— ein und eilte vor allen Dingen ihres Onkels ———— —V—V—V—P— wan— Erinnerungen.— ws Ich lehnt' im Abendwinde Auf eines Berges Rand Am Stamme einer Linde Und ſah hinab in's Land. Der Rheinſtrom zog voll S Das grüne Thal dahin, Und mir zog altes Wähnen Und Träumen durch den Sinn. Rings ſenkten Burgruinen Das alterſchwere Haupt, Vom Mordlicht halb beſchienen, Von Buchengrün umlaubt. Ich meine faſt, ſie träumten Von Sang und Saitenſpiel, Von Bechern, hellbeſchäumten, Von Streit und Kampfgewühl. Herrmann Henneberg. Nooelle. Von Ernſt Fritze.*) Jeder blieb an dem ihm angewieſenen Platze, bis endlich Kätchen ihr Fenſter öffnete, den Raum bis zur Erde zaghaft mit den Augen abmaß und dann vorſichtig mit Hilfe der Magd ſich hinabließ. Die Magd folgte ihr auf dem⸗ ſelben Wege. Beide ſchlichen ſie dann zitternd um das Haus der Thür zu, bei jedem Schritte fürchtend, von Mördern, Räubern oder Berg⸗ kobolden überfallen zu werden. Sie gelangten indeß ohne Unfall zur Hausthüre und— fan⸗ den ſie weit offen ſtehen. Herzhaft trat Kätchen Thür zu öffnen.„Onkel— es iſt etwas im Hauſe geſchehen,“ ſprach ſie gefaßt.„Laſſ' uns ſogleich Alles unterſuchen— beſonders unſere Wohnſtube.“ Der alte Mann zeigte ein ſehr verſtörtes *) Schluß zum frütheren Hefte. Erinnerungen. Auguſt 1858. Am Rheine. ehnen Der Strom, der Fels, die Linde Erzählen noch von ihr, Und trauernd geh'n die Winde Durch's dunkle Waldrevier. Weſen.„Es werden doch nicht Diebe“— ſtam⸗ melte er und ſtolperte eilfertig den Hausflur entlang der Stube zu. Sie war offen und die Thür flog unter dem leiſen Drucke ſeiner zitternden Hand ſo⸗ gleich in ihren Angeln zurück. Aller Blicke irrten, mit der Erwartung irgend etwas Entſetzliches erfahren zu müſſen, angſthaft umher. Es war nichts zu ſehen. Ge⸗ ordnet ſtanden die Möbel, kein Stuhl verrückt, kein Tiſch verſchoben. Nur ein Laden war be⸗ ſchädigt und hing ſchlotternd vor einer zerbroche⸗ nen Fenſterſcheibe. Das Fenſter ſelbſt war durch dieſe Maßregel geöffnet worden, aber je⸗ denfalls wieder geſchloſſen, nachdem es zum Einſteigen in's Zimmer gedient hatte. „Zieht die Laden auf,“ befahl Vo igtlän⸗ der mit bebender Stimme. Es geſchah. Der alte Mann wankte zum Sekretär.„Hier— ſeht Ihr!“ rief er erſchrocken. Der Schrank war geöffnet, die Kaſten durchwühlt und trotz des Chaos von Papieren und Briefen entdeckte Voigtländer ſogleich, daß ihm die Rollen Gold, die er hier aufgeſpeichert hatte, ſo wie ein Paket Kaſſenanweiſungen, fehlten. Händeringend betrachteten die drei Frauen⸗ Vor mir lag in der Ferne Der Berge Silbereis, Am Himmel zogen Sterne Den alten ew'gen Kreis. Und Wolkenbilder zogen Wie Schatten alter Zeit; Es ſangen dumpf die Wogen Von der Vergangenheit. Die Zeit der ſüßen Lieder, Der Kraft und Jugendluſt— Sie floh und kehrt nicht wieder In die verwaiſte Bruſt. Sie iſt dahingeſchwunden, Wie eine ſchöne Sag', Und wird nicht mehr gefunden, Wohl bis zum jüngſten Tag. P. Plattner. zimmer dieſen Gräuel und mit verbiſſenem Grimme ſtand der alte Mann vor demſel⸗ ben da. „Was iſt Dir geſtohlen?“ fragte die alte Frau zitternd und verzagt. „O, mir nur die Kleinigkeit von neunhun⸗ dert Thalern,“ entgegnete Vo igtländer im Tone des fürchterlichſten Aergers,„und von Kätchens Gelde etwa zwölfhundert Thaler Erſparniſſe.“ Erſchrocken fuhren Alle zurück. Woher hatte der Dieb gewußt, daß ſo viel Geld hier zu holen war, da ſie es nicht einmal geahnet hatten! Verſtört raffte der alte Mann die herum⸗ geſtreuten Sachen zuſammen, um ſie wieder in die Kaſten zu werfen. Seine Gedanken zer⸗ marterten ſich mit der Frage: wer dieſen Fre⸗ vel ausgeübt haben könne? Während er damit beſchäftigt war, blickten die Frauenzimmer beklommen ringsum. Zu gleicher Zeit rief Suſette, die Magd und das Fräulein:„Mein Gott— was iſt das mit unſerm Hektor— was iſt dem Dompfaffen geſchehen?“ Kätchen eilte zum Käfig— Suſette 29 — ke S=eee ————— 226 zum Sopha, neben welchem Hektor ſteif ausge⸗ ſtreckt lag.. „Todt!“ ſchrieen ſie Beide. „Wer? Todt? Wer?“ fragte Voigtlän⸗ der ſich umwendend. „Hektor iſt todt!“ wiederholte die Magd. „Der Dompfaffe iſt todt,“ Fräulein Kätchen. Leichenblaß, ergriffen wie nie in ſeinem Leben, näherte ſich der alte Mann, um ſich von der Wahrheit dieſer Mittheilung zu überzeugen. Leider war nicht daran zu zweifeln. Beide Thiere lagen leblos da. Dem Vogel war der Hals umgedreht— der Hund war vermuthlich ver⸗ Morgenhäubchen und flog zitternd vor Eile den Weg hinunter. Dort unten aber„war's fürchterlich!“ Im wüthendſten Eifer den Thäter zu er⸗ haſchen, war Voigtländer im Gaſthauſe angelangt und hatte Lärm geſchlagen durch die Nachricht: er ſei furchtbar beſtohlen und die Räuber hätten ſeinen Hund und ſeinen Vogel, die ihm liebſten Geſchöpfe auf Gottes Erdbo⸗ den, gemordet. Erſt horchte man mit ungläubigem Erſtau⸗ nen ſeinen beflügelten Worten, als er aber„den Fremden im Gaſthauſe“ geradezu als Thäter giftet. Starr mit weitgeöffneten Augen ſah bezeichnete und mit apodiktiſcher Gewißheit Voigtländer auf den Hund nieder, dann be⸗ darthat, daß nur dieſer die Gräuelthat voll⸗ lebte eine Wuth ohne gleichen ſein Geſicht und führt haben könne, da bildeten ſich die Geſichter bevor nur irgend Jemand ein Wort hervorzu⸗ etwas länger und alle Hausgenoſſen des Herrn bringen vermochte, ſtürzte er mit dem Geſchrei: Lambert, außer ihm ſelbſt, traten ſcheu zu⸗ „der Fremde, der Fremde!“ aus dem Hauſe, den rück, als, von dem ſchrecklichen Lärm herbeige⸗ Berg hinab und auf das Wirthshaus zu. Die zogen, der Gegenſtand der Beſchuldigung die Frauen ſahen ihn mit fliegendem Schlafrock, Treppe hinabkam. das graue Haar von dem Morgenwinde eu⸗ Wie ein Stoßvogel fuhr Herr Voigtlän⸗ porgeſträubt, einer rieſigen Fledermaus ähnlich, der auf den erſtaunten jungen Mann zu und vor ihren Augen verſchwinden. faßte ihn an der Bruſt. „Der Fremde?“— wiederholte dachdenb„Sie Mörder,“ ſchrie er in gellenden Tö⸗ lich die alte Frau und ſchüttelte erſt zweifelnd nen,„Sie Mörder— meinen Hund zu vergif⸗ den Kopf.„Freilich— ſein Benehmen“, ſetzte ten— wie geſagt, Sie Mörder! Meinem Dom⸗ ſie dann hinzu und hob mitleidig den armen pfaffen den Hals umzudrehen— wie geſagt, gemordeten Hektor vom Boden auf.„Weßhalb Sie Mörder, Sie Spitzbube— her das Geld —-———ÿ— er aber die Thiere getödtet haben ſollte—? „Der Fremde?—“ wiederholte auch Kät⸗ chen ſchaudernd, indem ſie dachte:„Kann man denn mit ſolchen ehrlichen Augen auch ein Sün⸗ der, ein Böſewicht ſein?“ „Tante“, ſprach ſie nach einem kurzen Nach⸗ ſinnen,„Tante, der Fremde iſt es nicht geweſen, darauf ſchwöre ich!“ „Kind— Du kennſt die Welt nicht,“ ſeufzte die alte Frau und trat bedächtig an den offengebliebenen Sekretär um die Papiere we⸗ nigſtens ſo weit zuſammen zu ſchieben, daß ſie die Klappe in die Höhe richten konnte. Ein klei⸗ ner blitzender Gegenſtand ſchurrte dabei leiſe in die Fuge und wurde nur durch die eilfertige Hand des Mädchens vor dem Zerſchmettern gerettet. Nacdenklich hielt Kätchen das Ding, was ſie aufgefangen hatte, in der Hand und betrach⸗ tete es. Eine dunkle Erinnerung tauchte in ihr auf— ein Gedanke erwachte— ein Argwohn blitzte durch ihre aufgeregte Seele. „Was haſt Du da?“ fragte vie alte Frau. „Wo kommt das her?“ Kätchen ſah mit freudig ſtrahlenden Au⸗ gen zu ihr auf.„Wo das herkommt? Nun— der Räuber hat es verloren, als er hier gierig in den Papieren nach Geld geſucht hat“, ſprach ſie ſehr ſchnell.„Der Onkel wird wiſſen, was es iſt— in ſeiner Hand habe ich es ein Mal ge⸗ ſehen— vielleicht führt es uns auf die Spur, wer hier geſtohlen hat. Ich muß dem Onkel nach— um jeden Preis muß ich ihm nach!“— Haſtig ſteckte ſie den kleinen Gegenſtand in ihre Taſche, warf ein großes Tuch über die leichte Morgenkleidung, ſetzte den großen Hut auf das — her das Geld, das Sie geſtohlen haben!“ Derr Fremde machte ſich zornig von der Hand deſſen frei, der ihn ſo unvermuthet an⸗ gefallen hatte. Er erkannte Voigtländer in der entſtellenden Verſtörung ſeines Weſens nicht wieder und erſt der Zuruf des Wirthes be⸗ lehrte ihn, mit wem er es zu thun hatte. „Voigtländer!“ rief Lambert war⸗ nend.„Voigtländer, nehmen Sie ſich in Acht!“ „ Was wollen Sie von mir?“ fragte der Fremde nach dieſem Zurufe gelaſſener, als ſeine Zornesröthe erwarten ließ. Mein Geld will ich— mein Geld!“ „Ihr Geld?“ erwiederte der Fremde fra⸗ gend mit verächtlichem Zurückwerfen des Ko⸗ pfes.„Sie wiſſen am Beſten, daß ich Ihr Geld nicht haben kann—“ „Sie haben es und kein Anderer! Sie allein—! Sie ſind der Einzige, dem es zuzu⸗ trauen iſt, einem alten Manne ſeine liebſte Freude und ſein Geld zu rauben. Sie allein! Wozu hätten Sie denn geſtern mein Haus ſo ſcharf gemuſtert— wozu den Hund ſo ſchlau an ſich gelockt— Sie ſind der Räuber— Sie ſind der Mörder meiner Thierchen— ach Du mein Herr Gott, mein ſchöner Vogel— mein kluger Hund!“ „Alter Mann,“ entgegnete der Fremde mit ernſtem tief bewegten Tone,„alter Mann, Sie wiſſen nicht, was Sie thun! der Schreck ſcheint Sie wahnſinnig gemacht zu haben. Wollen Sie hören, weßhalb ich Ihr Haus ſo voller Theilnahme betrachtet habe? Ich bin Ihr Neffe Herrmann Henneberg— ich bin der Sohn Ihrer Schweſter!“ Einen Augenblick fuhr der Alte ſcheu zurück und muſterte den jungen Mann mit großen Au⸗ gen. Einen Augenblick ſchien er zu begreifen, daß es unwürdig ſei, mit ſeinen Beſchuldigun⸗ gen fortzufahren, dann aber fluthete der Zorn über ſeine beſſere Regung wieder hinweg und vereinte ſich mit der Verbitterung, die Jahrzehnde lang in ſeinem kalten Herzen ruhete. Er raſete von Neuem los: „So alſo hängt die Sache zuſammen, Du Galgenſtrick! So alſo? Hergeſchickt hat Dich die falſche Schlange, die meine Schweſter ſein will — wie geſagt, um mich meiner liebſten Freu⸗ den zu berauben, um das Geld ſtehlen zu laſſen, was ich ihrer Brut nicht borgen wollte? Wie geſagt, ſo alſo finden wir Dich, Du Mörder. Her mein Geld oder ich ſchlage Dich zu Boden, Du Taugenichts, Du Räuber!“ „Onkel— Du biſt in dieſem Augenblicke nicht zurechnungsfähig,“ fiel Herrmann ſehr beſonnen und vorſichtig ein, indem er ſich ſtolz aufrichtete und mit einem Herrſcherblicke die halb ſchadenfrohen, halb verlegenen Geſichter der Umſtehenden überlief.„So viel ich aus Deinen unzuſammenhängenden Reden erſehe, biſt Du beſtohlen in der Nacht und Dein Hund iſt Dir vergiftet. Das ſind traurige Ereig⸗ niſſe, aber— „Niederträchtigkeiten ſind es!“ rief der Alte ſchäumend vor Wuth.„Faßt den Schelm, Ihr Leute! Schnürt ihm die Hände auf den Rücken— fort mit ihm auf's Amt. Ich will der Brut meiner Schweſter lehren, den Onkel zu berauben!“ Herr Lambert hielt den Alten zurück, der mit eigner hoher Hand den erſten Schimpf auf das Haupt des jungen ſtolzen Mannes verhängen und ihn ſchlagen wollte. „Halt, Voigtländer!“ rief er,„man richte nicht eher, als bis der Spruch und das Urtheil reif iſt. Allerdings hat Ihr ſonderba⸗ res Heimlichthun, Herr Henneberg, nichts Empfehlendes— weßhalb ſagten Sie mir ge⸗ ſtern nicht gleich, wer Sie ſind?“ „Haben Sie mich darnach gefragt, Herr Lambert?“ erwiederte Henneberg ab⸗ weiſend.. „Nein, das niche, aber Sie ſagten mir doch gleich, daß Sie für die Handlung Oltermann und Kompagnie reiſeten.“ „Richtig und ich ſagte Ihnen auch, daß ich vielleicht Ihre Meinung von der anerkannten Sicherheit dieſer Firma benutzen könne und das war vorläufig genug. Mein Plan ging dahin, meinem Onkel bekannt zu werden, ohne daß er wußte, wer ich ſei, und ihn nach gelungener Bekanntſchaft zu vermögen, mir das Geld, was ich ſchon ein Ral vergeblich von ihm gefordert hatte, zu leihen, damit ich als Kompagnon in die Firma Oltermann eintreten könnte. „Kompagnon von Oltermann?“ fiel Lam⸗ bert ein—„allen Reſpekt!“. Gleichzeitig aber ſchrie Voigtländer da⸗ zwiſchen: „Wie geſagt, er iſt der Räuber! Wie ge⸗ ſagt, er hat ſich die Zweitauſend geſtohlen, weil 8½ p n⸗ ich ihm die Fünftauſend nicht habe borgen wollen.“ „Zweitauſend Thaler ſind Ihnen geſtoh⸗ len?“ rief Lambert voller Entſetzen und hef⸗ tete zum erſten Male mißtrauiſch den Blick auf Henneberg. „Zweitauſend Thaler—“ ging es flüſternd ringsum und Aller Augen hingen nun feſt überzeugt an dem jungen Verwandten des Be⸗ ſtohlenen. 1 „Ja, zweitauſend Thaler und mein Hund vergiftet und mein Vogel erwürgt,“ jammerte der Alte:„Wollt Ihr mir denn nicht helfen, den ſchurkiſchen Thäter zu faſſen, Ihr Leute? Kein Anderer, als dieſer Böſewicht iſt der Thäter— kein Anderer!“ Ein unruhiges Flüſtern ging in dem Kreiſe der Umſtehenden rundum. „Geh' Einer auf's Amt—“ hörte man deutlich ſagen, aber es ging dennoch Niemand. Der Wirth war von Hennebergzurückgetreten, gleichſam als habe er eingeſehen, daß er ſeines Schutzes nicht werth ſei. „Geht keiner, um mir alten Manne Hilfe zu holen!“ ſchrie Voigtländer erboſt und ſprang in großen Sätzen der Hausthür zu. fl „Gut, ſo hole ich ſelbſt den Gendarmen her — haltet ihn feſt—!“ Er ſtürzte hinaus und rannte mit ſolcher Heftigkeit gegen Kätchen, die in dieſem Au⸗ genblicke beim Wirthshauſe anlangte, daß er jählings rücküber ſchlug und ohne die Geiſtes⸗ gegenwart des jungen Henneberg, der ihm unter warnendem Zuſpruche gefolgt war, wahr⸗ ſcheinlich das Genick gebrochen hätte. „Halt, Onkel!“ rief Kätchen in den Wirrwarr, der dadurch entſtand, hinein. „Onkel— der Fremde iſt es bei Gott nicht geweſen— Onkel, Dein blinder Eifer wird einen unſchuldigen Mann ſchwer und un⸗ heilbar kränken!— Sieh hier, was wir zwi⸗ ſchen den aufgewühlten Papieren mitten im Geldſchranke gefunden haben—!“ Sie hielt ein Stückchen Glas an einer kurzen, abgeriſſe⸗ nen Gummiſchnur hoch in der Hand dem al⸗ ten, zitternden Voigtländer entgegen. Herrmann Henneberg ſah nicht dar⸗ auf, er ſchaute nur auf das Mädchen, welches wie ein rettender Engel, in der Glorie eines weiblichen Vertrauens vor ihm erſchien. „Sieh, Onkel, das hat der ſchändliche Räu⸗ ber bei ſeiner That verloren— kennſt Du es wieder? Ich habe es vor mehreren Tagen ein⸗ mal in Deiner Hand geſehen—“ Weiter kam ſie nicht, denn Herr Lambert der kluge Wirth zum goldenen Löwen griff nach dem Glasſtückchen und ſchrie überlaut: „Herrn Oskar Behrens' Lorgnon!“ Jetzt wurde Henneberg aufmerkſam. Frühere Erfahrungen reckten ſich wie die Glie⸗ der einer verborgenen Kette aus der Vergan⸗ genheit hervor. „Wie? Täuſchen Sie ſich nicht, Herr Lam⸗ bert?“ fragte er in wilder Haſt.„Gehört das Lorgnon wirklich dem Karl Weſemann?“ — Herr Lambert ſah ihn verwundert an und fragte:„Wem? Nein, dieß Lorgnon gehört dem Herren Oskar Behrens, ſo war ich ein ehr⸗ licher Mann bin!“ „Dann ſchnell zum Amte— ſchnell ihm nachgeſetzt!“ rief Henneberg ganz außer ſich. „Laſſen Sie mich ſelbſt auf's Amt.— Ich werde durch meine Ausſagen die Maßregeln beſchleunigen.“ Er nahm ſeinen Hut, den er auf einen Tiſch geworfen hatte, auf und drückte ihn feſt auf den Kopf. „Oho,“ ſchrie Voigtländer, jetzt erſt wieder zur vollen Beſinnung gelangend,„oho, Patron, nicht alſo. Du bleibſt hier, bis wir wiſſen, was das Stückchen Glas eigentlich be⸗ ſagen ſoll, in wiefern es mit dem jungen Herrn, den ich als einen ganz vortrefflichen und un⸗ eigennützigen Mann habe kennen lernen, zu⸗ ſammenhängt.“ „Onkel, ſei vernünftig—“ bat Herrmann Henneberg— Kätchen horchte hoch auf. Ihr Blick begegnete dem Auge des jungen Mannes. Der Strahl eines eigenthümlichen, freudigen Erkennens brach aus ihren Augen, während eine Purpurgluth ihre Wangen über⸗ og.— „Herrmann Henneberg?“ fragte ſie ſchüchtern zu ihm gewendet. Er nickte und bot ihr die Hand, die ſie ſogleich ergriff und mit weichem, warmem Drucke feſthielt. Während dieſer kurzen, blitzartig abgeſpielten Zwiſchen⸗ ſzene hatte Herr Lambert ſich in's Mittel geworfen und dem alten, bitterböſen Voigt⸗ länder erklärt, daß ſein Neffe ganz in ſei⸗ nem Rechte ſei, wenn er die Herbeiſchaffung des jungen Oskar Behrens beſchleunigen wolle, denn das Lorgnon gehöre unbeſtreitbar dieſem Herrn Behrens und in ſeiner Ge⸗ genwart ſei die Schnur geriſſen, an welcher er es befeſtigt getragen habe. „Da uns Kätchen verſichert, es in dem⸗ ſelben Schranke gefunden zu haben, woraus das Geld geſtohlen iſt, ſo iſt es unzweifelhaft, daß er das Geld dort herausgenommen und unvorſichtigerweiſe ſein Narrenſpielwerk dabei verloren hat,“ ſchloß er ſeine Argumentation mit ſehr erhobener Stimme.„Sie werden doch wenigſtens zugeben, Gevatter Voi gtländer, daß Herr Oskar Behrens eben ſo gut der Thäter geweſen ſein kann, als dieſer junge Herr, der noch dazu ein Verwandter von Ihnen iſt.“ „Erlauben Sie mir nur eine Bemerkung,“ unterbrach ihn Herrmann jetzt wieder ganz ruhig und gefaßt,„der Mann heißt gar nicht „Oskar Behrens“, ſondern„Karl We⸗ ſemann“. Ich wunderte mich geſtern, als Sie ihn„Behrens“ nannten, fragte Sie auch darnach, vermuthete aber keineswegs einen Schurkenſtreich hinter dieſem Namenswechſel, obwohl mir bekannt iſt, daß er nicht viel taugt. Meine Eltern haben vor ungefähr zwanzig Jahren bei ſeinen Eltern, die eine Brauerei in Brandenburg beſeſſen haben, aber längſt todt ſind, zur Miethe gewohnt. Wir ſpielten als 227 Knaben zuſammen— allein es war ein zu ſchlechter und unzuverläſſiger Knabe! deßhalb verließen meine Eltern das Haus und zogen in eine ganz entfernte Stadtgegend. Schon da⸗ mals hatte er die Kaſſe meiner Mutter um vier Thaler leichter gemacht und der guten Frau Furcht vor ſeinem Einfluſſe auf uns ein⸗ geflößt. Was wird ſie ſagen, wenn ſie hört, wie ſich unſere Wege jetzt ſo ärgerlich und ab⸗ ſcheulich durchkreuzt haben. Doch die Zeit ver⸗ rinnt— Onkel— haſt Du nun Vertrauen ge⸗ nug zu mir, um mich zum Amte gehen zu laſſen?“ fügte er mit einem bittern Lächeln hinzu. Voigtländer, gewiß innerlich beſchämt, glaubte dieß nicht zeigen zu dürfen. „Mach' was Du wilſſt,“ brummte er, ſei⸗ nen Schlafrock um ſich wickelnd und Anſtalt treffend, das Wirthshaus zu verlaſſen.„Viel⸗ leicht ſteckt Ihr„Jugendfreunde“ unter einer Decke— denn der Eine ging, als der Andere kam.“ „Die Zeit wird Dich belehren und über⸗ zeugen, was Dein Neffe für ein Mann iſt,“ ent⸗ gegnete Henneberg äußerſt gelaſſen, ließ jedoch bei der Fortſetzung ſeiner Rede ſeine leb⸗ haften, ſchönen Augen ſehr ausdrucksvoll über die Umſtehenden hinſchweifen. „Ich denke, es iſt, außer Dir, kein Einziger unter dieſen Leuten ſo vermeſſen, nur noch den kleinſten Zweifel über meine Unſchuld zu hegen, und ich gebe mich der Hoffnung hin, daß es mir gelingen wird, den wahren Thäter des frevelhaften Diebſtahls zu entdecken.“ Voigtländer ging hinaus ohne ein Wort zu erwiedern. Kätchen aber blieb ſchüch⸗ tern ſtehen und zögerte die Schwelle zu über⸗ ſchreiten. Die Leute des Hauſes entfernten ſich langſam. Herr Lambert erklärte laut: jetzt würde ihm Manches erklärlich und er werde ſich ſogleich„in's Zeug ſchmeißen“ um mit auf's Amt zu gehen und die Angaben des Herrn Henneberg zu unterſtützen, dieſer ſolle nur einen Augenblick warten. Während er ging, näherte ſich Herrmann ſchnell ſeiner Couſine und ſchauete ihr mit herziger Freundlichkeit un⸗ ter den Hut. „Haſt Du wirklich gar nicht an mir ge⸗ zweifelt?“ flüſterte er. „Nein— nein, Herrmann!“ rief das Mädchen mit leidenſchaftlicher Haſt. „Hätte ich Dir doch geſtern vertraut,“ ent⸗ gegnete er reumüthig,„es hätte mir wenig⸗ ſtens eine höchſt unangenehme Szene erſpart. Wie ſonderbar aber, liebes Kätchen, daß ich nie eine Ahnung von Deinem Daſein erhalten habe— es ward niemals von der Bruderstochter meines Onkels geſprochen.“ „Natürlich, denn der Zwiſt zwiſchen Dei⸗ ner Mutter und meinem Onkel iſt gerade ſo alt, wie ich,“ lächelte ſie. „Aber Du theilſt den Haß gegen meine Mutter nicht?“ forſchte Herrmann eifrig. „Ebenſowenig, wie Tante Voigtlaärn⸗ der,“ berichtete Kätchen.„Wir ſprachen oft 29*— — QSE—— — Herrmann, wir ſind Geſchwiſterkinder“ von Euch und wenn wir gar nichts gethan ha⸗ ben,“ ſetzte ſie bedeutſam hinzu,„um Euch Be⸗ weiſe von rückſichtsvoller Liebe zu geben, ſo hat uns nur die Furcht vor dem Zorne des Onkels daran gehindert. Allein dieß ſoll nun anders werden!“— Der junge Mann ſah ſie unverwandt an. Sie erſchien ihm unbeſchreiblich hübſch in der innerlichen Aufregung ihrer Seele. Ein Ge⸗ danke legte ſich dann bleiſchwer auf ſein Herz und er fühlte ein brennendes Verlangen, Ge⸗ wißheit über einen Punkt aus ihrer letzten Ver⸗ gangenheit zu bekommen. „Kätchen, und Dir, Dir hat der elende dorthin— ſie wird ſich ſo ſehr freuen— Menſch, der Weſemann, Liebeshuldigungen bitte!“ darzubringen gewagt?“ ſprach er beklommen. Er ſchüttelte ernſt mit dem Kopfe.„Grüße Hu, wie blitzte das Auge des Mädchens ſie nur— ich komme bald, bald wieder!“ den jungen Mann an. „Haſt Du wirklich einen Moment nur ge⸗ glaubt, daß ich mir von dieſem Menſchen der⸗ gleichen hätte gefallen laſſen können?“ fragte ſie, ihn parodirend. „Nein!“ betheuerte er ebenſo leidenſchaft⸗ lich bewegt, wie ſie vorhin.„So lange ich Dich nicht geſehen hatte, konnte ich nicht darüber ur⸗ theilen, aber ſpäter zweifelte ich nicht daran, daß Du ihn abgewieſen hatteſt.“ „Beruhige Dich, auch dieß war nicht ein⸗ mal nöthig. Herr Oskar Behrens hat ſich nur Mühe gegeben, den Onkel zu kirren, um ſeine Geheimniſſe zu erfahren. Ich erinnere mich jetzt erſt, daß der alte mürriſche Mann ihm ſogar Einblicke in ſeine Geldverhältniſſe geſtattete, was er nie gethan hat. Selbſt ich weiß noch nicht genau, wie hoch ſich mein Erb⸗ theil von meinem Vater beläuft.“ Gleich nach dieſen Worten erröthete ſie lebhaft, weil ſie an ihren Verdacht hinſichts der Spekulationsideen des Mannes dachte, den ſie nun als Verwandten kennen gelernt hatte. Haſtig ſetzte ſie hinzu, gleichſam um ihr Unrecht zu ſühnen: „Aber ich werde mich jetzt anders zu ihm ſtellen. Mein Vormund ſoll mir Rechenſchaft über mein Vermögen ablegen und— wenn — ſtammelte ſie verlegen werdend—„wenn Du von mir die Summe borgen willſt, die der hartherzige Onkel Dir verweigert hat, ſo ſollſt Du ſofort in Beſitz derſelben kommen.“ Herrmann blickte ihr ſchelmiſch in's Auge. „Kätchen, dehne Deine Güte nicht zu weit aus!“ rief er wieder mit dem ganzen Froh⸗ ſinn der Jugend ſcherzend.„Es könnte Dich Dein Anerbieten gereuen, wenn Du meine Be⸗ dingungen hörteſt, unter denen ich Dein Ka⸗ pitaldarlehen annehmen will.“ „Unter jeder Bedingung bin ich bereit— unter jeder Bedingung, Herrmann!“ rief ſtürmiſch das Mädchen, aber ſie ſchlug raſch die Augen nieder und zog haſtig ihre Hand aus des jungen Herrn Händen, als er mit ſehr ver⸗ rätheriſchem Accente fragte:„Unter jeder Be⸗ „Was wird die Tante ſagen!“ meinte ſie, neben ihrem Couſin hinausſchreitend. „Grüße ſie von mir, mein herziges Mäd⸗ chen,“ ſprach Herrmann eilig, denn Herr Lambert erſchien mit Hut und Stock im Flure.„Ob ich Dich, ob ich die Tante für jetzt wieder ſehen werde, weiß ich nicht— ich bin entſchloſſen, das Haus meines Onkels nur auf ſeine Einladung zu betreten, und dieſe kann ich bei ſeinen vorgefaßten Meinungen nicht er⸗ warten.“ „O bitte, komm zur Bank hinauf,“ bat Kätchen leiſe.„Ich gehe mit der Tante Traurig über dieſen Beſchluß reichte ſie ihm abſchiednehmend die Hand, welche er im Im⸗ pulſe eines ſehr warmen Gefühles ſchnell zu ſeinen Lippen aufhob. Das Mädchen eilte dann den Bergpfad hinauf und die beiden Männer ſchlugen den Weg zum Gerichtsamtmanne ein. Kätchen erwartete natürlich, daß ihr Onkel wenigſtens eine kurze überſichtliche Auf⸗ klärung dieſes wichtigen Vorfalles gegeben ha⸗ ben würde, allein ſie irrte. Frau Voigt⸗ länder wußte noch nicht eine Sylbe von den Ereigniſſen im Gaſthofe. Sie hatte nicht ge⸗ wagt, danach zu fragen, weil der alte Mann ſogleich in den Garten gegangen war und dort abermals Veranlaſſung zum ausſchweifendſten Verdruß gefunden hatte. Der„Räuber und Mörder“ war nämlich ohne Rückſicht auf die friſchbepflanzten Rabat⸗ ten, welche unter den Wohnſtubenfenſtern dicht am Hauſe entlang liefen, über die Beete ge⸗ gangen und hatte ungeſchickter⸗ oder boshafter⸗ weiſe ſämmtliche Pflänzchen, die zur Freude des Alten ſo prächtig gediehen, dermaßen zu Boden getreten, daß eine neue Bepflanzung nöthig war. Wüthend hatte Voigtländer Spaten und Harke ergriffen und das ganze Beet total umgearbeitet, wobei die gräulichſten Verwün⸗ ſchungen des Thäters über ſeine Lippen geflo⸗ gen waren. In dieſer Gemüthsſtimmung ihm nur zu begegnen, gehörte zu den muthigen Entſchlüſ⸗ ſen, deren Frau Voigtländer nicht fähig war. Sie verkroch ſich in Kätchens Stube und als dieſe endlich erſchien, da berichtete ſie zitternd von dem neu entdeckten Unfuge. Aber wie verklärte ſich ihr altes gutes Geſicht, als ſie hörte, was dort unten aufgeklärt worden war! Jetzt wußte ſie auch mit einem Male, wodurch ihr der junge Mann ſo bekannt er⸗ ſchienen. Er ſehe ſeinem Vater ſprechend ähn⸗ lich. Freudenthränen floßen von ihren Augen, als Kätchen erzählte und ſie wurde nicht müde zu fragen. Dann erinnerte ſie ſich an des Hundes ſonderbare Freundlichkeit gegen ihn. Sie ſah einen Inſtinkt dieſes Thieres darin, Familie, und wenn auch Kätchen geneigt war, es mehr dem Zufalle zuzuſchreiben, daß der arme gemordete Hektor dieſen Fremden ſehr gnädig empfangen, während er ſeinen muth⸗ maßlichen Mörder wie ein wildes Thier an⸗ geraſet hatte, ſo mußte ſie dennoch zugeben, daß es ſonderbar war. Das ganze Verhalten des jungen Mäd⸗ chens zeigte ihre etwas leidenſchaftliche Vorliebe für Henneberg ſo deutlich wie möglich. Frau Voigtländer hätte keine Frau ſein müſſen, um dieß nicht herauszufühlen, und ſie hatte ſich kaum von ihrem erſten Erſtaunen über die Abenteuer ihres ſonſt ſo einförmigen Lebens erholt, als ſie auch ſchon ſagte: „Kätchen— das wäre aber ein Mann für Dich, nicht wahr?“ „Ja, Tante,“ erwiederte das Mädchen mit feſter, überzeugter Stimme.„Ja, wenn Herr⸗ mann mich lieb gewinnen könnte, wenn er mich zur Frau haben wollte— ich würde ihm in Noth und Tod bis an's Ende der Welt fol⸗ gen! Daß ich ihm gefallen habe, daß er mir ſchon jetzt herzlich gut iſt, weiß ich— jo etwas fühlt ſich leicht heraus— aber es frägt ſich nur, ob ich ihm in ſeinen Verhältniſſen genü⸗ gen kann.— Mir fehlt die hinreichende Bil⸗ dung— ich habe nicht die geringſte Welt⸗ kenntniß.“ Die alte Frau, welche ihre Nichte für ein Wunder von Gelehrſamkeit hielt, lachte, aber Kätchen, von der Gewalt wahrer Zuneigung ergriffen, die immer beſcheiden macht, ließ ſich in ihren Anſichten nicht irre machen. Sie beendete ihren Anzug, der am Morgen nur ſo ſchnell wie möglich improviſirt, war und ging dann, entſchloſſen zum Aeußerſten, hinaus zu ihrem Oheim. Ehe ſie den Garten betrat, blieb ſie bei der Leiche des armen Hektor ſtehen und beteachtete mit innerm Schauder das Thier, welches je⸗ denfalls ein Opfer ſeiner Wachſamkeit gewor⸗ den war. Ihrem klaren Geiſte entcollten ſich dabei die kleinen ſonderbaren Ereigniſſe, welche ſie in der Nacht beobachtet hatte, ohne die Wich⸗ tigkeit derſelben zu ahnen. Der Dompfaffe hatte ſein neuerlerntes Lied begonnen— ganz natürlich. Das that er ſeit beinahe vierzehn Tagen immer, wenn der Menſch, den ſie Os⸗ kar Behrens nannten, in's Zimmer trat. Ein Schrecken mußte alſo den elenden Dieb er⸗ faßt haben, als das Thierchen ſeine Anweſen⸗ heit auf dieſe Weiſe dokumentirte. Ein Griff und er verſtummte! Der Hund hatte angeſchlagen, wie er that, wenn ein Bekannter kam— er konnte aber nochmals und nochmals ſein freudiges Bellen erſchallen laſſen und dadurch Lärm im Hauſe erregen. Alſo— auch er mußte verſtummen und der ſchauderhafte Menſch ſchien ſich auf dieſe Mordthat vorbereitet zu haben. Kätchen kniete nieder zu dem Hunde und ſtreichelte ſeinen kalten Kopf: „Du warſt klüger, als wir Alle, mein ar⸗ dingung?“ Sie hielt eine Antwort für unnö⸗ thig und wendete ſich ſchnell zu Gehen. der errathen habe, dieſer Mann gehöre zur mer Hektor,“ ſagte ſie laut, damit es ihr Onkel, 9 der dicht am Hauſe arbeitete, hören konnte. „Du warſt weit klüger! Hätten wir deine erſte Abneigung gegen deinen Mörder mehr beachtet, wären wir aufmerkſamer darauf geweſen, ſo würden wir weder deinen Tod, noch den Dieb⸗ ſtahl zu beklagen haben. Du warſt klüger, als wir Menſchen, mein gutes Thierchen!“ Sie bemerkte ſehr wohl, daß ihr Onkel mit ſeiner Arbeit inne hielt und der Grabrede lauſchte, die ſie dem Hunde hielt. Es war ſeine ſchwache Seite, die Klugheit ſeines Hundes preiſen zu hören und ſelbſt an die große Glocke zu ſchlagen. Kätchen fuhr fort:„Und geſtern, mein Thierchen, haſt du noch eklatanter deine übermenſchliche Klugheit gezeigt. Du allein erkannteſt den Mann, der hier in's Haus ge⸗ hörte. Du ließeſt ihn ruhig in den Garten ge⸗ hen, du liefeſt ihm dann nach, als wollteſt du ihn einladen, in's Haus zurückzukommen— ja mein Hündchen— du wußteſt, daß darin deine Rettung lag. Hätten wir den Vetter im Hauſe gehabt, ſo wäre das Bubenſtück geſcheitert.“ Sie ſtreichelte nochmals die weichbehaarten, langen Schlappohren des Thieres und erhob ſich, um hinaus zu gehen. Schweigend trat ſie ihrem Onkel näher und betrachtete eine ganze Weile das Feld ſeiner ärgerlichen Thätigkeit. „Man ſollte doch kaum glauben, daß menſch⸗ liche Niederträchtigkeit ſo weit gehen könne,“ ſagte ſie ſehr gleichmüthig, obwohl ſie einen Plan verfolgte, von deſſen Gelingen viel ab⸗ hing.„Jeder Menſch ſchont doch ſonſt das wenigſtens, was ihm einmal Freude bereitete — aber dieſer ſogenannte Herr Behrens ſcheint es ſich ordentlich zum Vergnügen ge⸗ macht zu haben, das zu vernichten, was ihm lieb zu ſein ſchien. Man ſieht, er hat eine mei⸗ ſterhafte Komödie geſpielt, wenn er wirklich der Thäter geweſen iſt.“ „Wer ſoll es ſonſt geweſen ſein,“ brummte Voigtländer.„Der elende Kerl,— wie ge⸗ ſagt, der elende Kerl!“ Alſo das ſah er ſchon ein. triumphirte im Stillen. „Vetter Herrmann iſt mit Heren Lam⸗ bert auf's Amt gegangen, um vor allen Din⸗ gen eine Verfolgung des Menſchen zu bewerk⸗ ſtelligen. Seine Ehre erfordert es, daß man der Sache auf den Grund kommt, und die Ehre ſeiner Verwandten heiſcht es ebenfalls. Ich könnte mir nichts Entſetzlicheres denken, als eine Beſchuldigung, die ſo tief erniedrigend auf den Namen Voigtländer fällt, unerklärt zu ſehen.“ Der Alte ſah von der Seite auf, wollte eine Einwendung machen, unterließ es jedoch und pflanzte ruhig foct. Die Leichenrede wirkte nachträglich auf ſeine Laune und machte ihn ſehr nachſichtig gegen die Nichte, welche ihn eigentlich indirekt auf's Bitterſte tadelte. „Ich bat Herrmann uns Nachricht über den Verlauf ſeiner Schritte zu bringen,“ be⸗ gann Kätchen von Neuem,„allein er erklärte mir„nur auf Deine ſpecielle Einladung dieß Haus betreten zu wollen.“ Kätchen „Denkt er, ich werde ihn hinausweiſen?“ murmelte der Alte, vielleicht etwas neugierig auf die Maßregeln, die das Amt zu ergreifen nöthig finden würde. „Was er denkt, weiß ich nicht,“ entſchied Kätchen kurz ab.„Aber ſeine Weigerung finde ich natürlich, obwohl gerade ſein unge⸗ ſtörter Verkehr mit uns hier oben die beſte Ehrenerklärung für ihn und für uns wäre.“ „Was da— für uns!“ brummte der Alte ſehr ſanftmüthig.„Unſere Ehre iſt doch kei⸗ neswegs in Gefahr.“ „Doch, lieber Onkel, doch!“ behauptete Kätchen.„Herrmann's Mutter iſt eine Voigtländer, das weiß der ganze Ort; kommt alſo der Name„Voigtländer“ nur in irgend einer Beziehung in ein zweifelhaftes Licht, ſo fällt der Schatten des Verdachtes auf die ganze Familie.“— Der Alte ſah wieder von ſeiner Arbeit auf und lächelte ſpöttiſch. „Die Weisheit haſt Du wohl aus Deinen Romanen gelernt,“ meinte er. „Nein, Onkel, dieſe Weisheit liegt in jedem Gemüthe, das ehrliebend iſt und ſich für die Ehre der Familie intereſſirt. Herrmann kann und wird keine Genugthuung von Dir fordern, weil Du ſein Onkel biſt, aber eben deßhalb mußt Du ſie ihm anbieten.“ „Wie und auf welche Weiſe denn?“ fragte Voigtländer grämlich.„Will er das Geld, das ich ihm verweigerte, haben— meinetwe⸗ gen— er mag es erhalten.“ „Das Geld braucht er nicht mehr!“ warf Kätchen kalt ein.„Er wird es von mir be⸗ kommen!“ Der Alte ſchaute mit Blicken ſtarrer Ver⸗ wunderung empor.„So—? Von Dir?“ „Ja, von mir! Könnte ich eben ſo ſicher ſeine Ehre wieder herſtellen, ſo wollte ich gern noch ein Mal ſo viel durch Diebſtahl verlieren, wie ich verloren habe, aber in meiner Hand liegt leider die Macht nicht.“ „Nun,“ fuhr der Alte heraus,„ſoll ich etwa hinabgehen und meinen Herrn Neffen am Arme heraufführen, wenn er nicht allein zu mir kommen will?“ „Ja, das ſollſt Du,“ entgegnete das Mäd⸗ chen kaltblütig, ihre ganze Stellung im Hauſe auf's Spiel ſetzend.„Ja, das mußt Du ſogar! Haſt Du hinabgehen können, um einem unſchul⸗ digen Manne den größten Schimpf anzuthun, ſo muß es Dir auch nicht zu ſchwer ſein, die⸗ ſen Mann durch Deine Handlungsweiſe zu ehren. Irren kann jeder Menſch und wenn er ſeinen Irrthum offen eingeſteht, ſo verbeſſert er die Meinung der Leute über ſich, während er ſich ihrem bittern Tadel unterwerfen muß bei trotzigem Beharren!“ „Was das Kind klug iſt,“ ſpottete der Alte, ſie unterbrechend, aber er zeigte weder Zorn noch Heftigkeit. „Nenne das nicht Klugheit, Onkel,“ ſprach Kätchen weiter.