g hat, einen grindet 90 un⸗ de der daß er auch er meine m Rufe klicher Erinnerungen. Frlustwirte Blälker kur Brnst uhd Wumor. 82. Band. (Ein und vierzigſter Jahrgang.) Heft III. Louiſe Meunier. Von P. J. ie Obernormandie, dieſe unabſehbare Ebene mit ihren tiefen Thälern, mit ihrer üppigen Vegeta⸗ tion, mit ihrem azurnen ewig lachenden Himmel iſt eine von jenen Gegenden, die in den rauheren 8 Jahreszeiten durch ihren Zauber und ihre Herr⸗ — lichkeit ſo ſchmeichleriſch zum Beſuche einladen. Der ſchönſte Tag in der Normandie iſt der Tag nach einem Regen. Es war eine finſtere Nacht; der Regen goß in Strömen herab, aber bald fing der Tag an anzubrechen und die Morgenſonne brach ſich, wenn auch mit Mühe, endlich doch durch die herbſtlichen Nebel Bahn. Die Erinnerungen. LIXXII. 1861. —— Grashalmen beugten ſich unter der Laſt der ſchimmern⸗ den Waſſertropfen. Die Laubmaſſen, die man in der Ferne gruppirt ſah, waren in jene bläulich ſchwarzen Dünſte gehüllt, die den Zauber der Fernſicht von Wat⸗ teau bilden, während die erſten Flächen ſich ſchmückten mit den reichſten und verſchiedenſten Farben und das Auge blendeten. Eine tiefe ſüße Stille lag über der ganzen Gegend und machte es möglich, ſelbſt das leiſeſte Pipſen der Vögel zu vernehmen, die längſt die ſchmetternden Früh⸗ lingsgeſänge vergeſſen. Man glaubte ſogar den Flügel⸗ ſchlag der weißen Schmetterlinge zu vernehmen, die ſich auf die duftenden, goldenen Blumen flatternd nieder⸗ ließen. Die Felder waren ganz vereinſamt; der in der Normandie ſo thätige Pflug genoß die Tage ſeiner Ruhe. 9 —— 66 Erinnerungen Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor Nur ein junges Mädchen belebte durch ihre An⸗ weſenheit die fruchtbare Einöde; ſie ſchritt auf einem breiten Fußpfade auf ein Schloß zu, welches zwar be⸗ ſcheidene Dimenſionen hatte, aber in einem höchſt nobeln wenn auch einfachen Style aufgeführt war. Vor dieſer herrſchaftlichen Wohnung, welche die junge hübſche Fußgängerin aus der Ferne forſchend betrachtete, dehnte ſich ein ungeheurer Raſenplatz aus, deſſen zahlreichen kahlen Stellen nur zu deutlich ver⸗ riethen, daß hier Treibvieh in großen Scharen und oft und lange herumgewirthſchaftet hatte. An der äußerſten Südſeite des Schloſſes lief rechts und links ein Blumengarten, deſſen zahlreichen bunten Beete mehr den genialen als den praktiſchen Gärtner verriethen. Um dieſen Garten herum zog ſich ein unge⸗ heurer Park aus dichtem Gehölz, welcher wieder quer durchſchnitten wurde von ſtolzen prachtvollen Fichten⸗, Cypern⸗, Buchen⸗ und Eichen⸗Alleen; ſelbſt aus Akazien und Plantanen waren einige gebildet. Dieſe Alleen ſtiegen wellenförmig an einem Hügel empor. Die kreisförmige Perſpektive, das prächtige Licht⸗ ſpiel in den bald dichteren, bald minder dichten Belau⸗ bungen übten einen Zauber auf den Beobachter aus, als hätte er die Gärten der Armida vor ſich gehabt. Der Raſenplatz war eingeſchloſſen von zwei Reihen hoher, dichter Linden, die trotz ihres hohen Alters noch immer in friſchem, kräftigem Grün prangten, Ein großes eiſernes Gitter, in deſſen Mitte oben ein großes Schild angebracht war, trennte den Platz von der vorbeigehen⸗ den Straße und den umliegenden Feldern. Die ganze ſonſtige Umgebung war vertheidigt durch eine Wolfs⸗ grube. Als das junge Mädchen ſich dem Gitter näherte, öffnete ſie, ſich ängſtlich nach allen Seiten umſehend, ob ſie etwa bemerkt würde, eine kleine ziemlich verſteckte Seitenthür und huſchte, ſo ſchnell ſie konnte, hinter das Gehölz. Als ſie dann eine der Lindenalleen ge⸗ wonnen, fing ſie an langſamer und bequemer ihren Weg fortzuſetzen. Wer die jugendliche Schönheit ſo in der Einſam⸗ keit beobachten konnte, den mußten trotz der ſchlaffen Haltung die Würde und die Feinheit aller ihrer Bewe⸗ gungen in nicht geringes Erſtaunen ſetzen. Obgleich es kaum neun Uhr früh war, war ſie doch ſchon in einem echt ländlichen, im Ganzen wie im Detail höchſt geſchmackvollen Negligée. Sie war ſehr hübſch, ja allerliebſt— wenn auch nicht gerade eine plaſtiſche Schönheit. Ihre Naſe war echt römiſch, ihre Züge ſehr ſprechend und fein. Lange, dichte, braune Haarflechten faßten eine ſchöne Stirn und ein graziöſes Geſichtchen ein. Nur ihre Augen waren etwas klein; aber die regelmäßigen ſcharf hervortretenden ſchwarzen Augenbrauen bewirkten, daß man dieſen etwaigen kleinen Fehler wenig oder gar nicht bemerkte. Auch von ihrem Munde hätte man beinahe ſagen können, er ſei zu groß; aber auch das ward verdeckt durch die ſtolze Ironie, mit welcher ſich die Lippen um den Mund bogen, ſo zwar, daß er dem kleinſten nied⸗ lichſten Mündchen glich. Wenn endlich kein jugendliches Feuer aus den matten bleichen Wangen ſprühte, ſo ſprach doch aus ihrem ganzen Geſichte eine tiefe Innerlichkeit, welche dann und wann ſo hell und durchdringend ſtrahlte, daß ſie dem Beobachter tief in die Seele drang. Sie näherte ſich langſamen gemeſſenen Schrittes einer Holzbank, die ſich im Schatten einer dichten Buche befand. In der Hand hielt ſie ein Buch geöffnet, aber leſen konnte ſie nicht. Die kleine Aufregung, welche ſich in Folge des zurückgelegten Weges auf ihrem Geſichte zeigte, zerſtreute ſich plötzlich; Unruhe, Mißbehagen und eine perſönliche Melancholie zeigten ſich in all ihren Zügen. In Nachdenken verſunken ſtand ſie da. Plötzlich hörte ſie einen Flintenſchuß; ein Hagel von Schrotkörnern praſſelte quer durch die Buche. Sie ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung und des Schmerzes aus, ihr Kopf ſenkte ſich nach hinten, ihre Augen ſchloſſen ſich. Als ſie dieſelben wieder öffnete, erblickte ſie einen jungen Mann im Jagdkoſtüme, der ſich über ſie bog und ſie ängſtlich beobachtete. Ein neuer Schrecken ſchnürte ihr das Herz zuſammen und abermals verlor ſie die Beſinnung. Der junge Jäger hob ſogleich den ſchönen ſtummen Kopf des reizenden Kindes mit der einen Hand und führte mit der andern ein kleines Fläſchchen, welches er aus ſeiner Taſche zog, zu den Lippen der Unbekannten. „Ich bitte, Fräulein,“ begann er,„trinken Sie einige Tropfen von dieſem Liqueur; der wird Ihnen die Beſinnung wiedergeben; ſind Sie vielleicht gar ver⸗ wundet?“ Das Mädchen gehorchte und nahm unter einem leiſen Schauer einen Schluck zu ſich; es war Zuckerwaſſer mit Rum. „Ich glaube,“ ſagte ſie,„daß die Schrotkörner in meinen Arm gedrungen ſind.“ In der That war der Aermel des zierlich aufge⸗ putzten Kleides von blaugrünem Mouſſeline an mehreren Stellen durchlöchert. Der junge Mann wagte es nicht, ſie zu bitten, ihm die Wunden zu zeigen, als deren Urheber er ſich fühlte; er bot ihr an, er wolle ſie in's Schloß bringen. „Meine Mutter wird Ihnen die ſorgſamſte Pflege angedeihen laſſen,“ ſagte er. „Nein,“ erwiederte ſie,„die Gräfin ſoll nicht wiſſen, daß ich mich heimlich hierhin geſtohlen habe; das war eine Unbedachtſamkeit, der ich mich ſchäme; aber dieſer Ort gefiel mir zu gut zu meiner Morgen⸗ promenade, ich gehe jeden Tag hierhin.“ „Jeden Tag ich begegnete Ihnen doch noch nie!“ „Auch ich gewahrte Sie nie!“ Mit dieſen Worten wechſelten ſie einen Blick, der Beide überraſchte; ſie laſen darin gegenſeitig einen ſtillen Vorwurf. Warum? 3 „Wohnen Sie ſchon längere Zeit in dieſer Ge⸗ gend?“ fragte der junge Mann. „Seit zwei Monaten.“ Dann fuhr ſie fort: „Sie ſind erſt ſeit vierzehn Tagen wieder hier?“ Louiſe Meunier. 67 „Ja! ich komme aus dem Badeorte, wohin ich meine Mutter begleitete. Kommen Sie mit zu meiner Mutter,“ bat er zum zweitenmale inſtändigſt. „Nein, nein,“ erwiederte ſie,„ich kehre jetzt zu meinem Onkel zurück; dem Herrn Meunier,“ ſetzte ſie mit ganz leiſer Stimme hinzu. „Nicht doch, Sie erlauben mir, daß ich Sie zurück⸗ begleite?“ Mit dieſen Worten nahm er den Arm der jungen Dame in den ſeinigen und ſo ſchlugen ſie denſelben Weg ein, den dieſelbe eine Stunde zuvor genommen. Sie gingen bis zu den erſten Häuſern des Dorfes, welches man von dem Gitter des Parks aus bemerkte; da blieb ſie plötzlich ſtehen. „Gehen wir nicht weiter,“ ſagte ſie,„ich will beim Herrn Doktor Renoult einſprechen; ich bin ein wenig leidend, ich will ihm meinen Unfall mittheilen.“ „Ich kenn' auch den Herrn Doktor, darf ich mit Ihnen gehen?“. „Sie werden mich ſehr verbinden, wenn Sie das nicht thun.“ „Aber ich werde wenigſtens morgen mich Ihrem Herrn Onkel vorſtellen dürfen, um Ihnen meine Auf⸗ wartung zu machen und mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen?“ „Sie werden mich vielleicht wunderlich nennen; aber ich wünſche nicht, daß der kleine Unfall, der mich heute getroffen, der Anfang von näheren Beziehungen zwiſchen uns werde.“ Dieſe Worte trugen ſo ſehr den Stempel der Aufrichtigkeit und Natürlichkeit, daß man darin unmög⸗ lich eine Sprödigkeit oder Prüderie finden konnte. Der junge Mann machte eine achtungsvolle kalte Verbeugung und empfahl ſich; ſie aber ging in das Haus des Herrn Doktors hinein. Zwei Tage ſpäter ſaß ſie zu Hauſe vor einem kleinen Schreibpulte, welches alle ihre Geheimniſſe ent⸗ hielt und ſchrieb folgenden Brief: „Liebes Klärchen! „Ich habe in der That Luſt, die Freundſchaft zu läſtern, mich über ſie luſtig zu machen; man überſchätzt ſie, wenn man ſie gar ſo hoch preiſt. Ich bin überzeugt, daß im Allgemeinen nur Egoismus dahinter ſteckt. Man macht Freundſchaften, weil ſie zu Wenigem ver⸗ pflichten und Vieles erſetzen; weil man ſie ſich leicht wieder abthun kann und Niemand ernſt an die Pflichten denkt, die ſie auferlegt. Ich weiß nicht, welcher Art die Tröſtungen ſind, die ſie dem Alter bringen; aber der Jugend bilden ſie die liebenswürdigſten Noth⸗ behelfe, Lückenbüßer. Da haſt Du in kurzen Worten die Wahrheit. „Du wirſt mich verſtehen, aber mich der Lüge zeihen; denn es gibt in der That nichts Ungenirteres, nichts Keckeres als Dein Leichtſinn. Das Ganze läuft darauf hinaus, daß Du ſeit vierzehn Tage fort biſt und Dich amüſirſt, während ich mich langweile. Warum aber mich ſo ganz mir ſelber überlaſſen? Eine Hochzeit, eine Taufe und das Vergnügen mit ſeinen Vettern, Halbvettern, Viertelsvettern ꝛc. zu tanzen.— „Was ſage ich, Vergnügen? Arge Täuſchung. Das iſt höhere Diplomatie; eine beſondere Art von Jagd auf Männer! Gut Glück! „Ich ſehne mich nach unſeren langen Plaudereien, darum beantworte ich Deinen Brief von dieſem Morgen. Du fragſt, warum ich Herrn René nicht geſtattet habe, mich zu ſeiner Mutter zu führen, warum ich mich ferner geweigert, ihn mit in's Haus meines Onkels zu nehmen und ob dieſe Weigerung ernſtlich gemeint war? „Dieſe Frage ſetzte mich in der That in Erſtaunen; Du kennſt mich doch ſo gut. Wenn ich mich entſchließe, einige Monate in dieſem Dorfe zu wohnen, wo ich ohne Dich wie in einſamer Verbannung lebe, wo nicht ein Weſen meine Sprache kennt, geſchieht das nicht, um für meinen Körper und meine Seele Ruhe und Erholung zu ſuchen? Und woher kommt dieſe Ermü⸗ dung, dieſe Mattigkeit, die mir alle Gliedmaſſen, ich möchte ſagen, zerſchlagen hat? Du weißt es, es iſt der Druck, der von Oben auf mich ſyſtematiſch geübt wird. Auf dem Lande wird jede zufällige Begegnung zu einem Liebesverhältniß. Frau von Bourgueville hätte mich nächſtens für eine jener Perſonen gehalten, die ſich der Erheiterung eines Cirkels widmen, für ſo eine Geſellſchaftsdame oder gar eine Hofmeiſterin. Sie hätte mich vermuthlich aufgefordert, ſie zu beſuchen. Aber in ihrer Gegenwart wäre ich noch beherrſcht geweſen von der unwiderſtehlichen Gewalt des Namens, der Geburt, des Glückes und des Alters. Ich hätte mich wieder all' jenen Unarten der Gefallſucht, der zärtlichen Schonung, des delikaten Benehmens, des Heuchelns und Schmei⸗ chelns in die Arme werfen müſſen, durch die mein Stolz und mein Muth ſchließlich ſo ermüdet würden, daß ſie die ganze Kraft meiner Jugend mit in ihren Abgrund riſſen. „Was René betrifft, ſo geſchieht es nicht aus ähnlichen Gründen, wenn ich ihm ausweiche. Ich werde mir nimmer vor einem Manne etwas vergeben, mich nie niedriger dünken als er ſteht. Aber kommſt Du dazu; ich ſoll den ſo eleganten ariſtokratiſchen jungen Grafen zu meinem Onkel in’s Haus kommen laſſen. Du kennſt unſere Reſidenz, den Luxus unſeres Empfang⸗ ſaales: eine Granittapete ſo grob wie grobe Leinwand, das Tafelwerk aus Tannenholz ohne Firnißanſtrich, mit ungeheuren Knoten im Holze, ein Tiſch aus Nuß⸗ baum, Stühle aus Kirſchbaum, die Sitze aus Stroh geflochten, Blumen in Muſchelſchalen unter einer Glocke, und eine Pendeluhr von vergoldetem Kupfer. Ein hüb⸗ ſches Gemiſch das! Aber alles das wäre noch erträglich! Was mich aber geradezu anekelt, was ich unausſtehlich finde, das ſind die geſchmackloſen dummen Kupferſtiche in ihren ehedem einmal vergoldeten Rahmen, lauter Epiſoden aus der Geſchichte der großen Armee dar⸗ ſtellend, z. B. der Tod des Marſchalls Lannes, der Tag von Auſterlitz, die Zuſammenkunft Napoleons mit Alexander an den Ufern des Niemen. So entſetzliches Alltagszeug! das doch nur die berühmte Epoche des Kaiſerreichs ſchändet, ſtatt ſie zu verherrlichen. Da ſind mir, weiß Gott, die ſimplen Bildchen lieber, die hier die Strohhütten der Bauern zieren. 9* 68 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humotr. „Und Du glaubſt, ich würde mich dazu verſtehen, mich in Mitten einer ſolchen Umgebung zu zeigen? Welche Dame würde Selbſtverläugnung genug beſitzen, einzugeſtehen, daß ſie ſich in ſolcher Umgebung heimiſch fühle? Ich weiß, Du wirſt mir wieder Uebertreibung vorwerfen. Den Vorwurf aber weiſe ich auf' entſchie⸗ denſte von mir: unſer Charakter und unſere ſociale Stellung oder vielmehr unſere Perſönlichkeiten und das, was unſer Leben ausmacht, ſind grundverſchieden. „Dieſer Brief iſt ziemlich lang ausgefallen; beant⸗ worte ihn nicht und komme recht bald lieber zu mir. Ich bin Deine alte Freundin, Du biſt das einzige Weſen, durch welches ich liebe und lebe. Leb' wohl. Louiſe Meunier.“ Am folgenden Tage ergriff Louiſe abermals die Feder und ſchrieb bei ſo ſchwachem Lampenlicht, wie es eben nur für die Augen der Jugend ausreicht. „Was ſind wir doch für ſchwache erbärmliche Geſchöpfe, liebes Klärchen! Wenn wenigſtens Du es wärſt mit Deiner ſchneeweißen Haut, Deinen roſenrothen Wangen, blauen Augen, goldenen Locken, mit Deinem niedlichen Geſichtchen, mit Deinen allerliebſten Händchen und Deinen auswattirten Schultern, wenn Du es wärſt, ſo ein feines zartes Weſen, würde man eine Aenderung in den einmal gefaßten Beſchlüſſen begreiflich finden; man würde Dir einen Wechſel in Deinen Grundſätzen verzeihen. Aber wie iſt es erklärlich, daß ich, die ich durch die Kälte und den Ernſt meines Benehmens oft alles, was ſich mir nähert, abſtoße— daß ich mich von einem Blicke magnetiſiren, von einem ſtummen Winke leiten laſſe! „Jal er kam trotz meines Verbotes; ging unter dem Fenſter unſeres Hauſes auf und ab— einmal— auch ein zweites Mal. Ich ſaß auf dem Plätzchen, wel⸗ ches Du ſehr gut kennſt, das Geſicht gegen das Fenſter gewendet und ſtickte wie gewöhnlich; ich glaube ihn an ſeinem Schatten erkannt zu haben, aber, das iſt gewiß, hinausgeſchaut hatte ich bis dahin nicht. Beim dritten Male aber trafen ſich unſere Blicke. Er ſchritt darauf auf die Thür zu und— es klingelte; ich erhob mich, ohne es zu wiſſen und öffnete ihm die Thür; ich war, ich verſichere Dich, nicht nur vor Staunen, ſondern auch vor Unwillen außer mir. „Ganz ungezwungen und lächelnd trat er ein. Er war durchaus nicht mehr der Alte; von der Zartheit und Demuth des erſten Tages keine Spur! Nachdem er ſich, nach den Regeln des ſogenannten Anſtandes, nach meinem Befinden erkundigt und mich ſeiner leb⸗ haften Theilnahme an meinem Unfalle verſichert, fing er an, um ſich zu ſchauen, erſt verſtohlen, dann dreiſter; die famoſen Kupferſtiche bezauberten ihn; er fing an, ſie ſorgfältig zu prüfen. Eine Reihe witzelnder Bemer⸗ kungen war die nächſte Folge; ich weiß ſehr wohl, daß er mich damit nicht beleidigen wollte, aber nichtsdeſto⸗ weniger verdüſterten ſie etwas mein bis dahin heiteres Geſicht. Ich mußte in der That mein Melpomene⸗Geſicht annehmen, welches Dich in der Regel ſo abſtößt. „Nun ſetzte er ſeine Unterhaltung mit mir fort, und er war ſo geiſtreich und ſo intereſſant, ſo heiter und jovial, und ſchaute mich dabei ſo treu, ſo gut⸗ müthig an, daß ich ſchließlich meine kleine Gereiztheit vergaß. Eine Menge Fragen, die er an mich richtete, beantwortete ich und— nach Ablauf einer halben Stunde waren wir die beſten Freunde der Welt.“ Einige Tage ſpäter waren die beiden jungen Damen in demſelben Saale, deſſen unanſehnliche ge⸗ ſchmackloſe Möblirung den Geſchmack und die Anſprüche Louiſens ſo ſehr verletzten. In einem ironiſchen Tone, der ihren ernſten Mund ziemlich ſehr verzog, hub die eine an: „Endlich, endlich biſt Du einmal wieder da. Ich bin Dir ſehr dankbar, daß Du meinetwegen von Deinen Heiratsgedanken abgekommen!“ „Höre,“ erwiederte das blonde Klärchen mit heiterer Ruhe, die bewies, das der leiſe Vorwurf ihrer Freundin ihr Gewiſſen nicht berührte;„höre, das iſt meine ganze Zukunft, dieſe günſtige Gelegenheit, einen Mann zu finden: da heißt es ſein oder nicht ſein!“ „Sein oder nicht ſein, ſagſt Du? Alſo— die Frau eines Bauers zu werden, mag er nun Eigenthümer oder Pächter ſein, das nennſt Du eine höhere Fügung?!“ „Gewiß, ich würde mich ſehr gut da hinein zu finden wiſſen. Ich bin in einen Pachthof und die ihn belebenden Weſen ganz verliebt; was für ein Vergnügen würde es für mich ſein, meine Hühner, meine Küch⸗ lein, meine jungen Enten, meine girrenden Turteltauben zu hegen und zu pflegen, mit ihnen meine Melancholie zu theilen. Ich würde glücklich ſein, hörte ich das Brüllen der Kühe und Ochſen, das Wiehern der Pferde; da hätte ich ein Lieblingskälbchen und eine Lieblings⸗ ziege zum Abweiden des Graſes im Garten und eine prachtvolle mit Schimmeln echt arabiſcher Rage be⸗ ſpannte Carriole würde mich täglich ſpazieren fahren. Zu Hauſe hätte ich ein Paar allerliebſte Kinderchen, mit denen ich, das eine auf dem Arm, das andere an der Hand, dem geliebten von einem benachbarten Jahr⸗ markt heimkehrenden Vater entgegeneilte, während die Dienerſchaft nachtmahlte. Ich würde ſtets die friſche Luft in vollen Zügen ſchlürfen und Abends im trauten Mondenſcheine die ſüßeſten Träume träumen.“ „Hör auf!“ rief Lo uiſe gebieteriſch;„das ſind lauter kindiſche Albernheiten, die Du mir da aufzählſt, während Du mir das Herz zerreißeſt. Vielleicht iſt's ein Glück, deſſen Du mich beraubſt; ich bin gewiß, daß ich ihn lieben würde, ich, Deinen Vetter. Klärchens Geſicht überflog ein ſanftes Lächeln. „Das iſt einmal wieder eine Idee!“ ſagte ſie. Du, in Jerome verliebt, das möchte ich ſehen; das müßte in der That zu drollig ſein; denn Du biſt viel zu noble, als daß Du einen einfachen Bauer, wie er es iſt, lieben könnteſt.“ „Iſt denn Dein Jerome ein Kretin?“ „O nein! Er iſt unermüdlich thätig, ein trefflicher Jäger, ein unerſchrockener Reiter und er tanzt vorzüglich. An großen Gedanken und Ideen iſt er freilich arm; das iſt ſeine ſchwache Seite; er kennt nur die Idee des Guten und an ihr hält er feſt. Im Uebrigen iſt ſein Geiſt bildſam und würde für alle Eindrücke ſich empfänglich zeigen.“ gut. aztheit chtete, halben ungen Re ge⸗ prüche nſchen 3, hub — die hümer ing?l“ ein zu je ihn 7 0 Küch⸗ üben chole h das Fferde lings⸗ deine ge be⸗ erchen ere an Jahr⸗ nd die friſche rauten. g ſind zählſt, s ein aß ich ¹; das ſt viel Louiſe Meunier. 69 „Und Du könnteſt ihn lieben?“ „Ich werde ihn lieben, wie eine gute und zarte Gattin lieben muß, um ihm das Haus in Ordnung und hübſch propre zu halten, ihm ein recht weiches Nachtlager zu bereiten und das Mittagsmahl auf die Minute zu ſerviren. Lieben werde ich ihn, um ihm nach gethaner Arbeit ſüße Ruhe, auf dem Krankenbette liebe⸗ vollen Beiſtand, in ſeinen Berufsarbeiten Erleichterung, im Kummer Troſt und Erquickung zu gewähren.“ „Ja, jal und Du wirſt glücklich ſein,“ rief Louiſe aus, indem ſie die Hände krampfhaft faltete;„aber ich!“ „Glücklich! ich bin noch nicht ſeine Frau; mit mir verglichen iſt er reich; ſein Vater und ſeine Mutter ſind zu gut, als daß ſie mich nicht mit der größten Herzlichkeit aufnehmen ſollten; aber im Grunde, glaube ich, ſehen ſie in mir eine Gefahr für ihren Sohn und es würde ihnen wenig ſchmeicheln, wenn ſie mich ihre Schwiegertochter nennen müßten.“ „Was das betrifft, ſo darfſt Du kühn ruhig ſein; das wird ſchon alles nach Wunſch ſich geſtalten. Das Glück läßt nicht leicht Jemanden im Stich, dem es ſo freundlich die Arme entgegenſtreckt wie Dir. Das Schick⸗ ſal iſt launig, es iſt ein Weib; aber das Glück gehört einem Geſchlechte an, welches ſtets nur den Fortſchritt kennt.“ „Gut! wenn dem ſo iſt, warum ſteigſt Du nicht herab aus der ſchwindelichen Höhe Deines Stolzes, um ihm zu ſeinem Glücke zu gratuliren.“ „Wie? Willſt Du, er ſoll zu mir kommen? Das würde ich nicht überleben. Ich habe mich, ach wie oft! ſchon gefragt, was denn Alles ſo recht eigentlich zur Exiſtenz gehört. Das erſte Erforderniß iſt, daß man eine in Wahrheit, Geiſt und Herz veredelnde Erziehung genieße. Eine ſolche ward Dir in ländlichſittlicher Weiſe trefflichſt zu Theil; eine Andere wird ſie ſuchen in der Strenge der religiöſen Grundſätze, an die ſie ſeit der früheſten Kindheit gewöhnt wurde; eine nicht kleine Zahl, und darin ſind meiſt die niedern Schichten be⸗ griffen, kennt wiederum nur die Familienliebe. Die Einen ſind an ſtete Arbeit gewohnt, die Andern ſchwel⸗ gen in übertriebenem Luxus; ſie haben die Glücksgüter des irdiſchen Lebens gleichſam gepachtet. Ich allein hange an nichts; eine Waiſe, ward ich ebenſo wenig verzärtelt, als ich mich je erinnere, eine ſonderliche Protektion genoſſen zu haben; die Armuth fürchtete ich, den Reichthum haßte ich, und ſo ward ich ein Spielball des Zufalls; Elend oder Glück mußte mein Antheil werden; es war ein Hazardſpiel. So war mein Leben ein reines Nomaden⸗ und Sklavenleben. Nie liebte mich Jemand genug, um ſich um meine Seele zu küm⸗ mern; und von den Wogen des Schickſals umherge⸗ trieben, ſtehe ich da ohne allen Schutz; kein Herz ſchlägt für mich.“ Klärchen antwortete nicht, aber ihr Blick ent⸗ hielt offenbar einen leiſen Vorwurf.— „Du haſt Recht,“ ſagte Lquiſe.„Iſt denn aber unſere Freundſchaft gar nicht in Anſchlag zu bringen? Freilich wird nie ein Dritter uns ſo verſtehen, wie wir uns verſtehen. Daß weiß ich, das gebe ich zu.“ Die beiden Freundinnen legten ihre Hände in einander; zu reden vermochte keine. Klärchen nahm nun den abgebrochenen Faden der Erzählung wieder auf. „Aber Deine Bildung? Deine Talente?