„mn— Erinnerungen. —;—: 1858. Ich bin noch jung. Ich bin noch jung, drum laßt mich dichten! Verſtoßt mich nicht mit hartem Spruch! Wollt Ihr den jungen Baum vernichten, Weil er noch keine Früchte trug? Könnt Ihr ſo ſtreng die Lerche richten, Weil ihr gebricht des Adlers Flug? Ich bin noch jung, drum laßt mich dichten, Um Luſt und Leid in mir zu ſchlichten. Ich bin noch jung, drum laßt mich träumen, Ich ſei ein ſtolzverweg'ner Held, Der in des Lebens ſtarren Räumen Erobert eine Zauberwelt.— Noch ruh' ich unter Blüthenbäumen, Und drüber hin ein blaues Zelt! Ich bin noch jung, drum laßt mich träumen, Weil voll des Lebens Becher ſchäumen. Ich bin noch jung, drum laßt mich lieben Mit meines Herzens erſter Gluth! Laßt ſeine junge Kraft ſich üben, Die heilig und verborgen ruht! Wollt Ihr mit finſt'rer Wahrheit trüben Des holden Wahnes reine Fluth? Ich bin noch jung, drum laßt mit lieben, Denn Neid und Haß liegt ferne drüben. Ich bin noch jung, drum laßt mich ſchaffen! Das Wort ſei Werkzeug, That mein Lied! Schlagt nicht in Bande, in die ſtraffen, Der äußern Sitte mein Gemüth! Laßt ſchmieden mich der Thaten Waffen, So lang' das Erz im Buſen glüht! Ich bin noch jung, drum laßt mich ſchaffen, Bevor mir Geiſt und Arm erſchlaffen! — Ich bin noch jung, drum laßt mich dichten! Auf, Luſt und Leid, an Bord geſchwind! Die Hoffnung will die Anker lichten, Es weht ein friſcher Morgenwind! Dorthin laßt unſern Lauf uns richten, Wo ewig grün die Inſeln ſind!— Ich bin noch jung, drum laßt mich dichten, Um Luſt und Leid in mir zu ſchlichten. Wahrheit durch Dichtung. Eine Von W. Ernſt. 1. Die Zeit der großen Ferien war angebro⸗ chen. Die Hörſäle der Univerſität zu X ſtanden leerer als gewöhnlich, das heißt ganz leer, und die Kollegienbänke mit den vielen weiblichen Namen und ſinnigen Sprüchlein auf ihren Oberbrettern trauerten unbeachtet wie ein Ka⸗ lender vom vorigen Jahre. Draußen aber in de lieben freien Gotteswelt gab es ein mun⸗ ters, lautes Wandern auf allen Wegen und Stgen, ſo daß die Schnitter auf den Feldern gar oft in der Arbeit inne hielten, wenn ein friſeer Lufthauch ihnen bald ein ſonores „Gadeamus“, bald ein vielſtimmiges„Wohl⸗ auf och getrunken“ zutrug. Und wo eine lu⸗ ſtige Suite von Muſenſöhnen mit Sang und Klan durch ein Dorf zog, da— Erinnerungen. September 1858. Erzählung. Gaffte rings und freute ſich Der Knaben wilder Schwarm; Manch' Mädchen aber härmte ſich, Manch' Herzchen ſchlug Alarm. Dort, wo ſich der weiße Fahrweg längs des Baches in dem grünen Thale hinzieht, das von zwei mächtigen Felswänden eingeengt in mannigfachen Krümmungen bis zum Fuße des Adlerberges ſich windet,— dort auf der von Luſtreiſenden häufig beſuchten Strecke treffen wir heute ein Studentenkleeblatt, das wir uns für die„Erinnerungen“ pflücken wollen. Ohne Zweiſel haben wir einen Mathematikus, einen Poeten und einen Philologen vor uns. Woran man das ſo ſchnell erkennt?— ei, jede Muſe zeichnet ihre Schäflein. Man ſehe nur den jun⸗ gen Mann mit dem langen braunen Haare, auf das der runde Hut mit dem Eichenkranze und dem wehenden Halmenbüſchel ſo kühn geſtülpt iſt, man blicke ihm in das Auge, das, dunkel wie die Nacht, doch leuchtet wie der Tag; man be⸗ trachte ſeine ſchlanke, geſchmeidige Geſtalt, an die ſich das leichte Gewand ſo zierlich und un⸗ gezwungen ſchließt, wie ein gutgefeilter Vers an Roman Baron Budberg. den Gedanken, man höre endlich die höhere Tollheit ſeiner Redeweiſe: ſollte Herr Emil nicht ein Verehrer der ſchönen Künſte, ein Poet, ein Hörer freier Gegenſtände ſein?„Ach, die entzückende Gegend!“ ruft er aus, indem er, ſich den Schweiß von der Stirne wiſchend, ſtehen bleibt.„Wer der Natur ſo recht in das ſchöne Antlitz ſchaut, der muß bekennen, daß kein Men⸗ ſchengeſicht ihr das Waſſer reicht.“ Der Mathematiker, ein hageres Männ⸗ chen mit gewöhnlichen Zügen, begnügte ſich, die herabhängende Unterlippe bei dieſer Phraſe ein wenig in die Höhe und in die Breite zu ziehen; Falke, der Philolog, aber grübelte ſtill vor ſich hin, woher der Ausdruck„Jemandem das Waſſer reichen“ wohl gekommen ſei. Falke iſt ein junger Mann von dreiundzwanzig Jah⸗ ren, durch und durch ſchlicht und bieder in ſeinem Weſen, doch nicht ohne einen kleinen Anflug von Pedanterie. Er gehört zu der ſtillen Sorte Jener, die ſcheu im Umgange und drum gern für ſich ſind. Fortwährend mit irgend einem Gedanken beſchäftigt, pflegt er der Umgebung wenig Aufmerkſamkeit zuzuwenden und er kann 33— 2. ———— — — — — matiker. 258 oft an hundert Menſchen, Mädchen mit einge⸗ ſchloſſen, vorbeigehen, ohne einen einzigen anzu⸗ blicken. So geſchah es denn Kch daſ er jetzt, eben mit Rébekka, die den Kameelen das Waſſer reichte, mit der alten Amme, die dem Odyſ⸗ ſeus das Fußbad beſorgte, und mit der Se zogin von Marlborough, die der Königin Anna das Glas Waſſer präſentiren ſollte, in ſeinen Gedanken beſchäftigt, faſt unter einen Reiſewagen gerathen wäre, der, ſo ſchnell es der Weg geſtattete, mit ſeinen zwei ſtattlichen Roſſen vorbeibrauſte. Zum Glück hatte der Mathematiker noch rechtzeitig das Geſetz des Stoßes an dem Philol ogen experimentirt und ſeinen Gedanken wie der Gefahr ent⸗ „Habt Ihr ſie geſehen?“ rief plötzlich der Poet mit Emphaſe. Auf ſeinem Geſichte malte ſich die lebhafteſte Verwunderung und mit ab⸗ gezogenem Hute zeigte er nach der Richtung, in welcher der Wagen bei einer ſchnellen Krüm⸗ mung des Weges verſchwunden war. *i freilich,“ ſagte Kunze, der Mathe⸗ Es war ein ältlicher Herr mit einer dicken Dame, plus einem Backfiſchchen nebſt einer zwiſchen den bauſchi higen Nle dern ver⸗ ſchwindenden Größe, die ich für einen Knaben hielt.“ Der Poet gerieth über dieſe Antwort in einige Entrüſtung.„Was frage ich nach den andern!“ rief er.„Ich ſah nur ſie, ſie, die Du ſchnöde einen Backfiſch nannteſt und die den Namen einer Fee, eines Engels verdient. Das war eine Blasphemie, Kunze! Da lobe ich mir eher unſern Philologen, der ſich unter die Räder ihres Wagens werfen wollte, um gleich dem Indier eine Göttin zu ehren.“ „Es gab alſo ein Mädchen auf dem dum⸗ men Wagen?“ fragte der Philolog, indem er ſich die Stelle rieb, wo der Stoß ſeinen An⸗ griffspunkt gefunden hatte.„Der ungeſchickte Kutſcher! von dem wird auch kein Horaz ſin⸗ gen: wein fervidis evitata rolis.“*) Nach dieſem glücklich angebrachten Citate hatte Falke bereits wieder allen Groll und alle Schmerzen vergeſſen. Nicht ſo raſch ver⸗ gaß Emil den Eindruck, den die vorüberflie⸗ gende Erſcheinung des Mädchens auf ihn ge⸗ macht zu haben ſchien. Er trieb ſeine Geſäh r⸗ ten zur Eile an.„Kommt, kommt,“ deünſe er,„ſetzt Flügel an Eure Füße, vielleicht holen wir auf einem Seitenpfade den Wagen noch ein und ich ſehe die Himmliſche wieder.“ „Aber, Emil,“ bemerkte Kunze parodi⸗ rend.„Bleibe Dir konſequent! Sieh' doch lie⸗ ber dieſem Felſen mit ſeiner umbuſchten Naſe in das ſchöne Antlitz und Du wirſt bekennen, daß kein Mädchengeſicht ihm das Waſſer zu reichen würdig iſt.“ Allein Emil hörte nicht mehr auf die ſpottenden Worte des Freundes, ſondern eilte bereits mit haſtigen Schritten voran. Etwas *) Horaz I. 1.„Die Eckſäule, mit glühen⸗ den Rädern umbogen.“ gemäßigter folgten ihm die Genoſſen; Kunze brummte, Falke ſchüttelte einigemale den Kopf. — 2. Unterhalb des Adlerberges breitet ein Dörfchen ſeine wenigen Hütten aus. Die ſtatt⸗ lichſte derſelben iſt das Wirths⸗ und Einkehr⸗ haus zum Adler. Der Wirth thut ſich auf die⸗ ſes Schild nicht wenig zu gut, da er meint, es möge wohl vor Zeiten ſelbſt dem Berge den Namen gegeben haben; und um dieſen Berg iſt es eine große Sache, denn das ganze Dörfchen zehrt von ihm, zumeiſt aber der Wirth; kom⸗ men doch in der ſchönen Jahreszeit aus Nah und Fern Spaziergänger und Reiſende, die dort oben auf dem Gipfel eine Umſchau halten und den Sonnenaufgang, der anderorts gewöhnlich ſchon vor dem Aufſtehen ſtattfindet, einmal gleichſam auf eigene Beſtellung haben wollen. Die Leute im Dörfchen, die theils ſelbſt Trä⸗ gerdienſte leiſten, theils wohlgeſchirrte Eſel den Reiſenden vermiethen, ſind drum auch auf dieſe „ihre Sonne“ nicht weniger ſtolz als der Wirth auf ſeinen Adler und ſetzen die Bewunderung der Fremden mit nicht geringem Selbſtgefühl auf ihre eigene Rechnung. Die beiden Freunde trafen den Poeten un⸗ ter den Fittigen des ſpangrünen Adlers. Ma⸗ leriſch an eine Linde vor der Thüre des Wirths⸗ hauſes gelehnt, richtete der junge Mann unver⸗ wandt ſeine Blicke auf die Gruppe der Reiſen⸗ den, die in dem Wagen kurz vor ihm angekom⸗ men waren und ſich jetzt anſchickten mittelſt an⸗ derer Transportmittel den hohen Adlerberg zu erklimmen. Zwei Führer hielten bereits für die beiden Damen ein Paarj jener grauen Thiere bereit, die im Allgemeinen mehr Geduld als Verſtand haben ſoil llen. Nichtsdeſtoweniger ließ doch das eine die Ohren Pengen als es merkte, daß es die dicke Dame auf ſeinen Rücken j men ſollte, und warf einen wehmüthig ſehn⸗ ſüchtigen Blick nach der leichten Mädchengeſtalt, die behend und ohne alle Schwere ſich auf den Sattel des beneidenswerthen Kollegen ſchwang. Den ungefähr achtjährigen Knaben nahm ein ſtämmiger Führer auf die Arme, der Herr aber, dem trotz ſeines vorgerückten Alters noch Haare in friſcher Fülle unter dem Strohhute hervor⸗ quollen, folgte auf eigenen Füßen der Kara⸗ vane, die ſich langſam den Berg hinan in Be⸗ wegung ſetzte. In dieſem Momente weckte der Mathema⸗ tiker mit einem leiſen Klopfen auf die Schulter den Poeten, der noch immer in’'s Anſchauen des lieblichen Mädchens auf dem Eſel verſun⸗ ken war und das Nahen ſeiner Kameraden gar nicht bemerkt zu haben ſchien. „Gut, daß Ihr endlich da ſeid,“ rief Emil, haſtig emporfahrend.„Wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn wir noch vor Einbruch der Nacht den Sonnenuntergang betrachten wollen.“ „Wir ſehen ihn uns morgen Früh an,“ be⸗ merkte Kunze lachend.„Du weißt, wir haben gute Gründe, theueren Herbergen auszuweichen und die Rechnungen der Bergreſtaurationen ſtehen bekanntlich in geradem Verhältniſſe mit der Höhe über der Meeresfläche.“ „Das ewige Rechnen und Knauſern!“ brummte Emil verdrießlich.„Du läßt mich doch nie zu einem vollen, reinen Genuſſe kom⸗ men, ſondern ſtörſt auf kleinliche Weiſe einiger ſchnöden Kreuzer wegen die ganze Romantik des Reiſens.“ Freund Kunze hörte geduldig dieſen Aus⸗ bruch übler Laune an und begnügte ſich zu be⸗ merken:„Ihr Beide habt mich nun einmal zum Seckelmeiſter der Geſellſchaft beſtimmt und ich verfahre als ſolcher nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen. Uebrigens,“ fuhr er gelaſſen fort, indem er auf die beiden Eſel deutete, die eben wieder auf einer freien Stelle des Weges ſich zeigten,„übrigens habe ich nichts dagegen, wenn Du dem Pärchen folgen willſt. So ſei denn, gewährt iſt die Bitte, In ihrem Bunde der Dritte.“ Auf dieſes wurde der Poet nun vollends Feuer und Flamme. Er replizirte heftig, Kunze blieb die Antwort nicht ſchuldig und faſt hätte das Wortgefecht unter den Inſignien des Adlers einen feindſeligen Charakter angenom⸗ men, wenn ſich nicht der Philolog beſänftigend in's Mittel gelegt hätte. Um beiden Parteien gerecht zu werden, ſchlug er vor, aus löblichen Sparſamkeitsrückſichten vorerſt im Dorfe das Nachtmahl einzunehmen, und ſodann noch an demſelben Abende den Berg zu beſteigen, allwo eine einfache Streu doch wohl um ein Er⸗ ſchwingliches ſich finden werde Da die beiden Streitenden raſch wieder die harten Worte be⸗ reuten, die ihnen in der Hitze entfahren waren, ſo benützten beide mit einigem unverſtändlichen Brummen dieſen Mittelweg und folgten dem Philologen, der, des hergeſtellten Friedens froh, ſchnell in's Wirthshaus voranſchritt, um weite⸗ ren Debatten der Unſchlüſſigkeit durch ein ra⸗ ſches Ueberſetzen des Rubikon vorzubeugen. In der braunen Wirthsſtube war es ganz behaglich, und jeder der Gäſte fand, während das Nachtmahl bereitet wurde, ſeine anſprechende Unterhaltung. Kunze ſetzte ſich an den maſſi⸗ ven Tiſch, der in Folge vielen Waſchens ganz weiß geworden war und nur an einigen tieferen Stellen ſeine urſprüngliche rothe Farbe ver⸗ rieth, und berechnete emſig in ſeiner Schreib⸗ tafel die Ausgaben der heutigen Tagesreiſe. Falke hatte ſich's auf der Bank des mächti⸗ gen Kachelofens kommod gemacht und während er mit der einen Hand vertraulich einem großen Haushunde hinter den Ohren krabbelte, hilt er mit der andern ſeine abgegriffene Odyſſee wußte. 8 mil war einige Aut rolerich Stube auf⸗ und abgegangen, fortwähend ſchmählend, daß das Nachtmahl ewig auſſich warten laſſe; als aber an der Thürx ein üb⸗ ſches Wirtl sischerlein erſchien und nur uneine Viertelſtunde Geduld bat, wurden ſeine Züge plötzlich wieder freundlich, ja er ließ es ſich nicht nehmen, bei der Bereitung des Salates zum Eierkuchen dem rothwangigen Mädchen auf's munterſte zur Hand zu ſein. Bald hörten die beiden Freunde trotz ihrer Vertiefung in ihre beiderſeitige Beſchäftigung ſein lautes Schäckern vom Garten her, wo der Salat geſtochen wurde. Nach einer Viertelſtunde dampfte richtig eine würzige Bierſuppe auf dem mit einem roth⸗ durchwirkten Tuche bedeckten Tiſche und die lä⸗ chelnde Wirthin hatte ihre Freude, wie das be⸗ ſcheidene Werk ihrer Kochkunſt den hungrigen Wanderern ſchmeckte. Dem wundervoll gelben Eierkuchen wurde nicht minder Ehre angethan und da ſchließlich die Rechnung zur Zufrieden⸗ heit des Seckelmeiſters ausfiel, ſo herrſchte wie⸗ der allſeitiges Behagen und aller Groll war vergeſſen. Als endlich Falke zum Aufbruche mahnte und Kunze nach Hut und Stock griff, ſuchte der Poet mit einiger Verlegenheit nach Gründen, den Aufenthalt zu verlängern.„Soll man denn immer ſo eilen,“ meinte er,„man kommt ja auf dieſe Weiſe nie zum vollen, rei⸗ nen Genuſſe des Reiſens!“ Allein da der Seckelmeiſter ohne ein Wort zu verlieren fürbaß ſchritt, mußte er nothge⸗ drungen folgen, aber nicht ohne ſich noch zehn⸗ mal umzuwenden und dem Wirthstöchterlein, das den drei Geſellen nachſah, freundlichen Ab⸗ ſchied zu winken. Der Weg ſchlängelte ſich in ſanfter He⸗ bung rings um den Berg hinan. Die Sonne war eben im Sinken, als ſie gemäßigten Schrittes wohlgemuth und aufgeräumt des Pfades zogen, der, zu beiden Seiten von Wal⸗ dung eingefaßt, von den zwiſchen den Stäm⸗ men durchſchimmernden letzten Sonnenſtrahlen abwechſelnd mit roſigen und ſchwarzen Par⸗ ketten belegt ſchien. Aber es währte nicht lange, ſo brach in dem ſchmalen Laubengange völlige Dunkelheit ein. Der Weg war glücklicher Weiſe nicht zu verfehlen. Um ſich wechſelſeitig nicht aus dem Auge zu verlieren, zündeten ſie ihre Cigarren an, deren glimmende Enden nun wie Leuchtkäferlein durch das Dunkel zogen. Leiſe rauſchte der Wald, vom Dorfe herauf drangen die verhallenden Töne des mälig erſterbenden Lebens durch die laue, linde Luft. „O ſüßer, weicher Schoß der Nacht!“ rief der Poet entzückt und ſtieß mit der Naſe an einen Baum. 3. Auf dem Gipfel des Adlerberges befindet ſich eine nette Reſtauration mit einem hölzer⸗ nen Thurme, von welchem aus man über die Häwter der nahen Fichten Fernſchau und Runſchau zu halten pflegt. Um dieſes Ge⸗ bäud zieht ſich im Halbkreiſe kaſemattenartig eine keihe von zuſammenhängenden Mooshüt⸗ ten, de für die nächtliche Unterkunft der Wan⸗ derer ingerichtet ſind. Der Beſuch iſt manch⸗ mal ſo zahlreich, daß der ohnehin enge Raum nicht zureicht, wenn die Reiſenden nach des Tages Laſt und Hitze die perpendikuläre Kör⸗ perrichtung mit der horizontalen vertauſchen wollen. Als unſere drei Wanderer nach faſt zwei⸗ ſtündigem Steigen hier oben aulangten, war die Nacht ſchon vollkommen hereingebrochen. Die Luft wehte in der Höhe ſcharf und heftig, und die Kälte war empfindlich genug, um ein warmes, geſchütztes Lager recht erwünſcht zu machen. Darum hatten ſich auch frühzeitig alle Berggäſte in ihr Moos verkrochen, nur der Alte vom Berge, wie ſich der Wirth gern nennen ließ, war mit einigen Dienern noch geſchäftig auf den Beinen. „Hollah, Beherrſcher der Berge,“ rief Emil mit all' der kecken Zuverſicht, die gewöhnlich eine volle Börſe weit mehr als ein ruhiges Gewiſſen verleihen ſoll, als er den Wirth im Scheine einer einſamen Laterne bemerkte.„Hol⸗ lah, verſchaffen Sie uns ſogleich ein Nacht⸗ lager. Nachtmahlen werden wir nicht, weil wir — weil wir vor allem der Ruhe bedürfen.“ Der Wirth trat mit der Laterne und vie⸗ len Komplimenten näher, doch die erſtere that bald den letzteren Eintrag, als ihr Schein blos drei einfache Muſenſöhne in's Licht ſtellte. „Es thut mir wirklich leid,“ entgegnete der Wirth mit hoher Vorſtehermiene, daß bereits alle Stellen beſetzt oder vielmehr belegt ſind. Die Geſellſchaft, welche vor Ihnen kam, hat allen noch übrigen Raum in Beſchlag ge⸗ nommen.“ „Ah, die Geſellſchaft mit dem wunderhol⸗ den Engelskinde?“ fragte Emil.„Herr Wirth, wir müſſen Betten haben, um jeden Preis, hö⸗ ren Sie, wir müſſen!“ Der Mathematiker brachte bei dem unbe⸗ ſonnenen Worte:„um jeden Preis“ unbemerkt in der halben Dunkelheit dem Sprecher einen ganzen Rippenſtoß bei und wandte ſich zugleich zum Wirthe:„Wir wollen keine Umſtände ma⸗ chen, wir begnügen uns gern mit einer Streu!“ „Auch hier kommen Sie zu ſpät,“ entgeg⸗ nete der Wirth kurz, denn die iſt ſchon von den vielen Eſeln eingenommen.“ Nun trat der Philolog vor.„Herr Wirth,“ bat er,„haben Sie doch ein Einſehen; wir ſind todtmüde und können doch nicht mehr den Weg zurück machen oder im Walde übernachten. Wenn uns dort die Patrouille....“ Der Wirth ſchlug bei dieſer Vorſtellung, die ſich unwillkürlich dem an die ſtädtiſchen Verhältniſſe gewöhnten jungen Manne aufge⸗ drängt hatte, ein helles Gelächter auf, und ſo war er ſchon halb gewonnen. „Nun, wollen ſehen, was ſich thun läßt,“ ſchmunzelte er.„Belieben Sie nur hier in's Gaſtzimmer zu ſpazieren und während Sie dort ein Nachtmahl einnehmen(dieſe Worte wurden mit einem gewiſſen Nachdrucke geſprochen), läßt ſich vielleicht noch irgendwo ein Unterkommen ausfindig machen.“ Was war zu thun? Die Geſellſchaft mußte 259 ſich nun entſchließen, um nicht obdachlos zu blei⸗ ben, in den ſauren Apfel eines zweiten Nacht⸗ mahls zu beißen. Dem Seckelmeiſter fingen an die Haare zu Berge zu ſtehen, als er im Reſtaurationslokale die Speiſekarte muſterte. Kunze und Emil fielen nun mit Vorwürfen über den armen Philologen her, auf deſſen Rath man bereits im Dorfe eine Zeche gemacht habe; aber Falke verſchluckte ſie(die Vor⸗ würfe) ebenſo mit ſtiller Reſignation, wie die klappernden Biſſen des dürren Roſtbratens, der ihnen ſervirt wurde. Nach einiger Zeit erſchien der Wirth wie⸗ der und meldete, er habe Rath geſchafft. Die Geſellſchaft mit dem ſchönen Fräulein habe ſich auf ſein Bitten bereit erklärt, ihnen einen Theil der für dieſe Nacht gemietheten Lokalitäten un⸗ ter der Bedingung abzutreten, daß ſie ſich ganz ruhig verhielten und die Abtheilung, welche durch eine Blende geſondert ſei, nicht beträten. Bei dieſen Worten flog ein leuchtender Schimmer über das Geſicht des Poeten. Er faßte heftig den neben ihm ſitzenden Philologen am Arme und flüſterte, ihn an ſich ziehend: „O Himmel, ich werde alſo dieſe Nacht in dem⸗ ſelben Dunſtkreiſe athmen, den ihre Lippen wei⸗ hen!— Herr Wirth,“ rief er dann laut, in⸗ dem er aufſprang,„wir bleiben ewig Ihre Schuldner!“ Der Wirth machte zu dieſer Redensart, wel⸗ cher er nicht die poetiſche Seite abzugewinnen wußte, ein ſehr bedenkliches Geſicht, und erſt, als ihn der Seckelmeiſter über dieſen Punkt hin⸗ länglich aufgeklärt und beruhigt hatte, ließ er ſeine ſpäten Gäſte zu ihrer Schlafſtelle geleiten. Auf dem Wege dahin erſchöpfte ſich Emil in allerlei Ermahnungen, eine lautloſe Stille zu beobachten, um dem Wunſche der gefälligen Geſellſchaft zu entſprechen. Als ſie in die Thür der für ſie beſtimmten Mooshütte traten, be⸗ merkten ſie beim Scheine der ſie begleitenden Laterne vorerſt rechts eine breite und hohe ſpa⸗ niſche Wand aus blauem Papier, welche faſt hermetiſch einen unbeſtimmten Raum abſchloß, und links ein einſames Moosbett mit einem Roßhaarkiſſen und einer wollenen Decke. Bett und Decke hätten im Nothfalle zwei Perſonen genug Platz geboten, für drei waren beide, zu⸗ mal die Decke, offenbar zu ſchmal. Die drei jungen Leute betrachteten eine Zeitlang mit ſtummem Kopfſchütteln die enge Ruheſtätte; der Mathematiker ſchien mit den Augen die weni⸗ gen Quadratſchuhe ihres Flächeninhaltes zu berechnen und ängſtlich die Summe der drei Rückenflächen mit dem Facit zu vergleichen, dann hob er flüſternd an:„Freunde, hier heißt es ſich nach der Decke ſtrecken. Am ſchlimmſten wird es der Mittlere haben, denn der wird von beiden Seiten gedrückt. Ich will mich heute einmal zu Eurem Vortheile opfern und den Mittelplatz occupiren.“ Mit unterdrücktem ſelbſt⸗ gefälligen Lächeln nahm er auch ſogleich, nach⸗ dem er die Oberkleider abgelegt, von der be⸗ treffenden Stelle Beſitz, während die beiden andern ſich über ſeine außergewöhnliche Opfer⸗ 33* ————————J— —— — ,· — ʒn der Wolldecke faſſen, um ſich auf dem Lager zu 260 willigkeit verwunderten. Aber kaum hatten ſie mit knapper Noth an ſeiner Seite Platz zu grei⸗ fen verſucht, ſo merkten ſie auch ſchon den Vor⸗ theil des Mittelmannes, der von allen Seiten gegen die Kälte geſchützt und nicht in Gefahr war, leicht über Bord zu fallen. Der Diener mit der Laterne verließ nun den Ort; die Freunde befanden ſich im Finſtern. Die bei⸗ den Eckmänner mußten krampfhaft den Zipfel erhalten und ſich wenigſtens nothdürftig gegen die nächtliche Kühle zu ſchirmen. Sie ſagten ſich leiſe gute Nacht und Emil ermahnte Alle noch einmal zu grabesſtillem Schweigen. Einige Augenblicke herrſchte wirklich laut⸗ loſe Stille, ſo daß man ſelbſt die leichten Athem⸗ züge jenſeits der ſpaniſchen Wand vernehmen konnte. Das machte nun unſern Emil außer⸗ ordentlich unruhig.„Ob ſie wohl in denſelben vier Mauern iſt— das holde Moosröſelein?“ dachte er.„Gewiß, mir ſagt es mein ahnendes Herz, und wenn mein Herz es nicht ſagte, ſo wäre es aus der ſorgfältig aufgeſtellten ſpani⸗ ſchen Wand zu erſehen, denn, gäbe es keine Damen hier, was hätte ſie für einen Zweck?“ Ein ziemlich lauter Seufzer aus bewegter Bruſt war die erſte Folge dieſes Gedanken⸗ ganges. „Emil, fehlt Dir was?“ fragte der be⸗ ſorgte Falke ſo leiſe als möglich. ten, wie Du ſie ſprichſt, für ſolche Mädchen, die halb noch Kinder ſind, ſehr verderblich wer⸗ den können? Ich hoffe, daß die Geſelſſchaft, der win zu Dank verpflichtet ſind, nichts von Deinem Geſchwätz gehört hat und bitte Dich jetzt ernſtlich, ſtill zu ſein, wenn ich noch Ach⸗ tung vor Dir haben ſoll, denn jetzt vereinigſt Du Leichtſinn und Undank.“ Emil, der vom Latein nur noch ſchwache Reminiscenzen hatte, ſchien die Rede des Freun⸗ des gar nicht verſtanden zu haben oder er war bei dem murmelnden Vortrage desſelben ein⸗ geſchlafen kurz es erfolgte keine Antwort darauf. Der Mathematiker fragte nur noch, ob Falke deßhalb lateiniſch geſprochen, um nicht durch eine deutſche Rede die Nachbarſchaft hinter den blauen Pyrenäen im Schlafe zu ſtören, und fing, ehe noch Antwort erfolgte, in regelmäßigen Athemzügen zu ſchnarchen an. Auch Falke erlag der Müdigkeit. Als bald darauf der Mond aufging und durch das ſchmale Spitzfenſter der Hütte blickte, waren bereits alle Augen geſchloſſen. Die Nacht war kühler als gewöhnlich, und Emil wie Falke boten der Nachtluft zu viele Blößen, um nicht unbehaglich in ihrem Schlummer geſtört zu werden. Mit dem In⸗ ſtinkte, der im Schlafe uns leitet, ſuchten nun beide ſo viel als möglich von der Decke zu erobern, doch je mehr von der einen Seite „Ach, ich kann nicht ſchlafen, Falke,“ er⸗ wiederte Emil ziemlich laut.„Meine Ruh' iſt hin, mein Herz iſt ſchwer.“ „Umgekehrt, Emil,“ nahm auch der Ma⸗ thematiker das Wort,„Dein Herz iſt hin und um die Ruhe iſt es eine ſchwere Sache.“ „Du haſt Recht, Freund,“ antwortete Emil nun bereits laut genug, um in allen Winkeln der Hütte deutlich verſtanden zu werden.„Ich habe mein Herz verloren an die wunderbare Maid.“ „Aha, an die Wirthstochter, mit der Du vor Kurzem Salat wuſcheſt!“ ergänzte Kunze boshaft, da er wohl merkte, was Emil mit ſeinem Geſtändniſſe bezweckte. Statt aller Antwort kneipte ihn Emil heftig in die bloßgeſtellte Seite, und fuhr, als ob er nichts gehört habe, fort:„Ein ſolches Mädchen ſah ich noch nicht, und ich habe doch viele ſchöne Mädchen geſehen. Hättet Ihr ſie doch beobachtet, Freunde! So viel Lieblichkeit von Roſenwangen und Veilchenaugen ſaht Ihr noch nie in dem Schatten eines Strohhutes. Ich hätte den Eſel beneiden mögen, den ihre zarte Hand hinter die Ohren ſchlug. Und ein Füßchen hat die Holde, ein Füßchen, zu ſchön für dieſe Erde, es verdient auf den Hän⸗ den getragen zu werden oder auf Wolken zu herausſtellte, die frühere Lage wieder herzuſtel⸗ wandeln.“ Jetzt wurde es nachgerade dem Phitplogen zu bunt und er fing in ernſter Weiſe und zwar in lateiniſcher Sprache an, Herrn Emil Vor⸗ ſtellungen über die Unſchicklichkeit ſeines Betra⸗ gens zu machen.„Denkſt Du denn nicht,“ gens z) meinte er unter anderm,„daß ſolche Albernhei⸗ gezogen wurde, eine deſto ſtärkere Gegenwirkung mußte auf der andern erfolgen. So kam, was kommen mußte: es löſte ſich die Naht in der Mitte der Decke, und der Mathematikus, der ſeinen Vortheil ſo klug berechnet zu haben glaubte, lag fröſtelnd und faſt unbedeckt, doch ohne ſich zum klaren Bewußtſein ſeines unbe⸗ haglichen Zuſtandes ermuntern zu können. Noch hielt die Naht an einigen Punkten, aber noch ein raſcher Ruck von Seiten Emils— und beide Eckmänner vollten polternd mit ihren Decken auf den Boden. Kunze erwachte ſo⸗ gleich und ſtaunte nicht wenig, ſich allein und unbedeckt in dem engen Raume zu finden, der ihm durch das ſchwache Mondlicht völlig unbe⸗ kannt und unheimlich vorkam. Er ſchrak ſelbſt zuſammen, als ſich zu beiden Seiten aus der Tiefe zwei Geſtalten, jede mit einer Wolldecke erhoben und einander und ihn mit großen ver⸗ blüfften Augen anſtarrten. Endlich löſte ſich Alles in lautes rückſichtsloſes Gelächter auf. Nun war erſt guter Rath theuer, wie man mit zwei Deckenbruchſtücken drei Leute bedecken ſollte. Die Debatte hierüber, anfangs leiſe geführt, nahm erescendo an Lebhaftigkeit zu trotz aller Pſt! und Favete linguis des Philologen. Als ſich endlich die Unmöglichkeit len, hieß es, Einer von uns muß über Bord, das Schiff trägt nur Zwei. Falke, wie im⸗ mer vermittelnd, ſchlug vor, abwechſelnd zu ten. Er ſelber wolle den Anfang machen und das erſte Stündchen im Freien kampiren. Kunze und Emil zeigten ſich augenblick⸗ lich damit einverſtanden und nach wenig Mi⸗ nuten lagen die Beiden wieder in feſtem Schlafe, während Falke, in die Fenſterniſche gelehnt, ſeinen Gedanken freien Lauf ließ. Allerhand Bilder aus ſeinem Leben zogen ihm durch den Kopf, traurige Bilder, denn er hatte bereits alle ſeine Lieben begraben und ſtand nun ſeit Jah⸗ ren einſam und auf ſich ſelbſt gewieſen, ja freundlos da, denn in ſeinen Kameraden konnte er das nicht finden, was er vor allem verlangte, ein volles warmes Herz ohne Selbſtſucht. Ge⸗ liebt hatte er nie; wie hätte der arme Student auch daran denken ſollen, ſeine Augen zu einem Mädchen zu erheben, wie er es ſich dachte! Die Hoffnung auf eine einſtige glückliche Liebe lag ihm ſo entfernt, daß er ſich ſelbſt nie, wie die Jugend pflegt, träumeriſch mit dieſen Gedan⸗ ken beſchäftigte oder hin und wieder im Vorbei⸗ he einem Mädchen in's Auge blickte: Iſt's dieſe?— Da die Kälte immer empfindlicher wurde, ſo freute ſich Falke nicht wenig auf die be⸗ hagliche Wärme des Lagers. Als die Stunde vorüber war, näherte er ſich dem Bette und weckte Kunzen. Dieſer bemerkte beſtinumt, er werde erſt nach Emil wachen, denn er kenne ihm nach einer Stunde den Platz einräumen werde. Auf dieſes weckte Falke den Poeten, der in Betreff Kunzens dieſelbe Aeußerung that. Während die Beiden unter ihren warmen Decken ſich ſtritten, ſtand der arme Philolog klappernd an ihrem Bette und ſann vergebens nach einer neuen Vermittelung. a dem Streite, der ihm in mehrfacher Hinſicht zuwider war, ein Ende zu machen, entſchloß er ſich, für dieſe Nacht der Ruhe zu entſagen.„Soſchlaft dennin Frieden,“ ſagte er ſchmerzlich lächelnd, „wenn Ihr nicht in Ruhe wachen könnt.“ Darauf zog er ſich wieder in ſeine Fenſter⸗ niſche zurück und blickte in die Nacht hinaus. Kaum fingen die Beiden wiederum zu ſchnarchen an, ſo fühlte er ſich leiſe an der Schulter berührt. Mit unheimlichem Grauſen wandte er ſich um und ſah mit Schrecken eine lange weiße Erſcheinung vor ſich ſtehen. Ein großer Turban verhüllte ihr Haupt.„Herr „Sie ſcheinen ein guter, braver Mann zu ſein und ſprechen, wie ich vor Kurzem Ohrenzeuge war, ein zu gutes Latein, als daß man Sie nicht warm halten ſollte. Kommen Sie alſo und theilen Sie mein Bett mit mir.“. er der freundlichen Einladung folgen ſolle. Die Erſcheinung hatte nicht ſobald dieſe U⸗ ſchlüſſigkeit bemerkt, als ſie fortfuhr:„Folfn Sie mir ohne Bedenken, lieber Freund. ſie wachen und zu ſchlafen, ſo zwar, daß immer Schlafloſigkeit der heutigen Nacht verſchffte der eine nach dem andern außerhalb des Bet⸗ tes ſich ein Plätzchen ſuche, während die beiden nen und lieb zu gewinnen.“ Mit dieſen Jor⸗ fübrigen ſich des Lagers und der Decken erfreu⸗ ten ſchob der Fremde(denn die Erſcheiſing den Menſchen zu gut, um zu glauben, daß er Falke,“ fing die Erſcheinung zu reden an, Falke wußte nicht was er ſagen und b— mir Gelegenheit, Sie unbemerkt kennen zuſr⸗ ———— war ein Mann) die ſpaniſche Wand etwas bei Seite, hinter welcher der Mondſtrahl auf ein breites Moosbett mit Mänteln und Decken fiel. Falke folgte, und bald ſchlummerte er an der Seite des Fremden ſanft und ſelig. 4. Als der Morgen zu dämmern begann, wurde Falke durch ein leiſes Geräuſch an ſei ner Seite geweckt. Er bemerkte mit halbge⸗ öffnetem Auge, daß ſich ſein Bettgenoſſe vor⸗ ſichtig vom Lager hob, ſcheu um ſich ſpähte und endlich das turbanartig um den Kopf geſchlun gene Tuch abzuwickeln begann. In wenig Au⸗ genblicken kam eine glänzende Glatze zum Vor ſchein, die aber eben ſo ſchnell wieder unter einer üppigen Haartour verſchwand. Jetz erſt erkannte Falke in dem räthſelhaften Türken den Herrn von der geſtern beim Dorfwirths⸗ hauſe beobachteten Geſellſchaft, und jetzt erklärte er ſich, warum derſelbe erſt für ſich allein ein Zimmer in Beſchlag genommen und ſpäter durch eine Scheidewand ſich von den Nach⸗ kommenden getrennt habe. Es iſt doch was Seltſames um die Eitelkeit der Menſchen. Nachdem der gute Alte ſich vollſtändig in die Kleider geworfen hatte und Falke nicht mehr zu beſorgen brauchte, daß noch irgend etwas Falſches unbemerkt unterlaufen ſolle, wagte auch er es zu erwachen. An den„guten Morgen,“ der auf's herzlichſte ausgetauſcht wurde, knüpfte ſich ein lehaftes Zwiegeſpräch an. Der Fremde erkundigte ſich nach den Ver⸗ hältniſſen des Philologen und ſchien es mit Vergnügen zu hören, daß er ſeinen Kurſus ab⸗ ſolvirt habe und durch nichts gebunden ſei. „Ich ſtelle Ihnen einen Antrag, werther Herr Falke,“ ſagte er, ihm feſt in die Augen ſehend. „Hätten Sie Luſt, unter recht annehmbaren Bedingungen alſogleich die Erziehung eines Knaben auf dem Lande zu übernehmen?“ „Sehr gerne,“ erwiederte Falke,„wenn ich in die Verhältniſſe des Hauſes paſſe.“ „Sie ſind ganz der Mann darnach. Ich kann es dem Zufalle nicht genug danken, daß er mich Sie finden ließ. Ihre Grundſätze, die Sie geſtern in dem bündigſten Latein entwik⸗ kelten, machen Sie ganz fuͤr einen Platz em pfehlenswerth, der wegen allerhand Bedenklich⸗ keiten, die man nun ſchon bei jungen Leuten haben muß, durch geraume Zeit offen blieb. Um es deutlich und mit einem Worte zu ſagen: es gibt in der Familie, in die Sie tre⸗ ten werden, ein junges, recht hübſches Mädchen, das die Mutter, die Witwe eines reichen Guts beſitzers, auf's eiferſüchtigſte überwacht. Nun ſoll der Lehrer des Söhnchens einerſeits ein Zögling der neuen Schule und alſo ein junger Mann ſein, andrerſeits aber die Grundſätze und Ungefährlichkeit des Alters beſitzen. Da ich beides in Ihnen vereinigt finde, werde ich Sie, wenn Sie damit einverſtanden ſind, der Fa milie, deren Vormund ich bin, vorſchlagen und binnen wenig Minuten vorſtellen.“ „Doch nicht am Ende den Damen, in deren Geſellſchaft ich Sie geſtern ſah?“ fragte Falke verlegen. „Dieſelben,“ entgegnete der Fremde etwas über das erſchrockene Geſicht des Philolo⸗ gen erſtaunt,„haben Sie etwas gegen die⸗ ſelben?“— „Ich— ich gar nichts. Aber ich bin ſo ſchlicht— ich habe faſt nie Umgang mit Damen gehabt— mein Herr, ich werde wohl für dieſe Stelle nicht paſſen.“ „Lieber junger Mann, Sie beweiſen mir mit Ihren Worten gerade das Gegentheil, denn Ihre Schüchternheit iſt Ihr beſter Empfeh⸗ lungsbrief.— Doch kommen Sie, kommen Sie, ſonſt verpaſſen wir noch den Sonnenaufgang.“ Mit dieſen Worten nahm der raſche Alte den Philologen an den Arm und ſetzte, während er ihn fortzog, noch hinzu:„A propos, was ich noch bemerken muß, reden Sie mit der Mutter nie vom Tode, das iſt ein Gegenſtand, vor dem ſie ſchaudert.“ Sie traten nun hinter der ſpaniſchen Wand hervor und wurden von den beiden Studenten begrüßt, die mit der höchſten Verwunderung das Geſpräch belauſcht hatten. Der Poet ſprang auf Falke zu und rief ihn umarmend: „Du böſer Patron, was Du uns für Sorgen durch Dein Verſchwinden gemacht haſt!“ Leiſe flüſterte er ihm noch in's Ohr:„Falke, ich bitte Dich, nimm die Stelle an und dann er laubſt Du wohl, daß ich Dich zuweilen be ſuche.