„Es iſt nur richtiges Ge⸗ fühl. Ich halte es für meine Schuldigkeit, Dir 229 mein Gefühl über dieſe Angelegenheit auszu⸗ ſprechen und zwar mit demſelben Rechte, wie unſer Hektor ſeinen Widerwillen gegen den Mann, den wir„Oskar Be hrens“ nennen, zu erkennen gegeben hat. Wir haben auf des Thieres kluge Widerſetzlichkeit nicht den Werth gelegt, der nöthig war, und dadurch iſt es ein Opfer des ſchändlichen Menſchen geworden. Um mir nicht Vorwürfe zu machen oder ſie ſpäter⸗ hin von Dir zu verdienen, ſprach ich mein Gefühl eben ſo deutlich aus, wie der Hund es durch ſein Bellen gethan hat, zwinge Dich aber durchaus nicht, darauf zu hören.“ Voigtländer ſchwieg und Kätchen entfernte ſich. Sie war des Erfolges nicht ſicher, aber ſie hatte ſich auf Alles gefaßt ge⸗ macht und feſt beſchloſſen, bei einem ausbre⸗ chenden Ungewitter im Hauſe dasſelbe zu ver⸗ laſſen, um durch ihr Benehmen zu beweiſen, daß ſie den Sohn ihrer Tante Hennebe rg ehre und achte, trotz der übereilten Verunglim⸗ pfung ihres Onkels. Während ſie auf dieſe Weiſe für Herr⸗ mann handelte, kam dieſer mit dem Gaſt⸗ wirth und Kaufmann Herrn Lambert im Gerichtsamte an. Der Gerichtsaktuar war noch nicht auf ſei⸗ nem Poſten, aber der Gerichtsherr zeigte ſich ſehr bereitwillig, die beiden Herren anzuhören und ließ ſie in die Gerichtsſtube führen, woſelbſt er ſehr bald erſchien, um ihre Anklage zu ver⸗ nehmen. Geſpannt hörte er zu. Bei den flüch⸗ tig angedeuteten Auftritten, worin Henne⸗ berg ſo tief verlett worden war, unterbrach er den Bericht und fragte: ob er ſich legitimiren könne. Henneberg zog ſeine Papiere hervor, präſentirte ſie ihm und erzählte ſchnell weiter. „Karl Weſemann,“ wiederholte der Beamte, als Henneberg zu der Erklärung kam, daß der Verdächtige unter falſchem Na⸗ men nahe an vier Wochen im Thale gelebt habe.„Karl Weſemann,“ ſprach er noch⸗ mals ſinnend und griff zu einem Aktenvolu⸗ men, das ſeitwärts lag. Während Henne⸗ berg ſeine Berichterſtattung mit dem feſt aus⸗ geſprochenen Wunſche ſchloß, alle gerichtliche Macht angewendet zu ſehen, um dem„W eſe⸗ mann“ auf die Spur zu kommen, blätterte der Beamte haſtig in dem Aktenhefte, fand end⸗ lich ein Zeitungsblatt und legte es, ſonderbar lächelnd mit dem Finger darauf deutend, vor Henneberg hin. Herr Lambert, der Wirth zum goldenen Löwen, ſchaute neugierig über des jungen Mannes Schultern und las: „Der Privatſchreiber Karl Weſemann, aus Brandenburg gebürtig, iſt dringend ver⸗ dächtig ſich durch falſch ausgeſtellte Dokumente in den Beſitz bedeutender Gelder geſetzt und da⸗ nach bei ſeiner rechtszeitig bewirkten Flucht, durch räuberiſchen Eingriff in eine Kaſſe, die Summe von hundert Goldſtücken geſtohlen zu haben. Alle Behörden werden erſucht auf den Karl Weſemann zu vigiliren und ihn im Betretungsfalle auf unſere Koſten hieher zu 230 ſenden. Sein Signalement kann nicht näher bezeichnet werden, als: er trägt ſich ſehr elegant, zeigt gern eine koſtbare goldene Uhr und drückt ſich, geziert, im Berliner Jargon aus.“ Ueberraſcht ſahen ſich alle drei Männer an. „Da hätten wir den Vogel gehabt und er i*ſt wieder auf und davon!“ ſprach der Gerichts⸗ amtmann ärgerlich.„Wäre das Signalement vollſtändig geweſen, ſo würde er mir nicht ent⸗ ſchlüpft ſein.“ „Das wollen wir ſogleich vervollſtändigen,“ fügte Henneberg eilig hinzu, indem er eine Feder ergriff und mit gewandten Ausdrücken die genaueſte Perſonalſchilderung auf's Papier warf. „So, Herr Gerichtsamtmann.— Wenn Sie nun die Gewogenheit haben und unſere Ausſagen protokollirt an die nächſte preußiſche Polizei⸗ oder Gerichtsbehörde ſenden wollten, ſo bin ich ſicher, daß nicht vier Tage vergehen und wir haben den Hallunken gewiß.“ Indem er noch ſo ſprach, öffnete ſich die Thür des Gerichtszimmers und es trat ein preußiſcher Gendarm ein, um ſich über eine anderweite Dienſtſache zu informiren. „Ah— Sie kommen mir wie gerufen!“ ſprach Henneberg aufgeregt ihm entgegen⸗ tretend.„Wo ſtehen Sie? Unter welchem Landrathsbezirke?“ Der Gendarm erklärte es und horchte dann aufmerkſam auf die Auseinanderſetzungen des jungen Kaufmanns, der gleich einem alten ge⸗ dienten Kriminaliſten Anordnungen traf, die vortrefflich waren und jedenfalls zum Ziele führen mußten. Nachdem der Gendarm vollſtändig in⸗ ſtruirt war, erklärte Henneberg, daß er im Gerichte die Summe von fünfzig Thalern für denjenigen deponiren werde, welcher den frag⸗ lichen Reiſenden„Oskar Behrens“ hieher an Ort und Stelle bringe, damit ſeine Iden⸗ tität mit„Karl Weſemann“ feſtgeſtellt wer⸗ den könne. „Das wird ſeine Schwierigkeiten haben, mein Herr,“ wendete der preußiſche Gendarm beſcheiden ein.„Wir haben nur das Recht, den ſteckbrieflich Verfolgten auf dem geradeſten Wege nach dem Orte zu bringen, von wo aus er ver⸗ folgt iſt. Wer ſoll die Koſten tragen, wenn er hieher gebracht wird?“ „Ihr Onkel— niemand, als Ihr Onkel, Herr Henneberg,“ ſchrie der Gaſtwirth. „Wenn das iſt, ſo bin ich erbötig, es dahin zu bringen, daß ich mit der Verfolgung des Weſemann betraut werde. Nur müßte ich um einen Revers an meinen Vorgeſetzten bit⸗ ten,“ entgegnete der Gendarm. Zuerſt wollte der Gerichtsamtmann nicht darauf eingehen, unter der Hand Maßregeln zu ergreifen, die vielleicht hinſichts des Koſtenpunk⸗ tes zu ſeinem Nachtheil ausſchlagen konnten, endlich aber willigte er ein. Der Vertrag wurde darm auf ſeinem ſtarken Pferde der preußiſchen Grenze zu. Unterwegs überlegte er ſich, daß der Ver⸗ dächtigte jedenfalls die nahe Eiſenbahn benutzt hatte, um mit ſeinem beträchtlichen Raube das Weite zu ſuchen. Es konnte alſo nur von Vor⸗ theil ſein, ſofort alle telegraphiſchen Hilfsmittel in Bewegung zu ſetzen, die früher, als die Bahnzüge ſelbſt, eintrafen. Faßte man auf irgend einer Station das Herrchen, ſo blieb ihm Zeit dorthin zu reiſen und ihn einer Re⸗ kognition zu unterwerfen. Unter dieſen An⸗ ordnungen mußte es gelingen, den Mann zu greifen, den man für den von preußiſcher Seite verfolgten Betrüger hielt. Beſtätigte ſich dieſe Vorausſetzung nicht, ſo hatte kein Menſch wei⸗ ter Schaden davon, als der junge Herr Hen⸗ neberg, der alle Koſten zu tragen ſich ver⸗ pflichtet hatte. Bevor wir mit den Gerichtsperſonen die nöthigen Verfolgungsreiſen antreten, wenden wir noch einen Blick nach dem Thale zurück, wo verſchiedene Konflikte unſer Intereſſe in Anſpruch nehmen. Kaum war Herr Lambert mit ſeinem jungen Gaſte wieder im Wirthshauſe angelangt und hatte ſich mit demſelben zu einem ſauer verdienten Frühſtücke zurechtgeſetzt, als Herr Voigtländer, in anſtändigerem Koſtüm, als am Morgen, ehrbar den Berg hinabgeſtiegen kam und auf das Wirthshaus zuging. Sein Ausſehen war nicht ſo kräftig, wie ſonſt. Sein Gang ſchien unſicher und das Ge⸗ ſicht trug die Spuren der überſtandenen Ge⸗ müthsbewegung. Ernſt trat er ein in die Gaſtſtube und eine kleine Verlegenheit malte ſich in ſeinen Mie⸗ nen, als er ſich plötzlich vor dem Manne fand, um deſſenwillen er wieder hinabgekommen war. Die Gutmüthigkeit Herrmann's erleichterte ihm ſeine drückende Stellung ihm gegenüber. Er ſprang auf und eilte ihm entgegen. „Du biſt gewiß begierig darauf, was wir ausgerichtet haben,“ ſagte er leutſelig; indem er ihn zu dem Stuhle hingeleitete. Voigt-⸗ länder ſank ſchwerathmend darauf nieder. „Die Geſchichte iſt mein Tod,“ murmelte er matt. „O, nicht doch, lieber Onkel,“ beruhigte ihn der Neffe, fühlte aber ſelbſt einen kleinen lene Geſicht des alten Mannes blickte. Herr Lambert, weniger zartfühlend und rückſichtsvoll, erlaubte es ſich, Voigtlän⸗ der erſt noch tüchtig„abzukanzeln“, bevor er ſich dem Mitleiden mit ihm hingab und dann erzählte er ihm weitſchweifig, was ihnen im Gerichtslokale paſſirt ſei und was Herr Hen⸗ neberg, auf ſein Riſiko, mit Hilfe des Ge⸗ richtsamtmanns angeordnet habe. Voigtländer hörte andächtig zu. Am Schluſſe der Erzählung reichte er dem jungen aufgeſetzt. Henneberg ſagte gut für alle Verwandten die Hand entgegen und ſagte: Ausfälle. binnen einer halben Lambert diente als Zeuge und Stunde flog der Gen⸗ „Nun komm' mit mir, Herrmann und 2 8 20 4 1 Schauer von Beſorgniß, als er in das verfal⸗ V gung die ältlichen Damen der Reihe nach zu be⸗ bleibe die Paar Tage, bis ſich die Geſchichte entwickelt hat, bei uns. Deine Tante freut ſich wie ein Kind auf Dich— komm' alſo und be⸗ gleite mich. Wir haben Platz genug oben und Gevatter Lambert wird es mir nicht übel nehmen, daß ich ihm einen Gaſt entführe!“ „Sieh', alter Schwede,“ rief der Wirth ganz überraſcht,„ſieh', das iſt brav von Dir, daß Du pater peccavi ſagſt. Hätte ich es doch nie geglaubt, daß ſo viel menſchliche Güte in Deinem alten Knochenherzen ſtecke, wie Du jetzt zeigſt. Ja, gehen Sie mit, junger Herr, gehen Sie mit, es iſt das beſte Mittel die Mäuler zu ſtopfen, die ſich in ſolchem Neſte, wie hier, um ſo größer aufreißen, je mehr Glück und Fortkommen ein Menſch gehabt hat. Geht mit Gott Ihr Beiden.“ Und es war keine halbe Stunde verfloſſen, ſo ſtieg Herrmann, ſeinen Onkel ſorgſam unterſtützend, den Bergpfad zum hübſchen Hauſe hinauf, oben von den freudeglänzenden Blicken der alten Tante begrüßt und von Kätchens ſchüchterner Freude bewillkommnet. Wir laſſen ihn dort und ſehen uns nun nach Herrn Os⸗ kar Behrens um. Vier Tage waren verfloſſen, ſeitdem er das Thal im Harzgebirge, um Mitternacht, nach dem Diebſtahle in Voigtländers„Villa“ verlaſſen hatte und direkt nach Magdeburg gereiſt war, um von dort nach Hamburg zu gehen. Dieſe vier Tage hatten hingereicht, um ihn, ſelbſt ſei⸗ nen beſten Freunden, unkenntlich zu machen. Ein ſchöner, feiner Bart umzog das Geſicht und lief mit einem Schnurrbarte der modern⸗ ſten Fagon über der Lippe zuſammen. Dazu ſtand ein Apollo⸗Lockenkopf ganz vortrefflich zu dem bleichen Geſichte und eine Brille verlieh ſeinen Augen den mangelnden Glanz. Er hatte eingeſehen, daß ein Bart, welcher das Geſicht zu entſtellen vermochte, gar zu ſchwer zu erzielen ſei und war auf die Theorien guter Schauſpieler verfallen, die ſich den Bart zu verſchaffen wiſſen, wenn ſie ihn gerade brauchen. In der eben angedeuteten Veränderung fin⸗ den wir unſern Helden auf der Eiſenbahn in einem Waggon erſter Klaſſe, inmitten einer Elite zarter, reicher Frauen und Mädchen, welche ſich fürchten, ſelbſt im Coupé Nr. 2 mit Leuten in Berührung zu kommen, die nicht werth ſind, den Staub von ihren Kleidern zu blaſen. Es war eine Regierungspräſidentenfrau, zwar nicht adelig geboren, aber doch adeligen Sinnes, nebſt zwei ältlichen Töchtern,— eine Kornmakler⸗ dame von bedeutendem Vermögen und ein Fräulein von Schönburg, Tochter eines zur Ruhe geſetzten Offizieres, die das Glück hatten, mit dem ausgezeichneten Subjekte, welches einſtmals„Karl Weſemann“ hieß, in dem Waggon erſter Klaſſe eine amüſante Reiſe nach Hamburg zu machen. Im Beginne der Reiſe hatte der junge Herr ſich begnügt, mit beſcheidener ſtummer Huldi⸗ wundern und nur durch einige halblaut gelis⸗ pelte Worte kund zu geben, daß er nicht ſtumm geboren ſei. Als der Zug bei Stendal hielt⸗ er Ga Nell terlic wort pfen: lenl ſhne Mi⸗ jede tiß erre zwij war von? dafü in ei weit „O „Ka Etie Friſt zu be ſue Taſ geſch den weni Kell einer Beeff klare lenm dem währ ſpie grof war er ſo kühn geworden, ſich zum Vermittler zwiſchen den Damen und dem ſervirenden Kellner zu erbieten, der mit Bierkrügen und Butterſemmeln bewaffnet, hin und her ſpazierte. Aber er ſah ſich mit Naſerümfpen abgelehnt, „weil Alles ſo unſauber ſei, was man von den Kellnern erhalte.“ Darauf ſchwieg er wieder und hörte au⸗ dächtig zu, was ſich die Präſidentin mit dem Fräulein von Schönburg über die Bälle erzählte, die im Winter vom umliegenden Adel abgehalten wurden und er affektirte ein angenehmes Erſtaunen, als ſie dabei den Herrn von Schalenburg nannte. „Sie erlauben, meine Gnädigſte,“ flüſterte er nach der Präſidentin hinüber,„iſt Freund Schalenburg ſchon wieder zurück von Berlin?“ Die Präſidentin ließ ſich herab, mit müt⸗ terlicher Milde dieſe Frage mit„Ja“ zu beant⸗ worten und die gnädige Frage daran zu knü⸗ pfen:„ob der Herr mit dem Herrn von Scha⸗ lenburg befreundet oder verwandt ſei. „Beides, meine Gnädigſte,“ antwortete er ſchnell.„Mein Name iſt„von Maltitz“— Ein angenehmes Lächeln ſtahl ſich über die Mienen ſämmtlicher Damen und es that nun jede ihren Mund auf, um dem Herrn von Mal⸗ titz ein artiges Wort zu ſagen. Mittlerweile erreichte man Wittenberge und die Freundſchaft zwiſchen den Inſaſſen des Coupé's erſter Klaſſe war dergeſtalt geſtiegen, daß man den Herrn von Maltitz als Charge d' affaire beauftragte, dafür zu ſorgen, daß ſie alle wieder zuſammen in einem Waggon Platz fänden, wenn der Zug weiter ginge. Herr von Maltitz, kürzlich geweſener „Oskar Behrens“ und einſtmals getaufter „Karl Weſemann,“ hüpfte froh, wie ein Stieglitz nach der Reſtauration zu, um die Friſt, die den Reiſenden hier vergönnt wurde, zu benuteen, ſeinen ſehr plebejiſchen Hunger zu ſtillen, während die vornehmen Damen ſich eine Taſſe Kaffee draußen ſerviren ließen und die geſchmierten Magdeburger Milchbrödchen aus den Fourageſäcken zogen, die wahrſcheinlich weniger„unſauber waren“ als das, was die Kellner für ſchweres Geld darboten. Herr von Maltitz aber ſaß alsbald vor einer doppelten Portion vorſchnell geſottenem Beefſteak, dem beim erſten Einſchnitt das helle, klare Blut entſprang, und ſtopfte mit Kanniba⸗ lenmuthe dieß erſte Zeichen Hamburger Kultur, dem Engländer nachgeäfft, in ſeinen Mund, während ein ekles Lächeln ſeinen Mund um⸗ ſpielte. Er wurde bei ſeiner Mahlzeit von einem großen, martialiſch ausſehenden Manne beob⸗ achtet, den die Verwunderung über einen ſo ausſchweifenden Appetit zu feſſeln ſchien. Nachdem unſer Freund fertig war und ſein lettes Glas Madeira haſtig hinuntergeſtürzt hatte, fiel ſein Blick auf den großen, martialiſch ausſehenden Herrn und er nahm ſich nach einem kleinen ſchreckhaften Zuſammenfahren die Frei⸗ heit, ihn anzureden und nach dem Eintreffen des Berliner Zuges zu fragen, wonach ſich die Abfahrt richtete. „Sie wollen nach Hamburg?“ fragte der große Mann, näher tretend. „Für den Augenblick, ja, aber es hängt von meinen Damen ab, ob wir nicht nach Helgoland gehen“, entgegnete der junge Herr, verneigte ſich mit einem graziöſen„excusez““ und eilte nach dem Perron hinaus. „Seine Damen?“ brummte der große Mann und zog ein Blättchen Papier hervor. „Vorſichtig,— alter Schütze— am Ende iſt er es nicht!“ Langſam überlas er ſeine Notizen— ſie ſtimmten allerdings durchaus nicht, aber da⸗ ran hätte ſich der Mann nicht gekehrt, wenn der junge Herr nicht von„Damen“ geſprochen. „Ihm nach und die Damen im Augenſchein genommen,“ kommandivrte ſich der große Mann ſelbſt. Er kam gerade zu rechter Zeit, um eine ſehr geräuſchvolle, verbindliche Konverſation zwiſchen den hochwohlgebornen Damen und dem Herrn von Maltitz zu belauſchen, die ſich darum drehte: ob die reguläre Dampſſchifffahrt zwiſchen Hamburg und Helgoland ſchon eröff⸗ net ſei. Fräulein von Schönburg behauptete „nein“ und Herr von Maltit erklärte„ja.“ Lächelnd parirte man gegenſeitig und der große Mann hörte ſehr deutlich, daß die Da⸗ men den jungen Herrn„Herr von Maltitz“ nannten. Brummend zog er ſich zurück.„Affektirt und geziert genug ſpricht er,“ dachte er,„und was Bart und Lockenkopf betrifft, ſo habe ich darüber meine Anſichten— allein— Schütze — keine Uebereilung!“ Endlich brauſete der Berliner Zug heran und die Damen erorberten mit ihres Kavaliers Hilfe ein brillantes Coupé erſter Klaſſe, wo⸗ rin ſie unter einer liebenswürdig und traulich gewordenen Stimmung Platz nahmen. Der große Mann ſtand von fern und be⸗ obachtete ſie. Sein Verdacht ſank immer mehr zuſammen, je größer die Freundlichkeit wurde, mit der die feinen Dämchen den jungen Herrn behandelten. Die Lokomotive pfiff— die Wag⸗ gonthür wurde geſchloſſen, lächelnd blickte Herr von Maltitz noch ein Mal nach dem großen Manne, in welchem er längſt einen verkappten Poliziſten oder Gendarmen erkannt hatte, hin⸗ über, hielt grüßend die Hand an den Hut und — hui flog er mit„ſeinen Damen“ in die weite Welt. „Haſt nichts ertappt?“ fragte ein Bahn⸗ beamte an dem großen Manne vorübereilend. „Warteſt gewiß vergeblich— Dein Flüchtling iſt lange vorbei!“ Aergerlich verfügte ſich der verkappte Be⸗ amte nach Hauſe und frohlockend ſah Karl Weſemann Station an Station vorüberflie⸗ gen. Seine Laune verbeſſerte ſich mit jeder Mi⸗ nute, denn ſeine Sicherheit wuchs. Er ſcherzte, er erzählte Anekdoten aus dem Leben des Herrn von Schalenburg, bei dem er, beiläufig ge⸗ 231 ſagt, Sekretär geweſen war, genug er bezauberte ſämmtliche Damen im Waggon erſter Klaſſe, die ihm im Laufe der Zeit vertraulich eingeſtanden, daß ſie lieber die theuerſte Art der Reiſe wähl⸗ ten, als ſich der Gefahr ausſetzten, mit Leuten aus den Mittelſtänden zuſammen zu gerathen. Herr von Maltitz gab ihnen natürlich „vollkommen Recht“, und fand es„unerträg⸗ lich,“ mit einem nicht faſhionablen Menſchen in einem Coupe zu ſitzen. Sie paſſirten Friedrichsruh, dicht vor Hamburg. Die Damen waren eutzückt von der Lage des Reſtaurationsgebäudes und ließen ſich jetzt herab, einige Erfriſchungen aus den Händen der Kellner zu nehmen, die eigentlich eben„ſo unſauber“ waren, als auf früheren Statio⸗ nen. Allein der Hunger bezwang den Ekel. Während der Schaffner mit etwas mehr Rückſicht auf einen Waggon, der für gewöhn⸗ lich nur vornehme Leute beherbergte, die Thür desſelben noch nicht zuſchlug, ſondern den Da⸗ men einen freien Ueberblick in die Gegend hin⸗ aus geſtattete, ging ein kleiner, bleicher Mann ſchnell an dem Zuge hinab und muſterte ſuchend die verſchiedenen Wagen. Ein elektriſcher Schlag ſchien ihn zu durchfliegen, als er in demſelben Momente, wo er an der offenen Thür der vor⸗ nehmſten Wagenklaſſe vorüberhuſchte, eine goldene Uhr im Sonnenglanze blitzen ſah und eine Stimme im echten Berliner Jargon ſagen hörte:„Meine Gnädigen— wir ſind um vier Uhr in Hamburg— Sie können alſo das Theater noch beſuchen.“ Der kleine Mann blieb ſtehen und ſah ſeit⸗ wärts den Sprecher an, der mit einer gewiſſen Oſtentation die brillante Uhr hin und her ſchwenkte. „Werden Sie das Theater auch beſuchen?“ fragte Fräulein von Schönbu rg. „Schwerlich! ich habe dringende Geſchäfte abzumachen, ſonſt würde ich mir die Freiheit erbitten, Sie begleiten zu dürfen.“ Das Zeichen zur Abfahrt ertönte— der kleine bleiche Mann ſprang in einen Wagen und die Lokomotive ſchnob vorwärts. In Bergedorf hielt der Zug abermals. Ein ganzer Haufen junger Vierländerinen belagerte die Wagen und bot Blumenſträuße an. Herr von Maltitzzeigte ſich galant und überreichte„ſeinen Damen“ duftige Bouquets mit ſcherzenden Worten, gewahrte aber in ſei⸗ ner Geſchäftigkeit nicht, daß der kleine, bleiche Mann abermals forſchend an ſeinem Wagen vorüberpatrouillirte. Nun ging es direkt auf Hamburg zu und mit dem Schlage vier Uhr hielten ſie im Ham⸗ burger Bahnhofe. Herr von Maltitz beelte ſich ungeheuer den Wagen zu verlaſſen, um für die Damen eine Droſchke zu beſorgen, wie er vorgab, allein kaum hatte er den Perron betreten, ſo ſchritt er in ganz entgegengeſetzter Richtung raſch auf einen Weg zu, der wenig betreten war und keineswegs zu dem Halteplatze von Droſchken führte. — — ☛⁵ 23²2 Hier aber ſollte ſein Stern untergehen. So raſch er auch ging, der kleine, bleiche Mann konnte noch raſcher gehen. Er erreichte ihn, legte ſeine Hand auf des jungen Herrn Schul⸗ ter und ſprach kurz:„Sie ſind mein Gefange⸗ ner! Folgen Sie mir ohne Widerrede oder ich habe die Macht Hilfe herbei zu ſchaffen!“ Sprachlos ſtarrte Herr von Maltitz, ci devant„Oskar Behrens“ und né„Weſe⸗ mann,“ den winzigen Mann an, der es wagte ſeine Hand an ihn zu legen. „Was befehlen Sie, mein Herr? Mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen?“ herrſchte er ihn an. „A— h— Sie wollen Ihre Rolle noch nicht aufgeben?“ hohnlächelte der kleine Bleiche. „Verzeihen Sie, wenn ich Sie aufmerkſam mache, daß Sie im Irrthume zu ſein ſcheinen,“ fuhr Herr von Maltitz kalt und vornehm fort.„Meine Damen warten auf mich— wollen Sie mir die Ehre geben mich zu ihnen zu begleiten?“ „Sehr gern, Herr Weſemann!“ ſpot⸗ tete der Mann und hielt ſich verrätheriſch dicht an ſeiner Seite, als er wirklich umkehrte und nach dem Perron zurückſchritt. „Mein Name iſt„von Maltit,,“ erklärte der junge Herr hochfahrend. Oder auch„Oskar Behrens,“ fügte der kleine Mann hinzu.„Da ſind„Ihre Da⸗ men,“ ſie ſcheinen auf eine Droſchke zu warten.“ Die impertinente Ruhe des Mannes er⸗ ſchütterte den jungen Herrn dermaßen, daß er nichts zu antworten wußte, als ſeine Reiſege⸗ fährtinen ihm einſtimmig entgegenriefen: ob er eine Droſchke habe: „Erlauben Sie mir eine andere Frage, meine Hochverehrten,“ nahm der kleine Mann ohne abſonderliche Höflichkeit das Wort,„kön⸗ nen Sie mir auf Pflicht und Gewiſſen wider⸗ ſprechen, wenn ich die Behauptung aufſtelle, daß dieſer Mann nicht der Herr von Maltitz, ſondern der Privatſchreiber Karl Weſemann iſt, der als Betrüger und Dieb ſteckbrieflich ver⸗ folgt wird?“ Ein allgemeiner Schrei des Schreckens brach ſich Bahn. Entſetzt wichen die Damen zu⸗ rück— einige fielen halb ohnmächtig auf Waa⸗ renballen nieder, einige ließen es bei Riechfläſch⸗ chen bewenden. Fräulein von Schönburg behielt ſo viel Geiſtesgegenwart, die Blumen⸗ ſträuße aus den Händen ihrer Begleiterinen zu⸗ ſammen zu raffen und dieſelben mit einem ver⸗ ächtlichen Blicke dem ſogenannten Herrn von Maltitz in's Geſicht zu ſchleudern. Der kleine Bleiche lachte hell auf: „Dieſe Demonſtration ſagt genug, Weſemann— folgen Sie mir!“ „Wer iſt der kleine Mann?“ ſtöhnte die Regierungspräſidentin. „Ein preußiſcher Polizeidiener!“ erklärte ihr ein Schaffner, der theilnehmend der Szene beigewohnt hatte.„Er liegt ſchon ſeit zwei Tagen hier auf der Lauer!“ Herr „O, Du mein Gott, wenn mein Mann das erfährt!“ jammerte die adelig geſinnte Dame.„Einen ganzen Tag mit einem Betrü⸗ ger und Diebe in einem Coupé erſter Klaſſe! Wie ſoll man es am Ende noch anfangen, an⸗ ſtändig und ſtandesgemäß zu reiſen!“— Herr Karl Weſemann wurde, von dem Polizeiſergeanten ſorglich überwacht, bis zum Abgange des nächſten zurückkehrenden Zuges in einem Zimmer der Reſtauration eingeſchloſ⸗ ſen gehalten und fuhr richtig, ohne einen Mauerſtein von Hamburg geſehen zu haben, wieder gegen Magdeburg, von wo er hergekom⸗ men war. In Wittenberge mußten ſie einige Stunden bleiben, und da es Nacht war, ſo hielt es der vorſichtige Sergeant für gut, Hilfe zu re⸗ quiriren. Wer malt aber das Erſtaunen des großen, martialiſch ausſehenden Mannes, der zur Ueber⸗ wachung des Arreſtanten beordert wurde, als er den feinen, bärtigen Herrn von Maltitz, der mit„ſeinen Damen“ nach Helgoland wollte, ohne ſeine Damen als Karl Weſe⸗ mann oor ſich erſcheinen ſah. „Habe ich doch gleich Verdacht gefaßt, ſo wie ich heute den Burſchen ſprechen hörte!“ rief er voller Verdruß, daß ihm nun die Beloh⸗ nung, die auf die Einlieferung des Betrügers geſett war, entging.„Du haſt doch merkwür⸗ diges Glück, Thiele!“ „Bewahre— nicht mehr, als Du. Aber ich ließ mich nicht irre machen, wie Du, weil ich hier“— er faßte etwas unſanft an dem ſchönen feingekräuſelten Bart des Herrchens und riß ihn ab,„weil ich hier die Narbe vom Kinn bis zur Naſe, die abſonderlich im Signa⸗ lement bezeichnet war, bemerkt hatte.“ Ein Fluch zitterte über die Lippen des Ge⸗ fangenen. Hätte er gewußt, daß ſein von ihm gehaßter Jugendfreund Herrmann Henne⸗ berg namentlich auf dieſe nicht ſichtbar hervor⸗ tretende Narbe aufmerkſam gemacht hatte, ſo würden ſeine Verwünſchungen noch bitterer ge⸗ weſen ſein. Der Delinquent wurde in ein Kämmerchen gebracht, das nur oben an der Decke ein klei⸗ nes Fenſter und nur einen Eingang hatte. Er warf ſich, ergrimmt über ſein Geſchick, welches ihn am Ziele ſeines Strebens ſo heimtückiſch erfaßte und wieder in Noth und Elend zurück⸗ ſchleuderte, auf das Bett, das in der Kammer ſtand und ſuchte ſeine Sorgen zu verſchlafen. Die beiden Sergeanten blieben plaudernd in dem vordern Zimmer ſitzen. „Der Herr von Maltitz ſchlafen,“ ſpöt⸗ telte der kleine Thiele, vorſichtig der Thür zur Seite bleibend, um von Zeit zu Zeit einen Blick hinein werfen zu können. „Was mag der Kerl verübt haben?“ fragte der große Schütze leiſe flüſternd,„ich vermuthe etwas beſonderes, da es ſich die Leute ſo viel Geld koſten laſſen ihn zu fangen.“ „Mancherlei, Kollege Schütze, mancher⸗ lei! Die Haupturſache, weßhalb eine Beloh⸗ ———— nung dafür zugeſagt wurde, liegt darin, daß ein anderer Herr durch ſeinen letzten Diebſtahl verdächtig erſchien.“ „Ah ſo! Der alſo bietet das Geld als Belohnung?“ „Theilweiſe, lieber Kollege! Still— er rührt ſich!“ Der kleine Sergeant ſtand auf und trat in die Kammerthür. Weſemann athmete tief und ſchnarchend. Beruhigt ſetzte er ſich wieder hin. „Wie mag er mit den Damen nur ſo in Freundſchaft gekommen ſein? Du hätteſt hö⸗ ren ſollen:„Herr von Maltitz hier— Herr von Maltitz da!“ Es ſchienen doch Frauen⸗ zimmer vom Stande zu ſein?“ „Freilich! Freilich!“ lachte Thiele ſcha⸗ denfroh.„Sie waren unbeſtritten von der exkluſiven Sorte, die ſich die Hände mit Eau de cologne waſchen und den Mund ausſpü⸗ len, wenn ſie mit unſer Eins geſprochen haben!“ „Hrrrrr—“ witzelte der große Schütze, „werden die Sturzbäder nehmen müſſen, um wieder„exkluſiv“ zu werden!“ Sie lachten. „Weißt Du nichts Näheres über ſeine Streiche?“ „Pſt!“ warnte Thiele und zeigte auf die Kammerthüre, ſetzte aber ganz leiſe flüſternd hinzu:„Er ſoll den Banquier Baum um Tauſende von Thalern„geleimt“— und dem Rathsanwalt Reichenau in H.... hundert Goldſtücke entwendet haben. Letzterer hat uns in Preußen damals ſchon fünfzig Thaler depo⸗ nirt, wenn wir ihn griffen. Aber der Kerl war wie weggeblaſen von der Erde, vier Wochen lang. Da reitet ihn der Satan, im Harzge⸗ birge abermals ſeinen Beutel zu füllen und zwar durch Einbruch. Ein junger Herr, der ihn kennt, bietet nun dem dortigen Gendar⸗ men abermals fünfzig Thaler Belohnung, wenn er ihn herbeiſchafft und er ergänzt das mangel⸗ hafte Signalement ſo vortrefflich, daß ich den Kerl unter hunderttauſend Männern herausge⸗ funden haben würde, auch wenn er ſich einen Buckel hinten und vorne ausgeſtopft hätte. Nun machte ich mich im Auftrage unſerer Behörde auf und reiſete nach Hamburg.— Ich bringe ihn bis H...., wo ich von Reiche⸗ nau meine„fünfzig“ löſe und von mir nimmt ihn der Gendarm Krauſe aus dem H....⸗ ſtädter Kreiſe in Empfang, um ihn direkt in's Amt von.... zu liefern, welches Anhältiſch, Braunſchweigiſch oder Hannöveriſch iſt. Was dann aus ihm wird, weiß ich nicht. Ob ihm in Preußen, woſelbſt er erſt geſündigt, hat oder im Auslande der Prozeß gemacht——“ Weiter kam Herr Sergeant Thiele für dießmal in ſeinem Referate nicht, denn ſein Kopf, den er flüſternd vorgebeugt hielt, wurde dermaßen von einer unbekannten Macht mit dem Kopfe des Sergeanten Schütze in Kolliſion gebracht, daß ihm für eine Sekunde nicht allein das Sprechen und die Gedanken, ſondern Hören und Sehen verging. Wie ein Schatten flog dabei ein unerklär⸗ liches Etwas an ihnen vorüber, aus der Stu⸗ benthür hinaus und verſchwand in dem gegen⸗ — * ——ͤ— zu herxh ſeine Herr Deli ähnl Ciga Poli benen und das d ————⏑⏑—— über liegenden, zur Zeit offenſtehenden Fenſter. —„Was war das?“ ſchrie Schütze nach ſeiner Stirn greifend. „Weſemann war's,“ entgegnete Thiele und war im Nu ebenfalls zur Thür hinaus. Während der große, martialiſch ausſe⸗ hende Sergeant Schütze erſt langſam auf⸗ ſtand, ganz erſchrocken ſeine Glieder in die gehörige Fagon brachte und dann in die leere Kammer blickte um ſich zu überzeugen, daß Weſemann wirklich auf und davon war, während dieſer koſtbaren Minute hatte der kleine Thiele ſchon behend das Terrain rekognoscirt, hatte mit einem einzigen Blicke wahrgenommen, wohin ſich Herr Karl We⸗ ſemann geflüchtet und ſchlug eben krachend die Eingangspforte zu dem mit hohen Plan⸗ ken umhegten kleinen Hofraum zu, als Schütze zu ihm ſtieß. „Schnell, Kollege, dorthin,“ kommandirte er, ſich ſogleich orientirend.„Dort kann er über⸗ ſteigen— Licht— Ihr Leute bringt Licht, bringt Laternen!“ befahl er einigen herumlun⸗ gernden Eiſenbahnwächtern.„Schunell, nur ſchnell!“ Und Eile that Noth, denn Weſeman n, ein tüchtiger Turner, hatte wirklich ſchon die hohen Brettwände erklimmt und war im Be⸗ griffe den Eiſenſpitzen zum Trotze, die oben zur Sicherung des Raumes entlang liefen, hinüber zu ſteigen, als die Leute mit ihren Laternen herbeikamen und ſein Vorhaben beleuchteten. Thiele erfaßte mit einem kühnen Sprunge ſeinen linken Fuß und riß ihn herab. Aber Herr Weſemann befand ſich in einem ſolchen Delirium von Wuth, daß er ein kleines dolch⸗ ähnliches Meſſerchen, welches zum Abſpitzen der Cigarren diente und der Aufmerkſamkeit des Polizeibeamten bei ſeiner amtlich vorgeſchrie⸗ benen Durchſuchung entgangen war, hervorzog und dem kleinen eifrigen Sergeanten wüthend das Geſicht zerfetzte. Erſt dem ſtärkern Schütze gelang es, den Raſenden zu überwältigen. Thiele blutete aus mehreren kleinen Wunden. Glücklicherweiſe war weder ein Auge von den Stößen getroffen, noch ſonſt die Ver⸗ letzungen gefährlicher Art. „Warte Du wildes Thier,“ ſprach Schütze mit kalter Entſchloſſenheit und legte dem Ge— fangenen Handfeſſeln an.„Das ſollen Sie doch nicht noch einmal probiren!“ Bald darauf ging der Bahnzug ab. Der vornehme Herr von Maltitz machte jetzt die letzten Stationen ſeiner Rücktour in dem Zel⸗ lenwagen, bewacht von einigen Transporteuren und in der ſehr unangenehmen Lage, ſeine Hände nicht bewegen zu können. Der kleine Sergeant aber, beladen mit der ſchweren Geld⸗ taſche des gnädigen Herrn, hatte Platz in einem andern Waggon genommen. Nach Verlauf von acht Tagen rückte der Gendarm Krauſe, hoch zu Roß ſitzend und den Verbrecher am Sattelgurt feſtgemacht, in's Gerichtsamt des Gebirgsthales ein. Erinnerungen. 1858. ——. —y —¼—.* Herr Henneberg befand ſich noch immer bei ſeinem Onkel Voigtländer, der ſeit dem nächtlichen Einbruche kränklich war, und es war ihm nicht allein gelungen, den alten Mann zu einer vollſtändigen Verſöhnung mit ſeiner Schweſter zu überreden, ſondern er hatte ſich ſogar in dieſer kurzen Zeit bis zu der Bräuti⸗ gamswürde aufgeſchwungen. Man erwartete täglich die ganze Familie Henneberg in dem hübſchen Berghauſe, um die Verlobung Herrmanns mit Kätchen ſolenn zu feiern. Mitten in die fröhliche Seligkeit ſeines jungen Bräutigamſtandes traf, wie ein dunkles Wettergewölk, die Nachricht von Weſemann's Ankunft im Amte ein, nebſt der gerichtlichen Aufforderung an alle Betheiligte,„ſich zur Identificirung des fraglichen Thäters im Ge⸗ richtslokale zu ſtellen.“ Eines Morgens ſah man denn die ganze Voigtländerſche Famillie, begleitet von dem Wirth zum goldenen Löwen und dem jungen Herrn Henneberg das Thal entlang pro⸗ meniren und in dem Amte verſchwinden. Dort empfing ſie der Gerichtsamtmann mit der leutſeligen Erklärung, daß ſie jedenfalls keinen Fehlgriff gethan hätten, indem ſie den Mann, der wochenlang ihre Gaſtfreundſchaft genoſſen, als Thäter der Frevelthat bezeichne⸗ ten. Er legte bei dieſen Worten ein Paket Papiergeld in einem alten Briefcouvert von großem Formate vor, das augenſcheinlich einſt⸗ mals Dokumente enthalten hatte und mit dem Poſtzeichen„Holland“ verſehen war. „Das gehört mir,“ rief der alte V oigt⸗ länder.„Ich habe in dieſem Couverte die erſte Abſchrift des Teſtamentes erhalten, wo⸗ durch wir von meinem Bruder zu ſeinen recht⸗ mäßigen Erben eingeſetzt wurden und ich habe den Begleitbrief noch, der das Signum M. V. erklärt.“ Dann brachte der Gerichtsamtmann eine Rolle Goldſtücke hervor, die ebenfalls von Voigtländer als die ſeinige anerkannt wurde. Das Geld war noch unberührt, ja, der Dieb ſchien ſich noch nicht einmal die Zeit ge⸗ nommen zu haben es zu zählen. Nachdem ein Protokoll über dieſen Ge⸗ richtsakt aufgenommen war, ließ der Richter den Inkulpaten vorführen.„Machen Sie ſich auf eine große Frechheit gefaßt,“ ſagte der Amt⸗ mann lächelnd.„Er kennt Sie nicht— hat Sie nie geſehen! Weiß nichts von Ihnen.“ „Ei, das wäre!“ ſprach der alte Mann entrüſtet. Herr Weſemann erſchien. Er trug noch immer Handfeſſeln, warf ſich jedoch deſſenun⸗ geachtet ſehr in's Weſen und fragte beim Ein⸗ treten mit brüskem Tone: „Nun, mein Herr— ſoll die Komödie jetzt losgehen? Werde ich endlich meiner Haft ent⸗ laſſen werden, wenn dieſe Leutchen mir bezeu⸗ gen, daß ich ſie nie geſehen habe, nie, nie in meinem Leben!“ „Was Teufel,“ rief der Wirth zum gol⸗ 233 denen Löwen und trat ganz dicht vor den leicht⸗ ſinnigen Menſchen hin, der jetzt wieder bartlos und mit kurz geſchor'nen Haaren vor uns ſteht. „Haben Sie ein ſo ſchlechtes Gedächtniß, lieber Herr Oskar Behrens?“ Weſemann ſah ihn groß von oben bis unten an. „Wer iſt der Mann?“ fragte er weg⸗ werfend. „Ich habe die Ehre, mich Ihnen als den Wirth zum goldenen Löwen und Inhaber der Materialwaarenhanvlung Joſef Lambert zu präſentiren,“ erwiederte Lambert mit affektirter Devotion. „Freut mich, Sie kennen zu lernen,“ warf Weſemann nachläſſig hin,„wenn Sie aber behaupten, mich als„Oskar Behrens“ ge⸗ kannt zu haben, ſo beruht dieß auf einer Täu⸗ ſchung, auf einer abſcheulichen Aehnlichkeit, denn ich bin der Gutsbeſiter Eduard von Mal⸗ titz und ich warne Sie, mich nicht durch leicht⸗ ſinnige Ausſagen noch länger in dieſer entwür⸗ digenden Lage zu belaſſen, denn ich werde eine ſchwere Revanche nehmen, ich werde eine ekla⸗ tante Satisfaktion für die erniedrigende Trans⸗ portation fordern.“ Der Gerichtsamtmann lächelte und ließ ſich die Szene zu ſeinem Ergötzen ſelbſt ent⸗ wickeln. Er winkte dem alten V oigtländer. „Vielleicht erinnert ſich der junge Herr Ihrer etwas beſſer,“ meinte er. „Ob er ſich meiner erinnert iſt mir gleichgil⸗ tig und thut auch nichts zur Sache,“ antwor⸗ tete der Alte.„Ich aber weiß es und will es beſchwören, daß dieſer Kerl als Oskar Beh⸗ rens bei mir aus⸗ und eingegangen iſt und mir zweitauſend einhundert Thaler geſtohlen hat. Das Geld werde ich wieder erhalten, aber mein armes Hündchen und mein hübſcher Vogel—“ „Der alte Herr iſt wohl ſchwachſinnig,“ fiel Weſemann mit ſpöttiſchem Bedauern ein.„Ich— Eduardvon Maltitz ſoll ihn beſtohlen haben? Und was fabelt er denn von einem„Hündchen“ und einem„Vogel?“,Habe ich dieſe beiden Weltgeſchöpfe auch geſtohlen?“ „Nein!“ ſchrie der Alte zornig auf.„Nein — gemordet haſt Du ſie, Du elender Wicht — gemordet meines Lebens beſte Freude—“ „Geht in's Irrenhaus, lieber Mann!“ ſprach Weſemann kaltblütig und ſah ſich nach Kätchen um, die dicht an Herrmann ge⸗ ſchmiegt, voller Beſtürzung die Komödie des jungen Menſchen beobachtete. „Haben Sie auch Erinnerungen, die ſich auf mich beziehen? Das könnte mich freuen, mein hübſches Kind!“ ſprach er, mit hämiſchem Lä⸗ cheln ihre Geſtalt muſternd. So lange hatte Herrmann Henneberg mit ſtiller gründlicher Verachtung dem Spiele des verlornen Mannes zugeſehen, jetzt aber flammte eine tiefe Empörung in ihm auf. Er ſtellte ſich ſchützend vor das in Scham erglühende Mäd⸗ chen, heftete ſeine ſchönen ſprechenden Augen drohend auf den Buben und ſagte: 30 234 „Kennſt Du mich auch nicht, Du elender Menſch?“ Weſemann ſprach in dieſem Augenblicke nicht die Unwahrheit, als er dreiſt entgegnete: „Nein— ich kenne Sie nicht!“ „Ich glaube es— zu Deinem eigenen Un⸗ glücke erkannteſt Du mich nicht, ſonſt würdeſt Du es vielleicht nicht gewagt haben, meinen Onkel zu berauben.“ Das Geſicht Weſemann's verlängerte ſich, ſeine Augen traten etwas aus ihren Höhlen, als er die edlen Geſichtszügen des jungen Mannes muſterte und eine gehäſſige Wuth verunſtaltete nach dieſer momentanen Muſte— rung ſein ohnehin nicht ſchönes Antlitz. Er ver⸗ lor ſeine Geiſtesgegenwart. „Herrmann Henneberg? Herrmann Henneberg?“ murmelte er und fuhr ſich ſelbſtvergeſſen über die Stirn, als wolle er einen Schleier von ſeinem Gedächtniſſe ent⸗ fernen. „Aha— mich kennt er alſo und das iſt für jetzt genug!“ ſprach Henneberg triumphi⸗ rend.„Ich erkläre hiermit zu Protokoll, daß die⸗ ſer Mann weder der Herr Eduard von Ma l⸗ titz, noch Herr Oskar Behrens, ſondern einfach Karl Weſemann, des Brauers We⸗ ſemann Sohn, aus Brandenburg gebür⸗ tig, iſt.“ Weſemann erwiederte kein Wort. In ſeinem Mienenſpiele arbeiteten allerlei Leiden⸗ ſchaften, doch von Scham und Reue war nichts darin zu finden.— In Uebereinkunft mit den preußiſchen Be⸗ hörden wurde ſein letztes Verbrechen mit den erſten vereint, einem preußiſchen Gerichte über⸗ antwortet und es gelang dem Richter, Weſe⸗ mann ein Geſtändniß ſeiner Thaten abzulok⸗ ken. Hieraus war denn erſichtlich, daß er al⸗ lerdings durch das Fenſter des Wohnzimmers bei Voigtländer eingeſtiegen und ſogleich bemüht geweſen war, alle anderen Zimmer zu verſchließen, um ungeſtört zu ſein. Der Wachtelhund hatte freudig Lärm ge⸗ ſchlagen, war aber ſogleich über das vergiftete Fleiſchkügelchen lüſtern hergefallen und ihm dann ſtill in's Zimmer gefolgt, wo man ihn todt gefunden hatte. Der Dompfaffe hatte ſei⸗ nen Singſang begonnen, ſo wie Weſemann Licht anzündete und er wurde ſchnell das Opfer ſeiner bereitwilligen Gelehrigkeit. Uebrigens zeigte der leichtſinnige Verbre⸗ cher niemals Reue über ſeine Thaten, ſondern ſtets nur Aerger, daß es ihm nicht gelungen war, Amerika zu erreichen. Er büßt im Zuchthauſe ſeine Frevel. Wenn ſeine Strafzeit vorüber iſt, wird Niemand et⸗ was dagegen haben, daß er ſeine Reiſeluſt dort⸗ hin befriedigt. Onkel Voigtländer wurde nie wieder ganz geſund. Er ſtarb noch in demſelben Jahre, nachdem er ſich mit ſeiner Schweſter vollkom⸗ wohnt jetzt mit ihrer Schwägerin im hübſchen Hauſe am Berge und wenn der Sommer in'’s Land kommt, ſo füllt ſich das Haus mit Kin⸗ dern und Kindeskindern der guten Frau. Wer Luſt hat dieſe Familie kennen zu lernen, mag ſich aufmachen und die Thäler des Harzes durchwandern, vielleicht iſt das Schickſal ſo freundlich und vermittelt eine Bekanntſchaft. Freilich, die Namen würden ihn nicht zum Ziele führen, denn dieſe haben wir verändern müſſen. Die Engländer in ſtindien vor hundert Zahren. Hiſtoriſche Erzühlung aus dem Engliſchen. Von Dr. Janowitz.*) 11. In dem Garten des Herrn Holwell in Calcutta ſaßen unter der Veranda eines zier⸗ lichen Sommerhäuschens zwei Perſonen, die einen mit Erfriſchungen reich beſetzten Tiſch vor ſich hatten. „So müſſen wir uns,“ ſagte die eine der beiden Perſonen,„ſo müſſen wir uns nach einer langen Reihe von Jahren in dieſem Lande wiederſehen, Freund Clive. Ich glaubte, Ihr würdet den für Euch ſo unheilvollen Boden Indiens nie wieder betreten.“ „Ich dachte es ſelbſt nicht, Holwell. Jahrelang habe ich mich vergraben und die Einſamkeit that mir wohl. Aber wie Al⸗ les, ſo wird auch dieſes einſame Leben end⸗ lich unerträglich, und ein unwiderſtehlicher Drang trieb mich, dieſe Küſte wieder zu ſehen, die ich verfluchte, als ich ſie verließ.“ „Ja, Ihr habt hier Schreckliches erfahren.“ „Schweigen wir davon.— Ich will das Vergangene vergeſſen. Ich will der Gegenwart leben, da es jetzt wenigſtens eine Perſon gibt, die menſchliche Gefühle in mir erweckt, und ſo mich dem Leben wiedergegeben hat.“ „Ihr meint Eueren jungen Verwandten Thomas Clive?“ „Meinen Lebensretter meine ich. O hät⸗ teſt Du ihn geſehen, wie er mit Helden⸗ muth und Todesverachtung den Korſaren nie⸗ derſchmetterte, wie er die Unſrigen anfeuerte und zum Siege führte— Du würdeſt ihn lieben und bewundern wie ich. Was ich von ihm höre, flößt mir das tiefſte Intereſſe für ihn ein. Alles iſt ſeines Lobes voll. Ich wünſche nur ihn bald von ſeinen Wunden hergeſtellt zu ſehen, damit er unter uns leben könnte; es ſoll ihm an Freunden in Calcutta nicht fehlen. Einen Freund hat er, der mit Allem, was er be⸗ ſitt, ihm gehört— und dieſer Freund bin ich. Nun iſt mein Herz bekümmert durch die Wahrnehmung, daß mein Anblick einen wi⸗ derwärtigen Eindruck auf ihn macht.“ Holwel lbemühte ſich, ihm dieſe Idee zu nehmen, als Schrubbs dem Klima gemäß ge⸗ kleidet eintrat, und auf Aufforderung der beiden Freunde über das Befinden Thomas' die Mittheilung machte, daß es ihm ſchon allmä⸗ lig beſſer gehe, daß er aber ſonderbarer Weiſe von einem Engel ſpreche, welcher in ſeiner Fieberhitze die Hand auf ſeine Stirne legte, und daß er dieſer Erſcheinung ſeine Geneſung zuſchreibe, und es ſei noch ſonderbarer, daß er behaupte dieſen Engel in einem hellblauen Kleide mit einem gelben Strohhute mehre Male hier im Garten ſpazieren geſehen zu haben. „Es wird eine von Eueren Töchtern gewe⸗ ſen ſein, Holwell,“ ſagte Clive. „Aber die Erſcheinung hatte er ja ſchon auf dem Schiffe während ſeiner Krankheit,“ be⸗ merkte dieſer. „Da war freilich eine junge Dame auf dem Schiffe, der Thomas einmal einen großen Dienſt erwieſen. Sie iſt hier im Hauſe,“ ſagte Schrubbs. „Ah, es iſt Julie Murray!“ rief Holwell. „Ganz richtig,“ fiel Clive ein.„Es iſt ein reizendes, liebes Mädchen.“ „Ich wollte,“ nahm Schrubbs das Wort, „ſeine Schweſter Sara wäre hier, dann glaube ich, wäre er ſchon in acht Tagen friſch und geſund, Frauenzimmer ſind immer die beſten Krankenwärter.“ „Könnte Julie ſich wohl entſchließen, mei⸗ nen kranken Verwandten von Zeit zu Zeit zu beſuchen?“ fragte Clive.„Ohne ihn und ſeine im Kampfe mit den Korſaren bewieſene Ta⸗ pferkeit wäre auch ſie nicht hier, und befände ſich vielleicht in der Gewalt jener grauſamen Scheuſale.“. „Wir wollen mit ihr reden, ſie kann in Ge⸗ Schrubbs grüßte und entfernte ſich. „Ein treues Herz, eine brave Seele, dieſer Schrubbs,“ nahm Holwell das Wort. „Euer Verwandte muß ein vorzüglicher junger Mann ſein, wenn er ſich ſolche Freunde erwer⸗ ben kann.“ „Das iſt er ſicherlich; Tapferkeit iſt ſelten ohne Hochherzigkeit. Gern ſähe ich alle ſeine Wünſche erfüllt. Vielleicht iſt es ſein Wunſch, vas Mädchen zu ſehen, wenigſtens läßt ſich dieß „Armes Mädchen,“ ſagte Holwe II. „Was habt Ihr für einen Grund ſie zu be⸗ klagen?“ fragte der Alte. Holwel herzählte nun, wie Oberſt Mur⸗ ray durch einen Erbſchaftsprozeß um ſein ganzes Vermögen kam, und als er auch den Prozeß verlor, ſich aus Gram und Aerger in einen ungeregelten Lebenswandel ſtürzte, dann im Spiel ſeine Glücksumſtände zu verbeſſern ſuchte — aber da ſeinen vollſtändigen Ruin fand, wo⸗ men ausgeſöhnt hatte. Frau Henneberg *) Fortſetzung zur vorigen Nummer. bei noch beſondere Verhältniſſe obwalten muß⸗ ſellſchaft meiner Töchter den Kranken beſuchen.“ aus den Worten ſeines Dieners entnehmen.“ ganz Eli Wol gehe 406 K orſe Schi lazare gebro die daß merte ſer 9 durch Kran mn Cli ſeine und! einen Milit Sar hielt cen. fange uſta ſett ſ heit d lch, einge tet reichl eine, retten Krank ſeen g niicke und auſſch 2⸗ 4 ten, über welche ein gewiſſes Dunkel ſchwebe; wie er beim Spiele die Bekanntſchaft des Kapi⸗ tän Ellis machte, der bei einem indiſchen Re⸗ gimente diene, den niedrigſten und abſcheulich— ſten Charakter habe und ein ungeheures Vermö⸗ gen beſitze; wie dieſer, dem die damals fünfzehn⸗ jährige Tochter beſonders gefallen habe, dem Va⸗ ter unter der Bedingung aus der Noth geholfen, daß die Tochter ihm gehören ſolle. Jetzt habe er ſeine Braut von London geholt, um ſich hier mit ihr zu vermälen.„Nun ſcheint es mir,“ ſchloß er ſeine Erzählung,„daß Julie ſich durch dieſe Verbindung nicht glücklich fühlt und ſehr trüb⸗ ſelig in die Zukunft blickt. Sie klagt zwar nicht offen und zwingt ſich heiter zu ſein, aber meine Töchter bemerken, daß ſie feuchte Augen hat, wenn ſie allein getroffen wird.“ „ Das iſt freilich traurig,“ erwiederte Clive;„ſollte aber nichts geſchehen können, ſie den Armen eines unwillkommenen Freiers zu entziehen?“ „Er hat das Wort ihres Vaters, und wie ich ſchon ſagte, es müſſen beſondere Verhält⸗ niſſe zwiſchen Beiden obwalten, die den Einen ganz in die Gewalt des Andern geben.“ „Ich werde mit ihr ſelbſt ſprechen,“ ſagte Clive. Beide begaben ſich hierauf in das Wohnhaus. Zur Verſtändigung des Vorher⸗ gehenden iſt noch zu erwähnen, daß Thomas, als er nach überſtandenem Kampfe mit den Korſaren aus ſeinen Wunden blutend auf dem Schiffe zuſammengeſunken war, in das Schiffs⸗ lazareth zugleich mit den anderen Berwundeten gebracht wurde. Aber der Raum daſelbſt war ſo beſchränkt, die Hitze ſo unerträglich, die Luft ſo verpeſtet, daß ſein Zuſtand ſich immer mehr verſchlim⸗ merte. Die glühende Sonne Indiens, in die⸗ ſer Jahreszeit von keinen⸗ Lufthauch gekühlt, durchdrang alle Räume des Schiffes, ſo daß die Kranken eine wahrhaft hölliſche Qual auszuſte⸗ hen hatten. Dank der Theilnahme des alten Clive, wurde Thomas, als der Alte von ſeiner Lage Keuntniß bekam, ſeinem traurigen und tödtlichen Aufenthalte entzogen und nach einem Raume gebracht, welcher für höhere Militärs im Erkrankungsfalle beſtimmt war. Schrubbs, der ſeine Pflege übernahm, er⸗ hielt die Erlaubniß, ihn ungehindert zu beſu⸗ chen. Doch die Ortsveränderung, die im An⸗ fange vielleicht einen günſtigen Einfluß auf den Zuſtand des Kranken genommen hätte, würde jetzt ſchon, bei dem gefährlichen Grade der Krank⸗ heit wirkungslos geblieben ſein, wenn nicht end⸗ lich eine wohlthätige Temperaturveränderung eingetreten wäre. Ein heftiges Gewitter, beglei⸗ tet von einem kurzen Sturme und von einem reichlichen, erfriſchenden Regen, reinigte die Luft; eine erquickende Kühle fächelte mit dem Hauche rettender Engel die brennenden Stirnen der Kranken. Thomas, der bewußtlos im heftig⸗ ſten Fieber lag, empfand die belebende und er⸗ quickende Wirkung der kühlen Luftſtrömung, und wenn er ſekundenlang den matten Blick aufſchlug, ſah er ein holdes Antlitz über ſich gebeugt und fühlte die leiſe Berührung einer zarten Hand auf ſeiner glühenden Stirne. Die beſeligende Empfindung dieſes Augenblickes, unterſtützt von der ihn umgebenden reineren und friſcheren Luft, blieb während der ganzen Dauer ſeiner Krankheit in ihm wach. Julie Murray hatte den Augenblick benützt, in welchem alle Schiffsbewohner auf's Verdeck eilten, um die friſche Luft in großen Zügen einzuathmen, Thomas in ſeinem Zim⸗ mer auf einen Augenblick zu beſuchen. Sie ver⸗ weilte mit inniger Theilnahme einige Sekun⸗ den an ſeinem Bette. Auch der alte Clive wurde immer mehr für ſeinen jungen Verwandten eingenommen; hörte er doch von Jedermann das Lob dieſes jungen Helden, denn der Ruf von ſeiner Ta⸗ pferkeit in jener ſchrecklichen Nacht war in Aller Munde. Unterdeß ſegelte das Schiff mit dem gün⸗ ſtigſten Winde dem Orte ſeiner Beſtimmung zu und kam in kurzer Zeit auf der Rhede von Calcutta an. Der alte Clive wählte als Aufenthalts⸗ ort das Haus ſeines Freundes Holwell. Zufällig war auch Julie M urray an die⸗ ſen empfohlen worden; auch Thomas wurde auf Verwendung des Alten zu Holwell ge⸗ bracht und ſtand, wie bisher, unter der beſon⸗ deren Pflege ſeines treuen Erziehers Schrubbs. Thomas' Geneſung ging hier unter den günſtigen Verhältniſſen raſch von Statten;— er wurde zuweilen von dem ihm am Kranken⸗ bette erſchienenen Engel beſucht und gewöhnte ſich auch allmälig an die Geſelſſchaft ſeines alten Verwandten Clive. 12. Schrubbs befand ſich im Hauſe des un⸗ gewöhnlich reichen Holwell vortrefflich; be⸗ ſonders kam ihm der Umſtand gut zu Statten, daß er unter dem Dienerperſonale des Hauſes einen Landsmann Namens Schlurpy traf, welcher die Aufſicht über den Holwell'ſchen Weinkeller führte. Eines Abends wurde Schrubbs von ſei⸗ nem Freunde angegangen, ihm, dem Keller⸗ meiſter, beim Abziehen einer Tonne Malvaſier behilflich zu ſein, welcher Arbeit er ſich mit aller Bereitwilligkeit unterzog. Beide begaben ſich in den Keller und vergaßen nicht, ſich für dieſe Arbeit die entſprechende Stärkung zukommen zu laſſen. Nachdem die letzte Flaſche abgezogen war, lud Schlurpy ſeinen Gaſt ein, ſich auf eine Matte niederzulaſſen, welche in der Vor⸗ halle des Kellers über den Boden gebreitet war. — Hier unterhielten ſich beide Freunde recht gemüthlich mit wechſelſeitiger Mittheilung ihrer Erlebniſſe. Schrubbs ſprach gerne von Eng⸗ land und brachte Bilder aus dem jugend— lichen Leben in Erinnerung, welche beiden recht erfreulich waren; dafür gab Schlurpy ſeine in Indien gemachten Beobachtungen zum Beſten. 235 Unter andern erzählte er wunderbare Ge⸗ ſchichten von den indiſchen Zauberern, welche in der ſchwarzen Kunſt als die größten Meiſter bekannt ſind; er erzählte ſchauderhafte Ge⸗ ſchichten von Hexereien, die Engländern wider⸗ fuhren. Schrubbs hörte mit Erſtaunen und Entſetzen dieſe ſeltſamen Erzählungen, welche durch den Einfluß des reichlich genoſſenen Wei⸗ nes die lebhafteſte Färbung erhielten, ſo daß der ſonſt beherzte Schrubbs ſich eines An⸗ fluges von Furcht nicht erwehren konnte, als auf einmal ein Gepolter im hinteren Theile des Kellers ſich vernehmen ließ. Es war, als wenn ein lebendes Weſen von einer gewiſſen Höhe aus in ein mit Flüſſigkeit gefülltes Gefäß ſtürze; ein Spritzen und ein gurgelndes Geräuſch ließ dieß annehmen. „Um Gottes willen, was iſt das?“ rief der Küfer erblaſſend; auch Schrubbs, vielleicht vom Eindrucke der finſtern Geſchichten befangen, verlor ſeine Faſſung. Doch ſammelte er ſich bald wieder, nahm eine Laterne und ſchritt mit gezogenem Säbel kühn in das Innere des Kel⸗ lers vor, während Schlurpy ihm zitternd folgte. Am hinterſten Ende des Kellers ſtand ein großes Faß mit Malvaſierwein, über wel⸗ ches Schlurpy den Deckel zu legen vergeſſen hatte, und aus welchem ſich jetzt eine menſch⸗ liche Geſtalt erhob, augenſcheinlich mit der größ⸗ ten Anſtrengung ſich aus der gefährlichen Lage zu befreien. Starr vor Schrecken ſtanden Beide einen Augenblick ſprachlos da.„Das Malvaſierfaß, das Malvaſierfaß!“ rief Schlurpy aus voller Kehle. Schrubbs ſchrie nach ſeiner Art, er hob die Laterne, und als er ſie nach dem Orte der Erſcheinung hinwendete, ſah er mit dem tiefſten Erſtaunen ein menſchliches Weſen mit dem häßlichſten fratzenhaften Geſichte, mit dem verſtörten Blicke der Furcht und des Ent⸗ ſetzens. „Ha, Schurke! Diebskerl! wie kommſt Du hieher?“ rief Schrubbs, ihn bei den Schul⸗ tern faſſend und ihn ſchüttelnd. „Das will ich Euch erklären,“ ſprach eine Stimme dumpf und wild von der Decke her. „Tauſend Bomben und Granaten,“ ſchrie Schrubbs, während Schlurpy ganz ver⸗ nichtet vom Schrecken ſein Kreuz ſchlug;„da ſchaut noch Jemand herunter, Diebe! Diebe!“*— „Geſpenſter! Geſpenſter!“ ſekundirte S chlurpy. Das Geſicht des alten Clive erſchien an der Oeffnung der Decke, aus welcher der Verun⸗ glückte heruntergeſtürzt war. Dieſer entſtieg indeſſen mit unſanfter Unterſtützung Schrubbs' dem Faſſe ganz erſtarrt und betäubt, ſchüttelte ſeine langen, triefenden Gewänder und ſtand da— ein Bild des tiefſten Bedauerns— mit jener ſtumpfſinnigen Faſſung, die die äußerſte Furcht bekundet, doch hielt er krampfhaft einen im Gürtel ſteckenden Dolch. Beide Ueberraſchten hielten jetzt die Ueber⸗ zeugung feſt, daß das Abenteuer nichts als ein Gaunerſtreich ſei.„Dieſer braune Spitzbube,“ ſagte Schlurpy,„iſt in den Malvaſier ge⸗ 30* 236 fallen, weil ich den Deckel davon gezogen; der andere will ihm folgen.“ „Legt den Deckel über das Faß, damit ich in den Keller hinabſteigen kann,“ ſagte die Stimme des alten Clive,“ welche Schrubbs bekannt zu ſein ſchien. „So,“ bemerkte Schlurpy,„ſonſt gar nichts? Den Deckel über das Faß, und was wollt Ihr dann beginnen?“ „Legt den Deckel über das Faß!“ wieder⸗ holte Clive in gebieteriſchem Tone ſich an Schrubbs wendend,„Ihr ſolltet mich doch kennen; ſobald ich unten bin, werde ich Euch alles erklären. Ich habe mit jenem Indier da unten eine blutige Rechnung abzumachen. Aus Furcht vor mir iſt er aus ſeiner Haft in dieſen Keller durchgebrochen, aber er ſoll mir nicht entgehen; raſch, helft mir, ich werde Euch's danken.“ Schrubbs, welcher jetzt den Sprechenden erkannt hatte, legte den Deckel auf das Faß, und Clive ſtieg hinunter. „Zetzt,“ ſagte er zu Schrubbs,„laßt mich mit dieſem Elenden allein; er iſt ein Mörder vom Scheitel bis zur Zehe. Dieſer Mann hat mir Weib und Kind auf die grauſenvollſte Weiſe gemordet und mich ſelbſt gemißhandelt, das Alles in einer Art, daß ſich der Mund ſträubt, es zu erzählen. Die Aufgabe meines Lebens findet jetzt ihre Löſung. Hier, Elen⸗ der,“ rief er Dariman zu, denn dieſer war der entwichene Gefangene,„nimm dieſe Waffe und verkaufe Dein verruchtes Daſein, ſo theuer Du kannſt.“ Mit dieſen Worten ſchleuderte er ihm einen langen Dolch vor die Füße, und zog einen gleichen aus einer Scheide. Dariman hob die Waffe auf; Clive winkte Schrubbs und Schlurpy ſich zu ent⸗ fernen.„Sagt Thomas Clive, daß dieſer, mit dem ich jetzt kämpfe, die Schuld trägt von meinem Wahnſinn und von meiner Menſchen⸗ ſcheu, und daß ich ihm, wenn ich falle, zwei Dinge zurücklaſſe: mein ihm teſtamentariſch be⸗ ſtimmtes Vermögen und blutige Rache an dem Bruder dieſes Scheuſals, der gleich grauſam handelte wie dieſer.“ Schlurpy entfernte ſich ſcheu und angſt⸗ voll und Schrubbs befeſtigte erſt eine bren⸗ nende Fackel in einen Mauerriß, wodurch der Kampfplatz beleuchtet wurde. Beide begaben ſich in die Vorhalle des Kellers und lauſchten hinter der geſperrten Thüre athemlos in tödt⸗ licher Erwartung dem Ausgange dieſes nächt⸗ lichen Duells. „Nun,“ ſchrie Clive wüthend,„Deine Stunde iſt da, es gilt jetzt zu ſterben.“ „Halt,“ ſchrie Dariman,„laß Dich war⸗ nenen, die Waffe, die Du mir nach dem Ge⸗ brauche Eueres Volkes zu meiner Vertheidigung gegeben, würde mir Dir gegenüber wenig nützen; aber mein Dolch birgt ein tödtliches Gift, das Dich unrettbar verdirbt, wenn er Dich nur ritzt. Bedenke, ehe Du auf mich „Deine Drohung kann mein Rachegefühl nicht ſchwächen, Elender!“ ſchrie Clive;„da Du aber im Vortheile biſt, ſo will ich den Kampf ausgleichen.“ Dabei zog er ſich einige Schritte vorſichtig zurück, den Blick auf den Gegner ge⸗ richtet. Dieſer ſchien auch einen Plan zu haben; er machte einen Schritt ſeitwärts nach dem Orte, wo ſich die Fackel befand.„Ha,“ ſagte der Alte,„die Schlange traut nicht ihrem Gifte allein, ſie will noch Liſt anwenden. Du glaubſt in der Dunkelheit ſicherer zu ſein als beim Lichte.“ Wieder zog er ſich einen Schritt zurück und wieder näherte ſich dariman der Fackel. Ob⸗ ſchon im Bewußtſein des Vortheils, der ſeinem Gegner keine Hoffnung ließ, ohne Verletzung, alſo ohne ſicheren Tod davon zu kommen, war Dariman doch voll Unruhe und Angſt über das ruhige Rückſchreiten ſeines Feindes. Was konnte dieſer noch ſuchen, was konnte er noch exſinnen? Die Todesfurcht erſchütterte den Indier, ſeine Augen rollten wild und hilfe⸗ ſuchend umher. Clive benützte dieſe Schwäche des Feindes, griff raſch nach dem mit einer Handhabe verſehenen Deckel des Malvaſier⸗ faſſes, welcher breit, dick und von ſchwerem Eichenholze war, und warf ihn mit Blitzes⸗ ſchnelle und mit aller Kraft auf ſeinen Gegner, daß dieſer vor Schrecken und Ueberraſchung zu⸗ ſammenſtürzte und beide Dolche ihm entfielen. Mit gleicher Schnelle warf ſich Clive auf ſeinen Feind, den er bei der Kehle packte und ihn ſo zur flackernden Leuchte ſchleppte, wodurch ihm die Möglichkeit genommen wurde, eines Dolches habhaft zu werden. „Jetzt habe ich Dich, Schurke, in meinen Händen,“ rief Clive in wilder Freude,„aber Du ſollſt nicht mit Einem Male ſterben, Du erbarmungsloſer Mörder meiner Liebe, meines Glückes! Rufe Dir alle Gräuelthaten Deines verruchten Lebens zurück! Denke daran, wie Du und Deine Brüder mit feiger, tückiſcher Liſt mich überfielet, mich und Menaſatha's Tochter, dieſes himmliſche Weſen, in Feſſeln legtet! Wie Ihr mich nackt unter der glühenden Sonne an den Pfahl bandet, daß die Stricke blutig in mein Fleiſch ſchnitten! Erinnerſt Du Dich, hölliſcher Teufel!“ ſchrie jetzt Clive in wahnſinniger Wuth,„wie Ihr ſie vor meinen Augen lebendig begrubt, nachdem ſie unter den größten Schmerzen ein Kind zu früh geboren? Nur ich ward von einer vorüberziehenden Truppe Europäer gerettet, ich ward gerettet zur Rache!“ Bei jedem Wuthausbruche des Sprechenden klemmten ſich ſeine Finger tiefer in das Fleiſch des Beſiegten, welcher nun ſtöhnend ausrief: „Halt, bei dem Leben Deines Kindes, halt ein! Du haſt eine Tochter, die ich um den Preis meines Lebens in Deine Hände liefern will!“ „Eine Tochter! was ſagſt Du, eine Toch⸗ ter!“ rief Clive überraſcht, indem er ſein Opfer fahren ließ. „Ja, Deine und Menaſatha'’s Toch⸗ ter lebt! Du trauſt mir nicht, ſo traue Deinen losgehſt: Du ſtirbſt mit mir.“ Augen, wenn Du Sakuntala ſiehſt.“ In dieſem Augenblicke traten Schrubbs und Schlurpy vorſichtig in den Keller, über⸗ raſcht, die Beiden noch lebend im heftigen Ge⸗ ſpräch zu finden. „Nun, es ſei denn,“ rief Clive Dari⸗ mann zu,„vorwärts, in Dein Gefängniß zurück, daß ich die Wahrheit Deiner Angabe unterſuche.“ Beide ſtiegen jetzt auf einer ange⸗ legten Leiter, die im Keller war, in das Ge⸗ fängniß zurück und auch die beiden Kellerfreunde verließen voll Verwunderung den unterirdiſchen Raum. Zur Verſtändigung des plötzlichen Zuſam⸗ mentreffens des alten Clive mit Dariman im Keller iſt noch zu bemerken, daß erſterer bei einem Spaziergange mit dem Obr. Murray im großen Parke des Holwell'ſchen Hauſes hinter dem Eiſengitter eines Zimmers im obern Stockwerke ein Geſicht erblickte, welches ihn augenblicklich zum Wahnſinn trieb. Oberſt Murray eſſchrak über die plötzliche Verände⸗ rung ſeines Freundes, erſt als dieſer ihm ſein Verhältniß zu dem Gefangenen mittheilte, be⸗ griff er ihn.— Clive, außer ſich vor Wuth, erklomm mit Hilfe einer Leiter die hohe Mauer und drohte den Gefangenen zu ermorden; er riß wüthend an den Eiſenſtäben, während der Gefangene ſich ſcheu in den Hintergrund des Zimmers verkroch. „Biſt Du mir ſo nahe, Elender, ſo entgehſt Du mir nicht! Wenn es mein ganzes Vermögen und mein Leben koſtet, ich dringe noch heute zu Dir. Erwarte mich, Elender!“ ſchrie Clive, ſich wieder entfernend. Dariman ſuchte vergeblich den ganzen Tag über einen Ausweg; er bohrte mit ſeinem Dolche um die Eiſenſtäbe des Gitters, um ſie zu löſen, aber vergebens. Nach anhaltendem und ſtrengem Forſchen und Suchen bemerkte er unter der zu ſein w Lager ausgebreiteten Decke mit ſtarken Ler, beſchlagene Dielen. Er löſte dieſe Leiſten leie, Als die Eiſenſtäbe am Gitter und entdeckte ſeiner großen Freude eine verſchlagene F. re, welche in ein finſteres, ihm unbekannte zale führte; ſchon hörte er vor ſeiner Thüre e Schritte, ſchon ſah er ſich unvermeidlich in. Händen ſeines Feindes, als er ſich in den K hinab⸗ ließ, wohin ihm Clive folgte. 13. Thomas Clive erhielt nach ſeiner Ge neſung aus der Hand des Kommandierenden für ſeine auf dem Schiffe im Kampfe mit den Korſaren bewieſene Tapferkeit durch den Ein⸗ fluß Holwell's und Clive'’s das Offiziers⸗ patent nebſt einer Anweiſung auf eine vollſtän⸗ dige Offiziersequipage. Thomas, voll freudiger Ueberraſchung über das unerwartete Glück, wäre doch zu ſtolz geweſen, dieſe ihm unverdient ſcheinende und durch fremden Einfluß erlangte Auszeichnung zu behalten, wäre ihm nicht noch ein höheres Glück dadurch geworden, daß er jetzt in der Fa⸗ milie Holwell's mit Auszeichnung behandelt wurde und oft Gelegenheit hatte, mit Julie Murray zuſammen zu treffen, die er bis jetzt, als ihm zu hoch ſtehend, mit einer heiligen Scheu nur von der Ferne verehrte. Und ſie ſchien— wie eine Ahnung das Gemüth des Jünglings erfüllte— ſie ſchien ihn mit Theilnahme zu bemerken. Wohl kannte er ihr Verhältniß zu dem Kapitän Ellis, aber er wußte auch daß ſie dieſen Mann verabſcheue. Als Offizier konnte er dem Kapitän entgegentreten, und er wollte es; dieß ſchwor er ſich. Thomas hatte ſein Herz an Julie verloren. Ja, ſeit jenem Abenteuer im Parke war die holde Erſcheinung des liebenswürdigen Mädchens das Ideal ſei⸗ ner ſtillen Träume geweſen. Jetzt ſchien das Schickſal ihn plötzlich auf eine Stufe zu heben, wo ſeine kühnen Hoffnungen ihm in immer klareren Umriſſen erſchienen. Alle Umſtände begünſtigten ſeine Wünſche. Holwell's Fa⸗ milie ſchien ein eigenthümliches Intereſſe zu haben, Thomas und Julie näher zu brin⸗ gen. Der Oberſt, Ju liens Vater, hatte, nach Cliven's Abenteuer im Keller, denſelben, nie⸗ mand wußte wohin, begleitet, und ſo war oft Gelegenheit vorhanden, daß Julie und Tho⸗ mas in Berührungen kamen, in welchen das Herz leicht alle Rückſichten der äußeren Verhält⸗ niſſe vergißt. Julie ſaß eines Abends in einer Laube des Gartens und ſang ein Lied der Heimat. Thomas erging ſich zufällig in der Nähe der Laube. Wie ſehr mußte Thomas dieſes Lied von dieſer ihm bekannten Stimme rühren und ergreifen! Er ging näher, immer näher, wie von einem Zauber angezogen und endlich— endlich, war er nah— ganz nah und ſeiner nicht mehr mächtig lag er zu Juliens Füßen. Sie ſchreckte auf, als ſie ihn plötzlich vor ſich ſah.„Was beginnen Sie?“ rief ſie,„dieſe Stel⸗ lung.“„O, laſſen Sie mich in dieſer Stellung,“ rief er begeiſtert.„Bei jenen ewigen Sternen dort am Himmel, Julie, verſchmähen Sie dieſe Hand nicht, die getrieben von einem unbezwing⸗ baren Gefühle ſich Ihnen entgegenſtreckt. Nein, und müßte ich ſterben und vergehen,— das Geheimniß meiner Seele, ich kann es nicht länger verbergen, ich kann es nicht länger in mir verſchließen das Geſtändniß, daß ich Sie heiß und innig liebe. Ich habe gekämpft gegen dieſes Gefühl, aber vergeblich, es iſt ſtärker als meine Kraft.“ Julie hörte ihn mit glühendem Erröthen und mit reizender Verwirrung— da ertönte ein ſchneidendes Hohngelächter am Ein⸗ gange der Laube. Beide erſchreckt wandten ſich dahin. Thomas ſprang auf— Kapitän Ellis, unerwartet von Calcutta, wo er im ge⸗ heimen Auftrage der Regierung war, zurückge⸗ kehrt, ſtand vor ihnen. Es gab eine heftige Szene; die Herausforderung zum Zweikampfe wurde vom Kapitän nicht angenommen.„Doch,“ ſagte Ellis, nachdem die Aufregung ſich etwas gelegt hatte,„ich komme ſoeben von der Haupt⸗ ſtadt Sarajah Dowlas, und bin der leber⸗ — ——— ,. bringer von wichtigen Depeſchen, deren Inhalt iſt, daß Calcutta in kürzeſter Zeit von der ge⸗ ſammten Macht des Fürſten angegriffen werden wird. Unſere Streitmacht iſt ſo gering, die drohende Gefahr ſo groß, daß es dem Ganzen ſchädlich wäre, einen von uns zu tödten oder kampfunfähig zu machen. Sehen wir, wer von uns heimkehrt.“ In dieſem Augenblicke traten Holwell, der alte Clive und Murray in den Garten. In lie hatte ſich gleich im Anfange dieſes pein⸗ lichen Auftrittes entfernt. Kapitän Ellis theilte Holwell ſogleich das wichtige Ergebniß ſeiner Sendung mit und begleitete ihn in's Haus. Clive ſchloß ſich ihnen an. Murray freute ſich der Gelegenheit, Thomas den ihm noch ſchuldigen Dank auszuſprechen, überhäufte ihn mit Lob über ſeinen ſo ſchnell erlangten Namen, theilte ihm die guten Abſichten ſeines Verwandten mit, der auch ſein Freund ſei, und erzählte das auch ihm bekannte Abenteuer im Keller, wodurch Thomas über das Betragen ſeines Verwandten einige Aufklärung erhielt. „Wenn Sie ſeine Geſchichte ganz kennen wer⸗ den, werden Sie ihn bemitleiden und entſchul⸗ digen, Sie werden ihn lieben, ja Sie werden es nicht verweigern, noch heute Nacht einen ge⸗ fahrvollen Gang für ihn zu machen, durch den ſeine todtgeglaubte Tochter ihm wieder zugeführt werden ſoll.“ „Seine Tochter!“ rief Thomas er⸗ ſtaunt aus. „Ja, ſeine Tochter,“ erwiederte Murray, „wir rechnen auf Ihren Beiſtand. Kommen Sie mit mir, damit ich Sie mit dem Vorhaben bekannt mache.“ Sie gingen. Eine Stunde vor Mitternacht begaben ſich der ältere und jüngere Clive, Schrubbs und Oberſt Murray in indiſcher Kleidung, das Geſicht mit der Farbe der Eingebornen ge— ſchminkt, nach dem von Dariman bezeichneten Aufenthaltsorte Sakuntala's, nach der von den Bajaderen bewohnten alten Pagode. Clive gelang es ſowohl durch ſeine Kenntniß der Braminenſprache, als auch durch ſein Gold einen Prieſter zu gewinnen, der ihn zu ſeiner Tochter brachte, zwar nicht ohne Gefahr, denn Dariman war auf die vom Capitän Ellis gebrachten Inſtruktionen ſogleich auf freien Fuß gelaſſen und beeilte ſich, die ihm erpreß⸗ ten Geſtändniſſe über Sakuntala's Schickſal und die angegebenen Mittel zu deren Befreiung unwirkſam zu machen. Sakuntala, die ſich ohnehin nach irgend einer Art der Erlöſung ſehnte und in ihren trübſeligen Stunden der Einſamkeit mit Weh⸗ muth an die glücklichen Tage ihrer freien Be⸗ wegung in den Gebirgen des Himalaja dachte, wäre mit Freuden jedem Erretter aus dieſem ihr verhaßten Orte gefolgt, um ſo mehr dem Manne, der ſich ihren Vater nannte. Nie em⸗ pfundene Gefühle wogten in ihrem Buſen, die Dämmerung einer ſchönern Zukunft erſtieg ihrem innern Blicke und willig gab ſie ſich der Leitung der drei Männer hin, obſchon ſie nicht 237 ohne geheimen Verdacht den dienſtfertigen Bra⸗ minen betrachtete. Schon mochten ſie hundert Stufen hinab⸗ geſtiegen ſein, als ſie plötzlich Fackelſchimmer ſahen und das Geräuſch von Tritten ſo wie Menſchenſtimmen hörten, die dumpf und wild zu ihnen hinaufdrangen. Das Blut gerann ihnen zu Eis. Sie befanden ſich jetzt, wie ſie in der Dunkelheit durch ihr Gefühl bemerkten, auf einem ebenen Boden, doch erkannten ſie aus dem von unten kommenden Lärm, daß ſie den Fuß der Pagode noch nicht erreicht hatten. „Wir ſind verrathen und verloren,“ ſchrie der Bramine,„doch halt! nur Muth!“ Er taſtete ſuchend an der Mauer, wo er eine Thür fand, die ſeinem Drucke nachgab. Er zog ſeine Be⸗ gleitung in ein finſteres Gemach. Athemlos harrten ſie hier und hörten bald das Geräuſch der Tritte ihrer Feinde an ihnen vorüber⸗ ſtürmen. Als dieſes verhallt war und das Gefühl unausſprechlicher Erleichterung die Flüchtenden belebte, führte ſie der Bramine lautlos und höchſt vorſichtig auftretend die Treppe hinunter, wo Schrubbs und Murray in einiger Ent⸗ fernung von dem Gebäude in einem ſicheren Verſtecke mit mehreren Palankins ihrer ängſt⸗ lich harrten. Sie ſetzten ſich ein, die Vorhänge wurden niedergelaſſen, die Verkleidung und die Nacht ſchützte ſie vor neugierigen Blicken, und ſo zogen ſie von dannen, als ſchon der Morgen⸗ ſtrahl mit majeſtätiſchem Glanze die fruchtbaren Fluren Bengalens zu erleuchten anfing. 14. Am Hofe Sarajah Dowlah's, des Nabobs von Bengalen, bereitete ſich ein großes Feſt vor; eine ungewöhnliche Regſamkeit unter den geſchäftigen, reichgekleideten Dienern ließ aus den Zurüſtungen erkennen, daß eine Jagd abgehalten werden ſollte. Der Fürſt wollte auf die Jagd. Edle Roſſe von arabiſcher Zucht wur⸗ den von einer Schaar Krieger, zahme Leoparden von nackten Indianern durch Stricke gehalten. Der Fürſt, ein Despot vom reinſten Waſſer, etwa 35 Jahre alt, zeigte auf dem Geſichte die Spuren von Ausſchweifungen und groben Lei⸗ denſchaften; die purpurroth gefleckte, angeſchwol⸗ lene Naſe und die Furchen ſeines blaßgelben, knochigen Geſichtes waren ein deutliches Zeug⸗ niß ſeines innern Gehaltes. Sein langer, ſchwarzer, hornförmig herabhängender Schnurr⸗ bart gab ſeinem Geſichte das echte Gepräge der Gemeinheit. Während er in ſeinem Gemache der Mel⸗ dung zum Aufbruche der Jagd harrte, trat ein Diener ein, der ihm eine ſoeben aus Calcutta angelangte Geſandtſchaft meldete. „Und iſt Dariman unter ihnen?“ fragte der Fürſt haſtig.„Daxriman mit der ſchönen Sakuntala?“ „Er iſt nicht mit unter ihnen,“ entgegnete der Angeredete.. —* QE Be ereeeeee —y 238 ☛ Nach einigem Beſinnen ſagte der Fürſt: „Dieſe Engländer möchte ich früher ſehen, bevor ſie ſich mir als Geſandte vorſtellen; laß ihnen ſagen, daß ich ſie aus beſonderer Gnade gewür⸗ digt habe, mich auf die Jagd zu begleiten, und ſie mögen ſich in einer Stunde fertig halten.“ Dieſe Einladung wurde genau überbracht. Gleich nach der Ankunft des Kapitän Ellis in Calcutta, welcher von dem Zorne des Nabobs und von ſeinem Vorſatze, Calcutta anzugreifen, Bericht gab, trat der große Rath, aus einem Collegium der reichſten Kaufleute in Calcutta beſtehend, zuſammen. Da im gegen⸗ wärtigen Augenblicke die Kriegsmacht in Cal⸗ cutta und den übrigen Beſitzungen der Kompagnie in Bengalen ſehr unbedeutend und die Rivali⸗ tät der Franzoſen ſehr drohend war, beſchloß man Alles anzuwenden, um den Nabob indeſſen zu beſänftigen. Zu dieſem Zwecke ließ man Dariman augenblicklich frei und kam über⸗ ein, eine vermittelnde Geſandtſchaft an den Hof von Murchidabad abzuſenden. Bei dem grauſamen und racheſüchtigen Cha⸗ rakter des Nabob war dieſe Ehre für den mit ihr Betrauten mit großer Gefahr verbunden. Ein Mann von Bedeutung und bekanntem Namen mußte dabei ſein. Holwell erbot ſich hochherzig, in dieſer verzweifelten Lage ſeine be⸗ ſondere Sicherheit dem allgemeinen Wohle zum Opfer zu bringen. Es handelte ſich blos um die Wahl ſeiner Begleiter, welche dem Gebrauche gemäß Militär ſein mußten. Die ſehr geringe Anzahl der verfügbaren Soldaten höheren Ran⸗ ges machte es nothwendig, das Gefolge auf das Minimum zu beſchränken. Bei der hierüber gepflogenen Berathung brachte Kapitän Ellis mit aller ihm zu Gebote ſtehenden Beredſam⸗ keit und nicht ohne geheime, leicht zu errathende Abſicht den Vorſchlag zur Durchführung, den durch ſeine Tapferkeit jüngſt mit Recht ſo aus⸗ gezeichneten und neulich zum Offizier beförderten Gentleman Thomas Clive mitzuſenden und ihm irgend einen erfahrenen, muthigen Solda⸗ ten, den man in eine glänzende Uniform ſtecke, mitzugeben. Und ſo ſehen wir dieſe drei Perſonen als die Geſandtſchaft am Hofe Sarajah Dow⸗ lah's. Dieſer freute ſich über ſeinen glücklichen Einfall, die von der Reiſe erſchöpften Engländer erſt durch die Anſtrengungen einer großen Jagd zu hetzen und zu ermatten, ehe er ſie zur Be⸗ rathung ihrer Angelegenheiten vor ſich ließe. Holwell durchſchaute dieſe Abſicht und ſchärfte ſeinen Begleitern ein, ſich ein müdes, verdroſſenes und erſchöpftes Anſehen zu geben. Sie kamen beim Palaſt des Nabob an, und wurden angewieſen, ſich in den Hof zu be⸗ geben, wo der ganze Jagdzug der Erſcheinung des Gebieters entgegenharrte. Nachdem ſie hier einige Minuten gewartet hatten, erſchien„die Lampe der Reichthümer“ (was Sarajah Dowlah indiſch bedeutet) mit aller den orientaliſchen Luxus erſchöpfenden Pracht. Die Engländer ſchloßen ſich dem prachtvollen Zuge als Nachtrab an, da ihnen offenbar kein anderer Platz angewieſen war; und in dieſer demüthigen Stellung folgten ſie dem hohen Gebieter und ſeinem Gefolge. Nach etwa zweiſtündigem Ritte befanden ſie ſich auf einer freien Ebene, die in der Ferne von einem dunklen Walde begrenzt war. Einige tauſend Treiber hatten um den Wald einen ungeheuren Kreis gebildet. Der Fürſt und ſein Gefolge ſtellten ſich in einiger Entfernung vor demſelben auf. Auf das ge⸗ gebene Signal begann fern und nah ein furcht⸗ barer Lärm von Menſchenſtimmen, Trommel⸗ wirbel, Blechgeraſſel, untermiſcht von Flinten⸗ ſchüſſen und Hundegebell. Auf Thomas und Schrubbs machte dieſe nie erlebte Szene einen lebhaften Ein⸗ druck. Aufgeregt harrten ſie athemlos der Dinge, die da kommen ſollten, und hielten ihre gut geladenen Musketen, mit denen ſie ſich auf Holwells Anweiſung verſehen hatten, ſchuß⸗ gerecht. Bald zeigte ſich auch der Vortrab des Wil⸗ des. Es waren kleine Gazellen, die ſcheu aus dem Verſteck des Waldes hervorliefen, um in der Ebene Schutz zu ſuchen, wo ſie indeß einen ſchnellen Tod fanden. Den Gazellen folgten Rehe und Hirſche in großer Anzahl. Plötzlich ertönte der Ruf:„ein Tiger, ein Tiger!“ Jetzt begann ſchon die Jagd ernſter zu werden. Da kniſterte es hörbar in den Zweigen, ein ſchwar⸗ zer Koloß ward ſichtbar, und langſamen S tes kam ein Elephant zum Vorſchein. t Tiger wich knurrend zur Seite, der Elephant bewegte ſeinen Rüſſel nach ihm. Da die Beſtien zögerten, in Schußweite zu kommen, ſo winkte der Nabob und ein Dutzend Reiter ſprengte im Halbkreiſe vor, um ſie in der Nähe anzugreifen. Sie ſchoſſen ihre Flinten ab und ſprengten eilends zurück, um wieder zu laden. Der Tiger war verwundet; der Elephant bewegte ſich nicht von der Stelle, und beſchrieb mit ſeinem Rüſſel große Kreiſe in der Luft, die immer ſchneller und ſchneller wurden; das Thier ſchien ſich zu einem wüthenden Angriff ermuthigen zu wollen. Der Tiger wurde vollends getödtet, die anderen Thiere fielen zahlreich. Der Ele⸗ phant, von mehreren Flintenkugeln getroffen, zog entmuthigt ſeinen Rückzug an. Der Nabob gab ein zweites Signal, die Treiber aufzufordern, ihre Kette enger zu ſchließen. Es geſchah, und neue Schwärme von Waldbewohnern brachen hervor, unter ihnen zwei Tiger, ein Leopard, zwei Löwen und der vorhin erwähnte Elephant. Dieſe Erſcheinung verurſachte eine außerordentliche Bewegung auf der ganzen Linie. Die Thiere, durch den unge⸗ wohnten Anblick aufgeregt, ſtürzten gerade auf ihre Feinde los. Thomas und Schrubbs waren beide von zu feuriger Natur, um von dieſer allgemeinen Aufregung nicht hingeriſſen zu werden. Es iſt etwas Großartiges in der Szene einer indiſchen Jagd! Der dumpfe, wilde Lärm im Walde, das Wiehern der Roſſe, das Gebrüll der wilden Thiere, das Bellen und Heulen der Hunde, die lang hingezogenen und ſchmettern⸗ den Trompetenſtöße, das Krachen der Gewehre, der Anblick der durch den Lärm herangelockten, ſcheu hervorſpringenden Beſtien, alles trägt dazu bei, den Kampfluſtigen im höchſten Grade auf⸗ zuregen. Thomas und Schrubbs blieben daher keine müßigen Zuſchauer, ſie ſtürzten dem Leo⸗ parden entgegen und zerſchmetterten ihm mit wohlgezielten Schüſſen den Schädel. Das Ge⸗ metzel wurde jetzt im höchſten Grade ernſthaft. Die beiden Tiger, zwei Beſtien von ungewöhn⸗ licher Größe, obwohl von mehreren Kugeln ge⸗ troffen, brachen mit rieſigen Bogenſprüngen in die Reihe der Schützen. Die Jagdunterhaltung erhielt jetzt den Charakter der größten Verwir⸗ rung; da ſtürzte ein Pferd, da ergriff ein Tiger einen Reiter rücklings am Nacken, daß dieſer bluttriefend, rettungslos zu Boden ſtürzte. Die ungeheuren Staubwolken hatten das Zielen nach den am meiſten gefürchteten Löwen er⸗ ſchwert. Dieſe königlichen Thiere wandten ſich gerade, als hätten ſie ſich einen ihrem Range gemäßen Gegner geſucht, gegen den Elephanten des Fürſten, der im Augenblicke der größ⸗ ten Verwirrung ohne Bedeckung war, nur Schrubbs und Thomas befanden ſich in ſeiner Nähe. Der Fürſt hatte bereits mehre Schüſſe auf den ihm verfolgenden Löwen abge⸗ feuert, ohne ihn zu treffen, und der Löwe, immer mehr gereizt, mit einem Satze den Rücken des Elephanten erreicht. Thomas, die Gefahr, in welche der Nabob gexieth, bemerkend, ſprengte heran und feuerte ſein eben geladenes Gewehr ſo glücklich auf den Löwen ab, daß er durch das Auge in’s Gehirn getroffen wurde und ſtürzte. Er wälzte ſich brüllend im Sande, wo er bald verendete. Durch die überſtandenen Schrecken abgeſpannt und ermüdet, ließ nun der Nabob das Zeichen zur Beendigung der Jagd geben. Die ordnungslos umherſprengen⸗ den Reiter ſammelten ſich um ihn; auch die Engländer fanden ſich wieder. Nachdem die Einſammlung der erlegten Thiere angeordnet war, trat der Fürſt mit ſeinem Gefolge den Rückweg an. 15. Dießmal hatten die Engländer die hohe Begünſtigung, in der unmittelbaren Nähe des Nabob zu reiten, was nicht ſo ſehr des guten Dienſtes wegen, welchen Thomas ihm gelei⸗ ſtet, geſchah, als vielmehr in der Abſicht, ſich an der Erſchöpfung, welche durch die Anſtren⸗ gungen der Jagd, durch die Hitze und den Staub, dem die Geſellſchaft ausgeſetzt war, einen hohen Grad erreicht haben mußte, zu weiden; wenigſtens wurde des lebensgefährlichen Vor⸗ falls und der glücklichen Rettung keine Er⸗ wähnung gethan, und der Fürſt gab ſich den Anſchein, als wäre dieſer ihm geleiſtete Dienſt ganz gleichgiltig. Die Geſellſchaft zog nun ruhig der Stadt entgegen und erheiterte ſich nicht wenig an den Späßen und Witzen des mit anweſenden Hof⸗ narren Hadſchi. Dieſe verkrüppelte Figur, zum Ueberfluſſe mit einem ungewöhnlich ſtark entwickelten Höcker und mit einem unförmlich großen Kopfe ausgeſtattet, ritt ein ſeiner Perſon entſprechendes kleines Rößlein, auf dem er zur Beluſtigung des Hofes die poſſirlichſten Kapriolen producirte, und bei welcher Gelegenheit er das Unglück hatte, vom Pferde zu ſtürzen. Die Verwickelung des Fußes des Reiters in den Steigbügeln würde unausweichlich deſſen Schlei⸗ fung durch das galoppirende Pferd zur Folge gehabt haben, wäre nicht zur glücklichen Zeit der Sattelgurt geriſſen, wodurch Hadſchi aus ſeiner gefährlichen Lage in die lächerliche Si⸗ tuation kam, den Sattel auf den Rücken nehmen zu müſſen und ſo zur Ergötzlichkeit der Geſell⸗ ſchaft keuchend und ſchwitzend, ſeinen Unſtern beklagend, heim zu gehen. Dieſer Zwiſchenfallwurde für unſere Freunde von weittragender Bedeutung. Als die Jagdgeſellſchaft im Palaſte des Nabob angekommen war, wurden die Englän⸗ der angewieſen, im Vorgemache zu warten, da der Fürſt ſie empfangen wolle, nachdem er von der Jagd ausgeruht haben würde. Unwillkür⸗ lich fiel allen Dreien die Aehnlichkeit des ihnen zum Warten angewieſenen Gemaches mit einem Gefängniſſe auf. Nach zweiſtündigem peinlichem Harren trat endlich ein reichgekleideter Mohamedaner ein, —— ten, thäten aber das Gegentheil; wie ſie wirklich ſchon Kriege geführt, Schlachten geliefert und Belagerungen geleitet hätten. Sie ſeien nun auch ſchon die Mächtigſten unter allen europäi⸗ ſchen Nationen; daß ſie nun ſchon mit gewaff⸗ neter Hand den eingebornen Herrſchern gegen⸗ über zu treten wagen, beweiſe das Schickſal ſeines Bruders, deſſen Kerkermeiſter ſelbſt jetzt ſich erdreiſte, als Abgeſandter vor dem Fürſten zu erſcheinen. Solche Kühnheit verlange die ſtrengſte Ahndung, und es ſei von der bekannten Gerechtigkeit des Fürſten zu erwarten, daß er Gleiches mit Gleichem vergelten und die Ab⸗ geſandten ſo behandeln werde, wie man Dari⸗ man, den Günſtling des Fürſten, behandelt habe.“ Dieſe mit gehäſſigem Eifer vorgebrachte Rede rief ein lebhaftes Gemurmel der Bei⸗ ſtimmung unter den anweſenden Großen des Hofes hervor, nur Miar Jaffierblieb zurück⸗ haltend. Holwell, welchem die Sprache des Indiers bekannt war, widerlegte mit beredten Worten die Einwürfe des Redners, wurde aber durch die lauten Einwendungen der Hofleute unterbrochen und übertönt. Der Tumult wurde gefahrdrohend, da ſogar die Bewaffneten an der allgemeinen Aufregung Theil nahmen, in⸗ dem ſie mit ihren Waffen klirrten und grimmige Drohungen ausſtießen. Der Fürſt gebot nun Ruhe und befahl Seat, die Bedingungen vorzulegen, unter denen den Engländern ein vorläufiger Friede „....„ zu bewilligen ſei. Die Bedingungen wären: welchen Holwell wie einen bekannten Freund Schleifung der angelegten Befeſtigungen, Aus⸗ mit dem Namen Miar Jaffier anredete und lieferung aller den Engländern unterſtehenden der die Armee des Fürſten befehligte.„Ich bin Eingeborenen; Tributzahlung in die Kaſſe des gewiß,“ redete der Eintretende die Engländer Nabob und von dem Fürſten zu beſtimmende freundlich an,„ich bin gewiß, daß Ihr bei einer Geldbußen für die Nachtheile, welche dem ſich bald ergebenden Gelegenheit im Kampfe, Nabob aus den Handelsvortheilen der Englän⸗ eben ſo viel Muth und Tapferkeit zeigen wer⸗ det, wie Ihr es auf der Jagd bewieſet. Für jetzt folgt mir zum Fürſten.“ Sie traten in einen koſtbar verzierten Saal ein, wo Sarajah Dowlah von ſeinen Wür⸗ denträgern und hohen Staatsbeamten umgeben, auf einem mit orientaliſcher Pracht ausgeſtatte⸗ ten Throne ſaß. Außerdem war der Saal mit Soldaten gefüllt, welche beim Anblicke der Fremden einen Ausdruck der Drohung und des Haſſes nicht verbergen konnten. Holwell hielt eine Anrede, in welcher er alle gegen die Engländer erhobenen Beſchuldi⸗ gungen widerlegte, und bat im Namen des Rathes von Calcutta um den Schutz und die Freundſchaft des Herrſchers von Bengalen, die ſie jetzt bei der feindſeligen Abſicht ihrer Riva⸗ len, der Holländer und Franzoſen, beſonders bedürften. Nachdem dieſe Rede verdolmetſcht worden war, erhob ſich einer der Würdenträger aus der Umgebung des Fürſten und ſprach in leiden⸗ ſchaftlicher Weiſe gegen das Vorgetragene. Der Redner war der uns bekannte Seat, der Bru⸗ der Dariman’s. Er ſagte:„die Engländer ſprächen zwar viel von ihren friedlichen Abſich⸗ der erwüchſen. Ddieſe Bedingungen überlieferten die Eng⸗ länder ſchutzlos ihrem Feinde. Holwell machte die Vorſtellung, daß er zur Eingehung ſolcher unerwartet wichtigen Bedingungen keine Vollmacht habe; daß er erſt mit dem Rathe von Calcutta konferiren müſſe, dem dieſes Ergebniß ſeiner Sendung ſehr über⸗ raſchend kommen werde; denn keine härteren Bedingungen könnte man vorſchreiben, wenn die Engländer in einer offenen Schlacht beſiegt worden wären. Jetzt konnte der lange verborgene Unwillen der Verſammlung ſich nicht mehr halten, ſtür⸗ miſch riefen nun die Krieger, ihre Waffen ſchwingend, man müſſe die Hunde zur Ver⸗ nunft bringen. Der heftige Lärm und die wilden Drohungen erregten auch den Grimm Schrubbs' und Thomas,, die unwillkürlich nach ihren Schwertern griffen, und ſelbſt Holwell, obſchon an ähnliche Rathsver⸗ ſammlungen gewöhnt, konnte ſich nicht ganz enthalten; die wilden Mienen der beiden Krie⸗ ger und ihre Bewegungen ſchürten noch den Tumult— ſchon ſahen ſie einige der Wüthend⸗ ſten ſich erheben, Holwell war ſchon ganz ge— 239 faßtn daß das Signal gegeben werde zu ihrer Ermordung.— Noch ein Augenblick, und es war um ſie geſchehen, da erſchien plötzlich als Blitzableiter der unglückliche Hofnarr Hadſchi im komiſcheſten Aufzuge, mit dem Sattel und den ſchleppenden Steigbügeln auf dem Rücken an der Schwelle des Saales. Die Ausbrüche des Zornes ſchlugen im Augenblicke in ein tol⸗ les, nicht enden wollendes Gelächter um, das die poſſirlichen Grimaſſen, welche er vor Ueber⸗ raſchung über die unerwartete Szene ſchnitt, noch vermehrte. Dieſe plötzliche Heiterkeit hatte den unvermutheten Erfolg, die Erbit⸗ terung abzukühlen. Und auch der Fürſt, durch die veränderte Gemüthsſtimmung in etwas ſanfter geworden, den Anfall der allgemeinen Luſtigkeit theilend, entließ die Verſammlung und verſprach den Engländern am nächſten Tage einen definitiven Beſcheid. Gleichzeitig lud er ſie für den Abend desſelben Tages aus hoher Gnade zu einem Feſte, das er mit ſeiner Gegenwart beehren würde. Holwell und ſeine Gefährten kehrten nun augenblicklich erleichtert, aber ganz erſchöpft und hinfällig in ihre Behauſung zu dem ihnen ge⸗ neigten Wirthe Jaggutzurück. Wie wunderbar ſind die Wege der Vor⸗ ſehung! Die unſcheinbarſten Dinge ſind oft die wichtigſten Urſachen großer Wirkungen! Damit die Engländer einer barbariſchen Niedermetzlung entgingen, mußte Hadſchi den glücklichen Einfall haben, mit ſeinem von den Anſtrengungen der Jagd ermatteten Pferdchen noch die lächerlichſten Reiterkunſtſtücke aufzu⸗ führen! Er mußte den Lärm und das Toben einem Trinkgelage zuſchreiben, welche Meinung wahrſcheinlich ihn anſpornte, ſchnell in der Mitte der Geſellſchaft zu erſcheinen, wo er eine ſo draſtiſche Wirkung hervorbrachte. Ihr freundlicher Wirth ließ ihnen ſogleich ein auserleſenes Mahl auftragen und verhehlte die innige Theilnahme nicht, die er mit ihrer Lage hatte; ſelbſt zur Flucht würde er ihnen hilfreiche Hand geleiſtet haben,„aber,“ bemerkte er,„Flucht iſt für den Augenblick unmöglich; denn ſelbſt in meinem Hauſe ſeid Ihr von Wachen umſtellt, die man nicht würde täuſchen können.“ Troſtlos ſahen die Freunde ſich an.„Jeder Einzelne von uns“ bemerkte Holwell,„kann ſich mit einem Daniel in der Löwengrube ver⸗ gleichen.“ In dieſem Augenblicke trat ein mo⸗ hamedaniſcher Derwiſch ein, der ſorgfältig die Thüre hinter ſich verſchloß und ſich ſchweigend auf einen Teppich niederließ. Der augenblickliche Schrecken der Geſell⸗ ſchaft über die geheimnißvolle Erſcheinung wich bald einem freudigen Gefühle, als der Ankömm⸗ ling ſeinen großen Turban lüftete und das Ge⸗ ſicht des Freundes der Engländer, Miar Jaf⸗ fiers, zum Vorſchein kam.„Betrachtet mich,“ ſagte er,„als den geheimen Freund und Bun⸗ desgenoſſen der Engländer und meldet ihnen, daß ſie in kürzeſter Zeit die geeignetſten Maß⸗ regeln zu ihrer Sicherheit treffen mögen. Ich SSS — 2— 5 240 ſage nicht mehr, dem Weiſen genügt ein Wort.“ Nach dieſen freundſchaftlichen Andeu⸗ tungen entfernte er ſich ohne eine Entgegnung abzuwarten.. Beſtürzt und nachdenkend ſaßen unſere Freunde und ſuchten vergebens nach einem Ret⸗ tungsmittel aus dieſer verhängnißvollen Lage, als ein Abgeſandter des Fürſten eintrat, der ſie einlud, in Zeit von einer Stunde ſich nach Hofe zu begeben. Sie mußten dem Unver⸗ meidlichen ſich fügen und machten ſich endlich auf den Weg. Schon auf der Straße mußten ſie die unerfreuliche Wahrnehmung machen, daß unter dem Volke ſelbſt Haß und Fanatismus gegen ihre Landsleute in großem Maße rege war. Im Palaſte angekommen, wurden ſie in einen Saal geführt, in welchem die Gäſte, die engſte Umgebung des Fürſten, ſich bereits be⸗ fanden. Bald erſchien auch der Fürſt, der mit einer lärmenden Muſik empfangen wurde. Eine große, reich beſetzte Tafel nach indi⸗ ſchem Geſchmacke brachte bald Lebhaftigkeit in die Geſellſchaft und der Hofnarr that das Seine, um die Heiterkeit immer zu ſteigern. Nachdem unter vereinten Anſtrengungen der größte Theil der Speiſen ohne Beihilfe künſt⸗ licher Inſtrumente mit bloßer Verwendung der Finger verzehrt war, wurden auf ein Zeichen des Nabob die Getränke gebracht und die Eng⸗ länder aufgefordert, die berühmte Tüchtigkeit ihrer Landsleute im Trinken zu rechtfertigen. Es wurde ihnen eine bedeutende Quantität ſpaniſcher und griechiſcher Weine vorgeſtellt, von denen ſie Gebrauch machen ſollten, beſon⸗ ders nahm Schrubbs die Einladung hiezu in allem Ernſte auf trotz der leiſen Mahnung Holwells, im Trinken die größte Mäßigkeit zu beobachten. Die Lebhaftigkeit der Unterhaltung ſteigerte ſich nun immer und erreichte ſchon einen hohen „Grad, als auf einen Wink des Fürſten eine Schaar reichgekleideter Almetris oder arabiſcher Tänzerinen eintrat, welche Tänze des üppig⸗ ſten Charakters aufführten. Die Geſellſchaft zeigte ſich immer lärmen⸗ der, immer wurden die leeren Flaſchen durch neue erſetzt. Die Extaſe, in welche die Zecher durch die lärmende Muſik wie durch die Exal⸗ tationen der Tänzerinen verſetzt wurden, war mit die Veranlaſſung, daß man die Becher ſchnell und eifrig leerte, bis ein großer Theil der Geſellſchaft ſich im unzurechnungsfähigen Zuſtande befand. Selbſt der edle Nabob ließ ſich von dem Beiſpiele ſeiner Zechgenoſſen hin⸗ reißen und bald war auch an ihm die Wirkung des Weines deutlich zu bemerken. Die Tänzerinen verſchwanden endlich und nun erreichte das Bachanal ſeinen Höhepunkt. Die Engländer wurden förmlich gezwungen zu trinken, und je mehr ſie widerſtrebten, deſto mehr wurde ihnen zugeſetzt. Hadſchi trauk mit Schrubbs um die Wette, und ſelbſt der Nabob fand es nicht unter ſeiner Würde, mit jedem einzelnen der Engländer, taumelnden Schrittes, einen Wetttrunk einzugehen.— Jetzt wurde geſungen, gelärmt, geſprungen; Schrubbs faßte den ſinkenden Nabob, und im Uebermaße trunkener Luſtigkeit führte er mit ihm den Matroſentanz auf, dann ſanken beide, wie die meiſten ihrer Vorgänger nieder und ſchlummerten. Thomas und Holwell hatten dieſe Szene ſo wie die anderen wilden Gruppirun⸗ gen nur noch wie durch einen Nebel geſehen, da ſie wider ihren Willen eine Maſſe der feu⸗ rigſten Getränke hatten verſchlucken müſſen. Sie kämpften vergebens gegen die ſie überman⸗ nende Müdigkeit und erlagen ihr endlich. Als ſie am andern Morgen mit ſchwerem Kopfe und brennender Zunge erwachten, be⸗ fanden ſie ſich in einem kleinen dunklen, mit Eiſengittern und mit einer eiſernen Thüre ver⸗ ſehenen Gemache. Sie waren in einem Kerker. (Schluß folgt.)* ——.— Der Schrank. Eine Humoreskee. Von Moritz Reich.*) Schon waren ſie dreimal aufgeboten wor⸗ den. Mögen Jene, welche ſchon in der angeneh⸗ men Lage waren, Bräutigam zu ſein, ſich die Empfindungen ausmalen, welche in dem Hof⸗ knechtsherzen ſich regten, als der Pfarrer die ehrbaren Brautleute Konrad Blümel und Auguſta Klat von der Kanzel herab zum letzten Male aufbot, und alle Köpfe ſich rück⸗ wärts bogen, um ihn in ſeiner Scharlachweſte und ſie in ihrer breiten blauſeidenen Schürze zu bewundern. Wunderbare Fügung der Natur, daß das Herz nicht nach Rang und Namen fragt, daß ein Stück Brod oft mehr Freude erregt als eine lek⸗ ker beſetzte Tafel, und Konrad im Bewußt⸗ ſein ſeines Beſitzes, Auguſte ihrer Mitgift ſo ſelig daſaßen, wie je ein hochadeliges Paar in der Notredame⸗Kirche, umringt von den Pairs des Königreichs, blitzend in Gold und Juwelen, in Sammt und in Seide!— Und was war ſein Beſitzthum? Und was war denn ihre Mitgift? Er war der Erbo, der alleinige, einer klaf⸗ terhohen, drei und einen halben Schuh im Ge⸗ vierte meſſenden, mit Stroh gedeckten hölzernen Hütte, die er erſt ſein nennen konnte, nachdem er die Schulden ſeines jüngſtverſtorbenen Herrn Vaters, welche darauf hafteten, in der Brannt⸗ weinſchenke getilgt. Soviel von ſeinem Erbe. Was ihre Mitgift anbelangt, ſo war ihre Mutter zwar eine ſehr redliche Perſon und ſo⸗ gar die Schweſter eines vor dreißig Jahren ver⸗ ſtorben Pfarrers, aber herzlich arm, ſo arm, daß nach Bezahlung der Begräbnißkoſten, nichts für *) Siehe Buchſchau. die einzige, aber unverſorgte Tochter dablieb, als — ein großer, breiter, tiefer, hoher Kleider⸗ ſchrank, welcher die Ehre hatte, von dem beſag⸗ ten Pfarrer, der da war ein Bruder ihrer ſelig verſtorbenen Mutter, herzurühren, und für ein Familienheiligthum zu gelten. Der große Moment war alſo gekommen. Auguſta'’s Mitgift, der Schrank, ſollte in Konrads Erboe, die Hütte, gebracht werden, denn ſo will es die Sitte. Der Schrank war im Hauſe eines Bauers einquartirt, der wegen ſeines Reichthums Auguſta's Vertrauen beſaß. Arm in Arm ging das Paar hin, ſie ſtieß ihn, er ſtieß ſie in die Seite, keines wollte mit der Sprache heraus, bis der pfiffige Michelſephe ſie errieth und ſeinen Sonntagsſtaat aus dem Schranke nahm, ohne ein Wort zu ſagen. Und ohne ein Wort zu ſprechen, packte nun Konrad oben an, ſie unten, beide waren über und über roth, und trugen den altehrwürdigen, eichenen Hausrath mit einem leiſen„Zahlsgott“ zur Thüre hinaus. Gewiß blickte in dem Augen⸗ blicke die Mutter ſelig und der Herr Pfarrer vom Himmel herab. Sehr oft mußten ſie nie⸗ derſetzen und dann ſtemmten ſie die Arme in die Seite und ſahen einander verſtändnißinnig an, ihr Blick ſchien zu ſagen: Bin ich nicht reich? wie er ſchwer iſt!— Sein Blick hinge⸗ gen ſagte: Der Schraͤnk iſt ſchön und gut— aber meine Hütte! na! die iſt mir doch lieber! — Viele erboten ſich auf dem Wege, mittragen zu helfen, aber Alle wurden kurzweg mit einem: Schön dank! abgeſpeiſt— es ſollten keine pro⸗ fanen Hände das Familienheiligthum be⸗ rühren! Endlich ſind ſie an der Hütte angelangt! Konrad und Auguſta ſtehen einander ge⸗ genüber, ebenſo Hütte und Schrank— große Pauſe!. Zum letzten Male wird das Rieſenmöbel angefaßt und der erſchrockenen Hütte genährt — weit auf wird die Thür geriſſen, der Schrank wird der Länge nach— hineinge⸗ ſchoben! o nein, welch' ein Unglück! will er nicht? will ſie nicht? Beide wollen nicht! er iſt zu korpulent, ſie zu ſchmal— unmöglich! Der Schrank wird geſtürzt und geſtürzt— alle Rip⸗ pen krachen, er will nicht hineingehen! Der Schweiß rinnt von der Stirne des Paares, beide fürchten einander anzuſehen, ihre Herzen pochen gewaltig: warum iſt er auch ſo groß? denkt ſie und redet dem Schrank in's Gewiſſen; warum iſt ſie auch ſo ſchmal? denkt er und verſetzt ſei⸗ ner unſchuldigen Thür einige Ohrfeigen—end⸗ lich fährt ihm ein: Himmelſakrament! heraus, ſie fängt an zu weinen! er ſagt: wein’ Du noch! ſie ſagt: ſchimpf' Du noch! er ſagt hitzi⸗ ger: da iſt nur Dein dummer Schrank ſchuld! ſie jammerte noch lauter: nein! Deine Hütte iſt ſchuld!— Du haſt eine ſchöne Muttergabe! ſpottet er, Du ein ſchönes Erbe! höhnt ſie; prächtige Mutter das! ſchreit Konrad,— laß mir meine Mutter unbeſcholten! weint ſie, Dein Vater war der rechte! akkurat! 6 und b lobten. den 5 Hütte Schra⸗ ten ve DerW wund Blic ſtüm rad ſeine aus und Hand mern Der immer ſtens ein ge Sie ſt Konr zum heuer bedech ſie l legte ſprach ſich ſich ſt ſchluch an de Stück erbart aber in den 5 henden deohter der I Ausſe die H ein I 1en einen einem Schon kamen die Vorübergehenden herzu und beluſtigten ſich an dem Zanke der Ver⸗ lobten. Der Eine ſagte: ſie ſollen die Hütte in den Schrank tragen, ſtatt den Schrank in die Hütte!— Der Andere: ſie ſollten mit dem Schranke feuern! Ein Dritter meinte: ſie möch⸗ ten von dem Schrank ein Stück abſägen.— Der Letzte hatte Auguſten am tiefſten ver⸗ wundet, denn ſie warf ihm einen grimmigen Blick zu. Verbrennen iſt nicht ſo arg als ver⸗ ſtümmeln! Den erſten Witz beantwortete Kon⸗ rad mit einem ſehr bedeutenden Fauſtſchlag; ſeine Ehre war gekränkt. Unbewußt hatte ſich das unglückliche Paar aus Müdigkeit auf den Schrank niedergelaſſen und trauernd ſaßen ſie da, den Kopf in die Hand geſtemmt, wie die Juden auf den Trüm⸗ mern von Jeruſalem. Guter Rath war theuer. Der Andrang ward immer größer, der Lärm immer toller, Konrad's Aerger und Augu⸗ ſtens Verzweiflung immer tiefer. Da erwachte ein großer Gedanke in dem weiblichen Herzen. Sie ſtand auf und ſagte:„Gott will's nicht! Konrad! Hilf mir den Schrank zurücktragen zum Michelſephe!“—„Wir ſollen nicht heuern?“ fragte er erſchrocken und Leichenbläſſe bedeckte ſein Angeſicht.„Du ſiehſt's ja!“ ſagte ſie lakoniſch in reſignirter Verzweiflung und legte Hand an den Schrank. Konrad aber ſprach kein Wort, der Länge nach warf er ſich hin auf den Schrank wie der Krieger ſich ſterbend auf ſeinen Schild wirft, und ſchluchzte laut, ſeine heißen Thränen ſtrömten an dem Schranke hinab, als wollten ſie ein Stück von ihm wegſchwemmen; Auguſte erbarmte ſich ſeiner, ſprach ihm Troſt zu, er aber wendete ſein Geſicht nicht um und weinte in den Schrank hinein. Da entſtand plötzlich unter der umherſte⸗ henden Menge ein Gemurmel, die Köpfe Aller drehten ſich um, ein Ah! entfuhr den Lippen der Meiſten— ein Greis von ehrwürdigem Ausſehen kam heran, die Menge theilte ſich, die Häupter entblößten ſich, hie und da küßte ein Weib das Kleid des Herrn, welcher ver⸗ wundert die Leute anſah, bis er den Schrank und den Konrad darauf als den Mittelpunkt der ganzen Szene erkannte. „Was hat's da?“ fragte er freundlich einen Handwerker, welcher vor Ehrfurcht von einem Fuß auf den andern hüpfte.„Excel⸗ lenz!“ antwortete er kurz,„die Beiden wollen heuern, ihm gehört die Hütte da, ihr der Schrank! Der Schrank iſt für die Hütte zu groß oder die Hütte iſt für den Schrank zu klein, wie Euer Excellenz belieben, und da wird nichts aus der Hochzeit!“„Wird nichts?“ lä⸗ chelte der Graf:„Ja warum wird nichts?“ —„Nu, weil der Schrank nicht'neingeht! Der iſt von ihrer Mutter Bruder, der Pfarrer war, Gott hab' ſie alle Beide ſelig— Euer Excel⸗ lenz zu dienen!“—„Und die Hätte?⸗— „Stammt von ſeinem Vatter, Excellenz, freilich ein wenig enge— weiland ein Stall, Excel⸗ lenz!“—„Und wer ſeid denn Ihr?“ wendete Erinnerungen. 1858. ſich der Graf an die Beiden, welche ſich mittler⸗ weile aufgerichtet und Hand in Hand auf den Schrank hingepflanzt hatten.„Hofleute, Eure Excellenz, ich Hofknecht ſeit einer Woche und drei Tagen, ſie Hofmagd,'s wird gerade ein Monat ſein.“—„Und Ihr habt Euch lieb? —„Vom Herzen!“—„Der Schrank?“— „Geht nicht' nein!“—„Alſo wird nichts aus der Hochzeit?“— Ach nein!“ Der Graf lachte herzlich.„Gibt's denn gar kein Mittel?“ „Ja, wenn man eins wüßt'!“„Ich weiß eins!“ ſchmunzelte der Graf. Alle horchten.„We⸗ ſel!“ rief der Greis, und der Oberamtmann trat vor;„Weſel! Laßt den ehrlichen Kindern da ein Häuschen bauen, daß ſie darin bequem leben können mit etlichen Kinderchen und— — nota bene— dem Schrank!“— Und ſo geſchah es. Der Schrank hat ein Häuschen ge⸗ boren und iſt doch nicht ſchmäler geworden. 306— 2660= Gefahren bei einem Ausfluge in die Wildniß von Nordamerika. Von P. Gottfried Menzel. J. Ich hatte im Frühjahre 1850 die dring⸗ lichſten Miſſionsgeſchäfte in den deutſchen An⸗ ſiedlungen des weſtlichen Texas zu Ende ge⸗ bracht und beſchloß nun, mit dem Beginnen desnahen Sommers meine bisher noch unbe⸗ deutende amerikaniſche Naturalienſammlung zu vermehren. In den bewohnten Gegenden des Flußgebietes der Guadaloupe hatte ich auf meinen Berufsreiſen gelegenheitlich wohl ſchon manches Neue geſehen und geſammelt, aber jenſeits der Grenze der Civiliſation, in dem wüſten Indianergebiete, konnte ich eine weit reichere Ausbeute vermuthen. Bis an den Llano, einen Nebenfluß des texaniſchen Colorado, war die Civiliſation durch deutſche Anſiedler vorgedrungen und die Wil⸗ den ſollten ohne beſondere Erlaubniß hierzu dieſen Fluß fernerhin nicht mehr überſchreiten, daher auch ſie ſich für berechtigt hielten, den Weißen das Eindringen in ihre Jagdreviere zu verwehren. Am linken nördlichen Ufer des Llano be⸗ ginnt der ſogenannte Fiſchers⸗Grant, eine aus⸗ gedehnte wüſte Landſchaft, welche der„Main⸗ zer Verein zum Schutze deutſcher Auswanderer“ von den Herren Fiſcher und Müller an⸗ gekauft hatte und von den durch dieſen Verein nach Texas beförderten Deutſchen demnächſt koloniſirt werden ſollte. Es iſt merkwürdig ge⸗ nug, daß zur Zeit dieſes Kaufes weder die Käu⸗ fer noch die Verkäufer dieſes Land mit einem Fuße betreten, noch mit einem Auge geſehen hatten, ja weder betreten noch ſehen durften, denn die daſelbſt noch in wilder Urſprünglich⸗ 241 keit hauſenden Indianerſtämme kümmerten ſich um einen ſolchen Kauf wenig, erhielten nicht einmal Kenntniß von demſelben. Die Vorausſetzung, daß ich durch einen Ausflug in dieſen räthſelhaften Grant in den Stand geſetzt werden könnte, über ſeine Brauch⸗ barkeit zur Anſiedlung ein helleres Licht zu ver⸗ breiten, gab dem Vorhaben ein praktiſches In⸗ tereſſe. Was aber meinem Unternehmen außerdem noch lebhaften Reiz und Antrieb verlieh, waren die Wilden ſelbſt, da ich nach eingeholter Er⸗ kundigung wenigſtens acht verſchiedene Stämme derſelben in ihrem von der Civiliſation noch un⸗ behinderten Leben und Treiben anzutreffen hof⸗ fen konnte. Ich erfuhr um dieſe Zeit, daß der Häupt⸗ ling des den Weißen befreundeten Stammes der Delawaren, Namens John Conor, bei dem äußerſten Handelspoſten(Trading house) am Llano, vierzehn Meilen oberhalb der letzten Anſiedlung Kaſtell ſich aufhalte und beſuchte ihn, um von ihm Erkundigungen betreffs mei⸗ ner projektirten Expedition einzuziehen. Ich fand in ihm einen Mann, der ſich faſt nur durch ſeine Hautfarbe von einem weißen amerikani⸗ ſchen Landmanne unterſchied. Er ſprach gut engliſch, war mit allen Verhältniſſen des Lan⸗ des, das ich durchreiſen wollte, und ſeinen wil⸗ den Bewohnern genau vertraut; er nahm mich mit überraſchender Freundlichkeit und Gaſt⸗ freundſchaft auf, was mir um ſo mehr ent⸗ ſprach, da er bezüglich des Eſſens die india⸗ niſche Lebensart gänzlich abgelegt hatte und nach amerikaniſcher Weiſe ſpeiſte. Seinen An⸗ trag, mit ihm in der Blockhütte, die dem Per⸗ ſonale des Handelspoſtens als Küche diente, zu ſchlafen, mußte ich jedoch entſchieden ablehnen, da die dielenloſe Erde und die bereit liegende wollene Decke von hungrigen Flöhen förmlich geſchwärzt waren. Ich glaube nicht, daß all mein Blut dieſe Nacht hingelangt hätte, die Hälfte derſelben zu befriedigen. Seine Aus⸗ künfte und Mittheilungen waren im Ganzen nichts weniger als ermuthigend, und er verſi⸗ cherte mir ſchließlich, daß er jetzt dieſes Unter⸗ nehmen nur von 150 Bewaffneten begleitet wagen würde. Als ich meinen bis dahin verheimlichten Plan mehreren bekannten Anſiedlern eröffnete, machte er unter ihnen Aufſehen, es wurde an⸗ fänglich viel darüber gelacht, und als ſie Ernſt in meinem Vorhaben merkten, boten ſie Alles auf, mich von dem Wagniſſe abzuhalten. Ich betrieb meine geringen Vorbereitungen heim⸗ lich. Mit einem etwa viertägigen Proviant, beſtehend in geräuchertem Speck, Brod und etwas geröſteten Maiskörnern, mit den gefüll⸗ ten Waſſerflaſchen und meinen Behältniſſen für einzuſammelnde Pflanzen und Thiere ſchwer beladen, überſchritt ich wohlgemuth den Llano in Gottes Namen. War auch meine Kleidung und die übrige äußere Ausſtattung nicht gerade ſo außeror⸗ deutlich, wie ein franzöſiſcher Miſſionär in 31 *½ 8 mich vom Einlegen derſelben wieder auf zum 3 Texas vom Hörenſagen in ſeinen Berichten ſie dargeſtellt hat, welche in der Wiener„Preſſe“ und in dem beliebten Blatte„Aus der Fremde“ im Jahre 1856 mitgetheilt wurden; ſo mag ich doch mit meiner Ausrüſtung den Weißen an der Grenze der Civiliſation und den Roth⸗ häuten jenſeits derſelben ſonderbar genug er⸗ ſchienen ſein. Ich will keineswegs dieſen meinen ſiebzehn⸗ tägigen, an Gefahren und Entbehrungen ziem⸗ lich reichen Ausflug hier beſchreiben, ſondern für den Zweck dieſer Blätter nur einige, wie ich glaube, dem geehrten Leſer nicht unintereſſante Vorfälle, die mich auf demſelben betroffen ha⸗ ben, auswählen und mittheilen. Schon am zweiten Tage traf ich auf der wüſten, ſteinigen, ſo weit das Auge reichte baumloſen Ebene eine Klapperſchlange*) von ausgezeichneter Größe und Schönheit an. Da ich ein ſolches Exemplar kaum wieder zu finden erwarten konnte, wollte ich den Fund nicht un⸗ benützt laſſen. Ihr Körper von der Dicke eines Mannsarmes hätte aber kaum in einer der bei⸗ den Spiritusflaſchen Raum gehabt. Tödten durfte ich ſie nicht, weil ſie leblos außerhalb des Spiritus ſogleich in Verweſung übergegan⸗ gen ſein würde. Ich ſchob ihr daher ein hohles, hierzu bereitetes Stückchen Holz in den Rachen, verhinderte deſſen Herauswerfen durch ein ſtraff anliegendes Halsband, daß ſie wohl Luft ſchö⸗ pfen aber nicht beißen konnte. So befeſtigte ich ſie mit einer um die Mitte ihres Leibes ge⸗ ſchlungenen Schnur linkerſeits an den oberſten Knopf meines Rockes; ſie reichte im ruhenden Zuſtande mit Kopf und Schwanz bis zu den Knöcheln hinab. Das öftere Rutſchen ihres glatten Körpers in der Schlinge machte mir viel Unbequemlichkeit und Abends mußte ich ſie in der Nähe meines Nachtlagers an den Hals anbinden, ſonſt würde ſie mir ſammt der Pfeife, durch welche ſie oft ein unheimliches Ziſchen hören ließ, entſchlüpft ſein. Am fünften Tage meiner Wanderſchaft kam ich Vormittags an die Vertiefung eines aus⸗ getrockneten Baches(Crcek), deſſen Ufer mit grünein niedrigen Geſtrüpp bewachſen waren und einen reichen Kräuterwuchs zeigten. Ich hatte einige Pflanzen da geſammelt und richtete Weitergehen. Da gewahrte ich in weiter Ent⸗ wenn das Zuſammentreffen mit ihnen für den Fremden erträglich ablaufen ſoll. Ich ging längs dem Ufergebüſch ihnen entgegen. Sie bildeten bald einen weiten Halbkreis, als wenn ſie mich zu umringen und einzuſchließen gedäch⸗ ten. Ein flüchtiger Ueberblick ihres formirten Bogens ließ mich ihre Anzahl, die mir übri⸗ gens ſehr gleichgiltig war, auf zwei hundert ſchätzen. Ich ſchritt ihnen fortwährend entge⸗ gen, da zog ſich der Bogen plötzlich zuſammen und der Trupp näherte ſich mir im gemeſſe⸗ nen Schritte. Wenn ich mir auch ihre Bewegungen und das langſame Vorrücken als Zeichen ihrer Ver⸗ legenheit auslegte, ſo war doch meine immer gewiſſer werdende Ueberzeugung, daß ich einen Schwarm von dem Stamme der Lipans vor mir habe, äußerſt entmuthigend. Dieſer St gehörte ſonſt nicht zu den feindſeligſten gegen die Weißen, aber er war ungefähr vor einem Jahre mit den Amerikanern in Konflikt gera⸗ then, der ſchon von beiden Seiten mehrere Opfer gekoſtet hatte. Ich war von mehreren Seiten, beſonders aber von dem Häuptlinge John Conor, gewarnt worden, mich in ihre Nähe zu wagen. Da die Entfernung durch beider⸗ ſeitiges Vorrücken zwiſchen uns immer geringer wurde, ſo bemerkte ich auch noch zum Ueber⸗ fluſſe, daß es bei ihnen auf einen Akt der Feindſchaft abgeſehen war. Wir hatten uns auf höchſtens fünf und zwanzig Schritte genähert, da hielt plötzlich der Trupp ſtill, ich blieb denn auch ſtehen, die Kerls unverwandt anſehend. Mir ſchien, als ob ſie ihre Blicke nach meiner linken Seite rich⸗ teten, da konnte ſie nur die Klapperſchlange intereſſiren. Ohne meine Augen von ihnen ab⸗ zuwenden, reizte ich das Thier heimlich durch Kneipen, worauf es ſich öfters mit dem Vorder⸗ leibe bis über meine Mütze emporbäumte, mei⸗ nen Hals umſchlang und den Kopf auf meine Schultern legte. Dieſes Spiel betrachteten ſie etwa zehn Minuten lang mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit, der aber dennoch das Pfeifchen in dem Rachen der Schlange entgangen war. Plötzlich wandten alle ihre Pferde und Maul⸗ thiere um und galoppirten nach verſchiedenen Richtungen auf und davon. Ich athmete wieder freier und die unfrei⸗ willige Begleiterin an meiner Seite war mir fernung ſchnell über den Boden hinſchießende ſchwarze Punkte, ich hielt ſie anfänglich für hin und wider fliegende Vögel; aber bald belehrte mich ein Blick durch's Fernglas eines anderen, es waren die ſchwarzen Köpfe reitender India⸗ ner. Ihre ſonderbaren Bewegungen fielen mir auf und ich erkannte ſehr bald, daß ich der Ge⸗ genſtand ihrer Aufmerkſamkeit ſei. An ein Fliehen vor feindlichen Indianern mit einiger Ausſicht auf Entkommen kann kaum ein Reiter, aber nie ein Fußreiſender denken. Unerſchrockenheit iſt das allererſte Erforderniß, *) Crotalus adamanteus. Holbe. um ſo theurer. Leider ſtarb ſie nach wenig Tagen und ich konnte auf ihren ſchützenden Einfluß in ähnlicher Lage fernerhin nicht mehr rechnen. Ich bälgte ſie ab, ließ aber den Kopf und den Schwanz mit der Klapper am Balge unverſehrt, drückte ſie ſo auf ein mäßiges Volumen reduzirt, in eine Spiritusflaſche, in welchem Zuſtande ich ſie bis heute aufbewahre, Bei meiner Verproviantirung für die Grant⸗ expedition war ich viel zu ſorglos geweſen; geräucherter Speck, nicht ganz 4 Pfund, eben ſo viel Maisbrod und 1 ½ Pfund geröſteter Maiskörner bildeten meinen ganzen Mundvor⸗ rath, von welchem ſich vier, im Nothfalle ſechs ſchuldigung kann ich nur anführen, daß ich die dachte, daß ich auf wilde Pflanzennahrung, auf den ſüßen Saft eines Kaktus, auf die eßbare Wurzel einer Pflanze*), im günſtigen Falle auf ein Stück Wildpret bei den Indianern gerechnet hatte, daß ich ferner ſechs Bouteillen Trink⸗ waſſer mittrug, da mir der Durſt zu dieſer heißen Jahreszeit in Gegenden, wo Trinkwaſſer oft äußerſt ſelten gefunden wird, viel peinlicher und gefährlicher als der Hunger erſchienen war. Aber ich fand bald Urſache genug, meine Sorg⸗ loſigkeit zu bereuen: der Kaktus gab in dieſer Jahreszeit keinen Saft mehr, die Psoralea fand ich nicht und bei den Indianern war Ge⸗ nießbares nicht zu haben. Noch ehe ich die San Saba erreichte, war mein Mundvorrath bis auf einige übriggeblie⸗ bene Speckſchwarten, an welchen ich nun meh⸗ rere Tage kaute, verzehrt, und ich litt großen Hunger. Mein Jagdgewehr war der Stock, mit dem es mir immer erſt nach manchem fruchtloſen Verſuche gelang, dann und wann ein Repphühnchen**) todt zu werfen. Doch war der Hunger nach einigen Tagen nicht mehr ſchmerzlich und äußerte ſich blos durch die Ab⸗ nahme der Kräfte; aber die Pein und Gefahr des Durſtes ſollte ich bald auch erfahren. Ich hatte aus einer Quelle unweit von der ſechs Waſſerflaſchen gefüllt und trat den Rück⸗ weg nach einer anderen Richtung an, in wel⸗ cher ich die Quellen des Llano zu treffen ge⸗ Tage leben ließ. Zu meiner dießfälligen Ent⸗ dachte. Es war ein heißer Tag, ich ſchritt mit möglichſter Anſtrengung vorwärts. Das Ther⸗ mometer zeigte im Schatten um drei Uhr Nach⸗ mittags 305 R., ich fand den ganzen Tag kein Waſſer, und meine Waſſerflaſchen waren Abends bis auf eine geleert, die ich wohl noch gerne ausgetrunken hätte, aber nothwendig für den kommenden Tag aufſparen mußte.— Ich verfolgte nach dem Kompaß meine Richtung am folgenden Tage weit langſamer, ich war matt; da ich kein Waſſer fand, ſo konnte ich meinen Durſt nicht ſtillen, aus der Flaſche nahm ich nur öfters einige Tropfen, um die vertrocknende Zunge anzufeuchten; ſo war ſie aber lange vor Sonnenuntergang leer gewor⸗ den und keine Hoffnung auf Waſſer vorhanden. Ich merkte, wie die Trockenheit des Mundes in den Kehlkopf eindrang, das Athmen wurde immer beſchwerlicher, es wurde ſchwarz vor den Augen, ich ſchwankte bald rechts, bald links, das Bewußtſein ſchwand, ich fühlte das Nieder⸗ ſtürzen nicht mehr, wenigſtens iſt mir keine Erinnerung an dasſelbe geblieben. Ich erwachte wie aus einem tiefem Schlafe; nach dem Stande der Sterne am Himmel mochte es um zwei Uhr Morgens ſein. Froſt durchrieſelte meinen ganzen Körper. Ein kühler feuchter Nebel zog über die ebene *) Psoralea esculenta. **) Perdrix virginiuana. Bonast, von der Größe einer Wachtel. „ Reiſe in ſieben bis acht Tagen abzumachen ge⸗ San Saba meinen hungrigen Magen und die ich ſ Prati geneit nahm uuer Musk liefert zumac Entſe G daß merr hinſe brei⸗ ſind bew dian fälle bennüt welche iſt hi reits aber ſchwir 3 freun nete hing Eili men und Naſ Sonn Thau Das ſtärt auf! Get aush gen Hand kon bare ſes nere hatt nes ſtille Da ſemn fand, heit, hütte 1 W wän und muf ſent Gaf ſen befin — Prairie hin und machte mir das Athmen un⸗ gemein angenehm. Das Gefühl des Froſtes nahm zu, ich hätte gewünſcht, mich an einem Feuer zu wärmen, wozu auch einige kleine Muskit⸗Bäume*) nothdürftig Brennſtoff ge⸗ liefert hätten; ich unterließ aber, Feuer an⸗ zumachen, um nicht die Indianer auf weite Entfernung zur Unzeit in Unruhe zu bringen. Es iſt eine bemerkenswerthe Erſcheinung, daß in dieſen Gegenden während ſtiller Som⸗ mernächte feuchte Nebel über die Prairie hinſchleichen, die oft kaum hundert Schritte breit von geringer Höhe meilenlang ſind. Sie ſind nicht häufig; die von mir beobachteten bewegten ſich von Weſt nach Oſt. Die In⸗ dianer wiſſen bei ihren Angriffen und Ueber⸗ fällen dieſes Phänomen ſtrategiſch trefflich zu benützen. Auf dem Streifen Prairie, über welchem eine ſolche Nebelſchlange hingezogen iſt, hinterläßt ſie am Graſe, auch wenn es be⸗ reits vertrocknet iſt, einen leichten Thau, der aber nach Sonnenaufgang alſogleich ver⸗ ſchwindet. Ich bemerkte mit hoher Freude, daß mein freundlicher Nebel das niedrige halbvertrock⸗ nete Gras ſo bethaut hatte, daß ein darüber hingezogenes Tuch davon ziemlich feucht wurde. Eilig wurde das Hemd vom Leibe genom⸗ men, auf dem Graſe ſchnell umhergeſchleppt und es gab beim Auswinden faſt eine halbe Flaſche der köſtlichſten Flüſſigkeit; ſo füllte ich fünf Flaſchen voll. Da ging aber die Sonne auf und in wenig Minuten war vom Thau im Graſe keine Spur mehr vorhanden. Das naſſe Hemd äußerte ſeine wohlthätige ſtärkende Wirkung ſogleich; ich ſah mit Wonne auf meine gefüllten Flaſchen, obſchon ſich das Getränk weder durch Friſche noch durch Klarheit auszeichnete, da ich ſchon vor mehreren Ta⸗ gen eine nicht gar gründliche Reinigung des Hemdes vorgenommen hatte. Die Iſraeliten konnten ſich kaum glücklicher fühlen und dank⸗ barer zum Himmel aufblicken, als ihnen Mo⸗ ſes in ähnlicher Noth, wenngleich viel rei⸗ neres Waſſer auf wunderbare Weiſe verſchafft hatte. Uebrigens ließ auch der Geſchmack mei⸗ nes Getränkes und ſeine Durſt und Hunger ſtillende Kraft gar nichts zu wünſchen übrig. Da ich erſt am ſpäten Nachmittage nach die⸗ ſem glücklichen Morgen trinkbares Waſſer fand, ſo wurde es mir zur vollſtändigen Gewiß⸗ heit, daß ich ohne dieſes unverhoffte Glück hätte verſchmachten müſſen. Wer im Bereiche der nordamerikaniſchen Wilden reiſet, darf ihren Lagern niemals aus⸗ weichen, ſonſt ſchöpfen ſie gegen ihn Verdacht und ſehen ihn als ihren Feind an. Man muß im Gegentheile ihre Lagerplätze gefliſ⸗ ſentlich aufſuchen, um da als Freund und Gaſt aufgenommen zu werden; in Folge deſ⸗ ſen hat man dann weder von der im Lager befindlichen Abtheilung noch von dem ganzen *) Algarolia glandulosa. Tore. ——— Stamme für Leib und Leben eine Gefahr zu fürchten. Nur gegen ihre Diebereien gibt es auch dann kein anders Schutzmittel, als die ſorgfältigſte Verbergung alles deſſen, was ihre kindiſche Habgier nur im geringſten zu reizen vermag. Vor meiner Rückkunft an den Llano traf ich am vorletzten Tage ganz unerwartet auf ein Lager der Apackes Meskaleros. Dieſer mir bis dahin ganz unbekannte Indi⸗ anerſtamm iſt wegen ſeiner Raubſucht und Mordluſt berüchtiget und verbreitet beſonders im nördlichen Mexico durch ſeine räuberiſchen Einfälle Furcht und Schrecken weit umher. Die zu Lande nach Kalifornien über Buso del Norte Reiſenden ſind durch die umher⸗ ſchweifenden Horden dieſes Stammes am mei⸗ ſten gefährdet. Ich konnte eine Bande von die⸗ ſem räuberiſchen Wüſtenvolke in der Nähe um ſo weniger vermuthen, als ihr Jagdgebiet über hundert Meilen weſtlicher lag und ſie ſich hier bisher noch nicht hatten blicken laſſen. Das Lager beſtand aus 13 Zelten, wovon zwölf einen Kreis bildeten und eines, das größte, in der Mitte ſtand; es mochten darunter etwa 70 Individuen mit Einſchluß der Weiber und Kinder wohnen. Zwei eben erlegte Hirſche wur⸗ den abgehäutet, als ich eintrat; die Weiber trugen Brennholz zuſammen, ein ſteinalter ganz abgedorrter Greis zündete das Feuer an, auf welchem das in Stücken zerlegte Wild ge⸗ braten werden ſollte. Den Gebrauch der Zündhölzchen ſchienen ſie noch nicht zu kennen; doch konnte ich die Art und Weiſe, wie ſie beim Feuermachen zu Werke gingen, nicht beobach⸗ ten. Ich ſah nur zwei glimmende Stücke fau⸗ len Holzes ſo lange anblaſen, bis ſie das dar⸗ auf gelegte Gehölz zum Brennen brachten. Meine Ankunft erregte offenbar unter ihnen großes Erſtaunen; beſonders waren meine Brillen ein Gegenſtand ihrer Bewun⸗ derung. Mein Gepäck und die mancherlei Thiere wurden neugierig betrachtet. Der Um⸗ ſtand, daß ich allein, gänzlich unbewaffnet und ohne Zeichen von Verlegenheit oder Furcht bei ihnen erſchien, machte ſichtlich einen gün⸗ ſtigen Eindruck auf ſie. Als ich mich über den Zweck meiner Reiſe und die Abſicht mei⸗ nes Beſuches bei ihnen auf ihre Fragen, die jeder in einem Indianerlager ankommende Fremde beantworten muß, ſo gut wie möglich gerechtfertigt und jeden Verdacht eines feind⸗ lichen Planes entfernt hatte, bemerkte ich ſchon mit Freude, daß Anſtalten zum Anrauchen der Friedenspfeifen getroffen wurden. Aus Unkenntniß ihrer religiöſen Begriffe beging ich aber einen in ihren Augen unge⸗ heuern und unverzeihlichen Fehlritt, der meine Lage urplötzlich in eine äußerſt verhängniß⸗ volle verwandelte. Das Feuer hatte die auf⸗ gelegten langen dürren Aeſte beinahe verzehrt, man trug ſtärkeres Holz herbei, auf welchem das bereit liegende Wildpret gebraten werden ſollte. Da ſchob ich, um das Feuer zuſam⸗ menrichten zu helfen, mit dem rechten Fuße 243 die Brände von dem Rande mehr nach der Mitte des Feuers. Darin beſtand das ganze Verbrechen, das bald ſchrecklich geahndet wer⸗ den ſollte. Sie ſtießen ſogleich ein entſetzli⸗ ches Geheul aus; ihre kaum begonnene Freund⸗ ſchaft war dahin, ſie ſahen mich mit Blicken voll Zorn und Verachtung an. Drei Lanzen wurden ſchnell zwiſchen mich und das Feuer in die Erde gepflanzt, um mir den Zutritt zu demſelben zu verſperren. Es flimmerte mir vor den Augen, das Haar ſträubte ſich, mir kam es vor, als fühlte ich ſchon das Skal⸗ pirmeſſer an meinem Haupte, das mir bald die Kopfhaut(Scalp) vom Schädel löſen würde. Die Friedenspfeife war verſchwunden, die Kinder und Weiber verſchwanden, ein ſicheres Zeichen, daß eine blutige Execution ſtattfin⸗ den ſollte.. Noch bevor ich mich nur einigermaßen ge⸗ faßt hatte, trat aus dem größeren Zelte in der Mitte der mit mancherlei Zierrath vor den Seinigen ausgezeichnete Häuptling des Lagers zu mir heran; ihm folgte ein brauner Knabe von etwa zwölf Jahren, den, wie ich ſpä⸗ ter von ihm erfuhr, dieſe Wilden in Mexico vor einigen Jahren geraubt, und da kein Löſe⸗ geld für ihn eingelangt war, bei ſich behalten hatten. Er ſollte, wie ich bald ſah, als Dol⸗ metſcher dienen. Obgleich er ſpaniſch beſſer als engliſch ſprach, war doch das Engliſche, weil mir geläufiger, unſer Verſtändigungsmittel. Von der mir ziemlich bekannten Art und Weiſe, durch Mienen und Geberden mit den India⸗ nern ſich zu verſtändigen, wurde ſeit dem Ab⸗ bruche des freundſchaftlichen Verhältniſſes kein Gebrauch mehr gemacht. Der Häuptling ſprach ſehr langſam, aber mit der größten Heftigkeit zu mir:„Du biſt zu uns gekommen ohne Be⸗ gleiter, ohne Waffen und ſucheſt heilſame Kräu⸗ ter, das hat uns gefallen und wir haben Dir getraut.— Aber Du haſt das Kleid des gro⸗ ßen Geiſtes mit Deinem Fuße geſtoßen! Du haſt den großen Geiſt dadurch erzürnt, der uns täglich Wild gibt, der uns täglich ein Stück von ſeinem Kleide von der Sonne herabwirft, damit wir uns das Wild braten und uns im Winter wärmen können! Darum haſſen wir Dich nun wie das Eis im Winter!“ Die übri⸗ gen Wilden hörten anfangs der Rede ihres Anführers, hinter dem ſie zuſammengedrängt ſtanden, ſchweigend und aufmerkſam zu, aber bald erhob ſich ein lebhafter Wortſtreit unter ihnen, der den Redner unterbrach und immer heftiger wurde. Ich fing ſchon an, den Streit mir zu meinen Gunſten zu deuten, aber dieſe Hoffnung ſchwand ſehr bald, da mir der hier⸗ über befragte Dolmetſcher bedeutete, daß ſie lediglich darüber ſtritten, ob mir der rechte oder der linke Fuß als Strafe für die verübte Fre⸗ velthat abgehauen werden ſolle. Einige behaup⸗ teten, es müſſe mir der rechte als der ſchul⸗ dige abgenommen werden, die Anderen dagegen meinten, dieſes Loos müſſe den linken treffen, damit der ſchuldige rechte durch die dann zu tragende doppelte Laſt immerfort büße. Ob 31* D das Abhauen den rechten oder den linken Fuß träfe, war mir völlig einerlei, es wäre ſo wie ſo der Tod erfolgt, doch diente der Streit, die ſchreckliche Operation ein wenig zu verſchieben. In der Ueberzeugung, daß Entſchuldigung und Bitten abſolut fruchtlos wären, raffte ich ſchnell all meinen Muth zuſammen, die bevorſte⸗ hende Gefahr ſteigerte ihn faſt bis zur Wuth. Der Häuptling ſtand noch mit ſeiner ernſten Scharf⸗ richtermiene vor mir und ſchien das Urtheil nach dem Ausſchlage des Streites formiren zu wol⸗ len; da ſprach ich mit allem Nachdrucke zu ihm: „Iſt Dir oder einem der Deinen auch ſchon ein Fuß abgehauen worden und iſt er wieder ge⸗ wachſen wie dem Krebſe die Scheere!?“ Er erwie⸗ derte mir ohne die geringſte Verlegenheit ſogleich: „Weder ich noch einer der Meinen haben ei⸗ nen ſo ſchlechten Fuß, der das Kleid des großen Geiſtes ſtößt wie eine todte Schildkröte, und hätte Einer von uns einen ſolchen Puß, he würde er auch abgehauen werden!“ Dieſe Afff⸗ wort hätte beinahe meine zum Theile ſimulirte Wuth gebrochen. Doch mit Haſt griff ich in die Taſche, zog einen Pack amerikaniſcher Zündhöl⸗ zer heraus, hielt den in dieſem Augenblicke ſo⸗ köſtlichen Schatz meinem unbeugſamen Richter unter das kannibaliſche Katzengeſicht, und ſchrie mit aller Heftigkeit, die dem Dolmeſſchcokaum Zeit ließ, meine Worte zu überſetzen:„Ihr wollt mir, der ich ein Freund des großen Gei⸗ ſtes bin, einen Fuß abhauen? wagt ihr das, ſo ſage ich nur ein Wort und der große Geiſt wirft ſogleich ein ſo großes Stück von ſeinem Kleide herunter, daß Ihr alle erſchrecken wer⸗ det!“ Im Nu warf ich das Päckchen auf den mit dürrem Graſe bedeckten Boden, trat heftig darauf, ziſchend ſprühte ſogleich das Feuer her⸗ aus und die Papierhülle brannte lodernd. In faſt gedanken⸗ und planloſer Eile riß ich die eine drei Quart haltende Spiritusflaſche aus dem offe⸗ nen Reiſeſacke, ſchmetterte ſie zur Erde, daß der Spiritus wit dem zoologiſchen Inhalte rauſchend auseinander fuhr und augenblicklich von den brennenden Zündhölzern entzündet wurde. Dier faſt mannshohe hüpfende Flamme, das aus⸗ gebreitete Thiergezücht von Schlangen, Ei⸗ dechſen, Taranteln und Skolopendexn, die im Weingeiſte ſind und ſich ein wenig bewegten— das Alles machte auf die verblüfften Roth⸗ häute einen gewaltigen Eindruck; Alle ſtan⸗ den verlegen und ſprachlos da und mit einer unbeſchreiblichen Siegeswonne fühlte ich mich alsbald ruhiger und in dem Beſitze meiner beiden Füße geſichert. Ich nahm mein vorletztes Päckchen Zün⸗ der, entzündete es eben auch durch einen hef⸗ tigen Tritt auf dem Boden, um den Reſpekt vor meinen Füßen vollſtändig zu machen, legte Holz darauf und da es eich lebhaft brannte, ermahnte ich die Beſieghatihr Wild darauf zu braten. Sie gehorchten ſtztigend, und löſchten ihr früheres Feuer aus ss wurde eine Büf⸗ felhaut für mich zum Gßzzit ausgebreitet und nun kam auch die wauichttltldene Friedenspfeife wieder zum Vorſg hatte der Häupt⸗ ling einige Züge daraus geraucht, ſo wurde ſie mir ehrfurchtsvoll dargereicht. So widerlich auch der Rauch des nicht tabakähnlichen Krautes ſchmeckte, ſo rauchte ich doch mit Vergnügen und Gravität mehrere Züge, worauf die Pfeife unter den Männern die Runde machte. Der jugendliche Mexikaner, welcher Sym⸗ pathie für mich an den Tag legte, hatte ſich auf einem Zipfel der Büffelhaut zutraulich nahe zu mir gelagert, die Rothhäute hielten ſich fortan ehrerbietig in einiger Entfernung. Als mir der Erſtere verſichert hatte, daß Nie⸗ mand von den anweſenden Wilden engliſch ver⸗ ſtehe, fragte ich ihn, warum ſie mir nicht, wie ſie das bei feindſeliger Geſinnung dem Frem⸗ den immer zu thun pflegen, ſogleich die Kopf⸗ haut abgenommen haben, worauf er mir zur Antwort gab: Weil Du den Claro*) an Dei⸗ nem Kopfe haſt, den die Apaches für einen Liebling des großen Geiſtes anſehen. Ich hatte nämlich Tags zuvor zwei Exemplare die⸗ ſes prachtvollen Falters gefangen und an mei⸗ ner Mütze befeſtiget, ohne daß ich bei dieſem Vorfalle im Geringſten darauf geachtet hatte. Nachdem ich ein Stückchen des zwar be⸗ räucherten, aber ſonſt von der Einwirkung des Feuers nicht merklich veränderten Bratens glück⸗ lich durch die Speiſeröhre in den hungrigen Ma⸗ gen hinabgedrückt hatte, trennte ich mich von mei⸗ nen rothen Gaſtgebern und nunmehrigen Freun⸗ den unter wechſelſeitigen Freundſchaftsbezei⸗ gungen. Ich verſchmerzte gern den Verluſt meiner Weingeiſtflaſche, obſchon ſie manchen intereſſanten Fund enthalten hatte, und dankte Gott herzinniglich für den überraſchend glückli⸗ chen Ausgang dieſes tragiſchen Erlebniſſes. — 83 * 11.*. . Eine Gewitternacht in Texas. In Ländern, die erſt vor Kurzem der Ci⸗ viliſation aufgeſchloſſen wurden, wo ganze Ge⸗ genden noch unbewohnt ſind, kine großartige Natur noch frei und ungeſtört waltet— da kommt der Reiſende nicht ſelten in Situationen, die ſeine geiſtigen und körperlichen Kräfte auf harte Proben ſtellen. In dieſe Klaſſe gehören alle von Miſſiſippi weſtlich gelegenen Staaten der nordamerikaniſchen Union, darunter auch Texas. In dieſem Lande, das ſo groß wie Frank⸗ reich und von vielen Flüſſen und Strömen durchſchnitten iſt, beſteht eine einzige Brücke, zu San Antonio de Bexar; ſie iſt von Holz, führt über den San Antonio⸗Fluß und ſtammt noch aus der Zeit der ſpaniſchen Herrſchaft. An den Straßen des Landes hat die Kunſt bis⸗ her noch nichts gethan, als hie und da die ſtei⸗ *) Ein ſchöner großer Schmetterling, der zur Gattung Eyprepia gehört und in Mexiko Claro len Uferwände an Flüſſen und Strömen durch⸗ ſtochen, um Furthen für das Fuhrwerk zu bil⸗ den. Ein Pflaſter hat noch keine Stadt aufzu⸗ weiſen. Das Frachtfuhrwerk wird meiſtens mit Ochſen betrieben; man ſpannt deren vier bis ſechszehn vor einen Wagen, immer zwei unter ein Joch, welches auf dem Nacken ruht und mit hölzernen Bogen um den Hals befeſtigt iſt. Das erſte Joch wird mittelſt eines eiſernen Rin⸗ ges mit der Spitze der Deichſel verbunden, alle übrigen mit einer langen Kette, die um die Mitte der Deichſel angemacht iſt. Geſchirre und Lenkſeile kennt man nicht. Das Lenken geſchieht durch das Kommando, ſo wie ſie auch zum ſchnelleren Gehen mit Worten und mit⸗ telſt einer ſechszehn bis zwanzig Fuß langen gewichtigen Peitſche, welche mit beiden Händen geſchwungen wird, angetrieben werden. Bei dem Kommando werden die betreffenden, be⸗ ſonders die des vorderſten Joches, mit Namen genannt. Die Wagen haben wenig Aehnlichkeit mit unſern Frachtern. Sie ſind in allen Beſtand⸗ theilen ſehr ſtark und ſo breit, daß ein vierzehn Fuß langer, vier Fuß breiter und zwei Fuß hoher Kaſten von ſtarken Brettern darauf Raum hat, auf deſſen ſenkrechten Wänden die hölzer⸗ nen Bügel für die dichte Linnendecke befeſtiget werden. Ein ſolches Fahrzeug, mit acht bis zehn Ochſen beſpannt, legt mit einer Ladung von vierzig bis fünfzig Zentnern täglich fünfzehn bis achtzehn engliſche Meilen zurück. Wenn ein ſolcher Frachter auch einen Weg von mehreren hundert Meilen zu machen hat, ſo wird weder bei Tage noch bei Nacht, ſei es im Sommer oder im Winter, eingekehrt. Die Fuhrleute haben ihre Lagerplätze im Freien, ohne auf die Nähe menſchlicher Wohnungen zu achten, wenn nur Waſſer und Holz vorhanden iſt. Auf einem ſolchen angekommen, wird zuerſt das Zugvieh abgeſpannt, welches über Nacht ſein Futter ſucht; die Fuhrleute nehmen ihre Proviantvorräthe, machen Feuer, kochen Kaffee, braten geräucherten Speck mit Eiern, backen Maisbrod in einem eigens hierzu beſtimmten gußeiſernen Topfe, der mit glühenden Kohlen umlegt wird. Als Bett dient eine ſchafwollene Decke, in welche ſie ſich einhüllen, und entwe⸗ der in oder unter dem Wagen ſchlafen. Wenn früh Morgens ein dem Abendeſſen ähnliches Frühſtück verzehrt, das Vieh zuſammengeſucht und angeſpannt iſt, bewegt ſich der Zug lang⸗ ſam weiter, der gewöhnlich aus mehreren Wa⸗ gen beſteht, damit ſich die Fuhrleute bei vor⸗ kommenden Unfällen wechſelſeitig Hilfe leiſten können. Wer ſein Fuhrwerk einigermaßen im Schwunge hat, nimmt auch wohl ein Pferd mit, das er Morgens beim Zuſammentreiben der Ochſen reitet, welches Geſchäft oft ſtunden⸗ lang dauert, wenn ſie ſich weit von einander zerſtreut haben, und der Laut ihrer Glocken nicht mehr zu hören iſt. Reiſende, die viel Gepäck mit ſich führen genannt wird. und nicht Eile haben, bedienen ſich nicht ſelten einler beſpa ſchen lichen nola dieſet nach benu mein und anſ line gen Die in 6 nnige lern tete, ihre men den Flor hat thün drüc witt eine in Spri grast niedr 8 Hun nöth eben zeiche verken Welt Frag dieſe ließ hind ten merkf doch mich ſach die m Freie n B G den, genä zum tenen Jeder hagli ten w he her ſo um u lenlar einer ſolchen Gelegenheit, da die mit Pferden beſpannten Poſtwagen auch ſehr viel zu wün⸗ ſchen übrig laſſen, und dabei ſehr theuer ſind. Als ich im Jahre 1851 aus dem nordweſt⸗ lichen Texas mich zur Einſchiffnng nach Indian⸗ nola begab, machten zwei ſolche Ochſenwagen dieſelbe Reiſe, um von dort Kaufmannsgüter nach den deutſchen Anſiedlungen zu fahren. Ich benutzte dieſe Gelegenheit um ſo lieber, als ich meine Effekten wohlfeil nach dem Hafen brachte, und unterwegs Zeit erübrigte, mein Herbar anſehnlich zu vermehren. Mit Anfang März war die ſchönſte Früh⸗ lingswitterung eingetreten, wie ſie nur die an⸗ genehmſten Maitage in Deutſchland haben. Die Bäume in voller Blüthe, hier einzeln, dort in Gruppen, krönten die Hügel der wellenför⸗ migen Prärien, während in den ſanften Thä⸗ lern das üppige Grün der Wieſen ſich ausbrei⸗ tete, und da und dort eine majeſtätiſche Yucca ihre unzähligen blendend weißen Glockenblu⸗ men entfaltete, um mit ihrer königlichen Pracht den beſcheideneren Schmuck der kleinen Kinder Floras zu verdunkeln. In dieſer Jahreszeit hat die Hügelregion von Texas einen eigen⸗ thümlichen Reiz. Der Nachmittag des 18. März 1851 war drückend ſchwül wie vor einem ſchweren Ge⸗ witter. Wir langten noch lange vor Abend auf einem zum Uebernachten ſehr geeigneten Platze in einem Eichenwalde etwas nördlich vom Spring⸗crcek an. Dieſer Wald glich mehr einer grasreichen Prärie mit einzelnen Eichen von niedrigem Wuchſe. Als die Ochſen abgeſpannt waren und ihren Hunger mit dem ſaftigen Graſe ſtillten, wir die nöthigen Vorkehrungen zu einem Nachtmahle ebenfalls getroffen hatten, ließen ſich die Vor⸗ zeichen eines großartigen Gewitters nicht mehr verkennen, denn der Himmel überzog ſich, ohne Wolken zu bilden, mehr und mehr mit einem grauen Dunſte; am weſtlichen Horizonte ging dieſer Ueberzug in's Schwarzblaue über, und ließ keinen Strahl der untergehenden Sonne hindurch. Ich machte meine drei Gefähr⸗ ten auf eine intereſſante Gewitternacht auf⸗ merkſam und rieth einige Vorkehrungen an; doch ſie wurden für überflüſſig erklärt, was mich aber dennoch nicht abhalten konnte, meine ſackförmige Hülle aus gefirnißter Leinwand, die mir bei manchem nächtlichen Unwetter im Freien ſchon ſo treffliche Dienſte geleiſtet hatte, in Bereitſchaft zu ſetzen. Es war überraſchend ſchnell finſter gewor⸗ den, aber unſer von dürrem Eichenholz ſattſam genährtes Feuer leuchtete uns wie Tageshelle zum Nachtmahle; mit ſchwarzem Kaffee, gebra⸗ tenem Speck und Eiern ſammt Maisbrod ſtillte Jeder zur Genüge Durſt und Hunger. In be⸗ haglicher Ruhe um das Feuer gelagert, ergötz⸗ ten wir uns noch lange an der gigantiſchen Lohe, welche die Kuppeln der Eichen rings um⸗ her ſo magiſch ſchön beleuchtete; es war ſo ſtill um uns, nur dann und wann verrieth ein Schel⸗ lenlaut die Nähe der graſenden Ochſen; die — 1 Nacht ſo rabenſchwarz, aber kein Donner, kein Blitz deutete von fern auf ein nahendes Ge⸗ witter. Es war bereits 10 Uhr und man begann das Lager zu ſuchen. Ich ſchob zuvor den einen Wagen, welchen ich mir als Obdach gewählt hatte, in eine Richtung, daß er die Rückſeite nach Weſten kehrte, von woher ich den An⸗ lauf des Gewitters vermuthete, barg mich in meine waſſerdichte Hülle, da eine gewöhnliche Wagendecke einen texaniſchen Gewitterguß nicht abzuhalten vermag. Zwei der Gefährten ver⸗ krochen ſich in den andern Wagen, der dritte hüllte ſich in ſeine Wolldecke und ſtreckte ſich ge⸗ mächlich und ſorglos unter den Wagen, welchen ich bewohnte. Wir wünſchten einander eine gute Nacht und wollten uns nun ganz dem er⸗ quickenden Schlafe überliefern. Da fiel urplötzlich ein Donnerſchlag mit ſolch' fürchterlichem Krachen, daß zwei Ochſen in der Nähe des Wagens zuſammenbrachen und ſich lange auf dem Boden wälzten, ehe ſie vor Schrecken und Angſt brüllend ſich wieder auf⸗ raffen konnten; die Erde zitterte, das Wagen⸗ geräth ſchmetterte und klirrte; von entſprechen⸗ der Intenſität war auch der Blitz. Mehrere Mi⸗ nuten ſchienen Erde und Himmel zu dröhnen, während ein dumpfes Gepolter in geringer Höhe erſcholl, als wenn Felsblöcke auf den Bo⸗ den eines Hauſes fielen. Der unter dem Wa⸗ gen einquartirte Fuhrmann verließ ſein Par⸗ terre, und kroch erſchrocken in den Wagen. Nun fielen auch einzelne Tropfen, bald aber trommelten ſie zahlreicher auf der Wagen⸗ decke; ſie mußten wenigſtens die Größe von Büchſenkugeln haben, und von jedem drang ein guter Theil in's Innere unſerer Behauſung. Bald ſchoß das Waſſer in Strömen nieder, und löſchte unſere glühenden Kohlenhaufen au⸗ genblicklich aus— da fiel ein zweiter Donner⸗ ſchlag, nicht ſchwächer als der erſte, gleich dar⸗ nach ein dritter, und ſo krachte und blitzte es nun unausgeſetzt fort, daß die rabenſchwarze Nacht in den hellſten Tag umgewandelt war und wir nicht wußten, wie wir die Augen vor dem grel⸗ len Lichte ſchützen ſollten. Zugleich kam ein Sturm aus Weſt angefahren, deſſen Gebrauſe aber von dem ununterbrochenen Knallen und Krachen des Donners übertönt wurde; er brachte unſern Wagen in ſo ſchnellen Gang, als ob ein Geſpann von vier flüchtigen Engländern da⸗ mit im Galopp durchginge, bis er mit einem fürchterlichen Ruck an eine Eiche ſtieß, ich mit aller Wucht vorwärts flog und den vor mir wie eine Raupe zuſammengekrümmten Gefährten ziemlich unſanft gegen den Eingang preßte. So glaubten wir nun wenigſtens ſicher mit unſerm Fahrzeug vor Anker zu liegen. Aber die heftigen Stöße und das von der ſanften Anhöhe herab rauſchende Waſſer brachten unſere rettende Arche in ſo ſchwankende und bedenkliche Bewegungen, daß wir es ge⸗ rathen erachteten, ſie mit den vorhandenen Ket⸗ ten und Stricken an die nicht wankende Eiche zu befeſtigen. 245 Einige Ochſen und eine Schaar von Wöl⸗ fen drängten ſich dicht an den Wagen, und ſchienen mit ihrem Brüllen und Heulen von uns Hilfe und Rettung erflehen zu wollen, obſchon mein Genoſſe ſeine Furcht und Angſt mitunter auch ſelbſt ziemlich laut werden ließ und die Mehrzahl ſeiner Ochſen verloren gab. Die Wölfe, deren es in dieſen Gegenden einige Ar⸗ ten und von anſehnlicher Größe gibt, ernähren ſich hinlänglich von Wild oder ſtehlen nur Käl⸗ ber, Ziegen und Schafe; in dieſer ſchreckens⸗ vollen Nacht hatten ſie umſoweniger ein Ver⸗ langen nach Menſchen⸗ oder Ochſenblut. Einige wilde Gänſe, Kraniche und Reiher, die anfäng⸗ lich vielleicht der Schein unſers hochlodernden Feuers in die Nähe gelockt hatte, zeigten nicht die mindeſte Scheu und wären leicht zu fangen geweſen. Ueber das Schickſal des andern Wagens und ſeiner Bewohner waren wir in vollſtändi⸗ ger Unwiſſenheit, und mußten es auch während des ganzen Tumultes bleiben, da der Trieb der Selbſterhaltung kategoriſch verlangte, un⸗ ſer Gehäus nicht zu verlaſſen. Eine entwur⸗ zelte Eiche, die der Waſſerſtrom an den vordern Wagen angetrieben hatte, ließ uns zu klar er⸗ achten, welch Loos wir im Freien zu gewärtigen hätten. Zwiſchen zwei und drei Uhr Morgens ließ der Kampf der Elemente in ſeiner Wuth ein wenig nach; kleine Pauſen ließen wieder ein⸗ zelne Donnerſchläge unterſcheiden, aber der Sturm tobte noch fort und erfüllte Alles mit eiſiger Kälte; doch auch er mäßigte ſich endlich, und mit einem letzten Donnerſchlage war es wieder finſter, nur in öſtlicher Ferne polterte grollend das Gewitter von einzelnen ſehr mat⸗ ten weißlichen Blitzen begleitet. Bald war das Waſſer auf dem Boden verronnen; wir verlie⸗ ßen unſer Verſteck, um nach den Kameraden zu ſehen. Nach ziemlich langem Suchen fanden wir den umgeworfenen, mit der Decke an eine Eiche getriebenen Wagen; vor Froſt zitternd und zähneklappernd krochen ſeine durchnäßten Bewohner eben heraus und erzählten, wie ſie bis an die Kniee im Waſſer kauernd ſchreckliche Stunden verlebt hatten. Wir zogen alle nach dem erſten Wagen. Endlich war der langerſehnte Morgen nach kurzer Dämmerung, wie ſie hier zu Lande dem Tage und der Nacht vorangeht, gekommen; die Sonne erhob ſich am wolkenloſen blauen Himmel und erwärmte wohlthuend die für die Durchnäßten allzu friſche Morgenluft. Die Fuhrleute ſuchten und trieben ihre Ochfen zu⸗ ſammen, zählten ſie, und ſiehe— es fehlte ih⸗ nen kein theures Haupt. Für dieſes Frühſtück blieb es aber bei kalter Küche, denn Feuer an⸗ zu machen, lag außer dem Bereiche der Möglich⸗ keit, ſo lebhaft auch unſer Verlangen nach einem erwärmenden ſchwarzen Kaffee ſein mochte; zudem waren auch einige Blechgeſchirre und Viktualien, die man nach Brauch unter dem Wagen verborgen hatte, in Sturm und Wellen verſchwunden. Das breite feichte Thal, welches wir geſtern Abends vor dem Anhalten paſſirt hatten, war ein See, voll von ſchmutzig gelbem Waſſer, auf deſſen Oberfläche Bäume, dürres Gras und ei⸗ nige todte Kraniche ſchwammen. Wir glaub⸗ ten während der Kataſtrophe, daß wir am Morgen die meiſten Bäume theils vom Blitze zerſplittert, theils vom Sturme entwurzelt wie⸗ derſehen würden, aber es waren nur wenige um⸗ geworfen und der Blitz hatte keine merkliche Spur zurückgelaſſen. Die an den Wagen vor⸗ gefallenen Beſchädigungen wurden nothdürftig ausgebeſſert, der Erſatz einiger Joche, die wäh⸗ rend der Nacht verſchwunden waren, konnte erſt in Viktoria bewerkſtelligt werden. Der Zug ging nun durch tiefe Pfützen und grundloſen Koth weiter. Da aber Sonnen⸗ ſchein und Südwind die Prärie ſchnell abtrock⸗ neten, ſo nahm ich die unentbehrlichſten Requi⸗ ſiten vom Wagen, ging voran und erreichte auf pfadloſer Prärie dem Kompaſſe folgend, den Hafen zwei Tage vor der Ankunft der Wagen. —— eod 0.0—— Volksſagen und Märchen aus Graubünden. Mitgetheilt von Pl. Plattner. 1. Die wilden Mannli. Ein wildes Mannli kam einmal vor ein Haus auf Camana in der Mitte des Savien⸗ thales. Eine gaſtfreundliche Frau käſete eben in dem Hausflur. Sie rief das Mannli in ihr Haus, um ihm Molken anzubieten.„Nein,“ ſagte das wilde Mannli,„das darf nicht ſein; ſobald ich unter ein Dach trete, regnet es.“ Die Frau lachte und wollte es nicht glauben; der Himmel war klar und die Familie der Frau eben vollauf mit der Heuernte beſchäftigt. Sie lud das Männlein wiederholt ein, in's Haus zu kommen und Molken zu trinken. Als das „Männlein noch immer ſich weigerte, ward ſie unwillig, fing an zu ſchmählen und machte ihm Vorwürfe wegen ſeines Hochmuthes. Endlich leiſtete das Mannli Folge, aber kaum war es unter das Dach getreten, ſo flogen Wolken über den blauen Himmel und raſch begann es über die Familie der Frau und ihr Heu in Strö⸗ men zu regnen. Nun glaubte dieſe, es ſei doch das Mannli geweſen, das den Regen gebracht; darüber heftig erzürnt griff ſie nach dem Ofen⸗ wiſch und jagte das arme Geſchöpflein zum Hausflur hinaus. Das Mannli lief in's Weite auf einen der vielen ſpitzen Feldſteine und rief von dort der Hausfrau drohend zu:„Wart di ärgert's!“ und verſchwand. Der Regen hörte augenblicklich auf und lange blieb heißes, dür⸗ res Wetter. Es entſtand im Thale eine große dem Mannli erzählt und allgemein begann man zu glauben, ſie ſei ſchuld am Regenmangel. Die Verwünſchungen und Drohungen, die die bedrängten Bauern des Thales über ſie aus⸗ ſtießen, trieben die Arme hinauf in die rauheſten Berge, allwo ſie in Schluchten und Höhlen wohnen mußte. Sie hatte eine fromme Toch— ter; die trugnihr Speiſe zu. Als aber das Vieh auf dem ausgebrannten Boden nicht mehr weiden konnte und der Regen immer noch aus⸗ blieb, wurde der Tochter verboten, ihr Speiſe zuzutragen, mit der Bemerkung, wenn die Kühe verhungern müßten, ſo müßte die Frau, die daran ſchuld ſei, es nicht minder. Da ging die Tochter auf den ſpitzen Stein, von dem hexab das Mannli den Fluch gerufen, und fing dermaßen zu weinen an, daß die hellen Thränen über den ſpitzen Stein herab zur Erde floßen. Nun erſchien das wilde Mannli wieder, das man ſeit ſeiner Verwün⸗ ſchung nicht mehr auf dem Felde geſehen hatte, und rief huldvoll der frommen Tochter zu: „Luelg),'s regnet; biſt g'ſegnet.“ Ein herrlicher Regenguß und dirauf die Befreiung der Mutter waren die Folge des Zurufes. Das Mannli war wieder verſchwunden. Eine Felshöhle zu hinterſt im Savien⸗ thale auf der Valätſcheralp wird noch immer „s wild' Mannli's Balma“(Balma= Höhle) genannt. Einſt wohnte ein dienſtfertiges wil⸗ des Mannli darin. Es trieb den Bauern jeden Abend die Kühe von der Weide heim, war, ohne Lohn zu beanſpruchen, ihr treueſter Knecht, und kein Stück der Herde ging verloren, ſo lange es ſie hütete. Da wollten ihm die Bau— ern auch einmal ihren guten Willen zeigen und ſchenkten ihm ein buntes Kleid;'s wild Mannli hatte eine kindiſche Freude darüber und meinte dann, aber jetzt ſei es zu ſchön und prächtig, noch länger die Kühe zu hüten; es verſchwand und kam von da an nicht mehr zum Vorſchein. Auf der Bruſchgaalp in Savien hatte eine Frau einem wilden Mannli einen Dienſt geleiſtet und von ihm dafür eine Schürze voll Kohlen zum Lohn empfangen; ſie achtete aber der Kohlen nicht und ließ auf dem Heimweg ſie verloren gehen. Da ſagte das Mannli:„Je mehr zerzaſ'ſt(erſtreuſt), je minder de haſt.“ Als die Frau zu Hauſe die einzige ihr übrig gebliebene Kohle beſah, war es Gold; eilig lief ſie den Weg zurück, um die verlorenen zu ſuchen, konnte ſie aber nicht finden. Ein anderes wildes Mannli half einem armen Manne Holz ſpalten; dieſem gelang es, das gutmüthige Geſchöpf zu bereden, ſich ſelbſt in eine Holzſpalte einzuklemmen; dann ließ er es im Stich. Das wilde Weiblein kam dazu, ſah des Männleins Noth und ſagte:„Selb than, ſelb han“(Wer was ſelbſt gethan, der trage auch die Folgen davon). Dieſer Aus⸗ ſpruch ward im Thal zu einem Sprüchwort, das Ein wildes Mannli flocht Körblein aus Moos und hing ſie den erwachſenen Mädchen des Thales vor die Fenſter. Denen, die ihre Körblein hübſch bewahrten, füllte es dieſelben zu weilen Nachts mit ſchönen Erd⸗ und Heidel⸗ beeren; diejenigen, die ihre Körblein verderben ließen, wurden, wenn ſie auf dem Felde bei der Heuernte waren, mit faulen Pilzen beworfen. Dabei hörten ſie des wilden Mannlis helles Gelächter, ohne es ſelbſt zu ſehen oder ſich vor ſeinen Schwämmen ſchützen zu können. Ein Anderes im Prätigau trieb jeden Abend den Leuten die Ziegen in's Dorf, kam aber nie in eigener Perſon hinunter, ebenſo wenig ließ es ſich droben auf dem Berge vor den Leuten blicken. Es pflegte bei einem Waſſer⸗ troge oberhalb des Dorfes beim Geißenheim⸗ treiben ſeinen Durſt zu ſtillen. Muthwillige junge Leute ſchütteten einmal das Waſſer aus dem Troge aus und goßen dafür Branntwein hinein, um das Männlein dadurch zu fangen. Der muthwillige Streich gelang ihnen. Das Mannli trank, wurde betrunken, machte wun⸗ derliche Sprünge und ging in's Garn. Ein Anderes in demſelben Thale kam zu⸗ weilen vom Berge herunter, es ging ihm der Ruf voran, daß es ſich gründlich auf die Wahr⸗ ſagerei verſtehe. Es wurde d'rum gleich von allen Leuten um Rath gefragt; dem Bauer, der es des Wetders wegen am dringendſten fragte, gab es den Beſcheid: „Iſt's Wetter gut, ſo nimm de Tſchopa mit, Iſt's aber laid, chanſt thuen wie d' wit.“ (Iſt das Wetter gut, ſo nimm den Rock mit Dir, Iſt's aber häßlich, ſo kannſt Du thun, wie Du willſt.) Die Gemeinde Tenna fing einen großen Bären, der ihr viel Schaden zugefügt hatte; ſie wollte ihn dafür grauſam beſtrafen, um an dem wilden Brummer für immer ein Exempel zu ſtatuiren; da trat ein wildes Mannli unter die Verſammlung und ſagte:„s gruſigſt iſt, lant e hürotha;(das Grauſigſte iſt's, wenn ihr ihn heiraten laßt). Die Sentenz des wilden Mannlis wurde von nun an im Munde des Volkes ein Sprüchwort. Ein wildes Mannli wohnte einſt in der Felshöhle Trockenſtein oberhalb Camana in der Mitte des Savienthales; allwo es ſich eine hübſche Gemſekäſerei eingerichtet hatte. Es hatte eine große Schaar der ſchlanken Grat⸗ thiere gezähmt, ſo daß ſie Abends und Mor⸗ gens von ſelbſt in die Höhle kamen und ſich melken ließen. 1 Ein armes, einäugiges Kind des Thales, welches die Ziegen hütete, fand in der Höhle bei ſchlechtem Wetter Zuflucht und Speiſe. Die Gemskäslein ſeien ſo ſüß, daß ſie einem im Munde zergehen, ſagte es einmal ſeinem Bru⸗ der. Dieſer fragte, wie ſie denn bereitet wür⸗ den. Dieß ſei das Geheimniß des wilden Trockenheit. Die Frau hatte die Geſchichte mit ſich bis heute erhalten hat. Mannlis, antwortete das Kind; es müſſe immer, ſir ſch krechen lein, ſc das Kä Bruder ſeine K zu tau ſeines Höhle Heide rings Gebſ mit Herd Man ſchant ſamme ſein:, Bube dem au aber d gewah in Jor halt ließe 1 jungen liebte zu ihn liche, Der Der ihn bo ſtellte Verfü iym höhne alte; der 2 ſogar Broke mit ft jedem pflegt ihr di da fü mit U Alt hole ſchau Dien Nah⸗ ter ſchän 3 ſten blühe fraße dexer immer, wenn dieſes mit dem Käſen beſchäftigt ſei, ſich unter einen Haufen Heidekraut ver⸗ kriechen; dann ſinge das Mannli:„Einäuge⸗ lein, ſchlaf ein,“ wache es wieder auf, ſo ſei das Käslein jedesmal fertig. Als der unartige Bruder dieß vernahm, zwang er das Kind, ihm ſeine Kühe zu hüten und mit ihm die Kleider zu tauſchen. Darauf ging er in den Kleidern ſeines Bruders ſelbſt in des wilden Mannlis Höhle. Da ſah es recht ſauber aus, grünes Heidekraut lag über dem Boden ausgebreitet, ringsum auf einem Steingeſims ſtanden kleine Gebſen(Milchgeſchirre) aus Tannnenholz, die mit Gemſenmilch angefüllt waren. Keſſel und Herd waren nirgends zu ſehen. Das wilde Mannli hielt den Buben für ſein Einäuglein, ſcharrte das Heidekraut auf einen Haufen zu⸗ ſammen, ließ ihn darunterkriechen und ſang ſein:„Einäugelein, ſchlaf ein.“ Der ſchalkhafte Bube ſchloß das eine Auge zu und guckte mit dem andern unter dem Heidekraut hervor. Als aber das Mannli das muthwillige, offene Auge gewahr wurde und den Trug einſah, gerieth es in Zorn und warf die Gebſen ſammt deren In⸗ halt dem Buben an den Kopf. Hierauf ver⸗ ließ es mit ſeinen Gemſen die Höhle auf immer. 2. Sennalpenſagen. Die„todte Alp“ auf Davos. Ein junger Senne hauſte hier. Er hatte eine Ge⸗ liebte d'runten im Dörfli. Kam dieſe zuweilen zu ihm auf die Alpe, ſo wendete er alles Mög⸗ liche an, ſie gut zu empfangen und zu bewirthen. Der Eingang in die Hütte war aber gar ſchlecht. Der Senn wußte Rath. So oft die Geliebte ihn beſuchte, baute er Treppen aus Käſe und ſtellte ihr Rahm und Butter ſeines Kellers zur Verfügung. Kam aber ſeine alte Mutter zu ihm auf Beſuch, ſo gab er derſelben nichts, höhnte ſie wohl gar noch aus. Einſt war die alte Frau Zeuge der glänzendſten Bewirthung der Braut, indeß der Sohn ihr ſelbſt Alles, ſogar Molken und Zieger verſagte, und die Broke(hölzerner Handkübel) nicht einmal da⸗ mit füllte, was doch jeder rechtſchaffene Senn jedem wildfremden Bettler gegenüber zu thun pflegt. Als ſie flehentlich bat, der Sohn möge ihr die Broke mit Molken und Zieger füllen, da füllte er ſie heimlich in ſeinem Uebermuthe mit Unrath und deckte ſie zu. Hierauf ging die Alte zufrieden die Alpe hinab. Ihr ſcholl das helle Gelächter der Sennenbraut nach; ſie ſchaute rückwärts und ſah die muthwillige Dirne auf der Kästreppe ſtehen, den vollen Rahmnapf in der Hand. Nun deckte die Mut⸗ ter auch ihre Broke auf und entdeckte deren ſchändlichen Inhalt. Da ſprach ſie, im Inner⸗ ſten ergrimmt, einen Fluch aus, der ſofort die blühende Alpe auf immer zerſtörte. Flammen fraßen Senn, Braut, Alphütte und Gras. Eiinne andere Sage dieſer Alp ſpricht von Hexentänzen, die eine Sennerin beſuchte. Durchs Melken und Käſen oft von ihren Fahrten abge⸗ halten, wünſchte ſie, die Alpe möchte verdorren, damit ſie keine Arbeit mehr damit habe. Feuer verbrannte ſofort das Gras und die Hexe. Auf einer Schierſer Alp im Prätigau mach⸗ ten ſich Senn und Hirt aus Stroh und Klei⸗ dern eine große Puppe, mit der ſie dann Kurz⸗ weil trieben. Beim Eſſen ſetzten ſie dieſelbe in ihre Mitte. Dieß geſchah auch eines Tages, als ein müdes, altes Weib ſie um einen Löffel Milch bat. Senn und Hirt aber wieſen auf die Puppe und ſagten:„Wir haben hier ſchon eine Alte, die wir füttern müſſen, packe Du Dich fort.“„Ich gehe,“ erwiederte die Alte,„die da aber ſoll auch eſſen und freſſen.“ Die Männer lachten darüber und begannen von dem Tage an der Puppe Rahm an den Mund zu ſtreichen mit den Worten:„Sollſt eſſen und freſſen.“ Als nun die Zeit der Heimfahrt von der Alp gekommen war, wurde die Puppe auf einmal lebendig und ſagte:„Senn und Hirt, der eine von Euch kann nach Hauſe ziehen, der andere muß hier bei mir bleiben.“ Sie entſchieden durch's Loos, wer zu gehen und wer zu bleiben habe. Der Senne blieb, der Hirte zog bergab. Nach einer Weile ſchaute der heimziehende Hirt auf die Alphütte zurück, und ſah des Sennen blutige Haut auf dem Hüttendache ausgeſpannt; die ſchaurige Puppe winkte ihm drohend zu; zitternd vor Angſt zog er fürbaß und weiter geſchah ihm nichts. Stuzalp auf Vereina im Präti⸗ gau. Ein Senne, der alles ihm anvertraute Salz den ſchönen Kühen zu lecken gab, die un⸗ anſehnlicheren aber leer ausgehen ließ, muß auf dieſer Alpe noch nach Jahrhunderten her⸗ umgeiſten. Ein klägliches Oi! Oil! rufend, ſtreicht er bisweilen Abends an der Sennhütte vorbei. Es heißt, ſo oft der Mann erſcheine, und ſei es auch am klarſten Abend, ſo ſchneie es doch ganz ſicher am nächſten Morgen. Jetzt komme er jedoch ſelten mehr zum Vorſchein; es ſei eine neue Hütte gebaut worden und dieſe mache ihm Graus, wie alles Neue. Von der Kloſterſeralp Novai geht die Sage, wenn Jemand dort im Herbſt, nach⸗ dem das Vieh von der Alp heimwärts gezogen, in gewiſſen Nächten übernachte, ſo ſehe er einen Mann aus dem Käskeller herauskommen mit Sennenlederkappe und aufgeſtülpten Hemd⸗ ärmeln. Der Mann zünde ſofort Feuer auf dem Herde an und ſchaue„grauſam laid“ drein, bis es zwölf Uhr ſchlage, dann beginne es ſich draußen vor der Hütte zu regen und zu ver⸗ ſammeln; das ſei das„Todtenvolk“; das ſinge dem Sennen darauf ein Lied nach, das wie ein Pſalm töne und ziehe langſam und ſingend thalab in eines der Dörfer, einen Neuen(Tod⸗ geweihten) zu holen vor Tagesanbruch, wo alles wieder zerſtiebe. Die altgermaniſche Sage vom„Todtenvolk“ kommt noch in mehreren Thalſchaften Graubündens vor und wird nicht —-—— 3 247 ſelten noch mit vieler Angſt geglaubt. Es ſoll Einem Nachts um zwölf Uhr ein Sarg mit langem Leichengefolge begegnen, am Ende des Zuges gehe abgeſondert und ganz allein in far⸗ bigen Kleidern eine noch lebende Perſon, die man kenne. Dieſe ſei es, die zuerſt im Orte ſterben müſſe, wenn ſich nicht derjenige, der dem Todtenvolk begegne, an ihrer Stelle her⸗ geben wolle. Auf der Malanſer Alp Tarnuz im Vättiſer Thal waren gar fromme Sennen, die allabend⸗ lich über das ihnen anvertraute Vieh einen Se⸗ gensſpruch ausſprachen. Der Oberfenn hatte einen Lieblingsſchimmel, den er eines Abends ſtreichelte und dann auf einen beſonders guten Weideplatz führte, indeß das übrige Vieh des Segenſpruches wegen um die Sennhütte ver⸗ ſammelt wurde. Der Senn gedachte den Schimmel ſpäter allein zu ſegnen. Als nun die Sennen ſagten: „Gott bhuet is z' Veh in dunkler Nacht, Halt ſelber üſa Berga Wacht!“ da zog eine Wolke den Berg hinauf, die Sturm und Gewitter mit ſich brachte; das ſchaffte den Alpknechten große Arbeit, ſo daß der Ober⸗ ſenne darüber vergaß, den Segensſpruch über den Schimmel auszuſprechen. Derſelbe wurde jedoch mit dem andern Vieh in den Stall ge⸗ bracht. Es donnerte und blitzte die ganze Nacht hindurch, der Sturm rüttelte und ſchüttelte an der morſchen Alphütte. Morgens darauf traf man alles Vieh geſund, nur der Schimmel war vom Blitz erſchlagen, worüber ſich der Ober⸗ ſenne ſo grämte, daß er die Alpe verließ. Oberhalb Flims iſt ein breiter, großer Felſen mit rothen Streifen, als wäre einſt Blut darüber gegoſſen worden. Die Sage erzählt: Die Alpe gehörte Bündnern, die mit den auf der andern Seite des Felſens wohnenden Glar⸗ nern in beſtändigem Streit lagen. Einmal rückten die Glarner mit Uebermacht auf die Alp, ſteckten den Sennen in den Butterkübel und ließen ihn drin erſticken. Der Hirt floh auf den Felſen heraus, blies ſein Alphorn und rief ſo laut er's vermochte, in's Thal hinab um Hilfe: „Die Glarner ſind kommen und haben genommen, Die braune Schellkuh und die graue dazu.“ Er blies in ſein Horn, bis er zerſprang und mit ſeinem Blute den Felſen röthete. Elfenringe. Auf den Alpen gibt es nicht ſelten Kreiſe bald von fettem grünem, bald von braunem Gras. Hexentänze ſollen es ſo gefärbt haben. Die guten Elfen mußten es ſich gefallen laſſen, mit den Hexen verwech⸗ ſelt zu werden. Lichtelfen machen grüne, Nacht⸗ elfen braune Ringe. Das Geſchäft der Hagel⸗ bereitung wird ebenfalls den Hexen zugeſcho⸗ ben. Sie ſollen in der Höhe Gletſcher zer⸗ hacken und ſie in die Luft ſtreuen, darans entſtehe der Hagel. (Schluß folgt.) Die Spinne. Nach dem Franzöſiſchen des Michelet.*) Von Karl Czermak. I. Ihre Arbeit und Ruhe. Die Spinne ſpielt unter den Inſekten die Rolle eines Einſiedlers. Nur in den pflan⸗ 1 zenreichen Gegenden der Tropenländer, wo für ſie Wild in Menge vorhanden iſt, lebt ſie in Geſellſchaft. Es gibt deren, die ein gro⸗ ßes allgemeines Netz um einen Baum ziehen ſinn die Eingänge und mit großem Gemeinſ desſelben bewachen. Noch mehr, da ſie es oft mit mächtigen Inſekten, ſelbſt mit kleinen Vö⸗ geln zu thun haben, wirken ſie in derartigen Gefahren zuſammen und bilden eine bewaffnete Gewalt. Aber dieſes Zuſammenleben iſt eine Aus⸗ nahme und beſchränkt ſich nur auf gewiſſe Ar⸗ ten und das am meiſten begünſtigte Klima. Sonſt hat die Spinne überall in Folge der ihr eigenthümlichen Lebensweiſe und ihres Orga⸗ nismus, den Charakter eines wilden Jägers, welcher, von unſicherer Beute lebend, ſtets in Neid, Mißtrauen, Ausſchließlichkeit und Ein⸗ ſamkeit verharrt. Man bedenke hierbei, daß ſie es nicht wie der gewöhnliche Zäger mit weiten Wanderungen, Anſtrengungen und bloßer Thä⸗ tigkeit abgethan hat. Ihre Jagd iſt, wenn ich ſo ſagen darf, koſtſpielig und erfordert einen fort⸗ währenden Kapitalsaufwand. Jeden Tag, jede Leib, acht Augen am Kopfe, überraſcht die über triebene Größe ihres enormen Bauches. Eir unedler Zug, in welchem der unachtſame Be obachter nur Gefräßigkeit erblicken würde. Wei gefehlt! Gerade das Gegentheil; dieſer Bauch er iſt ihr Atelier, 7 Der wahre Typus eines Induſtriellen.„Wenn empfange ihn von mir zurück, behalte ihn. In ich heute faſte,“ meint ſie,„werde ich vielleicht einem halben Jahrhundert noch wird er Deinen morgen eſſen; aber wenn meine Fabrik feiert, hat Alles ein Ende; dann muß auch mein Ma⸗ gen feiern für immer.“ *Meine erſten Beziehungen zur Spinne wa⸗ ren nichts weniger als angenehm. In meiner dürftigen Jugend arbeitete ich einſt allein in der damals ruinirten und verwüſteten Buch⸗ druckerei meines Vaters. Dieſes zeitweilig be⸗ nutzte Atelier befand ſich in einer Art Keller, welcher Raum eigentlich erſt durch den Wall, an welchen wir zu ebener Erde in der rue basse in Paris wohnten, zum Keller gemacht Stunde muß ſie aus ſich ſelbſt jenen wichtigen Stoff zu ihrem Netzz ſchöpfen, das ihr Nahrung geben und ihre Exiſtenz erneuern ſoll. Demnach hungert ſie, um ſich zu nähren, erſchöpft ſich, um neue Kräfte zu ſammeln, wird mager in der ungewiſſen Hoffnung, wieder dick und ſett zu werden. Ihr Leben iſt eine Lotterie, die tau⸗ ſend unvorhergeſehenen Zufällen preisgegeben iſt. Dieß Alles kann daher nur dazu beitragen, ein furchtſames Weſen ohne Sympathien für ſeines Gleichen, in denen es Konkurrenten ſieht kurz, ein höchſt egoiſtiſches Thier aus ihr bilden. Wäre ſie dieß nicht, ſo müßte ſie zu Grunde gehen. Das Schlimmſte für das arme Thier iſt ſeine gründliche Häßlichkeit. Es iſt nicht eines von jenen, die ſich, wenn auch für das unbe⸗ waffnete Auge häßlich, doch unter dem Mikro⸗ ſkop ſehen laſſen können. Die allzu ſehr ausge⸗ ſprochene Eigenthümlichkeit eines Gewerbes wirkt, man ſieht es beim Menſchen, bald auf jenes, bald auf dieſes Glied ein, ſie ſchließt die Harmonie aus; der Schmied iſt oft bucklig, und ſo iſt die Spinne dickbäuchig. Bei ihr hat die Natur alles dem Gewerbe, dem Bedürfniß, dem induſtriellen Apparate geopfert, der das Bedürfniß decken ſoll. Sie iſt ein Arbeiter, ein Seiler, ein Spinner und ein Weber. Man beachte nicht ihre Geſtalt, ſondern die Produkte ihrer Kunſt. Sie iſt nicht allein ein Spinner, 74 zu *) Siehe Buchſchau. ſichtsmaßregeln fallen, als wollte ſie rüſten. Nicht ohne Grazie glitt ſie an ihrem wurde. Zu Mittag erheiterte die Sonne durch ein vergittertes Luftfenſter mit einem freund⸗ lichen Strahl den Setzkaſten, an dem ich meine ſ ſ a bemerkte ich ) Bleilettern zuſammen ſuchte. in einer Mauerecke eine kluge Spinne, welche vorauszuſetzen ſchien, jener Strahl könnte ihr eine unbeſonnene Mücke zuführen.— Dieſer Strahl, welcher nicht in ihre Mauerecke, ſon⸗ dern in meine nächſte Nähe fiel, war für ſie eine natürliche Verſuchung, ſich mir zu nähern. Trotz meinem angeborenen Ekel mußte ich be⸗ wundern, wie ſie ſich nun nach und nach her⸗ vorwagte, ängſtlich, langſam und wohlbedacht Verſuche anſtellte, um ſich von dem Charakter desjenigen zu überzeugen, dem ſie ja faſt ihr Le⸗ ben anvertrauen mußte. Sie betrachtete mich ohne Zweifel mit ihren ſämmtlichen acht Augen und ſtellte ſich die Frage auf:„Iſt's ein Feind, oder nicht?“ Ohne ihr Geſicht, geſchweige ihre Augen zu unterſcheiden, merkte ich, daß man mich an⸗ ſah, mich beobachtete, und ſichtlich ſchien das Reſultat dieſer Beobachtungen mit der Zeit für mich ganz günſtig auszufallen. Bei jenem Ar⸗ beitsſinn, der in ihrem Geſchlecht ſehr ausge⸗ bildet iſt, mochte ſich ſich denken, daß ich gleich⸗ falls ein Arbeiter ſei und mich eben wie ſie da⸗ mit beſchäftige, mein Netz zu weben. Wie es immer ſein mochte, ſie ließ in Folge eines plötz⸗ lichen Entſchluſſes alle Umſchweife, alle Vor⸗ ſich zu einem kühnen und etwas gewagten Schritte ſie iſt eine Spinnerei. Gedrängt und kreisför⸗ mig gebaut, mit acht Füßen rings um den ihr Magazin, er iſt jene Taſche des Seilers, in welcher er den Stoff des abzuwickelnden Fadens vor ſich herträgt. Aber, da ſie dieſe Taſche nur mit ihrer eigenen Sub⸗ ſchwendete, heran um mir zu ſagen:„Ach, wa⸗ ſtanz füllt, ſo wächſt dieſe nur auf ihre Koſten an, iſt nur eine Folge ihrer Mäßigkeit. Man wird ſie ſtets darauf halten ſehen, wenn auch im Uebrigen abgezehrt, daß nur jener Schatz wohlerhalten ſei, worin der unentbehrliche Ar⸗ beitsſtoff, die Hoffnung ihrer Arbeit und ihre einzige Ausſicht für die Zukunft enthalten ſind. Faden herab und ſetzte ſich entſchloſſen auf un⸗ ſere beiderſeitige Grenze, den Rand meines Ka⸗ ſtens, den die Sonne in dieſem Augenblicke mit einem blaſſen Strahl beſchenkte. Es entſpann ſſich in meinem Innern ein Kampf. Ich geſtehe, t daß mir dieſe intime Geſellſchaft nicht gefiel, „eine ſolche Freundin konnte keinen günſtigen Eindruck auf mich machen; von der andern V Seite betrachtet, kam dieſes kluge, beobachtende Weſen, das keineswegs ſein Vertrauen ver⸗ rum ſollteſt Du mir nicht dieſes Bischen Sonne gönnen? Obgleich ſehr verſchieden, vereinigen wir uns doch in dem Punkte, daß wir uns von der nothwendigen Arbeit und der kalten Fin⸗ ſterniß zu dem Genuſſe des Lichtes wenden. Faß' Dir ein Herz und machen wir Brüder⸗ ſchaft! Dieſen Strahl, den Du mir erlaubſt, Winter erleuchten!“ Dieſe Rede der kleinen ſchwarzen Fee, das leiſe, ſehr leiſe geführt wurde— man kann kaum leiſer ſprechen, als die Spinne— hinterließ in mir ein ſchwer zu beſtimmendes Gefühl. Aber es ſchlummerte in mir. Im Jahre 1840 wurde es auf kurze Zeit geweckt, wo es wiederum einſchlief bis auf den heutigen Tag, den 15. Nai 1857, wo ich es zum erſten Male erklärend niederſchreibe. Im Jahre 1840, nach einem Familienverluſte, ver⸗ brachte ich meine Ferien in Paris, wo ich den ganzen Tag allein in meinem kleinen Garten in der rue des Postes ſpazieren ging. Die Meinigen waren auf dem Lande. Unwillkürlich betrachtete ich die ſchönen regelmäßigen Ge⸗ webe, die die Spinnen um meine Bäume zo⸗ gen, die ſie mit lobenswerthem Fleiße ausbeſ⸗ ſerten, ohne Aufhören erneuerten, ſich außeror⸗ dentlich viel Mühe gebend, meine paar Wein⸗ ttrauben, die ich hatte, zu bewachen und mich ſelbſt vor der Zudringlichkeit der Fliegen und den Stichen der Mücken zu befreien. Sie rie⸗ fen jene ſchwarze Hausſpinne in mein Gedächt⸗ niß zurück, die ſich in meiner Kindheit mit mir in Verkehr geſetzt hatte. Dieſe waren von ihr ſehr verſchieden. Immerwährend blosgeſtellt, Jedermanns Blicken zugänglich, ohne einen andern Zufluchtsort als die Kehrſeite eines Blattes, wo man ſie leicht erhaſchen kann, konn⸗ ten ſie nicht die Vorſichtsmaßregeln und die Diplomatie meiner alten Bekanntſchaft haben. Ihre ganze Arbeit war ſichtbar, ihre kleinſten Geheimniſſe, ſie ſelbſt auf Gnade und Ungnade dem Winde preisgegeben; ſie hatten keine an⸗ dere Protektion, als das Mitleid oder die von ihnen geleiſteten unverkennbaren Dienſte, über⸗ haupt das ihnen gewidmete Intereſſe. Die Arten ſowohl, welche ihre Netze an den Zweigen der Bäume, als auch jene, die ſie in den Fenſtern aufſpannen, geben ſichtlich Acht darauf, den Wind zu fangen und ſich in einen Luftzug zu poſtiren, der ihnen Inſekten zu⸗ führt; oder ſie ſetzen ſich dahin, wo die Licht⸗ ſtrahlen einfallen, in welchen die Mücke zu tan⸗ — zen pflegt. Das Gewebe iſt nicht ſenkrecht an⸗ K — d gebracht, denn dann würde es nur einen Luft⸗ zug geſtatten; die Spinne, als ein vorzüglicher und geübter Seemann, gibt ihm eine ſehr ſchräge Stellung, welche zwei und mehr Luft⸗ züge zuläßt. An dem äußerſten Ende ihres Bauches be⸗ finden ſich vier Hautwarzen, ähnlich den Zieh⸗ eiſen, deren man ſich bei der Drahtfabrikation bedient, die ſie— wie Fernröhre— aus⸗ und einziehen kann und durch deren Bewegung ſie ein ganz kleines Wölkchen abſondert, das von Minute zu Minute an Größe zunimmt. Die⸗ ſes Wölkchen iſt nichts anders als lauter Fä⸗ den von unendlicher Zartheit; jede dieſer Haupt⸗ warzen ſondert 1000 Fäden ab, und erſt die Vereinigung von 4000 derſelben bildet einen einzigen, der ſtark genug iſt, um damit das Netz herzuſtellen. Es ſei hier beachtet, daß die Fäden des in⸗ telligenten Fabrikanten nicht gleicher Natur ſind, ſondern von unterſchiedlicher Qualität und Stärke je nach ihrer Beſtimmung. Da gibt es trockene, die zum Anſpinnen, und wiederum klebrige, welche zum Anleimen verwendet wer⸗ den. Jene des Netzes, dazu beſtimmt, die Jun⸗ gen aufzunehmen, ſind baumwollenartig, und die, welche zum Schutze des Eierbehälters die⸗ nen ſollen, haben die für die Sicherheit der letzteren nöthige Widerſtandskraft. Wenn ſie die zur Anfertigung eines Gewe⸗ bes nöthige Quantität Fäden erzeugt hat, läßt ſie ſich von einem erhöhten Punkte herabgleiten und wickelt ihren Strähn ab. Nun erhält ſie ſich ſchwebend in der Luft, kehrt aber alſogleich mit Hilfe ihres Takelwerkes in derſelben Rich⸗ tung zurück, ſchwingt ſich nach einem andern Punkt und fährt in der Weiſe fort, eine An⸗ zahl von Strahlen zu ziehen, die alle aus dem⸗ ſelben Mittelpunkte hervorgehen. Iſt nun die Kette angeſponnen, ſo beſchäf⸗ tigt ſie ſich damit, das Gewebe durch Kreuzun⸗ gen der Fäden fortzuſetzen. Indem ſie von ei⸗ nem Strahl zum anderen läuft, berührt ſie einen jeden derſelben mit ihren Zieheiſen, wo⸗ durch der kreisförmig laufende Faden befeſtigt wird. Das Ganze iſt kein zuſammengepreßtes Gewebe, ſondern ein vollkommenes, aus geo⸗ metriſch richtigen, durchaus gleichgroßen Ma— ſchen beſtehendes Netz. Dieſes Gewebe, aus ihr ſelbſt hervorgegan⸗ gen, lebt und zittert, iſt unſtreitig mehr, als ein bloßes Inſtrument— es iſt ein Theil ihres Ichs. Da die Spinne ſelbſt eine runde Form hat, ſcheint es ihr in dieſem Kreiſe zu gefallen und man könnte faſt auf den Gedanken kommen, daß ihr Geſpinnſt die Fortſetzung ih⸗ rer Nervenfaſern ſei. In dem Centrum ihrer Behauſung fühlt ſie ſich ſowohl zum Angriff, als auch zur Vertheidigung am ſtärkſten. Au⸗ ßerhalb desſelben iſt ſie ſcheu; eine Fliege könnte ſie zum Rückzug bewegen. Das Netz iſt zugleich für ſie ein elektriſcher Telegraph, der bei der leiſeſten Berührung erbebt und ihr ſo die An⸗ weſenheit der allerunſcheinbarſten Beute anzeigt; erſteres hält vermöge ſeiner klebrigen Eigenſchaft Erinnerungen. 1858. den Fang feſt und verwickelt auch gefährliche Feinde. Wenn ſtarker Wind iſt, hält ſie ſich ſtets in der Mitte, da ſie ſonſt, bei der fortwährenden Bewegung ihres Gewebes, nicht im Stande wäre Alles, was in ihrem Reiche vorgeht, zu überſehen; bei gewöhnlicher Witterung verläßt ſie zwar dieſen Standpunkt, aber nur um ſich in der nächſten Nähe unter einem Blatte zu verbergen, theils um ihre Beute nicht zu ver⸗ ſcheuchen, theils um nicht gar ſelbſt als ſolche ihren zahlreichen Feinden zum Opfer zu fallen. Klugheit und Geduld ſind bei ihr vorwie⸗ gender als Muth. Sie hat zu viel Erfahrung, als daß bei den vielen Unglücksfällen, welche ſie zu erdulden hatte, noch viel Kourage in ihr übrig bleiben konnte, auch hat ſie nur all zu hart die Strenge des Schickſals verkoſten müſ⸗ ſen. Sie fürchtet ſich jelbſt vor einer Ameiſe. Dieſe unruhige und ſtörrige Landſtreicherin pflegt zuweilen ihr Köpfchen aufzuſetzen und mit unbezwingbarem Eigenſinn das Spinnen⸗ gewebe zu durchforſchen, womit ſie doch eigent⸗ lich nichts anfangen kann. Die Spinne räumt ihr ſodann das Feld, ſei es aus Furcht, mit dem Ameiſenſafte, der wie Scheidewaſſer brennt, in unliebſame Berührung zu kommen, oder in Folge der klugen Berechnung, daß ſie zu einem langen und ſchwierigen Kampfe mehr Zeit brauche, als nöthig iſt, um ein Netz anzuferti⸗ gen. Sie läßt alſo, ohne ſich in ihrer Eigen⸗ liebe verletzt zu fühlen, jene dort ſtolz einher⸗ gehen und baut ſich ein wenig abſeits neu an. In der Natur lebt eigentlich alles von Raub; aber der Raub iſt nicht immer mit redlichem Fleiß verdient, wie bei der Spinne. Kein an⸗ deres Weſen iſt vielleicht ſo ſehr ein Spielball des Schickſals, als gerade ſie. Eine Unzahl Inſekten, darunter die blutdürſtigen Käfer und ſelbſt die zarte und brillante Waſſernixe, verbringen luſtig ihr Leben unter fortwähren⸗ dem Morden, haben ſie doch auf weiter nichts als auf ihre Körper und Waffen zu achten. Andere haben ſichere Zufluchtsorte, die nicht ſchwer zu vertheidigen ſind und wo ſie wenig Gefahr zu fürchten haben. Die Feldſpinne hat weder jenen noch dieſen Vortheil. Sie erinnert an einen Induſtriellen, der durch ſein kleines, ungeſichertes Vermögen die Habſucht und Rück⸗ ſichtsloſigkeit anderer hervorruft. Die Eidechſe macht von unten, das Eichhörnchen von oben Jagd auf den ſchwachen Jäger. Die faule Kröte ſtreckt ihm ihre klebrige Zunge entgegen, auf welcher ſie haften bleibt und erſtarrt. Die Schwalbe macht es ſich zum beſondern Ver⸗ gnügen, eine Spinne, ohne ſich in ihrem gra⸗ ziöſen Fluge ſtören zu laſſen, ſammt ihrem Netze fortzunehmen, und alle Vögel betrachten ſie als einen großen Leckerbiſſen und eine aus⸗ gezeichnete Arznei. Selbſt die Nachtigall, die, wie alle großen Sänger einer beſondern Diätetik treu, verordnet ſich von Zeit zu Zeit eine Spinne als Purgativmittel. Wenn die Spinne nicht mäßig lebte, würde ihr Handwerkzeug eingehen, und ihr Verder⸗ 249 ben wäre dann unvermeidlich. Zerſtört man ihr Netz allzu oft, ſo iſt ſie durch das lange Fa⸗ ſten außer Stand geſetzt, Fäden zu erzeugen und wird daher bald ein Opfer des Hungerto⸗ des. Ihre Gedanken drehen ſich daher um Folgendes:„Willſt du ſpinnen, ſo mußt du eſſen, um aber zu eſſen, mußt du ſpinnen.“ Ihr Faden iſt daher für ſie jener der Parzen, von dem ihr ganzes Schickſal abhängt. Verſuchsweiſe zerſtörten wir einſt dreimal hintereinander das Gewebe einer Spinne. Mit ſtaunenswerther Geduld und ohne die Faſſung zu verlieren, fertigte ſie in einem Zeitraum von ſechs Stunden dreimal dasſelbe wieder neu an. Eigentlich war dieß ein grauſames Experi⸗ ment und wir bereuten faſt es unternommen zu haben. Man begegnet nur zu viel ſolchen Unglücklichen, die derartige Zufälle zur Arbeits⸗ einſtellung verurtheilt haben und die zu er⸗ ſchöpft ſind, um ihre Induſtrie wieder in Auf⸗ ſchwung bringen zu können. Man kann ſie dann als lebende Skelette vergeblich ein ande⸗ res Gewerbe ergreifen ſehen, bei dem ſie es aber zu nichts bringen, und ſchmerzlich beneiden ſie die Feldſpinne um ihre langen Beine, die ſie in Stand ſetzen, ihr Leben laufend zu er⸗ halten. Wenn man von der großen Gefräßigkeit der Spinne ſpricht, vergißt man, daß ſie doppelt eſſen oder verderben muß; erſtens für ihren Körper, zweitens für ihren Faden. Drei Eigenſchaften tragen gemeinſchaftlich dazu bei, ſie aufzureiben: ihr unaufhörlich ange⸗ ſtrengter Fleiß, ihre im höchſten Grade vor⸗ herrſchende Empfindlichkeit und endlich ihr dop⸗ pelter Athmungsprozeß. Denn ſie holt nicht allein wie die übrigen Inſekten durch die dazu beſtimmten Organe paſſiv Athem, ſondern ſie hat auch ein aktives Athemholen ähnlich der Lungenbewegung der höheren Thiere. Sie ſchöpft in vollen Zügen Luft, verändert und zerſetzt ſie und verjüngt ſich durch ſie unaufhör⸗ lich. Es genügt, ihre Bewegungen geſehen zu haben, um überzeugt zu ſein, daß ſie mehr als ein Inſekt iſt; das Lebensfluidum muß in ihr ſehr lebhaft cirkuliren, das Herz ganz anders ſchlagen als es bei der Fliege oder dem Schmet⸗ terling der Fall iſt. Das wäre zwar ein Vorzug, aber er iſt auch zugleich mit Gefahr verbunden. Das Inſekt kann, unbeſchadet mephitiſcher Ausdünſtungen, ſelbſt die ſtärkſten Gerüche vertragen. Die Spinne kann ihnen nicht widerſtehen. Kaum iſt ſie von ſolchen erreicht worden, verſcheidet ſie unter den heftigſten konvulſiviſchen Zuckungen. Ich konnte dieß ſelbſt eines Tages in Lu⸗ zern beobachten: Chloroform, deſſen Wirkung einen Hirſchkäfer erſt nach 14 Tagen zu tödten vermochte, warf bei der erſten Berührung eine Spinne nieder. Sie war von größter Art und ich ſah ſie eben damit beſchäftigt, eine Mücke zu ſpeiſen. Um ſie beobachten zu können, ließ ich einen Tropfen Chloroform auf ſie fallen. Die Wirkung war eine fürchterliche. Der Starr krampf eines Menſchen konnte nicht ergreifender 90 02 250 ausſehen. Sie fiel auf den Rücken, erhob ſich wieder und brach zuſammen, alle Stützpunkte verſagten ihr und ihre Glieder waren wie gebrochen. Es war rührend, daß gerade in dieſem kritiſchen Momente ſich die Frucht⸗ barkeit ihres Leibes zeigte; im Todeskampfe gaben ihre Bauchwarzen jenes kleine Wölk⸗ chen von ſich, ſo daß man hätte glauben kön⸗ nen, ſie wolle noch im Sterben arbeiten. Das betrübte mich, und in der Hoffnung, die Luft werde ſie vielleicht wieder herſtellen, ſetzte ich ſie auf mein Fenſter; aber das war nicht mehr ſie ſelbſt. Ich weiß nicht wie es ge⸗ kommen war, aber ſie ſah wie zuſammenge⸗ ſchmolzen, wie ein wahres Skelett aus. Ihr ohnmächtiger Körper war nur mehr ein leichter Schatten. Der Wind trug ſie zum See.— II. Ihre häuslichen Verhältniſſe. Die Spinne hat nicht blos ein Neſt oder wie andere einſam lebende Inſekten blos einen wechſelnden Stationsplatz der Jagd: ſie hat— wenigſtens bei einigen Arten— ein regelmäßi⸗ ges Haus, ein Haus im vollſten Sinne des Wor⸗ tes und zwar ein ſehr komplizirtes: es enthält ein Vorzimmer und ein Schlafzimmer mit einem Ausgang nach hinten; und dieſe Thüre— es klingt faſt unglaublich— dieſe Thüre, ſag' ich, ſchließt ſich von ſelbſt, indem ſie ihr eigenes Gewicht zurückfallen läßt. Die Thür! Das iſt es, was ſelbſt den großartigen Bauten der Bienen und Ameiſen fehlt; dieſe fleißigen Republiken haben ſich nicht bis dahin verſtiegen. Ihre ſtolze Unerſchrocken⸗ heit hat ihre Induſtrie beſchränkt. Jene arme einſame Arbeiterin hingegen, immerwährend durch das Spinnen aus ihrem Innern und die ununterbrochene Arbeit er⸗ ſchöpft, rechnet nicht auf ihre Tapferkeit. Sie mußte ſich in gewiſſen Gegenden und unter gewiſſen Umſtänden tüchtig den Kopf zerbrechen, bis ſie jenes kleine Wunder von Vorſicht und Konbination erfand, womit ſie nicht nur die Inſekten, ſondern auch die wilden Völker hinter ſich läßt; der größeren Thiere gar nicht zu ge⸗ denken, den einzigen Biber vielleicht ausge⸗ nommen. In der Umgebung von Luzern ſahen wir zum erſten Male ein ſolches Spinnenhaus. Es war eine vortrefflich gearbeitete Scheide, deren nach Süden gelegenes Vorzimmer nach außen trichterförmig auslief. Dieſer äußere Theil bil⸗ dete einen ſinnigen Zufluchtsort und war Falle und Anſtand zugleich. Die Hausfrau hielt ſich im äußerſten Ende des Trichters auf; in dem hinterſten Theile der Scheibe befand ſich aber noch ein rückwärtiges kleines Zimmer, das von der ſicheren Hülle eines weißen, ſehr feſten Co cons umgeben war. Auf dieſes ſetzte ſie ihr ganzes Vertrauen und verſuchte ſelbſt dann nicht aus demſelben zu fliehen, als wir die Fä⸗ den losmachten, die den ganzen Bau an einem Strauche feſthielten. Wir hatten dieſe Behau⸗ ſung weder zerſtört noch beſchädigt, fondern nur an einen andern Ort gebracht. Am andern Morgen fanden wir dieſelbe von allen Seiten an demſelben Gebüſch befeſtigt. Die Lage war zwar nicht ſo günſtig als zuvor, aber das hatte ſeinen Grund wohl darin, daß die Arbeiterin ſich ohne Zweifel nicht mehr im Stande fühlte, in ſo vorgerückter Jahreszeit— im September und unter den Alpen— dieſe große Sommer⸗ arbeit wieder aufzunehmen. Eine kleine, in den braſilianiſchen Wäldern vorkommende Spinne hat ihre Hütte gerade im Mittelpunkte ihres Netzes hängen. Bei der geringſten Gefahr ſchlüpft ſie hinein und kaum iſt ſie eingetreten, ſo klappt auch ſchon die Thür hinter ihr zu. Aber das Meiſterſtück ihrer Zunft kann man bei einer auf der Inſel Korſika vorkom⸗ menden Art ſehen. Die Wohnung dieſer Spinne i*ſt ein kleiner, fleißig ausgemauerter Brunnen, mit glatten und ebenen Scheidewänden, dop⸗ pelten Tapeten, einem groben Teppich in dem untern Raume und einem feinen und weichen in jenem Theile, den die Künſtlerin bewohnt. Die Mündung des Brunnens iſt vermittelſt einer Thüre verſchloſſen. Dieſe Thüre iſt eine Scheibe, die, oben breiter als unten, in eine Oeffnung fällt und ſo hermetiſch ſchließt. Die Scheibe, die zwar nur drei Linien dick iſt, ent⸗ hält doch dreißig Lagen Gewebe, zwiſchen denen ſich leicht angeworfene Erdſchichten befinden— demnach beſteht die ganze Thüre wiederum aus ſechzig Thüren. Da kann man wohl die Ge⸗ duld bewundern; aber noch mehr verſetzt uns dieſe ſinnreiche Einrichtung in Staunen, wenn wir entdecken, daß alle dieſe Thüren in einan⸗ der greifen. Die gewebten verlängern ſich bis in die Mauer hinein und verbinden auf dieſe Weiſe die Thüre mit der Wand, indem ſie zu⸗ gleich die Angeln bilden. Dieſe Thüre öffnet ſich nach außen, wenn die Spinne ſie in die Höhe drückt, um hinauszugehen, und fällt von ſelbſt zurück. Aber der Feind könnte ja dahin gelangen, dieſelbe zu öffnen. Dagegen iſt jedoch geſorgt. Den Angeln gegenüber befinden ſich in der Thüre kleine Löcher; in dieſen krallt ſich die Spinne feſt und wird nun ein lebendiger Riegel. Das ruhige Warten der Spinne mag oft⸗ mals nicht ſehr erquicklich ſein. In vollem Lauf zu arbeiten, kämpfend zu handeln, heißt Zeit und Hunger betrügen; aber unbeweglich da zu ſitzen, um durch keine Bewegung die Beute abzuſchrecken, dieſe oft ganz nahe heran⸗ kommen und dennoch entwiſchen zu ſehen— und das Alles mit leerem Magen! Den nicht enden wollenden Tänzen der ſorgloſen Mücke beiwohnen zu müſſen, die ſich in ihrem Son⸗ nenſtrahle köſtlich amüſirt, ſtundenlang herum⸗ wiegt ohne den gierigen Wünſchen derjenigen entgegen zu kommen, die ihr ganz leiſe zuruft: „Komm'’, Schätzchen, komm', meine Kleine!“ das iſt eine Höllenqual, eine Reihe von Hoff⸗ nungen und Enttäuſchungen. Die Mücke aber tanzt weiter und kümmert ſich wenig darum. Die fatale Frage:„Werde ich ſpeiſen?“ drängt ſich immer mehr auf, noch mehr der trübe Ge⸗ danke:„Wenn ich heute nicht eſſe, gibt's keinen Faden mehr; um ſo weniger darf ich hoffen, morgen zu eſſen!“ Das Alles bildet natürlich ein ſorgenvol⸗ les, ängſtliches, aber überaus gewecktes und auf⸗ merkſames Weſen, das nicht nur die geringſte Berührung bemerkt, ſondern auch das leiſeſte Geräuſch vernimmt. Die Spinne iſt nur zu ſehr empfindlich. Man kann vermuthen, daß jede noch ſo leichte Bewegung im Stande iſt, ſie außer ſich zu bringen. Sie ſcheint ohnmächtig zu werden; man ſieht ſie plötzlich von einer Zimmerdecke herab fallen, wie vom Schreck ganz zerſchmettert. Dieſe Empfindlichkeit macht ſich begreifli⸗ cherweiſe beſonders dann geltend, wenn ſie Mutter iſt. Obwohl ſelbſt elend und arm, iſt ſie gegen die Ihrigen dennoch ſtets freigebig und großmüthig. Während die Raubvögel, jene ge⸗ flügelten Jäger, denen ſo viel Hilfsmittel zu Gebote ſtehen, ihre Kinder frühzeitig fortjagen, indem ſie in ihnen gefräßige Konkurrenten ſehen, und ſie ſogar mit Schnabelſtößen zwin⸗ gen, außerhalb des für ſich ſelbſt beanſpruchten Reviers zu verbleiben, iſt die Spinne noch nicht damit zufrieden, ihre Eier in einem Cocon zu tragen, ſondern gewiſſe Arten ernähren die gie⸗ rigen Kleinen, beſchirmen ſie und ſchleppen die⸗ ſelben auf ihrem Rücken; oder die ſorgſame Mutter läßt ſie an einem Faden einhermar⸗ ſchiren; ſobald ſich eine Gefahr zeigt, zieht ſie an dieſem Faden, die Jungen ſpringen auf ſie und ſind gerettet. Wenn ſie das nicht thun kann, iſt ihr der Tod willkommener. Es iſt Thatſache, daß die Alten lieber ſich ſelbſt ver⸗ ſchlingen laſſen, ehe ſie jene dem Verderben preisgeben. Als bewundernswerthe Mutter, ſinnige und feinfühlende Künſtlerin, im vollſten Sinne weiblich, weiblich bis zum höchſten Grade der Empfindſamkeit und Beſorgniß— ſo muß uns die Spinne neben dem gewöhnlichen Gefühle des Abſcheu's bald das der theilnehmenden Zuneigung einflößen. Die arme Einſiedlerin! Mit Ausnahme einiger wenigen Arten, bei denen der Vater ein wenig der Mutter hilft, hat ſie keine Bei⸗ hilfe zu erwartenn Iſt die Liebe des Männ⸗ chens erloſchen, ſo iſt er eher ein Feind zu nen⸗ nen. Schreckliche Folgen der Armuth! Es fällt ihm bei, ſeine Kinder könnten einen guten Biſſen abgeben. Aber die Mutter, die größer als der Vater iſt, denkt ſich auch ſo etwas und meint, daß der Vertilger ebenfalls achtbar ſei und verſpeiſt zuweilen ihren Gemal. Uebri⸗ gens bin ich deſſen gewiß, daß in Gegenden, wo das Klima oder die Bequemlichkeit eines behäbigen Lebens ihr Naturel nicht verderben, derartige Gräuelthaten nicht vorkommen. Ein grauſamer Tyrann beherrſcht die ganze Natur: der Magen. Er kann ſich ſelbſt die Liebe unter⸗ würfig machen. Bei einem ſo beſorgten furcht⸗ ſamen Thier, wie die Spinne iſt, wird auch die Liebe mißtrauiſch. Sei dieſe auch noch ſo feu⸗ rg, ſ lichen und mit umte Liebe tenſ Nat kene Fel mer noch ſen ſind nun ſeit ſbette trenn ihr Stock ſich o ßerhe ich g getre in u kenn ten, ſie n Veru gane hörn eben ſamt ihne lebhe geypr hieri nen mach ler? Erfo man rig, das ſchwache und magere Männchen wird ſich nur immer mit großer Vorſicht und ängſt⸗ lichem Reſpekt der majeſtätiſchen Dame nahen, und oft geſchieht es, daß dasſelbe plötzlich mit unerklärlichem paniſchen Schrecken wieder umkehrt und in vollſtem Lauf entflieht. Das iſt die ſchreckliche Idylle der finſteren Liebe in unſeren Zimmerecken. Bei den Gar⸗ tenſpinnen herrſcht weniger Mißtrauen. Die Natur erweicht die Herzen, und ſelbſt der trok⸗ kene Gewerbfleiß wird durch das Leben auf den Feldern milder. Man kann auf unſeren Bäu⸗ men Spinnen beobachten, die ihre Gatten noch ſo ziemlich behandeln und zu vergeſ⸗ ſen trachten, daß dieſe ihre Jagdkonkurrenten ſind. Sie geſtatten ihnen in derſelben Woh⸗ nung zu leben, obwohl nur ein Weniges ab⸗ ſeits und immer unter Einhaltung einer re⸗ ſpektvollen Diſtanz. Ein leichter Fußboden trennt ſie. Die Prinzeſſin erlaubt ihm unter ihr parterre zu wohnen, während ſie im erſten Stocke reſidirt, ſtreng darauf haltend, daß er ſich als unter ihr, als ſubordinirt betrachte. Haben die Spinnen wohl Sympathien au⸗ ßerhalb ihres Geſchlechtes? Man ſagt ſo und ich glaube es. Sie ſind von uns viel weniger getrennt, als die wirklichen Inſekten. Sie leben in unſeren Häuſern, haben Intereſſe daran, uns kennen zu lernen und ſcheinen uns zu beobach⸗ ten. Auf Stimmen und Lärm überhaupt geben ſie wohl Acht und vernehmen auch beides zum Verwundern. Gehen ihnen auch die Gehöror⸗ gane der Inſekten ab— wofür man die Fühl⸗ hörner halten könnte— ſo iſt dafür bei ihnen eben alles Fühlhorn. Ihre übertriebene Wach⸗ ſamkeit, die nervöſe Aufregung, welche ſich bei ihnen überall bemerkbar macht, geben ihnen die lebhafteſte Empfänglichkeit. Man hat viel von muſikaliſchen Spinnen geſprochen. Eine weniger gekannte Anekdote hierüber iſt ſehr überraſchend. Eines jener klei⸗ nen Opfer, die man vorzeitig zu Virtuoſen macht, der im Jahre 1800 gefeierte Violinſpie⸗ ler Berthome, verdankte ſeine erſtaunlichen Erfolge der ſtrengen Eingeſchloſſenheit, in der man ihn ſich üben ließ. In ſeinem achten Jahre erregte er Bewunderung mit ſeiner Geige, ja er riß die Hörer faſt bis zur Betäubung hin. In ſeiner langwierigen Einſamkeit hatte er ei⸗ nen Kameraden, an den Niemand dachte, eine Spinne.... Sie ſaß erſt in einem Mauerwin⸗ kel, bald aber wagte ſie ſich aus demſelben auf das Notenpult, vom Notenpult auf das Kind, ja bis auf den ſo bewegten Arm, welcher den Fiedelbogen hielt. Dort hörte ſie, eine ge⸗ rührte Dilettantin, zitternd zu. Sie war ein ganzes Auditorium. Der Künſtler bedarf nicht mehr, um ſeine Seele aufzufriſchen, ſich zu be⸗ geiſtern. Leider hatte das Kind eine Stiefmutter, die eines Tages, als ſie einen Kunſtfreund in das Heiligthum einführte, das empfindſame Thier auf ſeinem Poſten fand. Ein Pancoffelſchlag — und das Auditorium war nicht mehr. Das Kind fiel zu Boden, lag drei Monate hindurch krank darnieder und mußte ſterben. —Se Der Arber. Von Eduard Herold. (S. d. Lithographie.) Von dem hoch und frei gelegenen Gut⸗ waſſer, ſonſt auch St. Günthersbad genannt, verfolgten wir die ſchöne Fahrſtraße, welche über das Plateau nach dem Markt Eiſenſtein führt. Hier oben entſpringt unweit des Zöoll⸗ hauſes der ſchwarze Regen, der ſich nach kurzer, aber angenehmer Wanderung in ein tieferes Thal einfurcht, deſſen Hintergrund durch den majeſtätiſchen, aber ſchon in Baiern ſtehenden Arber begrenzt wird. Je weiter man ſich von Gutwaſſer entfernt, deſto enger werden zu bei⸗ den Seiten der Straße die Streifen Ackerlan⸗ des, und deſto näher treten die dunkeln Wälder an die Straße heran, bis man nach einigen Stündchen angenehmen Wanderns am weſtli⸗ chen Himmel über den Spitzen der Nadelbäume den Bergrieſen Arber, den höchſten Berg des Gebirges erblickt. Noch ein kleines Stündchen und der durſtige Wanderer tritt in das hübſche Eiſenſtein. Glücklich derjenige, der viel Durſt mitbringt; hier iſt die Quelle des beſtgebrauten Gerſtenſaftes, gegen welchen Nektar und Am⸗ broſia wie Berliner Weißbier ſchmeckt. Vom Markt Eiſenſtein, mit ſeiner ſternartig gebauten Kirche, auf welcher die größte aller Zwiebelkuppeln ſitzt, gelangten wir längs dem Ei⸗ ſenbache, deſſen Geburtsort der hoch und wild ge⸗ legene Teufelsſee iſt, über ſchöne grüne Wieſen zu einer über den ſchwarzen Regen gebauten höl⸗ zernen Brücke, und nachdem wir ſie überſchrit⸗ ten, zu der Glasfabrik Eliſenthal. Hier ver⸗ läßt der ſchwarze Regen, nachdem er bei Ei⸗ ſenſtein den Eiſenbach verſchluckt hat, die böh⸗ miſche Seite und tritt nach Baiern über. Von dieſer Seite aus, ſagten uns die Leute, ſei der Berg am leichteſten zu beſteigen, der bequemere Weg aber führe über Bairiſcheiſenſtein zu den Brennethöfen, welche am Sattel zwiſchen dem Arber und der Seewand liegen. Der beſchwer⸗ lichere aber intereſſantere Weg führt längs dem Arberbache durch einen herrlichen Buchenwald zu den Brennethöfen ſteil hinauf. Ueber dieſem Gebäude erſcheint der Berg als ein ſtumpfer Kegel, den die Buchenregion nicht mehr erreicht und der nun von koniſch wachſenden Fichten bedeckt iſt; auch dieſe werden je höher allmä⸗ lig von Knieholz verdrängt. Der Berggipfel beſteht aus kahlen Felſen⸗ —.n:?s: 251 kuppen, von den die zwei höchſten an der Oſt⸗ ſeite und die zwei niedrigen an der Weſtſeite ſich erheben. Zwiſchen den zwei größern Kup⸗ pen ſteht eine kleine gemauerte Kapelle, der heil. Anna geweiht, nebenan eine hölzerne Hütte mit einem ſteinernen Herde, auf welchem der übernachtende Wanderer ſich ein Feuer an⸗ machen kann. Die höchſte Kuppe hat 4604 Fuß (ü. d. M.) und iſt die höchſte Spitze des gan⸗ zen Gebirges. Am nördlichen Abhange befin⸗ det ſich der kleine Arberſee, der Urſprung des weißen Regens. An der ſteileren Südoſt⸗ ſeite liegt in einer wilden Felſenſchlucht der große Arberſee, deſſen Abfluß ſich mit dem ſchwarzen Regen verbindet. Südlich unter dem Gipfel liegt eine abhängige ſumpfige Fläche, unter der ſich eine wilde Schlucht, das ſoge⸗ nannte Rüßloch gegen Bodenmais hin öffnet. Die Ausſicht bei heiterm Wetter(windig iſt's beſtändig da oben) iſt eine der großartig⸗ ſten über das wellenförmige mit lauter Wald bewachſene Terrain. In ſüdöſtlicher Richtung erblickt man in perſpektiviſcher Verkürzung die hohen Grenzgebirge bis zu dem Dreiſeſſel⸗ berg, die höchſte Kuppe iſt hier der Rachel (4580 Fuß). Nordweſtlich taucht die See⸗ wand und der zweizackige Oſſerberg in die Höhe, an dieſen ſchließt ſich in weitere blauer Ferne der hohe Bogen der Cerchow bei Taus und das ganze Oberpfälziſche Waldge⸗ birge an. Gegen Baiern dehnt ſich parallel mit dem Grenzgebirge ein 3000“ hoher Rücken, der bairiſche Wald aus, über welchem ſich ein heller Streifen des Flachlandes zeigt, den die an 80 Wegſtunden entfernten Alpen begrenzen. Gegen Böhmen zu iſt die Ausſicht theilweiſe durch die hohen Waldberge bei Eiſenſtein beſchränkt. Gegen Nordweſt hängt der große Arber mit dem viel niedrigern kleinen Arber zuſammen und iſt gegen Südweſt und Oſt von Vorbergen umlagert. —..— 2* Altneuſchule. Synagoge in der Zu⸗ denſtadt in Prag. Unter den neun Synagogen Prags findet die ſogenannte Altneuſchule, deren Abbil⸗ dung das gegenwärtige Heft bringt, die meiſte Beachtung. Sie iſt ein ſeltſames alterthümli⸗ ches Gebäude mit ſchmalen gothiſchen Fenſtern. Die ſchwarze dicke Kruſte, mit der ſie überzogen iſt, gibt ihr ein düſteres Ausſehen. Der Sage nach iſt ſie von den erſten Flüchtlingen aus Jeruſalem erbaut. Am Gewölbe hängt eine Fahne, welche Ferdinand III. der Juden⸗ ſchaft für die 1648 bei der Belagerung von Prag bewieſene Tapferkeit ſchenkte. 25²2 ————O——QOQ—— Feuilleton iun 3 A. ten nacht m Fenſter. viſti, Rapſchnäbel 3 3 75— er für dn Ainſ Suauanheſ Bchne abehähenz uterlälter, e, es ſäi am geit ader Gemüt ſol asgehe nim Ein Jahrzehend iſt vorbei,— Beani, Schieber, Spulwürmer, Iugerfren⸗ men Weiſ eogeſcheff weeßfef Waden ſie auf äin Ka Knabe bin ich, frank und frei; Hauspennäle, Hausunken, Oelberger, Feix. Der von der Lidef 17 deen rrntf, Bomußten ſie ſich der, R Lüſtern blick' ich aus dem Zimmer Name Fuchs ſcheint erſt ſpäter enkſtanden zu ſein Köpfe ſe 19e Fnen hgeteen etrsee n ſ G Liileraht lnn dch ena dea. und würde wohl, wie auch jetzt, ſowohl den ei lein, we ce lhnen abgeſchlagen wurden, ſaune,“ Eine Frucht mit rothem Schimmer Gymnaſiaſten(Schulfuchs) als auch den Studen⸗ ſtörriſche Weſen nt lich en⸗Trot und das alte Neſteln, Locket meine flinke Hand. ten in Erien Semeſter beigelegt. ben und getaüent dunbih in ihnen ſolte erſtor⸗ Fpi ⸗ eber die Herkunft des Ausdr zuchs“ 7 hätten Zwei Jahrzeh'nde ſind vorbei,— iſt ſchon viel Lellet rüegin Aherrnds Suchor geſchne munnden jedem Einzelnen die Haare unter d Steh' in meines Lebens Mai: und Paullini wiſſen folgende Herleitung. Es dasſelbe ſolle ſ tit Holzſpänen beſtreut,„daß er und de Und ich blicke mit Verlangen ſei in Jena ein Profeſſor Kaſpar Arnhru⸗ Saaber in 1 ſenber behalten, vnd nicht ziehen Solda Zu dem Fenſter oft hinaus; d. i. Lämmerſchwanz oder Lämmerzagel Läm⸗ greuel.“ Nachd ſtoltz oder zum abſchewlichen ihre Blaue Augen, rothe Wangen merzahl von Ilmenau geweſen, ein guter und Nran unghhachhein Lwneden ihm die Ohren mit zwanz Blühen in dem Nachbarhaus. zehrler Mann, der nicht ſo dumm war, wie er Gehör ſolt euffmerchunn ffon doneiate deß Lit gänger ausſah, aber ſehr furchtſam; na 4 1 uffmerckſe n zur Lehre der Tu⸗ zug Drei Jahrzeh'nde ſind vorbei,— ſchreibung San Fofntſain nac andeher 65 den dnelüheie nde ſich, Aler Anſauberkeit dere An dem Fenſter ſtehen zwei.“ mehr im Gehirn hatte, als ihm eben vorn an ziehen.“ TWelter wür Vnn ſchädlicher Rede ent⸗ deres 1 Alles, Alles iſt mein eigen, ſeiner Pfanne herausguckte, dabei aber ein blö⸗ in den Mund geſteckt und dann Verher Edergahn ſeſu Was mich ſonſt an's Fenſter trieb— be Thier, ſo immer ſorgte, der Himmel möchte Zange herausgezogen, wobei der Brochant nar fen ſto 3h Frucht an Frucht an allen Zweigen erſten und ihm auf die Platte fallen.“ Dieſer einem Stuhle mit einem Bein ſi 3 Neunng Und im Arm mein holdes Lieb. hatte früher eine Reihe Inhre in einer schola h daß er ni ein ſitzen mußte; es ren die 4 3 trivialis den Schulſtaub geſchwitzet(er war Rek⸗ eicahgaadahn Lemnle lell beiſſig ſehi, auch A [2 Vier Jahrzeh'nde ſind vorbei,— tor und Konrektor zu Halle und Jena geweſen) tzen verle umnberiſchen ähan Namen mit ſchwar⸗ bier Sc A 1n An dem Fenſter ſtehen drei; 4 und kam von ihr auf das Katheder zu Jena als ſäuberte der ihn dihuen gbernagen. Dann in ſein Und mein Junge ſtreckt die Hände Profeſſor ethicae et logicae, trug einen Mantel und Nägel mit einer Feile Phchaten Winbe mm den Wie ich weiland— lüſtern aus, mit Fuchspelz gefüttert, daher ihn die Studenten nicht ſolle gebrauchen zu vnnöti en W ine Pän Ei richt die Frucht am Wandgelände, Schulfuchs(vulpecula scholastica), nannten. rauffen und ſchlagen, zum vauden aflen, zum gen St Gott geſegne ihm den Schmaus. Wor rcchlu hen den dniranfietsgeech des ſeudtrn 3 Vmen Büchern, zu nutzlichem Schrei⸗ in ſij . 3 g c„da ſie den ben, vnd ſolcher Arbeit die v ine 3 lichien ͤ de II Burſch, was ſoll die Späherei? E. den Bart, welchen man deß Penna Iſt es wohl die runde Birne,„ Zuvörderſt mußte der Ankömmling die Be⸗„daß er ſich hen mehr Fhegen gemuilt hetſe, Tage, Die Du anblickſt fort und fort? anis ablegen, was in dem Akt der ſogenannten beſchleppen, ſondern ſich entweder ſelbſt rhe ſen der de 4 Oder iſt's die ſchmucke Dirne Dedſütiv geſchah. Dieſer Depoſitionsakt be⸗ gieren, oder auf das wenigſt von bartigen Män⸗ den y 4 In dem Nachbarhauſe dort? ſtan fn lauter thörichten Poſſen, welche aber nern, die ihm vorgeſetzt ſind, regieren laſſen.“ die A 3 anfang nichts weniger als lächerlich befunden, Statt der Seife wurde hierbei gebrannte Ziegel 2 3 Sechs Jahrzeh'nde ſind vorbei.— ſondern gar ernſt behandelt und öffentlich ausge⸗ ſtatt des Raſirmeſſers ein Meſſer von Holz 5 Verlum Alles alt und wieder neu! führt wurden. Alles geſchah, um den Jüngling des Handtuchs ein Stück alt len be deis kent Streich Folgt Geſchlecht doch dem Geſchlechte, in's akademiſche Leben einzuführen,„um den gebraucht. Endlich legte man⸗ dmn Würirnnnd Markte Steter Wechſel, nimmer Ruh'. Baechanten zu einem rechten Studenten zu kreiren Karten vor, um zu ſel b er z ädli chen, Wüßt nicht, was ich ſehen möchte; und zu machen.“ Dingen Luſt Pean hen ustse zr gaidlichen d 1— j Irt ſer. a Schließt die Fenſterladen zu! uoel diner deponirt ſein, ſo mußte er ſich eer, wenn er Ibe: deim Beraihn much Ldaß dhil W. E. ät mnelden. Naldem ſech e dhchen Patunt den wiſſen ſolle, daß in der Muſik eine Ergötz⸗ kür i —. eine gewiſſe Anzahl lichkeit und Ermunterun 1 zu fin⸗ wenn Kendenen Seldetrhatien, wncde der Tag aie den ſere 1 dad Weniihen 3u i nußte ;„ 1 1* Depoſitor in einem Nun gehen die Bacchanten hinaus und er⸗ 1 um B. Kulturhiſtoriſches. Pohdenetteledn wie es die Schauſpieler und ſcheinen wieder in ordentlicher Kleidung. Der aber de Der Pennalismus. Die Schmach und kis n tfrhenu deu⸗ erſchien. Wenn derſelbe⸗ Depoſitor hält eine lateiniſche Rede, in der er Dmau Hilfloſtgtei Deutſchlands im 17. Jahrhundert geordnet hatte keſennnente ansgehreiten un 3 Pepertten bem Debun mpfießlt unt ihn in Laſe übte ihren nachtheiligen Einfluß auf alle geſellis den Baccha nr 1 1iSren Namen um das Depoſſtionszeugniß bittet. P hf it⸗ 1 4 ntenrock, einem abenteuerlichen Klei⸗ Der Dek t in einer ini gen Verhältniſſe, vorzüglich auch auf das Leb h 6 Lll er Dekan antwortet in einer lateiniſchen Rede der deutſchen Btudenken ch 8 uf kein Wuen fgſiten welches dunn zerher be iteſhe ſah kulli e eeih auieger anen und begleitet de der, daß eine vollſtändige Verwilderung auf de 1 rnünffti z Anh, ſon, mit väterlichen Ermahnungen. Zuletzt reicht deutſchen Hochſchulen dedende g auf den dern fennenidernünfiger, zeh dundes Thier were“ man den Bacchanten Salz und Wein,„damit ſie alle F Auf den Univerſitäten wurde nur das große erſcheinen, zum Zercen menſchlicher Geſtalt zu ſollten ihre Reden und Thaten mit guter Lehr und von ſic Trauerſpiel mit Variationen nachgeſpielt; elende chantenpoſſen fortan entſchl aß er ſich der Bac⸗ Weisheit würzen und die correctiones, die Ver⸗ zu ſehe Parteiſucht, Tyrannei, Waffengeräuſch und ein tiger Menſch ſein wolle agen und ein vernünfe weiß vnd Vermahnungen wol annehmen.“ Ernſte Landsknechtleben finden wir auch hier. Alsdann malte der D ſttor den B Den Schluß machte der Spruch des neuen glauben Gleich im Anfang des 17. Jahrhunderts einen Bart mit Schuſterſthten ki Faochanten Studenten an ſeinen Meiſter:„Accipe, depositor, nacht bildete ſich das Unweſen aus, welches unter dem einer gewiſſen Hrmhnſ warze ſte te ſie in Pro munere munera grata. Et sic quaeso mei viel mi Namen des Pennalismus und Nationalismus ſein des Dekans und rſdern Zuſchamr in ei⸗ dis maneasdue memor,“ und nun war der ehema⸗ N das weſelige Leben der Studenten ganz be⸗ Somit hatte der ergenfiche Vepofitinnaee ſige Bachant ein Pennal und der Depoſitor ed herrſchte. begonnen. r ſei: 6„„ der ihr Nachdem die Burſen abgeſchafft waren, hatte deg nzer arfälanrhs engeendete ſo ließ 5 Man pflegte damals auch wohl kleine Kinder ſrage⸗ man auf allen Univerſitäten beſtimmt, daß den löſen oder über irgend ein Then rech Su de tenen, un 169hren, weherſſe un Hieelnniserſtüt muen jüngern Studenten Aufſeher oder ſogenannte In⸗ bel hatte er 1 Adnin deh Wſhr ei. 3 d kamen, zu deponiren, wahrſcheinlich deßhalb, weil diega spectores morum et studiorum übergeordnet wür⸗ oder Kleie geltillt, ainerere ennn„ n and man mit dieſen gelinder umging und damit ſie Lände den, und es geſchah deßhalb, daß Neuankom⸗ ſeinem Geſchmack, ſo ſchlug er zyn vuntiicht nach ſpäter den Depoſitionsactus nicht wieder zu be⸗ abfüh mende ältern Bhehnrene beſonders Landsleuten zu Thrner Whale de goedein 5 wnit uf is ſtehen brauchten. Im Dreißigjährigen Kriege weiter zugetheilt wurden. Dieſe fingen bald an, eine die Bacchanten auf die Erde legen ſoß en ſich hatte dieſes Unweſen ſo überhand genommen, daß Teufe unerträgliche Herrſchaft über die ihnen Empfoh⸗ Küpſe in einen Krais fielen und Nud Alhr aß ihre üüer die Hälfte der Immatrikulirten aus Knaben ſcheru lenen auszuüben und dieſelben ganz als ihre Stern bildeten,„daß ſie ſolten haben Vrberinan pand. Renn kdun. Untergebenen zu behandeln: es bildete ſich der zeichen der Demuth und Vnderdienſthaffti zene, upe ie Pennäle wurden von den Schoriſten der La Unterſchied zwiſchen den„Schoriſten“ und„Pen⸗ Die ſo auf der Erde Aus eſtreclten ff igleit. auf's ärgſte tyranniſirt. Sie mußten in der Kirche en ſe rilen⸗ aus. Erſtere wurden auch Abſoluti und zum Scheine mit der Ar und 1 behai nodr ii den ſögenanten Fuchäece lehen, burften keine büch enten genannt, iti ⸗: 3 einen Degen tragen, muß⸗ ock hij g genannt, letztere Quaſtmodogeniti, Neo⸗ außerdem Hobel, Säge, Bohrer ꝛc. an,„damit al⸗(ten die alten Studenten bewirthen rar bedien 15. er i ſeinen ihnen Bier und Branntwein, Bretzeln und Kar⸗ ten nachtragen, ihnen ihre guten Kleider und Bü⸗ cher für deren alte und abgetragene geben, mußten unter den Tiſch kriechen und heulen wie eine Katze oder Hund, Schuhe putzen, Naſenſtü⸗ ber, Maulſchellen und Stockſchläge aushalten u. ſ. w. Schröder ſagt in ſeiner„Friedenspo⸗ ſaune,“ daß ſie ein Gemiſch von„zerſchnittenen Neſteln, Oeſel aus den kicheputgen Tinte, Senf, arſtig ſtinckender Butter, Nußſchellen u. ſ. w.“ hanen einnehmen müſſen, ein Gebrauch, welcher unter dem Namen„Schwedentrank“ bekannt war und den die Herren Schoriſten von den ſchwediſchen Soldaten gelernt. Auch mußten die Pennäle für ihre Schoriſten abſchreiben und Wege von zehn, zwanzig und mehr Meilen gehen, auf Spazier⸗ gängen dieſelben begleiten, ihnen Degen nachtra⸗ en, wenn ſie ſich ſchlugen, ſie pflegen und er⸗ heitern, wenn ſie krank waren. Als etwas Beſon⸗ deres wird erwähnt, daß die„Halfpapen“ zu Roſtock ihren Schoriſten Tabak ſchneiden und Pfei⸗ fen ſtopfen mußten. Diejenigen aber, welche die Neuangekommenen am meiſten pennaliſirten, wa⸗ ren die Studenten der Theologie. Im Jahre 1615 drangſalten und ängſtigten vier Schoriſten einen Pennal dermaßen, daß er in ſeiner Noth aus dem Fenſter ſprang und an den Folgen des Sturzes elend ſtarb. Einer helcher Behandlung konnten die jun⸗ gen Studenten nicht ausweichen; die meiſten füg⸗ ten ſich deßhalb und ertrugen ſie willig; ja Viele ſuchten ſich deßhalb ſogar hervorzuthun. Im Jahr 1661 verſammelten ſich z. B. über 200 Pennäle bei dem Collegio zu Leipzig an dem Tage, an welchem ein kurfürſtliches Mandat wi⸗ der den Pennalismus öffentlich angeſchlagen wor⸗ den war, um, wie ſie ſich verſchworen hatten, die Abſchaffung zu hindern. Wer ein richtiger Pennal war, der ging ſo zerlumpt als möglich, war bei jedem tollen Streiche der Erſte, beſtahl die Leute, die auf dem Markte feilhatten und foppte die Bürger, Be⸗ chen, wie er ſie nannte, auf jegliche Weiſe. Die Meiſten tröſteten ſich mit der Hoffnung, abſolvirt zu werden und dann mit gleicher Will⸗ kür über die Jüngern zu herrſchen. Denn wenn ein Pennal ſein Jahr überſtanden hatte, mußte er zu allen Landsleuten herumgehen und um Befreiung des Zwanges bitten, ſchließlich aber den ſogenannten Abſolutionsſchmaus geben. Darauf war er Student und konnte die Pennäle ebenſo vexiren, als er vexirt worden war. (Oskar Dolch: Geſchichte des deutſchen Studentenhums). Der Teufel bei Hans Sachs. Da der alte Fürſt der Welt in unſerer Zeit wieder viel von ſich reden macht, ſo iſt es nicht unintereſſant zu ſehen, was er in jener, wo Luther im Ernſte das Tintenſaß nach ihm warf, im Volks⸗ glauben für eine Figur ſpielte. Haus Sachs macht ſich in ſeinen ſchwankhaften Erzählungen viel mit ihm zu ſchaffen. Wohl läuft dem Dichtar der Angſtſchweiß herab, als der„rabenſchwarze, urlange Mann“, der ihm auf dem Kreuzwege begegnet, ſeiner Frage, wo in Nürnberg wohl die beſten Werk⸗ leute wären, einfach beifügte, er ſei der Teufel; die Hölle wäre im zu eng, weil Seelen aus allen Ländern und Ständen mit ſolchem Gedränge hin⸗ abführen; darum wolle er ſie um etliche Meilen weiter bauen laſſen; aber gleichwohl iſt dieſer Teufel ſo gutmüthig, dem Erſchrockenen die Ver⸗ ſicherung zu geben, er wolle ihm nichts zu Leide thun. Als Lueifer ſo viel von dem böſen Volk der Landsknechte, das in Deutſchland auferſtan⸗ den ſei, vernommen hatte, trug er Verlangen, etliche zu ſehen, und ſchickte ſeinen Knecht Beltze⸗ bock hinauf auf Erden in ein Wirthshaus, daß er ihrer ein Dutzend herunterbrächte. Dieſer, ſeinen Auftrag in liſtiger Weiſe auszufithren, ſtellt ſich dort unſichtbar hinter den Ofen. Aber, als er ihre Reden vernahm, ſtanden ihm die Haare zu Berg. Doch dacht' er etwa beim Trin⸗ ken in einen zu fahren. Aber ſiehe da! obſchon ſie immer ein Glas auf einen Zug hinunterſtürz⸗ ten, ſo ſprach doch jeder vorher, dem Nachbar zutrinkend: daß Dir’'s Gott geſegen. Und ſo ge⸗ ſegnets immer einer dem Andern, indeß der Teufel, einem Narren gleich, den Abend daſtand. Nun hatte einer unter ihnen einen Hahn erſchla⸗ gen und hinter den Ofen gehangen. Der ſprach zum Wirth:„Geh' hinter den Ofen, nimm den armen Teufel, zupfe ihn und laß ihn braten, dann wollen wir ihn zerreißen und freſſen.“ Bel⸗ tzebock meint, ſie hätten etwa ihn geſehen, ſtößt eine Ofenkachel durch und fährt durch's Ofen⸗ loch hinaus wieder hinab zur Hölle, und macht Lucifern eine ſo gräuliche Schilderung von den wilden Landsknechten, daß dieſer den Beſchluß faßt, keinen Landsknecht aufzunehmen, ſondern ſich mit den zahlreichen andern Ständen auf Er⸗ den zu begnügen. Schon aus dieſem Beiſpiel iſt erſichtlich, daß der Teufel des Volksglaubens ein furchtſamer Geſelle iſt. Wie wenig der Teufel Witz und Muth be⸗ ſitzt, ergibt ſich auch aus folgender Geſchichte. Er kündigt ſich an als den Geiſt, der Zwietracht unter frommen Eheleuten macht; über ein Paar aber hat er durch all ſein Einblaſen an die drei⸗ ßig Inhre nichts vermocht. Seine Klage dar⸗ über hört ein altes Weib, und verheißt ihm für ein verſprochenes Geſchenk, daß ſie noch heute bei ſcheinender Sonne einander ſchlagen ſollen. Er verſpricht ihr ein Paar ſchöne neue Schuhe. Und ſiehe da, es gelingt. Wie nun aber die Alte einen Kreis um ſich zieht und ihn beſchwört, zu erſcheinen und die Schuhe zu bringen, da reicht er ihr dieſelben in den Kreis an einem langen Stecken, den er noch abgeſchält hat, damit ſie nicht zwiſchen Holz und Rinde zu ihm kriechen und ihn fangen und binden könne.— Einſtmals kam er auf die Erde, um ſich, weil er viel von den Freuden des Eheſtandes vernommen, mit einer frommen alten Frau zu vermälen. Da er nämlich ſeinerſeits auch alt ſei, meinte er nicht für eine junge zu taugen. Dieſe aber quälte ihn dergeſtalt, daß er ihr davon lief und ſich in der Einöde auf einen Baum ſetzte. Da geht ein Arzt vorbei, der Teufel verdingt ſich ihm; er wolle nämlich in einen Menſchen fahren und der Arzt ſolle ihn dann austreiben und ihm die Hälfte des Honorars geben. Gleich das erſte Mal be⸗ trügt ihn der Arzt um fünf Thaler; bei einer zweiten Beſchwörung will er daher nicht mehr ausfahren, und ſchimpft jenen einen Dieb und Betrüger durch den Mund des Kranken. Der Arzt läuft vor Angſt zum Saal hinaus, kehrt aber bald wieder mit einer ſtärkeren Beſchwö⸗ rung, indem er ſpricht:„Teufel, Dein altes Weib iſt unten im Hof und verlangt Dich wieder zur Ehe. Sie hat einen Brief vom Chorgericht ge⸗ nommen, Du ſollſt mitgehen und Dich verant⸗ worten.“„Ei, da will ich lieber wieder in die Hölle,“ rief der erſchrockene Teuſel, fuhr aus und davon. Die ſpringende Prozeſſion. Zu Ech⸗ ternach, im Bisthume Trier, beſtand vor Alters die ſogenannte ſpringende Prozeſſion. Dieſe ſoll im vierzehnten Jahrhundert entſtanden ſein. Die Limburger Chronik erzählt, daß im Jahre 1374 eine ſonderbare Krankheit in den Erzſtiften Trier und Köln und in andern Theilen Deutſchlands geherrſcht habe. Man nannte dieſe Krankheit den Skt. Veitstanz. Weil die Muskeln der von die⸗ ſer Krankheit Befallenen in krampfhafte Bewe⸗ gungen geſetzt wurden, ſo daß die Kranken unter Verdrehung der Glieder umherſprangen, wie Ra⸗ ſende mit einander tanzten und dann erſchöpft niederſanken: ſo glaubte man durch freiwilliges Springen und Tanzen und das damit verbundene 253 Gebet der Krankheit zuvorzukommen. Daraus läßt ſich der Urſprung der ſpringenden oder tan⸗ zenden Prozeſſion herleiten. Dieſelbe ſtellte ſich ſtets am Pfingſtdienſtage an der Echternachbrücke auf und zog dann in die Stadt. Unter Beglei⸗ tung von vielen Muſikbanden ſprangen die Pilger und Pilgerinen ſtets reihenweiſe vier Schritte vor⸗ wärts und drei zurück, dann acht vorwärts und drei zurück u. ſ. w., ſo daß ſie alſo langſam vor⸗ wärts rückten. Von der Brücke der Sauer aus bis zur Kirche hin dauerte die ſpringende Prozeſſion ge⸗ wöhnlich zwei Stunden; hatten die Pilger die Kirche erreicht, ſo warfen ſie ſich auf ihr Ange⸗ icht betend nieder. Früherhin umzogen ſie auf ie angegebene Art noch dreimal die Abteikirche, ehe ſie dieſelbe betraten. Beim Einzuge in die Kirche ſtellten ſich die Fahnenträger und Bru⸗ dermeiſter unter den alten Kronleuchter, auf wel⸗ chem 72 Kerzen brannten. Dann begann das feierliche muſikaliſche Hochamt. Im Jahre 1777 unterſagte der Trier'ſche Erzbiſchof Clemens Wenzeslaus wegen ein⸗ getretener Mißbräuche das Abhalten dieſer Prozeſ⸗ ſion und ſo unterblieb ſie von 1778 an bis 1802, in welchem Jahre man den alten Gebrauch wieder erneuerte, indem 2978 Tänzer mit 74 Muſikan⸗ ten in Echernach einzogen. Aehnlicher Weiſe ging es in den folgenden Jahren fort. 1812 nahmen 12678 Perſonen an der Prozeſſion Theil und noch jetzt zählt man jedes Jahr viele Tauſend Pilger aus dem Luxemburgiſchen, der Eifel, von der Moſel, der Saar, dem Hochwalde und noch weiter her. Literariſches. Werther— Jeruſalem. Göthe ſagt in„Wahrheit und Dichtung“ in Betreff der Kon⸗ ception Werthers:„Jeruſalems Tod, der durch die unglückliche Neigung zu der Gattin eines Freundes verurſacht ward, ſchüttelte mich aus dem Traum, und weil ich nicht blos mit Be⸗ ſchaltlichkeit das, was ihm und mir begegnet, be⸗ trachtete, ſondern das Aehnliche mich in leiden⸗ ſchaftliche Bewegung ſetzte, ſo konnte es nicht feh⸗ len, daß ich jener Produktion all die Gluth ein⸗ hauchte, welche keine Unterſcheidung zwiſchen dem Dichteriſchen und dem Wirklichen zuläßt.“ Göthe nahm aus dem Berichte, den ihm Keſtner, Lot⸗ tens Verlobter, über den Selbſtmord des ſchwär⸗ meriſchen Jünglings ertheilte, eine Menge Ein⸗ zelheiten in ſeinen Roman auf. Wir heben aus dieſem intereſſanten Briefe das Wichtigere heraus. „Man will geheime Nachrichten aus dem Munde des Sekret. H... haben, daß am Mitt⸗ woch vor Jeruſalems Tode, da dieſer bei H... und deſſen Frau zum Kaffee war, der Mann zum Geſandten gehen müſſen. Nachdem der Mann wieder kömmt, bemerkt er an ſeiner Frau eine außerordentliche Ernſthaftigkeit und bei Jeruſalem eine Stille, welche beide ihm ſon⸗ derbar und bedenklich geſchienen, zumal da er ſie nach ſeiner Zurückkunft ſo ſehr verändert findet. — Jeruſalem geht weg. Sekret. H... macht über obiges ſeine Betrachtungen; er faßt Arg⸗ wohn, ob etwa in ſeiner Abweſenheit etwas ihm nachtheiliges vorgegangen ſein möchte, denn er iſt ſehr argwöhniſch und eiferſüchtig, er ſtellt ſich jedoch ruhig und luſtig und will ſeine Frau auf die Probe ſtellen. Er ſagt: Jeruſalem habe ihn doch oft zum Eſſen gehabt, was ſie meinte, ob ſie Jeruſalem nicht auch einmal zum Eſſen bei ſich haben wollten?— Sie, die Frau, antwortete: Nein: und ſie müßten den Umgan mit Jeruſalem ganz abbrechen; er finge an ſich ſo zu betragen, daß ſie ſeinen Umgang ganz vermeiden müßte. Und ſie hielt ſich verhunden, 254 ihm, dem Manne, zu erzählen, was in ſeiner Abweſenheit vorgegangen ſei. Jeruſalem habe ſich vor ihr auf die Knie geworfen und ihr eine förmliche Liebeserklärung thun wollen. Sie ſei natürlicher Weiſe darüber aufgebracht worden und hätte ihn viele Vorwürfe gemacht ꝛc. ꝛc. Sie ver⸗ lange nun, daß ihr Mann ihm, dem Jeruſalem, das Haus verbieten ſolle, denn ſie könne und wolle nichts weiter von ihm hören noch ſehen. „Nachts vom Mittwoch auf den Donner⸗ ſtag iſt Jeruſalem um 2 Uhr aufgeſtanden, hat den Bedienten geweckt, geſagt, er könne nicht ſchlafen, es ſei ihm nicht wohl, läßt einheizen, Thee machen, iſt aber doch nachher ganz wohl, dem Anſehen nach. „Donnerſtags morgens ſchickt Sekret. H... an Jeruſalem ein Billet. Die Magd will keine Antwort abwarten und geht. Jeruſalem hat ſich eben raſiren laſſen. Um 11 Uhr ſchickt Je⸗ ruſalem wiederum ein Billet an Sekret. H..., dieſer nimmt es dem Bedienten nicht ab, und ſagt, er brauche keine Antwort, er könne ſich in keine Korreſpondenz einlaſſen, und ſie ſähen ſich ja alle Tage auf der Diktatur. Als der Bediente das Billet unerbrochen wieder zurückbringt, wirft es Jeruſalem auf den Tiſch und ſagt: es iſt auch gut. „Mittags iſſet er zu Hauſe, aber wenig, etwas Suppe. Schickt um ein Uhr ein Billet an mich und zugleich an ſeinen Geſandten, worin er dieſen erſucht, ihm auf dieſem(oder künftigem) Monat ſein Geld zu ſchicken. Das Billet an mich lautet: „Dürfte ich Ew. Wohlgeb. wohl zu einer vorhabenden Reiſe um Ihre Piſtolen gehorſamſt erſuchen?. „Da ich nun von alle dem vorher Erzählten und von ſeinen Grundſätzen nichts wußte, indem ich nie beſondern Umgang mit ihm gehabt— ſo hatte ich nicht den mindeſten Anſtand, ihm die Piſtolen ſogleich zu ſchicken. „Der Bediente mußte die Piſtolen zum Büch⸗ ſenſchäfter tragen und ſie mit Kugeln laden laſſen. „Den ganzen Nachmittag war Jeruſalem für ſich allein beſchäftigt, kramte in ſeinen Pa⸗ pieren, ſchrieb, ging, wie die Leute unten im Hauſe gehört, oft im Zimmer heftig auf und nieder. Er iſt auch verſchiedene Male ausgegan⸗ gen, hat ſeine kleinen Schulden, und wo er nicht auf Rechnung ausgenommen, bezahlt. „Etwa um 7 Uhr kam der italieniſche Sprach⸗ meiſter zu ihm. Dieſer fand ihn unruhig und verdrießlich. Er klagte, daß er ſeine Hypo⸗ chondrie wieder ſtark habe, und über mancherlei; erwähnt auch, daß das Beſte ſei, ſich aus der Welt zu ſchicken. Der Italiener redet ihm ſehr zu, man müſſe dergleichen Paſſionen durch die Philoſophie zu unterdrücken ſuchen ꝛc. Jeruſa⸗ lem: daß ließe ſich nicht ſo thun; er wäre heute lieber allein, er möchte ihn verlaſſen. Der Ita⸗ liener: er müſſe in Geſellſchaft gehen, ſich zer⸗ ſtreuen ꝛc. Jeruſalem: er ginge auch noch aus.— Der Italiener, der auch die Piſtolen auf dem Tiſche liegen geſehen, beſorgt den Erfolg, geht um halb acht Uhr weg und zu Kielmans⸗ egge, da er denn von nichts als von Jeruſa⸗ lem, deſſen Unruhe und Unmuth ſpricht, ohne jedoch von ſeiner Beſorgniß zu erwähnen, in⸗ dem er geglaubt, man möchte ihn deßwegen auslachen. „ Der Bediente iſt zu Jeruſalem gekommen, um ihm die Stiefel auszuziehen. Dieſer hat aber geſagt, er ginge noch aus; wie er auch wirklich gethan hat, vor das Silberthor auf die Starke Weide, und ſonſt auf die Gaſſe, wo er bei Verſchiedenen, den Hut tief in die Au⸗ gen gedrückt, vorbei gerauſcht iſt, mit ſchnellen Schritten, ohne jemand anzuſehen. Man hat ihn auch um dieſe Zeit eine ganze Weile an dem Fluß ſtehen ſehen, in einer Stellung, als wenn er ſich hineinſtürzen wolle(ſo ſagt man). „Vor 9 Uhr kommt er zu Hauſe, ſagt dem Bedienten, es müſſe im Ofen noch etwas nach⸗ gelegt werden, weil er ſo bald nicht zu Bette ginge, auch ſolle er auf morgen früh 6 Uhr alles zurecht machen, läßt ſich dh noch einen Schop⸗ pen Wein geben. Der Bediente, um recht früh bei der Hand zu ſein, da ſein Herr immer ſehr akkurat geweſen, legt ſich mit den Kleidern in'’s Bette. „Da nun Jeruſalem allein war, ſcheint er alles zu der ſchrecklichen Handlung vorberei⸗ tet zu haben. Er hat ſeine. Brieſſchaften alle zer⸗ riſſen und unter den Schreibtiſch geworfen, wie ich ſelbſt geſehen. Er hat zwei Briefe, einen an ſeine Verwandte, den andern an H... geſchrieben; man meint auch einen an den Ge⸗ ſandten Höffler, den dieſer vielleicht unter⸗ drückt. Sie haben auf dem Schreibtiſch gelegen. Erſter, den der Medikus anderen Morgens ge⸗ ſehen, hat überhaupt nur folgendes enthalten, wie Dr. Held, der ihn geſehen, mir erzählt: „Lieber Vater, liebe Mutter, liebe Schwe⸗ ſtern und Schwager, verzeihen Sie Ihrem un⸗ gücklichen Sohn und Bruder; Gott, Gott, ſegne Euch!“ „In dem zweiten hat er H... um Verzei⸗ hung gebeten, daß er die Ruhe und das Glück ſei⸗ ner Ehe geſtört, und unter dieſem theuren Paar Uneinigkeit geſtiftet 2c. Anfangs ſei ſeine Neigung gegen ſeine Frau nur Tugend geweſen ꝛc. In der Ewigkeit aber hoffe er ihr einen Kuß geben zu dürfen ꝛc. Er ſoll drei Blätter groß geweſen ſein, und ſich damit geſchloſſen haben:„Um ein Uhr. In jenem Leben ſehen wir uns wieder.“ (Vermuthlich hat er ſich ſogleich erſchoſſen, da er dieſen Brief geendigt.)“ In Wetzlar machte dieſer Selbſtmord unge⸗ heures Auffehen. Leute, welche den Jeruſa⸗ lem kaum einmal geſehen hatten, konnten ſich gar nicht zur Ruhe begeben, viele konnten nicht ſchlafen, die Frauen zumal nahmen den tiefſten Antheil an dem Schickſal des unglücklichen Jüng⸗ lings, und Wertber fand ein ſehr bereites Pu⸗ blikum. Vater Gleim und Göthe. Wie un⸗ gebunden der junge Göthe im Hoſcirkel zu Wei⸗ mar ſeiner Laune die Zügel ſchießen ließ, gibt ſich unter anderem auch im folgenden Berichte des alten Gleim auf die anmuthigſte Weiſe kund. „Kurz darauf,“ erzählt er, nachdem Göthe ſei⸗ nen Werther geſchrieben hatte,„kam ich nach Weimar und wollte ihn gerne kennen lernen. Ich war Abends zu einer Geſellſchaft bei der Herzogin Amalia eingeladen, wo es hieß, daß Göthe ſpäterhin auch kommen würde. Als lite⸗ rariſche Neuigkeit hatte ich den neueſten Göttinger Muſenalmanach mitgebracht, aus dem ich Eins und das Andere der Geſellſchaft mittheilte. In⸗ dem ich noch las, hatte ſich auch ein junger Mann, auf den ich kaum gemerkt, mit Stiefeln und Sporen und einem kurzen, aufgeſchlagenen Jagdrocke, unter die übrigen Zuhörer gemiſſht. Er ſaß mir gegenüber und hörte ſehr aufmerk⸗ ſam zu. Außer einem Paar ſchwarzglänzenden italieniſchen Augen, die er im Kopfe hatte, wüßte ich ſonſt nichts, das mir beſonders an ihm auf⸗ gefallen wäre. Allein es war dafür geſorgt, ich ſollte ihn ſchon näher kennen lernen. Während einer kleinen Pauſe nämlich, wo einige Herren und Damen über dieß oder jenes Stück ihr Urtheil abgaben, eins lobten, das andere tadelten, er⸗ hob ſich jener feine Jägersmann— denn dafür hatte ich ihn anfänglich gehalten— vom Stuhle, nahm das Wort und erbot ſich in demſelben Au⸗ genblicke, wo er ſich auf eine verbindliche Weiſe gegen mich verneigte, daß er, wofern es mir ſo beliebte, im Vorleſen, damit ich nicht allzuſehr ermüdete, von Zeit zu Zeit mit mir abwechſeln wollte. Ich konnte nicht umhin dieſen höflichen Vorſchlag anzunehmen und reichte ihm auf der Stelle das Buch. Aber Apollo und die neun Muſen, die drei Grazien nicht zu vergeſſen, was habe ich da zuletzt hören müſſen! Anfanlgs ging es zwar ganz leidlich. Die Zephyr'n lauſchten, Die Bäche rauſchten, Die Sonne Verbreitet ihr Licht mit Wonne. „Auch die etwas kräftigere Koſt von Voß, Leopold Stolberg, Bür ger wurde ſo vorge⸗ tragen, daß ſich Keiner darüber zu beſchweren hatte. Auf einnial aber war es, als ob den Vorleſer der Satan des Uebermuthes beim Schopfe nehme, und ich glaubte, den wilden Jä⸗ ger in leibhaftiger Geſtalt vor mir zu ſehen. Er las Gedichte, die gar nicht im Almanach ſtan⸗ den, er wich in alle mögliche Tonarten und Wei⸗ ſen aus. Hexameter, Jamben, Knittelverſe, und wie es nur immer gehen wollte, Alles un⸗ ter⸗ und durcheinander, wie wenn er es ſo heraus⸗ ſchüttelte. „Was hat er nicht Alles mit ſeinem Humor an dieſem Abend zuſammenphantaſirt! Mitunter kamen ſo prächtige, wiewohl nur ebenſo flüch⸗ tig hingeworfene als abgeriſſene Gedanken, daß die Autoren, denen er ſie unterlegte, Gott auf den Knieen dafür hätten danken müſſen, wenn ſie ihnen vor ihrem Schreibepulte eingefallen wären. Sobald man hinter den Scherz kam verbreitete ſich eine allgemeine Fröhlichkeit durch den Saal. Er verſetzte alle Anweſenden ir⸗ gend etwas. Auch meiner Mäcenſchaft, die ich jeher gegen junge Gelehrte, Dichter und Künſt⸗ ler für eine Pflicht gehalten habe— ſo ſehr er ſie auf der einen Seite belobte, ſo vergaß er doch nicht auf der andern Seite mir einen kleinen Stich dafür beizubringen, daß ich mich zuweilen in den Individuen, denen ich dieſe Unterſtützung zu Theil werden ließ, vergriffe. Deßhalb verglich er mich witzig genug in einer kleinen ex tempore in Knittelverſen gedichteten Fabel mit einem frommen und dabei über die Maßen geduldigen Truthahn, der eigene und fremde Eier in großer Menge und mit großer Geduld beſitzt und ausbrütet; dem es aber en passant wohl auch einmial begegnet, und der es nicht übelnimmt, wenn man tgen— ein Ei von Kreide ſtatt eines wirklichen unterlegt.“ „Das iſt entweder Göthe oder der Teufel!“ rief ich Wieland zu, der mir gegenüber am Tiſche ſaß.—„Beides,“ gab mir dieſer zur Ant⸗ wort;„er hat einmal heute wieder den Teufel im Leibe; da iſt er wie ein muthiges Füllen, das vorn und hinten ausſchlägt und man thut wohl, ihm nicht nahe zu kommen.“ Die weimar'ſche Bühne hatte ihre Dich⸗ ter, wie Göthe und Einſiedel, ihre Komponi⸗ ſten, ihre Dekorationsmaler, ihre Koſtümſchneider. Wer irgend ein Talent für Geſang, Deklamation oder Tanz zeigte, ward hervorgezogen und mußte mitwirken, wie wenn er ſich ſein Brod damit ver⸗ dienen ſollte. Die faſt täglich vorkommenden Pro⸗ ben der Schauſpiele, Opern und Ballete unter⸗ hielten und erheiterten Männer und Frauen, die froh waren, auch einmal etwas zu thun zu haben. Die Truppe war ausgeſucht: die Herzogin Ama⸗ lie, Karl Auguſt, Prinz Konſtantin, Bode, Knebel, Einſiedel, Muſäus, Seckendorf, Bertuch und Göthe, nebſt Corona Schrö⸗ ter, Kotzebue's Schweſter Amalie und Fräu⸗ lein Göchhauſen. Sie bildeten zuſammen eine wunderbare Geſellſchaft, die von Weimar aus nach allen Schlöſſern in der Umgegend— nach Ettersburg, Tiefurt, Belvedere, ſelbſt nach Jena, Ilmenau und Dornburg zog. Wenn die Truppe ſich in Bewegung ſetzen wollte, erhielt Bertuch, wie Falk berichtet, Befehl, mit Tagesanbruch die Packeſel oder den Küchenwagen bereit zu hal⸗ ten. War nur ein kleiner Ausflug beabſichtigt, ½—— r—— ſo genügten drei Packeſel; galt es aber einen weikeren Zug in das ferne Land hinaus, über Berg und Thal, dann war die Nacht vorher voll geſchäftiger Thätigkeit, und alle erzonlichenpfe und Pfannen waren in Bewegung. Welch ein Ko⸗ chen und Braten und Schmoren! welch ein Ge⸗ metzel unter den Hühnern, Tauben und Kapaunen. Die Ilm ward nach Fiſchen durchſtöbert, die Fel⸗ der nach Repphühnern, die Keller wurden ihrer Weine entledigt. Mit Honneuaufgang ritt die luſtige Bande fort, voll übermüthiger Lebensluſt und reizender Ausſichten. Fort ging es, durch Einſamkeiten, deren uralte Rieſenbäume nur den über ihren Wipfeln ruhenden Falken oder das ſcheu an der Hütte des Köhlers vorüberſprin⸗ gende Reh zu erblicken pflegten. Die Bühne war ſchnell genug hergeſtellt, Vorſtellungen unter freiem Himmel waren am beliebteſten. Da gab man Ein ſiedel's Oper„die Zigeuner,“ mit überraſchender Lebenswahrheit. Biaea aus dem Götz wurden eingeflochten. Die erleuchteten Bäume, die Zigeunergruppen im Gehölz, die Tänze und Geſänge unter dem Sternenhimmel, zu denen von fern das Jäger⸗ horn erklang, bildeten ein Gemälde, deſſen ma⸗ giſche Wirkung man nie vergaß. Auch an der Ilm bei Tiefurt, gerade an der Stelle, wo der Fluß eine reizende Krümmung macht, hatte man ein förmliches Theater geſchaffen. Natürliche Ge⸗ genſtände, wie Bäume, Fiſcher, Nixen, Waſſergei⸗ ſter, Mond und Sterne wurden hier mit dem glücklichſten Erfolge zum Mitſpiele verwendet. Humoriſtiſches. Die Schönheit. Aus einem Polterabend⸗ Vortrag. Noch ungleicher, als alle andern Gü⸗ ter dieſer Erde iſt die liebliche Gabe der Schön⸗ heit hienieden vertheilt; ſie iſt nicht nur den Individuen desſelben Geſchlechtes, ſondern auch den Geſchlechtern ſelbſt ungleich zugemeſſen. Bei dem Menſchengeſchlecht iſt die Schönheit dem weiblichen Theil desſelben anheimgefallen und dieſer verſteht es noch dazu weit beſſer, ſeine Vorzüge auszubeuten als der männliche. Der zute Mann ſchafft ſelbſt alles herbei, um durch leider, Putz und Schmuck die Reize der Frau zu erhöhen und ihre Macht zu verſtärken, er ſchmiedet ſelbſt die Kette, die ihn feſſelt, dieſe Kette heißt Ehe. Die Jugend nennt ſie Roſen⸗ kette, ſo lange die Dornen weich und klein ſind, ſpäter nennen ſie viele ſchlechtweg: Dornen⸗ krone. Doch wozu raiſonniren? Erfahrung macht nicht klug. Jeder Mann iſt ehepflichtig, ſo wie er militärpflichtig iſt, früh oder ſpät muß jeder dran. Amoriſt blos der Werbkorporal, der den Jun⸗ gen durch Berauſchung(an den weiblichen Rei⸗ zen) und durch Handgeld(die Mitgift) verleitet, früher und quasi freiwillig zur Fahne zu ſchwö⸗ ren; er übergibt dann die Angeworbenen an den Regiments⸗Inhaber, an den Oberſten, Herrn Hymen, und dieſer weiß ſeine Leute in Subor⸗ dination und Disziplin zu erhalten, wenn der Werbekorporal längſt über alle Berge iſt. Dieſer Oberſt hat auch mebrere andere Gehil⸗ fen und Adjutanten, welche die Rekrutirung be⸗ fördern; ſo z. B. den Nachahmungstrieb des Menſchen. Was die Mehrzahl ſeiner Mitmen⸗ ſchen thut, das macht er mit und ſo macht er auch die Ehemode mit, ohne zu bedenken, wie koſtſpielig dieſe iſt und daß ſie nicht ſo ſchnell wie die andern Moden vorübergeht. Endlich verkaufen ja auch die ſchönen, pikan⸗ ten Namen die neue noch unbekannte Wuare; die Namen:„Gebilfin“,„Lebensgefährtin“, „Ehehälfte“, haben ſchon manchen Einſamen zum Kauf verlockt. Der Mann kann wirklich dabei nur gewinnen, denn jede 1 erhält einen größern —— und höhern Werth, wenn auch nur eine 0 hin⸗ zugeſellt wird u. ſ. w. Aber eine mächtige Gehilfin hat Herr Hymen an der lieblichen Aphrodite, der Mutter des Amor, an der Schönheit. Die Schönheit iſt auch der einzige menſchliche Vorzug, der ſich gleich beim erſten Anblick geltend macht, den Beſchauer ſogleich beſticht, ihn zür ſich einnimmt, und dieſe Wirkung fortſetzt, ſo oft und ſo lange man ſie anſieht. Dennoch haben wir der Natur zu danken, daß ſie die Schönheit dem weiblichen Geſchlechte zugetheilt hat, denn es iſt doch wahrlich mehr Genuß, die ſchöne Geliebte zu küſſen, und von ihr geküßt zu werden, als ſelbſt ſchön zu ſein, da man ja ſich ſelbſt nicht küſſen kann. J. R. Klarenberg. Buchſchau. An der Grenze. Aus dem Nachlaſſe von Moritz Reich, Herausgegeben durch Alfred Meißner. Prag. Karl Bellmannn's Verlag. 1858. Es iſt ein durchaus intereſſantes Buch. Wer darin zu blättern beginnt, wird bald davon ſo angezogen werden, daß er es nicht eher aus der Hand legt, als bis er es von der erſten bis zur letzten Seite geleſen, und wer es geleſen, wird den tiefen Eindruck, den es in ihm hervorbrachte, lange nicht los werden. Es iſt nicht der unver⸗ kennbare Kunſtwerth allein, der uns an dieſes Buch feſſelt, es tritt noch das lebendige Mitge⸗ fühl mit der im Innerſten bewegten Seele des Dichters hinzu, deren Streben, Ringen und Lei⸗ den durch alle Worte zittert. Möglich iſt es wohl, daß das düſtere Bild, welches uns Alfred Meißner im Vorworte von den Lebens⸗ und Todesumſtänden des unglücklichen Reich ent⸗ wirft, den Leſer in vorhinein in jene Stimmung verſetzt, welcher auch das Zufällige und Allge⸗ meine von beſtimmter und beſonderer Bedeutung erſcheint;— ſo viel iſt gewiß: neben dem äſtheti⸗ ſchen Intereſſe macht ſich auch das pſychologiſche geltend und wir finden gerade dort, wo eine un⸗ ausgeglichene Diſſonanz uns unangenehm berührt, eine Stelle, wo wir einen tiefen Blick in das Labyrinth einer mit ſich ſelbſt zerfallenen, groß angelegten Natur werfen können.— Moritz Reich griff die Geſtalten, die er uns vorführt, unmittelbar aus dem Volksleben heraus, und wenn er ſie guch oft mit einer Realität zeichnet, die ſelbſt vor kiner Derbheit und einer nahezu unheimlichen Porträtirung phyſiſchen und mo⸗ raliſchen Elends nicht zurückſcheut, ſo geht doch, wie Meißner bemerkt,„eine Strömung von Poeſie durch Alles, was er ſchrieb.“ Hätte uns Reich nichts anderes hinterlaſſen, als die Er⸗ zählung:„Der Jäger auf den Bergen“(Seite 177), in der Alles ſo plaſtiſch hervortritt, daß (uns die rauhe Natur jenes Erdwinkels und die rauhen Menſchen, die ſie ſchuf, lebhaft vor Augen ſtehen; hätte er uns nichts hinterlaſſen, als dieſe Erzählung, in welcher, wie durch den kalten Mar⸗ mor die bunten Adern, nach allen Seiten hin die rothen warmen Aederchen des Gefühls laufen: wir würden ſchon aus dieſem Ueberreſte die unge⸗ wöhnliche Darſtellungsgabe und das kräftige Ge⸗ fühlsleben des Dichters erkennen. Daß auch der Humor ſeine Sache war, wird der Leſer aus der kleinen humoriſtiſchen Erzählung„der Schrank“ erſehen haben, die wir dem Buche entnahmen. (Wir ſchließen dieſen kurzen Fingerzeig— denn für mehr wollen wir unſere Beſprechung nicht gehal⸗ ten wiſſen— mit der Charakteriſtik, welche Meiß⸗ ner am Schluſſe des Vorwortes von dem Dich⸗ ter gibt.. „Eine weiche, träumeriſche Natur, voll über⸗ quellender Empfindung, waffenlos gegen die Bos⸗ —— 2⁵⁵ heit und Mißgunſt der Menſchen, ohne andere Erfahrung als die ſeines Herzens, verbrannte er raſch, wie in reinem Sauerſtoff, und machte in ein paar Jahren ein Unglücksleben durch, wie kaum die Unglücklichſten in Decennien. Wenu ſeine Gefühlswelt oft überhitzt, ſeine Phantaſie grell und gewaltſam iſt, wenn feine Menſchen, in ſeinen ſpäteren Erzählungen namentlich, dä⸗ moniſch über ihr Maß hinauswachſen, dürfen wir nicht vergeſſen, welche Geier an ihm fraßen und wie jung und erfahrungslos er war. Seine Seele war keuſch und rein und lebte nur für die Kunſt. Er hatte eine ideale Sehnſucht, die Höhen zu erfliegen, die nur erklommen werden können, und ſein Herz brach, wie das eines jungen Ad⸗ lers, ans Schmerz darüber, daß ſeine Schwinge durchſchoſſen war....... 41 Neue Dichtungen von Moriz Horn. Prag. Karl Bellmann's Verlag. 1858. Moriz Horn wurde zuerſt durch ſeine größere Dichtung:„Die Pilgerfahrt der Roſe,“ aus welcher Robert Schumann das herrliche „Waldlied“ komponirte, in weiteren Kreiſen be⸗ kannt.„Die Lilie vom See,“ wovon ein Bruch⸗ ſtück unter dem Titel„Belladonna“ im„Erzge⸗ birgiſchem Album“ vom Jahre 1852 erſchien, ferner die friſch erzählte baieriſche Sage:„Die Köhler von Burg“ und namentlich die ausge⸗ zeichnete Idylle„Die Dorfgroßmutter“(Leipzig 1856) lieferten weiter erfreuliche Belege von der poetiſchen Begabung des Verfaſſers, von dem uns jetzt unter obenſtehendem Titel eine Samm⸗ lung poetiſcher Erzählungen und lyriſcher Ge⸗ dichte in trefflicher Ausſtattung vorliegt. Im K. Weller's Jahrbuche deutſcher Dich⸗ tung(1857) wird der Dichter am Schluſſe ſeiner Biographie folgenderweiſe charakteriſirt:„Horns poetiſche Erſcheinung hat einige Aehnlichkeit mit derjenigen Immerman n's. Urſprünglich und kraftvoll mußte auch er eine gewiſſe äußerliche romantiſche Unklarheit, ein ſeinem eigenſten ori⸗ ginellen Weſen fremden Anflug abſtreifen, bevor er zur vollen Entfaltung ſeines Talentes gelan⸗ gen konnte. Möge ihm denn auch eine ſo ge⸗ deihliche und fruchtbringende Entwickelung wie dem Dichter des„Münchhauſen“ und des„Tri⸗ ſtan und Iſolde verliehen ſein.“— Da wir uns in der„Buchſchau“ nur die Aufgabe ſtellen, den Leſer in Betreff der neueren Erſcheinungen auf dem ſchönwiſſenſchaftlichen Gebiete im allgemei⸗ nen zu orientiren, ſo begnügen wir uns, ohne ſpezielle Kritik zu üben, mit dem Vorausgeſchick⸗ ten und laſſen, dem Leſer ſelbſt zur Probe, ein Ge⸗ dicht aus dem„lyriſchen Anhange“ hier folgen: Beim Abendlied des Thürmers: Es naht des Abends tiefe Stille Der weiten Flur, der Berge Maſſen; Bald deckt die menſchenleeren Gaſſen Der Stadt der Schlaf mit ſeiner Hülle. Des Tages Toſen iſt verklungen, Kaum hört man fernes Hundgebelle, Doch noch herab von einer Stelle Ertönt's wie Abendhuldigungen. Der Thürmer auf des Altans Runde, Er läßt ſein frommes Lied erſchallen. Wie weich die Flötentöne wallen, Wie tief ergreifend um die Stunde! Du Mann dort oben, fern der Menge, Die unten treibt, um zu gewinnen, Du ſitzeſt oft in tieſem Sinnen Auf Deiner Stube, klein und enge. Du, näher holdem Tageslichte, Du, näher dunkler Wolken Gruppen Und goldgefüllten Sternenkuppen, Du ſchauſt die Nacht vom Angeſichte. 256 Du ſieh'ſt die Rieſin niederſteigen, Aufrollen des Gewandes Falten; Du lernteſt Dich vor den Gewalten Der Welt in Demuth früh ſchon neigen. Oft nahm Dein Vater Dich, den Knaben, Mit ſich, wann er die Runde machte, Wann er die theure Stadt bewachte, Und ließ Dein junges Herz ſich laben Im Niederblick auf reiche Auen, Geſegnet von des Herren Händen, Du konnteſt an der Berge Wänden Das munt're Grün der Wälder ſchauen. Dein Vater ſtarb, auch auf die Bahre Haſt Du Dein treues Weib gebettet, Eng hatte Dich mit ihr verkettet Der Liebe Bündniß am Altare. Du denkſt an die Entſchlaf'ne eben, Zum Friedhof wendeſt Du die Blicke, Und Thränen weih'’ſt Du einem Glücke, Das von Dir ſchied mit ihrem Leben. Zum Himmel blickſt Du, führſt zum Munde Die Flöte, und als müßte hören Dein todtes Weib von Deinen Chören, Bringſt Du ihr weiche Liebeskunde. Das iſt das Lied, das tief empfunden Mein Herz, ſo oft ich's auch vernommen, Wie Mahnung will mich's überkommen Aus alten heimgegang'nen Stunden. So, mein ich, wird es nach dem Tode Mit unſ'ren Seelen auch geſchehen, Daß ſie die kleine Erde ſehen Im ſtill erblühten Abendrothe. Da wird an ſie das Amt gegeben, Den Erdenſchlummer aller Müden Als treue Wächter zu behüten, Und ihre Stätte zu umſchweben. Und gleich wie Du zur Abendſtunde Ertönen läſſeſt weiche Lieder, Ertönt Geſang zu uns hernieder Aus dieſer ſel'gen Engel Munde. So denk' ich oft, wenn ich Dich höre, Allein noch wandelnd in den Gaſſen. Noch oft magſt Du mich hören laſſen Dein Lied, Thurmwart, zu Gottes Ehre. Michelet;, J., P'insecte. Paris, 1858. L. Hachette et Comp. So lautet der ebenſo einfache als anſpruchs⸗ loſe Titel eines Werkes, das unter der Menge der populär⸗naturwiſſenſchaftlichen Erſcheinungen der neueſten Zeit unſtreitig obenan geſtellt zu werden verdient. Der Verfaſſer derſelben iſt der bereits als Hiſtoriker ſehr geſchätzte Michelet, der uns ſchon vor etwa zwei Jahren mit einem ebenſo intereſſanten Buche:„L'oiseau“ beſchenkte, das ſich in ſeiner ganzen Ausführung dem oben⸗ erwähnten eng anſchließt und eine ſo allgemeine Theilnahme hervorrief, daß nicht nur das Ori⸗ ginal drei Auflagen erlebte, ſondern auch eine in Berlin verauſtaltete Ueberſetzung, unter dem Titel„Aus den Lüften,“ deren Widmung Ale⸗ xander von Hum boldt annahm, die ausge⸗ dehnteſte Anſprache fand. Beide genannten Schrif⸗ ten durchweht jene Gemüthswärme und ruhig⸗ heitere Beobachtung, die nur aus einer ſo unbe⸗ fangenen Naturanſchauung hervorgehen kann, wie ſie dem Autor eigen iſt. Er führt den Leſer mit mei⸗ ſterhafter Sprache und ſpannender Darſtellungs⸗ gabe hinauf zu den Sängern der Lüfte und hinab bis in die tiefſten Wohnungen der Inſekten, er ſchildert uns die mit bewundernswerther Ausdauer ſtudirten Charaktere dieſer Thiere und deren Ver⸗ hältniſſe ſowohl zu einander als auch zum Men⸗ ſchen. Wir müſſen oft ſtaunen, wie es möglich war, jeden Zug des meiſt ſo verborgenen, für den oberflächlichen Blick kaum bemerkbaren Trei⸗ bens, namentlich der Inſekten, ſo klar zu faſſen und auf ſo entſprechende Weiſe wieder zu geben. Es wird hier von Intereſſe ſein zu bemerken, daß den Verfaſſer bei dieſen ſcharfen Beobach⸗ tungen ſeine Gattin unterſtützte, welche mit un⸗ verdroſſenem Eifer und jenem dem Weibe ſo ei⸗ enthümlichen richtigen Blicke im Geiſte ihres annes die Natur in ihren geheimſten Winkeln zu belauſchen wußte. Mit der Vorausſetzung, daß es unſern Leſern willkommen ſein wird, ſich von dem oben Geſagten ſelbſt zu überzeugen, geben wir aus dem oben erwähnten Buche die gewiß allgemein intereſſante Schilderung„der Spinne,“ und werden ſpäter— findet dieſe Ueber⸗ tragung den erwünſchten Anklang— noch Eini⸗ ges aus dem Werke„der Vogel“ nachtragen. K. Cz. von Cle⸗ Licht und Schatten. Novellen. Zweite mens Ritter von Weyhrother. Auflage. Prag. 1858. Das Buch enthält vier Novellen. Die erſte, „Die Erſcheinung“, behandelt in anziehender Weiſe eine Kur durch Myſticismus. Der Arzt iſt der Bergrath Fernhall, der Kranke der gei⸗ ſtig zerrüttete Baron Sonden, der in Folge verkehrter Erziehung um Glauben und Ruhe gekommen iſt. Der Bergrath, welcher von dem Gedanken ausgeht,„wer nichts glaube, müſſe endlich jeden Unſinn für wahr halten, denn ohne Glauben ſei das Leben nicht auf die Länge zu ertragen,“ baut nun auf den Myſticismus ſein Heilungsſyſtem und läßt dem durch myſtiſche Lek⸗ türe genugſam vorbereiteten jungen Manne im nächtlichen Geiſterſpuk das Bild ſeiner Tochter, die er ihm früher verleugnete, erſcheinen,„um den Feind in Emils Hirn von allen Seiten an⸗ zugreifen und endlich durch die Liebe gänzlich herauszuſchlagen.“ Daß dieſe ſonderbare Kur glücklich gelungen ſei, nun— wir wollen es dem Verfaſſer in dieſem Falle glauben. In der zwei⸗ ten Novelle:„Das Manuſkript“, greift das Gei⸗ ſterleben wirklich, wenn auch blos mittelſt eines Traumes, in die Handlung ein und bewirkt die ſchließliche Verſöhnung. Ein junger Dichter, der ſein Leben im poetiſchen Schaffen verzehrte, nimmt das Manuſkript ſeines Trauerſpiels, deſſen Vor⸗ leſung in einem literariſchen Salon bei Niemand außer der Geliebten Intereſſe erregte, mit in's Grab. Ein Freund, der das Werk der Verwe⸗ ſung entreißen will, ſchläft auf dem Grabeshügel ein und träumt von dem Verſchiedenen, der ihm ſeine Vollendung als Dichter in jener Welt ver⸗ kündet und gegen den Frevel am Grabe proteſtirt. Wenn man in der dritten Novelle die Ironie und die ſatyriſche Zuſpitzung überſieht, ſo mag es ſeltſam genug erſcheinen, daß Jemand in eine hübſche Gliederpuppe ſich verliebt, aber alsbald wie⸗ der von ſeinem Furor geheilt wird, ſobald er wahr⸗ nimmt, daß das, was er für Kautſchuk hielt, wirkliches Fleiſch und Blut iſt. Die recht leben⸗ dig geſchriebene vierte Novelle:„Die Druſin“, zeichnet ſich durch eine ſorgfältige Anwendung von Lokalfarben aus und hat einen überraſchen⸗ den Schluß.— Freunde anſprechender Lektüre können in dem Büchlein ihre Rechnung finden. Auflöſung der Worte, Wahr⸗ und Sprichworte im Nebus. VI. Aller Anfang iſt ſchwer. Auflöſung des Preis⸗Rebus im Junihefte der„Erinnerungen“: Im ſchönen Oeſterreich ſind viele, dar⸗ unter große Städte, deren Einwohner in⸗ duſtriös ſind, Handel und Gewerbe treiben; und das Königreich Böhmen hat hierin den meiſten Vorzug. Worte, Wahr⸗ und Sprichworte im Rebus. Von E. G. 11 ( VIII.* tat 94 — A Rebus.*) X‿ Von Schauer. 8 V *) Die Namen derjenigen P. T. Herren und Da⸗ men, welche uns die richtige Löſung bis zum 10. Sep⸗ tember eingeſandt haben, werden im 10. Hefte genannt. Redigirt unter Verantwortlichkeit des W. Ernſt ) — a 3—— x. „ 2—— Eer 4— ——— ——— 4 3 8———— a 1 G L 8₰ d— ONNA) 3 NS—— 8 8 ¹ 2X S N 2 n e S Tin N 22 en, 25 2 S? 7 5 4 G, Pee, e. 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