ſchwert?“ fragte ein ſchmächtiger Ahe a— Erinnerungen.— ws ie Sonne ſinkt,— und rings im Wald Iſt Schweigen ausgebreitet; Nur eine ferne Art erſchallt, Und eine Glocke läutet. Fern von des Lebens Und ſeinen Truggeſtalten, Da fühl' ich, o Waldeinſam So recht dein ſtilles Walten. Zu ſpät! Novelle. Von Lindau. Walter Ein heller, geräumiger Gartenſalon war der Sammelplatz der auserleſenen Kurgäſte im Badeorte G— g. Hier pflegten ſie Milch und andere Erfriſchungen zu nehmen, hier überlie⸗ ßen ſie ſich harmlos dem Vergnügen des geſel⸗ ligen Zuſammenſeins. Eben war daſelbſt eine kleine Geſellſchaft verſammelt, und das Geſpräch fiel von einem Gegenſtande auf den anderen. „Wiſſen Sie, wen ich hier vermiſſe?“ fragte die Baronin von Randen einen Offizier an ihrer Seite. „Ich gebe mir zwar oft genug Mühe, Ihre Gedanken zu errathen, gnädige Frau,“ antwor⸗ tete der Angeredete,„aber ich habe es trotzdem nicht weit genug gebracht, um denſelben auch nur mit halber Beſtimmtheit entgegen zu kommen.“. „Etwa die Frau Landräthin?“ meinte der Banquier Brand. „Sie bringen es noch weniger heraus, als der Herr Hauptmann, der in ſeinen Studien ſo unglücklich iſt,“ entgegnete die Baronin im ſcherzhaften Tone.„Sie ſollten doch wiſſen, daß wir Frauen gewöhnlich die Schwachheit haben, nicht an unſer Geſchlecht zu denken. Ich vermiſſe einen Herrn.“ „Vielleicht den Grafen von Drei⸗ „Fehlgeſchoſſen, mein Herr,“ e die Ruhe. Es iſt, als ob die Axt mir ſollt' Zum Sarg den Baum bereiten, Es iſt, als ob die Glocke wollt' Mir ſelbſt zu Grabe läuten. Luſt und Leid Die Glocke ſprach ihr letztes Wort, Es ruht die Axt der Halde.— keit, Im Sarge und „Alſo den Doktor Fritz,“ meinte Herr Hammer, ein reicher Gutsbeſitzer. „Den ſehe ich eben, ſtolz im Bewußtſein ſeiner oberherrlichen Gewalt über uns, heran⸗ ſchreiten,“ antwortete die Baronin.„Er iſt zwar ein liebenswürdiger Mann, ein angeneh⸗ mer Geſellſchafter, aber ich vermiſſe ihn nur, wenn ich Migräne oder dergleichen habe.“ „Rathen Sie, gnädiges Fräulein,“ wandte ſich der Offizier an die Gräfin Mathilde von Eſpen,„wir Männer, ſehe ich, werden ſchwer⸗ lich hinter die Gedanken der Frau Baronin kommen.“ „Der ſtumme Gelehrte?“ warf die Ange⸗ redete hin. „Errathen!“ rief die Baronin.„Sagen Sie mir einmal, liebes Kind, wie konnten Sie doch gleich wiſſen, wen ich meine?“ „Das wußte ich auch nicht,“ antwortete die Gräfin,„dachte auch nicht daran, es in der That zu treffen, und deßhalb nannte ich den Namen, von welchem ich glaubte, daß er ſich am allerwenigſten der allgemeinen Beachtung erfreue.“ „Wie konnten Sie nur in aller Welt an den Menſchen denken, dem eine Blume und ein Kä⸗ fer lieber ſind, als die ſchönſten Frauenaugen?“ fragte der Offizier. „Eben, weil er an allem anderen mehr In⸗ tereſſe zu haben ſcheint, als an unſerer Geſell⸗ ſchaft;“ entgegnete die Baronin.„Wiſſen Sie nicht, daß Gleichgiltigkeit den Frauen das Un⸗ erträglichſte iſt, das ihnen in der Geſellſchaft begegnen kann?“ „Das will ich gerne zugeben,“ ſagte der Hauptmann,„aber was wollen Sie mit dem Baronin. 4 Erinnerungen. Oktober 1858. ſtummen Gelehrten, deſſen Namen wir nicht „ 8 Geſegnet Ruhe hier und dort, im Walde! W. Ernſt. einmal wiſſen, der höchſtens durch ein leiſes Hüſteln oder durch unanſtändiges Trommeln an den Fenſterſcheiben ſeine Anweſenheit ver⸗ räth, was wollen Sie mit ihm anfangen? Da könnten Sie eher die marmorne Hygiea dort beleben, als ihn zu einer ſelbſtändigen Aeuße⸗ rung bewegen.“ „Er mag ein Sonderling ſein,“ verſetzte die Baronin,„aber aus ſeinem Antlitz ſpricht et⸗ was, das mir mehr auszudrücken ſcheint, als manche deutliche Verſicherung beredter Lippen. Er iſt ein wandelndes Räthſel, das ich gerne löſen möchte.“ Der Eintritt des Doktors unterbrach das Geſpräch. Mit ihm kam ein Mann, bei deſſen Anblick ein leiſes Flüſtern durch die Gruppe ging. Es war dieß eben der Gelehrte, welcher den Stoff zu dem unmittelbar Angeführten ge⸗ geben hatte. Er zählte etwa vierzig Jahre, ſeine Geſtalt war hoch und ſchmächtig, ſeine Haltung gebeugt, ſeine Kleidung ſtand nicht ganz im Einklang mit der herrſchenden Mode, ſondern war mehr als um ein Jahrzehnt zurückgeblie⸗ ben. Dieß Alles, verbunden mit dem leidenden Ausdruck ſeines Geſichtes, welches noch dazu von anhaltender geiſtiger Arbeit ſtark gezeichnet war, trug dazu bei, ihn um ein gutes älter er⸗ ſcheinen zu laſſen. Bei ſeinem Eintritte nahm er den niederen, mit breiten Krämpen verſehenen Hut ab, und machte eine Verbeugung, die jedoch nicht ſo lin⸗ kiſch war, als man nach dem Geſagten hätte vermuthen können und wie man ſie von ſolchen, denen die geſellſchaftlichen Formen unbekannt zu ſein ſcheinen, zu erwarten pflegt. „Sie erlauben mir, Herr von Winter,“ ſprach der Doktor, nachdem er die Geſellſchaft 37— 290 begrüßt hatte, zu ſeinem Begleiter,„daß ich meine Pflicht als Arzt auch in dieſer Hinſicht erfülle. Das Waſſer allein wird Ihnen ebenſo wenig nützen, wie alle anderen Medikamente, wenn Sie nicht noch eine andere Kur, und zwar die des geſelligen Verkehrs brauchen. Ich empfehle Ihnen, meine verehrten Herren und Damen, hier Herrn von Winter, zu deſſen Geneſung ich es für unvermeidlich erachte, daß er ſich ſeinem einſamen Sinnen entreiße und in der erheiternden Atmoſphäre angenehmer Geſell⸗ ſchaft Zerſtreuung finde. Beſonders Ihnen, meine Damen, rekommandire ich meinen Pa⸗ tienten auf's angelegentlichſte, da ich von Ihrer natürlichen Anziehungskraft eben ſo wie von der Macht Ihrer Unterhaltung das beſte hoffen darf.“ Der Doktor ſchob einen Stuhl an's Fen⸗ ſter und nöthigte ſeinen Begleiter, denſelben einzunehmen; er ſetzte ſich neben ihn. „Ich glaube, Herr von Winter,“ ſagte die Baronin,„unſer vorſorglicher Herr Doktor muthet unſeren Kräften mehr zu, als wir im Stande ſind. Unſere Unterhaltung iſt ſo eine Art Schaumzuckerwerk; es iſt leicht auf der Zunge, zerfließt ſchnell, und nach einigen Se— kunden iſt der Geſchmack verloren.“ „Ich glaube mich zu erinnern,“ antwortete Herr von Winter,„obſchon ich dieſes Zucker⸗ werk ſeit lange nicht mehr genoſſen habe, daß es demſelben nicht an der nöthigen Würze fehlt, um den wiederholten Genuß wünſchenswerth zu machen. Der Eindruck wirkt durch den wie⸗ derholten Reiz auf die Geſchmacksnerven und befeſtigt ſich durch öfteren Genuß.“ „Herr Doktor,“ ſagte die Baronin, durch die Worte des Gelehrten geſchmeichelt,„Sie müſſen Ihrem Patienten eine andere Kur vor⸗ ſchreiben. Dieſe hat er, wie mir ſcheint, ſchon durchgemacht.“ „Und wenn auch,“ entgegnete der Doktor, „ſo kann ich doch nicht anders, als mir von einer Wiederholung derſelben die beſte Wirkung zu verſprechen. Doch à propos, ich hätte faſt vergeſſen, Ihnen anzuzeigen, daß ein neuer und zwar ſehr intereſſanter Gaſt eben angekommen iſt. Sie kennen ihn wahrſcheinlich wenigſtens dem Namen nach. Herr Marbach.“ „Ah, Herr Marbach!“ wiederholte die Ba⸗ ronin und freudige Ueberraſchung malte ſich in ihren Mienen.„Das iſt ſchön!“ „Sie ſind ein Freudenbote,“ ſagte der Aſ⸗ ſeſſor,„ich kenne ihn, ich habe mich in Prag öfter mit ihm unterhalten. Der wird ein neues Leben in unſeren Kreis bringen.“ „Wer iſt denn dieſer Herr Marbach, deſſen Name Alle ſo in Entzücken ſetzt?“ fragte der Banquier Brand, nachdem ſich der Doktor mit einigen entſchuldigenden Worten von der Geſellſchaft beurlaubt hatte. „Und den kennen Sie nicht?“ fragte der Aſſeſſor. „In der That, der Name iſt mir unbe⸗ kannt,“ antwortete der Banquier;„ich habe ihn weder auf der Börſe gehört, noch ſonſt wo.“ „Auch in den Zeitungen nicht von ihm ge⸗ leſen?“ fragte der Aſſeſſor. „Auch das nicht,“ verſicherte der Banquier. „Leſen Sie denn kein Feuilleton?“ inqui⸗ rirte der Aſſeſſor weiter. „Feuilleton—“ wiederholte der Banquier, „nein, das leſe ich nicht. Man hat ſo viel an politiſchen Nachrichten, Leitartikeln und Ge⸗ ſchäftsberichten zu leſen, um ſich im Laufenden zu erhalten, daß an Feuilletons gar nicht ge⸗ dacht werden kann. Alſo ein Feuilletoniſt, ein Zeitungsſchreiber?“ „Er iſt ein Schriftſteller,“ ſagte der Aſſeſ⸗ ſor,„und zwar einer von denen, auf die unſere Nation ſtolz ſein darf. Voll Geiſt, voll Witz, voll Humor. „Schreibt er vielleicht in den Kladdera⸗ datſch oder in die Fliegenden?“ fragte der Banquier weiter. „Vielleicht wird er ſich dazu bewogen fin⸗ den, wenn er die Ehre haben wird, Ihre geiſt⸗ reiche Bekanntſchaft zu machen,“ antwortete der Aſſeſſor mit einem ironiſchen Lächeln, in⸗ dem er ſich mit einer Verbeugung gegen die Geſellſchaft entfernte. Herr Brand ſah dem Davoneilenden eine Weile nach, während er überlegte, ob er belei⸗ digt ſein, oder das Ganze in ſcherzhafter Weiſe hinnehmen ſolle, dann wandte er ſich an die Geſellſchaft, welche bedeutſame Blicke wechſelte und auf das Folgende geſpannt ſchien. „Ein eigenthümlicher Kauz, dieſer Aſſeſ⸗ ſor,“ ſprach er,„man ſollte ihm zu Liebe auf ſeine alten Tage ſich noch mit Verſen und Poe⸗ ten beſchäftigen. Schaut mir darnach aus, als ob er in Literatur machte. Nun, meinetwegen mag er an den Mond Gedichte ſchreiben, mir i*ſt ein guter Kurszettel lieber und beleidigen kann er mich durch ſeine ſchlechten Witze auch nicht.“ Jetzt öffnete ſich die Thüre des Salons und herein trat ein Mann, dem ſich alle Blicke zu⸗ wandten. Er war ein Fremder, Niemand aus der Geſellſchaft kannte ihn, und wäre ſein Aeu⸗ ßeres minder intereſſant, ſein Auftreten nicht ſo frei und ungenirt geweſen, er würde ſicher von oben herab, wenigſtens von dem größten Theil der Anweſenden angeſehen worden ſein, weil er es gewagt, ohne Begleitung des Doktors, wel⸗ chem es zukam zu ermeſſen, ob ein Fremder in den Kreis der Auserleſenen treten dürfe oder nicht, ſo auf eigene Fauſt einzudringen. Der Fremde war ein Mann von etwa drei⸗ ßig Jahren, mittlerer Größe und muskulöſem Gliederbau. Sein Haar war blond, von jener gelblichen Färbung, wie man ſie nicht ſo häufig findet und hing lang auf die Schultern herab. Er trug einen ſtarken Schnurr⸗ und Knebelbart. Dieſes ſo wie ſeine hohe Stirne und die klaren blauen Augen, aus denen ein reicher Genius leuchtete, verliehen ihm ein echtes Künſtler⸗ ausſehen. Bei ſeinem Eintritte warf er den Kopf den Kreis und machte dann einige Schritte vorwärts. „Wenn ich mich hier unberufen eindränge, ſo verzeihen Sie es meinem guten Stern, der mir gleich bei meiner Ankunft zeigt, wo eigent⸗ lich hier der Himmel iſt,“ ſprach er mit einer vollen, kräftigen Männerſtimme, der man es anhörte, daß ſie der mannigfaltigſten Modula⸗ tionen fähig ſei. „Sie ſind gleich uns ein Gaſt hier,“ ſagte der Offizier,„und wir freuen uns in Ihnen einen angenehmen Freudens⸗ und Leidensge⸗ fährten zu begrüßen.“ „Kennt man denn auch Leiden in dieſem glücklichen Thale?“ fragte der Fremde mit einem Blick auf den weiblichen Theil der Ge⸗ ſellſchaft.„Ich bin zwar erſt ſeit einigen Mi⸗ nuten in dem Städtchen und ſeit einigen Se⸗ kunden hier, doch mir deucht, es gibt kein an⸗ genehmeres Plätzchen auf der lieben Gottes⸗ erde!“ „Sie haben das kalte Waſſer noch nicht kennen gelernt, mein Herr. Wenn Sie erſt ein⸗ mal in einem naſſen Leintuch geſchwitzt haben, einige Douchen, einige Bäder genommen haben, ſo werden Sie eine Leidensgeſchichte kennen, wie ſie keinem der Märtyrer bekannt iſt.“ „Ich denke nicht, mich den von Ihnen ge⸗ nannten Torturen zu unterziehen,“ antwortete der Fremde;„ich komme hieher, wie die Schwalbe im Sommer zu uns kömmt, ich will hier mein Neſt für einige Zeit aufſchlagen, will mich freuen in Geſellſchaft von Fröhlichen und mei⸗ nethalben einige Becher des erfriſchenden Waſ⸗ ſers trinken und einige Berge erklettern. Für das weitere ſage ich meinen herzlichſten Dank.“ Da wurde die Thür ſchnell aufgeriſſen und der Aſſeſſor ſtürzte in den Saal. Ohne ſich um Jemand zu kümmern, ohne gar den Hut abzu⸗ legen, eilte er auf den Fremden zu, hielt ihm ſeine dürren Arme entgegen und rief: „Ah, Herr Marbach! Ich heiße Sie herz⸗ lich willkommen!“ „Auch Du, mein Brutus!“ entgegnete der Umklamnierte, indem er ſich mit einiger Mühe der inbrünſtigen Umarmung entwand.„Ums Himmelswillen, zermalmen Sie mich nur nicht gleich in den erſten Augenblicken unſeres Wie⸗ derſehens. Das Leben iſt ſo ſchön!“ Die Baronin ziſchelte während dieſer Scene der Gräfin Mathilde in's Ohr: „Ich hab's gleich bei ſeinem Eintritte ge⸗ ahnt, daß dieſer Fremde der von dem Doktor angekündigte Gaſt ſein müſſe. Ein ſchöner Mann, nicht wahr, meine Liebe?“ Mathilde antwortete nichts, aber eine zarte Röthe überflog ihre Wangen. „Das iſt ſchön! das iſt herrlich, daß Sie auch da ſind!“ fuhr der Aſſeſſor fort.„Doch ſehen Sie, wie mich die Freude über Ihre An⸗ kunft ganz konfus gemacht hat. Ich habe ver⸗ geſſen, Sie den geehrten Anweſenden vorzuſtel⸗ len. Meine Herren und Damen,“ wandte er etwas zurück, daß die Haare vom Nacken leicht ſich h Geſellſchaft,„Herr Hugo Mar⸗ aufwallten, überflog mit einem raſchen Blick bach, ₰ er berühmte vaterländiſche Dichter, def⸗ ritte inge, der ſeent⸗ iner es ula⸗ agte hnen 1sge⸗ teſem ge⸗ ortete walbe mein mich mei⸗ Waſ⸗ Für ank.“ rund hum abzu⸗ iym ber te der Mühe „UUms nicht Wü⸗ Sene e ge⸗ oktor Höner d ſen Lieder und Proſa Sie ſicherlich oft genug bewundert haben, als daß Sie ſich nicht gleich mir darüber freuen ſollten, ſeine perſönliche Be⸗ kanntſchaft zu machen.“ „Schade um Sie, lieber Aſſeſſor,“ ſagte Herr Marbach, ihm die Hand drückend, nach⸗ dem er ſich zuerſt vor der Geſellſchaft verneigt hatte, die, um ihm ihre Achtung zu erweiſen, wie ein Mann von ihren Sitzen aufgeſtanden war, ſelbſt Herrn Brand nicht ausgenommen. „Schade um Sie, Sie hätten Theaterrezenſent werden ſollen; Dichter und Schauſpieler hätten es Ihnen Dank gewußt.“ „Nur keine falſche Beſcheidenheit, Herr Marbach,“ eiferte der Aſſeſſor;„ich kenne Sie, und wir Alle hier. Jetzt ſetzen Sie ſich unter uns und ich wette, wir werden es mit Vergnü⸗ gen erkennen, daß Sie in unſerer Nähe ſind, ſelbſt Herr Brand, der, wie ich zu meinem Leidweſen erfahren, ein Feind aller Poeſie iſt, und den ich Ihretwegen, lieber Herr Mar⸗ bach, vor Kurzem faſt beleidigt habe. Sie verzeihen mir jedoch meine Bitterkeit von vor⸗ hin, Herr Brand, nicht wahr? Man iſt zuweilen ein Narr, wenn man ein Freund iſt.“ Er reichte bei dieſen Worten dem Banquier die Hand, der ſie ſchmunzelnd drückte und ſei⸗ nen Seſſel näher zu dem berühmten Gaſte ſchob. Wenn es dem Fremden in den meiſten Fällen ſchwer wird, ein Geſpräch anzuknüpfen, an welchem Alle gleichmäßig theilnehmen kön⸗ nen, beſonders, wenn die Geſellſchaft aus mehr denn drei Gliedern beſteht, ſo erwies ſich Herr Marbach hierin als ein vollkommener Mei⸗ ſter. Ein Blick genügte ihm, die Intentionen eines Jeden zu erkennen und ſeine Bemerkun⸗ gen darnach einzurichten. Die wahre Kunſt zu unterhalten beſteht nicht darin, daß man ſelbſt viel Worte macht und ſeinen eigenen Witz darin ſchillern läßt. Ein Jeder hört am liebſten ſich ſelber reden und derjenige iſt der beſte Geſell⸗ ſchafter, welcher gleichſam über dem Geſpräche ſteht und die Fäden desſelben bald hierhin, bald dorthin zu werfen weiß, wo er eben den ſtärkſten Anklang zu finden denkt. Selbſt der ſtumme Gelehrte wurde in Geſellſchaft Herrn Marbachs beredt und alle Anweſenden beug⸗ ten ſich unwillkürlich vor der Tiefe ſeines Wiſ⸗ ſens, das er, durch Herrn Marbachs Fragen angeregt, gerne enthüllte. Nach und nach ſchickte ſich der gelehrte Herr ſelbſt in den leichteren Konverſationston, der den Geſellſchaften einen ſo gemüthlichen Anſtrich gibt und ſo kam, ehe man es merkte, der Abend. Man war noch nie ſo lange beiſammen geblieben und man ſchied unter den verbindlichſten Verſicherungen für den kommenden Tag, der ſo angenehm begin⸗ nen ſollte, wie der heutige geendet hatte. Und Herr Marbach— ging er auch ſo befriedigt aus dem Saal, in den er als Fremd⸗ ling eingedrungen, welchen er als guter Be⸗ kannter verließ? Wir wollen ſein Selbſtge⸗ ſpräch belauſchen, welches er, auf ſeinem Zim⸗ mer angekommen, im Geiſte hielt. — „Schon wieder einen Abend todtgeſchlagen. Immer das alte Einerlei in neuer Auflage. Ich ſehe ſchon, man kann der Stadt auch auf dem Lande nicht entfliehen. Was thun?— Mich allein langwellen?— O, du gute luſtige Perſon in Goethe's„Vorſpiel auf dem Thea⸗ ter“, ich bin ſchon einmal, wie du, beſtimmt, der Mitwelt Spaß zu machen— und— alſo muthig an dem Seil des Oknus gedreht, wenn auch hintendrein ein Eſel daran kaut. Ich bin doch für die Einſamkeit nicht geboren.“ Er nahm den„Fauſt“ aus ſeinem Reiſe⸗ koffer, blätterte darin und warf ſich, nachdem er einige Seiten geleſen hatte, auf ſein Lager. Der anbrechende Tag weckte ihn. Er ging ans Fenſter, die Morgenröthe blickte ihm ent⸗ gegen. „Ich hab' dich ſchon lange nicht aufgehen ſehen, du liebe Jugendfreundin,“ ſprach er halb laut;„laß mich auf dem Lande wenigſtens meine Freude an dir haben.“ Raſch kleidete er ſich an und ging hinaus. Er durchſchritt die engliſchen Parkanlagen und fand ſich bald auf einer mäßigen Erhöhung, welche von Buchen beſchattet und mit einigen Gartenſtühlen aus Birkenzweigen verſehen war. Hinter einer der Buchen ſaß der ſtumme Ge⸗ lehrte. „Sie haben meine Eitelkeit um einen ſü⸗ ßen Triumph gebracht, Herr von Winter,“ ſprach Marbach, nachdem ſie ſich wechſelſeitig begrüßt hatten. Der Gelehrte, welcher den geſelligen Ton über Nacht wieder verloren hatte, blickte Herrn Marbach verlegen und fragend in's Geſicht. „Ich wollte der erſte unter den Gäſten die⸗ ſes Hauſes ſein, der dem jungen Morgen ſein Hallelujah bringt; Sie ſind mir zuvor⸗ gekommen!“ Der Gelehrte lächelte.„Hätte ich das ge⸗ wußt—“ ſprach er. „Es iſt ſo beſſer,“ fiel ihm Marbach in die Rede.„Ich bin ein Feind der Einſamkeit und was ich genieße, laſſe ich Andere gerne mitgenießen. Wenn Sie es nicht vorziehen, mit Ihren Betrachtungen hier allein zu ſein, ſo erlauben Sie mir auf dem bethauten Sitze neben Ihnen Platz zu nehmen.“ Der Gelehrte trocknete mit ſeinem Tuche die weiße Rinde des Sitzes, indem er ſprach: „Ihre Geſellſchaft wird mir den Naturgenuß noch angenehmer machen, Herr Marbach.“ Dieſer ſetzte ſich. „Da, ſehen Sie hin,“ fuhr der Gelehrte fort und deutete mit der Hand nach den rothen Wolken. Die Sonne erhob ſich langſam in ihrer reinſten Strahlenpracht. Beide Männer ſaßen ſtumm, als ſähen ſie dieß Schauſpiel heut zum erſten Male. „Sie ſind ein Freund der Natur,“ ſagte Herr Winter nach einex langen Pauſe, indem er die Hand ſeines Gefährten faßte;„das er⸗ höht meine Freundſchaft für Sie, die ich ge⸗ * 291 ſtern, gleich bei Ihrem erſten Anblicke unwill⸗ kürlich empfand.“ Marbach erwiederte warm den Hände⸗ druck des Mannes. Edle Seelen erkennen ein⸗ ander bald, und ein Händedruck ſpricht deutli⸗ cher zum Herzen, als Worte es vermögen. Herr von Winter, welcher bemerkte, daß die Zeit, wo man den kalten Frühtrunk zu nehmen pflegte, herangekommen ſei, führte nun ſeinen Begleiter auf dem kürzeſten Wege zu einem Baſſin, in welchem von einem künſtli⸗ chen Felſen herab das klarſte Waſſer in einem mäßigen Strahle ſich ergoß. „Wir ſind die erſten hier,“ ſprach der Ge⸗ lehrte, nachdem er ſich im Kreiſe umgeſehen hatte;„das Waſſer wird Sie erfriſchen.— Doch ſehen Sie, in meiner Zerſtreuung vergaß ich den Becher mitzunehmen; erlauben Sie mir, ihn zu holen, ich werde gleich wieder hier ſein.“ 4 „Ich dänke, das iſt nicht nöthig,“ meinte Herr Marbach,„bleiben wir hier und er⸗ warten die Geſellſchaft, vielleicht findet ſich darunter eine mitleidige Seele, welche uns ihren Becher zu benützen erlaubt.“ „Sie haben Recht,“ antwortete Herr von Winter;„warten wir.“ Sie gingen den breiten Kiesweg hinab. „Wiſſen Sie, Herr von Winter,“ be⸗ merkte Marbach in einem Anfluge ſeines natürlichen Humors,„wie mir unſere Situa⸗ tion jetzt vorkömmt? Erinnern Sie ſich an den alten Eleaſar, den Hausverwalter Abrahams im alten Teſtament, wie er auszog, um eine Frau für Jſak zu ſuchen? Sie ſind der treue Diener des würdigen Patriarchen, mich laſſen Sie meinetwegen das Kameel ſein; wir ſind hier am Brunnen, aber die Becher fehlen uns. Wenn nun eine Dame kömmt und zu Ihnen ſpricht: Trink' und auch für Dein Kameel will ich ſchöpfen, dieſe—“ 3 „Nun dieſe—“ wiederholte der Gelehrte. „Sei meinetwegen unſere Auserwählte, wenigſtens für den heutigen Tag.“ Der Gelehrte lächelte in ſeiner eigenthüm⸗ lichen Weiſe. Es war dieß ein gutmüthiges, aber reſignirendes Lächeln. „Sie ſind ein junger Mann, dem das Blut friſch in den Adern kreiſt,“ ſprach er;„Sie mö⸗ gen immerhin Gefallen finden an ſchönen Mäd⸗ chenaugen. Ich habe dieß Gefühl auch in mei⸗ ner Jugend nicht kennen gelernt, jetzt, wo ich bald grau werden ſoll, iſt es zu ſpät einen Wettlauf, und noch dazu an Ihrer Seite zu unternehmen.“ Marbachs Stirne überflog bei dieſen Worten des Gelehrten eine düſtere Wolke, ſeine Züge verwandelten ſich plötlich. „Haben Sie noch nie Gelegenheit gehabt,“ ſprach er,„ſich im Leben zu überzeugen, daß nicht alles Gold, was glänzt? Man erzählt von Früchten, die in dem Schutte Pompeji's aufgefunden worden; ſie ſchienen von außen friſch, wie eben vom Zweige gebrochen, und innerlich waren ſie hohl und Staub.“ 37* 292 „Herr Marbach,“— ſagte der Gelehrte und warf dabei einen forſchenden Blick auf ſei⸗ nen Begleiter. „Laſſen wir das,“ unterbrach jener und ſeine Miene war wieder ausgeglättet;„der Morgen iſt ſchön und freudig winkt uns der Tag. Faſſen wir den Augenblick, das Vergan⸗ gene möge ruhen bei den Todten, die Zukunft wollen wir nicht ſehen.— Doch wie, kömmt uns nicht da die Gräfin Mathilde ent⸗ gegen?“ „Sie iſt es,“ Winter. „Nun, wenn uns dieſe Hebe den Nektar kredenzt,“ meinte Herr Marbach,„ſo halte ich mein Gelübde mit Freuden.“ Mathilde hatte die beiden Herren eben⸗ falls erkannt, und war's eine raſchere Wallung des Blutes, war's die Wirkung eines geſunden Schlafs, ihre Wangen waren mit zarter Röthe übergoſſen, als ſie ihnen nahe kam. Die üblichen Begrüßungen wurden gewech⸗ ſelt und die Männer ſchloſſen ſich dem Mäd⸗ chen an. „Ich bin ſonſt gewöhnlich die erſte am Baſſin,“ ſagte Mathilde,„die Baronin wird lachen, wenn ſie hört, daß ich heute nicht den erſten Trunk mit meinem Becher aufgefangen habe.“ „Ich gönne der Frau Baronin dieſen Triumph nicht, ſo ſehr ich Sie auch hoch⸗ ſchätze;“ verſetzte Herr Marbach;„ich habe es nicht gewagt, die Nymphen dieſes Quells zu beunruhigen, bevor Sie mit Ihrer Prie⸗ ſterhand den Weihetrunk aus demſelben ge⸗ ſchöpft haben.“ „O, ich verſtehe Sie,“ ſprach Mathilde, „Sie ſind, wie Sie geſtern ſelbſt geſtanden haben, kein Freund des Waſſers und haben es darum nicht der Mühe werth gefunden, die erfriſchende Kraft desſelben zu erproben. Doch Sie, Herr von Winter, haben es ge⸗ wiß nicht unterlaſſen, der Göttin dieſes Hains eine Libation zu bringen?“ „Ich that es nicht,“ antwortete der Ge⸗ fragte. „Kommen Sie denn nicht eben vom Baſ⸗ ſin?“ fragte Mathilde. „Wir waren dort,“ entgegnete Herr von Winter. „Und tranken nicht? Wirklich nicht?“ fragte Mathilde abermals.„Das iſt mir ein Räthſel. Haben Sie denn auch, gleich Herrn Marbach, dem Waſſer abgeſchworen?“ „Das nicht,“ verſicherte der Gelehrte, „aber ich hatte meinen Becher vergeſſen.“ Mathilde hatte Mühe ihr Lachen zu unterdrücken. Herr von Winter ſprach dieſe Worte mit einer ſo klagenden Stimme, als hätte er ein Verbrechen begangen. „So bin ich in der That die erſte, der es heute gegönnt iſt, hier den Becher zu fül⸗ len,“ ſprach ſie heiter.„Ich will es ſogleich beſtätigee Herr von zu ſehen, als ſelbſt zu trinken.“ mich Ihr Beiſpiel, mein Fräulein, dazu ver⸗ anlaſſen, in Zukunft nichts als lauter Waſſer zu trinken,“ verſicherte Herr Marbach, „vorausgeſetzt, daß es mir immer von Ihren Händen kredenzt würde.“ „Ich will Ihre Verſicherung in dem Sinne hinnehmen, wie ſie gegeben iſt,“ ent⸗ gegnete Mathilde. Sie waren bei dieſen Worten an das Baſſin gekommen. Mathilde nahm aus ihrer Handtaſche einen ſchön gearbeiteten Be⸗ cher und ließ den klaren Waſſerſtrahl in den⸗ ſelben fließen. Sie hob den gefüllten Becher in die Höhe und ſchien zweifelhaft, welchem von den beiden Männern ſie ihn zuerſt rei⸗ chen ſollte. Es zog ſie wohl zu Herrn Mar⸗ bach, aber ſie beſaß Takt genug, das Schick⸗ lichere zu erkennen. „Herr von Winter,“ ſprach ſie,„Sie haben ein Recht darauf, den erſten Becher zu leeren.“ „Trinken Sie, mein Fräulein,“ entgegnete dieſer,„wo Sie ſind, darf ich nicht der erſte ſein.“ „Das iſt nicht freundlich von Ihnen, mein Herr,“ zürnte Mathilde,„doch ich mag nicht in Sie dringen. Ihnen, Herr Mar⸗ bach, darf ich wohl auch nicht mit demſel⸗ ben Anerbieten nahen, ich hätte mich zuerſt an Sie wenden ſollen. Dafür aber ſollen Sie jetzt der nächſte ſein.“ Sie ſetzte den Becher an die Lippen und leerte ihn. „O, das erfriſcht,“ ſprach ſie.„Herr Mar⸗ bach, nur einen ſolchen Zug, und Sie wer⸗ den dann den zweiten ſicherlich wünſchens⸗ werth finden.“ Während dieſer Worte füllte ſie den Be⸗ cher auf's neue, und reichte ihn Herrn Mar⸗ bach. „Ich ſchwöre zu Ihrem Orden,“ rief die⸗ ſer, nachdem er getrunken hatte,„kömmt es daher, weil Sie aus dem Becher zuerſt ge⸗ trunken haben, oder iſt dieſes Waſſer wirklich ſo gut?“ Mathilde blieb ihm die Antwort auf dieſe Frage ſchuldig. Sie war geſchäftig, den Durſt des Herrn von Winter zu ſtillen, den ſie für ſein längeres Warten mit einem Lächeln belohnte, das dem gelehrten Herrn an's Herz drang und ihm faſt die Purpur⸗ röthe in's Angeſicht getrieben hätte. Jetzt ſah man mehrere Perſonen den Kies⸗ weg heraufkommen, unter denen wir einige erkennen, deren Bekanntſchaft wir bereits ge⸗ ſtern im Gartenſalon gemacht haben. Die Ba⸗ ronin von Randen winkte aus der Ent⸗ fernung ihrer Schutzbefohlenen drohend mit dem Finger. verſuchen und Sie, meine Herren, mögen meine Gäſte ſein, vorausgeſetzt, daß Herr „Ich dachte ſie älllein,“ ſprach ſie nahe Marbach es nicht vorzieht, lieber trinken hat Ihnen zwar nicht Gold, aber doch Herrn Marbach und Herrn von Winter zuge⸗ „Und würde ich in meinem Leben keinen führt, welche in gewiſſen Kreiſen mehr als Tropfen Waſſer getrunken haben, ſo könnte Gold und Silber gelten mögen.“ Mathilde wurde verlegen, Herr Mar⸗ bach bemerkte dieß, drum fing er mit Ge⸗ wandtheit ſelbſt den hingeworfenen Faden auf und es enſpann ſich alsbald zwiſchen ihm und der Baronin ein reizendes Wortgefecht. „Je ſtärker der Gegner,“ bemerkte Mar⸗ bach unter anderem,„deſto lieber iſt mir der Kampf, und ſo glücklich ich mich auch ſchätzen würde, Sie als meine Freundin zu kennen, eben ſo ſtolz könnte ich auf Ihre Feindſchaft ein.“ „Wollen Sie alſo Krieg, mein Herr?“ fragte die Baronin in demſelben Tone. „Wenn Sie mir Fehde bieten, gnädige Frau,“ antwortete Herr Marbach,„darf ich mich zurückziehen? Um Verzeihung bitten kann ich nicht. Doch bin ich bereit, zu jeder Friſt Waffenſtillſtand zu ſchließen.“ „Gut,“ entgegnete die Baronin,„ich werfe Ihnen zwar keinen Handſchuh, aber ich will trotzdem gerüſtet ſein.“ Jetzt kam auch der Aſſeſſor und der Dok⸗ tor. Die Becher wurden nach und nach gefüllt und geleert, dann zerſtreute man ſich nach allen Seiten, um die übliche Morgenpromenade, welche aber mehr einem kleinen Wettrennen glich, zu unternehmen. Marbach ſchloß ſich an Herrn von Winter an. Sie unterhielten ſich während ihres raſchen Ganges über Dieß und Das. Endlich kam die Frühſtückszeit. Da verſammelten ſich die Kurgäſte in dem bekann⸗ ten Gartenſalon. Das Frühſtück beſtand aus kalter Milch und Brod, aber Alle waren daran gewöhnt, es mundete ihnen, nur Marbach ſchnitt ein ſaueres Geſicht und fragte Herrn von Winter leiſe: „Geht es hier beim Frühmal immer ſo ſpartaniſch zu?“ Herr von Winter nickte bejahend. Auf der entgegengeſetzten Seite des Tiſches entſtand ein leiſes Flüſtern. Dort ſaß der Hauptmann neben der Baronin, zwiſchen ihr und Mathilden der Aſſeſſor, und neben Mathilden zur Rechten der Banquier. Alle wandten ihre Blicke von Zeit zu Zeit nach Herrn Marbach. 7 „Ich fürchte, mir an Ihnen eine mächti⸗ gere Feindin erworben zu haben, als ich er⸗ wartete, gnädige Frau,“ bemerkte Marbach; wie es den Anſchein hat, konſpiriren Sie ge⸗ gen mich.“ „Eine Konſpiration vor den Augen Desje⸗ nigen, wider den ſie gerichtet iſt, wäre in der That etwas ſehr Originelles,“ entgegnete lä⸗ chelnd die Baronin;„aber ich ſchlage meinen Feind höher an, als er es denken mag. Vor der Hand habe ich ganz freundſchaftliche und friedliche Gedanken, eben ſo meine Umgebung. Der Herr Aſſeſſor wird ſo freundlich ſein, Ih⸗ nen unſern Wunſch, der jedenfalls auch Sie un⸗ — kommend,„und ſiehe da, die Morgenſtunde * mittelbar betrifft, zu nennen.“ N,N mMͤ eAͤeAeͤ=ͤ= — +— Ldo „Ich bin kurz und gut beauftragt, Sie zu erſuchen, daß Sie am heutigen Nachmittage irgend eine Unterhaltung arrangiren, woran wir Alle entweder aktiv oder paſſiv theilnehmen könnten. Sie, Herr Marbach, ſind es, der Leben und Bewegung in unſeren kleinen Kreis gebracht hat; ſeit geſtern, wo Sie die Schwelle dieſes Saales betreten haben, weht hier ein neuer, friſcher Hauch, und wenn wir Herrn Doktor Fritz die Kräftigung unſerer körper⸗ lichen Geſundheit danken, ſo ſind Sie der Arzt, welcher unſer pſychiſches Leben erhöhen und kräftigen kann.“ „Schön geſprochen, Herr Aſſeſſor,“ entgeg⸗ nete Herr Marbach;„wenn ich je in einen Preßprozeß oder dergleichen verwickelt werde, ſo ſollen Sie mein Anwalt ſein. Das mir freundlichſt angebotene Amt will ich mit Ver⸗ gnügen übernehmen; doch muß ich offen geſte⸗ hen, daß Sie mich dadurch in eine Verlegen⸗ heit bringen, aus welcher ich mich nur mit Ih⸗ rer und der geehrten Anweſenden Hilfe be⸗ freien kann.“ „Sie in einer Verlegenheit,“ lächelte der Aſſeſſor,„das— klingt in der That ſeltſam.“. „Die Verlegenheit iſt einfach dieſe,“ fuhr Herr Marbach fort,„daß ich nicht weiß, von welcher Art die Unterhaltung ſein ſoll, die Sie wünſchen und an der Alle theilnehmen könnten, und darum muß ich Sie bitten, mir hierüber Ihre Vorſchläge zu machen, ich will mich blos als den Bevollmächtigten der Ver⸗ ſammlung betrachten, der mit beſtem Eifer be⸗ fliſſen ſein wird, den Inſtruktionen derſelben nachzukommen.“ „Nun gut,“ verſetzte der Aſſeſſor,„ich habe noch vom verfloſſenen Winter her die ange⸗ nehme Erinnerung an jene Abende erhalten, wo Sie einen Kreis Ihrer Bekannten um ſich zu verſammeln pflegten, um ſie durch Vorleſung eines oder des andern Dichters zu erfreuen. Sie finden hier ein vorbereitetes Publikum, der Aufenthalt auf dem Lande hat uns Alle in eine Stimmung gebracht, welche den Sinn für das Schöne erhöht. Sie erwerben ſich unſere unge⸗ theilte Dankbarkeit, wenn Sie uns dieſen Ge⸗ nuß hier bereiten wollen.“ „Ich kann Ihren Vorſchlag nur bedin⸗ gungsweiſe eingehen,“ antwortete Herr Mar⸗ bach;„die Unterhaltung ſoll eine allgemeine ſein und da iſt es nöthig, daß alles, oder we⸗ nigſtens ein guter Theil aus unſerer Mitte ſich daran bethätige. Ich werde leſen, doch nicht ich allein, ich muß mir Ihre Unterſtützung er⸗ bitten.“ „Ich will Ihnen ein Glas friſchen Waſſers bereit halten, wenn Ihre Kehle etwas trocken werden ſollte,“ ſcherzte die Baronin. „Da muß ich bitten, Ihrer Güte eine wei⸗ tere Ausdehnung zu geben, gnädige Frau,“ entgegnete Herr Marbach in derſelben Weiſe. „Wahrſcheinlich werden auch Sie in den Fall kommen, von dieſem erfriſchenden Medium Ge⸗ brauch zu machen.“ „Gedenken Sie mir etwa durch Ihre Vor⸗ leſung ſo warm zu machen?“ fragte die Ba⸗ ronin. „O, ich bin überzeugt, Sie behalten ſtets Ihre natürliche Kälte,“ entgegnete Herr Mar⸗ bach;„doch ich meine es ſo. Nicht ich, ſon⸗ dern wir, wir wollen ein Stück leſen. Ein jeder bekömmt darin ſeine Rolle, ſo weit die handelnden Perſonen des Stückes ausreichen, wer unbetheilt bleibt, ſtellt das Publikum vor. Wir leſen aus dem Buche unſere Rollen gerade ſo, wie der Dialog in den aufeinander folgen⸗ den Scenen ſich fortſpinnt und führen ein Stück auf, welches der Darſtellung auf der Bühne ſo nahe kömmt, als der Mangel an allen äußeren Hilfsmitteln es immer erlaubt.“ Dieſer Vorſchlag wurde nach mancherlei weiteren Erörterungen angenommen. Die mei⸗ ſten erklärten ſich bereit, ihr beſtes zur Ausfüh⸗ rung dieſes Planes beizutragen. Man kam überein, die Reihe der Vorleſungen mit„Wal⸗ lenſtein's Tod“ zu beginnen. Die Verhandlungen, an welchen die ganze Tiſchgeſellſchaft mit lebhaftem Intereſſe theil⸗ nahm, waren glücklich zu Ende gediehen, die Rollen waren vertheilt, man wollte ſich erhe⸗ ben um den Saal zu verlaſſen, als die Baro⸗ nin eine neue Schwierigkeit entdeckte. „Wiſſen Sie, Herr Marbach, daß wir die Rechnung ohne den Wirth gemacht haben?“ ſprach ſie mit bedeutender Miene.„Ich wage nicht zu zweifeln, daß Sie Ihren Wallenſtein aus dem Gedächtniſſe vortragen können, doch wir, die wir ihn höchſtens ein⸗ oder einigemal geleſen haben, wo nehmen wir Exemplare her, um unſer ſchwaches Gedächtniß zu unterſtützen?“ Herr Marbach machte ein nachdenkendes Geſicht und Alle waren begierig auf die Löſung dieſer Frage. „Ich habe das Arrangement übernommen und ſelbſtverſtändlich kömmt mir auch die Pflicht zu, für die Mittel Sorge zu tragen. Beruhi⸗ gen Sie ſich, gnädige Frau; der Genius, wel⸗ cher unſer ſchönes Vorhaben begünſtigt, ſteht mir hilfreich zur Seite. Heute um fünf Uhr, wenn wir uns wieder hier verſammeln, werden Sie alles vorbereitet finden.“ „Sie müſſen mit einem Kobold im Bunde ſtehen, oder Sie ſind ſelbſt ein Zauberer,“ ſagte die Baronin ungläubig.„Doch die Zeit wirds lehren.“ „Herr Marbach kann alles, was er will,“ verſicherte der Aſſeſſor. Die Geſellſchaft erhob ſich, um ihren ver⸗ ſchiedenen Badeinſtruktionen nachzukommen. Beim Mittagmale waren wieder alle verſam⸗ melt. Marbach wurde mit Fragen über den zweifelhaften Punkt beſtürmt, er wußte jedoch geſchickt auszuweichen und gab die witzigen Be⸗ merkungen der Baronin ſtets in ſchlagender Weiſe zurück. Mathilde verhielt ſich größ⸗ tentheils ſchweigſam, aber ſie horchte mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit auf jedes Wort, das Marbach ſprach. Nach beendigtem Mittags⸗ male zerſtreute ſich die Geſellſchaft im Park, um 293 ſich von den beſchwerlichen Badeanſtrengungen des Vormittags zu erholen. Herr Marbach gedachte des Gelübdes, welches er am Morgen gethan, er nahm Herrn von Winter am Ar⸗ me und folgte der Baronin und Mathilden. Die Stunden verflogen ſehr ſchnell. Die Ba⸗ ronin war heiter und witzig, Mathilde ent⸗ faltete eine reiche Natur voll zarter, edler Weiblichkeit, Marbach ließ den Zügeln ſeines Geiſtes freien Lauf, er war voll Leben und Laune, jedes ſeiner Worte war ein Gedanke, jeder ſeiner Gedanken enthielt eine geiſtreiche Wendung. Auch Herr von Winter wurde in dieſer Geſellſchaft aus ſeiner ernſten Sphäre herausgeriſſen, auch er trug ſeinen Theil zur allgemeinen Unterhaltung bei, und die Andern wunderten ſich im Stillen, wo der ſonſt ſtum⸗ me Gelehrte plötzlich die Sprache hergenommen habe. Er ſchien beſonders von dem Weſen Ma⸗ thildens ungemein angezogen, an ſie richtete er ſeine meiſten Fragen und wenn Herr Mar⸗ bach, wie es zuweilen geſchah, mit der Ba⸗ ronin ein ausſchließliches Geſpräch führte, ſo bemühte er ſich ſeinerſeits die Aufmerkſamkeit Mathildens auf ſich zu lenken, was ihm ſtets, wenn auch mit einiger Mühe gelang, denn das Mädchen hörte gerne die Worte Herrn Marbachs, welche einen eigenen Zau⸗ ber für ſie zu haben ſchienen. Die Thurmuhr des Städtchens ſchlug halb fünf. Herr Marbach erhob ſich von dem Ra⸗ ſenſitze, den er in der Mitte der Baronin und Mathildens eingenommen hatte. „Ich bitte um meine Entlaſſung,“ ſprach er, „für einen mattre de plaisir, der zugleich Ar⸗ rangeur eines Leſekreiſes iſt, gibt es noch man⸗ ches anzuordnen, ehe die entſcheidungsvolle Stunde ſchlägt, welche den Schleier ſeiner ge⸗ heimnißvollen„Wirkung in die Ferne“ hebt.“ „Sie haben alſo wirklich alles veranlaßt?“ fragte die Baronin ungläubig. „Wie, noch immer zweifelhaft, gnädige Frau?“ ſcherzte Herr Marbach,„das heißt den guten Genien, die in meinem Solde ſtehen, das bitterſte Unrecht zufügen.“ „Ich bitte es Ihnen im Vorhinein ab,“ entgegnete die Baronin,„ich beuge mich vor Ihrer geheimnißvollen Macht.“ Er entfernte ſich. „Ein ganz eigenthümlicher Charakter, die⸗ ſer Herr Marbach,“ bemerkte die Baronin, „man kann ihn nirgends faſſen, ſo glatt und glänzend iſt er, wie polirter Stahl.“ „Er iſt ein Mann, wie es wohl wenige ge⸗ ben mag,“ ſetzte Herr von Winter hinzu;„bei ſeiner großen Welterfahrung hat er ein Gemüth bewahrt, das dem eines unerfahrnen Jünglings gleicht, dabei hat er ein Wiſſen, das mich in Verwunderung geſetzt hat.“. Mathilde ſagte nichts. Ihr ward ganz eigenthümlich zu Muthe. Sie blickte vor ſich hin und zerpflückte eine Roſenknoſpe. Die geſetzte Stunde ſchlug. Aus den ver⸗ ſchlungenen Gängen des Parkes wandten ſich die Gäſte nach dem Gartenſaale. Hier war ein ————— — — ——— 294 Tiſch für die Leſer beſonders beſtimmt, vor je⸗ dem Sitze lag ein Exemplar des Trauerſpiels. Für die Zuhörer waren Stühle im Halbkreiſe geſtellt. Raſch waren Alle verſammelt, die am heutigen Leſeabende theils wirkend, theils hor⸗ chend beſchäftigt ſein ſollten. Marbach em⸗ pfing die Ankommenden und wies den Leſern ihre Plätze an, wie ſie zum wechſelſeitigen Zu⸗ ſammenwirken am geeignetſten erſchienen. Die Vorleſung begann. Marbach las den Wallenſtein, und obſchon ſich die Anweſenden viel von ſeinem Talent verſprochen hatten, ſo übertraf er dennoch ihre geſpannten Erwartun⸗ gen. Sein volles, männliches Organ entfaltete ſich in bewundernswürdiger Weiſe, ein Anflug von myſtiſcher Schwärmerei, welcher die erſte Scene mit Seni charakteriſirt, lag in ſeinem Tone, er zeichnete ſcharf und wahr. Die Rolle des Seni war Herrn von Winter zugefallen, und auch er wußte ſich in dieſelbe ſo gut zu fin⸗ den, wie er es ſelber kaum gedacht hatte. Die Baronin las die Gräfin Terzky, der Hauptmann die Partie des Max, der Aſſeſſor den Illo. Wir wollen hier die Aufzählung vieler Na⸗ men vermeiden, der geneigte Leſer möge ſich mit der Verſicherung begnügen, daß alle Rollen ſo gut beſetzt waren, als es die anweſenden Kräfte immer zuließen. Es läßt ſich wohl nicht denken, daß ein gerundetes Ganzes unter den Verhältniſſen, wie ſie eben vorlagen, zu Stande kommen konnte, auch war Niemand der Anwe⸗ ſenden ſo anſpruchsvoll, um dieß vorauszuſetzen. Ein Jeder kam mit den beſcheidenſten Erwar⸗ tungen, und da die Leſenden ihr beſtes thaͤten, um der übernommenen Aufgabe zu genügen, ſo war die Befriedigung allgemein. Das Stück nahm mit entſprechenden Ab⸗ kürzungen, wie ſie Herr Marbach als Regiſ⸗ ſeur anzuordnen für gut fand, ſeinen gemäßen Fortgang. Man war auf die Erſcheinung Theklas geſpannt, deren Rolle in den Händen Mathil⸗ dens lag. Der dritte Akt begann. Anfangs bebte wohl ihre Stimme, ſie war es nicht ge⸗ wöhnt, vor einem Auditorium ihr Talent zu zeigen, doch kam ihr das Fieberhafte ihres er⸗ ſten Auftretens ganz wohl zu ſtatten, da es mit ihrer Rolle im Einklange ſtand. In dem Auf⸗ tritte mit Max war ſie geſammelt. Das Be⸗ wußtſein der Situation hatte ſie ergriffen und durchdrungen. Sie bezauberte die Hörer. Den Höhepunkt erreichte ſie in der Scene mit dem ſchwediſchen Hauptmann, der ihr die Nachricht von dem Heldentode ihres Geliebten brachte. Mathilde in ihrer gezwungenen Ruhe, in der Aufregung ihres Innern, das ſich mit Ge walt nach außen Bahn brechen möchte, war hin reißend und wahr. In dem Monolog entfal⸗ tete ſie eine Tiefe des Gemüthes, die Niemand geahnt hätte, und als ſie den Schlußvers ſprach: „Das iſt das Loos des Schönen dieſer Erde,“ war alles ſtill und ſtumm vor Bewunderung. ſergriffen, daß er kaum zu athmen wagte, um die heilige Begeiſterung der Leſerin nicht zu ſtören. Das Stück nahte ſeinem Ende, Wallen⸗ ſtein wußte das Intereſſe bis zum letzten Au⸗ genblicke feſtzuhalten. Er war eine jener Hel⸗ dengeſtalten, wie ſie das Alterthum unſerem jugendlichen Geiſte vorgeführt hat, groß und mächtig. Als die Vorleſung geendet war, machte ſich erſt die laute Bewunderung Raum. Mathilde und Herr Marbach waren Gegenſtand des ungetheilten, begeiſterten Lobes. Selbſt der Banquier Brand, deſſen Sinnen ſonſt blos auf Aktien und Börſe gerichtet war, konnte ſich nicht enthalten, ſeine Gefühle offen auszu⸗ ſprechen. „Sehen Sie, Herr Marbach,“ ſagte er, „mir war es ganz eigenthümlich zu Muthe, als ich Sie und die Gräfin Mathilde leſen hörte, ich kann's Ihnen nicht recht ausdrücken, aber es faßte mich im Gemüthe, im Herzen, in der Seele. Er drückte aufrichtig die Hand Herrn Mar⸗ bachs und als der Aſſeſſor hinzutrat, ſagte er:„Ich bin bekehrt, Sie ſollen mit mir von heute an zufrieden ſein, Herr Aſſeſſor!“ Jeder geſtand, daß er noch nie einen ſo ſchönen Abend verlebt habe, wie der heutige war, und man wünſchte, er möchte nicht der letzte ſein, der ein ſolches Vergnügen mit ſich brächte. Aller Glanz fiel auf Herrn Marbach zurück, als die eigentliche Seele des Ganzen und hätte er nicht aus Erfahrung gewußt, daß ein ſolcher Begeiſterungsrauſch der Menge ge⸗ wöhnlich über Nacht ausgeſchlafen iſt, er hätte ſich darauf was zu Gute gethan. „Und nun,“ begann die Baronin,„nach⸗ dem Sie ſich auch in dieſer Hinſicht als ein außerordentlicher Mann bewährt haben, Herr Marbach, werden Sie es meiner Neugierde verzeihen, wenn ich Sie abermals frage, wie Sie denn in ſo kurzer Friſt ſo viele Exem⸗ plare von„Wallenſteins Tod“ herbeigeſchafft haben? Denn trotz allen Ihren bezaubernden Eigenſchaften kann ich doch nicht annehmen, daß Sie ein Zauberer wären.“ „Das war ganz einfach,“ antwortete Herr Marbach.„Unſer braver Herr Doktor war ſo freundlich, mir unter die Arme zu greifen. Seine Bekanntſchaften hier im Städtchen und in der Umgebung ſetzten ihn in den Stand, mir mit Hilfe mehrerer Eilboten die gewünſch⸗ ten Bücher zu verſchaffen.“ Die Sonne war im Scheiden, als die Ge⸗ ſellſchaft aus dem Gartenſalon wieder in den Park ging. Der Abend war ſchön, wie es der Morgen geweſen. Marbach ging an der Seite des Gelehrten durch einen der verſchlungenen Gänge des Parkes. Das Abendroth blickte durch die friſchen Tannenzweige. „Herr Marbach,“ ſagterder Gelehrte,„ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet. Sie Kein Laut des Beifalls rieß ſie aus der Tiefe ihres Gefühlslebens, jeder der Zuhörer war ſo ſind es, der mir das Leben hier werth und an⸗ Liebe der Menſchen zurückführt, die ich nicht verſtand, und die mich nicht verſtanden. Ich lebte ein einſames, von allem Verkehr abge⸗ ſchloſſenes Leben ſeit meinen frühen Tagen. Ich hatte als Jüngling manchen Undank im Leben erfahren, hatte die Selbſtſucht und die Liebloſigkeit kennen gelernt und zog mich zu⸗ rück, um in der Einſamkeit, im Studium Be⸗ friedigung zu finden, welche mir von der Au⸗ ßenwelt verſagt wurde. Durch körperliches Lei⸗ den gezwungen, hier Beſſerung zu ſuchen, lebte ich ſeit Wochen hier inmitten bunten Verkehrs ſo abgeſchloſſen, wie auf meiner einſamen Stu⸗ dierſtube. Ich mied und wurde gemieden. Die Leere in meinem Herzen wurde durch den Auf⸗ enthalt an dieſem Orte noch vergrößert; da kamen Sie, und ſeit geſtern bin ich ein An— derer. Mein Denken und Fühlen hat ſich ver⸗ ändert, ich bin plötzlich heimiſch geworden im fremden Kreiſe, ich fühle mich angeregt und finde, daß ich auch noch für Andere leben kann. Dieß Alles danke ich Ihnen, geehrter Freund; geſtatten Sie mir, daß ich Sie ſo nenne. Sie ſind es, der mich mir ſelbſt gege⸗ ben hat.“ 1 „Wenn ich wirklich etwas für Sie gethan habe,“ antwortete Marbach,„ſo bin ich weit entfernt davon, es ſo hoch anzurechnen, wie Sie in Ihrer Freundlichkeit für gut fin⸗ den. Ich habe mir es ſtets in Geſellſchaft zur Aufgabe gemacht, auf diejenigen zu wirken, welche mir am ſchwerſten zugänglich erſchie⸗ nen. Es iſt dieß blos ein Experiment, meine eigene Kraft zu prüfen. Doch laſſen wir das. Welches Urtheil haben Sie über die Damen unſerer Geſellſchaft?“ „Ich kenne ſie faſt erſt ſeit heute,“ ent⸗ gegnete Herr von Winter;„und es fiele mir in Wahrheit ſchwer, mich mit Beſtimmtheit über den angeregten Punkt auszuſprechen. Die Baronin ſcheint mir eine Frau, welche es vor⸗ züglich darauf angelegt hat, durch die man⸗ nigfachen Vorzüge, welche ihr Schönheit, Geiſt und Bildung verliehen haben, zu glänzen; da⸗ bei mag ſie auch ein recht liebenswürdiges Ge⸗ müth haben; aber der Gräfin Mathilde kömmt ſie nicht gleich. Dieſes Mädchen iſt mir der Inbegriff alles Edlen und Erhabenen, was die Natur in einem weiblichen Weſen vereini⸗ gen konnte. Sie iſt eine Erſcheinung, wie ich mir ſie auf Erden nicht denken konnte, ſo zart, ſo lieblich, ſo geiſtig.“ „Sie ſind ja völlig begeiſtert von Ma⸗ thilden,“ lächelte Herr Marbach;„doch wohl, das läßt ſich erklären. Ihr Gemüth iſt, trotz den Jahren, welche Sie vor einem Jüng⸗ linge voraus haben, doch jugendlich geblieben, Sie haben es in der Einſamkeit bewahrt, in den Schlummer gewiegt durch Arbeiten, die den Verſtand beſchäftigten. Im Verkehre mit der Natur, die ewig jung bleibt, konnte das Herz nicht alt werden. Offen geſtanden, ich kann Ihre Anſichten über Mathilde nicht theilen. Ich ſehe durch die Brille des Welt⸗ genehm macht, der mein kaltes Herz wieder zur mannes, der im Weltverkehr die Träume von —————,———p—„ weiblichen Idealen eingebüßt. Alles, was Ih⸗ nen zart und lieblich erſcheint, gilt mir, wenn nicht für Verſtellung, doch aber für eine glück⸗ liche Naturanlage, wie ſie etwa einer Schau⸗ ſpielerin eigen ſein mag, die ſich zu geben weiß, wie es eben der Geiſt ihrer Rolle ver⸗ langt. Wer da Tiefe und Wahrheit ſuchen wollte, geräth auf einen Irrweg, der ihn im⸗ mer weiter und weiter, oft zum eigenen Ver⸗ derben führt.“ „Ich kann es nicht begreifen,“ warf Herr er in,„wie Sie, deſſen Urtheil ſo ſcharf, deſſen Blick ſo ungetrübt von den An⸗ ſichten gewöhnlicher Menſchen, doch in dieſem Punkte ſo eingenommen denken können. Wenn da nicht Wahrheit zu finden iſt, bei einem Weſen wie Mathilde, ſo möchte ich lieber gleich wieder in meine Einſamkeit zurückkehren, dann gibt es auf der Welt nichts ſchönes und edles mehr.“ 4 „Glauben Sie nicht,“ entgegnete Herr Marbach,„daß ich mir dieſe meine Anſich⸗ ten aus trockenen Abſtraktionen geſammelt habe. Ich habe die Welt und die Menſchen nie aus Büchern ſtudirt und nie aus oberflächlichen Bekanntſchaften. Ich habe geblättert im offe⸗ nen Buche des Lebens, ich habe ſelbſt mit meinem Herzblute auf manche Seite geſchrie⸗ ben. Ich war noch ſehr jung, als ich gezwun⸗ gen war, mit dem Schickſal zu ringen und zu kämpfen, und ſeit jener Zeit bis heute hab' ich manchen Sturm erlebt. Ich trat in die Welt, die Bruſt voll Muth und Hoffnung, die Seele reich an Idealen. Nach und nach ſah ich die Hoffnungen ſcheitern, und je tiefer ich in das Leben eindrang, deſto ferner zogen ſich die Ideale, deſto bleicher und geſtaltloſer wurden ſie. Nun ſind ſie völlig verwiſcht; ich habe nichts auf Erden gefunden, was der Anbetung, der Liebe würdig wäre.“ „Sie ſind ja noch faſt ein Jüngling an Jahren,“ warf Herr von Winter ein;„un⸗ möglich konnten Sie in einer ſo kurzen Zeit den ganzen Kreis von Beobachtungen durch⸗ ſchreiten. Wenn Sie das Menſchenherz im All⸗ gemeinen ſtudirt haben, ſo läßt ſich daraus kein Schluß auf jedes einzelne mit größter Beſtimmtheit ziehen. Vielleicht war es eben der weibliche Theil der Geſellſchaft, den Sie in Ihrem Verkehre mit der Welt am wenigſten berückſichtiget haben, und daher mag es dann kommen, daß Sie einem Weſen, wie Ma⸗ thilde iſt, umrecht zu thun im Stande ſind, das ſicherlich zu den Ausnahmen gehört, wenn das weibliche Geſchlecht im Allgemeinen auch Ihr Urtheil rechtfertigen ſollte.“ „O ein junger Mann, wenn er von der Natur Uicht ſo ſehr vernachläſſigt iſt, daß ſein Anblick ſchon im vorhinein das weibliche Auge abſtößt, macht ſeine Erfahrungen gewöhnlich zuerſt in dieſem Kreiſe,“ antwortete Herr Marbach.„Wenn ich mir im Leben über⸗ haupt Menſchenkenntniß erworben habe, ſo habe ich mir die Kenntniß der weiblichen Na⸗ tur ſicherlich vor allem erworben. Ich habe — — 5 —— ———— 1 —- geliebt. Anfangs heiß und innig, mit der voll⸗ ſten Hingebung einer energiſchen Natur; ich wurde aus meiner Begeiſterung herausgeriſ⸗ ſen, ich wurde enttäuſcht. Schwer litt mein Herz unter dem Eindruck des erſten großen Schmerzes, doch ich überwand mich; ich über⸗ redete mich, eine jener Ausnahmen gefunden zu haben, denen es leicht iſt ein Männerherz zu brechen, weil ſie ſiegen und wieder ſiegen wollen. Ich liebte wieder, und wieder fand ich mich enttäuſcht. Auch eine dritte Enttäuſchung folgte. Dann wurde ich aufmerkſam. Ich fing an zu unterſuchen und zu prüfen. Da die Gluth meines Herzens ausgebrannt war, konnte ich kalt an meine Aufgabe gehen. Die Ruhe ſchärfte meinen Blick. Ich bediente mich der ſchlechteſten Künſte, der gröbſten Waffen, und traf. Ich war es dann, der geliebt wurde mit aller Gluth, deren ein weibliches Herz nur im⸗ mer fähig iſt. Ich wollte die Intenſität dieſer Gluth unterſuchen. Mit feſter Hand führte ich die Sonde bis an den Boden des weiblichen Herzens; ja, ich geſtehe es offen, ich wollte ein Frauenherz brechen. Denken Sie, daß ich es brach, brechen konnte? In Romanen mag wohl manches traurige Stückchen von gebro⸗ chenen Herzen vorkommen; im Leben iſt es anders. Das Menſchenherz iſt zähe, das Herz des Weibes gleicht dem Federball. So lange man ihn drückt, gibt er nach, wenn der Druck aufhört, rundet er ſich wieder. Ich wurde ge⸗ liebt, ſo lange ich zu lieben ſchien und wandte ich mich ab, ſo war ich bald vergeſſen. Und auch dieß Experiment wiederholte ich mehrere Male, um mich von der Wahrheit zu über⸗ zeugen. Ich fand meine erſte Wahrnehmung beſtätigt. Ich bin von der Nichtigkeit des weib⸗ lichen Weſens, von dem Wahn der Liebe feſt überzeugt. Zwar hat mir dieſe Ueberzeugung die Friſche meines Herzens gekoſtet und die letzte Gluth meines flammenden Gemüthes. Doch wozu braucht man dieſe im Leben? Der Mann ſei kalt, wenn er herrſchen will, und iſt ſein Herz ein öder Trümmerhaufen, ſo kann er doch ſiegend daſtehen, wenn er ſtark genug iſt, ſich aus den erſten bewältigenden Eindrücken emporzuarbeiten.“ „Sie ſprechen ſehr beſtimmt aus, was mir kaum zu faſſen möglich iſt,“ ſagte der Gelehrte ernſt, dann war es einige Minuten ſtill. „Wenn es nun trotz Ihrer widerſprechen⸗ den Erfahrungen käme, daß Sie im Leben einmal wahre Liebe fänden,“ bemerkte der Gelehrte;„könnten Sie wieder lieben?“ „Ich, lieben!?“ rief Herr Marbach. „Gäbe es in der Welt nur eine einzige Liebe und würde die ſich mit aller Kraft und Gluth an mein Herz werfen: ſie fände da keine Nahrung mehr. Es iſt zu ſpät!“ „Das iſt unglaublich,“ entgegnete Herr von Winter.„Zu ſpät für Sie, der Sie noch in der Blüthe Ihrer Jahre ſtehen? Se⸗ hen Sie, ich bin faſt ein Greis Ihnen gegen⸗ über; aber ich erkenne es an dem Aufleben meines Gemüthes, ich fände noch Raum für 295 die Liebe in meinem Herzen; und Sie könnten an Ihrer Jugendkraft verzweifeln?“ „Daß Sie lieben könnten, wer zweifelt daran?“ verſetzte Marbach;„die Natur iſt eine langmüthige Gläubigerin, aber ſie fordert ihre Schulden ein, wenn ſie auch die Verfalls⸗ zeit noch ſo weit hinausſchiebt. Aber ich ſage Ihnen, es iſt für uns Beide zu ſpät— für mich, weil ich zu früh alt geworden, und für Sie, weil Sie erſt im Alter jung zu wer⸗ den beginnen. Das Weib wird zunächſt durch das Aeußere des Mannes beſtochen; Schönheit und Jugend ſind die unentbehrlichſten Hilfs⸗ mittel, um Herzen zu gewinnen. Wer das Maß der Jahre überſchritten oder den Vortheil der Erſcheinung nicht empfangen hat, der kann immerhin als Geſellſchafter gelitten, als Freund geachtet ſein, aber Liebe erringt er nie.“ Dieſe Worte berührten Herrn von Win⸗ ter unangenehm. Warum? das wußte er nicht; auch konnte er ſich unmöglich entſchlie⸗ ßen, an die Wahrheit derſelben zu glauben. Er ging von jetzt an ſtumm an der Seite ſei⸗ nes Begleiters, bis ſie in dem Flur der Bade⸗ anſtalt ankamen. Hier trennten ſie ſich und Jeder ſuchte mit ſeinen Gedanken auf ſeinem Zimmer allein zu ſein. 4 Die folgenden Tage brachten die Fort⸗ ſetzung der geſelligen Freuden; das Leben in der Heilanſtalt geſtaltete ſich wahrhaft ange⸗ nehm. Herr Marbach hütete ſich, trotz der vielſeitigen freundlichen Aufforderungen und Bitten, vor einer öfteren Wiederholung der Leſeunterhaltungen, er wußte, daß das In⸗ tereſſe an derlei Vergnügen nur durch die Sel⸗ tenheit des Genuſſes erhalten und geſteigert werden könne. Doch fehlte es ihm nicht an Mitteln anderer Art, um ſeiner Aufgabe als maitre de plaisir, wozu er ſich durch ſein Auftreten ſelbſt machte und wofür ihm jeder offen oder ſtillſchweigend Dank wußte, zu ge⸗ nügen. Da wurden Ausflüge in die nahen Ortſchaften oder nach Bergen und Ruinen ge⸗ macht, oder man vergnügte ſich im Parke durch geiſtreiche Spiele und Geſpräche. Wenn dann einige Tage im bunten Treiben verſtri⸗ chen waren, ſo wurde wieder eines Nachmit⸗ tags ein Leſekreis arrangirt, was dann immer von der Geſellſchaft für ein außerordentliches Ereigniß, für die Krone aller Vergnügungen angeſehen wurde. Ein voller Monat verſtrich ſo in ſeliger Luſt. Jede Stunde wurde ausgebeutet und ihr beſter Inhalt aufgeſogen. Alles unterhielt ſich, und der Bringer dieſer Freuden, wenn er auch ranfangs ſich zuweilen in ſeiner erheiternden Rolle gelangweilt fühlte, empfand doch nach und nach eine innere Befriedigung, als er ſah, wie man mit ſo warmer Neigung ihm anhing, wie ihn Jeder ſchätzte und achtete, und wie ſeine bloße Erſcheinung ſchon hinreichte, um den guten Geiſt in der Geſellſchaft heimiſch zu machen. Zwar ſtand er mit der Baronin noch immer auf dem Kriegsfuße, aber es war dieß —-— —— —— —— 8 296 ein Krieg, in welchem blos mit Worten mehr geſpielt als gekämpft wurde; im Grunde theilte die Baronin die Meinung, welche alle anderen von ihm hatten. Herr von Winter ſchloß ſich ihm immer enger und enger an, und Marbach kam ihm mit derſelben Neigung entgegen. Die beiden Männer hatten, trotz der äußeren Verſchieden⸗ heit ihrer Charaktere, doch manchen gemeinſa⸗ men Zug in ihrer Gemüthsbeſchaffenheit. Herr von Winter hatte ſich während dieſer Zeit auch ganz verändert. Die Geſundheit war ihm zurückgekehrt und verlieh ihm ein faſt jugend⸗ liches Aeußere, die veralteten Kleider hatte er mit anderen, der Zeit angemeſſenen vertauſcht und ſein Benehmen glich dem eines jeden an⸗ deren in der Geſellſchaft. Mathilde war es, der er vor allen ſeine Aufmerkſamkeit ſchenkte. Mit ihr und der Baronin pflegte er ſich oft ſtundenlang zu unterhalten; gewöhnlich war auch Marbach zugegen und dieſer, welcher bald erkannte, daß der Gelehrte nur Mathil⸗ den ſuchte, übernahm es gerne, die Baronin zu beſchäftigen, um ſeinem Freunde einen wei⸗ teren Spielraum bei Mathilden zu verſchaf⸗ fen. Dabei unterließ er es nicht, den Gelehr⸗ ten ſtets im Auge zu behalten. Ehe ſich der⸗ ſelbe noch Rechenſchaft über ſeine Neigungen und Abſichten zu geben wußte, hatte Herr Marbach erkannt, daß dieſer wirklich eine Neigung zu Mathilden gefaßt hatte und daß dieſe Neigung mit jedem Tage immer ſtärker heranwachſe. Aber weit entfernt, ihn über ſein Inneres aufzuklären, ließ er ihm in der Entwicklung ſeiner Gefühle freien Lauf und war nur darauf aufmerkſam, wie ſich Ma⸗ thilde in dieſer Beziehung verhielt. Er fand aber in dem Benehmen des Mädchens nichts, was ihn auf eine Erwiederung hätte ſchließen laſſen. Sie war freundlich und zuvorkommend gegen Herrn von Winter, wie gegen jeden anderen aus der Geſellſchaft, nur daß ſie mehr Gelegenheit hatte, ihm ihre Freundlichkeit zu beweiſen, weil ſie mit ihm mehr zuſammen war, als mit anderen Kurgäſten. Sie empfand auch eine große Achtung vor ſeinem tiefen Wiſſen und nahm gerne die Aufklärungen an, welche ihr der Gelehrte über manches gab, worauf ſie eben zufällig im Geſpräche kamen. Nur gegen Herrn Marbach ſchien Ma thilde zurückhaltend. Sie mied ahn nicht, aber ſelten richtete ſie ihre Worte an ihn. Berührte er ihre Hand, ſo wars, als ob ſie einen elektriſchen Schlag empfände. Sprach er, ſo waren ihre Blicke unverwandt auf ihn ge⸗ richtet und begegneten ſeine Blicke unvermu⸗ thet den ihrigen, ſo übergoß ſich ihr Geſicht mit einer auffallenden Röthe. Der erfahrene Mann wußte bald, was dieß zu bedeuten habe, aber er war an Siege gewöhnt, und einen mehr errungen zu haben, ſchmeichelte ihm nicht mehr, er hatte dieſe Art von Eitel⸗ keit abgelegt. Er fand es nicht einmal der Mühe werth, über Mathildens Liebe zu ihm nachzudenken. Er zog ſich nicht zurück, er drängte ſich nicht zu ihr. Zwar hatte er er⸗ kannt, daß ihr Bildungskreis weit über den Horizont gewöhnlicher Frauengelehrſamkeit reiche, daß ſie auch mehr Gemüth zu haben ſchien als andere, aber im Allgemeinen waren ſeine Anſichten zu feſt begründet, als daß er ſich zu bedeutenden Konzeſſionen, einzelnen gegenüber herbeigelaſſen hätte; ihm war Ma⸗ thilde doch ein Frauenzimmer, wie jedes andere. Es war ein ſchöner Morgen und Herr Marbach beſchloß, eine Fußreiſe nach einer etwa eine Meile entfernten Stadt zu machen, er hatte dort einiges mit dem Buchhändler und noch an anderen Orten in Ordnung zu bringen. Der Tag verſprach ihm anhaltendes Wetter. Er ging. Der Fußpfad, den er ein⸗ ſchlug, war einſam, auf den Feldern waren hie und da einzelne Arbeiter beſchäftigt, aber ſtill wars um ihn, bis auf den Vogelſang in den Zweigen, der ſein Sinnen nicht ſtörte. Seit ſeinem Aufenthalte in der Heilanſtalt war er faſt nie allein mit ſeinen Gedanken geweſen. Immer waren es einzelne oder die ganze Geſellſchaft geweſen, die ihre Zeit mit ihm theilten, und befand er ſich ſpät Abends auf ſeinem Zimmer, ſo war es ein Buch, womit er ſich beſchäftigte, wenn nicht der Schlaf an ſeine Sinne pochte, um ſie zur Ruhe zu rufen. Alles, was er ſeit einigen Wochen durchlebt, drängte ſich chaotiſch in ſei⸗ ner Erinnerung. Er ſuchte ſich und fand ſich kaum. Er däuchte ſich ein anderer und wußte nicht warum. Er ließ die einzelnen Glieder der Badegeſellſchaft die Revue paſſiren, er be⸗ trachtete ſie genauer.„Lauter Staffage,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„kein Einziger unter ihnen, der eine Hauptfigur abgeben könnte. Kleine Seelen mit kleinlicher Eitelkeit und großen Anſprüchen. Der einzige Winter ausgenom⸗ men. Schade um ihn, daß er auch ein Narr geworden iſt. Das kleine Ding hat ihm den Kopf verdreht. Es wäre vergebliche Mühe ihn zurecht ſetzen zu wollen, das muß von ſelbſt geſchehen, wenn er ſich von ſeiner Narrheit überzeugt hat.“ Unter ſolchen Gedanken kam er auf die Straße, die nach der Stadt führte. Einige Schritte vor ihm ging eine kleine Truppe rei⸗ ſender Muſikanten, ihre Inſtrumente auf dem Rücken. „Auch Zugvögel,“ dachte er,„die ihr Brod in der Fremde ſuchen, das ihnen der heimat⸗ liche Boden verſagt, Söhne Apolls, die um einen Groſchen leiern. Daß doch Alles, im Kleinen wie im Großen, nach außen ſtreben muß, wenn es durchs Leben kommen will. Den Glücklichen wollte ich kennen lernen, der Niemand braucht.“ Er förderte ſeine Schritte und war bald in der Mitte der Muſiker. „Wohin des Weges?“ fragte er den näch⸗ ſten an ſeiner Seite. „Nach Oeſterreich,“ Mann. antwortete der „Nach Oeſterreich!“ wiederholte der Fra⸗ gende;„gehts dort beſſer als hier zu Lande?“ „Freilich,“ entgegnete der Muſiker,„s kömmt bald die Erntezeit und da gehts dort luſtig zu, dann iſt's bald Kirchweih, da wird auch getanzt.“ Herrn Marbach flog ein Einfall durch den Kopf. Er wollte die Muſikanten mit nach dem Badeorte nehmen und ſo den Gäſten eine Ueberraſchung bereiten. Die Truppe zeigte ſich gerne bereit auf ſeinen Vorſchlag einzu⸗ gehen. In der Stadt ließ er ihnen durch den Wirth, bei dem ſie eingekehrt waren, ſeine Be⸗ reitwilligkeit auf's thatſächlichſte beweiſen und als die kühleren Stunden des Nachmittags kamen, machte er ſich mit ſeinen Gäſten auf den Rückweg. Sie ſpielten ihm zum Danke manche luſtige Weiſe und ehe man ſich's ver⸗ ſah, war die Strecke zurückgelegt. Die Sonne ſtand noch am Himmel, als ſie anlangten. Herr Marbach bedeutete ihnen, ſich im dich⸗ ten Gehölze des Parkes, woran eine große Wieſe ſtieß, verborgen zu halten und auf ein gegebenes Zeichen ihre Inſtrumente ertönen zu laſſen. Er ſelbſt ging in den Salon, wo er die Geſellſchaft zu finden hoffte. Er fand ſie. Bei ſeinem Eintritte empfingen ihn gelinde Vorwürfe von Seite der Baronin, weil er, ohne Jemand ein Wort zu ſagen, ſich entfernt hatte. Er antwortete mit einer heiteren Wen⸗ dung und lud die Geſellſchaft zu einem Spa⸗ ziergange in den Park.„Es iſt ſo ſchön im Freien,“ ſchloß er,„wir wollen draußen auf der Wieſe ein heiteres Spiel arrangiren.“ Alle waren bereit und als man auf der Wieſe beiſammen war, war auch bald ein mun⸗ teres Geſellſchaftsſpiel im Gange. Fragen und Antworten wechſelten in raſcher Folge und man⸗ ches Pfand wurde eingeliefert. Jetzt gings ans Auslöſen. Jeder, der Reihe nach, diktirte eine Strafe und der Stoff zum Lachen ging da ſel⸗ ten aus. „Was ſoll mit dem letzten Pfand geſche⸗ hen?“ fragte der Aſſeſſor.— „Mit dem letzten Pfand?“ wiederholte die Baronin.„Das gehört Ihnen, Herr Mar⸗ bach, Ihr Pfand iſt noch nicht gelöſt worden. Gut, Sie müſſen uns etwas improviſiren.“ „Sie ſtellen mir eine ſchwere Aufgabe, gnädige Frau,“ entgegnete Herr Marbach; „Improviſiren.— Es ſei. Ich habe heute eine Reiſe in den Olymp gemacht und Apoll war ſo gnädig, mir einige ſeiner dienſtbaren Geiſter zur Verfügung zu ſtellen. Ich will mich ihrer Hilfe bedienen.“. Er klatſchte bei dieſen Worten dreimal in die Hände. Da regte ſichs im Dickicht, der Klang von Inſtrumenten drang herüber, anfangs zart und lind, dann immer voller und lauter. Die Geſellſchaft blickte überraſcht nach dem Gehölze und dann wieder auf Herrn Marbach. „Was iſt das?“ fragte die Baronin. Er antwortete nicht, um die Auderen in ihrer Aufmerkſamkeit nicht zu ſtören. Nach eini⸗ gen Minuten ſchwieg die Muſik. aaten. dich⸗ große f ein tönen 1, wo fand llinde al er, tffernt Wen⸗ Spa⸗ n im n auf 1“ f der mun⸗ n und man⸗ ans eine a fel⸗ eſche⸗ tte die Nar⸗ onden. „ gabe, 9 ch; eine ar ſo heiſter ihrer nal in Klang zart Die thöhe en in eini⸗ 2 „Dieſe Klänge ſcheinen mir doch etwas zu irdiſcher Natur, als daß ich Ihrer Verſiche⸗ rung von olympiſchen Chören unbedingt glau⸗ ben ſollte;“ bemerkte die Baronin. „Sie mögen wohl einen himmliſchen Ur⸗ ſprung nicht ganz rechtfertigen;“ entgegnete Marbach,„aber auf Erden füllen ſie ihren Platz doch recht gut aus, und ich hoffe, ſie werden uns noch heute einige vergnügte Stun⸗ den bereiten.“ Er winkte und die Muſiker verließen ihr Verſteck. Während ſie herankamen, gab er noch einige Erklärungen über Wie? und Wo? Die Sonne war bereits untergegangen und auf der entgegengeſetzten Seite ſtrahlte die helle Mondſcheibe im Kreiſe zahlloſer Sterne. „Die Nacht iſt ſo ſchön, der Himmel wölbt ſich über uns mit tauſend hell glänzenden Am⸗ peln, der Boden iſt mit einem Teppich ge⸗ ſchmückt, wie ihn keine Modehandlung auf⸗ weiſen kann. Iſt dieß nicht ein Saal, wo die Engel des Himmels ſelbſt ihre Feſte feiern können? Wir Alle ſind froh geſtimmt, warum ſollten wir nicht den Augenblick feſthalten? Laßt eine luſtige Weiſe erklingen, ihr Herren!“ rief Marbach und Alle ſtimmten ihm bei. Ein luſtiger Walzer ertönte und ehe man ſichs verſah, drehte ſich Alles im Kreiſe. Der Freudebringer hielt die Baronin umfaßt, jeder ſuchte ſich eine Gefährtin, wie er ſie eben fand und ſo gings fröhlich fort. Die kurzen Pauſen wurden mit Scherz ausgefüllt, jedes Gemüth war freudig erregt, die Herzen pochten raſcher und leichter. Die improviſirten Vergnügungen haben den Vortheil der Ueberraſchung für ſich und daher kömmt es, daß ſie uns mehr er⸗ freuen als Unterhaltungen, auf die wir uns lange vorbereitet. Wenn ſich Alles im luſtigen Wirbel drehte oder vergnügt den Fröhlichen zuſah, ſo war es der Feſtbringer allein, der ſich dießmal nicht angeregt fühlte; aber Niemand bemerkte es, jeder iſt in ſolchen Momenten zu ſehr mit ſich beſchäftigt. Wenn wir ſagen„Niemand,“ ſo thun wir hier einem Weſen unrecht, das ſeine Blicke forſchend nach Herrn Marbach umher⸗ ſandte. Es war dieß Mathilde. Sie be⸗ merkte ihn, der in einiger Entfernung von den Tanzenden an einem Baumſtamme gelehnt die Fröhlichen überblickte. Sie näherte ſich ihm, ſie faßte ſeine Hand. „Warum ſind Sie ſo einſam?“ fragte ſie mit theilnehmender Stimme;„freut Sie die Freude nicht, die Sie Allen gebracht haben?“ Er bezwang ſeine düſtere Stimmung und antwortete: 3 „O, ich bin der Fröhlichſte von Allen. Die Luſt jedes Einzelnen habe ich in meinem Herzen aufgenommen; aber die Doſis ſcheint mir doch etwas zu groß.“ Er führte Mathilden zum Tanze. Sie war ſo leicht in ſeinen Armen; faſt ſchwand der Unmuth aus ſeiner Seele, während er ſie umfangen hielt. Die Muſik machte wieder eine Pauſe und Erinnerungen. 1858. n——.O—O,O———QOꝭQ—V—·HB—n———— 297 er ging neben Mathilden auf dem Wieſen⸗ In der Einbildung wohlv; aber ich vergaß wie⸗ plan. Sie hatten ſich von der Geſellſchaft der. Man liebt blos mit der Phantaſie und etwas entfernt, doch ſprachen ſie nichts. Ma⸗ die Träume wechſeln. Das Herz iſt nichts, was thilde ſah ihn lange halb forſchend, halb wir darunter verſtehen iſt eine Lüge, welche die zagend an, ihr ganzes Weſen war in einer Dichter auf ihrem Gewiſſen haben; das Herz fieberhaften Spannung. Leiſe, kaum vernehm⸗ iſt ein kontraktiler Muskel, dazu beſtimmt, das bar rezitirte ſie aus Heine's Liedern die Blut in Bewegung zu ſetzen. Im Verſtande Strophe: „Mein dunkles Herze liebt Dich, Es liebt Dich und es bricht, Und bricht und zuckt und verblutet, Aber Du ſiehſt es nicht.“ „Mein Fräulein,“ ſprach der Mißmuthige und in ſeinem Tone lag eine ſo bittere Schärfe, daß das Mädchen in ihrem Innerſten ſchau⸗ derte,„daß Sie Heine zu Ihrer Lieblings⸗ lektüre wählen, ſcheint mir weder vom Stand⸗ punkte des guten Geſchmackes, noch von dem Ihres Geſchlechtes gerechtfertigt.“ Mathilde blieb ſtumm. Bläſſe und Röthe wechſelten in ihrem Antlitze, ſie fuhr mit der Hand nach dem Herzen, da hatte ſie plötzlich ein unnennbares Weh ergriffen. Kaum hatte Herr Marbach dieſe Worte geſprochen, würde er ſie gerne um jeden Preis zurückgenommen haben, aber er that dennoch nichts um die Wunde zu kühlen, die er ſo eben geſchlagen. Er wandte ſeine Schritte wieder dem allgemeinen Beluſtigungsorte zu und trennte ſich, als ſie dort ankamen, von Mathilden mit einer ſtummen Verbeugung. Dieſe hielt ſich nur mit Mühe aufrecht in ihrem Schmerze. Ihre Thränen drohten her⸗ vorzubrechen, aber ſie bezwang ſich. Diejenigen, welche ſie zum Tanze baten, wies ſie mit einer mühſam geſprochenen Entſchuldigung zurück. Die Unterhaltung hatte lange genug ge⸗ dauert, aber trotzdem mußte ſich der Doktor ins Mittel legen, um ſeine Kurgäſte zur Heim⸗ kehr zu bewegen. Mathilde warf ſich auf ihr Lager und die lang verhaltenen Thränen machten ſich nun Raum. Sie floßen reichlich. Die Bedeutung der unvorſichtig ausgeſprochenen Worte, zu denen ſie ſich durch einen unerklärlichen Zug ihrer Seele gedrungen fühlte, trat nun deut⸗ licher vor ſie, und die Scham ſchien ſie zu verzehreu. Marbach kam mit einem Gefühl vor⸗ wurfsvoller Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt auf ſein Zimmer.„Ich hätte das Mädchen dennoch mit ſo bitteren Worten nicht abweiſen ſollen,“ ſprach er vor ſich hin;„ihr Gefühl hätte we⸗ nigſtens Schonung von meiner Seite verdient. Doch nein, ich that wohl daran,“ begann er ſich zu überreden;„das heißt die Weiblichkeit zu ſehr verläugnen, ein Mädchen darf, und liebt es noch ſo heiß, einem Manne nicht zuerſt ihre Liebe geſtehen. Nun, neu iſt mir dieß doch zum wenigſten, ſo kam mir noch keine. Doch, wenn dieß der echte Drang eines tiefen Gemüthes geweſen wäre? So kann ſich nur ein wahres Gefühl zeigen— oder äußerſte Charakterloſig⸗ keit.— Liebe!— Was iſt das?— Gibts auch Liebe auf Erden? Hab' ich ſelber je geliebt? kann keine Liebe wohnen und im Herzen wohnt ſie nicht, ſie iſt ein Unding.“ *)„Ich hab' genug geliebt um zu verlieren Den Glaubeu an das Weib; ich halt' es nur Für einen ſchönen Fehler der Natur, Der nie und nimmer iſt zu korrigiren. Das Weſen jeder Frau iſt Kokettiren, Ihr Lieben eine graziöſe Tour, De coeur und das Finale ſtets ein Schwur— Geliebt wird Jeder, der ſich weiß zu zieren. Ich hab' geliebt, das heißt die Jugendjahre In ſchöner Frauen Armen todtgeſchlagen, Und meinen Geiſt verpufft in Liebesliedern. Nun iſt's vorbei! Die ſchönſten Lippen widern Mich an, wie ſchon gelöſte Lebensfragen;— Doch auch mein Herz liegt auf der Todtenbahre.“ Der folgende Tag brachte wohl die warme Sonne wieder, aber nicht den warmen Ton, der die Geſellſchaft ſonſt durchwehte. Mar⸗ bach konnte trotz aller Gewalt, die er ſich auf⸗ erlegte, ſeine düſtere Stimmung nicht verber⸗ gen, er zürnte ſich ſelbſt ob dieſer Schwäche, wie er es nannte, und dieß diente nur dazu, ihn noch mißmuthiger zu machen. Er war begierig auf den Anblick Mathildens, aber ſie kam nicht. Ein Unwohlſein hielt ſie auf ihrem Zim⸗ mer zurück. Am nächſten Morgen jedoch, als Marbach früher als gewöhnlich aufgeſtanden war, um den neuen Tag, der ihn ſchlaflos ge⸗ funden hatte, zu begrüßen, ſah er Mathilde mit der Baronin am Baſſin. Mathilde war auffallend blaß, ihre Züge ſchienen ſehr an⸗ gegriffen; die Baronin ſchien heiter, wie immer. „Welchem glücklichen Umſtand hat es die Quelle zu danken, daß Sie ſie wider Ihre Ge⸗ wohnheit ſo früh begrüßen, Herr Marbach?“ fragte die Baronin. „Die Hoffnung, Sie hier zu finden, gnä⸗ dige Frau,“ antwortete der Gefragte. Sein Blick begegnete jedoch Mathilden und für einige Augenblicke machte die Bläſſe ihrer Wan⸗ gen einer lieblichen Röthe Platz. „Ich will es Ihnen glauben,“ verſetzte die Baronin,„und will mich darüber freuen, wenn es in der That ſo iſt; doch wenn Sie Ihre geſtrige Laune nicht ausgeſchlafen haben, ſo rathe ich Ihnen, ſich eine fröhlichere Geſell⸗ ſchaft zu ſuchen, denn ſehen Sie, meine liebe Schutzbefohlene ſieht auch darnach aus, als wäre das Schifflein ihrer Freuden auf den Sand gelaufen, und ich kann doch nicht allein fröhlich ſein, wenn Alles finſter blickt.“ *) W. H. Landt. 38 —— — — ——O—O˖O;⏑—B—F——˖—˖———— +—— 1 3 7 1 — — — 298 Herr Marbach hatte die Elaſticität ſeines Geiſtes wieder gewonnen und ging neben den Damen im wechſelnden Geſpräche. Mathilde ſtrengte ſich an, in die Unterhaltung mit ein⸗ zuſtimmen, aber es gelang ihr nicht recht. Sie ſchwieg zuletzt und horchte nur darauf, was ihre Begleiter ſprachen. Herr von Winter kam, er ſchloß ſich an Mathilden und das Mädchen beantwortete ſeine theilnehmenden Fragen. Sie ſchien froh, den forſchenden Bli⸗ cken Marbachs durch eine ausſchließliche Un⸗ terhaltung mit dem Gelehrten zu entgehen, aber ſie empfand es, wenn Marbachs Auge ſich nach ihr wandte, und in ihrem innerſten Weſen erbebte ſie. Mehrere Tage vergingen. Marbach ſchien wieder in ſeinem alten Geleiſe; nicht ſo Mathilde. Sie war nicht krank, aber ihr Antlitz trug dennoch die Spuren der Angegrif⸗ fenheit. Ein aufmerkſamer Beobachter konnte ein tiefes Seelenleiden nicht verkennen. Eines Abends, Marbach ſaß in ſeinem Zimmer und ſchrieb, öffnete ſich die Thüre und Herr von Winter erſchien. War dieß der ſtumme Gelehrte? Nein, das war er nicht. Jeder ſeiner Züge war ein wilder Auſſchrei. Eine Ahnung des Vorgefallenen überkam Herrn Marbach. „Was fehlt Ihnen?“ fragte er, die kalte Hand des Gelehrten erfaſſend. „Zu ſpät!“ rief dieſer,„zu ſpät! ſagten es einſt ſelbſt.“ „Sie haben alſo Mathilden Ihre Liebe geſtanden?“ fragte Herr Marbach. „Wie wiſſen Sie das? Wer hat es Ih⸗ nen geſagt? Wie kamen Sie zur Kenntniß meiner Liebe?“ „Sie ſelbſt geſtanden es mir, mein Freund!“ antwortete Herr Marbach, indem er den Gelehrten neben ſich auf das Sopha zog;„Sie ſelbſt. Zwar nicht mit deutlichen Worten; aber dieſe ſind es ja faſt nie, aus denen wir im Leben die Wahrheit erkennen. Ihre Mienen, Ihre Blicke, Ihr ganzes Weſen verrieth mir Ihre Liebe zu Mathilden.“ „Sie haben mir mein Schickſal vorausge⸗ ſagt,“ klagte Herr von Winter,„o, ich war ein Thor, daß ich die Wahrheit Ihrer Worte nicht gleich erkannte und eine Leidenſchaft nie⸗ derzukämpfen ſuchte, als ſie noch im Keime lag. Es iſt zu ſpät für mich, ich bin zu alt, trotz meinem jungen Herzen. O, hätt ich Ihre Jahre, wie glücklich, wie ſelig könnt' ich ſein. Wie be⸗ neidenswerth ſind Sie in Ihrer Jugend!“ Sie „Ich ſagte Ihnen damals,“ bemerkte Herr Marbach,„daß es zu ſpät ſei für uns Beide. Ich habe nichts voraus vor Ihnen.“ denkt. O Mathilde! Mathildel daß ich Dich und eben Dich lieben mußte!“ Troſt iſt in ſolchen Momenten die aller⸗ ſchlechteſte Arznei. Die Patienten nehmen ſie nicht, dazu gehört ein gewiſſes Stadium der Ruhe. Dieß wußte Herr Marbach wohl und ließ dem Schmerze ſeines Freundes freien Lauf. Aus ſeinen unzuſammenhängenden Worten er⸗ kannte er, daß Herr von Winter Mathil⸗ den ſeine Liebe geſtanden, und daß er von ihr zurückgewieſen worden. Dieß brachte den welt⸗ erfahrnen Mann zum Nachdenken.„Wie,“ ſprach er zu ſich ſelbſt;„ich habe Mathilde gekränkt, ja mehr als gekränkt; ich habe ihr Gefühl für mich mit der Geißel des Spottes verwundet, und ſie ergreift nicht die erſte Gele⸗ genheit, um mir ihre Kälte, ihre Verachtung zu beweiſen? Dieſer Gelehrte iſt wohl um einige Jahre älter'als ich, aber er hat ein Herz voll Liebe, er iſt reich und kann ihr, der armen, verwaiſten, eine ſichere Zufluchtsſtätte bieten für künftige Tage. Was vermag ich dagegen? Mein Talent nährt mich wohl, aber für Weib und Kind zu ſorgen, vermag ich nicht, wir müß⸗ ten darben, ich beſitze nichts weiter; und ſie hat ihn zurückgewieſen,— warum? Weil ſie mich liebt trotz meiner Gefühlloſigkeit.— Und was wären die Reſultate meiner jahrelangen Erfah⸗ rungen? Hätte ich ein Gebäude ohne Grund aufgeführt? Sollte es wirklich wahre Liebe geben?“ Solche und ähnliche Gedanken drängten ſich in ſeiner Seele und er fand, daß ihn Ma⸗ thilde mehr beſchäftige und ſeit jemem Abend auf der Wieſe beſchäftigt hatte, als er ſich ſelber zugeſtehen mochte. Er machte ſich darüber Vor⸗ würfe.„Was ſpukt mir denn dieſes Mädchen ſtets im Kopfe herum? Was ſoll mir der Ge⸗ danke ihrer Liebe? Liebt ſie mich, ſo mag ſie zuſehen, wie ſie mit ſich zurecht kömmt, ich hab' ihr dazu keine Veranlaſſung gegeben. Ich kann nicht lieben. Ich müßte mir lächerlich erſchei⸗ nen. Genug davon. Ich will abſchließen mit dieſen Gedanken, fogleich und für immer.“ So dachte er; aber was half's? Er mochte denken ſo viel und ſo kategoriſch er wollte, im⸗ mer kehrte er zu Mathilden zurück und ſie war Anfang und Ende ſeiner Gedanken. Sein Schlaf war unruhig und ſeine Träume führten ihn zu ihr. Als er ſie am folgenden Morgen neben der Baronin ſah, wußte er kaum wie ihm war, als ſie erröthend ſeinen Gruß erwiederte. Er betrachtete ſie zum erſten Male genauer, und wunderte ſich, daß er ſie nie ſo ſchön ge⸗ funden hatte, wie dießmal. Ein dunkles, bren⸗ nendes Auge, deſſen Glanz durch den Schleier der Schwermuth, der darüber hing, kaum ge⸗ trübt werden konnte; eine Stirne ſo ſchön, wie 7 „Das iſt kein Troſt für mich,“ ſprach der er ſie nie geſehen, und Lippen ſo friſch, wie die Gelehrte dumpf;„ich bin in meinem Inner⸗ Erdb 1— 3 chaft, die alle ſtreift wird. Das ganze Geſicht ein prachtvolles ſten verzehrt von einer Leidenſ Schranken meiner Begriffe überſteigt; ich bin meiner nicht mächtig, mein Kopf ſchwindelt, Erdbeere, von der eben der Morgenthau abge⸗ Oval mit den edelſten Zügen. Er fühlte ſich unwiderſtehlich zu ihr hingezogen, es war ihm meine Pulſe pochen fieberhaft, ich bedarf einer als müßte er ihre Hand ergreifen, um ſie an's Freundeshand, die mich hält und für mich Herz zu drücken. Das Geſpräch drehte ſich um gleichgiltige Dinge und die Baronin führte das Wort. Als man ſich zum Frühſtück verſammelte, empfahl ſich Marbach. Er fühlte das Bedürfniß des Alleinſeins. Er ging tief in den Park hinein und weiter in den dichten Wald. Die Bäume rauſchten, die Vögel ſangen ihm zu, aber ſein Herz ſchnürte ſich zuſammen. „Und liebſt Du denn wirklich, Du alter Knabe?“ fragte er ſich;„trotz Deiner Ueber⸗ zeugung, trotz Deinem zerſtörten Herzen? Nein, nein! Die Phantaſie ſpielt mir einen Jugend⸗ ſtreich; ich kann ja nicht mehr lieben! Und den⸗ noch, was iſt dieß anders, als Liebe, was da drinnen ſpricht? So war's damals, vor zehn Jahren, als mich zum erſten Mal die Liebe faßte; ſo empfand ich, wie ich jetzt empfinde. Ja, das iſt Liebe!— Und was nun? Soll ich ſie in die Oede meines Lebens einſchließen? Soll ich ſie einer Leidenſchaft zum Opfer brin⸗ gen, die nichts iſt, als das letzte Zucken eines mit dem Tode ringenden Gefühlslebens? O hätt' ich meine erſte Jugendkraft, flöße noch jenes feurige Jünglingsblut in meinen Adern, das an Entwürfen ſo reich, ſo kühn in Thaten i*ſt, ich wollte mir ein Glück gründen für Ge⸗ genwart und Zukunft. Doch jetzt— es iſt zu ſpät!“ Lange währte ſein einſames Herumirren, aber zu einem Schluß kam er nicht. Die Ge⸗ danken brannten in ſeinem Gehirne und verge⸗ bens mühte er ſich einen Moment ruhiger Be⸗ ſinnung zu erhaſchen. Das Bewußtſein ſeiner Liebe war ihm kein Gefühl, das ſein Herz mit jugendlicher Freude füllte, er empfand nichts von jenem Glücke der Liebe, das die Bruſt wei⸗ tet und die Seele erhebt, das den Menſchen herausreißt aus der engen Sphäre des irdiſchen Daſeins und ihm einen Platz anweiſt an der himmliſchen Tafelrunde; er empfand nur die Qualen des Tautalus, der, geſtürzt von den lichten Höhen in Nacht und Oede ſein einſames Leben zu vertrauern verurtheilt iſt. Er kehrte zurück, er wollte ſich und ſein unglückliches Gefühl in den Fluthen der Ge⸗ ſellſchaft begraben. Im Salon fand er mehrere Kurgäſte, aber wie ſchal, wie kalt erſchien ihm da Alles! Er ſuchte die Einſamkeit wieder, da begegnete er ſeinem Leidensgefährten, dem un⸗ glücklichen Winter. „Ich ſuchte Sie ſchon ſeit mehr denn einer Stunde,“ redete ihn dieſer an;„ich will Ab⸗ ſchied von Ihnen nehmen.“ „Abſchied?“ fragte Marbach, aus ſei⸗ nem traumartigen Zuſtande herausgeriſſen; „Sie wollen reiſen?“ „Ja,“ antwortete der Gelehrte;„in ihrer Nähe müßte ich mich aufreiben, ich will fort.“ „Fort— fort—“ wiederholte Marbach; „ja, das iſt ein Gedanke, den Ihnen ein Gott auch für mich eingegeben hat. Fort denn! Wir reiſen!“ Jetzt war er zu einem Entſchluß gekommen. Er eilte auf ſein Zimmer, um ſeine Sachen in Ordnung zu bringen, er woltte ſogleich den Badeort verlaſſen, aber es ließ ihn dennoch nicht. Er mußte Mathilden noch einmal ſehen, er mußte ihr ein freundliches Wort zum Ab⸗ ſchied ſagen. Er ging wieder in den Park. Er kannte das Plätzchen, wo ſie gerne einſam weilte, er ſuchte es auf, er fand ſie dort. Sie ſaß in Gedanken verſunken, ein aufgeſchlagenes Buch lag auf ihren Knieen, doch ſie blickte un verwandt in das Grün der Zweige. Das Ge⸗ räuſch ſeiner Tritte weckte ſie, ſie ſah ſich um und erkannte den Nahenden, auf ihrem Antlitz malte ſich eine heftige Bewegung. „Verzeihen Sie, mein Fräulein,“ redete er ſie an;„ich muß ſie für einen Augenblick Ih rem Sinnen entreißen. Ich komme, um Ihnen Lebewohl zu ſagen.“ Dieſe Worte berührten Mathilde mit der Hand des Schreckens Sie ſah ihn einige Augenblicke an ohne Bewegung, dann belebte ſich das Weh in ihrem Inneren. Sie vermochte es nicht, die hervorquellenden Thränen zurück zuhalten. Er ſetzte ſich neben ſie auf die Raſenbank, er faßte ihre zitternde Hand. „Mathilde,“ ſprach er,„ich bin Ihnen eine Erklärung ſchuldig. Hören Sie mich.“ Das Miädchen heftete den Blick auf ihn, ihm wars, als ob die untergehende Sonne ſei nes Lebens aus ihren Augen ihm einen war men Scheideblick zuſandte. *,Jch war hart gegen Sie, ich habe Sie in Ihren ſchönſten Gefühlen gekränkt; Sie ge⸗ horchten dem Drang Ihres reinen Ferzens und ich dem Zug des Stolzes und der Weltverach tung, die niein Auge geblendet hielten. Sie ſind gerächt worden, Mathilde.“ „Ach, wüßten Sie, wie ſehr ich litt und leide,“ ſagte das Mädchen mit einem Tene. in welchem eine Welt von Schmerz un ligkeit derborßen lag,„Sie müßten Akeinen, daß das Gefühl der Rache keinen Balſam⸗ für mich hat. Doch wer ſpricht von Rache? Wie verſteh' ich Sie?“ „Sie haben mir Shre Gefühle geoffen bart,“ fuhr er fort,„Sie haben mir das In nerſte Ihres Herzens gezeigt in einem Augen blicke, wo ich allen Schwächen des Herzens Le bewohl geſagt zu haben wähnte; doch ſeit jenem Abend begann ſichs wieder zu regen in mei ner Bruſt. Ich geißelte mich ſelbſt mit mei nem Spotte, ich ſprach Trotz und Hohn mei nen wachſenden Gefühlen, doch vergebens. Immer deutlicher trat das Bewußt ſein vor mich hin, immer klarer ſtand es in meiner Secle, daß ich Sie liebe.“ „dugor⸗ tönte es von den Lippen Ma thildens, und faſt hätte dieſes eine Wort Jahre aus ſeinem Leben geſtrichen. „Ja, ich liebe Sie, Mathilde,“ wie derholte er, und bezwang mit der Kraft ſeines mächtigen Willens das aufwallende Gefühl; „und darum komme ich, um Abſchied von Ihnen zu nehmen.“ „Sie lieben mich,“ ſprach Mathilde; „o gönnen Sie mir en Glauben an die Wahr heit dieſer Worte; Sie lieben mich und wol len ſcheiden?“ 3 Ich muß,“ antwortete Marbach, und ſeine Worte tönten wie Grabgeſang an der Bahre ſeiner Freuden. „Sie müſſen, da Sie mich lieben?“ fragte Mathilde;„ich kanns nicht glauben, nicht verſtehen.“ „Es iſt zu ſpät,“ ſprach er darauf mit dumpfer Entſchloſſenheit;„es iſt zu ſpät! Ma thilde, Ihre Liebe verlangt eine Gegenliebe, wie Sie Ihrer ſchönen Seele würdig iſt; Ihre Liebe verdient ein ganzes, volles Herz, das Kraft genug beſitzt, ſie in gleichem Maße und mit derſelben Nachhaltigkeit zu erwie dern. Mein Herz iſt aufgezehrt von den wil den Flammen des Lebens und Liebens, es beſitzt nicht die Spannkraft der Jugend. Ich kann Sie nicht glücklich machen.“ „Sie lieben mich und zweifeln an der Liebe Macht?“ entgegnete Mathilde.„O, die Liebe iſt ſtark, ich fühle es, ſie reicht hin für ein ganzes Leben.“ „Sie iſt ſtark, wenn ſie in einem Herzen einkehrt, das voll und ſriſch dem neuen Mor genroth der Liebe entgegenſchlägt,“ ſprach Marbach;„ich habe geliebt und wenn ich das Buch meiner Vergangenheit auf ſchlage, ich ſinde darin manchen Frauenna⸗ men, der mir werther war als Glück und Leben. Ich habe den beſten Theil meiner in neren Gluth dahingegeben, und was mir die Liebe übrig ließ, hat der Schmerz verzehrt. Mein Herz gleicht nun einem ausgebrannten Bulkan, der noch einmal in heftiger Erſchüt terung erbebt, ehe er in Schutt zuſammen bricht.“ Mathildens Thränen ſloßen reichlich. Sie hielt die Hand ihres Geliebten krampf haft umfaßt und preßte ſie an ihr hochwogen des Herz. Ein ſchwerer Kampf war darin ent ſtanden, er währte kurz, und die Liebe hatte geſiegt. „Laſſen Sie die Vergangenheit ruhen,“ ſprach ſie,„vergeſſen Sie, was Sie geliebt und gelitten; meine Liebe iſt groß genug, um Sie für alles zu entſchädigen, was Ihnen das Schickſal Liebes genommen. Wenden Sie ſich ab von den trüben Erinnerungen, faſſen Sie Vertrauen zu Ihrem Herzen und zu Ihrer Manneskraft und leben Sie von heute an ein neues Leben.“ „Mathilvde,“ ſagte Marbach ge rührt und drückte ihre Hand feſter und inni ger;„wäre ich im Stande mich wieder aufzu raffen, nur Sie könnten es ſein, die mir den Muth und das Selbſtvertrauen wieder zu ge⸗ ben vermöchte. Ja, in dieſem Augenblicke ſcheint es mir, als kehrte der alte Geiſt wieder ein bei mir; aber ich darf dieſer Schwäche nicht nachgeben, ich liebe Sie zu ſehr, ich das O Opfer Ihrer Liebe annehmen könnte. Wenn ich mir die Zukunft vorſtelle und Sie in der Fülle Ihrer? Jugend und Schönheit, in der vollen Kraft Ihres ungeſchwächten Gefühls fürtreffl liche als daß D 299 und mich an Ihrer Seite, nicht vermögend Ihnen mit der gleichen Gluth entgegen zu kommen, gemartert von dem Bewußtſein frü her Verirrungen, das Ihre reine Gegenwart nur ſtärker belebt, Mathilde, ich müßte noch unglücklicher werden, als ich es in dieſem Augenblicke bin, und Sie— o Gott!— Nein, ich habe oft mit dem Heiligſten im Leben ge⸗ ſpielt, aber Sie zu betrügen wäre eine Sünde, die ich mir durch mein ganzes Leben nicht ver⸗ zeihen könnte.“ Mathilde verſuchte es nicht mehr, ihn zu bereden, ſie ſah ſeine Standhaftigkeit und⸗ nur ihre Thränen ſprachen. Ach, ſie verſtande ja kaum, was er ihr geſagt, ihre reine Seele wußte ja nichts von den Verirrungen, denen⸗ der Menſch im Leben unterliegen kann. „Leben Sie wohl, meine theure, meine ge liebte Mathilde,“ ſprach er nach einer Pauſe;„ich kann Ihre Gegenwart durch meine Anweſenheit nicht länger beunruhigen. Ich will Ihnen nicht ſagen: Reißen Sie Ihr Gefühl. gewaltſam aus Ihrem Herzen; die Liebe kann das nicht. Es müſſen Jahre vorübergehen, ehe eine ſolche Wunde vernarbt, aber ſie ver narbt gewiß. Denken Sie mein als eines Freundes, ich ziehe fort, hinaus in’s weite Le⸗ ben und nehme als einzigen Lichtpunkt Ihr lie bes Angedenken in meine dunkle Zukunft mit. Leben Sie wohl, auf ewig!“ Er drückte einen Kuß auf Stirne und ſtürmte fort. Am folgenden Tage war es öde und trau⸗ rig in der Heilanſtalt. Herr von Winter war fort, Herr Marbach mit ihm, und die heitere Baronin rüſtete ſich mit Mathilden ebenfalls zur Abreiſe. ihre bleiche e Wie der Bergknappe Hans Huber ein Schinkenlager entdechte Vürgermeiſter wurde. Aus einer Jamitienchronift ans Licht gezogen von W. Ernſt. Ich war meines Zeichens ein Bergluappe; allein da es mich ſehr gelüſtete, verſchiedener Herren Länder zu ſehen, als unter der Erde mein nächtlich Tagwerk zu treiben: ſo nahm ich mein Bündel und meinen Wanderſtab, ließ vie Silberſtufen getroſt liegen und zog dafür den kupfernen Hellerlein nach. Hatte mir auch ein Hündlein beigeſellt, vas mir purch ſeine Spürkraft über die Maßen gute Dienſte diſtte dieweil es ſchon von der Ferne witert in welchem Hauſe annoch ein redlicher Topf am Feuer ſtund. Ach, es war eine be drängte und harte Zeit, da man ſchrieb 17n. Meiſter Sc hmalhans regierte in Küche und 38* und dafür 300 Keller, und ſo gab es mehr zu klagen als zu nagen. Ich ließ mir aber deſſen kein grau Haar wachſen, ſondern verglich mich dem Vögelein im Evangelio, hoffend, allüberall mein Körn⸗ lein zu finden. Mein Hündlein, ſo übrigens ein tüchtiger Kerl und ſchier wie ein Reitpferd war, ließ mich, wie angedeutet, nicht verhun⸗ gern; denn da es ein unvernünftig Thier war, ſo ſtahl es ohne Gewiſſen, was an allerhand Nahrung ihm vor die Naſe kam, und da es zugleich treuen Sinn und ſchier menſchliche Tugenden hatte, ſo trug es mir, wie einſt die Raben dem Elias, von ſeinem Ueberfluſſe zu. Das ging nun ſo eine gute Strecke ohne ſon derliche Fährlichkeit zu unſerem beiderſeitigen Wohlſein; allein, wie die Noth immer mehr ſtieg, ſo kamen auch wir vom Fleiſche auf's Brod, vom Brod auf die Rüben. Nur eine Wurſt hatte ich mir als ein Andenken an beſſere Zeiten in meinem Querſacke aufbewahrt, be⸗ denkend, daß eben die Wurſt am beſten vor⸗ ſtelle die Hülle und die Fülle. Da zogen wir, mein Hündlein und ich, eines Abends auch in der guten und getreuen Stadt Knapphauſen ein. Wer vor Zeiten be⸗ meldeten Ort alſo benamſet, ahnete wohl nicht, welches Omen in dem Nomen läge, denn es hauſete anjetzo die knappeſte Noth daſelbſt. Das einzige volle Geſicht, das man erblicken konnte, war der Vollmond, der eben über Knapphauſen hing, und denke— auch er war bläſſer denn gewöhnlich. Im Grunde genom⸗ men ſah ich eigentlich keine lebende Seele mehr auf der Gaſſe; ſie hatten ſich alle eben nieder⸗ gelegt, ohne zu wiſſen, woher am Morgen Brod zu nehmen. Mein Tritt hätte ſchauerlich durch die öden Gaſſen hallen müſſen, wären an meinen Schuhen noch die weiland Sohlen geweſen. Es rührte ſich kein Laut, und wo ich auch an ein Thor pochen mochte, da antwortete nicht einmal die Stimme eines Hündleins, woraus ich unſchwer ſchloß, daß auch dieſe treuen Thiere bereits nach Abgang von Rin⸗ dern und Schafen dem unbarmherzigen Meſſer müßten verfallen ſein. Da zog ich mein theures Thier näher an mich, doch nicht an die Seite, allwo ich die Wurſt verborgen, und ſchritt trau⸗ rig mit ihm fürbaß, bis ich vor ein hohes Haus gelangte, an deſſen einem Fenſter noch der Schein eines Lämpleins glitzerte. Leichtlich erachtete ich, daß hier der Herr Burgemeiſter wohne und annoch in ſpäter Stunde über das Heil und die Ruhe Knapphauſens wache. In dieſem Gedanken ſtörete mich plötzlich mein Hündlein, das heftiglich anſchlug, weil etzliche Mäuſe im Mondſchein über die Gaſſe gelaufen waren. Auf dieſen wohl ungewohnten Laut des Gebelles öffnete ſich unverzüglich das beleuchtete Fenſter und wie eine dunkle Wolke am lichten Himmel erſchien eine mächtige Perücke in dem hellen Raume. Aus dem Gewölke aber ließ ſich eine ſchnarrende Stimme vernehmen, wel⸗ che ſprach: „Heda, guter Freund, komme er herauf mit ſeinem Hündlein.“ Da gab ich denn ohne Arg der Mahnung Gehör und trat durch das geöffnete Thor mit meinem armen Vieh in das Haus und in die Halle, wo der Burgemeiſter auf einem großen Armſtuhl ruhete und wachte. Nicht weit von ihm ſaß ſein zwanzigjährig Töchterlein an einem Tiſche und kauete mit ih⸗ ren Perlenzähnen an einer harten Brodrinde. Da wußte ich faſt nicht, wie mir wurde; ich hatte nur Auge für das Töchterlein, wie ver Burgemeiſter nur Auge für mein Hündlein. Er lockte es zu ſich, ſtreichelte es und ſagte: „Ei, biſt du fett und wohlgenährt!— Ach, ich war es auch einmal!“ Ich aber langte, im Innerſten bewegt, die Wurſt aus dem Querſacke hervor und präſen⸗ tirte ſie zierlich dem holden Fräulein mit den Worten:„Mademoiſelle, darf ich es wagen, zu Ihrem Imbiß etwas beizutragen? Es iſt zwar nur ein Würſtlein, aber“— ſetzte ich leiſer hinzu,—„das Herz aus meiner Bruſt gäbe ich gern, wenn Sie es nicht verſchmähten!“ Sie lächelte verſchämt, griff nach der Wurſt und ſagte:„Ich danke Ihnen, guter Fremdling; vorderhand ziehe ich das Würſtlein vor, denn mich hungert recht ſehr!“ Darauf zerlegete ſie gewiſſenhaft das Würſt⸗ lein in zween Theile, wovon ſie den einen ih⸗ rem Herrn Vater reichte, den anderen für ſich behaltend. Der Burgemeiſter nahm das Stück⸗ lein Wurſt aus ihrer Hand nicht anders, als lichen Ruheſtörung ſchuldig gemacht, maſſen er durch ſein lautes Gebille, das ich mit mei⸗ nen eigenen, ſage des Burgemeiſters Ohren vernommen, die Ruhe und den Frieden der guten und getreuen Stadt Knapphauſen geſtö⸗ ret. Derohalben..... 7 „Mit Euer Geſtrengen Verlaub,“ fiel ich ihm als ein Vertreter des Unmündigen in die Rede,„daran ſind nur die Mäuſe zu Knapp⸗ hauſen ſchuld, ſo in nachtſchlafender Zeit noch aus den Häuſern gelaſſen werden, zum Stau⸗ nen und zum Schrecken friedlicher Wan⸗ dersleut.“ Worauf Er:„Sintemalen denen Mäuſen die Geſetze unſerer Stadt die Freizügigkeit nicht unterſagen, ſo dürfen ſie ungehindert wandern. — Ja, ja,“ ſetzte er traurig für ſich brummelnd hinzu,“ ſo ziehet auch das letzte Gethier aus unſerer Stadt noch fort, obwohl ſeine Erzfeinde, die Katzen, insgeſammt vernichtet ſind und keine Falle mehr dräuet aus Mangel eines Stück⸗ leins Speck. Es geht zu Ende mit Knapphau ſen! Schon Strabo berichtet, daß vor dem Einſturze eines Gebäu's die Mäuſe von dan nen ziehen. Jedoch,“ fuhr er plötzlich mit der Stimme eines Leuen fort,„ob auch die Welt in Trümmer geht, Gerechtigkeit ſoll dennoch gehandhabt werden. Hans Huber, Sein Hund hat ſich ferner ſchuldig gemacht eines verwoge⸗ nen Raubes, in Anbetracht er mir aus eigenen Handen meinen Imbiß, ſo in dieſer Zeit mehr empfinge er das Inſigul der Stadt, und indem er es vor ſein ehrwürdiges Angeſicht hinhielt, V betrachtete er es wie ein Kleinod unverwandt eine ganze Weile. Aber ſiehe, o des Unglücks! — ſchwapps ſchnappte es ihm da plötzlich der Hund weg, ſo daß es im Nu verſchwunden und, wie es im Sprichworte heißt, weg war, wie das Würſtlein vom Sauerkraute. Der Burgemeiſter gedachte vor Ueberra⸗ ſchung und Herzeleid ſchier unmächtig zu wer⸗ den, ich aber in meinem Unverſtande mußte ganz reſpektwidrig lachen, da ich des langen Geſichtes anſichtig wurde, womit der Burge⸗ meiſter ſprachlos das gefräßige Hündlein be⸗ trachtete. Aber nur zu bald ſollte ich in einem anderen Tone blaſen. Ein dunkeles Ungewitter zog ſich auf der Stirne des würdigen Herrn zuſammen und faſt bedünkte es mich, als thürme ſich ſeine Perücke um eine Etage noch höher. Majeſtätiſch erhob er ſich von ſeinem Stuhle und die eine Hand auf den Tiſch ſtemmend und mit der andern auf mich deutend, frug er, wie ich heiße. „Hans Huber, Euer Geſtrengen,“ erwie⸗ derte ich kleinlaut. „Und wie heißt Sein Hund?“ fuhr er ſtreng fort. „Waldmann, Herr Burgemeiſter,“ entgeg⸗ nete ich, wie früher. Nachdem ich ihm noch ſagen müſſen, weß Standes und Charakters wir wären, hob er wiederum mit aller Gravität der Amtsmiene an:„Hans Huber, vazirender Bergknapp, ſein Hund Waldmann hat ſich einer nächt⸗ denn Goldes werth, geſchnappet.“ Da bemerkete ich mit Schüchternheit, der Herr Burgemeiſter möge bedenken, daß das Würſtlein meine Gabe geweſen und daß ich derohalben, obzwar ich das unvernünftige Thier ob ſeiner Unmanierlichkeit nicht entſchuldigen wolle, doch auch nicht in ſeinem Gebahren und Verfahren eine ſchwere Unthat erblicken könne, anerwogen ich ſelber nicht das Recht hatte, das ganze Würſtlein, wovon die Halbſcheid meinem treuen Begleiter gehörte, zu verſchenken, wel⸗ chergeſtalt ſonach das Hündlein nur genommen, was Rechtens ſein war. Ob meiner wohlgeſetzten Einrede erzürnete der Burgemeiſter nur um ſo mehr.„Mit nich⸗ ten, wirſt Du naſeweiſer Burſche,“ rief er, „einem Burgemeiſter lehren, was Fug und Recht iſt. Haſt Du, wie Du ſagſt, nur die eine Hälfte des Würſtleins rechtsgiltig verſchenken können, ſo war doch dieſe Hälfte unſer vollkom⸗ men Eigenthum geworden. Nun beweiſe aber, ſo Du kannſt, daß nicht eben die geſchnappte Hälfte unſer Eigenthum geweſen.“ Wiewohl ich mich nun heute in einem ähnlichen Caſus leichtlicher Weis durchfitzen wollte, ſo war ich dazumalen einerſeits in den Paragraphen des Geſetzes zu wenig verſiret, andrerſeits durch die Autorität des Burgemei⸗ ſters alſo verblüfft, daß ich mir nicht Rathes wußte. Waldmann aber lag nach dem guten Biſſen ruhig, als ob ihn die Sache weiters nicht anginge, auf den Dielen, das Haupt auf die Vorderpfoten ſtreckend. Da mir auch nicht im mindeſten ſchwante, was da komnien würde, ſo hörete ich ruhig zu, als jetzo der Burgemei ſter ein Glöcklein in der Stube zu läuten be gunnte. Auf dieſes Zeichen traten vier ſtarke Geſellen zur Thür herein, mit Hellebarden be waffnet. Wehe, wer ſchildert meinen Schrecken, da nun der Burgemeiſter das Urtel über mich und mein Hündlein formulirete und ausſprach, daß Waldmann ob nächtlicher Ruheſtörung, räuberiſchen Anfalls und beleidigte r Burgemei ſterautorität den Händen des Nachrichters über antwortet, Hans Huber aber als verdächtiger Genoß und Vertheidiger des Räubers noch in laufender Nacht aus den Thoren der guten Stadt Knapphauſen gejagt werden ſolle. Aber ſiehe, als ich ſo ganz zerſchmettert da ſtund, da warf ſich des Burgemeiſters Töchter lein, ſo bishero in aller Stille ihr halb Würſt lein verzehret, dem ſtrengen Herrn Bater zu Füßen und bat ihn flehentlich für mich und mein Hündlein um Gnade. Der aber ſchüttelte langſam und ernſt ſein erhaben Haupt, doch da ſie nicht nachließ mit Bitten und er beſorgen mochte, als ſie ihr Haupt an ſeine Bruſt legte, ihre Thränen könnten ihm die ſeidene Weſte verderben, ſo ließ er ſich endlich erweichen und milderte das Urtel dahin, daß Waldmann unter dem Meſſer des burgemeiſterlichen Ko ches ein nicht unrühmliches Ende finden, ich aber frei und ohne Geleit meines Weges gehen ſolle. Nun hatten auch ſchon im Nu die vier Knechte mein Hündlein gepackt und neben an in ein dunkles Loch, ſo wohl die Folterkammer war, geworfen, allwo mein theurer Reiſekum pan ſo jämmerlich zu heulen anfing, daß es einen Stein in der Erde, geſchweige mein Herz in der Bruſt, hätte erbarmen mögen. Und wahr lich, mein Herz war nicht von Stein, aber mich bedünkte es doch, daß ich ſchier unlieber mich von des Burgemeiſters mitleidigem Töchter⸗ lein, denn von meinem Hündlein trennete. Durfte auch des Viehes nicht ſonderlich Sorge haben, da mir die holde Maid verſtohlen zuflü⸗ ſterte, es ſolle ihm kein Haar gekrümmet wer den; allein war es auch zu glauben? Noth kennt kein Gebot.— Mit ſchwerem Herzen trat ich wieder durch das Thor der Burgemeiſterei auf die Straße und holete daſelbſt einen ſo tiefen Seufzer, als zöge ich ihn aus dem Brunnen der Veſte Kö nigſtein. Da ſtund ich nun, unwiſſend, womit ich meinen Hunger ſtillen und wohin ich mein müdes Haupt legen ſollte. Und indem ich ſo in Gedanken auf den Boden ſtarre, gewahre ich wieder einige Mäuslein, die des Weges zogen. Die Sache däuchte mir ſeltſam, zumal ich bald darauf eine neue Schaar, wie unſchwer zu be⸗ merken, eine ganze Familie, und dann wieder eine andere in derſelben Richtung wandern ſahe. Da es mit dieſen Häuflein, ſo einander ſchier auf dem Fuße folgten, kein Ende neh men wollte, ſo gelüſtete es mich zu erfahren, wohin doch in aller Welt dieſe Mäuſewan verung gerichtet wäre. Folgete ihnen alſo im lieben Mondenſcheine unter allerlei Gedanken, ———QO—·:õ—ᷓ wie das ſo der Fall iſt, wann man nicht weiß, was man denken ſoll. Solchergeſtalt kam ich mit den Mäuſen zur Stadt hinaus und nachdem wir noch eine gute Strecke außerhalb derſelben gewallet, ver ſchwand Zug für Zug in einer Anhöhe, ſo ſtel lenweis wie ein Sieb durchlöchert ſein mußte. Da mir nun begreiflichermaßen nicht weiter zu folgen möglich war, und ich ſonſt keine andere Herberge zu finden verhoffte, ſo legte ich mich müd und traurig auf den Boden. Das will ich meinem Todfeinde nicht gön nen, wie mir zur ſelben Stunde um Herz, um Kopf und Magen war. Denn betrachte: wie ſehr auch der ingrimmige Hunger in mirzeterte, ſo quälete und torquirete mich doch baß ein ander Gefühl, das mir bishero noch nicht vor gekommen. Ach was ſoll ich es läugnen?— es war hoffnungsloſe Liebe.— Das Burgemeiſtertöchterlein hatte mit ihren Blauäugelein mir es angethan, daß ich jetzo ſchier nicht anders ſeufzen mußte, denn der Wind in einem Bergſtollen. Und da ich ſie mir immer fürſtellte, wie ſie mit ihren Perlenzäh⸗ nen ſo appetitlich in's Würſtlein biß, ſo wuchs mit meiner Liebe auch der Hunger, und mit dem Hunger die Liebe. Daneben gedachte ich auch meines getreuen Hündleins und ich hätte gern über ſeine traurige Lage und ungewiſſe Zukunft geweint, wenn mir nicht alles Waſſer im Munde zuſammengelaufen wäre, ſo daß auch nicht ein Tröpflein mehr für eine Zähre übrig blieb. Und war die Urſache davon gar ſeltſam; ſo oft ich nämlich mit der Naſe nahe an ein Mausloch kam, ſo witterte ich einen köſt⸗ lichen Dunſt wie von geräuchertem Fleiſche. Schmerzlich ſummte ich eben das alte Sprüchlein vor mich hin: Lieben und nicht haben Iſt härter, als Steinegraben— als mit einemmale mein treuer Waldmann und ter einem ſchrecklichen Freudengebell auf mich zugerannt kam und ſich ganz närriſch bei unſerm Wiederſehn geberdete. Mir ſelber lachte das Herz im Leibe vor heller Freude, den guten Freund und Kameraden wieder zu haben und als ich gar an ſeinem Halsbande ein Zettelchen wahrnahm, auf dem von weiblicher Hand eine flehentliche Entſchuldigung, ein inniger Dank, item ein herzliches Lebewohl verzeichnet ſtund, da war ſchier alle Noth vergeſſen. Während ich ſo im Mondſchein an den wenigen Zeilen buch ſtabirete, hatte ich es kaum acht, daß mein Hündlein allſo lüſtern ſchnuffelte, wie weiland vor Häuſern, die einen Fleiſchtopf auf dem Herde hatten. Erſt, nachdem ich das Brieflein zum zwotenmale durchleſen, lugte ich wieder ge⸗ nauer nach ihm, aber o Wunder, wo war er! Nur noch die Hinterpfoten und die Spitze ſeines Schweifes rageten aus der Erde hervor, in die er ſich vergraben, und ehe ich:„Waldmann!“ rufen konnte, war er gänzlich verſchwunden, denn der Boden mochte von wegen der vielen Maushöhlen leichtlich zu durchbohren ſein. 301 Ich lauerte nun eine gute Weile am Aus gange der Höhlung und von neuem dünkete es meiner Naſe, die Düfte einer wohlgefüllten Rauchkammer zu athmen. Es war mir wohl zuweilen in meinem Bergmannsleben vorge kommen, daß wir auf Knochen von allerhand Thieren, nie aber, daß wir auf einen unverzehr ten Braten ſtießen; derowegen kann ſich män niglich mein faſt übergroßes Verwundern für ſtellen, als mein Hündlein wieder aus der Un terwelt herfürkroch und in ſeiner Schnauze ein tugendſam Stück Rauchfleiſches trug. Ach, es war meinem Magen ſchier ſo angenehm, wie vordem das Brieflein meinem Herzen. Ließ auch davon,— verſtehe vom Rauchfleiſch,— meinem Waldmann ſeinen redlichen Theil zukommen und ſchmauſeten wir allſo zuſammen gar könig lich, unwiſſend jedoch, ob ein Rind, ein Schweinchen oder ein Lämmlein den Biſſen geliefert, denn er ſchmeckete ſo unbeſtimmt als lieblich. Als ich die Begierde nach Speiſe wo nicht ſattſam, ſo doch hinlänglich geſtillet, fing ich an mit ruhigerem Gemüthe darüber zu ſinnen, ob wohl des Rauchfleiſches noch mehr im Schooße der Erde ſich finden ließe; zog dahero ein Eiſen aus meinem Wanderzeug, ſteckete es an meinen Stab und kroch nun in eigener Perſon in die Höhle, ſo Waldmann gegraben. Und richtig, der Spieß wollte nicht reichen, als ich ihn durch die mürbe Lagerſchicht trieb, die ich nach Ge⸗ fühl und Geruch für allerhand Schinken er kannte. Wunder, war das ein ſeltſam Bergwerk! Ich konnte es mir nicht anders deuten, als daß einmal zur Zeit des Krieges allhier große Vor räthe müßten verſcharret und vergeſſen worden ſein, machte mir aber übrigens wenig Kopfzer brechen, was nie meine Art war, ſobald es was zu beißen ſetzte. Mit dem Stücke Fleiſch, das ich aus dem Berge brachte, hatte ich gar hohe Abſicht,— ich wollte es dem Burgemeiſtertöchterlein zum Frühſtücke offeriren. Zog demnach mit dem erſten güldenen Sonnenſtrahl wiederum in das Weichbild der guten Stadt Knapphauſen, doch wohlerwogen ohne mein Hündlein, ſo hier bei dem unermeßlichen Fleiſchtopfe baß in Sicher heit und Wohlſein ſich befund. Und jetzo, geneigter Leſer, wär es für meine Feder ein übermenſchlich Stück Arbeit, wenn ich Dir ein genaues Konterfey des allertrüb ſeligſten Zuſtandes liefern wollte, in welchem ich an dieſem Morgen die armen, vielmögenden Bürger des Städtleins antraf. Denn betrachte: ſie waren allbereits in ihrer weiland wohlan ſehnlichen Leibeskomplexion dermaßen einge ſchwunden, daß ſie, wenn etzliche in einer Reihe ſchritten, einen Schatten warfen, wie ein Gar tenzaun von ſchmalen Latten. Und höre nun, wie der wilde Hunger zu jedweder Ungebühr reizet. Aufgewiegelt von dem revoltirenden Ma gen rottirete ſich das Volk zuſammen und zog unter läſterlichem Lärm und Tumult vor des 30²2 Burgemeiſters ſtattliche Behauſung. Hierſelbſt hob es allſo erbärmiglich zu klagen und ſo mörderlich zu dräuen an, daß der Burgemei⸗ ſter, bleich wie ein Pergament und zitternd wie ein Federlein am Fenſter ſich zeigete. Ach, es hatte ein bös und trügeriſch Gerücht ſeinen Umlauf durch die Stadt genommen, lautend: Der Burgemeiſter erlabe ſich weidlich an Wür⸗ ſten, ſo ihm nächtlicher Weil in's Haus ge⸗ bracht würden. Derowegen zeterte jetzt die Menge und ſchrie über Verrath. Schon beſor⸗ gete ich, es werde der Aufruhr, den ſonder Zweifel mein unglückſelig Würſtlein entzündet, anjetzo als lichterlohe Brunſt emporſchlagen; aber da winkete der Burgemeiſter mit ſeiner Hand durch das geöffnete Fenſter, um Stille zu heiſchen; und ſiehe, ſie verſtummeten Alle, um ſeinen Worten zu horchen. Ich habe viel Rühmens und Preiſens von den lakoniſchen Reden alter Feldherren vernom⸗ men, aber die Rede, ſo itzt der Burgemeiſter hielt, übertrifft meines Erachtens an Bündig⸗ keit und Kraft der Ueberzeugung alles, was in ſolcher Art bisher dageweſen und inskünf⸗ tige ſein wird. Denn erachte, aufmerkſamer Leſer, der Burgemeiſter öffnete nicht einmal ſeinen Mund, ſondern man vernahm nur, als allgemeine Stille entſtund, das laute Knur⸗ ren ſeines Magens, was männiglich allſo⸗ gleich überführete, wie grundfalſch das Gerücht geweſen. Da erfaßte mich ein tiefes Mitleid und die Stille benützend, erhob ich meine Stimme, um die baldige Rettung aus Hunger und Drangſal zu verkünden. Man wollte mir ſchier nicht glauben, aber das Stück Rauchfleiſch, das ich als Morgen⸗ imbiß dem Burgemeiſtertöchterlein mitgenoni⸗ men, ſprach gar kräftiglich für meine Behaup⸗ tung. Und als dann die geſammte Bürger⸗ ſchaft, von mir angeführet, mit Schaufeln und Hacken hinaus zur Berglehne zog, da währete es nicht lange, bis das wunderbarſte aller Bergwerke eröffnet war. Und nun vermag kein Menſch würdiglich den Jubel zu beſchreiben, ſo losbrach, als das erſte mächtige Hinter⸗ viertel eines gewaltigen Gethiers zu Tage ge⸗ fördert wurde. Da fielen ſich Alle in die Arme und weineten und lacheten vor ſchier übergroßer Luſt und Freude. Und that es der Wonne nicht ſonderlich Eintrag, daß die Mäuslein, ſo die erſten Entdecker geweſen, bereits ein wenig daran genaget, denn es gab des ungeſchädigten Vorrathes noch eine unberechenbare Menge. Und denke, woraus dieſer Vorrath beſtund! Das war lauter fremdes Gethier, ſchier größer denn Elephanten und Nashörner, und alle waren mit Haut und Haaren geräuchert. So wunderſeltſam und faſt unbegreiflich uns auch dieß Alles dünkete, ſo wußten doch die Gelehrten, die auch der Hunger mit her⸗ ausgetrieben, allſogleich den Schlüſſel zu fin⸗ den.„Das ſeien vorſündfluthliche Thiere,“ ſageten ſie,„und ihre Namen(verſtehe die der Thiere) wären: Mastodon maximus, Bos primogenius, Megatherium, Cervus eury- cerus etc. Mit einer Erdſchicht überſchüttet, ſeien ſie zweifelsohne durch den Rauch und Dampf irgend einer vulkaniſchen Seiteneſſe— und Vulkane habe es hierorts gegeben,— durch undenkliche Zeiten vor Fäulniß geſchützt worden, wie ſich denn auch geräuchert Fleiſch in feſtverſchloſſenen Büchſen durch eine Ewig⸗ keit erhalte.“ Sei dem, wie ihm ſei,— die Nahrung mundete Allen gar fürtrefflich, zumeiſt aber dem Burgemeiſter, der aber die Freude nicht lange überlebte, dieweil er bald in Folge einer Indigeſtion das Zeitliche ſegnete. Die dankbaren Knapphauſener ſetzten mich an ſeine Stelle, und da ich das holdſelige Töchterlein des Verblichenen als meine treue Ehegeſponſin heimführete, verherrlichten ſie meinen Hochzeitszug durch eine Wurſt von hundert Klaftern Länge, die mit urweltlichemn Fleiſche gefüllt und mit Schleifen und Kränzen ſchön gezieret war. Als es mit dem Fleiſchbergwerke zu Ende ging, war allbereits auch die Hungersnoth vorüber. Die Knochen, ſo uns übrig geblieben, verſandten wir an allerhand Muſeen und Ka⸗ binete, allwo ſie ein ungläubiger Leſer als Zeichen, daß ich unr pure Wahrheit geſprochen, betrachten möge. Aus dem Pinzgau. Skizzen aus dem dortigen Lolksleben. Von F. Brentovansky. 1. Das Reifbrennen. „Die Pinzgauer“ ſind ſtadt⸗ und landkun⸗ dig; ſchon als Studiosi in nequam haben wir uns mit Anekdoten über die Pinzgauer unter⸗ halten und die fröhlichen Handwerksburſchen ſtimmen ſtereotyp, wenn die Fechtſchule gut und ergiebig abgelaufen, das wohlbekannte: „Die Pinzgauer wollen wallfahrten gehn!“ mit biergeſtärkter Stimme an, um ſich den ſtaubi⸗ gen und ermüdenden Marſch zu neuen, hoff⸗ nungsreichen Fechtübungen kurzweiliger und an⸗ genehmer zu machen. So wollen denn auch wir, lieber Leſer! wenn es gefällig iſt, eine Wallfahrt zu den viel⸗ verſchrieenen, guten und doch noch zu wenig ge⸗ kannten Pinzgauern thun! Der Pinzgau iſt ein ſchönes, ein wunder⸗ ſchönes Alpenländchen,— daß derſelbe in den Ober-, Mittel⸗ und Unterpinzgau eingetheilt wird, daß man im Allgemeinen dahin auch den Pongau und Lungau zählt, dann, unter wel⸗ chem Länge⸗ und Breitegrad dieſer Edelſtein des Herzogthumes Salzburg fällt— das kann man in jeder Geographie finden, wie anderer⸗ ſeits über die romantiſchen Schönheiten, die geognoſtiſchen, archäologiſchen, botaniſchen, bal⸗ neologiſchen und ökonomiſchen Merkwürdigkei⸗ ten dieſes kleinen, nur aus waldigem Gebirge und fruchtbaren Thälern beſtehenden Erdwin⸗ kels die tauſend und aber tauſend Touriſten beſſere Auskunft geben können, als ich, der ich mich blos mit dem Menſchen dort und ſeinen ſeit Urzeiten beibehaltenen Volksbräuchen befaſ⸗ ſen will. Der Pinzgauer iſt ein kräftiger, geſunder, heiterer und biderber Menſch von altem deut⸗ ſchem Schrot und Korn, dem Nichts über ſeine von den Vorſahren ererbten Gewohnheiten, Gottesfurcht, Anhänglichkeit an ſeine Religion, Achtung vor ſeinem Seelenhirten, dem Nichts über patriarchaliſche Sitte, ſein Familienleben und ſeine grünen und zugleich eiskandirten Berge geht. Schlauheit findet man wohl auch bei ihm, aber iſt dieß nicht die angeborne Waffe, welche Mutter Natur ſelbſt ihren geliebten, von der Civiliſation noch nicht berührten, viel weniger zernagten Kindern gegeben hat, wie uns die ſo⸗ genannten Naturvölker zur Genüge es bewei⸗ ſen? Auch über Gewinnſucht hört man den Ausländer hie und da klagen; ſollte dieſe jedoch nicht von den Klägern ſelbſt hervorgerufen wor⸗ den ſein, da ſie dieſes einfache Bergvolk mit ihrem Gold und Silber im wahren Sinne des Wortes überſchütten? Wie oft fand ich dort in ganz unſcheinba⸗ ren Bergſchänken, wo man hier zu Lande kaum ein trinkbares Glas Bier, Käſe oder höchſtens eine Eierſpeiſe anſprechen würde, engliſche Gentlemen bei einem ganz komfortablen Früh⸗ ſtücke, bei Rum, Thee, Roſtbeef, Forellen, Butterſchnitten und hartgeſottenen Eiern ſich für das beabſichtete Bergſteigen ſtärken! Wo die feinern Genüſſe des großſtädtiſchen, raffi⸗ nirten Lebens Platz greifen, dort erſcheinen ge⸗ wiß auch als nothwendige Folge Gewinnſucht und herzloſe Spekulation! Die Tracht des Pinzgauers iſt ein ganz paſſendes Gemiſch der maleriſchen Tiroler⸗ und der baieriſchen Hochländerkleidung. Dieß läßt ſich auch von der Sprache ſagen, je nachdem dieſe oder jene Grenze näher liegt. Die Pinzgauerinen ſind, wie alle Frauen der Welt, mit ihren Fehlern und Vorzügen ausgeſtattet, doch überwiegen die Vorzüge bei weitem ihre Schwachheiten, wie dieß bei dem ſchönen Geſchlechte überhaupt und überall ſtatt⸗ findet. Die Tracht iſt, wie die bei den Mannsbil⸗ dern erwähnte, national; nur zieren ſtets friſche Blumen den nie, außer vor dem Schlafengehen, abgelegten, ſchelmiſch auf das Ohr gedrückten Tirolerhut mit den Goldquaſten; ein Blumen⸗ ſtrauß ſchmückt die Bruſt und aus dem Mie⸗ der, das mit einer ſilbernen Kette zuſammen⸗ geſchnürt iſt, guckt neugierig— der Eßlöffel hervor, was wohl etwas materialiſtiſch auf den guten, allbereiten Appetit der drallen Pinz⸗ ——4—4———yü4— gauerinen deuten möchte, wenn uns nicht zu⸗ gleich der ſilberne Pfeil, relcher die meiſt blon⸗ den dicken Haarflechten in anmuthiger Achter⸗ windung am Hinterhaupte zuſammenhält, an den drohenden und oft ſo ſhmerzlich verwun⸗ denden Amorspfeil des klaſiſchen Hellenenbo⸗ dens erinnern, und ſo die Proſa mit der Poe⸗ ſie auf das lieblichſte verſchmalzen würde. Und wirklich iſt es ein Enuß, wenn man früh Morgens ſo einem alen, weißköpfigen Weiblein, das eben vom Kirhengange kömmt, begegnet. Der Hut ſitzt ſo keck, wie bei der Jun⸗ gen; die friſchen Blumen fehln nie; ja, auch hinter dem Ohre ſteckt da(wie zei uns manch⸗ mal die Schreibfeder) eine Räe, eine Nelke oder ein zartes Nebelblümchen. Wenn man dann auf den freundlichen Morgengruß und ziemlich männliden Hände⸗ druck, der ohne Beleidigung nicht ausgeſchlagen werden darf, irgend eine muntere Wemerkung ſich erlaubt, erfolgt gewiß ein:„Pfit eng Gott, ſchlimmer Harr!“ und die Alte humpelt noch lange freundlich kichernd auf ihrem Stoke des Steinweges fort. Doch brechen wir ab, denn dieß würde, wenn auch ein ſehr intereſſantes und pikantes, doch überaus langes Kapitel geben, da über die Frauenwelt nie genug geſchrieben werden, und ſelbſt die beſte Feder und der durchdringendſte Verſtand dieſen Gegenſtand am Ende nicht be⸗ wältigen und erſchöpfen kann. würzigen Nachtluft verklungen, da ertönte neues Glockengeläute vom Kirchthurme, nicht lange darauf ein anderes vom Thurme des nächſten Ortes, des dritten, vierten, kurz in kaum einer halben Viertelſtunde erſchallten alle Glocken der im Bereiche des Auges und Ohres liegenden Thäler. Feuer! war mein er⸗ ſter Gedanke und entſetzt warf ich mich vom Fenſterbrett zurück, denn wirklich erſchien unter mir plötzlich eine Flamme, weiter davon wieder eine, dann noch eine und ſo fort, bis in allen ſichtbaren Thälern, ſo weit nur das Auge zu dringen vermochte, immer neue, immer friſch aufflackernde, dann matt glimmende und lang⸗ ſam verlöſchende Feuerhaufen ſichtbar wurden, vergleichbar den blinkenden Johanneswürm⸗ chen, die in dunkler und warmer Sommernacht die ſchattigen Baumlauben durchſchwirren, wie der poetiſche Gedanke die Alltagswelt, der Blitzſtrahl die ſchwarzgraue Gewitterwolke durchleuchtet. Die Glocken tönten fort, bis end⸗ lich ein undurchdringlicher Rauch die ganze Thalgegend verhüllte und ſo dieſem erhabenen und ungewöhnlichen Schauſpiele ein Ende machte. Nur hie und da noch zuckte aus dem unermeßlichen Rauchmeere ein Flammenſtrahl empor, der jedoch gleich wieder verſchwand, und den ängſtlichen Zuſchauer zu äffen ſchien. Erſchreckt, beſorgt und meiner Pflicht ein⸗ gedenk, rief ich ſchnell meinen Leuten, um ſo bald als thunlich den Hilfebedürftigen beizu⸗ Unter den vielen, nur dieſem Ländchen mehr oder weniger eigenen Gebräuchen, die ſich vom Vater auf den Sohn ſeit urdenklichen Zei⸗ ten mit⸗der gleichen Pietät fortpflanzen, wollen wir vor der Hand nur drei derſelben, das ſo⸗ genannte Reifbrennen, die Leichenbretter und Votivtafeln— dann den Reisbuſchen be⸗ ſprechen. Mein Stand und die Verhältniſſe hatten mir Saalfelden, den Hauptort im Mitterpinz⸗ gau für einige Zeit zum Wohnſitz angewieſen. Doch nicht in der Stadt ſelbſt war meine Woh⸗ nung, ſondern in der einen Büchſenſchuß höher am Berge gelegenen ſogenannten Ritzenburg, einem alterthümlichen, von einem ehemaligen Ritterſitze herſtammenden Gebäude, das nun ls Oekonomiegebäude betrachtet, einem nicht unvermögenden Landmanne gehört, welcher darnach nur unter dem Namen der Ritzenbauer zu erfragen iſt. Aus den Fenſtern dieſes hoch über Saalfelden gelegenen, ziemlich luftigen Hauſes genoß ich eine der ſchönſten Ausſichten der Welt. Es war in einer Nacht des Monats Mai, als ich nach meiner Gewohnheit in dem Fenſter lag und auf die gegenüber, auf einer wunder⸗ hübſchen grünen Alpenwand wie angellebt er⸗ ſcheinende Burgruine Lichtenberg blickte, die, vom hellen Mondſcheine beſtrahlt, mich mitten unter die ſchon lange vermoderten, einſt lebens⸗ muthigen, mannhaften und ritterlichen Beſitzer verzauberte. 4 Eilf Uhr ſchlug's unter mir in dem Städt⸗ chen, doch kaum war der letzte Schlag in der ſpringen und dieſelben zur Eile aufmunternd, ſtaunte ich nicht wenig, als mir ganz ruhig ge⸗ antwortet wurde:„Ah! Herr, dieß iſt kein Stürmen, kein Feuerlärm, dieß iſt ganz einfach das hier gewöhnliche Reifbrennen. Das Läuten der Glocken iſt das Zeichen für die Burſchen und Dirndln, welche nur darauf warten, die ſchon bei Tage vorbereiteten halbtrockenen Rei⸗ ſighaufen die Thäler entlang in Brand zu ſetzen und ſo den böſen im Anzug begriffenen Reif unſchädlich zu machen.“ Wieder war ich um etwas geſcheiter, oder beſſer, um eine Anſchauung reicher, obwohl ich den eigentlichen Zuſammenhang noch nicht recht begriff, und mir das ganze nächtliche Vorgehen, ſo wie das Wort„Reifbrennen“, den Schlaf noch lange verſcheuchte, ſo daß ich noch eine ge⸗ raume Zeit in den Nebel, den Rauch und in die nunmehr ziemlich unliebſam duftende Nacht hinausblickte. Den Morgen kaum erwartend, war das erſte, meine ſchon länger im Pinzgau eingeheimelten Bekannten und freundlichen Landsleute in dem Poſthauſe des Herrn A., wo wir täglich beim Frühſtücke zuſammen⸗ kamen, aufzuſuchen und ſie um die Erklärung dieſes nächtlichen Abenteuers und dieſer Stö⸗ rung des gewohnten Stilllebens zu erſuchen. Bereitwillig, aber doch lachend über meinen ausgeſtandenen Schreck, ſagten ſie mir nun Folgendes: „Da, wie bekannt, in den Bergländern der Witterungs⸗ und Temperaturwechſel ein ſehr ſchroffer iſt, Regen mit Sonnenſchein, uner⸗ trägliche Hitze mit der ſchneidenden Kälte ſo 303 plötzlich, ja unglaublich ſchnell wechſelt, ſo ſind die in den Thälern ausgebreiteten zarten Saat⸗ felder am meiſten dem Verderben durch den in der Nacht fallenden eiskalten Reif ausgeſetzt, und dieß um ſo mehr, als den Tag hindurch die warme, nur durch geringen Zug bewegte Luft die ſchwachen Saatenkeime verweich⸗ licht hat. Um nun einem ſolchen froſtdurchſchauerten Feinde den Zugang zu den zarten Cereskindern zu verwehren, werden angefeuchtete Reiſighau⸗ fen in gewiſſer Entfernung von einander zwi⸗ ſchen den Feldern aufgeſtellt, welche angezündet mehr glimmen als brennen, und alſo einen ſehr ſtarken, dicken Rauch hervorbringen, welcher ſeiner Schwere wegen ſich zu Boden ſenkt, die⸗ ſen, wie ein warmer Mantel, das Thal ent⸗ lang bedeckt, und auf ſolche Weiſe das Eindrin⸗ gen des rauhen eiſigen Reifes verhindert und deſſen Schädlichkeit paraliſirt.“ Dieß alſo iſt der Schlüſſel des Räthſels, das mir ſo viel Unruhe und Nachdenken verur⸗ ſacht und die Nachtruhe geſtört hatte. Ob es auch richtig, erfolgreich, der Wiſſen⸗ ſchaft entſprechend oder was immer ſei, dieß zu entſcheiden wäre Sache der Herren Oekonomen und Landwirthe. Ich erzähle nur das Erlebte; die Pinzgauer aber ſind ſteif und feſt von den ſegensreichen Folgen dieſes Vorgehens über⸗ zeugt, um ſo mehr, als ſchon vom Vater und Vaters Vater der Reif im Pinskerlande ge⸗ brannt worden iſt. Und jetzt ſage ich:„Pfit eng Gott, lieber Leſer!“ Für dießmal ende ich, indem ich recht ſehr bitte, Euch für die nächſte Reiſe in den Pinzgau in die gehörige Stimmung zu ver⸗ ſetzen, denn da werden ſchaurige Leichenbretter, Votivtafeln und Unglücksfälle vorkommen. II. Der Speisgang. Votivtafeln. Leichenbretter, Marterſäaulen und Weggatter. Wie wir bereits zu bemerken Gelegenheit hatten, ſo iſt fromme Einfalt, Gottesfurcht und feſtes Halten an den ihm von der zarteſten Kindheit auf eingeprägten, durch das lebende Beiſpiel befeſtigten Andachtsübungen und Re⸗ ligionsgebräuchen der hervorragendſte Charak⸗ terzug im Leben des echten Pinzgauers. Aus dem Geſagten ergibt ſich von ſelbſt das gegen⸗ ſeitige, vertrauensvolle, ja zärtliche Verhältniß wiſchen dem Seelenhirten und ſeinen Kirchkin⸗ dern. Dieſes freundſchaftliche Band mag auch icht wenig durch die örtlichen Verhältniſſe feſter geknüpft werden, da die Ausübung der geiſtlichen Obliegenheiten hierlands nicht nur mit den erſchöpfendſten Strapatzen, ſondern auch mit mannigfacher und oft gräßlicher Todesge⸗ fahr verbunden ſind. Iſt doch gemeinſchaftlich überſtandene Gefahr und Noth das feſteſte Bindungsmittel der Menſchen! 304 Wenn ſo zum Beiſpiel ein G'ſelenprieſter (Kaplan)— der Schulgehilfe wird Schulknecht genannt— den Speisgang(letzte Oelung) zu einem Sterbenden im Gebirge zu unternehmen hat, wird für's erſte ganz ſorgſam und zwar gleich auf etliche Tage der Büchſenſack mit haltbarem Proviant, Käſe, Brod, Rauchfleiſch, dann mit Wein, Enziangeiſt und ſonſtigen Stärkungs⸗ und Erwärmungsmitteln angefüllt, hierauf kommen dann noch einige jederzeit vor⸗ räthige Hausmittelchen zum vielleicht nöthig werdenden Gebrauche. Das ſo angefüllte Ränzchen mit dem Glöck⸗ chen und andern Kirchengeräthen kommt in die Obſorge des Küſters, der aber kein Knabe oder ein gebrechlicher Greis ſein darf. So nun für den unliebſamen Zufall gedeckt und beſtens ge⸗ gen die rauhe und ſchnell wechſelnde Witterung verwahrt, mit den langen, ſcharf beſchlagenen Bergſtöcken verſehen, beginnen beide, der Prie⸗ ſter das Hochwürdigſte an ſeiner Bruſt bergend, gewöhnlich noch von einem oder zwei des We⸗ ges ganz kundigen Führern begleitet, die mühe⸗ volle Wanderung. Nach mehrſtündigem Aufwärtsklimmen über die ſchmalſten und ſteilſten Pfade, über die als Stege dienenden überworfenen Bäume, an ſchwindelerregenden Abgründen vorüber, gelangt man erſchöpft und todesmüde an das Krankenlager des Hilferufenden. Selbſt der Erholung und Stärkung im hohen Grade be⸗ dürftig, muß nun der Diener des Herrn, ſein Ich vergeſſend, den zur letzten Pilgerfahrt ſich Anſchickenden tröſten, aufrichten und ſtärken, die dürſtende Seele des Scheidenden mit dem himmliſchen Labſale erquicken. Und wie oft wird nicht auch der mitgebrachte Vorrath den Geſunden, die dieſe kräftige, irdiſche Speiſe manchmal ebenſo dringend benöthigen, wie ihr kranker Mitbruder die himmliſche erſehnt hat, mit der edelſten Selbſtaufopferung und Bereit⸗ willigkeit überlaſſen! Dieß geht wohl Alles gut, wenn der Weg während der ſchönen Jahreszeit, die hier nicht viel über ein Vierteljahr andauert, und bei günſtiger Witterung zurückgelegt wird; aber anders iſt es zur Herbſt⸗ und Winterszeit, wenn Stürme raſen, welche die thurmhohen Tannen und Fichten wie Glas zerbrechen; wenn ſich die ſchwarzen und ſchwefligen Wolken bis über die Bergesmitte herabſenken und den Wanderer, ſo wie die kluge und in dieſer Angelegenheit ge— wiß ganz praktiſche Gemſe nöthigen, auf einer Stelle oft ſtundenlang zu hocken, bis ſich das dem Auge undurchdringliche Elementenunge⸗ thüm entladen hat oder gnädig ſeitwärts oder in die Höhe zurückzieht. Ganz anders iſt es dann, wenn klafterhoher Schnee die Pfade deckt und unkennbar macht, und ein von ſeiner Baſis verrücktes erbſengroßes Steinchen in einigen Minuten als rieſenhafte Schneelavine Men⸗ ſchen, Vieh und Hütten unerſättlich in ſich ver⸗ ſchlingend, mit Donnergebraus und Windes⸗ ſchnelle in die Tiefe ſtürzt; oder wenn— wie wand, den auf ihrem Rücken ſeit Jahrhunder⸗ ten geſtandenen Wald mit ſich nehmend, oft auch eine große Strecke der unter ihr vorbei⸗ laufenden gemauerten Straßen abreißend, in den tief unter ihr liegenden Thalgrund ſtürzt, den daſelbſt nicht weniger wild brauſenden Bergſtrom mit den Trümmern ihrer Wuth ſperrt, und ſo mit allen Schrecken noch die Ge⸗ fahr einer Ueberſchwemmung vereint. In ſolch' mannigfaltigen, ſchaurig hehren Momenten ſieht der Menſch erſt recht ein, wie verſchwindend klein ſeine Kraft ſolcher Gewalt gegenüber iſt. Ich fand auch unter den Prieſtern meiſt junge, kräftige, geſundheitſtrotzende Geſtalten; wie nicht minder fein-und durchgebildete Män⸗ ner, die nach glücklich überſtandenen Mühen gerne in einen harmloſen Scherz eingingen.— Für mich waren ſie ſtets die liebenswürdigſten, noch jetzt unvergeßlichen Geſellſchafter. Was Wunder alſo, wenn ſolchen Männern der einfache, unverdorbene Pinzgauer mit blin⸗ der Anhänglichkeit ergeben iſt; da er ſieht, wie ſie in den Stunden der Noth und Gefahr gerne bei ihm ausharren und ebenſo bereitwillig, wenn dieſe abgewendet in ſeine harmloſe Fröh⸗ lichkeit einſtimmen. Da hört wohl mancher Ueberländiſche auf⸗ merkſam und verwundert zu, wenn ihm der Führer, um den anſtrengenden Weg durch Ge⸗ ſpräch in etwas vergeſſen zu machen, ſo gern und ſo viel Schönes von ſeinen Prieſtern er⸗ zählt; wenn er mit Enthuſiasmus von ſeinem ehemaligen fürſtlichen Erzbiſchof berichtet, wie er noch in den Herzen aller guten Pinzgauer lebe und immer leben werde. Mit ſelbſtgefälli⸗ gem Stolz und glänzenden Augen ſetzt er dann hinzu:„Ja! das iſt aber auch ein Bergſteiger geweſen, den man weit und breit ſuchen muß, und dgp es mit dem gewandteſten Gamsſchützen aufnehmen kann. Ja,“ ſagt er,„der hat Spitzen und Hörner erſtiegen, wo vor ihm wohl Keiner oder doch nur Wenige waren,“ und dabei zeigt er vielleicht auf den Großvenediger, von dem aus man die Stadt Venedig ſehen ſoll, oder auf das, wie ein zuckerkandirtes Kryſtallprisma ausſehende Kitzhorn und andere hervorragende Gletſcher und Spitzen. Ich habe weiter oben die Benennung „Schulknecht“ gebraucht, was dort jedoch durch⸗ aus nicht auffällt oder gar unehrerbietig klin⸗ gen ſoll. Hierbei fällt mir gerade ein, daß ich in einem Städtchen des Pongaues eine eben ſo ſonderbare Titulatur profitirte. Ich ſaß näm⸗ lich in dem ganz großſtädtiſch hergerichteten Speiſezimmer des Poſthauſes am Fenſter, als ein junger, hübſcher, reſidenzmäßig gekleideter Mann mit Reitpeitſche und Sporn, dann mit einer durch goldene Schnur und Roſe gezierten Kappe vorüberging. Wo außer dem leicht kenn⸗ baren, fremden Reiſenden in der Regel Alles, Reich und Arm, Jung und Alt, ſich der her⸗ kömmlichen Landestracht bedient, fällt ſo ein eleganter Mann natürlich auf. Ich fragte alſo ich ſelber Augenzeuge war— eine ganze Berg⸗ dieſer hübſche junge ferr wäre, worauf ſie mir flug von gutmüthzer Ironie zur Antwort gab:„Ah! Das ſt unſern Herrn Expediter ſei Lehrbub!“ P der junge Herr Poſteleve dieſen Titel ſo ruſigen Geiſtes aufgenommen hätte, wie er mir ls Erklärung gegeben wurde, möchte ich ſeinem Auftreten nach doch ein klein wenig bezweifeln. Der wißbegicige Reiſende, der nicht allein die Schönheiten und Eigenthümlichkeiten eines Landes bewunden und kennen lernen will; ſon⸗ dern auch den Nenſchen, welcher dasſelbe be⸗ wohnt, ſtudiren ſoll; wird ſich gewiß nicht ohne Intereſſe mit zen ihm aufſtoßenden Denkzeichen des Volkes hſchäftigen; ob es nun kunſtvolle Baudenkmak, ſtolze Kathedralen, ſchmuckloſe Kreuze oder himmelanſtrebeude Pyramiden ſind— Ales wird ſeiner Beachtung würdig erſcheiner. Daum gibt es nun im Pinzgau hinlängliche Gelegetheit; denn beinahe jede halbe Viertel⸗ ſtunde ſtößt man hier auf ein Kreuz, oder eine ſogeminnte Marterſäule, oder eine auf einem Pfloke befeſtigte, bunt bemalte, mit Regendach verſehene breterne oder blecherne Tafel. Dieß ſind denn die im Volke ſehr beliebten und ge⸗ achteten Votivtafeln. Dex Gegenſtand derſelben iſt jedesmal die bildliche Darſtellung irgend eines an dem Orte der Aufſtellung oder unweit davon vorgefallenen Unglückes. So ſieht man die im Zimmer beſchäftigte Kellnerin, wer denn auf der einen Tafel einen großen eisbedeckten Teich, in deſſen Mitte aus einem Loche der Oberleib eines Mannes hervorſieht, der hilfe⸗ rufend die Arme nach dem Ufer ausſtreckt, wo man ſich zu ſeiner Hilfe anſchickt. Auf einem zweiten erblickt man einen bis in's Detail wahr⸗ heitgetreu gezeichneten, mit vier kräftigen Pinz⸗ gauer[Schecken und Tigerpferden beſpannten ſtattlichen Fuhrmannswagen, deſſen Räder ſo⸗ eben über den Hals des unglücklich herabge⸗ ſtürzten, vermuthlich ſchlaftrunkenen Eigenthü⸗ mers, dieſen guillotinirend, hinweggehen. Ein drittes läßt uns einen Wald ſehen, auf deſſen offener Fläche ein eben gefällter Baum im Herabſtürzen das Haupt des unvorſichtigen Holzarbeiters zerſchmettert hat. Ein Anderes zeigt uns ein Mädchen vom Kahne geſtürzt mit den Wellen ringend, oder den Tod eines Men⸗ ſchen durch Mörderhand, oder durch das Gebiß irgend eines reißenden Thieres in ſehr grellen, mitunter dem Auge widerlichen Situationen, nicht ohne große Verſchwendung der auf dem Bilde dahinſtrömenden Blutlache.. Selbſtmörder bekommen keine Votivtafeln — dieß wäre gegen den religiöſen Sinn des Volkes. Wie geſagt, habe ich öfters recht gerne die ziemlich gut angelegte und komponirte, aber immer grell ausgeführte Darſtellung, wo Roth, Grün und Weiß ſtets vorherrſchen, betrachtet. Der fromme Sinn der Aufſteller verlangt von jedem Vorübergehenden ein Vaterunſer und ein Ave Maria zum Heile der Seele des Verun⸗ glückten, der unvorbereitet und ohne ſein Ver⸗ ganz ruhig, doch nick ohne einen kleinen An⸗ ſchulden, ohne den geiſtlichen Beiſtand vor den Richterſtuhl des Höchſten treten mußte. Mitunter fehlt es wohl auch nicht an einer heitern Bemerkung über dergleichen Denktafeln, die jedoch nie dem gläubigen Herzen zu Scha⸗ den kommt, oder gar in muthwilligen Spott ausartet. So ſtand ich eines Tages, meine kleine Promenade unterbrechend, vor einer Mar⸗ terſäule, auf welcher das Fegefeuer vorgeſtellt war, aus deſſen Flammen mehrere Pinzgauer mit Hemde, Hoſenträger, Leibgurt und ſchwar⸗ zen Lederhoſen flehentlich und erbarmenswür⸗ dig die Augen und Hände gegen Himmel erho⸗ ben. Da trat ein Alter aus dem Städtchen zu mir heran, und nachdem er andächtig den Hut vor dem Bilde abgenommen, ſein pflichtſchul⸗ diges„Vaterunſer“ gebetet und mich ſodann begrüßt hatte, ſagte er pfiffig lächelnd:„Das Feuer da muß aber doch nicht gerade ſehr heiß ſein!“„Wie ſo?“ fragte ich geſpannt.„Nu!“ erwiederte er,„ich denk halt', die armen Seelen ſtehen ſchon ſeit langen Jahren in dieſen Flam⸗ men, aber ihre Hemter und Hoſen ſind halter noch immer net verbrennt!“ Außer dieſen Gedenktafeln, Statuen und Säulen werden dem Reiſenden gewiß auch die Bretter, die demſelben allerwegen, bald einzeln, hald in größerer Zahl aufſtoßen, ſonderbar vorkommen, und deſſen Nachfrage um deren Zweck und Urſprung veranlaſſen... Es ſind dieß ſchmale Bretter von meiſtens einer Klafter Länge, ſelten darüber hinaus, ent⸗ weder ganz neu, oder von dem Einfluß der Witterung bereits grau gefärbt, oder vermorſcht und nur noch bloße Rudera derſelben. Bei ge⸗ nauerer Beſichtigung erblickt man darauf drei kleine Kreuze nebeneinander und darunter einen einfachen Tauf⸗ und Zunamen eingeſchnitten, oder auch eingebrannt. Dieſe Bretter ſind an den gangbarſten Orten, am meiſten auf den Wegen längs der Zäune aufgeſtellt, oder auf der Frontſeite der unweit der Straßen aus Baumſtämmen zuſammengefügten Heuſtadeln und Scheuern in wagerechter Lage angenagelt, und ſelbſt vor den Wohnhäuſern am Ausgange der Städtchen fand ich ſolche prangen. Nicht minder ſieht man dieſe ominöſen Bretter auf feuchten Plätzen über Pfützen hingelegt, um ſo trockenen Fußes die kothigen Stellen paſſiren zu können. Wenn dann der Fremde neugierig frägt, was dieſer Brauch zu bedeuten hätte, oder was für ein Zeichen dieß ſein ſollte: ſo wird ihm bereitwilligſt erklärt, dieß ſeien jene Bret⸗ ter, auf denen die Verſtorbenen bis zu ihrer Einſargung lagen. Und da die Pietät gegen die Verblichenen nicht geſtatte, ſolche Bretter im Hausgebrauch zu verwenden,— wobei auch der Aberglaube ein Bischen nachhelfen mag— ſo werde der Name des Verſtorbenen darauf ver⸗ zeichnet und dieſes ſelbſt dem Auge des Vor⸗ übergehenden ausgeſtellt, damit man öfter an ihn erinnert und durch die drei Kreuze gemahnt werde, für ſeine Seele und fröhliche Urſtänd ein frommes Gebet zu verrichten. daß das Herzchen ſo mancher muthigen und kouragirten Dame bei uns ſchneller ſchlagen würde, wenn ſie gezwungen wäre, allein in der Dämmerungsſtunde, geſchweige denn bei Nacht, in einem dunklen geheimnißvoll rauſchenden Walde einen ſolchen unheimlichen, ja ſchaurigen Fußpfad von Leichenbretern zu beſchreiten, wo überdieß von Zeit zu Zeit die im Mondſtrahle geſpenſterhaft erſcheinenden, den Weg bezeich⸗ nenden Säulen, Kapellen und Votivtafeln dem furchtſamen Auge unerwartet auftauchen. Was mich ſelbſt anbelangt, ſo iſt mir über die neuen, zur Nachtzeit blendend von dem dunklen Hintergrunde abſtechenden, bei Wen⸗ dungen oft unerwartet hervortretenden Leichen⸗ bretter gar oft ein halblauter Fluch entſchlüpft, den beſonders mein Kutſcher, ein alter, gedien⸗ ter Soldat, redlich und vom Herzen, nur etwas wenn man junge, etwas furchtſame Racepferde führt und dieſe nicht feſt in den Zügeln hält; denn da kömmt der Fahrende oft in die Gefahr, mit dem Straßengraben Bekanntſchaft zu ma⸗ chen, oder gar noch eine unliebſamere Tiefe mit Roß und Wagen und ſeiner theuern Perſon ſelbſt kennen zu lernen. Ich habe denn auch es verſuchen wollen, die genannte Verwendung der Leichenbretter ab⸗ zuſchaffen oder wenigſtens entſprechend zu mo⸗ difiziren; aber es wurde mir von dießfalls kompetenten und routinirten Männern ver⸗ ſichert, daß ein derartiges Vorgehen nicht ſo leicht zu realiſiren ſein dürfte, da dieſer ſeit Urgedenken herſtammende Gebrauch mit dem innern Leben und Sein des Pinzgauers zu eng und zu innig verflochten wäre. Nicht minder unangenehm für den Fah⸗ renden ſind dortlands die ſogenannten Wege⸗ gatter, welche des Viehes halber, das die Nacht hinduxch gemeiniglich außen bleibt, alle Augen⸗ blicke den Weg ſperren. Da muß denn der Kutſcher jedesmal abſpringen und das Gatter angelweit aufreißen, wobei dem Reiſenden die angenehme Obliegenheit bleibt— wenn ſich der Kutſcher von den Pferden nicht entfernen darf— dieſes hinter dem durchpaſſirten Ge⸗ fährſcht(Gefährte) wieder gemüthlich bei Re⸗ gen und Koth zuzuſperren. Bei ſolcher Gele⸗ genheit ſang ich dann gewöhnlich, um mich in meiner guten Laune zu behaupten, das bekannte und beliebte„Alpenhorn,“ betonte aber darin etwas boshaft beſonders das: „And're Blumen, and're Düfte; And'rer Brauch; daß ich mich gifte!“ Doch da habe ich angefangen, ein klein wenig borſtig zu werden, was meine lieben Pinzgauer aber gar nicht verdienen; daher will ich lieber innehalten und meinem verehr⸗ ten Reiſegeſellſchafter im Geiſte, der von dem Bergſteigen, den überſtandenen Elementar⸗ ereigniſſen und ganz ſchauderigen Leichenge⸗ ſchichten ohnehin ganz erſchöpft ſein wird, Zeit zur Erholung und Stärkung zu gönnen, um lauter, wiederholte. Dieß iſt beſonders der Fall, z 305 genügend zu kräftigen und mit heiterer Laune zu verproviantiren, da dieſe hoffentlich luſtiger und kurzweiliger ausfallen dürfte, als die ſo eben von uns— Gott ſei⸗Dank!— zurück⸗ gelegte.(Schluß folgt.) Volksſagen und Mäürchen aus Graubünden. Mitgetheilt von Pl. Plattner. 3. Alpenſeeſagen.*) Der Biſcholer See auf dem Hein⸗ enberge. Eine blühende Weide mit einer ſtattlichen Alphütte war einſt da, wo jetzt der See liegt. Ein Armer kam zum Senn und bat ihn um ein Almoſen. Der ruchloſe Senn gab ihm mit Lab durchſäuerte Milch. Der Genuß dieſes Getränkes verurſachte dem Armen bald die heftigſten Schmerzen. Auf ſein Geſchrei kam ein ſchwarzer Pudel aus dem Boden her⸗ vor, der den Sennen ſo lange im Kreiſe herum⸗ drehte, bis unterirdiſches Waſſer überall her⸗ vorquoll und Weide und Hütte verſchlang. Liſcher See. In demſelben ſoll ein furchtbares Ungeheuer wohnen, das zuweilen brülle wie ein Ochs und immer ein Vorbote ſchlechten Wetters ſei; einſt ſoll es in einer ſtürmiſchen Nacht herausgetreten und in Ge⸗ ſtalt eines ungeheuren, mit zahlloſen ſtarr und ſchrecklich blicenden Augen verſehenen Kuh⸗ bauchs die Alpe hinabgerollt ſein bis zur Stelle, wo ein kleiner Bach beim Dörflein Purteim vorbeifloß, habe dann das Bächlein zum wei⸗ ten Tobel aufgeriſſen, dem jetzigen Purtei⸗ mer Tobel. Lange nachher noch hieß dasſelbe val della stermentusa notte.(Tobel der Schreckensnacht.) Eine ähnliche Sage tritt auch zu Filiſur auf. Der todte See im Domlesk. An der Stelle, wo dieſer See jetzt liegt, ſoll einſt ein Hügel ſich erhoben haben, auf welchem ein ſtattliches Ritterſchloß ſtand. Als der Ritter, ein übermüthiger Mann, einſt viele Gäſte zu ſich geladen hatte und ein Gelage hielt und Tanz und Spiel, da habe man während des Jubilirens und Tanzens mehrere Male nach⸗ einander ein lautes Aechzen und Stöhnen ver⸗ nommen, das aus der Tiefe zu kommen ſchien. Die Gäſte waren neugierig, was das ſei und woher es komme.„Macht Euch nichts daraus, es iſt blos das Lied meines Gefangenen, das in unſere Luſtbarkeit hereintönt.“ Das Stöhnen wurde immer lauter und heftiger. Die Gäſte drangen in den Ritter, er möchte ihnen den Mann zeigen, von dem es ausgehe. Sie tha⸗ Uebrigens bin ich auch davon überzeugt, Erinnerungen. 1858. ſich, wenn es beliebt, jür die dritte Wallfahrt *) S. d. Auguſtheft. 39 ve 306 ten dieß jedoch nicht aus Mitleid mit dem Un⸗ glücklichen, ſondern nur um ihn verhöhnen zu können. Der Ritter öffnete eine Fallthür zu zeigen. matt, ſaß auf einer halbfaulen Strohpritſche. und nahm ein Licht, um ihnen den ſeuffenden Mann Tode. Ein Greis, abgemergelt und todes⸗ Felszacken ſtürzten zuſammen, Das tolle Rittervolk begann mit dem viele Jahre lang Gefangenen ſeinen Hohn zu treiben. Das wendete dem Ungl lislihen das Herz in ſeinem Innerſten um. Er ſtieß einen ſchreckli⸗ chen Fluch über das Schloß, d Ritte r und E die Geſellſchaft aus. i Erde ſe enm zu be⸗ ben, Donnerſchläge e röhnten, der Regen er⸗ goß ſich in Shinſen. Bäche quollen überall aus er Er de berder. ein furchtbarer Sturm raſte. Schloß und Ritterſchaft und vi iele L Wirſengri ünde derſanken und waren für im me von den Wellen des düſtern„todten Sees“ ver⸗ ſchlungen d Urdenſee im hintern Schal⸗ gthale bei Eroſa figg Es war einmal ein reicher b abſü. btiger Senn auf einer ſchönen Alp, je ſee da wo jetzt der Ürdenſe liegt. All' ſein Sin⸗ d nen und Trachten ging darauf hinaus, wie er ſeine Beſitzungen vermehren könnte. Da kam einmal der Böſe zu ihm und verſprach ihn zum reichſten Manne des ganzen Thales zun hen wenn er thue, was er ſage. Der Hirte ve ſprach um dieſen Preis ihm zu Willen zu ſein ¹Arun ſchenkte ihm der Böſe eine rothe Kuh; dieſe ſolle er melken, ſo oft Leute bei ihm zuſprechen, die auf dem Kirchwege begriffe n ſeien. Zu jener Zeit war nämlich im ganzen Schalfiggthal noch keine Kirche; die Leute mußten weit über die Berge auf mühſamen Pfaden nach Obervaz hingehen. Der Kirchweg ging an der Hütte des Sennen vorüber. Starb im Winter Jemand, ſo wurde die Leiche in den Schnee verſcharrt und erſt im Frühlinge nach dem entlegenen Pfarrdorfe getragen. Eines Tages nun nahm ein ſteinaltes Müt⸗ terlein des Thales Stock und Ränzel und wollte über das Rothhorn nach Obervaz. Sie dachte, es ſei wohl an der Zeit, daß ſie mit dem lieben Herrgott die Rechnung des Lebens in Richtig⸗ keit bringe, ehe ſie von dem eine Heimſuchung er⸗ fahre, der ſich nicht gerne erbitten oder mit Wor⸗ ten abſpeiſen laſſe. D'rum machte es ſich auf den Weg, noch ehe es einſchäeitr und der lange und harte Winter beg ann. Müde und abgemattet vor Hunger und Durſt erreichte es die Hütte des reichen Sennen. Das Weib machte ihm einen Zuſpruch, um ihn um einen Schluck fri⸗ ſcher Milch zu bitten. Der Senne war anfangs barſch, und wollte dem Mütterlein die Thüre weiſen. Da es aber flehentlich in ihn drang, nahm er lächelnd einen Napf und trippelte da⸗ mit zur Hüttenthüre hinaus. Er ging und molk die rothe Kuh, Milch zurück und gab ſie der Alten. dann kehrte er mit der Arglos ſſchlugen di wie es war, trank das Mütterlein in gierigen Zügen, dankte dem und ergreift wieder den Wanderſtab. Sennen aufs freundlichſte Hohn⸗ mit? lächelnd ſchaute der Sem ihr nach. Kaum war K oſters die Zi egen. ſie einen Büchſenſchuß von der Hütte entfernt, ſank ſie von den heftigſten Schmerzen überwäl⸗ tigt zu Boden, und bald küdſte ſie mit dem T Sie wußte nunmehr, daß der Seun die Schuld davon trage Noch einmal erhob ſie ſich vom Waden raffte alle ihre Kraft 5 einen ſchaurigen Fluch über Senn und Alpe aus. Sofort überzog ſich der Himmel mit dunkeln Wolken, der Donner krachte, der Regen ergoß ſich in Strömen, die erde barſt und ſpie Feuer und Schwefel aus, Weide, Hütte ſanken in die Tiefe und über ihnen e Waſſer des wilden Urdenſees zu⸗ ſammen. Jed des ſühenfe Jahr r ſteigt t der nit ſeiner rothen Kuh einmal in Mi aus der Tiefe auf. Mi ſerſpiegel melkt er ſofort die 6 geſchehen, ſo geräth der in Auf⸗ es bildet ſich um den Sennen ein Stru⸗ der ihn ſammt der Kuh wieder für Jahre hinunterſchlingt. Darauf trete desmal ein heftiger Seeſturm ein und jenſeits er Berge beginne das Davoſer Landwaſſer mächtig anz zuſchwellen. Das d. die Sage vom Urdenſee, die ſchon manchem S enner ſe mi Gedanken gemacht hat. 2 Lpo iſt düſter und unheimlich, wie dien ſeen ſelbſt. Einen wilden Alpenſee 4 mehr wo er liegt wollte zuſ ammen und ſtieß ide, und Senm 1 n auf dem Kuh 5.95 Sage weiß nicht en Linf aemas⸗ S ſen; ſie hoben zu dieſem Behufe die Alphütten thür aus, benützten ſie als Floß auf dem See. Sie ließen eine Schnur ins Waſſer hinunter, da rief es ihnen plötzlich mit fürchterlicher Stimme aus der Tiefe zu:„Ergründ'ſt Du mich, verſchling' ich Dich.“ Die Sennen floher auf ihrer Hüttenthür erſchrocken wieder an's Land. , 4.* Bergwerksſage. In den Davoſer Bleigruben am Silberberg, erzählen alte Berg⸗ leute, wie ſie von kleinen Männchen geneckt worden ſeien, welche die Größe und Bewegl lich⸗ keit zehnjähriger Buben, aber ungeheuer lange graue Bärte und Haare gehabt hätten. Sie hätten in den Gruben oft unſichtbar mitten in den Felſen drinnen gearbeitet. Habe es einen Klang gegeben, als arbeiteten ſie in Stein, ſo ſei dies ein Zeichen guter Laune geweſen, die Bergleute hätten dann an der Stelle, wo die Männlein gearbeitet, eine reiche Ausbeute ge⸗ wonnen; hätte es aber getönt, als ob die Männ⸗ lein in Holz arbeiteten, ſägten, bohrten und dergleichen, ſo hätte man ſich vor ihnen in Acht nehmen müſſen, irgend ein toller Streich wäre dann immer geſchehen. Uebrigens hätten die Männlein die Bergarbeiter oft durch ſcharfes Pfeifen vor Gefahren gewarnt und ſich mehr wohlwollend als boshaft erwieſen. Venediger. Ein Geishirt, Fluri Namen, hütete im Lostobel oberhalb des Eines kamen Tages 8 ihn in der Bergwil dniß nicht länger 5 Hauſe hinaus. Venediger zu ihm. Sie gaben ihn eine zin⸗ nerne Kanne und befahlen ihm, ſie in die Erde inzu ugraben„ſo daß ſie ſich von ſelbſt mit dem bell en O Quell waſſer fülle, gaben ihm auch einen weißen hölzernen Schlägel, die Erde darauf zu klopfen, damit Niemand die Kanne entdecke. Hierauf ſollte er den Schlägel an die nächſte Tanne aufhängen und ihn nie aus den Augen verlieren. Alsdann werde ſich die Kanne mit Goldſand füllen, der ſich immer wieder erneuere und den er ihnen nach Venedig ſenden müſſe; ſie würden ihn dafür reichlich belohnen. Der Hirt that alles, wie ihm befohlen war. Kam er in Serneus aus der Kirche, ſo ſah er nach dem weißen Schlägel hoch droben beim Brünn⸗ lein, wo ihn von Serneus aus ſonſt kein menſchliches Auge ſehen konnte. Der Hirt ; wurde ein reicher Mann und baute ſich ein Haus in Serneus, welches noch dermalen das Gemür(Gemäuer) genannt wird. Als einſt an demſelben einige Mauerſtücke ausbrachen, kam ein dreieckiges Goldſtück zum Vorſchein, es war ſchwer, glänzend und mit wunderlichen Zeichen verziert. Man grub nach und fand ihrer mehrere; ſie waren des längſt verſtorbe⸗ nen Fluri's Lohn geweſen. Baretto⸗Balnra. Ein italiſcher Flücht⸗ ling, Nauntus Baretto, kam mit zwei Töch⸗ tern, Vereina und Selvr ettg, i in die jetzige Hd,m Alp hinter dem Kloſter und wohnte dort in einer Balma(Felſenhöhle). Nach einiger Zeit ſtarb er. Die Töchter konnten es ohne r aushalten. Sie ſtiegen auf eine Bergſpitze, jest Vereinahorn genannt und vermachten den ſieben von dort nur ſichtbaren Dörfern des Kloſters, Serneus, Saas, Conters, Küblis, Luzein, und Jenaz ihre Alpe, wo die Balma lag. Dann ſagten ſie dem Thale Lebewohl und verſchwanden auf immer auf den Gletſchern des Seloretta, der von ihnen ſeindn Namen erhielt, wie die Ver⸗ eina⸗Alp. e Balma ſoll ſchwer zu finden und immer rein, wie eusgeblae ſein.„Es läßt nichts darin,“ ſagt das Volk. Der ewige Jude. Ein unrühenes Weſen, halb Menſch, halb Geſpenſt, kam eines Tages, als es ſchrecklich re gnete und ſtürmte, nach Savien und wurde von Leuten des Thales gaſtfreundlich in ein Haus geladen. Die Frau des Hauſes ſtellte einen Sitz vor das Herdfeuer, damit er ſeine Kleider an demſelben trockne. Da ſie eben käſete, bot ſie ihm Molken an; ſie war aber ſiedendheiß. Der Ruheloſe warf ſie aus einer Gebſe in die andere, fieberhaft raſch und zit⸗ ternd, aber ſo kräftig, daß der Molkenſtrahl hoch auf bis an's Dach des Hauſes flog, von wo er wieder in die Gebſe zurückfiel, ohne daß dabei ein Tropfen verſchüttet wurde. Darauf trank er ſie und ſtürzte hernach wieder zum Den Leuten grauſte es, ſie ſchauten ihm nach und ſahen, wie er ſo ſchnell, als würde er von den heulenden Stürmen ge⸗ tragen, durch's Thal hineinjagte und drinnen lücht⸗ Toch⸗ jebige Lahorn ndort rneus, Gihre en ſie n dif a, der Ver⸗ finden Es Weſen, es, als zavien undlich ſtellte ſeine eben raber einer nd zit⸗ rftrahl g, von e daß DHarauf zum 8, fe ſchuel el ge⸗ ringen 3 die hohe Bergwand hinanklomm, bis ſie ihn aus den Augen verloren. Der Alp. Der Alp, von den Graubünd⸗ nern gewöhnlich„s Toggeli“ genannt, wird als ein häßliches Geſchöpf mit großem Kopf, häßlichem Menſchengeſicht, ohne Arme und Beine, geſchildert. Es ſetze ſich des Nachts dem Menſchen auf die Bruſt und verurſache die be— kannte Angſt und Beklommenheit. Auch Haus⸗ thiere, beſonders Hühner quäle es, und dies Al⸗ les nicht aus Bosheit, ſondern es falle aus ei⸗ ner Unbehilflichkeit ſo über einen her. Sagen von der Peſt. Zur Peſtzeit lebten im Dorfe Fanas zwei Brüder. Dieſe gruben ein Loch in die Wand ihrer Stube und ſperrten da ihr Antheil Peſt ein, ſchlugen dann einen hölzernen Nagel drüber und gingen ins Ausland, bis die Peſt vorüber und Alles wieder ruhig geworden war. Als ſie nach Langem heim⸗ gekommen waren, zogen ſie aus Muthwillen den Nagel aus der Wand; da kam die ein⸗ geſperrte Peſt heraus und tödtete ſie auf der Stelle. Ebenfalls zur Peſtzeit gingen zwei geſpen⸗ ſtiſche kleine Weſen beim Felſenbach hinein ins Prätigau. Das eine trug eine Schaufel, das andere einen Beſen. Als ſie zur ſchmalen Fel⸗ ſenpforte ins Thal hinein ſchauten, ſagte das eine:„Geh' Du rechts der Landquart und ſchauf le die Leute herab; ich gehe links der Landquart und wiſche die Leute herunter.“ Sie thaten es und damit begann die Peſt. Die Schenenner⸗Jungfrau bei Je⸗ naz. Es ſteht ein Häuschen auf der Fideriſer⸗ Au bei Jenaz. In demſelben wohnte vor Jahr⸗ hunderten ein reicher hartherziger Mann. Der wurde einſt, indeß er ſeine kleine Tochter in der Wiege ſchaukelte, von einem alten Bettler um ein Almoſen angeſprochen. Der harte Mann wies ihn mit rauhen Worten ab; da ſagte der Arme:„Willſt du mir nichts geben, ſo geb' ich's dir“ und waff eine Nuß in des Kindes Wiege; dann fuhr er fort:„Setze die neben den großen Stein du ſteinerner Narr; dann wächſt ein Baum ind aus dem Baum ein Zweig und aus dem Zneig eine Wiege und aus der Wiege ein Kind; das wird deine Tochter erlö⸗ ſen, die bis dahin deine Schätze hüten muß.“ Die Tochter des Rechen wuchs heran, bleich wie ein Schatten und mußte Jahrhunderte hindurch des Vaters Schätz hüten. Sie erſchien erſchrok⸗ kenen Reiſenden z geilen zur Nachtzeit, bleich, in weißem Kleid ind mit ſchwarzem aufgelöſtem Haar und flehte ſieum Erlöſung an, weil das Zweiglein auf dem Baum gar ſo langſam wuchs. Sie wurde im Lauf der Jahre bei ihren Er⸗ ſcheinungen immer ſtummer und ward endlich nicht mehr geſehen Die drei Shweſtern. Auf den Fide⸗ riſer Heubergen ſtad ein kleines Häuschen, in welchem drei Schzeſtern wohnten. Eine von 307 ihnen war ſchneeweiß, ſchön und gut, die an⸗ ſoll der Kirchenpatron St. Johann de Stuſa⸗ dere eine böſe, ſchwarze Hexe, die dritte halb via bei Sonnenaufgang über dem Kirchendach weiß und halb ſchwarz, halb gut und halb bös. emporſteigen, und zwar in ſilbernem Kleide. Wenn die Hexe den Leuten im Thal Unheil an⸗ Aber nur Kinder, in einer gewiſſen heiligen richten wollte und die Gute es durch Rath und Sonntagsſtunde geboren, ſehen ihn, alle Andern Warnung verhinderte und darüber die Hexe in halten ihn für eine bloße Nebelwolke. Dann Wuth gerieth, indeß die Gute weinte; dann trat beuge ſich der Heilige zum Tobel nieder, ſchöpfe die Mittlere vermittelnd zwiſchen ſie, ſo daß die aus dem Bache eine Handvoll Waſſer und be⸗ Hälfte des Unheils zugelaſſen und die andere freie diejenige arme Seele, die es am meiſte Hälfte abgewendet wurde. Einſt machten die verdiene. Hierauf löſe ſich ſeine Geſtalt in der Fideriſer Burſchen und Mädchen eine Bergpar⸗ Morgenſonne auf. tie und wurden in der Nähe des Häuschens der drei Schweſtern vom Regen überfallen. Die Burgſage. Oberhalb der Savier Thal⸗ Gute erbarmte ſich der jungen Geſellſchaft und kirche ſollen die Ruinen einer Burg, Namens lud die Durchnäßten in die Stube. Sie wollte Roſenburg geſtanden haben. Ein hier wohnen⸗ ihnen Küchlein backen, aber die Hexe ſtieß ſie der Burgherr hatte eine Tochker; die einen aus der Küche und buk der Geſellſchaft ſelber jungen Rinderhirten ihres Vaters liebte. Der Küchlein, die von außen ſchön goldgelb wurden, Jüngling wagte ſeine Liebe auf keine andere inwendig aber giftig waren. Das verdroß die Weiſe kundzugeben, als dadurch, daß er tag⸗ Gute und ſie weinte. Die Mittlere kam dazu, über auf dem weſtlichen Berge oberhalb des buk aus grobem Hausmehl grobe braune Küch⸗ Schloſſes auf ſeinem Alphorn Melodien blies, lein und ſagte zur Guten:„Wir ſtellen beide, von denen er wußte, ſie würden vom Fräulein die goldgelben und die braunen, den Gäſten vor. gehört werden; Abends, wenn er die Herde Die Eigennützigen werden die ſchönen giftigen heimtrieb, legte er einen Alpenroſenſtrauß auf den eſſen und ſterben; die Beſcheidenen hingegen die niedern Erker, wo er ſie tagüber ſeinem Al⸗ braunen und ihnen wird nichts geſchehen; ſo penhorne lauſchend hatte ſtehen ſehen. Oft wurde geht es halb und halb, wie immer.“ Die Hälfte das Fräulein von ihrem Vater auf ſeine andern der Geſellſchaft, die von den goldgelben aß, Schlöſſer im Lande geführt, aber ſie ſehnte ſich ſtarb; die beſſere Hälfte kehrte von der Guten aus den Kreiſen der Ritter und Edelfräulein, reich beſchenkt nach Hauſe. die ſie wegen ihrer Schönheit bewunderten, im⸗ mer wieder in das Thal des Hirten zurück und Sonntagsentheiligung. Ein ver⸗ nannte die Burg des Thales ihre Roſen⸗ moderndes Heutuch hing lange Zeit am Fur⸗ burg, ohne daß der Vater wußte, was die⸗ nerberge über einer Felswand, wo kaum ein ſer Name bedeute. Aber eines Abends, als Menſcheufuß hinkommien konnte. Es ſoll einem eben der Hirt den Strauß auf den Erker Furner, der im nahen Walde an einem Sonn⸗ legte, ſchaute der Burgherr durch eine Mauer⸗ tag Streu ſammelte, vom Winde entriſſen und öffnung des Thurmes ihm zu. Die Blicke der in der Felſenritze aufgehängt worden ſein zur jungen Leute verriethen ihm ihr Geheim⸗ Mahnung, daß er nicht mehr den Sonntag niß, Nachts darauf hörten die Dienſtleute Ket⸗ entweihe. tengeklirr, einen dröhnenden Fall in den Kel⸗ lerräumen der Burg und droben in den Zim⸗ Geſtrafte Spottſucht. Luzeiner„Kna⸗ mern das laute Weinen und Wehklagen des ben“(Jünglinge) und Mädchen machten eine Fräuleins. Denn nächſten Morgen trieb ein Schlittenfahrt. Da ſagte einer von den Knaben: anderer Hirte bergauf. Das Fräulein ritt tief „In Gottes Namen wollen wir fahren.“ Wegen verſchleiert mit dem ſtrengen Vater thalab. Bei dieſes frommen Wortes wurde er von der gan⸗ der Rüfi kam ihm ein Bär entgegen, welcher die zen Geſellſchaft, am meiſten aber von ſeiner Ge⸗ Pferde in den Abgrund jagte. Der Ritter ret⸗ liebten, einem leichtſinnigen Mädchen, verſpot⸗ tete ſich; das Fräulein war verſchwunden. Ei⸗ tet. An einem ſteilen Abhange verunglückten nige Jahre ſpäter ſtarb im Kloſter zu Razis ſämmtliche Schlittenfahrer; nur jener Jüng⸗ eine Nonne, die ſterbend bekannte, ſie ſei das ling rettete ſich. Er wollte auch ſeine Geliebte Fräulein von der Roſenburg geweſen; habe feſthalten; konnte ſie aber nur mehr bei den hier vor ihrem Vater eine Zuflucht geſucht, Zöpfen faſſen und an ſich ziehen; ihm blieb des von deſſen Grauſamkeit ſie in einer ſchreckli⸗ Mädchens Haar in der Hand, ſie ſelbſt aber chen Nacht Zeuge geweſen ſei. Der alte Rit⸗ ſtürzte mit dem Schlitten in die Tiefe. ter beſuchte die Burg nie wieder. Die Dienſt⸗ leute nannten ſie zum Andenken an das ſchöne St. Johann von Stuſavia. Die Fräulein fortwährend Roſenburg. Kirche am„Platz“ in Savien, zur Zeit ihrer Erbauung 1510 St. Johann de Stuſavia Am Rande eines großen Waldes ſtand eine genannt, liegt am Canunſertobel, welches der Bauernhütte, jenſeits des Waldes lag ein Geiſteraufenthalt der Savier ſein ſoll,(faſt je- Wirthshaus, in welchem oft Tanz und Spiel des Thal hat ſeine Schlucht, die es mit den war. Eine Mutter lag krank in der Bauern⸗ Geiſtern Verſtorbener bevölkerte), gus deſſen hütte. Ihre zwei hübſchen Töchter wären gerne Tiefen im Regen⸗ und Sturmnächken die ar⸗ in's Wirthshaus zum Tanze gegangen. Die men Seelen ihre Klagen emporſenden. Alsdann Mutter weinte und bat ſie, ſie möchten bei ihr 39* — 8 e d 308 bleiben, ſowohl um ſie in ihrer Krankheit zu pflegen, als um ſich ſelbſt vor ſittenloſer Geſell⸗ ſchaft zu bewahren. Die Eine ging trotz der Mutter Thränen zum Tanze. Die Andre blieb bei ihr zurück. Um Mitternacht ſagte die Mut⸗ ter zur Guten:„Stell' ein Licht auf's Dach, 's jung Madli ſtirbt ſonſt im Wald.“ Die Tochter that es und hielt Wache bei dem Licht, die Schweſter erwartend und für ſie betend, da drang ein Grunzen und Rauſchen und Stöh⸗ nen immer näher zu ihr heran. Endlich ſtürzte todtenbleich die Tänzerin Punkt zwölf Uhr, von einer rieſigen Sau und einer Schaar Ferkeln verfolgt, auf die Hütte zu. Die Schweſter trat ihr mit dem Licht entgegen und die geſpenſti⸗ ſchen Schweine flohen. Die Zurückgekehrte er⸗ zählte, wie ſie auf dem Wege vom Tanz von dieſen Thieren verfolgt worden ſei. Nur das Licht auf der Hütte habe ſie zu retten vermocht. -eG=SS— Der Vogel. Ffrei nach Michelet. Von Karl Czermak. Flügel! Flügel! um zu fliegen Ueber Berg und Thal. Flügel, um mein Herz zu wiegen Auf des Morgens Strahl. Flügel, über’s Meer zu ſchweben Mit dem Morgenroth, Flügel, Flügel über’'s Leben, Ueber Grab und Tod. Rückert. I. Das Ei und die erſte Erziehung. Die Alten behaupteten:„Alles kommt vom Ei; es iſt die Wiege der Welt.“ Alles hat denſelben Urſprung, aber nicht Alles dieſelbe Entwicklung. Dieſe hängt vorzugs⸗ weiſe von der Mutter ab. Sie handelt und baut vor, ſie liebt wenigſtens; ſie iſt zum we⸗ nigſten Mutter. Je mehr ſie es iſt, deſto höher iſt das Weſen; jeglicher Grad im Daſein hängt von dem Grade der Liebe ab. Was kann die Mutter in dem bewegten Reiche der Fiſche thun? Nichts als ihr Ei dem Ocean anvertrauen. Was kann ſie bei den Inſekten, wo ſie meiſtentheils mit dem Erſchei⸗ nen der Eier ſtirbt? Sie kann ihnen nur noch vor ihrem Verenden einen ſicheren Ort auf⸗ ſuchen, wo ſie dann aufbrechen und leben kön⸗ nen. Selbſt bei den höheren Thieren, wo doch eigentlich die Wärme des Blutes die Liebe ver⸗ doppeln ſollte, iſt ſie oft nicht die hingebendſte. Das Junge wird wohlgeformt, ſeiner Mutter ganz ähnlich geboren; die nährende Milch harrt ſchon ſeiner. Ganz anders iſt's beim Vogel. Dieſer müßte ſterben, wenn er nicht geliebt würde. Geliebt? Jede Mutter liebt, vom Ocean bis zu den Sternen. Aber hier bedenke man die Pflege, die unendliche Hingebung, die wohlthätige Wärme, den Magnetismus der Mutter, welche dem Ei des Vogels zu Theil werden. Aber ſelbſt in dieſem gutverwahrten Kalk⸗ bau fühlt das werdende Junge ſo bedeutend die Berührung der äußeren Luft, daß jeder erkältete Punkt des Eies ein Glied des zu⸗ künftigen Vogels koſtet. Daher die lange, ſor⸗ genvolle Arbeit vor der Brutzeit, jene frei⸗ willige Gefangenſchaft, die Unbeweglichkeit des lebhafteſten aller Weſen. Und das alles noch mit ſehr viel Schmerzen verbunden! Denn es iſt gewiß keine kleine Aufgabe, ununterbrochen einen Stein unter ſich zu haben, der ſich lange Zeit hindurch eng an den zarten Körper an⸗ ſchmiegend, das Herz und oft auch das nackte Fleiſch zu erdrücken droht. So kommt das Kleine zur Welt, aber es iſt noch ganz entblößt. Während der junge Vierfüßler ſchon am erſten Tage ſeines Da⸗ ſeins wohlgekleidet einhermarſchirt, liegt der junge Vogel— vorzugsweiſe bei den höheren Arten— auf dem Rücken, ohne Flaum und unbeweglich; da hat die Mutter, kaum der furchtbaren Brutarbeit ledig, vollauf zu thun, um in ihrem Kinde durch raſtloſes Reiben Wärme zu erregen und ihm dieſe zu erhalten. Das Füllen verſteht es bald, ſich ſelbſt zu ernähren, der kleine Vogel muß erſt warten, bis ihm die Mutter die Nahrung aufſucht, aus⸗ wählt und zubereitet. Aber das könnte ſie allein unmöglich beſtreiten: ihr Gatte ſteht ihr red⸗ lich zur Seite. Das iſt wahres Familienleben, Treue in der Liebe und der erſte Schein von Moral. Nun aber die Erziehung! Wie eingehend und gefährlich iſt der lang⸗ wierige Unterricht im Fliegen. Wie fein und ſinnig die Unterweiſung im Geſang bei den Sängern. Das vierfüßige Thier kann bald, was es können ſoll; es galopirt kaum geboren, und wenn es ſtürzte, ſagt an, iſt's dann gleich gefahrlos in das Gras zu fallen oder ſich in den weiten Aether zu ſchwingen?—— Nehmen wir ein Ei zur Hand. Dieſe ſchöne elliptiſche Formation übt auf uns den Eindruck der vollſtändigſten Harmonie, von der nichts hinwegzunehmen und nichts hinzuzufügen bleibt — in dieſer unſcheinbaren Hülle iſt ein tiefes Geheimniß des Lebens verborgen! Was iſt ſie eigentlich? Was ſoll daraus werden? Wer weiß es? Jene, die mit herabhängenden Flügeln zitternd dasſelbe umfaßt und es vermöge ihrer Wärme reifen macht. Sie, ſonſt Königin der Lüfte, jetzt eine freiwillige Gefangene. O, ſprecht nicht von blindem Inſtinkt! Man wird durch Thatſachen begründet finden, daß dieſer hellſehende Trieb ſich genau nach den Umſtänden richtet, oder wie dieſe begonnene Vernunft ihrer Natur nach ſich wenig von der des Menſchen unterſcheidet. Eine Vogelmutter würde eher den Tod erleiden, ehe ſie ihre Brut verlaſſen würde. So ſitzt ſie und hofft, ſieht freudig und unverdroſſen dem Erſcheinen der Kleinen entgegen. Da horch! Unter ihr fängt ſich's an zu regen, ja, die Glückliche kann ſogar ſchon das erſte Gepipe des jungen Sprößlings verneh⸗ men. Dieſer hat ſich ermannt; es iſt nicht mehr nöthig, daß er länger in ſeinem engen Gewahr⸗ ſam verbleibe. Er hat einen Schnabel und deſ⸗ ſen bedient er ſich. Mit dieſem klopft er zuerſt an, und bald iſt die Wand ſeines Gefängniſſes zerſprengt. Ferner hat er auch Füße, auch dieſe müſſen ihm behilflich ſein. Das iſt ſeine erſte Arbeit. Sein Lohn iſt die Befreiung: der Ein⸗ tritt in die Freiheit. Nun aber die Seligkeit, die Aufregung, die wunderbare Sorgſamkeit— all' die müt⸗ terlichen Freuden und Leiden mit Worten zu ſchildern, iſt unmöglich. Kaum ſind die ärgſten Zeiten der früheſten Kindheit überſtanden, ſo gehen die Eltern ernſt an das Erziehungswerk, das ſich nach den Be⸗ rufspflichten der betreffenden Art richtet. Bei den Fiſchern, z. B. dem Pinguin, iſt letzteres ſehr leicht; die Mutter, allerdings ſelbſt etwas ſchlecht zu Fuße, führt das Junge an das Meer; dieſe große Amme erwartet es und hält ihm ſchon die Nahrung bereit; es hat weiter nichts zu thun, als den Schnabel zu öffnen. Bei der Ente iſt es ſchon anders, komplicirter. Ich beobachtete einſt an einem Teich eine ſolche, die ihrer kleinen Schaar die erſte Lektion gab. Dieſe, eng aneinander gedrängt, verlangte gierig weiter nichts, als nur Leben. Die Mut⸗ ter, ihrem Geſchrei gehorchend, tauchte unter das Waſſer, und indem ſie einen Wurm oder einen kleinen Fiſch hervorholte, vertheilte ſie alles mit größter Genauigkeit, denn kein Ent⸗ chen durfte zweimal hintereinander einen Biſſen bekommen, ſondern es wurde ſtets die pünkt⸗ lichſte Reihenfolge eingehalten. Es war ein rührendes Bid. Die Mutter, deren Magen jedenfalls auch ſeine Rechte gel⸗ tend machte, behielt für ſich nichts übrig und es ſchien ſie dieſes Opfer glücklich zu machen. Sie beſchäftigte ſich augenſchenlich lebhaft mit dem Gedanken, ihrer Familie beizubringen, wie man es zu machen habe, um merſchrocken unter das Waſſer zu tauchen und Beite herauszubrin⸗ gen. Mit den zärtlichſten Ermunterungen brachte ſie es endlich ſo weit. Ich war ſo glück⸗ lich, ein Kleines nach dem adern, vielleicht nicht ohne Zittern, in den dunklen Abgrund verſchwinden zu ſehen. Die Erziehung war vollbracht.— Das iſt nun noch ein ſeh einfacher Unter⸗ richt, wenn man an die unſtändliche Unter⸗ weiſung in den Künſten delkt, an die Flug⸗ und Singlektionen, ſowie nick minder die Ar⸗ chitektur in Anbetracht zieht. Es gibt nichts komplicirteres, als die Erziehnig gewiſſer Sing⸗ vögel. Die Ausdauer des Biers und die Ge⸗ lehrigkeit der Jungen ſind aer Bewunderung würdig. Dieſer Unterricht erſtreckt ſich auch weit über die Familie hinaus. Nachtigallen, Finken, die noch jung oder wenig geübt ſind, hören mit Erfolg demjenigen Vogel zu, welchen man ihnen zum Lehrmeiſter gibt. In den Paläſten Ruß⸗ lands, wo man die noble Paſſion für den Nach⸗ tigallengeſang faſt in demſelben Maße, wie bei den Orientalen hegt, trifft man zuweilen ſolche Schulen. Da hängt der Herr Profeſſor in der Regel in der Mitte eines großen Saales, um ihn herum ſind in ihren betreffenden Käfigen die aufmerkſamen Schüler vertheilt. Dieſe zah⸗ len per Stunde eine beſtimmte Summe Gel— des. Bevor der Meiſter ſeinen Geſang beginnt, iſt die Schuljugend, wie bei uns, etwas unru⸗ hig, ſchwatzt, trillert und begrüßt ſich, macht Bekanntſchaften u. ſ. w. Sobald aber der ſtrenge Lehrer das Zeichen zum Beginn der Stunde gegeben, ſo ſchweigt alles ehrerbietig ſtill und ſingt mit Andacht nach. Erſterer kommt nun mit Gefälligkeit ſtets auf die wichtigſten Stellen des Geſanges zurück, verbeſſert und unterweiſt ſeine Eleven mit außerordentlicher Nachſicht. Dieſes ermuntert letztere ungemein und mit lau⸗ ter Freude ſchmettern ſie ihre Lektion her. Eine ſo feine Erziehung, ſo vielſeitig, ſo komplicirt, iſt ſie wohl die einer Maſchine, das Reſultat bloßen Inſtinktes? Man vergleiche nur einerſeits das Weib bei dem erſten Schritte ihres Kindes und an⸗ dererſeits die Schwalbe bei dem erſten Ausflug ihrer Jungen. Dieſer Unterricht iſt äußerſt intereſſant. Die Mutter flattert auf; das Kleine guckt ihr nach und erhebt ſich auch etwas, ſchon beginnt es ganz anſtändig herum zu fliegen; alles das geſchieht aber noch im Bereiche des ſicheren Neſtes; bald gilt's jedoch, dasſelbe zu verlaſſen. Die Alte ruft nun vernehmlich ihr Kind, er⸗ muntert es durch Vorzeigen eines Leckerbiſſens, mit dem ſie es belohnen will. Noch zögert es. Dieſes Zögern iſt aber wohl zu rechtfertigen. Man denke ſich nur an die Stelle des Jungen: es handelt ſich hier nicht nur, einen Schritt im Zimmer, zwiſchen Mutter und Amme zu machen, und im ärgſten Falle in die bereitliegenden weichen Kiſſen zu ſinken; hier, auf hoher Thurmſpitze vielleicht, muß die Mutter ſelbſt allen Muth für dieſen kritiſchen Augenblick beiſammen haben. Beide meſſen gewiß mehr als einmal die ungeheure Tiefe des Abgrunds, blicken mit Grauſen herab auf das gefahrdrohende Pflaſter. Hier müſſen beiderſeits Glaube und Muth helfen. Es iſt ein erhebender Augenblick dieſer erſte Ausflug!— Das Kleine hat allen Glauben an die Tüchtigkeit ſeiner Mutter, dieſe ihr ganzes Vertrauen in die Tauglichkeit der kleinen, noch ſo unerfahrenen Flügel geſetzt. Doch nun ſchwebt es ja, zitternd zwar, aber ſicher in den väter⸗ lichen Hauch des Himmels, unter den trium⸗ phirenden Ausrufen der Alten— es kann nun nicht mehr ſinken, das wichtige Werk iſt vollzogen. Von nun an wird der junge Segler unbeſorgt durch Wind und Wetter ſchweifen, geſtärkt durch dieſen erſten Flug im Glauben. II. Der Geſang. Es wird kaum Jemand geben, der nicht ſchon die Erfahrung gemacht hätte, daß Stu⸗ benvögel, ſobald ſich ein belebtes Geſpräch in einem Zimmer anſpinnt, in ihrer Weiſe daran theilnehmen, entweder ſchwätzend oder ſingend. Das liegt in ihrer Natur, ſelbſt in der Freiheit. Sie ſind das Echo Gottes und der Menſchen. Sie geſellen ſich zu jedwedem Ge— räuſch, zu allen Stimmen, und fügen dieſen ihre Poeſie, ihre naiven und wilden Weiſen hinzu. Den dumpfen Schlägen der Wogen antwortet der Seevogel mit ſeinen ſcharfen, ſchrillen Tönen; das monotone Rauſchen der bewegten Bäume begleiten die Turteltaube und hundert andere Vögel mit einer ſanften und ruhigen Melodie. Das Erwachen der Fel⸗ der, die Freuden des Landlebens begrüßt die Lerche mit ihrem Geſange, ſie trägt die Luſt der Erde hinauf zum Himmel. So ertönen allenthalben in dem großartigen Konzert der Natur jene feinen Stimmchen, die dem Ackers⸗ mann unten an ſeiner Furche hehre Gedanken einflößen und ihn träumen laſſen den Traum der goldenen Freiheit. So wie ſich die Pflanzenwelt im Frühling durch die Wiederkehr der Blätter erneuert, ſo erneuert, verjüngt ſich die Thierwelt durch das Erſcheinen der Vögel, ihrer Liebe und ihres Geſanges. Kaum graut der Morgen, kaum beginnt das trauliche Geläute des weidenden Viehes, ſo iſt ſchon die Bachſtelze da, um letzteres in munteren Sprüngen zu begleiten. Sie miſcht ſich furchtlos unter die Herde und ſcheut auch den Hirten nicht. Sie weiß ja, daß ſie von Menſchen und Thieren geliebt wird, weil ſie dieſelben vor den Inſekten ſchützt. Sie ſettt ſich kühn auf den Kopf der Kühe und auf den Rü⸗ cken der Schafe. Sie verläßt ſie den ganzen Tag nicht und führt ſie Abends treulich heim. Der echte Feldbewohner aber iſt die Lerche. Bei dem erſten Sonnenſtrahle ſchießt ſie wie, ein Pfeil aus ihrer Furche, die ſie mit dem Haſen theilt, hervor und trägt zum Himmel die Hymne der Freude. Eine heilige Poeſie, friſch wie die Morgenröthe, die ſie umgibt, rein und heiter wie ein kindliches Herz! Dieſe ſonore, mächtige Stimme gibt den Schnittern das Signal.„Wir müſſen aufbre⸗ chen,“ ſagt der Vater,„hört Ihr nicht die Lerche?“ Sie folgt ihnen, ermuthigt ſie; in den heißen Stunden ladet ſie dieſelben zum ſüßen Schlum⸗ mer ein und verjagt die böſen Inſekten. Auf die Schlafenden ſendet ſie eine Fluth der herr⸗ lichſten Harmonien.„Keine Kehle“, ſagt ein bedeutender Naturkenner,„kann ſich mit jener der Lerche meſſen, was den Reichthum und die Mannigfaltigkeit des Geſanges, die Ausdauer und Weichheit des Timbres, die Kraft und 309 Tragweite des Tones, die Geſchmeidigkeit und Stärke der Stimme anbetrifft. Die Lerche ſingt eine Stunde lang, ohne nur eine halbe Se⸗ kunde auszuſetzen, indem ſie ſich in gerader Linie oft bis zur Höhe von 1000 Fuß empor⸗ ſchwingt, ohne auf dieſer großen Luftreiſe eine einzige Note zu verlieren. Welche Nachtigall könnte das erreichen?“ Kommt aber der rauhe Herbſt, ſo verſtum⸗ men nach und nach die freundlichen Melodien, und was von den Vögeln nicht den Süden aufgeſucht hat, ähert ſich nun auffallend dem Menſchen, als wollten die Sänger jetzt denſel⸗ ben um den wohlverdienten Lohn anſprechen. Da ſieht man den ernſten Gimpel flehend an der Schwelle einer Hütte ſitzen, dort anmuthige Grasmücken um Einlaß bitten, indem ſie ein melancholiſches, gedehntes Lied erſchallen laſſen. Wenn im Oktober die erſten Nebel auf die Erde herabſinken, und kurz vor Beginn des Winters die armen Leute mühſam Holz ſam⸗ meln gehen, geſellt ſich zu ihnen in den Wäl⸗ dern ein kleiner Vogel, herbeigelockt durch die Schläge der Axt; er umflattert ſie und bemüht ſich, ihnen ſeine ſchönſten Weiſen vorzuträllern. Es iſt das Rothkehlchen, das die Natur auser⸗ koren hat, um dem einſamen Arbeiter zu zei⸗ gen, daß noch Jemand auf der Welt ſei, der ſich für ihn intereſſire. Wenn der Köhler ſinnend am Feuer ſitzt, hüpft unbemerkt das Rothkehlchen zu ihm, es will ja auch erwärmt ſein, denn draußen im Wald und Feld iſt's ſchon empfindlich kalt ge⸗ worden. Dieſer unſcheinbare Vogel iſt der hartnäckigſte Widerſacher des Winters, er iſt es, der bis zuletzt ausharrt, der noch munter ſingt, wenn die ganze Schöpfung ringsum be⸗ reits in tiefſtem Schlafe liegt. Wenn das niedliche Thierchen vor Kälte erſtarrt, ſchlotternd dann an Eure Fenſter klopft: o, ſo öffnet ihm, gönnt ihm ein paar Hanfkörner oder wenn Ihr die nicht habt, ſo theilt Euer Brod mit ihm— es hat es redlich verdient. Wenn alles Leben erſtarb, wenn ſeine leichtgeflügelten Kollegen lange über Berg und Thal verſchwanden, um im fernen Süden die verlorene Sonne wieder zu finden, iſt es nicht ein dankenswerthes Unternehmen, eine liebens⸗ würdige Aufopferung dieſes kleinen Sängers, wenn er trotz Wind und Wetter, trotz Schnee und Eis ſeine feine Kehle anſtrengt, um unſere Ohren zu erfreuen? Noch hat kein Dichter das Rothkehlchen beſungen: es bedarf auch deſſen nicht, es iſt ſein eigener Dichter; wäre es möglich ſein Liedchen niederzuſchreiben, gewiß würde ſich darin die ganze Poeſie ſeines beſcheidenen Le⸗ bens abſpiegeln. Wie ſehr der Menſch an dem Geſange der Vögel hängt, davon geben die Vogelmärkte den beſten Beweis. Wenn man dieſe muntern Ge⸗ ſchöpfe nicht liebte, warum möchte man ſie ihrer Freiheit, die ſie mehr oder minder gar hart ver⸗ miſſen, berauben, wenn man nicht ergötzt würde durch ihre lieblichen Weiſen, die uns faſt den 310 Winter zum Sommer machen können, weß⸗ halb würde man ſie denn fangen, ſorgſam 1, pflegen und einen ſo ausgebreiteten Handel mit ihnen treiben? Einer der großartigſten Vogelmärkte findet allſonntäglich auf dem berühmten Marché Saint Germain in Paris ſtatt. Dieſer iſt an ſolchen Tagen in eine große Menagerie verwandelt, iſt ein lebendes und intereſſantes Muſeum der Ornithologie Frankreichs. Dieſer Markt erin nert ferner auch lebhaft an Sklavenauktionen des Orients. Dieſe geflügelten Sklaven ſühlen aber nicht minder die Gefangenſchaft, als die Menſchen. Jene, die bereits im Käfig zur Welt kamen, ſind reſignirt, denn ſie ahnen nur die Freiheit, die hingegen, welche erſt friſch gefangen wurden, träumen von letzterer ununterbrochen; in ihrer düſtern, ſtummen Verſchloſſenheit ſin⸗ nen fie nur auf Mittel zur Befreiung. Einige ſcheinen uns anhalten, ſprechen zu wollen, einen guten Herrn zu verlangen. Wie oft kann man einen intelligenten Stieglitz, ein liebenswürdi⸗ ges Rothkehlchen bemerken, die uns traurig anſehend, mit einem freundlichen Blicke zu ſagen ſcheinen:„Kaufe mich!“ Eines Sonntags machten wir daſelbſt einen Beſuch. Der Markt war zwar nicht reich noch weniger harmoniſch, denn es war ſchon ſehr ſpä im Jahre. Nichts deſto weniger wurde unſer Intereſſe lebhaft durch die naive Stellung eini⸗ ger Exemplare in Anſpruch genommen. Der Geſang und das Gefieder, jene zwei hohen Ga ben des Vogels, verhindern den Beobachter in der Regel ihre lebhaften und originellen Ge⸗ berden gehörig zu würdigen. Denn die Vögel wiſſen durch äußerſt bezeichnende Bewegungen genau das auszudrücken, was in ihrem Innern vorgeht. An jenem Tage war eine Grasmücke mit allerliebſtem ſchwarzem Köpſchen die Königin des Marktes. Man hatte ſie in einem beſonde⸗ ren Käfige von den übrigen getrennt ausgeſtellt, wie ein Kleinod ohne Gleichen. Sie flatterte mit reizender Gelenkigkeit umher; an ihr war alles Grazie. Durch eine lange Erziehung war ſie an die Gefangenſchaft gewöhnt, vermißte, wie es ſchien, gar nichts und verfehlte daher auch nicht, auf die Anweſenden einen ange⸗ nehmen, beruhigenden Eindruck zu machen. Sie war in der That ein liebliches Weſen und ihr Geſang und ihre Bewegungen harmonirten ſo, daß ich ſie bei ihren munteren Geberden— ſelbſt wenn ſie ſchwieg— ſingen zu hören ver⸗ meinte. Etwas tiefer, bedeutend tiefer, machte ein um einiges größerer Vogel, in einem engen Käfig unmenſchlich zuſammen gedrückt, einen ganz entgegengeſetzten, bizarren Eindruck. Es war ein armer Finke, den das Unglück getroffen hatte, blind zu ſein. Es kann kein traurigeres Schau⸗ ſpiel geben. Es gehört wirklich eine barbariſche Natur dazu, um des Geſanges halber ein ſo überaus elendes Geſchöpf zu kaufen. Seine ge⸗ Schlimmſte war, daß dieſe Stellung lebhaft an die halsverdrehenden Attituden der Kurz⸗ ſichtigen oder Blindgewordenen erinnerte. So iſt nie der Blindgeborene. Unter fortwährender krampfhaſter Anſtren⸗ gung ſuchte das arme Thier mit ſeinen leeren Augenhöhlen nach Licht. Dieſer Unglückliche ſang aber trotz all ſeinem Elend, denn, hatte er auch keinen Strahl mehr von außen zu hoffen, im Innern hatte er doch ſeinen Sonnenſchein bewahrt. Intereſſant iſt es, daß der Finke dem Ge⸗ ſange ſeiner Heimat bis in den Tod treu bleibt; ſoviel Finkendialekte, ſoviel verſchiedene Land⸗ ſtriche. Stellt man ihm einen Rivalen entge⸗ gen, ſo wird er lieber tauſendmal ſeinen vater⸗ ländiſchen Ton anſchlagen, als nachgeben; oft geſchieht das mit her Leidenſchaft, daß er daran ſtirbt. Kein Wunder, wenn die Belgier mit dieſen echten Nationalſängern große Wett⸗ kämpfe veranſtalten und dem Sieger ſogar Triumphbogen erbauen, denn er bezahlt ihn ja oft genug heldenmüthig mit ſeinem Leben. Noch tiefer befand ſich in einem elenden Bauer wohl ein halb Dutzend Vögel aller Gat— tung, die wild durcheinander tobten. In dieſer munteren Geſellſchaft ſaß, kaum bemerkbar, eine junge, eben erſt gefangene Nachtigall. Der Vogelhändler hatte dieſe mit wohlbe⸗ rechneter Politik in jenen Käfig geſperrt, denn er wußte, daß die unſchuldigen Spiele oft im Stande ſeien, ein ſchmerzerfülltes Herz zu be⸗ trügen. Aber die unglückliche Gefangene achtete gar nicht auf die indiskreten Tollheiten ihrer unerfahrenen Genoſſen, ſondern ſaß, förmlich in ſich hineingedrückt, in der dunkelſten Ecke des Bauers, verſchmähte alle Nahrung, kaum daß ſie aus den Augen hevvorguckte. Sie wollte Finſterniß um ſich haben, unverkennbar wollte ſie mit aller Gewalt nicht ſein, mit vollem Bewußtſein einen konſequent durchge⸗ führten Selbſtmord begehen. Aber ſie konnte nicht ſterben, nein, in ihr wogte trotz allem Unglück jene allmächtige Erhalterin alles Lebens: die Kunſt! Ihr inneres Licht, der Geſang. Ungeachtet dieſes Vorgeſchmacks des Todes ließ ſie nicht ab, zu ſingen. Ihr Herz ſang ein ſtummes Lied, das ich aber laut zu vernehmen glaubte: . Lascia ch' io pianga.. La Libertà.. . Oh, laßt mich, daß ich weine!.. Die Freiheit!... Eine freigeborne Nachtigall hat ſtets einen höheren Werth, als wenn ſie in der Gefangen⸗ ſchaft zur Welt gekommen: ſie ſingt ganz an⸗ ders, da ſie Freiheit und Natur kennen gelernt und beides vermißt. Iſt ja doch leider oft der beſte Theil eines großen Künſtlergenies der Schmerz!...... Die Nachtigall iſt der einzige Vogel, wel⸗ quälte, mühſame Haltung correſpondirte genau mit ſeinem wehmüthigen Geſange. Das Ihr Geſang allein iſt ſchöpferiſch, originell, alles andere iſt bloße Kopie desſelben. Liebe und Licht ſind allerdings die zwei Grundlagen ihres Geſanges, aber die Kunſt ſelbſt, der Schönheitsſinn, ſind eine zweite wichtige Nahrung für ihr Herz und geben ihr neue Begeiſterung. Wahre Künſtlergröße übertrifft ihre Werke, bringt mehr hervor, als ſie ſich vorgenommen, ſteigt über das Mögliche hinaus und ſchwingt ſich dann noch höher und immer höher. Daher jene tiefe Trauer, jene uner⸗ ſchöpfliche Quelle von Melancholie; daher der faſt komiſche Drang, nie gehabtes Unglück zu beweinen. Die übrigen Vögel wundern ſich darüber und fragen ſie oft, was ſie denneigent⸗ lich habe, worüber ſie klage. Glücklich und frei in ihrem Walde antwortet ſie ihnen nichts an⸗ deres, als jene ſtumme Gefangene: Lascia ch' io pianga! 1 III. Die Baukunſt. Betrachten wir ein Neſt, jenes unglaublich zarte Kunſtwerk des Vogels, ſo müſſen wir uns unwillkürlich die Frage aufwerfen:„Sind jene feingebauten Wohnungen über oder unter die menſchlichen Werke zu ſtellen?“ Weder das eine noch das andere; überhaupt ſind ja die Beziehungen zwiſchen beiden nur äußerlich und ſteht die Baukunſt der Vögel einzig in ihrer Art da. Das Haus des geflügelten Baumeiſters iſt eigentlich eine Fortſetzung ſeiner ſelbſt, die Form ſeines Werkes iſt der Ausdruck ſeines Ichs, oder beſſer, iſt ſein verkörpertes Leiden. Denn die bequeme, abgerundete Geſtalt des Neſtes iſt das Reſultat fortwährenden Drü⸗ ckens mit der Bruſt. Kein Grashalm, der nicht vorerſt durch tauſendfache Anſtrengungen des Erbauers ſeine runde Lage angenommen hätte. Wie ſo ganz anders iſt die Wohnung des Vierfüßlers. Er wird vollſtändig gekleidet zur Welt gebracht; wozu brauchte er da noch ein Neſt? Ueberhaupt arbeiten die Maurer und ſich ſelbſt, weniger für ihre Jungen. Das Murmelthier, das ECichhörnchen, der Biber, alles das ſind äußerſtgeſchickte Künſtler, aber— nur für ſich ſelbſt. Der Vogel hingegen baut für die Familie. Unabhängig und frei würde er ſonſt gewiß ſein luſtiges Leben im Vollgenuß der grünen, weiten Natur zu bringen, ungeachtet aller Feinde. Sobald er aber nicht mehr allein iſt, wenn er ſich paart, ſo macht ihn das zu hoffende, vor⸗ auszuſehende elterliche Verhältniß zum Künſt⸗ ler. Das Neſt iſt eine Schöpfung der Liebe. Man muß ſtaunen, wie dieſer Bau, ohne Gerüſt und Balken, frei in der Luft ſchwebend, chem der Name: Künſtler im vollſten Sinne des Wortes gebührt. nur hie und an einen ſchwanken Aſt gelehnt, eentſtehen kann; wie ſich ein Stück nach dd Gräber der Säugethiere größtentheils nur füur 1 and Nu Wr unſe als und haut Re che ter ſer nb G ſu — die Lyabngkris zu ſtören. eein tfachen, ſchwacher nd vergleiche ſie mit ſer ha. weiter nichts te Füſf ße, mit dieſen der Bruſt, über⸗ das zarte andern anfügt, ohne Nun erwäge man noch d Werkzeuge des Vogels unſern 2 J Inſtrumenten. als ſeinen Schnabel und ſein und unter thätiger Beihilfe haupt des ganzen Unterkörpers, muß Werk gelingen. Das alles iſt die Beſchäftigung des Weib⸗ chens, die, alle Einmiſchung in dieſes echt müt⸗ terliche Beginnen mit Mißtrauen zurückwei ſend, ihr Männchen nur als Zubringer des nöthigen Materials verwendet. Es muß ihm Gräſer, Moos, Wurzeln und Zweigchen ſuchen.— Iſt nun der äußere Ausbau pollendet, ſo beginnt erſt der ſchwierigſte Theil der Arbeit. Denn die innere Einrichtung, das Bett, der Hausrath, müſſen hern darauf berechnet ſein, ein zartes, für die Kälte ſehr empfindliches E Ei aufzunehmen. Das 5 lüine wird nackt zur Welt kommen: es muß daher außer der wärmenden Mutter ſ ſelbſt, andererſeits auch ein warmes Lager finde n, worauf es g gefa hrlos ſchl ummern kann. Sorgfältig wählt die Alte hierzu den Stoff. Roßh aar e, zarte Blätter, alles das er⸗ ſcheint ihr noch viel zu hart; nur die ſeiden⸗ artigen, flaumigen Faſern gewiſſer Pflanzen finden Gnade, vor allem aber ihre eigenen Fe⸗ dern, ihr Flaum, den ſie ſich ausrupft und un Die d ſe unter ihren Pflegling legt. Es iſt äußerſt intereſſant, das Männchen beim Zuſammentragen des Materials zu beob⸗ achten. Es iſt dieß ein ſehr gewandtes, heim⸗ liches Sammeln. Glaubt ſich das kluge Thier bemerkt, ſo ſchlägt es ſcheinbar einen andern Weg, als den wirklich zum Neſte führenden ein, um uns zu täuſchen und ſo den zu fertigenden Bau ſchon von vorne herein vor unberufenen Eindringlingen zu bewaheen⸗ Leider ſind die Neſterſammlungen noch ſehr unvollſtändig; in Rouen und Paris je⸗ doch, wo es deren gibt, die ſich durch ſyſtema⸗ tiſche Ordnung auszeichnen, kann man ſchon diegeiſchiedoden Höheſtufen der Vogelbaukuunſt verſolz gen. Dieſe richten ſich nun weſentlich nach der Intelligenz der Erbauer, dem paſſenden tterial und dem Klima. jie minirenden Waſſervögel, z. B. die ettgänſe, d die Pinguine u. ſ. w., laſſen ſich's damit genügen, ein bloßes Loch zu graben, denn das Junge wird ohnehin, kaum geboren, das Meer zu erreichen wiſſen. Der Bienenwolf hin⸗ gegen und die Seeſch walbe müſſen ſchon dar⸗ auf bedacht ſein, zum Empfange ihrer Kleinen eine regelmäßig gez ezimmerte Wohnung unter der Erde anzufertigen, die von allen Seiten wohl austapezirt wird, damiit die zarte Kugend nicht von der Härte und Feuchtigkeit des Bo dens zu leiden habe. Bei den mauernden Vögeln iſt man in der Regel mit einer rohen Maſſe zufrieden, wie der Flamingo, der aus bloßem Schlamm ſein hohes Neſt, worauf er ſtehend brütet, am deut⸗ lichſten beweiſt. Die Meiſterin dieſer Art iſt die Schwalbe; ſie hängt kühn ihr Haus an ſf die unſrigen. Ein Wunder ihres⸗Geſchlechts iſt aber un⸗ ſtreitig die Droſſel. Ihr Neſt, das von außen mit Moos bedeckt auf der feuchten Erde der Weinberge kaum bemerkbar iſt, bietet einen wunderbaren, faſt blendenden Anbl ickvon innen dar: der Glanz dieſer ſauberen Wohnung iſt ſo ſtark, daß er im beſchämen. Die Zimmerkunſt, die Tiſchlerei finde ihren beſten Vertreter an dem Spechte; dieſer d iſt nicht nur ein vortrefflicher Zimmermann, ſondern, wenn die Liebe kommt, ſelbſt ein tüch tiger Bildhauer. Unzählig ſind die Arten der Korbflechter und Weber. Auch die Küſtenvögel flechten be reits, aber mit wenig Geſchick. Warum ſollten ſie's auch? So wohlverwahrt durch ihre faſt undurchdringlichen, fettigen Federn, kehren ſie ſich weniger an die Macht der Elemente. Ihre Hauptkunſt iſt die Jagd; immer hungrig und ſchwach ernährt, haben die Fiſchfreſſer einen vielverlangenden Magen zu befriedigen. Das ſehr elementare Geſchlecht der Geier und Störche wird ſchon bedeutend von den meiſten Singvögeln übertroffen. Die Meiſe hängt ihre Brut in eine birnförmige Wiege und läßt dom Winde ihre Familie umher ſchaukeln. Der Zeiſig, der Stieglit und der Finke ſind Arbeiter höherer Art. Der Letztere weiß ſogar ſein feingefügtes Neſt durch wohlangebrachte Moosflechten ſo gut zu verſtecken, daß es oft dem geübteſten Auge ſchwer fallen dürfte, ein ſolches zu entdecken. Man bedenke aber nur, wie ſchde r das Flechten einem Vogel fallen muß, da er nur ſeinen Schnabel und im ärgſten Falle noch die Füße zu Hilfe nehmen kann. Wie oft mag da das meiſt glatte Material den müden Thierchen entſchlüpfen, wie oft das ſchon fertig Gegl aubte zu nichte werden?! Mit bewundernswerther Geſchicklichkeit wird aber ſelbſt die ſchwierigſte Arbeit unter nommen, mit rieſiger Ausdauer zur erſehnten Bollendung gebracht. Dieſe Gewandtheit muß uns um ſo mehr in Staunen verſetzen, je we niger die Werkzeuge des Vogels zu den immen ſen Reſult ltaten ſeiner Arbeit im Verhältniſſe ſeüen Die meiſten Inſekten ſind im Vergleich weit beſſer ausgerüſtet und mit allen nur er⸗ den lichen Utenſilien verſehen. Sie ſind aber auch wirkliche Arbeiter und werden als ſolche geboren. D Der Vogel iſt es nur einige Zeit lang durch die Eingebung der Liebe. IV. Wanderſchaft und— Tod. Der Vogel iſt als ein beſonders elektriſches Weſen für jedwede dueteorolog iſche Erſcheinung äußerſt empfänglich, Er verſpürt jede Witterungsveränderung ſchon in ihrem Entſtehen, lange bevor ſie ſich augen mehr als wir Menſchen. 3¹1 fällig kundgibt. Sehr natürlich daher, daß die Alten, denen es noch an zwee ckmäßigen Inſtru menten zur Beſtimmung der Witterung fehlt dieſe gefiederten Vhrttergropheken für unumſtö liche Autoritäten anſahen. Wenn auch mit der Zeit die Wiſſenſchaft bereits vielfache und ſiche⸗ rere Behelfe zu dieſen Zwecken hervorgerufen, ſo gebührt den Vögeln doch immer die erſte „ 3 e 1 5 1 5 it de Stande wäre, Glas zu Anregung dazu: ſie ſind die eigentlichſten Mit⸗ r gründer der Meteorologie. Wäre Napoleon in dem Schreckensjahre 1811 den Zugvögeln nach em Süden gefolgt— wie ganz anders hätte ſich vielleicht das ve erhängnißv olle Jahr 1812 für ihn geſtaltet! Jene, den fürchterlichen Win⸗ ter wohl vorausfühlend, flohen nach dem mil deren Klima, er aber blieb in Moskau. Es iſt merkwürdig, daß ein Vogel, welcher auf ſeiner weiten Wanderung eine Nacht auf dem Maſtbaume eines Schiffes zugebracht hat, trobdem, daß er vielleicht meilenweit auf dieſer ſeiner bewegliche n Zufluchtsſtätte hinweggeführt wurde, immer wieder ſeine Route auffindet. Des Morgens ſchwingt er ſich ohne Zagen in den erſten beſten Luftſtrom, denn er iſt ein ſo guter Geograph, daß er ſ elbſt über dem unge⸗ heuren einförmigen Meer, wo es keine Orien⸗ tirungspunkte wie auf dem Feſtlande gibt, nie⸗ mals die Faſſung verliert: er folgt den Luft⸗ ſtrömen, vielleicht auch jenen der Gewäſſer und geheimen magnetiſchen Trieben, die wir nicht kennen. So weiß z. B. die Goldammer Nordame⸗ rikas genau, wann in Frankreich die Kirſche zur Reife gelangt und trifft auch richtig zu dieſer Zeit ein, um ſich an den ſchmackhaften Früchten zu laben. Man könnte vielleicht glau⸗ ben, daß die Zugvögel erſt dann Anſtalten zur Abreiſe treffen, wenn die rauhe Jahreszeit ſchon da iſt. O nein! Selbſt wenn noch alles in ſchönſter Pracht ſteht, wenn die nöthige Nahrung von der Natur noch reichlich geſpen⸗ det wird, rüſten ſich die wackeren Wanderer bereits, denn ſie wiſſen nur zu gut, daß dieſes letzte Aufflackern der ſchönen Tage von äußerſt kurzer Dauer ſein kann. Uebrigens darf man nicht im Hunger allein den Grund dieſer Auswanderungen ſuchen. Mancher Vogel fände ja im Nothfall ſelbſt in den kalten Monaten Lebensmittel genug; auch die Kälte würde mit muthiger Reſignation überwunden werden— aber das Licht, das i*ſt der allgemeine Zielpunkt, nach dem alle mit gleichem Eifer ſtreben. So wie die Pflanze des Lichtes bedarf, düſt mühſam ſich ihm entgegen⸗ rankt, ſo ſucht der Vogel diejenigen Regionen, wo ihm dieſes länger gegönnt wird; die kurzen Tage würden ihn traurig ſtimmen, er flieht daher ſchon den nebeligen Herbſt.„Mehr Licht, Licht!“ das iſt der unaufhörliche Schrei der Scheidenden,„lieber ſterben, als des Tages beraubt zu ſein!“ Das hört man im Oktober deutlich aus ihren Abſchiedsrufen heraus, ſo lautet der Inhalt ihrer letzten Lieder. Es iſt kein geringer Entſchluß, zweimal es Jahres jene gefahrvollen Reiſen zu unter⸗ nehmen. TFür die leichtgeflügelte Schwalbe ——— —— 312 mögen ſie immerhin nicht ſo ſchwierig erſchei⸗ nen, aber wie viele andere minder gewandte Segler gibt es, die nur unter fortwährendem Grauen über Berg und Thal, Meere und Wü⸗ ſten dahinſchweben müſſen! Wie ſo perſchieden ſind die Empfin⸗ dungen der Vögel bei ihrem Ausflug im Frühling und bei dem Abgang im Herbſte. — Jener lachte ſie mit hundert freudigen Hoffnungen an, kamen ſie ja doch, um den Triumph der Liebe zu feiern, ſich einen häus⸗ lichen Herd zu gründen. Dieſer hingegen ſieht ihrem Scheiden kalt und ruhig zu; auch ihre Herzen haben an Gluth abgenommen. Das Weibchen hat das Ihre treulichſt gethan, ſie hat geboren, gebaut und erzogen; das Männ⸗ chen iſt ſeinen Sängerpflichten im reichlichſten Maße nachgekommen. Wie ſie nun ſo friedlich und ſelbſtzufrieden heimziehen, begleitet von den Ihrigen, denkt ſich Jeder im Stillen für ſich:„Nun, auf zehn Tauſend, oder auch hundert Tauſend, werden unſere Mörder doch wohl nur höchſtens Zehn ereilen..... und zweifelsohne werde ich un⸗ ter dieſen nicht ſein!“ Doch jene, die in ſo großen Maſſen ziehen, können immerhin noch vom Glücke reden. Was ſoll aber der einſame Wanderer beginnen? Was gedenkeſt du z. B., arme Nachtigall zu thun? O bleib' bei uns, oder flattere höchſtens nur in eine wärmere Gegend unſeres Erdtheils— hinter den glü⸗ henden Felſen Südfrankreichs wirſt du gewiß einen zweiten Orient finden, wirſt dir dieſes Land dazu ſchaffen. „Nein, nein,“ höre ich ſie erwiedern,„An⸗ dere mögen bleiben; ſollen ſich einen Orient machen, wie ſie wollen. Mich aber ruft die Wiege meines Geſchlechtes: mir iſt es Bedürf⸗ niß, jenen blendenden Himmel wiederzuſehen, jene glänzenden, geſchmückten Ruinen zu be⸗ ſuchen, wo meine Ahnen ſangen; ich muß meine erſte Liebe, die Roſe Aſiens begrüßen, mich baden in der belebenden Sonne... Da ſchlummert das Geheimniß meines Lebens; da lodert die fruchtbare Flamme, die meinen Ge⸗ ſang wiedergebiert; meine Stimme, meine Muſe iſt das Licht.“ So geht ſie dahin; aber nicht ohne Herz⸗ klopfen wird ſie die Alpen überfliegen, wo ihr der Tod aus tauſend Schlünden entgegen⸗ gähnt. Die geflügelten Jäger verſtehen ſich gar gut auf den Fang ihrer ſchwächeren Brüder. Ueberhaupt ſchlägt zur Wanderzeit den meiſten Vögeln das Sterbeſtündlein. Iſt's nicht die Ermattung, der Hunger oder ſonſt eine zerſtö⸗ rende Gewalt, die ihrem Leben ein Ende macht, ſo ſorgen ſchon die zahlreich lauernden Räuber mit unbezähmbarer Gier dafür, ihre Anzahl um ein Bedeutendes zu verringern. Iſt das Opfer noch jung, ſo wird ſein Hinſcheiden ebenſo von den Seinen betrauert werden, wie bei uns Menſchen. Mit tauſend goldenen Erwartungen zog er hinaus in die weite Welt, ſchon ſchien das Schickſal ihm hold — da greift ihn der Tod mit rauher Hand, ſei es nun in Geſtalt einer mächtigen Klaue und eines ſpitzen Schnabels, ſei's durch ein raſendes Element oder eine tückiſche, wohlge⸗ zielte Kugel, ſchwere, ſchmerzensreiche Gefan⸗ genſchaft und Krankheit. Auch ihm ruft das unerbittliche Geſchick entgegen: „Fort mußt du, deine Uhr iſt abgelaufen!“ — 330—— Dr. R. Hirſch. (Nach J. Weil's biographiſch⸗kritiſcher Skizze.) Rudolph Johann Hirſch wurde am 1. Februar 1816 zu Napagedl in der Hanna geboren. Der Vater Rudolphs war Auſtiz⸗ amtmann und Oekonomieleiter. Vater wie Mutter frommoe, ſchlichte Leute, im kleinen wie im großen Kreiſe allgemein geachtet. Die Hanna und ſomit auch Napagedl iſt ſlaviſch. Der Knabe Rudolph wuchs empor und ſprach noch mit ſechs Jahren kein Wort deutſch. Ein kleines Klavier führte ihn unbe⸗ wußt an die Taſten, worauf der kleine, derbe Junge wacker herumſchlug. Rudolph zeigte eine auffallende Neigung zur Muſik, daher denn bald der würdige Schulmeiſter des Ortes berufen wurde, um den Sohn des Herrn Juſtizamtmanns zu unterweiſen. Der alte Mann war ein ſattel⸗, hieb⸗ und taktfeſter Muſiker, und bald zeigte es ſich, was es heißt, guten Grund legen. Mit ſieben Jahren galt der Knabe als Wunderkind in Napagedl und der Umgegend, und hatte die Ehre, vor dem Erzbiſchofe von Olmütz zu Krem⸗ ſier ſich unter vielem Beifalle zu produciren. Mit acht Jahren wurde Rudolph nach Ol⸗ mütz geſandt, um dort die Schule zu beſuchen. Freilich ging es anfangs, der argen Verſäum⸗ niſſe in der deutſchen Sprache wegen, mit den vorgeſchriebenen Studien langſam vorwärts; das Verſäumte wurde indeß redlich nachgeholt und der Knabe konnte in's Gymnaſium eintre⸗ ten. Mittlerweile war ſein Vater nach Brünn überſiedelt, wo er die Adminiſtration bedeu⸗ tender Herrſchaften übernahm. Nun ſetzte Hirſch ſeine Studien in Brünn fort und ab⸗ ſolvirte daſelbſt das Gymnaſium und die phi⸗ loſophiſchen Jahrgänge. Dabei wurde die Muſik fleißig gepflegt. Als Hirſch zum Antritte der Univerfitäts⸗ ſtudien nach Wien ging, nahm er im Hauſe des bekannten Schriftſtellers Ebersberg, Redak⸗ teurs des„Zuſchauer“, Koſt und Wohnung. Schon in Brünn hatte der Studioſus durch ein Trauerſpiel„Catilina“— ein Ferienpenſum! — oon ſeinem Profeſſor die Vorzugsklaſſe er⸗ halten, ſchon dort hatte ſich ſeine Mappe mit kleinen lyriſchen Gedichten gefüllt: nun ver⸗ ſchaffte ihm Ebersberg das für einen jungen Poeten unſägliche Vergnügen, ſich zum erſten Male gedruckt zu ſehen. Das erſte Gedicht von R. Hirſch erſchien in den„Feierſtunden“. Es blieb leider nicht bei den unſchuldigen Verſen; der Juriſt im erſten Jahrgange ging unter die— Recenſenten, und zog ſich bei ſei⸗ ner jugendlichen Unreife durch allerlei Klopf⸗ fechtereien und Korreſpondenzen faſt den Ruf eines literariſchen Krakehlers zu. Nach abſolvirten juridiſch-politiſchen Stu⸗ dien kehrte Hirſch in's Elternhaus zurück und prakticirte beim Stadtmagiſtrat in Brünn. Doch litt es den jungen Literaten nicht lange bei der trockenen Juſtiz, es trieb ihn in's„Aus⸗ land“, wo er im Klein⸗Paris der Buchhändler, in Leipzig, das Eldorado für Kunſt und Poeſie zu finden hoffte. Der Zufall führte ihn in das Bankhaus Harkort. Hier in dieſem äſthetiſchen Brennpunkte Leipzigs lernte er alles kennen, was die Stadt an Notabilitäten entweder dau⸗ ernd oder vorübergehend beſaß. Wir nennen hier nur Mendelsſohn und Schumann. Schon nach achtwöchentlichem Aufenthalte in Leipzig übernahm Hirſch die Redaktion der Zeitſchrift„Komet“, die unter Herloßſohn die Stadien der Blüthe und des Verfalls durch⸗ laufen hatte. Unter der neuen Leitung hob ſie ſich raſch wieder, daß ſie zu den beſtredigirten Blättern gerechnet wurde. In Leipzig erſchien gleichzeitig ein Theil„Balladen“ und das „Buch der Sonette“, welche neue Dichtungen vielen Beifall und ſelbſt Ludwig Uhlands freundliche Würdigung fanden. Noch iſt hier das„Album für Geſang“, eine Sammlung deutſcher Originalgeſänge und das„Bureau de Musique“ von Hirſch als Beweis zu er⸗ wähnen, daß die Poeſie unſern Dichter ihrer Schweſter der Muſik nicht ganz abtrünnig ge⸗ macht hatte. Wegen ſeiner äſthetiſchen Leiſtungen ſandte ihm die Univerſität Jena das Diplom eines Doktors der Philoſophie. In Leipzig trat ein anderer Wendepunkt ſeines Lebens ein. Er lernte Klava, die Tochter des königlichen Bauraths Schulze än Halle, kennen und lieben, was die Veranlaſſung war, daß ſich der Dichter nach einer feſteren Lebens⸗ ſtellung umſah. Franz Graf von Stadion, damals Gouverneur in Trieſt, ließ Hinſch zur probeweiſen Praxis zu(1843). Nach Jahr und Tag war das Staatsexamen glänzend ab 1 gelegt und kurze Zeit darauf fand die Vermä⸗ lung zu Halle ſtatt. 1849 zum Generalkoncipiſten, 1850 zum k. k. Bezirkskommiſſär ernannt, wurde Hirſch im Jahre 1852 von Sr. Majeſtät dem Kaiſer der damals kreirten oberſten Polizeibehörde zu⸗ getheilt und zum k. k. Hofkonzipiſten befördert. Gleichzeitig wurde ihm die Gründung und Lei⸗ tung der Amtsbibliothek übertragen. In dieſer Stellung befindet ſich Dr. Hirſch auch noch dermal. Seit dem Jahre 1842 bis 1848 hatte ſich Hirſch jeder literariſchen Publikation enthal⸗ ten; erſt das Jahr 1848 weckte von neuem ſei⸗ nen poetiſchen Drang. Begeiſtert von dem Feld⸗ Stu⸗ ſic und BGrünn. lange „Aus⸗ ändler, Poeſie in das etiſchen tennen, rdau⸗ nennen tann. lte in on der ſohn durch⸗ pob ſie girten dichien d das tungen ands t hier mlung dreadl Ma⸗ ihrer nig ge⸗ ſandtee dims epunkt Tochter Halle, um, ebens⸗ dion, jirich ⸗* ermä⸗ 0 zun dirſch Kaiſer ꝛde zu⸗ ſrdert d Lei⸗ 3 — marſchall Grafen Radetzky und ſeinen Sie⸗ gen ſchrieb er in wenig Tagen die bekannte Gedichtſammlung:„der Soldatenſpiegel,“ ein Werkchen, das einzelne Fakten des Kampfes in Form der modernen Ballade mit anerkennens⸗ werther Einfachheit erzählt. Der Dichter wid⸗ mete ſein Manuſkript den Verwundeten der öſterreichiſchen Armee und„der Soldatenſpie⸗ gel“ lieferte bei freier Drucklegung durch den Trieſter Lloyd einen Ertrag von 11.000 fl. C. M. Graf Radetzky dankte dem Dichter in einer veröffentlichten Zuſchrift. Dem„Soldatenſpiegel“ folgte eine Samm⸗ lung erotiſcher Gedichte:„Irrgarten der Liebe“ (1850), welche bis jetzt ſechs Auflagen erreich⸗ ten. Faſt gleichzeitig erſchien die gemiſchte Ge⸗ dichte⸗Sammlung:„Reiſer und Reiſig“. Portiſches Album. Im Spielberg. Es war ein Fürſt im deutſchen Reich, Den Beſten aller Zeiten gleich.. Der trat zum Herrn und Knechte ein, Ein Vater jedem Kind zu ſein; Der pflügte ſelbſt mit eigner Hand, Daß man den Bauer ehr' im Land. Nach Brünn einſt ſeinen Weg er nahm Und in die Veſte Spielberg kam. Er ſtieg von ſeines Thrones Höhn, Der Menſchheit Abgrund anzuſehn, Ob dort die ſtrenge Kerkerwelt Nach ſeinem milden Sinn beſtellt. Sie führten ihn von Ort zu Ort, Er ſprach manch weiſes, goldnes Wort, Bis man ihm ſchonend angeſagt: Im Kellergrund, wo's niemals tagt Und ewig Nacht entgegen klafft, Dort ſei die ſchwerſte Kerkerhaft. Wie dies der edle Fürſt gehört, Den Ort er gleich zu ſehn begehrt, Und ſchritt bei hellem Fackelſchein Durch das Gehöft zum Kerker ein. Als ſich die Eiſenthür erſchloß Ihm Moderluft entgegenſchoß. Tief drunten an der Mauerwand Der Schreine lange Reihe ſtand. Der Schrein im Raum drei Schuhe maß, Darin gebückt das Opfer ſaß; O Schreckniß! die der Kerker barg— Ein Raum, zu kurz für einen Sarg! Weh dem, der über jenen Pfad Das ſchauerliche Brett betrat. Er ſah den lieben Sonnenſtrahl Indem er kam, zum letzten Mal, Und hat in jene Doppelnacht Der Kirche Troſt ſchon mitgebracht. Zuſammgekauert dort er lag Und wußte nicht, was Nacht was Tag, Und da noch hat der Ketten Laſt Lebendig ihn zerrieben faſt. Erinnerungen. 1858. Wir heben aus der erſteren folgendes eben ſo zarte als ſinnige Gedicht: Das Meer hat eine Muſchel ausgeſpült, Verkümmert ſtarb ſie hin an ſeinem Strande; Ihr Leben, froh in blauer See gefühlt, Verloren mußt' es geh'n auf grünem Lande.— Ich hob die Muſchel träumeriſch empor, An dem Gehäuſe drängt es mich zu lauſchen; Von ihrer Schale brandet mir an’s Ohr Ein leiſes, heimwehgleiches Meeresrauſchen.— Und denk' ich, daß ich einmal von Dir ſchied', Und, o Geliebte, von Dir laſſen müßte: Ich tönte wohl in ewigem Sehnſuchtslied, Wie jene Muſchel dort der Meeresküſte. Die Unthat eines Verruchten— am 18. Februar 1853— regte das Gemüth un⸗ 313 mung Oeſterreichs in echt populären Verſen Worte lieh. Dieſe„Stimmen des Volks“ (1853) wurden in die meiſten Sprachen des polyglotten Oeſterreichs übertragen. 1853 erſchien die erſte Auflage der„Lieder ohne Weltſchmerz“, 1856„Eulenſpiegels Ta⸗ gebuch“. In letzterem Werkchen, zum Theil auch in dem erſteren, macht ſich ein herber, ſatyriſcher Anſatz geltend. Gleichzeitig mit „Eulenſpiegels Tagebuch“ erſchien die Novel⸗ lenſammlung„Sieſta“, und 1858 die dritte Auflage der„Balladen und Romanzen“, welche die Buchſchau des gegenwärtigen Heftes in Kurzem beſpricht. Den muſikaliſchen Beſtrebungen hat Hirſch ſo ſeit langen Jahren, wenigſtens ſers Autors dermaßen auf, daß er der Stim⸗ 223,889998,22,2228 — Unnnserrrreen Feuilleton. Was man ihm durch die Lücke bot, War täglich Waſſer nur und Brot. So lag er namenlos gequält, Bis er in kurzer Friſt entſeelt. Man hat den Todten erſt verſpürt, Fand man die Atzung unberührt; Dann griff der Freimann in den Schrein Und grub ihn auf dem Anger ein. Wie dies der große Kaiſer ſah, Stand tiefen Ernſtes lang er da Und was er fühlt, hat er nicht hehl, Er gab dem Schließer den Befehl: „Sperr mich in ſolch'nen Käfig ein, Ünd laß mich eine Stund' allein!“ Erſchreckt der alte Schließer ſtand, Ihm zitterte die welke Hand, Bis wiederholt des Kaiſers Mund Ihm gab den feſten Willen kund. Da hat, zu Thränen er gerührt, Was ihm geboten, ſtumm vollführt. O Joſef! Joſef! heilig Blut, Voll wunderbarem Kaiſermuth! So ſtrahlend aus dem Wolkenflor Trat nie die goldne Sonn' hervor, Wie heute deine Majeſtät Aus jenem Kerker, nachtumweht! Und alſo ſprach der Kaiſer klar: „Ich fühl', was mir die Stunde war. Das iſt kein irdiſches Gericht, Der Kerker war, ſei fürder nicht. Ich ſchritt der letzte Menſch hinein, Laßt ewig ihn verſchloſſen ſein!“ Aus„Balladen und Romanzen“ von R. Hirſch. Der letzte Wald. Erforſcht ſind nun die unnahbarſten Zonen, Die Erde liegt vor uns— ein off'’nes Buch! Das aber iſt des Sieges arger Fluch: Stets öder wird es wo die Menſchen wohnen. in Bezug auf die Oeffentlichkeit entſagt. Gehoben wird der heimlichſte der Schätze Und zinsbar Alles, was die Scholle trägt— Zur Münze ward des Schachtes Hort geprägt, Im fernſten Winkel gelten Zoll und Sätze. Um alles Leben ſchlingt die ſtarken Ringe Die Rieſenabgottſchlange: Induſtrie— Entkleidet die Natur der Poeſie, Um auszudehnen ſo den Werth der Dinge. Dem Zauber, der aus ſanft gewiegten Zweigen, Aus Laubesdunkel zu der Seele ſpricht, Lauſcht nicht das Volk, entfremdet dem Gedicht— Die Eile bringt den Herzensſang zum Schweigen. Kein Feſt begeht man mehr im tiefen Schatten Der ungeſtörten Waldeseinſamkeit, Weit hinter uns ſind ſchon die Völker, weit, Die Ehrfurcht vor den„heil'gen Wäldern“ hatten. Der dunkle Forſt, ein mahnendes Vermächtniß, Steht an der Reiche fernſter Grenze bald, Dann geht Ihr pilgern in den letzten Wald, Still zu begeh'n verſunk'ner Zeit Gedächtniß. Weh Euch, die einſt, vorgreifend dem Bedürfniß, Gelichtet edle Forſten meilenlang, Verſcheuchend Wild und Quell und Vogelſang, Aus Habſucht, Laune— oft um ein Zerwürfniß! Das Herz war öd' in dieſen öden Steppen, Schmucklos der Geiſt, wie bäumeloſes Land, Nun müßt Ihr durch den quellenarmen Sand Tagwerkend Eure Laſt im Sande ſchleppen. Die Scholle rächt ſich, die Ihr frech geplündert: Sie lohnt Euch ſchlecht des Pfluges blut'gen Schweiß, Mit karger Ernte wird dem ſpäten Greis Der Schmerz vergällter Jugend nicht gemindert. Euch kam das Weh. Ihr fragt: Warum? von wannen? Doch Axt und Säge wüthen weiter fort— Im Munde ſtirbt mir der Erwied'rung Wort, Doch fragt die Eichen, die gefällten Tannen! Aus„Still und Bewegt“ von Ludwig Foglar. auſche Geſpräche „ Mediſance. 40* ₰ 4 — 4 — 314 Ein Kapitel über das Trinken. Da der große Baco von Verulam in ſeinem Werke de augmentis scientiarum behaup⸗ tet, daß in einer Wiſſenſchaft nicht mehr viel ge⸗ leiſtet werde, ſobald man ſie ſyſtematiſch zu be⸗ handeln anfange: ſo ſoll denn in unſerer Abhand⸗ lung über das Trinken alles gefundeu werden, nur keine Ordnung. Daß ſich der Gegenſtand übrigens ſyſtema⸗ tiſch behandeln laſſe, beweiſen alte und neue Ge⸗ lehrte. Was ZJunder auch,— beim Trinken kommt man unserſehens zum Zopfe. Lehren und leeren hat dieſelbe Wirkung. Von den ſyſtematiſchen Schriften über das Trinken ſeien hier nur folgende erwähnt: Das lateiniſche Büchlein de arte bibendi— die Kunſt zu trinken— ein Gegenſtück zu Ovids:„Die Kunſt zu lieben“, ferner des Joh. von Schwarzen⸗ berg:„Der Zutrinker und Praſſer Geſatz, Or⸗ denung und Inſtruktion“ vom Jahre 1512 und endlich des witzigen Lichtenberg geſammelte Re⸗ densarten über Trunkenheit, welches Schriftchen er allen rothen Naſen dedieirte. Aus der letztgenannten Sammlung iſt zu erſehen, wie reich der Deutſche an Ausdrücken and iſt, der ſchon ſeit Tacitus her für einen Zuſtand für eine nationale Eigenthümlichkeit der Germa⸗ nen angeſehen wird. Faſt jeder Sta a eine Bezeichnung da einen Schuß, der lehrte etwas im K i 1 l Stand und jedes Gewerbe hat u geliefert. Der Jäger hat ldat einen Hieb, der Ge⸗ pfe, der Friſeur einen Haarbeutel; der Kerzenfabrikant iſt illumi⸗ nirt, der Lieferant geliefert, der Muſikant ſieht den Himmel voll Geigen, dem Redner iſt die Zunge ſchwer, der Tänzer kann auf keinem Beine mehr ſtehn, de etwas unter dem Dache oder auch im Ober⸗ ſtübchen, der Kravatenmacher hat einen hin⸗ ter die rde gegoſſen, der Fuhrmann ſchief geladen, der Schiffer lavirt oder ſegelt mit vollen Segeln, oder er hat einen Sturm; der Sterngucker hat zu tief in's Glas geguckt oder er ſieht zwei Sonnen, der Wohlthäter hat des Guten zu viel ge⸗ than, der Fromme iſt ſelig, der Glaſer hat gläſerne Augen, der Dachdecker iſt gedeckt, der Vorſichtige hat ſich gut vorgeſehn, der Gemüthliche etwas zu viel zu Gemüthe ge⸗ zogen, der Todtengräber endlich iſt begraben u. ſ. w. u. ſ. w. Auch aus der lateiniſchen Sprache haben wir trotz des eigenen Vorrathes einige Bezeichnungen geholt, wie z. B.„ſich ein bene thun“,„er hat einen habemus“,„es ſtieg ihm in's Capito- lium“ etc., und das mit Recht, denn die Römer verſtanden ſich außer den Eroberungszügen auch auf andere gewaltige Züge im naſſen Felde. Schreibt doch Seneka, der Stoiker! in ſeiner köſt⸗ Bin lichen Schrift über die Gemüthsruhe:„Zuweilen darf's wohl auch zu einem Räuſchchen kommen, nicht daß es uns erſäufe, aber doch, daß es uns untertauche. Das vertreibt die Grillen und rüt⸗ telt das Gemüth in ſeinen Tiefen auf.“ Horaz ſingt:„Es iſt gar ſüß, zu Zeiten den Verſtand fahren zu laſſen,“ und Plato, der genialſte Grie⸗ che, behauptet:„Vergebens klopft, wer bei ſich ſelbſt iſt, an die Muſenpforte an“. Als das Studium der Klaſſiker in Deutſch⸗ land wieder in Aufſchwung kam, ſuchten die gro⸗ ßen Humaniſten obigen Regeln getreulich nach⸗ zukommen. Mit Freude erinnert ſich Johann Vigilius der ſchönen Zeiten, als Reuchlin bei ihm in Heidelberg war, wo ſie ſich die Nächte bei einem Glaſe Wein verkürzten;— wenn ſie dann r Architekt hat Die Bürger blieben hinter ſo würdigen Mu⸗ ſtern nicht zurück. Als M. Stöffler zu Tübingen auf das Jahr 1524 eine allgemeine Sündfluth verkündete, flüchtete ſich der Bürgermeiſter Hen⸗ dorf zu Wittenberg auf den oberſten Boden ſei⸗ nes Hauſes, ließ ſich aber ein Viertel Gebräude Bier heraufholen, vermuthlich, wie die Chronik ganz naiv hinzuſetzt,„um ſich an das Trinken zu gewöhnen.“ Der Durſt im heiligen römiſchen Reiche mußte damals eine ſchreckliche Höhe erreicht haben, denn Kaiſer und Reichstage eiferten fruchtlos mit Edikten gegen die Trinkluſt und namentlich das Zutrinken. So erließ Maximilian im Jahre 1512 „in Anbetracht des unausſprechlich großen Nach⸗ theils und Schadens, ſo im heiligen Reich oft und viel aus dem Zutrinken erwachſen iſt, und künftiglich entſtehen möchte,“ einen„ſonderlichen Artikel“ dagegen, woraus wir Folgendes her⸗ vorheben: „WJewol das Zutrincken auff vorgehaltenen Reichßtagen mehr denn ein mal höchlich verbot⸗ ten, So iſt es doch bißher wenig gehalten, volln⸗ zogen oder gehandhabt worden. Darumb ſoll in allen Landen ein jede Oberkeyt, Hohe und Nid⸗ rige bei ihr ſelbs und bei jhren Underthanen ſolchs abſtellen und das bei merklich hohen Pee⸗ nen verbieten. Und ob die vom Adel ſolchs nicht meiden wolten, daß denn Keyſerliche Maieſtat, Churfür⸗ ſſten und Fürſten dieſelben ſcheuen und an ihren Höfen oder Dienſten nicht halten. Die aber, ſo geringern Stands weren, ſollen ſie an ihren Leiben hertiglich darumb ſtraffen.“ Wie wenig auch dieß Edikt gefruchtet, be⸗ weiſet Mathias Friderich's„Saufteufel“(1552) in welchem mit den ſtärkſten Zügen die Unſitte jener Zeit gezeichnet iſt. Zuvörderſt kommt darin „Des hölliſchen Satans und der Stände ſeines Reichs Sendbrief an die Zutrinker“, welcher in ironiſcher Weiſe die Regeln entwickelt, wie es trotz weltlicher und kirchlicher Satzung beim Zu⸗ trinken zu verbleiben habe und ſolches zu üben ſei. So heißt es unter anderem: „Item, wo Frauen und Jungfrauen darbei ſind, ſo laſſet ſie den Geſellen helfen. Laßt euch nicht irren, daß ſie ſich erſtlich gehebe(anhal⸗ tend) bedunken, und mit geringem Trinken an⸗ fangen, denn es kommt wohl weiter. Das haben wir wohl durch viel Erfahrung befunden.“ Den Schluß bildet die Aufzählung der —.= 8. 14 6 8— „Hölliſchen Wunderwerke im Zutrinken.“„S ſollt ihr zu Zeiten die Trunkenen ohn Schaden ſehen fährlicher Weis rennen, laufen und fallen, welches keinem Nüchtern anging. Ferner ſo macht die Trunkenheit die Geraden lahm, die Lahmen ſpringen und tanzen, die Wohlhörenden taub, die Redenden ſtumm, wahre Feindſchaft gewinnt Geſtalt großer Freundſchaft, der Freund aber wird geſcholten, die Alten werden zu Kindern, die Subtilen grob, die Friedſamen rumoriſch, des Schadens wird gelacht, die Nacht wird zum Tag, die ſtillſtehenden Häuſer laufen und eins wird geacht für zwei“ und dergleichen Wun⸗ derwerke mehr, wie ſie ſich wohl auch noch in unſerm ſkeptiſchen Jahrhundert wiederholen mögen. Noch intereſſanter iſt der„Sendbrief an die vollen Brüder“ von demſelben Mathias Friderich. Er ließ denſelben auf ſeinen„Saufteufel“ folgen, als er ſah„wie das Saufen bei uns Deutſchen ſo gar überhand genommen hat, alſo daß es ſchwerlich, ja gleich unmöglich ſcheint, daß es ſollte bei uns ganz ausgereutet können werden.“ des Morgens aufſtanden, konnten ſie die Kleider! noch nicht unterſcheiden, und verwechſelten ſie. Der gelehrte Eobanus Heſſus war der König würmlichen Trinkreiches, er trank alle, die weite Welt, ſeſſen wollten, unter den Tiſch. „Es üben ſolch Laſter jetzund nit allein die Mannsperſonen, ſondern auch die Weiber, nicht allein die Alten, ſondern auch die Kinder; die können allbereit einander eine Halbe zutrinken; die Eltern lehren's wohl auch ihre Kinder: Nu Du kannſt. Ganzes.“ „ So braucht man auch nicht mehr gebür⸗ liche und gewöhnliche Trinkgefäß, ſondern aus Schüſſeln, Töpfen, Käſenäpfen, Becken, Hand⸗ fäſſern, Fiſchpfannen, Kacheln, item aus Hüten, Schuhen und ſo noch was ärgers iſt, ſäuft man einander zu.“ „Man findet auch immer eine neue Weis lüber die andere. Etliche ſpielen den Wein oder das Bier einander zu, die Andern ſingen's ein⸗ ander zu, Andere tanzen's einander zu, Etliche fluchen’s einander zu, Etliche füllen's einander mit Füllhälslein oder Trichtern ein.“ „ Alſo hat man auch den Willkomm*) erfunden, damit man die Leut empfahen und den lieben Gaſt will fröhlich machen; den darf Kei⸗ ner niederſetzen, er trink ihn denn zuvor gar ans.“ Eine hohenlohiſche Lehensurkunde aus dieſer Zeit fordert von den Vaſallen, den großen, eine Maß haltenden Lehensbecher bis auf die Nagel⸗ probe zu leeren, zum Zeichen,„daß man ein deutſcher Edelmann ſei und dem Vaterlande er⸗ ſprießliche Dienſte zu leiſten vermöge.“— Dem Geſandten W. Temple wurde in Münſter bei Gelegenheit eines Toaſtes auf den König eine vergoldete Glocke von zwei Maß gereicht. Nach⸗ dem man den Klöppel herausgenommen, wurde ſie mit Wein gefüllt und auf einen Zug geleert; hierauf der Klöppel wieder eingehängt und die Glocke geläutet, zum Beweiſe,„daß man ehrliches Spiel geſpielt habe“. Weber berichtet von Be⸗ chern, die ſo groß waren, daß man, während ſie in einem Anſatze geleert wurden, ſechs Mal aus derſelben Piſtole(kein Revolver) ſchießen konnte. Murner reimt eifernd: as ſi O D Bringe ihm ein Halbes oder 9 nd jetzund die ſieben Künſt', u gute Geſellen find'ſt, ſetz' Dich nieder, ſpiel mit ihn“ ſchütt' den Wein in Kübeln in. 84 9 1 G. — ₰ n Geiler von Kaiſersberg ſagt von den Stu⸗ enten:„Darnach fangen ſie an, trinken einan⸗ 3 er zu, und welcher am beſten ſaufen mag, der ird J H 2 d d d wir Magiſter oder Doktor.“ Wenn alſo auch in früherer Zeit, das zum Doctor⸗ oder Magiſtertrinken nicht unbekannt war, ſo iſt doch die eigentliche Ausbildung der Trinkmanieren dem 17. Jahrhundert zu verdan⸗ ken. Unter den Studenten ſowol als bei großen Gaſtmälern an den Höfen ging Alles nach vor⸗ handenen Trinkgeſetzen und Trinkregeln zu. Dabei trank man aus Gläſern verſchiedener Größe und Form. Ein Schriftſteller jener Zeit ſagt daher:„Die Weltkinder und Trinkhelden 8 trinken heutiges Tages aus Schiffen, Windmüh⸗ len, Laternen, Sackpfeifen, Schreibzeugen, Büch⸗ ſen, Krummhörnern, Knebelſpießen, Weinwagen, Weintrauben, Aepfeln, Birnen, Kokelhanen, Affen, Pfauen, Mönchen, Nonnen, Bauern, Bergleuten, Bären, Löwen, Hirſchen, Roſſen, Strauſſen, Kaut⸗ zen, Schwanen, Schweinen und andern unge⸗ wöhnlichen Trinkgeſchirren, die der Teufel erdacht hat, mit großem Mißfallen Gottes im Himmel.“ In Scheible's„Schaltjahr“, ſteht eine„Neue artig und kurzweilige Disputation, in welcher das Zech⸗ und Saufrecht, ſammt allen deſſelben Solennitäten, Gebräuchen, auch darinnen vorlau⸗ fenden Controverſien und Steitigkeiten aus dem weltlichen Recht gezegen, kürzlich entworfen und beſchrieben wird He. Von Blaſio Vielſauff, beider Wein und Bier Candidaten. Gedruckt im Jahr; Guter Wein erfreut durſtigen Menſchen ihr Herz.“ Wir heben daraus nur folgende charakteriſtiſche Stelle hervor: Floricos trinken heißt„den Rand des Gefäßes, in welchem das Getränk iſt, mit den Lefzen des Mundes ringsherum umgeben und mit einem Sturm den zugebrachten Getrank in laß ſehen(ſpricht der Vater zum Söhnlein), was *)„Willkomm“, ein großer Becher. Angelſ. Fildoumb. Ital. Bilcomo, Franz. Vidrecome. die Gurgel ſchütten, daber dann aus Wiedertrieb des Athems kleine Bläschen auffahren, welch die Unſern Flores, zu teutſch Blümlein oder Röslein zu nennen pflegen.“ Geht der Trunk nach der Reihe herum, ſo heiße er Rundtrunk. Ein ſolcher Rundtrunk iſt die Geſundheit, welcher um Eines Geſundheit willen mit entblößtem Haupte ſtehend von der ganzen Geſellſchaft verrichtet und getrunken wird. Ein wichtiger Trunk iſt die Brüderſchaft oder der Duztrunk. Mit einem Pix⸗Krämer ſollte der Student nicht auf Duzbrüderſchaft trinken, doch mochte er es thun, wenn er von einem ſolchen zum öftern angeſprochen wurde,„inmaßen dann dieſes ſehr viel thut in dem Wechſel, Geld ſchießen und be⸗ vorab zu einem guten Kredit, wann die Seckel ausgeweidet und die Motten in die Taſchen kommen ſeind“. Andere Trünke ſind: Curl, Murl, Puff, welcher mit vielen ſeltſamen Poſſen verbunden war; Der Lateiniſche Trunk, welcher vier mal muß getrunken werden; Das Rößlein verkaufen; Den Unbekannten bringen; Sine Tuck, ſinne Schmuck, ſinne Bartwiſch. Auch gab es Trünke, wo Zwei oder mehr aus einem Glas trinken, z. B. das römiſche Reich. In Niederſachſen pflegten Vier aus einer Kanne zu trinken, wobei der Letzte den Reſt voll⸗ ſtändig austrinken mußte, dieſe Art hieß„Den Fuchs ſchlepfen“. Gegen das Trinken war ſchon im 16. Jahr⸗ hundert geeifert worden; Luther äußerte ſich an kurfürſterlicher Tafel dagegen:„Da ſolltet ihr Fürſten zuerſt dazuthun.“—„Ja, wir thun ge⸗ nug dazu,“ ſagte Herzog Ernſt,„ſonſt wäre es wohl ſchon abgekommen.“ Noch mehr eiferte man im 17. Jahrhunderte. Die Pfalzgrafen beim Rhein, die Herzöge von Baiern, der Erzbiſchof von Trier ꝛc. errichteten 1624 einen Fürſtenbund zu Abſtellung des Voll⸗ trinkens, und die Kurfürſten von Sachſen erließen manches Mandat gegen das übermäßige Trin⸗ ken— aber Alles das half wenig oder gar nichts. Man trank und ſang dazu: Es muß hinein Und ſoll hinein, Was nutzen tauſend Thaler, Wenn wir geſtorben ſein. Gar wild mag es in dieſer Beziehung auf den Univerſitäten hergegangen ſein. Meyfart erzählt hierüber:„Andere Profeſſo⸗ res auf manchen Univerſitäten haben große Urſache darzu gegeben, wenn ſie mit akademiſcher Jugend gefreſſen, geſoffen, geblöckt, geſchwermet; Wenn ſie unter dem Freſſen und Sauffen die Geiger und Trommeter hohlen, und die Feld⸗Stücke zum Fenſter hinaus blaſſen; Wenn ſie neben der Aka⸗ demiſchen Jugend theils auf offenen Plätzen, theils in Stuben, auf Sälen, in Gärten, in Höfen, in Forwercken, in Wieſen gehüpfet, getantzet. Dieſes hat inbeſonderheit jene gezieret, ſo ent⸗ weder in langen Röcken oder langen Mänteln, oder geſtutzten Hartzkappen daher gehüpfet, wie die Elſtern; oder wie die Iſraeliten um das aro⸗ niſche Kalb.“ Moſcheroſch entwirft uns in ſeinem:„Phi⸗ lander von Sittewald“ auch ein Bild des Kneip⸗ lebens, das zu abſtoßend iſt, um ganz hier auf⸗ genommen zu werden. Unter andern heißt es: „Als ich auff anmahnen beſſer hien zu trate, ſahe ich, es ſaſſen die vornembſte an einer Tafel, und ſoffen ainander zu, daß ſie die Augen ver⸗ kehreten als geſtochene Kälber. Einer brachte dem andern eins zu, auß einer Schüſſel, auß einem Schuh. Einer reichte dem andern die Hand, fragten ſich unter einander nach ihren Namen, und verſprachen ſich ewige Freund und Brüder zu ſein, mit angehencktem dieſem gewöhnlichen Burſch⸗ ſpruch: Ich thue was dir lieb iſt, ich meyde was dir zuwider iſt.“ Die aber, ſo ein ander nicht Beſcheyd thun wollten, ſtelleten ſich theils als Unſinnige und als Teufel, ſprangen für Zorn in alle höhe, raufften auß begier ſolchen ſchimpff zu rechen ſich ſelbſten die Haare auß, ſtießen einander die Gläſer in das Geſicht, mit den Dägen herauß, und auf die Haut, biß hie und da einer nider fiele und ligen bliebe; und dieſen Streit ſahe ich auch under den beſten⸗ und Bluts⸗ freunden ſelbſt, mit Teuffeliſchem wüten und toben geſchehen.“ Die Rohheit ſolcher Gelage hat doch, Dank der fortſchreitenden Verfeinerung der Sitten und der Genüſſe, zum großen Theile einer anſtändi⸗ geren und freundlicheren Geſelligkeit weichen müſ⸗ ſen, wenn auch für die Mäßigkeitsvereine immer⸗ hin noch einiges zu thun bleibt. Die Heroen unſerer Literatur waren eben keine Mäßigkeitsapoſtel; das„Lied an die Freude“ ſoll die Muſe zur Mutter und Bacchus zum Va⸗ ter haben; Goethe nannte das Trinken„ein löb⸗ liches Thun“ und Jean Paul unternahm nie eine poetiſche Exkurſion ohne ein und die andere Flaſche Wein in den Taſchen ſeiner langen Rock⸗ ſchöße. Sagt doch ſchon Moſes:„Der Wein erfreut des Menſchen Herz“ und Sirach ruft aus:„Was iſt das Leben, wo kein Wein iſt!“ Dem Guten iſt's zu gonnen Beim Untergang der Sonnen, Daß er in ſich geht und denkt, Wo man einen guten ſchänkt. Wird nur immer die Mahnung des Liedes beherziget: Ich ſag' halt allweil: modice! Ich ſteh' noch allweil g'rad', Doch liegt man auf dem p— Iſt's um den Wein nur ſchad,— ſo darf man getroſt mit Hebel fragen: Ne Trunk in Ehre, Wer will's verwehre? Ein Kapitel über Konverſation. Wir Deutſchen beſitzen keinen entſprechenden Ausdruck für„Konverſation“; warum? weil wir die Sache ſelbſt nicht haben.„Unterhaltung“ iſt zu allgemein und„Geſpräch“ zu ſchwerfällig. Der Franzoſe beſitzt unter allen Völkern am meiſten die Gabe der Konverſation, denn er hat alle Eigenſchaften, die hierzu befähigen: Lebhaf⸗ tigkeit, Klarheit, Munterkeit, Witz und natürlichen Verſtand in ſcharf ausgeſprochener Weiſe. „Die franzöſiſche Pointe,“— ſagt de Maiſtre —„ſticht wie die Nadel, um dem Faden der Unterhaltung Durchgang zu verſchaffen.“ Griechen und Römer hielten mehr Diſſerta⸗ tionen, als ſie konverſirten. Kein Wunder, fehlten doch die Frauen, die in ihren Frauengemächern abgeſondert einer ſtumpfen Langweile lebten. Im Mittelalter iſt an den galanten Liebes⸗ höfen der erſte Keim der Konverſation zu ſuchen, welche endlich im fünfzehnten Jahrhundert, dem Beginne des modernen Lebens, in Italien ihren Boden fand. Herren und Damen vereinigen ſich, um ſich„Novellen“ zu erzählen und über den Inhalt derſelben ſich in heiter ſtreitender Weiſe zu ergehn. Was anfangs nur ein Mittel war, die Zeit zu vertreiben, wird Vergnügen, und was nur Vergnügen war, wird bald Bedürfniß. Nach den grauſamen Vorgängen des ſechs⸗ zehnten Jahrhunderts verwendete ein Franzoſe, Namens Honoré d'Urſe die Muße ſeines Exils zur Verfaſſung eines Romans, in welchem er das Ideal eines ruhigen, verliebten Hirtenlebens zu malen verſuchte:— Die Aſtrea. ——— 315 Der Erfolg desſelben war allgemein und grenzenlos. Unter andern Beweiſen von Enthu⸗ ſiasmus erhielt d'Urſe einen Brief von 50 fürſt⸗ lichen Perſonen Deutſchlands, die ihm anzeigten, daß ſie nach Art der Hirtengeſellſchaften in der Aſtrea eine Akademie wahrer Liebenden errichtet hätten. Dieſer Roman, der unſere Altvordern wei⸗ nen machte und uns nur noch ein Lächeln abnö⸗ thigt,— es ſind darin mehr als hundert Perſonen, alle verliebt und faſt alle tugendhaft— wirkte damals maßgebend auf die ganze Literatur, das Theater und die Geſellſchaft ein, und war die Veranlaſſung zu den geſelligen Zirkeln des Hötel de Rambouillet. Drei Frauen führten hier nach einander— man ſtoße ſich nicht an die alte, doch gute Meta⸗ pher— den Szepter geiſtreicher Unterbaltung: die Mutter, die Tochter, die Enkelin; Julie Sa⸗ velli, Katharine de Vivonne, Julie d'Angennes. In ihrer Blüthezeit waren dieſe Zirkel aus allem zuſammengeſetzt, was durch Geburt oder Geiſt ausgezeichnet war. Condé, Conti, La Roche⸗ faucauld, Scarron, Corneille, Boſſuet,— wer kennt dieſe Namen nicht? In dieſen glänzenden Zirkeln reinigte ſich, wenigſtens verhältnißmäßig, der Geſchmack. Die Männer gewannen von den Frauen Höflichkeit, Eleganz und Takt, und die Frauen von den Männern ihrerſeits einen größeren Geſichtskreis durch Kenntniſſe und fertiges Wiſſen. Die ge⸗ lehrt Gebildeten wurden Weltleute, und die Weltleute gebildet; es entſtand eine Fuſion zwi⸗ ſchen den Ideen und den Formen, der Wiſſen⸗ ſchaft und dem Leben. Bemerkenswerthe Sache! ein einfacher Bürgerlicher— Voiture— der Sohn eines Weinhändlers, wird durch den Freibrief ſeines Geiſtes zur höchſten Geſellſchaft zugelaſſen und lebt auf dem Fuße der Gleichheit mit den größten Namen Frankreichs. Von nun an ging Literatur und Konver⸗ ſation Hand in Hand; den Anregungen der ge⸗ ſelligen Zirkel, welche ſich bald an mehreren Orten bildeten, verdanken wir die beſten Werke jener Zeit. Mademoiſelle de Scudery ſuchte nach Auf⸗ löſung der Zirkel im Hôtel Rambouillet der Mit⸗ telpunkt eines neuen zu werden. Allein die Ele⸗ mente waren bereits nicht mehr dieſelben; die Bürgerlichen gewannen allmälig das Uebergewicht über den hohen Adel, der Ton der Konverſation verlor an Leichtigkeit und bald fanden die Luſt⸗ ſpieldichter Gelegenheit, die„lächerlichen Preciö⸗ ſen“ und die„gelehrten Frauen“ mit treffendem Spotte anzugreifen. Die Preciöſen redeten nur mit den Spitzen der Lippen und aßen nur mit den Spitzen der Zähne. Sie konnten es nicht ertragen, daß man z. B. ſagte, ich liebe die Melonen, das hieß das Wort„Liebe“ proſtituiren, man mußte ſagen: ich achte die Melonen. Weniger geſchraubt ging es in dem Salon der Ninon de l'Enclos zu. Trotz ihrer mora⸗ liſchen Zügelloſigkeit muß man ihr doch ein tref⸗ fendes Ürtheil und einen treuen Sinn für Freund⸗ ſchaft zugeſtehn. Ihr oft ausgelaſſener Witz birgt meiſt einen tiefen Zug. Die hohen Perſonen, die bei ihr aus⸗ und eingingen, ſicherten ſie vor der Strenge der Regentin⸗Mutter. Der Prinz von Condèé gab ihr öffentliche Beweiſe ſeiner Achtung. Da er ſie einmal in ihrem Wagen traf, ließ er den ſeinen anhalten, ſtieg ab und ging, den Hut unter dem Arm, um ſie im Angeſichte der erſtaunten Menge zu grüßen. Unter Ludwig XIV. ordnete ſie ihr Leben nach und nach auf einen mehr anſtändigen Fuß und ihr Salon wurde muſtergiltig; alles war dortdelikat, leicht und doch gemeſſen; Spiel, lautes Lachen, Dispute, religiöſe und politiſche Geſpräche waren verbannt, ja ſelbſt die— Mediſance. 4 —— ,,.. — — 316 Durch die Anmuth und Lebendigkeit ihres Geiſtes wußte ſie ſelbſt, als ihre äußeren Reize — die ihr übrigens bis über 60 Jahre treu blie⸗ ben— Alles zu feſſeln und die beſte und höchſte Geſellſchaft an ſich zu ziehn.„Der Frohſinn des Geiſtes,“ ſchrieb ſie an Saint⸗Evremond,„iſt ein Zeichen ſeiner Kraft.“ An der Tafel zeigte ſie ſich ſo lebhafter und munterer Stimmung, daß man von ihr ſagte, ſie ſei trunken von der Suppe, denn ſie trank nichts als Waſſer. Sie behauptete, im Leben dürfe man ſich mit nichts vorſehn, als mit Lebensmitteln, niemals mit Vergnügungen, denn dieſe müſſe man immer vom Zaune bre⸗ chen. Sie war mit der Welt ganz zufrieden, nur meinte ſie, die Falten wären unten an der Fußſohle weit beſſer placirt, als auf dem Geſichte. Als Ninon endlich ihre Jugend bis zum neun⸗ zigſten Jahre gebracht hatte, fühlte ſie, daß ſie doch eines Tages auch dem Geſchicke aller Uebrigen verfallen könnte, und ſo hatte ſie keinen andern Wunſch, uls Madame de C. möchte Recht haben, welche meinte, nach dem Tode mit den Freunden in der andern Welt weiter plaudern zu können. Auffallend iſt es, daß gerade jene Perſonen, bei denen man die Gabe des Wortes vorauszu⸗ ſetzen pflegt, die Dichter, in der Konverſation mneiſt eine klägliche Rolle ſpielten. So heißt es von La Fontaine:„Er erſcheint plump, ſchwerfällig und ſtupid; er kann nicht einmal er⸗ zählen, was er eben geſehn hat; doch ſobald er ſich zum Schreiben ſetzt, iſt er das Muſter guter Erzähler. Er läßt Thiere, Bäume, Steine, kurz alles reden, was nicht redet, nur er ſelbſt verſteht nicht zu reden.“ Von Corneille iſt es bekannt, daß er im⸗ mer ungeſchickt in der Unterhaltung war. Mar⸗ ville ſagt von ihm:„Seine Konverſation war ſo ſchwerfällig, daß ſie zur Laſt wurde, ſobald ſie eine Zeit dauerte. Er hat nie das Franzöſiſche korrekt geſprochen.(1) Moliére verſtand zwar das Plaudern, aber er war zu bequem dazu. Noch geſchickter und gewandter war Racine darin— war er doch nahezu ein Höfling!— und doch verurſachte ein Verſehen in der Konverſation mit der Maintenon und dem König die aller⸗ höchſte Ungnade, über welche ſich der Dichter zu Tode kränkte. Die Unterhaltung der Maintenon ſelbſt war gewählt und von unendlichem Reiz. Als ſie noch Madame Scarron war, flüſterte ihr eines Tages bei der Tafel der Bediente in's Ohr:„Madame, ſchnell noch eine Geſchichte, wir haben heute keinen Braten.“ Ludwig XIV. drückte der Konverſation, wie allem übrigen, das Siegel einer ſouveränen Ele⸗ ganz auf. Im achtzehnten Jahrhunderte erhielt die Konverſation einen noch höheren Glanz. Sie wurde eine Macht, und zwar eine der größten. Das achtzehnte Jahrhundert war die Herrſchaft des Salons, das heißt der vereinigten Konver⸗ ſation und Philoſophie. Die eine wie die andere war die beſtändige Beſchäftigung dieſer geſammten Geſellſchaft. Kein Tag feierte. Man dinirte am Sonntag und Donnerſtag bei dem Baron von Holbach, am Montag und Mittwoch bei Madame Geoffrin, Dienſtag bei Helvetius, Freitag bei Ma⸗ dame Necker. Der erſte Salon von Bedeutung war jener der Frau De Lambert. Mitten unter den Aus⸗ ſchweifungen der Regentſchaft öffnete ſie durch mehr als zwanzig Jahre ein Aſyl dex Konver⸗ ſation, dem geiſtreichen Geplauder, wienben ern⸗ ſten Unterſuchungen. Sie hatte ein ſolches An⸗ ſehen bei Gelehrten und Künſtlern, daß man nicht leicht früher in die Akademie aufgenommen wurde, wenn man nicht bei ihr und von ihr vorgeſtellt worden war.„Es iſt ſicher,“ ſagt D'Argenſon, „daß ſie gewiß die Hälfte der akademiſchen Plätze beſetzt hat.“ Man nannte ihr Haus auch nur das Bureau des Geiſtes. Madame De Tencin— die Mutter D'Alem⸗ bert's— war eine Frau von wenig Herz, aber von viel Geiſt und außerordentlich praktiſchem Verſtande. Eine ihrer Maximen war:„Leute von Geiſt begehen dadurch viele Fehler, daß ſie die Menſchen niemals für ſo dumm halten, als ſie wirklich ſind.“ Ihre Gäſte, worunter Männer wie Montes⸗ quieu und Fontenelle ſich befanden, war ſie ge⸗ wohnt„ihre Hausthiere“ zu nennen. Als ſie gegen ihr Ende bemerkte, daß Ma⸗ dame Geoffrin ſehr eifrig mit ihren Beſuchen war, ſagte ſie:„Wiſſen Sie, was die Geoffrin hier will? Sie kommt um zu ſehen, was ſie dereinſt von meinem Inventar wird brauchen können.“ Und in ver That traf es ſich, daß der Salon der Madame Geoffrin die Erbſchaft übernahm. Er war der vollſtändigſte, beſt organiſirte, man kann ſagen, beſt adminiſtrirte ſeiner Zeit, eine der Inſtitutionen des achtzehnten Jahrhunderts durch dreißig Jahre. Sie, die Tochter eines Kammerdieners, hatte einen Mann geheiratet, der in Betreff des Geiſtes nur ſo viel gehabt hatte, ſeiner Frau ein anſehn⸗ liches Vermögen zu ſichern, übrigens aber noch weniger, als gewöhnlich war. Man gab ihm, er⸗ zählt man, immer den erſten Band desſelben Werkes zu leſen, ohne daß er es merkte, er fand, daß das Buch intereſſant ſei, nur wiederhole ſich der Verfaſſer ein wenig. Madame Geoffrin verſammelte um ſich nicht blos Schriftſteller, ſondern alle ausgezeichneten Künſtler jeder Art, und brachte ſie mit einander und mit der Welt in Beziehung, mit einem Worte: ſie hatte die Encyklopädie des Jahrhun⸗ derts in Wirklichkeit um ſich. Kein Fremder von Auszeichnung, kein Geſandter, keine fürſtliche Perſon kam nach Paris, ohne um den Eintritt in ihren Salon ſich zu bewerben. Es ſei hier nebenbei ein Zug ihrer reizen⸗ den Delikateſſe erwähnt. Man machte ihr eines Tages bemerklich, daß Alles in ihrem Hauſe voll⸗ kommen ſei, nur nicht die Sahne.„Was wollen Sie,“ ſagte ſie,„ich kann keine andere Milchfrau nehmen.“—„Ei, und was hat denn dieſe Milch⸗ frau gethan, daß Sie nicht von ihr laſſen?“— „Ich habe ihr zwei Kühe gegeben.“ Von ihren Lebensregeln ſeien erwähnt: „Sparſamkeit iſt die Quelle der Unabhän⸗ gigkeit und Freiheit.“ „Man darf nicht Gras wachſen laſſen auf dem Wege der Freundſchaft.“ Vielleicht nicht ſo vollſtändig, wie der Salon der Geoffrin, aber jedenfalls ausgezeichnet, war jener der Madame Du Deffand, des„weiblichen Voltaires,“ wie Villemain dieſe Frau nennt. Da ſie in ihrem Alter erblindete, nannte man ſie „die hellſehende Blinde“, weil ihr trotz des feh⸗ lenden Augenlichtes auch nicht das geringſte ent⸗ ging. Sie blieb auch bis an ihr Lebensende die⸗ ſelbe, lebhaft, unermüdlich, von einer„herkuli⸗ ſchen Schwäche,“ wie Walpole ſagte. Sie ſchlief nicht; es war ihr zum Bedürfniſſe geworden, die Nacht in der Geſellſchaft zuzubringen. Als ſich Walpole in Paris befand, ſieht er eines Morgens, ehe er ſich noch angekleidet hatte, den Wagen der Frau Du Deffand vorfahren. Sie leiſtet ihm, wäh⸗ rend er ſich ankleidet Geſellſchaft, was, wie ſie be⸗ merkt, nichts unanſtändiges habe, da ſie nichts ſieht; Walpole geht mit ihr ſpazieren und ver⸗ läßt ſie erſt um halb drei Uhr in der Nacht, und am Morgen, ehe er noch die Augen aufſchlug, hatte er ſchon einen Brief von ihr.„Kurz,“ ſagt er,„ihre Seele iſt unſterblich, und nöthigt ihren Körper, ihr Geſellſchaft zu leiſten.“ Nach ihr wurde De Leſpinaſſe, die Freundin D'Alemberts, eine der anerkannten Mächte des nur zwei achtzehnten Jahrhunderts. Die Jugend und die Literatur, die Encyklopädiſten in Maſſe waren für ſie. Ihre große Kunſt in der Geſellſchaft, eines der Geheimniſſe ihres Erfolges, war die Feinheit, mit welcher ſie den Geiſt der andern herausfühlte, ihn zur Geltung brachte und dabei ihren eigenen zu vergeſſen ſchien. Ich hätte früher ſchon den kleinen Hof der kleinen Herzogin von Maine im kleinen Schloſſe zu Sceaux erwähnen können. Sie war faſt zwerg⸗ haft und hatte das Ausſehen eines Kindes von zehn Jahren, als ſie in ihrem ſechzehnten Jahre heiratete. Man machte eine Deviſe für ſis:„Die Honigfliege,“ mit den Worten aus Taſſo:„Sie iſt klein, aber ſie macht grauſame Wunden.“ Das gab Veranlaſſung, daß man ſpäter eine Ge⸗ ſellſchaft unter dem Titel:„Orden der Honig⸗ fliege“ mit Regeln, Statuten und Medaillen bil⸗ dete. Man ſchwur bei dem Berge Hymettus. Voltaire fand auf dieſem Schloſſe, als er verfolgt wurde, ein freundliches Aſyl. In einem abgelegenen Zimmer, deſſen Fenſtervorhänge den Parden Tag herabgelaſſen waren, arbeitete er bei Kerzenlicht viele ſeiner Erzählungen, darunter „Zadig“. Abends las er ſie der Herzogin vor. Dieſe Prinzeſſin war durch ihr ganzes Leben ein verdorbenes Kind. Die Idee, welche ſie von ſich ſelbſt hatte, war eben ſo gut ein Vorurtheil, wie alle ihre übrigen Meinungen. Sie wußte alles und nichts. Die Konverſation, welche Sonntags und Donnerſtags beim Baron von Holbach ſtatt⸗ hatte charakteriſirt ſich durch ihre antireligiöſe Freiheit. Es war dort das Stelldichein der kühn⸗ ſten Geiſter, Diderot, Grimm, Naigeon, Lagrange ec. Jean Jacques war anfangs auch in dem Zirkel, ſpäter hatte er ſich zurückgezogen, und zwar aus folgendem Grunde. Holbach fand, ſagt man, daß Rouſſeau'’s gewöhnliche Konverſation gemein und niedrig ſei, aber daß ſie erhaben oder närriſch wurde, ſobald man ihm widerſprach. Er ſetzte ihm alſo mit Widerſprüchen zu, um je nach Gelegen⸗ heit Gelächter oder Begeiſterung hervorzurufen. Rouſſeau, verletzt, mied nun das Haus des Barons. Einer der letzten Salons des achtzehnten Jahrhunderts war der Zeit nach jener der Frau Necker. Buffon nahm bei ihr denſelben Rang ein, wie Fontenelle bei der De Lambert. Aus der Schweiz nach Fraukreich überſiedelt, fand ſie ſich anfangs ein wenig fremd in Paris und konnte ſich nur mit Mühe akklimatiſiren. Sie hatte ſich ihre Idee von den Autoren in Paris blos durch Bücher gebildet, und ſie merkte bald, wie die Wirklichkeit ganz anders ſei. Sie ſchreibt in einem Briefe an eine Schweizer Freundin:„Ich muß Ihnen geſtehen, daß ich ſeit meiner Ankunft in Paris auch nicht einen Augen⸗ blick auf Grundlage der Ideen gelebt habe, die ich mir angeeignet hatte; ſondern ich ſah mich ge⸗ nöthigt, meinen Geiſt ganz von neuem umzu⸗ geſtalten, für die Charaktere, die Umſtände, die Konverſation.“ In dem Verhältniſſe, wie der Einfluß Neckers ſtieg, vergrößerte ſich der Zirkel ſeines Hauſes. Um Alle aufzuzählen, die ſich damals in dem Salon der Frau Necker vereinigten, müßte man die Elite von ganz Frankreich herrechnen. Eine treffliche Bemerkung, welche der Frau Necker zugeſchrieben wird, mag hier eine Stelle finden. „Die Frauen,“ ſagt ſie,„füllen die Zwi⸗ ſchenräume der Konverſation und des Lebens aus, wie der Flaum in den Kiſtchen mit Por⸗ zellan. Man zählt den Flaum für nichts, und doch würde alles ohne ihn zerbrechen.“ Der Salon ihrer Tochter, der Frau von Staöël, bildet den natürlichen Uebergang vom acht⸗ zehnten zum neunzehnten Jahrhundert; er hat noch den Geiſt des erſteren und bereits die Be⸗ redſamkeit des andern. „Wenn ich Konigin wäre,“ ſagte Madame De Teſſé,„ſo würde ich gebieten, daß Madame de Staél fortwährend zu mir ſprechen müßte.“ Lady Morgan ſcheint nicht Luſt gehabt zu haben, mit von der Partie zu ſein, denn ſie ſchil⸗ dert die allzuberedte Konverſation der Stasl alſo: „Wenn ſie den Moment gekommen glaubte, ſprach ſie ihre metaphyſiſchen oder politiſchen Orakel aus, indem ſie entweder die Kantiſche Philoſophie oder die Abſichten Neckers mit einer Beredſamkeit ent⸗ wickelte, die mehr geeignet war, Bewunderung zu kommandiren, als eine Quelle des Vergnü⸗ gens zu ſein.“ Beyle⸗Stendhal äußert ſich in demſelben Sinne:„Unter der Zahl der Strapatzen, welche den Tod der Staöl beſchleunigt haben, hörte ich auch die Arbeit der Konverſation während ihres letzten Winters erwähnen.“ Die Revolution ließ eine Pauſe in der Kon⸗ verſation eintreten. Wie ſollte man auch fortfah⸗ ren zu plaudern, wenn die Baſtille zuſammen⸗ brach, und der Thron nach der Baſtille und die alte Welt nach dem Throne? Wenn aber doch einige Salons offen blieben oder ſich öffneten, ſo waren ſie politiſch, und die Eloquenz, nicht die Konverſation herrſchte in ihnen. Beide vertragen ſich nicht mit einander. So war z. B. der Salon der Madame Roland ein Supplement der Aſſemblée. Die Salons der Reſtauration waren außer⸗ ordentlich glänzend. Die Poeſie machte dort ſo oft die Honneurs, wie die Politik. Man konnte Lamartine vor jungen, geiſtreichen und ſchönen Frauen ſeine erſten Meditations, man konnte Viktor Hugo ſeine Oden und Balladen vorleſen hören. Namentlich war der Salon der Madame Recamier ein literariſcher Herd, an welchem Cha⸗ teaubriand den Vorſitz führte; ſie hatte den Prin⸗ zen Auguſt von Preußen, den berühmten Bild⸗ hauer Snn por, der ihr Bild meißelte, Benjamin Conſtant und eine große Zahl anderer Notabili⸗ täten zu Freunden. Mit dem Namen der Frau Emile de Girar⸗ din, deren Salon ſich erſt vor wenig Jahren mit ihrem Tode ſchloß, beſchließen wir dieſe Skizze, um ſpäter einmal auf dieſen hiſtoriſchen Abriß einige theoretiſche Bemerkungen über die Kunſt der Konverſation folgen zu laſſen. Was iſt der Menſch? Ernſt und Scherz, von J. N. Klarenberg. Wir ſaßen an einem Winterabende im ver⸗ trauten Freundeskreiſe; das ſeichte Thema über Witterung und Stadtneuigkeiten war bald er⸗ ſchöpft, und um nicht das eſpräch auf politiſche Gegenſtände gerathen zu laſſen, oder gar zu dem Nothbehelfe des leidigen Kartenſpieles greifen zu müſſen, wurde der etwas ſeltſame Vorſchlag ge⸗ macht, die oben genannte Frage und deren Be⸗ antwortung zum Gegenſtande unſerer Unterhal⸗ tung zu wählen. Geſagt, gethan! Der Erſte, an den die Reihe kam, war ein Botaniker. „Meine Freunde!“ begann er ſeine An⸗ ſprache,„glaubet mir, der Menſch iſt nichts als ein Gärtner.“ „Ein Gärtner?“ lachten die Andern. „Ein Gärtner,“ erwiederte er ruhig,„und ich will meinen Ausſpruch ſogleich zu beweiſen ſuchen.— Der Herr ſchuf die Erde als einen großen Garten, und zuletzt den Menſchen als ſei⸗ nen Gärtner. Die Gärtnerei iſt unſer wichtigſter Beruf, alles Andere iſt nur Nebengewerbe, deſſen Zweck am Ende doch nur Laran losgeht, daß wir die Früchte unſeres großen Erdengartens in Ruhe genießen.“ Da bin ich einer ganz anderen Meinung,“ ſagte nun ſein bejahrter, grämlicher Nachbar. „Wie Ihr ſeht, meine Freunde, bin ich ein alter Mann, der viel gelebt und erfahren hat, und mich ſchmerzt es, die Erkenntniß mit in's Grab neh⸗ men zu müſſen, daß der Menſch nichts anderes ſei, als— ein Taugenichts.“ Die Freunde unterdrückten ein Lächeln und ließen den Redner fortfahren. „Ja, meine Herren, von A bis Z nichts als ein Taugenichts.— In dem erſten Quartal ſei⸗ nes Lebens als Kind und Knabe ein zwar un⸗ ſchuldiger aber wirklicher; denn da taugt er noch zu gar nichts. In den zwei folgenden Vierteln als Jüngling und Mann iſt er ein thätiger Tau⸗ genichts, denn die untauglichen Werke übertreffen bei weitem die gelungenen, und im letzten end⸗ lich, als Greis, ſehen wir ihn abermals, zu allem untauglich, als müßigen Taugenichts.“ „Ihre Altersbrille ſieht zu ſchwarz,“ unter⸗ brach ein Anderer den grämlichen Alten,„ſo ſchlimm ſteht es mit den Menſchen noch nicht; wenn ich leider zwar ſelbſt nicht in Abrede ſtellen kann, daß wir Menſchen in der That nichts an⸗ deres ſind, als— Spieler. Was iſt unſere grüne Erde anderes, als ein xieſiger Spieltiſch, an wel⸗ chem wir alleſammt tage⸗ und nächtelang ſitzen, um mit kleinem Einſatze möglichſt viel zu ge⸗ winnen? Sind alle unſere Unternehmungen nicht eben ſo viele gewagte Spiele? Der Landmann ſetzt ſeine Saat gegen den Gewinn einer reichen Ernte, der Fabrikant den Rohſtoff, der Kaufmann Schiff und Ladung auf treuloſer See, der Soldat im Kriege ſein Leben ein, und Jeder hofft, ſo hoch auch ſein Einſatz, dabei zu gewinnen. Schon Kinder ſpielen um Nüſſe, Erwachſene mit ſoli⸗ derem Einſatze in der Lotterie;— doch was iſt dieß alles erſt gegen das größte Hazardſpiel am grünen Tiſche des Lebens, gegen die Ehe?“ „Halt!“ unterbrach eine Dame den Spre⸗ cher,„bei dieſem Hazardſpiele haben nur wir Frauen zun verlieren, den unſern Einſatz, die Mitgift, ſtreicht der Croupier gleich vorwegs ein, bevor das Schickſal des Spieles noch entſchieden iſt, und ſelbſt im günſtigen Falle erhalten wir von dieſem nur einen kleinen Theil als ſoge⸗ nanntes Nadelgeld zurück.“. Glücklicher Weiſe unterbrach dieſe kitzliche Verhandlung der Eintritt des Sohnes vom Hauſe und deſſen Freund, die eben aus dem Theater kamen. Kaum von dem Gegenſtande unſerer Unter⸗ haltung in Kenntniß geſetzt, ſo rief er.„Meine Herren! Glauben Sie mir, der Menſch iſt nichts als Schauſpieler. Die Bretter bedeuten die Welt, und die Welt nichts als eine Bühne, wo jeder Menſch ſeine Rolle, mehr oder minder geſchickt abſpielt. In ſeiner Behauſung, der Garderobe, legt er, ehe er auf die Weltbühne tritt, Koſtüm und Maske an, wie ſie zu ſeiner Rolle am beſten paſſen, was deßhalb auch kein Betrug genannt werden kann, weil ein Jeder dasſelbe thut, weil Jeder täuſcht und Jeder getäuſcht wird. Jeder Akteur hat ſeinen eigenen Souffleur, das Ge⸗ wiſſen— der unſichtbar im engen Häuschen, dem Herzen— ſitzt, und ihn erinnert, wenn er aus der Rolle zu fallen droht, und wohl jener Schau⸗ ſpieler, dem es weniger um den Beifall des Pa⸗ radieſes(letzte Galerie) als um den Beifall im Paradiefe zu thun iſt. 4 Der Freund des Sprechers, ein ausgezeich⸗ neter Fabrikant, nahm jetzt das Wort.„Es heißt mit Recht,“ ſagte er,„Schuſter bleib bei Deinem Leiſten,— daher iſt meine Ueberzeugung, daß der Menſch von Haus aus ein Induſtrieller iſt. Jeder Menſch arbeitet mit fremden Kräften, mit lebendigen und todten Maſchinen, und liebt es, den Löwenantheil des Gewinnſtes für ſich allein zu behalten. Jeder Meiſter arbeitet mit den Kräften ſeiner Geſellen; jeder Vorſtand mit den 74 Kräften ſeiner Untergebenen, und ſelbſt der Ge⸗ 317 neral gewinnt ſeine Schlachten und ſeinen Ruhm nur durch feine Soldaten. Doch dürfen wir uns deßhalb nicht beklagen, denn es geſchieht dieß alles gegenſeitig und bildet ſogar das unzerreiß⸗ bare Band, welches alle Menſchen durch gegen⸗ ſeitiges Bedürfniß mit einander verbindet.“ „Sie irren, meine Herren!“ begann ein An⸗ derer,„deun der Menſch iſt nichts als fortwäh⸗ rend ein Student, denn er ſtnudiert von der Wiege bis zum Grabe. Auf dem Arme der Wär⸗ terin, wo er die erſten Worte ausſprechen lernt, beginnt ſein Curſus, den ſpäter der Erzieher, der Lehrer, der Meiſter und vor Allem die Natur treulich fortſetzet. So macht der Menſch nach und nach alle Fakultäten durch. Als Kind ſtudirt er Sprachen, Philologie; als Knabe die Elemente aller Weisheit, die Buchſtaben; als Jüngling Aeſthetik, die ſchönen Wiſſenſchaften; als Mann wird er durch Konflikte zur Jurisprudenz, zu Prozeſſen gezwungen; bis ihm endlich die Pan⸗ dekten der Ehe eine harte Nuß bieten. So wird der Menſch älter und kömmt nach und nach zum Selbſtſtudium der Medizin mit erläuternden Ex⸗ perimenten am eigenen Körper, der ſelbſt unter dieſen Studien zuletzt zuſammenbricht, bis dem Menſchen nichts übrig bleibt, als die Hoffnung, in einem beſſeren Jenſeits die hier unterbrochene Laufbahn vollenden, und die hier geſammelte Bildung ſeines Geiſtes verwerthen zu können.“ Jetzt nahm unſer freundlicher Hausherr das Wort.„Laſſen Sie mich, meine Herren, zum Schluße auch meine Anſicht ausſprechen.— Ich glaube nämlich, da die gaaze Welt nichts anderes als ein großes Gaſt⸗ und Einkehrhaus iſt, ſo ſind wir Menſchen auch nichts anderes als Gaſt⸗ geber oder Gaſtnehmer; daß die Zahl der Letz⸗ teren jene der Erſten bei weitem übertreffe, iſt leider eine anerkannte Wahrheit, doch wenn Er⸗ ſterer nur ſtets freundlich und Letztere genügſam ſind, ſo können beide Theile zufrieden ſein. Um dieſe meine Anſicht auch praktiſch zu beweiſen, ſind Sie ſämmtlich auf's herzlichſte zu einem Abendmahl geladen.“ „Angenommen!“ tönte es von allen Seiten, „es lebe die Anſicht, welche Theovie und Praxis ſo ſchön vereinigt, denn: grau iſt alle Theorie, doch grün des Lebens gold'ner Baum!“ Eine Nacht unter den Alligatoren. „ Vor einigen Jahren,“ erzählt ein Reiſender in Florida,„fuhr ich allein den St. Johnsfluß hin⸗ auf, um das Innere des Landes zu unterſuchen. Dabei hatte ich die Gewohnheit, mein Schiffchen des Abends an's Ufer zu binden und nach einge⸗ nommenem Abendbrod, welches größtentheils aus friſcherlegtem Wild und den während der Reiſe gefangenen Fiſchen beſtand, ſorglos auf demſel⸗ ben zu übernachten. Panther und andere Wald⸗ bewohner beläſtigten mich wenig und bis zu dem dritten Tage meiner Reiſe hatte ich nur in der Ferne das unheimliche Geklapper der Alligatoren vernommen. Bald aber ſollte es anders kommen und meine Kühnheit hätte mir beinahe das Leben gekoſtet. Es war ein ziemlich kühler Abend, das Ge⸗ heul der Alligatoren ward vernehmlicher und ich konnte eine bedeutende Anzahl dieſer Ungeheuer, in behaglicher Ruhe auf dem Ufer ausgeſtreckt ſehen. Ich wählte mir auf dem Lande ein paſſen⸗ des Plätzchen aus, zündete ein großes Feuer an, das mich vor Raubthieren und Mosquitos ſchützen ſollte. Nachdem ich mich unter einer koloſſalen Eiche niedergelaſſen, bemerkte ich, daß mein Mund⸗ vorrath bedeutend abgenommen hatte und beſchloß, mir noch einige Forellen zu fiſchen. Dicht an die Bucht, in welche ich mein Boot angelegt hatte, ſchloß ſich ein kleiner See an, welcher ſehr fiſch⸗ 1 4 318 reich zu ſein ſchien; ſeine Ufer waren änßerſt üppig bewachſen und eine Unzahl Waſſerhühner durchzog das Waſſer nach allen Richtungen, um ſich in dem nahen Graſe und Schilf zu verſtecken, während eine Menge junger Wildenten auf den klaren Fluthen einherſchwamm. Zuweilen wurden einige dieſer Tollkühnen das Opfer eines Raub⸗ fiſches und dieſer fand wiederum den Tod in dem Rachen eines plötzlich aus dem Rohr her⸗ vorſchießenden Alligators. Indem ich aus Vor⸗ ſicht mein Gewehr, das ich in einem etwaigen Kämpfe mit jenen Ungethümen leicht hätte ver⸗ lieren können, auf dem Lande zurückließ, beeilte ich mich, meinen Fiſchzug zu beginnen, verſah mich mit einem tüchtigen Knüttel und ſtieg in den Kahn. Die mir zuerſt begegnenden Kaimans zogen ſich zurück; einige von den größten folgten mir. Ich verfolgte ihre Bewegungen und ruderte mit allen Kräften, um in den See zu kommen, auf deſſen tiefen Gewäſſern ich mich vor ihnen ſicher glaubte. Aber kaum hatte ich den halben Weg zurückgelegt, als eine große Anzahl derſelben auf mein Fahrzeug losfuhr und ſich bemühte, dieſes umzuſtürzen. Meine Lage war ſehr kritiſch. Zwei ungeheure Alligatoren ſtürzten mit ſolcher Wuth auf mich los, daß ich ihre Köpfe und einen Theil des Oberkörpers außerhalb des Waſſers erblickte; ſie gaben ſcheußliche Töne von ſich und bedeckten mich mit Waſſer und Schaum. Im erſten Augenblicke ſchien mein Muth zu ſchwanken; bald aber nahm ich meine ganze Kraft zuſammen und vertheidigte mich mit meinem Stocke ſo gut als es ging. Der Feind machte Miene nachzugeben— ſchon athmete ich freier— kurz darauf waren jedoch beide zum Angriff wie⸗ der erſchienen. Als ich das bemerkte, ſteuerte ich mit verdoppelter Schnelligkeit dem Ufer zu, denn da lief ich zum wenigſten keine Gefahr, von den Beſtien umringt zu werden. Nur von einer Seite angegriffen, konnte ich mich beſſer vertheidigen, im Nothfall auch an’'s Land ſpringen. Auf der Erde bewegen ſich die Alligatoren ſehr unge⸗ ſchickt, während ſie im Waſſer mit Blitzesſchuelle einherſchießen. Mit Grauſen mußte ich aber erblicken, daß mir meine gierigen Verfolger zuvorgekommen waren und ſich quer vor den Eingang in den See gelegt hatten, um mir ſo meine einzige Hoffnung abzuſperren. Verzweifelt fuhr ich nun an dem Ufer entlang und ſuchte mit haſtigen Blicken einen Durchgang. Kaum aber war meine Abſicht klar geworden, ſo ſchoß auch ſchon in meiner nächſten Nähe ein zwölf Fuß langer, alter Alli⸗ gator hervor, um auf mich Jagd zu machen. Zum Glück hatte ich einigen Vorſprung und ent⸗ wiſchte demſelben, während er mir ſein durch⸗ dringendes Geheul nachſandte. Man wird leicht die Freude begreifen, als ich endlich anlegen und meinen peinlichen Aufenthalt verlaſſen konnte. Als ich mich umdrehte, um den Kahn nachzuzie⸗ hen, ſah ich meinen Verfolger, der ſich mir un⸗ gefähr bis auf zwei Klaftern genähert hatte, wild emporſpringen, alsbald aber in die hoch auf⸗ ſchäumenden Wellen zurückfallen, wobei ich von oben bis unten mit Schlamm bedeckt ward. Ich zog mich haſtig zurück und ohne ihm den Rücken zu kehren, ſah ich denſelben auch kurz darauf auf dem Ufer des Sees ſelbſt emporklettern. Er hatte Kopf und Oberleib außerhalb des Waſſers und fixirte mich mit ſeinen kleinen, wilden Augen. Schnell ſuchte ich nun nach meinem Gewehr, welches mit einer Kugel geladen war. Als ich zurückkehrte, war der Koloß immer noch da und ſchien nach Fiſchen zu ſpähen. Bei meinem Her annahen verlor er ſich langſam in den Fluthen, tauchte dann nochmals auf, aber nur um alsbald von meiner wohlgezielten Kugel getroffen, für immer zu verſchwinden. Jetzt dachte ich endlich mit Ruhe an die Zubereitungen meiner Abend⸗ mahlzeit gehen zu können. Während ich ſo gemüthlich meine Forellen anrichtete, ſchlich ein Kaiman der größten Art, von mir unbemerkt, in meine nächſte Nähe. Glücklicherweiſe erblickte ich ihn aber noch zeitig genug, um ſchnell bei Seite ſpringen zu können, wobei ich aber zuſehen mußte, wie das Unge⸗ heuer mit einem furchtbaren, wahrſcheinlich auf mich abgeſehenen Schwanzſchlag, den größten Theil meiner koſtbaren Mahlzeit in's Waſſer warf. Einen Moment noch, und es hätte mich von hinten gepackt und in die ſchwarzen Tiefen des Fluſſes hinabgezerrt. Die unglaubliche Keck⸗ heit dieſes Thieres flößte mir vieß Beſorguiß die Nacht hindurch ein, denn ich mußte fortwährend auf einen neuen Angriff gefaßt ſein. Ich unterſuchte mit mehr Sorge meine Lage als zuvor; da bot ſich mir ein furchtbares Schau⸗ ſpiel dar; dieſes machte mich ganz verwirrt, ſo unbegreiflich erſchien mir das, was ich ſah. Die Oberfläche des Waſſers, von einem Ufer zum andern, ſchien eine kompakte Maſſe zu ſein, ſo drängte ſich eine Unzahl Fiſche, die wahr⸗ ſcheinlich durch irgend eine Gefahr erſchreckt, nun eilends dem Meere zuſchwammen. An beiden Seiten bildeten faſt eben ſoviel Alligatoren ein fürchterliches Spalier; ſie waren ſo aneinander⸗ gedrängt, daß Jemand, ſo wenig Luſt man auch dazu verſpürt haben würde, bequem auf ihren Köpfen hätte fortkommen können. Tauſende von Fiſchen fanden zwiſchen ihren Zähnen den Tod. Dabei zermalmten ſie mit ihren mächtigen von Blut triefenden Kinnladen gleich mehrere Opfer auf einmal, die ſich gar jämmerlich herumſträub⸗ ten. Eine ſchreckliche Scene war es, wie ſie in dieſen förmlichen Damm von Fiſchen, den ſie äußerſt wachſam okkupirten, hineintauchend, ein gräßliches Geklapper hören ließen, wie ſie dann wieder emporkommend, eine Fluth von Blut und Waſſer aus ihren Rachen hervorſpieen und dam⸗ pfende Wolken aus den Naſenlöchern empor⸗ warfen. Der Lärm dieſer Ungeheuer hinderte mich die ganze Nacht zu ſchlafen. Am folgenden Mor⸗ gen war jedoch alles ſtill; nur hie und da ſah ich eines derſelben am Ufer. Nun ſetzte ich meine Reiſe ſtromaufwärts fort. Als ich an der Mündung des Sees vorüber⸗ fuhr, wo ich am verfloſſenen Abend eine ernſte Gefahr überſtanden hatte, wurde ich von neuem Schrecken befallen; ein plötzliches Geräuſch ließ ſich im Rohr vernehmen, und ein enormer Alli⸗ gator ſchoß mit fürchterlichem Geheul auf mich zu, tauchte unter meinen Kahn und überſchüttete mich, als er auf der anderen Seite emporkam, mit einem wahren Regen ſchäumenden Waſſers. Uebri⸗ gens bedachte ich den Kopf des Thieres mit ſo tüchtigen Stockhieben, daß es abermals verſchwand und dann langſam dem Ufer zuſchwamm. Kurz darauf erblickte ich hinter mir ein neues Unge⸗ thüm dieſer Art, mit ungefähr hundert Jungen, die ihrer Mutter wie Küchelchen folgten. Sie wa⸗ ren alle von derſelben Größe, d. h. über eine Elle lang. Nun überließ ich mich dem Strome und in⸗ dem ich mich fortwährend am Ufer hielt, erblickte ich eine Unzahl eigenthümlicher Kegel, welche in Geſtalt unſerer Heuſchober regelmäßig, wie ein Lager läns dem Strande, aufgepflanzt waren. Ich war kaum zwanzig Schritte von denſelben entfernt und obſchon ich aus Beſchreibungen wußte, jene Bauten ſeien nichts anderes als Alligatoren⸗ neſter, beſchloß ich, mir dieſe merkwürdigen Kon⸗ ſtruktionen in der Nähe anzuſehen. Allerdings war dieſe Inſpektion keineswegs gefahrlos, da dieſe Neſter gewöhnlich von köloſſalen Wächtern beſchützt werden. Ich mußte mich daher auf einen äußerſt hitzigen Kampf gefaßt machen. Die meiſten derſelben waren jedoch verlaſſen, und ringsum lagen große Eierſchalen verſtreut. Die Neſter be⸗ ſtanden aus einer Lage Schlamm, Gräſern und verſchiedenen Pflanzen. Sie hatten eine Höhe von etwa 1 ½ Elle und einen Durchmeſſer von Elle. Die Alligatoren werfen erſt eine Schichte Schlamm auf, dann legen ſie eine Anzahl Eier darauf und abermals Schlamm, und fahren ſo fort, bis ſie den Bau mit einer ſtumpfen Spitze vollenden. Die Sonne und die durch ihre Wärme erhitzten Pflan zen tragen nun dazu bei, die Eier auszubrüten. Uebrigens iſt die Liebe der Eltern zu ihren Jungen nicht groß, denn erſtere verzehren dieſe oft kurz nachdem ſie das Ei verlaſſen haben. Anregendes. Das nachtheiligſte Hinderniß für die Verſtan⸗ desentwicklung der Menſchen iſt ihre Eitelkeit. Wenn ſich die Menſchen nicht für klug hielten, ſo könnten ſie leicht viel klüger werden. Der Name eines großen Mannes iſt ſein ſchönſter Titel. Witz und Verdienſt, die einer langen Auslegung bedürfen, ſind immer matt. Viele Leute reden öfters von ihren ſogenann ten ehemaligen dummen Streichen, dantit man glauben ſoll, ſie machen gegenwärtig geſcheidte. Hunde und Schmeichler machen öfters durch die Heftigkeit ihrer Liebkoſungen ihre eigenen Herren ſo ſchmutzig, daß ſie ſich Fußtritte von denſelben zuziehen. „Eiinſeitige Männer ſind am meiſten geneigt, die Weiber zu verachten, während ſie doch von denſelben beherrſcht werden. Es ſind Knechte, welche heimlich ihre Herrn läſtern. Eine Laterne ohne Licht wird nie leuchten, und wer ſelbſt nicht klar im Kopfe iſt, ſich auch Andern niemals verſtändlich machen können. Wer kein Geld hat, iſt gewiß arm, aber wer nichts als Geld beſitzt, noch viel ärmer. Kurioſa. Bei dem Kinderfeſte, das vor Kurzem auf der Hetzinſel zu Prag gefeiert wurde, machte ein Stritzel von 5 Ellen Bange und 60 Pfund Schwere nicht geringes Aufſehn. Dieſes Rieſengebäck erin⸗ nert an den Kuchen, welchen König Auguſt II. im Jahre 1721 für die hohen Gäſte backen ließ, die dem großartigen Manöver bei Dresden bei⸗ wohnten. Der Wagen, auf welchem der Kuchen in ein beſonders dazu hergerichtetes großes Zelt im Hauptlager gebracht wurde, hatte über 10 El⸗ len in der Breite und wurde von 8 Pferden ge⸗ zogen. Die Länge des Kuchens betrug 14 Ellen, die Breite 6 Ellen, die Dicke in der Mitte eine halbe Elle. Man hatte dazu gebraucht 18 Scheffel Mehl, 82 Schock Eier, 3 Tonnen Milch, 1 Tonne Hefen und 1 Tonne Butter. Um den Rand des Kuchens lag eine große Menge Pretzen, Sem⸗ meln und Zwieback. Der Ofen und die Maſchine, den Teig in denſelben zu rollen, war mit großen Koſten blos für dieſen Zweck gebaut worden. Der Kuchen wurde von einem Zimmer manne angeſchnitten. Dieſer machte zuerſt mit einem drei Ellen langen krummen Meſſer, deſſen krummes Heft er an die Schultern anlegen mußte, ein Loch, trat hernach hinein, und unter⸗ nahm die große Arbeit des Zertheilens. Die Austheilung geſchah erſt au hohe Perſonen, die darum anſuchten. ſch ler 1 P 2=G G2 ſellen, Was übrig blieb, gab man den Trompetern, Paukern und Waldhorniſten preis, und als ſich deshalb die Wache zurückzog, ſo läßt ſich, wie das Buch, dem wir dieſen Bericht entnehmen, hinzu⸗ ſetzt,„gar leicht erachten, was es für eine luſtige Trenchirung müſſe gegeben haben.“ Ein Seitenſtück zu dieſem Kuchen iſt die berühmte Königsberger Bratwurſt, über welche in Lilienthal's Erläutertem Preußen Nachſtehendes zu leſen. „Anno 1601 den 1. Januar haben die Flei⸗ ſcher allhier zu Königsberg eine Wurſt 1005 El⸗ len lang durch die Städte Königsberg nach dem Schloß getragen und Ihro fürſtl. Gnaden davon 130 Ellen verehrt. Sie ſind mit Trommeln und Pfeifen aufgezogen, voran ein Führer mit einem Spieße, wohlausgeputzt mit Federn und Binden, mit fliegender weißgrüner Fahne. Dieſen ſind gefolget 103 Fleiſchhauerknechte, haben die Wurſt getragen. Auf beiden Seiten ſind gegangen, welche die Wurſt in Acht nahmen, daß ſie nicht Scha⸗ den litte. In der Altſtadt ſind ſie von den Bäckern empfangen worden, welchen ſie anch viel Ellen von ſelbiger Wurſt geſchenket und von den Bä⸗ ckern nachmals zu Gaſte behalten worden, auch bis in die Nacht zuſammen luſtig geweſen. Auf Begehren fürſtl. Durchlaucht iſt von den Fleiſchhauern, was die lange Wurſt gekoſtet und darauf gegangen, Alles auß's fleißigſte überſchla gen und zum Bericht aufgeſetzet worden. Die Wurſt hat gewogen 885 Pfund. Dazu iſt kein ander Fleiſch gekommen: als 81 lautere Schweineſchinken, die Därme von 45 Schweinen, item anderthalb Tonnen Salz, item anderthalb Tonnen Bier, item 18 q⅓ Pfund Pfeffer. Item haben daran gearbeitet 3 Meiſter und 87 Ge⸗ haben dabei ausgetrunken 2 Faß und 1 Tonne Bier; aber die ganze Zeche über iſt aufgegangen ungefähr 40 Faß Bier. Den erſten Tag daran gearbeitet von 6 Uhr des Morgens an bis auf den Abend um 7; des andern Tages von 8 bis um 1. Der Kränze, womit ſie ge ſchmückt war, ſind geweſen 109. Macht Alles in Summa 412 Thaler 16 gr. 3 pf.“ Humoriſtiſches. Der Bauer und ſein Gänſejunge. Bauer: Junge, wos weinſt denn? Junge: Nu lachen ward'ch doch ne! Bauer: Gewiß hout der Fuchs eine Gons ge⸗ ſtouln? Nu brengn werd er mer ſe ne. Biſt'n denn ne nochgeloufen? Nu vorauslonfen konn ich ne. Lief er denn übern Barg? Nu durchn Barg freilch ne. Ich ward der de Gons an Luhne ob⸗ Junge: Bauer: Junge: Bauer: Junge: Bauer: 5 ziehn!. Junge: Nu zulehn wardt er mer ſe freilch ne. Bauer: Karle, mußte denn immer's letzte Wort hon? Nu's erſte loßt er mer ju ne.. Wort, Karle, durchdraſchen ward ich dich. Nu ſtiehn bleiben ward'ch ouch ne! Junge: Bauer: Junge: Ein Komponiſt erhielt unlängſt den Auf⸗ trag, eine Fuge zu komponiren. Man mälelte an dem Honorar und machte ihm ein Angebot weit unter der Forderung. Der Künſtler ärgerte ſich, komponirte aber die Fuge doch und verwen⸗ dete hierzu nur folgende Noten: — 4 b, a, g, a, g, e, 1 — welcher muſikaliſche Rebus unſchwer als Baage exekutirte die Fuge vor mehreren Kennern, die außerordentlich begeiſtert waren, ohne zu ahnen, daß ſich der Künſtler füglich mit gutem Fuge gerächt hatte. In den Wohnungen der vornehmen Hindu's befindet ſich ein Zimmer, welches Krod⸗ hagara oder Schmollzimmer genannt wird. In dieſes Zimmer zieht ſich dasjenige Familienglied zurück, das mißgelaunt oder ärgerlich iſt und wartet in der Einſamkeit, bis es verſpürt, daß der Zorn verraucht und die gute Laune wieder eingekehrt iſt.— In Deutſchland iſt das anders; da geht der Mann, wenn er ſich zu Hauſe ge⸗ ärgert hat,„zu Biere“. Merkwürdige Erſcheinung. Profeſſor: „Sehen Sie, meine Herren, es iſt eine ganz merkwürdige Erſcheinung, daß die Giftmi ſcherinen des Alterthums größten theils Weiber waren!“ Ein engliſcher Publieiſt gibt folgende amerikaniſche Definition über einige wichtige Be⸗ griffe im Sinne der jenſeits des Occans jetzt gebräuchlichen Anſchauungen. Das Leben: die zum Gelderwerb beſtimmte Zeit. Das Geld: der Zweck des Lebens. Der Mannn eine Geld⸗ Erwerbmaſchine. Die Frau: eine Geld⸗Aus gabemaſchine. Kinder: Zukunftsſaat der einen oder der andern Gattung. Der ehrliche Diener. Bei Baron X war große Tafel. Die Konverſation drehte ſich um die Unredlichkeit der Bedienten, wobei die Frau vom Hauſe ſich laut rühmte, an Johann ein ſeltenes und erprobtes Exemplar der Treue zu haben. Wie der Wolf in der Fabel, trat dieſer ſoeben mit einer Schüſſel zerlegter Faſanen zur Thüre herein. Da ſteht die Baronin auf, um ſelbſt irgend Etwas aus einem Schranke zu nehmen, und verlangt deßhalb von Johann den Schlüſſel, den derſelbe in Verwahrung hatte. Dieſer, der eben einem der Gäſte die Schüſſel präſentirt, greift mit der andern Hand ſchnell in die Roch⸗ taſche, überreicht der hinter ihm ſtehenden Baro nin— ein Viertel Faſan, das ſoeben von der Schüſſel in ſeine Taſche gewandert war, und be merkt erſt dann ſeinen Irrthum, als ſchon ein ſchallendes Gelächter der anweſenden Gäſte ſeine eben geprieſene Ehrlichkeit lohnte. In ein Schloß im weſtlichen Böhmen kam eines Tages ein mit Spiegeln und Glas han delnder Hauſierer aus der Neumärker Gegend, und ließ mit lauter Stimme ſeinen Ruf ertönen: „Spirglo, ſchöne Spirglo kaafts, Kaaft's ſehr ſchüne Spirglo!“ Da trat die lebhafte, kleine Nichte des dor tigen Amtmannes an den Hauſirer heran und fragte ihn neugierig:„Wie heißt’s?“ „Hons haß ih— döß braucht's aber nit z'wißen!“ Und damit wandte ſich der Gefragte grollend ab, und ging unter Brummen zum Thore hinaus. N Der Wirth bei den drei Kronen zu L. in Oberöſterreich war ein gar gemüthlicher, dicker Siebziger, mit vollen, rothen Wangen und freund⸗ lich blitzenden Aeuglein. Wenn ihn ſeine Haus⸗ freunde des Vormittags beſuchten, fanden ſie ihn dann regelmäßig in ſeinem weichen Großvater⸗ ſtuhle am Fenſtertiſchchen bei einem Kreuwürſtel und einem Gläschen guten alten Weines, den er beſonders verehrte. Auf Befragen um ſein Ve finden gab er jedesmal mit behaglichem Kopf⸗ nicken zur Antwort:„Danke ſchön, danke meine zu entziffern iſt. Ein renommirter Orgelſpieler 1 braucht auch ſo ein alter Mann noch mehr auf der Welt? A Würſterl, a Glaſerl Wein, und dann a g'ſundes Schlagerl, mehr verlang' ich mir nit!“ Und ſo geſchah es auch, wie ſichs der alte Lebemann wünſchte. Eines ſchönen Vormittags ſaß er wieder mit auf dem Bäuchlein gefalteten Händen im weichen Großvaterſtuhle, vor ihm auf dem Tiſche lag noch ein halbes„Würſterl“ und im„Glaſerl“ ein kleines Reſtchen Wein. Auch das„Schlagerl“ war dabei, denn der gute Alte war ohne Schmerzeu ſelig im Herrn ent⸗ ſchlafen. 4 319 Buchſchau. Balladen und Romanzen von R. Hirſch. 2 Theile. Dritte Auflage. Wien, Verlag von E. Hügel, 1858. Dieſe dritte Auflage der„Romanzen und Balladen“ zeichnet ſich vor den früheren durch ſorgfältige Sichtung und größeren Reichthum des Inhaltes aus. Wurde ſchon die erſte Auflage bei⸗ fällig von der Kritik begrüßt— die„Blätter für literariſche Unterhaltung“ prognoſticirten, der Dichter werde ſich zu einer literariſchen Notabi⸗ lität emporarbeiten, und Wolfgang Menzel lobte den Rhythmus der Sprache, die Phantaſie, das Gefühl des Dichters—: ſo verdient die Samm⸗ lung, wie ſie uns jetzt vorliegt, die freundlichſte Anerkennung. In der Widmung„An A. Böttger“ charak teriſirt der Dichter den Inhalt ſeines Werlchens mit folgenden Worten: „ s iſt manches d’rin von unſern guten Alten, Wie ſie beſtanden ſchweres Kampfgedränge, Und doch in Treu und Glauben feſtgehalten; Dann wechſelt mit der Schlachten Feſtgepränge, Du ſiehſt mitunter ſchnurrige Geſtalten; Auch ſind mit Anſtand Scherze lang nicht Zoten, Und mag ich ſelbſt kein Bravo der Zeloten!“ Von den vier Gruppen, in welche die Ge⸗ dichte gebracht ſind:„Sage und Geſchichte“, „Geurebilder“,„Heitere Scenen“,„Phantaſie ſtücken— ſpricht namentlich die erſte an, in wel⸗ cher„Mahmud“,„Der Schiffsball von Genua“, „Rabbiniſche Legende“,„Der Organiſt von Cöln“ als vorzüglich durch Ton und Empfindung her⸗ vorzuheben ſind. Still und Bewegt. Neuere Gedichte von Ludwig Foglar. Prag. Carl Bellmann's Verlag. 1859. Ein gewiegter, mäunlicher Sinn ſpricht aus L. Foglar's Dichtungen. Ohne einerſeits mit Gefühlen zu tändeln, weiß der Dichter die zar teſten Saiten anzuſchlagen und den leiſen Regun⸗ gen des Gemüthes ſinnigen Ausdruck zu geben, und ohne andererſeits in bittere Verſtimmung zu gerathen, den Mißſtänden der Zeit entweder in humoriſtiſcher Weiſe den Zerrſpiegel der Satyre entgegenzuhalten, oder ernſt und mit Nachdruck dem Beſſeren das Wort zu reden. Semmering und Reichenau. Führer für einen oder zwei Tage, von W. A. Julius. Wien, Wallishauſſer'ſche Buchhandlung, 1858. Es iſt ein nettes Büchlein, das ſich ebenſon durch ſeinen gedrängten überſichtlich geordneten Inhalt, wie durch ſeine Ausſtattung empfiehlt, die nichts zu wünſchen übrig läßt. Namentlich iſt das Panorama der Semmeringbahn in Far⸗ bendruck hervorzuheben. Herren, der Nachfrage! Ich bin's zufrieden. Was — † Humoriſtiſch⸗ſatyriſche Zilder. Frau: Was für Braten? Gaſt: Kellner! Kellner: Kalbsbraten. Kellner: Befehlen? Frau: Bruſtbraten, Nierenbraten? Gaſt: Was gibt's für Weine? Kellner(geläufig): Vöslauer, Erlauer, Schomlauer, Rüdesheimer, Lauben⸗ heimer, Hochheimer; Cliquot, Mar- geaux, Chateau Lafitte.. Kellner: Bitte, vom Schinken. Frau: Sie ſagen ja Kalbsbraten? Gaſt: So,— na da bringen Sie mir Kellner(mit Geberde): Bitte hier— eine Halbe Bier. vom Schinken. Der letzte Poſtillon. Redigirt unter Verantwortlichkeit des W. Ernſt. N D —