“ „Meine Talente? Ueber das Wort will ich nicht mit Dir rechten. Ich habe ſie erworben unter der Herr⸗ ſchaft des Zwanges, mochte er nun von Menſchen aus⸗ gehen oder in den Verhältniſſen liegen. Ich habe ſie auch nie für etwas anderes gehalten, als für Mittel, mich zu knechten; Geiſt und Körper habe ich ihnen zum Opfer gebracht, aber meine Seele nie!“ „Nicht doch! Du thuſt Dir ſelbſt das ſchreiendſte Unrecht; aber die Liebe wird Dir die Achtung vor Dir ſelbſt zurückgeben, wird Dir eine Vergangenheit und eine Zukunft ſchaffen; ein ſo ſchönes treffliches Weſen⸗ wie Du muß Liebe finden. Doch halt! Was macht denn Dein liebenswürdiger Burgvogt?“ „Ich habe nichts von ihm gehört, ſeit ich Dir zuletzt ſchrieb. Aber was kümmert's mich? Was habe ich für ein Intereſſe daran? Was geht er mich per⸗ ſönlich an?“ „Aber wenn er Dich liebte?“ „Wie kannſt Du ſo etwas denken?“ „Wenn er Dich heiratete?“ „Iſt das ein thörichter Einfall!“ „Wenn es nun aber endlich doch wäre?“ „Wenn es auch ſeinerſeits kein Hinderniß gäbe (es gibt deren aber hundert und tauſend), eines liegt gewiß in meiner Vergangenheit und— das dürfte unüberſteiglich ſein.“ „Was denn? Eine Erinnerung? Das iſt etwas für Kopf und Herz. Hätte ich eine und wäre ſie ſüß und wohlthuend, ſo würde ich ihr mein Leben opfern; wenn ſie aber, im Gegentheile, nur grauſame Pfeile gegen mein Herz richtete, ſo würde ich mich ihren Qualen mit der größten Reſignation, ja vielleicht mit einer gewiſſen Begeiſterung hingeben, bis mir der Tod Erlöſung brächte. Aber nein! ich habe in meinem ganzen Leben keine Erinnerung; wohl aber Kummer, Reue, ja vielleicht auch Scham; und doch, glaube mir, Klärchen, bin ich ſo rein, ſelbſt in meinen Gedanken, wie ein Kind, das die Mutter nie aus den Augen verliert, das außer ihrem Schoße und ihrer Hand nichts kennt.“ „Wenn Du ſo ein reines unſchuldiges Gewiſſen haſt, da achte ich alle Hinderniſſe gering; wir werden darüber noch weiter ſprechen, nicht wahr, Louiſe?“ „Ich weiß nicht.“ „Ich bitte Dich, überlaß' Dich nur nicht weiter Deinen Grillen und ſchwarzen Phantaſien. Komm,, meine Liebe, komm' mit mir auf unſern Pachthof. Wir werden uns ein Plätzchen ſuchen unter dem Mantel des großen Kamins; das Knattern des Feuers wird unſer Herz erfreuen; wir werden Kartoffel unter die Aſche legen und ſüße Aepfel auf dem Roſte braten und uns an dieſem delicieuſen Imbiß recht königlich weiden. Alſo ſteh' auf und geh mit.“ Die Beiden ſchlugen bald darauf ihren Weg ein, quer durch die Felder nach dem Pachthofe des Herrn 70 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Renoult, der Onkel und Vormund Klärchens war, die längſt auch keine Eltern mehr hatte. Sie be⸗ gaben ſich in die Wohnung des Pächters und hatten dort ſofort Gelegenheit, das häusliche Leben auf dem Lande in ſeinem bunten Treiben eben ſo zu beobachten, wie die Arbeitergruppen, die von ihren Arbeiten mit einer Miene heimkehrten, die es nur zu deutlich aus⸗ ſprach, daß ihr Tagewerk ihnen mehr Freude als Stoß⸗ ſeufzer brachte. Es war dies jedoch nicht die Wohnung des Doktors: dieſer hatte ſich einen hübſchen Blumen⸗ garten angelegt und in demſelben ein Häuschen gebaut, welches ſich an die der Straße entlang laufende Mauer lehnte. Die Luft war drückend ſchwül wie in den heißeſten Tagen des Sommers; am fernen Horizonte ſah man ungeheure finſtere Wolkenmaſſen emporſteigen, die jedoch ab und zu in einem plötzlichen Lichte erſchienen, ſo daß man ein Gewitter im Anzuge glauben mußte. Der übrige Himmel war rein und von Myriaden hellleuch⸗ tender Sterne und Sternchen beſäet. Koſtbare Wohlge⸗ rüche ſtiegen allenthalben aus den nahen Waldungen und Wieſen empor, und pflanzten ſich mit den Wind⸗ ſtößen fort, um die ganze Gegend zu erfüllen. Eine magnetiſche Kraft war in der ganzen Atmoſphäre thätig und ſchien allüberall einen geheimnißvollen Schrecken, mit ihm aber auch eine ſtille geheime Luſt zu verbreiten. „Was iſt denn das!“ rief Louiſe aus, indem ſie die balſamiſch duftende milde Luft in vollen Zügen ſchlürfte.„Mich befällt ein ahnungsvolles Grauen! Iſt's Glück oder Unglück, was mir bevorſteht?“ In derſelben Zeit, im ſelben Augenblicke, wo die beiden Freundinnen das Gitterthor des Pachthofes er⸗ reichten, kam auch ein Mann auf einem kleinen Seiten⸗ wege an, der ein Kornfeld quer durchſchnitt. Ein unge⸗ heurer Apfelbaum, der am Auslauf des Pfades ſtand, machte, daß Louiſe und ihre Freundin nicht bemerk⸗ ten, daß ſich ihnen Jemand näherte. Aber auf einmal hörten ſie eine helltönende jugendliche Stimme rufen: „Guten Abend, meine Damen! Ich mache Ihre kleinen Füßchen aufmerkſam, daß das Gras heute Abend ſehr naß iſt!“ Die beiden Freundinnen blieben erſchrocken ſtehen; Klärchen war im Begriffe zu antworten, aber ſie merkte ſofort, daß der Vorübergehende in raſchen Schrit⸗ ten ſeines Weges weiter ging. „Haſt Du ihn erkannt?“ ſagte ſie zu ihrer Be⸗ gleiterin.„Das iſt Graf René. Er erſchien, damit ſich das Sprichwort bewahrheite: Lupus in fabula; er wird mit Beſtimmtheit vorausgeſetzt haben, unſere Unterhaltung hätte ſich um ihn gedreht.“ Trotz des luſtig knatternden Feuers, welches den ungeheuren Kamin füllte, und trotz der Zwiegeſpräche, die Klärchen mit den Bewohnern des Hauſes und den zufällig anweſenden Gäſten anknüpfte, blieb Louiſe den ganzen übrigen Abend traurig und in Gedanken verſunken. Am folgenden Morgen wachte der Graf, dem es ſchon überhaupt nie an einem ſehr lebhaften trefflichen Humor fehlte, in einer in der That ganz ungewöhnlich frohen Stimmung auf. Er traf Vorbereitungen zur Jagd. Darauf durchſchritt er den das Schloß umge⸗ benden Garten, ſuchte aus allen Blumenbeeten die herr⸗ lichſten, friſcheſten Blumen zuſammen zu einem reizen⸗ den Bouquet, und, dieſes in der Hand, die Flinte unter dem Arm, die Weidtaſche auf der Schulter, den Hund hinter ſich, ſchritt er dem Dorſe zu. Er hielt ſich vor dem Hauſe Meuniers nicht auf; die Fenſter des nach der Straße zu gelegenen Zimmers waren halb geöffnet; René ſchien im Vor⸗ hinein darauf gerechnet zu haben; er ſteckte ſeinen Arm durch die kleine Oeffnung und legte ſein Blumenbouquet auf Louiſens Pult, zwiſchen eine Stickerei und etliche Papiere. Während er dieſes ſo wenig neue, aber doch im⸗ mer wieder neue Manoeuvre ausführte, das ſelten ſeinen Zweck verfehlt, beobachtete das Dienſtmädchen Meu⸗ niers, die eben in einem Fenſter des erſten Stockes einen Teppich auszuſchütteln im Begriffe war, den jun⸗ gen Grafen mit einer mehr ſpöttiſchen als böswilligen Aufmerkſamkeit. Dieſes Mädchen mochte etwa fünfzig Jahre ha⸗ ben: ihre äußere Erſcheinung war häßlich, aber ganz ſauber. Ihr Weſen war zu gleicher Zeit egoiſtiſch und dienſtgefällig, abſtoßend und voller Komplimente. Sie ſchenkte, wo es nöthig war, die ſorgſamſte Pflege, aber Mitleid kannte ſie nie; ſie that ihre Pflicht doppelt, die geringſte Aufforderung, etwas zu thun, kränkte ſie ſchon. Selbſt gehorchend, ſchien ſie zu befehlen: ſo reſpektvoll waren alle Dienſte, die ſie verrichtete, ſo gleichgiltig war ſie gegen alle und jede Anerkennung, ſo herrſchte ſie durch ihre trotzige Sorgloſigkeit über Alle, die auf ihre Dienſte angewieſen waren. Keinem Befehle kam ſie nach, ohne erſt ihr Gewiſſen befragt zu haben, ob ſie es dürfe oder nicht; ſie war überaus fromm, ſo zwar, daß es dem Hausgeſinde oft wenig recht war. Es kam ihr ſtets darauf an, eine recht große Anzahl Meſſen zu hören und eben ſo vielen Litaneien und Segen bei⸗ zuwohnen. Selbſt wenn ſie behufs größerer Einkäufe in die Kreishauptſtadt kam, blieb ſie ihrer Lieblingsge⸗ wohnheit treu. Dabei war ſie jedoch von jeder Proſe⸗ lytenmacherei frei. Wenn ſie Zeuge der Mühen und Leiden war, die es manchen Leuten koſtete, ihre irdiſchen Bedürfniſſe zu befriedigen, begnügte ſie ſich damit, heimlich und verſtohlen zu lachen über die Pein, die es ihnen koſtete, ſich der Verdammniß würdig zu machen. Die ſchmähliche Gleichgiltigkeit erſtreckte ſich auch auf Meunier, ihren Herrn; ſie betrachtete ihn als einen armſeligen Chriſten, deſſen Seele auf der Wagſchale des jüngſten Gerichtes nicht allzu ſchwer wiegen würde. Ihrer Liebe und Dankbarkeit gegen ihren Herrn ver⸗ lieh ſie einen ſehr beſcheidenen Ausdruck ſie betete täg⸗ lich ein„Vater unſer und Ave Maria“, daß Gott ihm ein ſeliges Ende verleihen wolle. Wenn ſie aber auf Fräulein Louiſe ſah, die ſie als ganz kleines Kind gehegt und gepflegt, dann fühlte ſie einen centnerſchwe⸗ ren Druck. Louiſe war ohne Unterlaß der Gegenſtand ihrer Wachſamkeit, vor ihrer Neugierde und ihrem Scharf⸗ ſinn mußte die alte Jungfer ſich immer in Acht nehmen. — 1 zur uinge. e herr. kelzen. unter 1 Hun Hund 3 wicht legenen Louiſe Meunier 71 Kurz, für dieſe Veronika, wie ſie leibte und lebte, war Louiſe die einzige häusliche Freude, die ſie kannte, aber gleichzeitig ihre tägliche Pein und Qual. Als René verſchwunden war, ging die würdige Dienerin in die Küche hinab, um den Augenblick zu er⸗ ſpähen, wo Louiſe in den Saal treten würde. Sie folgte wie ein Schatten den Bewegungen des jungen Mädchens, bis es endlich das Bouquet gewahrte und es in die Hand nahm und mit erſtaunten Blicken be⸗ trachtete. „Ach!“ rief Veronika aus,„iſt das ein herr⸗ liches Bouquet! Wie herrlich duften die Reſeda, und die prächtigen Maßliebchen! Aber ich möchte wiſſen, warum man rund herum die Stechpalmen angebracht!“ „Das iſt vielleicht eine Anſpielung auf den pikan⸗ ten Humor deſſen, der den Blumenſtrauß hierhin ge⸗ legt,“ erwiederte Louiſe mit erzwungener Lebhaf⸗ tigkeit. „Wiſſen Sie denn, wer es iſt?“ fragte die Alte. Louiſe, die ſich einen Augenblick verrathen, be⸗ reute es jetzt; ihre Züge veränderten ſich plötzlich. „Es iſt einer, der gar kein Geräuſch gemacht hat,“ fuhr Veronika fort,„denn man hat weder die Thür öffnen, noch klingeln hören. Ich fange an zu glauben, daß es Leute gibt, die durch ein Nadelöhr zu ſchlüpfen wiſſen; aber darum werden ſie noch nicht in den Him⸗ mel kommen.“ „Schaffe mir das Bouquet aus den Augen,“ ſagte Louiſe, die Veronika in echt kindlicher Weiſe dutzte,„und mache damit, was Du willſt.“ Die Alte trug das Bouquet fort; ſetzte es in eine mit Waſſer gefüllte Blumenvaſe und kam dann einige Augenblicke ſpäter zurück und ſtellte beide vor die junge Herrin hin. Louiſe warf nur einen flüchtigen Blick darauf; ſie wollte es nicht merken laſſen, daß Vero⸗ nika ihr damit einen großen Gefallen that; im Grunde aber war ſie gedemüthigt und entzückt und kaum hatte die tückiſche Alte den Rücken gekehrt, als ſie verſtohlen zwei Veilchen abpflückte und ſie in ein eben vor ihr liegendes Dichteralbum verbarg. Dann nahm ſie wieder ihre Stickerei— dieſe ewige für phantaſtiſche Frauen ſo verhängnißvolle Stickerei!— und eingewiegt durch die regelmäßigen Stiche und die ſtets gleichen Bewe⸗ gungen der Nadel verfiel ſie in eine ihrer gewöhnlichen Träumereien, die mitunter mehrere Stunden dauerten. Dieſe Träumereien hatten mehr ihren Grund in bitteren als in angenehmen Erfahrungen und Erleb⸗ niſſen. Die arme Louiſe hatte ſeit den erſten Jahren ihrer Kindheit manch heißen Wunſch, war aber nie im Stande, ſeine Erfüllung zu ermöglichen. Alle Frauen, in deren Umgebung ſie lebte, waren, wenn auch nicht in Wirklichkeit, ſo doch dem Scheine nach glücklich: ſie waren elegant, wenn auch nicht ſchön; von Schmeichlern umgeben, wenn auch nicht liebenswürdig; Königinnen, wenn auch nichts weniger als glücklich. Im Hinblick auf alle die Genüſſe, die ihr verſagt waren, hatte Louiſe, ohne je auf das Los derjenigen zu ſchauen, deren Ge⸗ ſchick ſie hätte tröſten können, ſchließlich die Ueberzeu⸗ gung gewonnen, daß ein böſes Mißgeſchick auf ihr laſte und ſie unaufhörlich verfolge. Dieſe fataliſtiſche Idee, die Louiſe in überſpannter Weiſe und in einer faſt unglaublich abergläubiſchen, an Wahnwitz grenzenden Art hegte, hatte ihr Herz und Verſtand beirrt und ver⸗ wirrt; aber ſie wußte dieſelbe in ein ſo düſteres poeti⸗ ſches Gewand zu kleiden, daß Niemand ſich ihr ohne die größte Theilnahme und Innigkeit näherte. Die Einen machte ſie lüſtern, die Andern kühlte ſie ſehr ab; und ſo war und blieb ſie intereſſant und— ein Räthſel. Die wundervollen Wortſpiele Molidère's enthalten faſt immer eine tiefe Wahrheit; Louiſe hatte den voll⸗ kommenen Beweis für die Richtigkeit jener Worte in dem Sonett an Orontes geliefert: „Verzweiflung wird die Hoffnung, wenn ſie ewig dauert.“ Ganz jung hatte ſie gehofft, aber nach langer Täuſchung— denn fünf Jahre ſind recht lang in dem Leben der Frau, die nur die Zeit in Rechnung bringt, während welcher ſie Liebe finden kann— hatten ſiche ihre Hoffnungen in Befürchtungen verwandelt. In dieſen nachdenkenden Unterhaltungen, die ſie mit ſich ſelbſt führte, gab's keinen Raum für kurze Träume; aber das waren die Rückwirkungen der Beobachtung, daß ihr Geiſt vertrocknet, ihr Herz kraft⸗ und machtlos geworden. Die Kraftloſigkeit erſtreckte ſich ſogar bis auf die Liebe; es ſchien ihr unmöglich, daß ſie je lieben ſollte. Und doch— wenn irgend ein Reiz, eine Ver⸗ lockung winkte, wie z. B. das eben gefundene Bouquet, dann ſchien ſie ſich ſelbſt zu verläugnen und fiel darüber her mit wahrhaft blinder Haſt und einem Ungeſtüm, das nicht wohl größer ſein konnte. Aber ſie that, was faſt alle Damen thun, wenn ſie einmal die gewünſchte Ge⸗ genliebe nicht finden; ſie verbarg ihre Neigung ſelbſt da, wo gerade das Gegentheil am Orte geweſen wäre. Einige Tage, nachdem ſie das Blumenbouquet be⸗ kommen, ſagte Graf René zu Madame von Bour⸗ gueville: „Entſchuldigen Sie, Mama, wenn ich heute nicht mit zu Mittag ſpeiſe; ich konnte durchaus nicht umhin, eine Einladung anzunehmen. „Bei wem?“ „Bei Herrn Meunier.“ Madame von Bourgueville, vor Ueber⸗ raſchung außer ſich, warf ihrem Sohne einen durchdrin⸗ genden Blick zu, der Erſtaunen und Neugierde zugleich verrieth. „Herr Meunier! ei, ei!“ ſagte ſie.„Iſt das der Beſitzer des Meierhofes, jener Ex⸗Krämer, jenes Großmaul, mit dem Du einige Händel wegen Grenz⸗ ſteinen hatteſt?“ „Derſelbe, Mama!“ „Ah ſo! Ihr wollt alſo zuſammen diniren und dadurch die Angelegenheit begleichen? Ich glaubte, die Sache ſei längſt ſchon abgethan.“ „Beinahe,“ erwiederte der junge Graf;„aber höre, was ſich zutrug: Die Nichte des Herrn Meunier ging eines Morgens im Park ſpazieren; ich war auf der Jagd; ich zielte auf die Mitte eines Dickichts, in dem ſie eben ſaß, und eine Schrotladung traf gerade 72 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ihren Arm. Der Vorfall hatte weiter keine ernſtlichen Folgen; aber ich glaubte, die nöthige Genugthuung müſſe dieſelbe Flinte leiſten, die den Schaden angerich⸗ tet, und— ſo ſchickte ich Herrn Meunier das Ergeb⸗ niß der Jagd: einen Haſen und zwei Rebhühner. Und ſiehe! Nun erhielt ich eine Einladung, heute zu Mittag als Gaſt zu erſcheinen.“ „Warum haſt Du das angenommen?“ „Wenn ich es ausgeſchlagen, ſo wäre meine vor⸗ gebliche Genugthuung nichts als eine Unfeinheit, ja Grobheit geweſen. Was Teufel! Das iſt doch wohl das Geringſte, was man thun kann, wenn man vor Leuten den Hut abzieht und ihnen die Hand reicht, die man ſchon mit einer Ladung Schrotkörner begrüßte!“ „Und wer iſt denn dieſe Nichte des Herrn Meu⸗ nier?“ Der junge Graf, der noch mehr nach dem Inſtinkt als nach reiflicher Ueberlegung zu handeln pflegte, merkte ſofort, daß die Unterhaltung kritiſch geworden war und daß es mehr oder minder von ſeiner Antwort abhänge, ob die Gräfin für oder gegen Louiſe Partei ergreifen würde. Er antwortete alſo in ſachtem Tone: „Sie iſt ſehr hübſch und eben ſo graciös; aber ſie iſt eine Lehrerin, ein armes Mädchen, welches einen recht wohlhabenden Mann bekommen müßte.“ „Gut,“ ſagte die Gräfin mit tiefer düſterer Stimme;„mein Sohn wird keine Dummheit begehen und auf ſeiner Hut ſein.“ (Fortſetzung folgt.) Die Lauine*). (Hiezu die Bilderbeilage.) 1 ie Lauine iſt die Milchſchweſter der Rüfe, gleich⸗ ſam das winterliche Ebenbild dieſes im Sommer ſo ungeberdig tobend aus den Höhen hereinbre⸗ G) chenden Unholdes. Wie bei jener iſt es ein Ab⸗ ſchüttelungs⸗Proceß des Uebermaßes deſſen, was die Höhen nicht zu bergen vermögen,— wie jene, tritt auch die Lauine ſchreckenerregend in dräuen⸗ der Wildheit, donnernd und weithin durch die Thäler wiederhallend einher,— wie jene, hat ſie ihre trümmer⸗ bedeckten Sturzbahnen, über welche ſie furchtbar her⸗ niederrauſcht,— wie jene, richtet ſie im bewohnten Kulturlande alljährlich viel Unheil an und iſt der ge⸗ fürchtetſte Gaſt jedes Alpthales. Aber ſie iſt ungleich mannigfaltiger als die Rüfe, weil ſie viel öfter und faſt allenthalben im Hochgebirge wiederkehrt. Kaum mag es einen bedeutenden Ge⸗ birgszug geben, der nicht ſeine alljährlich regelmäßigen Lauinenſtürze hat. Hier hängt'’s dann begreiflich von der F. ration der Berge und Felſenwände, von ihrer *) Aus den„Alpen in Natur⸗ und Lebensbildern“ von H. A. Berlepſch, Leipzig 1861, mit beſonderer Er laubniß des Verlegers Herrn Hermann Coſtenoble. mehr oder minder dem Schneefall, der Schneeanhäufung ausgeſetzten Lage ab, wie groß, ſtark und heftig die Lauine wird— und je nach ihrem früheren oder ſpäteren Auftreten, der Dichtheit ihres Materials, der Urſache ihrer Entſtehung und dem Effekt ihrer Wirkung unter⸗ ſcheidet der Aelpler verſchiedene Arten. Es iſt eine, im Nicht⸗Alpenlande beinahe ſtereotyp gewordene Meinung, daß irgend eine unbedeutende, äußere Veranlaſſung, z. B. das Schneekörnchen, welches der Fittigſchlag eines Vogels in rollende Bewegung ſetzt, die Lufterſchütterung, welche durch Geräuſch, durch das Knallen einer Peitſche, das Klingeln einer Saumroß⸗ Glocke, ja ſelbſt durch Huſten und Sprechen entſtehe,— hinreichend oder vielmehr nöthig ſei, um den Sturz einer Lauine herbeizuführen. So wenig es ſich in Ab⸗ rede ſtellen läßt, daß ſolche Veranlaſſungen unter Um⸗ ſtänden allerdings Urſache von Schneeſtürzen werden können, ebenſowenig ſind ſie jedoch Bedingung der⸗ ſelben; im Gegentheil die maſſenhafteſten, furchtbarſten, gefährlichſten und regelmäßigſten Lauinen werden durch ganz andere Faktoren hervorgerufen. Man kann ſie zunächſt füglich in Winter⸗ und Sommer⸗Lauinen eintheilen. Den erſteren gehören die ſchrecklichen, gefürchteten, unregelmäßig hereinbrechenden Staub⸗Lauinen an. Sie ſind gewiſſermaßen die ſtärkſte Form der Schneeſtürme. Entweder packt ein um die Gipfel brauſender Hochſturm unberechenbare Laſten jenes feinen, ſandähnlichen, kurz vorher gefallenen Schnees, hebt denſelben auf und läßt ihn als undurch⸗ dringliche Staubwolke da fallen, wo plötzlich die tragende Kraft des Windes gebrochen wird,— oder es iſt neuer Schnee, der auf ſehr glatter Unterlage alten, obenher vereiſten Firnes liegt, durch einen Windſtoß in’s Gleiten geräth, durch wachſende Maſſe auch an Gewicht, Druck und Schnelligkeit der Bewegung wächſt, und ſo über irgend eine Wand herabfährt. Die hierdurch herbeige⸗ führte Wirkung iſt eine doppelte. Einerſeits hüllt der niederſtürzende Schnee⸗Ocean in ſekundenkurzer, Zeit Gegenden, Häuſer, Perſonen, Vieh ſo vollſtändig ein, daß in vielen Fällen dieſelben tief, tief vergraben liegen und nur eiligſte Hilfe Rettung ermöglicht,— anderer⸗ ſeits aber iſt die, durch den raſchen Sturz veranlaßte Kompreſſion der Luft ſo gewaltig, daß, wie bei Explo⸗ ſionen von Pulverthürmen, lediglich durch den Luft⸗ druck, große Felſenblöcke, Häuſer, Viehſtälle, kurzum Ge⸗ genſtände jeder Art, welche die Lauine mit ihrem Schnee⸗ kitt nicht einmal erreichte, zur Seite geſchoben, empor⸗ geſchnellt, über Abgründe durch die Luft getragen, kurz und gut in kapriciöſeſter Weiſe dislocirt werden. Weil der Wind zunächſt Urſache des Entſtehens derſelben iſt, ſo werden ſie auch Wind⸗Lauinen genannt; indeſſen können gexade bei dieſen fliegenden Schnee⸗Schmetter⸗ wolken auch andere Hebel Bewegung hervorrufend wir⸗ ken. Bei dieſem auf geneigter glatter Fläche ruhenden Staubſchnee genügt irgend ein gegebener Anſtoß, um viele Juchart große Schneefelder in's Rutſchen zu brin⸗ gen, und hier iſt die Entſtehung der vulgären, in den Sprachgebrauch übergegangenen paraboliſchen Redens⸗ art von dem:„Lawinen ähnlichen Anwachſen“ zu ſuchen. —p — däufun ftig die päteren Ürſache unter. ſereotyp eutende, welches wegung , durch numroß⸗ ehe,— Sturg in Ab⸗ er Um. werden ng der⸗ barſten n durch er und ren die ſchenden fturkffe m die Laſten allenen ndurch⸗ agende tneuer venher Gleiten t. Druck ſo über erbeige⸗ üllt der er, Zeit ig ein, liegen anderer⸗ anlaßte Explo 1 Luft⸗ im Ge⸗ Schnee⸗ empor⸗ en, kurz u. Weil ben iſt indeſſen hmetter⸗ nd wir⸗ henden 0ß, um u brin⸗ in den Kedenz⸗ futhen Lavmnen=Ausgpabung. 7ℳ 3 apf Die Lauine. 73 Das bedeutendſte Staub⸗Lauinen⸗Unglück aus neuerer Zeit iſt jenes, welches 1827 das Walliſer Dorf Biel ereilte und 40 Menſchen als Opfer verſchlang. Indeſſen ſind außerordentlich viele Beiſpiele von wunder⸗ baren, ja ſogar komiſchen Rettungen bekannt. So z. B. wurde im December 1836 im Averſer⸗Thale(in Grau⸗ bünden) ein Haus, in welchem 12 ſpielende Kinder verſammelt waren, von einer Lauine ergriffen, horizontal fortgeſchoben und total mit feinem Schnee zugedeckt, ſo daß ſelbſt der Firſt nicht hervorſchaute. Die Eltern der Kleinen, gelähmt vom Schrecken, eilten mit Schaufeln und Spaten jener Gegend zu, in welcher ſie das Haus verſchüttet glaubten; aber noch ehe ſie beginnen konnten ernſtlich zu arbeiten, kamen die Kinder, eins nach dem andern, wohlbehalten aus dem Schnee hervorgekrochen. Noch drolliger iſt jener Vorfall, welchen Bilibaldus Pirckheimerus in ſeinem Bellum Helveticum Maxi- miliani I. aus der Zeit des Schwabenkrieges von 1498 erzählt; damals waren im Engadin 400 kaſſeliche Landsknechte von einer Staub⸗Lauine verſchlungen und über eine Anhöhe hinabgeworfen worden;— aber o Wunder! bald lebte die ganze Schneemaſſe wie ein Ameiſen⸗Haufen, und unter dem ſchallendſten Gelächter ihrer unberührt gebliebenen Kriegskameraden, krochen Alle ohne Ausnahme wieder hervor, Einige wohl be⸗ ſchädigt, aber Keiner tödtlich verletzt. Von der Schnellkraft des erzeugten Luftdruckes kann man, ohne Beiſpiele, ſich kaum eine richtige Vor⸗ ſtellung machen. Im Graubündner St. Antönien⸗Thal, (durch welches ein Paßweg aus dem Prätigau über die Rhätikon⸗Kette in's Gargellen⸗ und Montafuner Thal führt) ſah ein Knecht weit droben an der Bergwand, vielleicht 1 ½ Stunde von ſeinem Standpunkte, eine Lauine anbrechen und eilte, einen Stall zu erreichen, der ziemlich geſichert ſtand. Obgleich dieſer etwa nur 14 Schritte entfernt war, ſo vermochte er denſelben doch nicht zu erreichen, ſondern wurde vom vorausjagenden Windſtoß ergriffen, über das Dalfazzer Tobel hinüber⸗ geſchleudert und dort von der mit Blitzesſchnelle nach⸗ folgende Lauine begraben. In der Regel iſt es der Fall, daß eine angebro⸗ chene Lauine durch die energiſche Luftſtrömung und das donnernde, Luftſchwingungen erzeugende Geräuſch den Fall von anderen ſekundären Lauinen veranlaßt, und hieraus läßt ſich jene Mittheilung wohl erklären, welche aus dem Lauterbrunnen⸗Thale berichtet, daß im vorigen Jahrhundert die Stuffen⸗Laui 24 Stunden lang ge⸗ ſtürzt ſei. Ein Fall aus allerjüngſter Zeit beſtätiget Aehnliches. Im Frühjahr 1854 fand ein ſo anhalten⸗ der Lauinen⸗Sturz an der Schattenſeite des Realper Thales ſtatt, daß in der Ausdehnung von mehr als Stunden⸗Länge eine Schneemaſſe nach der anderen durch Luftdruck und Erſchütterung in Bewegung geſetzt wurde. Wege und Straße waren mit feſtem, kompaktem Schnee 25 bis 30 Fuß hoch bedeckt, ſo daß man, um die Kommunikation zu öffnen, Tunnel durch die impro⸗ viſirten Schneefelſen treiben mußte. Lauinen waren an Stellen herniedergekommen, wo ſeit Menſchengedenken keine ſolchen gefallen waren. Erinnerungen. LXXXII. 1861. Greif' an mit Gott! Dem Nächſten muß man helfen. Es kann uns Allen Gleiches ja begegnen. Dieſer Spruch in Schillers Wilhelm Tell iſt eine der Lebenspraxis des Gebirgsvolkes abgelauſchte große Wahrheit. Sie bewährt ſich in ſo hohem Grade kaum irgendwo mehr als in den Alpen. Während Läſſigkeit oder vielmehr ein gewiſſes gemächliches„Anſichkommen⸗ Laſſen“ einen der unvertilgbaren Grundzüge im Cha⸗ rakter aller Hirtenv ölker bildet, und ihr von Hauſe aus kontemplatives Weſen, ihre im langſamſten Takte vor⸗ ſchreitende Bedächtigkeit jeden raſchen Entſchluß, jede wenig überlegte Handlung zurückhält, ſo iſt die Hilfs⸗ freudigkeit, der aufopfernde Muth und die ans Herku⸗ liſche grenzende Ausdauer bei Unglücksfällen, die durch Naturereigniſſe herbeigeführt wurden, wahrhaft groß⸗ artig und läßt das Rein⸗Menſchliche im herrlichſten Lichte erſcheinen.„Der brave Mann denkt an ſich ſelbſt zu⸗ letzt.— Es ſind Stunden fieberhaft emſigen Schaffens in bangſter Erwartung, um das Leben lieber Angehöri⸗ gen, Freunde, Gemeinde⸗Genoſſen oder völlig fremder unbekannter Menſchen zu retten. Wo ſind die rechten Stellen, an denen Vergrabene, dem Erſtickungs⸗ oder Erſtarrungs⸗Tode nahe, mit dem gnadenloſen Feinde alles Lebenden kämpfen? Häuft nicht vielleicht jeder Spatenſtich, jede Schaufel voll zur Seite geworfenen Schnees den Grabhügel nur um ſo höher über dem Geſuchten? Denn wunderbarerweiſe hören die droben Arbeitenden in der Regel kaum etwas von dem Hilfe⸗ ruf und dem Angſtgeſchrei der Verſchütteten, während umgekehrt Errettete vielfach und übereinſtimmend er⸗ zählten, jedes Wort der über ihnen Suchenden verſtan⸗ den, ja die Stimmen von Bekannten genau unterſchie⸗ den zu haben. Nun verſetze man ſich in die peinigende, ſchon durch die umgebende Kälte gräßliche Lage armer Lauinen⸗Opfer, und addire das gräßliche Bewußtwerden hinzu, daß Hilfe von Freundeshand wenige Schritte weiter auf falſcher Fährte ſich bis zur Erſchöpfung ab⸗ müht.— Da, wo dann Menſchen⸗Weisheit am Ende i*ſt, beginnt der feine Inſtinkt des Thieres, und wie der Prairie⸗Hund ſtundenweit die Fährte ſeines Herrn oder des verirrten Kindes verfolgt und endlich die Geſuchten findet, ſo iſt's auch hier der treue Haus⸗Genoſſe des Aelplers, deſſen feiner Geruch die Lagerſtelle Vergra⸗ bener entdeckt und zur rechten Spur leitet. Der Werth der Hospiz⸗Hunde vom großen St. Bernhard, Simplon und Gotthard iſt zu ſprichwörtlich geworden, und in Tſchudi's herrlichem„Thierleben der Alpenwelt“ ſo umfaſſend und treu geſchildert, als daß hier ausführlicher von ihnen die Rede ſein kann. Außerordentlich verſchieden in Urſache der Entſte⸗ hung, in Charakter und Wirkung, von jenem, aus locker zuſammenhäng endem Schnee beſtehenden, meiſt im Winter fallenden Staub⸗Lauinen, ſind die Schloß⸗, Schlag⸗ oder Grund⸗Lauinen. Dieſe ſind ein Phänomen des Frühjahrs, wenn die Natur ihr Auferſtehungsfeſt feiert, und das Hochgebirge die winterlichen Träume aus den Erinnerungsfalten ſchüttelt. Hier iſt's ſchon ganz anderes Material,— nicht jener ſandähnlich trockene, feine Schnee, der, ein Spiel der Lüfte, von den 10 Winden umhergeſchleudert wird, bahn⸗ und ziellos, hier iſt's alter„ferniger“ Schnee, welcher den Winter über an und auf den Abhängen lag, ſich verdichtete, „Firn“ wurde, alſo eine viel kompakteßs, örperfeſtere Geſtalt annahm. Nicht der Wind, der den Schnee wolkendick empor⸗ wirbelt, nicht die kleinen Urſachen, welche unbedeutende Parcellen in Gang ſetzen, nicht bloße Luft⸗Erſchütterung allein, vermögen die Grund⸗Lauine zum Fall zu brin gen; ihren furchtbaren Sturz bereiten die„lauen“ Lüfte, die einziehende Wärme vor. Dieſe durchdringen die kleinen hohlen Räumchen in den unabſehbar großen Schneehängen, löſen leckend Kryſtällchen, die dem Raſen, dem Felſen, zunächſt aufliegen, in flüſſiges Waſſer auf, das den Boden ſchlüpfrig macht und den unmittelbaren Zuſammenhang beider vernichtet. Alſo langſam vorbe⸗ reitet, der natürlichen Stütze oder Unterlage theilweiſe beraubt, vermag die Kohäſion der einzelnen Schnee⸗ partikelchen das ganze, große, untenher gehöhlte Schnee⸗ feld nicht mehr zu halten; das Geſetz der nach Unten ſtrebenden Schwere macht ſeine Rechte geltend, die Maſſe löſt ſich ab und rutſcht, je nach der mehr oder minder ſtarken Neigung des Berges, von Sekunde zu Sekunde an Beſchleunigung gewinnend, der Tiefe zu. Alles, was ihr im Wege liegt oder ſteht, wird in die Berderben drohende Sturzmaſſe hineingewickelt und zu Thal geführt. Die Oberländer nennen ſie „Schmelz⸗Lauinen“. Gegen den Anbruch dieſer Grund⸗Lauinen zu wirken, ſind zunächſt die Bann⸗ wälder beſtimmt. Aber noch kleinere Pflanzenkörper vermögen viel, um den Schnee beſſer an den Boden zu feſſeln, gleichſam mit ihm zu verflechten und das Abſtürzen zu verhindern, namentlich die auf den Planggen und ſteil abſchüſſigen Hochhalden wachſenden Wildgräſer und Kräuter,— das Material, aus dem der arme Wildheuer ſeine Kuh oder ſeine Ziegen mit Winterfutter verſorgt. Dort, wo es im Sommer abge⸗ mäht wird, zeigen ſich im folgenden Frühjahr faſt überall Rutſch⸗ und Schlag⸗Lauinen, während die ſtehengeblie⸗ benen, im Herbſt abgeſtorbenen Grashalme ein natür⸗ liches, zähes Bindemittel zwiſchen dem Boden und dem Schnee bilden. Die meiſten Grund⸗Lauinen haben ihre regel⸗ mäßigen Paſſagen, ihre ausgefegten, von Weitem kennt⸗ lichen Schurfrinnen,„Lauinenzüge“ genannt, durch welche ſie allfrühjährlich herniederraſen. Sie ſtehen in einiger Verwandtſchaft mit den Betten der Rüfen, nur ſind ſie minder trümmererfüllt, ſondern zeigen mehr glatt ausgehobelte breite Felſenrinnen(bis 100 Fuß Durchmeſſer), in denen allerdings immer etwas Gebirgs⸗ ſchutt zurückbleibt. Die Bewohner des Tavetſch ſchneiden im Spätſommer droben in den Regionen, wo der ſtamm⸗ förmige Baumwuchs bereits aufgehört hat, das Buſch⸗ werk der Alpen⸗Erle an minder geneigten Halden ab, binden Faſchinen daraus und legen dieſe in die Lauinen⸗ um die Fallkraft der zum Sturz geneigten Schnee⸗ maſſen in ihrem zerſtörenden Effekt zu ſchwächen. Die iſe von der Lauine mit zu Thal hinabge⸗ iſſenen Bündel braucht der Aelpler nicht herabzutragen 2 ₰ Berner ſal M ſolche We oder zu ſchlitten; er nimmt ſie, wenn der Sturzſchnee im Hochſommer vollends drunten zergangen iſt, als Brennreiſig aus dem wüſten Schutthaufen, . Vo gehüllt in graue Laken Schlafend die Lauinen liegen,— heraus, und weiß dergeſtalt ſogar die ihm feindliche Kraft⸗Aeußerung ſich dienſtbar zu machen. Eine Sturz⸗ bahn der Lauine durch Menſchenhand vorzeichnen zu wollen, würde ein ohnmächtiges Beſtreben ſein. Eben ſo irrthümlich wie vielſeitig das Entſtehen der Lauinen aufgefaßt wird, eben ſo unrichtig iſt oft das Bild, welches die Phantaſie ſich von der äußeren Er⸗ ſcheinung des Phänomens während des Sturzes ent⸗ wirft. Es iſt kein kugelnder Ballen, wie man wohl glaubt, der oben in der Bildungsheimat klein wie ein Kohlkopf, nun durchs Herabrollen und durch das maſſenhafte An⸗ hängen der Schneetheilchen immer größer wird, und endlich einem Globus von koloſſalem Durchmeſſer gleicht, der unten erſt, wie eine Bombe zerplatzend, ſeine Schnee⸗ ladungen ausſtreut; ein ſolch' progreſſives, ſphäriſches Formen,— wie man es vor Eintritt des Thauwetters im Tieflandswinter wohl ſpielweiſe von Knaben aus⸗ führen ſieht, wenn ſie einen Schneemann bauen wollen, — würde mindeſtens eine gleichmäßig geneigte, von keinen Felſentreppen und Fluhwänden unterbrochene, alſo der Hügelformation ähnliche Abdachung eines Berges vorausſetzen. Der Sturz einer Lauine, jeder Gattung, gleicht faſt immer dem Bilde eines in völligſten Schaum aufgelöſten Waſſerfalles. Gewöhnlich hört man den Sturz früher, als man ihn ſieht. Durch den don⸗ nernden Schall plötzlich aufgeſchreckt, richtet der Blick des mit der außerordentlichen Erſcheinung nicht vertrau⸗ ten Fremdlings ſich gewöhnlich in die Höhe und ſucht am Firmamente die Gewitterwolken, welche die gewaltig tönenden Schwingungen hervorrufen; aber droben im tieſen blauen Aether lagert lichte Ruhe,— kein Wölk⸗ chen ſchwimmt im Luft⸗Oceane. Schon rollt das Getöſe nachhallend durch die Thäler und erneuert jetzt aber⸗ mals, ſtärker anſchwellend, die erſchütternden Tonwellen, als das Auge niederſinkend drüben am Silber⸗Mantel des Berges rauchendes, von den Lüften verwehtes, ſtäubendes Gewölk und unmittelb runter eine glei⸗ tende, niederwallende Bewegung ag den kaum zuvor noch in ſtarrer Todesruhe daliegenden Firnhängen wahr⸗ nimmt. Scheinbar langſam, im ſtolzen getragenen Zeit⸗ maß, ſchwebt die Schnee⸗Kaskade wie breite Atlasbänder über die Felſenwände herab, ſtaucht tiefer an hervor⸗ tretenden Fluhſätzen auf, zerſtiebt in wollig⸗runde Schaumbogen und zerflatternde Wolken⸗Wimpel, wie die Intervallen eines Strom⸗Kataraktes, oder verliert ſich ſekundenlang in verborgene Schluchten und ſinkt, das Schauſpiel von Stufe zu Stufe wiederholend, hinunter, bis ſie auf flach auslaufenden Alpmatten oder im tiefen Trümmer⸗Becken zur Ruhe kommt. Mit dem Verſchwinden des vermeintlichen Stromes, verhallen auch die, den Fall begleitenden, grollenden Donner, und der Wanderer überzeugt ſich ſtaunend, daß beide Thätig⸗ keiten in unmittelbarer Wechſelbeziehung zu einander wellen, Nante vehtes⸗ el or wahr⸗ Z it⸗ ‚ell Die Lauine. 75 ſtanden. Dort aber, wo der ſcheinbare Staubbach her⸗ niederwallte, zeigt eine ſchmutzige, fahlfarbene Linie in Mitte des blendenden Firnes, daß hier mehr als blos Schnee, daß Erde und Geſteinſchutt mit herabgekommen ſein muß, von denen Spuren zurückblieben.— Dies iſt das Bild einer ſommerlichen Grund⸗Lauine von entferntem, geſichertem Standpunkte ruhig und ge⸗ mächlich betrachtet. Könnte man mit bedeutend ver⸗ größerndem, ſcharf ſpecialiſirendem Tubus die ſtürzende Lauine dem Auge näher rücken, wie ganz anders würde dieſe ſich geſtalten, wie würde ſie, gleich den ungeahnten Zellgeweben der Organismen unterm Mikroſkop, ſich plötzlich zu unermeßlichen Schneewolken ausweiten, in deren Umhüllung chklopiſche Felſenquadern, wuchtige Eismarren und zerriſſene Raſenfetzen ihren Schmetter⸗ flug pfeifend und heulend zurücklegen. Was dem freien Auge wie harmlos herabſchwebende Schaummaſſe er⸗ ſchien, wird in der Nähe zur tobend jagenden Furie; denn es fehlt uns, wie überall in den Alpen, ſo auch hier für die Entfernung, jeglicher Maßſtab, nach welchem die Höhen zu beurtheilen ſind, an deren unterbrochen vertikaler Fläche die Lauine herabſtürzt. Würde man die ungefähre Höhe jener Stelle, wo die Lauine ſich be⸗ grub, in Zahlen von der Höhe des Punktes, an dem ſie ſich ablöſte, ſubtrahiren und die gewonnene Differenz mit der Summe der Sekunden(ſo lange das Natur⸗ ſpiel währte) dividiren, ſo würde man einen Geſchwin⸗ digkeits⸗Quotienten für die enorme Fall⸗Eile erhalten, der zugleich den donnernden Gang aufklärte. Eine Frührjahrs⸗Grund⸗Lauine in möglichſter Nähe geſehen iſt Entſetzen erregend, faſt unbeſchreiblich. Alle Worte und Bezeichnungen ſind unzureichend, um dieſes Chaos, dieſe völlige Auflöſung, dieſe gemeinſchaftliche, augenblicklich zugleich ſich entwickelnde Orkan⸗ Erdbe⸗ ben⸗ Bergſturz. und Gewitter⸗Erſcheinungen zu ſchildern. Aufruhr, Flucht, Zerſtörung, Vernichtung, begleitet von raſendem in einander verwobenem Knirſchen des ſich ſelbſt zerpreſſenden Schnees, dem ſtöhnenden Krachen zerſplitternder Bäume, dem ziſchenden Fliegen geſchleu⸗ derter Felsgeſteine und deren krachendem Anprall an die Gebirgswände, ſchnillem Gepraſſel,— genug unde⸗ finirbarem, ohrenberäubendem Getümmel, deſſen Echo aus allen Thalnt ann hundertfältig zurückgeſchleudert auf's Neue ſich in Wieſes Wüthen vermengt, das iſt der Total⸗Eindruck einer Grund⸗Lauine in der Nähe. Ihr Material iſt fetter, dichter, ſchwerer als das luftiger Staub⸗Lauinen; darum keilt es ſich auch mit eiſerner Zähigkeit, dort wo es hineinfällt, feſt. Perſonen und Thiere von einer Schlag⸗Lauine verſchüttet, ſind meiſt unrettbar verloren; ſie bricht ihnen das Genick und Rückgrath, oder legt ſich hermetiſch dicht um den Körper an, ſo daß der Erſtickungstod unvermeidlich erfolgt. Der Schnee dieſer Lauinen wird ſo feſt in einander geſchla⸗ gen, daß Menſchen oder Thiere, nur bis an den. Hals darin ſteckend, ſich unmöglich ohne Hilfe Anderer heraus⸗ arbeiten können. Daher kommts auch, daß man in Thälern, durch welche ein ſcharfſtrömender Gebirgsbach fließt, noch im Hochſommer darüber gewölbte Schnee⸗ brücken findet, welche von einem Lauinenſturze her⸗ —————O—O—O—ęBO——— rühren. Dieſe ſind oft ſo kompakt und dauerfeſt, daß man mit Roß und Wagen darüber fahren könnte. Sie entſtehen dahurch, daß der Bergbach von einem Lauinen⸗ ſturz in ſhem Bett behindert, ſich vermöge ſeines größeren Wärmegehaltes durchfrißt und den Bogen allmälig erweitert. Gelingt dies dem Fluſſe nicht, iſt der Schneedamm zu dicht, zu mächtig, zu hoch, ſtaut er das Waſſer zurück, ſo kann großes Unglück die tiefer⸗ liegenden Orte des Thales bedrohen. Denn es ereignet ſich nicht ſelten, daß eine Lauinen⸗Ladung nicht nur die enge Thalſohle bis zu irgend einer Höhe ausfüllt, ſon⸗ dern ſelbſt an der gegenüberliegenden Böſchung noch wieder aufwärts geſchoben wird. Wenn dann die in den Thalengen komprimirte Sonnenwärme den Schneedamm mürbe macht und zerfrißt, ſo bricht das zum See ange⸗ wachſene Bachwaſſer mit ſeiner dynamiſchen furchtbaren Gewalt durch, reißt ringsum Ufergelände ab, entwurzelt Bäume und Sträucher, zertrümmert Stege, Brücken, Mühlen, Häuſer und Ställe, ſchwemmt Nutzhölzer, Säge⸗ blöcke, große Steine, Menſchen und Vieh mit fort, und verwüſtet tiefer gelegene Gegenden weit hinaus. Zwiſchen den beiden beſchriebenen Lauinenformen liegt mitten inne eine dritte, die theils ſelbſtändig als Lauiſturz auftritt, noch mehr aber Veranlaſſung einer jener beiden Sturzformen werden kann; dieſe wird her⸗ beigeführt durch die ſ. g. Windſchirme, Schneeſchilde oder Schneebritte. Das Bildungsprincip dieſer im Ge⸗ birge gefährlichen Accumulationen und die Geſtalt der⸗ ſelben im Kleinen kennt jeder Bewohner des Flachlandes aus Erfahrung. Es ſind jene Schneekappen und ſpannen⸗ hoch, ſenkrecht aufgebauten Schneeleiſten, welche entſtehen, wenn bei verhältnißmäßig milder Temperatur und ſtarkem Schneefall der Wind von einer Seite große fette Flocken an Gebände, Brunnen, Stackete und andere Gegenſtände wirft. Hat das Schneien dann nachgelaſſen, ſo verdichtet ſich die lockere Maſſe immer mehr, beugt ſich nach vorn über, und zuletzt nehmen dieſe durch Ein⸗ wirkung der Sonnenſtrahlen und des Wiedergefrierens oft ſeltſam modellirten Schneeverzierungen eine völlig hängende Geſtalt an. Nun,— was hier im Kleinen ſich zeigt, formt der dichte Schneefall in den felſigen Alpen, deren Wände beinahe ſenkrecht von allerlei Spalten, Bändern, Ueberwölbungen und Fagade⸗Ge⸗ ſimſen unterbrochen werden, im Großen, und zwar ſo koloſſal, daß überhangende, vom Felsgemäuer völlig abgelöſte Schneedächer, auf nur ſchmaler Baſis ruhend, entſtehen, die centnerſchwer, jeden Augenblick niederzu⸗ ſchmettern drohen. Dieſe Damoklesſchwerte hangen feſt, bis ſie unter der Laſt ihrer eigenen Schwere zuſammen⸗ brechen, oder durch laue Luft, Thauwetter, Föhn, oder veränderte Richtung des Windes losreißen. Dieſe ſind's, nach denen der Säumer, der Rutner, überhaupt jeder im Winter das Gebirge durchwandernde Aelpler ängſt⸗ lich meſſende Blicke emporſendet,— dieſe ſind's, die durch den geringfügigſten Umſtand, durch einen Schall, eine Lufterſchütterung ihres kaum vorhandenen Gleich⸗ gewichtes, ihres Zuſammenhanges mit der ſchmalen Felſenbaſis beraubt werden können,— ſie ſind's, wegen derer der Poſtillon mit der Peitſche nicht klatſcht, der 10* 76 Erinnerungen. Säumer früherer Zeiten, als es noch keine Schutzgalerien gab, die Schellen am Halſe der Thiere umwickelte, wenn er die engen Defilé's der Schöllenen am Gotthard, der Cardinell am Splügen und ähnliche Schluchten paſſirte, — und dieſe ſind's, auf welche Schiller in ſeinem Berg⸗ liede hindeudet: Und willſt du die ſchlafende Löwin nicht wecken, So wandle ſtill durch die Straße der Schrecken. Solche ſtürzende Windſchirme verdecken, gleich den Grundlauinen, oft die Bergſtraßen mit haushohen Schneeſchanzen, ſo daß die Rutner mit dem bloßen Ausſchaufeln nicht würden Bahn ſchaffen können, ſondern Galerieen durch dieſelben brechen müſſen. Dies war ganz beſonders auf den Graubündner Hochpäſſen in dem ſchneereichen Winter 1859 auf 1860 der Fall. Die Anwohner ſolcher Paſſagen erzählen wunder⸗ bare Geſchichten von dem inſtinktiven Vorgefühl mancher Thiere, die den Sturz von Lauinen gleichſam ahnen oder man möchte faſt ſagen prophezeien. So iſt es notoriſch, daß an jenen Abhängen, die in irgend einer Weiſe von regelmäßigen Lauinenzügen berührt werden, ſelten oder faſt nie Spuren von Gemſen im Schnee zu finden ſind.— Die Bewohner der Bergwirthshäuſer und Hospitien verſichern, daß kurz vor dem Eintritt von Staublauinen und vor dem Sturz von Windſchilden die Bergdohlen aus der Höhe herabkommen, ſich gleich⸗ ſam zu den menſchlichen Wohnungen flüchtend und dieſe kreiſchend umflattern.— Abgerichtete, zum Auf⸗ ſuchen Verunglückter beſtimmte Berghunde ſollen eben⸗ falls kurz vor dem Anbrechen von Lauinen und Guxeten eine ſichtbare Unruhe verrathen, und auf dem Simplon hat's deren gegeben, die laut heulten und hinaus ver⸗ langten, um ihrer Beſtimmung gemäß zu ſuchen. Die auffallendſte Witterung jedoch zeigen die Pferde. Wir haben ſchon bei Darſtellung des Schneeſturmes geſehen, daß das Pferd vor dem Losbruch des Unwetters unaufgefordert ſeine äußerſten Kräfte anſtrengt, um raſcher vorwärts zu kommen und wenn möglich das ſchützende Haus noch zu erreichen. Ueber den Scaletta⸗ Paß ſoll früher ein Roß lange Jahre den Säumerdienſt mitgemacht haben, welches regelmäßig durch Sträu⸗ ben und Stetigwerden den bevorſtehenden Sturz von Lauinen anzeigte, während es ſonſt das geduldigſte und leitſamſte Thier von der Welt war. Die Säumer, welche es deßhalb hoch achteten, verließen ſich bei zweifelhaftem Wetter faſt ganz auf dieſes Pferd. Einſt hatte es auch im Winter Paſſagiere mittelſt Schlitten zu befördern und an einer Stelle unweit der Paßhöhe angelangt, wollte es durchaus nicht von der Stelle. Die Reiſenden, unverſtändig genug und der Führer zu nachgiebig, trie⸗ ben mit den äußerſten Mitteln das Roß zum Weiter⸗ gehen an. Endlich, nachdem es durch lautes Wiehern ſeinen Unwillen über die Unvernunft der Menſchen zu Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. erkennen gegeben, zog es auf’s Neue mit äußerſtem Aufwande aller Kräfte an und ſuchte durch ein faſt ver⸗ zweifeltes Vorwärtseilen der drohenden Gefahr zu ent⸗ fliehen. Wenige Sekunden weiter, plötzlich Krach und Wurf!— Die Lauine hatte die Reiſenden ſammt dem treuen, klugen Roß begraben Die Gebirgsbewohner können durch befühlende Handprobe und durch Beſichtigung des Schnees denſel⸗ ben ziemlich richtig taxiren, wie weit er für Lauinen reif ſei, und danach richten ſie ihre Ueberberg⸗Reiſen ein. Gewöhnlich werden dieſe, wenn ſie über lange und wilde Päſſe gehen, geſellſchaftlich unternommen, dann aber doch immer ſektionsweiſe, ſo daß die einzelnen Schlitten ſtets in einiger Entfernung von einander laufen; ſollte ſich dann irgendwo ein Schneefall ereignen, ſo werden doch nicht Alle zugleich davon ergriffen, und die ver⸗ ſchont Gebliebenen können ihren verſchütteten Gefährten zu Hilfe kommen. Der gordiſche Knoten. Kleindeutſches Kulturbild von Ludwig Foglar. (Schluß.) has iſt noch nicht Alles, edle Frau, was den Verſuchen zur Humaniſirung entgegenſteht— man muß ſich verhärten und eines Theils ſeiner g5 Allgüte begeben; denn beſten Falls iſt doch jede Veredlung Zwang zum Glücke, der ſich aber mit verbindlichen Formen nicht ausführen läßt. Wo immer eine Kraft ſich äußert, da will ſie herrſchen; der mächtigſte Beherrſcher aber iſt der Geiſt; theilt er ſeine Gewalten, ſo ſpaltet er die Erfolge— er muß kalt herrſchen und ungeſchmälert. Wir leben hier unter kleinen Verhältniſſen, aber auch dieſe Klein⸗ heit ſchließt den Rattenkönig der Geſellſchaft nicht aus, hilft im Gegentheil ihn auszuhecken und ſo wachſen Gegenſätze und Widerſprüche über alles Maß hinaus. Unabweislich iſt der Drang der Geiſter nach Arbeit, nach Beſchäftigung, nach Thaten, und da ſie an be⸗ deutſamen Dingen nicht reif geworden, ſo verſchwenden ſie ſich an den Erdenjammer. So erſcheinen in den kleinen Verhältniſſen große Leidenſchaften, kleine Lei⸗ ſtungen bei großen Anſprüchen, daraus die Ribvalität der Beziehungen, die geſellige Kontrole, die Eiferſucht im Nichtigen, die Intrigue, bis in’s Herz der Familie getragen, die Beſchränktheit im Denken und Fühlen. Ich habe ſelbſt dabei eine halb ironiſche Rolle geſpielt — um zu lernen. Alle großen Abſichten ſcheitern an der Kleinlichkeit der Privatintereſſen, an der perſönlichen Rückſicht, an dem ſchweren Herbſtnebel, der den Geſichts⸗ kreis unfertiger Menſchen bedrückt. Das Individuum zerſplittert ſich hier ganz nutzlos, während in der großen Welt die Opferung ſeiner Theile doch nicht ſo ganz verloren iſt. Aber auch dort ſitzt das Uebel tief genug. Der Drang nach Univerſalität der Kenntniſſe hebt das perſönliche Gedeihen auf. Die Alten warfen alle Kraft in Eine Strömung, Jeder nach ſeiner Weiſe war doch in Einem groß— und ſei es blos im Zinngießen oder gar— Stehlen. Wir encyklopädiſchen Menſchen aber treiben Jeder Jedes und jederzeit. Wir kultiviren Muſik und Aſtronomie, Sprachen und Turnen, Geſchichte und Gärtnerei, Philoſophie und Schwimmen, Poeſie, Papp⸗ rch befühlende des Schnees denſel⸗ für Lauinen reif ſen ein. und wilde d ann aber Schlitten ſollte werden die ver⸗ ff/ . d cütteten Gefährten 3 was den tgegenſteht— 3 Cheils ſeiner Falls iſt doch Glücke, der ſich n nicht ausführen zert, da will ſie aber iſt der Geiſt; er die Erfolge— lert. Wir leben t auf dieſe Klein⸗ ſellſchoft w cht aus⸗ * und ſo wachſen 3 Maß hinaus. — nach Arbeit, ſie an be⸗ ſchwenden 3 in den kleine Lei⸗ Rivalität Eiferſucht de Familie * Fühlen. geſpielt f tern an ¹cſönlichen den Geſchts⸗ dividuum „r aroßen d o gan ſgenug hebt das Kenntne A Kraft mar doch 1 n oder ben aber Menih Muſil kunn te und 3— Ludwig Foglar: Der gordiſche Knoten. 77 arbeit, Politik, Schachſpiel, Naturwiſſenſchaften, Tanz⸗ reien überlaſſen blieb, war die Fürſtin bei der Hütte kunſt, Whiſt und Malerei— aus ſolchem Dilettantism entſteht jenes Salonbengelthum, das erſt zur Langweile, zur Unbefriedigtheit, dann zu Ungenießbarkeit und Lebensüberdruß hinführt. Der Egoismus der Leiden⸗ ſchaften bleibt dabei nicht ſtehen, jeder Einzelne utiliſirt die Schwäche des Andern, die ihm aus dem Naheleben ſo bekannt iſt, wie ſeine eigene, nur ſelten und beutet den Vortheil aus, den ihm Geburt oder Zufall noch außerdem in den Schoß legten, die Geſellſchaft im Kleinen entwickelt ſich weit anders als unter großen Dimenſionen, wenn auch die einzelnen Erſcheinungen, ſonderlich die Krankheitsſymptome dieſelben ſind; allein was im gähnenden Gewoge der Maſſen ſich ergänzt, erſetzt, verwindet, das treibt im Mikrokosmus unſeres Dorflebens ſich zu ſelbſtändig berechtigter Exiſtenz empor, will ſich ausbreiten und entwickeln, ohne Rückſicht auf Raum und Zeit— es wird eine Gartenwildniß voll Unkraut und ſich drängender und durchkreuzender Wucher⸗ pflanzen.“ „Und das, meinen Sie, ſei das Schickſal auch meiner Schöpfung?“ fragte die Fürſtin mit einem Tone, der ſich aus den Tiefen einer ſchmerzvollon Enttäuſchung losrang. yn Flott wollte ſoeben antworten, euurige röthen zu ſehen. Ruſtika ſchlug die Augen auf, holt: tief Athem und blickte befremdet um ſich. Noch verſagter ihr die Stimme; ſie wollte ſprechen, ſich erheben, ſie vermochte es nicht, aber lange und tief beredt ruhte ihr großes ſchönes Auge auf dem Antlitz ihres Beſchützers, er faßte ihre Hand und hauchte auf die erſtarrte mit banger Sorgfalt, ein leiſer Druck machte die ſeine er⸗ beben, über das ganze Weſen des ſchönen Weibes war der Ausdruck liebvoller Dankbarkeit ausgegoſſen, ſi flüſterte kaum hörbar ein Wort, er beugte ſich tiefer hernieder zu den ſchwellenden Lippen, es war ihm, als kniete er vor einer glühenden Roſe, ihr duftig warmer Hauch berührte ſeine Stirn, es ſchien, als müßte er in dieſem Kelch des ſchönſten Lebens verſinken. Da faßte die Fürſtin plötzlich erſtarkt ſeinen Arm, erhob ſich mit Blitzesſchnelle, dankte mit noch ſchwacher gerührter Stimme, und ehe Flott es ſich verſah, hatte ſie ihren, Zelter beſtiegen und trabte munter der nahen Köhler⸗ hütte zu, ihrem Begleiter aus der Ferne winkend, ſie zu erwarten. Während nun Flott ſeinen einſamen Träume⸗ des Köhlers Thomas angelangt, band das Pferd an einen Pfahl und trat ein. Die leiſe geöffnete Thür lies ihr den Einblick in ein ärmliches, doch durch Reinlichkeit und Ordnung wohnliches Stübchen. Thomas, am Fenſter ſitzend, las in der Bibel. Sein Greiſenhaupt, ſein patriarchaliſches Antlitz gaben der Erſcheinung etwas ehrwürdig Vertrauen Erweckendes. Als ſie die Hand auf ſeine Schulter legte, blickte er auf, legte die Beille auf das Buch und verſuchte ſich zu erheben, in⸗ ſoweit Ueberraſchung und Erſtaunen das zulaſſen woll⸗ ten. Ruſti ka nahm einen Stuhl und ſetzte ſich zu ihm. „Bleibt ungeſtört, lieber Thomas,“ ſagte ſie, „mein Beſuch ſoll Euch nicht zu lange beläſtigen.“ „Durchlaucht, dieſe Chre,“ ſtammelte Thomas. „Ihr mögt wohl ungefähr ahnen, ehrwürdiger Vater!“ Bei dieſen letzteren Worten der Fürſtin überkam den Greis eine ſeltſame Bewegtheit, deren er kaum Herr werden konnte, und es ſchien, als ob er gewaltſam eine Thräne unterdrückte. Ruſtika bemerkte das fein⸗ fühlend und beſchloß, ihr Anliegen um ſo ſchonender vorzubringen, denn nur auf— Rechnung dieſes ſchien ihr die Stimmung des Alten erklärbar. „Ich komme, Euch zu fragen, ob Ihr Euch nun wirklich und beſtimmt entſchloſſen habt, das bewußte Grundſtück, wofür ich Euch ſo bedeutende Anträge machen ließ, zu behalten?“ „Ich muß es behalten, Durchlaucht, ich bin das meinen Kin— ich bin das meinem ſeligen Weibe ſchuldig;“ erwiederte Chomas etwas zerſtreut.“ „Nun, dann ſei es fern von mir, Euch irgend wie Zwang anthun zu wollen und ob mir auch ſehr daran gelegen, ſo ehre ich doch Eure fromme Abſicht— doch ſagt weſſen ſind jene beiden Bilder dort an⸗ der Wand über Eurem Bette?“ Thomas zögerte eine Weile mit der Antwort dann ſchien er ein Bedenken zu überwinden, ſtand auf und trat mit der Fürſtin vor die Bilder— ein Knabe und ein Mädchen dann ſprach er bewegt: „Ja, Durchlaucht, das ſind,— das waren meine Kinder!“ „Ihr habt ſie alſo verloren?“ „Ich, ja ich wohl— aber Gott erhalte ſie noch lange und glücklich.“ „Sie leben alſo; wie ſoll ich das verſtehen?“ „Meine gute Fürſtin! Die Welt hat ſie, ich habe ſie nicht.“ Thränen erſtickten ſeine Stimme und eine ſchmerz⸗ liche Pauſe folgte, während welcher Ruſtika mit ge⸗ ſteigertem Intereſſe bald die Bilder bald den tiefbeweg⸗ ten Greis betrachtete. Sie ſtand— ſo fühlte ſie— hier vor einem jener Räthſel der Geſellſchaft, deren Auf⸗ löſung wir nicht ohne Zagen verſuchen. War doch in ihrem eigenen Jugendleben ſo Vieles dunkel und un⸗ enthüllt, daß ſie nur mit Bangen in die Welt der Ge⸗ heimniſſe blickte, deren Schleier zu lüften ſie niemals gewagt hatte. So weit ihre Erinnerung zurückreichte in der Schule des Lebens, die ihr eine glänzende, aber nur 78 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ſpäte Entwicklung geſtattet hatte, begegnete ſie nur fremd⸗ ſanften Wort und mir iſt, als könnt' ich jetzt mein Haupt artigen Erſcheinungen, flüchtigen Beziehungen, gleich⸗ giltigen Perſönlichkeiten, kein liebes Heimatgefühl feſſelte ſie an einen beſtimmten Ort, an eine Menſchenſeele; die Mitgift eines bedeutenden Talentes war das große Ka⸗ pital, aus welchem ſie Geiſt und Herz erzog und das ſie alsbald aus dem bunt bewegten Treiben einer Künſtler⸗ laufbahn in den ſicheren Hafen eines ſtrengen, aber kunſtfreundlichen Fürſtenhofes geleitete, der es ihr eben nicht erſparen konnte, innerlichſt allein zu ſtehen. Ruſtika brachte es nicht übers Herz, den ſchwa⸗ chen Greis durch weitere Fragen zu quälen, doch er faßte ihre Hand und fuhr fort: „Seht Ihr, Fürſtin, für dieſe Beiden muß ich die Erdſcholle bewahren, die ich ſonſt Euch, wie gerne, abge⸗ treten hätte— zu meinem eigenen beſten Vortheil. Doch gab ich mein Wort dem ſterbenden Weibe— und ich willss halten; wenn auch die Kinder ſpät oder gar nicht mehr kommen, darnach zu fragen. Doch ſie werden. Ich aber büße eine Schuld, der ich mich nur ohne Wei⸗ teres anklagen muß, das verhält ſich ſo: Ein gar edler Herr vom Hofe des verſtorbenen Fürſten— Gott hab' ihn ſelig— ſah einſt die beiden Kinder im Walde ſpielen— ſie gefielen ihm ausnehmend. Er meinte, ſie ſollten ein beſſeres Los verdienen, als hier in der Ein⸗ ſamkeit verblühen, er meinte ferner, ich thäte nicht wohl, ihnen die Welt zu verſchließen, die er ihnen ſo gerne offen halten wolle. Ich möge ihm die Kinder anvertrauen, unbeſchadet meiner unveräußerlichen Rechte auf ſie, wolle er ihnen Vater ſein, ihr Los an das ſeinige knü⸗ pfen. Ich war ſchwach— oder ſtark genug, den Kindern die Ausſicht in eine ſchönere Exiſtenz als die unſere hier im Walde, nicht verſchütten zu wollen; die Kinder waren noch zu jung, um uns den Kampf mit ihrer Liebe zu erſchweren, ſie ſchieden leicht aus der niederen Hütte— und haben es wohl nie bereut. Aber um ſo tiefer und ſchmerzlicher war die Reue der Eltern und mein Weib ſtarb nicht lange darnach aus Gram und Gewiſſensfolter. „Und warum,“ unterbrach ihn die Fürſtin,„warum das, Ihr Guten? Sind die Kinder nicht glücklich ge⸗ worden? Hat man Euch getäuſcht?“ „Nichts von dem Allen. Ich weiß, daß es ihnen wohl ging, daß ſie glücklich ſind— aber mein Herz iſt vereinſamt, ich habe kein Kind mehr, keine Menſchen⸗ ſeele, die mich liebt. Sie haben mich vergeſſen und mit Recht; die Fremde gab ihnen Liebe und Lebensunter⸗ halt, der Vater hat, um den Preis freilich, ihr Los zu verſchönern, auf ihr Herz Verzicht geleiſtet!“ „Und Ihr habt ſie niemals wieder geſehen?“ „Wohl ſah ich ſie, doch ſie kennen mich nicht und ſollen es auch nicht erfahren, daß es einen Vater gegeben, der ihre Liebe verſchenkt hat, das ſei meine Strafe. Oh, Fürſtin, gebt mir Eure Hand und ſaget doch, könntet Ihr, wenn Ihr einen ſolchen Vater hättet, könntet Ihr ihm je vergeben?“ „Was kommt Euch an, guter Thomas? Wie könnt Ihr zweifeln?“ „Ja? Vergeben möchtet Ihr? Tauſend Dank, theure Frau, o, Ihr habt mir Himmelstroſt gegeben mit Eurem ruhig hinlegen— doch Euer Begleiter draußen wird frieren, wir wollen ihn mit hereinrufen— ja, das iſt der Architekt, ein braver geſcheiter Mann, einer der Wenigen, die es redlich meinen mit Euch, Durchlaucht!“ Er öffnete die Pforte und winkte den Harrenden herbei und zog ihn freundlich zu ſich herein—„mein niederes Dach hat noch Raum für ein Paar gute Men⸗ ſchen—“ mit dieſen Worten begrüßte er Flott, be⸗ trachtete den hübſchen Mann mit einem unſäglichen Ausdruck des Wohlgefallens und hielt ſeine Hand in der vor Freude zitternden ſeinen. Flott erzählte ihm nun den Unfall der Fürſtin und wie er beſorgt ſei, ob ſie nicht doch irgendwie ge⸗ ſchädigt und daß ihr wohl Ruhe nöthig. 4 Thomas war beſtürzt und voll liebender Un⸗ geduld ſich des Heimweges zu verſichern, erbot er ſich, den„Herrſchaften“ einen bequemeren Pfad zu zeigen. 5. Das Aleranderſchwert. Unter dieſem Titel fand man auf der Billardtafel des Kaſinoſaales folgende Verſe von unbekannter Hand angeichrichen. Obſchon die Tragweite dieſes Epfß üher die Grenzen des Dorfes mächtig genug hinaus⸗ ging, ſo fühlte man ſich hier und dort reichlich getroffen und die Mißſtimmung wurde allmälig zur Gährung. Flott wurde allgemein für den Verfaſſer gehalten, einmal weil man Niemand ſonſt ſo viel Geiſt, wenn auch mehr Bosheit zutraute, um ſich durch literariſche Spitz⸗ kugeln auszuſprechen, andererſeits, weil er durch ſeine Ernennung zum Haus⸗ und Hofmeiſter der Fürſtin ohne⸗ dies alle Neider und überwundenen Konkurrenten wider ſich hatte. Es waren jetzt alle Elemente der Geſellſchaft derart zerſetzt und zum Theil„am Dorfe“ zu Grunde gegangen, daß nur ein Gegenſtand des gemeinſchaftlichen Haſſes einigermaßen ein loſes Zuſammenfügen erlaubte, und dieſer Gegenſtand war zumal der„ſpitzige“ Herr Flott, dem man ſchon die auszeichnende Gunſt der Fürſtin nicht vergab und ſich ſogar vermaß, die Reinheit dieſes Verhältniſſes in bedenklichen Zweifel zu ziehen. Geraume Zeit waren die Familien völlig entfremdet an einander vorbeigegangen, einige ſchickten ſogar ihre Kinder nicht mehr zur Schule, theils aus Verdruß gegen den amtmänniſch geſinnten Schulmeiſter, theils um nicht indirekt mit rathen. Nam⸗ ſchöpflichen Erfindungt Widetſtand endüch jede Relungen ſ aufzuwerfen benten, den die unglück in der We die Fandho darum, wei wie er zu der Gluth ihn längſt; und ſtimm ſcch zu der Herkunft bekannt ſ Hütten. und Vel Durchlau uns undl Geiſtesver denn? Un da ſollen ſ heimlich be 8„Nun ſel dazwi daß er auc nehmung Dieſ in den K düſten St üeenliche E eingebüßt da dierte Haupt wird as iſt je ge⸗ deinheit ziehen⸗ net an T ihre gegen n nicht Ludwig Foglar: Der gordiſche Knoten. 79 indirekt mit der feindlichen Partei in Berührung zu ge⸗ bergen. Wirklich hatte Einer öfter Flott auf dem Wege rathen. Namentlich entwickelten die Frauen einen uner⸗ ſchöpflichen Reichthum und auffallende Rührigkeit in Erfindung von kleinen Neckereien gegen ihn und paſſivem Widerſtand gegen das andere Geſchlecht— ſo daß endlich jede Familie iſolirt daſtand. Es war Schabſel gelungen, ſich zu einer Art von neutralem Zwiſchenträger aufzuwerfen und in ſeiner Weiſe die Situation auszu⸗ beuten, denn für manche Naturen— und ſie ſind nicht die unglücklichen— hat jegliche Stellung der Dinge in der Welt irgend eine zugängliche Seite, ſie finden die Handhabe, woran der Moment zu faſſen, blos darum, weil ſie eben ſich nicht erſt gewiſſenhaft bedenken, wie er zu faſſen. Er befriedigte mit dieſem Schüren der Gluth zugleich eine ganz kleine Racheluſt, weil Flott ihn längſt durchſchaut, aufgegeben und verlaſſen hatte, und ſtimmte der Frau Paſtorin vollkommen bei, welche ſich zu der Bemerkung hinreißen ließ: „Man ſollte doch mit einem Menſchen, von deſſen Herkunft und Vergangenheit ſo gar nichts Zuverläſſiges bekannt ſei, vorſichtiger zu Werke gehen!“ „Freilich,“ fügte die hinzugetretene Berg⸗ und Hütten⸗Inſpektorin bei,—„freilich, was die Herkunft und Vergangenheit betrifft, darüber iſt ja auch Ihre Durchlaucht die Fürſtin ſelbſt in geheimnißvolles, für uns undurchdringliches Dunkel gehüllt. Daher dieſe Geiſtesverwandtſchaft, dieſe Vertraulichkeit. Wiſſet Ihr's denn? Unlängſt ritten ſie zuſammen in den Wald— da ſollen ſie ſich in einer verborgenen Hütte miteinander heimlich verlobt haben! Ja, es iſt unerhört!“ „Nun, gleich und gleich geſellt ſich,“ warf Schab⸗ ſel dazwiſchen und gab nicht undeutlich zu erkennen, daß er auch Flott es zuſchreibe, daß die große Unter⸗ nehmung mit„Luft und Licht“ beinahe aufgegeben. Dieſe ſcheinbar vergeſſene Angelegenheit, welche in den Kreiſen des ſogenannten erſten, zweiten und dritten Standes durch perſönliche Mißhelligkeiten und kleinliche Eiferſüchteleien all ihren verlockenden Nimbus eingebüßt hatte, war aber in den dunklen Schichten des vierten Standes keineswegs abgethan oder bei Seite geſchoben. Im Gegentheil; die Bauern, die zum Theil nicht nur„unterſchrieben“, ſondern auch einge⸗ zahlt hatten, und denen jetzt über ihr ſchönes Geld Niemand Rechenſchaft ſtand und die ebenſowenig An⸗ ſtalt gemacht ſahen, jene Wunder in's Werk zu richten, an denen ſie ſich bei jener erſten Verſammlung im Kaſinoſaale ſo inbrünſtig begeiſtert hatten, thaten ſich bedenklich zuſammen und gruppirten ſich zu Parteien, machten Front nach Oben. Schabſel hatte auch hier die Hand im Spiele. Obwohl ſeiner Zeit mit am Ruder, konnte er doch, wie damals, auch jetzt wieder den Redner Flottvorſchieben. ſeine eigene Perſon mit ihm decken, und war frech genug, ſich eines allegoriſchen Witzes zu bedienen, indem er ſagte: Unſer Freund und Führer hat das Geheimniß der„Luftballon⸗ und Tarnkappen“⸗Unternehmung in der Tragantburg begraben. Die Bauern nahmen dieſe Ausflucht wörtlich und lebten der feſten Ueberzeugung, jene Ruine müſſe den geheimnißvollen Schatz beher⸗ —ÿ——— nach der maleriſch gelegenen Ruine begegnet und glaubte ſogar bemerkt zu haben, wie er etwas in die dort be⸗ findliche Ciſterne geworfen. Freilich waren dies nur Steine geweſen, allein die gläubige Phantaſie ver⸗ größerte und ſchmückte nachträglich das ganze Bild ſo reichlich, daß Flott das Anſehen eines Schatzräubers gewann und ſeine Ciſternenſteinchen das von verſenkten Perlen. Schabſel war froh, die Aufmerkſamkeit von ſich ab und auf ſeinen abtrünnigen Genoſſen gelenkt zu haben, um ſo mehr, als ihm jegliche Rechenſchaft über die bereits eingezahlten Gelder zu den Experimen⸗ tirfonds in dieſem Augenblicke die aufrichtigſte Verlegen⸗ heit bereitet haben würde. Es hatte allerdings etwas für ſich, daß der neue Haushofmeiſter der Fürſtin von Verſuchen abgeſtanden ſein mochte, die nach ſeiner eigenen Darſtellung alle Art Beſitz und Geſellſchaft in ihrer dermaligen Form in Frage ſtellen müßte, folglich auch ſein perſönliches Verhältniß zu der vielverehrten Frau. Schabſel hatte ſich nur in Einem verrechnet, nämlich in der Hoffnung auf die Wahl zum Führer dieſer Oppoſition, denn um einen ſolchen mußte nun zunächſt umgeſehen werden. Allein die Bauern hatten recht wohl ſich gemerkt, wie kräftig und männlich der Einzige aus ihrer Mitte da⸗ mals zu widerſprechen gewagt hatte, als eine ganze reiche Verſammlung ſich für eine ſchwindelhafte Unter⸗ nehmung erklärte. Nun galt es nicht nur, dieſes Luft⸗ ſchloß zu retten, ſondern an Jenen Strafe zu üben, welche den Bau hindern zu wollen ſchienen, und neben⸗ bei eine Art ſtiller Rache zu nehmen an jenen„höheren Ständen“, welche ſich nicht entblödeten, den„Mann mit den Schwielenhänden“ ſofort zu ignoriren, ſobald ſie ſeiner nicht mehr bedurften. Wer konnte beſſer zum Führer einer ſolchen Miſſion taugen, als der alte Köhler Thomas, der doch ſo recht Einer aus ihrer Mitte war. Man beſchloß einſtimmig, ihm dieſe Würde anzu⸗ tragen und unter ſeiner Leitung die nächſte Aufgabe, die Demolirung der Ruine, vorzunehmen, um den ver⸗ ſenkten Schatz gewaltſam zu heben. Thomas hatte die auf ihn gefallene Wahl ſtill⸗ ſchweigend angenommen, aber freilich nur in der Abſicht, das Vorhaben ſtandhaft zu hintertreiben, ſobald er die Vorbereitungen kannte, oder doch im Falle eines Aus⸗ bruches zu retten und zu mildern, wo es nur immer thunlich wäre, denn darauf hatte er ſeine Landsleute hinlänglich kennen gelernt, daß jeder Widerſtand im Beginne die Sache keineswegs hindern, ſondern nur in unberufene Hände geben würde; es war hier nicht anders, als durch eine Art wohlthätigen Verrathes gegen die Unvernunft aufzukommen. An dem zur Aus⸗ führung anberaumten Tage trat glücklicherweiſe ein ganz unberechenbares Hinderniß dazwiſchen. Eine tech⸗ niſche Kommiſſion traf aus der entfernten Hauptſtadt ein. Terrain⸗Vermeſſungen wurden vorgenommen, ge⸗ heime Berathungen auf dem Schloſſe gepflogen, die Gemeinde befand ſich in neugieriger Aufregung und nur ihre oberſten Würdenträger flüſterten ſich geheimniß⸗ voll zu, daß es ſich um Nichts geringeres handelte, als 80 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. um die Inangriffnehmung einer Flügelbahn und Er⸗ richtung einer Station für Schleuſingen. Die Verhand⸗ lungen wurden raſch zu Ende geführt, es folgten den Männern der CTheorie alsbald die Männer der voll⸗ ziehenden Praxis, im Dorfe und ſeiner Umgebung begann es zu wimmeln von Arbeitern, ein neuer Lebens⸗ puls durchwogte die ganze Bevölkerung und das nun ſofort offenkundig werdende Geheimniß ſchien für die faſt zerfallende Geſellſchaft einen neuen Kitt der Er⸗ haltung abzugeben. Man näherte ſich wieder, man ver⸗ gaß Experimente und Taufgeſchichte, neue Ausſichten verdrängten die alte Eiferſucht, neuer Ehrgeiz nach unbekannten Stufen entwerthete die bekannten Würden und Beſitzthümer, man begann über die Grenzen der kleinen Mark hinauszudenken und kam ſich größer vor in der plötzlich verkümmerten Würdigung der kleinen Verhältniſſe. Allein die vertagte„Tragantverſchwörung,“ wie man ſie ſpäter nannte, war darum nicht aufgegeben, im Gegentheil ſchien man jetzt alle Urſache zu haben, ihre Inſceneſetzung zu beſchleunigen, denn mit der ſtets wachſenden Arbeiterkolonie war eine nicht zu verachtende Gegenmacht erſtanden, die möglicher Weiſe als Wehr und Waffe gebraucht werden konnte, denn nur mit Neid und Unmuth ſah die Bauerſchaft dieſe neue ge⸗ deihliche Anſiedelung. Und ſo war es auch. Die Eiſenbahn⸗Ingenieure hatten durch einen im Trunke vorlauten Mitverſchwornen Kenntniß von den ominöſen Plänen erhalten, die ihr Friedenswerk zu ſtören drohten, und im Einverſtändniß mit den Gemeindevorſtänden beſetzten ſie in der Nacht der Gefahr die alte Burg mit einer Abtheilung Arbeiter, alle mit Werkzeugen wohl gerüſtet, auch wohl geborgen. Unter dem Schutze der mondloſen Nacht rückten die Bauern heran, geführt von Thomas, der durch Flott von den Vorbereitungen Kunde hatte und um ſo ſicherer hoffen durfte, daß ein unvermutheter Ueberfall ſeine Schar entmuthigen und zum beſchämenden Auseinander⸗ gehen zwingen werde. Nachdem der Feind bis zum äußerſten Mauerrand der Ruine herangekommen war, brach die Beſatzung mit wildem Geſchrei aus ihren Verſtecken hervor und zeigte in ihrer wohlgewählten Poſtirung den drohendſten Widerſtand. Die Bauern waren verblüfft, ſchrien Verrath und wichen einen Augen⸗ blick zurück. Thomas ergriff dieſen Moment, um ihnen das fruchtloſe ihres Unternehmens darzulegen und ihnen zum unblutigen Rückzuge zu rathen. Allein indeß Einige ihre Werkzeuge wegwarfen und die Flucht ergriffen, beſtanden die Andern auf dem Angriff und zwangen Thomas, ſie zu führen, widrigenfalls ſie ihn als Verräther beſtrafen wollten. Thomas mußte weichen und ſchritt voran, jedoch kaum der Mauer wieder nahe gekommen, löſten ſich die oberſten Stücke des Ge⸗ ſteins und kollerten auf die andringende Schar. Ein ſchweres Mauerſtück traf Thomas, er ſank nieder und mit ihm aller Muth der Uebrigen. Sie ließen den tödtlich Verwundeten im Stiche und ergriffen Alle die Flucht. Somit war die ganze Verſchwörung für immer abgethan und die Haupträdelsführer büßten mit Ge⸗ fängniß. Thomas war auf ſein Verlangen nach dem Schloſſe gebracht worden, wo ihm die Fürſtin die liebe⸗ vollſte Pflege angedeihen ließ, jedoch vergebens, ſeine Tage waren gezählt, er fühlte den Tod nahen. Niemand durfte bei ihm bleiben als die Fürſtin und ihr Haus⸗ hofmeiſter Flott. Ein unſagbares Etwas feſſelte die Beiden an das Lager des Sterbenden. Sein brechendes Auge verweilte mit ſtiller Wehmuth auf ihnen:„Wenn ich nicht mehr bin,“ ſprach er mit matter Stimme,„dann öffnet ein verſiegelt Papier in meinem Oberkleide— jenes Grund⸗ ſtück iſt nun Euer— ich ſegne— ſegne Euch— meine Kinder!“ Er ſank zurück— und war verſchieden. Ruſtika und Leberecht ſtanden ſich gegen⸗ über im lebhaften Kampfe mit ungeahnten Empfin⸗ dungen, hell ward plötzlich die geheimnißvolle Nacht ihres Lebens, ein unbekanntes Glück dämmerte ihnen empor aus dem Grabe des— Vaters. Mit zitternden Händen und in Thränen ſchwim⸗ menden Augen erbrach Leberecht das Siegel des vorgefundenen Schriftſtückes— es waren die Tauf⸗ ſcheine für Leberecht und Ruſtika und die Schen⸗ kungsurkunde des Thomas für die beiden„lieben, verlorenen und wiedergefundenen Kinder“. In ſprach⸗ loſer Rührung fielen ſich die Geſchwiſter in die Arme, und wieder an das Lager des theuren Vaters ſtürzten ſie hin und bedeckten ſeine erkaltenden Hände mit Küſſen, als wollten ſie noch einmal ihn wecken, daß er ſchauen möge die ſchöne Trauergruppe ihrer Vereinigung an ſeinem Schlummerkiſſen. Schmerz und Freude theilten ſich in den Beſitz ihrer Seelen.— Mit dem gewaltigen Umſchwunge, den die Schöpfer⸗ hand der Induſtrie in das ſtille Thal gebracht hatte, waren auch alle die verrotteten Verhältniſſe und Be⸗ ziehungen erweitet, geklärt, umgewandelt. Die alte Ge⸗ ſellſchaft war gleichſam ganz am Dorfe zur Grunde gegangen, neue Menſchen kamen und mit ihnen die Segnungen neuer Anſchauungen, und was ſich damit nicht befreunden konnte, zerſtob in alle Winde, der Fort⸗ ſchritt der ſchaffenden Zeit war auch hier das Alexander⸗ ſchwert geworden, das den gordiſchen Knoten einer ſtagnirenden Generation zerhieb; freilich mit ihm auch den ſchönen Traum vernichtete, der im Herzen einer großgeſinnten Frau magiſch dämmerte. Allein Ruſtika war dafür durch einen Gewinn neuer großer Erfahrun⸗ gen reichlich entſchädigt; und keineswegs entmuthigt, beſchränkte ſie mit dem herrlichſten Erfolge ihre Men⸗ ſchenadelungs⸗Verſuche auf den kleinen Kreis des Hauſes, des Herdes— dem Leberecht als würdiger Genoſſe treu blieb— denn ſie durften ſich nun lieben,— an⸗ gehören konnten ſie nur der Menſchheit. Das Grabmahl des ſelbſtſühnenden Köhlers Thomas zierte die Inſchrift: Bring' immer friſche Kränze Auf Deiner Lieben Grab, Im Feſttagſchmuck erglänze Dir Hut und Wanderſtab. Lincoln. 81 Den Lebenden ſo zeige, Wie man der Todten denkt— Wie, ob ihr Dank auch ſchweige, Man ihnen Chren ſchenkt. Vielleicht von dieſer Treue Für ein umblühtes Grab— Fällt einmal doch auf's Neue Etwas für's Leben ab. Lincoln. braham Lincoln iſt der ſechzehnte der Präſidenten, welche die Union bis auf dieſen Tag gehabt hat. Acht, Waſhington, Fefferſon, Madiſon, Mon⸗ roe, Jackſon, Ty⸗ ler, Polk und Taylor waren Bürger von Sklavenſtaaten. Auf die erſten dreißig Jahre der Union kommen fünf, auf die letzten zweiund⸗ dreißig Jahre zehn Prä⸗ ſidenten. Von den letztern wurden allerdings zwei, Harriſon und Taylor, durch den Tod abberufen, aber es bleibt doch eine beachtenswerthe That⸗ ſache, daß die Wieder⸗ wahl eines Präſidenten auf abermals vier Jahre in der erſten Periode faſt zur Regel wurde, und daß man ſpäter davon abkam. Mit Jackſon ſchließt die Reihe der Staatsmänner, welche zweimal zur höchſten Ge⸗ walt berufen wurden. Außer ihm umfaßt ſie Waſhington, Fefferſon, Madiſon und Monroe. John Adams, Waſhington's Nachfolger, war der Erſte, welcher nicht wiedergewählt wurde. Er hatte ſich durch Stolz, Steuergeſetze und unfreiſinnige Maßregeln ſo verhaßt gemacht, daß die republikaniſche Bevölkerung ihm den Spottnamen„König Adams“ anhing. An geiſtiger Bedeutung ſtanden die erſten Präſidenten hoch über den ſpäteren. Welche Namen hätte die moderne Reihe, die mit Van Buren beginnt, den Waſhington, Jefferſon, Monroe Quincy Adams und Jackſon der älteren Generation entgegenzuſetzen? Von dem jetzigen Präſidenten hört und lieſt man bis jetzt nur höchſt Erfreuliches und Vielverſprechendes, und die jetzige Bewegung in„der neuen Welt“, be⸗ kanntlich hervorgerufen durch die Seceſſion mehrerer ſüdlichen Staaten der Union, hat bereits eine ſolche Erinnerungen. LXXXII. 1861. D Ausdehnung gewonnen und birgt ſo unendlich große Gefahren für eine gedeihliche Zukunft der Freiheits⸗ ſtaaten in ſich, daß dem Präſidenten die mannigfaltig⸗ ſten Gelegenheiten ſich darbieten, ſeine Tüchtigkeit, vor Allem ſeine Kraft und Energie zu erproben. Er wird für ſeine Staaten ein zweiter Waſhington und mehr noch werden, und überhaupt den alten Ruhm der erſten Präſidentſchaften wieder neu beleben, wenn es ihm ge⸗ lingt, während des bevorſtehenden ſchauerlichen Bruder⸗ Lincoln. kampfes die Zügel der Regierung mit feſter, ſicherer Hand zu führen und die Einheit und Einigkeit wieder herzuſtellen. Der Umfang, in welchem er die Rüſtungen zu dem nahe bevorſtehenden Kampfe betreibt, ſo wie die Maß⸗ regeln, die er bis jetzt traf, um die verderblichen Folgen des jetzigen Zuſtandes für das Land nach Mög⸗ lichkeit zu beſeitigen, die verhängten Blokaden u. ſ. w. laſſen auf ſeine Ener⸗ gie und Umſicht nach dieſer Seite hin nur den günſtigſten Schluß zu, ſo wie er auch in der Wahl der höchſten Beamten, zum Beiſpiel des alten erprobten Generals Scott zum Ober⸗Befehlshaber der geſammten Streit⸗ kräfte, und ſeiner erſten Beiräthe, wie des Sir Leward, des berühmteſten amerikaniſchen Juriſten, von wirklichem Takt und tiefer Einſicht in die zu⸗ nächſt vorhandenen Be⸗ dürfniſſe des Landes zeu⸗ gen. Haben erſt die aufge⸗ botenen Streitkräfte, die nahezu eine halbe Mil⸗ lion betragen, den Frie⸗ den und die Einigkeit wie⸗ der hergeſtellt, dann darf man nach Allem, was vom Präſidenten verlautet, einer ganz neuen glücklichen Aera in der Geſchichte der Union entgegen ſehen. Es iſt nur zu wünſchen, daß die Löſung der erſten eben ſo ſchwierigen als leider blutigen Auf⸗ gabe nicht gar zu lange Zeit in Anſpruch nehme und das beſte Mark des Landes zu ſehr verzehre. Vielleicht iſt der moderne Fabius Cunctator, wie man den Ge⸗ neral Scott zu nennen liebt, gerade der rechte Mann dazu, die große Schachpartie mit einem guten Zuge zu gewinnen. 11 G— N 8² Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. 2 Er duldete nicht, daß das Kind eingewickelt wurde, und Huſarenblut. bis zum vierten Jahre durfte es weder Strümpfe, noch 4. ſſ s war anno 1786. In einer kleinen pommer⸗ „ ſchen Landſtadt ſtand ein Rittmeiſter mit einer Schwadron des früher von Belling'ſchen, ſpäter — von Blücher'ſchen Huſarenregiments in Garni⸗ ſon. Er war mit ſeiner Schwadron zum Exer⸗ cieren vor's Thor geritten. Ein alter Huſar, ein Württemberger, der in des Rittmeiſters Hauſe die Stelle eines Faktotums verſah, lief eiligſt durch die Stadt und rief ſchon von weitem ſeinem Herrn zu:„Iſcht a Buble, iſcht a Buble, Gnaden Herr Rittmeiſter.“ Ein Sohn und Stammhalter war dem Rittmeiſter nach fünfjähriger, kinderloſer Ehe geboren. Ein Freuden⸗ ſtrahl zuckte über ſein Geſicht, ohne Zögern gab er dem polniſchen Schecken, den er ritt, die Sporen, und ſprengte zurück in die Stadt vor ſein Haus. Er ſprang aus dem Sattel, ſtürmte mit Sporen⸗ und Säbelgeklirr in die Stube der Wöchnerin und drückte dieſer einen herzhaften Kuß auf die Stirn. Dann riß er den Jungen, ſeinen Erſtgebornen, aus den Händen der erſchrockenen Heb⸗ amme, gab ihm einen Kuß, hielt ihn hoch empor und rief mit lauter Kommandoſtimme:„Donnerwetter, das iſt ein Prachtjunge, den müſſen gleich meine Huſaren ſehen.“ Und ehe die im Zimmer anweſenden Frauen ihn daran hindern konnten, ſtürmte er, den Jungen auf dem Arm, hinunter, ſchwang ſich auf den noch vor der Thür ſtehenden Schecken und jagte durch die Stadt hinaus zum Exercierplatz, wo währenddeſſen ein Lieute⸗ nant die Schwadron exerciert hatte. Hoch hob ſich der Rittmeiſter in den Bügeln, hielt ſeinen Erſtgebornen über den Kopf des Pferdes, daß alle Huſaren ihn ſehen konnten, und rief laut:„Burſche, da ſeht ihr meinen Jungen, iſt das nicht ein derber Bengel, aus dem noch einmal ein tüchtiger Soldat für Se. Majeſtät unſern König werden kann!“ Und die Huſaren, die für ihren Rittmeiſter durch die Hölle ge⸗ ritten wären, lachten und riefen jubelnd:„Unſer Herr Rittmeiſter ſoll leben und ſein Sohn, der Huſarenjunge, auch daneben!“ Die blaſenden Trompeter voran, den Jungen ſtatt des Säbels in der Hand haltend, ritt er an der Spitze der Schwadron zurück in das Städtchen und vor ſein Haus, wo die Huſaren der erſchrockenen Wöchnerin ein jubelndes Lebehoch brachten. Das war des künftigen Huſaren Soldatentaufe. Als der Junge aber in Wirklichkeit getauft wurde, hatte der Rittmeiſter ſeine ganze Schwadron zu Taufpathen gebeten, und in Paradeuniform zogen ſie in die Kirche, wobei der älteſte Wachtmeiſter, ein Veteran aus dem ſiebenjährigen Kriege, den Jungen im Arme trug. Das Taufkiſſen war des Rittmeiſters Paradeſchabracke, und eine kleine Jacke von derſelben dunkelrothen Farbe, wie die Dolmans des Regiments, war dem„Huſaren⸗ jungen“ angezogen. Der Rittmeiſter war ein ſonderbarer Kauz. Mit Gewalt wollte er ſchon jetzt aus dem Jungen einen Huſaren machen, der Wind und Wetter vertragen konnte. Mütze, noch Hoſen tragen. Ehe der Junge ein Jahr alt war, nahm ihn der Rittmeiſter häufig auf's Pferd, oder ein alter Wacht⸗ meiſter, ein geborener Ungar mit mächtig langem Bart, ſetzte ihn vor ſich auf den Sattel und dann ging's fort in vollem Galopp durch Dick und Dünn. Und in dem Burſchen ſteckte echtes, wildes Huſa⸗ renblut. Das tolle Treiben gefiel ihm. Kaum konnte er laufen, ſo ſaß er ſchon allein auf dem Pferde, und dann konnte es nicht wild genug hergehen. Die ſanftere Mutter vermochte dem unbändigen, vom Vater mit beſonderer Vorliebe gepflegten Sinn des Knaben nicht zu wehren; ſie ſtarb, als er noch keine drei Jahre zählte. Im Jahre 1792 rückte der Rittmeiſter mit ſeiner Schwadron gegen die Franzoſen in's Feld. Auf dem Marktplatze des Städtchens hielt er vor der Front ſeiner Schwadron, hob den Jungen zu ſich auf's Pferd und küßte ihn.„Junge,“ ſagte er,„halte Dich brav und— wenn ich Dich nicht wiederſehen ſollte, ſo werde ein tüchtiger Soldat, der unſerm Namen Ehre macht.“ Und dabei rollten ihm die dicken Thränen in den Schnurrbart, was dem Jungen um fo mehr auffiel, als er es nie für möglich gehalten hatte, daß ſein Vater auch weinen könne. Als er nun ſelbſt anfing zu weinen, rief der Alte:„Na, nun fang Du nur nicht auch noch eine Heulerei an, Junge.— Da lauf zu den Huſaren und ſage denen Adieu!“ Und das war ſein Abſchied für's Leben, denn er kehrte aus dem Kriege nicht zurück. Der Huſarenjunge— Fritz war ſein Name— wurde nun zu ſeinem Großvater in Mecklenburg ge⸗ bracht. Der war früher auch Huſarenrittmeiſter geweſen und lebte jetzt auf ſeinem großen Gute, da er in der Schlacht von Freiberg entſetzlich verſtümmelt war. Das linke Auge war ihm ausgeſtochen— er trug deßhalb eine ſchwarze Binde darüber,— eine breite blaurothe Narbe zog ſich quer über Stirn, Naſe und Mund bis zum Kinn herab und bildete eine ſo tiefe Furche, daß man faſt einen kleinen Finger hineinlegen konnte. Eine Schußwunde in der Hüfte veranlaßte dabei ein ſtarkes Hinken, ſo daß der Alte nur langſam am Krückſtock einhergehen konnte. Er war ein echter alter Haudegen, gutmüthig, aber ohne alle Umſtände. Wennss recht toll um ihn herging, befand er ſich am wohlſten. Verwegene Reiterkünſte liebte er leidenſchaftlich. Sein großes Gut war eine Freiſtätte für jeden alten Huſaren, der früher in ſeinem Regiment gedient hatte, und eine Menge Ganz⸗ oder Halbinvaliden war auf dem Hofe mit leichter Arbeit beſchäftigt, lebte dabei aber ſehr gut. Dieſe ſaßen dann Abends oder Sonntags beiſammen und erzählten Huſarenſtückchen und kühne Reiterſtreiche, und der Huſarenjunge, der Fritz, ſaß mitten unter ihnen und lauſchte aufmerkſam ihren Er⸗ zählungen. Das war ein Leben nach ſeinem Sinne auf des Großvaters Gute. Mit Lernen wurde er wenig geplagt, dafür durfte er ſich nach Wohlgefallen auf den wildeſten Huſarenblut. 83 Pferden umhertummeln, durfte ſchießen und jagen, ſchwimmen und klettern, und im Fechten unterrichtete ihn ſein alter Großvater ſelbſt, der, obſchon nahe an die Achtzig, doch noch den Säbel kräftig und geſchickt zu führen verſtand. Trieb er es in ſeinen tollen, wilden Streichen zu arg, ſo ſparte der Alte die Schläge nicht, die waren ſeine einzige und beſte Erziehungsmethode. Fritz gedieh bei dieſem Leben prächtig, er wurde ſtark und abgehärtet, und nahm es im Reiten, Fechten und Schwimmen mit Jedem auf— ein echtes Huſarenblut. Als er konfirmirt war, wurde es Zeit, daß er endlich in den Waffendienſt eintrat, denn groß und ſtark genug war er dazu. Der Alte ſchrieb an ſeinen früheren Waffengefährten, den Generallieutenant von Blücher, Chef des Huſaren⸗Regiments, in welchem Fritz Vater geſtanden hatte, damit dieſer den Jungen als Junker bei ſeinem Regimente anſtellen möge. Blücher verſprach, dem Wunſche nachzukommen. Der Gedanke, jetzt preußiſcher Huſar zu werden, erfüllte den Jungen mit größter Freude, ſo lieb ihm das Leben auf dem großväterlichen Gute auch gewor⸗ den war. Am Tage vor ſeiner Abreiſe verſammelte der Alte noch alle Nachbarn und Bekannte zu einem großen Gaſtmahle. Er ſelbſt erſchien in ſeiner ſchwarzen Huſaren⸗ uniform und ſchlug den Burſchen in ſeiner originellen Weiſe zum Ritter. Vor allen verſammelten Gäſten auf der großen Hausflur gab er dem Jungen eine laut klatſchende Ohrfeige, daß die Backe aufſchwoll, und ſagte dabei lachend:„Det iſt nu der letzte Schlag, Junge, den Du Dir in Deinem ganzen zukünftigen Leben darfſt ungeſtraft geben laſſen. Wer von jetzt an Dir beleidigt oder Dir nur ein ſchiefes Maul zieht, den forderſt Du vor den Säbel und hauſt Dich mit ihm herum, ſo lange noch ein Blutstropfen in Dir iſt. Haſt Du mir ver⸗ ſtanden, Junge?“ Als Fritz dies bejahte, fuhr er fort: „Na, das iſt gut, das wollte ich mir auch ausgebeten haben, und da haſt Du denn auch eine Waffe und führe ſie mit Ehren vor Sr. Majeſtät dem Könige von Preußen oder vor einen anderen deutſchen Fürſten und auch vor Deine eigene Ehre, wie alle Deine Ahnen da“— und dabei wies er auf die an den Wänden aufgehängten Ahnenbilder,—„und wie ich und Dein ſeliger Vater dies auch gethan haben und wie Deine Söhne— wenn Du nämlich erſt mal welche haben wirſt, dies auch hoffentlich thun werden!“ Nach dieſer erbaulichen Anrede gab er ihm einen Kuß auf die noch geröthete Backe und gab ihm einen ſchönen Säbel, an deſſen Griff oben das Familienwappen eingravirt war. Von dieſem Augenblicke an zählte der„Huſaren⸗ junge“ zu den Erwachſenen und zum erſten Male durfte er mit den Erwachſenen nach beendigtem Mahle pokuliren. Am folgenden Tage reiſte er auf einem ihm von ſeinem Großvater geſchenkten kräftigen Rappen, eine gute Rolle mit Dukaten in der Taſche, hinter ſich einen reich mit Wäſche verſehenen Mantelſack, von einem —y— alten Veteranen geleitet und mit einer Bruſt voll froher, muthiger Hoffnungen nach Stolpe ab. Sein erſtes Huſarenſtückchen führte er in Greifs⸗ walde aus. In einem Wirthshauſe, wo er beim Glaſe Wein mit einigen Studenten eines Hundes wegen in Streit kam, hatte er die erſte Gelegenheit, ſeinen Muth zu erproben. Doch hören wir ihn ſelbſt, wie J. v. Wickede in ſeinem intereſſanten Buche:„Ein deutſches Reiter⸗ leben“, ihn erzählen läßt: „Nach vielem wüſten Hin⸗ und Hergeſchrei wurde dann endlich ausgemacht, daß ich dem Beſitzer des Hundes ſogleich Genugthuung auf ſechs Gänge mit krummen Säbeln geben ſolle. Einer der Studenten, ein anſtändiger Menſch, erklärte ſich bereit, mein Sekun⸗ dant zu ſein.„Ich will das Bürſchlein wie eine Lerche aufſpießen,“ renommirte mein Gegner in roher Weiſe und gedachte, mich dadurch einzuſchüchtern, allein ich vertraute auf meinen kräftigen Arm und meine mir vom Großvater, der ein berühmter Fechter war, einge⸗ lernte Geſchicklichkeit in der Führung des Säbels, lachte zu ſolcher Prahlerei und hatte nicht die mindeſte Furcht. Das Duell ward ſogleich im Saale des Wirthshauſes ausgefochten und wir ſchlugen beide wüthend auf ein⸗ ander los. Mein Gegner hatte den Vortheil, bedeutend größer zu ſein, ich aber merkte bald, daß ich gewandter als er focht, und hielt mich abſichtlich zuerſt in der Deckung, um ihn noch mehr zum Zorn zu reizen und unnöthig zu ermüden. Es gelang mir dies auch; fünf Gänge verliefen ohne Erfolg, im letzten merkte ich aber, daß der Arm meines Gegners zu erlahmen anfing, ging nun ſchnell zum Angriff über und brachte ihm denn auch einen tüchtigen Hieb in das Geſicht bei, ſo daß das Blut herausſtürzte und der Zweikampf ein Ende hatte. Die Studenten ärgerten ſich zwar darüber, daß ich junger Burſche einen alten„Haupthahn“ von ihnen gehörig„ausgeſchmiert“ hatte, luden mich aber nichts⸗ deſtoweniger am Abend zu einem großen Kommers ein, welche Einladung ich auch annahm.“ Mit ſchwerem Kopfe reiſte er am folgenden Mor⸗ gen ab, erreichte ohne Unfall Stolpe und wurde der Schwadron des Rittmeiſters v. B. als Eſtandarten⸗ junker zugewieſen. Die Nachricht von ſeinem rühmlich ausgefochtenen Duell in Greifswalde war auch nach Stolpe gelangt und verſchaffte ihm die Zuneigung Manches im Regi⸗ mente, dennoch mußte er im Anfange den gewöhnlich⸗ ſten und härteſten Soldatendienſt verrichten. Von der Pique auf— war damals noch das treffliche Princip, das auch bei dem reichſten und vornehmſten Junker keine Ausnahme geſtattete. Im Sommer um halb vier Uhr, im Winter um halb fünf Uhr blies der Trompeter die Reveille. Dann hieß es vom harten Lager auf. Ein Trunk Waſſer, ein Stück Kommißbrod und nun in den Stall, um Striegel und Kartätſche zu handhaben. Nur eine Minute zu ſpät koſtete Arreſt und war es der vor⸗ nehmſte Junker. Nach dem Stalldienſt ging's hinaus zum Exer⸗ cieren. Ein Stück Kommißbrod und ein herzhafter Schluck Soldatenkaffee— Kornbranntwein— bildeten das 11* 84 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Frühſtück. Mittags ſpeiſten nach damaliger Sitte die Officiere und Junker an dem Tiſche des Rittmeiſters. Der hatte aber eine alte geizige Schweſter und die Biſſen waren ſchmal zugetheilt. Suppe, Gemüſe und ausgekochtes Fleiſch in kleinen Portionen, dazu Dünn⸗ bier bildeten das Mahl. Wer eine Minute zu ſpät kam oder ein Fleckchen auf das Tiſchtuch machte erhielt Arreſt. Wer gefragt wurde, durfte ſprechen, anders nicht. Der Rittmeiſter war ſtreng und brummig. Beim Exercieren waren:„Verfluchte Lümmel, infames Racker⸗ zeug, krummbeinige Schneidergeſellen“ ſeine mildeſten Worte; dabei hieb er mit ſeiner langen und ſchweren Reitpeitſche über Pferde und Reiter, unbekümmert, wo⸗ hin die Hiebe fielen. Da gab es manche dicke und rothe Schwielen. Des Rittmeiſters Entſchuldigungsworte, da ein Junker weder geſchimpf noch gar geſchlagen werden durfte, waren:„Junker, Sie ſind bei Allem nicht mit dabei gemeint.“ Aber die Hiebe hatte der Junker weg. Bei alledem übten die Junker die tollſten und lu⸗ ſtigſten Streiche aus, unbekümmert um Arreſt und die Donnerwetter des Rittmeiſters. Dem Bürgermeiſter des Städtchens wurde während der Nacht die Hausthür zu⸗ genagelt. Hunde, Katzen, Hühner und Gänſe wurden eingefangen oder Nachts aus den Ställen geholt und mit allen möglichen Farben bunt angemalt wieder ent⸗ laſſen. Als Geſpenſter verkleidet erſchreckten die über⸗ müthigen Junker Abends die ehrſamen Bürger, und der gemeinſamen Feindin Aller, des Rittmeiſters Schwe⸗ ſter, warfen ſie einen großen Wollſack über den Kopf, trugen ſie darin fort und hingen ſie oben an den Aſt einer hohen Linde. Dieſer Spaß war dem Rittmeiſter zu arg. Es gab harten Arreſt und die Junker wurden in andere Schwa⸗ dronen verſetzt. 3 Im Herbſt 1804 kam der wilde„Huſarenjunge“ nach Münſter, wo er zum erſten Male den alten Blücher ſah. Im Sommer 1805 wurde er Kornet, alſo Officier. Die Huſaren hatten damals viel Dienſt an der Grenze und kamen mit den dort ſtehenden franzöſiſchen Officieren häufig in Berührung. Jede Streitigkeit mit ihnen war ſtreng verboten, dennoch fehlte es an Rei⸗ bereien unter den Officieren nicht, und es währte nicht lange, ſo hatte Fritz mit einem franzöſiſchen Dragoner⸗ officier ein Duell und zwar zu Pferde. Preußiſche und franzöſiſche Officiere waren in einem hart an der preußiſchen Grenze gelegenen ländlichen Wirthshauſe, in dem es trefflichen Rheinwein gab. Die Franzoſen führten übermüthige ſtichelnde Redensarten, namentlich hatte es ein großer franzöſiſcher Dragoner⸗ officier auf den jungen Kornet abgeſehen und prahlte, daß er mit ſeinem normänniſchen Hengſte den Kornet mit ſeinem Windhunde von Pferd über den Haufen reiten werde. Der Kornet ſprang auf, nannte ihn einen unver⸗ ſchämten Prahler und verlangte Genugthuung. „Hoho, Sie kleines Huſarchen,“ rief der Franzoſe lachend,„mit mir, dem Kapitän Dugommier, wollen Sie ſchon fechten; wahrhaftig, die Keckheit iſt ſo groß, daß ſie mich ſogar beluſtigt,“ und fügte hinzu, daß er Das war genug. Die Herausforderung war ange⸗ nommen und zu Pferde ſollte das Duell ausgefochten werden. Eine geräumige, von einer Hecke umſchloſſene Feldkoppel in der Nähe des Wirthshauſes diente zum Kampfplatze. Mit muthigem Gefühl beſtieg der junge Kornet ſeinen behenden Ukrainer Falben. Das Pferd war ſchnell und gewandt, aber etwas ſcheu und leicht umdrehend und paßte deßhalb wenig zu ſolchem Kampfe. Der nor⸗ männiſche Hengſt des Franzoſen war ruhig und ſicher zugeritten. Der Franzoſe war in voller Uniform, den Helm mit lang herunterhängendem Roßſchweif auf dem Kopfe, während der kleine Huſaren⸗Kornet nur den Dollman und eine leichte Mütze trug und einen krum⸗ men Huſarenſäbel hatte. Laſſen wir ihn auch dieſen Kampf ſelbſt erzählen. „Auf dem Felde angekommen, wurden wir fünf⸗ undzwanzig Schritte von einander gegenübergeſtellt und mußten blank ziehen, während ſich die Gruppen der zu⸗ ſehenden preußiſchen und franzöſiſchen Officiere in ge⸗ „nügender Entfernung, um uns beim Kampfe ſelbſt nicht zu hindern, aufſtellten. „En avant, Messieurs!“ rief nun ein franzö⸗ ſiſcher Major, der als einziger anweſender Stabsofficier das Kommando übernommen hatte, und das Duell be⸗ gann. In langſamer Gangart ritt mein Gegner einige Schritte vor, blieb dann halten und legte ſeinen langen Pallaſch weit zum Stoß vor, mich ſo erwartend. Ein ungemein höhniſcher Ausdruck, der in ſeinen gemeinen Zügen lag, reizte mich noch mehr zum Zorn. Ich gab meinem Falben die Sporen und ſprengte in kurzem Galopp gegen den verhaßten Feind vor, um ihm wo möglich die linke Seite abzugewinnen und dann einen kräftigen Hieb über das läſternde Maul zu geben. Als ich dem Franzoſen auf wenige Schritte nahe gekommen war, ſchwirrte derſelbe einige Male recht ſchnell mit dem Pallaſch in der Luft umher, um mein Pferd ſcheu zu machen. Sein Plan gelang ihm. Mein Falber wollte ſcheu umdrehen, und als ich ihm die Sporen in die Seite hieb, bäumte ſich das Thier hoch mit mir in die Luft. In demſelben Augenblicke ſtieß der Franzoſe zu, allein ſtatt meine Bruſt, wie er gehofft hatte, zu treffen, fuhr ſeine Klinge nur durch die Säbeltaſche und blieb darin ſtecken, ſo daß er mir ſolche beim Zurückziehen mit entriß. Mein Falber war jetzt noch ſcheuer geworden, drehte kurz auf dem Hintertheil um und machte einige gewaltige Sätze zurück, bevor ich ihn wieder bändigen konnte. Wie glühende Stiche traf mich das höhniſche Gelächter und einige ſpöttiſche Worte, welche der ruhig auf ſeinem Platz halten gebliebene Franzoſe mir nach⸗ ſandte, und auch einige der zuſchauenden franzöſiſchen Officiere waren taktlos genug, um in ein Lachen auszu⸗ brechen. Ich bearbeitete mein Roß mit den Sporen, daß ihm das Blut aus den Flanken lief, warf es dann wieder herum und ſprengte auf' Neue gegen den in Stichparade ausliegenden Franzoſen an. Derſelbe wollte abermals dasſelbe Manoeuvre, mein Pferd ſcheu zu 1 blieb machen, verſuchen, wie ihm dies das erſte Mal geglückt war, allein diesmal gelang es mir, dasſelbe zu ver⸗ eiteln. Ich ließ meinen Falben nicht gerade auf den Franzoſen losgehen, ſondern etwas ſeitwärts auf die linke Seite, ſo daß er weniger ſcheute, ſtieß ihm dann plötzlich den rechten Sporen gewaltig ein, damit er ſeitwärts ſpringe und benutzte dieſen Augenblick, wo ich meinem von ſolchem unerwarteten Manoeuvre etwas verwirrten Gegner recht nahe gekommen war, um blitz⸗ ſchnell einen kräftigen Hieb nach deſſen Geſicht zu führen. Mein Plan war geglückt. Der Hieb hatte den Franzoſen quer über die Naſe getroffen und war ſo tief einge⸗ drungen, daß mein Gegner im Sattel zu ſchwanken an⸗ fing und ſich mit beiden Händen in den Mähnen an⸗ klammerte, worauf einige anweſende Offiiciere herbei⸗ ſprangen, um ihn zu unterſtützen. Als ich mein Pferd wieder parirt hatte und nun meinen blutenden, wehr⸗ loſen Gegner ſah, war ich von ſolcher ſtolzen Freude ergriffen, daß ich dieſes Gefühl nicht um Hunderttau⸗ ſende von Thalern fortgegeben hätte.“ Dies Duell war ſtrafbar und einige Wochen Arreſt kaum zu vermeiden. Als Blücher es erfuhr, ließ er ſich von dem jungen Kornet alles erzählen, ſtrich ſich dabei vergnügt den langen Schnurrbart und rief:„Das iſt mir eine große Freude, Kornet, daß Sie dem ſchock⸗ ſchwerenoths⸗verdammten Franzoſen mit dem Säbel ſo über ſein Großmaul gefahren ſind. Könnten wir es doch mit alle die Hallunken ſo machen, aberſt das ſoll ja nicht ſein.— Na, heute Mittag, Kornet, da eſſen Sie einen Löffel Suppe bei mich, und da wollen wir in dem beſten Rheinwein aus meinem Keller noch mal auf Ihren guten Hieb anſtoßen.“ Und bei dem Mittagsmahl ging es luſtig zu. Zum Schluß ergriff Blücher ſeinen mächtigen grünen Römer und rief:„Auf die Geſundheit von unſerem Kornet, der ganz ſo, wie ein preußiſcher Soldat handeln muß, gethan hat!“ und alle anweſenden Stabs⸗ und Oberofficiere ſtießen an. Das Herz des neunzehnjähri⸗ gen Kornet ſchlug laut und freudig. Am folgenden Tage überreichten ihm die Officiere ſeiner Schwadron eine neue Säbeltaſche als Geſchenk. Die franzöſiſchen Officiere waren über die Nieder⸗ lage ihres Kameraden auf das Höchſte erbittert, da er als der beſte Fechter ihres Regimentes bekannt war, und hatten ſich vorgenommen, den Kornet aufzuſuchen und abſichtlich zu beleidigen. Dies wurde bekannt, und um es zu verhindern, wurde derſelbe, zum Theil auch zur Belohnung, nach Warſchau kommandirt, um einen Transport Remontepferde zu übernehmen. Das Herz des jungen muthigen Kornet, des Hu⸗ ſarenjungen hatte ſich ſchon längſt nach Krieg und Schlachten geſehnt, um ſeinen Muth in ernſter Stunde bewähren und ſeinen Thatendurſt befriedigen zu können. Mit Jubel erfüllte ſich deßhalb ſeine Bruſt, als im Sommer 1806 ſein Regiment auf den Kriegsfuß geſetzt * und er zum Lieutenant ernannt wurde. Mit den ſtolze⸗ ſten Hoffnungen rückte das Regiment aus Weſtphalen aus, an der Spitze einen Führer, dem es mit Leib und Seele anhing— den alten Blücher, der ſich um zehn Huſarenblut. 85 Jahre verjüngt zu haben ſchien, nun es endlich in's Feld gegen die Franzoſen ging. „Na, Huſaren,“ rief er, als er an den Schwadro⸗ nen des Regimentes vorüberritt, mit ſeiner weitſchallen⸗ den Baßſtimme,„das iſt ja eine wahre Luſt, Euch ſo zu ſehen, und wenn es man erſt ſo recht zum Drein⸗ hauen auf dieſe verfluchten Parlez-vous kommt, werdet Ihr Eure verdammte Schuldigkeit auch ſchon thun.“ „Gewiß, gewiß, Ew. Excellenz, an uns ſoll es nicht fehlen!“ riefen und jubelten die Huſaren, und ein alter Flügelkorporal, ein Veteran, der ſchon an vierzig Jahre diente, meinte:„Dies Mal geht es doch aber gleich in das Paris hinein, und wir werden nicht wieder ſo verflucht angeführt, wie damals anno 1792!“ „Ne, alter Junge, diesmal geht es hinein, und wenn wir in Paris d'rin ſind, dann trinken wir Beide zuſammen unſeres Königs Gefundheit in dem beſten Champagnerwein, der nur zu haben iſt,“ lachte Blücher. Der Marſch ging über Kaſſel. In der Nähe wurde für einige Tage Raſt gemacht. Der junge Lieutenant erhielt auf dem Hofe eines Oberforſtmeiſters ſein Quar⸗ tier. Die ſchöne, blauäugige, blondhaarige, achtzehn⸗ jährige Tochter des Hauſes machte einen tiefen Eindruck auf das junge, raſche Huſarenherz und ſchon am zweiten Tage verlobten ſich Beide. Nun ging's weiter dem Feinde entgegen nach Erfurt. Am 4. Oktober traf das Regiment dort ein. Am 12. Oktober kam der„Huſaren⸗ junge“ zuerſt in der Gegend der Stadt Ilm auf Vor⸗ poſten gegen den Feind. Ausgedehnte Rekognoseir⸗ patrouillen wurden gemacht, ohne daß ſich eine Gelegen⸗ heit zu einem ſo ſehnlich herbeigewünſchten Scharmützel zeigte. Da ſollte endlich die Stunde eintreten, die das junge feurige Huſarenblut zum erſten Male mit dem Feinde zuſammenführte und ihm gleichſam die Weihe des Huſaren gab. Laſſen wir ihn wieder ſelbſt berichten. „In der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober ſtieß die Huſarenpatrouille, die ich befehligte, zuerſt auf eine franzöſiſche Kavalleriepatrouille von doppelter Stärke. Meine Spitze hatte in der großen Dunkelheit der Nacht die franzöſiſchen Huſaren zuerſt für Sachſen gehalten, und ſo waren wir ihnen unbeſorgt bis auf wenige Schritte nahe geritten, als ihr Anruf:„Halte là— qui vive!“ uns zuerſt über unſern Irrthum aufklärte. Ein eigenthümliches Gefühl durchzuckte in dem Augen⸗ blicke meine Bruſt, als ich mich jetzt ſo plötzlich einem Feinde von großer Uebermacht gegenüber befand. Doch nur wenige Sekunden währte dasſelbe, dann zog ich den Säbel, rief meinen Huſaren zu:„Vorwärts, da haben wir endlich die verwünſchten Franzoſen,“ und unter dem jubelnden Ruf:„Hoch der König von Preu⸗ ßen!“ ging es gegen die eben ſo überraſchten Feinde vor. Unſer Anprall war ſtark— die Franzoſen, welche in der Dunkelheit glauben mochten, daß wir nur die Spitze einer größeren Truppe wären, leiſteten nicht lange Widerſtand, ſondern drehten bald die Pferde um und jagten zurück. Eine weitere Verfolgung war theils in der großen Finſterniß nicht gut möglich, hätte uns auch leicht in einen feindlichen Hinterhalt bringen kön⸗ nen, und ſo gern wir Alle auch noch weiter fortgekämpft 86 Erinnerungen hätten, ſo ließ ich doch bald Halt machen. Wir hatten ſelbſt einige Verwundete, nahmen aber drei bis vier feindliche Huſaren gefangen und hieben noch mehrere zuſammen.“ Das war das erſte Zuſammentreffen des friſchen jungen Huſarenblutes mit dem Feinde. Nun folgten der Kämpfe mehr. Am folgenden Tage die unglückſelige Schlacht bei Auerſtädt, dann der mühevolle Zug des Blücher'ſchen Korps bis Lübeck, die Vertheidigung und der Kampf in Lübecks Mauern, wobei der junge Lieu⸗ tenant, ſehr ſchwer verwundet, mehrere Wochen lang in dem Hinterſtübchen eines menſchenfreundlichen Lohger⸗ bers verſteckt gehalten wurde und ſeiner Geneſung ent⸗ gegenſah. Er eilte dann nach Oſtpreußen und kam noch früh genug, um die blutige Schlacht bei Eylau mitzu⸗ machen. Wir können leider, durch den Raum beſchränkt, dies intereſſante Reiterleben nicht weiterführen und wollten deßhalb auch nur eine Skizze desſelben bis zu dem Augenblicke geben, wo zum erſten Male der Säbel gegen den Feind gezogen wurde für König und Vater⸗ land. Das letzte Tournier in Frankreich. F— inih Erzählung von Joſef Burian. s war im Frühling des Jahres 1557, wo nach dem Beſchluſſe des Königs Heinrich II. von Frankreich die feierliche Vermälung der jungen, von der Mit⸗ und Nachwelt ſo übel beurtheilten und arg verkannten Schottenkönigin, Maria Stuart mit dem Dauphin, dem nachmali⸗ gen Könige Franz II. von Frankreich gefeiert werden ſollte. Dieſe Heirat war von der Königin Mutter und König Heinrich II beſchloſſen worden, als Maria Stuart kaum noch ihr viertes Lebensjahr zurückgelegt hatte, und doch war dieſe Heirat nicht eine bloße Folge der Politik, ſie war auch eine Vereinigung aus Liebe, eine Verbindung zweier gleichgeſtimmter Seelen, die einander liebten, ehe ſie noch eine Kenntniß von den Beſchlüſſen ihrer Eltern hatten. Die Königin Mutter von Schottland hatte Maria Stuart im Jahre 1548, um ſie den Ränken des länder⸗ und weiberſüchtigen Heinrich VIII. von Eng⸗ land zu entziehen und in dauernde Sicherheit zu brin⸗ gen, aus Schottland nach Frankreich geſendet, wo die junge, ſechsjährige Königin Maria in Breſt von Hein⸗ rich II. und Katharina von Medieis, ſeiner Gemalin, feierlich bewillkommt und darauf zur ferneren Obſorge und Erziehung den frommen Schweſtern des Kloſters St. Germain übergeben wurde. Dort entwickelte Maria Stuart nach und nach die ganze Fülle ihrer geiſtigen Kräfte und ihrer holden Körperreize, womit ſie die Natur im reichſten Maße be⸗ gabt hatte, und ließ ſchon im Kinde die Alles bezau⸗ bernde Frau ahnen. Mann mit dem Rufe„Franz“ Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Der Dauphin Franz hatte einmal die Sonntags⸗ meſſe im Kloſter St. Germain beſucht, und ſeit dieſer Stunde war es mit aller Ruhe des jungen Prinzen da⸗ hin. Eine Mädchenſtimme am Chore der Penſionärinnen hatte eine Hymne ſo ſchön und entzückend geſungen, daß es mächtig das Gemüth des Dauphins erfaßte, ſein Herz mit Liebe zur unbekannten Sängerin erfüllte und ihn zu dem feſten Entſchluſſe brachte, die Inhaberin dieſer Engelsſtimme aufzuſuchen und kennen zu lernen. Tag und Nacht erfüllte ihn der Gedanke an die unbekannte Sängerin, und er ruhte und raſtete nicht eher, bis er mit Hilfe ſeines Lehrers und Erziehers D'Anville von der Oberin des Kloſters die Erlaub⸗ niß zum Beſuche desſelben erhielt. Eben waren die Penſionärinnen, meiſtens Töchter des franzöſiſchen Adels, im Garten bei luſtigem Spiel verſammelt, als der Dauphin und D'Anville denſelben betraten. Ein Blick auf die fröhliche Mädchenſchar hatte genügt, dem Prinzen die geliebte Unbekannte heraus⸗ finden zu laſſen, ſo daß der alte DAnville ſtaunend verſicherte, von nun an glaube er an Sympathie der Liebe. Der Prinz und ſein Lehrer waren den Mädchen unbekannt, die ſich anfänglich den Beſuch zweier Herren nicht zu erklären vermochten; doch wußten Beide ihre Anweſenheit ſo ſchnell und gut in das Spiel der luſti⸗ gen Kinder zu verflechten, daß die auf einen Augenblick geſtörte Ungezwungenheit bald zurückkehrte und die kleine Geſellſchaft ſich wieder mit aller Munterkeit den Ireuden des Spieles hingab. Der Dauphin Franz hatte ſich während deſſen der jugendlichen Sängerin genähert und ſich mit ihr ver⸗ trauter gemacht. Es war ihm gelungen, ſie in eine ab⸗ ſeits gelegene Laube zu führen, und da geſtand er ihr ſeine Liebe, und bat ſie um ein Zeichen, daß ſie ihm nicht böſe ſei, um eine Erinnerung an dieſen ſchönen Tag. Und während das tieferröthende Mädchen dem bittenden Jüngling zitternd einen Kranz von Roſen hin⸗ reichte, und der Dauphin überwältigt vom Glücke die freundliche Geberin ſtürmiſch an ſein Herz preßte und einen innigen Kuß auf die jüngfräulichen Lippen drückte, da bogen ſich langſam die Zweige der Laube auseinan⸗ der, in der Lücke wurde der Kopf eines Mannes ſichtbar und die Augen desſelben blickten freundlich und liebe⸗ voll auf die Glücklichen herab. Doch dieſe merkten nichts von der Anweſenheit eines Dritten, und erſt als der in die Laube trat, da wendete ſich der Prinz um und ſtürzte mit den Worten: „mein königlicher Vater“— zu den Füßen des Lauſchers. „Und weißt Du auch, mein Sohn, wen Ou liebſt?“ ſprach König Heinrich.„Schäme Dich Deiner Neigung nicht, denn die Erwählte Deines Herzens iſt Maria Stuart, Schottlands Königin.“ Zu der zitternd da⸗ ſtehenden Marie gewendet, ſprach er freundlich:„Meine kleine Majeſtät, Sie haben dem Dauphin Franz von Frankreich ihr Herz geſchenkt“— und ſich zu Beiden niederbeugend, reichte er ihnen lächelnd die Hand zum Kuſſe.— So hatte der Himmel zwei Herzen, zwei Menſchen land Dau woh der chtbar ebe⸗ nichts 3 der —— Joſef Burian: Das letzte Tournier in Frankreich. 87 in Liebe zuſammengeführt, die nach dem Willen der Eltern und nach den Beſchlüſſen der Politik ohnedies einander angehören ſollten. Die Königin Maria Stuart kam nun, wenn auch dem Kloſter nicht ganz entrückt, ſo doch den Hof⸗ kreiſen näher und übte, obzwar beinahe noch ein Kind, durch ihren lebensfrohen, naiven Sinn, durch ihren regen Geiſt, durch ihre Liebenswürdigkeit und außerge⸗ wöhnliche Schönheit einen mächtigen Zauber auf ihre ganze Umgebung aus. So erreichte die kleine Schottenkönigin zwiſchen dem einfachen, den Wiſſenſchaften und der Religions⸗ übung gewidmeten Kloſterleben und dem luſtigen Trei⸗ ben des Hofes ihr fünfzehntes Lebensjahr, das Jahr ihrer Vermälung mit dem Dauphin Franz von Frank⸗ reich; es war, wie wir ſchon im Anfange dieſer Erzäh⸗ lung angedeutet haben, im Frühling des Jahres 1557, und Maria Stuart, die junge Königin von Schott⸗ land und rechtmäßige Erbin von England, wurde nun Dauphine von Frankreich. Die Vermälung wurde mit allem erdenklichen Auf⸗ wande und Pracht, welche die damalige Zeit bei beſon⸗ deren Gelegenheiten ſtets im reichſten Maße zu entfalten wußte, gefeiert; Tanz und Feſtzüge, ländliche Spiele und Jagd wechſelten in raſcher Folge; es waren dies Tage der Luſt und Wonne für den Hof wie für das Volk. Den Schluß der Feſtlichkeiten ſollte dem Willen des Königs Heinrich II. gemäß ein glänzendes Tournier bilden. Zwar waren die Zeiten, wo jene möderiſchen Spiele, bei denen nur rohe Kraft den Ausſchlag gab, an der Tagesordnung waren, ſchon längſt vorüber, und hatten einer beſſern, verfeinerten Gegenwart Platz ge⸗ macht. Die Tourniere, die noch hie und da abgehalten wurden, waren nur gefahrloſe Uebungen mit ſpitzenloſen Lanzen, waren mehr Produktionen in der Führung der Waffen und Lenkung der Pferde, und einige leicht wie⸗ der herzuſtellende Rippen⸗ und Beinbrüche die größten Unglücke, die ſich ſchlimmſten Falls noch hiebei ereignen konnten. Aber eben wegen der Seltenheit des Schauſpieles brannte ganz Paris vor Freude und Neugierde, und er⸗ wartete mit heißer Ungeduld den Tag des Tourniers, zu welchem der ſchottiſche und italieniſche Adel ſeine Zier⸗ den abgeſendet hatte, damit ſie im Verein mit dem fran⸗ zöſiſchen Adel die ganze Heerlichkeit des, freilich nur noch dem Scheine beſtehenden, in Wirklichkeit damals ſchon erloſchenen, Ritterthums entfalten und um die Ehre des Tages ſtreiten möchten. Darum glühte Jung und Alt dem ſeltenen ritter⸗ lichen Spiele entgegen, das nach alter Sitte auf dem Platze vor dem Schloſſe Tournelles abgehalten werden ſollte. Die Herren mühten ſich ab, einander an Pracht der Rüſtungen zu übertreffen, und beſchäftigten Juwe⸗ liere und Waffenſchmiede, Schneider und Sattler Tag „und Nacht. Die Damen hingegen wetteiferten wieder mit der Verfertigung koſtbarer und ſchöner weiblicher Arbeiten, die als Minne⸗ und als Chrenſold für die glücklichen Sieger beſtimmt waren.— Endlich brach der langerſehnte Tag an und noch —— lange bevor die Sonne ſich im Oſten zeigte war das neugierige Pariſer Volk hinausgeeilt an den Ort des Freude verheißenden Schauſpieles und hatte jede Spanne Erde in Beſitz genommen, ſo daß die Büttel und die Schweizerſoldaten nur mit größter Mühe eine nothdürf⸗ tige Ordnung erhalten konnten. Eben ſo waren die Fen⸗ ſter, Balkone und Dachlucken der umliegenden, mit Tep⸗ pichen, Fähnleins und Reiſig feſtlich geſchmückten Häuſer mit Neugierigen dicht gedrängt, und die abgedeckten Dächer mit neugierig herausblickenden Köpfen förmlich beſäet. Der Schauplatz des Tournieres ſelbſt war rings im weiten Bogen mit hochgeſtapelten Tribunen einge⸗ faßt, welche für den königlichen Hof, den Adel und die Ritterſchaft beſtimmt waren. Da ſchlug es auf der Uhr der Kirche von Notre⸗ Dame die achte Stunde und Karthaunendonner und Fanfarengeſchmetter ſignaliſirte dem ungeduldig har⸗ renden Volke das Nahen des Hofes. Tauſend und wieder tauſend Köpfe ſtreckten ſich auf langen Hälſen empor und tauſendfach erſcholl der Ruf:„Sie kommen.“ Sie kamen; voran Herolde mit Standarten und Fahnen, gefolgt von luſtig tönender Muſik; dann er⸗ ſchien die Königin Katharina von Medicis mit der jungen Gemalin des Dauphins, Maria Stuart und hinter Beiden eine lange Reihe juwelenfunkelnder Damen. Und weiter kam wieder eine Königin, wenn auch keines Reiches, ſo doch Königin im Herzen des Kö⸗ nigs Heinrich, die allmächtige Diana von Poi⸗ tiers, mit ihrem Gefolge; und die Marſchälle des Reiches, die Kämmerer und anderen Herren des Hofes bildeten den Schluß des langen prächtigen Zuges. So bewegte ſich derſelbe hin zu den feſtlich gezier⸗ ten Tribunen, in deren Mitte unter einem mit den kö⸗ niglichen Inſignien geſchmückten Baldachine Katha⸗ rina von Mediecis mit Maria Stuart Platz nahm, und rechts und links reiheten ſich „um ſie die Großen der Krone, und rings auf hohem Balkone die Damen in ſchönem Kranz.“— Da ertönten abermals Fanfarenſtöße und gaben das Zeichen zum Beginne des Tourniers. Unter dem Vortritte der Muſik, geführt von dem Ceremonienmeiſter des Hofes, dem greiſen Montgo⸗ mery, umritt die königliche Leibgarde ſtreng und ernſt nach alter Sitte, mit langſam' abgemeſſ'nem Schritte, den innern Raum der Tummelbahn. Ihm folgten die Herolde, die Bahnhälter, die Adelsmarſchälle und die Tournierknechte. Hinter dieſen kam der König allein, gekleidet in ganz vergoldete, glänzende Rüſtung, in welcher ſich die Sonnenſtrahlen tauſendfach wiederſpiegelten, den Helm geziert mit einer goldenen Krone, aus der Frankreichs Zeichen, die Lilie, ſilbern entſprang. Ihm nach gingen der Dauphin Franz, geführt von den Prinzen Karl und Heinrich und dem Herzog von Savohen, dann kam der Herzog von Guiſe, die Herzoge von⸗ Hrr d d —— 88 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Nemours und Ferrara, der Konnetable Mont⸗ morenchy und noch viele, viele Edelleute des Landes, alle gar prächtig gekleidet und gerüſtet, auf herrlichen, goldſtrotzenden Roſſen. So umritten ſie unter dem Schmettern der Fan⸗ faren, dem Donner der Karthaunen und dem Jubel⸗ getöſe des ob der ungewohnten Herrlichkeit entzückten Volkes die Streitbahn und ſtellten ſich in vorgeſchrie⸗ bener Ordnung auf. Da gab die Königin Katharina das Zeichen zum Beginne des Spieles; die Fanfaren ſchmetterten und der König Heinrich II. und der Dauphin Franz ritten in die Schranken ein, in den Händen lange Speere haltend, an deren oberem Ende unterhalb der Spitzen kleine Kränze von Blumen hingen. Der Kampf, den da Vater und Sohn mit einander ausfechten wollten, war ein eben ſo anmuthiges wie be⸗ luſtigendes Spiel; es war das ſogenannte Blumenſtechen, und Sieger wurde derjenige, dem es gelang, den Kranz des Gegners von der Lanze herabzuſtechen. Der König und der Dauphin ſtellten ſich an die ent⸗ gegengeſetzten Schranken der Rennbahn und nach einer gegenſeitigen ritterlichen Begrüßung fprengten ſie unter luſtigem Spiele der Muſik gegen einander an. Zweimal waren ſie ſchon an einander vorüber ge⸗ ritten, ohne daß es einem von Beiden gelungen wäre, den Kranz des anderen herabzuſtechen, was ein Zeichen von ihrer Gewandtheit und Behendigkeit im Stechen und Pariren war. Da ritten ſie zum Drittenmale an und— mochte es nun größere Geſchicklichkeit in der Handhabung des Speeres, oder aber die Behendigkeit der Jugend ſein, der Dauphin ſtach ſeinem königlichen Vater den Kranz herab. Doch im ſelben Augenblicke hatte er auch ſchon ſein Pferd herumgeworfen und ließ raſch beide Kränze von ſeiner Lanze auf die Lilie am Helme des Königs herabgleiten, welcher Beweis von Geſchicklichkeit und liebevoller Beſcheidenheit von den Zuſehern mit don⸗ nerndem Beifalle belohnt wurde. Der Dauphin verließ nun die Schranken und begab ſich auf die Tribune zu ſeiner königlichen Gemalin. König Heinrich aber ſetzte das Tournier mit ſeinem Schwager dem Herzoge von Savoyen mit ſpitzenloſen Lanzen fort. Es galt nun, den Gegner aus dem Sattel zu heben und der König hatte das Glück, den Herzog bügellos zu machen. Hierauf forderte der König, der, erfreut über ſeinen Sieg, an dem Spiele viel Vergnügen fand, den tapferen Grafen De Lorges zum Gange heraus und ſetzte ihn gleich beim erſten Anrennen auf den Sand. Zufrieden mit ſeinem Erfolge, verließ er nun die Bahn und es ſtellten ſich jetzt der alte Claude von Guiſe und der Konnetable von Montme⸗ renchy gegenüber. Beide, von jeher erbitterte Feinde, rannten wüthend gegeneinander an; Beide wankten unter der Wucht des Anpralles, doch wußte der Herzog von Guiſe ſich noch zu erhalten, Montmorency aus dem Sattel. ab us ritten Franz von Guiſe und der ebenſo ſchöne wie tapfere Ritter Chaſtelard und der letztere errang hiebei den Sieg. Inzwiſchen hatte der gutmüthige König Heinrich, der ſah, wie der alte Graf De Lorges ſich ſeine Niederlage zu Gemüthe nahm, denſelben zu ſich gerufen und tröſtete ihn über ſein Unglück beim Rennen. Da hatte De Lorges im gekränkten ritterlichen Ehrgefühle dem Könige unbeſonnen geantwortet:„Ma⸗ jeſtät! ich habe vor der Krone und nicht vor Eurem Speer gewankt.“ „Was?!“ ſchrie der König, deſſen Blut, durch das ungewohnte Spiel ohnedies aufgeregt, bei dieſer Ant⸗ wort zu kochen begann,„was? was ſagt Ihr da? Ihr hättet vor der Krone und nicht vor meinem Speere gezittert; das ſoll wohl heißen, ich konnte leicht Singer ſein, weil Ihr Euch freiwillig beſingen ließet?“— „Majeſtät!“— „Hal hal De Lorges, das wollen wir doch ſehen; wir machen gleich noch einen Gang.“ „Verzeiht, mein König,“ fleht der Graf und beugt vor Heinrich ſein Knie. „Nichts da! auf zu Pferde. Doch ſchont jetzt nicht die Krone, ich ſage es Euch, und zittert vor meinem Speere. Ich ſchwör' es Euch, Einer von uns Beiden muß jetzt auf den Sand!“ „Majeſtät, ich flehe Euch an, erlaßt mir dieſen Gang, wollet nicht, daß ich meine Ehrfurcht gegen Euch vergeſſen muß, und verzeiht meine unbeſonnenen Worte.“ „Leere Ausflüchte; ich ſehe es, Ihr ſeid ein eitler Prahler, und wenn Ihr meiner Aufforderung nicht raſche Folge gebt, ſo ſeid Ihr auch ein— Feigling!“ So ſchrie der erboste, aufgeregte König. Doch das war zu viel für die Geduld, zu viel für die Ehre des Grafen De Lorges. 1 „Majeſtät! Ihr wollt es und ich muß gehorchen;“ — und mit einem Satze ſaß er im Sattel. Vergebens waren alle Bitten der Königin, verge⸗ bens alle Vorſtellungen des Dauphins und der Ritter; der König beſtand feſt auf ſeinem Willen und zornig befahl er dem Herolde, das Zeichen zu geben. Ein Fanfarenſtoß ertönte und noch einer und ein dritter und da gaben Beide ihren Pferden die ſpitzigen Sporen in die Weihen und die Lanze mächtig zum Stoße ausholend ſprengten ſie gegen einander an. Athemloſe Stille herrſchte und Bangigkeit und Erwartung lag auf allen Zügen. Sie ſtießen zuſammen; der König führte einen kräftigen Stoß nach ſeines Gegners Bruſt; doch dieſer fing ihn behende mit dem Schilde auf und des Königs Lanze zerſchmetterte in tauſend Stücke. Doch im ſelben Augenblicke erſcholl ein ſchwerer Fall, ein furchtbarer Schrei durchzitterte die Luft und als ſich die von den Hufen der Pferde aufgewirbelte Staubwolke zertheilte, ſah man den König blutend, im Todeskampfe ſich windend, am Boden liegen. Der Speer des Grafen De Lorges hatte ihm das Viſir zertrümmert und war ihm durch das Auge in's Gehirn gedrungen. Die Damen fielen in Ohnmacht, das Volk heulte: — 9 hin, Wot u eine d N plg und Sy 9p Sir Eine Schweſter der Madame Lafarge. 89 „Der König ſtirbt!“ und die Ritter eilten zum Könige hin, neben welchem verzweifelnd De Lorges kniete. Man brachte den König hinweg. Seine letzten Worte waren:„De Lorges trägt nicht die Schuld, nur ich—“ und der kräftige, lebensfrohe Mann war eine Leiche. Das war das letzte Tournier in Frankreich, wie zehn Jahre früher, im Jahre 1547, auf eben demſelben Platze das letzte Gottesurtheil abgehalten worden war. Das Schloß Tournelles, der unglückliche Schau⸗ platz dieſes blutigen Feſtſpieles, wurde niedergeriſſen, und den Ort, wo es damals ſtand, bezeichnet im heuti⸗ gen Paris die Place Royale. Eine Schweſter der Madame Lafarge. or mehreren Jahren durchwanderte ich den Rohr⸗ 5M ſtock in der Hand, die Cigarre im Muͤnde, fröh⸗ Be lichen Herzens und leichten Sinnes die grünen 5 Berge von La Coréze. Den Windungen eines Fluſſes folgend, athmete ich den Duft der Veil⸗ chen und wilden Roſen, mit denen ſeine Ufer be⸗ pflanzt waren, als plötzlich ein Ausruf der Freude hinter mir ertönte. „Er iſt es, unſer Freund!“ Erſtaunt wandte ich mich um und erblickte vor mir zwei Perſonen, an die lange nicht gedacht zu haben ich mir unwillkürlich den Vorwurf machen mußte. „Sir Anthony, Du hier!“ rief ich aus. Dann wandte ich mich gegen die junge, ſich nach⸗ läſig auf den Arm ihres Begleiters lehnende Dame und machte ihr eine tiefe Verbeugung. „Ihre Hand,“ ſagte Pulchérie;„ſind wir nicht alte Freunde?“ Ich ergriff die zartemir dargebotene Hand und drückte ſie an meine Lippen. „Wo kommſt Ou hierher?“ fragte Sir Anthony, „Du mein alter Kamerad von Oxford, mit dem ich mich ſo oft für meine Nationalehre geboxt? Muß ich Dir erſt Gaſtfreundſchaft anbieten, haſt Du vergeſſen, an meine Thür zu klopfen?“ „Ich wußte nicht, mein guter Sir Anthony, daß Du hier Deinen Wohnſitz aufgeſchlagen. Ich verließ Dich in Paris einen Monat nach jenem glücklichen Tage, der Dich zum Gatten der reizendſten Frau machte.“ Ich blickte, indem ich dieſe Worte ausſprach, Pul⸗ chérie an und war erſtaunt über den Eindruck, den dieſes Kompliment auf ſie hervorgebracht. Sie erblaßte. „Schweig!“ rief Sir Anthony,„Du kennſt mein Unglück nicht! Der Tod—“ Er vollendete den Satz nicht. Auch ich ſchwieg, un⸗ fähig, mir das räthſelhafte Benehmen der Gatten zu erklären. In dieſem Augenblicke ſchlug die Uhr des nahe⸗ gelegenen Dorfes zwölf. „Komm,“ ſagte Sir Anthony,„das Frühſtück erwartet uns. Wir halten im Schloſſe ſtets einige Zimmer LXX XII. 1861. Erinnerungen. —— für einen Freund in Bereitſchaft, und ich hoffe, Du wirſt dieſelben auf einige Tage bewohnen.“ Dann fügte er leiſe hinzu:„Dieſen Abend, wenn wir allein ſind, ſollſt Du alles erfahren.“ Ich nahm die Einladung an und folgte meinen Freunden auf das Schloß. Trotz der Liebenswürdigkeit der reizenden Pulchérie, trotz der herzlichen Freund⸗ ſchaftsbeweiſe ihres Gatten war ich jedoch weit entfernt, mich in einer behaglichen Stimmung zu fühlen. Sir Anthonys ſeltſamen Aeußerungen bedrückten mich. Die Mahlzeit ſollte meine Verwirrung noch um vieles vergrößern. Es wurden die auserleſenſten Gerichte aufgetragen, ohne daß Sir Anthonh eins davon be⸗ rührte. „Wahrhaftig, mein lieber Anthony, Du ſetzeſt mich in Erſtaunen!“ konnte ich mich ihm zu ſagen nicht enthalten.„Du, ſonſt der größte Gourmand unſeres Kreiſes, biſt mäßig geworden wie ein Trappiſt!“ „Ich habe keinen Hunger,“ murmelte er dumpf. Pulchérie ſchlug die Augen nieder. „Iß doch, meig Freund!“ ſagte endlich die junge Frau mit zitternder Stimme.„Dieſe Paſtete iſt ausge⸗ zeichnet— willſt Du ſie nicht verſuchen?“ „Nein, nein!“ rief Sir Anthony heftig,„ich begnüge mich mit der Milch, welche ich ſelber melke, und einem Roggenbrode, das ich von einem Landmann kaufe.“ „Das iſt eine ſeltſame Laune,“ bemerkte ich.„Willſt Du ein Heiliger, ein Märthrer werden? Hat man je der⸗ gleichen gehört, ein engliſcher Baronet, der die Kühe melkt?“ Ich brach in ein lautes Gelächter aus, Pulchérie ſchien ſich in der größten Verwirrung zu befinden, An⸗ thony aber ſagte: „Im Namen des Himmels, kein Wort weiter über dieſen Gegenſtand. Heute Abend ſollſt Du alles erfahren.“ Ich ſchwieg natürlich dieſer Weiſung gemäß, erwar⸗ tete aber mit Ungeduld die Stunde, welche mir die Löſung des ſeltſamen Räthſels bringen ſollte. Sie kam endlich. Kaum hatte ich mich in das mir angewieſene Zim⸗ mer zurückgezogen, ſo klopfte es an die Thür und Sir Anthony treat ein. Er verſchloß das Zimmer ſorgfältig, um vor jedem Lauſcher ſicher zu ſein, warf ſich dann in meine Arme und fing an zu weinen. „Anthony, mein Freund!“ rief ich aus,„was iſt Dir? Sprich, vertraue mir Dein Leid.“ „Ich bin der unglücklichſte Menſch!“ „Warum?“ „Höre. Du weißt, wie ich in Paris Pulchérie kennen lernte, ſie liebte, mich mit ihr verheiratete. Sie war eine Waiſe von guter Familie, arm, ſchön, geiſtreich — köſtliche Eigenſchaften, wenn wir ſie in der vereinigt finden, welche wir lieben. Aus vollſter Seele hoffte ich auf Glück, ahnte nicht das furchtbare Geheimniß, welches ſich mir ſpäter zu meinem Schrecken offenbart hat.“ „Ein Geheimniß?“ „Pulchérie, die blonde, ſanfte Pulchérie, iſt in derſelben Penſion erzogen, wo auch Madame La⸗ farge— dieſer Macchigvell in Frauengeſtalt— 12 —— — 9₰ 90 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ihre Ausbildung erhalten. Pulchérie und Marie Capelle— der Mädchenname der berüchtigten Gift⸗ miſcherin— haben ihre Jugendjahre mit einander ver⸗ lebt, ſind ſtets unzertrennlich geweſen, ſo daß man ſie nur die beiden Schweſtern nannte.“ „Dieſe Freundſchaft iſt allerdings inſofern merk⸗ eine ſo traurige Berühmtheit erlangt hat; aber ich ſehe darin durchaus keinen Grund, der Deine Aengſtlichkeit Dein hypochondriſches Weſen rechtfertigte.“ 1 Treppe hinunter, welche zur Küche führte. Dort angekom⸗ men ging ſie zum Speiſetiſche, zog eine kleine Büchſe hervor und ſtreute ein darin enthaltenes weißes Pulver — das Haar ſträubte ſich mir vor Entſetzen auf dem Haupte— auf das für den nächſten Tag beſtimmte Ragout. würdig, als das eine dieſer jungen Mädchen ſeitdem „Mein Gott!“ rief Sir Anthony,„Frauen gleichen den goldenen Früchten des Herbſtes. So ſchön ſie auch ſein mögen, iſt eine verdorbene Frucht unter ihnen, ſteckt ſie alle anderen an. Pulchérie iſt eine verlorene Frau.“ „Verloren?“ „Auf immer. Wie Marie Capelle ihren Gatten vergiftet hat, ſo trachtet Pulchérie mir nach dem Leben.“ „Thorheit— Du biſt krank!“ „Keineswegs. Unter den Gerichten, welche auf meine Tafel kommen, befindet ſich ſtets eins, welches ſie vergiftet, in der Hoffnung, daß ich davon eſſe.“ „Mein armer Anthony, Du haſt den Kopf verloren.“ „Wollte Gott, ich hätte mich getäuſcht und brauchte einer Frau nicht zu mißtrauen, die ich, ſo ſtrafbar ſie auch iſt, noch immer liebe— ja, ich liebe ſie, und deß⸗ halb habe ich mich noch nicht entſchließen können, ihr Verbrechen der Ahndung der Geſetze zu übergeben.“ „Wahrhaftig, mein Freund, es bedarf meiner gan⸗ zen Freundſchaft für Dich, daß ich nicht ernſtlich über Deine Tollheit böſe werde. Pulchérie, dieſes engel⸗ reine Weſen, das Gott zum Glück der Sterblichen auf die Erde geſandt, eine Giftmiſcherin! Nicht eher glaube ich daran, aks bis ich mich mit meinen eigenen Augen davon überzeugt habe.“ „Wenn es Dir nur darum zu thun iſt, ungläubiger Thomas, ſo ſollſt Du bald Gelegenheit dazu finden. Bleibe nur noch eine kurze Zeit wach, Pulchéries Zimmer liegt dem Deinen ganz nahe. Du wirſt ſie das⸗ ſelbe um Mitternacht leiſe, geheimnißvoll verlaſſen ſehen — folge ihr, und Du wirſt die Ueberzeugung von mei⸗ nem Unglück erlangen.“ Mit dieſen Worten verließ der Baronet mein Zim⸗ mer. Ich weiß nicht, wie lange Zeit ich über das Ver⸗ nommene in tiefe Gedanken verſunken blieb und erinnere mich nur noch, daß der Schlag der Uhr, welche Mitter⸗ nacht verkündete, mich aus meinem Sinnen aufrüttelte und mit einem eigenthümlichen Grauſen erfüllte. Ange⸗ ſtrengt lauſchte ich jetzt, ob in dem neben dem meinen gelegenen Zimmer ſich irgend ein Geräuſch hören laſſe. Ich ſollte nicht lange vergebens warten. Leiſe drehte ſich eine Thür in ihren Angeln, eben ſo leiſe öff⸗ nete ich die meinige und erblickte zu meinem größten Erſtaunen Pulchérie, welche in einen grauen Mantel gehüllt an mir vorüberſchlüpfte. Schnell entſchloſſen folgte ich ihr. Ohne ſich aufzu- halten durchſchritt ſie den Salon und ſtieg eine dunkle Schnell wie ein Gedanke ſtürzte ich mich auf die, welche man die Schweſter der Madame Lafa rge nannte, und ergriff ſie beim Arme. „Mein Herr, Sie haben eine entſetzliche Manier, die Schuldigen anzugreifen; glücklicherweiſe trifft mich der Ueberfall nicht unvorbereitet. Was thun Sie zu dieſer Stunde in der Küche?“ „Das Fragen iſt an mir, ſtrafbare Frau!“ rief ich aus,„Sie ſind eine würdige Schweſter der Marie Capelle.“ „Wollte Gott, wir hätten uns nie getrennt— ſie wäre alsdann noch das unſchuldige junge Mädchen, das ſie damals war.“ „Unſchuldig? Sie ſind ein Anwalt der Unſchuld, Sie, welche hierher ſchleicht, ihren Gatten zu vergiften?“ Zitternd erwiederte Pulchérie: „Sie wiſſen alſo?“ „Ja, ich weiß es,“ fuhr ich, mich immer mehr er⸗ regend fort,„ich weiß, daß Sie jede Nacht eins der Ge⸗ richte, welche am nächſten Tage auf die Tafel kommen ſollen, mit Arſenik beſtreuen und daß Ihr Gatte dem Tode nur dadurch entgeht, daß er nichts als Milch und Schwarzbrod genießt.“ „Es iſt wahr, äße er etwas anderes, ſo wäre er verloren.“ „Sie geſtehen es zu, mir gegenüber, der vielleicht durch Sie vergiftet iſt?“ „Mein lieber Freund,“ ſagte Pulchérie mit einem fröhlichen Lächeln,„Sie können ohne Sorgen ſein, ich ſchwöre es Ihnen.“ Der Ton der hene welchem ſie dieſe Worte ſprach, nahm eine Bergeslaſt von meiner Bruſt. Ich glaubte, daß ich durch einen glücklichen Zufall die ver⸗ giftete Schüſſel nicht berührt, oder daß ſie Pulchérie geſchickt aus meinem Bereich entfernt habe. „Ich danke Ihnen, was mich perſönlich anbetrifft, für dieſe Erklärung,“ ſagte ich nach einer Pauſe.„Kön⸗ nen Sie ſich aber von dem furchtbaren Verdachte auch in Betreff meines Freundes, Ihres Gatten, reinigen? Können Sie läugnen, daß er ſtürbe, wenn er eins der Gerichte berührte, das Ihre treuloſe Hand mit dem ver⸗ hängnißvollen weißen Pulver beſtreut hat?“ „Ich leugne es nicht, es wäre ſein Tod.“ „Himmel welche Verſtocktheit! Sie geſtehen es ein.“ „Noch mehr— nicht nur das eine, ſondern ſämmt⸗ liche Gerichte wären tödtlich für ihn.“ Bei dieſer Erklärung ſtand ich ſtarr vor Verwun⸗ derung und Schrecken. Pulchérie ergriff mich bei der Hand und ſagte: „Ich bin Ihnen die volle Wahrheit ſchuldig; Sie ſollen ſie hören— tadeln Sie mich alsdann, wenn Sie den Muth dazu haben. Kurze Zeit nach meiner Vermä⸗ lung mit Sir Anthony machten mich die Aerzte damit arn ſa vun⸗ ei der G G Engliſche Grabſchriften. 91 bekannt, daß er an einem Magenübel leide, welches den trübſten Ausgang fürchten laſſe. Bei dem ſehr reizbaren Gemüthe meines Gatten dürfe man ihn die Gefahr, in welcher er ſchwebe, nicht ahnen laſſen, da alsdann der Zuſtand ſeines Innern den nachtheiligſten Einfluß auf den Körper ausüben würde. Der einzige Weg zur Ret⸗ tung beſtehe darin, daß Sir Anthony ſechs Monate hindurch die ſtrengſte Diät beobachte, nichts als Brod und Milch genieße, ohne ſich dabei für krank zu halten.“ „Welche Schwierigkeiten!“ „Die Schweſter der Madame Lafarge hat ſie zu beſiegen gewußt. Indem ich ihm von meiner Jugend⸗ freundſchaft mit Marie Capelle erzählte, eröffnete ich ſeiner leicht erregbaren Einbildungskraft ein weites Feld. Einige Bediente, die ich in's Vertrauen gezogen, ließen warnende Winke fallen, und ſo brachte ich ihn mit Hilfe dieſes unſchuldigen weißen Pulvers, das ich jede Nacht über eines der Gerichte ſtreue, dahin, mich für eine Brinvilliers zu halten.“ „Und was bezwecken Sie damit?“ „Sie können noch fragen? Seit fünf Monaten hat mein Gatte, da ich nie von ſeiner Seite wich, nur Milch und Brod genoſſen.“ „Madame, Sie ſind ein Engel!“ rief ich aus. „Schweigen Sie! Nicht ein Wort über das, was ich Ihnen vertraut. Noch bleibt ein Monat der Diät zu beobachten— reißen Sie unſern Kranken aus ſeinem Irrthum, ſo können Sie alles verderben.“ Tief bewegt ſuchte ich mein Zimmer auf. Am näch⸗ ſten Tage von Sir Anthony befragt, antwortete ich ihm nur durch einen Seufzer. „Du ſiehſt, ich habe mich nicht getäuſcht,“ ſagte er. „Aber wie kannſt Du an der Seite einer Frau leben, welche täglich Dein Leben bedroht?“ „Es iſt eine Schwäche, von der ich mir ſelbſt keine Rechenſchaft geben kann. Ich liebe ſie, und ſie hat ſo wenig das Anſehen einer Giftmiſcherin, daß ich mir zu⸗ weilen Illuſionen mache— ach, ich bin ſehr unglücklich.“ Zwei Tage ſpäter verließ ich das Schloß. Er drückte mir beim Abſchiede die Hand und ſagte:„Bitte Gott um eine beſſere Zukunft für mich.“ „Freund,“ antwortete ich ihm,„ehe ein Jahr ver⸗ floſſen, wirſt Du glücklich und ſtolz auf Deine Frau ſein.“ Ich verließ ihn, indem ich es ihm überließ, ſi meine Worte nach ſeinem Gefallen zu deuten. Ein Jahr ſpäter ſaß ich eines Abends in einer Loge des Theaters des Variétés hinter einem Paare, das von ganzem ferze lachte. Die Freude glänzte in den Augen der Gluͤkklichen, feſt verſc=hlungen waren ihre Hände. „Madame,“ ſagte ich, mich an die Dame wen⸗ dend,„es ſcheint, die Leute, welche Sie tödten, befinden ſich ſehr wohl.“ Kaum hatte ich dieſe Worte geſprochen, ſo um⸗ armte mich der Herr mit einem Ausrufe der Freude. Es war Sir Anthonh und ſeine Gemalin. „Nun, Schlachtopfer,“ ſagte ich zum Baronet,„was ſagſt Du zu den Wirkungen des Arſeniks, deſſen Anwen⸗ dung die Schweſter der Madame Lafarge in der Penſion gelernt hat? Wie befindeſt Du Dich, Hypochonder?“ „Mein Freund,“ erwiederte Sir Anthony,„ich bin der glücklichſte Menſch von der Welt und ſehr ge⸗ neigt, ſelbſt Nadame Lafarge für unſchuldig zu halten.“ F. Engliſche Grabſchriften. elbſt an dem ernſteſten aller Orte, auf den Kirch⸗ höfen, ſchweigen die menſchlichen Sonderbarkeiten und Lächerlichkeiten nicht ganz. Es gibt ſchöne und rührende, aber auch humoriſtiſche, komiſche und einfältige Grabſchriften. Neue Beiſpiele da⸗ von bringt eine engliſche Sammlung:„Glea- nings in Graveyards“, die Horatio Edward Norfolk herausgegeben hat. Er bereiſte die Kirchhöfe der engli⸗ ſchen Grafſchaften und gibt bei jeder Grabſchrift den Ort an, wo er ſie fand. In Chigwell, das zur Grafſchaft Eſſex gehört, las er an einem Leichenſteine: Laß durch mein Schickſal belehren Dich, Zu viele Melonen tödteten mich; Darum ſei künftig auf Deiner Hut, Iß nicht zu viel und nicht zu gut! In Cheltenham richtet ſich die Moral, die eines der Gräber predigt, nicht gegen zu vieles Eſſen, ſondern gegen zu vieles Trinken— von Waſſer: Mit meinen drei Töchtern mußte ich ſterben, Cheltenham⸗Waſſer war unſer Verderben, Epſom⸗Salz wäre uns beſſer geweſen, Wir brauchten dann nicht im Grab zu verweſen. Die folgende Grabſchrift, die wir ziemlich ähnlich auch in deutſchen Epigrammen geleſen zu haben glau⸗ ben, erinnert an das bekannte Wort Dr. Johnſon's: „Es iſt niederträchtig, von Jemand hinter ſeinem Rücken Uebles zu ſprechen, aber ich glaube, der Herr, der ſoeben das Zimmer verließ, iſt ein Advokat.“ Hier liegt, glaub's, wer es glauben kann, Ein Anwalt, und doch ein rechtlicher Mann. Gott, öffne ihm weit Dein Himmelsthor, Aber die Andern laß alle davor! Rein epigrammatiſch iſt die Inſchrift auf dem Grabe eines Geizhalſes: Hier liegt der alte Vater Greif, der niemals rief jam satis(genug), Er dreht ſich um, wenn er erfährt, daß Jemand dies lieſt gratis. Unübertrefflich in ihrer Dummheit ſind die fol⸗ genden Zeilen: Hier liegt Richard Ruß, Er ſtarb an einem Schuß, Eigentlich hieß er Leim, Doch paßte das nicht in den Reim. Auch ein Beiſpiel von geſpreizter Geſchmackloſig⸗ keit kommt vor. Hier liegt die gute, die edle Marie, Im Innern ſo rein wie Schnee war ſie, 12* — Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Mißverſtändniſſe. 4 41 (Schluß.) A 5 2 9 3 Wenzel:„Frau Baronin, mein Herr überſchickt hier eine Torte.“ Baronin(lächelnd): Freund, eine Kleinigkeit.“(Gibt ihm einen Gulden.) „Ich laß mich höflichſt bedanken und dies war ja nicht nothwendig; da haben Sie, mein Wenzel:„Bitte, verzeihen Sie, gnädige Frau, das iſt zu wenig, die Torte koſtet drei Gulden C. M.“ Baronin(lachend):„Da Herrn, er ſoll nur bald herkommen, damit Sie nicht ſo viel hin⸗ Sie brach die Schale, der Seele Haus, Und brütete ſich zum Engel aus. Sich ſelbſt ausbrüten kann kein Huhn, aber frei⸗ lich Menſchen müſſen vor den Thieren etwas voraus haben. In Dundee ſtehen auf einem Leichenſtein Verſe, die wir mittheilen wollen, ohne uns über ihre tiefere ſ Zedeutung den Kopf zu zerbrechen: Hier liegt der Bürgermeiſter, Hier liegt ihm, hier liegt er. Hei dideldum, hei didelde, A, B, C, D, E, F, G. In Woolwich verordnete ein Bürger letztwillig, daß auf ſeinen Leichenſtein geſchrieben werde: Da haben Sie alſo, lieber Freund, ich ſehe ſchon, Die Witwe, die ihren Mann nicht eu ge⸗ achtet haben wird, führte ſeinen letzten W etzte aber unter ſeine Verſe: Sie denken recht gut für Ihren und herlaufen müſſen.“ O Menſch, der Du Dich ſicher meinſt, Was Du jetzt biſt, das war ich einſt, Was ich jetzt bin, das wirſt Du einſt Und mußt mir folgen, eh' Du's meinſt. in aus, Dir folgen nicht mein Wille iſt, Ich weiß ja gar nicht, wo Du biſt! dSSo Fruilletoan. Um Leder zuſammenzukleben, nehme man eine Maſſe aus 1 Theil Asphalt, 1 Theil Kolophonium, 4 Theilen Gutta⸗Percha in Schwefelkohlenſtoff gelöſt. Salz als Reinigungsmittel der Schornſteine. Das Fegen der Schornſteine kann gänzlich vermieden werden, wenn bei dem Bau derſelben der Mörtel mit Salz ver⸗ Gemeinnütziges. Die Gefahren beim Kirſchkernverſchlucken. Ein Leipz. Blatt ſchreibt: Wir leben in der Zeit der Kirſchen, manchen Eltern wird deßhalb folgende Notiz ſehr will⸗ kommen ſein. Viele Kinder haben die Gewohnheit, beim Kirſcheneſſen die Kerne mit zu verſchlucken, und die Eltern dulden es häufig, in dem Glauben, daß ein Kirſchkern nicht ſchaden könne, daß er im Gegentheil den Magen reinige. Ein einziger Kirſchkern kann indeß den Tod her⸗ beiführen, und die Kirſchenzeit faſt eines jeden Jahres fordert mehre ſolcher Opfer. Durchaus lächerlich iſt der Glaube, daß Kirſchkerne den Magen zu reinigen vermögen, ſie rufen im Gegentheil ſowohl bei Kindern wie bei Er⸗ wachſenen kolikähnliche Leibſchmerzen hervor. Dieſe brin⸗ gen indeß keine Gefahr mit ſich, und die Kirſchkerne ſind durch abführende Mittel leicht zu entfernen. In anderer Weiſe können jedoch die Kirſchkerne lebensgefährlich werden. Bei dem menſchlichen, wie thieriſchen Darmkanal ragt aus dem ſogenannten Blinddarme ein enger, cylindriſcher, blind endender Fortſatz von 2 bis 6 Zoll Länge und 2 bis 3 Linien Durchmeſſer, der Wurmfortſatz, hervor, welcher ganz dieſelben Gewebselemente, wie der Darm, beſitzt, ſeiner engen Beſchaffenheit wegen aber nicht im Stande iſt, einmal in ihn gedrungene und feſtgeklemmte Gegenſtände, wie Steinobſtkerne, wieder herauszuſchaffen. Dieſe Kerne bleiben oft längere Zeit und ohne Wirkung in ihm ſtecken, öfter aber auch und namentlich bei Kindern bewirken ſie ſchon nach einigen Tagen eine Entzündung des Wurmfortſatzes, welche auf den Darm und das be⸗ nachbarte Bauchfell übergeht. Der Kern läßt ſich nicht entfernen, die Entzündung ſteigert ſich und häufig entſteht der Brand daraus. Die Stelle, an welcher der Kern⸗ ſteckt, bricht durch, der Darm entleert ſeinen Inhalt in die freie Bauchhöhle und der Tod iſt faſt unvermeidlich. Allerdings bedingen nicht alle Durchbohrungen des Darmes den Tod, aber doch die meiſten. Jedenfalls iſt die Gefahr groß genug, um die Eltern zu veranlaſſen, ihren Kindern das Verſchlucken der Kerne auf's Strengſte zu unterſagen. Kautſchuk⸗Blumen. In Paris fertigt man jetzt künſtliche Blumen und Blätter aus Kautſchuk, welche eine ſammtartige Weiche und einen Schmelz beſitzen, der ſie viel naturgetreuer erſcheinen läßt, als die von Battiſt, Frepp oder Seide. —— miſcht wird. Da das Salz bei feuchtem Wetter zerfließt, ſo fällt der Ruß mit herab. Ein Hausbeſitzer in Sachſen, der dieſes Verfahren ſchon vor 30 Jahren anwendete, hat ſeitdem nicht nöthig gehabt, ſeine Schornſteine fegen zu laſſen. Statiſtiſches. In der k. k. öſterr. Armee befinden ſich 150.200 Deutſche, 116.000 Czechen, Mährer und Slowaken, 42.500 Polen, 54.500 Ruthenen, 20.000 Slovenen, 26.500 Kroa⸗ ten, 30.500 Serben, 70.500 Magyaren, 33.000 Jtaliener, 47.500 Romanen, 845 Armenier, 2950 Zigeuner, 9850 Iſraeliten. Nach dem Religionsbekenntniſſe gehören in der k. k. Armee 438.912 Mann dem katholiſchen, 58.695 dem griechiſch⸗katholiſchen, 324 dem armeniſch⸗katholiſchen Be kenntniſſe an, 40.670, ſind griechiſch⸗nichtunirte, 510 arme⸗ niſch⸗nichtunirte, 16.411 Evang. Augsburger, 37.359 Evang. Helvetiſcher Konfeſſion, 1667 Unitarier, 9850 Iſraeliten, 447 Lippowaner, Mennoniten ꝛc. Beim öſterreichiſchen Heere ſind jetzt zwölf prote⸗ ſtantiſche Feldgeiſtliche angeſtellt, von denen der oberſte den Rang eines Stabsofficiers, drei der zweiten Klaſſe den Hauptmannsrang und acht der dritten Klaſſe den eines Oberlieutenants einnehmen. In gleicher Weiſe ſind die katholiſchen Feldgeiſtlichen in drei Klaſſen abgeſtuft. Nach der vorjährigen Volkszählung leben in Algerien im Ganzen faſt 7500 Deutſche. Rein Deutſch ſind folgende europäiſche Anſiedelungen in der Provinz Konſtantine: Nechmaya, Gueiat⸗Ben Sla und Gned⸗ Tonta. Nachweislich wohnen in 64 algeriſchen Orten Deutſche; aber es gibt kaum einen Ort, wo nicht einzelne Deutſche zu ermitteln wären, ſogar in Biskra, am Saume der Sahara, ſind deren zu finden. In Frankreich iſt die ſchwebende Schuld durch Ausgabe don 300.000 Obligationen um die Kleinigkeit von 150 Millionen Franes vermehrt worden. 94 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Die Bevölkerung Londons beträgt der neueſten Cenſusaufnahme zufolge 2,803.034 Köpfe, was in den letzten zehn Jahren eine Zunahme um 440.798 ergibt. Die Einwohnerzahl der Hauptſtadt kommt ſomit jener von 20 der bedeutendſten Provinzſtädte gleich, deren jede nicht unter 70.000 Einwohner zählt. Bolton, Bir⸗ mingham, Bradford, Brighion, Briſtol, Hull, Leeds, Liver⸗ pool, Mancheſter, Norwich, Newcaſtle, Nottingham, Old⸗ ham, Preſton, Salford, Portsmounth, Sheffield, Stocke⸗ upon⸗Trent, Sunderland und Wolverhampton zählen nämlich zuſammengenommen 2,963.945 Einwohner. Doch wächſt in dieſen Städten die Bevölkerung raſcher als in der Hauptſtadt, da die Zunahme in dieſer blos 440.798, in jenen dagegen 591.058 beträgt, bei London blos 18, bei dieſen 25 Procent. Humoriſtiſches. König Georg der Erſte raſtete auf einer Reiſe nach Hannover in einem holländiſchen Dorfe und ver⸗ langte einige Eier, wofür er 200 Gulden bezahlen mußte. —„Wie?“ rief er aus;„die Eier müſſen ja bei Euch eine ungeheure Seltenheit ſein.“—„Die Eier nicht, aber die Könige,“ erwiederte der höfliche Wirth mit einer Verbeugung. General Shelley ritt während der Revue eines Kavallierkorps an einen Sergeanten heran und es ent⸗ ſpann ſich dabei folgender Dialog;—„Welches iſt das beſte Pferd Ihrer Schwadron?“ fragte der General.— „Das Pferd Nr. 40.“—„Welche Eigenſchaften machen es zu dem beſten?“—„Es trabt und galoppirt gut, hat keinen Fehler, iſt wohlgenährt, trägt den Kopf hoch, hat ein gutes Gemüth und iſt noch jung.“—„Und wer iſt der beſte Soldat der Schwadron”““—„Tom Jones, Herr General.“—„Warum?“—„ÄEr iſt ehrlich, dienſt⸗ willig, tapfer, nimmt Equipirung und Waffen in Acht, ſorgt gut für ſein Pferd und hält ſonſt in jedem Stücke ſtreng auf Erfüllung ſeiner Pflicht.“—„Wo iſt nun das beſte Pferd?“—„Es iſt das meine, Sir.“—„Und wer iſt der beſte Soldat?“—„Ich, zu dienen, Herr General.“— Shelley lachte laut auf und da er ſich von der Wahrheit der erhaltenen Auskunft überzeugte, gab er dem Sergeanten ein Geldgeſchenk. „Welch' Wunder! Sie ſind gerettet und hatten doch nach meiner Berechnung geſtern Abends nur noch ſechs Stunden zu leben.“—„Ja, wenn ich Ihre letzte Medicin genommen hätte!“ „Aber Eduard, was machſt Du für ein Geſicht?“ —„Liebes Kind, gegen die Süßigkeit Deines Lächelns erſcheint Alles ſauer, ſo daß ich nothwendiger Weiſe ein ſaures Geſicht haben muß.“ „Papa, wenn Du in den Krieg gehſt, nimm mich mit,“ ſagte der kleine Sohn eines Burgergardiſten.— „Ja, mein Junge, ich trage Dich auf dem Rücken.“— „Dann wird der Junge ſicher vom Feinde getroffen,“ bemerkte ein Witzbold. König Karl der Zweite von England fragte den Biſchof Stillingfleet, warum er die Predigten, welche er vor ihm halte, vorleſe.—„Weil mich,“ erwiederte der Biſchof,„die Ehrfurcht vor einem ſo großen und weiſen Fürſten verhindert, ihn anzublicken. Äber geſtatten Ew. Majeſtät mir auch eine Frage: Warum leſen Sie Ihre Reden im Parlament?“—„Ach,“ antwortete der König, nich habe das Haus der Lords und Gemeinen ſo oft um Geld gebeten, daß ich mich ſchäme, den Herren in's Ge⸗ ſicht zu ſehen.“ Ein Ehemann ſagte:„Frauen theilen unſere Sorgen, verdoppeln unſere Freude und verdreifachen unſere Ausgaben.“ In einem Theaterſtücke ſtellten zwei Haufen Statiſten griechiſche und trojaniſche Krieger vor.—„Auf die Bühne, Griechen!“ flüſterte der Regiſſeur an der betreffenden Stelle dem einen Haufen hinter den Couliſſen zu. Die dummen Statiſten verſtanden:„Auf die Bühne kriechen!“ und krochen, einer nach dem andern, mit Helm und Schild zum Gelächter des Publikums hinter der Pappwand hervor. Vermiſchtes. In dem Territorium Arizone(Amerika) iſt eine Niederlaſſung von Indianern überfallen worden. In der Nähe der ausgeraubten Station fand man die Leichen zweier Weißen, mit den Füßen an Bäume, mit den Armen an Pfähle gebunden, und den Spuren eines lang⸗ ſamen Feuers unter den Köpfen. Die Leiber waren von Pfeilen und Lanzen durchbohrt. In Wien lebt eine Dame, Amerikanerin, welche Mutter von 24 Kindern und Großmutter von 50 Enkeln iſt, die ſich ſämmtlich noch am Leben befinden. Vor Kur⸗ zem war der 80. Geburtstag dieſer würdigen Matrone, und eines ihrer Kinder hatte ihr die Ueberraſchung be⸗ reitet, aus nah und fern, ſelbſt vom Ohio her, ſämmtliche Familienmitglieder zum Beſuche nach Wien zu laden. An dieſem Tage fanden ſich auch alle in der Sommervilla der Ahnfrau ein und es war ein impoſanter Anblick an der Tafel von 100 Gedecken unter dem Vorſitze der rüſti⸗ gen Greiſin vielleicht die zahlreichſte Familie der Welt beiſammen zu erblicken. In den vornehmen Kreiſen Berlins wird das Verſchwinden eines Kammerherrn einer königlichen Hoheit beſprochen. Er hinterläßt circa 40.000 Thaler Schulden und war gezwungen, ſich ſeinen Gläubigern zu entziehen. Einer derſelben, ein berüchtigter Wucherer in Potsdam, hatte auf dieſes Verſchwinden gerechnet und einen Wechſel über 1000 Thlr. auf 11.000 gefälſcht. Der Flüchtige wies aber von der Schweiz aus dieſe Fälſchung nach, und der Wucherer erhängte ſich, um der Kriminalunterſuchung zu entgehen, im Wildpark. Der Strohhalm als Blitzableiter. Die in dieſem Jahre ſo häufigen elektriſchen Wettererſcheinungen ver⸗ anlaſſen den Einſender, ein einfaches Mittel bekannt zu machen, das wegen ſeiner leichten Anwendungsweiſe gewiß vielſeitige Beachtung verdient. Die Eigenſchaft des Strohes, elektriſche Körper zu entladen, iſt bereits wiſſen⸗ ſchaftlich feſtgeſtellt. Verſuche haben dargethan, daß die Spitze eines Strohhalms, wenn letzterer auch nur einen Zoll lang, befähigt iſt, eine elektriſche Batterie, die mit hinreichender Elektricität, um einen Ochſen mit einem Schlage zu tödten, beladen iſt, augenblicklich ohne Funken und ohne Exploſion zu entladen. Auf Grund dieſer Feſt⸗ ſtellung hat man in Frankreich folgendermaßen einen Blitzableiter konſtruirt, der daſelbſt vielfach Anwendung gefunden hat. An einen Stab von weichem Holze wird ein Strohhalm der Länge nach mit Meſſingdraht befeſtigt und an das Ende desſelben eine Kupferſpitze angebracht. Dieſe einfache Konſtruktion ſoll hinreichenden Schutz gegen den Blitzſtrahl gewähren. In der Umgegend von Tarbes in Frankreich ſind auf je 20 Hektaren(1 Hektare= 31 ½, preuß. Morgen) ein derartiger Blitzableiter angebracht, wodurch die Gemeinden vollkommen gegen elektriſche Witterungseinwirkungen geſichert ſein ſollen. Die früher in Deutſchland hier und dort eingeführten, als, unwirkſam jedoch wieder aufgegebenen Lapoſtolle'ſchen Hagelableiter“ waren weſentlich anders, als nach obiger Beſchreibung eingerichtet. Blutdurſt eines Soldaten. Die Kreutzberg'ſche Menagerie hat am 16. Juni in Bromberg einen nicht ganz unerheblichen Verluſt erlitten. Wärter des Morgens ein niedlicher Papagei im Werth von ca. 35— 40 Thlr. fortgeflogen, wurde Nachmittag s von einem Soldaten ein Adler erſchlagen. Dieſer Soldat beſuchte die Menagerie und drängte ſich unbemerkt in den Raum, in welchem ein Kameel und ein ganz zahmer Nachdem dem ein zu Aoler aͤlclſ Kome er ſic den Entre gieh des um los b ube zau M welche Fnka Enkeln Adler frei umhergingen. Der Soldat zog ohne alle Ver⸗ anlaſſung ſeinen Säbel und ging damit zuerſt auf das Kameel los; da dies aber entſetzlich brüllte, ſo wandte er ſich von demſelben ab und ging zum Adler, dem er den Hals durchſchlug. Dieſe Brutalität hat allgemeine Entrüſtung erregt. An den 20.000 Gulden⸗Treffer der Creditloſe⸗ Ziehung knüpft ſich eine intereſſante Epiſode. Der Beſitzer des Loſes, ein junger Mann, hatte ſich bei der Südbahn um eine Anſtellung beworben und dem Geſuche ein Credit⸗ los als Geſchenk für den Bureauchef beigelegt. Der letztere übergab das Los der Direktion und dieſe konfiscirte es zu Gunſten des Armenfondes. Dagegen erhob der junge Mann Rekurs und der Beſcheid erfolgte dahin, daß ihm das Los zurückzugeben ſei, weil hier keine Beſtechung eines Staatsbeamten vorliege. Und dieſes ſelbe Los hat nun den Treffer mit 20.000 fl. gemacht. Dampfmaſchinen in England. Einer der bedeu⸗ tendſten engliſchen Ingenieurs, Fairbairn, veröffentlichte vor Kurzem ein Werk über die in England im Gange befindlichen Dampfmaſchinen, welches höchſt intereſſante Angaben über die von dieſen Maſchinen repräſentirten mechaniſchen Kräfte enthält. Nach Fairbairn beſchäftigen die Metallbergwerke und Schmelzöfen Englands eine Geſammtheit von Dampfmaſchinen, welche 450.000 Pferde⸗ kräfte repräſentirt. Die Dampfmaſchinen der Manufakturen arbeiten mit zuſammen 1,350.000 Pferdekräften, die Schiff⸗ fahrt mit 850,000, die Lokomotion mit 1 Million. Alſo im Ganzen 3,630.000 Pferdekräfte. Da aber dieſe Ma⸗ ſchinen durchſchnittlich mit dem Dreifachen ihrer nomi⸗ nellen Kraft arbeiten, ſo ſteigt nach Fairbairn in Wahr⸗ heit die Ziffer auf 11 Millionen. Dieſe 11 Millionen Pferdekräfte, deren jede der Kraft von etwa 7 ſtarken Männern gleichkommt, würden ohne die Erfindung Watt's und Arkwright's die Kräfte von 77 Millionen Menſchen erfordern, ſonach dem mannskräftigen Theile einer Be⸗ völkerung von 250 Millionen entſprechen. Eine ſo große Bevölkerung beſitzt aber Indien nicht, kaum China, und die Sklaven Südamerika's betragen höchſtens ein Fünf⸗ zigſtel der genannten Menge. Das heißt Gutsbeſitz. Aus Peſt wird geſchrieben, daß Fürſt Paul Eſterhazy mit einer belgiſchen Geſellſchaft wegen Abtretung ſeiner Güter in Ungarn auf 40 Jahre in Verhandlung getreten ſei. Dieſe Geſellſchaft ſoll ſich verpflichten, dem Fürſten 24 Millionen Kapital, außerdem aber 400.000 fl. jährliche Renten zu zahlen. Die Geſell⸗ ſchaft will die Güter ſelbſt verwalten, und daran wird ſie gut thun, ſonſt geht ihr die Rechnung nicht zuſammen. Der franzöſiſche General Forey, der kürzlich aus Lombardo⸗Venetien nach Paris zurückgekehrt iſt, ſoll— wie der„Donauztg.“ geſchrieben wird— von dem guten Geiſt der öſterr. Armee und von ſeinen Geſprächen mit Benedek ganz entzückt ſein. Benedek ſoll zu ihm geſagt haben:„Wir werden nicht angreifen; wenn aber die Piemonteſen Miene machen, auch nur einen einzigen Musketenſchuß gegen uns abzufeuern, ſo werden wir dieſesmal gerade nach Turin marſchiren.“ Dagegen ſoll Lamarmora zu Forey geſagt haben:„Sie kommen aus Verona, Sie werden dort eine ſchöne Armee geſehen haben; ich kanm Ihnen nichts dergleichen zeigen und würde ſehr verlegen ſein, wenn ich morgen in's Feld rücken ſollte.“ Der engliſche Oberrichter Graham war der höf⸗ llichſte Juriſt auf Gottes Erdboden und ſprach die vor ihn geführten Verbrecher ſtets auf die leutſeligſte Weiſe an.—„Mein guter Freund,“ pflegte er zu ſagen,„Ihr ſeid leider überführt worden, das Verbrechen des Mordes begangen zu haben, und es iſt alſo meine peinliche Pflicht, Euch das Leben abzuſprechen.“— Eines Tages verurtheilte er einen Räuber zur Transportation, während der Gerichtsſchreiber ihn leiſe darauf aufmerkſam machte, daß dem Geſetze nicht genügt ſcheine.—„O mein lieber Freund, kommt ein Mal zurück,“ rief Graham dem Ver⸗ urtheilten zu;„ich bitte Euch wegen eines begangenen —— Feuilleton. 95⁵ Irrthums um Verzeihung(er zog ſein ſchwarzes Kapp⸗ chen); ich ſprach Euch Transportation zu, finde aber jetzt, daß Eure That mindeſtens den Galgen werth iſt.“ Der Preis für zwei Haarlocken eines Mädchens. In Hamburg ſchwebt ein höchſt amüſanter Proceß wegen Entſchädigung für zwei abgeſchnittene Haarlocken. Die näheren Umſtände ſind folgende: Die Tochter eines dor⸗ tigen Kaufmanns, der in ziemlich gedrückten Verhältniſſen lebt, ſuchte als Schneiderin ihrer Familie einen Neben⸗ erwerb zu verſchaffen und machte häufig Einkäufe in einem Modewaareugeſchäft der Altſtadt. Ein dort ange⸗ ſtellter Kommis, der Sohn reicher Eltern, bat das junge Mädchen mehrmals im Scherz, ihm eine ihrer ſchönen Haarlocken zu ſchenken. Als ſie neulich wieder in den Laden trat, machte er ſich den Spaß, ihr mit der Schere zu drohen und nach ihrem Haare zu ſchneiden. Unglück⸗ licherweiſe— mindeſtens ſtellt der junge Mann die Sache ſo harmlos dar— gerieth die Schere bei dieſem Spiel wirklich dem Mädchen in's Haar und zwei große Locken fielen zur Erde. Der erzürnte Vater verlangt einen Scha⸗ denerſatz von 1500 Mark. Um die Sache womöglich in Güte beizulegen, erbot ſich der Kommis, welcher ſeinen Muthwillen ernſtlich bereut, 400 Mark Banko zu zahlen — aber vergebens, der Kaufmann beſtand auf ſeiner Forderung, und ſo werden nun die Gerichte den Werth der Locken abzuſchätzen haben. Am Ende heiratet der Kommis das Mädchen und das Luſtſpiel iſt fertig. Man hat heuer in Südrußland, wo die Heu⸗ ſchreckenplage wieder groß iſt, die Bemerkung gemacht, daß die Heuſchrecken die Runkelrüben verſchonen. So groß übrigens auch der Schade iſt, den ſie anrichten, ſo ſteht heuer in der Ukraine, Podolien und Volhynien doch eine ſehr reiche Ernte in Ausſicht. Der Londoner Thierſchutzverein hat ein„Aſyl“ (home, wörtlich Heimat) für verlorene und hungernde Hunde errichtet; es liegt in Holloway. Ein enthuſiaſtiſcher Hundefreund, William Kidd, hielt am 5. März zum Beſten dieſer Anſtalt eine zwei Stunden lange Vorleſung über die trefflichen Eigenſchaften der Hunde, welcher eine faſhionable Verſammlung mit Andacht zuhörte. Die Entſtehung der ſo berühmt gewordenen alten franzöſiſchen Kaiſergarde, welche in die Zeit des Feldzuges in Italien 1796 fällt, iſt ſo intereſſant, daß wir ſie hier mittheilen. Als nämlich bei dem Gefechte von Borghetto am 30. Mai Buonaparte bemerkte, daß die Oeſterreicher nirgend mehr Stand hielten, ritt er nach St. Giorgio, weil ihn heftige Kopfſchmerzen peinigten, die er durch ein Fußbad vertreiben wollte. Er ſaß in demſelben, als plötzlich Kleingewehrfeuer erſcholl und Huſaren von der Abtheilung des Generals Sebottendorf ſo raſch daher kamen, daß die Wache kaum noch Zeit hatte, das Thor des Hauſes, in welchem der franzöſiſche Feldherr ſich befand, zu ſchließen. Buonaparte entkam durch eine Hinter⸗ thür, an einem Fuß den Stiefel, den andern nackt. Se⸗ bottendorfs Huſaren wurden durch die Truppen der Diviſion Maſſena ſchnell verjagt und Buonaparte konnte zurückkehren. Die Gefahr aber, in der er geſchwebt, gab ihm den Gedanken ein, ſich eine Leibwache zu errichten. Die tapferſten und gewandteſten berittenen Jäger, welche eine mehrjährige tadelfreie Dienſtzeit nachweiſen konnten, wurden dazu gewählt und ihre Anführung dem Eska dronschef Beſſieres, nachmaligem Herzog von Iſtrien, anvertraut. Aus Rückſicht auf das Direktorium gab man dieſer erleſenden Reiterſchar den Namen Compagnie des Guides. Sie verſah den Dienſt in Buonapartes Haupt⸗ quartier, begleitete ihn auf Rekognoſcirungen, bildete überhaupt ſeine Bedeckung und war der Stamm der nachmaligen Kaiſergarde.. Der Beſitzer des ehemaligen Pack'ſchen Fabrik⸗ etabliſſements in Karolinenthal bei Prag, Ernſt Edler. v. Lindenheim, wird dort eine große Arbeiterkolonie ein⸗ richten. Dieſelbe ſoll aus 16 Häuſern mit drei Stockwerken beſtehen, welche zuſammen 520 größere und kleinere Wohnungen enthalten werden. Jede Wohnung wird mit — — 96 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. einem beſondern Eingange verſehen ſein, ihre eigene Beleuchtung und ihren eigenen Waſſerzufluß haben. Je zwei Wohnungen zuſammen bekommen einen kleinen Garten. 4 Konkordat vor Gericht. Das Organ der katholiſchen Geiſtlichkeit in Böhmen, der„Blahoveſt“, theilt nach ſtehende Thatſache mit: In jüngſter Zeit wurde in N. bei dem Strafgericht eine Klage auf Ehrenbeleidigung eingebracht. Bei ſeinem erſten Verhör ſagte der Kläger zu dem Unterſuchungsrichter:„Hier dieſer Menſch hieß mich einen Lumpen, Taugenichts ꝛc. Dies Alles hätte ich ihm verziehen; daß er aber ſagte, daß ich„Konkordat“ bin, das verzeih' ich ihm bis zum letzten Augenblicke meines Lebens nicht und verlange, daß er dafür nach Recht und Geſetz beſtraft werde!“ Bei dem kürzlich in Krems abgehaltenen Geſangs⸗ feſt waren Begrüßungs⸗Karten ausgetheilt worden, welche in der Form den Hundertgulden⸗Banknoten ähnlich waren. Aus Anlaß deſſen wurden ſie von der Sicherheitsbehörde konfiscirt. Nichtsdeſtoweniger blieben einige in den Händen des Publikums, und dieſer Tage iſt in Wien ein Bauern⸗ mädchen von einem Gauner durch ſolch eine Kremſer Feſtkarte getäuſcht worden. Der Gauner entlockte nämlich dem Mädchen 7 fl. unter dem Vorwande, daß man ihm die Hundertgulden⸗Note nicht wechſeln könne und er kleines Geld brauche. Das Mädchen gab ihm ihre ganze Baarſchaft von 7 fl. und wartete längere Zeit mit dem Kremſer Hunderter in der Hand auf Men Begleiter, der aber nicht wiederkam. in ihrer Färbung an dergleichen amerikaniſche Vofälle erinnert. Ein Armee⸗Agent Mr. Roberts feuerte auf einen Major, Mr. Murray, der ſein Bureau in Geldangelegen⸗ heiten beſuchte, zwei Piſtolen ab. Der Major ſank, am Halſe verwundet, zu Boden und ſtellte ſich todt in der Ueberzeugung, daß, wenn er noch ein Lebenszeichen von. †. ſich gäbe, Roberts noch einen dritten Schuß nach ihm abfeuern würde. Als Roberts näher trat und ſich über den am Boden liegenden Major niederbeugte, um zu ſehen, ob derſelbe vollends todt ſei, packte der Verwundete raſch einen Poker(Feuerſchürer) und richtete damit nun ſeinerſeits den Agenten in einer Weiſe zu, daß derſelbe halb todt liegen blieb. Beide befinden ſich nun im Spital und zwar iſt Roberts lebensgefährlicher verwundet als der Major. Die„Oeſt.⸗Ztg.“ meldet, daß in Folge überaus günſtiger Reſultate und dadurch erlangten vortheilhaften Rufes des Hoff'ſchen„Malzextraktes“ dem Beſitzer dieſes Geheimmittels, Herrn Hoff aus Berlin, die beſondere Ehre zu Theil wurde, in einer Audienz von Sr. Maj. dem Kajſer die Zuſicherung zu erhalten, daß dieſes Mittel eheſtens bei hrer Majeſtät der Kaiſerin in Anwendung gebracht werden ſoll. Patzkeis falſcher Name im Auslande war bekanntlich Leberſtrom. Dieſer Name iſt jetzt in Berlin ein Schimpf⸗ wort geworden; denn ein Bummler, der einen Nacht⸗ wächter„Leberſtröm“ genannt hatte, wurde wegen Amts beleidigung zu ſieben Tagen Gefängniß verurtheilt. Ein in Ungarn disponibel gewordener Beamter, welcher nach Iglau überſiedelte, ſandte ſeine Familie vor⸗ aus, er ſelbſt ging aus Erſparungsrückſichten zu Fuß. In dem Biteſcher Walde wurde derſelbe von zwei Männern überfallen, die ihm ſein Geld abforderten. Er gab ſeine Baarſchaft gutwillig her. Die beiden Räuber fielen aber neuerdings über ihn her und ſchlugen ihn mit ihren Stöcken derart, daß er niederſtürzte und liegen blieb. Dann unterſuchten ſie ſeine Taſchen, zerſchnitten ihm mit einem bei ihm vorgefundenen Federmeſſer das Geſicht und die Ohren und entfernten ſich endlich. In dieſem traurigen Zuſtande fand ihn ein Vorüberfahrender, der In London kam unlängſt eine Mordſcene vox, die ihn, da er noch Lebenszeichen an ihm bemerkte, in ſeinen Wagen nahm und nach Möglichkeit pflegte. Am 17. Juli wurde der Kranke in das allgemeine Krankenhaus nach Brünn„gebracht. Am 29. Juni, als dem Geburtstage Joſef Reſſel's, des Erfinders des Schraubendampfers, fand in deſſen Vaterſtadt Chrudim die feierliche Enthüllung einer mar⸗ mornen Gedenktafel an dem Geburtshauſe Reſſel's ſtatt. Dieſer Feſtlichkeit wohnten alle dortigen Civil⸗ und Mi⸗ litärbehörden, ſowie eine Deputation des Trieſter Komité für das Reſſel⸗Monument und der Civilingenieur Heinrich Reſſel, Sohn des Gefeierten, bei, welcher als. Vertreter der Familie Reſſel von dem Stadtrathe Chrudims eine beſondere Einladung erhalten hatte. Der Stadtrath von Chrudim hat denſelben, um bei dieſer Gelegenheit das Andenken des Gefeierten noch höher zu ehren, zum Ehren⸗ bürger von Chrudim ernannt.(Wir berichten bei dieſer Gelegenheit, daß das Bedenken, welches wir neulich gegen die italieniſche Inſchrift am Denkmal eines deutſchen Erfinders in einer deutſchen Stadt ausſprachen, wenigſtens den Erfolg gehabt hat, daß das Komité in Trieſt, um keine Nationalität zu verletzen, einſtimmig beſchloſſen hat, die betreffende Inſchrift in lateiniſcher Sprache, als Uni⸗ verſalſprache, abzufaſſen.) Welch' geſcheite Thiere in Schottland die Hoch⸗ landsſchafe ſind, davon folgendes Beiſpiel: Im Garten einer ſchottiſchen Beſitzung befanden ſich einige Beete mit frühzeitigen Gemüſepflanzen, welche eines Taes dergeſtalt verwüſtet waren, daß man ſich genöthigt ſah, ſie mit asfenſtern zu bedecken. Am andern Tage waren die iben zerbrochen und die Pflanzen abermals beſchä⸗ Man nahm jetzt ſehr ſtarkes Glas, welches nur mit rengung hätte zerbrochen werden können und ſtellte als man auch diesmal eine Scheibe zerbrochen fand, eiten Wächter aus. Und ſiehe da, in der Abend⸗ dämmerung kam ein Hochlandsſchaf durch eine Lücke des Gartenzaunes, trug einen ziemlich ſchweren Stein in der Schnauze, ging au's Gemüſebeet und ſchleuderte den Stein mit ſolcher Kraft in eine Scheibe, daß ſie in Stücken ging. Dann ſteckte es den Kopf durch die Scheibe und fing ge⸗ müthlich an zu freſſen. Der Schütze Dorner aus Nürnberg führte bei dem Gothaer Schützenfeſt folgendes Kunſtſtück aus: Er legte die Büchſe an, zielte, nahm dann mit der linken Hand den Hut vom Kopfe und legte ihn auf das Viſir oder den Diopter, während die Rechte unbeweglich und ohne das Zucken eines Pulsſchlages in der Richtung blieb. Nun drückte er ab und die Kugel traf das Centrum. Auf Erſuchen wiederholte er einigemale dies Kunſtſtück mit großer Ruhe und ſicherer Hand und ſtets mit gleichem Erfolge.. In Brünn verurſacht der Selbſtmord eines jungen Mannes viel Aufſehen. Derſelbe hatte ein nicht unbedeu⸗ tendes väterliches Erbe durchgebracht, war jedoch wieder zu einem ordentlichen Lebenswandel zurückgekehrt, wozu eine heftige Neigung, die er zu einem jungen Mädchen faßte, viel beitragen mochte. Da erkannte er, daß er hoff⸗ nungslos liebe und verſank wieder in ſein unordentliches Treiben. Dieſer Tage kömmt er in ein Gaſthaus, das er ſeiner Neigung wegen zu beſuchen pflegte, läßt ſich ein Glas Wein einſchänken und ſchüttet unter dem Vorgeben, er müſſe ein Brauſepulver nehmen, ein weißliches Pulver in das Getränk, das er in einem Zuge zu ſich nimmt. Hierauf empfahl er ſich mit der Bemerkung, man werde ihn nicht mehr ſehen. Auf die Frage, wohin er denn zu reiſen gedenke, entgegnete er:„In's Jenſeits, denn ich habe Arſenik in den Wein gethan.“ Alles lachte über den vermeintlichen Spaß, aber man ſollte ſich bald von der Wahrheit überzeugen. Der Unglückliche iſt ſeinen Leiden bereits erlegen. Redigirt unter Verantwortlichkeit des Verlegers.— Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag.