Erinnerungen. Mlustrirte Mläkler für SBrnel und Bumor. 82. Band.(Ein und vierzigſter Jahrgang.) Heft I. Der Jakobiner. Erzählung von Alfred Aſſolant. (Fortſetzung.) Vm Morgen darauf kaufte er ſich das ſchönſte Pferd, das in Koblenz aufzutreiben war, und be⸗ eilte ſich, zur beſtimmten Stunde bei Sara zu ſein. Sie erwartete ihn ſchon in prächtigem Reit⸗ kleide, das ihr ſehr gut ſtand. Sie galoppirten einige Zeit neben einander ohne ein Wort zu ſagen. Sara brach zuerſt das läſtige Schweigen.„Wie iſt die Natur ſo ſchön!“ rief ſie aus. Erinnerungen. LXXXII. 1861. „Ach was würden Sie erſt ſagen,“ bemerkte Ro⸗ land,„wenn Sie Verſailles in all ſeinem Glanze geſehen hätten. Da wurde die Natur geleitet, geregelt und verbeſſert durch das Genie des Menſchen. Die Natur an dieſen Rheinufern nimmt ſich dagegen wie eine Land⸗ ſchöne gegen eine Dame von Bildung aus.“ Er brach ab, denn er merkte, daß Fräulein von Kransperg etwas ganz anderes als ein Lob der Gär⸗ „ten in Verſailles erwartet hatte. Sara wurde ſeine Verlegenheit inne und brachte ihn freundlich wieder auf den rechten Weg, indem ſie ſagte:„O, wenn Sie mich liebten, würden Sie für den alten Rhein, an dem meine Heimat liegt, ebenſo eingenommen ſein wie ich, und Sie ſprächen mit mir die ſchönen Worte der Ruth zu Noemi:; ——.—„. 2 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Dein Gott wird mein Gott ſein, Dein Fluß der meine und Dein Vaterland meine Heimat.“ Roland erwiederte mit Wärme und betheuerte wieder ſeine Liebe. Er wurde beredt, leidenſchaftlich und ſo überzeugend, daß er faſt ſich ſelbſt geglaubt hätte. Sara ſah ihn dabei mit vertrauenden Augen an, in denen die Rührung ſchimmerte. Da merkte Roland, daß er ſchon oder doch nahezu geliebt werde, und er beſchloß, die Sache friſch zur Entſcheidung zu führen. Als ſie nach Koblenz zurückgekehrt und von den Pferden geſtiegen waren, lud ihn Sara ein, ſie in's Haus zu begleiten. „Wollen Sie mich Ihrem Vater vorſtellen?“ fragte der Marquis. „Mein Vater iſt in Mainz, wo er Lieferungsge⸗ ſchäfte hat,“ antwortete ſie.„Ich bin allein zu Hauſe.“ „Man muß geſtehen,“ dachte ſich Roland,„daß dieſes Mädchen reizend iſt. Weder Vater, noch Mutter, noch Bruder, noch Schweſter, noch Mann— ſie hat auch nicht einen Fehler.“ Unglücklicher Weiſe wurde er beim Eintritt in den Salon ſehr verſtimmt. Lord Eaglethorpe erwartete Sara. Dieſe, welche ganz den Engländer vergeſſen hatte, überſah mit einem Blicke die Gefahr und ſchritt mit beſonderer Freundlichkeit auf ihn zu.„Welch ange⸗ nehme Ueberraſchung, Mylord!“ ſagte ſie mit einſchmei⸗ chelnder Stimme. „Ueberraſchungen ſind meine Sache nicht,“ ſagte der Lord mit grollendem Tone.„Ich kam wie gewöhnlich, um Sie zu einer Spazierfahrt abzuholen, aber ich traf Sie nicht mehr zu Hauſe.“ Der ſchönen Sara trieb die Ungeduld das Blut in den Kopf; ſie nahm ſich indeſſen zuſammen und ſtellte mit unbefangener Höflichkeit die Herren einander vor. Roland ſchien entzückt über die neue Bekanntſchaft, Gaglethorpe, der wie ein ergrimmter Bulldogg aus⸗ ſah, hielt mit Mühe ſeinen Zorn zurück. „Ich bitte um Entſchuldigung, Mylord,“ ſagte Sara.„Eine wichtige Angelegenheit zwang mich vor Ihrer Ankunft aus dem Hauſe. Ei, da ſchlägt ja ſchon die Stunde, wo Sie gewöhnlich den Hofcirkel zu beſuchen pflegen. Ich wage nicht, Sie länger zurückzuhalten.“ Der Engländer erhob ſich ohne ein Wort zu ſagen, ſchritt ſteif wie ein Automat nach der Thür und wandte ſich auf der Schwelle mit den Worten um:„Herr Mar⸗ quis, ich werde die Ehre haben, Sie morgen früh zu ſehen.“ „Zu jeder Zeit, wann es Ihnen gefällig iſt, My⸗ lord,“ ſagte Roland mit dem verbindlichſten Ausdruck. „Es wird mir ein Vergnügen ſein, die nähere Bekannt⸗ ſchaft Eurer Lordſchaft zu machen.“ GCaglethorpe entfernte ſich und die beiden Liebenden befanden ſich allein. Ich überlaſſe es dem Leſer, ſich die nun folgende Scene mit ihrem ſüßen Ge⸗ flüſter und feurigen Liebesſchwüren auszumalen. Ro⸗ land war kein Neuling mehr in ſolchem holden Verkehr. Er hatte ſchon ſo oft ewige Liebe geſchworen, daß ihm die beſten Phraſen ſo geläufig waren, wie einem Schüler das A⸗B⸗C. Als er nach einer Stunde Saras Wohnung ver⸗ ließ, ſtieß er auf der Straße auf den Engländer, der ihn hier voll Wuth und Eiferſucht erwartete. „Mein Herr!“ rief ihn Caglethorpe an,„ich will mich mit Ihnen ſchlagen.“ „Schön. Aber warum?“ „Sie lieben Fräulein von Kransperg 2ℳ „Von ganzem Herzen; und Sie auch, wie ich glaube?“ „Ja ich liebe ſie, und ich will nicht, daß mir ſie der Erſte Beſte abſpänſtig macht.“ „Der Erſte Beſte— das iſt nicht höflich, Mylord. Ich bin kein Erſter Beſter; ich bin der Marquis Roland von Dives. Morgen früh werde ich die Ehre haben, Sie am Ufer der Moſel zu treffen. Wenn wir dort einen Gang mit einander machen, wird ſich hoffentlich Ihr Blut etwas abkühlen. Auf Wiederſehen, Mylord, und zum Abſchiede den guten Rath: geberden Sie ſich nie ſo un⸗ wirſch wie heute, das kann Ihnen bei den Damen nur ſchaden.“ Mit dieſen Worten drehte ſich der Marquis leicht und raſch auf der linken Ferſe um und ging dem Prinzen von Conds ſeine Aufwartung zu machen. 10. Tags darauf, am Morgen um acht Uhr begaben ſich Roland und Herigny ans Moſelufer nach einem für ſolche Beſtellungen ſehr geeigneten Wäldchen, und erwarteten dort Lord ECaglethorpe, der bald nach ihnen mit einem Landsmann als Zeugen erſchien. Das Duell ging mit ſcharfen Klingen nach der Regel vor ſich und endigte damit, daß Eaglethorpe an der Bruſt verwundet, zuſammenſank. Roland, über ſeinen Sieg etwas beunruhigt, rief einige Bauern vom nächſten Felde herbei und ließ den Verwundeten nach der Stadt tragen. „Sobald ich geheilt bin, tréffen wir uns wieder,“ ſagte der Engländer. „Mylord,“ erwiederte Roland höflich,„ich ſtehe jederzeit zu Ihren Dienſten.“ Und er eilte, Fräulein von Kransperg einen Morgenbeſuch zu machen. Soll ich von dem beiderſeitigen Entzücken des Wiederſehens erzählen und des Breiten be⸗ richten, wie die ſchöne Sara den Heroismus ihres Ge⸗ liebten mit unbeſchränkter Zärtlichkeit lohnte? Soll ich das volle Glück der folgenden Tage ſchildern, das in ſeiner Ueberſchwenglichkeit für eine Ewigkeit zu reichen ſchien? Soll ich ſagen, daß Roland nach und nach dieſes leicht errungenen Glückes müde wurde, daß er Abends an ihrer Seite oft zu gähnen anfing, und daß ſie, wenn ſie es bemerkte, darüber ſehr ungehalten wurde? Man erlaſſe es mir zu erzählen, wie ſie ſchmollte, wie Beide ſich entzweiten und wieder verſöhnten, um ſich wieder auf's neue zu entzweien. Als wiederum eine Aus⸗ ſöhnung gelungen war, fragte ihn Sara, ihr vollwan⸗ giges Haupt an ſeine Bruſt lehnend:„Roland, liebſt Du mich wirklich?“ — Alfred Aſſolant: Der Jakobiner. 3 „Kannſt Du daran zweifeln, meine Süße! Ich liebe Dich zum Raſendwerden. Meine Liebe iſt ſo un⸗ endlich wie der Himmel, tief wie der Ocean, und heiß wie der Veſuv. Was willſt Du noch mehr?“ „Wenn Du mich liebſt, ſo heirate mich.“ „Was wändelt Dich an?“ ſagte Roland erſtaunt. „Das war nicht verabredet, liebe Sara.“ „Was liegt daran? Ich will es ſo.“ „Laß es gut ſein, mein Kind, und nimm Vernunft an. Der Ausmarſch des Heeres iſt auf den 30. Juli feſt⸗ geſetzt. Wir haben alſo nur noch zwei Tage für uns; willſt Du, daß wir ſie uns mit Gezänke verderben? Bedenke auch, daß wir vielleicht von den Haufen der Ja⸗ kobiner, die in ihrer Verzweiflung ihre Stärke finden, zurückgeſchlagen werden und daß dann alle meine Güter für immer verloren ſind?“ „Ich bin reich,“ ſagte Sara. „Ich erwartete dieſe Antwort. Aber höre mich weiter. Mein Leben iſt ſo wenig ſicher, wie mein Ver⸗ mögen. Einmal auf franzöſiſchem Boden mag ich nicht mehr in's Exil zurückkehren, Du weißt, was mir dort als Emigranten bevorſteht. Willſt Du in einem Monate das Trauerkleid der Witwe tragen? Das Schwarz ſteht zu Deinen ſchönen blauen Augen nicht gut. Wenn Du aber um jeden Preis heiraten willſt, ſo nimm Dir den Eaglethorpe. Er befindet ſich jetzt auf dem Wege der Beſſerung und wird einen ganz anſtändigen Ehe⸗ mann abgeben. Mit ihm läufſt Du keine Gefahr. An ſeiner Seite wird Dein Leben ſanft dahin fließen, wie ein Bach in der Ebene. Du wirſt eine engliſche Lady ſein und kleine Caglethorpes haben, die ſo ſchön ſind wie ihre Mutter und ſo ſchlecht erzogen wie ihr Vater.“ Dieſe Worte, welche der Marquis leicht und ruhig hinwarf, ließen Sara in lautes Schluchzen ausbrechen. Sie maß jetzt die Tiefe des Abgrundes, in den ſie ge⸗ rathen war. Die kalte Glätte Rolands beleidigte ſie in innerſter Seele. „O, ich Unglückſelige!“ ſchrie ſie und wurde ohn⸗ mächtig. Roland war ſehr erſtaunt darüber.„Da begreife einer das Herz der Weiber!“ ſagte er ſich.„Die Deutſchen ſind offenbar andere Naturen, als die Pariſerinnen. Ich muß mir das notiren. Dieſe Bemerkung wird mir daheim einen Anſtrich philoſophiſcher Tiefe geben. Ja, Reiſen bilden die Jugend.“ Während er ſolche Reflexionen machte, war er be⸗ müht, Sara wieder in's Leben zu rufen. Als ſie die Augen aufſchlug, wollte er ſie mit einem Strome von Schmeichelworten wieder beruhigen; aber Sara hörte ihn kaum. „Liebes Kind,“ ſagte er,„ich verſtehe Dich nicht mehr, Du biſt ganz anders geworden. Es muß mich Jemand bei Dir angeſchwärzt haben.“ 3„Undankbarer!“ rief Sara,„haſt Du mir nicht vor vierzehn Tagen ewige Liebe geſchworen?“ „Ich erinnere mich,“ ſagte Roland.„SIch liebe Dich auch jetzt noch mehr als Alles, aber immer noch mehr liebe ich meine Freiheit!“ Mit dieſen Worten war er, ohne eine Antwort zu erwarten, davongeeilt. Sara ſah ihm ſprachlos nach. Zwei Tage nachher zog Roland, den der Prinz von Condé zum Lieutenant einer Kompagnie von Emigranten ernannt hatte, mit der preußiſchen Armee von dannen. Wie unglücklich der Feldzug in der Champagne für die Preußen und Emigranten ausfiel, iſt bekannt. Drei Wochen ungefähr nach dem Auszuge der Freiwilligen von Dives erhielt Louiſe von Reynier einen Brief, welcher alſo begann: Valmy 21. September. „Theure Louiſel Gott iſt mit uns! Die Preußen bereiteten heute einen Angriff, wir aber trieben ſie mit Kanonen in ihr Lager zurück. Ehe ein Monat vergeht, ſind ſie aus den Grenzen Frankreichs gedrängt. Schon ſpricht man davon, Deutſchland zu revolutioniren und Belgien zu beſetzen. Das wäre das Werk eines Vierteljahres. Dann wird man Frieden ſchließen und ich werde kommen, um bei Ihrem Vater um Ihre Hand anzuhalten.“ Nach dieſem kurzen Eingange betheuerte Reynier ſeine Liebe in ſo warmen und zärtlichen Ausdrücken, daß das härteſte Herz davon wäre ergriffen geweſen. Das junge Mädchen ſchloß ſich in dem Thurme ab, um ungeſtört weinen zu können, weinen vor Freude und Glück, denn weinen macht Frauen ein Vergnügen. Auch Sara von Kransperg weinte, aber es waren Thränen des Schmerzes, denn ſie konnte ſich noch immer nicht über Rolands Abreiſe tröſten. Melan⸗ choliſch lehnte ſie vor einem prächtigen venetianiſchen Spiegel, und fand trotz ihres tiefen Schmerzes, daß ſie auch im Kummer ſchön ſei. Da trat Frau Pfeiffel bei ihrer Freundin ein. „Meine gute Sara, umarme mich,“ rief ſie aus. „Ich bringe Freude und Glück. Der Treuloſe iſt zurück⸗ gekehrt.“ „Welcher?“ „Roland doch, wie ich meine. Oder haſt Du deren mehrere?“ 4 „Meine Gute, jetzt iſt es nicht Zeit zu lachen. Sage mir, wo er iſt.“ „In Mainz. Man hat ihn dorthin geſchafft, nach⸗ dem man ihn früher in Stücke gehauen.“ „O, mein Gott!“ „Beruhige Dich, die Stücke ſind noch gut. He⸗ rigny ſchreibt mir, daß ſie bereits auf Paris los mar⸗ ſchirten, daß ſie nicht mehr weit von Mortmartre waren, daß ſie zwei⸗ oder dreihunderttauſend Jakobiner vor ſich herjagten, und daß ſie ſchon im Begriffe ſtanden, Paris einzunehmen, als auf einmal der Herzog von Braun⸗ ſchweig zum Rückzuge blaſen ließ. Roland und He⸗ rigny haben ſich durch Tapferkeit ausgezeichnet. Ro⸗ land hat einen Bombenſplitter im Schenkel, Herigny. einen Bajonnetſtich im Arme. Die Preußen haben Beide nach Mainz transportirt und dort ſchmachten nun die Armen hilflos und ohne einen Pfennig Geld in der Taſche.“ Sara zog die Glocke. Die Kammerfrau erſchien, „ 1* 4 „baares Geld wäre mir lieber.“ -— 4 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. „Ida,“ ſagte ſie,„laß meine Koffer packen und beſtelle Poſtpferde.“ „Du reiſeſt nach Mainz?“ fragte Charlotte. „Ich will meinen Vater aufſuchen.“ „Glückliche Tochter, die ihren Vater in Mainz hat. Zärtliches Kind, das den Vater nicht lange entbehren kann!“ 11. Zwei Tage ſpäter befand ſich Fräulein von Krans⸗ perg in Mainz. Ihr Vater, der die raſchen Entſchlüſſe ſeiner Tochter aus Gewohnheit kannte, war nicht allzu überraſcht, ſie wieder zu ſehen. Eleazar, Baron von Kransperg war ein ſchöner Greis mit weißem Barte und ehrwürdigem Aeußern, das an den Erzvater Abraham erinnerte. Das hinderte jedoch nicht, daß er ein vollendeter Schurke war. Er umarmte ſeine Tochter mit Würde und Zärtlich⸗ keit und fragte ſie:„Was willſt Du, mein Kind?“ „Könnteſt Du mir nicht, lieber Vater, eine Geld⸗ anweiſung geben? Die Lebensmittel ſind jetzt in Koblenz ſo theuer und die Kleiderſtoffe haben einen ſolchen Preis, daß es kaum glaublich iſt.“ „Wo ſind denn die zweitauſend Gulden hinge⸗ kommen, die ich Dir vor zwei Monaten ſchickte?“ „Wo iſt der Schnee des vorigen Jahres? ſage ich mit dem Dichter.“ „Schon, liebe Sara? Ich will nicht zu Deinem Ruin durch Nachgiebigkeit mitwirken. Bleibe bei mir in Mainz und Du brauchſt dann für Dich kein Geld.“ „Das möchte ich wohl, lieber Vater; aber es handelt ſich hier um Schulden.“ „Schicke mir Deine Gläubiger. Ich werde die Rech⸗ nungen durchſehen. Sie haben Dich, armes Kind, ſicher übervortheilt.“ „Vater,“ ſagte Sara mit einſchmeichelndem Tone, Der Baron zog die Stirne kraus und ſagte trocken: „Meine Kaſſe iſt verſchloſſen.“ „Aber,“ ſagte Sara,„wenn ich das Geld zu großen Intereſſen anlegte?“ „Du?“ rief Eleazar vor Freude. Du leiheſt Geld aus? Komm und küſſe mich, daran erkenne ich mein Blut wieder.— Aber nein, es iſt unmöglich,“ ſetzte er nach einer kurzen Reflexion hinzu. „Lieber Vater,“ drängte Sara,„ich ſchwöre, daß ich keinen andern Plan habe, als das Geld zu leihen.“ „Auf Hhpothek?“ „Nein, auf Edelmannswort.“* Der Baron von Kransperg lachte verächtlich und wiederholte:„Meine Kaſſe iſt verſchloſſen.“ „Wenn Du mir kein Geld geben willſt, Vater, ſo muß ich mir ſelber helfen. Seit ſechs Monaten bin ich großjährig. Ich kann von Dir das Erbtheil, welches ich von der Mutter habe, fordern.“ „Undankbares Kind!“ fuhr der Baron auf.„Du willſt mich alſo ruiniren?“ „Nicht im Geringſten, Vater, aber ich brauche noth⸗ wendig hunderttauſend Gulden.“ „Gut, Du ſollſt ſie haben. Nun ſag' aber, welchem Edelmanne Du helfen willſt. Er ſcheint Dich ſehr zu intereſſiren.“ Sara wurde roth bis unter die Haarwurzeln. „Höre, lieber Vater,“ ſagte ſie nach einem kurzen Schweigen. Es iſt der Marquis von Dives, mein Verlobter.“ „Dein Verlobter? Was redeſt Du da. Die Ver⸗ lobung iſt ohne meine Einwilligung geſchehen, ſie iſt null und nichtig.“ „Ich kann nicht mehr zurück,“ ſagte Sara mit niedergeſchlagenen Augen aus denen die Thränen ſtürzten. Eleazar begriff nun alles und gerieth in furcht⸗ baren Zorn. Er raufte ſich die Haare, ſchrie und ſchluchzte, ſtieß die Tochter von ſich und zog ſie bald wieder an's Herz, denn der tiefe Schmerz, der ſich auf ihrem Geſichte malte, ſtimmte ihn wieder milder.„Entehrt!“ rief er. „Du armes Opfer! Aber ich habe in meinen Händen die Rache.“ „O, mein Vater, tödte ihn nicht,“ ſchrie Sara auf die Kniee ſtürzend. „Ihn tödten?“ ſagte Eleazar.„Ich will, daß er Dich heiratet. Nachher werden wir ſehen.“ Mittlerweile ſaß Roland mit ſeinem Freunde He⸗ rigny ganz ruhig an einem Fenſter des Höôtels zu den fünf Kaiſern, und frühſtückte. Er war ein wenig blaß und das Gehen machte ihm noch Mühe, übrigens aber befand er ſich wohl und in fröhlicher Laune. Die Zahl und die Etiquetten der Flaſchen auf dem Liſche zeigten, daß die beiden Edelleute noch immer Kredit beim Wirthe hatten. Aber die ſchöne Zeit war bereits um, denn eben erſchien der Zahlkellner mit einer langen Rechnung in der Hand. „Meine Herren,“ ſagte er bedeutungsvoll, indem er mit tiefem Bückling die Karte überreichte. „Lieber Freund,“ ſagte Herigny,„wir haben nichts beſtellt; wenn ich etwas brauche, werde ich ſchon läuten.“ Der Kellner ließ ſich nicht irre machen. Ohne Zweifel ſchien ihm bereits die Zahlungsfähigkeit der Beiden fraglich und ſo wollte er ſich noch bei Zeiten in Gewiß⸗ heit ſetzen. „Meine Herren,“ ſagte er, indem er ſich nochmals tief verbeugte,„ich bitte um Entſchuldigung, daß ich mir die Freiheit nehme...“ „Was wollen Sie?“ rief Roland ungeduldig. „Herr Marquis, ich habe die Ehre Ihnen die Rech⸗ nung zu überreichen und Sie um die Begleichung der⸗ ſelben zu erſuchen.“ „Schön,“ ſagte Herigny ſtolz,„legen Sie das Papier dort auf den Kamin, wir zahlen morgen.“ „Aber Herr Marquis, mit Ihrer Erlaubniß... „Mein Lieber, ich erlaube nichts. Laſſen Sie uns in Frieden und machen Sie die Thür zu, wenn Sie fortgehn.“ „Aber... — —,——ÿ—— Alfred Aſſolant; Der Jakobiner. „Roland,“ ſagte Herigny,„ich bitte Dich, reiche mir dort die Feuerzange her.“ „Was willſt Du damit?“ „Um den ungezogenen Schlingel die Treppe hin⸗ unter zu jagen.“ In demſelben Augenblicke ſprang Herigny mit einer ſo heftigen Bewegung auf, daß der gute Kellner erſchrocken aus dem Zimmer ſtürzte. Als er die Thür ſchloß und ſah, daß man ihn nicht mehr verfolge, faßte er wieder Muth und rief:„Auf Wiederſehen, ihr Herren, ich hole die Wache.“ Die beiden Freunde lachten; aber nach einer Viertelſtunde ſtand die Mainzer Polizei in leibhaftiger Geſtalt vor ihrer Thür und forderte die Herren auf, zu zahlen, oder ihnen zu folgen. Jetzt wurde die Sache kritiſch, gar als der kommandirende Feldwebel Befehl gab, die Widerſetzlichen mit Gewalt fortzuführen. Wer weiß, welcher Kampf ſich entſponnen hätte, wenn nicht in dieſem Augenblicke Fräulein von Kransperg erſchienen wäre. Sie ſtürzte ſich auf Roland, der ſchon den Degen gezogen hatte, und ſchloß ihn in die Arme. Sie hatte mit richtigem Blicke ſofort die Ange⸗ legenheit durchſchaut, und um der unangenehmen Scene ein Ende zu machen, wandte ſie ſich mit der Majeſtät einer Königin an den Kellner und ſagte:„Herr Baron Kransperg, mein Vater, bürgt für die Schulden dieſer Herren. Geben Sie mir die Rechnung.“ Bei dieſem Namen verbeugte der Kellner ſi tief und bat um Entſchuldigung für ſein rauhes Vor⸗ gehen. „Schon gut,“ ſagte Sara, ihm den Rücken zu⸗ kehrend.„Was Euch betrifft, Feldwebel, ſo habt Ihr hier nichts mehr zu ſchaffen. Hier ſind fünf Gulden für Euch und Eure Leute.“ Die Wache zog ab; Herigny folgte ihr, um rückſichtsvoll die Liebenden allein zu laſſen. Roland, dem Sara wie ein Engel vom Him⸗ mel zur Stunde der Noth erſchienen war, überbot ſich an Liebenswürdigkeit. Dieſe Stunde des Wiederſehens hatte das Feuer der erſten Liebeszeit. Als ſich in der Stadt die Kunde verbreitete, daß Baron Kransperg die Schulden der beiden Emi⸗ granten zahle, kamen die Gläubiger von allen Seiten, um ihr Geld zu verlangen. Der alte Eleazar befrie⸗ digte ſie alle, und Roland, der auf die Bitten Saras ihn beſuchte, hatte nur die Wechſel dafür zu unterzeichnen. Roland in ſeinem Vertrauen ahnte keine Schlinge und unterſchrieb ohne zu leſen. Gleich das erſte Blatt hob Eleazar ſorgfältig auf und verſchloß es in ſeinen Schreibtiſch. „Nun, mein Herr Marquis, ſagte der Alte mit liebenswürdigem Lächeln,„bedienen Sie ſich meines Hauſes, als wäre es das Ihre. Meine Tochter wird er⸗ freut ſein, Ihnen die gaſtliche Aufnahme zu gewähren.“ Der Marquis machte große Augen und ahnte nicht, daß er bereits gefangen ſei.„ Als der Baron von Kransperg wenige Tage darauf die Gefälligkeit hatte, nach Wien zu reiſen, gingen für den Marquis die glücklichſten Zeiten an. Er genoß Liebe und Leben, ohne daß es ihm in den Sinn kam, über die Zukunft ſich eine Sorge zu machen. Sara war die Hingebung ſelbſt und Roland kein ſchüchterner Liebhaber. Da traf es ſich, daß Eleazar, welcher un⸗ vermuthet von ſeiner Reiſe zurückgekehrt war, in früheſter Morgenſtunde den Marquis traf, da dieſer eben aus Saras Zimmer ſchlich. Der Alte faßte ihn ſofort bei der Hand und ſagte mit zitternder Stimme:„Herr Marquis, Sie haben die Ehre meines Hauſes gekränkt; was denken Sie zu thun?“ Roland, der auf die heftigſten Vorwürfe gefaßt war, wurde von der düſtern aber ruhigen Haltung des Greiſes ganz verwirrt.„Herr Baron,“ ſagte er, ohne nach Entſchuldigungen zu ſuchen,„ich glaube, daß es vor allem nöthig iſt, das tiefſte Stillſchweigen zu be⸗ wahren. Von meiner Seite, das ſchwöre ich Ihnen, können Sie auf die größte Diskretion rechnen.“ „Lieben Sie Sara?“ fragte Eleazar mit vor Zorn erſtickter Stimme. „Ich werde ſie mein Leben lang lieben,“ rief Ro⸗ land feurig. „Wohlan, ſo heiraten Sie ſie. Freilich ſind Sie der Schwiegerſohn nicht, wie ich mir ihn dachte, aber das Uebel iſt einmal geſchehen und es bleibt kein anderer Weg übrig.“ „Bei dieſem Antrage blieb Roland wie verſteint ſtehen, die Zunge verſagte ihm den Dienſt. „Beruhigen Sie ſich,“ fuhr Eleazar fort,„meine Tochter iſt nicht ohne Mitgift. Sie hat von ihrer Mutter drei Millionen geerbt.“ „Das iſt ein ſchönes Geld,“ ſagte der Marquis, der an etwas ganz anderes dachte. „Nicht wahr, mein Herr,“ ſagte Eleazar mit vor Zorn und Verachtung funkelnden Augen.„Drei Millionen dafür, daß Sie die Güte hatten, mein Haus zu entehren!“ „Herr Baron,“ erwiederte Roland,„der Schmerz gibt Ihnen unpaſſende Worte ein. Was liegt mir an Ihren drei Millionen! Ich liebe Sara leidenſchaftlich, leider aber verſpüre ich keinen Beruf zur Ehe. Es fällt mir ſchwer, Ihnen eine Sache abzuſchlagen, die für den erſten Augenblick ſo natürlich ſcheint, aber...“ „Arme Saral'“ ſchrie der Greis unter Thränen. Das Schluchzen des Alten rührte tief Rolands Herz. „Wenn ich noch fünf Minuten dableibe,“ dachte er, laſſe ich mich erweichen und heirate Sava. Dann kann ich mein ganzes Leben hindurch meine Gutmüthigkeit bereuen.“ „War das Ihr letztes Wort?“ fragte der Baron. „Mein lieber alter Herr,“ antwortete Roland ernſt,„ich finde Ihren Schmerz begreiflich, aber es thut mir leid, daß ich nicht helfen kann. Ich bin daheim mit meiner Couſine verlobt. Ich habe das Wort gegeben, ſie zu heiraten, und ein Edelmann meines Stammes hat noch nie das Wort gebrochen.“— Mit dieſen Worten griff er nach dem Hute, um ſich zu entfernen. „Den Fluch über Dich, Verräther!“ ſchrie ihm Eleazar nach.„Der Himmel wird meine Bitte er⸗ hören, und meine Rache übernehmen.“ 6 Erinnerungen. IFlluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Roland zuckte die Schultern, wie ein Mann, der nicht ſehr an die Einmengung des Himmels in ſeine Tagesangelegenheiten glaubt, und ſchritt leichten Ganges in ſein Hötel zurück. Eine Stunde darauf erſchien bei ihm ein Mann, „deſſen dunkles Kleid ſchwarz wie ſein Verſatz war“, und präſentirte ihm einen Wechſel. „Schon Verfallzeit?“ fragte Roland erſtaunt. „Sehen Sie ſelbſt, Herr Marquis, der Wechſel lautet fünfzehn Tage à dato, und heute iſt der ſech⸗ zehnte.“ „Das iſt ein Streich des Barons!“ dachte ſich Roland.„Da konnte er gut mit der Strafe des Himmels drohen, wenn er ſolche Beſchwörungsformeln beſitzt. Was iſt jetzt zu thun? an wen ſoll ich mich wenden? Sara wird mich kaum aus den Klauen ihres Vaters befreien. O, entſetzliche Unbeſonnenheit!“ „Herr Marquis,“ ſagte der Mann mit dem Wechſel in aller Höflichkeit,„wenn Sie jetzt nicht den Wechſel bereit haben, werde ich zu Mittag wiederkommen.“ „Gut. Kommen Sie wann Sie wollen,“ ſagte Roland, der Zeit zum Nachdenken gewinnen wollte. Nach langem Ueberlegen hielt er es endlich für das Beſte, Mainz zu verlaſſen, ohne ſich JFemandem zu empfehlen. Als er ſeinen Vorſatz ausführte und um die Ecke der erſten Straße bog, faßten ihn vier Gerichtsdiener und bemächtigten ſich ſeiner Perſon. „Was wollen die Schlingel?“ rief Roland erboſt. Da trat der ſchwarze Mann mit dem Wechſel vor und zeigte einen Verhaftsbefehl, den Baron Krans⸗ perg vom Gouverneur zu Mainz erwirkt hatte.„Mein Herr,“ ſagte er höflich,„wollen Sie mir, anſtatt ſich auf die Flucht zu begeben, gefälligſt in den Schuldthurm folgen!“ Roland dachte ſich zu vertheidigen, allein bei der Anſtrengung, ſich los zu machen, riß ſein ſchön ge⸗ ſtickter Rock, der ſein Stolz und für Sara ein Gegen⸗ ſtand der Bewunderung war, vom Kragen bis nahe an die Schöße. Der Marquis erbebte vor dem Gedanken, lächerlich zu werden und gab den Widerſtand auf. Nach wenigen Minuten ſaß er bei Waſſer und Brod in einer Zelle des Stadtgefängniſſes. Als es zu dunkeln begann, trat Eleazar zu ihm in die Zelle.„Herr Marquis,“ ſagte er,„hatte ich Un⸗ recht, Ihnen mit der Strafe des Himmels zu drohen? Sie werden nicht eher über dieſe Schwelle treten, bevor Sie nicht verſprochen haben, Sara's Ehre durch Ihre Vermälung wieder herzuſtellen.“ „Sie ſind in Ihrem Rechte, Herr,“ erwiederte Roland,„aber ich würde Sara nicht heiraten, und wenn ich mich damit von dem Galgen loskaufen könnte.“ „Der Galgen ſteht Ihnen näher, als Sie glauben,“ ſagte der Greis.„Die Franzoſen ſind nur zwei Tag⸗ reiſen noch von Mainz entfernt und die Stadt iſt außer Stand, ſich zu vertheidigen. Die Republikaner werden erfreut ſein, einen Emigranten Ihres Standes hier zu finden. Sie kennen das Geſetz und wiſſen, was Ihnen bevorſteht.“ „Sei es. Man kann mich erſchießen, aber nicht zwingen, Sie zum Schwiegervater zu nehmen.“ „Guter Rath kommt über Nacht. Leben Sie wohl und wählen Sie zwiſchen der Kugel und der Ehe.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Eleazar. „Ei was,“ dachte ſich Roland,„man ſtirbt nur einmal. Der Gewalt nachgeben, wo ich Sara'ss Bitten widerſtand, hieße mich entehren. Potius mori quam foedari lautet der Wahlſpruch meiner Ahnen.“ Mit dieſem Entſchluſſe, der mehr Muth als recht⸗ lichen Sinn und Klugheit verrieth, ſchlief er ruhig ein. Drei Tage nachher vernahm Roland in ſeinem Gefängniſſe den Schall von Trommeln und Trompeten. Die franzöſiſchen Republikaner rückten in Mainz ein. Die Bewohner, welche längſt von Freiheitsideen bewegt waren, zogen ihnen entgegen und begrüßten ſie als ihre Befreier. Nur Roland theilte dieſe allgemeine Freude nicht, denn er hatte guten Grund zu fürchten, daß ſeine Landsleute mit aller Strenge der republikaniſchen Ge⸗ ſetze verfahren werden. Den Tag nach der Ankunft der Franzoſen fand ſich Cleazar bei ihm im Gefäng⸗ niſſe ein. „Mein Herr,“ ſagte er,„Sie haben nur noch einen Augenblick Bedenkzeit. Wählen Sie zwiſchen der Vermälung mit Sara und dem Tode durch Pulver und Blei.“ Roland wandte ihm ohne Antwort den Rücken. „So fahre denn in Dein Verderben!“ rief der Greis ergrimmt.— Wenige Stunden darauf ließ ſich ein Geräuſch von nahenden Schritten und das Geklinke von Waffen auf dem Gange vernehmen. Man machte vor Rolands Thüre Halt. Dieſem fing nun doch das Herz heftig zu ſchlagen an. „Da iſt der Feind,“ dachte er, und ſeine Unruhe wuchs, als er eine ſtarke Stimme in franzöſiſcher Sprache rufen hörte:„Aufgemacht!“ Ein Korporal mit vier Mann trat in den Kerker, um den Gefangenen abzuholen. „Dieſe Patrioten machen kurzen Proceß,“ dachte ſich Roland.„Sie erſchießen mich ohne Verhör.“ Man führte ihn in das Zimmer des Gefängniß⸗ aufſehers. Der Korporal ſtellte eine Schildwache vor die Thür, und Roland befand ſich allein mit einem republikaniſchen Officier, welcher, den Rücken ihm zu⸗ gewendet, mit den Fingern einen Marſch auf den Fenſter⸗ ſcheiben trommelte. Als die Thür ſich geſchloſſen hatte, kehrte der Officier ſich um und Roland erkannte mit ebenſoviel Freude als Ueberraſchung ſeinen Freund Reynier. Dieſer trat ihm mit offenen Armen entgegen. „Geſtehe,“ ſagte er,„daß Du mich hier nicht er⸗ wartet hätteſt.“ „Das iſt wahr,“ ſagte der Emigrant,„aber Du kommſt mir gerade gelegen. Ich war der Meinung, meinen letzten Gang zu thun.“ Das Geſicht des Republikaners verdunkelte ſich. „Du haſt nicht ſo ganz Unrecht,“ ſagte er,„denn Du befindeſt Dich wirklich in offener Gefahr. Unſer General, Cuſtine, bei dem Dich ein Jude denuncirt hat, ver⸗ langt, daß Du vorgeführt werdeſt. Ich habe mir den Alfred Aſſolant: Der Jakobiner. 7 Dienſt ausgebeten, Dich dahin zu begleiten. Jetzt ſage doch an, wie Du hinter Schloß und Riegel gerathen biſt.“ Roland erzählte nun ſeinem Freunde die Ge⸗ ſchichte ſeiner Liebe und ſeiner Schulden. Reynier lachte.„Heirate ſie doch,“ ſagte er. „Ihr Vermögen kann Dir wieder aufhelfen, denn Deine Güter ſind unter Sequeſter und in einem halben Jahre ſicher als Nationaleigenthum verkauft. „Das iſt es ja eben, was mich ärgert. Wenn ich ſie heirate, mache ich ein gutes Geſchäft und begehe zugleich eine Feigheit.“ „Aber auch eine gute Handlung,“ ſetzte Rey⸗ nier ernſt hinzu.„Was ſoll das arme Mädchen an⸗ fangen?“ „Alles, was ſie will. Ich habe ſie nicht betrogen, denn ich habe ihr nichts verſprochen. Uebrigens würde mich dieſe Heirat auch nicht mehr aus den Krallen des Kriegsgerichtes retten können.“ Der Republikaner ſchwieg. Er dachte über ein Mittel nach, ſeinen Freund zu retten. „Wie ſchade iſt es, daß ich nicht in Dives geblieben bin und meine Couſine geheiratet habe!“ warf Ro⸗ land hin. Der Republikaner erbebte, aber ſeine Verwirrung verbergend ſagte er:„Folge mir nun vor das Kriegs⸗ gericht. Ich gelte etwas bei Cuſtine und hoffe, Dich allen Juden der Welt gegenüber retten zu können.“ In wenigen Augenblicken kamen ſie auf dem Rath⸗ hauſe an, wo ſich der Generalſtab Cuſtines befand. Ro land und die Soldaten, die ihn bewachten, blieben in einem der unteren Gemächer zurück und Reynier begab ſich allein zum General. Du bringſt den Emigranten?“ fragte Cuſtine. „Ja, General. Es iſt eine traurige Geſchichte.“ „Wie ſo? Du erſcheinſt mir ſo erregt!“ „Ohné Umſchweife, General, ich bitte, begnadigen.“ „Den Emigranten? das iſt ein giftig' Inſekt, das Dich früher oder ſpäter noch ſtechen wird.“ „Es iſt mein Jugendfreund. Ich muß ihn retten.“ „Parbleu, daß Du bei dieſer Rettung nur nicht ſelbſt um den Kopf kommſt. Denke an den Konvent. Ich will bei der Sache nichts zu thun haben.“ „Wohlan denn,“ ſagte Reynier, der einige Hoffnung faßte.„So will ich Sie mit dieſer Angelegen⸗ heit nicht weiter beläſtigen. Nur bitte ich Sie, unter⸗ zeichnen Sie mir dieſen Paß.“ „Für wen?“ fragte Cuſtine. „Für Jakob Ferou.“ „Meinetwegen. Aber ſage Deinem Jakob Ferou, wenn er glücklich davon kommt, möge er ſich ja nicht wieder auf meinem Wege finden laſſen.“ Reynier nahm den Paß und entfernte ſich, die Mittel überlegend, wie er ſeinen Freund aus Mainz bringen könne. Als ſein Auge auf den Paß fiel, ſchlug er ſich vor den Kopf.„Unglück und ungeſchick!“ rief er,„es iſt ein Paß für Frankreich, das heißt ja, Ro⸗ land in die Höhle des Löwen führen.“ Er wollte zum General zurückkehren; ihn zu aber eine 4 Schildwache vertrat ihm den Weg mit dem Bedeuten, der General laſſe jetzt Niemanden mehr vor. Traurig wandte ſich Reynier wieder um.„Wohin ſoll ich ihn ſchicken?“ dachte er.„Nach Dives, wo ſein Onkel ihn erwartet, um ihn mit Louiſe zu vermälen? O Unbe⸗ ſonnenheit. Wenn er Louiſens Liebe gewänne? Ach, ſoll ich denn meinen Freund oder meine Geliebte verlieren?“ Der arme Republikaner befand ſich leichtbegreiflich in einer ſehr ſchwierigen Lage. Indeſſen trug ſeine an⸗ geborne Großmuth den Sieg davon.„Ich muß ihn retten,“ ſagte er ſich,„und ſelbſt auf die Gefahr hin, mein Lebensglück zu zertrümmern.“ In dieſem Augenblicke, da er eben zu Baron von Kransperg gehen wollte, hatte er eine ſehr uner⸗ wartete Begegnung. „Sara hatte erfahren, daß Roland durch ihren Vater in die äußerſte Gefahr gerathen ſei und ſie eilte nun herbei, um perſönlich bei Cuſtine ſich für den Geliebten zu verwenden. „Mein Herr, kann ich Ihren General ſprechen?“ wandte ſie ſich an Reynier, den ſie beim Eintritte in das Rathhaus ſtreifte. Rehnier ſah mit verwunderten Blicken dieſes ſchöne junge Mädchen an, welches ſich kühn in ein Hauptquartier wagte. „Mein Fräulein,“ ſagte er höflich grüßend,„das iſt unmöglich. Ich, der doch ſein Adjutant bin, mußte mich eben von ſeiner Thür abgewieſen ſehen.“ „Ach, mein Herr, es handelt ſich um das Leben eines Menſchen.“ „Wen ſoll ich alſo anmelden?“ fragte er, noch mehr neugierig gemacht. „Fräulein von Kransperg.“ nach kurzem Zögern. „Sie kommen, um Roland zu retten?“ ſagte er. Sie erröthete und ſenkte die Augen. „Entſchuldigen Sie meine Zudringlichkeit, Fräulein. Ich heiße Heinrich Reynier und bin ſein beſter Freund, wie Sie das Mädchen ſind, das er am meiſten liebt. Wir⸗können ihn retten. Den Paß für ſeine Flucht habe ich bereits verſchafft, es fehlt uns weiter nichts als das Mittel, den Kerkermeiſter zu beſtechen.“ „Hier ſind zwanzigtauſend Francs, mein Herr; das iſt alles, was ich heute beſitze. Retten Sie ihn, im Namen des Himmels retten Sie ihn!“ Kaum hatte Reynier das Geld in der Hand, ſo flog er wie ein Pf feil nach dem Gefängniſſe. Es machte ihm nicht viel Mühe, den Gefangenwärter, der Roland zu beaufſichtigen bache auf ſeine Seite zu bringen. Als er ſein Anbot auf zehntauſend Francs erhöht hatte, er⸗ hielt er den Schlüſſel zu Kolands Zelle. Faſt mehr Mühe hatte er mit Roland ſelbſt, als er ihm Geld und Paß für die Flucht einhändigte. Zuerſt zwar fiel Roland ſeinem Freunde zärtlich um den Hals und rief:„Welch' ein Freund! Nur Schade, daß er Jakobiner iſt!“ Als er aber einen Blick auf den Paß warf, nahm er Anſtand, unter dem plebejiſchen Namen Jakob Ferou zu reiſen.„Ich werde mir Mühe geben, ſo antwortete ſie — —y—— —y——— 2 8 Erinnerungen. Flluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. auszuſehen wie mein Bedienter,“ ſagte er endlich, indem er ſich entſchloß, die Uniform eines Trainſoldaten anzu⸗ ziehen, welche der beſtochene Gefangenwärter verſchaffte. In dieſer Verkleidung, die den Marquis ganz unkenntlich machte, kam er ohne Hinderniß nicht nur aus dem Gefängniſſe, ſondern ſelbſt aus der Stadt. Erſt in einem Wirthshauſe außerhalb der Mauern machte er Halt und erwartete hier ſeinen Freund Reynier, der ſich nach kurzer Trennung wieder mit ihm vereinte. Erſt hier erfuhr Roland, daß er Saras Gelde ſeine Freiheit verdanke. „Arme Sara,“ rief er,„ſoll ich denn ewig gegen dich undankbar ſein? Warum iſt ſie nicht hieher ge⸗ kommen?“ „Sie hat geſchworen, Dich ewig zu haſſen.“ „Wirklich? Da kehre ich nach Mainz zurück und ſchwöre ihr ewige Liebe.“ 4 „Nimm Dich in Acht,“ mahnte Reynier.„Man ſucht Dich nicht, aber hüte Dich doch, wieder den Re⸗ publikanern in den Weg zu laufen.“ „Wohlan denn, übergib ihr dieſen Brief!“— Und er ſchrieb eilig dieſe Worte: „Theure Sara, ich ſehe mich genöthigt, zu flie⸗ hen. Um Sie ewig zu lieben, bedurfte es nicht, daß ich Ihnen auch noch das Leben danke. Sobald mich das Geſchick wieder mit Ihnen zuſammenführt, werde ich Sie bitten, Ihr Geſchick mit dem meinen vor Gott zu vereinen. Adieu. „Der Sie über alles liebt, Ihr Roland, Mar⸗ quis von Dives, den die feindlichen Geſchicke zube⸗ nannt haben Jakob Ferou.“ „Hiemit iſt ſie Marquiſe geworden,“ ſagte der Emigrant, das Briefchen faltend. „Du gehſt nach Dives?“ fragte Reynier. „Ich habe keine andere Zuflucht,“ antwortete der Marquis.„Ich freue mich, in meinem großen Unglück meine kleine Couſine wiederzuſehen, ſo pedantiſch ſie auch iſt.“ Der Repablikaner ſeufzte:„Iſt das die Treue, die Du Sara geſchworen haſt?“ „Lieber Freund,“ ſagte Roland,„Du haſt hundert gute Eigenſchaften; Du biſt brav, haſt Geiſt, liebſt Deine Freunde; aber offen, Du ſprichſt mir zu viel von Tugend. Dadurch wirſt Du langweilig.“ „Gott geleite Dich,“ ſagte Reynier ihn um⸗ armend.„Haſt Du Reiſegeld?“ „Nicht einen Heller.“ „So nimm dieſe Brieftaſche. Saraſchickt ſie Dir.“ Roland lehnte ſie ab.„Es iſt genug an einer Wohlthat. Gib ihr ihre Gulden zurück. Ich kann zu Fuß gehen.“ 3 „Ich billige Dein Benehmen,“ ſagte kurz der Republikaner,„aber Du darfſſt nicht ganz entblößt vom Gelde ſein. Hier ſind hundert Franes in Aſſignaten, es iſt mein Sold; freilich zu wenig für einen Marquis, aber genug für einen Trainſoldaten.“ Roland umarmte ihn mit Thränen in den Au⸗ gen und machte ſich auf den Weg. Reynier erſteattete dem Fräulein von Kransperg Bericht über das Geſchehene. Es fehlte wenig, ſo hätte auch ſie ihn in ihrer Freude umarmt. Das gute Kind konnte den Jubel des Herzens nicht unterdrücken. Hundertmal las ſie Ro⸗ lands Brief und wagte nicht an ihr Glück zu glauben. 12. Roland zog mit leichten Schritten ſeines We⸗ ges. Wenn er müde war, nahmen gutmüthige Bauern, die des Weges fuhren, ihn eine Strecke mit, und er gelangte, einige kleine Abenteuer abgerechnet, ohne ſon⸗ derliche Verzögerung und Hinderniſſe über die fran⸗ zöſiſche Grenze bis nach Moulin. Hier erſt fing die Gefahr an, als Edelmann und Emigrant erkannt zu werden. Zum Unglück war ihm das Geld ausgegangen, denn an Sparſamkeit nicht gewohnt, hatte er ſchon in den erſten Tagen ſeiner Rückreiſe die geringe Summe ausgegeben, welche ihm Reynier in die Hand ge⸗ drückt hatte. Kaum daß ihm noch ein Dreilivre⸗Stück geblieben war. Als er über den Platz von Moulin ſchritt, ſah er zwei Zigenner, die ſich vor der gaffenden Menge producirten. Der Mann verſchlang ſeinen Säbel und ſpie ihn mit ſchrecklichen Grimaſſen wieder aus, Die Frau ſpielte dazu Guitarre und ſang mit etwas ſcharfer Stimme melancholiſche Lieder. Von Zeit zu Zeit ging ſie mit einem Teller unter dem Publikum herum, einige Sous als Lohn für die Produktion zu ſammeln. Auch vor Roland machte ſie mit ihrem Teller Halt. Dieſer, nach der alten Gewohnheit des Reichthums, griff in die Taſche und reichte ihr ſein letztes Silberſtück. Bei dieſem Anblicke leuchteten die Augen der Zigeunerin vor Vergnügen. Sie nahm das Geldſtück, warf Roland einen langen Blick zu, worin ſich Freude, Dank oder wenn man will auch Liebe malte, ging zu dem Säbelverſchlinger zurück, flüſterte ihm einige Worte zu, ſprang dann wieder auf Ro⸗ land zu und gab ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Dieſer, obwohl ſehr erſtaunt darüber, ließ ſich nicht lange bitten. Die Zigeunerin war hübſch, lachte anmuthig und zeigte ſehr hübſche Zähne. Hundert Schritte hinter der Stadt trat ſie in eine Kneipe, wohin Roland ihr folgte. Sie beſtellte Wein und zwei Gläſer, machte dem Marquis ein Zeichen, ſich zu ſetzen und ſetzte ſich dann ſelbſt dicht an ſeiner Seite nieder. Roland meinte nun, hier ſei alle Zurückhaltung von Ueberfluß, und er legte mit verliebter Zudringlichkeit den Arm um ihre Taille. Die junge Zigeunerin lachte laut auf, befreite ſich aus ſeinen Armen und ſagte: „Mein lieber Marquis...“ Bei dieſen Worten unterbrach ſie Koland etwas verlegen:„Wie, Du lernteſt alſo ſchon früher mich kennen?“ (Schluß folgt.) der 1 ſon⸗. ran⸗ 4 4 ———— —————=———— 1 4 9 4 8 Alpſtubete oder Aelplerfeſt. 9 Alpſtubete oder Aelplerfeſt*). (Hiezu die Bilderbeilage.) Ef has Volksfeſt! Dieſes Erinnerungs⸗heitere, Freude⸗ verheißende Wort, an dem die Hoffnung von — Tauſenden fröhlich emporrankt,— dieſes ſtrah⸗ lende Geſtirn im trüben Gedränge des einförmi⸗ gen Alltagslebens! wie ſehr entſchwindet unter dem Einfluſſe der fortſchreitenden, mächtig⸗um⸗ geſtaltenden Zeit, immer mehr ſein urſprüngliches, kind⸗ liches, harmloſes Weſen! wie verliert es täglich mehr an friſchem Geiſt und Gehalt, und bleicht zum blaſſen, mark⸗ und körperloſen Schemen abl Schon müſſen ſinnen⸗ berauſchendes Gepränge und eitler Tand jene Gemüths⸗ Armuth und Blöße decken, die mit dem Ueberwuchern des Scheins, auch bei den Feſten, wie eine böſe Seuche immer ſchrecklicher um ſich greift. Da tritt uns denn ein Aelplerfeſt in ſeiner ungeſuchten Einfachheit, in ſeiner natürlich⸗ſprudelnden Luſt, als eine wohlthuende Erſchei⸗ nung entgegen. Wie ſich ſo Manches in Sitten und Gebräuchen noch rein und ungeſchminkt beim Gebirgs⸗ volke erhalten hat, gleich als ob der harte, feſte Grund und Boden, auf dem es lebt, auch in ſein Denken und Handeln übergegangen wäre, ſo ſehen wir noch heute den kecken muskelſtrammen Burſchen auf der Alp die Spiele üben, an denen ſich die Aelterväter vor Jahr⸗ hunderten ergötzten und ihrer Zeit ein kräftiges und unerſchrockenes Geſchlecht gaben. 3 Alpſtubeten oder Dorfeten ſind Hirtenfeſte, die ſo alt ſein mögen, als die Sennerei, die ſo lange beſtehen, als die Herden zur Alp getrieben werden. Ihr Name iſt ebenſo naiv und an die Anfänglichkeit der Zuſtände erinnernd, wie ihr Weſen und Verlauf heute noch iſt. In jenen zerſtreuten Gebirgsdörfern, die aus den all— mäligen Anſiedelungen und Familien⸗ Erweiterungen entſtanden, die abſeit der großen Handelswege und Ver⸗ kehrsſtraßen lagen, gab es bis in die jüngſte Zeit, und gibt's ſogar heute noch in Savoyen, Wallis, Graubün⸗ den und Tirol keine Wirthshäuſer mit großen Lokali⸗ täten. Die Alpenbauern kannten das Bedürfniß nicht, zu einem ihrer Nachbarn zu gehen, um bei demſelben für Geld zu zechen; Geld überhaupt kurſirt in manchen Bergdörfern faſt das ganze Jahr nicht, weil Jeder ſelbſt erzeugt, was er für ſein Haus bedarf. Wohl aber ſtellte ſich bei ihnen das Bedürfniß geſelligen Lebens, freund⸗ nachbarlichen Beſuches zum Zweck der Unterhaltung ein, und da es, wie geſagt keine Geſellſchaftshäuſer und kein Kaſino in den Gebirgsorten gibt, ſo ging man in die Stube des Andern, und dieſe Viſite wurde eine„Stu⸗ berta“ genannt. Die Bezeichnung wurde aber auch ganz beſonders auf jene Zuſammenkünfte junger Leute ange⸗ wendet, welche zu Spiel, Geſang und Tanz ſich in der größten oder am bequemſten gelegenen Stube eines *) Aus den„Alpen in Natur⸗ und Lebensbildern“ von H. A. Berlepſch, Leipzig 1861, mit beſonderer Er⸗ laubniß des Verlegers Herrn Hermann Coſtenoble. Erinnerungen, LXXXII. 1861. Nachbars zuſammenfanden, und dieſe improviſirten Ge⸗ ſellſchaften beſtehen überall in den Alpen und im Schwarz⸗ walde noch. Sie ſind nun keineswegs immer ſo harm⸗ loſen, idylliſchen Charakters, dieſe eigentlichen Stuben⸗ zuſammenkünfte, wie man behaupten will, ſondern ſie ſind vielſeitig Urſache immer größerer Entſittlichung des Volkes. Anders verhält ſich's mit unſeren Alpfeſten, auf welche man, da es gleichfalls Beſuche und Vergnügungs⸗ Anläſſe, wie die drunten im Dorfe, ſind, auch den gleichen Namen übertrug. Der Tag ihrer Feier ſteht ebenſo feſt wie der eines Kalender⸗Heiligen, und hängt, wie ſchon bemerkt wurde, in den katholiſchen Gebirgsgegenden meiſt mit der Feier eines Patronatsfeſtes zuſammen. Alles Bergvolk, das während des Sommers ſich mehr vereinſamt fühlt als zu jeder anderen Jahreszeit, weil die Hälfte droben in den Alpen, die andere Hälfte drunten im Thale lebt, ſtrömt nun mit Ungeduld dem allgemeinen Sammelplatze zu, hört Predigt und Meſſe herkömmlich an, und wenn dieſer althergebrachten Sitte Genüge ge⸗ than iſt, dann werden alle geiſtigen und geiſtlichen Ge⸗ danken für dieſen Tag quittirt,— die kommenden Stun⸗ den gehören nur der ausgelaſſenſten Freude. Alles Volk prangt im Sonntagsſtaat, in hellen, leuchtenden Farben. Dazwiſchen mangelt's nicht, daß auch ein Senn im Chrenkleid der Stall⸗Arbeit, wenn nicht zum Schmuck, doch zur maleriſchen Ergänzung der Gruppen, ſich zwi⸗ ſchen den Feſtgenoſſen bewegt. Unter lautem Jubelruf und johlenden Zauren, und„Löcklen“, daß die Berg⸗ wände es gellend wiederhallen und die Lüfte von klin⸗ gender Freude erfüllt ſind, ſpringt nun jeder Sennbub mit dem Mädchen ſeiner Neigung zu den umliegenden Sennhütten. Hier iſt ſchon Alles auf den Beſuch vorbe⸗ reitet; Krapfen und Küchli, Birnenweggen'und geſchwun⸗ gener Nidel(zu Schaum geſchlagener fetter Rahm), lockend feines, weißes Weizenbrod und Wein, genug, was des Alpenſohnes Kunſt vermag, wird hier in Menge zum fröhlichen Mahl aufgetiſcht. Das iſt ein Scherzen und Koſen, ein Föppeln und Necken, mitunter weidlich derb und unglimpflich, wie's eben Sitte iſt da droben. Noch einmal trennt ſich das junge Volk. Die Mäd⸗ chen ziehen ſcharenweiſe ſingend umher, ſuchen die be⸗ kannten Stellen auf und zwingen die Gnomen der Felſen⸗ wände, durch alle Tonarten hindurch ihnen als Echo zu ſekundiren. Es iſt der vollendetſte Uebermuth, die auf's Aeußerſte geſpannte Elaſticität des Humors und der Freudenbegierde, die ſich zu entladen beſtrebt und nun jeden Anlaß benutzt, um das Ueberſelige der Stimmung zu bethätigen. 4 Die Sonne ſteht hoch! Der Himmel ſtrotzt im tief⸗ ſten Blau des unendlichen Aethers! Da jauchzts und ruggüßelet es aus jedem Winkel hervor, von allen Hal⸗ den herab. Wo irgend eine Hütte hinterm Tannenſchopf verborgen liegt, oder wo es über einen Bühel hinauf⸗ führt in ein anderes Berggut, oder der ſchmale, ſchlän⸗ gelnde Pfad hinüberläuft über's Tobel zur Nachbar⸗Alp, von allen Seiten ſtrömt's herbei, das genußdurſtige Volk, elektriſche Freudenblitze durch die Lüfte ſchleudernd. Heil drunten auf dem Plan der Bergwieſe, welch ein Ge⸗ —— 10 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. dränge, welch wogendes, ſchwirrendes Durcheinander! Da iſt das Feſt im vollſten Gange ſchon.„Wer gerne tanzt, dem iſt leicht gepfiffen!“ Erhöht auf einem Felſen⸗ block hat ein Orcheſter ſeine Kunſtwerkſtätte aufgeſchla⸗ gen. Zwei Muſikanten ſind s, Autodidakten, die hemd⸗ ärmelig dem Volke neckiſche Weiſen aufſpielen. Der eine hat das Hackbrett auf den Knieen, den Urgroßvater aller pianiſtiſchen Inſtrumente, deſſen Saiten er mit dem Stahlſtäbchen hellſchwirrende Metalltöne in kecken, zucken⸗ den Rhythmen entlockt. Sein Sekundant iſt ein Geiger, ebenſo ein origineller Kauz; voll Witz und ſprudelndem Humor ſchmückt er die ohnehin ſchon herausfordernd muthwillige Melodie noch mit Schnicken und Schnacken aus, lebt und zappelt am ganzen Körper, und ſtampft mit den Füßen metriſch den Takt zu ſeinen muſikaliſchen Arabesken. Der arme Narr ſchwitzt über und über, und um bei ſeiner ſchweren Arbeit wenigſtens einigen Schutz zu haben, ſo hat er den Baldachin eines großen, roth⸗ baumwollenen Familien⸗Regenſchirmes, an einen lan⸗ gen Stock gebunden, hinter ſich aufgerichtet, in deſſen leuchtendem Schatten er ſein Tagewerk vollbringt. Juſt ſo iſt's dem Volke recht; das iſt die Muſik, die es ſucht und haben will. Stellt ihm die Virtuoſen einer fürſtlichen Kapelle hin; mit aller ihrer Prä⸗ ciſion und Glockenreinheit im Spiel vermögen ſie es nicht, das ſinnenberauſchte Alpenvölklein ſo auf dieſer zitternden Höhe der Glückſeligkeit zu erhalten und zu balanciren, als der verſchmitzte diaboliſch⸗anſpannende Dorfgeiger. Und nun der Reigentanz ſelbſt, der uralte, den heute noch die Indianer und wilden Völker bei ihren Feſten tauzen, der große, runde Ring von Men⸗ ſchen⸗Armen, die zu einer Kette verſchlungen, den braunbemooſten Felſenklotz umjauchzen. Was iſt das noch ein primitives Springen und Bewegen im Ver⸗ gleich mit dem äſthetiſch⸗feenhaften Schweben der Kunſt⸗ tänze auf unſeren Soiréen und Bällen! Und dennoch iſt Grazie und Anmuth darin, weil Natürlichkeit aus jeder Körperwendung ſchaut. Die Buben haben ſich bei den Händen gefaßt, und in jedem ſolchen männlichen Armſeſſel lehnt, ſich ſicher wiegend, die Sennerin, indem ſie ihre Arme leicht und nachläſſig auf die Schultern ihrer beiden Tanznachbarn legt. Es liegt eine ſchelmiſche Koketterie in dieſem Geflecht, die ungemeinen Reiz hat und wellenhaft ſchöne Formen darbietet. Daneben wer⸗ den Extratouren gegeben. Ein Burſch, dem's in den Füßen zittert und zuckt, als ob ein galvaniſcher Strom ihn durchbrauſe, hat ſeine Tänzerin mit beiden Händen beim Mieder gefaßt, rundwirbelt kreiſelartig auf einem Plätzchen, das eben groß genug iſt, um vier menſchlichen Füßen Raum zu gewähren, durchbohrt die Lüfte mit ſeinen maifriſchen Jauchzern und ſchwingt das lachende Alpen⸗ kind hoch über ſich wie ein Spielzeug ſeiner roſigſten Laune. Jetzt, als wollt' es mit Macht durchreißen die Kette des Tanzes Schwingt ſich ein muthiges Paar dert den dichteſten Reih'n. Schnell vor ihm her entſteht ihm die Bahn, die hinter ihm ſchwindet, Wie durch magiſche Hand öffnet und ſchließt ſich der Weg. Schiller. So gaukelt und brauſt es durcheinander, ein im Entſte⸗ hen ſich ſchon wieder verzehrendes Bild. Das iſt der innere Kern, das Centrum der Freude und Luſt. Mit reichen, lebensvollen Gruppen, je wenig Menſchen ein draſtiſches Genrebild aufſtellend, iſt dieſe große Scene eingefaßt. Auch die Kühe ſind herzuge⸗ kommen und ſtarren mit verwunderten Augen hinein in das Gedränge, das ihrem ſtillen Tempo ſonſt ſo fremd iſt. Durch lautes Blöken geben ſie ihre Theil⸗ nahme zu erkennen; ſoll's ein Proteſt ſein, daß man ihren kräuterreichen Futterboden ſo übermüthig zer⸗ ſtampft, oder ſind's Beifallsbezeigungen in der Kuh⸗ ſprache! Der Gaumer, der ſich an einem Glaſe Wein er⸗ götzt hatte, geſtattet aber ſolche familiäre Einmiſchung der Hausthiere nicht und jagt die mit geſtrecktem Schweif zurückgaloppirenden Thiere wieder auf das ihnen zur Weide angewieſene Terrain. Endlich lechzt und ſchnauft und fieberglüht der ganze Kreis unter dem Druck der ſengenden Strahlen, — der Regenſchirm⸗Geiger und der„Hackbrettli⸗Ma“, die Buben und Mädchen müſſen raſten vom Uebermaß der Luſt. Da zieht ein neuer Kreis, den wir bisher nicht beachtet hatten, unſere volle Aufmerkſamkeit auf ſich. Ein großer, ſchwerer Centnerſtein fliegt durch die Luft und fällt dumpf dröhnend auf den Boden; gellendes Ge⸗ lächter folgt. Das ſind die Kraftproben im Steinſtoßen, dieſes wiederum uralte Aelplerſpiel, eine Mahnung an die rollenden Felſenblöcke in den Schlachten am Mor⸗ garten und am Stoß, die wie der böſe Feind in die kampfgerüſteten Züge der Ritter und Reiſigen ſchmetter⸗ ten und ſie zu Boden warfen. Hier iſt's nur Scherz, faſt nur ein Kinderſpiel im Großen, und doch bekundet es den ſtreitbaren, männlich ſich rüſtenden Geiſt, der in dieſem Bergvolke lebt und webt. Mit ſeſten Händen umſpannt der Senn den Laſtſtein, hebt ihn ſcheinbar leicht ſich auf die Schulter, während die innere Fläche der rechten Hand ihn eigentlich trägt. Das Ziel, das er im Wurfe erreichen will, iſt etwa ein Dutzend Schritte vor ihm abgeſteckt. Im wiegenden Schwanken des Ober⸗ körpers ſucht er den rechten Augenblick abzupaſſen, und plötzlich den Arm ausſtoßend wirft er den Stein dem Ziele zu. Es gilt gewöhnlich eine Wette, die durch ein Halbes Wein ausgeglichen wird. Turnübungen wurden von den Aelplern natura⸗ liſtiſch ſchon Jahrhunderte lang exercirt, bevor der„De⸗ magogen⸗Jahn“ und Vater Maßmann auf der Haſen⸗ heide die erſten Lektionen gaben. Das Klettertalent der Geißbuben iſt ebenſo alt als ihr Stand, und von der Sicherheit des Schuſſes legte Wilhelm Tell ſchon vor mehr als 500 Jahren eine hiſtoriſch gewordene Probe ab. Die unterhaltendſte aber von allen Turner⸗ fähigkeiten können wir auf unſerem heutigen Aelplerfeſte ſehen; es iſt das„Schwingen“ oder der„Hoſenlupf“. Im Lande Appenzell ſind ſie unmittelbar im Gefolge einer Alpſtubete; im Entlibuch und Emmenthal, im Berner Oberlande und im Kanton Unterwalden beſte⸗ hen ſie als ſelbſteigene Volksfeſte, die aber ebenſo wie dort die Stubeten ihre unabänderlich feſten Tage haben ———ᷣ— So finden deren auf der Wengenalp und auf der Großen Scheideck am Fuße des Wetterhornes ſtatt,— jenes von den Grindelwaldnern und Lauterbrunnern, dieſes von den Grindelwaldnern und Bewohnern des Hasli⸗ thales beſucht. Gewöhnlich iſt's auf einer Grenzalp, zu der von beiden Thalſeiten die kampfesluſtigen Jüng— linge hinaufſteigen. Denn es kommt darauf an, daß zwiſchen den Parteien zweier Thalſchaften die eine den Sieg über die andere erringe. Begreiflich iſt's, daß die, welche das letztemal mit Ruhm gekrönt vom Platze ging, diefen Ruhm nun nicht einbüßen mag und alle ihre beſten Kräfte aufbietet, das Aeußerſte zu leiſten, was immerhin nur möglich iſt. Die jüngſthin überwundene Partei jedoch ſtrebt diesmal die ihr angethane Schmach zu rächen und heute als Sieger den Platz zu verlaſſen. So wie ein ſolches Schwingen um die Wege iſt, ziehen ſich die Burſchen, welche mit zu kämpfen gedenken, von den ſtrengſten Arbeiten zurück, pflegen den Körper und genießen kräftigende Speiſen und Getränke. Iſt nun der Schwingtag erſchienen, ſo finden ſich die Kämpen beider Seiten in einem Wirthshauſe ein. Jeder ſucht ſich von der Gegenpartei ſeinen Mann aus, mit dem er einen Gang zu unternehmen wünſcht, und in herzlich⸗ ſter Freundſchaft und Eintracht zechen ſie gemeinſchaft— lich, einander wacker zutrinkend. Die Stunde ruft. Arm in Arm, vorauf Muſik, ziehen die Gegner paarweiſe zum Zug geſchart zum Schwingplatz, wo ihrer ſchon ein großer Haufen Volkes wartet. Das Kampfgericht, von alten kundigen Vertrauensmännern gebildet, iſt ſchon gewählt. All' das übrige Volk formirt nun einen großen Ring, in deſſen Mitte die Kämpfer ſtehen. Sie haben ſich's bequem gemacht; das Hemd und die Schwinghoſe ſind die einzigen Kleidungsſtücke, welche ſie auf dem Leibe tragen. Die Schwinghoſe beſteht aus feſtem, derbem Drill, der dauerhaft genäht ſein muß. Sie wird über die nackten Füße und Kniee bis auf die halben Schenkel feſt heraufgerollt, und hat am Gunt um die Taille einen Wulſt zum Anfaſſen. So ausgerüſtet treten die Ringer paarweiſe an. Der ſelbſtgewählte Obmann ordnet die Reihenfolge an, in welcher die Paare mit einander zu kämpfen haben;— zuvörderſt die Schwächeren und dann gradatim ſteigend, die Stärkeren, Robuſteren. Allgemeine Schwingregeln beſtehen bei allen Alpenbe⸗ wohnern. Zuerſt bieten beide Parteien treuherzig ſich die Hand, um öffentlich zu bekunden, daß Keiner Haß und Groll gegen den Andern im Herzen trage, und daß das Schwingen ein freies, freundliches ſein ſolle. Der Hemdenkragen iſt geöffnet, damit dem Athem kein Hinderniß beſchwerlich falle; die Hemdärmel ſind bis über den Ellenbogen hinaufgerollt, ſo daß die Arme ent⸗ blößt ſich um ſo leichter bewegen können. An der ganzen Kleidung ſoll, altem Herkommen gemäß, nichts Geſchnür⸗ tes bleiben, überhaupt der Eine wie der Andere im An⸗ zuge ſein, weil bei längerem, hartnäckigem Kampfe irgend eine Kleinigkeit durch früheres Ermüden den Ausſchlag geben könnte. So vorbereitet tritt das erſte Paar in den Kreis; Freude, Heiterkeit, Zuverſicht, Kampfesluſt leuchten aus den Augen. In aller Ruhe erfolgt das Zuſammengreifen, d. h. ein Jeder ſchlägt ſeine rechte ——᷑—᷑—ÿ—ꝛO⸗˖:;BꝛBꝛ˖VBV:An yöͤ————— Alpſtubete oder Aelplerfeſt. 11 Hand feſt in den Taillen⸗Gurt des Gegners, die linke in den aufgerollten Hoſenwulſt am rechten Schenkel des Andern, oder wie's im Entlibuch heißt„in's Geſtöß“. Alle falſchen und betrügeriſchen Praktiken ſind ſtreng unterſagt, wohin namentlich auch gehört, den Gurt mit Talg einzureiben, weil dann der Gegner keinen feſten Halt hat. Das„Zuſamm engreifen“ geſchieht je nach Belieben ſtehend oder knieend, die Köpfe Beider je auf des Gegners rechter Schulter liegend. Sind's nun zwei recht geübte Ringer, ſo treiben ſie, im taktmäßigen Hin⸗ und Herwogen, ſich mehrere Minuten lang im Kreiſe umher; Keiner von Beiden verſucht den erſten Kunſt⸗ griff oder Schwung, bevor er nicht den rechten Moment gekommen glaubt. Weil ein Jeder ſich auf der Devenſive hält, ſo erwartet er von Augenblick zu Augenblick des Gegners unvermutheten Angriff und hat vorläufig ſeine ganze Aufmerkſamkeit darauf gerichtet, feſt zu ſtehen. Die kleinſte Blöße, die geringſte Schwäche vom Gegner wahrgenommen, benutzt dieſer ſofort zu einem energi⸗ ſchen Schwung oder Zug. Es begegnet aber auch, daß Beide ſo lange auf einander„duſen“(wie es im Ent⸗ libuch heißt), daß ſie ermattet voneinander ablaſſen, ſich auf den kühlen Raſen werfen, um zu verſchnaufen, brü⸗ derlich ein Glas Wein ſelbander trinken zur neuen Stär⸗ kung, die Hände mit Erde reiben, um die Haut rauher zu machen. Während des„Duſens“ herrſcht lautloſe Stille im Kreiſe; Alle lauſchen geſpannt auf den erſten Schwung, und ſo wie dieſer erfolgt und nun das ver⸗ zweifelte Ringen, das Beinſtellen und Anziehen, das Heben und Drängen beginnt, da folgen mit fieberhafter Haſt, mit jagenden Blicken, mit klopfendem Herzen die Zuſchauer beider Parteien allen Bewegungen. Halblaute Rufe, unterdrückte Interjektionen, Anfeuerungen beglei⸗ ten den Kampf, bis plötzlich durch eine einzige Wen⸗ dung, durch einen unvermutheten Griff und Zug der Eine des Andern Herr und Meiſter wird und ihn zu Boden wirft. Dieſe einmalige Ueberwindung entſcheidet indeſſen den Sieg noch nicht.„Eines Mannes Red iſt keine Red, man muß ſie hören alle beed!“ Nach dieſem Grundſatz wird dem Ueberwundenen nochmals Gele⸗ genheit gegeben, ſeine Ringer⸗Ehre zu retten, und nicht ſelten iſt’s der Fall, daß diesmal das Glück auf ſeiner Seite iſt. Nur wer zweimal ſeinen Gegner auf den Rücken wirft, iſt wirklich Sieger. Kämpfen nun die Schwinger zweier Thalſchaften mit einander für die Ehre ihrer Partei, z. B. die Unter⸗ waldner und Haslithaler auf der Alp Breitenfeld ob Meyringen, oder die Entlibucher und Emmenthaler am Schüpferberg oder auf Ennetegg,— ſo tritt aus der Partei des zuletzt Gefallenen der Erſatzmann heraus und verſucht ſeine friſchen Kräfte an dem, der im vor⸗ hergehenden Gange Sieger blieb, deſſen Kräfte jedoch ſchon ziemlich angegriffen ſind. Dieſe Reihenfolge wird beſonders feſt innegehalten, wenn um einen ausgeſetzten Preis gekämpft wird. Iſt's indeſſen nur ein Schwinget gewöhnlicher Art, ſo treten überhaupt eine beliebige Anzahl Ringer aus zwei verſchiedenen Pfarrgemeinden auf, die ihre Kräfte mit einander meſſen. Iſt's jedoch der Fall, daß bei einem ſolennen 9 — — 12 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Schwinget die ſtärkſten und gewandteſten Kämpfer bei⸗ der Parteien die letzten ſind und jede Thalſchaft ihre endliche und entſcheidende Siegeshoffnung auf ihren Mann ſetzt, es alſo gilt, die Ehre des Tages für eine ganze große Gemeinde zu retten, ſo entfaltet ſich mitunter ein Schauſpiel eigener Art. Beide Ringer einander fürch⸗ tend, ſuchen ſich nur defenſiv zu verhalten, jeder nur ſeinen Fall zu verhüten und dadurch den Sieg des Geg⸗ ners unmöglich zu machen. Dann weichen beide in der Regel von der gewöhnlichen Schwingart ab. So wie die beiden Gymnaſten ſich ordnungsmäßig gefaßt haben, laſſen ſie ſich, der eine genau die Stellung des andern abmeſſend, auf's rechte Knie nieder und entfernen ſich mit dem ganzen Unterkörper, ſo weit es Griff und Mus⸗ kelanſpannug erlauben, von einander. Fürchtet der Eine auf dieſe Art von ſeinem Gegner mit übermächtiger Ge⸗ walt dennoch gelüpft zu werden, ſo legt er ſich platt auf den Bauch, worin ihm dann auch der Mitkämpfer folgen muß. In ſolch unnatürlicher Stellung martern Beide einander oft eine halbe Stunde lang, winden ſich am Boden wie kriechende Schlangen, und ſpannen Sehnen und Muskeln ſo übermäßig an, daß von dem furchtbaren Kraftaufwande das Antlitz braunroth er⸗ ſcheint. Vermag nun Keiner durch Ausdauer, Kraftüber⸗ maß oder Liſt den Gegner zu bewältigen, ſo ſtehen ſie endlich freiwillig, aber zum Tode erſchöpft, vom Kampf⸗ platz auf, bekennen einander mit traulichem Handſchlag gegenſeitig ihre Männerſtärke, und keine Partei kann ſich des Tagesſieges rühmen.— Sie iſt wild, ja faſt barbariſch, dieſe Kundgebung der phyſiſchen Kraft; aber ſie legt Zeugniß ab für ein männliches, kampfbereites Volk, für ein Geſchlecht, das nicht verweichlicht iſt und noch Muth und Ausdauer genug beſitt, für ſeine Ehre, ſeine Freiheit und ſein Vaterland mit äußerſter Ent⸗ ſchloſſenheit zu kämpfen. Der originellſte Lupf, ſo weit überhaupt dieſe Kraftprobe volksthümlich exercirt wird, findet im Re⸗ fektorium des Kapuzinerkloſters zu Appenzell im Bei⸗ ſein der Mönche ſtatt. Im Herbſt nämlich bringen an⸗ einem beſtimmten Tage junge kräftige Burſche von nah' und fern Natural⸗Lieferungen an Wein, Früchten, Holz u. ſ. w. dem Kloſter freiwillig dar. Für dieſe Geſchenke nun laſſen die Mönche den Lieferanten eine feſte Mahl⸗ zeit verabfolgen, und als Deſſert, wenn die Tiſche hinaus⸗ geräumt ſind, wird zur Ergötzung der Konventualen im Refektorium von den Burſchen ein Schwingen zum Beſten gegeben. Die Mönche ſtehen auf Tiſchen und Stühlen, nehmen den lebhafteſten Antheil an dem Ver⸗ laufe des Zweikampfes und lachen oft ſo draſtiſch, daß die Schwinger über das Gelächter der Mönche ſelbſt in’'s Lachen gerathen und kampfesunfäl Dieſe Kloſter⸗Arena iſt ſo landesbekannt, daß ſich die Burſche das Jahr über nicht nur wegen Streitigkeiten auf den„Kloſter⸗Lupf“ laden, ſondern recht herkuliſch⸗ ſtarke junge Männer„Jedem im ganzen Lande aus⸗ bieten“, d. h. einen Jeden, der ſich mit ihnen meſſen will, einladen, im Kloſter zu Appenzell am genannten Tage zu erſcheinen. Der Reſt des Tages verläuft auf einer Alpſtubete, — wie er begonnen, nur daß die Freude, ſtatt zu ſinken ſich noch ſteigert. Bald verſinkt die Sonne; des Waldes Rieſen Heben höher ſich in die Lüfte, um noch Mit des Abends flüchtigen Roſen ſich ihr Haupt zu bekränzen. In ungetrübter Glückſeligkeit hüpft jedes Mädchen, an ihres Buben Hand, über Stock und Stein hinab in's Thal. Aus dem ſiebenbürgiſchen Sachſenlande. Von P. J. (Schluß.) ES) ei aller dem ſächſiſchen Bauer nicht abzuſpre⸗ J ende Wohlhabenheit iſt jeder Vater und jede Mutter froh, wenn ihre Kinder ſo weit gediehen, —₰“) daß ſie ſich bald einen eigenen Herd gründen — können. Iſt die Tochter mit Gottes Hilfe bald 85„1000 Wochen alt“ geworden und hat der Junge„lange genug die Beine unter der Eltern Tiſch hängen laſſen“(d. h. ſich von ihrem Brode genährt), dann rückt die Zeit der Heirat raſchen Schrittes heran. Dieſer ſehen ſie denn auch mehr als das Elternpaar mit ungeduldigem Bangen entgegen; denn der Weg bis dahin iſt ein weiter und ſehr komplicirter. Nachdem das Mädchen zur„Magd“ geworden und in Folge deſſen Borte, Mantel und Pelz zu tragen begonnen, der„Junge“ aber zum„Knecht“, d. h. in Hut, Gürtel und Pelz erſcheinen darf, bedia der erſte Akt des Heiratsdramas: das„heimliche Liebetreiben“. Man trifft ſich bei Tanzbeluſtigungen und in den Spinn⸗ ſtuben zu geſelligen Verkehren. Der Knecht zeichnet die „Seinige“ an beſonderen Tagen vor ihren Geſpielen aus, ſteckt ihr z. B. am Palmſonntage Palmzweige auf oder in’'s Dachfenſter ein Büſchel Palmkätzchen, am Pfingſt⸗ morgen Maibäume; am Namenstage oder ſonſtigen feſtlichen Gelegenheiten ſchenkt er ihr Bänder, Kleider, Tücher u. a. m. Dafür erhält der Knecht alle Sonn⸗ und Feiertage die ganze Blumenzeit hindurch große Blumenſträuße, die er ſich unter dem Kirchenläuten ab⸗ holt und auf den Hut ſteckt.— Während man ſo„heimliche Liebe treibt“, be⸗ ſtürmt die Magd fort und fort das Schickſal, um in der wichtigſten Lebensfrage ſichern Aufſchluß zu be⸗ kommen. Die Wege, die dazu führen ſollen, ſind oft zahllos und mehren ſich noch ſtets bei dem unausge⸗ ſetzten Sinnen und Trachten des Menſchen, den ge⸗ heimnißvollen Schleier der Zukunft zu lüften. Hier mögen nur die allverbreitetſten„bedeutungsvollen Zei⸗ chen“ ihre Stelle finden: So viel Finger einem Mädchen knacken, ſoviel Schätzchen hat es. Verſalzt es die Suppe oder läßt es das Eſſen anbrennen, ſo iſt es verliebt. Aus dem ſiebenbürgiſchen Sachſenlande. 13 Kommt man von ungefähr zwiſchen zwei Schwe⸗ nacht. Vielverbreitet in dieſen Nächten mit Ausnahme ſtern oder unter den Spiegel(die gewöhnliche Stelle V der Chriſtnacht iſt das Bleigießen, wobei in der Andreas⸗ für ein ſtädtiſches Brautpaar) zu ſitzen, ſo wird man Braut oder Bräutigam. anſchneiden kann. nacht während dieſes Aktes ein bloßer Fuß(hie und da in Deutſchland die ganze Perſon nackt) auf die Bettſtatt geſetzt wird unter den bekannten Worten: Bettſtatt, ich tritt dce jerblätteri 4 fü Heiliger Andreas, ich bitt' dich, Vierblätterigen Klee finden bedeutet Glück, doch Laß mir heint Nocht erſcheinenn darf er nicht über’s Waſſer getragen werden. Den Allerliebſten meinen! Reif zum Heiraten iſt, wer einen Leib Brod gerade — —— —- — — — I ——— Ledige Sachſen aus Siebenbürgen. Wünſcht man ſich plötzlich etwas beim Fall einer In der Neujahrsnacht geht man zu einem Holz⸗ Sternſchnuppe, ſo geht es in Erfüllung. lager und nimmt, was man mit beiden Armen faſſen Wer ein erloſchenes Licht wieder anblaſen kann, kann, Holz aus demſelben: ſind die Scheite gepaart, ſo wird Pfarrer oder Pfarrerin. heiratet man nächſtes Jahr, im Gegentheil nicht. Stellen ſich derartige Vorbedeutungen nicht ein, Auch gehen die Mädchen ſchweigend zu einem ſo wird geradezu das Orakel befragt. Die hiebei be⸗ Brunnen, ſchöpfen Waſſer, klopfen ein friſch gelegtes Ei⸗ deutungsvollſten Nächte ſind: die des Andreas und in dasſelbe und deuten aus den bis Morgen ſich bilden⸗ Thomas, dann die Chriſtnacht und Neujahrs⸗ den Figuren das Geräthe oder Geſchäft des Zukünftigen. 14 Erinnerungen. Flluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Oder man wirft Nachts zwölf Uhr, mitten im Zimmer ſtehend, über den Kopf hin einen Schuh der Thüre zu; fällt derſelbe mit der Spitze nach der Thür, ſo heiratet das Mädchen, ſonſt nicht. Eine Hauptrolle ſpielt bei den Schickſalsbefra⸗ gungen aber der Apfel, der ſchon im Alterthum der Liebesgöttin Venus heilig war. Man ſchält einen Apfel, ſo daß die Schale ein ganzes Stück bildet, wirft ſie über den Kopf hin und deutet aus dem Anfangsbuchſtaben den Namen des Geliebten. Man zerſchneidet einen Apfel mitten durch und wünſcht ſich dabei etwas. Ward kein Kern mit zerſchnitten, ſo geht der Wunſch in Erfüllung.— In den Spinnſtuben machen die Mägde zwei Pyramiden von Werg, jede eine Perſon darſtellend, ſtellen ſie auf den Herd und zünden ſie an; fallen ſie gegen einander beim Abbrennen, ſo heiraten jene zwei Perſonen einander. Auf Gängen im Freien iſt allverbreitet nebſt vielem Andern die Befragung der Wucherblume, an der man, um die Liebe und ihre Grade zu erforſchen, je fünf Blättchen mit den Worten abpflückt: Er liebt mich von Herzen, Mit Schmerzen,— bisweilen Ein wenig— oder gar nicht. Iſt nun eine Perſon ſo ſehr ſtiefmütterlich bedacht von der Göttin der Liebe, daß auf alle Proben keine genügende Antwort erfolgt, ſo„übt man Liebeszauber“. Da zwingt man eine Perſon zur Gegenliebe, wenn man in der Thomasnacht deren Fußſocken kocht(daher man von einem, der keine Ruhe findet und raſtlos umher⸗ treibt, ſagt, dem hat man die Fußtücher gekocht, d. h. er iſt bezaubert), oder man ſucht von der geliebten Perſon ein Haar zu erlangen und ſtreicht dies beim Beſtreichen des Feuerherdes mit in den Lehm der Feuerſtelle ein. Nachdem man ſo eine Zeit lang„heimliche Liebe getrieben“, folgt der zweite Akt:„der Handſchlag und das Brautvertrinken.“ Das Werben geſchieht gewöhnlich Abends und zwar ſelten durch den Burſchen ſelbſt, meiſt durch den „Brautwerber“(den Vater oder Brautknecht). Charak⸗ teriſtiſch iſt dabei folgende Formel. Der Vater des Bräutigams(natürlich nachdem Letzterer und die Braut ſich ſchon geeinigt) ſpricht zu den Eltern der Braut: „Es iſt allbereits bewußt und be kannt, daß wir uns vor mehren Jahren in den heiligen Eheſtand be⸗ geben haben und in demſelben hat uns Gott nicht leer und ledig wiſſen wollen, ſondern uns geſegnet nicht mit zeitlichem vergänglichem Gut, ſondern mit edlen Leibes⸗ früchten, wie auch mit einem lieben Sohn, der nun ſoweit herangewachſen, nicht im Roſengarten, ſondern in vieler Müh' und Plage, bis daß er ſich auch in den heiligen Eheſtand zu ſetzen gedacht. Da hat er ſich um⸗ geſehen in unſeren chriſtlichen Gemeinden, in Gaſſen und Spielhäuſern, Spinnſtuben und Geſpielſtuben und hat Gott den Herrn dabei angefleht, er ſolle ihm einen Weg zeigen, auf welchem er eine Gehilfin finde, die um ihn ſei. Nun ſehen wir, daß Gott ihn hat geleitet bis hierher zu Euch und hat die Erfahrung gemacht, daß Eure liebe Tochter Neigung zu ihm bekommen, ſich mit ihm wechſelſeitig zu lieben. Demnach hat er bittlich an⸗ gehalten ſowohl mit heimlichen als mit offenbarlichen Worten, bis er endlich auch ein Jawort und einen Hand⸗ ſchlag erhalten hat. Bei dem konnten wir es aber nicht bewenden laſſen, ſondern bin auch kommen zu der Ueberzeugung, eine Frage an Euch zu thun: ob Ihr unſerm Sohn denn Eure Tochter zur Frau geben wolltet oder unſere Bemühung vergeblich geweſen ſei.“ Der Vater des Mädchens erwiedert: „Ja, es iſt unſer Wille und der Wille unſerer Tochter. Eure Bitte ſoll Euch gewährt werden; und wir ſagen ſonſt nichts dazu als: Gott der Herr wolle ſeinen Segen dazu geben, daß wir uns ihres Lebenswandels freuen können.“ Der Vater des Burſchen: „Da wir nun hören, daß Ihr uns unſere Bitte nicht verſagt, ſo ſind wir dafür erſtlich dankbar, erbitten uns aber zur Verſicherung für die Zukunft noch einen „Handſchlage.“ Vater und Tochter reichen nun unter vielen Segens⸗ wünſchen dem Vater des Burſchen die Hand. Sofort werden die beiderſeitigen Verwandten berufen und ge⸗ fragt, ob jeder Theil zufrieden ſei mit dem projektirten Ehebund. Billigen die Sippen das Vorhaben, ſo erwiedern ſie: „Wir können Eurem Geſchäfte kein Hinderniß in den Weg legen, wir können der Perſon nichts als Red⸗ lichkeit nachſagen. Fahrt mit Gottes Hilfe fort in Eurem Geſchäfte. Gott gebe, daß der Anfang glücklich und das Ende geſegnet ſei.“ Auf den Handſchlag folgt gewöhnlich bald das „Brautvertrinken“(Verlobung), ſo genannt von dem Feſtmahl, welches am Schluſſe der Verlobung ſtattfindet. Es werden nämlich auf dem Pfarrhofe(nicht nach ſtädti⸗ ſcher Sitte im Hauſe der Braut) die Ringe gewechſelt, wobei als Zeugen Freimänner“ oder die beiderſeitigen Väter fungiren und die Worte geſprochen werden: Hier geb' ich dir den Ring der Treul, Gott geb', daß es dich nie bereu'! Nachdem man dann den jungen Leutchen kleine Geſchenkchen,„Händchen“ genannt, gemacht, werden ſie vom Geiſtlichen eingeſegnet und dann eben folgt im Hauſe der Braut das Feſtmahl, das Brautvertrinken. Iſt ſo die„Braut vertrunken“, ſo wird zur Hoch⸗ zeit gerüſtet“, d. h. von beiden Seiten die Zeit der Hochzeit beſtimmt. Meiſtens fallen die Hochzeiten in den Faſching, zumal in die Woche der Hochzeit zu Kanaan oder in die Herbſtzeit; ſie finden aber auch zu anderen Zeiten ſtatt, nur nicht zwiſchen Oſtern und Pfingſten, denn„da heiraten die Unſeligen“ nach einem deutſchen Sprichworte. Von den Wochentagen wird am liebſten der Mittwoch genommen. Die Vorbereitungen zur Hochzeit(namentlich zum Feſtſchmaus) nehmen mehrere Tage in Anſpruch und waren ehedem Sache der ganzen Nachbarſchaft und Skizzen aus Peſt. 17 Regenſchluchten oder neben ihnen in anderthalb bis zwei Stunden hinauf führen. Es gehören gute Füße und eine gute Lunge zu dieſem Marſche, aber er bietet auch überreichen Genuß. Dieſe Schluchten ſind von üppigem Gebüſch eingefaßt, laufen zwiſchen Weingärten hin und werden von grüngoldenen langen Eidechſen und Schlangen bewohnt. Vor ſich hat man die ſanft anſtei⸗ genden Bergzüge, deren oberer Theil Heidekraut trägt oder mit Eichenwald bedeckt iſt. Bei jedem Schritt er⸗ weitert ſich die Ausſicht, wird ſie mannigfaltiger und großartiger, denn man arbeitet ſich in einem Bergkeſſel empor und gewinnt endlich die Ausſicht ſchräg in roman⸗ tiſche Thäler mit vielgeſtaltigen Bergzügen im Hinter⸗ grund, nach der andern Seite hin überſieht man Peſt und Ofen, auch blitzt hier und da die Donau hervor und breitet ſich hinter ihr die Ebene aus. Zunächſt hinter Ofen dehnt ſich der Bergzug des Schwabenberges aus, den zahlreiche Villen bedecken; nach Norden zu gipfelt er im Johannisberg, der etwa 1500 Fuß über dem Meere liegt, in den Thälern und an den untern Berglehnen im Eichenwald reizende Villen trägt und wo ſich das romantiſche Keſſelthal Auwinkel mit dem niedlichen Wirthshäuschen zum Saukopf oben am Rande befindet, von wo man eine unbeſchreiblich ſchöne Aus⸗ ſicht hat. Da oben erholt man ſich bei einem Seidel Ungarwein, der natürlich aus Biergläſern, aber ſtets mit Waſſer gemiſcht, getrunken wird, lauſcht dem Ge⸗ ſange der Vögel, labt ſich an dem kräftigen Grün der Wieſen, welche die Hänge überziehen, und läßt ſich von den ſchwermüthigen Melodien der Zigeuner in wunder⸗ ſame Träume einwiegen. Des Sonntags ſind dieſe Gebirgspartien ſtark beſucht; der Peſter fährt hinaus, ſpeiſt Mittags nach hergebrachter Weiſe ſeine drei bis vier Gerichte, trinkt ſeinen Kaffee, macht eine kurze Promenade, nimmt eine Gauſe(Vesperbrod) zu ſich, als ob er ſeit geſtern nichts gegeſſen hätte, ſteigt den Berg hinab und fährt, um einige Gulden leichter, wieder heim. Wie an den Oſterfeiertagen auf den graſigen Hängen des Blocksberges, zu welchem halsbrechende Fußwege durch nur ellenbreite gewundene Gaſſen führen, ein heiteres Volksfeſt um die aufgeſchlagenen Zelte der Pfefferkuchenhändler ſich tummelt, ſo an den Pfingſt⸗ feiertagen auf den grünen Waldwieſen des Schwaben⸗ berges und in der niedrigen Thalebene des Leopoldi⸗ feldes, welche ſich mit blumigen Wieſen zwiſchen dem buſchigen Ufer eines tiefeingeriſſenen Wildbaches und ſteil anſteigenden Felsklippen ausdehnt, während am andern Ende unter ſchattigen Eichen und Ahorn Bänke und Tiſche zum Niederſitzen einladen. Zu Tauſenden ziehen an dieſen Tagen die Städtler mit Familien und Freunden hinaus in's Grüne, beladen mit tüchtigem Mundvorrath und der großen hölzernen Trinklaſche. Da tummelt ſich Alt und Jung bunt durch einander. Kinder ſpielen und balgen ſich, die jungen Leute tanzen nach einer Ziehharmonika oder einer Drehorgel, die Alten ſehen zu oder liegen im Graſe und ſchlafen. Denn das Schlafen ſcheint ein Volksvergnügen zu ſein. Wohin man kommt, auf Straßenpflaſtern, Treppen, Karren, Erinnerungen. LXXXII. 1861. Sand⸗ und Düngerhaufen, ſelbſt bei rauhem Wetter, von Vormittag bis Nachmittag findet man Schlafende ausgeſtreckt. Der Bauer kommt wöchentlich wenigſtens einmal in die Stadt auf leichtem Wägelchen gefahren, ſei es, daß ſeine Frau ein Körbchen Obſt oder ein paar Hühner verkaufen will, ſei es, daß er einige Fuß Brett⸗ holz braucht. Während er ſeinem Geſchäft nachgeht oder im Weinhauſe die Verkäufe ſeiner Frau abwartet, liegt der Knecht auf dem Wagen in der Sonne und ſchläft, wird es ihm hier gar zu warm, ſo legt er ſich unter den Wagen. Und wenn beim Ziehen der Schiffe die Pferde ein wenig raſten, weil ſich etwa eine Leine verſchlungen hat, ſo legt ſich der Knecht da, wo er ſteht, auf den Boden, und ſei er vom Regen durchnäßt, um ein Schläf⸗ chen zu halten. Warum ſollte man alſo nicht auch im Grünen ſchlafen, beſonders wenn der Wein müde ge⸗ macht hat? 8. Nationaltanz. Der ungariſche Nationaltanz esàr däas(tſchahr⸗ dahſch) iſt ein ganz origineller, welcher viel Körperkraft und Gelenkigkeit erfordert. Trotzdem tanzt der unga⸗ riſche Bauer ſeinen esàr dàs die ganze Nacht durch; er jauchzt laut auf, wo er ihn hört, und ſelbſt ältere Perſonen fangen an ſich im Takt zu wiegen, wenn der esaàr daäs geſpielt wird. Getanzt wird mit dem Hut auf dem Kopfe und in Hemdsärmeln, welche eine Elle lang als Rieſenmanſchetten von den Handknöcheln her⸗ abhängen. Auch ſtößt der Tänzer im Hochgefühl der Tanzluſt ein grelles Kreiſchen aus, ſtampft den Boden, ſchlägt die Sporen klirrend zuſammen und ſchiebt den Hut mit der ſchräg rückwärts zeigenden Trappen⸗ oder Hahnenfeder auf's Ohr. Dabei nimmt man es nicht genau, es tanzen Männer⸗ und Frauenpaare, wenn ſich kein regelrechtes Paar zuſammenfindet, und die Bauermädchen in rothen Stiefeln mit hohen Abſätzen amüſiren ſich ebenſo, wenn ſie mit ihres Gleichen tanzen. Jedes Paar ſtellt ſich für ſich auf und braucht nur wenig Platz zum Hin⸗ und Hergehen, denn der zweitaktige Tanz beſteht aus einem hüpfenden Springen und Knixen, hat raſches Tempo und verlangt auf den Zweivierteltakt drei kurze ſchnelle Tritte. Er beginnt mit einem langſamen, ſchnörkel⸗ und trillerreichen Adagio(Laſſu), welches die Zigeuner be⸗ ſonders ſeelenvoll vorzutragen und mit unendlichen Schnörkeln zu verbrämen wiſſen. Die Melodie iſt etwas kraus, eintönig, voll ſchmerzlicher Melancholie und ſoll die Werbung um die Gunſt der Dame ausdrücken. Die Paare faſſen ſich bei der Hand, das Geſicht gegen ein⸗ ander gekehrt, und ſchreiten dabei einige Schritte ſeit⸗ wärts zur Rechten und zurück. Andere Paare ſtehen, die Hände in die Seite geſtemmt, einander gegenüber und machen nur mit den Füßen und dem Oberleibe taktanzeigende Bewegungen. Nach dieſem grabliedartigen Vorſpiele, welches oft von überwältigender Wehmuth iſt, ſpringt die Muſik in grellem Uebergange in das 3 18 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ſtürmiſche Allegro des Priss über, welches voll Ueber muth, Jubel und ausgelaſſener Luſtigkeit iſt, in welche hinein aber von Zeit zu Zeit tief melancholiſche Akkorde klingen. Der Burſche umhüpft dabei ſeine Tänzerin, die ihm aber ausweicht, ſo daß die Tänzer einander um⸗ kreiſen. Endlich geht die Muſik in ſtürmiſchen Jubel über, der Tänzer umfaßt mit beiden Händen die Tän⸗ zerin, dreht ſich auf der Stelle im Wirbel mehrmals mit ihr herum, hebt ſie dann einigemal in die Höhe, wobei ſie durch Aufſpringen nachhilft, und das Koket⸗ tiren des Sichumtanzens beginnt von Neuem. Ein ge⸗ ſchickter Tänzer ſchlägt von Zeit zu Zeit die Sporen zuſammen, welche in Ungarn faſt allgemein getragen werden und große klingende Räder haben, oder er klatſcht nach dem Takte während des Tanzens auf den Schenkel, das Knie und an die Ferſe, wobei er nicht aus dem Tritte kommen darf. Es hat faſt jeder Tänzer ſeine eigene Art, den csar dàs zu tanzen, ſeine eigenen Touren und Sprünge, denn auch hier herrſcht die unbe⸗ dingte Freiheit der Autonomie, wie in der Gemeinde⸗ verwaltung. Außer dem csaâr däs tanzt man noch Polka, aber oft nach ungariſchem Takt, Frangaiſe und andere fran⸗ zöſiſche Tänze, deutſche ſind ganz ausgeſchloſſen. Wenn es ja eine Muſikbande wagt, deutſche Tänze vorzutragen, weil ſie gerade keine andere kann, ſo erhebt ſich bald ſtürmiſches Geſchrei:„csär dàs!“ und bei den erſten Geigenſtrichen ertönt ein nicht endendes„Eljen! éljen.“ Obſchon ein esär dàs faſt wie der andere klingt, die⸗ ſelben Uebergänge, Motive u. ſ. w. ſich wiederholen, ſo will man doch nur ihn hören, gleich als ob er zur Eintönigkeit des Bauern⸗ und Pußtenlebens paßte. 9. Die Rationaltracht. Wie Ungarn zu den reichſten und ſchönſten Län⸗ dern Europa’s gehört, ja zuweilen wohl geradezu das ſchönſte und reichſte genannt wird, ſo iſt auch die unga⸗ riſche Nationaltracht die theuerſte und am meiſten male⸗ riſche. Das lebhafte Nationalgefühl, welches der Ungar beſitzt, hat ihn auch abgehalten, europäiſche Kleidung, die er freilich irrthümlich für eine deutſche hält, anzu⸗ nehmen; er betrachtet die Bauernkleidung als die eigent⸗ liche nationale. Den langen Stecken trägt der ungariſche Dandy als Stock, ſo unſchön dieſe lange Stange auch iſt, da der dicke Knopf ihm über den Kopf reicht, ſo daß zer dieſelbe etwas über der Mitte faſſen muß. Der Bauer hat aber noch einen kürzeren Stock, eine Art Streitaxt, mit welcher er beim Pflügen die Erdklöͤße zerſchlägt; auch dieſen führt der Städter, beſonders junge Leute, da er als Waffe dienen kann, weßhalb er auch verboten wurde. Jetzt trägt man ihn im Knopfloch des Mantels eingehängt. Der Bauer trägt enge Beinkleider und hohe Sporenſtiefel, denn er muß zur Regenzeit in ſeinem Dorfe durch tiefen Koth waten können, und dasſelbe iſt in den ungepflaſterten Städten nothwendig. Der Dandy trägt hohe Stiefel aus Glanzleder, ſilberne Sporen mit thalergroßen Rädern, enge Hoſen mit Borde an den Hüften hinab und arabeskenartiger Verſchnürung vorn auf dem Oberſchenkel. Der ſchmale Verſchluß der Beinkleider, der auch verſchnürt iſt und ein Oreieck bildet, dient als Hoſentaſche, indem man wohl die Hände oder das Taſchentuch hineinſteckt, ſo daß zu beiden Seiten die Zipfel herausſehen. Die Farbe der Beinkleider iſt hellgrau, dunkelblau oder ſchwarz; herrſchaftliche Diener tragen ſie hochroth mit weißer oder blauer Verſchnü⸗ rung. Dieſe Beinkleider liegen wie Tricots ganz eng an und ſind gewiß ſehr unbequem. Selbſt ältere Perſonen tragen Jacken mit zwei bis vier Reihen dicht neben⸗ einander ſtehender Knöpfe, mit einer Knopfeinfaſſung der Seitentaſchen, des Aermelaufſchlags und der Rücken⸗ taille. Die Weſten haben einen Stehkragen, mehrere Reihen Knöpfe oder reiche Verſchnürung, indem man mit Schlingen oder Silberſchlöſſern die Weſte ſchließt. Der Attila gleicht im Schnitt dem altdeutſchen Rock, hat Stehkragen, auf der Bruſt reiche Verſchnürung, ebenſo auf den Aermelaufſchlägen, am Kragen, am Rücken, an den Schulterblättern, vorn im Winkel der Schöße und an vier anderen Stellen am untern Saume. Aehnlich iſt der paletotartige Mantel mit ſteifem Pelz⸗ kragen, Pelzaufſchlägen und Pelzverbrämung. Er gleicht der Pekeſche. Dicke Schnüre hängen vom Halſe hinab über den Rücken. Ein runder Hut mit ſenkrecht aufge⸗ ſchlagener Krempe oder eine diademartige Sammtmütze bedecken den Kopf. Rückwärts hängen lange Bänder herab, eine gebogene Adlerfeder oder eine rückwärts ſtehende Trappenfeder, ein Büſchel federartiges Gras ſchmücken maleriſch dieſe Kopfbedeckung. Reiche Herren tragen am Rock und Mantel runde Gold⸗ und Silberknöpfe, welche mit Edelſteinen verziert und von der Größe einer Flinten⸗ oder Kartätſchenkugel ſind. Auch auf dem Aermel und an den Rockſchößen blitzen ſolche Kugelknöpfe. Die Magnaten erſcheinen in gold⸗ und ſilbergeſtickter, von Kleinodien ſchimmernder Kleidung und mit dem weißen Reiherbuſch auf dem tſchakoähnlichen Kalpak. Schön verziert mit Gold⸗ und Silberborden ſind die ſammtenen und ſeidenen Leibchen der Damen, die auch von Knöpfen blitzen, ſogar auf den Schultern und im Rücken. Weiße Bauſchärmel, weiße Spitzenſchürzen, eine tüchtige Krinoline, eine reich⸗ beſchnürte Mende(Mantel), deren zahlreiche Arabesken⸗ figuren aus blitzenden Glasperlen gemacht ſind, ein kleiner Hut mit aufgeſchlagener Krempe, oder à la Garibaldi mit langer weißer oder ſchwarzer Feder, vollenden den höchſt maleriſchen Anzug. Dagegen tragen Bauermädchen rothe Korduanſtiefel mit hohen Ab⸗ ſätzen, die Bauern im Sommer ellenbreite Leinwand⸗ hoſen, die etwas bis über's Knie reichen und unten oft ausgefranst ſind, einen eng anliegenden, knopfreichen blauen Tuchſpenſer, eine Tuchjacke mit ſteifem Kragen, die der Bauer gewöhnlich über die rechte Schulter wie einen Dolman hängt, ein Hütchen mit rundem Kopf und halb aufgeſtülpter Krempe. Ihr Winteranzug iſt ein langer Schafpelz, deſſen Wollſeite bald nach innen, bald nach außen gekehrt iſt. Figuren aus bunten Leder⸗ ſtückchen oder Seide ſchmücken Kragen, Schultern, Ell⸗ bogen, Rücken, Taille, Zipfel und Saum. Vom Kragen K. G. Meher: Eine herab hängt ein ſchwarzes dreizipfliges Lammfell. Aermere werfen einen ſackartigen Mantel derben Tuches um, der aber auch Stickerei hat und als Hängekragen ein viereckiges Stück Tuch mit runden Scheibchen an den Ecken. Slovaken tragen enge Hoſen von grobem weißen Tuch, Sandalen, einen fußbreiten Ledergürtel um den Leib, ein Hemd, das bis an den Gürtel reicht, und einen kurzen Paletot von weißem Tuch. Die ungariſche Tracht iſt außerordentlich maleriſch an Schnitt und Farbe, denn man trägt dunkelviolette, hellblaue Kleider mit ſchwarzer oder weißer Verſchnü⸗ rung. Sie hebt die Geſtalt vortheilhaft hervor, gibt der Perſon etwas Knappes, Fertiges, Kriegeriſches, und entſpricht daher ganz dem Nationalcharakter. Beſonders reich und bunt ſind die Uniformen der herrſchaftlichen Diener und Kutſcher. Wenn man die Straßen Peſts durchwandert, hört man nicht auf, die vielen ſchönen Geſtalten zu bewundern. Da ferner Jedermann einen Bart trägt, mindeſtens einen ſpitzgedrehten Schnurrbart, die Meiſten aber ſtarke Vollbärte, ſo ſteigert ſich der kriegeriſche Ausdruck der Figuren, und bei Feſtlichkeiten fehlt auch in der That der krumme Türkenſäbel nicht an der Seite. Der Ungar hat ein Recht, auf ſeine Na⸗ tionaltracht ſtolz zu ſein, obſchon ſie auch ſehr theuer iſt,, und der Deutſche nimmt ſie gern an, weil ſie viel kleid⸗ ſamer iſt als Cylinder und Frack. (Schluß folgt.) Eine hiraldiſche Notiz. Von K. G. Meyer. s dürfte nur Wenigen bekannt ſein, wie die 6 noch heute in dem Wappen der Grafen Forgach befindliche„gekrönte Jungfrau“ in dasſelbe gekommen. Wenn ſchon aus dieſem Grunde eine betreffende Mittheilung von Intereſſe ſein dürfte, ſo wird dasſelbe gerade jetzt noch da⸗ durch geſteigert, daß gegenwärtig der erſte Vertreter Seiner Maj. des Kaiſers in Böhmen, Se. Excellenz der Herr Statthalter, wie bekannt, jenem altberühmten Geſchlechte der Forgäch angehört.— Im Jahre 1385 war es, als die Mehrzahl der ungariſchen Magnaten nach dem Tode ihres Königs Ludwig von Anjou, welcher, weil ohne männliche Erben, Reich und Krone der Prinzeſſin⸗Tochter Maria hinter⸗ laſſen, unzufrieden mit der weiblichen Regierung, ſich gegen ihre junge Königin, welche unter der Leitung des Reichspalatins Nikolaus Gara und ihre Mutter Eliſa⸗ beth den Scepter führte und wenn auch geiſtvoll und liebenswürdig, doch in Folge ihres gutmüthigen weib⸗ lichen Charakters, der Führung des ſo unruhigen, tha⸗ tendurſtigen Magyarenvolkes nicht gewachſen war, auf⸗ lehnten, den italieniſchen Fürſten Karl von Durazzo herbeiriefen, dieſem das Reich und die Krone Ungarns übergaben und ihre jugendliche Königin ihrer angeerb⸗ ten Würde und Macht zu entſagen nöthigten. Nun wollte zwar Maria, um weiteren Streitigkeiten und hiraldiſche Notiz. 19 deren blutigen Folgen vorzubeugen, freiwillig das Land meiden und ſich in den Kreis ihrer Anverwandten zu⸗ rückziehen, doch dieſes lag keineswegs im Plane des neuen Herrſchers, der verdrängten Königin Untergang war bei ihm und ſeinen Anhängern beſchloſſen, und Maria wurde ſammt ihrer königlichen Mutter Eliſabeth⸗ wohl anſtändig behandelt, aber dennoch in der Burg zu Ofen in enger Haft gehalten. Beider Verderben war unvermeidlich, wenn nicht ſchnelle und kräftige Anſtalten zu ihrer Rettung getroffen wurden, da die Gefahr, welche ihnen drohte, nur zu nahe und ihnen genau be⸗ kannt war. Der Plan hiezu ward insbeſondere von der alten Königin Cliſabeth entworfen, ihre Anhänger in das Geheimniß gezogen, die Rollen von den der Königin zunächſt ſtehenden Führern: dem Reichspalatin Nikolaus Gara und dem Obermundſchenken Blaſius Forgäch ver⸗ theilt, und zur Ausführung des ſo gewagten Unterneh⸗ mens ein Tag beſtimmt, wo die Königin Mutter Eliſa⸗ beth den König Karl zu einer wichtigen geheimen Unter⸗ redung in ihre Gemächer eingeladen hatte. Als nun⸗ bei dieſer Zuſammenkunft König Karl gegen Marie Drohworte fallen ließ und ſich Aeußerungen erlaubte, die mit der ihr ſchuldigen Ehrerbietung durchaus nicht im Einklange ſtanden, da erwachte der ganze Stolz des ungariſchen Magnaten in dem dabei anweſenden Ober⸗ mundſchenken Forgach. Aufgeſtachelt durch den Haß gegen den hochmüthigen Fremdling und Bedränger ſeiner angeſtammten Königin, erhob er die ſcharfge⸗ ſchliffene, in Bereitſchaft gehaltene Streitaxt und ſchlug den ſeine jungfräuliche Herrſcherin höhnenden Fürſten mit einem Hiebe nieder, ward aber ſelbſt von deſſen Gefolge, das nun ebenfalls hereinſtürzte, ſchwer ver⸗ wundet. Die Königin Maria, welche durch den Tod ihres Gegners nun die Freiheit und die Krone wieder erhielt, lohnte ihren Retter auf's ehrenvollſte. Forgach erhielt das Schloß und die Herrſchaft„Ghym“, weiters die ausdrückliche königliche Berechtigung:„von nun an ſtatt des bisherigen weißen Wolfes eine gekrönte Jung⸗ frau in ſeinem Wappenſchilde als ewiges Zeichen der durch ihn gelungenen Rettung ſeiner Königin führen zu können.“— Aber wenn auch der Königin Dank und Ehre die aufopfernde That des Grafen Forgäch reichlich lohnte, — die weiteren Schickſale und das Ende des treuen Dieners ſeiner Herrſcherin waren traurig. Kaum fünf Monate nach ſeiner Geneſung begleitete er mit Nikolaus Gara die junge Königin auf einer Reiſe in die Küſten⸗⸗ gegenden Dalmatiens. Johann Horwäath, der eifrigſte Anhänger Karls von Durazzo, welcher deſſen Tod zu rächen geſchworen, überfiel bei Diakowar die Reiſenden, Gara fiel im Handgemenge, Forgach aber ward lebendig gefangen und dann erſt vor den Augen der um ſein Leben bittenden Königin enthauptet;— die Königin Mutter Eliſabeth ſelbſt verlor bei dieſem Ueberfall das Leben und Maria auf' Neue die vor Kurzem erſt errun⸗ gene Freiheit. 2 Annaberg nächſt Eger. Hiſtoriſche Skizze von Alois Gärtner. Der Annaberg, eine Stunde nordweſtlich von 2Eger, iſt einer der längſten Ausläufer des Fichtel⸗ gebirges. Auf dieſem Gebirgsarme finden wir P die alte Pfarrkirche zu St. Anna, deren Entſte⸗ 35 0 hung ich hier ſammt ihrer nächſten Umgebung ) mit Zugrundelegung authentiſcher Aktenſtücke zu ſkizziren verſuche. Am tiefer gelegenen Theile des ſogenannten Grün⸗ berges wurde zu Ehren der heiligen Mutter Anna im ——— Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. —— präſentanten der Stadt gedrungen ſahen, dieſe Kapelle in eine geräumige Kirche umzubauen, welche auch im Jahre 1691(durch die Egerer Bürgermeiſter Herren Ignaz Maximilian Werndl von Lehenſtein, Johann Adam Walter von Waldbach, Johann Thomas Reichel J. U. C. und Johann Philipp Martin von Pagrath) zur Vollendung kam. Dieſe neugeſchaffene Kirche(ſo wie die frühere Kapelle) war nun ein Aſyl für die wenigen dem Glau⸗ ben treu gebliebenen Katholiken, als in Eger und im Egerlande der Proteſtantismus tiefe Wurzeln geſchlagen und als die Stadtpfarrkirche zum heiligen Niklas zu einer proteſtantiſchen Stadtkirche umgeſchaffen worden Annaberg nächſt Eger. Jahre 1518 von der Stadt Eger eine Kapelle erbaut, welche von frommen Egeranern öfter im Jahre, beſon⸗ ders aber am 26. Juli als am Gedächtnißtage dieſer Heiligen, in einer feierlichen Proceſſion beſucht wurde. Im Jahre 1561 ſammelten die Egerer Raths⸗ herren von allen Frauen, welche„Anna“ hießen, Geld, und ließen davon dieſes Bethaus verſchönern und die unvollendeten⸗Theile vollenden. Ein aus dem Egerer Franziskanerkloſter entlaſſener Laienbruder übernahm die Obſorge über dieſes Kirchlein, und bewohnte eine ihm am Grünberge erbaute Eremitage. Von Jahr zu Jahr wuchs aber die Zahl der Ver⸗ ehrer der heiligen Anna, ſo daß ſich die damaligen Re⸗ war. Damit nun in jener katholiſchen Zufluchtsſtätte der Andacht in jeder Beziehung Rechnung getragen werde, wurde nach Abſchaffung der lutheriſchen Lehre von der Stadt Eger(anno 1701) die Eremitage in eine ordentliche Prieſterwohnung umgebaut, welche zwei Prieſter und zwei Laienbrüder aus dem Egerer Fran⸗ ziskanerkloſter über Anſuchen des Magiſtrates und der hierauf erfolgten geiſtlichen Genehmigung bezogen. Dieſe Geiſtlichen hatten die Verpflichtung, täglich heilige Meſſe zu leſen und alle Sonn⸗ und Feiertage eine Predigt für das Volk zu halten, welche Ordensver⸗ pflichtung durch den daſigen A. R. P. Provincial P. Marcellino Wedel ſchriftlich angelobt wurde. — , Alois Gärtner: Annaberg nächſt Eger. 21 Da nun in der Folge ſelbſt jene neuen Baulich⸗ keiten die erforderlichen Räumlichkeiten für die Geiſt⸗ lichen und deren Gehilfen nicht mehr boten, ſo machte der Egerer Magiſtrat zur Zeit, als ein Theil Böhmens und Baierns(1713) von einer fürchterlichen Peſt heim⸗ geſucht wurde, der allerheiligſten Dreifaltigkeit zu Ehren das Gelöbniß, falls die Stadt und das Egerland von Verheerung verſchont bliebe, ſtatt, wie beſchloſſen, eine koſtbare Peſtſäule am Marktplatze zu errichten, für die hölzerne Prieſterwohnung nächſt der Annakirche zum größeren Seelennutzen der umliegenden Ortſchaften eine reguläre, genügenden Raum bietende Wohnung von ſolidem Mauerwerk zu erbauen. Dieſelbe gelangte auch wirklich am 11. Oktober 1718 zur Vollendung und wurde dem beſagten Orden in perpetuum zur Be⸗ hauſung übergeben. Gleichzeitig ward das neue Pfarr⸗ haus mittelſt einer Mauer im Viereck eingefriedet und an der Südſeite der Kirche ein vier Klafter hoher künſt⸗ licher Berg, Kalvarienberg genannt, mit zwei freien Aufgangstreppen zugebaut, auf dem das Kreuz, das Zeichen des Heiles, errichtet wurde, und welches heute noch da ſteht. Innerhalb dieſes Kalvarienberges ſind noch heute verſchiedene Gruppen aus der Leidensge⸗ ſchichte Jeſu in kleinen Gewölben durch recht gelungene Holzfiguren dargeſtellt, welche durch ſinnreiche, an der Kirche und der Pfarrhofmauer in ſeichten Niſchen aus⸗ gehängte Oelbilder ergänzt und von Andächtigen unter Gebeten und Geſängen öfter im Jahre beſucht werden. Die Kirche an und für ſich betrachtet verräth gleich beim erſten Anblicke ſowohl von der äußern als von der innern Seite wenig künſtlichen Bauſtyl und leidet durch ihre hohe Lage ſehr viel durch die häufigen Nord⸗ und Weſtregen. Das Innere weiſt außer einigen guten Oelge⸗ mälden drei alterthümliche Altäre und eine neue gute Orgel auf. Ueber dem Haupteingange iſt die in Stein gehauene Gründungstafel mit dem Egerer Stadtwap⸗ pen angebracht. Dies von der Kirche. Der Franziskanerorden blieb bis 1787 im unge⸗ ſtörten Beſitze dieſes Hoſpitiums, wo er dann dem Weltprieſterſtande auf hohe Anordnung(wahrſcheinlich auf die Anordnung Kaiſer Joſefs II., der auch die weiter oben am Grünberge beſtandene Kapelle in eben dieſem Jahre ſperren, die Einrichtungsſtücke und ſpäter das Mauerwerk ſelbſt verkaufen ließ) weichen mußte. Von daher datirt die St. Annakirche Pfarrkirche*). Unweit des Einganges zur Pfarrei iſt das Schulhaus (1802 erbaut), in dem circa 80 Schulkinder beiderlei Geſchlechts gemeinſchaftlich unterrichtet werden. Wenig entfernt vom Schulhauſe ſtehen rechts und links zwei Chaluppen und 200 Schritte ſüdweſtlich tiefer das Wirthshaus, welches am Annatage von den eifrigen Wallfahrern und ganz beſonders von den vielen Egeri⸗ ſchen„Annen“ ſtark beſucht wird. *) Eingepfarrt ſind die Ortſchaften Unter⸗ und Ober⸗ pilmersreuth, Oberkunreuth, Kreuſtein; die Kolonien Schwarzenteich, Siechenhaus, Nonnenhäuſer; die Meiereien Nonnenhof und Hollerhof. 8 N Wenig Bewohner dürfte Eger zählen, die noch nicht die Annakirche beſucht, und wenig Kurgäſte dürf⸗ ten Franzensbrunn verlaſſen, ohne den Annaberg er⸗ ſtiegen und ihr Auge an der ſeltenen ſchönen Fernſicht geweidet zu haben.. Ein Theil Baierns, das ſogenannte Neubaiern (Bayreutiſche), mit ſeinem vielarmigen und guellen⸗ reichen Fichtelgebirge, der ſüdweſtliche Theil des König— reiches Sachſen mit der mineralreichen Erzgebirgskette, die größten Parcellen der böhmiſchen waldreichen Be⸗ zirke Falkenau, Königswart, Plan und Tachau mit den angrenzenden bairiſchen Landgerichtsſprengeln Tirſchen⸗ reuth und Waldſaſſen und das Panorama universum vom ſchönen Egerlande mit dem reizenden Egerthale und ſeiner uralten vielgeprüften Stadt, welche die Eger wie ein blaugrünes Band umſchlängelt, alles dieſes liegt im Kreiſe ausgebreitet zu den Füßen des Be⸗ ſuchers. Schließlich muß ich, um ganz aufrichtig zu ſein, noch erwähnen, daß mit dem Beſuche des Annaberges und der Kirche von den biederen Egeranern meiſt ein Ausflug nach dem nahen Pächtnersreuth in Baiern arrangirt iſt, um auch die ſtummen Zeugen, Magen und Gaumen, mit echt„Bairiſchem“ zu entſchädigen. Wenn aber dort der Ton des ausländiſchen Abendglöckleins zum Gebete mahnt; wenn die Sing⸗ droſſel im nahen Waldſaume den goldnen Himmels⸗ ſchäfer zu beſingen beginnt; wenn das Vieh im Freu⸗ dengebrüll von der Weide kömmt und dem Ortsbäch⸗ lein zuläuft, um ſeinen gewohnten Abendtrank aufzu⸗ ſchlürfen: dann zieht es den Pilger unwillkürlich heim, heim in die theure Vaterſtadt. „Ueberall iſt's ſchön— in der Heimat und im traulichen Kreiſe der lieben Angehörigen aber denn doch am ſchönſten!“ Zur Kenntniß der Ritter und Ritterzeiten. (N.dſe ene ec Hekanntlich ſind jene berühmten Tage der Ritter⸗ dS d Romantik nur zu oft falſch verſtanden worden. S Man hat aber zur Ehre der Wahrheit nöthig, 27 ſich einen ganz andern Begriff von denſelben zu machen, einen rohen und blutigen Begriff nämlich. Meininger gibt darüber eine gute Schilderung, indem er im Nachfolgenden auf alte Burgverließe über⸗ geht. Denken die Leſer an irgend eine der alten Burg⸗ ruinen, die ſie auf ihren Reiſen mit Begeiſterung geſehen. Bei der Betrachtung der Burgverließe in den alten Ritterſchlöſſern, die ſehr oft ihren Platz im unterſten Theile des Hauptthurmes fanden, drängen ſich Einem traurige Erinnerungen auf über die Barbarei der ſoge⸗ nannten romantiſchen Zeit. Außer Miſſethätern oder widerſpenſtigen Leibeignen füllten die auf den Land⸗ ſtraßen Niedergeworfenen dieſe peſtilenzialiſchen Räume, bis es ihnen gelang, durch Erlag von hohem Löſegeld dieſem Elend zu entkommen. 4 —— 4 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. So ließ Götz der Berlichinger den eingefangenen alten Grafen Philipp von Waldeck erſt los, nachdem letzterer ihm die Summe von 8900 D Dukaten erlegt hatte. Nicht ſelten war aber dann des Gefangenen Ge⸗ ſundheit durch feuchte Moderluft und Exkrementenqualen ſo zerrüttet, daß er ſeine Befreiung nicht lange überlebte. In Zeiten der Gefahr, wenn ſeindliches Volk odie Veſte belagerte, wurden meiſtens die Gefangenen vergeſſen, wie auch den in den Zwingern eingeſperrten Thieren keinerlei Nahrung gereicht. Als die Berner 1333, ſo erzählt Juſtinger, das Schloß Schwanau im Elſaß belagerten und croberten, fand man mehrere todte und halb vethunger te Kauf⸗ leute in den Kerkern. Im Schloß Egg bei Deggendorf führt in einer Höhe von fünfzig Fuß eine enge Fallbrücke zu dem einzigen in der Nordwand des ſonſt ganz frei ſtehenden Wartthurmes angebrachten Eingange. Der ganze untere Theil des Thurmes vom Eingang abwärts iſt ein leerer, noch nie von einem Strahle des roſigen Lichtes erhellter Raum. Ignaz Freiherr von Armansperg, der Großvater des letzten Grafen, bot um die Mitte des vorigen Jahr⸗ hunderts demjenigen einen Dukaten, der ſich mit einem Lichte da hinab ließe. Ein junger Mann wagte es end⸗ lich, allein er kam nicht weit, als ihm ſchon das Licht erloſch und er ſchnell das Zeichen gab, ihn wieder herauf zu ziehen. Ein zweiter Verſuch hatte dasſelbe Schickſal. Ein dritter kam auf den Boden, aber wer beſchreibt ſein Entſetzen, als er, mit dem Lichte herum⸗ leuchtend, fand, daß er nur auf Menſchenſchädeln und Knochen ſtand! In einer Ecke ſaß auf einem hölzernen Stuhle ein Gerippe, das in demſelben Augenblicke, da er ihm näher trat, zuſammenſtürzte. Freiherr von Ar⸗ mansperg ließ nun die Thurmmauer am Boden durch⸗ brechen. Drei Maurer hatten ſechs Tage daran zu arbeiten, und noch jetzt erkennt man die wieder ver⸗ mauerte Oeffnung. Die Gebeine wurden herausge⸗ nommen; ſie füllten einen großen Wagen und wurden in dem Kirchhofe von Berg, wohin Egg damals ein⸗ gepfarrt war, begraben. Die Phantaſie weigert ſich, darüber nachzudenken, wie dieſe Unglücklichen, von ſchlüpfrigen Kröten und Ratten umgeben, da verkamen. Noch iſt die ganze Vorrichtung vorhanden, mittelſt wel⸗ cher die Armen auf einer hölzernen Platte, wie der Eimer auf einem Ziehbrunnen, hinabgelaſſen wurden, um hier an Hunger und Durſt, an Schrecken und Un⸗ geziefer aller Art auf den halbvermoderten Kadavern anderer vor ihnen dem gleichen Looſe Verfallener hinzu⸗ ſterben. Auch die Burg Hornberg im Schwarzwalde ent⸗ hält die Ruinen eines Verließes, Räume des Schauders und der Verzweiflung. Zu Calw in Württemberg ſtand dereinſt auf einem Hügel das Schloß des Grafen gleichen Namens, worin vier Gefängniſſe waren. Das im Keſſelthurm befindliche verengerte ſich trichterförmig nach unten, daß ſich Nie⸗ mand legen konnte, und ein anderes war ohne Beda⸗ chung, daß es den Gefangenen auf die Köpfe ſchneite und regnete. Zur Zeit des Konſtanzer Konciliums legte man den unglücklichen Hus, bevor er auf dem Scheiterhaufen endete, in den ſogenannten Ketzerkerker auf der Domi⸗ nikaner⸗Inſel. Dies In quiſitionsgefängniß des dortigen Predigerkloſters war zwei Schuh acht Zoll breit, ſechs Fuß hoch und ſieben Schuh lang. In dieſem feuchten, moderigen, ungeſunden Loche brachte der unglückliche Hus, in Ketten auf Stroh liegend, 94 Tage zu. Wie über alle Vorſtellung gefühllos und roh endlich die Sitten auch der vornehmſten Leute und wie weit die Ritter des fünfzehnten Jahrhunderts vonj feinen und galanten Lebensart, von welcher die e Rittergeſchichten träumen, entfernt geweſen, bezer hiſtoriſche Thatſachen, welche beweiſen, daß denſelben die Beherrſchung roher Gemüthsbewegungen, Beſchei⸗ denheit, Milde und Mäßigung ganz unbekannte Dinge waren, und daß die roheſten Ausbrüche ungebändigter Zügel loſigkeit überall zum Vorſchein kamen. Drei kleine Stunden vom Benediktinerſtift Melk in Oeſterreich liegt das auf ſchwindelnder Höhe gleich einem Adlerharſt erbaute Aggſtein. Einem Ritter auf Aggſtein— nach ſeinem Thun der Schreckenwald ge⸗ nannt— genügte es nicht mehr, Vorüberziehende aus⸗ zurauben oder einzuſperren. Im höchſten nördlichſten Theile der Burg gelangte man durch ein Pförtchen auf ein ſchmales Felſenſtück, engen Schlafſtätte genügend, von der Geſtalt eines Söllers, über den unendlichen Abgrund hinaushängend. Auf dieſen Fleck, in beängſtigender Höhe, ſtieß der Schreckenswald ſeine Gefangenen hinaus zur entſetzlichen Wahl, den langſamen Hungertod auf dem ſtarren kalten Felſen zu erwarten, oder ihm zuvor zu kommen durch einen freiwilligen Sprung in die unabſehbare Tiefe. führe ſn Gefangenen,“ ſo pflegte dieſer Buſch⸗ klepper zu ſagen,„in Schreckenwald's Roſengärtlein.“ Drum war durch ganz Deutſchland, um Jemandes rettungsloſen Zuſtand zu beſchreiben, das Sprichwort: „Nun, der ſitzt in Schreckenwald's Roſengärtlein.“ Einer dennoch von ſo vielen Unglücklichen erreichte wie durch ein Wunder unverſehrt die ungeheure Tiefe, kam an dem Ufer der Donau fort und empörte Alles durch die Erzählung der überſtandenen Schrecken. Agg⸗ ſtein ward überrumpelt, der Schreckenwald gefangen und dem Schwerte des Henkers überliefert. Ueber dem dritten Thore von Aggſtein iſt eine Tafel aus rothem Marmor eingefügt mit der Inſchrift: „Das purkstal hat angvangen tze pauen her Jörig der Schek,von Wald, des nächsten Mantag nach unser fravntag nativitatis da von christ gepurd warn ergangen MCCXXVIII.“ Wieder ein Beweis, daß die Alten unter Burgſtall nicht, wie wir jetzt, die Stelle einer ehemaligen Burg verſtanden, ſon⸗ dern dieſe ſelbſt. Grabesſtille herrſcht in den öden Räumen, kaum unterbrochen durch das Brauſen des tief unten fort⸗ fließenden Stromes. Zuweilen tönt vom jenſeitigen Ufer das Geläute des uralten Kirchleins von Schwalen⸗ bach herauf. Die weiblichen Bewohner, kaum einem Einzelnen zur der Sitte der Zeit Zur Kenntniß der Ritter und Ritterzeiten. 23 gemäß, widmeten ſich nicht nur der Aufſicht, ſondern auch dem Betriebe der Landwirthſchaft, und manches Ritterfräulein, das ſich unſere Dichter ſinnend auf dem hohen Söller denken, der ihren rofigen Fingern ent⸗ gleitenden Laute verklingende, harmoniſche Töne ent⸗ lockend, mochte ſicherer im Kuhſtall oder im Milchladen zu treffen geweſen ſein, den Milcheimer in der braunen Hand. Die Verfertigung der Kleider war faſt ganz allein den Frauenzimmern aufgetragen, und hierzu mußte die Zeit, welche ihnen die Beſorgung des Hausweſens übrig ließ, verwendet werden.. Die kleinſten Mädchen, und zwar nicht nur ge⸗ meiner, ſondern die der erſten und vornehmſten Abkunft, wurden ſchon in zarter Jugend im Nähen, Spinnen, Weben und Kleidermachen unterrichtet. Die Frau des Hauſes überſah und vertheilte die häuslichen Arbeiten ihrer Töchter. Zur Austheilung der Kleider unter die Hausge⸗ noſſen wurden gewiſſe Zeiten, zumal große Feſte, als Weihnachten, Oſtern und Pfingſten feſtgeſetzt, wovon noch die Spuren in manchem deutſchen Land, als z. B. in Baiern, wo der Bauer dem Hausgeſind zu den ge⸗ heiligten Zeiten verſchiedene Kleidungsſtücke reichen muß, vorhanden ſind. Unter den Hausgenoſſen wurden nicht blos die eigentlichen Hausdiener, ſondern bei höheren Herren die Diener ihres Hofes oder Staates, Räthe, Beamte und dergleichen verſtanden. Wegen der gewöhn⸗ lichen Ablieferung wurde ein ſolches Kleid eine Livrée genannt. Die Erziehung der Kinder, die Pflege der Kr und Verwundeten füllte die Zeit aus, welche die Wirthſchaftsſorgen frei ließen. An ſogenannter Unterhaltung war kein Ue aber die Männer zerſtreute die Jagd, die Weiber ihre Wirthſchaft. wechslung brachten wohl Beſuche von Nachbarn, reiſonde Muſikanten, Pilger und Krämer. Dieſe Reiſenden waren in einer Zeit, welche keine Zeitungen, ja ſelbſt äußerſt beſchränkte Kunde des Schreibens und nur kärgliche Verbindungsmittel beſaß, ſehr wichtige Perſonen und oft für lange Zeit, beſonders in entlegenen Burgen, die einzigen Boten aus der Mit⸗ welt und fernen Ländern. Hauptſächlich das immer neu auflebende Geſchlecht der Pilger zog Jahrhunderte lang nach und aus dem heiligen Lande, zudringlich bettelnd, unverſchämt lügen⸗ haft und doch erwünſcht kommend, ſo oft auch unter dieſer viel gebrauchten Maske Flüchtlinge, Landſtreicher, Verräther und Räuber, ja ſelbſt Mordbrenner, wie ſie Venedigs ehrenhafte Signoria unter Max I. ausſendete, das Land durchſtreiften. Nachdem Richard Löwenherz zu Aquileja Schiffbruch gelitten, ſuchte er, als Pilgrim verkleidet, durch Oeſterreich zu kommen, wurde jedoch in Erdberg bei Wien feſtgenommen, zuerſt auf den Dürrenſtein an der Donau und ſpäter auf den Trifels in ſichere Haft gebracht, wo ihn der getreue Blondel, der auf der Reiſe von ihm getrennt worden war, durch ſeinen Geſang auskundſchaftete. Die wandernden Krämer müſſen aller Kombination nach ein gar keckes, ttrotziges und nach Umſtänden ſchmiegſames, liſtiges Völklein geweſen ſein, um in einem häufig von Kriegen und Privatfehden durchzuckten Lande mit ihrem oft werthvollen Kram einzeln oder höchſtens in ſchwachen Karavanen umherzuziehen und beſonders um in zweideutigen Löwenhöhlen, Ritterburgen genannt, ihre Waare auszubieten, wo ſo Viele waren, die gar zu gerne ohne Geld kauften und mit Eiſen zahlten. pordiſche Knoten. zulturbild von Ludwig Joglar. Kleindeutſches „Was Göttern entfloſſen iſt, richte der Menſch nicht.“ Theokrit. 1. Außerhalb der Strömung. jieſes ſtille Dörfchen Schleuſingen am Ried war noch vor zehn Jahren eine wahre Oaſe der Ein⸗ —c ſamkeit in der lärmenden Wüſte des Weltlebens. 9 Wer kannte Schleuſingen? Wer wußte, daß ein — ſo idylliiſches Refuge ſo nahe dem lauten Markte gewerblicher Thätigkeit zu finden ſei? Niemand ſprach davon, kein Touriſt ſchrieb darüber. Die Natur hatte Alles gethan, um hier ſo recht zur Iſolirung ein⸗ zuladen: abſeits der großen Heerſtraße umfing ein an⸗ mutiges Waldgebirge wenige zerſtreute Häuschen, male⸗ riſche Felsgruppen begrenzten kurze aber fruchtbare Ebe⸗ nen, die ſammt Holzſchlag und Waſſergefälle friedliche zufriedene Menſchen reichlich nährten. Selten nur ſprach unterwegs der Weidmann oder ein verirrter Wanderer unter einem der ſtillen Dächer ein, die bis jetzt noch keinen idealiſirenden Auerbach gefunden haben. Plötzlich aber war Alles verwandelt worden, durch den mächtigen Willen einer energiſchen Frau— der Fürſtin Ruſtika. Ein tiefer im Walde gelegenes verfallenes Herrenhaus war ſtattlich renovirt und zu einem bequemen wohn⸗ lichen Aufenthalt eingerichtet, der nächſte Umkreis zu einem gediegenen Anweſen erweitert, Wirthſchaftsge⸗ bäude umgaben das anſehnliche Schloß, das inmitten von geſchmackvollen Gartenanlagen prangte, das ſogar eine Hauskapelle umfing und von allen Attributen mo⸗ dernen Lebens ſtrotzte. Das Dorf ſelbſt beſitzt nun eine ſteinerne Kirche, einen wohlgepflegten umfriedeten Lei⸗ chenhof, ein Gemeindehaus, das Gaſtgebäude, das den Kaſinoſchild führt, eine geräumige Schule und eine Menge jener Häuschen, deren Styl und Einrichtung verrathen, daß ihre Bewohner nicht auf Pflug oder Holzaxt angewieſen ſind. Kurz über die Gegend iſt jener Hauch von Wohnlichkeit gebreitet, der die ſchöpfe⸗ riſche Hand der Fürſtin verräth. Dieſe ſelbſt hatte einen ganz ungewöhnlichen Lebenslauf, iſt ein ganz unge⸗ wöhnliches Menſchenkind. In ihrer Jugend eine der trefflichſten dramatiſchen Künſtlerinnen, ward ſie ſpäter Vorleſerin des regierenden Herrn, der die geliebte Freundin alsbald zu ſich erhob und, als er ſtarb nach glücklichſt vollbrachter Lebens⸗ und Strebenszeit, ihr das 24 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Mißverſtändniſſe. 1. Lieutenant:„Wenzel, geh' zur Frau Baronin Tiefenthal; ſage, ich ließe ihr die Hand küſſen und vielmal um Vergebung bitten, daß ich heute wegen der angeſagten mir das Eſſen.“ Wenzel:„Sehr wohl, Herr Lieutenant.“ Wohl ſeines Volkes an's Herz legte.„Alle Bildung iſt Ariſtokratie,“ hatte er einſt zu ihr geſagt,„jedoch nicht umgekehrt— das halte Dir gegenwärtig— und in dieſem Sinne handle und herrſche!“ Die trotz vorgerückter Jahre noch immer ſchön zu nennende Witwe machte nun im kleinen Maßſtabe den Verſuch, ein vollkommen patriarchaliſches Gemeinweſen herzuſtellen, an dem ſich mit gleichen Anſprüchen und gleicher Befriedigung nach Maßgabe des Wirkens Alle betheiligen ſollten. Wohl wußte ſie mit ihrem reifen Verſtande und an Wiſſen reichem Sinne die geſchicht⸗ lichen Thatſachen auf ſich wirken zu laſſen und bedachte, wie oft im Großen derlei Probleme an den erſten An⸗ läufen zur Löſung ſcheiterten, aber eben deßhalb hoffte die nach nützlicher Thätigkeit lechzende Frau, bei ganz enge gezogenen Grenzen auf einen, wenn nicht voll⸗ V kommen genügenden, doch auch nicht unerfreulichen Er⸗ folg. Frauen in ſolchen Situationen mögen gerne herr⸗ Ausrückung nicht zum Speiſen kommen kann; dann bringe ſchen, eine zeugende Luſt wandelt ſie an, weil ſie ſich in einer dem Manne gebührenden Lage fühlen, und ſo mag wohl auch hier der verborgene Wunſch mitgewirkt haben zu dem Entſchluſſe, aus der paſſiven Rolle, die einem ſtillen Witwenſitze angewieſen war, hervorzutreten. Mit echtem Frauenſinn hatte die Fürſtin auch alſo⸗ bald ihr Werk damit begonnen, womit es eigentlich hätte beſchloſſen werden ſollen, nämlich mit einer Organiſa⸗ tion von Oben herab. Ohne gerade auf den nakten Prunk es anzulegen, wollte ſie doch dem Geſchmack, dem Anſtand, dem Komfort nirgend etwas vergeben, und ſo hielt bald das Ueberflüſſige dem Nothwendigen un⸗ verſehens die Wage. Die Zahl und Art der Bedürfniſſe, die mannigfal⸗ tige Vertretung nach außen, das Hereinragen mannigfa⸗ G cher naher und entfernterer Beziehungen zu Menſchen und Inſtitutionen ſchufen unvermerkt einen kleinen Hof⸗ ſtaat, der ſich ebenbürtig einrichtete und dadurch erwei⸗ mal nge Mißverſtändniſſe. DE hHAll STh. G Wenzel:„Frau Baronin, mein Herr läßt Baronin:„Ah! das iſt mir ſehr leid.“ 2 gen, heut' ſei⸗ Ausrückung; d'rum könne er nicht zum Eſſen kommen.“ Wenzel: Thut nichts, Frau Baronin, mein Herr hat geſagt, ich ſoll ihm das Eſſen nach Hauſe bringen.“ Baronin:„So?— terte. Dazu geſellten ſich: der Förſter mit ſeinem Perſo⸗ nale, der Arzt, der Schloßvogt, Prediger, Schullehrer und Küſter, die Wirthſchafts⸗ und Hüttenbeamten, ſo daß es von Dienſtleuten wimmelte, die, wenn nicht an Zahl, doch gewiß an geräuſchvoller Thätigkeit oder ge⸗ ſchäftigem Müßiggange den Dorfbewohnern weit über⸗ legen waren. Das gab nun ein buntes wunderliches Bild. Der Kaſinowirth ſtand unter ſeiner Hausthür, und indem er behaglich die Rauchwolken einer langen Ta⸗ bakspfeife von ſich blies, ſchien er ſich zu weiden an der ungewöhnlichen Bewegung und Aufregung, die ſich am heutigen Sonntag nach der Predigt im Dorfe kund gab. Der Amtmann trat auf ihn zu und redete ihn ſo⸗ gleich verſtändnißinnig an: „Nun wird ſich der Köhler Thomas doch endlich eines Beſſern beſinnen!“ „Was iſt's mit dem Köhler TLhomas!“ fragte ſich herzudrängend der breitſchultrige Förſter. Erinnerungen. LXXXII. 185l. * Nun gehen Sie alſo in die Küche, ich werde es Ihnen gleich mitgeben laſſen.“ „So habt Ihr nicht gemerkt, wen der Herr Paſtor heute gemeint hat mit ſeinem Strafſermon über die Nächſtenliebe?“ gab der Wirth. zurück;„das galt dem Köhler Thomas, der ſich noch immer eigenſinnig wei⸗ gert, der Fürſtin das Wiesgehöfte für den Architekten Leberecht Flott abzutreten, obwohl ſie ihm bereits das Doppelte des Werthes angeboten hat.“ „Und da meint Ihr, er ſoll aus purer Nächſten⸗ liebe ſein ſchönes Anweſen zerſtückeln— auf dem er alt geworden? Der Köhler Thomas weiß was er thut. Und was die ‚Nächſtenliebe betrifft, ſo iſt das eine chriſtliche Redensart wie ſo viele, auf die wir uns der ſtaunlich was zu Gute thun: wer liebt denmnupfen Nächſten? Mein Nächſter iſt jeder Meuſchammer nicht nun alle Menſchen lieben? Könnt Ibh man ſo lieben nennt, das willeits vollkommen leer ſich ſelbſt verläugnen King wartete noch immer auf kaum Dank weiß! Hebenwurz. 1 4 ——————————,—— 26 Erinnerungen IJlluſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. gen, ſie lieben? Und wenn mein Nächſter ein Strolch iſt, der eine rechts und jener links eine leere Büchſe und der vorne ein Fuchs und jener hinten ein Spürköter— und ich weiß es oder weiß es auch nicht ſoll ich die auch lieben müſſen? blos darum, weil ſie eben meine Nächſten ſind?u „Der Herr Forſtmeiſter ſind niemals um einen Widerſpruch verlegen,“ verſetzte der Amtmann mit bitter⸗ ſüßer Miene, indeß dem Wirthe vor Nachdenklichkeit die Pfeife ausging, denn eine ſo kühne Skepſis brachte ihn außer Faſſung, um ſo mehr, als ihm jegliches Motip zur Widerlegung fehlte. Der Förſter aber fuhr fort: „Ich habe gern gute Nachbarſchaft mit aller Welt, aber ich rede mir nicht ein, das ſei ſchon Nächſtenliebe; auch gibt es ‚Nächſte' auf der Erde, welche zu„liebent eine Schande wäre! Wenn aber der heutige Serman dem Köhler Thomas gegolten hat, wie Ihr ſagt, dem es Jedermann verübelt, daß er der Fürſtin mit ſeinem liebſten Eigenthum nicht zu Willen iſt, ſo muß ich Euch nur ſagen, daß der gute Alte in ſeinem Recht iſt, voll⸗ kommen in ſeinem Recht, weil er ſein liebes theures Anweſen nicht einem Neuling und Neuerer, wie der Architekt Leberecht Flott iſt, zu Liebe preis und aus der Hand geben will, um ſich, wenn auch mit Vortheil, auf einer neuen Erdſcholle anzubauen und Bäume zu ſetzen, deren Schatten dieſer Greis kaum mehr zu erle⸗ ben hoffen darf. Uebrigens beweiſet mir Einer Cure ſogenannte Nächſtenliebe und ich will daran glau⸗ ben. Lebt wohl!“ Damit ging der Förſter, um den ſich noch ein an⸗ ſehnlicher Hörerkreis geſammelt hatte, und ihm folgten Ausrufe des Erſtaunens und der Entrüſtung von allen jenen, die es nicht gewagt hatten, ihm perſönlichen Wi⸗ derſpruch entgegenzuſetzen. Andere ermannten ſich und nahmen Partei gegen den Apchitekten, deſſen ſchnelles Emporkommen in der Gunſt der Fürſtin ohnedies den Meiſten ein Gräuel war, ohne daß es Einer unternom⸗ men hätte, dieſen Gefühlen ohne ausdrückliche Gelegen⸗ heit Worte zu gehen. Es war über dieſer unſcheinbaren Veranlaſſung zu ſo lebhaften Debatten gekommen, daß der Wirth den Vorſchlag machte, die Konferenz lieber in den Klubbſaal zu verlegen, wohin er mit gravität'ſcher Miene voran ging; tumultuariſch folgte ihm die Menge. Der Amt⸗ mann ſtrahlte vor Vergnügen, denn er hatte ſoeben eine fulmingnte Rede über den fraglichen Gegenſtand ent⸗ worfen, während der Schulmeiſter und ſein Freuhd, der Arzt, über ſehr gewagtent apoſtttons⸗Verſuchen brüteten, 3 nn es dünkte ihnen dies ein itnemmeuer Anlaß zu beweiſen, daß ſie ihren Nächſten, den Amtmann, keines⸗ wegs lieben. Die Forſt⸗ und Güterbeamten ſtanden auf er Seite der„Nächſtenliebe im Sinne des Herrn Verſt Irs, während der Küſter, Schloßinſpektor und Gärt⸗ lichen Mächſtenliebe! a meme bertraten— wie oft im Gryaren dies nur Parteiungen pro und läufen zur Löſung lott, die kendenzioſe Deyile diente die nach nützlicher dyAlughängſchild. enge gezogenen Grenzen aufe ſich bisher eigentlich kommen genügenden, doch auch eit aus den geſelligen folg. Frauen in ſolchen Situatio Kreiſen bemerkbar gemacht, indem er faſt ausſchließlich ſeinem Berufe und ſeiner Fürſtin lebte, welche mit dem Gedanken umging, ihn zu ihrem Haushofmeiſter zu ernennen. Er theilte vollkommen ihre Abſichten in Be⸗ treff der neuen Gemeinde und unterſtützte die rüſtig ſtre⸗ bende Frau in ihren Humaniſirungsverſuchen; allein durch ſein Fernbleiben von den engeren Beziehungen der Menſchen gab er ſich den Schein der Ausſchließlich⸗ keit und brachte ſich dadurch um manchen Einblick in Menſchen und Dinge. Kein Wunder alſo, daß es heute ſcharf über ihn herging, während man angeblich nur das Thema der„Nächſtenliebe“ abhandelte. Die Partei der abſoluten Nächſtenliebe entwickelte die meiſte Heftig⸗ keit und Unduldſamkeit, es fielen mitunter herbe Worte, und allgemach war man vom Hauptthema ſo ziemlich abgekommen und auf das gefährliche Terrain perſön⸗ licher Invektiven gerathen, woran namentlich die Rede des Amtmanns überreich erſchien, während der Schul⸗ meiſter durch einen Wuſt gelehrter Eitate etwas Heiter⸗ keit in die aufgeregte Stümmung brachte und der Arzt ihn dabei mit phyſiologiſchen Randgloſſen zu unter⸗ ſtützen bemüht war, welche der Mehrzahl ungeheuer imponirten, weil ſie nichts davon verſtanden. Der Küſter hatte ſich ſoeben zu einem Ausdruck hinreißen laſſen, der offenbar der Fürſtin ſelbſt gelten ſollte, und in dieſem ſchlecht maskirten Angriff ſeinen ganzen Ingrimm gegen den Architekten an den Tag gelegt und dadurch einen unerhörten Tumult erregt, als plötzlich die Thür ſich öffnete und Flott ſelbſt ruhig und heiter hereintrat. Eine Pauſe verlegenſten Schweigens reichte hin, um den Ankömmling über die Situation zu opientiren denn der Gegenſtand des heutigen Sermons war ihm durch den Förſter freundſchaftlich mitgetheilt worden. Sofort gab er mit friſchem Humor dem Bilde eine andere Fär⸗ bung, indem er für die nächſte Verſammlung im Klubb über„den Staat der Zukunft“ und dadurch vorläufig die heftig debattirte„Nächſtenliebe ngänzlich aus dem Felde ſchlug.— 2. Die Ritter von Cragant. Die ſtattliche Ruinte, welche, oberhalb des Schul⸗ hauſes maleriſch anragend, einen mäßigen Hügelrücken krönte, ſoll einer alten aber unbeglaubigten Chronik zu⸗ folge einſt der Sitz derer„von Tuagant“ geweſen ſein. Die Sage will wiſſen, die Herren von Tragant ſeien we⸗ niger durch die Thaten des Schwertes, aber deſto mehr durch geheime Wiſſenſchaft und Eroberungen des Geiſtes berühmt geweſen. Fußend auf dieſer gern geglaubten Tradition und dem hiſtoriſchen Intereſſe zu Ehren, hatte der Jude Schabſel, der einzige Krämer des Ortes, einen Klubb gegründet und ihn den„Verein der Ritter von Tragant“ genannt, deſſen Zweck neben dem ge⸗ ſelligen Vergnügen ebenfalls geiſtige Eroberungszüge im Wege der Debatte in Schrift und Wort ſein ſollten. (In Wahrheit aber thaten die Mitglieder des Klubbs nichts als Kannegießern, was ihnen allerdings Vergnü⸗ ** der„Ritter! vwomgnagant“ einen Vortrag ankündigte Verſchämte Liebe und ein— Leberknödel. 27 gen machte; der Gründer und Vorſtand aber, Herr Schabſel, eine gewandte, ſchlaue, bewegliche, unter⸗ nehmende, vermittelnde, echt diplomatiſche Perſon, erſah darin ein Mittel, um die Bedürfniſſe der lieben Ge⸗ meinde zu vermehren, und da die Befriedigung derſelben natürlich nur durch ihn, den Allerweltfaktor geſchehen konnte, ſo kam das ſeinem„Geſchäfte“ zu Statten. Er vermittelte auf ſeinen Einkaufsreiſen ferner vollkommen zwiſchen Stadt und Dorf, er war in einer Perſon üle graph, Zeitung, Poſt, Miſſionär, Kaufmann, Biblioth karius, Modiſte, er half Allen, rieth Allen, beſorgte Alles, inſtruirte Alles, wußte Alles, kurz er potenzirte ſich in der öffentlichen Meinung von der bloßen Erſcheinung zur Nützlichkeit, von der Nothwendigkeit zur Unentbehr⸗ lichkeit empor, zum Vademekum Aller für Alles. Schabſel hatte es zum Heile ſeines Kramladens dahin gebracht, daß es zum guten Ton in Schleuſingen gehörte, den induſtriellen Errungenſchaften und Beſtre⸗ bungen ein lebhaftes Intereſſe zu widmen, und da in dieſen ſtillen Bergen weder von Dampfſchiffahrt noch Eiſenbahnen die Rede ſein konnte, ſo begnügte man ſich mit dem Vergnügen an phyſikaliſchen, chemiſchen und anderen Experimenten, zu denen die Ingredienzen ſchon namhafte Summe verſchlungen hatten, ohne andere Reſultate zu liefern als Schabſels Profit. Daher kam die energiſche Propaganda für Flotts heutigen Vortrag. (Fortſetzung folgt.) Verſchämte Liebe und ein— Leberknödel. ie hieß Theodelinde Knipperling und er hieß Anaſtaſius Rebenwurz. Wenn man Theodelinde Knipperling heißt, muß man Liebe kennen, und wer den Na⸗ men Anaſtaſius Rebenwurz führt, muß zarter Regungen fähig ſein. Sie liebten ſich! Er liebte ſie, denn ſie war reich,— denn er trug Uniform. Aber ſie ſagten ſich's nicht! Liebe! Süße, gute, ſchöne Liebe! Zuckerkandel des Lebens, Aepfelſtrudel des Herzens, Paprikahuhn des Gemüthes, Kaviar der Seele! Ich nehme an, daß wir Alle Freunde von Zucker⸗ kandel, Aepfelſtrudel, Paprikahuhn und Kaviar ſind. . Und noch dazu verſchämte Liebe! Sie ſah ihn an mit ihren jungfräulichen Pepita⸗ augen und dachte: „Die Uniform ſteht ihm gut, es geht nichts über Uniform!“— Er ſah ſie an mit ſeinen ſchüchternen Feldwebel⸗ augen und dachte: „Sie bekommt dereinſt das Wirthshaus, ich wäre ein gemachter Mann!“— Aber ſie ſagten ſich's nicht! Tage kamen, Tage gingen, ſie ſahen ſich an, ver⸗ F ſie liebte ihn, gut, daß mich der Schulmeiſter nie anders als ‚Eſel' drehten die Augen, ſeufzten, ſtöhnten,— aber ſie ſagten ſich's nicht! Jugend von heutzutage, du biſt nicht ſo wie Theo⸗ delinde Knipperling und Anaſtaſius Reben⸗ wurz! Ou biſt nicht ſo eine brave, bedächtige, ſchüch⸗ terne und ſittſame Jugend mehr,— nein, du biſt eine unartige, verderbte, naſenweiſe Jugend, namentlich biſt du eine rechte verliebte Katze geworden! Das ſo nebenbei! Warum ſa aches ſie ſich's nicht? Er dachte:„Das Eſſen iſt gut und billig, denn ſie nimmt nie Zahlung. Wer weiß aber, was der Vater thäte, wenn er hinter ein Verhältniß käme?“ Zarte Sehnſucht, ſüßes Hoffen, Der Hausknecht dräut, die Thür' ſteht Sie dachte:„Er iſt nichts und hat nichts. Feldwebel ſein iſt hübſch,— Frau Feldweblin heißen, nicht ſehr.“ offen! Raum iſt in der kleinſten Hütte, Doch für Krinolinen gibt es Tritte! Jugend von heutzutage, nimm dir ein Beiſpiel! Und ein Sonntag war eingegangen in's Land mit ſeiner ganzen Herrlichkeit. Leberknödel gab's heut und Anaſtaſius Reben⸗ wurz war noch immer nicht gekommen. Er weiß doch, daß es Sonntags immer Leberknödel gibt! Knödel! Lieber, guter, treuherziger Knödel, nimm meinen Gruß! Edler Mehlpatriarch, wie erhaben biſt du in deiner Einfachheit, wie kernig und kräftig in deinem Weſen! Reliquie echten Deutſchthums, ewiges Einigkeits⸗ band, das weder Franzoſe noch Däne je zerreißen wird, ich beuge mich vor dir! Wer ſeufzt nach Elſaß, wer weiſt auf Schleswig? Was iſt des deutſchen Vaterland? Dort, wo der Knödel iſt bekannt! Warum kam Anaſtaſius Rebenwurz nicht? Das hatte ſeine triftige Urſache, oder beſſer, die triftige Urſache hatte ihn, nämlich: Arreſt. „Feldwebel!“ hatte geſtern Herr Lieutenant Bla ſedau geſagt:„Einer von uns Beiden iſt ein Schafs⸗ kopf— auf Hüfte!“ „Ich nicht, Herr Lieutenant!“ hatte der Feldwebel in aller Submiſſion replicirt;„ich erinnere mich ſehr genannt hat!“ Zum Dank für ſeine naturhiſtoriſchen Berichtigun⸗ gen ſaß er heute beim Profoßen, wo es gibt Heulen und Zähneklappern, aber keine Leberknödel, gefertigt von der kunſtgeübten Hand Theodelindens, des„rothen Ochſen“ ſüßen Töchterleins. Die dritte Nachmittagsſtunde tönte es von der Schloßthurmglocke, die heute wieder den Schnupfen hatte— und Anaſtaſius war noch immer nicht gekommen. Das Wirthslokale war bereits vollkommen leer und Hero⸗Knipperl ing wartete noch immer auf ihren Lean der⸗Rebenwurz. 1 Und er kam! 1 28 Erinnerungen. „Dem Kühnen winkt das Glück!“ hatte er ſich ge⸗ dacht,„ und den Ausreißer lohnen Leberknödel!“ So hatte er denn das Mittagsſchläfchen des Pro⸗ V foßen zu einem Fluchtverſuch benützt und eilte nun hin, wo Liebe auf ihn wartete und Leberknödel. Die Liebe gab Lokomotioſchnelligkeit; knödel verliehen Windesflügel. Die Sonne ſchien ſo hell in's Zimmer, der Vogel im Käfig zwitſcherte ſo fröhlich, die Leberknödel dampf⸗ ten ſo würzig und kein profaner Zeuge ſtörte. „Theodelinde!“ ſeufzte er, und führte ein Stück Knödel in den Mund, zart und niedlich wie ein blondgelocktes Kinderköpfchen: „Anaſtaſius!“ ſeufzte ſie, und ſchleuderte einen Flammenblick, daß der Geliebte ſich Gaumen und Zunge verbrannte. „O, dieſe Gluth!“ ächzte er und preßte die Hand gegen die dem Herzen zunächſt liegende Magengegend. „O, dieſe Hitze!“ ſtöhnte ſie und blies aus Leibes⸗ kräften auf die dampfenden Knödel. Nun große Pauſe ein bedeutungsvoller Weihe⸗ moment! „Theodelinde!“ ſeufzt Anaſtaſius, ſchöpft tief Athem, knöpft die zu eng werdende Weſte auf, ſchnei⸗ det das zweite Dutzend an, und ſchmachtet ihr einen Blick zu, einen Blick, daß das vom langen Stehen ge⸗ ronnene Fett zu ſchmelzen anfängt. „Anaſtaſius!“ flötet Theodelinde, ſucht V ſich ein gutes Stück heraus, und ſeufzt einen Seufzer, in dem ein ganzes„Julia und Romeo“ liegt. „Wünſch guten Appetit!“ ruft Lieutenant Blo⸗ ſedau, der eben vorübergeht, höhniſch durch's Fenſter. Böſer Blaſedau, kannſt du verantworten, was du verſchuldet haſt? An ſiſe Rebenwurz, aufs Höchſte ent⸗ ſetzt, daß ihn ſein Leitegauſ ſtatt beim Profoßen ſo netnendi im Wirthshauſe überraſcht hat, hält dieſe Thatſache für wichtig genug, vorläufig ſeinen Kau⸗ werkzeugen Ferien zu ertheilen, dafür aber ſeine ganze Seelenthätigkeit auf den Mund und die Augen zu kon⸗ centriren, die er zur erſtaunlichſten Ausdehnung aufreißt. Zwei Herren kann man aber nicht zugleich dienen, und Jemand, der ſeinen Mund dazu verwendet, den be⸗ kannten volksthümlichen Ausdruck„Maulaffen“ aufs Herrlichſte zu illuſtriren, iſt nicht im Stande, einem in demſelben Munde zur ſelben Zeit befindlichen Leber⸗ knödel von chimboraſſoartigen Dimenſionen die gebüh⸗ rende Aufmerkſamkeit zu widmen. Unſer guter Leber⸗ knödel aber, über den plötzlichen Abſprung von der ſchmei⸗ chelhafteſten Berückſichtigung bis zur beleidigendſten Nichtbeachtung mit vollem Rechte indignirt, verſpürte durchaus keine Luſt, in einer ſo peinlichen Situation lange zu verbleiben und machte ſich aus eigener Macht⸗ vollkommenheit auf den Weg, was ihm aber viele Un⸗ gelegenheit bereiten ſollte und noch größere unſerem armen Feldwebel. Dieſer fuhr haſtig gegen den Hals, riß den Mund noch um fünfzig Ppocente weiter auf, ſchnappte nach Athem, röchelte und fiel um. Dabei traten die Augen die Leber⸗ los nach Hilfe, d Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. ſo weit aus ihren Höhlungen, als wollten ſie ſich auch einmal nach Herzensluſt in der Welt umſehen, und das Geſicht färbte ſich in einer Weiſe himmelblau, wie man es auf Abbildungen von Gewitterſtürmen nicht hübſcher ſehen kann. „Anaſtaſius! Mein Anaſtaſius!“ ſchluchzte Theodelinde, warf ſich über den Erſtickenden und bedeckte feine zuckenden Lippen mit den jungfräulichen Küſſen liebender Verzweiflung. Anaſtaſius aber kümmerte ſich wenig um dieſe hocherfreulichen Zärtlichkeitsbeweiſe, ſondern zappelte und producirte die ausgezeichneteſten Froſchgruppirungen. „Nein, Geliebter meiner Seele, Flamme meines He erzens, Apfel meines Auges, Du darfſt nicht ſterben!“ ſchrie Theodelinde, blickte einen Augenblick lang rath⸗ dann fuhr ein leuchtender Entſchluß durch ihr Tiefinnerſtes, gewaltig raffte ſie ſich auf, ballte die zarte Hand zur grimmig geſchloſſenen Fauſt und ſchmet⸗ terte ſie mit der Kraft der Verzweiflung auf den Rücken des armen Anaſtaſius, der ſich eben mit einer Emſig⸗ keit und Ausdauer auf dem Bauche wälzte, als würde er dafür gezahlt. Das half! Der Knödel erſchrak über den unerwarteten Stoß, ſprang aus der Speiſeröhre um nachzuſehen, was los ſei — Anaſtaſius Rebenwurz war gerettet! Und als ſie nun wieder beiſammen ſaßen,— die drohende Lebensgefahr überwunden, durch die ausge⸗ ſtandene Angſt ſich nur noch werther geworden, die Hemmniſſe ſchüchterner Verſchämtheit überſprungen,— diesmal ſagten ſie ſich's * 4* Zehn Jahre ſpäter ſpeiſte ich im„rothen Ochſen“. „Könnte ich nicht Leberknödel haben, Herr Wirth?“ fragte ich. „Herr!“ ſchnauzte dieſer,„wollen Sie mich fop⸗ pen?“. Ich ſ ſah ihn erſtaunt an. Er war ein hagerer, galliger Mann, ſein ganzes Weſen gedrückt. Ich ſah auch auf ſeine Frau, die beim Schank⸗ tiſch ſaß. Ein kleines mageres Weib mit ſcharf gekanteten Zügen und verbiſſener Phyſiognomie, ein Symbol der Verneinung, eine Verkörperung des Proteſtes, eine zu Fleiſch gewordene Ohrfeige. Armer Anaſtaſius Rebenwurz, bei dir wer⸗ den nimmermehr Leberknödel gekocht werden. Es wäre denn, ſie wollte eſſen, und Lieutenant laſedau wäre beſtellt, unvermuthet durch's offene 8 er:„Wünſch' guten Appetit!“ zu rufen. M. A. Reitle Sew — wer⸗ ant ene Feuilleton. Gemeinnütziges. Ueber Holzbearbeitung durch Maſchinen. Kaum glaublich, aber doch thatſächlich wahr iſt es, daß man in Deutſchland eigentlich erſt jetzt und zwar ganz plötzlich, das leicht verarbeitbare Holz mit Maſchinen zu bearbeiten und zu verarbeiten beginnt, während Eiſen, Stahl und andere Metalle, obwohl in der Bearbeitung um Vieles ſchwieriger, der Maſchine ſchon längſt unterthan gemacht ſind. Daß dies ſo iſt, ſcheint nur daraus erklärlich, daß die todte Hand des Zunftweſens zeither allerwegen auf der Holzbearbeitung laſtete, daß der Zimmermann, der Tiſchler, der Glaſer ꝛc., in zünftige Schranken eingezwängt, nicht über Beil, Säge und Hobel hinaus kommen konnten, ſich vom Handwerksbetrieb nicht bis zum Fabrikbetrieb emporzuheben vermochten. Mit dem Eintritt der Gewerbe⸗ freiheit ändert ſich dies; deßhalb rüſten ſich die unter⸗ nehmenden Leute plötzlich mit Maſchinen aus, um, dem alten Schlendrian entſagend, getroſt der Konkurrenz ent⸗ gegentreten zu können. Was aber mit Maſchinen gegen⸗ über der Handarbeit zu leiſten iſt, dies berechnete jüngſt ein berühmter Werkzeugfabrikant, Herr Johann Zimmer mann in Chemnitz, der gegenwärtig ſolche Maſchinen in Menge liefert, in der Sächſiſchen Induſtriezeitung. Z. B. eine Dielenhobelmaſchine, die 700 Thlr. koſtet und in zwölf Arbeitsſtunden etwa 10 Schock Bretter abhobelt, leiſtet für 4 Thlr. 5 Ngr., wofür bislang mindeſtens 11 Thlr. 10 Ngr. an Arbeitslohn bezahlt werden mußte. Eine derartige Maſchine, die 1100 Thlr. koſtet und eben⸗ falls in zwölf Arbeitsſtunden 10 Schock Bretter, aber auf beiden Seiten abhobelt, fugt, nuthet ꝛc., liefert für 5 Thlr. 5 Ngr., was mit der Hand mindeſtens 27 Thlr. koſtet. Bei weitem auffälliger noch erſcheint die Leiſtung einer Maſchine zum Aushobeln der Simsleiſten, Thüren⸗ bekleidungen ꝛc., die bei einem Koſtenpreiſe von etwa 850 Thlrn., in zwölf Arbeitsſtunden, 8600 laufende Fuß und dies für 4 Thlr. 7 Ngr. beſchafft, was an Zimmer⸗ mannsarbeit einen Werth von 286 Thlr. 20 Ngr. tragen würde! Die Elektricität wird jetzt auch zum Faſſen von Edelſteinen benutzt. Das Modell des Schmuckes wird genau in Wachs nachgebildet, hierauf werden die Edel⸗ ſteine in das Modell eingeſetzt, die Wachsoberfläche wird für den galvaniſchen Strom leitend gemacht und in Gold⸗ löſung gebracht. Es iſt nun darauf zu ſehen, daß ſich ſeine genügend ſtarke Goldſchicht auf dem Wachſe und um die Gemmen niederſchlägt, wodurch bewirkt wird, daß letztere feſtſitzen. Gewöhnlich faßt ein guter Arbeiter per Tag ſechzig Edelſteine, während in gleicher Zeit durch das neue Verfahren 150 bis 200 gefaßt werden können. Ein vortreffliches Futter für Singvögel, als Kanarienvögel, Finken, Droſſeln, Rothkehlchen, Lerchen, Hänflinge ꝛc., welches nicht nur ihre Kehle friſch erhält, ſondern auch ihr Gefieder konſervirt, beſteht aus drei Pfund geſtoßenen Erbſen, 1 ½ Pfund feinen Brodkrumen, ebenſoviel klarem Zucker, den Dottern von ſechs hart⸗ gekochten Eiern, ſechs Unzen friſcher Butter, alles wohl durchknetet und in einer Pfanne auf gelindem Feuer leicht gebräunt. Hierzu werden nach dem Erkalten noch ſechs Unzen Mohnſamen und ſechs Pfund gereinigter Hanfſamen gemiſcht. In Amerika ſoll eine Vorrichtung erfunden worden ſein, mittels welcher in dem Zeitraume einer Stunde von einer Matrize 4000 Abzüge poſitiver Photographien her⸗ geſtellt werden können. Statiſtiſches. Der Effektivſtand der franzöſiſchen Armee war zu Anfang dieſes Jahres 615.465 Manu, wovon 398.559 in Frankreich, 83.782 in Algerien, 55.281 in Italien, 7904 ſpeciell in Rom, 5468 in Syrien und die Uebrigen in Oſt⸗Aſien oder auf Urlaub waren. Frankreich zählt jetzt 350.000 Freimaurer, theils dem großen Orient angehörend, theils dem ſchottiſchen Ritus. Die Zahl der Freimaurer auf der ganzen Erde wird auf 100 Millionen angegeben. Beſonders zahlreich ſind ſie in Amerika und Indien vertreten. Dieterici, Direktor des ſtatiſtiſchen Burcan’'s in Berlin, berechnet die gegenwärtige Bevölkerung der Erde auf 1288 Millionen und veranſchlagt die kaukaſiſche Rage auf 300 Mill., die mongoliſche auf 552 Mill., die äthio⸗ piſche(Neger) auf 196 Mill., die amerikaniſche(Indianer) auf 1 Mill., die malaiſche auf 200 Mill. Nach den Hauptreligionen vertheilte er die Geſammtbevölkerung der Erde in 335 Mill. Chriſten, 5 Mill. Juden, 600 Mill. Bekenner der aſiatiſchen Religionen, 160 Mit. Moham⸗ 1 medaner und 200 Mill. Heiden. ——, 30 Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Humoriſtiſches. Man erzählte ſich, bei der königlichen Tafel in Turin habe Graf Cavour den Toaſt ausgebracht:„Gott erhalte unſere tapfere Armee!“—„Das wünſche ich auch,“ entgegnete der Finanzminiſter,„denn ich kann ſie wahrhaftig nicht länger erhalten!“ Der Unterſchied zwiſchen einem heldenmüthigen und einem um Gnade flehenden Soldaten iſt nur gering; der Eine läßt ſein Leben und dem Andern läßt man ſein Leben. Lehrer:„Eduard, Du ſollſt zeigen, ob Du ſub⸗ trahiren kannſt. Ich habe fünf Tauben, davon ſchieße ich drei todt und zwei fliegen fort; wie viel bleiben da?“ Schüler:„Drei todte.“ Bei Gelegenheit eines Freiwilligenanfgebots kam auch ein Lahmer herbeigehinkt, um Waffen zu tragen, und ward ausgelacht.„Warum lacht Ihr?“ ſprach er; „ich bin hier, um zu fechten, nicht um davonzulaufen.” „ Nicmand wird Sie für das nehmen, was Sie ſind,“ ſagte Jemand zu einem ſehr einfältigen Dandy mit langen Haaren.—„Wie ſo?“ fragte dieſer.—„Weil man Ihre Ohren nicht ſehen kann.“ Welcher Unterſchied iſt zwiſchen einer Uhr und einem Soldaten?— Jene ſchlägt, wenn ſie läuft, dieſer, wenn er ſteht.— Was macht das Glück des Kaufmanns und das Unglück des Soldaten?— Die volle Niederlage. Scene aus dem Maskenballe.„Guten Abend, Herr Doktor!“—„Ah, woher kennſt Du mich, ſchöne Maske? Sage mir, wer Du biſt!“—„Rathen Sie!“— „Vielleicht die junge Dame, welcher ich geſtern Kußhände zuwarf?“—„Falſch gerathen.“—„Oder die liebens würdige Kleine aus der Modewaarenhandlung am Markte?“ —„Warum nicht gar!“—„Ah, Verzeihung! Ich mußte höher hinauf. Vielleicht die Frau Kommerzienrath Bluſing, die köſtliche Blume?“—„Nein, Herr Doktor, ich bin die Wäſcherin, der Sie noch dreizehn Wochen Wäſchelohn ſchuldig ſind.“ Vermiſchtes. Franzöſiſche Anmaßung. Wie weit franzöſiſche Arroganz geht, beweiſen folgende dem„Journal pour tous’ entnommene Worte:„Nichts ſteht feſter, als daß wir allen Völkern voran ſind... wir ſind unterrichteter, geiſtreicher, tapferer, liebenswürdiger, als Italiener, Spa nier, Deutſche und Engländer zuſammengenommen. Aber es genügt nicht, daß wir in allen Dingen die Erſten ſind: wir müſſen auch an allen Orten die Erſten ſein“ ac. Der Seiltänzer Blondin hat mit ſeinen hals⸗ brecheriſchen Künſten Parlament und Regierung von Eng land in Bewegung geſetzt. Am letzten Samſtag führte nämlich Blondin ſein ſiebenjähriges Töchterchen in einem Schiebkarren auf dem Seil von einem Ende des Kryſtall palaſt⸗Tranſepts bis zum andern. Aus Anlaß deſſen fragte am Montag Abends im Unterhauſe Sir Forſter den Staatsſekretär des Innern, ob die Regierung Schritte thun werde, um eine Wiederholung dieſes erniedrigenden Spektakelſtückes zu verhindern. Der Staatsſekretär Sir Lewis erwiederte, er habe bereits an die Direktoren des Kryſtallpalaſtes ein warnendes Schreiben erlaſſen, welches ſicherlich die fernere Gefährdung des Kindes verhindern werde. Eine intereſſaute Geſchichte eines Brillanten wurde in der„Morgenpoſt“ erzählt. Unter den Objekten, welche den Schwindeleien des vor Kurzem hier verhafteten Bör ſenarrangh Ranzenhofer zur Beute fielen, nimmt dieſer Brillant, Wn prächtiger Stein von vier ⸗Karat, den erſten Rang ein. Das fragliche Juwel rührte aus dem bedeu⸗ tenden Brillantenſchmucke eines Fräuleins D. her; im J. 1836 wurde ihr der geſammte Schmuck(im Werthe von 20.000 fl.) von einem gewiſſen Götz, einem noblen Schwind⸗ ler, der bei ihr als Monatspartei wohnte, geſtohlen. Dieſes Ereigniß machte ungeheures Aufſehen. Götz hatte das verſiegelte Packet, in welchem ſich der geſammte Schmuck befand, vor den Augen der Eigenthümerin mit einem Packet von ähnlichem Ausſehen, welches ſtatt der Brillanten Citronenkörner enthielt, vertauſcht und war mittels einer Strickleiter auf die Straße entflohen. Im Jahre 1840 fand man Götz als falſchen Spieler am grünen Tiſch zu Wiesbaden, er beſaß von dem Erlös ſeiner Beute nur mehr ſechzig Thaler. Der Verbrecher wurde nach Wien abgeliefert und von da nach ſeiner Verurtheilung in's Provinzialſtrafhaus zu Prag gebracht. Dort entdeckte er einem Mitgefangenen, daß er einen koſtbaren Brillant im Werthe von 2000 fl. dadurch„vor den Klauen der Polizei“ gerettet habe, indem er den⸗ ſelben mit Fiſchhaut umhüllt und ſtatt des fehlenden rechten Stockzahnes mit Drath im Munde befeſtigte. Sein Mitgefangener verrieth dies an den Gefängnißdirektor, der Stein fand ſich richtig bei dem Arreſtanten vor und wurde nach Wien geſchickt, wo die Behörde ihn der Eigenthümerin zurückſtellte. Dieſe verſetzte nach mehren Jahren den Stein um 1000 fl.; 900 fl. hatte ſie bereits abgezahlt, als Ranzenhofer ſich erbot, ihr die noch fehlen⸗ den 100 fl. vorzuſtrecken und den Stein zu verkaufen. Weder der Brillant, noch das Geld kam dem Fräulein D., welches dies Anerbieten annahm, je wieder zu Geſichte. Zur Zeit der Kriege zwiſchen Napoleon und den deutſchen Fürſten hatte der Buchhändler F. A. Brockhaus ſein Geſchäft noch in Altenburg, woſelbſt er, kurz vor der Leipziger Schlacht, die„Deutſchen Blätter“ herausgab, welche bis zur Zeit der berüchtigten Karlsbader Beſchlüſſe beſtanden. Die Konceſſion, welche der öſterreichiſche Ge neral Stadion, deſſen Hauptquartier damals in Alten⸗ burg ſich befand, Herrn Brockhaus ertheilte, lautete wie folgt:„Dem F. A. Brockhaus wird hiermit befohlen, ein Blatt herauszugeben. Stadion.“ Die Zeiten haben ſich ſeitdem geändert. Es wird einem Buchhändler höch⸗ ſtens noch befohlen, ein Blatt eingehen zu laſſen. Im Tower zu London befindet ſich eine Reihe von ſchrecklichen Folterwerkzeugen als Erinnerungszeichen an das Glück, das Philipp der Zweite von Spanien den Engländern bringen wollte. Sie wurden mit den Trüm⸗ mern der„großen Armada“ erbeutet. Auf den Schiffen befanden ſich damals bereits Inquiſitionsprieſter, um ſo⸗ gleich in England den Proteſtantismus mit Feuer und Schwert auszurotten. Der Menſch denkt, Gott lenkt! Eine Gerichtsſcene in London. In engliſchen Blättern ſtößt man häufig auf folgende Anzeige:„Für Parlamentsmitglieder, öffentliche Redner, Prediger ꝛc. Ein geübter Literat verſieht Staatsmänner, Klubbredner, Geiſtliche ꝛe. mit Reden, Predigten und Vorleſungen in jedem möglichen Style und über alle möglichen Gegen⸗ ſtände. Hierauf Reflektirende mögen ſich wenden an das Bureau des Herrn N. N. ꝛc.“ Unſere Leſer auf dem Kontinente mögen geneigt ſein, dergleichen für einen ſchlechten Spaß zu halten. Wie bei uns, wird man denken, gibt es auch dort Leute, die ihre Reden, Predigten ac. nicht ſelbſt machen, aber daß dieſe fabrikmäßig erzeugt werden, wird Niemandem einfallen. Und doch iſt dem ſo. Der Gerichtsſaal, dieſer ſchonungsloſe Enthüller aller Wunden und Schwächen der Geſelſſchaft, kanſtatirte das Vorhandenſein ſolch' einer Fabrik.— Vor Kurzem kam vor dem Sheriffs⸗Court zu London folgender„Fall“ zur Verhandlung: Herr Rogers trat als Kläger gegen Herrn⸗ Havergal, einen Pfarrer in Redfordſhire, auf, um eine Schuld von 2 Pfd. Sterl. 10 Schill. für 20(ſage zwan⸗ zig) gelieferte Predigten einzutreiben. Der Anwalt des Klägers gab an:„Am 28 April 1859 beſtellte Herr Ha⸗ vergal bei meinem Klienten eine Predigt über„die glück⸗ liche Beendigung der indiſchen Meuterei.“ Sie wurde ihm zugeſchickt und kurz darauf beſtellte er 20 Predigten über die verſchiedenſten Gegenſtände. Dieſe 20 Reden, die iffen ſo⸗ und ſchen Für van des Ha⸗ glück⸗ ihm übel die 2 Schilling 6 Pence(alſo noch nicht einen preußiſchen Thaler) das Stück koſten, bezahlte er nicht. Der Anwalt las hierauf den Brief vor, welcher die Beſtellung enthält. Es heißt darin:„Senden Sie mir eine Portion der beſten Predigten, die Sie im Vorrath haben.“ Richter:„Es ſcheint mir, wir haben es hier mit einer förmlichen Pre⸗ digtfabrik zu thun.(Gelächter.) Wie kommt es, daß die Predigten ſo billig ſind?“ Anwalt:„Sie werden je nach der Nachfrage in mehr oder weniger Exemplaren litho⸗ graphirt, und je mehr Abnehmer ein Artikel findet, deſto billiger iſt ein Exemplar davon.“ Richter:„Alſo die nämliche Predigt wird von vielen Geiſtlichen benutzt? Und wenn ich am Sonntage verſchiedene Kirchen beſuche, kann ich das Vergnügen haben, dieſelbe Predigt mehr⸗ mals zu hören?“ Anwalt:„Allerdings.“ Richter:„Was ſind Ihre höchſten Preiſe?“ Anwalt:„5 Guineen. Das iſt der Preis für Biſchöfe.“ Richter:„Ihr Klient macht alſo auch Predigten für Biſchöfe?“ Anwalt:„Gewiß!“(Ge⸗ lächter.) Richter:„Was würde eine Predigt zur Erbauung des Lordmayors koſten?“ Anwalt:„3 bis 5 Guineen.“ Richter:„Ich fürchte, nach dieſer Eröffnung wird der Lordmayor nicht leicht zu erbauen ſein.“(Gelächter.) Das Reſultat war: Der Verklagte, der perſönlich zugegen war, aber ſich durchaus nicht beſchämt zeigte, wurde zur Be⸗ zahlung der Schuld und obendrein in die Koſten ver⸗ urtheilt. Auf den Antrag des Dr. Trittau hat die Bürger⸗ ſchaft von Hamburg die vom Senat geforderten 20.000 Mark für die nächſtjährige Weltausſtellung in London nicht bewilligt, weil die engliſche Regierung und Preſſe in der ſchleswig⸗holſteiniſchen Sache und in der Macdo⸗ nald⸗Geſchichte eine feindliche Haltung gegen Preußen und Deutſchland angenommen habe. Den Has⸗ Kreffer der Kreditloſe per 250.000 fl. im Jäne, Jahres hatte ein. Kürſchner in Krakau, Namen y gemacht. Im Beſitz des vielen Geldes verlor Mann jedoch alle Raſt und Ruhe. Er⸗ ſah ſtets eſ und Räuber und die beſtändige Auf⸗ regung brachte ihn enolich dahin, daß er in ein Nerven⸗ fieber verfiel und ſtarb.— Trotz dieſes trüben Exempels glauben wir doch nicht, daß ſich Viele abſchrecken laſſen werden, bei einer Kreditlosziehung den erſten Treffer für ſich zu wünſchen. Aus Barzdorf(öſterr. Schleſien) ſchreibt man unterm 15. Juni, daß dort Tags vorher eine Heuſchrecken⸗ wanderung begonnen habe. Der Zug dauerte bereits an Wwanzig Stunden und bewegte ſich von Süd nach Nord. Bis dahin hatten ſich die Scharen noch nicht niedergelaſſen. John Hill, der im Rufe ſtand, der älteſte Mann in England zu ſein, iſt kürzlich in Rocheſter geſtorben. Er war in Suſſex 1758 geboren und erfreute ſich immer einer vortrefflichen Geſundheit.— In dem polniſchen Städtchen Czenſtochau lebt ein Mann, Namens Kanter, der das 112. Lebensjahr zurückgelegt hat. Er iſt noch ſo rüſtig, daß er den ganzen winterlichen Holzbedarf für ſeine Familie aus dem Walde holt und das Holz ohne Mithilfe eines Andern auch klein ſpaltet. Sein älteſter Sohn zählt gegenwärtig 75 Jahre. Die unterbrochene Hochzeit.„Nenne Keiner einen Tag glücklich, bevor er ſeinen Abend geſehen, denn des Menſchen Geſchicke ſind unberechenbar!“— rief der weiſe Polizeidirektor von Worſhip⸗Street in London, Mr. Knox, am 20. Mai aus, als folgender Fall ſeiner Entſcheidung harrte: Mr. Grovesnor machte an jenem Morgen eine ſehr ſorgfältige Toilette und wähnte ſich auf dem Gipfel der Freude und des Glückes angekommen, die ganze Welt und das ganze Leben lag roſenfarben vor ihm, daher wiählte er auch zur ſinnlichen Verauſchaulichung ſeiner Ge⸗ müthsſtimmung eine roſafarbige ſeidene Weſte, die ihm 21 Schillinge gekoſtet hatte, und verzierte ſie mit einem lächelnden Blumenſtrauß, der ihm 18 Pence zu ſtehen kam, denn es war heute ſein Hochzeitstag und er war im Begriff, ſich zur Trauung nach der St. Johns⸗Kirche Feuilleton. 31 zu begeben. So that er auch. Kaum war er jedoch aus dem Cab geſprungen, hatte ſeiner hoffnungſtrahlenden Braut den Arm gereicht und war in die Vorhalle der Kirche getreten, ſo— wir laſſen ihn nach dem Polizei⸗ berichte ſelbſt erzählen— ſo puffte plötzlich dieſes Weib (die Angeklagte Mary Connor) auf mich ein, riß meine Hochzeitsweſte entzwei und trat mich mehrmals ſchwer vor den Bauch, auch ſchlug ſie mich auf die Naſe, ſo daß Blut kam.“ Angeklagte:„Ich habe mit dieſem Manne ſechs Jahre lang auf ſein Verſprechen, ehrenvoll gegen mich zu handeln, gelebt, und nun fand ich ihn im Be⸗ griff, eine Andere zu heiraten, und in meiner Entrüſtung zerriß ich ihm die Weſte; er ſchlug mir darauf zwei Zähne ein(welche producirt werden) und ich trat ihn.“ Konſtabler:„Als ich zur Kirche gerufen wurde, fand ich einen Zuſammenlauf von wenigſtens 200 Menſchen und den Kläger, welcher ſeine Roſaweſte in zwei Stücken über den Arm hängen hatte.“ Der Prediger weigerte ſich unter dieſen Umſtänden zu tranen, und ſo befand ſich denn die Geſellſchaft ſtatt beim Hochzeitsmahle vor dem Polizeirichter ſammt den eingeſchlagenen Zähnen, der zer⸗ riſſenen Roſafarbigen und der blutigen Naſe. Und der weiſe M. Knox that obigen Ausſpruch. Zu den vorzüglichſten aller Hühner gehören die andaluſiſchen. Sie geben nicht nur ein ausgezeichnetes Fleiſch, ſondern ſind auch die beſten Leger, die man haben kann. Man rechnet fünf bis ſechs Stück Eier pro Woche auf jedes Huhn. Die Eier ſind größer als die aller anderen Hühner, ſelbſt als die der gerühmten ſchwar⸗ zen Spanier, überaus wohlſchmeckend und von Farbe lichtblau mit dunkleren Flecken. Auch ein Grund zum Stehlen. Man ſchreibt aus Wien: Das achtzehnjährige Stubenmädchen Karoline Friedreich hat aus dem Schreibtiſche ihres Herrn in zwei⸗ maligen Angriffen 35 Gulden entwendet. Auf die Frage des Vorſitzenden, was ſie mit dem Gelde angefangen hätte, antwortete ſie:„Ich habe es theils vernaſcht, theils verfahren.“ Präſident:„Wie, verfahren?“ Angeklagte: „Nun, wenn mir die Gnädige einen Auftrag gegeben hat, ſo habe ich immer einen Wagen genommen, damit ich nicht zu Fuß gehen mußte.“ Der Gerichtshof verurtheilte die ſchwerfüßige Karoline zu zwei Monaten Kerker und läßt ſie abführen— aber zu Fuß. Ein Leichenzug in Wien. Daß im Volke noch nicht alle Poeſie erſtorben ſei, hat ein ergreifender Vor⸗ gang in Wien bewieſen. Die entſeelte Hülle eines Mäd⸗ chens aus dem Volke, einer armen jungen Arbeiterin, ward zur Erde beſtattet, doch nicht von proſaiſchen und theilnahmloſen Todtengräbern und Leichenbittern, ſondern von den Genoſſinnen der Dahingeſchiedenen ſelber. Sechs Mädchen in Trauerkleidern trugen die Bahre und voran ſchritt eine ſiebente, mit aufgelöſtem Haar und eine zer⸗ brochene Wachskerze in der Hand haltend. Das Aufſehen, welches dieſe Proceſſion machte, war ungeheuer, der Ein⸗ druck überall ein ſtillernſter, feierlicher. Liſzt ſoll in Paris zum Ober⸗Intendanten der kaiſerlichen Kammermuſik ernannt worden ſein. Wahr⸗ ſcheinlich eine Erwiederung des Komplimentes, welches neulich Liſzt dem Kaiſer gemacht, als er von dieſem eine „der Größen des Jahrhunderts“ genannt, ſich tief verbeu⸗ gend ſagte:„Und das Jahrhundert ſind Sie, Sire.“ Die Londoner Ausſtellung. Die Kommiſſarien für die Ausſtellung des kommenden Jahres halten jetzt wöchentlich mehre Sitzungen, um die ungeheure Arbeit zu bewältigen und das Urtheil Sachverſtändiger in allen Einzelheiten zu erörtern. Von Seiten des Kontinents liegen noch wenig Beweiſe allgemeiner Theilnahme an dem Unternehmen vor, was theilweiſe ohne Zweifel dem Mangel an Vertrauen in die friedliche Geſtaltung der politiſchen Verhältniſſe beizumeſſen iſt. In England ſcheint man in dieſer Beziehung minder ängſtlich zu ſein und die Anmeldungen um Ausſtattungsraum ſind jetzt ſchon bei Weitem größer, als vermuthet worden war. Trotzdem —— ———— 32 Erinnerungen. lluſtrirte die eine Hälfte des Raumes, wie im Jahre 1851, aus ſchließlich engliſchen Ausſtellungsgegenſtänden eingeräumt werden ſoll, ſind die Anmeldungen doch ſchon ſo zahlreich, daß, um ihnen zu genügen, das Gebäude drei Mal ſo groß angelegt werden müßte, als es wirklich im Plane liegt. Der Bau ſelbſt ſchreitet raſch vorwärts. Schon ſind die Fundamente fertig und die Seitenmauern der Ge mäldegalerie 15 Fuß aus dem Boden heraus. Die Grund lagen haben bereits 100.000 Ctr. Cement verſchlungen und werden bis zu ihrer Vollendung über 18 Millionen Ziegel erfordern, die ihrerſeits 440.000 Ctr. Mörtel in Anſpruch nehmen werden. Man hat die Maſſe des im ganzen Gebäude zu verwendenden Eiſens auf 200,000 Ctr. veranſchlagt und ebenſo hoch die Maſſe des zu verwen denden Bauholzes. Die Belegung des Flurs allein er fordert 360 engliſche Meilen Bretter von 7 und 270 Meilen Bretter von 9 Zoll Breite. Die Fenſter erfordern 600,000 Fuß Rahmen und 10,000 Ctr. Glas zu ihrer Ausfüllung. Zur Bedachung ſind 600.000 Quadratfuß waſſerdichten Filzes erforderlich. Zu den Voranſchlägen untergeordneter Gegenſtände gehören 2000 bis 4000 Ctr. Nägel, 12.000 Ctr. Oelfarbe zum Anſtrich, 6000. Ctr. Dachrinnen und ſonſtige Röhren. In Berlin iſt dem Mohren, der vor mehren⸗ Jahren von Dr. Ritter als Sklave aus Braſilien mitgebracht worden war und in Berlin durch richterlichen Spruch ſeine Freiheit erlangte, auf ſein Geſuch die Heimatsange hörigkeit von der Kommunalbehörde bewilligt worden John Murray, der einſt ſo viel genannte Schmied von Gretna Green, der fo viele engliſche Liebespärchen in Ehefeſſeln ſchlug, iſt 63 Jahre alt geſtorben. Aus Oberhollabrunn berichtet man der„Preſſe“ folgende Geſchichte: In Immendorf befindet ſich außer⸗ halb des Ortes ein Ziegelofen, Eigenthum des dortigen Bürgermeiſters M. Leutner, welcher für heuer einen neuen Ziegelbrenner aufgenommen hatte. Dieſer Ziegelbrenner wollte den bereits länger außer Betrieb geſtandenen Ofen reinigen und grub zu dem Ende den Schutt auf, bei welcher Arbeit er vom Bürgermeiſter getroffen und ihm ein ferneres Aufgraben verboten ward. Der Brenner aber grub deſſenungeachtet fort und kam hiebei auf eine be ſonders nachgiebige Stelle, an welcher er beim Nachſuchen Weiberröcke fand, und auf Rippen, die theilweiſe mit Fleiſchtheilen umgeben waren, ſtieß, endlich einen menſch lichen Schädel und die übrigen Knochen eines Menſchen körpers entdeckte. In der Nähe des Schädels lag ein kurzer ſchwarzer Zopf von Menſchenhaaren. Als der Brenner hievon die Anzeige dem Bürgermeiſter machte, ſagte dieſer, er ſolle keinen Lärm machen, ſonſt bekämen ſie beide unnöthige Laufereien zum Gerichte; die Knochen werden ja nur Thierknochen ſein. Abends verfügte ſich der Bürgermeiſter mit dem Ortswundarzte, einem ſehr alten Manne, in den Ziegelofen, wo der Chirurg das Gerippe für Schafknochen erklärte. Ein mittlerweile durch das ſchnell verbreitete Gerücht herbeigekommener Schuh machermeiſter beſah ſich das Skelett, überzeugte ſich, daß es aus Menſchenknochen beſtehe und ermahnte den Bürger⸗ meiſter, den Vorfall der Behörde zu melden, wurde jedoch von dieſem barſch angelaſſen. Wie ſich aber ſelten ein ſolches Ereigniß verheimlichen läßt, ſo auch in dieſem Falle. Der Breuner meldete das Geſchehene dem Gerichte, welches die Sache kommiſſionell erhob, aber die anfangs ganzen Knochen eines Menſchen bereits total zerſchlagen, die Kleidungsſtücke klein zerſtückelt vorfand. Die Erklärung dieſes ſeltſamen Ereigniſſes bildete ſich die Fama dadurch, indem vermuthet wurde, das gefundene Gerippe ſei der Körper einer ſeit circa drei Jahren verſchwundenen ledigen Hauſirerin mit Leinwand aus Schleſien. Dieſe habe ge wöhnlich bei dem jetzigen Bürgermeiſter übernachtet, wenn ſie nach Immendorf kam; ſie habe damals bei 500 fl. Redigirt unter Verantwortlichkeit des Verlegers. Blätter für Ernſt und Humor V in Baargeld bei ſich gehabt. Thatſache iſt, daß in Folge der fortſchreitenden Unterſuchung der Bürgermeiſter ſeit 15. Juni ſich in gerichtlicher Haft zu Oberhollabrunn befindet. Bis zu einem eigenthümlichen Patriotismus hat ſich in New⸗York eine Hebamme verſtiegen, welche durch die„Staatszeitung“ bekannt macht, daß ſie es ſich zur Ehre aurechnen werde, den Frauen der in's Feld gerückten Krieger ihre Dienſte unentgeltlich widmen zu dürfen. Eine ſolche Reklame iſt gewiß neu. Gefährlichkeit photographiſcher Porträts. Dieſer Tage wurde in einem Münchner Gaſthofe ein bedeutender Diebſtahl an Geld, Uhren und Kleidern verübt; der Thä⸗ ter wurde aber auf eine eigenthümliche Weiſe entdeckt. In der Eile hatte er ſeine Photographie verloren und ſo den beſten Steckbrief ſelbſt in die Hände der Polizei ge⸗ liefert. Er mag es nun wohl bedauern, die Mode, ſich photographiren zu laſſen, mitgemacht zu haben. Das Vermögen des Hauſes Rothſchild, d. h. ſämmtlicher Familien desſelben in Fraukfurt, Paris, London, Neapel und Wien, ſoll gegenwärtig mehr als 200 Millionen Thaler betragen, eine Summe, die in Gold fünfzig Pferde zur Fortſchaffung erfordern würde. Kaiſer Rudolf der Habsburger kam einſt in der Gegend von Baſel durch einen Flecken, in welchem er einen Gerber ſeine ſtinkenden Felle aufhängen ſah.„Du möchteſt wohl auch lieber hundert Mark Goldes und ein hübſches Weib haben, als dies ſchmutzige Gewerbe treiben?“ ſagte der Kaiſer.„Was der Herr Kaiſer mir da geben will, habe ich ſchon;“ erwiederte der Gerber und Rudolf erklärte, in ſeine Herberge reiten und ſich überzeugen zu wollen. Der Gerber ließ durch ſeine Frau Speiſen und Wein in ſilbernen, vergoldeten Gefäßen auf⸗ tragen und begrüßte bald darauf den Kaiſer in einem brokatnen Rocke.„Aber warum traaßplfren bei ſolchem Wohlſtande ein ſo ſtinkendes G. vorige mals in Rudolf. „Weil all' dieſe ſchönen G Rzikows e, lauterankende Geſchäft erworben worden ſindder gute ait befo Gerber, „und bald fort ſein würden, wenn ich Rufgeben wollte.“ In Wien hat ein Huſarenofficier, Graf Szirmay, gewettet, vierzig deutſche Meilen in vierzig Stunden auf einem und demſelben Pferde zurückzulegen und die Wette gewonnen. Der Gewinn betrug 1000. Gulden. Eine tragiſche Geſchichte wird aus Wien gemeldet. In der Leopoldſtadt wohnte ſeit eimͤger Zeit anſpruchslos und eingezogen die Witwe eines Kaufmanns aus Preß⸗ burg, deren Mann ſich aus Schmerz über ſeine unver⸗ ſchuldete Zahlungsunfähigkeit ſelbſt entleibt hatte. Die Witwe hatte zwei Töchter, Zwillingsſchweſtern, die ein⸗ ander auf's Haar glichen und von ſolcher Schönheit waren, daß ſie bald in der ganzen Leopoldſtadt bekannte Perſönlichkeiten waren. Die eine Schweſter machte elne glänzende Heirat; die andere, Namens Regina, liebte einen jungen Mann aus Bukureſt, der zu wiederholten Malen um ihre Hand anhielt, aber immer wieder abge⸗ wieſen wurde, weil er nicht hinlänglich reich war. Die Leidenſchaft ſiegte; das unglückliche Mädchen fühlte ſich Mutter und wußte ihren Zuſtand zu verheimlichen. Eines Abends gebar ſie einen Knaben. In unſeliger Verblen⸗ dung und Verzweiflung warf ſie das Kind in den Abort. Eine Dienerin hörte das Wimmern des Kindes in der Cloake und rief den Hausmeiſter herbei, welcher das Kind noch lebend aus dem Kanal herauszog. Nach einigen Stunden verſchied es trotz der angewandten ärztlichen Hilfe. Die Verbrecherin war bald erforſcht und wurde verhaftet. Sie wuͤrde dem k. k. Landesgericht überliefert. Dort verfiel ſie in verzweiflungsvolle Lethargie und, wie die„Oeſt. Ztg.“ meldet, iſt ſie in Folge des großen Seelen⸗ leidens bereits geſtorben. Die Unglückliche war erſt ſieb⸗ zehn Jahre alt. Papier und Druck des art.⸗typ. Inſtituts von Carl Bellmann in Prag. —