Erinnerungen. MMlustrirte Bläffer kür Bensk und Bumon. 82. Band.(Ein und vierzigſter Jahrgang.) Heft II. 3 der Fra Der Jakobiner. Erzählung von Alfred Aſſolant. (Schluß.) WD ₰..75... [. i, ſo biſt Du ein wirklicher Marquis?“ entgeg⸗ lynete die Zigeunerin.„Nun ja, ich dachte mir S es gleich. Gib mir die Hand, ich will Dir ſagen, was Du biſt, was Du warſt und was Du ſein wirſt.“ „Ei, das iſt nicht ſchwer zu errathen. Ich Marquis und Trainſoldat, ich bin in Dich verliebt werde es ewig ſein. Das iſt meine Vergangenheit, innerungen. LXXXII. 1861. meine Gegenwart und Zukunft. Jetzt aber, meine holde Taube, da Du meinen Stand und meine Liebe kennſt, hoffe ich, daß Du nicht länger die Spröde ſpielen wirſt.“ Da er bei dieſen Worten ſie von Neuem umfing, wand ſie ſich wieder aus ſeiner Umarmung los und fragte raſch:„Lieben Sie mich?“ „Und wie ich Dich liebe! Schon ſeit einer Viertel⸗ ſtunde biſt Du mein einziger Gedanke. Verlaß Deinen Begleiter, den Säbelfreſſer, und folge mir.“ „Wozu doch? Wenn Sie Marquis ſind, werden Sie meiner bald müde ſein; ſind Sie Trainſoldat, dann falle ich Ihnen nur zur Laſt; und ſind Sie gar proſkri⸗ birt, denn Sie ſehen mir ganz darnach aus, als wollten Sie nicht erkannt werden, dann würde ich am Ende auch 0 8 34, 3— Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. gegen meinen Willen nur zu Ihrer Entdeckung bei⸗ tragen.“ „Du ſprichſt ſo weiſe, wie die Königin von Saba. Liebe mich wenigſtens ſo lange wir hier beiſammen ſind. Auch ich trage Bedenken, Dich in mein Mißgeſchick zu verflechten.“ „Was,“ ſagte ſie lebhaft,„Sie ſind auch ſo arm wie ich?“. „Ich bin noch tauſendmal ärmer als Du, denn ich habe rein nichts, aber tauſend Bedürfniſſe, die Du nie kennen lernen wirſt. Einſt war ich reich, jetzt ſind meine Güter eingezogen, und ich ſelbſt treibe mich wie ein verfolgtes Wild im Lande herum.“ Sie erhob ſich mit dem lauteſten Freudenausbruche. Sie klatſchte in die Hände und tanzte mit ſeltſamen Sprüngen um den Tiſch. Roland ſah ſie mit ſonder⸗ barer Ueberraſchung an. „Mein lieber Marquis,“ ſagte ſie endlich, indem ſie ihm um den Hals fiel,„Du gefällſt mir und ich liebe Dich, Du haſt nichts, komm mit uns und ſei frei. Freiheit wiegt alles Geld auf. Kannſt Du Guitarre ſpielen?“ „Ein wenig.“ „Gut, das trifft ſich vortrefflich. Wir ſuchen grade einen Spielmann, der mich begleitet, denn Rudolf iſt ein Tölpel, der nur Centnergewichte mit den Zähnen aufheben, flammendes Werg eſſen und Hühnchen mit ſammt den Federn verſchlingen kann. Er beſitzt keine Eleganz und feine Lebensart.“ „Wer iſt dieſer Rudolf?“ „Nun, der Säbelfreſſer, der mich in ſeinen Schutz genommen hat.“ „Du liebſt ihn?“ „Ich gebe mir Mühe, ihn zu ertragen.“ „Iſt er eiferſüchtig?“ „Selten; aber wenn er es iſt, greift er gleich zum Meſſer.“ „Und da ſoll ich bei der Geſellſchaft ſein?“ „Wir ſtecken Sie in eine Perücke und in einen bunten Rock; da wird Sie niemand erkennen.“ Roland ſchüttelte bei dieſen Worten der Zigeu⸗ nerin den Kopf. Er ſah ſich ſchon als poſſenreißenden Bajazzo der Geſellſchaft und dieſe Vorſtellung erkältete die neu auftauchende Liebe ſeines Herzens. „Werden Sie mich ohne Andenken an dieſe Stunde laſſen?“ fragte die Zigeunerin. Roland griff traurig in die Taſchen. Glücklicher⸗ weiſe hatte er noch eine Uhr von großem Werthe. „Dieſe Uhr würde Sie nur verrathen,“ ſagte ſie, und mit einer ſchnellen Bewegung entwandte ſie ihm den koſtbaren Gegenſtand. Der Marquis bat ſie dafür um ihre Guitarre. Die Zigeunerin bot ſie ihm mit vieler Anmuth dar umarmte ihn haſtig und war im Augenblicke darauf durch die Thür verſchwunden. Roland ſah ſie nach Moulin zu mit der Schnelligkeit eines Rehes laufen, dem die Jäger nachſetzen. Seufzend machte er ſich ſelbſt wieder auf den Weg nach dem Schloſſe von Dives. „Wie ſchade,“ ſagte er ſich,„daß eine ſo vollendete Schönheit auf den Märkten herumzieht. Die arme Sara, die in Mainz die Bewunderung aller ſauerkrauteſſenden Deutſchen war, iſt nicht würdig, ihr die Schuhriemen aufzulöſen. Und erſt Louiſel Welche traurige Figur muß ſie in dieſem düſtern Schloſſe ſpielen, wo der lang⸗ weilige Onkel nichts anderes zu reden weiß, als von ſeinem Zipperlein und von den Tagen der Vorzeit. Ich werde ihr hoffentlich Unterhaltung bringen, und ſie wird mir es nur Dank wiſſen, daß ich viel gelebt habe.“ Dieſer Gedanke machte ihn lächeln. Ohne Hinderniſſe ſetzte er ſeine Reiſe fort. Ueberall traf er bei den fröhlichen Weiſen, die er auf der Guitarre ſpielte, und bei ſeinen Schlachtberichten, die er hübſch auszuſchmücken verſtand, herzliche Aufnahme. Das No⸗ madenleben fing an, ihm zu gefallen und er vergaß nach und nach ſeine konfiscirten Güter, die eigene Lebensge⸗ fahr und faſt ſelbſt das Ziel ſeiner Reiſe. Da er die Gegend um Dives ſehr gut kannte, wich er der Stadt aus und gelangte auf einem wenig betre⸗ tenen Fußſteige in die große Allee, die zum Schloſſe führte. Die Sonne war ſchon untergegangen, als er unter den Fenſtern des alten Ademar ankam. Um nicht von den Dienern erkannt zu werden, drückte er den Hut tief in die Augen und öffnete mit demüthigem Weſen die Schloßthüre. „Was wollen Sie?“ fragte ihn barſch ein Diener. „Ich bin ein armer Spielmann,“ ſagte Roland, „und bitte um Herberge für dieſe Nacht, deann ich habe mich in dem Gebirge verirrt.“ Man ließ ihn eintreten und führte ihn in die Küche, wo er ſich, mit dem Rücken gegen die Flamme des Ke mins gewendet, niederließ. Eine rauchige Lampe ver⸗ breitete ein nur ſchwaches Licht in dem düſtern Raume, daß man ihn nur mit Mühe zu erkennen vermocht hätte. „Wollen Sie einen Teller Suppe mit uns eſſen?“ fragte ihn der Bediente, der ihn hereingeführt hatte. Roland ſchüttelte den Kopf und ſagte mit möglichſt verſtellter Stimme:„Ich habe ſchon zu Nacht gegeſſen, aber ich will Euch etwas aufſpielen, daß Ihr tanzen könnt.“ Zugleich nahm er ſeine Guitarre zur Hand und griff einige Accorde. „Woher kommen Sie denn?“ fragte eine neugie⸗ rige Magd. „Von der deutſchen Grenze, wo man ſich ſchlägt.“ „Sie waren bei den Schlachten zugegen?“ „Ich bin Soldat und bin im Felde verwundet worden. Man hat mir den Abſchied gegeben und jetzt lebe ich vom Guitarreſpiel. Bei den Worten„Schlacht und deutſche Grenze“ ſpitzte Alles die Ohren und bildete neugierig einen Kreis um den Fremden. Auf einmal aber öffnete ſich der Kreis, um dem Fräulein von Dives Platz zu machen. Ro⸗ land verneigte ſich ehrfurchtsvoll. „Da iſt ein Soldat, welcher aus dem Kriege zurück⸗ kehrt,“ ſagte die Magd, die ſchon geſprochen hatte. Louiſe betrachtete den Marquis, ohne ihn jedog bei der herrſchenden Dunkelheit zu erkennen, und ſag ihm mit freundlicher Stimme:„Wollen Sie zu uns den Salon kommen? Mein Vater wird ſich freuen, zu ſehen und mit Ihnen zu ſpeiſen.“ — eſſenden Nriemen Flgur tlang 8 von it. Ich 8 Küch des K ipe ber⸗ Raume, t hätte. eſſen? 2— Alfred Aſſolant: Der Jakobiner. 35 Roland folgte ihr ohne ein Wort zu ſagen, trat in den Salon und ſchloß ſorgfältig die Thür. Plötzlich warf er den Mantel ab und rief:„Mein lieber Onkel, meine ſchöne Couſine, erkennt Ihr mich nicht?“ Bei dieſen Worten ſtürzten Beide auf ihn zu und bewillkommten ihn auf das Herzlichſte. „Wo in aller Welt kommſt Du in dieſem Aufzuge her?“ fragte ihn der Graf. „Vor allem, lieber Onkel, laßt mir zu trinken ge⸗ ben, denn mein Bericht wird lang ſein.“ Die Erzählung der überſtandenen Abenteuer war in der That nicht kurz. Als ſie beendet war rief Ademar aus:„Der Himmel führt Dich wieder zurück, aber das Land iſt noch nicht ſicher. Man könnte Dich denunciren. Du mußt dieſe Nacht in der Scheune ſchlafen. Du wirſt ja an ſolche Lagerſtätten in der letzten Zeit Dich gewöhnt haben. Morgen früh nimmſt Du offen Abſchied und Abends kehrſt Du durch eine heimliche Thür wieder zurück. Hier kannſt Du dann in der Verborgenheit beſſere Zeiten erwarten. Die Republik wird nicht ewig dauern.“ Unter lebhaftem Geſpräch verſtrich der Abend. Roland konnte ſich an ſeiner Couſine nicht ſatt ſehen, welche, man muß es geſtehen, eine der ſchönſten Republikanerinnen war, die man ſich vorſtellen kann. Schon nach der erſten halben Stunde liebte er ſie leiden⸗ ſchaftlich. Gegen Mitternacht ſchlief Ademar in ſeinem Lehnſtuhle ein. Roland neigte ſich gegen ſeine Couſine und ſagte ihr halblaut:„O, wie ſchön ſind Sie doch!“ „Mein lieber Couſin,“ erwiederte ſie lachend,„das bemerken Sie etwas ſpät. Gehen Sie ſchlafen.“ Zugleich erhob ſie ſich, weckte den Vater und zog ſich in ihre Kammer zurück. Roland wurde in die Scheune geführt. Tags darauf ſtellte ſich Roland, als ginge er nach Dives, ſtrich aber die ganze Zeit in der Nähe des Schloſſes herum und kehrte Abends durch eine geheime Thür, die er kannte, dahin zurück. Die Thür ging in ein Gewölbe eines unbewohnten Eckthurmes. Zwei Stühle, ein Tiſch und ein Bett bildeten die ganze Ausſtattung des Raumes, welcher als proviſoriſche Wohnung Ro⸗ lands beſtimmt war. „Hier,“ ſagte der Geaf, der ihn daſelbſt erwartete, „haſt Du nichts zu fürchten, ſo lange nicht etwa unſer gute Freund Barré eine ſtrenge Hausunterſuchung anordnet.“ „Wer iſt dieſer Barré?“ „Haſt Du den frechen Jakobiner vergeſſen, der mein Schwiegerſohn werden wollte? Er kann die Ab⸗ weiſung noch immer nicht vergeſſen, und er ſinnt noch fort und fort auf Rache.“ „Laß ihn nur kommen; ich will dem Sansku⸗ lotten zeigen, daß ſeine Ohren nicht feſt am Kopfe ſtehen.“ „Gib Acht, daß er Dir nicht zeigt, wie wenig feſt Dir der Kopf auf den Schultern ſteht. Dieſer Teufel von einem Menſchen hat überall ſeine Spione und herrſcht in Dives wie der Großtürke in Konſtantinopel. Ich bin nicht mehr Herr im eigenen Hauſe. Meine Freunde verlaſſen mich, meine Diener gehen in den Klubb und berichten dem Barré jedes Wort, das ich ſpreche. Ich hatte treffliche Pferde, man hat ſie für die Kavallerie der Republik genommen; meine Ochſen zie⸗ hen die Bagage der Republik, mein Geld kleidet und verproviantirt die Soldaten der Republik, zu allen Re⸗ quiſitionen muß ich beiſteuern. Mein Getreide iſt um den Preis des Maximum verkauft und in Aſſignaten bezahlt, die auf fünfzig von hundert gefallen ſind und in vier oder fünf Jahren keinen Sou mehr gelten wer⸗ den. Oft ſind die Aſſignaten noch zu gut für einen Edelmann und man zahlt mich blos mit Worten aus. Unterdeſſen ſehe ich, wie aus Kommis der ordinärſten Art Armeelieferanten werden und zu ungemeſſenem Reichthume es bringen.“ „Und Sie ſtürzen nicht mit dem Säbel in der Hand auf dieſe Schurken los?“ „Wer würde meine Tochter ſchützen?“ „Ichl“ Ademar blickte ſeinen Neffen lächelnd an. „Du biſt noch ſehr jung für dieſes Amt, das alle Umſicht erfordert,“ ſagte er.„Ein Mann Deines Alters kann wohl ſeine Frau, aber nicht ſeine Couſine be⸗ ſchützen.“ Hier zögerte Roland ein wenig. Er war in Louiſe ſehr verliebt, aber er hatte Sara das Wort gegeben. Nichts deſtoweniger ſiegte der gegenwärtige Eindruck über die Erinnerung und er ſagte:„Sie wiſſen, Onkel, daß ich ruinirt bin; würde mir ein Vater ſeine Tochter zum Weibe geben?“ „Parbleu!“ rief der Onkel zornig.„Biſt Du nicht ein Sproſſe Gerards von Dives und der einzige männliche Repräſentant dieſes großen uralten Geſchlech⸗ tes? Das genügt. Wenn Du die Zuſtimmung Louiſens hätteſt, dann ſollte ſofort die Hochzeit ſein.“ „Nun, dann werden wir ſie bald haben,“ ſagte Roland heiter. Mehrere Monate verfloſſen jetzt in ungetrübter Ruhe. Roland, von ſeiner Couſine immer mit ſeinen Liebesbetheuerungen zurückgewieſen und durch den Wi⸗ derſtand nur um ſo mehr entflammt, fing an die Hoffnung, aber nicht den Appetit zu verlieren. Ademar ſekundirte ihn nach Kräften, aber Louiſe intereſſirte ſich nur für die Journale, wo ſie in den Liſten der Gefallenen und Verwundeten mit beklommener Aengſtlichkeit den Namen ihres Geliebten ſuchte. 13. Es war im Juni des Jahres 1793, da zog ſich ein drohendes Gewitter, das jeden Augenblick mit Ver⸗ nichtung drohte, über dem Schloſſe von Dives zuſammen. Die Uhr, welche Roland der Zigeunerin zum Andenken gegeben, war zum Verräther an ihm geworden. Rudolf hatte das koſtbare Gedenkſtück bei ſeiner Geliebten ent⸗ deckt und in dem goldenen Gehäuſe den eingravirten Namen des Gebers geleſen. Von ſchrecklicher Eiferſucht erfaßt, mißhandelte er das Mädchen ſo lange, bis ſie ihm alles bekannte, was ſie von Roland erfahren 5* — ——— –“— —— 36 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. hatte, und er beſchloß nun, die Spuren ſeines Feindes ſo lange zu verfolgen, bis er ihn erreicht und an ihm Rache genommen hätte. So war er bis in die Stadt Dives gekommen, wo er ſich mit Barré in’s Einver⸗ nehmen ſetzte. Sofort wurde allen Spionen der ver⸗ ſchärfte Auftrag ertheilt, alle Vorgänge im Schloſſe aus⸗ zukundſchaften und Gewißheit einzuziehen, ob der im Gewande eines Trainſoldaten angekommene Marquis ſich auf dem Schloſſe befände. Es war zehn Uhr Abends. Die Dienſtleute des Schloſſes hatten ſich der ländlichen Gewohnheit gemãß ſchon ſchlafen gelegt. Die Sommernacht entfaltete allen ihren Zauber. Der Himmel, wolkenlos rein und mit ſchimmernden Sternen beſäet, erhellte matt das ruhende Land. Roland, den ſein langer Aufenthalt zu Dives bereits einen großen Theil der Aengſtlichkeit genommen hatte, ſpazierte ohne Vorſicht in dem Garten mit Fräulein von Dives. Sie ſetzten ſich beide auf eine Raſenbank, die grottenartig von blühenden Schlingpflanzen über⸗ dacht war, und Roland erklärte ihr hier zum hundert⸗ ſtenmale, daß er ſie liebe. „Theure Louiſe,“ ſagte er,„der Vorſehung ſelbſt ſcheint es am Herzen zu liegen, uns von der Welt zu trennen, damit wir uns um ſo enger eins an das andere ſchließen. Laſſen Sie mir wenigſtens einige Hoffnung und ſtoßen Sie nicht einen Freund, der Sie leidenſchaft⸗ lich liebt, von ſich zurück.“ „Ich ſtoße Sie nicht zurück, lieber Roland,“ ſagte ſie mit freundlicher aber feſter Stimme,„aber ich kann Sie nicht lieben. Drängen Sie mich nicht weiter, wenn Ihnen meine Freundſchaft werth iſt... Mein Herz gehört einem Andern,“ fügte ſie mit einiger An⸗ ſtrengung bei. „Wem?“ fragte Roland, ganz verblüfft von dieſer ganz unerwarteten Mittheilung. „Ihrem Freunde Reynier.“ Zugleich erzählte ſie ihm mit wenigen Worten die kurze Geſchichte ihrer Liebe, und verhehlte auch nicht den Widerſtand, den ſie dabei von Seite des Vaters fand.„Sie ſehen,“ ſchloß ſie,„daß ich Sie nicht weiter hören darf. Sie ſind es mir und Ihrem Freunde ſchuldig, mir kein Wort mehr von Liebe zu ſagen.“ Roland verſtummte einige Augenblicke, ein wenig durch das Geſtändniß gedemüthigt. Da er indeſſen von Natur aus großherzig und leichten Gemüthes war, tröſtete er ſich ſofort, daß er die Liebe ſeiner Couſine nicht hatte erringen können, und er beſchloß ſogar, ein Mehreres zu thun und ihrem Glücke förderlich zu ſein. „Rechnen Sie auf mich, liebe Louiſe,“ ſagte er endlich.„Ich werde nicht undankbar gegen Reynier ſein und Ihnen nicht mehr mit meinen Liebesbetheuerun⸗ gen zur Laſt fallen. Ich will ſelbſt mit Ihrem Vater ſprechen und Sie mit Ihrem Geliebten zu vereinen ſuchen.“ In demſelben Augenblicke trat Ademar zu ihnen. „Lieber Onkel,“ wandte ſich Roland an ihn, „ich habe die Ehre, Sie um die Hand meiner Couſine für... „Dich zu bitten? Zugeſtanden, wenn ihr einig ſeid.“ „Nicht für mich, Onkel, ſondern für einen meiner Freunde, den Sie ſo gut kennen, wie mich ſelbſt; für Heinrich Reynier.“ „In was miſcheſt Du Dich?“ fuhr der Graf zornig auf.„Heirate Louiſe oder heirate ſie nicht, das iſt Deine Sache, aber laß Dir nicht beikommen, ſie ohne meine Zuſtimmung zu vermälen. Weißt Du, wer dieſer Reynier iſt? Ein kleiner Landarzt, welcher jetzt einige Flintenſchüſſe an der Grenze abfeuern und dann mit Ruhm bedeckt zurückkehren wird, um mir die Tochter zu nehmen. Iſt das nicht eine ſchöne Partie? Wenig Geld, dunkler Name, lächerliches Gewerbe, überſpannte Ein⸗ bildung, verrücktes Gehirn, pomphafte Reden, die, wenn man die Worte ‚Vaterland' und ‚Freiheit' ausſtreicht, nicht zwei Ideen enthalten: das iſt das Facit dieſes großen Staatsbürgers.“ „Er kann General werden,“ ſagte Louiſe. „Und wenn er Marſchall würde, was liegt daran, bei ſeiner niedrigen Herkunft paßt er nun und nimmer in unſer Geſchlecht.“ Louiſe ſah ein, daß ſie ihrem Vater nicht weiter widerſprechen durfte und ſchwieg; Roland aber er⸗ griff nun ſeinerſeits das Wort zur Vertheidigung ſeines Freundes und verfocht die Sache desſelben mit ſo viel Wärme, daß der Graf ſchon halb beſiegt ausrief:„Laſſen wir das jetzt. Früher ſoll er zurückkommen, daß man ihn ſehen kann. Dann werde ich wiſſen, was ich zu thun habe.“ In dieſem Augenblicke wurde ein dunkler Schatten am Ende des Gartens ſichtbar und Schritte ließen ſich⸗ vernehmen. Ademar ſchritt allein dem Ankommenden entgegen. „Liebe Louiſe,“ ſagte Roland mitleiſer Stimme, „Sie ſehen, bis zu welchem Grade ich Sie liebe.“ Sie drückte ihm ſanft die Hand und er kehrte nach dem Thurme zurück, in deſſen Nähe er ſich hinter die Gebüſche verbarg, um nicht bemerkt zu werden. „Mein Kind,“ ſagte Ademar zu ſeiner Tochter, als er mit dem ſpäten Gaſte ſich näherte,„hier iſt Karl Reynier, Staatsanwalt zu Dives, der uns die Chre ſeines Beſuches gibt.“ „Sprechen Sie nicht ſo laut,“ ſagte der Staats⸗ anwalt.„Man kann mir gefolgt ſein und uns hören.“ Er täuſchte ſich nicht. Oben auf der Gartenmauer erſchien ein Schatten und vorgebeugt horchte er den Redenden zu, ohne geſehen zu werden. Fräulein von Dives erhob ſich, um in's Schloß zurückzukehren. „Was gibt es wieder?“ fragte nun der Graf mit rauhem und gereiztem Tone. „Mein Herr, ich bin nicht Ihr Feind, das wiſſen Sie,“ ſagte der Staatsanwalt.„Ich komme, Sie auf eine große Gefahr, die Sie bedroht, aufmerkſam zu machen. Sie ſind verdächtig.“ „Wer iſt jetzt in Frankreich nicht verdächtig!“ „Man weiß, daß Ihr Neffe da iſt.“ „Wer hat Ihnen das geſagt.“ „Barré, Ihr Feind, der Sie überwachen läßt.“ „Er hat Ihnen davon Mittheilung gemacht?“ „Er mußte wohl. Mir kommt es zu, den Marquis, i ſt dhne ieſer nige mit er zu Jeld, Ein⸗ venn icht, eſes er⸗ iines biel iſſen nan hun itten ſich den nme, nach die t. uis, und Sie ſelbſt, wenn Sie den geringſten Widerſtand leiſten, arretiren zu laſſen.“ „Und Sie werden gehorchen?“ „Es iſt meine Pflicht; aber ich möchte Ihnen nicht Kummer bereiten. Sagen Sie drum Ihrem Neffen, er möge während der Nacht fliehen und zu mir kommen, wo er ein ſicheres Aſyl finden wird, bis ich ihn mit einem Paſſe nach Spanien ſchicken kann. So geht alles gut und Barré kann Ihnen nichts anhaben.“ „Ich danke Ihnen, Herr,“ ſagte der Graf kalt. „Ihr Rath iſt vortrefflich und ich würde ihn mit Ver⸗ gnügen befolgen, wenn mein Neffe hier wäre; aber er befindet ſich in Deutſchland, wie Sie ja wohl wiſſen werden. Ich habe die Ehre, Ihnen gute Nacht zu wünſchen.“ „Sie verkennen mich,“ ſagte der Staatsanwalt, der mit Mühe die Verſtimmung niederkämpfte.„Laſſen Sie ſich wenigſtens ſagen, daß die Gendarmen über⸗ morgen kommen werden.“ „Gut, ich erwarte ſie jede Stunde. Warum kom⸗ men ſie nicht morgen?“ „Weil der Befehl von dem Revolutionskomité des Departements noch nicht unterzeichnet iſt.“ „Wohlan, mein Herr, ſo werde ich übermorgen das Vergnügen haben, Sie wiederzuſehen.“ Mit dieſen Worten ſchritt der Graf aus dem Gar⸗ ten. Der Staatsanwalt folgte ihm. Der Schatten, welcher halb über die Mauer ge⸗ lehnt, ſie belauſcht hatte, verließ nun gleichfalls ſeinen unbequemen Poſten und verſchwand unbemerkt in der Richtung nach Dives. Der Staatsanwalt entfernte ſich langſam, und lenkte, über die Hartköpfigkeit des Alten brummend, in die Allee ein, als plötzlich eine kleine Hand auf ſeinen Arm ſich lehnte und eine Stimme voll weicher Milde ihn anredete:„Herr Staatsanwalt, was haben Sie mit meinem Vater geſprochen?“ „Ich kam, um ihn zu retten, mein Fräulein,“ ſagte der Beamte, der Louiſe von Dioes erkannt hatte, und nun erklärte er ihr die Gefahr, in der die ganze Familie ſchwebt. „Sie retten uns insgeſammt, indem Sie unſern Couſin aus der Gefahr helfen,“ ſagte Louiſe, von den Vorſchlägen und Anerbietungen des Staatsanwalts gerührt. „Ich geſtehe, mein Fräulein,“ ſagte dieſer,„daß ich nicht ſehr gern meinen eigenen Kopf aufs Spiel ſetze, um den Ihres Couſins zu retten, aber mein Bruder hat es ſo gewollt.“ „Ihr Bruder?... Wie befindet er ſich?“ fragte ſie zitternd.. Der Staatsanwalt lächelte.„O, vortrefflich. Er liebt Sie mehr als Himmel und Erde.“ Das Dunkel der Nacht verhenderte, daß man die vufflammende Röthe auf dem Geſichte des jungen Mäd⸗ chens gewahr werden konnte. „Ich hoffe,“ ſagte ſie endlich,„daß er eines Tages zu ſeinen Freunden zurückkehren wird.“ „Das iſt ſein innigſter Wunſch, Fräylein. Doch, Alfred Aſſolant: Der Jakobiner. 37 wenn ich nicht irre, habe ich ja ſeinen letzten Brief bei mir. Da iſt er, leſen Sie ſelbſt.“ Und ohne Abſchied zu nehmen und Louiſen Zeit zur Ueberlegung zu laſſen, drückte er ihr den Brief in die Hand und entfernte ſich eilig. Es muß bemerkt werden, daß ſie ſich nicht Mühe gab, ihn zurückzuhalten. Ihr Herz ſchlug vor Ungeduld, vor Verlangen und Furcht. Sie lief ins Schloß zurück, und kaum auf ihrem Zimmer angekommen las ſie die theuren Zeilen, die zuerſt einen kriegeriſchen Bericht über die Blokade von Mainz, dann die feurigſte Liebesſchwär⸗ merei und zum Schluſſe eine humoriſtiſche Darſtellung von Rolands Verlobung mit der ſchönen Jüdin Sara enthielten. Sie verſchlang den Brief, und las ihn dann noch⸗ mals, jedes Wort erwägend. Oft drückte ſie die lieben Zeilen an ihre Lippen. Drauf eilte ſie zu ihrem Vater. Die Zeit drängte und Rolands Leben ſtand auf dem Spiele. 14. Onkel und Neffe beriethen ſich. Beide wollten, da ſie Louiſe eintreten ſahen, ihre Unruhe verbergen und geriethen in's Schweigen. „Ich weiß alles,“ ſagte ſie, Roland die Hand reichend.„Im Verzuge liegt Gefahr. Sie müſſen fliehen und ſich dieſem Ehrenmanne anvertrauen. Reiſen Sie noch dieſe Nacht ab.“ In einer Viertelſtunde waren alle Vorbereitungen zur Abreiſe getroffen. Ademar gab ſeinem Neffen hun⸗ dert Louisd'or, eine für die Zeit der Aſſignaten beträcht⸗ liche Summe, und ſagte ihm bereits Lebewohl, als ein Mann von unheimlichem Ausſehen geräuſchlos in den Thurm trat. Bei ſeinem Anblicke griff Roland nach einer geladenen Piſtole, die auf dem Liſche lag, und hielt ſich bereit auf den Eintretenden loszudrücken. „Wer ſeid Ihr?“ fragte der Graf gebieteriſch. Rudolf, der Rolands Vorhaben bemerkt hatte, ſchien davon nicht eingeſchüchtert. Mit gleichgil⸗ tiger, unerſchrockener Miene trat er auf ihn zu und ſagte:„Schießen Sie nicht, Freund! der Staatsanwalt von Dives ſchickt mich her.“ Bei dieſen Worten verſchwand das Mißtrauen und Roland legte die Waffe nieder. „Welches Zeichen können Sie uns geben, daß Sie im Auftrage kommen?“ fragte der vorſichtige Ademar. „Ich werde Ihnen, wenn Sie es wünſchen, den Rath wiederholen, den er Ihnen vor zwei Stunden ge⸗ geben hat.“ In der That wiederholte er ganz getreu das Ge⸗ ſpräch, das er, auf der Gartenmauer liegend, belauſcht hatte. „Gut,“ ſagte der Graf,„ſprechen Sie jetzt.“ „Der Staatsanwalt läßt Ihnen ſagen, daß die Hausunterſuchung erſt übermorgen ſtattfinden wird, und daß es darum nicht nothwendig iſt, heute Nacht ſchon das Schloß zu verlaſſen. Seine Wohnung iſt noch nicht auf Ihren Empfang hergerichtet. Er muß früher ſeine 38 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Hausleute vorbereiten, daß ſie ohne Arg den neuen An⸗ kömmling aufnehmen. Morgen Abends wird er kommen, Sie abzuholen.“ Das Alles ſchien dem Marquis und ſelbſt dem Onkel ganz natürlich. Man dankte dem angeblichen Boten, drückte ihm einen Louisd'or in die Hand und ſchickte ihn wieder fort. Kudolf eilte mit ſchwunghaf⸗ ten Schritten nach Dives. Er hielt die Beute gefaßt. Obwohl es Ein Uhr Morgens war, ſo zögerte er doch nicht an Barré's Pforte zu klopfen. Es wurde ihm, als Einem, der wohl erwartet war, ohne Verzug auf⸗ gemacht. Fetzt erſt erhielt Barré die vollſtändige Ge⸗ wißheit von der Gegenwart des Emigranten und nun glaubte er, das Schickſal der gräflichen Familie voll⸗ ſtändig in ſeiner Hand zu haben. Um den Marquis nicht entſchlüpfen zu laſſen, beſchloß er, auf eigene Ver⸗ antwortung bereits den nächſten Tag mit bewaffneter Macht auf das Schloß zu ziehen. Die Morgenröthe ſtreute kaum die erſten Roſen über die Gegend, als Louiſe wieder zu ihrem Vater eilte. Ademar, kaum angekleidet, empfing ſie mit ruhigem Geſichte. „Du haft ſchlecht geſchlafen, liebes Kind,“ ſagte er, ſie küſſend.„Ich ſehe es Dir an den Augen an, die nicht ſo lebhaft ſind wie gewöhnlich. Verbanne die böſen Träume. Roland iſt bis morgen außer Ge⸗ fahr und noch dieſen Abend bringen wir ihn in Sicherheit.“ Sie verſuchte zu lächeln und Beide betrogen ſich wechſelſeitig durch den Schein einer außergewöhnlichen Heiterkeit. Sie frühſtückten mit Roland, welcher herzlich über die traurige Figur lachte, die morgen Barré mit ſeinen Gendarmen ſpielen würde. Da auf einmal öffnete ſich die Thür und ein junges Weib in bunter Tracht, wo Seide und Sammt den Abgang eines Hemdes erſetzten, ſtürzte in den Saal. Ohne Jemanden zu grüßen oder auch nur an⸗ zuſehen eilte ſie geradeaus auf Roland zu. Es war die Zigeunerin. „Retten Sie ſich!“ rief ſie;„die Gendarmen ſind da!“ 3 Bei dieſem Worte ſetzte der Marquis ſein Glas auf den Tiſch und erhob ſich.„Das iſt unmöglich!“ rief er. Aber ſchon knöpfte er ſich den Rock zuſammen und ſuchte nach ſeinen Waffen. Ademar folgte ſeinem Beiſpiele. „Fliehen Sie, Roland,“ rief Louiſe,„auf dem ſteilen Felſenpfade, der in's Thal hinabgeht, und Sie, mein Vater, laſſen Sie um Gotteswillen die Pi⸗ ſtolen liegen.“ „Man wird mich nicht lebend in die Gewalt be⸗ kommen. Sind ſie noch weit?“ „Hundert Schritte von da,“ ſagte die Zigeunerin; „Rudol f führt ſie.“ „Welcher Rudolf?“ fragte der Graf. „Mein Liebhaber, ein Verräther, der den Herrn Marquis verabſcheut und ihn umbringen will. Er hat Sie bei Barré denuncirt. Ich habe es erſt dieſen Morgen erfahren, als er ſeine Freude über ſeine ge⸗ lungene Rache nicht verbergen konnte. Ich bin in einem Athem hieher gelaufen. Retten Sie ſich!“ Während ſie noch ſprach, ergriff ſie Roland beim Arme und zog ihn mit außergewöhnlicher Kraft fort. Er folgte ihr mechaniſch, da er wohl fühlte, daß ſeine Gegenwart den Onkel wie die Couſine nur ver⸗ derben könne. Sie ſchritten durch eine kleine, lange nicht mehr benützte Ausfallspforte in's Freie und gelangten auf den von Louiſe bezeichneten Felſenpfad, der ſich jäh zur Thalſohle hinabzog. Sie waren noch nicht weit vorgeſchritten, als ſie vom Schloſſe her zwei Schüſſe vernahmen. Roland wandte den Kopf um und wollte raſch wieder in's Schloß zurückſtürzen, aber ſeine Be⸗ gleiterin hielt ihn mit Gewalt zurück und nöthigte ihn wieder den Pfad zu verfolgen. Kaum hatten ſie wieder einige Schritte vorwärts gethan, als ein wildes Geſchrei, in dem ſich Wuth und Freude vernehmen ließ, hinter ihrem Rücken ertönte. „Da ſind ſie!“ ſchrie Rudolf und ſtürzte den beiden Flüchtigen nach. Roland ſah ein, wie groß die Gefahr ſei. Er konnte von hinten ohne Gegenwehr niedergeſtoßen wer⸗ den. Er beſchleunigte ſeine Schritte, indem er zwiſchen den Felsſtücken ſich hindurch wand, bald kühn über die klaffenden Spalten des Berges ſetzte, bald an herab⸗ hängenden Aeſten des Strauchwerkes in die Tiefe ſich gleiten ließ. Endlich gelangte er auf eine freie Platt⸗ form, wo er Halt machte, um ſich dem nacheilenden Verfolger zu ſtellen. Die Zigeunerin merkte die Abſicht des Marquis und blieb ſtehen, um den Ausgang des Kampfes zu erwarten und betrachtete ſich ſchon im voraus als die Beute des Siegers, wer auch von den Beiden die Oberhand gewinnen ſollte. Als Rudolf ſich erwartet ſah, mäßigte er ſeine Haſt. Es war ein Mann von dreißig Jahren, ſonnver⸗ brannt, muskulös und von einer unglaublichen Ge⸗ ſchmeidigkeit des Körpers. Die Wuth des Landſtreichers war Rolands einzige Hoffnung, den Vortheil über den Gegner zu erlangen. Beide waren bewaffnet: Rudolf mit einem Säbel, Roland mit einem Dolche und einer Piſtole. Der Säbelfreſſer fing, wie die Helden des Homer, den Kampf damit an, daß er den Gegner mit Worten in⸗ ſultirte. „Hund von einem Ariſtokraten,“ rief er,„Deine letzte Stunde hat geſchlagen.“ Zugleich führte er mit dem Säbel einen ſo gewaltigen Hieb gegen den Gegner, daß er denſelben wohl tödtlich getroffen hätte, wenn Roland nicht rechtzeitig ausgewichen wäre und den Schlag mittelſt des Piſtolengriffes geſchwächt hätte. Nichtsdeſtoweniger drang die Spitze des Säbels ihm in die Bruſt; aber gleich darauf knallte auch die Piſtole und Rudolf ſtürzte getroffen auf den Boden. Ein Stoß mit dem Fufs genügte, den röchelnden Vagabun⸗ den über die Plattform hinab in die tief unten brau⸗ ſende Sorrillé zu ſenden. Der Marquis folgte mit den Augen dem ferſchrecklichen Falle und ſchien bereit, ſich dem ſinkenden Körper nachzuſtürzen. Glücklicherweiſe er⸗ faßte die Zigeunerin noch zu guter Zeit den Verwundeten. △ — deinem dland Kraft te daß dur ver. ge nicht langten der ſich cht weit Schüſſe d wollte ine Be⸗ gte ihn rwärts th und tte. te den wiſchen iber die herah⸗ fe ſich Platt⸗ d Abſicht ng des on im on den er ſeine onnver⸗ en Ge⸗ reichers l über einem Piſtole. er, den ten in⸗ Deine er wit Zegner⸗ wenn nd den hätte. g ihm piſtole Ein Alfred Aſſolant: Der Jakobiner. 39 „Sind Sie ſchwer verletzt?“ fragte ſie. „Ich weiß es nicht,“ antwortete Roland;„ich halte mich mit vieler Mühe aufrecht.“ „So ſtützen Sie ſich auf mich und folgen Sie mir.“ Mit großer Vorſicht ſtiegen ſie den Felſen hinab, bis ſie in eine Höhle gelangten, wo vor den über⸗ wuchernden Schlinggewächſen die Sonne kaum Zutritt fand. Hier legte ſie den Verwundeten nieder. „Bleiben Sie hier und rühren Sie ſich nicht,“ ſagte ſie.„Ich will ins Schloß zurück und Eßwaare und Leinwand holen. Geben Sie nur Antwort, wenn ich Sie rufe. Ich werde Ihnen Nachricht von Ihrem Onkel und der Couſine bringen.“ Während ſie ſo ſprach, verband ſie ihm mit Geſchicklichkeit ſeine Wunde und eilte dann, aber auf einem andern Wege, als auf dem ſie gekommen waren, dem Schloſſe zu. Hier fand ſie die größte Beſtürzung unter den Dienern. Ademar, welcher die bewaffnete Menge trotzig empfangen und als man ihm auf den Leib rückte, ſich mit den Waffen zur Wehr geſetzt hatte, war von einem der fallenden Flintenſchüſſe zu Boden geſtreckt worden und Barré hatte die Tochter als ſeine Gefangene erklärt. In der Eile waren zwei Sänften fabricirt worden, auf deren einer man Ademars Leichnam, auf der andern die ohnmächtige Louiſe nach Dives hinabtrug. In Dives wurde das Fräulein in das Stadtgefängniß, einem alten Thurm aus der Sarazenenzeit, geſchloſſen. Barré triumphirte nun ohne Hinderniß. Er glaubte an dem Ziele ſeiner Wünſche zu ſein. Vergebens proteſtirte der Staatsanwalt gegen die Haftnahme; Barré wußte den redlichen, aber ſchüchternen Mann durch die Drohung, ſein belauſchtes Geſpräch mit Ademar dem Revolutionskomité anzuzeigen, ſo in Furcht zu jagen, daß der gute Karl Reynier nichts Eiligeres zu thun hatte, als ſein Amt niederzulegen, um ſich dann durch die Flucht jeder Verantwortung zu entziehen. Nur auf ſeinen Bruder Heinrich, der ſich auf dem Rückzuge von Mainz in Metz auffhielt, ſetzte er einige Hoffnung, daß es dieſem gelingen könnte, Louiſe zu retten. Unverzüglich eilte er, ohne Tag und Nacht ſich Ruhe zu gönnen, zu demſelben und ſchilderte ihm, wie Barré in Dives hauſe und in welcher Gefahr Louiſe ſich befinde. Dieſer Bericht empörte den ebenſo rechtlich denkenden, wie ausneh⸗ mend verliebten Kriegsmann auf das Höchſte, und ſofort führte er ſeinen Bruder zu dem Repräſentanten Merlin von Thionville, der ſich bei der Armee befand. Der ehemalige Staatsanwalt beglaubigte ſeine Ausſagen durch überzeugende Belege und ſo fiel es nicht ſchwer, daß ſich Merlin, der überdies dem jungen Reynier ſehr zugethan war, beſtimmen ließ, dem tapfern Freunde einen zweimonatlichen Urlaub zu ge⸗ währen und noch ein Blatt Papier folgenden Inhalts mit auf den Weg zu geben: „Im Namen der Republik! Befehl an das Revolutionskomité, auf der Stelle die Bürgerin Louiſe, ehemalige Gräfin von Dives, 1 in Freiheit zu ſetzen und den Bürger Barré, Diſtrikts⸗ adminiſtrator, in Haft zu nehmen. Der Bürgerrepräſentant des Konventes in außer⸗ ordentlicher Miſſion Merlin von Thionville.“ Dieſe Zeilen thaten Wunder. Kaum war Heinrich Reynier damit in Dives angelangt, thaten ſich für Louiſe die Thüren des Kerkers auf, Barré aber wurde zum Jubel der Bürger, die ſeines tyranniſchen und habgierigen Regimentes längſt müde waren und es nur aus Furcht ertragen hatten, nach Paris in die Conciergerie geſchafft. Zwei Tage nach der Befreiung reichte Louiſe ihrem Heinrich die Hand. Die Verbindung erfolgte ohne Ceremonien, denn im Jahre 93 eilte man zu leben und glücklich zu ſein, da man eben des Lebens und Glückes nie recht gewiß war. Die Güter des Grafen von Dives, welche Louiſe erben ſollte, waren zwar vom Staate konfiscirt worden und blieben es, aber die jungen Gatten verſchmerzten in ihrem idealen Glücke gar leicht den materiellen Verluſt. „Ich habe hunderttauſend Francs,“ ſagte ſich Reynier,„das iſt genug für Louiſe und mich. Sie iſt zwar eine geborne Gräfin, aber ſie hat bür⸗ gerlichen Sinn und wird ſich auch in kleiner Haus⸗ haltung behagen. Sobald ich als Soldat meinen Ab⸗ ſchied habe, laſſe ich mich als Arzt in der Provinz nie⸗ der. Das iſt zwar keine glänzende Stellung, aber ſie kann Brod und Zufriedenheit geben.“ Auch Roland heiratete und zwar ſeine Verlobte, Sara von Kransperg, die ihm bis nach Dives nachreiſte. Sie kam kurz nach Reyniers Ankunft in Dives an und traf den glücklichen Zeitpunkt, als Ro⸗ land, den die Zigeunerin in ein Bauernhaus ge⸗ bracht und bald darauf einem ſchmucken Reitersmanne zu Liebe verlaſſen hatte, ſich entſetzlich langweilte. Um dieſem peinlichen Zuſtande zu entgehen, nahm er die ſchöne Sara zum Weibe und reiſte mit ihr nach Spa⸗ nien. Unter dem Konſulate kehrte er wieder nach Frank⸗ reich zurück, wurde dort Senator Napoleons, Pair der Reſtauration und Julirevolution und diente ſo allen Regierungen der Reihe nach, von Allen wegen ſeiner Geburt, ſeines Vermögens und ſeines glücklichen Char⸗ akters gern geſehen. Der Moral zu Liebe ſollten wir ſagen, daß Barré auf der Guillotine den Kopf verlor; aber als Hiſtoriker müſſen wir berichten, daß er bis zum 9. Ther⸗ midor im Gefängniſſe blieb, dann ſich für ein Opfer Robespierres ausgab, Präfekt und Freund von Cambacéréès und Fouché wurde und als Pair von Frankreich ſtarb,„reich an Jahren wie an Tugen⸗ den“, wie ein hoher Kollege bei ſeiner Leichenrede ſich ausdrückte. Reynier allein kam nicht zu Reichthum und Anſehen. Der ehrliche Jakobiner war einer der tapfer⸗ ſten Soldaten der„unüberwindlichen Sambre⸗ und Maasarmee“, nahm ſeine Entlaſſung beim Frieden zu⸗ Amiens, wurde wieder Arzt und beſchäftigte ſich einzig mit ſeinen Kranken, ſeiner Frau, die er anbetete, und 40 Erinnerungen. der Erziehung ſeiner Kinder. Er bewarb ſich um keinen Platz, verwaltete kein Amt und begnügte ſich einzig damit, glücklich zu ſein. Möchten wir Alle in Letzterem ihm gleichen! Holzſchläger und Flößer'). (Hiezu die Bilderbeilage.) N ſ8 inque! d 1) Hahahaha!“ ſchallt brüllendes, heiſeres Geſchrei haus der Oſteria von Cremaglia. Die ſouveränen ſ Bauern dieſes, auf hoher Berg⸗Terraſſe liegen⸗ den, teſſiniſchen Dörfchens ſitzen beim vollen Boccale des feurigen Weines von Kugnasko und ſpielen, die Finger auf dem Tiſche beinahe ſich wund ſchlagend und Tollhäuslern gleich einander gegenſeitig anſchreiend, mit leidenſchaftlicher Lebhaftigkeit das be⸗ liebte Mora⸗Spiel. In Deutſchland und diesſeit der Alpen würde man die Geſellſchaft für Wahnſinnige halten, ſo geberden ſie ſich in aller Liebe und Freundſchaft; das iſt eben italieniſches Blut.— Der leventiner Aelpler, oder der aus der Tiefe des Val Maggia iſt ein ganz gelaſſener Mann, ſo lange die Leidenſchaften ihn nicht aufregen; Streit, Geſellſchaft, ein fröhlicher Trunk geſtalten ihn völlig um, und machen aus dem ſonſt ſo beſonnenen, ruhigen Menſchen einen hitzigen, tobenden Poltron. Was aber regt heute, an einem Werktage dieſe Handvoll Leute ſo auf? Die ganze Gemeinde von Cremaglia iſt officiell bei⸗ ſammen. Gianella, der Holzſpekulant von Comprovasco im Blenio⸗Thale, hat wieder einen großen Wald der Gemeinde a bgekauft und gibt einen Trunk obendrein. Die Ratifikation des Kaufes wird ſoeben von der Muni⸗ cipalità ausgefertigt und die baare, klingende Kauf⸗ ſumme für dieſes veräußerte Gemeinde⸗Gut kommt nicht etwa in die Kaſſe des Patriciato, um daraus Straßen zu bauen, Schulen und Almoſen⸗Bedürftige zu unter⸗ ſtützen, ſondern die Vicini oder Gemeinde⸗Nachbarn ver⸗ theilen den Betrag unter ſich, ſo daß ein Jeder mehrere hundert Lire bekommt. Darum ſind heute die Confede- rati von Cremaglia ſo heiteren Humors. Ein jeder ehrſame, deutſch⸗ſchweizeriſche Burger, der mit Stolz auf den„Gemeinde⸗Säckel“ und das „Stockamt“ blickt, der etwas auf den ökonomiſchen Stand ſeines Orts⸗Haushaltes gibt, oder ein jeder andere civiliſirte Menſch, der überhaupt kultivirte Begriffe von den geordneten Verhältniſſen ſorgſam⸗verwalteter Kom⸗ munal⸗Güter hat, wird vor ſolch' einer urgemüthlichen Handhabung der Verwendung von Genoſſame⸗Gütern zurückſchrecken, der teſſiniſche Bauer nicht. Er hat keinen Begriff von der Nothwendigkeit eines geregelten, ſtaatlich⸗beaufſichtigten Forſthaushaltes. Seine Berge⸗ sette! tre! Cinque! quatter! due! ¹ And den„Alpen in Natur⸗ und Lebensbildern“ von A. Verlepſch, Leipzig 1861, mit beſonderer Er⸗ kaubriß des Verlegers Herrn Hermann Coſtenoble. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ſind noch reich an Hochwäldern, wenigſtens ſeiner Mei⸗ nung nach, die ihn und ſeine Kindeskinder überdauern, und bis dahin, wo Holznoth eintreten könne, wachſen neue Waldungen an Stelle der abgeholzten. So räſonnirt der Bauer. Früher gab's allerdings meilengroße Forſte, die ſeit Jahrhunderten unbenutzt geblieben waren. Als dann in der benachbarten Lombardei die Holzpreiſe ſtiegen, kamen italieniſche Spekulanten in die Schweiz, unterhandelten, kauften um Spottpreiſe, und ganze Ge⸗ birge wurden ihres koſtbaren Schmuckes beraubt. Jetzt ſoll auch wieder ein großer, ſchöner Hochwald, tief in den hinterſten, geſchluchteten Thälern, am Fuße des Rheinwaldhornes, unter dem Beile der Borratori fallen. Die Waldung liegt weit von der Straße ab und wohl einige Tagereiſen entfernt von dem lombardiſchen Orte, wo das Holz an den Sägemüller verkauft wird. Durch den Transport auf der Achſe würde das Holz zu einem enormen Preiſe hinaufgetrieben werden, den Niemand zahlte; deßhalb müſſen andere Transportmittel erſonnen werden, namentlich auch ſchon, um nur das Holz aus den tiefverſteckten, einſamen Gebirgs⸗ winkeln erſt in die Nähe menſchlicher Kommunikation zu bringen. Ueberall, wo große Bergſtröme von den Alpen herabkommen, ſind auch die Thalwände ſehr von Wal⸗ dungen entblößt. Das Holz, welches nach Gewicht und Volumen in keinem Verhältniß zu ſeinem Werthe ſteht, iſt, bei nur einiger Entfernung, ein undankbar zu trans⸗ portirendes Naturprodukt. Darum nahm man die Flüſſe für den Transport des Holzes in Anſpruch, und deßhalb griff die Axt zunächſt diejenigen Forſte an, welche in der Nähe kräftiger Waſſeradern lagen. Auffallend entwal⸗ deter iſt die Südſeite der Alpen als die nördliche. Das ſtark bevölkerte Italien erzeugte von jeher nicht ſeinen Bedarf an Hölzern; deßhalb griff es in die Alpenwälder und rückte, Schritt für Schritt, immer weiter gegen den Kern der Forſtſchätze emporſteigend, mit ſeiner Plün⸗ derungsſpekulation vor, bis jene auffallende Entblößung an den Südhängen entſtand, welche uns bei jedem Berg⸗ Uebergange ſo ſehr auffällt. Die leicht und frei gelege⸗ nen Forſte fielen zuerſt, und als dieſe gelichtet waren, drang der Wälderhandel immer tiefer in die Seiten⸗ thäler und die holzreichen, verwinkelten Gebirgsſchluch⸗ ten ein, die früher ſelten eines Menſchen Fuß betrat. Hier wächſt, mit dem Näher⸗Eindringen an den Gebirgs⸗ kern, auch die Böſchung, die Zerklüftung des Bodens. An ſtotzigen Bergwänden, die gar oft der Abdachung eines Kirchthurmhelmes wenig nachſtehen, klettern die Lärchen und Rothtannen wie rechte Sturmbäume mu⸗ thig hinan, daß einer dem andern immer weit über die Wipfelkrone hinwegſchaut. Dann aber gibt's da drin in den Winkelmyſterien der großen Gebirgsfalten iſolirte Kegel, rings von Abgründen umgeben, die prächtige Waͤlderkapuzen auf ihren Felſenſchädeln tragen. Wie eine Gruppe von Baumſchildwachen oder wie die kleine, muthige Beſatzung einer Feſtung ſtehen ſie da droben unantaſtbar, weil Niemand, ſo lange es noch bequemer zu fällendes Holz gab, auf den übermüthigen Gedanken kam, die Epkluſiven da droben anzugreifen. Freilich — Mei⸗ auern, dpreſſe chweiz ze Ge. hwald, n Fuße rratorl ab und diſchen wird. à Folz en, den tmittel m nur tbirgs⸗ toon zu Appen 1 Pal⸗ t und ſteht, Nus· Flüſſe eßhalb in der ntwal⸗ . Das ſeinen wälder en den Plün⸗ lößung Bexg⸗ gelege⸗ waren, Seiten⸗ ſchluch⸗ betrat. birgs⸗ odens. achung in die ne mu⸗ ber die drin in ſolirte ſchtige Wie kleine, roben uemer anken reilich d, Ne HOlZlösser. ———— 5 8 9 1. Holzſchläger und Flößer. 41 modert, wie im Bannwalde, manch blitzzerſpälter Ur⸗ ſtamm auf dieſem Scheitel, mancher äſteloſer Schaft leuchtet wie ein Ruinen⸗Splitter ſilberfarben aus dem Dunkel hervor, indeſſen die Nachkommenſchaft friſch und ſtark, eine neue Generation, die Alten überholt.— Jetzt, wo in den Vorbergen Alles ſchon unter dem Beil der Holzknechte gefallen iſt, wird dieſes bisher wenig geach⸗ tete Reſerve⸗Kapital auch angegriffen. Die Wälderſpeku⸗ lanten bieten, und mit dem Handſchlag, mit der Namens⸗ Unterſchrift des Podestat, mit der Aufzählung der blanken baaren Kaufſumme ſind alle die verwegenen Trutzbäume zu Todeskandidaten geſtempelt, und über's Jahr grinſt eine kahle Felſenglatze in die Einſamkeit hernieder. Solch' einen verſteckten Wälderkomplex haben die Bauern von Cremaglia ſoeben verkauft und freuen ſich des Geſchäftes. Denn ſie ſelbſt als Korporation hätten all ihr Lebtag das Holz aus den verborgenen Winkeln nicht hervorgeholt; dazu gehört ein feſter ſpekulativer Wille, dazu ſind koſtſpielige Vorkehrungen, Ausbeutungs⸗ bauten und disponible Kapitalien nöthig;— und an alle dem fehlt's dem Sign. Gianella nicht.— Heute kreiſt noch der Boccale in lärmender Geſellſchaft, heute freut ſich noch Jeder des Lebens. Morgen beginnt die Gefahr drohende Arbeit; wer weiß, ob er den letzten Stamm fallen ſieht,— ob er nicht früher ſelbſt mit zerſchellten Gebeinen am Fuße der Felſenwand ruht. Der Ticineſe(Bewohner des Kanton Teſſin) iſt ganz ein anderer Menſch, als der deutſchredende Aelpler. In ihm vereint ſich die kalte Entſchloſſenheit, das an harte Strapazen und Entbehrungen gewöhnte Leben des Gebirgsbewohners mit der drängenden Unruhe, dem heißblutigen, raſchhandelnden Element des Ita⸗ lieners. Er iſt ein vortrefflicher Arbeiter, umſichtig, ſcharf⸗ blickend, erfinderiſch und nicht verlegen, wo es gilt, ge⸗ ſchickte Handgriffe, kleine Hilfsmittel raſch zu erſinnen, die ihm ſein Vorhaben praktiſch erleichtern; dabei aus⸗ dauernd, fleißig und ſparſam. Darum beſchäftiget man ihn diesſeit der Berge gern bei Straßenbauten. Einige Zoll Ingenieur⸗Fähigkeit bringt jede ols Natur⸗Geſchenk mit auf die Welt,— und dieſe wendet er mit wunder⸗ barer Gewandtheit ganz beſonders bei der Ausbeutung der Wälder an. Während alljährlich Tauſende den Sommer über in der Fremde als Gypſer, Glaſer, Steinbrecher und Erdarbeiter ihr Brod ſuchen, und von dem zurückgeleg⸗ ten Gelde den Winter hindurch mit Frau und Kindern ſpärlich in dem verſteckten Alpendorfe leben,— beſchäf⸗ tigen abermals Tauſende ſich daheim als„Tagliatori di selva' und„Borratori“. Erſtere ſind die eigentlichen Holzfäller, die Männer mit Säge und Axt, die dem Baum den Todesſtreich verſetzen; letztere(oft Bergamas⸗ ken) ſind diejenigen, welche durch erfinderiſche Vorkeh⸗ rungen die Stämme aus dem Labyrinth der Bergwild⸗ niß hinab zum Fluß befördern, der dann auf ſeinem Rücken die Blöcke ſpielend weiter trägt. Haben wir die Klettertalente der Geißbuben be⸗ wundert, ſo finden wir hier würdige Genoſſen, Natur⸗ hres Gleichen ſuchen. Wie Spechte laufen ungen. LXXXII. 1861. ſie mit ihren Klettereiſen⸗Krallen an den Stämmen empor, hängen ſchwindelfrei über tiefen Abgründen und hauen mit wuchtiger Fauſt die Aeſte ab, ſo daß der ſchlanke Schaft wie eine Kerze, nur noch mit der Krone geſchmückt, daſteht. Jetzt bekommt das Mordbeil Arbeit. Dort, wo das Moos am Ueppigſten den Stamm umſpinnt, da iſt der ſaftigſte Zellenbau im Holzgewebe, da dringt der Aexte Schnitt am Ausgiebigſten hinein. Wie dem Verbrecher, ehe der Henker ſeinen Schwertſtreich führt, das Haar aus dem Nacken geſchoren wird, ſo ent⸗ blößt auch hier des Holzers Hand den Stamm von den Epheu⸗Feſſeln oder dicken Moospolſtern, die an dem ſtarken Baum ihr kleines, ärmliches Schmarotzerleben friſteten. Jetzt blitzt es hell im Sonnenſchein! Hieb um Hieb durchhallt den weiten, ſtillen Wald, und immer tiefer dringt die Mordaxt ein. Ziſchend fliegen die Spähne durch die Luft, immer größer wird die Wunde, immer näher kommt ſie dem innerſten geſunden Kern des Stammes. Nun reicht das Beil nicht mehr. Nach kurzer Raſt greifen die Holzknechte zur Säge. Es iſt ein ge⸗ fährlicher Stand, den ſie einnehmen, denn vor ihren Blicken geht's jäh hinab. Am Wurzelgeflecht des Baumes, den ſie tödten, wühlt ſich ihr Abſatz in die Erde. Nun Riß um Riß und Schnitt um Schnitt geht’'s immer tiefer von der anderen, geſunden Seite her, der Hieb⸗ wunde entgegen, bis auch hier die ſchwache Menſchen⸗ kraft erlahmt und das Mordinſtrument den Dienſt ver⸗ ſagt. Da kommt das letzte Martermittel für den ſchö⸗ nen, reſignirt ſeinem Ende entgegenſehenden Baum: der breite Keil muß die klaffende Spalte erweitern, und leichter arbeitet nun der freſſende Zahn der Säge fort. Jetzt ſtöhnt's wie Todesſchauern aus dem Baum; der Wöipfel zittert, leiſe ſchwankend wogt er hin und her; noch wehrt er ſich, noch will die urgeſunde, feſte, ſtramme Kraft, die in ihm wohnt, ihn halten,— da reißt der letzte Lebensfaden, ein knatterndes Zerberſten, und ge⸗ brochen ſinkt die Säule des Waldes im ſauſenden Sturze jach hinab, bis irgend ein anderer Stamm, ein hervor⸗ ragender Felſenzahn ſeine wilde Flucht aufhält. Schon mancher Holzer wurde von den Aeſten des gegen den Berg ſtürzenden Baumes, wenn ſie nicht genügend ab⸗ geſchlagen waren, von ſeinem Poſten hinweggefegt und in die Tiefe geſchleudert. So geht das Schlachten fort. So oft eine Partie am Boden liegt, beginnt das Zertheilen des Stammes in Blöcke oder„borre“ von gewiſſer Länge und das Abſchälen der Rinde oder„strapina“. Bis hierher hat das Fällen des Baumes, die Gefährlichkeit des Stand⸗ ortes abgerechnet, wenig Eigenthümliches; ſo ähnlich kommt's auch in anderen Wäldern vor. Nun aber kommt die Arbeit der Borratori. Die ſchweren, feſten Walzen würden nur mit außergewöhnlichem Kraft⸗Aufwande ſtundenweit bis an den Fluß geſchafft werden können, wenn nicht der Scharfſinn ein anderes, viel leichteres Transportmittel erfunden hätte. Dies ſind die„Soven- den“ oder„Seguenden“ d. h. Holzleitungen, die in Kühnheit ihrer Bauart den antiken Waſſerleitungen nicht nur oft gleichkommen, ſondern dieſelben noch übertreffen. Mit vortrefflich ausgebildetem Orientirungs⸗Sinn, mit 6 42 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. richtig taxirendem Augenmaß, und mit einem Scharfblick, der manchem Ingenieur zu wünſchen wäre, erſpähen ſie, ohne Hilfe von Kompaß oder Situationsplänen, ohne Vermeſſungstafeln und hypſometriſche Angaben, ſtun⸗ denweite, ideale Linien über Abgründe, durch Wälder, an Felſenwänden hin, bald in gerader Flucht, bald in einer Menge von Wendungen, die immer das richtige Fall⸗ Verhältniß einhaltend, endlich im Hauptthale auslaufen. Dabei benutzen ſie jeden kleinen ſich darbietenden Vor⸗ theil; ein einzelner, weit hervorragender Baum, eine überhängende Steinwand, ja ſogar die Dächer von Sennhütten müſſen ihren Konſtruktionen als Stützpunkte dienen. Dieſe Strüsone oder Holzrinnen werden unge⸗ mein präcis aus je ſechs bis ſieben glatten Baum⸗Stäm⸗ men gebaut; ſie ſind drei bis fünf Fuß breit, mulden⸗ förmig, alſo an den beiden Seiten mit aufſtehenden Rändern verſehen und müſſen immer ein Abdachungs⸗ verhältniß von mindeſtens zehn Procent einhalten. So⸗ lange es möglich iſt, laufen ſie auf feſtem Boden, über den Rücken der Berge; wo dann die Richtung dem Bor⸗ ratore nicht mehr konvenirt, verläßt er die ſichere Unter⸗ lage und hängt ſeine Bahn an die nackten Gneis⸗ oder Granitwände, gleich wie die Regenrinne unter der Traufe eines Daches ſchwebt, und wo auch dies nicht mehr thun⸗ lich iſt, da ſpannt er in verwegenem Wurfe ſein Geleiſe, thurmhoch durch die Lüfte, von einer Schluchtſeite zur andern, Seitenſtücke zu den kühnſten Brückenbauten. Ueberall aber reſervirt er ſich dabei möglichſt bequeme Zugänge, die freilich mitunter zu Standpunkten führen, auf denen nur der an ſchwindelnde Tiefen gewöhnte Gebirgsbauer zu arbeiten vermag. Iſt nun dieſes ingenieuſe, gefährliche und koſt ſpielige Bauwerk hergeſtellt, das in den öſtlichen Alpen, in Tirol und Steiermark„Las“ oder„Laaß“ genannt wird, ſo warten die Borratori und ihre Knechte den Winter ab. So wie der erſte feſte Froſt eintritt, eilen ſie hinauf zu ihren Holzrinnen, begießen ſie fleißig mit Waſſer, daß die Klunſen und Spalten ſich mit Eis aus⸗ füllen, und die ganze innere Fläche des Leitungskanales mit einer glatten Eisrinde überzogen wird. Oft, wenn der Föhn unvermuthet eintritt, ſchmilzt über Nacht die ganze, ſorgſam erzeugte Spiegelfläche wieder hinweg, und die Arbeit muß von Neuem wiederholt werden. Iſt nun Alles in dieſer Weiſe vorbereitet, ſo beginnt endlich der Transport. Abgehärtet, den eiſigen Winden, den wildeſten Wettern trotzend, klimmt er an den ſteilen Schneehalden empor bis zur Lagerſtätte der Blöcke. Der Winter hat ſein weißes Flockenkleid darüber geworfen, und nur undeutliche Umriſſe verrathen die Tiefvergra⸗ benen. Das erſte Geſchäft iſt nun der„portarunt, d. h. das Herbeiſchaffen des Holzes zur Gleite. Dies ge⸗ ſchieht auf verſchiedene Weiſe. Entweder, wenn der Schnee eine glatte, gefrorene Oberfläche hat, genügt es, die Blöcke in Bewegung zu ſetzen, die dann über die winterliche Rutſchbahn hinabgleiten bis zur Stelle, wo ſie auf die„Strüsone“ gebracht werden, oder ein Knecht kuppelt deren einige in Form eines Triangels aneinan⸗ der, ſetzt ſich auf die Spitze, und mit den Füßen ſteuernd fährt er herab, oder es werden, wie in den übrigen Alpen beim winterlichen Herniederſchlitten des Heues oder Holzes, kleine Schlitten benutzt. Es muß dieſe Arbeit des Herbeiſchaffens an die Bahnlinie meiſt für den Winter aufgeſpart werden, weil die Blöcke als ſchwere, rauhe Körper bei nicht mit Schnee bedecktem Boden viel mühſamer zu transportiren ſind. Soll dann die eigentliche Thalfahrt beginnen, ſo vertheilen ſich die Borratori in gemeſſenen Entfernun⸗ gen, wie die Wärter einer Eiſenbahn, längs der ganzen Sovenda als Wacht⸗Poſten in ſicheren Hinterhalt, mit langen, ſtarken Speeren bewaffnet; beſonders an ſolchen Orten ſtellen ſie ſich auf, wo in Folge der Rinnen⸗ Wendungen die hinabgleitenden Blöcke leicht in's Stocken gerathen könnten. An ſolchen Stellen haben überdies die„Eisrieſen“(ſo werden die Rinnen in Nieder⸗ Oeſterreich genannt) an der äußern Seite eine Erhö⸗ hung, um das Ausſpringen der Balken bei ihrer raſchen Bewegung zu verhindern. Jetzt werden die Holzſtämme, einer nach dem anderen, eingeworfen und, in hetzender Haſt, die Geſchwindigkeit einer Lokomotive weit über⸗ holend, ſauſt Stück für Stück hernieder, binnen wenig Minuten einen mehrere Stunden langen Weg über Abgründe zurücklegend. Es wird in der Regel ſorgfältig vermieden, krumme Stämme einzuwerfen, weil ſolche leicht Sperrungen verurſachen oder über die Rinne hin⸗ ausſpringen. Entſteht eine ſolche Störung, ſo zeigt der Borratore mit gellendem Pfiff dem nächſten Poſten die Hemmung an, und das Signal geht von Mann zu Mann, bis hinauf zur Einwurfſtelle, wo ſo lange pauſirt wird, bis die Hemmung beſeitiget iſt. Ein neues Signal gibt Ordre zur Fortſetzung. Wenn mehrere, recht trocken⸗ froſtige, klingend kalte Tage mit mondhellen Nächten auf einander folgen, ſo begegnet's, daß ohne Unterbre⸗ chung fortgearbeitet wird, um die Vortheile dieſer vor⸗ trefflich geeigneten Witterung ökonomiſch zu benutzen. Nur unter den freiwillig auferlegten, härteſten Entbeh⸗ rungen, und durch Anſtrengungen, die faſt zur Erſchö⸗ pfung führen, wird es möglich, die Arbeit ununterbrochen fortzuſetzen. Ihre Lebensweiſe während des Dienſtes iſt auffallend einfach und nüchtern; Polenta(Brei von Maismehl) und etwas Käſe bildet die ganze Nahrung. Geiſtige Getränke, um durch dieſelben ſich anzuregen, muß er gänzlich ausſchließen; denn bei dem oft ſtunden⸗ langen Stillſtehen in bedeutender Kälte möchte ihn leicht Schlaf anwandeln, wenn er Branntwein genöſſe, und der Tod des Erfrierens wäre ſein trauriges Los. Aber auch die Gefahr, durch Sturz oder plötzliches Ausgleiten ſein Leben zu verlieren, umgibt ihn ununterbrochen. Trotz der ſtachelbewaffneten Fußeiſen an den Schuhen iſt der Stand des Borratore auf übereiſter Felſenklippe oft ein höchſt unſicherer. Haben ſich Blöcke feſtgeklemmt in der Rinne, dann bedarf es nicht ſelten recht energi⸗ ſcher Kraftanſtrengung, um ſie wieder flott zu machen; der erſte, zweite, dritte Stoß wollen nicht helfen,— die Blöcke ſind in einander verkeilt, daß es größerer Gewalt bedarf, um ſie zu löſen. Der Borratore tritt auf den glatten Rand der Rinne und ſucht mit ſeiner Axt nach⸗ zuhelfen, aber die Klemmung wird nicht gehoben. Da wagt ſich der Unbeſonnene auf einen der Blöcke, — Heues dieſe iſt für te als ecktem nen, ſo fernun. ganzen lt, mit ſolchen innen⸗ Stocken herdies dieder⸗ dchen tämme, bender W AN pauſirt Signal rocken⸗ tächten tterbre⸗ er vor⸗ enutzen. Entbeh⸗ Erſchö⸗ brochen iſtes iſt ei von hrung. regen, unden⸗ leicht e, und Aber gleiten rochen. Schuhen enklippe kemmi energi⸗ achen; — die zewalt uf den nach⸗ hoben. Blölke —— Holzſchläger und Flößer. 43 um einen tieferliegenden ein wenig aufzulockern— und ſiehe, anders als er es vermuthet, geräth die ganze Ladung wieder in's Gleiten. Gelingt es ihm, ſo rettet ein augenblicklicher Rück⸗Sprung ſein Leben;— aber ach! wie Viele verloren es ſchon, indem der Sprung mißglückte, oder indem ſie von den hinabjagenden Höl⸗ zern fortgeriſſen, beſinnungslos in die Tiefe geſchleudert, elend umkamen. Es gibt wenig„Holzer“, die im Alter nicht mit erfrorenen Füßen oder ſonſt verſtümmeltem Körper umherhinken. Und nichts deſto weniger fehlt’s nie an jungem Nachwuchs, die ihr Los im Alter ken⸗ nend, dennoch dem lebensgefährlichen Berufe ſich widmen. Dort, wo der Waldhang unmittelbar ſich zu den großen Waſſerrinnen der Alpen, zu den lebendig ſtrö⸗ menden Flüſſen und kräftigen Bergbächen abſenkt, be⸗ darf es freilich keiner Bauten, um Bau⸗ und Brenn⸗ Holz weiter zu befördern; dort muß das Waſſer ſeine alten Transportdienſte verrichten. Das kommt nun zwar in allen Berg⸗Gegenden vor; aber die Alpen haben auch hier wieder ihre romantiſche und großartige Eigen⸗ thümlichkeit. Unbekümmert um den Waſſerſtand, wird Holz gefällt und in die oft halb trocken liegenden Fluß⸗ betten geworfen. Kommt Zeit, kommt Rath. Steigt nun durch Regen oder Schneeſchmelze der Bach, dann räumt er ſelbſt das ihm zur Spedition anvertraute Gut auf, und dies iſt der Moment, der neue, unbekannte Bilder komponirt. Bei Beſchreibung der Rüfe wurde gezeigt, zu welchen furchtbaren Verheerungen das Wild⸗ waſſer führen kann, wenn ſich's verſtopft und plötzlich mit Uebermacht ſich neue Wege bahnt. Wie dort der Anwohner, ſo muß jetzt der Holzflößer den Augenblick wahrnehmen und helfen, wo eine Stockung einzutreten droht. Da donnert das Waſſer, da ſchäumt es vor Wuth, Sich freien Lauf zu erkämpfen! Da ſtrudelt und wirbelt die ſtürzende Fluth In ziſchenden, ſiedenden Dämpfen. Und mitten hinein in das aufgeregte Element, wo die Wellen mit zorniger Schleuderluſt ihn umjagen, wagt ſich der Flößer mit ſeinem Haken und öffnet hier, und lenket dort, daß die viele Centner ſchweren Blöcke gaukelnd an ihm vorübertanzen. In dichten Strömen gießt der Regen herab,— ihn kümmert's nicht! Es iſt ja ſein Beruf, er kennt's nicht anders. Und zwängt der Strom ſich durch ein ſchwarzes Felſenthor, in welchem große Geſteinstrümmer den freien Ausgang verſperren, da läßt der unerſchrockene Bergbewohner an dickem Tau ſich in die grauſige Tiefe hinab, und halb ſchwe⸗ bend⸗ über den wildhetzenden Wogen, vielleicht mit einem Fuße nur ſich an die Felswand ſtemmend, ar⸗ beitet er mit raſtloſem Eifer, um ein armſelig Tagelohn zu verdienen. Beim Flößen in den durch ſtarken Fall wild ein⸗ herſtrömenden Gebirgswaſſern kommen beim Hochgang des Fluſſes auch häufig Felſenquadern mit aus den Alpen herunter, die ein Dutzend Pferde nicht würden vom Platze ſchaffen können. Dieſe verſperren begreiflich das freie Flußbett und hindern den ungeſtörten Fort⸗ gang des Holzes. In ſolchen Fällen müſſen die Flößer mit Schlägel und Meißel mitten in die Brandung des Stromes hinein und in die herabgeſchwemmten Ge⸗ birgs⸗Rudera Bohrlöcher eintreiben, um mit Pulver die unwillkommenen Gäſte zu ſprengen. Hierbei begeben ſich oft Unglücksfälle, die den Arbeitern das Leben koſten. Aber auch bei dem Flottmachen des verſchlage⸗ nen, ſich aufdämmenden Holzes, wenn die Flößer ſich an Seilen(wie erwähnt) in tiefe Schluchten hinab⸗ laſſen müſſen, werden ſie gar oft eine Beute ihres Be⸗ rufes. So war'’s am 2. Oktober 1860 der Fall. Im Schanfigg, einige Stunden von Chur(Graubünden), waren vier Flößer in der Pleſſur⸗Schlucht beſchäftigt, verſtecktes Holz in Gang zu bringen. Ein ſehr gewandter Flößer Namens Chriſtian Jäger hing wie eine webende Spinne am Seil und begann mit der Axt zu arbeiten, während die Anderen ihn hielten, als ein warnender Signal-⸗Ruf der aufgeſtellten Wache ertönte. Aber im gleichen Augenblicke praſſelte auch eine Maſſe abge⸗ bröckelten Geſteines von der Wand hernieder und be⸗ grub alle Viere in des Fluſſes Tiefe unter ſeinem Schutt. Ungleich vertheilt ſind des Lebens Güter Unter der Menſchen flücht'gem Geſchlecht; Aber die Natur, ſie iſt ewig gerecht. Schiller. Skizzen aus Peſt. (Schluß.) 10. Wein und Weinhäuſer. . IMingarn iſt nächſt Frankreich als das einträg⸗ Puue Weinland überall wohlbekannt, obſchon man ſich die Sache in roſigerem Lichte vorſtellt, als ſie wirklich iſt. Man bilde ſich z. B. nicht ein, Tokayer im Auslande trinken zu können, denn den kennen wir in Ungarn auch nur dem Namen nach. Die Tokayer Weinberge bedecken zwar einen Raum von zwölf Quadratmeilen, aber die⸗ jenigen, welche den echten Tokayer tragen, ſind Eigen⸗ thum der Magnaten und geiſtlichen Würdenträger, welche nur an ihres Gleichen gewiſſe Quantitäten ab⸗ laſſen. Nur wer einen herrſchaftlichen Kellermeiſter kennt, erhält für zwei bis drei Dukaten ein niedliches Fläſch⸗ chen Tokayer, welcher freilich auch wie Balſam wirkt, wie Oel fließt und ein eigenthümliches Feuer hat, das den ganzen Körper angenehm erwärmt. Im Lande hier genießt man ihn als Medicin, trinkt überhaupt die edlen Weine, zu denen auch der zimmtbraune Meneſcher gehört, aus kleinen Liqueurgläschen, die Tiſchweine aus Biergläſern, aber ſtets mit Waſſer vermiſcht, da ſie Hitze verurſachen. Ungarn erzeugt 20— 30 Millionen Eimer Wein, Frankreich 50— 70 Millionen; aber dieſes verbraucht im Lande nur 5—7 Millionen Eimer, Ungarn verkauft 6* 3 5 2 5 44 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. nur 3— 5 Millionen Eimer. Die ganze Donau hinab, auf den Vorhöhen der Karpathen und des Bakonyer, an den Seeufern, an der Theiß und Maroſch, ſelbſt in ſandiger Ebene, wie bei Keczkemet, Debreczin, im Stein⸗ bruch bei Peſt und im Banat gedeiht der Wein, am trefflichſten auf vulkaniſchem Boden, wie ihn Tokay in der Hedjalja(hegyallya) und das Vesprimer Komitat im Schomljo(Somlyo) beſitzt. An Feuer und Kraft übertrifft der Ungarwein den franzöſiſchen, und rothen Ofener kann man ſehr wohl neben Burgunder ſtellen. Aber während der Franzoſe ſeinen Wein ſorgſam be⸗ handelt, vernachläſſigt der Ungar die chemiſche Kultur ganz. Man trinkt daher überall ſchlechten Wein, da das Miſchen arg getrieben wird. Man rühmt es dem Wein⸗ händler Jalics nach, daß er allein in Peſt reinen, echten Wein verkauft. Peſt erzeugt in guten Jahren 50.000 Eimer Steinbruch, Ofen 200.000 Eimer. Die Wein⸗ gärten gehören Kapitaliſten, ſo daß die Winzer, wie überall, ein kärgliches Leben führen. Man zieht die Rebe an Stäben und ſchneidet ſie im Herbſt alljährlich über dem Wurzelknollen ab. Das Jäten und Hacken der Weingärten, in denen zugleich Obſtbäume, beſonders Aprikoſen, Pfirſiche und Kirſchen gezogen werden, macht viel Arbeit. Millionen von Grillen leben in den Wein⸗ gebirgen, die ſich ſtundenweit ausdehnen, ſo daß es an Sommertagen bis in die Nacht hinein ſchwirrt und klingt von den zahlloſen Thierchen. Tief eingeriſſene Schluchten ziehen ſich wie Runzeln die Berge hinab, umblüht von üppigem, duftigem Gebüſch. Wein iſt der einzige billige Artikel im Lande, denn Bier und Kaffee ſind theurer. Der gemeine Mann trinkt daher nur Wein und ißt dazu ein Stück trockenes Brod, wenn er es nicht mit Salz würzt. In manchen Gaſſen iſt jedes vierte, fünfte Haus eine Weinſchenke, kenntlich am verdorrten Wachholderbuſch oder am Büſchel langer Lockenſpäne, die als Aushängeſchild dienen. Wer für eine anſtändige Perſon gelten will, beſucht keine Wein⸗ ſchenke, ſondern trinkt im Bierhaus oder Hötel ſchlechten theuren Wein. Merkwürdig iſt, daß es in Peſt und Ofen kein anſtändiges Wirthshaus gibt, ſondern nur Bier⸗ häuſer, die Weinſchenken ſind ſchmutzige, finſtere Räume, um den rohen unlackirten Holztiſch ſtehen hochbeinige ſchmale Stühle mit Strohſitz, denn nur Arbeiter und kleine Meiſter kehren hier ein. Man trinkt den Wein aus Biergläſern und verlangt ein Seidel, welches etwa ſoviel enthält, als drei kleine Weingläſer. Es werden aber auch halbe Seidel gegeben. In den Bier⸗ häuſern iſt das Eſſen die Hauptſache, auch in einigen Weinhäuſern erhält man kalte Küche, in den meiſten aber nur ein Stück Brod, dazu Wurſt oder Käſe, Butter ausnahmsweiſe. An Sonn⸗ und Feſttagen kommen Familien, das Abendbrod in Tragtaſchen, und verzehren es zum Wein. Das hat für manchen Gaſt ſein Uebles, denn der gemeine Mann weiß mit Meſſer und Gabel nicht recht umzugehen und verläßt ſich lieber auf die Finger, und da er beim Kauen den ganzen Mund öffnet, ſo entſteht ein ekelhaftes Schmatzen und zugleich öffnet ſich eine unappetitliche Perſpektive auf den Zermalmungs⸗ proceß des offenen Mundes. Auch iſt die Situation beim Eſſen eben nicht maleriſch. Der Eſſende ſtützt ſich mit beiden Ellbogen auf, nimmt Meſſer und Gabel in die volle Fauſt, die innere Hand dem Geſicht zugekehrt, zerlegt auf dieſe Weiſe, dreht die Hand mit der Gabel etwas, ſo daß deren Spitze ſich etwas hebt, fährt dann mit dem Kopfe nieder und ſchnappt den Biſſen einige Zoll über dem Teller weg. Raucht er, ſo ſpeit er alle vier bis fünf Sekunden rechts und links um ſich herum, daß Einem der Appetit vergeht. Die Mehrzahl der Arbeiter und Bauern lebt von Wein, Speck und Brod, Geſang oder lautes Geſpräch hört man ſelten, ſelbſt Trunkene findet man wenig. Häufig hört man im Weinhauſe mehrere Sprachen, mitunter zwei oder drei an einem Tiſche. In den Häu⸗ ſern der Kaufleute und vornehmen Perſonen wird wenig Wein getrunken und eine geſellige Unterhaltung beim Glaſe Wein iſt ein unbekanntes Ding, denn nur bei Tiſche wird Wein vorgeſetzt. 11. Die Tyrannen Peſts. Ungarn rühmt ſich mit Recht, die perſönliche Frei⸗ heit im weiteſten Umfange ſtaatsrechtlich zu beſitzen, weßhalb es ſich auch gegen die engbemeſſene Konſtitution des Geſammtreiches ſträubt. Dieſe Autonomie kommt aber auch jenen Volksklaſſen zu Gute, welche davon einen böſen Gebrauch machen und ſich weder durch Stockſchläge noch Standrecht abhalten laſſen. Noch iſt die Romantik der„armen Burſchen“, wie man euphe⸗ miſtiſch die Betyaren oder Straßenräuber nennt, nicht ausgeſtorben, da die unabſehbaren Pußten meilenweit den metallblinkenden Helm der Gendarmen erblicken laſſen und ein Verſteck in dem Schilfgebüſch, den Fur⸗ chen, Getreideſchobern und den einzelnen im Felde lie⸗ genden Meiereien(Tanyas, ſprich Tanjas) leicht gefun⸗ den iſt. Man hört häufig von Mordthaten; Diebſtähle ſind etwas Alltägliches. In den Vorſtädten Peſts, ſelbſt auf offener Straße in belebten Stadttheilen wird man angefallen, und der Börſe und des Stocks entledigt; vor den Thoren iſt es des Abends ſtets unſicher. Von Taſchendieben ſcheint Peſt zu wimmeln, ſo daß ſelbſt der Stadthauptmann klagte, mit der vorhandenen Mann⸗ ſchaft an Trabanten und Panduren nicht mehr aus⸗ kommen zu können, indem das Volk durch das letzte Regierungsſyſtem demoraliſirt ſei. Dieſe Behauptung wäre kein gutes Zeugniß für Ungarns moraliſche Kraft, indem zwölf Jahre hinreichten, es zu entſittlichen. Der Grund dieſer Demoraliſation liegt vielmehr in der großen Genußſucht und Arbeitsſcheu der untern Klaſſen der Be⸗ völkerung. Ungarn war förmlich berüchtigt wegen der beiſpielloſen Billigkeit ſeiner Lebensmittel; aber die Re⸗ volution und die neuen Regierungsſyſteme haben den Wohlſtand des Landes untergraben, ſo daß Peſt jetzt zu den theuerſten Städten des Kontinents gehört. Nun will man aber das gewohnte Leben fortführen und ſucht das Fehlende durch Betrügerei und Diebſtahl zu erſetzen, denen man überall ausgeſetzt iſt. Auch ſammeln ſich j⸗ der großen Handelsſtadt Gauner und Abenteurer gekehrt Gabel rt dann 1 einige er alle herum, lebt von Geſpräch wenig. prachen, en Häu⸗ dwenig ag beim nur h tbei iche Frei⸗ beſitzen, ſijt Itutlon Von iß ſelbſt Mann hr aus⸗ Menge, welche die öffentliche Sicherheit gefährden. Aber dies ſind nicht die Tyrannen, indem man ſich durch Eiſengittern vor den Fenſtern, große Hunde und zeitigen Schluß des Hausthores ſichert. Es ſind dies vielmehr die Dienſtleute und Hauseigenthümer. In Peſt ſind die Wohnungen im Allgemeinen ele⸗ gant, luftig und ſolid, aber auch übermäßig theuer. Die Hausherren vermiethen nur den Raum, das Zurechtma⸗ chen, Malen, Bohnen ꝛc. iſt Sache der Miether; dieſe müſſen beim Ausziehen alles Schadhafte erſetzen, ſei es ein geſprungener Ofen zerbrochene Küchenfließen, abge⸗ nutzte Dielen und Schlöſſer. Ihnen iſt die ganze Erhal⸗ tung der Wohnungen als Pflicht überwieſen. Trotzdem pflegt der Hausherr von Zeit zu Zeit den Miethzins beträchtlich zu ſteigern. Um geſichert zu ſein, läßt man ſich das Verſprechen geben, weitere Steigerung zu unter⸗ laſſen. Der Wirth verſpricht dies, kündigt aber bald die Wohnung, denn er hat ſie um höhern Zins ver⸗ miethet, und man hat von Glück zu ſagen, wenn man gegen Erlegung des Mehrbetrages ſich von den Koſten des Umzugs und der Herrichtung der neuen Wohnung loskaufen kann. In keinem der hieſigen Blätter findet man Wohnungsanzeigen, ſondern man muß, wenn man eine neue Wohnung ſucht, von Haus zu Haus gehen, um an den Thoren die ausgehängten Wohnungsanzeigen zu leſen. Zur Zeit der Wohnungskündigung gibt es daher ein Hetzen und Rennen in den Straßen nach Wohnungen, welches ſehr viel Zeit koſtet. Große Häuſer ſtehen unter der Aufſicht von Haus⸗ meiſtern, welche freie Wohnung haben, Treppen, Höfe und Straße in Ordnung halten und im Namen der Hausherren mit den Miethsparteien verkehren. Sie ſchließen und öffnen zu einer beſtimmten Zeit das Haus, und wer außer derſelben herein oder heraus will, muß Sperrgeld(einen Neugroſchen) zahlen. Da nun ihre Uhr des Abends ſtets vorgeht, ſo wird das Aufmachen für die Einwohner koſtſpielig. Denn will man ſich Ver⸗ drießlichkeiten erſparen, ſo muß man dem Hausminiſter gute Trinkgelder zahlen, auch zum Neujahr nicht unter fünf Gulden geben, und wenn er den Miethzins ab⸗ holt, verlangt er auch noch ein Trinkgeld. Ueberhaupt iſt das Trinkgeldfordern Sitte; nicht nur jeder Kellner beanſprucht es für eine Taſſe Kaffee oder ein Glas Bier, ſondern auch zu Neujahr ſtellen ſich noch Brief⸗ träger, Lehrjungen und ſonſtige Leute, denen man ein⸗ mal eine Arbeit übertrug, zum Gratuliren ein, ſo daß einige Großhändler über 1000 Gulden brauchen, um alle Hände zu füllen, alle Beamtenfedern zu ſchmieren und ſich von Scherereien loszukaufen. Die ärgſten Tyrannen Peſts ſind aber die Dienſt⸗ boten. Nirgends ſind ſie anſpruchsvoller, gröber, träger und kecker als in Peſt, ſo daß man den Dienſtboten vieder Dienſtboten halten muß. Wo es ihnen nicht ge⸗ fällt, laufen ſie ohne Weiteres davon, denn ein gutes Zeugniß darf man ihnen nur dann verſagen, wenn man ſie wegen Diebſtahls angeklagt hat, den ſie häufig begehen. Haben Sie Kinder? fragt das Dienſtmädchen. — Ja.— Dann danke ich ſchön.— Wie viel Treppen hoch wohnen Sie? fragt die Zweite.— Drei Stiegen! Skizzen aus Peſt. 45 — So hoch kann ich nicht ſteigen.— Waſſer, Holz und Marktwaaren müſſen Sie tragen laſſen, ſagt die Dritte, auch beſucht mich Abends mein Geliebter, mit dem ich alle Sonntage zu Tanze gehe! Die Herrſchaft willigt gern ein, denn ſie weiß,eine iſt wie die andere. Tadel vertragen nur wenige dieſer Dirnen, und hat einmal eine keine Luſt, irgend etwas zu machen, ſo erklärt ſie: das thue ich nicht, befehlen laſſe ich mir nichts! Will man ihre Unterſchleife nicht dulden, ſo geht ſie aus dem Dienſt der„lumpigen Herrſchaft“. Allgemein iſt daher die Klage über die Unverſchämtheit und Faulheit der Dienſtboten. Die Geſellſchaft der fahrenden Ritter, der Betyaren, beſucht reiche Leute mitten auf Marktplätzen, kommt zu Roß und Wagen, fordert Lebensmittel, Geld und Wein, droht mit geladenem Gewehr, erhält das Verlangte und zieht wieder ab. Knechte und Hirten ſind ihre Bundesgenoſſen. Pferde, Schweine u. ſ. w. betrachten ſie als Gemeingut der Menſchheit, und wer ſie anzeigt oder verräth, dem ſchwören ſie Tod und Brandlegung, denn ihr Geheimbund reicht über das ganze Land. Der Gutsbeſitzer kauft ſich los und wagt es nicht, Hirten deßhalb fortzujagen, weil ſie mit den Betyaren im Ein⸗ verſtändniß ſind. 12. Ein Gang an der Donau entlang. Will man die Kehrſeite von dem glänzenden Lupusleben in Peſt kennen lernen, ſo muß man die Donauzeile entlang gehen, freilich eine Strecke von einer ſtarken Stunde, obſchon man auch dann noch lange nicht die beiden Enden der Stadt erreicht hat, und doch iſt Ofen noch länger. Dieſes zieht ſich am ſchmalen Donauufer hin, wo Kehricht⸗ und Düngerhaufen ab⸗ geladen werden. Oft iſt nur zu einer Reihe Häuſer Raum geweſen, und am Blocksberg ſind Ställe und Kammern in den Fels hineingeſchoben. Hier und da ſchlüpft ein Straßenzipfel in eine Thalſpalte hinein oder ſammelt ſich in einem breiteren Keſſel eine größere Gruppe wirr und dorfartig durcheinander liegender Häuslein an, aus denen hier und da ein plumpes Kirchendach und ſchwerfällige Thürme ſich erheben. Das Straßenpflaſter dieſer Haupt⸗ und Reſidenzſtadt iſt halsbrechend, in vielen Nebengaſſen voll Löcher, Pfützen, Tümpel und Düngerhaufen, zuletzt verſchwindet es ganz. Doch wandern wir vom Salzamt, dem Blocksberg gegenüber, die Donau aufwärts, wobei wir tauſend reizende Ausſichten auf Ofen und ſeine vielgeſtaltigen Gebirge vor Augen haben. Eine Stunde lang liegen Fahrzeuge und Flöße aller Art am Ufer, die aus auf⸗ geſchüttetem Kehricht und Lohe beſtehen. Auf den Flößen halten Weiber Wäſche, Sackträger laufen ſchwerbeladen in treppenloſen Stiegen auf und nieder. Schwerfällige Schiffe ſind mit Millionen von Töpferwaaren beladen, die am Ufer zu hohen Wällen aufgeſchichtet werden. Getreideſchiffe mit breitem Bauch und ſchindelngedecktem⸗ Dach kommen aus dem Banat, gewaltige Dampfer von 46 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Galacz, hochbordige Schiffe mit Lattenverſchlägen brin⸗ gen Schweine aus Serbien und der Walachei, Ueber⸗ fahrtsboote ſchießen behend von Peſt nach Ofen und zurück, in den zahlreichen Weinſchenken lärmt es und ſpielen zerlumpte Zigeuner den Rackoczy, auf dem Stein⸗ pflaſter der ſchönen Trottoirs liegen Schlafende. Weiter hinauf kommen wir an den Bauernmarkt, (Jagdrechte aus vor den Augen des Publikums. Da⸗ da ſtehen Wagen neben und hinter Wagen. Die Pferde freſſen, der Knecht ſchläft, und vom Wagen herab ver⸗ kauft der Bauer Brod, Gemüſe, Obſt, Hühner, Enten und Truthühner. Wie Kanonenkugeln liegen Tauſende von Melonen aufgehäuft, Zwiebeln auf Laken ausge⸗ breitet, und dazwiſchen ſtehen Naſchbuden, Kleinhändler mit Band, Pfeifenköpfen und Spielwaaren, Obſthänd⸗ lerinnen, Garköche, und um dieſe Aktoren herum ſchiebt und treibt ſich eine bunte Volksmenge. Denn hier gibt es faſt einen ſtehenden Jahrmarkt. Hat der Bauer nicht alles verkauft, ſo ſchlägt er auf oder unter dem Wagen ſein Nachtlager auf, um den Verkauf am andern Tage fortzuſetzen. Noch tumultuariſcher geht es am Donau⸗ ufer zu, wo die Obſtſchiffe von Waitzen herab landen. Da ſitzt auf dem Dache des Schiffes ein halbes Dorf, erwartet von tauſend Käufern. Welches Schreien und Schelten, wenn die Bauern ausladen und die Speku⸗ lanten große Maſſen ankaufen wollen, wogegen das übrige Publikum proteſtirt. Denn als Südländer kann Käufer und Verkäufer ohne Lärmen und Schelten nicht fertig werden. Von dem höheren Ufer herab kann man dieſem Treiben, dieſer Welt im Kleinen, ſtundenlang zuſehen und wird immer neue Scenen bemerken. Von hier ab beginnen die Landungsplätze der Dampfſchifffahrtsgeſellſchaft und die Quais der Kauf⸗ leute. Ein großer Platz trennt ſie von der Häuſerreihe, und an dem letzten großen Hauſe hören Pflaſter und Civiliſation auf; ſchon der Platz und die unmittelbaren Donauufer ſind ungepflaſtert und unendlich ſtaubig, nach jedem Regen und der Schneeſchmelze von zoll⸗ hohem Koth bedeckt. Iſt man weiter hinauf an einigen Holzniederlagen und der Marine vorüber, ſo beginnen die Region der Flöſſe und die Lager der Holzhändler, die ſich faſt eine halbe Stunde lang am Ufer hinauf⸗ ziehen. An dieſem wechſeln Bretterzäune mit kleinen Häuschen, und in dieſer Gegend entwickelt der Slovake ſein Nomadenleben. Am Uferabhange ſieht man kleine Bretterbuden, gerade groß genug, daß man hineintreten und ſich legen kann. Hier, in Holzſchuppen, wohnen Slovakenfamilien, welche Thürme von Birkenbeſen auf⸗ geſpeichert haben, die ſie hauſiren tragen, oder von niedriger Handarbeit leben. Was Niemand thun will, das verrichtet der Slovak. In ſeiner Hütte bewahrt er Weib, Kinder und Beſitzthum, nämlich ein Lager aus Hobelſpänen, eine Holzkiſte und einige Kochtöpfe. Gekocht wird vor der Bude, gegeſſen mit hölzernen Löffeln aus dem Topf. Diogenes könnte ſich nicht einfacher einrichten als der genügſame Slovake. An Sonntagen waſchen Männer und Frauen, beſſern Kleider aus, ſchmieren zwiſchen laufen ganz⸗ oder halbnackte Kinder umher, ſingt eine Gruppe unter Leitung eines Vorſängers fromme Lieder, andere ſpielen auf einer dünnbeſaiteten Geige, den Abend aber bringt man in der Branntwein⸗ ſchenke zu, wo man dichtgedrängt ſteht oder auch ſitzt, ſingt, lärmt und trunken zur Schlafſtelle taumelt. Da in der Nähe eine Dampfmaſchine heißes Waſſer in einem Kanal zur Donau leitet, ſo iſt deſſen Mündung zum Waſchplatz auserſehen, und im Kanale ſelbſt ſollen Slovaken den Winter zubringen, da es dort recht hübſch warm iſt. Andere Slovaken haben ſich im Winkel der Pferdeſtälle, Remiſen und Böden eine Schlafſtelle ge⸗ miethet, d. h. ſie zahlen nichts, ſondern leiſten dafür dem Hausmeiſter Dienſte, tragen den Herrſchaften im Hauſe Holz und Waſſer zu und vertreten die Stelle der Kobolde. Allgemein rühmt man dem Slovaken Arbeits⸗ luſt, Ehrlichkeit und Genügſamkeit nach; trotzdem be⸗ handelt ihn der Ungar verächtlich und Slovake iſt ein Schimpfwort. Er iſt der Paria, den Jeder ſchlagen, ſchelten und verachten darf. 13. Bäder und Wallfahrten. Zu den Volksvergnügungen gehören der Gebrauch der warmen Bäder und Theilnahme an der Wallfahrt nach Maria Einſiedel, einige Stunden von Peſt in einem Walde gelegen. Ofen beſitzt mehrere heiße Bäder, welche ſchon von den Römern, noch mehr aber von den Türken zur Zeit ihrer Herrſchaft benutzt wurden. Zwar befinden ſich im Sommer ſchwimmende Bade⸗ anſtalten auf der Donau, aber dieſe ſind theuer, und für den gemeinen Mann iſt das warme billige Bad am Schluß der Woche ein beliebtes Reinigungsmittel. In jedem großen Bade befindet ſich in einem dämmerigen, dunſterfüllten Gewölbe ein viereckiges Baſſin als allge⸗ meines Bad, welches ohne Unterſchied dem Publikum gegen eine Kleinigkeit zum Gebrauch offen ſteht und wo es ziemlich bunt und ungenirt hergeht. Badegäſte benutzen abgeſonderte Badezimmer. Die Wallfahrt nach Maria Einſiedel fällt in den Spätſommer und iſt für Tauſende ein heiteres Feſt, welches mit Tanz und oft mit Prügelei gefeiert wird. Die eigentliche Proceſſion bricht früh auf, die Zuſchauer etwas ſpäter; Fiaker reichen für dieſen Tag nicht aus, daher halten Bauern mit Leiterwagen, um ſchlechte Fußgänger fortzuſchaffen. Den ganzen Weg entlang ſtehen Bettler, Betende und Verkrüppelte, von denen einer entſetzlicher verſtümmelt iſt als der andere, und die aus dem Betteln auf Wallfahrten einen Broderwerb machen. Ja das Volk behauptet, ſie würden in der Ju⸗ gend abſichtlich verſtümmelt. Da ſieht man dieſe Unglück⸗ lichen ohne Arme, ohne Hände, ohne Füße, ja ohne Füße und-Arme; mit großem Geſchrei rufen ſie ſchon von weitem das Mitleid an, halten den Kommenden ihre Arm⸗ und Fußſtummel entgegen und wälzen ſich an das lange Haar tüchtig mit Fett, ſitzen auf den Holz- der Erde, daß man ſich entſetzen könnte über o' ſtämmen in brüderlicher Eintracht und üben gewiſſe! das Elend. er wein⸗ ch ſitzt, t. Da einem g zum ſollen hübſch kkel der lle ge⸗ dafür ten im lle der rbeits⸗ im be⸗ iſt ein Maen, K M Bäder, der bon vurden. Bade⸗ er, und Bad am ttel. In merigen, ls allge⸗ ublikum eht und adegäſte in den es Feſt, tt wird. uſchauer icht aus, ſchlechte entlong on denen dere, und oderwelb der Ju⸗ Ungü- hne Füße hon von den ihre ſcch ar über o Die Tataren der Dobrudſcha. 47 Während die Proceſſion im Waldkirchlein ſingt und betet, wogt durch die Budenveihen vor und um dieſelbe ein geräuſchvolles Jahrmarktsgetümmel. Da kann man kaufen, was man wünſcht, Schmuck, Kleider, Naſch⸗ und Spielwaaren, Wein, Wurſt, Brod, Gläſer, Flaſchen und Waſſer; die Bauern halten in großen Fäſſern Wein und Waſſer, Bier und Branntwein feil. Unter den Bäumen lagern eſſende, trinkende, ſingende und ſcherzende Gruppen, Drehorgeln ziehen von Gruppe zu Gruppe, Bettler halten Nachleſe, Gaukler zeigen Kunſtſtücke. Das eigentliche Feſtleben aber entfaltet ſich in den Wirthshäuſern, welche näher an Peſt liegen, beſonders auf der Wieſe des Leopoldifeldes, wo Tauſende ſich durch⸗ einander drängen, im Graſe lagern, tanzen, ſpielen, oder ſich am Zuſchauen vergnügen; Zigeunerbanden ſpielen und laden ſich hier und da zu Gaſt, denn ſie ſind an jedem Tiſche willkommen, Tauſende ſtrömen ab und zu, wogen in den Baumgängen auf und nieder, Wirth und Kellner ſind betäubt von dem Lärm und Trubel, werden betrogen und betrügen, um den Schaden einzubringen, Hauſirer aller Art durchſtreifen die Reihen der Liſche, Lotterieſpiele werden arrangirt, Händel brechen aus und werden geſchlichtet, und dieſes Treiben dauert bis in den ſpäten Abend hinein. Hier in dem ſonnigen Süden lebt der Menſch gern im Freien, iſt heiter und guter Dinge, da ihm ſo viele Herrlichkeiten zuwachſen, um welche der Landesbewohner von anderen Völkern beneidet wird. Aber allgemein hört man die Klage, daß die frühere Heiterkeit und Lebens⸗ nuſt, Geſelligkeit und Offenheit verſchwunden ſind. (Eur.) Die Tataren der Dobrudſcha. Hie Auswanderung der muhammedaniſchen Tata⸗ ren aus der Krim iſt gegenwärtig eine vollendete 20 Thatſache. Sie war bekanntlich eine Folge des letzten orientaliſchen Krieges. Bei ihrem Ein⸗ marſch in die Krim hatten die Führer des fran⸗ zöſiſch-⸗engliſchen Heeres einen Aufruf an die Tataren erlaſſen, ſich ihnen anzuſchließen, und dies war denn auch allgemein geſchehen. Beim Friedensſchluſſe hatte man ſich dieſer Bundesgenoſſen annehmen müſſen und ihnen Freiheit der Auswanderung ausbedungen. Viele waren noch während der Belagerung von Seba⸗ ſtopol fortgezogen, die übrigen folgten im Laufe der nächſten Jahre. Ihren Höhenpunkt erreichte dieſe Wan⸗ derung eines ganzes Volkes im vorigen Sommer. Die Ruſſen berechnen die Zahl der Tataren, die 1860 in ihre neuen Wohnſitze überſiedelten, auf 230.000 Köpfe. Allein im Hafen Eupatoria ſchifften ſich 81.000 Män⸗ ier, Frauen und Kinder ein und nahmen 13.700 Rin⸗ wer, Pferde, Kameele und Schafe mit an Bord.„Volks⸗ — ſſſen,“ ſchreint ein Augenzeuge, deſſen Bericht die hoch wor⸗ it„Unſere Tage“ aufgenom⸗ frinner. 4 men hat,„welche auf Nimmerwiederſehen ihre Geburts⸗ ſtätten verließen und einem ungewiſſen Schickſal in der Ferne entgegengingen, zogen von allen Seiten durch die Thore der Stadt; ſie erſchienen mit allerlei Arten von Transportmitteln und Zugvieh. So drängten ſie ſich durch die engen Straßen von Eupatoria dem Hafen zu. Dieſe Karawanen zeigten eine ganze Bevölkerung in Bewegung, wie ſie alle Habe der häuslichen Einrich⸗ tung, ihr Ackergeräth, ihre Vorräthe, ihr Geflügel, das nöthige Zugvieh u. ſ. w. mitnahmen. Mit einem Worte, es war wie zu den Zeiten der Erzväter.“ Der kleine Reſt der Tataren, der im vorigen Sommer wegen Mangels an Schiffen zurückbleiben mußte, hat in dieſem Frühling die Heimat auch verlaſſen. Rußland iſt durch dieſe Auswanderung um 321.000 Men⸗ ſchen ärmer, die Türkei um eben ſo viele reicher ge⸗ worden. Die Dobrudſcha, in der die fortgezogenen Tataren jetzt wohnen, iſt nicht die Wüſte, für die ſie ſeit dem hirnloſen und darum ſchrecklich verunglückten Zuge des Generals Espinaſſe in der erſten Zeit des orientaliſchen Krieges gilt. Sie iſt verwahrloſt, enthält aber frucht⸗ bare Gefilde genug, denen nur die fleißige Hand des Menſchen fehlt. Ob die Tataren die rechten Leute für die Urbarmachung eines ſolchen Gebietes ſeien, möchten wir bezweifeln. Eine auf eigener Anſchauung beruhende Charakteriſtik dieſes Volksſtammes, die wir in dem zweiten Bande von Wutzers„Reiſe in den Orient Curopa's und einen Theil Weſtaſiens“(Elberfeld, in der Bädeker'ſchen Buch⸗ und Kunſthandlung) finden, beſtätigt die ungünſtigen Urtheile, welche frühere Schrift⸗ ſteller über die Tataren gefällt haben. Der Verfaſſer, deſſen gediegenes Werk die weiteſte Verbreitung ver⸗ dient und in den Händen eines Jeden ſein ſollte, dem es um eine genaue Kenntniß der wirklichen Zuſtände des Orients zu thun iſt, verkehrte mit den Tataren längere Zeit. Was er über ſie ſagt, theilen wir in dem Folgenden mit. Die Tataren bilden in der Gegenwart einen Menſchenſtamm, in welchem häßliche Körperformen die ſeltenere Ausnahme machen. Sie ſind meiſtens hoch und ſchlank gewachſen. In ihrer Haltung zeigt ſich eine Art von Selbſtbewußtſein, die auf Ueberſchätzung ihrer eigenen Perſon hindeutet. Ein großes, ſchwarzes Auge, eine lange, ſchwach gebogene Naſe, ſtarker Bart an der Oberlippe, glattes Kinn, bilden eine vortheilhafte äu⸗ ßere Erſcheinung. Aber der Tatar iſt unreinlich und unordentlich. Ein tatariſches Dorf läßt ſich von ferne her durch den Geruch erkennen. Die Fortſchaffung von Thierleichen, die auf der Straße herumliegen, wird den Hunden und Raubthieren überlaſſen. Die Trägheit der Tataren iſt in Rußland ſprich⸗ wörtlich. Sie ſind unſäglich faul. Der arme Tatar arbeitet nie für Tagelohn. Leibeigenſchaft exiſtirt bei den ruſſiſchen Tataren nicht. Außer den vorgeſchrie⸗ benen Gebeten in der Moſchee beſorgen ſie nur den Viehſtand. Bodenkultur liegt ihnen ſehr fern. Die Steppe gewährt Viehfutter ohne ſie. Getreide, Reis, Tabak und Kleider kaufen ſie wohlfeil. Sie ſind alſo 48 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. von der Urzeit her ein Hirtenvolk geblieben, obgleich ſie doch längſt ſchon die herumziehende Lebensweiſe mit feſten Anſiedelungen vertauſcht haben. Dem Schul⸗ unterrichte ſind ſie bis jetzt ſehr abhold geweſen. Fürſt Woronzoff hatte in Baktſchi⸗Serai ein tatariſches Schul⸗ lehrer⸗Seminar anlegen laſſen, jedoch mit ſehr gerin⸗ gem Erfolge. Man würde ſie zur Schule zwingen müſſen. Ebenſo wie der Schule, ſind ſie auch jeder Neuerung entgegen. Die Kleidung der Männer beſteht in einer Jacke mit langen Aermeln und einer kurzen Hoſe, entweder aus Kameelhaartuch oder Seide mit lebhaften Farben, gelbledernen Strümpfen und ſchwarzen oder rothen Lederſchuhen. Die Mädchen ſind vom zehnten Jahre an mit einem weißen Tuche verſchleiert, welches nur das rechte Auge freiläßt. Sie tragen das Haar in langen Flechten; junge Weiber und Mädchen färben ſie roth, alte zeigen ſie dunkelbraun oder ſchwarz; dasſelbe geſchieht mit den Nägeln. Vom vierzehnten Jahre ab ſtrebt man das junge Mädchen zu verheiraten oder— zu verhandeln. Sie darf das Geſicht von da ab nur Weibern, etwa Tanten und Baſen, ſpäter dem Gatten zeigen. Sie tragen oft rothe Käppchen, mit Treſſen beſetzt, auf dem Kopfe. Die Frauen tragen ärmelloſe Jacken und weit⸗ faltige Beinkleider mit treſſenbeſetztem Gürtel. Sie zeichnen ſich durch große, ſchwarze Augen und kleine Füße vortheilhaft aus. Letztere ſtecken in gelbledernen Strümpfen. Amulets werden von Allen am Halſe getra⸗ gen. Tabak wird von Männern, Frauen und Kindern, ſobald dieſe ihn ertragen können, faſt ununterbrochen geraucht. Ihr Vieh behandeln die Tataren milde; ſie ſchla⸗ gen es nicht, ſtrengen es auch nicht übermäßig an. Ich begegnete langen Zügen von Wagen, die durch Ochſen gezogen wurden. Ihre tatariſchen Begleiter ſchritten mit unverwüſtlicher Ruhe nebenher, ohne die langſamen Thiere auf irgend eine Weiſe anzutreiben; ſchon das abſcheuliche Knarren der Räder auf Achſen, die niemals geſchmiert werden, würde mich haben zur Verzweiflung bringen können.— Ihre Kinder füttern ſie mit Waſſermelonen und kaltem Hammelfleiſch auf, ſobald ſie zu kauen im Stande ſind. Ihre Häuſer legen ſie gern am Abhange von Höhenzügen ſo an, daß die hintere Wand vom Berge ſelbſt gebildet wird und man alſo nur drei Wände zu bauen braucht. Das flache Dach verſtehen ſie für den Regen undurchdringlich zu machen. Auf ihm verſam⸗ melt ſich die Familie und dort werden die Früchte ge⸗ trocknet. Die meiſten Tataren leben vom Handel mit Vieh und Häuten. Ihre Schafspelze ſind ſelbſt in Deutſch⸗ land unter dem Namen der Baranken allgemein be⸗ Die Tataren leben unter einander ſehr friedlich und verträglich. Von Streit, Zank, Trunkſucht, Ehe⸗ bruch hört man unter ihnen niemals; auch betrügen ſie nicht. Abgaben bezahlen ſie pünktlich. Gaſtfrei ſind ſie nur gegen Glaubensgenoſſen. Mit Schiff⸗ fahrt befaſſen ſie ſich nicht.— Sie beherrſchten ehe⸗ dem Südrußland und die Krim. In letzterer waren ſie bis vor Kurzem der überwiegend vertretene Stamm. Die tatariſchen Hunde bilden eine nicht zu unter⸗ ſchätzende Macht. Sie ſind ſo groß wie ein ausge⸗ wachſener Neufoundländer, zeigen ein ſchmutzig grau oder röthliches, langes, zottiges Haar, ſpitzige Schnauze, kleine Augen, ſcharfes Gebiß, verbunden mit einem kräftigen Baue.— In jedem tatariſchen Dorfe ſind ſie häufig, beſonders nach Untergang der Sonne, denn am Tage jagen ſie in der Steppe nach Kaninchen und Haſen.— Der Wohnung ihres Herrn ſind ſie treu, nicht aber ihm ſelbſt(alſo wie in der Türkei). Stets mürrich, können dieſe Hunde dem Reiſenden eben ſo gefährlich als dem Wolfe werden. Die zähe Ausdauer der Tataren bei ihrem Hirten⸗ leben, ſo wie ihr angeborner Widerwille gegen jede Veredelung durch geiſtige Kultur, laſſen nicht anneh⸗ men, daß ſie berufen ſein könnten, dereinſt wieder eine hervorragende Rolle unter den Völkern zu ſpielen. Wo dies in früher Zeit geſchah, als ſie zuerſt von den Hoch⸗ ebenen Aſiens herabſtiegen, verdankten ſie die Erfolge ſtets nur der erdrückenden Gewalt ihrer unzählbaren Schwärme, die gleich Heuſchrecken vor ſich her, gleichſam durch das Gewicht der Maſſe, alles Lebende verzehrten, zerſtörten, oder ſich dienſtbar machten. Der einzige Weg zu ihrer Erhebung würde durch die Schule gehen müſſen, zu der ſie durch Gewaltmaßregeln heranzutrei⸗ ben wären. An dergleichen iſt im Orient nicht wohl zu denken, ſo lange es dort zahlreiche Stämme gibt, die für den Unterricht im hohen Grade dankbar ſein wür⸗ kannt. Dieſe werden von neugebornen oder ungebornen Schafen entnommen. Im Handel ſchlägt der Tatar nie vor, ſondern bleibt, wie der Türke, bei ſeinem Preiſe. den, wenn man ihnen denſelben ſchaffen wollte. Hinter dieſen werden die Tataren von Rechts wegen zurück⸗ ſtehen müſſen, obgleich ſich ihre Sprache in mehreren Gegenden Kleinaſiens eine hervorragende Geltung er⸗ worben hat. Außer den Tataren der Krim nimmt die Türkei noch andere Einwanderer in ihre dünnbevölkerten Ge⸗ biete auf. Es ſind Cſcherkeſſen, die nach der Gefangen⸗ nehmung Schamyl' die Hoffnungsloſigkeit eines fer⸗ neren Kampfes erkannt und den Kaukaſus verlaſſen haben, um nicht dem verhaßten Chriſten dienſtbar zu werden. Ihnen wie den Tataren in der Dobrudſcha wird kein anderes Los fallen, als in den Todeskampf des osmaniſchen Reiches verwickelt zu werden. er — friedlich tt, Che⸗ etrügen Gaſtfrei Schiff. ten ehe. t waren ertretene au unter. ausge⸗ ig grau chnauze, t einem rfe ſind ie, denn wunchen ſie wen, . Stets dben ſo inzige lle gehen ranzutrei⸗ e, Hinter n zurück⸗ hreren verlaſſen nſtbar zu Sommernacht, Gedicht. Die Blumen duften ſtark im vollſten Blühen; Am fernen Himmel Wetterblitze ſprühen, Und Wolken ſtehen vor des Mondes Strahl. Ich lehn am Fenſter, lauſche auf das Schlagen Der letzten Nachtigall, die ihre Klagen Der Nacht vertraut, verzehrt von Liebesqual. Ich ſchau hinaus, verſunken in Gedanken; Durch meinen Sinn verworr'ne Träume ſchwanken, Wie dieſe Sommernacht iſt jetzt mein Herz. Beſchwert, ermattet ruht all mein Empfinden, Nur manchmal zuckt's empor, wie Blitze ſchwinden Und klaget, wie die Nachtigall, voll Schmerz. Erinnerungen. LXXXII. 1861. 97 1— 4 2 d 5——.—— 38 -e N 2 REe Kein Windeshauch bewegt der Bäume Zweige; Als ob ſie zu den Wipfeln niederſteige, Hat ſich die Wolke tief herabgeneigt. Kein milder Luftzug weht erſehnte Kühle. So drückt die ſommernächt'ge Regenſchwüle Die Welt, die bange in Erwartung ſchweigt. Und eine Trauer, wie die Wolke trübe, Umſchattet mich, die kaum der Strahl der Liebe Mit fernem, mattem Dämmerſchein durchbricht. Kein Hauch, der meine heiße Stirne kühle; Es laſtet auf mir wie Gewitterſchwüle, Und weinen möcht ich, doch ich kann es nicht. Ihr Wolken, düſter, wie in ſchwerer Trauer, O löſt in thränenheiße Regenſchauer Die dumpfe Schwüle brütend auf der Welt. O Mond, durchbrich, die finſter dich umhüllen, Die Wolken, laß dein Licht den Himmel füllen, Und throne klar am reinen Himmelszelt. 50 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Der gordiſche Knoten. Kleindeutſches Kulturbild von Ludwig Foglar. (Fortſetzung.) hie Verſammlung war überreich beſucht, ja man (hatte auch die Bauern und Hinterwäldler dazu Sec eingeladen, da es ſich um etwas allgemein Nütz⸗ NS liches handeln ſollte. Und Leberecht las wirk⸗ —₰ lich der erſtaunten Verſammlung über nichts Ge⸗ ringeres als zwei Unmöglichkeiten. Erſtens: Ein⸗ führung des„lenkbaren Luftballons“ als Reiſe⸗ und Transportmittel und zweitens: Verwendung„des tragbaren Leuchtgaſes“ zur Unſichtbarmachung des Trägers, reſpektive Blendung des Feindes. Der Vortrag erging ſich keineswegs in techniſchen Beweis⸗ führungen, ſondern ließ die Ausführbarkeit als etwas Unzweifelhaftes bei Seite und beſchränkte ſich blos auf die Darſtellung der beglückenden Vortheile, welche der ganzen Welt eine neue Richtung, einen wunderbaren Aufſchwung geben müßten und welch' ewiger Ruhm daraus für Schleuſingen entſtehen würde, wenn einſt die Weltgeſchichte bezeugte, hier war es, wo der fruchtbare Keim Wurzel faßte, von hier aus ging die Strömung des neuen Segens durch alle Lande, hier, in Schleuſingen, ward die Welt der Intelligenz noch einmal erſchaffen— durch die„Ritter von Tragant“. Schabſel pflegte bei derlei gewagten Verſuchen jedes⸗ mal einen Zweiten oder Dritten vorzuſchieben, dem er Triumph oder Niederlage gleich gerne gönnte, ſich ſelbſt mit den weniger eklatanten, aber deſto mehr rein prakti⸗ ſchen Konſequenzen begnügend. Diesmal hatte er um ſo lieber ſeinen Freund und Miethsmann Flott aus⸗ erkoren, als dieſer eine nach oben beliebte Perſönlichkeit war und andererſeits genug mephiſtopheliſchen Humor in ſich trug, um mit vollem Behagen das„geehrte Publi⸗ kum“ einmal„ſteigen“ zu laſſen, wie man zu ſagen pflegte. Bei der Beſchreibung des lenkbaren Luftballons und dem daran geknüpften Aufrufe zu einem Verſuche auf Gemeindekoſten berechnete Schabſel bereits im Stillen die Summen, welche für ihn bei Anſchaffung von Leinwand, Stricken, Seidenſtoff ac., ſowie der Ma⸗ terialien zur Gasbereitung abfallen werden. Aller Augen waren auf ſein pfiffig bewegliches Geſicht und auf ſeine Schreibtafel gerichtet. Flott fuhr fort: „Erſchreckt nur nicht darüber, daß aller ſtaatliche Organismus von heute nicht mehr paſſen wird auf dieſen Staat der Zukunft— alle Grenzunterſchiede hören auf mit der Unmöglichkeit einer Kontrole, da man in der Luft keine Schranken und Pfähle, keine Feſtungen und Stationen errichten kann; es wird hinfort mehr keine Nationen, ſondern nur Eine Menſchheit geben, Eine Erdenfamilie, Einen Weltball des ewigen Friedens geben, die Beſitznahme des Luftreiches iſt die letzte Eroberung der armen Sterblichen. In höheren Sphären wohnen iſt fortan keine bloße Redensart, denn wir theilen dieſe Sphären mit dem Adler und überbieten ſeinen Flu g, ſind ſo frei wie er. Freilich müſſen wir auch wie er der Nahrung wegen zuweilen zur Erde niederſteigen, aber wir thun dieſes nur dort, wo unſeren Flügeln keine Gefahr droht, und wo man uns dieſe zeigen möchte, dort kann auf die Dauer keine Macht beſtehen ſie würde iſolirt ausſterben, weil kein Luftbeherrſcher ſich dort mehr niederlaſſen wird. Die Ideen der Menſchen finden ihren Weg allenthalben mit Windesſchnelle und es kann nur eine Geſetzgebung des ſchrankenloſen Willens, durch Sitte gemildert und geregelt, möglich gedacht werden; denn der Staat iſt in den Lüften, das Volk iſt unzähl⸗ bar, untheilbar, unhaltbar, das Volk iſt die Menſchheit, iſt ein ungreifbarer Begriff! Dieſer Begriff beherrſcht die Arbeit, das Eigenthum, die Sicherheit, gewährleiſtet Ordnung und Ruhe für alle Zeiten. Und wer an der Scholle kleben will und keines Aufſchwunges fähig iſt nach Oben, der iſt ſicher vor jedem Angriff auf Erden, denn ſeine Tarnkappe aus tragbarem Leuchtgaſe macht ihn unſichtbar und unzugänglich jedem Feinde!“ Hier notirte Schabſel abermals den Gewinn, welchen ihm der Leuchtgas⸗Konto abwerfen müſſe, und weidete ſich an der freudigen Aufregung, der die Ver⸗ ſammlung ſich taumelnd im Rauſche dieſer unerhörten Vorſtellungen hingab. Flott redete weiter: „Polizei und Steueramt, die nunmehr abgeſondert nicht füglich gedacht werden können, muß Jeder in ſich tragen, und nachdem ſomit Jeder König ſein muß und Unterthan zugleich, ſo iſt das Königthum fortan: die höchſte Moralität! Allerdings wird eine Zeit lang die Tugend mit dem Laſter im Kriege ſtehen, und es mag vielleicht zu Schlachten kommen, welche Luftflotten ein⸗ ander liefern— doch welches große Prinzip kann ſich dem Kampfe entſchlagen? Allein es ſiegt— durch Geiſt und Tugend!“ Die Aufregung hatte jetzt einen Grad erreicht, welcher den Eintritt heftiger Debatten ankündigte. Einige Leichtgläubige wollten ſofort den Redner im Triumphe umhertragen, indeſſen Andere mit Plänen zur Ausfüh⸗ rung angerückt kamen und den Alllieferanten Schabſel mit Fragen und Aufträgen beſtürmten, ſchließlich aber ſich beeilten, den bereit gehaltenen Subſkriptionsbogen zu unterzeichnen, worin ſich die Verſammlung zur Bei⸗ ſtellung der Koſten zu den Experimenten verpflichtete. Einige Zweifler und Spötter wurden alsbald über⸗ ſchrieen, nicht aus Furcht vor ihren kühnen Argumenten, ſondern aus Entrüſtung über den Frevel an der unan⸗ taſtbaren„guten Sache“. Man ſchwamm in einer Fluth von Projekten und erbaulichen Widerſprüchen, Einreden und Ueberbietungen, die Gemüther erhitzten ſich, Leuchter flogen durch den Saal, Stühle krachten, Stöcke ſchwan⸗ gen ſich drohend, Fenſterſcheiben klirrten und die Scene der„Nächſtenliebe“ endigte mit einem ganz entſetzlichen Tumult.* Durch eine geſchickte Wendung gelang es Schabſel einigermaßen wieder Ruhe und Beſonnenheit herzuſtellen, er beantragte nämlich die Wahl eines Komité zur Lei⸗ tung der Experimente, reſpektive zur Eintreiburig der dazu nöthigen Gelder und es verſtand ſich wiie von ſelbſt, daß der Antragſteller zum Präſes dieſſes Aus⸗ unzähl. ſchheit eerrſcht rleiſtet in der Ve e Per. ſchuſſes ernannt wurde, mit der Vollmacht, ſeine Kolle⸗ gen vorzuſchlagen, deren Beſtätigung ſofort in verſchie⸗ denen Wahlgruppen vor ſich ging. 3 Flott machte demnächſt die eindringliche Motion, die Fürſtin auf eine paſſende Weiſe in's Intereſſe zu ziehen, um der Unternehmung dadurch eine Art Sanktion zu verleihen und zugleich derſelben eine namhafte Unter⸗ ſtützung zu ſichern. Es wurde darüber abgeſtimmt und kein Widerſpruch ergab ſich, außer dem einzigen— Köhler Thomas, der diesmal ausnahmsweiſe zur Theilnehmung an einer Klubbberathung ſich hatte be⸗ reden laſſen und bis nun ganz ernſt beobachtend und ſchweigend dageſeſſen war. Er ſtand jetzt auf. „Unſinn!“ rief er,„mit dem ſolltet Ihr nicht heran an unſere Durchlaucht! Wartet's ab, prüfet's, probirt’'s, und wenn’'s was Rechtes iſt, dann gehet hin zur Durchlaucht und leget's ihr zu Füßen. Vor derweilen haltet’s bei Euch und machet Euch ganz allein lächerlich, dazu braucht Ihr keine Durchlaucht nicht. Es kommt mir nicht an auf mein Geldſtück, wenn die Mehrzahl glaubt, daß was Geſcheites geſchafft werden kann— ich glaub's derweil noch nicht— aber unſere Durch⸗ laucht laſſet aus dem Spiel— und wollet Ihr hingehen und die gute Frau bemoleſtiren, ſo ſag' ich nun und nimmermehr Ja dazu!“ Mit dieſen Worten verließ der Greis ſeinen Platz und ſchritt würdevoll hinaus. Man war erſtaunt, über⸗ raſcht, verwirrt— denn niemals überhaupt hatte der Alte ſich öffentlich ausgeſprochen, noch weniger als väterlichen Anwalt einer Perſönlichkeit, von der er ſich eben ſo fern wie von ihrer Umgebung hielt. Sein Ein⸗ ſiedlerthum, obſchon durch ſeinen kargen hatten Beruf, genug bedingt, war dennoch ſprichwörtlich geworden. Außer zum Kirchengang ſah man ihn nur ſelten ſeine Waldeinſamkeit verlaſſen und die Wenigſten der„neuen Leute“, wie er die An⸗ und Inwohner des Schloſſes nannte, hatten ihn jemals geſprochen— um ſo tiefer wirkte ſeine unerwartete und energiſche Einrede, und die Pauſe, welche nach ſeinem Fortgehen entſtand, war genug pienlich. Aber Schabſel ließ der Verſammlung keine Zeit, darüber nachzudenken, er formulirte die Mo⸗ tion neuerdings und nahm auf die Worte des alten Zweiflers weiter keine Rückſicht. Er ſetzte den Beſchluß durch, daß der Ausſchuß in corpore die Fürſtin zur Theilnehmung an dem neuen Projekt einlade und ſeinem Antrage ſchloſſen ſich Paſtor, Amtmann, Schulmeiſter und was ſonſt durch Rang und Beſitz ausgezeichnet war, mit Feierlichkeit an. Um dieſe ſo entſcheidende Sitzung würdig zu krönen, proponirte der Wirth ein feierliches Banquet zum Gedächtniß dieſes hiſtoriſchen Tages und erlebte zu ſeiner großen Genugthuung eine ungetheilte Zuſtimmung, deren Reſultat er im vorhinein mit einem Gewinn von anſtändigem Belange abſchätzen konnte. Er drückte Schabſel heimlich die Hand zum Zeichen des innigſten Seelenbundes und Flott flüſterte dazwiſchen ein ſegnendes lächelndes Amen. Die im Kaſinoſaale kaum beſchwichtigte Aufregung pflanzte ſich fortzitternd in die Familienkreiſe weiter. Der ſtille häusliche Herd verwandelte ſich ſofort in ein Ludwig Foglar: Der gordiſche Knoten. 51 kleines Parlament, worin man neuerdings und ebenſo heftig Alles diskutirte, was draußen im Großen ver⸗ handelt worden war. Die welterlöſenden Projekte, die nahen Experimente dazu, ſodann die Wahlen des Aus⸗ ſchuſſes, die erſtaunliche Scene mit dem ſchweigſamen Köhler Thomas, der ſich zum Vormund der Fürſtin aufgeworfen, welcher er doch hartnäckig einen lieben Plan vereitelte durch die ſtarre Weigerung, ihr ein Grundſtück zu verkaufen, das für ihn nur ganz unter⸗ geordneten Werth haben konnte— endlich die nahe Vorſtellung bei der Fürſtin und nun gar das hiſtoriſche Banquet— alles das vibrirte ſo gewaltig in den ſtillen Räumen, als ſtünde man an der Schwelle einer Kataſtrophe. Hierauf ein Gerenne, eine Geſchäftigkeit, eine Wichtigkeit, eine Erhitzung— daß Herd und Kin⸗ derſtube darunter empfindlich zu leiden hatten. Die Frau Paſtorin rannte zur Frau Amtmannin, dieſe aber war längſt bei der Frau Forſtmeiſterin, welche hin⸗ wiederum ſoeben die Frau Schloßinſpektorin ganz eilig und nur„auf zwei Worte“ aufſuchte, die aber zwei Stunden dauerten, die Frau Küſterin umarmte die Frau Gärtnerin auf offener Gaſſe, worüber nicht genug des Staunens, dann begegneten alle dieſe Frauen einander hin und wider rennend, ſprachen weiter und betraten Zimmer, die ſie nie ſonſt betreten hatten, alte Feind⸗ ſchaften erloſchen, neue loderten auf, Bünde für Zeit und Ewigkeit wurden geſchloſſen auf drei Stunden, dann die Kleiderfrage, das Banquet, wieder das Ban⸗ quet, der Neid der Nicht⸗Ausſchußmitgliederinnen, der Stolz der Mitgliederinnen, dazwiſchen etwas Moral und Nächſtenliebe ſeitens der Paſtorin— das Chaos war fertig. 3. Der Rattenkönig der Geſelligkeit. In einem großen„äſthetiſchen Thee“ bei Amt⸗ manns waren alle Elemente zuſammengeronnen, welche das künftige luftreinigende Gewitter bilden helfen ſoll⸗ ten. Man überbot ſich hier an Artigkeit, an Liebens⸗ würdigkeit, man nahm und gab Einladungen zu neuen oder neu aufzunehmenden, ſtets beweglichen„jours fixes“, man bewarb ſich gegenſeitig um einander, blos in der Abſicht, ſich auszuforſchen und wo möglich ſich den Rang abzulaufen. Amtmanns aber hatten diesmal um ſo mehr Alles aufgeboten, um ſich allenthalben roſig zu machen, weil es ja doch noch möglich war, die noch unbeſetzte und meiſt ambitionirte Stelle eines Haushofmeiſters der Fürſtin zu erringen. Dazu mußte vor Allem Popularität geſucht werden, denn die Fürſtin hörte gerne fremdes Urtheil— und wie ſchön war dieſe jetzige Gelegenheit, um auf Koſten der Zukunft viel von ſich reden zu machen! Die geräumige Wohnung des Amtmanns war in allen Theilen der Benützung des ſehr zahlreichen Pu⸗ blikums preisgegeben, ſogar die ſonſt unnahbare Kanzlei⸗ ſtube blieb nicht verſchont, ſondern wurde zu einem Trink. und Tabakrauchlokale herabgewürdigt. Die Ent⸗ weihung vollkommen zu machen, wurde hier auch die 7* 52 Crinnerungen. Umkleidung bei dem ſpäter aufzuführenden Haustheater vorgenommen. Den Beginn der Unterhaltung machte der übliche Friedensthee, in trefflicher Sorte von Schab⸗ ſel geliefert, das Backwerk dazu hatte die Form von Lufthallons und Tarnkappen, entſprechende Embleme prangten auf den rieſigen Kuchen, die Torten aber trugen die Namen der Komité⸗Mitglieder in ſinnigen Arabesken und die größte von ihnen das Wappen der Ritter von Tragant, ein rothes Fragezeichen im nebelgrauen Felde. Hieran hatten ſich die Archäologen manchen Zahn vergeblich ausgebiſſen, beſſer ging es mit der Verdauung der ſchmackhaften Torten, welche all⸗ mälig lautlos verſchwanden. Ein Männerchor, ausge⸗ führt von den jüngeren Berg⸗ und Hüttenbeamten, machte die muſikaliſche Ouverture. Die trefflichen Sänger hatten einer Melodie von Franz Schubert einen Huldi⸗ gungstext untergelegt, der auf Amtmanns und deren. neue Würde im Komité zart anſpielen ſollte, wovon man aber leider kein Wort verſtand, denn auch hier gehörte es zu den Kennzeichen ſtimmbegabter Sänger, keine Sylben auszuſprechen, ſondern unartikulirte Lauter zu lallen. Der Beifall war trotzdem enorm, ſo zwar, daß der Verfaſſer des Textes, den Niemand verſtanden hatte, verlangt wurde erröthend trat der Schulmeiſter vor, beugte ſich möglichſt tief und verbarg in ſeliger Rührung und ſchüchterner Beſcheidenheit ſein ſiegver⸗ klärtes Thränenlächeln hinter den Schutzflügeln ſeiner Vatermörder. Des Amtmanns Frau, obwohl geſegneten Leibes und jeden Tag der Erlöſung von einer jetzt ſo ſtörſamen Bürde gewärtig, hatte nebſt den erſchöpfenden Pflichten einer gaſtlichen Hausfrau auch noch eine künſtleriſche Rolle übernommen, indem ſie den Klavierpart zu einer Violinſonate von Beethoven ſpielte. Der erſte Satz ging. auch ganz leidlich vorüber, weil das vorwaltende Piano⸗ forte, meiſterlich behandelt, alle Schwächen des Streich⸗ inſtrumentes mitleidig deckte. Nun aber kam das Adagio, ein langes Violinſolo und der Küſter holte unter Schweiß und Zittern dazu aus. Lieblich entwickelten ſich die erſten Takte des Thema's, die Köpfe der Damen wogten ſchon verſtändnißinnig hin und her, Schabſel⸗ lächelte wie ein verzückter Nußknacker, der Wirth um⸗ armte den Amtmann vor Wonne und der knochenderbe Förſter trat Flott bedeutungsvoll auf den Fuß, daß dieſer zuſammenknickte, die Schloßinſpektorin fächerte. ſich kokett und ſang leiſe mit— als plötzlich die Violine die Faſſung verlor, nebenbei auch aus dem Zeitmaße kam, das Stück von vorne begann, indeſſen das Piano fortſetzte, die Saiten ſcharrten kläglich auf dem Holze, das Inſtrument verſtimmte ſich durch die ihm angethane Gewalt alle Geſichter wurden um 1 ½ Zoll länger. Den Küſter faßte jetzt grimmige Verzweiflung, er geigte mit dem Muthe eines Aufgegebenen ſich wüthend in’s Allegro hinein und achtete nicht der bittenden Augen⸗ winke ſeiner vor Angſt und Verlegenheit leichenbleichen Partnerin— geigte fort und fort— plöplich ein Schrei⸗ ein Ruf des Entſetens die Amtmannin ſank ohnmächtig in den Seſſel zurück. Der Küſter ſtürzte von dannen. Beruhigend führte der anweſende Arzt die Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Dame aus dem Salon— während der Amtmann An⸗ ſtalt traf, durch eine neue Produktion den fatalen Ein⸗ druck der leßzten Scene zu verwiſchen; er konnte das ruhig thun, denn der Arzt zerſtreute jegliche Beſorgniß in Bezug auf die Frau Gemalin. Es wurde demnach ſofort eine der Töchter mit einer Deklamation ange⸗ kündigt und Schabſel hatte die Ehre, das liebliche Fräulein dem ſchwer geprüften Publikum vorzuſtellen. Im Eifer, des Guten recht viel zu thun, hatte man das holde Kind zu einer wahren Atlasarbeit verurtheilt und die Hörer dazu: es war ein ganzer Geſang aus Virgils Aeneide zum Vortrag gewählt. Alles ſeufzte und ſtöhnte unter dem Eindrucke einer grauſamen Langweile, indeſſen, man tröſtete ſich mit der Hoffnung auf die zugeſagte theatraliſche Vor⸗ ſtellung, welche am Schluſſe in Ausſicht ſtand. Der Paſtor, welcher das Fräulein im Vortrage dieſes Ge⸗ dichtes unterwieſen hatte, war in geringer Entfernung von ſeiner bangen Schülerin poſtirt, in ſeinen Geſichts⸗ zügen malte ſich die volle Befriedigung über den ſehre gelungenen pathetiſchen Schwung, er nickte gelegentlich beifällig und begleitete die leidenſchaftlichen Stellen⸗ mit einer lebhaften Bewegung ſeiner Geſichtsmuskeln auf der andern Seite ſtand der glückliche Vater, deſſen ganze Weſenheit in verſchiedene Eyiſtenz⸗Partikeln zerriſſen ſchien, ſeine volle Perſönlichkeit war im Geiſte bei der vom Arzte betreuten noch halb ohnmächtigen Gattin, während die zitternde Sorge um das Amuſe⸗ ment der Gäſte, um den deklamatoriſchen Erfolg der Tochter, um den Beſtand der neuen Projekte und ſeiner damit verbundenen Würde ſich hundertarmig an ſein Herz klammerte und ſeinem Antlitz den Ausdruck eines kochenden Waſſertopfes gab. Seine prickelnde Unruhe ſteigerte ſich mit jeder Strophe des langen Gedichtes und er überhörte vollkommen, daß jetzt eine Muhme an ihn heranſchlich und ihn mit den Worten:„ſchnell zur Frau“ abrief; eine zweite Botin kam bald darauf und wiederholte die Meldung, die aber wegen des Affektes, in den ſich das Fräulein über Dido und Aeneas hineindeklamirt hatte, ebenfalls unberückſichtigt blieb. Eben ſollte die Beſchreibung des Meerſturmes beginnen, als der Arzt verwirrt und verſtört hereinſtürzte, den unſchlüſſigen Amtmann am Arme faßte und ihn fortzog mit den laut genug erhobenen Worten:„Um Gottes⸗ willen, kommen Sie doch, Ihre Frau hat einen Buben bekommen!“ Die Verwirrung hatte nun ihren Höhepunkt er⸗ reicht. Eine tragikomiſche Stimmung bemächtigte ſiche der durcheinander ſchwätzenden und rennenden Geſell⸗ ſchaft, in deren Mitte das weißgekleidete Mädchen ſtand wie eine übergoſſene Alpe, noch unſchlüſſig, wohin ſich wenden, verblüfft ihr ſchön gebundenes Buch an den Buſen gedrückt, wie im Gefühle einer Laſt, wegen der unterdrückten noch rückſtändigen Strophen des Aeneas. Die Frauen kriſtalliſirten ſich in ſummende Gruppen, denn ſie ging das erſtaunliche Ereigniß doch zunächſt an, ebenſo ſonderten ſich die Herren in einen Kreis und ſie ſchienen die Sache heiterer aufzufaſſen und ein Un⸗ behagen überkam ſie nur in dem Gedanken an die nun⸗ aul Ludwig Foglar: Oer gordiſche Knoten. 53 hoffnungslos zerſtörten Ausſichten auf das köſtliche Nachteſſen. Man beſchloß in Eile eine Glückwunſchdepu⸗ tation abzurichten; aber wer ſollte die Redner empfan⸗ gen? Endlich verfiel man darauf, dieſe mündliche Adreſſe der noch immer rathlos daſtehenden Tochter des Hauſes darzubringen, die von dem Zuſammenhang der Dinge hier kaum einen dunklen Begriff hatte und nahe daran war, aus Verlegenheit zu weinen, als plötzlich aus einem Nebenzimmer die bereits koſtümirten Mitglieder der beabſichtigten theatraliſchen Scene hervorſtürzten“ und ſich wie raſend geberdeten darüber, daß nun all⸗ ihre ſchweren Mühen und ſchönen Triumphe zu eitel Nichts geworden. Der Prologus, als Hans Sachs, und in Wirklichkeit Bürger Schuſter, obwohl keineswegs Poete dazu— zerknitterte ſeine ſchön geſchriebenen Verſe, während ſich ein Falſtaff voll Unmuth in eine Schinkenkeule verfraß, die er an einem Seitentiſche auf⸗ geſtöbert hatte. Heinrich der IV. maß mit Desdemona ingrimmig die ganze Länge des Zimmers und der Kaufmann von Venedig erſtickte ſeinen Zorn in einem hellauten Toaſttrunke auf den Neugebornen. Natürlich Alles unter Lärm und Tumult— worin am rückſichts⸗ loſeſten die immer geſchwätziger auflodernden Frauen ſich auszeichneten— dieſe ſtürzten auf den endlich ein⸗ tretenden Arzt los mit hundert Fragen und Aufträgen, und als er die Verſicherung gab, daß Alles erwünſcht wohl gehe, daß die verzweifelte Violinſtimme einer glück⸗ lichen Entbindung als Herold und Propeller gedient habe, daß aber nur vor Allem vollkommene Ruhe im Hauſe dringend nöthig ſei— da gelang es der Frau Paſtorin, die Geſellſchaft zum ſchleunigen Aufbruch zu veranlaſſen, indem ſie die tröſtliche Hoffnung ziemlich klar durchſchimmern ließ, daß alle Freuden der unter⸗ brochenen Feſtlichkeit ſich recht bald bei dem bevorſtehen⸗ den Taufſchmauſe werden einbringen laſſen; denn daran konnte wohl Niemand zweifeln, daß Amtmanns die guten Freunde und Nachbarn für den Ausfall des heu⸗ tigen Vergnügens ſchadlos halten werden, und welche Gelegenheit dazu könnte naheliegender und paſſender erſcheinen, als— die feierliche Taufhandlung, zu deren Verherrlichung ſich die Frauen auf dem Heimwege be⸗ reits in Auffindung glorreicher Namen abmühten und ſich in Vermuthungen über die Wahl des Pathen er⸗ ſchöpften. Wie ein Phönix verjüngt aus ſeiner Aſche ſtiegen alſo neue Vergnügenskeime aus der Brandſtätte der alten. Aber freilich hatten die ehrſamen Leute dies⸗ mal die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Die Taufe mußte innerhalb der geſetzmäßigen Friſt ſtattfinden, die Wöchnerin bedurfte völlige Ungeſtörtheit im Hauſe und der tumultuöſe Abſchied von neulich hatte den Amtmann zu dem heroiſchen Entſchluſſe aufgeſtachelt, die ſchlecht⸗ bewährte Nächſtenliebe ſeiner trauten Umgebung nicht ein zweites Mal auf die Probe zu ſtellen und die Taufe ohne Gaſt und Feſtlichkeit ſtille zu begehen. Nur der Paſtor und der Förſter als Pathe, alſo ſtrenge blos die officiellen Perſonen waren zugegen, es war abſolut gar keine Einladung ergangen— und wie zum Denkmal dieſer muthigen That erhielt das Söhnlein den Namen Viktorl Sieger— über das Vorurtheil. Arzt, Paſtor und Förſter billigten vollkommen dieſe Rückſicht und Vorſicht für eine zarte, ruhebedürftige Wehemutter— aber nicht ſo deren Frauen, welche eine Art Rachebund ſtifteten gegen Amtmanns, die übrigen Frauen wurden durch eine eifrige Propaganda gewonnen, an deren Spitze Schabſel ſtand, deſſen tiefſtes In⸗ tereſſe durch das Unterlaſſen des Taufſchmauſes und der dazu nöthigen Proviant⸗Lieferungen verletzt war. Er ſtellte dieſen Akt der Feindſeligkeit als einen entſchie⸗ denen Bruch mit der Geſellſchaft dar und legte der „ſtillen Familie“ als Hauptmotiv zum Haſſe den Um⸗ ſtand unter, daß die gute Tochter mit ihrer Deklama⸗ tions⸗Probe keinem aufmunternden Erfolge begegnet ſei. Arzt, Paſtor und Förſter wurden halbwegs durch ihre berufsgemäßen Funktionen entſchuldigt dafür, daß ſie jenes verpönte Haus noch betraten, allein da deren Frauen ſo ganz und gar nicht zur Raiſon zu bringen waren und ſich immer entſchiedener der Partei des Rachebundes anſchloſſen, ſo klafften die Spaltungen in den Familien täglich drohender und das ſcheinbar ſo feſt gefügte Gebäude der Schleuſinger Geſelligkeit neigte dem raſchen Verfalle zu. Schabſelunterminirte fleißig — aber er lockerte dadurch nur vollſtändig den Bau⸗ grund ſeines eigenen Vortheils, denn die nächſte Folge dieſes Taufzwiſtes, wie man den Caſus nannte, war eine Zerſetzung des Luftſchifffahrt⸗ und Tarnkappen⸗ Experiment⸗Komité's, hieraus neue Wahlen, neue Partei⸗ ungen, neue Umtriebe, Ausbleiben jeglicher Fonds und ein ſo gründlicher und allgemeiner moraliſcher Katzen⸗ jammer, wie er nur jemals den vernunftlos ſanguiniſchen Erwartungen auf die Ferſe treten kann. Schabſel ſah plötzlich nicht nur ſeinen perſönlichen Einfluß er⸗ ſchüttert, ſondern auch ſein Geſchäfts⸗Monopel, denn die Familien, welche ſeiner Richtung fern ſtanden, ver⸗ ſagten ſich die Befriedigung alter Bedürfniſſe oder ſahen ſich nach direkten Bezugsquellen um— und es war nachgerade unvermeidlich Partei zu ergreifen, um nicht unter dem Beſtreben allezeit möglich zu bleiben, für geraume Zeit gänzlich unmöglich zu werden. Die poli⸗ tiſche Schlauheit des Krämers reichte hier nicht aus, er ſchloß ſich der Majorität an, nämlich der Anti⸗Amtmann⸗ Partei, und nur ganz geheime zarte Beziehungen ſuchte er zu dem feindlichen Lager herzuſtellen. Dieſe Doppel⸗ rolle jedoch brachte ihn erſt recht in gefährlichen Kon⸗ flikt mit dem klugen geradherzigen Förſter, der ihn eines Tages in ſeinem eigenen Kramladen in ein peinliches Verhör nahm, welches damit endigte, daß Schabſel, dem noch niemals eine Menſchenſeele ſo ſcharf zugeſetzt hatte und der jeden Augenblick gefaßt war, ſeine Ueber⸗ zeugung auf dem Altar ihres direkten Gegentheiks abzu⸗ ſchlachten, in ſeinem eigenen Kellerraume ſo lange zwiſchen Oelfäſſern gefangen und eingeſperrt gehalten wurde, bis er ſchriftlich eine ihm freigeſtellte Erklärung abgab, daß es Menſchen gebe, welche gar keine andere Ueberzeugung im Buſen tragen, als die von der Allein⸗ berechtigung des eigenen Ich und daß Schabſel nur Einem Gott glaube— der da heißet— Profſitchen! 54 Erinnerungen. 4. Stille Wege. Der Architekt begleitete die Fürſtin auf einem Ritt durch Wald und Thal, tief in's Gebirge, unter⸗ nommen zu dem Zwecke, den unbeugſamen Köhler Thomas aufzuſuchen, ihm durch die Macht der Per⸗ ſönlichkeit zu imponiren und ihn vielleicht ſo zur Ab⸗ tretung des gewünſchten Grundſtückes zu bewegen. Klarer, tief blauer Himmel überwölbte die ſtarre Winter⸗ landſchaft, überheller Schnee⸗ und Sonnentag ſättigte mit Licht die fernſte Niederung, die Bäume ragten wie Kriſtallgruppen mit ihren weißen Reifrinden empor, ein Schimmern und Glitzern allenthalben, daß das er⸗ müdete Auge an den hier und dort überragenden Felſen⸗ hängen einen dunklern Ruhepunkt ſuchte, um ſich zu er⸗ holen vor dem Schauer all der Pracht und Herrlichkeit und wieder zu ſtärken für neue liebgewordene Eindrücke. Die erhaben feierliche Stille, kaum durch die kniſternden Huftritte im weichen Schnee geſtört, erhöhte den Reiz der Gegend. Die Fürſtin hielt ihr Pferd an. Ihr Blick weilte mit ruhigem Behagen auf dem Bilde, ihre Seele ſchien ganz von dem Zauber des Augenblicks gefangen und dieſe Stimmung lieh ihrem Antlitz, ihrem ganzen Weſen die rührende Anmuth und Schönheit, wodurch ſie unbewußt die widerſtrebendſten Elemente ihrer Um⸗ gebung beherrſchte.„Es iſt doch nicht gleichgiltig,“— ſagte ſie zu Flott nach einer Pauſe, während welcher dieſer in ihrem Anſchauen verſunken war,„es iſt nicht gleichgiltig, wie wir eine Landſchaft anſehen und welche Stimmung wir für ſie mitbringen; wir theilnahmlos und ſtumpfſinnig vorüber an den lieblichſten Gaben der Schöpfung, die Natur ſpricht ver⸗ gebens zu uns mit allen Zeichen wohlthätiger Segnung — dann kommt oft ſpät ein Tag, eine Stunde, ein Augenblick, und wir ſtaunen ob der Fülle des Lebens und der Schönheit, für die wir ſo lange zu unſerem eigenſten Schaden die Sinne verleugneten!“ „Fürſtin, geht es uns nicht ebenſo mit Menſchen?“ erwiederte Flott. Ruſtika blieb eine Weile in Nachdenken ver⸗ ſunken, dann brachte ſie ihr Pferd in leichten Schritt, und wie um einer Gedankenwendung zu begegnen, ſagte ſie:„Welch' ein Bild des Friedens! Jene blauen Rauch⸗ ſäulen aus den Schloten der Köhlerhütten, es ſind faſt ebenſo viele Opferaltäre der Zufriedenheit, der Be⸗ ſchränkung, des Genügens. Wie ſo anders unten in unſerem Dorfe! Warum habe ich es nicht erreicht, daß die Menſchen ſich ertragen lernen? Ihre Schilderung der letzten Vorgänge hat mich tief betrübt und beinahe entmuthigt; ich werde nicht verſtanden oder, was ſchlim⸗ mer, mißverſtanden.“ (Schluß folgt.) hundertmal gehen Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Vom Kaffee. Mitgetheilt von Dr. Wilhelm Sommerlad. „Oichts iſt ſeltſamer in der Geſchichte Europa's, als die völlige Umgeſtaltung ſeiner Verhältniſſe und Ger Gewohnheiten, ja faſt ſeiner ganzen Kultur, durch Vermiſchung mit denen anderer Völker. Ss de dieſer von Haus aus kleine und ärmſte Welttheil zu der gegenwärtigen Macht und Gei⸗ ſtesgröße gelangen konnte, verdankt er faſt durchaus der Fremde. Syrien mußte ihm ſeine Religion vererben; auf den Schultern des Griechen⸗ und Römerthums hat er ſeine Kunſt und Wiſſenſchaft erobert; aus Aſien über⸗ ſiedelte er ſeinen ausgedehnten Obſtbau, ſeine Rebe, ſeine Seidenzucht, ſeine Baumwolleninduſtrie; Amerika entriß er ſeine Kartoffel, ſeinen Mais, den Tabak; China ſeinen Thee; Afrika ſeinen Kaffee; dem ſtillen Ocean ſeinen Zucker u. ſ. w. Man erſtaunt, wenn man das ganze große Regiſter der europäiſchen Induſtrie und des europäiſchen Handels durchſchweift: das Meiſte iſt der Fremde entwendet. Ein tieferer Blick enthüllt uns hierin einen merk⸗ würdigen Gang der Weltgeſchichte. Faſt immer war es die Noth, welche den von Haus aus ſo bequemen Men⸗ ſchen in die Ferne, auf neue Bahnen trieb, ſeine Ver⸗ hältniſſe zu verbeſſern. Mit jedem Schritte vorwärts erweiterte er unbewußt ſeine Heimat, die Erde, Menſchen und Völker mit einander verbindend, die früher kaum von einander wußten. Dieſe Aufgabe übernahm Europa in einem Grade, wie kein anderer Welttheil. Zwar über⸗ nahm es dieſelbe zunächſt um ſeiner ſelbſt willen, zwar rettete es ſich dadurch allein aus ſeiner eigenen Armuth⸗ und der damit eng verbundenen Barbarei ſeiner Kultur; allein es trug hiermit den Geiſt des wahren Evange⸗ liums über die Erde, an welchem alle civiliſirten Völker, alle geoffenbarten Religionen bisher bauten: die Erde als einen gemeinſchaftlichen Wohnſitz der Menſchheit und dieſe als eine Familie zu betrachten, in welcher Weis⸗ heit, Friede, Geſetz und Sitte herrſchen ſoll, daß alſo Einer des Andern Nächſter und Gott der rechte Vater iſt über Alles, was da Kinder heißet im Himmel und auf Erden. Hat auch der„Kaffee“ das Seine dazu beigetra⸗ gen, unſere Lebensweiſe, den Handel und die Schifffahrt, wie die Kulturverhältniſſe der Länder, die ihn erzeugen, zu verändern, hat er ſich außerdem nach und nach zum Volksbedürfniß erſten Ranges erhoben, ſo iſt es wohl gerechtfertigt, ihn einer näheren Betrachtung in dieſen Blättern zu würdigen. Die Heimat des Kaffees ſuchte man lange Zeit ausſchließlich in Jemen, dem beſten Theile des glückli⸗ chen Arabiens. Der Sommer iſt dort regenlos, nur in der Zeit vom Oktober bis März regnet es drei bis vier⸗ mal des Monats, wodurch ſich die Wadys der Gebirgs⸗ gegend mit laufendem Waſſer füllen und reizende Vege⸗ tation ſich verbreitet. Da die Kaffeepflanze zu ihrem Gedeihen ein warmes Klima erfordert, wo die mittlere Temperatur nicht unter 16— 170 R. und die Lufttem⸗ Wilhelm Sommerlad: Vom Kaffee. 55 peratur im Winter nicht unter 10° ſinkt und dabei hin⸗ reichenden Regens oder künſtlicher Bewäſſerung bedarf, ſo ſind dieſe örtlichen Wärme⸗ und Feuchtigkeitsverhält⸗ niſſe für ihr Fortkommen allerdings außerordentlich günſtig und man trifft hier deßhalb den Kaffee in den Thälern und auf den terraſſenförmigen Anhöhen in einer Seehöhe von 1500— 2000 Fuß überall an, indeß nur in Pflanzungen. Cinen wilden Kaffeebaum oder irgend ein wildes Kaffeegehölz hat man aber bis auf den heutigen Tag in Arabien nicht gefunden, und es iſt darum wohl ſchon die Urheimat des Kaffee's hier nicht zu ſuchen. Nun weiß man nach neueren Forſchungen, daß er nicht allein ſeit der älteſten Zeit als angebauter Baum in Abeſſinien vorkommt, ſondern daß er auch in den hiervon ſüdlich liegenden Ländern Enarea und Kafa angebaut wird und in größter Fülle ſchattenreicher Wälder daſelbſt wild wächſt. Als Quellenland des öſtlichen Nil und der vielen Zuflüſſe desſelben, ſtellt ſich Abeſſinien von ſelbſt als kulturfähig dar, und da es zugleich völlig in der Zone der tropiſchen Regen liegt, ſo übertrifft ſeine Produkten⸗ fülle bei weitem die des benachbarten glücklichen Ara⸗ biens. Man hat dort ſchon über 1000 neue Pflanzen gefunden, und was die Zoologie hier entdecken kann, davon liefert unter andern das Senkenbergiſche Muſeum zu Frankfurt, das der bekannte Reiſende Rüppel mit vielen Seltenheiten bereichert hat, den glänzendſten Beweis. Es ſind alſo wohl die letztgenannten Länder als die eigentliche Heimat der Kaffeepflanze anzuſehen, von hier wurde ſie vermuthlich erſt gegen das fünfzehnte Jahrhundert in Arabien eingeführt, ſo daß Jemen höch⸗ ſtens als die erſte Kulturheimat des Kaffeebaumes gel⸗ ten kann. Woher der Gebrauch, Kaffee zu trinken, ſtammt, wer den köſtlichen Stoff entdeckte, iſt unbekannt; indeſſen ſcheint in Abeſſinien der Gebrauch des Kaffeetrinkens eine über die Zeit der hiſtoriſchen Erinnerung hinaus liegende uralte Sitte zu ſein, die erſt ſpäter nach und nach auch im arabiſchen Volksleben Eingang gefunden hat. Die ſeit 1838 den Britten gehörende Hafenſtadt Aden war wohl der erſte arabiſche Ort, in dem Kaffee getrunken und wohin er durch einen türkiſchen Ober⸗ prieſter, der denſelben in Abeſſinien hatte kennen gelernt, etwa in der Mitte des 15. Jahrhunderts, wie bereits erwähnt, eingeführt worden iſt. Schon zu Ende des 16. Jahrhunderts war der Kaffeetrank in das Genußleben aller Araber und Muhammedaner übergegangen, man trank aber damals ebenſowohl die Abkochung des die Bohnen einſchließenden widerlichen Fleiſches, als der Bohnen. Und heut zu Tage iſt es in Arabien hierin nicht viel anders! Gerade dort, wo ſie den edelſten Kaffee haben und in der größten Menge ſelber anbauen, trinken die meiſten Leute den ſchlechteſten Kaffee in der ganzen Welt: ein aus dem geröſteten Fruchtfleiſche bereitetes dünnes warmes Getränk. So genießen Die, welche dieſe Naturgabe am leichteſten haben könnten, ſie am wenig⸗ ſten, vielleicht aus ähnlichem Grunde, aus welchem unſere armen Winzer gewöhnlich nur Biere trinken, und die Bergleute, die das ſchönſte Silber herausgraben, oft —C—C—C—C— kaum Kupfergeld im Hauſe haben— nämlich aus Ar⸗ muth, vielleicht auch deßwegen, weil Die, welche den Kaffee ſo nahe haben, ihn am wenigſten achten. Bald jedoch entbrannte ein großer Streit für und wider den Kaffeegenuß. Schon zu Anfang des 16. Jahr⸗ hunderts traf ihn zu Mekka der erſte Fluch: er wurde nämlich als für Leib und Seele gefährlich, als größter Frevel gegen den Koran förmlich verdammt. In Kairo dagegen hielt man das exkommunicirte ſchwarze Kind⸗ lein für weniger abſcheulich, man wollte es erſt an ſeinen Früchten kennen lernen, deßhalb wurde jenes mekkaiſche Verdammungsurtheil hier nicht beſtätigt und die ſchon geſchloſſenen Kaffeeſchenken wurden wieder geöffnet. Auch erſchöpften ſich die Gegner des Kaffee's bald in ihrem Haſſe gegen das verurtheilte Getränk, ſie gingen nämlich ſelbſt ſo weit, zu behaupten, daß die Geſichter Derer, welche Kaffee getrunken, am Tage der Auferſtehung noch ſchwärzer als der Kaffeeſatz erſcheinen würden. Indeſſen verbreitete ſich die Sitte des Kaffeetrin⸗ kens doch immer mehr und weiter, Anfangs zwar lang⸗ ſamen Schrittes, ſpäter aber mit einer ungeheuren Schnelligkeit, ſelbſt trotz der hohen Abgaben, die der Sultan auf die„Schulen der Erkenntniß“, wie die Türken die Kaffeehäuſer nannten, legte; bald war auch der ganze Weſten und das mittlere Europa mit dem Kaffee bekannt geworden, namentlich ſeitdem nach der Mitte des 17. Jahrhunderts in den beiden Weltſtädten Paris und London öffentliche Kaffeeſchenken entſtanden waren. Zu dieſer Zeit, wohl auch noch etwas ſpäter, hatte der Kaffee nur noch die Aerzte zu ſeinen haupt⸗ ſächlichſten Widerſachern; allein das„ſchwarze Keſſel⸗ chen“ wußte ſich zur Geltung zu bringen, wo es einmal geduftet hatte, da war ihm das Hausrecht geſichert. In England war der Kaffee ſchon zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts bis zu den unterſten Volks⸗ ſchichten allgemein gedrungen, wurde aber durch den Thee bald wieder verdrängt; immerhin führte dieſes Land im Jahre 1847 für 150,332.992 Pfd. St. Kaffee ein, ſo daß dort ungefähr 1 ½ Pfd. auf den Kopf gerechnet werden. Die Zollkaſſe des Zollvereins hatte im Jahre 1852 vom Kaffee eine Einnahme von 6,141.876 Thlr. oder den vierten Theil der Geſammt⸗ Zollſumme, und es wurden in den deutſchen Zollvereins⸗ ſtaaten ſchon 1840 2 Pfd. und 11 Lth. auf den Kopf jährlich gerechnet. Von den fünf Millionen Centner Kaffee, die jährlich producirt werden, verbraucht Europa gegenwärtig allein drei Millionen Centner; in dem Maße iſt der Gebrauch eines Getränkes geſtiegen, wel⸗ ches vor noch nicht zweihundert Jahren in dieſem Erd⸗ theil ganz unbekannt war! Es ſind dieſe Zahlen aber unumſtößliche Belege für die großartigen Wechſelver⸗ hältniſſe der Völker und ihrer Geſchichte, die ſich in allen wichtigen Handelsartikeln abſpiegelt. Sie iſt noch in ſteter Entwicklung begriffen, aber wo ſie auch noch hin⸗ führen möge, ſie wird kein anderes Ziel kennen, als die große Verbrüderung des Menſchengeſchlechts fördern zu helfen. Nachdem einmal der Kaffee ſich in Europa zu einem allgemeinen Volksbedürfniß erhoben hatte und 56 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. der Verbrauch von Jahr zu Jahr ſtieg, wurde er nicht nur ein wichtiger Handelsartikel, ſondern auch Gegen⸗ ſtand der Spekulation; es war daher natürlich, daß man daran dachte, die koſtbare Pflanze auch in den europäiſchen Beſitzungen der heißen Länder anzupflanzen. So wurde denn im Jahre 1718 von dem holländiſchen Generalgouverneur Zwaerdekroon die erſte Kaffeepflanze aus Arabien nach Java gebracht, das dadurch die zweite oder, wenn man will, die dritte Heimat des Kaffee s geworden iſt, jetzt aber ſchon jährlich gegen 50 Millionen Pfd. ausführt. Von hier aus wurde der Baum bald auf die umliegenden Inſeln überſiedelt. Die holländiſche Regierung hat daher die alte Krämerpolitik, den Ge⸗ würzbau, damit die Preiſe nicht ſinken, auf gewiſſe Orte (z. B. die Gewürznelke auf Amboina, die Muskatnuß auf Banda) zu beſchränken, rechtzeitig aufgegeben und in ihren oſtindiſchen Kolonien fremde Produkte, denen das Klima zuſagt, mit dem beſten Erfolg eingeführt. Außer dem Kaffee von Java und Sumatra gewinnt Holland jetzt Zimmt auf Borneo, an andern Orten Zucker, Indigo, Baumwolle, und ſelbſt den Theeſtrauch läßt die Regierung nunmehr durch Chineſen kultiviren. Bald kamen auch einige Kaffeepflanzen in den botaniſchen Garten von Amſterdam, von da in den Pariſer Garten, und von hier wurde im Jahre 1722 eine junge Pflanze, die man aus Samen gezogen hatte, durch einen Reiſenden, Namens Declieux, nach den Antillen übergeführt. Die Hinüberreiſe war beſchwerlich und langwierig, man litt Mangel an Waſſer; aber der Mann der die Pflanze der neuen Welt ſchenken ſollte, kargte mit ſeinem eignen Waſſervorrath, um ſeinen jun⸗ gen Kaffeebaum wäſſern zu können. Auf dieſe Erzählung geſtützt, behauptet man, daß von dieſem Einen Kaffee⸗ baume alle Kaffeebäume Wiſtindiens und Braſiliens ab⸗ ſtammen ſollen. Bald erhielt die Kaffeepflanze in der neuen Welt einen noch ausgedehnteren Verbreitungsbezirk als in der alten: über die großen und kleinen Antillen, Guiana, Braſilien, Mexiko und über die ſüdlichen Theile der Ver⸗ einigten Staaten. So hatte man nun auch weſtindiſchen Kaffee, und ſchon im Jahre 1756 kamen 18 Millionen Pfd. aus Weſtindien nach Frankreich zurück. Wenden wir uns nun zu einer kurzen Betrachtung der Pflanze ſelbſt. Der Kaffeebaum, ein Habitus einem mäßigen Kirſchbaum ähnlich und ſtets grün, erreicht in ſeiner Heimat bei einem 4 bis 6 Zoll dicken Stamme eine Höhe von 30 bis 40 Fuß, wird dagegen in unſeren Ge⸗ wächshäuſern nicht über 15 Fuß hoch und höchſtens 15 Jahre alt. In den Plantagen wird er meiſt, wenn er 4— 5 Fuß hoch iſt, beſchnitten, damit die Krone ſich ausbreiten kann und die Pflanze dadurch mehr und leichter zu erreichende Früchte gebe. Aus den Winkeln der gegenüberſtehenden lorbeer⸗ ähnlichen Blätter kommen faſt in jeder Jahreszeit wohl⸗ riechende jasminartige Blüthen hervor, und der Baum ſoll dann, mit dieſem ſchneeigen Schmucke bedeckt, einen Anblick gewähren, der den unſerer blühenden Obſtbäume weit übertrifft. Ebenſo findet man immer gleichzeitig unreife, grünliche, unſerer Kornelkirſche ähnliche Beeren, die ſpäter ſcharlachroth, zur Zeit der Reife aber dunkel⸗ violett gefärbt ſind. In dem reif widerlich ſüß ſchmecken⸗ den Fleiſche, das ſpäter vertrocknet, enthalten die Beeren die bekannten zwei Samen, die von einer ganz dünnen, pergamentartigen Samenhaut umhüllt ſind, bei der Reife erhärten und dann hellgrün oder gelblich werden; mit der flachen Seite liegen ſie aufeinander, ſind daſelbſt mit einer Mittelfurche verſehen und beſtehen faſt ganz aus einem hornartigen Eiweißkörper, in deſſen Grunde der Embryo eingeſchloſſen iſt. Mit unſeren Bohnenſamen haben die Kaffeebohnen ſomit keine Aehnlichkeit, der Name„Bohnen“ ſtammt vielmehr aus dem Arabi⸗ ſchen, wo die Samen des Kaffeebaumes bunn genannt werden. Die Kaffeepflanzungen werden faſt überall auf gleiche Weiſe angelegt, es paſſen dazu enge, ſchattige und doch heiße, gegen Nordwind geſchützte Thalſchluchten, die terraſſenförmig emporſteigen und reichlich bewäſſert wer⸗ den können. Zur Fortpflanzung bedient man ſich junger Sämlinge, die auf beſonderen Beeten gezogen werden, oder man ſteckt den friſchen Samen ſogleich an Ort und Stelle; da letzterer ſchon in drei bis vier Wochen nach der Ernte ſeine Keimkraft verliert, ſo iſt es unmöglich, die käuflichen Kaffeebohnen bei uns zum Keimen zu bringen. Gewöhnlich pflanzt man die Sämlinge in den Schatten anderer großen Bäume; haben die jungen Stämmchen eine Höhe von 2 Fuß erreicht, ſo werden ſie 7 bis 8 Fuß in's Quadrat verſetzt, das Unkraut wird ſorgfältig entfernt, die Wurzelſchößlinge werden abge⸗ ſchnitten und nun iſt die Hauptſorge: das Führen von Rinnen und Gräben, um die Pflanze Morgens und Abends bewäſſern zu können. Schon im zweiten Jahre hat der Strauch eine be⸗ trächtliche Höhe erreicht, im dritten Jahre trägt er ſeine erſten ſpärlichen Früchte, im fünften und ſechsten Jahre wird die Ernte vorzüglich, die gewöhnlich jährlich zwei⸗ mal vorgenommen wird; für die erſte und reichlichſte Ernte, die im Mai und Juni erfolgt, beginnt die Blüthe im November und währt bis December, für die zweite vom September bis November dagegen blüht der Baum von Ende März bis Ende April. Zum Zwecke des Ein⸗ ſammelns der Beeren breitet man in Arabien Tücher unter die Bäume und ſchüttelt die reifen Früchte herab, in Amerika dagegen werden ſie von den Negern in Säcke abgepflückt. Vom fünften Jahre an beträgt die Ernte von einem Baume im Ourchſchnitt 10 Pfund, oft aber werden die Hoffnungen des Pflanzers durch Nordwinde und Sonnenbrand, vorzüglich zur Blüthezeit, gänzlich vernichtet. Die eingeſammelten Früchte werden nun an der Sonne getrocknet, die Samen alsdann mittelſt einer Walze aus dem dürren Fleiſche herausge⸗ rollt, nochmals im Schatten getrocknet, und nachdem ſie durch Schwingen von fremden Beimiſchungen befreit worden ſind, werden ſie in lockeren Säcken an luſtigen Orten für den Handel aufbewahrt. In Amerika hat man zum Entfleiſchen und Reinigen der Samen eigene kleine Mühlen. Obgleich der Kaffeebaum auf paſſen⸗ dem Boden 20 bis 25 Jahre dauert, ſo läßt man zwei⸗ glichſte blüthe weite Zaum Ein⸗ lcher ſerab, en in „ die pfund, durch hezeit verden Wilhelm Sommerlad: Vom Kaffee. 57 —————— ihn doch kaum nur die Hälfte dieſer Zeit ſtehen, den freigewordenen Platz nehmen ſofort junge Stämme ein. Die Güte der im Handel vorkommenden Kaffee⸗ ſorten iſt abhängig von der Verſchiedenheit des Bodens und Klima's, in welchem die Samen gewonnen wurden, von der größeren oder geringeren Sorgfalt beim Anbau, von der Ernte und endlich von der Art der Reinigung. Die vorzüglichſte von allen, der Mokkakaffee, hat kleine, dunkelgelbe Bohnen, kommt aber wohl nicht zu uns; was in Europa unter dem Namen Mokka verkauft wird, ſind vielmehr die kleinſten ausgeſuchten Javabohnen, die größer und von bräunlich gelber Farbe ſind. Dieſem folgt in der Güte der Kaffee von Bourbon mit größerem, länglichem, weißlichem Samen, die amerikaniſchen Sor⸗ ten ſind alle mehr grünlich oder bläulich grau und bil⸗ den als die geringſte Sorte den größten Theil des nach Europa kommenden Kaffee's. Während vor etwa hundert Jahren die Geſammt⸗ produktion des Kaffee's nur 10 bis 12 Millionen Pfd. betrug, beläuft ſie ſich jetzt, wie bereits erwähnt, auf faſt 5 Millionen Centner(im Werthe von 50 bis 70. Millionen Thaler), wozu Braſilien allein 1 ⅜, Java 1 Millionen Centner, Jemen dagegen unter allen Ländern den geringſten Theil, etwa 1 Million Pfd., liefert. Aus der Urheimat Enarea und Kafa hat der Kaffee bis jetzt noch keine Wichtigkeit für den Welthan⸗ del gewonnen. Vor der Einführung des Kaffee’'s, Thee's und der Cichorie fand man hier zu Lande in faſt jedem Hauſe irgend ein Gewächs aufbewahrt, um das Bedürfniß nach einem aromatiſchen warmen Getränke befriedigen zu können. Meiſt war es die Kamille oder die Hollunder⸗ blüthe, an andern Orten Meliſſe, Odermenning, Pfeffer⸗ und Krauſemünze, oder irgend eine andere Pflanze, und es iſt komiſch genug, wenn man noch heute in den niederen Ständen einmal die ganze Familie bei einer Taſſe Kamillen⸗ oder Hollunderthee's beiſammen findet. Ein derartiges Getränk erſetzte indeß niemals eine Mahl⸗ zeit, was der Kaffee nunmehr ſehr oft ſein muß; unſere Voreltern, denen er unbekannt war, genoſſen ſtatt ſeiner ein Süpplein, welcher Sitte wir noch immer in vielen Oekonomien begegnen, hier aber hauptſächlich der Brod⸗ erſparniß wegen beibehalten wird. Die Beſtandtheile der Kaffeebohnen ſind Fett, eiweißartige Körper, eine eigenthümliche Gerbſäure (Kaffeeſäure), Zucker, Pflanzenfaſer oder Celluloſe, ein ätheriſches Oel, das die Urſache des eigenthümlichen Geruchs des rohen Kaffee's iſt, unorganiſche Beſtand⸗ theile und Kaffein, letzteres reich an Stickſtoff und der wirkſamſte Beſtandtheil der Kaffeebohnen. Dem Gebrauche friſcher Bohnen ſteht ihr zu⸗ ſammenziehender herber Geſchmack und ihre hornartige Beſchaffenheit entgegen, welche letztere die vollſtändige Extraktion der löslichen Beſtandtheile verhindert. Aus dieſem Grunde pflegt man die Bohnen zu röſten, wobei in ihren Beſtandtheilen eine weſentliche Veränderung vor ſich geht: das Fett wird zum größten Theile zer⸗ ſtört, die Gerbſäure und die Pflanzenfaſer erleiden eine beginnende Zerſetzung und der Zucker verwandelt ſich Crinnerungen. I. XX)II. 4851. —QOCOCQCQCQCQꝑ—:BAõꝗ— in Karamel; nur das Kaffein wird nicht zerſetzt, es geht als ſolches in den Auszug der geröſteten Bohnen über; die brenzlichen Stoffe, die ſich dabei erzeugen, bedingen die braunrothe bis ſchwarzbraune Farbe. Der ange⸗ nehme charakteriſtiſche Geruch der Bohnen gehört nicht einem einzigen Körper, ſondern einem Gemenge der Produkte der trocknen Deſtillation mehrerer Beſtand⸗ theile der Kaffeebohnen an. Daß das Röſten des Kaffee's einige Sorgfalt und Uebung erfordert, iſt bekannt. Bei zu hoher Temperatur, wobei die Bohnen mehr verbrennen als röſten, geht der größte Theil des feinen aromatiſchen Geſchmackes verloren und das Kaffein wird ausgetrieben, wodurch ſolcher Kaffee einen unangenehmen, bittern Geſchmack bekommt. Am beſten geſchieht das Röſten in verſchließ⸗ baren Brennern; bis zur rothbraunen Farbe erhitzt, verliert der Kaffee 15 pCt. an Gewicht, aber 100 Theile Kaffee nehmen, obwohl ſie nach dem Röſten nur noch 85 wiegen, den Raum von 130 Theilen Kaffee ein. Beim Röſten bis zur kaſtanienbraunen Farbe verlieren 100 Theile Kaffee 20 pCt.; das Volumen beträgt in dieſem Falle das von 150 Theilen ungebranntem Kaffee, und es laſſen ſich hieraus beachtenswerthe Regeln für den Verkauf ziehen. Da der Kaffee nicht ſelten gefärbt iſt, ſo ſollte man ihn vor dem Röſten waſchen; man liest nämlich zuvor alle ſchlechten Bohnen, Steinchen ac. ſorgfältig aus, dann wird er zweimal in lauwarmem Waſſer ab⸗ gewaſchen und endlich auf einem ausgebreiteten Tuche abgetrocknet. Gewaſchener Kaffee darf aber nicht zu braun geröſtet werden. An der Luft, beſonders bei warmer Witterung, verliert der gebrannte Kaffee einen großen Theil ſeines flüchtigen Oels und er muß deßhalb gleich nach dem Brennen und Abkühlen in luftdicht verſchloſſene Blech⸗ büchſen oder Glasflaſchen gefüllt werden. Daß der Kaffee ſein Aroma verliert, wenn man ihn nach der älteren Methode kocht, iſt nach dem Vor⸗ ausgegangenen klar: man will alle Kraft ausziehen und zerſtört ſein aromatiſches Oel und ſomit den Wohl⸗ geſchmack; der Aufguß von kochendem Waſſer kann allein einen ſchmackhaften Kaffee liefern. In neuerer Zeit hat man den Zuſatz einer kleinen Menge verwitter⸗ ten kohlenſauren Natrons(43 Gran auf 1 Pfund ge⸗ röſteten Kaffee) zum Kaffeewaſſer als eine weſentliche Verbeſſerung im Kaffeekochen wiederholt vorgeſchlagen und angeprieſen. Wie der Thee, ſo erregt auch der Kaffee die Thätig⸗ keit des Gehirns, der Nerven und der Verdauungs⸗ organe.„Während der Thee vorzugsweiſe die Urtheils⸗ kraft erweckt,“ ſagt Moleſchott,„und dieſer Thätigkeit ein Gefühl von Heiterkeit zugeſellt, wirkt der Kaffee zwar auch auf das Denkvermögen erregend, jedoch nicht ohne zugleich der Einbildungskraft eine viel größere Lebhaftigkeit zu ertheilen. Die Empfänglichkeit für Sinneseindrücke wird durch den Kaffee erhöht, daher einerſeits die Beobachtung geſteigert, auf der andern Seite aber auch die Urtheilskraft geſchärft, und die belebte Einbildungskraft läßt ſinnliche Wahrnehmungen 8 ——— 58 Erinnerungen. Flluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. durch Schlußfolgerungen raſcher beſtimmte Geſtalten annehmen. Es entſteht ein Drang zum Schaffen, ein Treiben der Gedanken und Vorſtellungen, eine Beweg⸗ lichkeit und eine Gluth in den Wünſchen und Idealen, welche mehr der Geſtaltung bereits durchdachter Ideen, als der ruhigen Prüfung entſtandener Gedanken günſtig iſt.“ Der übermäßige Genuß des Kaffee's hat einen ſtarken Blutandrang nach dem Kopfe, Stockungen im Unterleibe, Schwächungen des Darmkanals, Schlafloſig⸗ keit und einen rauſchartigen Zuſtand von Aufregung zur Folge. Es entſteht ein Gefühl von Unruhe und Hitze, Angſt und Schwindel, Zittern der Glieder, ein Drang, in's Freie zu kommen, und die friſche Luft iſt gewöhnlich das beſte Mittel zur Aufhebung eines Zu⸗ ſtandes, deſſen Fortdauer eine wahrhaft aufreibende Gewalt über den Menſchen ausübt. Bei leichten Unpäß⸗ lichkeiten, als Kopfweh, Hartleibigkeit, Verdauungs⸗ ſchwäche, Trägheit der Hautausdünſtung, leiſtet der Kaffee unverkennbare Hilfe, indeſſen iſt durch den häu⸗ figen Gebrauch ſeine mediciniſche Wichtigkeit und Wirk⸗ ſamkeit ſehr beſchränkt. Die geröſteten Kaffeebohnen dienen aber immer noch als wirkſames Gegenmittel bei Opium. und anderen narkotiſchen Vergiftungen, des⸗ gleichen auch bei Berauſchung. Die Gerbſäure in Kaffee und Thee ſchlägt die eiweißartigen Körper aus ihren Löſungen leicht nieder, darum iſt Milch in dieſen Getränken ſchwerer verdaulich, als wenn ſie allein getrunken wird. Und ſo iſt nur ſchwarzer Kaffee wirklich im Stande, nach Tiſch die Verdauung zu fördern, indem er die Abſonderung der löſenden Säfte vermehrt. Kein Italiener trinkt nach Tiſch Milch in ſeinem Kaffee. Die beſonders ſeit der Zeit der napoleoniſchen Kontinentalſperre bei uns gebräuchlichen Surrogate, wie Cichorie, Gerſte, Roggen, Runkelrübe, Möhre, Eichel u. ſ. w., ſind mit wenigen Ausnahmen weder der Geſundheit ſehr zuträglich, noch bezwecken ſie eine begründete Gelderſparniß; in letzter Beziehung verhalten ſie ſich zu gutem Kaffee noch nicht einmal wie altes Kuh⸗ fleiſch zu Ochſenfleiſch. Da alle dieſe Stoffe den charakte⸗ riſtiſchen Beſtandtheil des Kaffee’s, das Kaffein nämlich, nicht enthalten, ſo iſt der Genuß des Surrogatkaffee's ein Selbſtbetrug, der die Farbe für den Gehalt nimmt. Die wandernden Erdbeeren. Humoreske. 6 n einem kleinen, eleganten Salon war eine aus zwei Damen und drei Herren beſtehende Geſell⸗ W ſchaft verſammelt. Mit erſtarrendem Hauche blies ₰ draußen ein eiſiger Nordwind, denn es war um — die Weihnachtzeit; aber im Innern des Zimmers E herrſchte Licht, Wärme und Behaglichkeit. Ein lu⸗ ſtiges Feuer flackerte traulich im Kamin, ein weicher Teppich, herabgelaſſene Vorhänge von ſchwerem Seiden⸗ zeuge hielten jedes Eindringen der Kälte zurück; epotiſche Pflanzen dufteten in koſtbaren Gefäßen. Heiter, geiſtreich, von überſprudelnder Laune war die kleine Geſellſchaft, und wie konnte es anders ſein! War ſie doch um die gefeierte Schauſpielerin S... verſammelt, die in jung⸗ fräulicher, ſittiger Anmuth die liebenswürdige Wirthin machte, den Thee bereitete und von den Herren bald mit einer das heilige Feuer hütenden Veſtalin, bald mit einer den Nektar reichenden Hebe verglichen wurde. „Schmeicheleien, nichts als Schmeicheleien,“ rief ſie lächelnd,„die nur dazu dienen, mich meine Ohn⸗ macht recht fühlen zu laſſen. Wäre ich eine Göttin, ſo könnte ich über Erde und Himmel, Froſt und Hitze ge⸗ bieten und brauchte mir nicht einen Wunſch zu verſa⸗ gen, den ich ſchon ſeit mehren Tagen hege und deſſen Erfüllung mich mehr, als alle empfangenen reichen Weihnachtsgeſchenke erfreut hätte.“ „Ein Wunſch,“ rief Graf P..., ein Kavallerie⸗ Officier,„nennen Sie ihn, ich fliege, ich eile, und ſollte ich drei meiner beſten Pferde zu Tode jagen.“ „Ein Wunſch?“ fragte Banquier R..„iſt es eine Spende zu einer Sammlung für die Armen? Reden, gebieten Sie!“ „Ein Wunſch,“ ſagte Eugen F... der junge Schriftſteller,„o, daß ich die Sterne für Sie zum ſtrahlen⸗ den Diadem vom Himmel herabholen, Ihren Namen mit Flammenzügen an das Firmament zeichnen könnte, wie er bereits am Himmel der Kunſt glänzt. Was wünſchen Sie?“ „Ich glaube nicht, daß meine Tochter ſo über⸗ ſchwängliche Wünſche hegt,“ lächelte Frau S... eine freundliche, würdige Matrone. „Mama beurtheilt mich ſehr richtig. Sie ſind ſehr gütig, meine Herren; aber nichts von allem, was Sie mir ſo freigebig zur Verfügung ſtellen, iſt mein Wunſch, denn leider können Sie, Herr F... die Macht, nach welcher Sie ſoeben geſtrebt nur im Reiche der Poeſie erlan⸗ gen; ich aber ſehne mich nach etwas Wirklichem, und zwar — nach friſchen Erdbeeren. Wer von Ihnen vermag mir dieſe jetzt unter Eis und Schnee emporwachſen zu laſſen?“ Die Herren verſtummten einen Augenblick; die Aufgabe ſchien nicht ganz leicht. Vielleicht mochte ſich der Eine oder der Andere aus ſeiner Jugend des Mär⸗ chens von den wunderthätigen Zwergen erinnern, die dem armen, von der Stiefmutter im harten Winter nach Erdbeeren ausgeſchickten Kinde die erſehnten Früchte verſchafften. Vielleicht ſehnten ſie ſich nach ihrem Bei⸗ ſtande; unſere Zeit iſt jedoch zu materiell geworden, der Wunderglaube iſt entflohen und mit ihm Elfen, Feen und Zauberer. Nur zwei mächtige Zaubergewalten gibt es noch— die Dampfkraft und das Geld. Zu bei⸗ den mußten die Herren ihre Zuflucht nehmen; da aber die letztere dem Banquier R... im reichſten Maße zu Gebote ſtand, ſo iſt es natürlich, daß er auch über die erſtere unumſchränkt gebot und ſeinen Nebenbuhlern den Rang ablief. Telegraphiſche Depeſchen flogen an alle Kunſtgärtner nah und fern, und wirklich war er ſo glücklich, die um einen enormen Preis erkauften Erd⸗ beeren in einem zierlichen Körbchen am Neujahrsmorgen der Künſtlerin zuzuſchicken. Der Wunſch, Erdbeeren zu eſſen, war nur eine Eingebung des Augenblicks geweſen, hervorgerufen durch die Luſt, ihren Verehrern eine kleine Verlegenheit deſſen reichen Die wandernden Erdbeeren.— Der Bote Allah's. 59 zu bereiten. Jetzt, da ſie die köſtlich duftenden, mit dem rauhen Winter ſo ſeltſam kontraſtirenden Kinder des Lenzes in Händen hielt, kam es ihr faſt wie ein Unrecht vor, ſie ohne weiteres zu verzehren, und ihrem guten, wohlwollenden Herzen folgend, ſandte ſie dieſelben einer ſchon ſeit mehren Wochen kranken Kollegin. Die Mutter der Kranken, welche das Geſchenk in Empfang nahm, war eine praktiſche, ſparſame Hausfrau und berechnete ſehr richtig, daß aus dem Erlös der jetzt ſehr koſtbaren Früchte ihrer Tochter gewiß ein größerer Nutzen erwachſen dürfte, als aus dem Genuſſe derſelben. In eigener Perſon begab ſie ſich daher ſogleich zu einem ihr bekannten Fruchthändler, bot dieſem die Erdbeeren zum Verkauf an und erhielt, da derſelbe mehre male in dieſen Tagen um die Herbeiſchaffung von Erdbeeren angegangen, einen ziemlich hohen Preis dafür, da er hoffen durfte, immer noch ein gutes Geſchäft damit zu machen. Er hatte ſich nicht getäuſcht. Graf P.., dem er die Erdbeeren brachte, zahlte voll Freude, ſie jetzt, wo er jede Hoffnung ſie zu erlangen aufgegeben hatte, noch zu bekommen, die dafür geforderte Summe und ſandte mit einem Billet, worin er ſchrieb, daß ihm die Früchte erſt in dieſem Augenblicke durch einen Courier überbracht worden, dieſelben an Fräulein S... Auch jetzt konnte ſich die Künſtlerin nicht ent⸗ ſchließen, die Erdbeeren ſelbſt zu verzehren. Frau von R... eine Freundin und Gönnerin, hatte ihr ſoeben einen prächtigen Blumenſtrauß als Neujahrsgruß ge⸗ ſandt, ſie erwiederte denſelben durch das Körbchen mit Erdbeeren. Der Zufall wollte, daß Cugen F.. der junge Schriftſteller, zu dem Bekanntenkreiſe der Frau von R... gehörte, in den jüngſtverfloſſenen Tagen mehrmals ihr Haus beſucht und dort wiederholt den Wunſch geäußert hatte, Erdbeeren zu erlangen, ohne einen Grund für dieſes Verlangen anzugeben. Frau von R... hielt den Wunſch für eine phantaſtiſche poetiſche Laune, war liebenswürdig genug, ſie ihm zu erfüllen, und ſchickte ihm das Körbchen mit Erdbeeren zu. Der kurze Wintertag neigte ſich bereits ſeinem Ende zu, als Eugen F.. ſich ſelbſt zu Fräulein S... begab, ihr die Erdbeeren als ſoeben angekommen zu überreichen. War der Künſtlerin ſchon, als ihr die Früchte vom Grafen P... zugeſchickt worden, eine Ahnung des eigentlichen Sachverhaltes aufgegangen, ſo blieb ihr jetzt kein Zweifel, daß dieſelben Erdbeeren gleich den Pantoffeln des Kaſem, wenn auch weniger unheilbringend, immer wieder zu ihr zurückgekehrt ſeien. Schalkhaft lächelnd empfing ſie die Gabe und ihre Mutter lud Cugen F... zum Thee, eine Einladung, welche ſie auch an die beiden anderen Herren ergehen ließ. Wieder waren die fünf Perſonen in den eleganten Räumen der Schauſpielerin verſammelt. Auf der Mitte des Theetiſches prangte das Körbchen mit Erdbeeren, als deſſen Geber ſich jeder der drei Herren ſtolz be⸗ trachtete. Die Theeſtunde ging ſehr heiter vorüber, denn jeder entfaltete im Bewußtſein, der Held des Tages zu ſein und ſeine Rivalen gedemüthigt zu haben, die glän⸗ zendſte Laune. Die Künſtlerin dankte dem freund⸗ lichen Geber der herrlichen Früchte und bat die — Herren, welche Zeugen ihres Wunſches geweſen, jetzt ſich der Erfüllung desſelben mit ihr zu freuen, indem ſie die Erdbeeren gemeinſchaftlich verzehrten. Das Körb⸗ chen war bald geleert. Wer aber beſchreibt das Er⸗ ſtaunen des Grafen und des Dichters, als ein auf dem Boden des Körbchens liegendes Bild Talmas's in zier⸗ licher Goldeinfaſſung zum Vorſchein kam, für den Fräu⸗ lein S... ſtets eine ſchwärmeriſche Verehrung gezeigt. Die beſtürzten Geſichter der beiden Herren, das trium⸗ phirende des Banquiers waren ſo komiſch, daß ſich die Künſtlerin, obgleich auch ſie ſehr überraſcht war, von einer unwiderſtehlichen Lachluſt ergriffen fühlte. Sie erzählte den Herren, wie es den Früchten bei ihr ergan⸗ gen; wohl oder übel mußte jetzt Jeder ſeinen Antheil an der Begebenheit der Wahrheit gemäß berichten, und ſo erfuhr man denn zum größten Ergötzen die Geſchichte der wandernden Erdbeeren. Der Bote Allah's. — Perſiſche Erzählung. /) ſ in Derwiſch ging eines Tages nach dem Bazar, Oydort einige Strähne Baumwolle, die ſeine Frau — geſponnen, zu verkaufen. Er erhielt einen Direm —(ungefähr 1 ½ Sgr.) dafür und war eben im 8 Begriffe, denſelben gegen Lebensmittel umzu⸗ tauſchen, die er ſeiner harrenden Familie als Mittagsmahl heimbringen wollte, als er zwei Männer unter heftigen Scheltworten mit großen Stöcken ſo wüthend aufeinander eindringen ſah, daß er für ihr Le⸗ ben fürchtete. Der Derwiſch erkundigte ſich nach der Urſache des Streites und erfuhr, daß derſelbe um einen Direm ent⸗ ſtanden ſei, den der Eine dem Andern nicht bezahlen könne. „Ich habe ſoeben einen Direm erhalten,“ über⸗ legte der Derwiſch;„wäre es nicht meine Pflicht, dieſen den Streitenden zu geben und auf dieſe Weiſe Blut⸗ vergießen, ja vielleicht den Tod meines Nächſten zu verhüten?“ Gedacht, gethan. Er näherte ſich den feind⸗ lichen Parteien, gab ihnen den Direm und hatte die Genugthuung, den Kampf augenblicklich enden zu ſehen. Mit leeren Händen und ſorgenſchwerem Herzen kehrte er nach Hauſe zurück und geſtand aufrichtig ſeiner Frau, was ſich zugetragen und wie er gehandelt habe. Als würdige Gattin eines ſolchen Mannes machte ſie ihm nicht den leiſeſten Vorwurf darüber und ſuchte, da die Mittagsſtunde längſt vorüber und die Kinder nach Brod weinten, auf andere Weiſe Rath zu ſchaffen und irgend etwas Verkäufliches aufzufinden. Sie ſuchte lange vergeblich; endlich fiel ihr ein Gewand von verbliche⸗ nem Seidenſtoff in die Hände. „Nimm dies, mein Freund,“ ſagte ſie,„und ſiehe, daß Du es verkaufſt; beeile Dich aber, denn die Kinder haben heute noch nichts gegeſſen.“ Der Derwiſch durchlief die Stadt von einem Ende zum andern, konnte aber nirgends einen Käufer finden. Mehrere Stunden waren im fruchtloſen Bemühen da⸗ hingegangen, als ihm ein Mann begegnete, der einen großen Fiſch zum Verkauf ausbot, aber keinen Ahneh⸗ 0* 8 60 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt Gund Humor. Mißverſtändniſſe. 3. ' 1ö 1 M” . 4 p 7) d V Een Lieutenant:„Iſt denn heute die Wirthin närriſch geworden, ſo ein delikates Eſſen um 30 Kreuzer zu ſchicken?“ Wenzel(ſchmunzelnd); ſchicken, wie Herr Lieutenant befohlen haben.“ „Es iſt nicht von der Wirthin; ich habe der gnädigen Frau geſagt, ſie ſoll das Eſſen Lientenant:„O Du Eſel, jetzt gehſt Du gleich wieder hin, kaufſt unterwegs eine Torte um drei Gulden C. M. und bringſt ſie der Frau Baronin.“ mer finden konnte, da derſelbe todt war und die Luft bereits mit einem üblen Geruch erfüllte. „Das iſt mein Mann,“ dachte der Derwiſch, näherte ſich dem Fiſchhändler und ſagte ohne weitere Vorrede: „Kamerad, willſt Du Deinen Fiſch gegen mein Gewand vertauſchen? Niemand will uns unſere Waare ab⸗ kaufen, es iſt alſo am beſten, wir ſchließen den Handel ab.“ Der Andere war damit zufrieden und der Der⸗ wiſch eilte mit dem Fiſche nach Hauſe und übergab ihn ſeiner Frau, die ſich ſogleich anſchickte, ihn zu öffnen und zu zerlegen. Zu ihrem großen Erſtaunen fand ſie im Innern des Fiſches eine köſtliche Perle, mit, welcher ſie hocherfreut zu ihrem Manne lief und ihn bat, die⸗ ſelbe ſogleich zu verkaufen. Der gute Derwiſch hatte keine Ahnung von dem Werthe des Kleinodes, holte deßhalb den Rath eines bewährten Freundes ein und ging von dieſem begleitet nach dem Bazar der Juwe⸗ liere, wo die Perle von Kennern als eine der ſchönſten erkannt wurde, welche je zu Ormus gefunden wurde. Er erhielt 120.000 Direm dafür und eilte mit dieſem Schatze ſeiner Wohnung zu. Im Begriffe, die Schwelle derſelben zu überſchrei⸗ ten, wurde er von einem Bettler angeredet: Allah hat Dir eine große Summe beſchert, gib mir den zehnten Theil davon, der nach den Geboten des Koran den Armen zukommt!“ Der Derwiſch erkannte die Gerechtigkeit der For⸗ derung und übergab dem Bettler 12.000 Direm, als den vom Propheten gebotenen Theil für die Armen. Dankend entfernte ſich der Bettler, kehrte jedoch nach wenigen Schritten wieder um, indem er ſagte:„Siehe mich recht an, erkennſt Du mich nicht?“ Der Derwiſch betrachtete ihn genauer und ſah, daß es derſelbe Mann ſei, der ihm den Fiſch verkauft hatte. „Du biſt gekommen, Dein früheres Recht auf die Perle geltend zu machen,“ ſprach er, ohne nur einen Augenblick zu zögern oder ſich auf ſein Recht als Käufer zu berufen,„ich erkenne es an, nimm hin die Geld⸗ ſumme, ſie gehört Dir zu.“ „Nicht alſo,“ erwiederte Jener.„Ich bin weder ein Bettler, noch ein Fiſchhändler, ſondern der Bote Allah's. Er hat mich zu Dir geſandt, Dir zu verkünden, daß, weil Du Deinen letzten Direin hingegeben, Unfrie⸗ den zwiſchen Deinen Brüdern zu verhindern, Dir auf Erden ein frohes glückliches Leben, nach Deinem Tode aber der Genuß der höchſten Glückſeligkeit beſchieden iſt.“ F. OOG Feuilleton. Gemeinnütziges. Die bekannte Handlung von Iules Le Clerc in Berlin läßt jetzt Stahlfedern verfertigen, deren geſpaltener Schnabel aus Glas beſteht(Kryſtallfedern), und eine andere Sorte, deren Spitze mit einem Diamantſplitter befetzt iſt(Goldfedern). Letztere Feder kann durch einen Regulator weicher und härter gemacht werden. In der Schuhmacherei wendet man jetzt ſtatt der Holznägel mit einer Schraube verſehene Meſſingſtifte an, um die Sohle mit dem Oberleder feſt zu verbinden Die Arbeit wird durch eine Maſchine beſorgt, welche ſo viel leiſtet, wie drei bis vier tüchtige Arbeiter. koſtet bei Lemercier in Paris 1000 Francs. Derſelbe hat binnen zwölf Monaten 178 Stück verkauft. Die Schräub chen ſtehen in ſo vielfacher Verbindung mit dem Leder, daß ſie nie herausfallen können. Ein Schutzmittel gegen Ameiſen. In den heißen Sommermonaten ſind die Ameiſen, vorzüglich auf dem Lande, den Hausfrauen um ſo unwillkommenere Gäſte, da ſie ſich beſonders dort einfinden, wo Eßwaaren, na⸗ mentlich Süßigkeiten, aufbewahrt werden. Sie erſcheinen oft in ſolcher Menge, daß die Speiſen verderben. Um dieſe Thierchen von den Speiſen fern zu halten, ſetzt man das Gefäß, in welchem ſich die Speiſe befindet, auf Aſche und beſtreut noch ringsumher den Tiſch mit etwas Aſche. Gebraucht man dieſe Vorſicht, ſo wird keine Ameiſe der Speiſe ſich nähern. Worin die Schutzkraft der Aſche be⸗ ſteht, hat man bis jetzt noch nicht ermittelt. Einen ſehr guten Porcellankitt erhält man, wenn man 20 Theile gebraunten Gyps mit 5 Theilen arabi⸗ ſchen Gummi's mengt und dieſes mit Waſſer zu einem ſteifen Brei anrührt. Will man den Kitt von ſogend einer Farbe haben, ſo kann man den gewünſchten⸗ Farbeſtoff dem Brei zufügen. Um alter Seide Glanz zu geben, laſſe man Kaffee⸗ ſatz mit Waſſer aufkochen, gieße es durch ein Tuch und löſe darin ein wenig arabiſches Gummi auf. In dieſe Miſchung taucht man die Seide, ringt ſie aus und bü⸗ gelt ſie auf der umgekehrten Seite. Natürlich eignen ſich für dieſes Verfahren nur dunkle Farben. Helle Farben behandelt man auf dieſelbe Weiſe mit reinem Gummi⸗ waſſer. —— Ein Stück. Statiſtiſches. Das älteſte Kaffeehaus Wien’s hat aufgehört zu ſein. Dasſelbe, in der Nähe der Ferdinandsbrücke, rechts, gelegen und den älteren Bewohnern Wien's als Hungel⸗ mann'ſches, den jüngeren als Moſer'ſches und endlich Römer'ſches Kaffeehaus bekannt, befand ſich in demſelben Lokale ſeit 1703, alſo faſt ununterbrochen 160 Jahre. Zur⸗ Zeit ſeiner Begründung hieß es„Kaffeehüttel.“ Die„Auſtria“ gibt eine Ueberſicht der Breun⸗ ſtoff⸗ und Taglohnpreiſe an verſchiedenen Orten des öſter⸗ reichiſchen Kaiſerſtaates zu Anfang des Monats Juni 1861. Hienach koſtete die Wiener Klafter hartes Brennholz zu 36 Zoll Länge in Wien 26 fl., in Prag 19 fl., in Bo⸗ zen 18 fl., in Krakan 16 fl., in Brünn 16 fl., in Trieſt 15 ½ fl., in Olmütz 13 ¾ fl., dagegen in Leibach nicht ganz 10 fl., in Gratz 10 ½ fl., in Hermanſtadt 9 ½ fl., in Raguſa 8 fl., in Reutte(Tirol) 6 fl., in Teſchen 5 ¾ fl., in Radautz(Bukowina) gar nur 3 ¾ fl. Der höchſte Preis des weichen Brennholzes ſtellt ſich abermals in Wien heraus, mit 17 fl., der niedrigſte wieder in Radautz mit 3 fl.(Aus Böhmen erſcheinen folgende Holzpreiſe no⸗ tirt: Hartes Holz, Prag 19 fl., Elbekoſteletz 15 fl., Leit⸗ meritz 14 fl. 88 kr., Piſek 12 fl. 96 kr., Klattau 9 fl. 60 kr.; weiches Holz, Prag 13 fl. 86 kr., Elbekoſteletz 13 fl. 50 kr., Leitmeritz 12 fl. 60 kr., Piſek 10 fl. 8 kr., Klattau 8 fl. 40 kr.)— Der Taglohn eines gewöhnlichen Ar⸗ beiters ohne Verköſtigung iſt am höchſten notirt bei Fiume, nämlich 1 fl. 10 fr.— 1 fl. 50 kr., ſodann kömmt Bozen mit 1 fl. 5 kr., Wien mit 70 kr.,— 1 fl., Prag mit. 63— 84 kr., Koſtainica(Mütrargrenze) 75— 85 kr., Reutte 70—80 kr., Trieſt 80 kr., Raguſa 87%. Beſlach 70— 75 kr. Im Uebrigen variiren die Taglöhne zumiſt zwiſchen 30— 60 kr.(Aus Ungarn und der Wojwodina ſeac die betreffenden Eingaben nicht nach Wien gelangt.). Lebensmittelverbrauch in Wien. Nach einer vor Kurzem gemachten ſtatiſtiſchen Berechnung verzehren die Bewohner Wiens jährlich im Durchſchnitt 350,000 Eimer Wein, 1 Million Eimer Bier, 98.000 Stück Rindvieh, 140.000 Kälber, 100.000 Schafe, Hammel, Ziegen, Läm⸗ mer, Spanferkel und Friſchlinge, 100.000 Schweine, 330.000 Gänſe, Kapaune, Enten, Truthühner, 1,300.000 Paar Hühner und Tauben, 6000 Hirſche, Wildſchweine, Rehe und Gemſen, 180,000 Haſen, 50.000 Faſanen, Schnepfen und Birkhühner, 70.000 Rebhühner und Wild —— 62 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. tauben, 20.000 Centner Fiſche aller Art, 16.000 Centner Reis, 1,200.000 Centner Mehl, 280.000 Centner Brod, 300,000 Centner Obſt, 55.000 Centner Fett und 60 Mil⸗ lionen Stück Eier. Das Bier in Baiern. Folgende Nachweiſe gibt kein Miniſterialbeamter in München über das Bier,„das fünfte Element in Baiern.“ Mehr als die Hälfte der jähr⸗ lichen Gerſtenernte, 1,200.000 Scheffel, und 50.000 Centner Hopfen werden in Baiern jährlich zur Bierfabrikation verwendet. Dies Material koſtet circa 15 Millionen Gul⸗ den. Die Koſten der Bereitung, Kapitalintereſſen ꝛc. ein⸗ gerechnet, ſind 12,600.000 Gulden, die Steuern 8 Mil⸗ lionen; den Baiern kommt alſo ihr Bier alljährlich auf 35 Millionen Gulden zu ſtehen, etwa ſo viel, wie die Staatseinnahmen im Ganzen betragen. Nimmt man den jetzigen Bierpreis an, ſo ſteigern ſie ſich auf 50 Millionen Gulden. Die Zahl der Brauereien iſt 4858; das Bier⸗ quantum jährlich beträgt 8,400.000 Eimer. Der Export desſelben iſt dagegen verhältnißmäßig gering; er belief ſich 1856 nur auf 165.236 Eimer, alſo nicht ganz 2 Proc. des gebrauten Gerſtenſaftes. Die Straßen Londons haben die Geſammtlänge von 1750 Meilen und deren Pflaſterung koſtete circa 44 Mill. Pfund Sterling. Humoriſtiſches. Ein Landpfarrer begegnete einem ſeiner Bauern, welcher einen Sack Mehl trug.—„Nun, wohinaus, lieber Matz?“ fragte der Ehrwürdige.—„Ich will einer armen Frau das Mehl bringen.“—„Sehr edel, lieber Matz, ſehr chriſtlich! Wird ihm hoch angerechnet werden. Wer iſt denn die arme Hilfsbedürftige?—„Na, meine Frau, Herr Pfarrer,“ erwiederte der pfiffige Bauer. Heinrich IV. wandelte einſt in ſeinem Luſtgarten zu Fontainebleau, als der Gärtner ihm eine Stelle be⸗ zeichnete, auf welcher durchaus nichts wachſen wollte.— „Pflanze Advokaten hierher, die gedeihen gewiß,“ ſagte der König. Ein Polizeibeamter, welcher einem einäugigen vornehmen Herrn einen Paß auszuſtellen hatte, ſchrieb, um ihn nicht zu beleidigen, in's Signalement: Schwarze Augen, von denen das eine abweſend iſt. Warum freſſen weiße Schafe mehr als ſchwarze? — Weil es deren mehr gibt als ſchwarze. Ein Maler malte die Fußbekleidungen ſeiner Por⸗ träts ſo täuſchend, daß er von der Schuhmacherinnung wegen unbefugter Ausübung ihres Handwerks denuncirt ward. Ein Geck tadelte im Koncert eine Säugerin, in⸗ dem er ſagte, daß ſie viel zu hoch ſinge.—„Das hängt ganz von perſönlicher Auffaſſung ab,“ ſagte ſein Nachbar; „vielleicht ſind Ihre Ohren zu hoch.“ — Welcher Unterſchied iſt zwiſchen einem Fünfzig⸗ Thalerſcheine und einer fünfzigjäheeven Fran?— Der erſtere kann gewechſelt werven,⸗ die zweite nicht. Zwei Mänze⸗ ramen aus einem Dilettantenkon⸗ cert.—„Mro halten Sie von der heutigen Auffüh⸗ runae“ lägte der Eine.—„Den Mund,“ antwortete ser Andere. Franen mit Krinolinen ſind gefährliche Perſ . 4 3 9 1 onen fadis ſta hlon ihre Röcke, um Herzen zu bepben und lind weit mehr darum beſorgt, daß kein Reifen 3 daß ein Herz bricht. fene als daß „Er iſt angeklagt, ſich ohne Arbeit umhergeirieben zu haben,“ ſagte ein Polizeirichter zum Vagabonden; „warum arbeitet Er nicht?“—„Weil ich dann Einkom⸗ menſteuer bezahlen müßte, Herr Polizei.“ Vermiſſhtes. Von New⸗York aus wird die geſammte deutſche Preſſe dringend an die Erfüllung der Pflicht gemahnt, mit allen ihr zu Gebote ſtehenden Mitteln vor der Aus⸗ wanderung nach Amerika, ſo lange die jetzigen Verhält⸗ niſſe andauern, nachdrücklich zu warnen. Arbeit gibt es nicht, deſto mehr Arbeitloſe. Am 9. Juni ging ein Leipziger Bürger und Kauf⸗ mann mit zwei unerwachſenen Söhnen in ein Bad. Er kam, ſeiner eigenen Ausſage nach, faſt unmittelbar vom Mittagseſſen und wurde deßhalb vom Badebeſitzer er⸗ mahnt von dem Gebrauche des Bades noch einige Zeit abzuſtehen. Deſſenungeachtet ſprang derſelbe, nachdem er ſich in ſeiner Zelle entkleidet, ſogleich in's Waſſer und kam nicht wieder zum Vorſchein: ein Blutſchlag hatte dem Leben des Unvorſichtigen ein Ende gemacht. Von der Beredſamkeit amerikaniſcher Advokaten gibt folgende vor der Jury in Wisconſin für einen Mör⸗ der gehaltene Vertheidigungsrede eines Advokaten Zeug⸗ niß:„Gentlemen der Jury! Die Schrift ſagt: Du ſollſt nicht tödten; wenn Sie alſo meinen Klienten hängen laſſen, ſo machen Sie ſich einer Verletzung des göttlichen Gebotes ſchuldig. Ich beſtreite nicht, daß mein Klient einen Menſchen getödtet hat, aber iſt das ein Grund, daß Sie eben ſo handeln dürfen?— Sie meinen vielleicht, nicht die Jury, ſondern der Henker vollziehe den Mord; aber der Henker iſt nur das Beil, Sie ſind der Arm und der Kopf, Sie werden Alle als Mörder gelten. Ich ver⸗ pfände mein Wort, Gentlemen, daß keiner von Ihnen ein Bowiemeſſer oder Piſtol in der Taſche hat, nein, Gentle⸗ men, Ihre Taſchen ſind durchduftet vom Parfum des Tabaks und der Cigarren. Sie können fürder in Frieden die blauen Wölkchen aus der Naſe blaſen, aber wenn Sie meinen Klienten verurtheilen, ſo wird der ſchuppige Alli⸗ gator der Reue Ihnen durch'’s Rückenmark ſauſen und Ihre Bruſt wird ſich in eine Eiſenbahn des Grimmes und der Verzweiflung verwandeln. Gentlemen, hüten Sie ſich vor der Betheiligung an einem Morde! Hüten Sie ſich, die Initiative des Ewigen zu ergreifen! Ich beſchwöre Sie bei den Namen Ihrer Frauen, bei dem Topmaſt Ihrer inneren Zufriedenheit, bei Ihrer Liebe für unſere nationalen Kürbiſſe, bei den Sternen, die im Banner unſeres freien und großen Vaterlandes flattern, werden Sie keine Mörder! Nein, Gentlemen, Der iſt ein Schurke, welcher ſo Arges von Ihnen denkt. Ich werde mich mit Jedem ſchießen, welcher behauptet, daß Sie ſich mit einem Bluturtheile beflecken würden ꝛc.“ Der Angeklagte ward wirklich freigeſprochen.. 8 In neueſter Zeit ſind in Berlin in zwei Fällen Schutzmänner wegen Mißhandlung von Menſchen in Aus⸗ übung ihres Berufes zu 9, reſp. 4 Monaten Gefängniß verurtheilt worden. Dieſelben wurden zugleich auf 1 Jahr für unfähig zu öffentlichen Aemtern erklärt. Eine arge Betrügerei wurde kürzlich in Nußloch bei Heidelberg von einigen herumziehenden, ſich für reiſende Schauſpieler ausgebenden Induſtrierittern verübt. Dieſelben ſpiegelten nähmlich einem Wirthe, in deſſen Hauſe ſie ſich aufhielten, vor, daß im Keller ein Schatz verborgen ſei, zu deſſen Hebung ſie ſich anheiſchig machten, wenn er ihnen die Summe von 2000 Fl. überließe. Der Haus⸗ eigenthümer war einfältig genug, dies zu thun. Die an⸗ geblichen Schatzgräber begaben ſich hierauf in den Keller, ſtellten eine Beſchwörung an und brachten in der That drei Säcke zum Vorſchein, welche ſie Jenem übergaben, mit der Weiſung, ſie erſt in acht Tagen zu öffnen. Als der Getäuſchte dieſes Letztere nach Ablauf der beſtimmten Friſt unternahm, fand er in den Säcken ſtatt des ge⸗ hofften Schatzes nur völlig werthloſe Gegenſtände. Die Gauner aber waren mit den 2000 Fl. längſt verſchwun⸗ den. Eine gerichtliche Unterſuchung iſt über dieſen groß⸗ artigen Betrug eingeleitet worden. In der kleinen franzöſiſchen Stadt Bouin hat der Blitz während der Schulzeit in das Schulgebäude, ge⸗ ſchlag kniet, ſich! ordel Meh den wurd em er d kam dem dem okaten M Feuilleton. 63 ſchlagen. Die Kinder waren gerade zum Gebet niederge⸗ kniet, als ſie plötzlich Steine, Holzſplitter und Kalk auf ſich niederfallen und eine kleine feurige Kugel mit außer⸗ ordentlicher Schnelligkeit durch ihre Reihen fliegen ſahen. Mehrere Kinder wurden theils ſtark verbrannt, theils von den herabfallenden Steinen ſchwer verwundet. Ein Knabe wurde vom Blitz getödtet. Das größte Buch, das je gedruckt worden, befindet ſich in einem Exemplar in der k. k. Hofbibliothek zu Wien. Es führt den Titel„Pantheon der Helden Englands“ und iſt vier Klafter hoch und zwei Klafter breit. Die Buch⸗ ſtaben haben die Höhe eines halben Schuhes. Das Buch wurde auf einer Londoner Dampfpreſſe gedruckt und die Stelle der Druckerſchwärze vertrat Goldfirniß. Es ſind von dieſem typographiſchen Rieſen nur 100 Exemplare für die bedeutendſten Sammlungen abgezogen worden. Aus Corfu, 28. Juni wird der„Times“ ge⸗ ſchrieben:„Dieſes kleine Eiland, das Hauptquartier der vom Admiral Dacres befehligten Flotte, iſt nun mit der Anweſenheit Ihrer Majeſtät der Kaiſerin von Oeſterreich beehrt. Vergangene Woche brachte ein Wiener Telegramm die unerwartete Nachricht, daß die Kaiſerin, für die ſich das Wiener Klima abermals als nicht zuſagend erwies, Corfu zum Aufenthalt gewählt habe; am nächſtfolgenden Tage traf die öſterreichiſche Fregatte„Adria“ hier ein, an deren Bord ſich ein Hofbeamte befand, der in aller Eile Vorkehrungen für den Empfang treffen ſollte. Man ſchickte ſofort ein Boot nach dem auf einer Inſpektionsreiſe nach den ſüdlichen Inſeln abweſenden Lord⸗Oberkommiſſär, um ihn von dem Ereigniß in Kenntniß zu ſetzen; er kehrte ſogleich nach Corfu zum Empfang des erhabenen kaiſer⸗ lichen Gaſtes zurück. Am Montag traf der kaiſ. Kriegs⸗ dampfer„Eliſabeth“ mit einem Theile des kaiſerlichen Gefolges, am Dienſtag der öſterreichiſche Dampfer„Greif“ und die Dampfhacht„Phantaſie“ ein; am Bord der letz⸗ teren befand ſich Se. k. Hoheit der durchl. Herr Erzher⸗ zog Ferdinand Max. Die Kaiſerin traf im ſtrengſten Inkognito an demſelben Abend ein. Auf Ihren ausdrück⸗ lichen Wunſch waren Begrüßungsſalven und Ehrenwachen unterblieben. Sie bezog geſtern ein Landhaus, das der Lord⸗Oberkommiſſär der hohen Frau zur Verfügung ge ſtellt hatte. Dieſes, unter der Bezeichnung„Kaſino“ be⸗ kannte Landhaus liegt auf einer lieblichen Anhöhe, ge⸗ währt die Ausſicht auf das Meer und iſt etwa eine Vier⸗ telſtunde von der Stadt Corfu entfernt. Von Sir Fre derick Adam gebaut, hat es eine ſehr hübſche Umgebung, war aber nie regelmäßig bewohnt und bedarf daher ſehr der Ausbeſſerung. Da es nicht möblirt iſt und das Ameu⸗ blement Ihrer Majeſtät erſt gegen Ende der Woche hier ankömmt, ſo wurde es zeitweilig mit den Möbeln der öſterreichiſchen Dampfer verſehen; es fehlt daſelbſt viel von dem Komfort eines gewöhnlichen engliſchen Land⸗ hauſes und es muß als ein ſehr beſcheidener Aufenthalt für eine Kaiſerin bezeichnet werden. Für Ihre Majeſtät gibt ſich hier eine allgemeine ſympathiſche Theilnahme kund und ich kann mit Vergnügen berichten, daß das milde hieſige Klima ihren Zuſtand bereits gebeſſert hat.“ Als König Eduard der Dritte von England Ca⸗ lais belagerte und die Bürger mit ihm wegen der Ueber⸗ gabe der Stadt verhandelten, forderte er, daß ſechs der vornehmſten Bürger, über deren Schickſal er ſpäter ent⸗ ſcheiden wolle, ihm barfuß und barhäuptig, mit Stricken um den Hals, zum Zeichen, daß ſie dem Henker verfallen ſeien, die Schlüſſel der Stadt überbringen ſollten. Nach langer Berathung der Bürgerſchaft trat einer der reichſten und wackerſten Bürger, Cuſtache de St. Pierre, hervor und erbot ſich zum Henkergange bereit; fünf andere Bür⸗ ger folgten. Sie gingen, wie Eduard es verlangt, in's Lager, wo der König ſie heftig ſchalt und ihre ſofortige Hinrichtung befahl. Alle Bitten um Gnade waren verge⸗ bens. Selbſt der Prinz von Wales bat umſonſt. Da ſiel die Königin, die kurz vorher im Lager angekommen war und dem Könige die frohe Hoffnung auf einen Erben gegeben hatte, zu Füßen des ſtrengen Gemals und bat —— für die ſechs Bürger.—„Ach,“ ſprach Eduard,„ich wollte, Du wäreſt jetzt wo anders geweſen, Philippa, denn Dir kann ich keinen Wunſch abſchlagen. Nimm dieſe Menſchen und thue mit ihnen wie Dir beliebt.“— Die Königin ließ die Geretteten ſicher nach der Stadt zurückgeleiten. Kürzlich ereignete ſich in der Nähe von Paris auf der Weſtbahn bei Asnisres ein Eiſenbahnunglück, das leicht eines der furchtbarſten hätte werden können. Ein ſehr langer Zug, in dem ſich ungefähr 2000 Perſonen befanden, kam, als er den Bahnhof verließ, in ein un⸗ rechtes Schienengeleiſe, das nur als Nothgeleiſe im Bahn⸗ hof ſelbſt diente und dicht an der Seine mit einem Hügel endigte. An dem Hügel angekommen, ſtürzte die Lokomo⸗ tive nebſt Tender und einem Packwagen den Abhang hinab, und die übrigen Wagen wären alle mit hinunter⸗ gezogen worden, wenn nicht die Kette, welche ſie mit dem Packwagen verband, geriſſen wäre. Der Heizer wurde tödtlich verwundet und von den Paſeagieren erhielten viele mehr oder minder ſchwere Verletzungen. Ein Glück war es, daß der Zug, da er direkt aus dem Bahnhofe kam, noch nicht mit voller Dampfkraft fuhr, denn ſonſt wären ſämmtliche Wagen unfehlbar in die Seine hinab⸗ geſtürzt. Der ſpaniſche Guerrillaführer San Martino, wel⸗ cher Jahre lang für Don Carlos focht, führte eine neue Kavalleriefechtart ein, die er„den Roſenkranz beten“ nannte. Da San Martino mit ſeinen Leuten ſtets gut beritten war, indem ſie die beſten Pferde im Namen des Königs wegnahmen, wo ſie ſolche fanden, ſo ergriff er vor der feindlichen, ſchlechter berittenen Kavallerie in der Regel ſcheinbar die Flucht, bis die feindlichen Reiter er⸗ mattet waren und ſich zerſtreut hatten. Nun ließ er plötz⸗ lich Kehrt machen und die Reiter einzeln niederhauen, wie Perlen des Roſenkranzes eine nach der andern abge⸗ betet werden. Die Japaneſen haben entdeckt, daß wenige Sekun⸗ den vor einem Erdbeben der Magnet zeitweilig ſeine Kraft verliert, und ſcharfſinnig ein leichtes Gerüſt gebaut, das einen Hufeiſenmagnet trägt, unter welchem ſich ein Becher von Glockenmetall befindet. An der Armatur hängt ein Gewicht, ſo daß, wenn der Magnet paralyſirt wird, das Gewicht niederfällt, an den Becher ſchlägt und ein Alarm⸗ zeichen gibt. Jedermann im Hauſe ſucht dann, um ſich zu retten, das Freie zu gewinnen. Ein Engländer hat eine Kanone erfunden, die durch Dampf geladen, gereinigt und abgefeuert wird. Das Laden geſchieht von hinten. Es wäre gut, wenn mit der Zeit ſelbſtändige Maſchinen zu Felde zögen und ſich mit den Maſchinen des Feindes ſchlügen. Die letzte Seſſion des preußiſchen Landtages. Die ſtenographiſchen Berichte der letzten Seſſion des preußiſchen Abgeordnetenhauſes umfaſſen 1666 große Quartſeiten. Kurze Bemerkungen zur Fragſtellung ꝛc. abgerechnet, haben das Wort genommen: 10 Miniſter zuſammen 336, 47 Regie⸗ rungskommiſſäre zuſammen 149 und 181 Abgeordnete zu⸗ ſammen 2150 Mal. Es haben geſprochen, Miniſter: der Fürſt Hohenzollern 2, der Finanzminiſter Freiherr v. Patow 92, der Miniſter des Innern Graf Schwerin 73, der Han⸗ delsminiſter v. d. Heydt 49, der Juſtizminiſter v. Bernuth⸗ 30, der Kriegsminiſter General von Roon 29, der Kultus⸗ miniſter von Bethmann⸗Hollweg 25, der Miniſter der aus⸗ wärtigen Angelegenheiten Freiherr v. Schleinitz 20, der Miniſter für die landwirthſchaftlichen Angelegenheiten Graf Pückler 14, der Staatsminiſter v. Auerswald 2 Mal. Von den Regierungskommiſſären hat Meinecke 33, v. Kehler 9, Delbrück 8, Scheele 7, die übrigen durchſchnittlich jeder 2 Mal geſprochen. Von den Abgeordneten haben geſprochen: v. Vinke(Hagen) 180, Reichensperger(Köln) 83, Waldeck 82, Wagzuer(Regenwalde) 75, Harkort 60, v. Ammon 54, 5 uſhen 40 und 50 Mal; 10 zwiſchen 20 und 30 Mal; 25 zwiſchen 10 und 20 Mal; 28 zwiſchen 5 und 10 Mal; 97 von 1 bis 5 Mal. Im Herrenhauſe füllen die ſtenographiſchen Berichte 730 Quartſeiten aus. Es ſind in nachſtehender Aufzählung kurze Bemerkungen von ——— — 64 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Berichterſtattern ꝛc. nicht in Anrechnung gebracht. Es haben geſprochen 8 Miniſter 116, 11 Regierungskommiſſäre 42 und 69 Mitglieder 761 Mal. Summa 88 Redner 919. Mal. Miniſter: der Fürſt Hohenzollern 1, Freiherr v. Patow 33, Graf Schwerin 32, v. Bernuth 19, Graf Pückler 16, v. d. Heydt 13, General v. Roon 1. v. Bethmann⸗Holl⸗ weg 2 Mal. Regierungskommiſſäre: Meinicke 11, v. Win⸗ ter 9, Delbrück 6, die übrigen durchſchnittlich 2 Mal. Mit glieder: 10 über 20 Mal; 14 zwiſchen 10 und 20 Mal; 30 weniger als 11 und mehr als 1 Mal und 15 nur 1 Mal. Der große Löwe in der Schönbrunner Menagerie iſt dieſer Tage verſchieden. Da der ſeit längerer Zeit kranke Löwe die Annahme von Medikamenten hartnäckig verweigerte, wollte man ihm dieſelben durch folgende Liſt beibringen. Man goß die für den Löwen beſtimmte Me⸗ diein einem Kaninchen ein und ſchob das Thier dem Pa⸗ tienten zu. Aber dieſer ſpann, anſtatt es zu verzehren, ein freundliches Verhältniß mit dem Kaninchen an und ſah mit wehmüthigen Blicken auf deſſen Sprünge und die wahrſcheinlich durch die Medicin hervorgerufenen Gri⸗ maſſen. Der Löwe ſtarb, das Kaninchen aber hat ſowohl die gefährliche Geſellſchaft, als auch die ihm beigebrachte Löwenmedicin glücklich überſtanden. Eine unerhörte literariſche Myſtifikation. Schon oft iſt die gelehrte Welt durch koloſſale Myſtifikationen getäuſcht oder in Aufregung verſetzt worden; noch nie aber trugen ſie ſo das Gepräge der Lächerlichkeit, als die Täuſchung mit ihr behaftet iſt, welche dieſen Augenblick großes Aufſehen macht. Der bekannte Vielſchreiber Lacroix in Paris findet in einer Staatsbibliothek, der Bibliothéque de l'arsenal, ein Heft in einer Pappkapſel, das im Kata⸗ log„Buch der Wilden“ heißt. Es enthält Figuren und Hieroglyphen, die mit ſehr roh und naiv gehaltenen Buchſtaben und Chiffern abwechſeln, mit grobem Bleiſtift und Röthel auf dickem Papier gezeichnet ſind. Dies Heft nun gab den Stoff zu einem prachtvoll ausgeſtatteten Werk in groß Oktav mit 119 Seiten Text und 228 Kupfertafeln unter einem pomphaften Titel. Was aber ſtellt ſich nun heraus? Daß wir ein Schmierheft eines 5— 7jährigen Kindes vor uns haben, welches lächerliche Figuren kleckſte und deutſche Namen darunter ſetzte. Hiervon hatte der gelehrte Herausgeber keine Ahnung. So ſteht unter zwei rothen Linden, die der Verfaſſer „Embleme des Blitzes, Symbol der göttlichen Züchtigung“ nennt, das Wort„Wurßd“ u. ſ. w. Und das Alles ſoll ein für die Kulturgeſchichte der wilden Roth⸗ häute bedeutſames Werk bilden,— das Geſchmier eines Schuljungen! Thränen erpreßt das Lachen über die Aus⸗ legungen, die den einzelnen Worten gegeben werden, und hätte, während des Druckes, nur zufällig einmal ein deutſcher Setzer einen Blick auf die Tafeln gethan, er hätte dem kaiſerlichen Hausminiſter, der die erforderlichen Geldmittel zur Herausgabe bewilligte, und dem ganzen ge lehrten Frankreich dieſen unauslöſchlichen Skandal erſpart! Der Kaiſer Napoleon ward kürzlich von ſeinem Sohne über den Unterſchied zwiſchen den Wörtern„acci- dent“ und„malheur“ gefragt. Nach einigem Nachdenken ſagte der Kaiſer:„Ich will Dir den genauen Unterſchied ſagen. Es würde ein accident ſein, wenn unſer Vetter, Prinz Napoleon, in die Seine ſtürzte; aber es wäre ein malheur, wenn ihm Jemand wieder heraushelfen wollte.“ So erzählt man ſich in pariſer Klubbs. In Pirna feierte am 22. Mai Abends neun Uhr der Thurmwächter der Hauptkirche durch bengaliſches Feuer das dreihundertjährige Jubiläum des erſten Glocken⸗ ſchlages der Kirche. Ohne die Schaltjahre zu rechnen, hat dieſe Glocke im Verlauf der 300 Jahre ungefähr 17,082.000 Schläge gethan. Auf dem Polizeibureau zu New⸗York beſindet ſich eine eigenthümliche Gemäldegalerie, zu welcher die Poririts Redigirt unter Verantwortlichkeit des Verlegers.— Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann i aa. ehrlicher Leute unzuläßlich ſind. Dieſe Galerie iſt ſeit Kurzem um zwei Bilder vermehrt worden. Die Porträts Jefferſon Davis' und Floyd's(Kriegsminiſter unter Bu⸗ chanan) ſind nämlich derſelben einverleibt worden. Zur Information der Galeriebeſucher iſt das eine Porträt mit „Jefferſon Davis, der Verräther“ und das andere mit „John B. Floyd, der Räuber“ unterzeichnet.(2) Der Polizeibericht irgend einer Stadt, die ſich durch„Iutelligenz“ auszeichnet, hat die Entdeckung ge⸗ macht, daß auch Todte noch gehen können. Es heißt nämlich wörtlich in dem Bericht:„Man führte den Mann nach einem andern Zimmer, und hier gewahrten die Um⸗ ſtehenden, daß er kein Lebenszeichen mehr von ſich gab und erſtickt war.“ Der Manheimer Anzeiger theilt ein hofgerichtliches Urtheil mit, das für die Preſſe inſofern Bedeutung hat, als darin entſchieden iſt, der Redakteur einer Zeitung ſei nicht ſchuldig, ſich als Zeuge darüber vernehmen zu laſſen, wer der Verfaſſer eines Artikels ſeiner Zeitung iſt; ohne dieſen Schutz wäre das Redaktionsgeheimniß in Frage geſtellt. Bravo! Die Seidenfabrikanten in Crefeld habeu einen Verein zur Verhütung des Seidendiebſtahls gegründet und auf die Entdeckung von Dieben namhafte Beloh⸗ nungen geſetzt. Das Mittel iſt wenigſtens praktiſch. Vor einiger Zeit waren in Straßburg 200 un⸗ gariſche Ochſen verſammelt und harrten der Stunde der Abfahrt nach Paris. Einem derſelben gelang es, dem Wagen zu entſpringen. Auf der Eiſenbahn fortſtürzend, ſtieß er einen Bahnwärter, der ſich ihm entgegenſtellte, zu Boden und brach dann abſeits in's freie Feld aus, wo er vielleicht noch manchen der fliehenden Arbeiter nieder⸗ geſtoßen haben würde, wenn er nicht, durch das Geraſſel eines daher kommenden Zuges aufmerkſam gemacht, auf die Schienen zurückgekehrt und nun in voller Wuth der Lokomotive, die er vermuthlich auch für ein Hornvieh an⸗ ſah, entgegengeſtürzt wäre. Der Zuſammſtoß war fürch⸗ terlich. Mit ſeinen Hörnern zerbrach der Ochſe das aus dickem Eiſenblech gemachte und mit ſtarken Bolzen befe⸗ ſtigte Vorderblatt der Maſchine; aber alsbald ergriff ihn auch einer der Puffer, warf ihn zu Boden, und im Nu hatten ihm die Räder das gewaltige Haupt vom Rumpfe getrennt. Ein echt prieſterliches Teſtament hat der am 4. Mai 1861 in Paris verſtorbene Biſchof von Montpellier, Monſigneur Charles Thomas Thibault, hinterlaſſen. Er ſagt darin:„Ich will und verordne, daß alle Papiere verbrannt werden, die man in meinem Hauſe findet und die meine Handlungen dadurch rechtfertigen könnten, daß dritte Perſonen angeſchuldigt würden. Ich will lieber auch nach meinem Tode Verleumdung erleiden, als über meine Gegner Recht behalten, indem ich ihnen oder ihrem Rufe ſchade. Das Maß der Verzeihung, die uns werden wird, iſt dasſelbe, nach welchem wir Anderen verzeihen. Zu⸗ meinen Univerſalerben ernenne ich mein großes Seminar und die Armen in Montpellier.“ Der Biſchof war im Jahre 1796 geboren und wird als Muſter von Gelehr⸗ ſamkeit und frommer Mäßigung gerühmt. Die Folgen des Zunftzwanges und der Realrechte treten nirgend greller hervor, als in der Bierbrauerei. In England hat das einzige dort beſtehende Realrecht für Wirthshäuſer die Folge gehabt, daß das ganze Brauer⸗ und Schankgewerbe in die Hände weniger Brauer kam. Dasſelbe iſt in Frankfurt und München der Fall. In Erſterem gab es 1836 noch 187 Braumeiſter, 1858 nur noch 83, die brauten; in München war die Zahl der Brauereien über 70, jetzt gibt es nur noch 53 Brauge⸗ rechte, wovon nur noch 19 ausgeübt werden. Deutlicher kann wohl nichts dafür ſprechen, daß das Zunftweſen den Handwerkern ſelbſt zum Schaden gereicht.