G2 Erfurt b Erinnerungen. Tllusfkrirte Tlätker kür Bonsk und Mumor. 82. Band. (Ein und vierzigſter Jahrgang) Heft V. Louiſe Mennier. Von P. D. (Tortſetzung.) Tde neue Stelle war Anfangs leichter als ich gehofft. Fräulein Delphine Savenay zählte kaum ſiebzehn Jahre; wie an Jahren ſo war ich ihr auch an Talent überlegen; ich muſicirte ſchon und malte Aquarell⸗ und Miniaturbilder recht ſauber. Darauf war Delphine bald eiferſüchtig; ſie nahm außer bei mir bei den vorzüglichſten Profeſſoren noch Unterricht; aber wie ſie, ſo profitirte auch ich davon. In kurzer Zeit lernte Sprache ſehr vertraut war, dauerte es doch nicht lange ſo ſah ſie ſich von mir nahezu übertroffen. Das gefiel ihr gar wenig. „Großthuerei und Vornehmthuerei kennzeichneten Delphine wie ihre ganze Familie. Die Eltern waren ſehr reiche Emporkömmlinge, die ſich gerne den Schein eines alten Adels gegeben hätten. Aber das wollte nicht ſo recht gehen; im Gegentheil hatte dieſes unausgeſetzte Streben ſo komiſche Scenen im Gefolge, daß ich oft genug Tage lang und länger aus dem Lachen nicht herauskam. „Aber das war kein Lachen, welches vom Herzen kam. Von Herzen lachen hatte ich längſt Anuusden rluſ„ Kreihei εnzl.* Verluſt der Freiheit und der gänderung des Doktors ich ſogar engliſch ſprechen, obgleich ich früher kein Wayt. Gegenſtandes, der mir wahrhleſteken Sie blieben da⸗ verſtand; während Delphine ſchon längſt mit 4 Erinnerungen. LXXXII. 1861. — 9„ ich vollſtändig miſanthroni 17* —ʒ—⅓:—— 130 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. nichts als die Schattenſeiten der Dinge; mich freuen, glücklich ſein— das konnte ich nicht.“ II. Dies war das Ende des Briefes, welchen Louiſe Klärchen beim erſten Beſuche, den ſie von ihr em⸗ pfing, übergab, mit dem Zuſatze:„Fortſetzung ein ander Mal!“ Als Klärchen aber, der die Aufregung Loui⸗ ſens und ihre tiefe Verſtimmung nicht entging, um weitere vertrauliche Enthüllungen ſofort bat, gab Louiſe zur Antwort:„Laß mich jetzt, ich bitte Dich; nackte That⸗ ſachen wirſt Du, ohne ihre Urſachen zu kennen, nicht be⸗ greifen; letztere aber auseinander zu ſetzen, dazu muß ich eigens aufgelegt ſein; heute will ich an nichts mehr denken.“ Louiſe hatte an jenem Tage René geſehen; er hatte Herrn Meunier eine Nachmittagsviſite abge⸗ ſtattet. Louiſe war im Saale als er eintrat; ſie ſtand auf, als wollte ſie ihm entgegen gehen und grüßte ihn mit einer tiefen Verbeugung; aber während er mit Meunier die gewöhnlichen Begrüßungsformeln wech⸗ ſelte, ſtahl ſie ſich ſochte fort. Sie hatte ſich feſt vorge⸗ nommen, ihre ohnehin peinliche Lage nicht durch Zärt⸗ lichkeiten gegen René von Neuem zu verſchlimmern. Meunier, dem es jeden Augenblick ſchwerer wurde, René zu unterhalten, hatte ſie ſuchen laſſen. Aber ſie weigerte ſich zu kommen, um ſo mehr, als ſie auf dieſe Weiſe an dem Onkel ſich am beſten rächen zu können glaubte. Das verdroß René gewaltig; er glaubte, die Weigerung Louiſens, die Veronika mit lauter Stimme meldete, ſei eine Antwort auf ſeine Bitte, ſie möchte ihre Spaziergänge im Park wieder anfangen. Nach beendigtem Beſuche holte René, der von einem Spazierritt gekommen war, ſein Pferd aus Meuniers Stall, in welchem bis dahin nur unſchuldige Kaninchen ihren Aufenthalt genommen. Dies bemerkte Louiſe und ſprang ſofort an's Fenſter. René hatte ſeine Blicke aufs Fenſter gerichtet als er fort ritt, aber nichts geſehen als das Mouſſelinekleid, welches hinter den Fenſterſcheiben einen dunklen Schatten bildete. Nach etwa zwanzig Schritten hatte er ſich noch einmal um⸗ godreht, um zu ſehen, ob er ſie nicht entdeckte. Diesmal war das Fenſter offen; Louiſe ſtand an demſelben aufrecht und unbeweglich, und ehe ſie Zeit fand, ſich zurückzuziehen, hatte René geglaubt zu bemerken, daß ihr Blick, aus dem eine tiefe innere Bewegung ſprach, auf ihn gerichtet war. Vielleicht täuſchte er ſich nicht; der Mann, den Louiſe für ſo liebenswürdig erklärt, fing an, ſie dadurch zu beherrſchen, daß er ſie in eine bis dahin ihr unbekannte Glückſeligkeit hineinzauberte. René war von da an in ſüße Träume verſunken; er erging ſich in allen möglichen Muthmaßungen über Louiſens Geſinnung. Er glaubte ſich geliebt, aber er vermuthete, daß er bei weiteren Schritten auf einen Zerretern Widerſtand ſtoßen würde. Er ſagte ſich, für Mädchen brachtwſeis am gerathenſten, die brennende den tiefen Eindruck, den Louiſe an und von einer Verfolgun⸗ Redigirt unker Verantwortlichken ſabzulaſſen, die ſie offenbar ſchmerzlich berührte. Sie kamen ſomit, ohne daß einer vom andern wußte, zu demſelben Entſchluſſe, nämlich: jede Berührung, jede Begegnung zu vermeiden, ja ſogar nicht mehr anein⸗ ander zu denket, Indeß ſolche Entſchlüſſe auszuführen hat ſchon ſeine Schwierigkeit, wenn man auch ſtets Zerſtreuung hat; dieſelben wachſen aber, ſobald man vereinſamt iſt und jeder Zerſtreuung entbehren muß. Vierzehn Tage waren vergangen; während derſelben hatte Louiſe im Hauſe ihres Onkels wie in einem Grabe gelebt; kein freundlicher Blick, kein Lächeln verklärte je ihre Züge; ſelbſt Klärchen konnte ſie nicht erheitern, denn dieſer hatte ſie das feierliche Verſprechen abgenommen, den Namen Renés nie in der Unterhaltung zu nennen. „Bereite mir doch einen beſſern Empfang,“ ſagte ſcherzend des Doktors Nichte, indem ſie ihrer ſchweig⸗ ſamen Freundin um den Hals fiel„ich habe für Dich eine Neuigkeit, die Dich bezaubern wird. Zunächſt aber lade ich Dich auf nächſten Sonntag zu uns zu Mittag ein, wo wir das letzte Kirchfeſt in unſerm Dorfe feiern.“ „Das weiß ich,“ erwiederte Louiſe,„der Herr Pfarrer war ſchon hier und erſuchte mich, in der Feſt⸗ meſſe die Orgel zu ſpielen; aber werden denn viele Gäſte beim Mahle ſein?“ „Du, Jerome, ſein Vater und ſeine Mutter; ſie kommen, um an dieſem Tage um meine Hand anzu⸗ halten,“ ſetzte ſie ſichtlich entzückt hinzu. „Und Du zweifelteſt noch an Deinem Glücke!“ „Ach! ich darf nicht zu früh triumphiren; ihr Antrag wird nicht ohne Klauſel ſein, wenigſtens hat mir Jerome dies insgeheim mitgetheilt; aber er und ich hoffen das Beſte. Sollten wir uns täuſchen, nun, auf jeden Fall werden wir einige Tage angenehm ver⸗ leben.“ Der lang erſehnte und von beiden Freundinnen nicht ohne Beſorgniß erwartete Feſttag— Louiſe liebte ihr Klärchen zu ſehr, als daß ſie nicht den lebhafteſten Antheil an Allem, was ſie betraf, hätte nehmen ſollen— kam bald heran. Beim erſten Zeichen der Kirchenglocke füllte ſich die Kirche; faſt alle Be⸗ wohner des Dorfes beeilten ſich, zeitig zur heiligen Meſſe zu kommen. René und ſeine Mutter nahmen als Schloßherrn eine Bank auf dem Chor ein. Der junge Graf wohnte der heiligen Handlung in einer Haltung bei, die mehr Gewohnheit als Innigkeit ver⸗ rieth. Er fand mitunter die Meſſe zu lang und wußte ſogar oft ein Gähnen nicht zu unterdrücken. Aber an jenem Tage ſpürte er von Langeweile gar nichts. Gleich die erſten Orgeltöne feſſelten ſeine Aufmerkſamkeit in hohem Grade. Das war kein Orgelſpiel, wie mans auf dem Lande durchweg zu hören bekommt; das waren Töne, die nur ein muſikaliſches Genie, nur die innigſte religiöſe Begeiſterung und Erhebung des Herzens zu Gott hervorzuzaubern vermag. Aber durch die groß⸗ artigen feſtlichen Melodien, die zu ſeinem Ohre drangen, ging zugleich eine Anmuth und Zartheit, die offenbar das Weſen des Spielenden verriethen. „Wer mag doch der unbekannte Künſtler ſein,“ „— Papier und Druͤc 4 1 d ſagte hweig. r Dich ſt aber Mittag eiern. er Herr Louiſe Meunier. 131 hatte ſchon wiederholt René zu ſeiner Mutter geſagt, „dem wir dieſes prächtige Orgelſpiel verdanken?“ Nach beendigter Meſſe verließ er die Kirche, ohne daß ſeine Neugierde befriedigt worden wäre; aber die Orgel, die in dieſem Momente ein Finale voll der glänzendſten Fugen erwarten ließ, ließ auf einmal ihre ſchwellenden Harmonien ſchweigen, um die kindlich ein⸗ fache Vokalkompoſition einer ergreifenden Idylle zu lispeln, die dem„Blumengarten“ oder einem andern pariſer Treibhaus ihr Daſein verdankte. Der tiefe Ein⸗ druck dieſes von der Mode protegirten Thema's war durch die Innigkeit des Vortrags und die Wärme des poetiſchen Gehaltes vollſtändig gerechtfertigt. In dem⸗ ſelben Augenblick erinnerte ſich René dieſen Zauber⸗ geſang von den beiden jungen Damen, bei denen er kürzlich Abends geweſen, gehört und ihre Wiederholung zu öftern Malen gewünſcht zu haben. Er glaubte, ohne ſich darum etwas einzubilden, annehmen zu dürfen, dieſer Geſang habe ihm gegolten und ſei von dem Betreffenden ſeinetwegen in der Meſſe zur Ausführung gekommen. Unter dem ſüßen Eindrucke, den die Muſik auf ihn gemacht, betrachtete dann René mit ungewöhn⸗ lichem Behagen auf dem freien Platze des Dorfes das maleriſche Treiben der Landleute, die in kleinen Gruppen getheilt ſich nach Keuigkeiten frugen. Die grellen Farben der Frauenkleider zeigten ſich an dieſem hellen ſchönen Herbſt⸗Tage in ihrem ganzen Glanze; der Himmel war azurblau und nur hie und da ſegelten einige Wolken, wie große Leviathans auf dem Ocean, herum. René ſchlürfte mit Wohlbehagen die herrliche Landluft ein, während er der Gräfin ſeiner Mutter ſeinen Arm bot, um zum Schloß zurückzukehren und vor ſich hegein ihrer einfachen Toilette, Louiſe und Kläreleen, hinter ihnen Veronika davoneilen ſah. beid Die beiden jungen Damen beguigh ch in's Haus des Doktors Renoult, wohin, wie oben bemerkt, Louiſe zum Feſte des Kirchenpatrons zu Mittag ge⸗ laden worden war. In der Normandie dreht ſich Alles um die Tafel, denn man ſpricht in dieſer glücklichen Provinz viel und oft. Jene Mahlzeit nun war ganz diplomatiſch. Nur die Ländlichkeit war davon verbannt, aber ſie war durch eine appetitliche Reichhaltigkeit erſetzt, die auf den erſten Anblick angenehm berührte. Noch nie hatte übrigens Louiſe die Küche luſtiger geſehen als an dieſem Tage; große lichte Flammen ſtiegen in dem Kamine auf, durch das große geöffnete Fenſter kam mit den Strahlen der Sonne zugleich ein lieblich milder Luftzug. Während die Magd den Salat reinigte und die feinen Kräuter zerſchnitt, bräunten ſich ein Kalbs⸗ braten und zwei Rebhühner am Bratſpieß, das Hühner⸗ frikaſſée ſchmorrte auf dem einen Ofenloch, der Haſen⸗ pfeffer auf dem zweiten; daneben kochte eine kräftige Suppe u. ſ. w. Klärchen legte überall munter mit Hand an. Der Doktor holte fünf bis ſechs verſiegelte Flaſchen mit Wein, die er alle öfter gegen das Licht hielt, um ſich von ihrer Durchſichtigkeit und Reinheit zu überzeugen. Zwei⸗ oder dreimal unterbrach Klärchen die „ Garten, wohin ihn über Aufforderung des Louiſe und Klärchen begleiteten Vorbereitungen zum Eſſen, und ging mit Louiſe einige Male im Garten auf und ab; warfen jedesmal am Ende des Gartens einen flüchtigen Blick auf die ſtaubige Landſtraße, und kehrten dann, weil ſie Nie⸗ manden kommen ſahen, an ihre Arbeit zurück. Aber kaum hatten ſie den Tiſch mit dem klein karrirten Tiſch⸗ tuch gedeckt und das Silberzeug aufgeſetzt, als man plötzlich das Geräuſch eines ſchweren Wagens hörte, welcher eben anhielt. Das von den Fliegen gequälte Pferd ſchlug wiederholt in die Kieſel, die unter ſeinen Füßen lagen. Sofort drängten ſich Alle an die Reiſen⸗ den heran; die Einen führten Pferd und Wagen ein, die Anderen machten den neuen Ankömmlingen wieder⸗ holt ihre Komplimente. Klärchen nahm die große Schachtel, welche die reiche Gutsbeſitzerin, ihre Couſine, die Mutter Jeromes, mitgebracht, und führte letztere in das ſchönſte Zimmer des Hauſes, in welches der Doktor nur auf den Strümpfen zu gehen pflegte, und deſſen koſtbare Möbel nur an wenigen Tagen des Jah⸗ res von ihren Ueberzügen befreit wurden. Klärchen unterſtützte dann Madame Tiercelin— ſo hieß ihre Couſine— bei der Abnahme des großen gewirkten Shawls, der vorſichtig gefaltet wurde, damit er nicht bis zur Rückreiſe beſchädigt würde. Dann zog man aus der Schachtel eine große mit reichen koſtbaren Spitzen und— ganz ländlich ſittlich— mit Blumen und Bän⸗ dern ausſtaffirte Haube hervor, die die Schachtel vor den Unbilden des Straßenſtaubes hatte ſchützen müſſen. Nun ging man in den Speiſeſalon; während des Speiſens war Alles ſchweigſam, nicht weil eine freudige Stimmung fehlte, ſondern vielmehr weil der Appetit zu groß war. Der Gutsbeſitzer und der Doktor aßen ganz unbefangen. Klärchen ſah ganz ernſt drein, wenn ſie auf Jerome blickte, nur hie und da flog ein gezwungenes Lächeln plötzlich über ihre Züge. Nur Frau Tiercelin aß nichts; ſie ſeufzte faſt unausgeſetzt. Sie war keine arme Frau, ſie war eine von den zimperlichen, ſtets weinerlich thuenden Bäuerinnen, die das ganze Leben hindurch ſtets klagen, weil ſie vom Dämon der Habſucht beſeſſen ſind. Wenn bei der Ernte einige Hek⸗ toliter Weizen oder Aepfelwein fehlten, wenn der Tag⸗ lohn größer wurde, oder wenn der Preis der Lebens⸗ mittel, die ſie zu verkaufen hatte, fiel, dann gab's ein dammern und Klagen ohne Ende. Wer ſie reden hörte, mußte ſie für die unglücklichſte Frau auf Gottes Erd⸗ boden halten; ſelbſt die Bettler, die ſich ihrer Thür näherten, hielt ſie für glücklicher und ſorgenfreier als ſich ſelbſt. Als das Deſſert beendigt und eine gehörige Zahl Weingläſer geleert worden waren, war Alles in ge⸗ Hannter Erwartung, ob denn die gute Frau Troſt und Erquickung im Weine gefunden. Endlich entſchloß ſie ſah mit echt normanniſcher Langſamkeit, Jerome einen kleinen Wink zu geben:„Du weißt, mein Sohn, ich habe mit Herrn Renoult zu ſprechen,“ ſagte ſie. Der junge Mann ließ ſich das nicht zweimal ſagen; er erhob ſich vom Tiſche und ging geräuſchlos hinaus in den Doktors Sie blieben da⸗ 17* 132 Erinnerungen. Illuſtrirte B lätter für Ernſt und Humor. ſelbſt zwei kleine Stunden, die vorüber gingen, ohne daß ſie es wußten. Von der wichtigen Angelegenheit, die inzwiſchen im Speiſeſaale verhandelt wurde, war unter ihnen mit keiner Sylbe die Rede. Jeromes ſtärkſte Seite war keineswegs ge⸗ wandte Konverſation; aber er hatte ſo viel Lebendigkeit und jugendliches Feuer, daß er auch ohne viele Worte die Damen in ſehr guter Stimmung zu erhalten wußte. Aber mitten in ſeinem Ungeſtüm machten die Reize einer jungen Dame einen tiefen Eindruck auf ihn, und ſo erklärt es ſich, daß er Louiſen ſo naive Kompli⸗ mente machte, daß ſie einestheils darüber lachen, an⸗ derestheils aber ſich dadurch ſehr geſchmeichelt fühlen mußte: das Weib iſt und bleibt nun einmal Weib! Mit Klärchen machte er es anders; ſeinen Arm ſuchte er oft um ihre zarte Taille zu ſchlingen; ſeinen Kopf ſtützte er auf die volle runde Schulter, und ſeine Lippen berührten abwechſelnd eine roſige Wange und eine weiße Stirn. Klärchen wehrte ſich gegen der⸗ artige Dreiſtigkeiten, wie nicht anders zu erwarten war, aber ihr Herz pochte, ihre ſchönen blauen Augen wurden feucht, ihre feuerrothen Lippen luden, obgleich ſie ein geſtrenges Geſicht zu zeigen ſich bemühte, nur zu ſehr zum Küſſen ein. Allerdings war der Unwille Klärchens ganz gerechtfertigt, aber gerade er goß über die ſtummen Geſichtszüge die Strahlen des Glückes. So wußte Je⸗ rome mit ganz anderen Mitteln das Intereſſe ſeiner Begleiterinnen zu gewinnen, als einſt René. Die Liebe hat drei verſchiedene Sprachen zu verwenden, die eine wendet ſich an's Ohr, die andere ans Herz, die dritte an die Sinne. Wohl ſelten geſchieht es, daß ein Liebender aller drei Sprachen im ſelben Grade mächtig iſt; bilden ſie aber eine geheimnißvolle unzertrennliche Dreiheit, ſo braucht der glückliche Beſitzer nur der einen ſich zu bedienen und alsbald reden die beiden anderen von ſelbſt. Minder angenehm verſtrich die Zeit im Speiſeſaal, zumal für Doktor Renoult, der ungeachtet ſeiner außer⸗ ordentlichen Geduld— die hatte er unter den Land⸗ leuten gründlich gelernt— unter den erfolgloſen An⸗ ſtrengungen Madame Tiercelin zu einer deutlichen Erklärung zu vermögen, ob ſie die Hand Klärchens für ihren Sohn Jerome wünſche oder nicht, in gro⸗⸗ mächtige Tropfen ſchwitzte. Die reſpektable Gu konnte ſich nicht entſchließen, ſich von ihrem gewöhnlichen Jeremiadenrepertoire zu trennen.„Gewiß würde ſie ſich ſehr glücklich und geehrt fühlen, wenn ſo ein braves Mädchen wie Klärchen ihres Sohnes Gattin werden wollte; es ſei nur ſehr fatal, daß ſie kein Vermögen hätte, denn unſer Herr,“ ſagte ſie, und meinte damit ihren! Mann,„würde ſeinem Sohne einige Stücke gutes Land- geſchenkt haben, dazu hätte er ſich dann noch ein Gut gepachtet und ſo eine ganz paſſende Exiſtenz gehabt. Hätte ſeine Frau dann einiges Vermögen mitgebracht. ſo würde man es zur Ausſtattung des Landgutes vög⸗ wendet haben, ſo etwa 12—15000 Francs. Aber waßs das Land und noch obendrein die Ausſtattung des Land⸗ gutes ſchenken können. Ach wir ſind ſehr ſehr unglücklich.“ Natürlich wurde dieſe Unterhaltung und alle Varia⸗ tionen, die ſie darüber durch zwei Stunden machte, jeden Augenblick von tiefen Stoßſeufzern unterbrochen. Der Doktor begnügte ſich mit der Antwort: „Wenn ich meiner Nichte ein Opfer bringen könnte, würde ich nicht anſtehen; aber ich habe ſie erzogen und ſchenke ihrer Mutter, meiner Schweſter, die Wittwe iſt und noch zwei andere Kinder hat, die Nutzn eßung eines kleinen Eigenthums, von dem ſie lebt. Ich habe mir nur das Allernothwendigſte vorbehalten; denn wenn ich nach einigen Jahren nicht mehr prakticire, ſo kann ich doch nicht erwarten, daß mich meine alten Kunden penſioniren werden.“ Während die jammernde Gutsfrau den Doktor anhörte, ging ihr gewiß hundertmal ein Vorſchlag durch den Kopf; aber ſie konnte ſich nicht entſchließen, damit herauszurücken, nicht aus Furchtſamkeit oder Delikateſſe, ſondern das findet man überall bei dem normanniſchen Bauer: wenn er ein Geſchäft macht, überläßt er die Initiative ſtets dem Andern. Endlich entſchloß ſie ſich doch zu reden. „Wenn Sie teſtceentariſch dem Fräulein Klärchen etwas ſchenken, z. B. jenes keine Haus mit Garten, welches ihre Mutter bewohnt, und welches uns vekannt iſt, würden wir uns ſchon einigen. Mein Mann würde das Gut Jeromes ausſtatten und würde ſogar nöthigenfalls noch Geld obendrein leihen, weil man ſicher wäre, es heute oder morgen wieder zu erhalten.“ „Ach Gott! ich wünſche, es geſchähe je eher deſto beſſer,“ ſagte der Doktor in ſpöttiſchem Tone.„Aber ich verſprshe Ihnen nicht, nichts zu thun, um den Rück⸗ zahlungst ſo weit als möglich zu verſchieben, ganz im Gegenth. 8 ach meinem Stande bin ich der Feind des Todes, und ſovennen ihn, es koſte was es wolle, in meine Gewalt zu bekommen. Aber da liegt nicht die Hauptſchwierigkeit; mein Gewiſſen verbietet es mir auf Ihren Vorſchlag einzugehen, was ich hinterlaſſe, kömmt meiner Schweſter zu, und erſt wenn auch ſie geſtorben „ſein wird, werden ſich ihre drei Kinder in das kleine Erbgut theilen. Uebrigens,“ ſetzte der Doktor hinzu,„darf Lich ja vielleicht auch allein nicht darüber entſcheiden, adenn am Ende liefe mein Geſchenk noch Gefahr, nicht einmal angenommen zu werden; wir wollen meine Nichte rufen und ſehen, was ſie dazu ſagt.“ Man ließ Klärchen kommen; Renoult erklärte ihr die Bedingungen, an die ihre Verheiratung mit Jerome geknüpft werde. Für ſeine Perſon zeigte er ſich ganz bereit zur Ueberlaſſung der Erbſchaft, wie man ſie fordere, und er wartete nur noch auf die Zu⸗ ſtimmung ſeiner Nichte, weil die es wiſſen müſſe, welchen Eindruck die Sache auf ihre Mutter machen, ob ſie nicht dieſe Bevorzugung Klärchens vor ihren Geſchwiſtern ſehr unliebſam aufnehmen würde. Nachdem er ſeine Auseinanderſetzung beendigt, frug er Klärchen zwei⸗ ſoll der arme Jerome machen mit einer Frau die nichts hat,“ ſetzte ſie dann jedesmal hinzu in einem Tone, 18 der ihre tiefe Herzenspein verrieth.„Nie wird mein Mann Hohn mal, ob ſie dieſelben auch gut verſtanden. „Vollſtändig,“ antwortete Klärchen, indem „Jronie, Aerger und Scherz zugleich um ihre — Lip, wiſf Liel der abe ſchl noc läc mi ſel erſ Du zur wie Ab 3 kleine Louiſe Meunier. 133 Lippen ſpielten,„vollſtändig, aber ich brauche nicht zu wiſſen, was meine Mutter denken wird, ſie würde aus Liebe zu mir ſich jeder Zeit aufopfern, ſelbſt auf Koſten der Gerechtigkeit, die ſie meinem Bruder ſchuldig iſt; aber ich werde nie dazu meine Zuſtimmung geben; ſchlimm genug, wenn meine Perſon nicht genug, und es noch einer Ausgleichungsſumme bedarf.“ „Einer Ausgleichungsſumme,“ ſagte der Doktor lächelnd,„wird's nimmer bedürfen, liebe Nichte, nimm mir das nicht übel; aber was ich Dir ſchenken kann, iſt ſehr wenig, es ſind 6000 Francs, die ich zu dieſem Zwecke erſpart und die Du ohne Skrupel annehmen kannſt. Du kannſt ſie in Baarem aufbewahren, Du kannſt ſie zur Ausſteuer verwenden oder zur Hochzeit oder zu Feſten, wie es Dir beliebt. Jetzt, wo wir unſere gegenſeitigen Abſichten kennen, kannſt Du Dich wieder entfernen.“ Klärchen brachte ſofort Jerome die Nachricht, mit ihrer Heirat ſei es aus; er wollte es durchaus nicht glauben. „Ich kenne meine Mutter,“ ſagte er,„ſie müſſe närriſch ſein, wenn ſie die Sache ſo mit einem Schlage für abgethan hielt; bleiben Sie bei Ihrem Worte, ich werde bei dem Meinigen bleiben; ſein Sie ſicher, wir kommen heut oder morgen wieder und zwar recht bald; denn ſehen Sie, Fräulein Klärchen, dieſer Tag hat mich ſo in Aufregung geſetzt, daß ich keinen Spaß mehr verſtehen werde.“ Das Geſicht der Madame Tiercelin hatte ſich ver⸗ finſtert, beſonders als Klärchen ſich in ſo entſchiedener Weiſe dagegen geſträubt, in die Rechte ihrer Mutter einzugreifen; aber es heiterte ſich ſofort wieder etwas auf, als ſie von dem Erſparniß von 6000 Franes hörte. Tief ſeufzend ſprach ſie⸗ „Sie werden ſich die Sache überlegen, Herr Renoult, und wir auch; wir ſind beiderſeits nicht gebunden. Vorſicht iſt nöthig. Es würde mir ſehr leid thun, wenn Klärchen nicht meine Schwiegertochter würde; ſie iſt ein gutes Kind. Ach, wir ſind doch wirklich unglücklich.“ Herr Tiercelin, von dem bis jetzt ebenſo wenig die Rede war, wie von der Rolle, die er in dieſer Heirats⸗ affaire ſpielte, war ein ehr⸗ und tugendſamer Gutsbe⸗ ſitzer, mehr Bauer als Gefühlsmenſch, und beſchränkte ſich ſomit darauf, während obiger Verhandlung mit ſeinem Meſſer über's Tiſchtuch auf und ab zu fahren und zuweilen hineinzumurmeln: „Gut, Weibchen, gut, Genovefe; FJerome liebt unſer Kind nun einmal, was hilfts; der Herr Doktor wird's ſchon recht machen.“ Tags darauf kam Klärchen lachend und ſcherzend in das Haus Meuniers, gerade als wenn ſie Tags zuvor keine ihrer Hoffnungen zu Grabe getragen. Sie hatte ein Buch in der Hand. „Der Herr Graf hat heute Morgen meinen Onkel beſucht,“ ſagte ſie,„und mir dies Buch für Dich zurück⸗ gelaſſen; es ſcheint, Du haſt ihn darum angegangen.“ Louiſe las den Titel des Buches; es war ein engliſcher Roman, von dem ſie in der That oft mit René geſprochen. —— „Wer wird's ihm aber zurückbringen,“ ſagte ſie unruhig,„wenn ich's geleſen; denn Veronika dies zu überlaſſen werde ich mich wohl hüten.“ „Mein Burſche wird's beſorgen,“ antwortete Klärchen. Von dieſer Seite beruhigt, fühlte Louiſe beim Anblick des Buches eine plötzliche Veränderung in ihrem Innern; René dachte an ſie; alſo war ſie nicht mehr allein und verlaſſen auf der Welt. Er hatte dieſes Buch geleſen; ſeine Gedanken hatten ſich denen des Autors verbunden; ſie glaubte die Mittheilung beider zugleis in dem Buche zu finden, und darum müßte diesuſt⸗ angenehmſte und tröſtlichſte Lektüre ihres ganzen Lebeſe ſein. Dieſer Roman war eine jener langen aber anzie⸗ henden Geſchichten, die voll engliſchen Humors ganz dazu gemacht ſind, die langen Mußeſtunden der Ein⸗ ſamkeit zu verkürzen. Louiſe las ihn in der Urſprache, ſo daß ſie den höchſt pikanten Sthl und die lebhaft und trefflich gezeichneten Charaktere unverkümmert und un⸗ geſchwächt betrachten und bewundern konnte. Nachdem ſie dieſes Werk geleſen, bat ſie um ein zweites. Natürlich malte ſie René in einem Dankſchrei⸗ ben die außerordentliche Freude aus, die ihr das Buch gemacht, und gab dazu in Kürze ihr Urtheil über das⸗ ſelbe ab. René theilte ihr darauf auch ſeine Anſicht mit und— ſo entſpann ſich ein Briefwechſel. Aber ſein Inhalt gehörte mehr auf das Gebiet der Liebe, als auf das der Literatur; der Ideenaustauſch ward bald ein Gefühlsaustauſch. Daher blieb's auch nicht lange bei dem gewöhnlichen Höflichkeitston. Und ſollte man's glauben? Gerade Louiſe war es, die am erſten und entſchiedenſten den Ton der Freundſchaft mit dem der Innigkeit und ſogar der Begeiſterung vertauſchte. Viel⸗ leicht war ſie ſich nicht genau bewußt, ob ſie an René oder an ein ideales Weſen ſchrieb, welches ſie eben nur in ihrem Kopfe und in ihrem Herzen trug. Aber ſie war überaus freigebig mit jenen zarten Schmeicheleien, mit denen die Damen ſonſt ſo geizen, deren Geheimniß ſie allein kennen, und die die Seele des Menſchen beugen dem ſchwachen Rohre gleich. Rensé, deſſen Humor und Charakter von jeder Berechnung fern war, merkte die ſtets wachſende Innig⸗ keit und glaubte, im Intereſſe derſelben, Louiſe han⸗ deln laſſen zu müſſen, ohne ſich die Mühe zu nehmen, ſie an ſich zu feſſeln, ſie mit ſich fortzureißen. Und er täuſchte ſich nicht. Was man auch von dem Stolze des „ſtarken Geſchlechtes“ denken mag, ein Weib hat er nie verführt; die Weiber verführen ſich ſelber, wenn ſie aus Läſſigkeit und Ueberſättigung dem was gewöhnlich kommt nicht zeitig ausweichen. Der Briefwechſel wurde nun ein regelmäßiger; jede Woche wurden zwei Briefe gewechſelt. Mit welcher Ungeduld ſandte man ſie ab; mit welcher Unruhe er⸗ wartete man ſie! Wie zärtlich erbrach die zitternde Hand das Couvert! Mit welcher Gier verſchlang man den In⸗ halt, um darin jenes eine Wort zu entdecken, welches Glück und Freude ſchafft, jenes Wort, welches, wenn auch oft verblümt, Alles ſagt, und nie in einem wahren Liebesbriefe fehlen darf. 134 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Was übrigens brieflich nicht abgethan war, wurde in der Sonntagsmeſſe ergänzt. Es iſt wohl ſelten der Fall, daß ſich Landleute, Eigenthümer, Dienſtboten, Tagelöhner ihren religiöſen Obliegenheiten entziehen; aber die diſtinguirteſte Klaſſe zeichnet ſich vor Allem da durch Pünktlichkeit aus. René und ſeine Mutter hatten, wie geſagt, ihre eigene Bank im Chor. Louiſe hatte ihren Platz in dem Schiff der Kirche. Ohne vorherge⸗ gangene Beſprechung hatten ſie ſich verſtändigt; Louiſe erſchien immer vor René und entfernte ſich nach ihm. Reim Eintritt in die Kirche konnte der Graf, durch die menpelreihe der Bänke ſchreitend, nur einen verſtohlenen derck nach ſeiner Louiſe werfen; aber beim Heraus⸗ gehen ruhten ſeine Blicke unverwandt in den auf ihn gerichteten bezaubernd ſchönen Augen Louiſens, die er um ſo mehr liebte, als ſie noch etwas Räthſelhaftes für ihn hatte. Louiſe hatte nun eine Herzensangelegenheit, die ihr ganzes Leben änderte. Sie war ſterblich verliebt: ihre Leidenſchaft fand Nahrung in der Hoffnung, wäh⸗ rend ſie in ihrer Umgebung nur Aufmerkſamkeit, Kritik und verletzende Bemerkungen hervorrief. Wenn ſie in⸗ deſſen die ganze Seligkeit der Liebe genoſſen, wenn ſie durch ihre Liebesqualen ermattete, wie ein Vogel durch die luſtigen Schläge ſeiner Fittige, dann miſchte ſich Un⸗ ruhe in ihr Glück. Die Briefe Ren és ſchienen ihr nicht mehr beſtimmt genug; ſie verlor das Verſtändniß der⸗ ſelben und ſuchte vergebens nach Beantwortung der Frage, ob der Schreibende ihr Freund oder ihr Geliebter ſei. Dieſer Zweifel war ihr überaus peinlich; ſie wollte René ſehen, mit ihm ſprechen, um jeden Preis. Dazu bot ſich ihr nur ein Weg: ſie mußte das Rendez-vous im Parke annehmen. René liebte ſie nicht weniger; aber er war ruhi⸗ ger, weil er leichter die Gedanken Louiſens durch⸗ ſchaute. Die Sprache der Frau iſt weniger zweideutig, als die des Mannes, blos konventionelle Zärtlichkeit gibts bei ihr nicht. Inzwiſchen war René entſchloſſen, bei der erſten beſten Gelegenheit ſich Louiſen zu nähern, wo es ohne ihre Empfindlichkeit zu verletzen geſchehen könnte. Eines Tages nun kam ein Bediente in ſilberbe⸗ bordeter Livrée— die auf einen Bedienten der Gräfin ſchließen ließ— in das Haus Meuniers und ließ bei Veronika zwei niedliche wohlriechende Couverts zu⸗ rück, die zwei Einladungen enthielten, eine für den On⸗ kel, die andere für die Nichte, zu einer im gräflichen Schloſſe am folgenden Sonntag ſtattfindenden Soirée. Louiſe und ihr Onkel waren im Speiſeſaal, als der Bote kam. Alsbald trat Veronika ein und über⸗ reichte die beiden Briefchen an ihre Adreſſen. Meunier las in den Zügen Veronikas— die er gern befragte, weil ihre Anſichten, Urtheile und Vorurtheile meiſt mit den ſeinigen ſtimmten— daß er die Botſchaft nicht günſtig aufnehmen ſolle. Nachdem er das Briefchen flüchtig angeſehen, machte er eine verneinende Bewegung, die zugleich ankündigte, daß er dieſer feinen Einladung nicht traue und ſie nicht annehmen wolle. Louiſe ſagte kein Wort; ſie war niedergeſchla⸗ gen und gefaßt. Sie ſah ſich zwiſchen zwei Stühle ge⸗ ſetzt: ihre Sehnſucht, René zu ſehen, war eben ſo groß, wie ihr Widerwille gegen eine Vorſtellung bei der Gräfin, die kein Gegenſtand ihrer Sympathie war. Aber diesmal noch ſollte Louiſe durch Klär⸗ chen Hilfe finden. Die liebenswürdige Nichte des Doktors erklärte nämlich, Herr Renould habe dem Grafen verſprochen, ſie werde jener Reunion beiwohnen, und zwar werde entweder er ſelbſt ſie hinbegleiten, oder ſie Herrn René anvertrauen, falls er ſelbſt an dem Krankenlager eines ſeiner Patienten zurückgehalten werden ſollte. Klär⸗ chen aber ſetzte ihrerſeits hinzu, ſie würde in keinem Falle ohne Louiſe erſcheinen; was ſie ſonſt allein mitten in einer ihr faſt unbekannten Geſellſchaft thun ſollte. Und wenn nun gar René käme, um ſie mit dem Wagen abzuholen, dann ſei es doch obendrein vollends unſchicklich, allein mit ihm zu fahren; das könne und werde ſie nicht. Sie ſagte dies mit einer ſolchen Leb⸗ haftigkeit, daß Herr Meunier nicht umhin konnte, Louiſen die Erlaubniß zu geben, ihre Freundin zu begleiten, einzig darum, weil Klärchen bereits die Zuſtimmung des Doktors erhalten hatte. An dem feſtgeſetzten Tage fanden ſich die beiden Freundinnen im Hauſe des Doktors zuſammen. Sie machten ihre Toilette und legten ihre reichgefalteten prächtigen weißen Mouſſelinekleider an, als man ihnen plötzlich die Nachricht brachte, René warte bereits auf ſie. Er war in einem herrlichen Wagen gekommen, in welchem Louiſe und Klärchen, die eine zu ſeiner Rechten, die andere zu ſeiner Linken, ganz be quem Platz fanden. Es war ein wundervoller Abend; auf der einen Seite kleidete die untergehende Sonne die Wolkenmaſſen in den ſchönſten Purpur, der nach und nach wieder wie eine Lieblingserinnerung ſchwand, auf der andern ſandte der noch ſehr junge Mond mitten aus ſeinem Sternen⸗ meere ſeine jugendlichen hoffnungsvollen Strahlen auf die Erde nieder. Klärchen und Louiſe ſahen ſich entzückt bald nach rechts, bald nach links um. „Schade, daß wir ſo bald ſchon am Ziele ſind!“ ſagte Ren é.„Das wäre heute Abend ſo eine herrliche Promenade zu Dreien.“ „Iſt denn Drei die kabaliſtiſche Zahl,“ entgegnete Klärchen,„bei der man der Langeweile entgehen kann?“ „Ohne Zweifel! Vier iſt keine Zahl: das ſind zwei Paar, wenn man ſich theilt; eine Geſellſchaft wird daraus, wenn man ſich vereinigt. Zu Dreien amüſirt man ſich und man erheitert ſich, ohne die Intimität des Verhältniſſes zu ſteigern.“ „Aber zu Zweien,“ warf Klärchen hin;„zu Dreien erhitzt man ſich; zu Zweien zankt man ſich viel⸗ leicht.“ „Zu Zweien würde die Promenade dieſen Abend entweder zu verführeriſch, oder zu ſchwärmeriſch. Man würde Gefahr laufen, ſich Eindrücken hinzugeben, die ſich ſo recht für den wärmenden Feuerherd geeignet — hätte Ren „fje auch hobe Der ſein robe Lol Anb keits and abe poe Louiſe Meunier. 135 hätten. Fräulein Louiſe iſt doch recht ſchlimm,“ fügte zu bedauern; gerade ihre Vollkommenheiten ſchienen René mit einer außerordentlichen Zärtlichkeit hinzu; „ſie zittert und klappert, um uns zu beweiſen, daß man auch zu Dreien frieren kann.“ Louiſe wurde dadurch einer Entgegnung über⸗ hoben, daß der Wagen eben vor dem Schloſſe anhielt. Der junge Graf faßte beide Damen nacheinander in ſeine Arme, um zu verhindern, daß ſie ihre friſche Garde⸗ robe an den Wagenrädern verdürben. Er berührte dabei Louiſens Hand; ſie war brennend heiß. „Ach!“ ſagte er,„ich that Ihnen alſo Unrecht!“ „Nein!“ erwiederte ſie;„ich war kalt, aber der Anblick eines Saales macht mich immer fiebern.“ „Was iſt denn das für ein Fieber? Vielleicht Eitel⸗ keitsfieber?“ „O! nein! vielmehr Groll⸗ und Ekelfieber.“ „Das iſt die traurigſte Krankheit; beſſer wäre eine andere, die auch ihren Sitz im Herzen hat, die ich Ihnen aber nicht näher bezeichnen darf.“ Louiſe erröthete einen Augenblick und ihr Herz pochte laut bei dieſen Worten René's. Die meiſten Gäſte der Gräfin, übrigens meiſt aus der Nachbarſchaft, kannten wenigſtens von Anſehen oder Hörenſagen die Nichte des Doktor Renoult. Was Louiſe betrifft, ſo lag ſchon in ihrem Titel„Gouvernante“ ihre Selbſtändigkeit ausgeſprochen. Die beiden Freundinnen nahmen, nachdem ſie die Herren des Hauſes zuvor begrüßt, ohne Weiteres unter den Damen Platz. Aller Augen waren auf ſie gerichtet; aber Klärchen war ſo allerliebſt, Luiſe ſo vornehm und fein, daß jede der anweſenden Frauen und jungen Damen alsbald einſahen, daß ſie mit dieſen umſonſt rivaliſiren würden. Ja man ſah, wie ſie, um ſich zu entſchädigen, einen verſtohlenen Blick auf ihre Juwelen und Spitzen warfen, wobei ſie ſich im Stillen ſagten, das ſeien doch die ſolideſten Vorzüge, und an dieſen hatten ſie keinen Mangel. In dieſem Augenblicke war eine junge Dame am Piano; ſie ſpielte eine ſchwere, muſikaliſch vollſtändig unentwirrbare Sonate, die für die Spielerin ſelbſt offen⸗ bar ſo abſtrakt war, wie ein geometriſcher Lehrſatz. Nach⸗ dem dieſe ſich ihrer mühevollen Aufgabe entledigt, erſuchte man Louiſe ihren Platz einzunehmen. Die Wirkung ihres Spiels war wahrhaft bezaubernd; ſelbſt wenn ſie mehr ſchwärmeriſche als künſtleriſche Stücke ſpielte und ſich dabei mehr oder weniger gehen ließ, blieb ihr Ton immer rein, das ganze Spiel ſtets präcis. Wenn ſie ſich aber ganz nur dem Vortrage hingab, dann ſprühten ihre Finger wie ihre Augen Begeiſterung und zwar oft eine ganz eigenthümliche Begeiſterung, in der ſich Süßig⸗ keit und Bitterkeit miſchten, und die ſich alsbald ihren Zuhörern mittheilte und einen unbeſchreiblichen Zauber übte. Nachdem ſie ihr Spiel geendigt, engagirte Réne ſie zu einem Walzer. Da gab's nur noch größeres Staunen; ſie tanzte mit einer ſolchen Vollendung und Grazie, daß auch die haarſpaltendſte Kretik nichts daran auszuſetzen vermochte. Indeß ſelbſt die feurigſten Ju⸗ gendherzen verriethen bei ihrem Anblick keine enthuſia⸗ ſtiſche Freude. Man fühlte ſich vielmehr verſucht, ſie —— ihr die Bürde der Melancholie, unter der ſie ſeufzte, nur um ſo drückender zu machen. Aber wenn die be⸗ trübte Verwunderung aufhörte, wenn die Eiferſucht ſich oft vom Mitleid entwaffnen ließ, dann erwachte ſofort das Mißtrauen. So unſchuldig ihnen das arme Kind auch offenbar erſchien, man ſah in ihr eine Feindin, ja ein Unglück. So fand an jenem Abende Klärchen ſtets Jeman⸗ den, der ſich mit ihr unterhielt; an Louiſe aber richtete Niemand ein Wort, nicht einmal um ihr zu ihrem muſi⸗ kaliſchen Talent Glück zu wünſchen. Sie war an dieſe Wirkung ihres Auftretens ſchon ſo gewohnt, daß ihr die Kälte, mit welcher faſt alle Frauen ſie behandelten, gar nicht mehr auffiel. Sie wußte aus Erfahrung, daß bei Zuſammenkünften ſich gewiſſe ſtille Verſchwörungen bil⸗ den, die, ohne ſich verabredet zu haben, ſich einen Sünden⸗ bock, ein Stichblatt für ihre Witze auserſehen. Solchen Opfern, die ſich die Furcht oder die Eitel⸗ keit wählte, kann nichts gelingen, mögen ſie ſich noch ſo ſehr anſtrengen. Man verdeckt und läugnet ihre Vor⸗ züge, ihre kleinen Fehler und Unvollkommenheiten über⸗ treibt man in's Unendliche und je nach ihrem Weſen werden ſie entweder verlacht, oder ganz links liegen gelaſſen. René hatte Louiſe auf ihren Platz zurückgeführt. Gleich darauf erhob ſie ſich, um ihren Fächer ſuchen zu gehen, den ſie auf den Kamin gelegt hatte; ſie mußte dabei hinter dem Fauteuil der Hausherrin hergehen, die eben mit einer ihrer Freundinnen einen Wortwechſel hatte. Einige Worte, die Louiſe verſtand, veranlaßten ſie ſtehen zu bleiben; dann ſetzte ſie ſich in der Ecke des Saales nieder, und da ſie hier nahe genug, um einen großen Theil der Unterhaltung zu verſtehen, ſo horchte ſie: „Wie können Sie es dulden,“ ſagte die Freundin, „daß dieſe junge Dame ihre Beſuche..... 2 Ich halte ſie zwar nicht für intriguant, aber für gefährlich.“ „Für René nicht,“ erwiederte Madame de Bour⸗ gueville;„er begreift die Kluft, die Geburt und Ver⸗ mögen hier geſchaffen.“ „Aber er iſt jung, lebhaft und hat ein feuriges Temperament.“ „O nein! er iſt ruhiger und kälter als Sie ver⸗ muthen. Sein Herz kann man berücken, aber ſeinen Kopf nie, und ſo wird er ſtets unter den Einflüſſen ſeiner Familie ſtehen. Solche junge Damen ſind für ihn nur eine Zerſtreuung, eine unſchuldige, erlaubte Zerſtreuung; denn er iſt im Punkte der Ehe zu zartfühlend, als daß er etwas anderes darin erkennen und ſuchen ſollte.“ Louiſe verlor hier faſt ihre Beſinnung.„Eine Zerſtreuung!“ wiederholte ſie, und jede Sylbe dieſes Wortes, welches ſie ganz langſam ſprach, als wollte ſie die ganze Enttäuſchung, die darin lag, aufdecken, goß einen ganzen Strom von Bitterkeit über ihre Lippen. Wem aber ſollte das gelten? der Madame Bourgue⸗ ville oder René, weil dieſer vielleicht den Ausſpruch der Mutter rechtfertigte. In demſelben Augenblicke näherte ſich letzterer den beiden Freundinnen; er hatte die letzten Worte, die die Gräfin eben geſprochen, verſtanden. 136 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. „Weſſen klagt man mich denn an, Mutter,“ ſagte er,„daß Sie ſich verpflichtet glaubten....“ „Man klagt Dich keineswegs an, mein Sohn; man machte nur die Bemerkung, daß hier Dein Herz große Gefahr liefe.“ „Ohne Zweifel; aber ſind denn dieſe Damen ſo grauſam, daß ich die Hoffnung aufgeben müßte, aufge⸗ nommen zu werden, wenn ich freiwillig ihnen meine Freiheit opfere?“ „Das nicht! aber Ihr Herz würde ſich auf dem Wege verirren können, wenn es ſeinen Herren ſuchte,“ ſagte die Freundin. „Wiel ſind denn nicht alle dieſe jungen Damen gleich gut, gleich liebenswürdig, gleich unſchuldig?“ „Selbſt, wenn jede Deine Wahl rechtfertigen würde,“ ſagte lebhaft die Gräfin,„ſo gibtes doch einige, auf die ſie nicht fallen dürfte.“ „Sie irren, Mutter,“ erwiederte Renséin ernſterem Tone;„es könnte höchſtens eine oder die andere darunter ſein, deren ich weniger würdig wäre.“ „Ha!“ ſagte Louiſe, indem ſie ihr Herz wieder freier ſchlagen fühlte,„er rächt mich! Er iſt doch ſehr gut!“ Und indem ſie noch mehr in Gedanken verſank, fühlte ſie ſich in eine überaus ſüße Stimmung verſetzt, die ſich nur in den leiſen Worten äußerte: „Ol möchte auch ich ihn ſo lieben!“ „Soll das vielleicht ein Geſtändniß ſein, was Du uns da machſt, René?“ ſchrie die Gräfin in kaltem ge⸗ reiztem Tone laut auf. „Nein, Mutter; aber wenn ein ſolches eines Tages von mir beabſichtigt würde, ſo müßte ich Ihnen dankbar dafür ſein,“ ſetzte er ſich verbeugend hinzu,„daß Sie das erſte Wort, was immer das ſchwerſte iſt, ſelbſt aus⸗ ſprachen.“ Louiſe war vor Ueberraſchung, Furcht und Freude faſt außer ſich.„Was fehlt denn zu einem Geſtändniß noch,“ ſagte ſie wiederholt zu ſich.„Vielleicht meine Zu⸗ ſtimmung? Er liebt mich doch! Aber ich irre gewiß; er wollte jener Frau nur einen Wink geben, künftig etwas weniger neugierig zu ſein.“ Und ſo hörte ſie auf, weiter beſtürzt zu ſein. Darauf ſchlich ſie durch eine in ihrer Nähe befind⸗ liche offene Thür in ein anderes Zimmer, um nicht die Aufmerkſamkeit der Gräfin oder René's auf ſich zu ziehen. Dann kam ſie durch eine weitere Thür wieder hinein und ſetzte ſich neben Klärchen. Sie ſah, wie Rens ſie mit ſeinen Blicken ſuchte, wie ſein Auge, als er ſie entdeckt, mit Zärtlichkeit ſich auf ſie richtete. Dann gab ſie ihm unvermerkt ein Zeichen, womit ſie ihn zu ſich bat. „Ich wünſchte mich zu entfernen,“ ſagte ſie zu ihm;„denn,“ ſetzte ſie hinzu,„mich intereſſirt hier nichts mehr und ich fühle, daß ich meine Erregtheit weder mei⸗ ſtern noch verbergen kann.“ Klärchen verſtand ihren Händedruck. René warf zwar ein, ſie müßten doch erſt mit ſoupiren. Aber ſie beſtanden darauf, aufzubrechen, und er fügte ſich willig ihrem Begehren. Louiſe war überglücklich, daß der Gebrauch ihr geſtattete, ſich zu entfernen, ohne ſich zu empfehlen, ja ſelbſt ohne ſich bei der Gräfin zu ver⸗ abſchieden. Bald darauf ſtiegen alle Drei in den Wagen und— raſch fuhren ſie davon. „Wann werde ich Sie wiederſehen?“ ſagte René halblaut zu Louiſen, als ſie ſich dem Hauſe des Dok⸗ tors näherten. „Morgen, wenn Sie wollen,“ antwortete ſie. René ſah ſie an, und aus ihren Blicken ſprach eine Entſchloſſenheit und Entſchiedenheit, die er bis da⸗ hin an ihr nicht wahrgenommen. „Wo? und zu welcher Stunde?“ Und ſchnell ſetzte er hinzu: „Um ſieben Uhr Abends in dem Wäldchen, wo wir uns zum erſten Male ſahen.“ Weiter frug er nichts, indem er vorausſetzte, es ſei ihr ſo recht. Sie gab ihm dann ein Zeichen, daß ſie ein⸗ verſtanden ſei; das Wort erſtarb ihr auf den Lippen. Sie trennten ſich; René drückte ihr zärtlich die Hand. In heftiger Aufregung begab ſich dann Tags da⸗ rauf Louiſe zum Park, öffnete die kleine Eingangs⸗ thür und ſetzte ſich unter derſelben Laube nieder, wo ſie von René zum erſten Male ſo ungehofft betroffen wurde. Sie zitterte; ſie war unruhig und aufgeregt, denn dieſes Betragen kam ihr ſträflich vor. So war ihr Gefühl zwiſchen Gewiſſensbiſſen und freudiger Erwartung getheilt und ungeduldig harrte ſie des Augenblickes, wo die Ankunft Renés ihrer unbe⸗ häbigen Lage ein Ende machen würde. René kam. Sein Entſchluß war nur der, bei Louiſe ja keine jener zarten Seiten zu verletzen, die eine junge Dame ſo ſorgſam pflegt, und erſt ihr volles Vertrauen und dann erſt ihre Liebe ſich zu er⸗ werben. Als er ſie daher an derſelben Stelle ſitzen ſah, wo er ſie ohnmächtig in ſeinen Armen gehalten, warf er ſich von der Erinnerung überwältigt zu ihren Füßen. In dieſer Stellung blieb er ſchweigend, unbeweglich, ſein ſehnſuchtsvolles Auge war feſt auf ſie geheftet. Louiſe hatte ſich, wenngleich unbewußt, gedacht, es würde zu Gott weiß was für Erklärungen kommen; aber eine ſolche Erregtheit, ſo eine Extaſe und ſo ein liebeſprü⸗ hendes Auge hatte ſie ſich nicht geträumt. Anfangs war ſie nur bezaubert; aber die Rührung gewann ſchließlich die Oberhand und es dauerte nicht lange, ſo konnte ſie ihre ſchwache Seite nicht mehr verbergen. Plötzlich ver⸗ ſpürte ſie neuen Heldenmuth, wie ein Krieger, wenn er zum erſten Male mit dem Feinde auf dem Schlachtfelde zuſammentrifft, um ſich mit ihm zu meſſen. Sie reichte ihm die Hand. „Stehen Sie auf,“ ſagte ſie zu ihm,„und laſſen Sie uns mit einander plaudern.“ Er gehorchte. Aber ſie konnten Beide keine Worte für ihre Gedanken finden; ihre Blicke ruhten entzückt in einander. Das war eine göttliche Stunde; die Sonne beherrſchte noch den Horizont mit einem Strahlenkranze, ohne die unerbittliche Hitze, die ſie Mittags entwickelte. Hinter einem Kaſtaniengehölz mit ſeinen dichten dunkeln Moſſen gewahrte man mitten durch die verſchlungenen Aeſte einen Raſenſtreifen, der im zarteſten Grün prangte, — mit eine Zau hart e richte 5 aſſen Louiſe Meunier. 137 mit welchem die goldgelben Strahlen der Sonne ſich zu einem Farbenſpiel vereinigten, deſſen mannigfaltiger Zauber jedem Verſuche, ihn in Worte zu kleiden, be⸗ harrlich trotzt. Dieſes prächtige Naturſchauſpiel feſſelte gleichzeitig Renés und Louiſens Blicke, und ſteigerte ihre be⸗ geiſterte Liebe höher und höher; alles um ſie herum war ſtill, nur die kleinen Vögel vernahm man noch von Zeit zu Zeit, bis auch dieſe endlich verſtummten. René betrachtete ſeine angebetete Louiſe und wagte es endlich, mit einer unendlich zarten Sehnſucht in ſeinen ſchönen Augen, ſich mit ſeinen Lippen ihrem Munde zu nähern... aber ſie wehrte ihn ſanft von ſich. Sie glaubte— das war vielleicht ein unſchuldiges Vorurtheil— daß einen Kuß geben ſo viel heiße als ſich ganz ergeben. Ihr Blick trübte ſich; ihre Weigerung that ihr ſelbſt weh, obgleich ſie dieſe Grenze der Scham nicht überſchreiten konnte. René aber war über die kindliche Reinheit ſeiner Geliebten, die er ſo tief ver⸗ ehrte, ganz außer ſich; er bat ſie um Verzeihung, daß er ſo weit gegangen ſei. Um ſeine und ihre Aufregung zu beſchwichtigen und ſie und ſich zu zerſtreuen, griff er zu ſeinen gewohnten muntern und geiſtreichen Abſchwei⸗ fungen. Dann ſetzten ſie ſich in Bewegung und ſpazierten die Allee auf und ab, während Rensé ſich nur hier und da unterbrach. Louiſens Herz ward ruhiger und ſie ſchaukelte ſich entzückt in ihrem Glücke, wie ein Nachen, der Anker geworfen und von den Wellen ſanft hin und her getragen wird. Plötzlich wurden ſie durch leichte Schritte auf der ſandigen Straße aufgeſchreckt. Louiſe erblaßte. „Was iſt das?“ frug ſie. René gewahrte die ſchlanke Geſtalt der Gräfin. „Meine Mutter kommt,“ ſagte er,„warum iſt ſie zu dieſer Stunde ausgegangen? Das iſt ſonſt nicht ihre Gewohnheit.“ Mit dieſen Worten wollte er Louiſe auf einen Seitenweg ziehen. „Nein,“ ſagte ſie entſchloſſen;„es thut mir leid, wenn ich mich kompromittirt habe, aber ich werde mich nicht ſo weit erniedrigen, mich zu verſtecken.“ Sie gingen Madame Bourgueville entgegen; Louiſe grüßte ſie reſpektvoll. „Ach, Fräulein!“ ſagte René's Mutter in ironi⸗ ſchem Tone,„nach dem ſchlechten Empfange, den man Ihnen einmal hier bereitet hat, wieder kommen, das iſt wirklich großmüthig.“ „Meine Großmuth iſt vielleicht nur Egoismu ich komme her, um ihre herrlichen ſchattigen Anlage benützen.“ „Ja, ich weiß, daß das Promeniren hier an iſt, und wenn die Stelldicheins, die man ſich h auch mitunter gefährlich ſind, haben ſie vielle ihren Reiz.“ „Das muß ich zugeben, Madame,“ ſagte Louiſe etwas ärgerlich;„ſonſt würde ich nicht das Vergnügen haben, Sie hier zu finden.“ „Ich, ich gehe nur hier vorbei; ich will übri⸗ gens in Ihrer Geſellſchaft nicht ſtören.“ 6 Erinnerungen, LXXXII. 1861. 1 Bald darauf war Madame Bourgeville ver⸗ ſchwunden; René und Louſſe ſetzten ſchweigend ih⸗ ren Weg durch die Allee fort, die ſie zu einer kleinen Thür des Parks führen mußte, durch die man in's Freie ge⸗ langte. Louiſe war verletzt, aufgeregt, enttäuſcht, und René ahnte, was in ihr vorging. Als ſie das Freie er⸗ reicht, ſetzte ſich Louiſe auf die Erde nieder, denn ihre Ermattung erlaubte es ihr nicht, noch weiter zu gehen. „Was fehlt Ihnen?“ ſprach René zu ihr.„Ver⸗ urſacht die Begegnung meiner Mutter Ihnen ſo viel Kummer und Sorge? Fürchten Sie etwa von ihr der Leichtfertigkeit beſchuldigt zu werden? Beruhigen Sie ſich; die offene Erklärung, die ich ihr von meiner Liebe machen werde, wird einen ſo beleidigenden Verdacht ſchwinden machen.“ Louiſe zitterte; ſie hatte René zu ihren Füßen geſehen; ſie hatte ſich mit unausſprechlicher Zärtlichkeit angebetet geſehen; aber das Wort„Liebe“ hatte ſie bis dahin noch nicht vernommen; das ſchien ihr eine ganz neue Entdeckung. Gleichwohl rief ſie mit lebhafter Stimme: „Nein, nein, machen Sie dies Geſtändniß Ihrer Mutter nicht.“ „Warum denn nicht?“ frug René überraſcht. „Weil ſie Sie jetzt entdeckt hat, mir nicht traut und mich bereits haßt. Vielleicht ſtehe ich ihren Hoff⸗ nungen und ihrem mütterlichen Stolze im Wege. Er⸗ ſparen Sie ſich die Mühe, mich bei ihr zu rechtfertigen. Ich kenne dieſe tugendhaften Frauen, die egoiſtiſchen Mütter; ſeien Sie verſichert, was ſie fürchtet, iſt eben nur, ich möchte Ihre Geliebte oder Braut ſein.“ Während ſie dieſe Worte ſprach, in welchen die ganze Bitterkeit ihrer Seele ſich ausdrückte, war Louiſe voll Stolz und Ironie. Da war ſie nicht mehr die ſchüch⸗ terne, furchtſame Louiſe, ſondern das im Unglück be⸗ reits gereifte Weib, welches mit ſicherem Blick die Tiefe der Leidenſchaften und die Geheimniſſe der Seele er⸗ kennt. René gab ſich alle erdenkliche Mühe, ſie zu be⸗ ruhigen, zu tröſten; er wiederholte ihr, er werde die Mutter ſchon für ſeinen Entſchluß gewinnen; dieſelbe habe ihm, ſetzte er hinzu, noch nie bis dahin die Erfül⸗ lung auch nicht eines einzigen Wunſches abgeſchlagen. „Das wird alles nichts nützen, erwiederte Louiſe. „Das iſt nur Entmuthigung, wenn Sie ſo ſpre⸗ chen,“ ſagte René;„zerſtören Sie nicht Ihr Glück, Sie werden lieben und unvermerkt von Allen geliebt werden.“ „Ich will nur Sie lieben,“ antwortete ſie in einem ſo tiefen Tone, daß René ordentlich erſchrak. „Ach, armes Kind!“ rief er aus;„wenn Sie aus unſerer Liebe ein Geheimniß machen wollen, wie werden wir dann leben? Was ſoll das für ein Glück ſein?“ „So wie wir heute gelebt haben, in der Lauterkeit unſerer Gefühle: nicht mehr und nicht weniger. Seien wir geduldig und ergeben bis zur Erſchöpfung unſerer Kräfte; Gott allein weiß, ob wir uns vereinen oder auf immer trennen müſſen.“ Rens fühlte es hier zum erſten Male, daß es ein tiefes unheilbares Unglück in dieſer Seele gab, die von 18 138 Erinnerungen. Illuſtrirte Blät der Welt verfolgt, vom Schickſal gemartert worden von dem erſten Tage an, wo die Empfindung in ihr er⸗ wachte. Aber das konnte ſeine Entſchlüſſe nur feſtigen, ſeinen Muth, ſeine Ausdauer ſtählen. „Iſt es denn wirklich war, daß ich ihn liebe,“ ſagte ſie zu Klärchen noch an demſelben Abend, während beide ihren gewöhnlichen Spaziergang unter den Obſtbäumen machten und eine Schale ganz warmer friſch gemolkener Milch nahmen;„wenn ich ihn ſehe, wenn ich mit ihm ſpreche, kehrt eine ſo köſtliche reine Freude und Wonne in mein Herz ein, wie dieſer Trunk, mit dem ich eben meine Lippen benetze.“ René verlangte weitere Rendez-vous, und man kam dahin überein, dabei nur mit mehr Vorſicht und geheimer zu Werke zu gehen. Die Zuſammenkünfte waren nicht zu häufig, aber vollſtändig hinreichend, um keinen Augenblick das unausſprechliche Glück der beiden Lieben⸗ den getrübt erſcheinen zu laſſen und namentlich Loui⸗ ſen für die gewohnten brüsken Ausfälle Meuniers und die Impertinenz der verhaßten Vero nika ſtets hinlänglich zu entſchädigen (Fortſetzung folgt.) Der Prager Fenſterſturz. (Hiezu die Bilderbeilage.) g ie verhängnißvolle Begebenheit auf dem könig⸗ GlPlichen Schloſſe zu Prag vom 23. Mai 1618, D— die in der Geſchichte den Namen„der Prager „ Fenſterſturz“ trägt, iſt zu allgemein bekannt, als daß es noch erläuternder Worte zu unſerer dies⸗ E) maligen Bilderbeilage, welche denſelben zum Gegenſtande hat, bedürfen ſollte. Wenn wir trotzdem hier einigen derartigen Worten Raum gönnten, ſo ge⸗ ſchah dies eben nur deßwegen, weil wir allemal ſolche hinzuzufügen pflegen, um augenblicklichen Gedächtniß⸗ lücken zu Hilfe zu kommen. Als die proteſtantiſchen Stände am 23. Pe gegen Mittag, faſt alle bewaffnet und mit einem zuͤhl⸗ reichen Gefolge von Knechten umringt, auf dem könig⸗ lichen Schloſſe zu Prag erſchienen, befanden ſich daſelbſt von den Mitgliedern des Kollegiums der Statthalter, der Oberſtburggraf Adam von Sternberg, der Groß⸗ prior des Johanniter⸗Ordens, Dippold von Lobkowitz, der oberſte Landrichter Wilhelm von Slawata und der Freiherr Jaroslaus von Mattinitz. Heinrich Mathias Graf von Thurn(kein Böhme, ſondern aus dem alten Hauſe der La Torre in Görz und nur Erbe einiger, nicht ſehr bedeutender Güter ſeiner Mutter in Böhmen), ehrgeizig wie Huſſinetz und Podiebrad, ſchlau und tapfer, unermüdlich, nichts weniger als ängſtlich in der Wahl ſeiner Mittel, ein Magnet, der alle unruhigen Köpfe an ſich zag, ſtand an der Spitze der Aufrührer. Paul von Rziezan führte nach der Verabredung das Wort, und ſtellte die Frage: ob das beſchwerliche Schreiben des Kaiſers auf der Statthalter Anrathen oder mit —₰—̃ „ * ter für Ernſt und Humor. ihrer Billigung verfaßt ſei? Sollte in Folge desſelben Jemand Gewalt erleiden, ſo würden ſie Alle für einen Mann ſtehen. Der Oberſtburggraf antwortete: ſolches Begehren ſei unerhört und könne nicht erfüllt werden, da ihr Eid ſie, die Statthalter und Räthe, verpflichtete, nichts von Allem, was im Rathe verhandelt und be⸗ ſchloſſen werde, zu offenbaren; ſie möchten ſich deßhalb an den Kaiſer ſelbſt wenden. Als darauf ein verworrenes Geſchrei erfolgte und viele Stimmen riefen, ſie ſollten ja oder nein ſagen, verlangte der Oberſtburggraf Auf⸗ ſchub, weil man ſich über eine ſo wichtige Sache noth⸗ wendig mit den abweſenden Statthaltern beſprechen müſſe. Der Streit wurde heftiger, und Schmähungen und Vorwürfe wurden über Slawata ergoſſen, und noch mehr über Martinitz, den Nachfolger Thurns in dem wichtigen Burggrafenamte von Karlſtein, mit wel⸗ chem die Verwahrung der Böhmiſchen Krone und der Freiheitsbriefe verbunden war. Hierauf erklärten Thurn und die Genoſſen ſeiner Frevel: ſie ſeien entſchloſſen, ſich ihrer Feinde für immer zu entledigen. Sie führten den Oberſtburggrafen und Dippold von Lobkowitz in ein anderes Zimmer, während Wenzel von Raupowa, zu Martinitz und Slawata gewendet, ausrief:„Werft ſie nach altem Brauche zum Fenſter hinunter!“ Sofort umſchlang einer der Aufrührer den Freiherrn von Mar⸗ tinitz von hinten, und drängte ihn mit Rziczan und anderen gegen das ofſene Fenſter. Vergebens flehte der Unglückliche um Friſt zur Todesbereitung; er wurde hinab geſtürzt. Einen Augenblick herrſchte tiefe Stille, Thäter und Zuſchauer waren gleich erſchrocken, bis Thurn, zu neuen Verbrechen ermunternd und auf Sla⸗⸗ wata zeigend, rief:„Edle Herren, hier habt ihr den andern!“ Da packten ſie auch dieſen, und warfen ihn hinunter.— In der Todesangſt klammerte er ſich an das Eiſen der Fenſterbrüſtung, aber ward ſo lange in die Hand gehauen, bis er los ließ. Darnach erfuhr der Geheimſchreiber Philipp Fa⸗ bricius Platter dasſelbe Schickſal. Ungeachtet die Höhe vom trockenen Schloßgraben bis zum Fenſter an ſechzig Fuß betragen mochte, blieben doch alle drei am Leben. Ein am Gemäuer des Schloſſes hervor gewachſener Hollunderbaum rettete ſie mit ſeinem Gezweige vor tödtlichem Sturze. Auch die Schüſſe, welche ihnen von oben her nachgeſchickt wurden, gingen fehl. Fabricius und Martinitz entkamen glücklich aus der Stadt und aus dem Lande, und auch Slawata, der am Kopfe ſchwer verwundet war, wurde ſpäter aus den Händen königlichen Einkünfte und Güter an ſich zogen, die Beamten auf ihren Namen in Eid und Pflicht nahmen, und mitz dem proteſtantiſch geſinnten Theile der mähri⸗ ſchen und ſchleſiſchen Stände eine Konföderations⸗Akte e GQ—(31. Juli 1619). Der Erzbiſchof von Prag Zgew Abt von Braunau wurden vertrieben, und Nen Heſuiten befahl man, das Land zu verlaſſen. 8 X * desſelben ür einen ſolches werden, pflichete und be. deßhalb worrenes ie ſollten graf Auf⸗ che noth⸗ ſeſprechen ähungen ſen, und hurns in mit wel⸗ und der 1 — — chloſſen, führten it in Raupowa, Werſt Sofort un Nar⸗ zan und lehte der a wurde Sale ui—— n, bls auf Sla⸗ br arfen ihn das Eiſen di Hnd dilipp Fa⸗ die höhe an ſechzig Leben. 1 laſſen⸗ Altt —— — 2e-A== ———— ——— 2—C Karl Winakicky: Der Die Anführung der Kriegsmacht ward dem Grafen Thurn übergeben, der den Titel eines oberſten Feld hauptmannes annahm, und ſogleich mit 30.000 Mann gegen Budweis und Krumau zog, welche Städte nebſt Pilſen dem Kaiſer getreu geblieben waren. Krumau wurde bald überwältigt, Budweis belagert. Dies war der Anfang eines Krieges, der dreißig Jahre lang Deutſchland von einem Ende bis zum andern auf das Schrecklichſte verheerte, und dem ganzen Staatenſyſteme Europa's eine andere Geſtalt gab. Der heilige Roſenkranz. Altdeutſcher Meiſtergeſang mit neuhochdeutſcher Uebertra⸗ gung von Karl Winaricky. — A Pas nachfolgende altdeutſche Loblied auf die ſe⸗ 0 MPägſte Jungfrau— von dem unbekannten Ver⸗ (ec faſſer ein„meiſterliches Gedicht“ genannt— iſt O einem altböhmiſchen Gebetbuche entnom⸗ 8 men, welches ich im Jahre 1833 durch Vermit telung meines Freundes, des Bibliothekars Wen⸗ zel Hanka, von dem geweſenen Kleinſeitner Kaufmann und Antiquarien⸗Händler Blecha käuflich an mich ge⸗ bracht habe. In ſchwarzen Saffian mit Goldſchnitt ge⸗ bunden, enthält das Büchlein 223 Pergamentblätter, welche fünf Zoll hoch und drei Zoll breit ſind. Der jetzige Einband ſcheint nicht über ein hundert Jahre alt zu ſein; das urſprüngliche Format war jedenfalls etwas größer, wie an den tiefbeſchnittenen Seiten⸗Signaturen zu erſehen. Das Manuſkript bietet eine große Zahl von kräf⸗ tigen, in der muſterhaft reinen Schreibart des XV. Jahr⸗ hunderts verfaßten Gebeten, Betrachtungen, Pſalmen, Liedern und Litaneien in böhmiſcher Sprache. Es iſt mit drei, jedoch minder erheblichen Miniaturen geziert. Nach dem 80. Blatte iſt ein Bild der heil. Dreieinig⸗ keit, nach dem 138. das Symbol der fünf Wunden Chriſti, nach dem 169. ein Bild der heil. Anna einge⸗ ſchaltet. Die Initial⸗Buchſtaben ſind gemalt, von wel⸗ chen die auf der 1., 43., 105.) 161., 363. und 411. Seite befindlichen beſonders ſorgfältig ausgeführt, und zum Theile, wie die Miniaturen, mit Gold verziert ſind. Das Sonderbarſte aber an dem Manuſkripte iſt, daß mitten unter den böhmiſchen Gebeten au⸗ ch deutſche ſich finden. Seite 278— 281 lieſt man in deutſcher Sprache die Antiphone, Verſikeln und Kollekte von den Heiligen: Georg, Blaſius, Erasmus, Panthaleon, Vitus, Chriſtophorus, Dionyſius, Cyriakus, Achatius, Egidius, Katharina, Margaretha und Barbara; S. 287— 291 ein Gebet vom heil. Bartholomäus; S. 411— 425 das hier mitgetheilte Loblied Mariens und S. 426— 429 eine Betrachtung der Leiden unſeres Herrn. Das Loblied zeichnet ſich durch Gehalt, Innig⸗ keit und poetiſchen Gedankenſchwung vorzüglich aus. Vor demſelben ſteht das Rubrum:„Hie nach volget der heylige roſenkrancz vnſer lieben frawen, de do von heilige Roſenkranz. 139 dreyſſig roſen iſt goncz.“ Mit dem Ausdrucke„Roſen“ werden augenſcheinlich die Strophen bezeichnet: da je⸗ doch das ganze Lobgedicht 36 wierzeilige Strophen zählt, ſcheinen die ſechs letzten ein ſpäterer Zuſatz zu ſein. Dieſe Vermuthung gewinnt an Sicherheit durch den Umſtand, daß eben in den ſechs letzten Strophen früher ſchon ausgeſprochene Gedanken ſich wiederholen. In der 34. Strophe fehlt der vierte Vers ganz, und ich habe mir erlaubt, nach Maßgabe des dritten Reimes im Vergleiche der ähnlichen 21. und 29. Strophe das offenbar Fehlende im Texte zu erſetzen. Jedenfalls bildet die 30. Strophe einen viel paſſenderen Abſchluß, als die viel mattere und in Bezug auf Sprache und Reim min⸗ der gelungene 36. Strophe. Der Name des Verfaſſers iſt eben ſo wenig wie der des Schreibers und Illuſtrators ange⸗ geben. Die regelmäßigen, ſchönen, faſt wie Druck aus⸗ ſehenden Schriftzüge deuten offenbar auf die zweite Hälfte des X V. Jahrhunderts hin. Bibliothekar Hanka, welcher das Manuſkript, bevor es in meinen Beſitz ge⸗ langte, durchgeſehen, ſchloß aus der Bitte der Litanei zu allen Heiligen S. 220:„Aby otcze Swateho papeze nynieyſſieho Sixta w ſwatem nabozenſtwi zachowati räczil“, d. i.„daß du den heiligen Vater, den gegen⸗ wärtigen Papſt Sixtus im heiligen Glauben erhalten wolleſt“, ganz richtig: das Manuſkript ſei zur Regie⸗ rungszeit des Papſtes Siptus IV., d. i. zwiſchen 1471 bis 1484, geſchrieben; und dieſe Bemerkung hat der genannte Bibliothekar auch auf der leeren Seite vor dem Bilde der allerheil. Dreieinigkeit eigenhändig ein⸗ geſchaltet. Das deutſche Loblied dürfte jedoch eben ſo wie auch mehrere der böhmiſchen an den ältern Wort⸗ formen kennbaren Andachtsſtücke der Sammlung viel älteren Urſprungs ſein. Vielleicht hat ſich in deutſchen Bibliotheken ein älterer Text des Lobliedes erhalten! Intereſſant wäre es, dies zu erfahren. Aus dem erſten Satze des Gebetes auf der Seite 429:„Boze wſſemohucy. miloſtiw bud mnie hrzieſſnen Bernartowi“, d. i.„Allmächtiger Gott, ſei gnädig mir ſündigem Bernhard“, dürfte man mit Recht folgern, daß der erſte Beſitzer des Manuſkriptes Bernhard hieß, in in Böhmen bei weltlichen Perſonen damals unge⸗ wöhnlicher Name und daher wahrſcheinlich ein Klo⸗ ſtername; ſo daß der er ſte Beſitzer ein Kloſter⸗ geiſtliche, vielleicht ein Kloſterabt war. Das bekannte Schickſal der zur Zeit Kaiſer Joſephs II. aufgehobenen Klöſter und der aus Kloſterbibliotheken verſchleppten Bücher und Manuſkripte ſcheint auch das beſprochene Manuſkript getheilt zu haben, ehe es in die Hände des Antiquarhändlers Blecha kam. Der Schreiber des Manuſkriptes dürfte aber zweifelsohne ein Böhme geweſen ſein; darauf deuten die häufigen Schreibfehler in den deutſchen Gebeten und in dem Lobliede insbeſondere. So ſteht z. B. in der 1. Strophe druſſe ſtatt gruſſe, in der 4. fuſſe ſtatt ſuſſe, in der 6. funde ſtatt ſunde, in der 11. ewiges ſtodes ſtatt ewiges todes, in der 13. funde ſtatt ſunde, in der 17. ſewer ſtatt fewer, in der 26. onfer ſtatt onſer, in der 30, gunczer ſtatt ganzer 18* 140 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. und geſtheyden ſtatt geſcheiden. Fehler der Art fin⸗ den ſich in dem böhmiſchen Texte nicht. Mit Ausnahme der erſten Strophe beginnen alle anderen ſtets abwechſelnd mit den Worten:„Gegruſſet ſeyſt“— und:„Ich gruſſe dich“; darum habe ich die im Originaltexte vorgehende 31. Strophe der nachfol⸗ genden 32. Strophe vorgeſetzt. In der Uebertragung erlaubte ich mir einige unweſentliche Aenderungen des Rythmus, des Reims und des leichteren Verſtändniſſes wegen. Einige Aſſo⸗ nanzen und Nicht⸗Reime ließ ich ſtehen, um mich von dem Originaltexte nicht zu weit zu entfernen. Für Kenner des Altdeutſchen füge ich den getreu kopirten Original⸗Text, für an die alte Sprech⸗ und Schreibart minder gewöhnte Leſer eine mehr oder minder freie neuhochdeutſche Uebertragung bei. Die meiſt ungeſuchten und dennoch vollſinnigen ſchönen Reime verleihen dem Liede eine ungemeine An⸗ muth. Kenner altdeutſcher Poeſie, denen ich es theils zu Hauſe, theils in der archäologiſchen Sektion des böh⸗ miſchen Muſeums im Spätherbſte 1860 in Gegenwart des damals noch lebenden Bibliothekars Hanka vorge⸗ zeigt und vorgeleſen habe, erklärten das Loblied für ein vorzügliches. Nachdem in den letzten Tagen Profeſſor Dr. Höffler einige bisher nicht gekannte Bruchſtücke altböhmiſcher Poeſien aufgefunden und damit uns Böhmen recht ſehr erfreut hat, glaubte ich dem deutſchen Publikum mit der Veröffentlichung dieſes intereſſanten Denkmals mittelalterlicher deutſcher Poeſie ein Gegen⸗ geſchenk machen zu ſollen; wobei ich nur den Wunſch offenbare, es mögen ſich recht viele der gemüthlichen Leſer an der kindlichen Einfalt und frommen Innigkeit des Lobliedes geiſtig erwärmen. Der heilige Roſenkranz. Altdeutſcher Meiſtergeſang. Originaltext. Maria Mutter, ich dich druſſe. hilf mir dos ich mein ſunde buſſe. Der leyder alſo vil ſynd. des bitte fur mich dein liebes kynd Amen. Ich gruſſe dich mit des engels worten Slews mir auff des hymels pforten. Das ich frolich darehn muß geen ond dar Inne euige frende muſſe beſehen. Gegruſſet ſeyſtu und gebenedeyet. von allen ſunden biſt du gefreyet Des gib mir deynen gebenedeyten ſegen, Das meyn dy heiligen engel pflegen Amen. Ich gruſſe dich des himels roſemgarte, V Du apſerwelte reyne vnd czarte Du edele fuſſe roſen blutte Bit Got fur mich durch deyn gutte Amen. V Gegruſſet ſeiſtu vnd deyn lieber ſon Dir dienet die ſune vnde auf der mon. Die planeten vnd alles geſtirne, Bitte got fur mich gottes dyrne Amen. Ich gruſſe dich der kewſcheyt vrkunde O Juncfrawe bit fur meyn funde. Das der liebe got mir wolle geben, durch deyn furbiten das ewige leben Amen. Gegruſſet ſeyſtu der ſunder geleyte Mit deynen gnaden vns bereytte das du ons gnade wolleſt er werben von deynem kynde ee wir ſterben Amen. Neuhochdeutſche Uebertragung. Maria Mutter, ich dich grüße, Hilf mir, daß ich meine Sünden büße Deren ach! all zu viele ſind! Drum bitt für mich dein liebes Kind! Amen. Ich grüße dich mit des Engels Worten, Schließ mir auf des Himmels Pforten, Damit ich froh hinein kann gehen, Und drinnen ewige Freude ſehen!(Amen.) Gegrüßet ſei und gebenedeiet, Von allen Sünden biſt du befreiet; Drum gib mir deinen gebenedeiten Segen, Daß mich die heiligen Engel pflegen! Amen. Gruß dir des Himmels Roſengarten, Der außerwählten, reinen, zarten, Dir edeln, ſüßen Roſenblüthe! Bitt Gott für mich durch deine Güte! Amen. Gegrüßt ſeiſt du und dein lieber Sohn, Dir dienet die Sonn und auch der Mon,, Und die Planeten und alles Geſtirne, Bitt Gott für mich, o Gottes Dirne! Amen. Ich grüße dich der Keuſchheit Urbild, O Jungfrau, bitt' für meine Unbild, Daß mir der liebe Gott wolle geben Durch deine Fürbitt' das ewige Leben! Amen. Gegrüßet ſeiſt du, der Sünder Geleite, Mit deiner Gnade uns begleite, Daß du uns Gnade möchteſt erwerben Von deinem Kinde, ehe wir ſterben! Amen. ——-— — 5 Karl Winaricky: Der heilige Roſenkranz. Ich gruſſe dich gnedige vnd ſenfft mutte deynes kyndes czorn mir vergutte das er ſein erbarmung czu mir pflicht Nw vnd an dem Jungſten gericht Amen. Gegruſſet ſeyſtu czarte lilige weys thue mir auf des hymmels paradeys das ich dich frolich muſſe ſchawen. mit allen deynen ezarten Jucfrawen Amen. Ich gruſſe dich du hymmel roſe Ich ruffe dich an mache poſe Ich bit dich iunefrawen mit ynnykeyt, hilf mir czu der ewigen ſelikeyt Amen. Gegruſſet ſeyſtu Maria frey Bis meyner ſele eyn erzney Das ich deynes kyndes hulde erwerbe ond nicht ewiges ſtodes ſterbe Amen. Ich gruſſe dich du czartes pild. Du gnadige ſuſſe vnd milde des ſaltu alle die begoben. die dich eren wirdigen vnd loben Amen. Gegruſſet ſeyſtu ſelige frucht aller ſunder troſt vnd czu flucht. Mich rewen alle meyne funde O mache mir deyn liebes kint czu frewnde Amen. Ich gruſſe dich mutter der barmherczikeyt Bis allen den mit gnaden bereyt Die yn deynem dienſt arbeht haben Vnd dich mit andacht rufen an. Gegruſſet ſeyſtu der ſunder heyle. Deiner genaden kan ſich nymand enthalden wenn der ſunder ſich mit rewe czu dir keret. vnd vmb deine gnade dir flehet Amen. Ich gruſſe dich iunefrewliche reynikeyt hilf mir czu der ewigen ſelikeyt Das ich goome yn die hymmeliſche ſtat Do man bonne ond frewden hat Amen. Gegruſſet ſeyſtu mit gnaden feyn Du edele czarte iuncfraw reyn Behutte mich vor dem ewigen ſewer Du iuncfrawe reyn edele vnd trewe Amen. Ich gruſſe dich du rehne mayd Bit deyn kynt fur vns wenn er dirs nicht vorſagt Du biſt onſer troſt vnd onſer heyl wer vber ons geet das leczte vrteyl Amen. Gegruſſet ſeyſtu edle ſüſſe grunne. Dich loben alle engeliſt he ſtymme. Laß dir das lob wol gefallen Das alle criſten von dir ſyngen vnde ſagen Amen. Ich grüß' dich Mutter, Gnadenborn, Wend' ab von mir deines Kindes Zorn, Daß er erbarmungsvoll mich richte So jetzt wie bei dem jüngſten Gerichte! Amen. Gegrüßt ſeiſt, Lilie zart und weiß, Thue mir auf des Himmels Paradeis, Damit ich fröhlich dich kann ſchauen Mit allen deinen zarten Jungfrauen! Amen. Ich grüße dich du Himmels Roſe, Ich rufe dich an du Makelloſe, Ich bitte dich, Jungfrau, mit Innigkeit, Hilf mir zu der ewigen Seligkeit! Amen. Gegrüßet ſeiſt du Maria frei, Sei meiner Seele Arzenei, Daß ich deines Kindes Huld erwerbe, Und nicht des ewigen Todes ſterbe! Amen. Ich grüße dich du zartes Bild Du biſt ſo gnädig, ſüß und mild, Du mögeſt für alle bitten droben, Die hier dich ehren, würdigen, loben! Amen. Gegrüßet ſeiſt du ſelige Frucht, Du aller Sünder Troſt, Zuflucht! Mich reuet jede meiner Sünden, Laß deines Kindes Huld mich finden! Amen. Ich grüße dich Mutter der Barmherzigkeit! Du biſt all denen zu helfen bereit, Die in deinem Dienſte Arbeit thun, Und im Gebet’ zu dir nicht ruh'n.(Amen.) Gegrüßet ſeiſt du der Sünder Heil, Deine Gnade werde jedem zu Theil, Der ſich zu dir mit Reue kehret, Und Gnade für ſich durch dich begehret! Amen. Ich grüſſe dich jungfräuliche Reinigkeit, Hilf mir zu der ewigen Seligkeit, Damit ich komm in die himmliſche Stadt, Allwo man Wonne und Freude hat! Amen. Gegrüßet ſeiſt du mit Gnaden fein Du Jungfrau edel, zart und rein, Behüte mich vor dem ewigen Feuer, O Jungfrau, Deinem Sohne ſo theuer! Amen. Ich grüße dich du reine Magd, Bitt dein Kind für uns, das dir nichts verſagt! Du biſt unſer Troſt und unſer Heil, Wann über uns ergeht das letzt Urtheil. Amen. Gegrüßet ſeiſt du edle, ſüße, die oben Aller Engel Stimmen loben! Laß die Geſänge dir auch gefallen Die aus aller Chriſten Munde erſchallen! Amen. 8 142 Ich gruſſe dich milde vnd ſuſſe Ich lege mich fur deyn fuſſe vnd bit vmb dich gnade vnd veine vmb aller meyner funde meine Amen. Gegruſſet ſeyſtu guldene Krone der gotheyt Hilff mir fur gotes barmherczykeit Amen Das ich beſchawe deyn czartes antlicze vnd die ewige frewde beſiteze. Ich gruſſe dich den gnaden hantfeſte Rede zu deynem kynde dasbeſte Das er durch deyn muterliche trewe ons helffe czu der ewigen rewe Amen. Gegruſſet ſeyſtu mutter aller gnaden Alle die mit ſunden ſeyn beladen, den thu gnad hie auff erden das ſie gotes kynder werden Amen. Ich gruſſe dich alle ſtunde Empfach dyſen kranz von meynem munde das ich dein lob alſo vorkunde Das ich nicht falle yn groſſe ſunde Amen. Gegruſſet ſeyſtu aller engel wonne du lewchteſt als eyn clar ſonne vnd biſt ſo vnmeſſiglichen geczyret Das alle engeliſche ſchar dir hofyret Amen. Ich gruſſe vnfer friede ſchilt. hilff vns armen wenn du wilt das vns werde der ewige frid ond das hymelreych damit Gegruſſet ſeyſtu milde und demutige allen ſundern gnedig vnd mir guttig hilff vns ezu gnaden vorgebens Czu der frewde des ewigen lebens Amen. Ich gruſſe dich mein heyl vnd meyn troſt. Hilff mir das ich werde erloſt In mehner leczten hinfart Gib meiner ſele eyn reyne fart Amen. Gegruſſet ſeyſtu vnſer ſelikeyt Du mutter der barmherczykeyt Deines Kyndes ezorn von mir wende wen es neheſt meinem leczten ende Amen. Ich gruſſe dich mit allem meyſterlichen getichte. hilff mir das ich meyn ſunde beychte Mit gunzer rewe und leyde das ich nymer werde von dir geſtheyden Amen. Gegruſſet ſeyſtu gnädige guttige und ſo getrewe. hilf mir czu der ewigen rewe, Daß ich die ewige frewde finde bei dir vnd bei deynem libe kynde Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Ich grüße dich, du milde, ſüße, Ich werfe mich vor deine Füße Und bitt um Gnade dich, o Reine, All' meine Sünden ich beweine. Amen. Gegrüßet ſeiſt du goldne Kron der Gottheit, Erfleh' von Gott Barmherzigkeit, Auf daß ich ſchau' dein zartes Antlitze Und einſt die ewige Freude beſitze!(Amen.) Ich grüße dich der Gnaden Handfeſte, O rede zu deinem Kinde das Beſte, Daß wegen deiner Muttertreue Es uns verhelfe zur innigen Reue! Amen. Gegrüßet ſeiſt du Mutter der Gnaden, Für alle, die mit Sünden beladen, Erflehe Gnade hier auf Erden, Auf daß ſie Gottes Kinder werden! Amen. Ich grüße dich zu jeder Stunde, Nimm dieſen Kranz aus meinem Munde, Möcht er dein Lob alſo verkünden, Daß ich nicht fall in große Sünden! Amen. Gegrüßet ſeiſt du aller Engel Wonne! Du leuchteſt wie die klare Sonne, Und biſt ſo unermeßlich gezieret, Daß dich die Schaar der Engel hofiret. Amen. Ich grüß dich, unſeres Friedens Schild, O hilf uns Armen, wenn es gilt, Auf daß uns werde der ewige Fried Und das Himmelreich damit! Amen. Gegrüßet ſeiſt du milde, demüth'ge, Allen Sündern gnäd'ge, mir gütge, Hilf uns zu Gnaden vergebens Zu der Freude des ewigen Lebens! Amen. Ich grüße dich, mein Troſt und mein Heil, Hilf, daß mir werde Erlöſung zu Theil; In meiner letzten Hinüberfahrt Gib meiner Seel eine reine Fahrt! Amen. Gegrüßet ſeiſt du, unſre Seligkeit, Du Mutter der Barmherzigkeit, Deines Kindes Zorn von mir abwende, Einſt wenn ſich naht mein letztes Endel Amen. Ich grüß dich mit dieſem Meiſtergedichte, Hilf mir, daß ich meine Sünden berichte Mit ganzer Reu, mit ganzem Leide, Auf daß ich nimmer von dir ſcheide! Amen. Gegrüßet ſeiſt du güt ge, getreue, O hilf mir zu der innigen Reue, Daß ich die ewige Freude finde, Bei dir und deinem lieben Kinde!(Amen.) ———y —S ———ꝰ—· len. men. Das Haberfeldtreiben. 143 Ich gruſſe dich mit gefalte henden deyne gnade walleſtu czu mir wenden wenn ich des lebens nymer habe wen mich man todt tregt czu dem grabe Amen. Gegruſſet ſeyſtu meyn heyl vnd meyn troſt hilff das ich werde erloſt von ſünden ſchult vnde peyn wen ich nymer auf erden ſal ſeyn Amen. Ich gruſſe dich vnſer hochſtes heyltum ons armen ſundern czu troſte gome An vnſerem leczten ende Amen. Gegruſſet ſeyſtu awsfliſſender genoden pach Vnſere arme ſele czu genaden enpfach wenne ſy ſal von vnſerem mude faren vnd brenge ſie an der engel ſchar Amen. Ich gruſſe dich Maria Frawe meyn Empfoe von mir dys roſenkrenczeleyn das ich dir geſprochen hab Das laß dir iuncfrawen nicht werſmoen Amen. Ich grüße dich mit gefaltenen Händen, Möchteſt du deine Gnade mir ſpenden, Wenn ich das Leben nicht mehr habe, Wenn man mich todt trägt hin zum Grabe! Amen. Gegrüßet ſeiſt du, mein Troſt und mein Heil, Hilf, daß mir werde Erlöſung zu Theil Von Sünden⸗Schuld und jeder Pein, Wenn ich nicht werd' auf Erden ſein! Amen. Ich grüße dich, unſer höchſtes Heilthum, Uns armen Sündern zu Troſte komm; Dereinſt an unſerem letzten Ende (Dein gnädig Antlitz uns zuwende)! Amen. Gegrüßt ſeiſt du, helllichter Gnadenſtrom, Unß'rer armen Seele zu Hilfe komm'; Wenn ſie ſoll aus unſerem Munde fahren, Bring du ſie zu der Engel Schaaren! Amen. Ich grüß dich Maria für und für, Empfang dies Roſenkränzlein von mir, Das dir zu Ehren ich gewunden! O hätt es Gnad bei dir gefunden! Amen. Das Haberfeldtreiben. (Schluß.) er Tag vor der Roſi Abreiſe in die Stadt war herangerückt. Alle Vorkehrungen dazu waren auf dem Oedhofe getroffen. Der Abend war ſtill hereingebrochen, nicht ſo ruhig ſollte er zu Ende gehen. Waſt, der alle Hoffnung auf den Beſitz und die Liebe des geliebten Mädchens aufge⸗ geben, hatte unheimliche Zeichen bemerkt und ſie ſeiner Bäuerin mitgetheilt. Arglos ſaß der Akkordant mit ſeiner Braut und dem Oedbauer in der Stube. Sein Kind rief den letztern zur Mutter in die Küche. Haſtig folgte er dem Kinde dahin und fragte ungeduldig:„No, wo fehlts denn?“ Dort lehnte die Oedbäuerin eben am Fenſter und ſchaute ernſten Blickes in die dunkle Winternacht hinaus; neben ihr ſtand der Waſt; er ſah gleichfalls ſehr ernſt⸗ haft vor ſich hin und blies dabei in die Herdflamme, daß ſie friſch aufflackerte und rothe Funken ſprühte. Still waren ſie alle Beide, kein Laut ließ ſich in dem weiten gewölbten Küchenraume vernehmen, draußen aber pfiff ein kalter Sturmwind vom See herauf, die Bäume krachten, als ob ſie in ihren tiefſten Wurzeln zuſammen⸗ brechen ſollten, und dichte Schneeflocken ſchlugen an das kleine Küchenfenſter, das in den Obſtgarten hinausſah. „Bauer, heut fürcht ich, geits ge noch ebbs Schieches ab!“ redete der Waſt ſeinen Dienſtherrn an, als dieſer mit dem Moidei herein kam.„Wannſt grad derweil haſt, aft, mein! ich, wir geh'n ge noch ein boiß das Haus durch und ſchaun nach, ob die Thüren G — alle gut zu waren. Magſt auch Deinen Stutzen umthun, baldſt n nett bei der Hand haſt!“ „Für was denn alle die Gſchichten?“ fragte der Oeder ärgerlich, indem er ſeine Cigarre wieder an⸗ brannte, die im Herausgehen ausgegangen war.„Du warſt ja kasweiß, Bua, was ich ſeh, und s Diendl auch. Sakra, was geit' ge noch ab heut, frag' ich?“ „Was G'wiſſes weiß ich ſelber nöt, Bauer,“ gab der Waſt ernſthaft zur Antwort;„aber ich denk mir halt ſo, ſie möchten heut Nacht ebber noch was B'ſonders im Sinn haben. Derſell Loder, wo nachſt in der Nacht s Haberfeldtreiben ang'ſagt hat, war ebber doch kaum umſonſt bei uns zu kehrt. War gerad im Stall drauß, und hab ſelber geſeh'n, wie etliche ſchwarzgefärbte Ge⸗ ſichter mäuslſtat um den Hof herumſchleichen. Waren ihrer eine ganze Schar beinand, leicht ein paar Dutzend. Aber keiner hat ein Wörtl g'ſagt zu dem andern.“ Die Oederin fuhr jetzt mit der Hand über die angelaufenen Fenſterſcheiben und ſchaute ängſtlich in's Freie.„Jeſus, dort unter den Bäumen vom See herauf, ſeh ich grad wieder eine Schar daherſchleichen!“ ſchrie ſie in demſelben Augenblick mit bebender Stimme und ohne umzuſehen,„die Einen tragen was— Alle gehen ſ' nett auf unſern Hof zul“ Der Waſt ſprang an's Fenſter, um ſich ſelbſt davon zu überzeugen, ob die Oederin recht geſehen,— ſein Bauer aber riß jetzt haſtig die Thür auf, die in den Garten führte, und ging für einen Augenblick in’s Freie. Ein naßkalter Wind pfiff um das Haus und wehte die Schneeflocken durch die offene Küchenthür herein. Dabei war es ſtockfinſter im Freien, und nur mit Mühe konnte man den nächſten Baum unterſcheiden. Der Oedbauer ſah ſich erſt eine — — 144 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Weile nach allen Seiten hin um und legte lauſchend die Hand vors Ohr. Allein es ließ ſich nirgends etwas Ver⸗ dächtiges hören: nur der Sturmwind pfiff und heulte durch die Berge, und im Stall hinten brummte das Kuhvieh. „Vorſichtig ſein ſchadet nix!“ ſagte er endlich lachend, als er wieder herein kam,„wir mögen doch ein boiß umeinandſpäh'n!“ Mit dieſen Worten zündete er etliche Späne an, winkte dem Waſt, mit ihm zu gehen, und eilte ſodann, ohne weiter auf das Geſchrei ſeines Weibes zu achten, mit dem Knecht in die ſtürmiſche Winternacht hinaus. Die Oederin wollte ihm nach, aber das Moidei hielt ſich zitternd an ihren Rockzipfel feſt, und bat ſie unter Thränen dazubleiben. „Mutter, geh'n wir in die Stuben ummi!“ drängte das Kind,„ich trau mir nimmer da zu ſein in der Kuchel; es war ſo viel grauſig da heraus!“ „Diendl, ſei keine Lappin!“ verſetzte die Bäuerin mit ernſtem Tadel, obſchon es ihr ſelber in dieſem Augen⸗ blicke nichts weniger als heimlich zu Muthe war;„was brauchſt Dir denn zu fürchten?“ Allein ſie folgte gleich⸗ wohl ganz gerne der Bitte ihres Kindes, und Beide gingen ſofort in die Wohnſtube hinüber, wo ſich mittler⸗ weile auch der Akkordant und die Roſi eingefunden hatten, weil die Letztere jetzt einmal mit dem Packen zu Ende war. Die Brautleute ſaßen mit einander am Erker⸗ tiſche; ſie hielten ſich Hand in Hand und plauderten von einer ſchönen Zukunft. Die Oederin wollte ſie auch durch kein Wörtlein in ihrem Glück ſtören, ſie faßte ihr zittern⸗ des Kind bei der Hand und Beide ſetzten ſich ſchweigend und voll banger Erwartungen auf die Ofenbank. Bald darauf kam auch der Bauer wieder in die Stube zurück; mit ihm der Waſt. „Annei, mir ſcheint, es hat Dir was träumt!“ ſagte er lachend zu ſeinem Weibe;„wir hätten uns ſchier die Augen herausgeſchaut, aber geſehen haben wir doch nix!“ Jetzt wurde auch das Brautpaar aufmerkſam ob dieſer ſeltſamen Anrede, und Beide ſahen den Oeder groß an. „Was ſollteſt Du denn geſeh'n haben?“ fragte der Akkordant haſtig, aber er hatte noch nicht völlig ausge⸗ redet, als urplötzlich vor dem Haus außen ein dumpfes Gemurmelentſtand, als wie von vielen hundert Menſchen. Man ſah Lichter auftauchen, Pfeifen und Trommeln er⸗ tönten im Sturmwind und Alles deutete auf eine große Menſchenmenge, die vor dem Oedhofe verſammelt war. Alle, die in der Stube waren, fuhren jetzt erſchrocken in die Höhe und ſahen einander mit großen Augen an. Der Waſt war an ſchnellſten wieder gefaßt. „Sakra, da haben wir ja ſchon die Beſcheerung!“ rief er mit einem haſtigen Blick auf ſeinen Dienſtherrn; „aber hab' ich mir's doch gleich denkt, es geht ſo. Ich bitt Euch, ſeid nur grad ſtat jetzt und rührt Euch nöt. Und Du, Bauer thu's Fenſter auf; es hilft Dir jetzt doch nix nimmer!“ „Bauer, war Dein Haberfeld leer?“ hörte man in dieſem Augenblick draußen eine tiefe donnernde Baß⸗ ſtimme rufen. Todtenſtill wars jetzt in der weiten Stube, man hörte jeden Athemzug. Auch der Oeder faßte ſich jetzt; er ging an das Fenſter und öffnete es.„Ja!“ gab er dem Frager mit gepreßter Stimme zur Antwort, und dabei zitterte ihm der ganze Körper vor Zorn und Be⸗ ſchämung. Er wußte nur allzugut, was jetzt Alles kommen würde. Draußen vor dem Hofe unter den Obſtbäumen und auf der Wieſe nebenan ſchimmerten zahlloſe Fackeln und Laternen in einer ſeltſamen Verſammlung. Leicht an dreihundert Männer bildeten dort ein weites, dicht geſchloſſenes Viereck. Sie hatten alle das Geſicht mit Ruß oder Mehl gefärbt und waren in die bunteſten, abenteuerlichſten Aufzüge vermummt. Die Einen trugen Harniſche von Gold⸗ oder Silberpapier, alte Soldaten⸗ helme, abgetragene Uniformen und Reitermäntel, Andere hatten Kapuzinerkutten umhängen, Kappen von Papier, von Blech oder Eiſen, auch wohl zerbrochene Töpfe auf dem Kopf. Wieder Andere waren in Kuhhäute oder Mehlſäcke eingenäht, oder ſie erſchienen als Vogel⸗ ſcheuchen mit einem flatternden Gewande von Lumpen und Fetzen angethan. Bewaffnet aber war ein Jeder: wer nicht eine Flinte trug, hatte wenigſtens eine Senſe oder einen Dreſchflegel in der Hand, und dazu hatten ſie alle künſtliche Bärte von Roßhaar, Werg oder ge⸗ trocknetem Moos im Geſicht. In die Mitte des beſagten Vierecks fuhr jetzt ein kleiner Wagen. Zwei Gaisböcke zogen ihn und er war ringsum mit Haferſtroh und dürren Tannenreiſern auf⸗ geputzt. Eine lebensgroße Strohfigur ſaß darauf. Sie war in ein ſtädtiſches Gewand gekleidet: ein langes Kleid hing ihr bis auf die Füße herab, ein blauer Küchenſchurz war als Shawl um ihren Hals gelegt, und auf dem Kopfe ſaß ein Amazonenhut mit ſchwarzer Straußenfeder und grünem Schleier. Anſtatt der Ohr⸗ ringe hatte dieſe Figur ein Paar große Melkkübel ein⸗ hängen, und in der Hand hielt ſie eine lange, dreizackige Miſtgabel. Als der beſagte Wagen mit ſeiner ſeltſamen Bürde beim Glanz der Fackeln und Laternen ſichtbar wurde, entſtand für einen Augenblick in der zahlreichen Ver⸗ ſammlung ein entſetzliches Lärmen und Gelächter. Gleich darauf aber hörte man eine durchgreifende Stimme Ruhe gebieten, und ein langer ſtämmiger Burſche trat jetzt mitten in das Viereck, gerade vor den Wagen hin, den die beiden Gaisböcke ſoeben hereingezogen hatten. Der Burſche trug eine ſchäbige Grenzwächteruniform und darüber einen zerfetzten Reitermantel. Auf ſeinem Kopfe ſaß ein dreieckiger Hut mit rothem Federbuſch, einen hölzernen Säbel hatte er an der linken Seite und der Schweif eines ſchwarzen Eichhörnchens hing ihm, künſtlich in zwei Theile geſpalten, als eine ſeltſame Art von Schnurrbart über die Lippen. Zwei andere Burſchen, der Eine als Hanswurſt, der Zweite als Gensdarm ver⸗ kleidet, ſtanden zu ſeinen beiden Seiten und leuchteten ihm. Es war jetzt für den Augenblick ſo tiefe Stille rings umher, daß man eine Maus hätte laufen hören; Aller Augen richteten ſich nach dem Burſchen, der vor dem Wagen ſtand, und ein Jedes harrte in geſpannteſter Aufmerkſamkeit der Dinge, die da kommen ſollten. = zurſchen, en ihm. Stille hören, er bor lteſter n. Das Haberfeldtreiben. 145 „Hochwürdiger Herr Pfarrer von Pang, thus Sündenregiſter her!“ rief endlich der Wortführer, nach⸗ dem er ſich durch einen ſcharfen Blick in der Runde überzeugt hatte, daß Alles bereit ſei, ihn zu hören. Ein vierter Mann, in eine Kapuzinerkutte vermummt, auf dem Kopfe ein ſtattliches Hirſchgeweih, trat ſofort aus dem Viereck, verbeugte ſich tief und gab dann dem Erſten ein gerolltes Stück Papier in die Hand. Dieſer öffnete es und warf ein paar flüchtige Blicke über ſeinen Inhalt; ſodann begann er die ſämmtlichen Anweſenden einzeln unter irgend einem falſchen Namen zu verleſen, wobei ein Jeder mit„hier“ antwortete. Erſt als dies geſchehen war, nahm er wieder das Papier zu Hand, räuſperte ſich noch etliche Male und hub hierauf mit lauter, weithintönender Stimme zu deklamiren an: „Luſt auf, Ihr Männer, und laßt Euch ſagen, Was ſich in der Buchau hat zugetragen;— Das waren ebber rare und b'ſondere G'ſchichten, Kein Menſch, fürcht' ich, möchts ſo viel ſchöner derdichten!— In Oedhof hinten am Schreckenſtein, da wird ge dem Bauern der Geldſack z' klein. Ein' ſellen Ruechen magſt nöt derfrag'n, der möcht' gar dem Teufl noch d' Höll abjag'n, Und ˙s Großthun ſäh' ihm zum Beſten ein, grad gar ſoviel gern möcht' er herriſch ſein! Und ˙s Roſei das reiſt ge auſſi ins Land, möcht' ein Stadtfräulein wern mit herriſchem G'wand. Und weil ſie kein richtigen Herrn nöt kriegt, ſo nimmt ſ' ein' Lumpen, der d' Leut' betrügt. Der Akkordant und der Guckheihut, des g'fallet dem Diendl halt gar ſoviel gut. Und ˙s Bauernmenſch— da möchſt gleich verrecken— das ſoll derſell Guckeihut verſtecken, Als wann ihr's nöt aufs Hirn wär' g'ſchrieb'n, daß ſ' ſonſt allweil grad die Küh' hat'trieb'n. Ein' Schneiderbock hat nachſt der Wind verwaht, und auf der Welt geht All's verdraht, Die Bauern ſpiel'n ge die großen Herrn, und eaneri Menſcher hamm d' Lumpen gern. Das magſt von der G'ſellin leicht erfrag'n, was dorten hockt im Gaisbockwag'n. Ich aber ſag' Euch, und merkt Euch's All: der Stolz und die Hoffart kommt zum Fall. Und ein Tropf war der Menſch, dem ſein Stand is z'ſchlecht! Ihr Männer— ha? Hab'ich ebber nöt recht?“ „Recht haſt! Recht haſt!“ jubelte jetzt der Chor darein, und dabei brach wie auf einen Schlag von allen Seiten ein ganz entſetzliches Lärmen los. Alles ſtürzte ſich ſofort in wilder Haſt auf das Wäglein; die Strohfigur ſammt ihrem ſchönen Aufputze wurde wie im Fluge herabgeriſſen und unter Trommel⸗ und Pfeifen⸗ ton in feierlicher Proceſſion eine Weile herumgetragen. Erſt als der Zug das Viereck einmal umgangen hatte, hörte jede Spur von Ordnung gänzlich auf. Unter hölli⸗ ſchem Gelächter ſpang jetzt ein Jeder auf die unglückliche Strohpuppe los; viele hundert Hände ſuchten Stücklein davon zu bekommen, man riß ihr alle Kleider vom Leibe und in tauſend Fetzen flogen dieſe nebſt Stroh und dürren Reiſern auf Fenſter und Thür des Oedhofes zu. Und bei dem allen ging nunmehr eine Muſik los, die nur der zu beſchreiben vermag, der ſelbſt einmal Gelegenheit hatte, etwas ähnliches zu hören. Pfannen, Keſſel, Getreidemühlen, Kuhſchellen, alte Trommeln, Pfeifen, Pauken und Trompeten raſſelten mit dem Erinnerungen. LXXXII. 1861. — Sturmwind um die Wette, Dreſchflegel donnerten auf Thür und Fenſterläden nieder, dazu knallten etliche hundert Flintenſchüſſe, Böller krachten, Fröſche und Raketen ſtiegen knatternd auf, und war das ein ſolch fürchterliches, wahrhaft hölliſches Hallohen, ein ſolches Pfeifen, Quieken, Jauchzen und Heulen, daß einem darüber Hören und Sehen verging. Den Leuten im Oedhofe ſtanden die Haare ſchnur⸗ ſtracks zu Berge. Die Dienſtboten rannten entſetzt aus ihren Kammern herunter und das Moidei fing jämmer⸗ lich zu weinen an und verkroch ſich zitternd hinter den Ofen. Roſi und die Bäuerin ſtanden todtenbleich an die Thür gelehnt; Erſtere hatte bei den Spottverſen der Haberer das Bewußtſein ſchier ganz verloren, und der Oeder biß die Lippen über einander und bebte vor Wuth. Am allertollſten geberdete ſich Schwin del, und nachdem einmal die erſte Ueberraſchung über dieſen unvermutheten, ihm bisher völlig unbekannten Auftritt vorüber war, rannte er ganz außer Sinnen und wie ein Wüthender in der Stube herum.„Gensdarmen! Polizei! Wo ſteckt das Geſindel— die verdammten Schurken ſollen an mich denken!“ So ſchrie er in einem fort und riß endlich den Stutzen von der Wand. Zum Glück verhinderte der Oeder, daß er durch das Fenſter hinausſchoß. „Um Gotteswillen halt, halt!“ rief er entſetzt, als er das Vorhaben ſeines Freundes gewahrte, indem er ihm mit ſtarker Fauſt in den Arm fiel,—„Alles, nur grad nöt ſchießen! Sie ſchlagen uns ja ſonſt das ganze Haus in Grund und Boden!“ Nur die vereinte Kraft des Bauers und der her⸗ beieilenden Knechte war im Stande, den Wüthenden zurückzuhalten. Aber er knirſchte mit den Zähnen vor Wuth und ſchlug mit Händen und Füßen um ſich, ſo daß die Mannsleute nicht gering Mühe hatten, ſeiner Herr zu werden. Endlich— dieſer ohrenzerreißende Spektakel hatte bereits eine Viertelſtunde angedauert— begann es allmälig wieder ſtiller zu werden. Man hörte jetzt nur noch, wie draußen Thüren und Fenſterläden ausgehängt wurden und in den Garten hinausflogen; hier und dort ſchallte noch ein ſpöttiſches Gelächter vom See herauf, auch die Fackeln wurden immer ſpärlicher und entfernter— endlich aber ließ ſich nah und ferne kein Laut mehr vernehmen und die Haberer waren, ein Trupp nach dem anderen, davongezogen, ſo wie ſie zuvor ge⸗ kommen. Jetzt erſt getrauten ſich die im Oedhofe wieder freier aufzuathmen und die Knechte ließen endlich auch den tobenden Akkordanten wieder los. Dieſer aber konnte noch immer nicht recht zur Faſſung kommen, wie es ſchien. „Nein, dieſer Unfug iſt unerhört, er muß exem⸗ plariſch beſtraft werden. Noch heute mach' ich die An⸗ zeige bei der Gensdarmerie!“ Mit dieſen drohenden Worten rannte er, ohne auf das ängſtliche Geſchrei der Roſi zu achten, ſofort aus dem Hof und in die ſtür⸗ miſche Winternacht hinaus. Das war wohl heute eine ſchreckliche Nacht für die Bewohner des Oedhofes. Roſi lag auf ihrer Kam⸗ 19 — ———— 146 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. mer im Bett; allein ſie that kein Auge zu und weinte in einem fort bis an den nächſten Morgen. Zorn und Schamgefühl ſtritten ſich jetzt wechſelſeitig in dem Herzen der ſtolzen Dirne, und ſie konnte es den Buchauern nie verzeihen, daß ſie ihr vor ihrer Abreiſe noch eine ſolche Schande angethan. Die Schande war aber auch wirk⸗ lich ſchon gar zu groß, wenn ſie ernſtlich darüber nach⸗ dachte. Sie wußte ja nur zu gut, daß es unmöglich ein Geheimniß bleiben könne, was in der heutigen Nacht im Oedhofe geſchehen. Im Gegentheil mußte man es am morgigen Tage ſchon in der ganzen Gegend wiſſen, daß der ſtolzen Oedbauerntochter Haberfeld getrieben worden; dadurch war ſie aber vor aller Welt gebrand⸗ markt und dem Gerede und Geſpöttel von Jung und Alt bloßgeſtellt. Sie durfte ſich ja für die Zukunft kaum mehr getrauen, aus dem Hauſe zu gehen, wenn ſie nicht gewärtigen wollte, daß ſie die Leute über die Achſel an⸗ ſehen, wo nicht gar mit höhniſchen Reden begrüßen würden; zum mindeſten war ihr Anſehen, darauf ſie ſich als„galante“ Bauerntochter ehedem doch ſo große Stücke einbilden durfte, durch dieſen einen Schlag für immer zu Grunde gerichtet, kein Menſch konnte fortan mehr Reſpekt vor ihr haben, und ein ordentliches Mäd⸗ chen durfte nicht einmal mehr umgehen mit ihr, wenn es nicht in Gefahr kommen wollte, ſelber für„ſo Eine“ gehalten zu werden und gleich der Roſi dem gefürch⸗ teten Sittengerichte anheimzufallen. „Nur grad das Eine möcht ich wiſſen, wer mir das angethan hat?“ Dieſe Frage machte unſerer Roſi in dieſer peinlichen Nacht nicht wenig zu ſchaffen und ließ ſie auch keinen Augenblick einſchlafen. Sie hatte von der großen Schar Mannsleute, die vor ihrem Hofe verſammelt war, auch nicht einen einzigen erkennen mö⸗ gen; Einer ſah aus wie der Andere, lauter ſchwarze rußige Geſichter grinſten ihr damals entgegen, als ſie zitternd unter der Thür ſtand, und nicht einmal an der Geſtalt hatte ſich einer verrathen. Verdacht hegte Roſi wohl gegen manchen: voraus zweifelte ſie keinen Augen⸗ blick daran, daß der hintere Saugruber⸗Se ppei unter den Rädelsführern war, denn ſie wußte, daß ihr dieſer niemals hold geweſen; ſie hatte ihn ja oft genug durch ihr hoffärtiges Weſen beleidigt, und ſo etwas ver⸗ gißt ein Bauernburſche nicht ſo leicht, um ſo weniger, wenn er ein Recht darauf hat, ſich unter die Beſten und Angeſehenſten zu zählen. Aber auch ein anderer kam dem Mädel jetzt noch in den Sinn; ob nicht am Ende auf ſeinen Rath dieſe abſcheuliche Bosheit an ihr verübt worden? Die Roſi hätte ſchon viel gegeben für die Gewißheit, ob der Waſt von dem Haberfeldtreiben vorher wußte oder nicht. Grund hätte er freilich genug gehabt, ſich an der Roſi zu rächen für all' das Bittere, was ſie ihm ſeit langer Zeit zu koſten gegeben. Sie hatte ihm ſeine treue Liebe wahrlich ſchlecht gelohnt; ſie hatte ihm„das Maul gemacht“, wenn gerade kein Beſſerer da war, und im Grunde doch niemals eine ernſtliche Neigung für ihn gefühlt. Das war nicht edel von der Dirne, und gerade jetzt fühlte ſie es mehr als je, wie unſchön ſie an dem Waſt gehandelt hatte, und wie ein Centnerſtein lag ihrs auf dem Herzen. Sie machte ſich auch bittere Vorwürfe darüber; denn ſie hätte ſich ja nie ſo anſtellen ſollen, als wenn ſie ihn gern haben möchte, wenn ihrs mit der Liebe doch nicht Ernſt geweſen. War es denn ein Wunder, wenn ihr der Waſt für ſo viel Unrecht jetzt auch einmal einen Poſſen geſpielt?„Ich hab's verdient um ihn!“ dachte Roſi; allein je länger ſie darüber nachſann, deſto unwahr⸗ ſcheinlicher kam es ihr zuletzt vor, daß der Waſt von dem Haberfeldtreiben unterrichtet oder gar unter den Anſtiftern geweſen. Es war dies ein Gefühl ganz eige⸗ ner Art, das ſich im Herzen der Dirne mit aller Gewalt gegen den Gedanken ſträubte, als könne der Waſt einer ſolch niedrigen Rachſucht fähig ſein. Hatte er ſich denn jemals gegen Roſi anders betragen, denn als ein edler und durch und durch charakterfeſter Menſch? War denn nicht ſein Benehmen gegen ſie gerade in der letzten Zeit von der Art geweſen, daß es der Roſi, nachdem ſie einmal ihre Furcht und Verlegenheit vor dem Ver⸗ ſchmähten abgelegt, nur die größte Achtung für ihn ein⸗ flößen konnte? War er denn nicht auch heute, während vor dem Hauſe das entſetzliche Sittengericht abgehalten ward, ſo allen Ernſtes aufgebracht darüber, ſo unge⸗ heuchelt gut und theilnehmend gegen den Bauer und die Seinigen? Und dies alles ſollte nur Verſtellung ſein? Der Waſt ſollte ſich in ſolch' niedriger Weiſe an ihr rächen wollen?—„Na, nal der Waſt hat kein Sterbenswörtl nöt gewußt von Allem, darauf getrauet ich mir ſchon jetzt ein Jurament abzulegen!“ ſo ſchloß die Roſi ihr zweifelhaftes Hinundherdenken, und über dieſen einen Punkt war ſie jetzt vollſtändig mit ſich im Reinen. Nun kam aber auch noch etwas Anderes, was dem Mädel viel zu denken gab. Sie konnte ſich nämlich gar keinen Grund denken, weßhalb man ihr dieſen entſetz⸗ lichen Spott angethan. Das Haberfeldtreiben war doch ſonſt nur in ſolchen Fällen der Brauch, wenn ein Mädel hinſichtlich ſeines Lebenswandels ſich etwas zu Schulden kommen ließ, wenn es ſeine Unſchuld preisgab, oder das„Kranzl“ herſchenkte, wie die Bauern ſagen. Ge⸗ rade in dieſer Hinſicht konnte ſich aber die Oedbauern⸗ tochter den ſtolzen Troſt geben, daß ſie ſich in keiner Weiſe eines Unrechtes bewußt war. Warum alſo ihr Haberfeldtreiben— gerade ihr, während manche An⸗ dere, deren Ruf vielleicht wirklich kein reiner war, leer ausging? Die Dirne ſann vergeblich hin und her, ob ſie nicht etwa doch einmal irgend einen Anlaß gegeben haben könnte, daß man Unrechtes von ihr dachte, allein es fiel ihr halt gar nichts ein; denn daß ſie mit einem ehrbaren vermöglichen Manne im Brautſtande lebte, das konnte ihr ja doch kein vernünftiger Menſch übel nehmen. Man kann ja doch nicht gleich heiraten; man muß ſich vorher doch auch ein wenig kennen lernen, ob man zuſammen taugt; ſo dachte Roſi, und fing neuer⸗ dings heftig zu weinen an, weil ja nichts Anderes mehr zu denken übrig blieb, als daß es blos der Neid und die Bosheit ſchlechter Menſchen geweſen ſein konnten, was ihr eine ſolche Schmach angethan. Dieſe Thränen waren aber jetzt kein Ausbruch der Wehmuth mehr oder des gekränkten Ehrgefühls, wie früher, der Zorn war es, — der chen rege. glüh voll Me wan Ta jetz mo⸗ zukü meit wo führ nich Bal beſe Rei pa⸗ w ur vährend gehalten Kleiner Anfang, großer Ausgang. 147 der ſie ihr entlockte, und die ſchlechtere Natur des Mäd⸗ chens ward jetzt wieder mit erneuter Macht und Stärke rege. Ihr Puls ſchlug höher, ihr Auge rollte wild und glühend und das Blut trat ihr ganz dunkelroth auf die vollen Wangen. Gott, wie haßte ſie doch dieſe ſchlechten Menſchen ſo tief und unverzeihlich! Ihr einziger Troſt war noch das Bewußtſein, daß ſie mit dem morgigen Tage bereits aus der Heimat fort ſein durfte, in der ſie jetzt um keinen Preis der Welt mehr länger hätte leben mögen. Doppelt erfreut ſah ſie daher von jetzt an ihrem zukünftigen Aufenthalte in der Stadt entgegen, und ſie meinte den Augenblick kaum mehr erwarten zu können, wo ſie ihr Bräutigam in eine neue beſſere Welt hinaus führen würde, zu feinen und gebildeten Menſchen, die nicht ſo roh und boshaft wären, wie dieſes neidiſche Bauervolk. Schon vor Tagesanbruch ſtand Roſi auf und beſchäftigte ſich mit den letzten Zurüſtungen für die Reiſe. Es war ihr ordentlich zuwider, daß ſie noch ein paar Stunden in dieſem verhaßten Hauſe zubringen mußte, und mit einem wahren Widerwillen ging ſie hin und her. Um die Mittagsſtunde war endlich alles zur Abfahrt bereit. Kalt und ohne eine Thräne zu vergießen nahm Roſi von der Schwägerin und den ſonſtigen Hausgenoſſen Abſchied, nur als ſie dem Moidei Lebe⸗ wohl ſagte und dabei ſah, wie das Kind gar ſo bitter⸗ lich weinte, da ward auch ihr ein wenig weicher im Ge⸗ müthe. Sie küßte die Kleine mit großer Herzlichkeit und gab ihr noch ein Heiligenbild zum Andenken.—„So b'hüet dich halt Gott, Baſei!“ ſagte ſie bewegt,„bleib geſund und thu' mich nöt vergeſſen!'s freut mich, daß d mich ſo viel gern haſt; ſchick dir ſchon auch einmal einen was herein vom Stadtl!“ Das gute Moidei konnte vor Weinen kein Wort erwiedern; draußer vor dem Hofe, unter dem grauen Himmel in der froſtigen Novemberluft, da blieb es noch lange Zeit ſtehen und ſah der Roſi nach, wie ſie mit dem Vater dahin ging. Der treue Waſt kam hinten nach mit einem Schlitten, auf dem er die Koffer und Schachteln ſeiner Bauern⸗ tochter in's Dorf hinausfuhr, wo der Akkordant mit ſeinem Fuhrwerk die reiſefertige Braut und ihren Bru⸗ der erwartete. Eine halbe Stunde ſpäter— und Roſi ſaß in ihrem Bergbauerngewande, aber um den Bandhut ein weißes Tuch geſchlungen und in ein großes Shawltuch gehüllt, zwiſchen Schwindel und dem Oedbauer im leichten Schlitten, der von ſeinem flinken Schimmel ge⸗ zogen im raſchen Trabe aus den eingeſchneiten Bergen hinausſchellte. Nur mit wenigen Worten brauchen wir dieſe Er⸗ zählung noch zu vervollſtändigen. Glück und Frieden wollten vorerſt auf dem Oed⸗ hofe noch nicht einkehren. Das neue Wirthshaus war faſt vollendet, da wurde es vom Unglück heimgeſucht und brannte ab. Der Oedbauer glich einem Verzwei⸗ felnden, denn nun ſah er ſeinen rettungsloſen Untergang vor Augen. Da ſtarb auch noch ſein einziges, geliebtes Kind, die Moidei. Nun ſchien es aus mit ihm zu ſein. —— Dieſen Augenblick ſchien der Akkordant nur abge⸗ wartet zu haben. Unverhohlen verlangte er von dem Oedbauer ſein Geld und die Mitgift der Roſi heraus. Dieſer konnte es nicht geben.„So gebt mir Euren Hof und ich zahle Euch das wenige, was Ihr noch daran habt, heraus,“ erwiederte der Akkordant. Nun endlich gingen dem Bauer die Augen auf. Seinen Hof ſollte er hergeben! Darauf war Alles abgeſehen. Der Zorn übermannte ihn und er warf den Akkordanten zur Thür hinaus. Dieſer drohte mit Rache und einer Klage. Ehe es indeß dahin kam, wurde der Lotterieſchreiber eines Be⸗ truges wegen verhaftet und ſagte nun auch aus, daß der Akkordant jene beiden Schuldverſchreibungen ge⸗ fälſcht habe. An demſelben Tage, an dem ſich dieſer mit einem andern Mädchen— denn mit der Roſi war es aus— verheiraten wollte, wurde auch er feſtgenommen und in das Gefängniß abgeführt. Auf dem Oedhofe war es längſt beſſer geworden, denn der Bauer hatte noch vor ſeinem gänzlichen Unter⸗ gange eingeſehen, daß es ſo nimmer gehe. Er hatte ſeine Fehler ja ſchwer genug büßen müſſen. Er wurde der frühere wieder gegen ſein Weib, der frühere, was Fleiß und Arbeitſamkeit anbetraf, und nun ſah er wohl ein, daß dieſes am ſicherſten weiter führe. Die Roſi kehrte endlich aus der Stadt zurück. Der Akkordant hatte auch ſie ſchändlich hintergangen, und jetzt fühlte ſie erſt, daß ſie ihn nicht aufrichtig ge⸗ liebt hatte. Der, welcher von Jugend auf, wenn auch ihr ſelbſt unbewußt, in ihrem Herzen gelebt hatte und der faſt verzweifelt war vor ſtillem Gram, der wurde ſchließlich doch noch ihr Mann— und das war der Waſt. Kleiner Anfang, großer Ausgang. 3 er kennte nicht die Themſe(Thames), Eng⸗ lands größten Fluß! Von der kleinen Quelle an der Grenze von Glouceſterſhire, wo ein Kind den winzigen Bach überſpringen kann, bis zu der breiten Waſſermaſſe bei der Ein⸗ mündung in das Meer; von dem Silber⸗ faden, der ſich durch die lieblichſten Thäler windet, bis zu dem großen gewaltigen Strome, der ſeine Wogen an London vorbeiwälzt; von dem durchſichtigen klaren Flüßchen, das Fruchtbarkeit an den Blumenufern ver⸗ breitet, bis zu dem ſtattlichen Seearm, der ein rühriges Handelsvolk bereitwillig in alle Oceane trägt: welche kontraſtvollen Scenen des Lebens und der Natur! Von ihrem Urſprunge wachſend an Schönheit, ſchlängelt ſich die Themſe lange nur durch Thäler und fruchtbare Wieſen, ſchmückt ſie die Parks und Luſtgärten der Land⸗ ſitze an ihren Ufern. Sie erhält erſt nach der Vereini⸗ gung ihrer beiden bedeutendſten Quellflüſſe, der Iſis und des Charwal, bei Oxford ihren Namen. Nach einem Laufe von 30 deutſchen Meilen, auf welchem ſie 19* 148 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. zahlreiche Flüſſe aufgenommen hat, ergießt ſie ſich 13 Meilen unterhalb London, unweit Graveſend, zwiſchen der Inſel Foulneß und Shepey in die Nordſee. Unweit ihrer Mündung zwiſchen der Londonbrücke und Green⸗ wich erreicht ſie eine Breite von 1500 Fuß, und ſelbſt zur Zeit der Ebbe noch 12 Fuß tief, iſt ſie zur Fluth⸗ zeit für Schiffe von 700 bis 800 Tonnen, alſo nur nicht für große Kriegsſchiffe fahrbar. Oberhalb London ſind ihre niedrigen Ufer dicht mit betriebſamen Dörfern, mit ſchönen Landhäuſern und reizenden Gärten beſetzt; unterhalb dieſer Weltſtadt beſpült ſie die bedeutſamen Städte Greenwich, Deptford, Woolwich und Graveſend. Ununterbrochen ſchiffbar, iſt ſie der belebteſte aller Flüſſe der Erde, und an Wichtigkeit kommt ihr keiner gleich. Sie ſchafft unermeß⸗ lichen Handelsreich⸗ thum, Nahrungs⸗ und Verkehrsmittel; ein Rieſenkompler, wie London mit 3 Mill. Einwohnern, könnte ohne ſolche Waſſer⸗ ſtraße nicht beſtehen! An ihrem Buſen lie⸗ gen Schiffe jeder Na⸗ tion dicht gedrängt, einen ungeheuren Maſtenwald bildend, den das Auge nicht zu überſchauen ver⸗ mag; an ihren Ufern finden ſich in dicht⸗ gedrängter Reihe Ge⸗ genſtände von höch⸗ ſtem Intereſſe, wie keine andere Stelle der Erde ſie vereinigt. Man rechnet, daß in den Hafen zu Lon⸗ don jährlich 12.000 Schiffe einlaufen und für 70 Mill. Pfund Sterling Waaren ein⸗ und ausgeführt wer⸗ den Zahlreiche und Die Quelle der Themſe. Ehrenname auf alle übrigen ähnlichen Bauwerke über⸗ gegangen iſt. Der Mündung nahe, berührt die Themſe noch die größten Denkmäler eines betriebſamen, weltbeherrſchen⸗ den Volkes, das berühmte Invalidenhoſpital von Green⸗ wich, welches die ſeit 1849 vollendete, unter dem Namen London⸗Graveſend⸗Railway weltbekannte Eiſen⸗ bahn mit einem auf 878 Bogen ruhenden Viadukt, der über die Straßen und Häuſer von Southwark (einem Londoner Stadttheile) hoch emporragt, mit der Hauptſtadt verbindet; die gewaltigen Marinedepots und Kriegswerfte von Deptford und Woolwich, letzteres weltberühmt als Mittelpunkt der geſammten engliſchen Artillerie, mit einem Artilleriezeughaus, das durch ſeine koloſſalen Dimenſio⸗ nen und fabelhaften Vorräthe, namentlich von den kleinſten bis zu den größten Ka⸗ nonen, ſelbſt den an die großartigſten Er⸗ ſcheinungen gewöhn⸗ ten Beſchauer mit Er⸗ ſtaunen und einem unheimlichen Schauer erfüllt; endlich das Zollamt und Fort von Graveſend. Bei der Stadt Sheerneß ergießt ſie ſich eine Meile breit in die See, hier die große Nore genannt, und wird der Sammel⸗ punkt der Oſt⸗ und Weſtindienfahrer, be⸗ vor ſie ihre weite Reiſe antreten. Welch⸗ ein kleiner Anfang und welch ein glor⸗ reicher Ausgang! Es iſt keine Uebertrei⸗ bung, wenn man be⸗ hauptet, daß es keine zweite derartige Er⸗ weitverzweigte Kanäle verbinden ſie in neuerer Zeit ſcheinung in der Schöpfung, wie ſie ſich unter der alles mit der Severn, der Trent und dem Merſey, ſo daß dieſes vielgegliederte Waſſerſtraßenſyſtem Eng⸗ lands, welches die Bedürfniß⸗ und Luxpusartikel von dem großen Mittelpunkte des Welthandels, London, in die fernſten Theile des Landes verbreitet, faſt an die Pulsadern und Nerven eines menſchlichen Körpers erinnert! Stolze eiſerne und ſteinerne Brücken überwölben den Strom, und unter ſeinem Bett weg hat ſich eines der erſten und ſtaunenswertheſten Kunſtwerke der Welt, die als Tunnel bekannte unterirdiſche Straße, Bahn gebro⸗ chen, deren Namen urſprünglich nur eine gewöhnliche Kaminröhre oder einen Rauchfang bezeichnet, jetzt als! umbildenden Hand des Menſchen im Laufe der Zeit ge⸗ ſtaltete, gibt. Die Entdeckung der drei Oceane. (Der hat für die Menſchen die großen Waſſer⸗ 9) ſtraßen aufgethan? wer mit einem Worte den Erdball erkundet? Der Wallfiſch und der Wallfiſchjäger. So ſchreibt der geiſtreiche Fran⸗ zoſe Michelet und fährt dann(wir geben die Ueberſetzung von Spielhagen) alſo fort: Und das Alles lange vor Kolumbus und den berüch· — rke über⸗ noch die errſchen⸗ e Green. mit der mnedepots letzteres 8 3 imenſio⸗ belhaften ß es keine ariige Er⸗ der alles rZeit ge⸗ ante. n Waſfer⸗ Worte den und der und eiche Faan⸗ „ben die geben Die Entdeckung der drei Oceane. 149 tigten Goldſuchern, die unter großem Geſchrei wiederfan⸗ den, was die Fiſcher lange vorher ſchon gefunden hatten. Die Fahrt über den Ocean, die man im 15. Jahr⸗ hundert ſo hoch feierte, war über die Meerenge zwiſchen Island und Grönland ſchon oft zurückgelegt worden; ja man hatte die ganze Breite durchmeſſen; denn Basken kamen bis Neufundland. Es waren Wallfiſchjäger, die bis zum Ende der Welt drangen, bis in die Nordmeere, das lebendige Gebirge zu bekämpfen, im doppelten Graus der Nacht und des Sturmes. Wer das wagte, den ließen die gewöhnlichen Gefahren des Meeres ziemlich kalt. Edler Krieg, herrliche Schule des Muthes! Der Wallfiſchfang war damals nicht eine leichte Metzelei mit aus der Ferne wirken⸗ den Maſchinen. Man rückte dem Feind auf mehr nach Norden. Niemals fand man ihn in der heißen ſüdlichen Strömung. Das half ſehr, den rechten Weg dieſer Strömung zu finden, Wenn der Wallffiſch die heißen Waſſer ſcheut und den Aequator nicht überſchreitet, kann er nicht um Ame⸗ rika herum. Wie kommt es nun, daß ein auf dieſer Seite Amerika's verwundeter Wallfiſch ſich manchmal auf der entgegengeſetzten zwiſchen Amerika und Aſien findet? Weil eine nördliche Paſſage exiſtirt. So begrün⸗ dete der Wallfiſch die Wiſſenſchaft der Meergeographie. Von Schritt zu Schritt hat uns der Walffiſch überall hingeführt. Selten, wie er es heute iſt, zwingt er uns, ihm bis in den äußerſten Winkel des Stillen Oceans, die Behringſtraße, und in die antarktiſchen Meere zu folgen. Es gibt ſogar eine unge⸗ heure Region, welche den Leib, ſetzte Leben kein Fahrzeug(weder gegen Leben. Man tödtete nicht viel Wall⸗ fiſche, aber man ge⸗ wann unendlich an Seetüchtigkeit, Ge⸗ duld, Schlauheit, Un⸗ erſchrockenheit. Man brachte weniger Thran aber deſto mehr Ruhm zurück. Man verdankt den Wallfiſchen ſehr viel; ohne ſie hätten ſich die Fiſcher ſtets an der Küſte gehalten, denn beinahe alle Fi⸗ ſche ſind Küſtenbe⸗ wohner; der Wallfiſch emancipirte den Fi⸗ ſcher, führte ihn über⸗ all hin, von einem Ende der Welt bis zum andern. Es gab damals weniger Eis, und ſie verſicherten, den Pol berührt zu haben(ſie kamen in der That bis auf wenige Meilen hinan). Grönland ſuchten ſie nicht; ſie ſuchten den Wallfiſch und die Pfade des Wallfiſches. Der Wallfiſch aber wohnt überall; wenigſtens findet man überall dieſe oder jene beſtimmte Species. Die niedrigeren Arten(mit einer Floſſe auf dem Rücken) finden ſich in allen Meeren, an den Polen und unter dem Aequator. In der großen, dazwiſchen liegenden Region herrſcht der Pottfiſch, indeſſen mit einer gewiſſen Neigung zum Süden. Als Gegenſatz dazu fürchtet der eigentliche Wallfiſch die warmen Meere. Seine aus Mollusken und andern elementaren Geſchöpfen beſtehende Nahrung ſuchte er Die Mündung der Themſe Kriegs⸗ noch Kauffar⸗ teiſchiff) je paſſirt, ei⸗ nige Grade ſüdlich von der Spitze Ame⸗ rika's und Afrika’s, und die nur von Wall⸗ fiſchjägern befahren wird. Wenn man ge—⸗ wollt, hätte man die großen Entdeckungen des 15. Jahrhunderts viel früher haben ma⸗ chen können. Man hätte ſich an die Schweifer auf dem Meere, die Basken, die Irländer, Norwe⸗ ger und unſere Nor⸗ mannen, wenden ſol⸗ len. Aus verſchiede⸗ nen Gründen miß⸗ traute man ihnen. Die Portugieſen woll⸗ ten nur Menſchen, die ihnen dienſtbar oder aus ihrer Schule her⸗ vorgegangen waren, anwenden. Sie fürchteten unſere Normannen, welche ſie von der afrikaniſchen Küſte, wo ſie ſich angeſiedelt hatten, vertrieben. Anderer⸗ ſeits hielten die kaſtiliſchen Könige die Basken, welche vermöge ihrer Freiheiten einen Staat im Staate bil— deten und ſtets für aufgeregte und gefährliche Köpfe galten, fern von dergleichen Unternehmungen. So blieben die Fürſten Spaniens ſchwach zur See. Auch die große Armada konnte Nichts ausrichten, da Philipp, obgleich er zwei baskiſche Admirale hatte, ſie durch einen Kaſti⸗ lianer kommandiren ließ. Eine fürchterliche Krankheit war im 15. Jahr⸗ hundert ausgebrochen, der Golddurſt, das abſolute Ver⸗ langen nach Gold. Es gab kein Mittel mehr, die Aus⸗ 150 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. gaben und Einnahmen auszugleichen. Falſches Geld, grauſame Proceſſe,— man wandte Alles an— ver⸗ gebens. Die Alchymiſten verſprachen und konnten das Verſprechen nicht halten. Der Fiskus fraß wie ein hun⸗ griger Löwe die Juden, die Mauren, und von dieſen reichen Biſſen blieb ihm Nichts zwiſchen den Zähnen. Den Völkern erging es nicht beſſer. Ausgehungert und abgemagert verlangten, ſchrien ſie nach Gold. Man kennt die köſtliche Geſchichte von Sinbad, dem Seefahrer. Der arme Tagelöhner Hindbad hört, als er, Holz auf dem Rücken, die Straße daherkommt, aus dem Hauſe Sinbad's, des großen Reiſenden, den Lärm fröhlichen Gelages ertönen. Er vergleicht ſich mit dem Glückspilz und Neid erfüllt ſeine Bruſt. Aber der Andere erzählt ihm Alles, was er erduldet hat, um ſein Ziel zu erreichen. Hindbad iſt über dieſen Bericht er⸗ ſchrocken. Der Geſammteindruck der Geſchichte übertreibt die Gefahren, aber auch die Vortheile dieſer großen Lotterie, und kann den ſeßhaften Arbeiter nur von ſeiner Arbeit abſchrecken. Das Märchen, das im 15. Jahrhundert alle Köpfe verbrannte, war eine Wiederaufwärmung der Fabel von den Hesperiden: ein Eldorado, ein Gold⸗ land, das man nach Indien verlegte und für das Para⸗ dies hielt, deſſen Stätte man noch immer auf Erden wähnte. Es handelte ſich nur darum, es zu finden. Im Norden ſuchte man es nicht und benutzte deßhalb die Entdeckung Neufundlands und Grönlands ſehr wenig. Gegen Süden hatte man dagegen in Afrika ſchon Gold⸗ ſand gefunden. Das ermuthigte. Die Scholaſtik des Mittelalters erſchwerte dieſe Entdeckungen ungemein. Man philoſophirte, ehe man handelte. War das Goldland das Paradies oder nicht? war es bei den Antipoden? gab es Antipoden? Bei dieſem Wort legten ſich die Schwarzröcke ins Mittel und erinnerten ihre gelehrten Kollegen daran, daß die Kirche die Doktrin von den Antipoden ganz ausdrücklich für ketzeriſch erklärt habe. Eine große, nicht leicht zu beſeitigende Schwierigkeit. Man entdeckte Amerika ſo langſam, weil man ſich vor dieſer Entdeckung ebenſo ſehr fürchtete, als man dieſelbe herbeiwünſchte. Kolumbus war ſeiner Sache ziemlich gewiß. Er war ſelbſt in Island und hatte Erkundigungen einge⸗ zogen: andererſeits ſagten ihm die Basken Alles, was ſie über Neufundland wußten. Ein Galicier war dort geweſen, hatte ſogar längere Zeit in dem Lande ge⸗ wohnt. Kolumbus nahm zu ſeinen Steuerleuten Männer aus Andaluſien, die Pingon, die man für mit den Pingon von Dieppe indentiſch hält. Dieſer letzte Punkt iſt wahrſcheinlich. Unſere Noß mannen und Basken, Unterthanen Kaſtiliens, waren in beſtändigem Verkehr. Es ſind die, welche man Kaſtillanen nennt, welche unter dem Normannen Béthencourt die berühmte Expedition nach den Kanariſchen Inſeln machten. Unſere Könige gaben den zu Honfleur und Dieppe etablirten Kaſtilianern Privilegien; und dafür hatten die Diepper Komptoirs zu Sevilla. Weder Basken noch Normannen hätten auf ihren Namen von Kaſtilien die Autoriſation erhalten. Es bedurfte dazu eines geſchickten und beredten Italieners, eines halsſtarrigen Genueſen, der die Sache fünfzehn Jahre lang verfolgte, die Gelegenheit ergriff und jedes Hinderniß aus dem Wege räumte. Es war der Moment, wo die Vertreibung der Mauren Kaſtilien ſo theuer zu ſtehen kam; wo man mehr als jemals nach„Gold“ ſchrie. Der Italiener wußte dieſen einzigen Augenblick auszubeuten. Er war frommer als die Frommen. Er handelte für die Kirche: man redete Jſabellen ein, ſie dürfe ſo viele heidniſche Nationen nicht in der Nacht des Todes laſſen. Man demonſtrirte ihr klärlich, daß das Goldland entdecken mindeſtens ebenſo verdienſtlich ſei, als die Türken verjagen und Jeruſalem wieder⸗ erobern. Man weiß, daß von den drei Fahrzeugen die Pingon zwei ausrüſteten und ſelbſt führten. Sie ſegelten vorauf. Der Eine täuſchte ſich; aber die Andern, Fran⸗ Lgois Pingon und ſein jüngerer Bruder Vincent, Steuer⸗ mann des Schiffes Nina, machten Kolumbus ein Zei⸗ chen, daß er ihnen nach Südoſten folgen ſolle.(12. Okt. 1492.) Kolumbus, welcher gerade nach Weſten ſchiffte, hätte den Antillenſtrom in ſeiner Vollkraft getroffen. Er hätte dieſe flüſſige Mauer nur mit großer Schwierig⸗ keit überſchritten. Die Pingon dagegen, welche vielleicht darüber Traditionen hatten, ſchifften, als ob ſie den Strom ſchon kannten. Sie bogen weiter nach Süden ab, wo die Paſſatwinde von Afrika nach Amerika die Reiſenden an die Ufer Haiti's trieben. Dies iſt durch das Tagebuch des Kolumbus, wel⸗ cher eingeſteht, daß die Pingon ihn führten, konſtatirt. Aber der eigentliche Urheber der Unternehmung und der heroiſche Vollbringer, der Mann, welcher das große Hinderniß des religiöſen Aberglaubens beſeitigt, und durch ſeine Beredſamkeit, Gewandtheit, Ausdauer die Unternehmung zu Stande gebracht hatte, war Ko⸗ lumbus und Kolumbus allein; er verdient den Ruhm, den ihm die Nachwelt ausgezahlt hat. Ich glaube mit Jules de Bloſſeville, daß in der Reihe dieſer Entdeckungen die einzig wirklich große That die Umſchiffung der Erde durch Magellan und ſeinen Steuermann, den Basken Sebaſtian del Cano, war. Die brillanteſte und zugleich leichteſte war die Ueberſchiffung des Atlantiſchen Oceans unter dem Hauch der Paſſatwinde und das Wiederfinden des ſchon lange im Norden gefundenen Amerikass. Noch weniger rühmlich war es, daß die Portu⸗ gieſen ein ganzes Jahrhundert brauchten, um die Oſt⸗ küſte Afrika’'s zu entdecken. Unſere Normannen hatten in ſehr kurzer Zeit die Hälfte gefunden. Ungeachtet deſſen, was man von der Liſſaboner Schule und der lobenswerthen Ausdauer des Prinzen Heinrich, der ſie gründete, geſagt hat, bezeugt die Relation des Venetia⸗ ners Codamoſto die geringe Geſchicklichkeit der portu⸗ gieſiſchen Steuerleute. Sobald ſie in Bartolomeo Diaz, der das Kap umſchiffte, einen wahrhaft genialen Mann hatten, erſetzten ſie ihn durch Gama, einen großen Herrn aus dem königlichen Hauſe, der vor Allem Krieger war. Sie waren eifriger auf Eroberung und Gewinn, als zeichn exiſti Herrt Ocea Viel ſeit tinen Still vort Geg ein ſam grof den ſje Unt Por ſch zeug an — 1. Es leners ifzehn jedes went, theuer Gold“ enblick n. Er in, ſie Nacht , daß nſtlich ieder⸗ 1 die ghelten Fran⸗ teuer⸗ Zei⸗ Okt. ciffte, roffen. vierig⸗ üden 1 die wel⸗ jet. mung 1 das ſfeitigt dauer r Ko⸗ ruhm, 1 der gooße und war. r die Hauch lange vortu⸗ Dſ hatten achtet d der er ſie netia⸗ vortu⸗ Diaz, Mann Herrn war. ¹ als Der Renommiſt in und außer dem Hauſe. 151 auf eigentliche Entdeckungen bedacht. Gamas Muth war außerordentlich; aber er hielt ſich nur zu ſtreng an den Befehl, Niemand in den neuentdeckten Meeren zu dulden. Seine brutale Ermordung ſämmtlicher Pil⸗ gerpaſſagiere eines Schiffes aus Mekka verſetzte den ganzen Orient in Wuth, machte den Namen der Chriſten in ganz Aſien verhaßt. Iſt es wahr, daß Magellan den Stillen Ocean auf einem Globus des Deutſchen Behaim ſchon ver⸗ zeichnet gefunden hatte? Nein; dieſer Globus, der noch exiſtirt, zeigt dieſen Ocean nicht. Sah er bei ſeinem Herrn, dem König von Portugal, eine Karte mit dem Ocean? Man hat es behauptet, aber nicht bewieſen. Viel wahrſcheinlicher iſt es, daß Abenteurer, welche ſchon ſeit einigen Jahrzehnten auf dem amerikaniſchen Kon⸗ tinent ſich umhertrieben, mit ihren eigenen Augen den Stillen Ocean geſehen hatten. Dies Gerücht ſtimmte vortrefflich zu der wiſſenſchaftlichen Hypotheſe, die als Gegengewicht gegen die Hemiſphäre, die wir bewohnen, ein ungeheures Meer annahm. Es gibt nichts Fürchterlicheres als Magellans Leben. Ueberall Kampf, ferne Reiſen, Flucht, Verfolgung, Schiffbruch, Meuchelmord, endlich Tod unter den Hän⸗ den der Barbaren. Er ſchlägt ſich in Afrika, ſchlägt ſich in Indien. Er heiratet unter den tapfern, wilden Ma⸗ laien. Er ſelbſt ſcheint von demſelben Charakter geweſen zu ſein. Während ſeines langen Aufenthaltes in Aſien ſammelt er möglichſt viele Nachrichten, bereitet er ſeine große Expedition, ſeinen Verſuch, von Amerika aus zu den Molukken zu gelangen, vor. Aus der Quelle waren ſie billiger als über Indien her. So war das ganze Unternehmen im Grunde eine kaufmänniſche Spekulation. Der Hofgeiſt, die Intrigue herrſchten damals in Portugal durchweg. Der mißhandelte Magellan wandte ſich nach Spanien, und Karl V. gab ihm fünf Fahr⸗ zeuge. Magellan hatte auf ſeiner Reiſe zwei Gefahren an Bord: den kaſtilianiſchen Argwohn und die portu⸗ gieſiſche Rachſucht, die bis zum Meuchelmord ging. Bald revoltirte ſeine Mannſchaft; er entfaltete einen fürchterlichen, unbezähmbaren, barbariſchen Egoismus. Er ließ die Meuterer erdolchen, aufknüpfen.— Und zu dem Allen Schiffbruch und verloren gehende Fahr⸗ zeuge. Niemand wollte weiter folgen, als man den fürchterlichen Anblick der amerikaniſchen Südſpitze, des ſchrecklichen Feuerlandes, des grauſigen Kap Forward, hatte. Dieſes vom Kontinent losgeriſſene Land ſcheint mit ſeinen Granitklippen, welche die phantaſtiſchſten Geſtalten annehmen, eine Schöpfung von Dämonen. Alle hatten jetzt genug. Er ſagte:„Vorwärts!“ Er ſuchte, er ſpähte, er drängte ſich zwiſchen hundert Inſeln durch und trat endlich in ein grenzenloſes, an dieſem Tage ruhiges Meer, das von da an der Stille Ocean genannt wird. Er kam auf den Philippinen um. Vier Fahrzeuge gingen unter; das einzige, welches davonkam, war das Schiff Viktoria, auf dem zuletzt auch nur noch dreizehn Menſchen waren, unter ihnen der große Steuermann, der unerſchrockene eiſerne Baske Sebaſtian, der(1521) — allein zurückkam und ſo der Erſte war, der die Erde umſchifft hatte. Keine Menſchenthat iſt größer. Die Geſtalt der Erdkugel war von jetzt an demonſtrirt. Dies Wunder einer gleichmäßig, ohne abzufließen, auf einer Kugel verbreiteten Waſſermaſſe war konſtatirt. Das Stille Meer war endlich entdeckt, die große, geheimnißvolle Werkſtatt, wo die Natur, fern von jeder Beobachtung, im Stillen neue Welten ſchafft. Unendlich folgenreiche Offenbarung, die nicht blos materielle, ſondern vor Allem unendliche moraliſche Folgen hatte: welche die Kühnheit des Menſchen ver⸗ hundertfachte und ihn auf eine andere Reiſe trieb, die Reiſe in den unendlichen Ocean der Wiſſenſchaften, auf die große Fahrt um die Welt der Unendlichkeit. Der Renommiſt in und außer dem Hauſe. Mu den älteſten Einrichtungen in der Schöpfung , zählt das Großſprechen, Renommiren, ganz ent⸗ ſchieden. Mich will bedünken, daß es mit dem Menſchengeſchlecht ſelber geſchaffen worden ſei. So ſagt Mahler in ſeinem intereſſanten Buche „Picta et Scripta“. Hätte Frau Eva, fährt er dann fort, nur einige Mit⸗ ſchweſtern und Kenntniß von dem ſchwarzen Moccaſafte gehabt, das wären Kaffeekränzchen geworden! Mit welchem Stolz hätte die Urmutter des Menſchenge⸗ ſchlechts die Freundinnen in ihrem Garten, Paradies geheißen, herumgeführt! Man hätte die Feigen ange⸗ ſtaunt, ohne zu wiſſen, welch' nützlichem Zwecke die Blätter einſt dienen würden. Noch war ja jener Deſert⸗ apfel nicht verzehrt, der Adam zuerſt auf die Idee brachte, ſich im Galanthomme oder Alberti darüber zu informiren, ob ſein dermaliger Anzug, ſo wie der ſeiner Frau Gemalin, auch nicht gegen die gute Sitte verſtoße. Leſen wir in der älteſten geſchichtlichen Urkunde, in der Bibel, auf wie viel Großſprechereien kommen wir. Moſes renommirte, Simſon renommirte, Saul war nicht frei davon u. ſ. w. Die Renommage iſt ein Theil der Erbſünde und wird wohl dem Menſchenge⸗ ſchlechte bleiben, ſo lange die Welt ſteht. Manchem Menſchen iſt ſie angeboren, anderen anerzogen; einer dritten Sorte aber wurde es nicht ſo leicht, ſie mußte mit Anſtrengung und Ausdauer arbeiten, um es im Renommiren zu etwas Gediegenem zu bringen. Die Arten des Renommirens ſind unendlich ver⸗ ſchieden und hängen meiſt vom Objekt, das dazu ver⸗ leitet, ab. Unſchuldige Renommiſten wählen ſich auch unſchuldige Themata. Der Thorſchreiber in Stolles liebenswürdigem, komiſchem Romane„Deutſche Pick⸗ wickier“ iſt eine köſtliche Renommiſtenfigur. Der renom⸗ mirt nur mit ſeinem leeren Geldbeutel, erwartet ſtets bedeutende Sendungen aus dem Süden, hat auf Jag⸗ den mehr Abenteuer erlebt und Beſſeres geleiſtet, als der weiland berühmt gewordene Freiherr von Münch⸗ hauſen, zählt für ſeine Tochter oder Nichte ſo viel Freier ——— 15⁵² Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. als einſt die ehr⸗ und tugendſame Gattin des Odyſſeus, Penelopeia, ein Graf aber muß es mindeſtens ſein, ein anderer erhält die Perle nicht. Der Renommiſt von echtem Schrot und Korn iſt als ſolcher durchaus nicht auf den erſten Blick oder an ſeinen erſten Worten zu erkennen. Der gute Mann muß erſt Terrain haben für ſeine Wirkſamkeit. Nicht eher macht er ſich an einen Unbekannten, bis er ſeines Reuſſirens ſicher iſt. Dann aber iſt er auch groß. Zu Hauſe in ſeinen vier Pfählen legt er keines⸗ wegs ſeine Eigenſchaft ab, ſo daß ſein Weib ſich ſehr oft genöthigt ſieht, den Kopf zu ſchütteln. Das Renom⸗ miren iſt ihm ſo zur zweiten Natur geworden, daß ſelbſt das Geſpons, welches die Verhältniſſe des Gatten doch gewißlich kennt, nicht ſicher iſt vor ſeinen großſprecheri⸗ ſchen Worten. „Was meinſt Du, wenn wir unſern Karl die Diplomatenkarriere einſchlagen ließen?“ „Was iſt das für eine, lieber Mann?“ „Nun, ob wir ihn Geſandter, Legationsrath, Mi⸗ niſter werden laſſen ſollen.“ „Du ſcherzeſt wohl?“ „Nein, durchaus nicht. Unterricht im Lateiniſchen, Franzöſiſchen, Engliſchen und Griechiſchen ertheile ich ihm, die ſchönen Künſte brauchen dabei auch nicht ver⸗ nachläſſigt zu werden. Er mag dann das Abiturienten⸗ examen gleich in einer Univerſitätsſtadt machen, Jura und Kameralia ſtudiren und dann ſein diplomatiſches Examen abſolviren.“ „Aber das Geld, lieber Rudolph, wo erhalten wir das her?“ „Kleinigkeit. Durch Geldmangel muß ſich der rechte Mann nie von einem vorgeſteckten, ſchönen Ziele abbringen laſſen. Staatsunterſtützungen wirke ich ihm aus, wozu habe ich meine Verbindungen bis in die höchſten Kreiſe hinauf.“ Darauf ſchweigt die Frau. Sie kann gegen den Mann doch nichts ausrichten und weiß nebenbei recht gut, daß Karl doch nichts weiter als Kaufmann werden und bei ſeinem Onkel, der Firma Leberecht Stattlich in der kleinen Nachbarſtadt, lernen wird. Es kommt Beſuch. Ein fremder junger Mann bringt unſerm Renommiſten einen Gruß von einem fernen Freunde. Herr Rudolph iſt ſehr erfreut. „Ja,“ ſagt er,„was könnte Klette(ſo heißt der Freund) nicht jetzt ſein, wenn er meinem Rathe ge⸗ folgt wäre und die Verbindungen benutzt hätte, in welchen zu ſtehen ich die Ehre habe. Er hat ſich ſelber recht ſehr in Lichten geſtanden.— Liebe Amalia (ſo heißt wieder die Frau), ſage doch dem Johann, daß er von dem gelbgeſiegelten, er weiß ſchon im erſten Fach links, bringen ſoll.— Um wieder auf Klette zu kommen, ſo kann ich Ihnen verſichern, daß der damalige Miniſter bei mir anfragte, ob er ſich zum vortragenden Rath eigne. Ich empfahl meinen Freund, wie Sie denken können, ſehr warm, aber als das Patent ſchon zur Unterſchrift bereit lag, ſchreibt der Menſch einen Abſage⸗ brief. Und warum, aus reiner Bequemlichkeit, aus reiner Liebe zur Ruhe und Furcht vor einem Umzuge.“ „Verzeihen Sie, beſter Herr Rath,“ ſagt nun der junge Fremde,„wenn ich mir die Bemerkung erlaube, daß Herr Klette doch eher lebhaft als ruhig iſt. Auch ſcheinen mir ſeine pekuniären Verhältniſſe nicht der Art zu ſein, daß er eine ſo vortheilhafte Stelle im Mini⸗ ſterium ausſchlagen ſollte.“ „Wie geſagt, lieber Herr,“ entgegnet der Renommiſt, nebenbei noch durch den Rathstitel, da er nur Kanzlei⸗ direktor iſt, geſchmeichelt,„wie geſagt,'s iſt eine boden⸗ loſe Ruhe in Klette. Man muß ihn von früher Jugend kennen um das zu durchſchauen. Ich hätte mich ſeinet⸗ wegen auch faſt mit dem Miniſter überworfen. Meine Beziehungen zum Miniſterium, ja ſelbſt zum Kabinet, waren auf lange Zeit ſehr geſpannt, bis man von ſelber wieder mit mir anknüpfte und mir eine Ovation dar⸗ brachte, die manchen Menſchen vielleicht zum Glück⸗ lichſten aller Sterblichen gemacht hätte.“(Bei dieſen Worten zeigte Herr Rudolph nach einem Glasſpinde, woſelbſt der rothe Adlerorden dritter Klaſſe ausgeſtellt war. Beſaß der Renommiſt auch nicht einmal die vierte Klaſſe, ſo konnte ihm die Ordensausſtellung geſetzlich doch nicht verboten werden.) Mittlerweile kommt Frau Amalia mit einer Flaſche, die roth geſiegelt iſt und keine Etiquette trägt. „Ah, Johann war wohl nicht da,“ empfängt ſie der Gemal.„Das haſt Du gut gemacht, Du bringſt von dem vorzüglichen Rothgeſiegelten. Ja, mein ge⸗ ehrter junger Freund, das iſt ein Weinchen für Ken⸗ ner, daher die einfache Flaſche, daher der Mangel der Etiquette.“ Der Fremde trinkt ohne Kenner zu ſein, deßhalb glaubt er auch etwas Vaterländiſches an dem Land⸗ weine herauszuſchmecken. „Ja, ja,“ beginnt der Renommiſt,„der echte deutſche Mann mag keine Franzen leiden, doch ihre Weine trinkt er gern,“ ſagt Goethe. Das iſt ein Götterge⸗ tränk, wie ihn nur Burgund erzeugen kann.“ Mit ſtummem Nicken ergibt ſich der Beſuch in ſein Schickſal. Zufällig fällt der Blick des jungen Mannes auf das einfache Bücherbrett, das an der Wand ſchwebt. Der Wirth bemerkt es und ſagt:„Es iſt traurig mit den Wohnungen in unſerer Stadt. Ich wohne in dieſem Quartier nun ſchon ein Jahr und zwar nur proviſoriſch, bis ich eine paſſende Wohnung gefunden habe. Meine Bibliothek ſteht in fünf großen Kiſten oben auf dem Boden, meine guten Möbel ſind in den Händen einiger Freunde, ſelbſt ein Sopha von Elfenbein und Panther⸗ fellen, das mir der amerikaniſche Konſul einſt ſchenkte, befindet ſich noch in Berlin, da ich es doch unmöglich hier in mein beſcheidenes Quartier bringen kann. Oſtern nächſten Jahres gedenke ich den penſionirten Oberſt X auszumiethen und kann mich erſt wieder wohl fühlen, wenn ich ſo eingerichtet ſein werde, wie ich es von frühern Jahren her gewöhnt bin.“ Der Fremde hört dann noch von verſchiedenen Projekten ſeines Wirths, der ſich bei Eiſenbahnbauten, Bergwerken, Seidenfabriken, betheiligen will. Als er ſich entfernt nimmt er das Bewußtſein mit, einen großen Mann kennen gelernt zu haben, der in ſeiner bef ei⸗ 8 — dene gnäg man an d nexi trag non und Am Auf — nun der erlaube, t. Auch der Art Mini⸗ ommiſt Kanzlei. boden. Jugend h ſeinet. Meine Kabinet, ſelber on dar⸗ Glück⸗ dieſen ſpinde, geſtellt evierte geſetzlich it einer trägt. füngt ſie bringſt ein ge⸗ ir Ken gel der deßhalb n Land⸗ er echte och ihre Hötterge⸗ Hin ſein Mannes ſchwebt. rig mit dieſem wiſoriſch, Meine auf dem einiger Panther⸗ ſchenkte, nmöglich hiedenen nbauten, ls erſſ guaßen rbe dr Der Renommiſt in und außer dem Hauſe. denen amtlichen Stellung bleibt, weil es ihm Ver⸗ gnügen macht. Er iſt natürlich nicht entlaſſen worden, ohne daß man ihm zu verſtehen gab, daß er ſich vertrauensvoll an den neuen Bekannten wenden könne, wenn er Kon⸗ nexionen brauche. Man habe eine Stimme, die weit trage, und eine Hand, die weit reiche. Wenn der Fremde fortgegangen iſt, thut der Re⸗ nommiſt einen Theelöffel voll Zucker in ſeinen Wein und ſchlürft dann ſein Gläschen aus, während Frau Amalia, vielleicht auch das Dienſtmädchen oder die Aufwärterin, die Flaſche wieder in den Keller trägt. Unſer Renommiſt hat viel geleſen und erfreut ſich eines guten Gedächtniſſes. Das aber bringt ihn leider auf die fixe Idee, der literariſch gebildetſte Menſch zu ein. Nur einen Rivalen hat er in dieſem Artikel, einen jungen Mann, von dem man weiß, daß er an belletri⸗ ſtiſchen Journalen mitarbeitet und auch einmal ein ganzes ſelbſtändiges Buch veröffentlicht hat. Herr Ru⸗ dolph hat wirklich auf dem Boden eine Kiſte mit Büchern ſtehen. Die Kiſte enthält allerdings faſt eine ganze Bibliothek, die er einſt auf einer Auktion billig erſtand. Viel Gutes kauft man auf Auktionen nicht, eher noch manches Seltene. So erging es auch unſerm Renommiſten, aber er zieht Vortheil daraus. Denn ehe er ausgeht, in's Lokal der Reſource, wo er ſeinen Ri⸗ valen finden zu können meint, da lieſt er in irgend einem der verſunkenen und vergeſſenen Werke, und bringt dann das Geſpräch mit anerkennenswerther Ge⸗ wandtheit auf den Verfaſſer. Dann fragt er den Riva⸗ len, ob er das und das Buch geleſen, ſagt auf die ver⸗ neinende Antwort lächelnd ſein Ei, Ei, und citirt dann die vorhin geleſene Stelle wörtlich. Seine Kunſt und ſein Hauptmanöver beſteht darin, daß er bei ſolchen literariſchen Renommiſtereien ſtets aggreſſiv verfährt; er greift ſtets an und weicht andern Angriffen ſtets aus. Nur auf dieſe Weiſe, nur wenn er Examinator iſt, kann ſein Ruf als unfehlbarer Literaturhiſtoriker gewahrt bleiben. Der Renommiſt iſt überall geweſen und kennt alle ſchönen Punkte der Erde, natürlich nur in ſeiner Ein⸗ bildung und ſeinen Reden. Er hört von Venedig ſprechen.„O der Markus⸗ platz, der Dogenpalaſt und die Seufzerbrücke,“ ſagt er ſchwärmeriſch. Man erzählt von Neapel,„o der himm⸗ liſche Golf, der Veſuv, die blaue Grotte von Capri,“ ſeufzt er, ſelig in der Erinnerung. Petersburg, Stock⸗ holm, Kopenhagen, London, Paris, Madrid, Liſſabon, Genua, Rom, Florenz, Konſtantinopel, Wien, München, Berlin, Hamburg, alle kennt er, und weil ſeine Phan⸗ taſie ſo lebhaft iſt, ſo vertritt auch die Erinnerung an das Geleſene diejenige an das Geſehene.— Dieſe Leutchen ſind ſomit eigentlich glücklich und zu beneiden. Die Jagdzeit hat begonnen. Wenn Abends die aus der Stadt geladenen Herren von den Gütern, wo nommiſt ſicher im Klub zu treffen. Er hört lange zu, dann aber ſpricht er:„Ich jage nicht mehr, meine Herren, war aber in meiner Jugend ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn. Der verſtorbene Erinnerungen. LXXXII. 1861. unm abgehalten ſind, heimkommen, ſo iſt der Re⸗ Direktor hätte Ihnen beſtätigen können, daß ich auf einem Spaziergange, bei welchem ich zufällig meine Piſtolen bei mir trug, einſt vierzehn Schwalben mit der Piſtolenkugel heruntergeſchoſſen habe.“ „Auf einmal?“ fragt der Regierungs⸗Geometer lakoniſch. „Nein, das wäre nicht gut möglich,“ ſagt der Renommiſt freundlich;„immer eine nach der andern. Daraus mögen Sie erſehen, daß ich ein guter Schütze war. Eines Tages befand ich mich auf einer Jagd beim Fürſten Kreuß⸗Steiß. Ich war der nächſte Nachbar von Durchlaucht. Ich thue einen Schritt, es quietſcht unter mir und ſiehe ich ſtehe auf dem Genick eines Haſen, der im Lager war. Vor mir aber ſpringt ein Lampe auf, ich reiße mein Gewehr an die Backe und der Haſe liegt im Blute. Rechts war eine Birkenſchonung. Mein Schuß hatte einen Faſan erſchreckt, er ſteigt und die Ladung des andern Laufs macht ſeinem Leben ein Ende. Auch der Haſe unter meinen Füßen hatte mittler⸗ weile ausgelitten. Ich gehe nun in das Birkengehölz, um den Faſan zu holen, doch ſiehe, unweit des bunt⸗ gefiederten ſtolzen Vogels lag noch ein Birkhuhn, eben im Sterben begriffen. Ein Schrotkorn war dem Faſan in die Augen gedrungen, während ein anderes zufällig das Birkhuhn in die Bruſt traf, das nicht weit vom Faſan auf einem Aſte geſeſſen. „Das war ein Meiſterſchuß,“ hatte damals Seine Durchlaucht zu mir geſagt.“ „Es iſt aber merkwürdig, daß bei der Treibjagd der Haſe im Lager geblieben war, und daß nach dem erſten Schuſſe ſich nicht auch Faſan und Birkhuhn ſchneller aus dem Staube machten,“ entgegnete wiederum der Regierungs⸗Geometer. „O das kommt manchmal vor, daß Haſen einen ſo feſten Schlaf haben, und die Geſchichte mit dem Birkhuhn war ein wenig Glück, freilich aber auch ein wenig Geſchicklichkeit.“ Solcher Geſtalt ungefähr ſind die Geſchichtchen, welche der Renommiſt erzählt. Manchmal aber kommt der Herr mit ſeinen Hiſtörchen doch vor die unrechte Schmiede. Eines ſchönen Tages trifft er in einem öffentlichen Lokale einen unbekannten Herrn. Er ſondirt und findet gläubige Ohren. Nun rückt er mit einer Hauptgeſchichte vor, indem er von einem ihm wohlbekannten Manne ſpricht, der kurz vor Stettin im wüthenden Sturme Schiffbruch gelitten. Der Mann iſt ein tüchtiger Schwim⸗ mer und muß ſich auf ſich ſelbſt verlaſſen, wenn er eine Rettung noch hoffen will. Die Gewalt des Sturmes läßt ihn nicht an's Land, und ſo ſchwimmt er drei Nächte und drei Tage um und um. Es dunkelt bereits am dritten Tage und immer iſt die See noch bewegt. Kein Schiff, kein Boot, kein Nachen zeigt ſich dem faſt ſchon verzweifelnden Manne. Da wirft ihn endlich eine Welle an das Land, dem er näher war, als er geglaubt:— eine halbe Stunde nördlich von Stockholm iſt er an's Land getrieben worden.“ „Entſchuldigen Sie, das iſt doch nicht möglich,“ ſagt der fremde Mann. 20 —— — 154 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. „Nicht möglich?“ fragt der Renommiſt entrüſtet. „Ich ſelber bin jener Schwimmer und das Abenteuer paſſirte mir auf meinen frühern Reiſen.“ „Dann bitte ich tauſendmal um Verzeihung,“ entgegnet der Fremde,„ich hielt es nur nicht für mög⸗ lich, weil mir ſelber ein ähnliches, wenn auch ſtärkeres Abenteuer paſſirte, und dasſelbe bisher immer als einzig bezeichnet wurde. Ich bin dadurch ſo verwöhnt worden, daß ich ſehr leicht Aehnliches für unmöglich halte. Bitte, wie geſagt, tauſend Mal um Verzeihung.“ „O, bitte, bitte recht ſehr,“ meint der Renommiſt. „Wollten Sie nicht ſo freundlich ſein, zu erzählen?“ „O mit Vergnügen. Ich lebte in New⸗VYork in Geſchäften und unternahm mit einigen Freunden eine kleine Spazierfahrt in’'s Meer hinaus. „Wir waren ſehr animirter Stimmung, trieben Poſſen und allerlei unnützes Zeug. Die Bootsleute warnten, wir hörten nicht. Meine Freunde haben ihren Uebermuth theuer bezahlen müſſen: Das Boot ſchlug um und alle mitſammt den Schiffern verſanken in der Tiefe. Ich klammerte mich verzweiflungsvoll am Boots⸗ rande an und hoffte, der ſonſt ſo lebhafte Verkehr würde ein Rettungsboot von ungefähr in meine Nähe bringen. „Aber ich hoffte vergebens. Die Nacht ſank her⸗ nieder, eine Sturzwelle kam und entführte mich weit, weit weg. Da ſchwebte ich nun zwiſchen beiden Hemiſphä⸗ ren im feuchten Elemente. Leider hatte ich zu wenig Aſtronomie getrieben, um aus dem Stand der Sterne auf die Richtung zu ſchließen, die ich einſchlagen müßte. „So ſchwamm ich nicht Tage, nein Wochen lang, mein verehrter Herr. Daß ich gerade die entgegengeſetzte Richtung eingeſchlagen hatte, merkte ich wohl, umkehren konnte ich aber nicht mehr, da, ſo viel ich mich erinnerte, die Gegend des Meeres, die ich ſo glücklich durchſchwom⸗ men, von Haifiſchen wimmeln ſollte. „Oft kam ich in die Nähe von Schiffen, nie aber bemerkte man mich. Einmal ſchien es mir, als beſchäftige man ſich mit meiner Perſönlichkeit, vermuthlich hielt man mich aber für irgend ein Seeungeheuer, mit deſſen Fang man nicht den Cours aufhalten wollte. Möglich auch, daß ich die unſchuldige Urſache zu den Seeſchlan⸗ gengeſchichten geworden bin. „Nach meiner nur oberflächlichen Berechnung war ich bereits über zwei Monate auf der feuchten Reiſe. Ich hatte mich an meine jetzige Lebensart übrigens ſo gewöhnt, daß ich ſelbſt während des Schwimmens ſchlafen konnte. „Endlich ſah ich Land. Ich ſteuerte darauf hin und wo war ich wohl, meine Herren?(Es waren noch mehr Zuhörer hinzugetreten.) In Madeira. Ich trat an's Land und man wollte mich ſchon, weil ich keinen Paß hatte, desſelben Weges zurückweiſen, wenn nicht ein Bekannter von mir, der glücklicher Weiſe in Madeira wohnte, mich rekognoscirt hätte.“ Der Erzähler ſchwieg und that einen tiefen Zug aus ſeinem Glaſe. „Aber, mein Herr, Ihre Erzählung ſcheint denn doch wirklich ſtark an's Unmögliche zu ſtreifen,“ ſagte der Re⸗ nommiſt.„Zwei Monate kann doch kein Menſch hungern.“ „Vor dem Hungertode rettete mich eine Ange⸗ wohnheit,“ ergänzte der Fremde.„Ich hatte mich näm⸗ lich gewöhnt, meine Cigarren ſtets mittelſt des Brenn⸗ glaſes anzuzünden und trug auch am Tage der Vaſſer⸗ partie glücklicher Weiſe das Brennglas bei mir. „So wurden denn kleine Fiſche und Hummern gefangen und dieſe durch Anwendung des Glaſes ge⸗ braten. Salz lieferte das Meer und durch ein chemiſches Elixir, das ich ſtets bei mir trug, wurde auch das See⸗ waſſer immer trinkbar gemacht. „Der Fiſchfang ſelber war um ſo leichter, als ich durch meinen fortgeſetzten Aufenthalt im Waſſer von den Fiſchen für eine befreundete Macht gehalten und kollegialiſch behandelt wurde.— Hiermit haben Sie, verehrte Herren, mein vollſtändiges Seeabenteuer.“ Der Renommiſt aber trank ſein Glas aus und entfernte ſich. Er war geſchlagen, beſiegt, auf immerdar. War Cortes der Mörder ſeiner Frau? er berühmte Eroberer Mexiko's ſteht in dem Lande, das er dem Kreuz und dem Banner von Kaſtilien und Leon unterworfen hat, in keinem ehrenvollen Andenken. Im Jahre 1823 wollte der Pöbel ſein Grab erbrechen und ſeine Aſche in alle vier Winde ſtreuen, aber Verehrer ſeines Namens vereitelten dieſe Niederträchtigkeit und ſchafften die irdiſchen Ueberreſte des großen Mannes an einen ſichern Ort. Die gebildeten Mexikaner tragen eine ge⸗ wiſſe Bewunderung ſeiner glänzenden Eigenſchaften zur Schau und glauben dadurch berechtigt zu ſein, von Grauſamkeiten und Verbrechen zu reden, die ſein Privat⸗ leben geſchändet hätten. Die Quelle dieſes Klatſches ſind Proceßakten, die im Archiv zu Mexiko liegen. Don Ignacio Lopez Rayon, ein mexikaniſcher Rechtsgelehrter, hat ſich das Verdienſt erworben, dieſe Akten herauszugeben. Seine Landsleute können ſich nun überzeugen, wie ſchwer ſie ſich an Cortes durch ihr Gerede verſündigt haben. Jener Proceß, der gegen Cortes ganz insgeheim geführt wurde, erſtreckte ſich über verſchiedene Anklagen. Cortes ſelbſt wurde ſo wenig verhört, als man Ent⸗ laſtungszeugen vernahm. Die Richter waren ſeine Feinde, und es kam ihnen blos darauf an, möglichſt viel Stoff zu einer Verurtheilung zu ſammeln. Sie be⸗ mühten ſich in dieſer Beziehung nach Kräften und ſahen ſich doch ſchließlich genöthigt, alle Anklagen fallen zu laſſen. Schon das iſt ein genügender Beweis ſeiner Un⸗ ſchuld. Am eifrigſten ſuchten dieſe Richter nach Beweiſen daß Cortes ſeine Frau ermordet habe, und auch dieſes Be⸗ mühen gaben ſie als vergeblich auf. Mit dieſer Anklage des Gattenmordes wollen wir uns hier beſchäftigen. Die Gattin des Eroberers hieß als Mädchen Ca⸗ talina Suarez. Sie ſtammte aus Granada in Spanien und war mit ihrer Familis nach Kuba gekommen. Gleich ihren drei Schweſtern eine blendende Schönheit, wurde ſie mit Cortes bekannt und verlobte ſich mit ihm. Daß ſeine Verbindung mit ihr ihm ſpäter leid geworden ſei, weil Catalina's niedrige Herkunft ſeinen ehrgeizigen — ————4,—-—— es ge⸗ niſches 3 See⸗ als ich e bon n und : Sie, 3 und erdar. u? dem er von keinem 8 wollte geheim klagen. n Ent⸗ ſeine öglichſt die be⸗ n und fallen ner Un⸗ henl. en Ca⸗ panien Gleich 8 wurde 1 Das den ſei eüügen War Cortes der Mörder ſeiner Frau?— Altböhmiſche Strafpredigt gegen den Tanz. 155 Plänen im Wege geſtanden habe, widerſpricht der Aeuße⸗ rung, die man oft von ihm gehört hat:„Ich lebe ſo glücklich mit ihr, als wäre ſie die Tochter einer Herzogin.“ Als er ſeinen abenteuerlichen Zug nach Mexiko unter⸗ nahm, ließ er Donna Catalina natürlich auf Kuba zurück. Kaum war ſein großes Unternehmen vollendet, ſo rief er ſie zu ſich. Sandoval führte ſie ihm zu und er empfing ſie mit warmer Zärtlichkeit. Das Klima der Hochebene ſagte ihr aber nicht zu, und ſchon drei Monate nach ihrer Ankunft ſtarb ſie. Ihr Tod war ein plötzlicher. Am Abend heiter und vergnügt, war ſie in der Nacht eine Leiche. Dies ereignete ſich 1522, und erſt 1529, alſo ſieben Jahre ſpäter, wurde eine Unterſuchung der beſondern Todesumſtände vorgenommen. Das Gericht verhörte, wie wir bereits bemerkten, blos Belaſtungszeugen, und zwar meiſtens ſolche, die nach Hörenſagen ausſagten: Die Zeugen, welche mög⸗ licher Weiſe aus eigener Wahrnehmung etwas wiſſen konnten, umging man gefliſſentlich. Unter dieſen waren unter andern die beiden Pagen, die in der Nacht des angeblichen Mordes im Nebengemache des Zimmers, in dem Cortes ſeine Frau ermordet haben ſollte, Wache gehalten hatten. Die Zeugen nach Hörenſagen wieder⸗ holten den Klatſch, der in den letzten ſieben Jahren nach und nach eine feſte Geſtalt angenommen hatte. Sie erzählten Folgendes: Kurz vor der Unthat kam ein Schiffskapitän Juan Boa aus Spanien und ſagte zu Cortes:„Wenn Sie nicht verheiratet wären, ſo könnten Sie die Nichte des Biſchofs von Burgos bekommen.“ Cortes ſchloß ſich mit dieſem Manne ein und ſeine Frau fühlte ſich darüber ſo unglücklich, daß ſie oft weinte und ſchluchzte. In der verhängnißvollen Nacht ging ſie heiter zu Bett, am andern Morgen lag ſie bereits im Sarge. Obgleich die Leiche Niemand gezeigt wurde, hatten doch einige Dienerinnen wahrgenommen, daß die Todte ſchwarze Flecken am Halſe und Schaum im Munde habe, daß die Goldperlen ihres Halsbandes aufgelöſt ſeien, daß ihr Bett naß ſei u. ſ. w. Als beſonders verdächtig wird der Umſtand hervorgehoben, daß Cortes dem im Hauſe anweſenden Bruder ſeiner Gattin bei Todesſtrafe ver⸗ boten habe, vor dem Begräbniß ſein Zimmer zu verlaſſen. In alle dieſe Zeugniſſe nach Hörenſagen ſind we⸗ nigſtens einige eigene Wahrnehmungen eingeſtreut, und ſie genügen, das ganze Lügengewebe, in das Cortes ver⸗ ſtrickt werden ſollte, zu zerreißen. Was wir durch ſie er⸗ fahren, wollen wir überſichtlich zuſammenſtellen. An jenem unglücklichen Tage begab ſich Cortes, wie gewöhn⸗ lich, mit ſeiner Frau zur Ruhe. In der Nacht wurde eine Dienerin ſchnell in's Schlafzimmer gerufen. Als ſie ein⸗ trat, befahl ihr Cortes, Licht zu machen, und ſie ſah nun, daß er ſeine Frau in den Armen hielt. Er hielt ſie für ohnmächtig, und als er ſich überzeugte, daß ſie todt ſei, war er vor Schmerz außer ſich. Seine beiden Pagen konnten ihn mit Mühe abhalten, ſich den Kopf an der Wand zu zerſchellen. Einem herbeigerufenen Bettelmönche gelang es, ſeinen Schmerz etwas zu mildern. Das Be⸗ gräbniß erfolgte allerdings am andern Morgen, aber in keiner ungewöhnlichen Weiſe. Der Bruder Catalinas er⸗ hielt keinen Befehl, ſein Zimmer nicht zu verlaſſen, wohl! 8 aber ließ Cortes ihm ſagen, daß er den Tod ſeiner Schweſter durch ſeine Zwiſtigkeiten mit ihr verſchuldet habe. Goldperlen lagen im Zimmer nicht verſtreut. Aus welchem Grunde hätte Donna Catalina auch ihr Hals⸗ band im Bette am Nacken behalten ſollen? Im Schlafe trägt keine Frau Schmuck, am wenigſten ein Halsband von Goldperlen. Eine der Dienerinnen des Hauſes ſagte aus, daß Donna Catalina ſtark an Krämpfen gelitten habe. Ver⸗ ſtehen wir unter Krämpfen epileptiſche Zufälle, ſo haben wir den Schlüſſel des plötzlichen Todes. Die Symptome, die man an einem durch Epilepſie Getödteten wahrnimmt, kommen denen des Erdroſſelten ſehr nahe. In Dieſem Falle paſſen ſie weit mehr auf die Epilepſie, als auf einen gewaltſamen Tod. Die Epilepſie erzeugt Schaum im Munde, das Erdroſſeln nie. Bei der erſtern Todesart treten ferner die geſchwollenen Halsadern ſo ſtark hervor, daß ſie wie ſchwarze Bänder ausſehen. Bei einem Er⸗ droſſelten nehmen die Eindrücke, welche die Fauſt des Mörders macht, erſt nach längerer Zeit eine ſchwarze Farbe an. Bei Catalina war dieſe Farbe unmittelbar nach dem Tode, als Cortes ſie noch in ſeinem Armen hielt, ſichtbar. Dieſe Beweiſe für die wirkliche Todesart Catalina's ſind ſo ſchlagend, daß der Wahrſpruch der Geſchichte über Cortes nur auf Nichtſchuldig! lauten kann. Traurig bleibt es immer, daß eine Verleumdung gemeinſter Art einem großen Manne drei Jahrhunderte ſo nachkriechen kann. (Eur.) Altböhmiſche Strafpredigt gegen den Tanz. ) lfred Waldau hat eine hübſche Kulturſtudie: M„Geſchichte des böhmiſchen Nationaltanzes,“ 2 ¹ veröffentlicht. Wir finden darin folgende Aus⸗ S, laſſungen Simon Lomnitzky's, der unter Ru⸗ dolph II. gekrönter Hofpoet war, über das Lieb⸗ 2 lingsvergnügen der Frauen:„Der Tanz iſt ein überflüſſiges Abhetzen des übermüthigen Leibes ausge⸗ laſſener Leute, die ihre Schritte oder Sprünge zu ihrer Erluſtigung mit dem weiblichen Geſchlechte ſeltſam for⸗ miren, hinauf und hinunter ſpringen, ſich vor einander beugen, Poſſen treiben, ſich gegenſeitig umarmen, bei den Händen führen und allerhand Kurzweil hiebei treiben, wie ſie ſolche der Teufel gelehrt hat; denn der Satan iſt der Urheber des Tanzes.... Und in Wahrheit, er⸗ ſtaunenswerth erſcheint vernünftigen Menſchen die Thor⸗ heit, alſo zu tändeln und zu tanzen, weil man ſogar über vernunftloſe Weſen zu lachen und zu ſtaunen hätte. Denn wenn unſer Eſel, unſer Pferd oder Bock vor uns auf öffent⸗ lichem Schauplatze alſo ſpringen würde, wie es die Tän⸗ zer thun, wir alle würden kichern und lachen!“—— „Der Tanz iſt eine überaus ſchwere und ſeelen⸗ tödtende Sünde, eine überaus abſcheuliche That vor dem Herrn Gotte und ſeinen Heiligen, ſchon längſt von der heiligen Schrift und vielen heiligen Doktoren mit Schande belegt und verboten.... Die Tanzenden überſchreiten nicht blos das Zehngebot, ſondern laſſen ſich auch alle ſieben Todſünden zu Schulden kommen.... Aber die Tanzenden begehen nicht allein die Todſünden, ſondern 20* — 156 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. — behandelt und erhalten hat?“ ſie handeln und ſündigen auch gegen alle ſieben Sakra⸗ mente der Kirche.... Und da alſomaßen der Tanz Leib und Seele gar ſtark befleckt und den Weg in den Himmel verſperrt, deßhalb geziemt es ſich, daß alle chriſtlichen Jungfrauen, Witwen, Jünglinge, Männer und Weiber vor ihm fliehen und ihn gründlich verachten.—— „Wir ſollen wiſſen, daß jene, die mit Freuden dem Tanze zuſchauen, oder mit Vergnügen den Muſik⸗ inſtrumenten und weltlichen Geſängen zuhören, dereinſt furchtbare Teufel ſehen und die überaus kläglichen Stim⸗ men der Verfluchten und abſcheulichen Teufel hören werden.... Die alten Weiber würden beſſer thun, wenn ſie in den Tempel des Herrn gingen oder in ihr Kämmer⸗ lein träten, und hier ihre in den jungen Jahren began⸗ genen Sünden bereuten und den Herrn Gott um deren Vergebung bäten, anſtatt ſitzende Zuſchauerinnen beim Tanze zu bilden, den Haufen ihrer Sünden zu vergrößern, eine noch härtere Strafe vom Herrn Gotte ſich zuzu⸗ ziehen und die jungen Leute in ihrem ſträflichen Wandel zu beſtärken. Die Schweſter des heiligen Damian ſtand einſt in ihrer Kammer und hörte mit einem gewiſſen freudigen Behagen dem Frohlocken der Tänzer zu, die Theilnehmende Frage. IEEEnIEEIEIEEIIISſj ſſſſſſſ „Warum laſſen ſich Herr Pfarrer nicht mehr von Ihrem Doktor kuriren, der Sie durch fünf Jahre ſtets gut Pfarrer:„Weil er jetzt mit dem Kaplan zu gut iſt.“ auf der Gaſſe herumſprangen, und that dafür in dieſem Leben keine Genugthuung. Aus dieſer Urſache mußte ſie nach ihrem Tode fünfzehn Tage lang im Fegefeuer dulden. Seht nun, wenn jene heilige Jungfrau wegen einer ſolchen Kleinigkeit eine ſo ſchwere Marter dulden mußte, was wird erſt jenen widerfahren, die Tage und Nächte lang tanzen, dem Tanze mit Wohlbehagen zu⸗ ſehen, auf's Eſſen und Trinken beinahe vergeſſen, ja nicht einmal ſchlafen, nur um ſtets beim Tanze anweſend zu ſein und Kurzweil bis zur Sättigkeit zu treiben?!— „Ein guter Haushund liegt zu Hauſe und ſchweigt, mögen auch die andern Hunde im Dorfe herumrennen und auf einander bellen. Alſo ſollten auch thun die frommen Junggeſellen, die ehrbaren Jungfrauen, die friedfertigen Männer, die guten Matronen und alle andern Menſchen, welche Söhne und Töchter des aller⸗ höchſten Königs werden wollen. Sie ſollen, wenn Andere jauchzen, tanzen und andere böſe Handlungen vollbrin⸗ gen, lieber zu Hauſe bleiben, zum Herrn Gotte beten, und mit andern heilbringenden Dingen ſchbeſchäftigen!“ —XSS — wodut andere 5 ſc u ſefan beſchäf Schul köſtigt dem des aus d und ohne hatte, mit i veran⸗ er w und ſelbſt komn burg Man des freu⸗ reite daf wid gel kle 2 Feuilleton. 159 wodurch drei Kinder ihren Tod fanden, während mehre andere ſchwer verletzt wurden. In der Gefangenenanſtalt zu Halberſtadt ereignete ſich vor Kurzem ein eigenthünlicher Unfall. Ein Straf⸗ efangener, welcher vorzugsweiſe in der Küche der Anſtalt eſchäftigt wurde, hatte den Auftrag erhalten, für einen Schuldgefangenen, welcher ſich aus eigenen Mitteln be⸗ köſtigte, das Mittagseſſen auf deſſen Zelle zu tragen. Auf dem Wege dorthin mochte die beſſere Koſt den Appetit des Strafgefangenen ganz beſonders reizen, er nimmt aus dem ihm anvertrauten Napf ein heißes Stück Fleiſch und ſteckt es in den Mund. Die geringe Zeit, welche er, ohne Aufſehen zu erregen, zur Erledigung ſeines Auftrags hatte, zwang ihn vielleſcht, das Fleiſch, ohne es gehörig mit den Zähnen zu zermalmen, niederzuſchlucken. Dies veranlaßte ſeinen Tod: furz nach ſeinem Weggange kam er wieder auf den Hoſf geſtürzt, nach Waſſer ſchreiend, und da ihm dies nicht ſofort gereicht wird, ſo läuft er ſelbſt zum Brunnen, ſtürzt jedoch, daſelbſt kaum ange⸗ kommen, todt zu Boden. b Ein ſchreckliches Unglück iſt vor Kurzem in Ilſen⸗ burg paſſirt. Eine Familie aus Berlin, beſtehend aus Mann, Frau und einem Kinde, kehrte von dem Beſuche des Brockens, auf Eſeln reſtend, zurück. Das Elternpaar freute ſich unterwegs über das ſtattliche Ausſehen ihres reitenden Lieblings und vermochte dem Wunſche desſelben, daß es allein und ungeführt die Reiſe beende, nicht zu widerſprechen. Kaum iſt das Thier von dem Führer los⸗ gelaſſen, ſo fängt dasſelbe an zu bocken, ſchüttelt den kleinen Knaben ab, der unglücklicher Weiſe mit dem einen Fuße im Steigbügel hängen bleibt, und ſetzt ſich nun⸗ mehr den Berg hinab in vollen Lauf. Trotz der größten Eile und Anſtrengung gelang es dem Führer nicht, das Thier einzuholen, und erſt im Thale wurde man ſeiner habhaft. Das Kind war bereits zur unkenntlichen Leiche geworden. Ein bei einer achtbaren Familie in Mariahilf (einer Vorſtadt von Wien) in Dienſt ſtehendes Kinder⸗ mädchen hatte ſich mit dem ihm anvertrauten Säugling ’ auf das Burgglacis begeben und dort das Kind aif das Gras niedergelegt, um in einiger Entfernung a nit einem Liebhaber zu plaudern, M 4 Kinde au 19 — 8 3 4 3u, 7 * 2 n ſie Wleden geloſen In reßnzeckt hob vendete ſie bergebens Hoffnun„ zu ſic dieſem ſe anmens des an aSiede e an. Nun trug 4 ſnn ent un fofe in mußte nng erſtich ſei. Bekieſereutl 8 efeuer in 45 dem Kinde eine I nterſuche Mund und bon wegen ells erſtickt aus geſchlüpft war. in dedhier wurde eben. ud„ e dem Schlunde d.Das des hervoroezogen. zulden In einer größeren. de des Ki) d rts, ſo er⸗ e und hlt die Gratzer Taee en“, foe Aune hübſche, reiche erstochter Gefallcee einem Marsſohne von ſehr ge nnendem Nrf, Sie liebten ſich beide recht inni em Aeußene 3. 6 1 beſchloſſen emander zu heiraten. Die Eltern des dchens w⸗cen deſſen zufrieden, nur ſtellten ſie die„un de igung, Ler Bräutigam ſolle der militäriſchen Lau en Eg Die Liebe überwog alle Bedenken des So Oſſe und er guittirte ſeinen Dienſt. Nachdem er dieſes Färt gebracht, hofft er den Lohn dafür in der verdoppelteyf lichkeit ſeiner Braut zu finden, aber er hat die Re⸗ für ohne die— Uniform gemacht; das Herz, das ſo bhf fulr den Officier geſchlagen, es fühlt nicht die leiſeſte t. ür den Civiliſten. Der arme junge Mann hat e dar⸗ e Frau, er hat auch ſeine Stellung verloren, Mu ſich rre verdorben. Ein langwieriger Proceß entſ im lſte ch alle Inſtanzen; dieſer Tag entſchied nun d1 : Eltern der Braut ſeien gehalten, dn, weſ ſchmähten Bräutigam lebenslänglich die von ibheiraten, jährliche Gage von 525 fl. zu bezahlen, undeineswegs er. wird auf die Realitäten der Verurtheilten in — Ubrin⸗ beten, igen! In Magdeburg hat ein bei einem Carrouſſel⸗ beſitzer dienender Arbeiter aus Rache gegen ſeinen Brod⸗ herrn der 13 bis 14jährigen Tochter desſelben mit einem Taſchenmeſſer die Luftröhre bis auf die Knochen durch⸗ ſchnitten. Der Thäter ſtellte ſich ſelbſt den Gerichten. Kürzlich meldete ſich auf dem Berliner Vormund⸗ ſchaftsgericht ein ſchon ziemlich bejahrtes Mädchen mit dem Antrage, eine Klage auf Alimentation ihres vor Kurzem geborenen unehelichen Kindes gegen den Vater desſelben aufzunehmen. Die Bittſtellerin gab dabei an, daß ſie ſchon früher in gleicher Lage geweſen. Unter dieſen Umſtänden wurden die vorhandenen Vormundſchafts⸗ akten nachgeſehen und dabei zur großen Verwunderung der betreffenden Beamten feſtgeſtellt, daß das Mädchen ſich freilich ſchon öfter in gleicher Lage befunden und zwar bereits einundzwanzig Mal! Wir meldeten bereits letzthin kurz, daß die Gemalin des amerikaniſchen Dichters Longfellow bei leben⸗ digem Leibe verbrannt iſt. Das Unglück trug ſich auf folgende Art zu. Während die Aermſte einen Brief ſiegelte, fiel etwas brennender Lack auf ihren leichten Anzug, der im Nu in Brand gerieth. Longfellow ſtürzte herbei, um den Brand zu löſchen; aber ſie riß ſich los und lief, beſinnungslos vor Schrecken, die Treppe hinab, und unten fiel ſie hin— buchſtäblich verbrannt. Vor dem Civilgerichte in Paris ſchwebt ein in⸗ tereſſanter Proceß. Der Kläger iſt der ſchwediſche Gene⸗ ralkonſul Hr. Jules Leroux, die Geklagte iſt Niemand anderer als— die Kaiſerin Eugenie. Der Gegenſtand des Proceſſes iſt folgender. Im Jahre 1855 wollte die Kaiſerin für ihre Verwandten fürſtliche Wohnung in Paris aufführen und kaufte zu dem Ende das in den ely⸗ ſäiſchen Feldern gelegene prachtvolle Haus des Hrn. Lau⸗ riſton für 14 Millionen Franes und gab demſelben den Namen Hötel Alba. Einmal im Beſitz des Hauſes wollte man auch den daran ſtoßenden Garten in einen förmli⸗ chen Park verwandeln und trat in Unterhandlung wegen Erwerbung der angrenzenden zwei großen Gärten, wovon einer Hrn. Emil Girardin, der andere dem ſchwediſchen Generalkonſul Hrn. J. Leroux gehörte. Der frühere Be⸗ ſitzer Hr. Lauriſton hatte vergeblich große Summen für dieſe beiden Gärten geboten; allein, was man ihm nicht berlaſſen hatte, mochte man Ihrer Maj. der Kaiſerin 1 ſcht abſchlagen. Emil Girardin verkaufte ſein ganzes rundſtück mit Ausnahme eines kleinen Vierecks um ſeine ulla. Was Hrn. Leroux betrifft, ſo willigte er in den Berkauf ſeines Gartens, welcher den Hauptreiz ſeiner Wohnung bildete, nur unter der Bedingung, daß er die Ausſicht auf denſelben behalte, mittelſt einer Terraſſe, die durch ein Glashaus mit ſeinem Speiſeſaal verbunden, ihm die Gelegenheit bot, wenigſtens mit den Blicken ſich noch ferner in dem zu ſeinen Füßen liegenden theueren Garten ergehen zu können. Dieſe Bedingung erſchien hart; dieſes Recht der Ausſicht war genant; allein man fügte ſich endlich, indem man die Gegenbedingung ſtellte, daß jenes Ausſichtsrecht nur ein lebenslängliches ſein und mit Hrn. Leroux, ſei daß er ſtürbe, oder daß er ſein Hötel verkaufen würde, aufhören ſollte.— Nachdem die Dinge nmal ſo geregelt waren, verbrachte Hr. Leroux manche ctunde des Tages auf der Terraſſe und ergötzte ſich an em Anblicke der prächtigen hundertjährigen Bäume. Da tarb die Herzogin von Alba. Man weiß, wie ſehr ſich bie Kaiſerin den Tod dieſer ihrer Schweſter zu Herzen nahm. Sie wollte nichts mehr von dem Hötel wiſſen, ſie wollte es nicht einmal mehr ſehen, und da die Großen dieſer Welt das Vorrecht haben, ihrem Schmerze Alles zu opfern, ſo wurde denn auch beſchloſſen, das Hötel Alba⸗ niederzureißen. Mit dem Höôtel fielen auch Hunderte von den großen Bäumen; der Raum wurde der Spekulation zu Bauſtellen überlaſſen und eine Straße mitten durch den ehemaligen Garten gebrochen. Hr. Leroux proteſtirte laut gegen dieſe Verwüſtung, aber umſonſt; ſeine Ver⸗ zweiflung ſtieg auf's Aeußerſte, als er vernahm, daß einige Schritte von ſeiner Terraſſe die Mauer eines ſechs Stock ——— — ⸗ 160 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Hunor. hohen Hauſes aufgeführt werden ſolle. Er machte nun Verbrechens wurde durch die umſichtige und verdienſtliche eine Klage gegen Ihre Maj. die Kaiſerin anhängig und Thätigkeit der Polizeidirektion in Gratz in der Perſon des verlangt, daß dieſelbe die Bäume, welche in einer Ausdeh⸗ Vagabunden Franz Nieger(aus Pardubitz, 42 Jahre alt, nung von 1200 Metres den von ihm abgetretenen Garten katholiſch, ledig) ermittelt. Derſelbe hat ein umfaſſendes zierten, wieder in den früheren Stand bringe. Er hat Geſtändniß abgelegt und die That ganz umſtändlich erzählt, das ganze Chaos’ der gefällten Bäume photographiren wie er das Kind in den Wald gelockt, ihm dort die Füßg laſſen. Er weiſt jeden Vergleich von ſich und fordert, daß auseinandergeſpreizt und es an zwei von einander weg⸗ man ganz ähnliche Bäume, von derſelben Art, derſelben ſtehenden Bäumen einen Schuh hoch feſtgebunden, dem⸗ Größe ꝛc. wieder pflanze. Die Kaiſerin dagegen will um ſelben den Mund mit der Schürze verſtopft und ſodann keinen Preis beim Vorüberfahren durch die Bäume des an dem Mädchen durch volle drei Stunden unzüchtige Parks an ihre verſtorbene Schweſter gemahnt werden und Handlungen verübt habe. Hierauf hat er dem Kinde mit ſo ſchwebt nun der Proceß, in welchem demnächſt das ſeinem Taſchenmeſſer den Bauch aufgeſchlitzt, die Leber, Gericht die Entſcheidung fällen ſoll. das Herz, die Lungen und die Zunge herausgenommen Am Maria⸗Himmelfahrtstage wurde in der Dom⸗ und das Alles noch warm aufgegeſſen. Weiter gab er an, kirche zu Trieſt eine von dem achtjährigen Sohne des er habe die Haut von dem ganzen Körper ablöſen wollen, in Prag verſtorbenen Kapellmeiſters Luigi Ricci kompo⸗ dies jedoch blos an den Schenkebn vollführt, da inzwiſchen nirte Meſſe aufgeführt. die Nacht eintrat und Furcht und Schrecken ihn überfielen. Der Luftſchiffer Regenti hatte für den 25. Anguſt Als Motiv ſeiner That gab er an, er habe ſich unſichtbar in Preßburg eine Luftfahrt angekündigt. Die Füllung machen wollen; denn er habe gihört, man könne ſich un⸗ des Ballons wurde jedoch durch den heftigen Wind ge⸗ ſichtbar machen, wenn man das Herz und die Leber von hindert. Die Folge dieſes Mißlingens war, daß aus den drei unſchuldigen Mädchen gegeſſen habe. Er hatte auch zahlreichen Zuſchauern ein Pöbelhaufe über den Ballon den Vorſatz gefaßt, noch zwei andere Mädchen auf dieſelbe herfiel und ihn in Stücke zerriß. Regenti ſelbſt entkam Art umzudringen; jedoch hab er ſeit jener That nicht der Wuth des Pöbels nur durch den Schutz des Stadt⸗ Ruhe noch Raſt finden können; jede Nacht ſei ihm das hauptmanns und anderer angeſehener Perſonen; ſein weinende und bittende Kind erſchienen, und darum habe Gefährte, ein Hr. Franz Schuler aber, der die Luftfahrt er den gefaßten Entſchluß wieder aufgegeben und ſein zu meteorologiſchen Zwecken mitmachen wollte, erlitt ver⸗ Verbrechen beichten wollen. Das Schürzchen, welches er ſchiedene Mißhandlungen, bevor es ihm gelang, ſich in dem Kinde abgenommen und mit welchem er demſelben ein nahes Haus zu retten. Regenti ſchätzt den ihm zuge⸗ den Mund verſtopft hatte, wurde in dem Bettelſacke des fügten Schaden auf 30 ufl. 3— Vagabunden vorgefunden. Der Mörder wurde von der Der im Juni vökigen Jahres von Havre nach Polkzeidirektion in Gratz dem k. k. Landesgerichte einge⸗ der Havannah geſegelte franzöſiſche Dreimaſter Don Juan liefert.“— Eine eindringlichere Mahnung, den Volks⸗ hatte ſich von einem Hauſe in Kuba zu einer Sklaven⸗ unterricht überall, wo dies noch nicht der Fall iſt, zu fracht von der afrikaniſchen Küſte chartern laſſen. Er einem Allgemeingut zu machen und Allem entſchieden nahm 850 Neger an Bord und lieferte, nachdem etwa entgegenzutreten, was Aberglauben verbreitet oder dem 250 unterwegs geſtorben, den Reſt in Kuba ab. Um das ſelben Vorſchub leiſtet, kann es wohl nicht geben. Eine begangene Verbrechen zu verheimlichen, ſteckte der Kapitän ſolche That im Jahre 1861! Man möchte faſt mit Leſſing das Schiff in Brand. Jetzt ſteht er wegen beider Ver ausrufen:„Wer über gewiſſe Dinge den Verſtand nicht brechen mit ſeiner ganzen Mannſchaft vor dem Gericht verliert, der hat keinen zu verlieren!“ Neueren Nachrichten 5 in Havre. 3— zu Folge hat ſich herausgeſtellt, daß ſich die vorſtehend 3 Kürzlich fand in Folge von Wetten auf Schweizer⸗ mitg ewwilte grauenhafte Schandthat als ſolche beſtätigt, 6 gebiet eine Probe der Schnelligkeit der Taubenpoſt ſtatt. Lar iſt Nieger Gratzer Blätter melden, der Moͤr⸗ Es wurden aus Lüttich 375 gezeichnete Tauben nach der des Mädchens nich; Nleger iſt ein Ho Mrottel, der Baſel gebracht und dort losgelaſſen. Eine bedeutende An⸗ ſchon wehre Verbrecho) auf dh genomnien“ zahl derſelben zog es vor, in Vaſel zu bleihen; währond Strafe dafür abgebiet duaben ſoll. Jetzt abet, ale andere um ſechs Uhr Morgens den Ausflug begannen. hörte, daß ar für den Mord die Podesſtrafe durch Um drei Viertel auf eilf Uhr Mittags langte die erſte Strang werde erlerdon Muden wurde ihm die Sach Taube in Lüttich an. Sie hatte alſo eine Strecke, die in ernſt, und er erklärs Nüſſen, de Thak nicht besm der Luftlinie länger iſt, als die von Prag bis Gratz, habe, nicht habe b 35 d ſöenen well er zut Zeit binnen nicht ganzen fünf Stunden zurückgelegt. Bis Ermordung des Mägchens noch eine Strafe abzubüf zwölf Uhr Mittags hatten bereits mehre Dutzend Tauben, hatte und in Kindbe 8d0 deſmerrl war. Dieſe Aufkläruy d. die Strecke zurückgelegt. Bis Abends war der größte ſollen ſich vollkom eingeſnedt haben. 1 Theil angelangt und hiemit die Wette gewonnen. Sag e NeSn Aſf nen Macht dn Walcz iſt in den e fo. Die amtliche Zeitung von Ungarn meldet:„Die ag Manme dehels ei 7Tlähn Jenu, die threm 80 Gallerhöchſte Bewillung zur Umänderung ihrer Familien⸗ n lke tan els eines Rafrmeſſers den Hals 30 namen haben in Peſt nachſtehende deutſche Herren erhalten: hnitten hatte, zum Tode verurihent worden. B Joſef Roſenwalt ändert ſeinen Namen um in Rözſay; Tls Muſter⸗ welch' feinen Zeitungsſtgl ſ 15 Gregor und Wilchelm Rainer ändern ihn in Rajnaj; zerika ſchreiben, laſſen wir nachſtehenv eine Skelle lun — Julius Unger heißt nun Maghar; Heinrich Großmanne V derzu Kontucn erſcheinonden Crescent“ Folgen A 1 andert in Szepeſſy und Eduard Schulleck in Sulyok. Bla ſchreibt über den Bundesgeneral Preudß: Bu w(Was iſt des Deutſchen Vaterland?). Kal in Illinois begetirt gegenwärtig ein Meme, Na⸗ ſ Das gräßliche Verbrechen, das neulich ans Steier⸗ maprentiß, der die Truppen kommandirt; ein nieder⸗ . mark berichtet wurde und das mit uns gewiß die meiſteng trater, eke hafter Hund, ein verrätheriſcher Schurke, unſerer Leſer zur Ehre der Menſchheit für unmöglich ge⸗ Pein oriſcher Dieb, der fünf Jahre im Zellengefängniſſe halten, iſt wirklich eine Thatſache. Die Wiener Ztg. ſchreibt: gelei, hat und ſeine Haut mit Branntwein aus Cin⸗ „Dieſer Tage haben die Blätter gemeldet, daß der gräßlich 8 ullf, nie verſtümmelte Leichnam der längere Zeit vermißten ſieben⸗ Stlſieger, mit denen Lincoln den Süden unterdrückens jährigen Marie Wurzinger am 14. Juli d. J. in einem Walde bei Fluttendorf in Steiermark aufgefunden worden iſt. Der Thäter dieſes in ſeinen Nebenumſtänden entſetzlichen Larer verſ zu S andern= — 7 Redigirt unter Verantwortlichkeit des Verlegers.— † eetyp. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag.