——j¼- . a— Erinnerungen.** Der Morgen klin, ein raſcher Knabe, Herab an ſteiler Beswand, Und ſpendet ſeine Adergabe V Allüberall mit reichdand. Er überſtrömt in hzer Stille Mit Flammenlicht; Erdenhaus, Und gießt der jung Roſen Fülle V Aus ſeinem gold'nôorne aus. V Entzündet ſind Strahlengarben Und blitzen durch Himmels Raum, Der Sterne bleicheuer ſtarben, Die Welt erwacht ihrem Traum! Es ſtreicht die feucword'nen Locken Sich aus der Stirer grüne Wald,— Die Blumen ſchwu ihre Glocken, Und baden ſich imaue bald. Es ſchaukeln ſice friſchen Lüfte Im Blättergrün Blüthenſtrauch, Der Nebel wie dilumendüfte, Sie ſteigen auf adpferrauch. Die Lerche ſchweln Gluthgeſange, Bis ſie zur Sonnber dringt, Wie der Begeiſtez Gedanke, Der aus dem Qdes Ewygen trinkt. Da auf des Bs höchſtem Rücken, Da ſiehſt Du eisBettler ſteh'n! Ein Grauſen lieg ſeinen Blicken, Als wollte er void vergeh'n. Er ſtarrt empor ſtarrt hernieder, Und hat im Griſdie Fauſt geballt;— Ein Fieber zucktch ſeine Glieder, Bald ſengend heald eiſig kalt. Die wirren gu Locken liegen Auf bleicher Stiwild umher;— Er möchte ſeine e biegen,— Und kann es nie— es iſt zu ſchwer! Er möchte ſeineide falten,— Es iſt zu ſchwer er kann es nicht!— Nicht eine Thrölinkt dem Alten, Die Schmerzenyernd, im Geſicht. Und auf desides weichen Schwingen Hört er der Muglocke Klang, Er ſieht, wie fne Menſchen bringen Dem Schöpfers Herzens Dank. Sie alle zieh'rFeſtgewändern, Voll gläub'geinns zu Gottes Haus, Der Burſch', Hut geſchmückt mit Bändern, Die Jungfrat dem Blumenſtrauß. Anmerkung. Willen das obige Gedicht nach einem Manuſtripte des leider Borg ſtarb im April d. J. in Reval, wo er das Amt eines Erinnerungen. li 1858. Das verlorene Gebet. Und ſeiner Kindheit lichte Tage, Sie ſteh'n vor ihm im Silberglanz, Wo noch kein dunkles Blatt der Klage Sich wand in ſeiner Freude Kranz. Wo er am treuen Mutterherzen Entſchlief, wenn er, vom Spielen müd', Sanft eingewiegt von Liebesſcherzen Und ihrem einfach frommen Lied. Und wie ſie noch vom Todesbette Zu ihm in Mutterangſt gefleht: „Ein einzig Gut, mein Sohn, das rette Aus Lebensſtürmen,— Dein Gebetl“ Und faſt zum Tod muß er erblaſſen, Ihm war's, als ob die Mutter rief: „Wo haſt Du Dein Gebet gelaſſen?“— Aus ihrem Grabo, ſtill und tief. Da bricht er aus in lautes Jammern, Die Hände ſchlägt er vor's Geſicht, Er möcht' ſich an die Erde klammern, Daß ſie ihn berge vor dem Licht! Er möchte ſich verzweifelnd betten, Dort, wo der Waldbach brauſend floß,— Er reißt an ſeiner Sünde Ketten,— Zu feſt genietet iſt ihr Schloß. Und wilder beben ſeine Glieder In ſeines Schmerzes Allgewalt, In Tropfen rollt der Schweiß hernieder Ihm von der Stirne eiſig kalt. „Ich habe mein Gebet verloren!“ So ſtöhnt er mit gebroch'nem Ton; „Ich habe mein Gebet verloren, Und ſuch' es lange Jahre ſchon!“ „Ich habe mein Gebet verloren Und ſuch' es lange Jahre ſchon!“ So ſchreit er zu des Himmels Thoren, So ſchreit er bis zu Gottes Thron! Da kam der Friede zu ihm nieder, Sein Odem hat ihn mild umweht, Er faltet ſeine Hände wieder, Es zuckt die Lippe zum Gebet. Und leiſe tönt vom bleichen Munde Das eine Wort:„Mein Herr und Gottl“ Da ſchloß ſich ſeines Herzens Wunde, Er lächelt in das Morgenroth! Und ſeiner Sünde Ketten ſprangen, Es fiel von ihm der Erde Kleid:— Der Bettler, der iſt eingegangen Als König in die Ewigkeit!“ Roman Budberg. zu früh verblichenen Dichters mit. Baron Roman v Notars der eſthländiſchen Ritterſchaft bekleidete. D. R . 25 — on 3 194 Herrmann Henneberg. Rovelle. Von Ernſt Fritze. Am Fuße des Harzgebirges, dicht hinter den Schmelzhütten, die ihren mephitiſchen Dampf weit über die Flächen hinſchicken, mün⸗ det ſich eines der ſchönſten Thäler ein. Schmal, von hohen waldbewachſenen Wänden eingeengt und von einem rieſelnden Bache durchſchnitten, der dem Thale und dem Dorfe darin den Na⸗ men gegeben hat, erſtreckt es ſich kaum eine Viertelſtunde bis zu dem waldigen Hinter⸗ grunde. Rechts geht dann ein ſchmaler Weg in dieß Dickicht hinein, während links die breite Heerſtraße bergan führt, um in verſchiedenarti⸗ gen Windungen über die Berge fort in jenſei⸗ tigen Städten auszulaufen. Dicht am Berg⸗ abhange, ſchon bedeutend höher als die übri⸗ gen Häuſer des hübſchen Dorfes, liegt ein hel⸗ les ſchönes Haus mit Gartenanlagen von einer Taxushecke umhegt. Die Fahrſtraße geht daran vorüber und es mag ſich mancher Reiſende an dem Dufte der Blumen erlabt haben, die in dieſem Garten ſchöner als ſonſt irgendwo im ganzen Thale blühen. Der Bach trennt das Haus von dem Dorfe und die Felswindungen ſchützen es vor dem Dampfe der Schmelzhütten, unter wel⸗ chem die Vegetation verkümmern würde. Rei⸗ ſende, die vor dreißig Jahren den Weg von der Höhe hinab geſtiegen ſind, würden ſich erin⸗ nern, daß ſtatt des ſchönen freundlichen Hauſes damals eine ärmliche Hütte, zwiſchen den ural⸗ ten Buchen feſtgeklemmt, geſtanden, und daß der Mann, welcher jetzt in behaglicher Ruhe ſeine Blumen pflegt, damals ſchweißbedeckt, von rußigem Qualme dampfend, dieſe ärmliche Hütte als ein Paradies nach ſeiner Höllenarbeit mit Schwefeldunſt betrachtet hat. Eines Tages aber kam ein Brief an den armen Schmelzhüttenar⸗ beiter Martin Voigtländer, und als Herr Martin in der Feierabendſtunde denſelben gehörig durchſtudirt hatte, da zog er ſein Arbei⸗ terzeug langſam und bedächtig ab und fuhr in ſein Sonntagshabit. Dann nahm er den Brief und wanderte damit der nächſten Stadt zu, wo ſein erſter Gang zu einem Advokaten war. Der Advokat las den Brief und lächelte ſehr freundlich dabei. Er that einige Fragen an Herrn Martin Voigtländer, deren raſche und prompte Beantwortung ihn noch freundlicher machte. Zuletzt erklärte er ſich be⸗ reit, ihm behilflich zu ſein, wenn er es ver⸗ langte. Das war es eben, weßhalb Herr Mar⸗ tin Voigtländer zu ihm gegangen war. Er übergab dem Advokaten das Geſchäft, ging eben ſo ruhig, wie er gekommen war, in ſein Hüttchen zurück und zog ſeinen Arbeits⸗ kittel wieder an. Kein Menſch erfuhr, was in dem Briefe geſtanden hatte, ſelbſt ſeine Frau und ſein Bru⸗ Tochter ein Kämmerchen in der Hütte bewohnte und auch Schmelzhüttenarbeiter war. Noch ehe der Advokat in einer ſehr hüb⸗ ſchen Karroſſe im Spätherbſte desſelben Jahres im Thale anlangte, in dem Gaſthauſe abſtieg und ſich von einem Buben zu der Waldhütte hinauf geleiten ließ, hatte Martin Voigt⸗ länder ſeinen Bruder begraben laſſen und ſein kleines Töchterchen an Kindesſtatt angenom⸗ men. Dieſer vernahm alſo die Nachricht nicht, die wie ein Freudenfeuer rings umlief, daß „die drei Geſchwiſter Voigtländer von einem Vatersbruder ein ganz bedeutendes Vermögen geerbt hätten, welches der Advokat in guten Papieren überbrächte.“ Martin Voigtländer empfing den Advokaten mit ehrerbietiger Freude, nahm zwei Drittel der Erbſchaft für ſich und für ſeines verſtorbenen Bruders Töchterchen in Empfang, beauftragte ihn, das übrige Drittel ſeiner Schweſter Mariane Henneberg in Bran⸗ denburg, mit der er, aus unerheblichen Grün⸗ den, in bitterer Feindſchaft lebte, zu überſenden und zog nun für immer ſeinen Arbeitskittel aus. Seine Hütte riß er nieder und ließ an der⸗ ſelben Stelle, wo ſein Vater, ſein Großvater und Urgroßvater geboren und geſtorben waren, das Haus aufbauen, welches wir eben beſchrie⸗ ben haben. Mittlerweile waren beinahe zwanzig Jahre verſtrichen. Herr Voigtländer lebte ſtill und einfach, obwohl man ihn einen reichen Mann nannte. Er hat drei Paſſionen, die ſein Leben verſchönerten, und dieſe waren ſeine Blu⸗ men, ſein Dompfaffe und ſein Wachtelhund. und für die beiden Thiere zeigte er die hinge⸗ bendſte Zärtlichkeit. Seine Frau beachtete er gar nicht und für Kätchen hatte er nur dann ein gütiges Wort, wenn ſie ſich für eine ſeiner Paſſionen aufopferte. Kätchen war ein friſches geſundes Mäd⸗ chen, voll neckiſcher Einfälle, aber ein wenig eitel auf ihr hübſches Geſicht und etwas ſtolz auf ihr Vermögen. Sie beſchränkte ihren Umgang lie⸗ ber auf das Aeußerſte, als daß ſie zu den ge⸗ wöhnlichen Dorfbewohnern gehalten hätte. Ihre Bildung blieb mangelhaft, allein ſie ſtrebte da⸗ nach, ſich äußerlich die Formen anzueignen, die eine gewiſſe Kultur verrathen. Sie hatte das Talent, artig über Nichts plaudern zu können, und ſie brachte es nach einiger Uebung dahin, allgemein für ein geiſtreiches Mädchen zu gel⸗ ten. Ihre größte Untugend war: leidenſchaft⸗ lich gern Romane zu leſen. In dieſem Punkte zeigte ſie ſich nicht wähleriſch. Was die nächſt⸗ gelegene Stadt in der Leihbibliothek nur auf⸗ wies, das las ſie. Da nun Leihbibliotheken am liebſten Ueberſetzungen anſchaffen, ſo erwarb ſich Kätchen eine erſtaunenswerthe Literatur⸗ kenntniß von Frankreich's und England's Wer⸗ * 8* Es w n einem Maitage, als ein junger Mann durdie Schmelzhütten hindurch ſchütt und eilig ir die Brücke des Baches dem Dorfe zutrabte, ateſſen Ende, dicht vor dem Wald⸗ wege, ein Ahshaus lag. Sein Aeußeres zeigte einen Reiſen, aber einen jener Sorte, die nur auf eie Tage planlos in den Bergen umherlaufeintweder um die Grillen oder die Langeweile perjagen. Das Auge ſolcher Rei⸗ ſenden hebtſ kaum ein Mal vom Pfade ab, den ſie verfin, um einen Blick in die uner⸗ meßliche S eit der Natur zu werfen. Mür⸗ riſch ſchreites fort. Sind ſie durſtig, ſo eilen ſie in's Gaſts, tadeln oder loben das Bier, fragen wie —. fre„Dieß“ oder„Jenes“ entfernt ſei und rennwieder auf und davon. Der junMann ſchien zu dieſer Art zu zählen. Ohſich nur eine Minute bei dem intereſſantennblick der wunderbar ſchönen Felsbildung zauhalten, die ſich dicht vor ihm erſchloß, eilt am Bache entlang, geraden Weges in daſaſthaus hinein, das mit gro ßen goldeneluchſtaben einen„goldenen Lö⸗ wen“ verkün Der Wi der zugleich Kaufmann war, trat ihm freuch grüßend entgegen. Um dieſef waren Reiſende noch ſelten, und Leute, darauf angewieſen ſind, die Reiſeluſt auguten, freuen ſich beim erſten Wanderer menls beim letzten. Der junNann warf ſich auf's Sopha und forderte Glas Kulmbacher“. Er ſah erſchöpft ausein Geſicht war bleich und nichts weniges ſchön. Schlaffe Züge und ſein lhund. matte Augen fiethen ein innerliches Leiden. Den erſtern widmete er die ſorgſamſte Pflege Er ſtützte auchleich den Kopf in die Hand und fragte: fr einige Tage hier wohnen könne. Der Zimmer zurec machen. Kaum ſahh der junge Mann allein, ſo ſtürzte er dasſs Bier in einem Zuge hin⸗ unter und leſich mit geſchloſſenen Augen zurück in's St. So fand ihn der Wirth. Beſorgt trat en näher. „Sie habſch überlaufen, mein Herr,“ ſagte er vorwuoll.„Legen Sie ſich ſchla⸗ fen.— Wolleie vielleicht etwas genießen? Mittag iſt fre vorüber und zur Zeit ſind wir noch nicht Reiſende eingerichtet.) „Geben Sir, was Sie haben,“ ſprach der Reiſende gruhig.„Allerdings— ich habe noch nichtnoſſen!“ „Thorheit, reiſen,“ brummte der alte Praktikus und llte in der Küche eine Bier⸗ ſuppe und aufggene Eier. Als er nachr halben Stunde mit die⸗ ſem erquicklich Rden Male wieder zu dem jungen Manne nt, da ſchreckte dieſer aus einem unruhigenllummer auf. „Sie können Tod davon haben,“ ſchalt der Wirth wieder andern Sprache geſchrieben waren, als in der der nicht, der als Witwer mit ſeiner kleinen deutſchen. ken, ohne zu ahnen, daß ſie jemals in einer Der junge Rpe lächelte und griff ſo⸗ gleich nach Meſſey Guthe zi „Wollen Sieſt erſt die Suppe— 2„ fragte Herr Lam bdder Wirth, ganz erſtaunt. ih bejahte es und ging, ein Was worte Frau aus! Rede berg nes h rin, ſtes herzl Dar ſein ſcha ver ſie hand deſe Den aus Freu er w. plau ſtige eit End lich aber mir hen Neffe an d ein ebü Gru — Sun breit Wei heit offen ner Fäl dem Amr anzu der den bei dem ſchöner choönen cht vor ihn raden ads Leiden ude Hand wohnen nd guxein ann allein, ſo m Zuge hin⸗ ſenen Augen der Wirth. mein Herr“ hie ſich ſchla⸗ as gerießen? zur Zeit ſind achtet.. aben,“ ſprach dings— umte der alte he eine Bier⸗ nde mit die⸗ er zu dem ſer auf te die baben, ſchalt „ griff ſo⸗ 3 — 7 2.ne 21 mn erſtaunt. wortete gar nicht auf dieſen Brief. Als ſeine Frau ihm Vorwürfe darüber machte, lachte er ſie aus und nannte den Brief„Weibergewäſch und Redensarten“. Späterhin wurde Frau Henne⸗ berg Witwe. Sie meldete den Tod ihres Man⸗ nes hieher, und ſchrieb zugleich an ihre Schwäge⸗ rin, um ſie zu bitten ihr doch ein Wort des Tro⸗ ſtes zu ſagen. In dieſem Briefe ſprach ſie eine herzliche Sehnſucht nach ihrer Heimat aus. Darüber ſpottete der alte Iſegrimm und meinte, ſeine Schweſter wolle ihm mit ihrer Kinder⸗ ſchaar nur auf den Hals rücken. Genug, er verbitterte ſich von Jahr zu Jahr mehr gegen ſie und jetzt iſt gar keine Hoffnung mehr vor⸗ handen, daß er jemals mildere Geſinnungen für dieſe Familie zeigen werde.“ „Nun? Warum denn?“ fragte Herr Os⸗ kar neugierig. Der Wirth wiegte unſchlüſſig ſein Haupt. Den Gegenſtand dieſer Beſorgniß kannte er nur aus dem ſpeziellen Vertrauen ſeiner guten Freundin, der alten Frau Voigtländer, und er wußte nicht, ob er berechtigt war, davon zu plaudern. Zweimal bekämpfte der ſchwatzlu⸗ ſtige Herr Wirth zum goldenen Löwen die Luſt weiter zu ſprechen, dann aber war der Kampf zu Ende und er unterlag der Verſuchung. „Ja, Herr Behrens, das gehört eigent⸗ lich in den Bereich des Familiengeheimniſſes, aber ich will es Ihnen mittheilen, wenn Sie mir verſprechen, reinen Mund zu halten. Se⸗ hen Sie, im vorigen Spätherbſte ſchreibt der Neffe des Alten, Herrmann Henneberg, an dieſen und macht ihm den Vorſchlag,„ihm ein Darlehen von fünf tauſend Thalern gegen gebührende Zinſen zu bewilligen. Er gibt als Grund zu dieſer Bitte an, daß er mit dieſer Summe ſein Glück begründen könne. Er ſetzt breit und deutlich auseinander, auf welche Weiſe, erklärt dem Alten die vollſtändige Sicher⸗ heit des Geldes, läßt aber allzuehrlich und offenherzig mit einfließen, daß es ja„ſein eige⸗ ner Vortheil“ erheiſche, dieß Geld für ſpätere Fälle geſichert zu wiſſen. Es war dumm von dem guten Herrmann Henneberg, auf ſein Anrecht an eine Erbſchaft nach des Alten Tode anzuſpielen, aber ſo böſe, wie es Voigtlän⸗ der auslegte, hatte er es gewiß nicht gemeint. Was thut mein alter Iſegrimm? Er ſiegelt den Brief wieder zu und notirt auf der Adreſſe, „es würden fortan keine Briefe wieder von ihm angenommen“! Iſt das nicht abſcheulich?“ fragte er entrüſtet ſich ſelbſt unterbrechend, als er auf des jungen Mannes Geſicht ein Lächeln gewahrte, das Jedermann für den Ausfluß von Schadenfreude gehalten haben würde, welches er aber in ſeiner Gutmüthigkeit für ein Zei⸗ chen von Verwunderung nahm. „Ich weiß nicht, Herr Lambert,“ erwie⸗ derte Oskar Behrens,„ob ich nicht der Mei⸗ nung des alten Voigtländers beipflichten möchte, der„Dummheit“ nicht für„Ehrlichkeit“ zu halten ſcheint und„übertriebene Offenherzig⸗ keit“ nicht mit„Wahrheitsliebe“ verwechſelt. Nach meiner Beurtheilung iſt dem Mosje Herrmann Henneberg ganz recht ge⸗ ſchehen.“ Der Wirth zum goldenen Löwen ſchauete ſehr verblüfft in das Geſicht des jungen Herrn. „Nun—“ ſagte er dann ſchnell beſonnen, „ich habe nichts dagegen, wenn Sie dergleichen Despotien vertreten wollen.“ Er ſtand ziemlich ärgerlich auf, um ſeinen Gaſt zu verlaſſen. In der Thür wendete er ſich nochmals um und fügte hinzu:„Ich habe in meiner Bibel, die ich von meinem ſeligen Vater zur Konfirmation geſchenkt erhielt, einen Vers, wonach ich meine Lebensregeln aufgeſtellt habe. Der Vers heißt: „Lebe, wie du, wenn du ſtirbſt, wünſchen wirſt, gelebt zu haben!“ Herr Oskar Behrens lachte.„Rechnen Sie dem altem Herrn die abſchlägliche Beſchei⸗ dung als eine Sünde an?“ fragte er. „Als eine Sünde?“ wiederholte Herr Lam⸗ bert kaltſinnig,„o nein, aber ich denke, daß man ſich auf einem ſoliden Sterbebette ſolcher Couvertannoncen ſchämen könnte!“— Herr Oskar blieb allein und ſeinem Nachdenken überlaſſen. Ob er ſich überhaupt zu leichtſin⸗ nigen Weltanſchauungen neigte oder ob er ge⸗ heime Beweggründe zu ſeinen ſchadenfrohen Be⸗ urtheilungen hatte? wer konnte das ſagen! Aber ſo viel iſt gewiß, daß er ſich mit einem gewiſſen Frohlocken die Hände rieb und mit ſingendem Tone mehrmals wiederholte:„Das freuet mich — das freuet mich— das freuet mich gar ſehr!“ Am nächſten Morgen ſtieg er früh hinauf zu Voigtländers„Villa“, wie er ſcherzhaft das nette Häuschen taufte, und was er am Tage zuvor vielleicht noch von Schmeicheleien und Lobhudeleien verſäumt hatte, das ſchien er an dieſem Morgen nachholen zu wollen. Der Hund bellte wirklich nicht, ſondern ließ ſeine Ulnzufriedenheiſ ſeinem Beſuche nur in einem gelinden Knurren aus. Da⸗ für ſpendete ihm Oskar ein ganz reſpekta⸗ bles Stückchen Hammelbraten, das er ſich eigens zu dieſem Zwecke abgeſpart hatte. Der Dompfaff zeigte wie befohlen, eine beſſere Laune und pfiff nach Herzensluſt. Entzückt klatſchte der junge Mann Beifall und rief:„Ich werde dich fürſtlich belohnen, mein Pfäffchen!“ Nur Kätchen zeigte gegen die Befehle ihres geſtrengen Oheims eine große Nichtachtung. Sie blieb lachluſtig und ſpottſüchtig, obwohl Oskar eine bei weiten größere Artigkeit auf⸗ wendete und ſeine giftig zornigen Blicke in groß⸗ artiges Liebesfeuer verwandelt hatte. Herr Voigtländer war geſprächig und belebt, wie in ſeinem ganzen ſechzigjährigen Leben noch nicht, und ſeine geringfügigen Worte fanden in dem jungen Herrn einen eifrigen Bewunderer. Man mußte in dieſem Benehmen eine Abſicht errathen und Frau Voigtländer ſchüttelte auch ſehr bedenklich ihr Haupt, als ſie ſich mit ihrem Strickſtrumpfe in die warme Maiſonne ſetzte und dem Geplauder beider Männer zuhörte. ———444ä4 14 197 „Weiß Gott, Kätchen,“ flüſterte ſie ihrer Nichte einmal zu,„weiß Gott— es iſt der Herrmann Henneberg— und er geht unſerm Alten nicht umſonſt ſo um den Bart!“ „Der könnte mir als Vetter aber nicht ge⸗ fallen,“ entgegnete die Nichte. „Warum denn nicht?“ fragte die alte Frau. Kätchen blieb die Antwort ſchuldig, weil ſie ſelbſt nicht wußte, warum. Einige Tage vergingen unter gleichen Sce⸗ nen wie die angedeuteten. Oskar war bald wie zu Hauſe. Er pflanzte mit dem Alten, be⸗ goß den Garten, band Blumen an, lehrte den Dompfaffen das Papageno⸗Lied aus der Zau⸗ berflöte:„Ein Vogelfänger bin ich ja—“ kurz, er legte es darauf an, ſich in des Hausvaters Gunſt feſtzuſetzen, um— vielleicht— Kät⸗ chens Hand zu gewinnen. Vielleicht, ſagen wir nicht ohne Grund, denn ſeine Aufmerkſamkeit galt für jetzt faſt ungetheilt dem guten Onkel Voigtländer. Das Vertrauen desſelben mußte auch zu einer bedeutenden Höhe geſtiegen ſein, wenig⸗ ſtens vermuthete das Herr Lambert, der Wirth zum goldenen Löwen, daraus, daß der junge Mann ihm eines Tages erzählte, Voigt⸗ länders Erbſchaftsantheil habe eilftauſend Thaler betragen und er ſei ſo ſparſam, daß er die Zinſen von dieſem Kapitale lange nicht ver⸗ brauche. „Sie müſſen es außerordentlich gut verſte⸗ hen, mit dem alten Holzkopfe umzugehen,“ ent⸗ gegnete Herr Lambert;„ſonſt ſpricht er nie von dergleichen Sachen!“ Herr Oskar Behrens wiggte ſelbſtzufrie⸗ den ſeinen Kopf hin und her und entgegnete: „Was meines Vaters Sohn durchſetzen will, das ſetzt er durch.“ Herr Lambert blickte ihn weit weniger wohlwollend, als früher, von der Seite an und murmelte etwas in den Bart, das wie Mißbil⸗ ligung klang. Es machte keinen Eindruck auf den jungen Fremden, vielmehr lockte es ein widriges ſelbſtgefälliges Lachen hervor, unter welchem er ein kleines Glasſtückchen, an einem Gummiſchnürchen befeſtigt, aus der Weſten⸗ taſche zog und es geckenhaft in die Winkel ſeines linken Auges kniff. Der Wirth ſah ihm zu bei dieſem Experimente, das nicht recht gelingen wollte, und bemerkte bei dieſer Gelegenheit, daß ſein Geſicht von Bartſtoppeln vollſtändig über⸗ wuchert und entſtellt war. „Tauſend auch, junger Herr,“ rief er ſpöt⸗ tiſch auflachend aus,„wenn man auf Freiers Füßen geht, ſo raſiert man ſich doch— oder läßt ſich raſieren— Sie ſehen ja aus, wie Blaubart!“ „Fräulein Kätchen wird mich wohl deſ⸗ ſenungeachtet lieben,“ antwortete Oskar leicht⸗ hin.„Ich habe die Abſicht, mir einen tüchtigen Bart wachſen zu laſſen.“ „Haben Sie ſchon früher einen Bart ge⸗ tragen?“ „Nein— es hat mir noch nie glücken wol⸗, len, ihn ordentlich zu ziehen.“. — * — —— 16 Herr Lambert trat ihm näher, ſtrich mit Pfingſten den ganzen Harz„blitvoll“ Leute, u Fingerſpitzen über Kinn und Oberlippe und darauf können Sie ſich verlaſſen, junger Herr,“ aſtied:„Geben Sie es auf, aus Ihrem Barte erwiederte er, ſeelenvergnügt in die ſchönen, grü⸗ wid nichts. Er fällt aus— das heißt, Sie nen Wölbungen des engen Thales hinein⸗ khalten kahle Stellen auf dem Streifen, der, ſchauend, wo die Fußwanderer, we ene Narbe, von der Naſe zum Kinn hinab⸗ überwiegendſte Sorte der Harzreiſenden, des läüßt⸗ kommen pflegten. Oskar Behrens ſchüttelte weg 1„Thut nichts, der Bart muß verſucht zweifelnd den Kopf. ligenten erden!“„So früh im Jahre?“ fragte er.„Ich Augen, dazu ein ſtarker 1„Ach ſo— Kätchen liebt die Bärtigen?“ habe bis dahin immer gehört, man müſſe vor„Um Vergebung,“ 1 necte der Wirth.„Ja, ja! Ein Bärtchen auf dem Juli und Auguſt nicht in dieſe Berge und dieſ f 1 der Lippe möchte Ihnen ſchon gut ſtehen, aber Schluchten reiſen.“ ſelbſt ergreifend,„ 1 deßwegen brauchen Sie doch das ganze Unter⸗„Pah— das war vor zwanzig Jahren„ „ geſicht nicht ſtopplicht zu laſſen.“ Mode! Jetzt, wo Eiſenbahnen jede Rücktour ich, „halten Sie Ihre Weisheit für ſich,“ leicht und wenig koſtſpielig möglich machen, Monseignen 1 entſchiied jetzt der junge Herr ungeduldig und überſchwemmt ſich das Gebirge ſchon um Oſtern würdigem Lächeln. grif wieder nach ſeinem Lorgnon. Dasſelbe mit Reiſenden aus der Nähe und Ferne. Ha⸗ h haette ſich jedoch während des Geſpräches um ben wir doch mitten im Winter, der Kurioſität legen!“ entgegnete Herr Lambert ebenſo. die untern Nitadſe gewickelt, und als er es wegen, ziemlich haſtig in die Höhe zog, riß das Gum⸗ überziehen ſehen. miſchnürchen. Brocken beſtieg, b große Karawanen die wegſamern Theile„ Wer ſonſt im Winter den feetütchen, Sache nicht verdrießen,„Kätchen wird Sie ben mir die Frage, Herr Behrens— werden deſſeuungeachtet lieben“, wenn Ihnen das Sie Ihr Quartier noch eine Zeit ſchein, als wolle der Fremde ſich förmlich häus⸗ will Bergluft für mich—“„2 lich niederlaſſen im Thale. Oben in der„Villa“„SHat Recht, der Herr Doktor,“ fiel Lam⸗ gehörte er nachgerade zu den erwarteten Gä⸗ bert ein.„Sie ſind gar nicht wieder zu erken⸗ ſten, die die Eintönigkeit eines Lebens zu ver⸗ nen, ſo gut hat die Luft hier angeſchlagen. ſchönern ſcheinen. Wer weiß nicht von dem Wann wollen Sie fort?“ Einfluſſe zu reden, den ſelbſt unbedeutende Gei⸗„Vielleicht in zwei oder drei Tagen— je⸗ ſſter auf einen Familienkreis zu gewinnen wiſſen, denfalls aber vor dem Pfingſtfeſte, alſo können wenn der Umgang gar zu beſchränkt iſt. Sie über mein Zimmer disponiren. Gefällt es Kätchen, obwohl nie über Oskar's Werth Ihnen, ſo machen wir heute oder morgen un⸗ verblendet, gewöhnte ſich ihn zu necken und in ſere Rechnung ab. ſeinem Geſpräche eine Art Erheiterung zu finden.„Villa.“ Ihre Tante überließ ſich einem phlegmatiſchen„Ah ſo— auch vielleicht„eine Rechnung“ Wohlwollen für ihu, weil er es verſtand die abzumachen?“ flüſterte der Wirth luſtig. Laune ihres Alten von ihrer Perſönlichkeit„Kann kommen,“ Herr Lambert!“ rief der abzuwenden. Daß er nicht der Neffe ihres junge Mann und eilte zum Hauſe hinaus. Mannes ſei, davon hatte ſie ſich überzeugt. Herr Lambert ſetzte ſich ſogleich hin und Wie Voigtländer ſelbſt von Tage zu zog die geforderte Rechnung aus. Ihn hatte bei Tage ſich mehr an dieſen Mann anſchloß, wie der durchaus nicht ſparſamen Lebensweiſe ſei⸗ er ihn ſelbſt zum Vertrauten ſeiner Geheimniſſe nes unbekannten Gaſtes ſchon oftmals die 8 d 7„* „Gut! . machte, haben wir aus Oskars Berichterſtat⸗ Furcht überſchlichen, daß dieſer eines Tages tungen an den Löwenwirth erſehen. Natür⸗ unſichtbar werden könne, ohne rechtmäßiger⸗ lich hatte dieſer letztere davon nicht geſchwiegen weiſe ſein Konto zu löſchen. Ein Stein war ihm daher von ſeiner Bruſt gefallen bei dem Verlangen nach„der Rechnung“, und er beeilte ſich dieſem Verlangen zu willfahren. Er wurde in ſeiner wichtigen Arbeit ge⸗ und man betrachtete ſeitdem den Fremden als den erklärten Bräutigam des hübſchen Kät⸗ chens, obwohl ſie lachend dieſe Ehre weit von ſich wies. 4. Unter dieſen ſchwankenden Verhältniſſen ſtört. Kaum daß er mit flüchtigem Blicke über⸗ Nota .* C.* 2 z.. 7. 2 2 rückte der Juni und mit ihm das Pfingſtfeſt, ſehen hatte, unter einem„Halbhundert“ nicht als das erſte Stadium vermehrter Harzwan⸗ 4 derungen, heran. SEs war ein ſchwüler, gewitterhafter Juni⸗ wmmorgen, als Herr Lambert von ſeinen Er⸗ wartungen für die nächſte Zeit ſprach und An⸗ ordnungen traf, die auf bedeutende Hoffnun⸗ gen ſchließen ließen. „Bleibt das Whelier gut ſo haben wir Lambert aufſpringend.„Zu Befehll“ zur Thür hinein: mi Kann ich hier auf einige Tage Quartier bekommen?“ „Gut, ſo weiſen Sie mir ein Zimmer an,“ befahl der Reiſende. Herr Lamber Fremdeu Geſtalt. t die bei weiten wachſen, nachläſſig a herzu⸗ freier ſchöner Anſtand, das G ſchön, aber doch bedeutend durch den intel⸗ i Ausdruck ſeiner wunderbar lebhaften er Prüfung ſehr höflich die Stubenſchlüſſſel Sie ſind wohl Militär?“ Non non. mon chère! Kaufmann! Haben Sie etwas dagegen, rX*ſprach der Fremde mit liebens⸗ „Durchaus nicht! dann ſind wir Kol⸗ Ja, ja! Sie machen in Zucker⸗ und Kaf⸗ in Syrup⸗ und Oeltöpfchen,“ neckte etrachtete ſich ſelbſt als ein der Fremde vertraulich. Lambert klopfte ihm vergnügt auf die Schulter.„Sie reiſen für eine Eiſenhand⸗ „Da haben wir den Spektakel“— lachte Wunderthier— jetzt erleben wir Damengeſell⸗„Eiſenfreſſer.“ Herr Lambert.„Nun laſſen Sie ſich die ſchaft im Winter oben. Apropos— Sie erlau- Herr lang be⸗ lung?“ forſchte er voll Intereſſe. Glasſtückchen auch nicht am Weſtenknopf bau⸗ behalten?“ A„ Allerdings.“— melt,“ parodirte er, lachend zur Thür hinaus„Leider muß ich jetzt für einige Wochen zu⸗„Wenn ich fragen darf— für welche ſchreitend.— rück in meine Heimat,“ erwiederte Oskar Firma?“ 3 Die Zeit verſtrich und es hatte den An⸗ ſehr ſchnell,„aber ich komme wieder. Der Arzt„Oltermann und Kompagnie in Be Ah— eine vortreffliche Firma—! der Wirth gedehnt.„Großes Haus, eeiche Handlung— ſolide Leute!“ llſo Sie halten die Handlung für ſicher?“ fragte der Fremde ſehr ſchnell und etwas ern⸗ ſter, als zuvor. „Die ſicherſte im Lande, ſo viel ich weiß!“ betheuerte Lambert. Ihr Urt aber muß ich Sie um mein Zimmer bitten — ich bin todtmüde— es iſt furchtbar heiß, wir werden jedenfalls noch vor Nacht ein Ge⸗ witter bekommen. Bis Mittag will ich ſchlafen — dann aber eine tüchtige Mahlzeit halten.“ Herr Lambert ſchloß ihm ein Zimmer dicht neben demjenigen des Herrn Oskar Behrens auf und überließ ihn der Ruhe. Nach dieſer Unterbrechung kehrte er zu ſei⸗ ner Arbeit zurück, ſtellte feſt, daß ihm ſein frühe⸗ rer Gaſt nicht weniger als zweiundſechzig Thaler vierzehn Silbergroſchen ſchuldete und ſtreute dann mit behaglichem Schmunzeln, un⸗ ter dem leiſen Wunſche, mit dem eben Ange⸗ kommenen eben ſo gute Geſchäfte machen zu können, eine tüchtige Portion Sand auf die jetzt will ich hinauf zur zen, Herr Wirth,“ erklärte der Fremde.„Jett muſterte mit einem Blicke Schlank und hoch ge⸗ ber elegant gekleidet, ein Geſicht nicht durch⸗ Schnurrbart. ſprach Lambert nach Kaufmann bin —„Ich aber bin heil kann mir vielleicht nüz⸗ Miſſter von Gef mit der Wä ſpräch 1 ihnen de Gaſtzin einem mit ein tern? ſiehen vieder! derkun inmer u ſahrung ſpite tief boden al ſich zuler machte. D. „ die mich er ärge finden, iann! io wie atren & lan N.. rei T. ergebl leine — höc E ozui dafür Blick — =— = — ⁸ — gfeifen ges in H men Sophe n d Als der Mittag nahete, kam Oskar vot berechnen zu können, ſo trat ein Reiſender von Voigtländers zurück und zwar in ſo gutey, äußerſt gewinnendem Aeußern in den Vorflur faſt ausgelaſſen luſtiger Laune, daß Herr Lan⸗ und fragte mit heiterm Stimmenklange laut bert den feſten Glauben an eine Verlobung mit dem hübſchen und reichen Kätchen faßte. Oskar wies ihn lachend mit ſeinen Vermu⸗ men7⸗ 1 thungen ab. Es entſpann ſich zwiſchen Beiden „Zu Befehl, mein Herr!“ entgegnete Herr ein ſcherzhaftes Ueberbieten von luſtigen Fra⸗ laſen gen und ſchlauen Antworten. Oskar blich Kof. Er hi meriſo dern ſ wäͤhre erus grüßs der a .„ artige 31 1 rein Zimmer an⸗ Meiſter in dieſem Dialoge. Er ließ ſich nichts — von Geſtändniſſen entlocken, trotzdem der Wirth mnit einem Vlite mit der möglichſten Feinheit zu Werke ging. n Und hoch g⸗ Während ſie im eifrigen, ſcherzhaften Ge⸗ Genn getleidet, en ſpräch mit einander waren, ging ungeſehen von RVeſicht nicht durh⸗ ihnen der junge Fremde an der Glasthür des id durch den intl⸗ Gaſtzimmers vorüber und verlor ſich, nach inderbar lebhaften einem minutenlangen forſchenden Blicke, der rrbart. mit einem Schreckenslaute endete, in den hin⸗ Lambert nah tern Raum des Flures, wo er durch die offen⸗ die Stubenſchlüſe ſtehende Thür in den Garten trat. ohl Militär?