⸗ in Bäumchen im Walde ruft entzückt: „O ſeht, wie herrlich bin ich geſchmückt! An meinen Zweigen allüberall änzt Diamant und Bergkryſtall!“ knarrt die Fichte, vom Froſte ſteif: „Das iſt ja Reif!“ Die Fiſclein fagen:„Was iſt denn das, Wir haben wohl gar ein Dach von Glas? Drauf tummelt ſich wie Mit lautem Jubel da Da ſpricht der Hecht, der „Das iſt ja Eis!“ Und wenn es recht beginnt zu ſchnein, Verwundern ſich ſehr die Vögelein: „Iſt denn der Frühling wieder da? Es regnet ja Blüthen fern und nah!“ — Da krächzt der Rabe:„O weh, o weh, Das iſt ja Schnee!“ Ber Marienſchacht. Eie Erzählung. Von Adolf Stern. (Schluß.) Lorenz Konrad hatte mit einigem Er⸗ ſtaunen die eilfertige Weiſe bemerkt, mit welcher Herr Richard Steinburg ſich in die An⸗ gelegenheit des Kohlenſchachtes hineintrieb. Der Agent hielt Steinburg im Anfang für einen zu klugen und beſonnenen Mann, um ſich weiter Hoffnungen zu machen, als diejenige, einige Gelder für Beſichtigungen und vorläu⸗ fige Agenturen zu erhalten. Nun die Dinge eine ſo unverhofft günſtige Wendung nahmen, reiften in ſeiner verdorbenen Seele, von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag zwei Pläne, die mit dem Steinburg'ſchen Hauſe in Verbindung ſtanden. Er wollte ſich bereichern, ſoweit er es ohne Gefahr für ſeine„Stellung“ in der Welt konnte, und er wünſchte die junge Frau zu demüthigen, die ihn hatte fühlen laſſen, wie hoch ſie ſich über ihn hielte an Bildung, am Herzen, an Herkommen. Erinnerungen. December 1858. 3— Erinnerungen.— ws Im Winter. Es ſenket ſich in der heiligen Nacht Ein Stern hernieder in Wunderpracht; Und jede Hütte, Erglänzet von ſeinem Freudenſchein. Die Kinder jubeln:„Geboren iſt ob groß, ob klein, Der heil'ge Chriſt!“ Wind geſchwind Dem Schneemann draußen— dem iſt's nicht recht; Er ſpricht ſo grämlich, wie Rab' und Hecht: „Ich hab' von Kohlen ein Augenpaar, Doch nahm ich nie ſolch Wunder wahr. Ein Stern vom Himmel?— Das kann allein 'ne Schnuppe ſein.“ Laß uns mit Deiner Weisheit Ruh, Du kohlenäugiger Schneeniann Du! Wem nie tiefinnen im Gemüth Ein Strahl von Poeſie erglüht, Der ſoll im warmen Sonnenſchein Ein Schneemann ſein! —— Ja, wenn er abwog, was ihm eigentlich die wichtigere Angelegenheit war, ſo entſchied er ſich für das letztere. Er war noch immer ſehr romantiſch der praktiſche Mann! Einen Au⸗ genblick, wo ſich keine Ausſicht bot, je mit dem Hauſe, das ihn zurückſtieß, in nähere Bezie⸗ hungen zu treten, hatte er wilde Wünſche gehegt, wüſte Bilder hatten ſich in einer von Lektüre und Leben gleich beſchmutzten Phan⸗ taſie geſtaltet. Bald erkannte er, daß Richard Steinburg nicht der Mann ſei, an deſſen Frau, und wenn er keinen Hauch der Neigung mehr für ſie empfinde, von einem andern, von ihm gedacht werden konnte. Aber zu demüthigen war ſie und demüthigen wollte er ſie. Alle Gefühle, die einen Pöbel, der einen Thron in Stücke ſchlägt, erfüllen, die einen Neider, der guten Ruf vernichtet, entzücken, waren Lorenz Konrad nicht fremd. Er blieb immer ro⸗ mantiſch der praktiſche Mann, und wie viel Mühe er ſich gab, an die Kohlenſchächte zu den⸗ ken, er dachte weit mehr an die ſtolze Blanka, die jetzt Sonntag für Sonntag ſeine Schänken⸗ witze vernehmen mußte. Herr Konrad täuſchte Steinburg, nicht ſich mit dem Gold, was aus den Stein⸗ W. Ernf. kohlen erſtehen ſolle. War er ja doch auch als Agent für Profeſſor Xaver gereiſt und hatte von dem berühmten praktiſchen Gelehrten eine Tantième erhalten, daß er ihm zur theuer ho⸗ norirten Abfaſſung eines wiſſenſchaftlichen Gut⸗ achtens verholfen. Jetzt wo der ſtrengſte Ernſt mit dem Unternehmen gemacht, eine Maſchine beſtellt, ein Steiger mit einigen Bergleuten gewonnen wurde, jetzt war es ſowohl dem Gelehrten als ihm etwas unbehaglich. Die Ausbeute konnte nur eine geringe ſein, ehe man überhaupt auf Kohlen ſtieß, verſchlang der Schacht Summen über Summen. Heute war es ein trüber Novembertag. Am Abend vorher hatte ſich Konrad bei der Rückkehr von einer der Geſchäftsreiſen, die er häufig zu machen pflegte, im Landhaus Ri⸗ chards eingefunden. Die Ueberfahrt nach dem andern Ufer war bei dem nebligen und ſtürmi⸗ ſchen Wetter nicht gut zu wagen. Richard Steinburg lud Konrad ein, ſich die Nacht in ſeinem Gaſtzimmer gefallen zu laſſen. Blanka, ſo ſehr ſie Selbſtbeherrſchung in dieſer trüben Zeit gewonnen hatte, erblaßte, als dieß ausgeſprochen war. Sie fühlte, daß eine Entweihung ihrem häuslichen Herd bevorſtehe, 45 — — 354 und daß ſie zu ſchwach ſei, denſelben zu ſchützen. Stumm begab ſie ſich aus dem Zimmer und ertheilte die nöthigen Anordnungen und Be⸗ fehle. So weit war es in wenigen Monaten gekommen, daß ein Menſch, dem Richard ſonſt das Haus verboten haben möchte, in dem⸗ ſelben mit den Rechten eines geachteten Freun⸗ des weilte, ja vielleicht ihrem Gatten unent⸗ behrlicher als ein ſolcher ſei. Konrad bemerkte das Erblaſſen Blan⸗ kas und legte ihm auch die richtige Deutung unter. Er ſchlief wenig; er dachte an die ſchlafloſe Frau, welche den Morgen des Herbſt⸗ tages herbeiſehnte, der ihre Schwelle von dem ſtörenden Gaſt befreien ſollte. Herr Konrad hatte einigen Grund zu glauben, daſs dies vielleicht minder ſchnell geſchehen würde. Und ſein Behagen war derart, daß er bei Tagesgrauen die Güte hatte, eine Einladung zum Familien⸗ frühſtück abzulehnen, und es vorzog auf ſeinem Zimmer den Kaffee zu trinken. Er ſaß noch ein wenig ungeſchickt in der prächtig gemuſter⸗ ten Ottomane, er ſchien weder elegante Mor⸗ genſchuhe, die er doch neuerdings gekauft, noch Fußteppiche gewöhnt zu ſein. Aber er dachte, das werde ſich finden. Um die neunte Stunde trat er in Ri⸗ chards Bureau. Der junge Kaufmann empfing ihn mit Haſt, forderte Berichte über vieles. Vom eignen Eifer wie von der Nothwendigkeit gedrängt, Reſultate zu ſehen, hatte Richard an ſeinen Kohlenſchächten trotz des heranna⸗ henden Winters beginnen laſſen. Gerade jetzt war ihm Konrad, der wirklich einige Ge⸗ wandtheit beſaß, höchſt nothwendig. Auch kannte er Geſchäftsgeheimniſſe, Geldangelegen⸗ heiten, die nur ein ſo junger vom Spekulations⸗ geiſt erhitzter Kaufmann einem Andern bekannt werden läßt. Konrad hielt ſich für unentbehr⸗ lich. Nach einigem Herüber⸗ und Hinüberreden erklärte Herr Konrad dem überraſchten Richard: „Leider werde ich noch vor Weinachten meine Stellung als Agent Ihres Geſchäftes verlaſſen müſſen. Es iſt mir eine vorzügliche Stelle als Buchhalter der Verſicherungskom⸗ paguie in M. angetragen worden, die ich kaum zurückweiſen darf!“ Der entſchiedene Ton, in welchem Konrad ſprach, ſchlug Richard Steinburgs Zwei⸗ fel nieder. Und warum ſollte es auch nicht möglich ſein, daß das Direktorium einer Kom⸗ pagnie dem zweifelhaft renommirten Manne das Zutrauen ſchenkt, was er ihm ſelbſt ge⸗ währt. Richard fühlte nun, daß ihm Herr Lorenz Konrad jetzt ſehr fehlen werde. So ſagte er: „Lieber wäre es, Sie blieben bei uns. Ich bin ja, wie Sie wiſſen, bereit, Ihnen einen An⸗ theil an dem begonnenen Werke zu ſichern, ich will auch Ihre proviſoriſche Stellung verbeſſern.“ „Reden wir offen: Mann gegen Mann“ entgegnete der Agent trauernd. Meine Stellung entbehrt des Vertrauens. Sie geſtehen mir keinen äußeren Beweis desſelben zu, das ver⸗ anlaßt mich weſentlich aus Ihrem Geſchäfte zu ſcheiden.“ „Was verlangen Sie aber dann 2“ ſagte Richard geärgert. Konrad zögerte doch einen Augenblick mit der Antwort:„Sie müſſen mir Procura er⸗ theilen, und den Leuten hier im Thale zeigen, daß ich wirklich Ihr Geſchäftsagent bin. Mei⸗ nen Sie, es fällt unſern Bauern und Berg⸗ leuten nicht auf, daß ich noch immer im Dorf⸗ wirthshauſe wohne, während hier im Hauſe leere Zimmer ſind?“ Richard erſchrak vor der zuverſichtlichen Unverſchämtheit des Agenten. Er überſah mit einem klaren Blick die zweideutige Vertraulich⸗ keit, zu der er herabgeſtiegen war. Er dachte auch an Blanka. Aber bereits im nächſten Moment hatte der Dämon, der ihn erfaßt, wieder die Oberhand. Er hatte ſich ſeit Mona⸗ ten gewöhnt, alle feineren Gefühle, alle auf⸗ wallenden Regungen als unpraktiſch, als ſchädlich anzuſehen. So ſcheuchte er ein warnendes Ehr⸗ gefühl zurück und entgegnete dem Fordernden: „Daß Sie Procura haben müſſen, ſehe ich ein. Ich werde ein Circulare an meine Ge⸗ ſchäftsfreunde erlaſſen. Alles andere muß i erſt mit meiner Frau beſprechen. Wir reden am Mittag weiter darüber.“ Aus dem Tone dieſer Worte klang es deut⸗ lich genug heraus, daß die Unterredung mit Blanka eine befehlende ſein werde. Herr Lo⸗ renz Konrad betrachtete ſich als Inſaſſen des Hauſes, und ging zurück nach dem Gaſt⸗ zimmer, dort den Inhalt ſeines Reiſeſackes— ziemlich ſeine Habe, die werthvollſte barg eine alte Brieftaſche— zu vertheilen. Richard begab ſich nach dem Zimmer Blankas. Die Wahrheit zu ſagen, war er etwas beengt und bedrückt, als er die Thür zu dem kleinen Kabinet vor Blankas Schlaf⸗ zimuter öffnete. Die vertraute Einrichtung: der grüne ſchwarzgemuſterte Teppich über dem Boden, der geſtickte am kleinen Sopha, der polirte Schreibtiſch, der Nähtiſch, die beiden Lehnſeſſel, die zahlreichen geſchmackvollen Klei⸗ nigkeiten kamen ihm fremd vor. Und dort grüßte ihn ſein junges ſchönes Weib; die Freude über den unerwarteten Morgenbeſuch glänzte auf dem ſchönen Geſicht. Was wollte er thun? Wie ſie in ihrem Häubchen, im Morgenanzug vor ihm ſtand, glänzend weiß und rein, ſchien das nicht, wie eine Aufforderung zu ſchweigen? Er brachte ſtockend hervor: „Liebe Blanka, es wird nothwendig ſein, daß Herr Konrad einige Zeit von unſeren Gaſtzimmern Beſitz nimmt.“ Diesmal erröthete Blanka vor Zorn und Scham, doch ſagte ſie: „Was nennſt Du einige Zeit?“ „Die Geſchäfte machen es für mich noth⸗ wendig, Konrad ſtets um mich zu haben.“ Blanka that einige Schritte nach Ri⸗ chard hin. Sie blieb vor ihm ſtehen, ſah ihm entſchloſſen ins Geſicht und ſagte immer noch bittend: „Richard— das ſprachſt Du nicht aus Ueberzeugung. Du darſſt ja keine Geſchäfte haben, die Dich zu etwas bringen, was nicch er⸗ niedrigen, was Dir zum Unheil gereichen muß. Richard, ich flehe Dich an, bei aller Deiner Liebe— ſtehe ab von dieſem Verlangen!“ Klingt die Stimme ſorgender Liebe ſo ſchrill? Der junge Mann glaubte nichts zu vernehmen, als den Ruf des Vorurtheils, des überſpannten Frauenherzens, die ihm ſeine Wege als Mann und Mann des Tages kreuzen wollte. Und raſch verflog ſeine Unentſchloſſen⸗ heit, er wies ſich ſelbſt zurecht, ſcheuchte den Warner in ſich und rief: „Es muß aber ſo ſein. Was ich verſtändig erwogen, ſoll mir die Thorheit nicht zerſtören!“ Und nach ſolchen Worten ließ er ſeine Frau allein. Troſtlos, ſchluchzend, ig haltlos barg Blanka ihr Haupt in demt einſamſten Winkel des Kabinets. Es war ihr, als könne das höh⸗ niſche Lächeln, das ſie bei dem ſchmutzigen iten richtig vorausſetzte, überall hin drin⸗ Mitten in der Oede eines Schmerzes, der im ſo mehr überwältigte, weil ſie noch kla⸗ res Bewußtſein beſaß, ſtöhnte ſie: „Und es iſt doch ſo. In ſeiner Welt, in ſolcher Welt hat die Neigung keine Stätte! Was ſoll ich thun? Selbſt wenn ich das er⸗ tragen will, es wird dabei nicht bleiben!“ Es blieb wirklich nicht dabei. Herr Lorenz Konrad nahm ſeine Wohnung in dem elegan⸗ ten Hauſe und war der immerwährende Gaſt beim Mittags⸗ und Abendtiſch. Blanka er⸗ ſchien freilich häufig nicht, ließ ſich mit Un⸗ wohlſein entſchuldigen. Konrad hatte auch dagegen nichts einzuwenden, er fühlte, ſie ſei gedemüthigt durch ſeine bloße Gegenwart in ihrem Hauſe. Lieber war es ihm freilich, wenn er der ſchönen Frau durch Rohheiten oder Zweideutigkeiten das Blut in die Wangen trei⸗ ben konnte. Auf Richard übte die Anweſenheit Kon⸗ rads den unglücklichſten Einfluß. Er gewöhnte ſich fortgeſetzt nur ſeinen Geſchäften Beachtung zu ſchenken, alles andere als unweſentlich und nebenſächlich anzuſehen. Bald verlor er die Empfindlichkeit, welche er bis vor kurzem der Unbildung und dem geſpreizten Parvenuthum Konrads gegenüber noch gehabt hatte. Das fortwährende Beiſammenſein, der fortwährende geſchäftliche Verkehr erzeugten zuletzt eine Ge⸗ meinſchaft, eine Vertrautheit, die auch in Aeu⸗ ßerlichkeiten bemerkbar wurde. So verging der Winter, Blanka ver⸗ lebte Weihnachten, die ihre ungetrübte Seele grauſam peinigten, ſie litt, was nur ein junges Weib leiden kann, die in ſolchen Verhältniſſen keinen Schritt vorwärts, keinen Ausweg, keine Ausſicht weiß, die keinen Rath von Andern zu erbitten wagt, in der Furcht, damit den letzten Halt zu zerſtören. —— ——— — ͤ& Rſchard wagte kaum mehr Blanka anzuſekn. Mochte er auch in ſich hinein von Kindechorheiten und krankhafter Empfindlich⸗ keit ſprchen, ſo gab es ein Traumbild in ihm, welche für ſeine wahre und innerſte Empfin⸗ dung ſrach. Wenn das große Kohlenwerk im Gang! wenn der erſte beträchtliche Gewinn gemazt ſein würde, dann wollte er ſein Weib und ein Haus von Lorenz Konrad be⸗ freien ſelbſt wenn es Verluſte koſten ſollte. Aer ſo weit mußte der Schacht, an dem bei dr erſten Ahnung einer Frühlingswitte⸗ rung gearbeitet wurde, fein, ehe Richard überh upt an freies Aufathmen denken konnte. Die anze Unternehmung nahm große Sum⸗ men in Anſpruch. Lorenz Konrad verreiſte einmalum das andere mit wohlgefüllter Geld⸗ taſche, vhrte leer zurück und hatte noch Wechſel ausgeſtelt. Beinahe gingen die Anlagekoſten ſchon übr Steinburgs Vermögen hinaus. Abef ſelbſt dieß, was er ſo ſorgfältig vor ſeinem Veibe verhehlt hatte, ſollte den Zwie⸗ ſpalt mi ihr erweitern. Blanka beſaß ein kleines Vermögen, das ſie der Verwaltung Ri⸗ chards übergeben hatte. Jett erſchien es ihm wünſchenswerth, dasſelbe im Intereſſe des Un⸗ ternehmens, auf das er mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit ſeine Hoffnungen ſetzte, zu ver⸗ wenden. Er hätte dieß ſtillſchweigend thun kön⸗ nen, da das Kapital einmal in ſeinem Geſchäfte ſtand, aber ein gewiſſes feines Gefühl hielt ihn davon zurück. Er unterrichtete alſo Blanka, war aber nicht wenig erſtaunt, als ſie mit eini⸗ ger Feſtigkeit entgegnete: „Wenn Deine Umſtände es irgend geſtat⸗ ten, lieber Richard, ſo bitte ich Dich, mein Vermögen nicht in dieſer Unternehmung zu ver⸗ wenden. Ich bitte ernſtlich, es graut mir ſelbſt bei dem unglücklichen Unternehmen betheiligt zu ſein, ja es iſt mir oft, als wenn mein kleines Vermögen uns allein aus dieſem unſeligen Schacht wieder emporhelfen könnte!“ Erbittert über dieſe offene Ausſprache ſei⸗ nes Weibes ging Richard davon. Ueberall glaubte er den Bergrath Halden zu verneh⸗ men, deſſen Urtheil galt alſo ſeiner Frau mehr, als das Vertrauen in ſeine Einſicht, ſeine Klugheit. Richard redete ſich immer tiefer in die Gereiztheit gegen ſeine Frau hinein. Er fühlte nur noch ſelten, wie Unrecht er dem lie⸗ benden Herzen thue, es bedurfte nur einer äu⸗ ßerlichen Veranlaſſung, auch das letzte Band, welches die beiden, ſonſt ſo glücklichen Menſchen beiſammenhielt, zu löſen. Lorenz Konrad war in den letzten Ta⸗ gen wieder ſehr geſchäftig geweſen. Ein milder Vorfrühling zog durchs Land, der Eisgang des großen Stromes war bereits im Anfange des März zu Ende, jetzt um die Mitte dieſes Monats trat das erſte Grün an's Licht. Auf den Kaiſerfeldern hatte ſich die harte Erde zu⸗ ſehends erweicht. Die Arbeiten am Kohlen⸗ ſchachte nahmen ihren ungeſtörten Fortgang. Uebermorgen ſollte die feierliche Weihe, die Taufe des neuen Werkes vor ſich gehen. Richard athmete tief auf, wenn er an dieſes Uebermorgen dachte. Er wußte, daß noch immer große Opfer nöthig ſein würden, ſo große Opfer er auch gebracht hatte. Manchmal in den letzten Tagen zuckte es wie ein Verdacht durch ſeine Seele, daß Lorenz Konrad nicht ganz ehrlich am Geſchäfte handle. Es blieben Zahlungen aus, es kamen Irrthümer bei Zahlungen vor, die er ſich nicht recht erklä⸗ ren konnte. Aber die Suada des Agenten, die lockende Hoffnung auf den Sommer beſchwich⸗ tigten gleichmäßig ein Mißvergnügen, das bei ſtrengerer Prüfung vielleicht dem Agenten ge⸗ fährlich werden konnte. Heute waren Steinburg und ſein Agent in dem nahen Kreisſtädtchen geweſen. Der er⸗ ſtere lud einige Geſchäftsfreunde zu der über⸗ morgen ſtattfindenden Einweihung des neuen Kohlenſchachtes und machte Einkäufe für ein ſolennes Frühſtück, welches er dabei zu geben beabſichtigte. Sein Agent hatte Geſchäfte auf dem Rathhaus, eine Kleinigkeit, wie er Ri⸗ chard ſagte. In der That ließ er ſich allein den Paß nach England ſchreiben und nickte vergnügt, als der Beamte fragte: Nach Nor⸗ thumberland?„In Angelegenheiten unſerer großen Kohlenunternehmungen.— Ich denke, es wird die letzte Reiſe deshalb ſein,“ ſetzte er, ſcheinbar unbefangen hinzu. Der Beamte drückte das Siegel auf den Paß und verwunderte ſich insgeheim, wie leicht es ſei, zum großen und geachteten Geſchäftsmann emporzuſteigen. Er dachte vermuthlich an die Zeit zurück, wo man auf den untergeordneten Agenten immer ein wenig polizeiliche Acht hatte. Bei der Rückfahrt machte ſich die Wirkung der genoſſenen ſchweren Weine geltend. Ri⸗ chard hatte nicht überall angenehme Geſchäfte gehabt, Herr Lorenz Konrad bezeugte ſeine alte Neigung für den Keller des„Italieners“ im Städtchen. Port und Tokayer hatten ſich abgelöſt, der Abend war wieder feucht, wie es die Abende im Vorfrühling ſind. Vom Strome, längs welchem das leichte Fuhrwerk Richards hinflog, kam ein kühles Wehen. Das Waſſer begann eben ſich dunkler zu färben, nachdem die wenigen Sonnenſtrahlen verſchwanden. Aber Richard hatte ſchon längſt das Auge für die Schönheit der ihn umgebenden Natur verloren. Es fiel ihm auf, daß er in den Tagen der Lei⸗ denſchaft und der Schwärmerei mehr innere Ruhe gehabt, als gegenwärtig, wo ſeine Seele wie es ſich für den Mann geziemt, nur mit Zahlen und Briefen erfüllt war. Doch war er auch nicht geneigt, darüber zu grübeln, er wandte ſich vielmehr zu ſeinem Gefährten, dem die Stille aufing peinlich zu werden. Lorenz Konrad erzählte luſtige Streiche, Liebeshän⸗ del und Abentener. Richard wurde gleichfalls davon ergrif⸗ fen. Er erinnerte ſich einer Jugendverirrung, einer Neigung, die ihn für einige Monate zu den Füßen einer Kokette geführt hatte. Der 35⁵ Aufblick zu der jungfräulichen Blanka hatte ihn damals zu ſich ſelbſt gebracht, und bis heute dachte er nicht gern an dieß Erlebniß zurück. Aber jetzt, wo Lorenz Konrad luſtig von Frauen und Mädchen ſchwattte, erſchien das Bild von Frau Marie— ſo hatte ſeine Schöne geheißen— wieder licht vor ihm. Auch er be⸗ gann ſich in Erinnerungen zu vertiefen. Mit wilder Freude, daß der ſtolze gebildete Mann jetzt in nichts von ihm unterſchieden ſei, hörte Konrad zu. Die Herren fuhren am Hauſe vor, als es ſchon völlig dunkel geworden. Sie ſtiegen aus und Richard plauderte noch im⸗ mer; das Thema ſchien unerſchöpflich. Er kam darauf zurück, als ſie in dem reizenden Parlour ſaßen, das der Zeuge erſter Zerwürfniſſe eines glücklichen Paares geweſen. Konrad bereitete noch ein Glas Punſch, Richard hatte das weinſchwere Haupt auf den Tiſch geſenkt, und ein Beobachter mußte bemerken, daß es die Energie eines Trunkenen war, mit der er ſo oft den Namen Marie ausſprach. Konrad hatte ſofort bemerkt, daß die Thür zum Muſikzimmer nicht feſt verſchloſſen und in demſelben Licht befindlich ſei. Er errieth richtig, daß ſich Blanka daſelbſt befinden müſſe. Und obwohl er nicht mehr ſonderlich an die gede⸗ müthigte Frau gedacht hatte, ſo ſchoß ihm noch ein übermüthiger Gedanke in das wein⸗ erhitzte Gehirn. Blanka hatte mit Zittern die beiden Männer heimkommen, mit ſchweren Schritten in das Parlour treten hören. Sie war um ſo aufgeregter, je anhaltender ſie ſich dieſen Nach⸗ mittag, zwiſchen vergeblichen Verſuchen zu mu⸗ ſiciren, mit den Erlebniſſen der letzten Monate beſchäftigte; mit der Gewißheit, Glück und Liebe ſei für lange— noch wagte ſie nicht das Wort immer zu denken— zerſtört. Sie drückte das Licht der großen Aſtrallampe, die auf dem Flügel brannte, ſo tief hinein, daß es nur noch einen ſchwachen Schein gab, beinahe erloſch. Das Geräuſch, welches von den Gläſern, dem unſichern Auftreten veranlaßt wurde, ſchnitt ihr beinahe ebenſo in die Seele, als der Name, den Richard ausſprach. Jetzt aber hörte ſie Konrad ſagen: „Da Sie einmal ſo glückliche Erinnerungen haben, Steinburg, ſo ſollten Sie dieſelben zu behalten trachten. Sie ſagen ja, daß Ihre kleine Frau nichts von unſerem Kohlenſchachte wiſſen mag, ſeien Sie friſch und taufen ihn Marienſchacht!“ Richard jubelte auf, verſicherte Herrn Lorenz Konrad, er ſei ein köſtlicher unüber⸗ trefflicher Burſche und der Einfall Goldes werth. Konrad aber horchte aufmerkſam nach dem Muſikzimmer hin, von deſſen Exiſtenz der trunkene Richard keine Ahnung zu haben ſchien. Dann erinnerte er den Letztern, daß mor⸗ gen, als am Tage vor der Einweihung, noch eine kleine Reiſe nöthig ſei, ließ den beharr⸗ lichen Trinker allein, und ſtieg die Treppe zu ſeinem Zimmer hinauf. 356 Er lächelte höhniſch vor ſich hin, hatte den eleganten Hut, den er ſeit einiger Zeit ſtatt des abgegriffenen trug, ſchief und verwegen über den Kopf geſtützt, fühlte nach der Brief⸗ taſche, in der ſein Paß und andere werthvollere Papiere lagen. Er pfiff— in der Abſicht, Blanka im Vorübergehen ſein Daſein be⸗ merklich zu machen. Aber da war ſie ja ſelbſt. Entflohen aus dem Muſikzimmer, die Treppe empor, und dort hatte ſie die fiebernde Erregung einen Augen⸗ blick zur Ruhe gezwungen. Da war ſie ſtehen geblieben, ſinnend vermuthlich über das Weh ihres jungen Herzens. Und noch einen Augen⸗ blick des Traums, ſo berührte ſie das Leben in ſeiner häßlichſten Geſtalt. Herr Konrad, der ſie im Dunkel erkannte, ſchlang ſeinen Arm um ihren Nacken, ſie fühlte den Weindunſt an ihrem Geſichte, mit einem Rufe des Ekels, des Abſcheus wandte ſie ſich ab,— ſtürzte nach der Treppe, ein helles Gelächter folgte ihr. Aber Blanka vernahm nichts. Sie eilte durch das Muſikzimmer, ergriff dort die Lampe, trat oder ſprang vielmehr in das Parlour, wo Richard zuſammengedrückt, trunken und froſt⸗ ſchauernd ſaß. Bebend ſtellte ſie ſich vor ihren Gatten, auf den der matte Schein des Lichtes fiel. Und trotz des Lichts, trotz ihrer Augen, bemerkte ſie nicht die rothen erhitzten Augen, das ſchlaff herabhängende Haar, die abgeſpann⸗ ten Züge. Der Schmerz, der Schimpf des Au⸗ genblicks ſchien ſie der Sinne beraubt zu haben. Nur die Sprache war ihr geblieben, die heftige, drängende Sprache der Verzweiflung, mit der ſie rief: „Richard, der Elende, dem Du Dein Haus geöffnet, hat mich beſchimpft! Er verläßt morgen dieſe Schwelle! Du weiſeſt ihm die Thür! Und der Schacht, den Du begründet— hörſt Du?— wird nicht der Marienſchacht heißen! Nicht ſo, um meinetwillen!“ Einen langen Angenblick zögerte er mit der Antwort. Er fühlte, daß er nicht klar Alles begriffen habe, was ſeine Frau von ihm wollte, aber es kam ihm vor, als ſolle eine Schwär⸗ merei den guten Gang ſeines Geſchäfts unter⸗ brechen. Mit ſo vielem Trotz, als nur ein Trunkener haben kann, ſchrie er: „Konrad bleibt. Und mein Schacht iſt der Marienſchacht!“ Blanka zuckte, ſie griff nach einer Stuhl⸗ lehne. Noch einmal ſtöhnte ſie: „Wird Konrad nicht gehen?“ „Nein! nein!“ trotzte Richard, der ſich über ſein Mannesthum freute. Die Lampe, welche in der Hand der jungen Frau bisher geſchwankt hatte, fiel klirrend zu Boden, Glocke und Cylinder zerſplitterten. Blanka war es, als rinne ſchmutziges Oel über ihre Füße, als ſchnitte ein Glasſplitter in dieſelben, indem ſie floh. Aber das war unge⸗ wiß, Blanka fühlte nichts, wußte von nichts. Sie war in ihrem Zimmer, ſie war in die Knie zuſammengebrochen, ihr Kopf brannte, aber was ſollte das alles gegen die Gewißheit, die bohrend in Nerven und Fibern drang; die Gewißheit, es ſei aus zwiſchen Richard und ihr. Spät in der Nacht verriegelte ſie ihr Zim⸗ mer und ſetzte ſich zum Schreiben. Am andern Morgen in aller Frühe verließen Richard und Herr Konrad das Haus, der erſtere mit dem Bedeuten, daß er die nächſte Nacht nicht über den Strom zurückkommen, ſondern beim Gebäude des Schachtes bleiben werde. Er laſſe ſeine Frau erſuchen, ſich am Morgen des fol⸗ genden Tages zur Einweihung mit einzufinden. Es war Richard bei dieſen Aufträgen, als habe er in der Nacht einen wüſten Streit mit ſeinem Weibe gehabt, aber er beſann ſich nicht klar. Lorenz Konrad ging nach der nächſten Eiſenbahnſtation. Dieß wußte Richard,— aber ſchwerlich, wohin Herr Konrad, der auf das Landhaus am Strom und nach den ver⸗ hüllten Fenſtern Blankas eine Art Abſchieds⸗ blick warf— ſeinen Fahrſchein löſte. Im Hauſe des Bergrath Halden, am „Dallwitzer See“ war es den Winter über ſtill geworden. Es war erſt ſeit einigen Tagen be⸗ wohnt; um nicht in der Einſamkeit des Land⸗ lebens aufzugehen, brachten Halden und ſeine Gattin regelmäßig ein paar Wintermonate in der großen Stadt zu. Indeſſen hatten Beide auch dort mit aufrichtiger Bekümmerniß von dem Leben im Steinburgſchen Hauſe von Andern vernommen. Blanka hatte ſich getreu an das Verbot ihres Mannes— das die Bergräthin ahnte — gehalten, und nicht einmal über ihre Lage, über alles, was ihr Leben vertrübte, an die Freundin, zu der ſie immer mit dem Vertrauen einer Schülerin aufſah, geſchrieben. Die Märzſonne überlief die letzten feſten Schollen, die der Eisbruch ans Ufer getrieben hatte, ſo daß tauſend Funken in ihnen blitzten. Der Hintergrund des Bildes, obwohl Weiden und Erlen blattlos in die reine Luft hinein⸗ ragten, war durch die Gruppen des Nadel⸗ holzes, die einen Theil des Bergwaldes bilde⸗ ten, noch immer anmuthig genug. Die Berg⸗ räthin hatte die weibliche Arbeit, mit der ſie beſchäftigt war, in den Schooß ſinken laſſen, und wurde nicht müde, durch das geöffnete Fenſter nach Waſſer und Wald auszuſchauen. Selbſt das Geräuſch eines nahenden Wagens lenkte ſie nicht ab von dem ſtillen Betrachten. Wohl aber ſchrak ſie empor, als ihre Thür geöffnet wurde, eine Frauengeſtalt in Mantel und Schleier über die Schwelle trat. Es war Blanka, die ihr wortlos, thränenlos, bleich entgegentrat: Die Bergräthin wagte nach ihrem freudigen Gruß keine Frage zu thun, der An⸗ blick der jungen Frau erſchütterte ſie zu ſehr. O, Helene Halden wußte beſſer als tau⸗ ſend Andre, was Sorge und Leiden heißt, wußte, welche Spuren ſie auf dem Menſchengeſicht zu furchen pflegt. Aber ſo hatte ſie ſich nie geſe⸗ hen, ſelbſt wenn ſie nach durchweinten Nächten, nach erlittenen Demüthigungen, nach zrſtörten Hoffnungen vor ihren Spiegel trat. Einige Minuten blieben die beiden Frauen zortlos, nur ihre Augen ſprachen. Endlich begann Blanka:„Es iſin kur⸗ zer Zeit zum äußerſten gekommen, ich reſe eben zu meinen Eltern. Liebe Freundin, Si ſehen mich gefaßt!“ Blanka ſprach eine Lüge, die ihre leichen Lippen, und das ſchmerzliche Zucken des Ceſichts widerlegten. Die Bergräthin legte ihr Hand auf die Schulter der zitternden Frau: „Aber das iſt ja entſetzlich! Blank, hal⸗ ten Sie inne, thuen Sie keinen Schritt, ſuchen Sie Rath bei Andern. Es kann das umöglich in wenig Monaten unwiderruflich ſo neit ge⸗ kommen ſein.“ „Es iſt dennoch ſo!“ entgegnete Zlanka tonlos. Und nun begann ſie die tribe Ge⸗ ſchichte ihrer letzten Lebensmonate zu erzählen, von jenem friedlichen Abende, der ſo herb ge⸗ ſchloſſen, an. Sie ſprach mit den ſchmendſten Worten über Richard, aber die Begräthin, die das Alles viel leichter, viel weriger tief⸗ eingreifend gedacht hatte und nun erfahren mußte, was Blanka berichtete, errathen mußte, was ſie zartfühlend verſchwieg, begann zu denken, die Entfernung der jungen Frau aus dem Hauſe ihres Gatten ſei keine Ueber⸗ eilung. Doch fragte ſie noch immer, ja noch dringlicher: „Und Sie fühlen ſich nicht fähig zu blei⸗ ben?— Nur einige Zeit noch Geduld zu haben?“ Blankas Antlitz wurde jetzt mit hellem Roth übergoſſen. Leiſer, aber feſt antwortete ſie:„Ich bin nicht Richards Schweſter, ich bin ſein Weib. Helene, Sie ſind eine Frau und älter als ich. Ihnen darf ich das ſagen. Meinen Sie, daß ich morgen erwarten darf, wenn Richard heimkehrt und mich mit den Lippen küßt, die jenem Elenden den Bruderkuß gegeben haben? Soll mich der Arm umſchlin⸗ gen, der mich nicht ſchützt? Und ſoll“— ich frage Sie—„ſoll ein Kind, das wir in der Zeit heiligen reinen Glückes umſonſt erſehnt, einer Trunkenheit von der Einweihung de Marienſchachtes ſein Leben danken?“ Die Bergräthin war beſiegt. Sie konnte, ſie durfte nichts erwiedern. Sie begriff vollſtän⸗ dig das Elend einer Frau, der die Heiligkeit der hingebenden Liebe entweiht iſt. Nie hatte ſie ſo ſehr ihren Franz herbeigeſehnt, als jetzt, wo die ſchluchzende Blanka neben ihr ſaß. Sie bat dieſelbe zu bleiben, mindeſtens bis der Bergrath käme, der verreiſt und vor Abends nicht zu erwarten war. Blankas Entgegnung beſchränkte ſich auf die Worte,„ſie wolle keinen Anlaß geben, Richards Erbitterung gegen dieſes Haus zu ſteigern, ihr einziger Platz ſei bei ihren Aeltern.“ Nach einer Stunde, in welcher Helene Halden ſchmerzlich die Unmöglichkeit erkannte, hier zu helfen, hier nur aufzuhalten, nahm Blanka Abſchied von ihr und der Wagen führte ſie zur nächſten Eiſenbahnſtation, der Mittagszug nach D. In der Villa am Strom war es ſehr einſam geworden. Unterdeſſen erfreute ſich Richard Stein⸗ burg ſeines„Marienſchachtes“. So ſollte er heute getauft werden, und der Platz um das Haus, um die Einfahrt war bereits feſtlich zur Weihe geſchmückt. Die ausgeworfenen Erdhau⸗ fen waren rund um die Tiefe feſtgeſchlagen wie Zuſchauertribunen, das Haus mit grünen Guir⸗ landen, nach innen aus Winterreis, und einigen bunten Fahnen geziert. Die Arbeiter, die Berg⸗ leute, die am Schacht geholfen hatten, immer unter Kopfſchütteln und der Meinung, er werde keine Ausbeute bringen— Alle zeigten ſich, wie es dem feierlichen Tage angemeſſen war, und wie es die in Ausſicht ſtehende Bewirthung ver⸗ diente. Das Muſikkorps des nächſten Land⸗ ſtädtchens, große Schaaren neugieriger Zu⸗ ſchauer fehlten nicht, obgleich der Märzmorgen empfindlich kalt war und graue Nebel über dem Strom hingen. Das Dampſſchiff hatte in der Nähe der Kaiſerfelder einige Gäſte gelandet, auch Wagen ſteuerten von anderer Seite dem einſtöckigen neuen Hauſe zu, das in der Mitte der wüſten unbeſtellten, vom Winter arg zer⸗ wühlten Felder lag. Richard hatte geſtern, nachdem er ſein Haus verlaſſen, und bis zu dieſem Morgen keine frohe Stimmung gehabt. Es lag ihm viel auf der Seele, er ahnte, daß er in ſeinem trun⸗ kenen Zorne überaus hart gegen Blanka ge⸗ weſen ſein müſſe. Das aber war es nicht allein. Die Nacht, die er in dem neuen Geſchäftshauſe zubrachte, hatte er dazu angewendet eine Ueber⸗ ſicht über den Stand des neuen Geſchäfts zu gewinnen. Er hatte ſie erreicht, und ſie war nicht erfreulich. Wenn nur erſt der heutige Tag vorüber und die Angelegenheit im ruhigen Gange wäre, ſo wollte er mit Lorenz Kon⸗ rad ernſte Rückſprache nehmen. Er trat hinaus und wurde von einzelnen ſeiner Gäſte, von dem Haufen der Arbeiter mit lautem fröhlichem Zuruf empfangen. Wo nur ſeine Frau, wo ſein Agent, die vom andern Stromufer kommen mußten, bleiben? Trotz des ſcharfen Märzwindes, der ihm entgegenblies, ſuchte er den Stromnebel zu durchſpähen, ob kein Boot überſetze. In dieſem Augenblicke übergab ihm ein Knabe, den er für kleine Beſorgungen in ſeinen Dienſten hatte, ein paar Briefe. Richard blickte dieſelben erſtaunt an; es war die Hand der beiden Erwarteten: Blankas und ſeines Agenten. Was ſchrieben dieſe zuſammen? Er eilte in ſein Geſchäftszimmer; die Gäſte bei gutem Ungarwein und kalter Küche geduldeten ſich wohl noch eine Weile, die Arbeiter wurden ungeduldig. Während man um den Schacht und das Geſchäftshaus nicht begriff, was vorgehe, ſprengte ein einzelner Reiter über das Feld, vor —ᷣ—ᷣ—ÿ—ÿ—ꝛxx das Haus, ſprang kurz vom Pferde und trat mit unverkennbarer Haſt in den Flur. Einzelne Gäſte grüßten ihn mit„guten Morgen, Herr Bergrath!“; er frug ohne viele Umſtände nach Steinburg, und als er erfuhr, daß der⸗ ſelbe in ſeinem Comptoir ſei, trat er ohne Um⸗ ſtände in dieſes. Da lehnte Richard Steinburg, er⸗ ſchüttert und geängſtigt an ſeinem Schreibpult. Eben hatte er die beiden Brieſe geleſen; Lo⸗ renz Konrads, der ihm ſchrieb, daß er vor der Hand nicht zurückkehren werde; ſeines Wei⸗ bes, die ihn zwiſchen Thränen und letzten Lie⸗ berſägbien bat, über ihr Vermögen frei zu verfügen, ihr zu vergeben, daß ſie nicht blei⸗ ben könne. Ihr zu vergeben? In Richards Kopf wirrten ſich wüſte Gedanken. Der Bergrath Halden, der eintrat, wollte ſicher in ein höhniſches Gelächter über dieſe Worte ausbre⸗ chen! Und war es nicht Hohn über ſein Un⸗ glück, ſeine Thorheit, die er jetzt blitzartig und in einem Momente erkannte, daß die Muſik draußen anfing, einen fröhlichen Bergreigen zu ſpielen; daß die Gäſte im andern Zimmer mit den Gläſern klirrten und auf das Wohl, das glückliche Gedeihen des„Marienſchachtes“ anſtießen? Gewiß, es war Hohn— und Richard wußte eigentlich nicht, warum er dem Berg⸗ rath verzweifelt entgegenrief: „Mein Weib verläßt mich; mein Agent ſcheint ein Betrüger, er iſt flüchtig, er iſt ſicher flüchtig—“ „Reiſt er nicht für Sie nach England? Er hat vorgeſtern ein Viſum dorthin erhalten bei dem engliſchen Konſul in D.“ Jetzt war Richard betäubt. Kraftlos ſetzte er ſich in einen Rohrſtuhl; der Bergrath, der zur Rückſprache gekommen war, rief ihn an: „Etwas müſſen Sie thun! Sie dürfen ſich nicht übermannen laſſen! Sie müſſen ſich Ihr Weib oder Ihr Geld zu retten ſuchen!“ Da flammte Richard empor. In ſeinem Auge glänzte wieder der alte edle Ausdruck; empört rief er:„So ſchlecht halten Sie mich, mein Weib oder mein Geld?— Bergrath Halden“, fuhr er ruhiger fort,„ich eile über den Strom, zur Eiſenbahn. Ich will nach D., will zu den Füßen, vielleicht wieder zum Herzen Blanka's. Dann, Bergrath, laſſen Sie mich ſehen, wie ich meine Verluſte aus⸗ gleiche. Sie aber haben die Güte, meinen Gäſten die ſchleunige Abreiſe mitzutheilen und zu ſagen, daß der Schacht heute nicht geweiht wird.“ Fünf Minuten ſpäter eilte Richard Steinburg auf Haldens Pferde nach der Stromfähre, weiter, weiter, weiter. Der Bergrath, ehe er mit den Gäſten ſprach, raunte für ſich:„Sein Glück ſcheint gerettet! Es wird, nachdem auch er und ſie gleich uns den Kampf beſtanden, feſt, dauernd, unverrückt ſtehen, wie das unſere!“ Das Haus und der Garten am Strom ſtehen noch, ſind ſtattlicher geworden; der Koh⸗ lenſchacht auf den Kaiſerfeldern liegt verfallen zwiſchen grünen Wieſen und das Volk der Ge⸗ gend erzählt ſich bereits Sagen vom ungetauf⸗ ten„Marienſchacht.“ —— Wie Einer ein Maler wurde. Von Max Dorn.(M. Roſenheyn.) 1. Mit ungewöhnlicher Strenge hatte der Winter Schweden heimgeſucht. Die in den meiſten Gegenden ſpärliche Ernte des vergan⸗ genen Jahres machte ihn doppelt ſchwer und in manche Hütte waren Noth und Sorge als trau⸗ rige Gäſte mit ihm eingezogen. Schon miſchte man die Birkenrinde unter das Korn zum küm⸗ merlichen Brod, und manches Antlitz, auf das die Geſundheit bisher ihren heitern Stempel geprägt hatte, verkündete jetzt mit ſeiner gelben Farbe die trübe Geſchichte des Mangels. Mit dem Menſchen litt das Vieh, deſſen Nahrung von Tag zu Tag kümmerlicher wurde, und manche Bäuerin, die früher zur Zeit der Füt⸗ terung ſo froh in den Stall getreten war, ging jetzt ſchweren Schrittes dahin, weil ſie ſo wenig ſpenden konnte, und traurig und ſchweigend trug ſie den leichten Milcheimer in's Haus, deſſen ſchwere Laſt ſie immer ſingend getragen hatte. Nicht wie ſonſt glitten die Schlitten mit jubelnden Kindern die Höhen hinab; es war als hätten auch ſie ihr holdes Eigenthumsrecht auf die Freude verloren. Jedem, der ſelbſt nur als Fremder dieſe Gegenden beſucht hätte, würde es Leid gethan haben, die ernſten klei⸗ nen Geſichter zu ſehen; wie doppelt ſchmerzlich mußte es denn dem treuen Pfarrer Lenſtröm ſein, der auf einer Morgenwanderung in ſei⸗ nem Kirchſpiel begriffen, ſchon manche trübe Parallele zwiſchen ſonſt und jetzt gezogen hatte, und auf's neue ſo ſchmerzlich von der Verän⸗ derung ergriffen wurde, als er eine Schaar ſeiner kleinen Freunde auf einem freien Platze verſammelt fand. Als er ſtillſtand und ſiefreund⸗ lich grüßte, zogen die Knaben ihre rothen Filz⸗ mützen ab und die Mädchen machten ihren be⸗ ſten Knix. Wie vermißte er aber die rothen fri⸗ ſchen Wangen und die fröhlich ſtrahlenden Au⸗ gen, und wie ſo gern hätte er die ganze Schaar in eine volle Speiſekammer geführt! Doch auch in ſeinem Hauſe waren die Vorräthe nur klein und reichten kaum für die Bedürfniſſe ſeiner Familie hin. Das ermunternde Wort aber hatte und gab er, und es verbreitete einen flüch⸗ tigen Sonnenſchein über die ernſten kleinen Ge⸗ ſichter, über alle, bis auf eins. Er bemerf⸗ es und fragte:„Was fehlt Dir, Halvp Da füllten ſich des Knaben große blauf. 3⁵⁸ mit Thränen; er trat aus dem Kreiſe, faßte vertraulich des Predigers Hand und bat:„Geh' mit mir zur Mutter! Sie iſt ſo betrübt, weil unſere Kuh geſtorben iſt. Du kannſt die Mutter vielleicht tröſten.“ Der Pfarrer war genau mit den Verhältniſſen der Witwe bekannt; er wußte daher, daß dieſe Kuh ihr größtes Beſitzthum und der kleinen Familie in's Herz gewachſen war, faſt wie ein liebes Glied in ihrem Kreiſe. Er ſtreichelte mitleidig des Knaben Wange und erklärte ſich bereit, mit ihm zu gehen. Wenige Schritte brachten ſie zur Hütte. Leiſe öffnete der Pfarrer die Thür und fand die Witwe ſo in Gedanken verſunken, daß ſie ſeinen Eintritt nicht bemerkte und erſt von der kleinen Mar— garethe, Halvors Schweſter, darauf aufmerkſam gemacht werden mußte. Sie ſtand auf, begrüßte den Pfarrer, bot ihm einen Stuhl an, den ſie, ſeiner Sauberkeit ungeach⸗ tet, erſt mit der Schürze abwiſchte, und ergoß ſich dann in Klagen über ihren Verluſt. Wie viele kleine Züge führte ſie an, zum Beweiſe, daß dieſe Kuh vernünftiger geweſen ſei, als alle andern Kühe. Wie bitterlich weinte ſie, als ſie erzählte, wie die Kuh, ſo oft ſie in den Stall gekommen war, den Kopf zu ihr umgewendet und ſo kläglich gebrüllt habe, weil das kärgliche Futter nicht hinreichte.„Es war,“ ſagte ſie, „als ſähe ſie mich mit vorwurſsvollem Blicke an; aber ich konnte ihr nicht mehr geben, wenn ich einigermaßen mit meinem Vorrath ausrei⸗ chen wollte. Geſtern Abends mochte ſie nicht mehr freſſen und heute fand ich ſie todt. Ach, ſie hat gewiß zu wenig Nahrung gehabt, und hält der Winter noch lange an, kann es uns Allen gehen wie ihr.“ Mutter und Kind wein⸗ ten. Manches tröſtende Wort ſprach der Pfar⸗ rer, und ermahnte dazu, daß der Eine dem An⸗ dern in dieſer ſchweren Zeit ein Beiſpiel der Ergebung und Geduld ſein müſſe. Die Mutter verſtand ihn, als ſein Blick bei dieſen Worten auf den Kindern ruhte; ſie trocknete ihre Augen und als die Mutter nicht mehr weinte, wiſchten auch die Kinder die Thränen ab. So hatte der Pfarrer gleich ein ſchönes Bild vor Augen von der Kraft des Beiſpiels, von dem er ſoeben ge⸗ ſprochen. Nachdem er der Mutter täglich Milch aus ſeinem Hauſe verſprochen, trat er mit den Kindern, um ſie zu zerſtreuen, vor das einzige Bild hin, welches die Hütte ſchmückte, und wie er wußte, in ihren Augen ein großer Schatz war. Jeder hätte es gewiß mit Vergnügen be⸗ trachtet; denn obgleich es nur eine wenig aus⸗ geführte Skizze von einem Savoyardenknaben mit ſeinem Murmelthier war, zog es wunder⸗ bar an und eine kunſtfertige Hand war nicht darin zu verkennen. Eine tiefe Innigkeit miſchte ſich in den ſchönen ſchwarzen Augen mit der den Kindern eigenthümlichen Lebhaftigkeit und rief in der Seele deſſen, der mitt den Verhält⸗ niſſen ſeiner Heimat bekannt war, Gedanken wach an ein liebes verlaſſenes Dach, nach dem des Knaben Sehnſucht ſtand. Ein reiſender Maler hatte es einſt an Halvor geſchenkt, der ihm als Wegweiſer nach einem ſchönen Punkte in der Nähe diente, von wo aus er eine Anſicht der Gegend zu malen wünſchte. Halvor hatte ſo großes Vergnügen gezeigt, bei ihm zu blei⸗ ben und ihm zuzuſehen, daß der Maler es ihm erlaubte und bald an dem Knaben Gefallen fand, der mit einer Freimüthigkeit ſeine Freude über das entſtehende Bild äußerte. Wie groß wurde aber erſt ſein Entzücken, als eines Tages der Maler ſeine Mappe für ihn erſchloß, wo er unter vielen andern Schätzen zum erſten Male den Savoyardenknaben ſah. Wunderbar klan⸗ gen die Berichte, die er Abends Mutter und Schweſter abſtattete, und neugierig ſchauten ſie oft, wenn der Maler vorüberging, der Mappo, die ſo viele Herrlichkeiten Sa und für ſie ein mit ſieben Siegeln verſchloſſenes Buch war, deſſen Inhalt nur Halvor kannte. Doch dieſes Glück dauerte nicht lange; denn als er eines Abends in's Zimmer trat, erzählte er unter Thränen, daß der Maler ihm Lebe⸗ wohl geſagt habe und fort ſei. Aber ein Strahl der Freude verklärte ſein Geſicht, als er das Bild des Savoyardenknaben vor ihnen entfal⸗ tete, das ihm der Maler zum Abſchiede ge⸗ ſchenkt hatte. So war dieſer kleine Bewohner des Südens in eine Hütte des Nordens gebannt worden und Halvor ahnte es nicht, daß das Bild eines andern Knaben, mit lichtem Haar und blauen Augen, der ihm ſprechend ähnlich ſah, den Platz des andern in der Mappe ein⸗ genommen, welches nun mit dem Maler in ein fernes, ſchönes Land zog. Der Pfarrer war, wie wir ſchon oben ſag⸗ ten, wohlbekannt mit der Vorliebe der Kinder für das Bild und die Art und Weiſe, wie es Halvors Eigenthum geworden war. Er hätte kein beſſeres Mittel wählen können, um ſie zu zerſtreuen, als ihre Gedanken auf dieſen Gegen⸗ ſtand hinzulenken. Er erzählte ihnen, wie das Heimatland des kleinen Knaben trotz aller ſei⸗ ner Schönheit ein ſehr armes Land ſei, aber, ſeiner Armuth ungeachtet, von ſeinen Bewoh⸗ nern doch ſo geliebt würde, ſo geliebt, ſagte er erläuternd, wie wir unſer eigenes, theures Va⸗ terland Schweden lieben. Und er erzählte wei⸗ ter, wie an das arme ein reiches Land ſtieße, und wie viele Hunderte aus dem armen in's reiche Land wanderten und mühſam eine kleine Summe erwürben, um dann dorthin zurückzu⸗ kehren, wo ihnen alles ſchöner ſchien, als an⸗ derswo, und wie ſelbſt Kinder fortzögen, nicht größer, als der hübſche Knabe auf dem Bilde, und auf mancherlei Weiſe etwas zu verdienen ſuchten, wie er mit ſeinem abgerichteten Mur⸗ melthiere, und wie Groß und Klein doch in der Fremde nur das eine Ziel hätten: die Rück⸗ kehr in die Heimat und zu ihren Lieben. Als der Pfarrer geendet hatte, ſagte die Mutter:„Nun wird Dir das Bild erſt recht lieb werden, da Dir ſo viel Schönes davon erzählt worden iſt, obgleich es ihm,“ fügte ſie ſich zum Pfarrer wendend fort,„mehr als ein⸗ mal Verdruß verurſacht hat; denn als er es auf jedes Stück Papier, das ich beſaß, mit Kohle nachgemalt hatte, vergriff er ſich an den Bü⸗ chern, die der Vater hinterlaſſen, und malte auf jeden Band und jedes weiße Blatt den braunen Knaben.“ Der Pfarrer wünſchte einige Proben ſeiner Kunſt zu ſehen, und alsder Knabe, glühend roth vor Beſchämung, die Bücher brachte, die von ſeinem Unfug Kunde gaben, war er nicht wenig verwundert, als der Ver⸗ weis ausblieb, den er erwartete. Mußte es nicht den Pfarrer ſo gut wie die Mutter erzür⸗ nen? Was aber auch aus ſeinen Augen ſprach, Unzufriedenheit war es nicht, das ſah der Knabe ſogleich, obgleich er ven Blick des Erſtaunens nicht zu deuten verſtand, mit dem der Pfarrer, trotz des ſchlechten Materials den unverkenn⸗ baren Stempel des Talents in ſeiner Zeichnung ſah. Mit einem Seufzer gab der freundliche Mann das Buch zurück, er dachte daran, wie unter günſtigen Verhältniſſen ſo ſchöne Anla⸗ gen ſich entwickelt haben würden, die nun ver⸗ kümmern mußten, wie eine des Sonnenlichts beraubte Blume. Halvor deutete den Seußzer anders; er meinte er gelte ſeiner Unart, und machte ſich auf einen Verweis gefaßt. Der Pre⸗ diger aber ſtrich ihm die hellen Locken aus der Stirn, ermahnte ihn, nur ein fleißiger Knabe in der Schule zu ſein, damit er tüchtig viel lerne und ging mit einem freundlichen Gruße fort. Die kleine Familie ſah ihm lange traurig nach und begab ſich dann an ihre Geſchäfte. Die Mutter ging zum Nachbarn, um ihn um ſeinen Beiſtand bei Fortſchaffung der Kuh in aller Frühe zu bitten; ſie wollte den Kin⸗ dern dieſen letzten Schmerz erſparen. Als ſie zurück kam, fand ſie Halvor in tiefes Sinnen verloren, vor dem Bilde ſtehen. Sie beachtete es damals nur flüchtig, dachte aber ſpäter oft daran zurück. 2. Still und traurig verſtrichen Tage und Wochen. Noch immer lag der Druck der ſchwe⸗ ren Zeit auf der ganzen Gegend; doch die ſchlimmſten Wintermonate waren überſtanden; der Frühling mußte doch einmal kommen, und Frühling und Hoffnung ſcheinen dem Men⸗ ſchenherzen ſo nahe verwandte Worte. Beiträge aus den Gegenden, wo die Ernte beſſer gewe⸗ ſen war, liefen ein und erleichterten die Noth⸗ Die Witwe mit den Kindern hatte nicht Man⸗ gel gelitten; gute Menſchen in der Nähe hat⸗ ten ſie unterſtützt, die nicht von ihrem Ueber⸗ fluſſe gaben, ſondern ſelbſt entbehren mußten, um geben zu können. Die Kinder hatten der Mutter treulich tragen helfen und Halvor war ſeit dem Ereigniſſe ſehr viel ernſter und reifer geworden. Was den Knaben innerlich ſo beſchäftigte, daß er faſt nur ausſchließlich in ſeiner eigenen Gedankenwelt lebte, wußte die Mutter nicht. Wenn ſie aber ſeufzend von dem Frühling ſprach und der ſchönen Weide, die eine Quelle des Reichthums geweſen war, als ſie ihre Kuh noch hatten, glitt ein zuverſichtlich froher Ausdruck über des Knaben Geſicht, als wüßte er, es wartete ihrer auch Freude. In ſeiner Seele war ein Plan zur Reife gediehen, den er mit ſich herumgetragen hatte ſeit jenem Tage, als der Pfarrer vor dem Bilde von den Kindern des armen Landes erzählte, die in der Fremde wanderten, um etwas für die Ihrigen zu verdienen. Wie war er betrübt, daß es in ſeinem Lande keine Murmelthiere gäbe. Hätte er nur ein ſolches kleines Thier beſeſſen, er wäre gleich davon gewandert und hätte geſammelt und hätte geſpart bis.... und wenn er ſo weit ge⸗ kommen war in ſeinem Gedankengange, glühten ſeine Wangen, und wer vermag das Entzücken zu beſchreiben, mit dem er ein Bild ſeiner Phantaſie betrachtete, die ihm hier einen Kna⸗ ben vorſpiegelte, der heimkehrend an die Thür der Hütte klopfte und eine Kuh am Seile führte. Tag und Nacht zerbrach er ſich den Kopſ, um ein Mittel ausfindig zu machen, wo⸗ durch er Geld verdienen könne. Da führte ihn eine glückliche Fügung eines Abends in eine benachbarte Hütte, wo er den erwachſenen Sohn eifrig mit Schnitzwerk beſchäftigt fand. Wie froh klang es jetzt in des Knaben Seele. „Gefunden!“ jubelte er. Er hatte ſich oft mit Schnitzarbeit beſchäftigt, wie dieß bei den Ge⸗ birgsbewohnern häufig der Fall iſt; nun aber wollte er ſich erſt recht darauf legen und etwas Schönes zu Tage fördern. Von der Zeit an ſah ihn die Mutter, wenn ſie Abends um den Herd verſammelt waren, faſt unabläſſig mit ſeinem kleinen Meſſer beſchäftigt. Er wußte ſich das ſchönſte, weichſte Holz zu verſchaffen und hatte ſchon manche zierliche Blume und Thiergeſtalt nachgebildet; er ſah im Geiſte die ſchöne gelbe Butter mit Hilfe ſeiner Formen dieſelbe zierliche Geſtalt einnehmen. Dasſelbe Talent leitete jetzt ſeine Hand, das ſo manches Abbild des Savoyardenknaben hervorgerufen hatte. Er wußte es nicht; aber es waren kleine Kunſtwerke, die er ſchuf. Die Mutter wunderte ſich, was er mit allen den Sachen wollte, ließ ihn aber doch gewähren und wenn ihm Etwas beſonders gelungen war, wünſchte ſie, der Pfar⸗ rer möge kommen, um es ihm zu zeigen; doch dieſer treue Freund der Armuth war ſchon Wochen lang durch eine Krankheit an's Haus gebunden. Halvor hatte indeß ſeine Ermahnung, fleißig zu ſein, um etwas Tüchtiges zu lernen, nicht vergeblich ſein laſſen. Er und ſeine Schweſter fehlten nie in der nahe gelegenen Schule. Hand in Hand wanderten die Kinder dahin; doch wenn es heimwärts ging, konnte das zarte Mädchen dem Bruder nicht in ſeinem raſchen Laufe folgen und oft, wenn ſie zur Thür hineintrat, ſah ſie ihn ſchon mit ſeiner Arbeit am Herde ſitzen und ſein Geſicht ſtrahlte vom Scheine der Flamme auf demſelben, und von dem noch lichteren der innern Begeiſterung. Still ſetzte ſie ſich dann neben ihn und ſchaute mit Aufmerkſamkeit zu, und oſt wennHalvor den Blick erhob und in ihre Augen ſchaute, blau und treu wie ſeine eigenen, drängte ſich ſein Geheimniß auf die Lippen und er mußte ſich Gewalt anthun, um auf dieſe kleine lieb⸗ liche Vertraute zu verzichten. So fuhr er fort Schätze auf Schätze zu häufen in einer von ihm ſelbſt verfertigten Schachtel von der leicht transportablen Art, die im Norden gebräuchlich iſt. Leiſe hatte un⸗ terdeſſen der Frühling die Schneedecke hinweg⸗ gezogen, die ſein Walten verbarg. Das Gras keimte aus der Erde ſo grün und ſchön; es war, als wenn es den Auftrag gehabt hätte, von der herrlichen Weide zu erzählen, die der Sommer brächte. Solche Gedanken rief es bei Allen hervor. Die Zugvögel waren aus den fernen Ländern angelangt und mit großem In⸗ tereſſe hatte der Knabe eines Morgens den erſten Storch auf dem Felde ſpazieren ſehen. Er wußte, daß er viele hundert Meilen weit hergekommen war und daß ein Trieb ihn leite, der ihn nie den rechten Weg verfehlen ließ. Wie ſehnte er ſich, auch einen ſolchen Trieb zu beſitzen, nicht bedenkend daß dieſelbe Hand, die den Vogel aus fernem Lande hergeführt, auch ihn unſichtbar leitete. Und doch war es gerade dieſes höhere Walten, was ihn jetzt fühlen ließ, daß die Zeit gekommen ſei, um ſeinen Plan auszuführen. 3. Leiſe war die Mutter früh Morgens auf⸗ geſtanden, um die neben ihr ſchlafende Tochter nicht zu wecken. Ihr Blick ſuchte, wie er es immer zu thun pflegte, die Ecke, wo ihr Knabe lag; allein ſein Platz war leer. Sie wunderte ſich darüber, daß es ihn ſo früh hinausgetrie⸗ ben hatte, und als ſie auch draußen keine Spur von ihm fand, meinte ſie, er ſtreife zwiſchen den Bergen umher und machte ſich weiter keine Sorge um ihn. Als ſie aber ſpäter der Tochter ſagte, daß er ſo früh ſchon fortgegangen ſei, ſah ſie das kleine Mädchen erſchrecken, dem es am vergangenen Abend ſo eigen um's Herz ge⸗ worden, als der Bruder ſie beim Zubettegehn geküßt und ihr ſo innig in die blauen Augen geſchaut hatte. Je länger er zu kommen zögerte, deſto unruhiger wurde ſie und ſteckte zuletzt die Mutter an. Zur Mittagszeit trat ein Bauer aus einem eine Meile entfernten Dorfe in ihre Hütte und brachte Grüße von Halvor, der ihm zu ſagen aufgetragen, ſie würden ſchon wiſſen, weßhalb er fortgegangen, wenn ſie an ſein liebes Bild dächten. Die Mutter ſchüttelte den Kopf; ſie verſtand die Botſchaft nicht; allein der Bauer konnte ihr keine weitere Auf⸗ klärung geben. Er war Halvor früh Mor⸗ gens in ſeinem Dorfe begegnet, hatte verſpro⸗ chen, den Auftrag auszurichten, da ihn der Weg an ihrer Hütte vorbeiführte, und ging, nun es geſchehen, ſeinen Geſchäften nach. Die Mutter aber ſaß ſtill und ſinnend; das kleine Mädchen kniete vor ihr und legte den Kopf in ihren Schooß. Da ſah es plötzlich auf, ihre Augen ſtrahlten... Alles war der Schweſter klar geworden; ſie hatte den Schlüſſel zu ſei⸗ nen fleißigen Arbeiten gefunden. Er hatte es 359 gemacht wie der kleine Knabe auf dem Bilde; wie auch ihre Landsleute weiter weſtlich, wie ſie früher gehört, es thäten; er war fortgegan⸗ gen, und ſie müßte nicht die Kuh mit ihm ge⸗ liebt und betrauert haben, wenn ſie nicht das Ziel geahnt hätte, das er ſich geſetzt. Sie theilte der Muttee mit, was die eigene kleine Seele bewegte, ohne zu ahnen, wie es ſie be⸗ trüben würde. Selbſt gänzlich unbekannt mit den Gefahren, denen ſich ihr Bruder ausſetzte, ſchloß ſich das Wiederkommen nun ſo leicht in ihren Gedanken an das Fortgehen, wie Glück und Freude an das Wiederkommen. Die Mut⸗ ter aber ſah alles anders. Obgleich ſie nie aus dem Thale hinausgekommen war, in dem ihre und ihrer Kinder Wiege geſtanden, wußte ſie doch, welche Schwierigkeiten ſich gegen ein ſol⸗ ches Unternehmen aufthürmten. Thräne auf Thräne floß von ihren Wangen herab und ſie ſagte immer wieder vor ſich hin:„So jung und ſo allein?“ Freilich ſtand ſie auf und machte ſich auf den Weg zum Pfarrhaufe, wo⸗ hin ſchon mancher Bekümmerte gewandert war, der es leichteren Herzens wieder verlaſſen hatte; denn die Krankheit verhinderte den Pfar⸗ rer zwar an ſeiner Thätigkeit außer dem Hauſe, aber weit geöffnet war die Thür ſeines Hauſes und Herzens, um Alle einzulaſſen, welche Rath und Troſt begehrten, und ſo wurde die ſchein⸗ bare Trennung nur ein feſteres Band der Ver⸗ einigung zwiſchen ihm und ſeiner Gemeinde. Mit Erſtaunen hörte der gute Pfarrer den Bericht der Mutter. Während er ihre Beſorg⸗ niſſe theilte, erfüllte doch ein wunderbares Ver trauen auf die Vorſehung ſein Herz, deren Walten er hier deutlich zu erkennen glaubte.— Die Richtung, die der junge Wanderer genom⸗ men, hatte der Bauer nicht gewußt; es blieb ihnen alſo nichts weiter übrig, als durch Still⸗ ſein und Hoffen ſtark zu ſein. Und ſo zuver⸗ ſichtliche Hoffnung drückten die Worte aus, die er an die bekümmerte Mutter richtete, daß ſie beruhigt heimging. Der Greis und das Kind hatten die gleiche Zuverſicht ausgeſprochen; war es ein Wunder, wenn ſie dem Mutterher⸗ zen wie eine ſüße Prophezeiung klang? 4. Es war in den letzten Tagen des Maimo⸗ nats. Die Sonne war glühendroth am Himmel untergegangen und im purpurnen Scheine ſtrahlten die Fenſter der hoch emporragenden Kirchen der ſchwediſchen Königsſtadt. Schwärzer erſchienen im Schatten des Abends die dunklen Tannen⸗ und Föhrenwälder, die ſie umgaben. Der Mälar aber ſpiegelte die Gluth des Him⸗ mels wider und wie aus einem Zauberſee ſchienen die Klippen aufzutauchen, die reizende Gärten und Landhäuſer trugen. Der Reiſende, der die Welt geſehen, zählt, von dem Anblick der nordiſchen Stadt entzückt, ſie zu den ſchön⸗ ſten unter den ſchönen Städten. Das himmli⸗ Jeruſalem ſelbſt, von dem er in den— chen, die in ſein Dorf gedrungen, ⸗ 6. ſollte, 2 ——— ——-— ver niſſ we des Maler y. 360 glaubte der junge Wanderer zu ſehen, der, in die Tracht der Bewohner des nördlichen Theils von Gefle Lehe gekleidet, ſich der Stadt jetzt näherte. Das Bedürfniß nach leiblicher Nah⸗ rung, welches er noch vor Kurzem empfunden, war verſchwunden; der Schmerz der wunden Füße war über die Herrlichkeit dieſes Anblicks vergeſſen. Er ſetzte ſich auf einen Stein und betrachtete mit gefalteten Händen und verklärtem Blicke das vor ihm liegende Gemälde. So finden wir Halvor am Ziele ſeiner Wanderung, die reich an Beſchwerden aber rei⸗ cher an Genuß für ihn war. Gegen 25 ſchwe⸗ diſche Meilen lag die Hütte ſeiner Mutter von der Hauptſtadt entfernt; er hatte ſie ausſchließ⸗ lich zu Fuß zurückgelegt, oft den Weg verfehlt, und ihn ſo verlängert. Selten hatte er einen Gefährten gefunden; auch zog er es vor, allein zu gehen. Und welche Zeit war es für eine junge empfindliche Seele, ſo allein zu ſein mit der Natur, jetzt, da ſich mit jedem Tage neue Reize entfalteten! Wie nahm er ſich vor, nun genau auf das Werden der Pflanzen und das Entfalten der Blätter zu achten; aber die Na⸗ tur hütete ſich wohl, ihn in ihre Werlſtatt ſehen zu laſſen und ehe er es erwartete, ſtand Alles immer in vollſtem Schmucke da. Es führte ihn ſein Weg durch einige der ſchönſten Gegenden Schwedens. Er ſah den herrlichen Sturz des Thalelfs in der Nähe der Stadt Ghefle ſchäu⸗ mnend und brauſend ſeinen Silberregen über dunkle Tannen ſpritzen; er ruhte an den lieb⸗ lichen Seen, die derſelbe durchſtrömte, und ſah die wilden Schwäne in ihre Fluthen tauchen, welche ſo klar die Gegenſtände am Ufer wieder⸗ gaben, als wären es italieniſche Seen. Die ganze Herrlichkeit der Schöpfung wirkte auf ihn ein und ſein Gemüth entfaltete ſich wie eine Blume im Frühlingsglanz; doppelt fühlte er nun, wie ſehr er die Seinen liebte. Nur ſelten verhandelte er in den kleinen Städten, durch die er kam, einige von ſeinen Schätzen. Es war, als trüge er einen Talis⸗ man an ſich, der ihm die Herzen öffnete, ſo freundlich wurde er in den Hütten aufgenom⸗ men, in die er eintrat. Beſſere Nahrung, als er gekannt, reichte man ihm oft unentgeltlich; denn ſein Weg führte ihn durch Gegenden, die nicht wie ſein Heimatsort von der ſchweren Zeit heimgeſucht waren, und gern bewilligte man dem freundlichen Knaben ein Nachtlager. Gegen die Mühſeligkeiten des Weges war er abgehär⸗ tet, er, der ſo oft mit den Ziegen um die Wette die Klippen erklettert hatte. Man hatte ihn, wenn er ſich erkundigte; beſonders in den Ge⸗ genden, die an„Dalarne“(die Thäler) gren⸗ zen, deren Bewohner auch ſo geſchickt zur Ver⸗ fertigung von allerhand Geräthſchaften ſind, die Hauptſtadt als den rechten Ort geprieſen, um Sachen, wie die ſeinigen, abzuſetzen; ſo hatte er ſich denn unverrückt das Ziel geſteckt, —war es erreicht. länger als gewöhnlich an dieſem ſo kehrte auch nach und nach „digkeit überwältigend zu⸗ 8 ihm als Wey.en „ 8 rück und er blieb ſo lange auf dem Steine ſitzen, daß es ſchon ziemlich dunkel geworden war, als er in die Stadt ſelbſt einſchritt. Er gelangte bald in eine der beſuchteſten Straßen. Bisher hatte ihn ſein Weg nur durch kleine Städte geführt, durch Upſala war er nicht ge⸗ kommen; nun befand er ſich denn mit einem Male in dem Gedränge der Hauptſtadt. Kaum konnte er Beſinnung genug behalten, um den von allen Seiten kommenden Wagen auszu⸗ weichen. Die Menge fremder Geſtalten, das verworrene Geräuſch, Alles betäubte ihn. Die Stadt, die ihm aus der Ferne ſo ſchön geſchie⸗ nen, ängſtigte ihn jetzt. In der einſamen Na⸗ tur, in dunklen Wäldern, hätte er ſich ſo wenig gefürchtet, wie das Kind bei ſeiner Mutter. Der Sturz des Waſſerfalles war ſeinem Ohre ein vertrautes Geräuſch; in dieſer unbekannten Welt aber ſchreckte ihn der Gedanke an das Allein⸗ und Fremdſein. Das Herz wurde ihm bewegt; ein unmerkbares Heimweh nach den Seinen ergriff ihn; er ſetzte ſich auf die ſtei⸗ nerne Treppe eines alterthümlichen Hauſes und einzelne Thränen drängten ſich hervor, wie ſehr er ſich auch mühte, ſie zurückzuhalten. Er ſtellte ſeine Schachtel neben ſich, legte den Arm dar⸗ auf und ſtützte den Kopf gegen die Mauer. Er⸗ ſchöpft wie er war, dauerte es nicht lange, bis ſeine Augen ſich ſchloſſen. Er mochte eine Stunde geſchlafen haben, als die Thür ſich leiſe öffnete und ein alter Herr heraustrat. Er bemerkte den ſchlafenden Knaben und ſich über ihn herabneigend, be⸗ trachtete er theilnehmend den wehmüthigen Ausdruck, den ſeine Züge, die im Mondlicht nur noch weicher und ſchöner erſchienen, ſelbſt im Schlafe beibehalten hatten, und als er ſo neben ihm ſtand, mit ſeinem grauen Haar faſt die goldenen Locken des Knaben berührend, da hatte wohl der Mond auf ſeiner ganzen Reiſe um die Erde kaum Alter und Jugend in einem lieblicheren Bilde repräſentirt geſehen. Der alte Mann legte die Hand auf des Knaben Haupt; dieſer erwachte von der Berührung und blickte auf, und ſo begegnete er den milden Augen, die auf ihn gerichtet waren. Er fühlte es gleich, ihm ſei ein Freund von Gott geſandt, und zu⸗ verſichtlich ſeine Hand ergreifend, ſo zuverſicht⸗ lich und kindlich vertrauend, wie er die Hand ſeines Schutzengels ergriffen hätte, ſagte er: „Du willſt mir helfen?“„Ja, mein Knabe!“ war die Antwort. Sie hatten ſich Seele in Seele geſchaut, das Kind und der Greis, und wie an eines Vaters Hand trat das junge Ge⸗ birgskind in das alterthümliche Haus. Der Mond ſchien freundlich in das Zim⸗ mer, welches ſie betraten, als wollte er noch länger das Bild betrachten, welches von der Schwelle verſchwunden war. Der alte Mann ließ Halvor neben ſich fitzen, und nun er⸗ zählte der Knabe von den Seinen und von ih⸗ rem Verluſte, von ſeiner Hoffnung, durch ſei⸗ nen Erwerb ſich glücklich zu machen, von ſeinen Wanderungen und ſeinen Schätzen. Und er öffnete die Schachtel, die er neben ſich geſetzt, und ſtellte auf den blanken Tiſch die Schöpfun⸗ gen ſeiner Hand, die in der milden Beleuch⸗ tung ſo ſchön erſchienen, daß der Alte kaum ſeinen Augen traute. Als der Mond etwas ſpäter durch ein an⸗ deres Fenſter blickte, ſah er neben dem Bette des alten Mannes, welches ſeit ſo vielen Jah⸗ ren einſam geſtanden, ein anderes ſtehen, in dem der junge Wanderer ſchlief, deſſen Weg er ſo oft beleuchtet hatte. Der Greis aber wachte. Er war ein kinderloſer Mann, der vor Jahren ſchon ſeine treue Gefährtin verloren hatte und ſich nun, wie Abraham, in ſeinem Alter ge⸗ ſegnet glaubte; denn ſein Herz nannte den Knaben Sohn. Und was hätteſt Du, freundlicher Pfarrer Lenſtröm, geſagt, wenn Du, wie der Mond, den Blick voll Liebe geſehen, mit dem er Hal⸗ vor betrachtete? Du, der Du meinteſt, dieß Talent müßte im Schatten verkümmern? Was würdeſt Du geſagt haben, hätteſt Du in dem warmen Liebesſtrahl ſeiner Augen das Son⸗ nenlicht erkannt, welches die Blume des Ge⸗ nies entfalten helfen würde? 5. In ſeinem Lehnſtuhle ſaß der Pfarrer und hielt einen Brief von Halvor in der Hand, den er mit bewegter Stimme vorlas. Ob er eine aufmerkſame Zuhörerin hatte, wird man wiſſen, wenn man erfährt, daß es die Mutter war, welche den Bericht vernahm von Allem, was ihrem Lieblinge widerfahren war. Welch' ein Ereigniß war der Brief an ſich ſchon für ſie geweſen, der erſte, der in ihre Hütte gekom⸗ men war, wo die Gedanken erſt mit Halvor zugleich„den Wanderſtab ergriffen hatten“ und über die Berge hinabgeſtiegen waren, die ſie bisher von der Welt geſchieden. Nie hing das Auge eines Alterthumsforſchers begieriger an den unverſtändlichen Runen eines Denkmals vergangener Zeiten, als die Mutter an dieſen Schriftzügen, die ſie, des Leſens unkundig, nicht zu entziffern vermochte. Die Tochter war in der Schule, ſonſt hätte ſie, des ſpäteren Zeitalters Kind, ihr helfen können, und wie gern hätte ſie wohl das Leſebuch des Schul⸗ meiſters mit dem Briefe des Bruders ver⸗ tauſcht! Welch' ein Lehrer wäre die Liebe ge⸗ weſen! Die Mutter entſchloß ſich, da ihre Un⸗ geduld ſie nicht warten ließ, zum Pfarrer zu gehen, der faſt ſo froh überraſcht wurde, wie ſie. Halvor hatte wohl Recht gehabt, den Boten ſelbſt mit dem Briefe auf die Poſt be⸗ gleiten zu wollen, um ihn den Leuten dort recht an’'s Herz zu legen; denn von allen Brie⸗ ſen, die dem Poſtſacke anvertraut wurden, ek⸗ zählte wohl keiner ſo wunderbares und erweckte auch wohl keiner ſo eine ſolche ſtille, ſelige Freude. Der alte Pfarrer im Lehnſtuhl ſchien ſich vor den Augen der Mutter, während Hal⸗ vors Worte von ſeinen Lippen ertönten, in den geliebten Knaben zu verwandeln; ihr war, als ſpräche er ſelbſt zu ihr. Mit wenig Worten denn ſonſt iſt in Kamtſchatka nichts zu haben— und wollen ſie dieſelben verſpeiſen, müſſen ſie erſt ſelber den Fiſcher machen. Mit vieler Schlau⸗ heit wiſſen ſie auch die Fiſche zu erhaſchen, und haben ſie eine hinreichende Menge beiſammen, ſo freſſen ſie gleich den Bären blos die Köpfe. Dieſe ihre Freuden⸗ und Ruhezeit dauert jedoch nur bis zum Monate Oktober, wo jeder Eigenthümer ſeine Hunde zuſammentreibt und ſie in der Nähe ſeiner Wohnung anlegt. Ihre Dienſtzeit beginnt damit, daß man ſie hungern läßt, damit ſie das überflüſſige Fett, welches ſie in der Freiheit ge⸗ wonnen, wieder verlieren und zum Laufen ge⸗ ſchickter werden. Sobald der erſte Schnee gefallen iſt, beginnt auch ihre Arbeit. Ihr gewöhnliches Futter ſind nun verſchimmelte Fiſche, welche der Menſch nicht mehr genießen kann, da ſie blos aus Gräten und Knochen beſtehen, von de⸗ nen faſt immer den Hunden der Rachen blutet. Wird der Hunger zu groß, ſo ſteigen ſie als entſchloſſene Diehe auf den Leitern keck in die Vorrathskammern ihres Herrn und zerfreſſen Alles, was von Leder iſt. 3 Man fährt in drei Tagen 45 Meilen mit denſelben Hunden. Ihre Spürkraft iſt trefflich und in den Schneeländern ganz unſchätzbar. Selbſt in der größten Dunkelheit und unter den heftigſten Stürmen finden ſie den⸗Ort ihrer Beſtimmung, und irren ſich nur ſelten, wofern man nur ge⸗ troſt ihrer Führung ſich überläßt. Iſt der Weg ſo weit, daß man, was oft geſchieht, die Nacht auf dem Schnee zubringen muß, ſo legen ſich die Hunde neben ihren Herren, und erhalten da⸗ durch, daß ſie die Wärme mittheilen, ihrem Pei⸗ niger das Leben. Wenn ſie den Schnee auf⸗ ſcharren, ſo werden die Menſchen dadurch ge⸗ warnt, denn es iſt ein ſicheres Vorzeichen eines herannahenden Sturmes. Stirbt ein Hund, ſei es an Erſchöpfung oder an Alter, ſo benutzt ſein Herr auch noch das Letzte, was er brauchen kann, die Haut, und ſo muß das hart behandelte Thier, welches im Leben ſo oft den Herrn wärmte, die⸗ ſem im Tode noch denſelben Dienſt erweiſen. Der Araber und ſein Pferd. Es iſt wohl kein Volk der Erde mit ſeinen Hausthieren inniger vereint, als das arabiſche. Das wichtigſte und geſchätzteſte Thier des Ara⸗ bers iſt pugle dem Kameele das Pferd. Ueber jedes Thier wird ein Stammbaum geführt, den man nicht ſelten auch dem Pferde in Leder ge⸗ wickelt um den Hals hängt. Bei der Geburt eines Füllen pflegt man einige Zeugen zu ver⸗ ſammeln und eine Beſchreibung der Kennzeichen und Merkmale desſelben, ſowie die Namen ſeiner Eltern niederzuſchreiben. Das Junge wird faſt ſorgfältiger gepflegt, als die Kinder, unter de⸗ nen es auch ſchläft, und mit denen es ſpielt. Vom zweiten Jahre an gewöhnt man das Füllen zur Arbeit; Tag und Nacht müſſen ſie einen Sattel tragen, und die Zügel befeſtigt man ſo an den Sattel, daß die Thiere den Kopf ſenk⸗ recht und den Hals ſchön gekrümmt tragen ler⸗ nen; außerdem müſſen ſie Tage lang in der größten Sonnenhitze ſtehen. Bei alledem geht man aber liebevoll mit ihnen um, ſtrengt ſie an⸗ fangs wenig an, gewöhnt ſie nach und nach an die Gangarten, Schritt, Galopp und Rennlauf — Trab reiten die Araber nicht— und daran, daß ſie im vollſten Laufe auf der Stelle pariren. Nur die Bewohner der Städte und Dörfer, die ſeßhaften Araber, haben Ställe für ihre Pferde; bei den Beduinen bleiben ſie mit Ausnahme der Füllen und der Lieblingsſtute, die häufig mit in's Zelt genommen werden und mitten unter der Familie lagern, ſtets draußen in der freien Luft. Angebunden werden die Pferde nur an den Füßen, und das Futter empfangen ſie in Futterſäcken; es beſteht vorzugsweiſe aus Gerſte und zerhacktem Gerſtenſtroh. Sonſt gibt man ihnen wohl auch Datteln, Hirſeſtroh, ja ſogar Fleiſch, Butter und Käſe. Ein Pferd zu ſtehlen, gilt bei den Wüſten⸗ ſöhnen als eine ſehr rühmliche That, wenn der Beſtohlene ein Fremder, oder von einem feind⸗ lichen Stamm iſt. Dabei wenden ſie mitunter viel Liſt an. So z. B. verkleidete ſich einſt ein Araber, der eine von ihm gewünſchte Stute um keinen Preis erlangen konnte, als Bettler, legte ſich an einen Ort, wo der Beſitzer des Thieres vorbeikommen mußte, bat dieſen mit kläglicher Stimme um Hilfe, namentlich ihn auf ſeinem Pferde mitzunehmen. Der Angeredete ſtieg ab und half dem Elenden auf ſein Thier, da dieſer vorgab, allein nicht aufſteigen zu können; kaum aber fühlte er ſich feſt im Sattel, als er mit dem Rufe davonſprengte:„Die Stute iſt mein!“ Der Betrogene rief dem Diebe zu, anzuhalten, da er ihm etwas zu ſagen habe. Dieſer hielt an, weil jetzt nach arabiſcher Sitte nichts mehr für ihn zu fürchten war, und der Beſtohlene ſagte:„Du haſt Dir meine Stute zugeeignet. Da es Allahs Wille iſt, ſo wünſche ich Dir Glück dazu; aber ich bitte Dich, erzähle Niemand, wie Du ſie gewonnen haſt, weil ſonſt leicht einmal ein wirklich verſtümmelter Bettler hilflos am Wege liegen bleiben könnte.“ Betroffen von dieſer Rede, ſtieg der Räuber ſogleich ab, um⸗ Aerüte den Eigenthümer und gab ihm ſeine Stute zurück. Solch ein wunderliches Gemiſch von Edel⸗ muth und Raubluſt findet ſich in dem Charakter dieſer Wüſtenſöhne! Thierkämpfe bei den Javanen. An Unterhaltungs⸗ und Beluſtigungsmitteln ſind die Javanen ſehr reich. Vor Allem ſind Thierkämpfe ſehr beliebt. Beſonders iſt der Hahn wegen ſeiner Streitſucht und Tapferkeit des Javanen Liebling. Oft bindet man den kämpfenden Hähnen eiſerne Sporen an, in Form einer Sichel oder einer Federmeſſerklinge, um den Kampf blutiger zu machen. Auch Wachteln läßt man mit einander kämpfen. Man gebraucht dazu gewöhnlich die Weibchen, welche größer und tapferer ſind als die Männchen. Die är⸗ mern Leute nehmen Heuſchrecken zu Kampfes⸗ helden. Dieſe kleinen Thierchen feuert man da⸗ durch zum Kampfe an, daß man ſie mit Gras⸗ halmen am Kopfe kitzelt. Auch wilde Schweine läßt man mit Ziegenböcken kämpfen: ein lächer⸗ licher und unſchuldiger Kampf; denn das java⸗ niſche wilde Schwein wird höchſtens zwei Fuß hoch und hat weder die Stärke noch den Muth unſerer Wildſchweine. Die Schule des Lebens. Dieſe Welt iſt die Hochſchule für den menſchlichen Geiſt. Der Menſch gelangt ſchon als Kind auf dieſelbe, und ſtudirt hier von der Wiege an bald mit großem, bald mit geringem Erfolge. Von Ausſtattung zur Univerſität, müt⸗ terlichem Proviant, Reiſegepäcke und dergleichen, iſt keine Rede. Der Fuchs(der auf die Hochſchule neu an⸗ kommende Student) bringt aus dem väterlichen Hauſe nur die zwei unentbehrlichſten Dinge mit, nämlich: Erſtens einen Rock, eine Art Uniform, für ſein ganzes Verweilen auf der Hochſchule— den Körper, der, um alle Schneider⸗Rechnungen zu 381 vermeiden, mit ihm wächſt, wie das Haus mit der Schnecke. Zweitens Geld, ohne welches Hilfsmittel man hinieden unmöglich ſein kann— Zeit. „Time is monney,“ ſagt der Engländer, Zeit iſt Geld— ein Geld, das nie den Schwankungen eines Kurſes unterworfen iſt, das nie und nir⸗ gends an Werth verliert, außer bei Leuten, die kangeweile haben. Dieſes Geld hat viele herr⸗ liche Eigenſchaften. Es kann dem Beſitzer ohne ſein Wiſſen nicht geſtohlen werden, er kann es ohne ſeinen eigenen Willen nicht verlieren, er kann es eben ſo wenig verborgen, wie von ſei⸗ nen Kommilitonen entlehnen. Untserſitätsſchullem ſind daher unmöglich. Da der akademiſche Bür⸗ ger auf der Hochſchule ganz ſein eigener Herr und Herr ſeines Geldes iſt, ſo hat die väterliche Güte aus Fürſorge es ſo weislich eingerichtet, daß er trotz ſeiner unbeſchränkten Selbſtändig⸗ keit doch ſein Geld unmöglich auf einmal ver⸗ geuden oder verſpielen kann, ſo daß der Ver⸗ ſchwender auch noch ſo ſpät wenn er zur Beſin⸗ nung kommt, immer noch ein Sümmchen übrig hat, um ſich aufzuhelfen, und durch beſſere Wirth⸗ ſchaft das Verlorene einzubringen. Der Studio⸗ ſus iſt lediglich auf die Summe beſchränkt, die er vom Vaterhauſe mitbekommen hat, und dieſe muß für ſeine ganze akademiſche Laufbahn aus⸗ reichen. Daß dem Sohne Geld auf die Univer⸗ ſität nachgeſchickt wird, findet hier durchaus nicht ſtatt. Wir kennen in der Geſchichte nur einen einzigen ſolchen Fall,— bei dem Könige Jehes⸗ kia, dem ein hübſches Sümmchen nachgeſchickt wurde.(2. Buch der Könige, Kap. 20, Vers 6.) Obwohl jeder akademiſche Bürger, wie oben geſagt, ſeine ihm beſtimmte Summe, die übri⸗ geus bei verſchiedenen Individuen auch ungleich groß iſt, mit bekommt, ſo weiß doch keiner von ihnen, wie viel ihm mitgegeben wurde. Er glaubt zwar in den erſten Jahren ſeiner Anweſenheit auf der Hochſchule, ſein Seckel berge ſo viel, daß er nie leer werden könne, doch ſpäter nach we⸗ nigen Decennien merkt er, wie unaufhaltſam raſch ſein Inhalt fort und fort ſich mindere. Aber ſo wenig er anfangs ſeine Vermögensſumme kannte, ſo wenig weiß er ſpäter, wie viel er noch in dem Seckel zum Verzehren habe. Wie weiſe und mu⸗ ſterhaft dieſe Einrichtung iſt, braucht wohl nicht erörtert zu werden. Was den Studienplan betrifft, ſo iſt hier ſowohl der Raum, als auch der Schreiber ſelbſt zu beſchränkt, um denſelben ausführlich darzu⸗ ſtellen, doch einige beſondere Merkwürdigkeiten dürfen nicht unerwähnt bleiben. „Erſtens: Von der rein wiſſenſchaftlichen Bil⸗ dung kann hier blos bemerkt werden, daß dieſelbe auf einer ſehr hohen Stufe ſteht und ſehr in's Große betrieben wird. Jede Fakultät hat Mu⸗ ſeen, Kabinete und Laboratorien von ſo beträcht⸗ licher Ausdehnung, daß die unſrigen dagegen als liliputaniſche Miniaturen erſcheinen. Der bota⸗ niſche Garten z. B. iſt ſo vollſtändig, daß es durchaus keine Pflanze gibt, die ſich hier nicht vorfände. In den unterirdiſchen chemiſchen La⸗ boratorien ſpringt nicht eine Flaſche, eine Re⸗ torte, ſondern manchmal eine ganze Stadt in die Luft. Zweitens: In der Moralphiloſophie finden nicht nur theoretiſche, ſondern auch praktiſche Uebungen ſtatt. Es werden nämlich nicht blos dem einzelnen Studenten, ſondern auch den gan⸗ zen Klaſſen gemeinſame moraliſche Aufgaben zur Uebung aufgegeben. Solche Klaſſenaufgaben ſind z. B. eine mißrathene Ernte, verheerende Krank⸗ heiten, Kriege u. ſ. w. Solche Themata ſind die beſten Prüfungen, um darzuthun, ob die vorge⸗ tragene Morallehre beim Zuhörer zu Fleiſch und Blut geworden iſt. Drittens: Die Gymnaſtik.— Die gymnaſti⸗ ſchen Uebungen, als: Fechten, Ringen, Turnen ꝛc. bilden hier, was man kaum vermuthen ſollte, 382 noch mehr als bei den Griechen, einen ſehr wich⸗ tigen Theil der akademiſchen Studien, nur mit dem bedentenden Unterſchiede, daß die gymnaſti⸗ ſchen und Turn⸗Apparate ganz anderer Art und dadurch auch dieſe Uebungen weit ſchwieriger ſind. Man ſicht und ringt hier nicht mit ſeines Gleichen, ſondern auch mit andern liſtigen Geg⸗ nern, ſie heißen Gelüſte, Begierden und Leiden⸗ ſchaften. Was endlich die Prüfungen auf dieſer Hoch⸗ ſchule betrifft, ſo ſind dieſelben zahllos und eige⸗ ner Art. Sie ſind manchmal ſo nnvorhergeſe⸗ hen und plötzlich, daß der Student nicht einmal weiß, daß er ſo eben examinirt wird, daß er jetzt eine Prüfung beſteht. Die letzte Merkwürdigkeit iſt, daß die Rigo⸗ roſen nicht auf der Univerſität, ſondern erſt nach Abberufung von derſelben im väterlichen Hauſe ſtattfinden und dort erſt Diplom und Doktorhut, oder Zurückweiſung erfolgen. Ob im letzten Falle, wie Manche behaupten wollen, der Durchgefallene nochmals auf dieſelbe Hochſchule, nur unter an⸗ dern Verhältniſſen, oder auf eine andere Univer⸗ ſität in eine andere Welt geſchickt wird, weiß ich nicht zu ſagen und nicht zu entſcheiden. Auch der Schreiber dieſes iſt ein bemoostes Haupt dieſer uralten alma mater Erde. Er hat viele bewußte und unbewußte Prüfungen durch⸗ gemacht, ob und wie er ſie beſtanden hat, das erfährt er wohl in kurzer Zeit, ſobald er zu den Rigoroſen abberufen wird. Ein Uorddeutſcher über Zöhmen. Im Charakter der Böhmeu zeigt ſich eine gewiſſe Natürlichkeit, ein naives Weſen, ein vorherrſchendes Leben im Gefühl, deſſen man bald inne wird, wenn man aus dem kältern ſpiri⸗ tuellern Preußen kommt. Bei dieſer Lebensrich⸗ tung wird das äußere Leben behaglicher und genußreicher. Die Küche iſt trefflich, namentlich in der Kategorie der Mehlſpeiſen, worin es die böhmi⸗ ſchen Köchinnen ſehr weit gebracht haben, und wobei die norddeutſche Küche in aller Aerm⸗ lichkeit erſcheint. Es ſind nicht die gekünſtelten, zuſammengeſetzten überfeinen Schaugerichte der franzöſiſchen Küche, ſondern viel ſolidere Waare, und nicht minder wohlſchmeckend. Die Milchrahm⸗ und Aepfelſtrudel, die Nockerl und Schmankerl, die lockern Strietzel, Buchten und Kollatſchen, ſelbſt die feinſten Torten— alles das weiß jede bürgerliche Hausfrau zu bereiten, wie der beſte Konditor. Mit einem Diner, das hier ein ge⸗ wöhnlicher Wirthſchaftsbeamte ausrichtet, kann ſich das eines preußiſchen Oberregierungsrathes nicht im Entfernteſten meſſen. Die feinſten Ge⸗ müſe werden, wenn ſonſt keine Gelegenheit da iſt, per Poſt verſchrieben; das feinſte Weizenmehl, von dem die Norddeutſchen keine Idee haben, wird unmittelbar aus Wien bezogen; fünf, ſechs Gänge ſind ganz gewöhnlich.— Das böhmiſche Bier iſt anz vortrefflich, das reinſte, geſundeſte Hopfen⸗ ier, und auch die inländiſchen Peine, wenn auch zuweilen herb, ſind nicht zu verachten. Auch in der Kleidung der Böhmen herrſcht viel Komfort und viel mehr Geſchmack als in Nord⸗ deutſchland. Ein Amtsdiener kleidet ſich hier beſſer, als anderswo ein Amtsrath, und vor der Toilette der Prager Damen müſſen die Berlinerinnen die Segel ſtreichen. Dabei iſt bei allem Luxus und aller Opulenz nirgends ein affektirtes Weſen, Ziererei und Oſtentation zu ſpüren; Hoch und Niedrig iſt gleicher Weiſe natürlich, unbefangen des Genuſſes ſich freuend. Dieſes heitere, ſorg⸗ loſe Weſen berührt den Norddeutſchen ſehr an⸗ genehm, da ihm wohl der Verſtand, nicht aber in gleicher Weiſe immer das Herz auf dem rechten Flecke ſitzt. Alle Bewohner der öſterreichiſchen Länder haben mehr Natürlichkeit, mehr Gemüth, mehr geiſtige Geſundheit, und obwohl das prote⸗ ſtantiſche Deutſchland in geiſtiger Regſamkeit ſie überholt hat und vielfach übertrifft, ſo ſind ſie doch wieder im Vortheil, was eine harmoniſche Ausbildung der Gefühls⸗ und Erkenntniß⸗, der Leibes⸗ und Seelenkräfte betrifft. Die Gaſtfreundſchaft iſt auch in Böhmen zu Hauſe, man wird überall bald mit den Leuten vertraut und findet ein herzliches Entgegenkom⸗ men, wofern man ſie nur in ihrer Weiſe ge⸗ währen läßt und nicht das eigene Weſen eigen⸗ ſinnig geltend macht, die böhmiſchen Eigenthüm⸗ lichkeiten nicht kritiſiren will. Ein hervorſtechender Zug im Charakter des ganzen böhmiſchen Volkes iſt die Höflichkeit, mit dem fremden Worte„Devotion“ genannt. Der Preuße iſt viel mehr kurz, knapp, ſpitzig, ge⸗ gen ſeine Vorgeſetzten eher zu dreiſt als zu höf⸗ lich; der Sachſe iſt ſchon weit bieg⸗ und ſchmieg⸗ ſamer, höflicher, in ſeiner Rede breiter. Wenn der Preuße einfach„guten Morgen“ ſagt, ſo ſpricht ſchon der Sachſe:„ſchönen guteu Morgen“, in Böhmen aber kann man es bei der Elipſe nicht bewenden laſſen, ſondern vollendet den Satz: „guten Morgen wünſch ich“,„guten Abend wünſch ich“, damit indeſſen noch nicht zufrieden, nennt man auch noch das ſprechende Subjekt, den ge⸗ horſamſten Diener, und ein vollſtändiger Nacht⸗ gruß lautet:„gute Nacht wünſch ich, Ihr ge⸗ horſamer Diener, ſchlafen Sie wohl.“ Wie im Oeſterreichiſcheun überhaupt, wird auch in Böhmen Jeder mit einem„Herr von“ be⸗ ehrt; dabei iſt aber die Anrede in der dritten Per⸗ ſon der Mehrheit immer noch zu gewagt, und an die Stelle des bloßen„Sie“ ſetzt man womöglich das„Herr von“.—„Waren Herr von Müller geſtern im Theater?“„Wollen Herr B. Platz nehmen?“ u. ſ. w. Ich lernte in einer Geſellſchaft eine alte vornehme Dame kennen, die(vielleicht nach alt⸗ adeliger Sitte und ähnlich wie im Polniſchen, wo die Kinder den Vater mit dem ganzen Amtstitel anreden) ſich von ihren Kindern nicht anders anreden ließ als„Euer Gnaden“. Der älteſte Sohn war ſchon ein würdiger Herr von vierzig Jahren, ſagte aber zu ſeiner Mutter nie anders als„Euer Gnaden“. Der Bauer hat ſchon ſeinen Hut unter dem Arme, wenn er ſeinen Gutsherrn von weitem er⸗ blickt. Muß er mit ihm ſprechen, oder kommt er ſonſt in ſeine Nähe, ſo begrüßt er ihn mit einem Handkuß. Dieſe Sitte hat etwas Patriarchaliſches und Zutrauliches, und iſt viel beſſer als jenes Kniebeugen der Polen. Dem Pfarrer küſſen Alt und Jung, Männer und Weiber, Burſche und Mädchen die Hand, ſobald ſie ihm auf der Straße begegnen oder ihn in ſeinem Hauſe beſuchen. Sämmtliches Geſinde nicht nur, ſondern auch die oberen Hausbeamten, küſſen dem gnädigen Herrn, der gnädigen Frau und dem gnädigen Fräulein täglich, ſobald ſie derſelben anſichtig werden, die Hand. Die Dame vom Hauſe wird in der Re⸗ gel von allen Herren, die auf Beſuch kommen, mit dem Handkuß beehrt. Barnum'’s RKegeln, ſich Erfolg im Leben zu ſichern. 1. Wähle ein ſolches Geſchäft, welches Dei⸗ ner natürlichen Neigung und Deinem Teinpera⸗ mente zuſagt. 2. Das heilig. 3. Was Du thuüſt, thue mit Deiner ganzen Willenskraft, 4. Mäßigkeit und Nüchternheit. einmgl gegebene Wort ſei Dir 5. Verliere die Hoffnung nicht, aber gib Dich keinen Täuſchungen hin. 6. Zerſplittere Deine Kräfte nicht. Laß Dich nur in eine Art Geſchäfte ein, und bleibe dabei bis es glückt, oder Du es ganz aufgibſt. Wenn die ganze Aufmerkſamkeit eines Mannes ſich auf ein Geſchäft wendet, ſo wird ihm ſein Geiſt im⸗ mer auf's neue gute Mittel eingeben. 7. Annoncire Dein Geſchäft. Wenn Dein Geſchäft durch das Publikum unterſtützt werden muß, ſo annoncire tüchtig und ordentlich. Bar⸗ num ſagt:„ich geſtehe offen, daß mein ganzer Erfolg mehr der Preſſe, als irgend einer andern Urſache zugeſchrieben werden kann.“ Manche behaupten, ſie hätten das Annonci⸗ ren verſucht, es habe ſich aber nicht ausbezahlt; das iſt nur möglich, wenn es unvollſtändig und kärglich geſchah. Eine kleine Doſis macht übel und hilft nicht; die volle Mixtur wird helfen. Das Annonciren iſt das wohlfeilſte und ſicherſte Mittel zum Publikum zu ſprechen, und ſich Kun⸗ den zu erwerben. 8. Vermeide übermäßigen Aufwand, und lebe immer beſcheiden von Deinem Einkommen, wenn Du es, ohne Mangel zu leiden, thun kannſt.. Dr. J. — Des Zwanzigers Glück und Ende. Humoreske. Wie die Schwalben zur herbſtlichen Zeit 3 heimziehen nach ihrer wärmeren Heimat, nachdem ſie in allen Ländern herumgeflattert, ſo ziehen nun die Zwanziger heim in ihr Vaterland, in die Keller der Bank, nachdem ſie Jahre lang in ver⸗ borgenen Neſtern gewohnt und in aller Herren Länder kurſirt haben. Vor einem Dezennium da bekamen ſie plötzlich unbezähmbare Wanderluſt, es litt ſie nicht mehr in der Herrengaſſe, ſie woll⸗ ten hinaus, ſich die Welt zu beſehen. Wie luſtig ſprangen ſie auf den Zähltiſchen einher, als man ſie an die Luft brachte, wie geſchmeichelt waren ſie von der aufgeregten Haſt, mit welcher das Publikum ſie auf die Straße trug! Als die er⸗ ſten einmal draußen waren, da gab's kein Hal⸗ ten mehr für die anderen, alle wollten die Frei⸗ heit koſten; in hellen Haufen ſtürzten ſie hervor an's Licht, den Menſchen entgegen, welche ihnen ſo verlangend entgegenkamen. Die Art, wie man ſie aufnahm, mußte die Eitelkeit der blinkenden Geſchöpfe auf das Aeußerſte ſteigern; man über⸗ bot ſich in Beweiſen beſonderer Verehrung, ja man ſchätzte ihren Werth täglich höher und höher. Was Wunder, daß die guten Dinger da übermü⸗ thig wurden! Daß eine Guldennote drei Zwan⸗ zigern gleich ſein ſollte, das wollten die blanken Geſellen gar nicht mehr gelten laſſen; wo drei von ihnen beiſammen waren, hielten ſie ſich für weit eſler, für weit mehr, und nur einen preu⸗ ßiſchen Thaler hielten ſie ſo halb und halb für ihres Gleichen. Sie wurden allmälig blaſiet für alles Einheimiſche; die Verhältniſſe im Inlande gefielen ihnen nicht mehr, ſchaarenweiſe wander⸗ ten ſie aus. Nicht alle aber waren charakterfeſt genug, draußen ihrem Charakter als Zwanziger treu zu bleiben; viele, ja die meiſten der Aus⸗ wanderer waren feige genug, ihre Geburt zu ver⸗ leugnen, die glänzenden Thaten ihrer alten Fa⸗ milie zu vergeſſen und ihr altes Wappenſchild aufzugeben. Sie bewegten ſich in Geſellſchaft von allerlei Geſellen zweifelhaften Werthes, ſie ſchloßen Bruderſchaft mit ſchlechten ausländiſchen Gulden, und endlich— Schmach dieſem Augenblicke— traten ſie in auswärtige Dienſte, entäußerten ſich allen Vaterlandsgefühles, aller hiſtoriſchen Erin⸗ nerung, zogen fremde Livrée an und ließen ſich — einſchmelzen, um in neuer Geſtalt in den Ver⸗ kehr zu treten. So zogen die entarteten Burſche *— ——. — —— — — als Landsknechte durch alle deutſchen Gaue, in zerſtreuten Häuflein waren ſie bald da, bald dort zu ſehen; ſie kannten ſich unter einander ſelbſt Eſel nicht mehr! Anders, aber nicht minder unehrenhaft und unpatriotiſch war das Benehmen jener Zwanzi⸗ ger, welche im Lande ihrer Geburt zurückblieben. Nicht Vaterlandsliebe hielt ſie daheim, nur das hohe Angebot, die Sucht viel zu elten. Aus Furcht, um ihren eingebildeten höheren Werth geprellt zu werden, zogen ſie als feige Egoiſten ſich zurück in unzugängliche Verſtecke, verkrochen ſich in Löcher, bargen ſich in Strohſäcken oder in ſchmutzigen Strümpfen, ſie wollten durch ihre Ab⸗ weſenheit glänzen und ihre feſte Stellung erſt dann verlaſſen, wenn dieß mit dem größten Nutzen geſchehen konnte. Ach, ihr Plan glückte ihnen auf lange nur zu wohl. Die Einzelnen, welche ſich hier und da zeigten, wurden mit Stau⸗ nen angeſehen. Jeder dieſer kleinen Herren hielt ſich für einen Halbgott, der nur unter ganz au⸗ Berordentlichen Bedingungen auf die Erde zurück⸗ kehren dürfe. Aber Hochmuth kommt vor dem Falle. Lange genug hatte die despotiſche Willkür des ſilbernen Gelichters gedauert. Eine neue Geſetz⸗ gebung war im Zuge, welche dieſe ſilberne Münz⸗ ariſtokratie in ihren Privilegien bedrohte. Die Zwanziger, die man im Dunkeln mächtig werden ließ, fühlten ſich unheimlich; zuerſt langſam, dann immer raſcher eilten ſie aus ihren Schlupfwinkeln hervor, aber der Nimbus ihrer Größe war ge⸗ ſchwunden, die„theuren“ Zwanziger hatten den rechten Augenblick verſäumt, man empfing ſie mit zunehmender Gleichgiltigkeit, das welthiſtoriſche: „Zu ſpät“ war auch ihnen zum Verhängniß geworden. Da erſchien an einem ſchönen Sommertage das Statut, welches einen neuen Adel, eine„neue Währung“ einführte. Ein Schauer ging den Zwanzigern durch Schrot und Korn— ſie ſahen ein, ihre letzte Stunde ſei im Anzuge. Noch hiel⸗ ten ſie ſich eine Zeitlang mit Zähigkeit zurück, ſie kämpften mit einem Muthe, der einer beſſeren Sache würdig geweſen wäre. Die neue Währung war das Moskau der Zwanziger⸗Armee, der erſte November ihre Bereſina. Das ſtolze 20, ſich ſo unübeywindlich dünkend, wie weiland Sebaſtopol, iſt eine gefallene Größe. Das iſt der Fluch der böſen That! Die al⸗ ten Kumpane, ſo vor zehn Jahren mit flatternden Fahnen auszogen, mit dem Bewußtſein, 30 Kreuzer Konventionsmünze werth zu ſein, kommen jetzt demüthig, gebrochen und zerknirſcht geſchlichen und ſind froh, wenn wenn man ſie 19 ½—= 34 Neu⸗ kreuzer gelten läßt— den neuen Zwanzigern wurde in Anbetracht ihrer unerfahrenen Jugend verziehen, ſie ſollen mit 35 Neukreuzern bezahlt werden. Aber das ganze widerſpenſtige alte Zwanziger⸗Geſchlecht iſt zu dem Looſe verurtheilt, das Peter der Große den Strelizen, Mahmud II. den Janitſcharen bereitete, ſie werden vernichtet, aufgelöſt, eingeſchmolzen. Denn wer ſich erhöhet, wird erniedriget. Das iſt des Zwanzigers Glück und Ende. (O.⸗D.⸗P.) 1 Bemerkungen. Auch die klügſten Weiber verlieren augen⸗ blicklich ihre Vernunft, wenn ſie von einer gre⸗ ßen Leidenſchaft bewegt ſind, oder— die Wäſche haben. „Deer Verſtand flößt dem Dummkopf keinen höheren Reſpekt ein, als— der Knüppel dem e Je ſchlechter das Wirthshaus, deſto größer die Zeche, weil man immer auch für die bezahlen mu welche ſo klug ſind, darin nicht einzu⸗ ehren. Die Weiber ſind feine Beobachterinen, und zum Schutze ihrer Schwäche gleichſam ſchon von der Natur mit Menſchenkenntniß ausgeſtattet. Auch die jüngſte Frau weiß nach kurzer Zeit ihren Mann ſo zu ſagen auswendig, während viele Männer ihr ganzes Leben durch vergeblich ihre Frau auszuſtudiren verſuchen. Mit dem Verſtande geht es oft wie mit dem Gelde. Mancher wird in ſolcher Hinſicht für reich gehalten, der doch im Grunde nur ein heimlicher Lump iſt. Wer in Geſchäften niemals fehlgegriffen hat, hat auch noch ſchwerlich oft recht gegriffen. Humoriſtiſches. Das neue Geld als Eheprokurator. Ein junger liebenswürdiger Mann, Beamte von zwar nicht großem aber immerhin anſtändi⸗ gem Einkommen, hielt vor zwei Jahren nach wiederholten fruchtlofen Verſuchen um die Toch⸗ ter eines Wiener Bürgers an. Der Vater, durch dieſen abermaligen Anlauf etwas in Harniſch ge⸗ bracht, ſchloß ſeine abermals abſchlägige Antwort, zum großen Leidweſen der beiden Liebenden, mit folgenden Worten:„Ich ſage Ihnen zum letzten Male, mein Freund, Sie kriegen meine Tochter nicht, ſo lange der Gulden ſechzig Kreuzer gilt!“ Traurig zog der ſo Beſchiedene ab. Das war vor zwei Jahren. Nun weiß aber alle Welt, daß uns der 1. Nov. 1858 eine neue Währung brachte. Unſer Beamte, immer noch ſeiner Liebe treu, er⸗ faßt dieſe günſtige Gelegenheit, begibt ſich aber⸗ mals zu dem zähen Alten, um jetzt oder nie in Beſitz ſeiner Geliebten zu gelangen. Er ſtellt ihm vor, daß der Gulden jetzt 100 Kreuzer habe und er ihm ſomit, ohne ſeinem früheren Ausſpruche untreu zu werden, nunmehr das erſehnte Jawort geben könne. Der Vater, durch die beharrliche Treue und den guten Einfall des jungen Man⸗ nes gerührt, läßt ſich erweichen und noch am ſelben Tage ward die Verlobung des glücklichen Paares gefeiert. Kopfſchmerz. Schüler. Herr Lehrer, mein Bruder kann heute nicht in die Schule kommen, er iſt krank. Lehrer(beſorgt). So, was fehlt ihm denn? Schüler. Nur der Kopf. Seltſamer Trauermarſch. In einem Dorfe, das wir hier nicht nennen wollen, war der Pfarrer geſtorben. Da die Ge⸗ meinde das Begräbniß ſo feierlich als möglich machen wollte, ſo lud ſie aus der Umgegend alle Muſikanten zuſammen. Dieſe fanden ſich richtig [am Tage des Leichenbegängniſſes mit ihren In⸗ —' y— 383 ſtrumenten ein. Als nun der Zug zum Kirch⸗ hofe ſich in Bewegung ſetzen und der Trauer⸗ marſch beginnen ſollte, malte ſich keine geringe Verlegenheit auf den Geſichtern der Mufiker. Sie ſteckten rathlos die Köpfe zuſammen und das geſpannte Publikum vernahm keine andern Töne, als das Geziſchel einer leiſen Berathung. End⸗ lich ſchien ein entſcheidender Entſchluß gefaßt, die Mundſtücke der Inſtrumente näherten ſich den Lippen, die Füße ſchritten aus, und ſtatt des Trauermarſches, den man einzuüben unterlaſſen hatte, ertönte dem guten todten Pfarrer zum letz⸗ ten Abſchiede das Lied: „Großer Gott, wir loben Dich.“ Beachtung des Rangunterſchiedes. Zwei Kapuziner, ein Pater und ein Bruder, treten in das Haus einer Bäuerin und bitten um das Almoſen. Die Frau langt ein ſchönes Stück Speck aus der Erbſenſuppe heraus, leckt die Erbſen davon ab, und reicht es dem Pater. Darauf ſchneidet ſie noch ein zweites Stück ab und reicht es dem Bruder, mit den Worten: „Da, Ihr könnt es ſelbſt ablecken.“ Wichtigkeit der Unterſcheidungs⸗ zeichen. Auf einem Kirchhofe ſteht ein ſteinernes Krueifix mit folgender Inſchrift: Im Jahre 1780 ward aufgerichtet dieſes Bild unſers Herrn Jeſu Chriſti der da gekreuzigt worden vom Schulzen dieſer Gemeinde. Wem gleicht ein Geizhals? Ein Geizhals gleicht einem Menſchen, der in 20, 30 oder 40 Jahren einmal eine zroße Reiſe antreten ſoll, bis dahin aber all' ſeine Zeit damit zubringt, ein großes Paket fertig zu machen, ein Paket wohlgemerkt, von dem er im Voraus weiß, daß er es nicht mitnehmen darf. Mittel gegen die Traurigkeit. Eine Frau von Geiſt, zu Paris, welche die Kinder ſehr liebte, ſah einſt bei einem Kaufmann zwei Kinder ſehr ernſten Angeſichtes.„Ihre Knaben ſind ſehr traurig“, ſagte ſie zur Mutter. „Ach Madame“, antwortete dieſe,„wir prügeln ſie genug, um ihnen dieſe Gewohnheit zu beneh⸗ men, es hilft aber nicht.“ Die Geſundheit. In einer Geſellſchaft entſpann ſich ein langes Geſpräch über den Werth und Unwerth dieſes Lebens, über die Vergänglichkeit der Dinge u. ſ. w. Es wurde heftig geſtritten.„Und was meinen Sie dazu?“ fragte man ein anweſendes Landfräu⸗ lein. Die Kleine ward roth und antwortete:„Ich meine: leben oder nicht leben, wenn man nur geſund iſt.“ Silbernes Eiſen. Ein Emporkömmling rühmte ſeinen Reich⸗ thum und rief unter Anderem:„Mein ganzes Küchen⸗ und Tiſchgeräth iſt aus Silber, ſogar meine eiſernen Küchentöpfe.(l) Redigirt unter Verantwortlichkeit des W. Ernſt. An unſere ſeſer. Dieſem letzten Hefte des 38. Jahrganges der„Erinnerungen“ liegt die erſte Nummer des 39. Jahrganges oder 77. Bandes unſerer Zeitſchrift bei, die ☛ fortan zweimal des Monats erſcheinen wir Erinnerungen. Illuſtrirte Blätter für Ernſt und Humor. Es ſind der Zeitſchriften gar wenige, welche gleich unſern„Erinnerungen“ durch beinahe vier Decennien ſich die Gunſt des Leſepublikums zu erhalten wußten. Dieſe ununterbrochene Theilnahme, deren ſich unſere Blätter erfreuten, beweiſt wohl genugſam, daß Redaktion und Verlag ſtets bemüht waren, durch Inhalt und Ausſtattung der„Erinnerungen“ allen Anforderungen Genüge zu leiſten, welche man an die billigſte illuſtrirte Zeitſchrift zu ſtellen berechtigt war. Indem wir unſern verehrten Leſern für ihre bisherige freundliche Theilnahme danken, fühlen wir uns zugleich verpflichtet, mit einigen Worten uns über die Ver⸗ ünderungen auszuſprechen, welche wir im Intereſſe unſerer Blätter vorzunehmen uns veranlaßt ſehen. Die„Erinnerungen“ erſchienen bisher in Monatheften; fortan werden wir ſie, den vielfachen Aufforderungen unſerer Leſer nachkommend, nach je 15 Tagen oder 24mal im Jahre ausgeben, da wir ſo einerſeits dem erhöhten Leſebedürfniſſe Rechnung tragen und andererſeits mehr als bisher den laufenden Ereigniſſen des geſelligen und literariſchen Lebens folgen können. Der Inhalt der„Erinnerungen“ ſoll nicht weſentlich anders, wohl aber reichhaltiger und geſichteter werden und ſich in folgender Weiſe gliedern: Illuſtrirte Novellen und Erzählungen in ſorgfältiger Auswahl bilden den erſten Theil der Blätter. Auf den novelliſtiſchen Theil laſſen wir Aufſätze belehrenden Inhalts folgen, welche in gemeinverſtändlicher Weiſe intereſſante Partieen aus der Naturwiſſenſchaft, der Länder⸗ und Völkerkunde, der Literatur, Kunſt, Induſtrie u. ſ. w. behandeln. Zur Veranſchaulichung der beſprochenen Gegenſtände werden in den Text gedruckte Holzſchnitte dienen. Auch der Humor ſoll, wie ſchon der Titel unſerer Blätter anzeigt, in den„Erinnerungen“ ſeine Stelle finden und durch Humoresken, lannige Gedichte, ſatyriſche Bilder u. ſ. w. auch die Lacher auf unſere Seite bringen. Den Schluß des Heſtes bildet ein Feuilleton, das in reicher Abwechslung unter verſchiedenen Rubriken alles zuſammen⸗ faſſen ſoll, was je vierzehn Tage an intereſſanten nicht politiſchen Vorkommniſſen bieten werden. Jeden Monat erfolgt eine muſikaliſche Extrabeilage und zu jeder Saiſon ein Modenbild. Die ausgeſprochene Theilnahme des Publikums für Räthſel und Rebus beſtimmt uns, auch dieſe Rubrik nicht fallen zu laſſen, ſondern ſie mit ſorgfältiger Auswahl auch in Zukunft fortzuſeten und für die Löſung ſchwierigerer Probleme Preiſe auszuſchreiben. In der Korreſpondenz der Redaktion werden Anfragen beantwortet und, wo es gewünſcht wird, zur Prüfung einge⸗ ſendete Manuſkripte beurtheilt. Auch die artiſtiſche Ausſtattung unſerer Zeitſchrift wird reichhaltiger ſein als früher, da wir nicht nur eine große An⸗ zahl in den Text gedruckter Holzſchnitte bringen, ſondern auch jeder Nummer eine Xylographie in Tondruck nach guten Bildern in⸗ und ausländiſcher Maler beilegen werden. Dieſe 24 Beilagen, welche ein Jahrgang enthält, werden bei ihrem künſtleriſchen Werthe ein Album bilden, das keine Vergleichung zu ſcheuen hat. In Betracht des reichen Inhaltes und der nicht minder reichen artiſtiſchen Ausſtattung unſerer Zeitſchrift iſt der unten angegebene Pränumerations⸗Preis gewiß ein unverhältnißmäßig billiger zu nennen, und er iſt es um ſo mehr, da unſere Abonnenten die Begünſtigung haben, das mit den„Erinnerungen“ in Verbindung ſtehende„Jahrbuch deutſcher Belletriſtik“ auf 1859, Preis fl. 1. 60 Nkr., um zwei Drittel des Normalpreiſes, alſo für fl. 1. 6 Nkr., zu erhalten. Wenn wir auch nach dieſen aufgeſtellten allgemeinen Grundzügen dem Satze zu huldigen ſcheinen:„Wer vieles bringt, wird Manchem etwas bringen“, ſo wird man doch als rothen Faden durch das Ganze die Abſicht nicht verkennen, durch die mannig⸗ faltigſten Mittel dem Guten, Wahren, Schönen immer mehr Boden erobern zu helfen. Die„Erinnerungen“ wollen Vielen Vieles werden und eben ſo in einſamer Stunde ernſt anregen, wie der Geſelligkeit heitere Stoffe bieten. Sie wollen Familienblätter ſein, gern geſehen in Stadt und Land, und über den Augenblick hinaus noch Werth behalten. Mit Vertrauen treten wir wieder dem Publikum entgegen und hoffen, es uns gewogen zu finden. Die Redaktion: W. Ernſt. Abonnements-Bedingungen der„Erinnerungen“: Erſcheinen: Monatlich 2mal, je am 1. und 15., vierteljayrig ömal, halbjährig 12mal, ganzjährig 24mal. 12 Hefte bilden einen Band. Inhalt: Jedes Heft 4, ſomit jährlich 96 Median⸗Bogen Text mit zahlreichen Holzſchnitten und für jede Saiſon ein Modenbild. Gratis⸗Beilagen. Büldet⸗dlnbum der„Erinnerungen“. Jährlich 24 nach den beſten Meiſtern ausgeführte Xylographieen mit Muſtkaliſches Album der„Erinnerungen“. Jährlich 12 Beilagen mit Kompoſitionen bekannter Tonkünſtler (Lieder, Tänze, Märſche dc.). Preiſe in öſterr. Währung: Durch den Buchhandel. Mit freier Poſtzuſendung(vom Verlage). N Für 1 Vierteljahr oder 6 Nummern..... 1 fl.— Nkr. 1 fl. 30 Nkr. Für 1 Halbjahr(Band) oder 12 Nummern... 2„—„ 2„ 60„ Für den Aalaand(2 Bände) oder 24 Nummern 4„—„ 5„ 20 c„ Einzelne Nummern...........„ 20„.—„ 25„ Die Abonnenten der„Erinnerungen“ genießen außerdem den Vortheil, das Jahrbuch deutſcher Belletriſtik auf 1859, 361 Seiten mit 1 Stahlſtich(Ladenpreis fl. 1. 60 Nkr.), für nur fl. 1. 6 Nkr. zu erhalten.— Prag, Dezember 1858. Carl Bellmann's Verlag. — 7 ——————— — ——————„G— 2, — * poqslien pess 135 Tlolsuy 7SaJlo 6.— 4 * / 5 3 1 4 (und welche Mühe hatten ſie dennoch gekoſtet) deutete er nur die Begebenheiten an; aber welche Fülle von Liebe und Glück ſchloſſen dieſe wenigen Worte ein! Wie klopfte ihr das Herz, als er erzählte, wie er zum erſten Male bei ſeiner Ankunft in der Hauptſtadt ſich geäng⸗ ſtigt, wie er ſich nach der Mutter geſehnt und den Vater gefunden habe, der nicht blos der Mutter zu einer Kuh verhelfen, ſondern auch dafür ſorgen wolle, daß aus ihrem Halvor, wenn ſie ihn da ließe, ein tüchtiger Maler wer⸗ den würde. Es wurde dem Pfarrer ſchwer, die Einwil⸗ ligung der Mutter zu erhalten, wie ſehr er ſich auch mühte, ihr die Vortheile auseinander zu ſetzen, die das gütige Anerbieten Halvor brächte. Es ſchien ihr unmöglich, ihn zu miſſen. Als ſie endlich eingewilligt, fetzte der Pfarrer ſich zum Schreiben und ſie wanderte nach Hauſe, ſehnſuchtsvoll die Tochter erwartend, um ihr volles Herz vor ihr auszuſchütten. 6. Es war im Jahre 1838, in den erſten Tagen des Januarmonats. Auf den Straßen Roms lag der Schnee weiß und glänzend im Mondenſcheine und gab der Siebenhügelſtadt ein nördlich⸗fremdes Anſehen. Zwei junge Künſtler aus dem Norden, die ſich begegneten, begrüßten ſich vergnügt, als wäre der Boden, auf dem ſie ſtanden, durch die wohlbekannte weiße Decke zur heimatlichen geworden, und ſetzten dann ihren Weg zuſammen fort, nach dem Lokale, in dem ſich ein Verein von Künſt⸗ lern aus ihrem Vaterlande verſammelt hatte, wie es, dem gefallenen Schnee zur Ehre, be⸗ ſchloſſen worden war. Noch dauerte in ihrer Heimat die Feier des Weihnachtsfeſtes fort; der Schnee hatte ſie lebhafter an manchen Abend erinnert, wo ſie in der langen Reihe von Schlitten unter dem Spiele der klingen⸗ den Schellen als fröhliche Gäſte zum heiteren Feſte fuhren. Sie wollten heute vereint ver⸗ gangener froher Zeiten gedenken.— Die bei⸗ den jungen Leute traten in den Saal, der feſt⸗ lich erleuchtet und mit Bildern aus dem Nor⸗ den feſtlich geſchmückt war; denn wer eines ge⸗ malt, das an denſelben erinnerte, hatte es her⸗ gegeben zur Feier des Feſtes. Noch klang in ihren Ohren die weiche italieniſche Sprache, mit der die Wirthin ſie vor der Thür angeredet hatte. Wie unnennbar größeren Zauber übten aber die Töne der Mutterſprache aus, die jetzt zu ihnen drangen, nachdem ſie die Schwelle überſchritten hatten. Bald waren ſie mitten unter ihren Freunden und mit beſonderer Herzlichkeit wurde der Jüngere von Allen be⸗ grüßt; er ſchien ein allgemeiner Liebling zu ſein. Sein edles, offenes Geſicht machte auch dieſe Vorliebe leicht begreiflich. Er war zwar von der Sonne Italiens gebräunt; aber die blonden Locken und die treuen blauen Augen machten das Recht des Nordens auf dieſen ſchönen Sohn geltend. Einer der jungen Künſt⸗ Erinnerungen. 1858, ler ſagte bei ſeinem Eintreten zu ihm:„Es iſt ein Maler hier, ein Fremder, von einem der Freunde eingeführt, der ſich durch Dein Bild dazu veranlaßt, ſehr eifrig nach Dir erkundigt hat. Du ſiehſt ihn jetzt vor demſelben ſtehen, wie er es faſt unabläſſig gethan.“ Die Blicke des jungen Mannes folgten der angegebenen Richtung, und als er den Bezeichneten gefun⸗ den, ließ er ſich von ſeinem Freunde zu ihm führen und vorſtellen. Der Fremde betrachtete mit großem Intereſſe die Züge des jungen Mannes und wandte ſich, nachdem er einige Worte mit ihm gewechſelt, wieder dem Bilde zu.„Die Kinder hier,“ ſagte er, auf dasſelbe deutend,„kann der Vorwurf nicht treffen, der mit Recht ſo oft gemacht wird, daß zuviel an die Zuſchauer bei den Hauptfiguren gedacht zu ſein ſcheint. Sie, junger Mann, haben die ganze Welt vergeſſen und ſich in Ihren Gegen⸗ ſtand vertieft; daher gewinnt es ein Intereſſe, das ihm ſonſt nicht zu Theil geworden wäre. Hier iſt nicht blos Talent und Studium, nein, das Herz ſelbſt im Spiele geweſen, und es iſt eine Scene aus dem wirklichen Leben, die ſo treu auf der Leinwand wiedergegeben iſt. In meiner Mappe liegt ein Bild, das mit dem Ihrigen zuſammen zu gehören ſcheint, und da ich nicht weit von hier wohne, will ich es ho⸗ len, um es mit dieſem zu vergleichen.“ Mit dieſen Worten ging er fort.„Wir Alle haben Dein Bild nicht ſo zu ſchätzen gewußt,“ ſagte der Freund lachend zu dem jungen Künſtler, deſſen Wange von einem ſchöneren Gefühl er⸗ glühte, als von dem der Freude über das ge⸗ ſpendete Lob,„wir meinten, Du hätteſt Dein Talent an einen beſſeren Gegenſtand verwen⸗ den können, als an eine todte Kuh.“—„Ihr habt aber auch mit mir nicht die todte Kuh be⸗ weint,“ ſagte der Jüngling und ſchien ſich in Erinnerungen zu vertiefen, indem er ſein eige⸗ nes Werk betrachtete; Erinnerungen, die ihn weit hinwegführten, in Gegenden, wo der Schnee keine flüchtige Erſcheinung war, ſondern Monate lang die Erde deckte, wo Aller Herzen ſo warm und treu ſchlugen, wie das Herz in ſeiner Bruſt. Das Bild, vor dem er ſtand, ließ das Innere eines ärmlichen Stalles ſehen. Eine Kuh, welche alleinige Beſitzerin desſelben geweſen war, lag todt auf der Erde ausge⸗ ſtreckt; neben ihr knieten zwei Kinder, ein Mäd⸗ chen und ein Knabe. Der Knabe hatte das Geſicht an die Kuh gedrückt und ſeine hellen Locken verhüllten es ganz. Des Mädchens Ant⸗ litz aber war ſichtbar und drückte auf rührende Weiſe den Kummer aus, der die Seele des Kindes erfüllte. Der junge Maler ſtand noch in Gedanken verſunken, als er ſeine Schulter leicht berührt fühlte. Er wandte ſich um; der Fremde war wiedergekommen, und indem er auf den Kna⸗ ben zeigte, ſagte er, ein Papier in ſeiner Hand entfaltend:„Glauben Sie nicht, daß das Ge⸗ ſicht des Knaben da, wenn er es erhöbe, dieſem ähnlich ſähe?“ Der Jüngling betrachtete mit einem Aus⸗ — 361 drucke des Erſtaunens das Blatt; ſein ſchneller Blick verglich es mit ſeinem Bilde; hier konnte kein Zweifel ſein; dieß war der Bruder des lieblichen Mädchens; dieß war ſein eigenes Kindesgeſicht. Wie kam es aber in den Beſitz des fremden Mannes? Er blickte ihn forſchend an, doch als ſeinem fragenden Blick ein wohl⸗ wollendes Lächeln begegnete, da tagte es in Halvors Seele; denn dieſer war der junge Maler, deſſen Talent auszubilden der Pflege⸗ vater Sorge getragen hatte und der ſich zu dieſem Zwecke ſeit einem Jahre in Rom befand. „Sie waren es, der mir den Savoyarden⸗ knaben ſchenkte!“ rief er aus und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen;„durch Sie wurde zuerſt die ſchlummernde Kraft in meiner Bruſt geweckt!“ Und Halvor erzählte die Begeben⸗ heiten ſeines Lebens, und alles ſcheinbar Kleine und Unbedeutende war ſo bedeutungsvoll ge⸗ weſen, und alle einzelnen feinen Fäden der Ereigniſſe waren zum herrlichen Gewebe ge⸗ worden in der Hand des größten Meiſters. Er hatte ſich nach dem Trieb des Zugvogels ge⸗ ſehnt; wie unnennbar viel mehr war ihm ge⸗ worden. Die Vorſehung hatte jeden ſeiner Schritte gelenkt und weit über ſein Bitten und Verſtehen an ihm gethan. Der Jüngling, der am Eingang, und der Mann, der faſt am Ausgang des Lebens ſtand, fühlten ihre Seele gleich tief von Gottes wunderbarer Führung ergriffen, und wie oft, wenn ſie wieder ver⸗ traulich neben einander ſaßen, wie einſt auf dem Granitblock im Norden, gedachten ſie der⸗ ſelben mit Preis und Lob in ihrem Herzen. Es verſtrich der kurze Winter ſchnell. Mit dem ſchönen Frühling kamzugleich eine traurige Nachricht für Halvor, der Tod ſeines Pfle⸗ gevaters. Er betrauerte ſeinen Verluſt, wie ein Sohn den eines geliebten Vaters; zugleich aber fühlte er, daß er fortfahren würde, den Ver⸗ ehrten ſo tief und innig zu lieben, als ob der Tod ſelbſt nicht vermocht hätte, ſie für dieſes Leben zu trennen. Von der Erde verſchwun⸗ den, lebte der väterliche Freund unvergänglich in ſeinem Herzen fort; es war ihm oft, als ſtände ſeine ehrwürdige Geſtalt vor ihm, mit dem ſchönen Ausdruck des Friedens in dem milden Antlitze. Wie es aber immer geſchieht, ſo erfaßte ihn bei dem Verluſte des Einen ſeiner Lieben doppelte Sehnſucht nach den An⸗ dern, und als er und ſein alter Freund an einem jener ſchönen Abende, die der frühe Frühling brachte, von dem Norden ſprachen, den noch Schnee und Eis deckte, da ergriff ihn das Verlangen nach der Heimat ſo mäch⸗ tig, daß er vor dem Freunde ſeine tiefe Sehnſucht ausſprach, und die Folge davon war, daß ehe ſie ſich trennten, der Entſchluß gefaßt wurde, zuſammen einen Beſuch in der Heimat zu machen. 7. Es war Sonntag. Ein Sonn⸗ und Feſttag ſeltener Art in dem Häuschen, wo Hal⸗ 46 362 vors Mutter wohnte. Die warmen Strahlen der Juniſonne fielen in ein freundliches Stüb⸗ chen und ſpielten auf den grünen Tannenrei⸗ ſern, mit denen der Fußboden beſtreut war. Ein Kranz von Blumen ſchmückte das einzige Bild der Hütte, und der Savoyardenknabe hätte wohl glauben können, in ſeinem eigenen ſchönen Italien zu ſein, ſo ſüß war der Man⸗ delduft der Lindenbüſchel, die in den Kranz ge⸗ flochten waren. Alles im Zimmer hatte ein feſtliches Gepräge, und Feſttagsfreude ſtrahlte aus den Augen dreier glücklichen Menſchen, die es einſchloß. Der vierte, der alte Maler, betrachtete mit einer Freude, wie er ſie noch nie über Raphaels und Correggios Meiſter⸗ werken empfunden, das lebende Bild vor ihm, zwiſchen Mutter und Schweſter den glücklichen Halvor, der ſich nicht ſatt ſehen konnte an der hübſchen Schweſter, die in lieblicher Schüch⸗ ternheit ihn nur halbverſtohlen anzublicken wagte; nicht ſatt ſehen konnte an dem gelieb⸗ ten, vor Freude verklärten Antlitz der Mutter. Auch der alte Maler war ein Schwede und wie gut verſtand er das Entzücken des Jüng⸗ lings; hatte er auch nicht Vater und Mutter mehr, klang es doch auch in ſeinem Herzen: „Heimat, ſüße Heimat!“ und kein Wohlge⸗ ruch der Orangen im fernen Süden kam dem Duft der friſchen Tannenknospen für ihn gleich. Endlich ſagte er zu Halvor:„Zeige ihnen nun auch, was Du mitgebracht haſt!“ und Halvor holte aus ſeinem Koffer ein Bild hervor, das Bild von der todten Kuh. Wie erſtaunten Mutter und Schweſter! Sie konnten es nicht faſſen, daß ſolche Dinge ſich darſtellen ließen, und nun war gar ihr Hal⸗ vor der Zauberer geweſen! Er aber umfaßte freudig die Mutter und ſprach:„Siehſt Du, ich habe Dir doch eine Kuh mitgebracht und Du wirſt ſie lieb gewinnen, wie Du die lebende lieb hatteſt, weil Dein Halvor ſie gemalt.“ So ſollte der Savoyardenknabe fortan nicht mehr das alleinige Bild der Hütte ſein und dieſes zweite mahnte für immer daran, wie aus der bittern Wurzel des Schmerzes die ſüße Blume der Freude erblühen kann. — Be S:— Ma troppo tardi. Eine Skizze aus dem Hriente. Von W. T. R. Es war mir unmöglich zu ſchlafen. Beäng⸗ ſtigt, als läge eine Welt drückender Sorgen auf mir und drohe mit ihrer Zentnerſchwere mir das Herz abzupreſſen, wälzte ich mich auf dem Bette umher und wagte nur dann und wann mit leichtem Augenblinzeln einen Blick durch das Fenſter in die dunkle Nacht, die rabenſchwarz vom Firmamente herabhing, zu werfen. Mochte es Krankheit oder Ahnung ſein, mochte es der dumpfrollende Donner ver⸗ ſchulden, genug, ich konnte nicht ſchlafen und lauſchte auf jedes Picken der raſtlos gehenden Wanduhr. Immer lauter begannen draußen die Stürme ihr heulendes Spiel; mit entfeſ⸗ ſelter Wuth erſchütterten ſie die leichten Häuſer Stambuls, alle Fenſterſcheiben klirrten bei jedem erneuerten Stoße und durch das mo⸗ mentane Schweigen der Nacht konute ich deut⸗ lich das Brauſen des Meeres, den Schall der hochſpritzenden Wogen an die kalten Marmor⸗ felſen des Bosporus vernehmen. Eine unbe⸗ ſchreibliche Beklemmung, ein unnennbares ſchmerzliches Etwas trieb in fiebrigen Schlägen das Blut durch meine Adern, und was vorher aller Mühe unmöglich war, geſchah jetzt, ich ſchlummerte, ermattet von geiſtiger Aufre⸗ gung ein. Aber meinen Geiſt beſchäftigten unaufhör⸗ lich wilde Träume. Ein langnaſiger Schauſch (Unteroffizier) machte ſich fertig, mir die Ba⸗ ſtonnade zu geben, als ich beim erſten Streiche ſchreiend aufflog und ſtarren Blickes auf die weiße Wand ſchaute. Ein heller Lichtglanz ließ mich glauben, der erſte Strahl der Sonne habe mich geweckt, als ein zweiter Blick aus dem Fenſter auf ein unendlich großes, aber fernes Feuermeer ſiel. Züngelnde Flammen leckten an den hohen Minarets empor, der gol⸗ dene Halbmond funkelte wie die glühende Sonne der Sahara in dunklem Roth, gleich winterlichem Schneegeſtöber flogen Millionen weißer Funken zu dem ſchwarzen Himmel hin⸗ auf und der Sturm trieb in raſendem Toben das entfeſſelte Feuer von Dach zu Dach, von Straße zu Straße. Mit beiden Füßen ſprang ich im Nu aus dem Bette und halb angekleidet eilte ich mit der in Stambul ſtets nöthigen brennenden Laterne dem Feuer zu. Mein beſter Führer in jener ungeheuren Weltſtadt, durch Hunderte von ver⸗ worrenen Straßen und Gaſſen, war das Leuch⸗ ten der Flammen;— eine ſtets wachſende Menſchenmenge, die der gleiche Zweck zur Eile trieb, riß mich mit ſich fort, und ohne zu wiſſen wie, ſtand ich plötzlich vor der Moſchee Ach⸗ mets, in deren Nähe, ſo weit das Auge reichte, alles eine Hölle praſſelnder Flammen war. Schaurig beleuchtete halbnackte Männer ſpran⸗ gen wie wahnſinnig umher, drängten ſich wie die Geiſter des Tartarus durcheinander, und Tauſende von Zuſchauern im bunteſten Ko⸗ ſtüme ſtanden gaffend dabei. Eine dem Samum gleiche Hitze trieb das Blut durch alle Adern, ſpannte alle Fibern und blendete das weit geöffnete Auge. Straßen ſtürzten mit Krachen zuſammen, bei jedem Sturze weder Habe und Gut, noch Menſchen ſchonend. Das Heulen der Unglücklichen klang fürch⸗ terlich und das allgemeine Schreien und Rufen ſchien ſich, je undeutlicher es wurde, immer mehr in ein leiſes Murmeln und Brummen aufzulöſen, bisweilen durch das Geheul ganzer Herden von Hunden unterbrochen, die das Feuer aus ihren Lagern verſcheucht hatte. Einzelne Gruppen Flüchtender, Entblößter, zogen eiligen Schrittes an mir vorüber, und eben ſo plötzlich ich zum Schauplatze der Wuth des entfeſſelten Elements hingeriſſen war, eben ſo raſch zog mich auch der Trubel der ſich verlaufenden Menſchenmenge mit ſich fort. Schnellen Schrittes verfolgte ich meinen Weg und die Ermüdung machte es mir wün⸗ ſchenswerth, mich bald wieder auf meinem La⸗ ger ausſtrecken zu können. Der Sturm hatte nachgelaſſen, ein ſanfter kühlender Wind mä⸗ ßigte die Schwüle der Nacht, die hellen Sterne ſchauten ſo traulich auf die ſtillgewordene Erde nieder, und hätte ich nicht bei jedem Tritte eine Herde hungriger Hunde aufgeſcheucht, die mich mit ihrem Bellen eine Strecke weit begleiteten, ſo wäre ich in eine höchſt ſentimentale Stim⸗ mung gerathen. Raſtlos verfolgte ich meinen Weg und glaubte ſo noch die Hafenbrücke zu erreichen, ehe ſie nach althergebrachter Sitte nach dem Aufhören der Feuersbrunſt geſchloſſen würde. Nachdem ich eine Menge Straßen aller Art bergauf und bergab zurückgelegt hatte, nachdem ich mich vergebens mehrere Male zu orientiren beſtrebte, bemerkte ich zu meinem Schrecken, daß ich mich in ganz entgegengeſetz⸗ ter Richtung befinden müſſe. Je mehrich ſuchte, je mehr verirrte ich mich, und endlich wandelte ich zwiſchen nie geſehenen, dunklen vergitterten Häuſerreihen, deren Einſamkeit ſelbſt das Ge⸗ bell der Hunde floh. Hier war guter Rath theuer. Der türkiſchen Sprache nicht genug mäch⸗ tig, hätte ich um keinen Beſcheid fragen kön⸗ nen, ſelbſt wenn ich eine Patrouille oder irgend jemand Andern getroffen hätte. Das Licht mei⸗ ner Laterne drohte zu verlöſchen. Mirblieb nur die Wahl, weiter zu wandeln, oder mich nie⸗ derzulegen und auf irgend einer ſteinernen Schwelle zu bivouakiren, bis eine Patrouille mich aufgefunden und in ein ſcheußliches Loch geſperrt hätte. Ich wählte das erſtere. Zu meiner Freude bemerkte ich, daß ſich die Häuſer immer mehr vereinzelten und lange Gartenmauern meinen Weg einſchloſſen, der mich jetzt ſchon in eine der unzähligen Vorſtädte geführt haben mußte, da ich beim lauſchenden Aufhorchen das Plät⸗ ſchern des ſtillgewordenen Meeres vernehmen konnte. Mit pochendem Herzen, mit ermüde⸗ tem Körper, in Schweiß gebadet, erwartete ich mit Ungeduld das erſte Grauen des Morgens; aber in unendlich langer Weile dehnte ſich die Nacht aus, die kein Ende nehmen zu wollen ſchien. Was ich befürchtet hatte, geſchah. Ein tückiſcher Stein brachte mich zum Straucheln, meine Laterne verlöſchte, und einſam ſtand ich welcher Gegeud ich meinen Weg nehmen ſollte, bis ich beſchloß, Poſto zu faſſen und den Tag zu erwarten. Hatte ich vorher durch das Blen⸗ den der Laterne nicht das Dunkel der Nacht durchdringen können, ſo war es mir jetzt mög⸗ lich, deutlicher die mich umgebenden Gegen⸗ ſtände zu erkennen. in der dunklen Straße, ohne zu wiſſen, nach ——= ———— Zu meiner Linken befand ſich eine niedrige Gartenmauer, und dahinter ein weißes Haus mit vergitterten Fenſtern, überhängende Fei⸗ genbäume und Platanen flüſterten ſich traulich Aſiens Wundermärchen zu und wiegten ihre Zweige im Winde. Wenige Schritte weiter eine enge Gaſſe, die meiner Rechnung nach zu meinem Ziele führen mußte und jedenfalls ein ſichereres Aſyl gegen Patrouillen bot, als die größere Straße. Dorthin nahm ich meinen Weg und lagerte mich beſtmöglichſt auf ein kleines Grasplätzchen, dem weißen Hauſe ge⸗ genüber, welches ſich dicht hinter der Garten⸗ mauer erhob. Mein Auge irrte noch forſchend umher, als ich plötzlich auf einer Terraſſe im Garten eine weiße Geſtalt bemerkte, die ſich eben gemäch⸗ lich niederſenkte und meinen Geiſt zu tauſend Muthmaßungen aufregte, beſtändig ungewiß, ob es Mann oder Weib ſei, erſteren jedenfalls mehr wünſchend, als letztere, da die nächtliche Nähe einer aſiatiſchen Schönen gewiß gefähr⸗ licher iſt, als eine Patrouille und ein unfrei⸗ williges Nachtquartier. Die ſtets bereite Eifer⸗ ſucht der Muſelmänner würde feſt an ein Ren⸗ dezvous geglaubt und mich ohne Zaudern vom Irdiſchen in's Himmliſche befördert haben. Wer beſchreibt aber mein Erſtaunen und meine Neugierde, als ich plötzlich in den herrlichſten Tönen, ſüßer wie das Flöten des Bülbül*), ein ſchmachtendes„Ma troppo tardi“ die Har⸗ monie italiſcher Kompoſitionen, begleitet von der Guitarre hörte, die mit aller Kunſt und dem klangvollſten Metall vorgetragen mein Ohr entzückte und jede Rückſicht vergeſſen machte. Ich lauſchte geſpannt, um keinen der Töne zu verlieren, die nur aus dem ſchönſten Munde kommen konnten. Aber wie hier eine Italienerin im alten Stambul— in dieſem einſamen Hauſe! Tauſend Vermuthungen durchflogen mei⸗ nen Kopf, ohne mich zu einem Reſultate zu führen. Bald darauf ertönte ein leiſes Gekicher und das Gelächter ſchalkhafter Mädchen; einige mir unverſtändliche laute Worte in aus⸗ ländiſcher Zunge beendeten dieſe Unterhaltung und ließen mich gemartert von Neugierde zurück. Jetzt fing ich an zu überlegen und beſchloß, Alles zu verſuchen, um die nächtliche Sängerin zu ſehen und mehr von ihr zu erfahren. Bald glaubte ich eine unglückliche geraubte Sklavin zu finden— aber das loſe Lachen drückte zu wenig Schmerz aus— bald glaubte ich eine hoffnungslos Liebende zu finden, die von aller Welt zurückgezogen, hier ihren Schmerz aus⸗ weinen wollte. Aber warum lachte ſie?— Ich muß geſtehen, dieß Gelächter verdroß mich; es verdarb alle meine Phantaſien und Träume. Eine Türkin konnte es nicht ſein, denn wie ſollte dieſe italieniſch ſprechen? Wer türkiſche Bildung kennt, weiß, daß dieß unmöglich iſt. Vielleicht eine Renegatin? möglich, doch kaum *) Die anatoliſche und perſiſche Nachtigall. glaublich. Stets mußte mir das Bild einer Türkin mit Schnur und Galgen als unfehlbare Attribute einer unerlaubten Liebe alle Pläne durchkreuzen und zerſtören. So quälte ich mich mit Gedanken, bis ich bemerkte, wie das Grauen des anbrechenden Morgens die Straßen erleuchtete und dieß mich zum Weitergehen trieb. Nachdem ich die Straßen meinem Gedächtniß eingeprägt hatte, ſchlug ich gedankenvoll den Nachhauſeweg ein, und warf mich mißmuthig auf mein Kana⸗ pee, wo ein kurzer Schlaf mir nochmals alle Bilder der jüngſt durchlebten Nacht im Traum vorüberführte. Raſch warf ich mich dann in meine Klei⸗ der, verließ meine franzöſiſche Penſion und eilte nach Galata; dort wählte ich das beſte Miethpferd und im Trab wendete ich mich nach Stambul. Der ſchimpfende Pferdeknecht konnte mir kaum folgen.„Barnabak Effendi!“ rief er mir tauſendmal zu, um mich zum An⸗ halten zu bewegen, ſtieß dann einige Jeſchal⸗ laks und Maſchallaks aus und brummte Ver⸗ wünſchungen über Verwünſchungen in ſeinen Bart. Sobald ich ſeinen Kunſtgriff gemerkt hatte, kehrte ich mich nicht weiter an ihn, warf ihm ein Trinkgeld zu, und verſprach in gebrochener Rede das Pferd gut zurückzubrin⸗ gen, worauf er mich, da ich ihm ſchon bekannt war, ruhig weiter reiten ließ und von ſeiner unangenehmen Nähe befreite. Mein kleiner Gaul trabte ſcharf fort; ich ſchaukelte unaufhörlich auf dem hohen türki⸗ ſchen Sattel und war froh, endlich von wei⸗ tem das räthſelhafte Haus mit ſeinem ver⸗ borgenen Schatze zu entdecken. Ich ritt mehr⸗ mals vorüber, ſtachelte mein ehrbares Thier zu verſchiedenen Sprüngen, was ohne Zweifel eben ſo viele lächerliche Poſitionen von meiner Seite zur Folge hatte, und begab mich auf den Rückweg, ohne das Geringſte geſehen, ohne die Idee einer Aufklärung erhalten zu haben. In einem nahen Kaffeehaufe, dieſen Sam⸗ melplätzen aller muſelmänniſchen Dandys und Bonvivants, hoffte ich Nachrichten einzuzie⸗ hen, indem ich mir zutraute, dem ſtets ge⸗ ſchwätzigen, kuppleriſchen Barbier die beſten Neuigkeiten abzulocken. Ohne mich weiter zu beſinnen, übergab ich mein rauchendes Pferd einem jungen Eleven der ausgebreiteten Bart⸗ künſtlerſchaft und ließ mir Narjileh und Kaf⸗ fee reichen. Das Kaffeehaus war ziemlich leer; die ganze Unterhaltung drehte ſich um das Feuer und der thätige Kaffeewirth war gegen alle Gewohnheit ſchweigſam und tiefſinnig. Erſt ein hinreichendes Bakſchi(Trinkgeld) machte ihn geſprächiger, und nach allen Aufforderun⸗ gen, mir das Intereſſanteſte aus ſeiner Nach⸗ barſchaft zu erzählen, erfuhr ich in gebroche⸗ nem, jämmerlichen Italieniſch die Liebeleien eines Gurkenhändlers, die Eheleiden eines Zuckerbäckers und die Artigkeiten ſeiner eigenen ungezogenen Buben, die ſich gegen⸗ 363 wärtig ſchreiend und lärmend in der Stube umhertrieben. Ich dankte meinem Gott, kein voreiliges Wort geſprochen zu haben und entfernte mich bald. Was ich unterwegs dachte, was ich fühlte, kann ich nicht beſchreiben, ich befand mich auf einer Folter, die mir unangenehmer, als ſpa⸗ niſche Stiefel und polniſcher Bock erſchien. Mein Pferd brachte mich glücklich nach Galata zurück; ich übergab das erhitzte Thier ſeinem Herrn und eilte einen Lohndiener auf⸗ zuſuchen, deſſen geſchwätzige Neuigkeitskrämerei ihm den Ruf einer ausgebreiteten Bekannt⸗ ſchaft und eines ſeltenen Talents zur Unter⸗ ſtützung aller Verliebten erworben hatte. Battiſto wohnte hoch oben in Pera, der größten von Franken bewohnten europäi⸗ ſchen Vorſtadt Konſtantinopels. Mit vieler Mühe hatte ich mich durch Hunderte von Laſteſeln durchgearbeitet und war einen ſpie⸗ gelglatten Felſenpfad emporgeklommen, ehe ich das hohe hölzerne Haus Signor Battiſto's erreichte. Eine Maccaroni im Munde, einen durchlöcherten Stuhl, der dem dolce far niente dienen ſollte, in der rechten Hand, den jüng⸗ ſten Sproſſen ſeiner Liebe an der linken, er⸗ ſchöpfte ſich der Wirth in Kratffüßen und Bücklingen. Sobald die Einleitungsceremo⸗ nien vorüber waren, erzählte ich ihm meine Geſchichte mit der rührendſten Sentimentali⸗ tät, bei der Battiſto nicht unterließ, mit den nöthigen Akklamationen und Augenver⸗ drehungen zu akkompagniren. Er erklärte ſich augenblicklich bereit, mir beizuſtehen, natür⸗ lich aber bat er mich, ihm den Weg zu„Ma troppo tardi“ zu zeigen. Battiſto's Toilette war die einfachſte; er trug ſich, wie er ſagte, dem Klima ange⸗ meſſen, das heißt, es fehlte ſeiner Kleidung nicht an Oeffnungen, um ſeinem hitzigen Tem⸗ perament Luft zu verſchaffen. An jeden Knopf knüpfte ſich eine ſchreckliche Geſchichte, jeder Faden ſeines abgeſcheuerten Rockes wußte von Mord, Krieg, Liebe und Maccaroni zu erzählen. Ihn zu bewegen, mich ſogleich zu begleiten, war jetzt zur Zeit ſeines Dolce ganz unmöglich, er hatte tauſend Einwendungen für meine Ungeduld, und ich mußte mich zu⸗ frieden geben, ihn zu einer geeigneteren Zeit in Mehmiſch's Kaffeehauſe zu Pera wieder zu treffen. Mit kaum verminderter Leidenſchaft be⸗ richtete ich hier meinem Herzensbeiſtand die Begebenheiten der verfloſſenen Nacht und flehte den plötzlich ſchweigſamen Battiſto um Rath und Hilfe an.„Gut, gut, aber nur Geduld!“ war ſeine Antwort. Was ich auch aufbot, ich konnte keine andere erlangen. Aergerlich eilte ich endlich von ihm fort. Ich wußte jettt Nie⸗ mand weiter, der mir hätte rathen und helfen können, als einen befreundeten Arzt. Er er⸗ freute ſich eines bedeutenden Rufes und kannte in Stambul ſo ziemlich jedes Haus. Mit vieler Mühe überredete ich ihn, mir den weiten Weg 46* ——·qõ——— — 364 nach dem weißen Hauſe zu folgen. Der gute Aeskulap verſicherte, die Straße nie geſehen zu haben. „Menſch, Mann, Doktor, hilf mir!“ wollte ich eben ausrufen, als er ſich höchſt trocken umwandte und ſagte:„Du biſt ein Narr!“ Damit ließ er mich ſtehen und ſetzte ſeine Krankenbeſuche fort. Raſtlos, und von aller Welt verlaſſen, ſtöhnte ich tief auf. Ich war nahe daran, mich ſelbſt für einen Narren zu halten, als ſich die Thür des Gartens öffnete und eine ſchwarze Sklavin heraustrat. Ihr einige Schritte vor⸗ auseilend, ließ ich nach gewohnter Art einige Münzen auf die Erde fallen, um dadurch ihre Aufmerkſamkeit auf mich zu lenken, dann redete ich ſie an. Aber, o Unglück, ſie verſtand mich nicht, oder wollte mich nicht verſtehen. Lachend ließ ſie mich ſtehen und ging ihren Geſchäften nach. Es konnte mir nicht lange verborgen bleiben, daß einige alte Türken mit langen weißen Bärten und ſtrengen Blicken, aus denen Rippenſtöße und Baſtonnade nicht zu mißken⸗ nen waren, mich ſchon ſeit einiger Zeit beob⸗ achteten, ich hielt es daher endlich doch für das beſte, ein Abenteuer aufzugeben, das mit jeder Stunde zweckloſer und gefährlicher zu werden ſchien. Gab ich auch jede fernere Bemühung auf, ſo blieb jene Nacht doch ſtets unauslöſchlich in meinem Gedächtniſſe eingegraben, und bot ſich mir eine Ausſicht auf ein auch noch ſo gerin⸗ ges Reſultat, ſo verſäumte ich die Gelegen⸗ heit nicht. Etwa acht Tage ſpäter war ich im Begriff mit einigen Bekannten einen Ausflug nach Bu⸗ jukdere zu unternehmen, als Battiſto erhitzt in mein Zimmer ſtürzte, und vor lauter Ach's und Oh's nicht zu Worte kommen konnte. Erſt eine Magenſtärkung gab ihm die verlorne Fä⸗ higkeit zurück. „Herr, Herr!“ rief er in abgebrochenen Sätzen, wobei er ſich fortwährend mit einem Taſchentuche, deſſen Löcher er geſchickt durch das Zuſammenziehen mehrerer Falten zu ver⸗ bergen wußte, Kühlung zufächelte;„Herr,“ rief er mit konvulſiviſcher Bewegung zweier Lippen, die nur ſchlecht eine Reihe von Zahn⸗ lücken verbargen,„ich habe gefunden ma troppo tardi— ſie iſt todt!“ „Menſch!“ rief ich,„Du lügſt! Bat⸗ tiſto, Du haſt ſie gefunden,— wie heißt ſie, — wer iſt ſie?— Kann ich ſie ſprechen?“ „Ma troppo tardi!“ antwortete Batt iſto nach einem langen Zuge feurigen Santorinis, mit dem ich ihn bewirthete. Die von mir mit ſteigender Ungeduld erwartete Erklärung löſte ſich endlich von ſeinen Lippen. Battiſto war ſchon ſeit langer Zeit der Anbeter der Primadonna einer wandernden Seiltänzergeſellſchaft, die ſeit Kurzem alle Schauluſtigen unter Gottes freiem Himmel verſammelte, um ſie durch ihre akrobatiſch⸗ athletiſch⸗herkuliſch⸗graziöſen Kunſtſtücke zu er⸗ lungen, als er aus einem einſamen Hauſe die Melodie des Liedes„Ma troppo tardi“ hörte. Meine Börſe war für ihn ein zu intereſſantes Objekt, um nicht allen Forſchungsgeiſt für eine ihn belohnende Aufklärung aufzubieten. Seiner wie er verſicherte, raſtloſen Beharrlichkeit war es gelungen zu ermitteln, daß die Sängerin die geiſteskranke Frau eines Sardellenhändlers ſei, die ſtündlich ihrem Ende entgegen ſehe. Als Kammerjungfer einer Sängerin der Scala war ſie von dem Sardellenkaufmann dem Stande der Kunſt entriſſen und nach dem alten Byzanz geführt worden.—————— —— Die fromme Lucretia iſt gottſelig ge⸗ ſtorben;“ ſchloß Battiſto ſeinen Bericht. Ich vermochte mich vor Ingrimm kaum zu mäßigen.„Hole Dich der Henker,“ rief ich ihm zu, beleidigt, ſeine Abgeſchmacktheiten mit mei⸗ nen Vorſtellungen in Verbindung gebracht zu ſehen, und ließ ihn verblüfft ſtehen. Die Sonne ſtand bereits hoch am Himmel, als wir Buiukdere erreichten; jenes herrliche Thal voll tropiſcher Pflanzen und ſeiner vom Bosporus abgekühlten Luft. Es gibt nicht viele Gegenden, die gleich viele Reize in ſich ver⸗ einen: das weite Meer mit ſeinen hohen ſteilen Küſten, belebt von Schiffen aller Art und aller Nationen, die felſigen Ufer geziert durch un⸗ zählige Gruppen muſelmänniſcher Prachtge⸗ bäude, dahinter das ſchroff emporſteigende Land mit ſeinen Villen, ſeinen Kiosks und Gärten, die prächtigen, weitſchattenden Plata⸗ nen, deren leiſes Geflüſter das heitere Dur zum ſchwermüthig⸗murmelnden Moll des Mee⸗ res bildet, die Blüthendüfte, das erſterbende Hauchen des Bülbül, die Orange mit ihrem glühenden Roth, die lächelnd wie die friſche Wange des Kindes durch das dunkle Grün der Myrte ſchaut, die üppig wuchernden Klematis mit ihrer ſchmachtenden weißen Dolde hoch hinauf ſich rankend bis zur Spitze der ſchwarzen trauerverkündenden Cypreſſe, der kühle, aro⸗ matiſche Schatten dunkler Feigenbäume— Al⸗ les das erzeugte Anklänge in meiner Bruſt, die mich mit ſtiller Wehmuth erfüllten und die Erinnerung an jene denkwürdige nächtliche Stunde wach riefen. Warum konnte ich jenen Gedanken nicht fliehen?— Ich mied die Geſellſchaft und ſuchte Einſamkeit. Die jubelnde Schaar meiner Freunde geſtattete mir indeß nicht, mich lange meinen Träumereien zu überlaſſen; ſie ſuchten mich auf, und mochten ſie nun meine ſenti⸗ mentale Stimmung bemerken oder der feurige Cyperwein den Geiſt der Spottſucht in ihnen hervorgerufen haben, genug ich wurde ihr Stichblatt. „Verzeih', Freund,“ ſagte ein alter Kauf⸗ mann, deſſen ehrbares Geſicht ihm die Leute betrügen half,„wie ich höre, gibſt Du Dir mit Battiſto Rendezvous; wie iſt es Dir möglich, Dich dieſem graubärtigen Spitzbuben anzuvertrauen, der den lieben Gott und alles götzen. Er kam eben von einer jener Schauſtel⸗ und deſſen Gedanken ſo ſchmutzig ſind, wie die Gerbergaſſe Galatas.“ „Gut geſprochen!“ rief der ganze Chor, und das ehrwürdige Haupt fuhr fort:„Wenn Du rein von Schwärmerei bleiben und Dir Deinen nüchternen Verſtand erhalten willſt, wenn Du es nicht verſchmähſt, die hinkende Jeremiade eines bankerotten Spekulanten zu hören, ſo werde Mann, jage Battiſto zum Teufel und vertraue Dich uns an.“ Was ſollte ich thun?— ſollte ich meine Gefühle einer neckiſchen Geſellſchaft preisgeben? Ich würde geſchwiegen haben, wenn nicht das fortdauernde Drängen meinen Vorſatz erſchüt⸗ tert hätte. „Wenn es nichts mehr als das iſt,“ lachte Montfort, einer der Luſtigſten, nachdem ich meinen Bericht geendet,„ſo hätte ich Deine Neugier ſchon längſt befriedigen können. Aber Freund, damit Du klüger wirſt und Dich künftig nicht Perſonen wie Battiſto, ſtatt Deinen Freunden anzuvertrauen, ſo warte bis morgen— dann ſollſt Du Aufklärung und Erfüllung Deiner Sehnſucht erhalten. Jetzt kein Wort mehr.“ Alles Bitten war umſonſt. Montfort, der ſeit lange unter den Orientalen lebte, war zu ſehr in das innerſte Leben der Hauptſtadt eingeweiht, zu ſehr ſelbſt Aſiate geworden, als daß ich bei dieſem allbekannten Roué nicht ſichere Aufſchlüſſe hätte finden ſollen. Im Ver⸗ trauen darauf ſetzte ich nicht den geringſten Zweifel in die Erfüllung ſeiner Verſprechen. Wir beſchloſſen den Tag überaus vergnügt. Montfort, der mein Hausgenoſſe war, wich geſchickt jedem meiner Verſuche, ihn auszufor⸗ ſchen aus— ich mußte mich in mein Schickſal fügen. Der erſte Sonnenſtrahl ſah mich am Lager Montforts, ihn an ſeine Zuſage zu erinnern. „Wozu Worte,“ rief er aus ſeinem Bette aufſpringend,„Thaten ſollen meinen Ruhm verkünden.“. Ich machte den Kammerdiener; aber ſo unendlich langſam, wie heute, war mir mein Freund noch nicht vorgekommen, nie hatte er, der das türkiſche Koſtüm trug, ſo ſorgfältig die Falten ſeines Shawls geordnet, Niemand war zufriedener als ich, da ſich die Thür hinter uns ſchloß. Meine Ungeduld trieb mich ihm immer einige Schritte voraus, ich konnte mich nicht genug wundern, mit welcher Grandezza, wie ein türkiſcher Paſcha oder ein arabiſcher Emir, Montfort beſonnen hinter mir her kam. Wollte ich ihn über unſer Vorhaben aus⸗ fragen, ſo ſprach er vom Wetter, vom Pflaſter, von dem geſtrigen Ritte. So durchwanderten wir Pera, ſtiegen nach Galata hinab, überſchritten die Brücke, und kamen glücklich in Stambul an. „Aber wohin führſt Du mich?“ fragte ich endlich ärgerlich, eine neue Myſtifikation be⸗ fürchtend. „In den Himmel!“ parodirte mein Ge⸗ Heilige nur nach Piaſtern und Paras taxirt, fährte und ſchritt weiter. — „Aber Du kennſt ja nicht einmal das Haus,“ ſchrie ich ihm zu und blieb vor ihm ſtehen. „Glaube und folge, oder wir kehren zu⸗ rück!“ erwiederte er, ohne anzuhalten. Ich verbiß meinen Verdruß und folgte. Am Palais des Seraskiers, am Irren⸗ hauſe vorüber, ſchritten wir durch den verwor⸗ renen Knäuel ſchmutziger Gaſſen. Ich wußte endlich eben ſo wenig wo ich war, als in jener verhängnißvollen Nacht. „Du mußt mir verzeihen,“ hob mein Freund endlich an,„wenn ich Dich dieſe ſtarke Bewegung machen laſſe; ſie führt Dich zwar auch zum Ziele, aber Du mußt vergönnen, daß ich zuvor einen Armenier aufſuche. Ich ver⸗ ſpreche Dir, Dich nicht lange aufzuhalten.“ Mißgeſtimmt durch den ermüdenden un⸗ freiwilligen Spaziergang, fragte ich ihn, wie lange ich werde warten müſſen.„So lange Du willſt,“ antwortete er mit einem unbe⸗ ſchreiblich malitiöſen Lächeln und klopfte an die Thür eines Hauſes, deſſen Flügel ſich einer abſcheulichen Sackgaſſe zukehrte, während die Hauptfronte etwas zurückgedrängt war. Ich folgte ſeiner Einladung, an dem Morgenbe⸗ ſuche theilzunehmen und ſchlüpfte in das Haus, deſſen niederer Eingang in eine hohe Vorhalle führte, deren Boden, mit feinen Binſenmatten bedeckt, das Ausziehen der Schuhe zur Pflicht machte. Montfort wechſelte mit dem Thürhüter einige mir unverſtändliche, aber wie es mir ſchien, vertrauliche Worte, worauf uns ein elegant dekorirtes Vorzimmer geöffnet wurde. Hier ſollte ich warten, während mein Freund den Vorhang eines Nebengemaches hob, und verſchwand. Meine Ungeduld zu bemeiſtern war für mich eine ſchwere Aufgabe, indeß wollte ich ſie verſuchen, indem ich mich auf dem Pol— ſter ausſtreckte und den blauen Dampf aus der dargebotenen Pfeife emporkräuſeln ließ. Ich hatte noch nicht lange geſeſſen, als ein himmliſch göttliches„Ma troppo tardi“ ganz in meiner Nähe hinter dem Vorhange ertönte. Ueberraſcht ſprang ich auf, ſchleuderte Fez und Pfeife weit fort. Ja, das war jene Stimme, jene Welt voll Harmonie— es war mein Ideal! Ich riß den Vorhang bei Seite und ſtürmte in das Zimmer. Da ſtand ſie wie ein Engel des Lichts, ein Bild der Schönheit, unendlich herrlicher, als alle meine Phantaſien es ausmalen konnten. Weiß wie in jener Nacht, glänzend wie der Schnee des Kaukaſus, im entblößten runden Arme das einfache Inſtrument; der halbgeöff⸗ nete Mund zeigte eine Reihe Perlen, weißer wie jene von Barein, das nur vom armeniſchen Kopfputz gefeſſelte Haar bedeckte halb die Schul⸗ ter— Alles war entzückend, vom dunklen ſüd⸗ lichen Auge bis zu dem nackten kleinen Fuß, deſſen Zehen von Ringen glänzten. Meiner ſelbſt unbewußt, näherte ich mich ihr— ja, es war jene belebte Bildſäule Pyg⸗ malions!— Ein muthwilliges Gelächter mei⸗ ner Schönen brachte mich etwas zu mir ſelbſt; ich faßte an meinen glühenden Kopf. Ich ward ein Kind, ich hätte weinen mögen. Zu meinem Glück trat eben Montfort ein. „Nun, wollen wir gehen?“ fragte er ſchalkhaft.—„Schetſcherne— mein Freund,“ ſtellte er uns gegenſeitig vor, und begann in ſeiner gefälligen Weiſe eine leichte Unterhaltung in italieniſcher Sprache, der einzigen, in wel⸗ cher ich mich mit der Armenierin verſtändigen konnte. Ich nahm daran nur wenig Theil, denn meine Sinne wurden zu ſehr von ihr ge⸗ feſſelt. Man brachte Narjilehs, die nach aſia⸗ tiſcher Art ſelbſt die Damen nicht verſchmähen, d deren Aroma Gemüthlichkeit und Frohſinn ördert. Ihm folgte der gewöhnliche Mokka in kleinen Fildſchan, dann Confitüren und Weine. Das Zimmer, in welchem wir uns befan⸗ den, war zeltartig, mit großen weiten Fen⸗ ſtern, die eine Ausſicht auf den Garten ge⸗ währten. Die Wände entlang zog ſich ein him⸗ melblauer Divan mit reichen Goldſtickereien. Ein Marmorbaſſin mit ganzen Schaaren glän⸗ zender Goldfiſche und einer ſprudelnden Fon⸗ taine in der Mitte des Zimmers kühlte die von Orangerie durchduftete Atmoſphäre. Ich trennte mich ſchwer von dieſem bezau⸗ bernden Orte, ich benutzte indeß die Einladung zum Wiederkommen, ſo oft es der Wohlſtand erlaubte. Je öfter ich ſie ſah, je mehr lernte ich in ihr ein Weſen kennen, das ein eben ſo kindli⸗ ches Gemüth als vortreffliches Herz beſaß; nie aber noch hatte ich gewagt, den Ereigniſſen ihres Lebens nachzuforſchen. Ich ſollte ſie aus ihrem eigenen Munde erfahren. Wir ſaßen auf einem Teppich im dunklen Grün des Graſes unter einer hochſtämmigen Cypreſſe, deren Schatten uns vor den ſengen⸗ den Strahlen der Sonne beſchützte. Tauſende von bunten Schmetterlingen und Käfern um⸗ ſchwärmten uns, vor uns der dunkelblaue wol⸗ kenloſe Himmel, und im Rücken die Weltſtadt mit ihrem Treiben— Alles gab ein Bild der Ruhe und des Friedens. Schetſcherne lehnte ihr Haupt an meine Schulter, meine Finger ſpielten mit ihren Locken, während die ihren eine Centifolie entblätterten. Ich erzählte von meiner Heimat im hohen kalten Norden, da wurde ſie ſtille und lauſchte mit Aufmerkſam⸗ keit meinen Worten, die ihr nie vernommene Gegenſtände ſchilderten. Bald ſprach ich von dem Lärmen und Rauſchen der vornehmen Welt, da lächelte ſie und freute ſich ihres Glü⸗ ckes; bald ſprach ich von den Mühen des Land⸗ mannes, von ſeinem ewigen Kampfe mit den Elementen, von dem Gram und Kummer der Armen, da ſtahl ſich eine Thräne in das himm⸗ liſch reine Auge, denn ſie kannte nicht Kum⸗ mer, nicht Schmerz, nicht Mangel. Ich ſchwieg und ſie hob zu erzählen an, von dem unendlichen Spiegel des Sees von Eriwan, von den Felſenbergen, die ihn um⸗ kränzen, von dem fernen Schnee des Kaukaſus, 365 von Frieden und Ruhe und von Liebe. Hinge⸗ riſſen vom Strome der Rede erzählte ſie mir ihre Geſchichte. An den Quellen des Euphrat geboren und als Chriſtin in der Nähe Eriwans erzogen, wuchs ſie friſch und munter unter dem Schutze ihrer Eltern auf, wie die Roſe unter der Pal⸗ me. Einförmig folgten Tage auf Tage, und ſie war zur reizenden Jungfrau herangewachſen, als ihr Vater eine Reiſe in weite Ferne antre⸗ ten mußte, wobei ihn ſeine Familie begleiten ſollte. „Ich erinnere mich wohl noch,“ hob ſie ſchwermüthig an,„jenes Morgens, der uns von unſern Bergen ſcheiden ſah. Mein alter, ehrwürdiger Vater tröſtete meine Mutter, die ſich überzeugt hielt, ihre Heimat nie wiederzu⸗ ſehen, ſelbſt mit einer Thräne in den grauen Wimpern. Ich war heiter und wohlgelaunt wie immer. Zu wenig kannte ich die Welt, um dieſe zu fürchten; ich ſehnte mich, jenes dun⸗ kelblaue Gebirge zu erreichen, welches den fer⸗ nen Horizont begrenzte, und unſere kindliche Welt von jener großen trennt, die für jeden Tropfen Seligkeit ein Meer voll Wermuth bieten ſoll. Voraus eilten die ernſten Männer mit ihren langen Pfeifen, die Verwandten und Stammesgenoſſen. Dann kamen die Weiber und Kinder in mit Ochſen beſpannten Wagen. Ich ſelbſt ritt, geleitet von dem alten Gre— gorio, auf einem muthigen Roſſe, und den Beſchluß machte unſer von wohlbewaffneten Männern geſchütztes Gepäck. Es mußte Krieg ſein, denn wir zogen nur bei Nacht, im hohen Gebirge bei Tage. Und voraus eilten Späher die Wege und den Wald zu durchforſchen. Wel⸗ cher Aufruhr aber, als eines Morgens die Späher uns entgegenflogen und alle Männer ſich zum Kampfe rüſteten. Weiber und Kinder jammerten und ſchrien, und das Vieh, von der allgemeinen Unruhe angeſteckt, begann ſich zu⸗ ſammenzudrängen. Dazwiſchen das Rufen und Schelten der Männer, die uns zwiſchen hohen Felſen in dunkles Gebüſch verbargen. Die Al⸗ ten blieben bei uns, um zu tröſten und zu be⸗ ſchwichtigen. Meine Mutterarkrankte; ſie for⸗ derte mich auf zu beten, und ich that es; da wurde ſie ruhiger und rauchte immer ſtiller ihre Pfeife.“ „Der Abend brach herein, von den Män⸗ nern kehrte keiner zurück. Um Mitternacht drang fernes verworrenes Geräuſch zu unſern lauſchenden Ohren. Da ſtürzte ein ſchaumbe⸗ decktes Pferd gegen unſere Wagenburg, brach zuſammen und verendete. Es war das ſchwer⸗ verwundete Roß meines Vaters. Ihn ſah ich nie wieder. O, es war eine furchtbare Nacht!“ „Ehe noch der Morgen graute, nahte ſich eine Schaar berittener Türken. Siegesmuthig und trunken von dem vergoſſenen Blute fielen ſie plündernd über uns und unſere Habe her. Ein alter bärtiger Moslem, deſſen glühende Augen wie die eines Leoparden um ſich blick⸗ ten, ſah mich weinend neben meiner vor Schre⸗ cken beinahe ſterbenden Mutter. Er ſprang auf 366 mich zu und riß mir den Schleier vom Antlitz. Meine Mutter wollte dem Räuber ihr einziges Kind entreißen, aber der Wüthende ſpaltete mit einem Säbelhiebe ihr Haupt. Da ſchloß mir Ohnmacht die Augen!“ Hier erſtickten Schetſchernens Thränen ihre Rede; ich küßte ihr die warmen Tropfen von der Wange, ſpendete meinen beſten Troſt, meine glühendſten Küſſe, ich zog ſie feſter an meine Bruſt; da ſchaute ſie mich trübe an, ſchmiegte ſich feſter in meine Arme und fuhr fort: „Als ich wieder erwachte, lag ich mit ge⸗ bundenen Händen in einem Zelte, neben mir ſaß der ſchreckliche Türke, ſeine Waffen vom Blute reinigend. Ich ſchrak zuſammen, ſchloß wieder die Augen, hoffend, Alles ſei nur ein quälender Traum geweſen, allein der Schmerz der Feſſeln brachte mich zur Wirklichkeit zurück. Ich weinte und bat um den Tod. Der Un⸗ menſch lachte und antwortete mir mit Hohn⸗ reden. Ich ſchwieg und duldete. Bald ſtieß die große Karavane, die von Moſſul nach Haleb und Stambul zieht, zu uns. Mein Peiniger ſchloß ſich ihr an. Wie könnte ich Dir meine Leiden während der langen Reiſe ſchildern! In dumpfer Lethargie ſah ich endlich der Löſung meines Schickſals entgegen.“ „Stambul! Stambul! war eines Mor⸗ gens der Ausruf der ganzen Karavane. Wir waren frühe aufgebrochen, die Sonne ging eeben auf, und vor uns am Saume des Meeres lag in weiter Ferne die goldglänzende Mo⸗ ſcheenpracht!— Jeder fiel auf ſeine Knie, es war, als hätte der Muezzin ſein Allah vom Minaret herabgedonnert. Alles betete.— Die glühende Sonne brannte ſenkrecht auf unſere Scheitel, als wir Skutari erreichten, von wo ich mit vielen anderen Unglücklichen dem Skla⸗ venmarkte in Stambul zugeführt wurde. Der viereckige Raum des Sklavenbazars bot mir ein neues entſetzliches Bild. Haufen ſchmutziger Afrikaner lagen ſchnarchend umher, halbnackte Mohren reinigten ihre Gewänder vom Unge⸗ ziefer. Das machte meine Thränen verſiegen; ich richtete mich auf und durchſchritt die langen Reihen, im ſtillen Gebete Troſt ſuchend, und ich fand ihn. Man ſperrte mich in ein kleines Gemach mit niedriger Thür und ließ mich allein. Koſtbare Speiſen und Wein, der mir als Chriſtin zu trinken geſtattet war, ſollten mich aufheitern und zur preiswürdigen Waare machen. In meiner Einſamkeit drängte ſich mir mit erneuter Gewalt Alles auf, was ich erlebt, mein Herz drohte zu brechen, ich ſank auf die Kniee und nahm meine Zuflucht zum Gebete.“ „Du beteſt, meine Tochter! redete mich die ehrwürdige Stimme eines greiſen Emirs an, deſſen Eintritt ich nicht bemerkt, Allah gewähre Dir Erhörungl und er legte ſeine Hand auf mein Haupt. Du biſt Chriſtin; auch wir verehren den Nazarener, auch wir haben menſchliche Gefühle und ein menſchliches Herz. Die Stimme klang ſo liebreich, ich küßte das Gewand des Greiſes und wollte ſprechen. Mein Hüter mußte auf einen Wink des Emirs das Gemach verlaſſen und ich ſchüttete alle Leiden der letzten Wochen in das Herz des theilneh⸗ menden Mannes.“ „Wohlan, hob er an, nachdem ich meine Erzählung beendet, willſt Du den alten ſchwa⸗ chen Greis pflegen, wie Du Deine Eltern ge⸗ pflegt, ſo hebe Deine Füße auf und folge mir, Du ſollſt mir eine Tochter ſein, die meiner wartet und die mich liebt.— Das war der Segen meiner Mutter aus dem Grabe, das war Schickung Gottes, der mich nach Stambul führte, um dort einen zweiten Vater zu fin⸗ den. Der Handel wurde geſchloſſen. Mohaſ⸗ ſim zahlte für mich den Preis von dreitauſen Piaſtern.“ „Jetzt kamen für mich nach ſo vielen böſen Tagen die guten. Ich pflegte Moh aſſim, wie ich meinen Vater gepflegt haben würde; ſein Haupt ruhte in meinem Schoße, aus mei⸗ nen Händen empfing er den lindernden Trank für ſeine wunde Bruft, ich ſcheuchte die Flie⸗ gen von ſeinem Lager, wenn er ſchlief, ich er⸗ weckte ihn am Morgen mit leiſer Melodie und ergötzte ihn durch Tanz und Geſang. Was ich wünſchte und begehrte ward mir gewährt, man betrachtete mich als die Königin des Harems, ſein geliebtes Kind. Der Emir ſchien das Na⸗ hen ſeines Endes zu fühlen, den meiſten ſeiner Sklavinen gab er die Freiheit; einige verhei⸗ ratete er an ſeine Diener; auch für mich ver⸗ ſprach er zu ſorgen.“ Eine Italienerin, die Witwe eines Kauf⸗ manns, welche häufig in das Haus kam, um mich zu unterhalten, lehrte mich ihre Sprache und das Spiel der Guitarre, und unterwies mich in allerhand weiblichen Arbeiten. Mo⸗ haſſim blieb mir immer gleich zärtlich, allein mit Schrecken ſah ich, wie ſeine Auflöſung ſich beſchleunigte. Eines Tages, da er kaum noch ſein Lager verlaſſen konnte, forderte er mich auf, die Italienerin zu rufen. Signora Anna kam. Mit ihrer Hilfe mußte ich fränkiſche Klei⸗ dung anlegen und dann wieder vor ſein Lager treten.„Meine Tochter,““ ſagte er mit ſchwa⸗ cher Stimme und ergriff meine Hand,„„höre auf meine Worte und handle, wie ich Dir heiße. Du kennſt das Gebot, das den Kaiſer zum Herrn alles Eigenthums ſeiner Untertha⸗ nen macht. Du biſt Chriſtin und darum dop⸗ pelt gefährdet. Wir müſſen uns trennen, jetzt da ich lebe; nach meinem Tode wäre es zu ſpät. Nimm dieß, und Du wirſt nie Mangel leiden. Ziehe in das Haus am Marmorameer, das Dir gehören ſoll. Sei frei und glücklich!““ — Umſonſt waren meine Bitten bei ihm blei⸗ ben zu dürfen, bis ſich ſein Auge ſchließe, er drängte, und ich mußte ihn allein zurücklaſſen. Ich habe ihn nie wieder geſehen. Noch wenige Wochen friſtete ihm der Arzt das Leben, dann ging er heim zu Allah. Sein Vermögen fiel dem Staate anheim.“ „So verlor ich meinen zweiten Vater. Signora Anna lehrte mich die Welt kennen, von der ich bis jetzt keine Ahnung gehabt. Die Geſchenke des Emirs geſtatteten mir ſorglos in ungeſtörter Stille ein glückliches Leben zu füh⸗ ren. Anna blieb meine einzige Freundin, bei ihr ſah ich Montfort, und durch ihn lernte ich Dich kennen.“ Daniit ſchloß Schetſcherne ihre Erzäh⸗ lung, der ich mit ungetheilter Aufmerkſamkeit zugehört hatte. Von da an wurde meine Theil⸗ nahme für das ſchöne Mädchen nur lebhafter, meine Liebe inniger— eine Trennung von ihr würde für mich Unmöglichkeit geweſeu ſein. ——— So weit die vertrauliche Mit⸗ theilung meines Freundes. ——— Wir hatten zuſammen das Gy⸗ mnaſium unter den heiligſten Verſicherungen einer unverbrüchlichen Freundſchaft und dem Verſprechen, uns wenigſtens alle Monate ein⸗ mal ſchriftlich zu unterhalten, verlaſſen. Sein Weg führte ihn nach Norden, mich der meine nach Süden. Er widmete ſich der Malerei, ich bereitete mich für den Ingenieurdienſt vor. Unſer Briefwechſel beſchränkte ſich von jeder Seite auf zwei kurze Schreiben, dann war zwi⸗ ſchen uns Alles ſtill und todt. Ich hatte ihn während der folgenden Reihe von Jahren ganz aus den Augen verloren, als ich mit ihm in einer franzöſiſchen Penſion zu Konſtantinopel zuſammentraf. Er war noch immer der Enthu⸗ ſiaſt, der er während ſeiner Schulzeit gewe⸗ ſen, und die Hartnäckigkeit in der Verfolgung ſeines nächtlichen Abenteuers befremdete mich keineswegs. Mein Aufenthalt war nicht allein von kurzer Dauer, die Angelegenheiten, die mich hierhergeführt, nahmen auch einen ſo gro⸗ ßen Theil meiner Zeit in Anſpruch, daß es mir nicht vergönnt ſein ſollte, das aſiatiſche Wun⸗ derbild kennen zu lernen. Mein Beruf führte mich weiter. Er blieb zurück und bezeigte noch wenig Neigung in ſeine nördliche Heimat zu⸗ rückzukehren. Es mochte etwa ein Jahr ſpäter ſein. Ich befand mich am Bord des Zryni, der mich nach überſtandener Kontumaz nach Peſt füh⸗ ren ſollte. Wir befanden uns zu Semlin. Noch war es Nacht. Paſſagiere kamen eiligen Schrit⸗ tes, das Gepäck verſperrte mit jeder Sekunde mehr die freie Bewegung auf dem Verdeck. Ich legte mich behaglich auf einen langen Wollſack und ſchaute in die klaren Sterne über mir, die bald dem glänzenderen Geſtirn der Sonne, der Königin des Tages weichen ſollten. Ein war⸗ mer Wind fächelte die niederhängenden Zweige der Weiden am Ufer, der raſtlos fluthende Strom plätſcherte am Kiel— Alles war ſo feierlich und ſtill, bis auf das Lärmen der Paſ⸗ ſagiere, die ſich in der Kajüte zuſammendräng⸗ ten, das Klappern und Knarren des Takelwer⸗ kes und die Abſchiedsrufe der Zurückbleibenden. Der Aufgang der Sonne lockte einzelne Paſſa⸗ giere auf das Deck, und je höher ſie ſtieg, deſto lebhafter wurde es. „Welch' herrliche Geſtalt!“ flüſterte neben mir die fadendünne Stimme eines ſpindelbei⸗ nigen Engländers, indem er das viereckige Lorgnon feſter zwiſchen Auge und Naſe einkniff, und eine junge Dame, die eben gefolgt von einem reichgalonirten Neger, über das Deck ſchritt, zudringlich muſterte. Ich war noch nicht wieder in die Kajüte zurückgekehrt, und hatte ſonach von den Neuangekommenen erſt Wenige geſehen. Ich ſelbſt vermochte kaum meinen Blick von ihr abzuwenden. Ihre Geſtalt be⸗ zauberte eben ſo ſehr, als das reine Proofil ihrer Züge. Ohne Zweifel war ſie eine Süd⸗ länderin. Ich erhielt darüber Gewißheit, denn ſie redete ihren Diener türkiſch an. Wer be⸗ ſchreibt indeß mein Erſtaunen, als ich meinen Freund, den ich noch immer in Stambul glaubte, aus der Kajüte kommen und vertrau⸗ lich auf die Dame zugehen ſah. Eine Ahnung ſagte mir, daß fie das Ideal geweſen ſei, von dem er mir in ſo begeiſterten Worten erzählt. Sie hatte mich nicht getäuſcht. Als ſeine Gat⸗ tin ging ſie mit ihm nach Italien, nur wollte er ſie zuvor die Prachtſtädte des ſüdlichen Eu⸗ ropas bewundern laſſen. In Peſt begegneten wir uns. Es ſind ſeitdem wieder einige Jahre vor⸗ übergegangen, ohne daß ich von ihm eine brief⸗ liche Mittheilung erhalten hätte; ſeinen Namen hörte ich indeß öfter als einen der vorzügliche⸗ ren deutſchen Künſtler in Rom nennen. Vor ganz kurzer Zeit erſt langte von dorther ein Brief für mich an. Er kam von ihm. Er war voll von Schilderungen ſeines Glückes; am Schluſſe bat er, die vielen Tintenkleckſe damit zu entſchuldigen, daß eine allerliebſte kleine Schetſcherne, das würdige Ebenbild ihrer Mutter, während des Schreibens auf ſeinem Schoße ſitze und mit ſeinem Geſchreibſel ihr Spielwerk treibe. Ida Pfeiffer. Von M. R. Die berühmte Reiſende, Frau IdaPfeif⸗ fer, iſt in der Nacht des 27. Oktobers im Kreiſe ihrer Freunde und Verwandten ver⸗ ſchieden. Sehr leidend war ſie von ihrer letzten Weltfahrt vor einigen Monaten zu⸗ rückgekehrt. Dieſe letzte Reiſe war ein neuer Beweis von der unbeugſamen Energie dieſer merkwürdigen Frau. Nie verließ ſie, ſelbſt in der größten Gefahr, Beſonnenheit und Muth. Die Ent⸗ behrungen und das Alter vermochten nicht ih⸗ ren Willen zu ſchwächen, und obgleich ſie ganze Welttheile durchſtreift hatte, war ihre Wißbe⸗ gierde noch immer nicht befriedigt. Wenn die Begeiſterung für die Wiſſenſchaft, die Leidenſchaft zur Eroberung und die Luſt des Erforſchens großen Männern die Kraft verlieh, neue Wege zu entdecken und anzubah⸗ nen, ſo liegt in ihrem Zwecke ſelbſt die Erklä⸗ rung für ihr kühnes Unternehmen.— Betrach⸗ ten wir aber die Wanderluſt dieſer unermüd⸗ lichen Frau, ſo ſind wir faſt geneigt, ſie uns wie eine in ihr wohnende Naturnothwendigkeit zu deuten, die ſte, einmal ihr folgend, nicht mehr unterdrücken konnte, aber wir haben eigentlich kein Recht dazu. Nicht ein unerklär⸗ licher Zwang, ſondern der Wille leitete Frau Ida Pfeiffer, und wie früh er ſchon bei ihr eine beſtimmte Richtung hatte, beweiſt fol⸗ gende Anekdote. Als Napoleon in Wien als Eroberer eingezogen war und in Schönbrunn reſidirte, zog ein bedeutender Theil der Wiener Bevölke⸗ rung hinaus, um den größten Kriegshelden des Jahrhunderts bei der bekannten Revue zu ſehen. Die eilfjährige Ida hatte kürzlich in der Schule von den Helden des klaſſiſchen Alter⸗ thums gehört, und glühte für Männer von dem Schlage des Leonidas, Mucius Scävola und Horatius Cocles, deren Vaterlandsliebe in dem Herzen des Mädchens einen ſchwärmeriſchen Wiederhall fand. Ida erkannte in Folge deſſen in Napoleon nur den Tyrannen und Unterdrücker ihres Vater⸗ landes und wollte ihn nicht einmal ſehen. Ihre Mutter aber zwang ſie mit nach Schönbrunn zu kommen und ſtellte ſich mit ihr da auf, wo der Kaiſer mit ſeinem brillanten Stabe von Marſchällen und Generalen vorbeikommen mußte. Als es hieß:„Der Kaiſer kommt!“ drehte die kleine Ida ſich raſch um. Es waren indeß nur einige Generale, welche vorbeiritten. Die Mutter aber, welche die Wendung ihrer Tochter wohl bemerkt hatte, war ſo erzürnt über ihren Trotz, daß ſie ihr in der erſten Lei⸗ denſchaft eine Ohrfeige gab, welche Ida mit derſelben ſtolzen Reſignation geſättigter Vater⸗ landsliebe empfing, mit dervielleicht Nucius Scävola auf ſeine verbrennende Hand blickte. Als nun wirklich der Kaiſer vorüberkam, hielt die Mutter die Kleine an den Schultern feſt; dieſe jedoch— ſchloß die Augen und ſah auf dieſe Weiſe den Verhaßten nicht, der mit einer Eskorte glänzender Helden vor den dichtge⸗ drängten Haufen ſtaunender Neugieriger vor⸗ überſprengte. Ein Charakter wie der, welcher ſich ſchon bei dieſem Kinde zeigte, hält auch an ſeinen Neigungen feſt. Ida hatte ſchon früh den un⸗ widerſtehlichen Drang zu reiſen, doch obgleich ſie ihren Wünſchen nur erreichbare Ziele ſetzte, ſah ſie ſie dennoch nicht erfüllt. Sie verheira⸗ tete ſich früh, lebte in einfachen Verhältniſſen und nur ihren häuslichen Pflichten, aber als die Erziehung ihrer zwei Söhne vollendet war, erwachte wieder ihr mühſam unterdrücktes Ver⸗ langen, fremde Länder zu ſehen. Sie hatte während ihrer Ehe alles, woran Frauen Ver⸗ gnügen finden, ſich entſagt und das Geld, das für ihren beſcheidenen Putz beſtimmt war, zu ihrem Reiſezwecke zurückgelegt. Nach und nach 267 hatte ſie tauſend Gulden erſpart, und da ſie Witwe wurde, konnte ſie frei darüber disponi⸗ ren. Sie beſchloß Italien zu ſehen, denn ihre Mittel ſchienen ihr nicht ausreichend für eine Reiſe nach Jeruſalem, wohin ſie eine heiße Sehnſucht zog. Der Domherr Salzbacher, der von einer Wallfahrt aus dem gelobten Lande zurückgekehrt war, ermuthigte ſie dazu, und ſo trat ſie denn die langerſehnte Reiſe an, und da ſie höchſt ſparſam lebte, kam ſie mit ihrem Gelde bis nach Suez und Egypten, und kehrte über Italien nach Wien zurück. Hier be⸗ gann ſie ihre Reiſeerlebniſſe niederzuſchreiben und für den Druck vorzubereiten. Das Buch, welches ſie darüber veröffentlichte, verſchaffte ihr die Mittel zu einer Reiſe nach Schweden, Norwegen und Island. Sie ſammelte aus den Blättern ihres Tagebuches, welches ſie ſorg⸗ fältig auf ihrer neuen Reiſe geführt hatte, wie⸗ der Stoff zu einem Werke. Es wurde ſo gut aufgenommen und gewährte ihr ſo günſtige Reſultate, daß die Idee, eine Weltreiſe zu un⸗ ternehmen, in ihr erwachte. Bei der Ausfüh⸗ rung derſelben zeigte ſie die ganze Beharrlich⸗ keit ihres energiſchen Willens. Sie ſchiffte ſich nach Braſilien ein, ſegelte um das Kap Horn nach Chili, dann nach China und Indien, machte von Perſien aus die Reiſe zu Lande durch Kurdiſtan nach Tiflis, fuhr über das ſchwarze Meer nach Konſtantinopel und von da aus zurück nach Wien, wo ſie 1848 eintraf Ihre Freunde hofften, daß ihre Weltreiſe ihr genügen und ſie von nun an ruhig in der Heimat leben würde, aber die erduldeten Stra⸗ pazen hatten ſie nicht entmuthigt und der Drang nach der fernen Fremde war in ihr nicht ge⸗ ſchwächt, ſondern noch geſteigert worden. Sie ſuchte den Zweck und den Inhalt ihres Lebens nur im Reiſen. Immer reicher an großartigen Erfahrungen zu werden, immer neue merkwür⸗ dige Erlebniſſe zu niachen, die Natur in ihrer wilden Größe und Anmuth, in ihrem Aufruhr und in ihrer Stille zu beobachten, fremde Völ⸗ ker mit ihren Sitten und Gebräuchen kennen zu lernen, wurde zu einem unabweisbaren Ver⸗ langen in ihr. Sie ſcheute keine Leiden und Gefahren, keine Entbehrungen und Anſtren⸗ gungen, und mit einer bewunderungswerthen Charakterfeſtigkeit und einem männlichen Muthe ſuchte ſie das ſich geſteckte Ziel zu erreichen. Vor ſechs Jahren hatte ſie London verlaſſen und ſich nach der Kapſtadt begeben, von wo ſie nach Singapore an der Südſpitze von Malacca ſegelte. Dann durchſtreifte ſie nacheinander die vier großen Sundinſeln: Borneo, Sumatra, Java und Celebes, und mehrere Eilande der Molukengruppe, ſuchte die wilden Kopfjäger Borneos und die Menſchenfreſſer Sumatras mit einer unglaublichen Verwegenheit auf— und aus der Gefahr, getödtet und verzehrt zu werden, rettete ſie ſich mit einer Geiſtesgegen⸗ wart, die bewunderungswerth iſt. In dem Battakerlande auf Sumatra iſt ſie am weiteſten vorgedrungen, und großmüthig hat man oft die Frau da geſchont, wo ein 368 Mann nimmermehr durchgedrungen wäre; es war, als ob ſich ſelbſt die Wilden ſcheuten, einer ſchutzloſen Frau wehe zu thun, die ſo ſorglos und muthig zu ihnen kam, und gewiß lag in ihrem Geſchlechte ein Schutz für ſie, aber über Gefahren und Mühſeligkeiten konnte er ſie nicht hinwegheben, und oft trat der Tod in der gräßlichſten Geſtalt ihr vor Augen. Immer aber wurde ſie, bis jetzt, wie durch ein Wunder gerettet. Von Sumatra ging ſie nach Califor⸗ nien. In dem Goldlande blieb ſie drei Mo⸗ nate, machte von dort aus einen Abſtecher zu den indianiſchen Rothhäuten, die ſie aber bald verließ um nach Lima zu ſegeln, deſſen mildes Klima einen vortheilhaften Eindruck auf ſie hervorbrachte. Hier blieb ſie ſechs Wochen und ging von da nach Ecuador. Sie überſchritt die Cordilleren in der Nähe des Chimboraſſo auf einer Gebirgseinſattlung, deren höchſter Paß 15,000 Fuß über der Mee⸗ resfläche liegt, und kam nach einer äußerſt be⸗ ſchwerlichen Reiſe in Quito an. Es war ihr Plan, von dieſer Stadt aus den Amazonen⸗ ſtrom aufzuſuchen, aber ſie mußte ihre kühne Idee auch aus pekuniären Rückſichten aufgeben, und in Folge deſſen ging ſie von Quito auf demſelben Wege wieder zurück. Das ſchönſte Wetter begünſtigte ſie bei ihrem zweiten Ge⸗ birgsübergange. Ihr Pfad führte ſie ganz an der Nähe des Chimboraſſogipfels vorüber, und in ſeiner ganzen großen unbeſchreiblichen Pracht ſah ſie dieſen Rieſen der Andenkette. Um die Meerenge von Panama begab ſie ſich dann nach New⸗Orleans, wo ſie den gan⸗ zen Miſſiſippi bis zum Anthonyfall hinauf⸗ ſchiffte und den großen berühmten Waſſerfall am Niagara aufſuchte. Später reiſte ſie nach New⸗York, Boſton und nach England, und kehrte 1856 in ihre Heimat zurück. Wir hatten Gelegenheit, dieſe merkwürdige Frau, die zu den bedeutendſten Reiſenden zählt, weil ſie in Ländern geweſen und zu Völ⸗ kern gekommen iſt, die nie ein Europäer er⸗ blickt hat, kennen zu lernen. Wir waren er⸗ ſtaunt, daß nichts von ihr dem Bilde glich, das wir uns von einer ſolchen Heroin entwor⸗ fen hatten. Eine kleine, hagere, von Anſtren⸗ gung gebeugte Geſtalt trat uns entgegen, deren einfache und ruhige Haltung nichts von dem ſelbſtbewußten Weſen zeigte, das hiſtoriſch ge⸗ wordene Perſönlichkeiten ſo leicht annehmen. Ihr Teint war nicht einmal von der Tropen⸗ ſonne dunkler gebrannt, als man ihn gewöhn⸗ lich findet, und ſelbſt wenn ſie uns ihre merkwürdigſten und intereſſanteſten Reiſe⸗ abenteuer erzählte, geſchah es immer mit den einfachſten Worten, die aber nie den Eindruck verfehlten, weil ſie immer das Gepräge der Wahrheit trugen, und von ihrem warmen Herzen, einer freien ſittlichen Anſicht und ihrer echten Humanität zeugten. Ihr Zimmer war mit Naturalienſammlungen und ethno⸗ graphiſchen Gegenſtänden angefüllt und bot eine Kollektion von höchſt merkwürdigen, viel⸗ denen Dingen. Entſetzlich anzuſchauen war ein mit Menſchenhaaren behangener Korb, in wel⸗ chem die Dayaken den abgehauenen Kopf ihrer Feinde legen, und ein Halsband aus den Zäh⸗ nen derſelben, das als der höchſte Schmuck kriegeriſcher Tapferkeit bei den Wilden gilt. Ein über ſechs Fuß hoher Stock, Lungal Panaluan genannt, war aus dem Holze des Baumes geſchnitzt, an welchen die Battaken ihre Opfer binden, ehe ſie dieſelben köpfen und verzehren. Er war ſehr zierlich geſchnitzt und eine menſchliche Figur erhob ſich über die andere an dieſem Stocke, dem die Wilden ſo gar wunderbare Eigenſchaften zuſchreiben. Der Mantel eines ihrer Häuptlinge zeichnete ſich durch geſchmackvolle und unverwüſtbare We⸗ berei aus, wie ein Buch durch regelmäßige ſchwarze Schrift auf Baſt. Auch an zierlichen, freundlichen und ſel⸗ tenen Gegenſtänden war kein Mangel. Hier ſtand eine geſchnitzte Friedenspfeife der Kolus⸗ cions⸗Indianer von der Inſel Sitka, dort lag ein prachtvolles Strohgeflecht von der Inſel Celebes. Bald zog uns die Farben⸗ pracht einer Schmetterlingsſammlung oder indianiſcher Vogelneſter an, bald bewunderten wir peruaniſche Gefäße aus den Gräbern der Inkas— aber am merkwürdigſten blieb uns doch die unſcheinbare Frau, die durch ihre Entſchiedenheit und unerſchütterliche Willens⸗ kraft aus einer ſo weiten Entfernung alle dieſe Dinge geholt hatte. Frau Pfeiffer hat auf ihren vier gro⸗ ßen Reiſen 130,000 Seemeilen zu Waſſer und 18,000 engliſche Meilen zu Lande zu⸗ rückgelegt, und die Mittheilungen, welche ſie uns über ihre letzte Reiſe machte, waren eben ſo feſſelnd als lehrreich. Ein eigenthümliches Verlangen zog ſie beſonders nach jenen un⸗ erforſchten Gegenden hin, um den Zuſtand von Völkern kennen zu lernen, wie ſie unbe⸗ rührt von der modernen Civiliſation in ihren Schluchten und Wäldern leben. Es hat ſie ſehr geſchmerzt, ihren Plan, die großen Bin⸗ nenſeen im ſüdlichen Afrika zu beſuchen, auf⸗ geben zu müſſen; gerne wäre ſie bis zu dem Ngami⸗ und beſonders zu dem Nyaßi⸗See vorgedrungen, der noch nie von einem Euro⸗ päer erreicht wurde und eines jener Geheim⸗ niſſe des Erdtheils birgt, deren Enthüllung die Wiſſenſchaft(nicht allein) mit Spannung entgegenſieht. Sie verſicherte, daß ſie weder die Unfreundlichkeit der holländiſchen Boers, durch deren Anſiedlung der Weg führt, noch der Kampf der Engländer mit den Kaffern abge⸗ ſchreckt hätte, ſondern allein die Unmöglichkeit, den Koſtenaufwand erſchwingen zu können, denn ſie hätte zu dieſer Reiſe eine Mannſchaft, mehrere Wagen und Ochſengeſpann gebraucht. Frau Ida Pfeiffer reiſte aber immer nur mit leichtem Handgepäck, einem Schmetter⸗ lingsnetz und einer Botaniſirbüchſe, von einem leicht in Europa nicht noch einmal vorhan⸗ Vermögens. Die öſterreichiſche Regierung hat ſie mit einem Zuſchuß von 1500 fl. unterſtützt, aber man muß ſo bedürfnißlos und kühn, ſo abgehärtet und gewaffnet gegen jede Entbeh⸗ rung wie Frau Pfeiffer ſein, um mit ſol⸗ chen Mitteln Weltreiſen machen zu können. Auf ihrer erſten hatte ſie bemerkt, daß in Sin⸗ gapore ſich die meiſten Schiffe für alle Him⸗ melsgegenden ſammeln, darum ging ſie wieder dahin, und die Fahrt war eben ſo anziehend als lohnend. Sie fand viele Briefe und Be⸗ kannte dort, von denen ſie auf's Freundlichſte empfangen wurde; aber ſie verweilte nur einige Wochen bei ihnen, dann reiſte ſie nach dem Fürſtenthum Sarawak auf der Inſel Borneo. Kapitän Brooke, der Sohn des Sir James Brooke, empfing ſie mit der größten Gaſt⸗ freiheit, und von ihm begünſtigt lernte ſie das Gebiet von Sarawak und die intereſſanteſten Punkte der Umgebung kennen. Ihre Schilde⸗ rungen haben uns lebhaft intereſſirt und um ſo mehr, da in der neueſten Zeit die dortige Gegend durch die Mordluſt der Chineſen ein Schauplatz der Verwüſtung geworden iſt. Frau Pfeiffer ſagte, daß ſie immer mit einem ge⸗ miſchten Gefühle von Freude und Bedauern die Anſiedelungen der Chineſen betrachtet habe, denn ſie findet ſie zwar arbeitſam und aus⸗ dauernd in allem, was ſie unternehmen, aber auch eben ſo falſch, gewinnſüchtig und liſtig, und wie ſie ihre Sitten und Gebräuche überall bewahren, ſo auch ihren Charakter. Trotz aller Gegenvorſtellungen und Ab⸗ mahnungen beſtand Frau Pfeiffer darauf, im Norden des Sekamil Lupangebirges auf einen der landeinwärtsgehenden Flüſſe in das Innere von Borneo vorzudringen, um mitten durch die unerforſchten Wildniſſe der unabhän⸗ gigen Dayaken einen Weg über den Kamm der Gebirge zu ſuchen und von dort nach der hol⸗ ländiſchen Kolonie Pontianak zu gehen. Sie hat ihren Plan ausgeführt und iſt endlich wie⸗ der durch Gegenden gewandert, die nie zuvor ein Europäer betreten hatte, aber um einen Begriff von der ſchaudervollen Gefahr zu ge⸗ ben, die ſie erlebte, führen wir eine Stelle aus ihrem Werk:„Meine zweite Weltreiſe“ an. „Wir fuhren an mehreren Dayakenplätzen ungeſtört vorüber. Nachmittags kehrten wir wieder bei einem Stamme ein. Hier ſah es aber nicht ſehr gemüthlich aus, denn die Leute waren erſt vor zwei Tagen von einem Kampfe heimgekehrt und hatten einen Kopf mitgebracht, der nebſt den andern ſchon beinahe ganz aus⸗ getrockneten über der Feuerſtelle hing, an der mein Lager bereitet wurde. Es iſt dieß nämlich der Ehrenplatz, der einem Gaſte geboten wird; eine höchſt widerliche Auszeichnung, die man doch nicht ausſchlagen darf. Die dürren Schä⸗ del, die in dem ſtarken Zugwinde aneinander⸗ klapperten, der unbeſchreiblich erſtickende Ge⸗ ſtank, der von dem friſchen Kopfe ausging und einzigen Führer oder Dolmetſcher begleitet, den mir der Luftzug zeitweiſe in's Geſicht trieb, denn ſie hatte, außer dem Ertrag ihrer Schrif⸗ der Anblick der Leute, die noch ſehr aufgeregt ten, nur die ſpärlichen Einkünfte eines kleinen ſchienen und beſtändig um mein Lager kreisten, ——- u ☛& ☛ als ſchon alle Feuer erloſchen waren, brachten mich um Schlaf und Ruhe. Ich geſtehe auf⸗ richtig, meine Angſt war ſo groß, daß ich in eine Art Fieber verfiel.“ Einige Tage ſpäter berichtet ſie:„Auf einer kleinen Erhöhung am Ufer ſtanden die Wilden, gewiß hundert an der Zahl. Bei unſerm An⸗ blick ſtieg ihr Geſchrei auf's höchſte und ihre Geberden wurden fürchterlich. Das Herz er⸗ bebte mir im Leibe; doch zur Rückkehr war es zu ſpät. Entſchloſſenheit allein konnte uns ret⸗ ten. Dem Hügel gegenüber, mitten im Fluſſe lag eine Sandbank. Auf dieſe ſprang mein wackerer Koch und begann eine Unterhandlung mit dem Rajah, von welcher ich leider kein Wort verſtand, da ſie in dayakiſcher Sprache vor ſich ging. Um ſo größer war meine Beſtür⸗ zung, als plötzlich die Wilden die kleine Anhöhe herabſprangen, ſich theils in Canots, theils in's Waſſer ſtürzten, rudernd und ſchwimmend auf mein Boot zukamen, und es von allen Seiten umringten und erſtiegen. Nun dachte ich, der letzte Augenblick meines Lebens ſei gekommen. Doch bald vernahm ich die Stimme des Kochs, der mir zuſchrie, daß man uns willkommen heiße. Wer je dem Tode wirklich nahe war, der allein kann ſich eine Vorſtellung machen von der Angſt, die ich ausgeſtanden, ſo wie von der Freude, die mich nun erfüllte, als ich mich gerettet ſah!— Rajah Brooke's Fahne war der Talisman, der uns ſchützte.“ Die große Inſel Borneo bot ihr neben den gefahrvollſten auch die intereſſanteſten Erleb⸗ niſſe. Sie hatte Ausflüge nach Pontianak, nach den Diamantminen, Landek und nach dem hol⸗ ländiſchen Fort Sambas gemacht, mehrere Fürſten und Häuptlinge, und auch höhere hol⸗ ländiſche Beamte kennen gelernt; beſonders intereſſirte ſie der Präſident Willer, der ein großes Werk über die Battaker auf Sumatra und die Alforen auf Ceram geſchrieben hat.— Von dort ging Frau Pfeiffer nach Batavia, wo ihr alle Merkwürdigkeiten der Stadt und der Umgebung durch einflußreiche Familien offen ſtanden. Sie beſuchte die Cochenillenpflanzun⸗ gen auf Ponde Gedé und mehre andere Se⸗ henswürdigkeiten, wohin ſie der Generalgou⸗ verneur einlud. Sie ſah auch die Theepflanzun⸗ gen zu Bandong und die große Kaffeemühle zu Lembang, welche 30,000 Zentner von Kaffee jährlich liefert. Der zweite Theil ihrer Reiſebeſchreibung beginnt mit ihrem Beſuche der Inſel Sumatra. Sie ging von der holländiſchen Hauptſtadt Penang aus, wo ſie von dem Gouverneur gaſtfrei aufgenommen wurde; aber auch er widerrieth ihr, wie ſie es ſich vorgenommen, durch Benjob, Ankalla und Groß⸗Toba zu den wilden Battaken und Kannibalen zu gehen, welche 1835 die beiden amerikaniſchen Miſſio⸗ näre Layman und Manſor getödtet und gefreſſen hatten. Die Gefahren jener Gegenden ſteigerten noch ihren Reiz für die Reiſende und ſie bleibt feſt dabei, durch das große Thal Lilendon bis an den Landſee Eino⸗Tau, d. h. Erinnerungen. 1858. großes Waſſer, vorzudringen, das noch kein Europäer geſehen hat, und von deſſen Vor⸗ handenſein man blos durch die Erzählungen der Eingebornen unterrichtet iſt.““ Herr Ham⸗ merx, Controleur des Grenzforts, gibt ihr Empfehlungen an einige Rajahs im Innern, die mit den Holländern in Verbindung ſtehen, und wieder nur mit einem Führer verſehen, reiſt Frau Pfeiffer ab, indem ſie auf Alles gefaßt, ihre Papiere für den Fall ihres To⸗ des für ihre Familie zurückläßt. Sie tritt ihre Fußwanderung an, aber an der Grenze des freien Battakerlandes begleitet ſie ein Rajah mit fünf ſeiner Männer auf jenes Gebiet, weil ſie ſonſt nicht hineingelaſſen wer⸗ den würde. Nachdem ſie durch undurchdring⸗ liche Wälder zwei Tage gegangen und bei hef⸗ tigem Regen ihr Nachtquartier im Freien ge⸗ nommen hatte, kam ſie in's Freie und in die Heimat der wilden Kannibalen. Die Land⸗ ſchaft hatte nicht den Charakter ihrer Bewoh⸗ ner, Alles war hier in bewunderungswürdiger Schönheit, das Thal groß und wellenförmig, und manche Stellen ſorgfältig mit Reis be⸗ baut, aber in den Niederungen und Flüſſen hauſten Rieſenſchlangen und Krokodile, und wenn man Nachts in den auf Pfählen gebau⸗ ten Battakenhäuſern ruhte, hörte man das Brüllen der Tiger. Doch das Leben und Trei⸗ ben der Wilden zeigte zwar einen rohen Ge⸗ ſchmack, beſonders im Tanzen und Vergnü⸗ gungen, doch aber ſie ſelbſt zeigten ſich freund⸗ lich, ja faſt wohlwollend. Nach einigen Tagen hatte die Reiſende ein entſetzliches Abenteuer und wir laſſen ſie das⸗ ſelbe lieber ſelbſt erzählen: „Mehr als zwanzig bewaffnete Männer ſtanden am Wege und erwarteten uns. Als wir an ihnen vorüber wollten, verſtellten ſie den Weg und in einem Augenblicke hatten viele Lanzenknechte einen Kreis um mich geſchloſſen. Die Leute ſahen über alle Beſchreibung fürch⸗ terlich aus. Sie waren groß und kräftig, viele ſechs Fuß hoch, die Geſichtszüge leidenſchaft⸗ lich bewegt, was ſie noch weit häßlicher machte — das große Maul mit den vorſtehenden Zähnen glich wahrlich mehr dem Rachen eines wilden Thieres, als einem menſchlichen Munde. Ich hatte zwar Angſt, die Scene war zu ent⸗ ſetzlich, doch verlor ich nicht meine Geiſtesge⸗ genwart und ſetzte mich anſcheinend ruhig und vertrauensvoll auf einen Stein, welcher am Wege lag.“ „Einige Rajahs traten auf mich zu, mir mit Worten und Zeichen drohend, daß, wenn ich nicht umkehre, man mich tödten und ver⸗ zehren würde. Ich erhob mich, klopfte den Vor⸗ derſten, der ſich am meiſten an mich heran⸗ drängte, freundlich auf die Achſel und ſagte mit heiterer, lächelnder Miene, halb ma⸗ layiſch, halb battakiſch:„„Ihr werdet eine 369 ohne Erfolg. Die Lanzenknechte öffneten ihre geſchloſſenen Reihen und fingen über das Kau⸗ derwelſch und die Pantomime der Reiſenden zu lachen an.“ Ihre Furchtloſigkeit hatte geſiegt. Aber die wilden Scenen wiederholten ſich auf ihrem Wege, und in einem Battakendorfe verſammelten ſich mehrere Rajahs mit ihren Bewaffneten und verboten den Reiſenden wei⸗ ter vorzudringen; alle ihre Verſprechungen und Bitten waren vergeblich. Sie wurde zwei deut⸗ ſche Meilen von dem erſehnten Ziele, dem Erio⸗ Uniſee, unter wilden Drohungen gezwungen, auf einem anderen Wege wieder umzukehren. Auf der von ihr erreichten Stelle wurden ſpä⸗ ter zwei franzöſiſche Miſſionäre, bei ihrem Verſuche in jener Gegend vorzudringen, das Opfer der Kannibalen. Frau Pfeiffer ſchrieb einige Wochen nach dieſem entſetzlichen Erlebniß aus Padang⸗Si⸗ dimpnang:„Man kann ſich gar keine Vorſtel⸗ lung machen von dem angenehmen Gefühle, das ich empfand, als ich mich wieder in voller Sicherheit ſah, mich an eine reinliche Tafel mit guten Gerichten ſetze, in ein herrliches Bett zur Nachtruhe ging.“ Aber dennoch fühlte ſie ſich in der Heimat nicht heimiſch, und in einem Alter, wo eine behagliche Ruhe nicht allein wünſchenswerth, ſondern nothwendig erſcheint, rüſtete ſie ſich zu einer neuen Reiſe, die ſie auch antrat. Die bedeutendſten Erlebniſſe theilte ſie in Briefen an die„O.⸗D. Poſt“ mit, welche zu⸗ gleich Aufklärung über die Angelegenheiten der im Flächenraume Deutſchland faſt gleich⸗ kommenden Inſel Madagaskar geben und der Leſewelt noch in friſchem Andenken ſind. Die Gefahren und Leiden dieſer letzten Reiſe legten den Grund zu der Kränklichkeit, deren Opfer die heldenmüthige Frau geworden iſt. —2090— 390— Aus dem Tagebuche meiner Reiſe in Nordamerika. Von P. G. Menzel. (Schluß.) III. Ein Ritt durch einen Fluß. Im Süden der Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo die Kalkformation vorherr⸗ ſchend iſt, wie in Arkanſas, Texas und Karoli⸗ na, haben die fließenden Gewäſſer das Eigen⸗ thümliche, daß in die Sohle ihres Flußthales gewöhnlich noch ein zweites eingeſchnitten iſt, in welchem erſt das eigentliche tiefe Flußbett ſich befindet. Bei größeren fließenden Waſſern läßt ſich dieſes erſte und zweite, oder das große und kleine Bottom deutlich unterſcheiden. Solches Bottomland iſt faſt überall mit einem üppigen Frou nicht tödten und aufeſſen, am wenigſten Baumwuchſe bekleidet, und bildet, in Kultur eine ſo alte wie ich bin, deren Fleiſch ſchon hart und zähe iſt.““ „Dieſes muthige Benehmen blieb nicht geſetzt, Ackerland von unerſchöpflicher Frucht⸗ barkeit, auf welchem beſonders Zucker, Mais und Baumwolle gebaut wird. 47 370 Das Steigen des Waſſers in den Flüſſen erfolgt bei ſtarken Regengüſſen mit großer Schnelligkeit zu einer ſo beträchtlichen Höhe, daß das Buſchwerk des kleinen Bottoms unter Waſſer ſteht, und nur die höheren Bäume über dasſelbe empor ragen. So war der Pedernalis angeſchwollen, als ich und Freund R. aus der Gegend des Randy⸗ creecks kommend, ihn eine Meile oberhalb ſeiner Einmündung in den Kolorado zu paſſiren ge⸗ dachten. Wir hatten vom Mittag an nach Weſten hin, wo das Quellengebiet dieſes Fluſſes liegt, dunkle Gewitterwolken lagern ſehen, während uns nur einige leichte, vorübergehende Regenſchauer trafen; aber eine außerordentliche Erhebung des Flußes, welche uns das Durchreiten bedenk⸗ lich machen ſollte, hätten wir nicht im entferu⸗ teſten geahnet. Wie groß war alſo unſer Staunen, als wir eine Strecke im dießſeitigen Bottom fortgeritten waren, und ſtatt einer Breite von 60, und einer Tiefe des Waſſers von 2 Fuß, einen See vor uns hatten, auf welchem langſam wirbelnd, grünes, dürres und faules Gehölz abwärts trieb, und deſſen Waſſergrenze ſich jenſeits wohl 700 Schritte von uns im Bottomwalde verlor. Der Tag war bis auf einen Reſt von zwei Stunden abgelaufen; die Gegend auf Tag⸗ reiſen weit umher unbewohnt; nur einige nicht gar zahlreiche Indianertrupps hatten ſich uns Vormittags gezeigt. Daher war meinem Beglei⸗ ter vor Allem daran gelegen, vor Abend noch aus dieſer Gegend zu kommen, da er ſich ſchon bei Tage in der Nähe dieſer Rothhäute etwas unbehaglich fühlte und um keinen Preis die Nacht in ihrer Nachbarſchaft zuzubringen gedachte. Alle meine Beruhigungsgründe vermochten wenig, obgleich ich ihm ins Gedächtniß rief, wie ich vor zwei Monaten jenſeits des Llano mit verſchiedenen Stämmen dieſer wilden Jäger in Berührung gekommen war, ohne daß ſie mir irgend ein Leid zugefügt hätten. Wir hatten uns auf einem Indianertrail (emn ſchmaler Pfad, auf welchem die Indianer einer hinter dem andern zu reiten pflegen) dem Fluße genähert, und ich bemerkte, daß mein Maulthier, das ich ritt, ſich anſchicken wollte einen Sprung ins Waſſer zu thun, ich hielt es jedoch davon ab und ritt ein wenig zurück. Mein Gefährte R. war mir im Reiten und Schwimmen bedeutend überlegen, aber ſein ver⸗ legenes Geſicht konnte mich wenig ermuthigen. Es befremdete ihn höchlich, als ich ihn an⸗ redete:„Nun— wollen wir nicht durchreiten d46 „Wo denken Sie hin? das wäre tollkühn! Durch dieſes Baumlabyrinth kann bei dieſem hohen Waſſerſtande kaum eine Ente ſchwimmen.“ „Gut— ſo lagern wir da bis morgen Mit⸗ tags, dann iſt bei dieſem Wetter das Waſſer gewiß hinlänglich gefallen.“ „Das dürfen wir nicht— ich traue den In⸗ dianern nicht.“ „Und welche Wahl bleibt uns noch übrig?“ „Reiten wir am Fluße hinauſ, vielleicht finden wir eine günſtigere Stelle.“ „Mein Manlthier iſt nicht einverſtanden, das will hier durch, und ich bin der Meinung, unſere Thiere ſind hier viel geſcheidter als wir. Alle Maulthiere des weſtlichen Texas ſind von Indianern gekauft, auch unſere zwei; dieſe haben höchſt wahrſcheinlich vordem ſchon ſehr oft dieſen Weg bei jedem Waſſerſtande gemacht. Eine Mule iſt ja ein ſo bedächtiges, ſicher gehendes Thier, daß ich wetten möchte, auf einem unbekannten Orte würde keine ſich zum Sprunge in einen hoch angeſchwollenen Fluß anſchicken, wie meine es vorhin that. Vertrauen wir uns nur kühn ihnen an! Sie ſollten, da Sie beſſer reiten und ſchwimmen als ich, auch weit entſchloſſener ſein als ich; meine Reitkunſt beſchränkt ſich nur etwa aufs Feſtſitzen. Zudem ſollten Sie auch als ehemaliger Matroſe gar nicht waſſerſcheu ſein.“ Freund R. ſchwieg. Ich ritt etwa 50 Schritte zurück, was mein Maulthier kopfſchüttelnd miß⸗ billigte, dann wandte ich um, legte dem Thiere den Zügel auf den Nacken, und überließ mich nun ganz ſeinem Gutdünken. Kaum war die kleine Strecke bis zu der gegen das Waſſer ſteil abfallenden Felsplatte zurückgelegt, ſo trat es mit den hintern Füſſen breit, ſenkte den Hinter⸗ theil, erhob ſich vorwärts, und wir flogen in einem weiten Bogen in die Tiefe des Waſſers. Bald waren unſere Köpfe wieder über demſelben, das Thier ſchnaufte heftig das Waſſer aus der Naſe, ſchaute bald links bald rechts, nahm um die Baumkronen bald dieſe bald jene Richtung, ohne von mir im geringſten beirrt zu werden; ich hatte ohne dieß mit dem Feſtſitzen vollauf⸗ zuthun. Dem Thiere ging das Waſſer bis an die Kinnbacken, mir bis unter die Arme, mit welchen ich rudernd mich im Gleichgewichte zu erhalten ſuchte. Ein heftiger„Plump!“ hinter mir deutete an, daß Freund R. auch bereits auf dem Wege ſei, obgleich ich ihn nicht ſehen konnte, da eine ziemliche Strecke Waldes zwiſchen uns war, und ich mich auch nicht getraute nach ihm umzuſehen. Auf der Mitte des Flußes trieb uns die Strömmung weit abwärts; das arme Thier ſchien ermattet im Rudern nachzu⸗ laſſen und ſeufzte tief, als gäbe es ſich und mich verloren. Ich zog meine Füße aus den Bügeln, und ſah mich um, welche Richtung ich etwa allein ſchwimmend nehmen ſollte, um einige Ausſicht auf Rettung zu haben. Doch ſobald wir nur auf der andern Seite in dem Bereiche der Bäume waren, ging es wieder beſſer vorwärts, obgleich das Um⸗ ſchwimmen einzelner Bäume und ganzer Grup⸗ pen manchen Umweg verurſachte. Endlich hatte das Thier mit den hinteren Füßen Grund, das Ufer war erreicht; kaum hatte es nach mei⸗ nem Abſteigen ſich das Waſſer abgeſchüttelt, ſo wieherte es gegen den Fluß gewendet fort⸗ während dem andern zu, das ſeine Aufgabe noch nicht gelöſt hatte, ohne daß dieſes ſeine Zuſprache erwiedert hätte; als es aber auch ans Land geſtiegen war, wieherten beide einander lange an, als wollten ſie einander die Details des überſtandenen Wagniſſes erzählen. R. brachte ein ſehr vergnügtes Geſicht mit an's Land, und ſagte mit Selbſtgefallen:„Das ſoll uns Jemand nachmachen!“ Ich antwortete:„Das Lob ge⸗ bührt unſern braven Thieren und den India⸗ nern, welche ſie für die Weißen ſo gut abgerichtet haben.“ Nachdem wir unſere Kleider ein wenig ausgewunden hatten, ritten wir noch einige Meilen in der Abendkühle, und lagerten auf einem kleinen Hügel in der Prärie, wo es für die Maulthiere köſtliche Weide gab; wir ſelbſt mußten uns indeß mit etwas geräuchertem Speck und breiartig zerweichtem Maisbrote begnügen. IV. Eine unverhoffte Begegnung. Amerikaniſche Reiſebeſchreibungen enthal⸗ ten viel Schreckliches von reißenden Thieren, die in bewohnten und unbewohnten Gegenden von Nordamerika die Menſchen bedrohen ſol⸗ len. Aber ſo arg iſt es damit nicht. Der Alli⸗ gator, das amerikaniſche Krokodil(Alligator lucius, Cuv.) iſt in den ſüdlichen Staaten, wo es in Sümpfen und Flüſſen häufig vor⸗ kommt und nicht ſelten eine Länge von 30 Fuß erreicht, dem Menſchen allerdings gefährlich, und hat am Miſſiſippi und andern Gewäſſern ſchon manchen harmloſen Angler vom Ufer weggeſchnappt. In mehr bewohnten Gegenden ſtellen ſie Kälbern und Hunden vornehmlich nach. Bei Seguin wurde vor einigen Jahren ein Kind von dieſem Reptil verſchlungen, das die Mutter ſorglos am Ufer des Baches nie⸗ dergeſettt hatte. Der graue Bär(Ursus ame- ricanus, Pall.), der nicht ſelten ein Gewicht von mehreren Zentnern erreicht, und wegen ſeines köſtlichen Fleiſches und Fettes ein Haupt⸗ gegenſtand der Jagd iſt, fügt unangetaſtet Nie⸗ mand ein Leid zu; aber verwundet und ver⸗ folgt iſt er fürchterlich, und hat ſchon manchem Jäger und manchem Hunde den Garaus ge⸗ macht. Läßt man ihn aber in Ruhe, ſo kann man ihm ohne Gefahr zuſehen, wie er hoch auf Bäumen ſitzend, gemächlich ſeine Eicheln und Nüſſe verzehrt, oder wie er an ſonnigen Berg⸗ abhängen koloſſale Felsſtücke fortwälzet, um die darunter wohnenden Eidechſen und Käfer fangen und ſchmauſen zu können. Der merxikaniſche Tiger, Jaguar(Felis Onca, L.) und der amerikaniſche Panther (Felis concolor, L.), greifen den Menſchen ebenfalls nur vertheidigungsweiſe an, wenn ſie auf irgend eine Art verletzt oder beleidigt wer⸗ den. Daß in einzelnen ſeltenen Fällen, wo der Hunger ſie dazu verleitet; ſie einen Angriff auf Menſchen wagen können, will ich jedoch nicht ganz in Abrede ſtellen. Mit einem ausgezeichneten Exemplare des amerikaniſchen Panthers hatte ich einige Mei⸗ le — 78 8⸗ —,—·—— ——- len nördlich von Friedrichsburg in Texas ein ſehr überraſchendes Zuſammentreffen. Ich war von Friedrichsburg aus nördlich über den Life⸗oar gegangen und nach fünf Stunden bei einem Hügel angekommen, der mir zur Orientirung diente. Ich langte nach meinem Kompaß in die Taſche, um mir ein ferneres Signal zu ſuchen, bemerkte aber leider, daß dieſer mein treuer Wegweiſer zu Hauſe auf dem Tiſche zurückgeblieben war. Die Ge⸗ gend iſt ein wahres Labyrinth von Bergen, faſt alle von gleicher Höhe, lang gezogen, oft ſehr durcheinander geſchlängelt, oben auf mit Ge⸗ büſch dicht verwachſen, die Thäler voll von hohem Graſe, wo der alljährliche Prairiebrand kein Buſchwerk auffkommen läßt. An eine Spur von Fahrweg oder Fußpfad iſt in einer Ge⸗ gend, wo Niemand wohnt, noch irgend etwas zu verrichten hat, begreiflicher Weiſe nicht zu denken. Ich würde den Rückweg nach Fried⸗ richsburg getroffen und noch vor Abend zurück⸗ gelegt haben; doch das wollte ich eben nicht, und ging, nachdem ich mich durch einen Biſſen Brot und einen Schluck aus einer der Waſſer⸗ flaſchen gelabt hatte, vorwärts, von den oft undurchdringlichen Hügeldickichten zu ſehr lang⸗ weiligen Umwegen genöthigt. Der Himmel war in der zweiten Hälfte dieſes Nachmittags bedeckt und ich konnte mich nur ſehr nothdürftig nach der gegen die Süd⸗ ſeite riſſigeren Rinde der verkrüppelten Bäume orientiren. Als ich einen höheren Berg in Sicht bekam, der einen weiten Umkreis zu beherrſchen ſchien, ſteuerte ich auf denſelben zu, aber das Beſteigen war ein ſaures Stück Arbeit. Seine Abhänge waren mit fingerdicken jungen Eichen ſo dicht bewachſen, daß ich mehr darüber hin⸗ als durchkriechen konnte. Zum Glücke durfte ich auf eine angenehme Nacht rechnen, denn der Himmel, obgleich trübe, zeigte doch keine Aus⸗ ſicht auf Regen. Nach anderthalbſtündiger Mühe hatte ich faſt den Gipfel erreicht, da ver⸗ nahm ich von der rechten Seite aus einer ge⸗ ringen Entfernung herüber quitſchende Töne, wie von einem jungen Hunde. Ich wandte mich darauf zu, und ſah unter einem überhängenden niedrigen Kalkſteinfelſen ein ſchön blaues, blin⸗ des, dickköpfiges, katzenartiges Thier, von der Größe eines Kaninchens liegen, das erſt dieſen Tag zur Welt gekommen ſein mochte. Ich vermuthete, wie ich bald erfahren ſollte, mit gntem Grunde, daß es nicht rathſam ſei, an dem neugebornen Objekte genauere Unter⸗ ſuchungen vorzunehmen, und wandte mich, ohne auch nur die Beſtie mit einem Finger be⸗ rührt zu haben, hinweg. Kaum hatte ich 50 Schritte davon auf dem ſchmalen Rücken des Berges einen etwas freien Platz erreicht, als tief unten am Berge ein Rauſchen und Praſſeln in dem Geſtrüppe entſtand, als ob ein großes Felsſtück mit Schnelligkeit durch dasſelbe nach oben ſich wälze; bald konnte ich an den auseinander ſchlagenden Spitzen des Eichengebüſches den Punkt erken⸗ nen, woher das Gebrauſe kam. Es rückte mir ſchnell näher, und aus dem Dickicht ſprang ein Katzenungethüm, das fünf Fuß entfernt vor mir keuchend ſtehen blieb, mit dem kurzhaari⸗ gen Schwanze peitſchte, mich ſcharf in's Auge faßte und die Borſten des langen weißen Bar⸗ tes bald vor⸗, bald rückwärts bewegte. Ich kann nicht beſtimmt angeben, wie lange mich das Thier ſo fixirte, nur ſo viel erinnere ich mich, daß ich während dem meine volumi⸗ nöſe Pflanzenmappe mit der Linken von der Seite vor die Bruſt ſchob, und mit der Rechten nach der langröhrigen Kugelpiſtole griff, ohne jedoch im geringſten gewillt zu ſein, die Offen⸗ ſive zu ergreifen, die einen erträglichen Aus⸗ gang ſehr problematiſch erſcheinen ließ. Hierauf richtete die große Katzenmutter ihre Augen einen Augenblick nach dem Orte hin, wo ihr kleiner Dickkopf lag, deſſen Stimme ihr feines Gehör mochte aufgefangen haben, ſtreckte den Hals etwas aus und hob die Naſe gegen mich, als wenn ſie aus mir herauswittern wollte, ob ich mit ihrem theuren Sprößlinge mir irgend etwas habe zu ſchaffen gemacht. So wandte ſie ihr Antlitz noch mehrmals bald dorthin, bald nach mir, bis ſie endlich langſam, aber immer nach mir umſehend, zu ihrem Säugling ſchlich, offenbar nicht wünſchend, daß ich mich ihrem Wochenbette nähere, was auch nicht im minde⸗ ſten meine Abſicht war; ſondern ich ging, mit dem Ausgange des Vorfalles äußerſt zufrieden, ſtill meinen Weg auf dem minder bewachſenen Bergkamme hin, um mich ſchnell und unver⸗ dächtig zu entfernen. Eine Stunde weit von dem Orte dieſes Begegniſſes ſchlug ich mein Lager auf, und ſah am Morgen vor Sonnenaufgang, am Saume eines ziemlich entfernten Berggebüſches, ein ähnliches Thier, vielleicht dasſelbe, das ich den Abend zuvor von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen die Ehre gehabt, ſo recht nach Katzenart dahin ſchleichen. V. Eine Reiſe im Poſtwagen. Ich hatte Pittsburg, die Stadt der Eiſen fabriken am Ohio zum Ueberdruße geſehen, und verließ das kohlendampfreiche Thal am 24. April, obgleich Jenny Lind Tags darauf ankommen ſollte und Alles auf den würdigen Empfang der ſchwediſchen Nachtigall vorbereitet war. Da ich den aufblühenden weſtlichen Theil Penſylvaniens durchreiſen wollte, ſo mußte ich ſtreckenweiſe zum Poſtwagen meine Zuflucht nehmen, deſſen Beſchaffenheit in dieſem Welt⸗ theile mir keineswegs mehr unbekannt war. Auf einem ſtarken dauerhaften Wagen ſchwebt auf unverwüſtlichen Stahlfedern ein ungeheurer Kaſten, in welchem zwölf Perſonen. Raum haben. Für das Gepäck der Paſſagiere iſt hinter und auf dem Kaſten, wo auch Neger und Mulatten, denen innerhalb der Aufenthalt nicht verſtattet iſt, ihre erhabenen Sitze haben, ein Behältniß angebracht. Der Koloß wird von ———— 5— ur.—— 371 vier oder ſechs Pferden ſchnell, und man muß geſtehen, mit nur möglicher Sicherheit fortbe⸗ wegt. Das Ganze iſt einem Poſtillon anver⸗ traut, dem die Axt unentbehrlicher als die Peit⸗ ſche iſt; wenn nämlich ein über die ſogenannte Poſtſtraße gefallener Baum zu beſeitigen iſt, ſo wird dieſe Verrichtung mit bewuñderungswür⸗ diger Schnelligkeit vollzogen, die auf ein öfteres Vorkommen ſolcher Vorfälle ſchließen läßt. Die erſte unangenehme Erſcheinung war ein total betrunkener amerikaniſcher Maurer⸗ meiſter, der, ſo lange er unbewußt unter dem Sitze ſeinen Platz nahm, noch erträglich war, aber um ſo unausſtehlicher wurde, als ſeine Natur des Allzuvielen ſich entlediget hatte und ſeine Beſinnung zurückgekehrt war. Wie freute ich mich, als er nach der zweiten zurückgelegten Station mit der übrigen Geſellſchaft den Wa⸗ gen verließ. Wer hätte vermuthen ſollen, daß weit ſchlimmeres in dieſem Raume meiner warte. Bekanntlich ſtehen die Damen in den Ver⸗ einigten Staaten in ſehr großer Achtung, und ſie genießen da Vorrechte, wie nirgend anders⸗ wo. Die Frau iſt Herrin des Hauſes, der Mann hat nur das Nothwendige herbeizuſchaffen. Nie werden einer Frau anſtrengende körperliche Ar⸗ beiten zugemuthet; ſobald es nur die Vermö⸗ gensumſtände geſtatten, macht ſie auf Bedie⸗ nung Anſprüche, die oft bis in's Lächerliche gehen. Auch die Staatsgeſetze begünſtigen auffal⸗ lend die Frauen. Durch die Verehelichung er⸗ langen dieſelben gleiche Rechte auf den Beſitz⸗ ſtand ihres Mannes; die Hälfte davon iſt ihr Eigenthum, auch wenn ſie keinen Pfennig in’s Haus gebracht haben. Die einfache Ausſage eines Weibes vor Gericht hat mehr Glauben als der Schwur eines Mannes, und der Schwur eines Weibes gilt zwei Schwüren von Männern gleich! Eine Frau kann allein große Reiſen unternehmen, und ſie kann verſichert ſein, daß ſie allenthalben auf das ehrenvollſte und zuvor⸗ kommendſte wird behandelt werden, kein zwei⸗ deutiges Wort ihr Ohr verletzen wird. Jeder⸗ mann iſt bereit, ihr Rath, Schutz und Hilfe zu gewähren. KeinHerr ſetzt ſich an die Tafel, be⸗ vor nicht alle Damen ihre Sitze eingenom⸗ men haben. In Städten darf man keine Dame auf der Gaſſe anreden, ſich um etwas zu erkun⸗ digen, das gälte als ein grober Verſtoß, und ſie würde entweder ſchweigend ausweichen, oder eine Antwort geben, die dem Fragenden nicht gefällt. Kein Wunder alſo, daß die Damen auch ihre Anſprüche mehr und mehr ſteigern, in ihrer Kleidung einem Luxus fröhnen, der gar oft der Ruin der Familie wird. Kein Wunder, wenn die Frauen in jeder Beziehung den Männern gleichgeſtellt, emancipirt ſein wollen. Zu dieſem Behufe haben ſie großartige Verſammlungen gehalten, um es dahin zu bringen, daß ſie mit im Kongreſſe tagen, als Beamte, Profeſſoren, Aerzte, Prediger und Offiziere fungiren kön⸗ nen; daher fingen ſie bereits an, die langen 47* 372 Kleider abzulegen und kurze Röcke und Hoſen zu tragen. So ſonderbar und unglaublich auch dieſes und ähnliches einem deutſchen Ohre klin⸗ gen mag, ſo wenig auffallend iſt es jedoch im Lande ſelbſt. Von dem deutſchen Handküſſen findet man aber dort keine Spur. Da es in Amerika überhaupt keinen Unterſchied des Stan⸗ des gibt, Niemand von Standes wegen mehr oder weniger geachtet wird; ſo verſteht es ſich, daß das Geſagte von den amerikaniſchen Da⸗ men allgemein gelte. Wer das Unglück hat, in Nordamerika mit mehreren Damen im Poſtwagen zu reiſen, der kann ſich von dem Stande eines Sklaven eine ziemlich richtige Vorſtellung machen, beſonders wenn etwa ſolchen Reiſegefährtinen zu Hauſe Sklaven zu Gebote ſtehen; dann ſehen ſie ohne weiters jeden Mann ohne Unterſchied, ſo lange er in ihrer Nähe iſt, als ihren Bedienten an. Während in dem Städtchen Buttler die Pferde gewechſelt wurden, kamen zwei Damen und ein Herr in voller Haſt geritten. Der Herr hatte eine Menge Käſtchen und Schachteln am Sattel und an ſich hängen, daß er nur mit dem Kopfe ein wenig über dem Haufen hervor⸗ ragte; er mußte einen qualvollen Ritt beſtan⸗ den haben. Sobald er ſich aus ſeiner Schach⸗ telſphäre herausgearbeitet hatte, kam er an den Wagen, warf einen forſchenden Blick in das Innere, ſchien mit der geringen Beſetzung, be⸗ ſtehend aus mir und einem Kaufmann aus St. Louis, zufrieden, rapportirte das Reſultat ſei⸗ ner Rekognoscirung den Damen, und ſie ſchrit⸗ ten dem Wagen zu. Ich und mein Sitzgenoſſe zogen uns gleich auf die vorderſten Rücklings⸗ ſitze zurück, um der ankommenden Geſellſchaft und ihrem Plunder, der in den Gepäckkaſten gehört hätte, hinlänglichen Raum zu laſſen. Als die Damen ihre Sitze gewählt hatten, wur⸗ den auch alle die hölzernen und papiernen Be⸗ hältniſſe hereingeſchoben, der Schlag zugeworfen und fort gings im ſauſenden Galop. Der Ka⸗ ſten bewegte ſich wie ein Schooner auf ſtürmi⸗ ſcher See, die heftigen Rucker hatte er aber vor dieſem noch voraus. Mittlerweile poſtirte der Herr meinem Nebenmanne ſchweigend eine Anzahl Schachteln auf den Schooß, mir wurde ein Aufſatz von drei ſolchen anvertraut, ohne daß ich mich etwa zu dieſer Bedienſtung ange⸗ boten hatte. So zuwider mir auch dieſe Säule war, die bis an mein Kinn reichte, ſo beruhigte ich mich mit der Hoffnung, daß dieſe Belaſtung nur von kurzer Dauer ſein dürfte. Doch das war ein Irrthum und eitel Hoffen. Ich wollte nicht indiskret erſcheinen, und hielt die Tortur lange geduldig aus. Es war keine leichte Auf⸗ gabe, dieſen Schachtelthurm bei den ungeheu⸗ ren Stößen im Gleichgewichte zu erhalten, da man ſein eigenes Gewicht nicht zu balanciren vermochte. So hatte die Pein eine ganze Poſt⸗ ſtation gedauert. Der Wagen hielt, die Pferde wurden umgeſpannt. Nun glaubte ich, der Augenblick der Erlöſung ſei gekommen. Doch meine Hoffnung wurde nicht nur zu Waſſer, ſondern das Loos der Schwerbelaſteten ſollte bald noch ſchwerer werden. Noch eine Dame kam auf den Wagen zu, begleitet von einem Dienſtmädchen, das unter jedem Arme eine große Schachtel trug. Die Dame ſtieg ein, warf ihren Mantel ſchweigend dem Herrn zu, der ihn ſorgſam in Empfang nahm, und dann mir und meinem Nebenmanne noch eine ver⸗ wünſchte Schachtel auflud; ich rief:„lt is too much!“(Das iſt zu viel!) aber meine Prote⸗ ſtation wurde gar nicht beachtet. Die Peitſche des Poſtillons knallte, und unſere vermehrte Qual begann. Die letzte Schachtel hatte nicht nur das Gewicht der Säule, ſondern auch die Höhe derſelben ſo vermehrt, daß ich darüber nicht mehr wegſehen konnte; und war mir auch an der Ausſicht nicht ſo gar viel gelegen, die öfteren Konflikte des oberen Säulenſtückes mit meinem Kopfe, wobei das häufige Verrücken der Mütze und der Brille nicht das einzige Lei⸗ den war, konnte ich auf die Dauer durchaus nicht ertragen. Mein Leidensgefährte, nicht minder belaſtet als ich, verrieth nicht die ge⸗ ringſte Unzufriedenheit und ſchien Alles ſo in der Ordnung zu finden. Solche heroiſche Ge⸗ duld in ſolch unwürdigem Joche war für mich unerreichbar. Hätte ich meine Effekten nicht auf dem Wagen gehabt, ich wäre unverzüglich abgeſtiegen und hätte gern auf das bezahlte Fahrgeld verzichtet; denn ich war bereits auf dem Punkte, wo man entrüſtet zu ſich ſpricht: „Das ertrage ich nicht!“ Den läſtigen, foltern⸗ den Plunder von mir werfen, wäre doch ein zu greller, unerhörter Verſtoß gegen die allgemeine! Sitte geweſen. Zufällig war das hohe Schlag⸗ fenſter zur rechten Seite offen. Ich war er⸗ ſchöpft und ſchläfrig; der Wagen fuhr mit gro⸗ ßem Gepolter und ausgiebigen Stößen über eine in Unordnung gerathene Prügelbrücke, die ſtellenweiſe in den Sumpf verſunken war. Der Zuruf der jüngeren Dame:„Look of the bo- xes!(Gebet auf die Schachteln Acht!) konnte mich nicht mehr zur gewünſchten Wachſamkeit anſpornen; eine mit aller Wucht nach der rechten Seite erfolgte Schwenkung des Wagenkaſtens machte, daß drei der verhaßten Behältniſſe, durch das Schlagfenſter über Bord gingen. Ich fuhr erſchrocken aus dem Schlaf auf, griff ha⸗ ſtig nach dem Entſchwundenen, aber zu ſpät. Der Wagen hielt auf den Ruf Aller; der Herr und mein Nebenmann eilten hinaus und brach⸗ ten die Güter zurück, die aus Kleidern und Backwerk beſtanden. Man lud ſie mir nicht zum zweiten Male auf, ja man nahm ſogar das auf meinem Schooße zurückgebliebene Poſtament der Säule von mir, und wußte Alles recht gut auf und unter den Sitzen unterzubringen. Als der geduldige Nachbar ſah, daß für mich die Stunde der Befreiung geſchlagen habe, begann auch er entſchloſſen ſeine Laſt Stück für Stück den übrigen Behältniſſen beizufügen, wo weit weniger Gefahr zur Beſchädigung vorhan⸗ den war. Als ich mich von dieſem Schrecken vollſtän⸗ dig erholt hatte, übermannte mich bald der Kaufmann an meiner Seite überließ; und wir konnten ſchlummernd die ſtrenge Kritik verneh⸗ men, der beſonders ich unterworfen wurde, weil ich den Unfall mit den Schachteln, wenn nicht abſichtlich herbeigeführt, ſo doch abſichtlich nicht verhindert haben ſollte. Da es in Amerika keinen Adel gibt, ſo hat man ein mehr als genügendes Aequivalent erfunden, indem man das ganze Frauengeſchlecht faktiſch in den Adelſtand erhoben hat. Die zwei zuerſt in Poſtwagen angelangten Frauen waren Schneiderfrauen, ihr Begleiter ein Fabrikant aus Pittsburg, der zufällig eben nach Buffalo reiſte; die dritte dann eine Putzmacherin ledigen Standes. Ich machte im anſcheinenden Schlummer meine ſtillen Betrachtungen über dieſe und an⸗ dere Modifikationen der Freiheit in dem gro⸗ ßen Freiſtaate, wo eben auch, wie überall, eine größere Freiheit des Einen zur unlieben Be⸗ ſchränkung des Anderen wird. — s C=e— Feſche Burſchen. Nach dem Böhmiſchen des F. Rubes. Von Prerhof. Wer vor mehreren Jahren Gaſthäuſer am Zdaraz und Vysehrad beſuchte, wird ſich vier junger Leute erinnern, die unter dem Namen „feſche Burſchen“ in jenen Gegenden manch' luſtiges, oft nur zu luſtiges Stückchen aus⸗ führten. Der feſcheſte dieſer feſchen Burſchen war Herr Grill, ein kleines, etwas ſchief gebautes Männlein. Sein Geſicht bewies, daß er nicht zugegen war, als man die Schönheit ver⸗ ſchenkte. Er ſpielte gut die Violine und Piano, lehrte in Prag Muſik, trug einen blauen Frack mit gelben Knöpfen, und wenn er genug ge⸗ trunken hatte, machte er auf ſeinen rothen Kopf Verſe, die aber leider nie in Druck kamen. Der zweite feſche Burſch war Herr Vic⸗ torini, zweiundzwanzigjähriger Porträtma⸗ ler, ein ſchlanker, ſchön gebauter Mann. Er kleidete ſich fein, ſang Baſſo, war ſtolz auf ſeine Adlernaſe und ſeinen ſchönen Namen, ſchimpfte jeden Maler einen Pater, trank in Handſchuhen und trank gut, malte mittelmäßig und machte ſchlechte Witze, deren Zielſcheibe der arme Grill war. Der dritte feſche Burſch war Herr Storch, ein Schreiber vom Lande, welcher ſich ſchon das dritte Jahr zur Prüfung aus der Buchfüh⸗ rung vorbereitete. Seine Geſtalt machte ſeinem Namen keine Unehre. Er trug einen Frack mit langen ſchmalen Schößen, ſpielte ſehr gut Sechsundzwanzig, hatte ein weiches Herz und einen harten Kopf, und ſprach faſt nach jedem Schlummer wieder, dem ſich auch der befreite zweiten Worte:„Bitte recht ſehr.“ w——— ————— n-— õ·õ· Der vierte feſche Burſch war Herr Kür⸗ bis, Vokaliſt, ein kleines dickes Männchen, 22 Jahre alt, eine gute, luſtige, ehrliche Seele. Dieſe Herren wohnten zuſammen bei der ehr⸗ und tugendſamen Witwe Frau Waſſer⸗ mann im erſten Stocke eines unanſehnlichen Hauſes am Zdaraz ſchon durch zwei Jahre. Das Schickſal hatte ſie dorthin verſchlagen und beſcheidene Einkünfte haben ſie in dieſem be⸗ ſcheidenen Hafen beiſammen gehalten. Bei Tag waren die feſchen Burſchen ſehr ſelten zu Hauſe; erſt gegen Abend gaben ſie ſich in ihrer Wohnung Rendezvous, um nach einer kurzen Berathung in Finanzangelegen⸗ heiten ſich vereinigt in's Wirthshaus des Herrn Korbelius zu begeben. Herr Korbelius war das Muſter eines ordentlichen Wirthes: er war ein luſtiger Pa⸗ tron, hatte eine flinke Kellnerin, hielt viel auf gutes Bier, gab ein gutes Maß und kreditirte Jedem, an dem er nur einen halbwegs guten Rock bemerkte. Das waren Zeiten beim Herrn Korbe⸗ lius! Schade um ſie! Das Haus, in welchem die feſchen Bur⸗ ſchen wohnten, gehörte einer bejahrten Frau, welche, obzwar ſie jeden Nächſten wie ſich ſelbſt liebte, die feſchen Burſchen, zumal den unglück⸗ lichen Grill, dennoch nicht leiden konnte. Die Urſache davon war folgende traurige Be⸗ gebenheit. Die Hausfrau hatte einen Lieb⸗ lingsmops, der„Zuckerle“ hieß, und der Alles auf der Welt, nur kein Violinkonzert hören konnte. Herr Grill wußte dieß und vergaß nie, ſobald ſich Zuckerle auf dem Gange zeigte, etwas Ohrenzerreißendes beim offenen Fenſter auf der Geige zu ſpielen. Was nun das Unglück haben will; unge⸗ fähr eine Woche nach dem letzten derartigen Konzerte beendete Zuckerle ſeine irdiſche Lauf⸗ bahn im ſechszehnten Jahre ſeines Alters, und die Schuld ſeines unſchuldigen Todes fiel ohne Gnade auf den rothen Kopf des gottloſen Grill, der den unglücklichen Zuckerle ſo ge⸗ äxgert habe, bis ihm die Galle geplatt ſei. Gerade um die Zeit trieb in Prag ein verwegener Räuber ſein Weſen. Wohin man kam, ſprach man von nichts anderem, als von dem Pflaſter, das dieſer Räuber ſeinen Opfern über das Geſicht zu kleben pflegte; man ſagte, daß es nur mit kochendem Waſſer abzulöſen ſei und daß ein Gärber, welcher ſich das Pfla⸗ ſter mit Gewalt vom Geſichte riß, eine gute Hälfte der Naſe mit abgeriſſen habe, auch machte man Leute namhaft, welche erſtickten, bevor man ihnen das Pflaſter vom Geſicht ab⸗ löſen konnte. Solche und ähnliche Geſchichten waren auch der Gegenſtand allabendlichen Geſprächs im Wirthshauſe des Herrn Ko rb elius. Wie ſehr die Siſire in Furcht waren, erſah man aus ihrer Eile, mit welcher ſie ſich noch zu früher Stunde aus dem Wirthshauſe verloren; und ſo geſchah es oft, keinesfalls zur Freude des Herrn Korbelius, daß ſchon gegen 10 Uhr in ſeinem Gaſtzimmer außer den feſchen Bur⸗ ſchen und einigen nahen Nachbarn keine lebende Seele ſich befand. Von unſerm vierblätterigen Kleeblatte, von dem ſich jetzt noch vor Mitternacht drei Blättchen zu löſen pflegten, berührte den ein⸗ zigen Grill die Angſt nicht; er ſaß im Wirthshauſe, ſo lange es ihm gefiel, ging ganz allein nach Hauſe, hieß ſeine vorſichti⸗ gen Kameraden in aller Artigkeit alte Weiber und ſtoppelte ein unſterbliches Lied zuſammen, in welchem er die tödtliche Angſt ſeiner Kame⸗ raden auf dem Wege vom Herrn Korbe⸗ lius zur Frau Waſſermann ſo witzig ſchilderte, daß Herr Korbelius vor Lachen hätte berſten mögen, als es Herr Grill zur großen Beluſtigung der ganzen Geſſellſchaft a conto ſeiner Freunde zum Erſtenmal ge⸗ ſungen hatte. Die feſchen Burſche verdroß es und am meiſten zeigte des Malers umflortes Auge, daß ihm der Scherz nicht zweimal lieb war, ſagte aber nichts und ſang mit; den zweiten Tag, an welchem Grills Lied auf allge⸗ meines Verlangen einige Male geſungen wurde, entfernten ſich die feſchen Burſchen wie gewöhnlich zuſammen, und nur Grill hielt aus. Er hatte etwas tiefer in den Krug ge⸗ blickt und ſchlenderte nun ganz allein durch abgelegene Gäßchen nach Hauſe, ſich im Geiſte freuend, daß er doch einmal eine Ruthe ge⸗ funden, die ſeine Peiniger fühlten. Als er ſo voll Heldenbewußtſein bis zu ſeinem Hauſe kam, ſpringt plötzlich ein langer Kerl aus einem dunklen Winkel auf ihn, ſchlägt ihm etwas in's Geſicht und verſchwindet. Der arme Grill bleibt wie betäubt ſte⸗ hen, bedeckt mit beiden Händen ſein Geſicht, und ſchreit aus voller Kehle:„Hilfe! Hilfe! Räuber! Hilfe!“ Im Augenblicke waren alle Hausbewohner auf den Füßen; der Hausmeiſter flog wie ein Schuß mit einem Knittel aus dem Hauſe, ihm auf den Ferſen die Hausmeiſterin mit dem Spinnrocken nach, und hinter ihr Alles, was im Hauſe Muth und Füße hatte. Im Nu war unſer Grill in's Vorhaus gezogen und man brachte Licht. Welcher Schrecken! Sie erblickten den unglücklichen Geiger, und auf ſeinen Au⸗ gen ein Pflaſter. „Das Pflaſter!“ ertönte es im ganzen Hauſe. Einige Frauen fielen ſogleich i in Ohnmacht. Die feſchen Burſchen hatten mit Wiederbe⸗ lebungsverſuchen alle Hände voll zu thun. Der unglückliche Grill, in Finſterniß ge⸗ hüllt, hielt das Pflaſter mit beiden Händen, denn er befürchtete, durch ſchnelle Geſchäftigkeit des Hausmeiſters das traurige Schickſal jenes uuglücklichen Gärbers zu theilen. Er rief daher was er konnte:„Waſſer, warmes Waſſer!“ Das Verlangte wird gebracht. Grill ſetzt ſich auf eine Bank, zwei Wei⸗ ber leuchten mit den Kerzen und Alles harret mit Bangen der Dinge, die da kommen werden. 373 Der Hausmeiſter tritt zur Operation. Als nun Grill die Hände losläßt und das Pflaſter ſich in ſeiner ganzen fürchterlichen Größe zeigt, ruft zuerſt der Hausmeiſter und nach ihm Alle im Chore:„J der Blitz, daß iſt ja— ein Gußdalken!“. Grill reißt das Pflaſter ab, reibt ſein Geſicht, wälzt ſeine Augen weit heraus und ſeufzt:„Bei meiner Seele, ein— Dalken!“ Jetzt entſtand die Frage, wer der Urheber dieſes Vorfalls ſei? Der erſte Verdacht fiel, wie Jeder leicht denken kann, auf die feſchen Burſchen; da ſie aber feſt leugneten und Frau Waſſermann ſelbſt beſtätigte, ſie wiſſe nicht, daß Jemand von ihnen ſich aus dem Zimmer entfernt hätte, wurden ſie für unſchuldig erklärt, und der arme Grill fiel in den Verdacht, daß er ſelbſt den ſchlechten Spaß ausgeführt habe, um die Nach⸗ barſchaft zu erſchrecken. Grill wehrte ſich, was er konnte, es half nichts; denn es zeugten gegen ihn zwei Um⸗ ſtände, daß es ihm gerade beim Hauſe geſchah, und daß er das Pflaſter mit beiden Händen hielt, weil ihm der Dalken von ſelbſt herunter⸗ gefallen wäre, wenn er die Hände losgelaſſen hätte. Und obzwar Herr Grill zu ſeiner Recht⸗ fertigung anführte: daß er nur def ßwegen die Hände am Pflaſter hielt, damit es Niemand ohne warmes Waſſer herabzöge, ſo konnte er dennoch im ganzen Hauſe Niemand finden, der es geglaubt hätte. Auf den ausdrücklichen Befehl der Haus⸗ frau bekam der arme Grill von der Frau Waſſermann eine vierwöchentliche Kün⸗ digung. Grill wußte zu gut, daß niemand Ande⸗ rer ſich dieſen gewiſſenloſen Scherz gegen ihn erlaubt habe, als einer von ſeinen luſtigen Brüdern, da er es aber Keinem beweiſen konnte, ſo ſchwieg er, lachte mit ihnen darüber, und betrug ſich ſo, wie wenn es ihm gar nicht geſchehen wäre; er glaubte auf dieſe Art am eheſten die Wahrheit zu erfahren, und die Hoff⸗ nung hatte ihn nicht betrogen. Eines Tages, da Grill und Kürbis allein zu Hauſe waren und über die Dalken⸗ komödie lachten, ſagte Grill lächelnd zu Kürbis:„Ich weiß, daß mir niemand An⸗ derer den Schabernack gemacht hat, als einer von Euch, und daß Ihr alle Drei gut davon wußtet; aber gerne möchte ich erfahren, in ſen Kopfe dieſer Kapitaleinfall enkſtanden it, obwohl, wenn ich rathen wollte, ich es errathen würde. Nicht wahr, Freund Kürbis, es iſt Victorinis Einfall?“ Kürbis lächelte und ſprach:„Wenn Du ſchweigen wirſt, werd’ ich Dir's ſagen.“ „Wie das Grab, Bruder!“ rief Grill, „nicht wahr, es war eine Erfindung des Victorini?“ „Du haſt's errathen,“ bejahte Kürbis, nich kauſte den Dalken und Storch klebte ihn Dir in's Geſicht.“ „Ich habe mir's ja gleich gedacht,“ ſagte Grill,„und Storch kroch gewiß aus dem Fenſter über die Gartenmauer?“ „Und desſelben Weges kam er wieder in's Fenſter zurück,“ verſetzte lachend Kürbis. Grill war froh, daß er die Gewißheit hatte, aber ſein, dem Kürbis gegebenes Wort hielt er gewiſſenhaft. Er ſagte nichts, war luſtig wie früher, ſchwur aber, daß er ſich rächen werde, noch bevor er ausziehe. Um dieſe Zeit bezog ein ältlicher, wie es ſchien ſehr reicher Herr, mit ſeiner 16jährigen Enkelin, einer Blondine, eine Wohnung am Zdaraz. Wer er eigentlich war, und warum er ſich am Zdaraz niederließ, das konnte ſelbſt Frau Waſſermann nicht herausbekommen, die doch ganz Zdaraz und noch ein hübſches Stück Viehmarkt, wie man ſagt, im kleinen Finger hatte. Die zwei Leutchen ſaßen den ganzen lieben Tag zu Hauſe, nur mit der Ausnahme, daß ſie jeden Morgen in die Kirche, und einmal in der Woche zur Frau Roſenkraut in die Korn⸗ thorgaſſe zu Beſuch gingen. Der Maler Victorini war, wie oben bemerkt, ein ſchöner Mann, und kleidete ſich elegant, war es ein Wunder, daß nach der ge⸗ wiſſenhaften Berechnung des Herrn Storch dreizehn Mädchen aus der Neuſtadt, zwei vom Wyßsehrad, drei von der Altſtadt und eine von der Kleinſeite ſterblich in ihn verliebt waren. Daß ſoviel gute Herzchen für Victorini loderten, war eine ausgemachte Sache, daß er aber zu irgend einer in Liebe entbrannt wäre, das konnte ihm auf der Welt Niemand bewei⸗ ſen; es ſollte ihm jedoch auch bald ſein Stünd⸗ chen ſchlagen. Es war gerade an einem Feiertage, die Leute ſtrömten aus der Kirche, und unſer Ma⸗ ler ſtand wie gewöhnlich vor dem Thore der⸗ ſelben, nicht aber, um die herausſtrömende Da⸗ menwelt zu bewundern, ſondern um ſich ſelbſt bewundern zu laſſen. Da kommt nun auch un⸗ ſere Blondine an der Seite ihres Großvaters, und wandelt, einer Veſtalin gleich, geſenkten Slickes vorüber. Der Maler zuckte, als er ſie erblickte.„Das iſt ein Engel,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, ließ kein Auge von ihr, und ging hinter ihr bis zum Hauſe. Von der Zeit an war Victorini ein ganz Anderer. Seine Verän⸗ derung zeigte ſich nirgends auffallender, als wenn er beim Herrn Korbelius ſaß; er ſpielte zwar noch immer den Luſtigen, vergaß ſich aber manchmal, wurde nachdenkend, und wenn ſeine Seele die ſchöne Blondine umflat⸗ terte, trank er einige Male aus einem fremden Glaſe und ſteckte die Cigarre mit dem brennen⸗ den Ende in den Mund. Die feſcheu Burſchen hatten wenig darauf Acht, Grill wußte aber aut, woher der Wind wehe und dachte:„Es iſt gut, ſobald die Kirſchen reif ſind, werden wir ſie pflücken.“ So währte es faſt eine Woche, und der liebelodernde Herr Victorini war noch nicht ſo glücklich, einen Blick von der reizenden Blon⸗ dine zu erhaſchen, obſchon er ganze Tage vor ihrem Fenſter patrouillirte. Inzwiſchen hatte Frau Waſſermann erfahren, daß der alte Herr ein hoher Offi⸗ zier ſei, daß das Fräulein Wilhelmine heiße, daß ſie weder Vater noch Mutter habe, daß ſie die Braut eines in Italien reiſenden jungen reichen Herrn ſei, daß ſie einen mond⸗ ſüchtigen Bruder hatte, der einmal, da ihn der Mond auf das Dach eines hohen Hauſes hinaufgezogen, durch einen Zuruf geweckt her⸗ abfiel und ſich todt ſchlug!— und das war Alles wahr. Unter dieſen Umſtänden hätte ge⸗ wiß jeder andere Verehrer Wilhelminens ſeine Liebe zu Grabe getragen; Herr Victo⸗ rini aber war nicht bereit dazu, ſich vom Kampfplatze zu entfernen, ohne einmal dem Feind in's Geſicht geblickt zu haben, das hätte ſich der Generaliſſimus der feſchen Bur⸗ ſchen zur ewigen Schande gerechnet. Wilhelminens Großvater war ein großer Muſikverehrer und ſpielte ebenſo mei⸗ ſterhaft die Violine, wie Wilhelmine die Harfe. Ihr Bräutigam war, wie die Frau Hausmeiſterin ſchon gehört hatte, ein Violin⸗ virtuos und ſo ſpielten ſie ſonſt faſt jeden Abend Terzette. Da nun der Bräutigam auf Reiſen war, verſpürte der alte Herr Lange⸗ weile, und da er's nicht mehr ohne Terzette aushalten konnte, ſuchte er einen Geiger, wel⸗ cher ſehr gut ſpielen und dabei wenigſtens ſo ausſehen ſollte, daß er für Wilhelmine nicht gefährlich werden könnte, denn er liebte Jaſſansky, ſo hieß Wilhelminens Bräutigam, wie ſeinen Sohn. In dieſer An⸗ gelegenheit wendete ſich unſer alte Herr an den Bruder der Frau Roſenkraut. Dieſer ſchlug ohne Bedenken unſern Grill vor, der auch ſeine Kinder in der Muſik unterrichtete. Noch desſelben Tages wurde Grill zum alten Herrn beſchieden, von demſelben freundlich empfangen und nach der erſten Probe mit voller Zufriedenheit als Erſatzmann des Ab⸗ weſenden angenommen. Die feſchen Burſchen lachten Grill aus, als er ihnen ſein Glück erzählte, und riethen ihm, er möge ſich noch einmal ein Pflaſter in's Geſicht kleben, wenn er befürchten ſollte, daß ſich Wilhelmine in ihn verlieben könnte.— Grill lachte, und dachte:„Ich weiß, warum ich lache.“ Victorini lachte auch, dachte aber:„Wäre ich Grill!“ und er dachte es aufrichtig; denn Wilhelmine hatte ihn noch nicht angeſehen. Er konnte ſich zwar jetzt den Grillals Vermittler nehmen, doch das ſchien ihm unter ſeiner Würde zu ſein und er meinte auch:„Siege ich, ſo wird es ein ruhmvoller Sieg, ich ſiege allein; falle ich, ſo wird wenig⸗ ſtens Niemand davon wiſſen: und eine Nieder⸗ lage, von der Niemand weiß, iſt ein halber Sieg.“ Das waren die Gründe, weßhalb ſich Victorini Niemand, nicht einmal Grill anvertrauen wollte. Allmälig lächelte das Glück dem Maler Victorini. Nicht ein einziges Mal ging er vor den Fenſtern ſeiner Wilhelmine vorbei, ohne daß ihn ihre Blicke ſehnſuchtsvoll begleitet hätten; in der Kirche wendete ſie früher ihr Geſicht nach dem Orte, wo Victorini zu ſtehen pflegte, und dann erſt begann ſie mit gefalteten Händen inbrünſtig zu beten, ja ſie ſeufzte einige Male tief auf, wenn ſie Victo⸗ rini erblickte. Unſer Maler war jetzt ſeines Sieges faſt gewiß, und ſuchte nur eine Gelegenheit, ſich Zutritt in's Haus zu verſchaffen. Eines Abends, als er eben ſeine Schritte heimwärts lenkte, ſpringt ein Knabe zu ihm, ſteckt ihm ein Briefchen in die Hand, und ver⸗ ſchwindet; Victorini eilt in ſeine Wohnung und lieſt: Theuerer Freund! Eröffnen Sie nicht Ihr Herz Ihrem Freunde Herrn Grill, darum bittet Sie inſtändig Ihre W-ne. „Meine Wilhelmine,“ rief der feurige Jüngling und küßte den Brief,„ſie liebt mich, denn ſie fürchtet Verrath.“ Dann ſetzte er ſich in den Lehnſtuhl der Frau Waſſermann, und ſeine Blicke weilten lange mit Vergnügen auf den theuren Zeilen. Den dritten Tag darauf erhielt er mit derſelben Gelegenheit ein zweites Schreiben, in welchem ihm Wilhelmine ihre Liebe ge⸗ ſtand und einen Aufgabsort für die zu wech⸗ ſelnden Briefe beſtimmte. Dieſer glückliche Ort war der Rachen eines brüllenden Löwen, wel⸗ cher nicht ſehr kunſtvoll aus Stein gehauen, noch mit einem brüllenden Herrn Kollegen aus Stein die Treppe vor der Wohnung Wilhel⸗ minens zierte. Noch denſelben Abend ſchrieb Herr Victorini auf feinem Papier mit Gold⸗ ſchnitt eine Antwort, welche alsbald der brül⸗ leude Löwe zum Nachtmal, und die ſchöne Wilhelmine den andern Tag zum Frühſtück bekommen ſollte; und ſo wurde eine regelmä⸗ ßige Korreſpondenz zwiſchen ihr und unſerem Maler eröffnet. Um dieſelbe Zeit, in welcher die blauen Augen Wilhelminens über den Sieger Victoriniiſiegten, ſiegten auch die ſchwarzen Augen der flotten He lene, Kellnerin des Herrn Korbelius, über das unſchuldige Herzchen des Herrn Storch. Indeſſen nahte die Zeit langſam heran, wo Grill die Wohnung der Frau Waſſer⸗ mann räumen ſollte— es war nämlich Sam⸗ ſtag, am Montag ſollte Grill ausziehen und ſeine Peiniger waren noch nicht beſtraft. Am ſelben Samſtag zog ſich Victorini aus dem Rachen des brüllenden Löwen ein Briefchen, folgenden Inhalts: Theuerer Freund! Morgen Abends um 9 Uhr wird Sie bei der Kapelle hinter unſerem Garten er⸗ warten Ihre W ne. Victorini war vor Freude ganz außer ſich, daß Wilhelmine endlich ſeine Bitte Daß Grill die verliebte erhörte, denn er hatte mit ihr noch kein Wört⸗ erblicktez mit Victorini ganz allein chen ſprechen können. Den ganzen Sonntag über ſtudirte, e⸗ Maler, was er alles ſeinem Ligeet zu ſein, ſagen würde, und um aufkur zuſtoßen ſollte, wenn ihm vielleicht eineinen Stock aus, in lieh er ſich von Gneidiger Degen befand. welchem ſich ein er in die Stadt, gegen 8 Gegen 6 Uhr riff Stock und Mantel, und kam er zurüc, Hier wickelte er ſich in den eilte zur Ka ſich an die Mauer und wartete Mantel, lehlag der neunten Stunde. ſo auf den eine traurige Winternacht. Am Es gen dunkle Wolken, aus welchen der Himmzie aus den Wellen eines ſtürmiſchen „Moy von Zeit zu Zeit hervorbrach; ein M Wind pfiff zwiſchen den Gartenmauern hraſſelte in den gefrornen Aeſten. Neun Uhr ſchlugs; Victorini ſtrengt ſein Geſicht an; da nähert ſich Jemand mit ſchnellen Schritten der Kapelle; es iſt eine Da⸗ me in einen Mantel gehüllt, den Kopf verbirgt ein Hut und der Wind ſpielt mit dem Schleier. Victorini fliegt ihr entgegen, und das Lieb⸗ chen fällt in ſeine Arme;— doch in demſelben Augenblicke donnert in der Nähe eine fürchter⸗ liche Stimme:„Ha! Teufel!“ und wie der Blitz überſetzt ein baumlanger Kerl die Garten⸗ mauer, mit der Rechten reißt er die Dame aus den Armen des Malers und mit der Linken ihr den Hut und Schleier vom Kopfe; die Dame ſinkt; der Maler fängt ſie mit der Lin⸗ ken, reißt mit der Rechten aus dem Stock die geheime Waffe, und erſtarrt vor Schrecken, als er ſtatt des tödtlichen Stahls am Griffe flam⸗ men ſieht— einen Eichhornſchweif. Die Dame fiel zur Erde, der Wind nahm Hut und Schleier, der Mond brach hervor und beleuchtete die tragiſche Scene. Auf der Erde liegt— Kürbis in Damen⸗ kleidern. Bei ihm kniet— der baumlange Storch; er fieht Kür bis in's Geſicht, und ſtottert verblüfft:„Das iſt Helenchen nicht, das iſt Kürbis!“ Neben den Beiden ſteht, als wie ein Rächer mit dem feurigen Schwerte Her Nictorini und ruft verzweiflungsvoll: „Verrath!“ Hinter den Mauern aber ſieht das rothe lachende Köpfchen des Herrn Grill her⸗ vor, als wollte es ſagen:„Wer zuletzt lacht, lacht am beſten!“ Jetzt noch ein Paar Worte zur Erklärung. Grill hatte in ſeinem Racheplane auf alle Arten geſorgt, daß die Ruthe für Victorini recht hoch wachſe. Um Fräulein Wilhelmine auf denſelben aufmerkſam zu machen, erzählte er ihr, als ſie einmal über ihren unglücklichen mondſüchtigen Bruder weinte, er wohne mit einem Maler, der auch mondſüchtig ſei, und dabei zeigte er ihr den vorübergehenden Vic⸗ torini. Was Wunder, daß das zartfühlende [Kowund das Rendezvous bei der Kapelle arrangirte, iſt ſelbſtverſtändlich. Storch kam in die Komödie auf folgende Art. Er liebte wie bekannt Helenchen, und ärgerte ſich gewaltig, daß er ſie Sonntags Abends nicht zu Hauſe traf. Grill benützte die Gelegenheit und ſchwatzte ihm auf, daß ſein Helenchen mit einem Tiſchler vom Wysehrad zum Tanz gehen und bei jener Ka⸗ pelle zuſammenkommen werde, worauf Herr Storch mit Grillſpioniren ging, und ſich hinter jener Mauer bei der Kapelle verborgen hielt, von wo er dann, wie wir ſahen, wie ein brüllender Löwe auf den armen Kürbis, der nur auf dringende Bitten Grills Helen⸗ chens Rolle ſpielte, hervorſprang. Daß der feurige Victorini ſtatt des dreieckigen Degens den Eichhornſchweif aus dem Stocke herausriß, war auch nur der Vor⸗ ſicht Grills zu verdanken, welcher insgeheim den Degen vom Griff abgebrochen und oben⸗ benanntes Surrogat daran befeſtigt hatte. —— Tſchaul! SEine Erinnerung. Von Robert Byr. Das Wort, das ich hier zum Titel gewählt habe, wird vielleicht nicht jedem Leſer bekannt ſein, ich beeile mich daher es etymologiſch ein⸗ zuführen, ſo gut ich's ſelbſt verſtehe. Ich ließ mir erzählen, daß es aus dem Italieniſchen von schiavo— durch Sprach⸗ faulheit verdorben in ein mailändiſches ciao überging. Es mag vielleicht Mancher eine an⸗ dere Herleitung kennen, ich aber weiß keine an⸗ dere, und ſie ſcheint mir auch richtig zu ſein. Daß ich das Wort deutſch„Tſchau“ ſchreibe, geſchieht nur aus Höflichkeit gegen alle anders denkenden Etymologiſten und nicht italieniſch ſprechenden Leſer.— Aber ſo oder ſo geſchrieben — gewiß iſt, daß das Wort exiſtirt. Es iſt ein freundlicher, intimer Gruß zwiſchen guten Be⸗ kannten, der in Italien, vorzüglich aber im Minigin— dem Patois der Mailänder— ſo gang und gäbe iſt, wie etwa in Wien das alte gute„servus“,— und von den Wälſchen hat es, wie vieles andere, die öſterreichiſche Armee gelernt. Tſchaul iſt ſo gut wie eingebürgert. Lieber Leſer! glaubſt Du an Vorahnun⸗ gen? oder an die Antipathie gleicher magne⸗ tiſcher Pole?— Nun, ſolche Pole mußten in mir und dem Worte Tſchaul verſteckt liegen, — ſolche Vorahnungen meinen Geiſt käuzchen⸗ artig umſchwirren, wenn ich das Wort Tſchau! Mädchen den vor ihren Fenſtern irrenden Maler hörte— und ich hatte oft genug Gelegenheit, mitleidsvoll anſah, und oft, wenn ſie ihn von dem mir ſo widerwärtigen Klang des an ſich ſo unſchuldigen, ſpartaniſch kurzen Grußes — der mir ſpäter ſo verhängnißvoll werden ſollte, wie der werthe Leſer im Laufe der Be⸗ gebenheiten noch erfahren wird— meine Ner⸗ ven unbarmherzig zerſchnitten zu fühlen. Schon als Zögling der N.er Akade⸗ mie ergriff mich immer ein gänzlich unmotivir⸗ ter Jähzorn, ſo oft einer meiner Herren Vor⸗ geſetzten— von denen Mancher in Italien gedient, in Italien mitgefochten hatte— den andern mit einem herzlichen Tſchaul grüßte und ich äffte dann mit recht bübiſcher Fratze und miauendem Tone— obwohl Nachäffen ſonſt nicht zu meinen böſen Gewohnheiten ge⸗ hörte, den Offizier nach, der meine Bosheit mit dieſem Worte gereizt hatte. Es war nicht lange nach der Beendigung der letzten Kriege in Italien, als meine Klaſſe aus der Akademie ausgemuſtert und als Of⸗ fiziere in die Armee eingetheilt wurde.— Mich traf das Loos zu Graf Radetzky Huſaren. Ich war jung, geſund, hatte etwas weni⸗ ges gelernt, und beſaß einen tüchtigen Grad von Eitelkeit auf mich, mein Wiſſen— und meine Phantaſie ſtappelte einen reichhaltigen Vorrath von höchſt möglichen aber ebenſo unwahrſcheinlichen Erlebniſſen und Zukunfts⸗ plänen auf,— zu alledem war ich Huſar! — Hal die ganze Welt gehörte mir! Bei dem allen aber fehlte mir doch die Kaltblütigkeit, die ſcheinbare Gleichgiltigkeit bei unerwarteten Ereigniſſen, die man ſich erſt durch manche harte Kopfnuß erwirkt;— ich konnte daher einem überraſchenden, mir unbe⸗ kannten, oder noch nicht dageweſenen Vorkomm⸗ niſſe gegenüber ſo verlegen und verblüfft wer⸗ den, daß ich durchaus nicht wie ein Huſaren⸗ offizier ausſah, ſondern weit eher wie ein den Eltern zu Liebe über ſein geſundes Ausſehen, ſeine Schönheit, ſein ſchnelles Wachsthum be⸗ lobtes und bewundertes Carlchen oder Malchen. Mein Regiment lag in Mailand. So ſchnell auch mein zweimonatlicher Austritts⸗ urlaub bei den mütterlichen Fleiſchtöpfen und mit Zeigen meiner Uniform, in die ich bis über die Ohren verliebt war, verflog,— ſo ſchlich mir die Zeit doch viel zu langſam, und wäre ich nicht meinen guten Eltern zu lieb geblieben, ich hätte wahrhaftig die Zeit meiner Freiheit abgekürzt— was ſonſt in der Regel gerade nicht der Fall ſein ſoll— und hätte mich be⸗ eilt, den ſorgloſeſten, glücklichſten Abſchnitt mei⸗ nes Lebens, mit den neuen Pflichten, die mir meine Phantaſie ſo leicht und verführeriſch vor⸗ malte, zu vertauſchen, Zu Hauſe war ich doch immer unter Aufſicht— ich wollte nicht mehr wie ein Kind behandelt werden— und beim Regimente erwarteten mich ja Freiheit und Lebensgenuß,— ſo bildete ich mir damals ein. Endlich war der große Moment gekommen, wo ich hinaus durfte in die Welt— hinaus in das bewegte Treiben der Menſchen,— aber auch hinaus in das Treiben der Leidenſchoss hinaus in die Welt der Zufälle, der ei —— -eaͤę— — Hoffnungen, von der ich ſchon ein Jahr darauf als neugeworbener Poet ſang: Wie fröhlich ſpielte Euer Schifflein Am traulich grünen Uferrand, Es hielt Euch dort am feſten Boden Ein ſicheres und ſüßes Band. Ihr habt den Anker losgeriſſen, Fort, in den wilden Ocean reibt Ihr, des Steuers nicht mehr mächtig.— Weh' Euch! zerſchellet Euer Kahn!— Die Eiſenbahn trug mich nach Süden. Kein Abenteuer!— Ich rollte in einer alten Poſtkutſche bei Nacht über den Semmering. Kein Abenteuer!— Ich bewunderte Mürz⸗und Murthal. Kein Abenteuer!— Ja, wo blieben denn die Abenteuer?— Der Eilwagen beför⸗ derte einen neugebackenen Lieutenant von Lai⸗ bach nach Trieſt— und dennoch wollte ſich noch immer kein Abenteuer zeigen!— Trieſt iſt ſchön, aber ich hatte keine Zeit zum Anſe⸗ hen,— ich mußte nach Mailand! Lloyd fuhr mich nach Venedig,— aber auch das ging ganz ruhig und glimpflich, ohne Sturm, ohne Schiffbruch, ja faſt ohne das gefürchtete mal di mare ab. Ich kam auf den Gedanken, daß die Romane hyperboliſirten— nein, das doch nicht!— aber daß Meiſter Zufall wahrſchein⸗ lich wegen allzugroßer Nachfrage, ſeine ſchön⸗ ſten Stückchen auf irgend einen Hauptſchlag reſervirt haben müſſe. Ich war geblendet,„mein Geiſt taumelte“, wenn man das ſagen dürfte, beim Anblick des feenhaften Dogenpalaſtes und der Piazzetta; eine Gondel brachte mich ſammt meiner Ba⸗ gage an's Land, wie ich hinein, wie herausge⸗ kommen, das mag mein Schickſals⸗Tagebuch⸗ führer wiſſen, ich weiß es nicht.— Jetzt end⸗ lich glaubte ich, jetzt beginnt das Abenteuer⸗ liche!— Alles rannte— alles ſchrie— ich dachte an ein ausgebrochenes Feuer, ich ſah mich ſchon als rettenden Engel mit gerettetem Enkel auf den Armen und dankenden Groß⸗ eltern, weinenden Eltern zu Füßen,— ich folgte dem Schwalle, der Markusplatz exiſtirte für mich nicht, endlich ſtand ich am Rialto.— Alles rannte und ſchrie wie früher, aber der Schwall drängte ſich ebenſo auf die entgegen⸗ geſetzte Seite,— ich folgte abermals, bis ich wieder am Markusplatze ſtand. Ich ſah mich bitter getäuſcht um, denn ſo viel hatte ich mit meinem Bischen Italieniſch doch endlich wegbekommen, daß die Leute nicht fuoco, ſondern articiocchi— latte— burro— und ostriche ſchrien.— O bittere Jronie!— Poeſieloſes Zeitalter! Der Leſer kann ſich verſichert halten, daß ich trotz meiner Wehmuth doch den Weg zu einer Oſteria fand, wo mir die neuentdeckten minestra, frittura und gran cevole, ſo wie der geſchnürmiederte arrosto di vitello recht gut behagten. Ja, ich verſäumte nicht einmal den Nachmittagstrain, und gelangte glücklich in den Beſitz einer Fahrkarte nach Verona. Auch meine Bagage wurde nach glücklich über⸗ ſtandenen Sticheleien der Douane würdig — dürfen. Es war zwiſchen ſechs und ſieben Abends, als mir der Kondukteur begreiflich machte, daß ich für mein Geld nun genug gefahren ſei; Verona war meine vorläufige Loſung, ich ſtieg alſo aus, und ſah mich alsbald von einer be⸗ trächtlichen Anzahl Lohndiener umringt, die Alle für ihre Gaſthäuſer warben, und von de⸗ nen die eine Hälfte mein rechtes, die andere mein linkes Ohr mit einem heilloſen Gewirre von„due dorri, Eperle, gran Parigi, aquila nera“ und andern einladenden Hôtel⸗ etiquetten taub ſchrien. Man hatte mir zu Hauſe due dorri re⸗ kommandirt. Ich ließ mich alſo in den betref⸗ fenden Omnibus ſtopfen, denn ich mochte mich nach einem Fiaker umſehen, ſo viel ich wollte, der Lohndiener ließ mich nicht mehr fahren, außer in ſeinem Hausomnibus. Von den Katzenköpfen des italieniſchen Pflaſters tüchtig durchgebeutelt, kam ich endlich im Gaſthofe an, und wurde in ein Zimmer ge⸗ führt, über deſſen Einrichtung ich noch in tiefe Betrachtungen verſunken war, als Kofferträger und Kellner, mich als antwortsunfähigen Idio⸗ ten ſtehen laſſend, längſt verſchwunden waren. Das kleine Zimmer, das große Fenſter bis zur Erde, das breite Bett, der kalte Terraſſen⸗ boden, und das ſparſame Feuerlein im un⸗ heimlich gähnenden Kamine, ließen mich erſt ſpät zur Beſinnung kommen. Als endlich dieſes Manbver glücklich ausgeführt war, ſuchte ich mir einen Plan über die Vollführung meiner Aufgabe zu machen. Mein Vater hatte mir ſtrenge aufgetra⸗ gen, es ja nicht zu verſäumen, mich meinem Inhaber dem Marſchall Radetzky vorzuſtellen. Die gute Mutter hatte es ſogar über das Herz gebracht, ihr Söhnlein zu dieſem Zwecke um zwei Tage früher von ſich zu laſſen. Außerdem hatte ich auch noch einen Empfehlungsbrief vom Feldmarſchall⸗Lieutenant L., einem alten Waffengefährten des Marſchalls aus früherer Zeit— abzugeben. Für heute Abends war alſo nichts mehr zu thun, ich faßte daher den Entſchluß in’s Theater zu gehen. Eine italieniſche Oper! das war ſchon lange meine Sehnſucht.— Kühn wagte ich mich auf die Straße und ließ mir die erſte Direktion geben. Als ich nicht mehr weiter wußte, fragte ich den Nächſtbeſten „teatro?“ 4 „Sempre dritto signore!“ bekam ich ſehr höflich zur Antwort. Sempre aha! das heißt„immer“— dritto?— da wollte meine Philologie ſchon ſcheitern.— Ah ja! dritto— dritta, das wird wohl eins ſein! ergo„immer rechts“— signor—„Herr!“ Gewiſſenhaft ſchlug ich die nächſte Straße rechts ein, dann wieder die nächſte rechts und ſo fort. Als ich ſchon ziemlich lang gewandert war, —. 8—— und noch immer kein Theater fand, arretirte befunden in meiner Suite verblere⸗ zu ſich wieder einen Menſchen und fragte wieder in„teatro?“ Mann gab mir eine dreiviertel Wendung um u.. 9; „ eigene Axe und ſagte abermals„adesso sev Jritto ke 4 Ich hielt mich ſo 3 rechts. Wieder eine Zeit klich wie früher gen, aber Theater zeigte ſicwar ich gegan⸗ fragte wieder, eine ganze Welles.— Ich und das ſtereotype„adesso sd erfolgte, signore!“ machte mich zum dritte!— ein ſtätiges Pferd, in jede rechtsfühlale wie einbrechen.— Ich mochte halb Verol Gaſſe laufen haben, da erſt kam mir die zurch⸗ Idee einen Gaſſenjungen gegen die prcliſche Belohnung von ein paar Centeſimi zu mele Führer zu erkieſen. Mein Diktionnaire belehrte mich des an⸗ dern Morgens über meinen lächerlichen Irr⸗ thum. Ich verwünſchte den höflichen Italiener und lobte mir den Deutſchen, der michvielleicht ausgelacht, und mir ein grobes„nur der Na⸗ ſen nach!“ zugerufen haben würde,— aber hingetroffen hätte ich. Ich ſah eine komiſche Oper, verſtand kein Wort, war aber entzückt,— enthuſiasmirte mich an einem herrlich ausgeſtatteten Ballete, und kehrte todtmüde von meiner Pilgerſchaft, ohne die zwei letzten Akte der Oper anzuhören, nach meinem Gaſthofe zurück, und ſchlief den Schlaf des Gerechten in meinem xſpännigen Bette. Des andern Morgens war ich erſt ſpät erwacht, hatte aber noch immer drei Stunden Zeit, denn vor eilf Uhr konnte ich doch füglich meine Aufwartung nicht machen. Ich beſchloß daher recht praktiſch zu ſein, nicht im Hauſe, ſondern im Cafe zu frühſtücken, und mir dann die Stadt ein wenig bei Tag zu beſehen. Ich fragte nicht lange erſt nach dem Offi⸗ zierskaffeehauſe, ſondern brach in das nächſte, gleich am Hötel gelegene ein. Wie war mir da aber Alles neu.— Zuerſt brachte mir der botega eine einzige Taſſe und ſtellte mir einen großen Korb Zucker dazu, dann ſah ich ihn in der nebengelegenen Küche in einem Windofen Feuer anblaſen, und bald darauf eeſce. er mit zwei rieſigen kupfernen Kannen, aus denen er mir einen herrlichen Kaffee und eine entſetz⸗ liche Sahne in mein Schälchen goß, welches Manbver er ſo oft wiederholte, als ich ausge⸗ trunken hatte. Dazu brachte er mir einen Korb der ſeltſamſten, mir gänzlich unbekannten, ſon⸗ derbar ausſehenden paste, die aber gar nicht ſchlecht ſchmeckten, im Gegentheil meinem ju⸗ gendlichen Leckermaul gar wohl behagten. Dann wanderte ich vorſichtig durch die Stadt auf die piazza verde und den Braà, beſtaunte die alte Arena und kehrte, ohne mich verirrt zu haben, glücklich wieder heim. Es war inzwiſchen Zeit geworden. Ich warf mich in pleine parade und fuhr nach der casa Emilie. Mir pochte gewaltig das Herz, als ich die breite ſteinerne Treppe hin⸗ aufſtieg. Vor meinem künſtigen Inhaber und — —— vor Allem vor Oeſterreichs großem Helden, vor dem Eroberer von ganz Italien zu erſchei⸗ nen, vor dem Manne, der ſich von allen Sei⸗ ten gehuldigt ſah, dem jeder Moment einen großen Gedanken brachte,— dieſem Manne einen ſolchen Moment zu entziehen— ihm zu nahen„in meiner Lieutenantscharge durchboh⸗ rendem Gefühle“, das war für mich ein großer Augenblick,— unruhig zitterte jeder Nerv in mir, ahnungsvolle Schauer durchfieberten mei⸗ nen Körper und mein Herz ſchwoll gewaltig. — Ich trat in's Vorzimmer, wo mir Adjutant Hauptmann Graf T. freundlich entgegenkam, das arme Bürſchchen, mit deſſen Befangenheit er wohl Mitleiden haben mochte, aufmunterte, und mich dem Marſchall zu melden ging. Ohne erſt antichambriren zu müſſen, wurde ich ſogleich vorgelaſſen. Ich weiß mich nur auf ein tiefes— tiefes Kompliment zu erinnern, das ich dem kleinen, freundlich nickenden alten Herrn machte,— ich muß dann wohl meine eingelernte und oft genug wiederholte Vorſtel⸗ lungsformel geſprochen und den Empfehlungs⸗ brief überreicht haben, denn ich kam erſt zu mir, als mir der Marſchall, nachdem er den Brief geleſen, einige Fragen ſtellte, die ich weiß Gott wie beantwortet haben mag, und als er mich mit einem freundlichen„Auf Wie⸗ derſehen!“ entlaſſen hatte. Auf der Stiege noch holte mich Haupt⸗ mann Graf T. ein und theilte mir mit, daß ich zum Speiſen geladen ſei, und um zwei Uhr pünktlich in Attilaparade zu erſcheinen habe. Die ganze Vorſtellung hatte nur einige Augenblicke gedauert, aber der Eindruck hatte mich ſo überwältigt, daß ich mir ſeine Einzeln⸗ heiten nie recht ordnen konnte. Als ich nach Hauſe gekommen war, ſuchte ich mich meiner Anhängſel, meiner engen Bein⸗ kleider und ungariſchen Chauſſure zu entledi⸗ gen und verlangte zu dieſem Behufe einen Stiefelknecht. Im ganzen Hauſe war kein höl⸗ zerner aufzutreiben, ich mußte mich alſo ſchon mit einem lebendigen begnügen, der aber ſeine Verrichtung auf eine höchſt ſonderbare Weiſe in's Werk ſetzte. Ich mußte mich ſetzen. Er drehte ſich mit dem Rücken gegen mich; nun mußte ich das eine Bein ausſtrecken, ſo daß er es zwiſchen ſeine Beine nehmen konnte, und mit dem andern Beine mußte ich den Scheitel des Winkels, den ſein rechteckig abgebogener Körper machte, von mir ſtoßen. Der Winkel wich, mit ihm der Cſizma, wiewol erſt nach langer Zeit, da ich vor Lachen über dieſen Ve⸗ roneſer Stiefelknecht alle forttreibende Kraft zum verhängnißvollen Stoß aus meinem ge⸗ bogenen Beine ſchwinden fühlte. Zu ſpät kommen— das wäre entſetzlich geweſen; zu früh kommen— das wollte ich denn doch auch nicht, ich fürchtete, mich unter den vielen mir unbekannten Herren allzu unbe⸗ haglich zu fühlen. Um alſo recht pünktlich zu kommen, ſetzte ich mich an's Fenſter, der gro⸗ ßen Thurmuhr gerade gegenüber, denn meiner Erinnerungen. 1858. im kalten Norden zum letzten Male gerichteten Uhr wollte ich doch nicht recht trauen. Im Sinnen und Denken war es ziemlich halb Zwei geworden. Ich nahm meinen Säbel um, ſetzte meinen Czako auf und wanderte denſelben Weg, den ich Vormittags gefah⸗ ren war. Schon im Vorſaal wurde mir die entſetz⸗ liche Kunde zu Theil, daß das Diner bereits begonnen habe. „O Thurmuhr, warum haſt Du mir das gethan?!“ rief's in mir verzweifelnd. Ich wollte mich krank melden laſſen, ich wollte wie⸗ der fortgehen. Aber Karl, der Kammerdiener des Mar⸗ ſchalls, hatte Erbarmen mit mir, belehrte mich, daß ich ohne Gruß nur ganz gerade auf meinen Platz, den er mir wies, zugehen und mich niederſetzen ſolle, als wenn das ſo ganz in der Ordnung wäre. Ich befolgte ſeinen Rath, ging ſchnurſtraks und krebsroth auf den einzigen noch leexen Stuhl der Tafel los, legte Schwert und Sturmhaube auf eine in der Nähe befindliche gepolſterte Bank ab, ſetzte mich an meinen Platz, vertiefte mein glühendes Geſicht in Löffel und Suppenteller, und war ſo glücklich ohne allzuviel Aufſehen eingeſchmuggelt. Als ich etwas zu mir gekommen war, wagte ich meine Blicke in der nächſten Nach⸗ barſchaft ſchweifen zu laſſen. Links von mir ſaß ein blutjunger Lieute⸗ nant, von dem ich ſpäter erfuhr, daß er K. heiße, beim Huſarenregimente diene, das in Verona liege; auch neugebacken und auch zu ſpät zur Tafel erſchienen ſei. Eine innige Sym⸗ pathie verband mich dieſem neuen Bekannten, mit dem ich ſo wichtige Berührungspunkte hatte, und unſere junge Freundſchaft wurde mit manchem Glas nostrano befeſtigt. Zu meiner Rechten ſaß Oberlieutenant F. vom Generalquartiermeiſterſtabe, wie er ſich mir gleich vorſtellte und ſein kameradſchaft⸗ liches freundliches Weſen, ſeine heitern Scherze trugen viel dazu bei, mir von meiner Befan⸗ genheit zu helfen. Wäre ich einer von den pünktlichen Men⸗ ſchen, die gewiſſenhaft alles Wichtige in ihr Tagebuch eintragen, ſo könnte ich jetzt der rührigen Hausfrau oder dem werthen an Ta⸗ felfreuden Antheil nehmenden Leſer erzählen, ob Mayonnaise oder Salmi zum Entrée, ob die Mehlſpeiſe vor oder nach dem Braten war,— da ich mich darin aber ganz auf mein Ge⸗ dächtniß verlaſſen muß und dieſes mich in der Beziehung völlig im Stiche läßt, ſo muß ſich der gaſtronomiſche Leſer ſchon zufrieden geben, daß ich ihm ſage, wie noch einige Gläſer Champagner der Freundſchaft rechts auf die Gläſer nostrano der Freundſchaft links geſetzt wurden,— daß ich mir ein ſehr ſchönes giar⸗- dinetto auf mein Teller gelegt hatte, von dem ich aber nur eine einzige zaccarella ver⸗ zehren konnte,— und dem ungenoſſenen Kaffee einen ſchmerzlichen Abſchiedsblick zuwerfen mußte, denn ſchon wurden die Stühle ge⸗ rückt, und wir begaben uns in den anſtoßenden Salon. Merkwürdig iſt, daß ich, ſo oft ich auch ſpäter noch beim alten Herrn ſpeiſte, doch nie dazu gekommen bin, mein giardinetto zu eſſen, oder meine Taſſe Kaffee zu trinken. Der genoſſene Wein glühte in mir, ich war guter Dinge, aber die Füße waren etwas widerſpenſtig geworden. Ich erſah zwei zärtlich gepaarte Lehnſtühle, in deren einem ſich F. nie⸗ dergelaſſen hatte, und mich zur Beſitznahme des andern aufforderte. Glücklich darüber ein ſo herrliches Plätzchen gefunden zu haben, wo ich mein verzehrtes Diner behaglich verdauen konnte, vergaß ich ganz mein grenzenloſes Un⸗ glück mit allen Arten von Stühlen— dem zu Liebe ich mich ſchon längſt entſchloſſen hatte, eine„Seſſeliade“ zu ſchreiben— und ſtürzte mich lachend in die gemüthlich winkenden Ar⸗ me des Fauteuils. Aber, o Jammer! das Lachen verging mir bald, denn ein entſetzliches Krachen, der Wehlaut meines Beſeſſenen, ver⸗ kündete mir und allen Gegenwärtigen mit, daß wieder ein armes, menſchentragendes Mö⸗ bel in ſeinen letzten Zügen ſei. Alle Blicke waren auf mich gerichtet, meh⸗ rere jugendliche Geſichter, vor Allem, mein Nachbar, verbiſſen ein gewaltſam hervorbre⸗ chendes Kichern. Ich muß ſehr viel Aehnlich⸗ keit mit einer rothen Rübe gehabt haben, aber nicht um eine Welt hätte ich öffentlich zugeſte⸗ hen mögen, was Newton auf dem Gewiſſen hatte. Eine ſchreckliche Viertelſtunde verlebte ich auf meinem Opfer. Nur ſcheinbar ſaß ich,— meine ganze Schwere aber ruhte auf meinem linken Arme und durch deſſen Vermittlung auf der Lehne des neben mir befindlichen doppelt tragenden Fauteuils,— während der alte Herr mit einigen ſeiner Gäſte am Kamine plauderte. Endlich, endlich erhob man ſich, und ſah ſich nach Säbel und Kopfbedeckung um, und der liebe Leſer mag mir glackben, daß ich mich nicht wenig beeilte, in meinem ganzen Krie⸗ gerſchmucke dazuſtehen. Einer nach dem Andern beurlaubte ſich vom Marſchall, der von Allen an der Thüre Abſchied nahm und für Jeden noch ein liebenswürdiges Wort hatte! Als die Reihe auch an mich kam, ver⸗ beugte ich mich tief und ſah mich ſchon glück⸗ lich im Freien, um meine Wein⸗ und Ver⸗ legenheitshitze zu verdampfen, aber der alte Herr wollte mich, als eines ſeiner neu zuge⸗ wachſenen Kinder, nicht ſo von ſich laſſen. „Nun, mein lieber Alter,“ ſagte er freund⸗ lich, indem er meine Rechte faßte und mir ſeine andere Hand auf die Schulter legte— „nun, mein lieber Alter, lebe recht wohl, grüße mir Dein Regiment,— großer Mann, wachſe nur nicht noch weiter,— alſo, lieber Alter, Adieu!— Lebewohl!— Tſchau!“ War mir ſchon früher heiß geweſen, ſo flammte es jetzt vor meinen Augen, meine 48 — 378 Verlegenheit war auf dem Gipfel eines Chim⸗ boraſſo, ich wußte nicht mehr, was ich ſprach, — meine Zunge ſtammelte:„Tſchau!“— Verhängnißvolles Wort! ich hatte es nie ausgeſprochen, als blos im Spotte,— es hatte ſich gerächt. Der gute alte Herr lächelte und trat in's Zimmer zurück, ich aber ſtürzte und ſtolperte zur Thüre hinaus und mehr todt als lebendig die Treppe hinunter.—— Weiß Gott, wie ſich die Geſchichte verbrei⸗ tet hatte, aber lange noch mußte ich Witze und Neckereien von meinen Kameraden darüber leiden. In meinem Innern aber klang jenes Tſchaul lange— lange nach, und mir wurde es nach und nach ſo werth, daß ich jetzt ſelbſt keinen liebern Gruß mehr habe. Und ſo nehme ich denn auch von Dir, werther Leſer, Abſchied, mit einem herzlich grüßenden: „Tſchaul⸗ Brachvogel. Albert Emil Brachvogel, deſſen Bild wir in dieſer Nummer bringen, wurde 1824 zu Breslau geboren. Sein Vater war ein allgemein geachteter, wohlhabender Kauf⸗ mann; ſeine Mutter eine ſtets nervöſe, mit dauernder Melancholie behaftete Frau. Der Vater ſtarb, als der Knabe ſieben Jahre zählte. So wuchs das Kind heran, ohne Pflege bei denen finden zu können, welche von der Natur dazu berufen ſind. Während der Körper ſich fortwährend gegen das vernichtende Schlingkraut von Krankheiten wehrte, wucherte der Geiſt des Kindes empor ohne Leitung und ohne feſte Richtung. Der dem Leben entgegen⸗ reifende Knabe kannte das Leben nur von den trügeriſchen Glanzſeiten der Komödie und der Kouliſſen, und ſein träumeriſches Gemüth ſah in der Bühne allein den Tempel des Glücks. Je mitleidloſer das trockne Leben an ihn heran⸗ trat, um ſo glühender ſehnte er ſich darnach, ihm durch Ausführung ſeines romantiſchen Hanges zur Schauſpielerei zu entfliehen. Die⸗ ſem heimlich genährten Wunſche wurde indeſ⸗ ſen bald von Seiten der Familie ein harter Schlag verſetzt. Der junge Mann hatte die Realſchule ſei⸗ ner Vaterſtadt Breslau durchlaufen und wurde zum Theologen beſtimmt. Der Unglückliche war entſetzt. Ein Theologe, der im Geheimen Ko⸗ mödiant werden wollte! Brachvogel fing an, ſeiner Oppoſition die Philoſophie beizuge⸗ ſellen und ſchwur, daß er Theologie nicht aus⸗ ſtehen könne. Neue Zuſammenkunft des Familienraths, der ihm nun feierlich ankündigt, daß aus ihm ſchlechterdings Etwas gemacht werden, und er deßhalb die Graveurkunſt erlernen müſſe. Brachvogel ſenkte den Kopf und wurde Graveur. Aber nach dem bald erfolgten Tode der Mutter warf er den Griffel bei Seite und be⸗ ſchloß, den lange gehegten Hange, Schau⸗ ſpieler zu werden, zu folgen. Sein erſtes Auf⸗ treten war vom beſten Unglück gekrönt und zertrümmerte heilſamer Weiſe die Idee, daß er auf den Brettern und im Theaterkoſtüme ſein Glück finden werde. Die Vorliebe für die Bühne bewirkte jedoch, daß er ihr ſeine Muſe zu wid⸗ men beſchloß. Im Jahre 1849 betrat Brachvogel die preußiſche Reſidenz. Schon im Jahre 1850 führte die Friedrich⸗Wilhelmſtädtiſche Bühne ſein erſtes Drama„Jean Favard, oder moderne Liebe“ auf. Damit traf den jungen Mann der zweite Schlag; das Stück, in viel⸗ fachen Einzelnheiten vortrefflich, ging doch an ſeiner ſentenziöſen Einſeitigkeit zu Grunde. Ein weniger kräftiges Talent würde nach dieſer zweiten Niederlage verzagt, einer Lauf⸗ bahn entſagt haben, die von jeher mehr Mär⸗ tyrer denn Glückliche erzeugte. Brachvogel zog ſich mit den Trümmern ſeiner Hoffnungen in die Einſamkeit eines ſchle⸗ ſiſchen Dorfes zurück, um dort die Werke zu ſchmieden, mit denen er die Thore der Zukunft einrennen wollte. Aber je gewaltiger er ſeine Dramen zu ſchaffen ſuchte, um ſo mehr litten ſie an jener Krankheit, die in der Seele der Dichter leicht durch die Haltloſigkeit im Leben, durch die vergällte Stimmung und die Bitter⸗ keit gegen die Geſellſchaft, die achſelzuckend an ihnen vorübergeht, ſich bildet. Die Dramen: „Aham, der Arzt von Granada“,„der Sohn des Wucherers“ und das Luſtſpiel„Ali und Sirrah“, welche Brachvogel in ſeiner Ein⸗ ſamkeit ſchrieb, trugen alle dieſen Stempel der modernen Dichterkrankheit, und gingen unbe⸗ achtet vorüber. Brachvogel hatte ſich trotz der traurig⸗ ſten Ausſichten, und dem Hange ſeiner roman⸗ tiſchen Lebensanſchauung folgend, inzwiſchen verheiratet. Niedergedrückt und unbeachtet, muthlos und arm kam er 1854 von neuem nach Berlin; er ſchien keine Ausſichten zu ha⸗ ben; die Sorge, welche bisher ſeine dichteri⸗ ſchen Träume wenig geſtört hatte, nagte jetzt in ſeiner Bruſt; er entnüchterte ſich vollſtändig und wurde erſt Sekretär des Kroll'ſchen Thea⸗ ters, dann im telegraphiſchen Korreſpondenz⸗ Bureau von Wolff. Drei Monate ſpäter feierte man ihn als den talentvollen Dichter des„Narciß“. Ganz Berlin ſuchte den jungen Dichter aufzu⸗ muntern und für die Trübſal der Vergangen⸗ heit zu belohnen. Das Stück ging mit außerordentlichem Beifall über die vorzüglichſten deutſchen Bühnen und wurde mehrfach überſetzt. Seine neueren Werke:„Friedemann Bach“, „Adalbert von Babenberg“,„Mondecaus“ grif⸗ fen nicht ſo entſchieden durch. Die älteſte Anſicht von Karlsbad. Wir bringen unſern Leſern die älteſte An⸗ ſicht jenes weltbekannten Kurortes, welcher heuer ſein fünfhundertjähriges Jubiläum feierte, und ſkizziren im Nachſtehenden, Sieg⸗ fried Kapper folgend, mit wenigen Zügen die Geſchichte Karlsbads. Das Terrain, welches Karlsbad einnimmt, iſt unſtreitig eines der ungünſtigſten für die Anlage einer Stadt eine tiefe, enge, in der Form eines verkehrten römiſchen S von Süden gegen Norden gewundene und nach dieſer letz⸗ tern Weltgegend hin ſich öffnende Schlucht. Steile Höhen umſchließen dieſe zu beiden Sei⸗ ten. Durch die tiefſte Furche dieſer Schlucht nimmt die Tepl ihren Lauf, um bald darauf in den Egerfluß zu münden. In der Tiefe unten, im Kerne der Stadt, bezeichnen weiße Dampfwolken die Stätte, un⸗ ter welcher der Sprudel, das ſeit Ewigkeiten mächtig pulſirende Herz Karlsbads, ſeine bro⸗ delnden Schäume emporſchnellt. An dieſen knüpft ſich die intereſſante Bildungsgeſchichte des Terrains. Wann zuerſt dieſe merkwürdige Schlucht ein menſchlicher Fuß betreten, iſt die Geſchichte zu ermitteln nicht mehr im Stande. Die Sage nur reicht ſo weit zurück. Sie erzählt von einer Jagd Kaiſer Karls IV., deren Eifer den küh⸗ nen Jäger in dieſe Felseinſamkeit verlockt und ihn ſo den ſeltſamen heißen Quell entdecken ließ. Sichergeſtellt iſt, daß die erſten Anſiedler aus dem Dorfe Thiergarten herangekommen, ſowie daß allmälig die ganze Bevölkerung die⸗ ſes Dorfes ihrem Beiſpiele gefolgt. Daß hierzu die an dem Quell entdeckte Eigenthümlichkeit und wahrgenommene Heilkräftigkeit den näch⸗ ſten Anlaß gegeben, dürfte kaum bezweifelt werden. Zu dem Zeitpunkte, wie geſagt, wann dieſe zuerſt begann, reichen bis jetzt die Daten der Geſchichte nicht zurück. Gewiß iſt nur, daß der ſo entſtandene Ort zu Ende des zwölften Jahr⸗ hunderts kein ganz unbedeutender, unbekannter mehr geweſen ſein kann. Dobner bereits hält ihn für wichtig und bemerkenswerth genug, um ihn auf ſeiner Karte von Böhmen aus dem Anfange des dreizehnten Jahrhunderts zu ver⸗ zeichnen. Die„vary“— heiße Waſſer— die ſich auf dieſer finden, entſprechen ihrer Lage nach ganz unzweideutig dem ſpätern Karlsbad. König Johann ſchon belehnt ihn mit dem Dorfe Thiergarten(1325). In einem Gedenkbuche des Ordens der Kreuzherren mit dem rothen Stern findet er ſich im Jahre 1355 mit unter den Pfründen dieſes Ordens aufgeführt. Karl IV., von ſeinem Zuge nach Italien heimge⸗ kehrt, weilte hier wiederholt, gab dem Orte ſeinen Namen, erbaute ſich da ein Schloß (1364)— daher noch heute die Bezeichnung des Schloßbergs—, und erhob den Ort unter die Zahl der freien Städte Böhmens, eine Aus⸗ zeichnung, die dieſen umſichtigen und für Böh⸗ 1 let⸗ lucht. Sei⸗ glucht arauf Stadt, „un⸗ keiten bro⸗ dieſen hichte hlucht hichte Sage einer kfüh⸗ t und decken ſiedler men, die⸗ hierzu ichkeit näch⸗ veifelt dieſe en der aß der Jahr⸗ annter 3 hält „ um dem 1 ver⸗ — die Lage sbad. Dorfe kbuche rothen unter Karl eimge⸗ Orte Schloß hnung unter Aus⸗ Böh⸗ men beſoñders väterlich thätigen Kaiſer, wenn auch nicht als den Gründer, doch als den erſten und einflußreichſten Förderer Karlsbads erſchei⸗ nen läßt, und aus der andererſeits wohl auch auf die Bedeutung dieſes Orts zu ſeiner Zeit zurückzuſchließen geſtattet iſt. Jedenfalls iſt dieſe Bedeutung ungleich älter als die erſten ſchriftlichen Aufzeichnungen, die wir darüber kennen. Es ſind dieß zwei lateiniſche Poeſien; die eine aus dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts von Bohuslaw Lob⸗ kowitz, die andere von dem Joachimsthaler Dichter Elias Corvinus aus dem Jahre 1508. Die erſtere finden wir am Mühlbrunnen in eine Marmorplatte gegraben. Die erſte ärztliche Schrift über Karlsbad datirt indeß erſt vom Jahre 1521. Karlsbad zählte damals nur 80 Häuſer. Das Jahrhundert der Reformation war für Karlsbad kein ſehr günſtiges; zwei ſchwere Kalamitäten hatten die Stadt in raſcher Auf⸗ einanderfolge hart heimgeſucht, eine Ueber⸗ ſchwemmung(1583) und eine verheerende Feuersbrunſt(1604), durch die ſie faſt ganz in Aſche gelegt ward. Mit dem Erlöſchen der Der ſchlafende Wald. Taunus⸗Sage. Hoch im Gebirge ſteigt ſo hell Aus morſcher Buche Rumpf ein Quell; Ein ſchattenkühles Plätzchen dort, Ein heimlich ſtiller Ruheort: Das iſt des Feldsbergs Töchterlein, Die Urſel, die ſo munter Durch Heideröschen und Geſtein Springt in das Thal hinunter. Da oben hab' ich oft gelauſcht, Wie ſie dem Blümlein zugerauſcht, Was all's geſchehn vor alter Zeit, In wilder Waldeseinſamkeit. Jüngſt that ſie mit geſchwätz'gem Mund', Hinſchäumend über Kieſel, Ein Märchen ſondergleichen kund Mit murmelndem Gerieſel. Sie hat erzählt mir von dem Wald, Wie der im Winter rauh und kalt, Manch' trüben Tag, manch' lange Nacht Gehüllt in ſtarre Eiſespracht! Ach, ſo verlaſſen und allein Sind dann die hohen Berge, Kein grünes Hälmchen ſchmückt den Hain, Es ſchallt kein Lied der Lerche. Die Höhen all' vom Schnee bedeckt, Kein Lüftchen, das die Zweige neckt, Und ſchlafumfangen wiegt der Baum Des Wipfels Macht in ſtillem Traum. Wer da, von böſem Sinn bethört, Des Waldes Schlaf verwegen Durch frevelhaftes Thun geſtört, Iſt jähem Tod erlegen. Brände der Religionskriege macht ſich für Karlsbad ein entſchiedener Fortſchritt bemerk⸗ bar. Kaiſer Leopold I.(1674), Kurfürſt Georg III. von Sachſen(1682), König Auguſt I. von Polen und mit ihm der Kurfürſt von Bran⸗ denburg und der Herzog von Hannover, von zahlreichem und glänzendem Gefolge begleitet, finden ſich ein(1691), geben luſtige Feſte, die in der Chronik des Karlsbader Badelebens noch heute die fröhlichſte Seite füllen. Schon zu Ende des ſiebzehnten Jahrhun⸗ derts hatte ſich das Bedürſniß einer Erweite⸗ rung der Stadt ſehr dringend fühlbar gemacht. Man ſah ſich veranlaßt, über die Marken der ehemaligen Stadtthore hinauszurücken, und Karlsbad erhielt einen Platz, der ſofort ſein beliebteſter geworden und bis zur Stunde ge— blieben iſt: die Alte Wieſe(1690). Die eigent⸗ liche Periode der erſten Verſchönerungen und des kordialen Badelebens fällt in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts, unter die Wirkſamkeit Dr. Bechers, und theilweiſe auch noch in die erſten Zeiten des gegenwärtigen. Für das Nützliche und Nothwendige ſorgte die raſtloſe Thätigkeit dieſes Mannes; dankbare Gäſte zumeiſt und begeiſterte Karlsbadfreunde tnnzztz:z 223ia Fenuilleton. Dereinſt ein Bürſchlein, jung und fein, Ein Hirſchlein konnt' nicht flinker ſein, Ward von dem Böſen jäh umgarnt, Obwohl die Mutter ihn gewarnt. Er rief: Ich will den Forſt gar bald Vom Schlafe auferwecken!— Keck zog er hin, den ſtillen Wald Mit blanker Axt zu ſchrecken. So ſtieg zum Altking er empor, Wo noch des Himmels Wolkenchor Das ſtolze Haupt, dreifach beringt, Ein Felſendiadem umſchlingt. Und mit dem Schlitten angelangt, Beginnt er ohne Zagen Am ſtärkſten Stamm, der oben prangt, Sein frevelhaftes Wagen. O, ſolch ein Thun, es iſt nicht gut— Laß ab, Du keckes, junges Blut! Die Axt, die dröhnt ſo Schlag für Schlag, Bis daß der Stamm darnieder brach. Dann ward der Schlitten hochgethürmt, Und fort mit einem Male Der Knabe, laut frohlockend, ſtürmt Den jähen Pfad zu Thale. Es pfeift der eiſ'ge Nord ſo hell, Wie wirbeln doch die Flocken ſchnell, Als wollte ſchier das Himmelszelt Im Schnee ſich ſenken auf die Welt! Die Wölfin flieht aus ihrem Horſt, Dem felſigen Verſtecke, Laut heult ſie durch den öden Forſt Dem weiten Gau zum Schrecke. Vergebens ſucht der Knabe Raſt, Es drückt ſo ſchwer des Holzes Laſt, Er kann den Schlitten hemmen nicht, Faſt zehnfach drückt ihn das Gewicht; . 379 unternahmen es für das Angenehme zu ſorgen. Der Sommer 1791 läßt die beiden glänzend⸗ ſten Sterne am Himmel deutſcher Dichtkunſt in Karlsbad einander begegnen, Schiller und⸗ Goethe. Die glänzendſte Zeit in den Annalen des Karlsbader Badelebens bleibt die von 1800 bis 1820. Silber ſoll in dieſen Jahren in Karlsbad gar keine Geltung gehabt haben, wo man eiſerne Stubenſchlüſſel mit Rollen von Dukaten aufwog. Auch ſeinen begeiſtertſten Sänger, Theodor Körner, ſieht Karlsbad wäh⸗ rend dieſer kurzen Periode in ſeinen Mauern. Als ein bezeichnender Wendepunkt müſſen die Karlsbader Beſchlüſſe nicht nur für Deutſch⸗ land, ſondern auch noch ganz insbeſondere für Harlsbad angeſehen werden. Von ihnen herauf datirt die neueſte Periode dieſes, nunmehr ent⸗ ſchieden in die Reihe der Weltorte eingetretenen Bades. Der Strom der Beſuche wächſt, nicht nur alle Länder, alle Welttheile ſenden ihre Gäſte. Das Erſcheinen gekrönter Häupter und hervorragender Perſönlichkeiten hört auf ein Ereigniß zu ſein, denn es kehrt jedes Jahr wieder. So gleitet pfeilſchnell durch den Schnee Die glatte Bahn er nieder— Weh!— überſchlägt von ſchroffer Höh' Und bricht die ſchlanken Glieder! In eines Abgrunds ſtillem Schlund, Da liegt er ſterbend auf dem Grund, Und wie ſein letzter Odem flieht, Des Sturmes Grimm von dannen zieht. Dann ward ſo ſtill es in dem Wald, Kein Reislein thät' ſich regen— So hat er einſam, bleich und kalt Im blut'gen Schnee gelegen. Das iſt's, was ich vom Bach gelauſcht, Der murmelnd in das Thal gerauſcht, Als Raſt ich hielt zur Sommerszeit In kühler Waldeseinſamkeit. Ein Rauſchen bebte durch den Hain, Es klang ſo fromm, erhaben, Tief grub ich in das Herz mir ein Das Lied vom wilden Knaben. Lew-Drez. Bretagner⸗Sage frei nach Emil Souveſtre. Von Kleroth. Die Kinder ſchliefen ruhig in ihren verſchloſ⸗ ſenen Betten, der gelbe Hund ſchnarchte auf dem Herde. Die Kühe bewegten ſich hinter ihren dünnen Lehmwänden, das erſterbende Feuer zit⸗ terte am Stuhle des alten Großvaters entlang. Es war die Zeit, wo man ſich bekreuzen und leiſe ein Gebet für die armen Seelen wieder⸗ holen muß, die man einſt geliebt hat. Da ertönt Mitternacht auf der Kirche von Saint Michel am 48 380 Strande. Mitternacht des heiligen Oſterfeſtes. Es iſt die Stunde, wo die wahren Chriſten auf den Kopfpolſtern ruhen, zufrieden mit dem, was ihnen Gott gegeben hat, und einſchlafen bei dem lieblichen Geräuſche des Athmens der ſchlafenden Kinder. Aber Peuk Skoarn hat keine kleinen Kinder. Er iſt ein muthiger junger Mann und ſteht allein in der Welt. Er hat die Adeligen der Umgegend in die Meſſe kommen ſehen, und iſt eiferſüchtig auf ihre Pferde, deren Rüſtzeug mit Silberplatten beſchlagen iſt, auf ihre Mäntel von Sammt, ihre ſeidenen Strümpfe mit bunten Zwickeln, welche er auch tragen möchte. Er wünſchte reich zu ſein, wie ſie, um in der Kirche eine mit rothem Leder ausgeſchlagene Bank zu haben und die ſchönen Erbinnen auf den Wall⸗ fahrten vor ſich auf dem Sattel zu haben, ihre Hand auf ſeine Schulter geſtützt, deßhalb geht Peuk auch am Strande Lew⸗Drez am Fuße der Dünen von Saint⸗Efflam auf und ab, während die Chriſten in ihren Häuſern ruhen, von der heiligen Jungfrau geſchützt. Peuk iſt ein Mann, ſehnſüchtig nach hohen Ehrenſtellen und ſchönen Mädchen. Seine Wünſche ſind eben ſo zahlreich als die Neſter der Seeſchwalben an den Klippen. Die Wellen klagen, die Krebſe nagen mit unhör⸗ barem Geräuſche an den Leichen der Ertrunke⸗ nen, der Wind, welcher an den Spalten des Felſens Ellas heult, gleicht dem Pfeifen des Räuberhauptmanns der Bandoe, welche einſt hier ihr Weſen trieb. Aber Skoarn verfolgt immer ſeinen Weg. Er blickt die Höhe an, und wie⸗ derholt in ſeinem Gedächtniſſe, was ihm der alte Bettler des Kreuzes zu YNar geſagt hat. Der alte Bettler weiß, was ſich in der Gegend zugetragen hat, damals als die älteſten Eichen noch Sträu⸗ cher und die älteſten Krähen noch unausgebrütete Eier waren. Der alte Bettler hat ihm von Yar erzählt, daß da, wo ſich die Düne von Saint⸗ Efflam jetzt befindet, ehemals eine mächtige Stadt ſtand; die Flotten derſelben bedeckten die Meere. Sie war von einem Könige beherrſcht, welcher anſtatt eines Scepters eine Haſelnußruthe hatte, womit er Alles nach ſeinem Gefallen verwan⸗ delte. Aber die Stadt und der König wurden ihrer Verbrechen wegen verurtheilt, ſo zwar, daß eines Tages nach dem Willen Gottes der Mee⸗ resſund ſich wie ein Strom ſiedenden Waſſers emporhob und die Stadt verſchlang. Jedes Jahr jedoch, in der Oſternacht, beim erſten Schlage der Mitternacht, öffnet ſich im Berge ein Gang, durch welchen man bis in den Palaſt des Kö⸗ nigs gelangen kann. In dem letzten Saale die⸗ ſes Palaſtes iſt die Haſelnußruthe aufgeſtellt, welche alle Macht gibt; aber um bis zu ihr zu gelangen, muß man ſich beeilen, denn ſobald der letzte Schlag der Mitternachtsſtunde ertönt, ver⸗ ſchließt ſich der Gang und öffnet ſich erſt an nächſten Oſtern wieder. Skoarn hat dieſe Er⸗ zählung des Bettlers gut im Gedächtniſſe behal⸗ ten, und deßhalb wandelt er auch ſo ſpät am Strande von Lew⸗Drez. Endlich ertönte ein durchdringender Schlag auf dem Kirchthurme von Saint⸗Michel. Skoarn erbebte. Er blickt um ſich, und ſieht bei der Helle des Sternenlichtes, wie ſich der Granitfel⸗ ſen, welcher die Spitze des Berges bildete, lang⸗ ſam wie der Rachen eines erwachenden Drachen öffnet. Er umfaßt krampfhaft den mit Leder umwundenen Griff ſeines Degens und ſtürzt in den Gang, der zuerſt dunkel, aber dann durch ein Licht erhellt wurde, denen gleich, welche in der Nacht auf den Kirchhöfen zu ſehen ſind. Er kommt in einem ungeheuren Palaſte an, deſſen Steine wie die der Kirchen von Folgoat, oder von der zu Quimper an der Odel ausgemeißelt wa⸗ ren. Der erſte Saal, in den er eintrat, war voll Truhen, worin ſo viel Silber aufgehäuft war, als Getreidekörner auf den Schüttböden nach der Ernte, aber Peuk Skoarn will mehr als Silber, und er geht weiter. In dieſem Au⸗ genblick ertönt der ſechſte Schlag der Mitter⸗ nachtsſtunde. Er fand einen zweiten Saal, wo die Schränke mehr Gold enthielten, als der Juni Roſen. Peuk Skoarn liebt das Gold, allein er will noch mehr und geht weiter. Der ſiebente Schlag ertönt. Der dritte Saal iſt mit Körb⸗ chen gefüllt, in denen die Perlen umherrollen, wie die Milch in den irdenen Näpfen von Cor⸗ nouailles in den erſten Tagen des Frühlings. Skoarn hütte gerne einige für die ſchönen Mädchen von Pleſtin mitnehmen wollen, allein er ſetzte ſeinen Weg fort, da er den achten Schlag hörte. Der vierte Saal war ganz durch Dia⸗ manten erhellt, welche in kleinen Koffern lagen, und mehr Flammen auswarfen, als die Johan⸗ nisfeuer der Küſte entlang am Johannistage. Skoarn war ganz verblüfft, er bleibt einen Augenblick ſtehen, läuft aber, da er den neunten Schlag hört, ſchnell in den letzten Saal. Aber da bleibt er plötzlich vor Verwunderung gebannt ſtehen. Vor dem Haſelnußzweige, den er im Hintergrunde aufgehängt ſah, waren hundert ſchöne junge Mädchen aufgeſtellt. Jedes von ihnen hielt mit einer Hand eine Eichenkrone und mit der andern einen Becher glühenden Weines. Skoarn, welcher dem Silber, Golde, den Per⸗ len und Diamanten widerſtand, konnte dem An⸗ blick dieſer ſchönen Geſtalten nicht widerſtehen. Der zehnte Schlag ertönt, er hört nicht, der eilfte tönt, und er bleibt unbeweglich; endlich klingt kläglich der zwölfte Glockenton wieder, aber ſo traurig, wie der letzte Kanonenſchuß eines in der Brandung berſtenden Schiffes. Skoarn will voll Schreck zurückeilen, aber es iſt zu ſpät, alle Thüren ſind geſchloſſen, die hundert jungen ſchönen Mädchen haben hundert Granitſtatuen Platz gemacht, und Alles um ihn iſt Nacht geworden. So haben die Väter ihren Söhnen die Ge⸗ ſchichte von Skoarn erzählt. Aus der guten alten Zeit. Ein Breslauiſcher Bürger, Namens Johann Rintfleiſch, machte um das Jahr 1478 eine Reiſe nach Polen. In der Stadt Plocz wurde ihm eine beträchtliche Summe Geldes im Wirthshauſe ge⸗ ſtohlen, aber er war ſo glücklich den Dieh aus⸗ findig zu machen, und brachte ihn vor Gericht. Der Rath zu Plocz ſprach hierauf folgendes, bei⸗ nahe unglaubliches Urtheil: „Es iſt gewiß, daß, wenn Jemand den An⸗ dern eines Diebſtahls oder ſonſt eines Todesver⸗ brechens wegen gerichtlich belangt, und der An⸗ geklagte zum Tode verurtheilt wird, in Erman⸗ gelung eines Henkers der Kläger ſelbſt die Exe⸗ kution vollziehen muß, wenn er nicht Gefahr ſei⸗ nes eigenen Lebens laufen und der Strafe der Wiedervergeltung ſich ausſetzen will.“ Dem zufolge ward dem ehrlichen Johann Rintfleiſch aufgegeben, den Dieb ſelbſt zu hängen, weil kein Scharfrichter am Orte ſei. Umſonſt verſuchte der Arme durch die Zurücknahme des ganzen Prozeſſes, durch den Verluſt der ganzen Summe und durch das Verſprechen, dieſelbe dop⸗ pelt zu entrichten, der gefährlichen Aufgabe zu eutgehen, man bedeutete ihm, daß er ſich entweder von dem Diebe, der ſich ganz bereitwillig dazu fand, hängen laſſen oder ihn ſelbſt hängen müſſe. Es blieb ihm keine Wahl, und er verrichtete die That; aber kaum war er nach Breslau zurückge⸗ kehrt, als ihn der Kummer über eine Handlung, die ihn unſchuldig mit Schimpf und Schande belaſtete und von der Geſellſchaft der Menſchen ausſchloß, tödtete. Damit war nun die Sache aber lange nicht abgemacht. Einer der Söhne des Unglücklichen, Chriſtian Rintfleiſch, war Beiſitzer des Manngerichtes auf dem königlichen Hofe zu Breslau. Seine Kollegen dehnten die Schande ſeines Vaters auch auf ihn aus, erklärten ihn für unehrlich und unfähig, ſein Amt länger zu verwalten. Chriſtian beſchwerte ſich beim König und es kamen mehrere Befehle zu ſeinem Vortheil. Sie halfen alle nichts; und er wirkte ſich endlich 1507 einen königlichen Sentenzbrief aus, wo⸗ rin er für einen ehrlichen Menſchen und rechtli⸗ chen Beiſitzer erklärt, die That ſeines Vaters als ein Werk der Nothwendigkeit gerechtfertigt und den Breslauern aufs ſtrengſte unterſagt war, ihn ferner zu kränken. Allein dieß nützte ſo wenig als ein neuer königlicher Befehl, der die härteſten Strafen, Abſetzung, Verbannung drohte. Das Vorurtheil wirkte ſtärker und ſie wollten den Rintfleiſch nicht dulden. Im Jahre 1507 wurde der Stadt Breslau deßhalb eine Geldſtrafe von hundert Mark Silber aufgelegt, weil ſie ſich ſo ungehorſam bezeigte. Der Herzog von Münſter⸗ berg ſollte ſie eintreiben, und da die Breslauer ſie nicht freiwillig gaben und den Herzog ſo wenig achteten als den König, ſo entſtand zwiſchen ihm und ihnen eine Fehde, wo eine große Menge Dörfer verheeret und unter abwechſelndem Glücke bis 1514 gefochten wurde. 4 Der Hund des Kamtſchadalen. Das einzige Hausthier des Kamtſchadalen iſt der Hund. Kamtſchatka wäre eine traurige Ein⸗ öde, von den Menſchen geflohen; aber Gott hat ihnen den Hund geſchenkt und mit ihm das ganze Land, das durch ihn bewohnbar wird. Sehr intereſſant iſt es, zu ſehen, wie es die Menſchen anfangen, um aus den Hunden Zug⸗ pferde zu bilden. Man wirft die jungen Hunde, ſobald ſie ſehen können, ganz unbarmherzig in eine dunkle Erdhöhle, wo ſie ſo lange eingeſperrt bleiben, bis man ſie zu einem Verſuche für tüch⸗ tig genug hält. Man ſpannt ſie alsdann mit an⸗ dern ſchon eingeübten Hunden vor einen Schlit⸗ ten, den ſie aus Leibeskräften vorwärts ziehen, weil ſie von dem ungewohnten Lichte und der Menge unbekannter Gegenſtände, die ſie auf ein⸗ mal erblicken, wie geblendet werden. Nach die⸗ ſem kurzen Verſuche müſſen ſie wieder in ihren dunklen Kerker zurück, und von nun an wird dieſes Verfahren ſo lange wiederholt, bis ſie zum Zuge geſchickt und gelehrig genug ſind, den Zu⸗ ruf ihres Führers zu verſtehen.. Will man ein Geſpann bilden, ſo iſt es vor Allem nöthig, einen guten Leithund auszuwäh⸗ len, wobei vor Allem Gelehrigkeit und Kraft in Anſchlag kommt, Der Führer des Schlittens ſitzt mit ausgeſpreizten Beinen vorn, ſo daß ſeine Füße faſt den Schnee berühren. In der Hand hält er eine lange Peitſche, die man nur nach vieler Uebung führen lernt; da jedoch die Kamtſchadalen von Kindheit an damit umgehen, Und der Gebrauch dieſes Inſtrumentes einen Haupttheil ihrer Er⸗ ziehung ausmacht, ſo wiſſen ſie es ſehr geſchickt zu handhaben. Uebrigens vermeiden ſie den Ge⸗ brauch der Peitſche ſo viel als nur möglich, weil er ſtets verdrießliche Folgen nach ſich zieht, und die Fahrt eher aufhält als beſchleunigt. Der Hund, welcher einen Peitſchenhieb erhalten hat, ſtürzt ſich auf den ihm nächſten und beißt ihn, der Ge⸗ biſſene thut einem Dritten desgleichen, und ſo iſt in einem Augenblicke das ganze Geſpann in Unordnung.. Das mühevolle Leben dieſer Thiere findet nur während des kurzen Sommers einige Er⸗ leichterung. Da ſie in dieſer Jahreszeit keine Dienſte thun, ſo hat Niemand Acht auf ſie, und ſie genießen der vollkommenſten Freiheit, die ſie benutzen, um ihren Huͤnger zu ſtillen. Ihre Nah⸗ rung beſteht einzig und allein aus Fiſchen—