“ Als ſie aus der Mooshütte ſchritten, be⸗ merkten ſie mit einigem Erſtaunen, daß es be⸗ reits lichter Tag geworden und folglich der Sonnenaufgang längſt vorüber ſei. Herr Ei⸗ ſert, ſo hieß der Fremde, ſchüttelte zwar faſt ungläubig ſeine falſchen Locken, aber die Wahr heit lag im buchſtäblichen Sinne ſonnenklar am Tage. „Morgenſtunde hat Gold im Munde!“ ſcholl es ihm neckend vom Thurme herab ent⸗ gegen. „Ei guten Morgen,“ grüßte Eiſert zu den Damen hinauf, die bereits ſeit einiger Zeit mit ein wenig Schadenfreude und Spottſucht den Verſpäteten dort oben erwartet hatten. „Mir liegt an der Morgenſtunde wenig,“ rief er durch die vorgehaltenen Hände,„denn mir kam das Glück über Nacht.“ Er hieß Falke unten einen Augenblick verziehen, bis er Frau Schaller in ſeinem Intereſſe geſprochen hätte und ſtieg dann mit einer für ſein Alter anerkennenswerthen Leichtig⸗ keit den Thurm hinan. Das Herz des Philologen begann in raſche⸗ rem Tempo zu pochen. Es war ihm, als würde jetzt nicht über eine zeitweilige Lebens⸗ ſtellung, ſondern über ſeine ganze Zukunft ent⸗ ſchieden. Obwohl er nicht aufzublicken wagte, ſo glaubte er doch die Blicke zu fühlen, die ſcharf auf ihn gerichtet wurden. Es ward ihm 261 immer ängſtlicher, ein leichter Schweiß überzog ihn. In der unſchlüſſigen Verlegenheit, was er in dieſem Augenblicke mit ſeiner Perſon an⸗ fangen ſolle, zog er ſeine Odyſſee aus der Taſche, und ſchritt, anſcheinend ganz in die Lek⸗ türe verſunken, auf und ab. Ich glaube nicht, daß die Worte in dem Buche ſtanden, die ihm durch die Seele gingen: du biſt ein Narr, lauteten ſie, daß du dich durch ein Paar In⸗ dividuen des weiblichen Geſchlechtes, die noch dazu himmelweit von dir entfernt ſind, ſo außer Faſſung bringen läßt. Was iſt's doch, das dich beunruhigt? Ich glaube gar, ich fürchte, daß ich mich doch verlieben und ſo mit meinem Gewiſſen zerfallen könnte. Während dieſes Selbſtgeſpräches war die Geſellſchaft vom Thurme herab gekommen und ihm nahe getreten. Von Herrn Eiſert auf⸗ geführt, machte er den Umſtänden gemäß den Damen eine unbeholfene Verbeugung, ohne jedoch das Mädchen anzuſehen. Frau Schal⸗ ler war eine Frau von vollen Formen, aber dabei von einer krankhaften Bläſſe. Ihr Geſichts⸗ ausdruck hatte etwas Mattes, Unbehagliches. Auf dem Lande erzogen, war ihr trotz ihres Reichthums keine eigentliche Bildung zu Theil geworden und ſie fühlte dieſen Mangel immer ſchmerzlich und mit Beſchämung, wenn ſie mit gebildeten Leuten in Berührung kam. Die Furcht, ſich in der Art eine Blöße zu geben, ließ ſie dann gewöhnlich ein etwas ſchroffes, ſchweigſames Weſen annehmen, das bei Vielen als bäuriſcher Stolz gedeutet wurde. „Gehören Sie zum geiſtlichen Stande?“ fragte ſie, auf das alterthümlich gebundene Buch blickend, das Falke noch in der Hand hielt. „Nein, gnädige Frau,“ entgegnete dieſer verwundert. „Ich dachte, weil Sie in allem Morgen ſo andächtig Ihr Brevier laſen?“ „Es iſt kein Brevier,“ entgegnete Falke lächelnd,„ſondern die Odyſſee.“ „Das iſt wohl ſehr intereſſant? Wie heißt denn der Schriftſteller, der es gemacht hat?“ „Homer, gnädige Frau.“ „Homer? Das iſt wohl ein Ausländer? Der Name klingt franzöſiſch.“ „Er iſt ein Grieche, und zwar ein Alt⸗ grieche und ſchon weit über die zweitauſend Jahre todt.“ Frau Schaller, welche merkte, daß ſie wieder etwas Albernes geſprochen, verrieth ihre Verlegenheit durch ein Zucken der Mißſtim⸗ mung auf ihrem Geſichte. Falke, dem es nicht entging, deutete es erſchrocken als die Wirkung ſeines letzten Wortes— er hatte ja der War⸗ nung zuwider vom Tode geſprochen. Um ſeinen Fehler gut zu machen, fuhr er darum raſch fort:„Bitte um Entſchuldigung, es iſt möglich, daß er noch lebt, ja, ja, er wird wohl noch le⸗ ben ranche Menſchen ſind ja ſehr alt ge⸗ worden.“ 4 Das allgemeine Gelächter, das dieſe Rede zur Folge hatte, und in welches Frau Schal⸗ ler auf's herzlichſte mit einfiel, löſte wohlthätig 262 den Zwang des erſten Geſpräches.„Das iſt alſo der ewige Jude, von dem Sie reden, Herr Falke?“ rief ſie.„Gnad' uns Gott, wenn der auch zu den Schrifſtellern gehört.“ Sie ſagte das mit freier, munterer Miene. Die Albernheit des gelehrten jungen Mannes hatte ihr wirklich wohlgethan, und ihn weit beſſer empfohlen, als es die geiſtreichſte Bemer⸗ kung vermocht hätte. Frau Schaller fühlte ſich der Verlegenheit des Studenten gegenüber in einer gewiſſen Ueberlegenheit, und Falke merkte wieder ſeinerſeits, daß er gar wohl manches in ſich trage, das dem bloßen Reich⸗ thume nicht gegeben ſei. Bei dem Frühſtücke, das bald darauf die Geſellſchaft um einen Tiſch vereinigte, fand man ſich, beſonders durch die geſprächige Ver⸗ mittlung Eiſerts ſo in einander zurecht, daß man wechſelſeitig mit ſich und den andern zufrieden war. Wer ein Auge für das Gute im Menſchen hat, findet es immer heraus, und wer es gefunden hat, wird Manches andere überſehen. Nach dem Frühſtück begleitete Falke die wurden alle Tage Spaziergänge unternommen, Geſellſchaft den Berg hinab. Ehe ſie noch das und wenn Falke unvermuthet bei einem an⸗ Dorfwirthshaus erreicht hatten, war er mit dem muthigen Ruhepunkte im Walde ein Fläſchchen kleinen Fritz ſchon ganz in vertrauten, mit Wein aus ſeiner Taſche zog, wenn er ander⸗ Heren Eiſertin den munterſten und mit Ma⸗ wärts raſch ein Feuer im Freien anmachte, um dame, wie ſich Frau Schaller gern nennen ſeinige in der Nähe geſtohlene Kartoffeln darin hörte, in ungezwungen freundſchaftlichen Ver⸗ zu röſten, oder wenn er abends im Park ſeine kehr gekommen, mit Emma jedoch, dem lieblich⸗ Flöte nahm und nach Herzensluſt muſizirte, ſten Mädchen, das je ein Eſel auf den Adler⸗ ſo knüpfte ſich immer an ſolche unſcheinbare berg getragen, hatte er auch nicht ein einziges Kleinigkeiten eine vergnügte Stunde herzlichen Mit dem Verſprechen, Geplauders. Zuweilen lenkte ſich das Geſpräch gleich nach Beendigung der Ferienreiſe auf dem auch auf ernſte Gegegenſtände, und Falke Landgute der Frau Schaller ſich einzufinden, hatte dabei oft Gelegenheit ſich zu wundern, mit Wörtchen gewechſelt. zum Theil leeren Räumen des Schloſſes ge⸗ drückt, es war ihm vorgekommen, als ob hier Frau Schaller als Geiſt der Langweile zu wandeln und umzugehen verurtheilt und er nur berufen wäre, um entweder auch dem mit blei⸗ ſchweren Flügeln eintönig ſich ſchleppenden Le⸗ ben zu erliegen oder aber mit friſchem Muthe und keckem Wurſe, wie die Helden in den Märchen, den böſen Zauber zu bewältigen. Falke war nie ein Mann des Vergnügens und der Unter⸗ haltung geweſen, hier wurde er es aus dem na⸗ türlichen Takte, der ihn antrieb, mit ſchmieg⸗ ſamer Natur das Gewicht ſtets in die leichtere Schale zu legen und ſo eine Art regelmäßigen Gleichgewichtes herzuſtellen. Wie er manchmal im ausgelaſſenen Studentenkreiſe mit Nachdruck auf Maß und Ernſt gedrungen hatte, ſo ſchien er jetzt, wenn ſeine Lektion mit Fritz beendigt war, nichts als Schwänke und Schnurren im Kopfe zu haben. Was wußte er nicht alles aus dem Studentenleben zu erzählen! Frau Schaller geſtand, in Monaten nicht ſo viel gelacht zu haben, wie jetzt in einer Woche. Bald mich noch zu Dir auf die Schulbank zu ſetzen.“ Emma konnte bei dieſen Worten die Verdruß⸗ falte nicht ganz verbergen, die ſich um ihren Mund legte, aber ſie zeigte ſich doch recht froh, als Falke ſogleich auf den Vorſchlag einging und den Studienplan in ſeinen Hauptzügen entwarf. Da wurden Namen gehört, die ſo entſetzlich gelehrt klangen, daß die beiden Schü⸗ lerinen ſchon im voraus vor ihrer künftigen Gelehrſamkeit einen ehrfurchtsvollen Schauer fühlten. Die Lektionen kamen wirklich in Gang. Falke wußte den Gegenſtänden die angenehme Seite abzugewinnen, ſo daß die Damen ſich nicht genug derwundern konnten, was es doch für eine ſchöne und leichte Sache um alle Wiſſen⸗ ſchaft ſei. Unter derartigen wiſſenſchaftlichen Beſtre⸗ bungen, unter Ausflügen und Beſuchen, kleinen Familienfeſten u. ſ. w. war unbemerkt der Win⸗ ter gekommen, und ſo gefürchtet er ſonſt wegen ſeiner Langeweile war, ganz angenehm vorüber⸗ gegangen. Schon hatte Falke ſeiner jüngeren Schülerin das erſte Veilchen überreicht und dieſe ihn dafür mit einem Teller Frühſalat überraſcht, da er ſich einſt ſcherzend geäußert hatte, im Salate könne man am beſten den Frühling in ſich aufnehmen. Nur auf ſolche kleine, kaum erzählenswerthe Aufmerſamkeiten beſchränkte ſich zur großen Zufriedenheit der Frau Schaller der vertrauliche Privatver⸗ kehr zwiſchen Lehrer und Schülerin. Schon war die Oſterzeit angebrochen; die erſten war⸗ men Frühlingstage entfalteten ihren ahnungs⸗ vollen Zauber allgemeinen Erwachens. Wer die Stadtmauern verlaſſen konnte, wagte ſeinen nahm er von der Geſellſchaft Abſchied und ſah welchem Intereſſe man jedes ſeiner Worte erſten weiteren Ausflug in's Freie. Da klopfte und winkte ihr ſo lange nach, bis der Wagen aufnahm, da er nicht ahnte, welch Vergnügen mit ihr bei einer Krümmung des Weges hinter für eine gutangelegte doch vernachläſſigte Na⸗ tur es iſt, das, was ihr ahnungsvoll in unbe⸗ ſtimmter Dämmerung vorſchwebte, plötzlich klar und deutlich ausgeſprochen und wie verkörpert vor ſich zu ſehen. Falke fühlte ſich durch die Theilnahme an dem, was er bieten konnte, den Felſen verſchwunden war. 5. Wenige Wochen nach den oben geſchilderten ſ dem Gute der Fran Schaller eingezogen. Augen leuchteten und ſeine Haltung wurde Dasſelbe, ehemals eine adelige Beſitzuhg, erin⸗- ungeſucht imponirend. Man hätte ihn in ſol⸗ nerte noch durch manche Zeichen an ſeine ur⸗ chen Momenten für ſchön halten können. ſprünglichen Erbauer und Bewohner. Das aber jetzt mit blendend weißem Kalke überzogen. Worten horchte. Er ſah ihr zwar nie oder auch ein Pilger von fernher an das gaſtliche Thor des Schloſſes, einer unſerer Bekannten— Emil, der Poet. Mit Ausrufungen des Ent⸗ zückens, die ganz den Jambenfall hatten, warf er ſich in Falkes Arme, als wollte er ihn er⸗ drücken.„So biſt Du's noch, o Freund? ich halte Dich, und wage es kaum zu glauben!— elbſt gehoben und oft nahm ſeine Rede in ſol⸗ Sapperlot, biſt Du ein ſchmucker Junge gewor⸗ Szenen war Falke mit Sack und Pack auf chen Augenblicken eine Art Schwung an, ſeine den!— O wüßteſt Du, wie ich nach Dir mich ſehnte, wie Dir mein Herz entgegen ſchlug!— 9 2 Aber wirklich, nicht mehr zu erkennen! Ja, die rauheſten Raupen geben die ſchönſten Schmet⸗ Dieß war namentlich dann der Fall, wenn terlinge! Doch à propos, was macht das hüb⸗ Schloß war im alterthümlichen Style erbaut, auch Emma unverwandten Geſichtes ſeinen ſche Burgfräulein, das ich vor einem halben Jahre als muntere Oreade des Adlerberges Es dehnte ſich mit ſeinen zwei Flügeln weitläu⸗ doch nur flüchtig in's Auge, aber er bedurfte kennen zu lernen ſo glücklich war?“— fig auf einer Anhöhe aus. Von dem Hügel in auch deſſen nicht, denn er gehörte, wie oben das Thal hinein zog ſich ein Park, in welchem bemerkt, zu jenen Naturen, welche die Blicke bereits neban dem Angenehmen auch das Nütz⸗ f liche durch die Anpflanzung der Kartoffel und Runkelrübe berückſichtigt wurde, wie man denn weiß,“ ſagte einſt Emma nach einem ſolchen htig 9 ühlen. Falke fühlte ſich, wie nie zuvor, von dem flüchtigen und rückſichtsloſen Weſen ſeines Freun⸗ des unangenehm berührt, doch verbarg er, ſo weit „Erſt jetzt ſehe ich recht, wie wenig ich ees nur möglich war, ſeine Mißſtimmung. Allein er ſollte bald gar harte Proben der Geduld zu auch in den Feldern, die ſich hinter und neben Geſpräche.„Ich bin zwar ſchon nahe an ſieb⸗ überſtehen haben, als Emil, von Frau Schal⸗ ehn Jahr, aber es würde mir doch ſehr heil⸗ ler als Falkes Freund bewillkommt und aufs dem Parke weit und breit erſtreckten, die Linden⸗ 3 und Kaſtanien⸗Alleen umgehauen und durch ſt Pflaumenbäume erſetzt hatte, Auf dieſem Gebiete alſo ſollte Falke hei⸗ miſch werden. Anfangs hatte ihn die geſpen⸗ mit uns nehmen will,“ bemerkte Frau Schal⸗ ſtiſche Stille und Einſamkeit in den weiten,l am ſein, wenn ich noch ihre regelmäßige Schü⸗ gaſtlichſte behandelt, ſeiner burſchikoſen Na⸗ erin würde, Herr Falke.“ tur ganz die Zügel ſchießen ließ. Je mehr der⸗ „Nun, wenn Herr Falke ſich die Mühe ſ elbe bei der Tafel oder bei Ausflügen vor den Damen ſein flackerndes Licht leuchten ließ, er dazu,„ſo wäre ich gar nicht abgeneigt, auch deſto ſchweigſamer wurde Falke. Es verdroß — n ihn gewaltig, wenn Frau Schaller Emils ungenirte Witze belachte, und es that ihm im Herzen weh, wenn Emma nicht mit Entſchie⸗ denheit Zudringlichkeiten zurückwies, die er ſelbſt ſich nie und nimmer gegen ſie erlaubt haben würde. So kameen ſie einſt bei einem gemeinſchaftlichen Spaziergange durch den Park zu einer Stelle, wo zwiſchen den breiten grü⸗ nen Blättern friſche Maiglöckchen ſchimmerten. Emma hatte ſich raſch deon einen Strauß ge⸗ pflückt und gab, als ſich Emil mit einer ſchwül⸗ ſtigen Redensart eines zum Andenken erbeten, ihm unbefangen einen Theil i ihres Bouquets, von welchem ſie einen weiteren für die Mutter und zuletzt noch einen für Falke ablöſte. Doch dieſer dankte mit ſtummer ablehnender Verbeu⸗ gung. Emma ſah ihn groß an und neben der Mutter einhergehend zerpflückte ſie in Gedanken die unſchuldigen Blumen. Die Verſtimmung ſtieg nun von Stunde zu Stunde, und dann erſt recht, als ſie bemerkt und Gegenſtand mancher Frage wurde. Falke hätte Luſt gehabt, auf und davon zu laufen und Gott und die Welt des Undankes anzu⸗ klagen. Da zog ihn Emil auf die Seite und flüſterte ihm zu:„Guter Junge, ich merke es wohl, Du biſt eiferſüchtig.“ „Eiferſüch tig?“ rief Falke erſchrocken, als wäre er auf böſer That ertappt.„Eiferſüchtig!“ ſetzte er kopfſchüttelnd hiuzn ededu müßte man vorerſt verliebt ſein.“—„Das biſt Du auch bis über den Scheitel. Haſt ja Dein Bischen Ver⸗ ſtand rein verloren; was braucht es weiterer Beweiſe.“ „Emil— kein Wort weiter! Du profanirſt alles, was Du in den Mund nimmſt. Fort, Du haſt trotz aller Deine Phraſen nicht ein Fünkchen heiliges Gefühl und kein Verſtändniß für die ſtille Weihe eines lauteren Herzens.“ „O daß doch der Philolog in Allem Pe⸗ dant iſt!“ lachte Emil.„Weil ich nach meiner freien Art das Leben faſſe, ſo hätte ich kein Verſtändniß für Deine befangene, unklare Ge⸗ fühlsdämmerung? Was gilt die Wette, ich male Dich in einer Novelle, wie Du leibſt und lebſt, mit Deinem Hangen und Bangen und um mich eines Heine'ſchen Kernausdruckes zu be⸗ dienen, mit Deiner Jugendeſelei!“ Falke kehrte ihm ſtatt aller Antwort den Rücken. Emil machte bald darauf ſelbſt ſeinen weiteren Auf⸗ enthalt auf dem Schloſſe unmöglich. Er war nämlich einſt dem Bedienten, der das beſchei⸗ dene Amt des Kellermeiſters nebenbei verſehen mußte, in den Keller gefolgt und daraus in einem Zuſtande hervorgekommen, der ihn in den Augen der Frau Schaller um ſo mehr degradirte, als ſie nach der nicht geringen „Schwere“ desſelben auf einen beträchtl lichen Aderlaß ihrer wohlgehegten alten Fäſchen ſchließen mochte. 6. Die Verwirrung, welche Emils Erſchei⸗ nen in dem kleinen Kreiſe verurſacht hatte, ord⸗ — Pern — nete ſich nicht ſogleich nach ſeinem Verſchwin⸗ den. Emma war kalt und zurückhaltend, Falke trocken und einſilbig. Es ſchien etwas in ihm vorzugehen. Zuweilen ließ er eine An⸗ deutung fallen, daß der Landaufenthalt für längere Dauer ſeinem Fach ſtudium nachtheilig ſein dürfte. Die Lektidnen mit den Damen ſuchte er ſo viel als möglich abzukürzen oder gar fallen zu laſſen, und zog es vor, in müßiger Stunde ihnen die Zeitungen zu leſen, welche auf ſein Anrathen auf dem Schloſſe gehalten wurden. Es waren meiſt belletriſtiſche, darunter „der Unterhalter.“ Letzterer brachte uicht lange nach Emils Abſchiede eine Novelle deren Ti⸗ tel ſchon bei den Leſern auf dem Schloſſe alles Intereſſe erregte. Er lautete:„Der ver⸗ liebte Philologe. Ein Stillleben. Von Emil.“ „Achherje!“ rief Frau Schalber, der das Blatt zuerſt in die Hand kam,„Herr Falke, kommen Sie doch und leſen Sie uns dieſe Geſchichte vor, die iſt gewiß von Ihrem Freunde Emil.“ Falke wurde abwechſelnd roth dn bleich, als ſein Blick auf di⸗ Nummer fiel. Ihm ehn das Schlimmſte. Doch ſchnell gefaßt, entſchlo er ſich zum Worleſen, um betreffenden Fnu einzelnes zu überſpringen oder nach Umſtänden zu verändern; Frau Schaller ſetzte ſich be⸗ häbig mit ihrem Strickſtrumpfe zurecht und Emma ſuchte ſonderbarer Weiſe den Rücken der Mutter zu gewinnen. Falke verſteckte ſich hinter das Blatt. Einem jungen Autor, der ſich zum erſtenmale gedruckt ſieht, kann das Herz von allerhand Gefühlen nicht ſtärker klo⸗ pfen, als unſerem Philologen, da er jetzt abge⸗ brochen und in furchtſam taſtender Weiſe eine uns gar wohl bekannte Erzählung zu leſen be⸗ gann, die ſich von der vorliegenden nur dadurch unterſchied, daß die Helden derſelben andere Namen trugen. Die allgemeine Einleitung über Ferienwanderung ſo wie die Beſchreibung dreier Studenten, die einen Ausflug auf den Aarberg zu Vzernehenen im Begriffe ſind, hörte Frau Schaller gleichgiltig und wie eine wild⸗ fremde Sache an, als jedoch die Geſellſchaft in der Kutſche an die Reihe kam, ließ ſie Hände und Strickſtrumpf ſinken, aber wie von einer Tarantel geſtochen fuhr ſie empor, als in faſt wortgetreuer Wiederholung ihr erſtes Geſpräch mit dem Philologen, das Emil alſo ohne Zweifel belauſcht hatte, in all ſeiner Naivetät dargeſtelle wurde. „So was lebt nicht!“ rief ſie in ihrer höch⸗ ſten Stimmlage.„Ich bitte Sie, Herr Falke, wie kann ein Menſch nur ſo'was ſchreiben! Ich hoffe doch, daß kein vernünftiger Leſer es glauben wird!“ Die erſte Abtheilung der Novelle ſchloß mit der Aufnahme des Philologen Sperber als Hofmeiſter, und die Fortſetzung wurde für die folgende Nummer angezeigt. Obwohl alle drei Perſonen ſich in dem Geleſenen gezeichnet fan⸗ den, ſo hüteten ſie ſich doch, es gegenſeitig ſich einzugeſtehen, denn jeder Theil meinte, im Ver⸗ 263 laufe eine Satire auf ſich zu finden. Die Ent⸗ rüſtung war ſo allgemein, wie die Spannung, worauf denn die Sache ſchließlich hinausgehen werde. Niemand abor ſchien die Fortſetzung mit größerer Ungeduld zu erwarten, als Emma, denn Tags darauf harrte ſie um die Poſtzeit auf der Bank vor dem Schloßthore des Brief⸗ trägers, um ihm, ſobald ſie ihn erblickte, entge⸗ gen zu eilen und die verhängnißvolle Nummer in Empfang zu nehmen. Falke, der an einem Fenſter auf der Wache ſtand, kam zu ſpät, doch konnte er ſich nicht enthalten, Emma in den Park zu folgen, wohin ſie ſich ſchnellen Schrit⸗ tes mit dem Blatte begeben hatte. Er traf ſie dort in einer Lee witage Sie härte ſein Ein⸗ treten nicht, ſo ſehr war ſie in die Lektüre ver tieft. Ihre Wangen glühten. Heftig ſhrat ſie zuſammen, als ſie plötzlich Herrn Falke vor ſich ſtehen ſah. Sie reichte ihm das Papier. Während er mit raſchem Auge die Zeilen durch⸗ flog, fing er ſo zu zittern an, daß ihm das Weiterleſen bald unmöglich wurde. „Iſt dieß Wahrheit oder Dichtung?“ fragte Emma kaum hörbar. „Wahrheit durch Dichtung,“ rief Falke und ſtürzte ütberwältigt zu Emma'’s Füßen. „Ja, ich liebe Sie ſo tief und innig, als dieſe Blätter es ſagen.“ „Nun,“ entgegnete Emma mit himmli⸗ ſchem Lächeln,„wenn ſie vom Sperber das Richtige ſagten, ſo wird es wohl auch bei Emilie ſeinen Grund haben. Ja, ich bin Ihnen vom Herzen gut, lieber guter Falke.“ tewaſſen ertönte bereits die Stimme der Frau Schaller, die nach der Zeitung, nach Emma und dem Lehrer rief. Die beiden Lie⸗ benden, Kuſzeſürt aus der Wonne des erſten Kuſſes, eilten dem nahen Schloſſe zu, Seligkeit im Herzen, Verlegenheit auf dem Geſichte. „Nun, was bringt uns heute die Beitung ſchönes Neues?“ empfing ſie Frau Schaller. „Ich wollte darauf ſchwören, daß wir dummes Zeug zu hören bekommen.“ Falke und Emma warfen ſich einen Blick zu, der das Gegentheil beſagte, und der erſtere übernahm mit noch größerer Befangen⸗ heit als am Tage vorher das Amt des Vor— leſers; ſollte er doch jetzt kaum auf andere Weiſe, als wie man eremn Artikel über Fettflecke oder Hühneraugen lieſt, von ſetner langgehegten heim⸗ lichen Liebe erzählen, wie ſie unverrerkt über ihn gekommen, dann durch einen Anſtoß der Eiferſucht ihm klar und ſchließlich durch Zufall zum Geſtändniſſe gebracht worden war. Und dann, wenn Frau Schaller hiedurch das Geheimniß erführe, was würde ſie, die geld⸗ ſtolze Dame, zu dem Erdreiſten des armen Phi⸗ lologen ſagen? Da ſollte das Improviſiren retten! aber hilf Himmel! was las der Falke für buntes, konfuſes Zeug zuſammen! Jedes dritte Wort war ein Widerſpruch, der Faden riß, Angſtſchweiß trat auf die Stirne des Le⸗ ſers Frau Schaller ſchüttet te den Kopf und fragte lächelnd:„Herr Falke, ſind Sie denn heute die Wege Emils gegangen?— nimm 8 ————·—ö— — 264 doch Du das Blatt und lies mir die Sache noch einmal.“ 4 Jetzt wäre an Emma die Reihe geweſen, verlegen zu werden, aber ſiehe da, ſie las das Ganze ohne ein einzigmal zu ſtottern mit ſol⸗ chem Ausdruck des innigſten Gefühles, daß unter anderen Umſtänden der leicht beweglichen Frau Schaller gewiß die hellen Zähren über die Backen gelaufen wären. Als Emma erröthend mit der Stelle:„Ein langer, langer Kuß beſiegelte das Geſtändniß zweier glücklichen Herzen, die einander werth waren,“ geſchloſſen und mit leiſerer Stimme hinzugeſetzt hatte: „Schluß folgt“— trat eine beängſtigende Pauſe ein. Frau Schaller hatte längſt den Strick⸗ ſtrumpf weggelegt, jett griff ſie zur Brille und nahm mit einer heftigen Bewegung das Blatt aus Emm a's Händen. Sie ſtarrte einige Au⸗ genblicke, als ob ſie läſe, auf die Zeilen, ohne jedoch in ihrer Aufregung zu bemerken, daß ſie den Inſeratentheil und zwar noch dazu verkehrt vor Augen habe und ſprach dann, ſcheinbar wei⸗ ter leſend, abgebrochen aber nachdrücklich: „Die Gutsfrau war aber glücklicher Weiſe ein Weſen, das nicht mit ſich ſpielen ließ.— Obwohl man ihr weniger Verſtand zutraute, als ſie hatte, ſo wußte ſie, ſobald ſie hinter die Sache kam, doch ſogleich Rath.— Sie ſchätzte zwar den Hofmeiſter als einen guten und ge⸗ bildeten Menſchen, aber ſie konnte doch nicht umhin, ihn zu erſuchen, ſeinen Koffer in Ord⸗ nung zu bringen.— Die Sorge für die Zu⸗ kunft ihrer Tochter, eines höchſt unverſtändigen Mädchens, zwang ſie, ſo leid es ihr that, zu dieſer raſchen Maßregel.“ Nach dieſen Worten knitterte Frau Schal⸗ ler das Papier zuſammen, nahm die Hand der Tochter und entfernte ſich ohne dem tief betrof⸗ fenen Falke Zeit zu einigen Worten zu laſſen, ſchnellen Schrittes mit derſelben aus dem Zim⸗ mer. 7. „Es iſt unmöglich die Aufregung zu be⸗ ſchreiben, welche in dem Herzen des Philologen ſtatt hatte, als er plötzlich vom Gipfel des Ent⸗ zückens ſich in den Zuſtand der Hoffnungslo⸗ ſigkeit herabgeſtürzt ſah. Der geldſtolze Sinn der Gutsfrau ſträubte ſich gegen die Verbin⸗ dung ihrer Tochter mit einem Menſchen, der ſie nur glücklich und nicht reicher machen konnte. Er war alſo— und nahezu mit Schande— entlaſſen. Er wollte ſogleich ſeine wenigen Hab⸗ ſeligkeiten packen, um noch vor der Nacht das Haus zu verlaſſen, deſſen Mauern ihn jetzt zu erdrücken drohten. Aus jedem Winkel ſprangen ihm die lächelnden Genien der Erinnerung ent⸗ gegen, als wollten ſie ihn höhnen. Der Kopf wirbelte ihm, er mußte hinaus in's Freie. Wie gewaltig der Sturm in ſeinem Innern war, be⸗ weiſt nichts beſſer, als daß er dießmal ſogar ſeine Odyſſee mitzunehmen vergaß. Wie trunken irrte er in dem nahen Walde umher, ohne die einzelnen Begegnenden zu be⸗ grüßen oder nur zu bemerken. Der Schweiß troff ihm von der Stirne. In dieſer körper⸗ lichen und geiſtigen Aufregung warf er ſich in dem Schatten einer Höhle nieder und das Ge⸗ ſicht in das feuchte Moos vergrabend, das wohl⸗ thätig ſeine heiße Stirn zu kühlen ſchien, ruhte er lange, lange, ohne Ruhe zu finden. Erſt als die Dämmerung einbrach und von fernher die Abendglocken dem Tage zu Grabe läuteten, erhob er ſich, um den Rückweg anzutreten. Sein Geſicht war kaum mehr zu erkennen; mit Mühe ſchleppte er ſeine Glieder, die ihm von bleierner Wucht ſchienen, zum Schloſſe zurück und auf ſein Zimmer. Als nach einiger Zeit ein Diener bei ihm eintrat, fand er den Herrn Lehrer im hitzigen Fieber liegend. Nun wurde Alarm in den ſtillen Räumen des Schloſſes. Die Gutsfrau erbleichte bei der Nachricht. „Auch das noch!“ rief ſie außer ſich⸗vor Furcht, der Typhus könne in ihrem Hauſe zum Aus⸗ bruche kommen.„Schnell ſchnell,“ komman⸗ dirte ſie,„ſchafft mir den Menſchen aus meiner Nähe, bringt ihn zum Gärtner hinab in's Gartenhaus; den Doktor und die Arzneien will ich ſchon bezahlen!“ Vergebens war die Einſprache der Tochter. Der Kranke, der ſeiner Sinne ſchon nicht mehr mächtig war, wurde noch mitten in der Nacht aus dem Schloſſe in jene luftige Wohnung getragen, die ihm zur Krankenſtube beſtimmt war. Ein Doktor wurde herbeigeholt; er ſchüt⸗ telte bedenklich das Haupt und verordnete die aufmerkſamſte Pflege und Wartung. Der Kranke ſollte ſie finden, und zwar von lieber, freundlicher Hand. Trotz allem, was die Gutsfrau an Zorn, Beſchwörungen und Thränen aufbot, ließ es ſich die Tochter nicht nehmen, dem Unglücklichen, dem ſie ihre Liebe geſchenkt, als helfender Engel zur Seite zu ſtehen. Das ſchüchterne Mädchen ſchien ein ganz anderes Weſen geworden. Ueber ſich ſelbſt und das gewöhnliche Maß ihrer Kräfte geho⸗ ben, ſorgte ſie für alles, das Größte wie das Kleinſte, um es dem Kranken an nichts fehlen zu laſſen, und überwachte mit Umſicht und Ge⸗ nauigkeit den Vollzug ihrer Anordnungen. Von dem ſchönen Vorbilde ihrer Aufopferung ergriffen, ließen es vie beſtellten Wärter ſich eine Gewiſſenspflicht ſein, und oft ſah man Thrä⸗ nen in den Augen der Männer, wenn das Mäd⸗ chen bleich und abgehärmt, doch ohne eine Thräne im Auge, an das Schmerzenlager des Lehrers trat. Als endlich der Doktor die Verſi⸗ cherung gab, die Kriſis ſei überſtanden und die Beſſerung und Wiederherſtellung des Kranken ſo viel wie gewiß, da hoffte man, jetzt werde auch ihre Wange ſich wieder färben und das freund⸗ liche Lächeln ſeine gewohnte anmuthige Stätte einnehmen: allein als hätte ſie nur bis zu dieſem Momente freudig aufblitzender Hoffnung durch die Energie ihres Wollens ihre Kräfte in Span⸗ nung gehalten, ſo brach ſie jetzt ſchwach und auf⸗ gelöſt, ſtille Ergebung auf dem bleichen Ge— In demſelben Verhältniſſe, in welchem ſich der Kranke ſeiner Geneſung näherte, ſiel ſeine treue Pflegerin überhandnehmender Schwäche anheim und als er das erſtemal wieder in Gottes freie Luft zu neuem Leben heraus⸗ trat, hatte man ſie zur ewigen Ruhe in's enge Grab geſenkt. Die Gutsfrau war troſtlos; ſie überlebte die Tochter nicht lange, deren frühen Tod ſie ſich zur Laſt legte.— Der Philologe lebt noch — aber wie eine Pflanze noch lebt, die eine unbarmherzige Hand ihrer Krone beraubt hat.“ So lautete der Schluß, den die nächſte „der verliebte Philolog“ brachte. Frau von Schaller hatte ihn tief ergriffen geleſen, da alle Bilder, die er ihr vorführte, wie eine dü⸗ ſtere Prophezeiung vor ſie traten. Sie ſelbſt kam ſich in dem vorgehaltenen Spiegel recht verabſcheuungswerth neben der Tochter vor, und dieß moraliſche Gefühl verbündete ſich mit ihrer Furcht vor dem Tode, um ſie in Betreff der beiden Liebenden mild und verſöhnlich zu ſtim⸗ men. Emma hatte ihr ihre Liebe zu dem Leh⸗ rer bekannt, Falke jedoch kein bittendes oder entſchuldigendes Wort an ſie gerichtet. Eben trat er in das Zimmer, um einige ſeiner her⸗. umliegenden Bücher zu holen und ſie zu ſeiner. bevorſtehenden Abreiſe in den Koffer zu packen. Er ſah ſehr angegriffen aus und hielt die Hand vor den Kopf. 4 „Iſt Ihnen nicht wohl, Herr Falke,“ ſragte Frau Schaller beſorgt. „Ich habe Schwindel und Kopfſchmerz!“ „Um Gotteswillen,“ rief ſie nun voll Schrek⸗ ken, Sie werden doch nicht den Typhus bekom⸗ mend ich beſchwöre Sie, Herr Falke, mäßigen Sie ſich in Ihren Leide, es kann ja noch alles ganz gut werden.“ „Für mich nicht mehr!“ „Herr Falke, lieben Sie wirklich meine Tochter ſo ſehr, daß Sie ohne ſie nicht glück⸗ lich zu werden hoffen?“ Falke, von dem weichen Tone der Frage betroffen, blickte auf. Thränen, die er nicht zu⸗ rückdrängen konnte, waren ſeine ganze Antwort. „Nun denn, Herr Falke, ſo werde ich wohl nach dem Vormund ſchicken mögen. Emma, Emma!“ Die Gerufene erſchien. „Kinder,“ begann jetzt Frau Schaller mit ſtarker Benützung des Thränentüchleins, wenn Ihr glaubt, daß ich herzlos bin, ſo irrt Ihr Euch ſehr.— Da Ohr Euch alſo wahrhaft liebt, ſo will ich Eurem Glücke nicht hinderlich ſein. Doch Sie Herr Falke, ich bitte Sie nochmals, geben Sie Acht, daß Sie nicht den Typhus bekommen.“ —— od0 0.00o—— ſichte, zuſammen. Nummer des„Unterhalters“ zu der Novelle: hi Die Engländer in Bſtindien vor hundert ZJahren. Hiſtoriſche Erzählung aus dem Engliſchen. Von Dr. Janowitz.*) 16. Clive, überglücklich im Beſitze ſeiner Tochter, des Ebenbildes ſeines geliebten Wei⸗ bes, hatte ſich mit Sakuntala in ſein an⸗ gekauftes Haus in Calcutta zurückgezogen, wel⸗ ches er ſeinem Vermögen entſprechend einrichten ließ. Obſchon er durch die Abreiſe Holwell's in Begleitung Thomas' und Schrubbs' ſehr viele der Annehmlichkeiten entbehren mußte, deren er ſich jetzt an der Seite ſeiner Tochter und in der Mitte ſeiner Freunde erfreut hätte; war er doch anderſeits durch die Entfernung Darimans aus ſeiner und Sakuntala's Nähe beruhigt. Daxriman nämlich, hoch erfreut über die Wendung ſeines Schickſals und durch die kühne Entführung Sakuntala's aus der Pagode überzeugt, weſſen ſein Todfeind fähig ſei, wagte es nicht, ihm noch einmal entgegen zu treten, und ſo ergriff er die erſte Gelegenheit, Cal⸗ cutta zu verlaſſen; zumal er auch fürchten mußte, daß die lange Abweſenheit ihm die Gunſt ſeines ſchwachen, unbeſtändigen Herrn entziehen und ihm ſo die Ausſicht nehmen könnte, ſeine furchtbaren Rachevorſätze, die er allen Europäern geſchworen, auszuführen. Im Gemüthszuſtande Sakuntala's ging eine außerordentliche Verwandlung vor. Ihre Lebensweiſe in ihren erſten Kinderjahren unter reinen Naturmenſchen, ihre erhaltenen Reli⸗ gionsbegriffe, der Aufenthalt in der Pagode unter den Bajaderen— Alles dieß war im grell⸗ ſten Gegenſatze mit ihrer jetzigen Umgebung. Ein großer Vortheil für die Befeſtigung eines Verſtändniſſes zwiſchen Clive, den ſie doch immer als einen Fremden, ihrer Nation nicht Angehörigen, anſehen mußte, war der Umſtand, daß Clive ihre Mutterſprache redete. Dieſe war das Mittel, durch welches er ſich den Weg zu ihrem Herzen bahnte, und ſo gelang es ihm durch die väterlichen Zärtlichkeitsbezeigungen und die Anregungen ihres Geiſtes und ihres, Gemüthes Gefühle in ihr zu erwecken, die ihr bis jetzt ganz fremd geblieben waren. Nun klammerte ſie ſich an die Gegenwart, die ihr lieb wurde; die Vergangenheit ſchien ihr in eine weite nebelumhüllte Ferne gerückt. Gern hörte ſie jetzt dem Geſpräche Clive's zu, und freute ſich, wenn er ſie Tochter nannte; das zarte Band zwiſchen ihm und ihr wurde ihr nach und nach ein natürliches, und ſie war glücklich, dieſem Europäer mit dem ehrwürdigen weißen Haupte anzugehören. Auch wandte ſie ſich nach und nach mit immer mehr Intereſſe den geiſti⸗ gen Schätzen zu, die ihr Vater im Geſpräche *) Schluß zur vorigen Nummer. Erinnerungen. 1858. — mit ihr zu entfalten ſuchte, und die ihrem na⸗ türlichen Verſtande und ihrem unerkünſtelten reinen Gemüthe eine neue Welt des Wiſſens und der Empfindung erſchloſſen. Ihr Charakter entwickelte ſich unter ſo fruchtbaren Einflüſſen auf eine immer liebenswürdigere Weiſe, und im gleichen Verhältniſſe wuchs auch ihre Zärt⸗ lichkeit für ihren Wohlthäter, für ihren Vater. Clive fühlte das in ihm neu erwachte Le⸗ ben, er lebte nur in ſeiner Tochter und mit ihr; ſeiner glücklichen Einſamkeit fehlte nichts als ſein nun ebenfalls von ihm geliebter Thomas. Das glückliche Herz iſt ſo empfänglich für Liebe! Alles erſcheint dem Glücklichen in einer glän⸗ zenden Färbung, der Aether eines hellen Ge⸗ müthes umſtrahlt ſelbſt die düſteren Bilder, die uns umgeben; und ſo ſah Clive ſelbſt das nahende drohende Gewitter nicht, das ſich bald in ſeiner Nähe entladen ſollte. Julie Murray kam von Zeit zu Zeit, um Beiden Geſellſchaft zu leiſten. Julie war ſeit jener Szene mit Thomas und Ellis noch verſchloſſener und ernſter geworden, als ſie bisher geweſen. Sie kannte das Verhältniß zwiſchen Ellis und ihrem Vater, und ſie war eine zu gute Tochter, um ſich nicht dem Willen des Vaters zu fügen. Sie empfand Abneigung gegen ihren Verlobten, doch ſuchte ſie eine un⸗ umſchränkte Herrſchaft über ihre Gefühle zu er⸗ langen und ſie benahm ſich gegen Ellis, ob⸗ wohl gemeſſen, ſo doch nicht abſtoßend. Tho⸗ mas' Bild trat oft wie eine himmliſche Er⸗ ſcheinung vor ihre Seele, er war ihr das Ideal eines Jünglings, der kühn und edel zugleich je⸗ der großherzigen Empfindung fähig, allein wür⸗ dig ſei, geliebt zu werden. Mit tiefer Angſt be⸗ dachte ſie, wie Ellis ihn zu verderben ſich be⸗ ſtrebe, wie er jetzt ſchon ein Mittel gefunden, das ihn vernichten könne; ſie fühlte, daß ſeine Erſcheinung in ihrem freudenloſen Daſein als ein freundlicher Stern ihr leuchte. Thomas war oft der Gegenſtand der Unterhaltung der drei Freunde; Clive er⸗ klärte, daß er ihn bewegen wolle, den Dienſt in Indien zu verlaſſen, ihn nach Europa zu be⸗ gleiten und dort in einem europäiſchen Regi⸗ mente ſeinen Rang einzunehmen. Er wolle ihn adoptiren, und ſo im Kreiſe ſeiner Kinder ſich des Glückes freuen. Ellis ſeiner Seits bemühte ſich die Ver⸗ bindung mit Julie zu beſchleunigen; er ſprach mit dem Oberſten Murray ſo ernſt und drin⸗ gend über dieſe Angelegenheit, daß die Vor⸗ ſtellung des letztern, daß es beſſer wäre abzu⸗ warten, bis ſich die Lage der Dinge etwas auf⸗ geklärt haben würde, da Calcutta gegenwärtig auf einem Vulkane ſtehe— fruchtlos blieb und er ſich genöthigt ſah, die Einwilligung zu ge⸗ ben, daß die Vermälung mit Ende der nächſten Woche gefeiert werde. Ellis kannte ſeine Braut als ein zu ge⸗ horſames, ihren Vater über Alles liebendes Kind, als daß er nicht erſt die Einwilligung des Vaters als nothwendig angeſehen hätte; dann trat er erſt vor Julie hin, um ſie mit 265 ſeinem Wunſche bekannt zu machen.— Sie ſaß in der Gartenlaube in Gedanken tief verſunken, als plötzlich eine Hand ihre Schulter berührte und ſie aus ihren Träumereien riß. „Die ſchöne Julie,“ ſagte er,„trauert doch nicht etwa, daß Ihr tapferer Verehrer das Glück gehabt, zu einer ſo ehrenvollen Sendung als Abgeſandter an den Hof des Nabob von Bengalen berufen zu werden? In dieſem Falle wäre ich ein wenig an dieſem Kummer ſchuld.“ „Nun angenommen, Ihre Vermuthung wäre richtig, iſt es etwa ein Unrecht, den tapfern Jüngling zu bedauern, da er ſich auf einem augenblicklich ſehr gefährlichen Poſten befindet? Und was war Ihre Abſicht, daß Sie ihm zu dieſer Sendung verhalfen?“ fragte Julie. „Ich liebe die Aufrichtigkeit,“ entgegnete der Kapitän,„ſo antworte ich Ihnen denn ganz frei. Soll ich etwa zärtliche Gefühle gegen ein Individuum hegen, das damit umgeht, unter prahlender Bedrohung mir meine verlobte Braut zu entreißen? Ja, hätte die Geſandt⸗ ſchaft gar keine Gefahr, und nur glänzende Er⸗ folge in Ausſicht für ihn, ſo würde ich mich ge⸗ hütet haben, ihm dazu zu verhelfen.“ „Iſt es aber eines Gentlemans würdig, einen Nebenbuhler in Gefahren zu ſtürzen, die man ſelber nicht theilt? Iſt es ein ehrlicher Kampf?“ „Ich war noch großmüthig gegen ihn; denn ich hätte ihn gleich vernichten können; freilich haben wir verſchiedene Ideen über Groß⸗ muth und Sie erkennen die meinige nicht an. Mir gleich, wenn ſie mir die gewünſchten Früchte bringt, und ich geſtehe Ihnen, bisher iſt dieß immer der Fall geweſen. So war ich auch einſt großmüthig gegen Ihren Vater.“ Julie ſah ihn mit einem Blicke an, der einen ſchwachen Schein von Röthe auf ſeine gelbe Wange hauchte. „O wie reizend ſind Sie, wenn Sie zürnen! Um dieſes Blickes willen allein könnte ich Sie ſchon lieben.“ Mit einer Geberde der Entrüſtung verſetzte Julie:„Es iſt ſchändlich, noch Ihren Hohn über mich zu gießen!“ „Da ich ſchon mit meiner Liebe Sie über⸗ ſchütte. Wohl! Ich ſpreche auf meine Weiſe, wie ich auf meine Weiſe liebe, und bei den Göttern, Julie, ich liebe Sie.“ „Wer wahrhaft liebt, verlangt auch Ge⸗ genliebe,“ verſetzte Julie. „Das iſt der Punkt, wo unſere Anſichten auseinander gehen. Ich verlange nicht, daß Sie mich wieder lieben, ich will blos, daß Sie mir gehören. In dieſem Punkte bekenne ich mich zu der Anſchauung des Orients.“ „Sie werden aus einer freien Engländerin nie die Sklavin eines Harems machen. Ich werde Ihnen gehören, weil es der Wille mei⸗ nes Vaters iſt.“ „Sie ſind alſo nicht abgeneigt, den Zeit⸗ punkt unſerer Verbindung von mir ſelber und von meiner Leidenſchaft für Sie beſtimmen zu laſſen?“ 34 4 7 4 1 4 266 „Ich werde in dieſem Punkte die Befehle meines Vaters entgegen nehmen,“ ſagte Julie ſeufzend und entfernte ſich mit einer kalten Verbeugung. Sie verſchloß ihren Gram und ihre un⸗ fruchtbare Klage tief in ihre Bruſt, ſie ſuchte und fand einige Zerſtreuung in Clive's und Sakuntala's Gegenwart, und das ſchreckliche Bild des ſeltſamen Bräutigams verfolgte ſie nicht in die freundliche Umgebung der ihr theuer gewordenen Perſonen und in dem rei⸗ zenden Garten, in dem Sakuntala's Natür⸗ lichkeit in freundlicher Milde waltete. 17. Am Hofe des Nabob wurde beſonders auf die eifrige Anregung Darimans be⸗ ſchloſſen, das Heer zu ſammeln und eine Ab⸗ theilung von drei Tauſend Mann augenblick⸗ lich voraus zu ſenden, um die auf dem Wege nach Calcutta liegende Feſtung Contumbuzar einzunehmen. Dariman, ooll von Haß und Rache gegen die Engländer, bot alles auf, um ſie zu vernichten, und der ſchwache Fürſt war leicht zu beſtimmen. Die Beſatzung des einzunehmenden Forts beſtand aus zweiundzwanzig Europäern und aus zwanzig Eingeborenen. Kläglich waren die Befeſtigungswerke, die Baſtionen klein, die Mauern nur drei Fuß dick; ohne Graben, ohne Paliſaden, ſtand die Feſtung, bis an die Mauern zugänglich, dem Feinde preisgegeben. Zudem war die Beſatzung ganz unvorbereitet, als die Avantgarde, vom Fürſten ſelbſt angeführt, gegen das Fort anrückte. Das Hauptkorps ſollte des andern Tags von Miar Jaffier komman⸗ dirt nachrücken. Die Feſtung ſtand unter den Befehlen des tapferen und jungen Fähnrichs Elliot, des würdigen Ahns des gegenwärtig bei der Ein⸗ nahme Cantons in China rühmlich bekannten Commodores Elliot. Zum Unglück waren die Kanonen nur neunpfündig, und die Munition beſtand nur aus ſechs hundert Patronen. Lächerlich waren die Anſtrengungen des Feindes, dieſe Minia⸗ turfeſtung zu nehmen, aber rühmlich und er⸗ hebend der tapfere Widerſtand, den die kleine Schaar, von ihrem Kommandanten ermuthigt, leiſtete. Doch vas Mißverhältniß der feindlichen Zahl war zu groß und ſo mußten die Tapfern der Aufforderung, den Platz zu übergeben, mit Verzweiflung im Herzen ſich fügen und die melt, die engliſchen Soldaten mußten die er⸗ niedrigendſte Behandlung erleiden; alle nur von den roheſten Barbaren zu erwartende Schmach mußten ſie ertragen; man riß ihnen die Klei⸗ der vom Leibe, ſpie ihnen in's Angeſicht, ſtieß ſie mit den Gewehrkolben— und erhoben ſich die bedauernswerthen, wehrloſen aber helden⸗ müthigen Soldaten auf's Aeußerſte empört zur Gegenwehr, ſo wurden ſie erbarmungslos ge⸗ tödtet. Alle Reklamationen Elliot's gegen dieſes barbariſche, niederträchtige Verfahren blieben fruchtlos, ja es wurde ihm noch die Antwort, daß die Truppen des Fürſten zu einer ſolchen Behandlung Ordre bekommen hätten, um den Engländern die Luſt zu benehmen, ſich in In⸗ dien niederzulaſſen. Solche Schmach konnte der junge Kom⸗ mandant nicht ertragen; der Anblick, den die brave Mannſchaft, wehrlos und nackt, in den Händen dieſer beſtialiſchen Horden darbot, war ſo herzzerreißend, daß Elliot ein in ſeinen Kleidern bei der Waffenabgabe verſtecktes Piſtol hervorzog und ſich die Stirn zerſchmetterte.— Dieſe That beſtimmte den Nabob die übrige Mannſchaft einer ſtrengen Durchſuchung zu un⸗ terziehen, ſie in einen Kerker zu werfen und von da nach Murchidabad zu transportiren. Die Armee wälzte ſich nun von da ſchwer⸗ fällig nach Calcutta zu. Thomas, Holwell und Schrubbs erwachten nach jener Nacht des ehrenvollen Trinkgelages bei dem Nabob in einer grauſen⸗ erregenden Kerkerzelle. Angſt und Schrecken bemächtigte ſich ihrer, als ſie ſich ihrer ver⸗ zweiflungsvollen Lage bewußt wurden. Das niedrige, kleine und ſchmutzige Gewölbe war blos durch ein mit eiſernen Stäben vergittertes Loch erhellt. Schweigſam blickten ſich die Un⸗ glücklichen an, und wagten es nicht, ihre Ge⸗ danken ſich mitzutheilen, und harrten ängſtlich der Dinge, die da kommen ſollten. Es ver⸗ gingen angſtvolle Stunden, nicht das leiſeſte Geräuſch ließ ſich vernehmen. Die Sonne ſtieg höher, ihre brennenden Strahlen durch⸗ drangen die Backſteine des Gebäudes; der ge⸗ ringe Raum des Gefängniſſes, keiner Luftſtrö⸗ mung zugänglich, bot bald eine erſtickende Hitze, welche noch den brennenden Durſt ſteigerte, der durch die in der Nacht in nicht unbeträchtlicher Menge genoſſenen geiſtigen Getränke in einem Grade vermehrt wurde, daß die Lage der Ge⸗ fangenen eine wahrhaft betrübende zu werden anfing. Zudem machten ſie noch eine ſchreck⸗ liche Wahrnehmung, welche das Entſetzen des Waffen vor dem überlegenen barbariſchen Feinde beherzteſten Menſchen erregen mußte:— ſie ſtrecken; doch erlangte der Kommandant die ſahen ſich umgeben von einer Unzahl der wi⸗ Bedingungen, daß die Beſatzung freien Abzug derlichſten Inſekten, unter denen es auch an habe, die Magazine verſiegelt und bewacht, das Eigenthum der Einwohner geſchont werde. Doch kaum waren die Truppen des Nabob in die Feſtung eingerückt, ſo verletzten ſie die Bedingungen im weiteſten Maße. Es wurde gebrannt, geplündert, gemißhandelt und ge⸗ Skorpionen nicht fehlte, deren Biß, ja deren Berührung ſogar gefährlich werden konnte. Zu dieſen wirklichen Leiden geſellten ſich noch die traurigſten Bilder ihrer Phantaſie. Wie lange wird dieſer qualvolle Zuſtand dau⸗ ern? was hat man mit ihnen vor? wie mordet; Kinder und Frauen wurden verſtüm⸗ ſollen die Freunde in Calcutta von ihnen Nachricht bekommen? was wird aus dieſer Stadt werden, die in ängſtlicher Erwartung über den Erfolg ihrer Sendung bleiben wird? Dieſe und tauſend ähnliche Beſorgniſſe durch⸗ kreuzten ihr Gehirn. Zu ſprechen wagte keiner; bei der großen Hitze, welche mit jedem Augen⸗ blick ſtieg, war jedes Wort eine Anſtrengung; der Schweiß floß in Strömen über ihre Kör⸗ per— die nun ſehr läſtigen Kleider durften wegen der Menge der Inſekten nicht abgelegt werden; ſo lagen ſie verſchmachtend am Boden. Zu dieſem Zuſtande der bitterſten Qual ge⸗ ſellten ſich die beängſtigendſten Bilder der erſt verlaſſenen Heimat. Vor Thomas trat auch noch Juliens Bild. In dieſem Kerker beſucht es ihn! aber nicht um ihn zu beglücken. Die Pein ſeiner Seele war, wenn möglich, noch bren⸗ nender und fürchterlicher als ſeine wirklichen Leiden. Den höchſten Grad erreichte ihr Zuſtand um die Mittagszeit, als die Sonne ſenkrecht niederbrannte und nun auch der Hunger den ermatteten Körper aufzureiben drohte. Wer beſchreibt dieſe hölliſche Qual! Nur der Auf⸗ ſchwung der kühnſten Phantaſie vermag einen ſchwachen Abdruck der Wirklichkeit darzuſtellen. Jetzt, welche Freude! ein Geräuſch iſt vernehm⸗ bar! es iſt, als wenn Schritte ſich naheten! wie belebend wirkt ſchon ein einziger Hoffnungs⸗ ſchimmer! Wirklich kömmt Jemand zur Thür. Freudeſtrahlend blicken die Unglücklichen ſich wechſelſeitig an. Die Thür wird geöffnet und ein Neger mit zwei großen Krügen Waſ⸗ ſers und einem Körbchen mit Brod und Früch⸗ ten tritt ein. Der Neger ſtellte, ohne ein Wort zu ſagen, die gebrachten Gegenſtände auf den Boden nieder und entfernte ſich. In großen Zü⸗ gen ſogen die Gefangenen neue Lebenskraft ein — ohne dieſe Labung hätte die auf's höchſte geſtiegene Hitze am Nachmittage unvermeidlich den Tod zur Folge gehabt. Des Abends kam der Neger wieder mit einer gleichen Sendung wie Mittags, aber, obwohl ihn Holwell in ſeiner Sprache an⸗ redete, obwohl er ihm alles Gold anbot, das er bei ſich hatte, beantwortete er dennoch keine der an ihn gerichteten Fragen, ſondern ent⸗ fernte ſich ohne ein Wort zu ſprechen. Troſtlos blieben die Freunde zurück; wie wohlthuend auch die Kühle der Nacht auf ihre von der Hitze gequälten Körper wirkte, ſie mußten dennoch die Wohlthat des Schlafes entbehren; die Sorge, die peinlichſte Sorge um ihre Zukunft und um die Zukunft der Ihrigen, bemächtigte ſich ihrer umſomehr, je mehr ihre körperlichen Leiden durch die erhaltenen Erfriſchungen in den Hinter⸗ grund traten. So lagen die Bedauernswerthen, beunruhigt von der Furcht vor der Annäherung der Inſekten und andern Ungeziefers, als un⸗ gefähr eine Stunde vor Mitternacht ein leiſes Geräuſch kniſternder Schritte ihre Aufmerk⸗ ſamkeit wach rief; jetzt wurden die Riegel zu⸗ rückgeſchoben, die Thür geöffnet, und eine Per⸗ ſon mit einer Blendlaterne im kriegeriſchen Au⸗ zuge trat herein, welche die Thür hinter ſich ſchloß.„Miar Jaffier,“ rief Holwell, koſtbarſten Schmuck und die prachtvollſten Ge⸗ vom Boden aufſpringend,„ſeid Ihr es, der uns in dieſem furchtbaren Kerker beſucht, dann ſind wir gerettet.“—„Ja, ich bin es. Die Bos⸗ heit hat in das Ohr des ſchwachen Monar⸗ chen ihr Gift geziſcht. Es bereiten ſich große Dinge vor, deren Ende nicht abzuſehen ſind. Obwohl ſelbſt ein Muſelmann, liebe ich doch Euer Volk, das ſtolz, tapfer und gerecht iſt.“ Auf ein gegebenes Zeichen entfernte ſich der Neger, und kehrte ſogleich wieder mit Kleidern beladen zurück. Thomas und Schrubbs erhoben ſich freudeſtrahlend, und hätten den guten Mann umarmen wollen.„Hier zieht dieſe Gewänder an,“ ſagte dieſer,„die Euch das Aus⸗ ſehen der Eingeborenen geben. Die Armee bricht morgen unter meiner Anführung auf nach Cal⸗ cutta, der Fürſt befehligt den Vortrab und iſt heute ſchon vorangezogen. Ihr werdet mich begleiten; das Uebrige wollen wir ſehen.“ Mit haſtigen und freudigen Bewegungen befolgten die Gefangenen den Rath ihres Er⸗ retters, und folgten dem Neger, der ſie zu einer ſchon marſchfertigen Heeresabtheilung Jaf fiers führte. Ehe noch die Sonne aufging, ſetzten ſich die Truppen in Bewegung und unſere Freunde, welche auch mit Schwertern verſehen wurden, mit ihnen. Der Nabob war indeſſen mit der größten Eilfertigkeit gegen die von ihm bedrohte Stadt vorgerückt. In Calcutta war Alles in der größten Un⸗ ruhe, die Regierung befand ſich in der vollkom⸗ menſten Rathloſigkeit; die Truppen, welche zur Vertheidigung der Stadt und des ſie beſchützen⸗ den Forts zur Verfügung waren, bildeten zu dem Heere des Fürſten eine unverhältniß⸗ mäßig geringe Macht; der Mangel jeder Nach⸗ richt von Seiten der nach dem Hofe des Nabob abgegangenen Geſandtſchaft vermehrte die all⸗ gemeine Beſtürzung; zudem war auch durch den um dieſe Jahreszeit heftig wüthenden Wind, dem ſüdlichen Mouſſon, die Flucht aus der Stadt zur See unmöglich. Die Phyſiognomie der Stadt war eine bedauernswerthe. Das leb⸗ hafte bunte Gewühl der ſich täglich regenden Menge der Geſchäfts⸗ und Handelsleute, welche ſchenke, die er nur aufbringen konnte. Und es kam der Tag, an dem Julie die Seine werden ſollte. Julie, mit dem tiefſten Kummer im Herzen, von ihren Dienerinen und Freundinen umgeben— mit bleichen Wangen und rothgeweinten Augen, war in den reichſten Stoffen gekleidet; ihr Kopfputz und ihr Hals ſtrahlten vom reichſten Schmucke der Perlen, Edelſteine und der koſtbarſten Dia⸗ manten. Am Abend wurde die Ceremonie ohne Prunk und laute Feſtlichkeit, dem Ernſt der gegenwärti⸗ gen Verhältniſſe entſprechend, im Saale des Holwell'ſchen Hauſes vom engliſchen Garni⸗ ſonsprediger vorgenommen. Als Julie durch ein leiſe hingehauchtes„Ja“ ſich auf dem Altar der Kindesliebe opferte, durchzuckte ein ſchnei⸗ dendes Weh ihre traurige Bruſt. Das Mahl, welches der Trauung folgte, und an welchem mehrere Kameraden von Ellis, junge Offi⸗ ziere, Theil nahmen, war nicht ſo heiter, als es unter andern Umſtänden geweſen wäre; doch bildete ſich im Verlaufe der Mahlzeit ein gewiſ⸗ ſer Humor, welcher der ganzen Geſellſchaft bald eine fröhlich⸗-gemüthliche Stimmung gab. Es iſt dieß der Antheil der Jugend, Heiterkeit und Frohſinn auf die geringſte Erregung zu entfal⸗ ten, und ſo war auch der jugendliche Theil der Geſellſchaft bald in die ungebundenſte Heiterkeit verſetzt, und der kecke Muth, mit dem die jun⸗ gen Offiziere von dem vorausſichtlichen Angriffe des Nabob ſprachen, beurkundete den ritter⸗ lichen Sinn tapferer Krieger. Mit einem Male wurde ihre Aufmerkſam⸗ keit rege, ein dumpfes Geräuſch wie ferner Ka⸗ nonendonner erreichte ihr Ohr. Alles ver⸗ ſtummte plötzlich und horchte; der Schall haſtig hin und her eilender Tritte drang in den Saal, Thüren wurden raſch geöffnet und zuge⸗ ſchlagen. Plötzlich ftürzten mehrere Perſonen angſtvoll in den Saal, die die Nachricht brach⸗ ten, daß der Nabob ſoeben mit ſeiner Armee vor Calcutta angelangt ſei und bereits einen Angriff auf die Außenpoſten mache. Zur Be⸗ ſtätigung ertönte in demſelben Momente eine laut krachende Kanonenſalve. Die ganze Ge⸗ ſellſchaft erhob ſich erſchrocken und beſtürzt, als hier in raſtloſer Thätigkeit fabelhafte Reichthü⸗ ein Ordonnanzoffizier eintrat und vom Ober⸗ mer erwarben, hatte einer drückenden Stille kommando den ſtrengſten Befehl brachte, daß Platz gemacht. Jeder Einzelne empfand die jeder Offizier unverweilt an ſeinem Poſten ſein drohende Gefahr; man kannte zu ſehr aus frühe⸗ ren Beiſpielen, wie der grauſame Serajah Dowlah mit ſeinen Beſiegten verführe. Doch Alles dieß hielt den Kapitän Ellis nicht ab, mit einer ſonderbaren, ja unerklärli⸗ lichen Hartnäckigkeit auf die unverzügliche Ver⸗ bindung mit Julie zu beſtehen. Murray ſchien ganz dem Einfluſſe des Kapitäns hinge⸗ geben und alle ſeine Gegenvorſtellungen blie⸗ ben gegen den felſenfeſten Entſchluß Ellis' wirkungslos, welcher mit verdoppelter Zärt⸗ lichkeit ſeine Braut behandelte, und ſie mit einer ſeiner Liebe und ſeinem Reichthume entſpre⸗ chenden Freigebigkeit verſah; er brachte ihr den müſſe. Alles ſtürzte durcheinander, die Offiziere gürteten ihre Schwerter um und eilten ſchnell davon— Ellis, aufgeſchreckt und wüthend, in ſeinem Glücke ſo geſtört zu werden, kleidete ſich ſchnell um, und ſtürzte nach kurzem herzlichen Abſchiede von Julie mit gezogenem Degen hinaus. Nachdem die ganze Geſellſchaft ganz verſtört ſich aufgelöſt hatte, ging Ju lie allein in das für das junge Ehepaar eingerichtete Zimmer. Welche Gefühle durchſtrömten ihr gedrücktes Herz, ſie athmete ſeufzend und preßte ihre Hand an die glühende Stirn. Sie gehörte nun ihm; ſie wurde ſich nun des troſtloſen Ge⸗ dankens klar bewußt, die Gattin eines Man⸗ 267 nes zu ſein, deſſen Weſen ihr ſo widerwärtig, ſo unleidlich war. Wie düſter und freudenlos erſchien ihr die Zukunft! Auch ſie hörte den fernen Donner der Kanonen, er erſchreckte ſie nicht ſo ſehr, war ſie doch wenigſtens ſo lange noch frei, als dieſer dauerte. Ihr aufge⸗ regtes Gemüth verſcheuchte jeden Schlummer in dieſer fürchterlichen Nacht. Als Julie am Morgen darauf, von dem Orte und der Einſamkeit des Gemachs bedrückt, ſich anſchickte, um im Freien Erholung zu ſuchen, öffnete ſich die Thür und ſie ſank mit einem lauten Schrei zurück— denn Thom as ſtand vor ihr. Dieſer faßte die Sinkende in ſeine Arme, indem er ihr die zärtlichſten Worte zurief. Sie drängte ihn ſanft zurück, während purpurne Gluth ihre Wangen übergoß. „Thomas, ums Himmelswillen! Sie hier in dieſer furchtbaren Stunde,“ rief ſie,„wie kommen Sie hierher? Gott ſei Dank, Sie ſind gerettet!“ Er erzählte nun mit haſtigen Worten, was ihm und ſeinen Gefährten während ihrer Ab⸗ weſenheit begegnet ſei, wie ſie nur durch wun⸗ derbare Fügungen dem Tode entgingen und jetzt verkleidet im Heere des Nabob mitge⸗ zogen, vor Calcutta angelangt ſeien, und da gleich bei begonnenem Kampfe im Gewühle des Gefechtes die Flucht ergriffen. Er ſei auf Umwegen, in den vom Feinde noch nicht be⸗ ſetzten Theil der Stadt gelangt, wo er ſeine Verkleidung abgeworfen; ſeine Genoſſen habe er auf dem Wege verloren und er hoffe ſie hier im Hauſe Holwells wiederzufinden. Schmerzlich war ihm die Mittheilung Juliens. Mit einem Male ward ihm der ſchöne Traum ſeiner Zukunft verwiſcht, eine brennende Wuth durchbebte ſeinen Körper; mit einem Ausdrucke, in welchem Verzweif⸗ lung und Liebe ſich wunderbar miſchten, ſtürzte er ihr zu Füßen und faßte ihre Hand, die er mit Küſſen und Thränen bedeckte. In dieſem Augenblicke erſchallten Tritte. Thomas ſprang vom Boden auf, Clive und Sakuntala traten ein. Erſterer warf ſich mit einem lauten Rufe der Freude ſei⸗ nem verloren geglaubten jungen Verwandten in die Arme, indem er ihn ſeinen theuern Sohn nannte; auch Sakuntala begrüßte freudig ihren Verwandten, als die Annähe⸗ rung einer lauten und lärmenden Stimme den Austauſch der Zärtlichkeiten unterbrach und Schrubbs nebſt Holwellins Zimmer tra⸗ ten. Außer der düſteren Stimmung Juliens und Thomas' war die Freude eine allgemeine, es freute ſich jeder der Anweſenden der uner⸗ warteten Zurückkunft der ſchon Verlorenge⸗ glaubten. Die Männer entfernten ſich bald, um die unerläßlich nöthigen Maßregeln zu ihrer und der Ihrigen Sicherheit zu treffen. Sakun⸗ tala blieb bei Julie zurück. 34* 17. Vor den Mauern Calcuttas bot das bunt bewegte Lager des Nabob einen glänzen⸗ den und zugleich furchtbaren Anblick. In un⸗ überſehbarer Reihe ſtanden die ſpeerbewaff⸗ neten Reiter, ſtrahlend von den in der Sonne glänzenden Harniſchen. Das Fußvolk, in lange Linien geordnet, hatte hinter ſich dichte Ko⸗ lonnen von Kriegern, die mit Keulen, Schwer⸗ tern und Schilden bewaffnet waren. Kano⸗ nen, auf plumpen Lafetten ruhend, raſſelten hin und her, um an den geeigneten Orten aufgeſtellt zu werden. Auf einem kleinen Hügel, welcher den Schauplatz in der weiten Ebene beherrſchte, war das prachtvolle Purpurzelt des Nabob aufgeſchlagen. Um dasſelbe drängten ſich die Führer der einzelnen Heeresabtheilungen in der reichſten Kleidung, mit Rüſtungen von Gold ſtrotzend, mit von Edelſteinen funkeln⸗ den Waffen und große Reiher⸗ und Straußfe⸗ dern, die von ihren Helmen und Turbanen herabnickten, erhöhten den prachtvollen thea⸗ traliſchen Auffug. Seat und Dariman waren mit unter den Heerführern. Da flogen die Zeltvorhänge auseinander und die„Lampe der Reichthümer“ mit dem breiten, von Leidenſchaft und Grauſamkeit ent⸗ ſtellten Geſichte trat hervor mit einem bos⸗ haften und triumphirenden Lächeln; nun wendete er ſich an Miar Jaffier:„Wirſt Du noch immer ſo viel Rühmens von der Tapferkeit der Engländer machen? wie viel Mannſchaft haben wir im nächtlichen Gefechte verloren?“ Mit einer tiefen Verbeugung antwortete der Angeredete:„Ueber Tauſend, und nach allen Ausſagen ſtanden uns nicht mehr als etwa fünfzig Engländer mit einigen Kanonen gegen⸗ über.“ „Beim Barte des Propheten,“ ſagte der Nabob entrüſtet,„das iſt viel, mehr als Tau⸗ ſend gegen eine ſo geringe Zahl? Dieſe Hunde ſollen ihre Frechheit büßen! Doch tretet her⸗ ein, wir wollen den Angriff berathen.“ Und die Anführer traten in das Zelt. In Calcutta war unterdeß die Stimmung eine äußerſt gedrückte. Die geringe Beſatzung bei der großen Ausdehnung der Stadt, die Ueber⸗ macht des feindlichen Heeres machten die Ausſicht hoffnungslos, und zeigten die Unmöglichkeit, ſich in der Stadt zu halten. Man mußte ſich darauf beſchränken, das am Fluſſe gelegene Fort William zu vertheidigen und dahin zu flüchten. Man beſchloß ferner, die Zugänge der vornehmſten Straßen zu verſchanzen, man warf Bruſtwehren auf, beſetzte ſie mit Palliſa⸗ den und vertheilte die Kanonen. Innerhalb der Verſchanzungen lagen die Häuſer der Eng⸗ länder und auch der uns bekannte Palaſt Holwells. Hier ſehen wir ſoeben die ganze Geſellſchaft im Garten beim Frühſtück verſam⸗ melt, auch Ellis und Murray, welche die Nacht im Kampfe zugebracht hatten, waren zu⸗ rückgekehrt. Alles war ſchweigſam und nie⸗ dergeſchlagen; da unterbrach Holwell die Stille, indem er ein Hoch den Tapfern brachte und auf die Mutterinſel Altengland ein Glas Wein an die Lippen führte. Er ſprach den Frauen Muth zu, und verſicherte, man würde ſich im Fort ſo lange halten können, bis die Hilfsfahrzeuge eintreffen würden, um welche er geſandt habe. Doch ſchon näherte ſich der Lärm des her⸗ anziehenden feindlichen Heeres, jetzt krachten einige Flintenſchüſſe, denen in kurzen Pauſen ganze Salven folgten. Im Nu zerſtob die Geſellſchaft, die Männer liefen an ihre Poſten, die Frauen flüchteten in's Innere des Hauſes und ſahen bald mit Schrecken die Flammen der ſchon brennenden Gebäude in ihrer Nähe. Thomas und Schrubbs ſtanden mit einigen einheimiſchen Soldtruppen, ſogenann⸗ ten Laskaren, am Ausgange einer Straße, die feſt verbarrikadirt und mit einer Kanone beſetzt war, in geringer Entfernung vom Holwell'⸗ ſchen Hauſe. In beiden loderte die brennende Kampfluſt. Noch tobte der Kampf in der Ferne, der dumpfe Donner der Kanonen miſchte ſich mit dem hellen Geknatter der Musketen und dazwiſchen tönte der Lärm und das Ge⸗ ſchrei der Kämpfenden. So flogen Stunden vorüber und erſt in den Nachmittagsſtunden wälzte ſich eine dichte Kolonne des feindlichen Heeres gegen den von Clive befehligten Po⸗ ſten. Er ließ ſie auf einige Entfernung heran⸗ kommen, dann wurde ſie von einer Flinten⸗ und Kartätſchenſalve begrüßt, die Tod und Verderben in ihre Reihen brachte. Sie wich zurück und vertheilte ſich in die Häuſer. Aber Schrubb ſammelte einen Haufen der Kühn⸗ ſten um ſich und vertrieb, Mann gegen Mann kämpfend, die Angreifer. Doch immer neue Schaaren wälzten ſich vorwärts und erſetzten die alten; Schrubbs' Begleiter unterlagen zum größten Theil der Uebermacht der Angrei⸗ fer, und nur wie durch ein Wunder kam er wieder zu der ſchützenden Verſchanzung. Die Kanone, jetzt die Hauptwaffe, mußte die feh⸗ lende Mannſchaft erſetzen, ſie ſchien ſich unter Thomas' und Schrubbs' Händen zu ver⸗ vielfältigen und ihre wiederholten Entladun⸗ gen ſchmetterten immer eine Anzahl Feinde in den Staub. Doch die Feinde drangen in die Häuſer, eröffneten von oben herab ein tödtli⸗ ches Feuer auf die Bedienung der Kanone, und Thomas ſah ſich in wüthender Verzweiflung zum Rückzuge genöthigt. Es blieb ihm nur noch ein halbes Dutzend ſeiner Leute. Eben wollte er einen neuen Ort für ſeinen Poſten erſpähen, als er eine Schaar Feinde bemerkte, die das Holwell'ſche Haus angriff. Mit ſtürmiſcher Haſt bezeichnete er ſeinen Laskaren das Ziel des Angriffes, und eilte ihnen voran. Schrubbs, immer an der Seite ſeines Freundes, ſammelte die aus dem Hauſe flüch⸗ tenden Diener, und belebte ihren Muth durch ſein eigenes Beiſpiel. Ein wüthendes Hand⸗ gemenge begann, und ein jeder Streich Tho⸗ mas' erlegte ſeinen Mann. Ohne dieſen plötz⸗ lichen Entſatz wäre der Palaſt ſammt allem, was darin war, den beſtialiſch wüthenden An⸗ greifern in die Hände gefallen. In einiger Entfernung von dieſem Kampf⸗ platze befanden ſich, von einer Truppe Krieger umgeben, Dariman und Seat. Der Löwenmuth, den Thomas zeigte, hatte bald die Aufmerkſamkeit dieſer Truppe erregt, und kaum hatte Seat Thomas erblickt, als er ſeinem Bruder zurief:„Sieh da, der Ver⸗ führer von Menaſatha's Tochter; der Räu⸗ ber Sakuntala's!“ denn ſo hatte er ihn vor einigen Jahren geſehen.— Noch hatte Dari⸗ man ihm nicht antworten können, als er ſich ſchon mit einigen Kriegern dem Verhaßten ent⸗ gegengeſtürzt hatte. Thomas ſah ihn nahen, und da er an ſeiner Rüſtung erkannte, daß ein Vornehmer aus der Reihe der dort verſammelten Gruppe ihn zum Opfer auserleſen habe, ſo flog er ihm mit hochgeſchwungenem Schwerte entgegen. Mit todtſprühenden Blicken maßen ſich die Gegner, und bald klirrten ihre Schwerter blitzend und Funken ſchlagend aneinander. Schrubbs ſah nicht ſobald die Gefahr ſeines Freundes, als er ſich mit dem geringen feind⸗ lichen Gefolge beſchäftigte, das er auch bald vertrieb, ſo daß Thomas blos den Kampf ge⸗ gen einen Mann zu beſtehen hatte. Seat, von weit männlicherer und tapferer Natur als ſein Bruder, in der Führung des Schwertes ſehr erfahren, war ein harter Gegner. Doch erſetzte Thomas durch Kühnheit, Kraft und Schnel⸗ ligkeit, was ihm an Uebung abging, und hüllte ſeinen Feind in eine Wolke von Hieben, die derſelbe, andererſeits auch von Schrubbs für Augenblicke beunruhigt, nur mit Mühe parirte. Endlich führte Thomas nach der unbeſchützten Seite ſeines Gegners einen letzten furchtbaren kräftigen Schlag, der ſeinem Feinde den rechten Arm durchſchnitt und mit der Spitze des Schwertes tief in deſſen Seite fuhr. Seat ſtürzte röchelnd zu Boden. Ein wildes Geſchrei folgte dem Fall; Dariman ſeinerſeits von der geringen Zahl der tapferen Engländer beunruhigt, konnte dem wilden Kampfe nicht ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit ſchenken und ſah nur den Sturz ſeines Bruders, dem er mit wildem Fluche zu Hilfe eilte; aber, da eben brachte Schrubbs einige Hilfstruppen, und die glücklich poſtirte Kanone entleerte in dem Augenblicke ihre Ladung, daß die Indier ſich ſchnell zur Flucht wandten. Doch konnten die Sieger ihre Stellung nicht behaupten; die Verſchanzungen waren von allen Seiten durchbrochen, und die einzige Zu⸗ flucht blieb das Fort William. Da eben kam der alte Clive mit Julie und Sakuntala; er umarmte ſeinen jungen heldenmüthigen Verwandten, als ſein Blick auf den am Boden liegenden Sterbenden fiel. Mit einem furchtbaren Ausdrucke in Blick und Ge⸗ ſicht winkte er Sakuntala, die ſich ihm zit⸗ ternd nahte. „Sieh, da,“ ſagte er,„den Mörder Dei⸗ ner Mutter, Gottes gerechte Strafe hat ihn ereilt!“ Immer neue Feindeshaufen drangen her⸗ an; es war unumgänglich nothwendig gewor⸗ den, den Ort zu verlaſſen. Thomas bildete aus den Kampffähigen eine kleine Kolonne, nahm die Frauen und Verwundeten in die Mitte, und ſo marſchirten alle nach dem Fort. Sie mußten Umwege ſuchen, um dem Feinde auszuweichen, und ſo war der Abend herange⸗ rückt, ohne daß ſie ihr Ziel erreicht hatten. Und immer wilder wurde um ſie die Szene, immer näher rückte der Kampf. In der Ferne flackerte die lohe Gluth brennender Häuſer, krachende Kanonenſalven erſchütterten die Luft, und Flintenſchüſſe knallten in der Nähe. Da die Dämmerung in jenen Breitegra⸗ ten ſehr kurz iſt, und nach Sonnenuntergang unmittelbar die Nacht eintritt, ſo ſahen ſie ſich plötzlich in Dunkelheit gehüllt. Man mußte mit der größten Vorſicht marſchiren. Aber je weiter ſie kamen, deſto gefahrvoller wurde ihre Lage; denn wildes Geſchrei war zu beiden Seiten, und der Lärm des Feindes im Rücken belehrte ſie, daß ſie überall umringt ſeien. Es war ein Moment der bitterſten Verzweiflung und der troſtloſen Ausſicht, der grauſamſten Rohheit wilder Barbaren preisgegeben zu ſein. Sie drangen nichtsdeſtoweniger vorwärts, aber mit Angſt und Mühe hatten ſie eine kurze Strecke zurückgelegt, als ſie in der Finſterniß gerade in die Nähe des lebhafteſten Kampfes geriethen. Es war nun unmöglich, weiter zu gehen. Nach kurzem Verweilen beſchloß man in das nächſte Gebäude zu flüchten, obſchon nicht ohne Gefahr, aber es war die einzige Möglichkeit die Nacht über unbemerkt verweilen zu können. Dieſer Entſchluß wurde raſch und muthig ausgeführt, alle Zugänge ſo gut als möglich verſperrt, und die kleine Truppe athmete neu auf. Aber ticht lange ſollte ihnen dieſe Raſt gegönnt ſein. Ungefähr nach einer Stunde wälzte ſich das aus der Ferne brau⸗ ſende Kampfgetümmel immer näher gegen das ſchwache Aſyl zu. Eine Schaar Indier ſuchte gerade hier einzudringen, als hätte ſie den Zufluchtsort der Flüchtlinge erkannt, oder als hätten die feindlichen Truppen ſelbſt einen Schutz geſucht in dieſem geeigneten Gebäude. Die kleine Beſatzung leiſtete heroiſchen Wider⸗ ſtand; mit zahlreichen Flintenſchüſſen und kräf⸗ tigen Kolbenſchlägen wurden die Eindringlinge zurückgewieſen. Doch war die Uebermacht des Feindes zu groß, die weichenden Indier wur⸗ den ſogleich durch Nachrückende erſetzt. Die Munition der Beſatzung reichte nicht mehr auf lange Zeit hin; ſchon ſah man ſich verloren— der alte Clive ſchützte mit ſeinem Körper ſein geliebtes Kind. Julie ſchmiegte ſich furcht⸗ ſam an ihren einſtigen Retter. Dieſes ihn be⸗ glückende Vertrauen belebte auf's neue den ſchon ſinkenden Muth; er ſammelte einige der Tapferſten um ſich und wollte als letzte An⸗ ſtrengung einen Ausfall verſuchen. Da ertön⸗ ten unfern engliſche Kommandoworte, und dieſe ſüßen Heimatsklänge verkündeten die Nähe von Freunden. Der beabſichtigte Ausfall wurde nun muthig und freudevoll unternommen. Die feigen Söldlinge des Nabob zerſtoben und Thomas ſah ſich nun einem Trupp von Engländern gegenüber, die ihn, als er ſich zu erkennen gab, mit lautem Hurrah begrüßten. Holwell, Murray und Ellis waren mit unter ihnen. Wie freuten ſie ſich, die Vermiß⸗ ten, von welchen ſie im Getümmel des Kampfes plötzlich abgeſchnitten wurden, wieder zu ſehen. Vereint zogen nun beide Truppen eiligſt nach dem Fort, und bald ſchloß ſich hinter Allen die ſchützende Pforte. Nach ſo ungeheuren An⸗ ſtrengungen, nach ſo vielen Gemüthsleiden bei der gänzlichen Entbehrung aller Nahrung ſan⸗ ken Alle ermattet und erſchöpft zuſammen. Es war eine Nacht, die wenig Schlaf, wenig Troſt und daher gar keine Erholung brachte. Gegen Morgen ſetzte der Feind den An⸗ griff fort, aber die kleine tapfere Beſatzung ſchlug dieſen erſten Angriff glücklich zurück. Man glaubte am Morgen wenigſtens die Frauenzimmer mittelſt der erwarteten Schiffe retten zu können. Aber alle Bote waren in der Nacht mit Flüchtlingen davon gegangen. Unter dieſer von Furcht und Schrecken betäub⸗ ten Menge war an keine Ordnung zu denken; Alle drängten vorwärts, Alles ſtürzte durch⸗ einander, die Bote wurden überladen. Viele derſelben gingen zu Grunde, die meiſten Flücht⸗ linge fanden in den Fluthen ihr Grab; die nicht ertranken, wurden unbarmherzig niedergemacht. Der Feind wüthete kannibaliſch gegen die Flüch⸗ tigen. Keiner von den engliſchen Soldaten, welche die Einſchiffung der engliſchen Frauen gedeckt hatten, war zurückgekommen. In der Feſtung hielten ſich indeſſen die wenigen Eng⸗ länder heldenmüthig tapfer. Trotz der hefti⸗ gen Angriffe des Feindes wurde das Fort noch einen Tag lang vertheidigt. Als ſich aber die Nachricht verbreitete, daß der Gouverneur und mehrere hohe Offiziere ſich heimlich entfernt hät⸗ ten, da erſchlaffte der Muth und bemächtigte ſich der Meiſten eine nicht zu überwältigende Furcht. Holwell wurde nun mit der Lei⸗ tung des Ganzen betraut. Gegen Abend ſchien der Feind, nach den vergeblichen Anſtrengun⸗ gen die Feſtung zu nehmen, den Anfang zu Un⸗ terhandlungen machen zu wollen; denn ein Mann mit einer Friedensfahne in der Hand näherte ſich, worauf Holwell auf einmüthi⸗ ges Anſuchen ebenfalls eine ſolche aufſteckte. Es kam zu einer Unterredung, während welcher die Feinde mit empörender Hinterliſt nach zwei Thoren des Forts ſtürzten und ſie einzuhauen ſuchten. Die Anführer der Beſatzung, unter dieſen vorzüglich TDhomas, Murray und Schrubbs, ſtrengten ſich vergebens an, die erſchöpfte Beſatzungsmannſchaft noch einmalzum Widerſtande aufzurufen. Viele hatten ſchon die Kapitulation vollzogen geglaubt, und zer⸗ ſtreuten ſich an verſchiedenen Orten, um ſich an den Vorräthen von Arrak und Lebensmitteln Labung zu ſuchen. 