“ Hier ließ er ſich in einem Laubenverſtecke e! Kaufmann Ün nieder und überdachte ſeine eben gemachte Ent⸗ deckung, die ihn geradezu in ſeinen Plänen ſtörte. Sein fröhlich blitzendes Auge bewölkte ſich immer mehr, je mehr er ſich in dieſe fatale Er⸗ ſind wir Kol⸗ fahrung vertiefte, und er grub mit der Fuß⸗ nbert ebenſo. itze tiefe Furchen in den weichen lockern Sand⸗ und Kaf⸗ boden als Zeichen ſeines innern Verdruſſes, der e etwas dagegen, remde mit liebens⸗ pſchen,“ necke ſich zuletzt in einem gemurmelten aber bin machte. „Das iſt doch die größte Widerwärtigkeit, vergnügt auf die mich treffen konnte,“ murrte und brummte ne Eiſenhand⸗ er ärgerlich.„Gerade dieſen Menſchen hier zu finden, der mich kennt, wie man ſich nur kennen kann!— Jedenfalls wird er mich erkennen, fiir welhe ſo wie ich ihn, trotz der langen Zeit, die wir Ptrennt waren, auf der Stelle erkannte. Ob er lan⸗ reibt? Drei Tage habe ich nur 822 dachte viel, ſehr viel in dieſen ſei Tagen abzumachen! Sollte ich den Weg ſergeblich gemacht haben? Nimmermehr, denn er?“ neine ganze Zukunft hängt davon ab. Fatal — höchſt fatal!“ Eine ganze Weile ſchien ihn der Verdruß diel ich weiß“o zu überwältigen, daß er keine Worte weiter die ih ee dafür fand. Endlich raffte er ſich auf. Sein „Blick erheiterte ſich wieder und er ſprang, ſich ſtramm und feſt in Poſition ſetzend, von ſeinem Platze auf. —„Ich 8 Haus, eeiche ndlung für ſich und etwas erl⸗ rir vielleicht niß⸗ Fremde.„Icht Zimmer bitten.—.. ee. ein aunutzar heſß„Wer wird ſich von ſolchen Kleinigkeiten — Pacht ein Ge⸗ beugen laſſen,“ ſchloß er ſein Selbſtgeſpräch. vor D ſchlafen„Prüfen wir erſt, ob uns acht bis neun Jahre tag t halten“ nicht dergeſtalt verändert haben, daß das Herr⸗ e Mahlzeit— uner chen uns nicht erkennt. Was mag er hier wol⸗ H 4 kar len? Was mag er überhaupt jetzt treiben?“ Nach dieſen Fragen rückte er trotzig ſeinen breitkrämpigen Hut tiefer in's Geſicht und ging pfeifend wieder in's Haus hinein, geraden We⸗ ges in das Gaſtzimmer, wo gedeckt war. Herr Oskar Behrens ſaß in angeneh⸗ men Träumereien verſunken in der beliebten und Amge⸗ Sophaecke, als der fremde Kaufmann eintrat. m eben eM Er hielt es nicht der Mühe werth, ſeine Auf⸗ äfte machen merkſamkeit abſonderlich auf ihn zu richten, ſon⸗ Sand auf du dern ſtreifte ihn blos flüchtig mit den Blicken, ihm ein Herrn „zon der Ruhe. una kehrte er zu daß ihm ſein frühe⸗ ws zweiundſechſi — z n ſchuldete 1 G ehmunzeln, un⸗ 8 de Monolog Luft während dieſer mit der nachläſſigen Freiheit —„„pon 4. 65 Oskar un eines Reiſenden, der ſich warm gegangen hat, aſſen.„Ich huldige engliſchen Sitten, denen opf und Hut eins iſt.“ „ kam Os! zwar in ſo du grüßend den Hut lüftete, um ihn alsbald wie⸗ daß Hert un der auf den Kopf zu drücken. ein Verlob fte„Sie erlauben?“ ſagte er dabei mit einer K atchen ii frngen Wendung nach dem Sopha. mit ſiimn Be de„Immerhin—“ entgegnete Oskar ge⸗ ſche luſtigen F on ll kar blet 199 „Im Sommer eine gute Sitte, wenn man„Es iſt nicht möglich— es kann kein Anderer in eine kühle Stube tritt,“ meinte der Fremde. ſein! Aber— Behrens? Behrens?“ „Sind Sie auch erſt angekommen?“ fügte er fragend hinzu, ohne ſich gerade dem Sopha be⸗ deutend zu nähern. „Nein. Ich will heute ſchon wieder fort.“ „Reiſen Sie in Geſchäften?“ forſchte der junge Kaufmann. „Zum Vergnügen,“ war die lakoniſche Antwort, indem ſein Auge lauernd das blü⸗ hende Geſicht des Fremden ſtreifte. Dieſer hielt ruhig die Muſterung aus. Er überzeugte ſich immer mehr, daß er nicht érkannt wurde und beſchloß etwas zu wagen. Plötzlich nahm er den Hut ab, wie um die Einwirkung der küh⸗ len Luft auf ſeinen Kopf zu prüfen und fuhr mit der Hand mehrmals durch ſein Haar. Gleichgiltig heftete ſich Oskar's Auge an ihn, als er dann ſagte: „Ich werde ſehen, ob ich es wagen kann en chapean bas vor Ihnen zu erſcheinen!“ „Geniren Sie ſich nicht!“ lachte Oskar gutmüthig.„Sie gefallen mir im Hute eben ſo gut, wie ohne Hut. Ich denke, auf Reiſen iſt die Selbſtſucht mehr noch erlaubt, als im ge⸗ wöhnlichen Lebeu.“ „Er kennt mich nicht,“ dachte der junge Kaufmann,„alſo habe ich mich viel mehr ver⸗ ändert als er, denn er iſt in Wort, That und Ausſehen ganz der Alte.“ Herr Lambert erſchien jetzt auf der Schwelle und fragte: ob es den Herren ge⸗ fällig wäre zu ſpeiſen, dann wolle er anrich⸗ ten laſſen. „Sehr gefällig iſt es uns,“ bemerkte der Fremde und ſetzte ſich ſogleich klüglicherweiſe mit dem Rücken gegen das Licht, damit ſein Geſicht in Schatten gehüllt blieb. Oskar ſtand ſchläfrig langſam auf und nahm ihm gegenüber Platz. Das grelle Tageslicht warf ſeinen vollen Glanz auf ſein blaſſes Geſicht, das mit dem grauſtopplichten Untertheile einen wirklich häß⸗ lichen Anblick gewährte. „Schöner iſt er auch nicht geworden—“ dachte der Fremde innerlich lachend, indem er, ein herzhaftes Stück Semmelbrod abſchnitt und in ſeine Suppe tauchte. „Herr Behrens— eine halbe oder ganze?“ fragte der Wirth, pantomimiſch auf die leeren, ſpiegelblanken Weingläſer deutend. „Eine ganze Flaſche,“ erwiederte Oskar mit einer verbindlichen Neigung ſeines Haup⸗ tes gegen den Fremden,„denn ich rechne dar⸗ auf, daß Sie mir die Ehre erweiſen, mich als Ihren Gaſtgeber anzuſehen.“ „Muß danken,“ entgegnete der junge Kauf⸗ mann ſehr entſchieden.„Ich trinke grundſätzlich weder Wein, noch Bier!“ Bei dieſen Worten firirte er ſchärfer als vorhin den jungen Herrn, um ſich zu vergewiſſern, daß er wirklich den vor ſich habe, den er zu ſehen gemeint hatte. „Mein Gott— ſollte ich mich denn irren wie nannte der Wirth ihn?“ dachte er miß⸗ trauiſch gegen ſeine eigenen Wahrnehmungen. Seine Zweifel erſtickten unter dem Appetite, womit er jetzt ſein ſehnlich erwartetes Mittags⸗ mahl verzehrte und zwar ohne einen Tropfen von dem Weine anzurühren, der ihm trotz ſei⸗ ner Ablehnung von Oskar eingeſchenkt wor⸗ den war. Die Unterhaltung ſtockte. Herr Lam⸗ bert ging ab und zu. Er nannte noch mehr⸗ mals den jungen Behrens bei ſeinem Na⸗ men, ſo daß der Fremde ſich überzeugen mußte, ſich nicht verhört zu haben. Deſſen ungeachtet benutzte er die erſte Mi⸗ nute, wo ſich Herr Oskar ein wenig zurück⸗ gezogen hatte, um ein Mittagsſchläfchen zu hal⸗ ten, den Wirth zu fragen: wie er den jungen Herrn nenne? „Behrens, lieber Herr— Oskar Behrens beſagt ſeine Paßkarte,“ erklärte der Wirth.„Was er iſt, weiß ich nicht. Geld hat er, denn— ſehen Sie— er hat mir ſoeben ſeine Rechnung in gutem ſchweren Golde be⸗ zahlt. Er will gleich nach Tiſche fort!“ Da⸗ mit öffnete er die Hand und ließ zwölf ſchöne Friedrichsd'or ſehen.„Hat gelebt, wie ein Fürſt — täglich Wein— Mittags und Abends— auch einige Male Champagner. Ich will hof⸗ fen, daß er Wort hält und nach Pfingſten wie⸗ derkommt. Ich denke, er hat Abſichten auf das hübſche Kätchen da oben.“ Der Fremde lächelte und ſchüttelte den Kopf. Ihm ſchien es unmöglich, daß ſein alter Bekannter irgend einem hübſchen Mädchen, und wäre es nur eine Landpflanze, gefallen könnte. Behrens, Oskar Behrens nannte er ſich alſo— wozu das? Was mochte er für Gründe haben, ſeinen Namen zu ändern? Denn, daß er wirklich derjenige war, für den er ihn gleich An⸗ fangs gehalten hatte, darauf konnte er jetzt einen Schwur leiſten, nachdem er auf der linken Seite des Mundes die breite Narbe entdeckt hatte, welche Schuld war, daß„ſein Bart kahle Stel⸗ len“ behielt, wie von dem Herrn Wirth zum goldenen Löwen weisheitsvoll bemerkt war. „Nun,“ dachte der Fremde,„gefällt es ihm incognito zu reiſen, warum ſollte ich es nicht auch? Hat er Gründe dazu? Ich habe ſie auch. Erkennt er mich nachträglich, ſo mache ich einen Scherz daraus. Gut! Es ſei alſo be⸗ ſchloſſen, daß ich auf Befragen des neugieri⸗ gen Wirthes einige Tage umgetauft werde. Wer mag das hübſche Kätchen ſein, welches ſich von dieſem Orangutang hat kirren laſſen?“ Nachdem der junge Mann zu dieſem Ent⸗ ſchluſſe gekommen war, überließ er ſich ganz der Urſprünglichkeit ſeines ſonnig heitern Naturells und gewann in kurzer Zeit die Liebe ſeines Wirthes im höchſten Grade, trotzdem er weniger luxuriös zu leben Miene machte, als Herr Oskar Behrens. Noch ehe dieſer von ſei⸗ ner Sieſta wieder herunter kam, beſchloß er, „einen kleinen Streifzug durch die nächſte Um⸗ gebung zu unternehmen“, und er beeilte denſel⸗ ben, weil eine drohende Gewitterwolkenmaſſe am Horizonte emporzog. 4 200 Vom Wirthe begleitet, trat er vor die Thür, tief athmend herumſchauend. „Hier iſt doch andere Luft, wie in Berlin,“ ſprach er mit lachendem Pathos.„Was bedeutet denn das Haus dort oben? Iſt es das Sans⸗ ſouci eines Dorfmonarchen?“ Herr Lambert, angeſprochen von ſeiner Scherzweiſe, erklärte ihm heiter, wer Eigen⸗ thümer dieſer„Villa“ ſei und pries ihm die Ueberſicht von dort aus. „Dann wollen wir hinaufſteigen und uns den Thron des Herrn Voigtländer einmal näher beſichtigen,“ ſcherzte der Kaufmann mit einem eigenthümlichen Lächeln. „Hüten Sie ſich nur vor Kätchens Au⸗ gen,“ warnte der Wirth.„Sie kommen ſonſt Herrn Behrens in's Gehege.“ „Was tauſend?“ rief der Kaufmann über⸗ raſcht.„Sponſirt„Ihr Herr Behrens“ in Voigtländers Revier? Kätchen Voigt⸗ länder? Hm— nicht übel— der Mosje iſt klüger als ich gedacht habe. Aber,“ ſetzte er flüſternd hinzu,„entweder muß das Mädel, das Sie Kätchen Voigtländer nennen, verteufelt häßlich ſein oder ſie hat einen abomi⸗ nablen Geſchmack.“ Mit dieſem Ausſpruche trennte er ſich von dem goldenen Löwenwirthe und ſtieg gemäch⸗ lich, wie es ſchien, den ſchmalen Waldweg auf⸗ wärts. Ob die kleine Höhe ſchon im Stande war ſeine ſonſt kräftige Bruſt anzugreifen, oder ob andere Gründe obwalteten, ihm Herzklopfen zu verurſachen? Unweit des Hauſes blieb er ſtehen, lehnte ſich an einen Baum und blickte träumeriſch auf die Umhegung des Etabliſſements, die es vor dem Eindringen neugieriger Blicke ſchützte. Seine Gedanken ſtrichen über den Namen „Kätchen“ hin. „Es wäre ein guter Ausweg, wenn ich dieß Kätchen ratete,“ ſagte er plötzlich vor ſich hin,„aber— pfli!“— Langſam, faſt nur gezwungen von der Nothwendigkeit, vorwärts oder rückwärts zu müſſen, ſchritt er dem Hauſe näher und betrat den Fußſteig, der ſich in Schlangenlinien bis zur Gartenpforte hinzog. Bei einer plötzlichen Wendung aus dem dichten Geſträuche hervor⸗ ſchreitend, befand er ſich unerwartet dicht vor dem Eingange der Taxushecken und ſah eine alte, einfach, aber ſehr ſauber gekleidete Frau auf einer Gartenbank außerhalb der Hecke im Schatten der hohen Buchen ſitzen. Sie ſchien des friſchern Luftzuges wegen mit ihrem Strick⸗ zeuge hiehergeflüchtet zu ſein. Ein ſchöner, braun gefleckter Wachtelhund lag ſchlafend zu ihren Füßen und erhob ſich erſt, leiſe knurrend, als der Fremde ſchon grüßend ſeinen Hut ge⸗ zogen hatte.. Die alte Frau dankte freundlich. Ihre hel⸗ len Augen richteten ſich ruhig zu dem Geſichte des jungen Wanderers auf und ſie bedeutete ihren Hund, der, zwar nicht ſo jähzornig wie bei früherer Gelegenheit, aber doch etwas un⸗ gnädig gegen den Fremden zu Felde zog. Beide, der junge Mann und die alte Frau ſahen ſich ſtill und prüfend eine ganze Weile an. Wäh⸗ rend ſich im Mienenſpiele der Frau die Frage: „wer iſt doch das— den ſollteſt du doch ſchon geſehen haben—“ immer deutlicher ausprägte, zeigte ſich im Geſichte des Mannes zuerſt eine leichte Verlegenheit, die endlich bis zu einer ge⸗ wiſſen Befangenheit und Spannung heran⸗ wuchs. Merkwürdigerweiſe fehlten ihm, dem gewandten Weltmenſchen, die Worte hier ein Geſpräch anzuknüpfen, und ſeine Stimme klang mehr als gedrückt, indem er endlich hervorſtieß: „Ein ſchöner Punkt— eine prächtige Ausſicht!“ „Jſt es Ihnen gefällig, hier neben mir Platz zu nehmen, um ein wenig zu ruhen?“ antwor⸗ tete Frau Voigtländer gemüthlich.„Der Mühe möchte es ſchon werth ſein und des Zeit⸗ verluſtes auch, wenn Sie ſich ein paar hundert Schritte höher hinauf“— ſie zeigte nach der Gegend hin—„dort wo die Bank ſteht, ver⸗ fügen wollten. Meine Nichte iſt oben— ſie kann Ihnen die einzelnen ſchönen Punkte zeigen.“ Der Fremde ſtand erſt regungslos und ſah in die Pforte hinein, ſtarr und wie abwe⸗ ſend auf das hübſche Haus, welches einladend, mit Sonnenläden vor der Gluth der Som⸗ merſonne geſchützt, vor ihm lag. Sein Auge irrte von einem Fenſter zum andern— er ſchien die verſchiedenartig vertheilten Räume ſondiren zu wollen. Von einem unwiderſtehli⸗ chen Impulſe getrieben trat er näher und wurde nun dem Auge des alten Voigtlän⸗ ders ſichtbar, der bei ſeinen Blumen beſchäf⸗ tigt war. Der Fremde aber ſah ihn nicht, ſon⸗ dern ſchritt raſch dem Hauſe zu, ſah daran hin⸗ auf, wendete ſich und umging es auf der rech⸗ ten Seite, um es dort eben ſo gedankenvoll zu betrachten. Verwundert hatte ſich die alte Frau in die Pforte geſtellt und verwundert richtete ſich der alte Mann ſteif in die Höhe. Hektor, der Wachtelhund, ſtand und ſah bald ſeinen Herrn, bald die Frau an, als warte er nur eines Befehles, um dieſen Eindringling wü⸗ thend anzufallen. Er ſchien gleichfalls über alle Maßen verwundert zu ſein, ließ jedoch weder ein zorniges Brummen hören, noch wies er boshaft ſeine weißen Zähne. Die ganze Szene währte kaum einige Mi⸗ nuten. Dann kehrte der Fremde, gleichſam zur Beſinnung kommend, haſtig zurück, gewahrte nun den Hausherrn in ſeinem verſteinerten Er⸗ ſtaunen und riß verlegen grüßend den Hut vom Kopfe. „Ah— Sie entſchuldigen,“ rief er dabei. „Ich hatte das Haus von unten ſchon bewun⸗ dert— es iſt ganz allerliebſt gelegen.“ Voigtländer murmelte eine Antwort und bückte ſich wieder zu ſeinen Blumen. Die alte Frau aber betrachtete ihn wohlwollend, als er recht ehrerbietig mit abgezogenem Hute bei ihrem Alten ſtand, und ſagte: „Wollen Sie vielleicht eintreten, lieber Herr?“ „Nein— ich danke!“ ſtammelte der Fremde. „Vielleicht ein ander Mal.“ Er grüßte noch⸗ mals und ging eilig dem Waldwege wieder zu, der nach oben führte. Sein Herz klopfte und ſeine Stirn glühete. Er mußte ſtill ſtehen. Frau Voigtländer ſchien eine Ahnung ſeines Seelenzuſtandes zu haben. Sie ſchaute ihm mit Intereſſe nach und da ſah ſie zu ihrem Erſtaunen, daß Hektor, der Wachtelhund, ihm nachlief, daß er bei ihm ſtill ſtand, ohne ſein eigenſinniges Gebell hören zu laſſen, daß der junge Mann ſich bückte, und daß Hektor ſich wirklich, gegen ſeine ſonſtige Art und Weiſe, ruhig liebkoſen ließ. Die alte Frau traute ihren Augen nicht. Das war noch nie paſſirt, ſo lange ſie denken konnte. Wer war der Fremde? Welche Anziehungskraft lag in ihm, um die falſche, heimtückiſche Natur des Thieres dergeſtalt zu zähmen? Jedenfalls mußte dieſer Menſch ſchon in der Gegend geweſen und die Bekanntſchaft des Hundes gemacht haben, ſonſt war die Sache nicht erklärlich. Sie konnte nicht umhin in den Garten zurück zu gehen und dem Alten ihre Wahrnehmungen mitzutheilen. Während ſich Beide darüber zu unterhalten begannen, ob ſie dieſen Fremden wohl nicht frü⸗ her ſchon geſehen hätten, ſtieg er, ſchnell von ſeiner Gemüthsaufregung geneſen und von dem Hunde wieder verlaſſen, den Pfad aufwärts und gelangte in kurzer Zeit auf ein terraſſen förmiges Plateau, wo ein ſchmales Ruhebän⸗ chen angebracht war. Eine Frauengeſtalt im hellen Somme⸗ kleide, beſchattet von einem breiten Strohhut, ſaß auf dieſer Bank und las. „Das muß„Kätchen“ ſein,“ dachte e, indem ein ſpöttiſches Lächeln die letzten Spurer einer fremdartigen Aufregung in ſeinem Ge ſichte vertilgte. Sein Heranſchreiten war von dem Mäd⸗ chen überhört. Ihr Geiſt erging ſich in den Regionen, welche die fruchtbare Phantaſie Bul⸗ wer's in den„Kindern der Nacht“ zauberhaft anziehend vor ihren Geiſtesblicken entrollt hatte. Erſt der laute, ſehr herzhaft ausgeſprochene Gruß des jungen Mannes weckte ſie aus ihrer Verſunkenheit und machte, daß ſie ſich jähe auf⸗ richtete und demſelben groß in's Auge ſah. Betroffen wich der Fremde zurück. Nur ſein belebtes Auge verrieth einen Theil der Be⸗ wunderung, die er an ihrem Anblicke empfand. Er geſtand ſich ein, daß dieß das reizendſte Mädchen ſei, was er bis jetzt geſehen habe, und wenn vorhin ſein Herz aus unverſtändlichen Beweggründen heftig gepocht hatte, ſo wußte er jetzt auf das Allerbeſtimmteſte, daß das un⸗ vernünftig heftige Pulſixen desſelben durch einen Strahl aus dieſen ſchönen Mädchenaugen entt ſtanden war. Auch Kätchen glühete in hel ler, lichter Purpurröthe, als ſie haſtig ihren Platz verließ und Miene machte, bergab zu ent fliehen. „O, bitte—“ flüſterte der Fremde un vertrat ihr den Weg.„Ihre Frau Tante ſchickt mich herauf— Sie können mich dankbar ve danken chen, nes, 1 kunge Mäd Felſe walde weiſer hen lel ſlung bei or beleber aus ſe das be dete, lich in Kar weil ten e ange cher daß mehr von der r lange „ ohne das ¹ ſrüh ſen he . ſehr mür Pau ten 8 ſagte dern mnde. och⸗ ezu, und dung aute em üm ſein dder r ſih Weiſe raute ſſirt, der ihm, eres jeſer die ſonſt nicht dem alten ſcu ld nean wrts G bälk me⸗ hut, der richtige Weg ſei, um zu Ihrer Hand zu ge⸗ langen ſagte der Fremde das? Sollte er aus beſon⸗ die warmen Empfindungen erſtarren, die ſie fluß ſein pflichten, wenn Sie mir die Punkte zeigen, von wo ich in's Thal blicken kann.“ Kätchen faßte ſich und ſuchte ihre ge⸗ wöhnliche Schelmenlaune hervor. Es gelang ihr nicht. Die Worte ſtockten— die beſten Ge⸗ danken verflogen. Verlegen wie ein Schulmäd⸗ chen, vermied ſie die Blicke des jungen Man⸗ nes, der ebenfalls vergeblich geiſtreiche Anmer⸗ kungen zu machen ſuchte. Zitternd ging das Mädchen voran, zitternd folgte er bis zu einem Felſenvorſprunge, von wo aus rechts die tiefe, waldbewachſene Slüftung mit dem ſilber⸗ weißen Bache zu überſehen war. Tief verſun⸗ ken lehnte ſich der Mann über die Felſenbrü⸗ ſtung hinaus, ſeine Gedanken mochten ſich da⸗ bei ordnen und die Bilder ſeiner Zukunft ſich beleben, denn eine heitere Freudigkeit ſtrahlte aus ſeinen Blicken, als er ſich zu dem Mädchen, das beſorgt hinter ihm ſtand, wieder umwen⸗ dete. Er trat raſch vor ſie hin und ſah beweg⸗ lich in ihr Auge. „Iſt es wahr, daß Sie die Verlobte des Karl—“ er blieb ſtecken mit ſeiner Frage, weil er ſich des Inkognito ſeines alten Bekann⸗ ten erinnerte, aber ſich durchaus nicht auf ſeinen angenommenen Namen beſinnen konnte. Kät⸗ chen ſtarrte ihn verwundert an. „Der Wirth im Gaſthofe theilte mir mit, daß Sie Braut des Fremden wären, der ſeit mehreren Wochen bei ihm wohnt,“ begann er von Neuem.„ Kätchen ſchüttelte ſchweigend den Kopf, ſetzte jedoch dann ſchnell hinzu: „Herr Oskar Behrens hat nur meinem Onkel Liebeserklärungen gemacht, mir niemals.“ „Vielleicht weil er gewußt hat, daß dieß „“ meinte der Kaufmann forſchend. „Schwerlich. Er hat Abſchied genommen, e dergleichen Abſichten zu verrathen,“ fiel Kädchen ein.„Seine Klugheit wird ihm genug geſagt haben, daß er nichts zu hof⸗ ,, „Wirklich?“ rief der Fremde lebhaft und ehr ihtu freudig.„Ihr Onkel ſcheint ein mürriſcher Mann,“ ſprach er dann nach einer Pauſe,„allein Ihre Tante hat einen ſehr gu⸗ ten Eindruck auf mich gemacht.“ Kätchen ſah blitzſchnell auf. Weßhalb dern Abſichten ihr Thal aufgeſucht haben? War er mit dem Vorſatze hergekommen, eine Spekulationsheirat mit ihr zu ſchließen? Eis⸗ kalt überlief ſie der Gedanke und machte alle ſchon zu durchfluthen begannen. „Haben Sie Geſchäfte mit meinen Ver⸗ wandten abzumachen,“ fragte ſie ſpitz,„wor⸗ auf die gute oder böſe Laune derſelben von Ein⸗ kann?“. Kaufmann ſtützte ſein Kinn in die ſah bedenklich zu ihr auf. er dem Mädchen vertrauen? Ihr Beſi ieth Güte— ihr Auge Klugheit. heit geführt,“ ſprach er langſam und jedes Wort betonend.„Wenn ich wüßte, daß Sie meinen Hoffnungen nicht entgegen arbeiten wollten—“ „Rechnen Sie nicht auf mich,“ fuhr ſie ha⸗ ſtig auf und ſchritt ſchnell den Pfad zur Bank zurück. Der Fremde folgte. Sein Blick hing ſich entzückt an die ſchlanke, ſchöne Geſtalt, die vor ihm her eilte. Ihm fiel nicht im entfernte⸗ ſten ein, daß ſich ein Argwohn beleidigender Art in ihrer Seele eingeniſtet hahen könnte und er hing ſeinen Gedanken nach, die ihm einen verſöhnlichen Ausgang aus dem Labyrinthe feindlicher Verwicklungen verhießen, wenn er es verſtand, klug zu manövriren. Das Mädchen ſchnitt ihm aber jede Möglichkeit einer überleg⸗ ten Einleitung dadurch ab, daß ſie, bei der Bank angelangt, ſogleich ihr Buch ergriff und nach einem graziöſen Knix haſtig den Pfad hin⸗ abeilte. Der Fremde ſah ſie vorwurfsvoll an, machte aber nicht den geringſten Verſuch, ſie zurückzu⸗ halten. „Sollte ſie ahnen wer ich bin und was ich will?“ fragte er ſich, indem er ſich auf die Bank niederließ und ſeine Blicke auf das Voigt⸗ länder'ſche Haus, das dicht unten am Ab⸗ hange vor ihm lag, heftete. Er grübelte eine gute Weile über die Schritte nach, die ihm nun zu thun übrig blieben, wurde aber durchaus nicht darüber einig und beſchloß, ſeufzend, weil er mehr ein Mann des Handelns als des War⸗ tens war, bis zum nächſten Morgen zu warten, ehe er einen entſcheidenden Schritt wagte. Träumeriſch, von hellen Bildern des Glückes umflogen, blieb er lange, lange ſitzen, die Blicke unverwandt auf das Haus heftend und biswei⸗ len mit einem Perſpektive die blanken Fenſter desſelben prüfend, um zu ſehen, ob Kätchen nicht daran erſcheine. Der rollende Donner erweckte ihn endlich aus ſeinen Traumbildern und die erſten gro⸗ ßen Regentropfen jagten ihn hinab in die ſchüz⸗ zende Behauſung des goldenen Löwen. So lange er oben geſeſſen hatte, war er der unveränderten Beobachtung des Voigt⸗ länder'ſchen Ehepaares ausgeſetzt geweſen, ohne dieß zu ahnen. Von einer unruhigen Neugier getrieben, hatte die alte Frau einen Platz im Garten eingenommen, von wo aus man die Bank, die gar nicht bedeutend fern war, recht gut obſerviren konnte, und ſie theilte ihrem Manne endlich die Bemerkung mit, daß der fremde junge Mann unaufhörlich das Haus anſtarre und durch ein kleines Fernrohr be⸗ ſichtige. Kätchen hörte dieſe Mittheilung mit po⸗ chendem Herzen. Sie glaubte zu wiſſen, weß⸗ halb der Mann ſeine Aufmerkſamkeit an des Oheims Haus feſſele, und ſie flüchtete mit ihrem glühenden Geſichte in ihr Zimmer, um ſich nicht zu verrathen. Ohne es ſich klar einzugeſtehen, fühlte ſie ſich unausſprechlich ſelig nach dem kurzen Bei⸗ ſammenſein, und ſie war feſt überzeugt, daß ihre „Ihr Scharfſinn hat Sie nahe an die Wahr⸗ Erinnerungen. 1858. 4 ——õ—O—O—. 201 vorausgeſetzten Spekulationsideen auf ihr Ver⸗ mögen in ein weit ſüßeres Gefühl zu verkehren, welches eine regelmäßige Liebeswerbung zu Folge haben würde. Saß er nicht, wie weiland Ritter Togen⸗ burg, und ſchauete ihr Fenſter an, nachdem ſein erſter Blick auf ſie, ſein Blut zum Sieden gebracht hatte? Sie vergegenwärtigte ſich mit treuem Gedächtniſſe alle Mienen und alle Worte, die bedeutſam ſein konnten, und ſie wob wirk⸗ lich ein ganz haltbares Ganze aus den Zufäl⸗ ligkeiten, die bei dieſer Begegnung folgenreich gewirkt hatten. Mittlerweile hatte das Gewitter die Fluren mit einem erquicklichen Regen überſchüttet und der Abend war finſterer, als ſonſt im Juni, hereingebrochen. Das Voigtländer'ſche Ehepaar pflegte um neun Uhr zu Bette zu gehen und ſchien auch an dieſem Tage keine Luſt zu ſpüren von dieſer Gewohnheit abzuweichen. Ihr Schlafzimmer lag hinter dem gewöhn⸗ lichen Familienzimmer und hatte außer einem Eingang durch dieß, noch eine Thür nach dem Flure. Gerade gegenüber lag das Zimmer des jungen Fräuleins, das in Verbindung mit einem Stübchen ſtand, worin das Dienſtmäd⸗ chen ſchlief. Für gewöhnlich wurden nur dieſe Räume benützt. Alles übrige war verſchloſſen und verriegelt. Der Dompfaff hatte ſein Bauer im Wohn⸗ zimmer, konnte jedoch Promenaden im Zim⸗ mer machen, ſo viel es ihm beliebte, weil die Thür ſeines Gefängniſſes geöffnet blieb. Der. Hund war im Hausflur gebettet, um als Wächter zu dienen, was im Grunde ganz un⸗ nöthig war, da ſeit Menſchengedenken nicht eine Stecknadel im ganzen Dorfe geſtohlen oder ge⸗ raubt war. Der Abend war finſter, der Himmel dicht umzogen von ſchweren Wolken aus denen ein erfriſchender Regen ganz ſecht herniederrieſelte. Kätchen kannte keine anmuthigere Muſik, als dieß leiſe Rieſeln auf den Baumwipfeln und das eintönige Rauſchen des Baches im Grunde. Stundenlang lauſchte ſie bisweilen auf dieß harmoniſche Geräuſch, den Kopf voller roman⸗ tiſcher Träume, wie ſie von der überflüſſigen Lektüre hochromantiſcher Ueberſchwenglichkeiten erzeugt zu werden pflegen. Tage gab ſie ſich ihrer Vorliebe für dergleichen Phantaſieſpiele hin, nur mit dem Unter⸗ ſchiede, daß durch das Bild des intereſſanten Fremden ihre Wahnbilder eine kompaktere Ge⸗ gebrochen, ihre Verwandten ſchliefen ſchon, das Dienſtmädchen hatte längſt die Ruhe geſucht, als ſie noch immer hinter den geſchloſſenen Sommerläden am offenen Fenſter ſaß und mit offenen Augen träumte. 4 Es war die tiefe Ruhe der Nacht auf den Bergen und in den Thälern gelagert. Von fern her ertönte der Geſang einer ſehr ſchönen Schönheit im Stande geweſen war, die von ihr Männerſtimme— was war natürlicher, als daß ſie annahm,„der Fremde ſei der Sän⸗ 3 26 ſchon ift. mas r Sr. Expedi⸗ st ſchon e noch welchen rungen, gungen die un⸗ einmal e, ſehen Auch an dieſem ſtalt annahmen. Die Nacht war ſchon herein⸗ ſeine e V —— 202 ger,“ da ſie nie zuvor dieſe Stimme vernom⸗ men hatte. Gern hätte ſie ſich in die Nacht hinausgelehnt, um beſſer zu hören, was er ſang, allein ein natürliches Grauen hielt ſie ab, die Jaluſien in die Höhe zu rollen. Endlich hörte der Geſang auf und ſie legte ſich zu Bette, um ſchlafend fortzuträumen, was ſie wachend begonnen hatte. Nachdem ſie eine Weile geruhet, hörte ſie durch die Stille der Nacht den dummen Dom⸗ pfaffen ſein neuerlerntes Lied„der Vogelfänger bin ich ja“ beginnen. „Was fällt denn dem ein!“ dachte ſie la⸗ chend und wendete ſich auf die andere Seite. In derſelben Minute ſchlug Hektor an, aber nicht heftig, nicht böſe, ſondern nur wie über⸗ raſcht von der unerwarteten Erſcheinung eines Bekannten. Kätchen ſtutzte. Dann beruhigte ſie ſich mit dem Gedanken, das Thier werde geträumt haben, und ſchlief feſt ein. Der Morgen ſchien ſchon hell durch ihre Läden, als ſie nach ſanftem Schlafe erwachte und mit dem frohen Gefühle an ein mögli⸗ ches Wiederſehen des Fremden von geſtern, ihr Lager verließ. Haſtig öffnete ſie ihre Fenſter, um die erfriſchte Luft in ihr Zimmer dringen zu laſſen. Tiefe Stille noch umher. Ihr On⸗ kel, ſonſt mit dem Morgengrauen draußen im Garten, war nicht zu ſehen. Verwun⸗ dert darüber kleidete ſie ſich raſch an und ging zur Thür, die ſie innen verriegelt hatte. Sie zog den Riegel zurück— die Thür ließ ſich dennoch nicht öffnen— ſie war von außen verſchloſſen. Ungeduldig raſſelte ſie mit dem Schloſſe. Sie war der Meinung, die Magd habe aus Verſehen zugeſchloſſen. Sie rief ihren Namen. Zu ihrem Erſtaunen antwortete dieſe durch die Zwiſchenthüre, welche ihre beiden Schlafge⸗ mächer verband. „Mein Gott, Suſette, Du haſt mich ja eingeſchloſſen!“ ſchalt Kätchen dorthin eilend. „Ach, Mamſell Kätchen— ich bin ja noch gar nicht aus meiner Kammer geweſen— meine Thür nach der Küche iſt zu, ich kann nicht hinaus!“ entgegnete die Magd. Raſch zog Kätchen den Riegel von der Zwiſchenthüre und trat in Suſetten's Kam⸗ mer. Dieſe ſaß angekleidet auf einem Stuhle, auf ihre Erlöſung wartend. Kätchen lachte laut auf.„Gewiß iſt der Onkel nochmals in der Nacht aufgeſtanden,“ ſcherzte ſie,„und hat uns in der Zerſtreuung eingeſchloſſen.“ Aber in demſelben Momente, wo ſie die einzige Möglichkeit dieſes ſeltſamen Zufalles aufſtellte, erhob ſich ein donnerähnliches Ge⸗ polter an der gegenüberliegenden Thür des Voigtländer'ſchen Schlafzimmers und die zornig erhobene Stimme des alten Herrn durchdröhnte das ganze Haus:— „Seid Ihr toll geworden, Ihr Weibsleute da drüben, daß Ihr den Eingang zur Wohnſtube nicht allein, ſondern auch den zum Flure von außen verſchloſſen habt? Augenblicklich macht auf, oder es ſoll Euch ein Dounerwetter auf den Kopf kommen!“ Jetzt ſtutzte Kätchen und jetzt brach die Magd in ein Jammergeheul aus. „Ach ich habe es doch gleich gedacht,“ ſchrie ſie unter fließenden Thränen,„daß die Sache nicht richtig ſei. Paſſen Sie auf, es ſind Spitz⸗ buben im Hauſe— ſie werden uns morden — ich gehe nicht hinaus.“ „Das wirſt Du auch wohl ſo lange bleiben laſſen müſſen, bis die Thüren wieder offen ſind,“ ſprach Kätchen ſchnell beſonnen dicht zur Thür laufend, um ihrem Onkel zuzuſchreien, daß ſie ebenfalls eingeſchloſſen ſeien. Nun wurde Lärm in allen Ecken des Hauſes. (Schluß folgt.) —:— Die Engländer in Hſtindien vor hundert Jahren. Hiſtoriſche Erzählung aus dem Engliſchen. Von Dr. Janowitz. 1. In einem kleinen Dorfe Englands lebte in der Mitte des vorigen Jahrhundertes der Landgeiſtliche John Drummond, der außer ſeinem guten Gewiſſen und ſeiner Gelehrſam⸗ keit nur noch eine kleine Familie hatte, welche er mit dem nur ſehr geringen Jahresgehalte dürftig ernähren konnte. Der junge Drum⸗ mond, der älteſte von drei Geſchwiſtern, hatte ſchon in ſeiner frühen Jugend die ſeinen Lands⸗ leuten im hohen Grade eigene Neigung ge⸗ zeigt, durch Tauſch⸗ und Handelsgeſchäfte ſich Geld zu erwerben; je älter er wurde, deſto mehr kam ihm die ärmliche Lage, in welcher ſeine Familie ſich befand, zum Bewußtſein. Doch hielt er mit ſeinem durch Handel mit Luxusartikeln, ſo wie durch wucheriſche An⸗ leihen bei den wohlhabenden Söhnen des Dor⸗ fes erworbenen Kapital ängſtlich zurück, verbarg es ſorgfältig vor Jedermann und ſah oft gleich⸗ giltig ſeinen Vater an dem Nothwendigſten Mangel leiden. Er würde ſich ſchon jetzt für reich gehalten haben, wenn nicht ein Krämer, der von London kam, und mit dem er Ge⸗ ſchäfte machte, ihm den Inhalt ſeiner Geld⸗ taſche gezeigt hätte. Seit dieſer Zeit war nur London der Gegenſtand ſeiner Träume, das Ziel ſeiner Wünſche; ſchon ſah er ſich im Be⸗ ſitze von Waarenmagazinen, von eiſernen Ki⸗ ſten mit funkelndem Metalle angefüllt. Die jugendliche Phantaſie überſpringt im Fluge Zeit und Raum, und dieſe unbeſchränkte Schö⸗ pferin beſchäftigte nun ſein ganzes Denkver⸗ —— mögen. Eines Tages, als gerade Vater Drum⸗ mond bei einem Glaſe Waſſer im kalten Zim⸗ mer eine begeiſterte Predigt über die Freuden des Gerechten inmitten der Trübſale der Welt niederſchrieb, trat der junge Drummond— er war nun ſchon achtzehn Jahre alt— vor ſeinen Vater mit dem Anliegen, er möchte ſeine Einwilligung dazu geben, das Vaterhaus zu verlaſſen, um in London einen Erwerb aufzu⸗ ſuchen.„Ihr habt ja einen alten Verwandten daſelbſt, der ehemals begütert jetzt einen kleinen Kramladen beſitzt,“ meinte er. „Ach, der arme Belſon, der wird Dir nicht viel helfen können,“ antwortete der Vater. „Nun, er kann mir Anfangs an der Hand ſein und mir Nachweiſungen der verſchiedenſten Art geben, mehr verlange ich nicht; denn, kurz und gut, Vater, ich will nun mein Leben auf eigene Fauſt beginnen.“ Der Pfarrer las in den ruhigen aber energiſchen Zügen den feſten Entſchluß ſeines Sohnes. Ein bitteres Gefühl durchzuckte ſein Gemüth, als er der großen Armuth gedachte, in welcher er ſich befand, und die es ihm un⸗ möglich machte, ſeinem Aelteſten etwas anderes denn Segensworte als Zehrpfennig auf den Weg mitzugeben. Schmerzlich bewegt ſagte er ihm, er müſſe nun ſchon ſo lange warten, bis er ſeinen Vierteljahresgehalt in Händen habe, um ihm einiges Reiſegeld geben zu können. „Es iſt nicht nöthig,“ ſagte der junge Drummond,„ich habe mir ſo viel erſpart, als ich brauche. Seit ſechs Jahren habe ich jede Gelegenheit benützt, um etwas zu verdie⸗ nen, heute iſt die Summe von zehn Pfund, die ich mir als Ziel geſteckt, vollzählig, und ich warte nur auf Euere Erlaubniß, um ſo⸗ gleich nach London aufzubrechen.“ „Zehn Pfund!“ rief der Pfarrer erſtaunt, der nie eine größere Sumnie auf einmal be⸗ ſeſſen hatte. Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ſein Sprößling auf rechtlichem Wege, mit lobens⸗ werther Konſequenz zu dem Beſitze von zehn Pfund gelangte, ließ er ihn ſeiner Neigung folgen. So zog er denn nach London, ohne daß ſein Scheiden eine große Bewegung in die Familie gebracht hätte; die kleine Hanna, ſeine Schweſter, war die einzige, die ihm Thrä⸗ nen aufrichtigen Schmerzes nachweinte, und von der er ſich ungern trennte.. An einem ſchönen Sommermorgen fand er ſich in dem großen Menſchenmeere, den Paläſten, dem Rauche und dem Lärm Lon⸗ dons gegenüber, ſein Herz ſchlug raſcher und die verſchiedenartigſten Gefühle überkamen ihn, als er den ungeheuern Schauplatz ſah, den er betreten ſollte. Erſt nachdem er ſich von dem großartigen Eindrucke erholt hatte, kam ihm in den Sinn, ſeinen Verwandten Belſon außzuſuchen, der in einem ärmlichen Stadttheile einen kleinli⸗ chen Handel mit altem Eiſen führte; ſeine zehn Pfund waren zu dieſem Geſchäfte ein berück⸗ ſichtigungswerthes Kapital. Dieſe, ſo wie ſeine Umſic ihn e lett z Belf ders juger meh⸗ die mög daß ſchen fen, den Leide verkre wurd dring ſeine hörte der, zehn ſchri ihrer See Poſ ſeine Reiſ in o ſeine dachte Schw ten V deren Unter vor d Pfar Garte ſelben zimme Hoffn die Ei Raebe nen. als in das er erg N d Vater der S den C Jfarr 1 8 blute nes, Elter n Sühw ri und; dag er vij ———— Umſicht und ſein unermüdlicher Fleiß machten ihn erſt zum Theilnehmer des Geſchäftes, zu⸗ letzt zum Chef der Firma Drummond und Belſon. Mit der Zähigkeit eines echten Englän⸗ ders und mit dem unternehmenden Geiſte einer jugendlichen Energie, ſchwang er ſich immer mehr empor, und hatte bei jedem Jahresſchluſſe die erfreuliche Wahrnehmung, daß ſein Ver⸗ mögen in raſchem Verhältniſſe zunahm, und daß in demſelben Verhältniſſe die kaufmänni⸗ ſchen Notabilite er Altſtadt ſich herablie⸗ ßen, Notiz zu von dieſer aufſteigen⸗ den Sonne. G wurde die herrſchende Leidenſchaft Drummond's, ſeine Gefühle derkrochen ſ in ſeine gefüllten Geldkaſſen und wurden immer konzentrirter von der undurch⸗ dringlichen Kruſte des Egoismus umgeben. Um ſeine Familie kümmerte er ſich gar nicht, und hörte mit Gleichgiltigkeit, daß einer ſeiner Brü⸗ der, der zu See ging, ertrunken ſei. Erſt nach zehn Jahren der Trennung, als ſein Vater ihm ſchrieb, die ſterbende Mutter wünſche noch einen ihrer Söhne zu ſehen, erweichte ſich ſeine dürre — Seele in Etwas; er reiſte in einer bequemen ſtorbenen. Poſtkutſche in ſeine Heimat. Der Vergleich einer jetzigen Lage mit der, in welcher er dieſe achteten Namens und eines Gutes in der Nähe Jetz 9— he, Reiſe einſt nach London gemacht, wiegte ihn in anmuthige Gedanken; die ſonnigen Tage ſeiner Kindheit tauchten in ihm auf; er ge⸗ dachte ſeines Lieblings, der kleinen zarten Schweſter, er gedachte der Brüder, ſeines gu⸗ ten Vaters, der Zärtlichkeit ſeiner Mutter, für deren letzten Gruß er vielleicht zu ſpät kam. Unter ſolchen Betrachtungen langte er im Dorfe vor dem Wirthshauſe an, und ging zu dem Pfarrhauſe zu Fuße, vor welchem ein kleiner Garten mit einer dichten Laube lag. Aus der⸗ ſelben erreichten folgende Worte eines Frauen⸗ zimmers ſein Ohr.„Ach, Albert, es iſt keine Hoffnung mehr. Sie liegt ſprachlos und hat die Einwilligung zu unſerer Verbindung nicht gegeben; ſie ſtirbt, ohne unſeren Bund zu ſeg⸗ nen.“ Die Unterredung wurde abgebrochen, als Drummond'es Annäherung bemerkbar ward, ein weibliches Weſen floh raſchen Schrit⸗ tes dem Hauſe zu, ein Mann verlor ſich im Schatten der Gebüſche. Der Sohn betrat nun pochenden Herzens die Schwelle des Vaterhauſes. Beim Eintritte in das Zimmer fand er ſeine Mutter ſprachlos, er ergriff ſchluchzend ihre Hand und die ſeines Vaters, der neben dem Bette ſaß, und ſank an der Seite desſelben nieder, die Hände der bei⸗ den Eltern mit Thränen bedeckend. „Sohn, mein Sohn!“ rief der entzückte Pfarrer. „Vater, theuerer Vater!“ In dieſem feierlichen Augenblicke bebte und blutete das ſonſt ſo harte Herz des Kaufman⸗ nes, und der Gedanke, daß er für ſeine alten Eltern ſo wenig gethan, zog wie ein rächendes Schwert durch dasſelbe. Er fühlte tiefe Reue und Beſchämung; in dieſer Ideenverwirrung fehl wegen einer Schuld von dreißig Pfund. So ſtand das Verhältniß des Kapitäns ganz klar vor ſeinen Augen. Ein Burſche, der neben ihm herlief und ihn mit Aufmerkſamkeit be⸗ trachtete, drückte ihm, ſich ſcheu umherſehend, einen ſchmutzigen Zettel in die Hand, deſſen Inhalt ihm ſagte, er möge dem Burſchen fol⸗ gen, wenn er den Kapitän Clive zu ſprechen wünſche. Sie gingen einen engen Pfad, welcher durch Sumpf und Wald führend, ſie weit von der Landſtraße in ein Häuschen brachte. Der Burſche klopfte an, die Thür öffnete ſich und der Kapitän trat vorſichtig heraus. Der Ka⸗ —† — für ſein Herzensleid— eine Zweihundert⸗Pfund⸗ note aus der Taſche und legte ſie auf das Bett der Mutter. Die Sterbende ſelbſt ſchien den Werth der Gabe noch zu erkennen, ſie drückte ſchwach die Hand ihres Sohnes, und ſchien den Blick auf eine weinende Geſtalt richten zu wol⸗ len, die ſich unterdeß genähert. Es war Schwe⸗ ſter Hanna. Drummond umarmte die blü⸗ hende, reizende Jungfrau voll ſchmerzlicher Rüh⸗ rung. Das Auge der Mutter ſah ſtarr auf Beide, ſie machte eine letzte Anſtrengung um ihnen noch etwas zu ſagen, doch in dieſer ver⸗ flackerte der letzte Lebensfunken, ſie athmete rö⸗ chelnd und verſchied. Nach einigen Tagen zierte ein neues Mo⸗ nument den Dorfkirchhof, und als der Raſen die lebloſen Reſte der Mutter bedeckte, ward Drummond wieder der Alte. Auch der hef— tigſte Sturm der Gefühle legte ſich, wie die Woge des bewegten Oceans, wenn der Wind aufgehört. Aus dem Munde des Vaters und aus den Thränen Hanna's erfuhr er die Bedeutung des letzten ausdrucksvollen Blickes der Ver⸗ Der Kapitän Clive, der Erbe eines ge⸗ hatte das Herz des unerfahrenen Mädchens ge⸗ wonnen, er war von lebhafter und gutmüthiger Gemüthsart, daher durch ſinnloſe Jugendthor⸗ heiten und maßloſe Verſchwendung, in ſeinen Vermögensumſtänden ganz zu Grunde gerichtet. Am Rande des Abgrundes ſah er Hanna und liebte ſie. Der Pfarrer, obwohl über Clive's Leben unterrichtet, gab den feurigen Betheue⸗ rungen, daß Hannas Liebe ihn allein noch retten und zum vernünftigen Leben zurückführen könne, ſo wie den Bitten ſeiner Tochter ſelbſt gegen den Willen der einſichtsvolleren Mutter nach. Jetzt war es der liebende Bruder, der ſich dieſer Verbindung widerſetzte. Er benützte die kurze Zeit ſeines Aufenthaltes, um ſeine geliebte Schweſter von dem Abgrunde, der ſich ihr öff⸗ nete, zu retten. Als er eines Morgens nach dem Gute des Kapitäns ſich begab, um ihn von der Nutzlo⸗ ſigkeit ſeiner Bewerbung zu unterrichten, fand er anſtatt des Hausherrn, Gerichtsdiener, Auk⸗ tionskommiſſäre und Pächter aus der Umge⸗ 203 hem Wuchſe, kräftigem Körperbau und ausge⸗ zeichneter männlicher Schönheit, auf welcher das Spiel wilder Leidenſchaft ſeine Spuren ge⸗ zeichnet hatte. Sie ſchritten in ein kleines Zim⸗ mer, das zwar einfach aber ſauber und komfor⸗ tabel ausgeſtattet war.„Nicht wahr,“ ſagte der Kapitän lachend,„dieß iſt kein ſo unangenehmer Aufenthalt, als der Schuldenarreſt; dieß ließ ich meiner Amme verſchreiben, um bei der vor⸗ ausgeſehenen Nothwendigkeit einer letzten Zu⸗ flucht vorgeſorgt zu haben.“ „Kommen wir zur Sache, Herr Kapitän,“ ſagte Drummond,„Sie errathen doch, was mich zu Ihnen führt.“ „Ich weiß es, und es war mein Wunſch, mit dem Bruder meiner Geliebten ein vertrau⸗ liches Wort zu reden.“ Er ſchilderte ſein ver⸗ gangenes Leben, ſeine Liebe zu Hanna, die ihm als Rettungsengel erſchien, er gab zu, daß ſein Vermögen verloren ſei, wies aber nach, daß es ihm an Hilfsquellen nicht fehle. Er habe einen Anſpruch auf Sold von der Regie⸗ rung, er habe Ausſicht auf eine Erbſchaft, die ihn wieder zu einem reichen Manne machen würde. Drummond erwiederte, er glaube nicht an eine gänzliche und plötzliche Umwandlung bei einem Menſchen ſeines Leichtſinns und ſei⸗ ner Gemüthsverfaſſung; nie und nimmer werde er, als Bruder zu dem Unglück ſeiner Schwe⸗ ſter ſeine Einwilligung geben. Sie habe zwar die freie Wahl, aber wähle ſie gegen die Ver⸗ nunft, gegen ſeinen brüderlichen Rath, ſo wolle ſtreichen. Die Entgegnung des Kapitäns, der ſtolz und heftig eine Demüthigung nicht zu er⸗ tragen vermochte, war von der Art, daß beide mit einer gründlichen gegenſeitigen Erbitterung von einander ſchieden. Drummond ſtellte nun ſeinem Vater die ganze Sachlage getreu dar, und ſuchte ihn zu überzeugen, wie ſeine Schweſter dem unver⸗ meidlichen Unglück entgegen ging, wenn dieſe Verbindung ſich verwirklichen ſollte,— welcher er mit aller Kraft entgegen trat. Doch der gut⸗ müthige Pfarrer war in dieſem Punkte von ganz entgegengeſetzter Anſicht. Finanzielle Be⸗ ſchränktheit war ihm nichts ungeheuerliches, und Clive,„im rüſtigen Lebensalter, mit An⸗ Stück Vieh— und zu dem einen Verhaftsbe⸗ e mond auch im gehaltenen F gend bei der Auktion von Mobilar und einigem ſprüchen auf eine Regierungspenſion, mit Aus⸗ ſichten auf eine große Erbſchaft, wird aus Liebe zu ſeiner Gattin und durch die zunehmenden Jahre vernünftiger, und ſo ein ganz annehm⸗ barer Schwiegerſohn werden.“ Da Drum⸗ jami lienrath in der Minorität blieb, überließ er beide ihrem Schick⸗ ſale und kehrte nach London zurück. Hier trat ihm der Unterſchied ſeines Ver⸗ hältniſſes zu der Erbärmlichkeit ſeines väter⸗ lichen Hauſes mit behaglichem Gefühle vor die Augen; in die Zahl der größeren Kaufleute eingereiht, Beſitzer einer reichen Niederlage und ines großen Komptoirs in der City, fiel es zog er, wie inſtinktmäßig ein Heilmittel ſuchend pitän war in der Mitte der Dreißiger, von ho⸗ ihm endlich ein, Brauche ein Haus nach allgemein menſchlichem zu machen, und eine andere 26* er ihren Namen für immer aus ſeinem Herzen iiſe noch welchen rungen, higungen die un⸗ ch einmnal bte, ſehen n Grena⸗ eſchwinden nmerwäh⸗ Angſt um er haben In in der in ihrem arbeit be⸗ r, ſie theil⸗ ſef— als uhrt wurde, ſch arp, den N 1 b — 204 Hälfte zu ſuchen. Dieſe fand er bald in der Perſon der reichen Witwe Coldman, deren Firma er mit der ſeinigen vereinigte, von wel⸗ cher der Name Belſon längſt geſtrichen war. Der ehemalige Dörfler, mit zehn Pfund in der Taſche, wog nun ſeine hundert Tauſend Pfund. Indeſſen wurde Clive und Hanna von dem alten Pfarrer verbunden. Die Angelegen⸗ heiten des Kapitäns waren geordnet, er bezog das Haus, welches er ſeiner Amme verſchrieben, es blieben ihm noch einige hundert Pfund, mit welchen er einen Pferdehandel betrieb. Anfäng⸗ lich ſchien derſelbe einträglich. Clive aber, häufig auf Reiſen, fern vom Einfluſſe der Häus⸗ lichkeit, verſank allmälig in ſeine früheren Ge⸗ wohnheiten, die ihn bald an den Rand des Ver⸗ derbens bringen mußten. Hanna duldete und ſchwieg. Sie hatte zwei Kinder geboren, einen Knaben und nach einigen Jahren ein Mädchen. Die Beſchäſtigung mit dieſen war ihr einziger Troſt. 2. Auf der Themſebrücke gingen eines Tages zwei Männer, der eine älter und größer, von militäriſchem Ausſehen, der andere kleiner, breitſchulterig, muskelkräftig; in ſeinen Zügen ſprach ſich eine gutmüthige Derbheit aus, er trug eine alte Uniform. „Schrubbs, mein Burſche,“ ſagte der Größere,„es iſt bei alldem nichts mit dem Le⸗ ben, von welcher Seite man es auch anfaßt.“ Schrubbs begnügte ſich, leiſe eine Me⸗ lodie zu pfeifen. „Hätte ich ſie nur nicht kennen gelernt,“ ſprach der Kapitän weiter; denn dieſer war's, „mit ihr glaubte ich glücklich zu ſein und wir waren es.— Aber was iſt's nun?— Gibt's ein elenderes Geſchöpf unter der Sonne als ſie und die Kinder? O, das zehrt an meiner Seele!“ „Ach, was die Kinder betrifft,“ meinte Schrubbs,„die laſſen ſich nichts abgehen, die gedeihen, wie die Kürbiſſe. Da iſt der Toms, kaum zehn Jahre alt, aber ein Mords⸗ kerl, der nimmt's mit fünf Erwachſenen auf.“ „Jetzt wieder mit leeren Händen als Bett⸗ ler zu ihr zurückkehren,“ fuhr jener, wie mit ſich ſelbſt redend, fort,„und ihr den letzten magern Biſſen aufzehren helfen— es geht nicht mehr, nein, nie mehr.“ „Auch mein Gedanke,“ erwiederte Schrubbs, „es geht nicht mehr; aber wie wär's, wir lie⸗ ßen uns nach Indien anwerben? Soll ein Land voll Gold, Diamanten und Perlen ſein.“ „Soll ich noch einmal für mein undankba⸗ res Vaterland kämpfen?“ nahm der Kapitän das Wort.„Ich habe um meinen verdienten Sold vergebens angeſucht, verdiente ich nicht die Penſion? Meine Schritte waren vergeblich, die Wache hat mich die Treppe hinunter gewor⸗ fen, als ich Sr. Majeſtät ſelbſt mich vorſtellen wollte. O, Schmach! o, Undank!“ Schrubbs murmelte in ſich hinein: „Der Branntwein, der verfluchte Branntwein.“ „Es iſt noch ein Weg,“ ſagte der Kapitän weiter,„iſt der auch nutzlos, ſo ſoll er fürchter⸗ lich werden. Ich habe einen reichen Onkel hier, der in Indien ein koloſſales Vermögen erwor⸗ ben hat, aber er iſt halb wahnſinnig vor Bos⸗ heit und Menſchenhaß, er ſoll ſchreckliche Schick⸗ ſale erlebt haben, er gilt in unſerer Familie für ein Ungeheuer, und Niemand hat Umgang mit ihm. Ich will den letzten Verſuch machen, ich will zu ihm.“— Er ſchritt haſtig voran, Schrubbs folgte ihm. Schrubbs, ehemals Soldat, verließ mit dem Kapitän zugleich das Regiment, in wel⸗ chem Beide dienten, und verſah nun bei dem Kapitän nach der Reihenfolge der oft wechſeln⸗ den Verhältniſſe die Stelle des Kammerdieners, dann ſpäter war er Pferdeknecht, bald darauf Oekonomieverwalter, und als nichts mehr zu verwalten war, übte er das Amt der Kinder⸗ magd und des Mentors bei den zwei kleinen Sprößlingen. Selbſt im vagabundirenden Le⸗ ben verließ der treue Diener ſeinen Herrn nicht; dieſen ſehen wir jetzt, im innern Grimm zu Allem entſchloſſen, auf die Wohnung ſeines Onkels zu⸗ ſchreiten, die, wie er wußte, im Weſtende der Stadt lag. Vor einem alten, im prächtigen Style er⸗ bauten Palaſte ſaß ein widerwärtig häßlicher Neger, der in ſeiner Funktion als Thorwächter den Ankommenden den Eintritt verwehrte, was zu einem derben Handgemenge mit Schrubbs Veranlaſſung gab, und wobei der Kapitän un⸗ gehindert die breite Treppe überſchritt und durch mehrere lange Gemächer kam, welche mit einer düſtern Pracht dekorirt, aber gänzlich vernach⸗ läſſigt waren. Aus einer halb geöffneten Thür erreichte ein widriges Gemiſch von fremdartigen Tönen ſein Ohr, ſein Herz pochte, er faßte den Griff eines in der Taſche verborgenen Piſtols, und trat ein. Welcher Anblick bot ſich ihm dar.— Auf dem Boden des Zimmers lag ein Mann, ganz in gelbem Nankin gekleidet, lang, hager, mit weißem Haare und gelbem Geſichte; die Augen tief in ihren Höhen funkelten dem un⸗ willkommenen Beſucher entgegen— um ihn herum hüpfte ein Dutzend Affen in den poſſir⸗ lichſten Stellungen, die ein widerliches Ge⸗ krächze in allen Modulationen ihrer mißtönen⸗ den Stimmen ausſtießen. Der Mann im gel⸗ ben Nankin erhob ſich jetzt. „Wer unterſteht ſich ſo unberufen in fremde Häuſer einzudringen,“ ſchrie er dem Eintreten⸗ den entgegen, in einem rauhen und heiſeren Tone,„und wer ſeid Ihr denn?“ Die Beſtien verkrochen ſich ſcheu in den Winkel des Zimmers. „Ich bin Euer unglücklicher Verwandter, der dieſen letzten Schritt wagt, und zum Aeußer⸗ ſten entſchloſſen iſt, wenn Ihr ihn nicht rettet, wie Ihr es könnt und wie es Euere Pflicht wäre—“ „Wie?“ kreiſchte der Mann ihm entgegen. „Kommt Ihr zu mir, um einem alten Manne das Leben angenehm zu machen? Wäret Ihr gekommen, wenn ich Euch brauchte, oder kammt Ihr nur, weil Ihr mich braucht, he?“ „Ich komme nicht um meinetwillen,“ ent⸗ gegnete der Kapitän,„ich habe Weib und Kind, um ihretwillen komme ich zu Euch, nachdem ich vergebens Alles verſucht habe. Um Weib und Kind!— und habt Ihr auch nie beide gehabt, Ihr müßt es dennoch fühlen— um Weib und Kind kann der Mann Alles thun, und ſollte es ihm das Herzblut koſten!“ Der Alte erhob ſich uns rief mit Donner⸗ ſtimme wuthentbrannt lm Weib und Kind kann der Mann Alles thuͤn, ja, er kann durch's Feuer gehen und durch die Wüſte, in den blu⸗ tigen Kampf und auf den wilden Qcean. Was habt Ihr gethan, bevor Ihr betteln kamt?“ Der Kapitän erbleichte und zitterte krampfhaft. „Geht und hängt Euch an den erſten Baum, ertränkt Euch meinetwegen, von mir habt Ihr nie und nimmer einen dürren Strohhalm zu erwarten— um Weib und Kind kann ein Mann dieſe Menſchenfratzen bis in den Tod haſſen und an ihren Qualen ſich weiden.“ Der Kapitän zitterte heftig und ſtammelte endlich hervor:„Dieß iſt die letzte Hoffnung, die Ihr mir gebt?“— Der Alte antwortete nicht und ſtarrte mit boshaftem Geſichtsaus⸗ druck den Frager an.—„Dann, Gott befoh⸗ len!“ rief dieſer,„es muß ein Ende nehmen, denkt an mein Weib und an meine Kinder!“ und mit raſchem Griffe hatte er ein Piſtol auf ſeine Stirn abgedrückt. Zerſchmettert ſtürzte er zu Boden, die Affen erhoben ein wildes, klägli⸗ ches Geſchrei. Dieſes Ereigniß wurde in London zur Ta⸗ gesunterhaltung. Man verwünſchte die Hart⸗ herzigkeit eines derartig entarteten Menſchen, wie dieſer Onkel war; auch Drummond er⸗ fuhr den Tod ſeines Schwagers; aber mit einer Kaltblütigkeit, als hätte er nur ein ſolches Ende im Voraus erwartet. Schrubbs, ganz erſchüttert von dem tra⸗ giſchen Ende ſeines Herrn, brachte die Trauer⸗ nachricht zu Hanna und ihrem Vater, welche beide von dieſem Schlage auf's Tiefſte ergriffen wurden. Indeſſen hatte der Kapitän einen ſo unfühl⸗ baren Einfluß auf die Lebensverhältniſſe der darbenden Familie geübt, daß die Zeit ſo ruhig wie ſonſt dahin floß, und die nur flüchtigen Thränen beider Kinder des Unglücklichen, Tho mas' und Sara's, galten mehr der trauernd Mutter als dem Schickſale ihres Vaters. In der dürftigen und ärmlichen Umg wuchſen die beiden Kinder gedeihlich h Thomas, vom Pfarrer unterrichtet, Schrubbs, dem ehemaligen Soldaten Fechten, Reiten und Jagen geübt, erlangt durch eine kräftige körperliche Entwickelun einen Muth, welcher zu den ſchönſten Hof gen für ſeine Zukunft berechtigte. In dem Parke, welcher ſich neben dem E hofe des nahe wohnenden Gutsherrn weit e dehnte, ſpazierte der nun ſchon ſechzehnjäh Thom Schulte Phanta ſchwärn ſchöne: lich vo Ferne I mal ſi den i lenkke Herrn ir Mädchen folgenden voll fliel mußten e den; ſche des Thie langſame ſich, ſank der dom „Dun Himnel eben zu Thut ver Tho men Her geſehen; geweſen Farbe, n des Stie erholt ha Manne ſtreäte d preßte. genehmſ gewordel „Wi Mann?⸗ „Th „The ganzes de Cuch dar denken di ſen Wort den ein bne Frelſten 5 npfan Lebens zung re Dorfes, ziergang wollen Mi rück. Thomas, die Büchſe Schrubbs auf der Schulter, träumeriſch umher und ließ ſei Phantaſie in Indiens fabelhaften Gefild ſchwärmen, von welchen Schrubbs ihm ſchöne Bilder vorzuführen wußte, als er plö lich von einem ängſtlichen Geſchrei aus d Ferne aus ſeinen Träumereien geweckt wurde. In einem entfernten Theile des Parkes hielt der Edelmann eine Herde Stiere, die er en ließ, und die manch⸗ ch zeigten, ſo daß außer and dahin ſeine Schritte einen reichgekleideten aus Schottland kon mal ſich höchſt gef den Jägern ſelte lenkte. Thoma Herrn ſmit einem ohnmächtig liegende Mädchen in den Ar i, vor einem ihn ver⸗ ſapenen Pathan ſchnaubenden Stiere angſt⸗ och einige Minuten und Beide mußten ein Opfer des gehörnten Feindes wer⸗ den; ſchon hörte man deutlich das Schnauben voll fliehen; des Thieres, der Lauf des Fliehenden wurd langſamer und beſ werlich, als in dieſem entſetzensvollen ute plötzlich ein Schuß ſtürzte zu Boden, er erhob krachte; der ſich, ſank wieder und wälzte ſich röchelnd au der vom Blute ſich färbenden Erde umher die Kugel ging durch die Luftröhre. Derr glückliche Schütze, von dem Erfolge ſelbſt überraſcht, blieb auf ſeine Büchſe geſtützt ſtehen. Der gerettete Herr legte ſeine theuere Laſt vor ihm hin auf die Erde. „Junger Mann,“ rief er,„Ihr ſeid vom Himmel geſandt, um mein und meines Kindes Leben zu retten. Womit kann ich Euch dieſe That vergelten?“ Thomas hatte noch nie einen ſo vorneh⸗ men Herrn und ein ſo ſchönes Mädchengeſicht geſehen; ſie mochte ungefähr zwölf Jahre alt geweſen ſein, trug ein Kleid von blaßrother Farbe, was die Aufmerkſamkeit und die Wuth des Stieres erregt haben mochte. Als ſie ſich erholt hatte, führte ſie der Vater dem jungen Manne zu, welchem ſie ihre Händchen entgegen⸗ ſtreckte, die Thomas ſchüchtern in ſeine Hand preßte. Dieſe Berührung erregte in ihm die an⸗ genehmſte Empfindung, der er ſich je bewußt geworden war. „Wie iſt Euer Name, Mann?“ fragte ihr Vater. „Thomas Clive, Euer Gnaden.“ „Thomas Clive, ich bin Euch für mein ganzes Leben verpflichtet; ich weiß nicht wie ich Euch danken ſoll, nehmt dieſen Ring als An⸗ denken dieſer merkwürdigen Stunde.“ Mit die⸗ ſen Worten überreichte er ihm einen Goldreif, den ein koſtbarer Rubin zierte.„Wenn Ihr je nach London kommt, ſo ſucht dort das Haus des Oberſten Murrey, es ſoll Euch der glänzendſte Empfang werden— und in jeder Lage Eueres Lebens könnt ihr auf meine wärmſte Unterſtüz⸗ zung rechnen. Wir wohnen im Gaſthofe des Dorfes, und verirrten uns hier bei einem Spa⸗ ziergange. Ich erwarte Euch noch heute, wir wollen uns näher kennen lernen.“ Mit dieſen Worten kehrten ſie in's Dorf zu⸗ werther junger deutliche Spuren ſeines Standpunktes bezeichne⸗ ten. Im Widerſpruche zu ſeiner erbärmli Ausſtattung zeigte das Haupt, von dem ein alter Strohhut abgenommen war, ein edles Bild. trat bis auf Weiteres in das Eine reiche Fülle blonder Locken umrahmte eine mo ne en ſo b⸗ er niſſe ſeiner Familie und verſprach ſich morgens bei ſeinem Vater einzufinden.— Allein wie manche glänzende Ausſicht ſich bald in Nebel löſt, ſo mußte auch dieſes erfreuliche Ereigniß in nichts zerfließen. Der Obriſt erhielt noch in der folgenden Nacht wichtige Briefe, die ihn nach London unverweilt zurückzukehren beſtimm⸗ ten. Thomas hörte nichts weiter von ihm, ihm Gaſthofe einſtellte, erfuhr der Obriſt die Verhält⸗ 205 geiſtvolle Augen glänzten, die mit forſchendem Ausdrucke die Anweſenden betrachteten. Die ſtille Ruhe dauerte fort; es lag etwas Peinliches in der Stellung des Fremden. End⸗ lich erhob ſich der ewig lächelnde Joſef Cold⸗ man und begrüßte den Ankömmling mit einem ausdruckloſen„Guten Abend, Vetter,“ indem er ihm die knochige Hand zum Gruße hinſtreckte. blieb nur die Erinnerung an die ſchöne Prin⸗ zeſſin, wie er ſie nannte, ſo wie der Ring, den er ſorgfälltig wie ein Heiligthum aufbewahrte. n — 3. Drummond's Verhältniſſe machten pro⸗ greſſive Fortſchritte, er hatte im letzten Jahr e zwanzig Tauſend Pfund realiſirt; ſein Vater Thomas hatte ſeinen angeblichen Vetter nie geſehen und hielt das Lächeln mit dem kalten Gruße für einen Spott, der ihm helle Thränen aus den Augen preßte. Drummond winkte dem Diener ſich zu entfernen. Frau Drum⸗ mond milderte durch ihren ſanften gefühlvol⸗ len Blick den ſcharfen Schmerz, der Thomas' Buſen ſo heftig durchzuckte. „Alſo wir haben meinen Neffen Thomas Clive vor uns,“ unterbrach endlich dieſe Stille Drum mond,„dem Vater ähnlich,“ murmelte er düſter,„und Hann a, die Mutter war vergangenen Herbſt geſtorben; dießmal fand er es nicht nöthig, dem Begräbniſſe beizu⸗ fmit frommen Troſtgründen ausgeſtatteten Brief „ſeingeſchickt. Die Lage ſeiner Schweſter betrach⸗ tete er, den ſtreng religiöſen Prinzipien gemäß, die er jetzt bekannte, als die gereifte Gottes⸗ Strafe ihrer frühern Schuld, An einem jenen melancholiſch düſtern Win⸗ t terabenden, wie ſie nur im nebelumhüllten Lon⸗ don vorkommen können— ſaß Drummond gemüthlich am Kamine. Der Schnee fiel in großen Flocken, und ein kalter Sturm pfiff zeit⸗ weilig an den Fenſtern vorbei, und machte den Drummondſchen Kamin zu einem wahrhaft erfreulichen Kontraſte. Ihm gegenüber ſaß ſeine Gattin, eine ehrwürdige Matrone, die ihre Wortkargheit zuweilen auf Wochen hinauszog, ſo daß ſie der oberflächliche Beobachter für ſtumm gehalten hätte; dafür aber beſaß ſie ein di Paar große dunkle ausdrucksreiche Augen, die w in den meiſten Fällen die Worte erſetzten. Ne⸗ ben ihr ſaß ihr fünfundzwanzigjähriger Sohn Joſef Coldman— eine originelle Perſön⸗ lichkeit mit kalten ausdrucksloſen Zügen, die durch ein ewiges Lächeln entſtellt wurden. Ein eintretender Diener unterbrach dieſe intereſſante Stille, und meldete einen jungen Menſchen, der Herrn Drummond ſprechen wolle, er heiße Thomas Clive. „Laß ihn herein,“ ſagte Dru mmond,“ und zu ſeiner Gattin ſich wendend, ſagte er, „es iſt mein Schweſterſohn; gewiß wieder eine üble Nachricht, von dieſen Leuten hört man nur in dieſem Falle Etwas.“. Der eintretende Fremde, ein ſechs Fuß hoher Burſche, triefte von Waſſer und ſein baumwollener Rock zeigte inſelförmige Schnee⸗ kruſten, die ſich allmälig auf⸗ und ablöſten, und d D ſei rück.— Als ſich Thomas des Abends im hohe und breite Stirn, unter der wohnen, er hatte blos einiges Geld und einen in London.“ dienen könnten, um zu Kaufmann verdrießlich. Frau Drummond behielten denſelben Aus⸗ mit betrübter Miene,„ich der kommen, Körper, ſeres Abendbrods nehmen.“ ſie hieher chen kenwärterin zwei helle lernen und zugleich die he? doch nicht auch in London?“ „Die Mutter und die Schweſter ſind auch „Mutter, Schweſter und Bruder in London, um'’s Himmelswillen was wollen ſie hier? wa⸗ rum blieben ſie nicht im Dorfe?“ „Der neue Pfarrer hat die Wohnung über⸗ nommen und da mußten wir hinaus; die Mut⸗ er meinte, daß wir in London eher etwas ver⸗ leben.“ zu leben,“ wiederholte der — Die Augen der „Verdienen, um ruck, der Thomas die peinliche Situation erleichterte. „Ich will nun wieder gehen,“ ſagte dieſer kann morgen wie⸗ wenn Ihr's erlaubt.“ „Nun bleib ſchon,“ ſagte der liebenswür⸗ ge Qnkel,„da Du ſchon einmal da biſt, ärme und trockne Deinen wettergepeitfchten kannſt mit Sam— den Ueberreſt un⸗ Unterdeſſen mußte Thomas erzählen, wie gekommen und wo ſie wohnen. rummond erfuhr nun die Noth und das Elend, mit welchem ſeine Schweſter in der Heimat jett in die Behauſung eines Säufers gerathen zu kämpfen hatte, daß ſie kränkle und Drummond, ein gut berechnender Kauf⸗ mann, wußte jeden Umſtand zu benützen, und glaubte, daß ein junger Menſch wie Thomas wohl zu gebrauchen und ſeine Schweſter, werde Letztere beſtimmte er zu einer Geſellſchafterin und Dienerin durch die Veränderung ſeines Familienſtandes dem Familienleben neue Friſche zu geben. auch das Mädchen, zu verwenden ſein.— ſeiner Frau, zudem glaubte er Hanua wurde in die Obhut einer Kran⸗ gegeben, und Sarah durfte ſich für's Erſte nicht von ihr trennen. Thomas Komptoir Drum⸗ des Handels zu er⸗ Pflichten eines Dieners nd's, um die Elemente eiſe noch welchen hrungen, higungen d die un⸗ zch einnal bte, ſehen V b een Grena⸗ erſchwinden mmerwäh⸗ Angſt um andt haben teln in der d in ihrem derbenbe her, ſie theil⸗ 4 ſ ef— als ührt wurde, ſcharp den milie Clive 3 1 4 5 1 4 1 4 1 206 zu erfüllen, mit denen er auf eine Stufe hin⸗ ſichtlich der Behandlung geſtellt wurde. Im nächſten Frühjahre erhob ſich auf einem der Londoner Kirchhöfe ein einfacher Sandſtein über einem friſchen Grabe mit dem Namen „Hanna Clive.“— Die beiden Waiſen ſtanden am Grabe ihrer Mutter, welches nun ein heiliger Wallfahrts⸗ ort der beiden Unglücklichen geworden.— Während ſie eines Morgens in Schmerz und Betrachtung da ſtanden, näherte ſich ihnen ein Mann von dunkelgelber Geſichtsfarbe, der in einem weiten Mantel gehüllt war, und Tho⸗ mas mit Blicken, die Blitzen glichen, anſtarrte. Die beiden Trauernden ſahen ſcheu den Mann an. Dieſer fragte endlich mit heiſerer Stimme: .„hr ſeid ein Clive?“ „Ich weiß nicht, mit welchem Rechte Ihr fragt,“ entgegnete furchtlos Thomas,„und habe darum keine Luſt Euch zu antworten. Geht Eurer Wege.“ „Trotziger Burſche, in Euch erkenne ich ihn wieder.— So ſah er in ſeiner Jugend aus. Aber anders, ganz anders, als er ſein Gehirn vor mir zerſchmetterte.“ Thomas wurde bleich, der Unbekannte erzählte die furchtbare Geſchichte ſeines Vaters. „Hinweg“ rief dieſer,„wer Ihr auch ſeid, was Ihr auch wißt, hinweg,“ ſchrie er in ver⸗ zweifelnder Wuth, und ſtieß ihn zur Seite, daß er einige Schritte forttaumelte und über einen Stein fiel.— Als er ſich wieder aufgerichtet hatte, waren Thomas und Sarah ver⸗ ſchwunden. „Es iſt ſein Sohn,“ murmelte der Alte, „nur dieſer kann es ſein. Es ſcheint mir, ich habe an ſeinem Vater ein großes Unrecht be⸗ gangen.— Nein— Peſt, Fluch und Qual auf Alle, die Menſchengeſichter tragen.“ In der Nähe des Drummond'ſchen Hauſes angelangt begegneten die beiden Wai⸗ ſen den ewig lächelnden Joſef, der mit ſeinen ſtarren Augen beſonders Sara fixirte. Alle drei gingen ſchweigend nach Hauſe, Thomas, durch das eben Erlebte tief erregt, und durch das Benehmen Joſef's, deſſen Geberden ihm wie kalter Hohn durch's Herz ſchnitten, erbittert. 4. Thomas konnte ſich in ſeiner Stellung, die im Hauſe ſeines Onkels von ganz unterge⸗ ordneter Natur war, nicht zufrieden finden; ſein Charakter, aus Stolz und Zartgefühl zu⸗ ſammengeſetzt, erfuhr oft die empfindlichſten Eindrücke, ſein Temperament bedurfte der Frei⸗ heit und einer rüſtigen erfriſchenden Thätig⸗ keit. Anfangs ertrug er Alles mit dem Schwei⸗ agen innerer Erbitterung, die Neuheit der Si⸗ uation verwirrte ihn noch, der Schmerz über die Krankheit, nachher über den Tod ſeiner Mutter machte ihn gegen die eigenen Leiden unempfindlich. Nach und nach erhob ſich doch das kühne Ungeſtüm ſeiner Natur, und es be⸗ ——— durfte blos einer Gelegenheit, um in die helle Flamme der Empörung auszubrechen. Schwe⸗ ſter Sarah war die Einzige, der er ſein Leiden klagte, deren Liebe ihn tröſtete. Sarah, von Natur ſanft und unterwürfig, von einer äußern ungewöhnlichen Liebenswür⸗ digkeit, erfreuete ſich des Wohlwollens ihres ſchweigſamen und verſchloſſenen Onkels, der in ihr das Ebenbild ſeiner verſtorbenen von ihm geliebten Schweſter ſah. Frau Drummond ſchien an der Gegenwart Sarah's Gefallen zu finden und der linkiſche kalte Jofef hatte für ſie alle Zuneigung, deren er überhaupt fähig war.— Thomas jedoch mußte ſchon durch die kalte Behandlung des Chefs, ſeines Onkels, von dem übrigen Perſonale des Hauſes demüthi⸗ gende und kränkende Begegnungen erfahren, die ſeinen Stolz auf's Höchſte verletzten; ins⸗ beſondere war es der ohnehin gallichte, mürri⸗ ſche Adam, der erſte Kommis des Hauſes, wel⸗ cher ihm ſein Uebergewicht mit Vorſatz durch die empörendſten Neckereien fühlen ließ. Bei einer ähnlichen Veranlaſſung, die beim Abladen von ſchweren Fäſſern im Hofe ſtattfand, und wobei der zankſüchtige Adam die Arbeit leitete, die Thomas als einer der geringſten vom Ge⸗ ſchäftsperſonale mit verrichten mußte, ergab ſich eine Gelegenheit, bei welcher der langver⸗ haltene Groll ſich nicht mehr bezähmen ließ und Thomas vergriff ſich an dem Kommis⸗Präſi⸗ denten in einer Weiſe, daß die Dazwiſchenkunft aller Handleute nothwendig wurde, um die beiden Raufenden auseinander zu bringen. Der hiedurch entſtandene Auflauf von Leuten führte auch Drummond herbei, welcher wü⸗ thend über das Betragen des aus Gnade auf⸗ genommenen Betteljungen, wie er ihn nannte, die Szene damit beendete, daß er Thomas be⸗ fahl, ſogleich ſein Haus zu verlaſſen. Thomas warf mit ſtolzem, verächtlichem Blicke ſein Haupt zurück, und ſchickte ſich an, dem Gebote Folge zu leiſten, als ein Polizei⸗ diener, der auf Adam's Veranlaſſung herbeige⸗ rufen wurde, ihn faßte, um ihn im Namen des Geſetzes zu verhaften. Doch Thomas, ge⸗ ſchmäht, gehetzt von allen Seiten, durch den Angriff gegen ſeine perſönliche Freiheit auf's Aeußerſte gebracht, machte gegen alle ſeine Feinde Front, warf den Polizeidiener mit kräf⸗ tigem Satze zurück, ſprang durch die Reihe ſeiner Kollegen hindurch auf die Straße und begab ſich auf die Flucht. Athemlos durchlief er die krummen, engen Straßen vieſes Stadt⸗ theils, als er in einer finſtern Gaſſe von einer Hand gefaßt und aufgehalten wurde. „Thomas Clive, armer Junge, was iſt Dir geſchehen?“ Thomas ſtutzte bei der ihm wohlbekannten Stimme, er blickte auf, es war Schrubbs. Dieſer zog ihn nach der erſten zärtlichen Umarmung durch einen dunklen Gang in eine Stube, aus welcher lauter Lärm und Gläſergeklirr erſcholl. Hier ſetzten ſich die beiden Freunde in die Ecke auf eine Bank, und gaben ſich der Freude des überraſchenden Wie⸗ derſehens hin. Nach der erſten Aufregung, welche Schrubbs mit einem Glaſe Brannt⸗ wein zu beſchwichtigen ſuchte, theilten ſie ſich wechſelſeitig ihre Erlebniſſe mit. Schrubbs, der eben jetzt das Gut verlaſſen hat, wo er ſeit der Entfernung Thomas' noch im Dienſte blieb, hatte ſich einen vollen Beutel Goldes er⸗ ſpart, welchen er jetzt ſeinem geliebten Zöglinge zur Dispoſition ſtellte.— Auf Schrubbs' unwiderlegbares Anrathen, mit ihm nach Indien ſich einſchiffen z ei, willigte Tho⸗ mas ein, und rief endlich eegeiſterung:„Ja, nach Indien geht u, hier iſt meines Bleibens nicht länge ns im Getümmel glorreicher Kämpfe di machvolle Vergan⸗ genheit vergeſſen.“ „So gefallt Ihr mir,“entgegn chrubbs, „dort iſt jetzt der Teufel los, und Ruhm und Gold haufenweiſe zu holen. Habt Ihr vom tapfern Obriſten Clive gehört? Ein Held erſter Größe, der die Heiden und Franzoſen zu⸗ ſammengepfeffert, daß war. Ihr müßt nur wiſſen, daß Grenadier der Garde eingeſchrieben, ſchon morgen in meiner Uniform herumſtolziren werde.“— Thomas wurde nun immer mehr für den Soldatenſtand begeiſtert, und noch am ſelben Tage war er in der Regimentsliſte als freiwilliger Garde⸗ Grenadier Sr. Majeſtät eingeſchrieben. 5. Unſere Erzählung wird jetzt auf einen neuen Schauplatz verſetzt. Im Norden Indiens am Fuße des koloſ⸗ ſalen Himalaja⸗Gebirges bewegte ſich auf der zum Gebirge führenden Straße ein indiſcher Reiſezug; dieſer beſtand aus einigen 30 Per⸗ ſonen. Am Saume einer Hochebene angelangt, machte die Karavane Raſt. Zwei reich geklei⸗ dete Indier, unverkennbar die Herren der ge⸗ ſammten Geſellſchaft, entfernten ſich von den Uebrigen, um für ſich einen ſchattigen Ruheplatz zu ſuchen. Der eine, von hoher Statur, hatte ſchwarzes Haar und einen ſtattlichen Bart der⸗ ſelben Farbe; ſein Geſicht war von offenem, ſtarken Ausdrucke. Die purpurne, mit Gold geſtickte Tunika wurde von einem koſtharen Shawl zuſammengehalten, im welchem ein reich verzierter Dolch und mehrere Piſtolen ſtaken. Der andere war klein, ſchwächlich, von blaßgelber Geſichtsfarbe, er trug ein einfaches blaues Gewand.„Seat, mein Bruder,“ ſagte dieſer,„hier ſind wir endlich wieder an dem Orte angelangt, wo wir unſere Jugend ver⸗ lebten und aus dem Munde des Weiſen Me⸗ naſatha die Lehren unſerer Väter hörten; werden wir den dritten aus unſerem heiligen Familienbunde wiederfinden, und ſie, deren Geheimniß ſeiner Obhut anvertraut iſt?“„Ich hoffe, Dariman,“ entgegnete der Angeredete, daß wir unſeren Bruder Wiswatra dort lin der Höhle jenes Berges wiederfinden,“ erzzeigte mit dem Finger auf eine Klippe, welche ſich „Saume de ſe erhob.„N brechen, um ort unſeres D Auf der Seite, die der er bezeichnete, ges Midchen Paſſer.— T aus der Höhle Menſchen, diee das Mäͤhen wohnt zu ſein. ger, fſt nac t; um ſein Geſicht Fakuntala, lcedes Midch zu pflegen brau die Ebene, wo ven,„harret D bunte Welt fü derein die gre die Gäſchichte Das) dem Schwe Augen und und älteſte und müchtig icht, die unſ uSklaven! hog unſerer umalten Thro nie Sprößl flchteten in denen gehöre du badd ſehe ſatha, der v dürte zu den Göttern her, famme. Er unſerer alten! waren. Er b ſche Reize ihn Während gen föortſetten naſathas uns ein Sol Mere, wir auf, der la latte er ehr Nenaſath bald eine thi die endlich a getheilt vurd Güttin, Ne ie Folgen emeinte den erbündet. As bed ſuch machte — 5) △ eines dütenn zuerſt von In’8 Deutſo — — 1 am Saume der Ebene etwa tauſend Fuß über ſie erhob.„Noch dieſe Nacht wollen wir auf⸗ brechen, um mit Sonnenaufgang den Wohn⸗ ort unſeres Bruders zu erreichen.“ Auf der der Karavane entgegengeſetzten Seite, die der obige Sprecher mit ſeinem Fin⸗ ger bezeichnete, brachte ein zartgeſtaltetes jun⸗ ges Mädchen auf einen derFelſen Früchte und Waſſer.— Bei ihrer Annäherung erhob ſich aus der Höhle dieſes Felſens die Geſtalt eines Menſchen, die einen entſetzlichen Anblick darbot; das Mädchen ſchien dieſes Anblickes ſchon ge⸗ wohnt zu ſein. Der Mann war alt, lang, ha⸗ ger, faſt nackt; ſein Haar hing wild verworren um ſein Geſicht, ſein Bart erreichte den Gürtel. „Sakuntala,“*) ſagte der Einſiedler beim An⸗ blick des Mädchens,„Du wirſt mich nicht mehr zu pflegen brauchen, dort drüben,“ er zeigte auf die Ebene, wo die Feuer der Karavane brann⸗ ten,„harret Deiner der Palankin, der Dich in die bunte Welt führen wird, wenn ich hinüber lo⸗ dere in die große Weltſeele. Setze Dich und höre die Geſchichte Deiner Jugend.“ Das Mädchen gehorchte mit ehrerbieti⸗ gem Schweigen, der Einſiedler ſchloß ſeine Augen und begann:„Unſer Volk, das größte und älteſte der Erde, aber auch das weiſeſte und mächtigſte, wurde von Barbaren unter⸗ jocht, die unſere Töchter raubten, unſere Söhne zu Sklaven machten und ihren Stahl in das Herz unſerer Fürſtengeſchlechter tauchten, deren uralten Throne ſie ihnen raubten. Nur we⸗ nige Sprößlinge des erlauchten Stammes flüchteten in dieſe unnahbaren Berge. Zu denen gehöre ich und meine beiden Brüder, die Du bald ſehen ſollſt. Auch der weiſe Mena⸗ ſatha, der vor mir dieſe Stätte bewohnte, ge⸗ hörte zu den Geflüchteten; er ſtammte von den Göttern her, wir nur von dem uralten Fürſten⸗ ſtamme. Er unterwies uns in der Weisheit unſerer alten heiligen Lehre, da wir noch Kinder waren. Er beſaß eine Tochter, deren himmli⸗ ſche Reize ihren göttlichen Urſprung zeigten. Während wir unſere heiligen Betrachtun⸗ gen fortſetzten, und in tiefer Verehrung Me⸗ naſatha's Weisheit huldigten, geſellte ſich uns ein Sohn der fernen Inſeln im weſtlichen Meere, wir nahmen den Fremdling freundlich auf, der lange unter unſerem Volke gelebt hatte, er ehrte unſere heiligen Gebräuche und Menaſatha, der weiſe und fromme, hatte bald eine thörichte Vorliebe für den Fremden, die endlich auch von ſeiner göttlichen Tochter getheilt wurde. Ja, dieſer Abkömmling einer Göttin, Menaſatha's Tochter, zeigte bald die Folgen ihrer Schuld, und Menaſatha beweinte den Frevel ſeines Geſchlechtes bis er erblindete. Als beide einen verzweifelten Fluchtver⸗ ſuch machten, überfielen wir ſie, und unter den »⸗)„Sakuntala“— der Name der Heldin eines alten indiſchen Dramas von Kalidaſas, das zuerſt von Horſter und neuerdings von Meyer in's Deutſche übertragen wurde. Bemühungen ſie zu feſſeln, wurde ſie von der Frucht ihres Verbrechens entbunden, es war ein Mädchen; der einzige Nachkomme Mena⸗ ſatha's und der Sproß einer Himmliſchen, den wir ſorgſam bewahrten und pflegten. Die⸗ ſes Mädchen, o Sakuntalal dieſes Mädchen einer dem Tode geweihten Mutter, warſt Du!“ —— Vom heftigen Schmerze erbebend zer⸗ floß die Angeredete in Thränen. „Du warſt es. Wir brachten Dich vor den bitter weinenden Menaſatha, der die Schul⸗ digen uns zur gerechten Strafe übergab, Dich aber hieß er leben, und empfahl Dich unſerer Obhut. Nun übten wir an beiden die verſchuldete Strafe, indem wir ihn entkleideten und an einen Pfahl banden, ſie aber vor ſeinen Augen bis an den Hals in die Erde gruben, damit ſeine verruchte Seele die der Entweihten aus⸗ hauchen ſehe.— Er raſte wie ein gefeſſelter wüthender Löwe an ſeinen Banden, daß das Blut aus ſeinen Hautporen in Strömen her⸗ abfloß, er fluchte die gräßlichſten Flüche, die je ein menſchlicher Mund ausſprach, während vor ſeinen Augen ſein Weib mit den letzten Verzuckungen einer Sterbenden ſeine Hilfe ver⸗ langte, bis ſie verſchied. Wir verließen den Ort der Qual, um Menaſatha von der vollzo⸗ genen Strafe und vom Tode ſeiner Tochter zu berichten. Der Fremde am Pfahl mußte durch die brennende Sonne und durch die herangelock⸗ ten Geier auch bald des erbärmlichſten Todes ſterben. Menaſatha überlebte nur wenige Stunden ſeine verbrecheriſche Tochter. Nachdem wir ſeine Leiche in den heiligen Strom verſenkt hatten, kehrten wir hieher zurück, der Fremde war entkommen; wir er⸗ fuhren ſpäter, daß eine Schaar hieher verirr⸗ ter Fremdlinge ſeine Bande löſte und ihn ſo dem ſichern Tode entriß. Wir drei Brüder loſten nun über Dich, wem von uns Du bis zu einem ge⸗ wiſſen Alter gehören ſollſt.— Wir gelobten nach Ablauf dieſer Zeit uns hier auf dieſem Felſen wieder zu finden. Du fielſt mir durch das Los zu.— Ich brachte Dich zu den armen Hirten, Deinen gegenwärtigen Pflegeeltern, während ich mich hier den Göttern zu weihen beſchloß, um hier entfernt von der Welt mich in Betrachtungen des Ewigen zu vertiefen, gleich den Heiligen meines Volkes, hier, wo Menaſathass Tochter endete; denn ich hatte ſie geliebt mit der Liebe, die man himmliſchen Weſen widmet, und die Stelle, die ihre Leiche barg, war mir heilig. Nun iſt die Zeit um, die ich mit meinen Brüdern feſtgeſetzt habe, bald werden ſie nahen, deren Händen ich Dich übergeben will. Ich aber werde mich nach dem Vorgange der Weiſen unſeres Volkes den Flammen opfern— nach Brama's heiligem Willen.“ Das Mädchen ſchluchzte laut und jammerte bitter beim Anhö⸗ ren dieſer grauſenhaften Erzählung.—— Mit den erſten Zeichen des grauenden Morgens erhob ſich die ganze Karavane, welche im Thale die Nacht über verweilt hatte, um 207 ſich dem Berge Wiswatra's zu nähern; am Fuße des Berges ließen die beiden Führer der Reiſegeſellſchaft ihre Diener zurück, und be⸗ gaben ſich allein den ſteilen Berg hinan, den ſie mit ſichtlicher Mühe und Anſtrengung er⸗ ſtiegen.„Wie ſind wir doch verändert,“ be⸗ merkte Seat,„ſeit wir dieſe Berge verließen; die Luft der Ebene wirkt entnervend auch auf den Kräftigſten. Als unſere Vorfahren noch in dieſen Bergen ein wildes und kräftiges Le⸗ ben führten, waren ſie fähig, ſich erobernd von hier hinabzuſtürzen. Aber im Laufe der Zeiten erſchlaffte ihre Kraft, und ſie erlitten ſelbſt das Schickſal, das ſie einſt andern auf⸗ erlegt. Und wenn nicht alle Zeichen trügen, ſo bereiten ſich jetzt ähnliche Dinge vor. Das Inſelvolk, das ſich bei uns eingeniſtet, wird uns erdrücken, und unſer Volk wird ſich vor dem Kreuze beugen.“ „Das war Menaſatha's Prophezeiung,“ unterbrach Dariman den Sprecher.„Welche furchtbare Erinnerungen knüpfen ſich an dieſen Namen, an dieſen Ort!“ 1 „Würden wir heute ſo handeln, wie wir damals handelten?“—„Das bezweifle ich ſehr, wir haben im Getriebe des Lebens unſere An⸗ ſichten, die wir damals vom Leben hatten, be⸗ deutend geändert, wir haben einſehen gelernt, daß Vieles von der Weisheit Menaſatha's, die uns damals begeiſterte, eitle Thorheit iſt. Wir haben Reichthum, Macht und Einfluß gewonnen, wir haben unſere Herrſcher durch Schmeicheleien und fein geſponnene Intriguen von uns abhängig gemacht, ohne daß ſie dieſe Abhängigkeit bemerken. Wer gilt mehr am Hofe Rajah Dowlah's, des Herrſchers von Bengalen, als wir?“ „Die Stellung iſt wohl unſicher,“ be⸗ merkt Seat,„doch iſt dieß das Los der Herrſcher ſelbſt, und kann auch das Los des Rajah Dawlah' ſein. Er iſt jung und wie Du weißt, allen Leidenſchaften und Thorheiten der Jugend ergeben, und ſolche Fürſten werden ſelten alt.“ „Deſto beſſer für uns. Für jetzt will ich ihn indeſſen beſchäftigen, damit er nicht im beſtändigen Strudel von Rauſch und Wolluſt, durch Ekel und Ueberſättigung zu früh er⸗ ſchlaffe.“— „Und wie will dieß mein weiſer Bruder an⸗ fangen?“—„Ich benütze den wüthenden Haß des Rajah gegen die Engländer. Er muß bald mit ihnen anbinden, und wird alle Hände voll mit ihnen zu thun bekommen.“ Während dieſes Weges erhob ſich die auf⸗ ſteigende Sonne immer mehr zwiſchen zwei himmelaufſtarrenden Gipfeln, und es entrollte ſich vor ihren Augen das prachtvollſte Bild einer zauberhaft ſchönen Gegend. Sie bogen um eine Felswand und ſtanden in wenigen Minuten vor Wiswatra. „Möge Brama Euer Kommen ſegnen,“ begrüßte ſie der Einſiedler.„Ihr habt Euer Wort gehalten, meine Brüder.“ Dieſe verneigten ſich ſchweigend, indem ſie 208 mit der Rechten ihre Lippen berührten, und dann ihre Arme auf der Bruſt kreuzten. „Und ſo ſehen wir uns nach einer Reihe von Jahren wieder,“ nahm Dahriman das Wort,„aber wir ſind nicht dieſelben geblieben, Du Wiswatra haſt Dich mehr den Göttern, wir haben uns mehr den Menſchen genähert.“ „Sehe ich ſo den Zögling Menaſatha's?“ fragte der Einſiedler.„Du haſt, geblendet vom Sinnesreize des Lebens der hohen Weisheits⸗ Lehre vergeſſen, die uns unſere Weiſen über⸗ liefert haben aus grauer Vorzeit, während ich dem Sinnestruge entgegengeſtrebt durch Ab⸗ tödtung und Selbſtkaſteiung. Alle Euere Freuden wiegen die Entzückungen nicht auf, die ich empfand, wenn es mir gelang, hier auf dieſem einſamen Felſen aus mir ſelber zu fliehen und mich in den Schoß der Gottheit zu verſenken. Und wenn ich in die unermeßliche Leere der reinen Betrachtung mich verloren hatte, tauchte das Bild vor mir auf, an das ſich die ganze entſchwundene Sinnenwelt knüpfte. Es war das Bild der Tochter Menaſatha's.“ Die beiden Brüder ſchwiegen, ziemlich ge⸗ rührt von dem Zuſtande und dem Geſtänd⸗ niſſe des Einſiedlers, der ihnen nach langen ähnlichen Ausbrüchen eines bis zum Wahnſinn geſteigerten Fanatismus die Enkelin Me⸗ naſatha's übergab und ihnen ſeinen Ent⸗ ſchluß mittheilte, nach erfüllter Pflicht in den Flammen zu Bram a's Thron außzuſteigen. Und zu dem weinenden Mädchen gewandt, ſagte er:„Du Sakuntala, wenn Du den Scheiter⸗ haufen angezündet haben wirſt, in deſſen Flam⸗ men ich zu Aſche und Aether werden ſoll, ge⸗ hörſt Du meinen Brüdern, denen ich Dich hie⸗ mit übergebe, folge ihnen, dieß iſt der letzte Be⸗ fehl Wiswatra's an Dich. Lebe wohl!“ Der Scheiterhaufen, den der Fanatiker nun beſtieg, indem er eine Hymne zu Ehren Bramass ſang, wurde nun angezündet, und bald umhüllten Flammen und Rauchwirbel den Einſiedler. Die Zuſchauer dieſes grauſenhaften Schau⸗ ſpieles, zu dem auch die in der Nähe gelager⸗ ten Diener herankamen, ſahen dieſe freiwillige Selbſtopferung in ihrem religibſen Wahne als den höchſten Grad menſchlichen Verdienſtes an, daher dieſe Geſellſchaft ohne weitere Um⸗ ſtände dieſen Platz verließ und Sakuntala in ihre Mitte nahm. Dariman theilte ſei⸗ nem Bruder Seat ſeine Abſicht mit, dieſes mit allen Reizen der Jugend ausgeſtattete Mädchen für den Harem ſeines Fürſten Do⸗ wlah zu beſtimmen, und um ſie gehörig vor⸗ zubereiten, ſie in Calcutta einer Geſellſchaft Bajaderen zur Ausbildung zu übergeben. Er hüllte ſie ſorgfältig in Schleier und Shawls ein, und nachdem ſie in einen neu herge⸗ richteten Palankin gepackt worden, wendete ſich die Karavane wieder dem Wege zu, von welchem ſie gekommen war. ſterſtützt die angeborene Trägheit der Bewohner 6. Unſere Erzählung fällt in eine Periode, wo in Indien der Samen zu einer großen Zukunft geſtreut wurde, und wo nach dem bloßen Intereſſe der Eroberung, wie es die Mohamedaner vertreten hatten, das Handels⸗ intereſſe und das Prinzip der Civiliſation ſich Bahn brachen. Der Schauplatz, auf welchem die erſten Keime der britiſchen Macht ſich glänzend ent⸗ falteten, war Bengalen. Dieſe öſtliche Pro⸗ vinz Indiens machte das Reich des Groß⸗ Moguls aus. Der Ganges, der größte Strom Indiens, wälzt ſeine ungeheuern Waſſermaſſen durch dieſe Provinz dem Meere zu, und trägt mächtig dazu bei, den Handel mit andern Welt⸗ theilen zu erleichtern. Die ungeheuere Fläche dieſer Provinz wird noch von vielen andern aus dem Gebirge kommenden Strömen frucht⸗ bar gemacht; zudem dauert die Regenzeit vom Mai bis zum Auguſt, daher die Frucht⸗ barkeit dieſes Erdſtriches mit keinem andern der Welt verglichen werden kann, und den Einwohnern ihre Nahrung verſchafft, ohne daß dieſe die geringſte Mühe anwenden müſſen. Die ungemeine Fruchtbarkeit des Landes un⸗ desſelben, welche auch durch eine unelaſtiſche, abſpannende Athmoſphäre der entnervteſte und ſchwächſte Menſchenſchlag des moguliſchen Rei⸗ ches ſind.— Von der Geſchichte der Ureinwohner wiſſen wir nichts. Etwa 2000 Jahre v. Chr. ſtiegen kriegeriſche Völker kaukaſiſchen Urſprungs in das Stromgebiet zwiſchen den Indus und den Ganges herab, eroberten mit leichter Mühe das Land, und jagten die Stämme, welche ſie beſiegt hatten, in die Gebirge. Dort bewahrten ſie ihre nationalen Eigenthümlich⸗ keiten in Sitte, Religion, Sprache und Kör⸗ perbildung. Ihre Nachkommen will man in einer ganzen Reihe von Stämmen erkennen. Man nennt in dieſer Hinſicht die Ramuſis, ferner die Puharis der Wildniſſe, an den Grenzen von Bengalen die negerartigen Pu⸗ lindas, die räuberiſchen Pindaris, die Bhils, die Räuber der Berge; die Kulis, Kands und Sur, die Mianas, welche den mohamedaniſchen Glauben angenommen haben; die vielen Völkerſchaften des Himalaja, und noch viele andere, die das Gebiet des Ganges bewohnen und unter dem Geſammtnamen der Hindus begriffen werden— bei denen die alten Kaſtenunterſchiede ſich fort und fort er⸗ halten haben; als: die Kſchotris, Krieger, die Waiſchis, Arbeiter, die Schudris, Diener und die von Letztern mit Mitgliedern höherer Kaſten erzeugten Kinder, die unter den Namen Parias, als die Verachteteſten bekannt ſind. Solche Kinder haben keine Rechte. Ein ſo in ſich zerſpaltenes Volk konnte ſeine Selbſtändigkeit nur ſo lange bewahren, als es nicht von einem andern kräftigeren welches die Lehre Mohameds entzündet hatte, breitete ſich im Laufe der Zeit auch gegen In⸗ dien aus. Mord und Verheerung bezeichnet die Regierung der verſchiedenen nach einan⸗ der ſich folgenden Geſchlechter. Das mohamedaniſche Element hat auf die Hindus die ſchlechteſten Einflüſſe geäußert. Alle verwerflichen Sitten ihres Charakters, die im Verlaufe unſerer Erzählung hervortreten: Grauſamkeit, Heimtücke, Untreue und Eidbruch, ſind ihnen erſt durch die Berührung mit den Muſelmännern eingeflößt worden, und in 700 gewaltigſten Rückſchritte gemacht. Deer Handel in dieſes Land wurde den Engländern durch einen Wundarzt, Namens Boughton eröffnet, der 1636 die Tochter des Kaiſers Schah Jehan von einer ſchweren Krankheit heilte, und dafür das Patent zu einem zollfreien Handel in allen ſeinen Staaten erhielt. Späterhin bildete ſich eine eigene Handelsgeſellſchaft in London, die den Handel in Bengalen in großem Maßſtabe führte und Calcutta zum Sitze eines Direktoriums wählte, das allein von ihr abhängig war. Im Jahre 1756 hatte ſich dieſe britiſch⸗oſtindiſche Kom⸗ pagnie ſchon ſo kräftig gefühlt, daß ſie Erobe⸗ rungskriege begann, welche noch heute nicht be⸗ endet ſind.— Dariman mit Sakuntala ſehen wir auf dem Wege nach Calcutta, während ſein Bruder den Weg nach Murſchidabad, der Hauptſtadt des Sarajah Dowlah, ſeines Fürſten, einſchlug. Außer den verwerflichen Zweck, Sakun⸗ tala unter die Obhut von Bajaderen zu geben, um ſie von dieſen käuflichen Frauen⸗ zimmern in allen Künſten zu unterrichten, und ſie ſo für den Harem des Nabob's ge⸗ eignet zu machen, hatte er noch tiefere und umfaſſendere Pläne, welche ſeine Anweſenheit in Calcutta nöthig machten. So einförmig die Fahrt auf dieſem Strome war, hatte doch Dariman Gele⸗ genheit, ſich das Verdienſt einer beſondern Auf⸗ merkſamkeit für ſeinen Schützling zu erwerben gewußt, nicht ſo ſehr aus gutem Herzen als viel⸗ mehr um ſich deſſen Vertrauen zu erwerben. So ließ er, um von der drückenden Hitze der brennenden Sonne ihr Erholung zu verſchaffen, in der Nähe des Ufers unter dem erfriſchenden Schatten einer Gruppe von Kokosbäumen einen prachtvollen Teppich ausbreiten, auf welchem ſie ſich niederließen, und die überra⸗ ſchenden Kunſtſtücke eines vorüberziehenden Jongleurs mit anſahen. Mit der Kühle der anbrechenden Abenddämmerung begaben ſie ſich wieder auf das Schiff, und Sakun⸗ tala, durch die Zerſtreuung und durch die neuen überraſchenden Eindrücke etwas vertrau⸗ licher geſtimmt, erzählte ihre Jugendgeſchichte und ihr Leben in den Bergen. Wie ſie von den Hirten Ramanyan, denen ſie Wiswa⸗ tra zur Pflege übergab, erzogen wurde, von Volke angegriffen wurde. Das Kriegsfeuer, ihren Ziegen und Schafen, von ihrer Wallfahrt Jahren hat das Kulturleben der Nation die damals ſchon durch tän erhoben, geh Arkot, der Haup um den daſelbſt gef Mohamed zu befreien, und um unſern Fein-⸗ den einen Gegner zu erhalten. Wir gehen raſch vorwärts, überwinden kurz alle Hinderniſſe, und dringen gerade in die Stadt hinein, die mit einem Male überrum⸗-⸗ ewonnen iſt. Die Garniſon läuft er Feind iſt indeſſen nicht müßig. önen Nachmittags ſehen wir ihn an-⸗ rücken und ſich vor unſern Wällen aufpflanzen. In dieſer bedrängten Lage konnte nur ein ver⸗ zweifelter Streich faßt, macht Nach die Löwen, hauen legenen Feindes nieder und jagen die übrigen davon. Am Morgen ſahen wir, daß der Feind abgezogen war und ſeine Artillerie und Muni⸗ tion vergeſſen hatte. Wir hatten nachher noch manche Affaire unter der Anführung unſeres tapfern Feldherrn, riſſen Dupleirs Ehren⸗ zule nieder, und bekamen ſo endlich das Ueber⸗ gewicht über die Franzoſen. nur eine der vielen und berühmten Waffenthaten Eueres Namensverwandten.— wandten die Räuber ſich endlich zur Kugeln wurden ihnen nach⸗ ſtandener Gefahr herrſchte usnahme der Verwundeten, Sakuntala erholte ſich bald tenen Schrecken, und Dariman glichen Aufmerk⸗ mnehmen Vorfall o wie er alle Fluß Dſchemna, und an ſanften Fluſſe der Erzähl kuntala's war Dari chen Schlumm plötzlich ein ungewöh us ihrer ſorgloſ krokodil(Kaiman), das Flucht, noch einige geſchickt. Nach ü e Arme gefallen, als nlicher Vorfall die Geſell⸗ en Ruhe brachte. Ein ſchon längere folgt war, faßt s der Ruder, und brachte chwanken, ja es ngeſtürzt haben, r Schiffer eine bereit liegende ſpitze ind dieſe der gräulich Auge gebohrt h große Freude. von dem erlit bemühte ſich durch alle ihm mö amkeiten ſie für den unange zu entſchädigen, ſ reichlich belohnte. Zeit dem Boote ge n ein gewaltiges S würde dasſelbe wahrſcheinlich un wenn nicht ein ſchnell beſ für ſolche Event Stange ergri dechſe in das Thier ſchnell in die Tie fahrvolle Umſtand kam jedoch Abenteuer wurde die Reiſe nicht weiter geſtört, und ſie kamen glücklich in ätte, worauf das ank. Dieſer ge⸗ Allen trefflich Wir führen unſere Leſer wieder zu unſeren Freunden der andern Hemiſ Wir hatten Thomas Rettung durch Schru ſes Gentelmans und Weine verlaſſen, den er Werbegeldes bezahlte. giebigkeit, anderſ und ſeine vortheilhaf erwarben ihm das be wollen ſeiner Kameraden. ein invalider Graubart, ga eines berühmten Namensve Robert Clive zu „Ich ſah ihn,“ weſen, deſto größer Der vorderſte der leiſen Warnungs⸗ e in der Nähe Je größer die Gefahr ge ward die Aufmerkſamkeit. Ruderer ließ plötzlich einen Das Boot fuhr gerad des linken, mit Rohr⸗ enen Ufers. Dieſe ſind enthalt wilder Thier Schlupfwinkel von r „Was gibts?“ Clive nach ſeiner m Geſellſchaft die⸗ mehrer anderer bei dem mit einem Theile ſeines Einerſeits dieſe Frei⸗ ehlung Schrubbs te Perſönlichkeit ſowie ſondere Wohl⸗ ſo häufig der äuberiſchem Geſindel. fragte Dariman ebenſo Einer von ihnen, b ihm die Geſchichte Armee gut zu Statten kommen, müßt ihn aber auch ſelbſt zu Eh Mit dieſen W die mit lautem Beifall von der Geſellſchaft begrüßt wurde, und da es ſchon ſpät geworden, trennte ſich die Geſellſchaft. Am nächſten Tage ſchon wurde Thomas Clive eingekleidet, und als Grenadier Sr. königl. Majeſtä tions⸗Corps na b Er fühlte ſich in dieſem Stande nun jetzt ſchon recht behaglich, übte ſich vor der Abreiſe noch in allen militäriſchen Exercitien, bei welchen ihm Schrubbs eine eigenen körperlichen Befähigungen vortrefflich zu Statten kamen. Ehe er dieſe gefahrvolle Reiſe und die un- gewiſſe Laufbahn antrat, wollte er noch einnal ſter, die er ſo zärtlich liebte, ſehen Scheidegruß überbringen⸗ „antwortete der Warner ebenſo s Kahnes im Rohr, und rüberbeugt; da— da— s hat uns beobachtet. Sakuntala unter zu verbergen, und be⸗ lche aus Mohamedanern Eingeborenen weit ihre Gewehre ſcharf Nath zur Fluch leiſe,„die Spi ein Geſicht, das ſich he verſchwindet es, e Dariman gebot die Polſter des Boote fahl ſeinen Leute beſtanden und fo überlegen waren, und ohne auf den rieth er zum vor der bezeichneten falls einen kleine erlangen konnte. ſtolen in ſeine als Clive ein inter dem Ohr, mannspulte in Madras e wollte ihm nicht ihm ſchlecht, nu Stande machte, daß er a at, und dieſes brachte ihn o e Lagen. In einem der häufi⸗ Mißmuth reſolvirt er ſich kurz, d will ſich erſchießen— wie er am Kauf Aber dieſe ſitzende Lebensweiſ behagen, es ging gung vor dieſe mit Unwillen th ſehr verdrießlich gen Anfälle von ladet eine Piſtole un aber die Piſtole geh Er bringt das Inſt an und drückt noch ei Stelle, wodur ng vor den Piraten ſteckte mehrere Pi⸗ rument in Ordnung, nmal ab, die Piſtole Goddam“, ruft er,„ oll, ſo werde ich wohl zu als mich todt zu ſchie⸗ floh aus Madras, Armee. Hier kam muthwilligen rohen Federhelden— wie Leben auf alle mögliche onders zeichnete fbold und Eiſ chweigen fuhr das Boot, ſ chte, vor dem verſagt wieder., einmal nicht ſein ſ etwas Beſſerem gut ſein, Er beſann ſich kurz, ihm Dienſte bei der er in eine Kompagnie von Burſchen, die den 1 ſie ihn nannten— Weiſe zu verbittern ch darin ein alter Rau chon Manchen im Duell Clive, kurz angebun er, und ſlicht i eit hatten die rung des Genera nen Bogen ma ber. Es dauerte nicht lange, ſonen beſetzter Kahn der Jongleur indem es einen klei und ein etwa mit flog über den Waſſerſp war unter den Räubern, erkennen gaben. D begrüßten ſie ſogleich hrer Musketen, wo⸗ unſchaft niederge⸗ Jongleur wurde erwundet, doch mun⸗ kräftigen Widerſtande auf Ruderlänge Doch eine neue amedaner machte fnungslos. Auch ndlichen Bootes Sara, die Schweſter des jetigen Grena⸗ mit einer guten diers, war ſeit ſeinem plötzlichen Verſchwinden durch zwei der fe ſtreckt wurden. von einem Streifſchuß v terte er ſeine auf, als ſie ſich nu geübten Moh indlichen Ma render Trauer, ſie war in tödtlicher Angſt um ihn; denn wohin ſollte er ſich gewandt haben z entblößt von 97 Mitteln in der den, fordert unſ hn glücklich nieder. Um Franzoſen unter Anfüh⸗ Lolla Tolendal viele r Mächte an ſich gebracht Z Engländern Madras genommen. s angſt und bange. Ei ogar eine Ehren⸗ nachdem er den Fürſten hib getödtet hatte. Clive, Weltſtadt? Sie immer mit einer weiblichen Handarbeit be⸗ ſchäftigt, an ihrer Seite ihr linkiſcher, ſie theil⸗ l betrachtender Couſin Joſ ef— als Mann vom Bedienten eingeführt wurde, den ſie gleich a 4 ehemaligen Wirth der armen Familie Clive 4 Salve der kampf die Sache der Rä Dariman, die und auch den Nun ward un Franzoſe Duplei äule errichten, Tſchunda⸗Sa Nähe des fei eine Piſtole mit aß er den Jong Piraten mit einem leurals den An⸗ Schuſſe zu Boden ſ Erinnerungen. 1858. 209 t mit fünfhundert Mann nach tſtadt Tſchunda⸗Sahibs, ſeine Verdienſte zum Kapi⸗ angenen Sohn des Nabobbs aushelfen. Clive, kurz ge⸗ ts einen Ausfall, wir, wie die Hälfte des fünfmal über⸗ ren bringen.“ orten ſchloß der Soldat ſeine 1 Euer Name, lieber Freund, wird Euch bei der t beſtimmt, mit dem Expedi⸗ ch Indien zu gehen. „Kenntniſſe und Erfahrungen, 8. und über den Grund desſelben in immerwäh⸗ weinend in ihrem ls den Herrn Dringſcharp, den „ 1 4 210 erkannte. Dieſer präſentirte ihr einen Ring, welchen ihr Bruder bei ihm verpfändet hatte; da dieſer ihn nicht einzulöſen gekommen, und er ihn wegen Geldmangel zu verkaufen ge⸗ nöthiget ſähe— bringe er ihn früher ſeiner Schweſter— ob ſie ihn vielleicht einlöſen wolle, um ihn ihrem Bruder zurückzuſtellen. Im Grunde wollte der gute Dringſcharp ein Geſchäft⸗ chen machen, indem er möglicherweiſe mehr er⸗ halten konnte, als er für den Ring vorgeſtreckt hatte. Sara erkannte ſogleich den Ring ihres Bruders, welchen er bei Gelegenheit der Ret⸗ tung des vornehmen Mädchens im Parke des Gutsherrn erhalten hatte. „Wie viel habt Ihr darauf gegeben, Mann?“ fragte Joſef. „Kleinigkeit,“ erwiederte der Ehrenmann, „die ganze Summe beträgt zehn Pſund, mit Zinſen zehn Pfund fünf Schillinge, nicht der Rede werth.“ „Ich weiß mich nicht zu erinnern, wie viel mein Bruder auf dieſen Ring erhalten hat,“ bemerkte Sara,„ich weiß nur, daß er auf denſelben großen Werth legte, und möchte Euch erſuchen, ihn nicht zu verkaufen, da er ihn ge— wiß auslöſen wird. Ich habe im Augenblicke nicht ſo viel um ihn zu bezahlen, aber lieber Dringſcharp, Ihr müßt noch Geduld haben, Ihr ſollet bald befriedigt werden.“ Da der gute Mann zum Warten ſich nicht einverſtehen wollte, ſchlug ſich Joſef in's Mit⸗ tel, zählte die geforderte Summe auf, und nahm den Ring in Empfang. Der ehrliche Pfandleiher ſtrich das Geld mit wahrer Rabenfreude ein, und eilte davon, mit der freudigen Ueberzeugung, außer der Summe, die er nothgedrungen ſeiner Gattin überbringen mußte, noch fünf Pfund für ſich zur Verfügung zu haben. In der Thüre begegnete ihm Sam, ein Diener des Hauſes, und meldete einen Gre⸗ nadier aus Sr. Majeſtät Regiment. Dieſer war Niemand anderer, als Schrubbs, der ein⸗ trat, und nachdem er mit militäriſchem An⸗ ſtande gegrüßt hatte, Sara einen Brief über⸗ reichte. Sie nahm ihn, erkannte die Schrift ihres Bruders und öffnete ihn zitternd. Er lautete: „Theuere Schweſter! Mit unverdienter Zurückſetzung und Ver⸗ achtung von denen behandelt, die ſich meine Verwandten nennen, habe ich nach dem Dir bekannten Vorfalle das Haus verlaſſen. Ich bin jetzt Soldat, und werde eine mir mehr zu⸗ ſagende ehrenvolle Laufbahn antreten, auf der mir Auszeichnung oder Tod winkt. Dich zu verlaſſen iſt mein eige Kummer, und ich kann es nicht, ohne Dich noch einmal geſehen und an mein Herz gedrückt zu haben. Ich er⸗ warte Dich morgen früh auf dem Kirchhofe; am Grabe unſerer Mutter laß uns Abſchied nehmen. Dein treuer Bruder.“ Sara ließ den Brief fallen, und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen. Sie zerfloß in Thränen, während Joſef den Brief aufhob und ihn las. Schrubbs kehrte ſich kurz um, und ſchritt zur Thür hinaus. Der nächſte Morgen brei⸗ tete noch ſeinen grauen Nebelſchleier über das unendliche Häuſermeer des ungeheuern Lon⸗ dons aus, als Sara ſich ſchon auf den Weg nach dem Kirchhofe begab. Bekümmert und nachdenkend ſchritt ſie dahin, als ſich plötzlich die ſtattliche Geſtalt eines Soldaten ihr ent⸗ gegenſtellte. Es war Schrubbs, der ſich das Vergnügen nicht hatte verſagen können, ihr beim Ausgange aufzupaſſen, und ſie auf dem Wege zum Kirchhofe zu begleiten. Er tröſtete ſie über die Trennung von ihrem Bruder, in⸗ dem er ihr ſeine und folglich auch ihre Zukunft in ein glänzendes Licht ſtellte. Auf dem Kirchhofe angelangt, warf ſich Sara in die Arme ihres ſie bereits erwar⸗ tenden Bruders; ſchmerzliche und doch ſüße Gefühle bewegten die Bruſt der beiden Waiſen. Der Moment der Trennung war gewiß, aber wie ungewiß das Wiederſehen! Wie viel Herz⸗ liches hatten ſie ſich zu ſagen! Nur wer es je gefühlt, kann es faſſen, was ſie ſich ſagten! Als ſie ihre reichlich fließenden Thränen trock⸗ neten und den Blick zur Seite wandten, be⸗ merkten ſie zwei Geſtalten, die ſich ihnen indeß genähert hatten. Es war Joſef und ſeine Mutter. Thomas erröthete, als er unerwartet ihrer anſichtig wurde. Welcher Beweggrund mochte ſie hierher geführt haben? Doch der freund⸗ liche und ſeelenvolle Blick der Frau Drum— mond belehrte ihn, daß die Gattin ſeines Onkels deſſen Gefühle nicht theilte. Selbſt Joſef's ſtereotypes Lächeln hatte einen an⸗ dern Ausdruck und ſöhnte Thomas völlig mit ihm aus. Jedenfalls war er durch dieſen unerwar⸗ teten Beweis von Theilnahme dieſer beiden Perſonen über Sara's Schickſal beruhigter, was ihm den Abſchied jedenfalls erleichterte, und ihm eine troſtreiche Beruhigung auf ſeine weite Reiſe mitgab. Beim Scheiden über⸗ reichte ihm Sara den eingelöſten Ring, und Frau Drummond ein Päckchen, das ſie ihm erſt in ſeiner Behauſung zu eröffnen bat. Nach ausgetauſchten herzlichen Worten trenn⸗ ten ſie ſich. 9. Auf dem Schiffe, welches unſere Helden nach Indien bringen ſollte, hatte derſelbe manche Begegnungen. So erkannte er unter den Mitreiſenden jenen Mann, der ihm einſt auf dem Kirchhofe am Grabe ſeiner Mutter begegnet war. Auch Schrubbs hatte ſeine Begegnung gehabt, welche in ihm eine dunkle Erinnerung erweckte. Er hatte den Neger ge⸗ ſehen, den er einſt an jenem Nachmittage ge⸗ prügelt, da Kapitän Clive ſich in Gegen⸗ wart ſeines Verwandten erſchoß. Er hatte daraus auf die Anweſenheit dieſes Verwandten geſchloſſen, und theilte ſeine Vermuthung dem jungen Freunde mit. Thomas konnte ſich nun das eigenthüm⸗ liche Intereſſe erklären, daß jener Mann, den er erſt zweimal geſehen, und der ſeinen Na⸗ men nannte, ohne daß er ihn kannte, an ihm nahm. Thomas legte jedoch kein beſonderes Gewicht auf dieſe Entdeckung, er hegte keine kommen, der ſo wenig gehandelt wie es einem ſo nahen Verwandten geziemt hätte. Ja das Gefühl der Abneigung, das ſich ſeiner wie inſtinktmäßig beim erſten Anblicke bemächtigte, flammte im glühenden Haß gegen ihn auf, wenn er des unglücklichen Schickſals ſeines Va⸗ ters gedachte. Ferner wurde er einer weiblichen Geſtalt gewahr, die am Arme eines Offiziers auf dem Verdecke erſchien. Der Offizier, noch jung, zeigte in ſeinem Geſichte einen mürriſchen und ſtolzen Ausdruck und die Spuren eines frühzeitigen Ablebens. Seine Begleiterin, an der Schwelle des jungfräulichen Alters, von bezaubernder Schönheit, kam Thomas ſehr bekannt vor, ohne daß er ſich erinnern konnte, unter wel⸗ chen Umſtänden er ihr begegnet wäre. Er ſaß von Tauen ſtand, ſo daß ihn die Ankommen⸗ den nicht gleich bemerken konnten, und er ſo in der Lage war, ihr Geſpräch unabſichtlich und ungeſehen anzuhören. So erfuhr er, daß der junge Mann, welcher Kapitän Ellis an⸗ geredet wurde, die ſchöne Dame, welche er ſeinerſeits„die ſchöne Julie“ nannte, mit Lie⸗ besbetheuerungen beläſtigte, welche die Ange⸗ betete mit Verachtung zurückwies, und daß die junge Dame ſo wie ihr Vater in den Händen des reichen Offiziers waren, da letzterer des Erſtern zerrüttete Glücksumſtände benützte, um ihn von ſich abhängig zu machen und die Tochter als Preis ſeiner Dienſtleiſtungen zu fordern.„Sie müſſen die Meine werden,“ ſchloß der Offizier ſeine Liebeserklärung,„ſelbſt wider Ihren Willen.“ Bei dieſen grauſamen und abſcheulichen Worten erhob ſich Thomas und blickte dem Sprechenden voll in's Geſicht. Das Geräuſch, welches ſein Aufſtehen verurſachte, bewirkte, daß die Beiden nach ihm ihre Blicke richteten. Ein Schrei der Ueberraſchung entſchlüpfte den Lippen der jungen Dame, auch ſie ſchien ei⸗ nen Bekannten zu ſehen. Der Offizier hinge⸗ gen warf auf Thomas einen feindſeligen, verachtenden Blick, nahm ſeine Begleiterin beim Arme und führte ſie vom Verdecke. Jetzt blitzte in Thomas eine Erinnerung auf— Julie war jenes junge Mädchen, das einſt in Be⸗ gleitung des Oberſten Murray im Park von einem wüthenden Stiere verfolgt und durch unſern Freund auf ſo wunderbare Weiſe tiefen Eindruck auf ihn gemacht, um das Luſt mit einem Verwandten in Berührung zu auf einer Kanone, die neben einem Haufen gerettet wurde; ihre Züge hatten einen zu — —— 8 Wiedererkennen ſchwer zu machen. Dieſe Ent⸗ deckung ſtürzte Thomas in ein Meer von Vermuthungen, Träumen und Plänen. Wieder war ſie von Gefahr bedroht, wieder bedurfte ſie eines Retters. Wie gerne hätte er jetzt wieder ſeine Hilfe angeboten! Jetz war indeſſen die Sache nicht ſo leicht.“ Mehrere Tage verfloßen, ohne daß Tho⸗ mas ſeines alten Verwandten oder der jun⸗ gen Dame anſichtig wurde. So gleichgiltig ihm der erſte Umſtand war, ſo wenig ange⸗ nehm war ihm der letzte; denn ſeine Phantaſie war nur mit dem Bilde derjenigen beſchäftigt, die er einſt gerettet hatte, und die ſein Mit⸗ gefühl um ſo mehr erregte, als ſie mit allen weiblichen Reizen geſchmückt in einer höchſt bedrohlichen Lage ſich befand. Ein zufälliger Blick auf ſeinen Ring, den er von ihrem Va⸗ ter erhielt, brachte ihn auf eine glückliche Idee. Schrubbs wurde als Vermittler benützt, ihr den Ring mit einem Schreiben zu überbrin⸗ gen, in welchem er ſich ihr zu erkennen gab, und in dem er ihr in den ehrerbietigſten Aus⸗ In kurzer Zeit i ſeine Hilfe anbot. lus Thomas von der Hand eines Ma⸗ ſen folgende Zeilen als Antwort. „Wenn nicht Ihr Anblick allein ſchon, Jo würde doch ſicher Ihr Ring, der einſt die Hand meines Vaters zierte, mich an meinen Lebensretter erinnert haben. Wie gerne würde ich Ihnen perſönlich meinen Dank für jenen unermeßlichen Dienſt abſtatten, den Sie uns beiden geleiſtet und den wir Ihnen damals nicht vergelten konnten! Aber die Verhältniſſe geſtatten mir nicht, mich Ihnen zu nähern. Für Ihr edelmüthiges Anerbieten, mir mit Auf⸗ opferung Ihres Lebens zu dienen, ſage ich Ih neinen tiefgefühlteſten Dank. Ich fühle mich ſchon getröſtet durch den Gedanken, daß Sie, einſt mein Lebensretter, mir nahe ſind, und freundlich denken an Julie Murray.“ Eine viel ernſtere Begegnung während der langen Fahrt war ein Piraten⸗Ueberfall, ſchon nicht weit entfernt von der indiſchen Küſte. In einer der langen und zugleich ſchwülen Nächte, welche die Annehmlichkeit des Lebens unter jenem Himmelsſtriche bedeutend beein⸗ trächtigen, wurde das Schiff von Korſaren plötzlich überfallen. Thomas und Shrubbs waren der unerträglichen Hitze wegen den en⸗ gen Schiffsräumen entflohen, um auf dem Verdeck eine, wenn auch nicht kühlere, doch freiere Luft einzuathmen. Plötzlich ließ ſich an den Schiffswänden ein Klirren von Waffen, ein Stoßen und Flüſtern vernehmen. Ein Men⸗ ſchenknäuel arbeitete ſich an der einen Seite des Schiffes empor und ſprang auf das Ver⸗ deck. Ein lautes und wildes Schreien, das Kampf und Tod bedeutete, zerriß die Lüfte und verkündete den überraſchten Wachen, daß eine Piratenſchaar, begünſtigt von der Fin⸗ ſterniß der Nacht, ſich genähert und das Fahrzeug erklommen habe. Thomas hatte hier Gelegenheit, ſeinen Muth und ſeine ſol⸗ datiſche Befähigung in's ſchönſte Licht zu ſtel⸗ len. Schnell war die ganze Schiffsmannſchaft, aus Matroſen und Grenadieren beſtehend, kampfbereit auf dem Verdeck, nach Umſtänden und in der überſtürzten Eile mit den ver⸗ ſchiedenſten Waffen verſehen; Thomas er⸗ griff einen ihm nahe ſtehenden Enterhaken, der mit einem ſpitzen gekrümmten Eiſen verſe⸗ hen war. Mit dieſer furchtbaren Waffe ſtürzte er in den dichteſten Haufen der Feinde, und mit einer wilden, niederſchmetternden Kraft, wie ſie nur die Gewißheit eines unvermeid⸗ lichen Todes geben konnte. Sein Beiſpiel wirkte ermuthigend auf die übrige Mannſchaft des Schiffes, ſo daß die bald verminderte Anzahl der Feinde wenigſtens ein Gleichgewicht in den Kampf brachte. Der ältere Clive, der ſich ebenfals an dem Kampfe betheiligte, wurde ſoeben von einem rieſigen Neger bewältigt und zu Boden geworfen; ſchon holte der Räu⸗ ber einen kräftigen Säbelhieb nach deſſen Kopfe aus, als Thomas noch im rechtzei⸗ tigen Augenblicke durch einen tüchtigen Schlag auf den Schädel des Negers denſelben un⸗ ſchädlich machte, und ſo ſeinen Verwandten von unvermeidlichem Tode rettete. Eine Ka⸗ none, neben welcher er ſtand, zog er mit Rieſenkraft aus ihrer Lage und richtete ſie auf den dichten Haufen der Seeräuber. Ein Blitz, ein Knall und die Feinde zerſtoben mit furcht⸗ barem Wuthgeſchrei. Eine friſche Streitmacht wurde indeſſen, regelmäßiger bewaffnet, vom Kapitän des Schiffes ſelbſt angeführt, und fiel den Korſaren gerade in den Rücken. Dieſe mußten die Hoffnung auf Sieg endlich auf⸗ geben und einzig auf ihre Rettung bedacht ſein, die ſie nur in der eiligen und wilden Flucht finden konnten. Als die Sonne mit ihren gelben Strah⸗ len ſich aus den Meeresdünſten erhob, da war der Kampf auf dem Schiffe beendet. Die Spu⸗ ren des wilden Gemetzels boten Szenen des Entſetzens. Thomas, nach der Anſtrengung des Kampfes erſchöpft zu Boden geſunken und aus mehreren Wunden blutend, erhielt von allen Anweſenden den Ausdruck des Dankes und der Bewunderung ſeines außerordentlichen Muthes. 10. Dariman ſetzt indeſſen ſeine Wanderung mit Sakuntala fort, und begab ſich unter dem Schutze der Nacht nebſt ſeiner Begleite⸗ rin, nach einer in einiger Entfernung von der Stadt liegenden großen Pagode. Hier über⸗ gab er ſie den Prieſterinen der Liebesgöttin, den Bajaderen, welche ſie in allen jenen Künſten, die weibilche Reize zur Geltung bringen, ausbilden ſollten. Von Dariman’s Ankunft ſchon früher unterrichtet, waren alle Vorbereitungen zu ſeinem und ſeiner Gefähr⸗ tin Empſang getroffen worden; außer a⸗ ren mehrere Briefe für ihn angekom die ihm überreicht wurden. Er warf ſich in de für ihn prachtvoll hergerichteten Gemache auf 1 ein Ruhepolſter und eröffnete die ihm geſandten Briefe. Sie waren theils von ſeinen uder Seat, theils von Perſonen am Hofe err⸗ ſchers von Bengalen, Sarajah⸗Dowlah ſei⸗ nes Fürſten. Er erfuhr, daß der Fürſt ſeiner lan⸗ gen Abweſenheit wegen kalt gegen ihn zuwerden und einer ihm feindlichen Partei ſich zu zuwen⸗ den ſcheine, weßhalb[man ihm rathe, ſobald als möglich nach Muscadavad, der Reſidenz Saraja⸗Dowlabh's zu eilen, um ra Eindruck, den ſeine Abweſenheit hervorgebr cht, zu verwiſchen..* Während er noch mit Briefen beſchäftigt war, begehrten mehrere vermummte Perſonen durch leiſes Klopfen Eintritt. Er befahl ſie einzulaſſen. Es waren Spione, welche er in Calcutta hielt, und die ihm über alle Angele⸗ genheiten der Engländer in der Stadt, über die Stärke ihrer Kriegsmacht zur See und zu Lande, den Umfang ihrer Vertheidigungsmittel, die Zahl ihrer Schiffe und Kanonen, über den Stand ihrer Handelsbeziehungen und ihres Verhältniſſes zu den Holländern und Franzo⸗ ſen genaue Auskunft zu geben. Er zeichnete ihre Nachrichten ſorgfältig auf, entließ ſie ſo⸗ dann, und verwendete die ganze Nacht zur Ver⸗ fertigung von Briefen an ſeinen Bruder, an ſeine Freunde und an den Fürſten. Letzterem machte er die ausgedehnteſte Vorſtellung von der nothwendigen Zeitverwendung zu den höchſt wichtigen und umfangreichen Erkundigungen über die in ſeinem Reiche ſich ausbreitenden Fremden. Er unterließ nicht als Zeichen ſei⸗ nes Dienſteifers und ſeiner Fürſorge für das perſönliche Wohl ſeines Fürſten Sakuntala’s zu erwähnen, deren Reize er mit orienta⸗ liſchen Farben malte und ſie die ſchönſte Perle Hindoſtans nannte; er bemerkte ferner, daß dieſes Wunder weiblicher Schönheit in die Ob⸗ hut der Bajaderen Calcutta's gegeben, um hier ihre Reize vor jeder Nachſtellung zu wahren, und daß ſie ſich in den Händen von Lehr⸗ meiſterinen befinde, welche in der Kunſt weib⸗ liche Reize zu entwickeln, am berühmteſten wä⸗ ren. Die ſo lange Abweſenheit vom Hofe recht⸗ fertigte er angelegentlichſt durch die zu Sakun⸗ tala's Heranbildung nöthige Zeit, welche er auch zur Erlangung der Mittel verwendet habe, die er zur Durchführung eines Planes zur völligen Vernichtung der ſich immer mehr aus⸗ breitenden Macht der Fremden benöthigte. Nach Beendigung dieſes Geſchäftes über⸗ ließ er ſich der nun ſchon höchſt nothwendigen Ruhe. Aber auch die engliſche Regierung hatte ihre gut organiſirte Polizei, und ſo wurde um dieſe Zeit das engliſche Direktorium in Calcutta benachrichtigt, daß der Herrſcher von Bengalen, zu deſſen Gebiet auch Calcutta ge⸗ hörte, entſchieden feindliche Abſichten gegen die Kolonie habe, und ein Heer von Kundſchaf⸗ 27* 3 — 21² termaumit einem höchſtverſchmitzten Oberhaupte an Spitze, unterhalte. Dieſer Herrſcher, Sarajah⸗Dowlah, der im Jahre 1757 den Thron beſtieg, war effe des berühmten Alloverdy, der ein gleich großes Maß von Ta⸗ ind Niederträchtigkeiten vom Stande Prinzen erwartet, zeigtener die Anlage zu den ſh deiten de an jungen Thieren die größten Hrauſamkeiten. Durch Gewohnheit, welche durch Schmeichelei noch unterſtüßt wurde, ward ſeine natürliche Grauſamkeit immer ſtär⸗ ker entwickelt. Er war nicht ohne Verſtand, aber, wie alle rohen Naturen vom Eindrucke des Augenblickes beſtimmt, ganz ſeinen Launen und Leidenſchaften hingegeben, dabei hartnäckig, finſter, unfähig den geringſten Widerſpruch zu ertragen. Seine Feigheit bewirkte, daß er Je⸗ dermann, der ſich ihm näherte, mit Mißtrauen betrachtete, ausgenommen ſeine Günſtlinge und Hofnarren, die er ſich von gemeinen Be⸗ dienten zu ſeinen Geſellſchaftern erkoren hatte. Mit dieſen lebte er in den zügelloſeſten Aus⸗ ſchweifungen, und der Hang zu ſtarken Ge⸗ tränken entflammte ſeine böſen Leidenſchaften ſo ſehr, daß ſie in Brutalität ausarteten. Da die Engländer den Ausbruch eines Krieges mit Frankreich befürchteten, ſo befe⸗ ſtigten ſie das Fort von Calcutta, und trach⸗ teten ſich ſo viel als möglich in Kriegszuſtand zu verſetzen. Sie mußten aber erfahren, daß alle ihre Maßregeln, ſo geheim ſie auch ge⸗ halten wurden, augenblicklich dem Hofe Sa⸗ rajah⸗Dowlah hinterbracht wurden, und daß unter den Eingeborenen und den Moha⸗ medanern Calcutta's eine Verſchwörung ge⸗ gen ſie im Anzuge ſei, welche beim Ueberfall des Nabob von Bengalen zum Ausbruch kom⸗ men ſollte. Gegen ſo viel drohende Gefahren war die äußerſte Wachſamkeit geboten. Man war ſo glücklich, einige Spione aufzugreifen und dieſe ließen ſich durch die gegen ſie angewand⸗ ten Mittel verleiten, ihr Oberhaupt zu ver⸗ rathen. Dieſer war der uns wohlbekannte Dari⸗ man. Schon in der nächſten Nacht wurde der⸗ ſelbe plötllich in ſeiner Wohnung überraſcht, ausgehoben, und unter ſtarker Bedeckung in ſichers Verwahrſam gebracht.— Umſonſt war ſeine Berufung auf ſeine hohe Stelſung und ſeinen Einfluß am Hofe des Fürſten, mit deſſen Rache er drohte Man wolte ſeiner Perſon wegen mit dem Hofe in Unterhandlung treten und den Ungrund der dort angegebenen Beſchuldigungen und Ver⸗ leumdungen nachweiſen. Dariman wurde einem Mitgliede des großen Rathes von Calcutta, Namens Hol⸗ well, dem die Polizei der Stadt oblag, über⸗ geben, und von dieſem zwar ſeinem Range gemäß behandelt, aber mit argwöhniſcher Sorg⸗ falt bewacht, ſo daß eine Entweichung unmög⸗ lich war. 9(Schluß folgt.) —— 20d GCo Die Zigeuner. Eine ungariſche Skizze. Von Demeter Dudumi. Der Märzſturm, welcher vor einigen Jah⸗ ren zwar verderblich, doch luftreinigend durch alle Schichten der bürgerlichen Geſſellſchaft brauſte, warf auch die Scheidemauer des Vor⸗ urtheiles um, welche bisher die wandernden Zi⸗ geuner von den übrigen Anſiedlern in Ungarn zu trennen pflegte. Der Zigeuner iſt nicht mehr der Paria des Welttheiles Europa. Er nennt ſich mit Stolz Bürger des Landes und treibt er in den Städ⸗ ten auch wie früher das Gewerbe des Bettel⸗ muſikanten, ſo haben ſich doch viele ſeiner klang⸗ kundigen Brüder auf eine höhere Stufe des Muſikantenthumes hinaufzuſchwingen gewußt, und die Gebrüder Patikarus zum Beiſpiele ſpielen in Peſt faſt dieſelbe glänzende Rolle, wie nach Maßgabe anderer Verhältniſſe in frü⸗ heren Jahren die Walzerfürſten Strauß und Lanner in Wien. Einzelne Zigeuner emancipirten ſich noch im Vormärz. Da war unter Anderm der be⸗ rühmte Bihari, den man auch den Geigen⸗ könig zu nennen liebte, und der als„Oberon im Attila“ Jung und Alt, Vornehm wie Ge⸗ ring, Reich wie Arm in wilder Luſt tanzen machte nach den ſtürmiſchen Klängen ſeiner alten Fidel, welche der Aberglaube im Mittel⸗ alter zweifelsohne als bezaubertes Inſtrument auf irgend einem Scheiterhaufen verbrannt haben würde. Die ſogenannte Nationalbande, ein Schwarm beſonders klangkundiger Zigeuner, erregte einige Zeit vor dem Beginne des erwähnten März⸗ ſturmes nicht blos in Ungarn, ſondern auch in halb Europa ungewöhnliches Aufſehen, und es gab wenige deutſche Journale, die nicht halbe oder ganze Spalten von dem Triumphzuge der Urenkeln der egyptiſchen Pharaonen nach Paris zu erzählen wußten. Sie kamen an die Seine, geigten und ſiegten. Bihari drehte ſich vor Freude im Grabe um. Was die bürgerliche Stellung anbelangt, ſo blieb jedoch auch dieſe Nationalmuſikbande in einem ſehr knechtiſchen Verhältniſſe, was bei dem angeborenen Hange des Zigeuners zur Trunkſucht freilich als vollkommen gerechtfer⸗ tigt erſchien. Die übrigen Zigeuner, welche in der Haupt⸗ ſtadt Ungarns verweilten, verharrten in der de⸗ müthigen Rolle des Bettelmuſikanten. Man konnte ſie bei Ausflügen nach den Umgebungen von Peſt⸗Ofen an jeder Krümmung des We⸗ ges ſtehen ſehen, einzeln wie zu zweien oder dreien, um durch das ſogenannte„Angeigen“ ein Paar Kreuzer auf Brod und Wein zu ver⸗ dienen. Der Ungar pflegte bei ſolchen Gelegenhei⸗ ten übrigens nicht zu knauſern. Bei wirklichen Tanzfeſten flogen nicht blos Zwanziger und Thaler, nein, ſelbſt oft blanke Goldſtücke in die Taſche des Zigeuners, der im Namen ſeiner Kameraden den klingenden Dank für die aufge⸗ führten Muſikſtücke einſammeln ging. Derlei Verſchwendung herrſcht noch jetzt. Sie manifeſtirte ſich im Nachmärz am Glänzendſten in dem damaligen Gaſthauſe„zu den Raben“ in der Peſter Rathhausgaſſe; ja man gewahrte ihr großmüthiges Walten noch in den letzten Faſchingszeiten ſelbſt auf den ele⸗ ganteſten Geſellſchaftsbällen in der ungariſchen Hauptſtadt. Wer einen„Jungenherrenball“ mitgemacht, wird ſich erinnern, wie frei manche Kavaliere die braunen Söhne. tens zu beſchenken pflegten. Es liegt aber auch ein eigener Reiz in der ungariſchen Muſik, namentlich in der Art und Weiſe, wie der Zigeuner dieſelbe vorzutragen verſteht. Die ungariſche Muſik iſt von den Klängen und Weiſen ſeiner Nachbarn, der Slaven und Deutſchen ſehr verſchieden. Dieſe Verſchieden⸗ heit bedingt aber nicht blos der elegiſche Grund⸗ ton, der überall vorherrſcht, mag der Ungar ſei⸗ nem Liebchen ein Ständchen bringen oder trau⸗ rige Geſchicke ſeines ſchönen Vaterlandes beſin⸗ gen. Das Fremdartige liegt auch nicht in der Vorliebe für die Moll⸗Tonarten, ſondermin der oft nur zu grell hervortretenden Regelwidrig⸗ keit, welche alle Gebote der allgemeinen muſi⸗ kaliſchen Satzlehre rein umſtößt. Es iſt der ſelt⸗ ſame Rhythmus und der bizarre Tonfall, wel⸗ cher Ausländern als ein muſikaliſches Räthſel erſcheint. Die Löſung dieſes Räthſels iſt noch nicht gefunden. Der Zigeuner iſt aber ſelbſt ein le⸗ bendiges Räthſel. Woher kommt er? Von wannen ſtammt er? Was hat ihn aus ſeiner Heimat vertrieben? Iſt er wirklich ein Ab⸗ kömmling der alten Egyptier oder ſtand ſeine Wiege an dem Geſtade des heiligen Ganges? Wer vermag es zu ſagen! Fragt die Stürme, dieſe Ahasvere der Lüfte, vielleicht, daß ſie Euch Auskunft zu geben vermögen! Wer alſo vermöchte bei dieſer eigenthümli⸗ chen Natur der ungariſchen Muſik einen ge⸗ treueren Dolmetſch abzugeben, als eben der Zi⸗ geuner, der, um mit einem ungariſchen Schrift⸗ ſteller zu ſprechen, als obdachloſer Sohn der Pußta, dem ewigen Juden ähnlich, in ſteter Wanderung ſein Vaterland zu ſuchen ſcheint, es nirgends findet, und ſeine heiße Sehnſucht daher in der Weltſprache der Empfindung, in der Tonſprache nämlich, auszudrücken ſtrebt. . =ep E &ch—.,— 1 4 8 1 — Seltſamer Weiſe bedünkt ihn auch die endloſe Pußta eben in ihrer Oede wie ein Stück neuen Vaterlandes, und die Klänge, die er auf ihr er⸗ lauſchte, mahnen ihn an die Weiſen der Mem⸗ nonsſäule, fern in ſeiner Urheimat Egypten. Dieſe Klänge werden das Eigenthum ſeiner Geige, und ſo hat man nicht ſo ganz Unrecht, wenn man den Zigeuner einen muſikaliſchen Phönix nennt, aus deſſen Aſche ſtets ein neuer Wundervogel erſteht. Hiezu kömmt die frühzeitige Uebung. Ge⸗ hör wie Hand erhalten ſchon in der früheſten Zugend durch ſtete Anſtrengung eine faſt fabel⸗ hafte Gewandtheit; was das erſtere vernahm, weiß die letztere getreu wiederzugeben. Es be⸗ darf keiner Noten— Uebung und Gedächtniß erſetzen die Partitur. Ausländer bedünkt der Vortrag des Zigeuners Anfangs freilich unge⸗ mein ſeltſam; Rhythmus wie Tonfall wider⸗ ſtreben allem, was ſein Ohr bisher von den Geboten muſikaliſcher Satzlehre vernommen; auch bringen ihn die vielen Läufe und Triller der Zigeunermuſik vollends aus der Faſſung. Das Gehör jedoch gewöhnt ſich in Kürze an die ungewöhnlichen Melodien, zumal wenn der Be⸗ ſcher kreiſt und die ängſtliche Kritik der Begei⸗ ſterung weicht. Dann lernt er begreifen, wie bei dem Laſſu tiefe Rührung die geſammten Zuhörer überkommt, und brüderlicher Sinn ein feſtes Band gegenſeitiger Anhänglichkeit um alle Herzen ſchlingt. Dann faßt er, weßhalb der Triß, der Anfangs gar ſchüchtern zu beginnen pflegt, urplötzlich in wilden freudenvollen Klän⸗ gen dahin rauſcht, jedes Gemüth elektriſirend, die Füße zu tanzesmuthigem Schritte an⸗ ſpornend. Freilich verhallt ſpäter die alte trübe Weh⸗ muth, aber dann beherzige der Fremde, daß der Zigeuner auf ſeiner Fiedel eben nichts an⸗ deres vortrage, als die beinahe ſagenhafte Ge⸗ ſchichte des räthſelhaften Volkes aus dem Oſten, das ſeit den Tagen des Königs Attila— in drei Zwiſchenräumen— als ſeltſamer Gaſt herüber kam aus dem märchenhaften Morgen⸗ lande. Im Vormärz war, wie geſagt, die Muſik der einzige Freipaß, welcher den Zigeuner auf ſeinen Wandergängen unangefochten durch ganz Ungarn und Siebenbürgen geleiten half. Man konnte die Klänge ſeiner Fiedel als das tö⸗ mentfähig machte in der dielenloſen Cſarda, wo der Roßhirt und Betyar zechte. Die Zigeuner galten ſonſt als verrufenes Volk, in deſſen Nähe nicht ſicher zu hauſen ſei. Man zählte ſie, wenn nicht zu den verwe⸗ genſten, doch ſicher zu den ſchlaueſten Dieben, und der Roßhirt horchte doppelt wachſam in die finſtere Nacht hinaus, wenn er wußte, daß ein Pferdefreund in der Nähe ſei, deſſen braune Geſicht farbe, pechſchwarze Haare und blendend weiße Zähne den Flüchtling aus dem Morgen⸗ lande verriethen. Man erzählte ſich fabelhafte Dinge von der Liſt, mit welcher die Zigeuner mitten auf der nende Legegeld bezeichnen, das ihn apparte⸗ Vorliebe zum Branntwein, verleitete ſie Pußta, ſo zu ſagen aus dem Kreiſe der Roß⸗ hirten heraus, den edelſten Renner zu entwen⸗ gen wußten. Auch verſtanden ſie die Kunſt, dem kaum erbeuteten Roſſe durch künſtliche Färbung und anderweitige Geheimmittel ein ſo fremdartiges Ausſehen zu verleihen, daß es der Eigenthümer ſelbſt erſt bei genauerer Prüfung wieder zu erkennen vermochte. Was den abenteuerlichen Ruf des Zigeu⸗ nervolkes ſteigern half, war die Gabe des zwei⸗ ten Geſichtes oder der Weisſagung, welche man den Zigeunerweibern nicht blos in Dörfern, ſondern ſelbſt in Städten zuzuſchreiben liebte. Eine Prophezeiung aus der flachen Hand galt meyc(s das Kartenorakel irgend einer be⸗ rühnaen ſtädtiſchen Kartenaufſchlägerin, ſo⸗ bald es anders aus dem zahnloſen Munde einer dürren, ſonnenverbrannten Alten kam, die man auf den erſten Blick als eine Blocksbergſchweſter zigeuneriſcher Abkunft zu erkennen vermochte. Die Zigeunerinen wußten ferner auch an⸗ gebliche Liebestränke zu bereiten; ihre Kunſt machte die Milch gerinnen oder ſie verlieh der letzteren ein röthliches Anſehen wie friſch ver⸗ goſſenes Blut. Sie vermochten das Wetter zu beſchwören, verborgene Schätze zu entdecken; kurz ihre magiſche Allmacht unterlag bei dem un⸗ wiſſenden Landvolke nicht dem mindeſten Zweifel. Trotz dieſes Aberglaubens wurden die Zi⸗ geuner im ungariſchen Vormärz mehr verachtet als gefürchtet. Man floh ſie, wie der Geſunde den Peſtkranken meidet. Haupturſache war ihre grenzenloſe Unreinlichkeit. Die Kinder gingen bis in das zehnte Jahr, um es in galanter Weiſe auszudrücken, barfuß vom Wirbel bis zur Zehe. Auch liebten die egyptiſchen Flüchtlinge wie alle morgenländiſchen Völker den Genuß von Zwie⸗ bel und Knoblauch. Sie ſcheuten ſich ferner nicht, das Fleiſch umgeſtandener Thiere zu verzehren, weßhalb man ihnen gar oft die Schuld an großen Viehſeuchen beizumeſſen pflegte, ein Umſtand, der die allgemeine Abneigung natürlich noch um ein Bedeutendes ſteigern mußte. Vor einem halben Jahrhundert waren ſie ſogar in Ungarn als Anthropophagen in üblem Leumunde. Sie wurden hie und da angeklagt, wie die Karaiben Menſchen geſchlachtet und halb roh verzehrt zu haben. Dieß Verbrechen läßt ſich jedoch nirgends gerichtlich nachweiſen. Ihr Hang zur Trunkſucht, namentlich aber übrigens in Wahrheit zu Wanderungen nach Pfaden, die in dem Kriminalkodex aller geſitteten Völker durch rothe Pfähle als verboten bezeich⸗ net werden. Was die Ehe der Zigeuner anbelangt, ſo wurden dieſe eigentlich nicht geſchloſſen, ſon⸗ 213 Niemand wußte ferner, ob die Zigeuner in der That ein eigenes Glaubensbekenntniß beſaßen. Unter die Türken gaben ſie ſich zur Zeit der Herrſchaft des Halbmondes in Ungarn als Mo⸗ hamedaner, in der Nachbarſchaft von Chriſten ſchlugen ſie ein ſcheinheiliges Kreuz. Bei dem tauſendjährigen Drucke, welcher dieß räthſelhafte Volk ſeit Generationen belaſtete, mußten ſich wohl alle jene Fehler einſtellen, welche unterjochten Menſchenragen erblich anzu⸗ kleben ſcheinen. Der großen Kaiſerin Maria Thereſia ſchien es vorbehalten zu ſein, dieſe Kinder der Haide, die bisher unter ſelbſtgewählten Woi⸗ woden ein Leben mittelalterlichen Fauſtrechtes führten, zu nützlichen Bürgern des Staates um⸗ zugeſtalten. Eine Verordnung, die im Jahre 1768 erſchien, befahl den Zigeunern feſte Wohn⸗ plätze zu wählen, ein beſtimmtes Gewerbe zu treiben und ihre Kinder zu kleiden und in die Schule zu ſchicken. Fünf Jahre ſpäter wurden ihnen ſogar die Kinder weggenommen, um die Kleinen geſittet zu erziehen. Es war aber vergebene Mühe. Der Zigeu⸗ ner blieb unzähmbar wie die Lüfte des Himmels. Selbſt Joſeph II. vermochte durch mildere Befehle keine bleibenden glänzenden Reſultate zu erzielen. Der Zigeuner gab ſich fort und fort als wilder Sprößling eines unglückſeligen Men⸗ ſchenſchlages. Von ſeiner Heimat war nie die Rede. Heute ſtand ſeine Hürde in ſonnenloſer Waldeswildniß, morgen auf endloſer fahler Haide. Sein Ge⸗ werbe blieb wie ehedem Wahrſagen, Betteln und Muſiciren. Man wußte nicht einmal, wie viele Schriftſteller behaupteten, ob er einen Gott habe?! Nur Eine Lichtgeſtalt aus Jenſeits hielt treu und troſtreich an der Seite des europäiſchen Paria aus. Es war die Himmelstochter Muſik! Sie ſtand an ſeiner öden Hürde, leiſe flü⸗ ſternd: „Meine Klänge ſind tönendes Gold! Dar⸗ um ſpiele fein fleißig, mein Söhnlein, ſo lange Deine Saiten erklingen, biſt Du ein willkomme⸗ ner Gaſt. Darum ſpiele Flüchtling vom Nil oder Ganges, ſpiele!“ Die Ungarn aber riefen: „Hört ihr wie die Geigen tönen, Wie ſie weinen, wie ſie ſtöhnen; Daß doch vier ſo kleinen Saiten So viel Zauber kann entgleiten!“ dern blos loſe geheftet; eine Art Trauung fand wohl ſtatt, aber ein alter Zigeuner vertrat dabei die Stelle des Prieſters. Paare, die ſich nicht mehr liebten, gingen freiwillig auseinander, um neuer Neigung zu fröhnen. Ihre Kinder wuchſen im Müßiggange auf und pflegten früh⸗ zeitig zu den Künſten des Stehlens angehalten zu werden. —— a2390—— [O———— 4 6 B — 1 4 ——— .—y— — ——— 214 Schickſale eines Waſſertropfens. Ein Märchen. Erzählt von einem Kinde.*) Es war an einem ſchönen Sommernach⸗ mittage, als ich auf unſerer Tour durch den tannenduftigen Harz mit meinen Eltern in die Baumannshöhle ſtieg, um den berühmten Tropfſteinſchacht zu bewundern, der bekanntlich ſeinen Namen hat von jenem armen Berg⸗ manne, welcher vor langen Jahren dieſe gewal⸗ tige Höhle zuerſt befuhr, weil er glaubte, Erze darin zu finden, und der dann zwei Tage lang tappen mußte, um den Ausgang wieder zu fin⸗ den, und als er ihn endlich gefunden hatte, in Folge der ausgeſtandenen Angſt ſtarb. So ſchlimm ging es uns nun nicht; vielmehr hat⸗ ten wir große Freude an den prachtvollen ho⸗ hen Säulen und Pfeilern, die der wunderſame Tropfſtein hier gebildet hatte. Wir waren ſchon faſt eine Stunde herumgewandert, da mit einem Male kam es mir vor, als ob ich feine ſilberne Stimmchen ganz hinten in der Höhle vernähme. Ich ſah unverwandt dorthin, wo ſie herkamen, konnte aber nichts Beſonderes bemerken, obſchon ich fortwährend die feinen Stimmchen hörte. Die Neugierde trieb mich jetzt dorthin. Bald hatte ich meine Eltern verlaſſen und befand mich plötzlich ganz allein, umgeben von hohen Tropf⸗ ſteinſäulen, ſo glänzend und durchſichtig, wie ich ſie vorher im ganzen Schacht nicht geſehen hatte. Ich merkte jetzt, daß es nur noch eine Stimme war, welche ſich folgender Geſtalt ver⸗ nehmen ließ: „Liebe Brüder, da Ihr mich aufgefordert habt, Euch als neuer Ankömmling meine Ge⸗ ſchichte zu erzählen, ſo will ich Euch dieſe Bitte gern erfüllen; doch wird dieſe meine Geſchichte nur ſehr kurz ſein, denn meine Gedanken rei⸗ chen nicht mehr ſehr weit, und was kann auch ſo ein kleiner Tropfen, wie ich bin, für eine große Geſchichte haben? In meiner früheſten Zugend ſpielte ich munter und froh mit meinen Geſpielen in dem unermeßlich großen Oceane und tanzte mit ihnen um die Wette auf den weißgekrönten Wellenbergen. Als ich aber eines Tages eben ſo im beſten Spielen war, kam ich unverſehens einer Klippe zu nahe, an welcher eine große Auſter feſtſaß. Kaum ſah ſie mich, der ich ſo fröhlich war, als ſie nach mir **) Dieſes Märchen, welches wir einer freund⸗ lichen Mittheilung verdanken, wurde von Dr. Adolf Stahr mit folgenden Worten einbe⸗ gleitet:„Das Märchen:— Geſchichte eines Waſ⸗ ſertropfens— darf in der That von einem Kinde erzählt heißen; denn es rührt her aus der Feder eines kaum zwölfjährigen Kindes, eines jungen Mädchens, das dieſe reizende Dichtung im Laufe einer Stunde als Probearbeit in der Schule un⸗ ter Aufſicht des inſpizirenden Lehrers auf's Pa⸗ pier geworfen hat. Da ich etwas Aehnliches von Begabung kaum je erlebt habe, ſo theile ich Ihnen die gedachte Dichtung, die ſich in meinem Beſitze befindet, mit.“ D. R. ſchnappte; und ehe ich ihr entwiſchen konnte, hatte ſie mich armen Tropfen ſo feſt einge⸗ ſperrt in ihre enge Behauſung, daß ich nicht wieder herauskommen konnte. Hier mochte ich denn wohl einige Tage in der engen glatten Behauſung gelegen und mein Schickſal beklagt haben, als ich plötzlich einen heftigen Ruck fühlte und ſogleich darauf empfand, daß wir uns in die Höhe bewegten. Die erſchrockene Auſter ſchloß ſich ſo feſt zuſammen, wie ſie nur immer konnte; allein es half ihr nichts, und bald fühlte ich aus den Schwankungen, welche wir erlitten, daß wir uns auf einem Schiffe befän⸗ den. Und ſo war es in der That, wie ich be⸗ merkte, als die Aufter auf eine Sekunde ihr Haus öffnete, um Luft zu ſchnappen. Zuerſt ſchwankte das Schiff nur ganz unmerklich, bald aber wurden die Bewegungen immer wilder und wilder. Der Sturm heulte, die Matroſen ſchrieen durcheinander, einige Paſſagiere riefen jammernd:„Wir gehen unter, wir gehen unter!“ und:„Rettet, rettet!“ Dazwiſchen erklang die gewaltige Stimme des Kapitäns, welcher rief: „Die Boote ausgeſetzt!“ Seinem Befehle wurde Folge geleiſtet. Die Matroſen rafften noch ſchnell ſo viel Lebensmittel zuſanmen, wie ſie finden konnten, um ſie in die Boote zu werfen. Unter denſelben war auch die Tonne mit Au⸗ ſtern, in welcher wir oben auflagen. Das Schiff war nämlich auf eine Klippe gelaufen und ſaß feſt. Wohl über einen Tag lang ſchwamm das Boot auf dem ſtürmenden Waſſer umher, und gerade als wir uns der Mündung der Elbe näherten, war der Wellenſchlag ſo heftig, daß eine ſchwere Welle in das Boot ſchlug und das⸗ ſelbe dem Unterſinken nahe brachte. Der Ka⸗ pitän kommandirte jetzt;„Alles Ballaſt und alle Lebensmittel über Bord!“ und ſo wurde ich mit der Auſter über Bord geworfen. Meine Auſter, froh ſich frei zu ſehen, athmete auf, wo⸗ bei ſie ſich ein wenig öffnete. „Puh! Süßes Waſſer!“ ſchrie ſie verzwei⸗ felnd. Aber ehe ſie die enge Behauſung wieder ſchließen konnte, benutzte ich den Augenblick, und ſchlüpfte hinaus. Was weiter aus der häßli⸗ chen, alten Auſter geworden ſein mag, weiß ich nicht zu ſagen. Ich war froh, wieder unter freiem Himmel, in meiner Waſſerheimat und von der Sonne beſchienen zu ſein. Freilich ver⸗ lor ich meinen ſalzigen Geſchmack und wurde ſüß; aber das kümmerte mich wenig. Konnte ich doch nun wieder munter und fröhlich mit Kameraden ſpielen. 4 Auf den ſtürmiſchen Tag folgte eine ruhige Nacht. Der Mond und die Sterne ſpiegelten ſich funkelnd und flimmernd in der Elbe. Es war Fluthzeit. Ich ſchwamm gerade an einem lieblich gelegenen Orte hart am Ufer vorbei, als ich einen Augenblick ſtille hielt, um nach einem holden Mägdlein zu blicken, welches ſich in demſelben Momente dem Ufer näherte. Still⸗ ſchweigend tauchte ſie plötzlich den Krug, den ſie in der Hand hielt, in das Waſſer. Ich war ſo nahe, daß ich unwillkürlich in den Krug ſchlüpfte. Sie trug mich nach Hauſe ohne irgend das geringſte Wort zu ſprechen, und eben ſo ſchwei⸗ gend ſetzte ſie den Krug, als ſie angekommen war, auf den Schrank, welcher in der kleinen Stube ſtand. Erſt als ich dort ſtand, hörte ich, wie ſie zu einer alten Matrone, ihrer alten Mutter, die Worte ſprach:„Mutter, ich muß es Dir nur ſagen, ich habe Oſterwaſſer geholt für Nachbars Lischen. Das arme Kind iſt ſo krank und liegt im Sterben. Wenn das Oſterwaſſer dießmal nicht hilft, ſo iſt ſie verlo⸗ ren. Ich muß gleich hingehen und ihrer armen Mutter das Oſterwaſſer bringen.“ „So geh' mit Gott, Anna,“ ſagte die Mutter,„aber komme bald wieder, denn es iſt tiefe Nacht, und ich bin ſehr müde.“ Darauf nahm das Mädchen den Krug von dem Schranke, und ging zum nächſten Hauſe, wo ſie dreimal an den verſchloſſenen Fenſter laden klopfte. Sogleich wurde die Thüre geöffnet. Als wir in die Stube kamen, ſaß bei dem matten Schein einer Lampe eine Frau an dem Bette ihres Kindes und weinte. „Ihr kommt zu ſpät,“ rief die arme Mut⸗ ter der Eintretenden zu.„Mein Lischen iſt todt! Ach, ich kann es gar nicht glauben, daß es ſo ſei!“ und dann brach die arme Mutter in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Annchen ſtellte den Krug mit mir an das Fenſter und verſuchte es, die Mutter zu tröſten, indem ſie ihr vorſtellte, wie jetzt ihr Lischen ein Engel und bei Gott ſei, von deſſen Throne aus ſie jetzt als Schutzengel über ihre Geliebten au, Erden wache. Da wurde die arme Mutter ruhiger und ruhiger, und ließ den Kopf auf die Hand fallen. Ich aber konnte es vor Sehnſucht nicht mehr aushalten. Ich ſehnte mich dahin zu kom⸗ men, wo das Kind bei Gott ſei und mit den anderen Englein ſpiele; und ich ſchwebte hinaus, immer höher und höher, ſo daß ich, als der Tag erwachte, nahe bei der Sonne war. Bald ſammelten ſich eine Menge meiner Brüder um mich, ſo daß wir zuletzt eine dichte Wolkenmaſſe bildeten, die zuletzt ſo ſchwer wurde, daß ſie endlich wieder von dem Himmel herab⸗ fiel, hierher und dorthin. Auch ich befand mich unter den fallenden Tropfen und fiel auf die Erdlage, welche ſich über dieſer Höhle befindet, und indem ich ſo allmälig durchſickerte, wurde ich, wie ihr, meins lieben Brüder und Schwe ſtern, zulett auch wie ihr zu Tropfſtein. Was weiter mein Schickſal ſein wird, müßt ihr wiſſen.“ Der Tropfen ſchwieg, und ich— fuhr plötz lich erſchreckt auf. Denn ich hörte die Stimme meiner Mutter, welche zu mir ſagte:„Marie, Du mußt heute um acht Uhr zur Schule um den Probeauſſatz zu ſchreiben, ſtehe alſo auf!“ Erſtaunt ſah ich mich um, und ſiehe, die ganzen Schickſale eines Waſſertropfens waren nur ein Traummärchen geweſen! —— — beſuch Spitz das; Cactt gefall Jung Zwei Gelehr Bild a Stän, ein wi nen, ſt ſchlchte heit in verſchn obwohl Namen benenn Stän tingen Natur anſtalt ler die den uün gern, ber w wieß Shokc beines lein, gung gel: in de reine und naten Halt Stee und kald kein Froſch und 4 Wie Herr Elias Stängel, der Na⸗ turforſcher, zu einer Braut kam. Schwankweis erzählt von W. Ernſt. I. Wer die heurige Kunſtausſtellung in Prag beſuchte, hat gewiß nicht ohne Vergnügen Spitzweg's gemüthliches Genrebild betrachtet, das zwei Cactusgewächſe darſtellt. Der eine Cactus, welcher ſich mit ſchmunzelndem Wohl⸗ gefallen über den andern beugt, iſt ein ältlicher Junggeſell in langem grünem Rocke und ohne Zweifel dem ebenſo„ſaftreichen als ſtachligem“ Gelehrtenſtande angehörig. So oft ich dieſes Bild anſah, mußte ich immer des guten Elias Stängel gedenken, nicht anders, als hätte ich ſein wirkliches Konterfei vor mir mit den war⸗ men, ſtillvergnügten Blicken. Man ſah es dem ſchlichten Männchen nicht an, wie viel Gelahrt⸗ heit in ſeinem Kopfe ſteckte, denn Stängel verſchmähte jedes Prunken mit ſeinem Wiſſen, obwohl er gleich Adam jedem Thiere ſeinen Namen geben und gleich Salomon jede Pflanze benennen konnte„von der Ceder bis zum Mſop.“ Stängel war Naturfors mit Leib und „oas will ich nicht ſo eeen. In der guten Stadt Krau⸗ ch tingen hatte er den Poſten eines Lehrers der Naturwiſſenſchaften in einer Privaterziehungs⸗ anſtalt inne und für jährliche ſechshundert Tha⸗ ler die Pflicht, ſich wochentlich zwanzig Stun⸗ den über die hoffnungsvollen Zöglinge zu är⸗ gern, denen aus dem Pflanzenreiche nichts lie⸗ ber war, als der Salat zum Braten, von den okten nichs bekannter als die Maikäfer aus Lyokolade, und von den vierfüßigen Thieren keines angenehmer und vertrauter, als die Röß⸗ lein, welche ſie auf Ferien holten. Dieſe Nei⸗ gung für die Ferien theilte auch Herr Stän⸗ gel mit ſeinen Schülern; es ſchien ihm, als ob in den Ferien die Welt weit größer, die Luft reiner und geſünder und Alles weit heiterer und friſcher wäre als in den übrigen zehn Mo⸗ naten des Jahres. Seine etwas gekrümmte Haltung hob ſich auffallend, ſobald er den Streuſand auf das letzte Zeugniß geſtreut hatte, und wenn er nun gar ſeinen Torniſter ſchnallte, ſeinen langen Reiſerock mit den hundert Ta⸗ ſchen für allerhand Fläſchchen und Schächtel⸗ chen anſtreifte und ſchließlich zu dem mit Beil und Hammer verſehenen Wanderſtock griff; da ſchlug ihm das Herz ſo jugendlich friſch in der Bruſt, wie weiland vor zwanzig Jahren, da er ſelbſt noch Student war. Nero, ſein wackerer ſchwarzzottiger Gefährte, der nie von ſeiner Seite wich und jede Ferienreiſe mitmachte, zeigte ſich dann vor Freude ganz„pudelnär⸗ riſch“, ein ſo geſetztes und ernſtes Vieh er auch während des Schuljahres war. Er ſchien zu glauben, man müſſe in den Ferien jede unbe⸗ queme Würde bei Seite legen und auf dem Lande nach Laune ſich gehen laſſen. Da war keine Eidechſe mehr vor ihm ſicher, er apportirte Alles,„was da kreucht und fleugt“, ſobald er es nur erſchnappen konnte, ſeinem naturforſchenden Herrn, ja er ſcharrte ſelbſt mit ſeinen ſtarken Pfoten den Boden auf, wo er mit feiner und geübter Naſe etwas Taugliches für die Sammlung des Pro⸗ feſſors witterte. Wenn ihm dann Herr Stän⸗ gel bei einem glücklichen Funde ſtreichelnd über Kopf und Nacken fuhr und ſagte:„Bravo, Nero, mein Famulus, du ſollſt erſte Klaſſe mit Vorzug haben,“ ſo ſchien der ſchwarze Geſelle es wirklich zu verſtehen, welche Auszeichnung in den Worten lag, denn mit ſtolzem freudi⸗ gem Bewußtſein trabte er dann neben ſeinem Herrn her und ſah mit ungemeiner Verachtung auf die unwiſſenſchaftlichen Dorfhunde, die aus der Naturgeſchichte nichts weiter verfolgten als Katzen und Gänſe. Auf einer ſolchen Ferienwanderung hatte Herr Elias Stängel mit ſeinem treuen Begleiter auch die ſächſiſche Schweiz durchſtreift, leider aber das, was er ſuchte, trotz aller Be⸗ mühung nicht finden können. Mißmuthig ſaß der Profeſſor unter dem gewaltigen Bogen des Prebiſchthores, für das er dießmal ebenſowe⸗ nig ein Auge hatte, wie für die andern gro⸗ tesken Sandſteinformationen: war doch das Hauptziel ſeiner Reiſe nicht erreicht, das Pflänz⸗ en Pyxtonia rarissima, vas hier wachſen ſoll, nicht in die Botaniſirbüchſe gelangt! Schon wollte er wieder thalabwärts nach Hernskret⸗ ſchen ſteigen, als eine Geſellſchaft von vier Per⸗ ſonen, die eben aus der netten Reſtauration heraustrat und knapp an ihm vorbei ging, ſeine Aufmerkſamkeit in ungewöhnlichem Grade auf ſich zog. Er ſtutzte, ſeine Wangen rötheten ſich und ſein Auge bekam auf einmal lebendigeren Glanz. Die Geſellſchaft beſtand aus einem Herrn und vier Damen; Elias aber ſchien nur eine von den letztern zu ſehen; unver⸗ wandt richtete er ſeine Augen nach ihr, ja er trat ſelbſt bis an das Geländer vor, bei wel⸗ chem die Geſellſchaft, um die Ausſicht zu genie⸗ ßen, ſtehen geblieben war, und ſeine ſonſt über⸗ ängſtliche Schüchternheit überwindend, fixirte er die eine Dame ſo auffallend, daß es von der⸗ ſelben, wie von den übrigen bemerkt wurde. Die Dame, welche Stängel's Aufmerkſam⸗ keit ſo lebhaft beſchäftigte, war ein Fräulein, das zwar nicht für ſchön, aber doch für angenehm gel⸗ ten konnte und bereits in jenem Alter ſtand, das ein Nodaü nicht mehr nach Frühlingen, ſon⸗ dern nach Sommern zu zählen pflegt. Als ſich hierauf die Geſellſchaft zum Gehen wandte und den Weg nach dem großen Winterberge ein⸗ ſchlug, blieb der Profeſſor erſt eine Weile un⸗ ſchlüßig ſtehen, während er mit ſehnſüchtigem Auge die Unbekannte verfolgte; als ſie endlich ſeinen Blicken zu entſchwinden drohte, fuhr er mit ungewöhnlicher Raſchheit auf und indem er die abgelegte Botaniſirbüchſe ſich wieder über die Schultern hängte, rief er aus:„Mein muß ſie werden und wenn ich dem Mädchen folgen ſollte bis an's Ende— der Ferien!“ Mit langen haſtigen Schritten eilte er auf 215 demſelben Wege, den er vor Kurzem gekommen war, den Vorangegangenen nach und achtete es nicht, daß bei ſeinen heftigen Bewegungen die Spiritusfläſchchen in den Taſchen ſeines langen Rockes klirrend aneinander ſchlugen wie weiland die Pfeile im Köcher Apoll's, da er vom Olymp ſich herab ſchwang. Nero folgte verwundert, denn das war ihm noch auf keinem wiſſenſchaftlichen Ausfluge vorgekommen, daß der Herr ſeine Jagd auf derartige Species ge⸗ richtet hätte. Stängel, der als ein unver⸗ ſöhnlicher Weiberfeind verſchrieen war, Stän⸗ gel, der nie bitter und ſarkaſtiſch wurde, außer wenn er auf die Frauen zu ſprechen kam, Stängel, von dem die Sage ging, er halte alle Kreatur in Waſſer, Luft und Erde für ſchön und liebenswürdig, die Damen allein ausgenommen: derſelbe Stängel eilte jetzt athemlos einem Mädchen nach mit einer Haſt und Leidenſchaftlichkeit, mit welcher kaum je ein Leander zu ſeiner Hero geſchwommen iſt. Wer erklärt das Räthſel des Menſchenherzens?— Erſt als er auf zehn Schritte Entfernung den Gegenſtand ſeiner Sehnſucht eingeholt hatte, mäßigte er wieder ſeinen Lauf und befliß ſich eifrig, dieſe Diſtanz weder zu erweitern noch zu verengern. Waren es ſeine etwas ſchwerfälligen Tritte, die ihn verriethen, oder waren es ſeine warmen intenſiven Blicke,— denn dergleichen Blicke ſollen, wie Viele behaupten, die getrof⸗ fene Perſon zum Umſehen bringen— kurz die freundliche Unbekannte wendete zu wiederhol⸗ ten Malen ſich nach dem zurückgelegten Wege zurück und ſchien nicht ungern zu bemen een, daß, ſo oft ihr Blick auf den nachfolgenden Natur⸗ forſcher fiel, dieſer halb verſchämt, halb freudig erbebte. Der wohlgepflegte Sandweg zog ſich jetzt durch eine dichte Buchenwaldung hinan, deren Stämme gleich ſchlanken Marmorſäulen zur Höhe ragten, wo das üppig grüne Laub⸗ werk ein im Sonnenlichte transparentes Ge⸗ wölbe mit dem lieblichſten Halbdunkel bildete. Stängel wiſchte ſich den Schweiß vom Ge⸗ ſichte und flüſterte in ſein blaugedrucktes Lein⸗ wandtuch:„Muth, Elias, Muth, entweder jetzt,— oder vielleicht nie wieder!“ Die Unbekannte war, wie allzu ermüdet, wenige Schritte hinter der übrigen Geſellſchaft zurückgeblieben; Stängel beſchleunigte ſeinen Gang, ſchon hat er ſie erreicht, und indem er ſeinen mit Käfern und Schmetterlingen wohl ausſtaffirten weißen Cylinder zieht,— geht er mit offenem Munde an der freundlich Danken⸗ den vorüber. Im entſcheidenden Momente hat⸗ ten ihm die Worte verſagt, die er ſich doch wäh⸗ rend des Weges vom Prebiſchthore her aufs zierlichſte zurechtgelegt hatte. Mit Schamröthe auf den Wangen und Ingrimm in den Blicken ſchoß er an der übrigen Geſellſchaft vorbei und ſtürmte zornmuthig den Berg hinan, bis er auf dem Gipfel desſelben das hübſche Schweizer⸗ haus erreichte, wo er ſich bei einem Glaſe Wald⸗ ſchlößchen die ärgſten Injurien ſagte.„Du biſt ein Feigling,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„ein Mädchen aus einer Kloſterſchule hat mehr 216 Muth als du ſiebenunddreißigjähriger Knabe. Jetzt ſchon könnteſt du gllücklich, jetzt vielleicht ſchon im Beſitze des Gegenſtandes deiner Wünſche ſein!“ Das Selbſtgeſpräch, welches in dieſer Weiſe geführt wurde, erlitt durch den Eintritt des Herrn mit den drei Damen eine raſche Unter⸗ brechung. Sie ließen ſich nicht weit von ihm an einem Tiſche nieder, und bald erkannte Herr Stängel aus ihren Geſprächen, wer die Dame ſeiner Wünſche ſei. Sie begleitete als Gouvernante die Tochter des Herrn und ſei⸗ ner ſtattlichen Gemalin. Sie Gouvernante und er Profeſſor— ei da waren ſie ja beide ge⸗ wiſſermaßen Kollegen, und wie leicht wird eine Annäherung auf dem ebenen Boden der Standesgleichheit möglich! Stängel entſchloß ſich von Neuem, ein entſcheidendes Wort zu ſprechen. Als hätten die Götter ſein ſtilles Sehnen berückſichtigt und ſeinem Plane ihren Segen gegeben, ſo günſtig fügten ſie die Umſtände, welche eine ungeſtörte Herzensergie⸗ ßung möglich machten. Denn war es nicht ein merkwürdiger Zufall, daß die Gouvernante, während ſie mit der Geſellſchaft auf den Thurm des Hauſes ſtieg, ſich plötzlich bewußt wurde, ihr geſticktes Taſchentuch unten im Salon ver⸗ geſſen zu haben? Als ſie dasſelbe zu ſuchen zurückeilte, trat ihr nach ihrem Eintritte in den Salon, Herr Stängel entgegen. Die lie⸗ benswürdigſte Verlegenheit des Jünglings aus Schiller's Glocke malte ſich auf ſeinem errö⸗ thenden Geſichte, als er, ohne ihr in's Auge zu blicken, folgendermaßen anhob: „Darf ich es wagen, mein Fräulein...“ Die Angeredete, gleichfalls verlegen, blickte auf das Sträußchen Waldblumen herab, das ſie an dem Buſen trug, und lispelte: „Was wünſchen Sie, mein Herr?“ Elias, der jetzt ganz nahe bei dem Fräu⸗ lein ſtand, hielt ebenfalls ſeine Blicke nach dem Blumenſträußchen gerichtet, von dem er kein Auge verwandte, während er fortfuhr: „Ich habe eine ſehr große Bitte an Sie, durch deren Gewährung Sie mich recht glück⸗ lich machen können.“ Die Gouvernante erröthete leicht, und wäh⸗ rend ſie einen fragenden Blick ſchüchtern über den Profeſſor ſtreichen ließ, antwortete ſie: Ich habe es ſchon längſt bemerkt, daß Sie mir etwas ſagen wollen.“ „Ja, mein Fräulein, vom Prebiſchthore an, wo ich ſie ſah, trug ich mich mit dem Gedanken, Sie anzuſprechen, doch fürchtete ich ſtets, daß meine Kühnheit....“ Die Abſicht des Profeſſors ſchien immer näher zu Tage zu treten, obwohl er das ent⸗ ſcheidende Wort noch zurückhielt. Die Gouver⸗ nannte ſah ihn gütig an; die Freundlichkeit in ſeinen Zügen ließ vergeſſen, daß ſie nicht gerade ſchön waren und die Ehrlichkeit des Auges ver⸗ tretend—„meine Herrſchaft kann jeden Au⸗ genblick wieder hier ſein.“ „Gutes Fräulein, wenn Sie denn ſo freund⸗ lich gegen mich ſein und das mir gewähren wollen, wonach ich ſchon lange vergebens ſuche, ſo geben Sie mir hier aus Ihrem Sträußchen —— die Pixtonia rarissima.“ „Was kann Ihnen, mein Herr, an einem Pflänzchen liegen, das ich Ihnen gebrochen habe? Hier, mein Herr, wählen Sie.“ „Schade nur, daß die Würzelchen nicht da⸗ bei ſind. Uebrigens bin ich Ihnen ſehr ver⸗ bunden und gebe Ihnen, wenn Sie es wün⸗ ſchen, als Austauſch einen ſeltenen Käfer.“ Die Gouvernante ſah ihn äußerſt betroffen an; auf dieſe Wendung der Dinge war ſie nicht gefaßt. Sie griff nach dem vergeſſenen Taſchen⸗ tuche und eilte ohne weitere Worte zu ihrer Geſellſchaft zurück; Elias Stängel aber zog mit ſeinem glücklich eroberten Pflänzchen, das ihm beim Prebiſchthore in die Augen gefal⸗ len war, in vollkommenſter Zufriedenheit von dannen. II. Drei Jahre waren ſeit der eben erzählten Begebenheit vergangen. Elias Stängel trat nun bereits in ſein viertes Dezennium, jenes bedenkliche Stadium des Junggeſellen, in welchem das Wörtchen:„zu ſpät“ immer lauter und lauter zu tönen anfängt. Der gute Elias hatte dazu auch noch mancherlei Vor⸗ urtheile gegen ſich, die ſich über ihn in Krau⸗ tingen gebildet hatten. War es doch ſo weit ge⸗ kommen, daß man ihm nirgends mehr gern eine Wohnung einräumte! Kein Wunder auch, denn die Art, wie er ſein Zimmer auszuzieren pflegte, mochte die Krautinger eher an das Beinhaus auf dem Kirchhofe, als an die Wohnſtätte eines Le⸗ bendigen erinnern. Aus jedem Winkel ſtreckten Gerippe ihre Phalangen aus, allerhand Schä⸗ del glotteen von den Schränken herab, und ſelt⸗ ſame Ungeheuer, Schildkröten, Eulen und Gott weiß was für Gethier noch drohte von der Decke herunter und von dem Boden hinauf. Dazu kam ferner die ganze lebendige Wirthſchaft von Süß⸗ und Salzwaſſeraquarien, eine Me⸗ nagerie von Fröſchen und eine ganze Zucht von Blindſchleichen und anderen unheimlichen Rep⸗ tilien, von denen Herr Elias in heißer Sommerzeit immer einige zur Abkühlung bei ſich tragen ſollte. Nicht genug an dem, auch für die Nachbarſchaft war die ſonderliche Haus⸗ haltung des Naturforſches oft von recht auf⸗ dringlicher Widerwärtigkeit; wenigſtens ſchrieb man ihm bald die unendliche Vermehrung der Spinnen zu, die er auf den Gängen geſäet ha⸗ ben ſollte, bald ſogar das Ueberhandnehmen je⸗ hieß, das an Treue einzubringen, was vielleicht an jugendlichem Liebesfener vermißt wurde. „Sie wollten mich um etwas bitten,“ ſagte ſie leicht drängend und deßhalb etwas näher hatte. So war es gekommen, daß unſer ſonſt ſo ner gewiſſen hüpfenden Sommergäſte, für die er der Sage nach einen eigenen Brutofen erfunden harmloſe Profeſſor in keinem Hauſe mehr gelit⸗ einen einſamen Gartenhäuschen ſeine Wohnnng aufſchlagen mußte. So froh er auch anfangs war, hier fern von aller läſtigen Nachbarſchaft ungeſtört ſeinen Studien und ſeiner Laune leben zu können, ſo fühlte er doch unachgerade auch ſeine Vereinſamung und eine gewiſſe Leere, die alle Fröſche der Welt nicht auszufüllen ſchie⸗ nen. Mit der Gärtnerstochter, die ihn be⸗ diente, war er ſchon in den erſten Tagen ſo zer⸗ fallen— denn ſie hatte einem zarten Laubfroſche eine große böſe Hummel in das Glas geſteckt — daß er ihr den Eintritt in ſeine Studier⸗ ſtube für alle Zeiten auf's ſtrengſte unterſagte und ihr nur die kleine Vorhalle für den Zutritt geſtattete. Hier hatte der gewaltige Nero ſein Lager, von welchem aus er gleich einem Cerbe⸗ rus den Eingang zum Adyton ſeines Herrn be⸗ wachte. Die Gärtnerstochter, ſchalkhaft, wie Gärtnermädchen gewöhnlich ſein ſollen, und et⸗ was ergrimmt dazu, rächte ſich wegen des entzo⸗ genen Vertrauens durch die erdenklichſten Poſ⸗ ſen, die ſie„dem närriſchen Kauze von einem Ge⸗ lehrten“ ſpielen konnte, wobei ſie ſich aber ſo trefflich zu verſtellen wußte, daß Elias mit ſei⸗ nem Gepolter nicht gegen die Miene gekränk⸗ ter Unſchuld oder die zungengeläufigen Be⸗ theuerungen aufkommen konnte. Unter Ande⸗ rem hatte Herr Stängel auch begründeten Verdacht, daß oft, wenn er Sonntags eine wei⸗ tere Exkurſion mit ſeinem Nero unternahm, Vorwitz und Neugierde ſich doch in ſein Zim⸗ mer wage; es war ihm zu Ohren gekommen, daß die Gärtnerstochter dann ihre Freundinen hieher in„die Menagerie“ führe und daſelbſt auf die drolligſte Weiſe ſeine lebendigen und tod⸗ ten Schätze ſehr unwiſſenſchaftlich erkläre und das, was ihren Zuhörerinen Furcht einflößte, zu einem Gegenſtande des Gelächters mache. Die⸗ ſem Unweſen mußte auf eine andere wirkſame Weiſe geſteuert werden, da Verbote und Ermah⸗ nungen nichts fruchteten und auch ein Wechſeln der Schlöſſer nichts geholfen hatte. So ſehen wir denn eines Sonntagsmorgens unſern Elias in der kleinen Welt ſeines Zim⸗ mers mit ungleichen Schritten, wie ſie gerade der vielgetheilte Raum verſtattete, auf und ab gehen. Sein geneigtes Haupt brütete über einem Plane.„O ich bin ein recht unglücklicher Menſch, — ſeufzte er dazwiſchen,— unter Larven die ein⸗ zigfühlende Bruſt, wie der Dichter ſagt. Und von den Menſchen iſt keiner, der mir ſo recht wohl will; ich merke es wohl, den Einen bin ich ein Thor, den Andern ein unheimlicher Genoſſe. Wozu lebe ich doch, und was habe ich vom Le⸗ ben? Dürr und fahl, wie hier die Pflanzen in meinem Herbarium, reiht ſich bei mir ein Le⸗ benstag an den andern.“ Bei dieſen Worten ſchlug er heftig einige Blätter um. Da wollte es der Zufall, daß gerade das Pflänzchen Pyxtonia rarissima ihm vor die Augen zu liegen kam. Er betrachtete ſtumm das unſcheinbare Kräutchen, Erinnerungen tauch⸗ ten in ſeiner Seele auf.„Es war doch ein gutes freundliches Mädchen,“ ſagte er halblaut vor ten wurde und ſchließlich wie ein Eremit in ſich;„und ſonderbar, es iſt von allen weiblichen ¹ Geſichtern das einzige, das in der Kapſel meines Herzens eine friſche Farbe behalten hat.“ Er ſeufzte, aber nur um alſogleich mit einiger Bit⸗ terkeit über dieſen Seufzer zu lachen.„Alter Junge, wirſt am Ende noch ſentimental? friſch jetzt an's Werk und den albernen Krautlinger Jungfern einen Streich geſpielt, der ihnen das Wiederkommen auf immer verleiden ſoll!“ Was that Herr Elias? Er wollte das un⸗ heimliche Gefühl, das man vor ihm und ſeiner Wohnung hatte, auf's Höchſte ſteigern und ſelbſt auf die Gefahr hin, für einen Zauberer gehalten zu werden, durch Schreckbilder die ungeladenen Viſiten in die Flucht ſchlagen. Er traf darnach ſeine Vorbereitungen auf's beſte. Vermittelſt Draht und Bindfaden kam Leben in die Gerippe, ſobald er an einem Ende zog, in welchem ſich die Fäden vereinigten. Die herabgelaſſenen Rou⸗ leaux verurſachten jene paſſende Dämmerung, in welcher für eine abergläubiſche Einbildung alles Unbeſtimmte ſo gern zum Schreeklichen, alles Bewegte zum Lebendigen wird. Als der ganze Apparat zurbeſtmöglichſten Wirkung grup⸗ pirt war, die Szene aber unſerm Elias noch immer nicht ſchrecklich und entſetzlich genug vorkam, verfiel er auf einen neuen originellen Gedanken. Unter ſeinem Bette lag ein gewal⸗ tiger aber etwas ſchadhafter Panzer einer Rieſen⸗ ſchildkröte. Wie wäre es, dachte er ſich, wenn du dich als ein ſolch Reptil, als eine Chelonia Midas vermummteſt, und ſobald die Gerippe und Ungethüme ihre Rolle geſpielt, ſelbſt mit dem rauhen, ſchrecklichen Geſchrei der„Lederſchild⸗ kröte“ unter dem Bette hervorbrächeſt? So ſonderbar dieſer Einfall war, ſo ſetzte doch der Herr Profeſſor jedes Bedenken bei Seite, und ging, einzig mit dem Gedanken, einen paniſchen Schrecken hervorzurufen, beſchäftigt an die Ausführung. Der Schild deckte ſeinen Rücken vollkommen; über den ganzen Kopf zog er ſich eine grauwollene Schlafmütze, in welche er für Augen und Mund drei Oeffnungen ſchnitt. Eine wollene Unterjacke, deren Aermelöffnungen er vorn zunähte, ſollte zur Bekleidung der vor⸗ dern Extremitäten dienen. In Kurzem war alles in Ordnung, der belebende Fadenbündel unter's Bett geleitet, das Koſtüm zurecht gelegt. Nun galt es nur noch, ſich den Schein der Abweſen⸗ heit zu geben. Zu dieſem Zwecke warf er ſich in ſeinen langen vieltaſchigen Ausflugrock und zog, mit ſeinem geolagiſchen Stocke bewaffnet, in Nero's Begleitung vor den Fenſtern der Gärt⸗ nerwohnung vorbei zum Garten hinaus. Seine Entfernung war, wie er mit Freude bemerkte, von zwei lauſchenden Mädchenaugen beobachtet worden. Kaum hatte er ſich ſo weit aus dem Geſichtskreiſe der Gärtnerei entfernt, als er es für nöthig erachtete, ſo ſtellte er unter einem Vorwande ſeinen Nero in der Wohnung eines Bekannten ein und eilte dann auf einem Um⸗ wege ſeinem Garten wieder zu, in welchen er durch ein Hinterpförtchen gelangte. Wie ein Dieb ſchlich er ſich in ſeine Wohnung, die er wieder hinter ſich verſchloß. Der mechaniſche Apparat wurde nochmals probirt, die Vermum⸗ Erinnerungen. 1858. mung angelegt, der heimliche Poſten eingenom⸗ men. Er mußte hier geraume Zeit warten und ſchon fing er an in ſeiner Langweile ſich recht lächerlich und abgeſchmackt vorzukommen, als mit einemmale ein lautes Krachen der Thür ſeines Gartenhauſes ihn wieder rege machte und bei dem angelegten Plane beharren ließ. Es wurde wieder ruhig, kein Lärm ließ ſich hören. Sein Herz klopfte ungeduldig; er mochte ſich immer ſagen: Behalte kaltes Blut wie eine Schildkröte, ſeine Unruhe ſteigerte ſich doch immer mehr, zumal als wieder mit einemmale die Thüre von einem Steinwurfe erbebte. Gleich darauf hörte er die Stimme der Gärtnerstochter, die ein genug helles und lautes Organ beſaß, um ſich ſelbſt durch Wand und Thüren ver⸗ nehmbar zu machen. „Komm nur, Amelie, komm; es iſt Nie⸗ mand zu Hauſe, denn es hat auf zwei Stein⸗ würfe weder der Hund noch der Herr einen Laut gegeben.“ Ein Schlüſſel raſſelte in der erſten Thür, und gleich darauf war in der kleinen Vorhalle eine zweite weibliche Stimme zu hören; „Liebe Couſine, ich bitte Dich, kehren wir um, ich zittere an allen Gliedern. Wenn uns der Herr überraſchte!“. Als nun ſtatt aller Antwort der Schlüſſel auch in der Zimmerthüre gedreht wurde, und der entſcheidende Moment heranrückte; da wurde dem guten Elias fürchterlich heiß unter ſeiner Horndecke. Die fremde Stimme war ihm ſo be⸗ kannt, ſo vertraut, ſo eigenthümlich vorge⸗ kommen. Die Thür ging auf, doch Elias unterließ an dem Nervenbündel zu ziehen. Jetzt erſt fiel es ihm ein, daß er, wenn er in ſeiner Maske erkannt würde, für immer ein Stichblatt des Witzes abgeben müßte.„Wie dunkel iſt's da,“ rief die Gärtnerstochter hereinſpringend;„man ſieht ja die Hand vor den Augen nicht,“ und im Nu war ſie an den Fenſtern, deren Rouleaux ſie in die Höhe zog. Auch an dieſe Möglichkeit hatte Elias nicht gedacht. Es ſchützte ihn nun nichts mehr, als der zweifelhafte Schatten ſeines Bettes. Er wagte es nicht ſich zu rühren, ſelbſt dann nicht, als die Gärtnerstochter den ganzen Inder ſeiner liebenswürdigen Eigenſchaften auf die launigſte Weiſe ihrer Freundin herzählte, die ſich bis jetzt ganz ruhig verhalten und nur mit verwundertem Auge die Seltſamkeiten des Zimmers betrachtet hatte. Der gute Profeſſor unter ſeinem Bette ſah von ihr nichts, als ein paar überaus nette Füßchen. Dieſe ſetzten ſich nach Kurzem in Bewegung und machten vor dem Schreibpulte Halt, auf welchem das Herbarium aufgeſchlagen lag. Da rief auf ein⸗ mal die fremde und doch ſo bekannte Stimme: „Mein Gott was ſeh' ich! Pyxtonia rarissima auf dem großen Winterberge der ſächſiſchen Schweiz den 26. Auguſt 1854. Hier ſteht es geſchrieben, das iſt alſo dasſelbe Pflänzchen, das ich einem guten lieben Herrn daſelbſt zum An⸗ denken gab, weil er mich ſo ſehr darum bat.“ Die Schildkröte unter dem Bette hatte jetzt keinen größeren Wunſch, als den Kopf hervor⸗ 217 zuſtrecken, allein die Szene wurde wieder ſo raſch verändert, daß er kaum mehr wußte wo ihm der Kopf ſtand; denn mit ſchrecklichem Ge⸗ bell nahte Nero, der ſeiner Haft entſprungen war und jetzt kam, das verletzte Hausrecht an den Eindringlingen zu rächen. Mit einem Schreckensſchrei entſprang die Gärtnerstochter, nicht aber ohne etliche Falten ihres fliegenden Rockes in dem Rachen des ergrimmten Thieres zu laſſen, das ſich jetzt vor die Zimmerthüre ſtellte und mit fletſchenden Zähnen und knur⸗ rendem Tone die gefangene Fremde bedrohte. Es war eine höchſt fatale Situation, bei der es ſich ſchwer entſcheiden ließ, wer von den Beiden, Elias oder die Dame, in ärgerer Lage war. Elias mühte ſich vergebens, da er wegen der vernähten Aermel nicht den freien Gebrauch der Finger hatte, ſeine enganſchließende Nachtmütze vom Haupte zu ziehen; wollte er ſeine Gefangene mit den reizenden Füßchen nicht länger der größten Angſt, ja ſogar einiger Gefahr dem er⸗ boßten Thiere gegenüber ausgeſetzt wiſſen, ſo mußte er hervorkriechen und den nöthigen Frie⸗ den ſtiften. Aber kaum hatte er mit dem Zurufe: „Nero! Nero!“ ſeinen Schlupfwinkel verlaſſen, als die Dame kreiſchend auf den Tiſch, Nero aber muthig auf das ſeltſame Ungeheuer ſprang, das er, wie ehedem die Fröſche auf den Wieſen, ſchnell zu packen verſtand. Glücklicherweiſe hatte er ſeine Zähne nur in die Schlafhaube geſchla⸗ gen, die er nun ſeinem Herrn in einem Zuge über die Ohren ſtreifte. Nun, da Elias wenig⸗ ſtens ſeine menſchlichen Züge wieder erlangt hatte, ſprang er auf und verneigte ſich, immer noch ſeinen Schild auf dem Rücken, vor der Dame auf dem Tiſche, in welcher er die freund⸗ liche Gouvernante vom Winterberge auf den erſten Blick erkannte. Es war ein ſehr ſon⸗ derbares, aber darum nicht minder herzliches Wiederſehen, und als Herr Elias mit ſeinen Armſtümpfen dem bebenden Mädchen vom Tiſche half, wurde ihm gar warm und mit⸗ theilſam um's Herz, zumal da er merkte, daß die ſüße Laſt mit ſanfter Hingebung einen kleinen Augenblick länger, als eben dem Geſetze der Schwere nach nöthig war, in ſeinen Armen verharrte. Kurz, warum erzähle ich des Breiten, was der freundliche Leſer bereits mit Schmunzeln gemerkt hat— kurz, ehe vier Wochen vergingen, waren Elias und Amelie ein Brautpaar. Sie leben in der glücklichſten Ehe, und Herr Stängel, der als Junggeſelle auf dem beſten Wege war, ein mürriſcher Sonderling zu werden, iſt durch ſein Weibchen ein ganz munterer, ge⸗ ſelliger Patron geworden, der jedem alten Jung⸗ geſellen in's Gewiſſen redet, ſeinem Glücke ſich nicht eigenſinnig in den Weg zu ſtellen. Das iſt die Geſchichte, wie Elias Stän⸗ gel der Naturforſcher zu ſeiner Braut kam. —s G=Ee9 28 Radetzky. Wir bringen in dieſer Nummer das Bild des Feldmarſchalls Radetzky. Wie einſt Frie⸗ drich der Große und Napoleon in bildli⸗ cher oder plaſtiſcher Darſtellung in jedem Hauſe zu treffen war, in derſelben Weiſe und für uns Oeſterreicher gewiß mit größerem Rechte findet jetzt das Bild unſers verewigten Hel⸗ den allüberall in Paläſten und Hütten eine willkommene Aufnahme und einen Ehrenplatz in der heimiſchen Wohnung. Die freundlichen Züge des würdigen Greiſes ſind ſo bekannt, daß jedes Kind bei Erblickung eines Bildes desſelben ausrufen wird: Vater Radetzky! In dieſem Ausdrucke, der ſo populär und mund⸗ gerecht geworden iſt, daß man ihn wie einen aus zwei Theilen beſtehenden Namen kaum mehr zu trennen vermöchte, liegt die ſchönſte Lobrede auf den Helden.„Vater Radetzky,“ unter dieſem Titel hat der beliebte Schriftſteller Julius Ebersberg ein Buch geſchrieben (Bellmanns Verlag 1858), in welchem er ſich die Aufgabe ſtellte,„bei einer warmen und überzeugenden Schreibweiſe alles das in geſichteter Auswahl zu umfaſſen, was bisher über den Lebenslauf des Verewigten bekannt wurde und vollen Glauben verdient.“ Jeder Leſer wird dem Verfaſſer das Zeugniß geben, daß derſelbe ſeiner Aufgabe auf das ſchönſte gerecht wurde. Da das Verdienſt ſeines Bu⸗ ches in dieſen Blättern bereits gewürdigt wurde (Maiheft 1858 Seite 154), ſo weiſen wir dar⸗ auf zurück und heben aus dem Buche ſelbſt jenen trefflichen Abſchnitt aus, welcher über Radetzky's Perſönlichkeit meiſt nach Hack⸗ länder’s und Schneidawind's Schilderun⸗ gen zuſammengeſtellt iſt.(Eine kurze Biogra⸗ phie Radetz ky's und eine Beſchreibung ſeines Ruheortes Werdorf brachte das dießjährige Fe⸗ bruarheft der Erinnerungen Seite 61.) „In dem dichteſten Gewühle des Manövers, des Marſches oder der Schlacht reichte ein ein⸗ ziger Blick hin, um den berühmten Feldmarſchall augenblicklich aus ſeiner Umgebung herauszu⸗ finden; nicht als ob er eigenthümlich gekleidet geweſen wäre,— er trug denſelben grauen Rock, wie alle übrigen Generale, und einen ſchlichten, kleinen Dreiſpitz mit grünem Federbuſch; eben⸗ ſowenig war ſeine Geſtalt vor anderen her⸗ vorragend, im Gegentheile, er war faſt der kleinſte ſeines Gefolges, und doch mußte Jeder ſagen, der ihn auch nur zum erſten Male ſah, dieſer und kein Anderer iſt der große Feld⸗ marſchall; denn er hatte zu Fuß und zu Pferde etwas Beſtimmtes und Eigenthümliches, das ihn vor allen Anderen auszeichnete. Feldmarſchall Graf Radetzky verrieth in den italieniſchen Feldzügen und ſelbſt noch in der erſten Hälfte des laufenden Jahrzehends, obwohl dann ſchon ein Neunziger, ein ſo hohes Alter durch ſein Aeußeres nicht, welches ſich erſt kurz vor ſeinem Hinſcheiden durch Mahnungen aller Art ernſtlicher ankündigte. Er war nicht groß, aber kräftigt gebaut, ohne jedoch ſtark geweſen zu ſein; ſein Gang verrieth den alten Kriegsmann, ſeinen Kopf trug er nicht auffal⸗ lend gebückt und blickte frei um ſich; die Züge ſeines Geſichtes waren das einzige, woran man ſein hohes Alter erkannte; doch hatten ſie dabei einen ungemein gewinnenden Ausdruck und tru⸗ gen ſichtbar das Gepräge einer unendlichen Herzensgüte. Sein Kopf war eher rund als länglich, ſeine Stirne hoch, der Blick ſeines Au⸗ ges freundlich und beredt, und, wenn er mit Jemanden ſprach, ſah er ihn feſt an. Dieſer Blick, ohne hart oder ſtrenge zu ſein, hatte et⸗ was ſo Ergreifendes und Gewinnendes, dabei Forſchendes und Gebietendes, daß es unmöglich war, vor ihm etwas zu verheimlichen, was man auf dem Herzen hatte, oder noch unmöglicher, vor dem alten Herrn eine Lüge über die Lip⸗ pen zu bringen. Sein Haar war weiß und eben ſo ſein Schnurrbart, ſeine Stimme klang tief und kräftig. Hörte er einen wichtigen Vortrag an, ſo ſenkte er nachdenkend den Kopf und ſtützte wohl eine Hand in die Seite. Er liebte es, mit ſchnellen Schritten einherzugehen. Befand er ſich in ſeinem Zimmer, ſo hatte er gerne die Hände auf dem Rücken, ſprach er mit Jeman⸗ den, den er wohl leiden konnte, ſo ſchob er ſei⸗ nen Arm unter den des Andern oder nahm ihn auch bei der Hand und ſpazierte mit ihm auf und ab. Wenn er vergnügt war und einen Offizier etwas fragte, ſo wich er bisweilen von dem förmlichen„Sie“ durch die Worte ab: „Meint Ihr's vielleicht nicht auch ſo, mein Freund?“ Seine Geſpräche waren eben ſo geiſt⸗ reich als feſſelnd, und die unzähligen Anekdoten, die er mit eben ſo viel Lebendigkeit als Gut⸗ müthigkeit zum Beſten gab, trugen ſtets das Ge⸗ präge jener erquickenden Heiterkeit an ſich, welche geradenwegs aus dem Herzen kommt. So gerne er ſelbſt erzählte, ſo gerne hörte er auch erzählen, wobei er nie unterließ, bei paſ⸗ ſender Gelegenheit charakteriſtiſche, oft kauſtiſche Bemerkungen einzuſtreuen. Eben ſo gern er einen Scherz hörte, machte er auch ſelbſt einen; der Greis beſaß die beſte Laune und gab ſeine guten Einfälle mit einer Gutmüthigkeit zum Beſten, die hinreißend war; wenn er ſo recht heiter und vergnügt war, na⸗ mentlich wenn er lachte— und er konnte recht herzlich lachen— ſo ſteigerte ſich der lebendige Ausdruck ſeines Geſichtes ungemein; ſeine bie⸗ dere, große Seele lag in ſolchen Augenblicken offen da und man ſah auf den klaren Grund ſeines Herzens, der rein und glänzend, ohne Falſch und Bitterkeit war. Wenn er heftig lachte, wiſchte er ſich mit ſeinem Sacktuche bis⸗ weilen die Augen. Berichte, die eingelaufen waren, ließ er ſich meiſtens vorleſen; aber Alles, was abging, las er trotz der Schwäche ſeiner leidenden Augen ſelbſt durch. Beim Durchleſen u. ſ. w. der Be⸗ richte über glänzende, gelungene Gefechte, oder wenn er ſah, wie ſeine braven Truppen muthvoll und freudig angriffen, lachte er gerne laut auf vor Freude. Dagegen umflorte ſich ſein Blick, wenn er von Gefallenen und Verwundeten hörte und tiefe Bekümmerniß malte ſich in ſeinem Antlitz beim Anblick all des menſchlichen Elends, denn er hatte ein offenes fühlendes Herz für alles Unglück, mochte es Freund oder Feind treffen, und handelte mit größter Unparteilich⸗ keit. In Zorn gerieth er ſelten und kam dieß nur bei groben Nachläſſigkeiten vor. Radetzky hatte eine vielſeitige Bildung und einen großen Geiſt. Er ſprach deutſch, franzöſiſch, italieniſch mit großer und ganz glei⸗ cher Fertigkeit, unterhielt ſich jedoch am lieb⸗ ſten in der deutſchen Sprache. Seine Hand⸗ ſchrift war nach der alten Schule, aber deutlich und leſerlich. Bei Dienſtſachen zeichnete er ein⸗ fach„Radetzky“, bei Courtoiſie aber ſchrieb er auch:„Graf Radetzky.“ Oft wenn es eilig war, unterfertigte er ſeine Depeſchen auf dem Knie. In ſeinem Salon, bei ſeinen Diners war er ein vollendeter Weltmann und der freund⸗ lichſte Wirth. Die Verbeugung eines jeden Eintretenden beantwortete er, auch wenn er im Geſpräche begriffen war, mit einer vertrauli⸗ chen Handbewegung und eine gewiſſe Panto⸗ mime lud augenblicklich ein, Hut und Säbel abzulegen; auch hatte er für Jeden ein paar liebenswürdige Worte und ging gewöhnlich bei der ganzen Geſellſchaft herum, ohne dabei in die Steifheit des gewöhnlichen Cercleabhal⸗ tens zu verfallen. Hierbei kam ihm natürlich ſein außerordentlich ſtarkes Gedächtniß zu Hilfe; als ein Beweis von der Stärke desſelben mag es gelten, daß, wenn er in ſeinen Erzählungen auf die Türkenkriege kam, die er mitgemacht hatte, es ihm nicht ſchwer fiel, wenn er von gewiſſen Gefechten ſprach, der Namen unbedeu⸗ tender Anführer ſich zu entſinnen, ſo wie der meiſten ſeiner Kameraden, die damals mit ihm Kadeten oder Lieutenants geweſen waren; er kannte das Leben faſt jedes Einzelnen, der zu ihm kam, und wußte das Geſpräch immer mit einer freundlichen Erinnerung zu beleben; auch erweckte er in hohem Grade das Zutrauen Al⸗ ler, die ihm nahten, daher bewegte ſich auch ſeine ganze Umgebung, den großen Feldherrn und Staatsmann natürlich auf das Höchſte achtend und verehrend, doch ſtets ohne Zwang und leere Förmlichkeit um ihn. Mit den höhe⸗ ren und niederen Offizieren ſeiner Umgebung lebte der Feldmarſchall auf vertraulichem, an⸗ genehmſten Fuße und ließ dieſelben nie in einer ſie verletzenden Weiſe die Ueberlegenheit ſeiner Stellung und Perſönlichkeit fühlen. Von ſei⸗ ner Gabe mit dem Soldaten umzugehen haben wir ſchon oben geſprochen; liebevoll und herz⸗ lich wie nicht bald ein Feldherr war er gegen ſie bei allen Veranlaſſungen. Die Lebensweiſe des Feldmarſchalls war außerordentlich einfach und regelmäßig. Mor⸗ gens fünf Uhr ſtand er auf, nahm ſeine Arbeit vor und frühſtückte um ſechs Uhr Kaffee mit den Adjutanten und Ordonnanzoffizieren vom Dienſte. Um zehn Uhr kam ein kleines Gabel⸗ frühſtück und um vier Uhr Nachmittags das einfache Diner, wozu der Feldmarſchall gewöhn⸗ lich eine Flaſche Rheinwein trank. Im Feld⸗ 4 — ⏑ðł—-A— lager ſo wie in ſeiner gewöhnlichen Behauſung ſpeiſte der Feldmarſchall en famille, wie er es nannte, d. h. ſtets in Geſellſchaft ſeines Ge⸗ neralſtabes. Wer immer ſich im Hauptquartiere um vier Uhr Nachmittags einfand, konnte mit Sicherheit auf eine Einladung zur Tafel rech⸗ nen, an welcher der Feldmarſchall in der lie⸗ benswürdigſten und gaſtfreundlichſten Weiſe die Honneurs machte. Abends ſieben Uhr nahm der greiſe Feldherr ſeinen Thee, ſpielte mit einigen eingeladenen Offizieren eine Partie Ta⸗ rok und ging um neun ÜUhr zu Bette, wo ihn alsbald ein geſunder Schlaf erquickte, der bis zum anderen Morgen dauerte. Im Felde hielt er die Stunde des Abmarſches mit großer Ge⸗ nauigkeit ein, brach wohl hie und da früher, aber nie ſpäter auf. Der Feldmarſchall ritt feſt und ſicher und liebte die ſchnellen Gangarten. Seine Pferde waren Meklenburger, meiſtens Schimmel, ſein Sattel ein deutſcher mit reich geſtickter Feld⸗ marſchallsſchabrake. Auf größeren Reiſen fuhr er in einem kleinen Coupé mit vier Pferden. Sein Anzug war der gebräuchliche Militärrock ſeines hohen Grades, dazu der Kavallerieſäbel und der Hut mit grünen Federn.„So ſteht mir ſein Bild in der Erinnerung an die ſchön⸗ ſten Augenblicke meines Lebens!“ ruft Einer aus, der die Ehre hatte, in Radetzky's Gefolge den letzten Feldzügen des Helden an⸗ zuwohnen.“ Des Thorwarts Töchterlein. Von Nina Cameniſch. Was birgſt Du Dich, Du arme Maid, Wohl täglich hinterm Thor, Und reitet des Herren Sohn vorbei, Guckſt furchtſam Du hervor? Des Herren Sohn iſt wunderſchön, D'rum berg' ich mich beim Thor; Doch wag' ich mich nicht zu grüßen ihn, D'rum guck' ich ſcheu hervor. Oft kommt er auch mit ſeiner Braut Hieher im Mondenſchein, Dann pflücket er ihr ein Blümlein wohl— Möcht' ſelber eines ſein; Ich ſchmückte dann ihr dunkel Haar, Gefiel' dem jungen Herrn, Und wäre ein Druck von ſeiner Hand Mein Tod, wie ſtürb' ich gern! Sie iſt ſo ſchlank und ich bin klein, Sie weiß wie Schnee, ich braun, Ihre Augen, die ſind wie Sonnenſchein So glänzend anzuſchau'n. Die meinen ſind von Thränen trüb, Die kommen, weiß nicht wie, Mir immer darein, denk' ich an ihn, Und And'res denk' ich nie. Aus dem Landprediger von Wake- ſteld.— Moſes begibt ſich zum Jahr⸗ markte. Unſere Stahlradirung vergegenwärtigt uns jene Szene aus Goldſhmith's unvergleich⸗ lichem„Vicar of Wakefield,“ wo Moſes, der „geſcheite Junge“ des würdigen Landpredigers unter den Segenswünſchen zum Jahrmarktbe⸗ ſuche ſich gerüſtet hat, um das Rößlein, auf dem er reitet, vortheilhaft an den Mann zu bringen und ein anderes zu erſtehen, das ſich nach dem Wunſche der Mutter und der beiden hübſchen Schweſtern„einigermaßen ſtattlich ausnähme auf dem Wege nach der Kirche oder bei Beſuchen.“„Nachdem ſeine Schweſtern,“ erzählt der gutmüthige Primroſe,„ſein Haar in Ordnung gebracht, ſeine Schnallen gebürſtet, ſeinen Hut mit Nadeln aufgeſtutzt und ihn alſo für den Jahrmarkt ausſtaffirt hatten, (ſiehe hiezu den Stahlſtich des Dezemberhef⸗ tes 1857) wurde uns endlich das Vergnügen, ihn das Hengſtfüllen beſteigen zu ſehen. Er hielt eine große Schachtel vor ſich, worin er Gewürz mitbringen ſollte. Sein Rock, aus dem Zeuge beſtehend, das man„Donner und Blitz“ nennt,*) war ihm zwar etwas zu kurz ge⸗ worden, aber doch noch zu gut, um ihn ganz abzulegen. Seine Weſte war grasgrün und ſeine Schweſtern hatten ihm das Haar ge⸗ *) Thunder-and-tightning— ein verſchie⸗ denfarbiger, halb dunkel und wolkig gemalter Stoff. ü 4228,942292222 n22355:525: Feuilleton. Könnt' ich nur immer ſein beim Thor, Doch fürcht' ich, endet's bald: Ich werde ja matter Tag für Tag; Das Käuzlein ſchreit im Wald. Es ſchreit, weil Jemand ſterben muß— Obwohl ich jung noch bin, Bin müde genug; begrabt mich hier, Hier kommt er täglich hin. Kulturhiſtoriſches. Schütz und Bachant, Fahrende Schü⸗ ler. Die fahrenden Schüler ſpielen in der Kultur⸗ geſchichte deutſcher Nation eine bedeutende und intereſſante Rolle. Das wanderluſtige Weſen der⸗ ſelben, das wechſelvolle Geſchick des Vagabun⸗ direns, Freud und Leid in mancherlei Aben⸗ teuern tritt uns nirgends lebhafter entgegen als in den beiden Selbſtbiographien des Thomas Platter und Felix Platter, von denen namentlich die erſtere ebenſo durch Fülle von Thatſachen, wie durch einen derbgemüthlichen Ton uns anzieht. Es thut uns leid, daß wir in dem Auszuge, den wir in Folgendem aus denſelben geben, den kräf⸗ tigen Schweizerdialekt allgemeinerem Verſtändniſſe zu lieb, zum großen Theile fallen laſſen müſſen. „Da ich bei zehn Jahren alt war,“ erzählt der Schweizer Seilermeiſter und Profeſſor Tho⸗ mas Platter,„kam Einer, der mein Geſchwiſter⸗ 219 bunden mit einem breiten ſchwarzen Bande. Wir alle begleiteten ihn einige Hundert Schritte und riefen: Glück auf den Weg! Glück auf den Weg! ſo lange wir ihn ſehen konnten.“ Das arme Rößlein, es ſieht ziemlich trau⸗ rig drein, als ahnte es, was ihm bevorſtehe. Auch Papa Primroſe macht ein Geſicht, dem man es leicht anmerken kann, daß er mit dem ganzen Vorgange nicht recht einverſtanden ſei. Die Mutter, obwohl ſie ganz voll Vertrauen auf die Klugheit ihres Moſes iſt,„der immer mit vielem Vortheile kauft und verkauft“ und „immer ſo lange ſteht und dingt, bis er einen guten Handel abſchließen kann,“ ſcheint doch nichts deſtoweniger noch einige eindringliche Rathſchläge zu geben, die aber vor der Hand weniger Gehör finden, als die Bemerkungen der Schweſtern, die ſich ohne Zweifel auf die be⸗ ſonderen Vorzüge des zu kaufenden Thieres be⸗ ziehen.— In einem Volksliede heißt es: Heute noch auf ſtolzen Roſſen, Morgen durch die Bruſt geſchoſſen.— Wer mag die Betroffenheit der Familie Wakefield beſchreiben, als Moſes langſam zu Fuße von dem Jahrmarkte zurück kam, ſchwitzend unter der Laſt der Gewürzſchachtel auf dem Rücken, und als es ſich aufklärte, daß er das liebe alte Rößlein gegen— 12 Dutzend grüne Brillen an einen Betrüger hingege⸗ ben hatte! kind und den Schulen nachgezogen war, gen Ulm und München im Baiernland; derſelbe Student hieß Paulus Summermatter. Der verhieß unn meinen Freunden, er wollte mich mit ſich nehmen und in Deutſchland der Schul nach füh⸗ ren. Alſo zogen wir zum Land aus. Da mußt ich für mich und meinen Bachanten betteln, denn ob meiner Einfältigkeit und ländlichen Sprach gab man mir viel. Kamen demnach gen Zürich. Nachdem wir bei 8 oder 9 Wochen auf Geſell⸗ ſchaft gewartet, zogen wir auf Meißen zu, mit⸗ einander 8 oder 9, drei kleine Schützen, unter welchen ich der allerkleinſte und jüngſt, die andern große Bachanten. Wann ich nicht recht mocht ausſchreiten, ging mein Vetter Paulus nach mir mit der Ruthen oder einem Stecklein und zwickt mich um die bloßen Bein. Zur„Nümburg“ bleiben wir etliche Wochen. Von uns Schützen gingen etliche, die ſingen konnten, in die Stadt ſingen, ich aber ging heiſchen(betteln). Das woll⸗ ten die Andern nicht leiden, daß wir in kein Schul gingen, ſie bedräuten uns alſo in die Schul zu ziehen. Der Schulmeiſter entbot auch unſeren Bachanten, ſie ſollten in die Schul kommen, oder man würde ſie kriegen. Unſer Geſell Anthoni entbot ihm wieder, er möchte nur kommen. Und da etliche Schweizer auch da waren, ſo ließen ſie uns wiſſen, auf welchen Tag ſie kommen wür⸗ den, daß ſie uns nicht unverſehendlich überfielen. Da kam der Schulmeiſter mit der ganzen Pro⸗ zeſſion ſeiner Schützen und Bachanten, aher wir Buben warfen mit Steinen auf ſie, daß ſie wei⸗ 28* — . 220 † chen mußten. Bald darauf vernahmen wir, daß wir vor der Obrigkeit verklagt ſeien. Alſo ſtahlen wir noch unſerem Nachbar, der für die Hochzeit ſeiner Tochter gemäſtete Gäns in ſeinem Stalle hatte, drei Stück von denſelben und zogen in einen andern Stadttheil. Dort kamen die Schwei⸗ zer zu uns und wir zechten miteinander. Drauf zogen wir auf Hall in Sachſen zu, und von da über Dresden nach Breslau, mußten aber viel Hunger unterwegs leiden, ſo daß wir etliche Tag nichts denn Zwiebeln, gebratene Eicheln, Holz⸗ äpfel und Birnen zu eſſen hatten. Manche Nacht auch brachten wir unter freiem Himmiel zu, da man uns nirgends bei den Häuſern leiden wollt, ja zuweilen die Hunde auf uns hetzte. Da wir aber gen Breslau in Schleſien kamen, da war alles die Fülle und ſo wohlfeil, daß ſich die ar⸗ men Schüler überaßen und oft in große Krank⸗ heit fielen. Die Stadt Breslau hat 7 Pfarren, jegliche eine beſondere Schul und es durft kein Schüler in des andern Pfarre ſingen und betteln gehn oder ſie ſchrien: ad idem, ad idem! ſo lie⸗ fen dann die Schützen zuſammen und ſchlugen einander gar übel. Es ſind auf einmal in der Stadt, wie man ſagt, etliche tauſend Bachanten und Schützen geweſen, die ſich alle des Almoſens ernährten. Den Winter liegen die Schützen auf dem Herd in der Schul, die Bachanten aber in den Kämmerlein, deren zu Sct. Eliſabeth et⸗ liche Hundert waren; den Sommer aber, wenn es heiß war, lagerten wir uns auf den Kirchhof, trugen Gras zuſammen und lagen darin wie „die ſüw in der ſtröwe.“ Wenn es aber regnete, liefen wir in die Schul, und wenn es Ungewitter gab, ſo ſungen wir ſchier die ganze Nat re⸗ sponsoria. Zuweilen gingen wir im Sommer nach dem Nachtmal in die Bierhäuſer Bier heiſchen. Da ga⸗ ben uns die vollen„Poläggen“ pures Bier, daß ich oft mit Unwiſſen ſo voll bin worden, daß ich nicht habe wieder zu der Schule können kommen, wenn ich ſchon nur bei einem Steinwurf weit von derſelben war. Summa da gabs Nahrung genug, aber man ſtudirt nicht viel. Von dannen zogen unſer acht wieder hin⸗ weg auf Dresden. Als wir da ankamen, ſchicket der Schulmeiſter etliche von uns Buben und unſere Bachanten aus, wir ſollten um etliche Gäns lugen. Da wurden wir eins, ich ſollt die Gäns werfen, ſie aber ſollten ſie nehmen und wegtra⸗ gen. Wir brachten zwei Stück davon, die ver⸗ zechten die Bachanten mit dem Schulmeiſter. Drauf zogen wir nach Nürnberg zu und von da nach München. Als wir da eine Zeitlang waren, be⸗ ſchloßen wir, wir wollten einmal heimziehen, denn wir waren ſeit fünf Jahren nicht daheim geweſen. Als wir nach manchem Kreuz⸗ und Quer⸗ zug wieder gan München kamen, fanden die Ba⸗ chanten Herberg, wir drei kleinen Schützen aber keine, wollten alſo die Nacht über auf dem Korn⸗ markt auf die Kornſäcke uns lagern. Da ſaßen etliche Weiber bei dem Salzhaus an der Gaſſe und fragten, wo wir hin wöllten? Da eine von ihnen, ſo eine Metzgerin war, hörte, daß wir Schweizer ſeien, ſagt ſie zu den Jungfrauen: „Louff, henk den Haffen mit der Suppen und Fleiſch über, das uns über iſt blieben, ſy muſſen by mier über Nacht ſin.“ Die gab uns genug zu eſſen und trinken und legt uns wohl. Morgens ſprach ſie zu uns:„Wenn üwer einer by mier welt ſin, ich welt im Herberg, zu eſſen und zu trinken gen.“ Wir waren all willig, fragten, welchen ſie wöllte? Und wie ſie uns beſichtiget, nahm ſie mich. Nun mußt ich aber immer noch für den Bachanten betteln gehen; das hatte die Frau nicht gern und ſie ſprach zu mir:„Botz marter laß den Bachanten faren und byß bei mir, du bedarfſt doch nütz zu bätteln.“ Kam alſo in 8 Tagen weder zu dem Bachanten noch in die Schul. Da er kam und an der Metzgerin Haus klopft, ſprach ſie zu mir:„Din Bachant iſt do, ſag du ſigiſt krank!“ und ließ ihn ein, ſagt zu ihm:„Jer ſind wer⸗ lich ein finer Herr, mochtend doch glugt han, was Thoman dätte. Er iſt krank geſin und noch.“ Sprach er:„Es iſt mier leid; Bub, wenn du wieder uß magſt gan, ſo kum zu mir.“ Darnach an einem Sonntag ging ich in die Vesper. Nach der Vesper tritt er an mich und ſagt:„Du Schütz, du kumſt mit zu mir, ich will dich einmall mit Fießen dräten.“ Da gedachte ich hienweg zu laufen, zog über den Fluß Iſar auf Freiſingen zu. Eh zwei Tag hin waren oder drei, kam Paulus mit einer Helebarte. Als mir dieß die Schützen ſagten, lief ich zum Thor hinaus und zog gen Ulm. Uiber etliche Wochen kommt Einer zu mir, der ſpricht:„Din Vetter Pauli iſt hie und ſucht dich.“ Da ich das hörte, wiewohl es ſchier Nacht war, lief ich zum Thor aus auf Konſtantz zu und von da gen Zürich, von Zürich mit andern Bachanten gen Straßburg, von Straß⸗ burg auf Schlettſtadt zu. Da war die erſte Schul wo mich dünkte, daß es recht zugieng. Als ich in die Schul kam, konnt ich noch nicht leſen und war doch ſchon 18 Jahr alt, ſetzte mich alſo unter die kleinen Kinder und war eben wie eine Gluck⸗ henne unter den Küchlein. Wegen Mangel an Nahrung zog ich dann gen Solothurn und von da nach Zürich. Hier war ein Schulmeiſter Wolf⸗ gang Knövel, Magister Parisiensis, den man zu Paris benannt hat grand-diable. Er-war ein großer redlicher Mann, hatte aber der Schul nicht viel acht, ſondern lugte mehr, wo die hüb⸗ ſchen„Maidlin“ waren, vor denen er ſich kaum erwehren mocht. In derſeſben Zeit kam ein Schul⸗ meiſter von Einſiedeln, Myconius mit Na⸗ men, ein gar gelehrter Mann, aber grauſam wunderlich. Da machte ich mir einen Sitz in einem Winkel, nicht weit von des Schulmei⸗ ſters Stuhl und gedachte: in dem Winkel willſt ſtudiren oder ſterben. Da iſt der Schulmei⸗ ſter oft mit mir umgegangen, daß mein Hemd⸗ lein naß iſt worden und mir das Geſicht vergan⸗ gen; aber Streich hat er mir nie geben, außer einen mit der flachen Hand. Wenn er aber ſchon hart mit mir war, führte er mich dann heim und gab mir zu eſſen. Ich fuhr in meinen Studiis in großer Ar⸗ muth fort, denn da ich ſchon ziemlich groß war, ſchämt ich mich zu ſingen. Da nahm mich ein Meiſter zu einem paedagogo für ſeine zwei Söhne und gab mir alle Tag zu eſſen. Da hatt ich keine Noth mehr, außer daß ich mich ſchier halb todt arbeitete mit Studieren. Hab manche Nacht wenig geſchlafen, ſondern mich wider den Schlaf jämmerlich gemartert, habe oft kalt Waſſer, rohe Rüben in den Mund genommen, oder auch Sand, daß ich, wenn ich entſchliefe, mit den Zäh⸗ nen auf einander ſtieße. Griechiſch lernt ich für mich ſelbſt durch Conferiren, denn die griechiſch Sprach war damals noch„ſeltſam“; hebräiſch lernt ich von einem hochgelehrten Herrn, der eine hebräiſche Grammatik geſchrieben und bei meinem Myconio Tiſchgaſt war. Als ich ſo weit war, daß ich hebräiſch gedruckt und geſchrieben leſen konnte, ſtand ich alle Morgen auf, heizte dem Myconio ſein Stüblein und vor dem Ofen ſitzend ſchrieb ich die Grammatik ab, dieweil er ſchlief, daß er's nie iſt innen worden. Da kam ein gelehrter junger Mann, mit Namen Rudolphus Collinus; der lernte das Seilerhandwerk. Als er Meiſter war, bat ich ihn, er ſollte es mich auch lehren. Sprach er, er hätte nicht Hanf. Da war mir von mei⸗ ner Mutter ſelig etwas zu Erb worden, da kaufte ich dem Meiſter einen Centner Hanf, und lernte dabei ſo viel als möglich und hatte doch alle Zeit eine Luſt zu ſtudiren. Wann der Meiſter wähnte, ich ſchliefe, ſtund ich heimlich auf, ſchlug ein Licht und hatte einen Homerum und heimlich meines Meiſters Verſionen. Da mein Lehrjahr aus war, nahm ich von dem Meiſter Abſchied, blieb —— aber noch ſechs Wochen verborgen und gloſſirte den Eurivides, um ihn beim Wandeln mit auf die Straß zu nehmen. Hierauf zog i egen Baſel und kam zu Meiſter Sa 3 ih ün. den man den rothen Seiler benannte. Als er mich anſtellte, konnte ich kaum den Hanfpoſſen aufhenken und faſt wenig drehen. Da zeigte der Meiſter ſeine Art, fing an zu balgen und flu⸗ chen. Ich aber ſprach den Meiſter freundlich an; alſo behielt er mich und gab mir eine Woche einen Batzen. Dafür kaufte ich Lichter und ſtu⸗ dirte die Nacht dabei. Da mir ein Druckherr einen Plantum ſchenkte, der noch nicht gebun⸗ den war, nahm ich einen Bogen nach dem an⸗ dern, ſteckte ihn in ein Gäbelein und das Gä⸗ belein ſteckt ich in den Hanf. So las ich im Hinterſich⸗ und Fürſichgehen und wenn der Mei⸗ ſter kam, warf ich ſchnell den Hanf drüber. Der Meiſter erlaubte mir alle Tage eine Stunde von 4 bis 5, da lehrte ich achtzehn feinen ge⸗ lehrten Geſellen die hebräiſche Sprache. Ich ſchämte mich zwar anfangs vor ihnen in meinem Seilerſchürzlein, doch ließ ich mich bereden und las ihnen die Grammaticam D. Munsteri und den prophetam Jonam zum Beſten, ſo ich mochte. Als ich ſpäter wieder gegen Zürich zog und bei dem Herrn Miconio ſtudirte, rieth er mir, wie auch die Mutter, ich ſollt ſeine Anni, die Jung⸗ frau, nehmen und nicht mehr wandern, ſo woll⸗ ten ſie uns zu Erben machen. Alſo ließ ich mich bereden und gab uns der Vater Myconius zuſammen. Da nahm ich mir vor, das Seiler⸗ handwerk zu treiben und Schul daneben zu halten. „Ganz extra⸗ordinäre Ergötzlichkei⸗ ten.“ Mit dieſem Ausdrucke bezeichnet ein alter Bericht die Feſtlichkeiten, welche König Auguſt der Starke im Juni des Jahres 1725 in Pillnitz nach höchſteigener Angabe veranſtaltete. Wir ge⸗ ben im Folgenden einen möglichſt kurzen Auszug der ſonderbaren Schilderung, wobei wir uns meiſt der Worte derſelben bedienen. „Zuvorderſt waren von dem Pillnitzer Schloß⸗ garten an in einer richtigen Symmetrie etliche und dreißig egale Häuſer, ſämmtlich mit rothen Dä⸗ chern verſehen, ganz neu aufgeführt worden. In ſothanen Häuſern logirten die franzöſiſchen und italieniſchen Komödianten, Virtuoſen und Tänzer, weßhalb auch dieſe Häuſer zuſammen das„fran⸗ zöſiſche Dorf“ genannt wurden. Am 3. Juni begannen die Feſtlichkeiten mit der Vermählung des Grafen von Frieſen mit der Gräfin Auguſte Konſtanzia von Coſel, wo⸗ bei alle„Gloire und Pracht“ entfaltet wurde und der Dr. Marpergern eine„ſehr gelehrte und ner⸗ voſe“ Rede hielt. Die Tafel war für 100 Per⸗ ſonen hergerichtet und von 72 Grenadieren der Leibgarde bedient. Bei den Geſundheiten wurden die Kanonen unaufhörlich losgebrannt und„alſo beinahe die ganze Nacht in dem vollkommenſten Vergnügen zugebracht.“ Am 4. Juni traktirte Ihro Majeſtät die ſämmtliche höchſte und hohe Geſellſchaft abermals aufs„magnifiqueſte.“ Nach aufgehobener Tafel verfügte ſich der ganze Hof in das franzöſiſche Dorf, allwo derſelbe von den in Bauerhabit ver⸗ kleideten Komödianten, Virtuoſen, Muſikern und Tänzern mit ſolennem Aufzuge empfangen wurde. Am 5. Juni offene Tafel und franzöſiſche Komödie. Den 6. Juni wurde in dem Wirthshauſe des franzöſiſchen Dorfes eine Bauernſchule ge⸗ halten, und da der kleine Hofzwerg den Schul⸗ meiſter vorſtellete, konnte es ohne großes Ge⸗ lächter nicht abgehen. Am 7. großes Vogelſchießen, wobei die Chur⸗ prinzeſſin die Spille geräumet und den Königs⸗ gewinnſt erhalten. Am 8. das Maienfeſt celebriret, öffentlich geſpeiſt und getanzt. Am 9. ward im Pillnitzer Schloßgarten eine — einenn hölzer ·. — 221 Jagd von jungen Haſen, Kaninchen und anderem jungen Wilde angeſtellt, wobei die beiden kleinen Hofzwerge die Stelle der Oberjägermeiſter ad⸗ miniſtrirten. Die übrigen Jägerſtellen wurden von kleinen Knaben, die alle grün gekleidet waren, vertreten, und da die zu dieſer Jagd gebrauchten Hunde gleichfalls ſehr klein und luſtig waren, ſo kam es, daß ſowohl die Jäger als Wild und Hunde viel Gelächter verurſachten. Nach Been⸗ digung ſothaner Jagd wurde dieſe ſämmtliche kleine Jägerei an einer beſonders hierzu einge⸗ richteten kleinen Tafel herrlich geſpeiſet. Den 10. Juni wurden Johannisfeuer ange⸗ zündet und Luſtfeuerwerke abgebraunt bis Mitter⸗ Da gab es aber oft ſtarken Regen und unbänu⸗ keit ſollte übernehmen laſſen; vielmehr ſollte der diges Gelächter. Abt oder ſonſt Jemand dann und wann in die Den 18. divertirete ſich der königl. Hof des Küche ſchauen und zuſehen, ob dort alles gut von Abends im Wirthshauſe mit einer Bauernwirth⸗ Statten gehe. ſchaft, wobei einem Jeden Eſſen und Trinken Die Vorleſung des Teſtaments machte den umſonſt gereicht wurde. Beſchluß der kirchlichen Solennitäten, und nun Den 19. offene Tafel, Koncert und Komödie. lud der Abt ſämmtliche Anweſende nochmals feier⸗ Den 20. ward ein Bauerngericht gehalten, lich zum Schmauſe ein. Unterdeſſen, heißt es in bei welchem der Hofzwerg die Stelle des Richters der Urkunde, daß ſich die Geiſtlichen begrüßten, vertrat und mancherlei kurzweilige Prozeſſe„für⸗ ſollte der Abt das Fell der geſchlachteten Kuh auf getragen und ventilirt wurden.“ dem Kirchhofe ausbreiten, um welches ſich dann Den 21. Beſuch auf Königſtein. die Ausſätzigen(deren es damals in Deutſch⸗ Den 22. Beſchluß der Feſtlichkeiten mit Victo⸗ land viele gab), die von dem Feſte profitiren rieſchießen, franzöſiſcher Komödie, Feuerwerk dc. wollten, lagerten. Sodann ging er wieder zu nacht.—.. en 23. Juni prachtvolle Rückkehr des Hofes den vornehmern Gäſten, höhlte eine Semmel Den 11. ſolennes Gewinnſtringrennen im nach Dresden. aus, und präſentirte ſie jedem Anweſenden zu Schloßgarten. einer Kollecte für die Armen, welche draußen auf Den 12. ſah man die königlichen und an⸗ deren hohen Herrſchaften in Zigeunerhabits ſpei⸗ ſen und tanzen. Den 13. gab es ein ſolennes Schnepper⸗ Scheibenſchießen in dem neu erbauten propren Schießhauſe. Den 14. divertirete man ſich in den Scheunen des franzöſiſchen Dorfes mit Korndreſchen und am 15. mit einer luſtigen Entenjagd auf dem Elbſtrome. Am 16. wurde in den Auen des franzöſiſchen Dorfes ein ſogenanntes Bauern⸗Carouſſel gehalten. Vorerſt mußten zwölf reinlich gekleidete Bauern⸗ burſche mit ebenſoviel wohlaufgeputzten Mädchen unter gewöhnlicher Bauernmuſik auf einem hie⸗ zu abgeſteckten großen Grasplatze tanzen. Nun wollte es ein jedes Paar gerne recht ſchöne machen, und daher ſchwenketen die Burſche ihre Mädchen ſo luſtig herum und dieſe thaten hin⸗ wieder mit jenen ſo freundlich, daß es ohne Lachen und Vergnügen nicht anzuſehen war. Hierauf rennten 24 auf ungeſattelten muntern Pferden ſitzende Bauernburſche nach aufgehang enen leben⸗ digen Gänſen, deren Hälſe, mit Leinöl beſtrichen, mitten im Reunen mit bloßen Händen vom Rumpfe geriſſen werden mußten. Die hierbei ſich äußernde Kurzweil war unvergleichlich. Die Bauernburſche griffen zwar mit aller Behendigkeit den Gänſen nach den Köpfen, allein dieſe ſchnat⸗ ternden Thiere wehrten ſich dagegen mit ihren Schnäbeln ſo gut ſie nur konnten, ſie ſchnappten und biſſen um ſich herum, und wer den Vortheil nicht in Acht nahm, den Gänſehals recht anzu⸗ faſſen, der mußte ſich's gefallen laſſen, wenn er in die Hand oder in die Finger gezwickt wurde. Hiernächſt geſchah es öfter, daß die Knechte an den Gänſen hängen blieben und die Pferde unter ihnen hinweglteſen. Bisweilen aber entfuhr der ſchlüpfrige Gänſehals den Knechten aus den Hän⸗ den und ſo fielen ſie wacker auf den Boden. Kurz, der ärgſte Sauertopf wäre zum Lachen genöthigt geweſen, abſonderlich da die Bauern ſich recht viel damit wußten, jauchzeten und Vic⸗ torie ſchrien, wenn es ihnen glückte. Ebendergleichen junge Knechte renneten auf einem andern hierzu aptirten Platze mit ſtumpfen hölzernen Lanzen nach dem Ninge, wobei ihnen die muthigen ungeſattelten Pferde nicht wenig zu ſchaffen machten. Wer den Ring verfehlte, der wurde nicht nur von einem über dem Ringe han⸗ genden vollgefüllten? aſſereimer weidlich begoſſen, ſondern auch von dem auf dem Eimer ſitzenden Manne mit einem tüchtigen Dreſchflegel tapfer auf den Buckel geklopfet. Wer hingegen den Ning traf, erhielt ein Glas Wein und participirte von dem ausgeſetzten Gewinne. Nebſt dieſem war für die Bauernmädchen zur Ergötzung eine ausgeſtopfte und ſauberge⸗ kleidete Puppe, die eine Bäuerin vorſtellte, auf ein Poſtament geſtellt, das, wenn es ſtark berührt wurde, aus hundert Oeffnungen Waſſer ſpritzte. Nach dem Kranze, welchen die Puppe trug, hatten die Mädchen zu laufen. Welche ihn ohne naß zu werden herunter brachte, erhielt eine Belohnung. Eine ſeltſame Stiftung. Zu den ſon⸗ der Kuhhaut ſpeiſten. Nunmehr wurden die derbarſten Stiftungen gehörte diejenige, welche An⸗ dreierlei Arten von Brod und Wein nebſt drei ſelmus, Graf von Kalw, zu einem immerwäh⸗ gebratenen Schweinsköpfen aufgetragen. Was von renden Andenken und als Sühnopfer für ſeine dieſer Tracht übrig blieb, wurde unter die aus⸗ Sünden im dreizehnten Jahrhunderte errichtete. wärtigen Gäſte vertheilt. Hierauf erſchienen ge⸗ Wir entnehmen das Nähere darüber dem Parochus ſottene Fiſche in einer Gewürzbrühe mit zwei⸗ jovialis, einer, beſouders für Geiſtliche zuſammen⸗ erlei Brod, nämlich Semmel⸗ und Weizenbrod geſtellten, recht empfehlenswerthen Anekdoten⸗ aber dreierlei Wein. ſammlung. Nach dieſem Gange wurde abermals friſches An dem Wurmlinger Berge zwiſchen Roten⸗ Brod und Wein, und für je zwei und zwei burg und Tübingen ſtand ein altes Kloſter, deſ⸗ Gäſte eine gebratene Gans aufgetragen. Dieſes ſen Bewohner Percipienten und Executoren der Gerichte war das ſonderbarſte; denn in jeder Stiftung waren. Der Abt dieſes Kloſters mußte Gans ſteckte ein gebratenes junges Huhn, und nun vermöge des Stiftungsbriefes allemal Mon⸗ in dieſem wieder eine Bratwurſt. tags nach dem Feſte aller Seelen, von einigen Von dieſem ſtarken Gerichte erhielten beſon⸗ Kloſterbrüdern begleitet, den benachbarten Wurm⸗ ders die dii minorum gentium, die Kirchner, linger Berg beſteigen. An dem Thore des Klo⸗ Meßdiener und dergleichen, nach Belieben ihrer ſterkirchhofes, der auf dem Berge lag, fand er Vorgeſetzten; die Ueberbleibſel aber kamen an dann allemal einen Wagen klein geſpaltenes Holz, die Armen. Zuletzt erſchien der Nachtiſch, Käſe, einen Sack guter Kohlen, ein Fuder Heu und Kuchen, Trauben, Nüſſe, Aepfel und Birnen. auf dieſem eine gebratene Gans vor, welches al⸗ Außer dem Antheile, den die Armen hiervon be⸗ les von den Unterthanen des Grafen, auf deren kamen, erhielten ſie noch überdieß eine Suppe, Güter die Stiftung angewieſen war, herbeige⸗ Fleiſch, Pfefferbrüh und jeder einen Becher ſchafft worden war. Die Gans bekam der Bauer, Wein. welcher das Heu gefahren hatte, von den Kloſter⸗ Die Schmauſerei mußte ziemlich bis an den leuten bei der Uebergabe dieſer Naturalien zum Abend dauern, weil in dem Stiftungsbriefe kei⸗ Geſchenk. Ueberdieß wurde eine dreijährige fette nes Abendeſſens für die Gäſte gedacht wird, da Kuh, drei gemäſtete Schweine, nämlich ein jun⸗ hingegen derſelbe ausdrücklich verordnet, daß das ges Spanferkel, ein einjähriges und zweijähriges Geſinde Abends Fleiſch mit einer Brühe und Schwein herbeigeſchafft. Ferner dreierlei Bier, jeder noch überdieß 10 Schillinge erhalten ſollte. jähriges, zweijähriges und dreijähriges. Weil Nach geendigter Mahlzeit wurde ein feierli⸗ aber dergleichen Bier ſeltener war, als Wein, ſches Gericht über die Frage gehalten, ob auch ſo wurde die Stiftung mit aller Intereſſenten alles nach dem Willen des Stifters veranſtaltet Zufriedenheit dahin abgeändert, daß man ſtatt geweſen ſei, wo Jeder das Recht hatte, ſeine An⸗ des Bieres dreierlei Wein, nämlich rothen, alten merkungen zu machen. Gemeiniglich aber kamen blanken und jungen blanken Wein nahm. Eben⸗ dergleichen nicht vor, weil die Höflichkeit der Gäſte falls mußte dreierlei Brod vorhanden ſein, Sem⸗ kleine Mängel gerne überſah. Wenn Niemand mel⸗, Weizen⸗ und Kornbrod. aufſtand, der etwas zu rügen hatte, ſprach der Hierauf mußten alle Perſonen, die intereſ⸗ Dechant den Abt und das Konvent durch ein feier⸗ ſirt waren, ſogar der Koch und Fleiſcher, einen Eid liches Urtheil von aller Klage los. Die noch⸗ ſchwören, ds ſie nicht das Geringſte von allen malige Vorleſung der Stiftungsurkunde beſchloß dieſen Dingen zu einem anderen Gebrauche ver⸗ das Feſt. Sobald, heißt es darinnen, ſelbige in wenden wollten, als den der Stiftungsbrief vor⸗ einen weſentlichen Theile verletzt würde, ſollte ſchrieb. Einige Tage nachher ging die Schmau⸗ ſie eo ipso kaſſirt ſein, und alle darauf angewie⸗ ſerei ſelbſt an, wobei alle Gäſte bei Strafe eines ſenen Fonds dem jederzeit lebenden älteſten Scheffel Dinkels in Trauerkleidern auf dem Berge Grafen von Klaw anheimfallen. Die hierbei erſcheinen mußten. Jeder Geiſtliche durfte ſeinen ebenfalls ausdrücklich vorgeſchriebene Ceremonie Küſter mitbringen, auch konnte ein Kloſterherr, war eben ſo ſonderbar, als die ganze Anſtalt. der von rechtswegen Theilnehmer an dem Gaſt⸗ Der Graf ſollte nämlich, wenn er ſie einzuziehen mahl war, jeden wohlgekleideten Mann, der gedächte, zu Pferde an den Wurmlinger Berg kom⸗ ihm unterwegs begegnete, zu Gaſte laden. Je⸗ men, ſich in den Steigbügeln in Höhe richten, und dem, der zu Pferde kam, wurde ein neues höl⸗ einen Goldgulden mit aller Macht über den Thurm zernes Gefäß, in welchem ein Viertel Hafer für der Kloſterkirche hinſchleudern. das Pferd befindlich war, und ein neuer Strick, Dieſe ſeltſame Stiftung erhielt ſich bis gegen den Gaul anzubinden, gereicht, und Jeder durfté das Jahr 1530, wo die allgemeine Revolution dieſes Präſent als ein Andenken an den Schmaus in Kirchenſachen ihr und anderen ähnlichen In⸗ und den Verſtorbenen mit nach Hauſe nehmen. ſtiſtuten ein Ende machte. Sobald nun Alles beiſammen war, mußten ſämmtliche Geiſtliche ihre Füße entblößen, die Kapuzen überziehen, und ſich zu dem Grabe des Stifters verfügen. Hier wurde alsdann der Seelen⸗Gottesdienſt gehalten. Doch ermahnte der Stiftungsbrief ausdrücklich, daß bei dieſen religiöſen Handlungen ſich ja keiner von Traurig⸗ 8——— Anregendes. Iungendliebe und Treue. Es gibt viel⸗ leicht nichts Poetiſcheres, als eine innige Jugend⸗ liebe, aber auch andererſeits kaum etwas Be⸗ denklicheres. Der junge Mann, deſſen Weſen nicht ſo raſch zum Abſchluſſe kommt, wie das des Mädchens, findet ſich bei gereifterem Denken von den Träumen und Wünſchen ſeiner Jugend ſo gezwängt und eingeengt, wie er es von den Klei⸗ dern ſeiner früheren Jahre wurde. Leichtſinnige Menſchen ſchütteln dann ohne ſonderlich viel Ge⸗ wiſſensbeſchwerde die Bande ab, ſobald ſie ihnen drückend erſcheinen, ehrliche Naturen hingegen gerathen mit ſich ſelbſt in einen peinigenden Zwie⸗ ſpalt. Sie wollen nicht die Treue aufgeben, ob⸗ ſchon die Liebe ſchon geſchwunden iſt. Die allge⸗ meine Meinung, der nichts höher zu gehen pflegt, als Konſequenz, ſpricht ſich durchſchnittlich für die Treue um jeden Preis aus, und darum hat auch Göthe in Betreff ſeiner jugendlichen Herzens⸗ angelegenheiten eine meiſt ſehr bittere Beurthei⸗ lung gefunden. Lewes hingegen unterläßt es in ſeiner trefflichen Biographie:„Göthe's Le⸗ ben und Schriften“ einen Stein auf unſern Dich⸗ ter zu werfen, er bringt vielmehr bei Gelegen⸗ heit der Seſenheimer Idylle einige recht beher⸗ zigenswerthe Gründe zu ſeiner Rechtfertigung vor, die wir unſern freundlichen Leſerinen zur Beur⸗ theilung hier ausheben wollen.„Verſuchen wir,“ ſagt er,„ohne Sophiſterei die wahre Sachlage unparteiiſch aufzufaſſen. In allem Ernſte will ich fragen, ob Göthe nicht durchaus recht that, ein Verhältniß zu löſen, das ſeine Liebe, wie er ſelbſt fühlte, ganz auszufüllen nicht ſtark genug war. Wie mir ſcheint, war es moraliſcher von ihm, ſie zu verlaſſen, als wenn er dieſen kleine⸗ ren zu einem größeren Fehler erweitert und das Unrecht eines Treubruches durch den ſchlimmern Treubruch einer Ehe voll Abneigung ohne Liebe vermieden hätte. Die Unbeſonnenheit der Ju⸗ gend und der ungeſtüme Drang der Leidenſchaft führen häufig in übereilte Verbindungen, und in ſolchen Fällen liebt die formelle Moralität der Welt, welche den Schein mehr berückſichtigt als die Wahrheit, es für edler zu erklären, daß ſolche unüberlegte Verpflichtungen, ſelbſt wenn die Be⸗ treffenden ihre Thorheit einſehen, gehalten wer⸗ den, als daß eines Mannes Ehre mit der Zu⸗ rücknahme eines Wortes ſich beflecke. So geht der Buchſtabe dem Geiſte vor; ein Vorurtheil zu befriedigen wird ein Menſchenleben geopfert; eine unglückliche Ehe rettet die Ehre, und Niemand denkt daran, für alles Elend jenes Vorurtheil vexantwortlich zu machen. Ich vergeſſe dabei nicht, daß dabei nachdrückliche Strenge nöthig iſt gegen die gewöhnliche Gedankenloſigkeit, mit der die Jugend ſolche Verhältniſſe eingeht, ich ſage nur, daß, wenn ein ſolcher unbeſonnener Schritt einmal geſchehen iſt, man beſſer thut, den Schmerz der Trennung zu ertragen, als durch eine un⸗ ſittliche Ehe, die nie zum Guten führt, ſich ihn zu erſparen.“ Damen⸗ und Männerkonverſation. Wer alles das aufſchreiben möchte, was ſo fünf⸗ zehn oder zwanzig Damen zuſammen in Geſell⸗ ſchaft ſprechen, machte gewiß das ſchlechteſte Buch von der Welt, und das ſelbſt dann, wenn unter den fünfzehn oder zwanzig Damen einige darun⸗ ter wären, die viel Geiſt haben. Aber man laſſe einen Mann eintreten, einen einzigen und nicht etwa einen von beſonderen Vorzügen:— dieſelbe Konverſation wird ſich ſogleich erheben und mit einem Male geregelter, geiſtreicher, angenehmer werden. Kurz, die liebenswürdigſten Frauen don der Welt, wenn ſie in großer Zahl beiſammen und keine Herren darunter ſind, ſagen faſt nie etwas von Belang, und ſie langweilen ſich mebr, als wenn ſie allein wären. Was hingegen die Män⸗ ner betrifft, ſo iſt ihre Unterhaltung ohne Zweifel weniger anmuthig und heiter, wenn keine Da⸗ men dabei ſind, aber ob ſie auch gleich mehr ernſt iſt, ſo hat ſie doch im Gewöbnlichen den Vorzug der Verſtändigkeit und die Herren kön⸗ nen leichter die Damen entbehren als ſich die Damen bei der Konverſation der Herren ent⸗ ſchlagen können. (Histoire de la conversation.) Der Geiſt, den man haben will, verdirbt den, den man hat. Pascal ſagt in ſeinen Pensées: Niemand ſpricht von uns in unſerer Gegenwart ſo, wie er von uns in unſerer Abweſenheit ſpricht. Die Vereinigung, welche unter den Menſchen beſteht, iſt nur auf dieſer gegenſeitigen Täuſchung be⸗ gründet, und wenig Freundſchaften hätten Be⸗ ſtand, wenn Jeder wüßte, was ſein Freund von ihm ſagt, wenn er nicht dabei iſt, obwohl er dann aufrichtig und ohne Leidenſchaft von ihm ſpricht. „Wir wollen ſo gefallen,“ ſagt Domant, Pascals Freund,„daß wir den Andern nicht mißfallen wollen, wenn wir uns auch ſelbſt miß⸗ fallen, und daß wir ſelbſt denen gefallen wollen, die uns mißfallen.— Humoriſtiſches. Der Geisbockvon Lambrecht. Die Ge⸗ meinde Lambrecht beſitzt in den ausgedehnten Waldungen Deidesheims verſchiedene Weide⸗ und Streunutzungsberechtigungen, für welche ſie ſchon ſeit dem 14. oder 15. Jahrhunderte verpflichtet iſt, alljährlich dieſem Städtchen unter Beobachtung gewiſſer Förmlichkeiten einen Geisbock zu liefern. Denſelben muß am Dienſtage nach Pfingſten je⸗ desmal der jüngſte Bürger Lambrechts an einem Stricke über das Gebirge führen und vor Son⸗ nenaufgang nach Deidesheim an das beſtimmte Haus bringen, woſelbſt dann der Führer einen Imbiß, beſtehend in Brod und Wein erhält. Der Bock ſelbſt wird in Deidesheim noch am Nach⸗ mittage des nämlichen Tages zum Ergötzen von Alt und Jung öffentlich an den Meiſtbietenden verſteigert. Schon oft haben Klagen und Prozeſſe we⸗ gen dieſer Verpflichtung die Gerichtshöfe beſchäf⸗ tigt, aber jedesmal wurden die Anträge Lam⸗ brechts, jene Bocklieferung in eine Geldleiſtung umzuwandeln, abgewieſen. Vor einigen Jahren indeß führte die Sache abermals zu einem Pro⸗ zeſſe. Obgleich nämlich der Vertrag„einen wohl⸗ gehörnten und wohbeſchaffenen Bock“ fordert, ge⸗ ſchah es doch, daß das beſtimmte Thier marſchun⸗ fähig ankam. Weil daher ſo die Lambrechter ihre Verbindlichkeit nicht vorſchriftmäßig erfüllt hatten, wollten auch die Deidesheimer nichts mehr von den Berechtigungen Jener in ihrem Walde wiſſen. Der darobentſtandene Prozeß wurde unlängſt zu Gunſten der Gemeinde Lambrecht entſchieden, welche daher ihr Weiderecht nach wie vor ausüben und wieder alljährlich einen Geisbock liefern darf. Da aber während des Prozeſſes, d. i. ſeit dem Jahre 1851, die jährliche Geisbocklieferung ein⸗ geſtellt worden war, mußten jetzt acht Geisböcke auf einmal zur Erhaltung der Gerechtſame wohl⸗ behörnt und gut beſchaffen ſich in Deidesheim präſentiren. Die Sache hat aber ſchon wieder ein Häkelchen bekommen. Die„Pfälzer Zeitung“ ſchreibt nämlich: „Statt am Pfingſtdienſtage den altherge⸗ brachten Gang nach Deidesheim zu machen, wird der berühmte Geisbock von Lambrecht aller Vor⸗ ausſicht nach in den nächſten Jahren wieder in den Gerichtsſälen der Pfalz herumgeführt werden, um da zu erfahren, was Rechtens. Er hat ſich nämlich heute das grobe Vergehen zu Schulden kommen laſſen, ſtatt vor Sonnenaufgang, wie vorgeſchrieben, erſt um halb ſieben Ühr ſich in Deidesheim zu präſentiren, trotzdem hier zahlreiche Gruppen ſchon ſeit dem erſten Tagesgrauen der Ankunft des gehörnten Tributs entgegenharrten. Wie groß war die Freude, als aus dem dicken Gewölk, das über die neugierige Menge einen feinen Regen herabſandte, die Sonne eben einen raſch wieder verſchwindenden Strahl hervorbre⸗ chen ließ und der Bock noch immer nicht erſchienen war.„Jetzt“— hieß es—„iſt der Vertrag ver⸗ letzt, jetzt werden wir endlich die Lambrechter aus dem Walde bringen!“— Noch lange wartete die Menge, bis endlich geführt von den acht jüngſten Bürgern Lambrechts, naß, müde und ihre Annäherung ſchon von fern durch bekannte Düfte verkündigend, die acht Böcke ihren Beſtim⸗ mungsort erreichten. Schweigend wurde der ma⸗ leriſche Zug nach dem Rathhauſe begleitet, vor welchem die Böcke einer Muſterung unterwor⸗ fen und für Awohlgehörni und wohlbeſchaffen“ erklärt wurden.„Wer iſt der jüngſte Bürger von Lambrecht?“ wurde jetzt gefragt. Der Ge⸗ rufene trat, den Bock am Stricklein, hervor. „Die ſieben andern Böcke, der Tribut für die ſie⸗ ben vorhergehenden Jahre“— ſo lautet der Ent⸗ ſcheid,—„ſind angenommen, da für ihre Ankunft kein Zeitpunkt feſtgeſetzt war; der achte aber, ge⸗ führt von dem jüngſten Bürger, iſt, der Ver⸗ tragsbeſtimmung entgegen, nicht rechtzeitig ein⸗ getroffen: ſeine Annahme wird verweigert.“ Ein Notar nahm dieß zu Protokoll und verblüfft ſtanden die Lambrechter. In einem trockenen Stalle fanden die ſieben glücklichen Böcke auf den ermüdenden Marſch die erſehnte Nahrung und Ruhe, der arme achte aber, von Deidesheim verſchmäht, blieb angebunden an einem Bäumchen im Regen ſtehen, ohne Futter und fortwährend den Neckereien der muthwilligen Jugend ausge⸗ ſetzt. Sogar ſein bisheriger Führer wandte ſeine Sorgfalt von ihm ab und erklärte, ſich nicht um ihn kümmern zu wollen, da er zwar verpflichtet ſei, ihn nach Deidesheim zu führen, nicht aber zurück nach Lambrecht. Allein der Hartherzigkeit folgte die Strafe auf dem Fuße. Den Führern wurde nach altem Herkommen je eine Flaſche Wein und ein Stück Brod gereicht; doch zu ſei⸗ nem Schrecken erhielt der jüngſte Bürger Lam⸗ brechts, da ſein Bock nicht angenommen worden, — Nichts, und ohne Speiſe und Trank ſaß er grollend zwiſchen ſeinen ſich erquickenden Gefähr⸗ ten. Mit Sehnſucht erwarteten die Deideshei⸗ mer und die vielen von nah und fern zu dem ſeltenen Schauſpiel herbeigeſtrömten Fremden die Stunde, in welcher die öffentliche Verſteigerung der Böcke beginnen ſollte. Schon nach 4 Uhr be⸗ deckte eine zahlloſe Menge den Platz vor dem Rathhauſe, die Fenſter der benachbarten Häuſer waren von den Schönen Deidesheims eingenom⸗ men und auf den Bäumen des Platzes hatte die liebe Straßenjugend Poſto gefaßt. Schlag 5 Uhr erſchien der erſte Bock, die Gebote erfg⸗ ten unter dem ausgelaſſenſten Jubel des Publi⸗ kums raſch auf einander, und bald hatten die ſieben Böcke ihre Eigenthümer gefunden. Ihre höhere Rolle iſt aber damit noch nicht ausgeſpielt und es kann noch lauge dauern, bis ſie wieder in das gewöhnliche Gleis ihrer Lebensbahn zurück⸗ kehren. Sie wurden nämlich erſtanden durch Wirthe der Umgegend, um als würdige Preiſe bei Kegel⸗ und anderen Spielen verwendet zu werden. Welches Schickſal mag dagegen dem bedauernswer⸗ then achten Böcklein vorbehalten ſein? Ohne Zwei⸗ fel wird es jahrelang in dicke, ſtaubige Aktenſtöße geſteckt und in allen Gerichtsſälen herumgeſchleppt werden, gezerrt und gezupft von den Parteien. Denn Deidesheim iſt entſchloſſen, nochmals ſein Recht zu verfolgen.“ * Wie ſich ein Irländer ausdrückt. Ein —————jj4 —y,——