et 8 eine von eit das Ehren. dieſer gegen Erinnerungen. FIIustrirte Blätter kür Brnsi und Bumor. 82. Band. (Ein und vierzigſter Jahrgang.) Heft IV. Louiſe Meunier. Von P. D. (Fortſetzung.) enés Bruſt war in tiefer Aufregung, wenn auch ſeine Züge dieſelbe nicht verriethen. Er gedachte der Leiden, die er bereits an Louiſe entdeckt und er wußte es ihr Dank, daß ſie noch ſo geblieben, wie er ſie beurtheilt, gut und un⸗ ſchuldig, ſanft, ſich ſelbſt zum Trotz und unge⸗ achtet der Nattern der Leidenſchaft, die ſich ſo vielmal ſchon in ſeinem Buſen regten und ihn ängſtigten. Die Unterhaltung war zu Ende, das Thema er⸗ ſchöpft. Der junge Graf legte darauf die letzte Hand an Friſur, Bart und Kravate und begab ſich zu Herrn Erinnerungen. LXXXII. 1861. —— — hesh V aleumnd nnſan ſt 1 Meunier. Die Züge Louiſens im Augenblicke ſeiner Ankunft konnten nur die tiefe Zuneigung, die er für ſie ſchon lange hegte, ſteigern. Noch nie hatte er ſie ſo ſchön, ſo liebenswürdig, ſo bezaubernd melancholiſch geſehen. Um ihre Taille, deren anmuthsvolle Nachläſſig⸗ keit die ganze Elaſticität ihres Körpers erſt ſo recht hervortreten ließ, fiel ihr ſchwarzes Barégekleid in ebenſo reichen als zierlichen Falten. Ihre Augen waren nicht rothgeweint, aber die ſchwerfällige, läſſige Bewegung der Augenlider bewies, daß ſie doch geweint hatte. Auch der Zuſtand, in dem ſich ihre Haare befanden, beſtätigten etwas Aehnliches. Sie rahmten in langen dicken Flechten die Wangen ein und bildeten ein wenig oberhalb des Nackens einen dichten Knäuel; und gerade in dieſer nachläſſigen Friſur lag ein überaus verführe riſcher Reiz. 98 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Was war denn aber an dem Tage vorgefallen? Louiſe hatte anfangs mehr Reue als Freude empfun⸗ den über die Einladung des jungen Grafen. Sie kannte ihren Onkel nur zu gut, als daß ſie nicht ihre Folgen hätte fürchten ſollen. Herr Meunier, im Grunde ein guter Menſch, wie oberflächliche Beobachter alle Leute nennen, die die Tugenden des code civile beſitzen, war der Urtypus eines echten Haustyrannen. Zuvor, ehe er ſich in Bourgueville zur Ruhe ſetzte, hatte er durch einige zwanzig Jahre eine kleine Handlung in Rouen betrieben, in einer bei jeder Witterung offenen Krämer⸗ bude. Er gehörte zu jener Klaſſe alter Spießbürger, die ſich in ihrem Gewiſſen verpflichtet halten, unter jedem Vorwande, bei jeder Gelegenheit ihre Kinder zu quälen und zu foltern. Indem ſie in der Strenge des Familien⸗ oberhauptes den Hort der Sittlichkeit und des Staats⸗ wohls erblickten, glaubten ſie, die Geſellſchaft ſei in Gefahr, wenn ſie nicht allen denen, die unter ihrer Bot⸗ mäßigkeit ſtanden, alle möglichen Verdrießlichkeiten und Torturen bereiteten und ihnen ſelbſt die unſchuldigſten Vergnügungen raubten. Aber das, was ſie ſo zu ſagen nur des Princips wegen thaten, artete auf die Dauer in ekelige Neckereien und teufliſche Raffinerie aus. Sie fanden ihr Vergnügen und ihren Vortheil darin, ihre Omnipotenz und ihre Diktatur zu perſönlichen Zwecken auszubeuten. Es gab unter Ludwig XI. unter dieſen wenig reſpektable Patriarchen, denen unſere Geſellſchaft einen paniſchen Schrecken eingejagt haben würde durch die gegen ſie geſchleuderten Vorwürfe des Egoismus, der Perfidie und der Grauſamkeit. Louiſe bezweifelte es alſo keinen Augenblick, daß dieſes Mittagmahl, welches in die ſonſtige Alltäglichkeit ſo ſtörend eingriff, ihr ſeitens des Onkels Klagen und Vorwürfe eintragen würde. Die Furcht vor dergleichen verſetzte ſie darum auch immerfort in die peinlichſte Unruhe. Nichtsdeſtoweniger ſah ſie nicht auf eine luxu⸗ riöſe Ausſtattung der Tafel; aber ſie ſorgte um ſo mehr für treffliche Gerichte, feine, aufmerkſame Bedienung und paſſende Reihenfolge in den Speiſen und Geträn⸗ ken; von Eleganz war gar keine Rede. Gewiß zwanzig⸗ mal war ſie zur Couſine gelaufen, und es bedurfte des Aufwandes aller und jeder Ueberredungskunſt, um Veronikazu beſtimmen, einiges nach ihrem Geſchmacke abzuändern. Eine ruhige aber hartnäckige Debatte ward auch über das kleinſte, unbedeutendſte Detail geführt. Eine ſehr kitzelige Frage war zum Beiſpiel dieſe: Louiſe wollte die Suppe in einer Suppenſchüſſel von weißem Porzellan ſervirt wiſſen; Veronika aber wollte die braune Schüſſel von Steingut, die alle Tage auf den Tiſch Meuniers kam, unter dem Vorwande, die Suppe bliebe darin länger warm. Derſelbe Streit ent— ſpann ſich über die zu gebrauchende Saucière. Alle dieſe Streitigkeiten zwiſchen der Dienerin und der jungen Dame wurden halblaut geführt. Louiſe ſtrengte ſich unaufhörlich an, den Ton ihrer Stimme zu dämpfen, aus Furcht, der Onkel möchte etwas hören; denn ſie wußte, daß in dem Gaſtfreund⸗ ſchaftskode des Herrn Meunier der erſte Paragraph V lautete: Die Gewohnheiten des Hausherrn dürfen in keinem Falle, ſei der Beſuch welcher Art immer, velletzt werden, ja ſelbſt die leiſeſte Modifikation iſt ſtrengſtens verpönt. Alle Bemühungen Louiſens blieben indeß fruchtlos, wenn nicht porerſt eine wichtigere Frage gelöſt wurde: nämlich die in Betreff der Deſſertſchüſſel. Für Entrée's und Braten hatte ſie genug Schüſſeln von Porzellan gefunden, aber für's Deſſert gab's nur ſolche von Steingut, die noch obendrein durch den langjährigen Gebrauch ſehr abgenützt und mit allerlei einfältigen blauen Figuren bemalt waren. Louiſe war verſucht, zu Klärchen zu gehen und ſie zu erſuchen, ihr das Service des Herrn Doktors zu leihen; aber Herr Meu⸗ nier würde ſicher dieſes grüne durchſichtige Porzellan erkannt und ſich wüthend geärgert haben, wenn ſich die Anſicht verbreitet hätte, er brauche zur Ausſtaffirung ſeiner Tafel das Porzellan ſeines Nachbars. Louiſe zog es darum vor, drei bis vier Stunden weit zu gehen, um bei einem Steinguthändler die ihr fehlenden Kom⸗ pot. und andere Schüſſeln zu kaufen. Sie nahm das Geld zu dem Einkauf in ihre Börſe und— glaubte gar nicht geſehen worden zu ſein. Aber ach! Als ſie, begleitet von einem kleinen Buben, nach Hauſe zurückkam, erblickte ſie Herr Meu⸗ nier, hieß den Knaben den Korb, den er trug, ent⸗ leeren, ohne weiter eine Miene zu verändern oder ein Wort zu reden. Nach dieſem fatalen Ausgange zeigte Louiſe ſich eben ſo entmuthigt, als verdrießlich und ärgerlich; denn ſie ſah nun ein, daß es unmöglich war, an die Stelle des Ordinären, welches in allem, was Herrn Meunier gehörte und ihn anging, zur ausſchließlichen Herrſchaft gelangt war, irgend etwas Beſſeres und Vollkommeneres zu ſetzen. Dieſe kleine Demüthigung führte ſie aber zu weit wichtigeren Reflexionen, die ſchließlich dahin führten, daß ſie feſt beſchloß, René von ſeinem Beſuche abzu⸗ rathen; konnte doch dieſes Freundſchaftsverhältniß ihr nur allerhand heftige Auftritte, fieberhafte Unruhe, unſäglichen Kummer bringen.— Glücklicher Weiſe kam unterdeſſen Klärchen an, die mitgeladen war. Sie faßte die Sache von ihrer komiſchen Seite auf, und indem ihre Züge jenes der Jugend eigenthümliche Lächeln überlief, machte ſie ſich förmlich luſtig über die Mühe, die ſich ihre Freundin gab, den Schlendrian des Herrn Meunier, ſeine verroſteten Anſichten und Ideen zu verbeſſern. Dann zog ſie in jugendlichem Muthwillen Louiſe in den Garten und machte elegante Bouquets, die ſie ringsum mit herabhängenden Akazienzweigen umgab, um die zur Aufnahme derſelben beſtimmten Blumenvaſen ganz zu verdecken. Viele und große Weintraubenblätter be⸗ deckten die Kompotſchüſſeln, die prächtige Pyramiden von Aepfeln und Birnen trugen. Dazu ward noch manches andere improviſirt und in zierlicher Symmetrie aufgeſtellt, was theils den Augen, theils dem Gaumen beſtimmt war. Kurz ſie zeigte ſich als Künſtlerin und Zauberin auf dem bis dahin ſo ſterilen Boden. —2 Louiſe Meunier. 99 „Wenn Dein Graf nicht zufrieden iſt,“ ſagte ſie, „muß er in der That ſehr ſchwer zu befriedigen ſein.“ „Warum,“ entgegnete Louiſe,„ſoll er unſert⸗ wegen auf ſeine Vorurtheile, beſſer geſagt, auf ſeine Delikateſſen verzichten?“ „Weil er Anderes zu thun hat, als daran zu denken; biſt Du denn nicht da, meine theure Schöne, um ihn ganz in Anſpruch zu nehmen?“ „Das iſt ja gerade das Schlimme, daß er dies nur um ſo mehr erwarten wird, je weniger es ihm ſonſt behagen wird. Siehſt Du, Klärchen, die Welt hat mir durch das Loos, welches mir ward, das Recht ge⸗ geben zu behaupten, daß ich ihr Treiben und ihre For⸗ derungen nur zu gut kenne. Jal ich weiß es, daß es ſchlimm iſt für eine Dame, nicht reich zu ſein oder wenigſtens reich thun zu können; gerade ſo wie es ein Unglück iſt, häßlich zu ſein; das erſtere iſt freilich noch ſchlimmer, als das zweite.“ Klärchen machte hierzu ein ſchiefes Geſicht, welches gegen den Ausſpruch Louiſens proteſtirte, kümmerte ſich dabei aber weiter weder um die allgemeine Meinung, noch um die Beweiſe ihrer Freundin. René war offenbar der Mann, die Beunruhi⸗ gungen und Grübeleien Louiſens als ungerechtfertigt erſcheinen zu laſſen und allen Erwartungen, die Klär⸗ chen von ihm hegte, zu entſprechen. Aus verſchiedenen Gründen zogen ihn die beiden jungen Damen gleich ſehr an; er hegte für Louiſe eine zwar noch nicht endgiltig beſtimmte, aber doch vielleicht ſchon tief gewur⸗ zelte Neigung. Was Klärchen betrifft, ſo kannte er ſie ſchon lange und fand zu viele Aehnlichkeiten zwiſchen dem Charakter der liebenswürdigen Nichte des Doktors und dem ſeinigen, als daß er für ſie nicht große Sym⸗ pathie hätte haben ſollen; aber es fehlte doch Sehnſucht nach Vereinigung, die da Urſache der Liebe und Wir⸗ kung zugleich iſt. Mitten zwiſchen ſeinen beiden Freundinnen nun gab ſich René ſo große Mühe, durch ſeine Unterhaltung den Lippen der Einen ein Lächeln abzugewinnen und auf der Stirn der Andern einige Falten ernſten Nach⸗ denkens hervorzuzaubern, daß bald dieſe drei Geiſter, dieſe drei Herzen in eine jugendliche Begeiſterung ſich verſetzt fühlten, die alles in ſich faßt: die Träume der Poeſie, die Jovialität kindlicher Ausgelaſſenheit, herzliche Vertraulichkeit und, wohlthuende Beredſamkeit. Herr Meunier, der ſich in der Perſon eines reichen Grund⸗ beſitzers und Adjunkten des Mairs der Gemeinde einen Geſellſchafter ausgeſucht, hatte für die jungen Leutchen gar kein Ohr. Bisweilen, wenn ein witziger Gedanke ausgeſprochen wurde oder eine Idee, die ihm fremd war und ſeiner Anſchauungsweiſe diametral entgegen⸗ geſetzt war, begnügte er ſich damit, in poſſenhafter ver⸗ ſteckter Weiſe zu lachen. Ein andermal miſchte er ſich in die Unterhaltung mit einem Witz, der ſich aber jedes⸗ mal mehr durch ſeine Ungeſchliffenheit als durch ſeinen Geiſt auszeichnete und den er noch obendrein ſtets mit einem ekel⸗ und fratzenhaften Lachen begleitete. Obgleich Veronika ganz mit ihren Arbeiten beſchäftigt war, horchte ſie doch ganz ſtill, nahm ſich aber auch ebenſo feſt vor, ſpäter ſich recht malitiös an der armen Louiſe zu rächen. Weil ſo jeder ſich für etwas anderes am meiſten intereſſirte, wurde die Situation der Gäſte Meuniers eine recht fatale und kitzlige, um ſo mehr, als des Letz⸗ tern eigene Erfindungsgabe ihn nur zu den aller⸗ täppiſchſten und tölpelhafteſten Auskunftsmitteln greifen ließ. An ſeiner ſorgfältigen Toilette, ſeiner blendend weißen Wäſche, an dem feinen Tuche ſeines Ueberrocks, an der goldenen Lorgnette war es leicht zu ſehen, daß er für ſich ſelbſt der Gegenſtand einer Hochachtung war, die er nur gar zu gern auch den Andern eingeflößt hätte. Daß er ſich aber hierin ſehr getäuſcht, davon mußte er unausgeſetzt ſich überzeugen. Und konnte es anders ſein? Wenn er zu reden anfing, war das, was er ſagte, immer nichtsſagend, und dabei ſtolperte er noch bei jedem Worte. In allem, was er dachte, erfand, be⸗ hauptete, bewies, machte er die verſchiedenſten Fehlgriffe. Bald machte er durch einen rieſigen Gedächtnißfehler, bald durch ein blödes Urtheil Alles konfus. Die ein⸗ trächtigſten Eheleute ließ er in Zank und Streit leben, Unverheiratete verheiratete er, beſchenkte Witwen mit wiederholten Familienvermehrungen und machte Reiche zu Armen und Arme zu Reichen; jeden Augenblick machte er ſo einen dummen Streich und erinüdete da⸗ durch ſeinen Geſellſchafter fort und fort, denn der hatte in der That nichts zu thun, als Meuniers Fehlgriffe zu verbeſſern. Aber der arme Mann war nichts weniger als ſtarrköpfig; kaum war er auf einen Schnitzer auf⸗ merkſam gemacht, führte er in bedeutungsvoller Weiſe ſein Kinn gegen die Bruſt, um zu überlegen, wie er denn zu dem Schnitzer wieder gekommen; dabei ver⸗ riethen ſeine funkelnden Augen und die weit geöffneten Löcher ſeiner langen Naſe ſeine innere Bewegung und ſeine Scham. Seine Mißgriffe und dieſe Bewegung wiederholten ſich ſo oft, daß die jungen Leutchen ſie nur zu gut bemerkten und mehr als einmal darüber lachten; aber Meunier, der ſich ſo in ſeiner Beobachterrolle durch jenen unbequemen Schwätzer geſtört ſah, replicirte alsdann mit der größten Brüskerie. Nach Tiſche nahm Herr Meunier ſeine Zeitung, reichte ſie dem Adjunkten, damit er ihm ſie vorleſe, und ſtellte ſo das gute Einvernehmen wieder her, während René und die beiden jungen Damen ſich an das geöffnete Fenſter ſtellten. Eine weite Ausſicht in die Ferne bot dieſer Standpunkt nicht; denn vor ihnen lag der kleine Garten Meuniers, deſſen Hintergrund ein an einen kleinen Hügel ſich lehnendes dichtes Gehölz bildete. „Finden Sie nicht,“ begann René,„daß jene dunkle Baumwand immer und immer den Blick feſſelt? Man gibt ſich immer Mühe, in ihre Mitte zu dringen, als wenn daraus irgend eine geheimnißvolle Erſcheinung hervorbrechen ſollte.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Klärchen,„wir haben nicht die Gabe, magiſche Bilder hervorzuzaubern, die uns den Gegenſtand unſerer Wünſche vorführten.“ „Dieſe Gabe liegt immer in der Einbildungskraft, wenn man nur davon Gebrauch machen will. Wohlan, 13* 100 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Fräulein Klärchen, fangen Sie an; ſagen Sie, was ſehen Sie und würden Sie zu ſehen wünſchen in dieſem Laubdickicht, welches ſich zu beleben ſcheint, wie die Eichen im Hain der Dodona.“ „Ol meine Wünſche ſind bekannt,“ antwortete Klärchen;„ich ſehe, wie dieſes Meer von Grün ſich verklärt und unter den Strahlen der Morgenröthe glänzt; wie luſtige Kindlein ſich darin herumtummeln gleich einem ſummenden Bienenſchwarm.“ „Für mich,“ ſagte René, der nun an die Reihe kam,„haben die Bäume Leben und Bewegung, ſie bilden mir ein Amphitheater, in deſſen Mitte ein See ſeine ſanften blauen Wellen kräuſelt; ich führe auf ihm einen ſchmuckloſen Nachen ohne alles Geräuſch; eine junge Dame, deren anmuthiges Geſichtchen ein ſollte ſie Beide begleiten und er würde ſie dann gleich zauberiſches Lächeln überfliegt, nimmt vor mir eine halb ſitzende halb liegende Stellung ein; ihr Blick iſt gegen Himmel gerichtet; ich meinerſeits bin ganz in den Reiz der Umgebung vertieft; auf einmal begegnen ſich unſere Blicke; Staunen und Entzücken verrathen beide und erſticken das Wort auf unſeren Lippen.“ Klärchen begleitete dieſe Phantaſie René's mit einem ſpöttiſchen Lächeln. „Ja, Fräulein Klärchen, ſo iſt s!“ ſprach René. „Ich begreife es ſehr wohl, daß Sie mich nicht fähig halten, eine Erheiterung zu ſchaffen; aber ich kann Ihnen verſichern, daß, ſo bezaubernd auch die Pracht des Himmels und der Erde wirkt, ſie doch weit hinter den Anforderungen zurückſteht, die jetzt gemacht werden. Aber nun zu Fräulein Louiſel“ „Laſſet mich,“ ſagte ſie;„die Bilder, die ich heraufbeſchwören würde, würden doch nur die Harmonie und den Reiz der Eurigen zerſtören.“ „Was liegt daran! wir wollen ſie ſehen.“ „Vielleicht weil die Dunkelheit für mich ſtets etwas ſchreckenerregendes hatte— genug, ich glaube, ich würde in dieſes finſtere Dickicht nur eindringen, um darin einen Abgrund zu entdecken; ich glaube, es be⸗ herrſcht mein Leben wie ein Dämon, den kein Zauber zu bannen oder zu vertreiben im Stande wäre. „Was iſt das für eine ſchwarze Phantaſie!“ rief Rens aus, dem das Mitleid mit der armen Louiſe ſtets das Herz zu zerreißen drohte und der gerade durch dieſes Gefühl, welches vielleicht das ſtärkſte und ſicherſte Liebesband um zwei Herzen ſchlingt, ſich unwiderſtehlich zu ihr hingezogen fühlte.„Verſcheuchen wir dieſe finſtern Ideen,“ fuhr er fort;„da iſt ein Piano, welches be⸗ weiſt, daß Sie muſikaliſch ſind; ich vermuthe ſo gar nicht ohne Grund, daß Sie ein herrliches Talent beſitzen; erlauben Sie mir, darüber mir ein Urtheil zu bilden.“ Das hieße die Geduld meines Onkels auf eine gar zu harte Probe ſtellen,“ erwiederte Louiſe lächelnd; die Muſik iſt ihm zuwider, zumal nach dem Eſſen, ſie ſtört ſeine Verdauung.“ Im Momente des Aufbruchs bot René Klär⸗ chen an, ſie in das Haus des Doktors zurückzuführen; ſie nahm es an; aber Louiſe ſchien der Abſchied von ihren beiden Freunden ſchwer zu werden. Der junge Graf änderte deßhalb ſofort ſeinen Vorſchlag: Louiſe V V wieder zu ihrer Wohnung zurückbegleiten. Louiſe ging darauf ein, nahm ihren Hut und ging, ohne auf den geſtrengen Blick ihres Onkels und das heimtückiſche Lächeln Veronikas, die gleichzeitig ihr galten, zu achten. Sie ſchlugen alle drei die große Straße ein; dagegen nahmen Louiſe und René ihren Weg quer durch die Felder und Wege des Dorfes. Und— wie glücklich fühlten ſich die Beiden in ihrer Einſamkeit und den Schatten, die ſie verhüllten. Sie ſprachen nichts; aber ihre in einander geſchlungenen Arme durchlief ein leiſes Zittern und Beben, jenem gleich, welches die Bäume in Schlaf zu wiegen ſcheint, wenn die Ruhe der Nacht die ganze Natur umfängt. Auch ſie vergaßen in dieſen Augenblicken ſüßer, heimlicher Wonne der Unruhen der Vergangenheit und der Vorſorge für die Zukunft. „Warum gehen Sie nicht mehr im Parkſpazieren?“ ſagte René, als ſie ankamen. „Wenn ich es that,“ antwortete ſie,„ſo geſchah es nur deßhalb, weil ich glaubte, da allein zu ſein.“ „Wenn Sie wollen, werde ich Ihre Einſamkeit nicht ſtören; es wird mir genügen, Sie in meiner Nähe zu wiſſen und hie und da Sie einmal in verſtohlener Weiſe zu ſehen.“ „Nein,“ antwortete ſie,„es wäre nicht recht von mir, dorthin zu gehen.“ Ein Blick, der einen leiſen Tadel enthielt, war die Antwort Renés, als in demſelben Augenblicke Vero⸗ nika, ihre kleine rauchende Lampe in der Hand, die Hausthür öffnete. Zur nicht geringen Freude Louiſens war Herr Meunier ſchon zu Bette gegangen; ſie nahm alſo ihre Lampe und ging auch in ihr Schlafzimmer, ohne mit Veronika ein anderes Wort zu wechſeln, als das gewöhnliche„Gute Nacht!“ Aber am folgenden Morgen beging ſie eine Unklugheit; ſie war zu ſpät ſchlafen gegangen und ſtand, da ſie ſich in Folge deſſen Morgens noch ſehr ſchläfrig fühlte, eine Stunde ſpäter als gewöhnlich auf. So konnte ſie denn auch die Vero⸗ nika nicht in der Beſorgung des Haushalts unterſtützen. Da nun noch obendrein gerade viel dringendes zu thun war, ſo war Louiſe ſchuld, daß Meunier, der alle Tage um neun Uhr eine Suppe zu ſich nahm, dieſe drei Viertelſtunde ſpäter erſt bekam. Er fing an wü⸗ thend zu werden, um ſo mehr, als ſein Magen, den das mehr als überflüſſige Diner von Tags zuvor ſehr abgeſpannt hatte, ihm dringend nach einer Labung und Stärkung zu verlangen ſchien. Aber in dem Augenblicke, wo er zum erſten Mal den Löffel zum Munde führen wollte, erſchien der Amtsdiener des Dorfes, der zu gleicher Zeit ſein Güterintendant war und ihm alle Geſchäfte beſorgte, um ihn einige Papiere unterſchreiben zu laſſen. Dieſe neue Störung ſteigerte nur Meuniers üble Laune, die ſchließlich in eine wahre Erbitterung ausartete, als er auf dem Tiſche des Speiſeſalons, der noch von Gläſern und Schüſſeln ſtrotzte, nicht beide Arme zum Schreiben aufzulegen vermochte. Obgleich Louiſe ſofort alle Hinderniſſe wegräumte, ſo bereitete er ſich doch ſchon darauf vor, den ganzen bittern Zorn, Louiſe Meunier. 101 der ihm den Magen blähte, auszulaſſen. Als er den Amtsdiener abgefertigt und derſelbe ſich wieder entfernt hatte, und der Teller Suppe verſchwunden war, ſetzte er ſich in Bewegung und durchſchritt mehrmal, um „ſein Viertelſtündchen zu machen“(wie er das zu nennen pflegte) den Saal nach ſeiner Länge und Breite, wäh⸗ rend Louiſe vor ihrem kleinen Tiſchchen fleißig zu arbeiten ſchien. Aber plötzlich blieb er ſtehen. Wie die Wogen ſich anfangs mit einem dumpfen Geräuſch thürmen, in der Folge aber mit Donnergekrach ſich brechen und zerplatzen, ſo begann er in langſamem leiſem Tone eine lange Strafpredigt, die allmälig den Ton der bitterſten Klagen und Vorwürfe annahm. „Es gibt Menſchen,“ ſagte er,„die ſehr darauf verſeſſen ſind, fremden Leuten zu gefallen, die alles aufbieten, ſich ihnen angenehm zu machen, die ihr letztes Hemd verkaufen würden, um ſie recht luxuriös empfan⸗ gen zu können; aber eben dieſelben Perſonen ſind oft gegen ihre Verwandte ganz und gar herzlos, und ſähen ſie dieſelben auch vor Hunger ſterben, ſie würden ſich dennoch nicht um ſie kümmern. Sie bekümmern ſich um ihre Haushaltung alle Jahre einmal und die übrige Zeit geht alles wie es Gott gefällt. Sie ſind durch Faulheit abgeſtumpft und verdummt, aber ebenſo auf⸗ gebläht von Stolz. Sie leeren ihre Börſe, ſetzen alles auf den Kopf, Haus und Hof, um einem ‚feinen Herr⸗ chen' zu gefallen, weil er ‚Herr Graf' heißt und von Kopf bis zu Fuß in einem blendend weißen Anzuge ſteckt, wie ein Müllersknecht. Aber der ſoll mir noch einmal kommen, dieſer Herr Graf! Ich wollte keine Verbindlichkeit tragen für ſeinen Haſen; aber ein ander⸗ mal werde ich nichts mehr von ihm annehmen, denn ich ſchwöre es, er wird von heut an nie wieder einen Biſſen Brod hier in meinem Hauſe eſſen. Man weiß wohl, wie ſich ſolche Leute hintenher über die Bürger mokiren. Und Du, meine Nichte, merkſt nicht einmal, daß dieſer Windbeutel von einem Grafen Dich nur zum Narren hält; ich ſage Dir, willſt Du nicht Gegenſtand des öffentlichen Geſpöttes werden, ſo laufe nicht mehr mit ihm ſo über Land, wie Du geſtern Abends gethan.“ Bei dieſen Worten ereiferte ſich der gute Mann um ſo mehr, als Louiſe kein Wort entgegnete, was ſeiner Auffaſſungsweiſe die ſchnödeſte aller Antworten war. Louiſens Wunſch wäre es geweſen, ſich über die Vorwürfe des Onkels ſo einfach hinwegſetzen zu können, wie ſie ſich den Anſchein gab. Aber ſobald man gewiſſe geheimnißvolle und delikate Seiten berührt, wenn der Angriff gewandt und berechnet iſt: dann trifft er mitten in's Herz; iſt er aber übermäßig und brutel, ſo iſt's Stolz und Trotz, woran er ſcheitert. Louiſe bereute es nun, ſich jenes Abendver⸗ gnügen nicht verſagt zu haben.„Warum bin ich ſo unklug geweſen,“ ſagte ſie ſich ſelbſt,„dem Onkel eine ſo vortheilhafte Poſition mir gegenüber einzuräumen?“ Sie machte einen Verſuch, ſich zu rechtfertigen, freilich hoffte ſie nicht den Onkel zu überzeugen; ein Proteſt gegen ſeine Vorwürfe blieb's aber immerhin. ——J— „War ich es vielleicht, lieber Onkel,“ begann ſie, „die Sie aufgefordert, Herrn René zu Tiſch zu laden? Haben Sie nicht, ohne mich vorher auch nur zu fragen, die Einladung an ihn ergehen laſſen? Warum machen Sie mich denn verantwortlich für irgend welche Unan⸗ nehmlichkeit, die ſie für Sie im Gefolge hatte?“ „Ich wollte Deinem Herrn Grafen beweiſen, daß ich ſo gut wie er die Geſetze des feinen Anſtandes kenne; aber Du biſt einzig und allein an der unlieb⸗ ſamen Geſchichte Schuld. Was brauchteſt Du in ſeinem Park ſpazieren zu gehen und ſo jenes dumme unge⸗ ſchickte Abenteuer zu veranlaſſen?“ „Aber, aber, Onkel, wenn Sie irgendwo ſpazieren gehen, warum gehen Sie denn eben dort?“ „Ich wähle mir ſtets meine Spaziergänge; aber ein Privatbeſitzthum und einen eingezäunten Raum werde ich nie betreten; habe ich je die Hecke meines Nachbars durchbrochen oder ſeine Mauer überſtiegen? Haſt Du nicht einen Garten für Deine Promenaden? Man geht fünf⸗ bis ſechsmal durch den ganzen Garten auf und ab, um recht viel zu gehen, und ſetzt ſich dann in eine kühle Laube nieder. Iſt Dir der Garten zu klein, nun ſo haſt Du die breite Landſtraße. Biſt Du vielleicht zu bang, dort entführt zu werden? Du weißt indeſſen ſehr wohl, das man junge Damen gegen ihren Willen nicht leicht raubt!“ Dieſes letzte Wort war von Meunier unbedacht⸗ ſam geſprochen. Es war ein Gemeinplatz eines jener in der Luft ſchwebenden Worte, die man überall zur Hand hat, und mit denen Meunier ſeine Unterhal⸗ tung auszuſtaffiren liebte. Aber für Louiſe war es offenbar kein Gemeinplatz, für ſie hatte es eine klare Bedeutung; denn der ſcheue Blick des jungen Mädchens ſprühte mit einem Mal Feuer und Flammen, während ſich ein Ausruf voll Schmerz und Tadel ihrer Bruſt entrang. Ueberwältigt und beſtürzt durch die Aufregung ſeiner Nichte, als deren Urſache er ohne Zweifel ſich ſelbſt erkannte, ſtand Meunier da geſenkten Hauptes und ſchwieg. „Mein Onkel,“ begann dann Louiſe, indem ſie aufſtand, um fortzufahren,„wenn Sie mich aus Ihrem Hauſe geſandt haben und zwar wie heute auf die Hauptſtraße, nicht um dort zu ſpazieren, ſondern um daſelbſt mein Leben auf's Spiel zu ſetzen, ſo bin ich mein eigener Herr und frei geworden und urtheile allein über die Wege, die ich einzuſchlagen gedenke. Ich werde Sie alſo bitten, mich mit Ihren Bemerkungen zu verſchonen, falls ſie ſich nicht auf einen bloßen freund⸗ lichen Rath beſchränken.“ Louiſe entfernte ſich bei dieſen Worten; Meu⸗ nier brummte noch einige Zeit in den Bart:„Es ſoll Dir nicht frei ſtehen, Dich zu kompromittiren, ſo lange Du in meinem Hauſe wohnſt.“ Aber er ſeinerſeits fand in den letzten Worten Louiſens einen Vorwurf, den er nicht aus dem Kopf bringen konnte:„Sollte das vielleicht ein Hazardſpiel geweſen ſein, um von nun an bei und von mir zu leben, ohne irgend etwas zu thun?“ frug er ſich wiederholt. Louiſe war hinauf in ihr Zimmer gegangen und begegnete auf dieſem Wege der 102 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Veronika, die einen durchdringenden Blick auf ſie warf und ſagte: „Die Tage vergehen und gleichen ſich nicht; man war geſtern viel heiterer, wo man mit Klärchen und Herrn René zuſammen war.“ Dieſe Familiarität, die ohne Schonung und frech die tiefſten Gefühle und Gedanken angreift, brachte Louiſe ſtets außer ſich vor Wuth; aber man durfte ſich nicht beklagen; Veronika durfte ſagen, was ſie wollte; ihr Stillſchweigen gebieten, hätte nur Skandal, Streit und neues Spektakel verurſacht. Louiſe zog ſich darum einfach in ihr Schlaf⸗ zimmer zurück, und nachdem ſie einige Augenblicke nach⸗ gedacht, nahm ſie die Feder und ſchrieb an Klärchen folgenden Brief: „Waren das glückliche Augenblicke, die ich geſtern mit Dir und René verlebte; heute mußte ich ſchon dafür büßen. Was? büßen? ſagte ich; das iſt ein großes Wort für ſo eine Kleinigkeit. Was iſt denn ſo eine brüske Grille meines Onkels? Was iſt ſo eine bitterſüße Bemerkung Veronikas? Ich ſollte über ſolche elende Dinge längſt erhaben und hinaus ſein. Ach! ſolche kleinliche Feſſel und Unannehmlichkeiten ſind von jeher und überall die Tyrannen meines Lebens ge⸗ weſen; ſie umgeben mich, halten mich ſtets umſchlungen und laſſen mich nicht frei aufathmen; meine Freiheit hängt an einem dünnen Faden; mein Glück kann auf jedem Schritte in eine neue Falle gerathen. Was? wird denn mein Herz nie aufjauchzen in Freiheit und Friede? Wird denn meine Phantaſie nie einen höheren Flug nehmen können, ohne daß man ihren Flug unterbricht, indem man mir Furcht und Schrecken einjagt? Mein Gott! was hab ich denn eigentlich verbrochen, daß Du mich ſo heimſuchſt? Ach! ich bin ein Weib, arm und abhängig. Wie biſt Du glücklich, Klärchen! Du kannſt Dir von meinen Leiden keinen Begriff machen; denn Deine Verhältniſſe, wenn ſie auch nicht golden ſind, ſchließen doch jede Erniedrigung und Demüthigung aus. Geliebt von Allen, die Dich beſchützen, ſeufzeſt Du nicht unter dem Joch Deiner Wohlthäter. Weil Du meine Qualen nicht kennſt, laß mich ſie Dir erzählen; wir waren zu oft fern von einander, als daß nicht bedeu⸗ tende Lücken in unſeren vertraulichen Mittheilungen ſich vorfinden ſollten. Heute will ich Alles ſo enthüllen, als wäre ich in einem Beichtſtuhle. Du wirſt die Wunden, die Andere meinem Herzen geſchlagen, nicht zu heilen vermögen, eben ſo wenig das Unheil, das ich ſelbſt über meine Zukunft heraufbeſchworen; aber, liegt einmal meine Vergangenheit klar vor Deinen Augen, ſo wirſt Du beſſer meinen Charakter, meine Fehler, meine In⸗ konſequenzen zu beurtheilen wiſſen; ein Rath von Dei⸗ ner Seite wird dadurch leichter, Deine liebevolle Nach⸗ ſicht gerechtfertigter, Deine Freundſchaft inniger werden. „Weib ſein und arm dazu— das heißt alle Män⸗ gel der natürlichen und ſocialen Welt vereinigen. Ein leicht zerbrechliches Gefäß nannte man das Weib im Mittelalter; aber Politiker ſo gut wie Moraliſten und Philoſophen werden gewiß all ihre dialektiſchen Kunſt⸗ griffe gebrauchen müſſen, um einem reichen Weibe ihre Inferiorität zu beweiſen; ſein Stolz trotzt ihren Ver⸗ ſuchen. Was nutzt es, wenn der Mann allein Civiliſa⸗ tion und Fortſchritt predigt, das Weib iſt's, in dem ſich die Würde und Geſittung der Familie kundgibt, Der römiſche Bürger war nicht verpflichtet, von ſeinem Wa⸗ gen zu ſteigen, um den Konſul zu grüßen, wenn ſeine Frau an ſeiner Seite ſaß. Einen Monarchen oder einen Banquier ehrt man heutzutage, ja vielleicht fürchtet man ihn ſogar; aber das Weib iſt's, vor dem man ſich ver⸗ beugt. An der Schwäche ſeiner phyſiſchen wie geiſtigen Natur trägt der Luxus, die Sucht, ſie zu vermummen und mit Anmuth zu überſchütten, die Schuld. Wenn ſie an Feſttagen mit ihren nackten Schultern und in ihrem rauſchenden Schleppkleide erſcheint, ſo benimmt ſich ſelbſt der höchſt Geſtellte ſchüchtern und wagt es nicht, ihren ruhigen majeſtätiſchen Blicken zu begegnen. Beherrſcht ſie kein Gebiet des Wiſſens mit ihrem Genie, das alte⸗ rirt ihre Erfolge nicht; ihre leichte Beredſamkeit, ihre glücklichen Ausdrücke, ihre ruhige Keckheit macht Alles ſchweigen: Künſtler, wie Dichter und Philoſophen! „Das iſt das Weib, liebes Klärchen, aber das reiche Weib. Ach! wenn Du wüßteſt, was ein armes Weib iſt! Ich rede nicht von dem Weibe, welches täglich das Brod für die Kinder herbeiſorgen muß; eine ſolche Mutter iſt ſo niedergebeugt von der Laſt ihrer Leiden, daß ſelbſt der Himmel von ihrer Klage erſchüttert wer⸗ den muß, daß der Auserwählte und Bevorzugte dar⸗ über ſeufzen muß; ſie hat das Recht, das Unglück, das ſie mit Würde trägt, bis zu dem Fuße der Altäre, bis zu dem Angeſichte Gottes zu tragen. Aber das arme Weib, dem nie ein Seidenkleid in der Garderobe fehlte, oder ein neues Band auf dem Hut, ein ſolches Weib iſt nicht die Zierde und Freude der Geſellſchaft, ſondern die Zielſcheibe ihres Witzes, ihr Auswurf. Für ein ſol⸗ ches Weib gibt auch Erlöſung keine Schätze des Jenſeits; denn ihr Hochmuth, der vor einer Blasphemie nicht zurückſchreckt und bis zum Wahnſinn ſich ſteigert, über⸗ antwortet ſie auf ewig dem Satan; von dieſer Welt angeſpieen, wird ſie in der andern verdammt. „Vielleicht, liebes Klärchen, ſcheinen Dir dieſe Worte ruchlos, frevelhaft; vielleicht wirſt Du erſchrecken vor dem finſtern Abgrund, an dem meine Seele ſteht, und den ein anmuthiges, reſignirtes Aeußere nur ver⸗ deckt? Entſchuldige! ich bin vom Schmerz zu ſehr über⸗ wältigt! Das ſind nur Kleinigkeiten, nur Nadelſttiche, das iſt nichts; aber jeden Tag, jede Stunde der Ironie, der Furcht, dem Mitleid preisgegeben ſein! nie ſein eigener Herr ſein, immer abhängen von dem Hoch⸗ muth, dem Eigenſinn, den Grillen und Paſſionen eines andern— „Ich zählte kaum fünfzehn Jahre, als mein Onkel, mein einziger Vater, mir erklärte, ich müſſe mir eine Beſchäftigung ſuchen, um meine Bedürfniſſe ſelbſt zu befriedigen. Ich bin ſeine einzige Erbin, und ſein wenn auch beſcheidenes Vermögen würde für uns Beide reich⸗ lich ausreichen; aber er fürchtet immer, ‚es reiche das Vermögen nicht hin', und ſo will er von einem Theilen mit mir nichts wiſſen. Vielleicht dachte er auch, er könne mich nicht länger bei ſich behalten, ohne mir eines Ta ges — eine an di nie z Wahr war anſto dran Stri haft ich! ausſ Stur ſter Onk ſchler ſteck hatt behe alle acg ſich d Louiſe Meunier. 103 eine anſtändige Ausſteuer zu geben, und der Gedanke an dieſe künftige Generoſität hätte ihn bei ſeinem Geize nie zur Ruhe kommen laſſen. Andererſeits, um die Wahrheit zu geſtehen, gefiel ich ihm ziemlich gut. Ich war beinahe ſechs Monate ſchon aus der Erziehungs⸗ anſtalt fort, und ich hatte noch immer den Viſſens⸗ drang, der mir den Ehrenpreis eintrug. Wenn ich die Strümpfe und Hemden des Onkels mit einer untadel⸗ haften Fertigkeit und Regelmäßigkeit ausbeſſerte; wenn ich mit der Näh⸗ und Sticknadel alle Arbeiten geſchickt ausführte: ſo vergaß ich dabei nie meine ſprachlichen Studien und ſuchte fort und fort in den Geiſt der Mei⸗ ſter der klaſſiſchen Literatur einzudringen. Aber meinem Onkel war das ein Dorn im Auge, er gerieth ſtets in ſchlechte Laune, wenn ich ‚die Naſe in den Büchern ſtecken hatte.“ Einen zweiten noch ſchlimmeren Fehler hatte ich: ich ſpielte Piano. Meine Lehrerin hatte immer behauptet, ich hätte ein ſo treffliches Talent, daß es allein meine Zukunft ſichern könnte. Das Bücherleſen ärgerte meinen Onkel, aber die Muſik brachte ihn außer ſich. So oft er mich das Piano öffnen ſah, nahm er eiligſt ſeinen Hut und lief davon. Sein Hund, ſein lieber Phanor, hatte dieſelbe Paſſion; während ich mich übte, erhob er immer ein jämmerliches Geheul. Um alſo die Nerven des Onkels und ſeines Lieblings zu ſchonen, richtete ich es ſtets ſo ein, daß ich in den Stunden mu⸗ ſicirte, in denen Beide ſpazieren zu gehen pflegten. Aber dieſe Rückſicht gewann mir keineswegs das Herz des Herrn Meunier; und bald ward es mir nur zu klar, daß er, ſo lange ich bei ihm blieb, nie eine fröhliche Miene zeigen würde. Er hätte gern ein munteres, fri⸗ ſches, dickes, nachgiebiges, ewig lächelndes Mädchen bei ſich gehabt, welches den ganzen Tag den Kehrbeſen und die Bürſte nicht aus der Hand legte; ich aber war bleich, ſchmächtig, ſcheu, weich und ſchlaff. „So war meine Abreiſe bald beſchloſſen. Mein Onkel placirte mich bei der Frau eines Banquiers in Rouen, mit dem er in geſchäftlichen Beziehungen ſtand. Madame Dumont wear eine jener männlichen Nor⸗ männiſchen Frauen, die ſich mit dem gebildetſten Manne auf's gewandteſte unterhalten und die Sorge für ihr Haus und Glück nie aus der Hand geben. Kräftig, ge⸗ wandt, lebendig und voll Geiſt bildete ſie einen ſo ſchneidenden Gegenſatz zu meiner Schwäche und Unbe⸗ holfenheit, daß ich mich in der That nicht wenig ſchämte und am erſten Tage meiner Ankunft buchſtäblich nicht zu athmen, mich nicht zu rühren wagte. Meine Ver⸗ laſſenheit mitten unter Fremden trieb meine Furchtſam⸗ keit auf die Spitze, und wenn ich Madame Dumont, ſo oft ich mich von der Tafel erhob, zu ihrem Manne ſagen hörte: ‚Hm! wird die denn immer bleiben wie eine Mumie!' dann verlor ich den letzten kleinen Reſt von Muth; ich zog mich auf mein Zimmer zurück und weinte und ſchluchzte. Bald aber kam Madame Du⸗ mont mich ſuchen, und während ich mich bemühte, die letzten Spuren der Thränen zu verwiſchen, pflegte ſie zu ſagen: ‚Weinen Sie doch nicht; aller Anfang iſt ſchwer; Sie werden ſich ſchon gewöhnen.“ Dann rief ſie ihre beiden noch kleinen Kinder herbei, einen Knaben und ein Mädchen, die ich erziehen ſollte, und ſagte zu ihnen: „Kommt, Kinderchen, zu Fräulein Louiſe und um⸗ armt ſie hübſch.“ „Die Liebkoſungen dieſer allerliebſten Kleinen waren für mich in der That ein wahres Labſal. Um mich von der leidigen Furchtſamkeit zu heilen, behandelte ſie mich ſtets barſch. Freilich fühlte ſich mein Stolz dadurch oft beleidigt, aber mein Charakter war ſchon ſo geſchmeidig, daß dieſes Mittel half. So lernte ich denn unter ihrer Leitung bald die Pflichten einer Mutter und Hausfrau pünktlich erfüllen. Ich lernte Kinder erziehen und in die kleinſten Falten ihres Innern blicken, wie ich auch bald in den Geheimniſſen der häuslichen Oekonomie ganz zu Hauſe und mit dem feinſten Komfort vertraut war. Denn in allem dieſem war Madame Dumont unübertrefflich. Die Dienſtboten— und wie konnte das anders ſein?— wurden bald auf meine bevor⸗ zugte Stellung, auf die Aufmerkſamkeit, die Madame Dumont mir ſtets bewies, eiferſüchtig, und ſuchten mir wo ſie konnten Unannehmlichkeiten zu bereiten, was ſie um ſo weniger unterließen, als ich ihrer in manchen Fällen, wo man ſich nicht ſelbſt helfen kann, bedurfte. „Ich mußte dieſe kleinen Schikanen ertragen, ohne mich zu beklagen. War ich ſo allmälig ſcheinbar Herr im Hauſe geworden, ſo blieb ich doch immer abhängig von Madame Dumont. Sie ertheilte mir ihre Wei⸗ ſungen in ſchneidendem glattem Tone, aber immer ohne Zorn, ohne Heftigkeit; der einzige Tadel, den ſie aus⸗ ſprach, lag ſtets für mich darin, daß ſie ſelbſt Hand an⸗ legte, wenn ich etwas nicht nach Wunſch gemacht. Nie mehr ſprach ſie zu mir ein Wort der Ermunterung oder des Lobes; nie gab ſie mir ein Zeichen ihres Ver⸗ trauens, nie beſprach ſie etwas mit mir, außer wenn ſie nicht anders konnte, nicht einmal ‚heute iſt ſchönes, oder heute iſt ſchlechtes Wetter' wagte ſie zu ſagen, aus Furcht, es möchte nach Vertraulichkeit riechen. „Ich vermuthete, daß ſie mich oft bei ihren Freun⸗ dinnen rühmte; aber wenn in meiner Gegenwart der⸗ gleichen zur Sprache kam, ſprach ſie ſtets ſo leiſe, daß ich nichts vernehmen konnte. Ihre Erkenntlichkeit gab ſie ſtets nur auf eine Weiſe zu erkennen: ſie warf nämlich oft genug einen Blick in meine Garderobe, und wenn dort etwas fehlte, was die neueſte Mode brachte und zu meiner einfachen Toilette paßte, ſo ver⸗ ſah ſie mich ſofort damit. Ich hätte dieſe derbe Natur, die ich hochſchätzte, gerne geliebt; aber ſo wie ſie etwas von Liebe bemerkte, wußte ſie es im Keime, wenn auch ſanft, zu erſticken, um nur nicht zu Gegenliebe ſich zu verpflichten. Dieſe geſtrenge Kälte der Madame Du⸗ mont mußte ein junges Mädchen wie mich natürlich ſehr verſtimmen; aber ich mußte oft noch andere nie geahnte Bitterkeiten den Tag über erleben. „Meine Hauptaufgabe war die Erziehung der bei⸗ den Kinder, des Töchterchens von ſechs Jahren und des fünfjährigen Söhnchens. Ich durfte ſie nie aus den Augen laſſen, weder bei Tag noch bei Nacht, darum ſchliefen ſie auch beide in meinem Schlafzimmer. Weit entfernt, mich über dieſe Mühſeligkeit zu beklagen, war ich vielmehr ſtolz darauf, ſo ſchöne hübſche Kinder unter 104 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. meine Fittige zu nehmen. Als ich ſie das erſte Mal in ihrem kleinen Bettchen liegen ſah wie zwei Engel, durch⸗ zuckte mein ganzes Weſen ein leiſes, ſüßes Beben. Ich ſagte mir im Stillen: das iſt Mutterglück und Gott läßt es außer den Müttern ſelbſt nur arme verlaſſene Weſen verkoſten, die ſich der Kindererziehung widmen. Dankerfüllt warf ich mich auf die Kniee, nahm eines jener niedlichen Kinderhändchen in die meinige und betete zu Gott, da ich mit Worten nicht konnte, mit einem ſeligen Lächeln und meinen heißen Thränen. Es war mir, als wäre ich die Mutter, ich war überglücklich. Ich wagte es nicht, meinen Kleinen durch gar zu große Zärtlichkeit die Innigkeit meiner Liebe zu beweiſen; aber ich nahm mein Erzieheramt ſtets mit Entzücken wahr. Meine kleinen lieben Tyrannen beherrſchten mich faſt mehr als ich ſie. Indeß, ſanft und gut, wie ſie von Natur waren, reichte mein etwas ernſter Blick jedesmal hin, wo es nöthig war, ihnen zu imponiren. Kein Wun⸗ der alſo, wenn die ſo innig geliebten Kleinen mit einer unausſprechlichen Innigkeit an mir hingen. Das konnte natürlich der Madame Dumont nicht entgehen und — ſiehe da! bald ward ſie gewaltig eiferſüchtig. Da ſie indeß zu gerecht war, um mir meine Pflichttreue zum Vorwurfe zu machen, faßte ſie den Entſchluß, meinen Einfluß auf die Kleinen zu brechen. Sie verſuchte deß⸗ halb, ihrem zarten Geiſte die erſten Begriffe von Stan⸗ desverſchiedenheit einzuimpfen, ohne daß natürlich ihre Unſchuld die Nichtigkeit dieſer Theorie und die darin liegende Undelikateſſe merkte. Eines Tages, als ſie ſich weigerten, mich zu verlaſſen und mit einer ſehr reichen Tante, die ſie einſt beerben wollte, ſpazieren zu gehen, wußte Madame Dumont ſie durch die ſchmeichelhaf⸗ teſten Verſprechungen doch zu gewinnen und hielt ihnen dann eine Predigt über Moral und das ſogenannte savoir-vivre, die mir treuherzig wiedererzählt wurde und mein Herz tief verwundete. ‚„Es war ſehr Unrecht von mir, ſagte das kleine Mädchen bei ihrer Rückkehr, ‚daß ich nicht mit der Tante ſpazieren gehen wollte. Sie liebt mich ſehr. Sie, Fräulein Louiſe, lieben mich, weil es Ihre Pflicht ſo iſt und man Sie dafür bezahlt, aber Mama und die Tante lieben mich aus Neigung.“ „Aber Madame Dumont ging noch weiter; ſie ſuchte mir nicht nur das Herz der Kleinen zu entfremden, ſondern mich auch ſo oft ſie konnte lächerlich zu machen. „Das Kind liebt grauſame Spiele; meine kleinen Zöglinge machten daher bald die Bosheit der Mutter inſtinktmäßig nach. So bildeten ſie denn bald mit der Mutter eine kleine Freimaurerei, an der ſie ſich ſehr er⸗ götzten. Ich ahnte, was vorging; und überdies machte das kleine Mädchen, welches ſchon ſehr gerne plauderte, aus den vorgekommenen Spöttereien mir gegenüber kein Hehl, und jedesmal lag in ſeinen Mittheilungen eine Unverſchämtheit und Frechheit, die unausſtehlich war. Von dieſem Augenblicke an war es mit meiner Liebe aus: meine Zärtlichkeit, meine Fröhlichkeit war hin! Sie wurden für mich Kinder, wie andere; mein Geiſt beſchäftigte ſich wohl noch mit ihnen, aber mein Herz war ihnen entfremdet. „Dieſe Umwandlung entging Madame Dumont nicht, und ſie freute ſich darüber nicht wenig. Inzwiſchen mußten die Kinder mir doch die pflichtſchuldige Hoch⸗ achtung beweiſen und ſich all meinen Anordnungen willig fügen. „So vergingen zwei Jahre, ich zählte mein ſieb⸗ zehntes Jahr. Das iſt jenes glückliche Alter, wo der jugendliche Rauſch die Zukunft uns in verworrenen, aber wunderſchönen Bildern vorgaukelt, ſo daß wir den Boden der proſaiſchen Wirklichkeit ganz unter unſeren Füßen verlieren. Wenn die Hoffnung mit ihrem wunder⸗ baren Zauber ſich ſo zwiſchen die Welt und mich ſtellte, dann rollte das Blut feuriger in meinen Adern; eine ſanfte Beklemmung befiel meine Bruſt; ich erröthete ohne einen beſtimmten Grund und meine Augen ſchlug ich nieder. Ein leiſes Zittern, als ſchämte ich mich, ver⸗ ließ mich bei all meinen Arbeiten nicht, kennzeichnete all meine Bewegungen und all meine Worte. Ich wurde ſchöner, reizender als ſonſt. Die Aenderung, die da bei einem jungen Mädchen eintritt, wo ſie der Glanz der Jungfrau umſtrahlt, läßt auch den kälteſten Menſchen nicht kalt. So war's auch bei mir; ich bemerkte oft in Geſellſchaften, daß ſich Männer und Frauen bei meinem Anblick etwas zuraunten. Natürlich war's nur Neu⸗ gierde; man betrachtete mich als Hausmöbel, nicht als Perſon. Von allen denen, die Morgens der Madame Dumont die Figur und Haltung ihrer Hauslehrerin prieſen, redete Abends nicht einer ein Work mit mir, wenn ich nichts mehr zu thun hatte, las ich in einem vor mir liegenden Buche, aber— ohne die Blätter umzuſchlagen! „Ich hoffe nicht, je geliebt zu werden, liebes Klärchen, aber wenn ich je einen⸗Geliebten fände, wie würde ich ihn lieben, wenn ich an ſeine Liebe glaubte! „Wenn wir im Sommer das Landhaus bezogen, wurde oft Abends getanzt; aber auch von dieſem Ver⸗ gnügen hatte ich nichts. Ich mußte auf dem Piano die Tänze ſpielen und dieſen Poſten verließ ich nur dann einmal, wenn eine der jungen Damen ihr Talent und ihre Fertigkeit produciren wollte. Ich ſetzte mich dann ſo lange abſeits, aber auch ſo fiel es Niemandem ein, mit mir zu tanzen, außer etwa ſo,einem neugebackenen Eheſtandskandidaten, der noch ſo unſchuldig war, zu glauben, daß jede junge Dame ein Recht habe auf einen Walzer oder Kontretanz. Sonſt durfte ich gewiß ſein, bei Seite geſchoben zu bleiben, wenn nicht etwa der Zufall es ſo brachte, daß ich zur Kompletirung der Quadrille nicht zu umgehen war. „Begreifſt Du, liebes Klärchen, meine Traurig⸗ keit und meinen Schmerz? Mußte ich mich nicht ſehr unglücklich fühlen? Unluſt und Ueberdruß zehrten mich auf. War ich doch weniger frei als der Gefangene in ſeiner Zelle; mehr fremd in meiner ganzen Umgebung als ein Verbannter mitten in einem unbekannten Volke; lebte ich doch unter größerem Zwang, in größerer Un⸗ kenntniß der Jugendfreuden als eine Nonne in den Kloſtergewölben. In meiner Zellenhaft, mitten in der Welt, kannte ich wie ſie nur die Kälte, das Schweigen △☛—y ann und ann ein, enen „ zu inen ſein, AnkoNS.5. und ——= =— = S— S=== 9 län ler — g— ——— —— — —— ——— ——— — -— Louiſe Meunier. 105 und die langen Meditationen; aber, ach! es war nicht immer der Geiſt Gottes, der mich beſuchte. „Madame Dumont hatte in ihrer Geſellſchaft eine elternloſe junge Dame, die von Kindheit an einer engliſchen Gouvernante anvertraut war, und die, in dem Gefühle, daß ſie bereits in das Alter trete, wo man ge⸗ fallen müſſe, es vorzog, ſich für die Folge eine Lands⸗ männin zu engagiren; von einer ſolchen erwartete ſie mehr Liebe als Strenge. Sie ſchlug daher der Madame Dumont einen Tauſch vor; ſie würde ihr ihre Eng⸗ länderin überlaſſen, bei der namentlich Kinder engliſch lernten ohne es zu wiſſen, und dafür Fräulein Louiſe nehmen, damit dieſe ihre Studien leite und ſie außer der Schule zur Arbeit anhalte. „Madame Dumont ging auf dieſen Vorſchlag des Fräuleins Cäcilie Belmare ſofort ein; und ich — ich wurde kaum gefragt. Nichtsdeſtoweniger gab auch ich mich zufrieden, zumal da ich pekuniär mich verbeſſerte. Ich mußte meine Empfindſamkeit bei der Trennung von den Kindern, für die ich doch immer noch eine gewiſſe Zuneigung ſpürte, unterdrücken. „Es gab nichts Liebenswürdigeres als Fräulein Cäcilie; ich ſollte auf meine Unkoſten lernen, daß es nichts Unausſtehlicheres gab. Ihre Schönheit und ihre Reize verſchafften ihr ſchon eine Menge Anbeter, die zugleich wußten, daß es eine gute Spekulation ſei, dieſer reizenden Erbin den Hof zu machen. Einen von ihnen erſah ſie ſich zum Opfer aus und ich wars, in deren Nähe und an der ſie ihre Reize übte und probirte. Mit der köſtlichſten intereſſanteſten Laune ſprang ſie mir täg⸗ lich mehr als zwanzigmal an den Hals; ſie ließ mir keinen Augenblick Ruhe; ſie mußte bald ſpazieren gehen, bald ſich ſetzen, bald ſpielen, bald arbeiten, bald ſingen, bald lachen, bald gemüthlich plaudern: kurz jeden Au⸗ genblick gab's was Anderes. Selbſt bei Nacht hatte ich keine Ruhe; oft kam ſie in dem Augenblicke, wo ich mich zu Bett legte, ſetzte ſich aufs Bett und plauderte bis ſpät in die Nacht. Oft ſogar kam ſie unvermerkt, warf Alles durcheinander, rückte an den Möbelſtücken, öffnete alle Schränke, durchſuchte alle Winkel und Ecken, weni⸗ ger aus Neugierde als aus Eiferſucht. Hätte ich mich dem gegenüber irgend empfindlich zeigen wollen, ſo hätte ſie gewiß alles entſchuldigt und gut gemacht mit Schmeicheleien. „Wenn nur wenigſtens eine gewiſſe Regelmäßig⸗ keit in ihren Gewohnheiten ihrer Phantaſie einen Zügel angelegt hätte! Aber nein! Sie war vor Allem und in Allem jeder Qrdnung und Methode fremd und— wie ſie zu Hauſe unbeſchränkt herrſchte, ſo war auch die Zeit des Aufſtehens, Schlafengehens, des Arbeitens und Ausruhens alle Tage verſchieden. Ich konnte auch das nicht ändern. „Ich ſprach von ihren Arbeiten; die gingen ihr alle leicht von der Hand, wie alles Uebrige. Sie hatte ein glückliches Gedächtniß und einen nicht geringeren Ideenreichthum. Freilich ſtudirte ſie ſehr wenig; dafür gab's aber täglich eine um ſo größere Anzahl von Leh⸗ rern: für Literatur, fremde Sprachen, Zeichnen, Malen, Tanzen, Schönſchreibeu, Vokal⸗ und Inſtrumentalmuſik 1861. Erinnerungen. LXXXII. u. ſ. w. Beim Unterrichte war ich immer zugegen und nahm mit Theil daran; auch hier hatte ſie ein geiſt⸗ reiches Mittel ſich ausgedacht, um nicht eine volle Stunde aufmerkſam ſein zu müſſen. Spielte ſie z. B. Piano, ſo hörte ſie plötzlich auf und ſagte: ‚Ich habe genug, lehren Sie es nur Louiſen, die wird mir' dann ſchon bei⸗ bringen. Und ſo ging's Tag um Tag faſt in jeder Stunde. „Du wirſt vielleicht finden, liebes Klärchen, daß Cäcilie mich doch für die Qualen, die mir ihre Flatterhaftigkeit bereitete, genugſam entſchädigte und daß die Exiſtenz mit ihr doch erträglich geweſen. Ach! ich verſichere Dich, mein Muth und meine Kräfte waren noch nie ſo geſunken. Wer nicht ſelbſt die Erfahrung gemacht, kann ſich ſchwerlich die Pein denken, welche ſolche Naturen, die das Privilegium jeglicher Initiative an ſich reißen, ihrer Umgebung bereiten. Sie iſt oft tödtlich; denn ſie gehen darauf aus, in ihren Opfern jedes Gefühl, jeden Gedanken, jeden Entſchluß, ja ſelbſt das Gewiſſen zu erſticken. Und wie unter dem Schatten der Cypreſſen und Fichten kein Gras, keine Blume, kein Strauch gedeiht, ſo entarten und werden Null die ſchwa⸗ chen Geiſter unter der Herrſchaft großer, die ihre Auto⸗ rität rückſichtslos gelt end machen. „So erging's auch mir; meine beſten Kräfte ab⸗ ſorbirte ſie; meine liebſten Erholungen durchkreuzte ſie, und ich— ich war, wie nie vorher, ohnmächtig ihr gegenüber. „So vergingen zwei lange Jahre. Da heiratete Cäcilie. Wie bald hatte ſie meiner vergeſſen! Sie machte gleich nach der Hochzeit eine dreimonatliche Reiſe nach Italien; bei ihrer Rückkehr hatte ich ſchon eine neue Stelle angetreten; in ſechs Monaten ſchrieb ſie mir zweimal; ich antwortete; außerdem erhielt ich von ihr kein anderes Andenken als ein Armband, welches ſie mir bei der Geburt ihres erſten Kindes ſandte. (Fortſetzung folgt.) Sennenleben in den Alpen). (Hiezu die Bilderbeilage:„Waldkirchli“.) G remdartig und halb ſagenhaft, faſt wie eine romantiſche Reminiscenz aus längſt vergangenen Zeiten, ragt die patriarchaliſche Alpenwirthſchaft in unſer modernes Jahrhundert herüber. Nach⸗ dem wir allenthalben den Landwirth und Oeko⸗ nomen des Flachlandes an den Fortſchritten der Neuzeit, an Erfindungen und Entdeckungen in den ihn berührenden Gebieten der Chemie, Mechanik und Phhſik lebhaft und mit Erfolg Antheil nehmen ſehen,— nach⸗ dem er den Segen ſeiner Scheunen und die Schätze *) Aus den„Alpen in Natur⸗ und Lebensbildern“ von H. A. Berlepſch, Leipzig 1861, mit beſonderer Er laubniß des Verlegers Herrn Hermann Coſtenoble 14 — -——õů—õ — —ÿ—ÿ—:—— Herden beſtehenden Reichthume tagereiſeweit nach Plätzen ſeiner Ställe mittelſt der Eiſenbahn auf unſere Märkte bringt, in den erſten Hötels zu Mittag ſpeiſt, ſtädtiſche Kleider zu tragen, ſtädtiſche Häuſer zu bauen, ſtädtiſche Manieren anzunehmen und den guten, alten, herkömm⸗ lichen, abgerundeten und feſtſtehenden Begriff„Bauer“ allmälig abzuſtreifen beginnt,— will es Manchem nicht recht in den Sinn, daß es ganz in der Nähe jener Eiſenbahnen, jenes drängenden, ſtädtiſchen Lebens, noch eine Bauernwelt geben ſoll, die gewiſſermaßen erſt auf der geſchichtlich⸗zweiten Kulturſtufe der Völker⸗Entwicke. lung ſteht, und ähnlich, wie die Tartaren und Mongolen, als Nomaden während eines Theiles vom Jahre, Haus und Hof, Weib und Kind verläßt, um mit dem, in im Gebirge zu wandern, wo friſche, junge Nahrung für das Vieh wächſt. Und doch iſt es ſo. Die in den Alpen weit hinauf zerſtreut liegenden Weideplätze mit unge⸗ mein kräftigen, kurzen, dichten, ſehr milchhaltigen Futter⸗ kräutern, bilden einen weſentlichen Theil des National⸗ Reichthumes im Gebirge und werfen jährlich viele Millionen Gulden an Gewinn ab. Aber eben darum, weil das Aelplerleben in den Sennhütten etwas Ungewöhnliches, Außerordentliches, Fremdartiges iſt, ſo trägt der, welcher die Alpen noch nicht beſuchte, gern die Romantik der landſchaftlichen Umgebung, die großartigen Eindrücke der Alpenwelt, wie ſie ihm aus Gemälden entgegentraten, vermiſcht mit einer poetiſchidealen Auffaſſung der Sitten, Trachten und Lebensweiſe des Volkes, auf das Sennerleben über, und konſtruirt ſich ausgeſchmückte Traumbilder, die in der Wirklichkeit nicht exiſtiren. V Die Alpenwirthſchaft iſt ganz anders, als man ſich dieſelbe bisweilen denkt. Sie exiſtirt faktiſch nur während des Spätfrühlings, im Sommer und bis in die erſten Herbſtmonate hinein. Während des Winters herrſcht in den Alpen ebenſogut Stallwirthſchaft, als wie überall, bei jedem Bauer. Derjenige nun, welcher mit ſeiner Herde während der guten Jahreszeit ins Gebirge hinauf zieht, iſt ein Senn. In der Schweiz iſt's Aufgabe der Männer,— in den öſtlichen Alpen, im baieriſchen Oberlande und in Oeſterreich meiſt Geſchäft der Weiber, — der„Sennerin, Almerin.“ Ein Senn(romaniſch„Sejniun') iſt, mit wenig Ausnahmen, ein ungemein proſaiſcher Gebirgsbauer. Sein Vieh iſt ſein Hauptbeſitz; und darum die Quelle ſeines Lebensunterhaltes und Verdienſtes, der Gegen⸗ ſtand ſeines Studiums, Nachdenkens und ſeiner größten Sorgfalt, ſein Stolz, kurzum der ſächliche Inbegriff ſeiner vorzüglichſten irdiſchen Lebensaufgabe. Nach der Größe ſeiner Herde rangirt er in der Geſellſchaft ſeiner Gemeindsgenoſſen, nach ihr wird er geſchätzt und aus ihr ſchreibt ſich ſein heimatliches Anſehen, ſeine Dorf⸗ Magnatenſchaft her. So iſt's in den meiſten Alpen⸗ thälern. Indeſſen gibt's auch in Alpendörfern reiche Bauern, die ſich nicht mit Viehzucht und Alpenwirthſchaft befaſſen und ihre Alpen in Lehenzins geben. Um die Alpenweiden in gutem Stande zu erhalten und bei der größten Freiheit auf den Bergen dennoch allgemeine Ordnung zu handhaben, der Jeder ſich Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. unterziehen muß, wählen alle Alpengenoſſen einen „Alpmeiſter“, eine Art Gebirgspolizei,„der die Alp in Ehren halten, ſchützen und ſchirmen ſoll, als wie ſein eigen Gut,— der Weg und Steg machen und Acht haben ſoll, das Niemand im„Birg heue“(Wildheu mache) bis nach St. Jakobstag,— der die Alpgenoſſen anhalte, jährlich einen Tag die Alp zu ſäubern und zu „ſteinen“ und Aehnliches mehr. So ſchreibt’'s das„Alp⸗ büchli“ vor, eine naive, von den Bauern in der„Alp⸗ gemeinde“ ſelbſt gegebene Geſetzeſammlung, die jährlich einmal verleſen und beſtätiget oder je nach Bedürfniß durch Mehrheitsbeſchluß abgeändert werden muß. Der Vinter verläuft einförmig und ſtill. Die Alpendörfer ſind tief eingeſchneit; oft fehlt die Verbin⸗ dung von einem Thaldorf zum andern,— oft ſogar, wo die Häuſer weit zerſtreut im Grunde liegen, die Kommuntkation der Wohnungen unter einander. Die einzigen Geſchäfte, welche die Thalbauern in die Höhe lockt, iſt entweder das Herabſchlitten des Holzes oder des Wildheues. In manchen Alpengegenden iſt's auch der Fall, daß der Senn, wenn er die Vorräthe des einen Heuſtadels aufgefüttert hat, einen andern, vielleicht eine Stunde davon entfernten Stall mit ſeiner Kuh⸗ herde bezieht,— einen dritten und vierten,— alſo ſelbſt im Winter ein wanderndes Leben führt, bis die Alpzeit kommt. Endlich zieht der Frühling auch in's Alpenland ein. Es iſt Ende Mail— Der langerſehnte Tog der Alpfahrt kommt,— des Auferſtehungsfeſtes im Wirth⸗ ſchaftskalender der Sennen. Schon mehrere Tage vorher war er droben mit dem Knecht, hatte den Weg, wo er vielleicht durch eine Lauine zerſtört war, wiederhergeſtellt, das Dach nachgeſehen, überhaupt die nöthigſten Vor⸗ kehrungen zum Einzug der Gäſte getroffen. Jetzt ſchmücken ſich die Sennen und alle, welche in die Berge mitziehen. Die Schweſter heftet dem Bruder,„s Maiteli“ ihrem „Buob“,—„d' Schwaigeri“ im Tirol ſich ſelbſt, Blumenſträuße mit Flittergold oder Kränze von jungem Laub und Buchsbaum auf den Hut; bunte Bänder flattern und winken,— das blendendweiße, hoch über die gebräunten Arme hinaufgewickelte Linnenhemd kontraſtirt gut gegen die ſcharlachrothe Tuchweſte und die leuchtend gelben, ledernen Kniehoſen der Appenzeller und Toggenburger, oder wo überhaupt noch Volkstracht exiſtirt, und wo das, auch in die ſtillen Gebirgsthäler eindringende Nivellirungs⸗ und Verflachungsbeſtreben unſerer Zeit nicht jede Spur urwüchſiger Selbſtändig⸗ keit in des Volkes Thun und Denken, Kleidung und Sitten verwiſcht hat. Denn es gibt auch große Alpen⸗ thäler, in denen aller Spiritus, jede poetiſche Seite des Volkslebens verſchwunden iſt und nur die hausbackenſte nüchternſte, kahl⸗alltäglichſte Proſa waltet.— Die Kühe ſind geſtriegelt und wie„g'ſchlecket“, daß ſie im goldigen Sonnenſchein glänzen und kein Waſſertropfen auf den glatten Haaren haften würde. Mit korybantiſchem Jauchzen und„Zauren“, die einen unverwüſtlichen Humor bekunden, eröffnet da, wo blos Männer zur Alp „fahren“, der„Zuſenn“, mit dem weißgeſcheuerten oder buntbemalten Melkeimerli auf der Schulter, den Zug. Sennenleben in den Alpen. 107 Ihm folgen die ſchönſten und größten Kühe mit den fußhohen, meſſingblechenen„Trychlen“(Glocken), die an breiten, ledernen, mit allerhand farbig ausgenähtem Putzwerk verſehenen Halsbändern hängen. Dieſe Glocken, deren gewöhnlich nur drei bei einem Zuge ſind, bauchen oberhalb am Henkel ziemlich breit aus, oft einen Fuß im Durchmeſſer, laufen nach unten ſchmäler zuſammen und verurſachen ſolch' einen heilloſen, trommelähnlich⸗ alarmirenden und doch nicht unharmoniſchen Lärm, daß man ihn bei geeigneter Luft eine Stunde weit hört. Man legt dieſe Rieſen⸗Schellen den Kühen nur für die Dauer an, während welcher der Zug durch die Dörfer geht, um Pracht mit der Herde zu treiben und alles Volk herbeizulocken. Iſt dieſer Zweck erreicht, dann wird das gewichtige Spektakel⸗Inſtrument den Kühen wieder vom Halſe genommen, weil erfahrungsgemäß das lange Tragen derſelben den Lungen der Thiere nachtheilig iſt. Jetzt entſtehen in den Dörfern, durch welche der Zug kommt, völlige Volksaufläufe; denn Alt und Jung will des„Korde⸗Urche⸗Bübli's“(Konrad Ulrich) oder des„Franz⸗Antonh⸗Lismer⸗Seppelis“ ſchöne„Chüena“ (Kühe) die Revüe paſſiren laſſen und mit Kennermiene deren Bau und„Gſchlachtheit“ prüfen.— Der Berg⸗ bauer hat ſeine Kuh⸗Aeſthetik, die mit den feinſten Nüancirungen ungemein„heikel“ und wähleriſch in Farbe, Stellung der Füße, Hörner und anderer Eigen⸗ ſchaften diſtinguirt. Blökend und ſpringend, gleich als ob ſie es wiſſe, daß es hinauf gehe zu den gewürzigen, nahrhaften Alpweiden, folgt nun, in lange Reihe auf⸗ gelöſt, die ganze Herde der Kühe, Galtlinge, Ziegen und Lämmer,— mitten darunter brummend und mürriſch der Sultan des Stall⸗Serails, der„Muni“, heute der Sündenbock des allgemeinen Spottes; denn der Volks⸗ witz bindet altherkömmlich dieſem„Sentenpfaar“(Zucht⸗ ſtier) den Melkſtuhl, mit Blumen geſchmückt, zwiſchen die Stirngabel der Hörner. Neben dem Zug gehen im leinenen Futterhemd und in der groben Zwillichhoſe der „Gaumer“(Hirt) und der„Handbub“, den Zuſenn mit „Juchz'gen“ und Jodeln ſekundirend. Den Schluß endlich bildet das Saumroß mit den Käſerei⸗Geräthſchaften und der Herden⸗Beſitzer in unverkennbarem Selbſtbewußtſein des augenblicklich zu feiernden Triumphes. Im Allgemeinen bleiben Weiber und Kinder in den Thaldörfern zurück. Aber es gibt in Graubünden, z. B. im Davos und in Mutten, ſo wie im Wallis Ortſchaften, die mit Kind und Kegel in's Sommerdorf auswandern, und ihren Winter⸗Aufenthalt, die Häuſer verſchloſſen, vollſtändig verlaſſen;— höchſtens daß ein alter Mann als Wächter zurückbleibt.— So gehts hinauf auf die Berge, in die Alpen. Schmucklos, einfach, wie ein Wurf aus freier Hand, traulich und einladend wie ein herzlicher Gruß des Willkommens auf den Matten, mitunter ſogartheatraliſch⸗ maleriſch(wie z. B. auf der Alp„Büls“ unter den Churfirſten am Wallenſee) liegt das ſchützende Dach der ſtillen Sennhütte im Kräutermeer der Alpweide da. Der ganze Bau iſt in den wälderreichen Gegenden durchaus Blockhauskonſtruktion, alſo lediglich aus Holz errichtet, das von der langjährigen Wirkung der Sonnenſtrahlen — tief gebräunt wurde. Nur der wenige Fuß hohe Unter⸗ bau iſt grobes Steingefüge, oft Mauerwerk wie aus vorkulturlichen Zeiten. Ueber dieſem einſtöckigen, kunſt⸗ loſen Erdgeſchoß, daß ſeiner naiven, ungeſuchten Natür⸗ lichkeit halber ganz mit der in ihrer Einfachheit maje⸗ ſtätiſchen und erhabenen Gebirgswelt harmonirt, ruht das flache, ſilbergrau glänzende, derbe Schindeldach. Es iſt mit ſchweren Steinen belaſtet, damit der wilde Föhn, des Aelplers„älteſter Landsmann“, wenn er aus dem Süden warm einherbrauſt, über die Felſenklippen niederſtürzend ſich in die Bergmulden einbohrt, die Friedenshütte unangetaſtet laſſe. Dieſe iſt des Sennen und ſeiner Gehilfen Aſyl während der Sommermonate. In denjenigen Alpen, wo gute Ordnung herrſcht und für das Vieh vorſorgliche Einrichtungen getroffen wurden, ſind nahe bei der Sennhütte„Gaden“ oder Stallungen errichtet, in denen die Herde während drückender Mittags⸗ wärme und in kalten Nächten oder während der wilden Wetter eingeſtellt wird. Nicht überall hat die rationelle Praxis ſolche Einrichtungen getroffen, und es gibt noch Alpen genug, in denen die Wettertanne der einzige Zufluchtswinkel des armen Viehs während der Hitze und der furchtbaren Hochgewitter iſt. Iſt's irgend thunlich, ſo wird die Sennhütte an einen Felſenklotz gebaut oder, wenn er überhängt, ſogar zum Theil unter denſelben geſchoben, um im Fond einen recht kühlen Platz für den Milchkeller zu gewinnen. Rinnt vollends gar ein friſcher Quell oder eiſiger Glet⸗ ſcherbach in der Nähe, ſo leitet der Aelpler das Waſſer gern durch ſein Magazin, um die von der Milch ge⸗ ſäuerte Luft durch die entſtehende Ventilation zu ent⸗ fernen und dagegen friſche, dem Waſſer entſtrömende Lufttheilchen dem Gemache zuzuführen. Die nächſte Um⸗ gebung einer Sennhütte iſt faſt immer ein bodenloſer Koth, in dem ſtrotzend fettes Blakenkraut und Alpen⸗ ſauerampfer wuchernd wächſt. Das Innere entſpricht in den meiſten Fällen dieſer unſauberen Umgebung und iſt eine kräftig korrigirende Strahlendouche für jedes durch ſublime Phantaſien erhitzte Gehirn. Denn Rein⸗ lichkeit und Akkurateſſe ſind allenthalben nichts weniger als hervorragende Attribute viehzüchtender Völker, und der Aelpler beſtrebt ſich durchaus nicht, hierin als Aus⸗ nahme zu erſcheinen. Der leuchtende, farbenheitere Feſt⸗ tagsanzug, der das Auge bei der Auffahrt ſo anregend ergötzte, iſt verſchwunden. Weite, derbleinene Beinkleider, die in allen Schattirungen der Stallbeſchäftigung ſchillern, und ein ditto Futterhemd, d. h. eine blouſenähnliche Jacke ohne Schlitz auf der Bruſt, bilden mit den ſchweren klappernden Holzſchuhen und einem enganliegenden Köppchen die ganze Bekleidung des Sennen. Die Entrée zum Innern der Sennhütte führt ſogleich zu den centraliſirten Gemächern. Nach altger⸗ maniſcher Sitte iſt Wohnzimmer und Küche, Speiſelokal und Ankleidekammer zu einem Geſammt⸗Appartement vereinigt, und hier kann man buchſtäblich am gaſtlichen „Herde“ weilen. Letzterer und das über ihm aufgehängte „Milchkeſſi“ nehmen den meiſten Raum ein und be⸗ kunden dadurch ihre hohe Bedeutung. Hier iſt die Stelle, wo der chemiſche Scheidungsproceß vorgenommen wird, 14* — 108 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. der die erſte konſiſtente Grundlage zu den delikaten ewig grunzenden Schlafkameraden und durch ihre pene⸗ „Schweizerkäſen“ legt. Bezeichnend wird darum auch dieſe Lokalität der„Weller“(wo die Milch„erwellet“ oder leicht aufgekocht wird) genannt. Unter dem Herd darf man ſich indeſſen keine eigentliche kulinariſche Vor⸗ richtung denken, etwa ſo, wie man ſie in alten Bauern⸗ häuſern findet mit umfangreichem Schlotfang;— ſolche Weitläufigkeiten paſſen nicht zur Einfachheit der alpinen Baukunſt. Etwa ſo, wie es, jugendſeligen Andenkens, der gute Robinſon Cruſoe aus Noth einrichtete, arrangirt heutiges Tages der Senn in den Schweizer Alpen ſeine Küchen⸗Vorkehrung; ein ſchwarzes, verkohltes Loch im vorderen Winkel der Hütte mit einigen Steinen eingefaßt, ohne Kamin oder Rauchleitung, ſtellt den Herd dar. Ein Verſprechen hinter dem Herde“ hier zu geben, wäre nicht wohl möglich. Daneben ſteht ein ſenkrecht⸗ aufgerichteter, oben und unten eingezapfter und deßhalb drehbarer Baum mit langem, eiſernem Arm, der ſoge⸗ nannte„Turner“, an den der große„Milchkeſſi“ ge⸗ hangen wird. Der Rauch mag ſehen, wo er ſeinen Aus⸗ weg findet,— es ſteht ihm frei, zur Thür, oder durch die Dachklinſen, oder durch die Ritzen zwiſchen dem Ge⸗ bälk hinauszuſchleichen. Darum iſt das Innere jeder Sennhütte auch wacker eingeräuchert. Iſt die Alpenluft rein, fein, dünn und wenig mit Waſſer⸗Atomen geſättigt, ſo werden die Dämpfe auffallend raſch konſumirt, ſo daß ſie die Reſpirations⸗Organe nicht ſonderlich be⸗ läſtigen. Schneit's und regnet's aber, ſo daß die Luft ſchwer auf's Dach drückt, dann iſt der ohnehin zughafte, kalte Aufenthalt in der Hütte des Rauches halber faſt kaum erträglich. Die weiteren Komforts für die aller⸗ dringendſten täglichen Bedürfniſſe ſind: ein etwa zwei Fuß langer Klapptiſch, der in Angeln an der Wand be⸗ feſtiget der Raumerſparniß halber nach dem Gebrauch zurückgeſchlagen werden kann; dann eine Truhe in Form einer Bank längs der Wand, ein Holzklotz, der die Dienſte eines Seſſels zugleich vertreten, und ein Napfen⸗ brett, das die Stelle eines Schrankes verſehen muß, auf dem allerlei Geräthſchaften, Brod und Kleidungsſtücke aufbewahrt werden. Außerdem hängt vielleicht eine Büchſe im Winkel, wenn der Senn zugleich Jagdlieb⸗ haber iſt, und in den katholiſchen Gebirgstheilen iſt bei ſtrenggläubigen Bauern das Weihwaſſerkeſſeli mit dem „Nuſter“(Pater noster oder Roſenkranz) nicht ver⸗ geſſen, welches vielleicht noch durch ein an das Brett⸗ Getäfel geklebtes„Heiligen⸗Helgeli“ von Kloſter Ein⸗ ſiedeln zur Erhöhung der häuslichen Andacht vermehrt wird. Alle übrigen in der Hütte vorkommenden Geräth⸗ ſchaften gehören zur Butter⸗ und Käſe⸗Bereitung. Das Schlafgemach iſt ſehr verſchieden angebracht. Im Berner Oberlande, wo die Sennhütte an ihrer Eingangsfront eine Art kunſtloſer Vorhalle in Form eines Peristylum hat, das„Mulchedach“ oder der Melkgang genannt (weil im Schutz desſelben das Vieh bei ſchlechtem Wetter gemolken wird), befindet ſich das Ruhe⸗Lager oder„Gaſtere“ in dieſem Dach⸗Vorbau; in anderen Gegenden wurde dasſelbe über den Schweineſtall ver⸗ legt und heißt„Trileten.“ Welche Annehmlichkeiten für dieſen Fall aus der unmittelbarſten Nähe der unruhigen Gegenden der Senn vor ſeine Hütte hinaus, ſingt mit tranten Ausdünſtungen erwachſen, iſt begreiflich. Uebri⸗ gens ſteht das Lager ſelbſt an Urſprünglichkeit ſeiner Einrichtung dem Charakter und der Einfachheit der ganzen Hütte durchaus nicht nach; ein mit Wildheu ausgeſtopfter Matratzen⸗Sack, die ungeſtörte Heimat einer Legion von ſpringenden Blutſaugern, und eine Wollendecke oder, wie im Wallis und Graubünden, eine aus Schaffellen zuſammengeſetzte Decke, bilden die ganze Ausrüſtung der Schlafſtätte. Iſt nun das Schindel⸗ dach nicht gut verwahrt, ſo begegnet's, daß bei ſolidem, kräftigem Regenwetter der Schläfer einem unfreiwilligen Tropfbade ausgeſetzt wird,— oder wenn, wie vorher erwähnt, das flache Hüttendach an einen erklimmbaren Felſenklotz anlehnt, ſo klettern die naſeweiſen, nie raſten⸗ den Ziegen Nachts auf demſelben herum und verurſachen ſolch' einen unheimlichen Skandal, als ob der gehörnte Pferdefüßler da droben ſein ungeheuerlich Weſen triebe. So ſieht's in den„idylliſchen, romantiſchen Sennhütten“ aus, die im„letzten Fenſterln“ und ähnlichen poetiſchen Produktionen auf der Bühne ſo reizend erſcheinen. In jeder, einigermaßen großen Alpenwirthſchaft der Schweiz hauſen gewöhnlich drei Aelpler und ein Knabe; Weiber beſorgen dieſelbe, wie ſchon erwähnt, nur in den öſterreichiſchen und baieriſchen Alpen, ſo wie in einigen Thälern des Wallis. Des Aelplers Tagesordnung iſt höchſt einförmig, Sonntag und Wochentag die gleiche; kein Glockenklang läutet die Sabbathruhe ein, kein ſchmuckes Kleid be⸗ zeichnet den Feiertag, kein Schluck Wein netzt am Wirths⸗ tiſch den durſtigen Gaumen am Abend. Während die ganze Landſchaft noch träumeriſch nebelblau dem frühen Morgen in den Armen ruht, die Thäler tief drunten dämmernd dampfen und Streifen weißen Nebelrauches durch die Schluchten und Tobel ſchleichen, während die Nacht durch's Morgenſternlein ihren Scheidegruß ſendet und des Himmels frohes Antlitz und der Eisberge Schneegipfel von des Tages erſtem Kuſſe leiſe erröthen, erhebt ſich der Senn von ſeinem harten Heulager und melkt, während der Handbub Feuer anzündet. Die ge⸗ wonnene Milch wird ſogleich in dem großen„Keſſi erhitzt, und mit„Etſcher“(ſauere Schotte) geſchieden, daß ſie gerinnt und ſich ausſcheidet in„Käsbulderen“ und Molke. Indeſſen iſt auf morgenheiteren Schwingen der volle Tag herabgeſchwebt. Das Sennenvolk hat zu Morgen gegeſſen, der Hirt treibt aus, der Handbub ſäubert ſeine Geräthe, und der Senn fährt fort, ſeine Milchprodukte zu bearbeiten. Häusliche Arbeiten füllen den Tag reichlich aus.