handſchrif⸗ tenkäſten 190 Pfd., für den Druck von Bücher⸗ und Hand⸗ ſchriftenkatalogen 500 Pfd. ausgeſetzt. Abgeſehen von dieſen rieſigen Dotationen, wie ſie wohl keine zweite Bibliothek der Welt beſitzt, erhält das Muſeum noch beſondere Sum⸗ men, ſo oft ſich Gelegenheit bietet, irgend eine werthvolle Sammlung zu kaufen. Die Bücher, alle ſolid, mitunter . 190 Erinnerungen. prächtig eingebunden, ſtehen theils in Glaskäſten aus Ma⸗ hagony mit Meſſingleiſten, theils in eiſernen Käſten; Bretter, auf denen ſie ſtehen, ſind mit Leder beſchle damit die Einbände beim Herausnehmen nicht leiden, u alle Bücher im Innern des Hauſes werden auf niedri Wagen transportirt, die ebenfalls mit Lede gefüttert ſi Die Diener dürfen nie mehr als einen Band in der Hand tragen, damit ſie die Bücher nicht Fallen laſſen können. Eigenthümlich iſt die Art der Aufſtellung, die Bücher werden nämlich nicht nach Klaſſen und Inhalt ſondern nur nach dem Datum des Einreichens und dem Format geſtellt— weil dadurch angeblich bei ſorgſamer Führung des Katalogs das Auffinden erleichtert wird Humoriſtiſches. In den meiſten Menſchen ſind Egoismus und Mildthätigkeit wie Eſſig und Oel, immer getrennt, und wenn auch eine plötzliche Rührung ſie einmal vermiſcht ſo gehen ſie doch ſofort wieder auseinander. Die Frau eines Landedelmannes ſtürzte während Spazierrittes vom Pferde und verlor dabei ihr Der Nachbar des Witwers, welcher eine böſe Frau hatte, fragte Letztern, ob er ihm das Pferd nicht abtreten wolle.— Ldun mir leid,“ antwortete dieſer; „ich gedenke mich ſelbſt wieder zu vermälen.“ Was würdeſt Du thun— fragte ein flotter Inng⸗ geſell den andern— wenn Du eine Glatze bekämſt?— eines Leben. Ich würde meine ausgehenden Haare zu einer Perücke umwandeln laſſen, um meiner Braut ſagen zu können, daß ich mein eigenes Haar trage. Ein Richter ſagte zu einem Verbrecher:„Ihr ſeid uunmehr zum Tode verurtheilt und ich hoffe, daß Euch dies zur Warnung dienen wird.“ Es iſt erfreulich, eines Mannes Geſicht geröthet zu ſehen, aber es iſt ein übles Zeichen, wenn ſich die Röthe auf der Naſe koncentrirt Jemand erzählte, daß er einſt dabei geweſen ſei, wie ein Wallfiſch von achtzig Centner Schwere gefangen worden ſei, der mindeſtens neunzig Centner Thran ge liefert habe. „Meine Herren,“ weniger als ſagte ein nichts w geläufig vortragender geiſtlicher Profeſſor zu ſeinen Hörern in einer moraliſchen Vorleſung,„verſchließen Sie Ihr Ohr üblen Reden!“— Die Studenten hielten ſofort ihre Ohren zu. Eine Dame tadelte gegen eine Bauersfrau die fleckige Farbe ihrer Butter, welche auf Verfälſchung zu deuten ſchien.„Ganz natürlich, Madamchen,“ ſagte Bäuerin,„die Butter iſt ja von einer fleckigen Kuh.“ auf gab ſich die Dame zufrieden. Vermiſchtes. Unter den vielen Naivetät eines Bänkelſängers. Mordgeſchichten, Leierkaſtenmännern und Abſingern von die ſich alljährlich auf der sdener zuſtellen pflegen, verſammelte diesmal ein aus Berlin herübergekommener B. onders zahlreiches Audi⸗ Barde ein torium um ſich. Der Mann ſang aber auch gar zu ſchön 5 hre „Vog und ſeine Lieder waren klaſſiſch in ihrer Art. Sao ſchilderte das Eine die Geſchichte des baieriſchen Hieſels und darin kam wörtlich folgender Vers vor. Er hatt' auf dieſer ſchönen Welt Nicht einen einz'gen Dreier Geld Darum erſchlug er dieſen Mann; kann!“ daß in Deutſch nach Hofvor Aber . Ein Jeder nährt ſich, wie er Es iſt noch gar nicht lange her, land ein Beamter, der ſeinen Bart nicht ſchrift ſchnitt, ſeine Stelle verlieren konnte. Illuſt rirte Blätter für Ernſt und Humor. wieſe“ ein⸗ vom größten Einfluß war w ein Bart einſt in Frankreich Die geiſtlichen Fürſten eiferten einſt ſo lange gegen das Tragen langer Haare und der Bärte, daß Ludwig der Siebente ſich aus verkehrter Frömmigkeit entſchloß, ſich Bart und Haupthaar ſcheren zu laſſen. Seine Gemalin die ſchöne Cleonore von Guyenne, liebte jedoch den vollen Bart des Königs und verſpottete Letztern nach der Raſur dermaßen, daß Ludr wig ſich von ihr ſcheiden ließ. Eleonore heiratete nun Heinrich von der Normandie, dem ſie ihre großen franzöſiſchen Beſitzungen zubrachte, und als Hein⸗ rich bald darauf den engliſchen Thron beſtieg, fielen die ſchönſten Provinzen Frankreichs an England. Vor Kurzem war in Berlin plötzlich ein drei Jahre altes Kind geſtorben, deſſen Todesart von zwei herbeigerufenen Aerzten und der Mutter nicht hatte an⸗ gegeben werden könne n. Bei der Obduktion ſtellte ſich heraus, daß das Kind einen Sophanagel mit einer kurzen Spitze und einem breiten Kopfe verſchluckt hatte, und daß dieſer Nagel die Todesurſache war Am 11. Auguſt iſt in Brüſſel Krankenhauſe ein Arbeiter, Namens Alter von 113 Jahren geſtorben. Der Eiſenbahnzug von Weſel hatte kürzlich die Lippebrücke paſſirt und brauſte mit großer Schnelligkeit daher. Als er ſich eben dem Dorfe Spellen gegenäber befand, bemerkt der Zugführer auf der Bahn ein Kind, welches etwa zwei Jahre alt war. Augenblicklich gibt er⸗ das Zeichen zum Bremſen; allein es gelingt nicht, den im iſraelitiſchen Pollack, in einem Zug ſobald zum Stehen zu bringen. Das Kind fällt zwiſchen die Schienen und der Zug fliegt über dasſelbe hin. Bald nachher hält derſelbe. Man ei ilt zu dem Kinde, man zermalmt am Boden zu finden glaubt, und in demſelben Augenblicke bei demſelben an als rt vom Boden erhebt.. 7 emerkwürdige Aeußerung über die erſten Eiſenbahnprojekte in England theilt das„Panorama“ aus dem„Quarterly Review“ vom Jahre 1825(einer der anerkannteſten wiſſenſchaftlichen engliſchen Zeitungen) mit ir ſind ni cht die Befürworter phantaſtiſcher In ſtitute, lche ſich auf nützliche Inſtitute beziehen. Wir verſpotten die Idee einer Eiſenbahn als praktiſch unaus⸗ führbar! Gibt es etwas Abſonderes und Lächerlicheres, ls die ausgegebenen Projekte einer Lokomotive, welche zweimal ſo ſchnell gehen ſoll, als die Poſt? Eher ließe ſich erwarten, daß ſich die Bevölkerung von Woolwich (wo die Laboratorien für die engliſche Artillerie ſich be⸗ finden) auf Congreve'ſchen Raketen fortfeuern läßt, als daß ſie ſich der Gnade einer mit ſolcher Geſchwindigkeit gehenden Maſchine übergibt.“— Leider hört man der artige vorlaute Urtheile noch heutzutage über neue wichtige Fortſchritte, unerwartete Erfindungen ac., der beſchränkte Verſtand der Menſchen in ihrer Mehrzahl deren Bedeutung und NMagtweite nicht ſogleich zu begreifen vermag. Hüte man ſich darum, über große Fragen ab⸗ zuurtheil en, bevor man zum Urtheile wirklich befähigt iſt. Es ſoll ſich beſtätigen, daß die Stadt Mendoza am 8. Juni durch ein Erdbeben völlig vernichtet worden iſt. Von 20.000 Bewohnern ſollen nur 400 die Kata⸗ ſtrophe überlebt haben, auch meiſt verwundet. Kürzlich ſchwang ſich in Wien ein Gauner, als Kondukteur verkleidet, rückwärts auf einen Omnibus und forderte den Paſſagieren das Fahrgeld ab. Nachdem er die„Zehnerln“ einkaſſirt hatte, verſchwand er eben ſo ſchnell wieder, als er gekommen war. Natürlich verlangte der Kutſcher von den Ausſteigenden abermals die T wodurch ſich erſt die ganze Geſellſchaft überzeugte, daß ſie von ein fahrenden Induſtrieritter“ geprellt worden. Im Gefängniſſe zu Queensbeuch in England be⸗ findet ſich ein Schuldgefangener, der im Nahre 1814 in Haft gebracht wurde und alſo ſeit 47 Jahren ſitzt, weil er kein Geld hat, ſeine zläͤnbiger zu bezahlen! Bei Gelegenheit den Begründung des proteſtan⸗ tiſchen Guſtav⸗Adolf⸗Vereins in Wien dürfte es intereſſant ſein, daran zu erinnern, daß in der Lorettokapelle in der welches kommt es ſich aber Taxe, —— — 1 emalin, den vollen Raſut d ein drei don mot von zwei dasſel n Kinde, tungen) cher Iu⸗ mn. Wir ſch unaus⸗ cherlicheres, welche „ Ehet ließe Woolwich ſih be⸗ äßt, als vindigkeit man der⸗ I., weil Nehrzahl begreifen Fragen ab⸗ vefähigt if. at Neldozt htet worden 00 die Kata⸗ 5 Fauner, Ils Omnibus und —Nachdem er en j dortigen katholiſchen Auguſtinerkirche unter den vielen Opfergaben, welche ſich daſelbſt befinden, der Ring auf⸗ bewahrt iſt, welchen der bei Lützen in der Schlacht ge⸗ bliebene große Schwedenkönig Guſtaf Adolf am Finger trug und welchen Kaiſer Ferdinand II. zum ewigen Ge⸗ dächtniß an einer goldenen Kette dem marianiſchen Gna⸗ denbilde in dieſer Kapelle mit nachſtehender in einer gol⸗ denen Tafel eingegrabenen Inſchrift anhing:„Dieſen Ring hat gehabt Guſtavus, König in Schweden, ſo den 16. No⸗ vember 1632 in der Schlacht bei Lützen von der kaiſer lichen Armatur geblieben.“ Die Wiener„Mediciniſche Zeitſchrift“ erzählt, daß die neugeborenen Kinder im Wiener Gebärhauſe als Findlinge verpflegt werden; aber nur katholiſche Mütter dürfen ihre Kinder dort ſehen: einer Jüdin wird das Kind weggenommen und, ſelbſt gegen deren Willen, ge tauft, worauf ſie es nie mehr wieder ſieht. Koſſak entwirft in ſeinen„Berliner Federzeich⸗ nungen“ folgendes ſatyriſche Bild der Gaſthofprellereien, denen heutzutage die Reiſenden ausgeſetzt ſind:„Die Reiſewuth der Reſidenzler iſt in fortwährendem Wachs thum begriffen. Es ſoll ſich daher ſchon ein Verein von Gaſthofsbeſitzern in mehren vielbeſuchten und leicht zu er reichenden Gegenden gebildet haben, der, aus Furcht vor Ueberfluthung und aus Beſorgniß, die gerechten Wünſche der Gäſte deßhalb nicht befriedigen zu können, dieſe Reiſe⸗ uth auf ein beſcheidenes Maß zurüͤckführen will. Da es lich für Hötel⸗Beſitzer nicht ſchicken würde, anlangende Fremde mit dem Bekenntniſſe, ſie nicht mehr anſtändig beherbergen und bewirthen zu können, von der Thür weg⸗ zuſchicken, ſo haben dieſe verſtändigen Männer ein feines Mittel erſonnen, die unbeſonnenen Touriſten von ihrer Epidemie zu heilen. Mit der größten Bereitwilligkeit neh⸗ men ſie Jeden auf, der bei ihnen anklopft, und müßten ſie ihn hinter dem Schornſtein, in der Speiſekammer, auf dem Billard oder im Hühnerſtalle unterbringen. Aus ihren Geſichtern ſpricht der beſte Wille, den Gaſt gut zu be⸗ handeln, aber im Hinterhalte ihres Innern lauert die weiſe Abſicht, ihm eine Lehre zu ertheilen. Er wird auf eine jämmerliche Weiſe beköſtigt, getränkt und gebettet, Niemand bekümmert ſich um ihn, und läutete er ſelbſt Sturm oder riſſe er die Klingelſchnur in Fetzen; naht aber der Moment der Rechnungslegung am Morgen, ſo ſuchen ſie bis auf den Grund ſeines Geldbeutels zu ge⸗ langen. Die erwähnte Liga von Hötel⸗Beſitzern legt es darauf an, einen Touriſten, der ſich für vier Reiſewochen eingerichtet hat, ſchon nach acht Tagen auf den Sand zu ſetzen. Für ſchlechte Stearinlichter, für Bedienung, die ſich gar nicht hat blicken laſſen, für elenden Cichorienkaffee mit einigen Biſſen Weißbrod werden förmliche Straf gelder angeſetzt, als hätte der Gaſt durch Genuß oder Gebrauch dieſer Koſtbarkeiten ein Geſetz des Staates ver⸗ letzt. Zuletzt müſſen ihn noch mehre Bettler von Haus knechten und Kellnern mit trinkgeldgierigen Geſichtern bis an den Wagentritt verfolgen, und wie Veelzebub lacht der kalkulirende Oberkellner dem gezüchtigten Touriſten nach. Dieſe Philoſophen haben es wirklich im Laufe des Sommers dahin gebracht, daß ihre Hötels im nächſten Jahre vor einer Ueberfüllung mit Reiſenden vollkommen ſicher ſein werden.“— In den Alpen der gräfl. Areo'ſchen Domäne Tarvis in Kärnthen zeigen ſich ſeit einiger Zeit unge⸗ wöhnlich viele Lämmergeier. Man ſieht ſie mit freiem Auge ober den Felſen haufenweiſe in den Lüften kreiſen. Bereits ein halbes Hundert Schafe ſoll von denſelben niedergeſtoßen worden ſein. Man veranſtaltete daher eine Jagd, wobei zwei der rieſigſten Stücke erlegt wurden. Jedes wog 18 Pfund und hatte eine Flugweite von 9 Schuh. 3 54 Liverpool wurden im St. Georges Dock neulich gelungene Verſuche mit einer neuen Art von Schwimm⸗ apparaten gemacht. Zwei Perſonen, die einen Schwimm⸗ rock anhatten, ſprangen in's Waſſer und hielten ſich darin, Eigarren rauchend und Bier trinkend, eine halbe Feuilleton. 191 Stunde auf. Ein Dritter ſetzte ſich auf einem kleinen Polſter zur Geſellſchaft und ſaß auf demſelben wie auf einem Stuhle. Der Vorzug dieſer Apparate ſoll darin beſtehen, daß ſie nicht aufgeblaſen zu werden brauchen. Ein Schwimmrock nimmt auf dem Leibe des Schwim⸗ menden nicht mehr Raum ein, als ein gewöhnliches Kleidungsſtück. Vom Geſchworenengericht zu London wurden kürzlich zwei achtjährige Knaben verurtheilt, die ein zwei⸗ jähriges Kind an einen abgelegenen Ort gelockt, dasſelbe nackt ausgezogen und es langſam getödtet hatten, um —zu ſehen und zu hören, wie ein Kind zappele und ſchreie, wenn es Todesſchmerzen leide! Die jugendlichen Mörder erhielten zwei Monate Gefängniß und fünf Jahre Korrektionshaus. In Minizan(in Frankreich im Departement des Landes) wird Folgendes gemeldet: Als ſich vor Kurzem mehre Damen am Ufer des Mceres badeten, kam plötzlich eine mächtige Woge, welche ſechs von ihnen wegriß und in das offene Meer hinausführte. Auf ihre verzweifelten Angſtrufe ſtürzte ſich ein Herr Milhas, welcher in der Nähe gebadet hatte und deſſen Frau ſich unter den Fort⸗ geriſſenen befand, in das Waſſer. Kaum hatte er ſich der verhängnißvollen Stelle genähert, als er ſich von einer der Frauen mit der letzten Kraft der Verzweiflung an beiden Armen gepackt ſah, und nur mit der größten Mühe gelang es ihm, wieder Herr ſeiner Bewegungen zu werden. In demſelben Augenblicke fühlte er einen Körper unter ſeinen Füßen durchſchwimmen. Raſch tauchte er unter das Waſſer, und es gelang ihm auch, noch eine andere Dame zu ergreifen. Herr Milhas befand ſich jetzt in einer verzweifelten Lage: er wußte, daß ſeine Frau mit fort⸗ geſchwemmt worden war, und doch konnte er die beiden Damen, welche er in den Händen hatte, nicht ihrem Schickſal überlaſſen. Da, plötzlich, ſieht er ſeine Frau ganz in ſeiner Nähe zum Vorſchein kommen, raſch greift er nach ihr und iſt ſo glücklich, ſie zu faſſen. Er verſuchte nun, mit ſeiner dreifachen Laſt an's Ufer zu ſchwimmen, aber da dies unmöglich war, ſo ließ er eine der Damen an einer etwas geſicherten Stelle zurück und rettete die beiden übrigen. Kaum aber waren ſie am Ufer ange⸗ kommen, als eine zweite Woge die zurückgelaſſene Dame wieder in das offene Meer hinausführte. Der inzwiſchen herbeigeeilten Hilfe gelang es jedoch, letztere zu retten; von den übrigen/ drei verunglückten Damen war keine Spur mehr aufzufinden. Vor 41 Juhren, am 15. Auguſt, waren drei Führer von Chamouny, welche eine Beſteigung des Mont⸗ blanc verſuchten, verunglückt. Am 15. Auguſt des heurigen Jahres fand man die Leichen dieſer Unglücklichen auf dem Boſſonsgletſcher. Einige Theile derſelben waren durch das Eis, in welchem ſie ſo lange gelegen, ganz gut er⸗ halten. Um den Pariſern die Mühe zu erſparen, eine Reiſe nach der Meeresküſte zum Gebrauch der Seebäder zu unternehmen, hat man eine am Pont⸗Royal vor Anker liegende Fregatte in eine See⸗Badeanſtalt umgewandelt. Das Seewaſſer wird jeden Morgen durch die Weſtbahn direkt von der Meeresküſte nach Paris gebracht und in der Nähe der Fregatte in ein großes Reſervoir geſchüttet. Röhren führen das Waſſer von dem Reſervoir nach den elegant eingerichteten Kajüten der Fregatte. Auch befindet ſich ein ſogenannter„Einathmungs⸗Saal“ auf dem Schiffe. In dieſem Zimmer wird durch ſinnreiche Vorrichtungen eine ſalzhaltige Luftſträmung hervorgebracht, die der At⸗ moſphäre an der Seeküſte bei einer vom Meere herwehen⸗ den leichten Briſe ganz gleich iſt. Eine echte Redakteurshochzeit wurde am 12. d. in Prag gefeiert. Der Bräutigam iſt Redakteur(Herr Emanuel Melis, Red. des„Dalibor“), die Braut iſt Re⸗ dakteurin(Frl. Anto ie Körſchner, Red. der„Lada“), die Traugng vollzieht 6 Redakteur(Sr. Hochw. Kanonikus P. Stulz, Red, d„Pozor“), der Brautführer iſt ein Redakteur(Dr(Sut n.zréger, Red. der„Närodni Listy“) 192 und die Trauung Redakteur der„Ziva“). Londoner Reklamenmacher. Es werden auch bei uns in Deutſchland alljährlich viele Tauſende für Zeitungs⸗ annoncen und gedruckte Anpreiſungen aller Art verwendet wir möchten z. B. blos wiſſen, mit welcher Summe für derlei Reklamen das Budget des„Braumeiſters“ Hoff in Berlin, des„alleinigen Eigenthümers des Hoff'ſchen Malz Extraktes,“ beſchwert iſt ſo toll, wie in England, ver fährt man hier zu Lande aber doch noch nicht, und unſere deutſchen Reklamenmacher verhalten ſich zu den engliſchen, wie Geizhälſe zu Verſchwendern. Man höre nur, was Dr Wynter in ſeinen„Curiosities of civilisation“ erzählt. „Profeſſor“ Hollowah, der Pillenfabrikant, verbraucht Jahr aus Jahr ein für Zeitungsannoncen 20.000 Thaler; der Schneider Nicholls, Erfinder der„Patenthoſe“, kommt nicht unter 30.000 weg; bei Heal und Sohn, den Bettſtellen fabrikanten, ſteigt die Summe ſogar auf 40.000 das Alles jedoch will noch kaum Etwas ſagen gegen das Beiſpiel von Moſes und Sohn, den Beſitzern des größten Modemagazins in London, ferner von Rowland und Sohn, den Macaſſarölfabrikanten, ſowie von Dr. de Jongh, dem Verfertiger des gereinigten Leberthrans. Jede dieſer drei Firmen gibt im Jahre durchſchnittlich 70 000 Thaler für Inſerate aus. Man kann daraus entnehmen, wie enorm ihr Abſatz ſein mag, aber auch wie gering die Herſtellungs koſten ihrer Fabrikate im Verhältniß zu dem Verkaufs preis ſein müſſen. Seit Aufhebung der Leibeigenſchaft in Rußland haben viele große Grundbeſitzer daſelbſt Verſuche gemacht, deutſche Koloniſten und Arbeiter einzuführen, die ihnen anſtatt ihrer unzuverläſſigen Leibeigenen die von denſelben bisher geleiſteten Robotdienſte verrichteten. Leider haben dieſe jedoch, wie zahlreiche Beiſpiele gelehrt haben, anſtatt der verſprochenen goldenen Berge dort das entſetzlichſte Elend gefunden und ſind völlig enttäuſcht, krank und hungernd, zum Theil nur durch die Beiträge der öffentlich aufgerufenen Mildthätigkeit in ihre Heimat zurückgeführt worden. Wir erinnern nur an die weſtphäliſchen Bergleute Noch ſchmachten im Innern Rußlands, namentlich in der Nähe Kalugas, zahlreiche deutſche Landsleute, von ge wiſſenloſen Agenten verführt, in der größten Noth und Abhängigkeit, in einer Art Sklaverei, Ohne Hoffnung auf Hilfe und Erlöſung aus ihrer Lage. Um jedoch ähnlichen Vorkommniſſen für die Zukunft möglichſt vorzubeugen, ſind jetzt, wie man hört, in Preußen da Behörden ange szeugen ſind Redakteure(J. U. C. Wäwra, Cas“, und Med. Dr. Greger, Redakteur des 7 wieſen worden, nicht nur durch öffentl enung auf dieſe von ihren Landsleuten dort geme itteren Er fahrungen aufmerkſam zu machen, ſe auch Die jenigen, welche ſich nach Rußland verd haben, vor efahren zu e Behörden lbſtverſchul Aushändigung ihrer Reiſepapiere warnen, denen ſie dort entgegengehen gänzlich außer Stande ſeien, ſie dann i deten Unglück zu entreißen. Dom Pouce f. Wer hätte nicht de Tom Pouce geſehen groß, weil er Jahrhunderts war vor en Admiral leinſte ſeines in Barnums zebens vielen den Tom Pouce Meweoiren eine Rolle ſpielt und Zeit ſ gekrönten Häuptern huldvoll Audienz rt hat, der ein nimmer müder Wanderer und ech agabund“ in Holtei'ſchem Sinn, die Welt auf un der zog und deſſen Name an der Donau, Rhein u be ebenſo be kannt war, wie an der Themſe Newa? Der arme Tom Pouce iſt nun todt! Ern niſt reich und glücklich, zuletzt aber gar arm und Sein ganzes Vermögen hatte er verloren, Krankheit ſeinen kleinen zarten Körper ergriffen, und ſo ſtark—·, ſich vielleicht Sei das Ende herbeiſehnend, in einem riſer Spitäler, welches ihm mitleidig die Thore gei atte. O Kedigirt unter Verantwortlichkeit des nn he Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor Das unvorſichtige Wegwerfen brennender Fidibuſſe hat abermals einen beklagenswerthen Unglücksfall nach ſich gezogen. Die ſechs Jahre alte Tochter eines Inſtru⸗ mentenmaches in Wien wurde am Sonntag Nachmittag von ihrem Vater in eine Tabak⸗Trafik geſchickt, wo eben einige Burſchen Cigarren anzündeten und die brennenden Fidibuſſe wegwarfen. Die Kleider der Kleinen fingen Feuer, das erſt gelöſcht werden konnte, als die ſchwerſten Brandwunden entſtanden waren. Das Fleiſch des linken Armes iſt bis zur Achſel verkohlt, dennoch war das un⸗ glückliche Kind am Montag Mittag noch am Leben, aber bewußtlos In einem franzöſiſchen Blatte theilt ein Hof⸗ journaliſt mit, das Lieblingspferd des kaiſerlichen Prinzen ſei eine Schecke: dies ſei auch die Farbe des Schlacht⸗ roſſes des großen Turenne geweſen. Einen Knaben von fünf Jahren mit Turenne zu vergleichen— der Mann verdient fünf Jahre Einzelhaft in Mazas. Am 3. September d. J. gaſtirte Hr. Wachtel im „Poſtillon von Lonjumean“ auf dem Friedrich⸗Wilhelm⸗ ſtädter Theater in Berlin. Mitten in der Vorſtellung mußte dieſelbe unterbrochen werden aus einer Urſache, die wohl ſelten vorkommen mag. Ein wolkenbruchartiger Re⸗ gen praſſelte mit ſolchem Geräuſch auf das Metalldach des Theaters, daß die Töne auf der Bühne und ſelbſt das gewaltige hohe C des beliebten Gaſtes dem Publikum unhörbar blieben. Es blieb nichts anderes übrig, als den Vorhang niedergehen zu laſſen. Nachdem der Regen vorüber war, nahm die Vorſtellung wieder ihren Fort⸗ gang. Der Sänger, der den Intendanten ſpielte, erſchien mit dem beluſtigenden Impromptu vor dem Publikum: „Entſchuldigen Sie, daß ich nicht früher gekommen; der heftige Regen hat mich aber abgehalten.“ Des Deutſchen Wandertrieb. In den Deutſchen ſteckte von jeher ein großer Wandertrieb. Aeneas Sylvius ſagte im fünfzehnten Jahrhundert von ihnen: iſt es wahr, wie man zu ſagen pflegt, daß da, wo Handel iſt, auch viel Geld iſt, ſo müſſen die Deutſchen ſehr reich ſein, denn der größte Theil derſelben iſt mit Gelderwerb und Handel beſchäftigt und zieht auf Handelsreiſen in der Fremde umher. Fliehend vor der Armuth, mit Höraz zu reden, über Klippen, durch Meere und Gluthen, kehren ſie nicht eher nach Hauſe zurück, als bis ſie reich gewor⸗ den ſind. Die beiden Knaben des Generals York, der zwölf⸗ jährige Heinrich und der ſechsjährige Louis, hatten einſt neben des Vaters Zimmer Unterricht; die offene Thür ließ wyn hören, daß die Geſchichte von Mucius Scävola, der die Hand in's Feuer ſtreckt, erzählt wurde. Nach der Stunde ſprach der Vater mit den Knaben von Mucius Scävola und deſſen Heldenmuth, und fragte ſie, was ſie wohl in ähnlichem Falle thun würden? Sie erwiederten: „Dasſelhe.“„So ſoll es verſucht werden,“ ſagte der ein Blatt Papier zuſammengeballt, Hein rich mußte die ausſtrecken er würde ſich vor dem Vater geſchämt haben, es zu verweigern— der Papierballen ward darauf gelegt, angezündet und Hein rich ließ ihn, ſo ſehr es auch ſchmerzte, niederbrennen bis in die Nun wurde Louis noch einmal gefragt; mit Thränen in den Augen blieb er bei ſeinem Wort. Es ward eine Papierkugel ihm in's Händchen gelegt und angezündet und auch er hielt ruhig aus, bis ſie ver brannt war. Der preußiſche Miniſter des Innern hat befohlen, daß die körperliche Züchtigung in Strafanſtalten immer nur ganz ausnahmsweiſe angewandt werden ſoll, und zwar nur in ganz erheblichen Fällen. Doch darf ſie allein gegen ſolche Sträflinge in Anwendung gebracht werden, die ihre bürgerlichen Ehrenrechte durch rechtskräftiges Er fkenntniß verwirkt haben. Vater. ward Hand Hand.