269 In dieſer unbeſchreiblichen Verwirrung war an keinen Widerſtand zu denken. Jeder⸗ mann ſtreckte die Waffen, da jeder das Be⸗ wußtſein hatte, das Aeußerſte geleiſtet zu haben. Die Feſtung war genommen. Der Nabob zog nun mit dem Hochmuthe und dem Eigendünkel der Gemeinheit ein, be⸗ gab ſich in den großen Saal des Gouverne⸗ ments⸗Gebäudes und empfing hier im feierli⸗ chen Aufzuge die Glückwünſche und die Schmei⸗ cheleien ſeines Hofſtaates. Er befahl den Gou⸗ verneur zu holen, und war nicht wenig über⸗ raſcht, den im Kerker gelaſſenen Holwell vor ſich vorgeführt zu ſehen. Ohne für jetzt nähere Aufklärung zu verlangen, erkundigte er ſich blos nach den Schätzen der Kompagnie und äußerte mit Begleitung eines feierlichen Schwu⸗ res beim Barte des Propheten, daß er Niemand ſchonen werde und daß man ihm ja getreu den Schatz der Kompagnie ſo wie das Vermögen der reichen Engländer ausfolge. Holwell wurde entlaſſen, und als er nun zu ſeinen Unglücksgefährten zurückkehrte, fand er ſie in der kläglichſten Stimmung von einer ſtarken Wache umgeben. Sakuntala und Julie waren ſtreng verhüllt, um vor den Blicken der Barbaren geſchützt zu ſein.— Wer beſchreibt die verzweiflungsvolle Lage der Un⸗ glücklichſten! die Troſtloſigkeit und Verzweif⸗ lung war jedem Geſicht aufgeprägt. An der nördlichen und ſüdlichen Seite des Forts ſtan⸗ den mehrere Gebäude in Brand. Mit herz⸗ zerreißendem Schmerze ſahen die Engländer ihr Hab und Gut in Flammen aufgehen.— Nun näherte ſich der Tag ſeinem Ende, in banger Erwartung harrten die Gefangenen der Dinge, die noch kommen ſollten; die indi⸗ ſchen Soldaten eilten umher, um ein ſicheres Gewahrſam aufzuſuchen, in welchem die Be⸗ ſiegten die Nacht zubringen ſollten. Dieſe ahn⸗ ten, daß man ihnen ausgeſuchte Qualen zu be⸗ reiten beabſichtige. Furcht und Schrecken be⸗ mächtigte ſich Aller auf's Neue. Man ſah alte Männer Thränen vergießen, da umarmte ein junger kräftiger Kämpfer ſeinen alten greiſen Vater, dort lagen ſich Brüder in den Armen— überall Szenen der größten Verzweiflung. Clive hielt die bereits zuſammenſinkende Sakuntalaan ſeine Bruſt, indem er ſie leiſe tröſtete, Ellis hielt Juliens Hand zärtlich in der Seinigen. Indeſſen trat die Nacht ein; es war im September 1756, wo die Abende in jener Zone ſchon ſehr lang, die Nächte ſehr finſter, obſchon noch immer ſehr warm ſind. Ein Trupp indiſcher Soldaten holte die Gefangenen ab, um ſie nach dem Orte zu füh⸗ ren, wo ſie die Nacht über aufbewahrt werden ſollten. Ein Gefängniß, welches ſonſt für Ver⸗ brecher und Miſſethäter diente, war zu dieſem Zwecke ausgeſucht worden. Dieſer Kerker war wegen ſeines ſcheußlichen Ausſehens die ſchwarze Höhle genannt. Diejenigen, die dieſe Höhle kannten, widerſetzten ſich mit aller Gewalt hin⸗ einzugehen und die vornehmen Engländer pro⸗ — — ————-—— teſtirten gegen dieſe abſcheuliche Barbarei; aber alles war vergebens, mit Kolbenſtößen wurden die Unglücklichen hineingedrängt. Sie waren noch nicht Alle in der Höhle, als ſie ſchon überfüllt war; die Letzten konn⸗ ten nur mit Mühe hineingepreßt werden. Es befanden ſich hundert ſechs und vierzig Per⸗ ſonen in einem Raume, der nicht völlig zwan⸗ zig Fuß im Quadrat hatte, und ſo war eine Perſon an die andere in der ſtrengſten Be⸗ deutung des Wortes angepreßt, ſo daß die Armen nicht einmal frei athmen konnten. Nach⸗ dem der letzte Mann hineingedrückt war, ſchloß die Wache die Thür und verwahrte ſie mit Schlöſſern. Es war ein herzzerreißendes Aechzen, Jammern und Schreien der Un⸗ glücklichen. Der Raum hatte außerdem eine verpeſtete Luft, und zwei kleine Gitterfen⸗ ſter ließen nur wenig neue Luftſtrömung zu. Die an der Thür ſtanden, machten die gewalt⸗ ſamſten Verſuche, dieſelben zu erbrechen, aber vergeblich, denn ſie ging nach Innen auf. Der außerordentliche Druck der Körper aneinander, die ganz unerträgliche Hitze, die um dieſe Jah⸗ reszeit noch herrſchte und außerdem durch die Ausdünſtung ſo vieler Menſchen in ſo engem Raume auf's Höchſte geſteigert wurde, über⸗ zeugte die Leidenden, daß es unmöglich ſei, die Nacht hier zu überleben. Dieſe grauenhafte Wahrnehmung verſetzte die Beklagenswerthen in die tobendſte Wuth. Holwell, der mit ſeinen Freunden zuerſt in die Höhle trat, kam dadurch glücklicherweiſe mit Thomas, Ellis, Julie und Sakuntala ſammt dem alten Clive in die Nähe der vergitterten Fenſter. Er ermahnte die Verſammlung auf's Nach⸗ drücklichſte ihren Geiſt und Körper ruhig zu er⸗ halten, da hierauf die einzige Hoffnung beruhe, die Nacht über auszuhalten und den Morgen wieder zu ſehen. Durch die momentan eingetretene Ruhe konnte Holwell ſich an einen vor dem Git⸗ terfenſter des Kerkers in der Dunkelheit bemerk⸗ ten alten indiſchen Offizier wenden und ihm eine bedeutende Belohnung verſprechen, wenn er es ermögliche, daß die Hälfte der Gefange⸗ nen wenigſtens in ein anderes Gefängniß ge⸗ bracht werde. Es war ſchon ein großer Troſt, daß der Offizier bereitwillig ſich entfernte, aber nach einer unendlich lange ſcheinenden Stunde zurückkehrte mit der alle Hoffnung zer⸗ ſtörenden Antwort: es ſei unmöglich, weil— der Nabob ſchon ſich zur Ruhe begeben habe und Niemand es wagen dürfe, ihn zu ſtören oder gegen ſeinen Befehl zu handeln. Mittlerweile hatte jede Minute die Qualen der Leidenden vermehrt. Jeder Einzelne war im Schweiß gebadet, Alles wehte ſich Luft zu, Tücher und Hüte waren in ſteter Bewegung; aber jede körperliche Bewegung war mit der größten Anſtrengung verbunden und der bren⸗ nendſte Durſt verzehrte die ſchon ſinkenden Le⸗ benskräfte.— Alles ſchrie nach Waſſer. Dieſe grauſenvolle Szene nahm mit jeder Minute zu. Alles ſchlug mit der verzweifelndſten Wild⸗ heit um ſich herum, wobei die Schwächern von den Stärkern zu Tode gedrückt wurden; andere erſtickten durch ihre eigene Anſtrengung und es hatten bald die noch Lebenden nur Leichen um ſich, welche bald niederſauken und von den Stehenden zertreten wurden, was mit den nur ohnmächtig Niedergeſunkenen ebenfalls der Fall ſein mußte. Indeß wurde die Hitze immer drückender, der Durſt immer quälender; der Schweiß floß nun in Strömen am Körper her⸗ ab, und— die Unglücklichen tranken gierig den aus den Kleideru gewundenen eigenen Schweiß. Das Geheul, die bangen Klagen, der Schrei der Verzweiflung, das Aechzen und Jammern der Sterbenden erfüllten den Kerker. Die vor den Gittern der Höhle patrouilli⸗ rende Wache und die dort verſammelten indi⸗ ſchen Soldaten ſahen dieſe Szene der Barbarei ohne Theilnahme und Mitleiden an, ja ſie diente ihnen vielmehr zum Zeitvertreibe. Dieſe Un⸗ menſchen hielten Lichter an die Gitterfenſter, um das ſataniſche Vergnügen zu genießen, die Konvulſionen der mit dem Tode kämpfenden Engländer zu betrachten. Die wachſende Ver⸗ peſtung der Luft erzeugte bei den meiſten der im hintern Theile der Höhle ſich Befinden⸗ den eine Betäubung, in welcher ſie zuſammen ſanken und ſo den Geiſt aufgaben. Um Mitter⸗ nacht lag ſchon der größere Theil der Gefange⸗ nen haufenweiſe todt übereinander, und nur die, welche in der Nähe der Fenſter etwas Luft ſchöpfen konnten, hielten ſich aufrecht. Aber aus dem hinteren Theile der Höhle drängten ſich jettt die Verſchmachtenden vor⸗ wärts gegen das Fenſter, ſie überſtiegen die Haufen der Leichen, erklommen die Schultern ihrer Vormänner, und wälzten ſich über ihre Köpfe den Fenſtern zu. Es war jetzt ein wü⸗ thender Kampf unter den Freunden, jeder wen⸗ dete die äußerſte Kraft an, entweder ſeinen Poſten zu behaupten, oder den Platz des An⸗ dern zu erkämpfen. In einem ſolchen Augen⸗ blick kam es, daß Ellis von der Seite J u⸗ lieus, die er am Fenſter zu erhalten ſuchte, weg⸗ gedrängt wurde, und wenig fehlte, ſo wäre auch ſie durch die ungeheuren Anſtrengungen der von der Tiefe der Höhle Hervorrückenden um ihren Platz am Fenſter gekommen, hätte nicht Tho⸗ mas, der unfern von ihr die Gefahr bemerkte, mit dem letzten Lebenshauche und mit über⸗ menſchlicher Anſtrengung ihr den Poſten be⸗ wahrt und erhalten. Es war unſtreitig mit der größten Lebensgefahr verbunden, in die Mitte der Höhle, in das Centrum der erſticken⸗ den und ſtinkenden Luft zwiſchen Leichen und Sterbende gedrängt zu werden. Selbſt bei dem Kampfe um einen Platz in der Nähe des Fenſters ſank mancher nieder, um nicht wieder aufzuſtehen. Am zweiten Fenſter ſtand Hol⸗ well und deckte Sakuntala, die am Boden kniete, und mit offenem Munde jeden Lufthauch einathmete, mit ſeinem Körper. Neben dem Fenſter zur Seite ſtand Clive, mit einem Arme ein Eiſengitter feſt umſchlungen haltend, bereit ſich auf jeden zu ſtürzen, der H olwell oder ſeinem Schützling den rettenden Platz ſtrei⸗ tig machen wollte. Man hatte bis jetzt noch einige Achtung vor Holwell, dem Oberhaupte dieſer Un⸗ glücklichen; allein der eigene Lebenserhaltungs⸗ trieb machte jeden Rangunterſchied ſchwinden, und im unaufhörlichen Kampfe nach der Nähe der Fenſter kam auch Holwell endlich um ſeinen Platz und wurde in die Mitte der Höhle gedrängt, wo die Luft ſo faul und ſtinkend war, daß ihm das Athmen ſchwer und ſchmerzhaft wurde; er ſank auf einen Haufen Leichen nieder, wo er ſeine Auflöſung nahe glaubte. Clive hatte ſeine Entfernung in der Dunkelheit nicht ſogleich bemerkt, und als er nach ihm tappte und auch Sakuntala am Boden fand, durch⸗ drang der herzzerreißende Schrei:„Meine Toch⸗ ter! Meine Tochter!“ die Höhle, und Sakun⸗ tala wäre im furchtbaren Andrange verloren geweſen, hätte ſie nicht ein eben andrängender rieſiger Engländer erhoben und die arme Be⸗ wußtloſe aus ihrer tödtlichen Lage emporge⸗ zogen.— Er drückte ſie feſt an die Eiſenſtäbe, wo ſie durch den erregten Schmerz und durch die Einathmung neuer Luft das Bewußtſein wieder erlangte. Es war nunmehr der dritte Theil der Ge⸗ fangenen todt; die übrigen Lebenden befanden ſich jettt in einem Zuſtande der wildeſten Ra⸗ ſerei. Es war ein wirres Toben und Lärmen durcheinander. Man ſchrie und ſchimpfte die Wache, fluchte den Barbaren, um ſie zu reizen, hinein zu feuern, aber alles umſonſt.— Allmälig wurde es ſtiller und bald hörte jeder Lärm auf. Die meiſten der Unglücklichen leg⸗ ten ſich ganz erſchöpft und aller Kräfte beraubt nieder, und gaben ruhig, auf den todten Kör⸗ pern ihrer Freunde hingeſtreckt, ihren Geiſt auf. Hiedurch wurde etwas mehr Raum in der Höhle und Holwell. noch immer beim vol⸗ len Bewußtſein, fing an mit verzweiflungs⸗ voller Anſtrengung ſich zu erheben; er ſchrie vergebens nach Waſſer, um den verzehrenden Durſt zu ſtillen. Um zwei Uhr Morgens waren nur noch 50 Lebende übrig; allein ſelbſt dieſe Anzahl war noch viel zu groß, um Allen in der Nähe der Fenſter Platz zu laſſen, daher der Kampf um Luft und Leben bis zum Anbruche des ſo ſehr erſehnten Tages fortdauerte, der das Bild des Todes in ſeiner gräßlichſten Ge⸗ ſtalt zeigte. Es kam nun allmälig die Morgendämme⸗ rung. Die am Fenſter Stehenden baten nun flehendlichſt die dort befindlichen indiſchen Sol⸗ daten, den Kerker zu öffnen und die Todesqual zu beenden, aber nichts konnte die Grauſamen erweichen. Man glaubte, daß Holwell, wenn er noch lebe, vielleicht mehr ausrichten würde. Schrubbs und zwei andere robuſte Männer entſchloſſen ſich ihn unter den auf der Erde Liegenden aufzuſuchen; ſie fanden ihn auch noch mit einigen Zeichen des Lebens. Man trug ihn an's Fenſter, es war ſchon heller Mor⸗ gen, und die friſcher wehende Luft erweckte ſeine entweichenden Lebensgeiſter. Es dauerte jedoch eine geraume Zeit, bevor er wieder ganz zu ſich kam. Soeben langte ein Abgeſandter des Nabob an, um zu fragen, ob der engliſche Gouverneur noch lebe. Ein Hoffnungsſtrahl belebte die Ge⸗ fangenen. Bald darauf näherte man ſich drau⸗ ßen der Thür; die Schlöſſer wurden abge⸗ nommen und der Kerker geöffnet. Aber wer beſchreibt den grauſenden Anblick des ſich darbietenden Bildes. Die Toden lagen haufenweiſe übereinander und es brauchte lange, um die an der Thür liegenden zerdrückten und zertretenen Körper der Freunde wegzuräumen, um die Thür öffnen und hinauskommen zu kön⸗ nen. Von hundert ſechs und vierzig Menſchen, die Abends in dieſe Mordhöhle gekommen waren, gelangten nur drei und zwanzig lebend heraus, und dieſe trugen das Gepräge des Todes in ihren Zügen. Mit Gleichgiltigkeit ſahen die indiſchen Soldaten und ihre Offtziere die durch einen beiſpielloſen Muthwillen zu Tode gequäl⸗ ten Opfer. Man leerte endlich die ſchwarze Höhle und warf ſämmtliche Leichname ohne be⸗ ſondere Umſtände in eine außerhalb des Forts gemachte Grube. 18. Am Morgen nach der für die Engländer ſo ſchrecklichen Nacht berieth der Nabob mit Dariman, wie die Schätze Calcutta's am zweckmäßigſten erhoben werden könnten, und ſie beſchloſſen, von den früheren Regierungs⸗ mitgliedern, wenn ſolche am Leben geblieben ſeien, die genaue Bezeichnung des Vermögens der Engländer und die Ablieferung der Schätze der Kompagnie zu verlangen. Zu den dem Tode entronnenen Perſonen, welche alle im Freien auf einem Raſen in dum⸗ pfer Betäubung lagerten, unter denen ſich auch unſere Freunde befanden, nämlich Clive, Holwell, Thomas, Schrubbs und die beiden Mädchen, kamen fürſtliche Boten, welche unter den noch lebenden Engländern die höhe⸗ ren Beamten der engliſchen Kompagnie aufzu⸗ ſuchen hatten. Sie fanden Holwell und zwei Sekretäre der Verwaltung; zugleich ſchien ihnen auch Clive ſeinem Aeußern nach ein vorneh⸗ mer Mann zu ſein, und auch Thomas in der engliſchen Offiziers⸗Uniform erregte ihre Auf⸗ merkſamkeit; Ellis und Murray waren unter den Todten. Die genannten Perſonen waren alſo beordert, unter Eskorte vor dem Fürſten zu erſcheinen. Julie und Sakun⸗ tala, die Arm in Arm, an Clives Bruſt unter dem Einfluſſe der erfriſchenden und bele⸗ benden freien Luft, aus der frühern Erſchö⸗ pfung in einen tiefen Schlaf verſunken waren, blieben unter Schrubbs' Obhut zurück. Der Nabob ſaß in ſeinem prunkreichen Zelte in allem Stolze und aller Auſgeblaſenheit eines bornirten Siegers. Engliſche Banner waren vor ihm ausgebreitet und auf einer gol⸗ denen Schale lagen die Schlüſſel der Thore des Forts. Offiziere jeder Gattung umſtanden ſeinen Thron, und eine Anzahl gemeiner Sol⸗ daten brachten ſchwere Geldſäcke, die ſie vor ihm niederlegten. Die Engländer, durch Er⸗ friſchungen und Nahrungsmittel früher etwas geſtärkt und belebt, traten im jammervollſten Zuſtande, noch immer wankenden Schrittes, von ſtarker Wache begleitet in das Zelt. Barſch herrſchte ſie der Barbar an, ſie mögen ſeinen Zorn nicht mehr reizen, und ſeine Macht, die ſie nun kennen gelernt, nicht mehr geringſchäz⸗ zen, und forderte ſie auf, den Ort anzuzeigen, wo ihre Schätze verborgen lägen. Holwell, der die Sprache verſtand, ant⸗ wortete, daß das gefundene Geld Alles ſei, was zur Zeit in der Regierungskaſſe vorräthig geweſen, und daß die Kompagnie als eine Han⸗ delsgeſellſchaft nicht Geld, ſondern Waare als Vermögen beſitze. Dieſe Entgegnung reizte den Zorn des Barbaren. Er befahl ſogleich die Mitglieder der Regierung in Ketten zu legen, und ſie ſo lange im Kerker zu laſſen, bis ſie ſeinem Willen ſich gefügt. Clive und Tho⸗ mas, welche Miar Jaffier als der Regie⸗ rung nicht angehörend bezeichnete, erhielten die Erlaubniß ſich zu entfernen. Der Nabob be⸗ ſtimmte ferner alle am Leben ſich befindenden Engländer unter ſtarker Eskorte nach den eng⸗ liſchen Schiffen zu bringen. Clive und Thomas begaben ſich nun ttief beſtürzt über das Loos ihrer zurückgelaſſenen gefeſſelten Freunde nach dem Orte, wo ſie Ju⸗ lie und Sakuntala gelaſſen hatten. Aber welcher Schrecken überfiel ſie! Die vor Er⸗ ſchöpfung in tiefen Schlaf verfallenen Englän⸗ der, unter denen auch Schrubbs war, lagen regungslos da; Julie und Sakuntala wa⸗ ren verſchwunden.— Die Wachen, welche Clive weinend und jammernd nach ſeinem ge⸗ liebten Kinde fragte, konnten keine Auskunft ge⸗ ben. Bald wurden die hier Verſammelten durch die vom Nabob verheißene Eskorte abgeholt und aufgefordert, ſich auf den Weg nach den Schiffen zu begeben. Vergeblich war Clive's Weigerung, ohne ſein theueres Kind, vergeblich Thomas' Widerſtreben, ohne ſeine geliebte Julie den Ort zu verlaſſen. Die rauhen Krieger zwangen ſie mit Kolbenſtößen, ſich in die Wagen zu begeben, die man zu ihrem Trans⸗ port großmüthig hierhergebracht hatte; und ſo mußten beide, die Verzweiflung im Herzen, die nach ſo vielen Ereigniſſen, mit ſo vielen Leiden, mit ſo ſchmerzensreichen Opfern erwor⸗ benen theuern Weſen abermals für ſie verlo⸗ ren ſehen. Miar Jaffier war gleich nach der Ueber⸗ gabe des Forts William von ſeinem Fürſten zu einer Sendung beordert worden, durch welche er von dem grauſamen Verfahren der barbariſchen Sieger gegen die Engländer in Un⸗ wiſſenheit blieb; er kehrte erſt am andern Mor⸗ gen zurück, und als er von dem Vorgefallenen benachrichtigt ward, begab er ſich ſogleich nach dem Orte, wo die Gefangenen ſich beſanden. Er fand ſie alle, theils ſchlafend, theils aus Mat⸗ 271 theilte ihm mit, daß die vornehmſten Englän⸗ der zum Nabob beſchieden wurden, daher er ſogleich dahin zu eilen beſchloß, früher aber wollte er die beiden Jungfrauen, die ſein Mit⸗ leid im hohen Grade erregten, in Sicherheit bringen. Er ließ ſie, nachdem er in ſchlechtem Engliſch ſich ihnen als Retter dargeſtellt hatte, durch ſeine Vertrauten entfernen, gewann das Stillſchweigen der Wache durch Geld und durch ſein Anſehen und ließ ſie unter dem Deckman⸗ tel des tiefſten Geheimniſſes in ſeinen Palaſt nach Maradavad befördern, wo er ſie der ſtren⸗ gen Obhut ſeiner Mutter empfahl. Die nähe⸗ ren Verhältniſſe dieſer beiden Mädchen waren ihm ganz unbekannt, er freute ſich blos des Be⸗ wußtſeins, zwei unſchuldige zarte Weſen vor der Roheit ihrer Feinde gerettet zu haben. Noch ganz erſchöpft von den ungeheuern Lei⸗ den, die ſie die Nacht überſtanden hatten, fielen ſie jetzt der neuen Qual anheim, welche ihnen die Beſorgniß um ihre theuren Beſchützer verur⸗ ſachte; ſie wußten nicht, wohin dieſe gekom⸗ men, was aus ihnen geworden, und was aus ihnen ſelbſt werden ſollte. Doch erholten ſie ſich bei der freundlichen und liebevollen Pflege, welche die würdige Matrone ihnen angedeihen ließ, bald wieder, und die Verſicherung von Sei⸗ ten ihrer Pflegerin, daß ihre Angehörigen ge⸗ rettet ſeien und daß ſie bei der nächſten günſti⸗ gen Gelegenheit ihnen wiedergegeben werden ſollen, linderte um Vieles ihren tiefen Kummer. Julie ertrug ihr Schickſal mit mehr Er⸗ gebung als Sakuntala. Ihre Seele war ſtär⸗ ker, ihr Urtheil höher. Zudem hatte das Er⸗ eigniß, welches ſie plötzlich aus dem Kreiſe ihrer Freunde riß, ſie auch aus den Armen eines Ge⸗ mals befreit, an den ſie nur mit Furcht und Abneigung zurückdachte. Sie wußte nicht, ob er, eben ſo wenig als ihr theurer Vater, den ſchrecklichen Folgen jener entſetzlichen Mord⸗ nacht entgangen ſei, aber ſie wußte, daß Tho⸗ mas gerettet war, daß ſie ihm ihr Leben ver⸗ danke, und dieß Bewußtſein erfüllte ſie mit ſü⸗ ßer Wehmuth. So harrten beide mit heißer Sehuſucht des gücklichen Augenblickes, der ſie in die Arme ihrer Theueren zurückführen ſollte, und vereinſamt wie ſie waren, dankten ſie der Vorſehung, die ſie zuſammenführte, daß es ihnen gegönnt war, durch gegenſeitige Liebe und durch zärtliche Freundſchaft ſich in ihrem Kummer aufrecht zu erhalten. Die Mutter Miar Jaffiers erhielt in⸗ deſſen erfreuliche Nachrichten vor ihrem Sohne. Der Nabob hatte, während er Calcutta er⸗ oberte, durch Miar Jaffiereinen benachbar⸗ ten Fürſten, mit dem er im Unfrieden lebte, überfallen laſſen. Erſterer erkämpfte ſchnell einen entſchiedenen Sieg. Serajah Dawlah, im Uebermaße ſeiner Freude, beſchloß, in ſeine Hauptſtadt im Triumph einzuziehen. Miar Jaf⸗ fier benachrichtigte ſeine Mutter, daß er zwar dem Einzuge ſich auſchließen, hernach aber in aller Stille zu ſeiner Familie zurückkehren wolle. Die Stelle im Dienſte des Fürſten gebe er ganz tigkeit und Erſchöpfung bewußtlos. Die Wache auf, da dieſer, den zügelloſeſten Ausſchweifungen ergeben, von niederträchtigen Günſtlingen ge⸗ leitet, die unſinnigſten Handlungen begehe, und er, Miar Jaffier, ſelbſt der größten Gefahr ausgeſetzt ſei, weil er Macht und Anſehen im Heere beſitze. Bald erfuhr man von dem großartigen Einzuge des Nabob in Maradavad. Es war dieß im Oktober 1756. Alle Pracht welche die Fantaſie des Despoten erſinnen konnte, wurde in ihrer möglichſten Ausdehnung verwirklicht. Er wählte die Nacht zum Einzuge, um den größt⸗ möglichen Eindruck hervorzubringen; ganz Ma⸗ radavad glänzte in einem buntfarbigen Feuer⸗ meere. Am Morgen nach dem Einzuge kam Miar Jaffier bei ſeiner Mutter an, die ihn mit inniger Freude in ihre Arme ſchloß. Er theilte ihr ſeinen Kummer und ſeine Beſorgniſſe um die Zukunft mit. Die traurige Kataſtro⸗ phe von Calcutta, die mit ſo viel Pomp als großer Sieg gefeiert wurde, erſchien ihm als ſichere Urſache großer Kämpfe, deren Er⸗ folg für den ganzen Hof nur unheilbringend ſein müſſe; denn ein tapferes und mächtiges Volk wie die Engländer würde unmöglich eine der vorzüglichſten Beſitzungen in Indien fallen und die dabei verübten Grauſamkeiten unge⸗ ahndet laſſen. Seine eigene Lage ſchilderte er als gefahrvoll; denn die Günſtlinge des Na⸗ bob, zugleich deſſen Trinkkumpane, wären alle ſeine Feinde.— Schweigend hörte ihn die Matrone an, dann ſprach ſie tief ergriffen, im Tone einer Seherin, feierlich und begeiſtert: „Der kluge Mann ſucht der Gefahr zuvor⸗ zukommen. Fürchte nicht! im Buche des Schick⸗ ſals iſt es anders beſchloſſen, dieſen hirnloſen Fürſten wirſt Du fürchten machen. Bald, o mein Sohn, werden große Dinge ſich ereignen, mein hundertjähriges Auge ſieht die dämmernde ſchöne Zukunft. Dein Haupt iſt von einem Goldreif umzirkelt; heute iſt dieſer Reif breit und im hellen Glanze! faſſe Muth und ver⸗ traue den Worten Deiner Mutter, und der Fügung Allahs, in deſſen Händen allein die Macht ruht. Miar Jaffier hörte ſtaunend und tief ergriffen die begeiſterten Worte der alten Mut⸗ ter; er zog ſich tiefſinnig und nachdenkend in ſeine Gemächer zurück. Serajah Dawlah ſchwelgte indeſſen in dem Bewußtſein ſeines Sieges, und die un⸗ unterbrochenen Trinkgelage, die mit orientali⸗ ſcher Ueppigkeit gefeiert wurden, bezeichneten den abſcheulichen Charakter des Triumphators; die Schwelgerei ſtieg zu einem bis jetzt noch nicht er⸗ reichten Gipfel. Die Engländer in Madras, wo ſie ihre Hauptbeſitzung und ihre ganze Heeresmacht hatten, bereiteten ſich indeſſen vor, ihre Nieder⸗ lage und die an ihren Landsleuten verübten Grauſamkeiten zu rächen. Alles wurde jetzt auf⸗ geboten, um den übermüthigen und grauſa⸗ men Fürſten zu züchtigen und das Verlorene wieder zu gewinnen. Man brachte eine Flotte zuſammen und rüſtete ein Heer, welchem als Be⸗ fehlshaber der Sieger von Arcot, Sir Ro⸗ bert Clive beigegeben wurde, jener tapfere junge Mann, welcher vom Schreiber bis zum Ge⸗ neral ſich aufgeſchwungen hatte und unter allen engliſchen Offiziren in Indien der tapferſte und talentvollſte war. Die Flotte ſegelte am 10. Oktober 1756 von Madras ab. Im Hafen von Felta, unweit Calcutta be⸗ fanden ſich noch die Flüchtlinge und jene, die auf Befehl des Nabob dahin gebracht wurden, zu denen auch, wie bekannt, der alte Clive, Thomas und Schrubbs gehörten. Auf den Schiffen zuſammengepfropft, an dem Nöthig⸗ ſten Mangel leidend, litten die Armen abermals unendlich viel. Viele wurden die Beute an⸗ ſteckender Krankheiten. Auch der alte Clive ſchwebte lange in Todesgefahr, der er nur durch die unermüdete Pflege Thomas' und Schrubbs' entging. Beide Verwandten wa⸗ ren von gleichen Gedanken und von gleichem Gefühle beſeelt; dieſe waren der heiße Wunſch nach Rache und die verzehrende Sehnſucht nach ihren plötzlich verſchwundenen Geliebten. Aber wie entfernt war jeder Hoffnungsſtrahl, wie un⸗ wahrſcheinlich erſchien ihnen die Erfüllung ihrer glühendeſten Wünſche. Ohne Nachricht von Freunden, abgeſchnit⸗ ten von allen Mitteln, über den Stand ihrer Angelegenheiten Kenntniß zu erlangen, iſt es na⸗ türlich, daß ſie ſich der größten Hoffnungsloſig⸗ keit überließen.— So vergingen Wochen, eine Ewigkeit für die Unglücklichen! Die Flotte von Madras, durch ungünſtige Winde aufgehalten, kam erſt am 20. Dezember in Felta an. Aber welche Freude brachte ihre Ankunft!— Als ihre flatternde Segel in der Ferne auf den Wogen des Ozeans auftauchten, da erfüllte ein Schrei des Jubels die ganze Küſte. Kranke ſtürzten aus ihren Betten, Sterbende ſandten noch Gebete zum Himmel empor, und die Ge⸗ ſunden ſanken am Strande auf die Knie, um mit Freudenthränen Gott für die geſandte Rettung zu danken. Ein neues Leben erwachte in je⸗ dem Einzelnen, von Muth und Hoffnung belebt glaubten ſich Alle des Sieges über ihre Feinde gewiß. Die angelangten Freunde trafen ſogleich alle Maßregeln, um die elende Lage der Un⸗ glücklichen zu verbeſſern, die Kranken wurden ſo⸗ gleich in die ihnen nöthige Heilpflege gebracht, die Geſunden ſchloſſen ſich dem Heere zum Kampfe an gegen den grauſamen Feind.— Und als ob die Gerechtigkeit des Himmels die engliſchen Waffen führte, erfreuten ſich dieſe der glänzendſten Waffenthaten, ſo daß der elende Fürſt, für den nur Söldlinge ſich ſchlugen, aus ſeinen beſtialiſchen Orgien aufgeſchreckt, mitten unter ſeinem zahlloſen Heere auf ſeinem blut⸗ befleckten Throne zitterte, wie ein der Strafe verfallener Verbrecher. Schon in den erſten Tagen des Januar 1757 wurde Calcuta nach kurzem Kampfe von den Engländern wieder genommen. Bald fielen die in der Nähe liegenden Städte und Forts, und der Nabob, der bis jetzt in ſeinem maßloſen Eigendünkel ſich unantaſtbar wähnte, ſah ſich genöthigt, mit ſeiner Armee den Engländern entgegen zu rücken.— Robert Clive, zum Rächer ſeiner Landsleute auserſehen, handelte nach einem Syſtem, das den Umſtänden anpaſſend war, ja das die Verhältniſſe dringend erheiſchten. Er hielt es für gefährlich, einen Fürſten, der zu jeder Niederträchtigkeit fähig war, nach den Prinzipien des Völkerrechts zu behandeln. Er mußte der Liſt nur Liſt, dem Verrathe Verrath, der Täuſchung Täuſchung entgegenſetzen. Er unterließ nicht, mit dem erſchrockenen und beäng⸗ ſtigten Fürſten des Friedens wegen zu unter⸗ handlen, obſchon er ſeinen gänzlichen Sturz, ſeine vollſtändige Vernichtung zum Ziele hatte; und indem er ihn mit Verſprechungen hinhielt, rückte er ſeiner Hauptſtadt nach und nach näher und zwang ihn endlich zur offenen Schlacht, nachdem er ſeine Veranſtaltungen und Maßre⸗ geln der Art getroffen hatte, daß der Sieg nach menſchlicher Berechnung ſicher ſchien. Schon im Februar 1757 ſah ſich der Na⸗ bob genöthigt, mit den Engländern einen Ver⸗ trag zu ſchließen, welcher ihnen nicht nur alle Vorrechte wieder einräumte, die ſie früher in Geraubte volle Entſchädigung verhieß. Der Na⸗ bob benahm ſich ſeit dieſem Vertrage höchſt roh und leidenſchaftlich. Wuth und Scham, Furcht und Zorn bewegten gleichzeitig ſein Gemüth. Sein Verdacht und ſein Haß wandte ſich vor⸗ züglich gegen Miar Jaffier, und Dariman, der nächſte Rathgeber des Fürſten, wandte alles an, um erſteren zu verderben. Dieſer begab ſich daher gar nicht mehr an den Hof, aus Furcht meuchelmörderiſch überfallen zu werden. General Clive, der ſeine Agenten in Ma⸗ radavad hatte, und dem alle Verhältniſſe am Hofe des Nabob bekannt waren, benützte die Umſtände, ſich mit Miar Jaffier in Ver⸗ bindung zu ſeten. Dieſer Heerführer, der den ſchwachen Fürſten verabſcheute und von dieſem beſchränkten Despoten nichts zu erwarten hatte, war leicht zu gewinnen; er ſchloß mit den Engländern ein geheimes Bündniß, wonach, nach dem Sturze Sarajah Dowlahs, ihm deſſen Krone zufallen und die Engländer die verlangten Rechte und Freiheiten nebſt einer Entſchädigung an Geld erhalten ſollten. Es entſpann ſich nun eine weitreichende Ver⸗ ſchwörung wider den Nabob, der ſich die vor⸗ nehmſten und einflußreichſten Bewohner der Re⸗ ſidenz, die der unſinnigen Ausſchweifungen und der grauſamen Bedrückung des Despoten müde waren, bereitwillig anſchloſſen. Die Verſchwö⸗ rung, an deren Spite Miar Jaffier und Juggut, der reichſte Bankier Indiens, ſtan⸗ den, nahm mit jedem Tage an Ausdehnung und Feſtigkeit zu, und als Clive ſeinen Plan reif ſah, warf er die Maske ab. Er marſchirte mit ſei⸗ ner gut vorbereiteten und kampfluſtigen Armee gegen Maradavad. Der Nabob, welcher Miar Jaffiers Ab⸗ Bengalen beſaßen, ſondern auch ihnen für das fall zu gleicher Zeit erfuhr, beſchloß, beſonders auf Darimans inſtändiges Anſuchen, den Palaſt Miar Jaffiers vor allem anzugrei⸗ fen und den Feldherrn zu ermorden. Schon war die Nacht zu dieſem Vorhaben beſtimmt; da kam die Nachricht von der Nähe der engliſchen Armee, wodurch Serajah Do⸗ wlaherſchreckt und verzagt in ſeiner Rathloſig⸗ keit ſich in die Arme deſſen werfen wollte, dem er ſoeben den Tod zugedacht hatte. Doch es war zu ſpät! Der engliſche General hatte ſchon das eine kleine Strecke von der Reſidenz entlegene Fort Cutwah geſtürmt und genommen, und Miar Jaffier ſeinen Palaſt verlaſſen. Die Armee Serajah Dowlah's beſtand aus 50,000 Mann Infanterie, 18.000 Reitern und 50 Kanonen; General Clive dagegen hatte nur 900 Europäer, unter denen 100 Ar⸗ tilleriſten und 50 Matroſen waren, 2000 in⸗ diſche Soldaten und 8 ſechspfündige Kanonen nebſt zwei Haubitzen. Der vorſichtige und erfahrene engliſche Befehlshaber traute den Dingen noch nicht ganz; denn es blieben ihm die erwarteten Nach⸗ richten von Miar Jaffier aus, und er be⸗ fürchtete eine in Indien ſo gewöhnliche Ver⸗ rätherei; daher er unſchlüſſig in Cutwah noch zurückblieb. Doch währte dieß nicht lange, er war von ſeinen Agenten gut bedient, und er⸗ hielt Nachrichten von Miar Jaffier, der ihm mitheilte, daß der Nabob bei dem Dorfe Mun⸗ cara ſich verſchanzt habe, und er rieth den Eng⸗ ländern unverzüglich den Feind zu überfallen. Die engliſchen Truppen brachen in der Nacht ſofort auf und marſchirten längs des Fluſſes Coſſimbugar. Noch vor Tagesanbruch langten ſie bei dem Ort Plaſſy an, beſtimmt, einer der berühmteſten Großthaten der Englän⸗ der in Indien den Namen zu geben, und nah⸗ men von dem hier günſtig liegenden Walde Beſitz. Der Nabob mußte von dem Plane der Engländer erfahren haben; denn dieſe hörten zu ihrem Erſtaunen den Schall von Trommeln und Pfeifen, die in den indiſchen Lagern ge⸗ wöhnlich ertönen. Der Morgen, der über das Schickſal Ben⸗ galens, des Paradieſes der Nationen, wie es in Indien genannt wird, entſcheiden ſollte, brach an. Die ungeheure Armee des Nabob rückte gegen den von den Engländern beſetzten Wald vor. Die Kavallerie beſtand aus dem tapferen nordiſchen Voksſtamme der Mahratten; die Ka⸗ nonen, meiſtens Vierundzwanzigpfünder, la⸗ gen auf ſechs Fuß hohen Gerüſten, worauf ſich auch die Munition und ſelbſt die Kanoniere zugleich befanden. Dieſe Maſchinen wurden von 50 Ochſen gezogen und hatten hinter ſich einen Elephanteu, der ſie an unwegſamen Stellen nachzuſtoßen abgerichtet war. Der eng⸗ liſche General überſah von einer Anhöhe aus das feindliche Heer, und mußte mit Beſorgniß über die ungeheuere Anzahl der Truppen ſtau⸗ nen. Er rückte ſogleich in die Ebene und formirte ſeine Linie. Sein Heer verſchwand beinahe ge⸗ Erinnerungen. 1858. gen das des Feindes, und jeder Soldat hatte eine zwanzigfache Uebermacht gegen ſich; dafür waren die Engländer kampfgeübter, und jeden Einzelnen mußte das glühendſte Rachegefühl zum Helden machen. Um die achte Morgenſtunde fiel von Seite der Feinde der erſte Schuß. Dieß war das Signal zum Feuern aus allen Kanonen. Aber die Geſchütze des Nabob thaten nur wenig Schaden, da ſie zu hoch gerichtet waren; die Ku⸗ geln der Engländer aber, von erfahrenen Artil⸗ leriſten abgezielt, drangen in die dichteſten Hau⸗ fen der Feinde. Dieſe behaupteten dennoch mit einer unerwarteten Standhaftigkeit ihren Po⸗ ſten, was den General beſtimmte, um ſeine geringe Mannſchaft zu ſchonen, ſich in den Wald zurückzuziehen. Der Feind hiedurch ermuthigt, rückte mit ſeinem Geſchütze näher, aber die Ku⸗ geln fuhren in die Bäume, oder über die Eng⸗ länder weit hinaus; dieſe antworteten aus ihrer ſicheren Stellung mit ihren Feldſtücken, wobei viele der feindlichen Kanonenmaſchinen in die Luft flogen. Zudem begünſtigte auch der Himmel die ſchwächeren Engländer. Ein ſtarker Regen beſchädigte das Pulver der Feinde, welche nicht mehr das Feuer unterhal⸗ ten konnten, während die Europäer im Walde geſchützt mit unausgeſetzter Kanonade die Reihen des Feindes lichteten. Serajah Dowlah, der bisher in ſei⸗ nem Zelte geblieben, und dem von ſeinen nie⸗ drigen Speichelleckern mit der Hoffnung auf einen nahen Sieg geſchmeichelt worden war, erfuhr mit Schrecken und Beſtürzung den un⸗ günſtigen Hergang des Kampfes. Jetzt trafen die von Miar Jaffier den Engländern zuge⸗ führten Truppen ein, und Clive griff im Sturm an. Eine ungeheure Verwirrung ent⸗ ſtand im Lager der Indier, im paniſchen Schrek⸗ ken zerſtreuten ſie ſich nach allen Seiten, und die Engländer fanden auf ihren Wegen keine weitere Hinderniſſe als Zelte, Geſchütze und Ba⸗ gagen. Der Sieg war entſchieden. Der Nabob, vor Furcht und Beſtürzung außer ſich, warf ſich auf ein Kameel und eilte in raſender Flucht nach Maradavad. Er dachte nicht mehr daran, ſeine Krone zu behaupten, nur die Rettung ſeines Lebens und ſeiner Schätze war ſeine Sorge. In ſeinem Palaſte war alles in der größten Verwirrung; ſeine Weiber ſchickte er auf fünfzig Kameelen fort, ſeine Schätze ließ er mittelſt Elephanten in Si⸗ cherheit bringen; ſeine Höflinge verließen ihn alle, nur Dariman blieb bei ihm, da er von Jaffier und den Engländern keine Gnade zu hoffen hatte. Clive rückte nun gegen Maradavad vor, und am 29. April 1757 zog er in die Reſi⸗ denz des Nabob ein, Miar Jaffier folgte in derſelben Nacht. Serajah Dowlah floh, als gemeiner Indier verkleidet, nur von Dariman begleitet, durch ein Fenſter ſeines Palaſtes. Gleich am erſten Morgen nach dem Einzuge in Maradavad ließ General Clive alle Offi⸗ 273 ziere ſeines Heeres und alle ehemaligen Gro⸗ ßen des Reichs im Palaſte des Nabob im Thronſaale verſammlen. Hier führte er ſelbſt Miar Jaffier auf den Thron, und huldigte ihm ſogleich als dem neuen Fürſten, indem er ihm eine Schüſſel mit Goldmünzen überreichte. Seinem Beiſpiele folgten die Großen des ehe⸗ maligen Hofes. Miar Jaffierwar nun Na⸗ bob von Bengalen. Prachtvolle Feſte bezeichneten die Thronbe⸗ ſteigung des neuen Herrſchers und die Englän⸗ der erholten ſich nun von den Strapazen des Feldzuges, und genoßen der lang entbehrten Ruhe. Allgemein war die Fröhlichkeit, nur zwei betrübte Herzen ließ die allgemeine Freude unberührt— es war Thomas und ſein al⸗ ter Verwandter. Nichts ließen ſie unverſucht, um nur eine Spur der Verlorenen zu finden, aber vergebens. Für Thomas insbeſondere war der Zuſtand ein Tantalus⸗Leiden; er wußte Julie von ihrem widerwärtigen Gemale frei, er hatte ſichere Merkmale ihrer warmen Ge⸗ fühle für ihn; jetzt, ſo nahe der Verwirkli⸗ chung ſeiner kühnſten Wünſche, mußte er das ganze Gebäude ſeiner ſchönen Träume vernich⸗ tet ſehen. Eines Tages wurde General Clive von dem neuen Herrſcher eingeladen, ihn in ſeinen Palaſt zu begleiten, um ihn ſeiner Mutter, welche den Helden von Arnot und Plaſſv zu ſe⸗ hen wünſchte, vorzuſtellen. Die Matrone wollte dem Mannue ſich dankbar zeigen, dem ihr Sohn die Krone Bengalens, das Ziel ihres mütterli⸗ chen Ehrgeizes, verdankte. Sie empfing den tapferen Krieger mit aller einem ſolchen Gaſte gebührenden Auszeichnung in einem reichgeſchmückten Garten⸗Salon, und in ihrer Geſellſchaft befanden ſich Julie und Sakuntala verſchleiert. Nach dem Aus⸗ tauſche gegenſeitiger Höflichkeitsbezeigungen führte ſie ihre beiden Schützlinge dem Gaſte mit den Worten vor, daß es ihr augenehm ſei, ihm Landsmänninen vorſtellen zu können, in⸗ dem ſie die Damen bat, ihre Schleier fallen zu laſſen. Der General war nicht wenig erſtaunt über die ſeltene Schönheit beider Frauenzimmer und noch mehr überraſcht, ſich in ſeiner Landes⸗ ſprache in der feinſten und gebildetſten Art angeſprochen zu hören. Tief gerührt hörte er die Löſung des Räthſels ihrer Anweſenheit bei Miar Jaffier, und mit dem innigſten In⸗ tereſſe betrachtete er die beiden der ſchrecklichen ſchwarzen Höhle glücklich entkommenen Opfer. Thränen der maßloſeſten Freude entſtürzten ihren Augen, als ſie von dem Leben ihrer Theuern Nachricht erlangten, und der General ihnen das Verſprechen gab, ſie beide noch am Abend desſelben Tages den Freunden zuzufüh⸗ ren. Für Julie war der Becher des Glückes nicht ohne Bitterkeit; denn ſie mußte den Tod ihres geliebten Vaters vernehmen. In Maradavad war indeſſen die Nachricht verbreitet, daß Sarajah Dowlah und ſein gehaßter Guͤnſtling gefangen ſeien. In der That 35 — ————— —— 274 brachte man beide in Ketten, und auf Befehl des Nabob wurden ſie in den Kerker gewor⸗ fen, wo ſie des Urtheils des Kriegsgerichtes ge⸗ wärtig ſein ſollten. Sie wurden beide zum Tode furchtbaren Ereigniſſen in Indien mußte ſie verurtheilt, und das Urtheil unverweilt an ihnen vollzogen. General Clive, hocherfreut über die über⸗ raſchende Begegnung im Palaſte Miar Jaf⸗ fiers, ließ ſogleich bei ſeiner Ankunft in ſei⸗ nem Quartier ſeine Namensverwandten vor ſich rufen, nämlich Thomas und den alten Clive. Er rühmte die Tapferkeit des erſteren und ſprach ſein tiefes Bedauern über die Lei⸗ den, welche beide erlitten, und er ſchätzte ſich glücklich, ihnen einige Entſchädigung bieten zu können. Bei dieſen Worten ſchlug er einen Vorhang zurück, und Julie und Sakun⸗ tala traten freudeſtrahlend hervor. Lange konnten die Glücklichen im Rauſche der Freude und des Entzückens die nöthige Be⸗ ſonnenheit nicht erlangen, um für dieſe Ueber⸗ raſchung zu danken. Noch ſaßen die wonne⸗ trunkenen Freunde Seite an Seite in ihrer Wohnung, als die helle Morgenſonne bereits in den Thurmkuppeln Maradavads glänzte, denn die Nacht war ihnen unbemerkt ent⸗ ſchwunden. Obſchon jetzt in Bengalen vollkommene Ruhe und Sicherheit herrſchte, die engliſche Macht jetzt mehr als je in Indien feſten Fuß hatte, beſchloß doch der Kreis unſerer Freunde im Vereine mit Holwell, der gleich beim Einzuge der Engländer in Maradavad ſeiner Haft entlaſſen wurde, dieſes Land, in welchem ſie ſo viel Elend litten, zu verlaſſen, und in der öfter dieſes theueren Bruders und bittere Thrä⸗ nen verriethen die Leiden ihres Gemüthes, denn nach den in London bekannt gewordenen die Hoffnung aufgeben, ihn je wieder zu ſehen. Joſef fühlte ſich oft gedrängt, ſeine ſchöne Verwandte zu tröſten, er liebte ſie mit der innigſten Zärtlichkeit, aber ſeine angeborene Schüchternheit hinderte ihn daran. Eines Tages kam die freudige Nachricht auch bis in Drummonds Haus, daß ein engliſches Schiff aus Indien angekommen ſei, welches viele Engländer, und mit ihnen auch die Nachricht eines vollſtändigen Sieges der engliſchen Waffen brächte. Drummonds ausgebreiteter Handel hatte immer einige ſei⸗ ner Leute am Landungsplatze, von denen einer ſogleich die freudige Nachricht meldete, daß un⸗ ter den Paſſagieren auch Thomas Clive, der verloren Geglaubte, ſich befinde. Kaum hatte Sara von dieſer freudigen Erregung ſich erholt, als Thomas ſchon ſelbſt in Be⸗ gleitung Clive's das Drum mond'ſche Haus betrat, wo er ſeine theuere Schweſter in ſeine Arme ſchloß. Alles Geſchehene war vergeſſen und ver⸗ geben. Drummond fühlte ein freudiges Re⸗ gen in ſeinem Buſen, wozu freilich der Umſtand mit beigetragen haben mochte, daß ſein Neffe mit bedeutenden Fonds und in Begleitung eines unermeßlich reichen Verwandten zurück⸗ kehrte. Frau Drummond benutzte ihre ſelten gebrauchten Sprachorgane, um Thomas herz⸗ lich zu begrüßen und Joſef äußerte ſeine auf⸗ richtigſte Freude. alten Welt, in der geliebten Heimat, ihren fried⸗ lichen Wohnſitz aufzuſchlagen. Schrubbs, der treue Theilnehmer aller Leiden ſeines Zöglings, ſtimmte dieſer Anſicht aus vollem Herzen bei, und ſein Freund Schlurpy ſchloß ſich der Geſellſchaft an, und Dieſes Ereigniß goß ein neues Leben in die erſtarrten Gemüther der Drummond⸗ ſchen Familie; Freude ſtrahlte aus jedem Auge Freunde alle in ſeinem Hauſe gaſtlich aufzu⸗ nehmen, ja die allgemeine freudige Erregung ſo begab ſich die geſammte Geſellſchaft nach der Seeküſte, um das erſte Schiff zu beſteigen, wel⸗ ches ſeine Segel nach der Heimatsinſel richtete. So ſahen denn Alle leichten Herzens die indiſche Küſte ſchwinden und ihre Gedanken und Wünſche flogen den Segeln voraus. Die Fahrt ging ohne Hinderniß von Statten. Wir kommen den Ankömmlingen zuvor, und beſuchen jenen Ort, aus welchem unſer junger Freund, Thomas Clive den Aus⸗ gang genommen, und betreten das Haus des Onkels Drummond in London. Hier war Alles ſich gleich geblieben, außer daß Drum⸗ mond noch reicher geworden war. Gattin war noch immer die ſchweigſame, gut⸗ müthige Frau. Sara und ihr Vetter Joſef dienſt zu erweiſen. Goldmann, obſchon beide jung und gefühl⸗ voll, hatten das Gepräge ihrer Umgebung, das ſich in dem ſteifen Ernſt und dem beſtändigen die Befriedigung Drumm onds und des alten Clive, die beide Freunde wurden, den Jubel der Gäſte, unter denen natürlich auch die Reiſe⸗ Trübſinn kundgab. Sara ſeufzte, wohl nicht ungegründet, nach den ſonnigen Tagen ihrer erſten Jugend die ſie auf den grünen Wieſen am Arme ihres geliebten Bruders verlebt hatte. Sie dachte Seine wirthung ſeiner Gäſte im Verhältniſſe zu ſei⸗ nem Reichthume anordnete, ein Faktum, wel⸗ ches bei Allen, die ihn kannten, das größte Auf⸗ ſehen erregte. ihrer Freunde, ſich ſelbſt auszumalen; wir füh⸗ ren ihn über einen kleinen Zeitraum hinweg nach dem beſcheidenen Dörſchen, wo Thomas und Sara das Licht der Welt zuerſt erblickt hatten. Der alte Clive kaufte die große Beſitzung, wo Thomas unter Schrubbs' Acgide ſeine erſte Kindheit verlebte und die Stelle, an wel⸗ cher er ſeiner jetzigen Gemalin einſt das Leben rettete, bezeichnete eine Kapelle. Hier in dieſer paradieſiſch ſchönen Gegend ſiedelte ſich ein klei⸗ ner Kreis glücklicher Menſchen an, der im un⸗ getrübten Genuſſe der freudevollen Gegenwart vollen Erſatz für die gemeinſam getragenen Lei⸗ den der Vergangenheit fand. Schrubbs verſah die Stelle des Verwal⸗ ters des ganzen Gutes, da er es in allen ſeinen Einzelheiten aus der früheſten Jugend kannte, und wie er einſt Thomas und Sara, die ihn wie einen Vater verehrten, auf den Armen getragen, ſo hatte er im Laufe der Zeit auch noch das Glück, eine zweite Generation in allen militäriſchen Uebungen zu unterweiſen. — 6 Ge Meine erſte Nacht in Norwegen. 1 Vom M. Roſenheyn. Die romantiſche Natur Skandinaviens, ihre Pracht und Wildheit und Größe, hat, wie jede Romantik, auf Phantaſie und auf Gefühl eine wunderbare Einwirkung. Man muß die Zerriſſenheit der meerumwogten Klippen, die ſtarren Eisgipfel der Kjölen, den Perlenſchaum der himmelhohen Katarakte, die Einöden der und Drummond drang darauf, unſere tiefen Schachte und neblichten Höhlen, das Dunkel der bärenreichen Waldungen durchwan⸗ dert, in das feurigſtrahlende Nordlicht und den ergriff auch ihn in dem Grade, daß er die Be⸗ milden Mondregenbogen und in die das hohe Meer zart küſſende Mitternachtsſonne geſchaut haben, um deſto klarer begreifen zu können, daß uns, zumal in der Jugend, lebhafte Einbildun⸗ gen und wonnige Schauer durch nichts ande⸗ Ja, als fühlte er das Bedürfniß, ein gegen res ſo ſehr erweckt werden, als durch die Größe nes Unrecht wieder gut machen zu müſſen, ſon ſeinen Neffen und deſſen ſchöne Braut zum übernahm, Joſef und Sara dieſen Ehren Es muß der Phantaſie des Leſers über gefährten, beſonders die Holwe ll'ſche Famili 7 laſſen bleiben, das Glück der Neuvermählten, Thomas und deſſen Vater ehemals begange⸗ der Natur. Man muß aber auch frank und ſchloß er, als ihm Thomas Verlöbniß mit ju endlicher Kraft ausgerüſtet ſein, um die Mü⸗ Joſef Sara be⸗! 3 5 g 5 huf und Seſeſa icaſ de dupe hen und Gefahren ſolcher Wanderungen gern hochzeit zu feiern; und er führte in eigener Per⸗ licher Keckheit beſitzen, um, wo nicht gerade ſie frei, ohne Sorgen, mit heiterem Muthe und u ertragen, und einen kleinen Anflug jugend⸗ aufzuſuchen, ſo doch in ihnen einen angenehmen Altar, ſo wie der alte Clive es mit Freuden Reiz und nach ihnen eine liebe Erinnerung zu 2 finden. 3. Ein altes, deutſches Sprichwort ſagt: Wer will haben Gemach, Der bleib' unter ſeinem Dach! Wer will haben Ruh', 3 Der bleib' bei ſeiner Kuh! e Ich hatte in meiner Jugend weder Gemach war, das freudenvolle Staunen Sakuntala's noch Ruhe ſehr lieb und ſuchte mir daher ſchon und die ſie beglückende Liebe ihres Vaters und frühe die Poeſie und die Natur des Nordens nach hon vens auf und freue mich deſſen noch bis auf den heu⸗ tigen Tag. Meine nordiſche Reiſe gehört noch jetzt immer zu den Glanzpunkten meiner Erin⸗ nerung, und wenn mich jetzt meine Lagerſtätte ruhig und ſicher umfängt, denke ich mit großem Wohlbehagen nicht ſelten an meine erſte Nacht in Norwegen zurück. Wir hatten nicht blos das herrliche Dale⸗ karlien durchſtreift, ſondern auch noch die finni⸗ ſchen Kolonien beſucht, und da unſer mitgenom⸗ mener Proviant verloren gegangen war, un⸗ ſern Durſt und Hunger mehrere Tage lang durch Genevre und Birkenrindenbrod nur noth⸗ dürftig ſtillen können. Es war nunmehr un⸗ ſere Abſicht, durch Herjedalen über die Kjölen auf demſelben Wege nach Drontheim zu eilen, auf welchem der berühmte Feldherr des roman⸗ tiſchen Karls XII., General Armfeld, vor länger als 100 Jahren den unglückſeligen Rück⸗ zug machen mußte. Unſer Rückzug war minder lang und minder unglücklich. Denn kaum hat⸗ ten wir zu Roß— die Enge und Steilheit der Felſenwege ließ nicht einmal die im Nor⸗ den beliebten einſitzigen Karren mehr zu— einige Meilen zurückgelegt, ſo überzeugten wir uns ſelbſt von der Unmöglichkeit der Weiter⸗ reiſe. Der nordiſche Herbſt war im Heran⸗ marſch, und die ſtarken Regengüſſe, denen wir ſchon acht Tage und Nächte lang ausgeſetzt ge⸗ weſen waren, hatten in dieſen hohen Gegenden alle Brücken abgeriſſen, die Bergſtröme bis zur Wuth empört und daher alle Uebergänge auch für den kühnſten Reiter völlig unwegſam ge⸗ macht. Daher mußten wir Drontheim für jetzt aufgeben und einen ſüdlicheren Weg nach Nor⸗ wegen einſchlagen. Wir beſtiegen wieder die Karren und fuhren felſenauf und felſenab in außerordentlicher Schnelligkeit noch einmal durch Dalekarlien, begrüßten noch einmal den Porphyr⸗Hexenberg bei Elfdalen und die Ka⸗ tarakte des Oeſterdalelfs und den weithinſtrah⸗ lenden Siljanſee mit dem Kupferbergwerke von Falun. Sodann ſchlugen wir den Weg durch das nördliche Wermeland ein, wo uns auch wieder auf ein paar Dorfſtationen das Glück zu Theil ward, eine eigenthümliche Art von Poſtillonen zu erhalten, nämlich Mädchen, welche, weil wegen dringender Waldarbeiten augenblicklich kein männlicher Lenker aufzutrei⸗ ben war, mit ſchwarzem Strohhut und kleinem rothem Umſchlagtuch angethan, trotz den männ⸗ lichen Poſtillonen die ſchönen Roſſe ſo muthig lenkten, daß Kies und Funken ſtoben und die kleineren Steinchen auf uns und über uns her⸗ umflogen und wir mehr in der Luft ſchwebten, als auf dem naiven Karrenbrett ſaßen. Endlich am 21. Auguſt gegen Abend er⸗ reichten wir die norwegiſche Grenze, welche hier durch eine lange, in den Wald gehauene Linie bezeichnet iſt, zeigten dem Grenzlieutenant un⸗ ſern Paß, für deſſen Unterſchrift wir eine kleine Abgabe zahlten, und ſahen, nachdem wir noch ein paar Stunden durch den tiefen Wald gefah⸗ ren waren, am Ende desſelben das erſte norwe⸗ giſche Dorf. Dieß Dorf beſtand, wie gewöhnlich die norwegiſchen Dörfer, aus einzelnen, ſehr zer⸗ ſtreut liegenden Häuſern und Hütten, welche von Holz erbaut und mit Birkenrinde und Erde bedeckt ſind, und liegt ſehr romantiſch. Der Norweger wählt überhaupt, an den Genuß einer romantiſchen Natur gewöhnt, ſehr gerne eine maleriſch ſchöne Gegend ſür ſeine Woh⸗ nung. Außer dieſem Sinne für Naturſchönheit zeichnet ihn eine herzliche Gaſtfreiheit und Ge⸗ ſelligkeit und eine überhaupt überaus große Bie⸗ derkeit und Treue, ſo wie Muth und Lebhaftig⸗ keit aus. Er hat, beſonders in dieſen öſtlichen Gebirgsgegenden, einen hohen, ſchlanken Wuchs, gelenkigen Gliederbau und eine ernſte, ausdrucks⸗ volle Geſichtsbildung, dabei einen ſchönen weißen Teint, meiſt blaue Augen und blondes Haar, und erfreut ſich, von Jugend auf abgehärtet, bei der reinen Luft, einfachen Koſt und harten Arbeit, einer kernigen Geſundheit. Der lange Bart und die feurigen Augen geben ihm bisweilen einen wildromantiſchen Anſtrich, der nicht we⸗ nig mit der Romantik ſeines Vaterlandes har⸗ monirt. Nach den epiſchen Vorgängen der letzten Wochen harrte unſer hier ein liebliches Idyll, das wir, obwohl herzlich müde, doch in vollſter Seelenheiterkeit genoſſen. Auf einem freien Platze vor dem hoch ge⸗ legenen Hauſe unſeres Wirths wurde uns ein Kaffeetiſch mit Zubehör hingeſetzt. Tief unter uns brauſte der Waſſerſturz des Magnorelfs, der, auf den nordwärts gelegenen düſtern Wal⸗ dungen wild daher fluthend, die Weſtſeite des Dorfes rauſchend umſchlängelt. An ſein jenſei⸗ tiges Ufer lagern ſich grüne Wieſen, über welche hinüber der freie Blick weithin ſchweift, bis er am äußerſten Horizonte bei dem Silberfaden des heroiſchen Glommen ruht. Im Süden des Dorfes zieht ſich halbkreiſend der Granit des Gebirges nackt nach Oſten hin, aber in Nordoſt krönt er ſich mit den dichten Tannenwäldern, deren Wipfel jetzt die ſchönen Wolkengebilde der Abendſonne küßten. Noch waren wir in das Anſchauen der wunderſchönen Natur vertieft und in höhere Lyrik aufgegangen: da nahte eine kleine Herde, voran das beſonnene Hornvieh in fußnachſchlep⸗ pendem Marſche, dahinter der Schäfchen hü⸗ pfende Schaar, und die Arriéregarde bildete das galoppirende Volk der grunzenden Borſtenge⸗ ſchöpfe. „O Theokrit! o Geßner!“ rief ich aus, und auf einmal kamen ein paar Kühe dicht an un⸗ ſern Tiſch heran, ich weiß nicht, ob zum Trunk oder zur Unterhaltung oder aus Wißbegierde, hier einmal Deutſche zu ſehen. Ich freute mich über die Leutſeligkeit, wollte dankbar ſein und lockte die ganze Herde durch Jodelgeſang näher heran, ſo daß ich im eigentlichſten Sinne des Wortes über jedes einzelne Individuum Mu⸗ ſterung halten und auch das norwegiſche Vieh hier zum erſten Male recht genau kennen lernen konnte; nur bedauerte ich, kein Landwirth oder Zoologe zu ſein. Blos die Borſtenthiere hatten — 275 kein Gefallen daran, ſondern galoppirten mit ihren, wie Jean Paul richtig bemerkte, nach der linken Seite ſchön gelockten Schweifchen in eini⸗ ger Entfernung vorüber, während ſo manches ehrſame Hornthier uns ſeinen Gruß recht nah entgegenbrüllte. Immer lebhafter ward es; faſt das ganze Dorf verſammelte ſich um uns, beſonders die Jugend. Wir unterhielten uns, ſo gut es in unſerem noch ſchwediſchen Dialekt ging, recht vertraulich und forderten den göttlichen Hixten Eumäus, deſſen kräftige Stimme uns ſchon bei ſeiner Heimkehr mit der Herde aufgefallen war, zum Geſange auf. Das norwegiſche Volk hat viel Talent und große Liebe zum Geſang, es hält ſeine Nationallieder hoch in Ehren, und manche Landleute ſind ſogar Improviſatoren. Ob unſer Hirte auch improviſirte, weiß ich nicht; ſein Geſang klang männlich ſchön und kräftig und weckte das im Walde hold ſchlum⸗ mernde Echo, welche den lauten Liebesgruß gleichmäßig, doch ſanft und ſanfter zurückrief. Ich erwiederte ſein Lied mit einem deutſchen Volksliede, und das eingelegte Jodeln amüſirte Jung und Alt ſo ſehr, daß der Händedruck der lieben Leute, echt normänniſch kräftig und herz⸗ lich dargeboten, mir ihre Dankbarkeit recht fühl⸗ bar machte. Indeſſen war der nördliche Himmel immer röther geworden, und unſere fortgeſetzten Ge⸗ ſänge tönten jauchzend in ein herrlich karrirtes Nordlicht hinein, welches wohl eine Stunde lang, faſt über den halben Himmel ſtrahlend, uns erfreute und die Seelen in eine heiligere Stimmung verſetzte. Die Nacht brach heran und lud uns zur Ruhe ein. Wir gingen in das Haus des Wirthes hinein und hatten hier noch eine ſchöne Szene vor uns. Dicht vor der großen Oeffnung des Hauſes— denn Hausthüren gibt es hier auch noch eben ſo wenig wie im nördlichen Dale⸗ karlien— war die geräumige Küche, und auf dem großen Herde brannte ein mächtiges Feuer. Rund um dasſelbe, auf dem Herde ſelbſt, ſaßen alle ſechs Kinder des Wirths, nach dem Alter gereiht, in bloßen Hemden, um vor dem Schla⸗ fengehen ſich noch einmal zu erwärmen. Es war rührend, dieſe faſt ganz nackten Engelein ſo ſitzen zu ſehen: die liebliche Bläue ihrer Au⸗ gen, das brennende Roth des Feuers und die Schwärze der Herdmauer bildeten einen wun⸗ derbaren Kontraſt. Hinter den Kindern zunächſt ſtand die Mutter mit den größern Töchtern und Mägden, ihr gegenüber der Vater, und nahe an der offenen Stubenthür lag ihr kranker älteſter Sohn im Bette. Dieſe ſchöne Szene konnte nicht würdiger und heiliger beſchloſſen werden, als mit einem kurzen Gebet, welches die Hausfrau ſprach, und mit dem Vaterunſer, das der ganze Chor, die beiden Reiſenden mit eingerechnet, laut betete. Jetzt fragten wir nach unſerm Nachtlager und vernahmen, wir könnten mit dieſer ganzen Familie in einem Zimmer ſchlafen; was übri⸗ gens hier nichts Auffallendes geweſen wäre, 35* 3 1 ——— 1— —ÿ I 276 oder, falls wir das nicht wünſchten, in einer etwas entlegenen Hütte eine gute Lagerſtätte finden. Die Hütte, ſagte der Wirth, gehöre ſei⸗ nen beiden noch unverheirateten Brüdern und ſtehe jetzt ganz leer. Dieſe waren nämlich auf die gefährliche Bärenjagd ausgezogen und zwar in Begleitung eines bairiſchen Offiziers. Die Norweger lieben die Jagd leidenſchaftlich, zumal die Bärenjagd. Die Bären hier ſind beſon⸗ ders Liebhaber des Fleiſches und fallen daher gern größere und kleinere Thiere, denen ſie zuerſt das Blut ausſaugen und ſie dann in ihre Höhlen ſchleppen, auch wohl erwachſene Men⸗ ſchen, niemals aber, wie man behauptet, Kinder an, eine Gutartigkeit, welche ſich mit Liſt und Verſchlagenheit paart. Der norwegiſche Bauer pflegt dem Bären den Verſtand von zwei und die Stärke von ſieben Männern zuzuſchreiben, daher gehen denn auch gewöhnlich mehrere Schützen zuſammen auf die Jagd, und zwar nicht mit großen, kräftigen, ſondern, nach Art der Lappländer, mit kleinen Hunden, welche ſich gar nicht in den Kampf einlaſſen, ſondern den Bären necken und ſo zum Stillſtehen oder Um⸗ drehen, was ihn ſchwindlig macht, fortwährend nöthigen. Auch hier im Norden zeigt ſich die Kühnheit und die Kraft des Deutſchen. Denn es iſt nichts Seltenes, daß Deutſche nach Nor⸗ wegen reiſen, um die Bärenjagd kennen zu ler⸗ nen und ſelbe mitzumachen, während z. B. der Habeascorpus⸗Acten⸗Mann von Albions Eiland her dieſelben romantiſch⸗wilden Gegenden öfters bloß deßhalb beſucht, um die Lachſe in dem Au⸗ genblicke zu ſchießen, da ſie zur Reinigung ihrer Schuppen gegen den Waſſerſturz emporſpringen. In Begleitung des Deutſchen waren alſo jene beiden Brüder auf die Bärenjagd ausge⸗ zogen und gedachten erſt morgen oder übermor⸗ den heimzukehren. Daher bot der Hirt uns ihre Hütte zum Nachtquartier an. Dieſe Hütte war allerdings etwas abgele⸗ gen, tiefer im Walde, und das Wort Bären⸗ jagd machte unſre Phantaſie etwas mehr rege. Wir erzählten dem Wirth, daß wir bereits vor vier Nächten das Vergnügen gehabt, in der Nähe von Bären uns zu befinden. Unſere Pferde waren ſo ermüdet geweſen, daß wir ſie mitten im düſterſten Walde gerade um Mitter⸗ nacht zwei Stunden lang ausruhen gelaſſen, und dieſer Ruhepunkt muß ſehr nahe einem Bärenneſt geweſen ſein, denn unaufhörlich hör⸗ ten wir ganz in der Nähe alle nur mögliche Brummakkorde und Melodien, bald Solos oder Duette, bald ſtürmiſcheren Chor, bald Baß, bald Baryton. Wir hatten dieſe zwei Ruheſtunden, natürlich in nicht geringer Span⸗ nung, wenig und leiſe geſprochen, um uns nicht zu verrathen, doch aber nach dem Rathe unſers Poſtillons mit Stahl und Stein fortwährend Funken geſchlagen und vielleicht hiedurch die holdſelige Nachbarſchaft glücklich fern gehalten. Auch ſonſt ſchon waren uns oft friſche Spuren von Bären aufgefallen, ſogar einige dieſer ro⸗ mantiſchen Thiere von uns in der Ferne geſehen worden. Das alles erzählten wir dem Wirth, und er mochte wohl entnehmen, daß wir nicht gerade deßhalb ſein ſchönes Vaterland beſuchten, um im Bärenkampfe die deutſche Kraft zu bewähren. Allein er meinte doch, bis hierher kämen ſelten Bären, wenn ſie nicht gerade ſehr hungrig wären; indeſſen könnten wir ja auch, wenn wir wollten, bei ihm in der Familienſtube über⸗ nachten. Was war zu thun? Hier Kindergeſchrei, Krankengeſtöhn, Männergeſchnarch, alſo kein ruhiges Lager nach ſo vielen durchwachten und durchraſſelten Nächten; dort Ruhe und Ein⸗ ſamkeit und wieder einmal Federbetten, dabei aber Bärenphantaſieen und Räubereinbildungen. Wir wählten die Ruhe und Einſamkeit. Der Wirth brachte uns nach der fernen Hütte und verſprach, uns am Morgen früh wecken zu laſſen und ein Fuhrwerk zur Weiterfahrt zu be⸗ ſorgen. Ein mächtiger Händedruck begleitete ſein„Gute Nacht.“— Da befanden wir uns nun allein im Zimmer, in der Hütte, im Walde, ich und mein zehn Jahre jüngerer Reiſegenoſſe Frit, ein lieber Schüler von mir, der auf die⸗ ſer Reiſe meiner Leitung und Obhut anver⸗ traut war, ſchon lange elternlos und Erbe eines bedeutenden Vermögens. Unſer Zimmer war ziemlich einfach meublirt. Außer zwei Betten, einem Tiſch und zwei Stühlen fand ſich nichts anderes vor. Wir hatten auch ſchon ſonſt oft genug ganz allein in Hütten kampirt, welche verwünſchten Schlöſſern en miniature und Pfefferkuchen⸗ häuſern ähnlich ſahen. Aber dießmal kam uns die Sache doch etwas kritiſch vor. So müde und angegriffen wir auch waren, ſo ſtiegen doch allerlei Bedenken und Skrupel in unſrer Seele auf. Mein Gefährte dachte an die Mög⸗ lichkeit eines menſchlichen Ueberfalls. Die frem⸗ den etwas wilden Geſichter dieſer Gebirgsleute erſchienen doch etwas bedenklich, zumal da ſie bei der Auswechslung unſers ſchwediſchen Gel⸗ des in norwegiſches unſere Kaſſe hatten beäugeln können. Andrerſeits aber war das gemüthliche Idyll, welches wir eben genoſſen, und beſonders das gemeinſame Gebet am Hausherde ſo Ver⸗ trauen erweckend geweſen, daß ich den Grund⸗ ſatz feſthielt: quisquis praesumitur bonus (ſetze von Jedem Gutes voraus) und in dieſer Hinſicht meinen Hefährten zu beruhigen ſuchte. Allein ich war darüber ſchwankend, ob dieſer Grundſatz auch auf Bären und Wölfe Bezug habe, und acceptirte ſehr gerne den Vorſchlag, da auch hier keine Hausthür ſich zeigte, wenig⸗ ſtens die Stubenthür zu verſchanzen, welche nicht Schloß, nicht Riegel hatte und ſehr ge⸗ brechlich war. Wir ſtellten unſre Koffer vor, auf dieſelben den Tiſch und auf dieſen die bei⸗ den hölzernen Stühle, damit bei etwaigem An⸗ drang eines Feindes zuerſt die Stühle herab fie⸗ len und ſo das Geräuſch hievon uns, die wir beide eines geſegneten Schlafes uns erfreuten, ſofort aus Morpheus Armen riſſe. Als wir mit dieſer, zwar nicht ſehr impoſant, doch intereſſant ausſehenden Verbarrikadirung fertig waren— das Licht war unterdeſſen uch fertig geworden, nur Luna beleuchtete uns noch— ſo ſtellten wir unſre Betten mitten in die Stube, entfern⸗ ter von den beiden einander gegenüber befind⸗ lichen, ſehr deſolaten Fenſtern, welche nur drei Fuß über der Erde waren, ſetzten die Reiſe⸗ flaſche mit Genevre auf das eine Fenſter, ver⸗ hingen das andere mit unſern Mänteln, ſtell⸗ ten unſere Degen jeden an das Kopfende ſeines Bettes, entkleideten uns nur halb und fühlten uns bald ſehr wohl und behaglich in den Fe⸗ derbetten, von denen wir auf der ganzen Reiſe in Schweden, alſo ſeit länger als zwei Monaten, uns hatten entwöhnen müſſen. Wir wurden beide ſtiller. Auf einmal drehte ſich mein Genoſſe um:„Herr Doktor, ſchlafen Sie?“— Wir ſprangen zugleich auf und nach dem Fenſter, bemerkten aber nichts Auffallendes, und beruhigten uns bei dem Ge⸗ danken, daß der Sturm durch die Tannen rau⸗ ſche und der Magoroelf ſeine Fluth ſtärker dahin⸗ brauſen laſſe. Weiter vernahmen wir nichts und legten uns wieder in die Betten. Mein Gefährte ſchlief bald wieder ein, überwältigt von Müdigkeit, und ſchnarchte mir durch alle Akkorde ſeinen ſchönen Schlaf entgegen.— Mich aber beſiegte dießmal nicht ſo leicht der Schlaf. Tauſenderlei war mir durch den Kopf gegangen, und jetzt ſchwebten und wogten erſt recht die ſonderbarſten Phantaſiegebilde durch meine Seele. Ich konnte nicht das Auge ſchlie⸗ ßen, ſondern ſah unverwandt durch's Fenſter nach dem lieben Monde und ſeinem ſtillen Glanze. Ich dachte an die ſchönen Oſſiani⸗ ſchen Mondnächte beim Grabe Odins und ſei⸗ ner Sigtunaburg, und an die ſchöneren auf dem Oſtmeer, als uns nach glücklicher Rettung aus Sturzſee und Orkan das kühne Schiff mit ſei⸗ nen weißbuſigen Segeln blitzſchnell gen Norden ſchaukelte, und an die ſchönſten in der lieben Heimat, die meine Seele ganz erfüllten und mich des großen Dichters Worte repetiren ließen: Mir iſt es, denk' ich nur an Dich, Als in den Mond zu ſeh'n; Ein ſtiller Friede kommt auf mich, Weiß nicht, wie mir geſcheh'n! und es war mir ſo, als ob auch auf mich ein ſtiller, ſüßer Friede herniederkam.—— Aus dieſen ſüßen Träumereien weckte mich ein fernes Brummen; es ſchien näher zu kom⸗ men und ſich doch wieder zu entfernen und ich meinte abermals, das Fluthgeräuſch oder der Sturm täuſche mich. Aber das Brummen kam in der That näher und näher und ging aus Melodien in Harmonieen und reſpektive Dis⸗ harmonieen über. Ich täuſchte mich nicht und rief:„Liebſter Fritz!“ doch der war nicht zu er⸗ wecken; ich rüttelte ihn hin und her, er ſagte ſchlaf⸗ trunken: Ja, ja! und legte ſich immer wieder auf die andere Seite. Ich ſuchte Stahl und Stein, um erforderlichenfalls durch Feuerfun⸗ ken die Bärengäſte fern zu halten, aber ich fand nichts und der Froſt trieb mich wieder in's Bett. Mein Blick ſpähte nach dem Fenſter, durch das der Mond vorher ſo lieblich geſchie⸗ ——— ———— nen hatte. Jetzt ſtand er hinter den Wolken und ſtatt ſeiner ſchauten zwei blitzende Sterne herein. Ich rieb mir die Augen, die Sache war mir nun klar. Meiſter Braun blickte durchs niedrige Fenſter zu uns herein und beſah ſich die Gelegenheit bei den fremden Gäſten aus Preußenland; die akkompagnirenden Brumm⸗ ſtimmen kamen von ſeiner Gemalin und ſei⸗ nen friſchaufblühenden Töchtern oder Söhnen. Die Sache wurde ernſthafter; ein kalter Schweiß überlief mich. Daß ich meine junge Königsberger Seele ſo fern vom lieben Lande der Väter ſchon jetzt aushauchen ſollte, und zwar auf ſo unerquickliche Weiſe, noch mehr, daß auch mein lieber Danziger Reiſegenoſſe ſo ſchmählich umkommen ſollte, war mir ein ſchrecklicher Gedanke. Und doch, was konnte ich thun? Schußwaffen hatten wir nicht, ſie hätten dießmal auch nicht viel gefruchtet. Mei⸗ nem Gefährten wieder zuzurufen, und ihn zu erwecken, überhaupt auch nur aufzuſtehen wagte ich nicht mehr; das leiſeſte Geräuſch hätte uns verrathen. Die Angſt ſtieg mit jedem Athemzuge. Da durchbrach der Bär mit ſeiner Schnauze die Scheiben. Glücklicher Weiſe ſtand die offene Genevreflaſche daſelbſt. Er erfaßte ſie⸗ und verließ brummend das Fenſter. Wünſche wohl zu bekommen! dachte ich in der erſten Laune. Aber dieſe verging mir wie der Blitz, und ich wollte aufſpringen. Doch ich war wie gelähmt an allen Gliedern. Ich wollte den Degen ergreifen, konnte aber nicht meine Hand ausſtrecken; ich wollte„Fritz“ rufen, aber die Zunge verſagte mir den Dienſt. Indeß brummten die Bären noch lauter wie zuvor und gingen um die Hausecke. Jetzt kommen ſie in's Haus! dachte ich, jetzt ſind ſie an der Stubenthür, ihre Wuth nimmt zu, wir ſind verloren, die Verſchanzungen wer⸗ den ſie nicht hemmen und dann—— In dieſem Augenblick entſtand ein furcht⸗ bares Getöſe an der Thüre, und die hochthro⸗ nenden Stühle ſammt dem Tiſch ſtürzten mir und meinem Gefährten auf's Geſicht. Nun erhob ich mich und rief:„Fritz! Fritz! Bären!“— ich reib mir die Augen: iſt es ein Traum?— Nein, ich ſehe mit klaren Augen die Barrikaden herabgeſtürzt, ich fühle an meiner Stirn den Schmerz der gewaltigen Beule, und meinem Gefährten, der auch auf dieſe unſanfte Weiſe ſofort erweckt iſt, blutet ſehr ſtark die Naſe. Wir ſprangen mit gleichen Beinen aus dem Bette— die roſenfingrige Eos küßte bereits den Horizont— ergriffen die Degen und eilten zur Thüre, des Kampfes ge⸗ wärtig.— Die Koffer hielten noch Stand, durch Eiſen⸗ und Kupfererze aus Danemoran und Falun noch mehr beſchwert. Es war drau⸗ ßen ganz ſtill. Sollten ſie ohne Kampf, ohne Beute ſich entfernt haben? Wir guck⸗ ten durch die Thürſpalte, aber nichts war zu ſehen, kein Brummen mehr zu hören. Schnell kleideten wir uns vollſtändig an—„im Schmuck nur reißt Apoll mich hin!“— und ſehen zum Fenſter hinaus. Alles ſtill. Der Strom rauſcht, der Sturm pfeift, aber kein Bär läßt ſich ſehen, kein Gebrumm ſich hören. In Eile erzähle ich meinem Gefährten, was ich, halb wachend, halb ſchlafend geſehen und gehört, und glaube nun wohl ſelbſt an die Möglichkeit, einen ſchweren Traum gehabt zu haben. Allein die Kataſtrophe lag uns ja vor Au⸗ gen, die geſtürzten Barrikaden, meine ſtark er⸗ höhte Stirn, ſeine blutende Naſe. Und wenn es keine Bären geweſen, ſo waren es vielleicht räuberiſche Menſchen? Die Hütte ſchnell zu verlaſſen und käm⸗ pfend mit Bären oder Räubern uns eiligſt nach den andern Wohnungen des Dorfes zurückzu⸗ ziehen, war nunmehr unſer Entſchluß. Aber doch hielten wir es aus ſtrategiſchen Gründen für zweckgemäß, mit den gezückten Degen erſt die Hausflur zu durchforſchen, und, wenn wir hier nichts Verdächtiges fänden, um die Hütte herum zu gehen, und dann, mit Zurücklaſſung unſers ſchweren Gepäcks, durch einen Flanken⸗ marſch nach dem nächſten Häuschen den Fein⸗ den zuvorzukommen. So gedacht, ſo geſchehen. Wir traten langſam und vorſichtig, über⸗ all unſre ſpähenden Blicke hinlenkend, mit blan⸗ ken Klingen den Rückzug aus dieſer furchtbaren Einöde an und hatten noch nicht die Hälfte des Wegs erreicht, als der Wirth bewaffnet und in Begleitung von zwei Knechten, uns entge⸗ gen kam. „Jetzt gilt es!“ ſagten wir;„nun wiſſen wir, mit wem wir's zu thun haben! So leicht ſoll es ihnen nicht werden! Allein des Wirths freund⸗ licher Morgengruß ſchon von weitem, ſein Entgegenruf:„Was gibt es?“ und ſein ganzes Weſen überzeugte uns bald, daß er nicht in feindlicher Abſicht herankomme. Wir reichten einander die Hände, und das Räthſel des Barrikadenſturzes löſte ſich auf die einfachſte Weiſe. Sein kleines Söhnchen, das uns ſehr früh wecken ſollte, hatte unſre Stu⸗ benthür in Haſt öffnen wollen, dabei waren Tiſch und Stühle heruntergeſtürzt, und theils dieß unerwartete, ihm unerklärliche Getöſe, theils unſer Schrei bei dem Schreck und beſon⸗ ders mein donnernder Ruf:„Fritz! Bären! Bären!“ hatte den goldgelockten Knaben ſo ſehr in Erſtaunen und Furcht geſetzt, daß er ſprachlos nach Hauſe gelaufen und nicht im Stande geweſen war, dem Vater das Vorge⸗ fallene zu erzählen. Daher hatte dieſer, in Be⸗ ſorgniß, daß uns irgend etwas zugeſtoßen ſein könne, ſich ſogleich in Gemeinſchaft zweier Knechte aufgemacht, um zu uns zu kommen. Wir waren alle herzlich froh über dieſe Kataſtrophe, die uns nun veranlaßte, auf ein paar Stündchen unſre Abfahrt noch aufzuſchie⸗ ben, an dem lieblichen Bilde der idylliſchen Häuslichkeit unſers Wirthes uns noch unter angenehmen Plaudereien zu ergötzen und über unſre fata morgana herzlich zu lachen. —.:— — nͤnnnn- 277 Abenteuer auf einer Keiſe in's Innere Afrika's.*) Von der engliſchen Regierung war nach Ritchies Tode eine zweite Expedition in das Innere Afrika's beſchloſſen worden. Der Paſcha von Tripolis verhieß ſicheres Geleit auf dem Wege durch die Sahara, die Regierung ſcheute keine Koſten und hatte, was für das glückliche Gelingen den Ausſchlag gab, die geeigneten Leute getroffen. Das Haupt der Reiſegeſell⸗ ſchaft war ein Naturforſcher Dr. Walter Oudney, deſſen Geſundheit ſich allerdings nicht kräftig genug erwies, den Gefahren des tropiſchen Klima's zu trotzen. Glücklicher aber waren ſeine beiden Reiſegefährten, der Major Dixon Denham und der Lieutenant Hugh Clapperton.— Der Weg nach Murzuk ging durch öde, waſſerarme Gegenden. Es überfiel ſie einer jener furchtbaren Sandſtürme, welche das Reiſen in der Wüſte ſo gefährlich machen. Der feine Sand wurde in ſolchen Maſſen em⸗ porgehoben, daß man kaum einige Schritte weit ſehen konnte; die Sonne war ganz verfin⸗ ſtert, ein drückendes Gefühl beengte die Bruſt, dazu geſellte ſich ein brennender, nicht zu lö⸗ ſchender Durſt. Die Reiſenden verloren ein⸗ ander aus dem Geſichte, die Pferde ließen die Zunge ſchlaff aus dem Maule hängen und wollten nicht vorwärts. Endlich ſprang der Wind nach Oſten um, die Luſt wurde heller, und nachdem ſie noch bis fünf Uhr weiter ge⸗ ritten waren, wurde unter dem Schutze einiger Hügel ein Lager aufgeſchlagen. In der Nacht riß der Wind die Zeltpflöcke mehrere Male um, und am Morgen lag der Sand zolldick auf den Decken der Reiſenden. Am 8. April gegen Mittag war Murzuk, das nächſte Ziel der Reiſe, erreicht. Der Empfang bei dem Sultan Muſtapha war artig, doch war er nicht geneigt, das ge⸗ hoffte Geleite durch die Wüſte nach Bornu zu gewähren; dafür machten die Reiſenden eine wichtige Bekanntſchaft, die des Kaufmanns Bu Khalum von Murzuk, durch deſſen Rath und Hilfe ſie aus ihrer Verlegenheit erlöſt wer⸗ den ſollten. Die Karavane, welche aus 13 Perſonen mit einem Geleite von mehr als 200 wohlbe⸗ waffneten Arabern beſtand, nahm ihren Weg ſüdwärts auf der gewohnten Straße, die durch die Wüſte der Tibbo nach dem Reiche Bornu führte. Von Tedjerri aus mußten die Reiſenden volle acht Tage reiſen, bis ſie wieder Waſſer fanden. Der Weg führte durch eine vollkom⸗ men dürre und vegetationsleere Wüſte, und ſeine Schrecken und das Bild der hier drohen⸗ den Gefahr wurden verſtärkt durch die vielen menſchlichen Gerippe, die überall am Wege la⸗ gen. An einem Tage zählte man ihrer hundert und ſieben, von denen die meiſten wohl von *) Siehe Buchſchau. — — —ͤhͤöͤö—ö—ͤ—— 278 der vorjährigen Sklavenjagd des Sultans von Fezzan in Bornu herrührten, deſſen Transport dieſen Weg genommen hatte. Aber was für die Europäer ein Gegenſtand des Grauſens war, gab den Arabern nur Anlaß zu rohen Scherzen. Am 25. Jan, begegneten ihnen in der Wüſte Tintuma zwei Couriere, welche von Bornu nach Murzuk auf Meheris oder hohen Reitka⸗ meelen ritten und auf ihren trefflichen Thie⸗ ren in einer Stunde faſt anderthalb Meilen zu rücklegten. Ihr ganzes Gepäck iſt ein Sack mit gedörrtem Getreide, zwei Schläuche mit Waſſer, ein kleines kupfernes Gefäß und eine hölzerne Schale, ſelten ein paar Streifen gedörrtes Fleiſch, das ſie dann roh eſſen. Wenn ſie ko⸗ chen, ſo brauchen ſie als Feuerung den gedörr ten Kameelmiſt aus einem unter dem Schwanz der Thiere aufgehängten Beutel. Endlich nach langer Wanderung erblickten unſere europäiſchen Reiſenden zu ihrer un⸗ nennbaren Freude den weitausgedehnten Tſad⸗ ſee, der in majeſtätiſcher Ruhe, in den Strah len der Sonne glühend, kaum eine halbe Stunde entferut vor ihnen lag. Die Gefahren und Leiden der langen Wüſtenfahrt waren raſch vergeſſen, und ihnen ſchlug das Herz, indem ſie bedachten, zu welchen Schickſalen und Ent⸗ deckungen dieſer große von ihnen zuerſt auf⸗ geſundene See der Schlüſſel ſein möchte. Am 17. Februar zog die Karavane zu der Reſidenz des Bornuherrſchers— die Europäer noch völlig ungewiß, von welcher Art Herrſcher und Reich ſei, und ob ſie den Regenten an der Spitze von Tauſenden wohlgerüſteter Krieger oder unter einem Baume zwiſchen nackten Scla ven ſitzend finden würden. Aber bald wurde ihnen Gewißheit. Auf's Schönſte geſchmückt, um ihrerſeits den nöthigen Eindruck nicht zu verfehlen, ritten Bu Khalum und ſeine Araber vorwärts, als plötzlich der Wald ſich lichtete und ſie in kriegeriſchem Pomp und von muſterhafter Ordnung eine lange Reihe bewaffneter Reiter von ſtattlicher Hal⸗ tung vor ſich aufgeſtellt ſahen. Es waren meh⸗ rere Tauſende, einige Offiziere ritten vor der Fronte auf und ab und gaben Befehle. Mit lautem Geſchrei und dem rauſchenden Klange ihrer Inſtrumente begrüßte das Heer die nordiſchen Fremden, dann löſten ſich von bei⸗ den Flügeln und aus der Mitte drei kleine Ab⸗ theilungen los und ſprengten bis dicht an die Karavane heran, während die ganze Linie ſich in Bewegung ſetzte und die Flügel in der ſchärfſten und genaueſten Schwenkung von bei den Seiten herannahten. Mit lautem Zuruf und Gruß ſprengten die erſten Reiterhaufen um die Araber herum, wild ihre Speere ſchwin⸗ gend, bis die Hauptſchaar Alle völlig eingeſchloſ⸗ ſen hatte und die langen Lanzen über den Häup tern der Fremden zuſammenkl irrten. Es war ein freundlicher aber zugleich bedeutſamer Em pfang, den Barka Gana, der erſte General des Scheichs, veranſtaltet hatte. Er ſelbſt, der Führer der kriegeriſchen Schaar, eine edle Ge⸗ ſtalt mit einer bunten ſeidenen Tobe bekleidet, ſprengte auf einem ſchönen Mandararoſſe zu Bu Khalum heran, ehrerbietig wich die Menge zurück, und der Zug, ging langſam vor⸗ wärts gegen Kuka hin. Die Neger des Scheichs, ſo hieß der glänzende Reitertrupp, trugen Pan⸗ zerhemden von eiſernen Ketten, welche ſie vom Halſe bis zu den Knien ſchützten und hinten of⸗ fen waren, die meiſten hatten Turbane, manche auch Helme; die Köpfe der Pferde waren mit Eiſenblech unepanzert, die Lanzen zehn Fuß lang mit drei Fuß langen Eiſenſpitzen. Am Stadtthore angelangt banen die Rei⸗ ter außer den Europäern nur Bu F dhalu m und zwölf Araber ein; dieſe ritten durch eine breite Straße! bis zur Thüre des Scheichs, zwi⸗ ſchen einem Spalier von drei Linien Reiterei hindurch, hinter denen Lanzenträger zu Fuß die Straße füllten. Aus dem Thore des Palaſtes ſprengten ein paar hohe Offiziere hervor, riefen laut aus:„Barka! Barka!(Heil, Heil!) und ritten dann zurück. Nun wurde Bu Kha⸗ lum eingelaſſen; eine halbe Stunde nach ihm rief Barka Gana„die vier Engländer.“ Sie wurden einzeln die Treppe hinaufgeführt, vor der Thüre des Audienzzimmers durch ge⸗ kreuzte Speere ihnen Halt geboten, dann kam Bu Khalum und hieß ſie eintreten zu dem „Scheich der Speere.“ In einem kleinen Zim⸗ mer auf einem Teppiche ſaß der Scheich da, in eine blaue Sudantobe gekleidet und das Haupt mit einem Turban bedeckt. An jeder Seite ſtan⸗ den zwei Neger mit Piſtolen im Gürtel, auch auf dem Teppiche lagen Piſtol en, 3 den Wänden hingen Flinten. Der Scheich el Kanemi, der mächtiger als der Sultan ſelbſt über das Reich Bornu herrſchte, war von einnehmendem Aeu⸗ ßern, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, und hatte ein ausdrucksvolles Geſicht. Mit wohlwol⸗ lendem Lächeln fragte er ſie, nachdem er den Brief des Paſcha geleſen, weßhalb ſie in dieſes Reich gekommen ſeien. Oudney gab zur Ant⸗ wort, ſie wünſchten das Land zu ſehen und Nachricht über ſeine Bewohner und Erzeugniſſe einzuziehen, da der Sultan von England alle Länder der Erde kennen lernen wolle.„Ihr ſeid willkommen,“ verſetzte er,„wir wollen Euch gerne Alles ſehen laſſen; jetzt aber geht in die Hütten, die ich für Euch habe bauen laſſen, und wenn ihr Euch von der langen Reiſe erholt habt, mögt Ihr mich wieder beſuchen.“ Die Reiſenden wurden freundlich entlaſſen, und nichts fehlte an der reichlichſten Bewirth ung der ganzen Geſellſchafft. Außer den Ochſen, ſo viele ſie deren bedurften, den Kameelladungen von Weizen und Reis, Lederſchläuchen voll But⸗ ter, Schüſſeln mit friſchem Honig, welche der Scheich ihnen bringen ließ u. dgl., erhielten ſie jeden Morgen und Abend ſechs große Schüſ⸗ ſeln mit gekochtem Fleiſch, Reis und einen fet tigen Teig von Gerſtenmehl, auch wiederholte Kameelladungen ſchmackhafter Fiſche. Aonge in Kuka zu verweilen lag nicht in der Abſicht der Reiſenden, doch ſchien der Scheich nicht geneigt, ihnen beliebige Ausflüge in 8Land zu geſtatten, jedenfalls hielt er Vorſicht für nöthig und die Vogelbälge und die getrock⸗ neten Pflanzen nicht für den wahren Zweck ihrer Reiſe. Dazu waren kriegeriſche Zeiten. Die Begharmi, welche im Südoſten des Sees wohn⸗ ten, rückten wieder mit einem Heere in das Feld, und von Tag zu Tag erwartete man ihren Angriff. Der Sultan von Bornu reſidirte in Birni, umgeben von dem abgeſchmackten Pomp ſeiner vermeintlichen Hoheit. Er hieß der König des Landes, aber thatſächlich war es el Kanemi, welcher durch glückliche Feldzüge zu wiederholten Malen das Reich vom Üntergange gerettet hatte Dem erbärmlichen Schattenkönig dieſes zu neuer Kraft ſich erhebenden Reiches galt der Beſuch Bu Khalums und der Engländer. Jener nahm Geſchenke mit von verhältnißmä⸗ ßig hohem Werthe, dieſe, aus Mißverſtändniß, kamen mit leeren Händen. An der Thüre des königlichen Palaſtes, welcher aus Lehm gebaut war, wurden ſie von einem Kammerherrn em⸗ pfangen, der acht bis zehn Toben oder Hem⸗ den von verſchiedener Farbe trug, eines über dem anderen, das äußerſte war von weißer Seide aus dem Sudan; in der Hand hielt er einen ungeheuren Stock, wie ein Tambourma⸗ jor, und auf dem Kopfe wackelte ein rieſiger Turban. Nach den erſten Begrüßungen wurde den Fremden geſtattet, ſich's bequem zu machen, und die reichliche Mahlzeit aus des Sultans Küche beförderte dieß nicht wenig. Siebenzig Schüſſeln mit Speiſe, jede groß genug für ſechs Perſonen, wurden herbeigeſchafft, dazu waren zwei Sklaven mit lebendigem Geflügel bepackt für den Fall, daß den Engländern die anderen Speiſen nicht munden ſollten. Anderen Tages ging es zur Audienz, die im Freien von dem Palaſte ertheilt wurde. Im Hintergrunde ſaß der Sultan, und um ihn herum gruppirten ſich ſeine Hofleute, Alle im höchſten Staate— aber in einem ſo lächerli⸗ chen Aufzuge, mit ſo abgeſchmackten Manieren, daß man alle Höfe der Welt vergebens durch⸗ muſtern würde, um Aehnliches zu finden. Der Thron des Sultans Ibrahim war ein Näſig von Rohr, hinter deſſen Stäben ſeine Maje⸗ ſtät auf ſeidenen Polſtern kauerte. Auf dem Haupte trug er einen Turban,— oder viel⸗ mehr neben dem Haupte, denn die Eiikette verlangt, daß der Turban ſchief aufgeſetzt wird, — gegen welchen der des Hofherrn vom vorigen Tage ein winziges Käppchen war. Wiewohl die Fremden ſich auf einen Piſtolenſchuß nähern durften, ſo konnten ſie doch vom Geſichte des Sultans nur wenig ſehen, das unten bis an die Naſe in einem Tuche ſteckte und oben im Turban verſchwand. Zur Linken, dem Sultan gegen⸗ über, ſtand ein Deklamator, welcher unauf⸗ hörlich in langen Phraſen das Lob des Herr⸗ ſchers und ſeines Stammes pries, und neben ihm ein Neger mit einem Frumfrum, der höl⸗ zernen Poſaune des königlichen Hofſtaates, der in den Pauſen herzzerreißende Poſaunenſtöße —vn—,—, 2S. —— o 70.— —-W——.+ ————— zur Ehre des Gebieters hevorbrachte. Indeß ſchaute der Sultan, beiläufig geſagt ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, gravitätiſch auf ſeinen Hofſtaat hin, der ſich in einem Halb⸗ kreiſe auf dem Boden niedergelaſſen hatte; nur öffnete ſich der Halbkreis nach der verkehrten Seite, und alle Herren vom Hofe wandten— denn ſo will es die alte Sitte des Hofes von Bornu— dem erlauchten Gebieter den Rücken. Alle aber waren ſo dickbäuchig und dickköpfig, wie der Kammerherr, ſei es von Natur, oder aber mit Hilfe zahlreicher Hemden und reichlicher Wattirung— Alles nach den Forderungen der Hofſitte— und die ganze ausgeſtopfte Ver⸗ ſammlung war ſich ihrer Würde wohl bewußt. In einiger Entfernung ſtand die mit Keulen, Bogen und Pfeilen und Dolchen bewaffnete Leibwache in blauen Toben. Die Vorſtellung war ſchnell beendet; ein Hofbeamter kam heran, um Bu Khalums Geſchenke in Empfang zu nehmen, wickelte dieſelben in einen Shawl und legte ſie uneröffnet vor den Sultan hin, und hierauf wurden die Reiſenden entlaſſen. Ein Ausflug nach dem Scharyfluſſe, ſo ſehr die Engländer ihn wünſchten, ſchien nicht zu Stande zu kommen. Aber auch das Befinden des Dr. Oudney würde keine Reiſe geſtattet haben, denn ſein Bruſtleiden machte ihn mit je⸗ dem Tage kränker. Indeß wußte der Scheich die Freundſchaft der Engländer für ſeine Zwecke ſehr wohl zu benutzen; Hillman mußte ihm Kiſten und Sänften zimmern und wurde dafür reichlich beſchenkt, Clapperton ließ Raketen aufſteigen, um den anweſenden Schua eine heil⸗ ſame Furcht vor dem Scheich und ſeinen Ver⸗ bündeten einzuflößen, und Denham gelang es, den Argwohn bei den abergläubiſchen Großen und auch bei dem Scheich in ſtaunende Bewun⸗ derung und endlich in Freundſchaft umzuſtim⸗ men, und zwar mit Hilfe ſeiner Spieldoſe. Der Scheich hatte von letzterer gehört und brannte vor Verlangen, das wundervolle Käſt⸗ chen ſelbſt zu ſehen und zu hören. Als Den⸗ ham es vorzeigte und ertönen ließ, fragte el Kanemi mit großem Intereſſe nach der Ein⸗ richtung und brach aus in den Ausruf:„Wun⸗ derbar, ganz wunderbar!“ Als aber die Uhr den Schweizer Kuhreigen ſpielte, wurde er ſtill, hielt die Hände vor das Geſicht und lauſchte, und als ein Anweſender vor Ent⸗ zücken aufſchrie, verſetze er demſelben einen ſol⸗ chen Streich, daß Alle zitterten. Endlich fragte er:„Würde eine doppelt ſo große Uhr nicht auch um ſo viel ſchöner ſingen?“„Ja,“ verſetzte Denham,„aber auch das Doppelte koſten.“„Wahrlich,“ ſagte der Scheich,„ſo etwas für tauſend Dollar zu kaufen wäre wohl⸗ feill Denham wiederholte täglich die Beſuche mit ſeiner Uhr, er war jedesmal willkom⸗ men, und als er endlich dem Scheich dieſelbe zum Geſchenk anbot, war dieſer ganz für ihn gewonnen.— Da der Sultan von Mandara ſich oft ſei⸗ nerſeits verſucht fühlte, die Gelegenheit zu feind⸗ lichen Reibungen abſichtlich herbeizuführen, ſo waren die raubluſtigen Araber durch den Scheich von Bornu an dieſen Sultan mit ihren Wünſchen gewieſen worden. Allerdings wurden ihrem Führer Bu Khalum zweitauſend bornueſiche Lanzenreiter beigegeben, aber unter dem Befehle des Kaſchella oder Generals Barka Gana, welcher ſeine eigenen Aufträge vom Scheich erhalten hatte. So unbezwinglich war einerſeits die Wiß⸗ begierde Denhams und ſein Verlangen nach dem Süden vorzudringen, andrerſeits ſeine Luſt zu Abenteuern und ſeine Begierde, den Aus⸗ gang dieſer Sklavenjagd anzuſehen, daß er ohne Vorwiſſen Oudneys und ohne die Bewilli⸗ gung des Scheichs am 15. April ſchon kurz nach Mitternacht heimlich mit ſeinem Neger Barka aufbrach, um irgendwie mit Bu Khalum zuſammenzutreffen. Als er nach Angornu ritt, unter dem Vorwande, dort einen Kaufmann zu beſuchen, den er in Murzuk kennen gelernt hatte, ſtieß unterwegs wie zufällig zu ſeiner Verwun⸗ derung der Fellatah Marami zu ihm, ſein Gefährte auf der Jagd am See, welcher ſeit⸗ dem ſich merklich an ihn angeſchloſſen hatte. In Jeddi, wo Denham und ſeine Ge⸗ fährten während der heißen Stunden raſteten, erwies ſich der Kaid ſehr zuvorkommend. Er ſchickte ſüße Milch zur Erfriſchung, und als Denham ihn bat, die Haufen neugieriger Ne⸗ ger zu entfernen, welche ſich bis in die Thüre der Hütte drängten, mit dem Zuſatze:„Es ſind lauter Männer, habt Ihr denn keine Frauen? — verſprach der Kaid zugleich auch deren Be⸗ ſuch. Er ſetzte ſich mit Marami vor die Thüre, um nicht zu viele auf einmal einzulaſſen, und nun empfing Denham in ſeinem Zelte nach und nach gegen hundert Frauen aus der Stadt, je drei oder vier zugleich. Statt jeder anderen Unterhaltung hielt er ihnen einen Spiegel vor und ergötzte ſich nun an ihrer Ver⸗ wunderung. Sie konnten nicht ſatt werden ſich ſelbſt zu betrachten, ſchrieen vor Freude, und eine, die mit ihrem Kinde kam, vergoß Freu⸗ denthränen, als ſie das Kleine im Spiegel ſah. Um vier Uhr Nachmittags ritten ſie weiter und kamen gegen Abend zum Lager. Barka Gana empfing Denham ſehr höflich in ſei⸗ nem Zelte und verſprach, daß er, wenn es Got⸗ tes Wille wäre, keinen Schaden leiden ſollte. Schon vor Sonnenaufgang waren die Zelte abgebrochen und Alle auf dem Marſche nach Mandara. Die Umgegend war ſtark bewaldet und die Waldung ſo dicht verwachſen, daß für Barka Gana, der nebſt Denham und eini⸗ gen Dienern dem Zuge voraus ritt, durch zwölf mit zackigen Lanzen bewehrte Neger förmlich ein Weg gebahnt werden mußte. Es war äu⸗ ßerſt unterhaltend, dieſe Leute zu beobachten, die mit merkwürdigem Geſchick im raſcheſten Gehen die Zweige zurückbogen und feſthielten und dabei unaufhörlich riefen und ſangen.„Da ſind Löcher! Weicht den Zweigen aus! Hier der Weg! Gebt Acht auf den Tullo! Seine Zweige ſind wie Speere! Schlimmer als Speere! Zur Seite die Zweige!“„Für wen?“„Für 279 Barka Gana!“„In der Schlacht wer gleicht dem rollenden Donner?“„Barka Gana!“ „Hin nach Mandara, hin wider die Heiden! Hin zum Gefecht der Speere! Wer iſt's, der uns führt?“„Barka Gana!“„Hier iſt das Thal, kein Waſſer darin!“„Gelobt ſei Allah!“ „Im Kampfe, wer ſchnaubt Wuth, wie der Büffel?“„Barka Gana!“ Nach mancherlei Drangſal gelangte der Zug nach Mora; der Sultan daſelbſt erwies ſich wohlwollend. Eines Morgens verſuchte Denham zu zeichnen. Sobald man das bemerkte, wurde er mit ſeinem ganzen Zeichenapparate zum Sultan geführt. Es erregte große Verwunderung, daß ſeine Pinſel— die Bleiſtifte— ohne Tinte ſchrieben, und noch größer war das Staunen, daß die Striche durch Gummi verſchwanden. Malem Chadili, ein fanatiſcher Moslem, war zugegen, betrug ſich gegen Denham ſehr artig und ſuchte die Anweſenden über ihn und ſein Land zu belehren, was dieſe mit andachts⸗ vollem:„Ju⸗u⸗u⸗h!“(Wunderbar!) anhörten; dann ſchrieb er einige Worte, wiſchte ſie wieder aus, und ſchrieb endlich, indem er den Bleiſtift tief eindrückte, die Worte:„Bism illah arach⸗ mani aracheme!“(Im Namen Gottes, des Großen und Barmherzigen!) mit großen Ko⸗ ranbuchſtaben hin, ſo daß die Schrift auch nach dem Reiben mit Gummi ſichtbar blieb.„Ganz geht das nicht aus,“ ſagte Denham; der Mos⸗ lem aber, ſich hochaufrichtend, ſagte mit Nach⸗ druck:„Nein, nein, das ſind Worte Gottes, die er unſerem Propheten eingegeben hat, die ver⸗ gehen nicht!“ Mit Enthuſiasmus erkannten der Sultan und alle Anweſenden das Wunder, ſie riefen:„Ju⸗u⸗u⸗h! La ilah ill Allah! Mu⸗ hamed raſſul Allah!“(Nur Gott iſt Gott, Muhamed iſt Gottes Prophet!) und Den⸗ ham, dem es ſehr unbehaglich wurde, war froh, als er die Erlaubniß erhielt, ſich zurück⸗ zuziehen. Die Feinde, welche der Sultan im Einver⸗ ſtändniß mit Barka Gana und dem Scheich von Bornu ausgewählt hatte, um die Araber für ihre Prahlereien zu züchtigen und ſie Pfeile und Bogen der Neger etwas mehr achten zu lehren, waren die Fellatah, welche von Weſten her bis in die Mandaragebirge vorgedrungen waren. Um dieſe Feinde in ihren Wohnplätzen zu überfallen, zogen die Araber, von Barka Gana und ſeiner ſtattlichen Reiterſchaar be⸗ gleitet, am 25. April von Mora ab. Glänzend und prachtvoll war der Zug des Sultans von Mandara. Die Stadt Musfia, auf die zunächſt der Angriff gerichtet war, erwies ſich durch ihre erhöhte Lage zwiſchen zwei Hügeln auf's Beſte geſchützt. Nach der Seite der Angreifer war ſie gedeckt durch ein trockenes Flußbett, daneben war ein Moraſt und endlich nach dem Walde zu eine tiefe Schlucht, durch welche nur we⸗ nige Reiter zur Zeit hindurch konnten. Von einem Hügel zum anderen hatten die Fellatah 2 1 ————õ;———-———y———————— 280 einen ſtarken Zaun von zugeſpitzten Pfählen gezogen, welche ſechs Fuß hoch und durch le⸗ derne Riemen kreuzweis verbunden waren. Hinter denſelben ſtanden die Bogenſchützen der Fellatah, und unter dem Schutze der Hügel ihre Reiter. Den Verlauf des Gefechtes und Den⸗ hams Lebensgefahr und an's Unglaubliche grenzende Rettung laſſen wir ihn ſelbſt er⸗ zählen. „Trotz der feſten Stellung der Feinde ſtürmten die Araber mit großer Tapferkeit vor⸗ wärts, ohne alle Hilfe oder Mitwirkung der Truppen von Bornu und Mandara; und un⸗ geachtet der aus der Verzäunung hageldicht her⸗ anſauſenden zum Theil vergifteten Pfeile hatte Bu Khalum mit ſeiner Handvoll Araber in einer halben Stunde die Feinde geworfen und trieb ſie, unaufhaltſam vorrückend, an den Berghöhen hinauf. Auch die Fellatahweiber waren immer zur Hand; während des Geſech⸗ tes verſahen ſie ihre Beſchützer mit neuen Pfei⸗ len, und als ſich die letzteren, ſtets auf ihre Ver⸗ folger ſchießend, auf die Höhen zurückzogen, deckten ihnen die Weiber den Rücken, indem ſie dicke Felsblöcke, die zu dem Zwecke vorher los⸗ gebrochen waren, niederrollen ließen. Hier⸗ durch wurden verſchiedene Araber getödtet, an⸗ dere verwundet. Jetzt rückte Barka Gana mit ungefähr hundert Lanzenträgern nach, un⸗ ter deren Stichen zuerſt fünfzig der Unglückli⸗ chen ſtarben, welche verwundet bei den Pfählen zurückgeblieben waren. Dann drang er vor⸗ wärts bis in die Stadt hinein; ich ritt dicht neben ihm und war Augenzeuge eines verzwei⸗ felten Gemetzels zwiſchen Barka Gana's Leuten und einem kleinen Trupp der Fellatah. Die letzteren warfen ihre Speere mit wunder⸗ barem Geſchick; drei Neger nach einander ſah ich durchbohrt niederſinken, welche abſtiegen, um die Stadt in Brand zu ſtecken. Barka Gana, deſſen gewaltiger Arm hier ſeine Rieſenkraft bewies, warf acht Speere, deren jeder traf, einige auf fünfzig Schritte weit. Wären jetzt die Mandaratruppen oder die des Scheichs kühn nachgerückt, ſo hätten ſie die Stadt und die Höhen über derſelben ſicher ge⸗ nommen; ſtatt deſſen aber hielten ſie ſich auf der Nordſeite des Wadi außer Schußweite. Als die Fellatah dieſe Läſſigkeit erkannten, griffen ſie ihrerſeits an; die Pfeile flogen ſo dicht, daß die Araber nicht mehr Stand halten konn⸗ ten und zu weichen begannen. Jetzt kamen die Fellatahreiter auch heran; und wäre nicht die kleine Schaar Barka Gana'’s und Bu Kha⸗ lum mit ein paar arabiſchen Reitern muthig auf ſie eingedrungen, es hätte Keiner von uns den nächſten Tag erlebt; auch ſo noch gab es ſchweren Verluſt. Dem Barka Gana wur⸗ den drei Pferde unter dem Leibe verwundet, von denen zwei durch die vergifteten Pfeile auf der Stelle todt blieben; von gleichen Geſchoſſen wurde auch Bu Khalums Pferd und der arme Bu Khalum ſelbſt tödtlich verwundet. Mein Pferd erhielt einen Schuß in den Hals, dicht an der Schulter, und einen in den Hin⸗ terſchenkel; ein Pfeil ſtreifte mein Geſicht, daß es blutete, zwei blieben in meinem Burnus ſtecken. Die Araber hatten gewaltig gelitten, die meiſten hatten zwei oder drei Wunden, einer ſtürzte neben mir, dem allein im Kopfe fünf Pfeile ſteckten; zwei von Bu Khalums Sklaven ſanken gleichfalls neben ihrem Gebie⸗ ter todt zu Boden. Nicht ſo bald hatten die Truppen von Mandara und Bornn die Niederlage der Ara⸗ ber wahrgenommen, als ſie alleſammt auf die ſchmählichſte Weiſe Reißaus nahmen, ohne auch nur einmal den Pfeilen der Feinde ausgeſetzt geweſen zu ſein. In der äußerſten Verwirrung flohen ſie, an ihrer Spitze der Sultan von Mandara, der ſich darauf gefaßt gemacht hatte, im günſtigſten Falle bei der Plünderung tüch⸗ tig mit zuzugreifen, bei einer Niederlage der Araber aber geſchwind das Feld zu räumen. Erſt jetzt, da ich Barka Gana auf einem friſchen Pferde ſah, bedauerte ich es, mich thö⸗ richterweiſe ſo ganz unvorbereitet jedem Unge⸗ fähr preisgegeben zu haben. Rührte eine der Wunden meines Pferdes von einem giftigen Pfeile her, ſo war ich unrettbar verloren; aber da war wenige Zeit zum Ueberlegen. Auf ha⸗ ſtiger Flucht, in der größten Unordnung, ſtürz⸗ ten wir Alle dem Gehölze zu, das wir wenige Stunden zuvor wohl geordnet und in ganz an⸗ derer Stimmung durchzogen hatten. An der Schlucht gerieth Alles in Verwirrung, mehr als hundert Bornueſen wurden von den Fellatah erſtochen, ich kam glücklich hindurch, befand mich aber nun eine Strecke weit weſtlich von Barka Gana. In raſchem Galopp folgte ich einem von des Sultans Eunuchen, welcher ſich häu⸗ fig umſah und in deſſen Zügen ſich die gräß⸗ lichſte Angſt malte; da erſcholl hinter uns das wilde Geſchrei der verfolgenden Fellatah, das uns beide zu doppelter Eile antrieb. Aber mein heftiges Anſpornen ſchwächte mein Pferd, wel⸗ ches ſchon einen Pfeilſchuß im Schulterblatte hatte; jetzt kamen wir auf unebenen Boden, es ſtolperte und ſtürzte. Ehe ich mich aufraffen konnte, waren die Fellatah neben mir. Ich faßte raſch den Zügel, riß eine Piſtole aus dem Half⸗ ter und ſtreckte ſie zweien der wilden Angreifer entgegen, welche mit ihren Speeren auf mich eindrangen; ſie wichen zwar zurück, aber ein anderer rückte noch dreiſter heran, eben als ich wieder aufſitzen wollte, und meine Ladung traf ihn in die linke Schulter. Raſch, den Fuß kaum im Steigbügel, ſetzte ich meine Flucht fort; aber kaum einige hundert Schritte weiter ſtürzte mein Pferd zum zweitenmale, ich wurde weit weg an einen Baum geſchleudert, mein Pferd, durch die der Verfolger ſcheu gemacht, lief da⸗ von und ich blieb ſtehen, zu Fuß und unbewaff⸗ net. Auch der Eunuche und ſeine vier Beglei⸗ ter wurden hier eingeholt; ſie verſuchten Wi⸗ derſtand zu leiſten, aber vergeblich. Wenige Schritte von mir wurden ſie niedergemetzelt und nackt ausgezogen. Ihr Geſchrei war gräß⸗ lich; die Empfindungen jenes Augenblickes ſind mir noch friſch in der Erinnerung, ich hatte kaum die geringſte Hoffnung mehr, mich zu retten. Schnell war ich umringt, und ebenſo ſchnell, da ich unbewaffnet und zu jedem Wi⸗ derſtande unfähig war, meiner Kleider beraubt. Da, während die Plünderer um die Beute zankten, fuhr mir wie ein Blitz der Gedanke durch die Seele, die Flucht zu wagen. Ohne einen Augenblick zu zaudern, ſchlüpfte ich unter dem nächſten Pferde hindurch und lief aus Lei⸗ beskräften in den dickſten Wald. Zwei der Fel⸗ latah verfolgten mich, ich hielt mich oſtwärts, da ich in dieſer Richtung unſere Flüchtlinge finden mußte, wiewohl ich Freunden und Feinden gleich wenig traute. Die Verfolger kamen mir ſchon nahe, denn das ſtachlichte Unterholz hielt mich auf und zerfleiſchte meine faſt nackten Glieder; da entdeckte ich zu meinem namenloſen Ent⸗ zücken in einer tiefen Schlucht einen reißen⸗ den Bergſtrom. Mit der letzten Kraft ergriff ich die Schößlinge eines dicken Baumſtum⸗ pfes, welcher an dem jähen Abhange ſtand, um mich in's Waſſer nieder zu laſſen; da, als die Zweige ſich unter der Laſt meines Körpers nie⸗ derſenkten, fuhr dicht neben meiner Hand aus ihrem Verſtecke eine ungeheure Liffa hervor, die gefährlichſte Schlange jener Gegend, eben im Begriff, auf mich loszuſchießen. Starr vor Entſetzen, einen Augenblick ganz außer Faſſung, ließ ich den Zweig aus der Hand ſchlüpfen und ſtürzte kopfüber hinab in das Waſſer. Aber dieſer Sturz belebte mich auf’s Neue, mit drei kräftigen Schlägen der Arme erreichte ich das andere Ufer, kletterte an demſelben hinauf und ſah mich erſt jetzt in Sicherheit vor meinen Verfolgern. Kaum hatte ich mir zu meiner Rettung Glück gewünſcht, als die verzweifelte Lage, in welcher ich mich befand, ohne irgend einen Fetzen, meine Blöße zu bedecken, mir ſchwer auf's Herz fiel. Ich war bei klarſtem Bewußt⸗ ſein und verkannte keine der Gefahren, denen ich ausgeſetzt war. Schon überlegte ich, wie ich die Nacht in dem Gipfel eines Tamarindenbau⸗ mes zubringen wollte, um vor den Panthern geſichert zu ſein, an denen es, wie ich geſtern erfahren hatte, hier nicht fehlte, als der Gedanke an die ebenſo zahlreichen und nicht minder ge⸗ fährlichen Liffas mich auf's Neue ſchaudern machte. Jetzt ſah ich durch die Bäume weiter im Oſten Reiter und wandte mich raſch dahin, un⸗ bekümmert, ob es Freunde oder Feinde waren; bald erkannte ich zu meiner unbeſchreiblichen Freude und mit dem Gefühle des lebhafteſten Dankes Barka Gana und Bu Khalum mit ungefähr ſechs Arabern, die ebenfalls durch einen Haufen Fellatah lebhaft verfolgt wurden. Die Flinten und Piſtolen der Araberſcheichs hielten die Feinde etwas in Schach und deckten den Rückzug des Fußvolks. Aus aller Macht rief ich ihnen zu, aber der Lärm und die Verwirrung, das Angſtgeſchrei derer, die unter den Speeren der Fellatah fielen, die Rufe der Araber, welche ſich ſammelten, und der Feinde, welche ſie ver⸗ folgten, würden jene Bemühung, ſie au 71 — mich aufmerkſam zu machen, vereitelt haben, hätte mich nicht Marami, der Neger des Scheichs, geſehen und von ferne erkannt. Mein zweites Entrinnen verdankte ich dieſem Ge⸗ treuen; er ritt zu mir heran, hob mich hinter ſich auf's Pferd, während die Pfeile uns um⸗ ſchwirrten, und wir ritten dem Nachtrabe zu, ſo raſch ſein verwundetes Pferd uns tragen konnte. Als wir eine halbe⸗Meile weiter gekom⸗ men waren und die zurückgelaſſene Beute die nachſetzenden Feinde etwas aufhielt und ablühlte, kam Bu Khalum zu mir herangeritten und befahl einem der Araber, mir einen Burnus über⸗ zuhängen. Es war die höchſte Zeit, denn ſchon hatten die brennenden Sonnenſtrahlen mir auf Hals und Rücken Blaſen gezogen, welche heftig ſchmerzten. Bald nachher gab unſer trefflicher Freund in Folge der Giftwunde am Fuße den Geiſt auf. Marami rief mich an:„Sieh, ſieh, Bu Khalum iſt todt!“ Ich wandte den Kopf herum, was ich vor Schmerz kaum vermochte, und ſah ihn vom Pferde herab in die Arme eines Arabers ſinken— er ſprach kein Wort mehr. Man ſagte, er ſei nur ohnmächtig, aber es war kein Waſſer da, ihn in's Leben zu⸗ rückzurufen, und als wir nach einer Stunde zu Makkarai ankamen, war alle Hilfe vergebens. Als Bu Khalum vom Pferde fiel, ließ mir Barka Gana durch einen Sklaven das Pferd bringen, von welchem er ſelbſt ſoeben abgeſtie⸗ gen war, das dritte, welches im Laufe des Ta⸗ ges unter ihm verwundet worden war; es hatte eine Wunde in der Bruſt. Marami rief: „Sidi Rais, ſteig' nicht auf! Es wird ſter⸗ ben!“ Raſch entſchloß ich mich, denn auf augen⸗ blicklichen Entſchluß kam es an, bei Marami zu bleiben. Zwei Araber, athemlos vor Anſtren⸗ gung, ergriffen die Zügel des verwundeten Thie⸗ res und ſetzten ſich darauf, um raſcher zu flie⸗ hen; aber keine halbe Stunde, ſo ſtürzte es nie⸗ der und beide Araber waren hingemetzelt, ehe ſie ſich aufraffen konnten. Wären wir jett nicht an ein Waſſer gelangt, ſo hätte ich den Durſt nicht länger auszuhalten vermocht, der mich verzehrte. Als wir an den Strom kamen, ſtürzten ſich die Pferde, denen das Blut aus den Nü⸗ ſtern hervorbrach, in das ſeichte Waſſer hinein, ich glitt von Marami'’s Pferde herab, kniete nieder und trank— neues Leben durchdrang mich, als ich in langen Zügen das ſchlammige Waſſer ſchlürfte. Was nun folgte, konnte ich nicht mehr wahrnehmen, meine Sinne ſchwanden.“ Maxrvamii ſah den unglücklichen Denham bewußtlos durch den Fluß taumeln und am anderen Ufer unter einem Baume niederſinken. Beſorgt trat er zu Barka Gana hin, der hier den Flüchtigen eine kurze Ruhe gönnte, und bat um ein anderes Pferd, da das ſeine nicht länger zwei Reiter zu tragen vermöge.„Dann laß ihn liegen!“ ſagte der Kaſchella ärger⸗ lich;„er iſt Schuld daran, daß ich mein Pferd verloren habe. Beim Haupte des Propheten, heute haben genug Gläubige das Leben gelaſ⸗ Erinnerungen. 1858. — ſen, was iſt da Beſonderes, ob auch dieſer Chriſt ſtirbt!“ Da verſetzte Denhams alter Wi⸗ derſacher MNalem Chadili:„Nein! Allah hat ihn behütet, wir dürfen ihn nicht ver⸗ laſſen!“ Und Marami kehrte zu dem Schla⸗ fenden zurück, ſicher, was er zu thun habe, weckte ihn, hob ihn zu ſich auf's Pferd und brachte ihn, wiewohl langſam und mit man⸗ cher Mühe, mit den Uebrigen weiter.— Auf⸗ fallend war es, wie das Waſſer auf die mit vergifteten Pfeilen getroffenen Pferde wirkte: kaum hatten dieſe getrunken, als ihnen das Blut baus Maul, Naſe und Ohren hervorbrach und ſie todt niederſtürzten. Mehr als dreißig Pferde gingen an dem Waſſer auf dieſe Weiſe ver⸗ loren. Endlich langten die Flüchtlinge im Man⸗ daragebiete an. Denham war in dem kläg⸗ lichſten Zuſtande; nach dem ſcharfen Ritte von faſt zehn Meilen, nackt auf dem Rücken eines mageren Pferdes zurückgelegt, verurſachten der geſchwollene Nacken und die Wunden und Riſſe im Körper furchtbare Pein, für welche die von Ungeziefer wimmelnde Wolldeke des Arabers nicht gerade eine Linderung gewährte. Erſt am anderen Abende überließ ihm ein mitleidiger Ne⸗ ger ein Hemd, welches er ſelbſt ſchon zehn Tage getragen hatte, unter der Bedingung, dafür in Kuka ein neues zu erhalten. Barka Gana war verdrießlich oder unwohl und ließ ſich nicht ſehen, hatte auch ſein Zelt nebſt Weibern in Mora gelaſſen, ſo daß Denham bei ihm kein Obdach fand; daher mußte dieſer unter einem Baume liegen, wo er die Nacht und den gan⸗ zen folgenden Tag ſchlief, von Zeit zu Zeit durch den treuen Marami mit etwas Kornſchrot und Waſſer erquickt. Fünfundzwanzig Araber waren geblieben, faſt alle waren verwundet; ſämmtliche Kameele und das ganze Gepäck hatten ſie verloren. Die an Giftpfeilen ſtarben, waren über den ganzen Körper ſchwarz und geſchwollen, den Meiſten brach im Augenblicke des Todes das Blut aus Naſe und Mund hervor. Als die Uebriggeblie⸗ benen den Sultan von Mandara um Beiſtand baten, wies ſie dieſer ſchnöde ab und traf jetzt ſelbſt Vorkehrungen gegen einen zu erwartenden An⸗ griff der Fellatah. Die Abziehenden waren ſo erbittert über ihn, daß ſie, als ſie Mora ver⸗ ließen, den Feinden jeden Erfolg, ihm jedes Unheil wünſchten. Bu Khalums Sattel, Zaum und Kleider behielt der Sultan. Den⸗ hams Pferd, welches einige Schua eingefan⸗ gen hatten, wurde ihm zurückgebracht, verwun⸗ det und ohne Piſtolen, aber mit Sattel und Zaum. So lief der unglückſelige Feldzug ab, be⸗ ſtimmt zur Unterjechung Unſchuldiger, gewen⸗ det zum Verderben der Unterdrücker. —— 9354—— 281 Auf Scheremetjews Rechnung. Skizze aus Rußland*). „Laßt uns um des Kaiſers Bart ſpielen,“ ſagt man in Deutſchland, wenn man ein Spiel zum bloßen Zeitvertrieb ſpielen will. In Ruß⸗ land aber ſagt man in ſolchem Falle:„Laßt uns auf Scheremetjews Rechnung ſpie⸗ len.“— Scheremetjew ſoll der reichſte aller ruſſiſchen Gutsbeſitzer geweſen ſein, und ſo mag denn auch ſein Name Anlaß zu dieſem Sprich⸗ worte gegeben haben. Es war gegen Winter, als ich einmal eine Reiſe nach Poltäwa machte. Ein heftiges Schneegeſtöber überfiel mich auf dem Wege und nöthigte mich, auf der nächſten Poſtſtation das Unwetter abzuwarten. Ich mochte eine Viertelſtunde in dem elenden Stübchen des Stanzionüſmotritels(Poſtſtationsaufſehers) ge⸗ ſeſſen haben, als ein anderer Reiſender, ein junger Mann, angefahren kam, den das Schnee⸗ geſtöber ebenfalls hier zu verweilen nöthigte. Der junge Mann ſchien in der ſchönen Tugend, in der Geduld, noch nicht geübt zu ſein, wie das bei jungen Leuten gewöhnlich der Fall iſt. „Es iſt zum Tollwerden! ich vergehe faſt vor langer Weile,“ ſagte er zu mir, als er kaum zehn Minuten hier geſeſſen hatte:„ich ſollte ſo ſchnell als möglich nach St. Petersburg reiſen, und nun hält mich das verwünſchte Wetter in dieſem elenden Stübchen gefangen.“„Man muß Gott für Alles danken, deun wer weiß, ob das für unſere Reiſe ſo ungünſtige und für unſer Gefühl ſo höchſt unangenehme Wetter nicht zu unſerem Wohle von Gott angeordnet iſt?“ bemerkte ich u. ſ. w. Jetzt erzählte ich ihm Manches aus meinem Leben, wo gerade das⸗ jenige, das ich Anfangs als mein Unglück be⸗ trachtete, die Quelle meines Glückes war.„Wol⸗ len wir uns nicht die Zeit ein wenig mit Kar⸗ tenſpielen vertreiben?“ fragte er mich nach einer Pauſe,„das wäre mir die liebſte Unterhaltung, denn wenn ich meinen Gedanken nachhänge, ſterbe ich hier vor Ungeduld.“ Alſo ein Spieler, dachte ich in meinem Sinne. Ein Feind alles Kartenſpiels, lehnte ich ſeinen Vorſchlag höflich, aber mit Beſtimmt⸗ heit von mir.— Wir ſaßen darauf einige Mi⸗ nuten ſchweigend da, als ein dritter Paſſagier, ein freundlicher und einfach gekleideter Mann, den ich für den Haushofmeiſter einer vorneh⸗ men Herrſchaft anſah, zu uns hereinkam.„Ach, Gott, welch unfreundliches Wetter!“ ſagte er, als er uns freundlich gegrüßt hatte. Er ſetzte ſich neben uns, wir waren uns einander ganz fremd. Schien mir der junge Mann unglücklich zu ſein, ſo kam mir dieſer dagegen recht glücklich vor. Mit Wohlgefallen betrachtete ich das freund⸗ liche, heitere Geſicht dieſes Mannes; ein an⸗ muthiges Lächeln bewegte ſeine ſchönen Lippen. „Iſt Ihnen vielleicht gefällig, eine Partie zu machen?“ fragte der Spieler den Mann mit *) Siehe Buchſchau. 2 82 der lächelnden Miene;„dieſer Herr da mag nicht ſpielen,“ fügte er hinzu, und deutete auf mich. „Beim Kartenſpiel vergeht die Zeit noch einmal ſo ſchnell, das Schneegeſtöber läßt noch nicht nach, und es iſt in den Stürmen des Windes unmöglich, eine Werſt weit zu fahren. Iſt Ihnen gefällig, mit mir zu ſpielen?“ „Meinetwegen! aber wie hoch wollen Sie ſpielen?“ fragte der Mann mit der lächelnden Miene, und mir ſchien, daß der Zuſtand ſeiner Caſſe das Spielen weniger geſtatte, als ſeine Gefälligkeit, den Wunſch des jungen Menſchen zu erfüllen.„O, mir iſt es gar nicht um's Ge⸗ winnen zu thun!“ antwortete jener zu meinem größten Erſtaunen;„ich möchte nur zum bloßen Zeitvertrieb ſpielen, im Fall ſolches einiges Intereſſe für Sie hat: auf Scheremetjews Rechnung!“— „Meinetwegen auch auf Scheremetjews Rechnung!“ antwortete der freundliche Mann. Der Stanzionüſmotritel, der das Geſpräch mit anhörte, hatte ſchon die Karten bei der Hand. Das Spiel begann, und ungeachtet meines Widerwillens dagegen, konnte ich nicht unterlaſſen, mich neben den Mann mit der lächelnden Miene zu ſetzen und ſeine Karten anzuſchauen. Schweigend ſah ich dem Gang des Spiels zu. Ich ſah ſchon manchen Spieler am Karten⸗ tiſche, allein einen ſo gewandten und ruhigen, als dieſer Mann war, nimmer. Er verlor Schlag für Schlag, aber nichts war im Stande, auch nur einen Augenblick ſein Lächeln zu ver⸗ ſcheuchen. Es iſt wahr, es ging nur auf Sche⸗ remetjews Rechnung; aber um deſto mehr war die Geduld an dieſem Manne, der doch ein ausgezeichneter Spieler zu ſein ſchien, zu be⸗ wundern. Die Herren mochten vielleicht eine Stunde geſpielt haben, als der junge Mann mit Selbſt⸗ genügſamkeit ausrief:„Wie viel hätten Sie, mein Herr, ſchon verloren, wenn wir, wie ich neulich ſpielte, den Point zu 25 Rubel machen würden!“ Dabei ſchrieb er die Points mit ſol⸗ cher Sorgfalt an, als ob es wirklich um Geld ginge.„Haben Sie auch ſchon zu 25 Rubel den Point geſpielt?“ fragte er eine Weile dar⸗ auf.„Ich ſpiele nie anders als zu 25 Rubel den Point!“ verſetzte der Mann mit ſeinem unverwüſtlichen Lächeln, jedoch mache ich dann eine Ausnahme von der Regel, wenn Jemand durchaus zu 50 Rubel den Point ſpielen will. „Zu 50 Rubel den Point?“ ſtaunte der glück⸗ liche Spieler und ſah ſeinen Mann mit etwas großen Augen an.„Ei, warum denn nicht?“ entgegnete dieſer.—„Nun, ſo wollen wir doch des Spaßes wegen ſo ſpielen, als ob es zu 50 Rubel den Point ginge; denn ich möchte nur ſehen, wie viel ich heute gewinnen würde, wenn wir zu einem ſolchen enormen Preiſe ſpielten, indem die Glücksgöttin mir dann am holdeſten iſt, wenn es das wenigſte Intereſſe für mich hat. Alſo zu 50 Rubel den Point! freilich nur auf Scheremetjews Rech⸗ nung.“—„Wohlan, zu 50 Rubel den Point auf Scheremetjews Rechnung,“ ſtimmte der freundliche Mann ein. Aus die⸗ ſem Betragen des jungen Menſchen ging deutlich hervor, daß er gar kein Spieler im eigentlichen Sinne des Wortes war,wie ich Anfangs glaubte, und er kam mir jetzt vor, wie ein dummer Knabe, der ein Glück da⸗ rin findet, viel Nullen zu gewinnen. Was mich aber bei der Sache wunderte, war, daß der an⸗ dere Herr, der doch ein ausgezeichneter Spieler zu ſein ſchien, die Geduld nicht verlor. Endlich trat der Poſtknecht ein und ſagte:„Das Schnee⸗ geſtöber hat nachgelaſſen, meine Herren, man kann jetzt recht gut fahren. Befehlen Sie, vor⸗ zuſpannen?“—„Ja, ſpann' an!“ riefen wir alle Drei wie mit Einer Stimme,„wir fahren mit ſogleich!“ Ehe jedoch der glückliche Spieler vom Tiſche aufſtand, rechnete er ſorgfältig ſeine ge⸗ wonnenen Points zuſammen und ſagte:„Mein Herr, ich habe nicht weniger als 12.000 Rubel gewonnen; man ſollte meinen, es ſei unmöglich, und doch in der That, es macht 12.000 Rubel aus! die muß nun Scheremetjewauszahlen!“ fügte er lächelnd hinzu. Der freundliche Mann ergriff ſogleich ſeine Brieftaſche, ſuchte eine Weile darin, darauf nahm er 2 Bankbillete her⸗ aus, eines zu 7000, das andere zu 5000, legte ſie ſeinem Sieger auf den Tiſch und ſagte: „Empfangen Sie Ihr Geld.“ Er ſprach das mit einem ſo würdigen Ernſte, daß alle Ge⸗ danken an Spaßmacherei in den Hintergrund traten und da ich ſah, daß die Bankbillete echt und eben ſo gut wie klingende Münze waren, konnte ich gar nicht begreifen, was das Ding denn eigentlich zu bedeuten hätte. Dem jungen Manne ging es eben ſo. Er betrachtete das Geld wie ein Geizhals, und ſchien mit ſich ſelbſt zu kämpfen, ob er es einſtecken oder liegen laſſen ſollte. Wenigſtens bot er in dieſem Momente einen höchſt intereſſanten Gegenſtand für den Pſychologen dar. Vor Staunen faſt außer ſich, ſagte er endlich mit bebender Stimme:„Mein Herr, was ſoll... Sie treiben Scherz mit mir! wir haben ja nur auf Schermetjews Rechnung... wie kann ich das Geld an⸗ nehmen, da Sie es an meiner Stelle auch nicht annehmen würden, wenn ich...“— „Ganz recht!“ fiel ihm der Mann mit der lächelnden Miene in die Rede,„wir ſpiel⸗ ten auf Scheremetjews Rechnung; wenn ich aber dieſe Rechnung auszahlen will, ſo kommt Ihnen zu, Ihr Geld in Empfang zu nehmen, alſo bitte ich, es einzuſtecken!“— „Aber Sie treiben ja einen ſeltſamen Scherz mit mir!“—, Nein, ich rede in vollem Ernſte: wir haben auf Scheremetjews Rechnung geſpielt und ſo wiſſen Sie denn: daß ich Sche⸗ remetjew bin! Es wäre beleidigend für mich, wenn Sie verhindern wollten, daß ich meine Rechnung auszahle. Scheremetjew iſt nicht gewohnt, Rechnungen, die er auszuzahlen hat, auf die lange Bank zu ſchieben.“— Groß war jetzt mein Erſtaunen, aber das des glücklichen Spielers war viel größer noch. Wir beide kannten den reichen Scheremetjew dem bloßen Namen nach, und er hatte ſich uns auch nicht bis auf dieſen Augenblick zu erkennen gegeben. Der junge Mann ſteckte vergnügt das Geld ein. — —=— Ff. Bodenſtedt. Wir bringen in dieſem Hefte das Bild ei⸗ nes Dichters, der gewiß allen unſern Leſern durch ſeinen unvergleichlichen„Mirza Schaffy“ bekannt und lieb geworden iſt. Friedrich Martin Bodenſtedt, geb. 22. April 1819 zu Peine im Königreiche Hannover, war in ſei⸗ ner Jugend zum Kaufmannſtande beſtimmt und in dieſer Richtung erzogen worden, allein ſeine dichteriſche Natur, die ſich frühzeitig regte, flößte ihm einen ſteigenden Widerwillen ge⸗ gen die ihm obliegende trockene Beſchäftigung in demſelben Grade ein, in welchem ſeine Liebe zu den Wiſſenſchaften ſtieg, die er in ſei⸗ nen Freiſtunden mit raſtloſem Fleiße pflegte. Nachdem es ihm gelungen war, ſich von den verhaßten Feſſeln frei zu machen, beſuchte er mehrere Univerſitäten und kam ſodann als Er⸗ zieher in das Haus des Fürſten Galizin, in welcher Eigenſchaft er ſowohl in Moskau als auf den Gütern des Fürſten im Inneren Ruß⸗ lands Gelegenheit fand, ſlaviſche Studien zu betreiben. Als eine Frucht derſelben beſitzen wir von ihm eine Sammlung ruſſiſcher Ge⸗ dichte des Kaslow, Puſchkin und Ler⸗ montow und die„Poetiſche Ukraine“. We⸗ ſentlich bereicherten ſich ſeine Anſchauungen durch ſeine Ueberſiedelung nach Tiflis, wo er als Gymnaſiallehrer in der lateiniſchen und fran⸗ zöſiſchen Sprache unterrichtete und mit einem faſt aufreibenden Eifer die orientaliſchen ſtudirte. Nach manchen Kreuz⸗ und Querzügen in den Kaukaſusländern, welche ihm den Stoff zu ſeinem Werke„Die Völker des Kaukaſus“ gaben, kehrte er wieder nach Deutſchland zurück, wo er durch Liſt angeregt, nationalökonomiſche Studien trieb, im Jahre 1848 die Redaktion des„Oeſter⸗ reichiſchen Lloyd“ und 1850 die Leitung der „Weſerzeitung“ übernahm. „Tauſend und ein Tag im Orient“ und„Die Einführung des Chriſtenthums in Armenien“ (beide 1850) ließ er(Berlin 1851) ſeine deutſche Bearbeitung der Gedichte des Perſers„Mirza Schaffy“ folgen, welche jetzt in den Händen aller Freunde echter Poeſie und heiterer Lebens⸗ weisheit ſich befinden. Später folgte noch: „Ada die Lesghierin“, ein Gedicht(1853) und „Demetrius“, hiſtoriſche Tragödie(1856). ——.— Auf die Werke: en 8 Der Heldenberg in Wetdorf. Indem wir auf die Beſchreibung des Hel⸗ denberges, welche bereits das diesjährige Fe⸗ bruarheft unſerer Zeitſchrift brachte, zurückver⸗ weiſen, fügen wir im Anſchluße an die der ge⸗ genwärtigen Nummer beigegebene Abbildung zur Orientirung des Leſers noch einige Finger⸗ zeige hinzu. Wir befinden uns auf einem großen ebenen Raume, der mit namhaften Koſten und Mühen an die Stelle früherer Schluchten, durch Auf⸗ ſchüttungen von 6—10 Klafter Erde in einen großartigen Park umgewandelt wurde; den Hintergrund dieſes Raumes nimmt ein ſchönes, in doriſchem Style erbautes Gebäude ein. Es iſt das Invalidenhaus. Mit aller Bequemlichkeit ausgeſtattet, hat dasſelbe die Beſtimmung, einen Offizier und zwölf invalide Soldaten als treue Wächter des. Heldenberges aufzunehmen. Die Erſcheinung. Von Nina Cameniſch. Es tönen die Glocken ſo klangvoll, Daß Alles die Häuſer verläßt; Man feiert Land auf und Land nieder Ein hohes, ein kirchliches Feſt. Ein Feſt iſt's der Jungfrau Maria, Drum wallten die Jungfrau'n im Zug, Und Jede im glänzenden Haare Mit Anmuth den Blumenkranz trug. Und Eine— die trägt auch ihr Kränzlein Beſcheid'ner als Alle zumal, Ihr ſchwanden der Jahre wohl fünfzig In einſamer Hütte im Thal. Doch hat ſtets für Gott und die Mutter Ihr Herz fromm in Liebe geglüht. Sonſt hat ſich um's ſchmuckloſe Weſen Noch Niemand auf Erden gemüht. Und ſeitdem die Mutter geſtorben, Iſt Gott ihre Lieb', ihre Welt; Drum hat auch zur kirchlichen Feier Die Scheue ſich immer geſellt. Drum will ſie auch heute ſich ſchmücken, Und hält es in Einfalt für Pflicht; Ein Kränzlein papierener Blumen Umzittert ihr ſanftes Geſicht. Sie prangt in der Urahne Brautſchmuck, Der Schürze von blendendem Weiß; Sie hat ſie zum heutigen Feſte Gewaſchen, geglättet mit Fleiß. Und wie ſie nun wallt in dem Zuge, Trifft Felendes Lachen ihr Ohr; „Ei ſeh'’t mit dem Kranze die Alte!“ So ſpotten die Burſchen im Chor. Und weinend entflieht fie dem Zuge Und kehrt ſich zum Friedhof ſeitab, Und legt dort an dunkelſter Stelle Den Kranz auf ein grünendes Grab. In großen goldenen Lettern liest man an der Frontiſpice des Gebäudes:„Den würdigen Söhnen des Vaterlandes ſei dieſes Haus für ihre in den Jahren 1848 und 1849 bewährte unerſchütterliche Treue und heldenmüthige Ta⸗ pferkeit gewidmet.“ Das Gebäude ſelbſt ziert als bezeichnendes Emblem der Kriegsgott Mars. Auf dem großen ebenen Platze vor dem Invalidenhauſe gewahren wir Gruppen von Bildwerken, durch welche der italieniſche und ungariſche Feldzug dem Geiſte des Beſchauers vorgeführt werden. In Mitten die⸗ ſer Gruppen erhebt ſich die lebensgroße ſehr gelungene Statue„Clios“, der Muſe der Ge⸗ ſchichte. Der italieniſche Feldzug wird durch dreißig Bilder ſolcher Helden dargeſtellt, welche in demſelben eine ausgezeichnete Stellung ein⸗ genommen haben. Sie gruppiren ſich um einen 48 Schuh hohen Obelisk, welcher auf ſeiner Spitze die Siegesgöttin„Viktoria“ trägt. Ganz in derſelben Weiſe mit derſelben Anzahl von mzzzzzzz:— Feuilleton. Es iſt ja das Grab ihrer Mutter;— Das einzige menſchliche Herz, Das je ihr in Liebe geſchlagen, Kann ſie nun nicht tröſten im Schmerz. Sie neigt ſich ſo müd' und entſchlummert; Da ſieht ſie im Traume den Zug, Die flatternden kirchlichen Fahnen Sie rauſchen vorüber im Flug. Und die mit dem Bilde der Jungfrau, O Wunder! hält ſtille bei ihr; Es neigt ſich aus goldenem Grunde Die Himmliſche huldreich herfür: „Nicht weine, Du arme Verhöhnte, Die wenig auf Erden beglückt; Gott hat ja ein jegliches Leben Mit ſeinem Theil Freude geſchmückt. „Und ward Dir nicht Freude beſchieden, So wurde Dir Frieden und Huld; Und beiden entblühet die Frende, Verlaſſene, habe Geduld!“ Ethnographiſches. Die Lazzaroni in Neapel. Darf der Lazzarone das ganze Jahr durch ein glückſe⸗ liger Mann heißen, ſo iſt er in der ſchönen Jah⸗ reszeit wahrhaft beneidenswerth. Der Lazzarone iſt ein Mann, frei wie der Vogel in der Luft, unabhängig von Hoffnung und Furcht, das Ver⸗ gangene vergißt er und an die Zukunft denkt er nicht. Er ſteht auf, ehe die Sonne ihre hei⸗ ßen Strahlen auf die Straßen wirft, und braucht weder auf den Bedienten zu warten, der ihm die Jalouſien öffnet, noch auf den Barbier oder ſonſt Jemand. Er iſt fix und fertig mit ſeinem Anzuge. Hemd und Hoſen hat er an; wozu Schuhe und Strümpfe und ſolch überflüſſiges Zeug? Sein erſtes Geſchäft iſt die Sorge für ſeine 283 Standbildern um einen gleichen Obelisk tritt uns der ungariſche Feldzug vor Augen. Dem Invalidenhauſe gegenüber ſteht der ſchon aus weiter Ferne ſichtbare 80 Fuß hohe Obelisk, gekrönt mit einem acht Schuh hohen Standbilde des Genius des Todes, mit der umgekehrten Fackel. Dieſer Obelisk ſchließt ein „Mauſoleum“ in ſich, deſſen Inneres durch zwei eiſerne mit vergoldeten Kreuzen verzierte Thü⸗ ren abgeſchloſſen iſt. Dieſe Gruft, welche zur Rechten die irdiſchen Reſte des unſterblichen Siegers von Cuſtozza und Novara, und zur Linken die ſeines langjährigen Freundes, des Feldmarſchalls Freiherrn von Wimpffen birgt, iſt mit vier geharniſchten Rit⸗ tern aus Metall geziert. Rückwärts in geringer Entfernung von dieſem Monumente ſind die kunſtvoll ausgeführten Statuen der drei Parzen. turen! Sein Hausmittel, ſeine Univer ſal⸗Medi⸗ zin hat er gleich bei der Hand. Er hält den Mund an die Waſſerröhre und trinkt ſo viel ihm gut dünkt. Will er ein Bad nehmen, ſo hält er ſich nicht erſt lange mit dem unützen Luxus der Badekammern auf, ſondern läuft an's Ufer, zieht ſich aus und ſchwimmt, ſo lang es ihn freut, ohne Angſt, daß es Jemanden ein⸗ fallen könnte, ihm ſeine Lumpen davon zu tragen. Er mag ſo lange im Waſſer bleiben, als ihm beliebt; kein Menſch klopft an die Thüre um ihn zu erinnern, daß die bedungene Zeit um iſt. Das ganze weite Meer gehört ihm. Nach dem Bade denkt er mit aller Gemächlichkeit daran, die Mittel für ſeine Mahlzeit herbei zu ſchaffen. Dafür iſt bald beſorgt: er hilft einem Obſthändler ſeine Früchte in Ordnung bringen, oder trägt einem Koch ſeinen Einkauf, oder kehrt einem Kutſcher den Stall aus, oder trägt eine Zeitung herum, oder ſtellt ſich lahm, wenn er den Tag gerade keine Luſt hat zu arbeiten, oder macht ſich aus einem Streifen Papier und einem Kamm eine Art Maultrommel und macht den Leuten Muſik vor, wenn es ihn etwa zu den ſchönen Künſten treibt. Hat er das Geld zum Schmaus beiſammen, ſo iſt er in weniger Zeit, als ein Anderer braucht den Tiſch zu decken, in der Schenke; an keine bindet er ſich, bald in der Stadt, bald auf dem Lande, bald mitten zwiſchen beiden. Zuweilen ſpeiſt er an täble d' héte mit⸗ ten unter den handfeſten und redſeligen Dulci⸗ neen der Gaſſe und entzückt die ganze Tafel durch ſeine Geſchichten und Späße. Ein anderesmal ſtreckt er ſich einſam der Länge nach unter einen Baum hin ohne andere Dulcinea als ſeine dick⸗ Geſundheit. Nichts von Doktoren, Arzeneien, ausländiſchen Pulvern, ſeltenen und theuren Tink⸗ bäuchige Flaſche. Nach Tiſche geht er ſpazieren. Gibt es Hän⸗ del mit einem, ſo iſt von Waffen, Fechtmeiſter, Sekundanten und ſo weiter gar keine Rede; ein paar tüchtige Fäuſte bringen die Sache gleich in Ordnung. Ob das Wetter gut oder ſchlecht iſt, ob die Europäer einander todt ſchlagen oder in Frieden leben, ob man eine neue Welt ent⸗ deckt oder die Hälfte der alten verliert, kümmert ihn nicht im geringſten. Um ſich zu unterhalten und recht vom Herzen zu lachen, braucht er nicht 36* 284 erſt in ein Theater zu kriechen, um vor Hitze in dem Gedräng zu erſticken; er macht ſich die Komödie ſelbſt, ſie läuft ihm in die Hände: er zupft ei⸗ nem alten Herrn an der Perücke, hängt einem Hund etwas an den Schwanz, wirft einer Magd einen Kohlſtrunk zu, und dergleichen mehr. Will er eine Erfriſchung, ſo verlangt er nur von ei⸗ nem Acque⸗Verkäufer die leeren Citronenſchalen, die ihm von Rechtswegen gehören. Nachts ſchläft er im poetiſchen Mondſchein in einer deliziöſen Kühle und kein Schatten einer Sorge beunruhigt ſeinen Traum. Aber der Lazzarone hat nicht nur alle wah⸗ ren Bedürfniſſe des Lebens im Ueberfluß, ſon⸗ dern er läßt es ſich auch mit den Gaben des Luxus wohl ſein. Er raucht Tabak, denn die Reſte von ächten Havanna⸗ Cigarren liegen ihm auf der Straße vor den Füßen; zum Spielen braucht er nicht erſt Karten, er macht es einfacher und ſpielt alla Mora. Fällt es ihm ein, ſo fährt er ſpazieren; denn er hat die Equipage bei der Hand; ja, ja der Lazzarone hat Equipage, und nicht etwa nur eine, ſondern ſo viele er will; er hat die Wahl unter den ſchönſten. In welcher Straße er eben iſt, als Spaziergänger oder in Geſchäften— ein Sprung, und er ſitzt hinten auf dem Wagen. Und ſchreit auch etwa ein anderer Kerl aus Neid(denn an Neidern fehlt es nir⸗ gends) dem Kutſcher zu, daß hinten einer ſitzt, nun wohl, ſo ſteigt er ab und ſetzt ſich wo anders auf. Und das Alles iſt noch nicht der hundertſte Theil der Genüße eines Lazzarone. Um alle Pri⸗ vilegien, Freuden und Wonnen aufzuzählen, die ſo ein Sterblicher genießt, müßte man ſelbſt zu die⸗ ſer bevorzugten Klaſſe gehören. II Raccoglitore. Die großen Wettrennen zu Epſom in England. Gleich nach ſeinem Vaterlande und ſeiner Familie dürfte dem Engländer das Pferd kommen, wenn es vielleicht nicht zuweilen ſogar die beiden erſtgenannten Gegenſtände ſeiner Neigung hinter ſich läßt. Denn es iſt Thatſache, daß der Ideenkreis manches echten„Engliſhman“ ſich weſentlich, wenn nicht ausſchließlich, um ſeine Roſſe dreht. Es iſt aber auch ebenſo allgemein bekannt, daß die engliſchen Pferde nächſt den arabiſchen die geſchätzteſten auf der Erde ſind. Kein Wunder daher, wenn der Britte ſeine pracht⸗ vollen Zöglinge mit Eifer pflegt und mit Stolz auf ſie hinblickend, ſie auch gerne den Augen Anderer vorführt. Nun gibt es wohl kaum eine beſſere Gelegenheit, die leichtfüßigen Thiere in vollſter Glorie zu zeigen, als bei einem Wett⸗ rennen. Man muß aber wiſſen, welche Bedeu⸗ tung ein ſolches in England hat; es iſt dort nicht, wie bei uns, eine vorübergehende Unter⸗ haltung der höheren Stände, zu welcher ſich bloße Zuſchauer aller Art einfinden, ſondern ein wahres Volksfeſt, an welchem ſich Alt und Jung, Arm und Reich, nicht nur als Publikum, ſon⸗ dern größtentheils auch unmittelbar, d. h. mit Einſätzen je nach den betreffenden Vermögens⸗ umſtänden betheiligt. England hat keinen Kar⸗ neval und außer der großen„Greenwich⸗fair“, dem bedeutendſten Jahrmarkte des Landes, über⸗ haupt keine Volksfeſte. Wir wiſſen ferner, wie traurig London, und mit ihm das ganze Reich, die Sonn⸗ und Feiertage feiert. Es gibt zwar auch da Leute, die behaupten, Langeweile ſei keine Erholung,— dieſe fallen aber in der Regel mit ihren Vorſchlägen durch. Wer dieß alles erwägt, wird leicht begreifen, daß das großartigſte Pferde⸗ rennen Englands, das zu Epſom nämlich, an welchem ſich auch alljährig der ganze Hof in vollſter Pracht betheiligt, das ganze Volk in fie⸗ berhafte Aufregung bringen muß. Dieſer denkwürdige Tag,„Derby⸗day“— nach ſeinem Gründer, Lord Derby, alſo benannt, — wird uns von einem Augenzeugen überaus anziehend beſchrieben. Wir heben aus ſeiner Schilderung das Intereſſanteſte heraus. Um 10 Uhr ſrüh holte uns eine Kaleſche, die wohl zehn Perſonen zu faſſen im Stande war, ab; man hatte ſie mit einer Unzahl Körbe beladen, deren Inhalt aus Kuchen, kalten Hüh⸗ nerbraten, Seekrebſen, Bordeauxwein, Champag⸗ ner und Gefrorenem beſtand. Sie war mit vier Pferden beſpannt, die von zwei Poſtillons mit aufgeſtülpten Stiefeln, weißen Beinkleidern und Weſten, rothen Jäckchen und Mützen geführt wurden. Wir nahmen Platz und der Wagen wurde ſofort in geſtrecktem Galop hinweggeführt. Der Galop gehört am„Derby⸗day“ zur agesordnung; da galopirt Alles, ſogar auch die Das Wetter war herrlich und verſprach einen ſchönen, wenn auch ſtaubigen Tag. Der Staub iſt bei dieſem Feſte ſo unvermeidlich, daß die Frauen ſich dazu beſondere Kleider machen laſſen, die ſie ſonſt nie wieder anziehen. Die Männer hingegen hatten auch ihre Vorſichtsmaß⸗ regeln getroffen und trugen blaue, braune oder grüne Schleier, die manchem ein komiſches Aus⸗ ſehen gaben. Das Volk machte auf allen Straßen Spa⸗ lier und anſtatt daß dieſes vor der Stadt abge⸗ nommen hätte, wurde es nur um ſo dichter; die Wagen, weit entfernt ihre Zahl zu verringern, wurden immer zahlreicher und namentlich ver⸗ ſchiedenartiger. Es war eine wahre Ausſtellung von Fuhr⸗ werk aller Arten, nicht nur der engliſchen Wa⸗ genbaukunſt, ſondern auch der Karrenfabri⸗ kation. Da gab es Vierſpänner der größten Fagon, Poſtkutſchen, Cabriolets, Phaetons, Tilburys, niedliche Ponywagen, Omnibuſe, auch mit Eſeln beſpanntes Fahrzeug u. ſ. w. bunt durch⸗ einander. Nun denke man ſich all' dieſe Wagen von verſchiedener Form, von den verſchiedenſten Thie⸗ ren gezogen, von jungen, geſunden ſowohl, wie alten, kranken, von feurigen und halbtodten: das Alles rollt, trabt und galopirt nach Kräften auf der Straße nach Epſom, ſtößt ſich, bleibt an ein⸗ ander hängen, ſtürzt zuweilen, die erbärmlichſten Trümmer liegen herum ohne berückſichtigt zu werden, mancher Wagen bleibt hilflos als elen⸗ des Wrack zurück, die Schiffbrüchigen nimmt Niemand auf. Wie überall, dominirt auch hier die Kraft; die Großen erdrücken die Kleinen, denn jeder iſt von der Wuth erfaßt, ſeinen Nach⸗ bar zu überholen und quält den ihm zur Voll⸗ führung dieſes eitlen Werkes behilflichen Vier⸗ füßler nach Kräften. Dieſes Schauſpiel kann man nicht nur an einigen Stellen bewundern, nein, man kann es vom Vauxhall⸗Palaſte an bis nach Epſom, alſo 7(engliſche) Meilen weit, ununterbrochen be⸗ obachten. Da heißt's nicht nur guter Kutſcher ſein, da muß man ſich auch auf das Lootſenge⸗ werbe verſtehen, denn dieſer wirre Knäuel gleicht ſehr dem aufgeregten Meere. Jede Welle kreeiſcht, heult, murmelt, flucht, ſingt, droht, zankt; denn ſie beſteht immer aus vier bis zwanzig Köpfen. Wir mit unſerer Rieſenkaleſche, unſern vier Pferden und zwei Poſtillons, gehörten natürlich auch unter die Bedrücker und unſer Führer kom⸗ mandirte unbeachtet aller Verwünſchungen und Drohungen, trotz dem Geſange, Geheule und allem Geſchrei von der Höhe des Kutſchbockes fortwährend ſein:„Forward! Forward!”“(Vor⸗ wärts! Vorwärts!) und der Wagen flog wie der Wind, umge⸗ ben von einer ſo dichten Staubwolke, daß es unmöglich war, zwanzig Schritte weit zu ſehen, immer weiter. Unterwegs trafen wir einen Vierſpänner, oder beſſer einen Dreiſpänner, denn das eine Pferd war in Folge übermäßiger Anſtrengung von einem heftigen Blutſturz befallen worden und geſtürzt. „ Laßt ihm zur Ader! Laßt ihm zur Ader!“ ſchrie man von allen Seiten. Ah bah! Die Beſitzer hatten keine Zeit! Man hatte ſich vorgenommen, eher in Epſom zu ſein, als ein nachfolgender Wagen. Man begnügte ſich daher damit, ſchleunigſt die Stränge zu durchſchneiden und das todte Pferd mitten im Wege liegen laſſend, eilte man mit dem noch übrigen Dreigeſpann weiter. Als wir endlich durch tauſenderlei Gefahren auf einer Höhe, von wo man die Ebene Epſoms überſehen kann, anlangten, begann der erſte Wettlauf. Zum Glück war dies aber nur eine Art von Prolog, ein Verſuch; nur der zweite Lauf war von Wichtigkeit. Alle echten Wetter hatten es auf dieſen zweiten Ritt abgeſehen. Er ſollte auch in der That eine große Frage entſcheiden. Ein Pferd, das bereits in zwei oder drei Rennen den Sieg davon getragen hatte, war in Newmarket von einem kaum gekannten Pferde überholt worden. Bei dieſer Gelegenheit verlor der Beſitzer des erſteren 1000 Guineen. Ddieſes Thier hieß Blink⸗Bonny, was ſich im Deutſchen am beſten durch„Schön⸗Blinzler“ wiedergeben ließe. Diesmal hatte deſſen Herr 27.000 Pfund Sterl.— alſo nach unſerer Rechnung 270.000 fl. C. M.— gewettet(I!). Der Beſitzer dieſes werthvollen Thieres war Mr. Anſon. Eine wahre Kunſt war es, auf das Feld des Rennens ſelbſt zu gelangen. Man denke ſich mit welchen Schwierigkeiten dieſer Eintritt ver⸗ bunden war, da die Oeffnung, durch welche ſich dieſe Tauſende von Wagen durchdrängen mußten, nur einige Ellen betrug. Nun aber die Menſchenmaſſe: Ungefähr 300.000 Perſonen! Hier beginnt erſt das eigent⸗ liche Treiben, wovon der Wettlauf ſelbſt ur einen Theil bildet. Der Derby⸗Tag bleibt ſelbſt für den Eng⸗ länder ein unerklärliches Phänomen, zumeiſt aber ein unbeſchreibliches. Man ſtelle ſich ein unerhörtes Gemiſch von Weſen aller Art vor: eine ganze Welt einge⸗ ſchloſſen in einer Quadratmeile; London ſchickt zu dieſem geſellſchaftlichen Chaos von Allem, was es beſitzt, ein Muſter, um ein zweites London ohne Häuſer zu bilden. Inmitten dieſes Gewo⸗ ges erblickt man Buden und Zelte aller Art, von dem eleganteſten Reſtaurationslokale bis zum be⸗ ſcheidenen Schirm, unter welchem man für einen halben Schilling die herrlichſten Sachen erlangen kann. Leierkaſten, Seiltänzer, wandernde Orcheſter, Affentheater, Bettler, Buben, die ſich kaum noch auf den Beinen erhalten, auf dem Kopfe ſtehend, kaum abgeſtillte Kinder, die an langen Stangen emporklettern, Polichinells, ſchwarze Muſikanten — das Alles dreht und windet ſich vor, unter und hinter den Wagen durch, die gefahrbringen⸗ den Räder gar nicht achtend.. Unter den vielen Spielen, die hier öffentlich abgehalten werden, erwähnt unſer Erzähler be⸗ ſonders zwei als überaus charakteriſtiſch. Es ſind dies„das Pfeil⸗ und das Stockſpiel.“ Für das Pfeilſchießen ſind mitten unter der Menge drei Ziele aufgepflanzt: eine runde, ein⸗ fache Scheibe, dann ein Neger und eine Dame in vollſtem Staat. Jeder Theilnehmer erhält für 6 Pence 12 Pfeile und wettet nun mit dem erſten beſten Nachbar; denn am Tage der„Epſom⸗races“, wie dieſes Feſt daſelbſt genannt wird, wettet ein Jeder, als ſchwebte in Korm des verbreiteten Staubes eine anſteckende Krankheit in der Luft; 6 die gevingſte Gelegenheit gibt Anlaß zu einer Wette. So ſieht man Leute, die miteinander ausmachen, nicht nach den Scheiben, ſondern mitten in's Volk hinein zu ſchießen, wo dann derjenige gewinnt, der das feſtgeſetzte Ziel, oft einen unglücklichen Spießbürger ſammt Familie, trifft. Beim Stockſpiel iſt es dasſelbe, nur daß man anſtatt der Pfeile Stöcke in gleicher Anzahl und auch für 6 Pence bekommt, die nach Pup⸗ pen, Schachteln mit unterſchiedlichem Inhalt, geworfen werden, die man dann als Preis erhält. Daß auch hierbei die Stöcke, die eine Länge von ungefähr 2 Schuh haben, über das vorge⸗ ſchriebene Ziel hinaus fliegen, kann man ſich vorſtellen. Am Ende kommt es noch ſo weit, daß man mitten in der Menge ein Piſtolenſchießen eröffnet; Niemand würde es verbieten, ſogar die Polizei nicht, die unſichtbar iſt, ſich um nichts kümmert, ja faſt den Gedanken rege machen könnte, an ihrer Exiſtenz zu zweifeln. Durch dieſen Knäuel hindurch langten wir bei der Hauptwagenreihe an und wählten den beſtmöglichſten Standpunkt, gegenüber der Tri⸗ büne„Stand“ genannt. Dieſe war ſchon ganz beſetzt, ſogar das Dach, auf welchem ſich 2000 Sperrſitze befinden, war geſteckt voll. Mit all ihren Nebenflügeln und Balkonen kann dieſelbe 30.000 Perſonen faſſen(1!). Faſt jeder der Eiſenbahnzüge, von denen einer nach dem andern ſeit 8 Uhr Morgens un⸗ unterbrochen ankam, brachte ein neues Tauſend. Als wir nun den höchſten Punkt unſeres Wa⸗ gens erſtiegen hatten, rüſteten ſich eben die Jokeys zum Abgang. An 25 Pferde nahmen Theil. Das war ein buntes Durcheinander von Mü⸗ tzen und Jacken in allen Farben. Man ritt ſich egenſeitig die acht Pferde vor, worunter Blink⸗ nn, von denen der Preis erkämpft werden ſollte. Nun machten die aufgeſtellten Policemen, 40 an der Zahl, Spalier und die Pferde wur⸗ den unter dem tiefſten Stillſchweigen in einer Reihe aufgeſtellt. öndlich fielen die Signalflaggen und man ritt ab. Das ſchien den 300.000 Zuſchauern den Athem wiederzugeben, die nun in einen einzigen Hurrahruf ausbrachen. Dieſer machte den Boden erzittern, wie bei einem Erdbeben. Von unſerem Standpunkte aus ſahen wir nur eine in dichten Staub gehüllte verſchwom⸗ mene Maſſe, die ſich an Schnelligkeit zu über⸗ bieten ſuchte. Endlich kam die Gruppe an uns vorüber, jedoch wie ein Blitz. Nur flüchtig konnte man die ermunternden Rufe der Jokeys vernehmen, die ſich nun dem Ziele näherten. Blink⸗Bonny war der Sieger. Ein fürchterlicher Schrei, Aleich einem Don⸗ nerſchlag empfing die Reiter. Der Name Blink⸗ Bonnys ward von 10.000 Stimmen geheult. Eine Flagge wurde aufgehißt, welche die Nummer 21 trug: es war die Inſkriptionsnum⸗ mer des Siegers. Man führte das gefeierte Pferd dem applaudirenden Volke vor. Der An⸗ drang zu demſelben war ſo groß, daß die Poli⸗ zeileute gezwungen waren, einen Kreis um den Sieger zu bilden, ſonſt wären Pferd und Jokey erdrückt worden. Der Beſitzer des erſteren hatte dieſem 40009, Pers⸗ verſprochen, wenn er der erſte am iele ſei. Endlich ließ man die Gekrönten durch, um ſie der nothwendigen Ruhe zu überlaſſen. Alsbald rief man:„Zu den Wagen!“ Alle ſuchten nun ſo ſchnell als möglich ihre Wagen zu erreichen, von denen man die Pferde abgeſpannt hatte. Dieſes Schauſpiel glich einem Einfall von Tartaren, Mongolen, Caraiben oder Cannibalen! Es handelte ſich um das Mittagseſſen. In einer Sekunde waren alle Proviantkörbe ausgeleert. In einer zweiten waren die Paſteten geöffnet, die Hühner tranchirt, die Schinken zer⸗ ſchnitten und die Seekrebſe ausgeſchält. Ein Champagnerſtöpſel flog in die Luft und alsbald folgte einer dem andern. Man kann ſich leicht denken, daß der durch wenigſtens 60.00)0 ſolcher Korke verurſachte Lärm einem Peloton⸗ feuer glich. Es begann nun eine unbeſchreibliche Ongie, als ſollte in 24 Stunden die Welt untergeben. Inzwiſchen flogen Pfeile und Stöcke der Kreuz und der Quere, man verſuchte hie und da ſcherz⸗ hafte Rennen mit Eſeln, woran ſich auch Damen betheiligten, die aber nicht zu der feinſten Claſſe gehörten. Um 6 Uhr hieß es:„Die Pferde! Die Pferde!“ Aus den improviſirten Ställen kam eine Armee von Poſtillons, Pferden, Grooms und Stallknechten zum Vorſchein, ein péle-méle, das ſchreiend, fluchend, wiehernd ſeinen Wagen ſuchte. In einer Viertelſtunde war alles fertig. Das iſt die goldene Stunde der Armen, der Bettler und Zigeuner. Da werden unter ſie die Ueberreſte der Mahlzeit vertheilt, denn nichts kehrt hiervon, einmal angegänzt, heim. Hierauf ertönte abermals ein allgemeines: „Forward“ und die große Wagenmaſſe begann nun, wie vorhin die Pferde, auch ein Wettrennen. Die Schifffahrt in allen Meeren der Welt iſt ein unſchuldiger Gondelausflug gegen die Ge⸗ fahren, welche die Heimkehr vom großen Ren⸗ nen zu Epſom bietet. Wie wir vorwärts kamen, iſt ſchwer zu ſagen— kurz, wir hatten das Schlachtfeld hinter uns. Gott möge mich niemals für die Peit⸗ ſchenhiebe verantwortlich machen, welche dabei an Thiere und Menſchen ausgetheilt wurden. Auf der Chauſſee, auf welcher wir im größ⸗ ten Galop einherſauſten, war noch der Staub vom verfloſſenen Morgen in der Luft ſchweben geblieben. Jeder Wagen ſchleppte ſeinen beſon⸗ deren Wirbel mit ſich, jeder hatte ſeinen eigenen Samum. beſäet war, und an den herumliegenden Leichen der gefallenen Pferde und Eſel konnten wir ſehen, was der Tag gekoſtet hatte. Unter dem Hurrah von mehr als einer Mil⸗ lion Zuſchauer langten wir in London an, wo wir um 10 Uhr wie zerſchlagen, zermahlen und gerädert an demſelben Punkte hielten, von dem wir ausgefahren. Unſere Geſichter, Haare, Kleider, Hände und Handſchuhe waren alle von derſelben Farbe. Einen halben Zoll Staub hatten wir auf dem Geſicht, einen ganzen auf unſeren Kleidern. Wir waren faſt in der Lage geweſen, zehn⸗ mal umzuwerfen, zwanzigmal erdrückt zu wer⸗ den; wir hatten Andere umgeworfen und er⸗ drückt; aber wir hatten das Wettrennen zu Ep⸗ ſom geſehen; wir hatten dem Derby⸗Tage bei⸗ gewohnt! Carl Czermak. Türkiſches. Haß bis auf die Knochen. „Geblendet und betäubt von dem großartigen un⸗ ſterblichen Anblicke der türkiſchen Hauptſtadt,“ er⸗ zählt Frankel in ſeinem Buche, Nach Jeruſalem,“ verließ ich das Dampſſchiff und fuhr mit dem Ge⸗ päcke nach Galata. Hier ſollte die Durchſuchung meiner Reiſekoffer, die übrigeng nichts Zollbares enthielten, mir nahezu gefährlich werden. Zwiſchen meiner Wäſche, ſorgfältig eingepackt, lag ein für die kaiſerliche Akademie der Wiſſenſchaften in Wien beſtimmter antiker Griechenſchädel, den ich aus Athen, wo er bei Gelegenheit einer Grundgra⸗ bung gefunden worden war, mitgenommen hatte. An den Trümmern, mit denen die Straße⸗ 285 Als hätte ihn eine Schlange geſtochen, fuhr der Beamte mit der Hand zurück, als er, ein Tuch entrollend, den Schädel berührt hatte. Er ſah mich mit glotzenden Augen erſtaunt und ſprachlos an. Ich blieb äußerlich vollkommen ruhig und ſah dem erſchrockenen Mann gleich⸗ giltig in's Auge. Dergleichen war ihm gewiß noch nicht vorgekommen und in ſeiner Inſtruk⸗ zion mag ſchwerlich für einen ſolchen Fall vor⸗ geſeben ſein. Man ſieht, jede Geſetzgebung hat Lücken. Der Türke ſah ſich nach ſeinen Amtsgenoſſen um und rief ſie herbei. Dasſelbe Staunen, wie es ihn ergriffen hatte, war auch in ihren Phyſiognomien ausgedrückt. Einer nur zeigte den Ausdruck des Zornes. Alle fingen nun an zu ſprechen und wie es ſchien, zu berathen. Zu meiner Pein autwortete mir mein Dol⸗ metſch nicht, indem er ſich in aufmerkſamem Zu⸗ hören der Verhandlung nicht ſtören laſſen wollte. Ich konnte aber aus den heftiger werdenden Be⸗ wegungen und lautern Reden bemerken, daß die Situation für mich eine bedenkliche werden könne. Ich ließ den Männern mit beſtimmter Stimme ſagen, daß ich aus dem Lande des Kaiſers von Oeſterreich ſei und verlange, daß ſein Geſandter von dem Falle unterrichtet werde. Die Männer beriethen wieder und Einer von ihnen, den wir als den zornig tobhafteſten bezeichnet hatten, ließ an mich die Frage richten, ob ich denjenigen erſchlagen habe, deſſen Schä⸗ del ich als Siegesbeute mit mir führe? Ich ließ ihn auf die tiefbraune Farbe des Schädels aufmerkſam machen, die ihm beweiſen könne, daß der Menſch, dem er eigen war, lange vor uns, die wir hier verſammelt ſind, ge⸗ lebt habe. „Der Süädel iſt braun, weil er einem Mu⸗ latten angehört hat.“ So naiv unwiſſend dieſe Bemerkung war und unter anderen Umſtänden mein Lachen erregt hätte, ſo ließ ich doch ganz ernſthaft antworten, das dieſer Schädel in einem zufällig aufgewühl⸗ ten Grabe in Griechenland gefunden wor⸗ den ſei. „Iſt es der Schädel eines Griechen?“ „Es iſt der Schädel eines Menſchen aus jenem Volke, das den Koran verachtet und das jeder Türke haßt. Du ſiehſt den Schädel Deines ewi⸗ gen Feindes, eines Griechen.“ Die Worte waren kaum gedolmetſcht, ſo zog der erzürnte Moslem ſeinen krummen Säbel und hieb mit dem Rufe:„Giaur!“ ſo wuchtig auf den Schädel, das er in hundert Stücke zer⸗ ſplitterte. „Gut! Gut!“ ſagten die Umſtehenden und ſahen ſich gegenſeitig befriedigt lächelnd an und ich ſagte mir ſtillſchweigend:„Allah iſt groß und Mohamed ſein Prophet.“ Kulturhiſtoriſches. Ein bibliſches Schauſpiel. Daß das Drama in Deutſchland, wie in ganz Europa, in neuer Zeit ſo gut als bei den alten Griechen, religiöſen Urſprung hat, iſt allgemein bekannt. Statt langer Reflexion hierüber wollen wir ein ſolch geiſtliches Schauſpiel aus dem 16. Jahrhun⸗ derte in Kürze analyſiren. Es führt den Titel: „Die ungleichen Kinder Evä, wie ſie Gott der Herr anredet.“ Zuerſt tritt der Ehrenhold, d. i. Herold, auf und hält einen Prolog, in welchem er den In⸗ halt des Stückes den Zuſchauern auseinander ſetzt. Drauf erſcheint Eva, klagend über ihr ſelbſt verſchuldetes Schickſal, daß ſie aus dem Paradieſe vertrieben ſei und ſich vor ihrem Manne ducken müſſe. Mittlerweile kommt Adam matt und müd von der Feldarbeit, tröſtet ſie mit der Hoffnung — ——— 4f,ͤ— 1 286 der verſprochenen Erlöſung und eröffnet ihr, er habe ſoeben von Gabriel vernommen, der Herr werde ſie morgen beſuchen, um zu ſchauen, wie ſie ihre Kinder erzögen. Darum ſo thu' die Kinder baden, Strähl' ſie und ſchmück' ſie alleſammt, Und leg' ihnen an ihr Feſtgewand, Wenn der Herr kommt morgen rein Mit den lieben Engelen ſein. Freudigen Herzens verſpricht es Eva ihrem herzlieben Manne. Adam fragt darauf nach ſei⸗ nen Kindern. Abel iſt draußen und füttert die Schafe mit mehreren andern Kindern, Kain aber,„der Wüſtling und bös Galgenſtrick, loff hinaus,“ als ſie ihn Holz tragen hieß. Und thät mir lang herwider murren, Thut etwan auf der Gaß umſchnurren, Und ſchlägt ſich vielleicht mit den Buben, Kann ihn nicht halten in der Stuben. Indem ſie alſo über ihre Kinder reden, kommt Abel herein und erhält von den Eltern den Auftrag, den Bruder zu ſuchen. Im zweiten Akte kommen beide Brüder zu⸗ ſammen. Kain ſchilt den Abel ein Mutter⸗ kind, welchem er Luſt hätte, die Fauſt an den Kopf zu ſchlagen und entgegnet ihm auf die Aufforderung, ſich von der Mutter waſchen zu laſſen: Ich hab jetzunder Einen gewaſchen, Hätten mich die Buben thun erhaſchen, Sie hätten wieder gewaſchen mich. Er will nichts wiſſen von des Herrn Kom⸗ men und meint,„der Herr bliebe ihm viel lieber draußen.“— Abel kommt allein zurück; Kain gibt dem Vater, der ihn ruft, keine Antwort und mit der Mutter, die ihn waſchen möchte, ſtreitet er ſich herum. So will er denn„ein Unflat bleiben,“ indeß Abel mit den Worten: Ja, Mutter, ich will Dir und Gott Gar willig und geborſam ſein, Dieweil ich hab' das Leben mein Sammt andern frommen Kinderlein folgſam in's Haus geht.— Nun beginnt der dritte Akt. Adam und Eva treten auf, Abel mit fünf anderen Kinder und mit eben ſo vielen auch Kain, denn Eva hat in dieſem Stücke 12 Kinder, 6 gute, 6 böſe. Das Haus iſt geziert, Eva ſtellt ihre wohlgerathenen Kinder in Ord⸗ nung auf, der Herr kommt mit zwei Engeln und auf Adams Geheiß geben ihm die Kinder eins nach dem andern die Hand, Kain mit ſeiner Rotte, ohne das Hütlein abzuziehen, die Linke. Der Herr wendet ſich zuerſt an die from⸗ men und examinirt ſie aus dem Katechismus über die Bitten des Vaterunſers und die zehn Gebote, worauf er ihnen, da ſie gut beſtehen, verſpricht, daß große Leute aus ihnen werden ſollen, Als König, Fürſten und Potentaten, Gelehrte, Prediger und Prälaten. Im nächſten Akte tritt Kain mit ſeiner Rotte ein ſammt dem Teufel. Sie reden erſt un⸗ ter ſich von ihren Neigungen, als Würfeln, Karten und Brettſpiel, Trinken bis an den hel⸗ len Morgen und von dergleichen argen Dingen mehr. Satan läßt es nicht an Ermunterungen fehlen, obwol er ſich verbirgt, als der Herr erſcheint. Dieſer fordert zuerſt den Kain auf, ſein Gebet herzuſagen. Es iſt ergötzlich, was er aufſagt: O Vater Himmel unſer Laß uns allhie Dein Reich geſchehen, In Himmel und in Erden ſehen, Gib uns Schuld und täglich viel Brot Und alles Uibel, Angſt und Noth. Amen. Eva entiſchuldigt ſich bei dem Herrn, ſtets habe ſie ihn unterrichtet, aber es helfe nicht Zucht nicht Strafe. Nun geht es an den Glauben. Dieſen ſagt Dathan folgendermaßen: Ich glaub' an Gott, Himmel und Erden Und des heilgen Geiſtes Namen, Die Sünde, Fleiſch und Leben. Amen. Der Herr. Iſt ſo kurz Deines Glaubens Grund? Dathan. So viel ich kaum behalten kunnt. Im Zorn über dieſe glaubensloſe Rotte ver⸗ urtheilt ſie der Herr zu armſeligem Leben und gibt dem Abel den Auftrag, ſeine Brüder beſſer zu unterrichten.— Im fünften Akte tritt Kain ein, voll Neid auf ſeinen Bruder, der ihr Biſchof ſei, und läßt ſich vom Satan zum Morde verleiten. Die Geſchichte ſpinnt ſich zu Ende ganz nach der bibliſchen Erzählung, worauf am Schluße der Ehrenhold wieder vortritt und die Moral des Stückes anſagt. Kurioſa. Ein ſonderbares Kirchenamt. In einer Kirchenrechnung des Dorfes Ulenbach in Thüringen vom Jahre 1825 findet man die ſelt⸗ ſame Ausgabe:„15 Groſchen jährliche Beſol⸗ dung für Hanſen Gärten, die Schlafenden in der Kirche zu wecken. Allerhand Titel. Um die Mitte des ſech⸗ zehnten Jahrhunderts erwarb ſich Rektor Trotzen⸗ dorf ſo großen Ruf, daß er oft über tauſend Studenten hatte. Er hatte beim Viehhüten leſen und ſchreiben gelernt und dabei Birkenrinde als Papier gebraucht. Es war ein origineller Mann. Wenn er in den Schulſaal trat, redete er gemei⸗ niglich ſeine Schüler alſo an: Guten Tag, Ihr kai⸗ ſerlichen und fürſtlichen geheimen Räthe, Ihr Bürgermeiſter und Rathsherrn, Ihr Kaufleute und Krämer, Ihr Künſtler und Handwerker, Ihr Büttel, Henker und Lumpenvolk! Das alles könnt ihr werden, je nachdem Ihr Euch aufführt. Andere Zeiten, andere Sitten. Un⸗ ter der Regierung Karls IX. von Frankreich ſpielte man zu den Tänzen bei Hof Melodien von den Pſalmen Davids. Der König ſelbſt tanzte am liebſten nach der Weiſe des 129. Pſalmes: Saepe expugnaverunt me a juventute mea. Milde Strafe. Artaxerxes milderte die Strenge der alten perſiſchen Geſetze. Unter an⸗ dern verordnete er, daß man die Herren, welche in den Staatsämtern gefehlt hätten, anſtatt, daß man ſie wie ſonſt geißelte, in Zukunft bloß aus⸗ ziehen und ihre Kleider peitſchen, und anſtatt, wie man ſonſt pflegte, ihnen die Haare auszuraufen, nur den hohen Hut abnehmen ſollte. Einzelnes aus der Naturgeſchichte der Alten. Der Walkffiſch fährt niemals, ohne einen kleinen Fiſch vor ſich zu haben, der von der Größe eines Gründlings iſt und den mau den Lootſen nennt. Der Wallfiſch folgt ihm wie ein Blinder ſeinem Hündchen und wenn er ihn je einmal aus den Augen verloren hat, ſo wankt er hin und her und ſtößt ſich oft an Klippen wie ein Schiff, welches das Steuerruder verloren hat. Dieſer kleine Fiſch begibt ſich mit aller Sicherheit in den Rachen des Ungethüms, worin doch alle übrigen Dinge, ſeien es Thiere oder Boote, verloren ſind, ja er ſchläft darin und ſo lange er ſchläft, geht der Wallfiſch nicht von der Stelle. Ein ähnliches Verhältniß findet auch zwiſchen dem kleinen Zaunkönig und dem Krokodil ſtatt. Wenn das große Thier ſchläft und ſein Feind, der Ichneumon, ſich ihm nähert, ſo ſucht das Vögelein ſeinen Herrn durch ſein Singen und Schnabelpicken aufzuwecken und vor der Gefahr zu warnen. Dafür nimmt ihn auch das Unge⸗ beuer zuweilen in den Rachen auf und vergönnt ihm, zwiſchen ſeinen Zähnen die ſteckengebliebe⸗ nen Fleiſchfaſern zu picken. Will es den Ra⸗ chen ſchließen, ſo gibt es zuvor ſeinem Gaſte ein Zeichen, daß die Höhle ſich ſchließen werde. Was aber Seereiſende von der Natur der Eisvögel erfahren, das überſteigt alles menſch⸗ liche Denken! Die Götter haben es gewollt, daß das ganze Meer während der Zeit, wann der Eisvogel brütet, ohne Wellen, Wind und Regen glatt und unbeweglich ſtehe. Wegen die⸗ ſes Vorzuges haben wir alſo mitten im Winter ſie⸗ ben Tage und ſieben Nächte, während welchen wir ohne Gefahr das Meer beſegeln können. Noch aber hat kein menſchlicher Verſtand an die unbegreifliche Kunſt reichen können, womit der Eisvogel ſein Neſt baut, ja nicht einmal die Ma⸗ terie herausbringen können, wovon es gebaut iſt. Plutarch, der viele davon geſehen, meint, es wä⸗ ren Gräten von allerlei Fiſchen, die der Eisvo⸗ gel ſo zuſammenſetzt und flicht, daß er zuletzt ein rundes Fahrzeug daraus bildet, das auf dem Waſſer ſchwimmen kann. Wenn er das Neſt fertig hat, ſo trägt er dasſelbe an einen Ort, wo es von Wellen geſchlagen wird, damit er in Er⸗ fahrung bringe, wo es noch kalfatert und befeſtigt werden müſſe. Durch das Schlagen der Wellen wird es überdieß ſo feſt und dicht, daß es we⸗ der durch Stein oder Eiſen, außer mittelſt ſehr großer Gewalt, beſchädigt oder zerſtört werden kann. Insbeſondere bewunderswerth iſt der in⸗ nere Bau, der ſo beſchaffen iſt, daß nichts hin⸗ ein kann, als der Vogel ſelbſt; für alles Uebrige, ja für das Seewaſſer ſelbſt iſt er unzugänglich. Anregendes. Der Anſtand.„Wir haben heutzutage viel Anſtand, aber wenig Sittlichkeit.“ Dies iſt ein hartes Wort, aber ein Wort, das nahezu au die Wahrheit ſtreift, denn der Anſtand ſcheint leider ein Surrogat der Moral geworden zu ſein. Er nur iſt oft der einzige Zügel der Leidenſchaft und hat darum als ſolcher einen begründeten Anſpruch auf Unverletzlichkeit. Be⸗ herzigenswerth ſind folgende Worte Schillers: „Die Geſetze des Anſtandes ſind der unſchuldigen Natur fremd; nur die Erfahrung der Verderb⸗ niß hat ihnen den Urſprung gegeben. Sobald aber jene Erfahrung einmal gemacht worden und aus den Sitten die natürliche Unſchuld ver⸗ ſchwunden iſt, ſo ſind es beilige Geſetze, die ein ſittliches Gefühl nie verletzen darf. Sie gelten in einer künſtlichen Welt mit demſelben Rechte, als die Geſetze der Natur in der Unſchuldwelt regieren.“ Irrthümer und Leidenſchaften der Jugend. Die Jugendzeit aller genialen Männer wird von dem Gewirr der Irrthümer und Lei⸗ denſchaften getrübt, aber wenn ſie dieſe Irrthü⸗ mer überwinden, ſo werden ſie ihnen zu Gewinn. Wie die Abhänge großer Bergesrücken von Spal⸗ ten zerklüftet ſind, die geſchmolzene Felsmaſſen füllen, und wie dieſe Spalten, nachdem dieſe Lava ſich abgekühlt hat, den Dienſt koloſſaler Pfeiler leiſten, welche die Gebirgsmaſſe ſtützen, ſo wirken bei genialen Männern die Leidenſchaften: erſt zerklüften, dann feſtigen ſie das Leben: Lewes in„Göthe's Leben“. Plato kennt nicht die platoniſche Liebe. Die Alten haben oft von der Liebe ge⸗ ſprochen, die Dichter haben ſie beſungen und die Philoſophen darüber geſtritten; allein es war ͤ1“ nicht jenes innige und keuſche Gefühl, welches aus dem tiefſten Innern unſers Weſens hervor⸗ gehend, zwiſchen zwei Seelen eine ſanfte, ruhige uneigennützige Sympathie erzeugt, die allen Wi⸗ derwärtigkeiten widerſteht und ſelbſt den Tod überlebt. Solche Liebe kennt das Alterthum nicht. Was man Liebe nannte, war nur die Leidenſchaft, von der ſie behaupten, daß ſie von einem in Wahnſinn gerathenen Gott entzündet ſei,„der ſeine Macht über die Götter und über die Men⸗ ſchen ausübt und ſelbſt über die Thiere, welche die Erde und das Meer bevölkern.“ Vielleicht möchte man uns die platoniſche Liebe entge⸗ gen halten, welche von dem Mittelalter an bis auf unſere Zeiten als das Ideal der reinſten Seelenverbindung ſo ſehr gerühmt wurde. Un⸗ glücklicherweiſe kennt Plato ſelbſt nichts von allen dem, denn obwohl er eine doppelte Liebe unterſcheidet, ſo bezieht ſich bei ihm die höhere und reinere nicht auf ein zweites Herz, ſondern auf die rein allgemeinen Ideen des Guten und Schönen. Gedankenſpäne. Von Klarenberg. Frei, heißt es, iſt der Menſch, ob er auch Feſ⸗ ſeln trage. Ganz richtig, doch nur bis— zu ſeinem Hoch⸗ zeitstage. Es iſt viel leichter Gutes zu thun, als gut zu ſein, und weit ſchlimmer, böſe zu ſein, als Böſes zu thun. Gleichwie der Wurm, von bitt'rem Blatt genährt, Sich mühevoll den ſeid'nen Sarg bereitet, So ſpinnt der Menſch, der ſich im Schmerz bewährt, Von ſeines Herzens regem Trieb geleitet, Sich einen ſeid'nen Sarg, ſich eine Gruft Zur ſanften Ruhe, bis die Stunde ruft. Einer Spielbank gleichet die Menſchenwelt, Wo bald ſo, bald anders die Karte fällt. Wir ſitzen Alle munter und friſch Ohne Rückſicht auf Rang am grünen Tiſch. Das reiche Schickſal iſt Banquier; Fern bleibt uns anfangs der Croupier; s rollt der Gewinn in jedem Nu Der überglücklichen Jugend zu; Dann fängt man ſpäterhin als Mann Unmerklich zu verlieren an; Man ſpielet fort, verliert ſtets mehr, Es mindern ſich Kraft und Gut gar ſehr, Bis endlich Alles, was man gewonnen, Im Alter wiederum iſt zerronnen, Und bis es ſchließlich arrivirt. Daß man am Ende ſich ſelbſt verliert. Buchſchau. Venus im Exil. Ein Gedicht in fünf Geſän⸗ gen von Robert Hamerling. Mit lyriſchem Anhang. Prag und Leipzig. Verlag von J. L. Kober 1858. Verfolgen wir in Kurzem den Gang des Gedichtes. Der erſte Geſang hebt mit der Klage über das„qualenvolle, ruheloſe Sein“ alles Ge⸗ ſchaffenen an.„Von allen Kreaturen, die da leben, iſt die unſeligſte das Menſchenherz,“ denn ihm iſt„unendliches Gefühl gegeben und doch die unendliche Befriedigung verſagt.“„Der Durſt iſt endlos, endlich iſt der Becher.“ Der Ver⸗ 287 zweifelte will in der Vernichtung die Ruhe ſuchen, ſie holdes Maß“— und jetzt ſteht er am„irdi⸗ doch da„dämmert ihm“ am Abgrunde aus dem Schatten ein hohes, bleiches Weib, deſſen Anblick ihn mit„Ahnung höchſten Lebens“ und mit der Sehnſucht, es zu erreichen, erfüllt. Die„Wal⸗ desfee“ verſchwindet, um ihm bald darauf als Loreley zu erſcheinen,„das Götterweib auf Fel⸗ ſenzinnen,“ deſſen wallendes Gelock im Winde ſchwebt und deſſen„Zaubertöne“ verlockend er⸗ klingen. Ihr Zaubernetz umfängt ihn.„Hold ein⸗ geſungen iſt er hingeſunken— in wonnig tiefen Schlummer, und ihm blüht in gold'nem Traum ein wunderbares Leben.“— Im zweiten Geſange redet nun die„Bethörerin“ den Träumer an: „Du ſtarbſt der Welt, ich will zurück Dich geben — dem lichten Sein, zu neuem, ſel'gen Leben,“ und antwortet ihm auf die Frage, wer ſie ſei:„Bin Nixe, bin Sirene, Waldesfee,— bin Göttin, bin die Liebe, bin das Leben.“ Sie ſchildert in prächtigen Farben, wie ſie als Aphrodite dem Meere entſtieg und wie mit ihrem Erſcheinen auf Erden das Leben ſeine ſchönen Blüthen zu treiben begann; die griechiſche Götterwelt, das Heroenalter, die klaſſiſche Kunſt— alles feierte ſie, bis uraltheil'ge Stimmen des Orients lehrten, das Irdiſche hinzuwerfen, und Plato ein neues Heil ſuchte„im heil'gen Himmelsglanze der Idee.“ Neues Sehnſuchtsweh durchdringt die Welt, der Menſchengeiſt flucht dem Leibe, hoch aufge⸗ richtet ſteht des Schmerzes Kreuz. Venus ſteigt vom Throne, um verbannt und ewig einſam zu wohnen. Die Sage ſtempelt ſie„zur Bethö⸗ rerin, zur Teufelin, mit buhleriſchem Werben— den Luſtberauſchten führend ins Verderben.“ Wenn in der Urzeit Venus noch mit dem Ster⸗ nenkranz gekrönt war, ſo iſt jetzt die„irdiſche von der himmliſchen getrennt.“ Den„Fluch dieſer Trennung“ vermag erſt ſpäte Zukunft zu heben. Nur im Stufengange und in ſtetem Stre⸗ ben bringt den Menſchen der Liebesdrang zum höchſten Ziele ſeligen Geſchickes.“ Dies die Worte der Göttin. Im dritten Geſauge, der nicht wie die vier übrigen in Oktaven, ſondern in frei abwechſelnden Versmaßen geſchrieben iſt, beginnt der Jüngling ſeine Wanderung in das„Reich der Schönheit.“ Zuerſt fängt er bei den Elfen an; jedoch die zarten Naturgeiſter vermögen ihm nur die träumende Ruhe im Waldesgrün zu bieten, und ſo drängt es bald den Wanderer weiter, ſtatt„des Schau⸗ mes“ die„ſchaumentſtiegene Frau“ ſelbſt zu erlangen. Nun trifft er den„Chor der Bachen“ die „luſtentflammten Angeſichtes, angeglüht vom Widerſchein— wildgeſchlung'nen Fackellichtes“ — den Reigen ſchlingen, um im Wonnetaumel vom„Druck des Ich“ und von der„Schranke des Verſtandes“ loszukommen. Allein bald merkt der Wanderer, daß„der Becher der Luſt ſich keere und der ſüße Rauſch entſchwinde,“ und voll„Liebesdrang nach höchſter Wonne Kuſſe“ zieht er weiter, bis ihn ein Tempel der Kunſt aufnimmt, der eben vor ſeinen Augen„aus dem Hormonienſchalle— hochgewölbt zu Stein ge⸗ ronnen.“ Hier, wo„Jeglicher Geſtaltung Fülle — Steht in lichter Herrlichkeit, wie gelöſt von ird'ſcher Hülle— und zu ew'gem Sein befreit,“ glaubt er ſchon„Selbſt erlöſt zu ew'gem Leben — in dem ſel'gen Reich der Götter“ zu ſchwe⸗ ben, doch die„Muſen“ verkünden ihm, daß die hehre Frau, die er ſuche, nur im Bilde bei ihnen zu finden ſei, und nachdem ſie ihm in dem Ge⸗ ſchicke Ganymeds die Ausſicht eröffnet haben, daß dem Menſchen auch„des Himmels gold'ne Pfor⸗ ten offen ſteh'n,“ naht er ſich beſchwingten Schrit⸗ tes einer nenen Stufe, wo ihn Nymphen, Eroten und Amoretten mit ſüßer Lockung zur Liebes⸗ und Lebensluſt ermuntern. Die„Formenmelodien des Frauenleibes wird ihm hier im Schauen klar,—„der Creaturen Schranke— hier ward ſchen Throne“ der Venus, um die Göttin aber ſelbſt zu freien, gilt es ſelbſt ein Gott zu ſein.„Natur, Kunſt, Leben“ haben ihre Beſeli⸗ gung über den Jüngling ausgegoſſen, im vierten Geſang erreicht er„den Gipfelpunkt von Allem, die Liebe,“ deren Zauber ſeinem unendlichen Sehnen ein Unendliches vorſpiegelt. Er „ſchaut in einem Bild mit ſüßem Triebe— das All des Glücks, der Schönheit und der Liebe.“ Eine Schilderung voll Reiz und Anmuth malt uns in einer Scene raſchen Glückes das Ent⸗ zücken der Liebe, das— raſch wieder entflieht, ſobald die Frucht gebrochen. Venus erſcheint, und vor dem Ideale erblaßt und welkt„die ſüße Wunderblume ſeiner Liebe.“ „Nun iſt der Stufengang des irdiſchen Glückes vollendet, doch der unendliche Geiſt iſt noch zu Höherem berufen. Des Schwankens nach aufwärts und abwärts müde ſehnt ſich Geiſt und Herz nach„Selbſtvergeſſenheit;“— war doch der ſel'ge Rauſch der Lebensluſt“ nichts an⸗ deres, als„Momente ſüßen Tod's, ein Letha⸗ bronnen.“ Doch auch dem Meere, in deſſen Tie⸗ fen der Verzweifelnde„traumloſen Schlaf“ ſuchen will, entſteigt ihm„nicht Aphrodite mehr im Roſenkranze“— nein„im Sternendiadem Ura⸗ nia,“ um ihm ihr höheres Reich, die Schön⸗ heit des Kosmos, zu öffnen.„Dem Lied der Sphären“ muß die Muſe weichen— dem Wel⸗ lenreigen der Bachanten⸗Tanz— hier ſchäumt, wie Du gewünſcht, dem„ſel'gen Zecher— Un⸗ endlichkeit im grenzenloſem Becher.“ Es fallen die Schranken der Zeit und des Raumes,„zum Allſein wird ſein endlich Sein erweitert.“ Im künftigen Reiche der Schönheit—„ruh'n geſtillt uralter Sehnſucht Triebe,— und ſegnend herrſcht die Schönheit und die Liebe.“— Wenn man bei der Beurtheilnng von Dich⸗ tungen dieſer Art gewöhnlich den alten Spruch wiederholt:„Für Poeſie zu philoſophiſch, für Philoſophie zu poetiſch,“ ſo müſſen wir doch bei dieſem Werkchen zugeſtehen, daß der behandelte philoſophiſche Stoff eine Menge poetiſcher Seiten bietet, die in gewandter, anmuthiger Weiſe zur Geltung gebracht ſind. Der lyriſche Anhang ent⸗ hält manche ſchöne Blüthe. Von Lud. Aug. Frankl. Baumgärtners Buchhand⸗ 1858. Nach Jeruſalem! 2 Theile. Leipzig, lung. Frau Eliſe Herz, welcher das obenge⸗ nannte Buch gewidmet iſt, hatte im J. 1855 für eine in Jeruſalem zu begründende Kinderbewahr⸗ anſtalt 50000 fl. beſtimmt und zu dieſem Zwecke Dr. Frankl bevollmächtigt, an Ort und Stelle das Nöthige einzuleiten. Dieſer Veranlaſſung verdanken wir eine Etereſante Reiſebeſchreibung, die uns, reich an mannigfachem Detail, den klaſ⸗ ſiſchen wie den heiligen Boden ſchildert. Nach etwas umſtändlicher Darlegung des Zweckes ſei⸗ ner Reiſe erzählt uns der Verfaſſer von ſeiner Seefahrt, der es auch an einem Sturme nicht gebricht, und ergeht ſich dann in achtzehn Ab⸗ ſchnitten über die lokalen und nationalen Ver⸗ hältniſſe Athens, wobei mit gewiſſenhafter Ge⸗ nauigkeit alle Einzelheiten der Audienz bei dem Könige berichtet werden. Die nächſtfolgenden 33 Kapikel umfaſſen die Weiterreiſe nach Konſtanti⸗ nopel und den Aufenthalt in dieſer Stadt, deren ſeltſam bunte Bilder uns kaleidoſkopiſch vorge⸗ führt werden. Wie wir hier Gelegenheit finden, mit dem Verfaſſer einen Beſuch dem Renegaten Omer Paſcha abzuſtatten, um dem letzteren mehr aufrichtig als rückſichtsvoll die bevorſtehende Auflöſung der Türkei vorherzuſagen, ſo können wir in einem der folgenden 33 Abſchnitte, welche die Reiſe nach und durch Syrien enthalten, auch in die Häuslichkeit Abd⸗el⸗kadr's blicken und ————————— den Dichter und Doct. Med. in dieſer doppelten Eigenſchaft mit dem Emir beſchäftigt ſeben. Der zweite Band enthält die Schilderung des heiligen Landes und befaßt ſich vorzugsweiſe mit den jüdiſchen Verhältniſſen, die ſo arg ver⸗ kommen ſind, daß der reiſende Dichter bei ſeinem Abſchiede von Jeruſalem zu den herben Worten ſich gedrängt fühlt: „O hätt' ich niemals deinen Grund betreten Und dich geſchaut nur mit der Sehnſucht Blick!“ „Jehova's Witwe ſeit uralten Tagen, Legt ſie den Schleier ab, getröſtet ſchon?“ „Seh' ich das Heiligſte zu Markte tragen, Scheint ſie vielmehr das Weib von Babylon. Und wenn es noch nicht in Ruinen läge, Das dreimal heilige Jeruſalem, Jetzt müßten es zerſchmettern Gottes Schläge, Zerbrechen ihm das Strahlendiadem.“ De utſche Hiebe. Oeſterreichiſche und preußiſche Soldatengeſchichten von Julius Gundling. 2 Bde. Leipzig, Herman Coſtenoble 1858. Verfaſſer, den Leſern der„Erinne durch die Novelle„Griechen und Tür ken“ bekannt, gehört zu den produktivſten No velliſten Oeſterreichsn, und man könnte ihn, wenn ſeine lebhafte Phantaſie und die Gabe des leichten Erzählens ihn nicht zuweilen verlockten, Der rungen“ die Feder ungehemmt laufen zu laſſen, gewiß den vorzüglichen beizählen. Die vorliegende Samm lung enthält 7 Novellen. zwar nicht eng an den geſammten Inhalt au, namentlich fallen:„Ein öſterreichiſch Soldaten lied“ und„Der Kampf um Venedig’“ trotz ibrer Ueberſchrift aus dem Rahmen, auch iſt dem Sol datenleben in ſeiner ſpecifiſchen Eigenthümlichkeit nicht derart Rechnung getragen, daß das Cha rakteriſtiſche arbeit, wie es bei ſolchem Genre üblich, hervor⸗ träte: allein eben die weiter gezogene Grenze und die freiere Bewegung in derſelben gewähren einerſeits den Erzählungen den Vorzug größerer Mannigfaltigkeit, wie andererſeits das allgemein Menſchliche offener zu Tage treten kann. Leb⸗ hafte Darſtellung, ſpannende Situationen, raſcher Fortſchritt der Handlung— dieß ſind Vorzüge, welche dem Werkchen ſein Leſepublikum ſichern werden. Bad Wartenberg auf Groß⸗Skal und ſeine Umgebung. Prag 1858. Dieß Büchlein, eine Lücke unſerer Badelite⸗ ratur auszufüllen beſtimmt, entſpricht ſeinem Zwecke derart, daß es Allen, welche in Warten⸗ der Geneſung oder Erbolung ſuchen, als ver lüßlicher Führer, Allen, welche die eine oder die andere daſelbſt fanden, als freundliche Erinne rungsblätter auſ’s Beſte empfohlen werden kann. Reiſen in Centralafrika von Mungo Park bis auf Dr. Barth und Dr. Vogel. Lahr, M. Schauenburg& C. 1858. Die Anerkennung, welche die erſte Lieferung dieſes Sammelwerkes begrüßte, hat auch die folgenden— es liegen uns jetzt 4 vor— beglei tet. Muß es ſchon ein glücklicher Gedanke genannt werden, die Entdeckungen, welche Männee, eben ſo groß durch ihren Forſchergeiſt, wie durch ibre Selbſtaufopferung, in dieſem noch ſo räthſelhaften Welttheile unternahmen, der Reihenfolge nach in überſichtlicher Darſtellung dem größeren Publi⸗ kum zugänglich zu machen, ſo iſt noch insbeſon dere mit allem Lobe die ganz entſprechende Aus führung dieſer Aufgabe hervorzuheben. Mit Ueber⸗ Der Titel ſchließt ſich des Standes in ſorglicher Detail⸗ gehung unweſentlicher Details wird das Wichti⸗ gere der fortſchreitenden Entdeckungen und das Intereſſante aus den oft äußerſt ſpannenden Reiſebegebenheiten der Forſcher in friſcher, ge⸗ wandter Sprache mitgetheilt, die mehr zu unter⸗ halten als zu belehren ſcheint. Die Ausſtattung iſt eine ſorgfältige. Namentlich machen wir den Leſer auf die der vierten Lieferung beigegebene Ueberſichtskarte von Nord⸗ und Mittel⸗Afrika auſmerkſam. Ruſſiſches Leben in geſchichtlicher, kirchlicher, geſellſchaftlicher, ſtaatlicher und commerzieller Be⸗ ziehung: in lauter intereſſanten Begebenheiten, Anekdoten und Reiſebildern dargeſtellt nebſt einer Einleitung in die Streitigkeiten der griechiſchen Kirche mit der römiſch⸗katholiſchen. Von Johann Philipp Simon. 2. Auflage. Berlin. Bei A. Martens. 1858. Der Titel des Buches, welcher durch ſeine Umſtändlichkeit an die Titelblätter aus dem 16. und 17. Jahrhundert erinnert, läßt faſt eine weitere Spezialiſirung des Inhaltes überflüßig erſcheinen. Nach einer hiſtoriſchen Einleitung, die ungefähr den fünften Theil des Buches um⸗ faßt, führt uns der Verfaſſer ruſſiſches Leben und Treiben, wie er es durch Autopſie kennen gelernt, in behaglich erzählender Weiſe vor. An knüpfend an die Begebenheiten und Erfahrungen ſeiner Reiſe über Riga, Petersburg, Moskau, Kiew, zieht er das Mannigfaltigſte in den Kreis ſeiner Beſprechung, die durch allerhand Anek⸗ doten, hiſtoriſche Rückblicke, Schilderungen ſon⸗ derbaxer Perſönlichkeiten eben ſo weit als bunt wird. Doch dielleicht eben darin liegt ein beſon⸗ derer Reiz des Buches, bei deſſen Lektüve man den Eindruck hat, als ſäße der Verfaſſer an unſerer Seite und ließe in vertraulich geſprächi⸗ ger Weiſe ſeine Reiſeerinnerungen die Revue paſſiren. Viele Abſchnitte, in denen das That⸗ ſächliche vortritt, ſind recht intereſſant, einige bingegen, in denen ganz allgemeine, ja banale, dem Gegenſtande fernliegende Reflexionen ſich breit machen, laſſen ſich ohne Verluſt überſchla gen.— Wir haben eine Anekdote, die das Buch unter dem Titel:„Das unverhoffte Glück“ bringt, iu gekürzter Form mit der Ueberſchrift:„Auf Scheremetiews Rechnung“ ausgehoben. A 8 Anekdoten. Er. Ein Student in Leipzig hatte ſeinen Wirth auf eine derbe Weiſe behandelt. Als er nun deßhalb vor dem Profeſſor Gottſched, da⸗ maligen Rektor erſcheinen mußte, fuhr ihn dieſen mit den Worten an:„Was hat Ei geuracht rum hat Er ſich an ſeinem Wirth ſo Zröblichede griffen?“—„Ihro Magnifizenz!“ antwortete der Student,„der Schlingel nannte mich Er.“ Das Geſchlecht des Wortes Ei. Leh⸗ rer:„Was für ein Redetheil iſt das Wort„Ei?“ — Schüler Gaudernd):„Ein Hauptwort.“ Leh⸗ rer:„Welches iſt ſein Geſchlecht?“— Schüler (verblüfft):„Das kann ich nicht ſagen.“— Leh⸗ rer:„Ich meine, iſt es männlich, weiblich oder ſächlich?“— Schüler:„Ja, das kann man erſt ſagen, wenn es ausgebrütet iſt.“ Rangunterſchied. Der witzige Dichter eines Kaufmanns mit einem Edelmann, der ihn zuerſt einzutreten bat, was jener aber nicht thun wollte. Pivon bekomplimentirte ſich vor der Oansthr zu dem Edelmann:„O machen Sie keine Umſtände, Herr Pivon iſt bloß ein. Dichter.“ Augen⸗ blicklich verſetzte dieſer:„Nun, da einmal mei⸗ nes Ranges erwähnt wird, ſo bitte ich um den Vortritt.“ Und ſomit ging er zuerſt ins Haus. Geſchichtsexamen. Profeſſor:„Sagen Sie mir, wie endete Friedrich der Schöne?“ Student:(naiv):„Er ſtarb.“ „Iſt Eſel ein Zeitwort?“ fragte ein Lehrer.„Ja,“ antwortete ein Schüler,„denn man kann ſagen Ich Eſel, Du Eſel, Er Eſel.“ Kurze Kritik. Dies Stück hat kurz' und 6 T̃hüej ere iſt 5 lange Theile, kurz iſt die Kunſt und lang die Weile. Definition einer ſchönen Frau. Als man Fontenelle einſt um die Definition einer ſchönen Frau anging, ſagte er:„Eine ſchöne Frau iſt ein Paradies für die Augen, eine Hölle für die Seele und ein Fegefeuer für den Beutel.“ Ungleiche Urſachen.„Wie kommt es doch,“ fragte man einen jungen Dichter,„daß es bei der Aufführung Ihres neuen Luſtſpiels geſtern und vorgeſtern ſo leer war?“„Vorge⸗ ſtern war der Regen Schuld daran,“ antwortete er,„und geſtern das ſchöne Wetter.“ Seltſame Titel von Predigtbü⸗ chern. P. Johannes Einſiedel führt in dem „Anhang von ſeltſamen Predigten“ unter ande⸗ ren folgende an:„Ungeſaltzenes und unge⸗ ſchmalzenes, dochwohlgeſchmackes Kirch⸗ tag⸗Suppel, beſtehend in 34 köſtlichen Spei⸗ ſen, d. i. Kirchweyh⸗Predigen“, von Pramb⸗ hofer(Augsburg 1710).„Nutzbares Kräu⸗ ter⸗Büſchelein, d. i. kurze Sonn⸗ und Feyertagspredigten“ von Greitter(Augsburg 1754). Piſtorius hat ein„Allgemeines Klagbhaus“ eröffnet, d. i. Leichenreden(Dilin⸗ gen 1657). Der Kapuzinerpater Am andus gibt ein„Faſten⸗Banket der chriſtlichen Seelen in vier Auftrachten“(Salzburg 1691). Sein Ordensbruder Athanas veranſtaltete die„Ar⸗ gonautenfahrt, d. i. geiſtliche Schifffahrt von dem zeitlichen ins ewige Leben“(Dilingen 1689). Der Jeſuit Pater Bulffer gab in 8 Bänden den„Evangeliſchen Kauffmann, handelnd mit kurzer aber guter Waare“(Ausgsb. 1760). A. Graff gibt einem Kurſus von Sonntags⸗ predigten den Titel:„Belagerung der berr⸗ lichen Hauptſtadt in Engelland mit 37 Kanonen der geiſtlichen Gewalt“(Steyr 1697), Von Areſius haben wir eine„Maria⸗ 82 4. Lobtrompeten“, von Chriſtel ſogar „Luſtiges Sterbejahr“, von Hailman Neufahrspräſenter“,„Spaniſcher Rit⸗ ter“(am Feſte des heil. Jakob),„Kirchweyh⸗ Traktament“,„Geiſtliches Kartenſpiel“, Neuaufgerichtete Apothek“ u. ſ. w. 7*2 Auflöſung der Worte, Wahr⸗ und Sprichworte im Rebus. VII. 2 orrſche immer, Freund, nach Weisheit. Aufloſung des Rebus von J. W. St. im Juli⸗Heſte. Der Kaufmann bemerkte es und hun Viele Grüße an alle Rebusfreunde! Redigirt unter Verantwortlichkeit des W. Ernſt. ——————————— A— ſh, e. M E, e, S 2 ———— n=22—=F2ͤSZ= 2=eESEA=— 82==— ½ SZä=gE Z E 2 SSgE 2 ꝛ=FSZSASSE==ES=Se=S==S=E=S=.===——— ——————————— 6————————————-———-———,—————————— 5 5 X+ X N