— Iſt's dann Abend geworden, entſchläft der müde Tag all⸗ mälig, ſinkt das ewige„Flammenherz der Welt“, die Sonne, hinter den Bergen nieder, dann lockt der Hirt oder der Senn mit dem„Ruggüßler“ oder mit dem „Kuhreihen“ die Thiere zur Hütte, entleert die ſtrotzen⸗ den Euter von der fetten, rahmähnlichen Milch, und die Procedur vom Morgen, ſammt Abendeſſen und Reinigen der Geräthe, ſchließen die Tagesgeſchäfte. Bei einbrechender Nacht tritt dann in den katholiſchen Sennenleben in den Alpen. 109 lauter Stimme durch einen großen hölzernen Milch⸗ trichter(die„Volle“ genannt) in der Choral⸗Melodie der Präfation ein Gebet, meiſt Strophen aus dem Evan⸗ gelium Johannis, und den engliſchen Gruß. Die anderen Hirten im Gebirge und die im Freien übernachtenden Wildheuer oder Wurzelgräber, die es hören, knieen fromm nieder und beten ein Pater noſter und Ave Maria dabei. Dieſer ſpäte Ruf erſetzt in den ſtillen, einſamen Alpen die Abendglocke, welche in den Thälern zum Dankgebet für die Segnungen des verlebten Tages auffordert, und dient zugleich dem von der Nacht über⸗ raſchten, vielleicht verirrten Wanderer als gaſtfreundliche Einladung.— Mit der Gaſtfreundſchaft hat's indeſſen, namentlich in den wälſchen Alpen, mitunter ſeine Haken. Die Hirten in den entlegenen Alpen ſträuben ſich oft außerordentlich, Fremde zu übernachten, aus Furcht Ver⸗ brechern Unterſchlauf zu geben. Sie können ſich's nicht denken, daß man Vergnügens halber oder um der Wiſſenſchaft willen in den Felſen herumklettert, ſie wähnen, nur Noth und Flucht treiben in die Berge hinein. Im Tirol halten ſie Bergwanderer häufig für Abgeſandte der Regierung, welche die Zuſtände des Volkes, ihren Viehſtand und Verdienſt auskundſchaften wollen.„Nun wird's bald eine neue Steuer geben“, iſt gewöhnlich der Refrain der Ungläubigen. Andere Sennen auf Pacht⸗Alpen, oder ſolche, die von Geſellſchaften an⸗ geſtellt ſind, verweigern auf's Gewiſſenhafteſte jede Spende, oder geben nur um„Gotteswillen“ dem bei⸗ nahe verſchmachtenden Wanderer etwas alten„Zieger“ (trockenen Käſe) und ein wenig Milch, nehmen aber um keinen Preis Geld dafür, um nicht in den Verdacht der Veruntreuung zu kommen. Dies iſt, wie geſagt, in den weniger von Touriſten durchſtreiften Gegenden, namentlich in den Seitenthälern des Engadin der Fall. Iſt in der Hütte Alles dann beendet, ſo geht's zur Ruhe auf's Wildheu, unter die„Schnetzli⸗Decke“, und ein kräftiger, tiefer Schlaf ſtärkt die ermatteten Glieder dieſer harmloſen Naturmenſchen. Nur eine Intervalle tritt wie ein freundlicher Ruhe⸗ punkt in das Einerlei der Alpzeit ein. Es iſt das Aelpler⸗ feſt, die„Alpſtoberte“, die„Aelpler Kilbi“, oder wie es ſonſt noch in den verſchiedenen Thalſchaften genannt wird.(Dieſem widmeten wir ſchon einen beſonderen Artikel.) In den katholiſchen Gegenden iſt bisweilen ein öffentlicher Vormittagsgottesdienſt damit verbunden. Nur ſehr wenig Alpen haben Kapellen oder Gottes⸗ häuſer, in denen während des ganzen Sommers einmal Gottesdienſt gehalten wird. Die größte Kapelle ſteht auf einer der ſchönſten Alpen, die es gibt, auf dem Urner Boden; ſie ſieht einer ſtattlichen Kirche gleich, und der Pfarrhelfer von Spiringen im Schächenthal(Tells Heimats⸗Thal) lieſt dort den zahlreich verſammelten Sennen die Meſſe. Gleichen Urſprunges iſt das Kirchlein mit dem Kloſter„Maria zum Schnee“ am Rigi. Dann ſteckt ganz hinten im Kalfeuſerthal des St. Galler Ober⸗ landes die reizend, zwiſchen zahlreichen Felsſturztrüm⸗ mern gelegene kleine Kapelle St. Martin,— und im Martell⸗Thale(Vintſchgau, Tirol) ſteht einſam die Kapelle„Maria⸗Schmelz“, urſprünglich für die Ofen⸗ knechte des eingegangenen Schmelzwerkes gebautw; jetzt kommt im Sommer allſonntäglich der Kaplan von Thal hierher. Der originellſte Tempel dieſer Art iſt das„Wild⸗ kirchli“ im Appenzeller Lande. Eine Felſenhöhle an hoher, ſenkrechter Bergwand(unter der ſchönen Ebenalp), in die ſich, wäre ſie nicht von den Altvätern zu einer Stätte der Gottes⸗Verehrung geweiht, der Gaisbub mit ſeiner Herde vor dem Gewitterſturme flüchten würde, gibt die Hallen des Gotteshauſes ab,— ſchlicht kunſtlos, ein Naturgewölbe, wie es aus der Hand der geſtaltenden Schöpfung hervorging. Kein Marmoraltar, kein Gebilde von Künſtlerhand trägt die geweihten Geräthe;— ein ſchlichter Schragen, von des Zimmerers Beil bearbeitet, verſieht den Dienſt,— der Altar iſt mit einem Teppich verhangen, und neben friſch gepflückten Alpenroſen in den Vaſen flackern die Kerzen im Zugwinde gegen die Tiefe der Höhle, das Marterkreuz andampfend, vor dem die Menge in den Staub ſinkt. Das„Wildkirchli“ iſt dem heiligen Michael geweiht, und alljährlich am Schutz⸗ engel⸗Feſt hält ein Kapuziner droben Gottesdienſt. Da liegt das Volk auf den Knieen, ſchlägt reuig an die Bruſt und murmelt ſeine Gebete. Ob die Einkehr in des Gemüthes Tiefen ihm wohl erſchloſſen iſt? Ob es nach ſeiner Weiſe Selbſtſchau hält in dem herzerſchüt⸗ ternden, alle Quellen der Seele öffnendem Augenblicke? Das Weihrauchfaß dampft; mechaniſch, dienſtbefliſſen, unberührt von der Gewalt des gottgeweihten Augen⸗ blickes, ſchwingt es der miniſtrirende Knabe,— ein matter, ſinnebethörender Ambraduft ſteigt auf;— was iſt er gegen den großen Weihrauchduft des Sommer⸗ morgens, der die hohen, hehren Gebilde der Alpenklippen umwogt?— Jetzt kündet des Glöckleins weittönender Schall, fern hinab in des Seealpſee⸗Thals Tiefen es an, daß das Myſterium der„Wandlung“ hoch droben an jäher Felſenwand vor ſich gegangen iſt, und der einſame Tauner auf Maarwies oder ob der Felſenbaſtei des Alpſiegleten, der nicht zum Feſt herüberkommen konnte, weil der Dienſt ihn an ſeine Hütte bannt, hart des Glöckleins mahnenden Ruf, ſchlägt an die Bruſt und murmelt gewohnheitsgemäß ſeinen Spruch dazu. Drun⸗ ten in der Schwendi ſitzt die Matrone auf den Treppen⸗ ſteinen, vor ihres Tochtermannes Haus, die Roſenkranz⸗ Schnur zwiſchen den dürren, zitternden Händen. Auch ſie hört des Glöckleins Schall und betet; aber ihre Ge⸗ danken weilen nicht im Heiligthume des ererbten Glau⸗ bens. Ihre Erhebung ſchweift wohl hinauf, aber nicht in die glanzerfüllten Räume des Alls, wo nach ihrer kindlichen Meinung, jenſeits der Wolken, die Gebenedeite auf dem Strahlenthrone weilt, umgeben von Engel⸗ ſcharen:— ihr Sinnen und geiſtiges Empfinden er⸗ hebt ſich nur zur Ebenalp. Sie denkt des heute zu feiernden Feſtes, wie es in ſeiner ländlichen Pracht vor ihrer Mädchenzeit freudevoll vorüberrauſchte. Damals vor fünfzig Jahren war ſie die Schönſte der ganzen Inneren Rhoden; des Franz⸗Antoni's Mareieli mußte bei allen Tanzſpinnenen und winterlichen Abendver⸗ ſammlungen ſein, die es weit umher gab,— ſie war die Zierde jeder Alpſtubete und der Urnäſcher Chilbi, 110 des leidenſchaftlich⸗fröhltchſten Hirtenfeſtes im ganzen Appenzeller Lande. Im Kranze der ſingenden Mädchen war ſie Tonangeberin; ihrechelle, glockenreine Stimme jauchzte am Freudigſten hinaus gegen die Bergwände und— als ob das Echo Mareieli bevorzugend zu ſei⸗ nem Lieb erkoren hätte, gab es nur ihren„Juchzger“ freudevoll accentuirt, überlaut zurück, während der Wie⸗ derhall vom Geſang der Uebrigen nur wie Folie klang, von der Mareieli's Jubel diamantklar ſich ablöſte. O! ſie hatte eine herrliche, harmloſe Jugend verlebt, und juſt am Schutzengelfeſte war's, wo ſie der Sepp von ihren Eltern zum Weibe begehrte. Jetzt iſt er todt, ſchon zwanzig Jahre lang; der heil. Michael war ihm kein Schutzengel geweſen, denn juſt unterm Wildkirchli war er beim Laubſammeln geſtürzt und todt gefallen. Nun ſitzts Mareieli drunten allein, alt, gebrechlich und arm. Des Glöckleins Klang läutet ihr Erinnerung: Freude und Gram zugleich in's lebensmüde Herz. Die Tochter Eliſabeths. Mitgetheilt von E. D. A () ls Eliſabeth von Rußland, die Tochter Pe⸗ Hters des Großen, am 29. December 1761(5. 25 Jan. 1762) die Augen ſchloß, hinterließ ſie ein trauerndes Volk, das ihr durch den Beinamen der Gütigen ein dankbares Andenken bewies. Sie hinterließ aber keine Leibeserben bis auf eine natürliche Tochter, deren Aufenthaltsort nur wenige Vertraute wußten, obwohl das Daſein des Kindes ſelbſt nur Wenigen unbekannt war. Es war in der größten Abgeſchiedenheit erzogen worden und man darf glauben, daß die vergnügungsſüchtige Kaiſerin ſeiner ganz ver⸗ geſſen hatte, denn es war nur wenig geſchehen, die Zu⸗ kunft der Tochter auch nach ihrem Tode ſicher zu ſtellen. Der polniſche Fürſt Radziwill war durch Zufall Mitwiſſer des Geheimniſſes über den Aufenthaltsort des kaiſerlichen Kindes geworden und in ſeinem Kopfe bildete ſich ein Plan aus, wie er nur einer ſehr ehr⸗ geizigen Bruſt entkeimen konnte. Das Ziel, welches er ſich vorſteckte, war der ruſſiſche Thron, und es zu erreichen dünkte ihm um ſo weniger eine ſchwierige Aufgabe, als die dem Tode Eliſabeths folgenden inneren Un⸗ ruhen, der Zwiſt ihres unglücklichen Nachfolgers mit ſeiner Gemalin, deren glänzende Eigenſchaften und deren Ehrgeiz über ihn den Sieg davon trugen, ſeinen verwegenen Abſichten eher förderlich als hinderlich ſchienen. Das tragiſche Ende Peters des Dritten ver⸗ mehrte bald die Anzahl der Mißvergnügten. Die Einen beklagten den Verluſt eines Fürſten, unter dem ſie ſelbſt zu regieren gehofft hatten und ſahen ſich nun der Rache Katharinens und dem beleidigten Stolze ihrer Günſtlinge ausgeſetzt; Andere wünſchten die Regierung der Tochter des großen Peter zurück, deren Ende Vie⸗ len zu unerwartet kam, um nicht zu mancherlei Muth⸗ maßungen Anlaß zu geben. Alles vereinigte ſich, die weitausſehenden Plane des polniſchen Magnaten zu begünſtigen und ſeinen Hoffnungen Nahrung zu geben. Er betrachtete bereits die ruſſiſche Krone als ein Gut, wornach er nur die Hand auszuſtrecken brauche, ſobald er ſie mit der jungen Prinzeſſin, die er für die einzig rechtmäßige Beſitzerin derſelben erklären wollte, theilen würde. Die Rolle, die nach ihm Pugatſchew ſpielte, beweiſt, daß ſein Plan eben nicht unausführbar war. Wenn ein Rebell, dem ſeine Frevelthaten allein einen Namen gemacht, es dahin bringen konnte, daß die ſtolze Katharina auf einem Throne, den ſie ihrem kühnen und unerſchrockenen Geiſte verdankte, zittern mußte, was wäre einem Radziwill nicht möglich geweſen, wenn er ſich als der Gemal einer Enkelin Peters gezeigt hätte, deren Mutter bei ihren Lebzeiten beinahe ver⸗ göttert worden war und in ganz Rußland das Andenken an ihre Wohlthaten und ihre ruhmvolle Regierung hinterließ. Die Tochter Eliſabeths hatte kaum ihr zwölftes Lebensjahr erreicht, als Fürſt Radziwill die Aus⸗ führung ſeines Vorhabens damit begann, daß er ſie heimlich ihren Erziehern entzog, ſie entführte und nach Rom brachte, wo ſie ſich einige Jahre aufhielt. Katha⸗ rina konnte über dieſe Entführung nicht lange in Un⸗ wiſſenheit bleiben. Um Radziwill zu zwingen, von ſeinem Vorhaben abzuſtehen, legte ſie Beſchlag auf ſeine Güter in Polen, ſo daß ihm nichts übrig verblieb als die Edelſteine und Kleinoden, die er mit ſich genommen hatte um ſeinem Mündel— ſo nannte er die junge Prinzeſſin— einen Anfang zu verſchaffen, zu Gelde zu machen. Mit dieſer Summe half er ſich eine Zeit lang durch und kämpfte lange mit Katharinens Uebermacht. Die Hoffnung iſt des Menſchen treueſte Begleiterin, ſie erhält ihn mitten im Unglück und verläßt ihn auch in der verzweifeltſten Lage nicht; allein die Unmöglichkeit. in einem fremden Lande ohne die geringſten Hilfsquellen zu leben, ſiegte endlich. Radziwil ſpielte den Reui⸗ gen und ging einen Vergleich ein. Um wieder in den Beſitz ſeiner Güter zu kommen, verließ er Rom und ſeine Mündel, die ſich in einer Lage befand, die zunächſt an Dürftigkeit grenzte. Ein Frauenzimmer, das den Namen einer Aufſeherin führte, im Grunde aber nichts mehr als eine gemeine Magd war, deren Dienſtleiſtungen ſier auch verrichtete, bildete die ganze Umgebung der jungen Prinzeſſin. Indeß beſaß ſie in ihr eine treuergebene Seele, deren fortwährendes Streben es war, ihre Ge⸗ bieterin aus einer Lage zu reißen, die um ſo drückender ſein mußte, als man ihr bereits die glänzendſten Vor⸗ ſpiegelungen zu einer baldigen Thronbeſteigung ge⸗ macht hatte. Inzwiſchen blieb der ruſſiſche Hof nicht ohne die ernſteſten Beſorgniſſe, Radziwill möchte den abge⸗ riſſenen Faden von Neuem anknüpfen oder Andere könn ten ſich der Exiſtenz dieſer unwillkommenen Prinzeſſin bedienen, um neue Pläne zu entwerfen, die nicht ſo leicht zu vereiteln wären; genug, um die junge Prinzeſſin in einen Fallſtrick zu locken, den ihre Unerfahrenheit nicht — vorhen Mamn ſobal men! Offle Enke Thei die Eige ihn b ſeinen dieg bereit guten nung der der! bete Hin bor ang für Gra The Mu wür im Ka ertre Und Gel teln und übe mäß dieſ Die Tochter Eliſabeths. 111 vorherſehen konnte, bediente ſich Katharina eines Mannes, der alle Rollen ohne Unterſchied übernahm, ſobald er dadurch einen Vortheil für ſich erlangte. Dieſer Mann— die Geſchichte nennt ſeinen Na⸗ men nicht— wußte ſich in der Uniform eines ruſſiſchen Officiers Eingang in der beſcheidenen Wohnung der Enkelin Peters zu verſchaffen. Er verſicherte, nur die Theilnahme an dem trüben Geſchick einer Landsmännin, die ſowohl durch ihre Geburt wie durch ihre perſönlichen Eigenſchaften die Ehrerbietung der Welt verdiene, habe ihn bewogen ſie aufzuſuchen. Er bot ihr ſeine Dienſte, ſeinen Kredit an; die beiden Frauen ließen ſich durch die gleißneriſchen Worte des Fremden blenden, ſie nahmen bereitwillig ſeinen Beiſtand an und benutzten ihn im guten Glauben an den glücklichen Ausgang ihrer Hoff⸗ nungen im vollſten Maße. Ueberfluß trat an die Stelle der Dürftigkeit und ein unbeſchränktes Vertrauen ward der Lohn des Verräthers. Die beiden verlaſſenen Frauen betrachteten ihn als ihren Schutzengel, den ihnen der Himmel in der äußerſten Roth zugeſchickt hatte. Kaum hatte der ruſſiſche Sendling ſich überzeugt, daß in ſeinem Opfer kein Schatten eines Mißtrauens auf⸗ ſtieg, als er ſeinem Ziele näher rückte, indem er der Prinzeſſin die Mittheilung machte, daß ihn der Graf Alexis Orlow als ſeinen geheimen Abgeordneten vorausgeſendet habe, damit er die Tochter der von ihm angebeteten Kaiſerin Eliſabeth aus einer Lage reiße, für die ſie ſo wenig geſchaffen wäre, daß aber auch er, Graf Orlow, nichts eifriger wünſche als ſie auf einen Thron zu erheben, auf dem ſie, wie ihre unvergeßliche Mutter, das Glück einer ganzen großen Nation machen würde. Um nicht unwahrſcheinliche Bedenklichkeiten ſchon im Keime zu erſticken, fügte er hinzu, daß ſein Herr mit Katharina zerfallen ſei, weil er es nicht länger habe ertragen können, ſeine bekannten Verdienſte nur mit Undank belohnt zu ſehen. Jetzt ſinne er nur auf eine Gelegenheit, Rache an ihr zu nehmen. Unter allen Mit⸗ teln, die ſich ihm geboten, finde ſich keines, das ſo edel und mit ſeiner Neigung und ſeinen übrigen Pflichten ſo übereinſtimmend ſei als die Wiedereinſetzung einer recht⸗ mäßigen Erbin auf den ruſſiſchen Thron. Um indeß dieſes Ziel zu erreichen bleibe der Prinzeſſin nur übrig, ſich dem Grafen völlig anzuvertrauen. Und, fügte er in der zarteſten Weiſe hinzu, dies könne durch nichts ſicherer und bindender geſchehen, als indem ſie ſich durch die Bande der Che mit ihm vereine und ihm nach Rußland folge, wo bereits Alles vorbereitet ſei, Katharina durch eine Revolution vom Throne zu ſtoßen. Was vermag gegen ſo fein ausgeſponnene Ränke die Unerfahrenheit eines Alters, das noch an die Kind⸗ heit grenzt? Alle Vorſchläge des Agenten wurden mit Dank angenommen, die Ausſicht auf einen Thron, der ſo oft geübtere Augen geblendet und getäuſcht, winkte in zu verführeriſcher Nähe, um ſie etwas anderes als ſeinen blendenden Glanz erkennen zu laſſen, die tiefen Abdründe, welche zwiſchen ihr und dem kühnen Vor⸗ haben lagen, ſah ſie nicht. Die Geſellſchafterin der Prinzeſſin ließ ſich eben ſo leicht bethören, ja ſie trug nicht wenig dazu bei, den un⸗ — ſeligen Ausgang des Unternehmens dadurch zu beſchleu⸗ nigen, daß ſie ihrer Pflegebefohlenen mit einer Menge romantiſcher Grillen Kopf und Herz anfüllte, denen ein⸗ ſichtsvolle und wohlmeinende Männer vergebens man⸗ cherlei Warnungen und Rathſchläge entgegen ſetzten. Einige Wochen ſpäter hielt Graf Olow für an⸗ gemeſſen, ſelbſt aufzutreten; er ließ ſich durch ſeinen Agenten bei der Prinzeſſin einführen, die durch dieſen auf ſein Erſcheinen vorbereitet war. Immer dringender wurden die Warnungen der ſcharfſichtigeren Freunde, immer eifriger ihre Bemühungen, das arme Opfer einer ſchlauen Intrigue der Gewalt ihrer Verführer zu ent⸗ reißen; umſonſt ſchilderten ſie die ausgezeichnete Gunſt, in welcher Orlow bei Katharinen ſtand und die mit ſeinen gegenwärtigen Machinationen im ſchneidend⸗ ſten Kontraſte ſtand, umſonſt zeichneten ſie, und vielleicht nicht ohne alle Uebertreibung, ſeinen gewiſſenloſen Charakter. Orlow, der ſeine Beute ſich nicht ent⸗ gehen laſſen durfte, umgab die Prinzeſſin mit Spionen und erfuhr bald, welche Anſtrengungen man machte, ihm entgegen zu arbeiten. Er ſah zugleich ein, daß bloßer Ehrgeiz kein hinreichend wirkſamer Faktor war, einen nachtheiligen Eindruck zu verwiſchen, und ohne ſein Ziel aus den Augen zu laſſen, richtete er ſeine Bat⸗ terien nun gegen das Herz der jungen Dame. Der Höfling wußte zu gut, daß der Schleier der Liebe dicht genug iſt, um für ſie auch ſeine wahren Abſichten zu verhüllen. In den Künſten der Verführung geübt und ausgelernt, ſpielte er die Rolle eines von der heftig⸗ ſten Leidenſchaft Entbrannten, und durch Chrerbietung und Beharrlichkeit ſuchte er ſich in ihr Herz einzuſchleichen und allen Argwohn zu zerſtreuen. Der boshafte Streich blieb nicht ohne den ge⸗ wünſchten Erfolg. In einem Alter von ſechszehn Jahren iſt die Vernunft nur ſelten reif und fragt des Herz um Rath. Das junge Mädchen ſah einen Liebhaber zu ihren Füßen liegen, der ſie mit Betheuerungen ſeiner Aufrichtigkeit überſchüttete; wer will ſie verdammen, weil ſie ihnen glaubte und, entzückt über ihr kaum ge⸗ ahntes Glück, ſich ganz ihren Neigungen überließ und Alles verwarf, was ihr hätte die Augen öffnen können. Orlow blieb für ſeinen Sieg nicht blind und wußte ihn zu benutzen. Durch ſeinen Vorſchlag, ihm mit ihrem Herzen auch ihre Hand zu reichen und ſich dann zuſammen dem Strome ihrer politiſchen Hoffnun⸗ gen zu überlaſſen, ein Vorſchlag, der mit der größten Kunſt und mit der verführeriſchſten Zärtlichkeit gemacht wurde, ſicherte er ſich das Herz der leichtgläubigen Toch⸗ ter Eliſabeths vollends. Der ehrgeizige, dabei aber rechtſchaffene und aufrichtige Radziwill hatte den Geiſt ſeines Pfleglings nicht ohne Kultur gelaſſen, bei aller Abgeſchloſſenheit von der Welt genoß ſie eine gute Erziehung und ſie glaubte daher mit Recht folgern zu dürfen, daß ſie durch eine geſetzmäßige Verbindung gegen alle treuloſen Abſichten ihres Liebhabers geſichert ſei. Allerdings war ein ſolcher Schluß an ſich ſelbſt richtig, aber bei einem Manne, dem nichts heilig iſt, in deſſen Bruſt kein menſchliches Herz ſchlägt, war er doch zu voreilig. —— 112 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor Die verhängnißvolle Vermälung ward vollzogen, wenn anders ein Trugſpiel, in dem Prieſter und Notare und Zeugen verkappte Helfershefer ſind, dieſen heiligen Namen verdient.— Es war ſeitdem noch nicht viele Zeit verfloſſen, als Orlow ſeiner jungen Gattin zu verſtehen gab, daß Piſa ein ungleich angenehmerer Aufenthaltsort ſei als Rom; ſie würden dort weniger als in der Haupſtadt der chriſtlichen Welt den Augen der Geſandten aller europäiſchen Mächte und ihren Nachſtellungen ausge⸗ ſetzt ſein; dort würden ſie ruhig den Zeitpunkt erwarten können, wo ſich ihr Schickſal, mit dem ja jetzt auch das ſeine verknüpft ſei, entwickeln mußte. Kein Widerſtand, nicht einmal ein Einwurf; geduldig wie ein Lamm folgte das Schlachtopfer ſeinem Würger. Sie kamen in Piſa an, wo ſie ein geräumiges, prächtig ausgeſtattetes Hôtel erwartete. Obwohl der Gräfin Orlow Alles entgegeneilte, obwohl ſie mit aller erdenklichen Ehrerbietung behandelt wurde, ſo verbargen ſich doch hinter den Blumen und Feſtons die Sklaven⸗ ketten; ohne daß ſie davon noch eine Ahnung hatte, war ſie eine Gefangene, die nur in Begleitung ihres ver⸗ meintlichen Gatten, oder nur mit deſſen ausdrücklicher Erlaubniß das Haus verlaſſen durfte. Die Loge im Schauſpielhauſe beſuchte ſie nie anders als unter dem Nachtritt ihres Gefolges, und während des Spiels beob⸗ achteten ſie ſieben bis acht Späer aus angemeſſener Ferne. Einige Zeit nachher ankerte die ruſſiſche Flotte unter der Anführung des Admirals Gluck, eines Eng⸗ länders von Geburt, in Livorno. Die Nachricht davon gelangte auch nach Piſa; Orlomw theilte ſie der Prin⸗ zeſſin beiläufig mit, indem er ihr zugleich die Größe und Pracht der ruſſiſchen Kriegsſchiffe in den lebhafteſten Farben ausmalte. Dies erregte die Luſt der jungen Frau dieſe Herrlichkeit zu ſehen, und der liebevolle Gatte ſchlug ihr eine Luſtreiſe nach dem nur wenige Meilen entfernten Livorno vor, wo ſie nächſt der Flotte auch die Stadt und den Hafen, die er ihr ſo enthuſiaſtiſch ge⸗ ſchildert, in Augenſchein nehmen wollten. Die Prinzeſſin war über die bevorſtehende Luſt⸗ partie entzückt wie über die Zuvorkommenheit ihres Gatten, ſie dankte ihm mit ſo zärtlichen Ausdrücken, daß, wenn er kein Ungeheuer geweſen wäre, einer ihrer Blicke hingereicht haben müßte, ihn von ſeinem verwerf⸗ lichen Vorhaben zurückzuhalten. Am feſtgeſetzten Tage reiſten die beiden Gatten mit ihrem gewöhnlichen Gefolge nach Livorno und ſtie⸗ gen im Hauſe des engliſchen Konſuls Dicks ab, wo ſie mit der außerordentlichſten Ehrerbietung aufgenom⸗ men wurden. Des Konſuls Gemalin und die des Ad⸗ mirals gingen ihr entgegen, begleiteten ſie überall hin und verließen ſie auch nicht auf einen Augenblick. Man hätte glauben ſollen, daß Beide ſie wie ihr eigenes Kind liebten und in ihr die künftige Beherrſcherin eines der mächtigſten Reiche der Welt verehrten. Sie bildeten ge⸗ wiſſermaßen ihren Hof. Das Volk von Livorno, durch den Schein betrogen, ſtürzte ſich haufenweiſe auf ihren Weg und verſchwendete allen Weihrauch, der der Eitel⸗ keit der Großen ſo ungemein ſchmeichelt. Alle Arten von Ergötzlichkeiten waren endlich er⸗ ſchöpft, dhe man den Vorſchlag laut werden ließ, die Flotte zu beſichtigen; die Stunde wird feſtgeſetzt, die beiden Frauen und der Konſul begleiten ſie. Alle Vier beſteigen ein prächtig geſchmücktes Boot, das ſie nach dem Admiralſchiffe bringen ſoll; auf einem anderen folgt Graf Orlow, ein drittes iſt mit ruſſiſchen und engli⸗ ſchen Officieren, in ruſſiſchen Dienſten, beſetzt. Kaum näherte ſich das erſte Boot dem Kriegsſchiffe, als ein prächtiger Lehnſeſſel zur Aufnahme der Prinzeſſin herab⸗ gelaſſen wird. Man ſagt der Prinzeſſin, daß dies bei ſolchen Einladungen Gebrauch ſei, und ſie fühlt ſich durch alle dieſe Ehrenbezeigungen und Beweiſe der vorzüglichen Achtung unendlich geſchmeichelt, denn ſchon bei ihrer Annäherung war ſie durch eine Generalſalve der Artillerie begrüßt worden, und eine vortreffliche Muſik bewillkommte ſie jetzt. Berauſcht von den Eindrücken des Augenblickes, ſetzte ſich die Prinzeſſin in den Tragſeſſel, und dieſer ward ſofort aufgewunden; aber ſtatt eines glänzenden Empfanges, wie ſie ihn nach allen dieſen Vorſpielen wohl zu erwarten berechtigt war, findet ſie einen Kerker⸗ meiſter, der ihr ihre Gefangenſchaft ankündigt, Feſſeln anlegen läßt und ihren Aufenthalt im Schiffsraume anweiſt. In der Frühe des andern Morgens lichtete die Flotte ihre Anker und verließ den Hafen, um triumphi⸗ rend nach den heimiſchen Gewäſſern zu ſegeln. Der erſte Akt dieſes grauenvollen Tages, die Ge⸗ fangennahme der Prinzeſſin, hatte in Gegenwart einer zahlloſen Zuſchauermenge ſtatt; Niemand ahnte ſie und doch drang die Nachricht von dem trübſeligen Ausgange dieſes prächtigen Feſtes noch vor Einbruch der Nacht bis in alle Schichten der Bevölkerung und rief eine um ſo unverholenere Mißbilligung wach, als man über den Schlußakt kaum in Zweifel ſein konnte. Orlow ließ ſich davon nicht anfechten, er gab ſich nicht einmal die Mühe, ſeine Ränke zu verheimlichen, wie ſehr ihm auch der Großherzog deßhalb zürnte. Vergebens ſchickte dieſer Couriere nach Wien und Petersburg, und beſchwerte ſich bitter über das verletzte Völkerrecht, ſeine Klagen und Vorſtellungen verhallten ſpurlos, und wenngleich Or⸗ low und die ruſſiſchen Officiere noch in ſeiner Gewalt waren, er wagte doch nicht, ſich an ihren Perſonen zu vergreifen, und ſo Katharina zu zwingen, die aus einem gaſtfreien Lande geraubte Tochter Eliſabeths wieder in Freiheit zu ſetzen. Die Geſchichtsbücher ſchweigen über das Los, wel⸗ chem das unglückliche junge Weib anheimfiel, aber darf man es glauben, was hin und wieder geſagt worden iſt, daß die Tochter Cliſabeths unter den Knuten⸗ ſtreichen ihrer Henker das Leben aushauchte? A44 Nach dem Gewitter, Gedicht 113 Die Tropfen fallen langſam durch die Nacht, 7 N 1 ☛ Die ſchwüle Sommernacht, die bange ruht Die Wolken ſinken tief mit Uebermacht; Da plötzlich zuckt empor des Blitzes Gluth Es brechen wild die ſchwarzen Maſſen los, Tief hüllt das Dunkel Erd und Himmel ein. Die Wetter öffnen ihren Fluthenſchoß, Aufblitzt die Finſterniß in Flammenſchein. Doch ſieh'! da theilet ſich der Regenflor,— Die Wolken ſchwinden all am Himmelszelt, Und aus den Wolken taucht in's reine Blau Es athmet neu beſeligt Wald und Flur, Der volle Mond in feuchtem Glanz empor V Und nach den Wettern, laſtend auf der Welt, Und gießt herab der Strahlen milden Thau. Erfüllet tiefer Friede die Natur. So iſt's, wenn Thränen, welche weint der Schmerz, Ein neuer Lichtesſtrahl der Hoffnung ſtillt, So iſt es, wenn ein leidenſchweres Herz Ein treuer Freundesblick mit Troſt erfüllt. Erinnerungen. LXXXII. 1861. ¹ 4 1 114 Erinnerungen Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor Eine Cigarrenphantaſie. Von M. A” welches Jahrhundert, o welche Zeit, in der wir leben. Wo iſt die Poeſie der ſonſtigen gemüth⸗ 22¶ Plichen Tage, die Poeſie, welche die damals noch zartbeſaiteten Herzen ſich für Ideale begeiſtern ließ, ſo der Epigonenwelt kaum noch dem Namen nach bekannt ſind. Reales Leben und Real⸗ Schulen und dabei doch ſelten etwas Reelles! Wo ſind ſie hin, die ſchönen Tage der Siegwartzeiten und ſenti⸗ mentalen Liebe? Wo ſteht heut noch ein liebender Jüngling ſtundenlang vor den Fenſtern der Theuren, die Laute im Arm und ſchwärmeriſche Melodien im Kopfe? Die alten ſchönen Lieder ſind vergeſſen, die alte Mutter und Großmutter nur laſſen die Blicke weh⸗ müthig haften auf den kleinen Büchern, in die ihre Hand, vor Zeiten! die Gefühle des Herzens einſchrieb, in der Form, welche die zeitgemäßen Poeten dafür am paſſend⸗ ſten hielten.„Hebe, ſieh in ſanfter Feier“ o welche Erinnerungen ſteigen da auf;„das waren mir ſelige Tage,“ o, weiß Gott, das waren ſie;„ich denk an euch ihr himmliſch ſchönen Tage der ſeligen Vergangenheit,“ ja wohl, und mit Thränen, die ihrem Andenken geweiht ſind,„ich denke dein, wenn ſich der Abend röthend im Hain verliert, und Philomelens Klage leiſe flötend die Seele rührt,“ und auch nun denkt ſie ſein, der in die kühle Erde ſich betten ließ, nachdem er ſein drittes En kelchen geküßt hatte.„Schwermuthsvoll und dumpf er ſchallt Geläute vom bemoſten Kirchthurm herab,“ das war das erſte Lied, das er ihr in's Album geſchrieben hatte. Und dieſes Album! Die Blätter ſind ſtarkes, feſtes Büttenpapier, der Einband iſt nur dauerhaft, nicht ele⸗ gant. Die Schriftzüge tragen den Stempel und Typus der Zeit und verſchiedene Anzeichen, die darauf hindeu⸗ ten, daß die Stahlfeder noch nicht erfunden war. Wohl mag es dem verzärtelten Jahrhundert des Goldſchnitts wunderbar vorkommen, daß man auf ſo antediluviani⸗ ſches Papier mit petrefaktiſchen Federn und vorweltlichen Buchſtaben Empfindungen, Verſe ſchreiben konnte. Verſe, aber was für welche! ſagt das halbwüchſige Penſions⸗ dämchen, das ſchon mehr Liebeserfahrungen und Liebes⸗ ſchwüre in dem noch werdenden Buſen herumträgt, als damals gereifte Gattinnen thaten. „Verſe, und was für welche!“— Als ob das Gemüthvolle nicht tauſendmal beſſer wäre als das Ge⸗ klingel und Gebimmel. Es war freilich das Jahrhundert des Zopfes, aber es war auch das Jahrhundert, das Schiller und Goethe und den alten Fritz erzeugte. Und unſer Jahrhundert? Das Gott erbarm'. „Als ich auf meiner Bleiche,“„mein Herr Maler will er wohl,“„verzeihen Sie mein Herr Baron, mein armes Herz das wählte ſchon,“ das ſind doch Alles, weiß Gott, wenn auch einfache, ſo doch hübſche Lieder. Und ob man das von den meiſten derer ſagen kann, die jetzt in Albums und auf dem Klimperkaſten Mode ſind das wollen wir dahin geſtellt ſein laſſen. Kurz, es war doch eine recht ſchöne Zeit, die alte, gute Zeit. Und damals die Lindenbäume! O, das mußte (ja poetiſch werden. Die Aeſte reichten hinauf bis nach ihrem Fenſter, das ſie Abends öffnete, um anſcheinend den entzückend balſamiſchen Duft der Blüthen einzu⸗ ſaugen. Aber ſchon nach wenigen Minuten bewegten ſich ihre Lippen und aus der Linde erſcholl ein Flüſtern, daß man meinen mußte, die Dryas konferire mit der ſchönen Jungfrau. Denn die Großmutter war ſchön! Näheres Hinſchauen hätte uns wohl überzeugt von der Natürlichkeit des Vorgangs. Der Vielgetreue war nur hinaufgekrochen, um ſo recht con amore mit der Herz⸗ allerliebſten manch' Wort von Lieb' und Treue zu wech⸗ ſeln. Aber gehorſam entfernte er ſich dann, wenn es ihm die Jungfrau gebot, die keuſch und züchtig nun ihr Lager aufſuchte. Das war damals, als noch die Lindenbäume ſtan⸗ den. Aber ſie ſind verſchwunden wie die alte Zeit ver⸗ ſchwunden iſt, kaum daß auf Dörfern noch hin und wieder ein Exemplar von geſchwundener Pracht zeugt, und auch dieſes, ſchon geborſten, kann ſtürzen über Nacht. Wo aber noch der Lindenbaum ſeine weiten Zweige dem Himmel entgegenſtreckt als einſamer, müder Poſten, als Zeichen der wandelbaren Welt, welchen profanen Zwecken muß er oft jetzt dienen. Denn auch er beſchattet das Fenſter einer minniglichen Maid, auch er wird von nächtlichen männlichen Gäſten beſtiegen, aber kein koſend Wort flüſtert durch die Zweige und durch den Blüthen⸗ duft; die Jungfrau weiß nicht einmal, daß lüſterne Blicke draußen, aus den verſchwiegenen Aeſten des Baumes, ihren üppigen Reizen entgegenlauſchen. So war es einſt, ſo iſt es heute, wie wird es morgen ſein? Doch quid sit futurum cras, fuge quaerere! Und unſere Väter in ihren jungen Jahren, unſere Großväter, was waren das für Männer, abgeſehen na⸗ türlich von dem Zopfe. Sie konnten, mußten und wollten auch ihre Körperſchönheit zeigen, und war ſie nicht vor⸗ handen, eine ſolche leihen. Schnallenſchuhe, Waden⸗ ſtrümpfe, Schenkelhoſen, die letztern beiden mit geheimen Fächern zur Bergung von Watte verſehen. Dazu die lange Weſte, der lange Rock oder Frack und der Drei⸗ maſter, das waren kräftige Geſtalten, die ſo einherſchritten. Mit Wehmuth betrachte ich ein Paar ſchwarz ſeidene Strümpfe, die ich von meinem ſeligen guten Vater erbte. Der alte Herr ruht nun ſchon lange in der Erde und dachte wohl nicht, als er vor mehr als einem halben Säkulum die Strümpfe kaufte, daß jene Strümpfe in einem phantaſtiſchen Kapitel vockommen würden. Nun dieſe Strümpfe ſoll einſt mein Sohn erben als Andenken an den Großvater, und dazu irgend ein modernes Kleidungsſtück als Andenken an mich. Die Strümpfe kann er vielleicht wieder brauchen, denn ſolche alte Waare hält ganz vortrefflich und in die Mode werden ſie viel⸗ leicht auch wieder kommen.„Es iſt Alles ſchon dage⸗ weſen“ ſagt der bekannte Mann im Uriel Akoſta. Ich werde für ihn einem von den nichtswürdigen ſchwarzen Cylinderhüten aufhe ben, die haben hoffentlich dann auf⸗ Eine Cigarrenphantaſie. gehört, und wenn nicht, vererbe auch er ihn. Sein Sohn wird ihn dann betrachten als ein verwunderſames Zeichen der Thorheit ſeiner Vorfahren. Wo ſind hingekommen die Attribute vorzeitlichen gemüthlichen Stilllebens: die Pfeifen. Hat doch beinahe auch der Student, in dieſer Beziehung ſonſt ſo konſer⸗ vativ geſinnt, ſie abgeſchworen. Nur hin und wieder noch findet ſich eine ſchöne Anhänglichkeit an die geheiligte Sitte der Väter. Aber immer mehr und mehr muß ſie Platz machen der Alles vor ſich niederwerfenden Cigarre. Die moderne Bequemlichkeit und die moderne Verſchwendungsſucht ſind der Cigarre mächtige Bundes⸗ genoſſen. Ich ſchäme mich, wenn ich mein wohlbeſetztes Pfeifen⸗ brett betrachte und den wohlgefüllten Tabakskaſten, den eine zarte Hand mir einſt verehrt hat. Ich bin ein begeiſterter Verehrer der Pfeife, aber ſelten, ſehr ſelten berühren meine Lippen die einladenden Spitzen der Rauch⸗ inſtrumente. Es iſt Bequemlichkeit und Unluſt Pfeife zu ſtopfen, die meinen Treubruch veranlaßten. Dieſer Bequemlichkeit aber ſchäme ich mich aufrichtig und wahr⸗ haftig von ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Gemüth. Der Teufel der Neuzeit jedoch hält mich feſt in ſeinen Krallen, ich kenne die Schwäche, verwünſche ſie, klage mich an und bezahle ruhig in jedem Viertel⸗ jahr ein anſtändiges Sümmchen an den Cigarrenhändler. Gegen den Zeitgeiſt aber kämpfen die konſervativſten Ritter ſelbſt vergebens; ich ergebe mich in mein Schickſal. Der Tabak und die Pfeife, zu welchen hochpoetiſchen Gedichten begeiſterten ſie nicht die Leierſchläger früherer Zeiten. Zu welcher Erhabenheit des Gedankens ſchwingt ſich der alte Gleim hinauf, wenn ſein Auge die Pfeife trifft: Mauſoleen, Pyramiden, Tempel Werden Trümmer, werden Staub. Alles wird der Zeit zum Raub:— Meine Pfeife zum Exempel. Wie wunderbar ſchön iſt jenes reizende Lied, das gleich nach dem Schiller'ſchen Dithyrambus„an die Freude“ erſchien, und die Pflanze aus der Familie der Nicotiana preiſt! Schiller ſingt: Ja, wer auch nur eine Seele Sein nennt auf dem Erdenrund. Und wer's nie gekonnt, der ſtehle ꝛc. Der Tabaksdichter aber ruft: Ja, wer auch nur Lauſewenzel Schmaucht in ſeinem irdnen Topf, Schließe ſich an uns als Schwänzel, Und wer's nicht kann, bleib ein Tropf. Was hat die Neuzeit aufzuweiſen an poetiſchen Verherrlichungen ihres Götzen: des Glimmſtengels? Es gibt wohl Verſuche, aber erheben ſie ſich in ihren Vergleichen und Anſchauungen bis zu Mauſoleen, Pyramiden, Tempel? O nein. Die Cigarren und die Menſchen Sind in vielem ſich ganz gleich. Beide ſind oft ſchief gewickelt, Bald zu hart und bald zu weich. 115 Recht praktiſche Ideen in recht realer Anſchauungs⸗ weiſe. Was aber der ſelige Leſſing zu dieſen Verſen ſagen würde, mögen die Götter wiſſen.— Und doch, doch kann die Cigarre dem einfachen und einſamen Manne recht lieb und werth, eine theure und treue Freundin werden, denn ſie iſt einfacher als die komplicirte Pfeife, und einſamer als der Tabak in der Pfeife, der doch mit Porzellan, Horn, Rohr ꝛc vielfachſt in Berührung kommt.* Bilde Dir ein, mein guter Leſer, daß ich ein einfacher und einſamer Mann bin, und laß Dir etwas vom zärt⸗ lichen Umgange mit meiner Freundin, der Cigarre, er⸗ zählen. Nur einen Tag, das heißt, einen Zeitabſchnitt von vierundzwanzig Stunden, ſei mein Gaſt und ver⸗ zeihe, wenn ich, wie Hippel einſt, in meiner Betrachtung nicht den breitgetretenen Pfad wähle, alſo nicht am Morgen anfange. Ein klarer, ſonniger Wintertag, denn auch im Winter gibt es ſonnige Tage, iſt eben beſtattet worden. Die Dämmerung iſt eingetreten und mächt deutliche Bemü⸗ hungen in Nacht überzugehen. Ich ſitze in meinem warmen, traulichen Stübchen und habe den Stuhl anss Fenſter gerückt. Hinaus ſchaue ich in die klare Luft, welcher ausnahmsweiſe der landes⸗ übliche Winterdämmerungsnebel fehlt. Mir iſt, als könnte ich die Kälte ſehen. Frieden und Stille herrſchen rings umher, Gott ſei Dank, es iſt auch Frieden in mir. Ich bin ſo allein, ſo ganz allein, vorläufig vom Geſchick verſchlagen in dieſes kleine Landſtädtchen. Nicht fremd bin ich hier, es iſt ja mein Heimatſtädtchen, aber ich bin ihm mehr entfremdet, als ich bisher glaubte. Wenigſtens ohne Freund bin ich hier. Ich bin ſehr allein. Da fällt mein Blick auf eine zierlich gebaute Taſche von Leder. Es iſt ein engliſches Cigarrenetui; von einem Freunde mir mitgebracht, noch bevor daran zu denken war, daß ſolche Futterale einſt auch in Deutſchland ſo ſehr in die Mode kommen würden. Und ich langte nach dem Etui und nahm eine der duftenden Havannas. Draußen ging der Mond auf und ſah neugierig in meine Fenſter. Ich weckte den alten Geſellen und Freund, indem ich würzige Rauchwolken zwiſchen ihn und mich brachte. Er konnte nur ſelten mein Geſicht ſehen, gelang es ihm aber, dann ſchien er mich ernſt und bekümmert anzuſchauen, als wolle er ſagen: Du mußt fort, fort von hier, Du mußt wieder hinaus in's Leben. Ja, alter Freund, das will ich, hinaus in's Leben, hinaus zu meinen Freunden. Aber jetzt, in dieſem Au⸗ genblicke, bin ich nicht mehr allein und einſam. Ich habe Dich alten grämlichen Rathgeber vor mir(werde nur nicht gleich wieder böſe, ich weiß ja, daß Du es gut meinſt) und dieſe glühende Freundin an meiner Lippe. Sie erinnert mich an die Freunde und mein Bischen Phantaſie zaubert ſis alle um mich her. Ich denke an Poſen und Frankfurt, an Weimar und Koburg, an Leipzig und Glogau, an Jena und Berlin. Verrauſcht ſind jene Zeiten, verrauſcht mit dem größten Theile der Jugend. Und geſtorben iſt manch 15* 116 Erinnerungen. Illuſtrirte einer von den Gefährten und Genoſſen, und verdorben iſt leider auch manch einer. Und die übrig blieben, ſchreiben mir nicht, und ich ſchreibe nicht ihnen, denn ſie wiſſen und ich weiß es, daß unſere Geiſter bei einander weilen auch ohne daß das Wort uns deſſen verſichert. So leben wir ein geiſtiges Leben, das vielleicht reeller iſt, als jenes des werthen Kadavers.— Eine Wolke zieht vor den Mond. Ah, Du willſt mich erinnern, alter Herk dort oben, daß auch eine Wolke vor mein Leben gezogen iſt, ſchwarz und düſter, und daß ich oft vergebens ſchon gekämpft habe ſie zu zerſtreuen. O, ich habe ſchon Manches gethan, was andere mir als unmöglich anſchwärzten, ich that es, weil ich es eben thun wollte. Und dieſe Wolke will ich zerſtreuen, be⸗ ruhige Dich alſo und jage auch Deine Wolke fort. So Blätter fü iſt's hübſch, aber lächle gefälligſt ein Bischen wohlge⸗ fälliger. Siehſt Du, ſo lieb' ich's. Woher wir nur ge⸗ lernt haben uns zu verſtehen, ich kenne doch Deine Sprache nicht und Dir ſollte es wohl ſchwer werden, p ein redliches, wenn auch hausbackenes Deutſch zu ſpre⸗ chen. S'iſt ein merkwürdiges Faktum, aber eben ein Faktum. Nun, wo biſt Du geblieben? O ſchade, ſchwarzes, düſteres Schneegewölk iſt aufgezogen und verbirgt Dich meinen Blicken für heute.— Doch halt, noch einmal ſiegt er, adieu für heute, ſchlaf wohl. Finſter iſt es draußen, finſter in der Stube und auch die Cigarre iſt im Verglühen. Aber nicht lange und um ſo heimlicher wird es im Stübchen. Die Lampe brennt, dichte Rouleaus hindern das Schneegeſtöber draußen zu ſehen. Nicht am Fenſter iſt jetzt mein Platz, ſondern dort in der Sophaecke, den Tiſch mit meiner Schreiberei vor mir, gleich links die Bücherſpinde und rechts die Lampe. Da überkommt mich Ernſt und Humor Er hätte eine abſcheuliche, längere Rede über das Ver⸗ derbliche des Tabaksgebrauches gehalten, und mir durch mediciniſche Explikationen und Aphorismen vielleicht den Gebrauch und Genuß meiner Freundin und Trö⸗ ſterin in einſamen Stunden verdorben. Was ſollte ich mich aber abhalten laſſen von einem ſolchen armſeligen Haar. Es wäre lächerlich, jetzt nach Entfernung des Haars die Cigarre fortzulegen, deren Genuß doch vorher ſo befriedigend war. Und dann in wie vielen Sachen habe ich ſchon ein Haar gefunden! und leider Gottes war die Sache mir dadurch doch nicht verleidet worden. Und nun die letzte Cigarre vor dem Schlafengehen. Sie ſchmeckt ſtets am beſten, denn es iſt die letzte vor einer Trennung von mindeſtens acht Stunden. Sie ſoll mich vorbereiten auf die Ruhe für Körper und Geiſt, denn erſt wenn die erſte Hälfte der Cigarre aufgeraucht iſt, greife ich zu den Werken moderner Philoſophen, die dann das Uebrige thun. Ruhe iſt ein herrliches Wort und eine behagliche Ruhe wohl einer der ſchönſten Genüſſe. Solch ein mit Verſtand ausgeführtes dolce far niente kann durch nichts übertroffen werden. Das kennen die meiſten Menſchen nicht, denn es iſt eine Kunſt, mit Verſtand nichts zu thun. Jeder Menſch aber, der nicht unter der Laſt peinigender Gewiſſensangſt zu ſtöhnen hat, iſt fähig, dieſe Kunſt zu erlernen. Man nehme ein gutes, womöglich vorzügliches Diner ein, trinke nach der Suppe ein Gläschen Madeira und dann während des Diners ein Fläſchchen guten das Gefühl der wohlthuendſten Behaglichkeit, ſo iſt es reizend und recht con amore fann nun geſchrieben werden. Schreiben? Nein, heute nicht, der Abend begann ſo ſchön, laßt mich weiter ſchwärmen, träumen und phantaſiren. Und die zweite Cigarre beut mir das braune, von Freundeshand geſchenkte Etui. Weit, draußen, in der Havanna, ſchneit es nicht, herrſcht milde Luft, ausländiſch Gewächs und Fieber. Ob wohl die Schwarze noch leben mag, welche dieſe Cigarre mit kunſtgeübter wenn auch ſchwarzer Hand ge⸗ macht hat? Ich möchte ein Zeichen haben, ob ſie noch zur ſchwarzen Vegetation zählt, ich möchte es wirklich gern wiſſen, ich gebe etwas darum. Was Teufel kitzelt denn meine Zunge; wie? ein Haar, ein gekräuſeltes nicht gerade ſeidenweiches Haar! Auf welche Weiſe kommt dieſes Haar in ſolchen wohlgeformten Tabaks⸗ eylinder und ich muß es jetzt finden, bei verſchwiegener, zu Betrachtungen und Nachdenken auffordernder, ſtiller Abendzeit! Es iſt zwar maliciös vom Schickſal, mir ſolch' ein Lebenszeichen der Schwarzen zu ſpenden, doch iſt wenigſtens meine Bitte erfüllt. Mag es gut gehen der Kleinen, ich wünſche es ihr und nebenbei auch ein Fläſchchen eau de Lob. Gut, daß mein Freund Dr. X. nicht zugegen war. Sechsundvierziger, dem man zum Deſſert ein kleines Glas Malaga folgen läßt. Dann trinke man eine Schale guten Kaffee's, brenne eine Havanna oder Manilla an und lege ſich auf ein Divanſopha in die muöglichſt be⸗ quemſte Lage. Kann man es aber irgend haben, ſo wähle man ſtatt des Sopha's lieber den amerikaniſchen Schauckelſtuhl, der durch die kleinſte Bewegung in ein anmuthiges Wiegen verſetzt werden kann. Iſt das ge⸗ ſchehen, ſo ſehe man nach der Decke des Zimmers oder nach einem beliebigen, wo möglich verſchwimmenden Punkt vor ſich. Nun denke man an nichts, rauche aber ruhig weiter. Wer das erſtere nicht kann, der denke an eine einſtige deutſche Flotte, das iſt dasſelbe. Im Uebri⸗ gen lernt man durch einige Uebung das an„nichts“ Denken ſehr leicht, auch kann ich nicht unerwähnt laſſen, daß Leute, welche ein ſolches Diner ſich gönnen, wo möglich oft gönnen können, von vorn herein das Talent: an nichts denken zu können, mit ſich herum⸗ tragen und durch Uebung am leichteſten dieſes Talent ausbilden. Nach einer halben Stunde, während welcher Zeit der Körper die bei richtiger Verdauung ſtets eintretende wollüſtige Ermattung gefühlt hat, kann man dann ein Wenig des edlen Schlafes pflegen oder man kann ſei⸗ nem Geiſte eine nicht große Anſtrengung im wachen Träumen auferlegen. Fehlt das beregte gute Diner, ſo braucht man nur die übrigen Vorſchriften zu erfüllen, um eines leidlichen dolce far niente ſich zu erfreuen.—— und Nat Wä Jetzt kommt her, biedere Einſchläferer. Es iſt Zeit und ſchon euer bloßer Name iſt meiner nicht verwöhnten Natur genügend— die Lampe brennt düſterer— der Wächter pfeift. Gute Nacht!—— Wie wundervoll iſt der Morgengenuß einer guten Cigarre. Man hat ſich erſt vergeblich bemüht, dem Ge⸗ dächtniß die Träume aus der vergangenen Nacht zurück⸗ zurufen, dann erſt ſetzt man die vom Burſchen ſchon hergerichtete Kaffee⸗ oder Theemaſchine in Thätigkeit. Das Waſſer ſingt, die Flamme im Ofen, kann man es irgend haben die des Kamins, kniſtert und die Win⸗ terſonne wirft ihren erſten Strahl über die beſchneete Flur. Die Eisblumen am Fenſter erzählen ſich wunder⸗ ſame Märchen von jenen magiſchen Kräften und Be⸗ dingungen der Natur, denen ſie ihr kurzes Daſein ver⸗ „danken. Das undurchdringliche Fenſter geſtattet nicht den Blicken die Gegenſtände draußen genau zu unter⸗ ſcheiden, aber die Blumen verblühen und zerfließen ſchnell unter den heißen Hauchen der Havanna. Die Kinder des Nordens vergehen vor der Tochter des Sü⸗ dens, aber die Siegerin ſtirbt von dem Siege und ihre Aſche zerſtiebt in den Lüften, während die zähen Nord⸗ landskinder, moderne Phönices, am andern Morgen von Neuem, wo möglich noch in üppigerer Kraft er⸗ blühen. „ Dann geht es an die Geſchäfte des Tages, denen wir obliegen können in dem gemüthlichen Raume unſe⸗ res Zimmers. Und ſpäter eilen wir hinaus in den klaren Wintertag, die kalte aber wunderbar reine Luft mit Entzücken einſchlürfend. Die Cigarre aber, die kleine, treue Begleiterin verläßt uns auch hier nicht, ja ſie ge⸗ währt uns nebenbei noch das ſchöne Schauſpiel, zu ſehen, wie der aus Gluth entſtandene Hauch ſich mit dem Athem des kalten Nordens vermält. Unſer Diner kann nicht ſo prächtig ſein, wie wir oben angegeben, es iſt einfach und ſchmackhaft und doch iſt das dolce far niente nachher ein vollſtändig be⸗ friedigendes, da wir, nach vieler Mühe, die Kunſt des an nichts Denkens begriffen haben. Dann nicken wir wohl ein Wenig, gehen aber bald wieder an die Arbeit, um frei zu ſein, wenn die Dämmerung von Neuem anbricht, um uns von Neuem treiben zu laſſen auf das ungewiſſe aber ſchöne, wo⸗ gende Meer der Phantaſie. Schön aber iſt es von der liebenden Vorſehung, daß ſie ein Kraut wachſen ließ, aus welchem für mich und gewiß auch noch für manchen anderen Mann eine Freundin hergeſtellt werden konnte. Und ich werde treu zu der Fahne dieſer Freundin halten, die ſo leicht transportabel iſt, und nur eine Bitte nähren, daß ſie billiger werden möge. Ich kenne keine Eiferſucht und gönne ihre Erwerbung auch dem ärmeren Bruder. ——— Das Haberfeldtreiben. edes Land hat ſeine Gebräuche, jeder Volksſtamm ſeine eigenthümlichen Sitten. Sie wachſen meiſt aus dem innerſten Weſen des Volkes heraus und 9 haben zum größten Cheile eine tiefere ſinnige Be⸗ deutung. So auch das Haberfeldtreiben. Es iſt ein Ueberreſt der urgermaniſchen Rügegerichte, der ſich in einzelnen Gegenden des baieriſchen Oberlandes zwiſchen Inn und Iſar, insbeſondere im Cegernſee ſchen, Miesbach'ſchen, dann in den gebirgigen Theilen der Landgerichte Roſenheim und Aibling bis auf die jüngſte Zeit erhalten hat und die Rüge jedweden öffentlichen Aergerniſſes bezweckt, vor Allem, wenn ein ſolches von angeſeſſenen Perſonen, oder gar von Beamten, Geiſtlichen u. dgl. begangen wird. Es wird von einem förmlich organiſirten Geheim⸗ bunde geleitet, an deſſen Spitze die Haberfeldmeiſter ſtehen, welche nur angeſeſſene, verheiratete und gut beleumundete Männer ſein können. Wird dieſen ein ſolcher ärgernißgebender Lebenswandel angezeigt, ſo erfolgt zunächſt eine Warnung an den Schuldigen, entweder mündlich durch„Anſagen“, oder bildlich durch Ausſchneiden von Spänen an der Thür ſeines Hauſes. Bleibt dieſe Warnung erfolglos, ſo verſammelt ſich plötzlich in der Nacht eine Schar von mehreren hundert Männern und Burſchen vor dem Hauſe des Schuldigen, die aber nie von dem nämlichen Orte ſind, ſondern oft viele Meilen weit herkommen. Der Schuldige wird ſofort an's Fenſter oder auf die„Loabn“ citirt, worauf ihm einer von den Verſammelten in Knittelverſen ſein Sündenregiſter verlieſt. Dann folgt eine Katzenmuſik, worauf die Haberfeldtreiber ſich ſpurlos, wie ſie ge⸗ kommen, wieder zerſtreuen. Wir mußten zum Verſtändniß dieſe Worte voraus⸗ ſchicken und folgen nun der trefflichen Erzählung von Clemens Steyrer„Durch Irren zur Einſicht, ein Sitten⸗ bild aus dem ſüdbairiſchen Volksleben unſerer Tage.“ (Stuttgart, Verlag von Gebrüder Scheitlin.) Die Buchau iſt ein ſtilles Hochthal an der Tiroler Grenze. Grüne Waldhügel ſchließen ſie von allen Seiten ein und hoch darüber ragen erſt die ſchroffen, zerklüfteten Felsriffe des Hochgebirges, wodurch dieſes ſonſt ſo freundliche Thal einen mehr großartigen, beinahe wilden Charakter erhält. Ein friſches Forellenwaſſer rauſcht mit luſtigem Geplätſcher durch das Thal, um an deſſen Aus⸗ gange in ſchäumenden Kaskaden in die Tiefe zu ſtürzen, wo es noch etliche Mühlen treibt, dann aber in raſchem Laufe dem Inn entgegeneilt, der es mit Freuden in ſeine grünen Wellen aufnimmt und in die weite Ferne mit ſich hinausführt. Dieſer Bach theilt die Buchau in zwei, beinahe gleiche Hälften. An ſeinen Ufern, bis an die Berge hin, lagern fette Wieſen. Hier und dort ſteht ein Feld Weizen oder Türkenkorn, und dazwiſchen liegen die ſtattlichen Höfe der Einödbauern, welchen die ganze Buchau mit all' ihren prächtigen Wieſen und reichen, weitläufigen Bergwaldungen zu eigen iſt. Ungefähr ein Dutzend ſolcher Bergeinöden gibt es —:—— 118 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor in der Buchau. Jeder Hof iſt groß, ſtattlich gebaut und trägt ſeinen beſonderen Namen. Der hinterſte von den Buchauer Höfen iſt der Oedhof und ſein Beſitzer iſt ein ſtattlicher, großer Mann. Der ſchwarze Schnurrbart unter der gebogenen Naſe, die dunkeln, leuchtenden Augen geben ihm ein keckes, entſchloſſenes Ausſehen. Er iſt wohl der reichſte von allen Buchauer Bauern und als ein fleißiger, ordentlicher Mann bekannt. Mit der Oedbäuerin, ſeiner Frau, einem jungen kräftigen Weibe mit friſchen ſonnverbrannten Wangen, lebte er in glücklichſter Ehe. Aus Liebe hatte er ſie geheiratet, obſchon ſie ein blutarmes Mädchen geweſen war, er hatte indeß keine beſſere Wahl treffen können, denn ſie war fleißig, hielt Haus und Hof in Ordnung und ſtand bei allen gleich geachtet da. Ein zehn⸗ bis zwölfjähriges Mädchen, die Moidei (Marie)) eine hübſche friſche Dirne, war ihr einziges Kind, von beiden Eltern gleich geliebt. Außerdem lebte auf dem Oedhofe noch die Roſi, ein zwanzigjähriges Mädchen, des Oedbauers Schweſter, und der Waſt (Sebaſtian), ein um einige Jahre älterer Burſche, den der Oedbauer als kleines verwaiſtes Kind aufge⸗ nommen und wie ſeinen eigenen Sohn gehalten und großgezogen hatte. Der Oedbauer fühlte ſich glücklich, war heiter und lebensfroh. Und was wollte er auch weiter! Sein Hof war einer der größten, auf der Alm hatte er das meiſte Vieh weiden, ſeine Felder trugen reiche Ernten, und fuhr er zur Stadt ſo hatte er nicht nöthig, es auf ein paar Gulden anzuſehen. Nicht immer ſollte es ſo bleiben. Bei allem Glück hatte der Oedbauer einen unruhigen, leicht erregbaren Sinn, der ſich mit ſeinem Loſe noch nicht genügen ließ. Eine Eiſenbahn, welche erbaut wurde, führte in der Nähe des Dorfes durch. Die meiſten Buchauer Bauern ſahen mit Unwillen auf dies neue Wert und mochten nichts damit zu ſchaffen haben, denn ſie hielten es mit dem Alten. Was hatten ihre Väter von einer Eiſenbahn gewußt und hatten doch glücklich gelebt. Ein herunter⸗ gekommer, aber ſchlauer Menſch, Namens Schwindel, hatte den Bau der Eiſenbahn in jener Gegend in Akkord übernommen und wurde von den Bauern deßhalb der Akkordant genannt. Unter aufrichtiger, unſchuldiger Miene verſtand er es, ſich in des Oedbauers Vertrauen einzuſchleichen, und nur zu bald gelang ihm dies. Er kaufte dieſem für die Eiſenbahn viel Holz ab, welches dieſer in ſeinen weitläufigen Bergwaldungen ſchlagen ließ. Die guten Preiſe verlockten ihn, ſo viel war nie in dieſer Gegend für das Holz bezahlt und er überſah, daß er ſeine Waldungen durch dieſes übermäßige Aus⸗ holzen für lange Jahre nutzlos machte. Vergebens warnte ihn ſeine Frau vor dem Akkor⸗ danten, gegen den ſie von der erſten Stunde an, in der ſie ihn geſehen, ſofort ein unbezwingbares Mißtrauen gefaßt hatte, vergebens ſuchten ihn ſeine Nachbarn und Freunde zu überzeugen, daß er ſeine Waldungen zu Grunde richte. Er wollte nicht hören, die blanken Gulden, welche er für das Holz ausgezahlt erhielt, verblen deten ihn. Am gefährlichſten wirkte indeß der Umgang des Akkordanten ſelbſt auf ihn ein. Abſichtlich ſuchte ihn dieſer Menſch, der von vornherein den Plan gefaßt hatte, ihn zu Grunde zu richten, um den großen und reichen Oedhof in ſeine Hände zu bringen, zum Müßig⸗ gehen zu verleiten und die Leidenſchaften des Trunkes und des Spiels in ihm zu erwecken. Der Lotterieſchreiber des Ortes, ein Menſch von dem ſchlechteſten Rufe und ſein Freund und Genoſſe von früheren Zeiten, hatte ſich mit ihm zu dem Zwecke verbunden. Beiden gelang dies nur zu gut. Der Oedbauer, ſonſt fleißig und ordentlich, brachte jetzt Tage lang mit dem Akkordanten im Nichtsthun hin. Weßhalb ſollte er ſich auch quälen und mühen? Brachte ihm ſein Holzver⸗ kauf ohne Arbeit nicht mehr ein, als all ſeine Felder durch mehrjährige Ernten! Der Akkordant hatte ihm das Alles ſo einleuchtend vorgeſtellt und er hatte Recht. Er verdiente jetzt viel Geld, da durfte er auch etwas darauf gehen laſſen. Leicht gewonnen, leicht zerronnen! Mochten ihn jetzt auch ſeine Nachbarn und die Buchauer Bauern ſchief anſehen, weil er ſo viel mit dem Akkor⸗ danten lief, der war klüger als ſie alle. Und im Stillen ſchmeichelte es ihm auch, daß der ſtädtiſche Herr gerade ihn von allen Bauern der Buchau ſich zum Umgange erwählt, daß er mit ihm ſo freundlich that, als wäre er ſein Freund ſeit langen Jahren. Ein Bauer iſt mißtrauiſch und ſchließt ſich ſchwer an; iſt es indeß Jemand gelungen, ſein Vertrauen ein⸗ mal zu erwecken, ſo gibt er ſich demſelben blind hin und läßt ſich benutzen und leiten wie ein Kind. Das verſtand der Akkordant. Er hatte jetzt den Oedbauer einmal in ſeinen Händen, das wußte er recht wohl. „Martl,“ ſprach er zu ihm,„Du verdienſt jetzt durch den Holzverkauf ein ſchweres Geld, aber Du biſt ein Thor, daß Du es wie die anderen Bauern machſt und die blanken Gulden in den Koffer legſt. Dort liegen ſie nutzlos. Mit Geld iſt am leichteſten Geld zu verdienen, ſund wenn Ou ein geſcheiter Kerl wäreſt und Muth hätteſt, ſo könnteſt Du ohne Mühe das Doppelte und Dreifache mit Deinem Gelde verdienen. Ohne Arbeit, Martl, nur ein Bißchen Spekulation, aber ihr Bauern habt keinen Muth, und Du auch nicht, ſonſt könnte ich Dir ſchon behilflich ſein.“ Durch ſolche Reden fachte er die Habſucht in des Oedbauers Bruſt an und machte ihm immer mehr Luſt, das Glück durch Spekulation zu verſuchen, bis er endlich einwarf, er habe wohl Luſt, es einmal zu probiren, er wolle einige hundert oder tauſend Gulden daran wenden, wiſſe nur nicht, wie er es anfange. Hierauf hatte der Akkordant nur gewartet.„Ich hab' einen Plan für Dich, Martl,“ erwiederte er.„Ich ſollte ihn Dir eigentlich nicht ſagen, weil ich ihn ſpäter ſelbſt ausführen wollte, vox der Hand kann ich indeß nicht daran denken, da ich noch mit der Eiſenbahn zu ſchaffen habe, und ehe ein Anderer mir zuvorkommt, lieber gönne ich Dir den Gewinn, zumal da ich weiß, daß ein reicher Holzhändler in Tirol damit umgeht. Dem mußt Du zuvorkommen. Du kannſt ein reicher Mann dadurch werden und führſt ein angenehmes Leben dabei obenein.“ jeden herrli lang orde ſie e Dul der haul Aus denn friſch Wir aber verſt ußt Das Haberfeldtreiben 119 Der Oedbauer horchte aufmerkſam zu. „Du weißt,“ fuhr der Akkordant fort,„daß mit jedem Jahre mehr Städter hierher kommen, um dieſe herrliche Gegend zu beſchauen, ſie bleiben indeß ſelten lange, weil hier kein Wirthshaus iſt, in dem es ein ordentlicher Menſch auszuhalten vermag. Oder ſollen ſie etwa beim Huſarenwirth oben im Dorfe einkehren? Durch die Eiſenbahn, welche bald vollendet iſt, wird der Beſuch natürlich zunehmen, und wer's benutzt und baut ein Wirthshaus nahe an der Eiſenbahn, mit einer Ausſicht in dies Thal, der wird ein reicher Mann werden, denn an Gäſten kann's ihm nimmer fehlen; die Sommer⸗ friſchler mehren ſich ja mit jedem Jahre.“ Der Gedanke leuchtete dem Oedbauer ein. Ein Wirthshaus an der Eiſenbahn— das mußte rentiren, aber er war ja kein Wirth und warf deßhalb ein:„Ich verſtehe nur nichts davon.“ „Was willſt Du denn groß verſtehen!“ rief der Akkordant lachend.„Du ſollſt Deinen Gäſten nicht ſelbſt aufwarten, aber Dich zu ihnen ſetzen, ſie unterhalten und angenehm mit ihnen ſchwatzen, dazu biſt Du der rechte Mann, weil Du der geſcheiteſte unter allen Buchauer Bauern biſt und weißt, wie ein Städter behandelt werden muß. Sieh;, ich bin auch kein Wirth, aber wär jetzt mein Akkord zu Ende, ich baute das Wirthshaus und Niemand ſollte ſich wohler befinden wie ich.“ Der Oedbauer hatte Luſt zu dem Plane und zugleich fürchtete er ſich wieder vor ſolch' großem Unternehmen. Er warf ein, daß er keineswegs ſo viel Geld habe, als jener glaube, ein paar tauſend Gulden ſeien ſeine ganze Baarſchaft. Vergebens ſuchte ihn der Akkordant in ſcheinbar uneigennütziger Weiſe zu dem Unternehmen zu überreden und trank dem Bauer, der des Trinkens wenig gewöhnt war, immer tüchtiger zu. „Du biſt aber auch ein Menſch, Martl,“ rief er endlich,„der ſich nichts zu unternehmen traut, und bleibſt lieber Dein Lebtag ein geſchundener Bauer, eh Du ein paar Gulden d'ran wagen möchteſt, die Dich ſicherlich in etlichen Jahren zu einem Herrn machen! Nun, mir iſt's einerlei, und ich rede Dir auch nimmer zu. Ich hab⸗ ja keinen Nutzen davon, ob Du auf meinen Rath achteſt oder nicht; aber Schuld will ich auch keine haben, und einen Vorwurf noch weniger, wenn der Holzhändler den Gewinn in die Taſche ſteckt, den Du ſo leicht hätteſt haben können. Verſtanden?“ Mit dieſen Worten beſchloß jetzt der Akkordant ſoeben eine längere Rede, die er mit großer Lebhaftigkeit ſeinem ungläubigen Nachbar gehalten hatte, und that darauf einen langen Zug aus dem Weinglaſe, das vor ihm ſtand, um hierdurch ſeinen Aerger hinunterzuſchlucken. Der Bauer ſah jetzt dem Sprecher ein wenig verblüfft in’s Geſicht. „No, werden S' mir nur nöt gleich ſo viel un⸗ wirſch, Herr Akkordant,“ meinte er mit gutmüthigem Lächeln,„daß Sie's gut meinen, ſo viel mag ich ſchon derſeh'n. Aber ſo ein Geſchäft, das laßt ſich halt auch nöt g'rad über's Knie abbrechen; das braucht ſchon ein boiß Nachdenken. Der Holzhändler kann leicht was unter⸗ nehmen: der hat Geld grad genug, und bald ihm einmal was nöt grecht ausgeht, aft iſt's dabei auch noch nöt ſoweit gefehlt. Bei Unſereinem war das aber was anderes, der ſteckt ſein Biſſel Geld in ſo eine Geſchicht, und bald's nachher krumm geht, ſo verdirbt er.“ „Es geht aber nicht krumm, Oederl“ warf hier der Andere ärgerlich ein—„denk an mich, ich hab's geſagt! In etlichen Jahren haſt Du Dein Geld zehnfach wieder herin! Aber dazuthun mußt Du, und nicht lange hin und her ſinniren; aus einem Zweifelskrämer iſt noch nie was Rechtes worden.“ Der Bauer ſchwieg jetzt und ſann eine geraume Weile für ſich hin; dabei blies er mit vollen Backen in ſeine Cigarre, daß die Rauchwolken blau und dick in die Höhe ſtiegen. „Und auf 12.000 Gulden alſo ſagen S käm der Hausſtock, bis daß er vollends fertig war?“ fragte er endlich wieder einlenkend. „Mit aller Einrichtung allerdings ungefähr ſo hoch!“ verſetzte Schwindel, ‚„vielleicht auch ein paar hundert Gulden mehr oder weniger: ſo ganz genau läßt ſich dies im Vornhinein nicht ſagen. Aber iſt denn das ein Geld, Oeder? für einen Bauer wie Du, der den größten Hof hat, und dem ein Jeder leiht, was er nur braucht?“ Der Oeder ſchwieg wiederum eine Weile, er ſetzte ſein Weinglas an, that einen tüchtigen Schluck daraus und ſtellte es dann wieder auf den Tiſch, indem er ſich dabei bedächtig hinter den Ohren kratzte. „Sie reden da vom Leihen, Herr Schwindel“ meinte er zuletzt,„das wär wohl nöt unrecht, bald s8 ſo leicht ging, was man meint. Aber bei uns herin leiht nöt gern Einer was her, und wann auch Einer möcht' nachher hat er nöt ſo viel, daß er was ausleihen kann. Ich wüßt mir keinen von all unſeren Bauern, der mir was gäb, bald ich auch heut' in den Fall käm.. Und was ich ſelber hab', das bedeut' nöt viel. Ein Bauernmenſch mag ſich weiter nöt viel erſparen in den harten Zeiten, und bald ebber auch was Weniges übrig hat, das braucht er einmal zu viel nothwendig für Haus und Hof,; denn dorten gibt's alleweile was zu richten und herzuſtellen. Sie dürfen mzeborner laghen Herr Akkordant— die paar ſeci, ein noch ziemlich junger jetzt mit den Holzliekr. Die Zeit des Frühſtücks iſt mein baares Geld Zeit während des ganzen Tages für mich umkehren thér. Iſt dasſelbe um neun Uhr beendet ich auch gern her orreſpondenz geleſen, ſo tritt der Kar⸗ ich nöt aus, und ein, der aus dem oberen Stockwerke — aber 12.00 ontonelli iſt unterwürfig, aber dabei feſt, Koſten und nachher ad nicht in Verlegenheit zu bringen, und nöt einmal GrundſteRath. Pius IX. kann ihn nicht „Zu was denn auch Cadre, Beatissimo Padre zu hier der Akkordant lachend, ineicheln wie der beſte Hof. glas hellklirrend an das des A, ſeine Detail⸗Kenntniß doch kaum der Rede werth. Ein pht es, ſich beliebt und Land, damit die Fremden ihr Feuolitiſche Unterhaltung eſſen im Freien haben können; ein kleiwährt ein oder zwei Hauſe, das iſt aber auch Alles, was denen Antonelli auf wüßt' ich nichts, zu was wir Grundſtückerbrechen ſie bis 16 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. „Ja da können wir ja nöt einmal ein Stück Kuhvieh halten?“ wandte der Oeder mit bedenklicher Miene ein. „Das iſt ja auch gar nicht nothwendig, Martl,“ fuhr der Andere eifrig fort,„haſt Du denn an Deinem Hofe noch nicht genug? Wenn auch im Sommer das meiſte Vieh auf der Alm iſt, ſo viel habt ihr ja doch immer noch daheim, daß ein paar Dutzend Sommer⸗ friſchler zum Kaffee ihre Milch bekommen!“ Der Oedbauer ſchüttelte bedenklich den Kopf. „Na, beileib nöt, Herr Schwindell“ verſicherte er offenherzig,„ſo viel gibt's nit ab. Sind uns einmal zu viel Leut daheim!“ „Nun in Gottes Namen, dann iſt's auch noch nicht ſo weit gefehlt!“ lachte der Akkordant,„dann ſchüttet man halt Waſſer darunter; auf dieſe Art wird's dann ſchon mehr!“ Dieſer Vorſchlag war dem Oeder bis jetzt zwar neu, aber er leuchtete ihm nichts deſto weniger vor⸗ trefflich ein. Mit großen Augen ſtarrte er jetzt dem ge⸗ ſcheiten Herrn eine Weile in's Geſicht, und nur ein einzi⸗ ger Punkt ſchien ihm noch ein wenig Bedenken zu erregen. „Ja, das wär Alles g'recht—,“ meinte er nämlich nach einer kleinen Pauſe,„aber merken denn das die herriſchen Leut' nöt, bald ſ' anſtatt der guten Milch grad Waſſer zu trinken kriegen?“ „Sie wiſſen's ja nicht beſſer, Martl!“ belehrte der Akkordant mit ſpöttiſchem Lächeln.„Und wenn ſie's auch merken, was liegt daran? Bezahlen müſſen ſie doch. In der Stadt macht das ein Jeder ſo; da wird nicht allein bei der Milch betrogen— das wäre noch das wenigſte— in größern Dingen macht es ein kluger Wirth gerade ſo, das gehört zum ſchwunghaften Betrieb und verſteht ſich von ſelber.“ Der Bauer mußte jetzt hell auflachen über dieſe Geſcheitheit ſeines Freundes.„Ja da ſchau her, was Einer nöt noch alles lernen kann, bald er's mit g'ſtudirten Leuten zu thun hat,“ rief er luſtig aus, und trank dabei ein neues Glas bis auf den Rand leer—„trinken S“, Herr Akkordant! trinken S zul Sie warn ebber doch ſchon ein rarer Herr, der ſeine Sach verſteht. Ja, was W9.lage pilneneribin Soch ſo vie gut auszuichte der Akkordant genannt. Unter Reichwerden freilich kein Miene verſtand er es, ſich in des Ocd„„* einzuſchleichen, und nur zu bald gelvöhnlich Rart. Ein kaufte dieſem für die Eiſenbahn viel leer geworden, und dieſer in ſeinen weitläufigen Bergwalch ein brittes voll ließ. Die guten Preiſe verlockten ihn, man ſich umfah. in dieſer Gegend für das Holz bezablen Trinken hinein. daß er ſeine Waldungen durch dioa Akkordanten ſchon holzen für lange Jahre nutzlos,„e ſich ſeine Luſtbarkeit Vergebens warnte ihm ihm der Wein zu munden, danten, gegen den ſie von 8 um das andere. Sch windel ſie ihn gefehen ſofort mit ſpöttiſchem Lächeln, wie ſich cfaßt an vergeben Oeders von Minute zu Minute 0..7 21. Praundo d Arſnu ſah, wie ſeine Augen erſt allmälig Grunde runt. Er wen und dann immer lebhafter und welche er für das während die Zunge mit jedem neuen . rd. deten ihn. war „Sakra, das war aber ein Wein!“ rief jetzt der Bauer auf einmal mit ſolch' durchdringender Stimme, daß ſich das Mädel am Fenſter erſchreckt umwandte und ſchier ein wenig ärgerlich herſah über dieſe unliebe Störung der ſonntäglichen Roſenkranzfeier.„Herr Ak⸗ kordant, trinken S! Wir ſind nöt alle Tage ſo beiſamm' wie heut. Laſſen S Ihnen die Zeit nöt reuen, wo Sie bei mir ſind, und daß Sie's grad wiſſen, ich bin kein Menſch nöt, der ſich was fürchtet, wenn es wagen heißt. Schlagen S ein, Herr Schwindell Die Hand darauf, ich bin bei Allem dabei! Bauen wir den Hausſtock! In Gottes Namen, die paar tauſend Gulden werden mich auch nöt zu Grunde richten. Sagen S nur frei heraus, was Sie brauchen! Was ich hab', das gib ich her— und wenn's nimmer gllangt— in Gottes Nam aft müſſen wir ſuchen, wo wir was aufnehmen können! Iſt's recht jetzt, Herr Akkordant?“ Schwindel horchte hoch auf bei dieſen Worten ſeines Freundes. Der raſche Entſchluß des Bauers ſchien ihm ein wenig unerwartet zu kommen; denn wenn er auch nicht daran gezweifelt hatte, daß der Oeder all⸗ mälig auf ſeine Pläne eingehen werde, ſo hatte er ſich dies doch nicht ſo ſchnell erwartet. „Ob mirs recht iſt, Oeder?“ fragte er jetzt mit anſcheinender Ruhe,„das iſt eine ſonderbare Rede. Ich hab' ja nichts davon, wenn Du das Wirthshaus her⸗ ſtellſt; Dein Nutzen iſt es, aber nicht der meinige. Doch, damit Du ſiehſt, wie gut ich es mit Deinem Glück im Sinn hab, will ich Dir jetzt was anderes ſagen. Schau, Martl, es freut mich von Dir, zu ſehen, daß Du einen Sinn haſt zum Spekuliren und ich will Dir darum auch an die Hand gehen, ſo viel ich kann. Du ſagſt, daß Du das Kapital, was Du zur Zeit baar daheim liegen haſt, für das neue Unternehmen hergeben willſt. Es iſt nicht viel; ich weiß das. Aber Dein guter Wille iſt werth, daß man ihn belohnt. Gut alſo— wenn Du allen Ernſtes im Sinne haſt, mit dem Bau anzufangen— und wenn es nicht am Ende blos der Wein iſt, der Dich jetzt auf einmal ſo kuraſchirt macht: ſo laſſ' uns gleich in dieſem Monat noch anfangen! Spendir Du Dein Geld, das Du entbehren kannſt. Für's Erſte reicht es aus, und was dann darüber iſt, um das brauchſt Du zu keinem Fremden zu geh'n: das leih' ich Dir, Martll Die Hand darauf, es ſoll mein Ernſt ſein!“ Mit einem tüchtigen Rauſche kam Martl zum Schrecken der Oedbäuerin heim. So hatte ſie ihn noch nie geſehen, ſie war indeß eine zu kluge Frau, um gro⸗ ßes Aufſehen darüber zu machen. Still brachte ſie ihn zur Ruhe, ein Rauſch ließ ſich ausſchlafen. Aber weniger wollte es ihr gefallen, daß ihr Mann mit dem Akkor⸗ danten ſo viel Umgang pflog, deſſen nachtheilige Folgen ſie ſchon jetzt tief und bitter empfand. Der Friede im Hauſe war dahin, die Luſt zur Arbeit war bei ihrem Manne geſchwunden. Halbe Nächte ſaß er mit dem Schwindell und dem Lotterieſchreiber und tarokte, er verlor viel Geld beim Spiel, das er früher nur dem Namen nach gekannt hatte, und wenn er dann heim kam, ärgerte ihn ſein Verluſt, er ſchämte ſich ſeines Le⸗ bens, beſaß indeß zu wenig Kraft, da der Akkordant darauf dt. In n mich deraus, ger— i aſt nnen! vorten ſchien un er 3 all⸗ er ſich 6t mit de. Ich zum noch n gro⸗ ſie ihn eniger Akkor⸗ Folgen de im ihrem dem te, er dem heim es L⸗ ordant ſtets als Verführer hinter ihm ſtand, um ein neues Le⸗ ben zu beginnen. Dies Alles machte ihn verdroſſen und barſch. Und dieſer Zuſtand ſteigerte ſich noch, als der Bau des Wirthshauſes, den der Akkordant ganz leitete, einmal begonnen war, und ſeine paar tauſend Gulden in kurzer Zeit verſchwanden. Nun hieß es Rath ſchaffen. Seinen Unwillen und ſeinen Aerger ſuchte er nun meiſt im Wein zu vertrinken. Das half noch weniger. Seine Nachbarn ſchüttelten über ihn den Kopf. Er wollte zu hoch hinaus und doch ſahen ſie, wie er mit jedem Tage weiter zurück kam. Sie wichen ihm aus, da ſie nichts mehr mit ihm zu ſchaffen haben mochten, ſeitdem der Menſch, der Akkordant, ſein vertrauter Freund war und er ſich nicht ſchämte, mit ihm und dem Lotterieſchreiber in der verrufenen Marketenderhütte, welche nur für die Eiſenbahnarbeiter erbaut war und von keinem ordent⸗ lichen Mann beſucht wurde, die Nächte beim Tarokſpiel zuzubringen. Das konnte zu nichts Gutem führen. Der Akkordant rückte ſeinem Plane immer näher. Den Oedbauer hatte er jetzt ganz in ſeiner Gewalt, der konnte ihm nicht mehr entgehen, und ſeine Schweſter, die friſche Koſi, auf die er ein Auge geworfen, war ihm gewogen. Das hatte er längſt gemerkt, als er auf einer Bauernhochzeit mit ihr tanzte, und wenn er ſie auf der Alm, auf der ſie den Sommer über war, beſuchte. Auch dem Mädchen war der Hochmuthsteufel in den Kopf gefahren. Den Waſt, der ſie innig liebte, und den auch der Oedbauer wie ſeine Frau am liebſten als ihren Mann geſehen hätten, weil er ein ordentlicher Burſch war, verſchmähte ſie, überhaupt war ihr jeder Bauerburſch zu gering. Ein Städter mußte es ſein und der Akkordant hatte ſie ganz zu bethören gewußt. Herz und Hand verſprach ſie ihm. Schwindel jubelte. Daß die Oedbäuerin gegen ihn war, wußte er, das kümmerte ihn indeß nicht, denn ihren Mann hatte er in Händen, der mußte Ja ſagen, wenn er um die Roſi warb. Und ſo kam es. Der Oedbauer konnte und durfte die Wer⸗ bung nicht zurückweiſen. Roſi war ſeine Verlobte. Auch über die Mitgift des Mädchens war Alles ins Reine gebracht. Als bäterliches Erbtheil bekam ſie 6000 Gulden, welche auf dem Hofe des Oedbauers als Hypothek ſtanden; die ſollte er ſpäter auszahlen. Der Akkordant wies dagegen als ſein Vermögen zwei Schuld⸗ ſcheine auf, welche von dem reichen Tiroler Holzhändler ausgeſtellt waren und ziemlich dieſelbe Summe betru⸗ gen. Zur Ausbildung ſollte die Roſi auf ein halbes Jahr in die Stadt gehen, und auch hiermit war ſie zu⸗ frieden, ſie war ſtolz darauf, eine Dame zu werden. Das Treiben auf dem Oedhofe hatte längſt den Unwillen der Bauern in der Buchau erregt. Dazu kam noch der Roſi Verlobung mit dem Akkordanten und des Mädchens Hochmuth, das ſich von allen anderen Mädchen beneidet glaubte. (Schluß folgt.) Erinnerungen. LXXXII. 18561. ¹ Aus dem täglichen Leben des Papſtes. 121 Das tägliche Leben des Papſtes. eber das tägliche Leben des Papſtes brachte das Magazin für die Literatur des Auslandes 38 nach dem Temps intereſſante Nachrichten, die wir hier im Auszuge unſeren Leſern mittheilen. G Um ſechs Uhr Morgens ſteht Pius 1X 3 auf und begiebt ſich in ſein Zimmer im Vatikan. Die Privatgemächer des Vatikans ſind ſämmtlich ſehl ſchön, reich vergoldet und mit Seide ausgeſtattet. Auf fallend könnte erſcheinen, daß ſie durchgehends nur einfache und ſelbſt ärmliche alte Schemel von bemaltem Holz ſtatt der Stühle haben. Die apoſtoliſche Demuth geſtattet keine Stühle. So iſt es auch auf dem Quiri nal, zu Caſtel Gandolfo und in allen päpſtlichen Reſi⸗ denzen. Um ſieben Uhr lieſt der Papſt in einer zur Seite ſeines Schlafzimmers gelegenen Kapelle die Meſſe Dasſelbe pflegen die meiſten Kardinäle und Biſchöfe zu thun. Sobald ein Prälat in Rom ein möblirtes Quartier bezieht, ſtellt er ſeinen kleinen tragbaren Altar in einen Schrank und lieſt die Meſſe daran. Der Kam⸗ merdiener dient als Miniſtrant. Beim Papſt iſt de Kammerdiener oder Cameriere ein Prälat, Prieſter oder Diakon. Es gibt im Vatikan zehn geheime Camerieri, Kammerherren und Prälaten des Palaſt⸗Dienſtes. Die vertrauteſten ſind in der Ordnung, wie ſie nach ihrem Alter kommen, die Monſignori Stella, de Mérode, Talbot, Ricci. Dieſe vier ſind ſtets um den Papſt, um ihm Geſellſchaft zu leiſten, ihn zu unterhalten, ſo gut ſie es vermögen, ſelbſt in ſcherzhafter Weiſe, denn im Privatleben iſt Pius IX. immer zufrieden und lächelnd. Um acht nimmt der Papſt das Frühſtück, welches aus Kaffee mit Sahne und einigem Backwerk beſteht. Dem Frühſtück wohnt nur Monſignor Stella bei, der dabei die Korreſpondenz öffnet und ſie vorlieſt oder auch nur einen Auszug daraus gibt. Stella iſt bereits ein Geiſt⸗ licher von einigen ſechszig Jahren, des Papſtes ehema⸗ liger Sekretär in deſſen Bisthum Imola, ein vertrauter Freund, und faſt könnte man ſagen, Kamerad des Papſtes, wenn ein Papſt Kameraden haben dürfte. Monſignor de Mérode iſt ein geborner Belgier, Talbot ein Engländer, und Ricci, ein noch ziemlich junger Mann, ein Italiener. Die Zeit des Frühſtücks iſt die gemüthlichſte Zeit während des ganzen Tages für den heiligen Vater. Iſt dasſelbe um neun Uhr beendet und die Privatkorreſpondenz geleſen, ſo tritt der Kar⸗ dinal Antonelli ein, der aus dem oberen Stockwerke herabkommt. Antonelli iſt unterwürfig, aber dabei feſt, ſanft, ſehr ſicher und nicht in Verlegenheit zu bringen, denn er weiß zu Allem Rath. Pius 1X. kann ihn nicht entbehren. Er iſt Santo Padre, Beatissimo Padre zu jeder Zeit, verſteht zu ſchmeicheln wie der beſte Hof⸗ mann, preiſt des Papſtes Geiſt, ſeine Detail⸗Kenntniß der Geſchäfte,— kurz, er verſteht es, ſich beliebt und unentbehrlich zu machen.— Die politiſche Unterhaltung des Papſtes mit ſeinem Miniſter währt ein oder zwei Stunden. Die Kammerherren, mit denen Antonelli auf ſehr gemüthlichem Fuße ſteht, unterbrechen ſie bis 16 122 J Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. weilen. Gegen eilf Uhr beginnen die Audienzen. Pu⸗ blikum findet ſich ſtets dazu ein, denn die verſchieden⸗ ſten Angelegenheiten werden vor den heiligen Vater gebracht und Pius IX. macht wenige Schwierigkeiten. Er ſitzt bei den Audienzen, ganz weiß gekleidet, auf einem Armſeſſel mit hoher Lehne. Vor ihm ſteht ein Tiſch. Jeder Vorgelaſſene macht drei Kniebeugungen. Der Pantoffel wird für gewöhnlich nicht geküßt, nur wenn man abtritt, wird der Ring geküßt. In der Regel ſpricht Pius IX. nur wenige, zwei oder drei Worte in der Sprache, in welcher er angeredet wird, d. h. italie⸗ niſch, franzöſiſch oder ſpaniſch. Engliſch und deutſch iſt ihm nicht geläufig und für dieſe beiden Sprachen iſt ein Dolmetſcher erforderlich. Franzöſiſch ſpricht der Papſt ziemlich gut, nur miſcht er jeden Augenblick ita⸗ lieniſche Wörter hinein. Zu Zeiten unterzeichnet er in voller Sitzung Indulgenzgeſuche, welche ihm ſchriftlich überreicht werden. Solche Geſuche ſind ſehr häufig, und manche Perſonen ſuchen nicht blos um Indulgenz im letzten Augenblicke für ſich, ſondern auch für ihre Kinder und ſelbſt für Verwandte bis in's dritte Glied nach. Mit Bereitwilligkeit zeichnet der heilige Vater meiſt unten hin:„Fiat. Pio Nono.“ Jetzt werden ihm häufig Geld und Beileidsadreſſen überreicht und er ſchreibt dann unten an den Rand der letzteren:„Im- pleat vos Dominus gratia,“„benedicat te Deus et tuam familiam“, oder einige andere wohlwollende Worte. Dabei ſitzt er ſtets ruhig, lächelnd da, und trotzt ſo oft der mächtigſten Aufregung, welche ihn umgibt. Um zwei Uhr beginnt das Mittagsmahl. Der Papſt ißt ſtets allein an einer erhöhten Tafel. Speiſen andere mit, was indeß ſelten geſchieht, ſo eſſen die Gäſte, ſelbſt Fürſten und Könige, an getrennten, tiefer ſtehenden Tiſchen. Eben ſo geht es bei Generalen zu, wenn dieſe zur Tafel gezogen werden. Es wird dann indeß nicht im Vatikan, ſondern im Kaſino des Gartens geſpeiſt. Die Einſamkeit des päpſtlichen Mahles wird ſtets ſtreng feſtgehalten und wie etwas Heiliges betrachtet. Nach dem Mahle hält der Papſt, wie die ganze vornehme Welt in Rom ſeine Sieſta. Um dieſe Zeit iſt kein Kar⸗ dinal zu ſprechen, die Antwort ſeines Dieners lautet Um fünf Uhr Nachmittags findet die Spazierfahrt ſtatt. Sie iſt im⸗ mer feierlich, immer mit Nobelgarden, welche daher galoppiren, immer mit Lakaien, Camerieri und anderen Monſignori, immer mit Benediktionen. Die päpſtliche Kutſche fährt gewöhnlich außerhalb der Stadt, um dem allzuhäufigen Begegnen von Leuten und den Segnun⸗ gen auszuweichen. Dort fährt der heilige Vater oft auf den einſamſten Wegen. Die ihm Begegnenden knieen, wie es Gebrauch iſt, nieder, und es iſt ſchwer, wenn nicht zu viel Menſchen zugegen ſind, ſich dieſem Gebrauche zu entziehen. Nur die Fremden bleiben gewöhnlich ſtehen und grüßen nur durch eine Verbeu⸗ gung. Die Römer knieen faſt alle nieder. Das gewöhn⸗ liche Volk pflegt, während der Papſt es ſegnet, mit den Fingern in der Höhe des Magens ein Hörnchen zu machen, um vor ſeinem böſen Blicke bewahrt zu blei⸗ ben, denn es geht unter ihm das eigenthümliche Ge⸗ ſtets:„La ma Eminenza riposa.“ rücht, daß Pius IX. einen böſen Blick habe, daß er Unglück habe und Unglück bringe, ſelbſt durch ſeinen Blick während der Benediktionen. Das Hörnchen ſoll dagegen ſchützen, wie es überhaupt den Teufel und das Böſe vertreibt. Es gibt in Rom nicht ein Haus, nicht ein Zimmer, in denen es nicht Hörner gebe, aus Mar⸗ mor, Erz, natürliche, oft in rieſigen Größen. Das Horn iſt das römiſche Krucifix. Geht ein Prieſter vorbei, ſo macht eine gute Römerin verſtohlen ihr Hörnchen unter der Schürze, iſt es ein Jeſuit, aber zwei. Nach der Spazierfahrt nimmt Pius IX. um ſieben Uhr ein leichtes Abendbrod, la cena, zu ſich, gibt dann noch einmal Audienzen und ſpielt zum Schluß des Tages eine Partie Billard. Um zehn Uhr verlöſchen die Lichter im Vatikan. Der heilige Vater iſt zur Ruhe gegangen. Aus dem deutſchen Epigrammenſchatze. (Doderich Benedix iſt auf den guten Gedanken gekommen, eine„Sammlung deutſcher Epi⸗ veßgramme“(Leipzig, bei Hartknoch) zu veranſtal⸗ — ten und hat ihn gut ausgeführt. Wir glauben 8 das Buch nicht beſſer empfehlen zu können, als indem wir einige der weniger bekannten Epi⸗ gramme, die wir darin gefunden haben, an einander reihen. Verlangt unſeren Leſern nach Mehrerem, ſo mögen ſie ſich an die Quelle halten. Vater und Sohn. Wer ſich den Vater zum Rechtsfreund wählt, Der iſt fürwahr recht ſehr zu bedauern, Er verliert den Proceß und verliert ſein Geld. Doch wenn ihn der Gram darüber dann quält, Und er an den Sohn, den Arzt, ſich nun hält, Wird er den Verluſt nicht lange betrauern. Süßer Tod eines Arithmetikers. Ginge jeder ſo wie er Seinem Richter ohne Furcht entgegen! Ihm fällt's ſicherlich nicht ſchwer Jenſeits ſeine Rechnung abzulegen. Der Zerſtreute. Zu meiner großen Plage Muß ich ſchon dreißig Tage In tiefer Trauer geh'n Und weiß nicht mehr für wen. Ein Mann ein Wort. „Dein Nachbar will Dein Unglück, Till,“ Sprach Theodat Der Advokat, h. 8* 1 Sultan Abdul Aziz Krönungsfeier. „Ich aber will Dein Beſtes, Till!“ Er hielt ſein Wort Tills Geld iſt fort. Triumph der Dunkelheit. Er hat es weit im Denken gebracht, Er verſteht ſchon halb, was er ſelber gedacht. Und was er verſteht halb kann er dir's ſagen, Mit den Worten magſt du dich weiter plagen. Alles und Nichts. Eliſe hat eine Geſtalt zum Entzücken, Eliſe hat Feuer in ihren Blicken, Eliſe hat Zähne wie Elfenbein, Eliſe hat Füßchen zierlich und klein, Eliſe hat eine ſchneeweiße Hand, Eliſe hat Anmuth, Witz und Verſtand. Eliſe hat alles, was ſchön auf der Welt— Nur hat Eliſe leider kein Geld! Wohl jammerſchade iſt's in der That, Daß die arme Eliſe ſo gar nichts hat. Nach einem Zanke. Klothilde, du biſt eben So ſchön als wunderlich; Man kann nicht ohne dich Und auch nicht mit dir leben. Gebet einer Frau. Nicht länger iſt es zu ertragen Mit meinem böſen Mann; Ach geſtern hat er mich geſchlagen, Daß ich nicht ſtehen kann. Gott, ende einmal meine Leiden, Zerreiß dies läſtge Band, Nimm zu dir eines von uns beiden, Ich ziehe dann auf's Land. Der Erbgraf. Graf Ubaldo, reich an Renten, Arm an geiſtigen Talenten, Fröhnt dem Spiel, der Jagd, dem Wein— Und dem Luxus ganz allein. Dreißig Ahnen, längſt verſtorben, Haben ihm das Recht erworben Unnütz auf der Welt zu ſein. Paſtor Duns. Nur drei Mal träht der Hahn und ſtracks erwacht St. Peter Der ſchwere Sünder auf ſein Schrei'n. Zwei ganze Stunden kräht Herr Duns, der Bußtrompeter Und alle Sünder ſchlafen ein. Friſches Ei gutes Ei. Enthuſiasmus vergleich' ich gern Der Auſter, meine lieben Herrn, Die, wenn ihr ſie nicht friſch genoßt, Wahrhaftig iſt eine ſchlechte Koſt. Begeiſt rung iſt keine Heringswaare, Die man einpöckelt auf einige Jahre. Mißdeutung. A. Der Bundestag hat wie ein Leu gebrüllt, Seid ihr von Grauſen, Deutſche, nicht erfüllt? Macht euch gefaßt auf unerhörte Dinge, Er geht umher und ſucht, wen er verſchlinge! B. Nicht doch, es war kein Brüllen, wie ihr wähnt, Der Bundestag hat nur ſehr laut gegähnt; Denn auf der Bärenhaut der Protokolle Sich wiegend, ſpielt er ſchlafend ſeine Rolle. Das letzte Epigramm iſt nicht von 1861, ſondern von 1819, und hat keinen Demokraten, ſondern Auguſt Wilhelm v. Schlegel zum Verfaſſer. Des Sultans Abdul Aziz Krönungsfeier. ND rönungsfeierlichkeiten ſind in Deutſchland nichts Seltenes, die Thronbeſteigung eines Sultans G bietet indeß ſo viel Neues und Intereſſantes dar, daß wir nicht umhin können, unſern Leſern des S neuen Sultans Abdul Aziz Inthroniſation zu O ſchildern. Sie fand am 5. Juli ſtatt. Eine un⸗ geheure Menſchenmenge hatte ſich dazu verſammelt und der heiterſte Himmel wölbte ſich über ihnen. Der Sultan verließ Morgens um eilf Uhr auf einem prachtvollen, von 26 Ruderern geführten Gala⸗Kaik unter dem Don⸗ ner der Geſchütze der vor dem Palaſt Dolma⸗Bagtſche ankernden Kriegsſchiffe den Palaſt. Drei große Kaiks fuhren vor, zwei hinter des Sultans Fahrzeug, das an Reichthum und Pracht kaum zu übertreffen iſt. Es iſt weiß mit reicher Vergoldung. Ein großer vergoldeter Vogel prangt an dem kunſtvoll geſchnitzten Vordertheil, auf dem Hintertheil erhebt ſich der Thron, mit Sammet bedeckt, von einem Baldachin überdacht, der von Pfeilern aus vergoldetem Silber getragen wird. Eine Menge der koſtbarſten Fahrzeuge hatten ſich vor der Einfahrt in den Hafen von Konſtantinopel und in dem goldenen Horn verſammelt. Ein bezaubernder Anblick. Aus dem Phanar, wo die bulgariſche Kirche erbaut werden ſoll, prangte ein herrlicher Triumphbogen. Die Kriegsſchiffe waren be⸗ flaggt und bewimpelt, und Kanonendonner und das laute Hurrah der in den Raagen aufgeſtellten Matroſen begrüßte das Fahrzeug des Sultans. Am Mittag lan⸗ dete der Sultan bei Ejub und ging in die Moſchee und dann in das Mauſoleum des Kriegers, der einſt des Propheten Standartenträger geweſen war. Dort in der Turbé, in der des Helden Aſche ruht, wurde der Sultan⸗ mit dem Säbel Osmans umgürtet. Nachdem dieſe Ce⸗ remonie vollendet war, verrichtete der Großherr in der 16* Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Heimkehr von der Verſammlung der Land⸗ und Forſtwirthe. Bäuerin:„He, Vetter, ſagt's mir e' mal, für bekommen?“ Bauer:„No Bäuerin:„A ſchad daille bekommen.“ weil er an dicken Schädel hat.“ Moſchee ſein Mittagsgebet und beſtieg darauf das be⸗ reitſtehende reichgeſchirrte Pferd, um nach Edisné⸗Kapu zu reiten. Den prachtvollſten Anblick gewährte der Krö⸗ nungszug auf der Straße von Ejub. Hundertjährige Platanen und Cypreſſen beſchatten den Weg. Dem Zuge vworan wurden acht reichgeſchirrte Handpferde geführt, dann kamen die Stabsofficiere und Generale bis zum Rang des Brigadiers, Civilbeamte vom Rang der Ulahs und Bolas, der erſte und zweite Palaſt⸗Jmam, die Muftis und Ulemas erſter und zweiter Klaſſe, hohe Beamte, die Marſchälle, die Schwiegerſöhne des verſtorbenen Sul⸗ tans, oie Miniſter, die ehemaligen Großweſſiere und der Scheich⸗ul⸗Islam ſämmtlich in Gala und zu Pferde. „Dann kamen abermals ſechs prachtvolle Handpferde, Bimbaſchis und Stabsofficiere zu beiden Seiten gehend. Ihnen folgten die Hellebardenträger in reicher Gala⸗ Uniform, mit Federbüſchen auf den Helmen, dann kam der Sultan im kaiſerlichen Mantel, eine Diamanten⸗ agraffe' am Fes, den Säbel mit koſtbaren Steinen be⸗ ſetzt. Hinter dem Großherrn kamen die Kämmerer, Se⸗ kretäre, Palaſtofficiere und Beamte des Finanzminiſte⸗ riums, welche kleine Münzen mit dem Gepräge des neuen V I ¶M was hat denn Cuer Stier eigentlich die ſilberne Medaille daß mein Mann nicht zur Ausſtellung g'angen is, der hatt' g'wiß eine goldene Me⸗ Großherrn unter das Volk auswarfen. Die ſonſt ſo ſtille Vorſtadt Ejub war mit Menſchen überfüllt. Auf den längs der Häuſer errichteten Tribünen glänzten türkiſche und chriſtliche Frauen im reichſten Schmucke. Für das diplomatiſche Korps waren beſondere Zelte auf einer Anhöhe aufgeſchlagen. Bei der Moſchee ſtanden die Marine⸗Infanterie und die Mannſchaften der Flotte mit ihren Muſikkorps, dann die Zöglinge der nautiſchen, mediciniſchen und Militärſchule. Von Edisné⸗Kapu be⸗ gab ſich der Sultan zu den Mauſoleen der Sultane Mohammed II. und Mahmud, betete dort und nahm darauf im Palaſt von Top⸗Kapu die Glückwünſche der Miniſter und Großwürdenträger entgegen. Um fünf Uhr Nachmittags kehrte der Großherr unter demſelben Kanonendonner und Hurrahs der Ma⸗ teoſen und des Volkes in ſeinem Gala⸗Kaik nach Dolma Bagtſche zurück. An mehreren Orten, an denen der Sultan vorüberkam, wurden Lämmer geſchlachtet, weil es eine alte muſelmänniſche Sitte iſt, bei großen Feier⸗ lichkeiten Opfer darzubringen. SAS auch tere und hart hacke auf, zieht Das dem Leut Fak by! De vork dwdj ſtark noch venl Gen Ne ma geb der = 3—S 8. 79 6 S Feuilleton. Gemeinnütziges. Gegen die Kartoffelkrankheit empfiehlt Jemand auch Folgendes. Man entferne durch Abſchneiden das un tere herabhängende Kraut dort, wo es den Boden verdeckt und in der Käſſe verfault, lockere die durch den Regen hart gewordene und verkruſtete Erde mit der Kartoffel hacke, oder noch beſſer mit einem eiſernen Rechen wieder auf, und zwar ſo, daß man die Erde hinauf zur Pflanze zieht, und gebe dieſer dadurch wieder Luft und Licht Das Verfahren ſoll ſtets guten Erfolg gehabt haben. Epilepſie in Folge frühen Tabakrauchens. Bei dem Mißbrauche, der jetzt ſehr häufig von ganz jungen Leuten mit dem Tabak getrieben wird, dürfte nachſtehendes Faktum, welches wir dem Werke„The Tobacco question by Sir Charles Hastings“ entnehmen, zu würdigen ſein „Den heftigſten Fall von Epilepſie, der mir überhaupt vorkam,“ ſagt der Verfaſſer,„beobachtete ich bei einem zwölfjährigen Knaben, der damals ſchon ſeit zwei Jahren ſtark rauchte. Er fröhnte dieſer Leidenſchaft ſelbſt dann noch, als ſich bereits die erſten Symptome ſeines Ner venleidens zeigten. Bevor man von dieſer ſchädlichen Gewohnheit Kenntniß hatte, wurde der Patient mit einer Menge von Heilmitteln erfolglos behandelt; nur nachdem man ihn gezwungen hatte, das Rauchen gänzlich aufzu geben, gelang es, ſeine epileptiſchen Anfälle zum Schwin den zu bringen.“ Bereitung eines Fliegenleimes. Zur Bereitung eines Fliegenleimes nehme man 18 Loth weißes Pech, 6 Loth dicken Terpentin und 3 Loth Leinöl, erhitze es bis zum Schmelzen und rühre um, damit es eine gleichmäßige Maſſe wird. Holz, ſtelle es in einem Blumentopfe aufrecht in den Raum, aus dem man die Fliegen verbannen will. Die Fliegen werden ſich an das Holz ſetzen und ſind gefangen. Hat ſich das Holz mit Fliegen ſehr angefüllt, ſo ſchabt man den Leim mit den Fliegen ab und beſtreicht es von neuem. Kitt für Glas und Porzellan. Man nimmt 1. Quentchen Maſtix und löſt es in 6 Quentchen heißen Al⸗ kohol auf. Dann löſt man 2 Quentchen Hauſenblaſe in 1 Loth und 6 Quentchen rektificirtem Weingeiſt auf und fügt nach geſchehener Löſung ein halbes Oueutchen fein geriebenes Ammoniakharz hinzu. Beide Löſungen miſche man nun mit einander. Einige Zeit hingeſtellt, erſtarrt die Maſſe und muß beim Gebrauch erwärmt werden Mit dieſer Maſſe beſtreiche man ein rundes Hierauf erwärmt man die Bruchflächen des Glaſes oder Porzellans, beſtreicht mit der Flüſſigkeit und drückt feſt an. Kitt für eiſerne und irdene Gefäße. Man nimmt ½ Loth Salmiak, 2 Quentchen Schwefel und 4 Loth Eiſen pulver, mengt dies mit wenig Waſſer zu einem feſten Brei und verkittet damit. Fettflecke aus Seide zu entfernen. Man umgibt den Fettfleck mit arabiſchem Gummiſchleim, läßt denſelben trocknen und wäſcht nun mittelſt eines Schwammes mit Aether den Fleck aus, doch ohne den Gummirand zu über ſteigen. Das k. Polizeipräſidium in Berlin warnt vor den vielfach vorkommenden Kautſchuk⸗Mundſtücken für Saugflaſchen kleiner Kinder, die wegen ihres bedeutenden Gehalts an Zink⸗ und Bleioxyd die Geſundheit gefährden. Statiſtiſches. An Runkelrübenzucker werden gegenwärtig in ganz Europa jährlich 624 Millionen Centner fabricirt, davon kommen auf Frankreich 262, Deutſchland 260, Rußland 60 und Belgien 30 Millionen Centner. Die übrigen ver⸗ theilen ſich auf andere Länder. Die Geſammtſumme der Ausgaben der Stadt Berlin im Jahre 1860 betrug 3,532.344 Thlr.; diejenige der Einnahmen: 3,938.772 Thlr., Baarbeſtand war am Schluſſe des Jahres 1860: 406.427 Thlr. Für den Rath⸗ hausbau ſind ferner vorhanden 425.927 Thlr., welche für die im laufenden Jahre erforderlichen Koſten beſtimmt ſind, und 543.512 Thlr. aus verſchiedenen Dispoſitions fonds. Die Stadt Berlin hat alſo ein ſtärkeres Budget als folgende deutſche Bundesſtaaten: Anhalt⸗Deſſau und Köthen 1 ½ Mill. Thlr., Anhalt⸗Bernburg 1,052.000 Thlr., Braunſchweig 1 ½ Mill. Thlr., Bremen 1 ½ Mill. Thlr., Frankfurt 1,089.000 Thlr., Hamburg 3,100.000 Thlr. Heſſen⸗Homburg 300.000 Thlr., Lichtenſtein 36.000 Thlr., Lippe⸗Detmold 450.000 Thlr., Lippe⸗Schaumburg 230.000 Thlr., Lübeck 436.000 Thlr., Luxemburg 778.000 Thlr., Mecklenburg⸗Schwerin Mill. Thlr., Mecklenb.⸗Strelitz 969.000 Thlr., Naſſau 1,795.000 Thlr., Oldenburg 3,096.000 Thlr., Fürſtenthümer Reuß ¼ Mill. Thlr., Sachſen⸗Alten burg 740.000 Thlr., Koburg⸗Gotha 1,050,000 Thlr., Meinin gen 817.000 Thlr., Weimar 1,543.000 Thlr., Schwarzburg 31 126 Erinnerungen. Flluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Rudolſtadt 431.000, Sondershauſen 527.000 Thlr., Waldeck 386.000 Thaler. Bei der vorjährigen Ernte in England ſind nicht weniger als 4000 Schnittermaſchinen im Gange geweſen, welche in einem Tage die Arbeit von 40.000 Männern verrichteten. Trotzdem aber ſteigt der Arbeitslohn wegen Mangel an arbeitenden Händen. Die Herrſchaft Diſchnowitz in der Nähe von Brünn iſt vom Kloſter Marienthal in Sachſen um den Preis von 480.000 Fl. angekauft worden. Das größte Manufakturgeſchäft der Welt iſt wohl ein kürzlich in New⸗York eröffnetes Verkaufslokal. Die Front mißt 375 Fuß. Das Gebäude iſt 80 Fuß tief und 5 Stockwerke hoch, 200 Kommis beſorgen den Ver⸗ kauf, 40 Portiers beaufſichtigen die Ein⸗ und Ausgänge. Das Attentat auf den König von Preußen iſt nicht das erſte, das gegen dieſe erlauchte Perſönlichkeit ſtattgefunden. Schon 1849 wurde auf den König, damals Prinzen von Preußen, nahe bei Mainz aus einem Wein⸗ berge geſchoſſen, als er mit Extrapoſt nach der badiſchen Grenze eilte, um dort das Kommando gegen die Inſur genten zu übernehmen. Der Schuß verletzte nur den Po⸗ ſtillon, und der Thäter iſt nie entdeckt worden; ein vor die Mainzer Aſſiſen verwieſenes Individuum, das des Verbrechens verdächtig war, wurde von den Geſchworenen freigeſprochen. Humoriſtiſches. Roſe, der Kabinetsſekretär Ludwigs des Vier⸗ zehnten, verheiratete ſeine Tochter an den Parlaments⸗ präſidenten Portial, welcher ſich bald nach der Vermälung fortwährend über die ſchlechte Aufführung ſeiner Frau beklagte. Roſe verſprach ihm, wenn ſeine Tochter ſich nicht ändere, ſolle ſie enterbt werden. Von dieſem Augenblicke an klagte Portial nicht mehr. Alexander Kellet erzählt von einem franzöſiſchen Wundarzte, welcher von den Indianern ergriffen wurde, um lebendig geröſtet zu werden. Mitten in dieſem Ge⸗ ſchäft ſeien dieſe jedoch durch ein feindliches Getöſe unter⸗ brochen worden, und hätten die Flucht ergriffen. Der Wundarzt ſei hierauf Tage lang halb gebraten im Walde herumgelaufen, ehe er Hilfe gefunden habe. Sonderbar, pflegte Major X zu ſagen, ich mache mich jede Minute anheiſchig dem Tode in's Antlitz zu ſchauen, und doch wage ich meinem Schneider nicht in's Geſicht zu ſehen. Ein junger Mann war ſo kühn, eine Dame zu küſſen.— Das iſt einfältig, mein Herr! rief ſie zürnend.— O bitte, mein Fräulein, erlauben Sie, daß ich es viel⸗ fältig machel erwiederte der Kecke. Die Zeiten ſind ſchlecht, klagte ein Menſch; es wird einem ſchwer, die Naſe über Waſſer zu halten.— Es würde Dir leichter werden, wenn Du ſie nicht zu oft über Branntwein hielteſt, entgegnete ein Anderer. Ein Mann machte Folgendes bekanut:— Ich bitte meiner Frau nichts zu borgen. Da ich meine eigenen Schul⸗ den nicht bezahle, ſo iſt noch viel weniger zu erwarten, daß ich die ihrigen bezahlen werde. Ein junger Taugenichts ſtahl in einem Garten Obſt. Der Eigenthümer ſah vom Fenſter aus, was vor ging. Ich ſehe, Ihr ſtehlt mir mein Obſt! rief er dem Diebe zu.— Ganz recht, erwiederte Letzterer; Ihr thätet auch beſſer, herunter zu kommen und mir zu helfen, als vom Fenſter aus zuzuſehen. Eine der edlen Schreibkunſt wenig mächtige Dame ſchrieb an ihre Freundinnen folgende Einladung: Bitte zum 5 T 6.(D. h. Bitte zum Thee zwiſchen fünf und ſechs Uhr.) Der Vorſtand des Potsdamer Vereins für deutſche Sprache beklagt, daß die Worte„Vater“ und„Mutter“ in der Umgangsſprache immer mehr von„Papa“ und„Ma⸗ ma“ verdrängt werden, und fragt, ob es wohl Jemandem einfallen möchte, von einem„Papalande“ oder einer„Ma⸗ maſprache“ zu reden oder in's vierte Gebot auch die frem⸗ den Worte einzuſchwärzen. Vermiſchtes. Proceß wegen einer Bibel. Aus Termonde in Belgien ſchreibt man von einem Proceſſe, der dort ver⸗ handelt worden und in welchem eine Bibel das Klageob⸗ jekt abgab. Dem katholiſchen Pfarrer von Opdorp war es zu Ohren gekommen, daß ein Pächter eine alte Bibel beſaß, aus welcher er zuweilen ſeiner Familie und ſeinem Hausgeſinde vorlas, wozu ſich auch wohl Nachbarn ein⸗ zufinden pflegten. Zu verſchiedenen Malen von dem Pfarrer aufgefordert, die Bibel herauszugeben, weigerte ſich der Pächter fortwährend, bis endlich der Pfarrer, von ſeinem Küſter begleitet, in Perſon erſchien und eine Art Hausſuchung vornahm, wobei die Bibel oben in einem Schranke gefunden, mitgenommen und in der pfarrherrli⸗ chen Küche feierlichſt verbrannt wurde. Jetzt aber klagte der Pächter, erſtens auf Entſchädigung von 100 Francs für die Bibel, die eine alte, ſeltene, mit Kupfern verzierte Folioausgabe war, dann auf Erſatz von 700 Francs, von denen er nachwies, daß er ſie in belgiſchen Staatspapieren kurz vor der Wegnahme der Bibel zwiſchen die Blätter derſelben gelegt hatte. Das Tribunal von Termonde hat den Pfarrer zur Zahlung von 800 Fres. und in die Ko⸗ ſten verurtheilt, während außerdem der königliche Proku⸗ rator bei der Sache eingeſchritten war und Pfarrer und Küſter wegen Verletzung des Hausrechts der erſte zu ſieben, der zweite zu vier Tagen Gefängniß verurtheilt wurden. Dem verſtorbenen öſterreichiſchen Finanzminiſter Bruck wird von ſeiner Familie ein prächtiges Grabdenk⸗ mal aus Marmor errichtet, mit deſſen Ausführung Hans Gaſſer beauftragt iſt. In Frankfurt a. M. litt ein junger Mann ſeit Kurzem beſtändig an heftigem Bruſtſchmerz. Der Arzt erklärte, in die ſchmerzende Stelle müſſe ein Schnitt ge⸗ macht werden; es geſchah, und aus der offenen Wunde zog er alsbald eine große Nähnadel.. In London wurde am 1. Auguſt ein großes„Anti⸗ Crinoline⸗Meeting“ von Damen der höchſten Ariſtokratie gehalten. Ein Penny-a⸗liner erhielt mit Mühe und unter der Bedingung der größten Diskretion Zutritt. Da er insbeſondere verſprechen mußte, die Namen der Rednerinnen zu verſchweigen, ſo wurden dieſe nur mit Anfangsbuch⸗ ſtaben bezeichnet. Wie die Präſidentin, Herzogin von A., mittheilte, war das Meeting auf den Wunſch der Königin berufen worden, in welcher durch die vielen Unglücksfälle, die durch die Crinoline erzeugt worden ſeien, die Idee erregt wurde, eine ſolche Verſammlung möge die Aechtung der Crinoline ausſprechen. Trotz dieſes königlichen Wun⸗ ſches fand jedoch die Crinoline eifrige, ſehr lebhafie Ver theidigerinnen. So trat z. B., nachdem als warnendes Beiſpiel erwähnt worden war, daß eine Dame beim Sie⸗ geln eines Briefes Feuer gefangen, und ihrer Crinoline zum Opfer gefallen ſei, Lady C. auf und ſagte, ſie erin⸗ nere ſich keines Falles, daß eine Dame von hohem Rang ihren Tod in Folge des fraglichen Kleidungsſtückes gefun⸗ den habe. Was ſie ſelbſt anbetreffe, ſo ſiegle ſie nie ihre Briefe ſelbſt, ſondern gebe dieſelben ihrer Kammerjungfer zum Verſiegeln, und wenn dieſe Perſon es für gut finde, ihren Körper in anſpruchsvolle Stoffe zu hüllen, ſo thue ſie es auf ihre eigene Gefahr, und ſie(Lady C.) ſehe nicht ein, weßhalb man von ihr verlange ein ſo großes Opfer zu bringen, aus k m andern Grund, als um eine Per⸗ ſon in jener Lebensſtellung vor den Folgen ihrer Putz ſucht zu bewahren. Auch Lady M. konnte nicht begreifen, wie es möglich wäre, die verſchiedenen Klaſſen der Geſell⸗ ſchaft zu unterſcheiden, wenn dieſer Kleidungsartikel auf⸗ gegeben werde. Stöck ſelbſt wird ihren Aut er kam gab er u Sir im den den als( weich Sch. lich pag. ſich und ſeit Anti⸗ atle nter Wie bekannt, iſt die reiche Plantin'ſche Druckerei eine der größten Merkwürdigkeiten Antwerpens, eine Officin des ſiebenzehnten Jahrhunderts, wie Curopa keine zweite beſitzt. Das ganze überreiche Material in Typen und Stöcken ꝛc. der weltberühmten Druckerei iſt noch vorhanden, ſelbſt noch das für dieſelbe eigens fabricirte Papier, auch wird die Druckerei als eine Familien⸗Reliquie ganz in ihrem urſprünglichen Zuſtande aufbewahrt. Das Feſtkomité Antwerpens hat nun beſchloſſen, den Theilnehmern und den Förderern des Feſtes ein Gedenkblatt mit den alten Thpen und Holzſchnitten auf dem alten Papiere mit der Preſſe der Officin drucken zu laſſen. Das miniſterielle Fiſcheſſen, zu dem ſich die jewei⸗ ligen engliſchen Kabinets⸗Mitglieder regelmäßig kurz vor Schluß der Parlaments⸗Seſſion nach Greenwich begeben, iſt ein Brauch, der nicht ſo alt iſt wie unſer Jahrhundert. Er ſtammt aus Pitt's Zeiten und verdankt ſeine Exiſtenz durchaus keinem politiſchen Ereigniſſe. An dem Ufer von Dagenham Lake, in der Grafſchaft Eſſex, iſt noch heute ein beſcheidenes Landhaus zu ſehen, das dem reichen Kauf⸗ mann Preſton gehörte, und wohin er ſich, als er Unter⸗ haus⸗Mitglied für Dover war, mit ſeinem Freund, dem Sekretär des Schatzes unter Pitt, dem„Old George Roſe“, auf ein paar Tage zurückzuziehen pflegte, wenn es im Londoner Parlamente gar zu ſchwül wurde. Dort ver gnügten ſie ſich mit Fiſchen und leerten manches Dutzend Flaſchen alten Portweins im ſtillen Behagen. Einmal bewogen ſie auch den überangeſtrengten Premier, mit dem ſie befreundet waren, in ihrem Bunde der Dritte zu ſein. Pitt kam, und. ſo gut gefiel es ihm am ſtillen See, daß er mehre Jahre gegen Schluß der Seſſion wieder dahin kam. Aber Pitt gönnte ſich wenig Muße. Eiſenbahnen gab es damals noch nicht, und der Ausflug, ſo angenehm er war, raubte ihm zu viel koſtbare Zeit. So ſchlug denn Sir Robert Perſton vor, ſie ſollten ihre Schmauſereien im benachbarten Greenwich halten; Sir Robert machte den Wirth und bezahlte die Zeche, aber Pitt brachte bald den einen und dann wieder den anderen ſeiner Kollegen als Gaſt mit, ſo daß die Miniſter⸗Geſellſchaft immer zahl⸗ reicher und natürlich die Zeche immer größer wurde. Schließlich wurde beſchloſſen, daß das Eſſen gemeinſchaft⸗ lich bezahlt werde und Sir Robert blos einen Korb Cham⸗ pagner ſtellen ſolle. Und dabei blieb es und ſeitdem hat ſich der Brauch des Fiſcheſſens in Greenwich erhalten, und die Zeche wird jetzt aus der Staatskaſſe beglichen. In den letzten Tagen des Juli ſind große Heu⸗ ſchreckenſchwärme aus Rußland in Galizien eingebrochen und haben ſich auf den Feldern der Gemeinde Kozaczéwka, Okopy, Boryszkowce, Paniowce zielone, Trubezyn und Latkowce gelagert. So weit es die eingetretene Schnitt zeit zuläßt, wird die Vertilgung dieſes Inſektes eifrig betrieben. Bei einem Fleiſchermeiſter in Neumark(Preuß.⸗ Schleſien) befindet ſich ein ganz munteres, ſchwarzſcheckiges Kalb, dem auf der einen Seite des Rückens ein faſt zwei Fuß langer Flügel(2) ausgewachſen iſt. Derſelbe hat mehre Gelenke und iſt beweglich, mit Haut und Haaren überwachſen, und hat vollſtändigen Blutumlauf. In dem Katalog einer deutſchen Kurioſitäten⸗ ſammlung aus der erſten Hälfte des 18. Jahrhunderts findet ſich verzeichnet:„Cingulum longum ex corio humano Turcico crassissimo e dorso desumtum.“(Ein langer Gürtel aus der Haut eines Türken, vom Rücken genommen, wo ſie am dickſten iſt.) Mit einem neuen Motor, deſſen Erfinder der franzöſiſche Ingenieur Boutet iſt und der eine förmliche Revolution in der Mechanik hervorzurufen geeignet ſein dürfte, wurden in Brüſſel gelungene Experimente ange⸗ ſtellt. Dieſer Motor hat zwei Elemente, die Luft und das Waſſer im natürlichen Zuſtande als Baſis, und als Princip den Druck, der von unten nach oben durch die Flüſſigkeit ausgeübt wird. Der Apparat iſt äußerſt ein⸗ fach; er beſteht aus einer beſtimmten Anzahl von Ballons, die an ein Rad befeſtigt ſind, deſſen Achſe inmitten eines - — Feuilleton. 127 mit Waſſer gefüllten Beckens beweglich iſt. Die Ballons kommuniciren mit einander durch Schläuche, die der Luft die Cirkulation von einem Ballon in den andern, oder von mehren in einen einzigen geſtattet. Jeder Schlauch iſt mit einem Klappenhahn verſehen, der ſich durch die Bewegung des Apparats öffnet und ſchließt. Nehmen wir nun zwei Ballons A und B an, die vertikal in dem Becken befeſtigt ſind. A, der auf dem Grundo, iſt mit Luft ge⸗ füllt, B an der Oberfläche iſt leer. Wenn man den Hahn öffnet, ſo ſteigt die durch das Waſſer gepreßte Luft von A in B und hebt einen Kolben, über dem eine Kurbel iſt, an deren Welle ein Stellkreuz befeſtigt iſt, das der Welle die Bewegung mittels eines Sperrades mittheilt, ſo daß B, das durch die Luft, die ſich in A befand, ge⸗ ſchwellt wird und auf den Grund des Baſſins ſinkt, wäh⸗ rend A, das luftleer geworden, emporſteigt, welches Ma⸗ növer ſich abwechſelnd wiederholt. Auf dieſe Weiſe erhält man eine fortdauernde rotirende Bewegung, deren Kraft proportionirt iſt mit dem Hohlmaße oder vielmehr mit der Oberfläche des Ballons, und wenn man den Druck mehrer Ballons in ihrer Wirkung auf einen einzigen an⸗ wendet, ſo kann man damit ganz unberechenbare Trieb⸗ kräfte erzielen. Der Orkan am 3. d. hat auch Preßburg heim⸗ geſucht und daſelbſt großen Schaden an Fenſterſcheiben und Dächern verurſacht. Auch ein Menſchenleben ging zu Grunde, indem ein Tapezierer, der eben in der Donau badete, von dem durch den Sturm hochgepeitſchten Wogen fortgeriſſen wurde. Lord Palmerſton war am 5. Juli zur Grundſtein⸗ legung eines Bibliothekgebäudes nach Harrow geritten und ritt nach Beendigung der Feierlichkeit in Sturm und Re⸗ gen ſogleich wieder zurück, um rechtzeitig im Parlament zu erſcheinen. Ein Ritt von etwa 20 engliſchen Meilen von einem 76jährigen Greiſe! Bekanntlich iſt vor mehr als fechs Jahren der Dampfer„Pacific“ auf der Fahrt von Liverpool nach Newyork mit 300 Paſſagieren an Bord verſchwunden, ohne daß man nähere Nachrichten über deſſen Untergang erhal⸗ ten hätte. Kürzlich iſt nun eine Nachricht über das un⸗ glückliche Schiff aufgetaucht. An der Weſtküſte einer der Hebrideninſeln wurde nämlich eine Flaſche aufgefiſcht, worin ein Zettel mit folgender Bleiſtiftſchrift ſich vorfand:„Am Bord des Dampfers Pacific von Liverpool nach New⸗York Das Schiff ſinkt. Wir ſind in Eis gerathen. Am Bord ſchreckliche Verwirrung. Eisberge umdrängen uns von allen Seiten. Ich weiß, wir werden nicht davonkommen. Das Schiff ſinkt. Ich ſchreibe dies auf, damit unſere Freunde in England, wenn man dieſe Flaſche findet, unſer Schick⸗ ſal erfahren. Wer dieſen Zettel findet, möge ihn ſobald als möglich veröffentlichen. W. Graham.“— Man hat in den Schiffsregiſtern nachgeſchlagen und gefunden, daß ein gewiſſer Graham als Steuermann an Bord des ‚Paci⸗ fic“ war. Folgenden merkwürdigen Fall von Scheintod er⸗ zählt eine Berliner Zeitung: In Weißenſee wohnt ein reiches Bauernpaar, das nur ein einziges Kind, ein Mädchen von etwa ſieben Jahren, beſitzt. Plötzlich fiel das bis dahin geſunde Kind wie vom Schlage getroffen todt nieder; alle Belebungsverſuche eines ſchleunigſt herbeigeholten Arztes blieben vergeblich. Nach Anſicht desſelben war das Kind todt, es wurde der Todtenſchein ausgeſtellt und die jammernden Eltern richteten Alles zur Begräbnißfeierlich⸗ keit her. Dieſelbe ſollte am dritten Tage ſtattfinden. Schon war dieſer Tag angebrochen. Die kleine Leiche lag im offenen Sarge, umkränzt mit Blumen, der Vater ſtand weinend daneben. Da kam es ihm plötzlich vor, als wenn eine leiſe Röthe die Wangen des Kindes färbe. Er hatte jetzt nichts Eiligeres zu thun, als in die Stadt zu ſenden und einen zweiten Arzt holen zu laſſen. Dieſer kam auch alsbald und ordnete, nachdem er den Körper des Kindes genau unterſucht hatte, an, daß dasſelbe ſofort aus dem Sarge genommen und in ein Bett gebnacht werden, daß man auch alle Vorbereitungen zur Beerdigung beſeitigen * * ——— 128 Erinnerungen ſollte, damit das Kind, das bald aus dem Starrkrampf, in dem es ſich befinde, erwachen werde, nichts davon merke, wie nahe es der Beerdigung geweſen ſei. Dies ge ſchah, und zwei Stunden ſpäter ſchlug das Kind die Augen auf, und war ſo munter und geſund, daß die beglückten Eltern ſofort alle Kinder aus dem Dorfe zu ſammenholten und mit dieſen den zweiten Geburtstag ihres Kindes feierten. Die ſiameſiſchen Geſandten, welche gegenwärtig in Paris weilen, hatten dieſer T auch den Wunſch, eines der öffentlichen Spitäler zu ehen. Man führte ſie in das Spital Lariboiſere. Der Direktor und dir ſonſti gen Spitalbeamten empfingen die ſiameſiſchen Excellenzen auf das Feierlichſte und geleiteten ſie zuvörderſt in die Spitals⸗Apotheke. Allein der Geruch daſelbſt ſchien auf die aſiatiſchen Geruchswerkzeuge durchaus keinen ange nehmen Eindruck zu machen. Die Geſandten verzogen die Geſichter, hielten ſich die Naſen zu und weigerten ſich den Beſuch in das Innere des Hauſes fortzuſetzen. Ohne ſich weiter um ihre Begleitung zu kümmern, nahmen ſie Reißaus. Der Stephausthurm in Wien ſoll bei der jetzigen Reſtauration um 18 Fuß erhöht werden, wodurch er die Höhe von 443 Fuß erreichen würde. Er würde dann den Straßburger Münſter um 6 Fuß überragen und das höchſte Bauwerk in Europa ſein Bei Schwarzkoſteletz in Böhmen iſt am 13. Juli der Fall eines tödtlichen Schlangenbiſſes vorgekommen. Eine Tagelöhnerin, die barfuß durch den dortigen Thier garten ging, wurde von einer Kreuzotter in die große Zehe geſtochen und verſchied, obgleich ärztliche Hilfe ſchnell zur Hand war, binnen zwölf Stunden in Folge des Biſſes. Da jetzt ſo viel von Verbeſſerung der Lage der baier. Schullehrer die Rede iſt, erinnern wir an das groß artige Beiſpiel des Biſchofs von Veßprim, Johann Ra nolder, welcher ſchon im Jahre 1857 jährl. 38.000 Gul den zur Aufbeſſerung der Gehalte mangelhaft ausgeſtat teter Pfarreien und Volksſchullehrerſtellen ſeiner Diöceſe ausſetzte. Das hat dieſem Wackern wohl ſeitdem kaum ein Privatmann, geſchweige eine Regierung nachgemacht Eine ſchanderhafte That wird aus der Tilſiter Niederung berichtet. Im Kawohler Walde ſoll nämlich ein Knabe von ſechs bis acht Jahren an einen Baum ge nagelt gefunden worden ſein. Quer am Baumſtamme ſoll ein Brett genagelt geweſen ſein und ſo die Form eines Kreuzes gebildet haben. An dieſem Brette ſollen die Hände des Knaben, am Baumſtamme aber die Füße angenagelt geweſen ſein. In Lautenburg(W. Preußen) hat ſich ein eigener Fall von Trigamie zugetragen. Ein dort äßiger Ger ber, moſaiſchen Glaubens, der in einem Orte in Polen eine Frau und drei Kinder zurückgelaſſen hatte, verheira tete ſich in Lautenburg zum zweiten Male, worauf er nach Amerika reiſen wollte. Seine Frau weigerte ſich anfangs, ihm zu folgen; in Straßburg jedoch, wohin ſie ihn begleitete, änderte ſie ihren Entſchluß und wollte nur nach Lautenburg zurückkehren, um dort befindliche Sachen zu holen. Unterdeſſen ſetzte ihr„ungetreuer Herr Gatte die Reiſe fort und ließ ſich in Graudenz eine dritte Frau ein Mädchen aus Tarpen— antrauen, mit der er wohl gemuth nach Amerika ſegelte. Der Kaiſer der Franzoſen läßt die Tuilerien umbauen. Der Spaß wird 40 Millionen Franes koſten die natürlich aus der Staatskaſſe genommen werden. „Die Damen von Troaja, einer nordamerikaniſchen Stadt, haben etwas Neues auf ihren Märkten erfunden. Eine Anzahl hübſcher Mädchen ſetzt ſich hin und erlaubt Herren, ſie zu küſſen, 12 ½ Cen⸗ S b für den Kuß. Ein Mädchen brachte 62 Dollars an einem Abende zuſamme 1! Flluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. T und ein Herr verausgabte 11 Dollars. Das Geld iſt für die im Felde Kämpfenden beſtimmt. Der türkiſche Polizeiminiſter hat ſich zur Ver⸗ öffentlichung eines Reglements über das Verhalten auf den öffentlichen Promenaden Konſtantinopels veranlaßt geſehen. Für die Benutzung der Promenaden und einiger öffentlichen Lokalitäten ſind gewiſſe Tage für die Frauen, andere für die Männer beſtimmt. Ein beſcheidenes und anſtändiges Benehmen wird anempfohlen. Jene, welche dem Reglement zuwiderhandeln, werden mit Geld⸗ und Ge⸗ fängnißſtrafe bedroht. Erzwungener Vatermord. Ein Vorfall macht in Roſenberg(Weſtpreußen) viel von ſich reden. Vor Kurzem beauftragte der Exekutor St. ſeinen neunjährigen Sohn, mit einem Zündhölzchen das Pulver auf der Pfanne eines von ihm geladenen Karabiners, an dem der Hahn fehlte, anzuzünden. Der Knabe weigerte ſich, zu gehorchen, und erſt nach wiederholten, durch Mißhandlungen verſchärften Befehlen befolgte er den Auftrag. Das Pulver blitzt von der Pfanne und verbrennt des Knaben Hand. Der Vater ſchüttet friſches Pulver auf und erneuert, den Lauf auf ſeinen Mund gerichtet, energiſch ſein Verlangen. Der wie derholte Widerſtand ſeines Sohnes wird wiederum durch Mißhandlung bewältigt. Mit blutiger Wange und zit⸗ ternder Hand ſteckt dieſer das Pulver wiederum in Brand, und der Exekutor liegt im Blute. Er war ein ordentli⸗ cher und pflichttreuer Mann. Eiferſucht ſoll das Motiv zu dieſem eigenthümlichen Selbſtmorde geweſen ſein. Ein Vatermörder. Am 4. Juli wurde in Erfurt Johan Karl Sigleur aus Gethles wegen Vatermordes von den Geſchworenen für ſchuldig erkannt und vom Gerichts hofe zum Tode verurtheilt. Am frühen Morgen des 1. März wurde auf der von Rappelsdorf nach Gethles im Kreiſe Schleuſingen führenden Straße die Leiche des Schul⸗ lehrers Franz Sigleur aus Gethles gefunden. Am Halſe zeigte ſich eine weit klaffende Wunde, aus der ſich eine bedeutende Menge Blut auf die Kleider und auf den Erdboden ergoſſen hatte. Fußſpuren, welche zu beiden Seiten des Weges und an der Stelle, wo die Leiche lag, ſich zeigten und regelmäßig hin und wieder liefen, ſetzten ſich weit fort bis nach einer Anhöhe, der ſogenannten Melchiorsleite, wo ſie ſich im Walde verloren. Den Blut⸗ ſpuren folgend, fand man im Fiſchbacher Thale in einem Gartenhäuschen den 27 Jahre alten Sohn des Lehrers Sigleur in ſeinem Blute am Fußboden ſitzend, mit ge⸗ öffneten Pulsadern, und bei ihm ein Holzkäſtchen mit einem blutigen Raſirmeſſer. Der Angeklagte, Johann Karl Sigleur, iſt geſtändig, in der Nacht zum 1. März d. J. ſeinen Vater vorſätzlich mit dieſem bei ihm vorge⸗ fundenen Raſirmeſſer in den Hals geſchnitten zu haben. Während der Angeklagte in der Vorunterſuchung ein um⸗ faſſendes Geſtändniß abgelegt hatte, zog er vor den Ge⸗ ſchworenen den zweiten Theil ſeines Geſtändniſſes, die vorherige Ueberlegung, zurück. Schon ſeit Jahren lebte er mit ſeinem Vater in Feindſchaft deßwegen, weil dieſer ſeine verſtorbene Mutter mit einem ehrenrührigen Namen belegt und ihn ſelbſt einen Baſtard genannt, ihm auch den Lebensunterhalt verweigert und, wenn er ſich denſel⸗ ben genommen, des Diebſtahles beſchuldigt und mit der Anzeige bedroht habe. Das war das Motiv, daß er ſchließlich den Mordentſchluß faßte, den er zur Ausfüh⸗ rung brachte. Das Amtsblatt der„Wiener Ztg.“ macht die Erledigung mehrerer namhaften Familienſtiftungen bekannt, bei denen die Klauſel vorkommt:„Tabakraucher ſind nach dem ausdrücklichen Willen des Stifters von jedem Bezuge ausgeſchloſſen.“ Der Stifter iſt der am 28. December 1851 in Wien verſtorbene k. k. Miniſterial Koncipiſt Joſef Frinder. Er hat die Stiftung zu Gunſten der ehelichen Nachkommen ſeiner Geſchwiſter gegründet. Redigirt unker Verantwortlichkeit des Verlegers.— Papier und Druͤck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag.