danen.— Exinnerungen.— ws om Süd her ſchickt die Welt der Wüſten Als ihrer Liebe Glutherguß Den Alpen zu als Frühlingsgruß; Und was des Südens Gluth geſpendet, Wird durch den Schein dem Nord geſendet; So pulſ't die Liebe in Froſt und Gluth, In Gletſchern, Wüſten und Meeresfluth. So⸗ Föhn vorbei an mildern Küſten Der Marienſchacht. Eine Erzählung. Von Adolf Stern. Mit der Kühle, welche im Monat Sep⸗ tember einen ſchönen Tag verheißt, iſt heute der Morgen heraufgeſtiegen. Die grauen Schleier um den Eichenwald im Hintergrund des Thales verflüchtigen ſich nur langſam und der reiche Thau auf den Zweigen der Wald⸗ bäume, wie auf der Wieſe, die ſich vom Wald an den Flußrand hinzieht, wird von den Son⸗ nenſtrahlen ſehr allmälig aufgeſogen. Der Eichenwald lehnt an einem gleichfalls bewach⸗ ſenen Bergrücken, und drüben über dem Fluſſe ſteigen kleine Felſen ſchroff zu mäßiger Höhe. Stromabwärts ſchaut das Auge Waldberge und Felſen in der gleichen halbſtündigen Ent⸗ fernung aneinander,— aber ſtromaufwärts rücken der Felſen und die grünen Anhöhen ſich ſo nahe, daß die Strombreite nur ein Thor zu bilden ſcheint. Erſt beim Näherkommen entdeckt der Schif⸗ fer oder Wanderer, wie drüben noch Uferraum genug für den Betrieb eines großen Stein⸗ bruchs iſt, und wie andererſeits die breite Wie⸗ ſenfläche bei ihrer Verengung Platz für einen Erinnerungen. November 1858. Alpenglühen. Und mit dem Föhne ſchickt die Roſe Der Wüſte, von der Gluth verſengt, Morganas Aug' in glüh'nder Wüſte Entlockt dem Gletſcher Alpenglüh'n, Darob erwacht an Nordens Küſte Des Nordlichts wunderſames Sprüh'n. Das ſind der ſüßen Minne Zeichen, Die ſich die fernſten Zonen reichen, Die ſchönſten Träume voll Duft und Licht, Ein ewig herrliches Weltgedicht. —ꝛr— reizend angelegten, terraſſenartig zu dem be⸗ waldeten Bergkamme emporſteigenden Garten gelaſſen hat. Ein kleines quadratförmig gebautes Haus von einem Stockwerke, mit grünen Jalouſien an allen Fenſtern, dazu mit grünen Weinreben auf drei Seiten umſponnen, ſo daß die glän⸗ zendgraue Mauer kaum hier und dort durch⸗ ſchimmert, bildet den Mittelpunkt des Gartens. Nach dem Fluſſe hin ſchließt ein Steindamm und auf demſelben ein gußeiſernes Spalier das ſchöne Beſitzthum ab, an den übrigen Seiten iſt es von gut gepflegten Zäunen eingerahmt. Wer auf der Höhe ſich befindet, wird die Ent⸗ deckung machen, daß verſchiedene Pfade aus dem eingehegten Garten in den Bergwald führen. Jetzt iſt eben Alles noch unbelebt; das Dampſſchiff, welches den Strom herauf eilt, hat eine Viertelſtunde nach abwärts eine Glocke ertönen laſſen und wenige Paſſagier einge⸗ nommen, nun aber ſchießt es flüchtig durch das Felſenthor. Einzelne Geſtalten, die fröſtelnd auf dem Verdeck auf⸗ und niedergehen, ſchauen nach der Villa im Garten dort, bei dem Stein⸗ bruch drüben. Natürlich wähnen ſie ſich unbe⸗ obachtet, und das müßte auch ein ſcharfes Auge ſein, welches entdecken wollte, wie eines der Seitenfenſter im kleinen Hauſe— an der Ece mitgebrachte Des letzten Hauches lind' Gekoſe Der Alproſ' die der Froſt bedrängt. Vom Kuß der Wüſtenroſ' erglühet Das Bergkind, das dem Eis erblühet; So ſteht das Leben von Süd und Nord In treuem Bunde, und zeugt ſich fort. Pl. Plattner. nach der Vorderfronte— ſchon geöffnet ſteht, und die kühle Luft in das Zimmer, zunächſt aber in das Geſicht eines jungen Weibes wehen läßt, das am Fenſter Platz genommen. Während der Dampfer ihren nachſehenden Augen entſchwand, wendete ſie dieſelben zu den Rabaten des Gartens dicht unter ihrem Fenſter. In üppiger bunter Fülle zeigten ſich hier die Aſtern, die in ovalen Einfriedigungen gezogen, große, gefüllte Blumenkörbe darſtellten. Wie der Blick der jungen— vielleicht einund⸗ zwanzigjährigen— Frau darüber ſchweifte, war es deutlich, daß ein glückliches Lächeln aus einem Zuge— nicht ſchweren Kummers, wohl aber vollſtändigen Mißbehagens hervorleuchtete, der über dem ſchönen friſchen Geſicht ſchattete. Das Fenſter ſchloß ſich bald genug. Doch öffnete ſich kurz darauf die Pforte des Hauſes, und die junge Frau, ſchon völlig angekleidet, das Haar in reiche Flechten um die weiße, gerun⸗ dete Stirn gewunden, ſonſt im leichten, grau⸗ ſeidenen Hauskleide, geſtickte Schuhe an den zierlichen Füßchen, trat unter die Veranda an einer der Hausſeiten, wo ſich die Weinreben und fremde Schlinggewächſe einträchtig um die gegitterten Stäbe wanden. Von dort wagte ſie einige Schritte in das morgenfeuchte Gras und füllte mit Aſtern, Lack und ſpäter Levkoje da enkörbchen. 4 41 —— — ᷣ—— — ꝛÿ—ę ˖—— ——— 8 R 7 1 4 3 322 Drinnen im Hauſe trat ſie in ein kleines heimliches Parloir neben dem großen Garten⸗ ſalon. Ein einfach grüner Teppich bedeckte den ganzen Fußboden, grüne Gardinen umgaben völlig das eine breite Fenſter, ein Paar ge⸗ ſchmackvolle Lehnſeſſel, eine kleine Ottomane und der große runde Tiſch bildeten die Meubli⸗ rung. Die offenſtehende Thür in's Nebenzimmer zeigte einen aufgeſchlagenen Flügel, dahinter Bücherſchränke und Notenſtellagen. Die ganze Scenerie brachte mit dem Blick in das ſtille Grün des Gartens einen wohlthuenden Frie⸗ denseindruck hervor; auch die ſummende Kaffee⸗ maſchine auf dem Tiſch und die kleinen Früh⸗ ſtücksvorbereitungen, welche die junge Frau jetzt traf, verſtärkten denſelben. Abgeſchwächt aber, wenn nicht vollſtändig aufgehoben wurde er durch den Eintritt eines jungen Mannes— nicht volle dreißig Jahre vielleicht, mit intelligentem, von feingepflegtem ſchwarzen Haupt⸗ und Barthaar umzogenem und durch eine jugendliche Farbenfriſche ausge⸗ zeichnetem Geſicht. In dieſem Geſicht jedoch ſprach ſich ſo erſichtlich Verſtimmung nicht über⸗ wundener Müdigkeit, ja ſelbſt eine gewiſſe Ge⸗ reiztheit dem ſtillen Walten ſeines Weibes— die junge Frau war es— gegenüber aus, daß wohl jede Andere als eben ſie, den freundlichen Morgengruß unterlaſſen hätte, mit welchem ſie aufblickte. In die kleine, weißgrau bezogene Ottomane ſich in halber Körperlänge werfen und dem ſüßen „Gutenmorgen“, das ihre Stimme klar geſpro⸗ chen, einen mürriſchen Gegengruß, von dem kaum die letzten Silben vernehmlich waren, entgegenſetzen, war eins. Ein Schatten flog über das Antlitz der jungen Frau, indem ſie Taſſe und Gebäckkörbchen vor ihn hinrückte und die erſte mit dem Kaffee füllte. Der junge Mann ſchlürfte ein wenig. „Blanka,“ ſagte er ungeduldig,„mit dem Kaffee iſt es rein nicht länger zum Ausſtehen. Entweder Du oder Deine alte treue Chri⸗ ſtine, wie Du ſie nennſt, hat ihn wieder ein⸗ mal eine Elle zu lang bereitet.“ „Chriſtine that es vielleicht— ich ſtand heute ſpäter als ſonſt auf und war zwei Augen⸗ blicke im Garten.“ „Immer einen Unſinn nach dem andern. Du wirſt Dich krank machen,— erſt geſtern, bis in die Nacht das Geklimper und das Ge⸗ dudel, das mir unerträglich wurde. Und dazu das Geſchwätz. Ich glaubte die Sache endlich einmal geendet, die Kinderſchuhe ausgetreten. Da muß der Böſe ſein Wohlgefallen haben, uns den neuen Bergrath und ſeine Frau in das Thal zu führen. Das aber ſage ich zum Voraus: die Zeit der Lyrik iſt unwiderruflich zu Ende! Meine Geſchäfte mehren ſich, meine Gedanken richten ſich, wie es einem Manne in unſrer Zeit geziemt, auf das Praktiſche,— wie oft ſoll ich dieß wiederholen: der Erwerb iſt die Loſung und die Poeſie dieſer Tage!“ Und das Alles in recht widerwärtig grollen⸗ dem Tone ſagend, ſchien der junge Mann weder die charakteriſtiſche Rohheit einer üblen Stim⸗ mung am Morgen, noch die Gefühle ſeines Weibes zu erwägen. Sie entgegnete beinahe zitternd: „Du ſprachſt ſonſt anders, Richar d. Indeſ⸗ ſen will ich mich darauf nicht berufen, nicht auf die Bilder ſtillen Glückes, die wir vor unſerer Verheiratnng hegten, und die keine Träume waren, denn wir haben dieß Glück genoſſen bis kurz! Ich will Dich nur fragen, ob Du ſo ganz gewiß biſt, Dauer im neuen Glück, das Du meinſt, zu finden, und ob die Neigung auch darin eine Stätte hat?“ Die Thräne, welche in ihrem Auge zitterte, nicht gewahrend, aber minder barſch als zuvor verſetzte Richard, ſich erhebend: „Du wirſt eine kleine Thörin bleiben, Blanka. Was kümmern Dich Dinge, die Du nicht vermiſſen ſollteſt, ſo peinlich. Lerne nur einſehen, wie eine ſorgenfreie Exiſtenz die Haupt⸗ ſache iſt.“ Und damit drückte er, ſehr flüchtig, ſehr kalt einen Kuß auf den dargebotenen Mund des jungen Weibes, und enteilte dem traulichen Gemache mit einer gewiſſen Ungeduld. Blanka trat an das Fenſter, ſehr vertrübt in den hell und ſonnig erglänzenden Morgen blickend, ſehr geſpannt den Tönen im Hauſe lauſchend. Ein männlicher Tritt erklang von der Treppe, den Flur entlang.— Richard trat völlig ange⸗ kleidet, in einen eleganten Herbſtburnuß gehüllt, aus dem Hauſe und ſchritt den Hauptgang, die Terraſſe des Gartens hinunter nach dem Fluſſe. Er ſah nicht um ſich— Blanka grüßte ihn vergeblich noch einmal aus dem Fenſter. Er aber winkte am Ufer nach dem Steinbruch hinüber und bald durchſchnitt ein zierlich gebau⸗ ter Kahn zweimal den Strom, um ihn aufzu⸗ nehmen und überzuſetzen. Und jetzt erſt ſchien der Kummer Blanka's völligen Raum zu gewinnen. Wenigſtens deu⸗ tete ein haſtiges Zurücktreten von den offenen Fenſterflügeln und das weiße Tuch, welches ſie vor ihr Geſicht hielt, einen Thränenſtrom an, den ſie eben noch zeitig genug vor dem ein⸗ tretenden Hausmädchen zu verbergen wußte. So verging der Vormittag in ſtiller Halb⸗ thätigkeit. In allen Pauſen, welche die geſchäf⸗ tige Sorge um einen kleinen Haushalt läßt, hör⸗ ten die Dienerinen ihre junge Herrin an das Pianoforte treten, einzelne Akkorde anſchlagen, auch einige Takte ſpielen, aber ohne Folge und Zuſammenhang. Chriſtine, eine ältliche Frau, Blankaz's einſtige Wärterin, kopfſchüt⸗ telte in einer Weiſe, die wohl errathen ließ, daß in Küche und Dienerzimmer Familienfra⸗ gen verhandelt wurden. Aber es blieb alles ruhig, ſtill und in den Schranken äußerer Be⸗ haglichkeit. Wie es im Sinn und Gemüth der jungen Frau, die raſtlos im großen Bibliothek⸗ und Muſikzimmer neben dem Parloir auf⸗ und abwandelte, ausſehen mochte, hatte nach außen Niemand zu kümmern, und der Wagen, der in das Gartenthor auf dem Kamme des Hügels rollte, mußte willkommenen Beſuch bringen. Es war aber dießmal wirklich ein ſolcher. Blanka, die erſt mißmuthig über das Kommen Jemandes überhaupt, dann ein wenig beſorgt auf ihre Frühtoilette geblickt hatte, erheiterte ſich ſichtlich, als ihr Auge der ältern Dame inne wurde, welche durch die Gänge auf das Haus zukam. Und als das Hausmädchen die Thür öffnete, um die Bergräthin Haldenanzumelden und einzulaſſen, war ihr Blanka ſchon ent⸗ gegengetreten. Mit anmuthiger, wohlthuender Herzlichkeit reichten ſich die im Alter und Auf⸗ treten ſo unterſchiedenen Frauen die Hände, und wie mit einer unwillkürlichen lang einge⸗ wurzelten Gewohnheit wendete ſich die Berg⸗ räthin nach dem Pianoforte. Daraus und aus dem Blicke auf die aufgeſchlagenen Noten würde ein feiner Beobachter vielleicht die frühere Mu⸗ ſiklehrerin oder wenigſtens die eifrige Freundin dieſer Kunſt vermuthet haben. „Sie haben nicht wohl geruht, Blanka,“ fragte die Räthin.„Mich treibt eigentlich die Beſorgniß, daß wir unſere Unterhaltung am geſtrigen Abend zu weit ausgedehnt haben, zu Ihnen!“ „Sie ſind allzu beſorgt. Aber ich erinnere mich nur zu gut, wie Sie dieß immer waren, als ich noch das Glück hatte, Ihre Schülerin zu ſein, und ich rechne es zu den froheſten Er⸗ eigniſſen, die mir in dieſem ſtillen Thal begeg⸗ nen konnten, daß Ihr Gatte hierher als Berg⸗ rath verſetzt wurde. Eines, liebe Freundin, müſſen Sie mir verſprechen: ohne Grund kei⸗ nen Tag vergehen zu laſſen, an dem wir uns nicht ſehen.“ Die Bergräthin bejahte freudig. In ihrem ſchön geweſenen Geſichte waren jetzt im vierzig⸗ ſten Jahre noch immer Spuren dieſer Schönheit und vor allem der Zauber eines anmuthigen geiſtigen Ernſtes zu erblicken. Die Geſtalt durfte für untadelig gelten, und erſchien durch eine von jeder Ueberladung beinahe ängſtlich freie Toilette vortheilhaft umgeben. Das In⸗ tereſſanteſte an der anziehenden Frau war in dieſem Augenblicke der Blick forſchender Be⸗ ſorgniß, mit dem ſie Blanka anſchaute, die ihrerſeits das Auge auf den geſtickten Teppich am Boden heftete und endlich auch durch eine Frage der Bergräthin zu neuer Theilnahme veranlaßt werden konnte. „Und Sie leben hier nun ſchon drei Jahre? Waren Sie in dieſer Zeit niemals in D.?“ „Drei Jahre,“ entgegnete Blanka, die angeſchloſſene Frage offenbar überhörend.„Und wiſſen Sie, wie mir dieſe drei Jahre verfloſſen ſind? Richard hatte den Steinbruch gekauft, deſſen Betrieb ſeine Thätigkeit des Vormittags in Anſpruch nahm. Der Nachmittag aber und Abend verging in der alten lieben Beſchäfti⸗ gung des gegenſeitigen Förderns. Sie kennen unſre Studien noch von früher? Sie wiſſen, daß wir in der Brautzeit immer ein wenig belächelt wurden über das Studiren, wie ſie es nannten, das uns doch eine Quelle der Freude und des Genuſſes war. Wir haben ein beglückend Land⸗ leben geführt mit allen Genüſſen der Stadt, — rere ren, erin Er⸗ geg⸗ erg⸗ din, kei⸗ uns rem viig⸗ heit denn die Soiréen haben wir wahrlich nicht ver⸗ mißt. Die Gegend, unſre Spazierfahrten und Gänge, unſer Haus und Garten, Richards Bibliothek und mein Inſtrument, auch der Be⸗ ſuch lieber Freunde, unter denen wir Sie und den Bergrath leider ſtets vermißten,— aber ich ſagte Ihnen das Alles ſchon geſtern beim Wie⸗ derſehen. Ich, wollte Ihnen auch nur erzählen, wie neuerdings dieß Glück öfter geſtört worden. Der arme Richard, fürcht' ich, hat zu viel Geſchäfte auf ſich geladen, ſich von ſeinen Vor⸗ ſätzen der Beſchränkung ein wenig abwendig machen laſſen. Mir bangt um ſeine Geſundheit. Und es iſt einer ſeiner neuern Geſchäftsfreunde, ein gewiſſer Herr Kon rad aus D., dem ich zürnen könnte, daß er Richard allzuſehr in Anſpruch nimmt.—“ Blanka glaubte ihre Worte vorſichtig genug geſetzt zu haben, daß kein Kummer, keine Betrübniß daraus hervorblitze— aber ſie hatte weder die verrä⸗ theriſchen Klänge des Ausdruckes, noch das be⸗ obachtende Auge, das feine Gefühl einer beſorg⸗ ten Freundin in Anſchlag gebracht.— Die Bergräthin ſprach zwar nur ein Bedauern und einen Troſt, daß ſich dieß Verhältniß mit der Zeit raſch zum Guten wenden könne, aus: aber in den Falten ihres Herzens barg ſie andere, weniger leichte Gedanken. Sie nahm von Blanka bald Abſchied und verſprach, ſchon morgen Nachmittag wieder zu kömmen, wenn Blanka und Richard es nicht vorziehen ſollten, ſie in ihrer Häuslichkeit aufzuſuchen. Die Exſtere geleitete ſie beim Gehen ein Stück durch den Garten hindurch und ſchaute dem Wagen, welcher raſch über den Abhang in das jenſeitige Thal rollte, mit eigenen Gefühlen nach. Sie empfand bei aller Freude über den Beſuch der Bergräthin doch auch darüber eine gewiſſe Befriedigung, daß dieſelbe noch vor Richards Rückkunft Abſchied genommen. Der Unmuth vom Morgen klang ihr noch zu ſchmerzlich im Gemüthe wieder, als daß ſie ihn erneut zu ſehen wünſchte— und ſie machte ſich ſelbſt nicht klar, daß die Scheu ſolche Erörterungen herbeizuführen, dieſelben dennoch nicht vermeiden werde. Blanka pflückte auf dem Rückgang in's Haus Blumen für die Zier des Mittagtiſches, der nur zwei Couverts umfaßte, und in einem kleinen Speiſezimmer bereit ſtand. Der Gatte Blanka's kam nicht allein über den Strom zurück. Im Kahn und den Gartengang herauf war eine Männerfigur ihm zur Seite, die wohl auch anderswo als in dieſer Einſamkeit einiges Aufſehen erregt haben mochte. Die Geſichtszüge des ſeltſamen Mannes, ſoweit dieſelben unter dem breitkrämpigen brau⸗ nen Filzhut und aus dem dichten Bartwuchs zu prüfen waren, ſprachen von Erfahrungen man⸗ cher Art, die Augen von pfiffiger Schlauheit, Stirnrunzeln von allerlei Sorgen,— die Naſe aber, und die ſtockigen Zähne im Munde ven vielen Wein⸗ und anderen Genußproben. In Haltung und Anzug war cyniſche Gleichgil⸗ tigkeit und eine Art ſchäbiger Eleganz ſonder⸗ bar gemiſcht, der erſteren aber entſprach das Lachen, mit welchem der Fremde eine Aeußerung Richards aufnahm: „Meine Frau wird verwundert zum Gaſte ſchauen und Sie werden fürlieb nehmen müſſen.“ In dieſem Lachen klang durch, daß der Lacher weder zum erſtenmale als ungebetener Gaſt erſcheine, noch zum erſtenmale fürlieb nehme, und wer ihn ſah, konnte dem ſchon Glauben ſchenken. Blanka war bei Richards Kommen an die Thür und beim Anſichtigwer⸗ den eines Dritten und vor allem dieſes Dritten mißmuthig ins Zimmer zurück getreten. Sie reichte ihrem Manne die Hand, auf die er doch einen Kuß drückte, und verbeugte ſich gegen den Fremden mit einem flüchtig kalten„Guten Tag Herr Konrad, Richard lud Sie ein und ſo laſſen Sie ſichs bei uns gefallen.“ Herr Konrad legte ſeinen Hut ab, und ſicherte das ſpaniſche Rohr, auf das er ſich bis⸗ her gelehnt. Er hatte während der Begrüßung der jungen Frau auch wieder gelächelt, ein wenig anders als vorhin, aber um nichts beſſer. Wie Blanka ſelbſt die Suppe auftrug, ſaß er ſchon neben Richard am Tiſch und hatte das von dieſem gefüllte Weinglas beinahe geleert. Dabei ſchlug er mit dem Meſſer einen eigen⸗ thümlichen Takt, der als Wirthshausreminis⸗ cenz gelten durfte. Seinen Appetit ſtörte die anfängliche Einſilbigkeit des Mahles durchaus nicht, und er fand beim Zerlegen eines Stückes Braten noch Gelegenheit genug, über den Tiſch Blanka's Geſicht zu beobachten, bis Richard ſichtlich aufathmend und ohne vieler Einlei— tung begann: „Und Sie glauben wirklich, daß die Kaiſer⸗ felder kohlenhaltig ſind, und ihr Ausbau ren⸗ tabel?“—„Ich kann mich nur auf das Urtheil eines ſo berühmten Geologen wie Profeſſor Paver berufen. Wenn Männer der prakti⸗ ſchen Wiſſenſchaft mit ſolcher Beſtimmheit ſprechen, pflegen ſie ſich ſeltener zu täuſchen, als die Herren Philoſophen!“ „Sicher!“ entgegnete Rich ard.„Sie wiſ⸗ ſen, ich preiſe täglich Gottund meinetwegen alle Heiligen, daß wir endlich die Wiſſenſchaft ihre Bücherſtuben verlaſſen und in die Komptoire und Fabriken kommen ſehen. Aber ſelbſt Prak⸗ tiker wie Profeſſor Taver pflegen ſich zu täuſchen.“ „Wer nichts wagt gewinnt nichts,“ meinte Herr Konrad trocken, faſt grob. Er kannte ſehr wohl die Empfindlichkeit Richards in dieſem Punkte und verrechnete ſich auch mit ſei⸗ ner Erwiederung nicht, denn der junge Geſchäfts⸗ mann fuhr auf und erinnerte, wie ihm der Wagennuth bisher nicht gefehlt. Dabei nickte Herr Konrad gleichmüthig und hielt ſeine Augen auf Blanka geheftet. Man konnte ihn nicht eigentlich eines beleidigenden Blickes zeihen, denn ſeine Augen behielten immer einen begehr⸗ lichen lüſternen Schein, und daß er ſie auf 323 Schultern und Buſen einer Frau vorzüglich wendete, gehörte wohl auch zu den Lebensge⸗ wohnheiten Herrn Konrads. Doch fühlte Blanka, während Richard ruhig überzukünf⸗ tige Kohlenſchächte auf den Kaiſerfeldern fort⸗ plauderte, alles Blut in die Wangen ſteigen. Das Mahl war zu einfach, als daß es ihr geſtattet hätte, ſich viel vom Tiſche zu entfer⸗ nen. Nun wuchſen ihre Entrüſtung und Miß⸗ behagen mit jeder Sekunde; zu eſſen hatte ſie ſchon längere Zeit aufgehört, Herr Konrad beharrte bei ſeinem, wie Blanka meinte, belei⸗ digenden, und wie ſicher war, verletzenden Blick. Die junge Frau wandte ſich ein paarmal wie hilfeſuchend zu den Augen ihres Gatten, die indeß mit ruhigem Gleichmuth auf allem, was vorging, hafteten. Nun flammte eine höhere Röthe,— halb Scham, halb Entrüſtung— in Blanka's Geſicht auf. Einen Moment blieb ſie noch am Tiſche, da aber begann Herr Konrad, dem der Widerwille des ſchönen Weibes nicht ent⸗ ging, ſeinem Blick ein Lächeln hinzuzufügen, welches veranlaßte, daß Blanka, das Taſchen⸗ tuch vor die Augen haltend, haſtig vom Tiſche aufſtand und, ein Unwohlſein vorſchützend, den betroffenen Richard mit Herrn Konvad allein ließ. Gleichmüthig— wenigſtens ſcheinbar gleich⸗ müthig— ſetzte dieſer das Geſpräch über die projektirten Kohlenbergwerke fort. Blanka, die noch einige Male an der Thüre vorüber⸗ ſtreifte, hörte immer wieder die Worte Quotient, Dividende, Ausbeute, gegen die ſie früherhin kein Vorurtheil gehabt, die ihr aber jetzt ver⸗ haßter waren, als irgend etwas, ſeit ſie Herrn Lorenz Konrad in nächſte Beziehungen zu denſelben ſetzte. Herr Lorenz Konrad hatte nicht immer darin geſtanden, nicht immer die Verachtung unpraktiſcher Leute und der Bücherſtuben ge⸗ hegt. In letzteren war er aufgewachſen, ſein Vater hielt eine Leihbibliothek, die auf den Sohn überging, der, ehe er die Bücher, ein tauſend nach dem andern verſchleuderte, ſich wenigſtens angelegen ſein ließ, ſie alle durchzublättern, wobei er erlernte, was ein unklarer aber nüch⸗ terner Kopf aus Romanen erlernen kann. Ehe er noch am letzten tauſend war, hatte er eine Art Kommiſſionsbureau errichtet und ſich mit einem artigen Blumenmädchen— worunter aber dießmal eine junge Verfertigerin künſtlicher Blumen zu verſtehen iſt— verheiratet. Nach⸗ dem die Bücher anderweit untergebracht waren, gab Herr Lorenz Konrad die Leihbibliothek auf, empfahl ſich, da er eine vorzügliche Hand⸗ ſchrift ſchrieb, als Kalligraph, beſorgte einigen Gewerbsleuten, deren Thätigkeit die Ansdeh⸗ nung erworbener Kenntniſſe überſtieg, Bücher und Briefe, und verſtieg ſich in einer glücklichen Zeit, wo das Verlangen nach Preßfreiheit und ſtändiſcher Vertretung dasjenige nach jedem Le⸗ bensglück zu überwiegen ſchien, bis zum popu⸗ lären Schriftſteller, kolportirte erſt die Brochu⸗ ren anderer, dann ſeine eignen, zuletzt ein Nach⸗ 41* ———— 324 drucksblättchen, das lokaler Gehäßigkeit einen biedermänniſchen Anſtrich verlieh und ſich eben darum eines ausgebreiteten Leſerkreiſes erfreute. Wie der große Umſchwung in Welt und Welt⸗ anſchauung eintrat, erwies ſich auch Herr Lo⸗ renz Konrad als tüchtig, verachtete die Fe⸗ der, legte ein kleines Kohlengeſchäft an und trieb ſich im Lande als Agent verſchiedener Verſiche⸗ rungen herum. Dabei beobachtete er genau jede Möglichkeit, die ihm noch zur Auffindung des Steins der Weiſen verhelfen könnte, worunter er eine günſtige Wendung verſtand, die ihn zum großen Geſchäftsmann umwandeln ſollte. Eine gute Gelegenheit ſchien ſich in der Erwerbbegier und dem plötzlich erwachten Spekulationsgeiſt des jungen Richard Steinburg zu eröff⸗ nen. Herr Lorenz Konrad beſchloß ſich dem⸗ ſelben mit jedem Mittel unentbehrlich zu machen. Er wollte in dieſem Hauſe heimiſch werden, un⸗ bekümmert der jungen Frau, trotz der jungen Frau. So ſehr war Herr Konrad noch nicht in’s praktiſche Leben übergegangen, daß ihm nicht aus älterer Zeit und anderer Karriere die Ge⸗ reiztheit eines Parvenu's und die Rachſucht eines Winkelliteraten geblieben wäre. Er fühlte eine geheime Schadenfreude bei dem Gedanken, daß ihr das geſchäftige Treiben ihres jungen Gatten nicht minder zuwider ſei, als ſeine eigene Perſönlichkeit und ſein Auftreten. Er glaubte, den Tag zu erleben, der ihm Genugthuung für Blankass beleidigendes Verlaſſen des Tiſches gewährte. Mehr indeß, als durch die Erbitterung Herrn Konrad's hatte Blanka durch das Zürnen ihres Gatten zu leiden, der nach Been⸗ digung des Mahles einen Augenblick auf ihrem Zimmer erſchien und ihr Verhalten als eine ernſte Verletzung der Schicklichkeitsgeſetze dar⸗ ſtellte, ihre Klagen über den rohen, ungebilde⸗ ten Gaſt leichthin behandelte und wieder zu einer verſtändigeren Auffaſſung des Lebens an⸗ mahnte. Gleichſam um die Härte ſeiner Aus⸗ ſprüche zu mildern, gab er— wenn auch immer noch unmuthig— ſeine Einwilligung, daß Blanka das Haus des Bergraths Halden am Nachmittag beſuche. Es wurde verabredet, Richard ſollte am Abend, wenn die Geſchäf⸗ tigkeit im Steinbruch und Komptoir zu Ende gehe, gleichfalls dort erſcheinen. Und ſo trenn⸗ ten ſie ſich etwas freundlicher denn am Morgen, aber Beide waren wieder einen Schritt ferner vom innigſten Zuſammengehen. Wer den Bergrücken, an den ſich das Be⸗ ſitzhum Richard Steinburgs und ſeiner ten, daß ein bedeutender Bergbau hier betrieben werde. Hart am Pfade, der vorher aufwärts zur Anhöhe, zum Beſitzthum Steinburgs führte, zog ſich ein Streifen klaren Waſſers durch das Thal, dem die Patrioten des nächſten Städt⸗ chens den Namen des„Sallwitzer⸗Sees“ verlie⸗ hen hatten, der aber nichts mehr und nichts weniger als ein großer Teich war. An Anmuth freilich konnten ſeine Ufer mit denen manches Sees wetteifern, im Hintergrund hob ſich ein ſchmaler dunkler Wald gar köſtlich ab, der ſich zur bewachſenen Höhe emporzog, und gegen den Rand hin in Weiden⸗ und Erlengebüſch aus⸗ lief. Einzelne Einſchnitte des Waſſers zeigten ſich mit kräftigem grünen Schilf bewachſen, ſonſt war es klar, tief— ja wie es ſcheinen mochte, unergründlich. Auf der rechten Uferſeite zwiſchen dem See und einer Wieſe, an der die Straße hinlief, ſtand eine Art Landhaus. Daſſelbe war urſprünglich nichts geweſen, als ein ſtädtiſch gebautes Häuschen mit drei Zimmern im Erd⸗ geſchoß und drei Zimmern darüber. Aber der gegenwärtige Bewohner, Bergrath Halden, hatte an das Erdgeſchoß einen geräumigen Gartenſalon anbauen laſſen und an der Seite des Sees eine Gallerie, einen großen breiten Balkon, der mit den tragenden Säulen gleich⸗ ſam im Waſſer ruhte, errichtet. Unter dem Balkon lag eine kleine einladende Gondel halb am Ufer halb im Waſſer. Die axchitektoniſchen Unregelmäßigkeiten des alten Hauſes wie der Anbauten wurden durch üppiges und dichtge⸗ ſetzes Grün, Wein, Eppich, Wildwein und Waſ⸗ ſerſchlingpflanzen an jeder Wand anmuthig verborgen. Zum liebenswürdigen, intereſſirenden Ein⸗ druck, den das Haus am See und der buſch⸗ und ſchattenreiche obwohl kleine Garten um daſſelbe hervorriefen, ſtimmte auch der, den ſeine Bewoh⸗ ner, der Bergrath Halden und ſeine Frau, erregten. Jetzt ſaßen beide unter der ungekünſtel⸗ ten Laube, die von den in einandergeſchränkten Kronen zweier alten Kaſtanienbäume gebildet wurde. Der Bergrath mochte leicht einige vierzig Jahre zählen, eine ſchlanke kräftige noch immer elaſtiſche Geſtalt, ein ovales Heſicht, gebräunt, leiſe gefurcht mit tiefliegenden Augen, einer kleinen Stirn, ein Geſicht, in dem großer, vielleicht zu ſtrenger Ernſt und doch wieder ein Ausdruck von Milde feſſelnd waren. Und auch die Bergräthin, deren Jugendblüthe abgeſtreift war— die Reſte ließen errathen wie friſch, wie duftig die Blüthe geweſen ſein mochte— hatte etwas vom Ausdruck ihres Gatten, einige Linien um Mund, Auge und Stirn waren weicher geblieben, ihre Augen jungen Frau lehnte, hinabſteigt, gelangt in ein ſchienen noch eines ſelig träumenden Blickes weiteres Thal, das ſich parallel mit demjenigen fähig, wo von denen des Bergraths nur ein des Fluſſes zieht, aber Raum für Gehege, für inniger erwartet werden konnte. üppige Felder, einige Ortſchaften und etwas Halden und ſeine Frau bildeten in der weniger beſtimmtes Gepräge wie das Flußthal ernſten, ja man hätte meinen können, reſignirten hat. Nur da, wo es ſich gleichfalls wieder veren⸗ Weiſe ihres Zuſammenlebens einen wunderba⸗ gert und ein Thor nach dem höheren Gebirge ren Gegenſatz zu dem jungen Ehepaar, dem ſie ſcheint, liegen Gebäude und Hütten, die andeu⸗ geſtern ihren Beſuch gemacht. Sie waren erſt ſeit wenigen Jahren verheiratet und die Ge⸗ ſchichte ihres Lebens erklärte das Daſein, was ſie jetzt führten. Es war nun zwanzig Jahr und drüber, ſeit ſich der junge Halden und Fräu⸗ lein Helene Wagner in einigen guten Cir⸗ keln der Reſidenz trafen. Er war damals ein talentvoller junger Juriſt, der ſich der perſön⸗ lichen Protektion eines Geheimraths erfreute, überdies ein liebenswürdiger Geſellſchafter, ein Gentleman, der nie durchblicken ließ, wie ſchwer es ſei, von gelegentlichen Diäten und Artikeln ins juriſtiſche Wochenblatt immer mit untadel⸗ haften Glackhandſchuhen zu erſcheinen. Sie galt als die talentvollſte Schülerin der Muſik⸗ akademie, ſie ſpielte Beethoven und Chopin in jeder guten Soirée. Der junge Protokollant mit den ernſten ſchwarzen Augen ſuchte bald erſichtlich die ſchöne blondlockige Pianiſtin. In den Augen der Welt hatten beide nichts mit einander gemein, als daß ſie arm waren, um ſo ärmer, in je anſpruchsvolleren Kreiſen beide ihr Glück zu ſuchen hatten. Sie waren aber dennoch der Meinung, daß ihnen eine gleiche Stimmung des Gemüthes, eine gleiche menſch⸗ liche Wärme, ein herzliches Gefühl, eine große Achtung je für das Andere gemeinſam wären. So liebten ſie ſich mit aller Gluth und Innig⸗ keit enthuſiaſtiſcher Naturen, mit allen Traum⸗ bildern ſtillen Glücks. Aber ſie wurden früh emporgeſchreckt. Sie ſahen mit wenig Blicken alle Unmöglichkeiten ihrer Lage. Franz Halden verlor die Gunſt ſeines töchterreichen Geheimraths, als derſelbe von dem Verhältniß mit der Muſikſchülerin Kunde erhielt. Er hatte eine Stellung im Miniſterium verhofft und man ſendete ihn in untergeordnete Stellung nach einem Landſtädtchen. Helene aber ſtand am Schluſſe ihrer muſikaliſchen Ausbildung und hatte Stunden zu ertheilen Tag um Tag, Woche um Woche. Da trat an einem nebligen Sonntagmorgen— den Tag vor ſeiner Abrei⸗ ſe— der Geliebte in ihr Zimmer. Unter ſtrömenden Thränen des Mädchens ſagte er: „Wenn wir jetzt die heißen Wünſche, die in uns leben, verwirklichen wollten, klagten wir in weniger Zeit vermuthlich uns bitter an. Wozu jenes unſelige Zwitterleben, in dem kein Frieden, kein Behagen, kein Genügen iſt, in dem ſelbſt die echteſte Liebe gefährdet wird, führen, jenes Zwitterleben des Anſpruchs und des Mangels? Wozuvielleicht Dritte eine Stufe tiefer hinabdrücken, als wir ſelbſt ſtehen? Du ſagſt, daß wir warten wollen, ich will es. Aber laß uns auch hier edel handeln und nicht die Zahl der harrenden Brautpaare vermehren.— Sei ſtark, liebes Mädchen, und vertraue auf mich, aber rechne anf meine Zuſtimmung, wenn ein Jemand, der Deiner werth iſt, ſich eher im Stande fühlt, ſein Haus mit Dir zu ſchmücken und zu feſtigen.“ Nicht gerade ſo klar und verſtändig, ſo kurz und kühl klangen Haldens Worte an jenem Sonntag, aber ihr Sinn war es. Dann vergingen Jahr um Jahr, Halden erſtieg ſtudirend, jeden Platz ausfüllend, eifrig und ſtrebſam Staffel um Staffel. Helene Wagner ertheilte indeſſen noch immer Mu⸗ ſikſtunden in der Reſidenz und die Menge wähnte, das allein mache ſie ernſter, zurückge⸗ zogener, als ein ſo ſchönes, vielgefeiertes und vielumworbenes Mädchen zu ſein pflege. Sie wußten nichts von den Briefen, die monatlich zwiſchen den Liebenden gewechſelt wurden. Ge⸗ treu der Entſagung waren das keine Liebes⸗ briefe; Franz Halden vermied ſogar das beglückende Du, das ihm Helene gewährte, in denſelben. Jährlich einmal im Jahre ſahen ſie ſich, die ſeltſamen Menſchen— denn natür⸗ lich galten ſie bald für ſeltſam— nu⸗ einem Jahre nicht. Damals warb ein hochſtehender und reicher junger Mann um die Hand der liebenswürdigen Künſtlerin. Es war nicht die erſte Werbung dieſer Art, es war aber die ein⸗ zige, woHelene ſchwankend wurde. Der ferne Freund drängte ſie das Glück zu ergreifen; wer weiß, was geſchehen wäre, hätte Helene nicht in Erfahrung gebracht, daß die Familie des Bewerbers ſie nicht freundlich willkommen hei⸗ ßen würde. So ging auch das vorüber, die heißen Triebe und die ungeftümen Wünſche der Jugend verflogen, ein Jahr nach dem andern verſchwand. Beinahe waren es fünfzehn ſeit der Tren⸗ nung, als Franz Halden zum Bergrath ernannt wurde, als Helensulagner ein kleines Vermögen erworben, mit ihrem Talent und Fleiß mühſam genug erworben hatte. Und jetzt fielen alle jene Schranken, welche das Paar über ein Jahrzehnt zwiſchen ſich aufgerichtet, beide beſchloſſen ſich ferner ſo innig anzugehö⸗ ren, wie ſie es in den Blüthetagen gewünſcht hatten. Die Welt lächelte zu der Heirat, na⸗ türlich: denn die Nüchternen fanden es lächer⸗ lich, daß Bergrath Halden eine ſchon geal⸗ terte Muſiklehrerin heimführe, die Romanti⸗ ſchen beklagenswerth, daß dies Folge freien Entſchluſſes und nicht eines treugehaltenen Verlöbniſſes, einer Feſſel ſei, und die Herzloſen oder Leichtſinnigen fanden es unverantwortlich proſaiſch, wie das Paar gehandelt hatte. Hal⸗ den aber vertrat mit männlicher Entſchieden⸗ heit die Anſicht, daß, wenn in den Tagen der eiſernen Nothwendigkeit, des äußern Zwanges, Herz und tiefere Beziehungen ihr Recht über die Menſchenſeele behaupten ſollten, ihnen in tauſend Fällen die Reſignation zu Hilfe kom⸗ men müſſe.. Zu ſpät war das Glück gekommen, zu ſehr von beiden Theilen als letztes und einziges erſehnt worden, als daß es täuſchend geweſen ſein könnte. In den erſten Jahren mochten die Vereinten einen Hauch des Kummers empfin⸗ den, daß ihre ſpäte Ehe nicht mit Kindern geſegnet wurde, aber mit heiterem Ernſt ſtri⸗ chen ſie auch das Bild eines ſolchen aus ihren Träumen und jetzt, beim Himmel, waren ſie glücklich, glücklicher als der kühle Verſtand und die heiße Leidenſchaft, die gleichmäßig auf ſie herablächelten, wähnen mochten. Glücklicher ſicher, als die junge Frau, die, eben von einer prächtig leichten und eleganten Equipage hergeführt, vor dem Gartenthore ab⸗ ſtieg. Die Bergräthin eilte ihr mit dem Aus⸗ rufe„Blanka“ entgegen, auch der Bergrath erhob ſich, einen prüfenden Blick auf ſeinen Hausrock werfend, inſofern er nichts von der Toiletten⸗Negligence gegen Damen hielt. Im Gehen nach der Kaſtanienlaube nahm Blanka das leichte runde Hütchen ab, das ſie auf die vollen ſchwarzen Flechten ihres Haares ge⸗ drückt hatte. Der Kopf, welcher die etwas kleine aber reizende Geſtalt zierte, war voll⸗ kommen ebenmäßig, eine ſchöne Stirn, Augen, die trotz des Kummers munter und lebens⸗ friſch blickten, unverblaßte Farben, überall Jugendfülle, kurz, wenn zwei ſo individuelle Geſtalten, ſo erſichtliche Eigenthümlichkeiten allgemeinen Eindruck machen konnten, ſo re⸗ präſentirte Blanka neben der Bergräthin das Bild des Genuſſes, wie dieſe die Reſignation. Aber wie oft fühlt ſich das eine dem an⸗ dern gegenüber gedrückt und beengt. Blanka, obwohl ſie bisher nie ſehr reflektirt hatte, er⸗ wog innerlich, ob es auch recht ſei, mit dem Leid ihres heutigen Tages herauszutreten. Der Bergrath, wenngleich ſie ihn ſchnell hoch⸗ ſchätzen gelernt, war ihr doch fremd. Sie be⸗ ſchloß von gleichgiltigen Dingen zu ſprechen, und den Moment abzuwarten, wo ſie ihrer Freundin, ihrer Lehrerin, allein das peinigende Begebniß mit Herrn Lorenz Konrad mit⸗ theilen könne. Aber junges Eheweh ſcheint ſchwerer allein zu tragen, denn anderes. Im Verlauf der Un⸗ terhaltung vermochte Blanka doch nicht, als verſchiedene Perſönlichkeiten des Thals und der Ortſchaften am Strome erwähnt wurden, den Namen Lorenz Konrad zu verſchweigen. Der Bergrath ſagte kurz:„Das iſt ein Emporkömmling im ſchlimmſten Sinne des Wortes, ein Menſch, der ſich nicht aufgear⸗ beitet, ſondern in die Höhe geſchwatzt hat. Eben darum iſt es leicht möglich, daß er wie⸗ der tiefer ſinkt, als er je geſtanden. Ich min⸗ deſtens würde mich hüten, irgend etwas mit ihm gemein zu haben.“ Jetzt konnte Blanka nicht ſchweigen. Unbefangen, wie ſie war, ſagte ſie mit einigem Feuer:„Sie ſollten Ihre Anſicht meinem Ri⸗ chard ausſprechen. Er hat ſich leider von dieſem Manne in einigen Geſchäftsangelegen⸗ heiten beeinfluſſen laſſen—“ Noch einmal hielt Blanka ein wenig inne. Der Bergrath kam in ſichtliche Verle⸗ genheit, ſeine Gattin dagegen wurde ſo ſehr vom Intereſſe, welches ſie am erſichtlichen Kummer Blankas nahm, überwältigt, daß ihr Gefühl und der feine Takt Angelegenheiten Anderer gegenüber in Widerſtreit geriethen. Sie ſprach einige begütigende anſtatt einiger gleichgilligen Worte und nun war auch die Kunſt des Bergraths verloren. Blanka er⸗ zählte Alles, die Vorſätze Richards vor der Heirat, ſich mit dem mäßigen Gewinn einiger Geſchäfte zu begnügen, das Glück, welches ſie 325 in Folge deſſen genoſſen habe; ſie erzählte, wie Richard ungeduldigen unfreundlicher, lau⸗ nenhafter, minder edeldenkend geworden ſei, ſeit er ſeinem Vorſatz der Beſchränkung untreu⸗ geworden. Jetzt ſuche ihn, ſo viel ſie verſtehen könne, Herr Lorenz Konrad zu einer neuen Bergwerksunternehmung auf der Kaiſerfeldern zu veranlaſſen. Es war unglücklich, daß mit dieſer Aeuße⸗ rung der jungen Frau das Intereſſe des Fach⸗ manns erregt wurde. Er lächelte über die Thor⸗ heit einer Bergwerksunternehmung auf Revie⸗ ren, die erngenau kannte, und beſchloß ohne weiters den Ae Kaufmann, ſobald er Ge⸗ legenheit dazu habe, vor einer derartigen Un⸗ ternehmung zu warnen. Der Bergrath bedachte in dem Augenblicke wirklich nicht, daß er nur durch eine Indiskretion der gekränkten jungen Frau Kenntniß von der ganzen Angelegenheit habe. Es erſchien ihm einfach als Pflicht, einen Unerfahrnen und jedenfalls durch falſche Be⸗ richte Getäuſchten zu warnen. Blanka ſah in guter Stimmung dem Abend entgegen. Ihre Seele wurde von dop⸗ pelten Empfindungen und Erwartungen durch⸗ zogen. Wie oft hatte ſie als Mädchen die ruhe⸗ loſe, ewig wechſelnde Exiſtenz ihrer Muſiklehre⸗ rin beklagt. Jetzt ſaß dieſelbe neben ihr, fried⸗ lich im eigenen Beſitzthum, ſie bereitete auf der blitzenden Maſchine ſo ruhig den Thee, als verwalte ſie dieſe Pflicht ſeit einem Jahr⸗ zehnt und habe in keiner Geſellſchaft müßig plaudernd oder den Flügel ſpielend geſeſſen. Zu der Befriedigung, die Blankas Theil⸗ nahme hieran fand, geſellte ſich das geheime Entzücken, in dieſen Thälern endlich eine Stätte gefunden zu haben, wo gleiche Auffaſſung des Lebens wie in ihrem eigenen Hauſe giltig war, wo ſie ſich freier gehen laſſen durfte. Kein Zweifel: Richard würde ſich bei näherer Be⸗ kanntſchaft mit dem Bergrath leicht verſtändi⸗ gen, würde am Umgange mit demſelben Beha⸗ gen finden und ſo von ſelbſt ſeinem urſprüng⸗ lichen Weſen wieder getreu werden. Das junge Weib, das wenig erlebt hatte, als ihre Jugend⸗ freude, ihre Liebe, ihr erſtes Eheglück, hatte keine Ahnung von dem Wachſen der Sandkör⸗ ner, der Macht einzelner Augenblicke im Leben. Sie konnte nicht klar überſehen, daß ſie mit dem Geſpräch von vorhin einer Unvorſichtigkeit ſchuldig geworden war, und ſelbſt wenn ſie dieß überſehen hätte, was hätte ihr Furcht einflö⸗ ßen können, daß ſich daran eine Kette von Leid und Weh, von Zerſtörung jedes Friedens und jedes Beſitzes reihen könne? Richard Steinburg kam wirklich gegen Abend und in beſſerer Stimmung, als er am ganzen Tage war. Er war während des Nach⸗ mittags in Begleitung von Lorenz Konrad auf den vielerwähnten Kaiſerfeldern geweſen, die ſich hinter ſeinem Steinbruch ausbreiteten. Die zudringliche Geſchwätzigkeit des Agenten erregte ihm Unbehagen, der widrige unreine Dunſt um die Perſönlichkeit Widerwillen. Er ſchalt ſeine junge Frau noch immer thöricht 326 ſentimental, aber er gab ſich zu, unliebens⸗ würdig geweſen zu ſeim Und ſo beantwortete er die Grüße ſeiner Frau und des gaſtfreund⸗ lichen Paares ſehr heiter, als er in das Gar⸗ tenthor trat. Er ließ ſich ruhig am Theetiſch nieder und ſprach mit aufrichtiger Anerkennung über die Eitachheit und Zweckmäßigkeit aller Anordnungen, die der Bergrath zur Verſchöne⸗ rung ſeines Beſitzthums getroffen hatte. Mehr als eine halbe Stunde verging, Blanka war glücklich, als ein unglücklicher Zufall das Ge⸗ ſpräch nach dem hedrohlichen Punkte lenkte. „Sie waren auf ven Kaiſ ern?“ frug der Bergrath.„Ich höre, m t Ihnen für dort die Errichtung eines Köhlenbergwerkes proponirt. Nun Sie werden ſich ſelbſt überzeugt haben, daß daran nicht zu denken iſt.“ Richard war zwiefach empört. Sein Weib machte den fremden Beamten zum Vertrauten ſeiner Geſchäftsangelegenheiten, und— wer weiß, ihres Mißvergnügens über dieſelben. Und der Beamte ließ mit unerhörter Anma⸗ ßung ein Dictum von Unmkglichkeit fallen, wahrſcheinlich, um ſich bei einer reizenden jungen Frau in Gunſt zu ſetzen. So faßte Richard die Sache auf, die ihm in anderer Zeit jedenfalls als eine einfache, leicht auszu⸗ gleichende Taktloſigkeit ſeiner Blanka erſchie⸗ nen wäre. Er verſetzte gereizt: „Ich ſehe ein, daß es unvortheilhaft iſt, Geſchäftsangelegenheiten am Famillientiſch zu verhandeln. Die Kaiſerfelder muß ich erſt ſorgfältig prüfen laſſen, ehe ich Ihrem Urtheil beitreten kann. Uebrigens ſteht Ihnen eine Au⸗ torität, Profeſſor Xaver, entgegen.“ „Profeſſor Xaver ſchlägt mich nicht aus dem Felde, das iſt ein Charlatan,“ bemerkte Halden. „Mit dem Worte iſt die offizielle Wiſſen⸗ ſchaft ſehr freigebig gegen Aerzte und Natur⸗ forſcher, die es wagen, eine neue Bahn zu gehen.“ „Gewiß,“ pflichtete Halden bei,„es iſt höchſt beklagenswerth, daß vorurtheilsvolle Leute ſich wichtigen Neuerungen prüfungslos eatgegen ſtellten, hauptſächlich beklagenswerth, weil ſich jede Charlatanerie darauf beruft. Aber, weil einmal die franzöſiſche Akademie das Dampfſchiff für unmöglich erklärte, iſt nicht jedem Projektmacher, der wahren Wiſſenſchaft gegenüber, zu trauen.“ Richard kam in immer bitterere Stim⸗ mung hinein. Seiner friſchen Seele war jede offizielle Autorität am unrechten Orte zuwider, er glaubte hier ſein freies Urtheil von Regie⸗ rungs⸗ und Profeſſorenwillkür beeinträchtigt. Es iſt ein Unglück lebhafter Naturen, in Be⸗ gebniſſe und Aeußerungen mehr hinein zu tra⸗ gen, als in ihnen liegt. Von jetzt ab war der Frieden des Abends verloren, die Frauen, beide durch das Be⸗ wußtſein gedrückt, dieß mit verſchuldet zu ha⸗ ben, vermochten ihn nicht wieder herzuſtellen. Als höflicher Wirth verſuchte der Bergrath noch einmal das Geſpräch aufzunehmen, und Richard beſaß zu gute Bildung, um nicht darauf einzugehen. Aber eine Behaglichkeit, ein bereitwilliges Sichgehenlaſſen war nicht zu erreichen. Eine Einladung zum Abendeſſen lehnte Richard, der gegen die Bergräthin peinlich höflich war, ab, und brach auf, als die letzten rothen Streifen in das blinkende Waſſer vor ihnen ſanken. Es war ein köſtlicher Septemberabend. Die Luft, beſonders in der Nähe des Waſſers, wehte freilich kühl, beinahe kalt, aber dafür erſchien der Himmel klar, durchſichtig; um den Wald breiteten ſich, von den Wieſen aufſtei⸗ gend, die erſten Herbſtnebel, die wunderbare Schleier um Stämme und Strauchwerk bil⸗ deten und vor dem Näherkommenden zurück⸗ wichen wie eine Fata Morgana. Oefter war Blanka am Arme ihres Gatten dieſen Weg gegangen, in ſolchem bangen Schweigen nie. Erſt als ſie den Punkt der Straße exreichten, wo dieſelbe höher zu ſteigen beginnt und von wo ein Seitenweg in das zum eigenen Be⸗ ſitzthum gehörige Gehölz führt, ſprach Ri⸗ chard ſcharf und herb— er fühlte wie ſie zitterte, und doch ſprach er ſcharf und herb!— ſeine junge Frau an: „Ich hätte gedacht, wenn Dir mein Be⸗ nehmen Anlaß zur Unzufriedenheit gibt, daß Du Dich eher Deiner Mutter, als Herrn Berg⸗ rath Halden und Deiner ehemaligen Muſik⸗ lehrerin anvertrauen würdeſt. Du weißt, daß ich die Erörterungen nicht liebe, aber ich finde Dein Benehmen und den Verkehr mit Berg⸗ raths überhaupt unpaſſend. Wenn es zu ver⸗ meiden iſt, werden ſie weder unſer Haus noch wir das ihre betreten.“ Blanka war unfähig zu antworten. Richard, der nun erſt entſchloſſen ſchien, ſich in den Zorn hineinzureden, fuhr immer fort: „Dieſer Bergrath iſt einer von den Leu⸗ ten, die ſich ſelbſt die Markſteine ihres Lebens geſetzt haben, und dasſelbe von allen andern begehren. Es iſt der Beamtenneid gegen die Kaufleute, der ihm eingab, ſeine Urtheile ſo vorlaut abzugeben. Sie mögen's nicht, daß Einer ſich regt, und etwas vor ſich bringt.“ Blanka unterſchied nichts mehr, was ihr Gatte ſagte. Die muntern entſchloſſenen Au⸗ gen waren thränenſchwer, ſie blieb einen Au⸗ genblick, wie um auszuathmen, am Wege ſte⸗ hen. Ihr Auge ſah die Anhöhe hinab, es war das erſte Mal in ihrem Daſein, daß ſie mit größerer Sehnſucht nach einem fremden, als nach ihrem eigenen Hauſe ſchaute. Und noch etwas erſchreckte ſie, als ſie in ſpäter Abendſtunde einſam den böſen Tag überdachte. Das erſte Mal ſeit ihrer Verhei⸗ ratung war Richard am Abend nicht in ihr Zimmer gekommen. Aber das konnte ſie nur bekümmern, das Erſchrecken kam ihr erſt bei dem Gedanken, daß es in ſolcher Stimmung das beſte ſei, wenn Richard in ſeinem Zim⸗ mer und für ſich bleibe. Blanka fand in den nächſten Tagen und Wochen viel Gelegenheit, an einen Freund ihres Elternhauſes zu denken. Es war ein alter Militär, einſt vermuthlich ein jovialer Herr, aber durch die Zeitläufte, Familienun⸗ glück, trübe Erfahrungen an Verwandten und Freunden erbittert. Er pflegte mit einer Art verächtlichen Mitleids auf alle ihn umgebende Jugend herabzuſehen, zuckte die Achſeln und beklagte nicht, wie andere alte Herren, den Verfall friſcher Jugendfröhlichkeit, ſondern die Zeit, das zehnt, welches kein glückliches Daſein, een feſten Halt mehr geſtatten wolle. Blanka, wie ſie ein Mädchen von ſieb⸗ zehn Jahren war, zählte zu den wenigen Lieblingen des Majors von Reiter. Aber ſelbſt ſie hatte einzelne Ausbrüche ſeiner üblen Laune zu ertragen, und ſo oft ſie ihm mit jugendlichem Feuer zu beweiſen ſtrebte, daß es ſelbſt in dieſer Zeit möglich ſei, ein friede⸗ volles, reines und glückliches Daſein zu füh⸗ ren, wenn man nur den Willen habe, hörte er kopfſchüttelnd zu und ſagte: „Der Wille hilft nicht mehr! Ja wohl, auf einige Jahre. Länger hält kein Menſchen⸗ glück in dieſer unſeligen Zeit.“ Daran dachte die junge Frau jetzt. Hatte der Major nicht Recht gehabt? Gab es ein Sein, das Dauer verhieß, das ebenſo auf die ſicherſte Grundlage des Verſtandes gebaut war, als auf die des Herzens, wenn das ihrige nicht ein ſolches war? Und doch, welcher Dämon hatte Richards ruhigen kla⸗ ren Sinn verwirrt, hatte ihn ſeit jenem un⸗ ſeligen Abend in der Villa des Bergraths Halden raſtlos umhergetrieben in ſeinem Hauſe, in der Nachbarſchaft, auf größere und kleinere Reiſen. Der Major hatte doch Recht, es hält kein Menſchenglück in dieſer unſeligen Zeit! Auch lag in der That etwas Räthſelhaftes in dem erwachten Spekulationsfieber Richard Steinburgs. Er war kein Kaufmann, der in der Beſchränkung eines kleinen Geſchäftes emporgewachſen, dem flackernden Lichte des Börſenſpiels, der Fabriksunternehmungen, des Aktiengetriebes zuflattert. Er hatte das Alles kennen und ſelbſtändig ſcharf und nüchtern be⸗ urtheilen lernen. Es war eben ſo ſehr klare Einſicht in die Dinge, als die Frucht einer edleren Lebensrichtung geweſen, die ihn in den erſten Jahren ſeiner geſchäftlichen Selbſtändig⸗ keit davon zurückgehalten hatte.. Aber die Beſchränkung, die er ſich aufer⸗ legte, war nicht weiſe und maßvoll. Der Kreis, den er ſich zog, vermochte weder ſeiner Arbeits⸗ kraft, noch dem natürlichen Wunſche nach Be⸗ reicherung zu genügen. So breitete er ſeine Ge⸗ ſchäfte aus,— wieder nicht ruhig und maßvoll, ſondern mit einer gewiſſen leidenſchaftlichen Haſt, die ihn unfähig machte, der liebenswür⸗ dige Geſellſchafter, der zärtliche Gatte, welcher er geweſen, immer zu ſein. Hatte er früher den Gewinn unterſchätzt, ſo begann er ihn jetzt zu — überſchätzen. Aber nichts war geſchehen, wobei nicht leicht einzulenken war, bis zu dem geſchil⸗ derten Abend. Jetzt erſt erſchien ihm— der Weiberthor⸗ heit und'der Anmaßung des Bergraths Hal⸗ den zum Trotz!— Herr Lorenz Konrad, der„Agent“ beachtenswerth. Er beſiegte ſeinen natürlichen Widerwillen ſo weit, denſelben mit Vertraulichkeit, mit einer Art von Achtung zu behandeln. Lorenz Konrad verrdiente ſich dieſe durch eine unabläſſige Bewunderung der praktiſchen Eigenſchaften Steinburgs, ſeines großen Blickes für das Leben, und durch eine unausgeſetzte Reue über ſeinen früheren Idealismus. Wenn Konrad ſeine Redensart: „Hätte ich, ſtatt einen Verein zur Bildung ſtrebſamer Handwerker in's Leben zu rufen, an eine kleine Aktienkompagnie gedacht,“ immer und immer wiederholte, ſo empfand dieß Ri⸗ chard wie eine Mahnung. Auch er war thöricht geweſen, romantiſch, hatte Schäume und Träume gehegt. Aber noch war es Zeit. Herr Profeſſor Xaver erſchien als Gaſt in dem reizenden Haus am Strome und ſtellte geognoſtiſche Unterſuchungen mit den Kaiſerfeldern an, Lorenz Konrad ritt bei den Gemeinden umher, und ſuchte dieſelben für den Verkauf des Weidelandes, aus welchem die Kaiſerfelder beſtanden, zu hinnen. Die Koſten ſchienen hoch zu ſteigen, denn das Ge⸗ rücht, dieſe Felder enthielten unermeßliche Kohlenſchätze, hatte ſich bei den Landbeſitzern umher verbreitet, und die Beamten der könig⸗ lichen Bergwerke im Nebenthal mochten ſpre⸗ chen, was ſie wollten, es blieb ſoweit wirkſam, daß hohe Preiſe für die wenig werthvollen Grundſtücke gefordert wurden. Und während Richard ſo einem ſehr un⸗ —gewiſſen Gewinne nachjagte— Warnungen kamen ihm von vielen Seiten, in ſeinem Trotze wußte er ſich dieſelben ſtets in eine Verbindung mit Bergrath Halden zu bringen,— war er im Begriff ſein beſtes Gut, das Herz, das Ver⸗ trauen ſeines Weibes zu verlieren. Denn unter aller Geſchäftigkeit verließen ihn die letzten Rückſichten gegen ſie, rauher Tadel, kurze Worte, Gleichgiltigkeit, wurden durch wenige beſſere, liebevollere Momente ſelten unter⸗ brochen. In ihnen faßte Blanka den Entſchluß, Richard entgegen zu kommen. Sie glaubte kein Recht zu haben, ihm ferner über ſeine Ge⸗ ſchäfte zu ſprechen, ſie hoffte ſeine wankende Neigung durch Beweiſe ihrer Unterordnung zu ſtützen. So gewann ſie es allmälig über ſich, den Agenten Richards zuvorkommender zu behandeln, in ſeiner Gegenwart zu ſein, ſeine rohen Tiſchgeſpräche zu ertragen. Herr Lo⸗ renz Konrad bemerkte die eingetretene Ver⸗ änderung ſehr bald und lächelte grimmig in ſich hinein, wenn er an Veränderung dachte, die noch bevorſtanden. (Schluß folgt.) ——.:— Schickſale eines Deutſchen in London. Nach wirklichen Begebenheiten erzählt. Von Ludwig Geißler. 1. Es war an einem ſchönen Herbſtmorgen, als das Hamburg⸗Londoner Dampſſchiff„Light⸗ ning“ die Themſe heraufrauſchte. Die Paſſa⸗ giere hatten ſich auf das Verdeck begeben und betrachteten die maleriſche Abwechslung der Ufer. Am Bugſpriet ſtand ein junger, etwa 25jäh⸗ riger Mann, ein Deutſcher, Namens Friedrich Wornaſt. Er gehörte dem Kaufmannsſtande an und beabſichtigte, mit ſeinen beſcheidenen Erſparniſſen von dreihundert Gulden in Lon⸗ don ſein Glück zu verſuchen. An dem palaſtartigen Greenwich⸗Hoſpital vorüber, vorbei an dem ſich drohend erheben⸗ den Tower, durch einen Wald von Schiffen hindurch rauſcht der Dampfer auf London Bridge zu. Jetzt tönt die Glocke, das Schiff hält und Alles beeilt ſich, ſein Gepäck in Si⸗ cherheit zu bringen. Von der Menge fortge⸗ ſchoben, ſieht ſich endlich Wornaſt allein mit ſeinem Gepäck in einer Straße und beſinnt ſich, was jetzt zu thun. Da man ihm angerathen hatte, anfangs im„Deutſchen Haus“ bei Schärtner zu logiren, wo er mit lauter Deutſchen zuſammen⸗ kommen würde, ſo zeigte er die Adreßkarte einem Vorübergehenden und fragte in ſehr ge⸗ brochenem Engliſch nach dem Wege.„l do'nt know“(ich weiß nicht), ſchnurrte ihn dieſer an und eilte weiter. Entmuthigt blickte der verlaſſene Deutſche umher; da trat ein Herr auf ihn zu, ſehr elegant gekleidet, mit ſchwar⸗ zem Schnurrbart und unheimlich blinzelnden Augen.„Kommen Sie mit mir, ich will ſchon für Sie ſorgen,“ redete er ihn an, und mit großer Freude, einen Landsmann gefunden zu haben, ſchüttete Wornaſt ſein ganzes Herz vor ihm aus. Als der Fremde von den drei⸗ hundert Gulden hörte, lächelte er und ſagte: „Zu Schärtner gehen Sie nicht, ſonſt iſt Ihr Geld verloren, denn Sie glauben gar nicht, wie hier die Deutſchen einander beſtehlen. Kommen Sie mit mir, ich habe zwei Betten, Sie können dieſe Nacht auf meinem Zimmer ſchlafen; dann werde ich ſchon weiter für Sie ſorgen. Ich weiß eine Stelle für Sie, wo Sie ſich wöchentlich fünf Livres Sterling, das ſind fünfzig Gulden, verdienen können.“ Ganz berauſcht von ſeinem Glücke folgte der leichtgläubige Jüngling dem beredten Be⸗ trüger, der jetzt mit ihm in ein engliſches Café eintrat, zwei Frühſtücke verlangte und ſogleich fragte, ob ſie ein Zimmer mit zwei Betten haben könnten. Da ihm ſolches bejaht wurde, ließ er das Gepäck Wornaſts in dasſelbe tragen und ſetzte ſich zu Tiſche. Beſcheiden 1 327 fragte nun der gutmüthige Deutſche nach dem Namen ſeines neuen Freundes. „Ich bin der Graf Walewski aus War⸗ ſchau,“ antwortete dieſer,„und durch die poli⸗ tiſchen Verhältniſſe meines Vaterlandes von demſelben getrennt. Ich beziehe jährlich fünf⸗ hundert Pfund Sterling Renten, womit ich recht gut auskomme, man muß ſich eben in die Verhältniſſe zu ſchicken wiſſen.“ Als ſie geſpeiſt hatten, ſagte der angebliche Graf:„Wollen wir uns heute London ein we⸗ nig beſehen? Morgen iſt es noch immer Zeit, an Geſchäfte zu denken.“ Sie gingen. Walewski führte ſein Opfer durch das Labyrinth von Straßen, durchwan⸗ delte mit ihm das britiſche Muſeum, führte ihn in den Hyde⸗Park und kehrte endlich bei an⸗ brechender Dunkelheit mit ihm in das Kaffeehaus zurück. Wornaſt, ermüdet von den vielen großartigen Dingen, die er geſehen, ſo wie von dem ungewohnten ſtarken Bier, legte ſich zu Bette und ſchlief ſogleich ein. Eine Zeitlang betrachtete ihn Walewski aufmerkſam; als er ſich endlich von ſeinem tiefen Schlummer überzeugt hatte, lächelte er höhniſch, zog den Geldgurt aus dem Reiſeſacke des Schlafenden, nahm 250 Gulden heraus, und entfernte ſich dann geräuſchlos. Ruhig ſchlief Wornaſt und träumte von ſeinem großen Glücke, nicht ahnend, wie ſchänd⸗ lich er betrogen worden. 2. Der angebliche Graf Walewski war ein in Deutſchland aus dem Gefängniß entſprun⸗ gener Spitzbube, der ſich in London für einen politiſchen Flüchtling ausgab, hier als Englän⸗ der, dort als Franzoſe, wo anders als Deut⸗ ſcher oder Pole erſchien. Sein Gewerbe war Diebſtahl und Betrug. Durch die beſtändige Veränderung ſeines Wohnortes, ſo wie ſeines Namens hatte er bisher jeder gerichtlichen Un⸗ terſuchung zu entgehen gewußt und war deß⸗ halb unter ſeinen Geſinnungsgenoſſen nur un⸗ ter dem Namen„Pfiffikus“ bekannt. Mit ſeinem geraubten Gelde eilte er Whi⸗ Jener,„zehn Flaſchen Portwein! Kameraden, heut' wollen wir eine fröhliche Nacht haben.“ 328 „Gewiß haſt Du heute wieder gute Ge⸗ ſchäfte gemacht?““ fragte ein langer Mann mit hagerem Geſicht.„Allerdings, Bronig, habe ich ein paar hundert Gulden verdient,— nach dem Rechte des Stärkeren, Du ver⸗ ſtehſt mich. Aber was haſt Du zuſammen⸗ gebracht?“ „Drei Pfund, von denen wir ſchon eines vertrunken hatten, ehe Du kamſt. Ich habe ein Schreiben zuſammengeſtoppelt, worin ich als ein braver, verunglückter Familienvater geſchildert bin und die Mildthätigkeit der Rei⸗ chen angefleht wird. Darunter ſetzte ich die getreu nachgemachte Unterſchrift des Pfarrers Wallbaum und ging damit zu meinen rei⸗ chen Landsleuten. Natürlich durch die Unter⸗ ſchrift eines ſolchen Mannes brachte ich bald Geld zuſammen. Man muß eben treiben, was man kann. So großartig wie Du kann es frei⸗ lich Keiner.“ „Heda, Bronig!“ rief Einer aus der Ecke,„ich brauche zu einem gewiſſen Zwecke die Unterſchrift des Ritters von B. Hier ſind zehn Schillinge.“ Bronig ſteckte die zehn Schillinge ein, nahm das Papier, las es und lachte, und ſchrieb dann mit geübter Hand den Namen des Ge⸗ ſandten ſo täuſchend ähnlich, daß derſelbe es ſelbſt für ſeine Handſchrift hätte erkennen müſſen. „Hört, lieben Leute!“ ſagte ein kleiner, dicker Mann,„ich bin ein Neuling in London, wo bekommt man wohl am erſten etwas, wenn man bettelt?“ „Das will ich Dir ſchon ſagen,“ rief ein Anderer,„wenn Du eine Krone zum Beſten gibſt. Morgen früh um 9 Uhr gehſt Du zum Kaufmann Brügel in New⸗Road, da iſt er in ſeinem Zimmer allein mit ſeinem Gelde, Du bitteſt ihn um eine kleine Gabe. Dann wird er rufen: Pack Er ſich, Er Lump; Du bleibſt an der Thüre, die Mütze in der Hand, ſtehen, und wiederholſt Deine Bitte; dann wird er ſchreien: Police! Dieß kümmert Dich alles nichts; end⸗ lich ſchreit er: Sultan, faß! Du bitteſt von neuem; zuletzt wirft er Dir eine Krone hin und Du entfernſt Dich. Um 1 Uhr gehſt Du zum Mechanikus H. in New⸗Street. Du gibſt Dich für einen Schloſſer aus, der in W. einige Jahre arbeitete, bringſt Grüße von ſeinem Vater und Mutter mit und fragſt ihn, ob er keine Arbeit für Dich hat. Dann wirſt Du ein ausgezeich⸗ netes Mittagseſſen erhalten und darfſt Dich mit einer halben Krone oder drei Schillingen entfernen, und hier iſt ein Verzeichniß von An⸗ ₰ deren, wo Du überall als armer Hand⸗ werksburſche Sixpence oder einen Schilling erhältſt.“ „Jetzt ſchweigt!“ rief Pfiffikus,„hier iſt der Portwein, laſſet uns fröhlich ſein.“ Und ſie tranken und ſangen, und beſchwich⸗ tigten ihr Gewiſſen mit dem Spruche: Ein Jeder treibe, was er kann. 3. Als Wornaſt am andern Morgen er⸗ wachte, wartete er lange auf ſeinen vermeint⸗ lichen Freund; er wollte es anfangs nicht glau⸗ ben, daß er von ihm hintergangen worden, als er aber nach ſeinem Geldgurt ſah, konnte er die Schurkerei nicht bezweifeln. Er war an⸗ fangs der Verzweiflung nahe; endlich aber ſiegte die ruhigere Ueberlegung, und er be⸗ ſchloß Schärtner außzuſuchen und ſich Rath bei ihm zu holen. Von dem Gelde, das ihm noch geblieben war, zahlte er Zeche und Nacht⸗ quartier im Kaffeehaus und erfragte ſeinen Weg, ſo gut es ging, nach Long Aecre. Hier angekommen, wo die Wirthſchaft „zum deutſchen Haus“ ſich befindet, erzählte er ſogleich dem Wirth, einem langen Manne mit rothem Bart und gutmüthig blickenden blauen Augen, ausführlich, wie er betrogen worden. Dieſer hörte ihn aufmerkſam an, fragte ihn genau, wie der angebliche Graf ausgeſehen und hat es ſchon vielen Deutſchen ſo gemacht. Ihr Geld iſt verloren, denn der Schelm läßt ſich ſo leicht nicht erwiſchen. Bleiben Sie da, heute Abends kommen viele Deutſche, da können Sie gar vielerlei hören, was Ihnen nützen kann.“ gut gekleideten Deutſchen. Da trat Schärt⸗ ner mit Wornaſt ein und rief:„Sehen Sie, meine Herren, hier iſt wieder ein Landsmann, den der vermaledeite Pfiffikus um 250 Gulden beſtohlen hat.“ Wornaſt ſetzte ſich, erzählte getreu, wie es ihm ergangen und fragte, wo er wohl Ar⸗ beit bekommen könnte. „Ich will Ihnen mein Geſchäft überlaſſen,“ ſagte ein kleiner Mann, ein Schweizer Na⸗ mens Huck,„ich handle mit Schreibmateria⸗ lien, Büchern, Kupferſtichen, Tabak und Ci⸗ garren, welche Artikel ich bei den verſchiedenen Deutſchen hier verkaufe. 200 Pfund Sterl. erſpart, womit ich in meine Heimat zurückkehren will. Ich will Ihnen gern Namen und Wohnort meiner Kunden aufſchrei⸗ den, und die lederne Taſche, worin ich die Ge⸗ genſtände austrage, ſo wie meinen noch übri⸗ gen Vorrath um ein Billiges überlaſſen.“ „Das iſt etwas für Sie,“ ſagte ein hüb⸗ ſcher junger Mann mit glatt raſirtem Geſicht und elegantem Anzuge, ein Goldarbeiter Na⸗ mens Reinhart,„und wenn Sie noch keine Wohnung haben— ich beſitze ein Haus mit hübſch eingerichteten Zimmern, welche ich zum Theil vermiethet habe, eines davon iſt noch leer, da können Sie logiren. Mit der Bezahlung will ich ſchon warten, bis Sie etwas verdienen.“ Wornaſt war hoch erfreut, hier doch endlich wohlmeinende Freunde zu finden, dankte herzlich und nahm das Anerbieten mit Freuden an. Ich habe mir bereits Reinhart führte ihn nach ſeiner Woh⸗ nung, wies ihm ſein Zimmer an und ſagte gute Nacht. Es war ein recht freundliches Zim⸗ mer, der Boden mit einem Fußteppich bedeckt, die Wände mit Bildern verziert; hübſche Mö⸗ bel von Mahagonyholz, ein Bett mit blen⸗ dend weißem Ueberzug, alles reinlich und blank. Wornaſt überblickte mit großem Wohlgefallen die außerordentliche Sauberkeit des Zimmers. Er ſuchte den Verluſt ſeines Geldes zu ver⸗ geſſen und dankte Gott, daß er ihn ſolch einen wohlmeinenden Freund hatte finden laſſen. Als er am andern Morgen zum Kaffee gerufen wurde, eilte er in den Parlour, wo bereits Reinhart, die drei Logisherren, deutſche Kommis in großen Handelshäuſern, und ein junges Frauenzimmer von ſehr ein⸗ nehmendem Aeußeren um den runden Tiſch ſaßen. Reinhart ſtellte ihm die Dame als ſeine Schweſter vor, welche ſein Hausweſen führe, da er keine Frau habe. Nach dem Frühſtück ging Wornaſt zu Huck, machte alles mit ihm richtig und fing ſein neues Geſchäft an. Ein Jahr war vergangen; Wornaſt hatte ſein Geſchäft mit großem Erfolge betrie⸗ ben und ſich bereits mehr erſpart, als ihm ver betrügeriſche Gauner geſtohlen; ſeine Freund⸗ ſchaft mit hart war eine innige geworden, ſie liebten ſich wie Brüder. Anfangs beſuchten Der Abend kam, allmälig füllte ſich die ſie oft mitſammen die deutſche Kneipe bei geräumige Stube im erſten Stock mit lauter Schärtner, bald aber zog es Wornaſt vor, die Abende zu Hauſe in Geſellſchaft Ma⸗ riens, der Schweſter Reinharts zuzu⸗ bringen. Es war weniger ihre Schönheit, was ihn zu ihr hinzog, als ihre Liebenswürdigkeit, ihr ſanftes Benehmen, ihre Häuslichkeit und Bildung, und auch ſie gewann den jungen, Verhältniß immer inniger wurde, trug er ihr ſeine Haud an, und da er ihr Jawort erhielt und auch ihr Bruder ſehr dafür ſtimmte, wur⸗ den die Anſtalten zur Hochzeit gemacht. Wor⸗ naſt gab ſein Hauſiren auf und richtete ſich in Reinharts Hauſe einen hübſchen La⸗ den ein. 4. Die Hochzeit war vorbei, das junge Ehe⸗ paar lebte glücklich mit einander. Der Laden war beſtändig voll Käufer, ſo daß Wornaſt und ſeine junge Frau vollauf zu thun hatten. Alles ſchien ſeinen gewohnten glücklichen Gang fortgehen zu wollen, da trat eines Abends Reinhart in den Parlour und erklärte, daß er geſonnen ſei, nach Auſtralien zu reiſen. Alle Bitten und Vorſtellungen ſeiner Schweſter und ſeines Schwagers waren fruchtlos. „Bleibt Ihr hier, Ihr habt Euch eine Heimat gegründet, Ihr ſeid glücklich; aber mich treibt es ſort, ich bin allein, bin ſtark und kräf⸗ tig, wenn ich im Goldgraben nicht glücklich bin, kann ich ja arbeiten, und wenn alle Stränge reißen, kann ich ja wieder hierher zurückkehren.“ anſpruchleſen Mann täglich lieber. Als ihr— ihr Wirklich traf er die Vorkehrungen zur Ab⸗ ſich wenigſtens ſo lange behelfen, bis Sie reiſe, nahm Abſchied und betrat das Schiff etwas beſſeres finden.“ unter den Segenswünſchen und Thränen der Mit Freuden nahm Wornaſt dieſen Zurückbleibenden. Vorſchlag an und begab ſich mit dem ehrlichen Monate vergingen, Marie beglückte ihren Deutſchen nach ſeiner Wohnung. Es war dieß Gatten mit einem Söhnlein, das in der Taufe eine Hütte, welche nur zwei Stuben enthielt, den Namen ihres Bruders„Auguſt“ erhielt; eine größere, die der Arbeiter mit ſeiner Fa⸗ ein Jahr verfloß und noch immer erhielten ſie milie bewohnte, und eine kleinere, in welcher keine Nachricht von Reinhart. Mittlerweile ſich nun der verunglückte Wornaſt ein⸗ wurde gegenüber von Wornaſts Hauſe mit richtete. großem Glanze ein Laden eingerichtet, der dem Am andern Tag ging er mit dem Arbeiter unſeres Freundes den Rang ablaufen ſollte. nach der Fabrik, wo er ſogleich Arbeit erhielt. Zettel wurden umhergetragen, welche die Güte Hier mußte er, wegen der großen Hitze beinahe der Artikel prieſen, die Preiſe wurden herab⸗ gärzlich entkleidet, die faſt noch glühenden Zu⸗ geſetzt, um anfangs viele Käuſer heranzulocken ckerhüte hin⸗ und hertragen. Abends, wenn er und ſo kam es, daß bald die Kunden bei Wor⸗ müde von der Arbeit nach Hauſe kam, eilte er naſt ausblieben und ſein ſonſt ſo voller Laden noch in allerlei Läden und ſah ſich nach beſſerer leer ſtand. Arbeit um. Indeſſen nähte Marie fleißig zu Er ertrug ſein ſchweres Schickſal mit Ge⸗ Hauſe, und ſo brachten ſie ſich einige Monate duld und hoffte auf beſſere Zeiten und manch⸗ fort, ohne Mangel zu leiden. mal, wenn er gebeugt unter der Laſt ſeiner Da erkrankte Marie plötzlich, ſie mußte Sorgen und Schulden verzweifeln wollte, rich⸗ das Bett hüten, ihr Zuſtand verſchlimmerte ſich tete ihn das hoffnungsvolle, auf den Beiſtand des Höchſten vertrauende Herz Mariens wieder auf. Doch es ſchien, als ſei keine Ret⸗ tung mehr möglich. Die Drohung des Aus⸗ pfändens war ſchon zweimal an ſie ergangen und ſollte endlich verwirklicht werden. Der Notar kam, zeichnete alle vorhande⸗ nen Gegenſtände auf, und zwei Gerichtsdiener beeilten ſich, den Hausrath, der den Unglück⸗ lichen lieb geworden war, zu entfernen. Dort ſaßen ſie, die Aermſten auf dem Stubenboden, und beſaßen nichts mehr, als was ſie auf dem Leibe hatten. Wornaſt verhüllte ſein Geſicht und weinte bitterlich; Marie, das theure Kind im Arme, ſtarrte die leeren Wände an, ihre letzte Hoffnung war dahin. Endlich erhoben ſie ſich, im Hauſe durften ſie auch nicht bleiben; ſie wankten hinaus auf die Straße, ohne Obdach, ohne Nahrung, ohne Hoffnung. 5. Gebeugten Hauptes wanderten ſie über immer mehr, ein heftiges Fieber ergriff ſie, ſie verlor das Bewußtſein und phantaſirte Tag und Nacht. Auch Wornaſt war nicht mehr fähig, die anſtrengende Arbeit noch län⸗ ger auszuhalten. Verzweifelnd ſaß er neben dem Bette ſeiner Frau. Er betrachtete weinend ihr entſtelltes Angeſicht; neben ihr lag das Kind in Lumpen eingewickelt und ſchrie vor Hunger; auch er hatte ſeit zwei Tagen keinen Biſſen mehr gegeſſen. Endlich ſtand er auf, er konnte es nicht mehr aushalten, er eilte in's Freie, die Bruſt drohte ihm zu zerſpringen; er lief wie gehetzt durch die Straßen. Vom nagen⸗ den Hunger getrieben, ging er in einen Bäcker⸗ laden und bat um einen Biſſen Brod. Doch hart fuhr ihn der Bäcker an:„Gleich packt Euch! Da wäre ich bald ruinirt, wenn ich jeden fortgelaufenen Lumpen füttern wollte. Arbeitet!“ Beſchämt und zitternd vor Aufregung ging Wornaſt weiter. Vor einem feinen Speiſe⸗ zimmer blieb er ſtehen; begierig athmete er den Geruch der Speiſen ein; er ſchaute durch die Straße. Mit thränenden Augen blickte das Fenſter, da ſah er einen Herrn ſitzen, der Wornaſt nach oben, rang die Hände und eben die letzten Reſte einer Schildkrötenſuppe ver⸗ ſeufzte:„Iſt denn keine Rettung mehr?“ Da zehrte. Gleich darauf ſtand derſelbe aufund ging rief ein Vorübergehender:„Wo fehlt es Ihnen auf die Straße. Er hatte einen großen Stroh⸗ denn?“ Raſch wandten ſich die Niedergeſchla⸗ hut auf, Rock und Hoſen von feinem Sommer⸗ genen um; da ſtand ein großer ſtarker Mann vor ihnen, in reinlichem, aber ärmlichen An⸗ zuge.„Sagen Sie mir, wo es Ihnen fehlt,“ wiederholte er,„vielleicht kann ich Ihnen einen Rath geben.“ Wornaſt faßte Zu⸗ trauen zu dem biedern Deutſchen und erzählte ihm ſein Unglück.„Da kann ich Ihnen, Gott⸗ lob, wenigſtens vor der Hand helfen,“ ſagte dieſer.„Ich arbeite in einer Zuckerfabrik, wo ich Ihnen auch Arbeit verſchaffen werde! In Whitechapel habe ich ein kleines Häuschen, da will ich Ihnen eine Stube um ſehr billigen Zins einräumen. Meine Frau verdient auch etwas mit Nähen, das wäre gleichfalls eine Er⸗ werbsquelle für Ihre Frau und ſo könnten Sie Erinnerungen. 1858. zeug; in der Taſche ſeiner geſtickten Weſte ſteckte eine goldene, mit Brillanten beſetzte Uhr, die zum Theil herausſchaute. Wornaſt be⸗ trachtete ihn aufmerkſam, er kam ihm bekannt vor, langſam ging er nach. Da ſchlich ſich plötzlich ein ebenfalls fein gekleideter Herr an ihn heran; mit einem Ruck hatte er Uhr und Kette aus der Taſche geriſſen und war in ein Seitengäßchen geſprungen. 6. Der fremde Herr drehte ſich um und da der Gauner ſchon verſchwunden war, ſah er gerade in Wornaſts bleiches Geſicht. Na⸗ 329 türlich hielt er ſogleich den erſchrockenen, in elende Kleider gehüllten Menſchen für den Spitzbuben. Er ergriff ihn am Kragen und rief nach der Polizei. Augenblicklich war ein Policeman da, der den unglücklichen Wornaſt mit fort⸗ ſchleppte. Vergebens ſträubte ſich der Aermiſte, vergebens betheuerte er ſeine Unſchuld;„Ihr müßt mit,“ hieß es,„auf der Station werdet Ihr unterſucht; da wird ſich's zeigen, ob Ihr die Uhr habt oder nicht.“ 3 Sie gingen durch mehrere Straßen, da hörte man plötzlich ein furchtbares Geſchrei. Als ſie näher kamen, erfuhren ſie, daß ein Mann von einem Omnibus überfahren worden ſei. Inmitten einer großen Menſchenmenge lag der Getödtete am Boden, das ſchwere Rad war über ſein Geſicht weggegangen, die eine Hand hielt er feſt geſchloſſen. Wornaſt erkannte in ihm den Dieb der Uhr.„Hier iſt der Be⸗ weis meiner Unſchuld, das iſt der Gauner, der die Uhr geſtohlen hat. Oeffnet ſeine Hand!“ Der fremde Herr öffnete dieſelbe und rich⸗ tig fand er ſeine Uhr darin. „Sie ſind ein ehrlicher Mann, es thut mir leid, daß ich Ihnen Unrecht gethan habe,“ ſagte er zu Wornaſt. Dieſer blickte ihn lange an, endlich rief er: „Biſt Du nicht Reinhart?“ Der Fremde bejahte es. „Kennſt Du Deinen Schwager nicht mehr?“ „Um Gotteswillen, biſt Du es, Fried⸗ rich, aber in welchem Aufzuge, ſeid Ihr ver⸗ unglückt, wo lebt Ihr?“ fragte er in einem Athem. Mit einigen Worten erzählte ihm Wor⸗ naſt die Geſchichte ſeines Unglücks, als ſie plötzlich der Konſtabler, auf den Todten zeigend, mit dem Ausrufe unterbrach:„Ei, das iſt ja der abgefeimte Spitzbube, dem wir ſchon lange auf der Spur ſind.“ Die beiden Freunde blickten nun näher auf die Leiche und Wornaſt ſagte ſchaudernd: „Das iſt derſelbe, der mir die 250 Gulden ge⸗ ſtohlen hat.“ „Wahrhaftig,“ rief Reinhard aus,„es iſt Arm der ſtrafenden Gerechtigkeit auf Erden hat er ſich ſtets zu entziehen gewußt, aber dem himmliſchen Richter konnte er nicht entrinnen. Jetzt komme, ſtärke Dich durch Speiſe und Trank, dann wollen wir zu Marien.“ Es war in der Neujahrsnacht, da ſaßen unſere Freunde bei einander, im erſten Stock⸗ werke eines der eleganteſten Häuſer Berlins. Reinhart, der in Auſtralien eine ergiebige Goldgrube entdeckt hatte, und mit 600,000 Gulden nach Europa zurückgekehrt war, hatte ſich in der preußiſchen Hauptſtadt niedergelaſſen und in Kompagnie mit Wornaſt ein groß⸗ artiges Geſchäft angefangen.— So ſaßen ſie 42 —, ——— — — — 330 nun in ihrer Wohnung, die auf das pracht⸗ vollſte möblirt war; Marie ſchenkte Punſch ein und das Kind ſchlummerte in ſeinem Bette. Da ſchlug es draußen zwölf Uhr. Die Glocken läuteten durch die ſtille Nacht. Reinhart erhob ſein Glas:„Vivat, Germania!“ Hell klangen die drei Gläſer zuſammen und Wor⸗ naſt rief:„Schön iſt es in der Fremde, in der Heimat aber iſt es doch am ſchönſten!“ Der Karfunkel. Eine Sage. Von K. G. Meyer. In der Schenke des Dörfchens Schönhof ging es luſtig zu.— Die Feldfrüchte waren eingeheimſet, und die Scheuern der Inſaſſen reichlich gefüllt, denn der Segen des Herrn hatte ein fruchtbares Jahr beſchert. Wie nun ſelten unſere Altvordern eine freudige Gelegenheit vorübergehen ließen, ohne ſie mit feſtlichen Gelagen zu feiern, ſo geſchah es auch beim heutigen Erntefeſte. Barthel, der alte Dorfgeiger, ſtrich luſtig die Fidel, während Hanns, der krummbei⸗ nige Gemeindehirt, aus allen Kräften den Du⸗ delſack blies, daß man meinen mochte, die ausgedehnten Backen platzten vor Anſtrengung; — denn eben hatte Sigmund, des reichen Hubenbauers Sohn, und künftiger Beſitzer des anſehnlichſten Gehöftes im Dorfe, einen„Eig⸗ nen“ beſtellt, und dafür ein blankes Silber⸗ ſtück gezahlt. Seine Braut, des Schulzen ſchöne Theres am Arme, ſchritt Sigmund mit einem hellen Juchhei! durch die eine weite Gaſſe bildenden Dorfburſchen und Mädchen vor, und begann den luſtigen Reigen, an dem nun auch die übrigen, ſowie ſie gepaart ſtan⸗ den, theilnahmen, und zwar mit einer ſolchen Kraftäußerung, daß das alte Bretterhaus erzitterte. Während ſo im Jubel und Tanze die Dorfjugend ihrer Freude freien Lauf ließ, ſaßen draußen unter der breitäſtigen Linde am runden Steintiſche, in ernſtes Geſpräch vertieft, die Alten der Gemeinde bei der ſchäumenden Bierkanne, bis die langgezogenen Töne des Aveläutens von den unfernen Thürmen des Seelauer Nonnenkloſters herübertönten und der Sonntagsfreude ein Ende machten. Geige und Sackpfeife waren ſchon längere Zeit verſtummt,— die Burſchen und Dirnen hatten die Feſtkleider abgelegt, und beſorgten rührig das ohnehin heute länger als ſonſt auf ſein Futter wartende Melkvieh— nur der Hubenbauer mit dem Schulzen und noch einige Dorfälteſte ſaßen verſpätet am Stein⸗ tiſche und beſprachen die Ernte und die mor⸗ gen beginnende Herbſtſaat.— Wie ſie nun im Laufe des Geſpräches ſich bald von Einem zum Andern wandten, ſo brachten die herüberzie⸗ henden Töne des Aveglöckchens von Seelau ſie auf den oft gefühlten Mangel einer eigenen Kirche, und indem ſie ihren Gedanken Worte gaben, bedauerten ſie, nicht im Stande zu ſein, aus Eigenem den Bau unternehmen zu können. „Thörichtes Volk, das Ihr ſeidt“ erklang eine Stimme in fremdem AWccente aus dem nahen Gebüſch, durch das der Fußpfad vom Bache herführte,— und leichtfüßig und hoch⸗ geſchürzt trat ein einzelner Wandersmann her⸗ aus, deſſen beſtaubter Kleidung man die lange Reiſe anſah. „Thörichtes Volk, das Ihr ſeid!“ wieder⸗ holte er nochmals, als er näher kam.„Ihr be⸗ klagt Euch über Mangel an Barſchaft, um eine eigene Kirche zu bauen,— während Ihr doch ſteinreich ſeid. Daß ich Wahrheit ſpreche, will ich Euch gleich beweiſen!“ Verdutzt ob der Anrede des Fremdlings, der unbefangen zum Tiſche trat und ſeinen an⸗ ſcheinend ſchweren Reiſebündel auf die Raſen⸗ bank warf, rückten die Dorfälteſten näher zu⸗ ſammen, und blickten faſt furchtſam den Wan⸗ dersmann von der Seite an, der jetzt ohne Säumen den Bündel öffnete und mehrere Steine verſchiedener Größe bedachtſam her⸗ ausnahm. „Am Bilſenberge da drüben, wo ich dieſen ſeltenen Fund machte,“ begann nun der Fremde, indem er einen Stein nach dem andern hin⸗ legte,„da habe ich mich recht von dem Reich⸗ thume Eurer Gegend überzeugt.— Da müht und ſorgt Ihr Euch ab im kärglichen Erwerbe; — und der Hirtenjunge in den freien Bergen da draußen wirft oft mit einem koſtbareren Stein nach einer Kuh,— als Kuh und Ge⸗ höfte, Aecker und Wieſen des Eigners werth ſind!“ Hatte ſchon des Hubenbauers Inneres ſich ſonderbar erregt gefunden, als der Fremd⸗ ling die Steine herauslegte, ſo war er um ſo mehr durch deſſen Worte ergriffen, ſo daß er nicht umhin konnte, näher zu rücken, um des Fremdlings Bekanntſchaft zu machen, ja er trug ihm ſogar ſeine Behauſung zur Einkehr und Nachtherberge an, um ſeine Neugierde in Betreff der koſtbaren Steine befriedigen zu können. Von dieſem Tage an war der Huben⸗ bauer ein ganz anderer Menſch geworden. Sonſt der Fleißigſte im Dorfe, frühzeitig bei der Arbeit und aufmerkſam in Beſtellung ſeiner Aecker, die reichlich ſeine Mühe lohnten,— ging er jetzt ſtillbrütend vor ſich hin, ſchwärmte tagelang in den Bergen umher, überließ die Führung der Wirthſchaft endlich ganz ſeinem Sohne Sigmund und hing einzig ſeinen wunderlichen Träumen nach. Seine Kammer, die er ſich zum Ausgedinge vorbehalten, und die er vor Jedermann verſchloſſen hielt, barg die Ausbeute und Vorräthe ſeiner täglichen Wan⸗ derungen. Wenn er Abends, den ſchweren Querſack mit allerlei Steinen gefüllt, heimgekehrt war, und ſich in dieſelbe zurückgezogen hatte, hörte man ihn darin noch ſtundenlange hämmern und meißeln, um den Gehalt ſeiner den Tag über geſammelten Beute zu prüfen,— und kaum graute der Morgen, ſo begann er unab⸗ läſſig ſein mühevolles Tagwerk von neuem. Der Hubenbauer war vor maßloſer Begierde, in dem Steingerölle der Berge und Felſen Schätze zu finden, endlich wahnſinnig geworden, und eines Tages fand man ſeinen arg zerſchmetterten Körper in einer engen Thal⸗ ſchlucht gegen Meſeritz, in die er vom Burg⸗ berge herabgeſtürzt war,— ein trauriges Opfer der Sucht nach Reichthum. Sigmund übernahm nach des Vaters Tode mit verdoppelter Kraft die Leitung und Führung des Anweſens, betrieb die Wirth⸗ ſchaft mit Luſt und Liebe, und ward bald einer der vermögendſten Beſitzer. Mehrere Jahre waren ſeit der Zeit ſchon vorübergegangen, und des alten Hubenbauers wirres Trei⸗ ben, ſowie des Fremdlings Erſcheinen beinahe zur Sage geworden, als bei Gelegenheit eines vorgenommenen Hausumbanes Sigmund auch die alte Ausgedingkammer zuſammen⸗ reißen, und den dort aufgehäuften Steinvor⸗ rath, den ſein unglücklicher Vater in ſeinem geiſteskranken Zuſtande zuſammengetragen hatte, wegſchaffen ließ. Unter der Menge der Steine ſiel ihm einer von auffallend vielkan⸗ tiger Form und gelblich weißer Farbe auf, den er der Seltenheit willen zurückbehielt, und nach beendetem Bau auf dem die Stube umziehenden ſogenannten Tellergeſimſe auf⸗ bewahrte. Eines Sonntags Nachmittags, bevor Sigmund wie gewöhnlich die Schänke be⸗ ſuchte, fiel es ihm ein, den ſo lange unbe⸗ achteten Stein näher zu beſchauen, und wo möglich ſich von ſeinem Werthe zu überzeu⸗ gen. Beſchränkt, wie die Begriff Sigmunds waren, glaubte er hierzu ein Mittel in dem ſchwerſten Eiſenhammer des Hauſes gefunden zu haben, mit dem er unbarmherzig auf den Kalkquarz losſchlug. Und ſonderbar, als der Stein zerſprang, zeigten ſich inmitten desſel⸗ ben glänzende Adern, die in einem hellen, faſt durchſichtigen, kleinern, nur loſe mit der grö⸗ ßeren Maſſe zuſammenhängenden Steine zu⸗ ſammenliefen,— und eben wollte Sigmund zu einem neuen kräftigen Hiebe ausholen, als Nachbar Veit den Eifrigen auf die Achſel ſchlug und ihn aufforderte, doch als Beſt⸗ ſchieber zur Kegelbahn zu kommen, indem ge⸗ rade heute, der vielen fremden Beſuche wegen, die Ehre des Dorfes ſeine Gegenwart er⸗ heiſche. Sein Lieblingsvergnügen nicht zu verſän⸗ men, beeilte ſich Sigmund, der Aufforde⸗ rung raſch Folge leiſtend, den halbzerſplitter⸗ ten Stein wieder an ſeinen gewohnten Ort —„—„=— ————,y—,— — zu legen, und nachdem er die Kammer, in der die beſten Habſeligkeiten der Familie aufbe⸗ wahrt wurden, ſorgfältig verſchloſſen und den Schlüſſel ſeinem Weibe übergeben hatte, be⸗ gab er ſich wohlgemuth zur Kegelbahn, wo er bald Alle im Beſtſchieben übertraf. Sei es, daß eben dieſes Glück oder ſonſt ſeine heutige Aufgeregtheit ihn dort länger als gewöhnlich zurückhielt, genug— als Sig⸗ mund Abends durch die Obſtgärten nach Hauſe ging, ſchimmerte durch das dunkle Laub der Bäume aus den Fenſtern ſeines Hauſes, und zwar aus der Kammer, die ſonſt um dieſe Zeit nie beſucht wurde, ein heller Licht⸗ ſchein entgegen, der ihm die Beſorgniß eines ge⸗ ſchehenen Unfalls einflößte. „Was nur Thereſe heute treiben mag 945 murmelte er halb unwillig vor ſich hin, als er durch die Hecke des letzten Nachbargartens drang,„daß ſie die Mägde und Kinder allein in der untern Stube läßt, und mit Licht oben in der Truhe herumſtöbert, mir kömmt es wirklich bedenklich vor!“ Seine Schritte beſchleunigend ſtand Sig⸗ mund bald am Stubenfenſter neben der ſchon verſchloſſenen Hausthüre um anzupochen— da ſaß Thereſe emſig mit den um ſie gereih⸗ ten Mägden in der Stube, während die zwei kleinen Kinder mit dem Haushunde ſpielten,— und ein neuer Argwohn, bedenklicher als der frühere, wurde in Sigmund wach. Deutlich blinkte ein heller Lichtſchein durch die mit Epheu umrankten Fenſter;— aber zur Beruhigung des Heimkehrenden war oben alles ſtille, und Sigmund verſcheuchte den Gedanken an einen diebiſchen Einbruch, obwohl ihn die Beſorgniß einer Feuersgefahr noch ſehr beängſtigte. Da überwand die Sorge des Hausvaters ſeine Furcht, und als er der öff⸗ nenden Gattin ſeine Beſorgniß mitgetheilt und die Zuſicherung erhalten hatte: Niemand wäre des Tages über oben in der Stube geweſen, entſchloß er ſich, einigermaßen beruhigt, die Sache genauer zu unterſuchen. Nachdem er den Kindern und dem weib⸗ lichen Geſinde die ſtrengſte Ruhe geboten, und ſie dem Knechte, als einem handfeſten, furchtloſen Burſchen zur Beaufſichtigung und Schutze über⸗ geben hatte, tappte er im Dunklen die Holz⸗ treppe hinauf, um ſich von der ungewöhnlichen Helle zu überzeugen, ſchaute vorſichtig durch das Schlüſſelloch und die Spalten des Stuben⸗ getäfels und fand alles erleuchtet, aber nirgend eine Urſache der Helle. Wie geblendet blieb er nach behutſam ge⸗ öffneter Thüre in dem Lichtmeere ſtehen, wel⸗ ches das Gemach erfüllte, und fuhr ganz be⸗ ſtürzt zurück, als er ſich überzeugte, daß die Strahlen oben vom Tellergeſimſe ausgingen. Lange ſah Sigmund dem wunderherr⸗ lichen Schauſpiele zu, ohne es ſich enträthſeln zu können, bis es ihm einfiel, daß er an dieſer Stelle Nachmittags den halbzerſplitterten Stein aufgehoben habe. Als er dann einen Stuhl herbeizog und beſtieg, um nach dem Stein zu langen, über⸗ zeugte er ſich bald, daß er ſich nicht getäuſcht habe, denn der Stein in ſeiner Hand erglühte von innen heraus in ſo wunderlichem Farben⸗ ſpiele, daß Sigmund ſeinen eigenen Augen nicht allein trauen wollte, ſondern mit lauter Stimme die geſammte Hausgenoſſenſchaft her⸗ beirief, und ihnen das wunderbare Ereigniß mittheilte. Schnell verbreitete ſich am andern Morgen das Gerücht von dem werthvollen Funde des Hubenbauers in dem ganzen Dorfe, und vergrößert bis in's Fabelhafte trugen wan⸗ dernde Hauſirer und Krämer die Sage durch das ganze Land, ſo daß dieſe ſelbſt in der fer⸗ nen Hauptſtadt Prag Eingang fand, und— freilich mit mancherlei Zuſätzen, vielſeitig Stoff zur Unterhaltung bot. So ſaß auch eines Abends Melchers, der reiche Goldſchmied in der Altſtadt, an dem runden Eichentiſch unter den Gäſten des„grü⸗ nen Froſches“ beim ſchäumenden Bierkrug, als eben wieder ein anweſender Steinhändler, der das Land in allen Richtungen durchzogen, des Fundes in Schönhof erwähnte. „Das wäre ſo ein Stück für Euch, Mel⸗ chers,“ ſagte er zu dieſem ſich wendend,„mit dieſem könntet Ihr Ehre einlegen und Geld er⸗ werben, und wenn Ihr meinen Worten nicht glauben wollt, ſattelt Euer Saumroß und ziehet ſelbſt hin; ich bin des Weges kundig und werde Euch begleiten.“ Wohlgefällig ſchmunzelnd ſchob Melchers das grüne Sammet⸗Baret mit goldenen Troddeln, das im Laufe des Geſpräches ſich weit über ſeine breite Stirne hereingezogen hatte, zurück, indem er blinzelnd das linke Auge zuſammenkniff, als ſähe er ſchon den werthvol⸗ len Karfunkel vor ſich.— Seiner innern Bewegung Worte gebend, war er ganz mit dem Vorſchlage des reiſenden Steinhändlers ein⸗ verſtanden und es trennten ſich die beiden Kunſtverwandten ziemlich ſpät nach getroffener Verabredung, beim nächſten Morgengrauen die beabſichtigte Reiſe anzutreten. Es war im Spätherbſte; ſchon lag auf den höher gelegenen Bergesſpitzen der nahen meißniſchen Gränze ein weit in's Land hinein ſchimmernder Reif, rauher ſtrichen die Winde durch das ſonſt ſo freundliche Egerthal, und die Blätter der Bäume am Wege nach Schönhof erglänzten im bunten Farbenſchmucke der vorgerückten Jahreszeit. Da trabten zwei Reiter den ſteinigen Pfad einher bis vor das Gehöfte Sigmunds, des jetzigen Huben⸗ bauers. Es war nahe an der Mittagszeit.— Von allen Feldrainen heimwärts kamen die Geſpanne, die in's Joch geſchirrten Zugthiere begrüßten mit freudigem Gebrülle die nahen Ställe und ſogen mit weit geöffneten Nüſtern den entgegenwehenden Duft des Mittagsfut⸗ ters ein, während die geſchäftigen Mägde und 331 Dirnen hochgeſchürzt in blank gebohnten Ei⸗ mern die ſchaumbedeckte Milch zur Milchgrube trugen, und ſchäkernd die heimkehrenden Bur⸗ ſchen mit Waſſer aus dem Brunnen, wohin ſie ihre Gefäße zum Reinigen trugen, beſpritzten, — aber erſchrocken zurückfuhren, als ſie die beiden Fremdlinge um die Wegesecke biegend in die Thorflur einreiten ſahen. Da trat eben der Hubenbauer aus der im Hintergrunde gelegenen Scheuer, wo er die Weizengarben zum Nachmittagsabdruſch dem Geſinde angewieſen, und in dem jüngern Fremdling den oft bei ihm einkehrenden Stein⸗ händler erkemiend, reichte er ihm die ſchwielige Hand zum herzlichen Willkommen. Auf den Wink des Hausherrn entſattelten die Stalljungen die Roſſe der Gäſte, und führ⸗ ten die abgemüdeten Thiere in die geräumigen Ställe, wo die heimiſchen Pferde bei ihrem Mittagsfutter den neu Angekommenen verwun⸗ dert entgegenwieherten,— indeß der Huben⸗ bauer die beiden Fremdlinge in die große Geſindſtube geleitete, wo um den runden Ei⸗ chentiſch bereits alle zum Hauſe gehörigen Knechte und Mägde verſammelt waren, und die wirthliche Hausfrau eben das Mittagsbrod aufgetragen hatte.“ Abſeits des Geſindetiſches in der Ecke der geräumigen Stube ſtand das kleine Tiſchchen für den Hauswirth bereit;— denn es war Sitte bei unſern Altvordern, daß, wenngleich der Hausvater die nemliche Koſt mit ſeinen Angehörigen theilte, er dieſelbe doch allein ver⸗ zehrte, während die Hausfrau im Kreiſe der Uebrigen ſaß. Leicht war es dem Steinhändler, der wäh⸗ rend der kurzen Mahlzeit das Wort führte, das Geſpräch auf den Karſunkel, wie das Landvolk in ſeiner Sprache den werthvollen Stein nannte, zu bringen; bis der Hubenbauer willig ſeine beiden Gäſte in die obere Prunk⸗ ſtube führte und mit einer gewiſſen Selbſtge⸗ fälligkeit vom Tellergeſimſe den noch in halb⸗ zerſplitterter Hülſe geſchloſſenen Karfunkel her⸗ ablangte. Mit Kennermiene prüfte Melchers das ihm dargebotene Kleinod, häkelte das am Leib⸗ gurt an einem feingegliederten Meſſingkettchen hängende Stahlhämmerchen los, und löſte mit leichter Mühe die äußere Schale von dem glän⸗ zenden Kern,— einem herrlichen Topas— in deſſen noch ſcharfkantiger Form ſich die Licht⸗ ſtrahlen vielfältig brachen und einen Glanz verbreiteten, der im gelbrothen Lichte wunder⸗ ſam von der Tageshelle abſtach. Melchers bot dafür eine ſo bedeutende Summe, daß der Hubenbauer verlegen erſchrocken zurückprallte, ungewiß, ob er das Anbieten des Fremdlings für Scherz oder Ernſt halten ſollte; doch dieſe Ungewißheit löſte ſich bald, als Melchers, aus dem abgeſchnallten Leibgurt einen vollwichtigen Beutel ziehend, eilfertig, faſt als wollte er durch den Glanz des Goldes den Zögernden beſtimmen, den Tiſch mit blanken Dukaten zu belegen begann, 42* 33² und— nachdem er eine ziemliche Anzahl der⸗ ſelben aufgezählt, den koſtbaren Stein in der Bruſttaſche ſorgſam verwahrte. Längſt ſchon hatten ſich die beiden Fremd⸗ linge aus dem Gehöfte entfernt, und noch ſtand Sigmund im Anblick des Goldes verloren mitſammt ſeinen ganzen Hausgenoſſen, die er ſein Glück zu theilen herbeigerufen— da tönte vom Stifte Seelau das Mittagsgeläute herüber und andächtig die Hände zum Gebete gefaltet, fiel Herr und Diener, Weib und Kinder auf die Knie. Und, als wäre mit die⸗ ſen Klängen ein Mahnruf des Herrn in Sigmunds Bruſt gedrungen, ſo war er, ſchnell entſchloſſen, mit dem leicht erworbenen Gelde ein Gotteshaus der Gemeinde zu erbauen. Als ein Jahr verronnen, und der Tag wieder erſchienen war, an dem die fremden Steinhändler in Schönhof eingekehrt, war der Bau des einfachen Kirchleins vollendet, das am Feſte des h. Wolfgang am 31. Oktober eingeweiht wurde. ·S·YʒʒE·— Der Karitätenſammler. Von Robert Byr. 1. Ich war an einem ſchönen Samſtag⸗Nach⸗ mittag nach K. geritten, um dort einige Ka⸗ meraden heimzuſuchen. Wir lagen ſchon unge⸗ fähr ein halbes Jahr in der Gegend in Can⸗ tonirung, ohne daß ich dazu gekommen wäre, die für eine Eskadron eingerichtete, ſchön ge⸗ baute Kaſerne im Dorfe K. zu ſehen. Zeitrau⸗ bender Dienſt, garſtige Wege, ſchlechtes Wetter und Eis, ſowie einige paſſagére Soldatenliai⸗ ſons,— da ich endlich nach mannigfachen Er⸗ fahrungen und reiflicher Ueberlegung auch, ſo wie viele Andere: Ein anderes Städtchen, Ein anderes Mädchen! waren die Hinderniſſe, die mich ab⸗ ſinge hielten. So kam es denn, daß ich erſt an einem freundlichen Aprilſamſtag⸗Abend nach einem tüchtigen ſcharfen Ritt, meinen ſchweißtriefen⸗ den hunter in den Kaſernenhof lenkte, wo mich Freund Theodor und die andern Kameraden mit großem Gejubel und einer Fluth ſchlechter und guter Witze empfingen. Nach den erſten Begrüßungen ging es an ein Erzählen, Fragen und Lachen inmitten des Kaſernenhofes,— doch,„da öffnet ſich die Thür“ und herein defilirt eine Reihe ſchlanker Schlachtröſſer. Es waren die Pferde der Offi⸗ Honneurs zu machen. Eines nach dem andern wurde von den ärariſchen Jokeys vorgeführt, getrabt, und dann vor meiner gaſtlichen We⸗ nigkeit zum Stehen gebracht. Da fand manch' rührende Wieder⸗Erkennungsſcene ſtatt. Hier ein alter Faké, dort ein im Dienſte erſpateter Fuchs, die mir ſchon von früheren Feldzügen her wohl befreundet waren. Beſonders aber galt dieſe Revue den neu angekauften Pferden und Remonten, die nach Angabe der Beſitzer, wie ſich das ſchon von ſelbſt verſteht, alle vom edelſten Blute waren. Da wollte das Prüfen, Bewundern, die Lobſprüche und die„aber“ meiner lechzenden Kehle und meinem beredt gewordenen Magen ſehr zum Verdruße gar kein Ende nehmen;— aber die Entſagung ſollte nach poetiſchem Rechte auch ihren Lohn finden, denn in dem armſeligen Zimmer des armſeligen Wirths⸗ hauſes des armſeligen Dorfes fand ſich außer einem ſchlechten Sopha zwiſchen den ſiliſtria⸗ und malakoff⸗beklebten Wänden, auch noch ein reinlicher Tiſch, auf dem ſich ein verſchanztes Lager von dampfenden Schüſſeln, einladenden Biergläſern und vielverſprechend etiquetten⸗ver⸗ zierten, langhalſigen Flaſchen erhob, um die wir denn als wackere Söhne des Mars auch baldigſt indigeſtionsmuthig die 1.— 2.— 3. Parallele zogen, Rieſenbreſche aßen und tapfer Sturm tranken.— Den würdigen Beſchluß machte ein duftender, ſteifgerumter Thee, deſſen Bereitung jedem Komteßchen Ehre ge⸗ macht hätte, und bei dem uns die gute in⸗ ländiſche Cigarre ſo wohlbehagte, daß wir die Mitternacht verſchwätzten. Der ſentimentale Nachtwächter tutete ſchauerlich Ein Uhr, als wir über die Straße in die Kaſerne zurückkehrten, wo ich bei meinem guten Theodor einen hart⸗ herzigen Strohſack bezog, auf dem mir bald der gemüthliche Pintſch meines Freundes unab⸗ weisliche Geſellſchaft leiſtete. Mein Freund, erſt unlängſt aus der Haupt⸗ ſtadt zurückgekehrt, konnte nicht ſatt werden, von Soireen und Bällen zu erzählen, und mir Einzelnheiten über ſeine hundertfünfundzwan⸗ zigſte Flamme mitzutheilen, was mir in der Erinnerung vergangener ſchöner Tage ein Paar leichte Seufzer abrang, mich aber doch nach und nach in ſüße Träume und endlich in einen herzhaften Schlaf wiegte. Wir erwachten ſpät. Nach dem Morgen⸗ kaffee machten wir uns durch einen Spazier⸗ gang für ein ſolides Gabelfrühſtück Appetit. Als wir in die etwas niedrige Gaſtſtube des Löwen eintraten, ſtockte plötzlich das früher ziemlich lebhaft geführte Geſpräch der Gäſte, wie dieß übrigens beim Eintritt von Fremden, vornehmlich Militärs, faſt immer zu geſchehen pflegt. Wir grüßten freundlich das mittagmah⸗ lende junggeſellenhafte Bürger⸗ und Beamten⸗ thum, das ſchon herzhaft im Opfern begriffen war, und ich erkannte darunter auch unſern Regimentspater, der gerade zur öſterlichen Beichte anweſend war und einen jungen Unter⸗ ziers, welche erſchienen, mir auch ihrerſeits die arzt, der zu der in K. liegenden Eskadron gehörte. Wir beide, Theodor und ich, wählten, da wir ungeſtört ſprechen wollten, ein kleines Tiſchchen in einem dunklen geräucherten Winkel des Zimmers und überließen uns der ſtillen Betrachtung des Speiſezettels und ſpäterhin dem behaglichen Stoffwechſel. Inzwiſchen war allmälig das Geſpräch wie⸗ der in einen ſo lebhaften Gang gekommen, daß man ihn füglich einen train-de-chasse nen⸗ nen konnte, der steeplechaseartig über alle Hinderniſſe hinwegſetzte, und ſich oft in den kühnſten, gewagteſten Sprüngen zu gefallen ſchien. „lſo, Doktor! hat ſich die Klapperſchlange wieder gezeigt?“ „Leider nein. Seitdem ſie den Diener des Herrn Lieutenants Forſter ſo arg gequetſcht hat, iſt man ihrer nicht mehr anſichtig gewor⸗ den,— ſchade darum,— es wäre ein ſchönes Stück in meine Sammlung.“ Ich horchte hochauf, es ſchien mir, als hätte ich nicht recht gehört, und ich wollte gerade Theodor um Auſſchluß fragen, als dieſer mir verſtohlen ſchmunzelnd zuwinkte und mir ein„höre nur!“ zuflüſterte. „Er war alſo wirklich ſo arg zugerichtet?“ fragte der, welcher zuerſt geſprochen hatte. „Ja woh, ich habe ihn ſelbſt unterſucht!“ „Aber, Herr Doktor, Sie waren ja noch gar nie in K., wo der Herr Lieutenant liegt, und haben ſeinen Diener noch nie geſehen—“, warf unſer Unterarzt ein. „Das Maul gehalten!“ verſetzte der Dok⸗ tor,„ich habe geſagt, daß ich ihn unterſucht habe, und damit Punktum!“ „Ich kann noch immer nicht recht daran glauben!“ ließ ſich Einer der Gäſte vernehmen. „Sie können nicht daran glauben? Glaub's wohl, Ihr Verſtand reicht nicht ſo weit. Aber iſt es nicht genug, daß dieſe Klapperſchlange das Kind des Förſters in K. verſchlang und nur die Schuhe übrig ließ? Habe ich nicht den armen Mann ſchluchzend angetroffen, über den grauſamen Verluſt, den er erlitten? Weinte er nicht bittere Thränen, als ich ihn darüber zart⸗ ſinnig ausholte, um ſein Herz nicht noch mehr zu verletzen? War nicht der Apotheker und der Unterarzt ſelbſt mit?“ „Ja wohl war ich mit,“ erwiederte der Unterarzt,„aber der Förſter hatte ja gar nie ein Kind, und er weinte nicht, ſondern er lachte, daß ihm die hellen Thränen aus den Augen liefen—“ und dabei lachte der junge Unterarzt ſelbſt vom Herzen, und auch die andern Gäſte ſtimmten mit leiſem Gelicher ein. Jetzt aber fuhr der alte Doktor wüthend auf und herrſchte dem Unterarzte zu:„Wie unterſtehen Sie ſich in meiner Gegenwart zu lachen?“ Da aber dadurch das Kichern nur um einen Ton höher geſtimmt wurde, ſo nahm der Alte erboßt Kappe und Stock, brummte noch ein: „Das hat man davon, wenn man ſich mit ſolch, unverſtändigem Volke einlaßt!“ zum Abſchied, und verließ ohne Gruß das Zimmer. ——-y——y—— ———— 8s8 el Es war ein kleines, gebücktes Männchen, der Doktor, mit kurz geſtutztem grauen Schnurr⸗ bart, der ihm wie ein Dach über dem Munde ſtand. Er mochte ungefähr in den Siebzigen ſein, und trug eine graue, rothpaſſepoilirte Uniformhoſe, einen kurzen Paletot und eine Militärkappe. Das Geſicht war mumienartig eingetrocknet, ohne eingefallen zu ſein; die bor⸗ ſtigen Haare trug er kurz verſchnitten. Ich ſah ihm noch immer ſprachlos nach, als ſich aus dem ſchallenden Gelächter, das ſich endlich Luft gemacht hatte, eine Stimme ver⸗ nehmen ließ: „Kennen Sie die neueſte Rarität unſeres Doktors, meine Herren?“ Das Gelächter endete wie ein abgebrann⸗ tes Feuerwerk oder eine ſchlecht ausgefallene Gewehrſalve, indem noch immer ein einzelner Lachſchuß nachkam; endlich war es ſtill, und Alles drang in den Sprecher, zu erzählen. „Alſo denken Sie ſich— unſer Doktor hat ein Pferdkalb entdeckt!“ „Ein Pferdkalb!— ein Pferdkalb?“ rief es von allen Seiten, und ich kam nicht zu mir vor Staunen über dieſe neue Unge⸗ reimtheit. „Dieſen Streich haben wir wieder dem Herrn Lieutenant von Forſter zu verdanken,“ fuhr der Erzähler fort.„Er erzählte vorgeſtern dem Doktor, in ſeiner Station habe die Stute ſeines Quartierträgers gekalbt. Der Doktor höchſt neugierig darauf, ſagt dem Lieutenant zu, ihn zu beſuchen. Geſtern fährt er richtig, mit dem Erzſchelm von einem Apotheker, ohne dem unſer Doktor einmal keine Unterſuchung vornehmen kann, nach K. Lieutenant For⸗ ſter läßt einſtweilen ein neugebornes Kalb in einen Pferdeſtand binden, wo noch der Miſt der Pferde liegt.— Der Doktor kommt an, wird in den Stall geführt, und bewundert das Pferdekalb! Er ſtaunt über die Schönheit des Kopfes, entdeckt Aehnlichkeit zwiſchen dem Schweife des Kalbes und dem eines Pferdes, findet Spuren von keimenden Mähnen, ſtrei⸗ chelt dem Kalbe über dem Rücken, und ruft ein über das andere Mal:„Ahl ſehen Sie nur das herrliche Kreuz, dieſe ausgezeichnet ſchöne Croupe!“— ja ſeine Einbildung iſt ſo frucht⸗ bar, ihm die Klauen des Kalbes als den zier⸗ lichſten Pferdehuf erkennen zu laſſen. Kurz un⸗ ſer Doktor kehrte entzückt von ſeinen Ausfluge zurück, und wird von nun an gegen eine Welt von Zweiflern ſein Pferdkalb vertheidigen!“ Jetzt ging der Sturm wieder los— ein Gelächter— das uns armen Gegenwärti⸗ gen den Begriff eines einſtigen Homeriſchen geben, oder eine zukunftmuſikaliſche Kraftſcene verſinnlichen konnte. Wortlos bezahlte ich meine Zeche und drängte Theodor aus dem Gaſthauſe. Ich konnte es kaum erwarten, bis ich Aufſchluß über jene ſonderbare Erſcheinung, (nicht das Pferdkalb, oder die Klapper⸗ ſchlange— ſondern den Doktor) erhalten würde. „Freund! was iſt das für ein Exemplar?“ rief ich, ſobald wir aus der Stube waren. „Ein penſionirter Oberarzt, der Schrann heißt, fünfunddreißig Jahre bei den Drago⸗ nern diente, die franzöſiſchen Feldzüge mit⸗ machte, und bei dem geringen Betrage ſeiner Penſion nicht nur keine Schulden macht, ſon⸗ dern ſogar ſeine Verwandten unterſtützt und Raritäten ſammelt. Willſt Du ſein Muſeum ſehen?— Aber kein Lachen, ja nicht einmal ein Schmunzeln oder eine ungläubige Miene, es mögen Dir ſeine Anſichten über ſeine Merk⸗ würdigkeiten noch ſo ſonderbar erſcheinen, ſonſt wird er entſetzlich grob,— ja er hat ſchon ſolche Lacher zur Thüre hinausgeworfen.“ „Ich bin ungemein neugierig! Laß uns gehen. 2. Wir waren in eine ſchmale Gaſſe gekom⸗ men(eigentlich ſind ſie in B. alle ſchmal, aber dieſe war noch etwas ſchmäler, als die übri⸗ gen) und traten in ein niedriges Haus, wo wir in einem finſtern Gange vor einer niedrigen Thüre Halt machten.— Theodor klopfte, der Doktor rief:„Herein!“ und wir traten ein. — Während mich Theodor vorſtellte, und mich für einen großen Freund von Raritäten ausgab, der deßhalb auch gekommen ſei, das „berühmte“ Muſeum des Herrn Doktors zu bewundern, genügte mir ein flüchtiger Blick, das lange, ſchmale Zimmer zu erfaſſen.— Zwei Fenſter mit kurzen, weißen Vorhängen— in der gegenüber liegenden Ecke ein altes Bett, mit weiland roſafarbigen Kotzen bedeckt,— da⸗ neben ein kleiner Ofen mitten im Zimmer, mit einem Topfe darauf, gegenüber der Thüre, an der einen langen Wand zwiſchen Bett und Fenſter ein Schreibtiſch aus wurmſtichigem, gelb angeſtrichenem Holze; ein Paar verſtüm- melte Federn, ein Stümpfchen Röthel, ein Bleiſtift ohne Spitze, zwei Köpfe aus Papier⸗ Machée als Zündhölzchenbehälter ohne Inhalt, und eine Uhr— nämlich ein rothbejackter Gaukler mit rother perſiſcher Mütze, der an der Bruſt das Zifferblatt trägt,— machten die Beſatzung des Schreibtiſches aus. Ein altes Alizarin⸗Tintenfläſchchen grämte ſich über ſeine Trockenheit, und eine alters⸗ graue, einſt blau geweſene Unterlage aus dickem Löſchpapier, verbarg dem neugierigen Auge wahrſcheinlich— ſeine Leerheit. An dieſen Sekretär endlich ſchloß ſich das Meubel, das mich gleich beim Eintritt mit ſei⸗ nen zum Theil zerbrochenen Glasfenſtern viel verſprechend anſah.— Ein alter Kaſten von vier Schuh im Gevierte, der zweckmäßig zwi⸗ ſchen Fenſter und Schreibtiſch eingeklemmt ſtand, um nicht als dreifüßiger Invalide nach einer Ecke das Uebergewicht zu bekommen. Dieſer Kaſten alſo enthielt die wunderbaren Schätze, die man durch die erblindeten, noch ganzen Glasſcheiben nicht erblicken konnte, und von denen nur hie und da eins räthſelhaft zwiſchen den zerbrochenen Scherben hervorblinzelte. — 333 Drei Stühle vollendeten das Ameublement, auf deren einem noch ein Schuhwichsſchächtel⸗ chen und eine Glanzbürſte ruhten, ganz erſtaunt, mitten in ihrer Arbeit unterbrochen worden zu ſein, denn als wir eintraten, hatten wir den Alten gerade eifrigſt beſchäftigt gefunden, ſeiner chaussure einen jugendlichen lustre zu ver⸗ leihen. Er hatte Paletot und Weſte abgelegt und empfing uns ohne Umſtände höchſt freundlich, da er Theodor ſchon von früher kannte. Als er hörte, daß wir ſeinem Muſeum zu lieb ge⸗ kommen ſeien, ſo führte er uns ungeſäumt zu ſeinem Heiligthume und begann uns alles ein⸗ zeln und gründlich zu zeigen,— was mir eine ſehr lobenswerthe Handlungsweiſe dünkte, wenn man vergleicht, welche Umſtände die Ei⸗ genthümer wirklicher Muſeen oft machen, wie⸗ viel es koſtet, Zutritt zu erlangen, und wie man dann erſt noch wie bei einer Parforcejagd durch die Säle gehetzt wird, ſo daß endlich vor unſerm langſam tappenden Faſſungsvermögen ein Chaos von Münzen, Steinen, Bildern, Muſcheln, Thieren und andern Dingen einen infernaliſchen Reigen aufführt. Auf der obern Decke des„Muſeums“ ſtand ein anderthalb Schuh langes Modell eines Al⸗ ligators aus Thon, deſſen geöffnetem Rachen ein Zettelchen zur Obhut anvertraut war. „Sehen Sie,“ ſagte der Doktor,„das iſt das Krokodil— Sie werden davon ſchon ge⸗ hört haben— es iſt verſteinert, und wurde in der Landenge von Suez ausgegraben, als man dieſelbe durchſtach.“ Ich traute kaum meinen Ohren und muß ein ſehr dummes Geſicht gemacht haben, denn mein Freund gab mir einen wohlmeinenden Rippenſtoß, der mich zu mir ſelber brachte, und ich nahm mir denn ernſtlich vor, wo möglich kein Wort zu ſprechen, es möge kommen was da wolle. Jetzt öffnete er die Glasſcherbenthüre, bei welcher Gelegenheit einer der Reſte klingend den Boden ſuchte.— Der Kaſten war in vier übereinander liegende Fächer getheilt, in denen allerlei Schachteln, Fläſchchen und wunderdare Dinge neben einander geordnet waren. Der braune, runzelige Finger des Alten deutete auf die linke oberſte Ecke, wo ein ausgeſtopfter Rei⸗ her ſtand. „Das iſt die Kibikaria aus dem todten Meere, die Eier desſelben haben den Dotter auswendig und inwendig die Schale, gleichen alſo ungefähr den Pflaumen.“ Unmittelbar daneben(der Doktor ging ſtreng nach der Reihe vor) lag ein Stein mit Katzen⸗ gold und ein Stückchen Meſſing, er holte es hervor, ſtaubte es ſorgfältig ab, und erklärte: „Das iſt Goldſtufe und gediegenes Gold, wie man ſie in Kalifornien grabt.“ Träumeriſch lehnte das abgebrochene obere, braune kolbenförmige Ende eines Schilfrohrs an der Rückenwand des Kaſtens; es wurde aus ſeiner Ruhe geſtört, undals,egyptiſche Pflanze, aus denen die berühmten Thibetſhawls erzeugt ——— a“ vorgeſtellt.„Hat mir ein Freund aus Sp⸗ten geſchickt!“ fügte der Alte mit einem liebenden Blick darauf hinzu. Ein großer ausgetrockneter Kürbis wurde geſchüttelt. „Das iſt eine Cocosnuß, die Milch iſt ein⸗ getrocknet, der Kern aber noch darin.“ Ein Fläſchchen, in dem ein paar Stücke Schwefel waren, präſentirte er als analyſirtes Tyrer Waſſer, bei deſſen chemiſcher Scheidung er ſelbſt in der Apotheke mitgewirkt hatte. „Da haben wir aber noch einen Verſuch gemacht, der glücklich ausfiel,“ ſetzte er hinzu, „ſehen Sie, das iſt gepreßtes Bever Waſſer,“ und damit zeigte er uns ein Stück braunen Quarzes. Jetzt kam ein Fläſchchen mit Alkohol an die Reihe, in dem ein oben ſpitziger unten aber knopfförmiger Pilz ſchwamm. „Das iſt der Fötus eines Skorpions, man muß ihn in Spiritus aufbewahren, ſonſt geht er zu Grunde.“ Mit großer Vorſicht nahm der Alte ein Stück geſchmolzenes Zink, indem er es in der Hand wiegend, ſagte: „Das iſt ſibiriſches Platina, es iſt ſehr theuer, das Stück hier wiegt acht Dukaten. Man wollte mir es ſchon oft abkaufen, aber wozu denn?— es gehört einmal zur Sammlung!“ Ich fand dieſe Anhänglichkeit rührend. Nachdem er es wieder an ſeinen Platz ge⸗ legt hatte, brachte er ein abgenutztes, altes, roſtiges halbes Hufeiſen zum Vorſchein,— ich war ſehr begierig zu erfahren, was ſeine Phan⸗ taſie daraus machen werde. Mit deklamatoriſcher Stimme ſprach er: „Das iſt das Hufeiſen von Julius Cä⸗ ſar,“— und darauf legte er beſonders den Ton—„das er verlor, als er über den Bal⸗ kan zog; es ging von einer Hand zur andern, bis mir es voriges Jahr der Herr Rittmeiſter Graf S., der bei dem Regimente war, das vor Ihnen hier lag, für meine Sammlung ſchenkte.“ Er nahm nun drei gewöhnliche Kreuzer⸗ Cigarren in die Hand, die mit rothem Schellak überſtrichen waren. „Das, meine Herren, ſind paprikaniſche Cigarren. Das Merkwürdigſte iſt, daß ſie ein rothes Deckblatt haben. Sie müſſen ſehr ſtark ſein; ich bekam ſie von einem Offizier, der an der Grenze von Paprika lag.“ „Pa— Paprika? was iſt denn das?“ platzte ich, außer mir vor Erſtaunen, heraus. Theodor gab mir zwar wieder einen Stoß, aber das half nichts mehr. „Das wiſſen Sie nicht?“— fragte indi⸗ gnirt über meine Unwiſſenheit der Alte,— „das iſt der neu entdeckte Welttheil. Ich werde Ihnen ſpäter eine Karte davon zeigen. Ihr Pater, der dort zwei Jahre als Miſſionär lebte, hat mir erſt neuerlich wichtige Mit theilungen über jenes Land gemacht. Zum Beiſpiel heißt der König von Paprika Peter Pors*). Die Frauen ſind dort auch auf eine merkwürdige Art bekleidet.— Ihr langes Haar flechten ſie nämlich in einen langen und breiten Zopf und umwinden ſich damit den Körper.— Mein Sohn iſt gegenwärtig dort mit einer mi⸗ litäriſchen Miſſion betraut.“ „Ihr Sohn?“ fragte ich wieder höchſt geſpannt. „Ja, mein Sohn, der General Schramm, der gegenwärtig beim Kaiſer Napoleon iſt.— Er ſchreibt ſich zwar Schramm, es muß aber Schrann heißen, und ich werde ihn nächſtens in den Zeitungen reklamiren.— Als wir im Jahre vierzehn in Frankreich einzogen, da liebte ich in Chalons-sur-marne die Tochter eines Poſtmeiſters— wir wollten uns heiraten— doch kam der Abmarſch dazwiſchen.— Arme Amelie!— Doch gehen wir weiter.— Hier ſehen Sie paprikaniſche Kaffeebohnen“— und dabei zeigte er uns zwei getrocknete junge Pa⸗ prika—„ſie ſind ſo ſüß, daß man gar keinen Zucker dazu braucht. Die dritte hat mir der fürſtliche Obergärtner von E. abgebeten. Er hat ſie gepflanzt, ſie treibt jetzt ſchon eine drei⸗ ſchuhhohe Staude.“ Nun brachte er einen großen Pferdezahn hervor, dabei lag ein Zettel, worauf folgende Zeilen ſtanden: „Dieß iſt der Zahn des jüngſt verſtorbe⸗ nen Rieſen Murphy, der hundert und zehn Zentner wog, das Uebrige werden Sie aus den Zeitungen erfahren haben. Murphy. „Sehen Sie,“ ſagte der Doktor,„das be⸗ kam ich aus Leipzig und“— ſetzte er wohlge⸗ fällig lächelnd hinzu—„ſo kommt aus allen Welttheilen irgend etwas, bis es das Ganze gibt.“ Zwei Kalbszähne erregten unſere Bewun⸗ derung als Hannibals kräftige Beißwerkzeuge. Wir warteten auf die Erklärung einer klei⸗ nen zerſägten Cocosnuß, als uns der Doktor folgendermaßen belehrte: „Das iſt ein Mammuthsei aus dem Eis⸗ meer. Der Mammuth exiſtirt jetzt nicht mehr. — Es war vor einiger Zeit ein Wiener bei mir, der durchaus die Hälfte davon für's Wie⸗ ner Naturalienkabinet wollte; wir durchſägten es, er ging dann fort, und verſprach mir zu ſchreiben, da er aber nichts von ſich hören ließ, ſo glaube ich, er muß geſtorben ſein, der Arme!“ Ein anderes Stück abgeſägter Cocosnuß erklärte er als die Hirnſchale eines ſiebenjähri⸗ gen Mohrenkindes.—„Sehen Sie nur, wie merkwürdig,“ bemerkte er,„auch ſogar der Hirnſchädel iſt braun und die Nähte ſind ganz verwachſen.“ Dann zeigte er uns ein Stückchen Marmor, das ich ſogleich als ein aus der Marmortafel⸗ mühle von Fürſtenbrunn bei Salzburg hervor⸗ gegangenes erkannte. Man verkauft es dort den beſuchenden Fremden, da ſich die darauf *) Ungariſch: Pfeffer. eingedrückten Blatt⸗ und Pflanzenformen, wenn das Täfelchen polirt iſt, ſehr gut ausnehmen. — Dabei lag ein halb deutſch, halb arabiſch beſchriebener Zettel, der von einem unſerer Kadeten herſtammte— der Kadet war ein ge⸗ borner Afrikaner, und auf dem Zettel bezeugte der Spaßmacher, daß dieſes Stück ein von der größten, ſtrengbewachten Pyramide von Ghiz⸗ zee mit Lebensgefahr geraubter Marmor ſei. In einer Ecke ſtand eine Schildkröte, die meine Aufmerkſamkeit erregte, da das Gerippe einer Hundsruthe daran angebracht war.— Ich hob ſie daher auf und fand die Bauchhöhle der Schildkröte mit Holz gefüllt, an das jene Rück⸗ graths⸗Verlängerungsknorpeln mit Bindfaden feſtgemacht waren.— Mein fragender Blick wurde vom Doktor mit einem:„Die ge⸗ ſchwänzte Schildkröte!“ beantwortet. Dieſer ließ mir aber keine Zeit zum Bewundern, ſon⸗ dern zeigte mir ein Stück Schmiedeiſen von allen Seiten und ſagte:„Das iſt Eiſen von der Erdachſe!“ „Von der Erdachſe?“ rief ich aus. „Nun ja! Die Engländer haben ſie ruinirt und darum ſind jetzt die Witterungsverhältniſſe ſo verkehrt. Freilich iſt es den Herren Eng⸗ ländern kommode, ſo gutes Eiſen umſonſt zu haben, und damit alle Ausſtellungspreiſe zu gewinnen.“ Nach mehreren anderen hiſtoriſchen und naturhiſtoriſchen Seltſamkeiten zeigte er endlich uoch die einſame Scheere eines zu Grunde ge⸗ gangenen Seekrebſes, und beklagte, daß ihm die Bosheit dieſes ſchöne Exemplar eines „Schiffbohrers“ zerſtört habe, wobei es ihm gar nicht auffiel, daß das daneben liegende Gehäuſe eines roth geſottenen Hummers, der von ihm ſelbſt als Hummer ganz richtig einge⸗ führt wurde, dem„Schiffbohrer“ bis auf die Farbe ganz ähnlich ſah. Sonderbar berührte es mich, daß gerade das Letzte dieſer Sammlung, nach ſo vielen Phantaſieverirrungen, ſeinen wahren Namen erhalten hatte.— Doch es war noch nicht das Letzte.— Wir hatten zwei ziemlich große Papp⸗ ſchachteln in der Reihe überſprungen, und der Alte bedauerte ſehr, uns die darin enthaltenen Geheimniſſe nicht zeigen zu können, da um halb fünf Uhr ſeine gewöhnliche Promenade⸗ ſtunde beginne, von der er nie abweiche. „Doch Etwas will ich Ihnen dennoch zei⸗ gen— warten Sie!“— und er nahm zwei Papiere heraus. In dem einen befand ſich etwas Schlacke, in dem anderen Straßenſtaub. „Das ſind die zwei werthvollſten Sachen, die ich beſitze, das“— er meinte die Schlacke, —„iſt Kohlenſamen, und dieß“— er deutete auf das andere Papier—„iſt verſteinerte Luft!“ Immermann's Münchhauſen, Du haſt hier Deine Realität! rief's in mir. „Es iſt ein großes Geheimniß, ich erzähle es auch ſonſt Niemandem,“— fuhr er fort,— „der Kohlenſamen wird fünßzig Klafter unter der Erde angebaut, und binnen zehn Jahren — gibt er ſechzigtauſendfachen Ertrag.— Aber weil ich ſchon meine Schachteln geöffnet habe, ſo will ich Ihnen noch ein halbes Stündchen opfern und Ihnen das Uebrige auch noch zeigen.“ Ich fühlte mich zwar geſchmeichelt durch die Aufopferung des kleinen Alten, doch wäre es min faſt lieber geweſen, wenn wir losge⸗ komneen wären, denn in meinem Gehirne brummte es ſchon gewaltig.— Aber es hieß gute Miene zum böſen Spiel machen, da wir uns ſchon einmal in den Strudel geſtürzt hatten. Von dem, was wir weiter ſahen, erwähne ich nur die Kinnlade eines Porzellanfiſches, in welcher der erſte Blick den Henkel eines Ge⸗ fäſſes erkennen mußte, das gewöhnlich in brü⸗ derlicher Eintracht zum Stiefelknechte ſich ge⸗ ſellt. Als nun der Doktor ſein Muſeum gezeigt, gab er uns einen ſohlenlederharten Händedruck, und lud uns ein, bald wieder zu kommen. Als ich endlich nach dankendem Abſchiede in die freie Luft hinaustrat, ſchaute ich erſt ganz neugierig den Himmel an, dann griff ich mir an die Stirne, dann hatte ich einen kurzen krankhaften Lachanfall, der wieder damit en⸗ dete, daß ich abermals die Sonne und die Wolken betrachtete, vielleicht in der Erwartung, den greiſen Merlin oder„Afraja's Juvenal“ auf einem lindwurmartigen, frühgebornen Maikäfer herniedergeritten kommen zu ſehen. „Und Du weißt nicht, wie dieſes Original wahnſinnig geworden iſt?“ fragte ich Theo⸗ dor, meine Gedanken in das richtige Geleiſe bringend. „Keine Idee!“ „Der arme Alte!“ „Warum arm? Er iſt ja glücklich in ſeinen Einbildungen! Hält er ſich denn nicht ſogar für reich mit den Geheimniſſen ſeines Mu⸗ ſeums?— Mir gefällt der Mann gerade mit ſeiner Genügſamkeit, die es ja verſchmäht, auch nur einen Gegenſtand, z. B. ſeinen Koh⸗ lenſamen— auszubeuten.“ „Bei dem Unternehmen möchte ich Aktionär werden. Sechzigtauſendfacher Ertrag!— Aber Du haſt Recht!— der Mann iſt auch glücklich — er kennt keinen Wunſch nach Verbeſſerung ſeiner materiellen Lage, und ſelbſt, daß ſein Glück immer neuen Reiz behalte, ſorgten die Götter für eine kleine Quelle des Mißbehagens und ſchenkten ihm als nothwendiges Uebel des Beſitzes den Kampf, um es zu ſchützen— vor den Angriffen des Unglaubens!“ Unter ſolchem Geſpräche, das ich in ſeiner Fortſetzung dem werthen Leſer erlaſſen will, gelangten wir bis zu unſerm Dorfhötel, wo wir bei Gelegenheit des Wortes„Hötel“ einen Moment unſern guten Doktor vergaßen, um uns an eine ziemlich lange her datirende Ge⸗ ſchichte zu erinnern. Ich hatte einſt meinem Freunde Theodor ein franzöſiſches billet doux an eine ſüdlich klimatiſirte Dame aufge⸗ ſetzt, da er damals noch auf ziemlich ſchlechtem Fuße mit der galliſchen Feder ſtand. Als er ſich in dem Satze(hört ſchöne Leſerinen!):„Et je Vous créerai un autel de vénération dans mon coeur*),“ das Wort autel nicht recht entziffern konnte, ſo ſchrieb er, über die Orthographie ſeines Freundes triumphirend, ſtatt des verdächtigen„aute!“ kühn ein zierlich gekritzeltes„hotel“¹. Eine gute Laune macht einen guten Ap⸗ petit, und ſo thaten wir denn dem im oben beſchriebenen Staatszimmer ſervirten diploma⸗ tiſchen Diner alle mögliche Ehre an. Nach Digeſtionskaffee und Cigarre beſtieg ich mein Schlachtroß, drückte noch einmal alle kameradlichen Hände, und raſch ging es mei⸗ nem Reſidenzdorfe zu. 3. Zwei Jahre ſpäter war Deutſchlands Nor⸗ den das Ziel meiner Reiſe. Da ich genug Zeit hatte, ſo wählte ich das Dampfſchiff, um Elbe abwärts die herrlichen Partien, die ſich dem Auge boten, beſſer genie⸗ ßen zu können. Neben mir, am Hinterdeck, ſtand eine ganz friſche Bekanntſchaft, die ich dem Dampſſchiffe ſelbſt zu verdanken hatte— der liebenswürdige Kapitän S. im Dragonerkorps des— en Leib⸗ regiments. Er hatte nach einer kleinen tour- née in England, Frankreich, den Niederlan⸗ den, Deutſchland, ſeiner geſchwächten Geſund⸗ heit wegen die Kur in Karlsbad gebraucht, und kehrte jetzt in ſein Vaterland zurück, wohin ihn die Sommer⸗Exerxcitien riefen. „Es verlohnt ſich wirklich der Mühe, die ſchnellere Eiſenbahn mit dem Dampſcchiffe zu vertauſchen, wenn der Verluſt der Zeit durch einen derartigen Augengenuß erſetzt wird,“ äußerte ich durch den Anblick entzückt. Mein Geſellſchafter antwortete aber nicht, und als ich aufblickte, bemerkte ich, daß ſeine Cigarre ausgegangen, und ſein Auge ſtarr auf das Waſſer gerichtet war. Ich wollte ihn nicht ſtören und trat ein Paar Schritte gegen die Brüſtung vor, als der Kapitän plötzlich, wie aus einem Traume erwachend, ein:„Sie ha⸗ ben geſagt?“ hervorſtammelte, ſogteich aber, ſich wieder faſſend, höflich hinzuſetzte:„Verzei⸗ hen Sie, ich war ganz verſunken in die Erin⸗ nerung an eine Geſchichte, in die ich mich durch die Umgegend zurückverſetzt fühlte.“ „Ach, Sie kennen alſo ſchon die Gegend?“ „Ja! Es ſind jetzt zwölf Jahre, daß ich die Elbe benützte, um nach Dresden zu kommen. — Ich war damals Lieutenant, hatte, wie dieß mit zwanzig Jahren gewöhnlich der Fall iſt, bittere Herzenserfahrungen gemacht, die man in dieſem Alter immer für unverwindlich hält, und ſpäter vielleicht belächelt, die aber doch unſer friſcheſtes Fühlen, unſere ſchönſten Träume aufſaugen,— kurz, ich reiſte damals, um mich zu zerſtreuen.— Und gerade hier war es, wo ein im Grunde unſchuldiger Scherz *) Ich werde Ihnen einen Altar der Vereh⸗ rung in meinem Herzen errichten. 335 einen Menſchen um das Bischen Verſtand brachte, das er noch übrig hatte. Ich nahm zwar keinen thätigen Antheil an dem Vorfalle, aber doch habe ich ihn, ſeiner traurigen Folgen wegen, nie vergeſſen können.“ Meine Neugierde war erregt, und ich er⸗ ſuchte daher meinen freundlichen Wikinger, mir nach angezündeter Cigarre ſein Geſchicht⸗ chen zum Beſten zu geben.„Aber nur recht ſchauerlich,“ bat ich,„denn die Sonne ſenkt ſich, und wir werden bald einen Mondſchein haben, wie ſich ihn nur irgend ein Nachfolger Bürger's zu einer Eleonorendichtung wünſchen könnte.“ Und mein nordiſcher Freund begann: „Ich habe Ihnen ſchon geſagt, daß ich vor zwölf Jahren hier reiſte.— In Prag traf ich mit einem meiner Freunde zuſammen. Er hieß G., war damals Lieutenant und diente bei dem Grenadierkorps, in demſelben Leibregimente, in welchem ich ſtand. Es war dieß ein Mann, der ſeine guten ſechs Schuhe maß, und in Folge einer Krankheit entſetzlich mager und bleich ge⸗ worden war. Dazu nehmen Sie noch, daß er von Mutter Natur zu ſeinen waſſerblauen Au⸗ gen mit einem ſo hellblonden Bart und Haar beſchenkt war, daß man ſie beinahe weiß nen⸗ nen konnte, und Sie werden begreiflich finden, daß er leicht in einer etwas ſonderbaren Umge⸗ bung einen geſpenſterhaften Eindruck machen konnte.— Im Grunde war eigentlich G. nichts weniger, als geſpenſterdüſter, denn er hatte den luſtigſten Charakter und war immer glück⸗ lich, wenn er einen Schelmenſtreich ausführen konnte. Dabei war G. ein ganz gebildeter Mann, der eine Menge gelernt und geleſen hatte, die angenehme Gabe einer hübſchen Rede, eine ungezügelte Phantaſie und ein merk⸗ würdiges Sprachtalent beſaß, er redete neun Sprachen geläufig. Wir hatten einen ziemlich heißen Abend, und obwohl G. vom Kopf bis zu den Füßen in ſchneeweißes, leichtes Som⸗ merzeug gekleidet war, ſo beklagte er ſich doch ſehr über die Hitze, die durch die ſchreckliche Langeweile noch fühlbarer wurde. Freund G. hatte kaum dieſe Bemerkung gemacht, als wir einen kleinen Kahn an der Seite vom Ufer ab⸗ ſtoßen ſahen, der gerade auf unſer Schiff zu⸗ ſteuerte und bald von den Wellen der Schau⸗ felräder ſo hin⸗ und hergeworfen wurde, daß wir alle ſein Umſchlagen fürchteten. Außer zwei Bootführern war noch ein kleines zuſam⸗ mengeſchrumpftes Männchen im Kahne, das ſich mit beiden Händen auf dem Brette, auf dem es ſaß, furchtſam feſtklammerte, und nur zeitweiſe, auf Augenblicke, eine der beiden Hände frei machte, um uns mit einem Sacktuche ein Zeichen zu geben, daß man ihn doch auf⸗ nehmen möchte. Der Kapitän des Vapore ließ auch endlich ein Tau hinüber werfen, und das Männlein wurde ſammt ſeinem Reiſeſack glück⸗ lich an Bord gehißt. G., der die Gelegenheit zu einem Scherze nicht vorbeigehen laſſen wollte, ſchrie den beiden Schiffern etwas in ſlaviſcher Sprache zu. Kaum hatte G. geſprochen, als das ——;—ꝛ—ꝛ—ꝛ—˖:—————— 336 Männchen auf ihn losfuhr, und ihm in derſel⸗ ben Sprache auf's heftigſte entgegnete. G., der nicht ſo leicht einzuſchüchtern war, nahm eine pathetiſche Haltung an, maß das Männ⸗ lein mit eiſigkalten Blicken und ſprach nach einer Pauſe mit Grabesſtimme: Strick, der an Bord Dich bringt, Sich um den Nacken ſchlingt,— Kühl iſt's da unten. Noch eine Zeit lang hielt G. die Hand ausge⸗ ſtreckt, ſein unheimlicher Blick ruhte auf dem ganz erſtaunten, neuen Paſſagier, der, als G. ſich ſchon gewendet hatte, ihm ſprachlos ver⸗ wirrt nachſtarrte. Von dieſem Momente an ließ das Männ⸗ chen G. nicht mehr aus den Augen, ja es folgte ihm treu, wie ſein Schatten und lauſchte auf jedes Wort, das G. ſprach. Wir gaben auf unſern Verfolger wenig Acht, und unterhielten uns in unſerer Mutter⸗ ſprache, als uns plötzlich ein lauter Streit, der von der Kajüte her erſcholl, aus unſerer trägen Ruhe aufjagte. Ein Gemengſel von Goddam! und Parbleu! verrieth uns bald das geſtörte Einvernehmen zwiſchen Repräſentanten Gal⸗ liens und Britanniens, die ſich, heftig geſtikuli⸗ rend und jeder in ſeiner Sprache debattirend, auf's Hinterdeck zogen. Wir konnten bald ſo viel entnehmen, daß John Bull behauptete, er habe für dieſen Seſſel bezahlt, und daher das Recht gehabt, ihn in dem Momente wegzutra⸗ gen, als ihn der Franzoſe gerade einer Dame anbieten wollte. Da keiner der beiden Antago⸗ niſten die Sprache des andern verſtand, ſo war ein Ende des Streites nicht abzuſehen, und G. beging wirklich dadurch ein verdienſtliches Werk, daß er durch ſeine in engliſcher und franzöſiſcher Sprache geführte Vermittlung eine Verſtändi⸗ gung zwiſchen den beiden erbitterten Parteien zu Wege brachte. Er ſchied als intimer Freund von den verſöhnten Weſtmächten, von denen eer beiderſeits als ein Landsmann betrachtet wurde. Während dieſes ganzen Vorganges hatte unſer beinahe vergeſſenes Männlein höchſt auf⸗ merkſam gelauſcht, und als G. und ich uns wieder in der Nähe des Steuerrades niederge⸗ ſetzt hatten, kam es ſchüchtern heran und fragte, auf G. einen zaudernden Blick heftend: „Verzeihen Sie, mein Herr, meine unbe⸗ ſcheidene Frage, was wollten früher Ihre Worte zu mir ſagen?“ „Viel und nichts!“ erwiederte kurz G. „Wie ſo?“ Ohne auf die Frage zu hören, fragte G. ſelbſt wieder: „Was ſind Sie für ein Landsmann?“ „Ein Böhme.“ „Ein Böhme?— dann trifft Sie's nicht,“ ſprach ſeheriſch G. „Ich verſtehe nicht!— Was ſind denn aber Sie für ein Landsmann!“ forſchte neu⸗ gierig der Alte. „Ein Schwede, warum?“ „Weil— weil— ich weiß ſelbſt nicht warum, aber Ihre Worte von früher haben auf mich ſo einen eigenen Eindruck gemacht—“ „Sovo!“— dehnte G. „Alſo ein Schwede ſind Sie? Aber Sie ſagten ja gerade früher dem Franzoſen, daß Sie ſein Landsmann wären, ſo viel Franzöſiſch ver⸗ ſtehe ich auch.“ G., dem ſchon wieder der Schalk im Auge ſaß, antwortete kurz: „Das bin ich auch!“ „Ja, aber das iſt doch nicht recht möglich!“ „Warum nicht? alles iſt möglich!“ erwie⸗ derte G. barſch. „So ſind Sie vielleicht gar auch ein Eng⸗ länder?“ „Das bin ich anch!“ „Und ein Böhme, denn Sie haben früher ganz gut böhmiſch geſprochen?“ „Das bin ich auch!“ „Auch vielleicht ein Deutſcher, deutſch iſt Ihnen ſehr geläufig?“ „Das bin ich auch!“ war die ſtereotype Antwort G's. „Na, ſehen Sie, das iſt ja nicht möglich, Sie können doch nicht da überall geboren ſein? Sie ſcherzen eben nur.“ „Ich ſcherze nie!“ „Aber Sie ſind doch nur entweder Schwede, Franzoſe, Engländer, Deutſcher oder Böhme, und nicht alles zuſammen?“ „Ich bin auch nicht alles zuſammen, ſon⸗ dern jedes einzeln, und“— dabei erhob G. ſeine Stimme—„ich werde Ungar mit dem Ungarn, Türke mit dem Türken, und Indier mit dem Indier ſein, und bin doch keines von allen!“ „Sehen Sie! Sie geſtehen jetzt ſelbſt—“ „Was geſtehe ich?“ und nach einer Pauſe, während welcher G. das Männlein ſcharf fixirte, ſetzte er hinzu:„Und wer gibt Ihnen überhaupt das Recht, mich ſo auszufragen?“ „Sie haben mich ſo ſonderbar angeſprochen und ſind überhaupt ſo räthſelhaft“— wollte der Alte erwiedern. „Bin ich das? Sind Sie's nicht ſelber auch? Wer ſind Sie eigentlich, mein Herr?“ brauſte G. heraus. „Wer ich bin, ah! das ſollen Sie gleich erfahren,“ ſagte das Männlein.—„Ich bin Oberarzt, und ſeit zwei Monaten penſionirt. Ich unternehme gegenwärtig eine kleine Luſt⸗ reiſe, und zwar wohl meine letzte; denn ich ge⸗ denke, ſobald ich heimgekehrt bin, ruhig meine alten Tage zu verleben.“ „Und ich— ich kehre nie mehr heim! Ich bin ein Ausgeſtoßener aus meinem Vaterland — vom Monde!“ ſprach G. langſam, faſt tonlos. „Vom— Mon— de?“ ſtammelte der Oberarzt entſetzt zurückweichend, und ſetzte dann offenbar von einer Erinnerung gemahnt, rüh⸗ rend weich noch einmal„vom Monde!“— hinzu, und nachdem er einige Zeit lang nach⸗ denklich und in ſich verſunken dageſtanden hatte, ſeufzte er leiſe:„Sonderbar! auch ſie ſagte mir vom Monde!— Verzeihen Sie, mein Herr, aber mir wird ſo wunderlich zu Muthe, als müßte ich weinen.— Ich hatte eine Braut in Klauſenburg vor mehr als zwanzig Jahren. Es iſt freilich ſchon lange, aber mir bleibt's immer friſch.— Sie wurde plötzllich kränklich und zehrte ab, bis ſie ſich vor Schwäche nicht mehr auf den Füßen halten konnte, und wir ſie in's Bett bringen mußten, von wo ſie auch nicht mehr aufſtand.— Kein Menſch wußte, was ihr fehle. Ich ſelbſt wußte es auch nicht, — und ſo ſiechte ſie denn ſtill und in ſich ver⸗ ſunken hin. Nur, wenn der Vollmond recht hell ſchien, da konnte ſie ſich nicht ſattſehen an ihm, es wurde ihr ſo wohl in ſeinem Lichte.— In einer ſchönen Mai⸗Vollmondsnacht— die Fenſter waren geöffnet, wurde ſie plötzlich wie verzückt, flüſterte mir ein Lebewohl zu, deutete noch einmal nach dem Monde und ſtarb mit einem leiſen:„Dort!“ Dieſem Erguſſe folgte eine kleine Pauſe, die G. dazu benützen mochte, eine Art zu fin⸗ den, auf welche ſich aus dieſer Geſchichte etwas paſſendes ziehen laſſe. Ich ſelbſt bedauerte den alten Oberarzt und dachte, daß auch in dem vertrockneten Herzen noch ein Reſt eines wei⸗ chen Gefühls ſchlummere, und fing ſchon an, ihn theilnehmend zu betrachten, als er wieder das Schweigen brach. „Alſo Sie wären aus dem Monde?“ fragte er halb neugierig, halb mißtrauiſch. „Ja wohl!“ antwortete G. „Aber wie kämen Sie denn dann hieher?“ verſetzte der Oberarzt, und die Art eines leich⸗ ten Lächelns, das ſich über ſeine verrunzelten Wangen zog, verrieth, daß er, nur durch den erſten Eindruck einen Augenblick gefeſſelt, die Unglaublichkeit dieſer Behauptung vollkommen zu würdigen wiſſe. G. ſchien aber den Spott, der in dieſer Frage lag, nicht zu bemerken und erwiederte ſchnell und geheimnißvoll:„Da Sie ſelbſt ſo viel Intereſſe an meinem Vaterlande nehmen, ſo habe ich keinen Grund zurückhaltend gegen Sie zu ſein. Ja, Ihre enge Verknüpfung mit jenem Sterne macht es mir ſogar zur heiligen Pflicht, Ihnen Erklärungen zu geben, ohne die es Ihnen nie möglich ſein würde, das damalige und jetzige Verhältniß Ihrer zu der Zeit ihres Erdenwallens im Seherzuſtande befindlichen Braut zu erkennen, und Sie in der Hoffnung auf ein einſtiges Wiederſehen im Monde zu beſtärken.“ „Aber jetzt iſt nicht die Zeit dazu, eben hat unſer Schiff Anker geworfen, um zu über⸗ nachten. In zwei Stunden ſchläft Alles, dann wenn hier ſich nichts mehr regt, und der Mond ſein Silber auf uns herunter haucht, dann fin⸗ den Sie ſich hier an derſelben Stelle wieder ein. Auf Wiederſehen!“ Das Geſicht des Oberarztes war während dieſer ernſt geflüſterten Rede nach und nach in ſeine ſtereotypen Falten zurückerſtarrt und man ſah in ſeinen grauen Augen, daß eine unbe⸗ — — ———— p— ten meiner Erklärung! greifliche Leichtgläubigkeit, ein unbekanntes Etwas, vielleicht das in ihm liegende Saat— korn des Wahnwites, immer mehr die Ober⸗ hand über das Mißtrauen und die Gegenſprüche der Vernunft erhielt. Mit einem vagen Blicke, der ſich ſelbſt un⸗ bewußt und auf nichts gerichtet küah wie ihn oft ganz zerſtreute Menſchen haben— ſchied er von uns, nachdem er kopfnickend verſprochen, zur beſtimmmten Zeit wieder zu kommen. Auch G. ging in die Kajüte und kramte in ſeinein Koffer. Ich ſelbſt blieb ſitzen, betrachtete mir die Gegend und verſank in eine düſtere Traum⸗ welt, ſo daß ich kaum bemerkte, wie der Spa⸗ diergänger am Bord immer wriiet wurden, bis die läſtigen Schnaken auch die letzten ver⸗ trieben. Ich würde denſelben wabſchein auch gefolgt ſein, wenn nicht in dem Augenblicke G. neben mich getreten wäre. Er nahm mir das Verſprechen ab, alles ruhig und ohne Lachen mit anzuhören, und ich gab es ihm gerne, denn ich war höchſt begierig zu ſehen, wie G. den einmal aufgefaßten Gedanken ausführen werde. Auch der Doktor geſellte ſich bald zu uns, und wir ſetzten uns ſchweigend auf eine der Bänke an der Brüſtung. Alles zeigte ſich G.s Plane ſehr günſtig. Nachdem die Signallaterne am Maſte befeſtigt und Alles zur Ruhe gegan⸗ gen war,— ſelbſt die gewaltige Maſchine ſchlief,— ſchien das ganze Schiff ſich in träu⸗ meriſchen Schlummer zu wiegen. Prachtvoll ſtand der Vollmond faſt im Zenithe, kein Lüft⸗ chen regte ſich, kein Laut war hörbar, als das Flüſtern und Rauſchen der gebrochenen Welle. G. ſtreckte langſam beide Arme gegen den Mond, und nachdem er tief aufgeſeufzt, begann er mit bewunderungswürdigem deklamatori⸗ ſchem Vortrage: „O Du mein Vaterland! Du geiſtig helles, fülberlichtunwogtes Vaterland! Verbannt aus Deinem reinen Aether muß ich hier vermen⸗ ſchen!— Die Sehnſucht zehrt das Herz mir aus der Bruſt! O Heimat, wann nimmſt Du mich wieder auf?— wann— wann darf ich wieder heim?“— Das war ſo weich, mit ſo ſehnſüchtig zitternder Stimme geſprochen, daß ich ſelbſt ganz verblüfft auf G. ſtarrte. G. aber ſchien ſich zu ermannen und fuhr fort: „Doch, Sie verſtehen mich nicht und war⸗ Haben Sie ſchon von der Seelenwanderung gehört?“ Der Oberarzt bejahte. „Glauben Sie daran?“ Des Doktors Geſicht drückte Zweifel aus, doch G. ließi ihn nicht zu Worte kommen. „Ol Sie müſſen daran glauben, denn ſonſt erzähle ich Ihnen vergebens!— Die Seelen⸗ wanderung exiſtirt, aber nicht vom Thiere zum Menſchen und umgekehrt, ſondern von einem Sterne zum andern,— von der häßlicheren Hülle zur ſchönern, bis er endlich auf der Sonne die läſtige Umhüllung ganz abſtreifend, zur höchſten Klarheit und Reinheit gelangt, und ſich in nackter Schönheit, Wahrheit und Vollkommenheit, der alles erkennenden An⸗ Erinnerungen. 1858. ſchauung erfreut.— Ach, mein Herr, Sie ſoll⸗ ten die geiſtigen Bewohner des Mondes ſehen, um ſie mit dem ſchwerfälligen, fleiſchgeketteten Erdenmenſchengeſchlechte vergleichen zu kön⸗ nen!— Auch ich gehörte zu jenen!— Wie wenig von dieſer läſtigen Hülle, die ich jetzt mit mir ſchl eppe, veraſe da meinen Geiſt! Wie leicht, wie ſelig fühlte ich mich damals, wie frei von aller üernen Schwere! Sie können nicht glauben, wie eindrucksfähig dort der Geiſt, wie voll von ungeahnten Talenten er iſt! Dort kennt man nicht das zeit⸗ und gefühltödtende Lernen. Das Einſaugen der Atmoſphäre irgend eines Wiſſens genügt un⸗ ſerm poröſen, attrahirenden Geiſte, um den Gegenſtand ganz zu erfaſſen!— Haben Sie nie geträumt, Sie hätten den Willen zu flie⸗ gen und fühlten ſich durch Ihren Willen allein gehoben, der Sie forttrug, wie die verdünnte Luft den Ballon, und war Ihnen das nicht ein Gefühl der ſeligſten Wonne?— Haben Sie es geträumt, dann war es eine Mondes ahnung!— Die Bewohner des Mondes, ſo körperlos, erheben ſich wirklich vom Boden, blos durch die Gewalt ihres Willens, durch die Leichtigkeit ihres Weſens!——“ Das Mißtrauen des Doktors war längſt verſchwunden, und ſeine Augen hafteten an dem Munde des Sprechers mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Nach einer Pauſe fuhr G. fort: „Wie glücklich war ich damals! Ach, ich hätte auch ſo glücklich bleiben können, aber mein Geiſt war zu unruhig, ich ſtrebte nach Niegeſehenem, deſſen Ahnung mich verlockte. Es drängte mich über die Schranken!— Ich hob mich empor— ich flog über dieſe Schran ken hinaus— aber 4 Weltäther, zu rein und leicht, ſetzte den Schwingen meines Geiſtes keinen Widerſtand mehr entgegen, und ich ſtürzte — und ſtürzte nieder zur Erde!“ Athemlos lauſchte der Doktor, und ich ſelbſt horchte mit Intereſſe auf G.'s phantaſievolle Erzählung. „Der Mond zeigte ſich damals“— ſetzte G. fort—„der Erde im erſten Viertel, das heißt er ſtand unter einem ſwiten Winkel zu derſelben. Ich erreichte die ¹ Atmoſphäre der Erde und in dem Augenbl icke ging auch mit mir nach und nach eine Wandlung vor ſich— meine Hülle verdichtete ſich, ich erhielt einen irdiſchen Leib.— Ich ſtürzte durch den Dunſt⸗ kreis vieler Länder, bis die ſich nach Oſten dre⸗ hende Erde mir in den Hochgebirgen Schott⸗ lands ein Hinderniß entgegenſetzte, und ich, da mein Fall nicht ſenkrecht ſtattgefunden hatte, ſanft zur Erde kam. Ich hatte über Indien den T Dunſttreis der Erde berüt hrt und war in einer, geraden Linie über alle die Länder geſchwebt, die zwiſchen Indien und Schottland liegen.— Mein Geiſt hatte noch ſo viel von ſeiner frü⸗ heren Attraktionsfähigkeit hehalten, daß er die Sprache aller dieſer Länder zu ſeinem Eigen⸗ thume machte. fand, wie Wie ich mich in dieſe neue Welt 337 ſchwierig mir das neue drückende Verhältniß wurde, kann ich nicht erzählen. Der Schmerz, den mir die Erweckung all der traurigen Erin⸗ nerungen bereiten würde, wird Ihnen verſtänd⸗ lich ſein.— Genug, ich ging nach Frankreich, und von dort nach Schweden, wo ich ſchon fünfzehn Erdenjahre um mein verlorenes Glück weine. Und nur Eines vermag mich in der Wehmuth um mein entſchwundenes Monden⸗ daſein zu tröſten, das iſt, daß mir die Möglich⸗ keit einer Verbindung mit meinem theuren Va⸗ terlande geblieben iſt. Ich korreſpondire mit dem Monde.“— „Jetzt können Sie ſich auch die lucide Sehnſucht Ihrer Geliebten, die letzte Aeuße rung erſetnen erklären, und wenn Sie es wün⸗ dben ſo kann ich Ihnen Nachricht von ihr erſchaffen?“ „Von Johanna?“ flüſterte leiſe, wie träut mend der Alte. „Ja!“ verſetzte G. „Sie könnten?“ früher der Doktor. „Sie zweifeln?— So ſehen Sie ſelbſt!“ G. ſtreckte beide Arme wie magnetiſirend gegen den Mond und flüſterte:„Legen Sie Ihre linke Hand auf meine Schulter und den⸗ ken Sie dabei feſt an Ihre Freundin, denn ich vermag ſie nicht allein zu finden, da ich ſie nicht kenne!“ Nachdem der Doktor der Andeutung gefolgt war, blieb G. noch einige Zeit ſo ſtehen, plötz⸗ lich zuckte er zuſammen, ſo daß der Doktor mit ihm zuckte, und während G.'s linke Hand am Leibe langſam niedenſank, blitzte es auf, als wenn eine Sternſchnuppe vom Monde gefallen wäre, und ſich gerade in die noch ausgeſtreckte rechte Hand geſenkt hätte. Der Doktor folgte auf's höchſte geſpannt, der Hand mit den Blicken,— und als ihm jetzt G. ein Stückchen braunes Papier über⸗ reichte, auf dem ſilberne wieroalphen gezeich⸗ net waren, ſtirrte er eine lange, lange Zeit darauf hin, und keine Muskel regte ſich an ihm. Langſam nahm ihm G. das Papier wie der aus der Hand und las: „Mein theurer Freund! Ja theuer biſt Du mir, magſt Du auch noch im Erdendüſter wandeln. Freu' ſinnig deſſen Dich, was Dir die Erde beut, damit auf ihr ſchon Deines Körpers Laſt ſich mindre, und rein und leicht Du auf zum Monde ſteigſt. Dann wollen wir recht lange froh genießen, was uns auf jenem Stern nicht ward gegönnt: des Geiſtes Eini⸗ gung, der Seelen wonnige Liebe, die körperlos zur höchſten Höhe reift!“ „Mir! mir! geben Sie!“ ſtieß der Alte hervor, indem er haſtig nach dem Papiere griff, es dann anſtarrte, ſich mit der Hand über die Stirne fuhr und dann lächelnd nickte.„Ja! ja! ja! ja! Zur höchſten Höhe reift!—“ G. legte ihm langſam die Hand auf die Achſel und ſprach feierlich: „Schwören Ei mir, daß von all dem, was ich Ihnen geſagt, nie ein Wort über Ihre 43 fragte von neuem, wie 338 Lippen kommt. Der rohe Pöbel begreift nicht die Geheimniſſe der Natur, er würde Sie nur verlachen! Schwören Sie mir, dieſes Blatt, dieſe durch die Berührung mit der Körperluft körperlich, irdiſch gewordenen Gedanken, die ſich als hoher, ſchöner Ausfluß des Geiſtes vom Monde trennten,— Niemand zu zei⸗ gen! Schwören Sie!“ Ernſt antwortete der Doktor:„Ich ſchwöre es Ihnen!“— Gleich aber beſchäftigte er ſich wieder mit ſeinem Briefe, ging lächelnd auf dem Verdecke auf und ab und nickte wieder ein: „Ja! ja! ja! ja! Freu' ſinnig deſſen Dich was— Wir boten dem Alten gute Nacht, er drückte uns die Hand, man ſah ihm aber an, daß er an etwas ganz anderes dachte, wenn er über⸗ haupt dachte; und während wir zu unſered Kajüte hinabſtiegen, ſetzte er ſeinen Spazier⸗ gang, ſein Nicken, und ſein„Jal jal jal ja!“ fort. Kaum unten angelangt, ſchlug G. ein lau⸗ tes Lachen auf, und als er mir mittheilte, daß die ſchöne Sternſchnuppe nichts anderes gewe⸗ ſen ſei, als der durch einen kleinen in der Hand verborgenen Spiegel aufgefangene und reflek⸗ tirte Mondesſchimmer und der Liebesbrief vom Monde eigentlich ein Stammblatt aus Natur⸗ papier, auf das ihm einmal ein türkiſcher Be⸗ kannter ein Paar Sprüche in ſeiner Sprache mit Silberſchrift geſchrieben habe, da ſtimmte ich wohl in ſein Gelächter mit ein, aber vom Herzen ging es mir nicht. Als ich erwachte, befand ſich der Dampfer ſchon ein Paar Stunden im Gange und als wir uns nach unſerm Reiſegefährten von geſtern Abends erkundigten, hieß es, er ſei ſchon vor anderthalb Stunden an's Land geſtiegen. Zwei Jahre ſpäter brachte ich den Sommer im Bade zu T. zu.— Zu den dortigen klei⸗ neren Ausflügen gehört der Beſuch des in der Nähe gelegenen Brrner Sauerbrunnens. Auch ich war an einem Nachmittage in einer ziemlich großen und heitern Geſellſchaft dahin gefahren. Wir zogen es vor, im Städtchen B. auszuſteigen und den kurzen anmuthigen Weg bis zu den Anlagen des Brunnens zu Fuße zurückzulegen. In B. ſchloß ſich uns ein dort in Garniſon liegender Offizier an, den ich von den Reunionen T.'s her kannte.— Wir waren noch kaum aus den engen Gaſſen B.s heraus, als uns ein altes vertrocknetes Männlein be⸗ gegnete, das den uns begleitenden Offizier freundlich grüßte. Ich erkannte mit Staunen den Oberarzt. Er trug im Knopfloche einen ungeheuren Berg⸗ oder Schneewaſſers angefeuchteten Wie⸗ Strauß von rothen Nelken, zu dem er ein ſenmatten und Alpentriften weich und angenehm, ganzes Beet geplündert haben mußte. Der Offizier fragte ſpöttelnd: „Sind Sie Bräutigam, Herr Doktor? Gewebe dahinſchreiten, um uns plötzlich und Dieſe ſchöne Roſe—“ und deutete dabei auf „Eine Roſe! eine Roſe!“ nickte wohlge⸗ fällig lächelnd der Alte und ſpazierte ver⸗ gnügt weiter. Ich erkundigte mich nach ihm, und der Offizier erzählte mir, der alte Oberarzt wohne ſeit zwei Jahren in B., unterſtütze von ſeiner geringen Penſion ſeine Verwandten und ſei ein höchſt ſonderbarer Kauz, der alles was er finde, ſammle und jeden Gegenſtand für das anſehe, für was ihn der Witz des Nächſtbeſten auszu⸗ geben für gut fände.— Und dieß müſſe ſich von einer unbekannten Begebenheit herſchrei⸗ ben, die ihm vor zwei Jahren auf einer Reiſe zugeſtoßen ſein möge. Meine Freude am Ausfluge war verdor⸗ ben, und ich ſpielte eine ſehr traurige Rolle inmitten der heitern Geſellſchaft. Oft ſeither überkam es mich wie ein ſtiller Vorwurf, wenn ich an den Alten dachte, Theilnehmer, wenn auch in noch ſo geringem Grade, an jenem leichtſinnigen Spiele gewe⸗ ſen zu ſein, das— ich zweifle nicht daran— ſeine vielleicht ſchon ſehr empfindlichen Nerven überreizte, und eine Saite in ihm zerſprengte. — Und derart waren auch die Gefühle, die ich vorhin beim Anblicke jenes Punktes em⸗ pfand, wo jene Nacht unſer Boot vor An⸗ ker lag. Kapitän S. ſah trübe vor ſich hin, ich aber fand, als ich um den Namen des Doktors fragte, meine Ahnung beſtätigt, denn die Ant⸗ wort lautete:„Oberwundarzt Schrann!“ — s6= Aus dem Pinzgau. Skizzen aus dem dortigen Volksleben.) Von F. Brentovansky. III. Der Reisbuſchen. Um unſere dritte Wallfahrt in die Pinz⸗ gauer Berge und Thäler ohne Verzug anzutre⸗ ten, friſch den Bergſtecken zur Hand, den war⸗ men, dichten Loden über die Schulter, den rothen Regenſchirm unter den Arm, die duf⸗ tende Cigarre angebrannt, und vor Allem ein munteres Reiſelied angeſtimmt! Unſerm launiſchen und ſo gerne neckenden vaterländiſchen Rübezahl nicht unähnlich, läßt der Pinzgau uns über die reizendſten blumen⸗ geſtickten, durch unzählige Rinnſale des reinſten ja weicher und behaglicher, denn auf pariſer Salonteppichen oder perſiſchem und türkiſchem unerwartet einen kühnen Sprung machen zu laſſen und uns in ein dem ſteinigen Arabien nicht unähnliches Felſenmeer zu verſetzen, wo ein verſpritzter Tropfen wie vom glühenden Eiſen aufziſcht, und die heißen, meſſerſcharfen Steinkanten auch der ſtärkſten, nägelgepanzer⸗ ten Schuhſohle Hohn ſprechen. Doch, nicht den Muth verloren, denn dort in der Ferne, in der Höhe winkt uns ein ſchwarzer Streif Erholung. Es iſt dieß ein kühlender, rauſchender Wald, in deſſen Schatten wir bald auf friſchem, elaſtiſchen Mooſe, zwiſchen den Kindern der unerſchöpflichen, tauſendge⸗ ſtaltigen Alpenflora, am Rande einer kryſtall⸗ hellen Felſenquelle die ausgeſtandenen Drang⸗ ſale vergeſſen werden. Und da endlich angelangt, bleiben wirſtehen, um Rückſchau zu halten. Tief zu unſern Füßen ſchwebt ein junger Falkenflug, ruhig, majeſtä⸗ tiſch, kaum die Fittige bewegend, als hinge er angenagelt in der heitern, reinen Luft— aber hoch, kaum ſichtbar oft für den Thalbe⸗ wohner. Stolzen Blickes und befriedigt lächelnd benennt uns dann der Führer die verſchiedenen hervorragenden Bergſpitzen und Gletſcher, die unter dem Grün emportauchenden rothen Kirchthürme; nennt die Namen der wie Spie⸗ gel unter uns glitzernden Bergſeen, und die Aachen, welche die herrliche Landſchaft ſilbernen Bändern gleich durchſtrömen. Freudetrunken ſtehen wir da, verſunken in das vor unſern Füßen aufgerollte, erhabene Schauſpiel. Wo bleibt aber der Reisbuſchen?— Schon ſo bald? den Reisbuſchen bekommen, heißt ja ſo viel, als Abſchied nehmen und dem Pinzgau„Lebewohl“ ſagen! Wenn meine liebenswürdigen Begleiter und muthigen Gefährtinen der Reisbuſchen verdienen wollen(es iſt dieſes eine Auszeich⸗ nung,— eine Anerkennung beiläufig geſagt), und wenn Sie, wie ich überzeugt zu ſein glaube, die Pinzgauer in Folge unſerer zwei Wanderungen ein wenig lieb gewonnen haben, ſo werden Sie nicht ungehalten ſein und mir zuſtimmen, wenn ich vorſchlage:„Den Abſchied laſſen wir auf die Letzt“! Ruhen wir jetzt auf unſerm luftigen Plate, genießen wir mit Muße die Reize der Ausſicht und verkür⸗ zen uns die Zeit mit Erzählungen und Schil⸗ derungen von dieſem uns werth gewordenen Bergvölkchen. Sieh da! was macht denn jener Menſch dort zwiſchen dem Geſtrüppe ſo nahe am Rande des jähen Felsabſturzes? Bald bückt er ſich zur Erde, bald richtet er wieder Etwas an ſeinem Körper und rückt an ſeiner Schulter, und jetzt— jetzt ſchreitet er gar unter einer Laſt entſchloßen auf den Abgrund zu! Will ſich der Unglückliche etwa hinabſtürzen? oder was ſoll das ſonderbare, ungewöhnliche Treiben beſa⸗ gen?— Nichts von Bedeutung. Wenn wir ‚recht ſcharf hinſehen, werden wir bemerken, daß er nun gerade über dem Abgrund ſteht, oder die Nelken. *) Schluß zum Oktoberhefte, Seite 302. eigentlich mit feſtem Fuß und ſicherem Aug' bien wo dden rfen ger⸗ dort en ein atten ſchen idge⸗ ſtall⸗ ang⸗ ehen, üßen eſtä⸗ e er albe⸗ elnd enen die then Epie⸗ ddie ernen fen in abene — umen, d dem gleiter uſchen ac⸗ eſagt), ſein inſerer onnen in und — ſchwindelfrei den handbreiten, die Brücke ver⸗ tretenden Balken hinüberbalanzirt. Seine Laſt iſt ein über den Rücken herabhängender feiſter Gemsbock, auf der rechten Schulter aber trägt er ſeinen Hund, der ganz vertrauungsvoll und ſicher, wie ſein Herr, aber mäuschenruhig in den ſchwarzen Abgrund hinunterblickt. Doch! — jetzt— jetzt iſt er glücklich hinüber, der Hund ſpringt zur Erdo, ſchüttelt ſich, wedelt freundlich und dankbar und ſpringt luſtig bellend um ſeinen Herrn herum— bis ſich beide im Dickicht verlieren. ſun wollen wir über das Almer Thal hinüberſehen, in die Gegend, wo der Pongau und das Wildbad Gaſtein liegt; in dieſer Rich⸗ tung zeigt ſich uns in blaugrüner Färbung ein ziemlich umfangreicher Berg von Mittelhöhe, der dem Auge eigentlich nichts Beſonderes oder Auffallendes darbietet. Und doch iſt er merk⸗ würdig in ſeiner Art und allbekannt in der Gegend. Es iſt nämlich einer jener Berge, auf deſſen Plateau ſich alljährig an einem beſtimm⸗ ten Tage die„rauf⸗ und rankelluſtige“ männliche Jugend nicht nur aus der Umgegend, ſondern ſogar auf Meilen weit aus Tirol und Steier⸗ mark verſammelt, um hier den Kampfpreis, den Lohn ihrer Kraft und Gelenkigkeit, ſo wie des perſönlichen Muthes zu erringen. Ein Burſche, der ſich aufgefordert einer ſolchen Kraftprobe entziehen wollte, würde gar bald als Feigling im Gau bekannt, von den Dirnen gemieden oder wenigſtens bemitleidet, von den Burſchen aber verſpottet und bei jeder möglichen Gelegen⸗ heit ziemlich derb gehänſelt werden. Sogar die den Hut ſchmückende Spielhahnfeder würde ihm herabgeriſſen und von den kecken Burſchen auf den eigenen Hut aufgeſteckt werden. Bei dem Sonntagstanz würde dieſe dann hochmü⸗ thig bei der Geliebten des Unglücklichen vorü⸗ berjauchzen und gar oft, unbarmherzig genug, der vor den Gefährtinen ohnehin genug Ge⸗ demüthigten zurufen:„Das iſt Deines Herzlieb⸗ ſten Feder, wann er ſie will, mag er ſie holen!“ Auf dem Bergplateau wird ein großer, freier und ebener Kreis ausgeſteckt, ringsum ſitzen die alten und greiſen Männer als Kampf⸗ richter— den Frauen wird das Zuſehen nicht geſtattet— während vor ihnen der Nachwuchs im Fauſt⸗ und Ringkampf, ſo wie im Bund⸗ faßen und Ueberwerfen ſeines Gleichen oder den Stärkern ſucht. Gar oft jedoch nimmt Ver⸗ wandtſchaft oder Thalnachbarſchaft Partei für den Verlierenden, und aus dem mit Lachen be⸗ gonnenen Zweikampf wird zuletzt eine allge⸗ meine Parteirauferei, die jederzeit mit Blut und zerriſſenen Kleidern, aber auch nicht ſelten mit zerſchmetterten Hirnſchalen und gebrochenen Gliedern beendigt wird. Man erzählt ſich hiebei auch Vieles von mit den Daumen ausgequetſchten Augapfeln und ſonſtigen Mißhandlungen des Gegners, welche deſſen lebenslängliche Verkrüppelung zur Folge haben ſollen, doch ich kann darüber nichts Faktiſches berichten, da ich nicht ſelbſt Augenzeuge eines ſolchen Kampfes war. ̃ᷓ—BBAD———;— — Ein merkwürdiger Kontraſt in dem See⸗ lenleben des Pinzgauers, in dem ſich die äußerſte Herzlichkeit und Gutmüthigkeit mit dem härte⸗ ſten Trotze, mit der zäheſten, jeden Widerſtand vernichtenden Ausdauer berühren! So kampf⸗, ſo raufluſtig und ſiegesdurſtig der hierländige Burſche iſt; ſo herzlich, beſchei⸗ den, geduldig und lenkbar iſt der Pinzgauer im gewöhnlichen Leben und ungereizten Zuſtande bei freundlicher Behandlung. Eine kleine Epiſode aus dem Gerichtsleben dürfte hier nicht unwillkommen ſein und mehr Licht auf das von uns Geſagte werfen. Die Ausſage eines Bauers wurde nämlich behufs einer Verhandlung bei ſeinem Pflegege⸗ richte üblicher Weiſe zu Protokoll genommen. Pfleger: Wie heißt Du? Bauer: Wer? Ih? P.: Ja, Du! B.: Alſo Ih— Nal der g'ſtrenge Herr Pfleger weiß ja eh, daß ih der Koglbauer bin. P.: Das weiß ich wohl, aber vor Gericht mußt Du ſelbſt und perſönlich Deinen Tauf⸗ und Zunamen zu Protokoll geben. B.: Ah ſo! Itza is racht, ih haß alſo Seppel, der Koglbauer. P.: Nein doch, als Koglbauer kennen wir Dich wohl und Deine Nachbarsleute; da dieß aber der Name des jedesmaligen Beſitzers Dei⸗ nes jetzigen Auweſens iſt, ſo mußt Du den Namen angeben, wie Du Dich nach dem Va⸗ ter ſchreibſt. B.: Nu! mein Voada war der olde Mit⸗ termayer, ſo haß ih leicht der junge Mittermay⸗ Koglbauer— der g'ſtrenge Harr Pflegr waß eh guet. P.: Alſo Joſef Mittermayer iſt Dein Na⸗ me, jetzt ſag' mal, was biſt Du? B.(ſich verwundernd): Wer? Ih? P.: Ja, Du! B.: Daſſen is g'ſpaßig, a jed's Kind kennt mih als den Koglbauer! P.: Wohl, wohl, aber Du mußt hier Deine Beſchäftigung, Deinen Stand genau angeben. Biſt Du etwan ein Schneider, Schu⸗ ſter, Holzknecht, oder biſt Du ein Halbbauer, großer oder ganzer Bauer? Alſo ſchnell, was biſt Du? B.: Ih? No— ih bin nix! P.(ungeduldig werdend): Du mußt ja doch von Etwas leben, Etwas treiben, Du haſt ja Dein Anweſen, Dein Haus, Alm und Wald, oder biſt Du vielleicht ein Bettler, ein Vagabund? B.: Ih? Na, daßen net! ich bin halter ner a g'ſchlechter Moah(ich bin halt nur ein ſchlichter Mann). Dieß Alles aber iſt keineswegs aus Ver⸗ ſtellung oder Tücke; es iſt aus kindlicher Her⸗ zenseinfalt geſprochen, die den manchmal mit himmliſcher Geduld ausgeſtatteten Vorſtand den guten oder den ſchlimmen Pfleger nennt nach gutem alten deutſchen Brauch. Vorſtehendes Geſpräch bitte ich recht ſehr für eine alte Geſchichte zu halten, aber wahr iſt ſie. 339 Dieſe anſpruchloſe, naive, dem oberfläch⸗ lichen Beobachter vielleicht als Albernheit er⸗ ſcheinende Unſchuld und Einfalt gibt denn auch die Veranlaſſung zu vielen Anekdoten und Witzen, die jedoch nicht im Geringſten dem wahren Werthe der biedern Pinzgauer wirkli⸗ chen Abbruch thun können. Wie alle Grenzvölker gern Witze über ein⸗ ander erfinden, ſo neckt denn auch der welt⸗ durchwandernde Tiroler gern und überall ſei⸗ nen gutmüthigen Nachbar. So erzählte mir eines Tages ein jovialer alter Tiroler ganz ruhig folgende Anekdote: „Als in dem 48ger Jahre die ganze Welt um Etwas bittlich geworden, ſo haben denn auch wir bei unſerm gütigen Kaiſer das Anſu⸗ ſchen geſtellt, uns gnädigſt noch zehn Jahre zu⸗ zugeben, da, wie bekannt, die Tiroler erſt mit dreißig Jahren geſcheit zu werden brauchen. Seine Majeſtät hat uns denn auch die Bitte gewährt und uns die zehn Jahre zugegeben, — den Pinzgauern aber hat Er's ganz ge⸗ ſchenkt.“. Eine andere, im Munde des Volkes lebende Anekdote iſt nachſtehende: Eines Tages begeg⸗ neten ſich auf einem über einen reißenden Bergſtrom führenden ſchmalen Stege ein Ti⸗ roler und ein Pinzgauer. Zufälliger Weiſe lag in der Mitte des Steges zwiſchen Beiden ein ſchöner, netter Tirolerhut. Natürlich machten Beide Anſpruch auf den willkommenen Fund. Da ein Kampf um denſelben auf ſo gefährlicher Stelle für Beide jedenfalls ein ſehr trauriges Ende genommen hätte, ſo machte der ſchlaue Tiroler einen Vorſchlag, der auch ſogleich von dem argloſen Pinzgauer angenommen wurde. Sie ſollten ſich nämlich, wie der Tiroler meinte, auf dem Brette der Länge nach niederlegen und jeder die Krempe des Hutes— einander in die Augen ſehend— mit den Zähnen feſthalten; wer dieſe dann zuerſt auslaſſen würde, ſollte ſeines Anſpruches bar, dem Gegner den Hut überlaſſen. Wie geſagt, ſo gethan! Nachdem ſie nun eine Viertelſtunde über dem Abgrunde den Hut, einander mit lauernden Blicken be⸗ obachtend, im Munde feſtgehalten, fragte der Tiroler ſeinen Gegner, durch die Zähne ſpre⸗ chend:„Na, haſcht'n noh?“ Da rief der Pinzgauer ſich vergeſſend mit weit aufgeſperr⸗ tem Munde:„Ja, Tiroler! freili ho ih'n noh!“ worauf der pfiffige Tiroler den ſei⸗ nem Gegenpart entſchlüpften Hut lachend an ſich zog. Solcher Späſſe, gegenſeitig erzählt, mit der volksthümlichen Derbheit ausgeſtattet, könnte man bei einigem Bemühen heftweiſe aufzählen. Dieſe gemüthliche Eintracht der Menſchen ſcheint ſich, ſo zu ſagen, auch auf die dortige Thierwelt verpflanzt zu haben. Ich erinnere mich gerade eines derartigen Zuges, der mir als etwas ganz Gewöhnliches und Allbekanntes erzählt wurde. Wir erſehen daraus, daß auch der ſcheue, furchtſame und im höchſten Grade vorſichtige Gemsbock ein aufmerkſamer Ritter zu ſein vermag. „ 43* Wie in allen Alpengegenden, ſo wird auch hier nach Eintritt der gelinden Jahreszeit, wenn die Mittelpartien des Gebirges den dicken Schneepelz abgeworfen, und ſich in ihr ſchönes, ſaftiges Grün gekleidet haben, das geſammte Vieh, bis auf einige wenige Stücke für den täg⸗ lichen Hausgebrauch, auf die Alpen getrieben, wo ſie den ganzen Sommer hindurch mit den ſie begleitenden Sennerinen und Sennerbuben verbleiben. Daß zu dieſen Heerden auch eine bedeutende Anzahl von Ziegen gehört, verſteht ſich von ſelbſt. Zu dieſer Ziegenſchaar geſellt ſich denn der Gemsbock, und iſt ihr treuer und gefälliger Begleiter, der ſeinen fremden Gäſten die zarteſten und ſchmackhafteſten Weideplätze zeigt. Die Landwirthe daſelbſt hüten ſich wohl, denſelben ſcheu zu machen, oder gar zu ver⸗ treiben; denn ſie behaupten, daß die von dem Gemsbock abſtammenden Ziegen viel beſſer und kühner klettern, und ſomit viel zartere und aromatiſchere Kräuter und Gräſer errei⸗ chen können, wodurch ſich ihre Milch unge⸗ mein verbeſſern ſoll. Solche Ziegen ähneln in der That der Geſtalt und Farbe nach ganz dem Gemswild, nur haben ſie in der Regel ganz kurze, verkümmerte Hörnerſtümpfe, nie aber bekommen ſie die netten, ſogenann⸗ ten Krückeln des Gemsbockes. Die hübſcheſten Exemplare ſolcher Gemsziegen habe ich im Stuppacher Thale, ſeitwärts von Mitterſill im Oberpinzgau gefunden. Wenn endlich bei Annäherung der rauhen Herbſtzeit das Vieh von den Bergen in die warmen Winterſtälle heruntergetrieben wird, ſo begleitet der Gemsbock ſeine Freundinen noch ein weites Stück herab, doch immer nur bis auf eine gewiſſe Höhe. Es iſt dieß die ſogenannte Nebelgrenze oder eigentlich der Hö⸗ hepunkt, wo die Alpenroſen oder Nebelblumen aufhören, und bis zu welcher Tiefe ſich ge⸗ wöhnlich die Wolkenmaſſen herabſenken und den darüber liegenden Theil der Berge einhül⸗ len. Daſelbſt angekommen und vermuthlich die Nähe und Menge der menſchlichen Wohnungen mit ſeinem ſcharfen Geruchſinn witternd, nimmt er Abſchied, und eilt in mächtigen Sätzen ſeiner luftigen Heimat zu. So ſind wir denn unwillkürlich in den wichtigſten Theil der Landwirthſchaft, die Vieh⸗ zucht, hineingerathen, und ich will mir noch, aber nur im Vorübergehen, einige kurze An⸗ deutungen über die Pferdezucht und den Pferd⸗ einkauf erlauben. Das in den mehrbenannten Gauen des Salzburger Landes am häufigſten vorkom⸗ mende Pferd iſt von dem ſogenannten ſteyri⸗ ſchen oder Burgunder Schlag. Ein etwas ſchwerer, durchaus nicht unſchöner Kopf, der jedoch nicht immer ſchwer in der Fauſt liegt, ein geſtreckter Leib, überaus muskulöſe, nicht zu lange Beine mit entſprechender ziemlich großer Huſſohle, verziert mit buſchig langem Köthenhaar, der Speckhals, ſo wie das ge⸗ ſpaltene Kreuz mit kaum zu umſpannender breiter Croupe, getragen von einem maſſiven Knochengerüſte— faſt immer in bizarren Far⸗ ben, groß gefleckt oder getigert, das ruhige Temperament, wie die faſt ſtereotype Gutmü⸗ thigkeit und Anhänglichkeit an den Menſchen charakteriſiren das einheimiſche Landpferd, und ſind die Hauptmerkmale des ſobenannten Pinz⸗ gauer Roſſes, deren die wohlhabenden Land⸗ wirthe zu vierzehn, ja noch mehrere im Stalle ſtehen haben. Solche Pferde ſind aber nur im ſchweren Fuhrwerk, dann zum Schiffs⸗ und Pontonszuge gut zu verwenden, obwohl ich deren mit ſehr leichtem und angenehmen Trab geritten habe. Außer dieſen findet man auch recht fein und elegant gebaute, in andere Ra⸗ cen gehörige oder veredelte Landpferde, doch ſchon mehr in den Thälern, Städten, und an den Grenzen, beſonders gegen Baiern und Oberöſterreich zu. Jedoch zählt es doch immer zu den Hauptwünſchen des echten Pinzgauer Landwirthes, einen ſchönen Stall voll kräftiger, wohlgenährter, muthig ſcharrender Pinzgauer Hengſte ſein nennen zu können, und die Einla⸗ dung, ſeine Roſſe zu beſehen, muß der Fremde immer als eine Aufmerkſamkeit und beſondere Gewogenheit betrachten. Nachdem man dieſe gehörig bewundert, kommen erſt die Kühe, Schafe, Ziegen u. ſ. f., ſofern ſie zu Hauſe und nicht auf der Alm ſind, wohin auch ein Theil der entbehrlichen und jungen Roſſe zu gehen pflegt. Ein feſcher Poſt⸗ zug ſolcher maſſiven Streithengſte, unter deren Hufen die Straße zittert und weithin erdröhnt, gehört immer zu den Schwachheiten des Pinz⸗ gauers; beſonders wenn dann Sonntags wäh⸗ rend dem Kirchgang Alt und Jung ſtehen bleibt, bewundert und ruft:„Das iſt des rei⸗ chen Metzgers, oder Lederers, oder Oberbauern von da und da ſein ſtolzes Gefährſcht.“„Jo! der hoat oallweil Kapitalfarth!“ Der Pferdeinkauf im Pinzgauer Land hat ſeine komiſchen Seiten, aber auch ſeine Be⸗ ſchwerlichkeiten und Anſtände. Ein Wort, ein Handſchlag gilt hier eben ſo viel, als anders⸗ wo Siegel und Brief; denn ſein Verſprechen bricht der echte Pinzgauer nie. Glaubt er aber einmal Urſache zu haben, Mißtrauen und Arg⸗ wohn in die Perſon oder Rede des Menſchen ſetzen zu müſſen— dann Ade mit der Freundſchaft. Wer im Pinzgau gute Pferde kaufen will, benöthigt unausweichlich eines oder mehrerer Zubringer, die in den drei Gauen und ihren Stallungen bekannt und wohlbewandert ſein müſſen; denn der wohlhabende Beſitzer ſchöner Pferde geht nicht gern auf den Markt, und zieht es vor, ſich aufſuchen zu laſſen. Aber jetzt endlich, und zwar im Ernſte, zum Reisbuſchen, den wir beinahe vergeſſen haben. Doch nein, dieſen zu vergeſſen wäre unmöglich; da wir doch einmal Abſchied neh⸗ men müſſen, und der gute Pinzgauer ſeine werthen Gäſte gewiß nicht ohne Reiſebuſchen — mit dem auch ich vor einigen Jahren beehrt worden bin— wird ziehen laſſen wollen. Jhauſe Verſammelten zugewinkt, und ich rollte Wie es mir damals ergangen, will ich meinen gütigen Leſern erzählen. Die Zeit meines Aufenthalts im Pinzgau war zu Ende, der Tag meines Abmarſches auf den nächſten Morgen feſtgeſetzt. Mit ſchwerem Herzen, und nicht ohne aufrichtigen Schmerz hatte ich ſchon von allen meinen Bekannten und mir erworbenen guten, herzensguten Freun⸗ den Abſchied genommen, und auch dieſem ſchönen Ländchen, ſo wie den darin verlebten, mir unvergeßlichen, ſchönen Tagen, ein herz⸗ liches Lebewohl geſagt. Der Morgen der Ab⸗ reiſe brach an, die gepackte Kutſche ſtand vor der Hausthüre, die Roſſe ſcharrten ungeduldig den bethauten Boden und ſchnupperten luſtig in die friſche Morgenluft. Ganz wehmüthig geſtimmt ließ ich den Wagen langſam voraus⸗ fahren, mit dem Auftrage, mich vor dem Poſt⸗ hauſe zu erwarten. Ich ſelbſt ſchlenderte ſin⸗ nend den Berg hinab, um die mir ſo liebge⸗ wordene Landſchaft ſo lange noch als möglich zu genießen. In dem Städtchen angelangt, be⸗ gab ich mich in das Poſthaus, um noch einmal dem mir ſtets gefällig geweſenen Eigenthümer, ſo wie ſeiner freundlichen Gattin die Hand zu drücken, fand aber zu meiner freudigen Ueber⸗ raſchung die meiſten meiner lieben Herren Be⸗ kannten im Weinzimmer verſammelt, wo ſie mich mit einem Abſchiedstrunkerwarteten. Nach einem kleinen Aufenthalte und einer Menge der beſten gegenſeitig ausgetauſchten Wünſche, griff ich nach meiner Mütze, aber ſiehe da! ein groß⸗ mächtiger Blumenſtrauß mit Maſchen und her⸗ abhängenden Bandſchleifen war darauf ange⸗ näht, und mitten in den Blumen prangten die Anfangsbuchſtaben meines Tauf⸗ und Zuna⸗ mens in gold⸗ und ſilberblitzender Chenillen⸗ arbeit. Ich trete vor das Thor des Poſthauſes — auch mein Kutſcher hat einen ähnlichen, doch kleineren Strauß mit Band am Hute, ſo⸗ gar die Pferde hatten jedes Blumen auf dem Kopfe und lange herabflatternde Seidenbänder. In dem Augenblicke zogen meine Leute vorüber, aber auch dieſe, ſo wie ihre Reitpferde waren mit friſchen Blumenſträußchen und Sei⸗ denbändern ausſtaffirt. Ich ſtutzte und wollte ſchon, mit dieſem Brauche und der von den Leuten dortſelbſt ihm beigelegten Wichtigkeit ganz und gar unbekannt, es höchſtens für einen Spaß anſehen, die Ablegung dieſer Zierden veranlaſſen; da errieth zum Glück einer der Freunde meine Gedanken, trat an mich heran und flüſterte mir zu:„Um Gotteswillen nur das nicht, das wäre die größte Beleidigung und bitterſte Kränkung; ſo wie es auch die größte Auszeichnung für Dich und Deine Leute iſt! Dieſer Schmuck ſoll Jedermann offen und kund geben, daß man Euch recht lieb gehabt, daß man Euch geachtet, und nur ungern aus unſern Bergen fortläßt.“ „Alſo Gott befohlen!“ rief ich,„den guten Pinzgauern zu Lieb' und Ehr' marſchiren wir blumengeſchmückt und bebändert von dannen!“ Noch ein Abſchiedsgruß den vor dem Poſt⸗ —è durch das mir ganz heimiſch gewordene Städt⸗ chen hinaus; während aus allen Fenſtern und Thüren freundlich nickende Geſichter blickten und treuherzige Hände winkten, und ein viel⸗ ſtimmiges:„Adjes! Auf Wiederſeh'n!“ mich bis vor das Städtchen begleitete. So gings fort bis an die Grenze, wo wir bairiſches Land betraten und der Freundes⸗ und Abſchieds⸗ ſchmuck fallen mußte. Mir war es damals aber ſo zu Herzen, als hätte der Abſchied und mein letzter Rückblick meinem eigenen theuern Vaterhauſe gegolten. —.—— Die Kirchweih in Bühmen. Von Franz V. Prinke. Wenn ſich der Landmann das ganze Jahr hindurch im Schweiße ſeines Angeſichtes mit der Bearbeitung des oft nur kargſpendenden Bo⸗ dens gemüht, und nachdem er die Saat üppig keimen und langſam reifen geſehen, in den glü⸗ henden Strahlen der Sonne die Frucht des Feldes geſchnitten, in Garben gebunden und in die ſchützende Scheuer gebracht hat, dann beginnen jene heitern Feſte, wo Jubel und ausgelaſſene Freude im Dorfe erſchallt, der bebänderte Baum errichtet wird, und Tanz und Sang beim Schalle der Muſik die jun⸗ gen Landleute im heitern Kreiſe verſammelt. In jenem Theile Böhmens, wo Mutter Natur mit freigebiger Hand alle Arten der ſchönſten Feldfrucht, Weizen, Korn, Gerſte, Ha⸗ fer, die verſchiedenſten Hülſenfrüchte und Knol⸗ lengewächſe, alle Obſtarten, den trefflichen Wein und den weithin berühmten Hopfen ſpendet, dort in dem reizenden Elbethale, das mit Recht das böhmiſche Paradies genannt wird, feiern die Landleute bei eintretendem Herbſte ihre unter dem Namen„Kirchweih“ bekannten Kirchtagsfeſte. Kaum iſt der Sonntagsmorgen angebro⸗ chen, ſo erſchallen ſchon im Dorfe heitere Fan⸗ faren mit obligatem türkiſchen Trommeldonner. Eine feſtlich geputzte Muſikbande zieht durch die Gaſſen auf den kleinen Dorſplatz und muſizirt dort den freudig herbeiſtrömenden Zu⸗ hörern Märſche und Tanzmelodien vor, wo⸗ bei ſchon jetzt manchem flinken Burſchen und Mädchen das Herz im Leibe hüpft und die Fußſohlen jucken. Die Muſik endet und die Zuhörer zerſtreuen ſich, um ſich zum feier⸗ lichen Gottesdienſte feſtlich zu ſchmücken, wäh⸗ rend die Hausfrau, die ſchon Tags zuvor mächtige Haufen von„Golatſchen“ gebacken, und ganze Heerden von Gänſen und Hühnern geſchlachtet, mit von der Hitze des Herdes glühendem Geſichte in und außer der Küche hantiert, kocht und bratet. Daß Tags zuvor auch ein Schwein geſchlachtet, und allerlei in der Pfanne ziſchend ſchmoren, iſt ſelbſt⸗ verſtändlich. Der Gottesdienſt, der dießmal ungewöhn⸗ lich lange dauerte, und von dem Ortslehrer und allen Muſikkundigen des Dorfes mit Anſtrengung aller Kräfte verherrlicht wurde, iſt zu Ende; das große Thor der Kirche iſt zu enge, alle die Andächtigen, die ſich auf einmal herausdrängen, durchzulaſſen, ſo daß es eine ziemlich geraume Zeit dauert, ehe Jedermann ins Freie gelangt. Nun findet ſich Nachbar A. zum Nachbar B., Gevatter X. zum Gevatter U., die Frau Muhme Z. zur Frau Muhme N, und da gibts ſo viel zu ſagen und ſo viel zu erzählen, wie der Herr Pfarrer heute„gor ſu ſchine“ gepredigt, wie der Kaplan ſo tief geſungen, und wie die Muſik mit den Pauken und Trompeten präch⸗ tig geweſen ſei,„doß an is Her'n und Sah'n vergang“; dann ſpricht man vom Wetter, von der Fechſung und tauſenderlei Anderes. End⸗ lich zerſtreut ſich die Menge und kehrt nach Hauſe zurück. Hier ſind mittlerweile Bekannte und Freunde, Gevatter, Schwager und Schwä⸗ gerin, und mitunter auch ein Städter mit einer Schaar hungriger Kinder angekommen, die ſich ſchon, ehe das eigentliche Mittagsmahl beginnt, rings um den Tiſch breit machen, und Stücke Kuchen, ſo groß als möglich, in der Hand halten. Jetzt kömmt die ungeheure irdene Schüſſel, gefüllt bis an den Rand mit kräftiger Brühe und dem ſogenannten jungen Ganſel. Die Löffel ſind von Blech, Meſſer und Gabel von Eiſen, und nur bei den im Comfort mehr vor⸗ geſchrittenen Bauern findet man den Luxus— Teller. Aus der gemeinſchaftlichen Schüſſel wird geſchöpft und mit geſundem Appetit ge⸗ geſſen. Es verurſacht der Wirthin auch nicht den geringſten Schmerz, daß von der gemein⸗ ſchaftlichen Schüſſel bis zu jeglichem Gaſte, auf dem blendend weißen Tiſchtuche nach und nach eine Suppenſtraße entſteht, oder daß die abge⸗ nagten Knochen des jungen Ganſels auf den rein gebohnten Boden geworfen werden; wird doch das Tiſchtuch nach der„Kirweih“ gewa⸗ ſchen und erſt nach Jahresfriſt wieder gebraucht und der Boden„na, der wird ſunſt a wieder drackig“. Nun kommt das Nindfleiſch, ein Viertel Ochſe, mit einer Sauce, bei deren Verkoſten oft der geſchickteſte Koch in Verlegen⸗ heit gerathen würde, wenn er alle Ingredien⸗ zen derſelben nennen ſollte. Dieſem folgen ge⸗ bratene Hühner, Gänſe, ſo viel Schweinfleiſch als möglich, und eine Sündfluth von Blut⸗ und Leberwürſten mit Sauerkraut. Bier iſt in Fülle da, ſelten Wein. Nachdem die Fleiſches⸗ luſt geſtillt, dann kommen ganze Berge von Kuchen, Aepfeln, Zwetſchken, Birnen u. ſ. w. Nach beendigter Mahlzeit fängt zwiſchen den Alten die Konverſation an, da während des Eſſens doch unmöglich Zeit dazu ſich finden 341 Mühe lohne, Etwas anzubauen, und wie der Wein, nachdem er ſo viel Plage und Koſten verurſacht, heuer wieder keine günſtige Leſe verſpreche. Mitunter erzählt der Städter etwas von Kriegen und Politik, und der Bauer hört dann mit Staunen und mißbilligendem Kopfſchüt⸗ teln dieſe außerordentlichen Dinge an, „Wie weit hinten in der Türkei Die Völker auf einander ſchlagen.“ Inzwiſchen hat ſich der jüngere Theil der Hausgenoſſenſchaft davon geſchlichen, um den lockenden Tönen der Muſik auf dem„Tanzbo⸗ den“ zu folgen. Hier regiert noch der gemüth⸗ liche„Altdeutſche“ im Vereine mit Polka und Walzer. Wenn ein Stück, das gewöhnlich eine gute Stunde dauern muß, geendet iſt, da ver⸗ liert ſich hier und da ein Paar, das ſich zu— ſammengefunden, und ſie eilen hinunter auf den Dorfplatz, wo allerhand Krämer ihre Bu⸗ den aufgeſchlagen haben. Nach vielem Hin⸗ und Hergehen wird end⸗ lich bei einem„Stand“ Stand gehalten, wo allerlei lieblich duftendes und reichlich vergol⸗ detes„Zuckerback“ feilgeboten wird. Da iſt die Wahl ſchwer! So viele ſchöne Sachen! Und „ob's denn auch gut ſchmeckt?“ bemerkt ſchüch⸗ tern das Mädchen, wählt aber trotz der oftma⸗ ligen Aufforderung ihres„Burſchen“ nichts von Allem, bis dieſer endlich ſelbſt die Auswahl. trifft, und dem„Schatz“ ein rieſiges„pfeffer⸗ kuchenes Herz“ einen vergoldeten Reiter und ein Paar„zuckerbackene Kindeln“, unter viel⸗ ſagendem Gelächter überreicht. Die Tanzmuſik erſchallt aufs neue, man eilt in den Tanzſaal und es wird wieder getanzt,„gehopſt“ und ge⸗ ſchrien. In der Mitte des Dorfplatzes ſteht der bekannte, bebänderte und bis an den Gipfel, glatt geſchälte Feſtbaum, mit deſſen Erſteigung ſich die Knaben abplagen, um zu jenen Koſtbarkeiten zu gelangen, die oben an der nadeligen Krone hängen. Auf dem Tanzboden geht es immer luſtig zu, und wird eine ungeheure Menge Bier und Wein konſumirt. Es kömmt nun wohl auch öfter vor, daß hie und da ein„Stänkerer“ Händel anfängt, da zeigen ſich aber bald Fäuſte, die den Schreier auf ſo eigenthümlich beredte Weiſe augenblicklich zum Schweigen bringen, daß die allgemeine Heiterkeit keinen Augenblick getrübt wird. Die Nacht iſt bald zur Neige, und ſchon graut der Morgen, da lichtet ſich endlich der von einer dichten Staubatmoſphäre erfüllte Tempel Terpſichorens, und die Tänzer verlieren ſich nach und nach, um ſich durch Schlaf zum kommenden Tagwerke zu ſtärken. Worin beſteht dieß wohl? In Arbeit?= 4 25 O, behüte! Währt doch die Kirchweih nicht einen, ſondern drei volle Tage lang. Der Montagvormittag wird von den jun⸗ gen Leuten zum Theile verſchlafen und vertän⸗ ließ. Da wird nun über den Getreidepreis ge⸗ ſchmackhafte Würſte gemacht wurden, die jetzt klagt, wie er ſo„nieder“, daß ſich's kaum der delt, während die Hausfrau wieder emſig kocht (und bratet. Kaum iſt jedoch das, ſo wie geſtern⸗ 34² reichliche Mahl vorüber, ſo beginnt die Muſik von neuem, doch nicht auf dem Tanzboden, ſondern auf dem Markte, denn heute iſt das freudig erwartete„Hahnſchlagen.“ An dieſer Fröhlichkeit nehmen auch Kinder in ſoweit Theil, daß ſie einen prächtig gefieder⸗ ten Hahn nebſt einer langen Schnur, einen Pflock, eine Axt und einen neuen, bebänderten Draſchflege von dem Markte bis auf eine vor dem Dorfe gelegene Wieſe mraene Der Zug beginnt. Voran die Mufik hierauf die Kinder mit dem Hahne, dann ein vanigekletbeter Spaß⸗ macher und zuletzt die Burſchen mit ihren Mädchen. Draußen angekommen, wird der erwähnte Pflock in die Erde geſchlagen, die Schnur daran befeſtigt, und an dieſelbe der zum Tode ver⸗ urtheilte Hahn gebunden, ſo zwar, daß es ihm möglich iſt, ſich ziemlich frei zu bewegen. Nun wird einem der Mädchen ein weißes Tuch vor die Augen gebunden und derſelben der mit Bän⸗ dern gezierte Dreſchflegel in die Hand gegeben, worauf ſie mitten in den weiten Kreis geführt wird, der ſich rings um den Hahn gebildet. Die Muſik beginnt, und das Mädchen ver⸗ ſucht mit dem Dreſchflegel den herannſlrtternden Hahn zu treffen, woran ſie jedoch theils durch das ausweichende Opfer ſelbſt, theils aber durch die beſtändigen Neckereien des ſchon erwähnten und ebenfalls in den Kreis getretenen Spaßma⸗ chers gehindert wird. Wenn ſich das Mädchen manchmal gegen den Necker wendet, und der⸗ ſelbe in eiligen Sprüngen dem Schlage auswei⸗ chen muß, wird dieß von der Verſammlung mit ſchallendem Lachen aufgenommen. Nach mehreren vergeblichen Schlägen gegen den Hahn wird das erſte Mädchen brec ein zweites zlgel öſt, und ſo fort, bis es einem derſelben gelingt, das ſchon ermattete Thier tödtlich zu treffen. Oft kommt es wohl auch vor, daß die eine oder die andere der mordſüchtigen Schönen über die Schnur ſtrauchelt und auf den weichen Boden fällt zur größten Heiterkeit der Zuſchauer und des Spaßmachers. Iſt der Hahn gefallen, ein Opfer der Freude, ſo folgt man der voranſchreitenden Muſik wie⸗ der auf den Tanzboden, wo der Jubel und der Tanz von neuem beginnt, und abermals erſt beim Morgengrauen endet. Der dritte und letzte Tag hat wieder ſein eigenes Feſt, es iſt„das Bockſtürzen.“ Nachdem die Reſte der Braten und Kuchen ver⸗ zehrt ſind, tönt die unermüdliche Muſik ſchon wieder auf dem Markte. Hier ſteht heute ein ungefähr drei i Klafter hohes Gerüſte, auf das eine ſchmale Treppe führt. Dießmal findet ſich Alt und Jung ein, und bildet einen Halbkreis um dieſes Bauwerk. Die Muſik, die ſich mitt⸗ lerweile entfernt hat, erſchallt plötzlich vom Wirthshauſe her. Aller Augen richten ſich dort⸗ hin. Da kömmt auf einem alten, ſtörriſchen Bocke, der übrigens heute feſtlich mit Bändern ausſtaffirt wurde, der Spaßmacher von geſtern dahergeritten, was jedoch ihm viel Mühe und dem Bocke viel Schläge koſtet. Bei dem Gerüſte angekommen, wird der ſchon„Unrath“ witternde Bock nolens volens hinaufgebracht; dann be⸗ ſteigt ſein Reiter ebenfalls die Bühne, entrollt mit wichtiger? Anamtlä eine ungeheure höl⸗ zerne Brille auf der Naſe, ein mitgebrachtes Papierheft, und beginnt den Anklageakt über den zum Tode verurtheilten Bock herabzuleſen. Hierin liegt nun der Gipfelpunkt des gan⸗ zen Scherzes. Ich hörte einſt eine ſolche Rede mit an, und muß geſtehen, daß es ein derbko⸗ miſch parodirter Amtsſtyl war und viel ge⸗ ſunden Witz enthielt. Doch ſcheue ich mich, ſie wieder zu geben, weil dieſelbe von lokaler Färbung iſt und von den beißendſten Anſpie⸗ lungen ſtrotzt. Natürlich wird der Vorleſer öfter durch ein homeriſches Gelächter unterbrochen, bevor er endet. Nachdem das Urtheil gejprdehen das ſtets ohne Gnade auf Tod lautet, wird der Bock von dem Gerüſte herabgeſtürzt und ſo⸗ dann von dem untenſtehenden Schlächter ſo⸗ gl leich getödtet. Hierauf wird derſelbe auf eine eigens vorbereitete und mit Reiſern geſchmückte Bahre gelegt, und von vier Burſchen, Uneer Vorantritt der Muſik, die nun einen Trauer⸗ marjch ſpielt, unter zahlreicher Begleitung ins Wirthshaus getragen, wo ihn der Schlächter wieder übernimmt. Man eilt nun abermals auf den Tanzboden und es beginnt wieder Tanz und Jubel. Mit dem Ende der zwölften Stunde jedoch verſtummt die Muſik, die Lichter verlöſchen nach und nach und die„Kirchweih“ hat ihr Ende erreicht. —— 90—— Aus dem Tagebuche meiner Reiſe in Nordamerika. Von P. G. Menzel. I. Das rettende Abendgebet. Nachdem ich einige Tage im Norden des Staates Illinois umher gewandert war, nä⸗ herte ich mich dem Erieſee, um auf demſelben mittelſt Dampfboot nach Buffalo zu gelangen. Es war ein freundlicher Apriltag, an welchem ich Sandusky City noch vor Abend erreichen wo llte, aber es wurde mir trotz der größten Anſtrengung nicht möglich. Die Sonne ging unter und ich mußte eine menſchliche Wohnung zu erreichen ſuchen, wo ich übernachten konnte. Die Gegend war mir vö lig anbeloinnt Beim Lichte der Sterne, das mich zur Noth den Weg finden ließ, gelangte ich an ein ein⸗ zelnes langes Haus, deſſen zwei Etagen, wie es ſchien, ſehr flüchtig und für kurze Dauer be⸗ rechnet, aus Holz aufgerichtet waren. Dieſer große Bretterbau hatte, wie ich bald erfuhr, beim Bau der Eiſenbahn von Cincinnati nach Sandusky City als Unterkunft für die Bahn⸗ arbeiter gedient, jetzt war er ein abgelegenes wenig beſuchtes Wirthshaus. Gleich beim Eintritt machte das Innere einen unangenehmen Eindruck auf mich; alles trug da den Stzuader des Verfalles, der Un⸗ ordnung, Verwahrloſung und des Mangels einer ernſtlichen Geſchäftst hätigkeit ſeiner Be⸗ wohner und Beſucher. An einem langen Tiſche ſaßen wohl an fünfzehn Gäſte, denen man es trotz allen Zeichen der Armuth leicht anſah, daß ſie nicht gewohnt waren, ſich ihr Brod im Schweiße des Angeſichtes zu verdienen. Es waren meiſt Deutſche, die offenbar ihre Heimat in dem Wahne verlaſſen hatten, daß ſie in Amerika ein beſſeres und müheloſes Fortkom⸗ men finden würden. Der Wirth, ebenfalls ein Deutſcher in mittleren Jahren, war noch ledig, und da es an weiblicher Bedienung in dieſem Hauſe ganz fehlte, ſo war der Wirth Koch und Kellner zualeich Den Durſt ſtillte ich bald mit zieunlich trinkbarem Bier, aber den Braten fand ich trotz meines Hungers ganz ungenießbar, daher nnußte ich mich mit einem Stückchen Brod begnügen. Meine Müdigkeit erzeugte das Verlangen nach Schlaf und Ruhe. Man führte mich in einen großen Saal hinauf, der den größten Theil des oberen Stockwerkes einnahm. Die hier auf⸗ geſpannten Leinen zeigten, daß dieſer Raum jetzt hauptſächlich zum Trocknen der Wäſche diente. Zwei Bettſtätten, mit Trümmern von ſchaf⸗ wollenen Decken, ein Tiſchgeſtell mit einigen darauf zelegten Brettchen und ein wenigſtens ſechs Fuß langer hölzerner Luffer mit der Schloßſeite an die Wand geſtellt, bildeten die ganze Einrichtung dieſes meines großen Schlaf⸗ zimmers. Fenſter, oder vielmehr große Oeffnun⸗ gen in der luftigen Bretterwand, wo ehedem ſich vielleicht Fenſter befunden haben mochten, gab es auf allen drei Seiten in Menge. D Fußboden war von Hühnern und dntdene befiederten und unbefiederten Thieren in einen Zuſtand verſetzt worden, der eher an einen offenen Hof, als an einen Saal erinnerte. Ich ging eine Weile auf und ab, um mich in der kühlen Abendluft, welche durch die großen Fenſteröffnungen ein⸗ und durchzog, vor dem Niederlegen etwas zu erwärmen und meine vom Schweiße noch feuchten Kleider abzutrocknen. Ich fing an, es zu bereuen, daß ich hier einge⸗ kehrt oder nicht alsbald wieder weiter gegangen war. Dieſe Gemüthsſtimmung vermehrte ſich, es geſellte ſich zu ihr eine Art Bangigkeit, und ich fühlte lebhaft das Bedürfniß des Gebetes. Ich kniete bei dem langen Koffer nieder und ſtützte beide Ellenbogen auf den gewölbten Deckel desſelben. Bald kam es mir vor, als ob der Koffer eine bedeutende Wärme von ſich gäbe, die meinem Gefühle widerlich war. Bei dem Befühlen dieſes Behältuiſſes bemerkte ich, daß es hohl auf zwei Leiſten ſtand und daß ſein Boden einen Roſt, deſſen Spalten kaum ¼ Zoll breit waren, bildete. Ein warmer Dunſt, wie der von einem ſchwitzenden Men⸗ ſchen, kam unter dem Koffer hervor und ließ mich ſeinen Inhalt und das Bedenkliche meiner Lage in dieſer Nacht ſehr leicht errathen. Ich ſtand auf und ſuchte meinen Bewegungen den Anſchein der Gleichgiltigkeit zu geben, als ob ich nichts Auffallendes bemerkt hätte. Nach dem ich mich überzeugt hatte, daß die Ein gangsthüre richtig von mir war verriegelt worden, ſchnitt ich eine der aufgeſpannten Lei⸗ nen ab und band ſie leiſe aber feſt um den Koffer, damit er nicht ſogleich zu meinem Ver derben die Rolle des trojaniſchen Pferdes ſpie⸗ len möchte. Ich konnte nach allen Anzeichen nicht länger zweifeln, daß ein Spitzbube darin verborgen war, der mich im Schlafe zu über fallen gedachte, in welchem Falle mir weder das Verſchließen der Thüre, noch die Doppel⸗ piſtole genützt haben würde. Ich nahm Stock und Reiſetaſche und kroch zu einer Fenſteröffnung hinaus, welche meine geräuſchloſe Flucht am meiſten zu begünſtigen ſchien. In dem Erdgeſchoße war alles finſter und ruhig, nur ein Hund, der auf der andern Seite des Gebäudes ſeine Stimme erhob, flößte mir einige Beſorgniß ein; da aber be reits die zwölfte Stunde herangekommen ſein mochte, um welche Zeit die Hunde bekanntlich nicht viel Muth zeigen, ſo beruhigte er ſich bald wieder. Ich wandte mich zuerſt nach der Oſtſeite hin, wo ein finſterer naher Fichtenwald mir die nächſte und ſicherſte Zuflucht zu bieten ſchien; aber da ich glaubte, in der ruhigen Nacht Menſchenſtimmen von dorther zu ver⸗ nehmen, ſo ſchlug ich, in einem Bogen mich wendend, eine weſtliche Richtung ein und ge⸗ langte bald in ein mäßiges Thal, jenſeits deſſen eine offene Prairie lag. Dieſes Thal durchfloß ein nicht unbedeutender Bach, an welchem ich eine weite Strecke abwärts gehen mußte, um die durch das Rauſchen angezeigte ſeichte Stelle zu finden, wo das Durchwaden ermöglicht werden konnte. Dasſelbe ging glück⸗ lich von Statten, obſchon ich bis an die Hüfte durchnäßt wurde. Ich eilte bergan nach der Prairie und merkte nichts von einer Verfolgung. Als ich nach ungefähr einer halben Stunde ſtehen blieb, um ein wenig zu verſchnaufen, ſah ich nicht nur mein Schlafgemach, in welchem ich das Licht hatte brennen laſſen, ſondern auch die untere Etage erleuchtet; um das Haus gaukelte eine Laterne und am Rande jenes Fichtenwaldes war ein großer Lärm von bellenden Hunden, als ob ſie zur Jagd angehetzt würden. Man hatte offenbar meine Fährte verloren. Ich ſetzte meine Flucht weiter fort und ge⸗ langte gegen 3 Uhr Morgens an ein kleines Städtchen; da aber noch keine Spur von wa⸗ chenden Menſchen zu merken war, ſo ging ich durch, ohne einzukehren, ſo ſehr ich auch der Nahrung und der Ruhe bedurft hätte, und meine Kräfte kaum mehr hinreichten, um lang⸗ ſam fortzuſchleichen. Bei anbrechendem Morgen ſprach ich bei einem deutſchen Farmer ein, deſſen Gaſtfreundſchaft mir die ſo nothwendige Erholung und Stärkung angedeihen ließ. Die⸗ ſem erzählte ich mein überſtandenes Abenteuer, in Folge deſſen ich von ihm über jenes Haus und das darin ſich aufhaltende Geſindel genü⸗ gende Auskunft erhielt und Gott für meine glückliche Rettung aufs neue dankte. II. Der prophetiſche Don Nicolo. Ich ſaß auf einem vom Meere ausgewor fenen Baumſtamme an der Matagordabai und verzehrte einſam mein Stückchen Maisbrod als Mittagsmahl; da kam ein Greis an der Küſte von Indiannola herab und nahte ſich mir mit langſamen Schritten. Er hatte ein Stück grünes Zuckerrohr in der Hand, von dem er zuweilen ein wenig abſchnitt, um das Mark davon mühſam in dem zahnloſen Munde des ſüßen erfriſchenden Saftes wegen, zu kauen. Auf meine Frage, was der Zweck ſeines Herumwandelns an der einſamen Küſte ſei, antwortete er:„Ich war in meinen jungen Jahren ſpaniſcher Matroſe, und da ich für das Meer eine große Vorliebe behalten habe, ſo gehe ich bei angenehmer Witterung täglich hierher, um mich an dem Anblicke desſelben zu erfreuen und dabei an die allen guten Zeiten zu denken.“ Ich reichte ihm meine volle Whiskyflaſche mit der Bitte, ſich zu mir auf die vom Meere hergeſtellte Bank niederzulaſſen, und mir etwas Intereſſantes aus ſeinem Seeleben zu erzählen. Nachdem er einen guten Schluck genommen, ſetzte er ſich zutraulich an meine Seite und ſprach:„Ich würde wohl Tage brauchen, ſollte ich Ihnen umſtändlich mittheilen, was mir aus meinem vielbewegten Leben im ſpaniſchen Seedienſte noch erinnerlich iſt. Sind Sie ka⸗ tholiſch?“ frug er unerwartet und ſah mich bei dieſer Frage prüfend an. Als ich ihm dieſes bejahet und bewieſen hatte, fuhr er fort:„Et was will ich Ihnen von meinen Erlebniſſen be⸗ kannt machen, was auf dieſe Gegend Bezug hat. Landeten Sie in Galveſton, als Sie nach Texas kamen?“ Ich antwortete:„Ja, habe aber weder an der Stadt noch an der Inſel gleiches Namens etwas beſonders Intereſſantes finden können.“ Ich reichte ihm nochmals meine Feldflaſche, die eine gewiſſe Anziehungskraft auf ihn zu äußern ſchien, und er begann: „Als ich im Jahre 1811 dieſe Inſel das erſte Mal ſah, war ſie nicht ſo kahl wie heute, ſondern mit Bäumen und Sträuchern von ver ſchiedener Art bedeckt, aber die höchſten derſel⸗ ben maßen kaum 20 Fuß. Auch verſchiedenes Wild hatte da ſeinen Aufenthalt und ich ſah öfters ganze Rudel von Hirſchen durch die Meerenge ſchwimmen, welche die Inſel vom texaniſchen Feſtlande trennt. Nur ſchade, daß die damals ſo ſchöne Inſel einem Seeräuber geſindel als Schlupfwinkel dienen mußte, wo Schlupfwinkel fahren; fangen kann man die 343 man ihm nicht beikommen konnte. Von der Landſeite hatten dieſe Waſſerratten nichts zu fürchten; das Land war von den Spaniern wüſt gelaſſen, weil es eine Schutzwand gegen die Nordamerikaner bleiben ſollte; es hauſten da nur Indiauer, die mit den Piraten frater⸗ niſirten. Gegen die Seeſeite iſt, wie Sie wiſſen werden, eine breite Sandbank(barre), durch welche der mehrfach gekrümmte Eingang von 10 Fuß Tiefe nur kleinere Schiffe an die Inſel gelangen läßt. Das Oberhaupt dieſer Spitzbuben, don den Seinigen„Kapitän“ ge nannt, hatte unter und zwiſchen den Gebüſchen der Inſel mehrere hölzerne Hütten erbauen laſſen, die von außen unanſehnlich waren, in nen aber alle Bequemlichkeit ihren Bewohnern boten. Ihre kleinen, leichten Fahrzeuge lagen, von ferne unbemerkbar, an der Küſte vor Anker. Wenn wir zuweilen die Piraten auf der See verfolgten, verſchwanden ſie oft plöͤtzlich vor unſern Augen, als wenn ſie untergetaucht wären. Etwa acht Seemeilen von hier gelang es uns aber doch einmal, eine ſolche Gondel mit eilf dieſer Schurken zu fangen, nachdem eine glückliche Kanonenkugel ihr einen derben Leck verſetzt hatte. Alle ſollten Pardon erhalten, wenn ſie uns den Aufenthalt ihres Kapitäns Lewis verriethen; aber ſie verweigerten es ſtandhaft und wurden auf der Stelle erſchoſſen. Im Herbſte des genannten Jahres 1811 war ich auf einem königlichen Transportſchiffe, das mit Gütern nach Vera Cruz befrachtet war. Die Mannſchaft betrug in allem 35 Köpfe; nämlich 19 Matroſen, 12 Soldaten, 2 See⸗ offiziere, den Kapitän und den Schiffsprieſter Don Nicolo. Dieſer letztere hatte ſeine jungen Jahre ebenfalls im Seedienſte verbracht, war aber als Offizier ausgetreten und in ein Klo⸗ ſter gegangen, um nach einigen Jahren als Mönch wieder auf den Wunſch unſeres frü⸗ heren Kapitäns zu Schiffe zu gehen. Ich hatte das Glück, ihn zu bedienen. Wir achteten und liebten ihn ſehr, und mit dem vorigen Kapitän lebte er in der innigſten Freundſchaft. Wenn der Kapitän einen Zweifel hatte, ſo fragte er ihn immer um Rath und befolgte denſelben. Da ging alles gut. Dann kam ein anderer Ka⸗ pitän, ein flatterhafter Franzoſe, Piére mit Namen, der richtete ſich gar nicht nach ihm, und da ging es bald ſehr ſchlecht Wir hatten eines Morgens die Spitze von Cuba in Sicht, der Wind war uns ſehr günſtig; der Kapitän berechnete ſchon, nach wie viel Ta gen wir in Vera Cruz eintreffen könnten; da entſpann ſich zwiſchen ihm und Don Nicolo ein ſehr lebhaftes Geſpräch. Der Letztere rieth dringend, in einem Hafen von Cuba einzulau⸗ fen und die Ankunft des zweiten Schiffes, das mit uns zugleich ausgeſegelt war, abzuwarten. Der Kapitän ſprach lachend:„Sie fürchten die Piraten; die ſollen nur kommen, wir wollen ſie mit unſern Kartätſchen willkommen heißen, daß ſie mit ihren Nußſchalen bald wieder in ihre 344 flüchtigen Beſtien ohnehin nicht.“ Es war wäh⸗ rend dieſes Geſpräches nebſt dem Kapitän und Don Nicolo nur noch ein Offizier in der Ka⸗ jüte; ich machte mir mit dem Abräumen des Tiſches nach dem Frühſtück etwas länger zu thun, um Alles mit anzuhören, ſtellte mich aber, als ob ich auf den Gegenſtand gar nicht achtete. Don Nicolo war dieſen Morgen ſchon ſehr ernſt geſtimmt, jetzt ſtand er vom Tiſche auf, trat vor den Kapitän und ſprach:„Herr Kapi⸗ tän! das Schiff und ſeine Mannſchaft ſind Ih⸗ nen anvertraut, aber gewiß nicht, daß Sie es mit 35 Menſchenleben aus Leichtſinn oder Ei⸗ genſinn dem Untergange opfern. Als Seemann müſſen Sie wiſſen, daß jetzt außer Kriegs⸗ ſchiffen, ſich nicht leicht ein Fahrzeug allein über den Golf von Mexiko wagt. Ich ſage Ihnen mit Beſtimmtheit, wir ſind verloren, wenn Sie das Wagniß nicht aufgeben. Von einem menſchlichen Gerichte werden ſie freilich weder zur Rechen⸗ ſchaft gezogen noch beſtraft werden, davor wird der Tod ſie ſchützen; aber werden Sie es vor dem ewigen Richter verantworten können, wenn Sie 35 Menſchen ohne Noth, ohne Ausſicht auf Gewinn, blos aus ſtrafbarem Eigenſinn dem Tode opfern?!“ Der Kapitän gab ihm hierauf keine Antwort, ſondern ſprach zu dem Offizier:„Der geiſtliche Herr hat vor den Waſ⸗ ſerratten ſchrecklich viel Reſpekt, ſein alter Muth, den er als Seemann oft ſoll bewieſen haben, iſt ihm gänzlich abhanden gekommen“ Der Offizier entgegnete:„Ich habe nicht zu befeh⸗ len, ſondern nur zu gehorchen; aber nach mei⸗ ner Meinung hat er wohl ſo unrecht nicht. Uebrigens ſpricht aus ſeinem ganzen Weſen jene merkwürdige Zuverſicht, als könne er mit hellem Blicke in die Zukunft ſehen, eine Gabe, von der mir ſchon früher einige nette Pröbchen erzählt worden ſind.“ Mich rief jetzt der Dienſt an's Steuerrad. Wir ſegelten per Stunde 10 Mei⸗ len, hatten bald die Inſeln Weſtindiens hinter uns und ſchwammen im Golfe von Mexiko. Ich war in geſpannter Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten; der übrigen Mannſchaft ſchien von der verhängnißvollen Zukunft nichts bekannt zu ſein. Unſer Schiff mochte etwa den dritten Theil des Golfes durchlaufen haben, da ſprang der Wind plötzlich um; es blies ein feuchter kalter Nordwind, der bald einen ſo dichten Nebel brachte, daß wir kaum den Maſtkorb unſeres Schiffes ſehen konnten. Don Nicolo bat den Kapitän, alle Waffen in ſchlagfertigen Stand zu ſetzen und Alles zum nahen Kampfe zu rüſten, da die Piraten nicht mehr lange ausbleiben würden. Der Kapitän antwortete ihm mürriſch und verächtlich:„Das iſt meine Sache, Ihre Sache iſt das Brevier!“ Die Herren ſaßen ſchon beim Mittagseſſen; der Nebel war etwas durchſichtiger geworden; da zeigte ſich eines jener Piratenfahrzeuge ſo nahe, daß es faſt mit Kartätſchen zu erreichen geweſen wäre; wie ein Schmetterling ſchaukelte und ſchwankte es auf den müßigen Wellen hin und her. Es war von ihm auf keinen Angriff abgeſehen, man wollte uns offenbar nur beob⸗ achten, denn es verſchwand alsbald wieder. Der Kapitän mochte nun wohl an die Mög⸗ lichkeit eines Angriffes glauben und ließ einige Anſtalten zur Vertheidigung treffen. Das Mit⸗ tagmahl war vorüber; Don Nicolo hatte ſich nicht dabei eingefunden, ſondern kniete in ſeinem kleinen Gemache und betete ohne Un⸗ terlaß. Etwa eine Stunde nach dem Eſſen er⸗ ſchienen zwei ſolche Fahrzeuge, bald ein drittes, endlich waren ihrer fünf ringsum in unſerer Nähe, doch hielten ſie ſich immer in gleicher Entfernung. Es ging nun ſehr lebendig auf dem Schiffe her, Alles rüſtete ſich zum nahen Kampfe, die ſechs Kanonen wurden geladen, vier derſelben mit Kartätſchen; dieſe ſollten, wie der Kapitän meinte, den Waſſerratten ſehr bald den Garaus machen. Wir ſtanden Alle unter den Waffen, bis auf Einige, die das Schiff zu bedienen hatten. Es ſah übrigens für uns auf dem ſtattlichen Schiffe, jenen fünf Schmetter⸗ lingen gegenüber, gar nicht gefährlich aus. Ei⸗ nige nach ihnen abgefeuerte Kanonen trafen nicht und wir erwarteten mit Ungeduld ihre Annäherung. Plötzlich fuhren alle fünf Fahrzeuge mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit an unſer Schiff heran, daß ihre Segel vor unſern Au⸗ gen flatterten. Die Kanonen, auf deren Wir⸗ kung der Kapitän ſo feſt vertraut hatte, erwie⸗ ſen ſich gänzlich nutzlos. Die Waſſerratten ver⸗ loren durch ſie nicht einen Mann. Ihre wohl⸗ gezielten Büchſenkugeln ſtreckten aber ſogleich mehrere von uns nieder, der Kapitän war un⸗ ter den erſten. Die Piraten waren an Zahl uns weit überlegen; ſie warfen Enterhaken an unſern Bord, an welchen ihre Schiffchen hin⸗ gen; ähnliche Haken waren mit Strickleitern verſehen, an welchen ſie emporkletterten. Wir ſchoßen, hieben und ſchlugen Manchen todt, ehe er ſeinen Fuß auf unſer Verdeck ſetzen konnte. Die Unſrigen hielten ſich überaus tapfer. Der Kampf hatte vielleicht eine halbe Stunde gedauert, da hörte man kein Kommando mehr, Jeder kämpfte auf ſeine Fauſt. Wir hatten nicht Zeit, die Todten und Verwundeten aus dem Wege zu räumen, man konnte auf dem mit Blut übergoſſenen und mit Leichen bedeck⸗ ten Bretterboden nicht mehr feſtſtehen. Das Kampfgetümmel ließ endlich nach— da fühlte ich mich plötzlich von kräftigen Armen rückwärts ergriffen, unter dem Zurufe:„Halt ein, Kame⸗ rad! es iſt umſonſt, wir ſind Sieger!“ Es war ein ehemaliger Kamerad, ein geweſener ſpaniſcher Matroſe, mit dem ich längere Zeit auf einem Schiffe gedient hatte. Ohne ſeinen Schutz würde auch ich, nebſt Don Nicolo, der einzige von unſerer ganzen Mannſchaft Uebriggebliebene, niedergemacht worden ſein. Ich hatte nur einige leichte Wunden erhalten. Als ich Don Nicolo wieder ſah, war er auf dem Hintertheile des Schiffes mit einigen Ster⸗ benden beſchäftigt, und obwohl nicht verwundet, ſo doch überall mit Blut beſpritzt. Ich wurde mit ihm auf eines der Fahrzeuge gebracht, das, nachdem es voll geladen worden, nach der In⸗ ſel fuhr. Als wir gelandet waren, ſprach Don Ni⸗ colo zu den uns begleitenden Piraten: „Führt mich zu Eurem Kapitän, ich habe ihm eine ſehr wichtige Nachricht zu bringen!“ Man brachte uns auf einen freien Platz zwiſchen den Gebüſchen, den ringsum mehrere Hütten um⸗ gaben; vor einer derſelben ſtanden etliche In⸗ dianerpferde, zwei derſelben waren mit Wild beladen. In dieſe niedrige Wohnung, die aus dem Materiale einer Kajüte von einem Zwei⸗ maſter gebaut zu ſein ſchien, wurden wir noch in unſern blutbeſpritzten Kleidern hinein⸗ geführt. An einem langen, zierlich gearbeiteten Ti⸗ ſche von irgend einem ſpaniſchen Schiffe, der mit Wein und Wildbraten reichlich beſetzt war, ſaß Lewis mit zwei Häuptlingen der India⸗ ner und noch vier Anderen, die ich für Nord⸗ amerikaner hielt. Ich erkannte gleich beim Ein⸗ tritte, daß die ganze Geſellſchaft ſchon ziemlich herauſcht war und der Hausherr wohl am mei⸗ ſten. Wir mußten lange ſtehen, ehe man auf uns achtete. Endlich wandte ſich der Piraten⸗ häuptling nach uns um und ſtammelte die Frage:„Was wollt Ihr?“ Don Nicolo antwortete mit ernſtem Nachdrucke:„Ich bin gekommen, Dir Dein Ende anzuſagen!“ Ich erwartete den augenblicklichen Befehl zu unſe⸗ rem Erſchießen; aber er wandte ſich nach dieſer Ankündigung wieder zu ſeinen Gäſten um, und wir ſtanden wieder wie vor unbeachtet da. Mittlerweile brachten zwei ſeiner Leute die Kaſſe von unſerem Schiffe. Sie wurde geöff⸗ net, die Goldſtücke ſchüttete man auf einen Tiſch, die Kaſſe mit dem übrigen Inhalte trug man wieder fort. Daun ſtand Lewis auf, be⸗ ſah das Häufchen Gold, ſchien aber mit der Quantität nicht zufrieden und bemerkte:„So viele Leute verloren und ſo wenig Beute für mich!“ Er ſah Don Nicolo grimmig an, hob die Fauſt drohend gegen ſeinen Kopf auf, und krächzte:„Warte Spanier, an Dir will ich mich rächen!“ Don Nicolo antwortete kurz:„Es iſt zu ſpät!“ Lewis nahm einen Stuhl, ſetzte ihn vor das eine Fenſter, trat darauf und zog aus einem geheimen Behält⸗ niſſe in der Wand oberhalb des Fenſters ein ſchweres Käſtchen; nachdem er die eben ange⸗ kommenen Goldmünzen hineingeworfen hatte, verſchloß er es wieder und wollte es nun an ſeinen Ort bringen. Es war bedeutend ſchwe⸗ rer geworden, man ſah, wie er ſich anſtrengen mußte, um es zu der Höhe ſeines Kopfes em⸗ porzuheben. Ehe er es noch hineinzuſchieben vermochte, nahm die Laſt nach rückwärts das Uebergewicht und der lange Mann auf dem Stuhle ſchlug rücklings mit einem fürchterlichen Krachen zu Boden, daß ſein Kopf gerade zu meinen Füßen lag. Das Goldkäſtchen war ihm auf die Bruſt gefallen, er that keinen Athemzug mehr; aus ſeinem Munde ſtrömte das Blut. Es trat eine ſchauerliche Stille von einigen Minuten ein, wie nach einem gewaltigen Don⸗ nerſchlage; ich war wie betäubt. Der Abend dämmerte bereits, es folgte eine ſchaudervolle Nacht. Um den Todten küm⸗ merte ſich Niemand. Es entſtand eine ſchreck⸗ liche Verwirrung; Alle rannten durcheinander, Jeder wollte bei der unvermeidlichen Auflöſung der Geſellſchaft, in dem Zuſtande des wildeſten Fauſtrechtes, die größte Beute machen. Ich und Don Nicolo zogen uns in das Gebüſch zurück und nahmen ein Paar weggeworfene Wolldecken zum Nachtlager mit. Mein ehema⸗ liger ſpaniſcher Kamerad hatte mir eine Jacke und Beinkleider gegeben, daß ich meine blut⸗ volle Kleidung wegwerfen konnte. Don Ni⸗ colo's Gewand wuſch ich in der Nacht und trocknete es im Winde. Der Mondſchein ließ uns aus unſerem Verſtecke das grauenvolle Schauſpiel, welches die Seeräuber auf dieſem Platze aufführten, deutlich beobachten. Der Wein von unſerem Schiffe hatte die Raubgier der Elenden bis zur Wuth geſteigert. Um einen werthvollen Gegenſtand rauften und ſchlugen ſich immer Mehrere; wer dabei unbefriedigt blieb, der ſchlug, hieb oder ſchoß fluchend drein. Viele hatten ihren Ranb in den Hütten verſteckt, Andere zündeten dieſe an, Niemand verſuchte zu löſchen. So dauerte das Schlacht- und Raubgetümmel bis nahe an den Morgen fort. Don Nicolo war gegen Morgen ein wenig eingeſchlummert, unterdeſſen ſah ich mich in der Nähe auf der Inſel um und ge⸗ wahrte bald an der Küſte einige Ruderboote. Ich meldete ihm meine angenehme Entdeckung ſogleich und rieth, mit einem derſelben unver⸗ weilt über die Meerenge an's Land zu rudern. Er war aber nicht einverſtanden und meinte, wir wären für dieſes Unternehmen jetzt Beide zu hungrig und kraftlos, auch laſſe ſich am Lande nicht bald auf Lebensmittel rechnen. Wir wandten uns alſo nach dem Schauplatze des nächtlichen beobachteten Kampfgewühles. Hier war nun vollſtändige Ruhe einge⸗ treten. Der Bruder des verendeten Oberhaup⸗ tes hatte den noch vorhandenen Reſt der Pi⸗ raten unter ſein Kommando gebracht. Man that uns kein Leid an, Don Nicolo wurde ſogar mit Hochachtung behandelt. Proviant von unſerem Schiffe war noch genug vorhan⸗ den und wir ſtillten genügend Hunger und Durſt. Nachdem wir die rauchenden Trümmer der Hütten, vie vielen herumliegenden Leichen der im nächtlichen Gemetzel Gebliebenen betrachtet, den Lebenden beim ruhigen Aufleſen der Gold⸗ und Silbermünzen eine Weile zugeſehen hat⸗ ten, beſtiegen wir ein Boot und ruderten an das texaniſche Feſtland hinüber. Wir kamen nach einer wochenlangen, mü⸗ hevollen Landreiſe, während welcher ich fort⸗ während am Fieber litt, endlich zu meinen Eltern in dem Flecken Refugio. Don Ni⸗ colo reiſte nach mehreren Ruhetagen nach Mexiko und ich habe ſeitdem nichts mehr von Erinnerungen. 1858. ihm erfahren. Von Refugio bin ich ſpäter hierher überſiedelt, wo ich mein ſeliges Ende erwarten will.“ Auf meine Frage, was in der Folge noch mit den Piraten geſchehen ſei, antwortete er: „Man ſagte mir, daß der Bruder des Häupt⸗ lings alle Schiffe, deren achtzehn geweſen ſein ſollen, nebſt mehreren Ruderbooten, ſammt einiger Mannſchaft, gegen Zuſicherung der Strafloſigkeit der Regierung der Vereinigten Staaten übergeben habe.“ Die Waffenſtücke, Billardkugeln, ſilbernen Löffel, Gold⸗ und Silbermünzen und dergl., welche an dem bezeichneten Orte der Inſel ſpäter zuweilen ſind aufgefunden worden, ſchei⸗ nen dieſer Erzählung zu einiger Beſtätigung zu dienen.(Schluß folgt.) —5 Ge Die arktiſchen Expeditionen*). Sobald die Schiffe der Polarreiſenden die Grenzlinieder arktiſchen Zone überſchreiten, wird von allen Seiten eine vollſtändige Umgeſtaltung der bisherigen Ordnung bemerkbar. Jetzt öffnen ſich die Kiſten und Behälter, um die bis dahin zurückgehaltene wärmere Kleidung unter den Mannſchaften zu vertheilen. Manche bis dahin in den untern Schiffsräumen aufbewahrte Ge⸗ genſtände— Schlitten, Eisſägen, Eismeißel, Klammern, Haken und Walfiſchtaue— werden zum Verdeck hinaufgeſchafft und dort zur ſofor⸗ tigen augenblicklichen Bereitſchaft aufgeſtellt. Schon treten den Seefahrenden die Rie⸗ ſengebilde der Eisberge entgegen, umgeben von dem kleinern Corps der Eisblöcke, Eisflarden und des wogend daherſtrömenden Treibeiſes. Dazu die überraſchenden Erſcheinungen des thieriſchen Lebens in der See, auf dem Eiſe und in den Lüften; denn vor allem zieht die charakteriſtiſche Neuheit der gefiederten Schö⸗ pfung, welche in zahlloſen Schwärmen, in großen und kleinen Arten jede Inſelbildung, jede vereinſamte Felsklippe im Meer und ſelbſt die vergänglichen Maſſen der Eisberge bewohnt, ihre Aufmerkſamkeit an. Mit eigenthümlicher Lebendigkeit von den Eindrücken dieſer neuen fremden Welt durchdrungen, von den Scenen einer wunderbar und gewaltig ergreifenden Na⸗ tur erhoben, ſtehen die Seefahrer wie zum Kampfe gerüſtet, als ginge es in den Krieg ge⸗ gen feindliche Mächte. Erwartungsvoll lauſchen ſie der Stimme des Wächters im Krähenneſt. Mit dem Namen, Krähenneſt“ bezeichnet man den in Form einer Tonne hergerichteten Behälter, der hoch am Hauptmaſt des Schiffs befeſtigt wird, um eine Ueberſicht der Umgegend gewinnen zu laſſen. Meiſt nimmt ein Eismei⸗ ſter oder ein Steuermann in demſelben Platz, *) Nach einem Aufſatze in 20. Heft. 1858. „Unſere Zeit“ 345 und zeigt mittels eines Sprachrohrs den Wachen und Mannſchaften ſeine Beobachtungen an. So kommen ſie nach und nach höher hinauf in die mehr ruhigen und ſtarren Zonen jener Eisfelder, deren unüberſehbare Flächen hie und da durch Kanäle durchſchnitten ſcheinen. Allein dieſe weithin ſich ſchlängelnden Kanäle, die als dunkel glänzende Streifen erblickt werden, ſind in den allermeiſten Fällen trügeriſch. Nicht ſelten glaubten zuerſt der Wächter, dann auch der Kapitän und die Offiziere, welche ſich nach und nach zum Krähenneſt hinaufwinden ließen, jenſeits eines ſolchen Eisfeldes am nördlichen Ho⸗ rizont offene See zu erblicken. Wie ein Lauffeuer verbreitet ſich die Nachricht unter der Mannſchaft. Alle ſind von der Hoffnung erfüllt, jene ver⸗ meintliche offene See, die ein freies Fahrwaſſer bietet, zu erreichen. Das iſt ihr nächſtes Ringen und Trachten, für welches ſie mit begeiſterter Stimmung alle ihre Kräfte einſetzen. Allein Niemand vermag auch nur mit haltbarer Wahr⸗ ſcheinlichkeit kund zu thun, welche unter jenen ſchmalen Waſſergaſſen, und ob eine derſelben einen Ausgang zum erſtrebten Ziele darbieten werde. Dazu kommt, daß der Compaß wegen der Nähe des magnetiſchen Pols in jenen Ge⸗ genden unzuverläſſig wird, und daß auch das alte Schlagwort:„Die Sonne iſt mein Com⸗ paß“ in einer Reihe düſterer, nebelvoller und ſonnenlofer Tage, wie ſie in jenen Gegenden häufig ſind, keinen Troſt, keine Aushülfe brin⸗ gen kann. Gleichwol gilt es in dieſer Lage nicht zu zaudern, ſondern muthig aus Werk zu gehen. Dabei begegnet es denn wohl, daß die Waſſer⸗ ſtraße im Eisfelde, welche anfangs lockend er⸗ ſchien, unter vielen Ausweichungen nach ver⸗ ſchiedenen Himmelsgegenden und unter zahlrei⸗ chen Verzweigungen enger und enger wird, bis ſie plötzlich an dichten Eismaſſen zu Ende geht. Schwer und bisweilen nicht unbedenklich, obwohl dennoch unter Umſtänden unerläßlich, iſt der Entſchluß zur ſchnellen Umkehr. Denn gar häu⸗ fig haben ſich hinter dem Schiffe die Eismaſſen wieder zuſammengeſchloſſen. So lange irgend eine Ausſicht des Gelingens vorhanden bleibt, zumal wenn der Wächter im Krähenneſt, mehr oder weniger entfernt, noch nahe Waſſerſtreifen oder forkdauernd Anzeichen einer offenen See erblickt, erſchallt der Ruf:„Vorwärts“. Nun gilt es mit Eisſägen, welche die Matroſen, durch frohe Geſänge gegenſeitig ſich anfeuernd, in Thätigkeit ſetzen, einen Weg zu bahnen, oder die Aexte, Cismeißel und anderes zum Brechen des Eiſes bereit gehaltene Werkzeug anzulegen, oder endlich an geeigneten Stellen mit Pulver die entgegenſtehenden Maſſen zu zerſprengen, um einen Ausweg aus dem gefahrvollen Laby⸗ rinth zu erkämpfen. Schlimm aber iſt es, wenn alle dieſe Mittel und Auswege verſagen, wenn das Schiff, von allen Seiten mit Eismaſſen umſpannt, in willenloſem Spiel an der Bewe⸗ gung des Eisfeldes hängt, mit deſſen Zuge es den Klippen und Untiefen auf Wochen, ja auf Monate unwiderſtehlich preisgegeben oder auf kürzere oder längere Zeit unabwendbar zu ver⸗ 33 zweifeltem Stillſtande gebracht wird. Wehe dem Schiffe, das dann, jeder andern Zuflucht fern, nicht mit Vorräthen hinlänglich ausgerü⸗ ſtet iſt, um eine ſolche Gefangenſchaft im Eiſe auf ungewiſſe Zeit beſtehen zu können. Die Mann⸗ ſchaft geht einem langſamen und furchtbaren Tode entgegen, und möchte ſich, Angeſichts die⸗ ſer Lage, noch glücklich preiſen, wenn ein plötz⸗ licher Orkan eine gewaltſame Kataſtrophe her⸗ beiführt. Wir haben mehrfache Beiſpiele, daß in ſolchen Bedrängniſſen Eisberge oder Eisblöcke unverſehens Rettung brachten, indem ſie mit furchtbarem Stoße die gewaltigen Eisfelder zerſpalteten und das bis dahin eingeklemmte Schiff dem freien Elemente des offenen Meeres wiedergaben. Verſetzen wir uns nun in die Lage des ark⸗ tiſchen Seefahrers, dem es gelungen iſt, aus dieſen Fährlichkeiten nach einem geſchützten Ha⸗ fen, etwa an einer Inſel, hindurchzudringen und dort ſein Winterlager aufzuſchlagen. Sein erſtes Augenmerk iſt die Sicherung des Schiffs. Die äußeren Wände desſelben werden zum Schutze gegen die furchtbare Kälte des arktiſchen Winters mit dichtgeſtampften Schneelagen um⸗ geben, deren Wälle bei heitern und ſtillen Win⸗ tertagen zu Spaziergängen und zum Tummel⸗ platze der Matroſen dienen. Bei einem ſolchen Aufenthalte liegt den Führern die wichtige Aufgabe ob, für die Win⸗ termonate, welche ſie mit ihren Untergebenen in der traurigen Wildniß zubringen, auf eine heilſame und anregende Weiſe den trüben Ein⸗ drücken des arktiſchen Winters entgegenzuwirken. Wie es einerſeits Grundſatz iſt, Zeit und Kräfte der Männer nicht unnütz und lediglich des Zeitvertreibs wegen in Anſpruch zu nehmen, ſo gilt es andererſeits nicht minder, dem Hange zum zweckloſen und trägen Umherſchlendern mit aller Macht zu wehren. Bei dieſen Einrichtun⸗ gen kommt es ganz naturgemäß dahin, daß Sinne und Kräfte ſich den Manipulationen der verſchiedenſten Handwerke zuwenden. Ja ſelbſt die Geſchäfte, welche bei uns ausſchließlich der Regie der Frauenwelt angehören: Stricken, Nähen, Waſchen, ſelbſt Sticken, wurden von den Händen der Männer mit erregtem Wettei⸗ fer aufgenommen. Die Offiziere laſſen es ſich angelegen ſein, denjenigen, die Sinn für Bildung haben, Unterricht in Wiſſenſchaften und Künſten zu ertheilen. Aber ſelbſt an anderweiten, faſt ausſchließlich auf Ergötzen und Erheiterung berechneten Unternehmungen fehlt es nicht. Es werden Koncerte, Bälle und Maskeraden arran⸗ girt. Aus den befähigten Mitgliedern bildete ſich eine Schauſpielergeſellſchaft; Offiziere wie Gemeine übernahmen in bunter Miſchung die Rollen der Männer und Frauen zur Auffüh⸗ rung beliebter Singſpiele, Luſtſpiele oder Dra⸗ men. Selbſt der Couliſſen⸗ und ſonſtige Büh⸗ nenapparat wurde auf ſinnreiche Weiſe hergeſtellt oder mit erfinderiſchem Humor erſetzt; ſogar Theaterzettel und Einlaßbillets fehlten nicht, um das Bild des heimiſchen Großſtädterlebens nach Möglichkeit zu vervollſtändigen oder auch wohl zu perſifliren. Den höchſten Gipfel erreich⸗ ten dieſe Unterhaltungen, wenn etwa ein talentvoller Dichter es verſtand, dramatiſche Piecen zu erfinden, deren Inhalt und Gang ſowohl den vorhandenen Mitteln angepaßt, als auf die Situation berechnet war. Allein die Geſtaltung des Lebens, welches ſich in dieſen Bildern ſpiegelt, iſt durchaus von dem Zuſtande und Befinden der Mannſchaften, von der Vereinigung mannigfacher günſtigerlm⸗ ſtände abhängig. Deſto trüber und düſterer ſind die Erfahrungen, welche eintretende Krank⸗ heit oder Mangel an Lebensmitteln für ſolche vereinſanite Schaar mit ſich bringen. Wer ver⸗ möchte den Eindruck zu ſchildern, welchen da der Tod eines Gefährten, die Feier ſeines Lei⸗ chenbegängniſſes, der Eindruck des Grabhügels mitten in dieſer ſtarren Eiswüſte erwecken! Allein auch in dem glücklichen Falle, daß alle ſolche Uebelſtände fern bleiben, erfüllt zuletzt die tiefe Oede langer ſonnenloſer Wochen auch das Herz der heiterſten und unerſchütterlichſten Naturen mit ſtiller Wehmuth und mit ſchwe⸗ rem Verlangen nach Licht. Die Stunde, in welcher der Hochbootsmann vom Krähenneſt herab den erſten Sonnenblick im äußerſten Sü⸗ den verkündigt, hat das geſammte Schiffsvolk wie zum Feſte verſammelt; der Augenblick ſei⸗ ner frohen Botſchaft wird mit unbeſchreiblichem Jubel begrüßt. Jetzt, wo die Tage mit dem⸗ ſelben raſchen Fortſchreiten wachſen, wie ſie im Herbſte mit unaufhaltſamer Schnelligkeit vor der immer mehr überhandnehmenden Nacht zuſammenſchwinden: jetzt beginnt die Zeit der Unternehmungen, für welche die Entbeh⸗ rungen des Winteraufenthalts eingeſetzt waren. Es gilt mit Schlittenzügen die Gegenden zu erforſchen und Landſchaften zu erreichen, zu welchen die Schifffahrt keine Bahn zu finden vermag. Der nächſte Zweck iſt, den Forſchungen ein möglichſt weites Gebiet zu ſichern. Das einzige bis jetzt dafür ausfindig gemachte Mittel iſt der Schlitten, welchem die Laſt der Vorräthe, die Zeltapparate zum Aufſchlagen an den Schlaf⸗ und Erholungsſtationen und alles Uebrige auf⸗ gebürdet wird. Die arktiſchen Reiſenden müſ⸗ ſen die Wege nehmen, wie die Einflüſſe der Witterung und der Oberfläche ſie geſtalten; die Richtung iſt ihnen vorgeſchrieben, und von einer Wahl kann dabei kaum die Rede ſein. Dabei gehen ſie unendlichen Beſchwerden ent⸗ gegen. Faſt immer zeigt ſich der Boden rauh und uneben. Daher begegnet es nur zu häufig, daß aller Vorſicht ungeachtet das Schlittenfahrzeug Schaden nimmt. Eine andere ſchwere Plage i*ſt der in Folge ſolcher Beſchwerden ſelbſt bei grimmiger Kälte maßlos ſich einſtellende peini⸗ gende Durſt, der in der Regel als Vorbote des Zuſtandes der Erſchöpfung betrachtet wird. Laſſen ſich die Lechzenden zu dem Verſuche hin⸗ reißen, ihren Durſt durch den Genuß von Schnee zu löſchen, dann haben ſie ſchwer zu büßen: der Mund wird enthäutet, die Zunge durch ſtechend ſchmerzende Borſten aufgeritzt. So ſind ſolche Schlittenreiſen ein höchſt ſchwieriges, mühe⸗ volles und gefährliches Unternehmen. Die Ar⸗ beit des Ziehens erheiſcht oft die größte An⸗ ſtrengung; die Erholung und Stärkung, welche in den Raſtſtunden zu Gebote ſteht, iſt eine äußerſt kümmerliche. Man denke ſich, wie die Männer, wenn ſie einen ſolchen Ruhepunkt er⸗ reicht haben, in der grimmigen Kälte, oft un⸗ ter Sturmwind und Schneegeſtöber, bisweilen auch unter heftigem Schneeſturm oder Regen⸗ ſchauern, kaum eines geſchützten Platzes theilhaft, den Schlitten abpacken, das Zelt aufſchlagen, die Anſtalten zum Bereiten oder Wärmen der Speiſe treffen müſſen; wie bei der innern Ein⸗ richtung, bei der Spendung des Brennmate⸗ rials die äußerſte Erſparniß und Beſchränkung herrſcht, ſo daß Chokolade oder Kaffee kaum halb erwärmt dargereicht werden; wie die Vorräthe an Pemmikan, eingemachtem und geſalzenem Fleiſch, daneben das hartgefrorene Brod eine Mahlzeit gewähren, deren Einförmigkeit ſelbſt für einen ſtarken Magen und für große Eßluſt kanm als erträglich, geſchweige denn als gedeih⸗ lich angeſehen werden kann; wie wenig hierauf die Lagerſtätte innerhalb des engen Zeltes, am Erdboden oder über der Schneedecke, auf einer gewöhnlich von Mackintoſhzeug gemachten Un⸗ terlage, geeignet iſt, eine erquickliche und behag⸗ liche Nachtruhe zu gewähren. Man denke nur, wie die Männer, oft in halbnaſſen Kleidern, hart zuſammengepreßt nebeneinander hinge⸗ ſtreckt liegen. Sie haben den ermüdeten, viel⸗ leicht ſelbſt von Schmerzen geplagten Leib von den Füßen aus mit dicken Schlafſäcken, welche bis an die Schultern hinaufreichen, überzogen und können dennoch den ſchüttelnden Froſt kaum bewältigen, die grimmige Kälte nicht abwehren. Eine Wacht zu halten, würde ſchon der ſtrengen Temperatur, ſowie der vorhergehenden und nachfolgenden Anſtrengungen wegen über alle menſchlichen Kräfte gehen. Daher können die Schläfer mitten in der furchtbaren Einöde, in welcher das Auge unter der ermüdenden Ein⸗ förmigkeit der Landſchaft(blos Himmel und Eis!) vergebens nach irgend einem hervortre⸗ tenden Gegenſtande ſucht, wo die unbedeutend⸗ ſten Dinge die allgemeine Aufmerkſamkeit erre⸗ gen und ſtundenlang beſchäftigen, vor allerlei ſpukhaften Störuugen ſich nicht ſicher halten. Eine Schlittenmannſchaft des Inveſtigator wurde einſtmals plötzlich von einem Eisbären aufgeſtört, der durch eine Oeffnung im Zelte ſeinen Kopf über die Schläfer hinſtreckte und dieſe in ihrer unbehilflichen, daher faſt wehr⸗ loſen Lage überraſchte. Glücklicherweiſe gelang es noch im rechten Augenblick einem der Män⸗ ner, die Rückwand des Zeltes mit einem Meſſer zu zerſchneiden, dadurch einen Ausweg aus dem Zelte zu gewinnen, und mit den, auf dem in der Nähe ſtehenden Schlitten niedergelegten Gewehren das Raubthier zu erlegen. Ein ähn⸗ liches Abenteuer hatte im Jahre 1854 eine Abtheilung der Mannſchaften des Dr. Kane, die von einem großen Bären um Mitternacht heimgeſucht wurde. Der unwillkommene Gaſt ☛‿— —— —— — kehrte ſich wenig daran, als man ihm eine Büchſe mit angezündeten Phosphorſchwefelhöl⸗ zern entgegenhielt; es bedurfte eines von ſtarker Hand geführten Hiebes auf die Naſe des Raub⸗ thiers, um dasſelbe zu verſcheuchen. Aber ſelbſt, wenn alle dergleichen Störungen fern blieben, waren die Uebel und Beſchwerden, welche das Klima unvermeidlich mit ſich brachte, ſo außer⸗ ordentlich groß, daß man kaum begreift, wie eine ſolche Ruhe den Anforderungen der menſch⸗ lichen Natur genügen konnte. Beim Aufſtehen waren die Bettſäcke in Folge der Kälte, die jede Feuchtigkeit ſogleich niederſchlug, mit einer dicken Eiskruſte überzogen; das Barthaar nicht ſelten feſt angefroren. Die Kleidung ſtarrte von feuch⸗ ter Kälte, die Schuhe oder Stiefeln, ſteifgefro⸗ ren, mußten erſt aufgethaut werden, ehe man ſich von neuem in Bewegung ſetzen konnte, um nach Stunden der peinvollſten Strapatzen den Augenblick herbeizuführen, wo eine gleiche Nachtruhe den erſchöpften Männern unabweis⸗ bares Bedürfniß war, und daher von ihnen vielleicht mit einem ſonſt kaum erklärlichen Ver⸗ langen gewünſcht und erſehnt wurde. Nichts war unerwünſchter, als wenn etwa ein heftiger, mehrere Tage lang anhaltender Schneeſturm jeden Gedanken der Weiterreiſe unmöglich machte, denn dann ging die unglücklichſte Thaten⸗ loſigkeit mit den Empfindungen des Elends ihrer Lage Hand in Hand. Eine eigenthümliche Erſcheinung iſt die außerordentliche Eßluſt, wel⸗ che namentlich bei dieſen Schlittentouren her⸗ vortrat; ſie erklärt ſich aus dem geſunden Ein⸗ fluſſe der Luft und aus den erſ chöpfenden Arbeiten. Wer müßte nicht Angeſichts ſolcher Erleb⸗ niſſe und Beſchwerden lebhaft inne werden, wie leicht und froh das Herz der arktiſchen Reiſen⸗ glücklich auf dem Sammelpunkte des Schiffs wieder vereinigt, wiederum die freien Fluthen der See geöffnet ſehen und ſich der Hoffnung zur Heimkehr getröſten können. Burgruine Haßenſtein.*) Auf einer jener Kuppen, die den Fuß des Erzgebirges umgürten, erhebt ſich inmitten dunkler Fichtenwaldung auf einem ſteilen Felsvorſprunge die Burgruine Haßenſtein, ungefähr eine Stunde Wegs von der Stadt Kaaden entfernt. Der Sage nach ſchon unter Heinrich III. im Jahre 1041 gegründet, ſpäter als Aufenthaltsort des gelehrten, als lateiniſcher Dichter hochgeachteten Bohuslav von Lobkowitz berühmt, bietet dieſe Burg jetzt noch eben ſo dem Freunde des Alterthums in ihren Trümmern, wie dem Freunde der Natur durch die herrliche Ausſicht von ihrer Höhe einen unbeſchreiblichen Reiz. franz Steger. Das Porträt dieſes renommirten Sängers dürfte hier um ſo paſſender und unſern Leſern Dieſe Ruine wurde von unſerm Landsmanne, dem Landſchaftsmaler Wehli, einem Schü⸗ ler der Prager Akademie, der ſeine Studien in München und Düſſſeldorf fortſetzte, nach der Natur gezeichnet und lithographirt. Von demſelben befinden ſich Gemälde im Beſitze des Erzberzogs Karl Ludwig, ſo wie des Königs Ludwig von Baiern, welcher Letz⸗ tere dem Maler, der neben dem Pinſel auch — 347 willkommener erſcheinen, als Prag eigentlich als die Wiege ſeines Künſtlerruhmes betrachtet werden muß. Steger ſteht gegenwärtig in der Blüthe des Mannesalters und gaſtirt bekannt⸗ lich jetzt am k. k. Hofoperntheater in Wien. Zu Szent Endre(St. André) einem Städtchen im Peſth⸗Piliſer Komitat in Ungarn geboren, wid⸗ mete er ſich Anfangs der Pharmacie. Dochals⸗ bald betrat er, den Werth der ihm verliehenen Naturgabe wohl erkennend, die theatraliſche Laufbahn und war eine Zeit lang am Theater an der Wien engagirt. Später gehörte er unter dem Namen Stazié der Bühne in Agram an, von wo er an die Oper in Peſth berufen wurde. Doch nicht lange weilte er daſelbſt, als er einen ſehr vortheilhaften Antrag als erſter Tenor an unſer k. ſtänd. Theater erhielt. Was er hier in ſeinem einjährigen Wirken geleiſtet, und wie bald er ſich zum Lieblinge unſeres Publikums ge⸗ macht, iſt wohl den Leſern noch zu lebhaft im Gedächtniß. Lange konnte ſich ohnedieß unſere Oper des Beſitzes eines ſolchen Prachttenors nicht erfreuen, da Steger Anfangs 1853 den ſo ehrenvollen Ruf zum k. k. Hofoperntheater in Wien erhielt, woſelbſter durch drei Jahre engagirt blieb. Inzwiſchen gaſtirte er wiederholt mit dem ſchmeichelhafteſten Erfolge in Prag, dann auch in Stuttgart, Frankfurt, Leipzig, Hamburg, Lemberg, Temesvar und Hermannſtadt. Daß ihn auch jetzt noch die Reſidenz nicht entbehren kann, beweiſt, daß er ſchon zu wiederholten Ma⸗ len daſelbſt für die Winterſaiſon engagirt wurde. Sein eigentliches Fach iſt das der Helden; zu feinen Glanzrollen gehören:„Eleazar“,„Maſa⸗ niello“,„Okhelko“,„Tannhäuſer“,„Ernani“, „Manrico“ u. a. den Griffel des Dichters führt, ein ehren⸗ volles, auerkennendes Schreiben zukommen den ſchlägt, wenn ſie, nach all ſolchem Ungemach Poetiſches Album. Gloſſe. „Die Sterne, die begehrt man nicht, Man freut ſich ihrer Pracht. Und mit Entzücken blickt man auf In jeder heitern Nacht.“ Goethe. O zürne nicht dem kühnen Auge, Das Deine Schönheit feſtgebannt, Laß Deinen Liebreiz mich bewundern Von ferne nur und ungekannt! 4* Wohl flammt's vor meinen trunknen Blicken, Gewahre ich Dein Angeſicht— Doch in der Seele tönt es leiſe:. Die Sterne, die begehrt man nicht! Ein Schifflein gleitet durch die Wellen Der ſturmbewegten, wilden See, Und eine ſchöne Palme pranget Auf eines Felſens ſteiler Höh';. Die Brandung trennt ſie von den Schiffern Und ſchäumt und ſpottet ihrer Macht— Man ſegelt ſtumm an ihr vorüber, Man freut ſich ihrer Pracht. ließ. mama::za:Enn fFeuilleton. Die Schiffer ſenken ihre Ruder Und blicken nach dem Felſen hin, So lange noch im fernen Weſten Die letzten Strahlen ſcheidend glüh'n; Und ob die Sonne auch verſunken Und längſt vollendet ihren Lauf— Man meint die Palme noch zu ſehen, und mit Entzücken blickt man auf. So biſt auch Du mir jetzt erſchienen, Ein gold'ner Stern in heit rer Höh', Und wie die Palme jenen Schiffern Auf ſturmbewegter wilder See! Noch einen Blick— ich ziehe weiter, Es ſei das Opfer ſtill gebracht! Doch muß ich träumend Dein gedenken In jeder heitern Nacht. E. Halma. Der Korrektor. Am Ufer des See's, den Weg entlang, Da geh' ich tagtäglich denſelben Gang. Da ſitz ich und male recht ungeſtört; . Das Summen der Bienen den Fleiß mich lehrt. Als einſt ich ſo zeichnete, dacht, ich mir, Ach, hätt' ich nur einen Korrektor hier! Da kam eine Herde des Weges herab, Ganz vorn ein Bock im klingenden Trab; Und während die Ziegen vorüber gehn, Bleibt ſtaunend der bärtige Meiſter ſtehn. Der klettert zum Maler den Hügel hinan, Beſieht ſich die Zeichnung und meckert ſodann. „Ei,“ frägt ihn der Maler, as biſt Du ſo froh? Du kritiſches Böcklein, was meckerſt Du ſo?“ „„Ach, Maler, ach Maler, ich ſag' es Dir frei, Als ich Dir nahte, ganz ſtill und ganz ſcheu, Erfreute die Zeichnung gar ſehr meinen Sinn, ; 1444 Ich ſah ja noch einige— Böcke darin. Das merkte der Maler, die Sonn’ ging zur Ruh, Verdrießlich ſchlug er den Kaſten zu; Ging ſtille, bedächtigen Schrittes nach Haus Und löſchte das, was er gemalt, wieder aus. M. Wehli. 44* 4 348 Studentenliebe*). So verſchiedenartig die Studenten ſind, ebenſo verſchiedenartig iſt auch ihre Liebe, ernſt und ſchwärmeriſch, luſtig und heimlich. Schon in dem Knaben und ſeinem Charakter ſchlummert der ſpätere Burſch mit ſeinen tollen und luſtigen Streichen. Die Jungens, welche ihre halbblinde Groß⸗ mutter beim Sechsundſechzigſpiele betrügen und ihrer ſchwärmeriſchen Schweſter einen grünen Froſch in den Nähkaſten ſetzen, die einem Bettler ihren Geburtstagsthaler geben, nur weil des Bettlers Hund ſo mager ausſieht, oder dem gro⸗ ßen ſchwarzen Hauskater des Lehrers Brillen auf⸗ ſetzen und ihn exemplariſch züchtigen, weil der faule Schlingel nun doch nicht leſen kann— dieſe Jungens werden, wenn ſie überhaupt ſtudiren, die tollen, luſtigen Studenten, die flotten Bur⸗ ſchen, welche keine ſchlechte That vollbringen, aber deſto mehr dumme Streiche machen, die echten alten bemoosten Häupter! Die Knaben, welche mit den Schweſtern aus Milch und Semmel Pudding machen, während draußen Schnee zu Bällen liegt, die der Mutter aus einem Andachtsbuche vorleſen und ihr Abends die Wärmflaſche abbetteln, die bitterlich weinen, weil die gekräuſelten Locken bei Regenwetter nicht ſitzen wollen, die endlich bei Mondſchein ſchon ſchwärmen— die werden die feinen und ſenti⸗ mentalen Studenten, welche fein zu Haus blei⸗ ben, um ihren neuen Rock zu ſchonen und kein Duell zu bekommen, vor welchem die Tante im letzten Briefe gewarnt hat. Sie ſind friedlich und freundlich, gehen fleißig in die Collegia und ma⸗ chen nie Schulden. Die letzte Art der Studenten ſind die ver⸗ nünftigen Burſchen. Sie waren als Knaben luſtig und rechtlich, offenherzig und fleißig. Sie ſind als Studenten ſchon mehr Männer, die das luſtige Studentenleben wohl mitmachen, zugleich aber auch einſammeln in Kopf und Herz für das Le⸗ ben. Sie zeigen ſchon früh die feſten und graden Charaktere, welche das Leben aus ihnen bildet. Jede dieſer Klaſſen der Burſchen liebt ver⸗ ſchieden, jede hat ihre verſchiedenen Ideale, jede verfolgt zur Erreichung derſelben ihren eigenen eg. Am luſtigſten liebt der flotte Burſch. Für ihn ſcheint das Wort gedichtet zu ſein:„Bruder Liederlich begehret jede ſchöne Blume für ſich,“ alle duftig friſchen Blumen in dem großen Mäd⸗ chengarten glaubt er für ſich geſchaffen, und wäre es auch nur, um im flüchtigen Vorübereilen ſich durch ihren Duft berauſchen zu laſſen. Der flotte Burſch liebt weniger innig als zärtlich, er ſieht nicht auf den Stand, denn er ſucht in ſeinem Netze Profeſſorentöchter und Schneidermamſells zu gleicher Zeit zu fangen. Ihm iſt ein Ammenlied vorgeſungen, das heißt: „Ein Küßchen in Ehren, wer wollt' es verweh⸗ ren,“ und dieſes Lied klingt ihm während ſeiner Bizen Burſchenzeit in den Ohren— und oft auch Jahrelang nachher noch. Liebe gehört zu dem Leben des Burſchen. Jean Paul ſagt in ſeinen Flegeljahren von dem Jünglinge:„Er bewegt ſich durch das widerſtre⸗ bende Leben ſo frei wie der Schmetterling über ihm, der nichts braucht als eine Blume und einen zweiten Schmetterling.“ Dieſe Worte paſſen auf den flotten Burſchen, nur bedarf er noch mehr als eine Blume, er hat auch noch Geld, oder Pump und Bier und viel Rennomage nöthig. Schlecht iſt dieſe Liebe nicht. Wer wird den luſtigen Burſchen verdammen, der der niedlichen Rittmeiſterstochter, mit welcher er allein drei Stunden in der Poſt fährt, ewige Liebe ſchwört *) S. Buchſchau:„Studentenfahrten“. und ſie an ſein jugendliches Herz drückt! Wenn er auch ſeinen Schwur nicht hielt, ſo war nicht er ſchuld daran, ſondern das blondlockige Honig⸗ kuchenmädchen, oder die ſchwarzäugige Schaufpie⸗ lerin, die er der Kunſt wegen zuweilen beſuchte. Und das Ende dieſer Liebe? Alles Schöne auf der Erde nimmt ja ein Ende. Iſt das Trien⸗ nium des Burſchen vollendet, ſo fährt ſie mit dem Abgangszeugniß in der Taſche, mit einem Cigarrenkaſten voll unquittirter Rechnungen auf der Poſt zum Thore hinaus in alle vier Welt⸗ theile. Ade, ade, ade, Scheiden und Meiden thut weh! Sehr verſchieden von der Liebe der flotten Burſchen, welche mit dem Torniſter auf dem Rücken, tolle Streiche im Kopfe und wenig Geld in der Taſche überall auf Liebesabenteuer ausge⸗ hen, iſt die der ſchwärmeriſch zarten Burſchen. Dieſe Liebe bewegt ſich unter ſentimentalen Idea⸗ len, und in Ernenftung eines paſſenden Gegen⸗ ſtandes betet ſie jegliches jugendliches Femininum an. Ein ſolcher Student, der für Redwitz' Ama⸗ ranth ſchwärmt, Heine's Harzreiſe abſurd findet, bei Jean Paul erröthet, und bei Shakeſpeare epileptiſche Zufälle bekommt, ein ſolcher Student, der von Liebe geleſen und ſeine Tante davon aus ihren Jugendjahren, die aber ſtets in das vorige Jahrhundert fallen, hat ſprechen hören, glaubt auch lieben zu müſſen, weil ſein Kinn flaumt. Er wählt ſich irgend ein buftiges Mädchen aus, das er am Fenſter geſehen, oder verliebt ſich in ſein Hausmädchen und erröthet, wenn ſie ihm morgens den Kaffee bringt. Er gleicht einer ſchön gemalten Knoſpe der Unſchuld. Solche Burſche zieren ſich gewaltig und mei⸗ nen, wenn ſie neue Handſchuhe tragen, den Hut auf das eine Ohr rücken und für fünf Groſchen nach Eau de Cologne und Mille de Fleurs rie⸗ chen, ſie ſeien die lieblichſten Blumen auf Gottes grünem Erdboden. Im Theater, in Konzerten und auf Prome⸗ naden kokettiren ſie mit zwiſchen die Augen ge⸗ kniffenen Gläſern, kauen an zierlichen Spazier⸗ ſtöckchen, wiegen ſich nach dem Takte der Muſik und ziehen, wenn ein Hund dazwiſchen heult, ein Geſicht wie Laokoon, als ihn die Schlange biß. Sie können um ein ſchönes Mädchen ſtundenlang herumlaufen, wie ein Tauberich um eine Taube, können ſich aus allzugroßer Verlegenheit neun⸗ mal in das weiße ſeidene Schnupftuch ſchneuzen, aber zur Anrede haben ſie nicht den Muth. Wa⸗ gen ſie endlich dieſen kühnen Schritt, ſo flüſtern und lispeln ſie ſo zart und ſanft, daß die Liebes⸗ hauche kaum durch die Locken in das Ohr zu drin⸗ gen vermögen. Abends bringen ſie flötende Ständ⸗ chen, tragen Mittags eine Roſe im Knopfloche, ſchlagen zierliche Hiebe mit dem Spazierſtöckchen und haben fünf Paar Tanzſchuhe. Hat ihre angebetete Dame einen jungen Bruder oder eine kleinere Schweſter, ſo füttern ſie dieſelben mit Bonbons und ſtreicheln ihnen auf der Straße die Wangen.— Kommt dieſe Liebe wirklich zu Erklärungen, ſo iſt ſie erſchrecklich ſüß⸗ zärtlich und ſehnſuchtsvoll⸗ſchmachtend. Zu einem ernſtlichen Reſultate führt ſie ſelten. Seufzen und Schmachten, eine Taſſe dünnen Thee an der Seite der Geliebten iſt ihr einziger Genuß. Iſt die ſchwärmeriſche Burſchenzeit zu Ende, ſo—„andere Städtchen, andere Mädchen.“ Der letzte Abſchied dieſer Liebe iſt gefühlvoll und thränenreich, und dem letzten duftenden Blu⸗ menbouquet ſind unendlich viel Seufzer einge⸗ haucht.— Dort kommt ſo eben einer dieſer ſchwär⸗ meriſchen Burſchen von der Abſchiedsſcene ſeiner Geliebten. In ſeinen Augen hängen noch einige Thränen, aus ſeiner Rocktaſche ſchimmert als letztes Andenken eine rothe Buſenſchleife. Mit einem ſchweren Seufzer ſteigt er in die alte Poſtkutſche, welche ihn dem Philiſterthume ent⸗ gegenführt. Die letzte Liebe, die der vernünftigen Bur⸗ ſchen, iſt mit wenigen Worten charakteriſirt: ſie iſt ernſt, tief und wahr. In Göttingen auf dem Kirchhofe ſteht ein weißer Grabſtein, auf dem ſtehen die Worte: „Caecilie Tychsen“— in Zelle auf dem Gottes⸗ acker iſt ein Grab, darin ruht Ernst Schulze. Die Welt hat zwei Bücher:„Cäcilie“ und„die bezau⸗ berte Roſe“— die ſingen ein Lied von echter, treuer Burſchenliebe! Der Philiſter*). Die Philiſter finden ſich über ganz Deutſch⸗ land verbreitet, aber auch nur in Deutſchland. Will man aber den eigentlichen Urſtamm des Phi⸗ liſterthums kennen lernen, ſo muß man ihn in einer Univerſitätsſtadt aufſuchen. Dort iſt er zu Hauſe. Von allen Univerſitäten hat aber gewiß keine ſchönere und originellere Exemplare aufzu⸗ weiſen, als Jena. Während in anderen Städten das Philiſternaturell vorwiegend grämlich und brummig iſt, während der Philiſter anderwärts einen geduldigen häuslichen Fleiß entwickelt und dabei ein entſchiedener Geizteufel iſt, der nur des⸗ halb ſeine Familie jeden Sonntag Nachmittag ſpazieren führt, weil er dadurch das Vesperbrot zu erſparen hofft, iſt der Jenenſer Philiſter mehr geduldig luſtiger Natur, und es wohnt ihm eine entſchiedene Bummelader inne. Der Jenenſer Philiſter iſt des Morgens, wenn er nichts weiter zu thun hat, in ſeinem Berufsgeſchäfte ſehr fleißig, hat er ſich aber den Morgen über abgemüht und die vorwurfsvollen Reden und Ermahnungen ſeiner zänkiſchen Ehe⸗ hälfte mit ſtoiſcher Ruhe angehört, dann ſehnt er ſich am Nachmittag hinaus in die freie, ſchöne Natur, das heißt nach Lichtenhain, welches er möglichſt bald zu erreichen ſucht, um dort in niedriger, rauchiger Dorſſchänke hinter einer Kanne Lichtenhainer die ſchöne Natur in Ruhe genießen zu können. Man braucht an heiteren Nachmittagen nur den Weg von Jena nach Lichtenhain zu gehen, um auf ihm die ſchönſten Philiſterexemplare lang⸗ ſam, gemeſſenen Schrittes einherwandeln zu ſehen. Ihr Körper iſt ſteif und gerade, ihr langer Rock ſtets halb zugeknöpft, und die Stiefeln ſind un⸗ tadelhaft gewichſt. Die Mitze ſitzt verſtändig und würdevoll auf dem Kopfe, und das Geſicht hat eine ernſte Recenſentenmiene angenommen. Er raucht natürlich aus einer langen Pfeife und bleibt an jedem Kornfelde ſtehen, um zu überlegen, ob die Kornpreiſe fallen oder ſteigen werden, denn dieß iſt für einen Familienvater von Bedeutung, obenein wenn er Meiſter iſt und einen nimmer⸗ ſatten Lehrjungen zu ernähren hat. Die Hals⸗ binde iſt erſchrecklich ſteif und gibt der Haltung des Kopfes erſt die würdevolle Sicherheit. Im Uebrigen iſt der Philiſter artig, geſprächig und langweilig. 3 Hat er die Dorſſchänke in Lichtenhain er⸗ reicht und eine Kanne Lichtenhainer vor ſich ſte⸗ hen, ſo erhält ſein Geſicht den Ausdruck einer ruhigen, glücklichen Zufriedenheit. Man könnte ihn jetzt faſt für einen Philoſophen halten, wenn man nicht wüßte, daß er ein Philiſter wäre. Nachdem er ſich von dem Wege erholt und ſeine Pfeife neu geſtopft hat, beginnt er mit dem ihm zunächſt ſitzenden Individuum eine Unterhaltung, Er politiſirt gern und zeigt große nationalükond⸗ miſche Intereſſen. Eine neue Bürgermeiſterwahl und ein Geſpräch über Schweinezucht verma ihn einen ganzen Nachmittag und Abend nefflich zu unterhalten. Seine Rede iſt langſam und be⸗ dacht, ſein Faſſungsvermögen noch langſamer, *) S. Buchſchau. und ſein Hirn bleibt trotz dem Biere, dem er ſehörig zuſpricht, trocken. So oft er an ſeine ben denkt, ringt ſich ein ſchwerer heimlicher eufzer aus ſeiner Bruſt.. Wehe, wehe, wenn ein Philiſter je in ſeinem Leben einige Stunden über das Weichbild ſeiner Geburtsſtadt hinausgekommen iſt, das heißt, wenn er je eine kleine Reiſe gemacht hat; mögen es zwanzig, dreiß g, ja vierzig und ſelbſt fünfzig Jahre her ſein, er hat ſie noch getreu in ſeinem Gedächtniſſe, er weiß noch genau, was er auf ſeiner Reiſe gehört und geſehen, gegeſſen und ge⸗ trunken, denn ſo oft ſich Jemand nur fünf Mi⸗ nuten mit ihm unterhält, muß er auch die Er⸗ zählung ſeiner großen Reiſe anhören. Um indeß einen Jenenſer Philiſter recht würdigen zu lernen, muß man ihn auch am Abende auf dem Heimwege betrachten, wenn er ſeine fünf oder ſechs Kannen Lichtenhainer ge⸗ trunken hat. Dann iſt ſeine ſteife Verfaſſung ganz entſchieden umgewandelt. Sein Rock iſt nicht zu⸗ geknöpft, ſeine Mütze ſitzt ſchief auf dem Kopfe, hne Pfeife iſt ohne Kopf, und während er ſich vergeblich bemüht, ihr Dampfwolken zu entlocken, ſchimpft er auf den Kaufmann, der ihm einen Tabak verkauft, der nicht brenne. Sein Geſicht hat Ausdruck gewonnen, ſeine Arme fahren ge⸗ ſtikulirend in der Luft umher, und ſein Gang iſt ein unſicherer. So oft er den Weg verliert und in einen Graben geräth, flucht er über die ſchlech⸗ ten Wege, und wenn er jetzt an ſeine Frau da⸗ heim denkt, ballt er heimlich die Fäuſte. Jetzt hat er Muth— nähert er ſich aber ſeiner Woh⸗ nung, wird er zaghaft und ſchleicht ſich leiſe in das Haus. Nachahmungen. Schon in den Dichtungen der Griechen und Römer finden wir Stellen, welche durch den Klang und Fall der Worte Hewiſſ⸗ Naturlaute, wie das Rollen eines Steines, das Plätſchern der Wellen, das Geſtampfe der Roße u. ſ. w. nachahmen. Es ſei hier beiſpielsweiſe nur an den Vers der Voſſiſchen Homer⸗Ueberſetzung erinnert, der noch heute im Munde jedes Gymnaſiaſten rollt: „Hurtig mit Donnergepolter entrollte der tückiſche Marmor.“ In den Volksdichtungen tritt dieſe Nachah⸗ mung oft ganz ſelbſtſtändig auf und der Werth einer ſolchen Dichtung beruht dann meiſt nur auf der größeren oder geringeren Aehnlichkeit mit den nachgeahmten Lauten. Nach dem Stückchen, das der Trompeter bläſt, nach dem Wirbel, den der Tambour ſchlägt, ſetzt der Soldat ſein Sprüchlein zuſammen: Kamerad komm', Kamerad komm'! Kommſt Du nicht, ſo hol' ich Dich, Kamerad komm'. Oder: Drei lederne Strümpf, Zwei und drei macht fünf; Wenn ich Einen verliere, Hab' ich doch noch viere. In gleicher Art weiß der Jäger bei ſeinem Schweifen durch den Wald den Geſang der Vö⸗ el in Worte zu bringen. So ſingt ihm die Kohlmeiſe im Herbſte: „Flick en Pelz, flick en Pelz! Sick Dich für, ſick Dich für!“ Die Wachtel ruft: „Bück' den Rück'’, Ehr' ſei Gott! Ehr' ſei Gott!“ Die Krähen konverſiren: Weeß en Aas. „Wu laets? wu laets?“(Wo liegt es?) Hingern Barg. „Wacker fett? wacker fett?“ Das Männchen der Schwarzdroſſel ruft: „Liſebett, Liſebett! wirſte nit balle kummen? Süſt, ſüſt, ſüſt, ſüſt— ſüüh!“(Sonſt— ſieh!) Dieſes„Sonſt— ſieh“ kennt ſie und beeilt ſich, vor dem Gemahl zu erſcheinen, der ſchnell beſänftigt ruft: „Liſebetteken! Liſebetteken!“ Ddie Stimmen der Hausthiere haben ebenſo ihre Interpreten gefunden. Die jungen Lämmer fragen auf der Weide:„Gehn mer bale hem?“ Und die alten antworten:„'s werd bale wer'n.“ Die Ente ruft im Hofe:„Back, back, back!“ und die Ziege antwortet aus dem Stalle:„Kee Mehl mehr!“ u. dgl. Bei der Nachahmung des Geräuſches, wel⸗ ches mit beſtimmten Gewerben verbunden iſt, miſcht ſich meiſt Humor und Satyre ein. So heißt es unter anderem: Wenn der Müller die Mühle anläßt, ſo fragt ſie erſt langſam:„Wer — iſt— da? wer— iſt— da?“ und antwortet dann ſchneller:„Der Müller! der Müller!“ und ſetzt geſchwind hinzu:„Stiehlt fer, ſtiehlt tapfer, drei Sechter vom Achtel.“ 6 Ein Burſche wollte zur Kirchwdih gehen, da kam er an einer Mühle vorbei, die ſagte:„Juckt Dich Dein Buckel? Juckt Dich Dein Buckel?“ Das war eine üble Vorbedeutung. Auf der Kirch⸗ weih tanzte er luſtig, aber nicht lange, ſo mußte er mit Schlägen abziehn. Als er nun Abends heimkehrte und wieder an der Mühle vorbeikam, drehten ſich die Räder ſchneller, denn es hatte „geregnet. Da ſagte die Mühle:„Hat Dich Dein Buckel geiuckt? Hat Dich Dein Buckel geluckt?“ Der Tiſchlergeſell bei der Arbeit:„Käſ' und Brod das mag ich nicht, Worſcht! Worſcht!“ Schneider den Faden ziehend:„Hätt' ich's, hätt' ichs!“ Schloſſer, feilend:„Ginns'n doch, ginns'n doch!“ Der Tiſchler hobelt es ihm zu:„Do hoſteFs, do hoſtees.“ Zwei Holzſchneider, einer ſchnell, der andere langſam ſägend:„Auf Verding, auf Verding, auf Verding.“—„„Im⸗Ta⸗ ge⸗ lohn.““ Es ließe ſich eine recht reichhaltige und in⸗ tereſſante Sammlung ſolcher Nachahmungen zu⸗ ſammen ſtellen. Wir fordern jene Leſer, welche ſich dafür intereſſiren, freundlich auf, derartige Sprüchlein aus dem Volksmunde der Redaktion dieſer Blätter zukommen zu laſſen.) Der Schlaf. Von J. N. Klarenberg. Das nothwendigſte Uebel auf dieſer Welt iſt der Schlaf; und wenn er, als zur Geſundheit nöthig, dennoch ein Gut genannt werden ſoll, ſo iſt er wahrlich ein mit Wucher bezahltes Gut, denn um geſund zu leben, müſſen wir unſer hal⸗ bes Leben ſelbſt hingeben. Wenn die Gewohnheit uns nicht mit allem ausſöhnen, oder gegen alles gleichgültig machen möchte, würde man ſich wohl fragen, wie es mög⸗ lich ſei, daß ein Menſch bei geſunder Vernunft, ohne dazu gezwungen zu ſein, ſich ſchlafen lege, daß er ſich freiwillig in einen offenen Sarg(Bett genannt) ſtrecke, um einen großen Theil ſeines kurzen Lebens bewußtlos und faſt ganz todt zu ſein. Man ſollte eher glauben, der Menſch müſſe den Schlaf wie ſeinen Feind fliehen und bekäm⸗ —.— 349 pfen, aber nicht freiwillig ſich dem mehrſtündi⸗ gen Tode in die Arme werfen. Die erſten Menſchen haben gewiß nicht eher geſchlafen, als bis ſie vom Schlafe übermannt wurden und nicht länger, als dieſer ſie feſſelte. Dem guten Adam wurde ohnedieß der Schlaf ſehr verleidet, denn die erſte Nacht ſeines Lebens konnte er wohl kein Auge ſchließen, vor Troſt⸗ loſigkeit, ſich auf einmal in ewige Finſterniß ver⸗ ſetzt zu ſehen, da er ja nicht wußte, daß nach zwölf Stunden wieder Tag ſein würde. Dann verlor er ſogar im Schlafe eine Rippe und be⸗ kam dafür— eine Frau. Nun ſtörten gewiß neue Sorgen ſeinen Schlaf, ob er an einem ſchö⸗ nen Morgen nicht wieder mit einer Rippe weni⸗ ger und mit einer Frau mehr erwachen würde. Man kann demnach behaupten, daß er den Schlaf nicht ſuchte und ihm nicht nachhing, dieß geht auch daraus hervor, daß der Herr, um— ohne ſein Wiſſen— Eva aus ſeiner Rippe zu ſchaffen, ihn erſt in den Schlaf verſenken mußte. Wen ſollte es auch gelüſten, ſtatt eines gan⸗ zen, ein halbes Leben zu führen? Wenn ein Ge⸗ ſetz den Schlaf als Strafe beſtimmt hätte, würde man ihn als halbe Todesſtrafe anſehen, während jetzt ſich jeder freiwillig dieſer Strafe unter⸗ wirft. Freilich fordert die Natur ihr Recht, aber ſie fordert auch nur ihr Recht und nicht mehr. Der lange Schlaf iſt ein Diebſtahl an ſeiner eigenen Zeit, ja zeitweiliger Selbſtmord.— Doch der Schreiber dieſes iſt ſo eben im Begriffe, die⸗ ſen Mord zu begehen, und wenn vielleicht auch die Leſer dieſer nicht Straf⸗, ſondern Schlafpre⸗ digt beim Leſen ſchläfrig geworden ſind, ſo ver⸗ anlaßt er überdieß noch fremden Mord, und der Prediger iſt demnach ſchlimmer, als ſeine Zuhörer. Curioſa aus der Geſchichte der Frauen. Weiberſteuer. Valerius Maximus be⸗ richtet, daß zur Zeit des zweiten Triumvirats jene drei Mordbrenner, Roms Herren, nachdem ſie Blut genug vergoſſen, geldgierig wurden und nach Erſchöpfung aller Plünderungsmethoden ſich einfallen ließen, eine Abgabe auf— die Wei⸗ ber zu legen. Die Frauen ſuchten nun einen Redner, der ihre Sache führte, allein ſie konnten keinen bekommen, denn kein Menſch mochte gegen Leute Recht haben, welche in die Acht erklärten. Da trat die Tochter des Hortenſius endlich allein hervor und unerſchrocken vertheidigte ſie die Sache der Weiber, die zugleich die ihrige war. Die Ty⸗ rannen errötheten und wiederriefen den gegebe⸗ nen Befehl. Hortenſia wurde im Triumph nach Hauſe getragen und ſo hatte ein Weib den Ruhm, an einem und demſelben Tagenden Männern ein Beiſpiel von Muth, den Weibern ein Muſter von Beredſamkeit, und den Tyrannen eine Lehre ge⸗ geben zu haben. Unter den vielen Lobſchriften auf Weiber iſt ohne Widerſpruch die allerſonder⸗ barſte diejenige, welche im Jahre 1555 zu Ve⸗ nedig herauskam, unter dem Titel:„Tempel für die göttliche Signora Johanna von Arragonien, errichtet ihr zu Ehren von allen allerſchönſten ſchönen Geiſtern und zwar in allen Hauptſprachen der Welt.“ 4 Dieſer Beweis von Verehrung, der in der Errichtung des genannten poetiſchen Tempels be⸗ ſtand, wurde vermittelſt eines förmlichen Dekretes im Jahre 1554 von der Akademie zu Venedig dieſer Dame zu Ehren beſchloſſen. Es hatten zwar ſchon vorher einige der Mitglieder die Idee zu dieſem Denkmale der Verherrlichunf gehabt, allein man hielt es für einen allzuglücklich— 0 danken, als daß er nicht von dem ganzen akade⸗ miſchen Körper hätte angenommen werden ſollen. Nur einen einzigen Streit gab es dabei. Es kam nämlich darauf an, ob Johanna allein einen Tem⸗ pel erhalten, oder ob auch ihre Schweſter, die Marquiſe von Quaſt, eine nicht minder berühmte Dame, an ihrer Gottheit Antheil nehmen ſollte. Da man nun wahrſcheinlich urtheilte, daß nie zwei Göttinen oder überhaupt zwei Weiber ohne Eiferſucht ſich mit einander vertragen könnten, ſo entſchied die Akademie endlich nach ſchweren Berathſchlagungen, daß jede der Schweſtern ihre Altäre für ſich haben ſollte. Man ſchritt darauſ zum Tempelbau, und die lateiniſche, griechiſche, italieniſche, franzöſiſche, ſpaniſche, ſlavoniſche, pol⸗ niſche, ungariſche, hebräiſche, chaldäiſche Sprache und wer weiß, was noch für Sprachen mehr, wurden zur Errichtung des ſonderbarſten Denk⸗ mals, welches die Galanterie jemals der weibli⸗ chen Schönheit errichtet hat, aufgeboten. Nach dem Volksmunde. „Rathet mir gut,“ ſagt die Braut,„aber rathet mir nicht ab.“ „Wenn nur der Buckel auch Bauch wär'“, ſagte der fränkiſche Bauernbub an der Kirchweih, ais er ſich ſatt gegeſſen und noch ein Hirſe⸗ brei kam. „Ich hab' immer Unglück,“ ſagte der Reiche, als er ſich den Strumpf verkehrt anzog. „Renlichkeit is die Hauptſach,“ ſagte der Bauer.„Junge, hol'n Beſen und feg'n Tiſch ab.“ —„4. „Das is'n Leiden,“ ſagte Fehlmann,„kann den Frack nicht ankriegen, und hab' keinen.“ „Arbeit zehrt!“ ſagte die alte Frau, als ſie eine Nachtmütze gemaſchen hatte und dann einen Laib Brod aß. d „Spaß muß ſein,“ ſagte Hans, und kitzelte Grete mit der Miſtgabel. 4. „Ordnung muß ſein,“ ſagte derſelbe, da brachten ſie ihn in's Spinnhaus. „Ich habe mich zur Rube geſetzt,“ ſagte Hans, da er Bote geworden war. „s iſt nur ein Uebergang!“ ſagte der Jäger zum Fuchs, da zog er ihm das Fell über die Ohren. 4 „Ich ſtrafe mein Weib nur mit guten Wor⸗ ten,“ ſagt Jener, da warf er der Frau die Bibel an den Kopf. 7, Ich ſitze gut,“ ſagte die Katze und ſaß auf dem Specke. „Es wird alle Tage ſchlimmer,“ ſagte der Rabe, als man den Galgen abbrach. „Alle guten Gebräuche kommen ab,“ ſagte das Mädchen, da hatte der Paſtor das Tanzen verboten. „Was die Gewohnheit nicht thut!“ ſagte der Schneider, als er ein Stück von ſeinem eigenen DTuch in die Hölle geworfen. „Ich will Dir's vergeſſe!“ ſagt der Schwabe, 5 „Wo kein Schlag iſt, „Und ſo weiter!“ ſagt Wenn ich das Unglü Menſch geboren zu werden, lich das Glück haben, ſich wendet, wenn ich aber Ich datire mein Schreiben kannt iſt; denn ich gehör ſchichte an, eben weil ich den Menſchen. man in früherer Zeit Fabelr lieber Korreſpondenzartikel n doch ſchließlich auf eins hin Natur nach ein ben Sie wohl, Das Wort„Kulturepoche“ in der jetzigen Kultur. liegen gar ſehr im Argen. kommen, lieſt Niemand als klang, Elemente. Die neueren Er tiſchen Poeſie erhielten den weil er hofft, darüber krähen. Die Zeit kommen, laufen wir davon. Bemerkun Das daß die Todten nicht gegen ſelben proteſtiren können. alten Weibes an. ſteller, dem Volke zu gefallen erſcheinen ſogleich— als alt Auf die kleinſten und haben. ſchlagen. Die Erſcheinung, daß Langweile Gähnen hervorruft erklären, daß die Laugwei Hunger iſt. Von einem ſchlechten krank darnieder lag, Glücke hat er keinen edlen ſich das Uebel werfen kann. paber Jokeli, denk Du dran!“ 44 ſagte der Mann, als er die Frau ſchlug. mehr zu ſagen wußte.*nl. Korreſpondenz aus dem Thierreiche. ſich meiner Korreſpondenz zu erfreuen. Der Menſch kommt, mit Ansnahme der Advokaten, nie zu Federn, ergreife, ſo hängt ſicher auch— ein Braten daran. das Ihnen vielleicht aus der Naturgeſchichte be⸗ Weltgeſchichte überlaſſe ich gern als Privilegium Die Berichte aus dem Thierreiche nannte Feind aller Politik bin, ſo erlau⸗ daß ich blos von Kultur rede. Die literariſchen Zuſtände in der Thierwelt digen Romane, die uns von ihrer Species iſt eine Roßarbeit ſie zu leſen. Die neuen lyri⸗ ſchen Gedichte haben nur bei den Fiſchen An⸗ dieſe aber finden ſich drin wie in ihrem es werde bald uns alle auf dem Laufenden, denn, ſobald ſie an⸗ größte Glück der Geſchichtsſchreiber iſt, Vertumus nahm, der Pomona zu gefallen, zuerſt die Geſtalt eines jungen Landmanns, dann die eines Schnitters und endlich die Geſtalt eines . In unſern Tagen machen es ſich manche der ſogenannten populären Schrift⸗ zeichnungen ſind gemeine Menſchen darum ſo eiferſüchtig, weil ihr eeigenes Bewußtſein ihnen ſagt, daß ſie keine große Auszeichnung zu hoffen Es ſind Bettler, welche ſich um Pfennige ſagte Jemand: Zu ſeinem da iſt kein Vertrag!“ e Jener, als er nichts ck gehabt hätte, als ſo würden Sie ſchwer⸗ wenn er zur Feder als Fuchs eine Feder aus dem Thierreiche, e blos der Naturge⸗ ein Fuchs bin; die 1; wir wollen ſie jetzt ennen, denn es kommt aus. Da ich meiner macht ohnehin Epoche Die neuen vielbän⸗ zu⸗ das Pferd, denn es zeugniſſe der drama⸗ Beifall des Löwen, kein Hahn mehr ungen aber erhalten Reinecke. gen. die Ausſprüche der⸗ n, viel bequemer und e Weiber. erbärmlichſten Aus⸗ ſowohl Hunger als „könnte man damit le auch ein geiſtiger Menſchen, welcher Theil, auf welchen Manche Weiber ſind wie der Schweizerkäſe, nur in ihrer Iugend milde und ſüß, werden aber ſpäter ungenießbar ſcharf. Ich habe Menſchen gekannt, welche ihr gan⸗ zes Leben lang nichts gerührt, als am Ende der — Schlag. Das größte Labſal des Feigen iſt, wenn es dem Muthigen ſchlecht geht. Wer immer mehr ſcheinen will, als er iſt der iſt gewiß noch weit weniger, als er wirklich ſcheint. Die Erſchlaffung unſerer Zeit offenbart ſich dadurch am beſten, daß die meiſten Menſchen weder wahrhaft lieben, noch haſſen und verachten können, ſondern ſich immer nur in halben Em⸗ pfindungen und Konvenienzen herumtreiben. Humoriſtiſches. Der ehrgeizige Schuſter von Mailand. In den ſo ereignißreichen Kriegsjahren, in deuen Italien von der franzöſiſchen Armee über⸗ ſchwemmt war, geſchah es unter anderem, daß ein General der großen Nation ſehr dringend einer neuen Beſchuhung benöthigte. Ein einge⸗ fleiſchter Verehrer von allem, was von Paris kam, war er doch in dem Augenblick gezwungen, macher von Mailand zu ſenden.— Als dieſer eingetreten war und nach den Befehlen des geſtrengen Herrn fragte, fuhr ihn perſelbe ziemlich barſch an, und hielt ihm eine ange Strafpredigt über die Ungeſchicklichkeit und liederliche Arbeit der Fußbekleidungskünſtler in Mailand. „Getraut Er ſich wohl, Meiſter,“ ſagte er hierauf,„mir ein Paar bequemer und dabei paſ⸗ ſender, eleganter Stiefel zu machen, ſo verſuche Er's. Was Er verlangt, werde ich gerne bezah⸗ len, wenn Seine Arbeit entſprechen wird, wie⸗ wohl ich im Vorhinein überzeugt bin, daß man nur in Paris Stiefel comme il faut bekommen kann.“ Der Schuſter machte ſeinen ehrerbietigen Kratzfuß und verſprach, allen Anforderungen des gnädigen Herrn zu entſprechen, darauf wollte er ſich entfernen. „Eh bien! wird er nicht Maß nehmen?“ rief der General kopfſchüttelnd. „Iſt nicht vonnöthen, Eccellenza!“ erwie⸗ derte lächelnd der Befragte, und ging unter neuen Verbeugungen zur Thüre hinaus. Wohl verwunderten ſich Alle, die dem Schu⸗ ſter auf der Gaſſe begegneten, da er gegen ſeine Gewohnheit mürriſch und grollend, ohne einen ſheuß zu erwiedern, eiligſt den Heimweg ver⸗ olgte. 1 Aber noch mehr wunderten ſich Weib und Geſellen, als er ſtumm und trotzig in die Werk⸗ ſtatt eintrat, alles über einander warf und dann in das arme Leder einſchnitt, als gelte es, das ganze Franzoſenland mit einem Schnitte zu ver⸗ tilgen. Unter ſolch' wunderlichem, außergewöhn⸗ lichen Treiben war endlich das Leder zugerichtet, doch keinem der Geſellen wurde es anvertraut. Der Meiſter ſelbſt nahm den Stiefel in Arbeit, der, ehe es noch Abend geworden, ſix und fertig wurde, ſo nett und gefällig von Form und Aus⸗ ſehen, ſo folid und pünktlich in Stich und Arbeit war, daß alsbald Alle inne wurden, es handle ſich hier um etwas mehr, als um einen gewöhn⸗ lichen Stiefel. Des andern Tages um die beſtimmte Stunde nach einem ihm auf das beſte empfohlenen Schuh⸗ — — kam der Frie ſtand unſer wackere Schuhmacher mit dem glän⸗ zend gewichsten Stiefel vor dem General. Dieſer probirte ihn auch alſogleich, fand ihn meiſterhaft und ganz einer Pariſer Hand wür⸗ dig. Ein über das andere Mal rief er aus: „Jen suis fort content, mon ami!— Doch, wo iſt der andere Stiefel! „Eocellenza!“ ſagte hierauf der Schuſter, „den andern Stiefel dazu müſſen Sie ſich in Paris machen laſſen; ich wollte Ihnen blos einen kleinen Beweis von der Geſchicklichkeit der Schu⸗ ſter außerhalb Paris geben!“ 5. Und ſomit war er bei der Zimmerthüre hinaus. Der General, welcher bei weitem nicht ſo böſe war, als er ſich bärbeißig anzuſtellen wußte, lachte über das Point d'honneur dieſes Menſchen und erzählte bei ſchicklicher Gelegenheit Napoleon das komiſche Rencontre mit dem ehrgeizigen Mailänder.— Napoleon, dem jeder ſcharfgezeichnete Char⸗ akter, ob in dieſer oder jener Sphäre iutereſſant war, ließ denn auch den Schuhmacher vor ſich bringen, unterhielt ſich mit ihm, und machte ihn beim Abgehen zum Unterſuchungskommiſſär der Schuhbekleidung für die ganze italieniſch⸗franzö⸗ ſiſche Armee. 4 Daß beide Parteien hiebei gut fuhren, läßt ſich nach dem von uns Erzählten und der allge⸗ mein bekannten und bewährten Ehrenhaftigkeit des Schuhmachermeiſters, der mit den Pariſer Fußbekleidungskünſtlern den Wettkampf einge⸗ gangen, wohl erwarten. 3 Heute aber noch zeigen drei hinter Glas und Goldrahmen wohl verwahrte eigenhändige Schrei⸗ ben des großen Kaiſers, welche in dem Fami⸗ lienzimmer des nun auch ſchon hinübergegange⸗ nen Mailänder Schuſters die Wände zieren, daß ihm derſelbe noch lange gewogen und freundlich geſinnt geblieben. Man muß ſich zu helfen wiſſen. Eines Tages, als der Zundelfrieder den Weg aus dem Zuchthaus allein gefunden hatte und dachte:„Ich will den Zuchtmeiſter nimmer wecken,“ und als ſchon auf allen Straßen Steck⸗ briefe voranflogen, gelangte er Abends in ein Städtlein an der Grenze. Die Schildwache am Thore fragte, wer er ſei und was er im Schilde führe.„Könnt Ihr polniſch?“ fragte herzhaft der Frieder. Die Schildwache ſagte:„Ich nicht. Es geht hier zu Lande nicht ſtark ab undes wird im ganzen Städtel ſchwerlich Jemand ſein, der kapabel wäre es zu dolmetſchen.“—.„Wenn das iſt,“ ſagte der Frieder,„ſo werden wir uns ſchlecht gegen einander explieiren können. Hm,“ fuhr er fort, indem er auf die Uhr ſchaute, die er unter⸗ wegs noch an einem Nagel gefunden hatte,„ſo will ich lieber noch ein paar Stunden zuſtrecken bis in die nächſte Stadt. Um 9 Uhr kommt der Mond.“ Der Thorhüter ſagte:„Es wäre unter dieſen Umſtänden faſt am beſten, wenn Ihr gerade durchpaſſiret, ohne Euch aufzuhalten. Das Städ⸗ tel iſt nicht groß“ und war froh, daß er ſeiner los ward. Alſo kam der Frieder glücklich zum Thor hinein. Im Städtlein hielt er ſich nicht länger auf als nöthig war, einer Gans, die ſich auf der Gaſſe verſpätet hatte, einige gute Lehren zu geben.„In Euch Gänſe,“ ſagte er,„iſt keine gute Zucht zu bringen, Ihr gehört, wenns Abend iſt, in’s Haus oder unter gute Aufſicht.“ Und ſo packte er ſie mit ſicherem Griff am Hals und mir nichts, dir nichts, unter den Mantel, den er ebenfalls unterwegs von einem Unbekann⸗ ten geliehen hatte. Als er aber an das andere Thor gelangte, und auch hier dem Landfrieden nicht traute, ſchrie er drei Schritt vor dem Schil⸗ derhauſe:„Wer da?“ Der Söldner antwortete in aller Gutmüthigkeit:„Gut Freund!“ Alſo der glücklich wieder zum Städtlein uaus und über die Grenze. Buntes Allerlei. Durch dick und dünn. Thomas IJefferſon, der berühmte Vater der demokratiſchen Partei in den vereinigten Staaten von Nordamerika, war hoch gewachſen, aber ſehr ſchmächtig. Dagegen der General Knox klein und ſehr dick. Beide Herren trafen eines Tages an der Thüre des Waſhingtonhauſes in Phila⸗ delphia zuſammen. Während ſie in der Straße ſich verbeugten und Jeder dem Andern den Vor⸗ tritt überlaſſen wollte, kam ein Herr Peters da⸗ her, der ſeines Witzes wegen berühmt war. Als dieſer merkte, was zwiſchen den Beiden vorging, nahte er ſich ihnen, ſah Einen nach dem Andern ſchlau an und ging dann raſch zwiſchen ihnen durch. Sich dann gegen ſie verbeugend, ſagte er:„Entſchuldigen Sie, meine Herren, wenn Einer in Eile jſt, geht er ſdurch dick und dünn.“ Naturphbloſophiſches Gedicht. Es ſchuf Natur im Morgenſchein Kaffeeliches Gewächſe, In Mittagsgluth den edlen Wein, Den Hopfen Abends un ſechſe. Drum iſt es Regel der Natur, Trüh des Kaffees zu pflegen; Der Wein iſt Mittags an der Tour, Das Bier vor'm Schlafenlegen. ☚. Zwei Vexirſtückchen. Ein Mann hatte drei Töchter. Die erſte hieß Sibylle, die zweite Petronille, die dritte Schweigſtille. Gibſt Du auch Acht?—„Ja.“ — Wie hieß dann die dritte?—„Schweig ſtille.“ Der Erzähler ſchweigt. Einmal fuhr ein Fuhrmann einen Todten über die Brücke. Als er halb hinüber war, hört er was krachen. Da fragt er: Was kracht da? Da ſagte der Todte— Nichts. Wunder über Wunder. In Grönland werden die Menſchen häufig hundert Jahre und darüber alt; und doch gibt es dort keinen Arzt. Iſt das nicht wunderbar? — Bei uns gibt es mehrere tauſend Aerzte und Mancher von uns wird doch hundert Jahre alt; iſt das nicht weit wunderbarer? Anzeigen. In Wien las man unlängſt folgende komiſche Ankündigung:„Es wird be⸗ kannt gemacht, daß am 8. künftigen Monats eine Auktion in meinem Hauſe von Butter ſtattfinden wird.“ Eine andere lautete:„Ein Mann, der mit Anfertigung von Käſe ſehr gut Beſcheid weiß, bietet ſich als ſolchen an.“ Da hätten wir alſo ein„Haus von Butter“ und einen„Mann von Käſe,“ man brauchte nur noch eine„Ein⸗ richtung von Brod“ und einen„Brunnen von Bier,“ und es ließe ſich dabei prächtig leben. Unterſchied.„Herr Kollege,“ ſagte ein witziger Doktor der Rechte zu einem Doktor der Medizin,„was glauben Sie, was für ein Un⸗ terſchied zwiſchen mir und Ihnen iſt?“—„O,“ verſetzte dieſer,„ich weiß ihn, die Doktoren der Medizin machen kurze, und die der Rechte— lange Prozeſſe. e A Baskiſches Sprichwort:„Ancho hat eine Seele voll Erbarmen; die Füße des geſtoh⸗ lenen Schweins— gibt er den Armen. t. 9 Arabiſches Sprichwort:„Wenn Du den, deſſen Hilfe Du bedarfſt, auf einem Eſel reiten ſiehſt, ſo rufe:„Ach, welch ein herrliches Roß!“ 4 Buchſchau. Jahrbuch deutſcher Belletriſtik auf 1859. Fünfter Jahrgang. Herausgegeben von Sigfried Kapper. Prag. Carl Bell⸗ mann’s Verlag. Es iſt zwar keine geringe Aufgabe, allen Anforderungen zu entſprechen, zu denen der ge⸗ nannte Titel des Buches die Leſer berechtigt, doch wer in dieſem Jahrbuche nicht ſowohl ein Abbild der deutſchen Belletriſtik nach ihren verſchiedenen Richtungen, als vielmehr ein intereſſantes Sam⸗ melwerk anſprechender Produktionen der Neuzeit ſucht, der wird nicht ohne Befriedigung in Bezug auf Wahl und Ordnung des Stpoffes dieſen neuen Band zur Hand nehmen, in welchem Na⸗ men wie Waldmüller, Schefer, Brachvo⸗ gel, Bodenſtedt, L. Foglar, Hansgirg, Lorm, Rodenberg, Seeger, A. Stern, A. Glaſer, Ida von Düringsfeld und Max Ring durch Novellen und Gedichte in reicher Abwechslung vertreten ſind. Unter den Novellen iſt unbedingt jener von Waldmüller:„Sechs Tage ſollſt Du arbei⸗ ten“, der Vorzug zu geben. Auf dem Grunde einer ernſten ſittlichen Wahrheit entwickelt ſich wohl gegliedert, mit liebevollem Eingehen in's Detail die ſpannende Erzählung. Wer Sche⸗ fer's Styl zu überwinden vermag, wird auch im „Glasfabrikant“ des Sinnigen und warm Em⸗ pfundenen genug finden, das den Verfaſſer des Laienbreviers dem deutſchen Leſepublikum lieb und werth machte. Adolf Glaſer's Märchen: „Der eiſerne Ring“ kann auf den Beifall jener Leſer zählen, die nur vielbewegte Handlung und raſchen Farbenwechſel lieben, während„Ein Mann des Wollens“, von Ida von Dürings⸗ feld, Alle intereſſiren wird, die eine leichte und pikante Weiſe des Erzählens, auch wenn ſie brei⸗ ter wird, anſpricht.„Ein Aktienkönig des vori⸗ gen Jahrhunderts,“ von Max Ring, behan⸗ delt einen intereſſanten Stoff, der trotz etwas flüchtiger Ausführung zu feſſeln geeignet iſt. Unter den poetiſchen Spenden des Jahrbuches iſt manches Treffliche, das eine dauernde Anerken⸗ nung verdient. Die Ausſtattung des Buches, welches uns das Porträt Brachvogels bringt, iſtage⸗ ſchmackvoll. Carl Bellmanun's„Illuſtrirter Kalender auf das Jahr 1859“. Vierter Jahrgang. Der Raum erlaubt uns nicht, auf den In⸗ halt dieſes reichhaltigen Kalenders ſpeziell einzu⸗ gehen. Außer dem Kalendarium und den üblichen Kalenderrubriken wird in ſorgfältiger Auswahl eine wahre Muſterſammlung poetiſcher, novelli⸗ ſtiſcher und belehrender Lektüre geboten. Aus der letzteren iſt der Aufſatz„Zum Geſundweſen“ und Dr. Th. Pislings:„Zur Geſchichte des Geldes und der Währungen mit beſonderer Rückſicht auf Oeſterreich“ hervorzuheben. Unter den vielen Holz⸗ ſchnitten, die außer einem Stahlſtiche noch den trefflich ausgeſtatteten Kalender zieren, ſind einige von künſtleriſchem Werthe. Studentenfahrten. Von Fr. Friedrich. Jena, Verlag von Otto Deiſtung, 1858. Dieſes unterhaltende Buch wurde den„alten luſtigen Jenenſer Burſchen“ bei Gelegenheit der dreihundertjährigen Jubelfeier Jenas gewidmet. Es enthält heitere Reminiscenzen an das flotte Burſchenleben, wie ſich dasſelbe vor einem oder zwei Jahrzehnten in Jena, Halle und Göttingen zeigte. In einer Reihe humoriſtiſcher Genrebil⸗ der, die hie und da mit neuen Burſchenliedern durchflochten iſt, wird das fidele Treiben der Muſenſöhne von dem Noviziate des Fuchsthums angefangen bis zum Eintritte in’s Philiſterium in behaglich derber Weiſe geſchildert. (Libellula.) Der Laternenträger. (Fulgora laternaria.) Die Waſſerjungfer. (Mulus.) Das Maulthier. Der Zaunkönig. (Trochilus parvulus.) Redigirt unter Verantwortlichkeit des W. Ernſt. — — — — — — — — — — — = E — —= — — — — ½ — — 8 — — — — G Oniscus asellus.) ( Die Kelleraſſel. Das Wirbelthier. (Animal vertebratum.) ————„..—— 2 5 K. ʒhne, 25 rl Bellmann an Pra