an,,e, 4— d3„ . E Jeee Gu, e --—-—— 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur— Eduard Oltmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. — 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 14 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„=„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung V der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Zum erſten Male zeigten ſich dieſelben im Jahre 1417 in der Moldau, über welches Land damals. 1½ 4 1 2 ——— Alexander der Gute herrſchte, aber von„wo“ ſie her⸗ kamen, darüber liegt keine Nachricht vor. noch die Ueberlieferung, dieſelben ſeien„über ein großes Waſſer“ geſetzt, und da ſich die Moldau in jenen Zei— ten bis an das ſchwarze Meer erſtreckte, ſo lag die Vermuthung nahe, die Einwanderer hätten den Pon⸗ tus Euxinus überſchifft. Allein— wie wäre achttauſend Köpfe ſtark auftraten und beim jetzigen Seszava ſogar einen längeren Halt machten, um„ihre nachrückenden Brüder“ zu erwarten? kam alſo wenigſtens die Mehrzahl auf dem Land⸗ wege, d. h. von Bulgarien und der Wallachei aus, nach der Moldau, wie denn auch alte Chroniken be⸗ richten, daß jenes Volk die jetzige europäiſche Türkei „ſpinnengleich“ überſchlichen habe. Genug übrigens, anno 1417 waren ſie in der Moldau, und von da aus überſchwemmten ſie ganz Europa in einer faſt enormen Maſſe. Ja nicht blos in Maſſe, ſondern auch zugleich mit einer Schnelligkeit, die man verſucht ſein könnte für unglaublich zu erklären, wenn wir nicht die ſtrengſten hiſtoriſchen Belege dafür hätten! Die nächſt gelegenen Lande Siebenbürgen und Un⸗ garn erreichten ſie noch in demſelben Jahre 1417, aber obwohl es ihnen dort ſo überaus wohl gefiel, daß viele Tauſende„nicht mehr weiter“ wollten, ſo zog es doch die Mehrzahl vor, auch die angrenzenden Gegenden mit ihrer Gegenwart zu beglücken und insbeſondere Deutſch⸗ Demgemäß erfahren wir aus der Meißner Chronik vom Jahr 1418 Folgendes über land nicht zu vergeſſen. ſie:„Zu der Zyt kam erſtlich ins landt das diebiſch, unartig und zauberiſch Bettelvolk, die Zigeuner,“ und ebenſo erwähnen ihrer die meiſten anderen Chroniken unſeres großen Vaterlandes in ganz ähnlicher Weiſe. Fünf Monate nach Aufhebung des Concils von Con⸗ ſtanz, ebenfalls im Jahr 1418, erſchienen ihrer ein paar Hunderte vor Zürich, und den Frühling darauf ſah man ſie auch ſchon in der Provence; Basler Chroniken aber ſprechen von ihnen zum erſten Male anno 1422, und im nämlichen Jahre noch überſchrit⸗ deutend hielten) allgemein wurde, und im Norden, d. i. ten ſie die Alpen, bis nach Bologna und Forli vor⸗ dringend. Kindern ſeinen Einzug in Paris, wo alle Welt die braungelben Fremdlinge mit außerordentlichem Erſtau⸗ nen anſtarrte, allein dieſe kleine Horde war nur der Vortrab, und kurze Zeit darauf erſchien eine Bande von Zwölfhundert mit„einem König und einer Köni⸗ gin“ an der Spitze. Frankreich war jedoch natürlich nicht das letzte Land, in das ſie eindrangen, ſondern ter, Namens Herbelot, aus, daß daſſelbe von der In⸗ erſt der atlantiſche Ocean, nachdem ſie ſich über ganz Spanien verbreitet hatten, gebot ihnen Halt. Nach Feierſtunden. 1863. Unter den Nachkommen der erſten Ankömmlinge jedoch lebt jetzt dies möglich geweſen ohne eine außerordentliche Anzahl von Schiffen, indem die Zigeuner gleich im Anfang über Ohne Zweifel n Am 17. Auguſt 1427 hielt Einer ihrer Anführer, der ſich einen„Grafen“ nannte, mit zehn Männern, alle zu Pferd, nebſt achtzig Weibern und nicht, als bis ſie auch nach Brittanien ihr Contingent geſandt hatten. Dies geſchah anno 1512, und nun gab's in ganz Europa keine Provinz mehr, in welche dies ſeltſame Volk nicht eingedrungen geweſen wäre. Doch— wer waren denn die Fremdlinge? Woher kamen ſie und wie hießen ſie? So fragte man ſich, und kein Menſch konnte Auskunft ertheilen. Muth— maßungen aller Art entſtanden und die eigenthümlich⸗ ſten Hypotheſen wurden aufgeſtellt, aber auf die Wahr⸗ heit kam man lange nicht. Sie ſelbſt nannten ſich »Romma« oder»Roma«, d. i. auf deutſch„Män⸗ ner“, und noch jetzt iſt in England die Benennung: »Romnichal«, d. i.„das Volk der Männer“, unter ihnen gebräuchlich. Hie und da geben ſie ſich auch den Namen»Kale« oder»Melelle«, was ſo viel be⸗ deutet, als„ſchwarzbraunes Volk“, allein damit war lediglich keine Aufklärung über ihre Perſönlichkeit und ihr Herkommen gegeben, denn daß ſie„ſchwarzbraun“ ausſahen, davon konnte ſich Jedermänniglich ſelbſt überzeugen. Ihre Herkunft anbelangend, waren ſie darin einſtimmig, daß ſie erklärten, aus„ Klein⸗ egypten“ zu ſtammen; allein weiter befragt konnten ſie nicht angeben, wo dieſes Kleinegypten liege, und ob es mit dem„wirklichen“ Egypten ein und daſſelbe Land ſei. Kurz aus ihnen ſelbſt war nichts Geſcheid⸗ tes herauszubringen, und ſo kam man dann in Polen auf den Gedanken, ob die Fremdlinge nicht etwa Nach⸗ kommen der„Philiſter“ aus Canaan wären,— eine Suppoſition, welche bald vielfachen Glauben fand. Die Ungarn dagegen meinten„Nachkommen der frühe⸗ ren Unterthanen Pharaos“ vor ſich zu haben, und gaben ihnen den Namen»Parao-Népek. Mit dieſer Anſicht ſtimmten die Engländer und Neugriechen über⸗ ein, wie die Namen»Gypsies« und»Güptoi«, d. h. „Egyptier“, beweiſen, und ſogar die Türken mit ihrem „Firäwni“, d. i.„Pharaoniten“n ſowie die Spanier und Italiener mit ihrem»Gitanos« ahmten ihnen nach. Anderen Glaubens waren die Franzoſen, bei denen der Name»Bohemiens«, d. h. Böhmen(die Franzoſen nehmen es übrigens bekanntlich mit der Geographie nicht ſehr genau, und ſomit wäre es leicht möglich, daß ſie Egypten und Böhmen für gleichbe⸗ in Schweden, Dänemark und Norddeutſchland, pflegte man die Fremdlinge für„Tartaren“ zu halten, weß⸗ halb man ſie auch„Tatern“ nannte. In der Schweiz, in Schwaben und in den Niederlanden hieß man ſie kurzweg„Heiden“ und traf damit zwar den Nagel auf den Kopf, weil von einem Chriſtenthum bei denſelben keine Rede war, allein der Löſung der Frage nach dem Herkommen und nach der Perſönlichkeit des ſonder⸗ baren Volks war man damit nicht näher gekommen. Doch ſiehe da, nunmehr fand ein franzöſiſcher Gelehr⸗ ſel„Kernuah“ an der Küſte von Zanguebar ſtamme, 25 ———V 194—— denn dort gab es einen Negerſtamm mit Namen »Bomiin«, was doch offenbar mit»Bohemiens-« gleichbedeutend ſei. Die Hypotheſe war kühn, aber trotzdem ließen ſie ſich andere Gelehrte durchaus nicht gefallen, ſondern ſtellten noch kühnere und tollere auf. So machte z. B. Kelpius die Zigeuner zu„Amori⸗ tern“, den bekannten Nachkommen des Cain, denn „»Romma« und„Amoriten“ hätten einerlei Wortwur⸗ zel, und ein anderer noch weiſerer Herr hielt ſie, weil das Wort Kale ſich leicht in ein»Lake« verſetzen läßt, mit jenen berüchtigten türkiſchen Mönchen, den Tor⸗Laken, die im 15. Jahrhundert wegen ihrer Aus⸗ ſchweifungen aus der Türkei vertrieben wurden, für identiſch. Den allergrößten Scharfſinn jedoch entwickelte unſer Landsmann, der hochgelehrte Wagenſeil, indem er nachzuweiſen ſuchte, daß die berüchtigten Fremdlinge nichts anderes ſeien, denn„Juden“, welche ſich, um den Verfolgungen in der letzten Hälfte des 14. Jahr⸗ hunderts zu entgehen, in den Höhlen und Wäldern Böhmens verſteckt hätten, und nun nach fünfzig Jah⸗ ren unter einer neuen Firma wieder in die Welt ge⸗ treten ſeien. Eine ſolche Behauptung zeugte doch ſicher⸗ lich von einer reichen Phantaſie und ſtimmte überdies noch mit dem Judenhaß überein, der damals allgemein war; aber— konnte ſich ein Vernünftigdenkender da⸗ mit zufrieden geben? Man forſchte alſo weiter und weiter und traf am Ende doch noch den rechten Fleck. Vor Allem fiel es auf, daß die Fremdlinge trotz der verſchiedenen„Beinamen“, die man ihnen da oder dort gab, doch auch wieder einen„Hauptnamen“ hat⸗ ten, der ihnen allüberall auf gleiche Weiſe beigelegt wurde. Dieſer gemeinſame Hauptname war der der „Zigeuner“, denn wenn auch die lateiniſch⸗ſchreiben⸗ den Autoren des Mittelalters den Ausdruck»Acin- gani«, die Neugriechen ⸗Athinganoi« oder»Tziganoi«, die Türken»Tschingareh«, die Wallachen»Cigann«, die Ungarn Cygani«, die Italiener»Cingari«, die Litthauer-Cigonas«, die Ruſſen»Tziganes«, die Spanier»Zincati« u. ſ. w. brauchten, ſo bedeuteten doch offenbar alle dieſe Worte nichts Anderes, als un⸗ ſer deutſches„Zigeunner“, und für dieſe übereinſtim— mende Gemeinſamkeit mußte doch ein Grund vorhanden ſein.„Warum in aller Welt,“ ſo rief ein Gelehrter dem andern zu,„warum heißen denn die Zigeuner— Zigeuner?“ Da gab's nun wieder ein arges Kopfzer⸗ brechen und unendlich viel Wunderliches kam zu Tage. Zuerſt dachte Einer an die Ketzerſekte der„Athinganer“, welche im 12. Jahrhundert in der griechiſchen Kirche eine Rolle ſpielten, während ein Anderer— er hieß Marius Niger— meinte, das ſchwarzbraune Völklein führe den Namen Zigeuner, weil es aus„Zeugetana“ in Afrika ſtamme. Ein Dritter, Claude Duret mit Namen, ließ ſie Cananäer aus der Provinz„Tingi⸗ tana“ ſein, und ein Vierter, der deutſche Spondanus, machte ſie gar zu den Unglücklichen, welche Kaiſer Julianus Apoſtata aus„Singara“ in Meſopotanien vertrieb. Ein Fünfter, Eccard der Geograph, meinte, die Fremdlinge ſeien„Zichen“ aus Circaſſien, und ein Sechster, der berühmte Aeneas Sylvius, erklärte ſie für„Zochoren“ vom Kaukaſus, während ein Sieben⸗ ter, Doctor Haſſe, vollends bewies, daß die„Sigy⸗ ner“ des Herodot und unſere Zigeuner eins und daſ⸗ ſelbe ſeien. Kurz, der Behauptungen und Muth⸗ maßungen gab es eine Menge, und ſogar an einer tunſtreichen Ableitung des bewußten Worts aus Sara⸗ cenen oder Egypter fehlte es nicht, denn Egypter, Egyptianer, Tianer, Cianer, Ciganer klingt gerade ſo gut, als Saracenen, Saracener, Zigarener, Ziganer! Mit der Zeit jedoch ſtellte es ſich bis zur Evidenz heraus, daß all' dieſe mit ſo viel Mühe zuſammen— geſtoppelten Erklärungen nichts taugten, und da man zu gleicher Zeit fand, daß das„Kleinegypten“, von welchem die Zigeuner ſprachen, in keinem Falle in Egypten zu ſuchen ſei(Reiſende, wie Bellonius und Andere, welche das Land der Pharaoen im 16. und 17. Jahrhundert zum Gegenſtande genaueſter Forſchun⸗ gen machten, überzeugten ſich nämlich, daß zwar aller⸗ dings recht viele Zigeuner dort lebten, daß dieſelben aber an den Ufern des Nils ebenſo für Fremdlinge galten, als in Europa), ſo warfen ſich verſchiedene Gelehrte auf das Studium der zigeuneriſchen Sprache, um zu ſehen, ob ſich hieraus nichts Beſtimmteres finden laſſe. Was zeigte ſich nun aber? Nichts Anderes, als daß dieſe Sprache ganz dieſelbe ſei, wie die, welche die Bewohner von Hin⸗ doſtan ſprachen! Das war nun doch ein deutlicher Fingerzeig, und ſiehe da, jetzt erinnerte man ſich plötz⸗ lich, wie ſchon der vor mehr als hundertundfünfzig Jahren verſtorbene Geſchichtsforſcher Muratori die wich⸗ tige Notiz brachte, daß einige der anno 1422 in Forli in Italien angekommenen Zigeuner auf Befragen aus⸗ geſagt hätten, unter„Kleinegypten“ verſtänden ſie „Indien“. Nun natürlich faßte der Glaube, daß die Zigeuner aus Hindoſtan ſtammten, immer ſtärkere Wurzeln, und als man vollends gar entdeckte, daß dieſelben ſich, wenn ſie unter ſich waren,»Sinte⸗, d. i. Sindhbewohner oder Hindoſtaner nannten, blieb bald kein Zweifel mehr übrig, daß jenes Volk dem mittleren Aſien ſeinen Urſprung verdanke.„Wie konn⸗ ten wir nur ſo thöricht ſein, nicht gleich von Anfang an auf dieſe Entdeckung zu gerathen,„ſo riefen ſich jetzt die Herren Gelehrten zu,„da ja ſchon das Aus⸗ ſehen des Zigeuners den malayiſch⸗indianiſchen Ur⸗ ſprung verräth?“ Und in der That, die dunkle Haut⸗ farbe, die ſchiefen Augenachſen, die erhobenen Backen⸗ knochen, die lang bewimperten ſchwarzen Augen, der feine Mund mit der ſchön geformten Naſe, der zier⸗ liche ſchlanke Wuchs und die herrliche Formenentwick— lung— dies Alles beweist die Abſtammung von den Malayen zur Genüge. Um nun aber auch ſelbſt den Ungläubigſten zu überzeugen, haben neuere Reiſende in Mittelaſien einen Volksſtamm oder vielmehr eine Volks⸗ kaſte gefunden, die nicht nur in Benennung, Sitte und Gewohnheit mit unſeren Zigeunern die allerauf⸗ fallendſte Aehnlichkeit hat, ſondern auch über ganz Hindoſtan in ungeheurer Maſſe verbreitet iſt, und es wurde ſomit der Beweis hergeſtellt, daß es in Aſien ſo gut Zigeuner gibt, als in Europa. Dieſe Kaſte heißt nämlich„Tzengaris“ oder„Tſingaris“ und wird von bewährten Kennern des Orients mit fol⸗ genden Worten geſchildert:„Die Tzengaris führen ein unſtetes Leben, ziehen mit ihren Kärren im Lande um⸗ her, hauſen am liebſten in Wäldern, ſind entſetzlich ſchmutzig und ſtehen in einem Rufe, der nicht leicht ſchlechter ſein könnte. Sie treiben nämlich kein ſtatio⸗ näres Gewerbe, ſo wenig als ſie dem Ackerbau oblie⸗ gen, ſondern ſind am liebſten Muſiker, Gaukler und Tänzer; nebenbei aber ſröhnen ſie auch dem Diebſtahl und Raube, ſowie ihnen überdem kein gemeines Laſter fremd iſt.“ So ſchildert der Reiſende Heriot die ypter, ade ſo ganer! videnz nmen⸗ man „ von lle in 8 und 5. und rſchun⸗ aller⸗ eſelben nlinge hiedene prache, mteres Lichts eſelbe Hin⸗ tlicher plöͤtz⸗ fünfzig wich⸗ n Forli en aus⸗ den ſie daß die ſtärkere e, daß Binte«, „ blieb lk dem ie konn⸗ Anfang fen ſich 5 Aus⸗ hen Ur⸗ Haut⸗ Backen⸗ n, der er zier⸗ ntwick⸗ on den bſt den ende in Volks⸗ Sitte ————„— -= 195— Tzengaris, und wer von uns wird nun nicht im Au⸗ genblicke, wenn er dieſe Schilderung liest, ausrufen: „die Tzengaris ſind Zigeuner?“ Doch was war der Grund, warum ein Theil der Tzengaris Aſien verließ, um nach Europa herüberzu⸗ wandern? Hierüber geben die Tzengaris ſelbſt keine Auskunft, und in den alten Chroniken iſt ebenfalls nichts zu finden. Somit kam man abermalen auf eine Menge von Vermuthungen, und nicht wenige Schrift⸗ ſteller ſchworen darauf, daß es mit dem Wandern der Zigeuner dieſelbe Bewandtniß habe, wie mit dem Wan⸗ dern des ewigen Juden, denn Beides ſei eine von Gott diktirte Strafe. Andere dagegen meinten, der Zug der Zigeuner ſtehe im Zuſammenhang mit dem großen Heereszug der Tartaren unter Timur oder Tamerlan, der zu Ende des 14. und zu Anfang des 15. Jahr⸗ hunderts ganz Aſien bis an die Grenzen Europas er⸗ ſchütterte, und dieſe Vermuthung dürfte wohl die rich⸗ tige ſein. Nur muß man ſich die Sache nicht ſo vor⸗ ſtellen, als ob die Tzengaris vor Timur geflohen ſeien, wie z. B. die Armenier, die Koſaken und andere ſeß⸗ hafte Völkerſchaften, welche ſich ſeinem Scepter nicht unterwerfen wollten. Die Zigeuner bildeten ja keine geſchloſſene Corporation, die einen beſtimmten Diſtrikt inne hatte, ſondern lebten über halb Aſien zerſtreut, überall ſich ſo nährend, wie es ihre Natur und Er⸗ ziehung mit ſich brachte. Sie flohen alſo nicht vor Timur und ſeinem Tartarenheere, ſondern ſie folgten vielmehr dem letzteren, weil ſie da als Muſiker, Tän⸗ zer, Gaukler oder Marketender an ihrem Platze waren, und weil ihnen zugleich ein ungeheures Feld zur Er⸗ werbung fremden Eigenthums offen ſtand. Natürlich übrigens betrug ihre Zahl nicht etwa blos wenige Hun⸗ derte, ſondern vielmehr ſehr viele Tauſende, denn man kann ſich ja denken, wie unendlich groß der Troß ſein mußte, der einem Heere von 700,000 Mann zu ge⸗ nügen hatte, und überdies veranſtaltete Tamerlan nach jedem Siege, den er erfocht, großartige Feſte, wobei Muſik, ſowie Tänze und Künſte aller Art, wie Cheref⸗ Eddin berichtet, eine Hauptrolle ſpielten. Sie hatten alſo eine gute Ernte, die Tzengaris aus Hindoſtan, allein mit der Zeit ſcheint ſie ihr Trieb nach fremdem Eigenthum zu weit getrieben zu haben, und auch ſonſt gaben ſie durch ihr ordnungswidriges Betragen zu vie⸗ len blutigen Raufereien Anlaß. Demgemäß beſchloß Tamerlan, der eben nach der Eroberung von Klein⸗ aſien im Begriffe war, ſein Heer nach China zu füh— ren, ein Exempel zu ſtatuiren, und ließ eine große Anzahl der„Zingaris“(ſo nennt ſie Achmed-⸗Ben⸗ Arabſchah, der Biograph des Chans) hinrichten. Dar⸗ über aber erſchrak wahrſcheinlicherweiſe der übrige Theil der Zigeuner ſo ſehr, daß ſie ſich gänzlich vom Heere der Tartaren trennten, um in entgegengeſetzter Rich⸗ tung fortzuziehen, und nun hat man eine wenigſtens denkbare Erklärung vom Erſcheinen der Tſingaris auf europäiſchem Grund und Boden im Jahre 1417. Sei übrigens der Grund ihrer Einwanderung in Europa, welcher es wolle, die Thatſache der Ein⸗ wanderung iſt ſicherlich da, und ſomit drängt ſich uns unwillkürlich die Frage auf, wie ſich die Bewohner Europas gegen die Eindringlinge verhielten. Die Ant⸗ wort iſt übrigens eine ſehr kurze:„man ſtaunte ſie an und fürchtete ſie,“ und Beides hatte ſeinen ganz natürlichen Grund. Wer würde nämlich bei dem Anblicke einer ſo durchaus fremdartigen Menſchenrace, V · ———ͤͤ— wie die Zigeuner waren, nicht geſtaunt haben, und wer hätte ſich der Furcht vor ihnen erwehren können, da ſie, wie man allgemein glaubte, die Gabe der Wahr⸗ ſagekunſt, der Hexerei und der Geiſterbeſchwörnng be⸗ ſitzen ſollten? Weil man ſie nun aber fürchtete, ſo duldete man ſie auch, und einzelne Fürſten, ſowie ſelbſt der deutſche Kaiſer Sigismund, gaben ihnen ſo⸗ gar Freibriefe; allein bald erkannte man ihr wahres Weſen, und nun hüätte man ſich der läſtigen Gäſte nur zu gerne wieder entledigt. Trieben ſie es doch, wohin ſie auch kamen, faſt gar zu ſtark, und zwar ſowohl im Stehlen als im Betrügen, ſo daß z. B. der Schweizerchroniſt Stumpf ſchon im Jahre 1425 von ihnen ſchreibt:„ein unnutz ſchelmiſch Bubenvolk, deren iſt der frömmeſt ein Dieb, denn ſie allein ſich durch ſtehlen ernähren!“ Deßwegen wies man ſie auch an verſchiedenen Orten aus, wie z. B. ſchon anno 1418 unter Friedrich dem Streitbaren aus Sachſen, und anno 1422 aus Baſel, weil ſie allda das ganze Wie⸗ ſenthal ausgeplündert hatten. Daſſelbe that in Würt⸗ temberg Herzog Eberhard im Bart, und verſchiedene andere regierende Herren folgten ſeinem Beiſpiel; allein was halfen alle dieſe„vereinzelten“ Maßregeln? Nichts oder wenigſtens ſo viel als nichts, denn wenn die Zijgeuner auch aus dieſem oder jenem Territorium ver⸗ trieben wurden, ſo wanderten ſie einfach in den Nach⸗ barſtaat, und von„gemeinſamen“ Handlungen der verſchiedenen Regierungen konnte im 15. Jahrhundert bei der Lockerheit der Staatsverfaſſung Europas noch nicht die Rede ſein. Später freilich, im 16. und 17. Jahrhundert, ergriff man da oder dort ſchärfere Maß⸗ regeln, aber das ſchlaue Volk der Tzengaris wußte ſich doch zu erhalten und vereitelte ſelbſt die Verordnungen großer Machthaber. So befahl z. B. Ferdinand der Katholiſche anno 1492 die Austreibung aller„Nicht⸗ chriſten“ aus ſeinen Landen, und unter dieſe Klaſſe gehörten natürlich auch die Zigeuner. Was war nun aber die Folge? Siebenzigtauſend Familien von Mau⸗ ren und Juden verließen die pyrenäiſche Halbinſel; die Zigeuner jedoch blieben, denn ſie bekannten ſich ſofort äußerlich zum Chriſtenthum, und fanden überdies in den zahlreichen Gebirgen und Wäldern Spaniens eine ganz ſichere Zuflucht. Auch ſpätere Geſetze, welche dem nomadiſirenden oder vielmehr vagabundirenden Völklein befahlen, feſte Wohnſitze zu beziehen, blieben der Be⸗ ſchaffenheit des Landes wegen ziemlich fruchtlos, und noch jetzt findet man in Spanien, beſonders in den Umgebungen von Cadix, Cordova und Granada eine Menge von Zigeuner. Von etwas beſſerem Erfolg waren die Edikte, welche Frankreichs Beherrſcher, ins⸗ beſondere Franz I., gegen die braunen Vagabunden er⸗ ließen, aber ſelbſt der Beſchluß des Reichstags von Orleans vom Jahr 1561:„dieſelben durch Feuer und Schwert zu vertilgen,“ konnte ſie nicht gänzlich ver⸗ ſchwinden machen, obwohl ihre Zahl allerdings ſehr abnahm. Man begegnet daher noch immer einzelnen Banden, welche das Elſaß und Lothringen, ſowie den Süden Frankreichs durchziehen, und auf allen Märk⸗ ten oder Feſten traten ſie als Muſiker, Seiltänzer, Wahrſager, Bettler und— Diebe auf. In gleicher Weiſe ſteht es um ſie in England, denn trotz der⸗ großen Verfolgungsakte König Heinrichs VIII. vom Jahre 1531 ſind ſie in einzelnen gebirgigen Grafſchaf⸗ ten, beſonders bei Bedfort, noch in ziemlicher Anzahl zu treffen, und ganz daſſelbe gilt auch von Italien, 25* - 196— Dänemark, Schweden und Polen. Ja ſogar in Deutſch⸗ land, wo man doch am Ende des vorigen. Jahrhun⸗ derts allüberall ſo weit ging, daß man die Zigeu⸗ ner wie jagdbare Thiere niederzuſchießen oder ſie ohne Weiteres aufzuhängen befahl, konnte man ſie nie ganz ausrotten, und ihrer etliche Tauſend vagabundiren noch immer bei uns herum. Nur allein in den Niederlanden fanden ſie kein beque⸗ mes Feld für ihre Thätigkeit, dieweil es dort keine Gebirge und Wälder zum Campiren gibt, und als man nun anno 1545 das grauſame Gebot erließ, daß ge⸗ gen die braunen Aſiaten„mit Geißelung, Aufſchlitzung der Naſe und Landesverweiſung bei Lebensſtrafe“ zu verfahren ſei, da ſuchten die wandernden Geſellen das Weite, um nie mehr wiederzukehren. Man ſieht aus dieſer kurzen Skizze, wie man ſich faſt in allen Staaten Europas der Zigeuner ohne Wei⸗ teres mit Gewalt zu entledigen ſuchte. An ihre Er— ziehung dachte man nicht, und eben ſo wenig daran, ihnen Gelegenheit zur Selbſtbeſſerung zu geben, ſon⸗ dern man wollte ſie vielmehr ausrotten, wie man das Unkraut ausrottet. Doch— fanden denn gar keine Ausnahmen ſtatt? Ei freilich, und zwar in denjenigen Staaten, welche ſich der europäiſchen Kultur am lang⸗ ſamſten erſchloſſen, nämlich in der Türkei, in Ruß⸗ land, in Ungarn und Siebenbürgen. In allen dieſen Staaten gab es nie eine Zigeunerhatze, ſondern das braune Völklein durfte ſich ausdehnen und mehren nach Herzensluſt, denn man brauchte es gar nothwendig zu vielen Dingen. Eben deßwegen gibt es auch der Tzen⸗ garis nur allein in Ungarn und der Wallachei mehr denn dreimalhunderttauſend, und nirgends haben ſie ihre urſprünglichen Eigenthümlichkeiten reiner erhalten, als dort. Ja dort, bei den Magyaren, zu welchen ſich die Zigeuner„als den jüngſten Einwanderern in Aſien“ beſonders hingezogen fühlen, finden wir noch ächte zigeuneriſche Sprache, ächte zigeuneriſche Sitte, ächte zigeuneriſche Geſinnung, und darum kann auch der Leſer dieſes eigenthümliche Volk nie beſſer kennen ler⸗ nen, als wenn wir ihm den ungariſchen Zigeu⸗ ner in ſeinem Leben und Wirken ſchildern! Schon das Ausſehen des ungariſchen Zigeuners gibt den Beweis, daß er der ächte und unvermiſchte Abkömmling des aſiatiſchen Malayen iſt. Das oliven⸗ farbene Geſicht, auf dem die Wangen ſich nie röthen, die glühend ſchwarzen Augen, umgeben von düſteren Ringen, das lange, glatte, tief dunkelglänzende Haar, die wilde Grazie ſeiner ſchlanken, geſchmeidigen Glie⸗ der, das Abgeriſſene, Unſtete in Sprache, Bewegung und Blick— wahrhaftig er kann es nie verleugnen, daß ſeine Uhranen Czingaris waren! Noch deutlicher wird uns dies, wenn wir darnach ſehen, wie er lebt, d. h. wie er wohnt, was er ißt und wie er ſich kleidet. Wohnung— wer kann eigentlich bei den ungari⸗ ſchen Zigeunern von einer Wohnung ſprechen? Iſt ihnen doch das Wandern und Vagabundiren ſo zur andern Natur geworden, daß ſie faſt ohne Ausnahme neun Monate im Jahr„auf der Reiſe“ zubringen. Ein kleiner Wagen mit einem Leinwanddache— eine Plachta— birgt die ganze Familie, den Vater, die Mutter, die Eltern, die Geſchwiſter, die Kinder, und ſelbſt für kalte Regennächte wird kein beſſerer Schutz verlangt. Den Wagen zieht ein kleines Pferdchen mit gottiger Mähne, und ſo geht's vorwärts Tag für Tag, um alle Abende in der Nähe einer andern Ortſchaſt von Neuem Halt zu machen. Wandert übrigens der Zigeuner„bandenweiſe“, alſo zehn oder zwölf oder noch mehr Familien ſtark, ſo werden am Lagerplatze größere Zelte— er nennt ſie Tſchater— aufgeſchla⸗ gen, und dieſe ſind, obwohl ebenfalls nur aus Lein⸗ wand verfertigt, ſo feſt und dicht, daß man es unter ihnen ſogar im Winter zur Noth aushalten kann. Deſſenungeachtet kann man ſie mit größter Leichtigkeit transportiren, denn ſobald die Bande weiter zieht, legt man dieſelben in einen Bündel zuſammen und ſchnürt ſie auf dem Rücken der Pferde, die man ſtets in ziem⸗ licher Menge mit ſich führt, feſt. Auf dieſe Weiſe ſind die Wohnungen des größten Theils der Zigeuner in Ungarn beſchaffen; doch gibt es auch ſolche Fami⸗ lien, welche wenigſtens zur kalten Jahreszeit einen beſ⸗ ſeren Schutz vor Wind und Wetter verlangen, als ein Plachta und Tſchater gewähren können, und dieſe ziehen ſich entweder in Erdlöcher zurück, welche ſie in den Boden eingraben und vornen am Eingange mit einem Dache verſehen(natürliche Höhlen, wie z. B. bei Klauſenburg in Siebenbürgen, ſind ihnen ſelbſt⸗ verſtändlich eben ſo erwünſcht), oder aber quartiren ſie ſich in Hütten ein, welche ſie auf einem beſonderen und abgelegenen Theil der Städte, d. i. im Zigeunerviertel, Czigäng⸗väros genannt, zu errichten die Erlaubniß haben.„Wohnungen“ aber im wirklichen Sinne des Worts kann man auch dieſe Hütten nicht nennen, denn ſie enthalten nur ein einziges Gemach, in welchem die ganze Familie mit all' ihrem Eigenthum, insbeſondere alſo auch mit ihren Hunden, deren immer ein ganzes Rudel gehalten wird, zuſammengepfercht iſt, ſo daß Einem, der an ſolchen Schmutz, Rauch und Qualm nicht gewöhnt iſt, faſt der Athem vergeht. Gerade wie mit der Wohnung, ſo ſieht es auch mit der Kleidung aus. Die kleinen Kinder nämlich beſitzen gar keinen Anzug, ſondern gehen nackt bis in ihr achtes oder zehntes Jahr. Dann erhalten die Mädchen eine Schürze, ihre Blöße zu decken, und die Knaben eine Hoſe, gerade wie es die Parias in Oſt— indien, d. i. die heruntergekommenſte Race der dortigen Einwohner, auch machen. In dieſem primitiven Zu⸗ ſtande zu leben geht natürlich bei den erwachſenen Zi⸗ geunern nicht an, wenigſtens nicht am hellen Tage (zur Schlafenszeit werfen ſie jede Bedeckung weg); allein wenn ſie ſich nun auch„kleiden“, ſo kleiden ſie ſich doch nie in einen„neuen“ Anzug. Im Gegentheil — Alles, was ſie auf dem Leibe tragen, iſt„alt“, weil erbettelt oder von Trödlern erworben, und alſo⸗ meiſtentheils zerriſſen und zerlumpt.„Eitel“ aber ſind die Zigeuner deßwegen doch, und zwar die Männer ſo gut wie die Weiber. Darum zieht der ungariſche Tzen⸗ gari in ſeinem Hochmuth den abgetragenſten und durch⸗ löchertſten Magnatenanzug, beſonders wenn er roth. oder grün iſt, dem beſten Bauernkleide vor, und wenn die„Gatya“ oder Hoſe nur mit Franſen beſetzt iſt, ſo darf das Hemd immerhin ſchmutzig und zerriſſen ſein, oder auch ganz fehlen. Hut, Schuhe und Strümpfe ſind ihm ohnehin Nebenſache; aber gelbe„Tſchismen“, d. i. Stiefel mit Sporen— nun wenn er dieſe hat, ſo dünkt er ſich mehr als ein Gott zu ſein. Gerade ſo halten es auch die Weiber; Schmutz und Verlumpt⸗ heit allüberall, aber ſchreiende Farben und glitzernde Zierathen! Eigenthümlich dagegen iſt ihr Kopfputz, denn ſie faſſen das ſtruppige, ungekämmte Haar ſtets - 197—— in einem turbanartigen Tuche, das ſie bald„Bern“, und Schweſtern, und ſogar die Kinder bis zum ein⸗ bald„Tulban“ nennen, zuſammen, und überdem tra⸗ 5 gen ſie ohne Ausnahme ein weites, buntgeſtreiftes Tuch, eine Art Shawl, das ſie ſich am Halſe ſo geſchickt mit Haken befeſtigen, daß ſie den ganzen Oberleib darein einhüllen können. Ueberdem finden die kleinen Säuglinge, die ſie mit ſich tragen, in dieſem Tuche eine Zuflucht, und beſinden ſich darin ſo wohl, als wären ſie in einem Schnappſack geborgen. Von Schuhen und Strümpfen iſt dagegen die Zigeunerin, ſelbſt die jüngſte und ſchönſte, eine abgeſagte Feindin, und Handſchuhe kennt ſie ohnehin nur dem Namen nach; Ohrringe jedoch dürfen nie fehlen, und zwar recht ſchwere und lange. Noch weniger ſtrupulös, als in der Kleidung, iſt der Zigeuner im Eſſen, denn er verſchmäht eigentlich gar keine Speiſe. Ja ſogar„gefallene“ Thiere ſchließt er von ſeiner Nahrung nicht aus, nur bereitet er ſich dieſelben auf„ſeine“ Weiſe zu. Er gräbt nämlich eine tiefe Grube in die Erde und ſetzt dieſe ſo mit Steinen aus, daß ein Feuer unter denſelben angemacht werden kann. Sind nun die Steine glühend, ſo wird das todte Thier, nachdem es vorher ausgenommen, darauf gelegt und ſo oft gewandt und gedreht, bis es voll⸗ kommen geröſtet iſt. Hiedurch verliert es allen etwai⸗ gen übeln Geſchmack, und die braunen Söhne Hin⸗ doſtans verzehren es ſofort mit dem größten Appetite. Lebende Thiere übrigens ziehen ſie den todten doch vor, und insbeſondere lieben ſie Hunde und Katzen, deren ſie ſich auf ihren Streifereien mit vieler Geſchicklichkeit zu bemächtigen wiſſen. Auch Igel, Eichhörnchen, Haſen, Dächſe und Füchſe gehören zu ihren Delica- teſſen, aber dieſe braten ſie nicht, ſondern kochen ſie vielmehr in einem großen Keſſel mit einem ſtarken Zuſatze von„Paprika“— ſpaniſchem Pfeffer einem herrlich duftenden Ragout zuſammen. Aus Mehlſpeiſen machen ſie ſich nicht beſonders viel, das „Mamaliga“, ein aus Mais und Käſe zuſammenge⸗ jährigen hinab. Uebrigens auch nach Vollendung der Mahlzeit wird noch fortgetrunken, oder vielmehr jetzt wird erſt recht getrunken, denn nun kann man ſich zugleich dem Genuſſe des Rauchens überlaſſen, welcher mit dem des Trinkens auf faſt gleicher Höhe ſteht. Natürlich aber rauchen die Frauen ſo gut als die Män⸗ ner, und die Jungen ſo gut als die Alten; die Stel⸗ len der Pfeifen jedoch müſſen nicht ſelten ausgehöhlte Maiskolben, in die man ein Röhrchen ſteckt, vertreten. Ein Ragout von Hunden und Katzen nebſt Brannt⸗ wein und Tabak in Hülle und Fülle— dies hält der ungariſche Zigenner für das Höchſte, was es zu ge⸗ nießen gibt auf Erden! Doch um all' dieſe Leckerbiſſen zu erhalten, dazu gehört doch nothwendigerweiſe Geld, und zum Geld⸗ erwerb gehört Arbeit,— was arbeitet alſo der Zigeu⸗ ner? Du lieber Gott, nicht viel, und am liebſten ſo⸗ gar gar nichts. Ja die Arbeit iſt ſein größter Feind, beſonders die anſtrengende, und ehe er ſich dazu ent⸗ ſchlöſe, ſeinen Unterhalt mit Feldbau oder etwas dem Aehnlichem zu verdienen, würde er lieber Hunger und Durſt leiden. Gerade eben ſo denkt auch die Zigeu⸗ nerin, und nicht Eine wird man je ſtricken, nähen oder ſpinnen ſehen. Es geht gegen ihre Natur, wie denn die Orientalinnen und die Orientalen alle im Nichts⸗ thun excelliren. Strengen ſie ſich aber ja einmal an, ſo geſchieht es ganz gewiß nur auf ganz kurze Zeit, und auf die ungewohnte Thätigkeit folgt wieder eine lange Woche der unbedingteſten Muße. Deßwegen darf man aber nicht glauben, daß die ungariſchen Zi⸗ geuner ganz und gar beſchäftigungslos ſeien, ſondern ſie haben vielmehr auch ihr Feld der Thätigkeit, und ſogar mehr als eines. So ſind ſie z. B. ſehr geſchickte zu Schmiede und verfertigen Pflugſchaaren, Hufnägel, Meſſer und Maultrommeln. Auch Petſchafte aus Meſſing fabriciren ſie, ſowie Ringe und Spielſachen aus Zinn oder Blech, und überdies verſtehen ſie alte würfeltes Gemüſe, ausgenommen; ihr Brod aber be⸗ reiten ſie ſich immer ſelbſt, und zwar auf ächt orien⸗ taliſche Weiſe, d. h. die Altmutter knetet den Taig und backt ihn dann in heißer Aſche zu kleinen platten Kuchen. Noch eigenthümlicher übrigens als alles dies iſt das, daß ſie des Tags eigentlich nur eine einzige Mahlzeit halten, nämlich Abends nach Sonnenunter⸗ gang, wenn alle Geſchäfte abgethan ſind. Dann wird Feuer unter den großen Keſſel gemacht— dieſer Keſ— ſel bildet das ganze Hausgeräth— und Alles hinein⸗ geworfen, was den Tag über„erworben“ worden iſt. men, und ſowie das Ragout fertig iſt, kauert die ganze Familie rings herum, um mit Fingern und höl⸗ zernen Löffeln ſo lange zuzulangen, bis nichts mehr vorhanden iſt. Und wie können ſie eſſen, dieſe Kin— der der Natur! Beim Himmel, vor ſolchen Quan⸗ titäten würde ſelbſt ein grönländiſcher Eskimo zurück⸗ ſchrecken, und dieſer iſt doch im Stande, faſt Unglaub⸗ liches zu leiſten! Ohne Branntwein aber— was wäre die flotteſte Mahlzeit ohne Branntwein? Wein und Bier— nun dieſe beiden Getränke kann ein Zigeuner recht wohl miſſen, aber Branntwein— wahrhaftig dieſer geht ihm über Alles! Jeden Abend alſo macht der Branntweinkrug die Runde bei der Mahlzeit, und nicht blos Er, das Haupt der Familie, ſpricht ihm zu, ſondern auch ſie, ſeine Gattin, und die Brüder Keſſel, Töpfe und Pfannen ſo gut zuſammenzuflicken, als Einer. Ja ſogar das Beſchlagen der Pferde ge⸗ hört in ihr Reſſort, und da in ganz Ungarn und Siebenbürgen ſich ſonſt Niemand auf derlei Kunſt ver⸗ legt, ſo ſind ſie in dieſer Beziehung geradezu unent⸗ behrlich. Eigenthümlich aber iſt, daß ſie ſich nie irgendwo als Feuerarbeiter ſtabil niederlaſſen, ſondern ſie ziehen vielmehr im Lande herum, gerade wie die Schmiede in Hindoſtan, und errichten bald da, bald dort ihre Werkſtätte. Solches iſt jedoch im Augen⸗ — blicke geſchehen, denn ihr ganzer Handwerkszeug beſteht Bald brodeln die verſchiedenen Fleiſchgattungen zuſam⸗ in Hammer, Zange und Schraubſtock, während der nächſte beſte Stein als Ambos dient, und ſowie nun das Feuer brennt, wird natürlich unter Gottes freiem Himmel drauf los gearbeitet, daß es eine wahre Freude iſt. Doch— wie lange dauert die Arbeit? Du lieber Gott, die Geduld geht dem Zigeuner bald aus, und da ihn Kohlen und Eiſen nichts koſten(die Kohlen brennt er ſich aus Holz oder Wurzeln ſelbſt und altes Eiſen„findet“ er mit Leichtigkeit zuſammen), ſo hat er in kurzer Zeit ſo viel verdient, um ſich den Krug mit Branntwein füllen laſſen zu können. Was braucht er alſo ſich noch länger abzumühen? Außer dem Schmiedehandwerk verſtehen ſich die ungariſchen Zigeuner auch auf mancherlei Holzarbeit und ſchnitzeln künſtliche Löffel und Gabeln oder ver⸗ ſertigen ſie Mulden, Tröge und ſonſtigen Hausrath.: —yj Ueberdies fungiren ſie oft als Siebmacher und Korb⸗ cile, ſondern heute da und morgen dort. Ein ſeß⸗ hafter Handwerksmann zu ſein— nein, dazu iſt der von einem Ort zum andern.“ Eben deßwegen eignet er ſich auch ſehr gut zum Pferdehandel, denn damit iſt ja das Herumziehen ſelbſtverſtändlich verbunden, und— merkwürdig, in der Liſt, die er bei dieſem Handel anwendet, übertrifft ihn nicht leicht Einer. Weiß er den Pferden doch Kerne in die Zähne zu ſetzen, daß ſie für jünger gehalten werden, und verſteht er es doch ſogar, Luft unter ihre Haut zu blaſen, um ihnen eine Wohlbeleibtheit zu geben, die ſie in Wahrheit nicht haben! Kurz er iſt ein exquiſiter Pferdehändler, und mancher unſerer Koryphäen in dieſem Fache könnte von ihm lernen. Ganz eben ſo ausgezeichnet weiß er auch den Affen⸗ und Bärenführer zu machen, und als Di⸗ rektor eines Marionettentheaters ſucht er ebenfalls ſei⸗ nes Gleichen. Doch wir dürfen uns nicht mehr mit Nebendingen aufhalten, ſondern müſſen nun der Haupt⸗ quelle gedenken, aus der er ſeinen Unterhalt ſchöpft; denn dieſe Hauptquelle iſt eine edle, und zwar keine andere, als die edle Muſika. Eigenthümlich nämlich— jeder Zigeuner iſt ein geborener Muſiker, und nicht blos ein gewöhnlicher Kirmeßhudler, ſondern ein Muſiker im wahren Sinne des Worts. Noten zwar kennen vielleicht unter Hun⸗ derten oder gar Tauſenden keine Zehn, aber ſie ſpie⸗ ſolchem Feuer nach dem Gehör, daß ſelbſt der erſte Künſtler nichts daran auszuſetzen haben kann. Eben deßwegen ſind es in allen Donauländern, abſonderlich „Zigeuner, welche zum Tanze aufſpielen, und alle Muſikchöre dieſer Länder, ſelbſt die Regimentsmuſiken, ſind ohne Ausnahme aus Zigeunern zuſammengeſetzt. Bemerkt muß übrigens hiebei werden, daß der braune Geſelle zwar mit Leichtigkeit alle Inſtrumente erlernt, daß er ſich aber doch mit Vorliebe nur zweien derſel⸗ und der Cobza, einer Art von Mandoline mit neun Saiten. Aber wie ſpielt er die Welljuna und die Cobza? Man muß ihn gehört haben, ihn und ſeine ihn gehört hat, der mag den Ragotzymarſch nachher von Niemandem ſonſt mehr hören. Geſicht hängenden Haaren, das ſcheu funkelnde Auge haalb zugedrückt, den Kopf gebogen über die kleine Vio⸗ line— ſo ſpielt er, und in wehmüthigen Klängen ittert der Bogen über die Saiten; aber plötzlich klirrt es durch die Töne, einem Mannestritt gleich, und wil⸗ der und immer wilder klingen Cobza und Welljuna, und durch die wirren Klänge ſchallt es wie Hülferuf, oder wie das Stöhnen eines Sterbenden. Und feier⸗ flechter, aber natürlich nie an einem beſtimmten Domi⸗ - 198 lich ſchweigend ſtehen nun die phantaſtiſch mit Schnür⸗ röcken aufgeputzten Spielleute, hohe, maleriſch ſchöne Geſtalten, und ſtarren hin auf den Zauber, und klir⸗ ren mit den Sporen und ſtreichen die ſchwarzen Bärte! Zigeuner nicht fähig, ſondern„ſtets muß er wandern, len die ſchönſten Stücke mit ſolcher Präciſion und mit aber in Ungarn und Siebenbürgen, nur allein die liches. keit alle ihre Taſchen füllen. wilden Melodien, um ein Urtheil zu fällen, und wer Mit wild in das So ſchreibt Einer, der lange in Ungarn geweſen und oft und viel den Melodien der Zigeuner gelauſcht hat, kann es uns alſo Wunder nehmen, wenn die Offiziere des ruſſiſchen Korps, das einſtens Ungarn beſetzt hatte, der Zigeunermuſik den Vorzug vor der ihrer eigenen Regimenter gaben? Hieraus kann nun der Leſer den Schluß ziehen, warum die Zigeuner in Ungarn nie verfolgt wurden. Die Magyaren lieben ja die Muſik ungemein, und wer hätte ihnen Muſik machen ſollen, wenn ſie die Zigeu⸗ ner nicht gehabt hätten? Aber leider iſt das Talent zur Muſik bei dem braunen Sohne Hindoſtans doch nicht ſo vorwiegend, daß er ſich dadurch abhalten ließe, ein anderes, minder ehrenwerthes Talent, das er beſitzt, in den Hintergrund zu ſtellen, wir meinen das Talent des Bettelns, des Stehlens und des Lügens. Dieſe drei Sünden gehören nämlich ſtets zu einander, und kein Menſch auf Erden übt ſie öfter und mit größerer Virtuoſität aus, als der Zigeuner. Schon der Chroniſt Aventinus, der im Anfang des 16. Jahr⸗ hunderts lebte, ſchreibt von dieſem Volke:„Noch iſt die Welt ſo blind, meinet wer ihnen leids thue, der hab kein Glück; läßt ſie alſo rauben, ſtehlen, lügen, trügen in mancherlei Weiß; bei uns iſt das Stehlen und Rauben bei Henken und Köpfen verboten, ihnen iſt es erlaubt, denn noch will die Welt nicht witzig werden.“ Wie aber die Zigeuner des 16. Jahrhun⸗ derts thaten, ſo thun auch die des 19. Immer lagern ſie ſich in der Nähe von Ortſchaften, und dann geht Alt und Jung aus, um zu betteln und nebenbei mit⸗ laufen zu laſſen, was nicht niet- und nagelfeſt iſt. Schon die kleinſten Buben werden hiezu abgerichtet und leiſten im Hühner- und Gänſeſtehlen ganz Unglaub⸗ dieſe wiſſen ſich ſo unſchuldig anzuſtellen, daß man de ele ihnen eine Dieberei gar nicht zutraut; am allerprofi⸗ ben widmet, nämlich der Violine oder„Welljuna“,— 9 t 3 7 profi tabelſten aber wiſſen es die alten Frauen zu veranſtal⸗ ten, indem ſie während des Wahrſagens mit Leichtig⸗ Kurz, die ganze Zigeu⸗ nerfamilie ſtiehlt und darin liegt auch der Grund, daß wo viele Menſchen zuſammenkommen, z. B. bei Feſten, auf Jahrmärkten u. ſ. w. ganz ſicherlich auch die Zi⸗ geuner nicht fehlen. Es gibt ja dann Gelegenheit genug, fremdes Eigenthum zu acquiriren, ohne daß Neiſende ſtanden am Ufer, die Abfahrt des Schif⸗ V fees zu erwarten, das von Utrecht nach Amſterdam ging. Baum und muſterte, den Dampf ſeiner Pfeife vor ſich man von den herumſtreifenden Panduren über dem Diebſtahl erwiſcht wird!— Doch genug nun vom Zigeuner, da ihn der Leſer jetzt ohne Zweifel hinlänglich kennen gelernt haben wird. Th. G— r. Der Sieg geprüfter Treue. Original⸗Novelle- von Julius Märker. Ein junger Holländer lehnte ſich gemächlich an einen Noch geſchickter faſt ſind die Mädchen, denn — - 199—, „ hinblaſend, die Geſellſchaft. Er ſah nun einige Wei⸗ waren durch die Revolution aus ihrer Heimath ver⸗ ir ber, die ihre wärmenden Kohlentöpfe in der Hand trieben worden. Der Aeltere, ein Franzoſe, Namens te hielten, und einige Victualien eingekauft hatten; aber Lamotte, war kaum dem Mordbeile entronnen, womit nd Alle ſchienen nur in dem gewöhnlichen Raume ihren man ihm drohte, weil er, wie es damals hieß, im — Platz zu ſuchen. Schon ergab er ſich darein, die Nacht Verdachte war, verdächtig zu ſein; der Andere, Adrian at in dem gemächlicheren Gemache des Schiffes einſam Velthuſen, der Sohn eines reichen Kaufmanns aus ere. zuzubringen, als zwei Männer von edlem Anſehen aus Brügge, hatte unter den Stürmen, die auch ſein Va⸗ 1 dem nahen Wirthshauſe herbeikamen, die er auf den terland trafen, den Wohlſtand ſeines Hauſes fallen erſten Blick für Fremde hielt. Er fragte ſie franzö⸗ ſehen, und ward jetzt von Verfolgungen, die ſchon ſeine ſiſch, ob er auf das Vergnügen rechnen dürfe, in ihrer theuren Angehörigen ihm geraubt hatten, aus der Hei⸗ en, Geſellſchaft zu reiſen. Sie wollten ebenfalls mit die— math vertrieben. Beide wollten mit den letzten ärm⸗ en. ſem Schiffe nach Amſterdam fahren, war die Antwort. lichen Trümmern ihres Vermögens zur See gehen, ver„Wohlan, meine Herren,“ hob der Holländer an, um an den Ufern des Ohio ein neues Glück zu eu—„ſo laſſen Sie uns eilen, auf das Schiff zu kommen, ſuchen. ur um uns die beſten Plätze auszuſuchen. Vielleicht kom⸗ Der gaſtfreie Holländer, ein wohlhabender Kauf⸗ cht men noch andere Reiſende.“ mann aus Deventer, den wir fortwährend mit ſeinem ein Die beiden Fremden ſchienen verlegen zu ſein. Namen van Hagen nennen wollen, freute ſich bei der bt„Wahrſcheinlich kennen Sie die Einrichtung dieſer Mittheilung dieſer Nachrichten noch mehr über die neueé in Boote nicht,“ fuhr der Holländer fort.„In dem wilahntſihift, da auch er im Begriffe war, eine Reiſe 8 Raum erhält man freilich ſeinen Platz wohlfeiler, aber nach de a hnabee hier zuſammen gefunden nit euri ine Geſellſchaft, in welcher es Ihnen ſchwerlich haben,“ ſprach er,„wir reiſen ja alle drei nach einer pon gefa len uriehte. hen f— einigen 3 Weltgegend. 3 hr⸗ hi Breinden ſahen ſich an, di nſg Aaen 3 Es ward daher beſchloſſen, ſich zu Amſterdam in ſt 6 rüeen Man 35 di eie C klicher? Lanit, er⸗ demſelben Schiffe wiederum Plätze zu dingen, um die et 45 Fuanine d ntrd di greiaſt un vanedriſn lange Reiſe gemeinſchaftlich zu machen. Den freund⸗ „r„ und wer wollten doſere Llr. der un ne t ni loſen Ausgewanderten konnte kein glücklicherer Zufall ſien wir den kleineren Rau ganz lerr vder ſchon benet begegnen, als die Bekanntſchaft urit dem gefälligen nen an finden glaubten Ihre Geſellſchaft ſihe ne Holländer, von deſſen Kenntniß der Verhältniſſe und dig Der 1den. 9. hre Geſellſchaf- der Sithen des ſandes i manche Erleichterung erwar⸗ 8 un⸗-⸗.e s.. ß die beiden ten durften, und Kornelius van Hagen gewann dage⸗ 8 din D vollindir dan ſchon geahnt, daß die beidei gen die angenehme Ausſicht, 5 Seefahrt dieonet geiat neuen Reiſegeſellſchafter uswanderer waren, und nunte nicht in langweiliger Geſellſchaft zu machen. de ſich denken, warum ſie die wohlfeileren Plätze wählen Bald nach der Ankunft in Amſterdam fanden ſie ſt. den leremeen Burtzefun Ila ihm ein Mittel Fan ein Schiff, das nach Süd⸗Carolina unter Segel gehn und d ſic didenn 1 ſennüch ichkeit zu verſchaffen, welche wollte. Die Anker wurden gelichtet, und ein günſti⸗ un ſie ſ ielleich ſehr ungern derſagten.„ ger Wind trieb ſie bald in's atlantiſche Meer. Ie di 1 ech habe drei Plätz im Roeſt genommen, un- weiter aber Europas Küſten verſchwanden, deſto heite⸗ nm der rach er den Wortführer, und kann doch nicht mehr rer wurden die beiden Ausgewanderten, als ob in dem rofe als 8— brauchen, da zwei Freunde, die mit mir rei⸗ Nebel, der jene verhüllte, alle ihre ſchmerzlichen Erin⸗ ſial un. wo ſtn⸗ durch plötzlich eingetretene Hinderniſſe zu nerungen verſunken wären. Die drei Freunde waren* h irhätten werden. Darf ich Sie bitten, meine Her⸗ faſt immer beiſammen; ſie hatten eine beſondere Ka⸗ ger. en, dieſe leeren Plütze einzunehmen! Mögen auch alle jüte und ſahen die übrigen Reiſegefährten ſelten anders, übrigen beſtellt ſein, wir werden am bequemſten ſitzen, als Mittags bei dem Schiffsführer, oder bei ſolchen daß und ich habe die Ehre, in Ihrer angenehmen Geſell⸗ auf Seereiſen gewöhnlichen Creigniſ lche Alle 5 ſen, ſchaft zu reiſen.“ reh da gernen icd chr retaniſſen, welche2 1e* a Zit.. durch das Gefühl gleicher Theilnahme vereinen. Ihre 4 heit Die Ireinhen verbeugten ſich und gingen mit dem V Fahrt war ſehr glücklich und bald ſchon ſahen ſie den* daß Holländer in den Roeſt. Die Stunde der Abfahrt Spitzberg der Inſel Teneriffa, wo das Schiff anlegen dem ſchlug Sit blieben allein. Man machte ſich's bequem wollte. Alle freuten ſich des Anblickes; das Geſpräch dem artigen und zierlich mit Spiegeln und Gemäl⸗ ward belebter; Jeder verrieth unbefangener ſein Ge⸗ . den veeffſehmüenten Raum. Der Abend war mild müth; der Franzoſe ſeine Eitelkeit und den leichten 6 leſer und heiter, Sanft glitt das Schiff auf dem Waſſer, fröhlichen Sinn, den ſelbſt Leiden nicht ganz hatten vird. in deſſen ſtillem Spiegel der aufgehende Mond glänzte. zerſtören können, und der ſich immer freier wieder regte, Die Reiſenden ſetzten ſich an das offene Fenſter, und je mehr heitere Gegenwart und ſchmeichelnde Hoffnung 1 erfreuten ſich bald der Ausſicht auf die Ufer des Kanals, das Andenken an jene ſchwächten; der Flammänder, die mit Dörfern und freundlichen Landhäuſern bedeckt eine warme, empfängliche Seele, die jeden Eindruck* waren.— leicht aufnahm und tief bewahrte, ein biederes Herz 5 Schnell way eine Stunde vergangen. Der Hollän⸗ mit dem regen Eifer für nützliche Thätigkeit, der ſei⸗ der ließ ſich von dem Schiffer einige Flaſchen Bordeaux nen Landsleuten eigen iſt; der Holländer, eine offene richen und die Erfriſchungen herbeiholen, welche er Geradheit, eine wackere Herzlichkeit und Theilnahme,“ auf das Schiff hatte bringen laſſen.„Seine Geſell⸗ die ſein kluger, ſorgſam berechnender Kaufmannsgeiſt chafter, die er freundlich einlud, wurden bald geſprä⸗ nicht ganz hatte abkühlen können; Alle aber beſaßen wo ger, und allmählig heiterte die Wolke des Trübſinnes jene Erfahrung und Beſonnenheit, welche ein ſo köſt⸗ 2 inen 1 auf, die in ihren Zügen lag. Der Holländer ſah liches Gut ſind, daß ſie nicht zu theuer durch Leiden ſich in ine erſte Vermuthung beſtätigt; die beiden Fremden und betrogene Hoffnungen erkauft werden können.. - —„ 3 V V V Sie ſaßen beiſammen auf dem Verdecke, und ge⸗ noſſen den herrlichen Abend. Schon war das Meer dunkel, nur der hohe Spitzberg auf der Inſel glühte noch wie ein Leuchtthurm im Glanze der ſinkenden Sonne. Landvögel ſchwirrten um Maſten und Tau⸗ werk, und liebliche Düfte wehten herüber von den Küſten. Der gaſtfreie van Hagen ließ alten Conſtantia⸗ Wein aus ſeinem Vorrathe bringen, und reichte ſeinen Freunden die vollen Gläſer. Der edle Saft flog wie Feuer durch ihre Adern, und das Vertrauen, deſſen ſchon längſt Einer den Andern werth gefunden, öffnete jetzt die frohen Herzen. „Euer Glück in der neuen Welt!“ ſprach van Hagen, ſein Glas erhebend. Die Gläſer klangen. - 200—— „Aber auch die Erinnerung an die Vergangenheit im neuen Leben!“ ſprach Velthuſen, und ſein Auge ſagte, daß vor ſeiner Seele eine theure Erinnerung aufgetaucht war. Ja wohl, unſere glücklichen Erinnerungen!“ fiel Lamotte ein.„O wer hütte die nicht, wie ſchmerzlich auch die Vergangenheit war. Sie blühen wie liebliche Blumen unverwelklich auch aus Trümmern hervor.“ „Schöne Tage ruft mir der feurige Wein zurück,“ hob van Hagen wieder an, ſein Glas empor haltend. „Glückliche Stunden, die ich in dem hohen Weinberge auf dem Vorgebirge zubrachte! Mehr als vier Jahre ſind ſeitdem verfloſſen, und als ob's erſt geſtern ge⸗ weſen wäre, ſehe ich die ſchöne Frau vor mir ſtehen, der ich die vollſte glühende Traube darbot.“ Die beiden Reiſegefährten baten um die Mitthei⸗ lung des freundlichen Abenteuers, und Jeder verſprach, das Merkwürdigſte zu erzählen, das ihm auf der erſten Seereiſe begegnet war. „Ich blieb einige Monate auf dem Kap,“ fuhr der Holländer fort,„um meine Geſundheit zu pflegen, die in Batavia gelitten hatte. Der Beſitzer des Weinbergs, wo dieſer treffliche Saft von den Strahlen der ſüd⸗ lichen Sonne gekocht wird, war ein entfernter Ver⸗ wandter meiner Mutter, und lud mich gaſtfreundlich ein, mich durch den Genuß ſeiner Trauben zu ſtärken. Ich brachte gewöhnlich einige Morgenſtunden in dem hohen Weingarten zu. Die friſche Bergluft, der ge⸗ ſunde Traubenſaft gaben mir bald wieder neue Kräfte und frohe Heiterkeit. Eines Tages nun, als ich un⸗ ter den Rebengeländern auf⸗ und niederging, und mich der herrlichen Ausſicht auf das Meer freute, das un⸗ ter mir lag, ſah ich plötzlich eine junge Frau mir ent⸗ gegen kommen. Ein einfaches, ſchwarzes Gewand um⸗ ſchloß ihren edlen Wuchs, ein ſchwarzer Schleier war zurückgeworfen über die blonden Locken, und ihr ſchö⸗ nes blaues Auge erwiederte meinen Gruß mit freund⸗ lichem Lächeln. Ueberraſcht durch den Anblick ſtand ich einige Augenblicke ſtumm und verlegen.— „Verzeihen Sie einer Fremden, daß ſie hie Jo B zudringlich erſcheint,“ hob ſie an. ‚Ohne Zyeifel hbe ich die Ehre, mit dem Eigenthümer dieſes ezauben⸗ den Ortes zu ſprechen? Ich wollte das Kas nicht vr⸗ laſſen, ohne den Berg zu ſehen, wo die Perle unter allen Gaben des Bacchus reift.:— „Ich bin,“ gab ich zur Antwort, ‚nur der Gaſt meines Verwandten, welcher eilen wird, Sie hier zu bewillkommnen. Erlauben Sie mir indeß, Ihnen dies als Pfand ſeiner Gaſtfreundſchaft zu überreichen,“ fügte ich hinzu, und bot ihr eine köſtliche Traube, die ich von dem überhangenden Rebenzweige brach, der uns Schatten gab.(Siehe Bild S. 201.) In dieſem Augenblicke kam mein Vetter aus dem Landhauſe, po er die Zeit der Weinleſe zubrachte, und die beidſn Kammerfrauen, welchen die Gebieterin vorausg elt d 2 ————2—— - 201—— war, näherten ſich ebenfalls. Die Fremde ward höf⸗ lich empfangen, und mein Verwandter bat ſo freund⸗ 5 lich, daß ſie ſeine Einladung zu einem Frühſtücke an- nahm. Als wir ſie in's Haus führten, erzählte ſie 4 uns, ſie käme aus Oſtindien, das ſie nach dem Tode 4* ihres Mannes verlaſſen habe, um nach England, dem Lande ihrer Väter zu reiſen. „Allein alſo haben Sie dieſe lange, gefahrvolle 1 Reiſe unternommen?' fragte mein Vetter. „Seit einigen Monaten bin ich mit meinen Be⸗ gleiterinnen auf der See,“ antwortete ſie. ‚Kaum haben wir die Hälfte des Weges zurückgelegt, ſogar einen heftigen Sturm beſtanden, und doch ſehe ich ohne Furcht den langen Weg, der noch vor uns liegt. Aber Sie müſſen wiſſen, Glück zur See iſt ein Erbtheil meines Hauſes; mein Großvater, ſowie mein Vater ſind auf dem feſten Lande geſtorben, und doch haben einem lebenden Gegenſtande in Verbindung zu brin⸗ gen.— Die Fremde war ſchön, verſtändig, und nach dem Anſehen zu urtheilen brachte ſie einen hübſchen Antheil von Indiens Reichthümern nach Europa. Was konnte ich mehr wünſchen. Ich ſah ſie noch einige Male in dem Weinberge meines Vetters und in der Kapſtadt. Mein Vetter und ich begleiteten ſie, als ſie die merkwürdigſten Gegenden der Anſiedelung beſah, wir beſtiegen mit ihr den Tafelberg, um uns an der Seite in den Gebirgen von Afrika verliert, auf der aaandern über das Weltmeer nach den Eisbergen des Südpols hin unermeßlich ſich ausdehnt. ¹„Die ſchöne Wittwe war freundlich gegen mich und lich ſchmeichelte mir, daß ihr Wohlwollen mehr, als * bloße Dankbarkeit gegen die gaſtfreundliche Gefälligkeit 1 war, die mein Vetter und ich ihr erwieſen hatten. Ihr Aufenthalt in der Kapſtadt ſchien noch lange dauern un müſſen, da ihr Schiff, das vor Anker lag, vieler Ausbeſſerungen bedurfte, ehe es die Reiſe nach England I Feierſtunden.- 186 1 herrlichen Ausſicht zu ergötzen, die ſich auf der einen ſie einen großen Theil ihres Lebens auf dieſen Meeren zugebracht, ohne je einer Gefahr zu unterliegen, und es fehlte wenig, ſo wäre ſogar das indiſche Meer meine Geburtsſtätte geworden.“ „Wir brachten einen frohen Tag in dem Landhauſe zu, wo die Fremde, von meinem gaſtfreundlichen Vet⸗ ter zurückgehalten, bis gegen Abend verweilte. Ihre geiſtreiche Heiterkeit, ihr warmes und zartes Gefühl, ihre edlen Geſinnungen, Alles feſſelte mich an ſie. Ich merkte bald, daß ihr Anzug mehr als ihre Seele um den verlorenen Gatten trauerte, und ich hoffte, wenigſtens keine geliebten Erinnerungen beſiegen zu müſſen. Ja, meine Freunde, ich hatte wirklich Freier⸗ abſichten. Schon vor meiner Abreiſe in die Heimath, und wieder während meines Aufenthaltes in Batavia, war's mir eingefallen, daß man im dreißigſten Jahre wohl anfangen möchte, den Gedanken an Liebe mit ;« . 200.) fortſetzen konnte. Recht glücklich für deine Bewerbun⸗ gen! dachte ich. Du haſt Zeit und Gelegenheit, ihr Herz zu gewinnen, und ihr zu zeigen, daß ſie auch mit dir nicht ganz übel fahren möchte. Vielleicht ſegelſt du mit ihr nach Europa, und wenn du dann den geraden Weg zu dem Glücke deines Lebens gefunden haſt, wird dieſes Vorgebirge auch für dich das Land der guten Hoffnung geweſen ſein. „Eines Tages, als ſie mit einigen andern Gäſten aus der Kapſtadt auf dem Weinberge meines Vetters war, ging ich allein mit ihr, von der übrigen Geſell⸗ ſchaft entfernt, unter den Reben auf und nieder. Nach einer langen Pauſe faßte ich Muth und ſagte ihr auf⸗ richtig und warm, wie's mir um das Herz war. Sie ſah mich einige Augenblicke ſchweigend an. Lieber van 4 Hagen,“ antwortete ſie endlich,„Ihr An⸗feerunneiſcht,“ mich ebenſo ſehp, als ich mich iermngn Das Vertrauen, das Sie zu mir, beftnigt, daß er ſie ſen, rührt mich tief. Aber,“ 4 ttin Naen und nie drückte ſanft meinen Arm, der⸗ur ainng . 8 .. 7„ 8.. wüßten, was ich gelitten habe in einer unglücklichen Ehe, die ich mit widerſtrebendem Herzen ſchließen mußte, ſo würden Sie es ſehr natürlich finden, daß ich vor dem Gedanken an eine neue Verbindung zurückbebe, wie ein erlöster Gefangener vor dem Gedanken an die Feſſeln, die er abgeworfen hat. Wenn ich aber je den Entſchluß faſſen könnte, einen neuen Bund zu knüpfen, ſo würde ich ihn nur mit einem Manne ſchließen, den ich vielleicht nirgends in der Welt finde.“(Siehe Bild S. 204.) „Alſo ein Ideal ausſchließlicher Vollkommenheit, das kein armer Sterblicher erreichen kann?: antwortete ich mit einem Lächeln, das meine Empfindlichkeit nicht ganz verbergen mochte. „Ja,“ hob ſie wieder an, zein Ideal, wenn Sie wollen, mein Ideal, aber noch einmal, ſchwerlich werde ich es finden. Darum will ich lieber die Freiheit be⸗ wahren, die ich in zwei traurigen Jahren ſo ſchmerz⸗ lich herbei geſehnt habe, als das größte Glück meines Lebens. Glauben Sie mir, lieber van Hagen, ich achte ſie hoch, und ihr Andenken wird mir immer theuer ſein, und noch theurer nach dem Vertrauen, das Sie mir eben bewieſen haben. Doch bitte ich Sie, laſſen Sie uns nicht wieder davon reden.: „Wie ſollte ich dieſe Antwort deuten? Jetzt freilich ſehe ich wohl, daß ſie nichts als ein zart und zierlich geflochtenes Körbchen war. Allein noch immer von Hoffnung gehoben, genoß ich noch einige Zeit das Glück ihres Umganges, bis ſie mir eines Tages uner⸗ wartet ſchnell die Nachricht gab, ihr Schiffskapitän werde mit dem erſten günſtigen Winde die Anker lich⸗ ten, da die Ausbeſſerung des Schiffes vollendet wäre. Vas empfand ich in dieſem Augenblicke! Ich hatte mir oft vorgenommen, zu gleicher Zeit mit ihr nach Europa zu reiſen, aber das war unmöglich. Die Geſchäfte, die ich vor meiner Abreiſe beſorgen mußte, waren noch lange nicht beendigt, ohne einen beträchtlichen Theil meines Vermögens in Gefahr zu bringen und einen ſchmerzlichen Entſagung mich unterwerfen. Konnte ich doch vielleicht ſchon in wenigen Wochen ihr folgen, vielleicht ſie noch einholen auf ihrem Wege, und auf alle Fälle wollte ich gleich nach der Rückkehr in meine Heimath ſie in England aufſuchen, wohin meine Ge⸗ ſchäfte mich ohnehin bald rufen mußten. ich von ihr in der Hoffnung, ſie noch vor Ende des Jahres in London wieder zu ſehen. Sie war beim Abſchiede nicht weniger gerührt als ich, und ſagte mir, daß ſie auch in Europa gern die Freundſchaft fortſetzen werde, die wir auf der äußerſten Spitze von Afrika geknüpft hatten. Als ich in meine Heimath zurück kam, wurden meine Entwürfe durch wichtige häusliche Ereigniſſe vereitelt, die Störungen des Krieges kamen bald hinzu, und jetzt, wo das Schickſal mich auf's Neue von Europas Küſten geführt hat, muß ich vielleicht auf immer die Hoffnung aufgeben, die ſchöne Frau wiederzufinden. ‚Wohlan,“ ſchloß Kornelius van Hagen ſeine Erzählung, und füllte noch einmal die Gläſer:„Ihrem Andenken!““ .„Ja, billig gedenken wir Ihrer reizenden Wittwe bei düohen Wein,“ ſprach Lamotte.„Vielleicht hat Nr den Rebengelle er lächelnd hinzu,„auf eben den der herrlichen Ausfaäft uns jetzt erquickt, ihr Auge ge⸗ ter mir lag, ſah ich ſſchöne Hand ſie berührt. Doch gegen kommen. Ein einfn löſen. Sie werden ſehen, ſchloß ihren edlen Wuchs, — 202—— So ſchied Ach, es ſollte nicht ſo erfüllt werden! lieber van Hagen, unſer Schickſal hat viele Aehnlich⸗ keit. Auch ich war in Arkadien, auch ich war, wie Sie, ein Leidensgenoſſe des armen Tantalus. Kurz vor dem Ausbruche der Revolution mußte ich eine Reiſe nach San Domingo machen, um eine anſehn⸗ liche Pflanzung zu unterſuchen, die mir durch Erbſchafte zugefallen war. Nach einem langen Aufenthalte auf der Inſel fand ich die gewünſchte Gelegenheit, einen ſehr guten Handel zu machen, und verkaufte meine Beſitzung. Ich hielt ſie zu jener Zeit für das Lä⸗ ſtigſte in der Welt, denn um ſie zu einem guten Er⸗ trage zu bringen, hätte ich auf der Inſel bleiben müſ⸗ ſen, und es dünkte mir unmöglich, die Annehmlich⸗ keiten meines Vaterlandes aufzugeben. Alles war in Ordnung, und ich erwartete in Port⸗Louis die Abreiſe meines Schiffes nach Europa, als ich einſt in einer Geſellſchaft eine Frau kennen lernte,— o nie ſah ich etwas Aehnliches, und doch kann ich mich rühmen, die reizendſten Frauen in Paris gekannt zu haben. Sie war eine Engländerin, und im Begriffe nach Amerika zu reiſen, um einige Zeit bei einer Verwandten zuzu⸗ bringen, deren Erbin ſie ſein ſollte. Es iſt wahr, ſie hatte etwas von dem kalten Ernſte, der vielen Eng⸗ länderinnen eigen iſt, aber mich konnte das nicht ab⸗ ſchrecken. Die reizende Frau begeiſterte mich zu man⸗ chem zärtlichen Liede. Ich ſah ſie zwar nie anders, als in großen Geſellſchaften, wo die Aufmerkſamkeit einer ſchönen Frau, die Anſprüche machen kann, ſo ſehr getheilt wird; aber ich glaubte zu bemerken, daß ſie mich auszeichnete, ſich gern mit mir unterhielt und meine Huldigungen nicht unfreundlich aufnahm. Ich war eines Abends in einer Geſellſchaft, wo ſie zuge⸗ gen war, ſehr heiter und glücklich geweſen, ich hatte mich ihrer frohen Laune gefreut, ich hatte in ihren ſchönen Augen bald das Lächeln der Freude, bald auf⸗ munternden Beifall über meine zärtlichen Bemühungen geleſen, und beim Abſchiede die Hoffnung erhalten, ſie öger zwei Tage nachher bei einem von mir vorbereiteten bedeutenden Gewinn zu verlieren; daher mußte ich der ländlichen Vergnügen wieder zu ſehen. Am folgenden Tage machte ich einen Beſuch in einem Hauſe, wo ich ſie einige Male geſehen hatte. Ach, welche ſchmerz⸗ liche Nachricht erwartete mich! Das Schiff, worauf die ſchöne Wittwe ihre Reiſe machte, war vor weni⸗ gen Stunden bei günſtigem Winde nach Jamaika ab⸗ gegangen. Ich eilte in den Hafen. Kaum ſah ich noch in der Ferne die weißen Segel, mit welchen meine Hoffnungen entflohen.(Siehe Bild S. 205.) Der Eigen⸗ thümer des Schiffes, mit welchem ich wegen der Rück⸗ reiſe nach Frankreich einig geworden war, wollte nun, ſeinen früheren Entſchluß ändernd, ſchon in wenigen Tagen die Antillen verlaſſen, und es ließ ſich nicht erwarten, daß vor dem Winter noch ein anderes Schiff nach Europa ſegeln werde. Mit traurigem Herzen ſchied ich von dem Eilande, wo ich in den letzten Ta⸗ gen meines Aufenthaltes ſo glücklich war. Ach ſie waren mir ſo ſchnell entflohen, als mir früher doppelt ſo viele Monate langſam und ſtill dahin geſchlichen waren! Ich nahm das Geld, welches ich aus dem Verkaufe meiner Pflanzung gelöſet hatte, mit nach Frankreich, um es dort anzulegen. Unglückliches Ver⸗ hältniß! Bald nach meiner Ankunft brach der Sturm aus und verſchlang Alles, was ich beſaß. Kaum ent⸗ floh ich dem Blutgerüſte. Keine Hoffnung mehr u Rückkehr und Erſatz, keine Ausſicht mehr auf ein glück⸗ liches, unabhängiges Leben!“— Von ſchmerzlichen ———,— ——— — 203—— Gedanken bewegt, ſchwieg Lamotte, und legte ſinnend den Kopf in die Hände. „Die Launen des Schickſals werden Sie nie ganz niederbeugen, mein Freund,“ hob van Hagen an.„Mit Kraft und muthiger Hoffnung wird es Ihnen gelingen, ſich wieder zu verſchaffen, was es Ihnen entriſſen hat.“ „Ja, wenigſtens was ſich durch Muth und An⸗ ſtrengung wieder erwerben läßt,“ fiel Velthuſen ein. „Und ich hoffe, was ſo durch Mühe errungen wird, ſoll auch kein ganz unglückliches, kein trauriges, ab⸗ hängiges Leben ſein. Aber auch ich, meine Freunde, habe erfahren, daß es Verluſte gibt, die nichts erſetzen kann. Träume glücklicher Stunden, welche unſere Sehnſucht nie zurückzurufen vermag. Mich hat das Schickſal doch noch härter getroffen, als euch, meine Freunde. Ich liebte, ich genoß die zärtlichſte Gegen⸗ liebe, und mir iſt nichts geblieben, als die unvergäng⸗ liche Erinnerung an das verlorene Glück, das ich nie wieder finden kann.— Sonderbar, Jeder von uns fand ſein Arkadien in einem anderen Erdtheile, Sie, lieber van Hagen, in Afrika, Sie, Lamotte, in Ame⸗ rika, und ich in Aſien am Ufer des Ganges. Ich kam vor einigen Jahren nach Kalkutta als Geſchäftsfüh⸗ rer eines Hauſes in Liverpool, in welchem ich lange gearbeitet hatte. Meine Geſchäfte machten mich mit einem angeſehenen Kaufmanne bekannt, der ſeit zwan⸗ zig Jahren eine große Muſſelinfabrik betrieb, und einige Dienſte, die ich ihm leiſten konnte, gewannen mir ſein Wohlwollen. „Er lud mich eines Tages ein, ihn in ſein Land⸗ haus zu begleiten, das einige Meilen von der Stadt, an einem Arme des Ganges lang. In dieſem reizen⸗ den Aufenthalte lebte er faſt immer mit den Seinigen, und kam gewöhnlich nur am Ende jeder Woche nach Kalkutta, um die Angelegenheiten der Fabrik zu beſor⸗ gen, über welche ſein Sohn die unmittelbare Aufſicht führte. Außer dieſem hatte Waddiſon noch eine Toch⸗ ter, kaum ſechzehn Jahre alt. Ein herrliches Mädchen! Schmerzliche Leiden haben ſeitdem vielfältig auf mich gewirkt und meine Stimmung trübe und finſter gemacht, aber unvergeßlich iſt mir der Tag, wo ich ſie zum erſten Male ſah, und dieſe Erinnerung würde mich ganz heiter machen, wenn nicht ſo viele andere ſchmerz⸗ liche ſich an ſie knüpften. Nie habe ich eine reizendere Geſtalt geſehen, nie eine reinere Seele gekannt. Der eedle Stolz der Engländerin war mit dem Zarteſten verſchmolzen, was unter Italiens mildem Himmel ge⸗ deiht. Ja, ſie würde den Preis der Anmuth gewon⸗ nen, und Herz und Sinne entzückt haben, wenn ſie unter den indiſchen Tänzerinnen ſich gezeigt hätte. Ich verlebte einige glückliche Tage auf dem bezaubernden Landſitze, wie in einem ſeligen Rauſche. Mit freiem Herzen te ich es betreten, und als ich's verließ, ſagte mir ſchon ein geheimes Gefühl, daß ich fortan nur unter einer Bedingung glücklich ſein könnte. Hätte ich's mir geſtehen können, wie ſchwer ſie zu erfüllen war? Ach, was dünkt der Begeiſterung eines Herzens öglich, das zum erſten Male von dem heiligen zer einer edlen Liebe entffammt wird! Nach dem eiten Beſuche kehrte ich in einer lebhafteren Stim⸗ ung, mit einem glücklicheren Herzen zurück. Faſt zu jeder Stunde ward mir die Gelegenheit, Miß Wad⸗ diſon zu ſehen, und bei der vertraulichen Nähe, welche das Landleben herbeiführte, hatte ſich zwiſchen uns ein ſtilles Verſtändniß gebildet. Die Uebereinſtimmung in 3 3 unſern Anſichten und unſerer Empfindung, die ſich bei ſo manchen Gelegenheiten, oft zu unſerer eigenen Ueber⸗ raſchung, verrieth, zog uns unmerklich näher zu ein⸗ ander, und zuweilen, wenn wir uns in einem Ge⸗ danken, in einem Gefühle begegneten, geſchah es dann wohl, daß wir beide verlegen ſchwiegen, als ob wir gefürchtet hätten, ein Geheimniß zu verrathen, das wir ſelbſt kaum noch ahnten. „Ich will euch nicht beſchreiben, meine Freunde, wie ich durch eine Reihe glücklicher Augenblicke zu der ſchönen Stunde kam, wo das Geſtändniß der Gegen⸗ liebe alle Zweifel löste, womit ſich das unruhige Herz zuweilen gequält hatte. Henriettens Vater wußte noch nichts, und wir ſcheuten uns Beide, ihm unſere Wünſche zu entdecken. Er war ein biederer Mann, liebevoll gegen die Seinigen, herzlich und offen gegen Jeden, dem er Vertrauen und Freundſchaft geſchenkt hatte; aber er zeigte ſich unerbittlich, wo einmal ein Entſchluß gefaßt war, der ſeine Entwürfe fördern konnte. Ich hatte mir damals durch eigene Thätigkeit ſchon etwas erworben, und verdankte dem regen Fleiße meines Va⸗ ters die Ausſicht auf ein Erbtheil, das auch in mei⸗ nen Händen, wie ich hoffte, wachſen und gedeihen ſollte. Dies erhob zuweilen meinen Muth, und in manchen Augenblicken, wo der wackere Mann, nach ſeiner herz⸗ lichen Weiſe, mir die wärmſten Betheurungen von ſei⸗ ner Freundſchaft gab, war ich nahe daran, das volle Herz vor ihm auszuſchütten, aber eine bekümmernde Ahnung hielt mich immer zurück, und meine Geliebte ſchien meine Beſorgniſſe zu theilen. „Herr Waddiſon wollte das Geburtsfeſt ſeiner Gattin glänzend feiern. Das Sinnreichſte, was euro⸗ päiſche Kunſt erfunden, das Prächtigſte, was die Uep⸗ pigkeit der Morgenländer erſonnen, wurde aufgeboten, um die Gäſte zu erfreuen. Als die heißen Tagesſtun⸗ den vorüber waren, kamen viele ſchöne Frauen in koſt⸗ baren Palankins aus Kalkutta, und mehrere Offiziere aus dem Fort William ſprengten auf munteren Pfer⸗ den hinter der glänzenden Reihe her, die ſich dem Land⸗ hauſe näherte. Die Geſellſchaft ging in den kühlen Marmorſaal, der unter den ſchattigſten Bäumen des Gartens lag, und ward mit feurigem Schiraswein, mit lieblichen Früchten und anderen köſtlichen Speiſen reichlich bewirthet, während Tänzerinnen uns durch anmuthige Tänze entzückten. Darauf zerſtreuten ſich die Gäſte im Garten. Es war eine köſtliche Nacht. Kühle Lüftchen wehten vom Fluſſe her, und raubten die ſüßeſten Wohlgerüche den blühenden Bäumen und Blumen, deren Spitze ihr leiſer Hauch kaum beugte. Es gelang meiner Geliebten, ſich aus der Geſellſchaft zu entfernen, und wir wandelten allein unter einer Reihe von Granatbäumen. Die Blätter und Zweige dieſer Bäume waren mit zahlloſen Leuchtwürmern be⸗ deckt, welche einen glänzenden Lichtſchein von ſich war⸗ fen, der einer prächtigeren Erleuchtung glich, als ſie in den anderen Gängen des Gartens die Kunſt ange⸗ ordnet hatte. Einige liebliche Singvögel, Nachtigallen und Pagodroſſeln, welche vor dem Geräuſche des Feſtes in dieſe einſamen Schatten geflohen waren, entzückten uns durch ihre Töne. Wir ſetzten uns auf eine Bank. Meine Freundin war ſtill und nachdenkend mitten un⸗ ter dem fröhlichen Lärme. Einige Aeußerungen, die ihrem Vater in den vergangenen Tagen entſchlüpft waren, hatten ihr die Vermuthung beſtätigt, daß er ſie nur einem reichen Manne zur Gattin geben und nie einwilligen werde, ſich von ihr zu trennen. Sie er⸗ zählte mir dies, als ich ihr einen Vorwurf machte über ihre Traurigkeit in einem Augenblicke, wo ich das ſel⸗ tene Glück genoß, ſie allein zu ſehen. ‚Ach Henriette,“ rief ich wonnetrunken, ‚ſo lange dieſes Herz ſchlägt, deſſen Empfindungen Ihnen geweiht ſind, erhebt mich die Hoffnung, jede Schwierigkeit zu beſiegen. Kein Opfer iſt zu groß, das ich nicht gerne brächte, um Sie zu gewinnen; Freunde, Vaterland, Alles will ich verlaſſen. Laſſen Sie uns morgen,“ fuhr ich fort, llaſſen Sie uns heute noch mit Ihrem Vater reden.: „Henriette antwortete mir, ſie hätte ihr Herz ihrer Mutter geöffnet, auf deren Wohlwollen und Theil⸗ nahme wir rechnen durften. Sie wird meinen Vater vorbereiten, ſetzte ſie hinzu, dann wird er vielleicht —— 204— günſtiger auf unſere Verbindung ſehen. Ach, ich kann eine bange Ahnung nicht unterdrücken, wenn ich an die Zukunft denke, fuhr ſie fort. „Als ſie dieſe Worte geſprochen hatte, ſchallte die fröhliche Muſik aus dem Saale, für uns ein Zeichen, daß ſich die Geſellſchaft wieder vereint hatte. Wir mußten fürchten, vermißt zu werden; meine Geliebte brach in Thränen aus, und wir wollten den ein⸗ ſamen Platz verlaſſen. Da ſahen wir eine männ⸗ liche Geſtalt unter den erleuchteten Bäumen herankom⸗ men. Ich erkannte den Vater Henriettens.(Siehe Bild S. 208.) Es war unmöglich, uns zu verber⸗ gen oder zu fliehen. Er blieb einige Augenblicke ſtehen, indem er uns erkannte, als ob er bei der Ueberraſchung, die ihn ergriff, ſeinen Augen nicht getraut hätte. Wir ‿ (Siehe S. 202.) eilten ihm entgegen, und von ſeinem ernſten Blicke empfangen faßten wir, von einer Empfindung bewegt, ſeine Hände, die wir an unſer Herz drückten. „Herr Velthuſen,“ hob Waddiſon nach einer Pauſe an, ‚Sie fühlen, daß ich Urſache habe, durch ihr Be⸗ tragen überraſcht zu ſein.“ Er ſprach dieſe Worte ſehr ernſt, aber nicht mit dem zurückſchreckenden Unwillen, den ich gefürchtet hatte. Das gab mir Muth, und ich zeigte ihm mein ganzes Herz, meine Wünſche, meine Entſchlüſſe, ich erwartete von ſeinem Ausſpruche die Entſcheidung über das Glück meines Lebens. Henriette ſprach eben ſo warm zu dem Herzen des Vaters. Der Ernſt ſeines Auges ward milder. noch nein,“ hob er endlich an, ‚wir wollen das Feſt in heiterer Stimmung beſchließen, und Sie, Herr Velthuſen, wünſche ich morgen nach dem Frühſtücke in meinem Zimmer zu ſehen.“ „Von Hoffnung erfüllt, welche dieſe Worte erweck⸗ ten, konnte ich mit unbefangener Heiterkeit an dem Feſte Theil nehmen. Als Waddiſon am folgenden „Heute weder ja Morgen vom Frühſtücke aufſtand, gab er mir einen Wink, der mich an unſere Verabredung mahnen ſollte. Ich folgte ihm. Er machte mir einen ſanften Vor⸗ wurf über meinen Mangel an Vertrauen, aber je mil⸗ der er mich daran erinnerte, daß ich die Pflichten der Gaſtfreundſchaft nicht heilig geachtet hatte, deſto ſchmerz⸗ licher empfand ich's. Was ich ſagte, ſchien ihn zu verſöhnen, und ich wiederholte nun Alles, was ich ſchon am vorigen Abende ihm entdeckt hatte. Ich eröffnete ihm den Entſchluß, mein Vermögen aus Euroya zu ziehen, und mich in Indien niederzulaſſen, wend ich nur um dieſen Preis die Hand ſeiner Tochter erba könnte. „Lieber Velthuſen,“ antwortete Waddiſon⸗ Sie wiſſen, ich habe Achtung und Zutrauen gegen Sie, wie gegen wenige Menſchen. Aber ich berge es Ihnen nicht, da ich entſchloſſen bin, mein Leben hier zu be⸗ ſchließen, ſo werde ich meine Tochter nie einem Manne geben, der ſie mir entführen müßte; ſie und ihre Kin⸗„ der ſollen einſt die letzte Freude meines Alters ſein gen lten— ßen Blumen ſagen. — 205—— Was Sie mir von Ihrem Entſchluſſe ſagen, beweist mir, daß Ihre Liebe gegen meine Tochter warm und aufrichtig iſt; aber wird es Ihnen auch vergönnt ſein, Ihren Vorſatz auszuführen, da Ihr Vater noch lebt?: „Ich antwortete ihm, daß ich dieſen Umſtand am wenigſten fürchte, da ich nicht der einzige Sohn ſei und leicht meines Vaters Einwilligung zu erhalten hoffe, um mein Glück in fernen Gegenden zu ſuchen. „Wohlan,“Ä ſprach Waddiſon, zich gebe Ihnen gern einen Beweis meines Vertrauens und meiner Liebe. Reiſen Sie in Ihre Heimath, um Ihres Vaters Ein⸗ willigung zu holen. heiten dar, um meine Tochter vortheilhaft zu verhei⸗ rathen, aber ich will anderthalb Jahre auf Sie war⸗ ten. Laſſen Sie ſich mit Ihrem Vermögen hier nieder und ich umarme Sie mit Freuden als meinen Sohn. „Bei dieſer Verabredung blieb es. Ich bereitete (Siehe S. 202.) welche ſie mir darreichte, an meine Lippen. ‚Mein Herz wird immer glühen,“ hob ſie wieder an, ‚für dich glühen, wie dieſe Granatblüthen; aber treu wird es bleiben dem erſten Gefühle, das du erweckteſt, rein und aufrichtig, bis es bricht, das ſollen dir dieſe wei⸗ Sieh,“ fuhr ſie fort, und zeigte mir das grüne Blättchen, welches kaum ſichtbar un⸗ ter den Blumen hervor blickte, die Farbe der Hoffnung wagt es kaum, ſich zu zeigen. „Ach theures Mädchen!' fiel ich bewegt ein, ‚Hoff⸗ nung, glückliche Hoffnung und Muth erheben mein Herz auch in dieſem Augenblicke, ſonſt müßte ich er⸗ liegen.“ „Nein,“ antwortete ſie ſanft, ‚dieſes Blättchen wird lange verdorrt ſein, wenn die anderen Blumen, auch verwelkt, noch den Glanz ihrer Farbe nicht verloren haben. Doch mag alle Hoffnung ſchwinden, auf ewig bleihen Liebe und Treuel’ „Es waren ihre letzten Worte. Kaum vermocht⸗e ſie das Lebewohl auszuſprechen; ſie war aus meinen Blicken entſchwunden, als ich noch, vom Schmerze der Es bieten ſich mir zwar Gelegen- — mich, um mit dem nächſten Schiffe abzureiſen, vor, und ſah der Zukunft mit frohem Muthe entgegen. Endlich erſchien der Tag der Trennung— ach der ewigen Trennung! Ich hatte von Henrietten im Kreiſe der Ihrigen Abſchied genommen, aber als ich raſch unter den hohen Ahornbäumen hinab ging, die zu dem Landhauſe führten, ſah ich ſeitwärts die winkende Ge⸗ liebte. Ich flog ihr entgegen. Sie ſank tief bewegt an mein Herz. ‚Zum letzten Male!“ ſprach ſie, zach ich fühle es, zum letzten Male! Wir ſehen uns auf Erden nicht wieder.“ Thränen erſtickten ihre Stimme. Dann nahm ſie aus ihrem Buſen einen Strauß von Granatblüthen, weißen Mongris und duftenden See⸗ roſen, der mit einer Locke von ihrem Haare umwun⸗ den war.„Zum Andenken an meine Liebe, zum An⸗ denken an unſer kurzes Glückl!’ ſprach ſie. „Ich drückte die Blume und die theure Hand, Trennung ergriffen, meine Arme nach ihr ausbreitete! Ich eilte nach der Stadt, die ich am folgenden Tage verließ. Nach einer glücklichen Fahrt landete ich in England, und bald nachher ſah ich meine Heimath wie⸗ der. Welcher Schmerz aber erwartete mich! Kaum war der Sturm beruhigt, der im Innern meines Va⸗ terlandes getobt hatte, da wälzten ſich die Schreckniſſe des Krieges über unſere Grenzen. Mancher Verluſt hatte meinen unglücklichen Vater ſchon gebeugt, und jetzt fiel der letzte Schlag, der ſein ganzes Vermögen vernichtete und auch mir Alles nahm, was ich ſeit fünf Jahren durch eigenen Fleiß gewonnen. In jeder anderen Lage würde ich dieſen Verluſt gleichgültiger ertragen und Kraft und Muth in mir gefunden haben, durch verdoppelte Anſtrengung wieder zu erwerben, was das Schickſal mir entriſſen hatte; aber es raubte mir mit den Gaben des Glückes und dem Lohne des Fleißes zugleich die ſchönſte Hoffnung meines Lebens, und dies war's, was meinen Muth niederwarf und alle Kraft der Seele unheilbar lähmte. Wie hätte ich nun daran denken mögen, dahin zurückzukehren, wo die Liehe mich rief! Waddiſon war theilnehmend und edel, aber den dürftigen Verbannten, der es gewagt hätte, um die Hand ſ ſeiner Tochter zu werben, würde er ſtolz abge⸗ wieſen haben. Und ich leugne es nicht, ich ſelbſt war zu ſtolz, als daß ich den Gedanken hätte faſſen können. Mein armer Vater und mein Bruder Keladen unter ihrem Unglücke, und als ich ſie begraben hatte, blieb mir kaum ſo viel übrig, daß ich dieſe Reiſe nach Ame⸗ rika unternehmen konnte, wo ich doch wohl ein Plätz⸗ chen finden werde, das einen fleißigen Anbauer näh⸗ ren kann.“ So endigte Velthuſen ſeine Erzählung. Die Freunde hatten ihm mit Theilnahme zugehört, und als er ſchwieg, folgte eine Pauſe ſtiller Rührung. „Lieber Velthuſen,“ hob endlich Kornelius van Hagen an,„es iſt wahr, Sie nehmen ſchmerzliche Erinnerungen mit in's neue Leben, und was Lamotte und ich erfahren haben, iſt gering gegen die grauſamen Täuſchungen, welche das Schickſal Sie erleiden ließ. Aber Sie ſagten es ja ſelbſt, kein ganz unglückliches, kein traurig abhängiges Leben kann es ſein, was durch eigene Arbeit und Mühe errungen wird. Nein, nicht, und wir müſſen uns deſto mehr unſerer eigenen Achtung werth fühlen, und alſo deſto glücklicher ſein, je mehr wir uns mit Muth und ſel bſtſtändiger Kraft über unſer Schickſal erheben. Doch, meine theuren Freunde, unſere Unterhaltung hat uns in eine Stim⸗ mung verſetzt, die verbannt werden muß, wenn man⸗ auf den ſchwankenden Brettern zwiſchen Meer undi Tages zurückkehren. und ging über den Gang, der zu ihren Wohnzimmern Himmel dahin ſchwebt. Wohlan, hier iſt noch eine verſiegelte Flaſche des Weins, der uns die erſte Veran⸗ laſſung gab, dieſe Erinnerung zurückzurufen. Er ſoll uns nun auch ein wohlthätiger Lethetropfen werden.“ Nach dieſen Worten füllte van Hagen die Gläſer wieder, und ſeine gemüthliche Heiterkeit wußte der Un⸗ terhaltung eine ſo muntere Wendung zu geben daß die Freunde noch lange beiſammen blieben. Sie aren auch wieder die Erſten auf dem Verdecke, als ſich bei Anbruche der Morgenröthe ein günſtiger Wind erhob und das Schiff an die Küſte von Teneriffa trug. Der Aufenthalt auf dem blühenden Eilande, das eben im vollen Schmucke des Sommers ſtand, brachte die beiden Auswanderer völlig in eine fröhlichere Stim⸗ mung, und als das Schiff nach einigen Tagen wieder unter Segel ging, ſahen ſie der Zukunft mit friſchem Muthe entgegen, zumal der biedere Holländer ihnen Hoffnung machte, durch ſeine Verbindungen in Amerika ihnen zu dem Beſitze vortheilhafter Anſiedelungen zu verhelfen. Eine fortdauernd glückliche Fahrt brachte ſie bald zu den Küſten der neuen Welt, und an einem heiteren Abende erreichten ſie endlich das vorläufige Ziel ihrer Reiſe, den Hafen von Charlestown. Der Holländer mußte hier einige Zeit verweilen, aber er verſprach ſeinen Freunden, ſie vor Antritt ſeiner Reiſe nach Surinam bis Philadelphia zu begleiten, wo ſie über die Anſiedelungen am Ohio Erkundigungen einziehen wollten. Während nun er ſeine kaufmänniſchen Ge⸗ ſchäfte beſorgte, wobei Velthuſen ihn eifrig unterſtützte, ſuchte Lamotte in der Stadt und Umgegend ſich zu zerſtreuen. Eines Morgens gingen die drei Freunde nach dem Frühſtücke aus des Holländers Zimmer, da der Wagen vor der Thüre des Wirthshauſes wartete, um ſie nach - 206—— gewiß einem benachbarten L kandhauſe zu bringen. Kaum waren ſie an der Treppe, als eine junge Frau, begleitet von einem Kammermädchen, ihnen entgegen kam, die eben heraufgeſtiegen war. Ueberraſcht blieben die Männer ſtehen.„Miſtriß Clarendon!“ riefen van Hagen und Lamotte mit dem nsri des lebhafteſten Erſtaunens; „Henriette!“ rief Velthuſen, und in ſeinem Ausrufe verrieth ſich das tief erſchütterte Herz. Während der ſmmmen Pauſe ſahen alle drei bald die ſchöne Frau, bald einander an. Die Fremde erkannte Velthuſen zuerſt. „Nein,“ ſprach ſie mit einer bewegten Stimme, „ich irre mich nicht,“ und von ihrer Ueberraſchung ſich erholend, fuhr ſie nach einer Pauſe fort:„Herr Kornelius van Hagen, ich ſehe Sie wieder— Sie ſind es, Herr von Lamotte! Ja, ich habe Sie alle drei unter ſehr verſchiedenen Umſtänden, in wunderbar ver⸗ ſchiedenen Lagen gekannt, und es ieräͤſch mich nicht wenig, Sie hier zu finden. Ich hoffe, Sie ſind nicht im Begriffe, wieder abzureiſen. E wird mich freuen, wenn ich Sie heute Mittag oder heute Abend bewirthen kann, um die alte Bekanntſchaft zu erneuern. Alſo, wann darf ich Sie erwarten?“ Der Franzoſe war der Erſte, der ruhig und un⸗ befangen genug war, um der Fremden mit der artig⸗ ſten Wendung ſagen zu können, daß nur eine gegebene Zuſage ſeine Freunde und ihn des Glückes beraube, an ihrer Seite zu ſein, doch würden ſie zu Ende des Die ſchöne Frau verbeugte ſich Noch einmal aber begegnete ihr Auge Velt⸗ füh rte. — u ſagen, daß auch ihr ſens B licke, und ſchie Erinnerung an die Ahelt, welche ſein Herz lebhaft bewegte, lieb und theuer wäre. Schweigend gingen die Freunde die Treppe hinab, und ſtiegen in den Wagen. „Sonderbar! In der That, ein wunderbares Aben⸗ teuer!“ unterbrachen van Hagen und Lamotte das Stillſchweigen. t. 5„Alſo dieſe ſchö F Frau, Miſtriß Clarendon,“ fuhr der Franzoſe fort, gwar die Geliebte, welche Sie vor einigen Jahren in Indien zurückließen, Velthuſen?“ „Ja, Miß Henerette Waddiſon,“ erwiederte der Flammänder.„Glaubet mir, meine Freunde, mich überraſcht nicht weniger, als euch, dieſe ſeltſame Fügung.“ „Wer hätte das ahnen können!“ hob Lamotte wie⸗ der an.„Aeder von uns war verliebt in einem an⸗ dern Erdtheile, und wir hatten alle drei nur eine Dame unſerer Gedanken.“ Sie ſprachen noch lange hin und her, um ſich die Räthſel zu erklären, welche in der Geſchichte der ſchö⸗ nen Frau zu liegen ſchienen, bis ſie endlich in dem Landhauſe ankamen, wo mancherlei Zerſtreuungen ſie erwarteten. Velthuſen nahm am wenigſten Theil an Allem, und ſah mit Ungedutd dem Abſchiede igegen War ſeine geliebte Henriette noch Wittwe? oder war ſie wieder verheirathet? Er fühlte, daß er in ſeiner jetzigen Lage⸗ arm und geimathlos, weniger als je Hoffnung h hegen durfte, und obgleich Miſtriß Claren⸗ don in dem Augenblicke des Wiederſehens ihm mehr Theilnahme verrathen hatte, als ſeinen Begleitern, ſo war's ihm doch 8 nicht entgangen, daß eß nicht der Blick, nicht die Stimme geweſen, womit Henriette einſt zu ſeinem entzückten Herzen geſpro en hatte. -* 207— Freilich war ihr Herz ſeitdem mehrere Jahre älter ge⸗ worden, ein Zeitraum, worin ein weibliches Herz viele Erfahrungen machen, viele Verwandlungen beſtehen kann; aber dieſes Wiederſehen und jener unvergeßliche Abſchied am Ganges— welcher Unterſchied! Welche Zurückhaltung, welche Kälte jetzt, welche ſüße Hin⸗ ehung einſt. Alſo, Thorheit jede Hoffnung. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt ſchrieb Velthuſen ſich das Betragen vor, welches er gegen die ſchöne Frau jetzt beobachten zu müſſen glaubte. Er wollte ſorgfältig über ſich wachen, damit er ſich nicht ver⸗ riethe, daß noch die alte Liebe, noch Hoffnung in ſei⸗ nem Herzen wäre. Endlich, weil auch ſeine Freunde ungeduldig waren, nahmen ſie Abſchied von dem gaſt⸗ freien Beſitzer des Landhauſes, und kamen noch einige Zeit vor Anbruche der Nacht in die Stadt zurück. Mit klopfendem Herzen traten ſie in das Zimmer der Fremden, welche ſie allein fanden. Sie war freund— lich gegen Alle, ohne Einen ihrer Gäſte merklich aus⸗ zuzeichnen, und gewandt genug, ſich ſchnell wieder zu ſammeln, wenn ja ihr Blick zuweilen länger auf Velt⸗ huſen geruhet hatte. Lamotte, durch den Anblick der reizenden Frau begeiſtert, ſchien ſeine unglückliche Lage auf einen Augenblick zu vergeſſen, und zeigte im Ge— ſpräche ſo viel Beſonnenheit und Witz, als in den Tagen ſeines ungetrübten Glückes. Der gerade, offene van Hagen verrieth herzlich, daß die Empfindungen, welche die junge Wittwe auf dem Conſtantia⸗Weinberge ihm eingeflößt hatte, noch nicht ganz erloſchen waren. Velthuſen aber war ſtill und verlegen, und ſeine Seele in einer zu unruhigen Bewegung, als daß es ihm hätte gelingen können, ſo über ſich zu wachen, wie er ſich:. vorgenommen hatte. Miſtriß Clarendon war nicht weniger neugierig zu erfahren, wie die drei Freunde ſich zuſammengefunden, als dieſe, die Schickſale der ſchönen Frau kennen zu lernen; aber vor allen Da gen lag ihr daran, zu wiſ⸗ ſen, warum Velthuſen ſeiner Zuſage, nach Indien zu⸗ rückzukehren, untreu geworden. ihrer geliebten Jugendfreundin als treue Pflegerin um ſich zu haben, und wie ſehr ich mich auch nach Europa ſehnte, ich konnte doch den rührenden Bitten der guten Frau nicht widerſtehen, da ich ihr einmal ſo nahe ge⸗ kommen war. Es fand ſich bald eine Gelegenheit nach Weſtindien, die ich benutzte. Ein furchtbarer Sturm zwang uns, in den Hafen von Port⸗Louis auf San Domingo einzulaufen, von wo aus ich endlich nach Jamaika abreiste.“ „Und wo Sie mich troſtlos, hoffnungslos zurück— ließen,“ fiel Lamotte ein.„Ariadne, als ſie dem Schiffe nachblickte, das den geliebten Theſeus entführte, kann nicht empfunden haben, was ich in jenem Augen⸗ blicke fühlte.“ „Ariadne fand, wie Sie wiſſen, einen freundlichen Tröſter,“ erwiederte lächelnd die ſchöne Wittwe, „und ich glaube, die Götter werden nicht weniger gütig gegen Sie geweſen ſein.“ „Ich lebte ſeitdem an der Seite meiner guten Tante,“ fuhr Miſtriß Clarendon fort,„und freute mich, daß ich ihr die liebevolle Freundſchaft, welche ſie mir bewies, durch zärtliche Pflege und Wartung vergelten konnte. Vor einigen Monaten iſt ſie von langen Lei⸗ den erlöst worden, und ich habe Jamaika ſogleich ver⸗ laſſen, um endlich, nach ſo vielen Irrfahrten, das theure Land meiner Väter zu begrüßen. Der Auftrag meiner Tante, einem ihrer Jugendfreunde, den ich in Charlestown finden ſoll, ein Andenken ihrer Liebe zu übergeben, hat mich hierher geführt.“ So ſchloß Henriette. Die drei Freunde erzählten ihr darauf, was ihnen ſeit der Trennung begegnet war, und als Lamotte und zuletzt Velthauſen von ihrem Schickſale geſprochen hatten, verbarg die junge Wittwe nicht die Thräne, welche ihr ſchönes Auge umhüllte. Eine ſtumme Pauſe folgte. Henriette hatte bisher den Mann ihrer erſten Liebe, dem ſie ſo lange mit „Ich kann es mir denken,“ hob ſie, nach vorgän-⸗ ihrige, trotz ſeines Mißgeſchickes, nach Indien zurück⸗ giger freundlicher Begrüßung, an,„daß Jeder von Ihnen ſehr überraſcht geweſen iſt, mich hier zu finden. Ich will Ihnen meine Schickſale und Irrfahrten er⸗ zählen, und mir dadurch einen Anſpruch auf ähnliche Mittheilung von Ihrer Seite erwerben. Velthuſen, muß ich zuerſt ſagen, daß ich zwei Jahre nach Ihrer Abreiſe aus Indien meine Hand einem nicht mehr jungen Manne gab, den mein Vater mir ausgewählt hatte. der nach dem Verluſte meiner Mutter, nach dem er⸗ ſchütternden Tode meines edlen Bruders in eine tiefe Schwermuth verſank, ein ſolches Opfer bringen. Er ſtarb einige Zeit nachher, und bald löste der Tod auch das unglückliche Band, das ich mit kindlicher Ergebung geknüpft hatte. Nun war ich einſam in meiner Hei⸗ math, ohne Angehörige, ohne Verwandte, und ich faßte den Entſchluß, nach England zu reiſen, wo noch ein Bruder meiner Mutter lebte. Das Schiff, mit wel⸗ chem ich von dem Vorgebirge der guten Hoffnung ab⸗ fuhr, blieb einige Zeit auf der Inſel St. Helena vor Ihnen, Herr Ich mußte der Ruhe meines Vaters, Sehnſucht entgegen geſehen, einer Untreue verdächtig gehalten. Dieſer quälende Argwohn ſchien nun zwar widerlegt zu ſein, aber ſie meinte dennoch, Velthuſen hätte, wenn ſeine Liebe ſo ſtark geweſen wäre, als die kehren ſollen, um Alles aufzubieten, ihr ein ſchmerz⸗ liches Opfer zu erſparen. Sie konnte ſich dieſes Ge⸗ dankens nicht erwehren, und noch immer blieb ihr ein Zweifel gegen Velthuſens Liebe, deſſen Löſung ihrem Herzen Bedürfniß war. 8* Einige Stunden waren im Geſpräche entflohen, und vor der Trennung lud Lamotte die Wittwe ein, mit ihm und ſeinen Freunden am folgenden Tage eine Landparthie zu machen. Der Vorſchlag war ihr will⸗ kommen, und die Gäſte nahmen Abſchied, jeder in einer ganz anderen Stimmung. Lamotte und van Hagen konnten ſich's freilich nicht verhehlen, wie ſehr Velthuſen im Vortheile war, aber die Ausſicht, das Herz der ſchönen Frau zu gewinnen, die ja gegen Jeden von ihnen freundlich ſich gezeigt Anker liegen. Während meines Aufenthaltes in James⸗ town langte ein nach Bengal beſtimmtes Schiff aus wandten aus Amerika mitbrachte. Alt und kränklich, ohne Erben, ohne Freunde, wünſchte ſie die Tochter Weſtindien an, das mir Briefe von einer alten Ver⸗ hatte, war ſo lockend, daß ſie gar noch nicht dazu ge⸗ ſtimmt waren, ihre Abſichten gänzlich aufzugeben, und je mehr ſie dies verriethen, deſto unruhiger ward ihr Nebenbuhler. Konnte Henriette auf ihn, den Vertrie⸗ benen, den Armen, noch ihren Blick richten, konnte. ſie ſchwanken, wenn van Hagen, ſo reich als bieder, um ihre Hand werben wollte? Hatte ſie ihm in dieſen Abendſtunden mehr Theilnahme, mehr Zärtlichkeit ver⸗ rathen, als bei dem erſten Wiederſehen? Von dieſen —— — - 208—— und ähnlichen Gedanken bewegt, folgte er ſeinen Reiſe— gefährten in's Wohnzimmer, und zum erſten Male ver⸗ rieth ſich in ſeinem Betragen gegen ſie Zwang und Zurückhaltung, die erſten Aeußerungen des Argwohns und der Eiferſucht. Am andern Morgen, als ſeine Freunde noch in tiefem Schlafe lagen, ſtand Velthuſen ſchon am Fen⸗ ſter, in den Garten hinabſchauend, der von der heiter⸗ ſten Morgenröthe beleuchtet war, und friſche Blumen⸗ düfte zu ihm hinauf ſandte. Es lockte ihn hinunter. Eine Viertelſtunde war er in einem ſchattigen Gange auf- und niedergegangen, und zerriß eben gedankenvoll eine Blume, die er gepflückt hatte, als er, umkehrend, Henrietten gegenüber ſtand. Beide ſchwiegen überraſcht und verlegen.„Ein ſchöner Morgen!“ hob endlich Henriette an, und ſuchte ſich zu ſammeln. „Henriette!“ ſprach Velthuſen,„Sie haben einen ſchöneren Morgen vergeſſen. Ein ſchmerzlicher Augen⸗ blick war's, und dennoch der letzte glückliche Augenblick meines Lebens. Ich habe Ihnen geſtern erzählt, wie grauſam das Schickſal mit mir umgegangen iſt; aber was ich empfunden habe, als ich meine ſeligſten Hoff⸗ nungen vernichtet ſah, das mußte ich verſchweigen. Verzeihen Sie es mir,“ ſetzte er kälter hinzu,„daß ich Sie daran zu erinnern wage.“ „Velthuſen, wären Sie ungerecht gegen mich?“ antwortete Henriette.„Glauben Sie mir, nach unſe— rer Trennung zählte ich nur unglückliche Tage, und das Opfer, welches mein Vater von mir forderte, und ich nach langem Kampfe bringen mußte, wurde noch durch den Gedanken verbittert, daß Sie Ihren Schwü⸗ ren untreun geworden wären. Das Schickſal hat Sie (Siehe S. ſehr hart getroffen, aber warum verloren Sie das Vertrauen auf meine Standhaftigkeit? Velthuſen, wenn Sie auch Alles verloren hatten, warum kehrten Sie nicht zurück mit Hoffnung, mit dem Muthe der Liebe?“ „Zurückkehren?“ ſprach Velthuſen ſchmerzlich.„Ich hatte Ihrem Vater verſprochen, mein Vermögen mit⸗ zubringen, und arm, elend, kaum dem ſchrecklichen Schiffbruche entronnen, ein Bettler ſollte ich vor ihm erſcheinen?“ Henriette ſchien ſich Gewalt anzuthun, ihre Be⸗ wegung zu verbergen. „Und würde denn auch ich den Unglücklichen, den Vertriebenen verſtoßen haben?“ ſprach ſie.„Hätte es mir nicht gelingen können, das Wohlwollen meines Vaters gegen Sie in eine zärtliche Theilnahme zu ver⸗ wandeln? Ach, ein edler Freund, dem er vertrauen konnte, eine kräftige Stütze ſeines leidenvollen Alters, war dem Gebeugten ſo ſehr Bedürfniß. Ja, Velthuſen, Ihr Stolz war mächtiger als Ihre Liebe.“ 204.) Henriette brach das Geſpräch ab, indem ſie ſchnell hinzuſetzte:„Kommen Sie, ich habe ſoeben auch Ihre Freunde zum Frühſtücke bitten laſſen, man wird mich erwarten.“ Sie ging mit dieſen Worten und ſchweigend folgte ihr Velthuſen in das Haus. Er fand ſeine Reiſegefährten bereit, Henriettens Einladung zu folgen. Während des Frühſtuͤcks unter⸗ hielten Lamotte und van Hagen beinahe allein das Geſpräch, und Beide ſuchten ſich in dem beſten Lichte vor der ſchönen Wittwe zu zeigen. Velthuſen bemühte ſich, ruhig und unbefangen zu erſcheinen, aber immer fiel er wieder in ſtilles Nach⸗ denken, wenn er zuweilen an dem Geſpräche Theil genommen hatte. „Das Schickſal hat auch Ihnen hart mitgeſpielt,“ wandte ſich Henriette endlich zu Lamotte,„aber Sie ſcheinen doch nicht ganz unglücklich zu ſein, da Sie gerettet haben, was viel erſetzen kann, ein heiteres —.— einen ugen⸗ nblic wie aber Hoff⸗ igen. „daß h?⸗ mnſe⸗ und und noch jwü⸗ Sie —— 209— Gemüth. Dieſen Schatz will auch ich mir erhalten,„Sie werden aber ohne Zweifel den Richter darüber und blicke dann ruhig auf den Verluſt anderer ver⸗ entſcheiden laſſen müſſen,“ ſprach Lamotte. Die Geſetze gänglicher Schätze.“ können Sie vielleicht mehr begünſtigen, als Sie ſelbſt Velthuſen erwachte bei dieſen Worten plötzlich aus glauben.“ tiefen Gedanken, und ſah die ſchöne Wittwe ſo über⸗„Das iſt keineswegs meine Abſicht,“ erwiederte raſcht an, als van Hagen und Lamotte es thaten. Miſtriß Clarendon.„Ich muß, wie ich Ihnen ſage, „Sie wundern ſich darüber, meine Herren?“ hob das Recht meines Gegners anerkennen, und lieber will Henriette wieder an.„Aber ich habe ſchon ſo viel ich arm und abhängig leben, als ihm einen Augenblick Mißgeſchick ruhig erduldet, daß ich mir zutrauen darf, vorenthalten, was ihm gebührt.“ auch die Verluſte, die mir jetzt drohen, mit Muth zu„Arm und abhängig!“ ſprach Velthuſen. Aber der ertragen. Das väterliche Vermögen, welches ich aus Entſchluß iſt Ihrer würdig,“ ſetzte er nach einer Pauſe Indien mitnahm—“ hinzu. „Wäre es verloren, oder in Gefahr?“ fiel van„Ich hoffe,“ ſprach darauf Henriette,„Jeder von Hagen ein. Ihnen wird bei näherer Erwägung finden, daß ich „Leider in Gefahr,“ antwortete Henriette,„doch nicht anders handeln kann, und ein Opfer bringen ich kann darüber noch nichts Beſtimmtes ſagen. Allein muß, welches Gerechtigkeit und Pflicht fordern. Was andere Sorgen gehen mich jetzt noch näher an. Ich mich aber am meiſten in Verlegenheit ſetzt, iſt der glaubte bisher ein unbeſtrittenes Recht auf die Erb⸗ Umſtand, daß ich ſelbſt nach Jamaika zurückkehren muß, ſchaft meiner verſtorbenen Tante in Jamaika zu haben, wenn ich nicht einen vertrauten Mann hinſenden könnte, aber ich erhalte ſoeben Briefe, die mich in große Ver⸗ um die Angelegenheit mit meinem Gegner auseinander legenheit und Bekümmerniß ſetzen. Es hat ſich ein ſetzen zu laſſen.“ anderer Verwandter gemeldet, der mir die Erbſchaft Dieſe Mittheilung machte auf die drei Freunde ſtreitig machen will, und ich ſehe es ein, er hat ge⸗ einen ganz verſchiedenen Eindruck. gründete Anſprüche.“ (Schluß folgt auf S. 211.) Der Bauer im Schloßgarten. (Taf. 14.) Seit fünfzehn Jahren iſt der Andres das erſtemal licher Mann wär'. Der ließ Keinen in Verlegenheit wieder in d'Stadt kommen, und zwar nicht wie damals, um kommen, ſagt Alles ſelbſt, was die Mempflinger auf als verſchuldetes Bäuerlein gegen dreifache Verſicherung dem Herzen haben,'s iſt wunderbar, die Männer brau⸗ ein kleines Kapitälchen zu ſuchen, ſondern als Mitglied chen nur z'nicken. Jedem gab er die Hand, ſie brin— einer Eiſenbahndeputation. Andres iſt ſeitdem Gemeinde⸗ gen s'Maul faſt nimmer zuſammen. Er wolle ſehen, rath worden und ſogar Bürgermeiſter und ſteht in was er für ſie thun könne, ſagt er, Mempflingen ſei ganz Mempflingen in ganz beſonderem Anſehen. ein betriebſamer Ort und gut prädicirt; was die Land⸗ „Komm bald wieder heim,“ hatte die Frau Bür⸗ tagswahlen betreffe, vertraue er ihrer Einſicht und tüch⸗ germeiſterin Tags vorher geſagt,„und bring' deinen tigen Geſinnung. Er, für ſeine Perſon, ſei ganz für Kindern was mit, und auch mir, wenn du magſt.“ die Sache und werde ſie mit Wärme befürworten. „Nichts da!“ gab der Geſtrenge zur Antwort,„die Die Mempflinger glauben, ſie hätten ihre Eiſenbahn nehm' ich mit,„das ſoll mein' Freud' ſein, zu ſehen, ſchon, bedanken ſich und machen mehr Bücklinge und wie ſie d'Augen aufreißen werden. Dir, Margret, Kratzfüße, als für Teppich und Strohboden gut iſt. wollt' ich ſchon was mitbringen, wenn ich wüßt', was Ueber den Mittag bleibt die Deputation noch bei⸗ dir Prad anſtändig wär'.“„Weißt was?“ gab ihm ſammen im Bäckerhauſe, dann geht's auseinander, die drauf die freundlich gewordene Hausfrau zur Antwort, Einen wollen bald wieder heim, die Andern haben da „im Amtsblatt ſteht, in der Stadt ſei d'Kunſtausſtel⸗ oder dort noch Verrichtung; der Andres aber bleibt bis lung jetzt offen, bring' mir a Kunſtherdle, ich wünſch' gegen Abend, denkt er, oder auch länger, denn der mir's im Stillen ſchon lang; du kannſt's ja hinten auf Wirth ſagt, der viel Frucht in Mempflingen einkauft, den Wagen in's Stroh thun.“ es würd' ihm eine Ehr' ſein, wenn der Herr Bürger⸗ Der Bürgermeiſter verſpricht's und den andern meiſter übernacht blieb mit dene Kinder.. Tag geht's fort in der Frühe.„Andres,“ ſagt beim„Was will ich ſagen, Bäck,“ fragt der Andres, Abſchied der Kieſelbauer,„ein Wort im Vertrauen, als die Uebrigen fort ſind,„wo wollen wir jetzt auch s iſt unter uns g'redt:„wenn d'machen kannſt, daß hin, wo gibt's was zum Sehen?“„Ja, d'Parade d'Haltſtation auf mein Acker kommt, dann laß ich mich iſt vorbei,“ antwortet dieſer,„und dies wär' gerade währle nicht ſchlecht finden. Für d'Gerſte iſt's Klima das Schönſte; jetzt ging ich an eurer Stell' durch dort z'ſteinig, zum Bauen aber wär's g'rad recht.“ d'Hauptſtraßen hinunter, an den Läden und Schaufen⸗ Um 11 Uhr geht's in d'Audienz zum Miniſter. ſtern vorüber, da gibt's genug zum Sehen; dann auf Keine Kleinigkeit für einen Bauersmann; und Allen den Schloßplatz und in den Schloßgarten. Um deKunſt⸗ klopft's Herz, am meiſten aber den Sprechern; denn ausſtellung werdet ihr euch doch nicht intereſſiren.“ wer hätt' gedacht, daß der Miniſter ſo gar ein herr⸗„Das käm' erſt noch drauf an,“ lacht der Andres, Feierſtunden. 1863. 27 — 210 und langt ſeinen Dreiſpitz vom Nagel.„Jetzt alſo, Kinder, wöllt mir ſpazieren laufen durch d'Stadt,“ ſagt er, und nimmt'sMargetle rechts und den kleinen Tobiesle an die linke. Vor jedem Laden wird Halt gemacht; am aufmerk⸗ ſamſten werden die Leckerbiſſen der Zuckerbäcker betrach⸗ tet.„Das muß einmal gut ſein,“ ſagt das Mar⸗ getle,“„das will i glauben,“ antwortet der Tobiesle. Die blendenden Ausſtellungen der Bijoutiers erklärt Andres für Augenverblendung, das ſei nicht Alles Na⸗ tur, ſondern vergoldets Pech und ein Schein von den Spiegeln, da ſieht man ein Stück ein mal zehne. Jetzt ſieht der Tobies den rieſigen Schaukaſten eines Photo⸗ graphen.„Da kommet her, da hat's lauter Mäntla und Köpfla!“ ruft er, und ſtoßt die Naſe an eine Scheibe, welche die Größe eines Scheuernthors hat. Die dicke Scheibe hält den Stoß aus, aber s'Tobiesle's Nas iſt zerquetſcht und fängt an zu bluten.„Du dip⸗ peligs Schaf!“ ſchreit der Andres,„ſiehſt's denn net glänzen! So eine Scheibe koſt't mehr als ein mannigs Paar Ochſen, das merk dir, du Gſchwelle!“ Im Schloßgarten werden beſonders die Teiche mit ihrem Geflügel und die aufrauſchende Fontaine bewun⸗ dert.„Jetzt Vater, ſag',“ fragt der Tobies,„wie kommt's, daß da'sWaſſer in d'Höh fahrt?“„Grad denk ich ihm nach dem Ding, ich denk wohl, es wird mir noch einfallen.“ Der Anblick bewegter Waſſer, das gleichförmige Strömen, Fallen und Steigen übt einen eigenthümlichen Zauber; ſelbſtvergeſſen ſteht der Betrachter und das Plätſchern und Rauſchen iſt das wirkſamſte Schlummerlied: der Andres fängt an kräf⸗ tig zu gähnen und der Tobiesle ſchläfrig zu nicken. So ſtehen ſie lange, die drei, bis das ſcharfe Geſchrei wilder Enten ſie aufſchreckt.„Meiner Seel,“ ſagt der Andres,„da wird man ganz duſelig. G'wißt hab ich's einmal, aber's will mir grad jetzt nicht einfallen.“ Da ſegeln mit gehobenen Flügeln zwei ſtolze Schwa⸗ nen daher.„Sind's Gänſe?“ fragt der Bub,„dum⸗ mer Bub,“ ſagt der Vater,„wenn ſie ſo groß ſind, dann heißt man ſie Schwanen.“„Iſt's ein Pärchen,“ fragt das Margretle,„und welches iſt's Männchen?“ „Da haſt du mich z'viel g'fragt,“ geſteht der Andres, „möcht's wohl ſelber wiſſen,“ und fragt den in der Nähe beſchäftigten Gärtner.„Das iſt leicht,“ ant⸗ wortet dieſer.„Ihr nehmet ein Stückchen Brod, ſtreuet Salz drauf und werfet's genau zwiſchen beide; frißt's dann er, ſo iſt's das Männchen, frißt's aber ſie, ſo iſt's ſicher das Weibchen.“„Ich mein',“ ſagt der And⸗ res drauf zu dem Gärtner,„das Salz wäre bei dem Herrn ſelber noch beſſer ang'legt und s'Stückle Brod vielleicht auch. Zum Beſten kann man mich haben, aber ſo dumm bin ich net, daß ich's nicht merk'!“ Nun gehen die drei weiter an geputzten Damen vorüber mit ſchaukelnden Reifröcken und lächerlich hohen Hüten voll grellfarbigen Blumen.„Wandelnde Glocken mit zwei Schlegeln,“ bemerkt ſpöttiſch der Andres. „Es wär' beſſer, die Uebelſichtig trüg' Immergrün auf dem Kopfe, und ihr’' Mutter, wenn ſie's iſt, einen Altenweiberſtrauß ſtatt den Roſen. Ein wüſtes G'ſicht iſt neben Blumen ja noch zweimal ſo wüſt.“ Vergnügt ſchaut der Andres um ſich.„Da gyfällt mir's; der Boden iſt ſo glatt wie in den Stuben, da laufen wir noch weiter ſpazieren. Da wird er die et⸗ was ſeitwärts im Gebüſche ſtehende, erſt vor Kurzem iſt mir ſchier ein wenig z'rund,“ meint er, z'natürlich. gleich nach.“ „Vater, du wirſt doch net...“ ſagt drauf das Margetle.„Ha, bleibet nur da,“ ſagt der Vater jetzt näher kommend,„sMargretle iſt ja ſelber ein Weibs⸗ bild, und was weißt der Tobiesle.“ Potz Höllewelt,“ ruft das Margetle;„jetzt ſchaut!“ ruft der Bub aus, „was ſoll au des ſein?“ So ſtehen ſie mit offenem Munde, er, ſie und es, nämlich das Büblein, dann erklärt liſtig der Vater:„das iſt eineé verwunſchene Prinzeß, die trug einſt gar hoffärtige Kleider; da iſt ſie von ihren lumpigen Unterthanen verwünſcht wor⸗ den in dia Statua und muß jetzt halb nacket ſo ſtehen auf ewige Zeiten, bis daß ſie erlöst wird.“„Wie kann denn die erlöst werden?“ fragt'sMädle verwun⸗ dert.„Wenn'sſchönſt' Mädle grad ſo do nauf ſteht und regt ſich kein Bisle drei Stund lang.“ Betrübt ſagt'sMargetle:„'sſchönſt' Mädle wär' i grad net, aber ſie dauert mich; ſo groß und ſauber g'wachſen und vornehm, wenn ſie nur auch eine beſſere Farb' hätt'!“ „Ja, ja,“ ſagt der Vater,„ſie hat ſo weit ein ang'nehmes Aeußeres, aber...“„Lieber Freund,“ lispelt ihm plötzlich ein hinter ihn getretener Herr mit weinerlicher Stimme in's Ohr,„wie möget Ihr Euch mit Euren Kindern vor dieſe heilloſe, üppige Bildſäule ſtellen, die noch von dem teufeliſchen Götzendienſt der alten Heiden herſtammt und jetzt nach Jahrtauſenden Böſes noch ſtiftet! Wenn der Teufel in der Geſtalt eines brüllenden Löwen einhergeht und uns zu ver⸗ ſchlingen ſucht, iſt er weit nicht ſo gefährlich, als wenn er in ſolch' einnehmenden Geſtalten wie dieſe uns winkt und Augenluſt, Fleiſchesluſt und hoffärtiges Leben ver⸗ heißet! Fleuch vor der Sünde wie vor einer Schlange, denn wo du ihr zu nahe kommſt, ſo ſticht ſie dich!“ Einen Augenblick betrachtet Andres die bleichen, „und Geht nun weiter, ihr zwei, ich komm' ſchlaffen Geſichtszüge des Redners,„wurd net ſo ge⸗ fährlich werden,“ erwiedert er dann faſt ebenſo leiſe. „Für'sErſte hab' ich g'hört, daß d'Schlange beißet, aber net ſtechet, und was die da oben betrifft, die ſticht mich auch net. Wenn man aber recht d'rüber nachdenkt, ſo ſtecken am Ende alle Leut' nackt in den Kleidern. G'ſpaßlich ſieht's freilich aus, ſo in der Sonne, aber da hat's keine Gffahr. So Eine bräch grad ab in der Mitte, wenn man ſie etwas ferm in die Hand nähm'. Da hättet Sie mein Weib ſehen ſollen, da wär' die da oben nichts dagegen; die hat Backen g'habt wie zween Pfundäpfel, Aerm' dicker wie Ihr Leib... Im Uebrigen will ich noch Eins ſagen: beim Hacken, Pflügen, Dreſchen und Holzmachen wird man weder gy'ſtochen noch biſſen.“ Mit Seufzen und Kopfſchütteln geht der fromme Herr weiter, der Andres aber ſagt:„auf den Schrecken muß ich ſitzen, da ſteht ja ein Kanapee, und'swird auch uns Leut' erlaubt ſein. Da iſt's noch pläſier⸗ licher, als bei uns z'Mempflingen unter der Linde. Es iſt ſo gut kühl und ſchmackt ſo gut, das machen die viele Sträuß', aber alles das trägt nichts ein. Ja, wenn dies lauter Obſtbäum' wären, dies Kartoffel ſtatt Blumenſträuß', und ein rechter Trieb Gäns auf dem See ſchwämm', das wär' eine Luſt und ein Segen!“ Nicht lange, ſo kommt leichten Schrittes, das Skiz⸗ zenbuch unter dem Arme, ein langhaariger Kunſtjünger geſetzte Statue der Venus von Melos gewahr:„Das des Weges gezogen.„Sei mir gegrüßt,“ ruft er mit —— „und mm! das jett eibs⸗ elt,“ ans, nem ſann hene iſt wor⸗ tehen Wie wun⸗ ſteht trübt net, chſen farb' ein nd,“ mit Cuch ſäͤule tder nden iſtalt ver⸗ wenn vinkt ver⸗ ange, ich!“ ſchen, ) R⸗ leiſe. eißet, — 2 — 211— leuchtendem Blicke,„ſüße Göttin von Melos! Gött⸗ licher Gedanke des unſterblichen Scopas*). Welche vollendete Reinheit des Stils! Welcher Liebreiz und doch wie groß und erhaben! Noch iſt uns vergönnt, das Auge an deiner Schöne zu weiden, und ſelbſt der Dorfbewohner ſonnt ſich im milden Strahl deines Blickes. Wohl, war's nicht ein Landmann, der dich vor zwölf Luſtren dem Schutte deiner zerfallenen Niſche entriß? Ihr Muſen und Grazien! O ſtieget ihr wie⸗ der von euern Geſtellen zu ſeligen Geſchlechtern herab, ſie am Gängelband der Freude zu führen, und trätet ihr wieder unter die Menge blühender Jünglinge und Jung⸗ frauen, euch ſelber vergleichbar! Stein ſeid ihr dem modernen Barbaren. Den Lüſternen reizt die Weich⸗ heit und Wärme der Formen, aber wer vergeiſtigt ſich noch die ideale Schönheit eurer leiſen Conturen!“ Alſo der Künſtler, und mit leichtem Gruße an Andres vorüberwandelnd, verſchwand er in den ſchatti⸗ gen Gängen.„Da iſt's aus einem andern Ton gan⸗ gen,“ ſagt dieſer mit Lachen.„Leut' wie der Schwarz ſind mir ſchon vorkommen, aber ſo Einer iſt mir noch neu. Das gffiel mir faſt beſſer, wenn's nicht ſo faſe— lig wär. Stein bleibt Stein, was wird die weich ſein und warm! Narren ſind's Beide, der Eine hiſt naus, der Andere hott. Aber fort jetzt, dort kommet Rek⸗ ruten, das ſind dann wieder andere Philoſophen, ich kann mir's ſchon denken.“ *) Bekanntlich wird die Venus von Melos(Milo) dem griechiſchen Bildhauer Scopas zugeſchrieben. Sie wurde von einem griech. Bauern im Jahre 1820 beim Graben zufällig in feiner Niſche entdeckt Weiter ging's den Schloßgarten entlang am Som⸗ mertheater vorüber.„Treten Sie ein, meine Herr⸗ ſchaften, nehmen Sie Platz, ſo eben hat das Stück angefangen.“ So rief der am Eingange ſtehende Hiſt⸗ rione.„Was kann man da ſehen, wenn'sFragen er⸗ laubt iſt?“„Der böſe Geiſt Lumpacivagabundus wird geſpielt, Schauſpiel, Theater, Komödie und Oper zu⸗ gleich,“ erhält Andres zur Antwort,„nur zwölf Kreu⸗ zer die Perſon, Kinder bezahlen die Hälfte. Hier iſt der Zettel.“ „Das käm' jetzt noch grad recht,“ ſagt der Andres. „Kommt der auch auf dem Zettel, der jetzt ſo krakelt drin?“ „Ja wohl, mein Herr,“ belehrt ihn der Schau— ſpieler mit herablaſſendem Lächeln,„bemerken Sie ge⸗ fälligſt hier unten.“ „Ha, dann muß ja ſchon halben aus ſein, wenn's ſchon an dem iſt. Was kommt denn noch auf der anderen Seite?(er dreht den Theaterzettel um) was, gar nichts? G'horſamer Diener, das heiß ich d'Leut' prellen,'siſt d'Frag, ob s'Ganze drei Batzen werth iſt, und ich ſoll vor den Schluß ſo viel zahlen! Proſt Mahlzeit!“ ganze heutig Tag kommt mir vor wie a Komödie,“ ſagt er, jedoch ohne der Audienz hiebei zu gedenken. „Ich ſchätz wohl, wir gehen in d'Stadt zu einem ge⸗ hörigen Veſper, dann geht's in d'Kunſtausſtellung, für d'Muetter das Kunſtherdle z'kaufen. C. K. Der Sieg geprüfter Creue. (Schluß von Seite 209.) Kornelius van Hagen hatte den Wunſch, die ſchöne Frau zu gewinnen, deſto eifriger genährt, da er nach dem Falle eines reichen Hauſes in Charlestown, wobei er bedeutend verlor, die Hoffnung vereitelt ſah, durch ſeine Reiſe nach Amerika einen anſehnlichen Vortheil zu gewinnen, und er war in einer Lage, wo ihm nichts willkommener geweſen wäre, als eine reiche Braut. Lamotte wurde von ähnlichen Beweggründen gelei⸗ tet. Gelang es ihm, Henriettens Hand zu gewinnen, ſo konnte er die beſchwerlichen Arbeiten neuer Anſied— ler erſparen, und die Annehmlichkeiten einer großen Stadt genießen, oder wohl gar in ſeine Heimath zu⸗ rückkehren. Beide ſchwiegen beſtürzt, und ſannen, wie ſie der Aufforderung ausweichen ſollten, die in Henriettens Worten lag. „Velthuſen war nicht weniger überraſcht, aber was die Hoffnung ſeiner Freunde niederſchlug, hatte ſein Herz erhoben und ihm neuen Muth gegeben. Er glaubte es nun wieder wagen zu können, ſein Auge zu der geliebten Frau aufzurichten, und er freute ſich beinahe, daß die Laune des Schickſals ihre Lage der Seinigen ähnlicher gemacht hatte. Seine Freunde ſchienen aber nicht Luſt zu haben, daran der jungen Wittwe ihre Dienſte zur Beſorgung der Angelegenheit in Jamaika anzubieten; und eben war Velthuſen im Begriffe, ſeine Bereitwilligkeit zu erklä⸗ ren, als Henriette, die in ſeinen Blicken leſen konnte, was in ſeiner Seele vorging, das Schweigen unter⸗ brach. „Was ich Ihnen mitgetheilt habe, meine Herren,“ ſprach ſie,„darf das Vergnügen nicht ſtören, das wir auf unſerer Luſtfahrt uns verſchaffen wollen. Ich bitte Sie, kein Wort mehr davon. Ich vergeſſe gern meine Sorgen, und ich hoffe, Sie werden mich nicht erinnern wollen. Kommen Sie, ich höre den Wagen vorfahren. Nach unſerer Rückkehr, oder mor⸗ gen, werde ich Ihnen die Schriften vorlegen, die ſich auf meine Angelegenheit beziehen, und Jeder von Ihnen wird ſo gütig ſein, mir ſeinen Rath zu geben. Dieſe Worte brachten den Franzoſen und den Hol⸗ länder wieder in eine etwas unbefangenere Stimmung, und da auch Velthuſen, in ſeinem Entſchluſſe und in ſeinen Hoffnungen geſtärkt, heiterer ſein konnte, ſo freuten ſich die Männer des ſchönen Sommertages an der Seite der reizenden Frau, die Alles aufbot, die Unterhaltung zu beleben. Es war auf dem angeneh⸗ men Landſitze am Meeresufer eine zahlreiche Geſell⸗ 1 27 ¾ ———OO—ÿ—ÿ—ÿ— 12 ¹ —— — - 212— ſchaft verſammelt, unter welcher van Hagen einige Freunde fand. Er ſtellte die ſchöne Wittwe und ſeine Reiſegefährten vor, und bei dem gemeinſchaftlichen Genuſſe ländlicher Vergnügungen war bald Bekannt⸗ ſchaft geſtiftet. Einige muntere Mädchen ſchlugen einen Tanz im Grünen vor. Man wählte einen glatten Raſenplatz, von ſchattigen Bäumen eingeſchloſſen, und auch Henriette nahm mit ihren Begleitern Antheil an der luſtigen Unterhaltung. Als Velthuſen den letzten Tanz mit ihr geendigt hatte, führte er ſie, während van Hagen und Lamotte ſich mit ihren Tänzerinnen wieder in die Reihe ſtellten, abſichtlich durch einen ein⸗ ſamen Schattengang auf die Laube zu, wo ſie bei ihrer Ankunft ausgeruht hatten. „Ich muß dieſen Augenblick benützen,“ ſprach er, „ich muß Sie, gegen Ihr Verbot, an die Angelegen⸗ heit erinnern, welche Sie bekümmert. Halten Sie mich des Vertrauens werth, ſo reiſe ich ſogleich nach Jamaika, um Ihre Angelegenheiten zu ordnen.“ „Nein, ich habe mich in Ihnen nicht geirrt, Velt⸗ huſen,“ antwortete Henriette freudig bewegt;„ich durfte dieſes Anerbieten von Ihnen erwarten. Aber bedenken Sie Ihre Lage,“ ſetzte ſie ernſt hinzu,„die Ihnen vielleicht ſo großmüthige Aufopferungen verbietet, oder erſchwert, bedenken Sie, daß meine Lage—“ „O ich bedenke nichts, theure Henriette, als daß ich Ihnen hierdurch noch nicht genug beweiſen kann, welcher Aufopferungen ich für Sie fähig bin; ich denke an nichts, als an den Schmerz der neuen Trennung, in dem Augenblicke, von welchem ich wieder ein neues Leben beginne. Ich reiſe morgen, wenn Sie wollen, aber—. Ach, wenn ich bei dieſem Abſchiede die be⸗ glückenden Hoffnungen mitnehmen dürfte, mit welchen ich mich einſt von Ihnen trennte! Vielleicht würden jetzt— Henriette,“ fuhr er fort, und nahm von ſei⸗ nem Herzen ein Papier, worin verdorrte Blumen lagen:„dieſes Andenken Ihrer Liebe, dieſes Andenken unſeres kurzen Glückes, hat mich durch alle Gefahren begleitet, und ein Blick auf dieſe welken Blumen oft den bittern Schmerz in Wehmuth aufgelöst. Ach, dieſes grüne Blatt iſt ſchon lange in Staub zerfallen, aber ſelbſt meine heißen Thränen haben die Farbe der Blumen nicht ausgelöſcht. Keine Hoffnung mehr! rief ich oft in bangen Stunden mir zu: aber Liebe und Treue auf ewig!“ Bei dieſen Worten hatte Velthuſen Henrietten um⸗ faßt. Von ihren Empfindungen überwältigt ſank ſie an die Bruſt des Glücklichen. „Velthuſen,“ ſprach ſie mit einem Blicke, worin ihr Herz lag:„Ja, Hoffnung, glückliche Hoffnung! und Liebe und Treue auf ewig! Nicht wahr, Tren⸗ nungen ſind gefährlich für uns? ⸗Was in Jamaika auszugleichen ſein möchte, wird ſich auf andere Weiſe abmachen laſſen. Nein, wir ſcheiden nicht mehr!“ Velthuſen ſchloß ſie entzückt in ſeine Arme.„Hen⸗ riette,“ rief er jubelnd,„du mein? Darf ich's aus⸗ ſprechen— du mein?“ „Kannſt du mir verzeihen, daß ich dich einer Prü⸗ fung unterworfen habe!“ hob ſie wieder an.„Ich ahnte, daß du ſie beſtehen würdeſt, und wollte mich in dem ſüßen Gefühle berauſchen, daß ich von dir über Alles geliebt werde. Jetzt keine Täuſchung mehr! Ja, es iſt wahr, ein Verwandter meiner Tante in Jamaika macht Anſpruch auf einen Theil der Erbſchaft. Aber der Brief iſt ſchon geſchrieben, der ihm mehr gewährt, als er verlangt.“ „Geliebte Henriette, ich denke nicht an Erbſchaft, nicht an Reichthümer!“ ſprach Velthuſen freudig bewegt. „Der arme Verbannte iſt jetzt reicher, als ein König, und wieder voll Muth und Kraft, wenn er dich ſein nennen darf.“ „Ich bin auch nach dieſem unbedeutenden Verluſte noch reich genug für uns Beide,“ erwiederte lächelnd Henriette,„aber auch wenn ich dieſe Gunſt des Glückes entbehrte, würde ich gerne mit dir an die einſamen Ufer des Ohio ziehen, und dir Arbeit, Sorgen und Noth durch Liebe verſüßen, der mein Herz in keiner Lage meines Lebens untreu geworden iſt. Sie ſanken ſich in die Arme. Dann nach einem Augenblicke ſüßen Schweigens gingen ſie zu der Laube, wo van Hagen und Lamotte ſie erwarteten. Beide kamen ihnen entgegen, und waren ſcharfſinnig genug, zu bemerken, daß die Glücklichen einig waren für das ganze Leben. Velthuſen umarmte ſeine Freunde, und beſtätigte, wie er mit Henrietten verabredet hatte, ihre Vermuthung.„Ich habe euch erzählt,“ ſprach er,„wie das Schickſal meine Liebe verfolgt hat, und Ihr ſeid die Erſten, deren theilnehmendes Herz meines Glückes ſich gewiß freuen wird.“ Beide Freunde waren zu wenig leidenſchaftlich ge⸗ ſtimmt und zu bieder, um das Glück zu beneiden, worauf ſie ihrem Freunde die gerechteſten Anſprüche zuerkannt hatten. Alle fuhren bald nach der Stadt zurück, und brachten den Abend fröhlich mit einan⸗ der zu. Velthuſen und Henriette feierten noch vor der Ab⸗ reiſe nach England, wo ſie künftig leben wollten, ihre Verbindung. An dem Hochzeittage bot Henriette, mit Zuſtimmung ihres Gatten, deſſen beiden Reiſegefährten mit ſo viel Zartgefühl Beiſtand an, daß auch das ſtolzeſte Gemüth die freundlich helfende Hand nicht hätte zurückweiſen können. Lamotte empfing einen Vorſchuß, welcher ihn in den Stand ſetzte, ſich in einer angeneh⸗ men und ſehr fruchtbaren Gegend von Amerika vor⸗ theilhaft anzuſiedeln, und eine bedeutende Summe, die van Hagen erhielt, um ſie auf gemeinſchaftlichen Ge⸗ winn im Handel anzulegen, gab ihm ein Mittel, den Verluſt reichlich zu erſetzen, den er beklagte. So knüpf⸗ ten ſich an dieſem Tage für alle drei Freunde die glücklichſten Erinnerungen. „Laſſen Sie uns, lieber Velthuſen,“ ſprach Lamotte, „auch wenn wir einſt durch Meere getrennt ſind, die⸗ ſer Seereiſe mit Freuden gedenken. In den ſichern Hafen ſind Sie glücklich eingelaufen, und mich haben die Wellen auf ein freundliches Ufer getragen; noch weiß ich nicht, ob's Eiland iſt, oder feſtes Land, aber ich ſehe fruchtreiche Baumzweige, ich ſehe blühende Ge⸗ filde, und in dem Herzen des armen Schiffbrüchigen erwacht mit friſcher Hoffnung neuer Muth zum Leben.“ —ö;—;ʒÿ—ꝛ—ꝛ—X3;;;H H H—ͦ—ͦͦͦ§§; — A — 213— Die Rothkappe. Ich bin Lehrer von Beruf. Sorgfältig erzogen und nicht ohne natürliche Neigung zu wiſſenſchaftlichen Studien, hatte mein Vater mich für die juriſtiſche Laufbahn beſtimmt; allein der Verluſt ſeines Vermö⸗ gens und ſein bald darauf erfolgender Tod nöthigten mich, die Univerſität zu verlaſſen, ohne auch nur die unfruchtbare Würde eines Baccalaureus erlangt zu haben. Nur für das Lehrfach geeignet, wie meine ſcharfſinnigen Freunde einſtimmig verſicherten, aber für nichts Anderes, wandte ich meine Fähigkeiten dieſem Berufe zu. Nachdem ich mehrere Jahre darin gelebt hatte, bald als Hilfslehrer in Schulen, bald als Pri⸗ kam ich dahin, ohne auch noch andere Bewerber zu finden, die es gleich mir traurig und niedergeſchlagen wieder verließen, und ich kam endlich zu der Ueber⸗ zeugung, daß auch dieſes Geſchäft, wie die meiſten anderen ähnlicher Art, nur auf Schwindelei beruhe. „Noch einmal will ich anfragen,“ ſagte ich an einem trüben und feuchten Herbſttage zu mir ſelbſt, „noch einmal, und wenn ich dann wieder die gewöhn⸗ liche Antwort erhalte, will ich den Herrn Agenten nicht ferner beläſtigen, ſondern werde jene mir von anderer Seite angebotene Stelle in einer Schule bei Northamp⸗ ton annehmen.“ Im Bureau war Niemand ſichtbar, als der hinter ſeinen rieſenhaften Büchern in einer Art von Käfich poſtirte Schreiber. Antwort richtete ich die gewöhnliche Frage an ihn, ob eer für mich— Mr. Edwin Kirby— etwas habe. vatlehrer junger Studirender, ſah ich mich endlich ganz ohne Stelle. Keiner meiner früheren Zöglinge oder noch lebenden Verwandten konnte mir in dieſer Ver⸗ legenheit Beiſtand leiſten, und ich wandte mich deß⸗ halb an eine der in beſſerem Rufe ſtehenden Schul⸗ agenturen in London, welche es zu ihrem Geſchäfte machen, Bewerbern dergleichen Stellen und Familien geeignete oder nicht geeignete Lehrer und Lehrerinnen zu verſchaffen. Ich bezahlte die üblichen Gebühren im Voraus, ſah meinen Namen in ein großes Buch ein⸗ tragen, und war dann mehrere Wochen lang ein täg⸗ licher Beſucher in dem Bureau der Agentur. Selten ſſl 5 „Kirby?“ erwiederte der Schreiber, die Blätter des großen Buches umſchlagend und unter dem Buchſtaben K. ſuchend, als habe er mich noch nie geſehen— „Kirby— Edwin, glaube ich, ſagten Sie? War es Edwin oder Edward?“ Faſt verlor ich meine Geduld. Wochen lang war ich täglich mit derſelben Frage im Bureau erſchienen, und jetzt wagte dieſer Menſch, ſich den Schein zu ge⸗ ben, als ſei ich ihm völlig unbekaunt, oder als habe er zahlloſe Perſonen meines gewiß nicht ſehr gewöhn⸗ lichen Namens in ſeinen Liſten. Glücklicher Weiſe trat in dieſem Augenblicke der Prinzipal vor, der bis da⸗ hin, wie eine menſchliche Spinne, in irgend einem Ohne Hoffnung auf eine günſtige finſteren Winkel verſteckt geſeſſen hatte. „Was quälen Sie den Herrn, Druce?“ rief er. „Ich habe Ihnen ja geſagt, daß ich ſelbſt mit ihm ſprechen wolle, wenn er komme, denn ich habe etwas.“ —— —— ————— — ·————————V——V——⏑òÿõ⏑————.—— —————— 8——— Sich krümmend und windend, die Hände wohlge⸗ fällig reibend und mir mit einer Miene Glück wün⸗ ſchend, die faſt ſo ausſah, als wenn er über den gün⸗ ſtigen Zufall ſelbſt erſtaunt wäre, näherte ſich der Agent. Vielleicht war es eine ſeltene Erſcheinung, daß Perſonen der höheren Stände ſich an ihn wendeten, um Lehrer für ihre Kinder zu engagiren. „Im Vertrauen geſagt,“ flüſterte er, ſeinen ſchmutzigen Zeigefinger empor haltend,„ich habe einen Herrn für Sie,— es iſt faſt Alles ſchon richtig,— ſo gut wie abgemacht, und Sie können heute noch ſelbſt mit ihm ſprechen. Er logirt in Ducroq's Hotel. „In Ducroq's Hotel?“ wiederholte ich etwas er— ſtaunt, denn es war mir bekannt, daß dieſer Gaſthof zu denen der erſten Klaſſe gehörte und namentlich von vornehmen und reichen Ausländern beſucht wurde. länder und ſcheint ſehr reich zu ſein. Er nennt ſich Marquis, und ſucht einen Lehrer für ſeinen einzigen Sohn. Ich kann Ihnen nur ſagen, wie viel Gehalt er gibt, alles Uebrige müſſen Sie ſelbſt mit ihm be⸗ ſprechen; aber ich will Sie zu ihm begleiten, wenn Sie es wünſchen.“ Des Agenten Mittheilung beruhte auf Wahrheit. Der franzöſiſche Edelmann, welcher einen Lehrer für ſeinen einzigen Sohn ſuchte, war in der That ein Marquis de Vauxmesnil, ein wohlhabender Grund⸗ beſitzer, der im Innern von Frankreich wohnte. Die von ihm offerirte Beſoldung, auf deren Größe ich übrigens weniger ſah, war liberal zu nennen, und die zu erwartende Behandlung wurde als außerordentlich freundlich geſchildert. Ich ſollte mein eigenes Zimmer erhalten, wie der Marquis ſagte, und konnte nach Belieben mit der Familie oder allein ſpeiſen. Wenn es mir Vergnügen gewährte, zuweilen auszureiten, ſo ſollte ein Pferd ſtets für mich in Bereitſchaft ſein. Nach Beendigung der Schulſtunden gab es nichts mehr für mich zu thun, und ich war Herr meiner Zeit. So günſtige Bedingungen hatte ich mir nie träumen laſſen, aber dennoch gab es Manches, das ich nicht überſehen konnte, und das mich irre machte. Der Marquis war zwar ſehr artig gegen mich, allein ich fühlte mich von ſeiner Höflichkeit mehr abgeſtoßen, als angezogen. Er war, ſeines gefärbten Haares uuge⸗ achtet, ein ſehr ſtattlicher Mann, aber ſeine Lippe verzog ſich mehr zum Hohn, als zum Lächeln, wenn er ſprach, und ſeine Stimme hatte den gebieteriſchen Ton eines Mannes, der ſich nur von ſeinem Stolze leiten ließ. Auch die Spuren anderer Leidenſchaften lagen in den Falten, welche die ſcharfen, dunkeln Augen und den feſt geſchloſſenen Mund umgaben; und ſein Geſicht war ſo bleich, daß man es faſt farblos nennen konnte. zu engagiren, nach England gekommen?“ dachte ich, „und wozu bedurfte er überhaupt eines Lehrers, wenn ſein Sohn, wie er mir ſagte, kaum acht Jahre alt war, ein Alter, in welchem Kinder in der Regel noch weiblicher Pflege überlaſſen werden?“ - 214— Grunde ich zu dem Engagement nach Ihrer nebeligen Hauptſtadt gekommen bin, und ob ich wirklich das bin, wofür ich mich ausgebe, oder nur ein Abenteurer mit angenommenem Titel. Beruhigen Sie ſich. Ich bin weder ein Monte Chriſto, noch ein Induſtrieritter. Weßhalb ich mein Kind ſo früh unter die Aufſicht eines Lehrers ſtelle, iſt meine Sache; ich bin einmal der Anſicht, daß die Erziehung nicht früh genug begin⸗ nen könne. Der Grund aber, aus dem ich einen Engländer vorziehe, iſt lediglich der, daß ich keinen gebildeten Franzoſen finden kann, der frei von den ab⸗ ſcheulichen revolutionären Grundſätzen wäre, wenn ich nicht einen Geiſtlichen nehmen will, was ich nicht mag. Deßhalb ziehe ich einen Engländer vor, und will mei⸗ nen Henri lieber Ihre barbariſche Ausſprache des La⸗ tein, als das Gewäſch der Jakobiner, erlernen laſſen.“ „Ja, ja,“ fuhr er fort,„der Herr iſt ein Aus⸗ als der mich begleitende Agent. Alles dieſes wurde natürlich in franzöſiſcher Sprache geſagt, mit der ich glücklicher Weiſe vertrauter war, Herr de Vauxmesnil konnte jedoch genug engliſche Worte zuſammen finden, um ihm anzuzeigen, daß ihn die Zuſammenkunft mit mir vollkommen befriedigt habe, und daß er vor dem definitiven Abſchluß des Engagements nur noch meine Zeugniſſe einzuſehen wünſche. um über ihn ſelbſt und ſeine Stellung Erkundigung Dann verwies er mich, einzuziehen, an ein Mitglied der franzöſiſchen Geſandt⸗ ſchaft in London. Ich ließ dieſe Quelle nicht unbenutzt, ſondern wen⸗ dete mich dahin, und hörte alle Angaben des Mar⸗ quis beſtätigen, mit der Hinzufügung, daß Herr de Vauxmesnil unter der Orleaniſchen Herrſchaft Pair geweſen ſei und jetzt die Stelle eines Senators be⸗ kleide. „Ma foi, ein ausgezeichneter Mann!“ ſagte der junge Sekretär mit einem vielſagenden Achſelzucken, —„ein vortrefflicher Mann in jeder Beziehung; aber er gehört nicht unſerem Jahrhundert an, und kann ſich mit der jetzigen Regierung nicht vertragen.“ Die politiſchen Zwiſte Frankreichs gingen mich nichts an, und ich ſchloß deßhalb mit dem Marquis unter den mir gemachten liberalen Bedingungen ab. rend der Reiſe nach ſeinem Landſitze, welcher in der Nähe von Lyon und am Ufer der Rhone belegen war, hatte ich genügende Zeit, den Charakter des Mannes näher kennen zu lernen. Er war ein Menſch, der das Unglück hatte, mindeſtens hundert Jahre zu ſpät ge⸗ boren worden zu ſein, deſſen Sinn und Geſchmack nur an der Vergangenheit hing, und deſſen Leben unter der fruchtloſen Bemühung verfloſſen war, den Lauf der Ich war von jeher unfähig, meine Gedanken zu verbergen, und der Marquis las ſie deßhalb mit Leich⸗ tigkeit. „Mein lieber Herr,“ ſagte er, eine Priſe aus ſei— ner goldenen Doſe nehmend, die er mit der affektirten Grazie des ancien régime handhabte,„ich ſehe, Sie brennen vor Verlangen, zu erfahren, aus welchem Zeit aufzuhalten. ſich mehr Feinde erweckt, als Viele, die bedeutend ſchlechter waren. Er behandelte mich ſehr artig, allein ich konnte ſehen, daß nach ſeiner Meinung ein unüber⸗ ſchreitbarer Abgrund zwiſchen uns lag, und daß ein Bramin eher einen Paria für ſeines Gleichen hätte anſehen können, als er mich. Zuweilen regten ſich in mir erhebliche Zweifel darüber, ob ich wohl gethan habe, mich in einem einſamen Schloſſe des fernen Auslandes zu begraben, dem neunzehnten Jahrhundert — ſo zu ſagen— den Rücken zu kehren, und der Untergebene eines Grand Seigneur zu werden; allein meine Ausſichten in England waren zu trübe und ließen mir keine andere Wahl. Gewiß war er kein böſer Menſch, 2 bl hatte aber deſſen ungeachtet mehr Unheil angerichtet und „Weßhalb war er, um einen Lehrer 4 —„—— ·— ſind vorüber, wie die ſeines Herrn. die verbrannten Ballen liegen ſehen, ſtand die Gallerie, in der einſt der König— doch was werden Sie ſich Ein gutes Mittageſſen würde Ihnen jetzt lieber ſein, als alle - 21 „Willkommen bei Rochaique, ſagte endlich der Marquis. Der Eiſenbahnzug hielt vor einer kleinen Station. Auf der rechten Seite ſchäumte die Rhone, und auf der linken erhob ſich zu der Höhe der Spitze eines gothiſchen Kirchthurms ein zackiger Fels, auf deſſen Vorſprunge das Schloß ſtand, ein beim erſten Anblicke ſehr imponirendes Gebäude. grauen Steinhäuſern und Nußbaum⸗-Alleen, lag am Monſieur Kirby!“ 5—5— Augen, die faſt immer einen ſcheuen, melancholiſchen Ausdruck hatten. nach franzöſiſcher Sitte, von geſchäftigen Verwandten, Das Dorf, mit ſeinen Fluſſe, und die ſchön belaubte, hügelige Gegend des einen Ufers, mit den üppigen Wieſen des andern, ge⸗ währte eine reizende Ausſicht. Wir ſtiegen aus und holten unſer Gepäck. Ein Wagen wartete unſerer. mit ſechs Pferden und drei gepuderten Lakaien, wie ich faſt erwartet hatte, ſondern ein altmodiſches, geräumiges Fuhrwerk mit zwei langſchwänzigen franzöſiſchen Klep⸗ Frankreich häufig findet. Der Kutſcher, mit bordirtem Rocke und flacher Mütze, erſtieg die von unſeren Man— telſäcken und Hutſchachteln gebildete Pyramide, und der Bediente des Marquis, welcher ihn nach England be⸗ gleitet hatte, nahm an der Seite des Wagenlenkers Platz, wo er ſo bequem wie auf einem Bocke ſaß. Es war jedoch keine Kutſche Wahrſcheinlich war die Verbindung, Dame, zu Stande gebracht worden. Sie ſchien ſehr ergeben und gehorſam zu ſein, ſelten heiter, und faſt nie ganz wohl. Das Kind dagegen war ein herrliches kleines Weſen mit braunem Lockenhaar, friſcher Farbe, blühenden Wangen und offenen blauen Augen; es hatte gute natürliche Anlagen, und ließ erwarten, daß ſich ein kräftiger Geiſt und zugleich ein ſanftes Gemüth, die ſelten gepaart ſind, in ihm entwickeln werde. Na⸗ türlich war es deßhalb, daß der kleine Henri— nach ſeinem Vater benannt, deſſen Vornamen, dem im Fau⸗ bourg St. Germain üblichen Gebrauche gemäß, Gas⸗ ton Pierre Louis Armand Henri waren— von den m Eltern vergöttert wurde und ſich in nicht geringer Ge⸗ pern beſpannt, wie man ſie namentlich im Süden von Die Peitſche knallte, und wir fuhren im Trabe davon. Während der Wagen das Dorf paſſirte, wurden viele Hüte und Mützen der Vorübergehenden zu Ehren des reichen Grundherrn gezogen, aber faſt in keinem Ge⸗ ſichte las ich ein wirklich herzliches Willkommen für ihn. Herr de Vauxmesnil erwiederte jedoch alle Be⸗ grüßungen auf ſehr herablaſſende Weiſe. „Ich bin ein guter Regent,“ ſagte er mit ſeinem gewöhnlichen ſtolzen Lächeln.„So lange ſich keine Verbreiter neuer Ideen zwiſchen mich und meine Unter⸗ thanen drängen, werden wir recht gut mit einander fertig. Wie gefällt Ihnen Rochaique?“ „Prachtvoll!“ war mein unwillkürlicher Ausruf, denn von der Stelle aus, die wir auf unſerem gewun⸗ denen und aufwärts ſteigenden Wege erreicht hatten, nahm ſich das Schloß in der That majeſtätiſch aus. Als wir jedoch näher kamen, entging mir nicht, daß viel von dieſem Glanze ſchwand. Ein großer Theil des Gebäudes lag in Ruinen, und hatte nichts mehr als die äußeren Mauern; die Thürme waren geſprengt, die Wände geborſten, und das ſich an den Trümmer⸗ haufen lehnende neue Gebäude ſah durch den Gegenſatz zu ſeinem rieſigen Nachbar viel kleiner aus, als es wirklich war. Der Marquis lächelte bitter, als er meinen durch dieſe Wahrnehmung überraſchten Blick ſah. „Ja,“ ſagte er,„die beſten Tage von Rochaique Dort, wo Sie um ſolche alten Eyinnerungen kümmern! Ruinen der Erde, nicht wahr? Sie ſollen es auch haben, denn wir ſind jetzt angelangt.“ Meen Leben im Schloſſe war zwar einförmig, aber nicht unglücklich zu nennen. Die Marquiſe mit ihrem kleinen Sohne, meinem Zöglinge, und eine Schweſter des Herrn de Vauxmesnil, eine ſtille, aber ſteife und gezierte Perſon, bildeten den Familienkreis. Erſtere, bedeutend jünget als ihr Gemahl, war eine ſanfte, bleiche Frau mift blonden Haaren und milden, grauen fahr befand, gründlich verzogen zu werden. Allein es gibt Naturen, die ſich ſelbſt durch Schmei⸗ chelei nicht verderben laſſen, und zu dieſen gehörte mein Zögling, der kleine Vicomte, der ſchon in der Wiege ſo genannt wurde, da ihm, als dem älteſten Sohne des Marquis, dieſer Titel gebührte. Sein Vater wünſchte, daß die Erziehung des Knaben nach dem vor der Revolution üblichen Syſteme geleitet werde. Aller⸗ dings verlangte er nicht, daß ich ſeinem Sohne die Geſchichte ſeines Vaterlandes nach der wahrhaften Schilderung des Abbé Labeille lehren ſolle, der in klerikalen Schulen hoch geachtet wird und, zum Bei⸗ ſpiel, die Schlachten von Auſterlitz und Marengo als Siege ſchildert, die ein gewiſſer Marquis de Bona⸗ parte, General in der Armee des Königs, errungen habe. Solche grobe Lügen enthielten die mir zum Ge⸗ brauche überwieſenen Schulbücher nicht; aber ſie waren ſehr vorſichtig ausgewählt und von Männern geſchrie⸗ ben, welche das Fortſchreiten des Zeitgeiſtes mit Furcht und Unwillen betrachteten. Auch machte der Marquis kein Geheimniß aus ſeinen Abſichten und Anſichten. „Ein Edelmann,“ pflegte er zu ſagen,„darf nicht in Unkenntniß deſſen bleiben, was dem Pöbel der Städte bekannt iſt. Was mich betrifft, ſo hat das wunderbare neunzehnte Jahrhundert mit allen ſeinen geprieſenen Erfindungen, dem Gas, der Dampfkraft und Elektrizität, nicht den Werth einer Priſe Schnupf⸗ tabak; aber Henri darf nicht aufwachſen, ohne dieſe materiellen Erſcheinungen kennen zu lernen, deren über⸗ triebene Lobpreiſung jetzt an der Mode iſt. Ich war Page bei Louis dem Achtzehnten, und wir hatten da⸗ mals von anderen Dingen zu ſprechen, als von Wiſ⸗ ſenſchaft und neuen Erfindungen. Edelleute waren in jener Zeit wirklich Edelleute, mein guter Monſieur Kirby.“ Ein Glück für mich war es, daß der Marquis vor den Klaſſikern große Achtung hegte. Das Studium des Horaz und Cicero war nach ſeinem Geſchmacke, denn der„große Monarch“ hatte es gebilligt, und er veranlaßte deßhalb ſeinen Sohn, viel Zeit auf die Er⸗ lernung der alten Sprachen zu verwenden. Ich ſage, es war ein Glück für mich; denn während ich ihn in der lateiniſchen Grammatik unterrichtete, ſah ich mei⸗ nen Weg klar vor mir, und ſtieß nicht auf die Schwie⸗ rigkeiten, welche ſich beim Vortrage über Naturwiſſen⸗ ſchaften und Geſchichte oft in den Weg ſtellten. In letzteren bereitete mir mein Zögling häufig dadurch große Verlegenheiten, daß er Fragen that, die ich un⸗ ——-———————————ę’BUBLO—-— möglich der Wahrheit gemäß und in Uebereinſtimmung mit den Wünſchen ſeines Vaters beantworten konnte; der legitimiſtiſchen Partei geltend machte, ſtand fort⸗ während mit den exilirten Bourbonen in Korreſpon⸗ denn Kinder, auch die von nur mittelmäßigen Anlagen, beſitzen einen hohen Grad von Neugierde und ein be⸗ ſonderes Talent, Querfragen zu ſtellen, das manchem Prokurator Ehre machen würde. Das Gemüth des Knaben war offen und edel, er hatte einen ritterlichen Sinn, von dem ſein Vater, aller Politur und alles äußeren Firniſſes ungeachtet, wenig oder nichts beſaß. Ich hegte die Ueberzeugung, daß er nur das Rechte kennen zu lernen brauchte, um darnach zu handeln, ohne Rückſicht darauf, welche Selbſtverleugnung es ihn koſtete und welche Vorurtheile er zum Opfer bringen mußte; und nicht ohne Furcht ſah ich deßhalb die Zeit kommen, wenn der junge Erbe, zum Manne geworden, über manche ſociale und politiſche Fragen Anſichten hegen werde, welche denen ſeines Vaters ſchroff ent⸗ gegen waren. Unmöglich konnte er die Welt immer durch eine mittelalterliche Brille betrachten; ein Zufall konnte ihm die Augen öffnen, ihm den wahren Stand der Verhältniſſe zeigen und ſeine Theilnahme für eine Seite gewinnen, der die hartnäckigen Vorurtheile ſei⸗ nes Vaters feindſelig gegenüber ſtanden. Auch mir bereitete meine Stellung in dem Hauſe oft große Un⸗ ruhe. Meine Anſichten waren die der Mehrzahl mei⸗ ner Landsleute, und deßhalb in den Augen des Mar⸗ quis irrig und verächtlich. Pflichtwidrig in hohem Grade wäre es von mir geweſen, wenn ich meinem jungen Schüler Lehren und Begriffe hätte mittheilen wollen, die von ſeinem Vater verabſcheut wurden; aber auf der anderen Seite geſtattete mir mein Gewiſſen auch nicht, den Dingen falſche Farben zu leihen. Ich war bemüht, mich durchaus neutral zu verhalten, und es gelang mir einigermaßen, aber koſtete furchtbare Anſtrengungen. Inzwiſchen gewann mein Zögling eine große Anhänglichkeit für mich, und auch die übrigen Mitglieder der Familie bewieſen mir viel Wohlwollen. Die Marquiſe war, wie es mir ſchien, bei mei— nem Engagement nicht zu Rathe gezogen worden. Sie war zwar immer freundlich und artig, aber ich glaubte zu bemerken, daß ſie mit meiner Eigenſchaft als Aus⸗ länder und Proteſtant nicht einverſtanden ſei; denn öfters gab mir ihr Gemahl zu verſtehen, daß es ihr Wunſch geweſen, Henri von einem katholiſchen Geiſt⸗ lichen erziehen zu laſſen. „èAllein,“ fügte der Marquis bei ſolchen Gelegen⸗ heiten in ſeiner ſtolzen Weiſe hinzu,„davon konnte keine Rede ſein. Ohne Zweifel muß die Kirche auf⸗ recht erhalten werden, aber es würde mir entſetzlich unangenehm ſein, einen Pfaffen unter meinem Dache zu haben, obgleich meine Frau gutmüthiger Weiſe glaubt, daß jeder Prieſterrock einen Engel berge. Nein, ich will nicht, daß der Knabe unwiſſend aufwachſe und am Ende nichts erlange, als etwas Verſchlagenheit. Ich folge in dieſer Beziehung der Anſicht Voltaire's, welcher ſelbſt ein Schüler der Jeſuiten geweſen iſt.“ Das war nur zu wahr, denn der Marquis konnte mit Recht die ſeltſamſte Miſchung eines Philoſophen des achtzehnten Jahrhunderts und eines politiſchen An⸗ hängers der Kirche genannt werden. Seine Reden im Senate waren ſtets bitter, heftig und voll von ultra⸗ montanen Empfindungen, aber außerhalb der Tribüne gab er ſich nie den Schein von Frömmigkeit. Er war ein eifriger Gegner der beſtehenden Regierung, befand ſich häufig in Paris, wo er ſeinen Einfluß zum Nutzen denz, und war ſtets bemüht, kleine Verſchwörungen zu ſtiften, die, wenn ſie auch die beſtehende Verwaltung nicht umſtürzen konnten, ihr mindeſtens viele Schwie⸗ rigkeiten bereiteten. 16 Das Leben im Schloſſe war ſehr einförmig. Nur wenige, ziemlich entfernt wohnende adelige Familien kamen zuweilen durch die Pappelallee in feierlichem Aufzuge gefahren, um in Rochaique zu diniren, alt⸗ modiſche Kartenſpiele zu ſpielen, und neue Begeben⸗ heiten beim Lichte einer veralteten Politik zu beſprechen Es gab nur wenige Perſonen im Departement, welche der Ehre würdig erachtet wurden, in den ſteifen Pracht⸗ ſälen der Familie Aufnahme zu finden. Betitelte Na⸗ men waren zwar in großer Auswahl vorhanden, aber den meiſten klebte irgend ein politiſcher Makel an. So kam es, daß außer dem Herzoge von Rohan mit ſei⸗ ner Gemahlin und einigen anderen Familien ſelten ein Gaſt die Schwelle des Schloſſes überſchritt. Ich pflegte gerne mit meinem Leſe⸗ oder Skizzen⸗ buche auf der Spitze eines verfallenen Thurmes zu ſitzen, von der man eine herrliche Ausſicht hatte. Die Höhe war bedeutend, die Luft hier, ſelbſt bei ſchwü⸗ lem Wetter, von einem friſchen Winde bewegt, und der Anblick der Felder, der fernen Berge und des Stromes, mit ſeinen zahlreichen Booten, außerordent⸗ lich ſchön. So befand ich mich auch eines Tages mit meinem Zeichenblatte dort, während der kleine Henri an meiner Seite ſaß, und der Marquis auf der unter⸗ halb befindlichen Terraſſe hin und her ſchritt, wie ſeine Gewohnheit war, wenn er über eine im Senate zu haltende fulminante Rede nachdachte. Der Tag war ungewöhnlich klar, ein friſches Lüftchen wehte, und die Berge ſchienen näher als ſonſt zu liegen, und ließen neue Farben und Geſtaltungen an ihren Felsabhängen— und Schluchten ſehen. Ich arbeitete eifrig an meiner Zeichnung, und der Knabe ſah mir mit ſeinen großen, ernſten Augen aufmerkſam zu. Er war an dieſem Tage beſonders aufgelegt, Fragen zu thun. „Mr. Kirby,“ ſagte er,„wem gehören jene Wieſen dort, wo die Kühe unter den Weinbergen weiden?“ 4 3 Ich erwiederte ihm, daß ſie ſeinem Vater gehör⸗ ten, und war nicht wenig erſtaunt, als er fortfuhr: „Aber die Felder jenſeits des Fluſſes, nach den Bergen zu, welche Sie jetzt zeichnen, gehören meinem Papa wohl nicht?“ Ich antwortete verneinend. — „Und doch haben ſie ihm einſtmals gehört,“ fügte 3 das Kind hinzu. „Woher weißt du das, Henri?“ fragte ich, erſtaunt 1 über dieſe Bemerkung des Knaben. Mir ſelbſt war der Umſtand nur dadurch bekannt geworden, daß ich zufällig eine alte Karte der ehemals zum Gute gehörigen Ländereien geſehen hatte, auf der die konfiscirten Theile mit rother Tinte genau ver⸗ merkt waren. Ich wußte allerdings, daß die dem Marquis verbliebenen Grundſtücke kaum den vierten Theil der ſeinen Voreltern zugehörigen ausmachten, aber hatte mich wohl gehütet, durch Erwähnung dieſes Um⸗ ſtandes Empfindungen der Unzufriedenheit in der Bruſt des Knaben zu erwecken. „Unſer alter Gärtner Pierre hat es mir geſagt,“ erwiederte das Kind, in die Ferne chauend.„Es — 217 waren die Rebellen und Anführer, die uns dieſe Lände⸗ reien nahmen, dieſelben, welche die Gallerie verbrann⸗ ten und das Schloß verwüſteten. Weßhalb thaten ſie das, Mr. Kirby? Waren es nicht recht böſe Menſchen?“ Es war eine Frage, die mich in Verlegenheit ſetzte. Wie ſollte ich dem Kinde erklären, daß die Urſache hauptſächlich in der Verderbtheit des Hofes und der Tyrannei der höheren Stände gegen die unteren gele⸗ gen hatte? Wie ſollte ich ihm ſagen, daß auf beiden Seiten ſchwarze Verbrechen begangen worden waren, und daß die Unſchuldigen mit den Schuldigen hatten leiden müſſen? Ehe ich noch eine vorſichtige Antwort erdenken und äußern konnte, ſchlug urplötzlich ein gräßliches Lachen, gellend wie das Geſchrei der Todteneule, an unſer Ohr und erſchreckte uns Beide. Ich blickte mich ſchnell um, und ebenſo Henri, denn das Lachen ſchien aus den Ruinen hervor zu kommen. Zu meinem Erſtaunen gewahrte ich eine menſchliche Geſtalt, die aber ſo klein und ſo phantaſtiſch aufgeputzt war, daß ſie eher einem großen Affen, als einem Weibe glich. Dennoch war es ein Weib, zwergartig, gebückt, und in einen Man⸗ tel mit rother Kappe gehüllt, über die das graue Haar in wirren Maſſen hing,— ein Weib mit einem von Falten durchzogenen, widerlichen Geſichte und boshaft funkelnden Augen, deren Blick vom Alter nicht blöde geworden war. „Ich kenne ſie,— ich habe ſie ſchon geſehen,— es iſt die Rothkappe!“ rief der Knabe. S. 213.) (Siehe Bild (Siehe S. 220.) Während deſſen ſchnitt das alte Weib Fratzen, drohte uns mit dem knöchernen Finger, und murmelte kichernd etwas Unverſtändliches. „Das arme Weſen iſt wahnſinnig,“ ſagte ich leiſe für mich. Aber deſſen ungeachtet ſchien ſie mich zu verſtehen, denn augenblicklich verwandelte ſich ihr Mur⸗ meln wieder in das gelle Lachen. „Aha, mein lieber Herr, Sie denken auch ſo?“ hörte ich ſie ſagen.„Warten und ſehen Sie! War⸗ ten und ſehen Sie! Und du mein ſchönes Kind, ruht auf dir auch der Fluch, nein— 2“ Hier brach die Wahnſinnige plötzlich ab, und ver⸗ ſchwand ſo ſchnell in den Ruinen, daß es faſt ſchien, als habe ſie ſich in Luft aufgelöst. Im nächſten Augenblicke hörten wir den ſtolzen und gewichtigen Schritt des Marquis die Treppe herauf ſteigen. Ohne Zweifel hatte das Weib ihn ſchon einige Sekunden früher gehört, und deßhalb ihre Drohung oder Verwünſchung unvollendet gelaſſen. Feierſtunden. 1863. „Die Eulen ſind heut ſehr laut,“ ſagte der Schloß— herr, eine Priſe aus ſeiner goldenen Doſe nehmend. Die Eulen! Wahrſcheinlich hatte er jenes ſchreiende Lachen gehört, ohne zu erkennen, daß es von menſch⸗ lichen Lippen kam. Auch erwähnte keiner von uns, weder ich noch der Knabe, der eben geſehenen ſchreck⸗ lichen Erſcheinung. Bei der nächſten Gelegenheit befragte ich den alten Pierre über das Weib. Der Mann erſchrak bei mei⸗ ner Frage, lehnte ſich über den Spaten, ſchlug das Kreuz und ſagte: „Heilige Catharine! Hat ſie ſich wieder ſehen laſ⸗ ſen? Das bedeutet Unglück!“ „Aber wer und was iſt ſie denn?“ fragte ich un⸗ geduldig. „Sie kennen die Rothkappe nicht?“ entgegnete er. „Doch verzeihen Sie, ich vergaß, daß Sie Ausländer ſind. Ja, ſehen Sie, mein Herr, ſie wird die Roth⸗ kappe genannt von dem rothen Kragen ihres Mantels; 28 218— aber ihr eigentlicher Name iſt Mutter Chardon— Marie Chardon— und ſie wohnt ganz allein in einer kleinen Hütte unter den Felſen am Ufer. Wie alt ſie iſt, kann Niemand ſagen. Mein Vater verſicherte, daß ſie, als er noch ein Knabe geweſen, ſchon immer ſo grau und gefurcht ausgeſehen habe, wie jetzt. Ich weiß es nicht, aber gewiß iſt, daß ihre Erſcheinung nichts Gutes bedeutet.“ Mit Mühe brachte ich aus dem Gärtner heraus, daß man allgemein annahm, das alte Weib ſei Augen⸗ zeugin der Revolution geweſen und habe an ihren wil⸗ den Raſereien Theil genommen. Sie ſollte den Tanz der Carmagnolen um die Gulllotine in Lyon mitge⸗ macht haben, als dieſe ſchreckliche Maſchine in der Vorſtadt Croix Rouſſe arbeitete, bis das Meſſer ſtumpf und ſchartig, der Arm des Henkers müde und die ſchreiende Volksmenge heiſer geworden war. Auch bei der Zerſtörung des Schloſſes Rochaique, hieß es, ſei ſie gegenwärtig geweſen, und Gerüchte erzählten von ſchweren Vergehen, deren ſich ein früherer Beſitzer ge⸗ gen ſie oder die Ihrigen ſchuldig gemacht habe, und welche auf dieſe Weiſe gerächt worden ſeien. „Gewiß iſt,“ fügte der Gärtner hinzu,„daß die Rothkappe unſeren Herrn mehr noch als andere Edel⸗ leute haßt, und von der Familie Vauxmesnil immer nur mit einem Fluche ſpricht. Sie hat ſich ſelten hier gezeigt, aber jedesmal verkündete ihre Erſcheinung ein kommendes Unheil. Mögen uns die lieben Heiligen beſchützen!“ Ich verſuchte, den alten Mann von ſeinen aber⸗ gläubiſchen Befürchtungen abzubringen, indem ich dar⸗ über lachte, aber vergebens. Er ſchüttelte den Kopf und zählte mir eine Menge trauriger Ereigniſſe vor. Die Rothkappe war gerade eine Woche vorher erſchie⸗ nen, ehe die jüngſte Schweſter des Marquis vom Fie— ber ergriffen wurde, in Folge deſſen ſie an dem zu ihrer Hochzeit beſtimmten Tage ſtarb. An dem Mor⸗ gen, an welchem der Oheim des Herrrn de Vauxmes⸗ nil, von dem Letzterer den Titel und die Beſitzungen erbte, bei Paris im Duell erſchoſſen wurde, war die unheilvolle Rothkappe in den Ruinen geſehen worden; und als der große Prozeß verloren ging, den der Mar⸗ quis erhoben hatte, um ſeine geſunkenen Glücksgüter wieder herzuſtellen, ſowie, als jenes politiſche Erdbeben eintrat, welches der Familie ihre Stellung und Macht raubte, hatte ſich dieſer Unglück verkündende Gaſt im Schloſſe gezeigt. Daß Pierre, Gärtner und ehemals Korporal in der Garde Carls des Zehnten, an die Bosheit und übernatürlichen Kräfte der Mutter Chardon glaubte, wunderte mich nicht; aber deſto mehr war ich erſtaunt, zu hören, daß auch der Geiſtliche des Ortes ſeine An⸗ ſichten in mancher Beziehung theilte. Dieſer Pfarrer, Monſieur Tonot, kam oft nach dem Schloſſe, und wurde ſtets freundlich empfangen, aber weniger wegen ſeiner geiſtlichen Eigenſchaft, als wegen der eines ge⸗ ſchickten Arztes. Es iſt keine ungewöhnliche Erſchei⸗ nung, daß Geiſtliche, beſonders in armen und entlege— nen Gegenden, einige mediziniſche Kenntniſſe beſitzen; und da kein Arzt im Dorfe wohnte, ſo wurde Mon⸗ ſieur Tonot's Geſchicklichkeit häufig in Anſpruch ge⸗ nommen. In dem zunächſt gelegenen Orte wohnte zwar ein Chirurg, und aus Lyon ließ ſich gute ärzt⸗ liche Hülfe herbeiholen, allein der Marquis hatte eine Antipathie gegen alle Doktoren, welche er„die Trom⸗ merkte Monſieur Tonot achſelzuckend. peter und Verbreiter der Revolution“ nannte, und der Pfarrer mußte deßhalb ſowohl für die leidende Geſund⸗ heit der Marquiſe, als für die Kinderkrankheiten des jungen Erben verſchreiben. Ich hatte Monſieur Tonot gern. Er war ein großer, ſtarker Mann mit geſun— dem, blühendem Geſichte, offenem Blicke und ſtrengem Pflichtgefühle. Die Armen des Ortes, ſowie alle Kinder und Hunde waren ſeine Freunde, und die Dame des Hauſes hatte immer ein freundliches Willkommen für ihn. Dagegen ließ der Marquis in ſeiner Artig⸗ keit gegen ihn viel Verachtung durchblicken. Ein ſol— cher Geiſtlicher, wie Monſieur Tonot, konnte aller⸗ dings nicht nach ſeinem Geſchmacke ſein; denn Letzterer war weder ehrgeizig, noch witzig, weder ein frivol ſpöttelnder Abbé mit Citaten aus Dichtern und Klaſ⸗ ſikern an allen Fingerſpitzen, noch ein finſterer Ultra⸗ montaner, der ſich ſeinen Schleichweg zum Biſchofs⸗ ſtuhle bahnt. „So, alſo haben Sie die Unglückliche auch ge⸗ ſehen?“ ſagte Monſieur Tonot, als ich ihn über die Rothkappe befragte.„Das arme Weſen mag ſeiner Zeit viel erduldet haben, und kein Wunder daher, daß ihr Gemüth erbittert iſt. Aber wundern muß man ſich, mit welcher Genauigkeit manche ihrer Prophezeihungen in Erfüllung gegangen ſind, die immer ſehr düſterer Art waren, denn ſie hegt keine Liebe für die Familie im Schloſſe.“ Mehr konnte mir der Prieſter nicht ſagen. Selbſt Marie Chardon's Alter kannte Niemand, da die Kir⸗ chenbücher in der Revolution verbrannt worden waren. Eben ſo wenig wußte man, von welchen Mitteln ſie lebte; aber die Vermuthung lag nahe, daß ſie aus der abergläubiſchen Furcht oder dem Mitleide der Bauern Unterſtützungen bezog. Sie gab ſich übrigens nicht für eine Zauberin aus, deren man viele in den franzöſi⸗ ſchen Provinzen findet, und die für ein Silberſtück die— Zukunft verkünden, oder geheime Mittel gegen Mehl⸗ thau und Viehſeuchen verkaufen. Verwandte hatte ſie nicht mehr, und Niemand wußte anzugeben, woher ihr Haß gegen die Familie Vauxmesnil rührte; aber öfters hatte man ſie murmeln hören:„Blut für Blut, Thrä⸗ nen für Thränen, und Kummer für Schande und Entehrung!“ „Alte Geſchichten, ſo alt wie die Sündfluth,“ be⸗ „Allein merk⸗ würdig iſt das ſcharfe Vorgefühl der alten Frau in Bezug auf jedes Unglück, welches die Familie betreffen ſoll. Sie lächeln, mein Herr? Ah, Sie ſind ein Freigeiſt!“ Die Zeit verſtrich indeß, und nichts ereignete ſich, Das geheim⸗ um dieſe Bemerkungen zu rechtfertigen. nißvolle Weſen ließ ſich in den Ruinen nicht wieder ſehen, und ich begann es zu vergeſſen. Der Marquis, obgleich kein reicher Edelmann, hatte nicht unbedeutenden Grundbeſitz, deſſen Ertrag durch eine vernünftige Verwaltung weſentlich hätte erhöht werden können. In dieſer Beziehung ſtanden jedoch ſeine Vorurtheile im Wege. Er befolgte hartnäckig das alte Syſtem ſeiner Vorfahren, und zwar mit bedeuten⸗ den Opfern. Seine Bewirthſchaftung war veraltet, keine Verbeſſerungen wurden eingeführt, keine neumodi⸗ ſchen Maſchinen durften gebraucht, und keine Verände⸗ rungen in der Viehzucht gemacht werden. Wenn der Präfekt des Departements die anderen Grundbeſitzer wegen der neu eingeführten Verbeſſerungen lobte, konnte . / — = 249 er nicht umhin, die ſchweren Pflüge, die ſchlechte Be⸗ bauung und die mangelhafte Schafzucht auf den Grund⸗ ſtücken des Marquis ſpöttiſch zu belächeln. Allein die⸗ ſer höhnende Tadel von Seiten eines bonapartiſtiſchen Beamten war genügend, um Letzteren in ſeinen ver⸗ alteteten Gewohnheiten nur noch mehr zu befeſtigen, und um ſo verächtlicher wies er auch alle Bemerkun⸗ gen zurück, welche ich mir über den Gegenſtand erlaubte. In einer Beziehung gingen die Anſichten des Mar⸗ quis mit denen ſeiner Bauern Hand in Hand, näm⸗ lich in der gänzlichen Vertilgung aller kleinen Vögel. Der franzöſiſche Landmann hegt in dieſem Punkte ein eingewurzeltes Vorurtheil. Kleine Vögel, ſagt er, ver⸗ zehren Weizen, Kirſchen und Weintrauben, und müſ⸗ ſen deßhalb ſterben! Die Folge war, daß die Vögel in der Provinz allmählig mehr und mehr abnahmen. Noch ſchlimmer wurde es jedoch, als das Miniſterium in Paris eine an ſämmtliche Kirchen und Rathhäuſer angeſchlagene Verwarnung erließ, in der empfohlen wurde, mit der Vertilgung der Vögel einzuhalten. Ich las die Verordnung, welche gut und klar abgefaßt war und überzeugend nachwies, welches wichtige Glied in der Kette der Natur fehlen würde, wenn die befiederten Bewohner der Erde verſchwänden. Der Landmann wurde daran erinnert, daß er durch das Tödten der Vögel die Entwickelung aller ſchädlichen Inſekten be⸗ fördere, daß wenige Kornähren und Früchte in keinem Verhältniſſe zu ganzen Schobern und Feldern ſtänden, die von Fliegen und Kornwürmern verzehrt werden würden, und daß dieſe kleinen Feinde ſeinen Ernten mehr Schaden zufügten, als die Finken und Meiſen je gethan. Manche von den Landleuten beſaßen ſo viel Ver⸗ ſtand, auf die Warnung zu hören; Andere dagegen, und zwar die Meiſten, ſtarrten die Schrift ungläubig an und ließen die Verfolgung ungehindert fortgehen. Für den Marquis aber war ein ſolcher Rath Gift und Galle. Er ſollte auf das Geheiß einer uſurpirten Re⸗ gierung von ſeinen Anſichten und Gewohnheiten abs: gehen? Er ſollte von einem kaiſerlichen Miniſter guten Rath annehmen? Nein, davon konnte keine Rede ſein! Alle Pächter wurden verſammelt, und er hielt ihnen eine faſt aufrühreriſche Rede, um die weiſen und wohl⸗ meinenden Rathſchläge der Behörden mit dem Eigen⸗ ſinne eines Kindes zu vereiteln. Ein ſolches Gemetzel, wie nun unter den Vögeln ſtattfand, war noch nie da geweſen. In Hainen und auf Wieſen verſtummten alle Geſänge. Belohnungen wurden für die Köpfe von Lerchen, Rothkehlchen, Wachteln und Allem, was Schnabel und Federn hatte, ausgeſetzt; Banden durch⸗ zogen die Wälder, um die Neſter zu vernichten, Ge— wehre blitzten vom Morgen bis Abend in Weinbergen und Hecken, und vergiftete Körner wurden ausgeſtreut, bis Tauſende dieſer armen Thierchen todt am Boden lagen.. Die Folgen einer ſolchen ſelbſtmörderiſchen Thor⸗ heit blieben nicht aus. Im zweiten Jahre meines Aufenthaltes auf dem Schloſſe zeigte ſich die Nemeſis in einer ſolchen Maſſe von Inſekten, daß ſelbſt die hartnäckigſten Bauern bleich vor Schrecken wurden. Maden, Heuſchrecken, Raupen und Kornwürmer, Alles, was kriecht und fliegt, die Wurzeln und Aehren zer⸗ nagt, die Blüthen abfrißt, die Früchte aushöhlt und die Baumrinden unterwühlt, Alles, was den Vor⸗ * räthen und Scheuern gefährlich iſt, fand ſich in uner⸗ meßlicher Menge ein. Die Vögel, die treuen Alliirten, welche dieſe Räuber hätten lichten und vermindern kön⸗ nen, waren nicht mehr da, denn man hatte ſie dum⸗ mer Weiſe gemordet. Ihre ſcharfen, kleinen Augen und ſpitzigen Schnäbel würden für geringen Lohn hun⸗ dertmal mehr gewirkt haben, als ſämmtliche gedungene Arbeiter mit allen Hilfsmitteln zu thun vermochten. Durch den Verluſt an Korn, Früchten und Bäumen und die bedeutenden Koſten, welche aufgewendet werden mußten, um dieſer Landplage durch menſchliche Hilfe zu ſteuern, hatten die Bauern ſchwer zu leiden, wäh⸗ rend der Marquis in gleichem Grade ſeine Popularität und ſein Einkommen ſchwinden ſah, da die Leute jetzt die Vertilgung der Vögel bereuten, und ihrem hoch⸗ adeligen Rathgeber, der ſie dazu veranlaßt hatte, die Schuld beimaßen. Allein er blieb hartnäckig bei ſei⸗ ner Meinung, und wollte kein Unrecht eingeſtehen. Er nahm mehr Leute in Dienſt, ließ die Bäume in den Gärten reinigen, und beſtand darauf, durch ungeſchickte menſchliche Hände die Arbeit der Schwalben und Mei⸗ ſen verrichten zu laſſen. An einem düſteren Herbſtnachmittage, als die Ar⸗ beiter beſchäftigt waren, die dürftigen Ueberreſte der Obſternte einzuſammeln, bat mich der kleine Henri, einen Spaziergang mit ihm in die nächſte Waldung zu machen. Das Wetter war, wie geſagt, trübe, die Luft ſchwül, und große, dunkle Wolkenmaſſen hingen träge und ſchwer am Horizont und verkündeten einen Gewitterſturm. Die ganze Natur ſchien von der Drohung des nahenden Unwetters gedrückt zu ſein, und ſelbſt das Summen der Inſekten in den Hecken klang dumpf. Unter dieſen Umſtänden weigerte ich mich, einen ſo weiten Ausflug mit meinem Zöglinge zu un⸗ ternehmen, und machte ſtatt deſſen den Vergleichsvor⸗ ſchlag, einen näher gelegenen Garten zu beſuchen, wo, wie ich wußte, das Obſt eingeſammelt wurde. Dort⸗ hin begaben wir uns alſo, nahmen auf einer Raſen⸗ bank Platz und ſahen den Arbeitern zu. Es war eine geſchäftige Scene. Maſſen von Bauern und Bäuerin⸗ nen— die Männer in ihrer gewöhnlichen Blouſe und geſtreiften Nachtmütze, die Weiber mit breiten Stroh⸗ hüten, rothen Röcken und Holzſchuhen— umſchwärm⸗ ten die Bäume und füllten die Körbe mit rothwangi⸗ gen Aepfeln und blauen und gelben Zwetſchen. Allein die ſchönen Erwartungen, welche mancher Baum im Frühjahr gegeben, erfüllten ſich nicht; denn die Rau⸗ pen waren vor den Ernteleuten dort geweſen, und die Arbeiter hatten jetzt mehr damit zu thun, die Inſekten zu tödten, als die Früchte einzuſammeln. Ich zog mein Buch aus der Taſche und begann zu leſen, während Henri Erlaubniß erhielt, ſich den Einſammlern anzu⸗ ſchließen, unter denen auch der alte Pierre und deſſen Tochter waren. Bald darauf ſchlenderte ich auch zu den Leuten hinab, und fand Henri, von Aufregung glühend, in den oberen Zweigen eines alten knorrigen Baumes, deſſen Stamm er mit Hilfe einer Leiter er⸗ ſtiegen hatte. „Nimm dich in Acht, Kind!“ rief ich beſorgt, „nimm dich in Acht, damit du nicht herunter falleſt!“ „Fürchten Sie nichts, Monſieur Kirby!“ erwiederte der Knabe lachend.„Sehen Sie jene Aepfel dort oben? Die muß ich haben!“ Er deutete auf einen Büſchel ſchöner Früchte, welche an einem höheren Zweige hingen, während die Arbei⸗ 28* 1 9 — — 2 — -= 220—= ter beifällig in die Hände ſchlugen und den Muth des jungen Vicomte prieſen. Indem der Knabe den Baum ſchüttelte, fiel plötz⸗ lich eine große, häßliche Raupe auf meinen Fuß herab, dann noch eine und noch eine, und endlich ein förm— licher Regen. Ich nahm eins dieſer Thiere auf. Es ſchien mir eine neue Art zu ſein, und da ich begonnen hatte, die Inſektenlehre zu ſtudiren, ſo legte ich es in eine kleine Blechbüchſe, um es mit nach Hauſe zu neh— men. Die Bauern verfuhren nicht ſo ſchonend. „Ach, dieſe abſcheulichen Beſtien!“ riefen die Leute; „ſie ſind es, die uns die Aepfelernte verderben! Es muß dort oben ein ganzes Neſt ſitzen! Schütteln Sie ſie herunter, Monſieur Henri, wir wollen ihnen das Stehlen verleiden!“ Der kleine Vicomte ſchüttelte kräftig, und ein Schwarm von Raupen ſtürzte nieder, deren viele auf ſein nach oben gerichtetes Geſicht und ſeinen bloßen Hals fielen. Mit einem Schrei des Widerwillens ſtrich er ſie von ſich ab, allein im nächſten Augenblicke fielen noch mehr herab, theils auf ihn, theils auf den Erd— boden, wo ſie von den Holzſchuhen der Bauern zer— treten wurden. Inzwiſchen begann der Donner zu rollen, und ich rief deßhalb den Knaben herab, der jedoch erſt Folge leiſtete, nachdem er ſich zwei ſchöne Aepfel gepflückt hatte. Als er endlich kam, war er ſehr erhitzt und zitterte. „Können Raupen auch ſtechen, Monſieur Kirby?“ fragte er.„Mir iſt, als wenn ich in die Neſſeln gefallen wäre. es mich wie mit Nadeln, und— oh, wie mein Ge— ſicht brennt!“— Zu meinem Erſtaunen fand ich das Geſicht und den Hals des Kindes mit zahlloſen rothen Punkten, den Hitzblattern ähnlich, bedeckt; die Hände waren heiß und trocken, und ſein ganzer Körper bebte. „Mein armer Henri, wir müſſen ſogleich nach Hauſe gehen,“ rief ich beſorgt, während die lebhafteren Naturen der uns umgebenden Leute in lautes Klagen und Bedauern ausbrachen. Während deſſen wurde der Himmel immer finſte— rer, ein Blitz zuckte darüber hin und ein Donnerſchlag folgte. Der arme Knabe litt große Schmerzen. Er drückte die kleine Hand an ſeinen Kopf und lag ſtöh— nend in meinen Armen. Das Fieber nahm ſchnell zu und ſein Bewußtſein ſchien zu ſchwinden. „Schnell, Pierre!“ rief ich,„helft mir Henri du Hauſe tragen; wir müſſen ſogleich einen Arzt rufen.“ Ein heiſeres Lachen, wie das Gekrächze eines Ra⸗ ben, folgte auf dieſe Worte, und etwas Rothes ſchim⸗ merte durch das Laub der nächſten Gebüſche. „Die Rothkappe! Mutter Chardon!“ riefen die Bauern, ſich ängſtlich zuſammen drängend. Ja, die Zwerggeſtalt des boshaften alten Weibes, mit dem Koboldsgeſichte, der rothen Kappe und der Krücke, hinkte aus dem Dickicht hervor. Ihr greiſes Haar flatterte loſe im Winde, und die Augen funkel⸗ ten von Haß.(Siehe Bild S. 217.) Die Krücke aufhebend, als wäre es eine Zauberruthe, rief ſie mit gellender, durchdringender Stimme: „O das böſe Geſchlecht der Vauxmesnil! Schlan⸗ genbrut mit vergoldeter Haut! Ja, der Fluch beginnt zu wirken! Ihr, die ihr die Armen unterdrücket und Am Halſe und an den Händen ſticht verachtet, und mir Heimath und Hoffnung geraubt habt, Ihr, auf die das Blut meines Sohnes und die Schande meiner Tochter fällt, Ihr, die ihr ſelbſt die Vögel des Waldes morden müſſet, verwelket und ver⸗ derbet, Alt und Jung, bis keiner mehr übrig iſt!“ Unter Sturm, Regen und dem rollenden Donner trug ich mit Pierre's Hilfe das Kind eiligſt nach Hauſe; und als ich durch die zunehmende Dunkelheit, beim ungewiſſen Schein der zuckenden Blitze, zurück ſchaute, konnte ich noch die Geſtalt mit der rothen Kappe, dem flatternden grauen Haare und der drohend erhobenen Krücke ſtehen ſehen, und gräßliche Flüche in den wil— den Gewitterſturm hinaus ſchreien hören. Im Innern des Schloſſes fand eine traurige Scene ſtatt, als der Knabe auf ſein Bett gelegt wurde. Der Schmerz der Mutter war unbegrenzt; aber noch ergrei⸗ fender erſchien mir der tiefe, verſchloſſene Kummer des Vaters, dem ſein Sohn die Welt geweſen war. Mon⸗ ſieur Tonot wurde gerufen, aber konnte nichts thun. „Wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, Herr Marquis,“ ſagte er,„ſo laſſen Sie ſogleich durch den Telegraphen ärztliche Hilfe von Lyon rufen, und zwar die beſte, welche zu haben iſt; denn kein gewöhnlicher Arzt kann einen ſolchen Fall behandeln. Laſſen Sie Dr. Servant rufen.“ Der Marquis ſtöhnte, denn der Name Servant erinnerte ihn an die liberalſten Politiker im Departe⸗ ment, und ſchon ſeit langer Zeit hatte zwiſchen dem republikaniſchen Doktor und dem legitimiſtiſchen Edel⸗ manne eine perſönliche Antipathie beſtanden. Deſſen ungeachtet fügte er ſich, und ich ſelbſt ſandte die Bot⸗ ſchaft ab. Kaum eine Stunde ſpäter, mit dem näch⸗ ſten von Lyon kommenden Zuge, erſchien der berühmte Arzt, und blickte mit gefurchter Stirne forſchend auf den ſterbenden Knaben. Letzterer hatte, ſeitdem er in das Schloß gebracht worden, kein Wort mehr geſprochen. Seine Augen waren halb geſchloſſen, und er kannte Niemand mehr: weder die am Fuße des Bettes wei⸗ nende Wärterin, noch die neben ihm ſchluchzende Mut⸗ ter und den ſtolzen, harten Vater, der aber nie gegen ihn hart geweſen war, und jetzt mit ungewohnten Thränen im Auge am Bette ſtand. Es war ein ſchmerzlicher Anblick, die angſtvolle Spannung zu ſehen, mit der das Auge des Marquis an den Zügen ſeines alten Feindes, des Arztes, hing, um Hoffnung darin zu leſen. Dr. Servant ſah den Kummer in dem ſonſt immer ſo kalten Geſichte des Vaters, und auch ſeine Muskeln zuckten unwillkürlich, und ſeine rauhe Stimme nahm einen ungewöhnlich ſanften Ton an, als er die nöthigen Fragen that. „War der Knabe von einer Schlange gebiſſen wor⸗ den? Oder hatte er giftige Beeren im Walde gegeſſen? Wer war bei ihm geweſen?“ „Der engliſche Lehrer Mr. Kirby,“ wurde geant⸗ wortet. W6 Ich berichtete, was ſich zugetragen hatte, und ſo⸗ gleich ſchien der Arzt die Urſache des Uebels zu er⸗ kennen.. „Sie haben eine von den Raupen aufbewahrt?“ fragte er.„Laſſen Sie mich dieſelbe ſehen.“ Ich brachte die Blechbüchſe, und der Arzt erklärte das darin befindliche Thier für die ſeltene und giftige Proceſſions⸗Raupe(Bombyx processionea), deren Berührung Schmerz, Entzündung, Fieber und ſelbſt den Tod erzeugt. — - 221— Der Arzt vermochte nichts zu thun, und der Knabe ſtarb vor unſeren Augen unter heftigen Krämpfen. Kaum war er verſchieden, als drei Blouſenmänner eintraten, welche mit bleichen, erſchreckten Geſichtern eine regungsloſe, von einer zerfetzten rothen Kappe be⸗ 4 deckte Geſtalt auf einer Tragbahre brachten und dieſe vor dem Arzte niederſetzten. Letzterer blickte die Geſtalt prüfend an. „Sie iſt vom Blitz getroffen worden,“ ſagte er, „ich kann auch hier nichts thun.“ u Bois. D Leopold Robert. Wer auch nur einmal und flüchtig die Gemälde— galerie des Grafen Raczynski in Berlin beſucht hat, dem wird gewiß immer ein Bild:„die Schnitter“ in Erinnerung geblieben ſein.„Bei dem Anblick deſſelben — meinte Heinrich Heine— vergißt man, daß es ein Schattenreich gibt, und man zweifelt, ob es irgendwo herrlicher und lichter ſei als auf dieſer Erde. Die Erde iſt der Himmel und die Menſchen ſind heilig durch⸗ göttert, das iſt die große Offenbarung, die mit ſeligen Farben aus dem Bilde leuchtet.“ Vielleicht kennen manche unſrer Leſer auch den Stich des ſchönen Werkes. Eine öde Gegend der Romagna im italieniſch⸗blühendſten Abendlichte bietet ſich den Blicken des Beſchauers dar. Der Mittelpunkt des Gemäldes iſt ein Bauerwagen, der von zwei großen, mit ſchwe⸗ ren Ketten geſchirrten Büffeln gezogen wird und mit einer Familie von Landleuten beladen iſt, die eben Halt machen will. Rechts ſitzen Schnitterinnen neben ihren Garben und ruhen aus von der Arbeit, während ein Dudelſackpfeifer muſicirt und ein luſtiger Geſell zu die⸗ ſen Tönen ſeelenvergnügt tanzt. Links kommen eben⸗ falls Weiber mit Fruchtgarben, jung und ſchön, blu— menbelaſtet, mit Aehren; auch nahen von derſelben Seite zwei junge Schnitter, wovon der eine, wie lie⸗ besſchmachtend, mit zu Boden geſenktem Blick einher⸗ ſchwankt, der andere aber mit aufgehobener Sichel in die Höhe jubelt. Oben auf dem Wagen liegt weich— gebettet der Großvater, ein milder, erſchöpfter Greis; an der anderen Seite erblickt man deſſen Sohn, einen blühenden jungen Mann, der mit untergeſchlagenem Beine auf dem Rücken des Büffels ſitzt und die Peitſche in den Händen hält; etwas höher auf dem Wagen ſteht das junge ſchöne Weib des Mannes, ein Kind im Arme, und neben ihr eine anmuthige Jünglingsgeſtalt, wahr⸗ ſcheinlich der Bruder. Der Zauber dieſes Bildes liegt im Colorit. Die Figuren, die ſämmtlich dunkler ſind als der Hintergrund, werden durch den Wiederſchein des Firmaments ſo himmliſch beleuchtet, ſo wunderbar, daß ſie an und für ſich in freudighellen Farben erglän⸗ zen und dennoch alle Conturen ſich ſtreng abzeichnen. In ſolcher Farbengebung erkennt man das Studium des Raffael. An letzteren erinnert ebenfalls die archi⸗ tektoniſche Schönheit der Gruppirung. Auch einzelne Geſtalten, namentlich die Mutter mit dem Kinde, ähneln den Figuren auf ſeinen Bildern und zwar aus der erſten Periode, wo er noch die ſtrengen Typen des Pe⸗ rugino, allerdings ſonderbar treu, aber doch holdſelig gemildert wiedergab. Der Meiſter dieſes Gemäldes, von dem der Aeſt⸗ hetiker Viſcher geſagt hat, daß er„das Genre bis zur Wirkung des Heroiſchen und Hiſtoriſchen erhöhe,“ iſt der geniale, liebenswürdige, doch leider auch ſehr un⸗ glückliche, allzu früh und freiwillig aus dem Leben geſchiedene Leopold Robert. Ihm ein Denkmal in der Erinnerung der Zeitgenoſſen zu ſetzen, ſchrieb der Fran⸗ zoſe Feuillet de Conches ſeine Biographie, aus der er uns in ſeiner ganzen Anmuth und Seelengröße entge— gentritt, und Dr. Edmund Zoller(der Redacteur der Stuttgarter„Allgemeinen Illuſtrirten Zeitung“) hat des Genannten Arbeit jetzt auf ſehr verdienſtliche Weiſe in's Deutſche überſetzt. Das Buch betitelt ſich in die— ſer Uebertragung:„Leopold Robert. Sein Leben, ſeine Werke und ſein Briefwechſel, nach Feuillet de Conches von Edmund Zoller“(Hannover, Carl Rümpler). Der beklagenswerthe Künſtler, welcher, ähnlich wie Raffael, Mozart u. A., das Gepräge eines frühzeiti⸗ gen Todes auf der Stirne trug, war ein Schweizer⸗ kind und wurde am 19. Mai 1794 im Diſtrikte La Chaux⸗de⸗fonds, zum Canton Neuſchatel gehörig, gebo⸗ ren. Wie bekannt, blüht hier eine jener Uhrmacher⸗ kolonien, mit welchen die franzöſiſche Schweiz überdeckt iſt. Leopolds Vater war ein Uhrgehäusmacher. Das Haus, welches er beſaß, liegt außerhalb des Städtchens, auf dem Wege, der nach Locle führt. Es iſt eines der älteren am Orte und hat ein ſehr beſcheidenes Aus⸗ ſehen. In ſeiner Kindheit tummelte ſich Leopold unter den Hirtenfamilien umher und fand große Freude an ihrem Leben und Treiben. Bald ergriff jedoch der Knabe den Griffel und ließ ihn nicht wieder aus der Hand. Papier, Mauern, Alles bedeckte er mit ſeinen Verſuchen. Einige Jahre ſpäter trat er in ein Pen⸗ ſionat zu Porrentruy, und dort vergaß er wunderbarer Weiſe ganz die Zeichenkunſt. Man ſah ihn ſogar einen gewiſſen Widerwillen gegen ſeine frühere Leidenſchaft empfinden, und wenn die Zeichenſtunde kam, widmete er hartnäckig ſeine Zeit lieber den trockenſten Studien, um nur dieſer Pein zu entgehen. Er beſaß eine merk⸗ würdige Gewandtheit im Arbeiten, noch bewunderns⸗ werther war jedoch ſeine Ausdauer bei der Arbeit, die zuletzt für ſeine Geſundheit lebhafte Beſorgniſſe erweckte. Sein Vater mußte ihn nach La Chaux-de⸗fonds zurück⸗ nehmen. Als Leopold in das Alter kam, ſich einen Stand zu wählen, wünſchten die Eltern ihm ſobald als möglich eine unabhängige Exiſtenz zu ſchaffen, und es gelang ihren Bemühungen, den Sohn in einem Han⸗ delshauſe zu Yverdon in die Lehre zu bringen; aber der Handel war durchaus nicht ſeine Sache, und ſchon nach einigen Monaten war der Knabe der unglücklichſte Menſch von der Welt. Der Vater ſah mit ſeinem klaren Blicke, daß der Beruf Leopolds kein anderer ſei, als der, zu dem er ſchon in früher Jugend ſo viel Anlage gezeigt und von welchem er inzwiſchen neue Proben abgelegt hatte. Man beſchloß deßhalb, ihn die künſtleriſche Laufbahn betreten zu laſſen, und gab ihn dem jüngeren Girardet, der damals eben von Locle — 222— nach Paris zurückging, als Schüler mit. Dieſer lehrte ihn die erſten Aufangsgründe der Kupferſtecherkunſt, half ihm auf ſeine Art bei dem Studium der Zeichen⸗ kunſt, ſchickte ihn, damit er nach der Natur arbeiten lerne, in die Akademie und ließ ihn zugleich das Ate⸗ lier Davids beſuchen, bis dieſer, im Jahre 1816 zum Exil verurtheilt, daſſelbe ſchloß. Darauf blieb Leopold nur kurze Zeit noch bei Gros, dem Nachfolger Davids. Er entſchied ſich, in ſein Vaterland zurückzukehren, und hier in der Heimath machte er aus der Palette eine Erwerbsquelle. Wäh⸗ rend 18 Monaten malte er in Oel eine ziemlich große Anzahl von Bildern, die das Gepräge jener Lebendig⸗ keit der Auffaſſung und Naturwahrheit trugen, welche ſpäter ſein Talent charakteriſirten. Unter dieſe Arbei⸗ ten gehört auch ſein eigenes Porträt, das ſich zu La⸗ Chaux-de⸗fonds bei ſeiner Schweſter, Mad. Huguenin⸗ Robert, befindet. Die Künſtler und Kunſtliebhaber dieſer Stadt begrüßten freudig die erſten Verſuche Leo⸗ polds und bedauerten nur, daß er ſich auf das Porträt— genre beſchränke. Einer der ausgezeichnetſten dieſer Ken⸗ ner, Roulet von Mézerac, der von einem langen Aus⸗ flug nach Italien zurückkam und für den Künſtler keine beſſere Bildungsſchule als Rom kannte, drang in ihn, ſich dahin zu begeben; aber um den ſechsjährigen Auf⸗ enthalt Leopolds in Paris zu ermöglichen, hatte die Familie bereits Koſten aufgewendet, die über ihre Mit⸗ tel gingen. So bot denn Herr von Mezerac ihm an, den nöthigen Vorſchuß zu einer dreijährigen Reiſe nach Italien zu machen, mit dem Vorbehalt, daß er das Geld ihm zurückgeben könne, wann er wolle und ſeine Einkünfte es ihm erlaubten. Man kann ſich denken, mit welcher Freude Leopold das Anerbieten annahm. In den erſten Monaten des Jahres 1818 war es, wo er nach Rom aufbrach— wie er irgendwo ſagt, um dort zu ſiegen oder zu ſterben. Er lebte in der ewi⸗ gen Stadt gleich von Anfang an in ſtiller Zurückgezo⸗ genheit ein Leben voll ſtrenger Arbeit und Einſchrän⸗ kung, voll unermüdlicher und angeſpannter Thätigkeit. Seine Willenskraft ſchien die Zahl der Stunden an einem Tage zu verdoppeln und verlieh einer Conſtitu⸗ tion, die unter den raſtloſen Anſtrengungen hätte zu⸗ ſammenbrechen müſſen, einen kräftigen Halt. Bei ſei⸗ nem Debut hatte er ſich im Ausſchmückungsgenre ver⸗ ſucht und unter Anderem eine Proceſſion in der römi⸗ ſchen Kirche des heiligen Cosmus und Damian gemalt, zu welchem Bilde der Prior des Kloſters mit den Mönchen geſtanden; aber Granet, dem er ſein Gemälde zeigte, ſagte zu ihm:„Laſſen Sie dieſe Mauerbilder für Leute, die das Geſicht nicht zu zeichnen verſtehen.“ Von dieſem Augenblicke an war Roberts Beruf ent⸗ ſchieden. Im Jahre 1819 bot ihm ein eigenthümlicher Um⸗ ſtand Gelegenheit, ein durchaus neues Genre zu behan— deln. Die Raubanfälle in den Apenninen machten mit jedem Tage die Reiſe nach Neapel gefährlicher. In den römiſchen Staaten ſtanden die zerſtreuten Banden wieder auf. Die päpſtliche Regierung begann endlich einen wahren Feldzug gegen die Räuber. Dieſe rekru⸗ tirten ſich hauptſächlich in Sonnino, einem kleinen Städtchen nicht weit von Rom. Es wurde ein Edikt erlaſſen, welches die Sprengung dieſes Räuberneſtes befahl und, außer einer Gratifikation für die Gefan⸗ gennehmung oder Tödtung eines Anführers, jeder Ge⸗ meinde, die eine Bande ſprengte, den Steuernachlaß Termini, für Salz und Mehl verſprach. Ehe man ſich's ver⸗ ſah, war ein Theil der Bevölkerung von Sonnino auf⸗ gehoben und mehr als 200 Bergbewohner, Männer, Frauen, Kinder, lauter Räuber und Verwandte von Räubern, wurden nach Rom geſchleppt, die Anführer nach St. Angelo, die Andern in ein Arbeitshaus der das dieſen Namen führt, weil es den Ther⸗ men des Diocletian gegenüber liegt. Leopold beeilte ſich, von dem Gouverneur der Stadt, dem ſpäteren Cardinal Bernetti, die Erlaubniß auszuwirken, inmit⸗ ten dieſer aus ihrer Heimath verpflanzten Bevölkerung ſein Arbeitslokal aufſchlagen zu dürfen. Nachdem er die Erlaubniß erhalten, richtete er ſich in den Termini ein, miſchte ſich unter die Räuber, die ihn um ſeines Geldes willen freundlich aufnahmen, und brachte zwei Monate damit zu, ſie nach der Natur zu malen. Lei⸗ denſchaft im Ausdruck, Energie der Phyſiognomie, Schönheit der Geſtalt, Leichtigkeit und Stolz in der Haltung, Originalität der Koſtüme und Sitten, Alles bot ſich in den Modellen dar, um den kleinen Bildern Roberts eine ungewöhnlich lebendige Charakteriſtik zu verleihen. Ueberhaupt galt faſt dieſe ganze ſonnineſi⸗ ſche Bergbevölkerung bald als eine Sammlung von Modellen, welche die römiſche Regierung aus Rückſicht auf die Bedürfniſſe der Ateliers in der Stadt der Kunſt nicht mehr gefangen zu halten oder auszuweiſen den Muth hatte. Junge Künſtler nahmen die züchtigſten der Frauen und Mädchen in ihre Dienſte; wohlgemerkt, die züchtigſten waren auch die ſchönſten. So kam es, daß Maria Grazia, die bedeutendſte dieſer Frauen von Sonnino, mit ihrer Schweſter Tereſina bei Schnetz und Robert bald wie zu Hauſe war. Der Familien⸗ name der beiden berühmten Modelle war Boni. Wäh⸗ rend der Gatte Grazia's den eiſernen Ring des Bagno am Fuße trug, machte ſein Weib ihr Glück in den Ateliers. Es war der ächte Typus der Frau eines Banditen; eine herrliche, ſchön geformte Geſtalt, den Kopf von dem prachtvollſten Haare bedeckt, eine kräf⸗ tige Erſcheinung, ſtolz, gebieteriſch in Blick und Ge⸗ berde, eine Incarnation der Freiheitsgöttin. Tereſina dagegen, die der Liebling Roberts wurde, hatte mehr Feinheit und Sanftmuth in den Zügen, man konnte ſie für eine Städterin im Koſtüm der Landleute halten. Maria Grazia und Tereſina ſtanden beinahe für alle Bilder Roberts. Es war damals die Zeit der zahl⸗ loſen gemalten Räuberſcenen, mit welchen ſo viele ge— ringere Maler, als unſer Freund, die Salons über⸗ ſchwemmten; die ſeinen jedoch galten im Jahre 1820 als etwas pikantes Neues, was um ſo größeren Bei⸗ fall fand, als die Dichtungen Lord Byrons ebenfalls die Räuber in Mode brachten.„Das Glück hat mich ſehr begünſtigt,“ ſchrieb Robert an einen Freund,„ich wollte ein Genre wählen, das man noch nicht kenne, und dieſes Genre hat gefallen. Es iſt immer ein Vor⸗ theil, der Erſte zu ſein.“ Es war Zeit, daß ihm das Glück lächelte, denn die drei Jahre, welche Robert für ſeine Bildung be⸗ ſtimmt hatte, nahten ihrem Ende; auch ſah ſich der arme Künſtler bereits gezwungen, um die Verlängerung ſeiner Penſion nachzuſuchen; von nun an aber erhielt er ſich aus ſeinen eigenen Erwerbsquellen. Er konnte ſogar zwei Jahre ſpäter ſeinen Bruder Auréle, einen ſanften und klugen jungen Mann, der Uhrmacherei ent⸗ reißen und nach Rom berufen. Leopold wollte aus ihm einen Künſtler machen und fand in ihm den treuen 2.— 8 —— a,, 3 — 223— Genoſſen ſeines Glückes, ſeiner Triumphe und ſeiner Mühen bis an ſeines Lebens Ende. auch keine Ruhe, bis er ſich mit Herrn von Mézerac ausgeglichen und ſeiner Familie die Summen erſetzt hatte, die ſie ihm einſt für ſeinen Unterricht vorgeſchoſ⸗ ſen. Von dem Augenblicke an, wo ſeine Räuberſcenen ihm Ruf brachten, verzichtete er darauf, Stoffe aus Romanen, aus der Dichtkunſt und Geſchichte zu ent⸗ lehnen. Er beſchränkte von nun an ſeine Malerei auf einfache Darſtellungen aus dem gewöhnlichen Leben, und ſeine eifrigen Beſtrebungen hatten nur ein Ziel: der Wirklichkeit entnommene Stoffe durch die Größe des Styls und die Innigkeit des Gefühls in die Sphäre des Idealen zu erheben. Merkwürdig und auffallend iſt, in welch harmoniſches Verhältniß von dieſer Zeit an das Talent Roberts und Italien zu einander traten. Die unangebaute, ſtille und öde römiſche Campagna, die ſtrenge Schönheit der Linien des Horizontes, die göttliche Einheit des weiten Firmamentes, der blendende Schimmer der Atmoſphäre— Alles dies macht einen wunderbaren Eindruck auf Jeden, der nach Rom kommt. Robert mit ſeinem frommen Gefühl für die Natur, ſeiner Kunſtbegeiſterung, in der er Himmel, Landſchaft, die ganze Schöpfung umfaßte, hatte ſich mit dieſen ern⸗ ſten Schönheiten, die in ſeine melancholiſche Seele dran-⸗ gen und ihn in alle Fernen der Phantaſie trugen, ge— radezu identificirt. Und dann die Bevölkerung! Man muß in Rom weniger in der vornehmen Welt als un⸗ ter dem Volke jene majeſtätiſche, ungezwungene und edle Schönheit ſuchen, welche den Kopf mit der ganzen Würde eines Senators oder einer Matrone der römi⸗ ſchen Republik trägt und deren Maler Robert wurde. Inmitten dieſes Volkes lebte er am liebſten. Er war überhaupt nicht für die vornehme Geſellſchaft geſchaffen. Sein Aeußeres hatte für den, der ihn nicht näher kannte, ſehr wenig Anziehendes. Er war ein kleiner, hagerer Menſch von unbeholfenem, unſcheinbarem Weſen. An ſeinen ſtets dunkelfarbigen, enganliegenden, bis oben zugeknöpften Kleidern, ſeinem bis auf die Augen herein⸗ gedrückten Hute, ſeinem großen, tief in den Schultern ſitzenden Kopfe, ſeinem linkiſchen und mürriſchen Aus⸗ ſehen, der gerunzelten Stirn, dem zurückhaltenden und ängſtlichen Ton ſeiner Stimme erkannte man einen Charakter, dem Elaſticität und Schliff mangelten. Nur wer mehr und öfter mit ihm geſprochen, entdeckte an ihm etwas Feines, Wahres, Gefühlvolles, Liebenswür⸗ diges, obwohl von einem düſteren Hauche durchweht. Alles, was er in den folgenden Jahren ausſtellte, gehörte der geſchilderten Geiſtesrichtung an: lauter Fa⸗ milien⸗ und Volksſcenen, wie ſie ſich ihm auf Schritt und Tritt boten; wir erinnern u. A. an den„italieni⸗ ſchen Improviſator“, die„Pilger in der Campagna von Rom ausruhend“, die„zwei Nonnen bei der Plün⸗ derung ihres Kloſters durch die Türken“, die„Hirten aus den Apenninen“, das„Mädchen aus Ischia bei einem Stelldichein“, den„Eremit aus den Händen eines jungen Mädchens Früchte empfangend“, die„Pil⸗ gerin bei ihrer ſterbenden Tochter weinend“ u. f. w. Dieſe ſämmtlichen Bilder, ſo einfach und alltäglich die behandelten Stoffe, ſind mit einer Gewalt des Pin⸗ ſels und einer Tiefe des Gefühls gemalt, die hinreißend wirken. Jeder Zug iſt Wahrheit, und die edle und einfache Compoſition läßt uns an die Antike denken. Auch die vier Jahreszeiten wollte Robert in vier Ge⸗ mälden darſtellen.„Die Rückkehr vom Feſte der Ma— Aber er hatte jetzt donna del Arco“, welches im Frühjahr zu Neapel ſtatt⸗ findet, eröffnete 1827 die Serie.„Die Schnitter in den pontiniſchen Sümpfen“— jenes erwähnte Meiſter⸗ werk— repräſentiren den Sommer. Der Herbſt ſollte durch das Winzerfeſt in Toscana dargeſtellt werden, und der Winter durch den Carneval in Venedig. Je⸗ doch verzichtete der Künſtler auf das Sujet des Carne⸗ vals, und eine„Ausfahrt der Fiſcher des adriatiſchen Meeres“, die er dafür gab, wurde das letzte Werk Roberts. Der Tod allein hinderte ihn, die Weinleſe zu malen, denn er verarbeitete dieſen Gegenſtand im Innern, während er an ſeinen Fiſchern malte, wie man aus einem Briefe an Marcotte erſieht. Seit 1816 hatte Leopold Frankreich nicht mehr geſehen. Er machte während der Ausſtellung der Schnitter im Salon des Louvre 1831 eine Reiſe nach Paris mit ſeinem Bruder Auréle, und kam mitten in den Sturm hinein, der ſich gegen die Schule erhoben hatte, die ſeine Wiege geweſen. Claſſiker und Roman⸗ tiker drängten ſich um die Wette an ihn, beide nahmen ihn für ſich in Anſpruch. Aber betäubt von dem Ge⸗ räuſche der Straßen, der Ateliers und der Salons, be⸗ griff der leicht ſcheu zu machende Robert nichts von der damaligen Umwälzung der Ideen, und ſobald er den Pariſer Boden betreten hatte, erfaßte ihn auch ſchon das lebhafte Verlangen, wieder fortzukommen. Der Schrei der Bewunderung, der ihn bei ſeiner An⸗ kunft empfing, vermochte ſeine Aufregung, ſein Miß⸗ behagen nicht zu bannen, ebenſowenig wie die Huld des Hofes, der Prinzen, ja auch des Königs ſelber, der ihn zum Ritter der Ehrenlegion ernannte. Sehr bald alſo verließ er Frankreich, und mit dieſer Zeit trat er in die kritiſchſte, letzte Epoche ſeines Lebens. Der großartige Erfolg, den die„ Schnitter“ hatten, vermochte die Melancholie nicht zu verſcheuchen, die ſeit vielen Jahren ſchon an dem unglücklichen Künſtler nagte und deren Opfer er endlich werden ſollte. Seine krankhafte Stimmung machte ſeit der Reiſe nach Paris die raſcheſten Fortſchritte. Er ſuchte vergebens die Veränderung auf, er floh umſonſt nach der Schweiz, von der Schweiz nach Italien, von Florenz nach Ve⸗ nedig— Alles zitterte in ihm, und in dieſer unbe⸗ ſtimmten Unruhe, dieſer nervöſen Gereiztheit mühte er ſich ſein letztes Werk, die„Fiſcher“, ab. Es macht den ſchmerzlichſten Eindruck, aus den Briefen Roberts an verſchiedene Freunde zu ſehen, welche innere Qua⸗ len er litt, wie ſeine zweifelſüchtige, aller Energie und feſten Willenskraft endlich verluſtig gegangene Natur ihn zu zahlloſen Verſuchen, ungeheuren Anſtrengungen und tauſend Aenderungen trieb, bis ſein Bild zum Stadium der Retouche gediehen war. Am 30. No⸗ vember 1834 machte er den letzten Pinſelſtrich an die⸗ ſem ewigen Bilde, das er hundertmal zu zerreißen auf dem Punkte war: eine ſeltſame und ſelbſtmörderiſche Wuth, die ſich auf das Werk ſtürzt, ehe ſie den Schö⸗ pfer deſſelben erwürgt. Es ward Anfangs in Venedig ausgeſtellt. Der Vicekönig und Alles, was die Stadt und die benachbarten Orte Padua, Treviſo von Künſt⸗ lern und ausgezeichneten Männern in ſich ſchloſſen, war gekommen, um Robert den Tribut der Bewun⸗ derung zu zollen. Die Akademie hatte ſich beeilt, ihn unter ihre Mitglieder aufzunehmen. Der Glückwunſch, der Enthuſiasmus aller wahren Kenner drang zu ſei⸗ nen Ohren. Dieſelbe Senſation in Paris bei der An⸗ kunft der Fiſcher, als plötzlich eine Nachricht alle Ge⸗ müther wie ein Blitz trifft: Leopold Robert hat ſich ermordet! Und in der That, am 20. März 1835, inmitten ſeiner Triumphe, hatte er ſich mit einem Meſſer die Kehle abgeſchnitten, mit demſelben Meſſer, das ihm ſo oft in ſeiner ſteten Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt zum Abſchaben des Gemalten diente. Er hatte den Mord mit ſolcher Raſerei begangen, daß nicht nur die beiden Hauptſchlagadern durchſchnitten, ſondern auch eines der Hauptwirbelbeine verletzt war. Zehn Jahre vorher, an demſelben Tage, hatte auf die— ſelbe Weiſe ein älterer Bruder, Alfred Robert, ſich um's Leben gebracht. Das Intereſſe, das ſich an das traurige Ende Leo⸗ polds knüpfte, erregte die öffentliche Theilnahme noch mehr, als es bereits durch die„Fiſcher des adriatiſchen Meeres“ geſchehen war. Man fühlte ſich Anfangs von dem Schleier tiefer Melancholie betroffen, der auf dem ganzen Gemälde ruht— nun war er gelüftet. Wel⸗ ches ſind aber die wirklichen Urſachen des Selbſtmor⸗ des geweſen? Eine außerordentliche Schüchternheit, die ihn viele geſellſchaftliche Verſtöße begehen, eine kitzlige Empfindlichkeit, die ihn jedes Lachen mißtrauiſch auf⸗ nehmen ließ, waren für Robert fortgeſetzte Qualen, und dieſer unaufhörliche Kampf zwiſchen den Mächten der Seele und ſeiner Thatkraft boten den ſcharfen Spitzen einer angeborenen Schwermuth und Hypochon⸗ drie viele bloße Stellen. Man denke ferner an die Schwierigkeit, mit der er arbeitete und die den klein⸗ ſten Funken des Gedankens nur mit peinlicher Anſtren⸗ gung hervorſpringen ließ; man beachte die angegriffene und ſchon vor der Production beinahe erſchöpfte Ar⸗ beitskraft, und ſollte man nicht daraus zu ſchließen gezwungen ſein, daß Ueberanſtrengung der geiſtigen Fähigkeit, die ſich je nach der Feinfühligkeit abnutzt, bei Robert die Fibern des Gehirns angreifen mußte, und daß, wenn der Künſtler ſich nicht mit eigner Hand getödtet, er der Arbeit hätte erliegen müſſen? Das iſt jedoch nicht Alles; eine unglückliche, hoffnungsloſe Leidenſchaft hatte einen neuen Brand in ſeine Melan⸗ cholie geworfen. Unter den erlauchten Familien, die er in Rom bisweilen beſuchte, befand ſich auch eine franzöſiſche, welche die Revolution exilirt hatte. Sie beſtand aus einem jungen Ehepaare und einer Ver⸗ wandten. Es war dies die Prinzeſſin Charlotte Na— poleon, Tochter Joſephs, Grafen von Survilliers, mit ihrem Vetter Napoleon, dem älteren Sohne Louis, des Grafen von St. Leu, und der Königin Hortenſia, ver⸗ 224— mählt, und ihre Verwandte, Madame Juliette de Ville⸗ neuve, ſpätere Gättin ihres Vetters Joachim Clary, Alle, mit Ausnahme des Letzteren, todt. Dieſe Per⸗ ſonen liebten nicht nur die Künſte, ſondern ſie übten ſie ſelbſt aus, ſo daß, kaum hatten ſie Robert kennen gelernt, ſich zwiſchen ihm und ihnen eine Art von Freundſchaft entſpann, in der auf der einen Seite der Cultus des Talents und das Wohlwollen, auf der an⸗ deren Seite die beſiegte Schüchternheit, befriedigte Eigen⸗ liebe und ſpäter der Reiz eines unbewußten Gefühles die ſocialen Schranken niederzureißen ſchien. Da brach plötzlich, im Jahre 1835, die erſte Inſurrection der Romagna aus, der Prinz Napoleon, von ſeinem Bru⸗ der mit fortgeriſſen, warf ſich als Freiwilliger unter die Empörer und verfiel in eine heftige Krankheit, an der er plötzlich ſtarb. Dies traurige Ereigniß machte den Umgang des Künſtlers noch nothwendiger für die junge Prinzeſſin, für die er ein Porträt ihres Gemahls nach kleinen Miniaturbildern, den einzigen Erinnerungen von ihm, malte, und erſt durch dieſe Verdoppelung der Bemühungen, der zarten Aufmerkſamkeiten, der innigen Vertraulichkeiten, der vergoſſenen Thränen, er⸗ kannte der Unglückliche, welche Umwälzung in ſeinem Herzen vorgegangen. Und ſo gab ſich denn Robert auch mit deswegen den Tod, weil in ſeinem Leben Raum für eine Liebe vorhanden war und dieſer Raum nicht ausgefüllt wurde. Ein Punkt iſt übrigens Ge⸗ heimniß, nämlich der entſcheidende Umſtand, der den Vollzug des Selbſtmordes herbeiführte. Es war viel⸗ leicht bei Robert, wie bei vielen Melancholikern, die vorübergehendſte und unbedeutendſte Urſache, die ihn zur That bewog; es war vielleicht eine plötzliche Läſion der Lebenskräfte des Gehirns, eine jener Hallucinatio⸗ nen, die unwiderſtehlich dazu drängen, ſich eingebildeten oder wirklichen Leiden zu entziehen. Seine Beerdigung fand ohne Pomp ſtatt. Der Leichnam wurde in eine Gondel gelegt und von ſeinem Bruder, ſeinen Freun⸗ den und den eingebornen, wie den ausländiſchen Künſt⸗ lern, die ſich in Venedig befanden, begleitet, nach St. Chriſtoph, einer kleinen Laguneninſel, gebracht, welche als Kirchhof für die große Stadt dient. Ein in die Mauer gefügter Stein, dem Grabe gegenüber, trägt nebſt dem Datum der Geburt und des Todes die ein⸗ fachen Worte: A Léopold Robert ses amis et com- patriotes. V(Europa.) Miscelle. Ein junger Mann badete voriges Jahr zu Paris in der Seine; er hatte einen prächtigen Neufundländer Hund bei ſich, und beide ſchwammen und tauchten um die Wette. nem Hunde beide Hände auf den Kopf zu legen und ihn mit einem tüchtigen Drucke untertauchen zu laſſen. Der Hund erſchien bald wieder an der Oberfläche, hatte aber offenbar an dieſem Zeitvertreib keinen ſon⸗ Da fiel es dem jungen Manne ein, ſei⸗ derlichen Wohlgefallen gefunden, denn er wechſelte jetzt die Rolle und legte ſeinem Herrn die beiden Pfo⸗ ten auf den Kopf. Dieſer tauchte unter, kam wieder empor; daſſelbe Manöver von dem Hunde; das Spiel wiederholte ſich mehrmals und erſchöpfte den Schwimmer. Zum Glück bemerkte man in der Nähe ſeine Gefahr noch zeitig genug, um ihn halb todt an's Ufer zu bringen. B— e. ——— ——,— ——.,—— - 225—— Die Mutter mit den Rindern. Nach Ferdinand Waldmüller. (Taf. 15.) Der berühmteſte Genremaler Wiens iſt Ferdinand Georg Waldmüller, der gemüthvolle Darſteller des öſterreichiſchen Landlebens. Derſelbe wurde 1792 zu Wien geboren, wo er ſich anfänglich nur mit Blumen⸗ zeichnen beſchäftigte, bis Prof. Maurer den eifrigen Schüler in ſeine Zeichenſchule nahm, in welcher er ſich ſo auszeichnete, daß er in jedem Jahre den erſten Preis erhielt. Im Antikenſaale arbeitete der junge Künſtler ſpäter mit gleichem Fleiße, und bei Lampi ſtudirte er die Behandlung der Farben mit ſolchem Erfolge, daß ihm ſeine Bildniſſe, ihrer ſchönen Behandlung und frappanten Aehnlichkeit wegen, ſofort den Ruhm eines trefflichen Miniaturmalers erwarben. Während ſeines dreijährigen Aufenthaltes in Ungarn malte er eine Reihe von Bildniſſen, worunter viele Magnaten, welche in Preßburg und ſpäter in Prag den ungetheilteſten Bei⸗ fall fanden. Als Waldmüller mit ſeiner Gemahlin, der berühmten Sängerin Katharina Weidner, wieder in die Vaterſtadt zurückkehrte, begann er mit Vorliebe in Oel zu malen, und berühmte Werke holländiſcher und italieniſcher Meiſter zu kopiren, welche von Ken⸗ nern zu guten Preiſen erworben, ſehr geſchätzt und zum Theil bedeutenden Gallerien einverleibt wurden. Bei Waldmüllers ausgezeichneter Technik und ſeiner feinen Beobachtungsgabe war vorauszuſehen, daß er nicht bei Porträts und Copien ſtehen bleiben werde. Seine ſorgfältigen Studien nach der Natur führten ihn unvermerkt auf das Gebiet der Genremalerei, in wel⸗ cher er ſchon in den Jahren 1820 bis 30 nicht nur allgemeine Aufmerkſamkeit erregte, ſondern als der ausgezeichnetſte Genremaler Wiens anerkannt wurde. In dieſe Zeit fallen auch die Kunſtreiſen Waldmüllers nach Rom, Dresden und München, worauf er für die Erzherzogin Sophie das durch den Stich bekannt ge⸗ wordene Bild Franz I. und anderer Angehörigen des ter weinen und der alte Vater blickt nach oben. Die⸗ ſelbe zarte und tiefe Empfindung ſpricht aus Wald⸗ müllers reconvalescentem Landmann, welcher hoffnungs⸗ voll die Frühlingsſonne begrüßt, während ihn die Sei⸗ nigen mit innigſter Freude betrachten. Dieſer treffliche, gewiſſenhaft an der Natur hän⸗ gende und ſie mit wunderbarer Treue nachbildende Künſtler iſt von Kollegen und Neidern, die ihn zu ein⸗ ſeitig, zu abhängig von ſeinen Modellen finden, die er ſtets dem Kreiſe des Dorflebens entnehme, vielfach ver⸗ kleinert und verketzert worden. Waldmüllers Gegnern wäre indeſſen zu rathen,„ebenſo ſchöne, freundliche und lebenswarme Modelle aus ihren Bildern blicken zu laſſen, und ſtatt der vornehmen Steifheit, welche Niemand rührt, ihre Studien auf dem Wege unver⸗ kümmerter und ungekünſtelter Natur zu machen.“ Waldmüller, deſſen Figuren ſtets Porträts und deſſen kleinſte Details treue Nachbildungen der Natur ſind, legt ſeine Bilder nicht erſt im Großen und Gan⸗ zen an, ſondern malt jeden einzelnen Theil ganz fertig, ohne der Haltung und Harmonie hiedurch zu ſchaden. Auch ſeine Farbengebung iſt meiſterhaft. Wir legen unſern Leſern eines der geſchätzteſten Werke Waldmüllers in einem wohlgelungenen Stiche bei: ſeine warm empfundene Dorfidylle,„die Mut⸗ ter mit den Kindern.“ Die glückliche, in der Hausthüre ſitzende Mutter hält ihren kleinen, im Hemd⸗ chen zappelnden Liebling, in deſſen Anblick ſie mit in⸗ niger Freude verſunken iſt, auf dem Schooße. Der Liebreiz, die ſchelmiſche Unſchuld des ſpielenden Klei⸗ nen iſt mit herzgewinnendem Reize und mit bewun⸗ dernswürdiger Zartheit ausgedrückt. Die Mutter zu irgend einem neckiſchen Spiele zu veranlaſſen, ſteckt ihr der Kleine das winzige Fingerchen zwiſchen die Lippen. Die über die Schulter der Mutter blickende Schweſter Kaiſerhauſes malte, wozu 1836 noch das ſchöne, lebens- große Bild des Kaiſers kam, welches dieſer als Ge⸗ ſchenk für das preußiſche Garderegiment Kaiſer Franz nach Berlin ſandte. Die Porträtmalerei war indeſſen längſt nur eine Nebenbeſchäftigung dieſes nun faſt ausſchließlich dem Genre zugewandten Künſtlers geworden, deſſen Arbei⸗ ten in dieſer Richtung aber auch zu den vollendetſten überhaupt gezählt und ſeinen hiſtoriſchen Bildern weit vorgezogen wurden. nen aus dem Volksleben darſtellenden Werken Wald⸗ müllers werden gezählt: Das Kind, welches Gehen lernt; der Ausgang und die Rückkehr des Landmannes; Zu den geſchätzteſten, meiſt Sce⸗ der Weihnachtsmorgen; das Abendmahl im Bauern⸗ hauſe; das Ave Maria. Schon die Wahl des Gegen⸗ ſtandes, noch mehr die warme Empfindung und die ſorgfältige Ausführung iſt bezeichnend für die Rich⸗ tung Waldmüllers. Das unter dem Namen„der kind⸗ liche Schmerz“ bekannte Bild zeigt einen greiſen, eben aus der Thür ſchreitenden Pfarrer, welcher der ſterben⸗ ſeierſtunden. 1863. den Mutter das Sakrament reichte; die knieenden Töch⸗ ſcheint nicht minder von der Heiterkeit des Brüderchens entzückt, während der ſich am Kniee der Mutter hal⸗ tende größere Knabe ſich mehr an dem vergnügten Ge⸗ ſichte der Mutter erbaut. Hinter der lieblichen Gruppe, deren reizender Mittelpunkt das jauchzende Knäbchen iſt, ſteht als angenehmer und wirkſamer Gegenſatz der auf ſeinen Stab gebeugte Großvater mit herzlicher Theil⸗ nahme. Die effektvolle und doch ſo einfache Beleuch⸗ tung iſt höchſt gelungen und alles Beiwerk mit Liebe und Sorgfalt ausgeführt. Das Gefühl der Befriedi⸗ gung und ſtillen Wonne, das im Geſichte dieſer Mut⸗ ter liegt, theilt ſich unvermerkt auch dem Betrachter mit, und die Freude und Unſchuld, die aus dem lie⸗ ben Geſichtchen des Kindes ſtrahlt und es zum Engel verklärt, muß jeden Empfänglichen entzücken. Die Harmonie und Ruhe, der liebenswürdige Humor und die gemüthliche, behagliche Stimmung, welche den meiſten Werken Waldmüllers eigen ſind und an die beſten Meiſter der vlämiſchen Schule erinnern, machen ſeine Bilder zu einer erheiternden Zierde der Zim⸗ mer vorzüglich geeignet, was ganz beſonders auch von 29 dem vorliegenden Bilde gilt, das uns an die Worte des Dichters erinnert: Spiele, Kind, auf der Mutter Schooß! Auf der heiligen Inſel Findet der trübe Gram, findet die Sorge dich nicht... -= 226— Spiele, liebliche Unſchuld! Noch iſt Arkadien um dich, Und die freie Natur folgt nur dem kindlichen Trieb... Spiele, bald wird die Arbeit kommen, die hag're, die ernſte, Und der gebietenden Pflicht mangeln die Luſt und der Muth. C. K. fFfanny. Eine lehrreiche Geſchichte für junge Frauen. Mein Vater hatte ſich erſt in ſeinen ſpäteren Jah⸗ ren verheirathet und ich war das einzige Kind dieſer Ehe; meine Mutter aber kannte ich gar nicht, denn ſie ſtarb kurz, nachdem ſie mir das Daſein gegeben. Wir lebten, ſo lange ich mir denken kann, auf einem kleinen Landſitze, den ſich mein Vater, nachdem er ſein Geſchäft in der benachbarten größeren Stadt verkauft hatte, in einem reizend gelegenen Dorfe erwarb, und die Zeit meiner Jugend verfloß wie der Traum eines. Sommermärchens. Als ſeinem einzigen Kinde näm⸗ lich, an dem er mit unausſprechlicher Liebe hing, ließ mir mein Vater faſt in Allem meinen Willen, und wäre ich nicht von Natur mit ſehr guten Herzens⸗ anlagen verſehen geweſen, ſo hätte mein Charakter leicht ſehr ſchief gebildet werden können. Nicht minder ver⸗ nachläſſigt, wenn ich mich dieſes Ausdrucks bedienen darf, war meine Erziehung in Hinſicht auf den Unter⸗ richt, den ich genoß; denn einmal fehlte es an den gehörigen Lehrern oder Lehrerinnen, und zum Andern durfte man mich durchaus nicht übermäßig anſtrengen. „Das Glück beſteht nicht im vielen Wiſſen,“ pflegte mein Vater zu ſagen,„wozu alſo die kleine Fanny plagen? So viel, als eine künftige Hausmutter braucht, ſo wie was zum Umgang mit gebildeten Menſchen nöthig iſt, ſoll ſie ſich aneignen, allein alles Andere iſt blos Schaum, blos darauf berechnet, zu glänzen, und braucht alſo dem armen Kinde nicht mit Gewalt eingetrichtert zu werden.“ So wuchs ich auf, nicht wie ein Stadtmädchen oder wie die Tochter einer Honora⸗ tiorenfamilie, ſondern eher wie eine wilde Blume, zu deren Blüthe die kunſtvolle Hand des Gärtners nichts beigetragen hat. Doch liebte ich meinerſeits meinen Vater eben ſo ſehr, als er mich, und ſomit hütete ich mich gar wohl, irgend Etwas zu thun, was ſein ernſt⸗ liches Mißfallen erregen konnte, während ich mich da⸗ gegen um die Meinung und das Urtheil der übrigen Menſchen ſo wenig, als nur immer möglich, kümmerte. Als erſten Abſchnitt von Wichtigkeit in meinem Leben muß ich mein fünfzehntes Jahr bezeichnen. Als ich nämlich ſo alt geworden war, ſtarb die alte Ger⸗ trud, welche meinem Vater ſeit der Mutter Tode, alſo ſeit meiner früheſten Kindheit, Haus Ser und es handelte ſich nun darum, wer ihre ee er⸗ ſetzen ſollte.„Laß mich von nun an die Haushaltung beſorgen,“ ſagte ich da ſchnell entſchloſſen zu meinem guten Papa.„Ich bin zwar noch jung, vielleicht zu jung, aber du wirſt ſehen, es geht doch, und wenn ich mich erſt einmal ein paar Wochen lang eingeübt habe, ſo ſollſt du gar nichts mehr entbehren.“ Es ging auch wirklich, denn ich gab mir alle Mühe, meine Sache recht zu machen, und Er, mein eben ſo liebe⸗ als nachſichtsvoller Vater, ließ ſich ja ſo leicht zufrie⸗ den ſtellen. Ueberdies ſtand mir die gute Katharine, unſer langjähriges Dienſtmädchen, nach beſten Kräften bei, und ſo kam nicht nur nichts aus dem Geleiſe, ſondern es herrſchte bald eine faſt noch größere Ord⸗ nung im Hauſe, denn zuvor. Kurz ich kam meinen Pflichten ſo gut nach, daß nicht nur mein Vater ſich unter meinen pflegenden Händen unendlich glücklich fühlte, ſondern daß auch unſere ganze Umgebung mei⸗ nes Lobes voll war und laut erklärte, wie doch viel mehr an mir ſei, als man mir zugetraut habe. So verfloſſen drei Jahre, und wie ich wohl ſagen darf, faſt in ungetrübter Heiterkeit. Da befiel mei⸗ nen Vater, der ſich bisher trotz der ſechzig Jahre, die er zählte, einer unerſchütterlichen Geſundheit zu erfreuen gehabt hatte, ein leichtes Unwohlſein, und dieſes ſtei⸗ gerte ſich bald ſo, daß er genöthigt wurde, das Bett zu hüten. Im Anfang war ich nicht ſehr beſorgt und er ſelbſt ſuchte mir alle trüben Gedanken durch heite⸗ res Scherzen zu vertreiben; allein doch unterließ ich es nicht, ſogleich zu unſerem Hausarzte, einem alten Herrn, der in einem größeren, etwa eine Stunde entfernten Dorfe reſidirte, zu ſenden. Er kam auch noch an dem— ſelbigen Tage und erklärte zu meiner großen Beruhi⸗ gung die ganze Krankeit für unerheblich; den andern Tag aber, an dem er verſprochen hatte, ſeinen Beſuch zu wiederholen, blieb er aus, denn er mußte ſich ſelbſt zu Bette legen, und ſtarb ſchon die Woche darauf. Zum Glück jedoch ſollte es mir trotzdem nicht an ärzt⸗ licher Hülfe fehlen, ſondern im Gegentheil erhielt ich einen Rathgeber, der in Beziehung auf Geſchicklichkeit und Kenntniſſe den alten Hausarzt bei Weitem über⸗ traf. Seit einigen Tagen nämlich hatte ſich in dem freundlichen Wirthshaus meines Heimathortes ein jun⸗ ger Doctor, mit Namen Walther— Franz Walther, wie ich ſpäter erfuhr— eingefunden, nicht um ſich längere Zeit aufzuhalten oder gar um ſich als prakti⸗ ſcher Arzt bei uns niederzulaſſen, ſondern weil er ſich von einer ſchweren Krankheit, die er ſo eben durchge⸗ macht, in der herrlichen Landluft, ſowie insbeſondere in den grünen Wäldern unſerer Nachbarſchaft erholen wollte, und daß er einer ſolchen Erholung nur zu ſehr bedürftig war, ſah man ihm gar wohl an. Ich kannte ihn übrigens nicht näher und hatte ſogar noch nicht einmal mit ihm geſprochen, da er keinerlei Beſuche machte; allein erzählt war mir viel von ihm worden, denn ein fremder Menſch iſt ja ein Ereigniß in einem kleinen Dorfe, und ſo wußte ich alſo, daß er in der Reſidenzſtadt M. ſeinen Wohnſitz habe und dort trotz ſeiner Jugend einer der geſchickteſten Aerzte ſei. Was war demnach natürlicher, als daß ich, ſo wie ich von 4 ———— — 3 ——— duth. frie⸗ ine, ften eiſe, Add⸗ inen ſich kich nei⸗ viel gen mei⸗ die euen ſtei⸗ Bett und ite⸗ jes rrn, nten dem⸗ uhi⸗ dern ſuch elbſt auſ. 1 4 - 227— dem Darniederliegen unſeres Hausarztes erfuhr, nach dem„fremden Doctor“— ſo nannte man ihn allge⸗ mein im Dorfe— ſandte und ihn bitten ließ, nach meinem Vater zu ſehen? Doctor Walther entſprach meiner Aufforderung und unterſuchte den Kranken mit der größten Genauigkeit, ſo daß ich ſogleich volles Ver⸗ trauen zu ihm faßte; allein— Troſt und Hoffnung fand ich nicht bei ihm. Im Gegentheil, wenn ſich auch ſein ernſtes wohlwollendes Geſicht nicht im Geringſten veränderte, las ich doch aus dem mitleidsvollen Blicke, den er unwillkürlich auf mich warf, die ganze Gefähr⸗ lichkeit der Krankheit heraus und täuſchte mich auch hierin in der That nicht. Doch ich will den Leſer nicht mit langen Worten ermüden, ſondern über das nun folgende traurige Ereigniß ſo ſchnell als möglich hin⸗ weggehen. Genug alſo, der Zuſtand meines Vaters war von Anfang an ein hoffnungsloſer, und er eilte mit ſchnellen Schritten dem Grabe zu, doch dauerte es volle acht Wochen, bis er am Ende ſeiner Laufbahn ankam, und während dieſer ganzen Zeit widmete ihm Doctor Walther den größten Theil des Tages. Ja ich darf wohl ſagen, der älteſte Hausfreund hätte ſich nicht liebevoller oder aufopfernder benehmen können, und mein Vater fühlte ſich ſtets wohler, wenn Er neben ſeinem Bette ſaß. Ich aber ach mein Herz hoffte noch immer, wenn auch mein Verſtand mich eines Andern belehrte, denn ich konnte mir den Zuſtand gar nicht denken, wo ich allein in der Welt daſtehen würde, und zudem— war nicht Er der behandelnde Arzt, Er, von dem man ſich Wunderkuren erzählte und auf den ich Felſen gebaut hätte? Wie mir zu Muthe war, als mein Vater am Ende der achten Woche ſeiner Krankheit nun wirklich ſtarb, will ich nicht näher beſchreiben, ebenſo erlaſſe man es mir, die Gefühle zu ſchildern, die ich empfand, als man den theuren Todten in die Bahre legte und auf den Kirchhof hinaus führte; das aber darf ich nicht mit Stillſchweigen übergehen, daß ich jene Tage der Trübſal kaum überwunden haben würde, wenn Er mir nicht als Freund, als Freund im wahren Sinne des Wortes, beigeſtanden hätte. Erſt ſeit acht Wochen kannte ich ihn, aber es war mir, als ſei ich von Ju⸗ gend an mit ihm vertraut geweſen, und auch Er ſchien ähnliche Gefühle gegen mich zu hegen, denn er behan⸗ delte mich keineswegs fremd und förmlich, ſondern eher wie eine Schweſter oder eine beſonders geliebte Anver⸗ wandte. Somit ſetzte er ſeine Beſuche bei mir auch nach dem Tode meines Vaters gerade ſo fort, wie bei deſſen Lebzeiten, und ich nahm ſeine Hülfe und ſeinen Rath in Anſpruch, wie wenn ich ein Recht dazu ge— habt hätte; allein in die Länge konnte das doch nicht ſo fortgehen. Eines Abends, etwa acht Tage, nach⸗ dem mein Vater begraben worden war, ſaß ich allein im Wohnzimmer unſeres oder vielmehr nun meines Hauſes— deſſelben Zimmers, in welchem ich ſo man⸗ chen fröhlichen Tag mit meinem Vater verlebt hatte, und überließ mich ſo ſehr meinen trübſeligen Gedanken, daß ich ſogar vergaß, ein Licht anzuzünden, obwohl es bereits anfing, dunkel zu werden. Ja ſo vertieft war ich in die Erinnerung, daß ich nicht einmal aufſtand, als Doctor Walther eintrat, ſondern vielmehr fortfuhr zu träumen und zu ſeufzen! Er nahm ſich ſofort einen Stuhl und ſetzte ſich neben mich; allein auch ſein Herz ſchien zu voll zu ſein, als daß er hätte ſprechen kön⸗ nen, und ſo ſaßen wir denn längere Zeit bei einander, wenn ich nun von Ihnen gehe. als wären wir ſtumm geboren geweſen. Doch endlich nahm er ſich zuſammen und wandte ſich in jener ruhi— gen, herzlichen Weiſe an mich, die ihn ſo unwiderſteh⸗ lich machte. „Fanny,“ ſagte er zu mir,„Sie thun nicht wohl daran, hier im Dunkeln zu ſitzen und über einen Ver⸗ luſt zu grübeln, der mit allen Thränen nicht unge⸗ ſchehen gemacht werden kann. Gott hat es ſo gewollt und ſeinem Willen müſſen wir Sterbliche uns beugen. Erwachen Sie alſo, theure Fanny, und beſchäftigen Sie ſich mit der Gegenwart, denn es wäre mir eine große Qual, wenn ich morgen von hier ſcheide, Sie in ſolch' gedrückter Stimmung zurücklaſſen zu müſſen.“ Dieſe Worte trafen mich wie ein Blitzſtrahl.„Wenn ich morgen ſcheide?“ rief ich.„Um Gott, Sie wollen fort von hier?“ „Ich muß, Fanny,“ entgegnete er, das letztere Wort ſtark betonend, indem er zugleich ſeine ehrlichen Augen feſt auf mich richtete.„Sie wiſſen, ich kam hierher zu keinem anderen Zwecke, als um die Nach⸗ wehen eines Nervenfiebers, das mich dem Tode nahe gebracht, zu überwinden, und bin bereits lange, lange über die Zeit geblieben, welche ich mir vorgenommen hatte. Aber jetzt ſchreibt mir meine Mutter, daß ich unverzüglich zurückkehren müſſe, weil der Freund, der die Beſorgung meiner Patienten einſtweilen übernom⸗ men hat, dieſer Pflicht nicht mehr nachkommen kann, und ſo wehe es mir auch thut, Sie mit der noch ſo friſchen Wunde im Herzen allein zurücklaſſen zu müſ⸗ ſen, ſo kann ich doch nicht anders, wenn ich als Ehrenmann handeln will.“ Ich fühlte, daß er recht hatte, denn es war mir ja gar wohl bekannt, daß er nur deßwegen ſeinen Auf⸗ enthalt in unſerem Dörfchen faſt um das Doppelte verlängert hatte, um meinem Vater in ſeiner Krank⸗ heit bis an's Ende zu pflegen, ſowie um mich nicht unmittelbar nach ſeinem Tode zu verlaſſen. Dennoch war mir der Gedanke, ihn ſcheiden zu ſehen, ein ſchreck⸗ licher, und ohne ein Wort erwidern zu können, brach ich in ein convulſiviſches Schluchzen aus. „Fanny, Fanny,“ ſagte er jetzt, ſeinen Stuhl noch näher zu mir rückend,„faſſen Sie ſich und machen Sie mir den Abſchied nicht noch ſchwerer, als er mir ohnehin ſchon fällt.“ „Oh,“ rief ich, während die Thränen meine Worte beinahe erſtickten,„Sie waren ſo gut, ſo herzlich ge— gen Ihn, daß ich faſt glaubte, Sie gehören ganz zu Uns, und wenn Sie mich nun auch verlaſſen, ſo habe ich gar Niemanden mehr in der Welt, nein, gar Niemanden.“ Er ſchwieg eine Weile, aber dann ergriff er meine Hand und ſah mir ſo tief und innig in die Augen, daß ich fühlte, wie ſeine Blicke bis in mein Herz drangen.„Fanny, theure Fanny,“ flüſterte er nun, „auch mir iſt es, als ob ich meine Seele zurückließe, Ich wollte es Ihnen diesmal nochenicht ſagen, wenigſtens heute noch nicht, aber ich kann nicht anders, denn mein ganzes Inneres iſt voll von Ihnen. Fanny, ich liebe dich, liebe dich von ganzem Herzen, und ich werde der ſeligſte Menſch ſein, wenn du dich bereit erklärſt, meine Heimath, meine Zukunft, meinen Namen mit mir zu theilen. Doch nicht jetzt ſollſt du mir antworten, nein um kei⸗ nen Preis jetzt. Du fühlſt dich tief angegriffen über den Verluſt deines Vaters und glaubſt mir einige Dank⸗ 29 —— -* 228—— barkeit ſchuldig zu ſein; alſo kannſt du nicht frei ur⸗ theilen, und es iſt dir nicht möglich, dein Inneres zu befragen, wie es wirklich denkt. Aber ſpäter, Fanny, ſpäter, wenn du dich gefaßt haſt, in einem halben Jahre, wenn Herbſt und Winter vorüber ſind, dann im Früh⸗ jahre werde ich wiederkehren, und dann ſollſt du mir ſagen, ob dein Herz die Liebe erwiedert, die das mei⸗ nige gegen dich fühlt.“ Raſch ſtand er auf und drückte ſeine heiße Stirne gegen das Fenſter, das in den Garten hinabging; ich aber blieb ſtille ſtehen, unfähig zu ſprechen oder auch nur zu denken, ſo ſehr hatte mich ſein ſchneller Antrag betäubt. Nach einigen Minuten kam Katharine in's Zimmer, um ein Licht zu bringen, und nun hatte er ſich wieder ſo geſammelt, daß er im Stande war, mich in ſeiner gewohnten ruhig⸗herzlichen Weiſe anzu⸗ reden. „Sie können für die Zukunft nicht allein hier leben, Fanny,“ ſagte er. Plan nachgedacht?“ „Ja,“ erwiederte ich leiſe, indem ich es zum erſten Male wagte, wieder aufzuſehen,„Sie kennen Tante Marie?“ „Gewiß kenne ich ſie,“ entgegnete er,„denn wer könnte auch nur einen Tag hier leben, ohne von der „Haben Sie über irgend einen narben. Worte aber enthüllten mir mein eigenes Inneres, und ich ſah nun in mein Herz hinein, wie in einen Spiegel! Was ſoll ich nun von den nächſten ſechs Monaten ſagen? Tante Marie zog in mein Haus und bald war unſer Verhältniß kein anderes, als das einer Tochter zu ihrer Mutter; was aber Ihn betrifft, Ihn, für den alle meine Pulſe ſchlugen, ſo ſah ich ihn zwar all' dieſe Zeit über nicht von Perſon, aber es verging keine Woche, ohne daß ich nicht durch ein Schreiben von ihm beglückt worden wäre, und ebenſowenig verſäumte ich es, allabendlich mein ganzes Herz wie ein Buch vor ihm aufzuſchlagen, obwohl ich ihm die Briefe ebenfalls nur alle acht Tage zukommen ließ. So verging der Herbſt und der Winter, faſt ohne daß ich es mir ver⸗ ſah, und obwohl mir natürlich das Bild meines Va⸗ ters Tag und Nacht vorſchwebte, ſo fing doch die herbe Wunde meines Verluſtes an, nach und nach zu ver⸗ „Gott hat's gegeben und Gott hat's genom⸗ men; der Name des Herrn ſei geprieſen,“ lehrte mich Tante Marie, und von der Zeit an, als mir das rich⸗ tige Verſtändniß dieſer Worte gegeben war, ſah ich meinen Vater nur mehr im Zuſtande eines verklärten guten, alten Tante Marie mit ihren vielen Sonder⸗ barkeiten und Eigenheiten zu hören? Aber, ſo viel ich weiß, iſt es keine Verwandte von Ihnen.“ „Nein, dies iſt ſie nicht,“ verſetzte ich,„und ich heiße ſie auch nur Tante Marie, weil ſie alle Welt der Lüfte konnten nicht müde werden, dem Herrn ein ſo nennt; aber ich liebe ſie, wie wenn ſie meine leib⸗ liche Tante wäre, und Sie wiſſen ja, welch' ein gutes Herz ſie gegen alle Kinder beſitzt, die Vater und Mut⸗ ter verloren haben, ſie, die ſelbſt ſchon in früher Ju⸗ gend eine Waiſe wurde und dieſe ganze Zeit her unter fremden Menſchen zu leben gezwungen war. Nun gut, Tante Marie war dieſen Morgen auf Beſuch bei mir und ich bat ſie, dieſen Winter ſtatt in einem fremden Koſthauſe unter meinem Dache zuzubringen, wo ich ſie war, hätte ruhig, kalt und gefaßt bleiben können?“ halten werde, als wäre ſie meine Mutter.“ „Und ſie hat eingewilligt?“ rief Doctor Walther freudig erregt.„Jetzt iſt Alles gut, theure Fanny, und ich gehe weit beruhigter von hinnen, da ich weiß, daß Sie Jemanden um ſich haben, auf den Sie ſich unter allen Umſtänden verlaſſen können. Mit Tante Marie und Ihrer alten Dienerin Katharine ſind Sie ſo gut aufgehoben, als ich es nur wünſchen magz; ſollte aber irgend etwas vorkommen, das eines Mannes Arm in Anſpruch nimmt, in jeglicher Verlegenheit, und wenn Sie auch nur Rath nöthig haben, wenden Sie ſich an mich, und Doctor Walther wird zu Ihnen eilen, um zu thun, was in ſeinen Kräften ſteht. meine theure, theure Fanny, muß geſchieden ſein.“ Er hatte recht, es mußte geſchieden ſein. So ver⸗ ſprachen wir uns denn, uns alle Wochen zu ſchreiben, und er preßte meine beiden Hände, als wollte er ſie zerdrücken, während ich ſelbſt faſt in Thränen zerfloß. Endlich aber ging er und ließ mich allein zurück; doch merkwürdig, jenes Gefühl der Verlaſſenheit, das mich vorhin noch faſt zu Boden gedrückt hatte, laſtete jetzt nicht mehr ſo ſchwer auf mir, ſondern mein Blut ſtrömte warm durch die Adern, und eine innere Stimme wiederholte ſtets die Worte:„Fanny, ich liebe dich.“ Ach ich liebte ihn ja ſelbſt ebenfalls ſchon lange, und war es mir bisher nur nicht bewußt geweſen; ſeine“ Doch nun, Geiſtes, der ſeinem Kinde zulächelte. Vergeſſen konnte ich ihn nie, aber der Jammer um ihn ver⸗ ſchwand, und wie nun mit dem Monat Mai der Früh⸗ ling kam, da zog der Wonnemonat der Freude auch in mein Herz, denn ich gedachte der Worte, die er mir beim Abſchiede zugeflüſtert. Die Apfelbäume meines Gartens blühten in nie geſehener Pracht und die Vögel Loblied zu ſingen; aber mein Herz jubelte lauter, als die Vögel thaten, und eine Blüthenſeligkeit lag auf meinen Wangen, die alle Blumen der Welt in Schat⸗ ten ſtellte.„Im Frühling,“ hatte er ja geſagt,„werde ich wiederkehren, und dann ſollſt du mir ſagen, ob dein Herz die Liebe erwiedert, die das meinige gegen dich fühlt“—— würe ich nun ein wirklich liebendes Mädchen geweſen, wenn ich jetzt, da dieſe Zeit erfüllet Endlich kam ein Brief, der mir den Tag ſeiner Ankunft meldete, und— Tante Marie lächelte, als ſie ſah, wie ich mich trotz meiner Trauerkleider ſo⸗ bräutlich als möglich herausputzte. Ich wollte ihm gefallen, ihm, der über meine Seele herrſchte, wie ein König über ſeine Unterthanen! Schon eine Stunde vor⸗ her, ehe er da ſein konnte, eilte ich in die Allee hinab, durch welche ihn ſein Weg zu mir nothwendig führte, denn mein Herz war zu voll, als daß ich es im Zim⸗ mer ausgehalten hätte; aber die Stunde wurde mir zu einer halben Ewigkeit, ſo ungeduldig war ich. Jetzt hörte ich Tritte— ſo elaſtiſch, lebhaft und doch feſt trat nur Er auf! Ich ſprang ihm entgegen und da ſtand er plötzlich vor mir, ſeine beiden Hände nach mir ausſtreckend, und die leuchtenden Augen mit unaus⸗ ſprechlichem Ausdrucke auf mich gerichtet. „Fanny, theure Fanny!“ rief er.„Darf ich ſagen, meine Fanny?“ 1 „Deine Fanny,“ ſtammelte ich, dein für ewig!“ Und nun fühlte ich, wie zwei ſtarke Arme mich umſchloſſen, und wie er mich feſt an ſich drückte, daß ich den Schlag ſeines treuen Herzens fühlen konnte. Und dann fanden ſeine Lippen die meinigen und wir ſtanden lange, lange in ſeliger Umarmung. „Fanny, meine Fanny,“ ſagte er nun in jenem — 229—— eruſten feierlichen Tone, aus dem Herzen kam,„die Engel im Himmel und Er, jener theure Todte, welchen du ſo ſehr geliebt, ſeien Zeugen meines Eidſchwures der Treue und Hingebung, welchen ich dir jetzt leiſte. trauen für's ganze Leben?“ „Ich will,“ ſprach ich, mein Auge zu ihm erhe⸗ bend,„und du ſollſt an mir ein Weib haben ſo treu und unerſchütterlich, wie das wahre Weib dem Manne gegenüber ſein ſoll. Nie komme ein Span zwiſchen unſere vereinigten Herzen, ſondern wir wollen ſein, wie Ein Gedanke und Eine Seele!“ So ſprachen wir damals. Wir ſprachen aber nicht blos ſo, ſondern wir dachten auch ſo, und wer hätte es in dieſem Augenblicke für möglich gehalten, Willſt du dich mir anver⸗ dem man anfühlte, daß er daß wir ſchon ein kurzes Jahr ſpäter uns einander ganz anders gegenüber ſtehen würden? Allein ich ſchreibe dieſe Geſchichte nicht nieder, um einen Liebesroman zu geben, ſondern damit meine junge Freundinnen etwas daraus lernen, und eben, um zu zeigen, wie trotz der wahrhafteſten und ernſteſten Liebe, welche Brautleute gegen einander fühlen, doch ein großes Zerwürfniß in eine Ehe kommen kann, durfte ich über die Schilderung unſerer Jugendliebe nicht mit allzu wenigen Worten hinweggehen. Doch ich will nicht vorgreifen und komme daher auf mein eigentliches Thema zurück, einfach er⸗ zählend, wie ſich nach und nach Alles entwickelt hat. Eine Woche lang blieb mein Franz bei mir. Län⸗ ger konnte er nicht, ſeines Berufes wegen, aber in welch' unendlicher Glückſeligkeit ſchwanden ſie nicht hin, nei d W W D Gü ſaea ſ 1 lün M d 69W V ſſffff dnnn WV egäat 1 (Siehe S. 231.) dieſe kurzen acht Tage! Die einzige Theilnehmerin un⸗ ſeres Glücks war Tante Marie, denn weder mein Freund noch ich liebten Geſellſchaft, ſondern wir genügten ein⸗ ander vielmehr vollkommen. Tante Marie aber— ach, die gehörte ja zu uns und konnte als das dritte Glied unſeres Bundes betrachtet werden. die den Ausſchlag dahin gab, daß unſere Hochzeit nicht früher ſein dürfte, als bis auf den September,„weil ja noch gar nichts gerüſtet ſei,“ und ſo unnöthig ihm ein ſo langer Aufſchub erſchien, ſo mußte er ſich doch endlich, obwohl ungern, fügen. Nachdem aber dieſer Termin einmal genau feſtgeſtellt war, ſuchte er nicht mehr daran zu mäkeln, ſondern freute ſich vielmehr darüber, daß ich nun die ſchönen Sommertage noch auf dem Lande in der herrlichen Blüthenatmoſphäre zubringen dürfe, ſtatt in dem drückenden Dunſtkreis der Reſidenzſtadt, die am Ende meine Wangen vor der Zeit bleichen würde. So nahmen wir unter Scherzen, Sie war es auch, ſtatt unter Thränen, Abſchied, als die acht Tage vor⸗ über waren, denn wir wußten ja, daß wir uns in wenigen vier Monaten„ganz und für immer“ ange⸗ hören würden; doch zitterte ſeine Stimme etwas, als er mir das letzte Lebewohl ſagte. Nun begann eine äußerſt geſchäftige Zeit, und be⸗ ſonders Tante Marie hatte von Morgens in der Frühe bis Abends ſpät auch keine Minute zur freien Verfü⸗ gung. Meine Leſerinnen werden mich ſchon verſtehen, beſonders wenn ſie ſelbſt ſchon an einer Ausſteuer thä⸗ tig geweſen ſind; zur Aufklärung der Männer aber ſetze ich nur bei, daß zwei Nähterinnen und eine Klei⸗ dermacherin aus der Stadt faſt volle drei Monate zu thun hatten, bis ſie meine Garderobe und mein Weiß⸗ zeug in die richtige Ordnung brachten. Ueberdies wie viel gab es nicht ſonſt noch mit Schreinern und Satt⸗ lern zu berathſchlagen, und wie manchen Gang hatten wir nicht zu thun, wie manche kleine Reiſe zu unter⸗ nehmen, bis Alles und Jedes eingekauft oder doch we⸗ nigſtens beſtellt war. So verging der Sommer vor lauter Zurüſtungen, gleichſam im Fluge, obwohl in ungeſtörtem Glücke, und nur Tante Marie ließ manch⸗ mal eine Klage darüber vernehmen, daß ſie den Hoch⸗ zeitstag auf viel zu frühe angeſetzt habe; mein Bräu⸗ tigam aber hätte ſich eine Hinausſchiebung des Termins um keinen Preis gefallen laſſen. Drei Tage vor dem zur Trauung beſtimmten Tage kam er an, denn es gab noch vorher Manches mit den Gerichten zu ordnen. Das kleine Landhaus nämlich, welches ich mit meinem Vater ſo lange bewohnt, wollte ich durchaus nicht verkaufen, und eben ſo wenig konnte ich mich dazu verſtehen, es zu vermiethen. Die Zim⸗ mer wären ja dann ganz in Unordnung gekommen und fremde Hände hätten die Möbel entweiht, die mir als ein heiliges Andenken erſchienen. So machte ich alſo mit Tante Marie ab, daß ſie Haus und Garten we⸗ nigſtens für die nächſte Zeit„rentfrei“, d. h. ohne Intereſſen und Miethzins daraus zu zahlen, überneh⸗ men ſollte, wogegen ſie ſich verpflichtete, Alles ſo viel als möglich unverändert im bisherigen Zuſtande zu be⸗ laſſen, und wie ich nun meinen künftigen Gatten von dieſem meinem Vorhaben unterrichtete, ſtimmte er nicht nur ſogleich bei, ſondern that auch ſogleich die nöthi— gen Schritte, um den betreffenden Contract gerichtlich gültig zu machen. Ja noch mehr! Er beſtand darauf, daß die Zinſen meines zwar nicht großen, aber doch auch nicht ganz unbeträchtlichen Kapitalvermögens mir als Nadelgeld zur freien Verfügung bleiben ſollten, und ruhte nicht, als bis auch hierüber eine notarielle Urkunde aufgeſetzt war,„denn,“ ſagte er zu mir,„ich habe dich und nicht dein Vermögen zur Gattin erwählt.“ Ueber dieſen, ſowie einigen andern ähn⸗ lichen Geſchäften vergingen die drei Tage, ohne daß wir nur faſt Zeit fanden, einige Stunden lang allein zu ſein; am Abend des dritten Tages aber beſuchten wir mit einander das Grab meines Vaters, um von demſelben Abſchied zu nehmen. Doch wie freudig über⸗ raſcht war ich nun, als ich deſſelben anſichtig wurde! In einen Blumengarten hatte ich es ſchon früher ver⸗ wandelt und zugleich der Tante Marie die Pflicht auf⸗ erlegt, es immer friſch bekränzt zu erhalten; jetzt aber war es mit einer eiſernen Umzäunung umgeben, da⸗ mit keine frevelnde Hand im Stande ſei, es zu ent⸗ weihen, und in ſeiner Mitte prangte ein marmorner Denkſtein mit einer einfachen Inſchrift. Thränen tra⸗ ten mir in die Augen, als ich dies ſah, aber nicht Thränen des Grams und Kummers, nein, Thränen der Dankbarkeit und der Freude. Was war doch Er für ein Mann, Er, mein Franz, mein künftiger Gatte! Worte hatte ich nicht für ihn, und— wer hätte auch für ſolchen Edelmuth, für eine ſolch' zartſinnige Auf⸗ merkſamkeit„mit Wörin. ſein Gefühl ausdrücken kön⸗ nen? Aber in meinem unorn ſchwun ich, ihm mit treuer Liebe zu vergelten und ihn zu ehren, wie man einen König ehrt. So ſchwur Rich und wie handelte ich hernuchmald ja nur wenige Monate ſpäter? Den andern Tag wurden wir getraut. Es geſchah ganz in der Stille und ohne Gepränge, denn wir Beide waren keine Freunde von ceremoniellem Geräuſch; doch hatte ich ein reiches hochzeitliches Kleid angethan— zum erſten Male ſeit meines Vaters Tode trug ich ſtatt eines ſchwarzen ein weißes Gewand— und ich ſehe den bewundernden Blick, den er auf mich warf, noch — 230— heute. War es doch gerade, als ob er mir ſagen wollte:„wie ſchön biſt du, Fanny!“ Nach der Trau⸗ ung hatten wir beſchloſſen, ſogleich nach der Reſidenz⸗ ſtadt M., der Heimath meines Mannes, abzureiſen, und ich eilte alſo auf mein bisheriges Zimmer, um mein Hochzeitskleid mit einem Reiſekleid zu vertauſchen. Tante Marie war mir dabei behülflich, aber ſie kounte kaum fertig werden, ſo ſehr zitterten ihre Häande, während dicke Thränen über ihre Wangen herab⸗ rollten.— „Gott ſunr dich, Fanny,“ ſagte ſie, indem ſie ſich vergeblich bemüͤhte ihrer Wehmuth Einhalt zu thun.„Gott ſegne dich, mein Kind! Du handelteſt faſt wie eine Tochter an mir und mehr als ein Jahr meines mir noch bleibenden Lebens gäbe ich darum, wenn mir Jemand dein künftiges Glück verbürgen könnte.“ „Glaubſt du etwa, daß es nicht genugſam verbürgt iſt?“ erwiederte ich etwas heftig.„Bin ich nicht die Gattin des beſten Mannes von der Welt?“ „Das biſt du,“ entgegnete Tante Marie.„Ja wahr und wahrhaftig, des beſten Mannes Weib biſt du, und an Treue, Edel lmuth und Liebe übertrifft ihn Keiner. Aber bedenke, mein Kind, mit der Heirath beginnt ein neuer Lebensabſchnitt, ja faſt ein ganz eben ſo neues Leben, wie bei der Geburt. Da wirſt du Manches lernen müſſen, wovon du bis jetzt keine Ahnung haſt, und befonders Eines wird dir ſchwer ein⸗ gehen, das Wort: Gehorchen. Deßwegen mußt du es aber doch lernen, ſei's früher oder ſpäter, denn die Bibel lehrt: ſei unterthan deinem Manne, und noch jede Ehe iſt unglücklich ausgefallen, wo die Frau ſich dieſem Gebote der Natur zu widerſetzen wagte. Allein wie wirſt du's lernen, das harte Wörtlein: Gehor⸗ chen? Spielend etwa und tändelnd, oder unter harten Kämpfen und Widerwärtigkeiten? Du haſt vortreffliche Eigenſchaften, meine Fanny, aber du biſt auch ſtolz und warſt bisher gewohnt, deinen eigenen Willen zu haben; wird es dir nun möglich werden, dieſen Willen zu brechen, ohne daß es zu Reibungen kommt? Ver⸗ zeihe, Fanny, daß ich ſolche Worte zu dir rede, aber ich fühle gegen dich, wie eine Mutter gegen ihr Kind, und durfte nicht ſchweigen, wo es ſich um dein künf⸗ tiges Glück handelt.“ Ich entgegnete nichts, denn ich wußte, Tante Marie meinte es gut, und ſomit wollte ich ſie ohnehin, da ich auf lange von ihr ſchied, durch keine widerſprechende Antwort betrüben; allein Glauben ſchenkte ich ihren Worten keinen und eben ſo wenig meinte ich, beſonders zu Herzen nehmen zu müſſen. Im Gegen⸗ theil, als mich gleich darauf mein Gatte mit zarter Hand in den Wagen hob und mir dabei ſo gar liebe⸗ voll in die Augen ſah, lachte ich in meinem Innern über ihre Einfalt, und meinte, zwiſchen unſeren beider⸗ ſeitigen Anſichten oder Wünſchen könne es nie zu einem Zuſammenſtoß kommen.„Gehorſam?“ ſagte ich zu mir ſelbſt.„Gehorſam und Unterwürfigkeit? Ach er liebt mich zu tief und ſchätzt mich zugleich zu hoch, als daß er je eines dieſer häßlichen Worte auf mich wird in Anwendung bringen wollen.“ Die Entfernung von M. war ziemlich beträchtlich und um mich nicht allzu ſehr zu ermüden, machte nit Gemahl unterwegs eine Haltſtation, ſo daß wir erſt den andern Tag gegen Abend in M. eintrafen. Auch benützte er dieſes unſer längeres Beiſammenſein ohne ———— e 3 — ₰½ 8 — — - 231— Zeugen dazu, um mich mit ſeinen häuslichen Verhält⸗ niſſen bekannt zu machen, und namentlich um mir von ſeiner Mutter zu erzählen, die ihm die letzten Jahre her das Hausweſen geführt. Sie war die einzige nähere Verwandte, die er beſaß, denn ſein Vater und j ni Geſchwiſter lagen alle längſt im Grabe, und er hoffte nun, daß ich die Mutter, ſowie die Mutter mich recht lieb gewinnen würde.“ Von meiner Seite,“ ſagte ich, „ſoll gewiß Alles geſchehen, um ein recht herzliches Verhältniß herzuſtellen,“ und wie ich ſagte, ſo dachte ich auch. Endlich waren wir in M. angelangt und der Wa⸗ gen hielt vor einem hübſchen, obwohl einfachen Hauſe. Der Kutſcher öffnete den Schlag, um uns ausſteigen zu laſſen, und zu gleicher Zeit kam eine Dienerin die Stiege herabgerannt, um unſere Effekten in Empfang zu nehmen und nach oben zu tragen. „Wir ſind daheim, meine theure Fanny,“ ſagte mein Gemahl, undem er mich aus der Chaiſe hob; „willkommen unter dem Dache deines Gatten!“ Wir gingen der Treppe zu, und eine zweite Die⸗ nerin empfing uns mit einem Lichte, obwohl es noch ziemlich hell war; allein von der Mutter meines Ge⸗ mahls ſah ich nichts, und dies berührte mich äußerſt unangenehm. ſammentreffen mit der Mutter ſo gar idylliſch ausge⸗ malt und geträumt, ſie werde mich am Fuße der Treppe empfangen, mich unter Thränen in ihre Arme ſchließen, mich küſſen und ihre Tochter nennen. aber von allem dem gar nichts, ſondern nur eine be⸗ zahlte Dienerin, die uns voranleuchtete, während die andere Magd mit dem Kutſcher das Gepäck hinten nach trug! Wahrhaftig die Wirklichkeit contraftirte gar zu tete. Wüßteſt du übrigens, wie viel mir daran liegt, daß ſie dich auf den ie Blick eben ſo bewunderungs⸗ würdig findet, als ihr Sohn, ſo möchte dir vielleicht die Mühe, einen andern Rock überzuwerfen, nicht ſo gar ſchwer fallen.“ Natürlich machte ich nun keine Einwendungen mehr und in einer Viertelſtunde hatte ich mich ſo heraus⸗ geputzt, daß ich in jede beſſere Geſellſchaft gepaßt haben Ich hatte mir nämlich das erſte Zu⸗ Nun würde. Nur war ich in der Verſtellungskunſt allzu wenig Meiſterin, als daß ich den bittern Zug um meine Lippen, welchen die vermeintliche anſpruchsvolle Vor⸗ nehmheit der Mutter in mir hervorrief, hätte unter⸗ drücken können, und ſomit konnte ich wohl auf einen Fremden nicht den allervortheilhafteſten Eindruck her⸗ vorbringen. An der Hand meines Gatten ging ich in den un⸗ teren Stock hinab, in welchem uns die Mutter erwar⸗ tete, und wir betraten ein großes, reich ausgeſtattetes Zimmer, an deſſen einem Ende einige hochgepolſterte Lehnſtühle um einen Tiſch herum ſtanden. Auf dem einen dieſer Stühle ſaß eine ſtattliche Matrone, die in ein ſchwerſeidenes, purpurfarbiges Kleid gehüllt war, ſo daß ſie mir faſt wie eine Königin vorkam, die be⸗ reit iſt, die Huldigungen ihrer Unterthanen in Empfang zu nehmen, und in Folge deſſen wird wohl ohne Zwei⸗ fel der bittere Zug um meine Lippen noch bitterer ge⸗ worden ſein, als er vorher ſchon war. Die ſtattliche Frau ſtand auf, als wir eintraten, und ging uns, wie es mir vorkam, mit gemeſſenen Schritten entgegen, mein Gemahl aber führte mich iiumibireuden Blickes ſehr mit den Gebilden meiner Phantaſie, als daß mich nicht ein bitteres Gefühl hätte beſchleichen müſſen, und beinahe wäre ich in Thränen ausgebrochen. Zum Glück ſah mein Gemahl in dieſem Augenblicke nicht auf mich, und bis wir die uns beſtimmten Zimmer erreichten, hatte ich mich wieder ſo weit gefaßt, Betrübniß oder vielmehr meinen Verdruß nicht anmer⸗ ken zu laſſen; in meinem Innern jedoch ſah es ganz und gar nicht ſo ruhig aus, und ſomit gewann ich es auch nicht über mich, meine nächſte Umgebung einer näheren Prüfung zu unterwerfen. Und doch war offen⸗ bar Allem aufgeboten worden, was nur zärtliche Für⸗ ſorge erſinnen kann, um ſowohl Schlaf⸗, als Wohn⸗ und Empfangszimmer ſo geſchmackvoll und bequem als möglich für mich einzurichten! „Willſt du nicht dein Reiſekleid ablegen, meine Liebe,“ ſagte jetzt mein Gemahl, als die Koffer und ſonſtigen Effekten hereingebracht worden waren,„und ein klein wenig Toilette machen, ehe wir zur Mutter, bei welcher das Abendeſſen parat ſteht, hinabgehen?“ Es lag mir auf der Zunge, ihn zu fragen, ob denn ſeine Mutter eine ſo vornehme und förmliche Dame ſei, daß ſie ſogar von einer Schwiegertochter eine Abendtoilette verlange, und zwar an einem Tage, welcher der Reiſe wegen mit nur zu vielen Beſchwer⸗ den verbunden geweſen war; allein ich ſchluckte die Worte hinab und erwiederte ihm einfach, ich ſei allzu müde, um nicht zu wünſchen, einer Umkleidung über⸗ hoben zu ſein. „Ich glaube dir's, theure Fanny,“ entgegnete mein Gemahl,„und würde machen, wenn uns die ttter nicht zum Thee erwar⸗ dieſe Zumuthung nicht um mir meine gerade auf ſie zu.(Siehe Bild S. 229.) „Mutter, dies iſt Fanny, Ihre Tochter,“ ſagte er. Die Frau warf einen feſten, vollen Blick auf mich und es ſchien mir, als ob ſie mit dem Reſultate ihrer Forſchung ganz und gar nicht zufrieden ſei. Ob es wirklich ſo war, kann ich nicht ſagen, aber damals glaubte ich es, und ſomit flimmerte es mir ſo vor den Augen, daß ich unwillkürlich nach einem Stuhle griff, um mich darauf zu werfen. In Ohnmacht ſank ich übrigens nicht, und demgemäß hörte ich auch deut⸗ lich den kühlen— kühl wenigſtens in meinen Ohren — Willkomm, den mir die Matrone angedeihen ließ. Freilich fühlte ich einen Händedruck, ſowie ſogar einen Kuß auf die Wangen, allein ich hätte einen körper⸗ lichen Eid darauf abgelegt, daß weder Kuß noch Hände⸗ druck von Herzen kamen, ſondern daß die Frau mich vielmehr als einen Eindringling nicht ausſtehen könne. In ſolchem Lichte erſchien mir die Mutter meines Gatten; in welchem Lichte werde aber erſt ich ihr vor⸗ gekommen ſein, da ich ihr weder für die mütter liche Fürſorge, mit der ſie meine Zimmer eingerichtet hatte, dankte, noch überhaupt ein Wort zu ihr ſprach? Ja, da mein Geſicht ſogar Widerwillen, Sun und Bitter⸗ keit ausdrückte? Einen günſtigen Eindruck konnte ich unmöglich machen, wohl Ker einen ſehr ungünſtigen, das ſehe ich jetzt ſehr wohl ein; aber damals dachte ich an nichts, als an den kalten hochmüthigen Empfang, der mir meiner Meinung nach zu Theil wurde, und ich fühlte bereits Etwas, wie Haß gegen die Frau in mir anftauchent Eine Dienerin trat ein mit der Meldung, daß im Nebenzimmer die Abendtafel ſervirt ſei, und die Mut⸗ ter meines Gemahls lud uns ein, ihr zu folgen, wäh⸗ rend ſie mit majeſtätiſchen Schritten— ſo kamen ſie mir wenigſtens vor— uns den Weg zeigte.„Wie 4 - 232 vornehm und ſteif,“ dachte ich, verſchluckte aber die Worte, obwohl ſie mir ſchon auf der Zunge lagen. „Wollen Sie die Honneurs an der Tafel machen, Frau Söhnerin?“ fragte meine Schwiegermutter, ehe ſie ſich an der Spitze des gedeckten Tiſches niederließ. „Alſo auch noch Hohn zum Hochmuth!“ rief eine Stimme in mir, denn offenbar dachte die Matrone nicht im Geringſten daran, den Regimentsſtab, den ſie bisher im Hauſe geführt, an die junge Frau ihres Sohnes abzutreten. Einer Antwort jedoch auf dieſe neue vermeintliche Beleidigung wurde ich dadurch über⸗ hoben, daß mein Gemahl ſeine Mutter bat, für jetzt und immer die bisherige Ordnung der Dinge nicht abzuändern. „Fanny iſt viel zu beſcheiden,“ ſagte er,„als daß ſie Anſpruch darauf machte, Ihrer gewohnten Weiſe entgegenzutreten.“ Ja wohl war ich viel zu beſcheiden, oder vielmehr ich wäre es geweſen, wenn man mir liebevoll entge⸗ gengetreten ſein würde; aber unter den gegebenen Um⸗ ſtänden kam es mir ſo vor, als ob man mich abſicht⸗ lich nur als Nebending behandeln wolle, während ich doch auf die Rechte einer Frau des Hauſes An⸗ ſpruch machen durfte. Eine unausſprechliche Trauer erfaßte mich, und obwohl ich eine Stunde zuvor wirk— lich Hunger gefühlt hatte, ja obwohl die Speiſen und der Thee ausnehmend fein dufteten, viel feiner, als ich es in meinem Hauſe gewohnt geweſen war, ſo wäre es mir doch unmöglich geweſen, auch nur einen Biſſen hinabzubringen. Mein Gemahl und meine Schwiegermutter ſprachen mir zu, möglicherweiſe ſo⸗ gar mit recht beſorgten und liebevollen Worten, allein meine zuſammengeſchnürte Kehle verweigerte mir den Dienſt, und als man nun, um auf meine Geſundheit, auf die Geſundheit des jungen Ehepaars zu trinken, Wein ſervirte, jenen ſprudelnden, kitzelnden Schaum⸗ wein, der ſonſt auch einen Menſchenhaſſer fröhlich ſtimmt, fielen ein paar heiße Thränen in mein Glas. Was hätte ich nicht darum gegeben, mit mir und mei⸗ nen Gedanken allein auf meinem Zimmer zu ſein! So aber ſah ich die Blicke meiner Schwiegermutter ſtets beobachtend auf mich gerichtet, und ich mußte aushar⸗ ren trotz der Qualen, die ich empfand. Endlich ge⸗ lang es mir doch, mich ein wenig zu faſſen, und als wir nach aufgehobener Tafel wieder in das größere Zimmer zurückkehrten, um noch ein wenig zu plaudern, gewann ich es über mich, an der Unterhaltung wenig⸗ ſtens einigermaßen Theil zu nehmen. Ja, wenn ich mich nicht von der Frau ſo äußerſt genau inſpicirt gefühlt hätte, würde ich vielleicht gänzlich aufgethaut ſein, und Alles wäre dann ſicherlich beſſer geworden; aber ſo— nein, es war mir pur unmöglich trotz aller Mühe, die ich mir gab, und trotz der bittenden Blicke meines Gemahls! Es ſtand ein Piano im Zimmer, ein reich verzier⸗ tes, offenbar ganz neues, und unwillkürlich, als wie⸗ der eine Pauſe im Geſpräche entſtand, fielen meine Blicke darauf. Auch mein Gatte ſah hin und fragte die Mutter, woher denn dieſes Inſtrument komme, da er es früher nie geſehen. „Ich kaufte es,“ erklärte ſie,„während du auf deiner Hochzeit abweſend warſt, denn ohne Zweifel iſt deine Gattin muſikaliſch, und ſie ſoll bei uns ihrer ſie ſich nun an mich,„wollen Sie uns nicht das Ver⸗ gnügen eines Liedchens gönnen?“ Auf meinem Dorfe hatte ich keine Gelegenheit ge⸗ habt, mich muſikaliſch auszubilden, und ehrlich geſtan⸗ den war an eine ſolche Ausbildung von meinem Vater auch nie gedacht worden. Auch wußte dies mein Gatte, oder ich glaubte wenigſtens, daß er es wiſſe, und zweifelte deßhalb nicht im Geringſten daran, daß er dies ſeiner Mutter in ſeinen Erzählungen über mich längſt mitgetheilt haben werde. Wie konnte ich alſo die jetzige Anrede dieſer Frau, ſowie auch die heimliche Anſchaffung des Klaviers in Abweſenheit des Sohnes anders nehmen, denn als einen herben Spott auf meine Unwiſſenheit und mangelhafte Erziehung? Kein Wunder alſo, daß ich abermals jene Bitterkeit, die ich kaum zu unterdrücken angefangen hatte, in mir aufſteigen fühlte, und in herber, faſt ſchroffer Weiſe antwortete, daß ich nicht ſinge! „Nun, dann ſpielen Sie uns vielleicht etwas,“ fuhr meine Schwiegermutter fort, ohne ihren kalten Ton zu ändern, der mir wie ein Schneidmeſſer in's Herz drang. „Ich ſpiele weder, noch ſinge ich,“ erwiederte ich noch herber als zuvor,„und überhaupt fehlen mir alle jene Vollkommenheiten, welche Stadtdamen zu beſitzen pflegen. Hat Sie Ihr Sohn nicht davon unterrichtet, daß ſeine Wahl auf ein ganz ungebildetes Landmädchen gefallen iſt?“ Die alte Dame replicirte nichts, ſondern warf ihrem Sohne nur einen ſtillſchweigenden Blick zu, allein wie mir ſchien, lag eine ganze Welt von Vorwürfen in dieſen Blicken.— „Fanny unterſchätzt ſich ſelbſt,“ ſprach nun mein Gatte.„Möglicherweiſe verſteht ſie nichts von Muſik und kann auch nicht tanzen, dagegen aber beſitzt ſie andere Vorzüge, welche einen weit größeren Werth haben, und jedenfalls werden Sie finden, theure Mutter, daß ſie in Beziehung auf Herzens⸗ und Geiſtesbildung höher ſteht, als gar manche Tochter aus den höchſten Stän⸗ den. Doch es iſt ſchon ſpät,“ ſetzte er dann nach ſei⸗ ner Uhr ſehend hinzu,„und ſo wollen wir uns mit Ihrer Erlaubniß, liebe Mutter, zurückziehen.“ Das war mein Empfangsabend unter dem Dache meines Gemahls, und die ganze Nacht hindurch ſchwebte mir in meinen Träumen die ſehr imponirende Geſtalt meiner Schwiegermutter vor. Ob ſie wohl auch von mir träumte? Ich weiß es nicht, aber wenn ſie es that, ſo waren die Gebilde ihrer Phantaſie ſicherlich nicht minder unfreundlicher Natur, als die meinigen. Ach wie ganz, ganz anders hatte ich mir meinen Einzug in die Heimſtätte meines Gatten gedacht! Den andern Tag, als ich wieder bei vollkommener Faſſung war, nahm ich mir vor, den Verſuch zu machen, ob ich nicht die alte Dame freundlich gegen mich ſtimmen könnte. Sie war ja die Mutter meines Gatten, den ich ſo gar ſehr liebte, warum ſollte ich alſo nicht auch ſie lieben lernen? Demgemäß ließ ich im ganzen Hausweſen Alles beim Alten, ohne die ge⸗ ringſte Veränderung vorzunehmen, und geſtattete ihr, gerade ſo fort zu dominiren, wie ſie es bisher gewohnt geweſen war. Ja ich fügte mich in ihre Anordnungen ſelbſt dann, wenn ſie meine eigenen Zimmer oder gar meine eigene Perſon betrafen, und that, als ob mir Alles ſo recht ſei, wie ſie es machte. Allein dankte gewohnten Unterhaltung nicht entbehren. Bitte,“ wandte ſie mir etwa für dieſe Nachgiebigkeit von meiner Seite? Ver⸗ t ge⸗ eſtan⸗ Vater mein er es aran, über e ich h die it des Spott ung? erkeit, nmir Weiſe vos,“ falten in 8 e ich alle ſitzen ichtet, dchen warf allein ürfen mein Ruſik ;t ſie aben, „daß höher Stän⸗ ſi⸗ mit Dache webte eſtalt von that, nicht Ach ug in - 233— Im Gegentheil, aus ihrem kalten, beobachtenden Blicke konnte ich herausleſen, daß ſie den Grund meiner Handlungsweiſe ganz anders auslegte, d. h. ich glaubte, daß ſie mich für ein junges, unerfahrenes und unge⸗ ſchicktes, oder gar für ein faules und unwiſſendes Ding anſah, das gar nicht fähig ſei, einem Hausweſen vor⸗ zuſtehen, und nur aus dieſem Grunde ihr die Be⸗ ſorgung deſſelben überlaſſe. Annäherungsverſuche zurückgewieſen, oder glaubte wenigſtens ſo zu ſehen, und ſomit kehrte all' das bit⸗ tere Gefühl zurück, das ich am erſten Abende ſchon em⸗ pfunden hatte. Ja daſſelbe ſteigerte ſich ſogar und ver⸗ wandelte ſich in Haß, in einen recht grimmigen, wüthenden Haß, denn dieſes ſtolze, herrſchſüchtige, eigenliebige Weib ſtand offenbar— ſo rief ich mir ſelbſt zu— zwiſchen mir und meinem Glücke! — h l' ſ fPaanade — = 10 9 10) S ich geradezu Unrecht that, wenn ich die vermeintlichen Beleidigungen, die mir angethan wurden, nicht an ſei— nem Buſen ausweinte! Hätte ich dies nicht verabſäumt, wie leicht wohl wäre eine Verſtändigung geweſen? Ganz verborgen blieb es ihm übrigens nicht, daß nicht Alles ſo ſtand, wie es hätte ſtehen ſollen, und ohne Zweifel beklagte ſich auch die Mutter über mich. Doch ſchrieb er meine gedrückte Stimmung und das verſchloſſen⸗traurige Hinvegetiren, das an mir bemerk⸗ bar wurde, einem ganz andern Grunde zu, als er wirklich hätte thun ſollen, denn er meinte, der Man⸗ gel an Zerſtreuung und Vergnügen ſei es, der mich mißmuthig mache.„Habe nur noch einige wenige Wochen Geduld,“ ſagte er deßhalb einmal zu mir, „dann tritt die kältere Jahreszeit ein, und ich werde ſofort im Stande ſein, dich aus deiner unfreiwilligen Clauſur zu befreien.“ Er hatte nämlich wegen einer Feierſtunden. 1863. Kurz ich ſah alle meine — e S S Wochen vergingen und das Verhältniß wurde nicht beſſer. Aeußerlich freilich konnte man nicht viel davon ſehen, daß ſtatt des Friedens der Unfriede im Hauſe wohne, da ich all' meine Gefühle in mir ſelbſt ver⸗ ſchloß. Nicht einmal gegen Tante Marie, ſo oft ich ihr auch ſchrieb, öffnete ich mein Herz, denn ich war zu ſtolz, um mein Unglück einzugeſtehen; noch weniger aber ließ ich etwas gegen ihn verlauten. Oder ſollte ich etwa die Mutter beim Sohne verklagen?„Nein wahrhaftig,“ dachte ich,„wenn er nicht ſelbſt ſieht, wie furchtbar ſchwer das Betragen dieſes Weibes auf mir laſtet, dann mag es ſo fortgehen, und wenn es mein Tod wäre.“ Ach es fiel mir nicht ein, daß ich ihm mit meiner Hand auch das Recht gegeben habe, in mein Herz zu ſehen; daß ich ſogar die Pflicht hatte, ihn meine Gedanken leſen zu laſſen, und daß V . 235.) graſſirenden Typhus⸗Epidemie gerade in den erſten Wochen unſerer Ehe ſehr viel zu thun, und konnte ſich mir den ganzen Tag über nicht widmen; allein wäre es beſſer geweſen, wenn er öfter und länger zu Hauſe geblieben ſein würde? Mein Gott, ſie ſtand ja im Wege, ſie, die Frau mit der hoffärtigen Stirne und dem kalten herzloſen Gebahren! Wie oft wünſchte deß⸗ halb ich nicht(der Himmel verzeihe mir dieſen Frevel), daß der Typhus auch in unſerem Hauſe einkehren und ſie, die Feindin meines Glückes, hinwegraffen möge? In Romanen hatte ich viel von den Honigmona⸗ ten der Ehe geleſen, aber welcher Gegenſatz zwiſchen dem wirklichen Leben und jenen Scripturen der Phan⸗ taſie! Ich wenigſtens ſah keinen Honigmonat, auch nicht Einen. Doch endlich ſchwand der wärmere Theil des Herbſtes dahin, und da mit dem Eintreten des 30 — S— —— 234— erſten Froſtes auch der Geſundheitszuſtand der Stadt ſich beſſerte, ſo fand mein Gatte Zeit, die Worte, mit denen er mich früher zu tröſten verſuchte, zu bewahr⸗ heiten. Auch that er dies in der vollſten Ausdehnung, d. h. er ſuchte mir faſt jeden Tag ein neues Vergnü⸗ gen zu bereiten, indem er mich heute zu einem Con— certe, morgen in eine Bildergallerie und übermorgen in's Theater führte. Den größten aller Genüſſe bot mir übrigens die Oper, welche damals in M. beſon⸗ ders gut beſetzt war, und manchen Abend ſog ich mich ſo voll an den herrlichen Melodien, welche ich dort zu hören bekam, daß ich mich den ganzen darauf folgen⸗ den Tag glücklich fühlte. Ich lebte und webte dann ganz in der Rückerinnerung an den gehabten Genuß und meine Phantaſie zauberte das einmal Geſehene und Gehörte zum zweiten und dritten Male wieder hervor, ſo daß ich in ſolchen Augenblicken ſelbſt des Schattens vergaß, der ſich ſonſt zwiſchen mich und die Zufrieden⸗ heit zu ſtellen pflegte. Beſonders ergriffen war ich, die mir mehr werth iſt, als alle übrigen Frauen der Welt.“ Es war ein ſeliger Vormittag, den wir nun mit einander zubrachten, und wir tändelten mit einander, wie zwei ſpielende Kinder; des Unterrichtnehmens im Singen wurde aber ſelbſtverſtändlich mit keiner Silbe mehr gedacht, weder jetzt, noch ſpäter. Nach Tiſch je⸗ doch, als mein Gatte ſeine Berufsgänge angetreten hatte, nahm ich das Anzeigeblatt zur Hand und forſchte dort eifrig nach der Annonce einer Geſangs⸗ und Mu⸗ ſiklehrerin, von welcher dieſer Tage in einer Geſellſchaft die Rede geweſen war. Sie ſollte ſehr geſchickt in ihrem Fache ſein, und zugleich rühmte man ihren Anſtand, ſowie die Beſcheidenheit, mit der ſie auftrete. Glück⸗ licherweiſe fand ich, was ich ſuchte, und nun kleidete ich mich alsbald zum Ausgehen an, oder vielmehr ich ging ſofort aus, und zwar ohne weder meiner Schwie⸗ germutter noch einer Dienerin zu ſagen, wohin ich gehe. Ich hatte mir nämlich einen eigenen Plan gemacht und als man eines Abends Norma gab, in welcher eine hoffte dieſen durchzuführen, ohne daß irgend Jemand berühmte fremde Sängerin als Gaſt auftrat, und meh⸗ rere der Lieder, welche dieſe Künſtlerin vorgetragen, wollten mir gar nicht mehr aus dem Kopfe hinaus. Ja den andern Morgen, als ich eben mit dem Ord⸗ nen meines Haares vor dem Spiegel beſchäftigt war, ſummte ich, ohne mir deſſen, was ich that, klar bewußt zu ſein, eines dieſer Lieder ſo laut vor mich hin, daß man meine Stimme gar wohl im Nebenzimmer, in ich zu alt und es fehlen mir wohl auch die ſonſtigen nöthigen Appertinenzien; aber ich möchte es ſo weit welchem ſich gerade mein Gemahl befand, hören konnte. Er hörte mich auch und öffnete ſogleich die Thüre, um noch beſſer zu hören; aber er that dies ſo leiſe und verſtohlen, daß ich nichts davon gewahr wurde. „So du kannſt ſingen?“ rief er dann, als ich hinter mein Geheimniß käme. Fräulein Petri, die Muſiklehrerin, war es, der mein Ausgehen galt, und zu meiner großen Freude traf ich ſie zu Hauſe. Noch mehr Freude machte es mir, daß ich in ihr ganz die Perſon fand, die mir convenirte, und ſo eröffnete ich ihr denn ohne Weite⸗ res mein Anliegen.„Künſtlerin will ich keine wer⸗ den,“ ſagte ich unter Anderem zu ihr,„denn hiezu bin bringen, daß ich ein Lied vom Blatt ſingen lernte und zugleich im Stande wäre, mich auf dem Piano dazu zu begleiten. Für den Anfang würde es mir genügen, mit meinem Liede zu Ende gekommen war, indem er wenn ich in den nächſten ſechs Wochen nur zwei ganz mich eben ſo erſtaunt als erfreut anſah. „Warum einfache Balladen ſchmucklos vortragen lernte, denn in haſt du denn damit ſo lange hinter dem Berge ge⸗ ſechs Wochen iſt meines Gatten Geburtstag, und da halten?“ er ein großer Liebhaber von Geſang iſt, ſo möchte ich „Ach Gott, Franz, ich kenne keine Note,“ erwie⸗ ihn gerne überraſchen.“ derte ich über und über erröthend;„auch habe ich nie in meinem Leben Unterricht im Singen gehabt.“ „Um ſo bewundernswerther iſt dein feines muſika⸗ Fräulein Petri lächelte über mein eifriges Andringen und meinte, ſie müßte vor Allem meine Stimme hören, ehe ſie ein Urtheil darüber fällen könne, ob ich nur liſches Gehör,“ entgegnete er,„denn du haſt dieſes überhaupt ein einziges Lied ſingen lernen könne. Lied nicht nur ganz ohne Fehler, ſondern ſogar mit dem beſten Ausdruck vorgetragen. Gewiß wäre es dir ein Leichtes, dich hierin zu vervollkommnen, wenn du dich entſchließen könnteſt, Unterricht zu nehmen, und es der Mutter gewähren, dritten Perſon, Tante Marie und meinen Vater aus⸗ welche Freude würde falls.... Er vollendete ſeine Rede nicht, ſondern zog mich „Bitte,“ ſagte ſie,„Sie ſingen doch wohl manchmal aus dem Herzen, alſo laſſen Sie hören; ein., Volks⸗ liedchen genügt oder auch nur eine Melodie ohne Text.“. In meinem Leben hatte ich noch nie vor einer genommen, geſungen; allein ich überwand alle Befan⸗ an ſich, um mich durch eine Liebkoſung zur Erfüllung genheit und trug, ohne zu zagen, zwei Volkslieder, wie ſeines Wunſches zu bewegen, und ohne Zweifel würde ich augenblicklich mit größter Freude„Ja“ geſagt haben, wenn er nur den Namen ſeiner Mutter aus dem Spiel gelaſſen hätte. des Widerſpruchs in mir, und ich löste mich ſchnell aus ſeiner Umarmung los. „Bin ich dir nicht mehr ſo recht, wie ich bin?“ rief ich, ihm feſt in die Augen ſehend.„Oder fängſt du es vielleicht auch an zu bedauern, daß ich die Voll⸗ nicht beſitze?“ „Du mißverſteheſt mich, Fanny,“ antwortete er, mich abermals an ſich ziehend.„Aber laſſen wir das dumme Singen und Klavierſpielen und bleibe du, was du bisher warſt, meine gute, liebe, treue Fanny, So aber erwachte plötzlich der Geiſt bar mit meiner Stimme zufrieden, und als ich nun kommenheiten der in den Städten erzogenen Damen ſie mir gerade einfielen, vor. Mein Vorhaben lag mir allzu ſehr am Herzen, als daß mich irgend kleinlichte Rückſichten hätten aufhalten können! Fräulein Petri lächelte abermals, doch war ſie offen⸗ gar einen einfachen Satz, den ſie mir vorſang, ganz ohne Mißton wiederſang, verſicherte ſie mir ganz ernſt⸗ haft, daß ich innerhalb der ſtipulirten ſechs Wochen nicht nur zwei, ſondern ſechs Lieder ſingen lernen ſollte, vorausgeſetzt natürlich, daß ich recht fleißig ſei. So⸗ mit ſtipulirten wir alſobald die näheren Bedingungen und es wurde abgemacht, daß ich alle Tage von Mor⸗ gens neun Uhr bis Mittag theils im Singen, theils im Klavierſpielen und Notenleſen Unterricht haben ſollte, da mein Gatte über dieſe Zeit gewöhnlich auf Kran⸗ ——.——— ————.y .— 8 — ——————,.— ——.— nder mit nder, 3 im Silbe h je⸗ reten ſſchte Mu⸗ ſchaft hrem ſtand, Hlück⸗ eidete ſr ich hwie⸗ gehe. und nand der reude ſte es e mir Weite⸗ wer⸗ u bin ſtigen weit te und dazu lügen, ganz un in nd da hte ich ringen hören, — nur könne. rchmal Volks⸗ ohne einer t aus⸗ Bejan⸗ er, wit ag mir inliche offen⸗ nun „ganz ernſt⸗ Gochen 1 ſollu, So⸗ . ungen näl tfils ſollt⸗ 1 Krau⸗ 4 ☛ — 235—— kenbeſuchen von Hauſe abweſend war. ſprach Fräulein Petri, gegen Jedermann reinen Mund zu halten, bis ich ihr ſelbſt die Erlaubniß zum Spre— chen gebe, und ich muß geſtehen, ſie hielt ihr Ver⸗ ſprechen über Erwarten gut. Gleich den andern Tag begann ich mit meinen Lehrſtunden, und ſetzte dieſelben die nächſten ſechs Wochen, die Sonntage ausgenommen, auch nicht ein einziges Mal aus, ohne daß irgend eine Seele von meinem Beginnen nur eine Ahnung gehabt hätte. Auch meine Schwiegermutter wußte nicht das Geringſte von meinem Thun und Treiben während der Zeit von neun bis zwölf Uhr; dagegen konnte ich natürlich das Aus⸗ daß ihr Verdacht über den Zweck deſſelben wach wurde. Stellte ſie ſich mir doch meiſt in den Weg, wenn ich das Haus verließ, und machte ſich etwas im Gange zu ſchaffen, wenn ich um zwölf Uhr wiederkehrte! Doch was kümmerte ich mich hierum? Sie wahrhaftig hätte ich am allerwenigſten zu meiner Vertrauten gemacht, und ſo ging ich regelmäßig an ihr vorüber, ohne irgend Notiz von ihr zu nehmen. Nur das fragte ich mich manchmal, ob ſie wohl meinen Gemahl von meinen geheimen Gängen unterrichtet habe; allein ich mußte mir die Antwort ſchuldig bleiben, denn er betrug ſich den einen Tag eben ſo liebreich und zutrauensvoll ge⸗ gen mich, wie den andern. So ging Alles ſeinen ruhigen Gang bis auf den Tag vor dem Geburtsfeſte meines Gemahls. Auch heute war ich wie gewöhnlich von Morgens neun Uhr bis Mittag bei Fräulein Petri geweſen, und ſie hatte mich, als ich ihr die erlernten ſechs Lieder nochmals vorſang, ihres vollſten Lobes gewürdigt, denn eine ſo fähige und zugleich fleißige Schülerin habe ſie noch ſel— ten gehabt. Somit hob ſich mein Herz voll kindiſchen Stolzes, und gleichſam im Vorgenuß der Freude, welche mir morgen die Ueberraſchung meines Gatten bereiten würde, eilte ich geflügelten Fußes die Treppe unſeres Hauſes hinan, um mich in mein Zimmer zu begeben. Wie ich jedoch den erſten Stock erſtiegen hatte, hörte ich im Wohngemache meiner Schwiegermutter, an deſ⸗ ſen halboffener Thüre ich nothwendig vorbei mußte, nur zu bekannte Stimme ſo heftig peroriren, daß ich unwillkürlich ſtehen blieb, um zu horchen. Zugleich ver⸗ Sie ſen, Er, mein Gatte, ſtimmte mit der Verleumderin nicht überein. „Du kennſt die Fanny nicht, Mutter,“ ſagte er in ſeiner gewohnten ruhigen, feſten und klaren Weiſe. „Sonderbar mag ihr Benehmen genannt werden, aber etwas Geringes von ihr zu denken, wäre eine Sünde. Deßwegen werde ich nie ſo weit gehen, ſie wegen ihrer geheimen Gänge zur Rede zu ſtellen, ſon⸗ dern will es lieber abwarten, bis ſie die Sache ſelbſt aufklärt.“ Ich hätte können einen Jubelſchrei ausſtoßen, daß meine edler Gatte ſo edel dachte, aber— eigenthüm⸗ gehen ſelbſt nicht vor ihr verbergen und ich merkte bald, lich— der Jubel über meines Mannes Denkungsweiſe ſteigerte den Haß gegen die Schwiegermutter um ſo höher, und mit Einem Male, wie von einem böſen Geiſte beſeſſen, ſtürmte ich in das Zimmer, ging an meinem Gatten vorbei, ohne ihn zu grüßen, und ſtellte mich glühenden Blickes hart vor die tief verhaßte Frau hin.(Siehe Bild S. 233.)„Madame,“ rief ich(die Worte blieben mir noch lange nachher wie mit Flam⸗ menſchrift in's Herz geſchrieben),„bisher habe ich all' das Wehe, das Sie mir ſeit meinem Eintritte in die⸗ ſes Haus anthaten, ſtillſchweigend getragen. Zurück⸗ ſetzung, Verachtung, Ueberwachung— ich duldete Alles, ohne ein Wort darüber zu verlieren, jetzt aber wollen mir auch das Letzte rauben, was mir das Leben noch erträglich machte, die Liebe und das Ver⸗ trauen meines Gatten, und nun hat meine Geduld ein Ende. Madame, von heute an ſind wir ge⸗ ſchiedene Leute, und zwar für immer, Ma⸗ dame, für immer und ewig. Doch Sie ſind begierig, mein Geheimniß zu erfahren, und ich will es Ihnen erklären. Vor ſechs Wochen drückte mein Gemahl den Wunſch aus, ich möchte ſingen lernen. Ihm zu lieb, ihm, nicht Ihnen, beſchloß ich, den Verſuch zu machen, und ihn an ſeinem Geburtstage „Ich ſage dir,“ rief in dieſem Augenblicke die Stimme, und daß dieſe meiner Schwiegermutter an— gehörte, wird der Leſer ſchon errathen haben,„gerade ſo und nicht anders, als ich dir erzählt habe, verhält ſich die Sache. Alle Morgen um neun geht ſie aus, um gegen zwölf wiederzukehren, und das treibt ſie nun ſeit vollen ſechs Wochen, ohne je einen Tag auszuſetzen. Was ſollen nun dieſe geheimnißvollen Gänge bedeuten, über die ſie noch nie ein Wort verlauten ließ? Ich ſage dir, mein Sohn, es iſt deine Pflicht, darnach zu ſehen, denn ſonſt möchte es leicht ſo weit kommen, daß die ganze Stadt mit Fingern auf dich deutet.“ Alle meine Pulſe ſchlugen, als ich dieſe Worte hörte, und es ergriff mich ein ſo unnennbarer Zorn, daß ich mich kaum mehr beherrſchen konnte. Ich wollte hineinſtürzen, auf das verhaßte Weib los, aber plötz⸗ lich nahm ich mich gewaltſam zuſammen, denn er ant⸗ wortete, und ich mußte doch wiſſen, ob Er auch ſo niedrig von mir dachte, wie ſie, ſeine Mutter. So horchte ich denn abermals, aber Gott ſei dafür geprie⸗ V b mit meinen Leiſtungen zu überraſchen. Ich nahm Stunden bei Fräulein Petri, und morgen hätte ich ihm gezeigt, wie weit ich es in der kurzen Zeit gebracht habe. Allein natürlich auch dieſe Freude mußten Sie mir verderben, Sie, die Sie einen Ingrimm darüber wenn ich in die zweite Etage hinauf wollte, eine mir haben, daß Sie die Gewalt über das Herz Ihres Sohnes mit einem andern weiblichen Weſen theilen müſſen. Begreifen Sie jetzt, warum ich täglich drei Stunden außer dem Hauſe zubrachte? Sehen Sie jetzt ein, daß die Liebe zu meinem Gatten mir dieſe Gänge diktirte, während Sie in Ihrer niedrigen Denkungs⸗ weiſe mir ganz andere Motive unterſchoben? Doch ich vergeſſe, ein ſo mißtrauiſches Weſen, wie Sie, wird natürlich Beweiſe verlangen für das, was ich ſage, und beim Himmel, Sie ſollen dieſe Beweiſe haben.“ Dieſe Worte ſprudelte ich in der größten Aufre⸗ gung heraus, ſo daß weder meine Schwiegermutter noch mein Gemahl Zeit hatten, mich zu unterbrechen, und nun ſetzte ich mich in derſelben Haſt an's Piano, ſchlug es auf, und ſang. Ja ich ſang, und zwar ohne daß mir die Stimme nur ein einziges Mal verſagt hätte; ich ſang, ohne einen falſchen Ton, ſchöner vielleicht, als ich je bei Fräulein Petri geſungen! Wie ich aber zu Ende war und mit einem wilden Akkorde, der faſt die Saiten ſprengte, geſchloſſen hatte, ſprang ich auf und ſtellte mich abermals dicht vor die tief gehaßte Frau hin, ſie mit meinen glühenden Augen faſt durch⸗ bohrend. 30* 1„Nun?“ rief ich, vor Wuth bebend und unfähig, ein weiteres Wort hinzuſetzen. S ie wurde ſehr blaß und zitterte ſichtlich.„Ich ſehe ein,“ ſagte ſie endlich mit gepreßter Stimme, deßhalb um Verzeihung.“ „Um Verzeihung?“ lachte ich diaboliſch auf.„Wenn man Einem den Kopf abgeriſſen hat, kann man ihn durch Umverzeihungbitten wieder aufſetzen?“ Mit dieſen Worten rannte ich aus dem Zimmer und die Treppe hinauf in mein Gemach; aber nun war auch meine Kraft gebrochen und ich ſank wie ver⸗ nichtet in einen Stuhl. Doch Gott ſandte mir einen Pert,,, hh,)), AI dcdaggacgeigeat ſſſſcff f fffftfcfft als ſie, als eine Nebenbuhlerin betrachtet, gegen die ſie das Feld behaupten müſſe.“ „Alſo, weil du mich liebſt,“ rief ich,„ſoll ſie das Recht haben, mich verächtlich zu behandeln und mich wie eine Spionin auszukundſchaften; ja mir ſogar das Herz meines Gemahls zu entfremden? Weil du... „Ich ſagte dir ja, Fanny,“ unterbrach er meine heftige Rede,„daß ſie hierin Unrecht hat, und daß ſie bereit iſt, dies zu bekennen. du nicht immer ſo gehandelt, wie du hätteſt ſollen, und gar manchmal durchkreuzteſt du ihr liebevolles Entgegenkommen durch eine ſchroffe, faſt feindſelige Haltung. Jedenfalls wäreſt du verpflichtet geweſen, deine Klagen mir anzuvertrauen, und ſicherlich hätte oft ein einziges Wort hingereicht, eine Verſtändigung herbeizuführen. Dies Alles wird hoffentlich für die Zukunft wegfallen, und wenn ihr euch gegenſeitig nach⸗ gebt, ſo können nicht blos ſolche Scenen nicht mehr Allein umgekehrt haſt auch ſich mein Herz. „daß ich Ihnen Unrecht gethan habe, und bitte Sie 236—— mehr ich weinte und ſchluchzte, um ſo erleichterter fühlte Wären die Thränen nicht geweſen, ich glaube, ich wäre erſtickt! Wie lange ich ſo in meiner bittern Verzweiflung geſeſſen, weiß ich nicht; endlich jedoch kam mein Ge⸗ mahl, ſetzte ſich dicht neben mich, küßte meine brennen⸗ den Wangen und preßte meine heißen Hände zwiſchen den ſeinigen.„In meinem Leben,“ ſagte er,„habe ich keine ſo harte Stunde erlebt, wie die letzt vergan⸗ gene; doch nun höre mich an, meine Fanny. In vie⸗ Troſt, einen Strom von Thränen nämlich, und je b V len Dingen hat meine Mutter Unrecht, und ſie ſieht es auch ein. Doch iſt ſie zu entſchuldigen, denn ſie war ſo viele Jahre lang die alleinige Herrin meines Hauſes und Herzens, daß man es nur menſchlich fin⸗ den kann, wenn ſie diejenige, die mir nun näher ſteht, 1 L — eM l m LT wiederkehren, ſondern wir werden Alle glücklich und einig zuſammenleben. „Nie,“ erklärte ich,„ſo lange Madame Walther und ich uns unter Einem Dache befinden.“ Mein Gemahl ſah mir feſt und voll in's Antlitz, als er dieſe Worte hörte, und es dauerte wohl eine gute Minute, ehe er antwortete.„Ich verſtehe dich nicht,“ ſprach er endlich.„Was willſt du damit ſagen?“ „Was ich damit ſagen will?“ rief ich.„Das iſt ſehr einfach. Deine Mutter haßt mich und ich haſſe ſie. Entweder alſo müßten wir in offener Feindſchaft zuſammenleben, oder aber müßten wir eine Freund⸗ ſchaft heucheln, von der wir Beide nichts wiſſen. Eins wie das Andere widerſtrebt meiner Natur, und darum, Franz, frei herausgeſagt, du mußt zwiſchen mir und deiner Mutter wählen.“ Er lächelte trübe und melancholiſch.„Eigenſinni⸗ ges, verzogenes Kind,“ ſagte er darauf, mir das Haar 4— ſtreichelnd,„das harte Wort, das du da ſprachſt, kam ſeiner kaum zwanzigjährigen Wittwe nichts, als mich dir nicht aus dem Herzen, denn Gott hat dich nicht ſo unverſöhnlich erſchaffen.“ „Ja, ſo bin ich,“ rief ich mit noch größerer Ent⸗ ſchiedenheit, als zuvor.„Sie hat mich allzu tief be⸗ leidigt, als daß ich ihr je vergeben könnte. Wähle zwiſchen mir und zwiſchen ihr.“ „Du glaubſt alſo wirklich,“ ſprach er jetzt, mich mit tiefem Ernſte betrachtend;„du glaubſt wirklich, daß ich je im Stande wäre, meiner Mutter die Thüre meines Hauſes zu verſchließen? Höre mich an und dann urtheile. Mein Vater ſtarb, als ich Ein Jahr alt war. Eine falſche Spekulation hatte ihn um ſein ganzes Vermögen gebracht, und ſein Stolz erlaubte ihm nicht, ſein Unglück zu überleben. W (Siehe S. 2 — —₰ boten ihr vermögliche Männer, die von ihrer Schön⸗ heit ergriffen waren, ihre Hand an, aber beide Male ſchlug ſie das Anerbieten aus, weil ſie ihrem Sohne keinen Stiefvater geben wollte. Es glückte ihr, ſich anſtändig durchzubringen, obwohl nur mit unſäglicher Mühe und Aufopferung. Es glückte ihr ſogar, mir eine Erziehung zukommen zu laſſen, welche ſonſt nur hülfloſes Kind, und die Einrichtung des Hauſes, auf welche die Gläubiger keinen Anſpruch hatten, denn ihr ganzes übriges Beibringen ging in dem Falliſſe⸗ ment zu Grunde. Faſt jede andere Frau wäre in einer ſolchen Lage verzweifelt, oder hätte die milde Hand ihrer Verwandten in Anſpruch genommen. Nicht ſo meine Mutter. Trotzdem ſie nämlich im Ueberfluß erzogen worden war und bisher im Ueberfluß gelebt hatte, ſchämte ſie ſich nicht, nunmehr von der Arbeit zu leben und ſich ſo einzuſchränken, wie es ihre Ver⸗ hältniſſe geboten. Sie errichtete ein Koſthaus für junge Mädchen, welche vom Lande in die Stadt gebracht wurden, um ſich da weiter auszubilden, und Küche So hinterließ er wie Wäſche beſorgte ſie mit eigener Hand. Zweimal So ſprach mein Gatte, und zu jeder andern Zeit wären mir ſeine Worte tief zu Herzen gedrungen; aber heute hatte mich der böſe Geiſt erfaßt, und ich ließ mich durch nichts in meinem einmal gefaßten Entſchluſſe den Söhnen reicher Eltern zu Theil wird; aber ſie ver⸗ ſagte ſich lieber jede Annehmlichkeit, als daß mir eine Lehrſtunde oder ein Unterrichtsgegenſtand hätte entgehen dürfen. So arbeitete ſie fort und fort, volle dreiund— zwanzig Jahre lang, und erſt als ich die unabhängige, reichgeſegnete Stellung erlangt hatte, welche ich jetzt einnehme, willigte ſie ein, den Reſt ihrer Tage bei mir als Herrin meines Hauſes zuzubringen. Nun aber, Fanny, frage ich dich, kannſt du mir zumuthen, daß ich dieſe edle Frau, der ich Alles verdanke, was ich bin, daß ich ſie in ihrem Alter in die Welt hinaus⸗ ſtoße, um abermals den Kampf des Lebens zu beginnen?“ erſchüttern. War ich doch gar keines anderen Gedan⸗ kens fähig, als blos der Erinnerung an die tiefe Be⸗ leidigung, die mir geworden! „Ich muthe dir nicht zu,“ erwiederte ich kalt, „deine Mutter zu verſtoßen, ſondern ich ſage blos, daß wir Beide nicht mehr unter einem und demſelben Dache leben können. Du ſelbſt magſt nun darüber entſchei⸗ den, welcher von Beiden du den Vorzug gibſt, der Mutter oder der Gattin.“ „Beim Himmel,“ rief er jetzt, indem er mit ſchnel⸗ len Schritten das Zimmer maß,„in dieſer Sprache erkenne ich dich gar nicht wieder. Aber wenn du nicht auf Vernunftgründe hörſt, ſo werde ich den Ernſt des Befehles anwenden müſſen.“ „Des Befehls?“ ſchrie ich laut auflachend.„Du - 238—— willſt alſo von jetzt an den Tyrannen gegen mich ſpie- ich auf und breitete deren Inhalt vor mich hin, in⸗ len? Du willſt dich mit deiner Mutter verbünden, um dem ich einen Ehrenpunkt darein ſetzte, nur das mit⸗ mich noch mehr zu unterdrücken, als ich bisher ſchon zunehmen, was wirklich mein gehörte, oder vielmehr, war, um mich gar vollends ganz in den Staub zu was ich ſchon vor meiner Verheirathung beſeſſen hatte. 5 treten? Du willſt....“(Siehe Bild S. 236.) Alles Andere legte ich zurück, 1m „Stille, Fanny,“ unterbrach er mich nunmehr in damit meine Schwiegermutter nicht nachher ſagen könne,) einem Tone, der in meinen Ohren wie der eines Ge- ich habe mich an ihrem Sohne bereichert, und deßwe⸗ bit bieters erklang.„Solche Reden darf ein Weib gegen⸗- gen trennte ich mich ſogar von den Gegenſtänden, die ſi über von ihrem Manne nicht führen; doch hoffe ich, als Präſente von ihm meinem Herzen beſonders theuer eer du wirſt, wenn ruhiger geworden, zur Beſinnung waren. dd kommen. Ich habe jetzt nothwendig einige Kranke zu Natürlich brauchte ich, trotz meiner Eile und trotz⸗ e beſuchen, werde aber längſtens bis vier Uhr wieder⸗ dem ich es mit der Verpackung ſelbſt nicht allzu genau wild kehren. Bis dahin bleibſt du auf deinem Zimmer, nahm, doch mehrere Stunden, bis ich mit dem ſchwe⸗ 3 denn ich will nicht, daß ſich die Scene zwiſchen dir und ren Geſchäfte fertig wurde, und es ging bereits auf meiner Mutter wiederhole; Gott aber erleuchte dein vier Uhr, als ich den letzten Koffer ſchloß. Jetzt ſandte ng Herz, daß du mir bei meiner Wiederkehr mit einer an- ich eine Dienerin nach einem Wagen, der mich auf dern Geſinnung entgegentrittſt, als der des Zornes, des die nächſte Poſtſtation bringen ſollte, und warf mich, Haſſes und der Unverſöhnlichkeit.“ den Kopf in die Hand geſtützt, in eine Sophaecke, un⸗ e Er ging und ließ mich in einem Zuſtande zurück, ſchlüſſig, ob ich meinen Gatten erwarten, oder ob ich 15 den ich nicht näher beſchreiben kann. Hunderte von Ge⸗ brieflich von ihm Abſchied nehmen ſolle. Nicht lange 8 danken durchkreuzten mein Gehirn, aber ſtetig kam ich hernach jedoch hörte ich Tritte auf der Stiege, die mir ar darauf zurück, daß Er ſich auf die Seite meiner Wider⸗ nur allzu bekannt waren, und den Augenblick darauf u ſacherin geſtellt habe, und daß alſo für die Zukunft, trat mein Gemahl in das Zimmer. Ein einziger Blick r wenn ich unter dieſem Dache bleibe, eine fortwährende auf die gepackten Koffer ſagte ihm Alles, und er ſah zun Unterdrückung mein Loos ſein müßte. Dies ertrug mich mit einem Auge an, in welchem Staunen, Schrecken 8. mein Stolz nicht, und in der grenzenloſen Aufregung, und Unwillen zugleich zu leſen waren. e die mein ganzes Weſen erfaßt hatte, kam ich zu einem„Was ſoll das bedeuten, Fanny?“ ſagte er endlich. E Entſchluſſe, den ich vor meiner Verheirathung für eine„Ich habe dir vorhin geſagt, daß ich nicht länger 1 reine Unmöglichkeit gehalten haben würde. Was für unter Einem Dache mit deiner Mutter leben könne,“ in ein Entſchluß war aber dies? Kein anderer, als der, erwiederte ich mit ſo viel Ruhe, als ich erringen meinen Gatten zu verlaſſen, wenigſtens auf ſo lange, konnte,„und da du dich für deine Mutter entſchie⸗ bis er ſeine Mutter von ſich gethan haben würde, und den haſt, ſo bleibt mir nichts anders übrig, als zu d in meine alte Heimath auf mein zum Glücke nicht ver⸗ gehen.“ 4 äußertes Landgütchen zurückzukehren! Abermals traf mich ſein vorwurfsvolles Auge, und. m „Ja, das will ich, das muß ich,“ rief ich mir dann trat er feſt auf mich zu.„Denk an deinen 1 ſelbſt zu,„denn ein Drittes bleibt mir ja nicht übrig. Vater, Fanny,“ ſagte er.„Du liebteſt ihn über alle A 1 Aber, großer Gott,“ ſetzte ich jetzt plötzlich hinzu, Maßen, ſoll ich meine Mutter weniger lieben?“ 1 „Fanny, was willſt du thun? Haſt du auch des Kin⸗„Ja, ich liebte ihn über alle Maßen,“ entgegnete f des gedacht, das du unter deinem Herzen trägſt, dei⸗ ich,„und doch wäre ich dir, auch wenn er am Leben 1 nes und ſeines Kindes?“ geblieben wäre, bis an's Ende der Welt gefolgt. Du Erſchüttert ſetzte ich mich nieder und einen Augen- aber thuſt das Gegentheil, denn du fühlſt keine Liebe t blick lang ſchien es, als ob das beſſere Ich in mir den zu mir.“ 1 Sieg davon tragen würde. Schon ſeit einigen Mona⸗„Nochmals wiederhole ich dir,“ ſprach nun mein ten nämlich trug ich das ſüße Bewußtſein in mir Gatte mit hohem Ernſte,„daß ich meine Mutter nie herum, daß mir das Glück beſchieden ſei, Mutter zu aus meinem Hauſe verbannen werde, eingedenk des werden. Ihm hatte ich bis jetzt nichts davon geſagt, Wortes der Schrift, daß ungehorſame und undankbare ſondern an ſeinem Geburtstage, alſo morgen, wollte Kinder der Fluch Gottes treffen wird; du aber, mein ich ihm das theure Geheimniß in's Ohr flüſtern; aber Weib,“ fuhr er gleich darauf mit unbeſchreiblicher jetzt— jetzt! Durfte ich gehen, durfte ich ihn verlaſ⸗ Weichheit fort,„weißt du nicht, daß ich dich liebe wie ſen und ſo das Kind ſeines Vaters berauben? Ich meine eigene Seele? Gedenkſt du nicht des Eidſchwurs, . — wankte; doch plötzlich ſiegte wieder der Geiſt der den du vor jetzt kaum ſechs Monaten am Altare lei⸗ Selbſtſucht, und mit einem wilden Frohlocken ſprang ſteteſt? Willſt du mich wirklich verlaſſen, nur um dei⸗ ich auf. ner Selbſtſucht, deinem Hochmuth zu genügen?“ I „Er hat mich ſeiner herrſchſüchtigen Mutter auf⸗ V Mein Herz blutete, als ich ihn ſo ſprechen hörte, geopfert,“ rief ich,„und ſomit geſchieht ihm nur recht, allein ich erſtickte die warnende Stimme, die mir be⸗ wenn er des Glücks, Vater zu ſein, entbehren muß. fahl, nachzugeben.„Nicht Hochmuth und Selbſtſucht,“.I Kein Wort ſoll er davon erfahren, nicht ein Sterbens- rief ich, mich ſtolz aufrichtend,„leitet meine Hand⸗ I wörtchen, denn ſeine Tyrannei verdiente eine noch weit lungsweiſe, ſondern nur die Achtung, die ich mir als härtere Strafe.“ 3 Weib ſchuldig bin. Nie und nimmer unterwerfe ich Jetzt war ich erſt recht feſt entſchloſſen, und zögerte mich als Sklavin den Mißhandlungen deiner Mutter, alſo auch keinen Augenblick länger, meinen Vorſatz in wie du es verlangſt, und darum lebe wohl! Mein Ausführung zu bringen. Im Gegentheile begann ich Wagen ſteht unten und in wenigen Minuten biſt du ſogleich, meinen Koffer zu packen, und zwar mit einer von meiner Gegenwart erlöst.“ Eilfertigkeit, als ob jedes längere Verweilen mir Tod V„Du biſt alſo feſt entſchloſſen?“ fragte er jetzt kurz und Verderben bringen würde. Alle meine Kaſten riß und ſtreng. ——— - 239— „Ich bin's, erwiederte ich in demſelben Tone. „Gut,“ fuhr er fort,„ſo werde ich dir ein ange⸗ meſſenes Jahrgeld ausſetzen, damit du anſtändig leben kannſt, und du brauchſt mich blos wiſſen zu laſſen, wohin ich dir die halbjährlichen Raten ſenden ſoll.“ „Ich brauche kein Geld,“ entgegnete ich,„weder jetzt noch ſpäter, ſondern ich ziehe mich auf mein klei⸗ nes Landgut zurück und das Einkommen aus meinem eigenen Vermögen reicht vollkommen zu, alle meine Bedürfniſſe zu decken. Lebe alſo wohl für immer, und — und wenn du das einſame Leben müde biſt, ſo wird es dir nicht ſchwer fallen, eine Scheidung wegen böslicher Verlaſſung zu bewerkſtelligen. Von mir we⸗ nigſtens haſt du keine Einſprache gegen eine zweite Hei⸗ rath zu befürchten, und vielleicht findet dann meine Nachfolgerin eher Gnade vor den Augen deiner geſtren⸗ gen Frau Mutter.“ Mit dieſen Worten eilte ich der Treppe zu und ſaß gleich darauf in dem unten harrenden Gefährte. Während aber der Kutſcher damit beſchäftigt war, die Koffer aufzupacken und zu befeſtigen, trat mein Gatte, der mir gefolgt war, an die Wagenthüre, um mich zum letzten Male vor dem Schritte zu warnen, den ich zu thun im Begriffe war, doch ich hörte nicht auf ihn, ſondern trieb vielmehr meinen Führer zur Eile an. „Gut, Fanny,“ ſagte jetzt mein Gemahl,„thue, was du nicht laſſen kannſt; aber ich ſage dir, es kommt ein Tag, an dem dein Unrecht ſchwer auf deiner Seele laſten wird. dich nicht von der Verzweiflung zu einer noch ſchlim⸗ Iſt dann dieſer Tag gekommen, ſo laß meren That hinreißen, ſondern denke daran, daß dir mein Haus zu jeder Zeit offen ſteht. Meine Liebe iſt nicht von heute und auch nicht von geſtern, ſondern ſie wird dauern, ſo lange mein Herz ſchlägt. Daran ge⸗ denke, wenn dich die Reue erfaßt, und möge dich keine falſche Scham abhalten, zu mir, deinem Gatten, zu⸗ rückzukehren.“ „Vorwärts,“ rief ich dem Kutſcher zu, und der Schritt über den Rubicon war gethan. Aber ſonder⸗ verrathen würde. ſetzen wagte? Und hatte ſie nicht recht gehabt, war es nicht gerade ſo gekommen, wie ſie es vorausſah? Mit welchen Augen mußte ſie mich alſo wohl betrachten, wenn ich jetzt vor ſie trat, mit denen einer Mutter, die ihr Kind wegen ſeiner wackern Handlungsweiſe be— lobt, oder mit den Augen des Vorwurfs und der Miß⸗ billigung? Plötzlich entſchloß ich mich, nicht in meine alte Heimath zu Tante Marie zu gehen, und ſuchte mir ſelbſt vorzuſpiegeln, daß der Grund dieſer meiner Sinnesänderung darin zu ſuchen ſei, daß ich dort allzu oft an die Tage meines verlorenen Glückes erinnert würde; allein was war der wirkliche Grund? Nichts Anderes, als die Furcht, Tante Marie werde meinem Thun den Namen geben, den es verdiente! Die Selbſtvorwürfe begannen alſo jetzt ſchon, nachdem ich mich kaum eine Stunde weit von M. entfernt hatte, und ich war nur noch zu ſtolz, es einzugeſtehen! Wohin nun aber, wenn nicht in die alte Heimath? Ich überlegte mir die Sache hin und her; da erinnerte ich mich einer weitläufigen Baſe in der Univerſitäts⸗ ſtadt E., welcher mein Vater alle paar Jahre einen Beſuch abzuſtatten pflegte. Sie war eine ſchon ältere und keineswegs reiche Wittwe, die von einer kümmer⸗ lichen Penſion leben mußte, ſo daß ſie ſich gezwungen ſah, junge Leute in Koſt und Logis zu nehmen, um ſo ihr geringes Einkommen zu erhöhen; allein deß⸗ wegen ſah es doch in ihrem Hauſe durchaus nicht unwohnlich aus, ſondern man konnte ſich dort vielmehr recht heimiſch und behaglich fühlen. Ueberdies gehörte ſie unter die wenigen Frauen, die das, was ſie thun, ſchweigend thun können, und ich durfte demgemäß durchaus nicht fürchten, daß ſie je meinen Aufenthalt Wo hütte ich alſo einen beſſeren und paſſenderen Zufluchtsort finden können, als bei ihr, der ich jedenfalls, wenn ich ihr ein anſtändiges Koſt⸗ geld bezahlte, ein willkommener Beſuch war? Zudem bar— ſo hatte ich mir das Gefühl der Unabhängig⸗ keit, der ich mich nun wieder erfreute, nicht vorgeſtellt! Ich war von meinem Gatten gegangen, weil ich mich ſeiner Mutter nicht fügen wollte, und hatte nun nach keinem Menſchen mehr etwas zu fragen; allein warum konnte ich denn nicht fröhlich ſein? Warum mußten denn immer und ewig die letzten Worte, die Er zu — durfte ich nicht gewiß ſein, bei ihr, welche die Gutmüthigkeit ſelbſt war, mütterliche Pflege und Sorg⸗ falt zu finden, wenn jene Stunde der Prüfung kam, der ich in wenigen Monaten entgegenſah? Kurz, von der nächſten Poſtſtation aus fuhr ich, ſtatt nach meiner früheren Heimath, in die Univerſitätsſtadt E., und ſah mir ſprach, ſich in meinem Gedächtniſſe wiederholen, gerade wie wenn der Tag der Reue bereits angebrochen wäre? Ich riß mich gewaltſam von dieſen Gedanken los und ſuchte mich durch einen Blick auf die Umgegend zu zerſtreuen, doch ich ſah nichts als ein ſchneebedeck⸗ tes Feld ohne alle Scenerie und Abwechslung. Nun beſchäftigte ich mich in meinem Innern mit Tante Marie und mit der Freude, die ſie bei meiner Ankunft haben werde; allein was fiel mir da plötzlich ein? Sagte ſie mir nicht zum Voraus, daß ich das Wört⸗ lein„Gehorchen“ kennen lernen müßte, und daß es möglicherweiſe harte Kämpfe ſetzen könnte, bis mein Wille gebrochen ſei? Erinnerte ſie mich nicht unmittel— bar nach meiner Copulation an den Bibelſpruch:„ſei mich den andern Abend bei meiner Baſe in einem net⸗ ten, ſtillen, ruhigen Hinterſtübchen einquartirt, ohne daß nach meiner Meinung irgend Jemand auf der Welt von dieſer meiner Reiſerouteveränderung auch nur das Geringſte ahnen konnte. Natürlich konnte ich nicht umhin, die gute alte Frau in meine näheren Verhältniſſe einzuweihen, denn — was hätte ſie ſonſt von mir denken müſſen; allein ich hatte die Genugthuung, daß ſie mich wenigſtens nicht hart tadelte, ſondern nur ſtille mit dem Kopfe ſchüttelte, wenn ihr etwas an meiner Handlungsweiſe nicht gefiel. Doch— ſo fragte ich mich gleich darauf ſelbſt— bedeutete bei ihr, der ſchweigſamen und gut⸗ müthigen Alten, das Schütteln mit dem Kopfe nicht ſo viel, als bei einem andern Menſchen laute Mißbil⸗ ligung? Ueberdies was wäre es auch geweſen, wenn mir alle Welt recht gegeben hätte, da ich vor mir unterthan deinem Manne,“ und ſetzte ſie nicht warnend hinzu, daß noch jede Ehe unglücklich ausgefallen ſei, wo die Frau ſich dieſem Gebote der Natur zu wider⸗ ſelbſt kein Recht finden konnte? Nach wenigen Tagen nämlich ſchon, als die fieberiſche Aufregung, die mich aus dem Hauſe meines Gatten getrieben hatte, vorüber war, verſchwand der kindiſche Zorn, von dem 14 * BI - 240— ich mich hatte leiten laſſen, in ein Nichts, und ſtatt ſeiner kehrte die Reue ein, die tiefſte, herbſte, bitterſte Reue. Ich zergliederte in meiner Einſamkeit— denn außer meiner alten Baſe ſah ich faſt gar keine Geſell— ſchaft— mein ganzes Betragen vom Tage der Copu⸗ lation an, und ach— wie viel hatte ich mir da nicht vorzuwerfen? Sie, die Schwiegermutter, hatte mir vielleicht einigen, aber ſicherlich nur wenigen An⸗ laß gegeben. Ueberdies, Er, mein Gatte, war Er nicht vollkommen außer aller Schuld? Ich dagegen, wie launiſch, wie thöricht, wie lieblos, wie tyranniſch ſogar hatte ich mich nicht gegen ihn benommen? Sein Bild ſtand vor mir, ganz ſo wie in jenen ſchönen Tagen des Brautſtandes, da ich noch nicht ſein Weib war, edel und hochherzig, ohne Fehl und ohne Tadel. Ja ich fand ſogar, daß ich ihn, wenn er meinem ver⸗ dammlichen Begehr, ſeine Mutter von ſich zu thun, nachgegeben hätte, minder lieben und hochſchätzen würde, als ich nun zu thun gezwungen war, und meine Seele athmete nur noch Verehrung für ihn. Ach, wenn ich nur noch einmal den Ton ſeiner Stimme hören könnte, rief's laut in mir; wenn ich ihm nur noch einmal in's treue Auge ſehen, nur noch einmal den Druck ſei— ner Hand verſpüren könnte! Aber nein, es war aus; aus für immer, und nur allein durch meine eigene Schuld. Doch— hatte er mir nicht bei meinem Weggange zugerufen:„mein Haus ſteht dir zu jeder Zeit offen,“ warum kehrte ich alſo nicht zurück? War ich vielleicht noch immer zu ſtolz und hochmüthig, um mein Un⸗ recht, mein ſchweres Unrecht offen zu bekennen? Oder fürchtete ich vielleicht, jenes Anerbieten,„daß ſein Haus mir immer offen ſtehe,“ ſei nicht ernſtlich gemeint ge⸗ weſen? O nein, keines von beiden, denn es fehlte mir weder an tiefem Reumuth, der zur größten Demüthi⸗ gung bereit war, noch zweifelte ich auch nur einen Augenblick an ſeiner fortdauernden Zuneigung, welche mich mit Freuden wieder an's Herz geſchloſſen hätte; aber ich fühlte, daß ich mich durch mein gewaltthätiges, aller weiblichen Zartheit Hohn ſprechendes Benehmen allzu ſehr erniedrigt hatte, um je wieder vor ſeine Augen treten zu können. Ich fühlte, daß ich ſeiner nicht mehr würdig war, außer wenn es mir gelang, mich aus dieſer meiner Unwürdigkeit emporzuheben. Aber wie, wie? Eine Stimme in mir ſagte, das Weib bekommt für den Mann einen doppelten Werth, wenn ſie Mut⸗ ter geworden iſt, und wie, wenn ich nun vor ihn trat, mit meinem kleinen Neugeborenen im Arme? Wenn (Schluß folgt ich ihm zurufen konnte,„hier iſt dein Kind, und ich bin ſeine Mutter, verzeihe mir ihm zu liebe?“ Ja, ſagte ich zu mir, dann wird er mich ſeiner wieder würdig erachten, dann wird er, ob der Mutter willen, die Fehler des Weibes in's Meer der Vergeſſenheit werfen! Von nun an beſchäf⸗ tigte ich mich alſo nur noch mit dem Zeitpunkt, wenn meine Stunde kommen ſollte, und es erfaßte mich eine wahrhaft fieberiſche Ungeduld, die durch nichts beſchwich⸗ tigt werden konnte. Doch wie? Wenn mir Gott nicht die Gnade verlieh, jene Stunde zu überleben? Wenn ich hinweggerafft werden ſollte, ehe ich ihm ſein Kind in die Arme legen konnte? Eine tiefe Schwermuth überkam mich bei dieſem Gedanken, und ich ſchwamm oft Tage lang in Thränen. Aber für dieſen Fall, ſagte ich zu mir ſelbſt, ſoll er wenigſtens erfahren, wie tief ich mein Unrecht bereute und wie meine Liebe zu ihm erſt ihren Gipfelpunkt erreichte, als ich durch eigene Schuld das Paradies verſcherzt hatte. So führte ich alſo ein Tagebuch in Briefform, in welchem ich alle meine Gefühle niederlegte, denn, dachte ich, wenn er es einſtens liest, ſo verzeiht er mir doch gewiß im Tode! Am neunundzwanzigſten Juni ſchrieb ich die letzte Seite nieder und badete ſie abermals mit meinen Thränen. Dann ſiegelte ich das Paquet, wohl füh⸗ lend, daß die Entſcheidungsſtunde nahe, und überſchrieb es:„An meinen geliebten Gatten, den Doctor Franz Walter in M., zu übergeben, wenn ich geſtorben ſein werde.“ Den Tag darauf gab ich einem Kinde das Leben. „Es iſt ein Knabe und ein ſo köſtlicher Junge, als nur je einer geboren war,“ hörte ich meine Baſe neben meinem Bette flüſtern. Dann ſank ich zurück, und die tiefe Nacht der Bewußtloſigkeit umfing mich. Die fieberiſche Aufregung der letzten vier Monato, die tödt⸗ lichen Seelenqualen, die ich empfunden, hatten alle meine Kräfte allzu ſehr aufgezehrt, als daß mein Geiſt der unendlichen Schwäche des Leibes noch länger hätte Widerſtand leiſten können. Drei volle Wochen lang, wie man mir ſpäter ſagte, ſchwebte ich zwiſchen Leben und Tod, und mehr als einmal war ich nahe daran, jenes Thal des Schattens zu betreten, von welchem kein Sterblicher wiederkehrt. Doch endlich ſiegte die Kraft meiner Jugend, unterſtützt von der liebreichſten Pflege, die je einem Kranken zu Theil geworden, ſowie von der Hand der Wiſſenſchaft, die all' ihre Kunſt an mir aufwendete, und mit Beginn der vierten Woche durfte man ſagen, daß ich gerettet ſei. auf S. 242.) Der Sommer. (Taf. In den langen, heißen Sommertagen ſehnt ſich der Bewohner der dumpfen, geräuſchvollen Stadt nach friſcher Luft und ein bischen Natur; es wird ihm„zu * 16. I In dieſer Stille der Natur, Wo Liebe ſpricht und Friede nur, Sei fern den ſchweigenden Gedanken Des Menſchenlebens lautes Zanken. Friedrich Rückert. eng im Schloß“, er möchte ſich ausdehnen, recken und ſtrecken, am liebſten recht weit in's Land hinein. Das Bedürfniß iſt vorhanden, aber die Wenigſten können und n zu mich der ins wenn eine vich⸗ nicht Lenn KNind nuth amm Fall, hren, Liebe durch ührte ich venn im die inen — — 16 - 241— ihm genügen, der Arbeiter nur ſpärlich des Abends und Sonntags, der Beamte, Gelehrte meiſt nur auf wenige Wochen. Glücklich, wem es vergönnt iſt, die ſchöne Jahreszeit bis zur Neige zu genießen. Der Aufenthalt auf dem Lande kann zum berech⸗ tigten, ja zum unabweisbaren Bedürfniſſe werden, die Geſundheit kräftigen und die verlorene wieder bringen, nicht aber der Aufenthalt in den modernen Bädern, wo Demi⸗Monde, Roulette und geſpreizte Pariſer⸗ moden ſich breit machen. Wer Erholung ſucht und die ſchöne Natur, vermeidet den Zwang und die Aufre⸗ gung der großen Welt, und ſucht in irgend einem ſtil⸗ len Wieſenthale oder abgeſchloſſenen Bergkeſſel ſeine Sommerfriſche. Es gibt mühſelige und beladene Flüchtlinge des Städtelebens, die eine unüberwindliche Scheu vor dem Brauſen der Dampfer und dem Pfeifen der Lokomotiven hegen, und zu einem anmuthigen Sommerleben am liebſten eine Gegend wählen, in der noch das Poſthorn, nicht als kläglicher Nachklang einer andern Weltord⸗ nung, ſondern als berechtigter Lebensklang ſchallt. Sie Alle aber ſuchen ein ſtilles Plätzchen, wo der Geiſt ſich wieder ſammeln, der Sinn ſich feſtigen, wo man ſich ungehindert von Flaneurs und Equipagen ergehen kann, wo die Straßen breiter, die Häuſer niedriger, die Luft friſcher und der Himmel näher iſt. Viele aber ſieht man im Sommer reiſen und wei⸗ ter und weiter ſchweifen, denen das Gute doch ſo nahe liegt: ungenügſame Beſitzer eines ſchattigen Parks, eines ſchön gelegenen Gartens, eines wohnlichen Land⸗ oder Sommerhauſes, ſowie Jene, denen die Munifi⸗ cenz eines Freundes oder Gönners einen freundlichen Landſitz zu ungeſtörter Benützung öffnet. Aber ſie eilen, einer nobeln Paſſion zu fröhnen, in ein Luxus⸗ bad oder in verengländerte Gegenden, um mit ſchwe⸗ ren Opfern das vergeblich zu ſuchen, was ihnen die Heimath umſonſt und bequemer geboten hätte. Sie ſind Feinde ihrer Familie, ihrer Kinder und ihres eige⸗ nen Menſchen. Wie erquicklich und angenehm iſt im heißen Som⸗ mer der Aufenthalt in einem jener Parke, welche die Götter der Erde, die Reichen und Großen, oft mitten in der ⸗Oede hervorzaubern: Waldung, Fels und See mit Wild, Vögeln und Fiſchen, und dem Schöpfer hierin weit glücklicher nachahmen, als in ihrem ganzen übrigen Walten. Es fehlt, daß die reizende Schöpfung ſich ganz zum Paradieſe geſtalte, nur an Glücklichen, die den Sabbath der Ruhe hier feiern. Im Winter, wenn Blumen und Palmen auf den gefrorenen Fenſterſcheiben ſproſſen und der Ofen be⸗ hagliche Wärme verbreitet, faßt ſich der ganze Lebens⸗ trieb des Menſchen in ſich ſelbſt zuſammen und ſchürt im Innern die wärmenden Flammen ſeines Seins: im Winter regiert im Menſchen der Geiſt. Wenn aus grauen Nebeln ſich im Frühling allmählich grün und ſangbelebt die auferſtehende Natur enthüllt, erwacht auch im Körper neuer Lebensreiz, und es herrſchen im Frühling die Sinne. Der Sommer aber iſt die Zeit des Genießens und ruhigen Sammelns; es finden ſich die Herzen, wir ſchlingen die Bande der Freundſchaft und Liebe: es herrſcht die Seele; im Winter der Geiſt, im Frühling der Leib, im Sommer die Seele. Zum reinſten Naturgenuß weckt uns nach einer lauen Sommernacht die zwitſchernde Schwalbe, die flötende Droſſel, und goldene Sonnenſtrahlen rufen uns an's grün umrankte Fenſter. Das Auge ruht auf dem wohlthuenden Grün lieblicher Wieſen und wogen⸗ der Saatfelder, und verfolgt die Schattengänge eines Parks oder jenes von Morgennebeln noch halb um⸗ ſchleierten Waldes, die maleriſchen Ufer eines herrlichen See's, oder es ſchweift an einem Kranze duftiger Berge hin mit ihren Weinbergen und Landhäuſern. Die friſche balſamiſche Morgenluft, die ſchon das bloße Athmen genußreich macht, und der blaue, lachende Himmel locken uns ſchon frühe in's freie Feld oder zum küh⸗ len Walde, der jetzt im märchenhaften Glanze diamant⸗ ner Thautropfen ſtrahlt, oder wir ergehen uns in dem ihm ähnlichen Parke, wo uns die glückliche Vereini⸗ gung von Natur und Kunſt erfreut. Wie labend iſt hier ein Gang um die plätſchernden Quellen und den friſchgrünen Raſenteppich, der ſie umgibt! Die Geſänge der Vögel im dichten Blätterdache und das Geſchwirre der Heimchen, Bienen und Libellen dünkt uns reizender, als die geprieſenſte Kurkapelle. In einer Laube, auf einer Terraſſe oder im offenen Gartenſaale wird im Familienkreiſe unter Freunden und Gäſten das ländliche Frühſtück genommen, und unter heiteren Ge⸗ ſprächen, Spaziergängen und Lektüre verfließen die fol⸗ genden Stunden bis zum gemeinſchaftlichen Mahle. Treten wir nach Tiſche in einen der nahen Schat⸗ tengänge. Eine gleichförmige, von keinem Wolkenzuge gebrochene Dämmerung ruht unter dem Baumgewölbe; ein monotones Blau und ruhig herabziehende Sonnen⸗ ſtrahlen kommen von oben herein, die Vögel ſind ver⸗ ſtummt, ſelbſt die fein ſummenden Mücken ſind un⸗ ſichtbar und ſtille geworden, nur fernes Bachgerieſel oder eine leiſe plätſchernde Fontaine ſtört die rings ver⸗ breitete Mittagsſtille, und während wir dieſen leiſen Geräuſchen horchen, beſchleicht uns der köſtlichſte Mit⸗ tagsſchlummer. Dem erfriſchenden Bade, einem kleinen Ausfluge, einer Fahrt auf dem See ſind die Mittagsſtunden ge⸗ widmet, bis der Abend wieder die Familie und Freunde verſammelt, behaglich, von goldenen Streiflichtern um⸗ gaukelt, unfern des anmuthigen Landhauſes im Grü⸗ nen gelagert. Die Düfte der Orangen, Oleander und Heliotrope würzen die labende Kühle. Unter munte⸗ ren Geſängen und Lautenklang flechten ſich blühende Mädchen duftige Blüthen in's Hqar, und verwundert lauſcht unſere jugendliche Nachbarin unſern poetiſchen Geſprächen. Der Sorge, die mit uns zu Roß und zu Schiffe ſteiget, ſind wir,„frei von Geſchäften“ im Schooße der Natur ledig geworden, viel zudringlicher aber packt ſich oft die Liebe uns auf. Wir reichen der Holden eine Knospe des nahen Granatbaumes. Noch will die üppige Knospe nicht ſpringen, aber vielleicht ſchon morgen öffnet ſie ihre glühende Krone.— Feierſtunden. 1863. 31 - 242— fFanny. (Schluß von Es war eines Morgens ſpät im Juli, als ich zum erſtenmale wieder zum klaren Bewußtſein kam. Ein kleines Geräuſch neben meinem Bette weckte mich, und obwohl anfangs noch halb im Traume, glaubte ich doch eine Stimme zu hören, die mich in ein un endliches Entzücken verſetzte. Ich ſuchte meinen Kopf nach der Seite zu drehen, woher der Laut kam, und flüſterte leiſe:„Franz.“ Gewiß hatte ich den Namen weniger geflüſtert als nur gehaucht; aber dennoch war er gehört worden. Und eine Geſtalt beugte ſich über mich und— o Gott, nun war Alles gut, denn Er war es! „Fanny, theures, theures Weib,“ wiſperte er mir in's Ohr, indem er ſanft ſeinen Arm unter meinen Kopf ſchob. Thue mir die Liebe, du arme, arme Dulderin, und nimm, was ich dir gebe.“ Ob die Arznei, die er mir reichte, bitter oder ſüß war, ſpürte ich nicht, denn ich hatte nur Ein Gefühl, das meinen ganzen Körper wonniglich durchſtrömte: Er war dal Gleich darauf bettete er mich wieder zu rück, und ſeine Hand auf meinem Herzen ſchlief ich ein, ſelig wie ein kleines Kind am Buſen ſeiner Mutter. Wie ich von dem langen und geſunden Schlafe wieder aufwachte, war es bereits ſpät am Abend, aber Er ſaß an meinem Bette. Die Dunkelheit erlaubte mir kaum, ihn zu ſehen, aber ich hörte ihn und fühlte ihn. Ich hielt ſeine Hand in der meinigen und war unausſprechlich glücklich. Doch auf einmal fing ich an, mich zu erinnern, und obwohl es mir nur wie ein Traum vorkam, ſo wurde ich mir doch bewußt, daß ein tiefer Riß zwiſchen uns gegähnt hatte. Ich ſann nach und ſann nach, und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: wir waren jagetrennt geweſen. „Wie kamſt du hierher, Franz?“ flüſterte ich ihm „Wie konnteſt du erfahren, wo ich ſei?“ Du verſtehſt dich nur ſchlecht auf's Conſpiriren, meine theure Fanny,“ erwiederte er, mir ſanft die Hand drückend;„denn es wurde mir gar nicht ſchwer, deine Spur gleich im Anfang bis hierher zu verfolgen. Auch konnte ich mich kaum bezwingen, ſchon in den erſten Wochen nach deiner Abreiſe zu dir zu eilen, allein da du aus freien Stücken gegangen warſt, ſo zu. „ durfte ich dies nicht thun, außer im Falle du es wünſchteſt oder wenn du mich nöthig hätteſt. Somit wandte ich mich insgeheim an deine gute Baſe mit der dringenden Bitte, mir doch ſogleich Nachricht zu geben, falls du meine Hülfe in irgend einer Sache bedürfteſt, und als ich nun vor drei Wochen einen expreſſen Brief über deinen Zuſtand erhielt, ſo konnte mich natürlich nichts mehr abhalten, in fliegender Haſt hierher zu kommen, ſelbſt auf die Gefahr hin,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„daß dir meine Gegenwart unangenehm ſein möchte.“ „O Franz,“ rief ich, in „ſprich nicht ſo. reut habe.“ Thränen ausbrechend, Wenn du wüßteſt, wie ſehr ich be⸗ Seite 240.) „Ich weiß es, Theure,“ erwiederte er,„denn ich habe deine Briefe an mich, dein Tagebuch, geleſen. Ich fand es in deiner Kommode.“ „Und kannſt du mir vergeben?“ fragte ich ihn. „Kannſt du meine frevelhafte Thorheit je vergeſſen?“ „Stille, meine Liebe, entgegnete er.„Du haſt ſo viel gelitten, daß ſelbſt zehnmal größere Fehler, als du dir zu Schulden kommen ließeſt, dadurch wieder gut gemacht worden wären. Doch jetzt lege dich wieder nieder und verſuche abermals zu ſchlafen.“ Was meint er mit den vielen Leiden, fragte ich mich ſelbſt. O gewiß, erwiederte ich mir dann in mei⸗ nem Innern, er ſpielt auf den Verluſt meines Neu⸗ geborenen an. Ich hörte nämlich keinen Laut von dem Kinde und ſah auch kein Zeichen von ihm. Ein jäher. Schmerz durchzuckte mich, denn ich glaubte nun ſicher, der Knabe ſei todt.„O Franz,“ rief ich jetzt laut, „ſage mir das Aergſte mit einem Male. Das Kind lebt nicht mehr. Ach wenn ich doch wenigſtens ſein Antlitz hätte ſehen können!“ 1 „Der Knabe iſt nicht todt, Theuerſte,“ lächelte er. „Er lebt vielmehr und iſt geſund. Sobald du dich noch mehr erholt haſt, ſollſt du ihn ſehen.“ „Er lebt?“ ſchrie ich, trunken vor Wonne.„Um Gott, Franz, bring mir ihn im Augenblicke, ſonſt ſterbe ich vor Sehnſucht.“ 1 Man ſpricht viel davon, daß übergroße Freude auf manche Naturen tödtlich wirke; allein ich gehöre jeden⸗ falls nicht unter dieſe Klaſſe von Menſchen, denn wie nun einen Augenblick darauf mein Gatte mit dem Kna⸗ ben auf dem Arme an mein Bett trat, fühlte ich, wie ein warmer Lebensſtrom ſich durch meine Adern ergoß und wie meine Kräfte ſich auf einmal verdoppelten, ver⸗ dreifachten. „Lege ihn neben mich, Franz,“ jubelte ich;„hart neben mich, an meinen Buſen, und jetzt, Franz, knie nieder zum Gebet, denn Gott hat Großes an uns gethan.“. Wie ich dieſe Nacht ſchlief? Die Seligen im Himmel konnten ſich nicht ſeliger fühlen! Den andern Tag, wie ich erwachte, ſaß Franz be⸗ reits wieder an meinem Bette, den Knaben aber hatte man mir genommen. „Sei ruhig, meine Liebe,“ ſagte mein Gatte, als mein Auge ihn fragend anſah.„Der Knabe ſtrampft unten im Bade unter den Händen ſeiner Großmutter.“ „Seine Großmutter?“ flüſterte ich, erröthend und erbleichend zu gleicher Zeit.„Deine Mutter? Alſo ſie iſt ebenfalls hier und hat mir wie du vergeben?“ „Nicht nur vergeben hat ſie dir,“ erwiederte er, „ſondern ſie liebt dich jetzt wie ihre eigene Tochter. Gleich nach deiner Abreiſe machte ſie ſich die größten Vorwürfe und erklärte offen, daß die Hauptſchuld des Zerwürfniſſes an ihr liege. Darum, wie die expreſſe Botſchaft deiner Baſe ankam, beſtand ſie darauf, mich hierher zu begleiten, und obwohl ich anfangs wider⸗ ſtrebte, weil dich ihr Anblick möglicherweiſe aufregen könnte, ſo vermochte ich doch ihren Bitten in die Länge — — in ich gleſen. ihn. ſen?“ aſſt ſo „, als er gut wieder te ich mei⸗ Neu⸗ n dem jäher. ſicher, laut, Kind s ſein lte er. u dich „Um ſonſt de auf jeden⸗ in wie Kna⸗ . n ergob —/, vel⸗ „hart z, kn n uns 243 2 nicht zu widerſtehen.„Mein Platz iſt am Krankenbette des Weibes meines Sohnes,“ erklärte ſie,„und Nie⸗ mand ſoll mir die Pflege meines Enkels ſtreitig machen.“ So nahm ich ſie denn mit, und ſicherlich hatte ich es nicht zu bereuen, denn ſo lange du in wirren Phan⸗ taſien darnieder lagſt, wachte ſie Tag und Nacht über dir, und was den Knaben anbelangt, ſo vergöttert ſie ihn förmlich. Liebe Fanny, du wirſt ſie nun näher kennen lernen und bald ausfinden, wie warm ihr Herz ſchlägt, obwohl ſie äußerlich kalt und ſtreng er⸗ ſcheinen mag.“. „Theurer Franz,“ flüſterte ich,„willſt du ſie bit⸗ ten, zu mir heraufzukommen?“ „Sogleich,“ erwiederte er,„aber du mußt ſie nicht um Verzeihung bitten, oder überhaupt an das Vergan⸗ gene erinnern. Sie liebt die Scenen nicht, und jede Auffriſchung deſſen, was geſchehen, müßte ihr nur Schmerz bereiten, da ſie ſich ſo große Vorwürfe darü⸗ ber macht.“ Gleich darauf kam ſie an der Hand ihres Sohnes, und aus ihrem Geſichte glänzte mir eine ſolch' herz— liche Theilnahme, eine ſolch' zärtliche Freude entgegen, daß ich ihr unwillkürlich beide Hände entgegenſtreckte. „Gott ſei gepieſen,“ flüſterte ſie mit zitternder Stimme, während zwei große Thränen in ihren Augen perlten,„Gott ſei geprieſen in alle Ewigkeit, daß jetzt alle Gefahr mit dir vorüber iſt, meine Tochter.“ „Mit dir,“ ſagte ſie, und nun war Alles gut! Wußte ich ja doch jetzt, daß die Scheidewand zwiſchen uns gefallen war! Wenige Wochen genügten, um mich vollſtändig wieder herzuſtellen. Seine Liebe und die Pflege der Ein Beſuch Im Jahre 1845 beſuchte Carl Steinmann un⸗ mittelbar vor dem Ausbruche des Hecla dieſen Vulkan, und gibt uns in Folgendem einen Bericht von der ſchrecklichen Gefahr, welche er bei dieſer Gelegenheit zu beſtehen hatte: Ich nahm einen Führer an und machte mich am andern Tage nach meiner Ankunft in dem am Fuße des erloſchenen Vulkans gelegenen Salſun in einer frühen Morgenſtunde auf den Weg, für mein Unter⸗ nehmen ein Gebet um gut Wetter, gut Glück und eine glückliche Heimkehr gen Himmel ſendend. Die Landſchaft auf Island iſt ſo ganz anders, als man ſie ſonſt überall gewöhnt iſt, daß ſie wohl neu gewonnenen Mutter— keiner Schwiegermutter mehr, ſondern einer wirklichen Mutter—, am meiſten aber das Glück, einen Sohn zu beſitzen, wirkten Wunder. Mitte Auguſt reisten wir ab, doch mein Gatte und ich mit dem Buben nicht unmittelbar nach M., ſondern zuerſt in meine alte Heimath zu Tante Marie, um dort ein paar Tage zuzubringen. Welch' ein Willkomm war das! Am andern Morgen, als wir Beide, Tante Marie und ich, allein waren, erzählte ich ihr die ganze Ge⸗ ſchichte des erſten Jahres meiner Ehe, ohne auch nur das Geringſte zu verhehlen oder zu beſchönigen, und als ich zu Ende gekommen war, küßte ſie mich unter Thränen lächelnd. „Es iſt eine große Gnade Gottes,“ ſagte ſie,„daß er Alles ſo herrlich fügte. Jetzt habe ich keine Angſt mehr für dich, denn du haſt nun gelernt, daß ein Weib, das nur ſeinen eigenen Willen zur Richtſchnur nimmt, nicht werth iſt, Gattin und Mutter zu ſein.“ Aus den paar Tagen, die wir in der alten Hei⸗ math zubringen wollten, wurden ein paar Wochen. Der Himmel lachte gar zu freundlich und wir Alle waren allzu glücklich, als daß wir ſo bald hätten ſchei⸗ den können! Endlich aber riſſen wir uns doch los, doch wie wir nun den Tag darauf vor unſerem Hauſe in M. hielten, wer kam da an den Schlag des Ge⸗ fährtes heruntergeflogen? Eine Mutter wars, die mich zärtlich umarmte und meinen Knaben mit Küſſen bedeckte! Th. G— r. des Hecla. Wie greife ich es an, um Anderen nur einiger⸗ maßen einen Begriff beizubringen von der ſchauerlichen Großartigkeit der Scene, die mich umgab, als ich mehr denn viertauſend Fuß über dem Meere auf der höch⸗ ſten Spitze des kahlen Hecla ſtand! Sechs ewig lange Stunden, drei zu Pferd und drei zu Fuß, war ich aus der untern Welt empor geklettert, und nun befand ich mich, von einer Schichte treibender Wolken umgeben, in einer Welt von Lavabergen, Eis und Schnee, die Lava ſchwarz wie die Nacht und der Schnee vom blen⸗ dendſten Weiß, nirgends aber ein Baum, ein Buſch, von einer geübteren Feder, als die meinige, geſchildert zu werden verdient. Bemerkung, daß bei einem Beſuche des Vulkans, wenn man eine Höhe um die andere zurücklegt, die Gefahr Ich begnüge mich daher mit der und Verödung mehr und mehr den Charakter einer furchtbaren Erhabenheit gewinnt, und ſteht man end⸗ lich auf dem höchſten Punkte dieſer lebloſen, chaotiſchen Welt, ſo fühlt man ſich von einem eiſigen Schauder überlaufen, und unwillkürlich zu dem Gebet gedrängt: Herr des Lebens, führe mich wieder zurück zu dem Leben, aus deſſen Kreis hieher kein Odem gedrungen zu ſein ſcheint, ſeit die Erde geſchaffen ward.“ ein Strauch oder auch nur ein Grashalm, kein leben⸗ des Weſen außer mir und meinem Führer. Wenn die Wolken auseinander wichen, ſah das Auge, ſo weit es reichen konnte, nichts als eine Reihe ſchwarzer, zacki⸗ ger Berge, ſchneegekrönter Spitzen, glänzender Gletſcher, zu Eis erſtarrter Ströme, dazwiſchen gähnende Schluch⸗ ten, bodenloſe Abgründe und dunkle Höhlen, die nie andere Töne zum Wiederhall hatten, als den Donner des Himmels oder das Geächz der krampfhaft erſchüt⸗ terten Erde. Das Gehirn ſchwindelte mir. Ich rief, um die Todesſtille zu unterbrechen; der Laut kam un⸗ eimlich in hundert Echos wieder zurück, als ſcheue er ſich, in die Kluft dieſer zerriſſenen Welt einzudringen. Ich ſchlug die Wollendecke, die ich bei mir hatte, 31* 2— —— 244— enger um mich, um die eindringliche Kälte von mir abzuwehren, ſondirte mit der eiſernen Spitze meines Bergſtocks jeden Fußbreit Grundes um mich her, und begann über Lavablöcke, Riſſe und Eisfelder weiter zu ſchreiten, während mein Führer warnend ſich an meiner Seite hielt. So erreichte ich endlich einen Grath von beträchtlicher Höhe, während da und dort ein Lavaſtück unter meinen Füßen ſich losmachte und donnernd ab⸗ wärts rollte. Mündung des Kraters geſehen, der vor achtzig Jahren ſeine verheerenden Ströme ſchwarzen Sandes ausge⸗ Bis jetzt hatte ich noch nichts von der goſſen; aber als ich auf der Höhe des Graths anlangte, erblickte ich unter mir eine Art Becken, das nach der einen Seite hin offen war und in der Mitte drei oder vier tiefe Spalten zeigte, nach welchen das an den fe Sp 3 Wänden ſchmelzende Eis in kleinen Strömen abfloß. Ein dünner Rauch von eigenthümlichem, nicht ſehr an⸗ genehmem Geruche ſtieg aus den Riſſen auf, und ich V V meinte, aus der Ferne ein Geräuſch zu hören, das zwiſchen Gurgeln und einem donnerähnlichen Rollen die Mitte hielt. „Dies iſt vermuthlich der urſprüngliche Krater,“ ſagte ich zu meinem Führer. Der Burſche war leichenblaß, und jeder Zug ſei⸗ nes Geſichtes drückte Ueberraſchung und Furcht aus. „Was wandelt Euch an?“ fragte ich haſtig.„Habt Ihr früher dieſen Platz nie geſehen?“ „Ich bin wohl ſchon da geweſen,“ verſetzte er, „aber ſo hat es nie ausgeſehen. Bei meinem letzten Beſuche war kein Loch da, ſondern nur eine ebene Fläche von Schnee und Eis.“ „Wirklich?“ rief ich, von einem neuen Intereſſe geſpannt.„Und was ſchließt Ihr daraus— vielleicht daß ein neuer Ausbruch bevorſtehe?“ „Ich fürchte es, Herr; denn welche andere Urſache könnte dieſer Veränderung zu Grunde liegen? Sie ſehen, da drunten iſt eine Hitze, welche den dicken Gletſcher geſchmolzen hat. Nur an den oberen Par⸗ thien der Wand ſind noch einige Eisſtreifen übrig, in der Mitte aber iſt Alles fort.“ „Auch der Boden fühlt ſich etwas warm an,“ fügte ich bei, indem ich mich niederbeugte und den Grund mit der Hand betaſtete. „Wir wollen machen, daß wir fortkommen,“ ent⸗ gegnete der Führer haſtig, und die Unruhe prägte ſich immer deutlicher in ſeinem Geſichte aus.„Es gefällt mir hier gar nicht, und wir können jeden Augenblick das Leben einbüßen. Eilen wir hinab, um zu berich⸗ ten, was wir geſehen haben.“ „Die Gefahr wird nicht ſo augenblicklich über uns ungeheuer, daß dieſes Getöſe wohl eine Minute fort⸗ machte, und ſelbſt dann ſchien es eher wegen der wei⸗ hereinbrechen,“ entgegnete ich,„denn man ſieht deut⸗ lich, daß der Schnee und das Eis nur langſam zu⸗ ſammenſchmolz. Ich komme nicht wieder hieher, und ehe ich fortgehe, möchte ich mir dieſes Becken etwas näher betrachten und in einen ſolchen Spalt hinunter ſehen.“ „Oh, nicht doch, Herr, laſſen Sie dies,“ erwie⸗ derte mein Führer.„Es könnte Sie das Leben koſten.“ „Ich möchte doch einen Verſuch machen, wenn Ihr auf mich warten wollt,“ ſagte ich, feſt entſchloſſen zu dem Wagniß, obſchon er nicht gut dazu ſah. „Warten will ich wohl,“ verſetzte der Mann; „aber mir dürfen Sie keine Schuld beimeſſen, wenn es übel ausfällt. Ich habe davon abgerathen.“ Der Krater oder vielmehr das Becken deſſelben mochte ungefähr fünfzig Fuß tief ſein und hatte all— mählig ſich abdachende Wände. Vorſichtig mit meinem Spitzenſtock weiter taſtend begann ich hinab zu ſteigen, wobei ich oft Halt machte, um mit der Hand die Temperatur der Lava zu unterſuchen, die immer wär⸗ mer wurde, obſchon nicht in einem Maße, daß ſie Unruhe einzuflößen geeignet geweſen wäre. In kurzer Zeit hatte ich den Boden erreicht und ſtand nun neben einer der Spalten, die ſo weit klaffte, daß ich tief in's Innere des Berges hinabſehen konnte. Der Riß hatte eine Weite von ungefähr vier Fuß, eine zickzackförmige Geſtalt, und über ihm konnte ich den bereits erwähn⸗ ten eigenthümlichen Geruch beſonders deutlich wahrneh⸗ men. Ein kleiner tröpfelnder Strom von dem ſchmel⸗ zenden Eislager oben floß nach der Spalte ab, verlor ſich aber tief unten in der Dunkelheit, aus der eine Art Ziſchen, Kochen und Gurgeln, gelegentlich von einem polternden Getöſe unterbrochen, emportönte. Der Platz, die Umgebung und vor Allem das Ge⸗ fühl der vorhandenen Gefahr hielt mich mit einer Art magnetiſchen Zaubers feſt, und ich fühlte mich faſt verſucht, gleich Empedocles mich in den ſchauerlichen Abgrund hinabzuſtürzen. In ſolchen Fällen iſt der Verſtand nicht immer kräftig genug, den Impuls des Augenblicks zu bewältigen, und es koſtete mich daher Mühe, um einige Fuß zurückzuweichen; doch hielt ich mich immer noch in der Nähe der Oeffnung, ohne auf die Bitten meines geängſtigten Führers zu achten, der mich flehentlichſt zur Umkehr drängte, ehe es zu ſpät ſei. Da der letzte Ausbruch des Vulkans mindeſtens dreißig Jahre vor ſeiner Geburt ſtattgefunden haben mußte, ſo traute ich ihm ſo wenig Kenntniß von der Gefahr zu, als mir ſelber, und zog es daher vor, mich durch meine eigenen Gefühle, nicht aber durch die Einflüſterungen ſeiner Angſt leiten zu laſſen; auch hatte er ſich für ſeine Dienſte einen hübſchen Preis ausbedungen, und ich fühlte keine Luſt, mich ſo hur⸗ tig von meinem Platze wieder fortzerren zu laſſen, den zu beſuchen ich ſo viel Zeit, Mühe und Geld aufge⸗ wendet hatte. Ohne ſeinen dringlichen Vorſtellungen weiteres Ge⸗ hör zu ſchenken, beſchloß ich, wo möglich die Tiefe des Erdſpaltes zu unterſuchen und dann auch von den an⸗ deren Augenſchein zu nehmen. Zu dieſem Ende hob ich von einem großen Lavablocke einen kleineren ab, näherte mich dem Rand der Kluft und ließ ihn hinun⸗ ter fallen; ich hörte die ſchwere Maſſe von Seite zu Seite aufprallen, nachdem er längſt dem Auge nicht mehr ſichtbar war. Die Tiefe war in der That ſo ten Ferne zu erſterben, als durch ſein Aufhören ein Zeichen zu geben, daß der Block ſein Ziel erreicht habe. Dieſe entſetzliche Tiefe machte einen ungeheuern Ein⸗ druck auf mich, und wie ich mit Schaudern zurückwich, erhob ſich über dem Spalte eine Dampfwolke von ſchwefeligem Geruche, während ſich aus der Tiefe ein dumpfes Krachen vernehmen ließ, als ſei in den Ein⸗ geweiden der Erde eine Kanone abgefeuert worden. Dieſe neue Kundgebung der Naturkräfte weckte auch in mir das Verlangen zur Flucht, und ich hatte mich bereits in dieſer Abſicht umgewandt, als plötzlich der Boden unter mir ſich zu heben, zu ſchüttern und zu zerbröckeln anfing. Ich war niedergeſtürzt und ſchickte ———— p 1 —— 245— ein innerliches Nothgebet zum Himmel, während ich, um einem ſchrecklichen Schickſale zu entrinnen, kriechend mich aufwärts zu ſchleppen abmühte; da wurden meine Beine plötzlich durch zwei niederrollende Blöcke, die gegen einander prallten, eingeklemmt und, ohne einen Bruch zu erleiden, wie von einem Schraubſtock feſtge— halten. Hierauf kam wieder ein Krachen und Zer⸗ bröckeln, die Lava gab hinter mir nach, und ich blieb unmittelbar am Rande einer furchtbaren Kluft liegen, die ſich jetzt zu fünfzehn oder zwanzig Fuß erweitert hatte und aus ihrer ſchwarzen, bodenloſen Nacht er⸗ ſtickende Dämpfe in die Höhe qualmen ließ. Wer iſt im Stande, die Schrecken eines ſolchen Augenblicks recht zu ſchildern! Da ſchwebte ich, ein hilfloſer, des Bewußtſeins nicht beraubter Gefangener über dem offenen Rachen eines heißen, ſchwarzen Ab⸗ grundes, jeden Augenblick gewärtig, die nächſte Zuckung der Erde werde mich in denſelben hinabſchleudern. „Hilfe! Hilfe! Um Gottes willen Hilfe!“ ſchrie ich mit der Kraft der Verzweiflung. Ich blickte umher, ob ich meines Führers nicht anſichtig werde— er war fort, und ich durfte ferner⸗ hin nur noch auf das Erbarmen des Himmels hoffen. Wie nie zuvor betete ich zu Gott, er möge mir meine Sünden vergeben und nicht mit mir in's Gericht gehen. Vielleicht ſchon in der nächſten Sekunde, vielleicht erſt in einer Minute oder Stunde mußte ich lebendig von der Erde verſchlungen zu werden erwarten; aber mochte es nun lange oder kurz dauern, ich fühlte, daß ich einem Schickſale nicht entrinnen konnte, das noch jetzt in der Erinnerung meinen Körper in kaltem Schauder erbeben läßt. Ueber mir war ein klarer, blauer Him⸗ mel, unter mir der ſchwarze, ſchreckliche Abgrund, und um mich her der Qualm erſtickender Dämpfe, die mein Hirn ſchwindlich machten. Das Rollen und Ziſchen erinnerte mich daran, daß mit jedem Momente wieder fä eine— für mich die letzte Erderſchütterung ſtatthaben konnte. Ich ſollte die Heimath, die Freunde nicht wie⸗ der ſehen und mein Grab finden in dem Schlunde des Heclavulkans! Mit dem Wahnſinne der Verzweiflung ſuchte ich meine gefeſſelten Füße los zu machen; aber ich hätte ebenſogut gegen einen Berg ankämpfen können. Da lag ich wie angenagelt und ſah die ärgſten Schrecken des Todes über mich hereinbrechen. Oh, Gott der de, welch' ein Schickſal! n lich hörte ich einen Schrei, und wie ich auf⸗ lickte ich mit Gefühlen, die ich zu ſchildern un⸗ in, meinen treuen Führer, der an der Krater⸗ 5 2 — 246— wand heruntergerutſcht kam, um mir Hülfe zu bringen. Im Schrecken über die erſten beunruhigenden Erſchei⸗ nungen hatte er Reißaus genommen, bald aber ſich ſo weit wieder gefaßt, daß er beſchloß, wieder umzukeh⸗ ren, und wo möglich mich zu retten, ſelbſt wenn er bei dem Verſuche zu Grunde gehen ſollte. Möge Gott ihm dieſe That der Nächſtenliebe lohnen, wie ſie es verdient! „Ich habe Sie gewarnt, Herr,“ ſagte er, als er keuchend, mit hervorgequollenen Augen und einem Ge⸗ ſichte, in welchem der Ausdruck des Schreckens ſich mit dem des Mitleids paarte, neben mir anlangte. „Ja wohl, Euch trifft keine Schuld,“ verſetzte ich; „aber verzeiht mir und rettet mich.“ „Iſt ſchon verziehen, Herr, und ich will Sie retten, wenn ich kann— retten oder mit Ihnen um⸗ kommen.“ Sogleich ging er an's Werk, die Lava, welche meine Füße gefeſſelt hielt, mit der Eiſenſpitze ſeines Stocks loszubrechen; doch hatte er dieſe Arbeit kaum in Angriff genommen, als die Erde wieder bebte, die Blöcke auseinander wichen und einer davon mit dum⸗ pfem, hohlem Tone in die gähnende Kluft hinabſtürzte. Ich ſchob mich rückwärts und hatte bald die Hand meines Führers gefaßt. Es war beiderſeits ein müh⸗ ſames Ringen, bis ich endlich ganz los war, und der meine Befreiung begleitende Ruck riß auch ihn mit zu Boden. Ich konnte mich jetzt wieder rühren, befand mich aber noch immer hart am Rande des Höllen⸗ rachens, und mit jedem Moment konnte auf's Neue das Verderben uns Beide ereilen. „Hurtig, Herr!“ rief der Führer.„Auf jetzt und laufen Sie, ſo lieb Ihnen Ihr Leben iſt.“ Mit einem wilden Schrei der Hoffnung und der Furcht richtete ich mich auf und eilte, von meinem Begleiter unterſtützt, die Kraterwand hinan. Als wir den Grath oben erreichten, ſchütterte die Erde unter einer neuen Entladung; ich ſah zurück und erblickte an der Stelle, wo ich vor Kurzem gelegen, nur noch einen ſchwarzen, qualmenden Pfuhl. Ich wollte nicht mehr weiter ſehen, ſondern wandte mich um und eilte, ſo ſchnell mich meine zerbeulten Glieder tragen mochten, über den brüchigen Grund da⸗ hin. Endlich langten wir wohlbehalten bei unſeren Pferden an. Wir ſprengten nun das Gebirg hinab und machten Lärm bei den Umwohnern, die ſich unſe⸗ rer Flucht anſchloſſen, bis wir uns außer dem Bereich der Gefahr befanden. Dann verabſchiedete ich mich von meinem treuen Führer, nachdem ich zuvor ſeine Bemühun⸗ gen ſo dankbar anerkannt hatte, als ſich nach einer ſolchen Dienſtleiſtung erwarten läßt. V Einige Tage ſpäter erſchütterte der lang erloſchene Hecla wieder die Inſel und bedeckte mit glühenden Zungen das Land, über das er ſeine Lavaſtröme aus⸗ goß; doch befand ich mich in zureichend ſicherer Ent⸗ fernung von dem ſchauerlich erhabenen Schauſpiel und dankte Gott aus tiefſter Seele, daß ich noch lebte und erzählen konnte, wie wunderbar ich dem Feuergrab entronnen. C. Kolb. Ein tollkühner Sprung. Der Tag war heißer und drückender als je in Alexandretta geweſen. Wenn ich das ſage, ſo hat es viel auf ſich, worin du, lieber Leſer, mir gern bei⸗ ſtimmen wirſt, wenn du erfährſt, daß wir während der Monate Juni, Juli und Auguſt täglich 99 Grad Fahrenheit im Schatten hatten. Und dabei rührte ſich kein Lüftchen; ja ſogar die kleine, leichte Flagge hing wie erſchlafft von dem großen Maſte der Conſular⸗ Flaggenſtange herab. Seit Wochen hatte ein förm⸗ licher Stillſtand in der Natur ſtattgefunden. Die My— riaden von Fröſchen, die während des Winters und Frühjahrs unmelodiſch ihr lautes Gequak hören laſſen, hatten ihre ſumpfigen, moorigen Wohnungen geräumt und waren in Zügen von Tauſenden nach den Ufern eines Nachbarfluſſes ausgewandert, wo hohe Schilf— gewächſe ſie einigermaßen vor den brennenden Strah⸗ len der Sonne ſchützten, welche bereits mit unglaub⸗ licher Schnelligkeit Teiche und Sümpfe ausgetrocknet, ja ausgedörrt hatte. Das flache und tiefe Land um uns her deckte eine gelbe Wolke ungeſunder Dünſte, welche mit böſen Krankheiten die unglückliche Stadt bedrohte. Selbſt das Meer ſchien eingeſchüchtert, denn es tanzte nicht wie ſonſt in hohen phantaſtiſchen Sprün⸗ gen über das ſandige Ufer, ſondern kam leiſe und ſanft in leichten, ſich kräuſelnden Wellchen her kleinen Steine und Steinchen beſpülend, als ſich fürchte, den böſen Dämon der Peſtilenz derbniß aus dem träumenden Schlummer zu und Tod zu erwecken. Was nun die Berge anbetrifft, ſo blickten ſie wild darein, feurige Zuſchauer unſerer Lei⸗ den und Befürchtungen, jedoch bedacht, dicke Wolken als Turbane um ihre Häupter zu winden, um ſich vor Sonnenſtichen zu ſchützen. Nur wir armen Sterb⸗ lichen, die wir auf den heißen Ebenen unſere mühevolle Arbeit fortſetzen mußten, waren ohne Zuflucht und ohne Hülfe. Wir waren zu jener Zeit an die Scholle Alexan⸗ dretta's durch den mächtigen, aber deſpotiſchen Herr⸗ ſcher, den Handel, gefeſſelt. Es kümmerte die reichen Handelsherren in London oder Paris, Hamburg oder Amſterdam ebenſowenig, wie deren Agenten in Aleppo und Bagdad, ob wir armen Geſchäftsführer einen oder fünfzig Fieberanfälle während der dreihundert und fünf⸗ undſechzig Tage des Jahres zu durchleiden hatten, ſo lange ihre Geſchäfte nur gut gingen. Erkrankte oder ſtarb einer von uns, ſo hieß es ganz einfach im Briefe: „Der arme Burſche! Doch hoffe ich, daß er Bücher und Rechnungen in guter Ordnung hinterlaſſen hat.“ Ein Anderer wurde ſofort ausgeſandt, in die Fuß⸗ ſtapfen des Verſtorbenen zu treten und ſein Glück oder Unglück zu erproben. Jener ganze Sommer und beſonders der Tag, von dem ich ſpreche, war heißer als gewöhnlich und wirk⸗ lich kaum zu ertragen geweſen. An demſelben Mor⸗ gen hatten wir drei unſerer lieben Landsleute zu Grabe getragen,— junge Matroſen in der Blüthe und Kraft Neue bund der inem wir unter ean inen andte ulten dda⸗ ſeren hinab unſe⸗ ereich von ihun⸗ einer chene nden aus⸗ Ent⸗ lund lebte rgrab — waren. - 247— des Lebens, welche erſt vor zwei Monaten das herr⸗ liche Klima Englands in Freude und Hoffnung ver⸗ laſſen hatten und im Laufe von vierundzwanzig bis ſechsunddreißig Stunden dem Fieber und Tode erlegen Ach, das war ein entſetzlicher Sommer für uns arme Europäer! Trotzdem lebten wir weiter von Tag zu Tag, wie es eben gehen wollte, und bereits nahte dex Sommer ſeinem Ende, und wir Brüder fan⸗ den uns glücklich von Krankheit verſchont. An dem Abende des entſprechenden Tages betrach⸗ teten wir die Sonne, wie ſie an dem fernen Horizonte gleich einem Feuerball in das Meer allmälig hinab⸗ ſank, und man hüätte faſt erwarten können, daß die Waſſer aufwallen und laut ziſchen würden, als die glühende Scheibe in den beneidenswerthen kühlen Schooß des Oceans ſank. Das war der einzige Augenblick, mit Ausnahme der Stunde vor Sonnenaufgang, von dem man möglicherweiſe eine kurze Erholung und Er⸗ friſchung hoffen durfte. Wie gewöhnlich ſaßen wir um dieſe Zeit auf dem Balkon und athmeten wie köſtlichen Balſam die Zephyrlüftchen ein, welche von dem Meere herüberkamen und unſern erſchlafften Glie⸗ dern momentane Aufmunterung und Erquickung ver⸗ liehen. Selbſt die blauen Wellen ſpielten und ſcherz— ten leiſe in dem kurzlebigen Zwielichte, wie entfeſſelt von den Banden, die während der andern Stunden des Tages ſie zu regungsloſer Ruhe zwangen. Hin und wieder ging ein ermattet ausſehender Fiſcher ſchlaffen Ganges am Ufer hin, ein Netz über die Schulter ge⸗ worfen, um für den folgenden Mittag zu ſorgen, denn es waren der Griechen Faſten, und der überwiegende Theil der Bevölkerung gehört der griechiſch⸗katholiſchen Kirche an. Allmälig, als die Schatten der Nacht ſich dichter um uns lagerten, erweckten uns die noch fernen Glocken einer Karawane aus der Lethargie, in die wir verfal⸗ len waren, zu Neugierde und freudiger Vorempfindung. Ich meine damit durchaus nicht, daß eine Karawane für uns zu den Seltenheiten gehörte. Im Gegentheil, ſowohl Karawanen von Mauleſeln wie Kameelen ſind in Alexandretta nicht allein tägliche, ſondern beinahe ſtündliche Ereigniſſe; aber dieſe Karawane, von der ich ſpreche, war ſchon lange herbeigewünſcht worden, denn die monatliche Poſt von Europa hätte ſchon vor meh⸗ reren Tagen eintreffen ſollen, und nun erwarteten wir mit dieſer Gelegenheit Briefe und geſammelte Zeitun⸗ gen, Bücher und Sämereien, und andere nothwendige und nicht nothwendige Sachen, von deren Ankunft in Aleppo wir ſchon vor mehreren Tagen benachrichtigt waren. Unter den angeführten Umſtänden und in Betracht unſerer iſolirten Stellung und bei dem gänzlichen Man⸗ gel an Vergnügungen irgend welcher Art iſt es wohl kaum nöthig, zu verſichern, daß wir dieſen Augenblick mit wahrem Entzücken begrüßten. Bei dieſer Gelegen⸗ heit erforderte es ſelbſt für uns abgeſpannte Menſchen nur weniger Minuten, um, unſere Seſſel verlaſſend, mit Schnelligkeit die Treppe hinab und an das Ufer den kommenden Mauleſeltreibern entgegen zu laufen. Der anführende Mauleſeltreiber, wohl wiſſend, daß er den Schlüſſel zu unſerem Glück in Händen hatte, ga⸗ loppirte auf uns zu, und ſchnell von ſeinem Thiere abſteigend, nahm er aus ſeinem großen Sattelranzen Maſſen von Briefen und Zeitungen. Der größte Theil der Briefe kam wie gewöhnlich von Kaufleuten aus Aleppo und enthielt nur Geſchäftsangelegenheiten. Dieſe pflegten wir»lettri disgostosi«, d. h. unangenehme und läſtige Briefe, zu nennen, weil ſie beſtändig Kla⸗ gen, Vorſtellungen und Drohungen von etwa hundert und fünfzig kleinen arabiſchen Kaufleuten enthielten, welche durchſchnittlich vielleicht ein und einen halben Ballen Güter jährlich empfingen, und wir armen Ge⸗ ſchäftsführer nicht alle ihre Bedürfniſſe durch die circa dreitauſend Ballen Güter befriedigen konnten, da trotz Geld und guter Worte uns nur fünfzig Kameele zu Gebote ſtanden. Dieſes waren alſo unſere lettri disgostosi. eben angekommene Karawane brachte aber auch eine große Anzahl kleiner Packete, die ſowohl Silber als Gold, wie Perlen und andern Schmuck enthielten, welche von Alexandretta und Smyrna weiter befördert werden ſollten, und ehe dieſelben ſicher verſchifft und die Frachtbriefe vom Kapitän ausgefertigt waren, hat⸗ ten wir für die Güter die Verantwortung von dem Augenblicke an, wo der Führer der Karawane ſie uns übergeben hatte. Das war denn ſtets eine Sache, deren wir uns ſo bald als möglich entledigten. Nicht etwa, weil wir vor Dieben in Alexandretta bange waren, denn Diebſtahl kam ſelbſt unter den armen Bewohnern unſeres kleinen Dorfes ſelten vor, und was nun gar ein europäiſches Conſularhaus betrifft, ſo war die Sicherheit eines ſolchen noch nie gefährdet worden! Einen Conſul berauben! Ein ſolches Verbrechen wäre dem Hochverrathe gleichgeſtellt worden. So ur⸗ theilten die alten europäiſchen Veteranen in Scanderoon, und ſo hatten auch wir uns gewöhnt, die Verhältniſſe anzuſchauen. Die Folge wird zeigen, daß wir, wenn auch nur einmal, ſo doch dieſes eine Mal uns Alle getäuſcht hatten. Als die Karawane abgeladen, war es bereits zu finſter geworden, um uns mit den Schiffen im Hafen in Verbindung zu ſetzen, weßhalb wir denn die werth⸗ vollen Juwelen für die eine Nacht in einem unſerer Schlafzimmer unterbrachten. Nachdem wir die vielen kleinen Packete nochmals überzählt und uns überzeugt hatten, daß ſie gut und ſicher verſiegelt waren, erhielt der Mauleſeltreiber ſeinen erwarteten Buckſcheeh, wir klingelten nach Kerzen, und dann gaben wir uns end⸗ lich dem Vergnügen hin, die neueſten Nachrichten aus London zu leſen. Wir lebten damals drei Brüder in demſelben Hauſe, und um dem Leſer einen deutlichen Begriff von dem Ereigniſſe zu geben, das ich zu berichten beabſichtige, muß ich ihn mit der Lokalität vertraut machen. Unſer Die Haus beſtand aus zwei Etagen und ſtand auf einem viereckigen, offenen Platze. Die ganze Tiefe des Hau⸗ ſes war durch einen breiten Gang in Anſpruch genom⸗ men, der von beiden Seiten durch je zwei Thüren in vier Zimmer führte. Der obere und untere Stock waren gleich gebaut. Sobald der Abend hereinbrach, ſchloſſen wir die unteren Thüren und Fenſter, während oben Thüren und Fenſter offen blieben, um auch dem leiſe⸗ ſten Lüftchen Gelegenheit zur Erfriſchung unſerer er⸗ matteten und erſchlafften Glieder zu geben. In der zweiten Etage führte das große Mittelzimmer auf einen migen hölzernen Balkon, den hölzerne Säulen ölf Fuß Höhe trugen. iterbrach die gänzliche Stille jener ver⸗ ſen Nacht, außer von Zeit zu Zeit das F n 2 gräßliche Geheul hungriger Schakale oder das melan— choliſche Kreiſchen der Nachteule. Mosquitos und Flöhe, die unerträglichen Qualen des Orients, waren entwe⸗ der längſt ausgeſtorben, oder hatten ſich einen angeneh⸗ meren und geſünderen Sommeraufenthalt gewählt, als uns zu Theil wurde. Selbſt die Ratten, welche uns während des Winters halbe Nächte wach hielten, indem ſeres Daches lärmten oder quiekende Serenaden aus⸗ führten, ſelbſt dieſe ſchienen einen ſo entſchiedenen Ab⸗ ſcheu vor dem Fieber zu haben, daß ſie ſich in ihre Landhäuſer oder Landſchlupfwinkel in den benachbarten Bergen zurückgezogen hatten. Demnach laſen wir un⸗ ſere lieben engliſchen Briefe ungeſtört, nur gelegentlich pauſirend, um einander eine beſonders wichtige und uns überraſchende Nachricht mitzutheilen, wie z. B „John Jones todt! armer Kerl! Wieder ein entſetz⸗ liches Eiſenbahnunglück!“ und dergleichen mehr. an trüber und trüber zu brennen. Mehrfaches Gäh⸗ nen mahnte zum Schlafengehen; wir ſtanden alle drei auf und gingen ein paar Mal auf dem Balkon auf und ab, in der Hoffnung, vielleicht einem vom Meere kommenden lauen Lüftchen zu begegnen, um unſere brennenden Schläfe zu kühlen. Aber ach! es war eine völlig windſtille, ſchwüle Nacht. Der Mond ſtand noch hell am Himmel und das Meer lag wie ein ru⸗ higer Spiegel vor uns. Kein Lüftchen rührte ſich, und ſelbſt die Mauleſel, welche dicht neben unſerm Hauſe untergebracht waren, ließen ihre Glocken erklingen, in⸗ dem ſie ihre Köpfe ruhelos hin und her bewegten, als ob ſie ſagen wollten, daß man in ſolcher Nacht un⸗ möglich ſchlafen könne, und ſie hatten Recht. Man konnte nicht daran denken, zu Bette zu gehen, wie wir das überhaupt ſehr ſelten während der heißen Sommer⸗ monate thaten. Wir legten uns daher auch dieſe Nacht auf verſchiedene Sopha's. Der eine Bruder ſchlief in dem großen Zimmer, welches der Balkonthüre gegen⸗ über lag; der andere in dem Zimmer links vom Ein⸗ Thür in den Gang führte, in dem wir die Juwelen⸗ Packete auf einem Tiſche aufgehäuft hatten. Trotz der Hitze verfielen wir bald vor Müdigkeit und Abſpannung in einen halbwachen, halbſchlafenden Zuſtand, aus dem wir immer wieder durch ein fieber⸗ haftes Auffahren erweckt wurden. Um drei Uhr etwa ging der Mond unter und tiefſte Finſterniß hüllte Alles um uns her in ſchwarze Nacht. Faſt allnächtlich pflegte um dieſe Zeit eine geſegnete Friſche in der Atmoſphäre einzutreten, welche, wenn ſie auch nicht bis zum Zephyr ſich erhob, doch ausreichend war, unſere gequälten Ner⸗ Schlafes zu erfreuen. Aber leider ſchien außer uns Dreien noch Jemand mit unſern Gewohnheiten vertraut zu ſein, der ſie auf ſeine Art benutzte. Ich denke, ich muß grade im beſten Schlafe geweſen ſein, als ich durch einen leichten Fuß⸗ tritt erwachte, der von der Thür aus ſchleichend und beinahe unvernehmbar auf mich zukam. Indeß war es ganz gewöhnlich unter uns Brüdern, daß wir oft⸗ mals in der Nacht aufſtanden, um uns? Feuerzeug zu holen, und in Veweia ſchluß kamen, das Schlafen ganz aufzus durch Leſen die Zeit zu vertreiben. gang, und ich in der Stube gegenüber, von der eine ven zu beruhigen, und uns die Möglichkeit gab, wäh⸗ rend einiger Stunden uns eines geſunden und tiefen ſie wie ein Regiment Kavalerie auf der Plattform un⸗ Es wurde Mitternacht und unſere Lampen fingen ——,——— „ — 248—— Unter dieſen Umſtänden war ich weder überraſcht, noch beunruhigt, als ich die Fußtritte nahen hörte, wenn ſchon ich nicht gleich wieder einſchlafen konnte wie ſonſt. Ich lag vollkommen wach und lauſchte. Zu⸗ vörderſt mußte ich lächeln über des Bruders große Vorſicht, und überlegte ſchon muthwilligerweiſe, wie ich denſelben in der lautloſen und ſtockfinſtern Nachte durch plötzliches Rufen ſeines Namens erſchrecken würde, wenig ahnend, daß mir ſelbſt der ärgſte Schreck mei⸗ nes Lebens zu Theil werden ſollte. Ich wußte, daß meine Brüder ſelbſt mit verbundenen Augen ihren Weg durch unſer ganzes Haus finden konnten, daher begriff ich nicht, weßhalb er ſich ſo lange am Kopfende des Divans aufhielt. Ich lag mit dem Kopfe nach der Thür zu, durch welche die Fußtritte herbeikamen. Bald fühlte ich zu meiner äußerſten Beſtürzung den warmen Hauch eines Weſens ſich mir nahen, und dann! nie in meinem Leben werde ich den Schreck vergeſſen!— eine große, fettige Hand ſtrich gemächlich, doch leicht über mein Geſicht von der Stirn abwärts und faßte dann mit derſelben Vorſicht meinen Nacken. Ein Ent⸗ ſetzen, das keine Beſchreibung wiederzugeben im Stande iſt, fuhr durch meine Glieder. Nun fühlte dieſelbe fettige Hand tiefer und tiefer, bis ſie auf meinem Her⸗ zen lag, wo ſie augenſcheinlich das langſame oder ſchnelle Klopfen deſſelben beobachtete. Alles das war das Werk eines Augenblicks. Es iſt merkwürdig, wie ſchnell man denkt, denn während dieſer kurzen Spanne Zeit hatte meine Phantaſie zwanzig verſchiedene Urſachen und Gründe hervorgezaubert und war durch Oſt und Nord geſtreift, alle erdenklichen Mordthaten ſich ver⸗ gegenwärtigend. Jetzt war ich zweifellos, die Hand eines Räubers oder Mörders ruhte auf mir, wenn ſchon ſeit ewigen Zeiten in jenen Gegenden kein Europäer mit kaltem Blute gemordet worden. Mit großer Geiſtesgegenwart wußte ich die Hand des Angreifenden dadurch zu ver⸗ drängen, daß ich meine linke Hand auf das Herz legte, denn ich glaubte, der Todesſtoß wäre unfehlbar auf daſſelbe abgeſehen, während ich mit der rechten das Handgelenk des unbekannten und unwillkommenen Ein⸗ dringlings packte. Ich brauche wohl kaum hinzuzufü⸗ gen, daß die folgenden Sekunden in geſpannteſter Angſt verfloſſen, denn ich war überzeugt, daß der Mörder es in dieſem Moment auf mein Leben abgeſehen hatte, und es war ſchwer zu berechnen, wo der kalte Stahl mich treffen werde. In demſelben Augenblicke, in dem ich des Schurken Hand gefaßt hatte, ward meine Zunge gelöst und ich ſchrie ſo laut ich konnte, um meine Brüder herbeizurufen. gung und des Allarmſchreies erſchreckten den Räuber für den Moment. Gleich darauf aber entſtand ein heftiger Kampf zwiſchen uns, denn ich war vom Di⸗ van aufgeſprungen und verſuchte mit Aufbietung aller meiner Kräfte des Gegners noch freie Hand zu faſſen. Jedoch vergebens. Der Räuber hatte, wie es Sitte unter den orientaliſchen Dieben iſt, ſich mit Fett ein⸗ gerieben und war demzufolge ſo glatt, daß es unmög⸗ lich ſchien, ihn zu packen, beſonders da er nur ein loſes Hemd anhatte, das von einem ſchmalen Gürtel gehalten wurde. Als die kalte klebrige Hand mein Geſicht berührt hatte, unterbrach die Stille der Mitter⸗ nachtsſtunde nichts als das Klopfen meines eigenen Herzens, ſobald ich aber aufgeſprungen war und Lärm gemacht hatte, entſtand ein ſo ſcheußlicher und gräß⸗ 6 * Die Plötzlichkeit meiner Bewe⸗ —— ³ = 249—. licher Lärm, wie er in einem Irrenhauſe nicht ärger Unterdeſſen war mein älteſter Bruder aus tiefem ſein kann. Im Kampfe warfen wir Tiſche und Stühle Schlafe erweckt aus dem Bette geſprungen, und ver⸗ um, und was von Lampen und ſonſt Zerbrechlichem wirrt, wie man es oft iſt, wenn man plötzlich aus im Zimmer ſich befand, flog in Scherben umher, wäh⸗ Morpheus' Armen geriſſen wird, war er in alle Zim⸗ rend ich in allen Sprachen, die mir zu Gebote ſtan- mer geeilt, nur nicht in das rechte, um ſich des ſpitz⸗ den,„Dieb“ ſchrie. Natürlich hieß es zuerſt: Shief! bübiſchen Abenteurers zu bemächtigen. Endlich kam er. dann Voleur! Ladri! Harame! Hurses! Choor! Der Dieb war für mich ein zu glatter, ſchlüpfriger Engliſch, franzöſiſch, italieniſch, arabiſch, türkiſch und Geſelle. Er entglitt wieder und immer wieder meinen hindoſtaniſch bildeten die accompagnirende Begleitung obſchon überaus krüftigen Händen und rannte auf den zu den herunterfallenden Gläſern und umſtürzenden Balkon, jetzt nicht mehr von mir allein, ſondern auch Möbeln. 5 von meinem Bruder verfolgt; aber die Jagd blieb er⸗ folglos. Der Schurke zögerte keinen Augenblick, einen im Bette ſitzend, von Alpdrücken gequält und noch halb tollkühnen Sprung über das Geländer des Balkons in im Schlafe. Als wir ihn ganz ermuntert hatten, er⸗ den zwölf Fuß unter uns liegenden Hof zu wagen. zählte er, wie er geträumt habe, daß wir beiden Brü⸗ Und obgleich wir ſofort den Mauleſeltreibern zuriefen, der verrückt geworden und in einem Irrenhauſe unter⸗ den Dieb aufzuhalten, ſo war derſelbe wenigſtens dem gebracht ſeien, und halb erweckt und erſchreckt durch Anſcheine nach in die Erde geſunken und verſchwunden. das entſetzliche und unnatürliche Lärmen im andern Während dieſer Zeit drang ein entſetzlicher Schrei Zimmer, habe er nicht gleich zu ſich kommen können aus dem Zimmer unſeres dritten Bruders zu unſern inen Traum für Wahrheit gehalten. Ohren. Sobald wir in der gänzlichen Unordnung folgenden Morgen durchſuchten wir mit großer die um uns herrſchte, ein Zündholz finden konnte eit mein Zimmer und fanden an der Klinke eilten wir in ſein Zimmer und fanden ihn aufrecht einen Fetzen, der augenſcheinlich von der dürf⸗ Feierſtunden. 1863.’ 5. 32 — 250— tigen Kleidung des Diebes herrührte. Die Richter von Alexandretta verſammelten ſich und Nachſuchungen wur⸗ den ſofort angeſtellt. Bald war man auf die Spur des Diebes gekommen, der ein Fremder im Orte und Stallknecht eines durchreiſenden türkiſchen Kaufmannes war, welcher ſich ſeit wenigen Tagen in Alexandretta aufhielt. Der Burſche hatte die Packete geſehen, die man in unſer Haus getragen, und war zu dem frechen Entſchluß gekommen, dieſelben zu rauben. Nicht allein der Fetzen, der ſich in meinem Zimmer vorgefunden und der mit der Größe des Riſſes in ſeiner Kleidung genau übereinſtimmte, zeugte gegen den Dieb, ſondern der arme Schurke hatte ſich derart durch den gewagten Sprung beſchädigt, daß er im Laufe von wenigen Ta⸗ gen an den ſchweren Verletzungen ſtarb. H. L- d. Eine Nacht in einem Spiechauſe. Ein Wechſel der Glücksumſtände, den ich leider nur meiner eigenen Thorheit zuſchreiben kann, hatte mich genöthigt, eine Anſtellung bei der Londoner Po⸗ lizeiverwaltung, unter jener thätigen Mannſchaft zu ſuchen, welche ſpeziell mit der Verfolgung der ſchwer⸗ ſten Verbrechen beauftragt iſt und oft ſehr ſchwierige Aufgaben zu erfüllen hat. Ich war ungefähr ein Jahr bei derſelben einge⸗ reiht und hatte eben nicht ohne Mühe und Gefahr die Urheber eines ſehr geſchickten Complots gegen einen reichen Handelsmann entdeckt, als mein Chef mich rufen ließ. Nach einer langen Unterhaltung, wobei er meiner Gewandtheit und Energie alles Lob widerfahren ließ, kündigte er mir an, daß er meiner für eine andere Affaire bedürfe. Im Augenblick, wo ich aufſtand, um mich zu verabſchieden, ſagte er: „Es ſcheint mir, daß ich Sie ſonſt ſchon in einer von Ihrer jetzigen ſehr verſchiedenen Lage geſehen habe. Beunruhigen Sie ſich deßhalb nicht; ich will, wenn die Nothwendigkeit mich nicht dazu verpflichtet, in An⸗ derer Geheimniſſe nicht eindringen. Die Empfehlung deſſen, der Sie in unſern Dienſt gebracht hat, iſt all⸗ mächtig. Sie wurde gerechtfertigt durch die Einſicht und Geſchicklichkeit, welche Sie bei der letzten, Ihnen anvertrauten Miſſion an den Tag gelegt haben.“ Auf dem Heimwege ſagte ich bei mir, daß ihn ſein Gedächtniß ohne Zweifel betrogen habe, denn in den Tagen des Glücks war ich nur ſelten in London er⸗ ſchienen, und erinnerte mich nicht, je den Beamten, unter deſſen Befehlen ich jetzt ſtand, geſehen zu haben. Doch erzählte ich davon meiner Frau. Sie machte mich darauf aufmerkſam, daß ich bei den Wettrennen zu Doncaſter geweſen war und vielleicht dort die Auf⸗ merkſamkeit meines gegenwärtigen Chefs auf mich ge⸗ zogen hatte. Inzwiſchen, da dieſer auf die Sache nicht mehr zurückkam, hütete ich mich gleichfalls, ſie zu be⸗ rühren. Drei Tage nachher ließ er mich wieder kommen und erklärte mir, er habe mich unter Allen ausgewählt, mir eine delikate Sache zu übertragen, an der ſich ſchon die ſchlauſten und erfahrenſten Leute unſerer Mannſchaft verſucht hätten. „Es gilt,“ fuhr er fort,„einer Geſellſchaft von Schurken, Spitzbuben und Fälſchern. Sie müſſen ihre Schlupfwinkel entdecken und ſich den legalen Beweis für deren Verbrechen verſchaffen. Bis jetzt ſin i in unſern Nachforſchungen geſcheitert, wahrſch Folge übermäßigen Eifers unſerer Agenten. klug. Sie haben es mit einer Vereinigung feimteſten Frevler zu thun, und Sie bedürfen der Aus⸗ dauer, um dieſelben der Gerechtigkeit in die Hände zu liefern. Eines ihrer letzten Opfer iſt der junge Mor⸗ ton, Sohn aus einer zweiten Ehe von Lady Everton. Dieſe ausgezeichnete Dame nimmt unſern Beiſtand in Anſpruch, um den unglücklichen jungen Mann aus der Schlinge, in welche er gefallen, zu retten. Sie werden ſich morgen um fünf Uhr zu ihr in Civilkleidung be⸗ geben und die nolhwendigen Nachweiſungen von ihr erhalten. Erinnern Sie ſich, daß Sie mir direkt von Ihren Schritten Rechenſchaft zu geben haben, und daß Ihnen alle Beihülfe, deren Sie bedürfen, ſogleich gewährt wird.“ Ich verließ ihn, ſehr zufrieden, eine ſchwierige, vielleicht gefährliche Aufgabe erhalten zu haben, die mir aber gerade deßhalb gefiel, weil ſie in die Ein⸗ förmigkeit meiner täglichen Pflichten eine Abwechslung brachte. Ich fand Lady Everton im Salon mit ihrer Toch— ter, einem ſchönen und reizenden Mädchen. Sie ſchien ſehr überraſcht durch mein Aeußeres, ohne Zweifel ganz verſchieden von dem, welches ſie bei einem Po⸗ lizeiagenten erwartete. Erſt nachdem ſie aufmerkſam das überreichte Billet durchgeleſen, unterdrückte ſie ihre Zweifel und bezeigte mir Wohlwollen. „Setzen Sie ſich, Mr. Waters,“ ſagte ſie, auf einen Stuhl deutend.„Dieſes Billet meldet mir, daß Sie ſpeziell dazu auserleſen worden ſind, meinen Sohn dem verderblichen Netze, in dem er ſich ſelbſt gefangen hat, zu entreißen...“. Ich wollte ihr antworten und ihr die Natur mei⸗ ner Aufgabe erklären, aber eingeſchüchtert durch die ſtolze Haltung der vornehmen Dame und das Gefühl meiner eigenen Stellung, ſchwieg ich ſtill und verbeugte mich achtungsvoll. Seit einigen Monaten, dies war der Inhalt ihrer Mittheilungen, hatte Mr. Charles Morton das Alter der Volljährigkeit erreicht und war von da in eine Ge⸗ ſellſchaft von Gaunern gerathen. Verleitet durch die Leidenſchaft des Spiels brachte er Tag und Nacht in fieberiſcher Aufregung zu. Er glaubte nur Unglück zu haben, und wurde in Wirklichkeit durch eine abſcheu⸗ liche Spitzbüberei geprellt. Er hatte bereits nicht allein V ſein Erbe und alles Geld, was ihm die unkluge Schwäche ſeiner Mutter gegeben hatte, verſchwendet, ſondern auch Schulden gemacht und auf eine erſchreckliche Summe Wechſel ausgeſtellt. Die Hauptperſon bei dieſem teuf⸗ liſchen Werke war ein gewiſſer Sandford, ein Mann on guten Manieren, diſtinquirtem Aeußern, der wirk⸗ — liche Chef jener Spitzbubenbande, die ich entdecken ſollte. ——QO—QQQ—QOQCO—O—C—O:——OñQn———— gab man ein Seltſam! Mr. Morton hatte einen unerſchütterlichen Glauben an die Ehrenhaftigkeit dieſes Mannes. Be⸗ trogen, beraubt, ausgeplündert, erholte er ſich nur bei Sandford Raths und vertraute nur auf ihn, um ſich aus ſeiner Aanden kage zu ziehen. Dieſen Erklärun⸗ gen fügte Lady Everton noch bei, ihr Vermögen ſei nicht beträchtlich, ihre Nachſicht gegen ihren Sohn und die Verpflichtungen, die ſie zu erfüllen habe, machen ihre Umſtände ſehr beunruhigend. Ich hörte mit äußerſtem Intereſſe zu, und mehr als einmal kam mir, während ſie einige bezeichnende Züge von Sandford entwarf, der Gedanke, es wäre derſelbe Schurke, den ich zum Unglück ſchon lange kannte, der mir eine hübſche Revanche ſchuldig war, und dieſe Vorſtellung erhöhte meinen Eifer. Inzwi⸗ ſchen äußerte ich nichts von meinem Verdacht, und ver⸗ ließ nach ſehr dringender Bitte an Lady Everton, ihren Sohn nicht das Geringſte von unſerem Vorhaben mer⸗ ken zu laſſen, ihr Haus, um den bereits gefaßten Plan in Ausführung zu bringen. Zugleich wurde ausge⸗ macht, ich ſolle, ſtatt ſie in ihrem Hötel zu beſuchen, was leicht hätte Verdacht erregen können, ihr durch die Poſt von dem Reſultate meiner Bemühungen ſchrift⸗ liche Mittheilung machen. „Wenn er es wäre,“ ſprach ich unterwegs bei mir und der bloße Gedanke daran brachte mein Blut in Wallung,„wenn dieſer vorgebliche Sandford, wie ich mir einbilde, der abſcheuliche Cardon wäre, welcher Sieg! welcher Triumph!“ Lady Everton hatte nicht nöthig, meinen Eifer an— zuſpornen. Eine ruinirte Exiſtenz, eine ſanfte junge Frau, durch die Manöver dieſes Elenden aus einem Zuſtande der Wohlhabenheit beinahe in Armuth ge⸗ ſtürzt! Solche Betuugtunden vmnßten auh einem Falg⸗ ling Muth und Energie verleihen. Wolle Gott, daß meine Ahnungen richtig ſind, und dnn mein Feind, nimm dich in Acht!— die Rache iſt dir auf den Ferſen. Man hatte mich darauf aufmerkſam gemacht, daß Sandford gewöhnlich das Theater der Italiener beſuche, und mir ſeine Loge gezeigt. Noch an demſelben Abend Stück, deſſen Erfolg ihn anziehen mußte. Ich nahm ein Billet; ich trat in's Theater den Au⸗ genblicf, da das Ballet anfing, und ſchaute begierig um. Die mir bezeichnete Loge war zu meinem Ver⸗ druß noch leer. Bald aber ſah ich Cardon, meinen wahrhaften Cardon eintreten. Seine Phyſiognomie war inſolenter als je. Er hatte einen jungen Mann von diſtinquirtem Ausſehen, blaſſem Geſichte, der nach Lady Evertons Beirgreapuns Mr. Morton ſein mußte, am Arm. Mein Entſchluß war ſogleich gefaßt. Ich ſam⸗ melte mich nur einige Minuten, um die Aufregung zu unterdrücken, welche ſich meiner beim Anblick eines Mannes bemächtigte, der ſo viel Unheil über mich ge⸗ bracht hatte, und ließ mir die Thür ſeiner Loge öffnen. Cardon drehte mir den Rücken. Ich gab ihm einen leichten Schlag auf die Schulter; er wandte ſich raſch nach mir um, und ſchien bei meinem Anblick ſo über⸗ raſcht und erſchreckt, als ob ſich plötzlich ein fabelhaf— tes Ungeheuer, ein Baſilisk oder dergl. vor ihm erho⸗ ben hätte. Ich hatte indeſſen eine freundſchaftliche Miene angenommen und bot ihm die Hand, als wollte ich ihn damit zur Wiederanknüpfung unſerer alten Ver⸗ . hältniſſe auffordern⸗ — 251— „Waters!“ ſtammelte er, niſch die Hand ausſtreckend; ſehen erwartet!“ „Sie gewi gleichfalls, aber mecha⸗ „wer hätte Sie hier zu nicht,“ antwortete ich ihm,„denn Sie ſcheinen ſo erſchköcken, einem alten Freunde zu begeg⸗ nen, als ob Sie einen Drachen vor ſich ſähen, der Sie verſchlingen wollte.“ „Still! kommen Sie mit mir auf den Gang!... Einer meiner älteſten Freunde!“ ſagte er zu Morton, „ich komme ſogleich wieder...“ „Wie? Sie ſind es!“ ſagte er zu mir, ſeine ge— wöhnliche Kaltblütigkeit wieder annehmend, ſobald wir allein waren.„Man erzählte mir, daß Sie ſich aus der Welt zurückgezogen hätten.... ich weiß nicht wohin.. „Ja, ich war ruinirt, Sie wiſſen davon etwas.“ „Mein wackerer Waters, Sie können ſich nicht ein— bilden....“ „Ich bilde mir nichts ein, ich war in dem Abgrund, damit fertig.... Zum Glück, mein alter Oheim....“ „Alh! Paßgrave iſt todt,“ rief Cardon mit erfreu⸗ tem Tone,„und Sie ſind ſein Erbe? Ich wünſche Ihnen Glück, mein lieber Freund. Das hat ſich recht günſtig gewendet.“ 7d.... aber erinnern Sie ſich⸗ daß ich dem Spiel entſagt habe. Keine Thorheit mehr! Ich habe Emilie geſchworen, keine Karte mehr enüſffden. 3 Cardon ſchaute mich mit ironiſcher Miene an, g leich einem Manne, der weiß, was die Schwüre eines Spie⸗ lers werth ſind, und antwortete ſogleich:* „Sehr gut, mein Freund, ſehr gut; Sie haben vollkommen Recht. Aber kommen Sie, daß ich Si Mr. Morton vorſtelle, einem jungen Manne von vör nehmer Familie. Apropos, Waters,“ ſetzte er mit vertraulichem Tone hinzu,„aus Familien⸗ und an⸗ deren Rückſichten, die ich Ihnen ſpäter erklären werde, habe ich den Namen Sandford angenommen.“ „Sandford!“ „Ja; vergeſſen Sie es nicht, rück, ehe das Ballet aus iſt.“ Er ſtellte mich Mr. Morton als einen ſeiner beſten Freunde vor, den er ſeit vielen Monaten nicht geſehen hatte, und ſchlug uns dann vor, einige Augenblicke, in einem benachbarten Café zu verweilen, was wir an⸗ nahmen. Beim Hinausgehen ſtießen wir oben an der Treppe auf meinen Chef. Er warf einen raſchen Blick auf uns, ohne mich ſcheinbar zu kennen. Ich dachte wirklich, er habe mich vielleicht in meinem neuen Ge⸗ wande nicht erkannt, aber als ich mich einige Schritte nachher umdrehte, begegnete ich ſeinem Blicke, der ohne Hülfsquellen.... mein lieber Cardon, und kehren wir zu⸗ gleichzeitig Erſtaunen und Aufmunterung ausdrückte. Dann verſchwand er. Im Café tranken wir ſehr munter und herzlich einige Flaſchen Wein. Sandford war in charmanter Stimmung, voll Feuer und Geiſt, und erzählte eine Menge erheiternder Anekdoten. Er ſah in mir eine neue Beute und freute ſich ſchon des Sieges, den er über meine guten Vorſätze und die meiner Frau ge⸗ gebenen Verſprechungen davonzutragen hoffte. e halbe Stunde nach Mitternacht fragte er, ob s nicht mit ihm nach einem andern Etabliſſe⸗ geben wollten. Morton, der ſchon ſeit einigen Augenblicken unruhig und ungeduldig ſchien, nahm dieſen Vorſchlag begierig an. „Sie kommen mit uns, Waters,“ ſagte Sandford zu mir,„ich glaube nicht, daß in dem ehelichen Codex ein Artikel ſteht, der einem getreuen Ehemanne ver⸗ bietet, wenigſtens als Zuſchauer einer Spielpartie an⸗ zuwohnen.“ „Ich glaube auch nicht. nur nicht, zu ſpielen.“ „Gewiß nicht,“ antwortete er mit einem teufliſchen Lächeln.„Ihre Tugend ſoll auf keine Probe geſtellt werden, ich ſtehe Ihnen dafür.“ Wir kamen bald in einer Straße unweit des Stran⸗ des vor der Thüre eines Hauſes von reſpektabelſtem Ausſehen an. Man antwortete ſogleich auf den Ton des Klopfers, der von Sandford auf eine beſondere Weiſe in Bewegung geſetzt wurde. Durch das Schlüſſel⸗ loch flüſterte er ein Loſungswort, das ich nicht verſtehen konnte, und die Thür ging auf. Wir ſtiegen in den erſten Stock hinauf, deſſen Lä⸗ den ſo ſorgfältig geſchloſſen waren, daß von dem, was hier vorging, nichts auf der Straße verlauten konnte. Glänzende Beleuchtung, Roulette, Karten⸗ und Würfel⸗ ſpiel und verſchwenderiſch ſervirte Erfriſchungen zeigten deutlich, wo wir uns befanden. Ein Halbdutzend un⸗ ſchuldiger Spieler und ein Dutzend Schurken, deren unheilverkündende Phyſiognomie mich einen Augenblick verwirrte, waren vor uns da. Ich fürchtete, einer von ihnen möchte meinen wahren Beruf erkennen; aber bald bedachte ich, daß dies nicht wohl möglich wäre. Ich war noch nicht lange der Polizei einverleibt, und hatte bis auf dieſe Stunde in den Schlupfwinkeln dieſer Spitz⸗ buben keine Nachſuchung vorgenommen. Irzwiſchen betrachteten ſie mich mit forſchender Miene. Einer von ihnen, ein Fremder, trat ſogar auf Sandford zu und richtete mehrere, offenbar mich betreffende Fragen an ihn. Ich hörte Sandford zu ihm ſagen:„ich bürge dafür,“ worauf er ihm dann noch einige Worte in's Ohr flüſterte, welche ſein Lächeln erregten und ſeine Stimmung in Bezug auf meine Perſon vollſtändig änderten. Aber zwingen Sie mich Dies beruhigte mich, denn wiewohl mit Piſtolen bewaffnet, wäre mir doch wenig Ausſicht auf Rettung geblieben, wenn ich das Mißtrauen dieſer Bande von Frevlern erregt hätte. Man ſchlug mir vor, zu ſpielen. mich anfangs, gab endlich nach, als könnte ich der Verſuchung nicht widerſtehen, wollte aber nur eine kleine Summe wagen, und man ließ mich gegen zwei— hundert Francs gewinnen. Mr. Morton war gärzlich in eine Würfelpartie verſenkt. Er verlor viel, und als er um all' ſein mitgebrachtes Geld gekommen war, ſtellte er Anweiſungen aus. Die Frechheit, womit man ihn prellte, war in der That unglaublich. Er mußte blind ſein, um es nicht zu bemerken. Indeſſen miß— traute er nicht im Mindeſten der Delikateſſe ſeiner Gegner, und ließ ſich ganz von ſeinem Freunde Sand⸗ ford leiten, der ſich ſelbſt, um ihn beſſer zu berathen, des Spiels enthielt. Nach ſechs Uhr Morgens trennte ſich die liebenswürdige Geſellſchaft. Alle zogen ſich durch eine Hinterthür zurück und erhielten beim Ab⸗ gang ein anderes Loſungswort für den Abend. Ich ſtattete meinem Chef Bericht ab von was ich gethan hatte. Er ſchien entzückt über erſten Erfolg, bat mich aber dringend, ſehr geduldig 252 Ich weigerte *4 und umſichtig zu verfahren. Da ich das Loſungswort wußte, wäre es leicht geweſen, noch in dieſer Nacht das Spielhaus zu überfallen, aber wir hätten dann unſern Zweck nicht vollſtändig erreicht. Ein Theil der Mitglieder dieſer Rotte, und namentlich Sandford, ſtand im Verdacht, falſche Banknoten zu fabriciren. Man mußte ſie alſo ſo weit überwachen, um dieſes Verbrechen conſtatiren zu können, und ſo viel möglich darnach trachten, die Mr. Morton geraubten Summen wieder zu erhalten. So verfloſſen ungefähr acht Tage ohne einen wich⸗ tigern Vorfall. Das Spiel begann jeden Abend wie gewöhnlich. Der wahnſinnige Morton ließ ſich immer tiefer hineinziehen. Er war ſelbſt ſo weit gegangen, der Juwelen ſeiner Schweſter ſich zu bemächtigen und ſie zu verlieren; ſo tief kann dieſe ſchreckliche Leiden⸗ ſchaft des Spiels den Menſchen erniedrigen. Nach Sandfords Rath traf er Anſtalten, ſeine Güter zu Bezahlung ſeiner ungeheuren Schulden— ſeiner Ehren⸗ ſchulden— zu verpfänden und das Glück, dieſe Fata Morgana aller Spieler, wieder an ſich zu ziehen. Ehe man ihn auf dieſes Aeußerſte trieb, entſchloß man ſich jedoch zu einer neuen Liſt. Mr. Morton hielt ſich für ſehr ſtark im Ecarté: man forderte ihn alſo zu einer ſolchen Partie auf und ließ ihn Schlag auf Schlag gewinnen, während ſeine Gegner in Ver⸗ zweiflung ſchienen. Dies war gerade die Falle, worin ich mich hatte fangen laſſen; ich begriff alſo, daß man einen Hauptſtreich im Sinne hatte, und verlor meine Zeit nicht. Ich ließ durch einen meiner Vertrauten Sandford insgeheim mittheilen, daß ich nur zur Erhebung eini⸗ ger hunderttauſend Francs, die mir von meinem Oheim Paßgrave vermacht worden wären, in London bleiben und hernach wieder nach Yorlſhire zurückkehren wollte. Welchen hölliſchen Blick mir der Schurke zuwarf, als er dieſe Kunde erhielt! Ha! Sandford, bei all' dei⸗ ner Schlauheit mußteſt du doch ſehr einfältig ſein, um zu glauben, ich könne ſo ſchnell das Unheil, das du mir angethan, vergeſſen! Die Stunde der Entſcheidung brach an. Mr. Mor⸗ ton ſollte das auf ſeine Güter aufgenommene Geld erhalten, und auch ich ließ wiſſen, ich würde dieſen. Tag in den Beſitz des fabelhaften Vermächtniſſes mei⸗ nes Oheims gelangen. Exaltirt durch ſeinen Erfolg im Ecarté und ange⸗ trieben von ſeinem Freunde Sandford, äußerte der unglückliche Morton, anſtatt die erwarteten Summen zur Bezahlung ſeiner ausgeſtellten Anweiſungen zu ver⸗ wenden, die Abſicht, mit all' dieſem Gelde gegen die verſchiedenen, ſeit mehreren Monaten von ihm verlor— nen Summen zu ſpielen. Die ſchlauen Spitzbuben, die alle ſeine Verſchreibungen in Händen hatten, ſtell⸗ ten ſich anfänglich ſehr unzufrieden mit dieſem Vor⸗ ſchlage und erklärten, vor Allem müßten ſie bezahlt ſein; endlich aber gaben ſie verabredetermaßen Sand⸗ fords Drängen nach, und es wurde entſchieden, Mor⸗ ton ſolle mit dem Ecarté fortfahren. Er zweifelte nicht an ſeiner Ueberlegenheit, und erklärte ſeinem treu⸗ loſen Rathgeber in fröhlichem Tone, ſobald er zu ſei⸗ nem Verluſt wieder gekommen wäre, weder Würfel noch Karte mehr anzurühren. Er hörte nicht das ſar⸗ doniſche, das grauſame Gelächter der Gauner, als Sandford ihnen dieſen ſchönen Entſchluß mittheilte. Die verhängnißvolle, mit ſo viel Ungeduld von — * - 253— Morton und den Verbündeten, dem verblendeten Opfer und den Räubern erwartete Zuſammenkunft wurde auf den nächſtfolgenden Tag feſtgeſetzt, und ich empfand eine fieberhafte Angſt bei Annäherung des Ereigniſſes. An dieſem merkwürdigen Abende ſollten nur die Häupter der Verſchwörung, im Ganzen acht, und kein Fremder gegenwärtig ſein, mit Ausnahme eines Ein⸗ zigen, gegen welchen man wegen des eben empfangenen Vermächtniſſes Rückſicht eintreten ließ. Ich hatte es gewagt, Mr. Morton, nachdem er mir auf Gentlemanswort unverbrüchliches Stillſchwei⸗ gen gelobt hatte, eine Aufforderung zu ertheilen: „Ehe Sie morgen Abend das Spiel beginnen, laſ⸗ ſen Sie ſich Ihre ausgeſtellten Wechſel, Ihre Juwe— len vorweiſen, und verſichern Sie ſich, daß Ihre Geg— ner wirklich einen der Summe, welche Sie mitbringen, gleichkommenden Werthbetrag auf dem Tiſche nieder⸗— legen.“ Er verſprach mir förmlich, dieſe Vorſichtsmaß⸗ regel anzuwenden, ohne jedoch die Wichtigkeit davon zu ahnen. Nachdem alle meine Dispoſitionen getroffen waren, langte ich um Mitternacht an der myſteriöſen Thüre an. Auf das ausgeſprochene Loſungswort öffnete ſie ſich. In dieſem Augenblicke erhob ſich ein ziemlich lebhafter Streit unter den Spielern. Nach dem von mir gegebenen Rathe beſtand Mr. Morton auf einem, dem ſeinigen gleichkommenden Einſatze, denn er zwei— felte nicht an ſeinem Erfolge und wollte alles Ver⸗ lorne bis auf den letzten Pfennig wieder gewinnen. Nachdem man ſeine Anweiſungen, ſeine Juwelen und mehrere Rollen Guineen zuſammengebracht hatte, fehlte noch eine ziemlich beträchtliche Summe zur Ausgleichung mit der von ihm mitgebrachten. „Ah!“ rief Sandford, als er mich eintreten ſah, „da iſt uns geholfen: Waters wird uns auf eine oder zwei Stunden, was wir bedürfen, leihen. Sie wer⸗ den bald wieder bezahlt werden,“ flüſterte er mir in's Ohr,„und mit Zinſen.“ „Danke ſehr,“ antwortete ich kalt;„ich trenne mich von meinem Gelde nur, wenn ich es verloren habe.“ Ein boshaftes Lächeln trat auf ſeine Lippen, aber er erwiederte kein Wort. Endlich wurde entſchieden, einer der Spieler ſolle die nöthige Summe holen, um nach Mortons Verlangen das Fehlende zu ergänzen. Eine halbe Stunde nachher kam er mit einem Packet Banknoten zurück. Ich zweifelte nicht, daß ſie falſch wären; ich hatte, was ich wünſchte. Mr. Morton ſchaute ſie an, zählte ſie, und das Spiel begann. Die Scene, die jetzt folgte, iſt mir noch lebhaft im Gedächtniß. Ich befand mich in einem ſolchen Zuſtande der Aufregung, daß ich, um die fieberiſche Hitze meines Blutes abzukühlen, nach einander mehrere Gläſer Waſſer trank. Zum Glück waren die Spieler allzuſehr beſchäftigt, um meine Bewegung wahrzuneh— men. Morton verlor beharrlich; ſeine Einſätze wur⸗ den verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht. Sein Kopf ſtand im Feuer; er ſpielte und verlor wie ein Mann, der keinen Schimmer Vernunft mehr hat. „Bst! was habe ich gehört?“ rief plötzlich Sand— ford, der allmälig die heuchleriſche Maske abwarf, welche er ſo lange Morton gegenüber getragen hatte; „es ſcheint mir, daß ſich unten Etwas bewegt hat.“ Dieſe Bewegung hatte auch mein Ohr getroffen, aber ich wußte, was ſie zu bedeuten hatte. „Adolph,“ nahm Sandford wieder das Wort,„ziehe die Signalklingel.“ Das Spiel wurde ausgeſetzt, und alle die Schur⸗ ken blieben ſtill, unbeweglich, wie an die Erde ge⸗ feſſelt. Auf die Signalklingel antwortete eine andere: Eins... Zwei... Drei. „Sehr gut,“ rief Sandford,„fahren wir fort, die Poſſe geht zu Ende.“ Nach meinen Inſtruktionen ſollten zwei unſerer Beamten in Civil gekleidet an der Thüre des Spiel⸗ hauſes ſich einfinden und vermittelſt des Loſungswor— tes, das ich ihnen mittheilte, eindringen, den Schließer packen und knebeln. Ich hatte ihnen auch angedeutet, wie auf ein Signal, das möglicherweiſe mit der Klin⸗ gel des erſten Stockes erfolgen dürfte, zu antworten wäre. Sie ſollten dann ihre Kameraden in das Haus einlaſſen, in der Stille die Treppe hinaufſteigen, auf dem Gange bleiben, bis ich ſie rufen würde, und ſich dann auf die Spieler ſtürzen.. Nach allen dieſen Vorſichtsmaßregeln hatte ich doch noch die Beſorgniß, die Spitzbuben möchten im ent⸗ ſcheidenden Augenblicke die Kerzen auslöſchen, die fal⸗ ſchen Banknoten vernichten, und auf irgend einem ge⸗ heimen Gange, den ich vielleicht noch nicht kannte, ent— wiſchen. Sobald das Spiel wieder angefangen hatte, ſtand ich auf und begann mich zu verſichern, daß meine Pi⸗ ſtolen mir bequem zur Hand waren, denn ich wußte, daß ich einen unverſöhnlichen Kampf mit verzweifelten Leuten zu beſtehen haben würde. Dann näherte ich mich der Thüre und öffnete ſie halb, als wollte ich ſehen, woher der Lärm, der uns erſchreckt hatte, käme. Zu meiner großen Befriedigung ſah ich, daß der Gang und die Treppen von einer Anzahl ſchweigender, ern⸗ ſter Geſtalten beſetzt waren. Ich kehrte zu dem Tiſch zurück, an welchem Mr. Morton ſaß. Er ſpielte ſei⸗ nen letzten Satz und verlor ihn. Er ſprang mit wir⸗ rem Blick, das Geſicht kreideweiß, auf und ſeinen ver⸗ biſſenen Zähnen entfuhr ein Ruf der Verwünſchung. Sandford und ſeine Genoſſen deckten voll Entzücken die Hand auf ihren Schatz. „Elender! Ehrloſer!“ rief Morton, ihn an der Kehle faſſend,„du haſt mich in's Verderben geſtürzt, zu Grunde gerichtet!“ „Allerdings,“ erwiederte Sandford gelaſſen, indem er ſich von dem Griffe ſeines Opfers losmachte,„und es ſcheint mir, die Affaire iſt geſchickt geleitet worden. Jetzt, mein lieber Herr, würden alle Ihre Klagen nutzlos ſein.“ Morton ſchaute ihn ſtillſchweigend, mit einem Aus⸗ druck der Verzweiflung an. „Einen Augenblick, Cardon,“ rief ich, plötzlich ein Packet der nachgemachten Banknoten ergreifend.„Es ſcheint mir, man hat den von Mr. Morton verlang— ten Einſatz nicht auf den Tiſch gelegt, denn dieſe Bank⸗ noten ſind falſch.“ e „Hund, der du biſt! Es ſcheint dir nicht viel an deinem Leben zu liegen!“ verſetzte Sandford, auf mich zuſtürzend, um die Banknoten wieder zu erlangen. Aber ich war ſo ſchnell als er und hielt ihm meine Piſtole auf die Bruſt. Die ganze Gaunerrotte drängte ſich ungeſtüum um uns her. Morton betrachtete die Scene mit ſtarrem Blick und wußte nicht, was er davon denken ſollte. — E — 254— 8 „Entreißt ihm dieſe Papiere,“ ſagte Sandford, Drei von ihnen, darunter Sandford, wurden zu „packt ihn, erwürgt ihn!“ lebenslänglicher Deportation, die Andern zu mehrjäh⸗ üi „Nehmt euch in Acht, Elende!“ rief ich,„eure rigem Gefängniß verurtheilt. 1 Stunde hat geſchlagen. Kameraden, herein, thut eure Meine Aufgabe war vollbracht. Meine Chefs be⸗ 4 Schuldigkeit.“ zeugten mir ihre Zufriedenheit und beförderten mich Im Augenblick war der Salon von den im Cor- bald zu einem höheren Poſten. Mr. Morton bekam ridor aufgeſtellten Policeiagenten beſetzt. Betäubt, ge⸗ ſeine Wechſel und ſein Geld wieder. Die Leiden, die. lähmt von dieſer plötzlichen Erſcheinung, verſuchten die er erduldet, machten ihm für immer die Spielhäuſer d Frevler nicht einmal einen Widerſtand, obwohl mehrere verhaßt, und er und ſeine Mutter zeigten ſich ſtets 4 derſelben bewaffnet waren, und ließen ſich in den Ker— dankbar für den erwieſenen Dienſt. a ker führen. Dr. B e. 3 0 — G ch d Die Ausgrabungen von Pompeji 8 im vorigen Jahre ſind von großem Intereſſe. Sie Büſten von Bacchantinnen und Faunen gearbeiteten 4 erfolgten gegenüber von den neuen Bädern, und es Theilen. Das Innere dieſes Möbelſtücks war vergol⸗ 5 kam hiebei ein Haus von ſechzehn Zimmern, ohne die det und enthielt zwei goldene Knöpfe oder Medaillons t Küche, Geſindeſtube und zwei Buden auf beiden Sei⸗ mit dem Kopfe der Penelope auf Emailgrund. Außer⸗ ten des Eingangs zu Tage. Das Periſtyl von un- dem ein großer goldener Ring mit geſchnittenem Kar⸗ b regelmäßiger Form beſteht aus vierzehn gelben und neol, von griechiſcher Arbeit, mit dem Namen des n weißen Säulen, mit der Eigenthümlichkeit, daß ſie im Graveurs, was ſolchen Dingen immer einen erhöhten n Innern Bleiröhren haben, welche ungefähr drei Fuß Werth gibt, noch verſchiedene andere Ringe und etwa e vom Pflaſter Waſſerſtrahlen gegen das Baſſin in der ſechzig Silbermünzen. Da die Malereien, wenn man Mitte des Atriums ſchleuderten, welches gleichfalls mit ſie ohne Bedeckung der Luft ausſetzte, bald zu Grunde 1 einer Fontaine und einem Amor auf einem die Ent— gehen würden, ſo hat man beſchloſſen, die beſten da⸗ führung der Europa darſtellenden Fußgeſtelle geſchmückt von nach dem Muſeum zu bringen, nicht indem man, war. In dem Atrium befand ſich noch ein eiſernes wie ſonſt üblich, ein Mauerſtück mit der Säge ablöst, Kohlenbecken mit Kohlen darin. Andere Gegenſtände ſondern das Gemälde nach einem in Rom gebräuch⸗ entdeckte man im Hauſe nicht, aber die Wandmalereien lichen Verfahren auf Leinwand überträgt, was durch waren von gutem Styl und trefflich erhalten, beſon⸗ zwei von dort berufene Künſtler unter Aufſicht des d ders in den Frauengemächern. Man ſah daſelbſt General⸗Inſpektors Giuſeppe Fiorillo und des Hofbau⸗* 4 Apollo und Daphne, die Entdeckung des Achilles in meiſters Gaetano Genoveſi geſchieht. Die Nachgra⸗ 3 Frauenkleidern durch Odyſſeus, das Urtheil des Paris bungen gehen jetzt methodiſch, aber raſch vor ſich, und 1 G mit eigenthümlichem Koſtüme dieſer klaſſiſchen Perſon. mit Aufdeckung der ganzen Stadt, wozu nach dem Der Maler hatte ihn dargeſtellt mit phrygiſcher Mütze, Maßſtabe deſſen, was bis jetzt bloß gelegt worden iſt, grünem Unterkleid ſammt gelbem Gürtel und rothem vier Jahrhunderte erforderlich wären, wird man jetzt, Mantel, gelben Strümpfen, weißen Schuhen mit wie es ſcheint, in fünfzehn Jahren fertig werden. rothen Sohlen und Abſätzen. Man hat eine Pferdebahn angelegt, um Erde und Aſche 1n In dem anſtoßenden Hauſe ſind die Wandmalereien aus der Stadt wegzuſchaffen, und eine große Anzahl 1 geringerer Art, aber die daſelbſt vorgefundenen Gegen⸗ Arbeiter iſt damit beſchäftigt, hinter den neuen Bädern I ſtände von großem Werth und Intereſſe. Im Atrium eine Straße zu eröffnen, welche von der Via di Stra⸗ befindet ſich ein Marmortiſch, deſſen beide Füße ge⸗ bia auf das Forum führt, und deren Durchbruch in⸗ 1 flügelte Löwen von ausgezeichneter Skulpturarbeit dar⸗ tereſſante Ergebniſſe verſpricht. Die Häuſer, welche O ſtellen; deßgleichen auf einem Fußgeſtelle eine vollkom- man im Beiſein des Königs Victor Emanuel, bei ſei⸗ men ausgeführte Büſte, wahrſcheinlich die des Haus- nem Beſuche in Pompeji, aufdeckte, ſind nur beſchei⸗. 1 beſitzers mit dem Namen C. Cornelius Rufus. Dazu dene Wohnungen im Hintergrunde des Forums, ohne kommen zwei Bronzebüſten, augenſcheinlich Porträts, architektoniſche oder dekorative Schönheit, aber merk⸗ 1 mit der Beſonderheit, daß ſie Augen von Glas und würdig wegen der Menge der daſelbſt gefundenen Bernſtein haben, nunmehr in dem National⸗Muſeum Bronzegegenſtände, Geräthſchaften und Medaillen. (früher Borbonico); ein großes Stück von einem 3 0); oße B. Bronzegeräthe mit ſechs vorſpringenden, elegant als *. —— 1 1 Der NRodja des Raiſers von Marocco. In den civiliſirten Staaten Europa's gibt es nichts und Naturallieferungen, Perſonalſteuern, Zollabgaben, Verwickelteres, als das Steuern⸗ und Abgabenſyſtem. Gewerbeſteuern, Stempelgebühren, Verbrauchsſteuern Da hat man Grundſteuern und Einkommensſteuern, und was dergleichen mehr iſt. Ja was noch bedeut⸗ direkte und indirekte Abgaben, Kriegsſteuern, Frohnen ſamer in die Wagſchale fällt, es gibt ſogar ein förm⸗ —, -— 255—— liches Finanzſyſtem, zu deſſen Studien man Jahr und Tag braucht, und es kommen Fälle vor, daß Einer viele Jahre und Tage daran ſtudirte und am Ende die Sache doch nicht losbekam! Wie ganz anders verhält ſich dies im Oriente und vor Allem in dem Kaiſerthume Marocco, woſelbſt noch ganz die Urverfaſſung aller deſpotiſchen Reiche exiſtirt! Hier herrſcht nur Einer, der Sultan oder Kaiſer, und außer ſeinem Willen gibt es keinen zwei⸗ ten mehr im ganzen Reiche. Darum heißt man ihn auch den Emir⸗-ul⸗Mumenin, d. i. den Fürſten der Gläubigen, oder noch beſſer den Khalifat⸗Allah⸗fi⸗ chalkihi, d. i. den Statthalter Gottes auf Erden, und dem Herrſcher, welcher den Allmächtigen repräſentirt, wird doch kein Sterblicher widerſprechen wollen? Lei⸗ der jedoch kann ſelbſt„der Statthalter Gottes auf Erden“ ohne Geld nicht exiſtiren, und abſonderlich iſt es ihm unmöglich, die vielen Ausgaben für ſeinen Hofhalt, für ſein Militär und für ſeine oberſten Beam⸗ ten zu beſtreiten, ohne daß er ſich„Einnahmen“ ver⸗ ſchafft, welche die„Ausgaben“ decken. Allein— braucht er ſich etwa über die Beſchaffung dieſer Ein⸗ nahmen lange zu beſinnen? Mein Gott im Himmel, nicht im Geringſten! Im Gegentheil, er erklärt ganz einfach ſeinen Kaids, daß er ſo und ſo viel Tauſende oder Hunderttauſende von ſchweren Piaſtern nöthig habe, und befiehlt ihnen, das Geld bis auf einen beſtimmten Tag zu ſchaffen; die Kaids aber wiſſen, daß dem Be⸗ den muß, und erlaſſen alſo ihrerſeits einen Befehl an die ſämmtlichen Unterthanen, ſo und ſo viel per Kopf parat zu halten, damit der„Einnehmer“, den ſie ſen⸗ den werden, d. i. der„Kodja“, nicht zu warten brauche, ſondern gleich wieder weiter reiten könne. Alles Geld alſo, das in den Staatsſchatz oder vielmehr in den Schatz des Sultans von Marocco fließt, geht durch die Hände der Kodja's, und es dürfte deßhalb nicht unintereſſant ſein, einen etwas ſchärferen Blick auf dieſe Sorte von Beamten zu werfen, denn ſie ſind es ja allein, welchen das ganze Finanzweſen des Kaiſer⸗ thums in die Hände gegeben iſt. Vor Allem muß man nun wiſſen, daß es nicht viele Kodja's in Marocco gibt, ſondern es beſitzt viel⸗ mehr nur jede größere Stadt und Provinz einen ſol⸗ chen; auf dem Lande aber oder in kleineren Bezirken reſidirt gar keiner. Der Kodja oder Oberſteuereinneh⸗ mer iſt ja ein hoher, vornehmer Herr, und mit die⸗ ſen pflegen, um ſprichwörtlich zu reden, die Straßen gerade nicht gepflaſtert zu ſein! Man ſieht übrigens, wenn man einem ſolchen Manne begegnet, auf den erſten Augenblick, wen man vor ſich hat, denn natür⸗ lich muß ſein Aufzug ſeiner Würde angemeſſen ſein, und— die Leute ſollen auch wiſſen, daß er kommt! Darum, ſobald ein Kodja ſich aufmacht, die Abgaben einzuziehen, iſt es ſein Erſtes, einen Herold voraus⸗ zuſenden, der überall laut verkünden muß, daß nun der Steuereinnehmer des Sultans erſcheinen werde, und daß man alſo das nöthige Geld in Paratſchaft halten ſolle. Den Tag darauf kommt der Kodja ſelbſt; aber natürlich nicht allein, ſondern in gehöriger Begleitung, indem im Oriente ein Großer dieſer Erde„ohne ein ſeiner würdiges Gefolge“ gar keinen Effekt machen würde. Da reitet alſo vor Allem neben ihm— denn natürlich iſt der Kodja beritten, oder wie wollte er ſonſt in einem Lande, wo es keine Straßen und keine Fuhr⸗ 8 werke gibt, vorwärts kommen?— ſein erſter Sekre⸗ tär, welcher alle eingehenden Summen notirt; dann kommt ſein Zahlmeiſter, der das Geld zählt, ob's rich⸗ tig iſt; weiter ſein Einnehmer, welcher den Beutel trägt; drauf der Schatzmeiſter, der eine Art von Con⸗ troleur bildet, und endlich eine Eskorte von zehn Schwerbewaffneten, welche gewöhnlich aus der ſchwar⸗ zen Leibwache des Kaiſers, der»Moros del Rey«, wie die Spanier ſagen, genommen ſind. Der Aufzug eines Kodja iſt alſo kein gewöhnlicher und macht um ſo mehr Eindruck, als die Nigger⸗ oder Mohren⸗Skla⸗ ven, aus denen die Leibwache des Kaiſers— zehn⸗ bis fünfzehntauſend Mann— gebildet iſt, allüberall im ganzen Reiche auf's Höchſte gefürchtet, und zwar nicht mit Unrecht gefürchtet werden. Sind ja doch dieſe Burſche ſtets bis an die Zähne bewaffnet, und ſcheuen ſich nicht im Geringſten, von ihren Waffen Gebrauch zu machen, ſondern hauen und ſchießen vielmehr ohne die geringſte Rückſicht nieder, was ihnen nur irgend quer in den Weg kommt! Unter ſolchen Umſtänden kann man ſich wohl den⸗ ken, daß der Kodja beim Eintreiben der Steuern oder Abgaben nicht allzu viele Umſtände macht, ſondern daß er vielmehr kurzweg in jede Stadt, in jedes Dorf, in jeden„Douar“ oder Weiler und ſelbſt in jedes „Gourbi“ oder einſame Gehöft einreitet und fordert, was er zu fordern hat. Auch ſetzt man ihm in den Stöädten nur ſelten irgend ein Hinderniß entgegen, ſon⸗ fehle des Statthalter Gottes unbedingt gehorcht wer⸗ dern man zahlt dort ohne lange zu unterhandeln oder auch nur zu fragen, was„per Kopf“ gefordert wird. Man weiß ja, daß der Kodja als Stellvertreter des Kaiſers auftritt, und daß dieſer ſeinen Unterthanen gegenüber keine Rechenſchaft ſchuldig iſt, warum er ſo viel und nicht weniger braucht. Er iſt der Herr und befiehlt, die Andern aber ſind die Knechte und haben zu gehorchen; alſo muß man in Gottes Namen bezah⸗ len, oder der Kodja thut, was ſeines Amtes iſt, d. h. er läßt die Häuſer der Widerſpenſtigen durch ſeine Mohren an allen vier Ecken anzünden und ſcheut ſich ſelbſt nicht davor, ein ganzes Quartier in Aſche zu legen! Sieht man nun, warum die Einwohner der Städte faſt immer, ohne zu murren, den Befehlen des Oberſteuereinnehmers Folge leiſten, ja warum die Reichen ſogar bereit ſind, das Kopfgeld für die Zah⸗ lungsunfähigen entweder vorzuſtrecken oder aus dem eigenen Beutel zu erlegen? Sie thun es, um einer Execution vorzubeugen und ihre Habe vor Vernichtung zu retten! Doch die Einwohnerſchaft des Kaiſerthums Ma— rocco lebt nicht blos in den Städten, ſondern auch auf dem Lande, und da geht's, beſonders in den gebirgi⸗ gen Theilen deſſelben— nicht immer ſo glatt ab. Dort in den höher gelegenen Thälern des Atlas ſind nämlich die noch ziemlich wilden Stämme der Schellöchen und Amazirghen zu Hauſe, und dieſe gebahren ſich unter ihren Häuptlingen oder Scheikhs weniger als ſervile Unterthanen des„Khalifet⸗Allah⸗fi⸗ chalkihih“, denn vielmehr als unabhängige Muſelman⸗ nen, welche Niemanden über ſich erkennen, als den Allah⸗il⸗Allah und Mohamed ſeinen Propheten. Da⸗ rum empfangen ſie oft den Kodja, ſtatt mit Geld, mit Flintenſchüſſen, oder flüchten ſie ihre beſten Habſelig⸗ keiten und verbergen ſich ſelbſt in den unzugänglichen Schluchten des Gebirges. Allein ein längerer Wider⸗ ſtand gelingt ihnen doch nur ſelten, denn die tollen * in Kampf ein und zünden ihnen ihre Douars über dem B, und darf vor ein bischen Gewehrfeuer, ſowie vor ein paar Todten und Verwundeten nicht zurückſchrecken. Iſt er aber der rechte Mann, ei nun, dann entſpricht auch ſein Anſehen wie ſein Einkommen ſeinen Müh⸗ ſeligkeiten, denn daß von der Kopfſteuer, die er ein⸗ zieht, ein kleinerer oder größerer Theil auch an ſeinen Mohren, welche den Teufel ſelbſt nicht fürchten, laſſen ſich ſogar mit einer zehnfach überlegenen Anzahl von Kabylen(wie die Bergvölker Marocco's auch heißen) -= 256—— Kopfe an. Daraus erhellt aber auch, daß man keinen Feigling zum Kodja machen darf, denn dieſer würde nur wenig Steuern einbringen. Im Gegentheil, der Mann muß das Herz auf dem rechten Fleck haben, Fingern hängen bleibt, kann man ſich denken, und eben ſo gewiß iſt, daß ihn nie irgend Jemand wegen dieſer ſeiner„Selbſtverſorgung“ zur Verantwortung zieht. Hat nun der Leſer einen Begriff von den Kodja's im jetzigen Kaiſerthum Marocco? Th. Gr. keinen würde „ der jaben, — nen lernen?“ - 257— Aſpenſtudien. Humoriſtiſche Skizze. (Taf. 17.) „Der Bub muß ein Maler werden, er hat ſo viel Freude an den Farben,“ ſagte die wohlhäbige Wirthin zum„Vollen Schmalzhafen“, wenn der kleine Xaverl wieder eine Farbenſchachtel verconſumirt hatte, einen Zwanziger zu einer neuen verlangte, und alle Holz⸗ ſchnitte der Bücher, deren er habhaft werden konnte, zum zweiten- und drittenmale, und ſeine Bilderbogen mit greifbarem Impaſto illuminirte.„Hat er nicht ſchon auf dem Sitzerhäfele mit Süßholzſaft gemalt und Häuschen mit der verſchütteten Milch gezeichnet? Hat er nicht neulich den einäugigen Sepperl mit ſeinem Stelzfuß zum Sprechen getroffen, daß die Leut' gleich ausg'ruft haben: das iſt der Sepperl? Und wie er die Kapellen und die Ruhbank mit den drei Kreuzen g'malt hat'skleinſt Kind g'ſehn, daß dies der Calvarien⸗ berg iſt. Die Maler das ſind g'machte Leut), man ſieht's ja an denen, die zu uns in die Wirthſchaft kommen. Es fehlt ihnen an gar nichts, wenn ſie ein Geld haben, und das kriegt einmal mein Xaverl, denn der Vater ſeliger hat ihm ein Schönes hinterlaſſen. Alles muß er mir lernen, ich bezahl's, die ganze Kunſt, und das iſt faſt ſchöner als das Pfarrerhandwerk, und luſtiger, und es ſtirbt die Familie nicht dabei aus. Hat nicht der g'ſchickte Maler, zu dem der König ſchon zweimal ſelber auf d'Stuben kommen iſt und auf deſ⸗ ſen Reden die jungen Anfänger wie auf's Evangelium horchen, jedesmal den Hut abgenommen, wenn er die Kunſt genannt hat? Alſo ein Künſtler ſoll der Xaverl werden, und zwar ein Maler, das iſt kein ſchwer's G'ſchäft und greift ihm die Nerven nicht an, wie das Bildhauen, auch ſitzt ihm da der Steinſtaub nicht auf die Bruſt.“ Der Xaverl war alſo zum Maler beſtimmt und verſchmierte noch manche Schachtel Nürnberger Farben, bis er das Alter hatte, in die Lehre zu treten. Mutter ging nun mit ihm in die Stadt und fragt nach dem feinſten und geſchickteſten Maler. Dem ſagt ſie, ſie hätte eine große Bitt an ihn, er möcht' aus ihrem Xaver einen Maler machen, und fragt, was das Lehr⸗ geld mache und wann er wohl ausgeſchrieben werde. „Einen Maler?“ ruft der erſtaunte Künſtler aus, einen Blick auf den rauhborſtigen Jungen werfend.„Ja,“ ſagt die Mutter mit Andacht,„zum Maler iſt er ge⸗ boren, denn wenn ihn Alles langweilt, unterhält ihn Xaverl dem König ein prächtiges Luſtſchloß gemalt und dafür eine ganze Hand voll Dukaten empfing.“ „Der Junge hätte alſo ſchon gemalt?“ fragte der Farbe.“ Da muß es ja wüthend drauf losgehen,“ lachte der Herr Maler. Treuherzig gibt ſie zur Antwort: „G'lernt hat er's nicht, aber er kann's. Auch will er eigentlich ein Maler werden, und kein Zeichner.“ „Liebe Frau,“ ſagt endlich der Künſtler mit wohl— wollendem Lächeln,„Ihr ſeid bei mir nicht vor die Feierſtunden. 1863. Die gibt's bei mir mehr für einen Maler zu lernen, als rechte Schmiede gekommen. Euer Xaver bekäm' bei mir vielleicht in Jahr und Tag noch keinen Pinſel in die Hand, auch nehm' ich überhaupt keine Lehrlinge an, und möchte Euch den Rath geben, Euch an den Zim⸗ mer⸗ und Dekorationsmaler Weißmann in der Türken⸗ ſtraße zu wenden, denn das iſt derjenige, der des Kö⸗ nigs Schlöſſer malt, und dem Pinſel Eures Sohnes den weiteſten Wirkungskreis anweiſen kann. Durch dieſen wackeren Meiſter kann Euer Traum im eigent⸗ lichſten Sinne in Erfüllung gehen.“ Meiſter Weißmann hatte juſt keinen Grund, das Geſuch der guten Frau abzuweiſen, die ſich von freien Stücken erbot, einen Theil des Lehrgelds vorauszube⸗ zahlen. Er gab dem entzückten Kunſtjünger gleich am erſten Tage einen mit der prächtigſten Farbe geſättig⸗ ten Pinſel in die Hand, und ließ ihn damit eine An⸗ zahl zu Aushängeſchilden beſtimmte Tafeln bemalen, weihte ihn ein in die Geheimniſſe des hellen Ockers, des Kugellacks und der Bleiweißfarbe, und wies ihn zur beſſeren Ausfüllung des leeren Schulſackes zum Beſuche einer Abendſchule an. Eines Abends aber kam Xaverl verſtockt und mürriſch nach Hauſe und wollte auf die Frage, was er in ſeinem Kopfe habe, durchaus nicht Farbe geben, obſchon dies ſein Lebensberuf werden ſollte. „Sie ſagen in der Abendſchule,“ platzte er endlich heraus,„daß ich nur ein Anſtreicher, aber kein Maler wär'.“„Iſt es nur das?“ antwortete der Meiſter. „Nun, ich übernehme allerdings Anſtricharbeiten und verdiene daran ein Geld, an dem ſich der beſte Maler nicht ſchämen dürfte, hinwiederum aber habe ich auch Dekorationsmalereien hergeſtellt, an denen ſich ebenfalls kein Maler ſchämen dürfte, an der verdienſtlichſten Arbeit aber weniger verdient, als am gewöhnlichen Häuſerverblenden und Oelfarbanſtrich. Im Uebrigen du in deiner Lehrzeit begreifen lernſt. Dieſe Käſten enthalten meine Studienmappen und Skizzenbücher und vieles Ausgeführte. Wenn du das zu machen verſtehſt, dann ſuch' dir einen beſſeren Meiſter. Was mich be⸗ trifft, ſo ſuche ich mit meinem Pinſel das Wahre allei, das Malen noch; auch hat's mir geträumt, wie ein Butterbrod, einen / (hiebei machte er das bekannte, auf Geld anſpielende Zeichen mit dem Daumen und Zeigefinger), bekümmere mich aber wenig um die Gloire.“ Am nächſten Abend nahm der Meiſter den Xaver mit zu einem Bräu, wo ſie viele Künſtler und am Tiſche gegenüber faſt eben ſo viele Gypſer und Anſtreicher fanden. Jene aßen „Radi“ oder ein Scheibchen Käſe, was ſie ſich in der Regel ſelbſt herbei holen Künſtler.—„Ja wohl, und das viel,“ antwortet die Wir hin,„denn er braucht alle vierzehn Tage friſche mußten. Die Anſtreicher aber ließen ſich mit Niern⸗ braten und Schinken bedienen. Xaver ſprach beim Meeſſer hierüber ſeine Verwunderung aus.„Du ſiehſt,“ „Hat denn Euer Xaver auch zeich⸗ ſagte dieſer,„die Kunſt geht nach Brod, der ſolide Gewerbsmann aber hat es.“ Durch dieſes argumentum ad hominem wäre nun Xaver ſicher in das rechte Geleiſe gekommen, wäre er nicht einem gewiſſen mißrathenen Genie in die Hände gefallen, einem jener Edeln, die Außerordentliches lei⸗ ſten auf der Bierbank, und trefflich zu kritiſiren ver⸗ 33 - 258—— ſtehen, ſelbſt aber nichts machen können. für den Xaverl, der immer„ Späne“ hatte, ganz beſon⸗ deres Intereſſe, ſetzte ihm Mucken von ſeinem Talente und Berufe zur Kunſt in den Kopf, und beredete ihn, ſeinen ſo geſchickten als rechtſchaffenen Meiſter zu ver⸗ laſſen. Xaverl zählte nun bald in den Vorleſungen und Lectionen als Kunſtſchüler mit, und wenn er auch wenig profitirte, ſo bezahlte er doch. In ſeiner Woh— nung hatte er ſo gut als ein Anderer ſeine Staffelei aufgeſtellt, vor der er ſich für die Frau Mutter pho⸗ tographiren ließ, und die Wände mit Skizzen beklebt. Verbrauchte er auch nicht mehr in einigen Wochen ſei⸗ nen ganzen Vorrath an Farben, ſo ging ihm das Malen doch immer noch flink genug aus der Hand, und er hatte das Vergnügen, in einer Copirfabrik an⸗ geſtellt zu werden, in welcher zur Ausfuhr nach Ame— rika berühmte Originalgemälde, meiſt aber, der Be⸗ quemlichkeit wegen, nur Copien copirt und ſchlecht, aber immerhin noch über Verdienſt bezahlt wurden. Als jedoch in Folge einer großen Finanzkriſe die Beſtellungen bei jener Copirfabrik ausblieben, mußte Xaverl auf eine anderweitige Thätigkeit, auf ſelbſt⸗ ſtändige Arbeit bedacht ſein. ſeine Bekannten, deren Ateliers er beſuchte, um ihre Skizzenbücher mit Waldparthien, Waſſerfällen, Eisfor⸗ mationen, Viehſtücken und Hirtenſcenen, die ſie im Sommer auf ihren rol und in der Schweiz geſammelt hatten. Wie leicht hatten dieſe nun im Herbſt und Winter zu arbeiten, da ſie ihre Berggipfel, Thäler und Schluchten in ihren Compoſitionen nun beliebig verwenden konnten. reizten ihn die Wildſchützen⸗, Gemsjäger⸗ und allermeiſt die Sennerinnengeſchichten, die er Abends beim Bier⸗ kruge erzählen hörte.„Du mußt ganz nothwendig in's Gebirg, Alpenſtudien zu machen,“ Freund, jener mißrathene Künſtler, geſagt, der wegen gewiſſer Vorgänge in den Bewegungsjahren gewöhnlich der Hecker genannt wurde.„Ich ſage dir,“ ſagte der Hecker,„thu' Geld in deinen Beutel, alles Andere kannſt du mir überlaſſen.“ Xaverl wußte der Frau Mutter klar zu machen, daß erſt die Natur den Künſt⸗ ler, den Maler wie den Dichter, bilde; ſie ſandte Geld, und der nächſte Sommer fand auch Xaverl in den Alpen, ſchöne Landſchaften und intereſſante Menſchen zu ſuchen. den Wieſen von Berchtesgaden machten nur geringe Wirkung auf unſern Künſtler; es wollte ihm nichts recht gelingen, was, wie ihm der Hecker bewies, offen⸗ bar nur daher kam, daß alle dieſe Motive zu bekannt und zu verbraucht ſeien. weit unter Xaverl's Erwartung Lichteffekte und Farbenſpiele ſchienen ihm unbedeutend. Die meiſte Aufmerkſamkeit wurde noch roler und dem welſchen Ferndigen geſchenkt. beſchloß, in die Schweiz zu gehen, beſſere Ausbeute geben müſſe. Wie Man wo es ganz ſicher Aber merkwürdig, die Alpen und reizen⸗ Der Sonnenaufgang war geblieben, und die dem ſüßen Ty- Wie beneidete er da Streifereien im Oberlande, in Ty- hatte ſein guter des Miütterchen, ihm, hellere und friſchere Stimme, riſchen Gebirgstracht herabſteigen ſehe!“ Dieſer zeigte legte ſitzend in wenigen Sekunden den Weg von einer Stunde zurück. Erſchöpft blieb er liegen, Schmerzen und tröſtete ſich, Genick nicht gebrochen. durch das Fernglas nach rieb ſich die daß er hiebei doch das Mit Sehnſucht ſah er jetzt dem Führer, der den Pro⸗ viant in ſeinem Schnappſacke trug. Daß dich der Henker! Wohlgemuth ſaß der Wicht noch oben und ließ ſich's wohl ſein, und als er nach einer Stunde, den Alpſtock zwiſchen die Beine ſtemmend, herabritt; befand ſich nur das leere Skizzenbuch, das ihm zu zähe war, noch im Schnappſack. Halb todt im Gaſthauſe angekommen, überreichte ihm ſein Freund die Farben⸗ ſkizze einer nahen berühmten Parthie, die er von einer mitgebrachten Lithographie durchgebauſt hatte, und theilte als ſie beim Glaſe ſaßen, mit, daß er hundert Schritte vom Hotel einen Jodler vernommen, eine als er jemals eine ge— troffen. Welche Kraft und Biegſamkeit! welche Rein⸗ heit in den oberen Tönen, welches wunderbare Fiſtu⸗ liren! Du kannſt dir aus dieſer Prachtſtimme leicht den ganzen Sänger conſtruiren. Ich brenne vor Verlan⸗ gen, bis ich den ſchönen, ſtolzen, gliederſtarken, wan⸗ genfriſchen, braungelockten Alpenhirten in ſeiner male⸗ „O das iſt herrlich!“ rief Xaverl,„den Kapitalkerl werd' ich ma⸗ len unter allen Umſtänden.“ Der Jodler ließ jedoch auf ſich warten, ſo oft auch an der gegenüberliegenden Halde ſeine„göttliche“ Stimme erſcholl. Endlich, es war am vierten Tage, ſchritt ein— bucklicher Knirps mit rothem Haare, in Lumpen gehüllt, durch die Büſche und forderte ein Trinkgeld für die ihnen durch ſein Jodeln verſchaffte Unterhaltung. Nicht beſſer ging unſeren Künſtlern mit der Mol— kenlieſel am Mythen, von der Xaverl eine vor zwan⸗ zig Jahren gedruckte herrliche Schilderung geleſen. Sie verwandten zwei Tage dazu, die ſchlanke, reizende und ſchalkhafte Sennerin in ihrer Sennhütte aufzuſuchen. Die Molkenlieſel war das allerdings geweſen, ſie zählt jetzt aber etliche und fünfzig Frühlinge und ebenſoviele alternde Winter. Die Reiſenden, die eine junge Sen⸗ nerin zu finden gehofft, wie ſie in den Romanen, nir⸗ gends aber auf den Alpen exiſtiren, trafen ein altern⸗ und als dieſes, ihnen die Suppe bringend, auf die Löffel ſpuckte und ſie mit der Schürze ausrieb, kamen die Gäſte auch um den letzten Reſt von Romantik. Inzwiſchen wurde Kaſſenſturz gehalten, und da es die Mittel erlaubten, beſchloſſen, die Alpenſtudien fort⸗ zuſetzen. An dem in ſtiller Einſamkeit zwiſchen den hohen Waldgebirgen liegenden Vierwaldſtädterſee fanden ſie Geßners Denkmal, einen großen Felsblock mit ein⸗ gegrabener Inſchrift, ſuchten aber unter den rauhen, ſchmuckloſen Hirten der Umgegend die Vorbilder ſeiner Idyllen umſonſt. Auf dem Wege zum Rigi machten unſere Maler nun aber die Bekanntſchaft zweier hüb⸗ ſchen, Alpenblumen ſammelnden Sennerinnen, deren Dort aber gab's heiße Tage und anſtrengende Märſche. Xaverl's Begleiter blieb gewöhnlich in den Sennhütten und Gaſthäuſern ſitzen, während dieſer im Schweiße ſeines Angeſichts die Höhen beſuchte. Das hätte er, meinte Xaverl, als er eine Spitze der Frohn⸗ alp erſtieg, früher bedenken ſollen, daß das Wort Schwyz von Schwitzen komme. Als er mit unſäg— licher Mühe, den Fußſtapfen des Führers folgend, das Plateau beinahe erreicht hatte, glitſchte er aus, Koſtüm wirklich maleriſch und deren Naivetät bezau⸗ bernd war; kurz wahre Ideale von Sennerinnen, wie ſie ihnen nicht reizender vorgeſchwebt, und von dieſen lieblichen Alpenkindern bezaubert, quartirten ſie ſich auf mehrere Tage in dem nahen Gaſthauſe ein. Auf der einen ihrer Wallfahrten zu der Sennhütte holten ſie einmal einen kleinen Jungen ein, der einen Brief trug, und fragten ihn, wem er denſelben bringe.„Den und Jungfern da drüben.“„Wie, ſind die Mädchen nicht —— on einer ſich die och das er jetz en Pro⸗ ich der den und Stunde, rabritt, zu zähe ſthauſe datben⸗ in aner theilte hundert —, eine ine ge⸗ Rein⸗ Fiſtu⸗ icht den Verlan⸗ wan⸗ male⸗ das iſt h ma⸗ jedoch genden ich, es Nnirps Büſche h ſein Mol⸗ zwan⸗ Sie e und ſuchen. zählt ſoviele Sen⸗ nir⸗ ltern⸗ Suppe ſeiner chten hüb⸗ deren tzau wie ieſen auf f di ſie trug, Den richt rin, welche ihm freundlich die Zeit bot. - 259— „Noi wärrli,“ war die auf dieſer Alp zu Hauſe?“ Antwort,„die ſind nor im Sommers da, daß die Fremden auch Unterhalt haben, im Winter ſchenken ſie Bier in der Stadt ein.“ Die beiden Herren ſahen einander verblüfft an, blieben ſtehen und kehrten nach einer Pauſe ſchweigend nach dem Hotel zurück, von wo und ſprang ſchließlich über eine Kluft hinweg, wohin ſie an demſelben Tage noch aufbrachen. Auf dem Rigi war es mehrere Tage neblicht ge⸗ weſen und der Hecker erklärte dem Taverl, daß er Luſt habe, mit den eben aufbrechenden Fremden abzureiſen, da es ihm zu windig ſei und er ſich in den letzten Tagen erkältet habe.— Xaverl konnte ſich noch nicht hiezu entſchließen, da ſein Skizzenbuch beinahe noch leer ſei, und verſprach, den Hecker im Städtchen Einſiedel wie⸗ der zu treffen. Inzwiſchen begann es ſich aufzuhellen. Xaverl ſpannte eine Leinwand auf und ließ ſich dieſe nebſt Schirm, Staffelei und Farbenkaſten auf einen Felſen⸗ vorſprung am Abhange des Gebirges tragen, wo er Tags zuvor eine höchſt pittoreske Felſenparthie entdeckt hatte. Xaverl ſetzte ſich zurecht, beſtimmte die einzel⸗ nen Punkte, entwarf die Umriſſe und hatte das Ver⸗ gnügen, eine ganz paſſabele Skizze entſtehen zu ſehen, die er ſofort zu grundiren begann. In den nächſten Tagen ſetzte er die Arbeit fort, er mußte mit ihr zu Schlag kommen, da jetzt die Baarſchaft zu Ende ging, und er wollte doch wenigſtens eine erkleckliche Frucht ſeiner Alpenſtudien aufweiſen können. ihm der Hecker: mit der Beleuchtung wußte er nicht zurecht zu kommen. Bald rückten die Lichter ſei⸗ ner Landſchaft vor, und bald die Schatten, und end⸗ lich wurde ſie ganz von neidiſchen Nebeln verhüllt. Hat ſich denn Alles gegen mich verſchworen, daß ſelbſt verlangte, die aber, du ſokriſches Vieh!“ Xaverl ſtand einen Augenblick ſtarr vor Entſetzen, dann zog er das Meſſer, und rannte hinauf, den Zerſtörer ſeines begonnenen Meiſterwerks niederzuſtrecken, der aber führte in ſeinem Siegestaumel einen ganz verfluchtigen Tanz vor Xaverl auf, der ihm zu jeder anderen Zeit den größten Spaß gemacht hätte, ihm Xaverl nicht folgen mochte, ſondern ihm nur als Stellvertreter einen Stein nachſandte. Der unglückliche Künſtler nahm ſeinen Malkaſten und ſtieg herab, packte Schirm und Staffelei zuſam— men, ließ die Sennerin ſitzen und wanderte, mit Gott und der Welt, vor Allem aber mit der Kunſt zerfallen, dem Gaſthofe zu, wo er ungeſäumt ſeine Rechnung o ſchrecklichſter der Schrecken! ſeine Baarſchaft überſtieg. Als er dem Wirthe vorſchlug, Nun aber fehlte die Natur mein künſtleriſches Schaffen unterbricht? Mißmuthig ſchlenderte er, das Skizzenbuch in der Hand, in der nächſten Umgebung umher, um indeſſen viel⸗ leicht einige Baum⸗ oder Felsgruppen aufzunehmen. Da traf er an einem Fußpfade eine neben ihrer Milch⸗ butte ruhende und von ihren Ziegen umgebene Senne⸗ Das war auf jeden Fall etwas ganz Echtes und keine verkleidete Städterin. xaverl griff zum Bleiſtift und überlegte, wie dieſe friſche, derbe Gebirgsnatur wohl aufzufaſſen wäre. Von Xaverls Artigkeiten wollte ſie nichts wiſſen.„Ich werd' ſchon ganz ekelhaft,“ ſagte ſie,„wann ſo an Herr ſo dalkiges Zeug red't.“ Während nun Xaverl mit der Bäurin unterhandelt,„ob's ihr nicht gleich ſehe,“ ihm zu einem Bilde zu ſitzen, wird der in der Nähe weidende Bock kurios, was denn da oben paſſire, und ſchleicht ſich zu Taverl's Staffelei hinauf. Der aufgeſpannte Schirm weht im Winde und nickt, das nimmt der Bock für eine Herausforderung, das macht ihn ganz boshaft. Wüthend geht er einige Schritte zurück, duckt ſich zum Angriff und läuft, da er den Schirm nicht erreichen kann, Sturm gegen die Lein— wand, bis ſie durchbohrt iſt, und der ganze Apparat zu dem plaudernden Eigenthümer in die Tiefe ſtürzt. „Jeſ's und Marie!“ ſchreit die Sennerin,„da ſchmeißt das ſchandli Thier Ihna ihr ganza Verrichtung obi!“ Gemüthlich ſtand der Gaisbock oben und ſah, vergnügt mit dem Schwanze wackelnd, Stühlchen, Palette, Schirm und Staffelei den Abhang hinabrollen.„Mer ſollt' dir,“ fuhr darüber ergrimmt die Sennerin fort,„das ganze G'läuf aſchlag'n, na, mer ſollt' die äweck ſchieß'n, ihm für den Reſt etwas Schriftliches zu hinterlaſſen, ſtellte dieſer, ohne ein Wort zu verlieren, eine Un⸗ terſuchung an, von welcher Qualität wohl Xaverl's Ueberrock ſei. Das war verſtändlich, und dieſer durfte ſich Glück wünſchen, von einem Berliner Maler drei Thaler für ſeinen Malkaſten erhalten, ſeine Rechnung bezahlen und abreiſen zu können. Das Marſchiren ging vortrefflich von Statten, wenigſtens wurde unſer Paſſagier nicht von vielem Gepäcke beläſtigt. Der letzte Viertelfranken war aus— gegeben, als er in die Gegend von Einſiedel gelangte. Um Schutz vor der glühenden Sonnenhitze zu finden, und ſich ein wenig auszuruhen, ſetzte ſich Xaverl in eine der Hütten oder Schilderhäuſer, die dort an der Straße ſtehen. Während er nun ſo da ſaß, auf das Knurren ſeines hungerigen Magens lauſchte und ſeuf⸗ zend und mit gefalteten Händen über ſein trauriges Schickſal nachdachte, kam eine Proceſſion wallfahren⸗ der Pilger vorüber. Neugierig betrachtete Xaver dieſe Leute und war nicht wenig überraſcht, als ihm einer der Pilger einen Rappen in den Schooß warf. Jene Hütten ſind nämlich von Bettlern zum Ausbeuten der Wallfahrer errichtet, und waren von dieſen, ſo lange die Hitze herrſchte, verlaſſen worden. Obgleich ärmer als die gewöhnlichen Inſaßen dieſer Baracken konnte doch unſer Maler ein lautes Lachen nicht unterdrücken, ſo daß er von den Folgenden für blödſinnig gehalten und noch reichlicher beſchenkt wurde. Was konnte der Burſche Klügeres thun, als die kleine Unterſtützung einzuſtecken, um die immer ungeſtümer werdenden Forderungen des Magens zu befriedigen? Der Hecker lag noch krank im Spital, und wenn er einiges Geld beſaß, ſo behielt er es weislich für ſich. Dankbar für die ſeltſame Führung des Himmels begab ſich Xaver in's nächſte Gaſthaus, um ſich einen Krug Bier und etwas zu einem Brode geben zu laſ⸗ ſen. An einer langen Tafel ſaßen hier in bloßen Hemdärmeln zehn bis zwölf Arbeiter, ein anſtändiges Lied ſingend, das aber in demſelben Augenblicke ver⸗ ſtummte, in welchem das Mittageſſen aufgetragen wurde. An den Oelfarbflecken ihrer Kleider ſah unſer Maler ſogleich, daß es Anſtreicher waren, die, wie er nach⸗ her erfuhr, vor dem großen Feſte die Abtei noch her— ausputzen ſollten. Erröthend gedachte er jenes Abends, an dem ihn Meiſter Weißmann mit ſich in's Bräuhaus genommen. Nach Tiſche ging der Würfelbecher herum, den Wein„herauszumachen“. Die Leute ließen ſich's wohl ſein und der Meiſter kam, ſie zum Aufbruche zu mahnen. Indeſſen ließ auch er ſich ein Schöppchen 33* 2* bringen, ſetzte ſich an den andern Tiſch zum Xaverl, ein Wort gab das andere, und als er dieſen die kleine Zeche etwas verlegen mit lauter Rappen bezahlen ſah, fragte er ihn, ob es dem Herrn nicht paßte, einige Wochen bei ihm zu arbeiten, es gebe ſo Manches in deer Abtei, das er ſeinen Leuten nicht anvertrauen könne, und einen eigentlichen Künſtler erfordere. Xaverl war zufrieden und begann des andern Morgens die Schnör⸗ kel und Zierathen der geſchmackloſen Kloſterkirche zu renoviren, und die trompetenden, an der Decke herum⸗ flirrenden Engel mit den ſchönſten Farben herauszu⸗ putzen. Xaverl ſchrieb indeſſen an die gute Frau Mutter um Geld, erhielt aber die niederſchlagende Nachricht, daß ſie in der letzten Zeit in den Vermögensumſtänden ſehr herabgekommen ſei, und ihr der„Schmalzhafen“ von den Gläubigern wahrſcheinlich genommen werde. Der Xaverl, der gewiß bald ihre Stütze werde, ſei jetzt ihre einzige Zuverſicht; Geld könne ſie ihm aber vor Austrag der Sache keines ſchicken. Nach Verfluß von drei Wochen trat Xaverl mit ſei⸗ ner geringen Erſparniß die Heimreiſe an. Es that's nicht länger hier, das ſah er ſelbſt, denn er war we⸗ der ein rechter Maler, noch ein rechter Anſtreicher. Der Hecker war indeſſen kurirt worden und ging mit; die Freundſchaft war aber ſeit dem Abſchiede auf dem Rigi ſehr kühle geworden. - 260— Eines ſchönen Abends trat Xaverl beſcheiden in die Wohnſtube des Meiſters Weißmann, und bat demüthig, ihn wieder in ſein Geſchäft aufzunehmen. Er habe ſich überzeugt, daß er eigentlich doch nicht für die Kunſt geboren ſei, und fürchten müſſe, ganz in der Kunſt aufzugehen.— Herr Weißmann war ſchon im Begriffe, den Bittenden ſpöttiſch abzuweiſen, als er einen Blick auf das Aeußere des herabgekommenen jungen Mannes warf. Gleichwohl konnte er den Spott nicht ganz un⸗ terdrücken.„Sie können bei mir eintreten,“ erwiederte er,„und da Sie als Maler ſchon einige Vorkenntniſſe in unſerem Fache beſitzen, können Sie vielleicht bei ge⸗ höriger Ausdauer bald ausgeſchrieben werden und als Geſelle bei mir Lohn machen.“ Xaverl, der wohl nur ein mittelmäßiger Künſtler geworden wäre, ward ein ganz tüchtiger Gypſer und Zimmermaler, deſſen feinere, dekorative Arbeiten auch. einem gebildeteren Geſchmacke genügten, und ſeine Mut⸗ ter, die den„vollen Schmalzhafen“ zwar verloren, aber im Hauſe ihres Sohnes wieder fand, erlebte die buch⸗ ſtäbliche Erfüllung ihres Traumes, daß nämlich Xaverl. dem König ein Landhaus male und dafür eine ganze Hand voll Dukaten bekomme, denn das Handwerk hat einen goldenen Boden. C. F. A. K. Der Erbe. Novelle von Ferdinand Kürnberger. J. Es lag ein alter Schieferbruch außer dem Dorfe auf der Haide. Die Haide war eine ſaufte Hochfläche und trug ihren Namen vielleicht aus irgend einem wüſten Jahrhundert der Vergangenheit. Jetzt war die Haide eine Feldflur, welche in der fruchtbarſten Fülle des ſüddeutſchen Anbaues prangte: Obſt und Wein, Korn und Gemüſe, Wieſen und Wäldchen gingen in freundlicher Abwechslung über ſie hin und machten ihre Fläche zu einem faſt ununterbrochenen Garten. Ein einziger Bruch war in dieſem Garten, der alte Schie⸗ ferbruch nämlich. Der lag da wie ein Riß im Kleide, wie eine offene Wunde im Fleiſche. Mitten im Grü⸗ nen und Fruchtreichen einige Morgen rohe und bil⸗ dungsloſe Erde, ein unerfreuliches Durcheinander von Schutt⸗ und Trümmerhaufen, Löchern und Gruben. Nackt, wie durch's Sieb geworfen, ſtarrte die ſtahl⸗ graue Sandſtätte, nicht die dünnſte Grasnarbe, kaum der Gamander, wurzelte hie und da, dagegen hatten Erdſpinnen überall ihre Weben ausgeſpannt, welche im Hochſommer voll Staub oder nach thaureichen Nächten voll Tropfen ſtanden, und in den Einſenkungen faulte das Grundwaſſer oder die Hefe eines längſt vergeſſenen Regens, unter deſſen grüner Schlammdecke melancho⸗ liſch der Unkenruf ſeufzte. Es war ein widriger Ort. Zu keiner Stunde liebte irgend ein Menſch den alten Schieferbruch, und vollends an Sommermittagen rannte der Wanderer vorbei wie an einem kleinen Fegfeuer. Eine Temperatur brütete über der ſchwarzgrauen Erd⸗ blöße, die um Vieles höher war, als rings in der nächſten Umgebung, wo das kühlige Grün die Son⸗ nengluth dämpfte, oder der Anblick von Gurken, Kür⸗ biſſen, Trauben, reifenden Baumfrüchten mit den Wirkungen der Sommerbrutwärme wenigſtens die Fan⸗ taſie ausſehnte und Bilder des Genuſſes vor die lüſter⸗ nen Sinne brachte. Und doch ſtand eines Tages ein Mann vor dem Schieferbruch und betrachtete die Schutthalden mit Blicken, welche nicht nur kein Mißfallen ausdrückten, ſondern Intereſſe und Theilnahme. Es war ein brau⸗ ner, rüſtiger Mann, in der Tracht nicht eben bäuriſch, aber ländlich bequem, faſt nachläſſig. Sein Geſicht war voll ſtarker und bedeutender Züge, aber keiner der⸗ ſelben war angenehm. Es war ein Gepräge von Kraft und Leidenſchaft, von Eigenwillen und trotzigem Selbſt⸗ bewußtſein. Keine Spur von Zufriedenheit lag darin, wohl aber Schmerz, Bitterkeit, Haß, ja faſt Wild⸗ heit, wenn gleich nicht gemeine thieriſche Wildheit. Er war in einer Art von träumeriſchem Grollen aus dem Dorfe heraufgekommen, ungefähr wie Einer, der in's Freie geht,„um ſich zu zerſtreuen,“ was aber nie etwas anders heißt, als erſt recht ſich zu ſammeln. ——— - 261—— Jdie In der That hatte die ganze Landſchaft ihm keinen Wirthshäuſern, und gingen in's Zuchthaus nur im thig Blick abgewonnen, als er plötzlich vor dem Schiefer⸗ äußerſten Nothfalle. habe bruch ſtehen blieb. Der Anblick des wüſten Grund⸗ V Kurz, keinem Menſchen in Ballendorf war es ein— unſt ſtücks feſſelte ihn wie ein verwandtes Weſen. Gibt es gefallen, daß ein Grundſtück, welches Schiefer gegeben, unſt doch Augenblicke, wo uns die bekannteſten Gegenſtände noch was Anderes geben könne. Und als der Schie⸗ riffe plötzlich wie neu erſcheinen. Vielleicht darum, weil V ferbruch nicht mehr rentirte, ließen die Ballendorfer Blick wir einen neuen Gedanken über ſie haben. Gedanken⸗ ihn liegen wie eine ausgepreßte Citrone. Da kam ein mnes voll genug ſtand der fremde Mann da. Endlich hob Mann, ein Fremder, ein Menſch, den Niemand kannte, un⸗ er den Fuß wieder auf, ſchüttelte den Kopf und ging ein gewiſſer oder vielmehr ungewiſſer Hergarten, nahm erte in brütendem Sinnen weiter. die ausgepreßte Citrone noch einmal vor, und ſiehe da! üſſe Der Schieferbruch muß ihm Manches geſagt haben unter dem Drucke ſeiner Zauberhand gab ſie erſt recht R⸗— oder er ihm. Der braune, gedrungene Mann wird ihre Säfte. Hergartens neuer Weinberg troff von als im Laufe der nächſten Tage wiederholt ſichtbar auf der Milch und Honig. Das war ärgerlich für die Ballen— Haide. Da kreuzt er herum, unſtät, ungeduldig. Die dorfer. 1. ſtler alte Schieferwüſte, ſcheints, hat einen Anbeter an ihm—„Es iſt eine Schande,“ ſagte der Müller,„eine und gefunden. Immer hält er ſtill an dem Orte, beſieht Schande iſt's für die ganze Gemeinde. Was! ,o Erit auch ſich das Chaos von Gruben und Schutthaufen, und Hungerleider! auf zehn Meilen kommen wir ins Ge⸗ Nut⸗ wie ſeine Augen drauf ruhen, möchte man faſt ſagen, rede. Einen Spitznamen trägt uns das Kii⸗ ſo wahr aber ſie weiden ſich. Geſpannt ſchaut er drein, wie ein ich Korbinian Freiwaſſer heiße. Kein Ballendorfer uch⸗ Feldherr, der auf ein Schlachtfeld ſchaut, und mit Hund hätte den Knochen mehr abgenagt. Ein Bettler de einem Zug von Liebhaberei. Es ſteht ihm auf der vom Ausland mußßte kommen, der uns die Schande unse Stirne geſchrieben: hier geht ein Menſchengedanke einen anthat.“ Der Müller nämlich, welcher dreimal Ban⸗ er Bund mit der Erde ein.(Siehe Bild S. 265.) kerott gemacht hatte, ehe ihm eine reiche Erbſchaft und . die nicht umzubringende Ballendorfer Mühle zufiel, Der Gedanke ward That. Wenige Tage, und der war ein großartiger Mann. Sein drittes Wort war Mann kehrte wieder zurück, aber diesmal nicht allein. der„große Styl“ und nichts haßte er mehr als Spar⸗ Zwei handfeſte Geſellen waren mit ihm. Alle drei ſamkeit und gute Wirthſchaft. Als Gemeinderath ließ waren mit Werkzeugen zu Erdarbeiten verſehen. Ihr er Kirche, Schule und Rathhaus durch ſeinen parla⸗ Weg ging auf die Haide, zu dem Schieferbruch. Dort mentariſchen Einfluß verfallen, und wenn die Ballen⸗ warfen ſie die Jacken ab, ſtreiften die Hemdärmel auf dorfer dieſer Ruinen wegen in einem wirklichen Ge⸗ und nun fielen ſie mit unzähligen Hieben ihrer Hauen rede ſtanden, ſo verdankten ſie's ihrem großartigen und Hacken den Schieferbruch an. Schutthaufen wur⸗ Müller, welcher nur Aufbau„im großen Style“ wollte den abgetragen, Vertiefungen ausgefüllt, und ob zwar und die Partei der Renovation als Pfuſcher und Hun⸗ die Grundform von Kegeln und Gruben nicht zu ver— gerleider verfolgte. wiſchen war, ſo wurde doch Alles in ein Syſtem von D Der Pſarrer hatte es gleich anfangs übel vermerkt, ſchiefen Ebenen gebracht, Terraſſen neben und über ein⸗ daß Hergarten nicht einen Gedenkſtein mit irgend einem ander angelegt, an ihren Böſchungen mit Bruchſteinen frommen Spruch, z. B. an Gottes Segen iſt Alles ausgemauert, und unter einander mit jenen winzigen gelegen, in ſeinen Weinberg vermauert. Es wird ein 1 Treppchen und Gangſteigen verbunden, welche den länd⸗ uübles Ende nehmen! flüſterte der gottſelige Herr, denn üüet lichen Kulturgründen bekanntlich ein Anſehen geben, er flüſterte nur, und war überhaupt von ſanften, lie— inte als ob die zierlichſten Elfenfüßchen drauf herumtrippel⸗ benswürdigen Sitten, und beſonders das Idol der ner. ten, und nicht die vielverrufene Plumpheit breiter Frauen. Ich habe ſchon manchen Atheiſten ſterben E⸗ Bauernfüße. Mit einem Worte: auf dem Grund-⸗ fehen, fuhr er mit hohlerer Stimme fort, und in der ſtucke des alten Schieferbruchs wurde ein Weinberg an⸗ Martern der Reue ſich winden, als es zu ſpät war. 2on⸗ gelegt. Der Tod des Gottloſen iſt fürchterlich. Kür⸗ Das Unternehmen glückte. Schon im dritten Jahre Der Bürgermeiſter, welcher ſelbſt mehrere der ſtrotzten die Reben von Trauben. Sogar die Güte des größten Weingüter beſaß, auf welchen er einen Drei⸗ 1 Weins übertraf weit und breit ihre Nachbarn. Es männerwein erzeugte, den die Ballendorfer— mit war, als ob die verwitterte, zerbröckelte, um- und um- Enthuſiasmus tranken, denn er war der wohlfeilſte des gewühlte Erde nur darauf gewartet hätte, daß irgend Orts, da er vom Export faſt allein ausgeſchloſſen war: lein Fruchtreis in ihren Schooß geſenkt würde, um ſo⸗ der Bürgermeiſter ſtach manchen Schoppen mit dem fort einen wahren Sturm von mütterlicher Zärtlichkeit Juſtiziär aus, welchem er immer und immer wieder daran auszulaſſen. ſein Lieblingsthema auftiſchte, nämlich die Möglichkeit, rau⸗ Die Ballendorfer machten lange Geſichter. Sie ob der verwünſchte Hergarten nicht überhaupt außer iſc, hatten ihren Schieferbruch um einen Spottpreis ver⸗ Beſitz zu ſetzen und das Landesgeſetz über die Fähigkeit ſiclh kauft, und was das Schlimmſte war, der denkende der Fremden, unbewegliches Eigenthum zu erwerben, der⸗ Kopf, der ihn gekauft— Hergarten hieß der Mann keine Handhabe zu Chikanen böte. Leider war das Ge⸗ rraft— war noch dazu ein Fremder. Als er zum Kauf ſetz bündig genug und von Hergarten, dem fremden elbſa ſich gemeldet, da ſtierten Bürgermeiſter und Gemeinde⸗ Käufer, beſtens obſervirt worden. Dem armen Juſti⸗ arin,’ räthe ihn an wie ein höchſt verkommenes Weſen. ziär blieb daher, um den Bürgermeiſter bei Laune und gild⸗ Welch' ein Einfall! Was ſollte der alte Kehrichtshau⸗ ſeine Schoppen in Fluß zu erhalten, nichts übrig, als heit fen? Wenn er was taugte, ſo hätten Andere und Klü⸗ dreiſt zu lügen, daß die Regierung ſoeben eine neue alls gere ſich drüber gemacht. Und was für eine Arbeit Geſetzesvorlage über dieſen Punkt für den künftigen „der ſei drein zu ſtecken! Eine Arbeit wie's Zuchthaus! Die Landtag ausarbeite, während der Bürgermeiſter bei der aber Ballendorfer aber ſaßen viel lieber in ihren zahlreichen Frage über die rückwirkende Kraft gewöhnlich ſchon ſo . In—. 1 N„ N 8. 2 4 kräftig benebelt war, daß man ihm Alles weiß machen konnte. So waren die Großen von Ballendorf geſinnt. Und mit den Großen ſtimmten in dieſem Falle die Kleinen nicht nur überein, ſondern ſie überboten ſie noch. Peter Schätzel, das Schneiderlein, führte den Chor der Dorfkläffer. Das ſtrofulöſe, blutleere Büb⸗ chen, welches ein Mann wurde, hatte ſich aus Ver⸗ zweiflung über ſeine Erbärmlichkeit zu einem Charak⸗ ter aufgeworfen und Leute gefunden, die ihn dafür gel⸗ ten ließen. Als er mit achtzehn Jahren ſeine vierzig⸗ jährige Meiſterin geheirathet, die Tags nach der Hoch⸗ zeit dem Lehrling eine Ohrfeige gab und zu dem „Ihrigen“ ſagte:„Mann, laß dem Bosnickel nichts durch,“ da gab er ihm ſchnell auf die andere Backe eine und war außer ſich vor Bewunderung, daß er nun ſelbſt prügeln könne und nicht mehr der Geprügelte war. Von dem Augenblicke an prügelte er mit einer wahr⸗ haft teufliſchen Grauſamkeit. Vor den Leuten aber führte er dreiſt ds Wort in dem Mund: Was ein ganzer Mann iſt, den erkennt man am Hausregiment. Dieſes Wort warf er beſonders gerne dem Schmied Balthaſar an den Kopf, der gegen Menſch und Thier nie ſeine Rieſenhand aufhob, weil ihm die ganze Welt ein zerbrechliches Ding und eigentlich Alles aus Glas ſchien. Aber der Rieſenmann verkannte ſich ſelbſt und glaubte, er ſei wirklich zu ſchwach und der Schneider habe Recht. So wurde der Schneider eine männliche Autorität! Balthaſar, der Schmied, war der einzige Partei⸗ gänger Hergartens. Der Rieſe war nicht nur der ſtärkſte, ſondern auch der beſte Trinker des Orts. Und auf den erſten Zug hatte er's los, daß der neue„Gru⸗ benwein“— ſo nannte man ihn der„ſüffigſte Tropfen“ in ganz Ballendorf ſei. Alle Leidenſchaften der aufgeregten Gemeinde zerplatzten an dieſem Verdict. Gelaſſen aber unwiderſtehlich ſchwamm der Rieſe gegen den Strom. Der Kreuzwirth, der Lammwirth, der Ochſenwirth, der Hirſchwirth, der Sonnenwirth, der goldene Kegelwirth, der blaue Traubenwirth— ſie Alle mußten den Grubenwein einlegen, denn von Einem zum Andern trank ſich der Schmied die Woche lang durch, und der Mann trank was Rechtſchaffenes! Der nobelſte Zahler war er ohnedies; ſogar der Müller war es nicht mehr. Im Uebrigen half dieſe Freundſchaft blutwenig. Der Schmied war von jener behaglichen Indolenz des Denkens und Handelns, welches faſt alle Rieſen kenn⸗ zeichnet; er rührte ſich kaum für ſich ſelbſt, geſchweige für Andere. Wenn er ſo da ſaß in ſeinen verſchiede— nen Kneipen, den Schoppen zwiſchen den aufgeſtemm⸗ ten Ellenbogen, die Augen ſchwimmend, den Bart naß, ſo hatte er große Aehnlichkeit mit einem Büffel in den pontiniſchen Sümpfen, welcher bis an die Schultern im geliebten Bade ſich ſiehlend nur mit dem Schädel in die Welt ragt, und aus Augen voll Trotz, aber Trägheit, gedankenlos in's Weite ſtarrt. So blieb das Feld den Feinden. Sie läſterten, ſchimpften, neideten, grollten, und der Schlimmſte von Allen, der Schneider Schätzel, that noch mehr. Er argwohnte! Denn als das Gerede über Hergarten zum erſten Male aufkam, ſtrich er ſich nachdenklich unterem Kinn, da wo andern Männern der Bart ſitzt, bei ihm aber nur eine Reihe von Skrofelnarben ſaß, und ſagte kopfſchüttelnd:„Apropos, erinnert ſich Niemand? ob 5 5 „ * 262— der Förſter Leubold noch ergriffen wurde, der vor drei Jahren ſeinen Forſtdirektor erſchoſſen hat, und deſſen Steckbrief dazumal umging?“ Bald drei Jahre waren es aber, daß Hergarten nach Ballendorf gekommen. Der Skorpionſtich traf gut. Das Wort des Schneiders ging um und um in der Gemeinde. Es wurde ganz ſelbſtverſtändlich auf den allverhaßten Fremdling bezogen. Als der Bürgermei⸗ ſter bemerkte:„aber ſeine Papiere ſind doch in der Ordnung,“ antwortete der Juſtiziär:„Papier iſt ge⸗ duldig.“ Auch dieſes Wort machte die Runde. So nahm die öffentliche Meinung eine beſtimmte Richtung. Ein eingeſchlichener Mörder mit gefälſchten Papieren! Das klang ſchon anders, als ein intelligen⸗ ter und thätiger Fremder unter einem faulen und bos⸗ haften Vollbürger⸗Gezücht. Die Leute wußten jetzt, wie ſie ihren Haß zu nennen hatten. Aber paßte denn der Verdacht ohne Weiteres auf rgartens perſönliche und Privatverhältniſſe? Leider! ieſen Verhältniſſen ließ ſich jede beliebige Form geben, denn ſie waren wenigſtens dunkel. Hergarten war nach Ballendorf gekommen, ein ver⸗ körpertes Geheimniß. Das Erſte, nachdem er ſich ein⸗ gemiethet hatte, war, daß er ſich von aller Welt ab⸗ ſchloß und für ſich ſelbſt lebte. Anfangs ſchrieb er viel— kein Menſch wußte, was? Briefe und Gelder, die er erhielt, gelangten, was bald durch eine gebro⸗ chene Adreſſe entdeckt wurde, in der zwei Stunden ent⸗ fernten Hauptſtadt an ihn. Welch' ein Aufſehen im Dorfe! Der Mann hatte Frau und Kinder, welche in un⸗ bedingteſter Einigkeit mit ihm lebten und ſein ganzes Weſen zurückſpiegelten. Die kleine blaſſe Frau zeigte ſich noch weniger öffentlich als der Mann, und wenn ſie ſich zeigte, ſo konnte ſie noch weniger als er ver⸗ bergen, daß ihr nicht leicht und frei um'’s Herz war. Sie ſchien fein, ja zierlich gewöhnt, arbeitete nicht an⸗ geſtrengt, was von einer deutſchen Bauernſchaft, wo Frauen⸗ und Laſtthierwerth faſt das Nämliche iſt, am auffälligſten bemerkt wurde, und doch hatte ſie nur eine gemiethete Dienſthelferin, keine Magd, die„auf's Ziel“ gedungen war und im Hauſe wohnte und ſchlief. Ihre Hauptarbeit ſchien zu ſein, ihre zwei Kinder zu hüten, daß ſie ſich nicht mit Dorfgeſpielen vermiſchten,— ob aus Hochmuth oder aus tieferen Gründen, blieb zu er⸗ rathen. Auch gewöhnten ſich die Kinder, zum Miß⸗ vergnügen des Dorfs, vortrefflich an dieſe Reſerve. Kurz, die Familie war ein Räthſel. Und da dem Räthſel faſt in drei Jahren nicht beizukommen geweſen, ſo ermüdete zuletzt Neugier und Kannegießerei, und man begnügte ſich mit den magern Vermuthungen, welche gleich anfangs Cours gehabt. Man nahm an, Hergarten ſei ein bankerotter Oekonom, oder ein ver⸗ abſchiedeter Offizier, oder ein geſtrandeter Kapitän, oder etwas derart. In ſeinen Papieren war er einfach „Privatmann“. Daß er nebenbei ein Rentchen noch immer in's Sichere gebracht, vielleicht Vermögen der Frau oder der Kinder, galt für ausgemacht. Das war das Einzige, was man ihm anzuſehen glaubte. Im Uebrigen wollte er nicht leicht unter irgend einen Hut paſſen; er konnte nicht wohl für einen Bauer paſſiren, aber ebenſo wenig für einen bürgerlichen Gewerbsmann, noch für einen Junker, noch für einen Gelehrten. Im⸗ mer hatte er Züge von dem, welche jenem widerſprachen. Nur das Eine ſchien offenbar: er war ein Mann, dem He Di drei eſſen aren en. der den mei⸗ der ge⸗ nmu chten igen⸗ bos⸗ wie auf eider! heben, ver⸗ ein⸗ ab⸗ dd e elder, hebro⸗ ent⸗ n im n un⸗ anzes eigte wenn ver⸗ war. ſt an⸗ , wo t, am r eine Ziel Ihre füten, — ob zu er Miß⸗ rve. n dem weſen, und ungen, mn an, ver⸗ „oder iſieen, mann, - 263—— es nicht recht geglückt, der ber war und mit einem Geiſt voll Drang und Unge⸗ ſtüm dieſe Lebensart eben ſo wenig freiwillig gewählt hatte, wie ein kraftvolles Waldthier den Aufenthalt in einem Käfig. der wild und verdroſſen darü⸗ Als er den Schieferbruch urbar machte, und damit V unternahm, von ſeiner Hände Arbeit zu leben, war ſein Geheimniß ſchon von einer Seite gelichtet. We⸗ nigſtens ſeine Armuth war jetzt kein Geheimniß mehr. Man glaubte das Recht zu haben, ihn gering ſchätzen, und die Geringſchätzung wurde die erſte Stufe zu feindſeligeren Geſinnungen. Dieſe ſtellten ſich ein, ſchaft den Dorfhandwerkern zu, zu als ihm ſein Unternehmen ſo wunderbar glückte, ein Glück, das er auf Koſten der Gemeinde uſurpirt, wie man ſich einbildete. Was brauchte es alſo mehr, um zuletzt auch dem Schneider zuzuſtimmen, der die Erin⸗ nerung an einen flüchtigen Mörder in den Köpfen der Ballendorfer wachrief? Der Verhaßte ſoll ſchuldig ſein und ein Schein war ja doch gegen ihn. Freilich hütete man ſich, die Sache allzu arg zu machen.„Ueberlaßt das mir, Leute, überlaßt das mir,“ ſagte der Bürgermeiſter.„Haltet euch ſtill, um Got⸗ tes willen, ſonſt warnen wir ihn nur, und fort iſt er wie Rauch! Wir müſſen dieſes Brett auf einem andern Fleck aubohßten. Seine Papiere ſind einmal in der Ordnung, da hilft Alles nichts. Nicht hier in Ballendorf und nicht bei dieſem ſogenannten Hergarten, ſondern in den alten Verhältniſſen des Förſters Leu⸗ bold, und was drum und dran iſt, da heißt's den Bohrer anſetzen. Von dort aus muß ſich's finden. Seid nur ſtill und laßt uns machen, uns die Ob⸗ rigkeit!“ Das war jedenfalls weiſe geſprochen. Ein Ver⸗ dacht, ſo entſetzlich wie ihn der Schneider geäußert, gehörte nicht dem müßigen Spiele der Zungen, ſon⸗ dern der ſtrengſten Criminal⸗Unterſuchung. Wie aber, wenn dieſe doch nichts entdeckte? leumdung um ihr Naſchwerk gebracht. Dagegen konnte ſie in feiger, angeblich vorſichtiger Heimlichkeit ſich lange und ungeſtört weiden. Drang aber doch etwas durch, ſo ſagte man achſelzuckend: bah, bah! alt Wei⸗ bergeſchwätz. Ein Vernünftiger kehrt ſich nicht dran. So blieb die Luft des Opfers vergiftet, aber— das Gift war Luft! Dagegen gab es kein Wehren. Hergarten fühlte das Alles. Aber er ballte die Fauſt und lachte befriedigt dazu. Das Dorf ließ er links liegen, mit unnachſichtlicher Strenge. ſich in ſeine Reben verirrten! Ladung voll Vogelſchrot in's F leiſch, was ſeine Befug⸗ niſſe natürlich weit überſtieg. In Anſpruch genommen, bedauerte er ſehr! Schoß er doch nur nach Spatzen. War auch ein Menſch im Weinberg? Ei, ei, wie un⸗ vorſichtig. Aber wer dächte das auch? Wie kommen fremde Leute in ſeinen Weinberg? Die Ballendorfer knirſchten, denn ſie verſtanden nur allzu wohl. Sie ſahen, ſie hatten es mit einem Manne zu thun, der ihnen die Spitze bot. Es war ein Mann, in Kampf und Zorn wohl zu Hauſe. Ein Mann, der es ver⸗ ſtand, Feind mit den Feinden zu ſein. Wehe den Dieben, die Er ſchoß ihnen eine ſtadt. bildeten, In dieſer Stadt gab es Leute, welche ſich ein— daß Dorfhandwerker, weil ſie wohlfeiler leb⸗ ten als in der Stadt, auch wohlfeiler als ſtädtiſche arbeiten könnten. Es iſt das eine volkswirthſchaftliche Schule, welche den Grundſatz: Zeit iſt Geld, noch nicht entdeckt hat. Sie wendet alſo mit Vorliebe ihre Kund⸗ und dieſe halten nun zwiſchen Dorf und Stadt beſtändige Uebungsmärſche, durch welche im Jahre hunderte von Stunden verloren gehen, das heißt in Geldwerth ausgedrückt, reichlich das Doppelte oder Dreifache deſſen, um was ſie auf dem Dorfe wohlfeiler leben. Es ſind daher auch die Rech⸗ nungen dieſer Arkadier keineswegs billiger als die ſtäd⸗ tiſchen, was ihre Stadtkunden aber noch niemals irre gemacht hat, da gegen Vorurtheile ſogar Zahlen nichts beweiſen, und der Glaube überhaupt Berge verſetzt. Vor allen Induſtrievölkern der Neuzeit kommt dieſe wunderliche Sekte von Gläubigen noch bei den roman⸗ tiſchen Deutſchen vor, und ganz beſonders wieder im gemüthlichen Süddeutſchland. So hatten denn auch die Ballendorfer Handwerker in der zwei Stunden entfernten Landeshauptſtadt eine Kundſchaft. Natürlich ſuchten ſich dieſe Induſtriepil⸗ ger ihren Weg ſo kurz als möglich zu machen. Sie umgingen die weitgeſchweifte Chauſſee und ſchlugen ſich quer über die Haide durch, wo ſie aus Pfaden und Pfädchen, Feldrainen, Zaunwegen und Katzenſteigen ein künſtlich verwickeltes, aber Jedem geläufiges Syſtem der kürzeſten Durchſchnittslinie ſich findig herauskon⸗ ſtruirt hatten. Unter Anderem führte eines dieſer Wegſtücke auch am vormaligen Schieferbruche vorüber. Da war es nun manchmal paſſirt, daß ein Ballendorfer Meiſter, wenn er von einer Arbeitslieferung aus der Stadt zu— rückkehrte und etwa eine Retourfracht von gebrannten Dann war die Ver⸗- bearbeitete ſeinen Weinberg und hütete ihn oder gegohrenen Flüſſigkeiten u ſich genommen, in den Schieferbruch hinabgefallen. Der Verlauf eines ſolchen Abenteuers war in der d Regel ein gemüthlicher geweſen, da ein Abrutſchen über eine lockere Sandhalde juſt nichts bedeuten wollte. Anders war das ſeit der Anlage des Weinbergs geworden. Die Neigung gegen den Weg war theil⸗ weiſe zu einer ſenkrechten Wandung abgegraben, und vom Wegrande ging's nicht mehr ſchräg, ſondern ſteil hinunter. Deſſenungeachtet war der neue Weinbergs⸗ beſitzer, da der Weg nur ein Licenzweg war, nicht ver⸗ pflichtet geweſen, den Rand deſſelben mit einer Schutz⸗ mauer einzufaſſen. Dieſes neue Verhältniß forderte ein Opfer. Der Zufall wollte es, daß dieſes Opfer Peter Schätzel, der Schhneider, war. Als er eines Sonnabends in der nächtlichen Dämmerung von der Stadt nach Ballen⸗ dorf heimkehrte und am Schieferweinberg vorbei kam, ſtürzte er hinab. Er fiel unglücklicherweiſe auf einen Rebenpfahl, und obwohl der Pfahl unter ſeinem Sturze brach, ſo war er ihm doch zwiſchen den Rippen meh⸗ rere Zoll in den Leib gedrungen. Kurz, man fand den Schneider, als ſein Hilferuf Leute berbeigelocki im eigentlichen Sinne geſpießt und gepfählt. Dieſer ſtille Krieg der Gemüther hatte eine Zeit lang gedauert, als plötzlich einer jener Zwiſchenfälle eintrat, welche in kleinen wie in großen Kriegen oft entſcheidende Rollen ſpielen. Zwei Stunden von Ballendorf lag die Landeshaupt⸗ Der Schneider wurde nach Hauſe gebracht, aber die vorrückende Nacht und die feſte Stellung der Bal⸗ lendorfer in ihren verſchiedenen Stammkneipen war Ur⸗ ſache, daß der Ruf dieſes Ereiguiſſes nicht ſofort ſei⸗ nen bekannten Gang eines„Lauffeuers“ nahm. Er beſchrieb vorerſt, um im verwandten Bilde zu bleiben die ſtilleren Feuerkreiſe eines Kohlenmeilers. Wir über⸗ laſſen alſo den Schneider ſeiner ſchmerzlichen Nacht, um das folgenſchwere Ereigniß am andern Tag auf einem neuen Schauplatze wieder aufzunehmen. II. Dieſer Schauplatz iſt das herrſchaftliche Schloß von Ballendorf. Wundern wir uns nicht, daß es bewohnt iſt, und daß Frau von Dalmar, welche den Ruf einer hochgebildeten Dame genießt, inmitten einer Umgebung leben mag, als welche wir die gemüthlichen Ballendor⸗ fer bereits kennen gelernt. Was fragt die Natur nach Menſchen? Und ſo hatte die Natur in ihrer himmliſch⸗ ſchönen Gleichgiltigkeit gegen Gerechte und Ungerechte über die Gegend von Ballendorf eine Luft ausgegoſſen, in welcher Alles, was durch Athem und Blutumlauf lebte, wie in einem Strome von Balſam ſchwamm. Frau von Dalmar brachte, nachdem ſie aufgehört hatte, entferntere Bäder zu beſuchen, den Winter in der Stadt, den Sommer aber in der geſunden Luft ihres Gutes zu. Die betagte Dame lebte ſehr einſam. Die Stürme des Schickſals hatten ihr Haus entlaubt, ſie ſtand allein in der Welt. Ja ſogar von den fünf Organen, welche die erſten wie die letzten Bande zwiſchen uns in der Welt ſind, hatte ihr das Unglück eines abge⸗ fordert: Frau von Dalmar war blind. Im voellſten Sinne: ſie ſah und hörte nichts von Ballendorf. Denn was ſie zu hören oder nicht zu hören wünſchte, wußte ihre nächſte Umgebung längſt. Dieſe aber beſtand blos aus zwei Perſonen: dem alten Kammerdiener, der zu⸗ gleich die Geſchäfte eines Sekretärs verſah, und einem Geſellſchaftsfräulein. Wir ſollten die letztere eine Vor⸗ leſerin nennen, denn das war ihr Hauptberuf. Geſell⸗ ſchaft ſuchte Frau von Dalmar bei den Unſterblichen, vor Allem bei ihrem Lieblingsautor Göthe. Daß da⸗ bei kein Fauteuil für die Ballendorfer Fama in ihrem Hauſe übrig blieb, iſt nicht zu bezweifeln. In dieſem Augenblicke lag das Schloß in tiefer Mittagsruhe. Die Gutsfrau, vom Ungemach ihres Alters um den nächtlichen Schlaf verkürzt, genoß in den hohen Panſtunden des Sommers oft einer glück⸗ lichen Schlummergabe. Wenn die ſchattenloſe Welt im allgemeinen Sonnenlichte ſchwamm, die erhitzte Luft dünn und leicht wie auf Bergen floß und alle Körper nur Träume ſchienen, gleichſam als hätte die Erd⸗ ſchwere aufgehört: dann kam der Schlaf, der im un⸗ gewiſſen Sternendämmer ihr Lager verfehlte, aus dem ſtrahlendſten Aetherblau wie eine heitere Peri auf ſie herab, und brachte der augenloſen Frau die Ruhe. Das Gemach, in welches die Schloßfrau zu ihrer Mittagsſieſte ſich zurückzog, war der ſogenannte Marmor⸗ pavillon. Er lag auf der Gartenſeite an einer Ecke des Schloſſes und bildete ein Hexagon. Der Fußboden war ein moſaikartiges Steingetäfel, und mit feinen Strohmatten belegt, die Wände carton pièrre in Weiß. Man ſah nur wenige Ziermöbel darin und dieſe größtentheils aus Stein: Porphyr, Alabaſter, ruſſiſchem Malachit. Von Werken des Ebeniſten wa⸗ ren blos ein Divan vorhanden, welchen einige Rohr⸗ ſtühle umgaben. Auf dem Divan erblicken wir die ſchlummernde Geſtalt der Schloßfrau. Sie liegt aus⸗ geſtreckt wie ein Schaubild auf einem Paradebett; mit nichten„hingegoſſen“. In ihrer ruhenden Lage liegt 264— ein Etwas, was wir eine feſte und große Zeichnung nennen möchten. Sie iſt mit einem weißen Peignoir bekleidet, und der grüne Lichtſchirm, der das Gebrechen ihres Auges vor der Welt bedeckt, kam ſelbſt in der Sieſtaſtunde nicht von ihrer Stirne. In ihrer Nähe auf einem der Rohrſtühle erblicken wir ein zweites weib⸗ liches Weſen. Ihr abblühendes und doch faſt kindlich unreifes Geſicht läßt uns die alternde Jungfrau, und eine ausgeſprochene Schüchternheit in Ausdruck und Haltung den Stempel der Abhängigkeit erblicken. Es iſt das Geſellſchaftsfräulein. 1 Das gekuppelte Fenſter des Pavillons ſtand offen, aber der ganze Raum deſſelben war ausgefüllt von den ſchweren Faltenmaſſen der herabgelaſſenen orangegelben Damaſtgardine. Die Farbe dieſes Vorhangs verbrei⸗ tete einen eigenthümlichen Lichtton in dem Gemache: wir möchten es ein ſchattiges Feuer, ein dunkles Gold nennen. Es iſt ein Licht, in welchem ſich Heiterkeit und Düſterniß miſchen. Das Gemach mit ſeinen zwei ſchweigenden Frauenbildern darin ſieht aus wie ein kleiner Ausſchnitt aus dem plutoniſchen Reich. Die Glutwellen der Sommerluft draußen brechen ſich an der Gardine, welche ernſt und ſchwer iſt was ſie ſoll: ein gewebter Damm. Kein frivoler Zephir tändelt mit ihrem gemeſſenen Faltenwurf; hat doch Damaſt auch mehr Selbſtbeherſchung als koketter Mouſſelin! Oder ſchlafen die Zephire draußen im Garten und ſind in ſchlaftrunkener Lethargie nicht des loſeſten Birkenblatts mächtig? Auch die Töne ſchlafen. Kein Laut unterbricht die geiſterhafte Sonntagsruhe. Vom Dorf herauf kein Laut. Der Hund träumt in ſeiner Hütte, Hahn und Henne auf ihren Stangen; Pan ſchläft im Dorf wie im Samn lon. Im Garten pfeift kein Vogel, auf der fernen Chauſſee knarrt kein Wagenrad. Ein Schweigen wie vor der Stunde des Weltendes hat alles Hörbare aus⸗ gelöſcht. Die Welt iſt nicht eintönig, man möchte ſie nulltönig nennen. Das Geſellſchaftsfräulein ſitzt wie ein Bild. Sie betrachtet den Schlaf ihrer Gebieterin und der Anblick des Schlafes ſchläfert ſie ſelbſt ein. Sie hält ein Buch auf ihrem Schooße, aus welchem ſie, ſcheint es, ge⸗ leſen hat. Siw liest jetzt für ſich, aber immer auf der nämlichen Seite. Das arme Mädchen wagt es wahr⸗ haftig nicht, umzublättern. Sie fürchtet ein ungeheu⸗ res Geräuſch davon. In dieſer athemloſen Stille gibt es kein Maß mehr für's Tönende: jeder Ton ſcheint ein Lärm. Hört ſie doch, wie die Schwinge einer Fliege an die alabaſterne Hängelampe ſtreift, hört ſie doch den Puls des Blutes in ihrem eigenen Ohre! Da fängt's irgendwo im Dorfe zu hämmern an. Die Schläge klingen nicht ſchwer und aus einer großen Entfernung. Nach einer langen Pauſe ein menſchliches Lebenszeichen! Aber das Geſellſchaftsfräulein blickt ängſtlich auf ihre Herrin. Sie horcht auf den fernen klopfenden Hammer und verwendet kein Auge von der ſchlummerden Frau. Sie ſcheint abzumeſſen, ob der hämmernde Ton noch wecken könne oder nicht. Wäre nur das Fenſter geſchloſſen! Das Mädchen ſteht auf und trippelt auf den Fußſpitzen gegen das Fenſter. Aber ſchon iſt Frau von Dalmar erwacht. Die Matrone richtet ſich auf und fragt faſt neugierig: „Was hämmert denn da ſo melancholiſch? Klingt es doch wie ein Sargzunageln! Iſt wer geſtorben in Ballendorf?“ nung noir ſchen der ähe eib⸗ dich und und Es ffen, da elben brei⸗ ache: Gold erkeit zwei ein echen was ephir doch ketter n im t des ht die Laut. Henne San ernen wie aus⸗ hte ſie Sie Anblick Buch 6, N⸗ uf der wahr⸗ ngeheu⸗ le gibt ſcheint einer ſört ſie hrel ern all. gxoſen ihliches blickt - 265— „Wir hörten nichts, Excellenz,“ antwortete die Geſellſchafterin. Die alte Frau horchte. Es dauert freilich länger als vier Nägel einſchlagen! Es mag Einer ſein, der ſich den Sonntag zu nutze macht und ſein Schindel— dach ausflickt. Hmi es klingt recht nervenverſtimmend. Ich glaubte wirklich, ein Sarg würde vernagelt. „Haben Excellenz unruhig geträumt?“ „Im Gegentheile. Aber gleich die erſten Schläge, die mich aufweckten, Gott weiß, wie es zuging, erin⸗ nerten mich an das Zunageln eines Sarges.“ „Soll ich im Göthe fortfahren?“ fragte das Fräulein. Frau von Dalmar beſann ſich eine Weile, ehe ſie antwortete. Halb vor ſich hin ſagte ſie traumhaft: „Hammerſchläge ſind Hammerſchläge. Aber am Sonn⸗ tag klingt das ſo eigen!“ Es erfolgte eine Pauſe. Die Vorleſerin blickte mit einer gewiſſen Gemüths⸗ bewegung auf ihre Herrſchaft. Endlich wagte ſie es, ihre Frage zu wiederholen. Frau von Dalmar ſagte:„Wahrhaftig Sie haben recht. Sie laſen im Göthe und ich ſchlief ein. Siehe, ſiehe! Ich glaube das paſſirt mir zum erſten Male.“ „Es iſt ſo ſchwül!“ bemerkte das Fräulein. „Nein, nein, meine Liebe. Ich werde alt. Sagen wir die Wahrheit. „Mich ſelbſt hätte bald der Schlaf überkommen,“ fuhr das Mädchen fort. „Wir Alle werden entſchlafen,“ antwortete die Matrone.„Aber ich bin eine leichtſinnige Frau. Da beſinn' ich mich juſt, ich habe noch gar nicht über die Kapitalien verfügt, die mir aus der letzten engliſchen Kriſis gerettet worden. Es iſt ein Vermögen!“ Die Geſellſchafterin ſchwieg. „Adelheid!“ rief Frau von Dalmar. „Sie befehlen?“ „Ich glaube, Sie machten ſich ja eine Aufzeich— nung von Perſonen und Körperſchaften, die mir von Zeit zu Zeit einfielen, daß ich ſie mit Legaten in mein Teſtament ſetzen könnte. Haben Sie es zur Hand? „Zu dienen, Excellenz,“ antwortete das Mädchen, und holte ein Notizbüchlein aus der Taſche. „Dann laſſen Sie hören,“ ſagte die Schloßfrau. Das Mädchen heftete forſchende Blicke auf die blinde Matrone. Sie überlegte, ob ſie gehorchen oder nicht vielmehr verſuchen ſollte, die trüben Gedanken der Dame mit freundlichen Troſtreden zu zerſtreien. Man! Feierſtunden. 1863. ſah ihr's an, ſie wünſchte das, und ihr gutes Herz litt. Aber zu ſchüchtern, um ſich zu äußern, folgte ſie auch jetzt wie immer der Gewohnheit, den fremden Willen zu thun und den eigenen zu unterdrücken. Nach einer kurzen Pauſe fing ſie daher emſig zu blättern an. Das verblaßte Taſchenbuch war dicht angefüllt mit einer frauenzimmerlichen Perlenſchrift und enthielt mehr als man ihm anſah. Bald war das geforderte Regiſter gefunden, und Adelheid, wie wir das Mädchen jetzt nennen können, las die einzelnen Poſten deſſelben in langſamen Abſätzen, gleichſam um der Gebieterin Zeit zum Nachdenken übrig zu laſſen, wie folgt. „„Laſarew's armeniſches Inſtitut in Moskau.— Das Kurakin'ſche Krankenhaus ebendaſelbſt. Das Stadthoſpital zum Herzen Jeſu in Warſchau. Das Kloſter der barmherzigen Brüder in Gneſen. Doktor Ismal Capoll, Profeſſor der Botanik in Wilna oder ſeine Deſcendenten. 34 266— Die barmherzigen Schweſtern in Smolensk. Das Conſervatorio di Pieta in Venedig. Die Wittwe des Malers Obermann in Sillenburg. Der Guſtav⸗Adolf⸗Verein. Die Dames du sacre Coeur in Paris. Leben gegenwärtig geweſen, wie ein guter, ehrlicher Landmann und Hausvater ſeinen Schnittern das er⸗ ſehnte Mus zur Erquickung bringen will, von dem Engel aber beim Schopf ergriffen, den Propheten in der Löwengrube ſpeiſen muß. Das Mutterhaus der grauen Schweſtern zu Nangy. Das Blindeninſtitut in Bilbao. Die Wittwe des Oberſten Olloa de Contades in Bilbao. Die Wittwe des Regimentsauditeurs Dr. Ahlden in Rodewald. Die Cretinenheilanſtalt des Dr. Guggenbühl auf dem Abendberg. Die Thierſchutzvereine in den verſchiedenen Städten Deutſchlands. Ein Preis zur Verhütung des Singvogelfangs in der Valangaska. Nähere Modalitäten vorbehalten. Ein Denkſtein für den Tonkünſtler Klebeck. Die Wittwe des Gymnaſialdirektors Rugidäus in Waldſee. Die Wittwe——““ „Halten Sie ein, unterbrach Frau v. Dalmar die Lektüre. Das iſt doch anders anzufaſſen. da manche titres, die mir ein wenig weit zurückliegen. Ich finde Ueberhaupt— es iſt ſo viel Stimmung darin, in die ich mich nicht gleich wieder finde. Jedenfalls be⸗ darf es Erkundigungen, was Zeit und Umſtände in⸗ zwiſchen geändert haben. Erinnern Sie mich, Adel⸗ heid, ich will morgen meinen Sachwalter rufen laſſen.“ „Sehr wohl, Excellenz.“ „Und nun fahren wir im Göthe fort. Seltſam, daß ich eingeſchlafen bin! Wo waren wir doch?“ „Der deutſche Gil Blas hieß der Aufſatz. Göthe berichtet darin von einem Manuſcript, welches ihm wahrſcheinlich...“ „Ganz recht. Und dabei macht er die Anmerkung, auch die höheren Stände könnten ſich für das Büchlein intereſſiren, beſonders wenn ſie bedächten, wie ſie wohl ſelbſt figuriren möchten, wenn ihre Bedienten derglei⸗ chen Bekenntniſſe ſchrieben. War es nicht ſo?“ „Faſt wörtlich, gnädige Frau.“ „Ach ja, der Wink iſt ſo beherzigenswerth! Aber hier reißt der Faden. zu dämmern an. „Auch im Aufſatz iſt hier ein Abſchnitt. Der Au⸗ tor ren Reflexion über.“ „Laſſen Sie hören.“ Adelhaid las wie folgt: „„Indem wir Vorſtehendes niederſchrieben, werden verläßt ſein Thema und geht zu einer allgemeine⸗ Bei einem langen Leben konnte man ähnliche Erfahrungen gar öfters machen.““ „Sehr wahr!“ ſchaltete Frau von Dalmar ein. Adelheid fuhr fort: „„Eigentlichen Bettlern, gebrechlichen alten Leuten habe ich niemals gern gegeben; ſie ſchienen mir einen Zuſtand beſetzt, ſich darein geſchickt zu haben, und mir däuchte Anmaßung die grenzenloſe Noth mildern und mäßigen zu wollen. Einem Thätigen, im Angenblicke Bedürftigen dagegen fortzuhelfen habe ich es nie an Beiſteuer mangeln laſſen. Beſonders waren mir die Handwerksburſche empfohlen, mit denen ich früher als Fußreiſender oft in Verbindung gewandert und in ſpä⸗ terer Zeit immer demjenigen am liebſten gab, welcher am beſten gekleidet war.““ Adelheid hielt inne. „Was ſtutzen Sie?“ fragte Frau von Dalmar. Adelheid, welche wohl wußte, daß die alte Frau es liebte, wenn ſie nicht als todte Maſchine, ſondern als denkendes Weſen las und mit gelegentlichen Bedenken ihre Lektüre freimüthig unterbrechen durfte, nahm auch jetzt keinen Anſtand, ſich zu äußern. Sie antwortete: „Klingt es nicht wie eine Härte, was Göthe von Bett⸗ lern und alten gebrechlichen Leuten ſagt: Wenn das ſeine wahre Geſinnung ſein ſoll, ſo verſtehe ich es Bald darauf, ſcheint's, fing ich nicht.“ „Wer verſteht denn Göthen?“ ſagte Frau von Dal⸗ mar gelaſſen, faſt nachläſſig. Menſchen, welche Göthe verſtehen, Frau von Breden⸗ born und ich. Wenn wir zwei ſterben, ſo hat Göthe in einer todten Sprache geſchrieben.“ Die Vorleſerin nahm kein Arg an dieſem Para⸗ doxon; ſie ſchien von der in ſo manchem Sinne ori⸗ ginellen Frau dergleichen gewohnt. Frau von Dalmar fuhr fort:„Leſen Sie inzwi— ſchen getroſt weiter. Wahrſcheinlich paraphraſirt er dieſe Geſinnung noch und am Ende finden wohl auch Sie Ihre Genugthuung. Göthe iſt klar für jeden Klaren.“ In dieſem Augenblicke ſchraken die Frauenzimmer zuſammen. Vom Dorfe herauf erſcholl ein Tumult, welcher wild und heftig wie ein Ausbruch der gefähr⸗ lichſten Volksleidenſchaft klang. wir zu allgemeinen frommen Betrachtungen aufgefor⸗ dert, welche hier, obgleich nicht ganz am Orte, ein Räumchen finden mögen; ſie wenden ſich gegen das, was man ſo gern als Fügung einer höheren Intelli⸗ genz bei ſich gelten läßt. Nicht Jedermann reist mit Extrapoſt, von guten Empfehlungen und gültigen Wechſeln begleitet, durch die Welt, gar Mancher muß auf ſeinen eigenen Füßen fortſchlendern und ſich ſelbſt zu empfehlen ſuchen, wel⸗ ches am beſten geſchehen kann, wenn er ſich brauchbar oder angenehm zu zeigen weiß.§ die Vorſehung gleichgültiger Perſonen, die ſich in einem behaglichen Zuſtande befinden, als Werkzeuge, welche, unbewußt, höheren Zwecken zu Dienſte ſtehen. Das alte wunderſame Beiſpiel iſt mir immer im Hier bedient ſich nun „Was iſt das?“ rief Frau von Dalmar, während Adelheid entſetzt vom Stuhle fuhr.„Gehen Sie auf den Balkon hinüber und ſehen Sie, was es gibt. Wo iſt Eberhard? Aber der Kammerdiener— dies war der Genannte — ſtürzte faſt gleichzeitig mit dieſer Frage in den Marmorpavillon.„Was iſt zu thun, Excellenz? Her⸗ garten und ſeine Frau werden ermordet!“ Die blinde Matrone ſagte verweiſend:„Reden Sie vernünftig. Ermordet! Beunruhigt, wollen Sie ſagen.“ „Hergartens Frau, die den verwundeten Schneider beſuchte, wird in ſeinem Hauſe faſt belagert, und der Mann, der ihr zu Hilfe kommt, iſt vielleicht ſchon in Stücke zerriſſen,“ ſtotterte der Kammerdiener, von den Worten auf die Sache übergehend. „Der verwundete Schneider? Wie und ſeit wann iſt der Schneider verwundet? Ich weiß ja von nichts! ———,;—;— „Ich kenne nur zwei icher er⸗ dem in agen ters n. aten nen mir und liche an die als ſpä⸗ ſcher - 267— Aber gleichviel. Eilen Sie auf den Schauplatz der Unordnung und führen Sie Hergarten und ſeine Frau nach dem Schloß. Hier ſollen ſie wohl geſchützt ſein. Das Weitere findet ſich. Ich bin im Stande und ſperre den herrſchaftlichen Forſt für die Gemeinde⸗ nutzungen, wenn man meine Anweſenheit nicht beſſer reſpektirt. Ich will Ruhe haben auf meiner Hufe. Allons, machen Sie fort, Eberhard!“ Der Alte ſtürzte fort ſo athemlos wie er gekom⸗ men war. Hinter ihm aber ſcholl der Lärm einer gewaltthä⸗ tigen und wüthenden Volksmenge immer erſchütternder in die ſtillen Schloßräume herauf. Die Schloßfrau rang die Hände.„Wahrlich das klingt wie Mord!“ rief ſie angſtvoll.„Seit ich den Marſchall Brune in Avignon maſſacriren ſah, hörte ich ſolche Töne nicht wieder. Heiliger Gott, wann werden die Civiliſirten aufhören, Kannibalen zu ſein! Wenn nur Cberhard rechtzeitig eintrifft.“ Und ihr Geſellſchaftsfräulein hieß ſie wiederholt auf den Bal⸗ kon gehen und Bericht bringen. Es war eine bange Minute, in welcher die alte blinde Frau jetzt allein ſaß. Wie dieſer Sturm ſo plötzlich hineingefahren war in die Meeresſtille der feierlichen Sonntagsruhe! Es dauerte nicht lange, ſo kam Adelheid wieder zurück, und hinter ihr keuchte Eberhard, welcher auf halbem Wege umgekehrt war. Letzterer berichtete:„Der Juſtiziär des Gutsgerichts ſei zufällig in der Nähe des Exceſſes geweſen und habe ſchon Alles geſchlichtet. Er ſich der Frau an. Das arme Weſen wird furchtbar erſchüttert ſein. Und laſſen Sie ihr nichts merken, ich binde es Ihnen auf die Seele, daß ihr der Pöbel Giftmiſcherei nachſagt. Man möchte Blut weinen über den Unſinn der Leute.“(Aber die edle Frau vergaß in der Wallung des Augenblicks, daß das Geſchrei von Giftmord das Feldgeſchrei des ganzen Attentats gewe⸗ ſen ſein mochte.) Eberhard entfernte ſich mit hoch hinauf gezogenen Schultern, und auch Adelheid wagte gegen den Einfall, einen Mann wie Hergarten zu empfangen, keine Ein⸗ wendungen. In den nächſten Augenblicken hörte man deutlich die Annäherung der Erwarteten. Ein Volkshaufe ſchien ſie noch immer zu begleiten, denn ein dumpfes Gemiſch murrender Stimmen, durchbrochen von Droh⸗ und Scheltworten Einzelner, war ſelbſt im Marmorpavillon, d. h. auf der Rückſeite des Schloſſes vernehmlich. Adelheid ging, wie ihr geheißen war, und die blinde Frau ſah nicht, wie bedenklich und zaudernd ſie's that. Statt ihr trat der Juſtiziär ein. Die Schloßfrau, welche die Tritte der Ihrigen kannte, redete ihn ſofort werde die Schützlinge— vor den Augen des Volkes die Gefangenen—, nämlich Hergarten und ſeine Frau, wie es Ihre Excellenz befohlen, ſofort in's Schloß ab- liefern.“ Und nun erzählte der aufgeregte Mann den Hergang wie folgt. dem Schneider aufgelauert und aus einer Kugelbüchſe nach ihm geſchoſſen. Er hat ihn gefehlt und in der Bosheit darüber den nächſten Weinpfahl ausgeriſſen, welchen er mit der Wuth eines Raſenden dem Schnei— der durch den Leib gerannt. der Gegend des Herzens gefährlich verwundet. mehr. Heut morgens hat die Aufwärterin in Hergar⸗ tens Haus eine Rede zwiſchen den beiden Gatten be⸗ lauſcht, woraus ſie mit Grauſen vernommen, daß das „Hergarten hat geſtern Abends Der arme Mann iſt in Noch nicht das erſte Blut ſei, welches Hergarten vergoſſen. Es iſt damit außer Zweifel geſetzt, was man ſchon längſt geahnt, nämlich, daß Hergarten ein Eindring⸗ ling unter falſchem Namen ſei und nichts anders als ein gewiſſer Förſter Leubold, welcher vor drei Jahren ſeinen Forſtdirektor erſchoſſen, und deſſen Steckbrief⸗ Signalement in allen Weſenheiten auf die Perſon Her⸗ gartens paſſe. Und nun das Entſetzlichſte! Der Böſe⸗ wicht hat ſeine Frau überredet, daß ſie unter dem Vor⸗ wande chriſtlicher Hilfeleiſtung in das Haus des Schnei⸗ ders drang und gleichſam als wiſſe ſie nichts von der Bosheit ihres Mannes oder verabſcheue ſie, ihre Sa⸗ mariterdienſte anbot. Statt des Wundbalſams aber habe ſie Gift bei ſich gehabt, womit das ruchloſe Werk ihres Mannes, wenn es je fehlgeſchlagen hätte, nach⸗ träglich noch vollendet werden ſollte. Zufällig aber——“ „Ich danke Ihnen, Eberhard,“ ſagte Frau von Dalmar gelaſſen.„Wenn Hergarten kommt, ſchicken Sie ihn ſogleich zu mir herauf.“ Und während der gute Alte noch zweifelhaft daſtand, fuhr ſie zu der Ge— ſellſchafterin fort:„Inzwiſchen, Adelheid, nehmen Sie an:„Feiert man ſo den Sonntag in Ballendorf? Was iſt geſchehen? Berichten Sie mir, Herr Hampel, man hat mir nichtswürdige Märchen erzählt.“ „Darf ich ſo frei ſein zu fragen: welche?“ ant⸗ wortete der Juſtizmann, dem es zur zweiten Natur geworden war, mit Fragen zu antworten, und ſich ſelbſt das Hören, Anderen aber das Ausſagen zu über⸗ laſſen. „Sträflichen Unſinn!“ ſagte die Schloßfrau.„Her— garten ſoll auf den Schneider geſchoſſen haben, und dann hätte er ihn mit einem Weinpfahl attakirt. Hö⸗ ren Sie einmal! Nach einem Fehlſchuſſe kehrt man die Flinte nicht um und bedient ſich des Kolbens, man reißt lieber einen Weinpfahl aus der Erde! Hierauf hätte ſeine Frau dem Schneider einen heuchleriſchen Krankenbeſuch gemacht und die Wunde deſſelben ver⸗ giften wollen. Ich weiß nicht, wer dieſes Gift chemiſch analyſirt hat, mich ekelt es an, den Wahnwitz nach⸗ zuſprechen. Und endlich ſoll dieſer Hergarten über⸗ haupt nicht Hergarten heißen, ſondern ein Förſter Leu⸗ bold ſein, welcher ſeinen Vorgeſetzten erſchoſſen hat. Auch ſei heute morgen zwiſchen ihm und ſeiner Frau von vergoſſenem Blute die Rede geweſen, was die Hausdienerin an der Wand erhorcht haben will. Was ſagen Sie zu all' dieſen Böswilligkeiten?“ Herr Hampel, welcher auf der Seite von Hergar⸗ tens Widerſachern ſtand, antwortete, im ſchärfſten Ge⸗ genſatze zu dem wegwerfenden Tone der Schloßfrau, ernſt und gewichtig:„Es iſt in dieſen Angaben wie in Allem, was durch den Mund der Leute geht, Wah⸗ res, Wahrſcheinliches und Falſches gemiſcht. Falſch iſt, daß Hergarten mit einer Schußwaffe und einem Weinpfahl ein Attentat auf den Schneider Schätzel ge⸗ macht hat. Der Schneider iſt durch einen Fall in Hergartens Weinberg verunglückt, was er ſelbſt bezeugt und was die Leute, die ihn geſtern Abend nach Hauſe gebracht, ausſagen. Ein Böswilliger mag jene Ver⸗ ſion in Cours geſetzt haben, und ſie fand Glauben, denn leider hat es dieſer Hergarten von jeher verſtan⸗ den, ſich Feinde zu machen. Falſch iſt natürlich auch die Fabel von dem Gifte, was kaum eines Wortes bedarf; ſie verräth ſich von ſelbſt als eine Ausgeburt der erhitzten Einbildungskraft des Volkes. Dagegen 34* kann durchaus nicht in Abrede ſein, daß, eben dieſe Einbildungskraft zu erhitzen, unheimliche Motive gege⸗ ben ſind, Motive, welche auf Jedermann wirken müß⸗ ten, nicht blos auf rohen Dorfpöbel. Die Herkunft dieſes Hergarten iſt wirklich dunkel. In ſeinem Pri⸗ vatleben verrathen einige nicht unbekannt gebliebene Züge, daß er wünſcht, ſich mit Geheimniß zu umge⸗ ben. Seine Perſönlichkeit anlangend, ſo iſt ſeine Bil⸗ dung nicht für Dorf und Dorfleben angelegt, ſein 268— Geſpräch unter vier Augen bewilligen. Dann könne Alles noch gut werden. Ihr Mann ſei unſchuldig, und doch könne ein unabſehbares Unglück ſeinen Lauf nehmen, wenn man ihn vor die Oeffentlichkeit drängte. Er bleibe gewiß keine Verantwortung ſchuldig, aber das einzige Mittel ſei, Frau von Dalmar möge ihn unter vier Augen anhören. Und wörtlich habe ſie Folgendes geäußert:„An einem Orte, wo die Männer alte Weeiber ſind, wird wohl eine alte Soldatenfrau Mann Charakter iſt kühn und gewaltſam, ſein Kopf hell und hart, ſein Gemüth tief und düſter. Wenn der Förſter Leubold von Bärenthal im überfliegenden Ehrgeiz ſei⸗ nen Forſtdirektor erſchoſſen, weil er ſeine Beförderung zum Oberförſter gleichgiltig oder ungünſtig behandelt, ſo kann es den Leuten nicht gewehrt werden, die die⸗ ſen Hergarten auf etwas Aehnliches anſehen. In der That„es ſieht ihm gleich“, wie man ſich ausdrückt. Seine Papiere könnten gefälſcht ſein, und ſogar der Umſtand, daß Leubold weder Weib noch Kind hatte, läßt ſich beſeitigen. einem andern Orte gehabt haben. ſind nicht unerhört. welche die Deutung finden, die Frau könne eine Schwe⸗ ſter und die Kinder Neffen oder überhaupt auch ganz fremde Perſonen ſein, und er hätte dieſelben ſich bei⸗ gelegt, nur um dem Förſter recht unähnlich zu werden, mit deſſen Steckbriefs⸗Porträt er Aehnlichkeit genug hat. Endlich nimmt es die Ausläuferin Bärbel durchaus nicht ſo leicht mit ihrer Ausſage. Sie will es vor dem Gerichte beſchwören und das Abendmahl darauf nehmen, daß die Hergarten heute morgen zu ihrem Manne geſagt hat: ‚nein, nein, Eugen, wir werden nimmermehr ein Aſyl finden. So hat auch dieſer Boden ſchon Blut getrunken! Du mußt es vergießen, du magſt wollen oder nicht.. Das Wort ‚Aſyl' iſt bedeutungsvoll im Munde einer ungebildeten Perſon. Das kann ſich die Bärbel nicht erfunden haben, ſie verſteht es nicht einmal. Die Frau ſagte dieſe Worte, als heute Morgen zuerſt die Nachricht in ihr Haus drang, daß der Schneider Schätzel im Weinberge ihres Mannes einen tödlichen Fall gethan. Sie war nicht zu halten, dem Verunglückten beizuſpringen; ihr Mann ſcheint es hat ſie zu halten verſucht, und bei dieſer Ge⸗ legenheit entſtand das Geſpräch, in welchem jene Worte gefallen. Die Dummheit, daß die Frau ſich mit Gift an das Krankenbett des Schneiders gedrängt, widerlegt ſich durch eben dieſes Zeugniß!— aber der Mann! der Mann! gegen den macht uns Bärbels Ausſage eine Kriminal⸗Unterſuchung faſt zur Pflicht.“ So ſprach der Juſtiziär. Seine Worte machten Eindruck auf Frau von Dalmar. Schon bereute ſie, daß ſie in plötzlicher Reminiscenz an das romantiſche Grauſen von Avignon den Verfolgten von Ballendorf ihr Schloß geöffnet. Sie überlegte bereits, wie ſie mit einem anſtändigen Ausweg den übereilten Schutz in den proſaiſchen Rechtsweg hinüber lenken wollte. Es war ein kritiſcher Augenblick in Hergartens Schick⸗ ſal. Sein Glück oder Unglück ſchwebte an einem Haare. Da erſchien Adelheid. Sie berichtete, die Gefan⸗ genen wären geborgen, und auch das Volk finge an, bis auf einzelne Gaffer ſich zu verlaufen. Aber ihren Auftrag, Hergartens Frau zu beruhigen, könne ſie ſchlechterdings nicht erfüllen; die Frau bitte auf’'s In⸗ ſtändigſte, Frau von Dalmar möge ihrem Manne ein Er könnte ſie heimlich und an Heimliche Ehen unangenehm war, brach höchſt übereilt los:„O Ja, es gibt ſogar Leute hier, zu ſein wiſſen.“ Das war ein glückliches Wort. Es ſchlug im Herzen der Schloßfrau die richtige Saite an. Sofort bewilligte ſie die Audienz. Adelheid ging. Aber noch in der Thüre blieb ſie ſtehen, die treue Seele, und ſtotterte furchtſam:„Das Frauchen dauert mich, aber Hergarten iſt ein verzweifelter Mann. Er hat ſich wüthend herumgeſchlagen und ſieht äußerſt gefährlich aus. ‚Unter vier Augen' iſt wirklich verwegen gefor⸗ dert.“ Der Juſtiziär, welchem die ganze Botſchaft nicht doch, nicht doch, Fräulein. Unter vier Augen iſt ja ganz recht. Aber eben deßhalb wird unſere gnädigſte Excellenzfrau mich da bleiben heißen. Vier Augen will er ja ſelbſt!“ Das fehlte juſt noch zur ganzen Entſcheidung. „Gehen Sie, Hampel!“ rief die blinde Gutsfrau, und rief es in einem Tone, daß der rohe Mann erſt ahnte, welche Taktloſigkeit er begangen. Beſtürzt ſchlich er ſich fort und dem Geſellſchaftsfräulein nach. Im nächſten Augenblicke ſtand Hergarten allein vor der blinden Frau. III. Frau von Dalmar machte der„Soldatenfrau“ Ehre. Nicht ſtreng, aber reſolut redete ſie den Eintretenden an:„Sie haben Geheimniſſe, Herr. Sie ſind vom Pöbel⸗Parterre eine Treppe höher geſtiegen, in der Ab⸗ ſicht, hier das Geſicht zu zeigen, welches Sie dem Pöbel nicht zeigen gewollt. Wohlan, Sind Sie der Förſter Leubold?“ „Nein.“ „Hat die Perſon recht gehört, welche heute morgen Ihre Gattin belauſcht haben will, als hätten Sie früher ſchon Blut vergoſſen?“ „Ja. „Ja? Unglücklicher! Und Sie wagen es—— „Unglücklich das bin ich. Und immer bin ich's— 1 im Duell.“ „Ach im Duell! Alſo wer ſind Sie? Winzer duel⸗ liren ſich nicht. Heißen Sie Hergarten? Sind Ihre Papiere in Ordnung?“ „Sie ſind gefälſcht vom Anfang bis zum Ende.“ „Zu welchem Zwecke?“. „Zu welchem Zwecke läßt ein Jude ſich taufen? Und wenn ein Hirſch, par force zu Tode gehetzt, im letzten Augenblicke röchelnd ſich umwendete und den Hunden zuriefe: ich heiße nicht Hirſch, ſondern Kalb, wenn er das könnte und mit dem einzigen Worte der langen, grauſamen Mordjagd ein Ende machte, würd' er's nicht thun?“ „Wer verfolgt Sie?“ „Wer verfolgt mich! Iſt es ein Menſch, der ſo fragt?“ Auf welchem Planeten lebten Sie, daß Sie fragen, wer mich verfolgt? Mich verfolgt der Neid, ——— —————— reden Sie! könne lldig, Lauf ngte. r das unter endes alte kann im fort noch und aber ſich frlich efor⸗ ſchaft nicht ſt ja igſte will dung. und ihnte, ch er vor 4 1 1 = 269 der Eigennutz, die Dummheit, die Gemeinheit, die Bosheit; mich verfolgt jene allgemeine Verſchwörung der Habenden gegen den Wünſchenden, derjenigen, welche den Beſitz, die Aemter, den Ruhm mit Liſt oder Ge⸗ walt auf ihre Seite gebracht, und die nichts davon ab⸗ geben, ſo lange ſie noch kratzen und beißen, morden und lügen, zu Tode ſchweigen und zu Tode verleum⸗ den können. Als ich in die Welt trat, fand ich ſie Alle gegen den neuen Ankömmling gerüſtet wie gegen einen gemeinſamen Feind. Wie eine aufgerollte Schlacht— linie ſtanden ſie da und hielten mir in undurchdring— lichen Gliedern ihre Speere entgegen. Ich fand allge⸗ mein angenommen, daß nie mehr ein Menſch auftau⸗ chen könne, welcher nicht überflüſſiger ſei als alle vor⸗ hergegangenen: daß es etwas Verbrauchtes und Werth⸗ loſes ſei, in die Fußſtapfen der Alten zu treten, und etwas Gefährliches oder Abgeſchmacktes, auf neuen Spuren zu wandeln. Sie riefen mir zu—“ „Mein Gott,“ rief Frau von Dalmar,„dieſe Worte muß ich ſchon gehört haben. Ich las ein Buch, im Sinne und faſt auch im Ausdrucke ähnlich. Sie ſprechen ja ganz die Sprache des Jupiter Tonans.“ „Ich ſchrieb den Jupiter Tonans,“ antwortete Hergarten. „Sie ſchrieben ihn? Ah, das kürzt Ihnen die Hälfte des Weges ab. Dann kenn' ich Sie durch und durch.“ chund wie gefiel Ihnen das Buch, Madame? Ich kann nicht Gleichgiltigkeit affektiren.“ Blos den Titel finde ich unpaſſend. Das Buch iſt kein Jupiter Tonans, ſondern ein Therſites. „Madame!“ „Es iſt der abſcheulichſte Preßfrevel, den ich kenne. Es iſt ein Pfuhl von Verleumdungen, ein wahrer Waſchzuber voll Schmutz und Lauge. Ich möchte lie⸗ ber einem ganzen Feldlazareth waſchen— und unter Umſtänden iſt mir's nicht fremd geblieben— als eine Seite von dieſem Buche geſchrieben haben. Mann, wie konnten Sie ſich erniedrigen, dieſes häßliche Gezänk an⸗ zuſtimmen?“ „Männerarbeit will nicht beim Filetſtricken beur⸗ theilt ſein,“ antwortete Hergarten ſtolz.„Ich frage nur, iſt meine Satyre wahr oder falſch?“ „Ja doch, ſie iſt wahr, meinethalben! Die Großen blähen ſich und die Kleinen ſchmeicheln und kriechen. Das Glück der Großen gilt für Verdienſt und die Niederträchtigkeit der Kleinen erreicht den Lohn des Verdienſtes. Zugeſtanden! Aber ſagen Sie mir das Eine: wäre Ihr Paatz ſelbſt unter den Großen, fän⸗ den Sie dieſen Weltlauf wirklich ſo unerträglich und haſſenswerth?“ Hergarten ſchwieg. „Ich ſehe Sie ſtutzen, wenn ich auch blind bin,“ fuhr die Schloßfrau fort.„Da haben Sie die ſoge⸗ nannte Wahrheit Ihrer Satyre! Nun ja, ſie iſt wahr; aber was ſoll's? Man ſagt ſich fortwährend: ſolche Wahrheiten würde ein Mann nicht denken und empfin⸗ den— der gut gefrühſtückt hat.“ „Madame, das geht zu weit!“ „Im Style des Jupiter Tonans! Sie dürfen was zu weitgehend finden! Ja mein Herr; ſoll ich Ihnen ſagen, was bei der ganzen Lektüre mein Gedanke war? Mir ſummte fortwährend Rouſſeau's Wort im Ohre: Il est très difficile, de penser noblement, quànd on ne pense que pour vivre.“ Hergarten ſagte mit einem cyniſchen Trotze:„Ge⸗ nug davon! Aus Allem, was Sie ſagen, ſehe ich das Eine: ich bin befriedigt. Das Buch ſollte wie der horaziſche Tod erblaſſen machen in den Hütten der Kleinen und in den Schlöſſern der Großen. Es hat's gethan. Es hat ſo wehe gethan wie ich wollte.“ „Mein Schloß bitte ich auszunehmen,“ antwortete Frau von Dalmar mit einer hehren Gelaſſenheit.„An Ihrer ganzen Satyre that mir nichts weh, als höch⸗ ſtens der Satyriker. Nicht Ihre zahlloſen Gehäſſig⸗ keiten haben mich getroffen, ſondern die ſparſamen, aber rührenden Züge Ihrer Nobleſſe. Denn daß ich mich verbeſſere, ich habe den Rouſſeau nicht ganz rich— tig auf Sie citirt. Es wurde Ihnen ſchwer, unedel zu denken. Es gelang Ihnen— leider! denn Sie haben Genie, und Ihr Buch wurde ein Therſites. Aber zwiſchen den Zeilen liest man doch einen Jupiter. Er iſt unwillkürlich da und gleichſam als ſtumme Per⸗ ſon, während Therſites ſich laut macht. Aber er iſt da. Und ſeine ſchöne unſichtbare Gegenwart hat mich immer von Neuem eingenommen, ſo oft ich das häß⸗ liche Buch in den Kamin werfen wollte. Ich verab⸗ ſcheute den Autor, aber er war mir intereſſant. Alſo Sie ſind es? Setzen Sie ſich, mein Herr. Und noch einmal: wie konnten Sie dieſes brutale Pamphlet ſchrei⸗ ben? Erzählen Sie mir etwas davon.“ Hergarten ſetzte ſich und ſprach:„Ich danke es dieſem brutalen Pamphlete gar ſehr, daß es mir, wie Sie richtig bemerken, den Weg abkürzt. Das thut es wirklich. Sie kennen bereits meine ganze innere Land⸗ ſchaft. Wir erſparen die einzelnen mühſeligen Schritte, wir ſtehen im Jupiter Tonans wie auf einer Ausſicht und überblicken Alles. Dieſer Thurm, jene Ruine, die Haide hier, die Waldſchlucht da— ich nenne ein paar Namen und wir ſind fertig. Sie kennen meine Perſönlichkeit, d. h. die größere Hälfte meines Schick⸗ ſals. Das Uebrige thut eine kurze Skizze von That⸗ ſachen. „Meine Knabenjahre vertummelte ich im Weinberge meines Vaters. Ich half gerne bei der Arbeit und arbeitete ſcharf, denn ich war ſtark über meine Jahre. Kam die Zeit der reifenden Trauben, ſo ſchoß ich mit Leidenſchaft nach den Sperlingen, wodurch ich auf der Piſtole ein fehlloſer Meiſter wurde. Mein Piſtolet war zuletzt kein Werkzeug mehr, ſondern ich ſelbſt: mein Auge, meine Hand, ein unmittelbarer Sinn. Verhängnißvolle Fertigkeit! Ich widmete ihr manch' ſchöne Schulſtunde und verfiel in gradweis geſteigerte Strafen. Ich ertrug ſie mit dem Stoicismus eines Indianers— mein Ideal!— und nur für die letzte derſelben rächte ich mich durch eine beißende Karrikatur auf den Rektor. Das Blatt wurde eine kleine Unſterb⸗ lichkeit in den Schulannalen, und der Vater eines Mit⸗ ſchülers, welcher ſelbſt Maler war, bemerkte darüber: wenn der Maler wollte, er könnte Deutſchlands Ho⸗ garth werden und mehr! „Bis dahin hatte ich noch keine Berufswahl ge⸗ troffen. Ich wußte nur, daß ich brannte vor Ehrgeiz und daß ich den Anſpruch machte, der Erſte zu ſein, gleichviel worin. Alſo in der Zeichenkunſt! „Die Akademie gefiel mir ſehr wohl. Flotte Jüng⸗ linge und Profeſſoren, welche zu ſchonen wußten. Ein paar Lehrjahre verflogen im üppigſten Jugendbraus. Wir warfen Schatten wie Rieſen, angeleuchtet von un⸗ ſerer Zukunftsſonne. „Der Ekel fing an, als der Genius auf den Markt hinaus mußte. Das Publikum war ſentimental oder frech, der Gönner albern und anſpruchsvoll, höher hinauf grau und kalt, eine Schichtwolke von undurch⸗ Kunſt nicht mehr begeiſterter Naturberuf, ſondern blo⸗ ſes Mittel zum Zwecke, wie dem Droſchkenkutſcher die Droſchke, dem Giftmiſcher das Gift. Keine neidloſe Kollegialität, keine unparteiiſche Kritik, kein großmüthi⸗ ger und gebildeter Käufer; kein Lohn, keine Ehre, keine Freude, außer auf Nebenwegen. Ich aber rannte ge⸗ rade wie ein Feuerrad aus und verhehlte nicht, wie ich die Krummſchleicher verachtete. wie Sand am Meere. „Der Ekel wurde ekelhafter. Da war ein Tape⸗ zierlehrling, welcher ſich bei einem der Profeſſoren um's Aquarelmalen umgethan, ferner eine Prinzeſſin Allwina, welche in der Muße einer hoffnungsloſen Jungfräu— lichkeit allerlei Künſte tentirte. Sie flocht Stroh, machte Papeterieſachen, lernte Tanzſchuhe nähen und wollte zuletzt in Waſſerfarben malen. Profeſſoren, die ſie um Stunden anging, wichen der Eintagsſpielerei vorſichtig aus, ein Eulenſpiegel hatte die Ironie und V ſchob ihr den Tapezierlehrling zu, der ein patentes Jüngelchen war. Er wurde angenommen. Der Ta⸗ pezierer lehrte ſie morgen, was er heut ſelber gelernt, und die Prinzeſſin hielt länger aus, als bei ihren übrigen Launen. Wir lachten und machten Witze. Aber die Sache wurde ernſthafter, als in den Ferien der Gallerie⸗Direktor ſtarb, und der Tapezierer, während die Akademie auf Ausflügen war, interimiſtiſch die Geſchäfte ſich auftragen ließ. Nun haben wir einen Souverain, welcher der unſchlüſſigſte Mann auf Erden iſt. Man ſagt ihm nach, er gehe oft tagelang ohne Weſte herum, weil er über die Farbe der auszuwäh⸗ lenden nicht mit ſich einig werde. Die Galleriedirek⸗ tion blieb daher fortwährend unbeſetzt! Der Tapezierer aber verſah immer ſein Interim. Endlich geſchah das Unglaubliche. In einer günſtigen Stunde erſchnappte der Tapezierer ſeine definitive Beſtätigung. Die Aka⸗ demie war außer ſich. Ich beantragte eine energiſche Eingabe, nöthigenfalls einen anzudrohenden Abzug in corpore. Da geſchah was noch unglaublicher war. Die Herren begnügten ſich mit Schimpfen, aber ein aktiver Schritt unterblieb. Einige machten ſogar ihren Frieden mit dem neuen Gallerie⸗Direktor. Ich aber ging hin und warf meine Pallette in den Schloßgra⸗ ben, wo er am ſchmutzigſten war. „Ich warf mich in's praktiſche Leben. Den drin— gendſten Grund dazu fand ich in unſerem eigenen Hauſe. Ein alter Familienproceß, welcher an unſerem Glücke wie der Schwamm im Bauholze nagte, hatte ſchon längſt meine Ungeduld aufgeregt. Die Geſtalt des Advokaten ſtand unter uns wie eine ſichtbare Vorſehung. Aber ich empörte mich gegen den Gott mit der rothen Naſe und der blauen Brille und fragte mich oft: wa⸗ rum kann nicht Jeder was der kann? Warum liegt unſer Wohl und Wehe in dieſer fremden, liebloſen Hand? Welche Zauberkünſte treibt der Mann? Wo hat er ſie gelernt und könnte man ſie nicht auch ler⸗ nen? Alte Knabengedanken waren das, und doch lag eine Begier der Selbſthilfe, ein Trieb der Unmittel⸗ barkeit darin, die ich keineswegs mit den Knabenſchuhen vertreten konnte. Um kurz zu ſein, ich ſtudirte jetzt noch die Rechte. Als ich mein Malen aufgab und zu- — 270—— Auch den Künſtlern war die Da hatte ich Feinde fällig eine verdrießliche Wendung unſeres Prozeſſes mit dieſer Kriſis zuſammentraf, da entſchloß ich mich raſch und warf mich auf's Jus. „Laſſen Sie mich, gnädige Frau, über Freud und Leid der nächſten Jahre mit Stillſchweigen hingehen. Die Freude war: ich gewann den Prozeß. Ein Menſch, welcher vor die Aſſiſen geſtellt war und deſſen Zeugen⸗ ausſage auf eine abenteuerliche Weiſe in unſern Pro⸗ zeß eingriff, wurde von mir im rechten Augenblicke auf's Korn genommen. Trübe Händel ſpielten. Ein Dickicht von Intriken ſchützte den Angeklagten. Ich war ein Neuling und hatte nichts als mich ſelbſt. Aber ich arbeitete. Das iſt ein großes Wort, die wenigſten Menſchen wiſſen, was es heißt! Es heißt ſich gänzlich in That umſetzen. Es heißt einen Wil⸗ len haben, verzehrend und unauslöſchlich wie ein Lava⸗ ſtrom, und doch in der Richtung dieſes Willens überall den kälteſten, ruhigſten Kopf vorausſchicken. Gelingt das, dann mag man billig erſtaunen. Das Reſultat iſt ein Wunder. Jene Kraft hat gewirkt, welche man ſonſt Fanatismus nannte— und Gott verhüte, daß ſie je ausſtirbt!— der Menſch iſt gleichſam die Summe ſeiner ſelbſt geworden. Mir gelang's. Ich machte mich zum Meiſter des labyrinthiſchen Handels, alle Aus⸗ und Eingänge beſetzte ich mit meinen Poſten. Ich war ſchon Herr der Situation, als meine Gegner noch immer mich auslachten und über den Dilettanten verächtlich die Achſel zuckten. So ging ich in die Schlußverhandlung. Hier entfeſſelte ich meine ganze Unbarmherzigkeit. Den Defenſor der Gegenpartei zer⸗ malmt' ich mit Keulenſchlägen der Logik, über die Ge⸗ ſchwornen goß ich's wie ein Nordlicht von Klarheit und Einſicht aus, über den Angeklagten aber fielen meine Kreuzfragen her wie eine Armee von Krebſen und See⸗ ſpinnen und zwickten ihm ſäuberlich das letzte Körnlein ſeiner Geheimniſſe heraus. „Der Erfolg war ein vollſtändiger. In einem Rauſche von Glück flog ich nach Hauſe, um meinem alten Vater Lorbeeren, wie ſie noch nie vor der Barre errungen worden, zu Füßen zu legen. „Aber ein Bube von der Gegenpartei war mir zu⸗ vorgekommen. Er hatte dem armen Manne die Bot⸗ ſchaft von Verluſt und gärzlicher Niederlage gebracht, und als ich nach Hauſe kam, fand ich den Unglück⸗ lichen vom Schlage gerührt, er lallte, kannte mich nicht mehr und war in zwei Tagen todt. „Dem gemordeten Manne ein Todtenopfer zu brin⸗ gen, den Buben zu entdecken und niederzuſchießen, das war jetzt meine Aufgabe. Ich ging ihr nach wie ein brüllender Löwe. Endlich hatt' ich die Spur. Wir fuhren über die Grenze, ſchoſſen uns, und der Feind blieb todt auf dem Platze. „Ein ungeheurer Schmerz war die Frucht dieſer That. Es enthüllte ſich bald, daß ich nicht den rech⸗ ten getroffen. Blos der Schein war wider ihn gewe⸗ ſen, ein ſtarker Schein, und geblendet von dieſem hatte ich mit brüsken Worten ihn angefallen. Der Andere, noch brüsker, hatte mich überboten, und dann ſelbſt die Herausforderung gethan. Er hielt es für ſeine Ehre, ſich erſt zu ſchlagen und dann zu ſprechen; aber zum Sprechen kam's nicht mehr. Meine Kugel kannte kein Fehlen. Ich vergoß ſein unſchuldiges Blut und mein Vater blieb ohne Rache. „Ich betäubte meinen Schmerz in einem raſenden Arbeitsfleiß. Mein Prozeß hatte Aufſehen gemacht. k 2 n —8ͤ— ———·——.,——— ſes mit hraſch ud und ngehen. Nenſch, eugen⸗ Pro⸗ nblicke Ein Jch ſelbſt. t, d s heißt n Wil⸗ Lava⸗ überall Velingt teſultat he man , daß umme machte „alle Poſten. Gegner ttanten in die ganze tii zer⸗ die Ge⸗ eit und meine See⸗ zrnlein einem neinem Barre nir zu⸗ 2 Bot⸗ n hatte =— — 271— Ich ſtand im Lichte des Tages. Die Geſchäfte ſtröm⸗ ten mir zu wie eine Fluth über Nacht und ich über⸗ nahm Alles. Ich machte die höchſten Anſprüche an mich. Ich hatte meine Kraft kennen gelernt und ſteckte meinem CEhrgeize die kühnſten Zielpunkte. „Deſſenungeachtet kam ich nicht vorwärts. Es war keine Carriere, daß mich die verzweifeltſten Spitzbuben des Landes mit ihren Prozeſſen beehrten: die reiche und vornehme Klientel blieb aus. Das macht, ich war arm. An unſerem Familienprozeſſe war nichts gewon⸗ nen, als das Recht, die Mittel ſchon längſt zerfloſſen. So ſtand ich mit dem geprieſenſten Talente eigentlich als ein Proletarier in der Geſellſchaft und wurde als ſolcher behandelt. Die Adminiſtrationen, Agenturen und Prokura's, welche Reichthümer abwarfen und Stellungen gaben, fielen denjenigen zu, die Beides ſchon hatten und eben dadurch eine Bürgſchaft gewähr⸗ ten, welche mir fehlte. „Aber man ſage nicht, daß die Welt das Verdienſt ignorirt. Das iſt in den ſeltenſten Fällen wahr. Es gibt gewöhnlich ein Stadium, wo ſie eifrig ſein Glück zu machen ſucht. Natürlich, ein Glück, wie ſie es verſteht! Und da geſchieht es z. B., daß ſie für den Wallfiſch eine kräftige Grasweide in petto hat, der Adler könnte im Schwanenhäuschen wohnen und auf dem Schloßteiche ſchwimmen, für den Strauß aber findet ſie eine prächtige Parthie unter den Schildkröten. Welch' ein verdorbener Charakter, wer auf ſo weiſe und wohlwollende Abſichten nicht eingeht! Dem iſt freilich nicht zu helfen, er will ja ſein Unglück. Alſo drauf! Hetzt ihn! „Ich brauche kaum zu bemerken, daß von einer brillanten Parthie die Rede war. Aber die linken und rechten Schächer, ſo gute Juwelenkenner ſie ſind, haben mitunter merkwürdige Begriffe von Brillanten. Es iſt wahr, die Braut hatte viel Geld und ihr Haus war einflußreich. Wer ſie nahm, war ein gemachter Mann. Das Wort iſt gut, denn was ein geborener Mann iſt, der braucht ſich zu keinem gemachten machen zu laſſen. Gleichviel. Und wäre der Brillant auch ſonſt nicht ein Rheinkieſel geweſen, ich liebte längſt. Ich liebte ein Mädchen, das mir in einer Minute lie⸗ ber war, als jene brillante Parthie in ihrer ganzen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Sie hatte Armuth und Dunkelheit mit mir getheilt, kein Groß⸗ mogul konnte den Genuß mir abkaufen, ſie mit eige⸗ ner Kraft zu Macht und Glanz zu erheben. „Aber man verachte kein Weib! Eher noch hundert Männer. Ihre Niedertracht hat oft einen Zug von gemüthlichem Cynismus. Ich bin ein Lump und du biſt ein Narr, nun gut— und man ſteht ſich mit ihnen. Dagegen ein Weib! Ein beleidigtes Weib zu einer durch Talent und Charakter ſchon beleidigten Männerwelt hinzuaddirt, das gibt das rechte Ferment! „Der Krieg war erklärt. Ein Mann, der eine Glücksheirath ausſchlägt, iſt ein Ungeheuer. girt ja den ganzen ſittlichen Boden der Geſeellſchaft! Wer ſteht nicht auf dieſem Boden und wer möchte nicht drauf ſtehen? Sein Talent hätten wir ertragen, denn wir bilden uns ein, ſelber Genie's zu ſein; ſeinen Stolz pariren wir mit unſerem Geldſtolz, unſerem Ahnen⸗ ſtolz. unſerem Aemter⸗ und Titelſtolz; ſein Freiheits⸗ geiſt will eſſen und trinken wie andere arme Sünder, Er ne⸗ und das Bedürfniß bändigt auch ihn; ſein maßloſes Aufſtreben findet wohl die Punkte, wo die Welt mit Brettern vernagelt iſt— nöthigenfalls nageln wir ein paar neue hinzu. Jetzt aber werft ihn über Bord! Er kränkt nicht mehr die Einzelnen, er kränkt die Ge⸗ ſammtheit; er bohrt das Schiff an, in welchem wir Allle ſegeln; er beſchimpft uns in unſern Weibern, un⸗ ſern Kindern; er durchbricht die übereingekommenſte aller Fabeln, das Heiligthum unſerer Ehen— er ver⸗ ſchmäht eine Glücksheirath!“ Frau von Dalmar ſeufzte:„Da ſprechen Sie wie⸗ der ſo bitter wie Jupiter Tonans. Nun ja doch, ja! Aber ich bin ein ſchwaches Weib und will meinen Frie⸗ den. Milder! wenn ich bitten darf.“ Hergarten ſagte:„Sie haben recht. Auch waren es dieſe Beſtien nicht, welche mich unglücklich mach⸗ ten. Konnt' ich ſie doch bekämpfen! Aber die ſenti⸗ mentale Beſtie, die mir fromm in den Rücken fiel, die traf mich beſſer! „Dieſe Beſtie ſchlich ſich an meine Geliebte und ihre Familie. Sie hat gut gezüngelt die Schlange, denn ſiehe da, eines Tages war das ganze Haus auf und davon. Meine Konſtanze ſchrieb mir, ſie verzichte auf mich. Sie ſehe ein, ſie ſei mein Unglück. Ich ſei gemacht, in die höchſten Regionen emporzuſteigen, und ſie ſei der Mühlſtein an meinem Halſe. Sie habe lange und ſchmerzlich mit ihrem Egoismus gerungen, denn kein Glück gibt es für ſie außer mir. Aber es ſei! Ich werde ſtehen und dauern und den weiten Raum meiner Beſtimmung erfüllen, wenn ſie ſchon längſt wird zu Grunde gegangen ſein. Aber für dieſen Preis wolle ſie es. Sie opfere— und ſo weiter. Wie ſo ein kleines Ding ſpricht, wenn es denn auch ſeine Großthaten thun will! Und um jeden Rückfall ſich ab⸗ zuſchneiden, habe ſie ſtehenden Fußes geheirathet, einen Mann, der bisher ein verſchmähter Zuſchauer geweſen und neben mir gar nicht in Betracht käme. Aber je geringer er zähle, deſto mehr habe ſie ihr Opfer. „Wenn die Menagerie eines Löwenbändigers durch⸗ bräche und Hyänen und Tiger auf den Spielplätzen der Kinder erſchienen, ſo gäbe es in einem gefriedigten Stadtweſen noch nicht den Aufruhr, wie jetzt mein Zorn durch die Menſchenwelt raste. Denk' ich an den Schmerz jener Tage, ſo thun mir die heftigſten Stel⸗ len des Jupiter Tonans noch kein Genüge. Nur Eins labt mich: ich habe Exiſtenzen vernichtet! Noch ſpinnen einige Schurken im Zuchthauſe, die es mir gelang, aus der Menge herauszugreifen. Ich habe beſtochen, ich habe Spione bezahlt, ich habe Kammerdiener und Zo⸗ fen erkauft, um Beweiſe, ‚wie man Präſident wird' in meine Gewalt zu bekommen. „Doch auch Gutes habe ich gethan. Viel Gutes. Meine Thätigkeit nahm eine beſtimmtere Richtung, und mein Ehrgeiz wirkte nicht mehr auf ſie. War doch der goldene Sporn dieſes Ehrgeizes verſchwunden! Nicht mehr Alles übernahm ich, ſondern nur das Ge⸗ wählteſte. Ich wählte die Prozeſſe der Armen, der Unterdrückten, der wehrlos Leidenden gegen das ſtolze und mächtige Unrecht. Die Zahl meiner Feinde wuchs endlos dabei, aber ich zählte ſie längſt nicht mehr. Immer mehr ſah ich ein: mein eigentliches Element ſei der Kampf, und Feinde waren mir nothwendig wie die Luft. „Vier Jahre vergingen ſo. Ich war gehaßt und haßte wieder, ich war verfolgt und wehrte mich, ich war gefürchtet und freute mich deß. Glücklich war ich keinen Augenblick, aber ich nützte. Dieſes Gefühl ſät⸗ 3 - 272— tigte mich, während meine zarteren Bedürfniſſe hun— gerten. Ich ſchlief ein nicht im Arme der Liebe, aber ich legte mich oft nieder mit dem Segen eines armen, alten Mütterchens, die nicht leſen und ſchreiben konnte, die man kühn betrog und die ich kühner in's Recht ſetzte. „Da ereignete ſich Folgendes: „Eines Tages, als ich durch die Schloßallee ging, ſah ich ein kleines Mädchen von ſeltener Kinderſchön⸗ heit und heiterem, zierlichem Weſen. Ich verſagte mir nicht vor dem glücklichen Bildchen zu verweilen, und um es ſchicklicher zu thun, machte ich Bekanntſchaft mit dem Kinde. Ich nahm mit ihr auf der Garten⸗ bank Platz, wo ihre Mutter ſaß, und indem ich mit wiſſſe ſie ſicher, habe bereits geheirathet, aber Geldent⸗ daß die diſtinguirte Schönheit des Kindes eigentlich die Kind und Mutter mich unterhielt, fiel mir erſt auf, der Mutter war. lichen Mutter früh gelitten zu haben, die Aehnlichkeit ſprang nicht in die Augen, und hatte man ſie gefun⸗ den, ſo war es ſchmerzlich zu ſehen, wie eine Schön⸗ heit, noch ſo nahe an ihrer Quelle, ſchon ſo getrübt war. zu werden. „Auf einmal bemerkte ich eine Unruhe an ihr. Nur ſchien die Blüthe der jugend⸗ Mein Geſpräch mit ihr fing an, theilnehmend Sie veränderte ihre Farbe, zitterte, und Richtung und Ausdruck ihres Blicks ſchien zu verrathen, daß ſie einen Gegenſtand geſehen, der ſie erſchreckte. geradezu. — Ich fragte ſie Sie blieb mir eine Weile die Antwort ſchul⸗ dig, dann warf ſie ihr Taſchentuch vor's Geſicht, er⸗ griff ihr Mädchen und eilte fort. aus den Augen. „Denn allerdings konnte ich kombiniren. Ich hatte bemerkt, als ſie, um ihrem Mädchen den Schuh zu binden, einen Augenblick die Handſchuhe ausgezogen, daß an einem gewiſſen Finger ein gewiſſes Symbol fehlte. Sie mochte in der Menge den Verräther er⸗ Ich ließ ſie nicht blickt haben, der dieſes Symbol ihr ſchuldig geblieben. „Es war genau ſo. Denn als ich in einer Sei⸗ tenallee des Schloßgartens ſie eingeholt und bald außer Stand geſetzt hatte, mein Vertrauen abzuweiſen, ließ ſie ihr Kind von der Hand, hieß es im Freien ſich tummeln, und erzählte mir, was ich geahnt hatte. Sie betrügt. ben hat, als er an ſeine Mutter ſchrieb, ſo ausſchwei⸗ eine Obſtverkäuferin zum Wagen hinein. lebte aus Oekonomie in weiter Entfernung auf dem Lande, hatte ſich aber doch jetzt entſchloſſen, nach der Stadt überzuſiedeln, um ihrem Kinde, welches ſchul⸗ fähig zu werden anſing, eine beſſere Erziehung zu ver⸗ ſchaffen. Den treuloſen Vater des Kindes hatte ſie nicht in der Stadt vermuthet, er war ſeit einigen Jah⸗ ren im Auslande, Theilhaber einer großen Gewehr⸗ fabrik, und mochte die Stadt höchſtens als Meßfrem- der wieder beſucht haben. „Wie ein Geier war ich mit der Frage zur Hand, ob ſie noch Briefe und vielleicht gar ein ſchriftliches „Sie haben vielleicht bemerkt, Madame, daß ich ein wenig zum Zorne inklinire. Aber das Zornigſte meines Zorns wird aufgeregt und der letzte Blutstropfen in mir ſchreit um Rache, wenn ein Bube die Liebe Es iſt mir das Liebſte, was Byron geſchrie⸗ fend er lebe, er habe nie eine Unſchuld verführt. Als ich dieſe Briefſtelle zum erſten Male las, bekam ich Thränen in's Auge, ein Mitſchüler von der Akademie lachte mich aus, und damals hatt' ich mein erſtes Duell auf dieſen Anlaß. „Ich war daher weit entfernt, dieſen Prozeß mir entgehen zu laſſen. Meine Clientin dachte anders. Zur Heirath ſei es zu ſpät, denn ihr Verführer, das ſchädigung verſchmähe ſie, und die Oeffentlichkeit ſei ihr peinlich. Es half Alles nichts. Sie hätte eben ſo gut verſuchen können, aus den Zähnen eines Wol⸗ fes die Beute loszulöſen. Ich prozeſſirte. „Der Zufall wollte es, daß ich bald darauf in einem ſtark beſuchten Café mit dem Menſchen zuſam⸗ mentraf. Er fing von der Sache zu reden an und ließ nicht ab, ſo ſehr ich das Unpaſſende des Orts ihm entgegenhielt. Er war unverbeſſerlich in die Idee verrannt, ſeine Geliebte verleumden zu können und mich ſelbſt auf ſeine Seite zu bringen. Je ſchroffer ich ihn abwies, deſto mehr drang er ſich auf. Unſer Wortwechſel ſpannte ſich, wir redeten heftiger, lauter, ich wählte heiß nach einander die beſtimmteſten Bezeich⸗ nungen meiner Verachtung, und die letzte derſelben war ſo ſtark und brachte ihn ſo außer Faſſung, daß er mit einer Ohrfeige antwortete. Von einer Civilklage konnte hier nicht die Rede ſein. Das Ehrengericht ſelbſt erkannte auf Duell. Seltſam war es, daß auch der Injuriant darauf hinſtrebte, und ſich befliß, alle ſonſtigen Sühnverſuche zu erſchweren. Vergebens warnte ihn ſeine Partei vor meiner Führung der Schußwaffe, der Gewehrfabrikant hielt ſich auch— nicht für ſchlechter. „Auf der Fahrt nach dem Kampfplatze winkte uns Ich kaufte ihr Pflaumen ab, die ich im Weiterfahren verſpeiste. An der Barriere probirte ich meine Piſtole, indem ich die letzte der Pflaumen in die Luft warf und hoch dro⸗ ben zerſchoß. „Aufrichtig geſagt, ich dachte nichts dabei. Aber mein Gegner erblaßte, zähneklappernd und knieſchlot⸗ ternd nahm er Diſtanz, und als er losdrückte— denn ich hatte ihm den erſten Schuß überlaſſen— ſchoß er klafterweit daneben. Der arme Sünder ekelte mich an, um ſeiner Angſt willen hätte ich ihm faſt ſeine Ohr⸗ feige verziehen, aber ich dachte an das Weib und das Eheverſprechen von ihm habe.—„Mehr als eines. — Wie es gekommen, daß er ſolch' wichtige Papiere in ihren Händen gelaſſen?—„Er wußte wohl, daß ich ihm nicht ſchaden würde!— Oho, nicht jeder Menſch iſt ein Täubchen. Verzweifelt wird man ihm ſchaden! Und im Geiſte ſchwang ich nun meine Peitſche um den Hallunken. Kind, die er ſo nichtswürdig verlaſſen, und ermangelte nicht, den Buben durch's Herz zu ſchießen. „Von dieſem Schuſſe datirt der wichtigſte Wende⸗ punkt meines ganzen Lebens. „Wie geſchah mir, als der Nachlaß des Mannes und die Schreibereien darüber ſeine Wittwe in den Vordergrund ſtellten und dieſe Wittwe Niemand anders war— als meine Konſtanze?! (Schluß folgt auf S. 279.) ———— —— 2= ga.— ——— aß ich rnigſte tropfen Liebe eſchrie⸗ ſchwei⸗ t. Als im ich ademie Duell s mir anderd. er, das jeldent⸗ keit ſei tte eben S Wol⸗ rauf in zuſam⸗ in und Orts ie Idee en und ſchroffer Unſer lauter, Bezeich⸗ ben war jer mit de ſein. Seltſam te, und chweren. Führung ich auch ülte uns h kaufte iſpeiste ndem i hoch dro⸗ Aber nieſchlt⸗ — denu ſchoß er b wen is mangelte Wende⸗ Mannes e in den d andels Herbſttag des Jahres geſchieden iſt. - 273— Der Winter. (Taf. 18.) Waſſer iſt Körper und Boden der Fluß. Das neuſte Theater Thut in der Sonne Glanz zwiſchen den Ufern ſich auf. Wahrlich, es ſcheint nur ein Traum! Bedeutende Bilder des Lebens Schweben, lieblich und ernſt, über die Fläche dahin. Wenn die Winde düſteres Gewölk über den ver⸗ blaßten Himmelsplan jagen, und die letzten vergelbten Blätter aus den kahlen Wipfeln über die Felder trei⸗ ben, wenn die einen immer kürzeren Bogen beſchreibende Sonne erſt ſpät die dichten Nebel bemeiſtert und Regen⸗ ſchauer raſch mit blendendem Sonnenſchein wechſeln, dann beginnt der Kampf des ſcheidenden Herbſtes mit dem Winter, der in gemäßigten Klimaten ſelten ohne langen Hader in den Beſitz ſeines kryſtallenen Scep⸗ ters gelangt. Ein klarer Nachmittag lockt uns zum letzten Herbſtgange in Feld und Garten. Es iſt ruhig in der Luft, leichte lockere Wölkchen laſſen, langſam öſtlich ziehend, hinter ſich den reinſten Himmel zurück. Wir merken, daß mit der klaren Abendſonne der letzte Noch ſchmücken Aſter, Flockenblumen und Enzian die Fluren und eine Menge von Blüthen die geſchützteren Gärten. Wir binden den letzten Strauß aus prangenden Georginen, noch ſchwach duftenden Heliotropen, Reſeden und viel⸗ leicht einigen verſpäteten Roſen. Der nächſte Morgen bringt Froſt und dichten Reif, und am wärmenden Sonnenſtrahle, der ſie erweckt und erzogen, ſinken die vom Froſt getödteten Pflanzen zuſammen. Nicht ganz aber überlaſſen wir unſere Lieblinge dem unfreundlichen Winter, der zierliche Topf nimmt manches Sträuchlein, manche Zwiebel auf, die winterliche Häuslichkeit zu ſchmücken und kein Feſt ohne Blumen zu laſſen. Der mütterliche Schooß der Erde iſt nun geſchloſſen; die menſchliche Geſellſchaft iſt jetzt der Boden, wo unſere Blüthen ſproſſen, und wie die Kälte das Blut aus den Gliedern nach dem Innern treibt, ſo zieht ſich Jung und Alt aus dem Freien in die ſchützende Woh⸗ nung zurück. Die Hausbewohner ſammeln ſich am früh eintre⸗ tenden Abend„um des Lichts geſellige Flamme“, die Arbeiten des Tages fortzuſetzen und nach der Feierſtunde im Kreiſe der Freunde ſich die Freuden zu erſetzen, die jetzt draußen nicht mehr zu finden ſind. Jede häus⸗ liche Empfindung wird rege und lebhafter das Bedürf⸗ niß freundſchaftlicher Unterhaltung. Auch der Einſame bleibt nicht allein: er wählt ſich am Bücherſchranke ſei⸗ nen Freund, der ihn oft lebhafter zu unterhalten ver⸗ mag, als die lauteſte Geſellſchaft, und aus der engen Zelle vielleicht in ferne Zeiten und Länder verſetzt. So wird der Winter der Vermittler der Bildung durch geiſtige Genüſſe. Wie uns das im Sommer und Herbſte Geſammelte jetzt nährt, ſo verarbeiten wir jetzt das im Geiſte oder im aufbewahrenden Blatte Niedergelegte. Der Gelehrte und Schriftſteller erfreut ſich in ſtillen, zeugenden Weiheſtunden nächtlicher Arbeit, und was Nachdenken und geiſtiges Schaffen hervorbrachte, was belebend und entfeſſelnd auf die Menſchheit wirkte, ver⸗ dankt allermeiſt dem Winter ſeine Entſtehung. Der ganze Lebenstrieb des Menſchen faßt ſich jetzt in ſich Feierſtunden. 1863. Göthe. ſelbſt zuſammen, wie den Ofen auch innen die wär⸗ menden Flammen des Daſeins ſchürend: im Winter regiert im Menſchen der Geiſt. Vor Allem aber iſt es die heitere Welt der Künſte, die uns die düſteren Tage des Winters belebt. Das Bedürfniß der Muſik, der Darſtellung des Gemüths⸗ lebens durch Töne, wird rege; ſie iſt ja die Kunſt, die ſich, mit Poeſie vereint, der allgemeinſten Wirkung und Pflege erfreut. Beim ſchnurrenden Spinnrade, beim kreiſenden Becher, im Familienkreiſe ertönen heitere Lieder und Rundgeſänge, im ſtillen Winterſtübchen Clavier und Guitarre, und in den Concertſälen der Städte lauſchen Tauſende der Tonfülle wohlbeſetzter Orcheſter oder den entzückenden Tönen gefeierter Sän⸗ ger und Virtuoſen. Glücklich, wenn die edle Men⸗ ſchenſtimme nicht zu ſehr von den Inſtrumenten ver⸗ drängt und nicht am guten Geſchmacke durch werthloſe, aber oft um ſo ſchwierigere Stücke, worin weder Ge⸗ danke noch Empfindung iſt, geſündigt wird! Wie ganz anders als die ſinnenkitzelnde Muſik der italieniſchen Meiſter und der ohne äußere Pracht unwirkſamen fran⸗ zöſiſchen vermag uns deutſche Muſik zu erwärmen, und der kindlich frohe Haydn in ſeiner Schöpfung aus dem ſtarrenden Winter mitten in's Paradies zu verſetzen. Mozart's wunderklare, zauberhafte Melodien machen uns ſo froh wie die Kinder unter dem ſtrahlenden Chriſtbaume, und der gewaltige Beethoven trägt uns auf Adlerſchwingen gen Himmel. Durch Mozart's Muſik an das ſchöne und nur im Winter ſchöne Weihnachtsfeſt erinnert, das deßhalb auch nur bei nördlicher wohnenden Völkern dieſe bedeutende Rolle ſpielt, kehren wir aus den Hallen der Kunſt in den Kreis der Familie zurück. Leuchtende Kerzen, Früchte, Zucker⸗ werk und goldener Flitter prangen auf dem immergrünen, ſchimmernden Weihnachtsbaume, der Sonne des Kin⸗ derherzens, und Trommeln, Pfeifen und Trompetchen hört man in jedem Hauſe. Mit Wehmuth blicken wir zurück zu den erſten Jugendjahren, wo auch uns noch Alles in friſch duftenden Farben glänzte. Auf den Weihnachtsjubel folgt der ernſtere Sylvveſterabend, einſt als Geburtsfeſt der Sonne, die Mutternacht, das Jul— feſt, unſern heidniſchen Vorfahren das heilige, in zwölf Nächten gefeierte Feſt der Winterſonnenwende, und die leuchtenden Julfeuer waren das Symbol des nach der Wende wieder aufſteigenden Sonnenrades. Aber von den alten ſinnigen Gebräuchen hat ſich nur noch die Sitte erhalten, Anderen mit Gruß und Glückwunſch entgegen zu kommen, und an die Stelle der Frühlings⸗ feſte, die ſchon mit dem Februar begannen, ſind die Faſtnachtsſchmäuſe und Maskenbälle getreten. Man kann in den Wintergürten der Reichen, in welchen man den wärmenden Ofen in die Geſtalt einer Statue hüllt, oder ganz unter den Fußboden verbannt, wo blühende Schlingpflanzen Plafond und Wände bedecken, 35 5 - 274— und glänzende Blattpflanzen die ſchützenden Fenſter um⸗ geben, den Winter eine Weile vergeſſen; noch vollkom⸗ mener aber iſt die Täuſchung, wenn der Wintergarten zum Ballſaale geworden, denſelben ſanfte Muſik und der Duft der Blumen erfüllt, und„ſchwebenden Schrit⸗ tes im Wellenſchwunge ſich die Paare drehen“. Wer aber ſchildert die verſchwenderiſche Pracht der Ballfeſte unſerer Großen, welche ſelbſt die gewählteſten Toiletten und blitzende Brillanten verdunkelt, die hier wie Sterne bei Sonnenaufgang verſchwinden! Die Geſammtwir⸗ kung der luxuriöſeſten Licht⸗, Blumen⸗ und Stoffver⸗ ſchwendung, die rauſchende Muſik mehrerer aus Mei⸗ ſtern zuſammengeſetzten Orcheſter, und die koſtbaren Wohlgerüche, dazu das Plätſchern magiſch beleuchteter Fontainen und Waſſerfälle, und die durch die gewähl— teſte Toilette, durch die Beleuchtung und die Aufre⸗ gung des Tanzes noch gehobene Schönheit der Damen — alles dies bringt eine Totalwirkung hervor, die ſich ebenſowenig beſchreiben läßt, als die Muſik aus Don Juan. Während man in dieſen feſtlichen Räumen eines künſt⸗ lichen Frühlings genießt, ſtürmt draußen vom Pole her der Winter, bedeckt die Wälder mit Reif, die Gewäſ⸗ ſer mit Eis, und ein ſtöbernder Wirbel treibt um die hohen Giebel. Die mit Brennholz befrachtete Achſe knarrt und es tönen ſelbſt die Fußtritte des Wanderers, der wohlgemuth, den Unbilden des Winterhimmels trotzend, durch Wind und Wetter ſich durchſchlägt, um im geſprächigen Freundeskreiſe ſich für die unerquick⸗ liche Wirklichkeit ſchadlos zu halten, und das häusliche Mahl durch den Klang der Gläſer und Geſang zu beleben. Nach dem erſten genügenden Schneefalle ſchallt Peitſchenknall, und das Geläute der Schlitten durch die Straßen und die Alleen des Parkes, durch welche ganze Züge von Schlitten zur nächſten Stadt dahin eilen, wo eine lebhafte Flamme des Kamins die Frierenden empfängt, dampfender Punſch ſeine würzigen Düfte verbreitet, und heiteres Spiel, Tanz und Geſang der Jugend und dem Alter genug thut. Glänzendes Eis deckt jetzt den Fluß und die Teiche des Parkes und ladet zum Eislaufe ein, der ſchönen bezaubernden Bewegung, die uns von dem Geſetze der Schwere zu entfeſſeln ſcheint und ſo hohes Vergnügen gewährt, daß ihn ſelbſt Klopſtock zum öftern auf ſei— ner nie entweihten Harfe beſang. Bald iſt der Eis⸗ lauf dem Schweben des Vogels ähnlich, der keinen Flügel rührt und ſcheinbar die Richtung des Fluges nur durch den Willen beſtimmt, bald iſt er ein ſanf⸗ tes Wiegen, bald nimmt er die ganze Kraft und den Muth des Läufers in Anſpruch. Auch Damen, von zwei Schleifſchuhfahrern geſtützt oder in Eisſchlitten im Fluge geſchoben, ſieht man auf der glänzenden Fläche, die muthigeren aber genießen ſelbſtſtändig mit ſtahlbewaff⸗ netem Fuße das graciöſe und der Geſundheit ſo zuträg⸗ liche Vergnügen des Eislaufes, der im höheren Nor⸗ den und in Holland ja auch bei den Frauen allgemein üblich iſt. Viele berühmte Männer waren leidenſchaft⸗ liche Freunde deſſelben. „Bei eintretendem Winter,“ erzählt Göthe,„that ſich eine neue Welt für uns auf, indem ich mich zum Schlittſchuhfahren, welches ich nie verſucht hatte, ent⸗ ſchloß, und es in kurzer Zeit ſo weit brachte, als nöthig iſt, um eine frohe und belebte Eisbahn mitzu⸗ genießen, ohne ſich gerade auszeichnen zu wollen. Dieſe neue frohe Thätigkeit waren wir Klopſtock ſchuldig, ſeiner Begeiſterung für dieſe glückliche Bewegung.“ Indeſſen war Klopſtock ſelbſt einſt nahe daran geweſen, auf dem Eiſe das Leben zu verlieren. Er war eines ſchönen Wintermorgens ausgegangen, auf dem Lyng⸗ byer See bei Kopenhagen zu fahren, und ein Freund Namens Beindorf begleitete ihn. Der ſchön mit einem Walde umkränzte See hängt mit dem Friedrichsdahler durch eine ſchmale Meerenge zuſammen. Klopſtock's Fehler war, trotz ſeiner Kühnheit, zwar Unvorſichtig⸗ keit nicht, aber er kannte die Gefahr nicht, welche ver⸗ borgene Ströme und warme Quellen bieten. Er will hinüber auf den andern See, deſſen Eisrinde jedoch nicht dick genug iſt. Er weiß es und wagt's— aber kaum iſt er dort, ſo bricht's. Vergeblich müht er ſich ab, ſich wieder heraufzuſchwingen, wo er eine Hand auflegt, bricht das Eis weiter. Schon hat er Gott ſeine Seele empfohlen, aber ſein immer gegenwärtiger Geiſt verließ ihn auch hier nicht.„Beindorf!“ rief er dem in der Ferne jammernd ſtehenden und ſich nicht näher trauenden Freunde zu—„bis hieher iſt das Eis feſt; her! Bei Allem, was heilig iſt, ich bringe Sie nicht in Gefahr!“ Beindorf trat näher, erſchrocken, voll Willen, ohne Rath, bleich. Klopſtock war's, der in der Angſt, unterſinkend beinahe, Mittel der Rettung erſann. „Nicht ſtehen!“ rief er,„niedergekniet! mit dem an⸗ dern Schlittſchuh eingehackt! Schnupftuch um die Hand! — mir zugeworfen!“ Beindorf that's, er ergriff's,— noch einen Ruck, und— er war oben. Das Vergnügen, das uns der Winter im Freien gewährt, iſt jedoch keineswegs nur auf die Bewegung beſchränkt; über und um uns bieten ſich tauſend be— wundernswürdige Dinge unſerer Betrachtung dar. Die zahlreichſte und glänzendſte Geſellſchaft der Welt, die der Sterne, welchen ja unſere Erde ſelbſt auch als leuchtender Punkt beigeſellt iſt, hält am klaren Winter⸗ himmel ihren erhabenen Reigen. Schon des Abends erblicken wir zwiſchen dem Horizonte und dem Pol⸗ ſterne das prächtige Siebengeſtirn, gegenüber gegen das Zenith ſteht das helle W der Caſſiopeja, zur Linken die weißglänzende Leier und nordöſtlich die gelblich ſchimmernde Capella. Es folgt das Sternhäuflein der Plejaden, die Gruppe der Hyaden mit dem röthlichen Aldeboran, und der Orion mit ſeinem wundervollen Gürtel, dem Jakobsſtabe. Wie ein leuchtendes Meteor zieht ſich der ſchimmernde Lichtglanz der Milchſtraße über den Himmel hin, in welcher ſchon Demokrit die Bilder unendlich vieler, durch unermeßliche Entfernung ſcheinbar zuſammengedrängter Sterne erkannte; ſich verzweigend zeigt ſie die wunderbarſte Mannigfaltigkeit und Pracht der Gruppirung. An die Sterne erinnert uns auch der glänzende Reif, welchen die Nacht über das weiße Gefilde ſtreute, wo nun auch zu unſern Füßen in der Morgenſonne tauſend diamantene Sterne glänzen. Die dürren Halme ſind mit dem zarteſten Puder übergoſſen, und dicht mit Eiskryſtallen beſetzt, und die Sträucher und Bäume in weißſchimmernde Korallenbänke verwandelt. Wie überzuckerte Pyramiden ſtreben die hohen Pappeln ge⸗ gen den grauen Himmel empor, und im Parke und Walde ſenken ſich die ſchnee- und duftbeladenen Fich⸗ tenzweige wie Zelte zur Erde herab. Die ganze Na⸗ tur ſcheint verzaubert; über Nacht iſt eine ganz neue Landſchaft von unbeſchreiblicher Schönheit geworden! Warum eilt nicht Alt und Jung hinaus, die phanta⸗ zuldig, zung.“ weſen, eines Lyng⸗ Freund einem dahler ſtocks ichtig⸗ ver⸗ rwill jedoch —aber er ſich Hand Gott ärtiger rief er nicht s Eis e Sie voll in der erſann. mm an⸗ Hand! 3, Freien vegung nd be⸗ .Die t, die ch als Linter⸗ Abends n Pol⸗ gen das Linken gelblich ein der thlichen rvollen Meteor iſtut frit die 1 ſtiſche Pracht des Winters zu betrachten, die ſchneller, als ſie entſtanden iſt, verglüht in den Strahlen der höher ſteigenden Morgenſonne. Wie der zarte Duft an den Zweigen und Halmen dem Sonnenſtrahle, erliegen die gewaltigen Maſſen des Eiſes zuletzt dem ſanften Hauche, der von Weſten her in das Land kommt. Die kryſtallenen Bande des Schnee's, in welche der Froſt die Regentropfen ſchlug, ſie fallen und eilen hinab zu ihrem noch gefeſſelten - 275—— Bruder, dem Fluſſe, und nagen an ſeinen Feſſeln, bis er ſie abwirft und in Trümmern dem Meere zuwälzt. Wie der Winter unter ſchweren Kämpfen ſeine Herr⸗ ſchaft gegründet, ſo zieht er unter dem Toben der März⸗ ſtürme ab, die ſein Grabgeläute ſind. Siehe, ſchon nahet der Frühling; das ſtrömende Waſſer verzehret Unten, der ſanftere Blick oben der Sonne, das Eis. Göthe. Die Bewohner des kaukaſiſchen Berglandes. Das kaukaſiſche Berg land, das ſich im Oſten des ſchwarzen Meeres erhebt, wird in ſeiner weſt⸗ lichen Hälfte von zwei Völkern, den Abaſen und Tſcherkeſſen, bewohnt, die mit einander die größte Aehnlichkeit haben, in ſeiner öſtlichen, vom Kaspi⸗ See begrenzten Abtheilung dagegen von den zahlreichen Stämmen der Lesgier, Oſſeten und Tſchetſchen⸗ ſen durchzogen, die von den Bewohnern der Ebene mehr als Wölfe und Tiger gefürchtet werden. Die Abaſen und Tſcherkeſſen, zwei Völkerſchaften, die in zahlreiche Feudalrepubliken aufgelöst, Jahrhunderte hindurch den Eroberern trotzten, die den Kaukaſus zu unterjochen trachteten, bieten noch jetzt das Bild des dort urſprünglichen geſellſchaftlichen Lebens, und haben alle Laſter und Vorzüge deſſelben, die kriegeriſchen Sit⸗ ten, die Verachtung des Eigenthums, den Hang zum Diebſtahl, die Verhältniſſe von Herren und Sklaven, vor Allem aber die tiefſte Achtung vor den Rechten der Gaſtfreundſchaft treu und unverändert aufbewahrt. Die Abaſen, welche Groß⸗Abaſien, das Küſten⸗ land des ſchwarzen Meeres von Mingreliens Grenze bis zur Stadt Anapa, und Klein⸗Abaſien, die höhe⸗ ren Gegenden zwiſchen der Malka und dem Kuban, bewohnen, Länder, welche einſt die Zychier, die Achäer, Kerketen, Sanniger und einige andere Völkerſchaften inne hatten, die jetzt in den beiden Gruppen der Aba⸗ ſen nicht mehr herauszufinden ſind, ſcheinen, bezüglich ihrer phyſiſchen Beſchaffenheit, wenigſtens was die Groß⸗Abaſen betrifft, Nachkommen der Aegypter zu ſein, die unter Seſoſtris nach Kolchis kamen, denn wie dieſe haben ſie einen zuſammengedrückten Kopf, ein kurzes Untergeſicht und eine vorſpringende Naſe. Von den benachbarten Georgiern werden ſie mit dem Namen Abkaſſi bezeichnet; ſie ſelbſt nennen ſich Abzué. Als ſelbſtſtändiges Volk ſind die Abaſen ſehr alt im Kaukaſus. In den früheſten Zeiten abwechſelnd den Lazen, den Georgiern, den Römern, Mongolen und Perſern unterworfen, wurden ſie im Jahre 550 unter Kaiſer Juſtinian zum Chriſtenthum bekehrt, ſpä⸗ ter von den Türken veranlaßt, ſich der Lehre des Pro⸗ pheten zuzuwenden. In Folge der verſchiedenen auf ſie einwirkenden Verhältniſſe ſind ſie gegenwärtig weder Chriſten noch Mohamedaner, und ihre Religion be⸗ ſchränkt ſich auf einzelne abergläubiſche Gebräuche, mitten unter welchen man die unvollkommenen Spuren der Miſſionäre des Evangeliums und des Korans wahr⸗ nimmt. Zur Zeit des oſtrömiſchen Reichs führte der fromme Eifer der chriſtlichen Ritter und der Unter⸗ nehmungsgeiſt der Handelsvölker ihnen Franken und Genueſer zu, und das Andenken an dieſen Verkehr haben ſie bis jetzt bewahrt, denn noch zeigen die Kirchen, welche von den erſten erbaut ſein ſollen, und Schwer⸗ ter und Waffen aus der Epoche der Kreuzzüge.— Mit ihren gegenwärtigen Nachbarn, den Ruſſen von Sud⸗ ſchuk⸗Kaleh und den Mingreliern, leben die Abaſen in beſtändiger Feindſchaft, und rüſten, als geborene See⸗ räuber, obgleich die Ruſſen fortwährend Kreuzer an der abaſiſchen Küſte unterhalten, lange flache Fahrzeuge aus, um auf Handelsſchiffe, die an ihrer unwirthlichen Küſte von Windſtillen überfallen werden, Jagd zu machen. Ihre gefährlichſten Feinde aber ſind die Tſcherkeſſen, obwohl ſie in Sitte, Lebensart und Gebräuchen mit dieſen durchaus übereinſtimmen. Die Tſcherkeſſen, die ſich ſelbſt Adighé nen⸗ nen, von den benachbarten Oſſeten aber Chaſachs genannt werden, ſind die Kaſſoghi der ruſſiſchen Chroniken des 11. Jahrhunderts, und das bedeutendſte Volk des kaukaſiſchen Berglandes. Sie gehören ur⸗ ſprünglich zu den Zychiern der Griechen, und ſcheinen früher in der Krim anſäſſig geweſen zu ſein, denn nicht weit von Sebaſtopol finden ſich die Ruinen von Tſcherkeßkerman oder der Burg der Tſcherkeſſen, und auf der rechten Seite der Bai von Sebaſtopol, zwiſchen den Flüſſen Katſcha und Belbek, iſt Tſcher⸗ keßkus, oder die Ebene der Tſcherkeſſen, deren oberer Theil Kabarda heißt. Die tſcherkeſſiſchen Fürſten, die ſich für Nachkommen einer arabiſchen, mit dem Propheten verwandten Familie ausgeben, führen den Titel Fürſten der Kabarda, und nennen ſo auch das ihrer Autorität unterworfene Land, das durch den Terek in zwei Abtheilungen geſchieden wird. Von der früheren Geſchichte der Tſcherkeſſen iſt nur wenig be⸗ kannt. Zuerſt den Georgiern unterworfen, entzogen ſie ſich im 16. Jahrhundert derer Herrſchaft, um ſie mit derjenigen der Chane der Krim und ſpäter Rußlands zu vertauſchen, deſſen Czar Iwan Waſſiliewitſch ſich 1560 mit der tſcherkeſſiſchen Fürſtin Marie, Temruks Tochter, vermählt hatte. Im Jahre 1700 verſuchte der Chan der Krim die Tſcherkeſſen zum Gehorſam zu⸗ rückzuführen, überſchritt an der Spitze eines furchtba⸗ ren Heeres den Kuban, ſchlug die Empörer und nöthigte ſie zum Rückzuge in die höchſten und einſamſten Schlupf⸗ winkel ihrer Berge. Hinter Wällen von Eis und un⸗ zugänglichen Felſen verſchanzt, hofften die Tſcherkeſſen, daß das tatariſche Heer das Land verlaſſen würde, in welchem es keinen Feind mehr zu bekämpfen hätte; 35* — 276 allein der Chan beſtand auf gänzliche Unterwerfung und hielt ihre Zufluchtsörter blockirt, um ſie durch Hunger zur Uebergabe zu zwingen. Den Belagerten, deren Vorräthe zu Ende gingen, blieb keine Wahl, als ihre Felſenſchanzen zu verlaſſen, junge Mädchen dem Chan als Friedensvermittlerinnen und Fürſprecherinnen zuzuſenden, und Alles, was ſie an ſtarken berauſchen⸗ den Getränken beſeſſen, als beſonderes Geſchenk dem Hauptkorps der Soldateska Preis zu geben. Die tata⸗ riſchen Krieger, auf ein ſolches Feſt nicht im Gering⸗ ſten gefaßt, bemächtigten ſich, trotz der Einreden ihrer Führer, der ihnen unverhofft gekommenen Spende, und in wenigen Stunden war das Lager ein Schauplatz der Unordnung und Trunkenheit. Dies war der Augen⸗ blick, deſſen die bedrängten Tſcherkeſſen harrten, um eine glänzende Rache zu nehmen. Eine zahlreiche, im Hinterhalte liegende Schaar fiel mit Feuer, Schwert und Dolch über die Tataren her und richtete ein er⸗ barmungsloſes Blutbad an. Am folgenden Morgen exiſtirte das Belagerungsheer nicht mehr; den Anführer deſſelben hatte ſein flüchtiges Roß nach den Steppen getragen. Die Tſcherkeſſen, die in zahlreiche Stämme zerfal⸗ len, ſcheiden ſich in drei Klaſſen, in Fürſten oder Pſcheh, Edle oder Usden, und Vaſallen Bauern. Die tſcherkeſſiſchen Fürſten ſind wahre Paladine, von Tagesanbruch bis in die ſinkende Nacht ſtets im Harniſch, hoch auf prächtigen Roſſen, und in ewiger Feindſchaft mit ihren Nachbarn, ſei es, um ſie in of— fener Fehde zu bekämpfen, ſei es, um ſie zu berauben und auszuplündern. Mit Stolz führen ſie ihre ara⸗ biſche Abkunft bis auf den Propheten, ja bis auf Sem, Noahs Sohn, zurück, doch nur bis ins 14. Jahrhun⸗ dert läßt ſich ihre Genealogie mit Gewißheit verfolgen. — Die Usden, zu welchen man auch frei gelaſſene der Fürſten verſchwägern, und wenn ein Usde die Kühn⸗ heit haben würde, ſeine Augen zur Tochter eines Für⸗ ſten zu erheben, könnte nur ſein Tod dieſe Beleidigung ſühnen. Usde hält ſich für geehrt, wenn die Augen eines Pſcheh auf ſeine Tochter fallen, ſelbſt wenn keine geſetzmäßige Verbindung daraus entſteht; und in gleicher Art iſt das oder telalter an den Küſten des ſchwarzen Meeres enn den und lange Zeit hindurch gediehen. Der Hand. verkehr mit den Türken begünſtigte die Einführung de Islam, und aus der Vermiſchung dieſer beiden Got⸗ tesverehrungen mit dem alten Heidenthume der Nation, geſtaltete ſich ein religiöſer Glaube, welcher eine Ver⸗ einigung aller Formen iſt, ohne daß er eine eigenthüm⸗ liche Form für ſich hat. Die Tſcherkeſſen ſind Chri⸗ ſten, inſofern ſie das Symbol des Kreuzes haben, eine Mutter Gottes erkennen, die Apoſtel anrufen und eine Art Meßopfer feiern; ſie ſind Mohamedaner, ſofern ſie auch an Mohameds Prophetenwürde glauben, ſofern ſie arabiſch, das Geſicht nach Mekka gewendet, ihre Gebete ſprechen, das Schweinefleiſch verabſcheuen, und andere Lehren des Islam befolgen; zugleich aber auch Götzendiener, denn ſie verehren eine Bienengöttin, Meriſſa, einen Gott der Wogen und Stürme, Seoſteres, einen Beſchützer der Schmiede, Tliebs, und andere Götter, denen ſie Brandopfer von Thieren darbringen.— Ihre Opfergebräuche ſelbſt ſind eine Miſchung heidniſcher Ceremonien und chriſtlich⸗moha⸗ medaniſcher Myſterien, und werden in öder Wildniß oder im Schooße eines düſteren Waldes vollzogen, wo ein auf einem abgehauenen Baumſtamme aufgepflanz⸗ tes Kreuz den Opferaltar bezeichnet. Die Rechtspflege der Tſcherkeſſen iſt höchſt einfach: durch die Gewohnheit geheiligte Gebräuche vertreten die Stelle eines Geſetzbuches. Die Usden verſammeln ſich zu verſchiedenen Zeiten, um über Angelegenheiten von allgemeinem Intereſſe Rath zu pflegen. Dieſe Zu⸗ ſammenkünfte, die unter dem Vorſitze der Fürſten und Stamm⸗Aelteſten ſtattfinden, heißen Pok. Außer die⸗ ſen bilden in jedem Stamme die Aelteſten ein Gericht, vor welchem Jeder zu erſcheinen hat, der eines Ver⸗ gehens verdächtig iſt. Die Todesſtrafe iſt nicht üblich; die ſchweren Züchtigungen ſind Geldbußen, Verbannung Vaſallen zählt, dienen den Fürſten als Knappen, kön⸗ nen aber ungechtet ihres Adels ſich nie mit der Klaſſe Das umgekehrte Verhältniß iſt geſtattet: ein —— Verhältniß zwiſchen den Usden und deren Vaſallen. Letztere haben nichts, was ihnen eigen gehört: ihre Weiber, Töchter, Vieh, Vorräthe, Alles, bis auf ihr Leben, ſteht zur Verfügung der Fürſten und des Adels. Sie ſelbſt bilden einen Theil des Vermögens dieſer und werden mit vererbt, ſind mithin vollkommene Leib: eigene, wie in Rußland. ſallen ihren Herren einen Tribut, der in einer gewiſ⸗ ſen Ouantität Heu, Getreide, Vieh und Handdienſten beſteht; dagegen haben ſie, da ſie durchaus nichts be— Gewöhnlich liefern die Va- ſitzen, was nicht Eigenthum des Adels iſt, das Recht, von dieſem Waffen, Kleider und Alles zu verlangen, was ſie zu ihrem Hausweſen brauchen. Schon in den früheſten Zeiten wurde das Chriſten⸗ thum nach den Bergen Kaukaſiens verpflanzt. Kriegs⸗ gefangene Kreuzfahrer, die als Sklaven an georgiſche Fürſten verkauft und durch Tſcherkeſſen dieſen entführt wurden, ſtreuten den erſten Samen des chriſtlichen Glaubens aus, und ſpäter wurde derſelbe durch Prie⸗ ſter der genueſiſchen Kolonien unterſtützt, die im Mit⸗ ———.—— und Sklaverei. Das größte Verbrechen in den Augen der Tſcherkeſſen iſt der Meineid. Wer ſein Wort ge⸗ geben und es bricht, wird in die Sklaverei verkauft; ein Mörder muß neun Stück großes Vieh als Strafe geben und die Verwandten des Gemordeten anſehnlich entſchädigen; der auf friſcher That ertappte Dieb büßt ſeine Ungeſchicklichkeit durch eine tüchtige Geldſtrafe und ſiebenfachen Erſatz. Vom Eigenthume haben die Tſcherkeſſen eigenthüm⸗ liche Begriffe. Geſchicklichkeit in Raub und Diebſtahl iſt ein Rechtstitel des Ruhms, deſſen Andenken als ein koſtbares Vermächtniß auf die ſpäteſten Geſchlechter übergeht. Wird einem Fürſten oder Edlen ein Sohn geboren, ſo wird das Kind von einem Nachbar ins⸗ geheim entführt, welcher ſich am folgenden Tage als deſſen Akalik oder Nährvater zu erkennen gibt, und als ſolcher von nun an alle Sorgfalt auf die Erziehung des Kleinen verwendet, ihn, ſobald das Alter es er⸗ laubt, die ritterlichen Uebungen, das Waffenhandwerk, und insbeſondere die Kunſt, gewandt zu ſtehlen, lehrt. Nachdem der Zögling offenbare Proben ſeiner guten Erziehung abgelegt, mit andern Worten den Atalik be⸗ ſtohlen hat, gibt ihn dieſer ſeinem Vater zurück und behält von da an in der Familie die Rechte eines Ver⸗ wandten. Zieht ein Fürſt in den Krieg, ſo folgen ihm ſeine ſämmtlichen Vaſallen, auf einen Raubzug dage⸗ gen begleiten ihn nur ſeine nächſten und innigſten Freunde, und gut bewaffnet und in großer Zahl fol⸗ gen dieſelben ihrem Anführer durch die Schluchten ihrer —y 1 nd g de Got⸗ ation, Ver⸗ thüm⸗ Chri⸗ eine eine ofern ofern ihre „und auch öttin, ürme, iebs, hieren eine noha⸗ ldniß „wo lanz⸗ nfach: en die in ſich 1 von Zu⸗ n und r die⸗ richt, Ver⸗ blich; mung Augen rt ge⸗ auft; Strafe jnlich büßt e und thüm⸗ bſtahl ls ein lechter Sohn ins⸗ e als und ehung s er⸗ — 277— heimathlichen Berge, wie einen ſolchen nach Beute aus⸗ gehenden Zug unſere Zeichnung darſtellt. Scheinbar den Ruſſen unterworfen ſind, trotz Schamyls Gefangennehmung, die meiſten der tſcher⸗ keſſiſchen Stämme in der That immer noch unabhän⸗ gig, und mehrere Fürſten derſelben beziehen ſogar Jahresgehalte von den Ruſſen unter der Bedingung, feindliche Einfälle in ruſſiſches Gebiet zu unterlaſſen. — Mittleren Wuchſes, ſchlank und nervig, und von kräftiger, anziehender Geſtalt, ſind die Tſcherkeſſen die tapferſten und kriegeriſchſten des ganzen kaukaſiſchen Berglandes, und die tſcherkeſſiſchen Frauen gelten nach dem Kanone der Haremsſchönheit für die reizendſten des Kaukaſus, und ſollen ſogar die Georgierinnen an Schönheit übertreffen. Die Vornehmen in ihrem krie⸗ Bedingung der Schönheit iſt, umhängen ſich mit einer Maſſe von Schleiern und Putzſachen, um ihre Formen wo möglich unkenntlich zu machen, und tragen Hoſen, ſowie die kronenförmige Mütze der Männer. Ihre Fußbekleidung beſteht in Schuhen, die auf viereckigen Geſtellen von einem halben Fuß Höhe befeſtigt ſind. — Der Hauptluxus der Männer beſteht in der Zahl und der Stattlichkeit ihrer Waffen. Kaum aufgeſtan⸗ den, unterſuchen und putzen ſie dieſelben, ſchütten bei den Schießgewehren friſches Pulver auf die Zündpfanne und hängen ſie an den Wänden des Hauptgemachs ihrer Hütte ſymmetriſch auf. Des Dolches entäußern ſie ſich nie, und ſelten ſogar entfernen ſie ſich auf einem bloſen Spaziergange von Haus, ohne daß ſie ein paar Piſtolen im Gürtel, den Säbel an der Seite und eine geriſchen Anzuge tragen einen oben ſpitzigen Helm, ein V Panzerhemd, Panzerhandſchuhe und Armharniſche, Alles von polirtem Stahl, und Bogen und Köcher; Flinte V und Piſtolen, Säbel, Dolch und Plet, eine Art Peitſche oder Knute, die ſich in einer ledernen Platte endigt, vervollſtändigen ihre Rüſtung, über die ſie bei ihren Kampf⸗ und Benutezügen noch einen langhaarigen Man⸗ tel werfen. Ihr bürgerlicher Anzug beſteht in einem ſehr kurzen Ueberrock mit einer Reihe kleiner Patron⸗ taſchen auf jeder Seite der Bruſt, in rothen Stiefeln mit hohen Abſätzen, und einer kleinen wattirten Mütze von der Form einer geſchloſſenen Krone. Die Frauen und Mädchen tragen eng anliegende lederne Kamiſole, um eine dünne, ſchlanke Geſtalt zu erhalten, die nach den Vorſtellungen der Tſcherkeſſen eine unerläßliche Flinte auf der Schulter hätten.— Gaſtfreiheit iſt die ſchönſte Tugend der Tſcherkeſſen, und der unter ihnen, wie unter den Abaſen herrſchende Gebrauch des Konak, iſt eine patriarchaliſche Sitte, die an die Urzeiten des Menſchengeſchlechts erinnert. Es iſt nämlich genug, daß ein Fremder den Namen eines Fürſten, eines Us⸗ den oder irgend einer Perſon weiß und laut erklärt, daß er ſich unter deren Schutz begebe, um ſofort geach⸗ tet und gut behandelt zu werden. Sein Beſchützer nimmt ihm gegenüber dann den Titel Konak an, und iſt bei Strafe der Ehrloſigkeit, ja ſelbſt körperlicher Züchtigung verpflichtet, den Schutzbefohlenen oder Schutz⸗ anrufenden zu vertheidigen, an ſeinem Herde gaſtlich aufzunehmen, ihn zu nähren, auf der Reiſe zu beglei⸗ ten und freundlich wie ein Kind zu behandeln. 278— Die Frauen werden bei den Tſcherkeſſen nicht ſo eiferſüchtig bewacht, als es bei den meiſten andern kaukaſiſchen Völkern der Fall iſt. Mit den andern Gebirgsvölkern des Kaukaſus, die ebenfalls in zahlreiche Stämme zerfallen, und nach dem Die jungen Leute nächſten Fluß oder Berg ihren Namen haben, ſind die beiderlei Geſchlechts tanzen und ſpielen zuſammen; die Tſcherkeſſen in fortwährendem Kampfe, und nur der verheiratheten Frauen empfangen Fremde; aber mit Einem Manne, einem einzigen Manne darf die Frau nicht öffentlich zuſammen geſehen werden— mit ihrem Gatten! Hat ein junger Tſcherkeſſe ſein Auge auf ein Mädchen geworfen, ſo ſucht er Gelegenheit, ihr ſeine Liebe zu erklären, und es iſt ſelten, daß ihm ſein Vorhaben nicht bald gelingt, da der Verkehr den beiden Geſchlechtern nicht erſchwert wird. Die Präliminarien ſind die nämlichen wie in dem gebildeten Europa, d. h. finden die Anträge des jungen Mannes Gehör, ſo er⸗ wiedert man ihm mit Beſcheidenheit, er ſolle ſich an die Familie wenden. Ein Freund nimmt es nun auf ſich, das Begehren an die Verwandten zu bringen, und wenn dieſe ihre Zuſtimmung ertheilen, ſo treten die Häupter beider Familien zu einer Unterredung zuſam⸗ men, um den Betrag des Heirathsguts feſtzuſetzen. Die Sorge dafür liegt dem Bräutigam ob. Gehört er zu der erſten Klaſſe ſeines Stammes, ſo bietet er ſeinem Schwiegervater ein Panzerhemd, ein reiches Geſchenk von 2— 3000 Piaſtern; ſonſt gibt er Pferde, Sklaven, Waffen, Tuch oder Vieh.— Nach geſchehe⸗ ner Verſtändigung über die Bedingungen entführt der künftige Gatte, mit Hülfe ſeiner Freunde, ſeine Ver⸗ lobte, und bringt dieſelbe in das Haus eines Nachbars, wo dann ihre Verwandten mit Stöcken bewaffnet er⸗ ſcheinen, um ſie zurück zu fordern. Ein zweiter Hau— fen, ebenfalls mit Stöcken bewaffnet, macht nun Miene, die koſtbare Eroberung zu vertheidigen, und die beiden Parteien liefern einander ein Scheingefecht, welches auf⸗ hört, ſobald der Bräutigam, mit ſeiner Verlobten an der Hand, heraustritt. Seine Partei ruft Sieg, die andere ſcheint ſich darein zu fügen, und beide Theile verfügen ſich nach der Wohnung des Bräutigams, wo alsbald die Luſtbarkeiten ihren Anfang nehmen. Da es für das junge Paar eine Schande wäre, ſich hier⸗ bei öffentlich zu zeigen, räumt der Mann, als galan— ter Ritter, den Platz, und während alle Gäſte ſich den Vergnügungen des Tanzes und der Tafel überlaſſen, verbirgt er ſich bis zum Einbruche der Nacht im Walde, wo ihn dann ſeine Freunde aufſuchen, um ihn nach dem Brautgemache zu geleiten, das er mit Tagesan⸗ bruch wieder verläßt, um ſich von Neuem in ſein Ver⸗ ſteck zurück zu ziehen. Dieſes Spiel währet oft zwei Monate lang, und ſelbſt nach dieſer Zeit vermeidet der junge Ehemann ſo viel als möglich jedes öffentliche Zuſammentreffen mit ſeiner Frau. Bei der Geburt des erſten Kindes wird dieſelbe Verſchämung an den Tag gelegt, und der Mann verbirgt ſich von Neuem in den Wäldern. Iſt das Kind ein Mädchen, ſo ſchöpft ihm die Mutter einen Namen und befaßt ſich mit ſei— ner Erziehung; iſt es ein Knabe, ſo adoptirt ihn die Nation, und ein Nachbar oder Verwandter, der Atalik, nimmt ſich ſeiner an.— Der Verkauf der Töchter nach der Türkei und Perſien, über Anapa und Tiflis, von deren Märkten aus einſt die Harems des Morgenlan⸗ des rekrutirt wurden, hat neuerer Zeit faſt ganz auf⸗ gehört, doch immer noch beſteht, bei den Abaſen wie bei den Tſcherkeſſen, das Recht des Vaters, ſeine Kin⸗ der zu verkaufen; ja bei den Abaſen genießt ſogar der älteſte Sohn dieſes Vorrecht über ſeine Brüder und Schweſtern, wenn der Vater nicht mehr am Leben iſt. Krieg gegen Rußland, in wecchen faſt alle verwickelt ſind, vereinigt ſie vorübergehend. Die Lesgier, die anſehnlichſten derſelben nach den Tſcherkeſſen, bewohnen das Land zwiſchen dem Koiſu, Alazan und dem kaſpiſchen Meere, das auf unſern Karten meiſt als„nördliches Dagheſtan“ aufgeführt wird, bei den Tataren aber unter dem Namen Les⸗ giſtan bekannt iſt. Sie ſcheinen ein Gemiſch ver⸗ ſchiedener europäiſchen und aſiatiſchen Nationen zu ſein, und ſind grauſam, plünderungsſüchtig und verwegen. Oft wagen ſie ſich bis in die Nähe von Tiflis, um Menſchen und Vieh hinwegzuführen. Gewöhnlich ge⸗ gen den Frühling ſteigen ihre Raubzüge von den Ber⸗ gen herab, verbreiten ſich in den Ebenen, und werden mehr gefürchtet als Wölfe und Tiger. In Ruinen alter Kapellen oder hinter Dickicht verborgen, lauern ſie auf ihre Beute mit einer Beharrlichkeit, die allen Entbehrungen und jeder Witterung trotzt. Haben ſie einen Gefangenen gemacht, ſo knebeln ſie denſelben mit Stricken, und fort geht es über Stock und Steine, durch Dornengebüſch und über Abgründe, bis ſie ihn in ihre Schlupfwinkel in Sicherheit gebracht haben. Von dort benachrichtigen ſie die Familie des Unglück⸗ lichen und fordern ein oft übertriebenes Löſegeld. Wird dieſes verweigert, ſo wird der bedauernswürdige Ge⸗ fangene oft Jahre lang der härteſten Sklaverei unter⸗ worfen. Obwohl die Ruſſen ſchon mehrere glückliche Kämpfe gegen die Lesgier geführt, deren Raubanfällen ſie am meiſten ausgeſetzt waren, ſahen ſie ſich doch genöthigt, ſich mit einzelnen Stämmen zu vergleichen, und um Ruhe zu haben den Fürſten derſelben jährliche Subſidien zu bewilligen. So empfängt der Chan der Avaren, des kriegeriſchſten der lesgiſchen Stämme, der zu Chun⸗Dzagh reſidirt und 10,000 Krieger be⸗ waffnen kann, jährlich 40,000 Franken, um Frieden zu halten, und gleiche Jahrgelder wurden den Kaſi⸗ kumuks, den erbitterſten Feinden der Ruſſen, zu⸗ geſagt. Die Oſſeten oder Oſſi, die ſich ſelbſt Iron nennen, ſcheinen Nachkommen der alten Meder zu ſein. In ihren Sitten und Gebräuchen ſind ſie den lesgiſchen Gebirgsbewohnern durchaus gleich, ſind hohen Wuchſes, haben ein impoſantes, kriegeriſches Ausſehen, und ihre Tracht, frei von der ſchwerfälligen Rüſtung der Tſcher⸗ keſſen, ſcheint für ein Gebirgsvolk die angemeſſenſte zu ſein, und beſteht in einem eng anliegenden Rocke, glei⸗ chen Hoſen, großen Lederſtrümpfen mit Knieriemen, einer Bauſchmütze, einem mit Piſtolen und Dolchen geſpickten Gürtel, einem Gewehr mit Bandelier, und einem Gabelſtock zum Auflegen deſſelben, um beſſer zielen zu können. Die Tſchetſchenſen, die im Lande ſelbſt den Namen Mitzdſcheghy führen, ſind ſeit uralten Zei⸗ ten im Kaukaſus anſäßig, zerfallen ebenfalls in zahl— reiche Stämme, und ſind noch grimmigere und ent⸗ ſchloſſenere Räuber als die Lesgier. Mit den Ruſſen, ſowie mit allen anderen Völkern Kaukaſiens ſind ſie in fortwährendem Kampfe, und geben ſelten einen Gefan⸗ genen, der ſich nicht auslöſen kann, frei, ohne ihm vorher Naſe und Ohren abzuſchneiden. Gleich bewaff⸗ net, wie alle anderen Bergvölker des Landes, ſind ſie 70= ——— 4 =½ - 279— die Einzigen, die ſich zur Sicherung ihrer Perſon des Schildes bedienen. Früher abwechſelnd Chriſten und Mohamedaner ſcheint gegenwärtig ihre Religion nichts zu ſein als ein mit groben Mißbräuchen und Aber⸗ glauben gemiſchter Theismus. Die Inguſchen, ein Hauptſtamm der Tſchetſchenſen, ſind am abergläubiſch⸗ ſten, haben eine außerordentliche Verehrung vor den Todten, und ſchreiben ihren Handlungen den größten Einfluß auf das Loos der Todten zu. Wenn ein Gläubiger von ſeinem ſäumigen Schuldner bezahlt ſein will, droht er dieſem, auf dem Grabe ſeiner Verwand⸗ ten einen Hund zu tödten, eine Drohung, die hinläng⸗ lich iſt, den Schuldner zur Erfüllung ſeiner Pflicht zu bringen und in Verzweiflung zu ſtürzen. Räuber und Diebe, wie alle ihre Nachbarn, ſind die Ingu⸗ ſchen in noch höherem Grade habſüchtig und boshaft, und nicht ſelten ſind die Fälle, daß Einer ſich um die Gunſt eines Mädchens bewirbt, ſie raubt und an Fremde verkauft, oder ein Sohn die Hand an den eigenen alten Vater legt, ihn mit Gewalt fortſchleppt und um einige Maas Salz oder etliche Ellen Tuch verhandelt. 2. Der Erbe. (Schluß von Seite 272.) „Ich hatte in dieſen vier Jahren mich keinen Au⸗ genblick um ſie erkundigt. Nicht daß ich ihr zürnte; ihr gut gemeinter, obwohl mißleiteter Heroismus ver⸗ diente ſogar meine Bewunderung. Aber mein Herz war voll Bitterkeit. Das Opfer, das ſie mir darge⸗ bracht, ſchmeichelte nicht ſo ſehr meiner Liebe, als es meine Citelkeit kränkte, daß ſie überhaupt ohne mich leben konnte. Und am Ende iſt die Eitelkeit doch die Seele der Liebe! So war ſie mir verloren. Was ſollt' ich ihr nachfragen? Zum Tollwerden, wenn es ihr ſchlecht ging, und eine bittere Pille für mich, wenn man ſie glücklich nannte! Alſo nichts von ihr! „Ihr Mann dagegen kannte mich wohl. Er wußte wohl, wen er vor ſich hatte, als ich ihm den Prozeß anhängig machte. Wie mußte er den Namen fürchten, welcher zu zwei Weibern, wovon er die eine freventlich verlaſſen und die andere freventlich geheirathet, eine Stellung einnahm wie ich! Prozeß kurzweg mir auszureden, und als es mißglückte, ſeine Wuth, ein Duell vom Zaune zu brechen, worin er mich unſchädlich zu machen hoffte. „Es war der ſchönſte Augenblick meines Lebens, als ich das Alles inne ward. Wie ſüß iſt Genug— thuung! „Hierauf geſchah, was ſich von ſelbſt verſtand. Konſtanze wurde mein Weib, und meine Klientin mit ihrem Kinde hatten den Prozeß auf's Kürzeſte gewon⸗ nen. Ihnen überließ ich, was von dem Vermögen des Verſtorbenen meiner Konſtanze zufiel, und was ich nun und nimmermehr hätte beſitzen wollen. Konſtanze felbſt hatte kein Kind von dieſem erſten Manne,— vielleicht der einzige Umſtand, der zwiſchen Gunſt und Ungunſt mir je nach der beſſeren Seite fiel. „Im Uebrigen war meine Laufbahn jetzt zu Ende. „Was ein warmer Tag über einem faulenden Sumpfwaſſer, das war dieſes Abenteuer für meine Feinde. Das Gezücht fuhr aus, unaufhaltſam und in allen Formaten. Die ganze Welt ſchien verwandelt. Die Eſel wurden zu Tigern, die Tiger zu Drachen, die ich als Wanzen kannte ſtachen wie Scorpione, und die Scorpione biſſen wie Kreuzottern. Muth und eine Energie, die etwas Urweltliches hatten, fuhren plötz⸗ lich in die Kanaille. Jede Verleumdung war gleich Palmen⸗hoch, jede Bosheit Hydrarchen⸗groß. Alle, die 1 Daher ſein Eifer, den mich haßten oder beneideten, Alle, die ich gezüchtigt, gedemüthigt oder auch nur ſtillſchweigend verachtet und durch das vorwurfsvolle Beiſpiel einer Mannesehre gereizt und geärgert: ſie Alle verband auf einmal ein Inſtinkt des Gemeinſinns, erzeugt durch das Glück der Gelegenheit. Welch' eine Gelegenheit! Zum erſtenmale hatten ſie meinen Namen in Verbindung mit zwei Weibern. Was für ein Dummkopf, der daraus nichts zu machen wüßte! Sie trugen Geſchichten herum, daß ich ſelbſt meine Konſtanze dem Manne angehängt, daß zwiſchen mir und ihr Alles verabredet geweſen, um ihn zum dupe unſerer früheren Aufführung zu machen. Auch jene Verführte mit ihrem Kinde, deren Partei ich ſo eifrig vertreten, und die ich mit einem Vermögen, das mir gehört hätte, ausgeſtattet,— oh wer hätte nicht haarklein zu erzählen gewußt, in welchem Ver⸗ hältniß ſie zu mir ſtand! Der arme Mann! Kein Wunder, wenn ihm zuletzt die Geduld riß, und daß er mit einer Ohrfeige ſich Luft gemacht. Als meine Verſchuldung gegen ihn mir über den Kopf wuchs, ſchoß ich ihn nieder. Wie grauenhaft unſittlich iſt die⸗ ſer Tugendheld! O er wußte wohl, was er that, als er jene ‚brillante Parthie“ ausſchlug! Jetzt löst ſich das Räthſel. So frech der Burſche iſt, das wagte er doch nicht, befleckt mit ſo viel heimlichen Verbrechen, in eines der erſten Häuſer zu heirathen. Aber nicht Ihr Ohr, Madame, ſogar dieſe todten Wände ſollte iich ſchonen, denn ſie ſind wahrlich zu rein, um jene eiterſtrotzenden Gemeinheiten nur im ſchwächſten Nach⸗ klange zu hören!“ „Jetzt begreife ich den Jupiter Tonans!“ murmelte Frau von Dalmar. Hergarten fuhr fort: „Deſſenungeachtet hätte ich den Kampf auch dies⸗ mal noch fortgeſetzt. Ich war erbittert aber nicht ge— beugt. Was mich kampfunfähig machte, war der Um⸗ ſtand: ich kämpfte nicht mehr allein. Ein Weib ſtand an meiner Seite. Gewiß hätte ich noch geſiegt, gewiß! Denn Wahrheit und Standhaftigkeit, und wären ſie auch nur in einem einzigen Exemplare vorhanden, über⸗ dauern Lüge und Feigheit in Millionen. Aber meine arme Konſtanze wäre zu Grunde gegangen. Konnte ſie ertragen, daß man auf Promenaden, im Theater, in der Kirche ihr auswich, daß ihr die Natternbrut in ihr eigenes Ohr ziſchte: ein Weib, welches den Mör⸗ der ihres Mannes geheirathet hat!? War es doch kein Weib aus den höheren Ständen! Wer durfte ſie nicht ungeſtraft beleidigen? Meiner geſellſchaftlichen Stellung mangelte Glanz und Rang, und immer von Neuem empfand ich das. Ohne ſie iſt ein Mann auch vom größten Talent doch nur wie ein nackter homeriſcher Kämpfer auf einem modernen Schlachtfelde. Er kann für ſich ſelbſt ſtehen, aber das Leben einer Frau iſt bald geknickt. Die muß er retten. „Es war mein bitterſter Augenblick. Es ging mir wider die innerſte Natur, vor dem Geſindel die Flucht zu ergreifen. Nie hat mein Schickſal eine härtere Selbſtverleugnung von mir verlangt. Aber Konſtanze bedurfte Ruhe. Ich mußte mich glücklich ſchätzen, daß ſie ihr erſtes Wochenbett noch ohne Gefahr überſtand, und nur die Ausſicht auf nahe Befreiung erhielt ſie bei Kraft. Aber ſobald es ſchien, daß Mutter und Kind einer Reiſe von zwanzig Meilen gewachſen waren, ging es in's Weite. „Ach es war nicht weit genug. Ich hatte mich in einer kleinen Reſidenz niedergelaſſen, die ich für ein⸗ ſam und weltſtill hielt. Eine Weile ging's auch. Ich trieb wieder die Kunſt und zwar vorzugsweiſe als Por⸗ traitiſt. Es war für den Unterhalt einer Familie das ſicherſte Brod, aber auch das ſauerſte. kenloſe Biergeſicht, das zahlen kann, mit Fleiß und Liebe zu malen, war für einen Mann wie ich eine Hölle. Ich ſann daher bald darauf durch Gründung einer Zeichenſchule mich freier zu ſtellen. Leider miſchte ſich der Hof in die Sache, der dieſen Gedanken auf⸗ faßte, um für wenig Geld eine große Eitelkeit zu be⸗ friedigen. Die Zeichenſchule ſollte eine Kunſtſchule werden, eine Akademie! „Damit war mir der Faden durchſchnitten. Aus⸗ geſetzt den Blicken des Hofes ſtand ich bald im Lichte meiner Antezedentien da. Die Verleumdung fand meine Fährte. Zwar ſie verſuchte es nicht, die bübiſchen ugen über meine Frauenbeziehungen auf den fremden Boden zu verpflanzen; die eifrigſten Verbreiter waren ja auf dem heimathlichen, ſelbſt vom Gegentheil über⸗ zeugt: aber mit größtem Erfolge denunzirte ſie meinen weiland verſuchten Proteſt gegen den Tapezierlehrling. Das war ein Stückchen Demagogie, Revolution, Ehren⸗ angriff gegen die allerdurchlauchtigſte Perſon einer Prin⸗ zeſſin! Mein neuer Hof erſchrak auch des Todes, was - 280— Jedes gedan- für eine Schlange er an ſeinen Buſen gelegt, und komplimentirte mich ſchleunigſt zum Lande hinaus. „Bei dieſem Schlage verlor meine Frau gärzlich den Muth. Sie ſagte, ſo würde es uns von Land zu Land ergehen, die Tyrannen reichen ſich die Hände. Ich geſtehe, ich gab ihr nicht Unrecht. Probe hielt ich es ſelbſt für wahrſcheinlich. Wo Nach dieſer es ihre Schwächen und Eitelkeiten gilt, pflegen Höfe und Höfchen, unbeſchadet ihrer ſonſtigen Eiferſüchte⸗ leien, ſich gut zu unterrichten und mit Gemeinſinn zu handeln. Auch waren wir nicht in der Lage, Experi⸗ mental⸗Niederlaſſungen auf gut Glück zu riskiren. Kon⸗ ſtanze hatte ihr zweites Kind geboren, war ſchwach und Schiffbruch gerettet— half mir dabei. Charakter zu ſein ſcheine. keit heiſchte auch das, und ich that es. Ich ſuchte einen Ort, der eine geſunde Lage hatte, und wo mög⸗ lich eine Gutsherrſchaft von einer vertrauenswerthen menſchlichen Geſinnung. „Ein Freund— der einzige, den ich aus meinem Er empfahl mir ein Dorf zwei Stunden von ſeiner Vaterſtadt. Das Klima ſei ausgezeichnet und die Gutsherrſchaft in den Händen einer Dame, welche ihm ein klaſſiſcher Ohne ein Mannweib zu ſein,— im Gegentheile, ſie iſt zart und ſenſitiv,— hat ſie ihren Gatten, der ſpäter als Kriegsminiſter ge⸗ ſtorben, in die Schlachten von Smolensk und Borodino. begleitet. Mitten in den Flammen von Moskau hat ſie ein geſundes und fehlloſes Kind geboren. Auf den Bereſinabrücken wäre ſie faſt zertreten worden, ihr Kind iſt leider verunglückt. Jung Wittwe, hat ſie nicht mehr geheirathet und ſich ganz ihrem zweiten Sohne gewidmet, den ſie muſterhaft erzogen. Sie begleitete ihn, da er als Freiwilliger in den ſpaniſchen Krieg ging, mit derſelben Aufopferung, mit der ſie ihrem kriegeriſchen Gatten gefolgt. Der tapfere Jüngling iſt bei der Belagerung von Bilbao geblieben, und der Mutter ſelbſt paſſirte ein eben ſo gräßliches als ſelte⸗ nes Kriegsunglück. Eine Kanonenkugel ſauste dicht an ihrem Geſichte vorbei, und der Luftdruck derſelben be⸗ raubte ſie des Augenlichtes. Seitdem lebt ſie in ſtreng⸗ ſter Klauſur und empfängt faſt Niemanden, aber es iſt der ehrenvollſte Rückzug der Welt zu entſagen, nachdem man ſie thätig kennen gelernt.“ „Eine gütige Nachrede!“ ſagte Frau von Dalmar, „und doch bild' ich mir nichts darauf ein. Mein größ⸗ ter Ruhm iſt, daß ich mich auf meinen Göthe verſtehe. Meine Heldenthaten überlaß' ich dem Nächſtbeſten. Ich war ein junges achtzehnjähriges Frauchen, als ich meinem Manne nach Rußland nachlief,— ich wäre ihm an's Weltende nachgelaufen. Und wie Viele tha⸗ ten das Nämliche! Es waren nur allzu viele Frauen im ruſſiſchen Feldzuge. Die armen Männer! Wir hemmten ſie nur und ſtanden überall im Wege. Ich behaupt' es noch heute: der ganze Train wäre bewe⸗ gungsfähiger geblieben, vielleicht ſogar ein gut Theil des gräßlichen Bereſina⸗Unglücks verhütet worden, wäre nicht ſo viel weibliche Zigeunerei mit geweſen. Und vollends daß ich zu ſchwach war, meinen Sohn von dem ſpaniſchen Mörderkriege abzuhalten! Wie haben wir's Beide gebüßt! Guter Gott, wenn ich noch ein— mal auf die Welt käme! Zu Hauſe ſitzen und mit Faſſung die Feldpoſten abwarten, das iſt das Helden⸗ thum für Unſereinen. Aber die lieben Nerven wollen ihre Emotionen. tadelt an ſich, und worin man ſich wirklich auszeich⸗ net, das kennt und verſteht Niemand. Eine alte Er⸗ fahrung! Aber erzählen Sie mir den Reſt ihrer Ge⸗ ſchichte.“ Hergarten fuhr fort:„In der Luft von Ballen⸗ dorf fingen mir Frau und Kinder zu gedeihen an. So kränklich, und auch das Kleine befand ſich nicht wohl. Wir brauchten Ruhe um jeden Preis. „In der That, ich kaufte ſie um den theuerſten Preis. Ich entſchloß mich, meinen Namen abzulegen und mich auf ein Dorf zu begeben. Es war das Letzte, was mir zu opfern übrig blieb, aber die Nothwendig⸗ weit ſich das ſagen läßt, lebten ſie wirklich von der Luft. Um es aber nicht ganz und gar darauf ankom⸗ men zu laſſen, hatte ich keine Zeit zu verlieren, auf einen Erwerb zu ſinnen. Ach mein Sinnen war lahm! Stundenlang irrte ich in den Einſamkeiten umher und vermochte es mit aller Anſtrengung nicht, meine Ge⸗ danken auf das Eine, was Noth that, zu ſammeln. Sie waren wie in Stücke zerſchlagen. Meine Affekte 2 ——— 3——— Enfin, die Welt lobt, was man ———— /— —— ——— ſuchte mög⸗ erthen einem pfahl ſtadt. ft in ſcher b zu ge⸗ odino. u hat f den Kind nicht Sohne leitete Krieg hrem g iſt mder ſelte⸗ hſt an n be⸗ treng⸗ er es agen, lmar, größ⸗ ſtehe. eſten. - 281 Meine ganze Na⸗ tur war in Aufregung. Wo ich ging und ſtand, hielt ich meine große Rechnung mit der Welt. Ich ging wie trunken umher. Was ich nicht ſuchte, Philippika, deren ſich kein Demoſthenes ſchämen durfte, ſtrömten mir ungeſucht vom Munde, aber was ich eifrig ver⸗ olgte, lulotea mnahüarſe Arbeit meines Gehirns. Auf ein⸗ mal fiel mir's wie Schuppen von den Augen. Was deklamirſt du den Aufruhr deines empörten Herzens Winden und Wolken, Bäumen und Felſen vor? Schreib es nieder! Von den Briefen des Junius ſpricht man noch heute,— es iſt ein ähnliches Buch, das in dir arbeitet. Heraus damit! Du erleichterſt dein Herz und am Ende iſt Schriftſtellern auch ein Erwerb. „So entſtand der Jupiter Tonans. Er iſt die Hauptſumme meines Lebens, er iſt mein Schickſal und meine Perſönlichkeit. Und doch iſt er zugleich— ein Gedanke an's Brod. Nicht ganz haben Ihre ariſto⸗ kratiſchen Inſtinkte Sie betrogen, wenn Sie den Titel dieſes Buches auf einen Herrn von Habenichts zurückführten.“ „Können Sie nicht verzeihen?“ ſagte die blinde Frau, indem ſie roth ward und von ihrem Sopha herüber die Hand reichte. Hergarten ergriff die Hand und küßte ſie. Frau von Dalmar fuhr fort:„Ehbien, das Buch machte ſein Glück. Ich hoffe, es hat wenigſtens einen guten Gewinn abgeworfen.“ „Für den Verleger! allerdings. Was mich betrifft, ſo trug mir die erſte Auflage faſt nichts ein, und an die zweite, welche mir beſſer gelohnt werden ſollte, knüpfte der Verleger den Wunſch, ich möchte ſie durch gewiſſe Noten erweitern, in welchen auf dunkel gehal⸗ tene Verhältniſſe und Perſönlichkeiten der erſten Auf⸗ lage ſo viel Licht zu werfen wäre, daß das Preßgeſetz noch gewahrt, aber die Neugier des Publikums beſſer befriedigt würde. Kürzer geſagt, ich ſollte den Jupi⸗ ter aus der Sphäre der tragiſchen Satyre in die des Skandals und der Denuntiation verlegen. Und dabei hatte der Mann noch die Stirne, dieſen Wunſch ge⸗ radezu als eine Bedingung auszuſprechen, und mir herrſchten, nicht meine Gedanken. nicht undeutlich fühlen zu laſſen, daß er mich in der Hand habe, und daß ich in einer Lage ſei, worin ich eigentlich von dem guten Willen der Menſchen abhinge. Ich ſchrieb ihm zurück, ich willige ein, das Buch zu erweitern, aber mit einem Kapitel über Verleger⸗Ge⸗ meinheiten. Darauf warf ich meine Feder in den Froſchpfuhl und wurde Bauer.“ Lärm gegen Sie iſt nichts wahr als der Verdacht, Sie könnten unächte Papiere haben. Nun! ich denke, das ſoll Ihnen keine Ungelegenheiten verurſachen. Meine Gutspolizei hätte jedenfalls die Vorunterſuchung über den Fall, und ich kann ſie ja niederſchlagen. Oder beſſer, ich kann überhaupt verhindern, daß man ſie einleite.“ „Das iſt es,“ antwortete Hergarten,„warum ich mir Gehör bei Ihnen erbeten. terſuchung verhindern. Thun Sie es, gnädige Frau!“ N Keierſtundenl i8a A 44 7 . V nüchterne Pläne auf ſoliden Erwerb, das war Frau von Dalmar ſagte:„Alſo von dem ganzen Sie können dieſe Un- Kapital an Hergarten abtreten. „Am beſten wäre es geweſen, Sie hätten ſich mir gleich am Anfange vorgeſtellt. Der heutige Tag wäre Ihnen ſicher erſpart geblieben. Aber freilich, ein Mann wie Sie!— Hat Ihre Frau einen Schaden genom⸗ men in dieſer Emeute?“ „Gott ſei Dank, nein! Mitten in meinem Zorne muß ich lachen, wie ſo die Leidenſchaften hin⸗ und wi⸗ derſpielen. Das gute Weibchen war ernſtlich belagert im Schneiderhauſe; eh' ich's erfuhr und zu Hilfe eilte, hätt' es ihr ſchlimm gehen können. Aber die Schnei⸗ dersfrau ſelbſt hat ihr durchgeholfen. Man rathe wa⸗ rum! Das Weib, welches die Mutter ihres Mann⸗ buben ſein könnte, iſt wüthend eiferſüchtig auf ihn. Seine Stadtkundſchaft war ihr von jeher ein Dorn im Auge. Daß er auf einem Stadtgange in meinem Weinberge verunglückt, kam ihr gar nicht ſo ungelegen. Es mochte ihr eine Illuſtration zu vielen Gardinen⸗ predigten ſein. Freilich, das ganze Unglück ahnt ſie noch nicht. Der Schneider hat ſich geſpießt und ge⸗ pfählt, er verblutet ſich innerlich, und die Natter hat kaum bis morgen zu leben.“ „Das freut Sie wohl? Entſetzlicher Mann! Zwei Menſchen haben Sie eigenhändig erſchoſſen und auch der dritte ſtirbt Ihnen zu Dank, wie es ſcheint.“ „Madame, rechnete man bei Smolensk und Boro⸗ dino auch ſo genau? Ich bin freilich kein Napoleon, das heißt, ich kommandire nicht ſeine Artillerie. Großer Unterſchied!“ In dieſem Augenblicke trat Adelheid ein. meldete, der Advokat, deſſen Beſtellung Frau von Dal⸗ mar ihr aufgetragen, fahre ſoeben durch's Dorf und frage an, ob was Geſchäftliches da ſei. Sie habe ihn heraufkommen laſſen. Hergarten ſtand auf. „Empfehlen Sie mich Ihrer lieben Frau,“ ſagte die blinde Matrone.„Ich bedauere herzlich das Ge⸗ ſchehene, oder wenn Sie wollen, ich gratulire, daß nicht mehr geſchehen iſt. Und wenn ſich Madame ge— ſammelt findet, ſo laſſe ich um ihren Beſuch bitten. Ich freue mich ſehr, ſie kennen zu lernen. Bis da— hin aber beruhigen Sie ſie gänzlich; hören Sie, gänz⸗ lich, ſage ich.“ Hergarten dankte und ging. Kaum hatte er die Thüre geſchloſſen, ſo trippelte Adelheid an das Sopha ihrer Gebieterin. Aengſtlich V wie ein Kind fing das ſchüchterne Weſen zu ſtottern V an:„Excellenz, ich bin unglücklich. Ich habe in der Verwirrung das Notizbuch verloren. Sie wollen die V Legate machen und ich halte die ganze Handlung nun Sie auf. Gewiß, Exzellenz, es iſt nicht aus Leichtſinn geſchehen. Die Frau Hergarten hat mich ſo plötzlich beſchäftigt. Aber ich werde ſuchen, ſuchen—“ „Nicht nöthig, meine Liebe. Verzeichniß nicht mehr.“ „Ich dachte es auch ſchon. Vielleicht könnten Ex⸗ cellenz und ich aus dem Gedächtniſſe— V„Nicht doch,“ unterbrach ſie die Schloßfrau.„Ich habe mich anders beſonnen. Ich werde das ganze Der Mann braucht Wir brauchen das Waffen!“ 36 d 9 282— Der geſtohlene Reiſekoffer. Vor etwa acht oder neun Jahren ging Mr. Win⸗ ter, ein Engländer, der ſich ein Dutzend Jahre in Amerika aufgehalten hatte— ein wohlgenährter, aber doch beweglicher Mann von mittleren Jahren, mit fri⸗ ſcher Geſichtsfarbe, kurzem Gelbrübenhaar und krauſem Backenbart— an einem gewiſſen ſchönen Herbſtmor⸗ gen gemächlich, einen braunen ledernen Reiſekoffer in der Hand tragend, auf dem Perron der Mancheſter⸗ ſtation hin und her, und pfiff ein Liedchen vor ſich hin. Er ſchickte ſich eben an, von dem nach London beſtimm⸗ ten Zuge ſich einen Wagen auszuwählen, als aus der entgegengeſetzten Rich⸗ tung eine andere Perſon d kam, in welcher Winter einen alten Schulkame⸗ raden erkannte, den er ſeit ſeiner Abreiſe von London nicht mehr ge⸗ ſehen hatte. Er grüßte den guten Freund, den er als Bob Waldſchot anredete, mit einem Rip⸗ penſtoße und einem herz⸗ lichen Händedruck, wor⸗ auf dieſer aus einem Zuſtande von Tagtraum, der zu ſeiner Natur zu gehören ſchien, erwachte, ſein rundes fettes Geſicht zu einer Art Lächeln ver⸗ zog, den Druck erwiederte und ſchließlich in einen Anfall von innerlichem Lachen ausbrach. Auch Bob wollte zu⸗ fällig dieſen Morgen nach London reiſen; er ſtieg daher mit Winter in denſelben Wagen, und unmittelbar darauf nahm ein drittes Individuum,—— ein fremder, großer,— ſchmächtiger Mann in roſtig ſchwarzem Anzuge, mit einem verſchoſſenen baumwollenen Regenſchirm in der Hand, der eben ſo naß und ungeſund ausſah, wie er ſelbſt— in ihrer Nähe Platz. Der Fremde drückte ſich mit einer ſehr andächtigen Miene in die Ecke des Wagens, zog ein ſchmutziges, zerfetztes Zeitungsblatt heraus und widmete ſich mit vielem Eifer dem Studium deſſelben, wobei ſeine ſehr große, dünne und an der Spitze mit einem rothen Knaul verſehene Naſe, wenn er an einen beſonders intereſſanten Artikel kam, in einer eigenthümlichen krampfhaften Weiſe zuckte. Winter und Bob ließen gelegentlich einen Blick nach dem ſchwarzen Herrn hinſchießen, fuhren aber in ihrer Unterhaltung fort und waren kaum über die erſten Erkundigungen nach dem wechſelſeitigen Wohlergehen und dem Befinden dieſes oder jenes alten Bekannten hinaus, als ſie ſchon den ſchwarzen Rauch der großen Fabrikſtadt weit im Rücken hatten, und die geſunde, friſche Luft des freien Landes athmeten. Nach den mehr perſönlichen Fragen ging das Geſpräch auf den Stand der Ernte über, in welchem Punkté der alte Bob, ſeines Zeichens ein Fruchthändler, eine große Autorität war, und ſo ent⸗ ſchwand die Zeit recht angenehm. Sie waren ſchon in der Nähe von London, als Bob ſeinen fetten Zeigefinger gerad ſtreckte, in die Rich⸗ tung von Winters Füßen deutete und ſchniebend fragte: „Iſt dies all dein Gepäck, David?“ „Gott behüte, nein,“ verſetzte Winter;„in dem Ge⸗ päckwagen habe ich einen Koffer, faſt ſo groß, daß du dich könnteſt darein begraben laſſen. Dies iſt nur mein Handkof— fer,“ er ſchob ihn mit dem Fuße unter den Sitz,„den ich nicht aus den Augen laſſen kann, weil er werthvolle Ge⸗ genſtände enthält. Als Hinterwäldler Fabrikat hat er freilich nur ein unſcheinbares Ausſehen; aber er iſt nützlich und paßt ganz gut für mei⸗ nen Zweck. Dies erin⸗ nert mich daran, daß ich von London Bridge aus mit dem erſten Zuge nach Brighton muß, um eine dort ſeßhafte Nichte zu beſuchen, und ich werde erſt in ein paar Tagen wieder nach der Stadt zurückkommen. Es wäre mir daher lieb, wenn du mir ein ſtilles acht⸗ bares Gaſthaus namhaft machteſt, in dem ich nach meiner Zurück⸗ kunft wohnen und für die Zwiſchenzeit meinen Handkoffer unterbringen kann; denn ich mag ihn doch nicht überall mit herumſchleppen, wenn ich ihn anders ſicheren Händen zu übergeben vermag.“ Der Fremde mit dem Baumwollenſchirm hatte ſiloe bei dieſer Bemerkung mehr als je in ſein zerriſſenes Zeitungsblatt vertieft, und das nervöſe Zucken ſeiner Naſe kam immer häufiger. 4 „ Ah, ſo,“ verſetzte Bob langſam, nachdem er ſich die Sache eine Minute überlegt hatte,„es iſt dir um ein Unterkommen für deinen Handſack zu thun, bis du von Brighton zurückkommſt. Da brauchſt du nicht weit zu gehen, ſondern löſeſt dir einfach im Gepäck⸗ zimmer der Station für zwei Pence ein Billet und gibſt dein Stück in Verwahrung. Dies iſt viel ſiche⸗ rer als ein Gaſthaus.“ Als der Zug Halt machte, ſtiegen die beiden Freunde aus und gingen nach dem Gepäckzimmer, wo Winter ſeinen Handkoffer abgab und gegen Erlegung von zwei 4 Fragen er, in s ein )ent⸗ als hich⸗ ragte: n Ge⸗ daß darein Dies ntkof⸗ mmit den t aus kann, Ge⸗ Als brikat ar ein ——— 283— Pencen einen kleinen gelben Zettel mit der Nummer 398 und der geſchriebenen Bezeichnung„Paſſagiergut“ Ein ähnlicher Zettel wurde von einem Dienſt⸗ erhielt. mand dem Effektenſtück aufgeklebt, und damit war die Ceremonie abgethan. Als Winter und Bob ſich wieder entfernten, be⸗ merkten ſie dicht hinter ſich ihren Reiſegefährten mit der großen Naſe, der augenſcheinlich auch ſeinen Regen⸗ ſchirm der Eiſenbahngeſellſchaft zur Verwahrung zu übergeben gedachte; er langte die dafür nöthigen zwei Pence aus irgend einer geheimnißvollen Taſche heraus, erhielt gleichfalls ein gelbes Billet mit der Nummer 399 und der geſchriebenen Bezeichnung„Schirm“, ſteckte es zu ſich und verließ das Gepäckzimmer. Drei Stunden ſpäter erſchien ein anderes ſchäbiges Individuum, das ſich, was das ungeſunde moderige Ausſehen betraf, wie ein Zwillingsbruder des Naſen⸗ mannes ausnahm, mit einem kleinen Reiſekoffer auf der Station und deponirte es unter den gewöhnlichen Förmlichkeiten in dem Gepäckzimmer. Am andern Morgen früh hielt vor der Station eine Miethkutſche, aus welcher ein ziemlich modern gekleide⸗ ter junger Mann ſtieg; er ging unbefangen auf die Gepäckſtube zu, präſentirte ein Billet mit der Nummer 398 und erhielt Winters Koffer ausgehändigt, mit dem er ſich ſogleich wieder entfernte. Zwei Tage ſpäter erſchien Winter an demſelben Platz, wies ſeine Nummer vor und verlangte die Aus⸗ lieferung ſeines Handkoffers; aber er fand ſich nirgends vor, und bei näherer Unterſuchung ſtellte ſich heraus, daß das von dem jungen Manne mit der Drotſchke abgegebene Billet eine ſo gut nachgemachte Fälſchung war, daß der Dienſtmann Mühe hatte, ſie von dem Original, auf welches er ſelbſt das Wort„Paſſagier⸗ gut“ hingekritzelt, zu unterſcheiden. Der Polizei⸗Inſpektor de Station wurde zur wei⸗ teren Unterſuchung aufgeboten, und dieſer gab nach un⸗ gefähr drei Tagen ſeinen Bericht dahin ab, daß Win⸗ ters Reiſegefährte, der Mann mit dem Schirme, ohne Zweifel der Dieb ſei. Winter habe unvorſichtigerweiſe die Bemerkung fallen laſſen, daß ſein Handſack Werth⸗ gegenſtände enthalte, und er denſelben im Gepäckzimmer abzugeben beabſichtige; bei Ausführung dieſes Vorneh⸗ mens ſei ihm der ſchäbige Paſſagier auf dem Fuße ge⸗ folgt, um gegen Abgabe ſeines Schirms in Beſitz eines ächten Billets zu kommen, das bei der Fälſchung als Muſter dienen konnte; auch erfuhr er auf dieſem Wege genau die Nummer von Winters Gepäckſtück, ohne die alle gefälſchten Billete der Welt nutzlos geweſen wären. Der Inſpektor vermuthete ferner, der noch am näm⸗ lichen Tage abgegebene Koffer habe den Zweck gehabt, eine authentiſche Handſchrift des Dienſtmannes, welcher das Wort„Paſſagiergut“ auf das Billet geſchrieben, zu gewinnen; denn als man denſelben öffnete, fand man darin nichts, als ein paar mit Löſchpapier und Stroh umwickelte Backſteine. Der Inſpektor hoffte, an der Hand der ihm gemachten Angaben und unter Beihilfe der Londoner Detectivemannſchaft die Ange⸗ legenheit erfolgreich zu beendigen und, wo nicht das Ganze, ſo doch einen Theil des geſtohlenen Eigenthums wieder beizuſchaffen. Winter kehrte nach ſeinem Gaſthauſe zurück und harrte daſelbſt weiterer Mittheilungen von Seiten der Polizei. Am dritten Tage erhielt er einen Beſuch von ſeinem Freunde Bob Waldſchot, dem er bei einer Flaſche Wein die Geſchichte ſeines Verluſtes erzählte. „Was hatteſt du denn in deinem Koffer?“ fragte Bob. „Außer ein paar Halsbinden, ein paar Bürſten, einem Raſirmeſſer, und einem Etui mit altmodiſchem Schmucke, den mein Weib ihrer Schweſtertochter ſchickte, weil ſie in Klein-Athen, wo wir ſeßhaft ſind, keine Gelegenheit zum eigenen Gebrauch hat, wird der Dieb nicht viel finden,“ lautete die Antwort.„Aber du mußt wiſſen, Bob, daß der Koffer einen doppelten Boden hat, und zwiſchen dem eigentlichen und dem fal⸗ ſchen ſtecken außer etwa zwanzig Pfunden in Banknoten, aus deren Verluſt ich mir eben nicht viel machen würde, einige werthvolle Dokumente, die ich wegen des Pro⸗ zeſſes, von dem ich dir ſchon erzählte, aus Amerika mitgebracht habe. Ohne dieſe Aktenſtücke können die Advokaten nicht fortmachen; wenn ſie nicht wieder bei— gebracht werden, ſo verliert meine Frau ein hübſches Legat, und ich muß nach Amerika ärmer zurückkehren, als ich es verlaſſen habe.“ „Und du ſagſt, die Polizei habe die Sache in die Hand genommen?“ „Jd.“ „Dann wirſt du nie wieder etwas von deinem Kof⸗ fer hören,“ verſetzte der alte Bob entmuthigend. Welche Gründe der Fruchthändler für ſeine Anſicht hatte, braucht hier nicht näher erörtert zu werden; ge⸗ nug, daß nach Beendigung der Flaſche ſein Freund theilweiſe zu dem nämlichen Glauben bekehrt war. Mit ſchwerem Herzen legte ſich ſelbigen Abend Winter zu Bette. Der Verluſt der Dokumente beküm⸗ merte ihn ſehr, und dabei wurmte ihm auch der Ge⸗ danke, er habe bei der Beſchreibung, welche er dem Inſpektor von ſeinem Reiſegefährten gegeben, die Nam⸗ haftmachung einer Eigenthümlichkeit vergeſſen, durch die ſich der Dieb leicht erkennen ließ; nur wollte ihm die⸗ ſelbe jetzt um keinen Preis mehr einfallen. Dieſes Ver⸗ ſäumniß laſtete drückend auf Winters Geiſt; aber je mehr er ſich auf den perſönlichen Zug beſann, den er damals bemerkt hatte, deſto weiter ſchien derſelbe in den Schatten zu treten, ſo daß er es am Ende ganz auf⸗ gab, darüber nachzudenken. Er hatte ſeine neue Heimath verlaſſen, um in der alten lange Ferien zu halten, und da ihm die Prozeß⸗ dokumente fehlten, ſo fand er ſogar mehr Muße, als er in Ausſicht genommen, um ſich gütlich zu thun. Dieſe benützte er nun, um ſich den ganzen Tag in den Straßen von London umherzutreiben, und beſuchte da— bei häufig die verrufenen Viertel dieſſeits und jenſeits des Fluſſes, ohne daß ihm der Mann, den er zu finden wünſchte, je begegnete. Seit dem Verluſte ſeines Koffers waren bereits zwei Monate abgelaufen. Von dem geſtohlenen Gut wollte nirgends eine Spur auftauchen, und als er bei dem Inſpektor ſeinen letzten Beſuch machte, ſchüttelte dieſer Würdenträger feierlich den Kopf und gab ihm unter vielen Umſchweifen zu verſtehen, daß die Sache kein ſehr hoffnungsvolles Ausſehen zu gewinnen anfange. Winter war nun vollkommen überzeugt, daß ſein Freund Bob Recht hatte, wenn er ſich von den Erfolgen der polizeilichen Nachforſchungen nichts verſprach. Am näm⸗ lichen Abend ging er, wie er es wöchentlich zwei- oder dreimal zu halten pflegte, in ein Theater, deſſen Di⸗ rektion ihm von Amerika her bekannt war, wo ihm 6 36* 284— derſelbe vor Zeiten manchen freundlichen Dienſt gelei⸗ ſtet hatte. Der Mann ſorgte dafür, daß er ſtets einen Platz in einem Logenwinkel fand, und borgte ihm für die Vorſtellungen ein großes Opernglas, das Winter zwar anfangs verachtete, aber bald ſo lieb gewann, daß er es kaum mehr von den Augen wegbrachte. Na⸗ türlich benützte er es nicht blos für die Bühne, ſon⸗ dern auch für das Parterre, und muſterte dabei nament⸗ lich die Perſonen, die ſich mit Mundvorrath verſehen hatten; denn ſein praktiſcher Geiſt fand viel Unterhal⸗ tung an der herzhaften Weiſe, mit der die Leute ihr Inneres durch Eſſen und Trinken für das wichtige Geſchäft des Lachens oder des Weinens kräftigten, das ihnen beim Aufgehen des Vorhangs bevorſtand. dem Parterre Umſchau gehalten, gleichgiltig ſein Augenglas auch auf die Gallerie, und bemerkte daſelbſt in der vorder⸗ ſten Reihe ſeinen frühe⸗ ren Reiſegefährten, den Mann mit dem Baum⸗ wollenſchirm, wie er wohlgemuth Nüſſe auf⸗ biß und bei jedem kräf⸗ tigeren Druck ſeine große Naſe zucken ließ. Da beſann er ſich plötzlich — dies war der Zug, der ihm bei der Be⸗ ſchreibung des Diebs entfallen war und wegen deſſen er ſo lange ſein Gedächtniß vergeblich an⸗ geſtrengt hatte. „Hab' ich dich jetzt, mein ſauberer Patron!“ ſagte Winter zu ſich ſelbſt, als er ſein Opern⸗ glas ſchloß.„Wart nur, ich will dafür ſorgen, daß du mir diesmal nicht durch die Lappen gehſt.“ Nach beendigter Vor⸗ ſtellung pflanzte ſich Winter bei der Thüre, welche zu der Gallerie führte, im Schatten auf, merkte ſich ſeinen Mann und folgte ihm in vorſichtigem Abſtande. So ging er dann, ohne ihn aus dem Auge zu verlieren, ſtetig hinter ihm her, durch mehrere Straßen, über den Fluß und in die Vorſtädte hinaus, daß Winter zuletzt meinte, der Mann werde die ganze Nacht durch marſchiren wollen. Endlich ſah er denſelben in einer Straße, die aus klei⸗ nen, von Küchengärten umgebenen Häuſern beſtand, in das Haus Nummer 8 eintreten. Nachdem er ſich ſo⸗ weit unterrichtet hatte, kehrte er, hoffnungsreicher als je, ſeit er ſeine Papiere verloren, wieder in ſein Hotel zurück. Am nächſten Morgen früh begab ſich Winter zu ſeinem Freunde, dem Theaterdirektor, und erzählte ihm, welche Entdeckung er gemacht hatte, und welchen Plan er nun im Schilde führe. Der Direktor billigte ſein ledigen Herrn zu vermiethen ſeien. An jenem Abend richtete Winter, nachdem er in Vornehmen und übergab ihn den Händen ſeines Regiſ⸗ ſeurs, welcher ihn binnen einer halben Stunde ſo durchaus in einen braunhäutigen, ſchwarzborſtigen Hal⸗ lunken umwandelte, daß ihm, wie er ſelbſt ſagte, Mrs. Winter hundertmal in den Straßen hätte begegnen kön⸗ nen, ohne in der Strolchengeſtalt ihren Mann zu er⸗ kennen. Nachdem er nicht ohne große Mühe den in der letzten Nacht gemachten Weg wieder aufgefunden und ſich in der Nachbarſchaft von Nummer 8 umgeſehen hatte, bemerkte er zu ſeiner großen Freude in einem Fenſter des gerade gegenüberliegenden Hauſes einen Zettel mit der Ankündigung, daß hier Zimmer für einen Der Miethvertrag mit dem Hauseigenthümer kam in einigen Minnten zu Stande, und noch am nämlichen Tage war er mit dem größten Theil ſeiner Effekten in dem neuen Quartier einge⸗ zogen. Als er am erſten Abend über ſeinem Thee ſaß, ging er mit ſich zu Rath, ob es nicht am beſten wäre, dem Polizeiinſpektor den auf⸗ gefundenen Leitfaden in die Hand zu geben und ihn die Sache nach ſei⸗ ner Art weiter verfolgen zu laſſen; ehe er jedoch dieſen Schritt that, wollte er noch Bob Waldſchot um ſein Gut⸗ achten angehen, der ſich eben damals zufällig in London befand. „Beſorg's lieber ſel⸗ ber, mein Junge, und bemühe die Polizei nicht weiter,“ meinte Bob, als ſie wieder beim Wein zuſammen ſaßen.„Ja wohl da, Polizei— ich möchte wiſſen, wozu die gut iſt!“ Winter ſo vernünftig zu ſein, daß er beſchloß, Er begann ſeine Beobach⸗ demſelben nachzukommen. tungen ſchon am andern Morgen und ſetzte ſie wäh⸗ rend der nächſten drei Wochen Tag und Nacht fort, natürlich mit jenen Unterbrechungen, welche ihm der Schlaf und das Nahrungsbedürfniß auflegte. Nach Ablauf dieſer Periode zeichnete er folgende Notiz in ſein Taſchenbuch ein. „Memorandum in Betreff des Nachbars Chudwink. — Die Bewohner der Tibſtraße ſind im Allgemeinen entweder Handlungsgehilfen oder kleine Negotianten, die Geſchäftslokale in der City haben. Auf dieſen achtbaren Charakter hat Chudwink keinen Anſpruch, ob⸗ ſchon ich zur Zeit noch nicht weiß, mit was er ſich eigentlich abgibt; ein Geſchäft im gewöhnlichen Sinne des Worts ſcheint er nicht zu treiben. Er ſteht nicht vor zehn oder eilf Uhr Morgens auf und frühſtückt — Dieſer Rath ſchien wgi dann Kaffee und warme Semmeln; nach dieſem kömmt Spaß, als zu Klein⸗Athen hinter dem Ladentiſche zu 1 die Branntweinflaſche und Cigarrendoſe zum Vorſchein, ſtehen, um das Ellenmeß zu handhaben und den Thee 88 und er läßt ſich's dabei ganz gemächlich wohl ſein, lothweiſe auszuwägen, und dieſes Vergnügen ſoll mir ur ohne dieſe Arbeit durch etwas anderes, als etwa einen Niemand verkümmern.“— Winters Nachdenken ſtärkte ai herzerleichternden Fluch gemeiniglich über ſeine Frau, ihn mehr und mehr in der Ueberzeugung, daß der Leder⸗ uer⸗ bisweilen aber auch über ſich ſelbſt zu unterbrechen. koffer, welchen Chudwink jeden Montag Abend ſpaziren Dann ſieht er nach ſeinen Tauben, denn in dieſer Be⸗ trug, in Wirklichkeit der ſeinige ſei, obſchon er die der ziehung iſt er augenſcheinlich ein großer Sachverſtän⸗ Farbe gewechſelt hatte, und er hätte nur wiſſen mögen, und diger. Nachdem er ihnen einige Stunden gewidmet hat, ob ſeine Dokumente noch unentdeckt und geborgen in ehen begibt er ſich nach unterſchiedlichen ordinären Schenken, ihrem Verſtecke ſich befanden. Da er von Natur ein nem in denen er gut bekannt iſt, und kehrt mit Einbruch forſchbegieriger Geiſt war und ſomit auch Sinn für anen der Dunkelheit wieder zurück, um jetzt Beſuche zu em⸗ V die Naturgeſchichte in ihren ſpeziellen Zweigen hatte, elnen pfangen oder ſein Geſchäft, worin es nun auch beſtehen ſo nahm er ſich, ſicher in dem Bewußtſein, durch ſeine rtrag mag, zu betreiben. Als Reſultat meiner Beobachtun- Verblendung vollſtändig geſchützt zu ſein, vor, eines n zu gen werfen ſich mir nun folgende Fragen auf: Warum Abends in der Geſellſchaft ſeines Meerſchaums nach um ſchiebt Frau Chudwink, dem Garten vor ſeiner dr el wenn Jemand klopft, Wohnung hinunter ſzu Theil an ihrer Thüre jedes⸗ gehen und von hier aus dem mal zwei Riegel, einen das Spiel der Tauben, inge⸗ oben und einen unten, welche Chudwink per⸗ rſten zurück? Iſt ihre der ſönlich fütterte, aus Thee ganzen Nachbarſchaft be⸗ größerer Nähe zu beo⸗ ſich kannte Schüchternheit bachten. Der Nachbar ſnicht und ihre Furcht vor nahm als Ceremonien⸗ dem Dieben wirklich, oder meiſter der befiederten auf⸗ verſtellt?e— Warum Zunft in der Regel n in erhält Chudwink regel⸗ ſeinen Stand in dem und mäßig viermal in der eigenen Hausgärtchen, ſei⸗ Woche Nachts Beſuch tauchte aber auch bis⸗ dlgen von drei Männern, die weilen mit Kopf und edoch einzeln eintreffen, in Schultern in einem Hoch⸗ that, einer eigenthümlichen lichtfenſter unter dem Bob Weiſe klopfen und ſtets Dache auf, bei welchen Hut⸗ ohne Frage eingelaſſen Gelegenheiten ſich Win— ſich werden?— Warum blei⸗ ter begnügen mußte, g in ben dieſe Männer jedes⸗ ihm von ſeinem Wohn⸗ mal bis drei oder vier 3 zimmer aus zuzuſehen. ſel⸗ Uhr Morgens, während So entſpann ſich denn und doch um halb eilf oder zwiſchen ihnen eine Art ſnicht ſpäteſtens eilf alle Lich— rauher Bekanntſchaft. ob, ter im Haus erlöſchen, Im Anfang benahm gein und Jedermann zu Bett; ſich Chudwink allerdings „a gegangen zu ſein ſcheint? 3 ſehr ſcheu, ſogar roh ℳ Und warum entfernen und wies die Annähe⸗ udie ſich dieſe nächtlichen rungsverſuche Winters Gäſte wieder einzeln in mit einem finſteren hien Abſtänden von vier oder Schweigen zurück; der ftig fünf Minuten?— In(Siehe S. 286.) Amerikaner war aber laß welcher Abſicht verlaſſen eine ſo gutmüthige Na⸗ liß Chudwink und ſein Weib jeden Montag Abend um tur, nahm ein ſo aufrichtiges Intereſſe an den Tau⸗ 4 halb neun Uhr das Haus, und nehmen einen kleinen ben und verrieth dadurch die Bemerkungen, die er ſich vüj⸗ Lederkoffer mit, der an Größe und Form dem meini⸗ erlaubte, eine ſo ſchreckliche Unwiſſenheit über dieſen gen ſo vollkommen entſpricht, daß ich darauf ſchwören hochwichtigen Gegenſtand, daß der Nachbar endlich weich de wollte, er ſei's, wenn er nicht ſchwarz angeſtrichen gab und nicht nur die Nähe und die Anſprachen Win⸗ lach wäre?— Und warum begeben ſie ſich ſtets nach dem ters duldete, ſondern auch ſich herabließ, in ſeiner du nämlicher, Hauſe in Weſtminſter, wo ſie nie länger bäueriſchen Weiſe ihn über die Gewohnheiten und Eigen⸗ — als eine Chalbe Stunde verweilen, um ſodann geraden thümlichkeiten der Species Haustaube zu belehren. Man nt Wegesn ohne irgendwo anzuhalten, wieder nach Num— ſah daher häufig die beiden bei einander ſtehen, Chud⸗ inel mer deint der Tibſtraße zurückzukehren?“ wink mit ſeinen Vögeln beſchäftigt, Winter mit der nen, 2 glrlänger Winter ſein Spionirſyſtem fortſetzte, Meerſchaumpfeife im Munde und ſeine Bemerkung tſen deſteer ſier wurzelte, in ihm das Verlangen, ohne poli- hinwerfend. ob⸗ Fech⸗ſt Beiſtand das Geheimniß zu erforſchen, das„Wie hoch mag wohl dieſes Paar zu ſtehen kom⸗ ſic 3 14swege ſeines ihm gegenüber wohnenden Freun⸗ men?“ fragte Winter eines Morgens, indem er auf inne de öſchleierte.„Dieſen alten Waſchbären aufzu- zwei Tauben deutete, die nach einem neckiſchen Flugtanz ſnicht jag Fſagte er zu ſich ſelbſt,„iſt ein viel beſſerer durch die Luft ſich auf das Dach niedergelaſſen hatten. t. kück 3 „Dieſes Paar?“ verſetzte Chudwink.„Hum, wenn ich ſage zwei Guineen, ſo ſind ſie ſpottwohlfeil ange⸗ ſchlagen.“ „Das wäre zuviel für meinen Beutel,“ entgegnete Winter.„Sie wiſſen, ich brauche ſie nicht für mich; aber ich könnte einem Freund eine Freude machen. Freilich, der Preis— da kann ich nicht hin.“ Für jenen Tag wurde nicht weiter von der Sache geſprochen, aber am andern Morgen fing Chudwink ſelbſt davon an. „Na, Nachbar, was ſagen Sie zu einem Pfund und fünfzehn Schillingen für die Vögel?“ „Das läßt ſich eher hören, iſt aber noch immer zu viel.“ „Der Tauſend, Sie ſind ein zäher Patron,“ meinte Chudwink. „Durchaus nicht. Ich will Ihnen ſagen, wie weit ich gehen will. Ich gebe Ihnen fünfundzwanzig Schillinge und zwei Billete in das Parterre des Royal⸗ Blank⸗Theaters.“ „Das iſt ein Wort; ich laß mir's gefallen. Meine Frau iſt eine große Theaterfreundin, und auch ich be⸗ ſuche bisweilen ein Stück. Ich packe die Tauben zu⸗ ſammen, und Sie ſollen ſie in ein paar Minuten haben.“ Das Haus rechts neben dem Chudwinkiſchen ſtand damals leer, und am Nachmittage nach dem Tauben⸗ handel wandelte unſern Winter das Verlangen an, ſich das Innere zu beſehen. Seine Hauswirthin verſchaffte ſich den Schlüſſel und begleitete ihn, während er ſich die Räumlichkeiten betrachtete, die, wie er auf dem Rückweg mit Kopfſchütteln bemerkte, nicht ſo waren, wie er ſie gewünſcht und erwartet hatte. Es war ein thauender, mondloſer Winterabend, als Herr Chudwink und Frau Gemahlin, mit Eßwaaren wohl beladen, ihren Gang nach dem Royal⸗Blank⸗ Theater antraten. Winter ſah ſie von ſeinem Fenſter aus aufbrechen, und rief ihnen freundlich einen„ver⸗ gnügten Abend“ zu— ein Gruß, auf den Chudwink in höflicherer Weiſe als ſonſt dankte. Selbigen Abend um zehn Uhr ſchloß Winter leiſe ſeine Hausthüre auf und ſchlich auf die Straße hinaus. ſchuhe gedämpftem Tritte eine Treppe um die andere hinan und taſtete ſich langſam im Finſteren fort, bis er unter der Schieferbedachung eine kleine, mit einem Hochlicht verſehene Kammer erreicht hatte, die ſo nied⸗ rig war, daß ein großer Mann ſeinen Kopf leicht an der Decke zerbeulen konnte. Durch dieſes Hochlicht⸗ fenſter zwängte ſich Winter hinaus— kein leichtes Ge⸗ ſchäft für einen Menſchen, deſſen Taille ſchon ſeit vier— zehn Jahren verſchwunden war; ja es hatte ſogar eine Weile den Anſchein, als werde er ganz ſtecken bleiben, und müſſe ſchimpflich in dieſer Mausfalle verharren, bis er Jemand zum Beiſtand herbeirufen konnte. Die Sache machte ſich übrigens endlich, und er gelangte wohlbehalten auf den Sattel des Daches, neben dem in der Dunkelheit die beiden Seiten wie zwei ſchauer⸗ liche Schluchten abfielen.(Siehe Bild S. 284.) „Ah,“ ſagte Winter zu ſich ſelbſt, indem er ſich den Schweiß von der Stirne wiſchte,„das iſt ächte Jack Shepperd⸗Arbeit, und ich möchte wohl wiſſen, ob es dem Baron Trenk ſo wie mir zu Muthe war, nach⸗ dem er ſich aus ſeinem Gefängniſſe herausgebohrt hatte. Könnte mich doch Mary Jane hier ſitzen ſehen! Aber es gibt einen guten Spaß, wenn ich heimkomme und es ihr erzähle.“ Nachdem er eine kleine Weile ausgeruht hatte, ar⸗ beitete er ſich vorſichtig mit Händen und Knieen wei⸗ ter und um eine Reihe von Schornſteinen herum, bis er ein Hochlichtfenſter im Dache von Chudwink's Be⸗ hauſung erreichte. Er ſuchte daſſelbe von außen zu öff⸗ nen; als er aber endlich merkte, daß es von innen ver⸗ ſchloſſen war, ſo gab er einer der Scheiben einen ſchar⸗ fen Stoß mit dem Ellenbogen und erzielte damit eine Oeffnung, groß genug, um die Hand eindringen zu können; dann taſtete er vorſichtig umher und entdeckte bald den Riegel, der das Fenſter ſchloß. Jetzt hielt er eine Minute inne, um ſeinen Geiſt durch die Be⸗ trachtung einiger philoſophiſcher Lehren zu ſtärken, ehe er ſich dem gähnenden Abgrunde anvertraute, der ſchwär⸗ zer als das Schwarz von außen zu ſeinen Füßen ſich aufthat; da es aber einmal ſo weit gekommen und er ein Mann war, der ſich nicht leicht einſchüchtern ließ, ſo beſchloß er, ſein Abenteuer bis an's Ende durchzu⸗ führen. Nachdem er das Fenſter mit einem Stück Bindfaden an dem Kaminſtock befeſtigt hatte, ließ er ſich allmählig durch das Loch im Dache nieder; doch jetzt glitt ſeine Hand aus, und es ging hurtiger ab⸗ wärts, als er erwartet hatte, indem er mit einem kräf⸗ tigen Plump mitten unter den brütenden Tauben den Boden erreichte.(Siehe Bild S. 285.) Das gab eine Verwirrung und ein Getümmel un⸗ ter den erſchreckten Vögeln. Einige davon flogen dem Eindringling um den Kopf und das Geſicht, andere flüchteten durch das offene Fenſter, und wieder andere, die geſetzteren darunter, ſchüttelten einfach ihre Flügel Nachdem er ſich, obſchon es zu dunkel war, um etwas zu unterſcheiden, vorläufig umgeſehen, ging er raſchen Schrittes die Straße hinab, bog um die Ecke des letz⸗ ten Hauſes und gelangte in ein enges Gäßchen, das auf der einen Seite durch die mit Thürchen verſehenen Zäune der Küchengärten, auf der anderen durch eine niedere Mauer begrenzt wurde, welche an der Hinter⸗ ſeite einiger Häuſer der Tibſtraße hinlief. Winter war, was Kopf und Füße betrifft, mit einer Reiſemütze und ein Paar genähten Hausſchuhen bekleidet; auch führte er in der einen Taſche eine Blendlaterne, bei deren Beſitz ihm, da ſie ihm den Charakter eines regelmäßigen Hauseinbrechers verlieh, nicht recht behaglich zu Muth war. Lautlos ſchlich er das Gäßchen hinab und ſah ſich 5 dabei ſorgfältig nach beiden Seiten um, bis er endlich ein wenig und drückten ſich in die von Winter am wei⸗ an einer Stelle Halt machte, wo ein verwitterter teſten abgelegene Ecke. Winter ſelbſt ſtand Line Weile Wäſchepfahl in hilfloſer Weiſe ſich gegen die Mauer regungslos da und lauſchte; aber außer den Wellatter es wie⸗ der Vögel war nichts zu hören. Nachdem, der ſtill war, holte er ſeine Blendlaterne aus iſendaſche, zündete ſie an und ſuchte die Thüre des Tge Sobald er ſie gefunden, öffnete er, und feſtob⸗ die Treppen hinab, um in den unteren Theichen ſes nach ſeinem verlorenen Koffer zu fan. Räumlichkeiten waren nicht viele, und als acht in eine kleine Küche an der hinteren Seite de lehnte, als ſei er aus langem Mangel an Beſchäfti⸗ gung ſteif und unfähig geworden, ſich ſelbſt zu tragen. Ein bischen Klettern und ein Sprung brachte Winter auf die andere Seite der Mauer. Er ging durch den Garten nach der Hinterſeite des Hauſes, ſchob ſachte das Küchenfenſter zurück, ſchlüpfte hinein und befand ſich in dem leeren Hauſe, das er Tags zuvor ſo ſorg⸗ fältig gemuſtert hatte. Er ſtieg mit durch die Haus⸗ andere t, bis einem nied⸗ cht an clicht⸗ s Ge⸗ tvier⸗ r eine ſeiben, arren, . Die klangte n dem chauer⸗ 1.) er ſich t ächte ſen, ob nach⸗ thatte. Aber ne und te, r⸗ en wei⸗ im, bis ks Be⸗ zu öff⸗ nen ver⸗ n ſchar⸗ nit eine gen zu entdeckte zt hielt die Be⸗ ken, the ſchwär⸗ ßen ſich und er rn ließ, durchzu⸗ n Stüͤ ließ er ſer; doch iger ub⸗ im kräf ben den — 14 ½.— 287— gelangte, ſah er ſeinen verlorenen Schatz von einem in einen Mauerbalken eingeſchlagenen Nagel nieder⸗ hängen. Ja, es war ohne Zweifel ſein alter Freund, obſchon er ſich in einen Mohren umgewandelt, derſelbe Koffer, welchen er das ſaubere Ehepaar bei ihren Mon⸗ tagsgängen nach dem Hauſe in Weſtminſter hatte tra⸗ gen ſehen. Seine Hand zitterte ein wenig, als er ihn herunter nahm und die darin befindlichen hölzernen Wäſchklammern auf den Boden ausleerte. Dann nahm er aus ſeiner Taſche einen kleinen Schlüſſelbund und wählte daraus einen Schlüſſel, nicht den gewöhnlichen für das Schloß, ſondern einen andern, der, während er in das Schlüſſelloch paßte, auf eine verborgene Feder wirkte und auf dieſe Weiſe den falſchen Boden aufſpringen machte. Ein Blick reichte zu. ſei Dank! Da waren ſie, Dokumente und Banknoten, Alles unverſehrt und gerade, wie er ſie vor einigen Monaten jenſeits des atlantiſchen Meeres eingepackt Er verwahrte die werthvollen Papiere ſorgfäl⸗ hatte. Ja, Gott tig in ſeiner Taſche, füllte die Wäſchklammern wieder in den Koffer, hängte ihn an den alten Platz und ſtieg wieder die Treppe hinauf, um durch den Taubenſchlag den Rückzug anzutreten. „Hum,“ ſagte Winter zu ſich ſelbſt,„da ich ein⸗ mal da bin, ſo kann ich mich ebenſogut nach der ge⸗ heimnißvollen Beſchäftigung dieſes Herrn Chudwink umſehen. Nach der Art, wie er mich behandelt hat, iſt es vielleicht keine allzu große Neugierde von meiner Seite, wenn ich ſeinem übrigen Treiben auf den Sprung zu kommen ſuche. Wohlan!“ Ein gewöhnliches Schlafgemach war der erſte Raum, in den Winter eintrat, nachdem er zu dieſem Entſchluſſe gekommen; doch kehrte er haſtig wieder zurück, denn das Bettzeug ſah bei dem Scheine ſeiner Blendlaterne ſo gar geſpenſtiſch aus. Die zweite Thüre, an der er ſich verſuchte, war geſchloſſen; da aber der Schlüſ⸗ ſel im Schloß ſtak, ſo drehte er ihn um und ging hinein. Hier enthüllte ſich vor ihm Chudwink's Geheim⸗ niß in ſeiner ganzen häßlichen Bedeutſamkeit. In einer Ecke ſtand ein kleiner Ofen, in einer anderen lag ein Haufen Metall, theilweiſe geſchmolzen; auf dem Boden und auf dem rohen Tiſch, der die Mitte des Zimmers einnahm, ſah man Formen von verſchiedener Größe und Geſtalt umhergeſtreut. Dazu kamen noch unter⸗ ſchiedliche, zum Schmelzen dienende Geräthſchaften, die nur ein Sachkenner zu benennen weiß, ein Haufen Gips und auf dem Fenſtergeſims hinter dem geſchloſſe⸗ nen Laden rollenförmig aufgethürmte Schillinge und halbe Kronen vom ſchönſten Weiß. Aus alledem erkannte Winter ſogleich, daß Chudwink und ſeine nächtlichen Gäſte nichts mehr und nichts weniger als eine Bande von Falſchmünzern waren. Nachdem er ſich ſorgfältig umgeſehen, verließ er das Zimmer wieder, ſchloß die Thüre ab und trat den Rückzug an; das Hochlichtfen⸗ ſter machte er ſo ſorgfältig wieder feſt, daß die zer⸗ brochene Scheibe als das Reſultat eines Zufalls er⸗ ſcheinen konnte. „Iſt es nicht merkwürdig,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, als er zu Hauſe wieder anlangte,„daß mein Reiſe⸗ koffer noch in ſeinen alten Tagen ſich zur Beherbergung von falſchem Geld hergeben und weiß Gott wie oft alle Montag Abende nach Weſtminſter tragen laſſen mußte, von wo aus die Schillinge und Halbkronen ohne Zwei⸗ fel durch das ganze Land verbreitet werden? Es ſollte mich nicht wundern, wenn auch die falſche halbe Krone, die ich vor ein paar Tagen einnahm, aus Chudwink's Münze ſtammte. Es wird doch räthlich ſein, wenn ich morgen dem Polizei⸗Inſpektor von dieſer ſauberen Geſchichte einen Wink gebe. Ja, ſo will ich's machen — und morgen früh ziehe ich aus der Tibſtraße ab, um nach meinem Gaſthauſe zurückzukehren.“ Als eine Woche ſpäter Winter Arm in Arm mit ſeinem Freund Bob Waldſchot durch die Tibſtraße wan⸗ derte, fiel ihm ſogleich auf, daß Herrn Chudwink's Haus nicht mehr bewohnt war. Sie traten in einer nahen Schenke ein, um ſich zu erfriſchen, und wurden daſelbſt von dem redſeligen Wirth durch einen vollen, getreuen und umſtändlichen Bericht über die Razzia er⸗ baut, welche die Polizei einige Nächte vorher gegen eine ganze Bande von Falſchmünzern ausgeführt hatte; das Neſt, das unbeargwohnt ein ganzes Jahr in der Nach⸗ barſchaft gelegen, war ſehr geſchickt ausgenommen wor⸗ den, und die Vögel ſahen jetzt ihrem wohlverdienten Lohn entgegen.— Wir haben nichts mehr beizufügen, als daß Winter, nachdem er ſeinen Prozeß gewonnen, nur ſehr ungern ſich von dem alten Bob Waldſchot trennte, um hoffnungsvoll den Rückweg anzutreten nach Klein⸗Athen und zu ſeiner Mary Jane. C. K. Boileau Despréaup. Der berühmte franzöſiſche Dichter und Satyriker Nicolas Boileau Despréaux, von den Fran⸗ zoſen der„Meiſter des guten Geſchmacks“ genannt, wurde am 1. Nov. 1636 zu Cröne(Crosne) bei Paris geboren, und machte ſich ſchon in ſeinem 24. Jahre erch ſeine erſte Satyre»les adieux à la ville de K is«, die im Jahre 1660 erſchien, und durch Rein⸗ ale des Styls und Zierlichkeit des Versbaues großes Mew hen erregte, ſeinen Landsleuten vortheilhaft bekannt. zieeie einen Eltern trefflich erzogen und von Privat⸗ de aoe gründlich ausgebildet, ſtudirte er anfangs die wier ſpäter Theologie, wendete ſich aber, nachdem Achſte Satyre erſchienen und glänzende Aufnahme dig i, ausſchließlich den ſchönen Wiſſenſchaften zu, de] öffentlichte 1666, bis zu welcher Zeit mehrere jag von ihm erſchienen, die noch höher als ſeine Satyren geſchätzt werden, ſieben weitere Satyren gegen ſchlechte Dichter, deren Hauptverdienſt in der Klarheit, womit er ſeine Grundſätze und Anſichten vorträgt, und in der Gediegenheit des ſtets paſſenden Ausdrucks be⸗ ſteht. Obwohl neue, tiefe, ihm eigenthümliche Gedan⸗ ken in denſelben nicht enthalten ſind, ſteigerte deren Inhalt dennoch die Theilnahme ſeiner Zeitgenoſſen, und durch Veröffentlichung ſeiner»Art poétique«, Paris 1674(deutſch Wien 1803), in welcher er für alle Dichtungsarten, mit Ausnahme des Apologs, nach den damals in Frankreich angenommenen äſthetiſchen Grund⸗ ſätzen die Regeln aufſtellte, feierte er Triumphe, wie wenige Dichter ſeiner Zeit, denn über ein Jahrhundert lang galt dieſelbe nicht nur in Frankreich, ſondern auch im Auslande als Geſetzbuch der Aeſthetik.— Wie allen ausgezeichneten Männern, erwuchſen auch ihm Feinde und Gegner, die ihm Mangel an Erfindungsgabe, Ab⸗ wechſelung und Fruchtbarkeit zum Vorwurf machten, den Satyriker mit Satyren zu bekämpfen ſuchten; um ſie zu widerlegen, veröffentlichte er ein komiſch⸗epiſches Gedicht ⸗-le Lutrin«(das Chorpult), das noch jetzt in Frankreich für ein unerreichtes Meiſterwerk gilt, und ihm von Ludwig XIV. einen Jahrgehalt und den Titel eines königl. Hiſtoriographen verſchaffte. Sanft und edel von Charakter und durch perſönliche Gewogenheit des Königs oft zu Hofe gezogen, verleugnete er doch herausgegebenen Epiſteln„sur les folies humaines«, „sur la noblesse« und»sur l'homme«, in denen einige Mitglieder der Akademie ſich angegriffen wähn⸗ ten, die beharrlich gegen ihn zu wirken ſuchten, waren Veranlaſſung, daß er erſt 1684 durch ſpezielle Ver⸗ mittelung des Königs in die Akademie aufgenommen wurde. Von da an nur abwechſelnd in Paris, lebte er bis zu ſeinem Tode, den 13. März 1711, auf ſei⸗ nem Gute Auteuil, nur den Viſſenſchaften, verfaßte, außer mehreren anderen Abhandlungen, ſeinen Dia- nie ſeine männliche Freimüthigkeit, und die von ihm logue de la poésie et de musique- und den„Dia- logue sur les héros du Roman“, die beide für klaſ— ſiſch gelten, und führte dort in Geſellſchaft Molière's und anderer geiſtreicher Freunde ein heiteres, an ſtillen Genüſſen reiches Leben. Die erſte Ausgabe von Boileau's geſammelten Werken erſchien nicht in Frankreich, ſondern in Deutſch⸗ land(Dresden, Walther 1746, in vier Bänden); in Frankreich veröffentlichte ſie Lefévre de Saint⸗ Mare, ein Gegner Boileau's, 1747 in fünf Bänden, und fügte ſeiner Ausgabe, um Boileau's Dichterruhm zu vernichten, alle bis dahin erſchienenen ungünſtigen Urtheile über deſſen Satyren bei. Daunou, der Boileau's Werke 1809 in drei und 1825 in vier Bän⸗ den herausgab, vertheidigte denſelben in einer beſond ren Schrift, in welcher er zugleich den Einfluß Br. leau's auf die Entwickelung der franzöſiſchen Literat⸗ nachwies. Bis zur neueſten Zeit ſind die einzeln Schriften Boileau's, ſowie deſſen geſammelte W. unendlich oft herausgegeben worden; die beſte Ausgie aber iſt unſtreitig die von Saint-Saurin(— Bände, Paris 1824), die mit einem ungemein W haltigen Kommentare verſehen iſt. alletzt lnes«, denen wähn⸗ waren Ver⸗ mmen lebte if ſei⸗ faßte, Dia- Dia- — —— — . 1 dufes 1 - 289—— Luzern. (Taf. Die Stadt Luzern iſt eine der älteſten in der Schweiz, zugleich aber auch eine der ſchönſten. Ihr Alter beurkundet der Umſtand, daß ſie ſchon anno 1332 dem Bunde„der drei Länder“, nämlich der jetzigen Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden, gegen das Haus Oeſtreich beitrat, und ihre Schönheit iſt ſowohl in ihren breiten, lichten Straßen, als in der geſchmack⸗ vollen Bauart ihrer Häuſer, insbeſondere aber auch in ihrer wunderherrlichen Lage hart am Ausfluß der Reuß aus dem Vierwaldſtätterſee zu ſuchen. Von der Ferne geſehen macht ſie übrigens einen noch viel im⸗ ponirenderen Eindruck, als von der nächſten Nähe, und dies verdankt ſie den mächtigen Ringmauern mit den hohen Thürmen, von denen ſie ſelbſt jetzt noch umgeben iſt. Meint man doch, eine maſſige Citadelle vor ſich zu haben oder auch eine Kaiſerburg der ſtol⸗ zeſten Art, wie ſie nur das Mittelalter, nicht aber die Neuzeit hervorbringen konnte! Uebrigens dürfen wir uns nicht damit begnügen, ſie blos von außen anzuſehen, ſondern es iſt gar wohl Da iſt nämlich zuerſt das Rathhaus mit ſeinen großartigen Sälen, die ſämmtlich mit Gemälden aus der Schweizergeſchichte geſchmückt ſind. Da iſt ferner das Jeſuiten⸗Collegium, ein ſchon durch ſeinen mächtigen Umfang in Erſtaunen ſetzendes Gebäude, und damit verbunden die Jeſuitenkirche, welche be⸗ ſonders durch ihr ſchönes Altargemälde— es iſt das Werk des berühmten Francisko Torriani, eines Schü⸗ lers von Guido Reni— anzieht. Da iſt weiter die Stiftskirche Sanct Leodegar auf dem Hof mit einer kunſtreichen Orgel und einem harmoniſchen Ge⸗ iute, welches an die Kirchthürme von Rotterdam und mſterdam erinnert. Da iſt endlich das Urſuliner⸗ proſter mit ſeiner hübſchen Kirche, ſowie das Spi⸗ tal nebſt dem Pfründhaus und noch ſo manches andere, ſowohl ältere als neuere Gebäude. Insbeſon⸗ dere aber intereſſiren uns die drei bedeckten Brücken, welche über die Reuß führen, um die links und rechts derſelben liegenden Stadttheile zu verbinden, denn welche andere Stadt vermöchte etwas ihnen Aehnliches aufzu⸗ weiſen? Die erſte nämlich, die ſogenannte Hofbrücke, hat eine Länge von 1380 Fuß, und iſt in ihrem In⸗ nern mit zweihundertundachtunddreißig Gemälden, welche Gegenſtände des alten Teſtaments behandeln, geſchmückt; die zweite, die ſogenannte Kapellenbrücke, hat eine Länge von 1000 Fuß und weist hundertundvierund⸗ fünfzig Schilder aus der Schweizergeſchichte auf; die dritte aber, die Spreuerbrücke, die etwas kürzer iſt, als die letzt genannte, zeigt uns eine ganze Reihe von Todtentanzgemälden, welche den Tod in allen Be⸗ ziehungen darſtellen und von vielen Kunſtverſtändigen den berühmten„Basler Todtentänzen“ nicht um Vieles 19.) nachgeſetzt werden. Darf man alſo nicht mit Recht behaupten, daß die Stadt Luzern des Sehenswerthen nicht wenig biete? Doch die allerſehenswertheſte Sehenswürdigkeit liegt nicht in der Stadt ſelbſt, ſondern außerhalb derſelben, aber in ihrer nächſten Nähe, das iſt in dem ſogenann⸗ ten Pfyfferiſchen Garten, der übrigens den ganzen Tag für Jedermann geöffnet iſt und zu den öffentlichen Spaziergängen gehört. Hier ſteht nämlich am Fuße einer Felſenwand, gleichſam als Basrelief in den Fels eingehauen, ein koloſſaler Löwe von achtund⸗ zwanzig ein halb Fuß Länge und achtzehn Fuß Höhe, welchen der Bildhauer Ahorn aus Con⸗ ſtanz nach einem Modell Thorwaldſens fertigte, und aus der lateiniſchen Inſchrift: »Helvetiorum fidei ac virtuti« (u deutſch: der Schweizer Treue und Tapferkeit) er⸗ ſehen wir, daß das merkwürdige Denkmal zum ewigen Gedächtniß jener Schweizergarden, die am 10. Auguſt j e, 3 1792 in der Vertheidigung Ludwigs XVI. von Frank⸗ r 2 3 as in ihrem Inneren umzuſchauen. 162 n Ver. 1 11r. 1 der Mühe werth, uns hrem Inm zuſche reich in Paris als Märtyrer ihrer Treue gefallen ſind, errichtet wurde. Freilich mehr Werth würde es haben, wenn jene Tapferen in der Vertheidigung ihres Vater⸗ landes ihr Leben ausgehaucht hätten, ſtatt als Söld⸗ linge im Dienſte eines fremden Potentaten, aber be⸗ wundernswerth iſt ihre That deßwegen doch, und wie erbärmlich ſtehen gegen ſie die franzöſiſchen Garden da, welche, als es galt, ihren Monarchen feige im Stich ließen, um ihr eigenes theures Ich zu ſalviren! So großartig nun übrigens auch das Löwendenk⸗ mal iſt, ſo verſchwindet es doch faſt in ein Nichts, wenn wir, unſern Spaziergang fortſetzend, an den Vierwaldſtädterſee, hier Luzernerſee geheißen, hinaus⸗ treten und nach einem anderen Löwen hinüberſchauen, dem Berglöwen Rigi nämlich, der hart über'm See drüben ſein ſtolzes Haupt erhebt. Eine kurze Fahrt mit dem Dampfboote nach Wäggis, dann ein etwas angeſtrengter Bergmarſch von vier Stunden, ſo ſind wir oben—— ſollten wir dies verſäumen? Ach unſere Bruſt iſt ja ohnedies nicht wenig eingeengt, weil wir auf unſerer Wanderung durch die Stadt Luzern unwillkürlich an die blutigen Parteikämpfe erinnert wur⸗ den, welche vor noch nicht zwanzig Jahren hier in Scene traten, und eine derartige trübe Stimmung wird ja durch nichts gründlicher geheilt, als durch den Athem der Freiheit, der auf dem Schweizer Berglöwen oben weht. Alſo hinauf auf den Rigi, damit wir der Bos⸗ heit jener Menſchen vergeſſen, welche die Thorheit ihrer Mitbrüder ausbeuten, um ihre Pläne der Finſterniß in's Werk zu ſetzen. Th. G—r. Feierſtunden. 1863. 37 gürchtenichts der Zrünhösler. Flämiſche Volksſage. I. In längſt vergangener Zeit lebte einſt in Condé am Escaut, zu deutſch die Schelde, ein kleiner Burſche von vierzehn bis fünfzehn Jahren, der mit Recht für den muthigſten und unternehmendſten Gaſſenjungen galt, den man je barfüßig über das Pflaſter einer Stadt laufen ſah. Er wohnte bei ſeiner Mutter in der Rue Neuve: nun weiß aber Jedermann, daß dieſes Gäßchen von jeher das ſchmutzigſte, engſte und ärmlichſte in ganz Condé war, in dem daher auch ſtets nur die Hefe des Volkes hauste. Seine Mutter friſtete als Höckerin ihr Daſein durch einen kleinen Handel mit Obſt, ſein älterer Bruder war ein redlicher Schuſterjunge, er aber war gar nichts, denn er fand, daß ſich für eine ſo geniale Perſönlich⸗ keit wie die ſeinige das Arbeiten nicht ſchickte, In der Taufe hatte er den Namen Gilles erhal— ten, aber aus Gewohnheit nannten ihn die Leute Grün⸗ hösler, weil er Jahr aus Jahr ein nichts am Leibe hatte, als ein altes, zerriſſenes Hemd, und eine faden⸗ ſcheinige Hoſe von grünem Mancheſter, die einfach mit einem Bindfaden um die Hüften feſtgehalten war. Eine dritte Benennung hatte er ſich aus eigener Macht⸗ vollkommenheit ſelbſt beigelegt, nämlich den Beinamen Fürchtenichts, da er Wind und Sturm und Gott und den Teufel ebenſo wenig fürchtete, als die Stadt⸗ polizei. Stark wie ein junger Stier und muthig wie ein Hahn verachtete er alles Schwache und Schüchterne, und deßhalb ganz beſonders auch die Frauenzimmer. Das weibliche Geſchlecht zählte er kaum unter die Menſchheit; er hielt es unter ſeiner Würde, mit einem Mädchen nur zu ſprechen, und ſein zweites Wort war immer:„Ich werde nie heirathen, außer wenn ich mich einmal fürchte;“ was ſeiner Ueberzeugung nach ſo viel hieß als:„Ich bleibe ledig.“ Inzwiſchen führte er ein Leben, welches ſeinen aus⸗ gezeichneten Ruf als Taugenichts erſter Klaſſe auf das Glänzendſte rechtfertigte. Sein Hauptſtreben ging darauf hinaus, ſeine Nachbarn zu ärgern und ihnen Poſſen zu ſpielen, wo er nur konnte. Fenſter und Laternen einwerfen, Katzen an die Glockenzüge binden, Schilder abhängen und dergleichen Genieſtreiche, wie ſie auch heutzutage noch von einer hoffnungsvollen Jugend voll⸗ führt werden, bildete ſeine Beſchäftigung, die er nux an Sonn⸗ und Feiertagen dahin abänderte, daß er die Abende in der Schenke der Mutter Boucaud zubrachte, und dort wie ein Erwachſener um die Pfennige, die er ſich die Woche über auf dieſe oder jene, jedoch neben⸗ bei bemerkt immer auf redliche Weiſe erworben hatte, Karten ſpielte, ſein thönernes Pfeifchen rauchte, ſeine zwei bis drei Pinten Bier trank und zur Noth auch fluchend mit der Fauſt in den. Tiſch hineinſchlug, daß es eine wahre Freude war. Nur eine Perſon freute ſich nicht darüber, und dieſe eine Perſon war ſeine Mutter. „Du wirſt es ſehen, Jean,“ ſagte die gottesfürch⸗ tige Frau zu ihrem älteren Sohne,„wenn Gilles ſich nicht bei Zeiten beſſert, ſo wird er noch eines Tages, wie ſchon ſo mancher Andere, der auch ſo angefangen hat, zwiſchen Himmel und Erde enden.... Ach, wenn ich dieſen Jammer erleben müßte, es wäre mein Tod!“— „Mutter,“ erwiederte der ehrliche Schuſtersjunge, „ich habe vom Herrn Pfarrer gehört, daß die Furcht der Anfang zur Weisheit ſei. Wenn man dem Gilles einmal eine rechte Furcht einjagen könnte, würde er ſich vielleicht zum Beſſeren wenden. Nun weiß ich aber ein ſicheres Mittel, ihm Furcht zu machen. Schicke ihn heute Abend an die Sankt Calixtus⸗Quelle, um einen Krug Waſſer zu holen. Für das Uebrige will ich ſorgen.“ II. Die Sankt⸗Calixtus⸗Quelle, etwa eine Stunde von Condé entfernt, erfreute ſich zu jener Zeit eines außer⸗ ordentlichen Rufes, denn man rühmte ihrem Waſſer die Eigenſchaft nach, daß es das Fieber vertreibe, wel⸗ ches im Herbſte wegen der vielen Sümpfe in dieſer Gegend herrſchte. Am Abende, als Gilles nach Hauſe kam, um ſich niederzulegen und von den Mühen des Tages auszu⸗ ruhen, ſagte ihm nach dem wohlgemeinten Rathe ihres älteren Sohnes die Mutter: „Gilles, hole mir doch einen Krug Waſſer aus dem Sankt⸗Calixtus-Brunnen. Ich habe mich den ganzen Tag über ſterbenskrank gefühlt und fürchte, daß mich das Fieber wieder packen wird.“ Gilles war bei all' ſeinen Fehlern ein guter Sohn und beeilte ſich, den Wunſch ſeiner Mutter zu erfüllen. Der Weg nach dem Brunnen führte am Gottes⸗ acker vorbei und die Nacht war ſo ſchwarz, daß man kaum die Hand vor dem Auge ſehen konnte. Schon dies allein hätte hingereicht, manche andere ehrliche Chriſtenſeele mit einem gewiſſen kalten Schauer zu er⸗ füllen, beſonders wenn von Zeit zu Zeit der Wind leiſe in den Pappeln rauſchte, was ſo geheimnißvoll und geiſterhaft lautete, daß man ſo furchtlos wie der Grünhösler ſein mußte, umheimlich zu finden. Dieſer ging aber ganz ruhig ſeines Weges und pfiff ein munteres Liedchen dazu, als plötzlich der Mond durch die Wolken brach, und das blaſſe Licht ſeiner Strahlen zehn Schritte vor Gilles über eine lange, weiße Geſtalt ergoß.(Siehe Bild S. 292.) „Ei ſieh da,“ rief Fürchtenichts,„das iſt ja gar, wie es ſcheint, ein Deſerteur aus dem Garten des al⸗ ten Vaters Laguernade!“ Der alte Vater Laguernade war der Todtengräber von Condé, und mit deſſen Garten meinte der Grün⸗ hösler den Kirchhof. „Ich bin wirklich ſehr erfreut über dieſe Begeg⸗ nung,“ fügte er hinzu,„denn nun kann ich doch ſagen, um es nicht zum Mindeſten * ürch⸗ ſich ages, ngen Ach, wein unge, Furcht Hilles de er iß ich Schicke , um will de von außer⸗ Laſſer „wel⸗ dieſer ſich uszu⸗ ihres r aus h den e, daß Sohn füllen. pottes⸗ F man Schon hrlich zu el⸗ Wind iiſpoll vie der ndeſten 1 5 und Mond ſeiner lange, a gal, des al⸗ Grün⸗ Begeg⸗ I ſ age 1, - 291— daß ich auch einmal ſo glücklich war, einen Geiſt zu ehen.“ ich Daß er ſich wegen einer ſolchen Kleinigkeit nicht in ſeinem Gange aufhalten ließ, war natürlich; er ging demnach gerade zu, da aber das Phantom nicht die geringſte Miene machte, ihm auszuweichen, ſo rief er: „Heda, Freund! Wie wäre es denn, wenn du ein bischen zur Seite gingeſt?“ Die weiße Geſtalt rührte ſich nicht von der Stelle, ſondern erhob nur drohend den Arm. „Weiche mir aus, oder ich ſchlage dir die Rippen entzwei!“ ſchrie nun der Grünhösler, dem die Stirn⸗ ader anſchwoll, was ſtets ein ſicheres Zeichen ſeines Zornes war, wie dies in der Regel bei anderen Men⸗ ſchenkindern auch der Fall iſt. Der Geiſt kehrte ſich aber nicht daran. Für ihn ſchien Fürchtenichts gar nicht auf der Welt zu ſein, denn er blieb, ohne auf die verwegene Drohung zu achten, mitten auf der Straße ſtehen. Nun hatte aber die Geduld des Grünhöslers ihr Ende erreicht, und ganz wüthend verſetzte Gilles dem Phantome mit dem ſteinernen Kruge einen ſo gewal— tigen Schlag auf den Kopf, daß das ſchwere Gefäß trotz ſeiner Solidität in tauſend Scherben brach, der arme Geiſt aber geſtreckter Länge mit einem ſchwachen Schrei, dem letzten wie es ſchien, den er je mehr aus⸗ ſtoßen ſollte, zu Boden ſtürzte. „So, ſo; das war alſo nur ein Menſch?“ ſagte Gilles verwundert. ihn todtgeſchlagen. Um ſo ſchlimmer für ihn! Mag er ſich's für ein anderes Mal zur Warnung dienen laſſen, ſich mit mir keine ſolchen Späſſe mehr zu er⸗ lauben.“ Des Weiteren überlegte ſich aber Fürchtenichts, daß ihm dieſer eben gelieferte neue Beweis ſeiner Uner⸗ ſchrockenheit denn doch ſchlimme Folgen tragen könne, und wenn er auch vor den Stadtſergeanten nicht den geringſten Reſpekt hatte, ſo war er ſich doch keiner beſonderen Vorliebe für die Gendarmerie bewußt, am allerwenigſten für die berittene, die ſchon damals die unleidige Manier hatte, einen armen Teufel, den ſie g hatte, arretirte, am Steigbügel anzubinden und zu Fuß neben ſich herlaufen zu laſſen. Er hielt es alſo für das Klügſte, ſtatt nach Condé zurückzukehren, lieber den Schauplatz ſeiner bisherigen Heldenthaten zu verlaſſen und einfach über die nur eine halbe Stunde entfernte Grenze zu gehen. Zum Glück war's Montag und der Grünhösler im Beſitze einiger zwanzig Pfennige, die er Tags zuvor bei der Mutter Baucaud im Spiele gewonnen hatte. Dieſes Capital, denn zwanzig Pfennige repräſen⸗ tirten zu jener glücklichen Zeit einen Werth von ebenſo vielen Gulden unſeres heutigen Geldes, beſchloß er, im Handel und Wandel gehörig umzudrehen und zu vermehren, und ſo begann er ſeine neue Laufbahn da⸗ mit, daß er ſich unterwegs Kirſchen kaufte, und dieſe Waare in den an der Landſtraße liegenden Dörfern mit dem Rufe feilbot: „Kirſchen! Kirſchen für altes Eiſen!“ Um altes Eiſen Kirſchen? Das war verlockend, und der Erfolg dieſes originelleu Einfalls übertraf faſt des Grünhöslers kühnſte Erwartungen, indem ihm die genäſchigen Kinder der verſchiedenen Ortſchaften Alles, was ſie an altem und mitunter auch neuem Eiſen zu Hauſe auftreiben konnten, brachten, um ſich je nach 3 N. ¹ 71 „Nun, wie es ſcheint, habe ich dem Werthe ihrer Lieferungen, deren Schätzung natür⸗ lich dem Grünhösler überlaſſen blieb, Kirſchen einzu⸗ tauſchen. Hatte Gilles ſodann einen hinreichenden Vorrath von alten Hufeiſen, Schlüſſeln, Nägeln, Thürangeln u. dgl. beiſammen, ſo verkaufte er den⸗ ſelben wieder; er vergrößerte nun ſeinen Handel, ſo daß er bald reich genug war, um ſich zum bequemeren Transporte ſeiner Waaren einen Eſel anzuſchaffen und ſeinen comerziellen Unternehmungen eine größere Aus⸗ dehnung zu geben. So trieb er es drei Jahre, und ſicher hätte er da⸗ bei ein wohlhabender Mann werden müſſen, wenn er nur im Stande geweſen wäre, ſich das Spielen abzu⸗ gewöhnen; allein dieſer abſcheulichen Leidenſchaft hatte er es zu danken, daß er ſehr häufig unter freiem Him⸗ mel campiren mußte, weil ſeine Taſchen nur zu oft leer waren. „Wenn Ihr ein freies Quartier haben wollt,“ ſagte man ihm eines Abends in einem Dorfe, wo ihm wegen abermaliger Zahlungsunfähigkeit im Wirthshauſe die Aufnahme verweigert worden war, ſo geht in das alte Schloß des Sonneurs hinauf... Freilich,“ fügte man achſelzuckend hinzu,„hat es bis jetzt noch Niemand gewagt, daſelbſt zu übernachten.“ „Und warum nicht?“ frng Gilles. „Weil es im ſogenannten rothen Zimmer des V Schloſſes ſpukt.“ „Meinetwegen mag es ſpuken,“ rief der Grün⸗ hösler.„Oder glaubt Ihr etwa, daß ich mich vor Geſpenſtern fürchte?... Ich fürchte mich überhaupt vor gar nichts, daß Ihr's nur wißt,... ſchon deß⸗ halb nicht, weil ich ſonſt heirathen müßte.“ „Wie? was?“ ſchrie man von allen Seiten.„Ihr wäret gezwungen, Euch zu verheirathen, wenn Euch eine Furcht befiele?“ 1 „Die Sache iſt ſehr einfach,“ erwiederte Fürchte⸗ nichts,„ich verabſcheue die Weiber und alſo auch die Ehe. Da habe ich nun gelobt, mich, wenn ich je vor Etwas Furcht hätte, zur Strafe dafür zu verheirathen. Ihr begreift, daß dies für mich das beſte Mittel gegen die Furcht iſt.... Aber gebt mir nur einen tüchtigen Stock, dann gehe ich hinauf in's Schloß.“ Letzteres hatte einen ſo üblen Ruf und war in der ganzen Gegend ſo verſchrieen, daß man ſich ſehr wun⸗ derte, wie ein Menſch ſo frech ſein konnte, ſich hinein⸗ wagen zu wollen. Man erzählte ſich die ſchauerlich⸗ ſten Dinge. Um Mitternacht ſchlage es oben immer zwölfmal, daß alle Mauern zittern, und doch ſei im ganzen Schloſſe keine Uhr und keine Glocke; dann be⸗ ginne der Teufel ſein Unweſen, und dies daure immer bis zum Morgengrauen. Wer aber eine Nacht oben zubringe, der komme nicht mehr lebendig herab. Fürchtenichts beſtand darauf, oben ſchlafen zu wol⸗ len, und wiederholte ſein Verlangen nach einem Stocke. Man brachte ihm einen von ſolidem Eibenholze, aber Gilles knickte ihn ab wie einen Spahn und warf die Trümmer den Leuten vor die Füße.*½ „Was thue ich mit ſo ſchwachem Zeug,“ ſagte er. „Bringt mir einen ſtärkeren.“ Nun brachte man ihm einen derben Knittel von Eichenholz. Der Grünhösler zerbrach ihn aber eben⸗ falls und warf ihn wie den erſten verächtlich weg. „Wartet,“ ſagte der Dorfſchmid, der zufällig zu⸗ gegen war,„ich will ihm einen bringen, den er nicht 37* - 292— zerbrechen wird. ſo dick wie ein kleiner Finger. Gilles aber nahm ſie und bog ſie zu einem Knäul zuſammen, als ob er nur ſchwachen Draht in der Hand gehabt hätte. Nun brachte der Schmid eine von der Dicke eines Daumens, aber— ratſch— hatte Gilles ſie entzwei gebrochen. Endlich brachte der Schmid ein Eiſen, welches zwei Männer tragen mußten, und an Dicke dem Arme eines fünfjährigen Kindes nichts nachgab, und erſt mit dieſem ſchien ſich der Grünhösler zu be⸗ gnügen, obwohl er es ebenfalls krumm bog. „Meinetwegen,“ ſagte er, indem er die Stange wie eine Reitpeitſche durch die Luft ſauſen ließ,„mit die⸗ ſer mag's gehen. Wenn die Geiſter nicht ſo klug ſind, ſich gegen mich artig und zuvorkommend zu benehmen, N Und er brachte eine eiſerne Stange, ſo ſoll dieſes Stängelchen ſie zur Vernunft bringen. Uebrigens will auch ich mich höflich zeigen. Der Teu⸗ fel ſoll nicht ſagen können, daß ich ihm ſo mir nichts dir nichts in's Haus falle, ohne ihm etwas dafür zu bieten. Ich will ihn alſo regaliren, denn ich bilde mir ein, daß er Hunger haben wird, nachdem er ſchon ſo lange in einem unbewohnten Schloſſe haust, wo ſeit Jahren in der Küche kein Feuer mehr brannte. Um ihn aber zu einem Abendeſſen einladen zu können, muß ich ſelbſt etwas zu verſpeiſen haben, und deßhalb er⸗ ſuche ich euch, mir Eier, Butter und Milch mitzu⸗ geben, ein bischen Salz nicht zu vergeſſen und eine Pfanne, in der ich mir und meinem Gaſte einen Eier⸗ kuchen kochen kann, dann auch ein paar Krüge Bier und ein paar Lichter, da man zum Eſſen doch auch trinken und ſehen muß. (Siehe S. 290.) Man brachte dem Grünhösler, was er verlangte. „So,“ ſagte er,„und nun gebt mir auch noch ein Kartenſpiel mit und ein Päckchen Tabak, denn ich weiß mir nichts Beſſeres nach einem guten Nachteſſen, als ein Pfeifchen Tabak und eine Parthie Mariage.“ Der Grünhösler belud ſeinen Eſel mit den Vor⸗ räthen und Kochrequiſiten, die man ihm bereitwilligſt gab, da man ſehr begierig war, wie das verwegene Abenteuer enden würde; dann machte er ſich muthig und ſorglos, wie immer, auf den Weg. Das Schloß war auf einem bewaldeten Berge, nur eine Stunde vom Dorfe entfernt gelegen. Er hatte mit ſeinen vier ſchlanken Eckthürmen, ſeinem Graben und ſeiner Zugbrücke ganz das Anſehen eines alten, verwitterten Raubſchloſſes, und ſo düſter und drohend ragten die ſchwarzen Giebeldächer und halbeingefallenen Schlöte über die Tannen und Föhren empor, die es umgaben, daß keine ſonderlich lebhafte Fantaſie dazu gehörte, um dieſes bemoste Gemäuer mit einer Reihe blutiger Gräuelthaten und damit zuſammenhängenden Geiſtergeſchichten in Verbindung zu bringen. Die Zugbrücke war herabgelaſſen und nichts hemmte den Eintritt, da alle Thüren und Zugänge offen ſtan⸗ den, denn das Schloß ward längſt als ein herrenloſes Gut betrachtet, an dem ſich übrigens ſelbſt Diebe nicht zu vergreifen wagten; freilich wäre aus den faſt gänz⸗ lich leeren Zimmern nicht viel zu holen geweſen. Unter der weiten, im gothiſchen Style gewölbten Thorhalle angelangt, ſchlug ſich Fürchtenichts Feuer, zündete ſich ſein Licht an, lud ſeinen Eſel ab, führte ihn in den Stall und ſuchte ſodann das ſogenannte rothe Zimmer auf. Daſſelbe war bald gefunden, denn gleich das erſte Zimmer, welches er betrat, war ein großes, kaltes und feuchtes Gemach, von dem an den Wänden die rothen Tapeten in Fetzen herabhingen. Gilles ſah zu ſeiner großen Befriedigung, daß das —j—„— ingen. Teu⸗ richts für zu de mir on ſo ſeit Um muß b er⸗ iitzu⸗ eine Cer⸗ Bier auch - 293— Zimmer mit einem welſchen Kamin verſehen war; ein paar alte, wurmſtichige Lehnſtühle mit verblichenen Ueberzügen ſtanden auch da und boten ein willkomme⸗ nes Feuerungsmaterial, worüber ſich Fürchtenichts um ſo mehr freute, als er vergeſſen hatte, ſich von den Dorfbewohnern Holz und Kohlen mitgeben zu laſſen. Mit ſeiner Bärenkraft brach er einen von den bei⸗ den Stühlen zuſammen, und ehe fünf Minuten ver⸗ gingen, loderte ein luſtiges Feuer im Kamin, groß genug, um einen ganzen Ochſen auf einmal braten zu können, und daher auch genügend zur ſchnellen, wohl⸗ thuenden Erwärmung des Zimmers und zur Herſtellung des frugalen Nachteſſens, an deſſen Zubereitung Fürchte⸗ nichts nun ging. Wir unterlaſſen es, näheren Details anzugeben, und beſchränken uns auf die einfache Verſicherung, daß keine unſerer ſchönen 6 22 1 „Das iſt ärgerlich,“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„ich werde wohl meinen Pfannenkuchen allein eſſen müſſen, und doch wäre es viel luſtiger, wenn ich Geſellſchaft hätte. Wenn jetzt der Teufel käme, fertig, in zwei Minuten könnte ich anrichten.“ Kaum hatte er dies geſagt, ſo hörte er eine furcht⸗ bare Stimme, wie wenn ein Menſch ihm durch ein ungeheures Sprachrohr in die Ohren hineingeſchrieen hätte. Die Stimme kam aus dem Kamine; kein Wun⸗ der alſo, daß ſie ſo dumpf und hohl klang. „Falle ich herunter, oder falle ich nicht?“ rief es von oben herab. „Warte, bis ich die Pfanne weggethan habe, ſonſt fällſt du mir in meinen Eierkuchen, erwiederte Fürchte⸗ nichts ruhig.„So, jetzt falle, wenn dir's einen Spaß macht.“ Ein Getöſe, wie wenn wirklich etwas durch den amin herabgeworfen würde, ließ ſich vernehmen, und das Eſſen wäre hierüber die V Schloſſe zu vernehmen, b 6 1 Leſerinnen, bei allem Reſpekte, den wir für ihre muth⸗ maßliche Kochkunſt haben, im Stande geweſen wäre, einen appetitlicheren und ſchmackhafteren Eierkuchen zu Stande zu bringen, als der war, den ſich der Grün⸗ hösler zurecht machte. Man ſah ihm an, welche Wichtigkeit er darauf legte, ſeine praktiſche Ausbildung im Kochen zu bewäh⸗ ren, denn er verwandte kein Auge von der Pfanne, die er über das Feuer hielt, als plötzlich ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf eine andere Weiſe in Anſpruch genommen wurde, indem er vom Dorfe herauf Mitternacht ſchla⸗ gen hörte. Gilles lauſchte; er glaubte, nun jeden Augenblick auch die geiſterhafte, unſichtbare Uhr in von der man ihm im Dorfe geſagt hatte; allein er wartete eine, er wartete zwei und drei Minuten, ohne daß ſich irgend etwas hören ließ. 1 = = Wiſiſ. hg Iſiſtände Aäh 4 6 1 (Siehe S. 2 im nächſten Moment lag ein abgeſchnittenes, menſch⸗ liches Bein vor dem Grünhösler. Im Voraus auf etwas Beſonderes gefaßt, ſtaunter Fürchtenichts nicht einmal darüber, ſondern nahm das Bein ohne Umſtände und ſchleuderte es in die Ecke des Zimmers, wo es aber nicht umfiel, fondern auf⸗ recht auf ſeinem Fuße ſtehen blieb. Dann ſetzte Gilles ruhig ſeine Pfanne wieder an's Feuer. „Falle ich herunter oder falle ich nicht?“ wiederholte die Stimme. „Warte,“ rief der Grünhösler wieder, indem er die Pfanne zurückzog.„So, jetzt.“ Es fiel ein zweites Bein herab, welches Gilles wie das erſte in die Ecke warf, wo es wie jenes ſtehen blieb. „Falle ich herunter oder falle ich nicht?“ rief die Stimme zum dritten Male. „Falle nur zu, es geht jetzt in Einem hin,“ ent⸗ gegnete Gilles, der ſeine Pfanne in der Vorausſetzung, daß das Herunterfallen noch nicht zu Ende ſei, nicht mehr an das Feuer geſtellt hatte. Es kam auf demſelben Wege wie die beiden Beine zuerſt ein Arm, dann noch einer herunter, die Gilles ebenfalls in die Ecke warf, wo auch ſie aufrecht ſtehen blieben. „So, nun wird das Kegelſpiel bald beiſammen ſein, wenn es ſo fort geht,“ murmelte der Grünhösler. „Richtig, hier iſt der König!“ rief er, als nun auch der Rumpf, zu dem die abgetrennten Gliedmaßen zu gehören ſchienen, durch den Kamin herabfiel.„Jetzt brauche ich nur noch die Kugel.“ „Falle ich herunter oder falle ich nicht?“ rief wie⸗ der die Stimme. „Frage nur nicht ſo lange,“ erwiederte Gilles un⸗ geduldig,„ſiehſt du nicht, daß ich noch die Kugel brauche, um kegeln zu können?“ Auch dieſe ließ nicht lange auf ſich warten, denn ſchon im nämlichen Moment kollerte ein Kopf dem Grünhösler zu Füßen, den dieſer bei den Haaren auf⸗ hob, um damit das merkwürdigſte Kegelſpiel zu begin⸗ nen, welches er je noch in ſeinem Leben gemacht hatte. (Siehe Bild S. 293.) „Ich wette, daß ich alle fünf auf einen Wurf treffe,“ ſagte er, und den Kopf auf die ſeltſamen Kegel werfend, ſah er ſeiner improviſirten Kugel nach, die kaum ihr Ziel erreicht und Rumpf, Beine und Arme umgeworfen hatte, als ſich Alles zu einem Gan⸗ zen zuſammenfügte, und eine nackte, menſchliche Geſtalt aus der Ecke hervortrat, die auf Fürchtenichts zuging und ſich höflich vor ihm verbeugte. „Du haſt eine eigenthümliche Manier, dich bei den Leuten einzuführen,“ ſagte der Grünhösler.„Aber gleichviel; weil du nun einmal da biſt, darf ich dich wohl auch zu meinem Abendeſſen einladen?“ „Ich danke,“ entgegnete das Phantom.„Ich bin nicht von dieſer Welt, und Leute meines Schlages hun⸗ gert nicht.“ „So trinke wenigſtens mit mir,“ ſagte Gilles. „Man muß doch eine ſehr ausgetrocknete Gurgel haben, wenn man ſo lange ſtückweiſe im Schlote hing und wie ein Schinken geräuchert wurde.“ „Ich habe keinen Durſt.“ „So? Bei mir iſt's gerade das Gegentheil. Ich bin immer durſtig und hungrig. So trinke ich auf —— 294— „Und dennoch wirſt du mir folgen,“ ſagte das Geſpenſt in ſehr beſtimmtem Tone, wobei er gebiete— riſch ſeine lange, abgemagerte Hand nach ihm aus⸗ ſtreckte. „Halt da!“ rief Gilles kurz, und ſeine eiſerne Stange ergreifend, verſetzte er dem Geſpenſte einen der⸗ ben Schlag auf den Arm. Es ſchien ihm zwar, als habe er in die leere Luft geſchlagen, allein das Phan⸗ tom fuhr wimmernd zurück und ließ ſeinen Arm wie gelähmt ſinken. „Wenn du von mir etwas Anderes haben willſt, als Prügel,“ ſagte Fürchtenichts,„ſo mußt du ſchön bitten. Befehlen laſſe ich mir von Niemand, auch von ſo einem Teufelsbraten nicht, wie du einer biſt.“ „Du biſt in der That ein muthiger Mann,“ er⸗ wiederte das Geſpenſt.„Bis jetzt hat es noch Nie⸗ mand gewagt, mir zu widerſtehen. Das war aber gerade mein Unglück, weil ſich auf dieſe Weiſe Nie⸗ mand fand, mich zu erlöſen. Die, welche ſich An⸗ fangs herauf wagten, ſtarben vor Augſt, als ſie mich ſahen, zuletzt hörten allmählig alle Beſuche ganz auf, und ſo ſchmachte ich nun ſchon ſeit vielen Jahren hier, ohne daß ſich Jemand meiner erbarmt hätte. Du aber, du biſt ein beherzter Mann, und ich gebe mich der Hoffnung hin, daß du mich erlöſen wirſt.“ „Es kommt dabei lediglich darauf an, ob ich will,“ entgegnete Fürchtenichts. „So nenne mir deine Bedingungen.“ „Damit preſſirt es nicht ſo ſehr. Spielen wir vor Allem einmal eine Parthie Mariage. Ich habe mich gerühmt, mit dir zu karten, und will auch Wort halten.“ „Wenn ich die Parthie gewinne, willſt du dann mit mir in den Keller gehen?“ „Ja, meinetwegen.“ Gilles gab dem Phantome acht Karten, behielt ebenſo viel für ſich, und ſchlug als Trumpf Eichelaß auf. Er warf einen Blick auf ſein Spiel und war zufrieden. Er hatte vier von den höchſten Trümpfen. „Ich gewinne, mache dich darauf gefaßt,“ ſagte er. Und er erklärte die Mariage. Das Phantom zeigte die Mariage in Schellen.— „Das nützt dir ja nichts; Trumpf iſt Eichel,“ ent⸗ gegnete Fürchtenichts. Das Geſpenſt lachte und deutete mit dem Finger auf die aufgeſchlagene Trumpfkarte. Es war nicht mehr deine Geſundheit, Mann des Rauchfangs!“ Und Gil⸗ les trank ſein Bier und begann auch ſeinen Eierkuchen mit großem Appetite zu verzehren. Da er ſich dabei nicht ſehr beeilte, ſondern wie ein ächter Feinſchmecker nur ganz kleine Biſſen zum Munde führte, ſo ſchien das Phantom ungeduldig zu werden. „Es wäre mir lieb,“ ſagte es,„wenn du vorwärts machen würdeſt, denn du mußt dann mit mir gehen, und wir haben nicht viel Zeit übrig.“ „Mit dir gehen? Und wohin, wenn's beliebt?“ „In den Schloßkeller hinunter.“ „In den Keller?... Bah, dafür danke ich recht ſchön. Dort unten iſt mir die Luft zu feucht; ich habe keine Luſt, mir einen Schnupfen zu holen.... Ja, wenn noch Weine unten wären, ſo könnte man ſich's eher gefallen laſſen. Aber nach der Einrichtung hier oben zu urtheilen, muß es unten weiter nichts geben als Molche und Ratten, die zwar für dich eine recht angenehme Geſellſchaft ſein mögen, die aber mir * nicht im Geringſten zuſagen.“ 3 Eichel, ſondern Schellen. Gilles konnte ſich dieſe Ver⸗ wandlung nicht erklären. „Es ſcheint, daß ich vorhin falſch geſehen habe, oder daß du Taſchenſpielerkünſte treibſt,“ murmelte er. „Der Teufel hole die Karten!“ Und ſie wegwerfend erklärte er, daß er bereit ſei, in den Keller mitzu⸗ gehen. „So nimm das Licht und geh' voraus,“ ſagte der Geiſt. Fürchtenichts.„Bin ich etwa dein Lakei?“. Der Grünhösler war muthig, doch in gewiſſen Fällen auch vorſichtig. Wäre er vorausgegangen, hätte das Geſpenſt leicht von hinten über ihn herfallen und ihm den Hals umdrehen können. Dies wollte er ver⸗ meiden. Sie ſtiegen in die unterirdiſchen Gewölbe des Schloſſes hinab, und nachdem ſie einige Zeit gegangen waren, kamen ſie an einen großen, ſchweren Stein, der wie ein Grabmonument ausſah. 18 „Geh' du ſelbſt voraus und leuchte,“ erwiederte erwi nich rade dan Niſ an iger Lebz redl von Scl und er! delr iſt. drit mü — ——— e das biete⸗ aus⸗ iſerne der⸗ als Shan⸗ wie willſt, ſchön hvon es fel⸗ Nie⸗ aber Nie⸗ h An⸗ mich zauf, hier, aber, h der will,“ vir vor e mich alten.“ dann behielt Licelaß nd war umpfen. agte er. llen⸗ t“ ent⸗ Finger ht meyr eſe Ver⸗ n habe, nelte er. gwerfeld mitzu⸗ — - 295—— „Hebe den Stein weg!“ ſagte das Geſpenſt. „Du mußt bei Lebzeiten viel kommandirt haben,“ erwiderte Gilles,„da du dir es nach deinem Tode noch nicht abgewöhnen konnteſt. Den Stein kannſt du ge⸗ rade ſo gut wegrücken; ich mag mir die Hände nicht damit beſchmutzen.“ Das Geſpenſt gehorchte und Gilles ſah nun eine Niſche vor ſich, in der drei große, mit Goldgulden bis an den Rand gefüllte Töpfe ſtanden. „Hier, dieſer Schatz,“ ſagte das Geſpenſt,„iſt die eigentliche Urſache meiner Pein. Ich habe ihn bei Lebzeiten geſammelt, und zwar nicht immer auf die redlichſte Weiſe. Der Inhalt von zwei Töpfen gehört von Rechtswegen dem Grafen von Hainaut, deſſen Schloßverwalter ich war, und dem ich dieſes Gold nach und nach entwendet habe. Nun iſt meine arme Seele verurtheilt, ſo lange in dieſem Schloſſe umher zu wan⸗ deln, bis dem Grafen ſein Eigenthum zurückerſtattet iſt. Bringe ihm alſo zwei von dieſen Töpfen, den dritten aber behalte für dich als Lohn für deine Be⸗ mühung.“ „Hm, kein ſchlechtes Trinkgeld für ſo kleine Ar⸗ beit!“ murmelte Gilles;„ich will deinen Wunſch er⸗ füllen, vorher mußt du mir aber noch eine Frage beantworten.— Du ſcheinſt mit den Einrichtungen in der Hölle ziemlich genau bekannt zu ſein; ſo ſage mir, was denen geſchieht, die einen Mord auf ihrem Ge— wiſſen haben?“ „Wenn ſie ihre Schuld nicht ſchon in ihrem Leben abgebüßt haben,“ erwiederte der Geiſt,„oder vielmehr mit ihrem Leben, ſo ſind ſie verdammt, während der ganzen Ewigkeit ihren eigenen Kopf unter dem Arme zu tragen.“ „Teufel, das muß ſehr unbequem ſein,“ rief Gil⸗ les, indem er ſeinen Kopf hin und her bewegte, wie um ſich zu überzeugen, ob er ihm noch feſt auf den Schultern ſitze.„Vielleicht,“ fügte er hinzu,„gibt es aber ein Mittel, ſich dieſer Strafe zu entziehen?“ „Ja, es gibt ein Mittel.“ „Und worin beſteht es?“ „ Darin, daß man zur Revanche Jemand von einem gewiſſen Tode rettet.“ „So? Nun, ich danke dir, Freund,“ ſagte Gilles. „Du biſt ein braver Burſche, und ich werde deinen Auftrag ausrichten. Steigen wir nun wieder hinauf.“ Aber— Kikeriki!— ein Hahn krähte den neuen Tag an und das Phantom verſchwand, indem es einen eigenthümlichen Geruch von Schwefel und Phosphor zurückließ. Gilles befand ſich mit den drei Töpfen allein. Er nahm ſie, ſtieg hinauf, zog ſeinen Eſel aus dem Stall und brach nach der Stadt Mons auf, wo der mächtige und geſtrenge Graf v. Hainaut ſei⸗ nen Hof hielt. III. Acht Tage ſpäter kam Fürchtenichts in der berühm⸗ ten Stadt Mons an und ſtieg in der Herberge zum „goldenen Engel“ ab. Die ganze Stadt war in tiefer Trauer und allent⸗ halben begegnete Gilles in den Straßen nur Leuten, die weinten und wehklagten. Er erkundigte ſich nach der Urſache dieſer allgemeinen Landestrauer, und er⸗ fuhr, daß anderthalb Stunden vor der Stadt im Walde von Wasmes ein furchtbarer Drache hauſe, der das ganze Land in Verzweiflung bringe. Alle Jahre müſſe man dem gräßlichen Ungeheuer ein junges Mädchen opfern, um ſeine Wuth zu beſchwichtigen, und damit ſei er nicht einmal zufrieden, ſondern er verlange, daß es Töchter aus den erſten Häuſern des Landes ſeien, die er ſodann in Stücke reiße und verſchlinge. Heuer habe das entſetzliche Loos die ſchöne Idon, die höchſteigene Tochter des Grafen v. Hainaut getrof⸗ fen. Es ſei auf Befehl des Grafen mit der Trom⸗ pete verkündet und ausgerufen worden, daß derjenige, der die ſchöne Idon aus den Klauen des Drachen rette und letzteren tödte, die Prinzeſſin zur Frau bekomme, allein leider habe ſich Niemand gemeldet und zur Stunde ſei Idon, die man eben in den Wald von Wasmes gebracht habe, ohne Zweifel ſchon eine Leiche. „Nun, das freut mich,“ rief Gilles,„da komme ich gerade recht, um der guten Stadt Mons einen Dienſt erweiſen zu können. Ich bringe den Drachen um und rette vielleicht das Fräulein, denn möglicher⸗ weiſe iſt es noch nicht zu ſpät. Es wäre mir ſehr angenehm,“ fügte er in Gedanken hinzu,„wenn ich mir auf dieſe Weiſe die Unannehmlichkeit erſparen würde, meinen Kopf unter dem Arme herumtragen zu müſſen.“ „Ah, was wäre es für ein Glück, wenn es dir gelänge, unſere gute Prinzeſſin zu retten,“ riefen meh⸗ rere Bürger.„Und du ſelbſt dürfteſt dir nur dazu gratuliren, denn die Tochter eines ſo mächtigen Für⸗ ſten an den Traualtar zu führen, als unſer Graf v. Hainaut iſt, wäre in der That für dich eine Ehre.“ „Die ich ausſchlagen würde,“ verſicherte der Grün⸗ hösler. „Oh, oh!“ riefen verſchiedene Stimmen. „Ich nenne mich Fürchtenichts und frage nichts nach allen Frauenzimmern, ſie mögen junge Mädchen oder alte Weiber, Mägde oder Prinzeſſinnen ſein,“ ver⸗ ſicherte Gilles.„Ich heirathe nicht eher, als bis ich mich einmal gefürchtet habe.“ Die Leute zuckten die Achſeln, er aber achtete nicht darauf, ſondern nahm ſeine eiſerne Stange auf die Schulter und entfernte ſich in der Richtung nach dem Walde von Wasmes. Er kam dort an, aber alle Ortſchaften, durch die ſein Weg führte, waren wie ausgeſtorben, denn auf eine Meile in der Runde war Alles vor dem Drachen entflohen, ſo ſehr hatte der Schrecken, den derſelbe ver⸗ breitete, um ſich gegriffen. Ein ſchauderhaftes Gebrüll, welches aus dem Dickicht des Waldes zu ihm heraus ertönte, gab ihm die Richtung an, die er einzuſchlagen hatte, um das Ungethüm zu finden. Als er an deſſen Höhle kam, ſah er, wie ſich das ſcheußliche Thier eben anſchickte, die unglückliche Toch⸗ ter des Grafen von Hainaut zu zerreißen. „Halt da!“ rief Fürchtenichts mit einer Stimme, daß die Felſenwände der Höhle zitterten und Idon aus der Ohnmacht erwachte, in der ſie lag.„Halt! bevor du deinen Hunger ſtillſt, wollen wir zwei mit einan⸗ der ein Wörtchen reden!“ Als habe der Drache den Grünhösler verſtanden, ließ er von ſeiner Beute ab und wandte ſich nach dem Eingange der Höhle. Es war ein furchtbares Geſchöpf mit einem Pferdekopf, einer Schlangenzunge, Krokodils⸗ zähnen, Adlerflügeln und einem langen, geringelten Schweife, mit dein er wüthend um ſich ſchlug. Der ganze Körper war geſchuppt und ſeine Augen leuchteten wie ein hellgrünes bengaliſches Feuer./ 3 ₰ - 296— Fürchtenichts hatte in ſeinem ganzen Leben nichts Aehnliches geſehen; aber als ſei es ein gewöhnlicher Haushahn, oder gar nur eine Turteltaube, mit der er es zu thun gehabt hätte, ließ Gilles in aller Ruhe das Scheuſal auf ſich zukommen, und ſchlug ihm, als es nahe genug war, mit ſeiner eiſernen Stange einen Flügel ab. „Warte, ich will dir deinen Appetit nach Prinzeſ⸗ ſinnen vertreiben!“ rief er, und ſchlug ihm den zwei⸗ ten Flügel ab, dann den Schweif, und zuletzt den Kopf. Hierauf führte er die ſchöne Prinzeſſin aus der Höhle. „Weint nicht, ſchöne Idon,“ ſagte er.„Ich will Euch jetzt zu Eurem Vater zurückführen.“ „Um Euch als meinen Bräutigam vorzuſtellen?“ frug Idon unter Thränen. rechts, er links von der Straße, wie ein paar Ver⸗ liebte, die auf einander grollen. Aber während Gilles immer gradaus ſah, blickte Idon mehr als zehnmal verſtohlen nach ihm hinüber, und immer feſter wurde in ihr die Ueberzeugung, daß ihr mächtiger und ge⸗ ſtrenger Vater Alles aufbieten müſſe, des Grünhöslers einfältiges Vorhaben zu vereiteln. Als ſie nach Jemapes kamen, wurden Beide plötz⸗ lich aus ihrem ſtummen Hinbrüten durch eine Stimme herausgeriſſen, die den Namen des Grünhöslers laut und vernehmlich ausſprach. „Ei, das iſt ja Gilles Fürchtenichts!“ rief Jemand znter dem jungen Manne. Der Grünhösler ſah ſich um und erkannte einen ſeiner früheren Freunde. „Mimile Bicame!“ rief er freudig überraſcht. „Ei, wie man ſich doch zuweilen wieder trifft!“ Mimile Bicame war nach Fürchtenichts der berühm⸗ teſte Taugenichts in der Stadt Condé. Sie kannten —————— „Als Bräutigam? Daß ich nicht wüßte.“ „Wie! wollt Ihr mich nicht heirathen?“ „Habe ich mich gefürchtet, als ich den Drachen tödtete?“ „Nein.“ „Nun, ſo heirathe ich Euch auch nicht, denn erſt dann, wenn ich einmal Furcht gezeigt habe, nehme ich eine Frau. Es iſt dies eine Art Gelübde,“ fügte er erklärend hinzu, als er die erſtaunte Miene des jungen Mädchens gewahrte. Die ſchöne Idon antwortete nichts, aber ſie ſah den Grünhösler von der Seite an und dachte, daß er nicht leicht etwas Dummeres hätte geloben können, denn Gilles war ein ſehr hübſcher Burſche, wenn auch ſeinem Anzuge nach von geringer Herkunft. Sie ſchritten ſchweigend neben einander her, ſie 8 8 88 h X — SS 9 5„Iin NMII ſich von Kindheit auf und hatten ſtets in treuer Kame⸗ radſchaft alle Schlingeleien und unnützen Streiche ge⸗ meinſchaftlich verübt. Bicame war gewiſſermaßen der Adjutant von Gilles, oder ſein Lieutenant, während letzterer bei allen Gelegenheiten ſtets die Rolle des Hauptmanns ſpielte. „Wie freut es mich, dich wieder zu ſehen!“ rief Mimile.„Ich hielt dich längſt für todt. So komm' aber jetzt auch mit, wir wollen zuſammen ein paar Kännchen auf unſer fröhliches Wiederſehen trinken.“ Wenn man eben von einem Kampfe mit einem Drachen zurückkömmt, ſo iſt ein Schluck Bier gewiß nichts Unrechtes, überdies ſind zwei Flammänder un⸗ denkbar, die ſich begegnen würden, ohne daß Einer den Andern in's Wirthshaus mitnähme, und endlich hatten der Grünhösler und Mimile Bicame ſich gegenſeitig von ihren Erlebniſſen ſo viel zu erzählen, wo aber er⸗ zählte ſich's beſſer als bei einer Kanne Bier? 3 Der Grünhbsler zögerte aber dennoch. Wenn die —-——— rachen nerſt ne ich zte er ungen - 297— ſchöne Idon eine einfache Bauerndirne geweſen wäre, ſo hätte er ſie ohne Umſtände aufgefordert, mit ihnen einen guten Trunk zu ſich zu nehmen, um ſo mehr, als er der Anſicht war, daß ihr nach dem Schrecken, den ſie in der Höhle des Drachen ausgeſtanden hatte, eine Erfriſchung nur zuträglich ſein würde; aber die Tochter eines Grafen und gar des Grafen von Hainaut, die konnte man doch nicht in's Wirthshaus führen! Die ſchöne Idon errieth die unangenehme Verlegen⸗ heit ihres Retters und half ihm aus derſelben. „Geht nur mit Eurem Freunde,“ ſagte ſie.„Ich kann ja auch allein den Weg nach Hauſe finden. Es iſt ohnedieß nicht mehr weit.“ „Wenn Ihr Jemapes hinter Euch habt,“ erwie— derte Gilles, der gleich darauf einging und dem das junge Mädchen nie ſchöner vorgekommen war, als jetzt, da ſie ihn entließ,„dann habt Ihr Euch nur links zu wenden, um nicht zu fehlen. Und ſeid ſo gefällig, Eurem Herrn Vater von mir ein ſchönes Compliment auszurichten, und ihm zu ſagen, daß ich demnächſt die Ehre haben werde, ihm meine Aufwartung zu machen, da ich eine Kommiſſion an ihn zu beſtellen habe.“ Die ſchöne Idon verſprach es und ging ihres Weges; Gilles aber folgte ſeinem Freunde Bicame in's Wirthshaus. Letzterer theilte dem Grünhösler mit, daß in Condé ſeit ſeinem, nämlich des Grünhöslers Ver⸗ ſchwinden gar kein Leben mehr ſei. Niemand werfe mehr die Laternen ein, Niemand binde mehr die Katzen an die Schellenzüge, und um acht Uhr Abends liege die ganze Stadt ſchon im Bette, und wenn man vereinzelt wie ein Nachtwächter ſpäter noch durch die Straßen gehe, ſo höre man keinen andern Lärmen mehr, als (Siehe S. 298.) aus ihren Häuſern heraus das Schnarchen der Spieß⸗ bürger,[die Niemand mehr in ihrem patriarchaliſchen Schlafe ſtöre. Der Grünhösler drückte über dieſe traurige Verän⸗ derung ſeiner ſonſt ſo luſtigen Vaterſtadt ſein aufrich⸗ tiges Bedauern aus, dann aber richtete er an Mimile eine Frage, die ihm ſchon lange am Herzen lag. „Sprich,“ ſagte er,„hat man nicht vor drei Jah⸗ ren auf der Straße in der Nähe des Gartens von Laguernade einen Todten gefunden, der in ein weißes Leintuch gehüllt war?“... „Man hat deinen Bruder gefunden,“ erwiederte Bicame. „Wie! Meinen Bruder?“ rief Gilles erblaſſend. „Ja; er war aber nicht ganz, ſondern nur halb todt, und iſt gegenwärtig wieder ſo wohlauf und ge⸗ nd wie du und ich. ihte, welches dich erſchrecken ſollte.“ Feierſtunden. 1863. —₰ Er war es, der das Geſpenſt „Er?... Und du ſagſt, daß er wieder geſund und wohl ſei?“ „Ja.“ „Gott ſei's gedankt in Ewigkeit!“ murmelte Fürchtenichts. Dann nach einer kleinen Pauſe fügte er hinzu: „Auf dieſe Art wäre es nicht nöthig geweſen, die ſchöne Prinzeſſin vom Tode zu retten.... Do gleichviel! Vielleicht will es das Unglück, daß ich ein anderes Mal wirklich einen todtſchlage, dann habe ich mein Löſegeld dafür gleich vorausbezahlt.“ Unter ihren gegenſeitigen Mittheilungen verging ihnen die Zeit ſchneller als ihr Durſt, obwohl Fürchte⸗ nichts und Mimile zuſammen ohne Anſtrengung an die vierzig Krüge Bier leerten, was nach unſerem heutigen Gemäße ſo ziemlich einem Eimer gleichkommt. Als ſie ſich endlich trennten, war der Schritt etwas unſicher, 38 Euch nicht heirathen will. mit welchem Gilles ſein Gaſthaus zum„Goldenen Engel“ in Mons aufſuchte. IV. „Was kann er wohl für eine Kommiſſion an mei⸗ nen Vater zu beſtellen haben?“ frug ſich die ſchöne Idon beſtändig, als ſie ſinnend nach Hauſe ging. Dieſe Frage beſchäftigte ſie dermaßen, daß ſie da⸗ rüber den Weg verfehlte und ſich verirrte. Sie bemerkte dies erſt, als ſie vor einem Hochofen ſtand und einen ſchwarzen, rußigen Mann auf ſich zukommen ſah, der weit eher dem leibhaftigen Gottſeibeiuns glich als einem Menſchen. „Was macht Ihr denn da, meine Schöne?“ rief er ihr mit einer unheimlichen Stimme entgegen.(Siehe Bild S. 297.) „Ich ſuche die Straße nach Mons,“ erwiederte das junge Mädchen zitternd.„Ich bin die Tochter des Grafen von Hainaut und will zu meinem Vater zu⸗ rück, habe aber den Weg verfehlt. Wenn Ihr mich hingeleiten wollt, ſo ſoll es Euer Schaden nicht ſein, denn mein Vater wird Euch dafür belohnen, wie es einem Manne von ſeinem Range geziemt.“ „Aber wer hat Euch denn aus den Klauen des Drachen gerettet?“ „Ein Unbekannter, der grauſam genug iſt, meine and zu verſchmähen,“ erwiederte Idon ſeufzend. „Grauſam?“ nennt ihn lieber dumm, wenn er Und wo iſt dieſer Ein⸗ faltspinſel?“ „Er hat ſich in Jemmapes von mir getrennt.“ „Es wäre wirklich ſchade, wenn ein ſo ſchönes Mädchen und gar eine Prinzeſſin ledig bleiben müßte,“ brummte der ſchwarze Mann in den Bart. Die Seele dieſes Menſchen war aber wo möglich noch ſchwärzer als ſein Geſicht, und der Teufel, ſein Gevatter, blies ihm in dieſem Momente einen hölliſchen Gedanken ein. „Ihr ſeht dort zwanzig Schritte vor Euch dieſen Sochafen ſagte er zur ſchönen Idon. „Ja.“ „Nun gut. Ihr ſchwört mir jetzt bei Allem, was Euch theuer iſt, Eurem Vater zu ſagen, daß ich Euer Lebensretter ſei, ſonſt werfe ich Euch lebendig dort in's Feuer!“ Und er legte ſeine breite Hand ſchwer auf ihre zarte Schulter, als wolle er die entſetzliche Drohung gleich zur Wahrheit machen. Die arme, hülfloſe Idon hatte Angſt und leiſtete den verlangten Schwur. Nun führte ſie der Schwarze zu ihrem Vater zurück. Der Graf war entzückt, ſeine liebe Tochter wohl und geſund wiederzuſehen, und fetirte auch ihren Retter, obwohl es ihm vorkam, als ob ſeine Idon in dieſem rauhen Geſellen keinen angenehmen Ehegatten und er keinen liebenswürdigen Schwiegerſohn bekommen ſollte. Allein dagegen war nichts zu machen; der Graf hatte öffentlich das Verſprechen gegeben, ſeine Tochter mit demjenigen zu vermählen, der ſie ihm friſch und geſund aus der Höhle des Drachen zurückbrächte, und ein Graf v. Hainaut war nicht der Mann, ſein Wort zu brechen. Er lud demnach ſeinen ganzen Hof zu einem Hochzeitsſchmauſe ein, wie die Bewohner von Mons noch nie einen ähnlichen erlebt hatten. Zehn Ochſen, zwanzig Schweine, vierzig Hämmel — 298— und ſechzig Faſanen waren geſchlachtet worden, außer⸗ dem hatte man hundert Fäſſer Bier und zehn Fäſſer Branntwein aus den Kellern des edlen Grafen an's Tageslicht gefördert, um den Durſt der zahlloſen Gäſte zu ſtillen, ohne die feinen Weine zu zählen, an denen ſich der beſſere Theil der Geſellſchaft erquicken ſollte. Da der Banketſaal nicht groß genug war, ſpeiste man an fünfzig langen Tafeln im Schloßhofe, wo bald ein Jubel herrſchte, an dem Alles Theil nahm, außer der armen Neuvermählten. Dieſe ſaß blaß und verzweif⸗ lungsvoll da und bedauerte, nicht lieber vom Drachen zerriſſen worden zu ſein, hatte aber doch nicht den Muth, ihren betrügeriſchen Bräutigam zu entlarven, da ſie ihres Schwures halber Angſt hatte, wenn ſie die Wahrheit entdecken würde, in die Hölle zu kommen, wo ſie ſich das Feuer noch viel ärger vorſtellte, als jenes war, womit ihr der Schwarze im Hochofen ge⸗ droht hatte. Beim Deſſert meldete man dem Grafen, daß ein Fremder ihn zu ſprechen wünſche. „Er ſoll hereinkommen,“ befahl der Graf. Und Fürchtenichts erſchien, ganz in grünem Sam⸗ met gekleidet, diesmal aber in ſchweren, ächten Seiden⸗ ſammet mit reichen Silberſtickereien, ſo daß Niemand in ſeiner glänzenden Erſcheinung den einſtigen Gaſſen⸗ buben von Condé wieder erkannt hätte. Er trug ſei⸗ nen grünen, kurzen Sammetmantel mit dem Anſtande eines Herzogs, ebenſo ſaß ihm ſein mit weißen Federn geſchmückter Hut, an dem ein koſtbarer Cdelſtein als Agraffe funkelte, ſo kühn auf der Stirne, als ob er von jeher an eine derartige Kopfbedeckung gewöhnt ge⸗ weſen und nicht vielmehr ſtets barhäuptig gegangen wäre. Rechts und links hielt er in ſeinen Armen die zwei großen Töpfe mit den Goldgulden, die ihm das Ge⸗ ſpenſt im Schloſſe des Sonneurs an den Grafen von Hainaut anvertraut hatte. „Edler Graf,“ ſagte er, indem er ſich verbeugte, „ich komme, um Euch im Auftrage Eures verſtorbenen Schloßverwalters von des Sonneurs dieſe beiden Töpfe voll Gold zu überbringen. Euch bei Lebzeiten entwendet und findet keine Ruhe im Grabe, bis ſie Euch zurückerſtattet ſind. Genehmigt alſo, hoher Herr, daß ich mich meines Auftrages ent⸗ ledige.“ 9Zeid uns willkommen, Meſſire,“ erwiederte der Graf von Hainaut,„und nehmt Platz an unſerem Tiſche.“ ſchmucken Fremdlinge und ſtieß einen leiſen Schrei der Ueberraſchung, vielleicht auch der Freude aus. Dieſer Schrei zog die Aufmerkſamkeit des Grünhöslers auf ſie, der ſich vor dem ſchönen Fräulein anmuthig ver⸗ beugte.. Dem unrechtmäßigen Bräutigam war dies nicht entgangen.. „Was will dieſer Grünſpecht von Euch?“ ſagte er ganz laut zu Idon, denn er war ſo unhöflich und lümmelhaft, wie nur je ein Grobſchmid ſein konnte. „Dieſer Grünſpecht will dir die Augen aushacken, du Nachteule!“ erwiederte Fürchtenichts, und warf ſei⸗ nen Teller ſammt der darauf befindlichen heißen Suppe, dem Feuerarbeiter an den Kopf. Wüthend vor Schmerz und Rachedurſt wollte die⸗ ſer auf den Tiſch hinauf, um ſich von oben herab auf Der Unglückliche hat ſie Die ſchöne Idon wandte jetzt ihre Blicke nach dem ugte, enen öpfe Die Herolde gaben mit ihren Stäben das Zeichen ſie im migt ent⸗ der rem dem der ieſer auf 3 ver⸗ ſicht eer und 3 cen, ſi⸗ ppe, - 299 den Grünhösler zu ſtürzen, aber mau hielt ihn mit„Und trotzdem, daß ich ihn getödtet habe, brauche Gewalt zurück, und er mußte ſich darauf beſchränken, ich doch nicht meinen Kopf in der andern Welt unter ſeinen Gegner mit Schimpfworten zu überhäufen. dem Arme zu tragen,“ fügte Grünhösler befriedigt „Vernehmt, edler Graf,“ ſagte nun Fürchtenichts, hinzu,„weil ich es bin, der Eure ſchöne Tochter vor „daß es nicht dieſer Lümmel war, der Eure Tochter einem ſicheren Tode gerettet hat.“ „Ihr? So hat ſie alſo Euch das Leben zu dan⸗ rettete.“ „Wer war es denn?“ rief der Graf betroffen. ken, und nicht nur das Leben, ſondern auch die Be⸗ „Das ſollt Ihr ſpäter erfahren.“ freiung von jenem Elenden! Natürlich tretet Ihr jetzt „Du lügſt, verfluchter Laubfroſch!“ brüllte der an ſeine Stelle und heirathet meine Tochter.“ „Habt Ihr etwa bemerkt, daß ich mich fürchtete?“ Grobſchmid. „Darüber ſoll ein Zweikampf entſcheiden,“ beſtimmte erwiederte Gilles. der Graf.„O, im Gegentheil! Ihr ſeid ein Held, wie wir „Gleich auf der Stelle!“ fügte Fürchtenichts hin- noch keinen zweiten an unſerem Hofe ſahen.“ zu, dem nichts erwünſchter war, als den groben Ha-„Ich nenne mich in der That nicht umſonſt Fürchte⸗ lunken ſeine Kraft fühlen zu laſſen. nichts, aber gerade deßhalb, mein edler Graf, werde ich mich nie vermählen. Es iſt dies ein Gelübde, wel⸗ V. ches ich machte. Fragt nur Eure ſchöne Tochter, ſie weiß es bereits.“ Die beiden Gegner ſtanden kampfbereit im Hofe, Idon konnte aber momentan keine Zeugſchaft lei⸗ wo der Streit ausgefochten werden ſollte. Der Grob⸗ ſten, denn ſie war über den Zweikampf in Ohnmacht ſchmid erſchien zu gemſelben in einer ſchweren Eiſen⸗ gefallen, wie dies ſelbſtverſtändlich damals bei ſolchen rüſtung, die ihn vom Kopf bis zu den Füßen umhüllte. Gelegenheiten die Schicklichkeit erforderte. Auch ſein Pferd war mit Eiſen bedeckt, nur ſaß der„Wenn man ein Mädchen vom Tode rettet, ſo Reiter ſchlecht genug im Sattel, ſo daß man ſeine heirathet man ſie auch, das iſt ſo bräuchlich,“ ſagte ganze Erſcheinung für eine Maskerade halten konnte. der Graf, der ſich durch die Weigerung des Grünhös⸗ Fürchtenichts hielt es für überflüſſig, ſich ebenfalls lers arg verletzt fühlte.„Ihr werdet daher meine beritten zu machen. Er wolle, ſagte er, ſeinen Mann Tochter zur Frau nehmen, oder,“ fügte er höchſt auf⸗ zu Fuß erwarten; das Uebrige werde ſich finden. Auch gebracht hinzu, da er ſah, daß Fürchtenichts die 1cjeln verſchmähte er jede Waffe und ſtülpte nur die geſtick⸗ zuckte,„oder Ihr ſollt mich von einer anderen Seite ten Aermel ſeines Wamſes hinauf, nachdem er ſeinen kennen lernen.“ Mantel abgelegt hatte, um ſich freier bewegen zu„Nur keine Drohungen,“ bat Gilles gelaſſen, können.„denn ſie machen mir nicht' bange und ſo helfen ſie Der ganze Hof ſtaunte über dieſe Verwegenheit; Euch auch nichts. Ich bleibe dabei, daß ich Eure Idon, man zweifelte nicht, daß der ſchwere Reiter mit ſeiner ſo ſchön und liebenswürdig ſie iſt, nicht heirathe.“ ungeheuren Lanze den Unbekannten niederrennen werde,„Du heiratheſt ſie, oder ich tödte dich!“ rief jetzt nur Idon blieb ruhig. Sie hatte ihren heldenmüthi⸗ der Graf ganz außer ſich vor Wuth, indem er nach gen Lebensretter im Kampfe mit dem Drachen geſehen ſeinem Schwerte griff. und wußte, was ſie von ſeiner Tapferkeit, ſeiner Ge⸗„Macht, daß ich mich fürchte,“ erwiederte Gilles, wandtheit und Kraft erwarten durfte.„dann ſoll Eure Tochter meine Gattin werden.“ Der edle Graf ſah ein, daß der Grünhösler am zum Beginne des Tourniers; ſchmetternde Fanfaren wenigſten ſein Schwiegerſohn werden könne, wenn er erſchütterten die Luft, und im ſchwerfälligen Galoppe, ihn tödten würde, er mäßigte alſo ſeinen Zorn, ſteckte daß der Boden unter den Hufen ſeines Pferdes zit- ſein Schwert wieder ein und beſann ſich einige Augen⸗ terte, ſprengte der verkappte Grobſchmid mit einge— blicke. 3. legter Lanze auf den Grünhösler ein.(Siehe Bild„Gut,“ ſagte er endlich zu ſich ſelbſt,„wir wol— len's auf dem Wege verſuchen, den er ſelbſt angibt,“ S. 300.) Dieſer machte raſch in dem Augenblicke die Spitze der Lanze zu durchbohren ſchien, tenſprung, faßte ſeinen Gegner am Beine, hob ihn lich entfernte. aus dem Sattel, hielt ihn ſo lange, bis das Pferd ſagte er ſodann, unter ſeinem Reiter durchgeſchlüpft war, in der Luft, geworden: und ſchleuderte ihn dann mit ſolcher Gewalt auf den„Es liegt mir am Ende wenig daran, ob Ihr mein Boden, daß eine Minute lang der aufwirbelnde Staub Schwiegerſohn werden wollt oder nicht. Ihr ſeid zwar die veiden Kämpfer den Blicken der Zuſchauer entzog. ein tapferer Mann, das läßt ſich nicht leugnen, allein — Alrs ſich die Staubwolke verzogen hatte, ſah man, mehr als dies weiß ich nicht von Euch, und ſomit wie Fürchtenichts gleich einer Magd, die am Brunnen bürgt mir nichts dafür, daß Idon mit Euch glücklicher naſſe Wäſche auswindet, den Grobſchmid zuſammen⸗ wäre,“ wobei er auf die todte Eiſenmaſſe deutete, die drehte und dann als einen lebloſen Klumpen zehn in der Ecke des Hofes lag.„Die Ehre einer Ver⸗ Schritte weit in eine Ecke warf, ſo daß derſelbe in bindung mit meinem Hauſe,“ fuhr er fort,„wäre ſeiner Rüſtung mit einem Geräuſche zur Erde fiel, als jedenfalls auf Eurer Seite geweſen, da Ihr aber nichts ob alle alten eiſernen Kaſſerolen der Stadt Mons auf davon wiſſen wollt, ſo ſprechen wir nicht weiter davon, einen Haufen zuſammengeworfen worden wären. ohne daß Ihr deßhalb,“ ſetzte er artig bei,„weniger ,als ihn und einem ſeiner Offiziere winkend, flüſterte er dem⸗ einen Sei⸗ ſelben etwas in's Ohr, worauf ſich dieſer augenblick⸗ Sich wieder an Fürchtenichts wendend, als ſei er plötzlich andern Sinnes 44 „Er iſt todt!“ ſagte der Graf,„folglich hatte er mein willkommener Gaſt wäret.... 1 Unrecht, und ich danke Euch, daß Ihr uns von einem„Das heißt ächt ritterlich geſprochen!“ rief Gilles und vom Bankettiſche ein bis an den Rand geſtrichen Gauner befreit habt.“ 4.. 1 38* volles Glas Wein ergreifend, hob er es hoch empor, um einen Toaſt auf die Geſundheit des Grafen von Hainaut auszubringen. „Es lebe,“ rief er mit kräftiger Stimme,„der ſehr Bumm!.... krachte es da mitten in ſeiner Rede auf einmal mit einem ſo gewal⸗ tigen Schlage, daß alle Anweſenden entſetzt aufſpran⸗ edle, hochgeborne.... 300 gen, indem ſie glaubten, daß das Schloß über ihnen Gilles ſeinen unterbrochenen Trinkſpruch, als ob nicht das Geringſte vorgefallen wäre. Und das volle Wein⸗ glas an den Mund führend, von dem auch nicht ein einziger Tropfen verſchüttet war, da nicht das leiſeſte Beben den Grünhösler durchzuckt hatte, während durch den entſetzlichen Knall alle Uebrigen faſt von ihren Stühlen herabgeworfen worden waren, leerte es bis auf die Nagelprobe und ſtellte es ſodann gelaſſen auf den Tiſch zurück, indem er lächelnd zum Grafen ſagte: aus der Faſſung bringt.“ ſen, und hätte doch wahrlich gedacht, daß Euch dieſes Krachen zum Mindeſten erſchrecken ſollte.“ (Siehe S. 299.) rathet, als ich mich fürchte, ſo wird ſie ewig eine Jungfer bleiben.“ „Das wollen wir ſehen,“ murmelte Idon, e durch das Artilleriefeuer, welches ihr Vater angeordnet hatte, wieder aus ihrer Ohnmacht geweckt worden war und die letzten Worte des Grünhöslers gehört hatte. Sie ging unbemerkt hinaus und kam nach einigen Minuten ebenſo unbemerkt wieder herein, worauf ſie neben Fürchtenichts am Bankettiſch ihren vorigen Platz einnahm. Bald nachher wurde eine ungeheure Torte und eine nicht minder große Paſtete aufgetragen. „Ich will die Torte ſchneiden, öffnet Ihr, wenn es Euch beliebt, mir eine Arbeit zu erſparen, die Pa⸗ ſtete, Meſſire,“ ſagte fie zu Gilles, der ſogleich mit zuvorkommender Willfährigkeit ein Meſſer nahm und von der Paſtete den Deckel abſchnitt. Kaum war dies geſchehen, ſo fuhr etwas heraus und ſetzte ſich dem Grünhösler auf die Naſe. V V V V Es war der Kanarienvogel der ſchönen Idon. Was aber das Geſpenſt am Garten des alten Laguernade, was das Phantom im Schloſſe von Les Sonneurs, der Drache im Walde von Wasnnes, und was das gleichzeitige Artilleriefeuer aus zwanzig Geſchützen nicht vermocht hatten, das bewirkte der kleine Vogel’, denn Fürchtenichts, der ſich deſſen plötzliches Herausfflattern nicht erwartet hatte, machte einen leiſen Zucker, der Keinem von den Anweſenden entging.(Siehe Bides S. 301.) „Er iſt erſchrocken! Er hat ſich gefürchtet!“ rief der ganze Hof mit einem freudigen Hurrah.„Er wird die ſchöne, die geiſtreiche, die erfinderiſche Idon hei⸗ rathen!“ Und der Jubel und das Frohlocken und Vi⸗ vatſchreien wollte lange Zeit kein Ende nehmen. „Ja,“ fagte Fürchtenichts,„ich werde ſie heirathen, denn ſie iſt ein kluges Frauenzimmer, und ich habe mich eben überzeugt, daß ein Mädchen von Verſtand ſtärker iſt, als ein Mann ohne Furcht.“ „Ihr hättet Euer Pulver ſparen können, edler Graf. Ihr ſeht, daß mich Eure ganze Artillerie nicht „Eure Nerven ſetzen mich in der That auf Ehre einfalle—„und mächtige Graf v. Hainaut!“ ergänzte in Erſtaunen,“ erwiederte Idon's erlauchter Vater. „Ich habe zwanzig Kanonen auf einmal abfeuern laſ⸗ „Mich erſchreckt nichts,“ verſicherte der Grünhös⸗ ler mit Zuverſicht,„und meiner Treu, Euer ſchönes Fräulein dauert mich, denn wenn ſie nicht früher hei⸗ auf den dler icht hre er. ſ⸗ ſes bs⸗ nes jei 301— VI. Der Graf von Hainaut ernannte den Grünhösler b augenblicklich zum Ritter des heiligen Georg, zum Andenken an den Sieg über den Drachen, und der junge Chevalier heirathete acht Tage ſpäter die ſchöne Idon. Das Hochzeitsfeſt war ein noch großartigeres, als das erſte, und dauerte drei volle Wochen. Die Mutter und der Bruder des Grünhöslers, wie auch 1 V b 9 Mimile Bicame und die Mutter Boucaud wohnten demſelben bei. Zum Deſſert ſang Antoine Cleſſe, der berühmte Minneſänger von Mons zu Ehren des Bräu⸗ tigams und der edlen Braut ein Lied, welches Roland Delattre auf ſeiner Theorbe begleitete; dann kam auch noch ein berühmter Aſtrolog, der vorausſagte, daß die jungen Neuvermählten ein langes, glückliches Leben führen und eine große Anzahl Kinder bekommen wür⸗ den. Und merkwürdig! Der Mann hatte, wie die — b — 1äo, Thäſ- jſſſ (Siehe S. 300.) Folge lehrte, recht. Wenn aber Fürchtenichts mit der ſchönen Idon ſo glücklich lebte, ſo war dies nament⸗ lich dem Umſtande zu danken, daß die junge Frau ſich ganz vortrefflich darauf verſtand, ihrem Herrn und Ehegemahl von ihrer Perſon in demſelben Grade eine hohe Meinung beizubringen, als er vorher im Allge⸗ meinen die Frauenzimmer verachtet hatte. Zur Gedächtnißfeier dieſes höchſt merkwürdigen Ereigniſſes findet alle Jahre in der guten, alten Stadt Mons noch heutzutage ein großartiges Tournier ſtatt, welches man den Lumçon nennt. Ein vom Kopf bis zu den Füßen in einen Harniſch von Pappe gehüllter St. Georg, den gewöhnlich der ſtärkſte und hübſcheſte Burſche in Mons darſtellt, tödtet mit einer Keule einen aus Weiden korbartig geflochtenen Drachen, und Abends beſingt man bei vollen Gläſern in allen Wirths⸗ häuſern den Ruhm des unvergeßlichen Grünhöslers. Die ſiameſiſche geſandtſchaft am Hofe Ludwig des Vierzehnten. Im Jahre ſechzehnhundertvierundachtzig ſchickte Ludwig der Vierzehnte den Chevalier von Chaumont als Geſandten an den Hof des Königs von Siam. Als Attaché wurde ihm der Abbé von Choiſſy mitge⸗ geben, der beſonders durch die ſeltſame Gewohnheit, Frauenkleider zu tragen und ſich einen weiblichen Na⸗ men beizulegen, bekannt geworden iſt. Die Geſandt⸗ wurde Land gegeben, um Kirchen zu bauen, den fran⸗ zöſiſchen Kaufleuten geſtattete man Handelsprivilegien, und der ſiameſiſche Premierminiſter gab das Verſprechen, daß, falls der König der Franzoſen eine beträchtliche Anzahl Truppen nach Siam ſchicke, denſelben eine ein⸗ flußreiche Stellung einzuräumen. Herr von Chaumont kehrte i. J. ſechzehnhundert⸗ ſchaft hatte zu Anfang glücklichen Erfolg. Den Jeſuiten ſechsundachtzig nach Frankreich zurück, begleitet von drei - 302 ſiameſiſchen Geſandten, die bevollmächtigt waren, ein Freundſchaftstraktat mit dem franzöſiſchen Monarchen abzuſchließen. derer Eigenſchaften und Beziehungen halber gewählt worden. Der erſte war der Sohn des Premiermini⸗ ſters; er war bei allen Gelegenheiten der Rädelsführer Talentes wegen gewählt. Der zweite war früher als Geſandter in Peking geweſen und ſollte aufmerkſam vergleichend ſeinem Herrn einen Begriff geben von der ſeiner bedeutendſten Marineſtation unfahrbar war. Doch ſtellt ſich zum Troſte heraus, daß die Reiſe durch das Jeder dieſer drei Geſandten war beſon⸗ Lodrethal zurückgelegt werden ſollte, wahrſcheinlich weil dieſe durch die reichſten Städte und den üppigſten Macht und den Geldmitteln des franzöſiſchen Monar⸗ chen. Der dritte verdankte ſeine Ernennung der Vor⸗ ausſetzung, daß er, als der Sohn eines ehemaligen portugieſiſchen Geſandten, mit europäiſchen Gebräuchen bekannt ſei. Ihr Gefolge ſollte aus acht Mandarinen Theil des Landes führte, und um dieſen Zweck zu er⸗ reichen, war eine vier⸗ oder fünftägige Tour auf Neben⸗ und man hatte ihn augenſcheinlich ſeines oratoriſchen wegen nach Nantes erforderlich. Auf die oben erwähnte Mittheilung erwiederte der erſte Geſandte, daß er die Art des Reiſens als Nebenſache betrachte, da er nur von dem einzigen Wunſche beſeelt ſei, ſobald als mög⸗ lich in des Königs Nähe zu gelangen, und daß er un⸗ bedingt zu Fuße wandern würde, wenn er dadurch und zwanzig Domeſtiken beſtehen, doch ſagt uns der Bericht, daß ſechs Mandarine und eine Anzahl der Dienerſchaft zurückgelaſſen werden mußten, weil ſie im zwölften erreichten ſie, nach kurzen aber beſchwerlichen Augenblicke der Abfahrt nicht anweſend waren. Das Erſcheinen dieſer Geſandſchaft zu Verſaille war wirklich eine Gottesſendung für den Hof, der durch das vornehme ascetiſche Regime, das Madame de Maintenon eingeführt hatte, einem traurigen Zuſtande⸗ der Schaalheit erlag. Außer den häufigen Erwähnun⸗ gen, die in den Memoiren jener Zeit über dieſes Ereig⸗ niß zu finden ſind, haben wir einen vollſtändigen Be⸗ richt darüber in dem Mercure Gallant von Herrn Jean Donneau de Viré, dem unerbittlichen Kritiker Molière's und dem Vater des franzöſiſchen Journal⸗ weſens. Sein Correſpondent ſcheint den ſiameſiſchen Fremden während der ganzen Zeit ihres neunmonat⸗ lichen Aufenthaltes in Frankreich mit einer inquiſitori⸗ ſchen Ausdauer und Wachſamkeit gefolgt zu ſein, die einem modernen Berichterſtatter nur Ehre machen würde. Kein Umſtand von irgend welcher Bedeutung entgeht ihm; ihr Kommen und Gehen, die Viſiten, die ſie em⸗ pfingen und abſtatteten, die unzähligen Reden, die an ſie gehalten wurden, und ihre Erwiderungen, Alles berichtet er auf's Pünktlichſte. Herrn von Chaumont's Schwadron kam am neun⸗ zehnten Juni nach Breſt und ſogleich beginnt der Mercure ſeinen Bericht. Der franzöſiſche Geſandte und ſein Attaché begaben ſich direkt nach Paris, um ſich dem Könige vorzuſtellen, während ſie die Fremden in Breſt zurückließen, die noch dreizehn Tage dort ver⸗ weilten und ſich mit Vergnügungen aller Art die Zeit verkürzten. Am vierzehnten Tage traf Herr Storff in Breſt ein, ein Kammerherr des Königs, der die Gra⸗ tulation ſeines Herrn zu der glücklichen Ankunft der Geſaudten überbrachte, und beauftragt war, denſelben während ihres Aufenthaltes in Frankreich die Honneurs zu machen. Mit ihm kam Herr Selly, der Haushof⸗ meiſter, dem der König die Sorge für das körperliche Behagen der Gäſte übertragen hatte. Herr v. Storff verſicherte die Fremden, daß Seine Majeſtät beſonderes Vergnügen darin gefunden habe, Alles ſelbſt zu beſtim⸗ men, was dazu beitragen könne, ſeine vollkommene Befriedigung über den freundſchaftlichen Empfang aus⸗ zudrücken, der dem Herrn von Chaumont in Siam zu Theil geworden, und daß Seine Majeſtät den eigenen Wagen geſchickt haben würde, die hohen Gäſte nach Paris zu führen, wenn nicht einige Wege in der Bre⸗ tagne ſo ſchlecht wären, daß man ſie nur in Sänften paſſiren könne. Mit Staunen erfährt man, daß des Königs Heerſtraße zwiſchen ſeiner Reſidenzſtadt und er ſich dann über ſchneller zum Ziele gelangen könnte. Am neunten Juli brachen unſere Reiſenden nach Paris auf, nachdem Alles für ihre Abreiſe vorbereitet und das ſchwere Gepäck, das aus einhundertzweiund⸗ dreißig Ballen beſtand, nach Havre geſandt war. Am Tagereiſen, Vannes, wo ſie von dem Parlamente der Bretagne mit vieler Auszeichnung und Ehre empfan— gen wurden. Nachdem ſie am vierzehnten den ſchlech⸗ teſten Theil des Weges überſtanden hatten, wurden ihre Sänften gegen Wagen vertauſcht. In dem erſten Wagen, in Gemeinſchaft mit dem erſten Geſandten, reiste der Brief ſeines Herrn an den König von Frank⸗ reich. Die ſchickliche Weiterbeförderung deſſelben blieb eine ſtete Quelle der Sorge und Angſt; denn in dem Codex des ſiameſiſchen Volkes war es nämlich ein Punkt von höchſter Wichtigkeit, daß jedes königliche Sendſchreiben nur über den Köpfen der Träger gehal⸗ ten werden dürfe. Demnach hatte man ein bewegliches Brett oben am Verdecke des Wagens anbringen laſſen, auf dem der anvertraute Schatz ruhte. Das Geſetz in Betreff des königlichen Briefes wurde ſo ſtreng aufrecht erhalten, daß z. B. an einem der Halteplätze der dritte Geſandte es ablehnte, in einem Zimmer zu ſchlafen, das über dem Gemache des erſten Geſandten lag, weil em königlichen Briefe befunden haben würde. Er zog es demnach vor, lieber mit einem Mandarin gemeinſam zu logiren, als ſich einer Hand⸗ lung ſchuldig zu machen, die als Hochverrath in ſeinem Lande betrachtet wird. In Paris wurde das geheiligte Schreiben in dem Schlafzimmer des erſten Geſandten aufbewahrt, und zwar auf einem ſchönen Piedeſtal, das zu dieſem Zwecke errichtet war, und von dem Herr von Viré uns eine Zeichnung gibt. Der Brief war auf einer goldenen Platte geſchrieben, wie es Gebrauch iſt, wenn Seine Majeſtät von Siam an einen Bru⸗ der⸗Monarchen ſchreibt, und war in drei Kapſeln auf⸗ bewahrt. Der äußerſten von japaniſcher Lackarbeit folgte eine ſilberne und ſchließlich eine goldene Kapſel. Jede derſelben trug das Siegel des erſten Geſandten in weißem Wachs. Keiner der Siameſen ging je ohne tiefe Verbeugung an dieſem königlichen Schreiben vor⸗ über. Am ſiebenzehnten Juli erreichten die Geſandten Nantes, wo Herr von Molac, der Gouverneur der Stadt, Alles zu einem glänzenden Empfang vorberei⸗ tet hatte. Er bewillkommnete die Fremden außerhalb des Stadtthores an der Spitze der jungen Cdelleute des Bezirks, begleitet von vielen Damen in glän⸗ zenden Equipagen, und führte ſie in die Stadt unter unzähligen Ehrenſalven der Artillerie. Den folgenden Tag gelangten ſie nach Ancenis, wo die Geſandten badeten, wie berichtet wird. Wahrſcheinlich war es das erſte Mal in ihrem Leben, daß ſie ſo lange dem Bade waren er ſic die G. baden, hinzu: jouls Ludwi und d öffent lleine nen; durch über⸗ rühn ſirten Touu gefen all’ Pror alles ihren achtt geko ſen ſern We nie nich und mel buc ſch —————— ———— 303—— Bade hatten entſagen müſſen. Dem Herrn von Viré waren aber anſcheinend die Vorgänge alle ſo neu, daß er ſich gezwungen fühlt, ſeinen Leſern mitzutheilen: die Geſandten pflegen in ihrem Vaterlande häufig zu baden, und mit einer beluſtigenden Naivetät fügt er hinzu:»Ils se lavent mesme icy souvent tous les jours apres le repas.« Wir erfahren, daß ſelbſt Ludwig der Vierzehnte ſich nur alle Uebertage raſirte, und daß er ſeine ganze Toilette, von Anfang bis Ende, öffentlich machte. Es iſt daher kein Wunder, daß ſolche kleine Exzentrizität der Fremden ſeine treuen Untertha⸗ nen in Erſtaunen ſetzte. Von Ancenis führte der Weg durch Angers, deſſen Bürgermeiſter den Geſandten überzuckerte Früchte überreichte, die an jenem Orte be⸗ rühmt waren. Unter Ehrenbezeugungen aller Art paſ⸗ ſirten ſie Tours, Clenborſe, Blois und Orleans. In Tours wurden Kanonenſchüſſe zu ihrem Empfange ab⸗ gefeuert, eine Revue der Schützen fand ſtatt und von all' den Häuptern der verſchiedenen Departements der Provinz wurden Reden an die Gäſte gehalten. Die Geſandten nahmen mit großer Aufmerkſamkeit alles Intereſſante wahr, das die ſchönen alten Städte ihren Augen boten. Ja, die Genauigkeit ihrer Beob⸗ achtung übertrifft die jedes Reiſenden, der uns vor⸗ gekommen iſt. Sie maßen Alles, was irgend gemeſ⸗ ſen werden konnte, zählten die Steine vor den Häu⸗ ſern, und die Fenſter, Wege und der Gärten, die ſie beſuchten, und gaben nie die Beſichtigung eines Gegenſtandes auf, ehe ſie nicht bis in die kleinſten Details deſſelben gedrungen und jede mögliche Erklärung über denſelben vernom⸗ men hatten. Jeder der Geſandten führte ein Notiz⸗ buch bei ſich, in das ſie weitläufige Bemerkungen ſchrieben, die allabendlich vom Sekretär als Bericht oder Erzählung zuſammengeſtellt wurden. Auf der Reiſe ſchickte man täglich zwei oder drei Mandarine, jeder von einem Dolmetſcher begleitet, nach verſchie⸗ denen Richtungen, etwa vier oder fünf Meilen von der Heerſtraße ab in's Land als fliegende Kundſchafter, deren Notizen ebenfalls dann in offizielle Berichte ver⸗ arbeitet wurden. Ferner lag einem der Mandarine das Geſchäft auf, dieſe Erzählungen in ſiameſiſche Verſe zu verwandeln. Aus dem Tagebuche des Marquis von Dangeau erfahren wir, daß die Reiſenden in Orleans nicht gut aufgenommen wurden, doch wird nichts Näheres darü⸗ ber mitgetheilt. Herr von Viré übergeht dieſe That⸗ ſache mit beſcheidenem Stillſchweigen, und gibt nur eine Beſchreibung von der Stadt und ihrer Umgebung, ohne mit einem Worte das Verhalten der Einwohner bei dieſem Anlaſſe zu erwähnen. An zwei oder drei ande⸗ ren Orten, ſchreibt der Marquis, erging es den Ge⸗ ſandten nicht beſſer, wahrſcheinlich ſind es jene Städte, die der Mercure nur als Poſtſtationen bezeichnet. Am neunundzwanzigſten Juli erreichten ſie Fontaineblau, und nachdem ſie das Schloß und den Park beſichtigt hatten, gaben ſie dem Miniſter der auswärtigen An⸗ gelegenheiten, Herrn Boaſacier, Audienz, der ſie mit einer Rede begrüßte, die länger als eine Viertelſtunde währte, und die ſelbſt für unſern Berichterſtatter zu weitſchweifig war, obgleich er doch hinzufügt, daß der erſte Geſandte in der Entgegnung jeden Punkt derſel⸗ ben höflich und kurz berührte. Den folgenden Tag begaben ſie ſich nach Verſailles und von da nach Berny, einem Hauſe in der Nachbarſchaft, das dem und die Bäume längs dem Abbé von Saint Genevisve gehörte, wo ſie verweilen ſollten, bis der Tag ihres feierlichen Einzugs in Paris beſtimmt ſein würde. Kaum hatten ſie ſich hier ein⸗ gerichtet, als ſie mit Beſuchern aus Verſailles und Paris überſchüttet wurden. Alle vornehmen Perſonen des Hofes kamen entweder ſelbſt, oder ſchickten Ange⸗ hörige, um ſie zu begrüßen und ihnen zu ihrer glück⸗ lichen Ankunft zu gratuliren. Herr Bonneuil über⸗ brachte die Glückwünſche Seiner Majeſtät des Königs. Die gewandte und höfliche Art, in der die fremden Geſandten dieſe vornehmen Gäſte empfingen, und mit ihnen conſervirten, erregte das allgemeine Erſtaunen derer, die gewohnt waren, Verſailles als die alleinige Schule guter Erziehung zu betrachten, und Herr von Viré verſucht es folgendermaßen zu erklären: ails entroient naturellement dans les manières Fran- caises.« Die Damenbeſuche waren natürlich ſehr zahl⸗ reich. Sie thaten ſich in Schaaren zuſammen, um die ſiameſiſchen Geſandten zu ſehen. Ihr Hauptgegenſtand der Unterhaltung war die Vielweiberei. Die zweiund⸗ zwanzig Frauen, die der erſte Geſandte zurückgelaſſen hatte, bildeten einen nieendenden Stoff des Geſprächs, das er gutmüthig genug aufnahm und in einer Weiſe erwiderte, die klar an den Tag legte, wie richtig er die Moralität der Hofdamen ſchätzte. Faſt einen Monat verbrachten ſie in Berny, Viſi⸗ ten empfangend und die verſchiedenen intereſſanten Orte außerhalb Paris beſichtigend. Während dieſer ganzen Zeit warteten ſie auf ihr Gepäck, das die Geſchenke des Königs von Siam enthielt, die die Berichterſtatter jener Zeit auf zweimalhunderttauſend Thaler ſchätzten. Nach ſiameſiſcher Etiquette mußten dieſe Geſchenke am Tage der Audienz ausgelegt werden, und daher konn⸗ ten die Geſandten nicht weiter vorrücken, bis jene an⸗ gekommen waren. Endlich langte das Gepäck an und der zweiund⸗ zwanzigſte Auguſt wurde feſtgeſetzt für den großen Ein⸗ zug in Paris, der ungewöhnlich glänzend war. Außer den Equipagen des Königs, des Dauphin's, Monſieur's und Madame's und aller Prinzen des königlichen Hau⸗ ſes ſchickten die hohen Beamten und andere Perſonen, die den Geſandten Ehre erweiſen wollten, ihre Wagen, ſo daß ſechzig Wagen, jeder von ſechs Pferden gezo⸗ gen, dem Zuge ſich anſchloſſen. In jedem Wagen befand ſich ein Abgeordneter des Eigenthümers. In des Königs Equipage fuhr der erſte Geſandte mit dem Herzog von Feuillade, der von dem König beauftragt war, die Geſandtſchaft bei officiellen Anläſſen zu be⸗ gleiten, Madame Bonneuil und Herr Storff. Die Andern beiden Geſandten hatten in dem Wagen des Dauphin's Platz genommen, die Mandarine in denen Monſieur's und Madame's, und die Dienerſchaft in den einfachen königlichen Kutſchen. Zwanzig Trompe⸗ ter des königlichen Haushaltes eröffneten den Zug, der durch die Porte St. Antoine nach der Rue St. An⸗ toine über den Pont Neuf nach dem Geſandtſchafts⸗ Hotel in der Rue Journon ſeinen Weg nahm. Alle Fenſter der Häuſer waren mit Zuſchauern gefüllt und das Gedränge der Fußgänger, Reiter und Wagen war ſo groß, daß der Zug oft halbe Stunden lang ſtille halten mußte, bis es möglich war, wieder langſam vorzudringen. Im Geſandtſchafts⸗Hotel wurden die hohen Gäſte drei Tage auf Staatskoſten bewirthet, und gleich darauf war ihre Audienz beim Könige anberaumt, aber Seine Majeſtät wurde von einem Fieber befallen 304—— und ſomit fand wiederum ein Aufſchub ſtatt, der die Fremden, wie es ſcheint, in üble Laune verſetzte. Denn ſie zogen ſich in ihre Gemächer zurück, empfingen keine Viſiten, wollten keine abſtatten und überhaupt einſam für ſich bleiben. Man veranlaßte ſie jedoch, eine Ausnahme zu machen, und am Himmelfahrtstage der jährlichen Pro⸗ zeſſion in der Nötre Dame beizuwohnen, wo ſie ſo viel Intereſſantes und Neues ſahen, daß ſie am Abende jenes Tages vier Sekretäre beſchäftigten, um die ver⸗ ſchiedenen Notizen, die ſie in der Kirche gemacht, aus⸗ arbeiten zu laſſen. Endlich war Seine Majeſtät ge⸗ neſen und für den erſten September die Präſentation der Geſandten feſtgeſtellt. Eine Ceremonie, die augen⸗ ſcheinlich unſeres Berichterſtatters volle Theilnahme er⸗ regte, und deren kleinſte Nebenumſtände er ſeinem Leſer nicht vorenthält. Des Morgens früh erſchien der Her⸗ zog von Feuillade mit den königlichen Equipagen, um die Geſandten nach Verſailles zu geleiten. Schloſſe wehten Fahnen. Nachdem ſie den großen Schloßhof paſſirt hatten, auf dem die franzöſiſchen und Schweizer⸗Garden in voller Uniform paradirten, ſtie⸗ gen ſie in dem Saale ab, in dem die Geſandten ge⸗ wöhnlich ihrer Audienz entgegen ſahen. Hier war für ſie ein Déjeuner ſervirt, das ſie ablehnten, während ſie von der Aufforderung, ſich zu waſchen, Gebrauch machten. Darauf legten ſie den für ſolche Galla in ihrem Vaterlande üblichen Kopfputz an, der einer Krone ähn⸗ geſchmückt war. Der dritte Geſandte, der geringeren Ranges war als ſeine Gefährten, hatte keine Blumen auf ſeinem Kopfſchmucke. Die Mandarine trugen nur Turbane von weißem Mouſſelin, bei denen aber eben⸗ falls kleine Abzeichen auf Stand und Rang des Trä⸗ gers hindeuteten. Bald meldete man, daß der König den Thron beſtiegen habe, und ſofort ſetzte ſich der Zug in Bewegung. An der Spitze ging Herr Giraut, der Herrn Bonneuil beigegeben war, mit der Diener⸗ ſchaft der Geſandten; dann folgte Herr Blairville, der Ceremonienmeiſter, Herr Bonneuil und Herr Storff mit den Mandarinen. Ihnen zunächſt ſchloſſen ſich zwölf Schweizer an, die auf einer eleganten Trage den Brief des Königs von Siam brachten. Vier rieſige Sonnenſchirme hatten den Brief vor etwaigen Sonnen⸗ ſtrahlen zu ſchützen. Und nun erſt erſchien der Her⸗ zog von Feuillade mit den Geſandten. Vor jedem der⸗ ſelben trug Einer aus ihrem Gefolge einen goldenen Stab als Zeichen ihrer Würde. paſſirten ſie den Schloßhof, wo vierundzwanzig Trom⸗ peter und ſechsunddreißig Trommler ihre grelle Muſik erſchallen ließen, dann die große Treppe, die auf bei⸗ den Seiten mit doppelter Reihe Schweizer⸗Garden be⸗ ſetzt war, und gelangten durch den Saal des Gardes, Von dem Ende des Saales; die Stufen zu demſelben waren mit golddurchwirkten Teppichen belegt, und die koſtbarſten ſilbernen Vaſen und Leuchter, die Verſailles aufweiſen konnte, ſchmückten die Seiten derſelben. Der König trug ein prachtvolles Gewand von Bro⸗ kat, das von Juwelen glänzte, und das Herr von Viré auf mehrere Millionen Livre ſchätzte. Seine Majeſtät war von den Prinzen des königlichen Hauſes und von ſeinem Hofſtaate umgeben, und dieſes ganze zahlreiche Gefolge in reicher Gallakleidung. In den Gallerien befanden ſich ſechzehnhundert Perſonen, Alle Damen und Herrn des Hofes. Auf der Schwelle der Thüre erblickten die Geſand⸗ ten den König, und ſofort machten ſie drei tiefe Ver⸗ beugungen, indem ſie nach der Sitte ihres Landes die Hände an einander ſchloſſen und hoch über den Köpfen hoben. Die Prozeſſion ging durch die Reihen der Höf⸗ linge, worauf ſich die Mandarine und das übrige Ge⸗ folge zur Rechten und Linken des Thrones aufſtellten, und dann ſofort, als ſeien ſie in Gegenwart ihres eigenen Monarchen, ſich mit abgewandten Blicken nie⸗ derwarfen, als wagten ſie nicht, die Pracht des Thro⸗ nes zu ſchauen. bedingt verharrt haben, bemerkt der Mercure, hätte der König ihnen nicht huldreichſt geſtattet, aufzublicken, in-⸗ dem er äußerte, eine ſo weite Reiſe verdiene wohl eine ſo kleine Genugthuung. Die Geſandten ſtanden unter⸗ deſſen am Fuße der Eſtrade und machten abermals drei ſo tiefe Verbeugungen, daß es den Anſchein hatte, als lich und mit Blumen von Juwelen und Goldblättern berührten ſie mit der Stirne den Fußboden. Der König erwiederte ihren Gruß, indem er ſeinen Hut abnahm. Nachdem der erſte Geſandte ſeine Anrede gehalten hatte, die der Abbé von Lionne dann in franzöſiſcher Sprache ablas, nahm er von ſeinem Kollegen den Brief ſeines Herrn und betrat die Stufen der Eſtrade, gefolgt von den beiden andern Geſandten. Als er dem König den Brief einhändigte, ſtand dieſer auf, entblöste ſein Haupt abermals und fragte durch den Abbé von Lionne nach dem Befinden des Königs und der Königin von Siam, hinzu fügend, daß er bereit ſei, einem etwaige V b In dieſer Ordnung Geſuche der Geſandten Gehör zu geben. Dieſer letz Beweis außerordentlicher Herablaſſung überwältigte d Geſandten dermaßen, daß ſie ſprachlos nur durch tiefe Verbeugungen zu danken vermochten. Damit endete die Ceremonie. Die Geſandten tra⸗ ten ab, nach höfiſcher Sitte rückwärts gehend unter tiefſten Verbeugungen. Wir erſparen unſern Leſern die Beſchreibung des Bankets, das im Saale de Descalte ſtattfand, worauf die Geſandten Audienz beim Dauphin, beim Herzog von Burgund, Herzog von Anjon und Herzog von Berry hatte. Letzterer war erſt gerade zwei Tage alt, aber dennoch erforderte das Regime, daß er, freilich auf dem Arme der Madame de la Mothe, der Gouvernante der Kinder von Frankreich, wo das Garde du Corps unter Waffen ſtand, nach bereits Audienzen ertheilte. Später waren die ſiame⸗ dem großen Gemache, gefolgt von den vierundzwanzig Trompetern, die Tuſch blieſen. Auf der oberſten ſiſchen Gäſte viel in Verſailles, und der Marquis von Dongeau ſchreibt am erſten Oktober: der König hat Stufe der Treppe nahm der erſte Geſandte den könig⸗ die ſiameſiſchen Geſandten faſt täglich um ſich und er⸗ lichen Brief den Trägern ab und händigte ihn dem weist ihnen jede mögliche Aufmerkſamkeit, und ſie ſind dritten Geſandten zum Tragen ein. An der Thüre des entzückt von dem Verhalten Seiner Majeſtät ihnen großen Gemaches wurde der Zug von Herrn von Luxembourg und dreißig Garde⸗Offizieren empfangen, und nachdem erſterer eine kurze Anrede gehalten, gelei⸗ tete er den Zug in den Audienzſaal. Des Königs gegenüber. Während ihres Aufenthaltes in Frankreich, der ſich bis zum März des folgenden Jahres erſtreckte, inſpicirten ſie Alles, was es Sehenswürdiges in Paris gab, und machten eine Reiſe durch das nördliche Frank⸗ ſilberner Thron ſtand auf einer Eſtrade am oberen reich und Flandern, um des Königs Errungenſchaften In dieſer Stellung würden ſie un⸗ kenne dem rung ten ſi Norn d zender daß Parte ſandt ren mit tarſten fweiſen n Bro⸗ rr von Seine Hauſes ganze in den 1, Alle Geſand⸗ fe Ver⸗⸗ des die Köpfen er Höf⸗ ige Ge⸗ ſtellten, t ihres en nie⸗ Thro⸗ ſie un⸗ atte der en, in⸗ ohl äne unter⸗ als drei le, als König bnahm. hattk, prache ſeines gt von ig den te ſein Lionne in von waige r let igte d ch tiefe en tra⸗ unter ern die escalte ruphin, on und gerade hegime, de la nkreich, ſiame⸗ s von nig hat und er⸗ ſe ſind ihnen nkeiih ftrct, Paris - 305— kennen zu lernen. dem Rhein gegangen ſein, wenn die ungünſtige Witte⸗ Sie würden auch nach Elſaß und rung ſie nicht davon abgehalten hätte. Endlich ſchiff⸗ ten ſie in Breſt ſich ein, durch die ſchlechten Wege der Normandie verhindert, von Havre abzureiſen. Fragt nun der Leſer nach dem Reſultate ſolch' glän⸗ zender Aufnahme, ſo wird er erſtaunt ſein zu hören, daß nach der Rückkehr der Geſandten eine mächtige Partei in Siam, unter der wir leider den erſten Ge⸗ ſandten als beſonders thätig bezeichnen müſſen, gegen den franzöſiſchen Geſandten, Herrn Conſtance, und deſſen Regierung auftrat. Ein plötzliches Erkranken des Königs von Siam bot ihnen freieres Spiel, und ſofort ergriffen ſie den gehaßten fremden Botſchafter und ermordeten ihn unter entſetzlichen Qualen. Die franzöſiſchen Truppen, denen man Bangkok und Meyra übergeben hatte, wurden verbannt, und Frankreich ver⸗ lor abermals eine Gelegenheit, ſich im Orient ein Reich zu gründen. H. L— d. Jagd auf den Rönigstiger. (Taf. 20.) Wie der Löwe in Afrika und einem bedeutenden Theile Weſtaſiens die unbeſtrittene Herrſchaft über die Thierwelt führt, ſo iſt in Oſt⸗ und Süddoſtaſien der Tiger der ausſchließliche Beherrſcher der wilden Thiere ſeines Bezirkes. Einſt über ganz Centralaſien verbrei⸗ tet, wo er die Haupturſache des Verſchwindens der wilden Pferde und Kameele aus dem aſiatiſchen Step⸗ penlande und der Verkümmerung der nördlicheren Fauna überhaupt geworden ſein mag, iſt er nun durch die Fortſchritte der Kultur auf ein zwar beſchränkteres, aber noch keineswegs kleines Gebiet koncentrirt. Aus Babylonien, wo er zu Diodors Zeiten am Euphrat heimiſch war, aus Armenien, das die Römer vorzugs⸗ weiſe das Tigerland nannten, aus dem Kaukaſus und Georgien, wo er ſich noch im vorigen Jahrhundert fand, iſt er verdrängt; auch in Ceylon wird er nicht mehr gefunden. Im Norden erſtreckt ſich der Tiger noch bis an die Südgweſtküſte des kaſpiſchen Meeres, bis zum Ili, an den Balchaſch⸗ und Saiſanſee, den Irtyſch und den Süden des Altaigebirges; im Oſten iſt er in der Mandſchurei bis Korea und in den ein⸗ ſamen Thälern an der chineſiſchen Grenzmauer noch häufig; ſeine eigentliche Heimath iſt Vorder⸗ und Hin⸗ terindien, Sumatra und Java. Seine Weſtgrenzen ſind der Indus und Oxus, von wo er weithin noch Streifzüge gegen Weſten und Nordweſten macht. In Indien herrſcht dieſes blutdürſtige Ungeheuer, das ſich mit unerſättlicher Mordbegier und unbändiger Kraft tollkühn auf Stiere, Kameele, Pferde und Men⸗ ſchen ſtürzt, ohne die Anzahl und Uebermacht der letz⸗ teren im Geringſten zu achten, zum Schrecken der Bewohner in noch gar vielen Provinzen. Der Tiger lauert dort an der Hauptſtraße auf die Heerden, die Poſten und Reiſenden und reißt ſeine Beute, ohne erſt auf einzelne Nachzügler zu warten, mitten aus den zahlreichſten Haufen und ſchleppt dieſelbe mit Sturmes⸗ eile hinweg. Nicht nur Boten und Schildwachen wur⸗ den von ihm, wie am Gumeah mehrere Wochen hin⸗ durch, zerriſſen, ſondern Kinder ſogar aus den Hüt⸗ ten geraubt, ja ganze Dörfer ſind durch ihn verödet oder nothgedrungen verlaſſen worden. Kein Wunder, daß der Tiger in der ſo reich ausgebildeten Mythologie und Literatur der Indier eine ſo hervorragende Rolle ſpielt, worin er aber nicht, wie der dort ausgerottete Löwe, als edler Herr der Thierwelt, ſondern als grimmiger Rathgeber und Menſchenwürger hervortritt. Wie man⸗ Feierſtunden. 1863. cher indiſche Sultan oder Nabob, hat auch ein Herrſcher der neueren Zeit, Tippo Saib, den Tiger zu ſeinem, allerdings für ihn charakteriſtiſchen Thronwappen er⸗ koren.— Der Schrecken vor dem Tiger, als dem ge⸗ fährlichſten und gefürchtetſten Nachbar, deſſen ſie ſich nicht zu erwehren vermochten, ſchlug bei den ſchwäch⸗ lichen ſüdindiſchen Hinduſtämmen in den Aberglauben um, der Tiger ſei die Incarnation eines mächtigen Raja, er beherberge die Seele eines ihrer Vettern oder Vorfahren. Dieſer nachtheilige, bei der weiten Ver⸗ breitung der Lehre von der Seelenwanderung begreif⸗ liche Wahn iſt ein großes Hinderniß der Vertilgung des Tigers geworden, unter deſſen Herrſchaft man ſich als unvermeidliches Schickſal beugen zu müſſen glaubte, und wie einſt in Vorderaſien dem Moloch, bringen Hindumütter bisweilen ihre Kinder dem Tiger zum Opfer dar. Viel haben in Indien auch die Engländer für die durch den Tiger ſo ſehr gefährdete Sicherheit gethan. In einer einzigen Provinz wurden von 1825 bis 1829 nicht weniger als 1032 Tiger erlegt, und ſchon im Jahre 1803 wurden von der bengaliſchen Regierung, à 10 Rupien Schußgeld, 30,000 Pfund Sterling für getödtete Tiger bezahlt, wodurch dieſe Landplage für den Verkehr ziemlich unſchädlich wurde. Auch von in⸗ diſchen Fürſten wurden bisweilen Tigerjagden im groß⸗ artigſten Maßſtabe gehalten, und dabei oft Tauſende von Menſchen, ja Heere von 20 bis 60,000 Mann Infanterie und Kavallerie und eine bedeutende Anzahl Elephanten herbeigezogen. Der Tiger wird bekanntlich am zweckmäßigſten auf abgerichteten Elephanten gejagt, da Pferde wegen ihrer unüberwindlichen Scheue vor dieſen Raubthieren hiezu unbrauchbar ſind. Der Auf⸗ enthaltsort der Tiger, eine Stelle im Walde oder der mit Bambus ꝛc. bewachſenen Dſchungeln, wird meiſt ſchon Tags zuvor mit Treibern umſtellt und rings umher Feuer angezündet, daß die Tiger während der Nacht nicht entweichen. Des Morgens beſteigen die Jäger die Elephanten, welche hiebei das Ihrige thun, dieſelben durch Niederknieen bequem aufſitzen und in dem kteinen Pavillon, der Howdah, auf ihrem Rücken Platz nehmen zu laſſen. Zuletzt ſchwingt ſich der mit einem Stachel verſehene Mahout auf den Hals des Thieres und man begibt ſich nun nach der umzingelten Gegend. Die indiſchen Tigerjäger halten dieſe Jagd, zumal wenn ſie ſich der Elephanten bedienen können, 39 4 —f„f gegen - 306— für kein beſonders gefährliches Unternehmen, obgleich ſich häufig dabei Zufälligkeiten ereignen, die ſchlimm genug enden können. Indeſſen greift der Tiger den Elephanten allerdings ſelten an, wie ſich denn auch beide Thiere in der Freiheit, der Kraft des Gegners bewußt, zu meiden pflegen. Dies iſt jedoch nur der Fall, wenn der Tiger noch nicht verwundet iſt. Er läßt dann den Jagdzug ungeſtört an dem Schlupfwin⸗ kel vorübergehen, aus welchem er ihn beobachtet. Es gibt Tigerjäger, Mitwirkung einiger Leute als Treiber den Tiger in ſeinem Verſtecke aufſuchen und mit ſicherer Ausſicht auf Erfolg angreifen. Lieutenant William Rice von der Bombay⸗Armee tödtete auf fünf Campagnen in 360 Jagdtagen 68 Tiger und nebenbei 25 Bären und einige Panther, wobei die mehr oder weniger ſchwer verwun⸗ vor⸗ und zurückſpringend, bis ihn eine wohlgezielte die mit guten Waffen und unter der Kugel endlich darniederſtreckt. Bei einer Tigerjagd, welche Badſcha Begum im Oberlande von Audh aus Veranlaſſung des Beſuches eines befreundeten Fuzdars bei Talſepur veranſtalten ließ, wo faſt in jeder Nacht einige Ochſen von den Tigern weggeſchleppt worden waren, wurden 50 Ele⸗ phanten, eine Anzahl geübter Schützen und eine Menge armer, gewaltſam zur Frohne gepreßter Leute verwen⸗ det. Die abgerichteten Jagdelephanten waren mit präch⸗ tigen Howdah's verſehen und mit dicken geſteppten Teppichen mit langen Franſen behangen, während die deten Thiere gar nicht gerechnet ſind. Die franzöſiſchen Löwentödter in Algerien finden alſo in Indien an den Tigerjägern würdige Nebenbuhler. Mancher euro⸗ päiſche Nimrod zieht es vor, ſich lieber den Treibern anzuſchließen, als den Ritt auf einem ſo großen und ſchwertrabenden Thiere mitzumachen, der denjenigen, der nicht daran gewöhnt iſt, ſo ſehr anſtrengt, daß er ſich nach einem Elephantenritte wie ſeekrank und ganz zer⸗ ſchlagen fühlt. Will nun der Tiger, des Lärms der mit Pauken und Trommeln in das Gebüſch eindringenden Treiber ungeachtet, die gewöhnlich nur mit einem Spieß und einem Meſſer, ſelten aber mit Schießgewehren bewaff⸗ net ſind, nicht aus dem Dickicht herausgehen, in das man auf Elephanten nicht eindringen kann, ſo werden Raketen und anderes Feuerwerk nach der Stelle geſchleu⸗ dert, wo man den Tiger vermuthet; iſt aber das Gras und Schilf umher dürr genug, ſo wird daſſelbe wohl auch angezündet, was jedoch die heilloſeſte Verwirrung verurſachen kann. Kommen Tiger zum Vorſchein, ſo iſt der erſte Schuß gewöhnlich entſcheidend, denn ein verwundeter Tiger kehrt faſt immer um und greift furchtlos die Jäger an. Sind hinlänglich Schützen und Schießgewehre vorhanden, ihn zurückzutreiben, ſo iſt's gut, gelingt es aber dem Tiger, auf den Elephan⸗ ten zu ſpringen, ſo iſt die Lage der Jäger immerhin bedenklich. Bleibt der Elephant unter dem furchtbaren Angriff nicht ſtehen, und ſucht er durch Schütteln oder Niederknien des gewaltigen Feindes los zu werden, ſo iſt von einem ſicheren Schuſſe gar keine Rede mehr, ſondern die Schützen dürfen ſich dann Glück wünſchen, wenn ſie nicht aus der Howdah geſchleudert und vom Tiger, der in dieſem Falle den Elephanten gewöhnlich fahren läßt und ſich auf den Jäger wirft, nicht zer— riſſen werden. Noch verzweifelter wird die Lage der Schützen, wenn ein zu tapferer Elephant ſtracks auf den Tiger losgeht und auf denſelben zu knieen oder ihn mit den Stoßzähnen zu ſpießen ſucht, hiebei aber die Schützen dem Raubthiere geradezu in den Rachen wirft. Einer Gefahr ganz anderer Art ſind die Schützen in der Howdah ausgeſetzt, wenn ein Elephant Reißaus nimmt, die Howdah zwiſchen den Aeſten zerſchmettert wird, und die Schützen ſich genöthigt ſehen, wie Ab⸗ ſalom ſich an einen Aſt zu klammern und den Elephanten unter ſich wegrennen zu laſſen. Geht die Jagd hin— glücklich von Statten und trifft der angeſchoſſene Tiger eine gehörige Begegnung von weiteren Schüſſen, ſo wagt er es nicht, den Elephanten anzuſpringen und erſchöpft Kraft und Muth, unter fortgeſetzten Schüſſen gen Reihen, Packthiere und die für die Muſiker beſtimmten eine einfachere Ausrüſtung trugen. Die Elephanten durch⸗ zogen das hohe Gras der Dſchungel wie Jäger in lan⸗ in der vortrefflichſten Ordnung, und die Schützen beobachteten, das Gewehr in der Hand, jede verdächtige Bewegung im Geſtrüppe. Alles andere, zahlreich aufſtehende Wild wurde ganz unbeachtet gelaſ⸗ ſen. Da wurde ein friſch getödteter, halb verzehrter Ochſe in einer nahen Schlucht und nicht weit davon das Lager eines großen Thieres entdeckt, und hieraus geſchloſſen, daß ſich in dem nahen, noch von den Trei⸗ bern umzingelten Walde ein Tiger befinden müſſe. Hier aber bot das Terrain Schwierigkeiten, und man konnte nur in den, durch die hier plötzlich eintretenden Uferſchwemmungen gebildeten Waſſerrunſen, die jetzt von dem raſch aufſchießenden tropiſchen Unterholze über⸗ wuchert waren, auf einzelnen Elephanten in den dich⸗ ten, von hochſtämmigen Bäumen gebildeten Wald ein⸗ dringen. Schon mehrere Male hatte man dieſe durch das Dickicht führenden Pfade erfolglos durchzogen, als ſich einige Leute erboten, gehörig mit Terzerolen und Büchſen verſehen, tiefer in das Dunkel des Waldes einzudringen, und bald verkündigte das Geſchrei derſel⸗ ben, ſowie ein nach dem Verſtummen deſſelben laut werdendes Gebrülle, daß ein Tiger ganz in der Nähe gefunden ſei. Der Elephant, auf welchem ſich der Gaſt Badſcha Begums befand, der heute eine Pfauen⸗ feder von ſeltener Schönheit und Größe trug, wurde angehalten, und kaum waren die Schützen ſchußfertig, als rechts hinter ihnen eine prächtige Tigerin zum Vorſchein kam. Kaum war das Thier bemerkt wor⸗ den, ſo gab der hinter dem Fuzdar befindliche Schütze Feuer. Die Tigerin ſprang vor; einen Augenblick ſah man ſie wanken, im nächſten aber warf ſie ſich mit furchtbarem Gebrülle an das rechte Ohr des Elephan⸗ ten, der mit hochgehaltenem Rüſſel einen Augenblick feſt ſtand wie eine Mauer, dabei aber ein furchtbares, den ganzen Koloß erſchütterndes Geſchrei hören ließ, das nur mit dem Pfeifen einer gewaltigen Lokomotive verglichen werden kann. Jetzt ſtürzte einer der Leute hervor, die den Tiger aufgeſcheucht hatten, und ſchoß ſeine Terzerole auf ihn ab, tollkühn genug, denn wenn die Beſtie von dem Elephanten abſprang, mußte ſie ſich nothwendig auf ihn ſelbſt werfen. In demſelben Moment erhielt der Tiger auch eine Kugel von dem mit einer Büchſe bewaffneten Fuzdar, und der Mahout ſtieß ihm ſeinen Spieß in den Rachen. Umſonſt, er blieb hängen, und zu gleicher Zeit ſprang jetzt in furchtbaren Sätzen auch der männliche Tiger herbei, den der Elephant mit ſeinem furchtbaren Pfeifen empfing. Mit der Erſcheinung des Tigers folgten ſich die einzelnen Auftritte des entſetzlichen Kampfes ſo⸗ blitzſchnell und gleichzeitig, daß keiner der Theilnehmer zzielte n im ſuches talten n den Cle⸗ Nenge wen⸗ räch⸗ ppten d die eine durch⸗ n lan⸗ nd die ,jede andere, gelaſ⸗ zehrter davon jeraus Trei⸗ müſſe. dman tenden ffertig⸗ 1 zum t wor⸗ Schütz lick ſch ich mit lephan⸗ nbüt - 307 ̈— ſie ſämmtlich beobachten konnte, denn das Umkehren des gemarterten Elephanten vor dem heranſtürzenden Tiger, das Anrennen deſſelben an einen zur rechten Hand ſtehenden Baumſtamm, ein Büchſenſchuß von den Schützen eines zweitem, durch eine Gaſſe links her⸗ trabenden Elephanten, das Baumeln des getroffenen Tigers, den der herzueilende zweite Elephant faßt und in die Lüfte ſchleudert, das Alles war das Werk eines einzigen Augenblicks. Die Schützen auf dieſem helden⸗ mäßigen Thiere waren wohlbehalten in ihrer Howdah geblieben, der Fuzdar aber, als ſich ſein Elephant der läſtigen, an ſeinem Ohre hängenden Fliege durch ſo furchtbares Anrennen an den Stamm einer rieſigen Akazie entledigte, daß, wie es ſchien, dem Thiere ſelbſt auf eine Weile Hören und Sehen verging, war zu⸗ gleich mit dem halbzerſchmetterten Tiger aus der How⸗ dah geſtürzt, und erhielt von dem ſich im Todeskampfe krümmenden Thiere eine unbedeutende Schenkelwunde. Behutſam ward der Fuzdar der gefährlichen Nachbar⸗ ſchaft entzogen, und die Schützen konnten nun mit Muße den durch ihre braven Elephanten kampfunfähig W gemachten Tigern das Garaus machen, wobei beſondere Rückſicht auf die Schonung der ſchöngezeichneten Felle genommen wurde. Auf die gefallenen Schüſſe eilte die ganze Jagdgeſellſchaft herbei und drängte ſich um die noch röchelnden Tiger. Die Freude und das Jubiliren über dieſe zwar kurze, aber prächtige Jagd, die ein ſo ſchönes Schauſpiel gezeigt hatte, als eine Tigerjagd überhaupt nur gewähren kann, war allgemein, und durch die barbariſche Muſik der Tamtams, großen Trommeln, Cymbeln, Hörner und Glocken ſo geräuſch⸗ voll als möglich. Dieſem Erfolge wurde dadurch noch die Krone aufgeſetzt, daß bald darauf auch die Jungen der Tigerin von einigen Sipaſis entdeckt und herbei⸗ gebracht wurden. Die Jagd ſchloß mit einer unter⸗ haltenden und komiſchen Scene. Die herbeigeführten Packelephanten zeigten nämlich auf eine wirklich lächer⸗ liche Weiſe ihren Abſcheu und Widerwillen vor den Tigern, indem ſie dieſelben auch todt nicht auf ihren Rücken nehmen wollten. C. F. A. Kolb. Der Pferdebändiger Rarey. Unter einem„Pferdebändiger“ dürfte man nur zu leicht geneigt ſein, ſich einen Mann von athletiſcher Körperform zu denken, deſſen entblöste Arme eine Muskelkraft ſonder Gleichen zeigen und der mit heraus⸗ forderndem Blicke den Kampfplatz betrete; allein mit einem„ſolchen“ Manne hat der vielbekannte und viel⸗ beſprochene Amerikaner Rarey nichts gemein. Im Gegentheil iſt er eher klein, mager und ſchmächtig, als dick, robuſt oder gar gigantiſch zu nennen, und kein Theil ſeines Körpers zeugt von beſonderer Kraft; da⸗ geegen aber blickt ſein Auge kühn und auf ſeiner Stirne thront Muth und Entſchloſſenheit. Wie er dazu kam,„Pferdebändiger“ zu werden und ſich als ſolcher einen Ruhm, der in der Geſchichte der Pferdedreſſur ſo zu ſagen unübertroffen daſteht, zu er⸗ werben, läßt ſich mit wenigen Worten erklären. Sein Vater, ein geborener Yankee, war„Farmer“, oder wenn man lieber will„Bauer“, und ließ ſich vor etwa fünfundvierzig oder achtundvierzig Jahren in einer da⸗ mals noch wenig angebauten Gegend— der Grafſchaft Franklin— im Staate Ohio in Nordamerika nieder. In„materieller“ Beziehung ſtand er ſehr gut, d. h. er erzeugte auf ſeinem großen Gute eine Menge Wei⸗ zen, Welſchkorn, Kartoffeln u. ſ. w., ſowie auch auf ſeinen Wieſengründen ganze Heerden von Pferden, Kühen und anderen zahmen Thieren weideten; Geiſt und Herz dagegen mußten viel entbehren, denn da die nächſten Nachbarn Meilen weit entfernt wohnten, ſo fehlte es durchaus an dem, was man„Unterhaltung im geſelligen Kreiſe“ nennt. Man lebte vielmehr auf „Rarey's Farm“ Jahr aus Jahr ein ſo iſolirt, wie in einer Wildniß, und wenn die Mitglieder der Familie Sonntags die Kirche beſuchen wollten, mußten ſie vor⸗ her einen Ritt von ſechs oder acht Stunden machen. Somit kann man es ſich wohl denken, daß der jüngſte Sohn des Farmers, eben unſer Pferdebändiger John Rarey, deſſen Geſchwiſter zum Theil ſchon erwachſen waren, als er geboren wurde, keine Spielkameraden beſaß, mit denen er ſich herumbalgen konnte, ſondern ſich vielmehr darauf angewieſen ſah, entweder für ſich allein zu bleiben oder aber ſich ſeine Geſellſchafter un⸗ ter den jungen Hunden und Füllen zu ſuchen. Letzte⸗ res geſchah auch, und zwar in der ausgedehnteſten Weiſe, denn von ſeinem dritten Jahre an ſah man den Buben ſtets in großer Thier⸗Compagnie, und das Ver⸗ hältniß zwiſchen ihm und den jungen Vierfüßlern war faſt intimer, als es zwiſchen Knaben gleichen Alters ſein kann. Insbeſondere liebte er einen kleinen Klep⸗ per von beſonderer Behendigkeit, und da das Thierchen wieder eine eigenthümliche Anhänglichkeit an den Kna⸗ ben zeigte, ſo machte es der Vater dem Letzteren zum Präſent. Auf dieſe Art lernte John ſchon frühzeitig die richtige Art und Weiſe, mit Pferden umzugehen, und das Reiten verſtand er ohnehin bereits in ſeinem zehnten Jahre aus dem Fundamente. Auch fürchtete er ſich vor keinem Roſſe, ſelbſt nicht dem wildeſten, ſondern ging kühn auf jedes los, und wenn er ihm ein⸗ mal auf dem Rücken ſaß, ſo blieb er auch darauf ſitzen, das Thier mochte bocken und ausſchlagen ſo lange es wollte. So beſaß ſein Vater unter anderen ein drei⸗ jähriges Füllen, das kein Knecht zähmen konnte, und das, wenn man ihm mit einem Zaume nahe kam, ſo furchtbar biß und ausſchlug, daß man es gerne wieder in Ruhe ließ. Gerade dies reizte den jungen John, der damals zwölf Jahre zählen mochte, und eines Morgens, als Alles auf dem Felde war, machte er ſich an das Füllen, obwohl ſein Vater ihm dies unter⸗ ſagt hatte. Nach vielen vergeblichen Verſuchen gelang es ihm endlich, dem wilden Thiere einen Zaum über⸗ zuwerfen, und den Augenblick darauf ſaß er auch ſchon oben; aber kaum ſpürte das Pferd die ungewohnte Laſt, ſo ſuchte es ſich derſelben wieder zu entledigen, und 39* 308 rannte ſofort in einer Weiſe davon, daß Jedermann, der das Schauſpiel mit anſah, den Knaben für ver⸗ loren hielt. Zuerſt ſetzte es über einen hohen Zaun, dann ſprang er gerade aus über Berg und Thal, ohne ſich an Gräben und Hecken zu kehren, und zuletzt warf es ſich in einen tiefen Waſſergraben, ohne Zweifel um ſich auch im Schwimmen zu probiren. Doch dies Alles kümmerte den wackeren John wenig oder nichts, und er blieb nicht nur unverrückt ſitzen, ſondern ließ nicht einmal den Zügel fahren. Ja ſchließlich, als das Füllen alle ſeine Kräfte erſchöpft hatte, wurde er förm⸗ lich Herr über daſſelbe, und ritt dann ſo gewandt in den Hof von Rarey's Farm zurück, daß man noth⸗ wendig eine Freude an ſeiner Reitkunſt haben mußte! folgſames Reitpferd, um das man ihm ſpäter wie⸗ derum einen hübſchen Preis zahlte. So ergab ſich eins aus dem andern, und mit jedem Jahre vergrößerte ſich ſein Ruhm„als Pferdeerzieher“. Ja bald ſandte man ihm unlenkſame und ungeberdige Thiere von ziemlich weiter Ferne zu, um ſie zu dreſſiren, und zahlte ihm, beſonders wenn die Pferde einen Werth hatten, hohe Preiſe für ſeine Mühewaltung; nie aber, auch nicht ein einziges Mal— und das war eben das Merk⸗ würdige an der Sache— mißlang ihm eine Kur, und meiſt hatte er es ſchon nach wenigen Stunden ſo weit gebracht, daß die Pferde ſich von ihm ſatteln und be⸗ ſteigen ließen. Jedenfalls aber gelang es ihm im Zeitraum von ein paar Tagen, ſelbſt wenn die Thiere noch ſo ſtörriſch, ungeberdig und unbändig waren. Doch— wie bewerkſtelligte er dies? War er etwa ein Zauberer, der die wilden Geiſter durch ein Sprüch⸗ 4 Auf dieſe Art kam der junge Rarey zu den erſten Anfängen der Kunſt, Pferde zu bändigen; allein bald ging er hierin noch weiter. Er erhielt nämlich das Füllen, von dem wir ſoeben geſprochen, von ſeinem Vater geſchenkt, und warf ſich nun mit ſolcher Luſt auf die Zähmung oder vielmehr„Erziehung“ deſſelben, daß es nach einigen Monaten ſchon einem dreſſirten Hunde gleich allerlei Kunſtſtücke verſtand und ſeinem Lehrmeiſter auf Schritt und Tritt nachlief. Nicht ge⸗ nug aber damit, ſondern wie er mit dieſem Thiere fertig war und daſſelbe gut verkauft hatte, erwarb er ſich ein anderes, das man ihm ſeiner ſchlimmen Eigen⸗ ſchaften wegen wohlfeil abließ, und verwandelte daſſelbe mit der Zeit ebenfalls in ein frommes, gelehriges, lein bannte? Oder beſaß er vielleicht geheime ſympa⸗ thetiſch⸗magnetiſche Mittel, von deren Wunderkraft man ſich ſo viel Fabelhaftes erzählt? O nein, nichts von allem dem; ſondern ſeine vielbewunderte Kunſt beſtand einzig und allein in einem freund⸗ ſchaftlichen oder wenn man will liebevollen Entgegenkommen gegen die Thiere, ver⸗ bunden mit jenem Muthe, jener Ausdauer und jeuer Feſtigkeit, welche ſelbſt dem Löwen in der Wüſte imponiren! Er machte nämlich die Bemerkung, daß alle Pferde, mit denen er zu thun bekam, auch die wildeſten, welchen ſonſt Niemand un⸗ geſtraft nahen konnte, ſowohl auf der Weide als im Stalle, gegen Kühe, Schafe und andere Hausthiere nichts machten, ſondern dieſelben vielmehr ganz unbe⸗ ſuchten und eine Art Heimweh bekamen, wenn ſie von helligt ließen. Ja daß ſie ſogar deren Geſellſchaft erſten bald das inem Luſt lben, irten nem ge⸗ hiere b er igen⸗ ſelbe iges, - 309—— ihnen getrennt wurden! Hieraus ſchloß Rarey, daß das Pferd„an ſich und von Natur“ ein geſellſchaftliches und friedfertiges Weſen ſei und ſich nur gegen diejeni— gen ungeberdig betrage, von welchen es fürchtet, beleidigt, geſtraft oder mißhandelt zu wer⸗ den.„Von wem aber,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„hat es dies mehr zu befürchten, als vom Menſchen? Un—⸗ ter weſſen Hand hat es mehr zu leiden, als unter der ſeines erſten Wärters? Buben, die man immer blos ſchlägt, ſtatt ihnen mit Liebe und Zärtlichkeit entgegen⸗ zukommen, werden ja am Ende auch ſtörriſch und hart⸗ ſchlägig, warum ſollte dies alſo nicht auch bei Pfer⸗ den der Fall ſein, die ja faſt unter allen Thieren in Beziehung auf Treue, Verſtand und Anhänglichkeit dem Menſchen am nächſten ſtehen?“ Demgemäß ſuchte er Un wü der laf danracht hatte. Ja um ſich in ſeiner Kunſt zu ver⸗ einſlkommnen, reiste er ſogar nach Texas, um dort Vo wilden Pferde der Prärie zu ſtudiren, und brachte meha viele Monate in der vollkommenſten Abgeſchie⸗ Diſheit von den Menſchen zu. Endlich im Jahre 1855, denhdem er inzwiſchen etliche und dreißig Jahre alt ge⸗ naceden war, trat er zum erſten Mal in Columbus, hin! Hauptſtadt des Staates Ohio, mit Proben ſeiner fürſrdezähmung auf, und da er dort ungemeines Auf⸗ qugn erregte, ging er ſofort, mit guten Empfehlungen Erffehen, nach Toronto, der Hauptſtadt des brittiſchen Sti ada, um ſich vor dem engliſchen Generalgouver⸗ jetzip nebſt deſſen Offizieren zu produziren. Er wußte digulich gar wohl, daß bei den Engländern das Pferd lun die Pferdezucht weit höher angeſehen iſt, als bei vid einer andern Nation der Welt, und ſomit dachte bei jich, daß es ihm nicht mehr fehlen könne, wenn er Huſerſt in Toronto einen Erfolg erzielt habe. Dieſen wel lg erzielte er aber auch, und zwar in ſolchem e, daß ihn der Generalgouverneur von freien I ſich vor Allem das Zutrauen der ſeiner Kur unter⸗ worfenen Pferde zu erwerben, und dann, wenn dieſel⸗ ben ſahen, daß ſie von ihm nichts zu befürchten hät⸗ ten, war es leicht, mit ihnen durch Tätſcheln und zärt⸗ liche Worte in ein intimes Verhältniß zu kommen. Kunrz die Thiere merkten es ihm im Augen⸗ blicke an, wie gut er es mit ihnen meine, und da ihnen die leider ſo manchem Menſchen anklebende Nie⸗ derträchtigkeit, Gutes mit Schlimmem zu vergelten, nicht zukommt, ſo erwiederten ſie ſeine Aufmerkſam⸗ keiten beinahe regelmäßig mit großer Zärtlichkeit. Natürlich übrigens kann man ſich wohl denken, daß er all' dieſe Erfahrungen nicht an Einem Tage und auch nicht in Einem Monate ſammelte, ſondern im Gegentheil es vergingen Jahre, bis er es ſo weit S. 310.) Stücken aufforderte, nach England hinüberzugehen, um allda Vorſtellungen in der Pferdedreſſur zu geben, und ihn zugleich dem Generallieutenant Airy in London, nebſt andern hochariſtokratiſchen Perſonen daſelbſt, auf's Dringendſte rekommandirte. In Folge deſſen nahm ihn Generallieutenant Airy, als er einige Monate ſpä⸗ ter in London eintraf, ſehr wohlwollend auf und gab ihm alsbald Gelegenheit, ſeine Geſchicklichkeit an meh⸗ reren widerſpenſtigen Roſſen zu zeigen. Ja er ver⸗ ſchaffte ihm ſogar Zutritt auf das bei Windſor gele⸗ gene Landhaus des Prinzen Albert, des Gemahls der regierenden Königin von England, um allda in Gegen⸗ wart des Oberſten Hood, des erſten Stallmeiſters des Prinzen, ebenfalls Proben ſeiner Kunſt abzulegen. Colonel Hood fühlte ſich äußerſt befriedigt und ſprach nicht blos bei Prinz Albert und der Königin in rüh⸗ menden Ausdrücken von ihm, ſondern wußte auch das Intereſſe dieſer beiden hohen Perſonen ſo rege zu machen, daß dieſelben den Wunſch ausdrückten, einer Pferdedreſſur⸗Vorſtellung Rarey's in abgeſchloſſenem ———— 310—— Cirkel, wo das Publikum keinen Zutritt hätte, wohnen. Die gewünſchte Vorſtellung fand im Reit⸗ hauſe des Prinzen Albert ſtatt, und da der Amerikaner ein ihm vorgeführtes äußerſt ſtörriſches Roß in ganz kurzer Zeit vollkommen„zahm zu machen“ verſtand, ſo kann man ſich denken, wie ſein Name von jetzt an von Mund zu Mund flog. Die Engländer ſind jedoch ein äußerſt obſtinates Volk und laſſen ſich nicht leicht überreden, etwas zu glauben, als bis ſie ſich vollſtändig durch den Augen⸗ ſchein von der Wahrheit der Sache überzeugt haben. Bald machte ſich alſo in gewiſſen öffentlichen Blättern eine ſtarke Oppoſition geltend, und die hochariſtokrati⸗ ſchen„Roßkämme“ erklärten, vorher direkte, vor Gott und der Welt abgelegte Beweiſe geſehen haben zu müſſen, ehe von einer Anerkennung der Rarey'ſchen Kunſt„ihrerſeits“ die Rede ſein könne. Ja ſie er⸗ laubten ſich ſogar, mehr oder minder deutlich von „Humbug und Münchhauſiaden“ zu ſprechen, und ver⸗ langten ſchließlich, Rarey ſollte, wenn er ſeiner Sache ſo gewiß ſei, mit einigen ſeiner Gönner und Freunde nach Murrels Green, einem Landhauſe des Lord Dor⸗ cheſter, hinabkommen und dort ſeine Sporen an dem berühmten Hengſte Cruiſer verdienen.„Wenn er,“ ſo hieß es in dem öffentlichen Aufrufe,„wenn er die⸗ ſes Thier bezähme und daſſelbe reite, wie man ein Miethpferd reitet, dann ſolle es mit aller ferneren Anzweifelung ein Ende haben und Rarey als die erſte Größe in der Pferdedreſſur anerkannt werden.“ Nun hatte es aber mit dem Hengſte Cruiſer eine ganz abſonderliche Bewandniß. Seiner Abſtammung nach gehörte er dem reinſten Blute an, das nur irgend in den Adern eines Roſſes fließen kann, und da er in Beziehung auf ſeine Muskulatur und Knochenbildung, ſowie in Hinſicht auf ſeine Schönheitsverhältniſſe nichts zu wünſchen übrig ließ, ſo hegte Lord Dorcheſter, ſein Eigenthümer, ſowie deſſen Freunde und Genoſſen die zuverläßliche Hoffnung, wettrennen für die Zukunft die erſte Rolle ſpielen beizu- vermochte, ſo fand man es für nöthig, daß er bei den Derby⸗Preis⸗ werde. Allein die Herren, hatten, wie man zu ſagen pflegt, die Rechnung ohne den Wirth gemacht, und es ſtellte ſich man nach Tauſenden von Pfunden berechnete, gar nicht geritten werden könne. Schon als ein Füllen nämlich ſtellte es ſich äußerſt ungeberdig an, ſo daß die Wärter ihm ſtark mit Schlägen zuſetzen mußten, wenn ſie es bezwingen wollten; doch ſchrieb man dies damals noch dem Feuer ſeiner Jugend zur Laſt; allein leider nahm die Ungeberdigkeit mit jedem Monate in ſo ungeheu— bald heraus, daß das edle Roß, deſſen Werth rem Maße zu, daß ihm am Ende Niemand mehr nahen konnte, ohne Gefahr für ſein Leben zu befürchten. In ſeinem dritten Jahre hatte das Thier bereits den Ruf des tollſten Roſſes in ganz England erlangt, und man konnte es da oft und viel beobachten, wie es zehn Mi⸗ nuten lang, anſcheinend ohne gereizt worden zu ſein, hinten und vornen ausſchlug, ſich bald hoch aufbäumte, bald wieder zum Anſatz niederduckte, dann ſich auf dem Boden wälzte oder die Seitenwände ſeines Stalls ein⸗ zudrücken verſuchte, und dazu ſo furchtbar wieherte und ſchrie, daß man glauben mußte, es ſei völlig von Sin— nen gekommen. Später wurde die Sache wo möglich noch ärger, und da es einmal, nachdem es ſich von ſeinen Halftern losgeriſſen, den Wärter, der ihm Nah⸗ rung zu bringen in den Stall trat, mit ſo gränzen⸗ loſer Wuth angriff, daß dieſer ſich kaum noch zu retten vernichten, ſo gewöhnte er ſich der ſtrengſten Clauſur zu halten.(Siehe Bild S. 308.) Zu dieſem Behufe deckte man das Dach ſeines Stalles ab — denn Niemand wagte ſich zur Thüre hinein—, warf ihm ſtarke Schlingen um Hals und Füße, brachte es auf dieſe Art zum Falle, und feſſelte es ſodann mit ſchweren Ketten an die Traufe, indem man ihm zu⸗ gleich einen unzerreißbaren eiſernen Maulkorb an⸗ ſchnallte. Nun erſt ließ man es wieder aufſtehen, aber— Jahr aus Jahr ein blieb es von dieſer Zeit an gefeſſelt, und da man ihm den Maulkorb gar nie mehr abnahm, ſo konnte es ſeine Nahrung nur durch Lecken mit der Zunge in den Schlund bringen. Durch ſolche Behandlung wurde aber natürlich ſein Trotz nicht gebeugt, ſondern es gerieth vielmehr, ſobald es nur einen Menſchen von weitem witterte, in einen Zu⸗ ſtand vollkommener Tobſucht, und das gemeinere eng⸗ liſche Volk ließ ſich daher den Glauben nicht nehmen, daß die Seele irgend eines verſtorbenen Tyrannen in den Leib des tollen Thieres hineingebannt ſei. So ſtand es mit dem edlen Hengſte Cruiſer, wel⸗ chen zu zähmen Rarey in öffentlichen Blättern aufge⸗ fordert wurde, und man kann ſich daher wohl denken, wie ungeheuer groß die Spannung war, ob der Ame⸗ rikaner die Herausforderung annehmen werde oder nicht. Als er ſie nun aber annahm und zwar ſogleich, ohne ſich lange zu beſinnen, da verſchlang das Intereſſe an dieſem„Ereigniß“ alle anderen Tagesneuigkeiten, und die Herren„Roßkämme von Adel“ gingen ſofort Wet⸗ ten über das Gelingen oder Nichtgelingen unter ſich ein, welche zum Theil ihr Vermögen bedeutend überſtiegen. Ganz London kam in Bewegung, und je näher der Tag der Entſcheidung kam, um ſo mehr ſupplicirte alle Welt, die ſich nur irgend zur Haute Volée rechnen konnte, darum, in Murrel's Green im Reithauſe des Lord Dorcheſter zugelaſſen zu werden. Doch was ſol⸗ len wir viele Worte machen und den Leſer lange in der Ungewißheit hinhalten? Genug, am beſtimmten Tage wurde das edle Roß Cruiſer über und über ge⸗ feſſelt von ſechs ſtarken Männern in die Arena gebracht, und athemlos harrte die verſammelte Geſellſchaft, die es von jetzt an in ſich hinter einer hohen Barriere ſicher wußte, des Aus⸗ gangs der Dinge. Gleich darauf ſtellte ſich Rarey ihm in ſeiner gewöhnlichen eleganten Kleidung, ohne ſich auch nur mit einer Reitpeitſche bewaffnet zu haben, gegenüber, und wenn auch Cruiſer im Anfange mit gräßlichem Wuthgeſchrei auf ihn eindrang und ſich auf jegliche Weiſe abmühte, ſeinen anſcheinenden Feind zu doch ſchon nach einer Stunde an die Gegenwart des Amerikaners. Nach der zweiten Stunde, in welcher Rarey fortfuhr, dem Thiere liebreich zuzuſprechen, ihm feſt und kühn, obwohl freund⸗ lich und aufmunternd, in die Augen zu ſchauen, es zu ſtreicheln und zu reiben, mit einem Worte ihm die Furcht zu benehmen und es zutraulich zu machen,— nach der zweiten Stunde konnten ihm ſowohl die Feſ⸗ ſeln als der Maulkorb abgenommen werden, und am Schluſſe der dritten Stunde war es bereits ſo weit ge⸗ bracht, daß ihm der Amerikaner einen leichten Sattel auflegen durfte, um es langſam im Kreiſe herumzu⸗ reiten.(Siehe Bild S. 309.) Ja nicht genug damit, Lord Dorcheſter ſelbſt durfte es nun beſteigen, und von dieſer Stunde an fiel Cruiſer nie mehr in den Zuſtand Gegen⸗ der Wildheit zurück, der ihn ſo lange Zeit zum 5 m ſtande der abergläubigſten Furcht gemacht hatte. 4 6 1 an in 908.) es ab warf te es mit — zu⸗ an⸗ ehen, Zeit tnie durch Durch Trotz ld es Zu⸗ eng⸗ hmen, en in wel⸗ ufge⸗ nken, Ame⸗ nicht. ohne ſe an und Wet⸗ hein, jegen. r der te alle hnen ſe des ſol⸗ nge in umten er ge⸗ vracht, t, die Aus⸗ - ihm e ſich + 311— Gegentheil verlor ſich ſein bisheriges rauhes, hageres und trotziges Ausſehen ſchon nach wenigen Wochen, und ſeine Haut fühlte ſich bald ſo weich und zart an, als wäre ſie Sammt oder Seide. Kurz die Kur war eine ganz vollſtändige, und das edle Roß erlangte nun in jeglicher Hinſicht den Werth, den man ihm bei ſei⸗ ner Geburt prophezeiht hatte. Mit dieſer That hatte ſich Rarey den Ruhm ſei⸗ nes Namens für immer und ewig geſichert, und wir könnten nun, da der Leſer ſich hinlänglich über ihn orientirt hat, dieſe Erzählung ohne Weiteres ſchließen; doch möge es uns erlaubt ſein, noch einige wenige Details über ſeine ſpäteren Erfolge beizufügen. In London, ja in ganz England vergötterte man ihn bei⸗ nahe, und als er vollends gar ein Zebra des zoologi⸗ ſchen Gartens daſelbſt zähmte, ließ„die Königliche Geſellſchaft zum Schutze der Thiere gegen menſchliche Grauſamkeit“ eine eigene goldene Medaille auf ihn prä⸗ gen, während es zugleich Geld in Hülle und Fülle für ihn regnete. Die Zähmung jenes„Kindes der Wüſte“, als welches man das Zebra bezeichnen kann, war übri⸗ gens keine Kleinigkeit, denn daſſelbe hatte die Gewohn⸗ heit, alſobald, wenn Jemand in ſeinen Stall trat, mit gleichen Füßen auf die Krippe hinaufzuſpringen und ſich mit ſeinen Zähnen ſo feſt in den Querbalken der Raufe einzubeißen, daß es ſo zu ſagen frei in der Luft hing und mit allen Vieren gegen jeden Heran⸗ nahenden operiren konnte. Durch ſolche und ähnliche Ausbrüche der Wuth ließ ſich aber Rarey nicht ab⸗ ſchrecken, ſondern er behandelte es vielmehr ganz auf dieſelbe Manier wie ein unbändiges Pferd, und hatte es nach vier Stunden unausgeſetzter Mühe wirklich ſo weit gebracht, daß es ſich ruhig von ihm an der Half— ter im Kreiſe herumführen ließ. Ja bei einer zweiten Vorſtellung, welche abermals mehrere Stunden in An⸗ ſpruch nahm, gelang es ihm ſogar, dem ſonſt ſo ſcheuen, tückiſchen und widerſpenſtigen Thiere Zaum und Sattel anzulegen und es wie ein Roß zu reiten, was bisher, ſo lange die Welt ſteht, noch nicht da geweſen iſt. Doch genug hievon, ſowie von den an⸗ dern Proben ſeiner Kunſt, die er ſpäter in London und Umgebung ablegte; begleiten wir vielmehr den merk⸗ würdigen Mann nach den verſchiedenen Hauptſtädten der Welt, die er von England aus zu bereiſen veran⸗ laßt wurde! Zuerſt ging er nach Stockholm, wohin er vom damaligen Kronprinzen, dem jetzigen Könige Schwedens, eine ſpezielle Einladung erhielt, und gab dort ſeine erſte Vorſtellung im königlichen Reithauſe vor den verſam⸗ melten Majeſtäten und höchſten Würdeträgern des Reichs. Die Zähmung eines vierjährigen wilden Hengſtes, auf den noch nie ein Sattel gekommen war, glückte ſchon nach zwei Stunden vollkommen, und der Kronprinz hing ihm deßhalb eigenhändig die ſchwediſche Medaille für Kunſt und Wiſſenſchaft mit dem Motto:»lis, quorum meruere labores« um. Einen ganz gleichen Erfolg hatte Rarey in Berlin, wohin er ſich von Stockholm aus verfügte, und der Prinzregent— der jetzige König Wilhelm I.— drückte ihm nach Been⸗ digung der im königlichen Reithauſe gegebenen Vorſtel⸗ lung perſönlich ſeine allerhöchſte Zufriedenheit aus. Eine größere Bedeutung aber legte Rarey dem Lobe bei, welches ihm bei dieſer Gelegenheit der berühmte Humboldt ſpendete,„jener König der Wiſſenſchaft, welchem manche andere Könige nicht werth ſeien, die Schuhriemen aufzulöſen,“ und alle Orden oder Me⸗ daillen der Welt hätten ihm nicht ſo viel gegolten, als jene wenigen Worte des greiſen Gelehrten. Von Berlin aus wandte ſich unſer Amerikaner nach St. Petersburg, und wurde dort von Baron Meyendorf, dem erſten Stallmeiſter des Kaiſers, höchſt freundlich aufgenommen. Wenige Tage ſpäter erhielt er unmit⸗ telbar aus dem kaiſerlichen Kabinete den Auftrag, nach einer der unweit von Petersburg gelegenen kaiſerlichen Stutereien zu fahren, dort ein ihm näher bezeichnetes wildes Steppenpferd zu zähmen, und mit demſelben dann vor dem Monarchen zu erſcheinen. Dieſes Pferd war dem Letzteren mehrere Jahre zuvor von dem Ober⸗ anführer der Koſacken zum Präſente gemacht worden, und gehörte unter die ſchönſten Vierfüßler, die man nur ſehen konnte; allein da es ſich ſo furchtbar biſſig und ungeberdig zeigte, daß ſich Niemand getraute, ihm einen Sattel aufzulegen, ſo ließ man es dieſe ganze Zeit über wild im Parke herumlaufen, und es konnte alſo immer noch als„friſch eingefangenes Steppen⸗ pferd“ gelten. Kaum hatte übrigens Rarey die bewußte Ordre in der Taſche, ſo ſtellte ſich der Obriſt Löffler nebſt zwei anderen Offizieren bei ihm ein, und fort ging's alſobald mit unterlegten Pferden nach der be⸗ wußten Stuterei. Dort gelang es mit der Hülfe von einigen Dutzend Leibeigenen, den wilden Hengſt in einen bedeckten Schuppen, der bei ſchlechtem Wetter den Thie⸗ ren als Zufluchtsort diente, zu treiben, und ſobald dies geſchehen, verbarrikadirte man das Eingangsthor, in das Rarey zuvor getreten war, mit ſtarken Balken. Zwei volle Stunden lang betrug ſich das Roß wie wahnſinnig, ging einer Furie gleich auf den Amerika⸗ ner los, ſuchte ihn mit den Vorderfüßen zu zerſtam⸗ pfen, oder ſchlug, wenn dieſe Angriffsweiſe mißlang, mit den Hinterfüßen gegen ihn aus, biß nach ihm mit weit aufgeſperrtem Rachen, und ſtieß zugleich ſolch' gräßliche Schreie aus, als wäre es kein Pferd, ſon⸗ dern eine Hyäne. Nach und nach jedoch, als Rarey nicht nachließ, ihm mit ſanften Worten zuzuſprechen, und ihm dabei feſt und unerſchrocken in die Augen zu ſehen, beſänftigte es ſich, und nach Verfluß noch einer weiteren Stunde ließ es ſich ruhig den Sattel auflegen und einen Zügel überwerfen. Ja es blieb nun wie ein ſeit Jahren zugerittenes Pferd lang geſtreckt ſtehen, als ſein Bezwinger es beſtieg, und trabte mit ihm nach St. Petersburg, ohne durch irgend eine Bewegung an ſeine frühere Wildheit zu erinnern. Kurz, der Erfolg war ein vollſtändiger, und Rarey wurde in Folge deſ⸗ ſen vom Kaiſer in einer Privataudienz mit Lobſprüchen überſchüttet. Einige Tage ſpäter fand in Gegenwart des Monarchen ſelbſt, ſowie der ganzen kaiſerlichen Familie eine zweite Probe der neuen Zähmungsmethode ſtatt, und dieſelbe fiel, obgleich das vorgeführte Roß ſich wo möglich noch ungeberdiger benahm, als der Steppenhengſt, ebenfalls vollkommen befriedigend aus. Ganz das gleiche Reſultat ergab eine dritte und vierte, dem hohen Adel gegebene Vorſtellung, und Rarey hatte ſogar die Befriedigung, von Stallknechten, die ſeit einem Menſchenalter mit Pferden umgingen, hinter ſeinem Rücken hören zu müſſen, daß er gewiß mit dem Teu⸗ fel in Verbindung ſtehe, denn eine ſolch' großartige Leiſtung gehe weit über menſchliche Kräfte. Lag hierin nicht eine weit größere Anerkennung, als in allen lob⸗ preiſenden Ausrufen der gebildeteren Roßkenner? Von St. Petersburg ging Rarey, mit Ehren über⸗ - 312— ſchüttet und auf's Freigebigſte belohnt, nach Conſtan⸗ tinopel, nicht ſowohl um daſelbſt den Muſelmannen ſeine Kunſt zu zeigen, als vielmehr um allda Schutz⸗ briefe nach Arabien zu erhalten. Seine Abſicht war nämlich, das Pferd auch in dieſem großen Wüſten⸗ lande, wo daſſelbe bekanntlich einen Grad von Voll⸗ kommenheit erhält, wie ſonſt nirgends auf der ganzen Erde, zu ſtudiren, und ohne Zweifel hat er dieſen Plan jetzt bereits durchgeführt. Hieraus aber erſieht man, daß es ihm keineswegs blos oder auch nur hauptſächlich um den Gelderwerb zu thun iſt, wie ihm ſeine Neider und Feinde ſchon vorgeworfen haben, ſon⸗ dern daß ſein Beſtreben vielmehr dahin geht, die Wiſ⸗ ſenſchaft zu erweitern und dem Roſſe diejenige bevor⸗ zugte Stellung anzuweiſen, welche ihm ſeiner herrlichen Eigenſchaften wegen gebührt. Möge ihm dies ſo gut gelingen, als es den Aerzten neuerer Zeit gelungen iſt, die Schläge, Ketten und Zwangshemden, mit denen man früher gegen Geiſteskranke zu Felde zog, zu ent⸗ fernen, und ſtatt ihrer die Milde, die Zartheit und die Liebe als Behandlungsnorm in den Irrenhäuſern einzuführen! Th. G— r. Die Fingalshöhle und die Baſaltlager auf Staſſa. Die berühmteſte der im Weſten Schottlands liegen⸗ den Hebriden, welche ganz aus Trappgeſteinen beſtehen, iſt die etwa ¾œ Meilen lange und ½ Meile breite Inſel Staffa mit ihren Baſaltmaſſen und jener unter dem Namen Fingalshöhle weltbekannten Felſengrotte, welche durch die Zerſtörung und Auswaſchung des Ba⸗ ſalts durch die See entſtanden iſt. Dem Reiſenden, der von der größeren Inſel Jona kommt, welche ihrer merkwürdigen, aus den älteſten Zeiten des Chriſtenthums ſtammenden Ruinen wegen beſucht wird, zeigt ſich Staffa in unregelmäßig ovaler Geſtalt, überall von ſteilen, zum Theil bis 144 Fuß hohen Felſenwänden umgeben, welche aus drei⸗ bis ſechs⸗ oder ſiebenſeitigen Baſaltſäulen beſtehen, und nur mit einer dünnen Lage von Dammerde bedeckt ſind. An mehreren Stellen der Inſel ſind durch die Gewalt des Feuers ungeheure Baſaltlager chaotiſch aufgehäuft und durch einander geworfen.(Siehe die Abbild.) Der Baſalt dieſer Säulen iſt dunkel grünlichſchwarz und ſtark durch Eiſen gefärbt. Zwiſchen den Spalten oder Die Baſaltlager. Artikulationen der Säulen findet ſich eine dünne Lage von kieſeligem Cement, welches die Inſulaner für Mörtel halten, und ſie in dem Glauben beſtärkt, daß dieſe Baſaltmaſſen Trümmer zerſtörter Burgen und die Fingalshöhle ein Werk von Menſchenhänden ſei. Staffa ſelbſt iſt unbewohnt, und es iſt nur bei ganz ruhiger See von größeren Fahrzeugen zu wagen, an derſelben anzulegen, weßhalb der Beſucher gewöhn⸗ lich in einer Barke an das Geſtade gebracht wird, und noch eine gute Strecke auf den bald auf-⸗, bald abwärts führenden Baſaltblöcken zurückzulegen hat. Je mehr ſich dieſe unregelmäßige Treppe der auf der ſüdöſtlichen Spitze der Inſel liegenden Fingalsgrotte nähert, deſto tiefer ſenkt ſie ſich zu der See herab. War oben das Geſtein mit blühenden Heidekräutern und anderem Ge⸗ ſträuch bewachſen, ſo umwuchert hier unten nur grün⸗ lich ſchillernder Tang noch die Felſen; um einen von den Wogen umſpülten Vorſprung beugend, ſtehen wir plötzlich vor der weit geöffneten Halle der Fingals⸗ höhle. Bei ganz ruhigem Meeresſpiegel kann man in⸗ ——- N Viſ⸗ eovor⸗ lichen o gut n iſ, denen ent⸗ und uſern vvaler Fuß ſechs⸗ rmit An lt des t und Der 3 und 1oder mehr tlichen deſto en dus m Ge⸗ rün⸗ rina ſtehen ingalb⸗ ran in⸗ 313— deſſen ganz bequem in einem Kahne in die Höhle ein— fahren und an den Seiten auf abgebrochenen Säulen in den Hintergrund derſelben gelangen. Seit dem Jahre 1772 durch Joſeph Banks bekannt, iſt dieſe Höhle durch eine Menge von Beſchreibungen und Abbildungen eine der bekannteſten Naturmerkwür⸗ digkeiten geworden. Von den Bewohnern der umliegen⸗ den Inſeln wird dieſelbe Naimh-bim oder Muſikhöhle genannt, weil die bei ſtürmiſchem Wetter in die Oeff⸗ nung dringende Brandung wunderbar tönende Echo's in ihrem Innern hervorbringt. Sie bildet beim Ein⸗ gange einen großartigen, 70 Fuß hohen, gewölbten, ſich allmählich gegen den Hintergrund herabſenkenden Bogen. Die Länge der Halle beträgt 230 Fuß. Die aus ſenk⸗ rechten Säulen beſtehenden Seitenwände, die durch ein ſteinernes Gebälk gebildete Decke, an welchen an vielen Stellen auch Tropfſteine hängen, die Contraſte des Lichts, welches von der Oberfläche des das Innere er⸗ füllenden Waſſers verſchiedenartig gebrochen wird, Alles dieſes macht einen großartigen und eigenthümlichen Effekt. Wenn aber erſt, ſagt Mac Culloch, die tobenden Stürme jenes nördlichen Klima's in die Höhle dringen und die Wogen gegen die Seitenwände ſchlagen, an ihnen ſich brechen, und das Toben ihrer Brandung mit 3 Die Fingalshöhle. verdoppelter Stärke von der Decke wiederhallt, dann bietet ſich dem Auge ein Schauſpiel dar, deſſen Pracht ſchwer zu beſchreiben iſt. Wenn aber auch die Höhle die eigenthümliche Ordnung und Symetrie, ſowie den Reichthum entbehrte, welchen ihr die vielen, Großartig⸗ keit der Verhältniſſe mit Einfachheit des Styls verbin⸗ denden, einzelnen Theile verleihen, ſo müßte doch ihre bedeutende Länge, das Halbdunkel, welches die wech⸗ ſelnden verſchiedenartigen Wirkungen des reflektirten Lichtes theilweiſe verbirgt, das ſteigende und ſchwin- dende Echo der taktmäßig erfolgenden Brandung, das durchſcheinende Grün des Waſſers und die völlige und zauberhafte Einſamkeit der ganzen Scene einen tiefen Eindruck auf jedes Gemüth machen, welches Sinn für Schönheit der Kunſt oder Natur beſitzt. Der Beſucher fühlt ſich durch die Majeſtät des Ortes von frommem, ehrfurchtsvollem Schauer ergriffen, und ſchon manche Reiſegeſellſchaft brach hier unwillkürlich in einen jener alten Choräle aus, welche allein würdig ſind, durch die Felſenhallen dieſes Baſaltdomes wiederzuhallen. C. K. Erüffeln. Die Trüffeln wachſen in einer Art Halbkreis un⸗ gefähr wie die Pilze und finden ſich hauptſächlich in jungen Eichenpflanzungen hart unter der Oberfläche des Bodens. In Touraine und beſonders in der Gegend von Arc⸗en⸗Barrois kommen ſie am Fuße von Föh⸗ ren und ſelbſt in Gärten vor. In der Haute Marne bedienen ſich die Trüffeljäger kleiner, hiezu dreſſirter Hunde zum Aufſuchen derſelben, im Süden einer beſondern Ferkelrace. Die Hunde erzieht man damit, daß man Feierſtunden. 1863. unter dem Boden in einem Holzſchuh, der mit Erde angefüllt iſt, ein Stück Trüffel und ein Stück Speck verſteckt. Der Geruch des letztern zieht ſie an, und ſo ſcharren ſie den Boden auf, um den Speck zu er⸗ halten. Allmählig fließt bei ihnen die doppelte Witte⸗ rung in einander über, und die von Trüffeln erregt bei ihnen den Gedanken an Speck und ſie ſcharren in der Erde. Entdecken ſie eine Trüffellage, ſo erhalten ſie ein Stückchen Brod. Der Preis eines gut dreſſirten 40 Hundes beträgt 100 Fr. Jagdhunde werden niemals abgerichtet, da ihr Inſtinkt ſie auf Wild, ſtatt auf Trüffeln leiten würde. Wittert der Hund eine Trüf⸗- Der Jäger gräbt fel, ſo macht er Halt und ſcharrt. dann mit einer Hacke nach und hebt aus dem Halb⸗ kreis⸗Bette die Trüffeln heraus. Iſt er damit fertig, ſo ſtürzt er den Boden um und räumt alles Unkraut Sä hinweg— eine Operation, die man Trüffel⸗Säen nennt. Im Süden, namentlich in der gebirgigen Nachbarſchaft von Groſſe, gibt es eine Menge Trüffeln - 314— V am Fuße der Eichen, und hier bedient man ſich einer Race von ausnehmend mageren, ſchmächtigen Ferkeln, Jagdferkel genannt. Dieſe Thiere zeigen große Geſchick⸗ lichkeit im Aufſuchen der Trüffel, welchen ſie mit den Vorderfüßen und dem Rüſſel nachſpüren. Haben ſie einmal die Lage entdeckt, ſo überlaſſen ſie die Mühe des Grabens ihrem Herrn und erhalten zur Belohnung einige Eicheln, welche ſie viel höher als die Trüffeln ſchätzen. Pr. B. Ein Sommeraufenthalt. Vor mehreren Jahren fand man in den verſchie⸗ denen Londoner Zeitungen unter der Ueberſchrift Som⸗ merwohnungen folgende kurze Anzeige: Gegend etwa vierzig Meilen von London liegt, ſind Sommerwohnungen zu vermiethen. B. 7. Salisbury⸗Straße, City. werden portofrei erbeten.“ Während ich auf dem großen Blatte der Morning tenen Fähigkeiten und ſein anerkannt ehrenwerther Cha⸗ Chronicle dieſe Anzeige las und mich über die Kürze derſelben wunderte, fiel mir es wahrlich nicht ein, daß die ſchöne Gegend, deren erwähnt wird, unſere Gegend, und zwar unſer liebes kleines Dorf Aberleigh ſein ſollte, und daß die erſte Mietherin jener angezeigten Sommer⸗ wohnungen eine Dame ſein würde, deren Familie ich ſeit einer langen Reihe von Jahren gekannt hatte, und an deren Schickſal und Wohlergehen ich ganz beſonde⸗ res Intereſſe nahm. Upton⸗Hof war ein großes Rittergut, das in frühe⸗ Er ſtarb etwa ein Jahr nach Helene's Verheirathung, Zu erfragen A. Schriftliche Anfragen Geſpenſt von irgend gutem Geſchmack ſich behaglich fühlen muß. Aber jetzt ſollte kein Geſpenſt, ſondern eine blühende, : Li Frau Cameron, die Bewohnerin des „In einem geräumigen Landhauſe, das in ſchöner lunge Wittwe, Frau Co 3 In g g ndhauſe, ſchöner Schloſſes werden. Sie war die Tochter eines ſchotti⸗ ſchen Offiziers von guter Familie, der kränklich und arm die Hand ſeines eigenen Kindes mit Freuden einem alten Freunde und Landsmanne gab. Die Wohlhaben⸗ heit und hohe Stellung deſſelben im Staate, ſeine ſel⸗ rakter ſchienen dem Vater Eigenſchaften und Vortheile, ren Zeiten einer katholiſchen Adelsfamilie angehört hatte, die theils verarmt, theils ausgeſtorben war. Jetzt bewohnte ein armer Pächter das herrſchaftliche Gebäude, der, um nur ſeine Miethe zahlen zu können, mehrere Zimmer einem Tapezier des benachbarten Bel⸗ ford abgetreten hatte. Dieſer möblirte ſie in der Ab⸗ ſicht, ſie für den Sommer zu vermiethen, worauf ſich die erwähnte Anzeige bezieht. Man kann nicht leicht eine ſchönere Lage als die von Upton finden, das einen Berggipfel krönt und hinunterblickt auf ein fruchtbares liebliches Thal, wel⸗ ches reich bewachſene Hügel umkränzen. Eine pracht⸗ volle Allee der edelſten, mächtigſten Eichen führt von Belford nach Upton und ein klarer Quell, der von dem Hügel in anmuthigen Sprüngen ſeinen Weg in's Thal ſucht, um dann voelſaftigſt Wieſen zu durch⸗ ſchneiden, vermehrt das reizende Bild. Rechts blickt ein kleines, ganz mit Wein umzogenes Häuschen ſcheu aus den Bäumen hervor, während ſich in der Ferne die maleriſchen Formen des Schloſſes abzeichnen, mit ſeiner alten Säulenhalle, ſeinen großen Fenſtern und ſeinen hohen vielen Schornſteinen, in denen die Doh⸗ len ihr Weſen treiben, wie die Eulen in dem Epheu, der die Mauern dicht überzieht, und die Ratzen und Mäuſe hinter den Panelen der Säle und Zimmer. Kein verfallenes Ritterſchloß im Harz, keine Ruine am Rhein können geeignetere Orte für Geſpenſter und Er⸗ ſcheinungen ſein, als dieſes Gebäude, worin jedes welche die Ungleichheit des Alters und der äußeren Er⸗ ſcheinung vollſtändig aufwogen. Die Braut war ein ſchönes Mädchen von ſiebenzehn Jahren, der Bräuti⸗ gam häßlich und ſiebenundfünfzig Jahre alt. Dennoch hatte ſich der Vater in der Wahl für ſeine Tochter nicht getäuſcht und hatte die Freude, die ſtets wach⸗ ſende Zuneigung und Dankbarkeit ſeines Kindes für ihren gütigen, nachſichtigen Gatten noch zu erleben. und Herr Cameron überlebte ihn nicht lange. Ehe die ſchöne Helene Cameron ihr neunzehntes Jahr erreicht hatte, war ſie Wittwe und Mutter eines ſchönen Kna⸗ ben, dem ſie nach dem Teſtamente ihres Mannes allein zum Vormund beſtimmt war. Herr Cameron hatte ſeiner Wittwe einen reichen Jahrgehalt hinterlaſſen mit der Bedingung, ſich nicht wieder zu verheirathen. Das iſt die Geſchichte unſerer jungen Wittwe, die aus der Stadt mit ihren einförmigen Häuſern ſich hinaus⸗ ſehnte auf's Land. Sie ſchmachtete nach friſcher Luft und grünen Bäumen, und gleichmäßig angezogen durch die maleriſche Gegend von Upton und den Wunſch, der einzigen Freundin ihrer verſtorbenen Mutter nahe zu ſein, miethete ſie für den Sommer eine der neu möb⸗ lirten Wohnungen des Schloſſes, die ſie im grünenden, blühenden Monat April bezog. Was uns betrifft, ſo ſahen wir ihrem Kommen mit größtem Intereſſe entgegen. Mir war es, als hätte ich erſt geſtern ihren Dankbrief für ein Mähr⸗ chen erhalten, der ſicherlich nicht von der Schreiberin entworfen, und in gewaltigen Buchſtaben zwiſchen dop⸗ pelten Linien geſchrieben war, während in ausgeſchrie⸗ bener Hand kleine orthographiſche Fehler, ſo gut als möglich korrigirt, ſich erkennen ließen. Dieſem erſten 1 Verſuche folgten ſpäter unter der Mutter Briefe Nach⸗ ſchriften auf einfacher Linie geſchrieben, in denen von Katzen, Kaninchen und Tauben erzählt wurde, die das kindliche Mädchen ganz in Anſpruch nahmen und auf ihr als nich Mo wal der einer rkeln, ſchik⸗ t den en ſie Mühe nung fffeln —— - 315— ihre Weiſe beglückten. So behielt ich die Empfindung, als ob Helene Graham die Kinderſchuhe ſelbſt noch nicht ausgezogen habe, und doch hatte ſie nun, nur eine Meile von uns, ſelbſtſtändig ein Logis gemiethet, und war bereits Wittwe und Mutter geworden. Jede Correſpondenz mit Helene hatte ſeit dem Tode der Frau Graham aufgehört. Damals war Helene zehn Jahre alt geweſen, und obgleich ich bei kurzen Ausflügen nach London zweimal während ihrer Ver⸗ heirathung ſie aufgeſucht hatte und dieſe Beſuche pünkt⸗ lich erwiedert wurden, ſo hatte der Zufall es doch ſo traurig gefügt, wie das leicht geſchieht in großen Städ⸗ ten, daß wir uns immer gegenſeitig verfehlten. Wir hatten uns alſo ſeit all' den Jahren nicht wieder ge⸗ ſehen und meine Phantaſie arbeitete um ſo lebhafter, ſich das Bild der jungen Wittwe vorzuſtellen, in der ich das Bild der verlorenen Freundin wiederzufinden hoffte. Aber keine größeren Gegenſätze konnte es in der Welt geben, als in dieſem Falle zwiſchen Mutter und Tochter. Ich hatte mir eine blonde, träumeriſche, ver⸗ geiſtigte Schönheit als meine Freundin vorgeſtellt, und vor mir ſtand ein volles, roſiges, heiter reizendes Geſchöpf, ein Bild der Jugend und Geſundheit, mit hellbraunen, vor Vergnügen ſtrahlenden Augen, mit den lieblichſten Grübchen in Wange und Stirne, präch⸗ tig rothen Lippen und ſeidenweichen, kaſtanienbraunen Locken. Wir bemerkten bald, daß die äußere Erſcheinung das Spiegelbild ihres inneren Weſens ſei. Denn ihr lachender Ausdruck und ihre große Anmuth fanden in dem heiterſten Temperament, in einer offenherzigen Seele ihren eigentlichen Urſprung. Mit einem Worte, Helene Cameron verdankte ihre Schönheit ihrem edeln Herzen, ihrem empfänglichen, lebhaften und feinen Gefühl. Ihr kleiner anderthalbjähriger Knabe, der kurz vor des Vaters Tode geboren war und den ſie leidenſchaft⸗ lich liebte, ſchien ein kleiner Hercules an Stärke und Ebenmaß der Formen, und ich gebrauchte den gewöhn⸗ haben,“ hier aus voller Ueberzeugung und nicht nur der Mutter zu liebe, wie es meiſt geſchieht. Wir ſahen uns faſt täglich. Frau Cameron wurde es nicht müde, in der ſchönen Gegend mit ihrem Ponny herumzufahren, und verſäumte es nie, bei uns vor zu ſprechen, die wir faſt ihre einzigen und älteſten Freunde waren. Denn obgleich lebhaft und geſellig war ſie doch ſchüchtern und vermied eher die Geſellſchaft Frem⸗ der, als daß ſie ſie ſuchte. Emſig wie eine Biene und luſtig und beweglich wie ein Schmetterling verbrachte ſie die meiſte Zeit des Tages im Freien, und da ich ſie in der Leidenſchaft für Blumenzucht angeſteckt hatte, — eine der anſteckendſten Leidenſchaften,— unternahm ſie es wirklich, dem alten Schloßgarten, der ein Ge⸗ miſch von Dorngebüſchen, Diſteln und Unkraut jeder Art darbot, das Anſehen eines Gartens zu geben. Der Pächter hatte die Arbeit in Verzweiflung aufgegeben und begnügte ſich, in einen Theil des Gartens Kohl und Erdäpfel zu ſetzen. Aber die kleine Frau ver⸗ ſicherte feſt, daß ſie und ihr Dienſtmädchen Martha und ihr Burſche Wilhelm, dem ſie das Wohl ihres Ponny's anvertraute, die Wege bald gegätet und die Blumenbeete mit Pflanzen angefüllt haben würden. Wir ſollten nur ein wenig warten und unſern Garten lichen Ausdruck,„nie ein ſchöneres Kind geſehen zu und unſern Ruf in Bezug auf denſelben im Auge be⸗ halten, denn ſie beabſichtige meine Rivalin zu werden. Wie weit Helene mit ihren Hilfstruppen, einem einfältigen Burſchen, der kein Veilchen von einer Neſ⸗ ſel zu unterſcheiden im Stande war, und ihrem ſtädti— ſchen Mädchen, die noch kaum einen Roſenſtrauch ge— ſehen hatte, gekommen wäre, iſt leicht vorauszuſagen. Indeſſen kam der Zufall, der oft kühne Unternehmun⸗ gen unterſtützt, in der Form eines tüchtigen Bundes⸗ genoſſen ihr zu Hilfe. Eines Abends ſpät beſuchte uns die ſchöne Helene, und wir bemerkten ungewöhnlichen Ernſt in ihren Zügen.„Ihre Wirthin, begann ſie, habe ihr übel mit⸗ geſpielt. Sie, Helene, habe im weſtlichen Flügel des Schloſſes ihre Zimmer genommen, ohne eine Ahnung zu haben, daß noch andere Wohnungen dort zu ver⸗ miethen ſeien, die ſie ſonſt auch gemiethet haben würde. Und nun ſei der neue Miether angekommen und habe ſich ſchon in zwei Zimmern häuslich niedergelaſſen. Und Martha, die ihn geſehen, ſage, daß es ein jun⸗ ger und ein ſchöner Mann ſei, und dazu nun ich eine junge Frau, ganz allein und ohne Schutz! Das iſt doch unangenehm, mehr als ſehr unangenehm. Iſt es denn nicht wirklich fatal, und was ſoll ich nun thun?“ fragte ſie. Daß an jenem Abend nichts mehr zu thun mög⸗ lich ſei, ſtand feſt. Wir lobten aber ihre Beſorgniß, verſprachen, den nächſten Tag zu ihr zu kommen, und falls nöthig, mit dem neuen Miether zu ſprechen, der vielleicht kein ſo gefährliches Individuum ſein möge. Befreit durch die Mittheilung ihrer Skrupel, fuhr ſie heiter wie ſonſt zu ihrem lieben Jungen nach Hauſe. Früh am andern Morgen erſchien Helene ſchon wieder.„Sie wolle um keinen Preis den neuen Mie⸗ ther incommodirt wiſſen! Er ſei ein Pole. Gewiß einer von jenen unglücklich Verbannten. Er habe der Wirthin erzählt, daß er ein polniſcher Edelmann ſei, der gute, geſunde Luft, billigen Aufenthalt und Zurück— gezogenheit ſuche. Alſo ohne allen Zweifel ein armer Flüchtling. Er ſehe ernſt, bleich, gedankenvoll, kurz ganz wie ein Romanheld aus. Außerdem ſei er der⸗ ſelbe Herr, der etwa vor einer Woche, als ihr Ponny vor des Bäckers Wagen ſcheute, und ſie und Wilhelm ſich ſchon im Abgrunde liegen ſahen, in die Zügel griff und den Ponny aufhielt. Wilhelm hatte alle Herrſchaft über das Thier verloren, und was ohne des Fremden Geiſtesgegenwart geworden wäre, daran wolle ſie gar nicht denken. Ich müſſe mich doch erinnern, davon gehört zu haben. Und von alledem abgeſehen ſei der Fremde ein Unglücklicher, ein Armer, ein Ver⸗ bannter! Nicht für die Welt wolle ſie ihm den Zu⸗ fluchtsort rauben, den er ſich gewählt habe. Nein, nicht für alle meine Pelargonien!“ Ein Ausdruck, der im Munde eines Blumenliebhabers und beſonders wenn dieſer Blumenliebhaber ein Enthuſiaſt und obenein eine Frau iſt, ſicherlich eine Steigerung in ſich ſchließt. Denn was iſt ihm das Bischen modrige, ſtaubige, dumpſige Erde, Welt genannt, gegen ein Beet blühen⸗ der, ſelbſtgezogener Blumen? Und da wir, als Helene uns endlich einige Fragen zu thun geſtattete, erfuhren, daß Herr v. Choynowsky — ſo nannte er ſich— von einem achtbaren Hauſe in London einen Empfehlungsbrief an uns mitgebracht V habe, und daß er, allem Anſcheine nach, wirklich einer jener unglücklichen Flüchtlinge ſei, ſo ſtimmte mein 40* - 316— Gatte nicht nur darin überein, daß es grauſam ſein würde, ihn aus ſeiner neuen Heimath zu verbannen, ſondern war feſt entſchloſſen, ihm jede Aufmerkſamkeit und Rückſicht zu gewähren, ſoweit unſere ſchwachen Kräfte es geſtatteten. Mein Mann hatte ihn, nicht bei ſeiner erſten Vi⸗ ſite, aber einige Tage ſpäter, mit einer Hacke in der Hand beſchäftigt, gefunden, Dornengebüſche und wilde Roſenſträuche mit großer Energie abzuhauen. ihn zum erſtenmale in einer weniger romantiſchen Po⸗ ſition, denn ich traf ihn nämlich bei einem Bürger in Belford, dem er behilflich war, einen Ofen in deſſen Kinderſtube aufzuſtellen. Frau Cameron, im Allgemeinen ſehr zufrieden mit ihrer Sommerwohnung, hatte nur die eine Klage, daß ihr Wohnzimmer voll Rauch ſei, ſobald ſie Kamin⸗ feuer mache. Wir wiſſen nun Alle nur zu wohl, daß, wenn die beiden Gegner Rauch und Wind einmal an⸗ fangen, in einem großen offenen Schornſtein Krieg zu führen, der unſichtbare Gegner mit ziemlicher Gewiß⸗ heit der Held des Tages wird und ſeinen Feind knech⸗ tet, bis dieſer ihm das Feld räumend in den Zim⸗ mern Zuflucht ſucht. Herr Choynowsky, der nicht nur mit Wilhelm und Martha, ſondern jetzt auch bereits mit deren ſchöner Herrin eine Gartenbekanntſchaft an⸗ geknüpft hatte, begegnete ihr eines Morgens, als ſie gerade aus Verzweiflung über den Rauch ihr Zimmer verlaſſen hatte, und im Verdruß darüber den Wind nicht beachtete, der in ihren herrlichen Locken ſpielte. Herr Choynowsky empfahl ihr ſtatt des Kamins einen Ofen, wie ſie auf dem Continent üblich ſind, und ging ſofort ſelbſt nach Belford, um den Ofen, den er bei dem Eiſenhändler vorzufinden hoffte, für ſie an⸗ zukaufen. Und man war gerade beſchäftigt, denſelben aufzuſtellen, als ich bei Helene vorſprach. Ich hätte Herrn Choynowsky kaum in einer Lage finden können, die geeigneter geweſen wäre, ſeine In⸗ telligenz, ſeine Liebenswürdigkeit, ſein vornehmes und freundliches Weſen auf einmal kennen zu lernen. Die Art, wie er mit den Handwerkern umging, kleine Feh⸗ ler rügte und angab, wie ſie am ſchnellſten zu beſei— tigen ſeien, wie er dann in vollkommen gutem Engliſch, nur mit etwas fremdem Accent, auseinanderſetzte, weß⸗ halb die Konſtruktion des Ofens, die den Handwerkern nicht ganz richtig erſchien, gerade ſo und nicht anders ſein könne, zeigte von großer Einſicht und von noch größerer Geduld und Güte, die mehr werth ſind, als alle Talente. Er war groß, elegant in ſeinen Bewegungen und überhaupt eine edle Erſcheinung. Aus ſeinen dunkeln Augen leuchtete Geiſt und ſeinen Mund verſchönte ein Zug der feinſten Grazie. Intereſſe, das er unwillkürlich einflößte. Er ſprach nie von ſeiner Vergangenheit oder ſeinen künftigen Aus⸗ ſichten, vermied jede Unterhaltung über Politik, und nur ſelten konnte man ihn dahin bringen, über das Leben und die Sitten auf dem Continent ſich zu äußern. Ueber jeden andern Gegenſtand, gleichviel ob über Literatur oder Kunſt, ſprach er offen und frei. Er hatte ein ganz ſeltenes Talent für Sprachen, das den Polen meiſt eigen ſein ſoll, und beſaß außerdem ein ſo umfangreiches Wiſſen, wie es mir nie wieder vor⸗ Ich ſah nerin gefaßt hatte. Sein Benehmen war ein- fach und freundlich und eine gewiſſe Zurückhaltung ver⸗ mehrte, unter den gegebenen Verhältniſſen, noch das gekommen iſt. Leider mußte er hier ſeine Tage, ab⸗ geſchloſſen von der Welt, auf einem einſamen Dorfe im fremden Lande verbringen! Was aus ihm werden ſollte, wenn ſeine augenſcheinlich geringen Mittel er⸗ ſchöpft ſein würden, war für mich ein trauriger Ge⸗ danke, und um ſo trauriger, da die Aufſchrift eines Couverts uns zufällig ſeinen wirklichen Rang verrathen hatte. Sie hieß: An den Grafen v. Choynowsky, und war als ein Zeichen in einem Buche zurückgeblieben. Aber wir bedurften kaum dieſer Beſtätigung, denn ſeine ganze Erſcheinung, ſeine edle Anſchauungsweiſe ſagten uns ſtündlich, daß wir einen Mann der vornehmen Welt vor uns hätten. Was ſollte aus ihm werden? In Kurzem entdeckten wir, daß noch von anderer Seite ihm Unruhe und wohl auch Leid drohe. Ob⸗ gleich er ſowohl in ſeinen Worten als in ſeinem Be⸗ nehmen höchſt vorſichtig war, zeigte doch jeder Blick die tiefe Neigung, die er für ſeine reizende Mitbewoh⸗ Ihre Wünſche waren ihm Befehle. Das ſtündliche Intereſſe, welches er ihrem kleinen Knaben ſchenkte, verrieth bei einem ſo jungen Manne, wie ſehr er deſſen Mama lieben müſſe; und der Gar⸗ ten, der Schloßgarten, der wie geſagt allen Wucher⸗ pflanzen anheimgefallen war, gewann unter ſeiner Lei⸗ tung und Mithilfe bald ein gar ſtattliches und üppi⸗ ges Anſehen. Es ſchien nicht mehr unmöglich, daß Helenen's ſcherzhaftes Prahlen ſich verwirkliche und ihr Blumenflor dem meinigen in der That den Rang ſtrei⸗ tig mache. Jeder Gedanke des Grafen Choynowsky fand ein lautes Echo in Helenen's Seele; und wir ſahen mit Beſorgniß, daß ſie mit jedem Tage empfänglicher für ſeine Aufmerkſamkeiten wurde, und daß Alles, was irgend Bezug auf ſein Vaterland hatte, mehr und mehr ihr volles Intereſſe gewann. Sie ließ ſich aus Lon⸗ don alle möglichen Bücher über Polen kommen, und beſtellte alle Zeitungen, welche die intereſſanten, aber troſtloſen Zuſtände Polens am detalllirteſten verfolgten. Und ſie, die unter den konſervativſten Perſonen auf⸗ gewachſen war, die wir ſcherzhaft die kleine Reaktion nannten, wurde plötzlich nicht nur liberal, ſondern radikal und ſelbſt republikaniſch geſinnt. Sie erklärte den Kaiſer Nicolaus für einen Tyrannen, ſprach von den Ruſſen als einer Nation Wilder, und obgleich der polniſche Flüchtling mit augenſcheinlichem Unbehagen jeder Art von Geſprächen über ſein ſchwer gedrücktes Vaterland auswich(er ſelbſt nahm nie Theil an der— artigen Diskuſſionen), ſo verſäumte Helene doch keine paſſende Gelegenheit, mit Eifer und wahrem Feuer über die Grauſamkeit und Schlechtigkeit des Unter⸗ drückers der polniſchen Nation herzufallen. Ess war klar, daß die Ruhe Beider mindeſtens in Gefahr ſtand, wenn nicht ſchon verloren war, und wahrer Freundſchaft die traurige Pflicht obliege, ſie aus dieſem unſeligen Traume zu wecken. Wir hatten an einem ſchönen, ſonnigen Tage eine Excurſion nach den Bergen von Cverley gemacht. Helene, ſtets leicht erregbar, wurde durch den Anblick der farbigen Heidekräuter, die gerade in vollſter Blüthe ſtanden, ſo lebhaft an ihr Vaterland erinnert, daß ſie vollſtändig in Extaſe gerieth, und der Graf, ſonſt ge⸗ wöhnlich vollkommen Herr ſeiner ſelbſt, hatte ſich durch den aromatiſchen Geruch der Nadelhölzer, die ihn an die duftenden Wälder ſeines Vaterlandes erinnerten, zu ähnlicher Stimmung fortreißen laſſen. Die gemeinſame —— ————— Fre leid nun ſen See den zu) ben von und wu⸗ leinen anne, Gar⸗ ucher⸗ rLei⸗ üppi⸗ „daß d ihr ſtrei⸗ d ein m mit r für was mehr Lon⸗ und aber lgten. auf⸗ — - 317— Freude wurde ein neues Band für zwei Weſen, die leider nur zu geiſtesverwandt waren, und ich beſchloß, nun nicht länger zu zögern, und dem Grafen, in deſ⸗ ſen Ehrenhaftigkeit ich volles Vertrauen ſetzte, den Seelenzuſtand unſerer ſchönen Freundin zu offenbaren. Ich bat ihn daher, als wir heimkehrten, mit uns den Thee zu trinken,— wir hatten im Walde früh zu Mittag geſpeist,— während Helene zu ihrem Kna— ben nach Hauſe fuhr. Ich leitete die Unterhaltung von einem Gegenſtande zum andern, bis wir auf Tod und Sterben zu ſprechen kamen, wobei ich der oft wunderlichen Teſtamente mancher Menſchen erwähnte, und zum Belege das eigentlich harte Teſtament des Herrn Cameron anführte, welches— wie bereits er⸗ wähnt— Helenen nur unter der Bedingung, daß ſie keine zweite Ehe eingehe, den Genuß der bedeutenden jährlichen Rente zuerkenne. „Und wird ſie durch eine Wiederverheirathung,“ fragte der Graf,„auch der Vormundſchaft über das Kind entſetzt?“ „Nein, das nicht. Da aber ihre Rente für ſie mit dem Tage ihrer Wiederverheirathung aufhört, und die Zinſen dann jährlich zu dem Kapital gelegt werden ſollen, bis der Knabe großjährig iſt, ſo würde ſie durch Eingehung einer zweiten Ehe mit einem unbemittelten Manne dem Kinde großes Unrecht thun, indem ſie ihm nicht die Erziehung geben könnte, die ihm von rechts⸗ wegen zukommt. Es iſt eine traurige Beſchränkung, ja ein entſetzlicher Zwang, der der armen jungen Frau dadurch auferlegt iſt.“ Er antwortete nicht, war augenſcheinlich mit ern⸗ ſten Gedanken beſchäftigt, und nachdem er mehrmals verſucht hatte, ſich wieder in die Unterhaltung zu miſchen, empfahl er ſich bald. Wir hörten am folgenden Tage, daß er Upton ver⸗ laſſen habe und nach Oxford gegangen ſei. Ich hoffte, daß er die Gefahr erkannt habe, in der er und die ſchöne Helene ſchwebten, und deßhalb abgereist ſei. Indeſſen hatte ich mich getäuſcht. Nach drei Tagen kehrte er wieder zurück, und zeigte weniger Selbſtbeherr⸗ ſchung als zuvor. Nun wandte ich mich an Helene und rief ihr gelegentlich das harte Teſtament ihres ver⸗ ſtorbenen Gatten in's Gedächtniß, in der Abſicht, ſie dadurch zu warnen und vielleicht zu einer ſchnellen Ab⸗ reiſe zu veranlaſſen. Sie ging aber ebenſowenig auf meinen leiſe angedeuteten Rath ein, als früher der Graf, und da noch mehrfach wiederholte Vorſtellungen ſich keines beſſeren Erfolgs zu rühmen hatten, ſo blieb mir nichts weiter übrig, als die Sache ihren natür⸗ lichen Gang gehen zu laſſen. Zuweilen zürnte ich Beiden, zuweilen bedauerte ich ſie herzlich. Aber ich konnte doch nichts für ſie thun, weil ich kein Recht hatte, ihnen mehr als rathend zur Seite zu ſtehen. So vergingen mehrere Wochen, als eines Morgens Helene in liebenswürdigſter Erregung zu mir kam, und mir verlegen, aber mit freudeſtrahlendem Ausdrucke erzählte: „Er liebt mich, und er hat mir geſtanden, daß er mich liebt.“ „Und weiter?“ fragte ich. „Ich habe ihn an Sie, liebſte, beſte Freundin ge⸗ wieſen. Das Teſtament—“ „Das kennt er.“ Und ich erzählte ihr Alles, was an jenem Abend geſprochen worden war. A .. „Er kennt es und wünſcht mich dennoch zur Frau zu haben! Er liebt mich um meiner ſelbſt willen! Liebt mich, obgleich er weiß, daß ich bettelarm bin, ſobald ich ſein Weib werde! Das iſt wahre, reine, ſelbſtloſe Liebe!“ „Ohne Zweifel iſt es das. Liebe leben könntet—“ „Ach, aber wo Liebe exiſtirt und Jugend und Ge⸗ ſundheit und eine gute Erziehung obenein, da kann man doch zufrieden ſein, und wir können ja gemeinſchaftlich arbeiten! Welche Seligkeit liegt nicht in dem Worte gemeinſchaftlich mit ihm! Ich könnte Stunden geben; ja, ja, glauben Sie nur, das kann ich. Ich würde im Zeichnen, in der Muſik und im Tanzen unterrich— ten. Nichts in der Welt würde mir zu ſchwer fallen für ihn! Oder wir könnten ein Penſionat begründen, hier in Upton, oder wo Choynowsky ſonſt will, mit ihm bin ich glücklich auf jedem Fleck der Erde.“ „Und ſoll ich ihm das Alles wieder ſagen?“ „Nicht die Worte,“ rief ſie, wie eine Roſe über die Wärme ihres Ausdrucks erröthend.„Nicht gerade dieſelben Worte.“ Natürlich dauerte es nicht lange, bis der Graf mich aufſuchte. „Gott ſegne die edle, großmüthige Seele!“ rief er, als ich meinen Auftrag ausgeführt hatte, und„Gott ſegne ſie,“ wiederholte er mehrmals, wie zu ſich ſelbſt ſprecheud. „Und Sie, Herr Choynowsky, beabſichtigen Hele⸗ nen's Anerbieten anzunehmen, und gemeinſam mit ihr ein Penſionat zu errichten?“ fragte ich, unmuthig in dem Gedanken, daß er ein ſolches Opfer nicht ſofort ablehnte.„Sie denken im Ernſte daran, im Schloſſe mit Helene ein Penſionat für Mädchen zu etabliren?“ „Ich gedenke, Helenen's Zuſage beſtimmt anzuneh⸗ men,“ erwiederte er ſehr ruhig.„Aber wie kommen Sie nur zu der Vorſtellung, meine werthe Freundin, daß Helene für ihren Unterhalt ſelbſt zu ſorgen haben wird, wenn ſie ſich mir zum Weibe gibt? Wenn ich Ihnen nun erzähle,“ fuhr er freundlich lächelnd fort, „daß mein Vater einer der reichſten Edelleute in Polen und ein Freund Kaiſer Alexanders war; daß Kaiſer Nicolaus mir dieſelbe Zuneigung ſchenkt, mit der ſein Bruder meinen Vater beehrte? Und darf ich hoffen, Sie mir geneigter zu finden, wenn ich ferner bekenne, daß ich auf einer Erholungsreiſe zufällig dieſes liebliche Thal paſſirte, Helene ſah und nicht Ruhe fand, bis ich ſie näher kennen lernte? Wollen Sie mir die Täu⸗ ſchung vergeben, die ich theils ſelbſt hervorgerufen, theils durch Schweigen in Ihnen und Helenen verſtärkt habe? Ach, wenn Sie ahnten, welch' ein ſeliges Ge⸗ fühl es für einen Mann iſt, wenigſtens einmal im Leben um ſeiner Selbſt willen geliebt zu werden, Sie könnten mir nicht zürnen. Jahre und Jahre lang hat das demüthigende Bewußtſein auf mir gelaſtet, daß meine Stellung und mein Reichthum es ſind, welche die Gunſt und das Entgegenkommen der Geſellſchaft mir erwarben. Gönnen Sie es mir, nun ſo reich be⸗ lohnt zu werden für jenes Leid!— Und da jch jetzt endlich die kaiſerliche Einwilligung meiner Verheirathung mit einer Ausländerin erhalten habe, bleibt mir nur die Beſorgniß,“ fügte er mit ernſtem Ausdrucke hinzu, „ob Helene ſich auch mit meinem erhabenen Herrn und Freunde ausſöhnen werde? Oder glauben Sie, daß Und wenn ihr von ſie eine Rebellin bleiben wird in Bezug auf Rußland?“ Ich mußte hell lachen über dieſe mit ſo viel Ernſt vorgelegte Frage. „Lieber Graf, ich bin natürlich außer Stande, Ihnen mit Beſtimmtheit ſagen zu können, welche Wendung dieſe politiſche Angelegenheit nehmen mag; aber nach meiner Anſicht wird Helene, die aus keinem andern Grunde der Welt, als dem Intereſſe für Sie von dem Lager der Konſervativen zu den Radikalen übergegangen war, nun auch wieder aus Liebe zu Ihnen einen möglichſt ſchnellen Rückzug antreten. Die Poli⸗ tik der Frauen und beſonders der jungen Frauen iſt — 318— gewöhnlich viel mehr Sache des Gefühls als des Ver⸗ ſtandes, und ich glaube, daß wir gerade in unſerer ſchönen Freundin ein entſchiedenes Beiſpiel für dieſe Behauptung finden. Wenn Sie indeß meine Meinung bezweifeln, ſo wird es am ſicherſten ſein, ſich an die Rebellin ſelbſt zu wenden. Dort ſitzt ſie in der Laube. Gehen Sie zu ihr und befragen Sie ſie ſelbſt.“ Und kaum war mein Wort verhallt, als der Graf, ſtrahlend vor Glück, zu den Füßen ſeiner ſchönen Ge⸗ liebten Vergebung fand. . 8— d. Ein Ziftring. Vor einiger Zeit kaufte ein Fremder in einem Laden der Rue St. Honoré zu Paris einige Kunſtartikel. Darunter befand ſich ein Ring, und als er denſelben unterſuchte, bekam er von einem ſcharfen Theile deſſel— ben eine kleine Ritze in der Hand. Er ſetzte indeſſen ſein Geſpräch mit dem Kaufmann fort, als er plötz— lich eine unbeſchreibliche Empfindung über den ganzen Körper hatte, welche alle ſeine Kräfte zu lähmen ſchien, und er wurde bald ſo ernſtlich krank, daß man nach ärztlicher Hülfe ſandte. Doktor entdeckte alle Symptome einer Vergiftung durch eine mineraliſche Subſtanz. Er wandte ſtarke Gegengifte an, und der Kranke erholte ſich allmählig. Der Arzt, welcher lange in Venedig geweſen war, unterſuchte jetzt den Ring, Der und es fand ſich, daß es ein ſogenannter„Todring“ war, dergleichen man ſich in Italien bediente, als um die Mitte des 17. Jahrhunderts Vergiftungen häufig vorkamen. An der inneren Seite waren zwei Löwen⸗ krallen vom ſchärfſten Stahl angebracht, welche im Innern ein ſcharfes Gift enthielten. Wenn nun der Träger des Rings bei einer großen Volksmenge oder in einem Salon Rache an Jemand nehmen wollte, faßte er deſſen Hand, und beim Drücken derſelben verurſachte die ſcharfe Kralle ſicherlich eine leichte Ritze in der Haut. Dies war genug, denn am folgenden Morgen fand man das Opfer unfehlbar todt. Trotz⸗ der langen, ſeitdem verfloſſenen Zeit hatte das im Ringe befindliche Gift noch Kraft genug, um bei dem Käufer großes Uebelbefinden zu erzeugen. B. Die wilde Ente und ihre Lebensweiſe. U nzweifelhaft verzehren viele, und man könnte wohl ſagen, die meiſten Menſchen das wohlſchmeckende Fleiſch einer gebratenen wilden Ente, zu der ſie, um es noch pikanter zu machen, Citronen und Cayennepfeffer thun, ohne dem Thiere ſelbſt oder den tauſend Schwierigkei⸗ ten, den Nachtwachen und den geiſtvollen Einfällen einen einzigen Gedanken zuzuwenden, welche erforder⸗ lich ſind, ehe die wilde Ente gefangen, geſchlachtet und gebraten wird. Denn es ſind kluge und vorſichtige Vögel, die wilden Enten. Sie laſſen ſich nicht wie ihre Vettern, die zahmen Enten, herbeilocken und bei einer guten Mahlzeit von Gerſte einfangen, um ge⸗ ſchlachtet und vielleicht noch an demſelben Tage an der Tafel des Gutsherrn verzehrt zu werden. Sie ſagen: „Fangt mich, falls Ihr es könnt.“ Und Keiner weiß es beſſer, als die Enten-Jäger, wie die wilden Enten die Menſchen als ihre Feinde, ja als ihre raubgierigen Vertilger betrachten. Es iſt in der That merkwürdig, wie die wilden Enten in den letzten Jahren nicht nur ihre Zufluchts⸗ orte, ſondern auch ihre Gewohnheiten verändert und ſich inſtinktmäßig der Civiliſation accommodirt haben. Ich ſpreche jetzt ausſchließlich von England. Vor Jahren war längs unſerer Küſte kaum ein einziger Ort, wo der Fiſcher, der während der Sommermonate ſeine Netze auswarf und ſeinen Lebensunterhalt durch Fiſchen gewann, nicht auch im Winter einträgliche Beſchäfti⸗ gung durch die Vogeljagd gefunden hätte. Und je ſtren⸗ ger der Winter war, deſto häufiger brachte der Fiſcher Frau und Kindern Fleiſch nach Hauſe, das er auf dem Markte für den Ertrag der verkauften wilden En⸗ ten eingelöst hatte. Aber die Zeiten haben ſich geän⸗ dert. Jetzt, wenn es dunkel wird, ſchießen ihrer Fünf⸗ zig, wo ſonſt Einer zu ſchießen pflegte. Und manch' alter Jäger blickt mit betrübtem Auge auf ſein langes, treues Gewehr, das verroſtet und unbenutzt über dem Kamin ſeiner Hütte hängt, und erzählt von den guten, alten Zeiten, wo die Flinte in einer einzigen Nacht ſo viele Vögel herunterholte, daß ſein Boot durch die Laſt der reichen Beute faſt bis zur Fläche des Waſſerſpiegels ſank. Indeß haben beſſere Gewehre ſein altes, rieſiges⸗ Flintenrohr überflügelt, das bei jedesmaligem Abſchießen ihm die Schulter ſo arg ſtreifte, als ob es ein junges Füllen ſei, das muthig um ſich ſchlägt. Und ganze Flottillen kleiner, geräuſchloſer, ja faſt unſichtbarer „Enten⸗Boote“ ſind gebaut worden, welche eine große Anzahl von Gewehren aufnehmen können, die nach den ueueſten und erfolgreichſten Prinzipien ausſchließlich für die Entenjagd gefertigt ſind.. Wie die Enten früher nicht durch dieſe muſchelarti⸗ gen, keine den R chen! rauben Fortſe dem L nen n ſtörte mehſr Korn Geſch die Gere tellig tes offen Beo⸗ hing und irift und die —— —.———. 0, 5Ver⸗ mſerer dieſe einung an die Laube. Graf, l Ge⸗ is um fäufig zwen⸗ 2 im der oder voollte, ſelben Nitze enden Trotz 3 im dem — 319—— gen, lautloſen Boote geſtört wurden, ſo kamen auch keine feurigen Ungeheuer mit langem Schweif dampfen⸗ den Rauches, ſie aus ihren Schlupfwinkeln zu verſcheu— chen und ſie durch den Schreck aller Beſinnung zu be— rauben. Außerdem hat die Drainirung ſolch' rieſige Fortſchritte gemacht, daß die armen Enten, die vor dem Dampfſchiffe nach den Sümpfen fliehend, die ih⸗ nen noch im vergangenen Jahre eine ſichere und unge⸗ ſtörte Zufluchtsſtätte gewährt hatten, auch dort nicht mehr den erſehnten Sumpf, ſondern ein blühendes Kornfeld finden. Indeß ſorgt die Vorſehung für alle Geſchöpfe, und ſo gibt es auch noch viele Verſtecke, wo die wilden Enten ſtill und im Frieden leben können. Gerade in ſolchen Orten gewähren ſie ſowohl dem in⸗ telligenten Jäger wie dem Ornithologen ein intereſſan⸗ tes Studium. offenem Sinn und vieler Neigung ſich den ſorgſamſten Beobachtungen der Vögel und Thiere im Allgemeinen hingibt, verdanke ich den Bericht über die Lebensweiſe und die Gewohnheiten der wilden Enten. Es gibt kaum etwas Eigenthümlicheres, als einen iriſchen See, der von allen Seiten von dichtem Schilf und andern Sumpfpflanzen eingeſchloſſen iſt, in denen die wilden Enten ſich völlig ungeſtört wiſſen, und deß⸗ halb auch hier vorzugsweiſe in voller, freier Natürlich⸗ lichkeit ſich zeigen. Schleiche dich leiſe an das Waſſer heran und du wirſt die Enten ſanft über dem See hin gleiten ſehen, aber immer über Schußweite von dem Ufer entfernt (ſ. Abbildung). Anſcheinend könnte man ſie für träge und läſſig halten, nur dem freudigen Gefühl bewußter Sicherheit lebend. Aber warte, bis der Abend heran⸗ kommt, und dir wird ein intereſſanter Anblick werden. Sobald die Sonne untergeht und Dunkelheit ſich über die Waldung breitet, werden die Enten unruhig, denn es naht die Zeit, in der ſie ihren Abendflug beginnen. Wenn es ſo dunkel iſt, daß du, lieber Leſer, die Gegen⸗ ſtände nicht mehr deutlich zu unterſcheiden vermagſt, findet große Bewegung und Lebhaftigkeit unter den Enten ſtatt. Sie erheben ein Geſchrei, durch welches ſie einander zurufen, und hier und dort, ja von allen Seiten nimmt man Geräuſch und Verwirrung wahr. Endlich erheben ſich ein oder zwei Paare aus dem Waſſer, laſſen ihren lauten Ruf zum Aufbruch er⸗ ſchallen, und ſchnell folgen die Andern ihrem Beiſpiele. Wie ein Schwarm rieſiger Bienen fliegen ſie auf, ein paar Mal hin und her, um ihre Flügel zu ſtrecken und zu dehnen, ehe ſie für die Nacht ſich an einem andern Orte niederlaſſen, der ihnen reichliche Nahrung bietet. In weniger als einer Viertelſtunde ſind Tauſende von Enten in Bewegung, indeß nur einige hundert Paare an dem See zurückbleiben, welche an den Gräben, die in den See münden, ihr Futter ſuchen und finden. Die Schwärmenden verbreiten ſich in Zügen von etwa zwei bis fünf hundert über die ganze Gegend, wo es irgend Nahrung für ſie gibt. Am liebſten verweilen ſie auf Feldern, die vor Kurzem überſchwemmt waren und von denen das Waſſer noch nicht lange gewi⸗ chen iſt. Bei dem erſten Dämmern des Tages, noch ehe das Tageslicht beginnt, treten ſie ihre Heimkehr an. Wenn du ſie, lieber Leſer, von deinem Verſtecke aus beob⸗ achteſt, ſo wirſt du ſie nicht in Schwärmen, wie ſie fortzogen, zurückkommen ſehen, ſondern immer⸗ nur zwei, drei oder vier beiſammen. Sie ſcheinen müde zu Einem Freunde und Jäger, der mit V V ſein und ſich der Rückkehr zu freuen, denn ohne weiter um den See umherzufliegen, oder in der Nähe deſſel⸗ ben zu weilen, ſchießen ſie auf das Waſſer herab, wie ein ermüdeter Menſch ſich ſchnell auf ſein bequemes Lager wirft. Da die Enten von verſchiedenen Gegenden und verſchiedenen Entfernungen heimkehren, dauert die Wiedervereinigung nach dem Morgenfluge bedeutend länger, als ihr Fortziehen am Abend, wo ſie gemein⸗ ſchaftlich aufbrechen. Aber dennoch ſcheint es, als ob ein allgemeiner Sammlungsruf unter den Enten ſtatt⸗ finde, denn eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang ſind ſie ſammt und ſonders im Quartier. Sobald die Sonne völlig aufgegangen iſt, beginnen ſie Toilette zu machen, tauchen unter, waſchen und ſchütteln ihre Federn, die ſie dann mit ihrem händeartigen Schnabel putzen, und zwar mit vieler Sorgfalt, denn die Ente iſt, wie bekannt, ein entſchieden ſauberer, ja eitler, kleiner Vogel. Das Entenmännchen legt großen Werth auf ſeinen ſchönen Rock und ſeine beiden lockigen Federn im Schwanze, die er allmorgendlich neu kräu⸗ ſelt, wenn ſie von dem Nachtthau gelitten haben. Und auch das Entenweibchen bringt ſein Federkleid in Ord⸗ nung, wobei ihr das klare Waſſer, auf dem ſie ſchwimmt, zum Spiegel dient. Iſt die Toilette beendet, ſo plätſchern ſie langſam bis an das Ufer heran, und falls ihnen dort Alles ruhig und ſicher ſcheint, laſſen ſie ſich auf demſelben nieder oder ruhen auf den aus dem Waſſer hervorra⸗ genden Steinen aus. Dort wärmen ſie ſich mit vollem Behagen in den Strahlen der Sonne, und verharrend in dieſer Stellung ſtecken ſie bedachtſam die Köpfe unter die Flügel, wenn der Schlaf ſie überkömmt. Zuweilen ſchlafen ſie auch ſchwimmend auf dem Waſ⸗ ſer, wo ſie vor der Gefahr, die ihnen durch einen Fuchs, einen Hund oder einen Jäger am Ufer drohen könnte, ſicherer ſind. Nach einer Sieſta von mehreren Stunden wachen ſie auf und ſchwimmen bis auf die Mitte des See's oder Teiches, wo Freunde und Be⸗ kannte zu einem lebhaften Geſchwätz und Haſchen zu⸗ ſammentreffen, bis der Abend herankommt und alle abermals gemeinſchaftlich aufbrechen, um ihre Haupt⸗ mahlzeit zu ſuchen und einzunehmen. Intereſſant iſt es ebenfalls, den Enten zuzuſchauen, wenn ſie ſich den Orten nähern, die ihnen zur Weide dienen. Der Beobachter muß alle Vorſicht anwenden, um ſich zu verſtecken. Am ſicherſten iſt es, wenn er ſich ſo klein als möglich macht und ſich hinter einen alten Baumſtamm oder hohe Grasbüſchel, kurz hinter irgend einen Gegenſtand verbirgt, mit dem die Enten vertraut ſind. Bevor dieſe Enten ſich niederlaſſen, vernimmt man das Rauſchen ihrer Flügel in der Luft, da ſie lange hin und her fliegen, um genau zu prü⸗ fen, ob keine Gefahr ihnen drohe. Wenn die verſchie⸗ denen Schwärme von dem See ankommen, wird man bemerken, daß ſie nicht wie Gänſe in regelmäßiger VForm, ſondern mehr in paralleler Linie ziehen, und gewöhnlich einen Anführer haben, der dem ganzen Zuge ein wenig vorausfliegt. Kaum gibt es etwas Aufre⸗ genderes für das Ohr des im Hinterhalte liegenden Jägers, als dieſe verſchiedenen und wilden Töne in einer ſchönen, nicht zu kalten Nacht. Er erkennt das heiſere Rufen des Enterich und die ſanft antwortende Stimme der Ente, denn ihre Stimmen ſind für ein geübtes Ohr ſo verſchieden, wie Baß und Sopran. Er unterſcheidet das wilde, unnachahmliche Pfeifen der — h 7 2 17 N- 320— Pfeifente, das leiſere Schreien der Kriechente, den ſchrillen Ton des Brachvogels über ſeinem Haupte. Diefe verſchiedenen Stimmen bilden ein Naturconzert, das gleich angenehm auf den Jäger wie auf denjeni⸗ gen wirkt, der die Natur auch in ihren wilden, faſt unheimlichen Scenen liebt. Wie das Rebhuhn trockenes, urbares Weideland, das Birkhuhn die Haide liebt, ſo wählt die Wildente ihren Sitz an den flachen, ſumpfigen Ufern der Flüſſe und Seen. Wir finden ſie in faſt allen Theilen der Welt, welche ihr Nahrung bieten; ſie verſchafft ſich dieſelbe, indem ſie mit ihrem eigenthümlich geformten herauszufinden weiß. Bemerkenswerth iſt, wie verſchiedenes Futter auf das Fleiſch der Enten einwirkt. Jene, welche in und um London leben, ſind kaum eßbar und von ganz anderer Beſchaffenheit, als die, welche ihre Nahrung in dem Schlamme eines vom Fluſſe beſpülten, fettigen Bodens ſuchen. Eine Kreuzung der wilden und zahmen Ente gibt einen für das Auge eben ſo hübſchen, als für den Tiſch ſchmackhaften Vogel. Je näher die Ente ſich dem Meere zu aufhält, deſto mehr bekommt das Fleiſch derſelben einen widerwärtigen, fiſchigen Beige⸗ ſchmack, und ſolche, welche auf der See geſchoſſen wer⸗ den, ſchmecken ſo thranig, daß man ſie nicht eſſen kann*). Enten, welche an klaren Flüſſen oder im Marſchlande ſich aufhalten, das aber von Bergſtrömen bewäſſert wird, wie wir es in Schottland u. ſ. w. fin⸗ den, ſind magere und kümmerliche Geſchöpfe. Wenn dem geehrten Leſer auf dem Markte eine Auswahl von verſchiedenartigen wilden Enten zu Ge⸗ bote ſteht, ſo möge er ſtets die Spitzente wählen, die *) Alle Tauchenten haben ein ſchlechtes Fleiſch, während die Schwimmenten(Süßwaſſerenten) ein zartes und ſchmackhaftes Fleiſch haben. Vergl. die Eintheilung der europäiſchen Enten, Buch der Welt 1857, Seite 296 u. 297. ihren Namen von zwei langen, hervorſtechenden Schwanz⸗ federn bekommen hat. Dieſer Eigenthümlichkeit, gepaart mit dem Wohlgeſchmack, welchen ſie bietet, verdankt ſie außerdem den Namen See⸗Faſan. Sie kommt viel in Irland vor; und obgleich Irland das Paradies der Enten iſt, ſo werden dort weniger verſchiedene Arten gefunden, als in andern Ländern und Gegenden. Ei⸗ genthümlich, wie es immerhin ſcheinen mag, ſchießt man in der Umgegend von London verſchiedenere und mannigfaltigere Gattungen, als es anderswo der Fall iſt. H. 2,— d. Schnabel die kleinſten Thiere aus dem Schlamme b—— — ——— mers ſchafft, - 321—— Der Frühling. (Taf. 21.) Von C. F. A. Kolb. das Paradies als einen Ort Die Dichter haben geſchildert, wo ein ewiger Frühling herrſche; der Zau⸗ ber des Frühlings liegt aber gerade darin, daß er ein Auferſtehen der Natur vom kalten Scheintode zu war⸗ mem üppigem Leben, ein Uebergang vom Winter zum Sommer iſt. Der Wechſel feſſelt den Geiſt und be⸗ friedigt ihn, bart, die von dem Ewigen zeugt. Denn das Grünen der erſtorbenen Wieſen, das Schwellen und Aufbrechen der Knoſpen, das uns das Erwachen unſerer Fluren da ſich in ihm eine Wiederholung offen⸗ aus dem Winterſchlafe verkündet, erfüllt uns mit der frohen und ſichern Zuverſicht, all 1 der Kern des Lebens erhalten bleibe; dieſe Zuverſicht iſt aber untrennbar mit dem Gedanken an Den verbun⸗ den, in deſſen Hand alle Keime des Lebens liegen. Darum liegt auch, wenn nach dem ſtarren Winter Alles wieder zu leben und zu weben beginnt, der Ge⸗ danke an jenen Frühling ſo nahe, Grabes erblühen ſoll. Wohl blühet jedem Jahre Sein Frühling mild und licht, Auch jener große, klare,— Getroſt, er fehlt dir nicht; Er iſt dir noch beſchieden Am Ziele deiner Bahn, Du ahneſt ihn hinieden, Und droben bricht er an.—(Uhland.) Wo das Eis nie ſchmilzt, gedeiht der Menſch ſo wenig, als unter der glühenden Sonne des tropiſchen Himmels; an den Gränzen der heißen Zone aber er⸗ hebt ſich die ſegensreiche Göttin des Frühlings, die überall mit offenen Armen empfangen wird, jetzt gegen Süden und dann gegen Norden wandert, ohne die Tropen ſelbſt zu beſuchen, wo ein ewiger, nur von der Regenzeit unterbrochener Sommer herrſcht, Pole, wo dem langen Winter ſofort der kurze Som⸗ mer folgt. In gemäßigten Ländern aber ſind die bei⸗ den einander entgegengeſetzten Jahreszeiten, Sommer und Winter, durch zwei kürzere Jahresabſchnitte ge⸗ ſchieden, den Frühling, der das reiche Leben des Som⸗ und den Herbſt, der es wieder welken und erſterben ſieht. Dieſer Wechſel iſt eine nie aus⸗ bleibende Anregung unſeres Geiſtes⸗ und Gemüths⸗ lebens und erhöht unſere Spannkraft und Thätigkeit, wie er denn überhaupt den mächtigſten Einfluß auf alle Nationen übt, welche die gemäßigten Zonen bewohnen. Nach den kalten trüben Tagen des langen Winters, wenn noch graue Nebel die Fluren verhüllen und kaum die Spitzen der Winterſaat durch die halbgeſchmolzene Schneedecke dringen, regt ſich in den meiſten Herzen Feierſtunden. 1863. daß bei allem Wechſel der uns jenſeits des Ja dich, den Liebling, zu empfahen, Lauſcht bange Sehnſucht allerwärts; Es überfließt bei deinem Nahen Von Dank und Liebe jedes Herz. Die Liebe träumt von Wonnetagen, Und ſchalkhaft munt're Lüfte tragen Von dannen ihren Balſamduft. Nitter. die Sehnſucht nach dem Frühling, und noch ehe ſein blaues Band wieder durch die Lüfte faattert, die jetzt „an allen Enden ſäuſeln und weben“, ahnen wir ſein Kommen. Noch aber hat, er harte Kämpfe mit dem Winter um die Herrſchaft auszuringen, und in jedem Erſtling der erwachenden Pflanzenwelt begrüßen wir einen Sieg des Lebens. Wenn nun die Erde ſich wie⸗ der in das liebe Grün kleidet, die Gräſer höher und dichter werden und das Leben ſich in allen Kräutern und Bäumen regt, eilt Jung und Alt hinaus auf die friſchgrüne Wieſe, in den noch kahlen, aber jetzt von den erſten Frühlingsblumen geſchmückten Wald. Jubelnd tummeln ſich die Kinder, ſchwanke Zweige ſchwingend, oder ſie ſammeln die erſten Blumen und laſſen die ſüße Rindenpfeife ertönen. Selbſt das Auge des Kranken und des Hochbetagten, der zum erſtenmale das dumpfe Zimmer verläßt und unter den blühenden Pflaumenbaum oder die zartbelaubte Buche tritt, er⸗ glänzt, von der Freude des erwachenden Lebens durch⸗ rieſelt, lebhafter in der Hoffnung, noch nicht von der „ſüßen Gewohnheit des Daſeins und Wirkens“ zu noch die ſcheiden. Alt iſt nur, wer ſich des Frühlings nicht mehr freuen kann. Wie ein Gang in's Freie zunächſt ein fühlbares und leibliches Behagen erweckt, ſo ge⸗ währt der Frühling, zumal bedrängten Gemüthern, durch den Einfluß der phyſiſchen Natur auf die ſitt⸗ liche Stimmung, wunderbare Tröſtung und Stärkung. „Nun,“ ſingt, beim Erwachen der„linden Lüfte,“ der Dichter: Nun, armes Herze, ſei nicht bang! Nun muß ſich Alles, Alles wenden. Wie der Uebergang von einer Jahreszeit in die andere nur allmählig, durch eine Reihe vorbereitender und vermittelnder Erſcheinungen, ſtattfindet, ſo ſtellt ſich auch der Frühling leiſe, Vielen faſt unvermerkt, ein, und es möchte ſchwierig ſein, ſeinen Anfang zu finden. Denn um den aſtronomiſchen Frühling, wel⸗ cher mit der Tag⸗ und Nachtgleiche eintritt, wenn die Sonne gerade um ſechs Uhr Morgens aufgeht, beküm⸗ mert ſich Niemand. Es iſt Frühling, wenn die Kno⸗ ſpen der Laubhölzer ſich öffnen, wenn ſich auch ſchon lange vorher manch' ungeduldiges Blättchen und Blüth⸗ chen am Boden hervorgedrängt hat. Dem Volke aber gilt ein Feſt, das heiterſte und ſchönſte, wie für das Lebens und Auferſtehungsfeſt überhaupt, auch für das Auferſtehungsfeſt der Natur: noch immer iſt Oſtern, wie bei unſern heidniſchen Vorfahren, das Frühlings⸗ feſt, obgleich es von ſeinem Charakter als ſolches ver⸗ lor, als es die Kirche zu einem beweglichen, vom Mond⸗ laufe abhängigen Feſte machte, das nun, in einem 41 Spielraume von fünf Wochen, dem wirklichen Früh⸗ ling bald vorangeht, bald hinter ihm zurückbleibt. Dem Feſte blieb aber nicht nur der Name der alten, mit Grün und Blüthen geſchmückten Frühlingsgöttin Oſtara, ſondern auch Manches der alten Symbole. So erin⸗ nern die Eier, die man den Kindern im Graſe ver⸗ ſteckt, an die alten Symbole der Fruchtbarkeit, die man einſt in den heiligen Hainen opferte. Die Oſter⸗ kerze vieler Kirchen iſt ein Ueberreſt der alten Oſter⸗ feuer, und noch wandern an manchen Orten in der Oſternacht die Mädchen zu Brunnen und Quellen, um das heilſame Oſterwaſſer zu ſchöpfen. Die neun Kräuter, aus denen man einſt an Oſtern ein Mus bereitete und denen man Arzneikräfte zuſchrieb, haben ſich bis heute in Anſehen erhalten, denn Beccabunge und Brunnenkreſſe, Schlüſſelblumen und Frauenman⸗ tel, Hollunderſproſſen und Schlehenblüthe, Lauch, Taubneſſeln und Sauerklee ſind noch heute beliebte Heilkränter des Volks, von denen man das eine oder das andere zur Frühlingskur ſammelt. Es liegt ein tiefer Sinn in dem alten Gebrauche der Frühlings⸗ küren, der Gedanke, daß der Frühling, der auch Krank⸗ heit bringt oder ſie ſteigert, durch ſeine lebenweckende Kruft zugleich die grünen Heilmittel ſpende. Der Frühling iſt ein unerſchöpfliches Thema, die Dichter werden nicht müde, ihn zu beſingen. Am beſten iſt es denjenigen gelungen, die am einfachſten und ſchlichteſten, gleicſſam mit Naturlauten,„wie der Vo⸗ gel ſingt, der in den Zweigen wohnt,“ die Herrlichkeit des Lenzes preiſen, wie ſchon im Mittelalter Herzog Johann von Brabant: Es iſt mir wie den kleinen Waldvögelein zu Muth: Sie ſeh'n die Bäume blühen, Und freuen ſich der Blut; Und unter kühlen Aeſten Ruh'n ſie im kühlen Mai, Und Berg und Thal ertönen Von ihrem Luſtgeſchrei. Und wie einfach und reizend hat Uhland den Früh⸗ ling beſungen, der zu feinem Lobe das nur nennt, wovon das Herz ja ſo voll iſt: Saatengrün, Veilchenduft, Lerchenwirbel, Amſelſchlag, Sonnenregen, linde Luft! Wenn ich ſolche Worte ſinge, Braucht es dann noch großer Dinge, Dich zu preiſen, Frühlingstag? Mit dem Frühling ſteht die Liebe in engſter Be⸗ ziehung, denn wenn ſich der Frühling und zwei ſchöne Augen gegen ein empfindſames Herz verſchwören, ſind auch die Roſen und Nachtigallen in dieſe Verſchwörung verwickelt. Wie mild verlockend ſcheint Alles, was der Frühling bietet: aber er bringt die Kräfte in Gährung, ſetzt die Sinne in Aufruhr und entfeſſelt die Leiden⸗ ſchaft. Darum nehmt Euch in Acht! wenn die Veil⸗ chen blühen und die Schwalben wiederkehren; die Lüfte, die ſo mild über die Fluren wehen, bergen Leben und Tod in ſich. Alles ſtrebt nun hinaus in's Freie. Wer geräth jetzt nicht in die Stimmung, in der es ihm zu enge wird in den Wänden des Hauſes, zu eng in den Sor⸗ gen des Lebens und zu eng oft allermeiſt in den Ge⸗ danken über ſich ſelbſt und die Seinigen, in die Stimmung, in der die Sehnſucht unbezwinglich wird, ſich auszuathmen, draußen im Freien! Wenn in lan⸗ - 322—— gen luſtigen Reihen die Zugvögel über uns hinziehen und ſingen und zwitſchern, als ob es zum Himmel einginge, wen überkommt dann nicht die Luſt, munter über Berg und Thal hinaus in Gottes Welt zu wan⸗ dern! Nicht Alle empfinden dieſen Wandertrieb in glei⸗ chem Grade, am unwiderjſtehlichſten aber diejenigen, welche die Luſt des Wanderns und Lebens in der freien Natur kennen. Ein kaiſerlicher Kammerherr wurde unter Zigeunern auf einen Jüngling aufmerkſam, der eine wunderbar ſchöne Stimme beſaß. Er nahm denſelben mit ſich in die Reſidenz und ließ ihn zum Sänger ausbilden, als welcher er bald der Liebling des Publikums wurde, und einen Gehalt bezog, der dem des Kammerherrn faſt gleich ſtand. Da kam der Früh⸗ ling und mit ihm die Wanderluſt. Der Sänger bat um ſeinen Abſchied, aber man wollte ihn nicht ziehen laſſen. Bleich und verſtört irrte der bräunliche Natur⸗ ſohn in den Straßen und Hallen der Kaiſerſtadt um⸗ her, Beifall und Gold galten ihm nichts; umſonſt lächelten ihm ſchöne Frauen. Er verſchwand— um das freie arme Wanderleben mit ſeinen Beſchwerden und Entbehrungen wieder fortzuſetzen. Weniger fühlt der Landmann, der den Boden lieb gewinnt, den er bearbeitet, von dieſem Drange, doch kann auch er ſich nur ſchwer an das Leben in den Städten gewöhnen, und der Schüler im Fauſt iſt ge⸗ wiß vom Dorfe gekommen, denn er ſagt: In dieſen Mauern, dieſen Hallen Will es mir keineswegs gefallen. Es iſt ein gar beſchränkter Raum, Man ſieht nichts Grünes, keinen Baum. Leichter findet ſich der Städter, wenn ihm unter dem Jagen nach Ehre und Gewinn nicht aller Natur⸗ ſinn abhanden gekommen, mit dem Frühling und ſei⸗ nen Reizungen ab; ein Hausgärtchen genügt ihm, oder ein ſonntäglicher Spaziergang in's Freie. Und für⸗ wahr, ſchon ein mäßiger Raum, wenn er auch nur mit den wild wachſenden Kindern der einheimiſchen Flora prangt, gewährt im Frühlinge ungezählte und unmeßbare Freuden. Jeder Keim, jede Spitze, die zuerſt die Erde durchbricht, wird als ein lieber, erwar⸗ teter Freund begrüßt. Glücklich ſchätzt ſich der Städ⸗ ter, wenn ihm in der Blüthezeit ein Ausflug auf's Land vergönnt iſt, wenn er ſich einige Stunden im Park oder Walde ergehen kann, oder wenn ihm ſogar möglich wird, mit der Familie und einigen Freunden bei einem Piknik einen Tag im Walde zu verleben. Man lagert ſich, läßt Flöte und Laute ertönen, und bindet Anemonen und Primeln, Maiblumen und Gais⸗ blatt, Ranunkeln, Vergißmeinnicht, und wie die lieb⸗ lichen Gaben des Frühlings alle heißen, zum duften⸗ den Strauße oder Kranze. Die Liebe aber wählt ſinnig Blüthen von ſymboliſcher Deutung und widmet ſie Geliebten als erſtes zartes Geſtändniß. Man erfreut ſich des Frühlings oft mit einer ge⸗ wiſſen Unruhe und genießt ihn mit Haſt, weil er ſo flüchtig iſt— und ſchon im grauen Alterthum wurde die Aufforderung vernommen: Laſſet uns die Maiblu⸗ men nicht verſäumen; laſſet uns Kränze tragen von jungen Roſen, ehe ſie welk werden. Weish. Sal. 2, 7. 8. Denn unvermerkt iſt die Zeit der Hoffnung und des Entfaltens entſchwunden, und die der reichen, vol⸗ len Blüthenpracht gekommen. In der Roſe hat die Natur ihren höchſten Triumph gefeiert. Die Erde quillt jetzt über von ſchaffendem Leben, aber es iſt auch met tent Krü reich Mi kaſt Net hoch zwei Dad Wer zwe wol unr gea⸗ abe — ˙ „—·—— ͤPEAPe ziehen mmel unter wan⸗ glei⸗ nigen, freien zurde ſam, nahm zum g des dem Früh⸗ r bat iehen atur⸗ um⸗ ſonſt um erden lieb doch den t ge⸗ - 329—— metriſcher Ordnung aufgeſtellt waren. Auf dem Sei⸗ tentiſche prangten in bunter Reihe irdene Geſchirre, Krüge von verſchiedener Geſtalt und Größe, mit ſinn⸗ reichen Inſchriften, das lackirte Kaffeebrett, und in der Mitte, alles Andere ſtolz überragend, der braune Thee⸗ kaſten von Mahagoniholz. An den Wänden waren Netze, Körbe, Fiſchereigeräthſchaften aufgehängt, und hoch über dem Kamine prangte ein Walffiſchkiefer, mit zwei gekreuzten Pfauenfedern, als Trophäe. Von den Dachſparren hingen allerhand nützliche und brauchbare Werkzeuge herab, aber Campbell's Gewehr und ſeine zwei ſchweren Piſtolen befanden ſich nicht an den ge⸗ wohnten Haken. Im Winkel des Kamins hing ein unvollendetes Netz, an dem die junge Wittwe vorher gearbeitet hatte. Sie begann jetzt ihr Werk wieder, aber die Hand ſank oft müßig in den Schooß, während N tttt ihr Auge mit Kummer und Beſorgniß auf dem Geſicht der Mutter ruhte. Es lag etwas beſonders Anziehendes in der Erſchei⸗ nung dieſes jungen Weibes, obgleich in ihren Zügen nichts ſchön zu nennen war, als die dunkeln Augen mit den langen ſchwarzen Wimpern, und ihr ſchon von Natur blaſſes Geſicht jetzt eine krankhafte Farbe hatte. Ihre Lippen waren bleicher als die Wangen, und ihre ungewöhnlich große, aber zart gebaute Geſtalt, von Schwäche und Kummer gebeugt, außerordentlich abgemagert. Aber das melancholiſche Licht ihrer dun⸗ keln Augen harmonirte vollkommen mit dem trüben Ausdruck ihrer ganzen Erſcheinung, und ließ nur zu deutlich den wunden Geiſt des unglücklichen Weſens erkennen. Amy's junges Herz hatte ſich noch nicht von dem Schlage erholt, welchen es durch den ſo frühen ef ſ. ldddigalaa hghahe (Siehe S. 330.) und plötzlichen Tod ihres Gatten erlitten, und war von dem laſtenden Bewußtſein gedrückt, daß ihr Vater und Bruder ſich nur um ihrer und ihrer Kinder wil⸗ len in jene gefahrvollen und geſetzwidrigen Verbindun⸗ gen eingelaſſen hatten. Während ihr Auge an den Zügen der Mutter hing, konnte ich die Gedanken leſen, welche ſie beſchäftigten. Endlich floß eine ſchwere Thräne, die lange im Augenlid gezittert hatte, über die Wange, ſie ſtand plötzlich auf, ließ die Arbeit fal⸗ len und drängte ſich auf eine Ecke des Stuhles an die Seite ihrer Mutter, deren Hals ſie umſchlang, ließ den Kopf auf ihre Schulter ſinken und rief ſchluchzend: „Mutter!“ „Meine Amy! mein liebes Kind!“ flüſterte letztere zärtlich und liebkoſend,„weßhalb machſt du dir fort⸗ während Vorwürfe? Du warſt immer ein gutes, ge⸗ horſames Kind, ein Segen für uns ſeit der Stunde deiner Geburt. Haben wir uns nicht, ehe dein Vater Feierſtunden. 1863. in die ſchlechte Geſellſchaft gerieth und ihren Vorſpie⸗ gelungen glaubte, mit Gottes Hilfe und unſerer Hände Fleiß ernährt und auch für deine verwaisten Kleinen geſorgt? Und wo hätteſt du, armes Weſen, Zuflucht finden ſollen, als im Hauſe deiner Eltern?“ Ein dankbarer Blick und ein zärtlicher Kuß waren Amy's Antwort auf dieſe tröſtenden Zuflüſterungen. Dieſe gegenſeitige Ergießung zog ſie einige Augenblicke von der ängſtlichen Spannung ab, mit der ſie vorher auf jeden Laut von außen gehorcht hatten; allein der Sturm erhob ſich wieder mit verdoppelter Gewalt und erweckte die Unglücklichen aus ihrer momentanen Gei⸗ ſtesabweſenheit. Sie erſchraken, blickten ſchaudernd ein⸗ ander an und richteten ihre Augen auf mich, als woll⸗ ten ſie bei mir, der ihnen nur aufrichtiges Mitleid gewähren konnte, Troſt und Hilfe ſuchen. Inzwiſchen wurde der Kampf der Winde und Wel⸗ len immer furchtbarer, und ich gelangte zu der Ueber⸗ 42 - 330— zeugung, daß wenn der alte Campbell ſich mit dem Sohne wirklich in ſeinem kleinen Nachen befand, nur ein Wunder Beide retten könne. Es war jedoch mög⸗ lich, daß das Abladen der geſchmuggelten Waaren vom Lugger mit den eigenen Booten deſſelben, ohne Hilfe vom Ufer, erfolgt war, und die lange Abweſenheit des Vaters und Sohnes dadurch veranlaßt wurde, daß ſie die Güter nach irgend einem entfernten Verſteck ſchaff⸗ ten. ſich an dieſe Hof der nur zu bald ſchwinden ſollte. furchtbarer als alle vorhergehenden, ſauste mit betäu⸗ bendem Geheul an uns vorüber, und als er nachließ, fnung, deren ſchwacher Schimmer lei⸗ Die Weiber, in ihrer Herzensangſt, klammerten V Ein Windſtoß, ſchienen ſich Klagetöne in ſeine letzten Laute zu miſchen. Schweigend horchten wir, bald von der Hüttenthüre aus in die Finſterniß hinaus blickend, bald an den Herd zurückkehrend, deſſen erſterbendes Feuer nur noch einen ſchwachen Schein von ſich gab. jede Ritze und Spalte des Hauſes und ließ die Flamme des niedergebrannten Lichtes unruhig hin und her flackern, und endlich ſchlug die Wanduhr Mitternacht. In die⸗ ſem Augenblicke fiel ein ſchweres Buch, welches mit mehreren anderen in einem hängenden Fache nahe am Kamin gelegen hatte, mit lautem Getöſe herab und vor Margareths Füßen nieder. Es war die Haus⸗ bibel. Während die Frau das Buch aufhob, um es Der Wind pfiff durch „Campbell!“ ſagte ich.„Unglücklicher! Was haben Sie gethan? Welchem Unheil haben Sie Ihre bekla⸗ genswerthe Familie ausgeſetzt? Um der Ihrigen wil⸗ len fliehen Sie,— fliehen Sie, ſo lange die Dunkel⸗ heit Ihnen Schutz gewährt.“ Zaudernd blickte er mich eine Sekunde lang an, aber ſchnell ſeine finſtere Entſchloſſenheit wieder gewin⸗ nend, entgegnete er: „Es iſt zu ſpät,— — die Bluthunde!“ Während er noch ſprach, wurden ſeine Worte vom Schalle vieler Fußtritte und lauter Stimmen beſtätigt. Die Thüre wurde aufgeſtoßen, und mehrere Männer von wildem Ausſehen und in Seemannstracht ſtürzten in das Zimmer.(Siehe Bild S. 329.) „Ah, haben wir Euch endlich, mein Freund?“ riefen ſie.„Jetzt ſeid Ihr in unſeren Händen, ob⸗ gleich uns der junge Spitzbube entkommen iſt!“ „Spitzbube?“ ſchrie Campbell.„Wer wagt es, meinen Sohn einen Spitzbuben zu nennen?“ aber ſchnell ſich mäßigend, fügte er in ruhigerem Tone hinzu: „Doch ich bin in eurer Gewalt, und ihr könnt ſagen ſie ſind mir auf den Ferſen, und thun, was euch gefällt.“ Mit dieſen Worten warf er ſich wieder in den V Seſſel und bedeckte das Geſicht, während die Weiber wieder auf ſeinen Platz zu legen, bemerkte ſie, daß ſich im Falle gerade diejenige Seite geöffnet hatte, auf der von ihrer Hand vor genau vierundzwanzig Jahren in frommer Dankbarkeit die Geburt ihres erſten Sohnes vermerkt worden war. „Ach, mein theurer Sohn,— mein Moritz!“ jammerte die Mutter,„noch nie zuvor habe ich den mig ausſieht. Tag vergeſſen, an dem Gott dich mir gab!— Du warſt der Erſte, der mich verließ, und jetzt—“ In dieſem Augenblicke wurde ſie von dem undeut⸗ lichen Murmeln einer, wie es ſchien, nahen menſch— lichen Stimme unterbrochen. Ich ſtutzte, aber Amy's Ohr kannte den Ton,— es war eines ihrer Kinder, welches im Schlafe plauderte. Die Kammer, in der ſie ſchliefen, lag dicht neben dem Wohnzimmer, und die junge Mutter ſchlich an das Bett derſelben, und beugte ſich liebend über ſie hinab, als plötzlich die ſich weinend um ihn drängten, und ſeine Frau rief: „Ach, was hat er denn gethan? Wenn ein Un⸗ glück geſchehen iſt, ſo iſt es gewiß nicht ſeine Schuld, — er kann ja keiner Fliege ein Leid thun, und iſt weichherzig wie ein Kind, wenn er auch noch ſo grim⸗ Richard! Richard! ſprich mit den Leu⸗ ten und ſage ihnen, daß ſie ſich irren!“ Allein er äußerte kein Wort, blieb regungslos ſitzen und hielt die Blicke auf den Fußboden gerichtet. „Kein Irrthum, Mrs. Campbell. Er hat Einen unſerer Leute erſchoſſen, und wir müſſen ihm deßhalb äußere Thüre der Hütte aufgeriſſen wurde, und— Campbell haſtig eintrat. Mit welchem Jubelgeſchrei und Entzücken, mit welchen Thränen der Wonne wurde er nicht begrüßt! Allein die Freude währte nicht lange, und namenloſe Angſt folgte darauf; denn finſter und rauh ſich aus den Armen ſeiner Frau und Tochter los- machend, ging er nach ſeinem Lehnſeſſel, warf ſich hinein und barg das Geſicht in den Händen. Das bebende Weib konnte ſich nur einen Grund dieſer furchtbaren Bewegung ihres Gatten denken. lings. „Mein Sohn! mein Sohn!“ rief ſie, die Hände des Mannes ergreifend,„was haſt du mit ihm ge⸗ macht, Campbell? Er iſt todt— erſchlagen. O, ich wußte, daß es dahin—“ „Schweige, Weib!“ rief Campbell mit donnernder Stimme, während er mit wilden, furchtbaren Blicken vom Stuhle aufſprang.„Schweige, Weib! Dein Sohn iſt wohl und in Sicherheit!“ Und dann ſeinen Ton plötzlich bis zu einem heiſeren Murmeln herabſtimmend, fügte er hinzu:„Das iſt nicht ſein Blut!“ und ſchleuderte den breiten Ledergürtel von ſich, der die unverkennbaren Zeichen eines verzweifelten Kampfes trug. ein Paar Armbänder anlegen,“ ſagte einer der Män⸗ ner, und begann Campbells Hände zu feſſeln. Letzterer äußerte nicht den leiſeſten Widerſtand, und ſchien kaum zu bemerken, was mit ihm vorging, als das älteſte von Amy's Kindern, ein liebliches kleines Mädchen von ungefähr drei Jahren, welches, von dem Lärm erweckt, ihr Bett verlaſſen und ſich unbemerkt zum Großvater geſchlichen hatte, in ein lautes Schluch⸗ zen ausbrach, an ihm empor kroch, ihre kleinen Hände um ſeinen Hals ſchlang, und die ſanfte Wange an ſein rauhes Geſicht legend, ihm zuflüſterte: „Schicke die häßlichen Männer fort, Großpapa,— Amy fürchtet ſich.“ Die Quellen des Gefühls, die in ſeiner Bruſt er⸗ ſtorben ſchienen, öffneten ſich plötzlich bei den zarten Lauten und unter den ſtreichelnden Händen ſeines Lieb⸗ Die Kleine an ſeine Bruſt drückend, begann er faſt krampfhaft zu ſchluchzen, und einige Minuten lang miſchten ſich die Thränen des alten Mannes mit denen des Kindes. Während er es auf dieſe Weiſe an ſeiner Bruſt hielt, drückte die ſeiner linken Hand bereits angelegte Schelle den zarten Arm der Kleinen auf ſchmerzliche Weiſe, wodurch ſie unruhig wurde und ſich loszumachen ſuchte. Erſt in dieſem Augenblicke ſchien er ſeine ſchmachvolle Feſſel zu bemerken. Ein plötzliches Zucken flog über ſeine Züge; aber im näch⸗ ſten Augenblicke verſchwand die Bewegung wieder, und ſich ruhig nach ſeiner weinenden Tochter umwendend, ſagte er: haben bekla⸗ wil⸗ unkel⸗ g an, ewin⸗ erſen, vom tätigt. anner ürzten ind?“ „ob⸗ ſt es, aber inzu: ſagen 1 den Welber rief: r Un⸗ chuld, ad iſt grim⸗ Leu⸗ —q— - 331— „Amy, mein liebes Kind, nimm die Kleine zu dir. Ich hätte nimmer gedacht, daß ihr in den Armen ihres alten Großvaters irgend ein Leid widerfahren könnte.“ Es war eine rührende Scene, von der ſelbſt die rauhen Matroſen ergriffen zu werden ſchienen, denn ſchonender als vorher vollendeten ſie das Feſſeln ſeiner Hände, als ſich plötzlich von Neuem Fußtritte nahten, die Thür geöffnet wurde, und ein zweiter Trupp Ma⸗ troſen eintrat, welche den Körper des jungen Mannes trugen, der bei Ausübung ſeiner Pflicht im blinden Kampfe von dem unglücklichen Bewohner der Hütte erſchoſſen worden war. „Wir haben die Boote verfehlt und konnten den armen Burſchen nicht am Ufer verbluten laſſen,“ er⸗ wiederte einer der Kommenden auf den ſtaunenden Aus⸗ ruf der bereits dort befindlichen Seeleute. Campbell's Aufregung war furchtbar. Schaudernd wandte er ſich vom Anblicke ſeines Opfers ab, wäh⸗ rend die Weiber, ſtarr vor Schrecken, dabei ſtanden. Ich allein behielt einigermaßen die Geiſtesgegenwart, und näherte mich, um zu ſehen, ob menſchliche Hilfe dem armen Jünglinge noch von Nutzen ſein könne, der vor uns lag. Meine Abſicht errathend, folgte die un⸗ glückliche Margareth ſelbſt in dieſer ſchweren Stunde den Regungen ihres weichen, mitleidigen Herzens, und kam bebend herbei, um mir bei dem traurigen Geſchäfte hilfreiche Hand zu leiſten. Das Geſicht des jungen Mannes war zur Seite und auf die eine Schulter geſunken, und unter dem üppigen, Stirne und Wange bedeckenden Haare faſt ganz verborgen, während ſeine rechte Hand herab hing. Ich nahm ſie in die meinige, und fand, daß ſie be⸗ reits erkaltet war, und daß der Pulsſchlag aufgehört hatte. Inzwiſchen bemühte ſich Margareth, ſo ſchnell es ihre Aufregung erlaubte, das ſchwarze Halstuch zu ent⸗ fernen und den Hemdkragen zu öffnen; und obgleich ſie bei dem Anblicke des auf der Bruſt des Leichnams dick geronnenen Blutes ſchaudernd zurück wich, fuhr ſie muthig mit ihrem Geſchäfte fort. Als eine vor⸗ läufige Compreſſe war ein Tuch in die Bruſtwunde gedrückt worden. Während Margareth daſſelbe entfernte, kamen ihre Finger mit einer ſeidenen Schnur in Be⸗ rührung, die um den Hals des jungen Mannes lief, und an der eine Art von Medaillon hing. Sie ſchob es haſtig bei Seite, als der Schein des hinter ihr von der Hand eines Matroſen gehaltenen Lichtes das Schau⸗ ſtück beleuchtete, ihr Blick darauf fiel, und ein halb unterdrückter Ausruf ihren Lippen entfuhr. Als ich zu ihr aufſchaute, ſtand ſie athemlos und regungslos, mit krampfhaft geſchloſſenen Händen da, während ihre Augen, aus den Höhlen faſt hervor dringend, mit namenloſem Schrecken auf das Medaillon ſtarrten. Endlich jedoch ſtieß ſie einen Schrei aus, deſſen Erin⸗ nerung noch jetzt mein Blut gerinnen läßt, und rief dadurch ihre Tochter und den unglücklichen Gatten an die Seite des Opfers, über das ſie ſich im Todes⸗ ſchmerze hinab beugte; und dann, wie wenn plötzlich deſſen bewußt werdend, daß ihr Gatte, über deſſen Stirn ſchwere Schweißtropfen rannen, während ſeine bleichen Lippen bebten, neben ihr ſtehe und mit ihr auf den grauſenhaften Gegenſtand ſchaue, ſah ſie mit einem Blicke zu ihm auf, den ich nie vergeſſen werde. Er war kalt, ruhig, aber ſchrecklicher, als der Ausdruck des wildeſten Schmerzes; und dann ſeine gefeſſelten Hände mit einer der ihrigen feſt ergreifend, während die andere auf die Schaumünze deutete, die auf der zerfleiſchten Bruſt des todten Jünglings lag, fragte ſie mit leiſer, hohler Stimme: „Richard, wer iſt das?“ Der Mann ſchanderte, und ſeine Blicke, die bis⸗ her mit entſetzlichem Schrecken das blutige Werk ſeiner Hände angeſtarrt hatten, fielen auf die Schaumünze und wanderten dann über die lebloſe Geſtalt, während ſein ganzer Körper wie im Fieberparoxismus lebte. Allmählig jedoch hörte dieſes Zittern auf, die unruhig wandernden Augen nahmen einen ſtarren geſpenſtigen Ausdruck an, das krampfhafte Zucken der Geſichtsmus⸗ keln wich einer leichenhaften Ruhe, und wie zu Stein geworden ſtand er da,— ein Bild der gräßlichſten Verzweiflung. 4 Noch einmal fragte die Frau in demſelben Tone: „Richard, wer iſt das?“ und dann plötzlich ſich ver⸗ beugend, ſchob ſie die dichten Locken, welche das Geſicht des Leichnams bedeckt hatten, zurück, ſchlug die Hände wie in freudigem Triumphe zuſammen und rief mit gellender Stimme:. „Ja, ich wußte es, daß es mein Sohn iſt! Mein Kind iſt endlich heim gekommen! Richard, begrüße dei⸗ nen Sohn Moritz!“ Er aber, an den dieſe herzergreifenden Worte ge⸗ richtet wurden, antwortete nur mit einem tiefen Stöh⸗ uen, das ſeine Bruſt zu zerſprengen ſchien. Er wankte einige Schritte zurück, ſchloß die Augen, während ein plötzliches Zucken über ſeine Züge flog, und ſank dann zu Boden, leblos wie der bleiche und blutige Leichnam, den die wahnſinnig gewordene Mutter noch entzückt an ihren Buſen drückte. L. Dubois. Frauenwörth. Die drei ſchönen Inſeln des Chiemſee's, des be⸗ kanntlich am Fuße der bayeriſchen Alpen zwiſchen dem Inn und der Salzach liegenden, 3 ½ Q.⸗M. großen bayeriſchen Meeres, ſind Herrenwörth und Frauenwörth, die dritte aber heißt die Au oder Krautinſel. Die größte derſelben, Herrenwörth, hatte ein Mönchskloſter, deſſen 783 von Thaſſilo geſtiftetes Nonnenkloſter, die zwiſchen beiden liegende unbewohnte Krautinſel aber iſt die Ge⸗ müſekammer von Frauenwörth. Während die ehrwürdigen Väter auf ihrem umfang⸗ reicheren Eilande allein blieben, ſiedelte ſich unter dem ſanften Joche der Aebtiſſinnen zu Frauenwörth ein Gebäulichkeiten noch vorhanden ſind, Frauenwörth ein] ganzes Dörfchen von etwa vierzig idylliſchen Häuschen A.. 3.. 42* ——jy — ——— —— 4 ——— ———ꝭ——ʒ——* 332— um einen Kranz alter Linden an; ſämmtlich am Ge⸗ ſtade unter Obſtbäumen ſtehende Fiſcherwohnungen mit Galerien und breiten Dächern. Auf der ſüdlichen Ecke der kleinen Inſel befindet ſich das Stift mit Garten, Hof und einem Münſter. In der Kirche iſt das Grabmal der heil. Irmengard, welche einſt Vorſteherin des Kloſters war, das den frommen Frauen nun wie⸗ der herausgegeben worden iſt. Den Landenden empfängt ein anſehnliches Bräu⸗ haus, vor demſelben ein Grasplatz mit zwei großen, mehrere Tiſche beſchattenden Linden, unter welchen ſich Sommers ſtets eine Geſellſchaft von Fremden findet. Man hat hier eine liebliche Ausſicht auf den blauen See und die Gebirge gegen Salzburg hin, rechts hat man das Kloſter, links das Wirthshaus und eine X VW. malerherherge zu Frauen⸗Chiemſee. Gruppe majeſtätiſcher Linden. All' die niedlichen Fiſcher⸗ hütten mit ihren Gärtchen und die hohen Kloſtermauern, die Maisfeldchen und Hopfengärtchen ſind in einer halben Stunde bequem zu umwandern. Beſondere, mit Spiel und Feſtlichkeiten gefeierte Anläſſe ausge⸗ nommen, herrſcht ein ruhiges, geräuſchloſes Leben auf dem Inſelchen, und man hört faſt nur Glockenklang, die Geſänge der Nonnen und die Melodien der Vögel. Da die Spaziergänge alſo nur kurz ſind, werden um ſo häufiger luſtige Fahrten auf dem See unternommen. Bis in der neueſten Zeit bedienten ſich die Fiſcher in ihren Einbäumen nur der Ruder, ohne die Segel zu kennen. Vor einigen Jahren wurde ein alter Fiſcher von Fremden veranlaßt, ein Segel zu verſuchen. Er ſtellte einen rothen, früher eine Fahnenſtange geweſenen Maſtbaum auf, befeſtigte als Raae eine ſchöne Leiſte berühmten Künſtler, Gedichte, bald ſcherzhaft, bald ern⸗ daran, an welcher einſt Meßgewänder gehangen hatten, und befeſtigte hieran ſein Tiſchtuch, deſſen Enden er mit Schnüren ſeemänniſch zu richten lernte. Der neue⸗ rungsſüchtige Handwerksgenoſſe wurde verlacht und ver⸗ ſpottet; als dieſer aber in der alten Eiche mit einem friſchen Weſtwinde unter dem geweihten Takelwerk in anderthalb Stunden vor Grabenſtett einlief, wohin die Anderen dritthalb brauchten, hörte der Spott auf, und ſein Beiſpiel wurde allgemein nachgeahmt. Seit den vierziger Jahren wird Frauenwörth fleißig von den Münchener Künſtlern beſucht, die in der Um⸗ gegend Studien machen und, da es ihnen hier auf dem ſeeumfloſſenen Frauenwörth wohlgefällt, das Wirths⸗ haus zur Malerherberge erkoren haben. Es gibt nun auf der ſtillen Inſel manch' frohes Gelage und erin⸗ nerungswerthe Feſtlichkeiten. Es iſt in der Zechſtube eine Malerchronik aufgelegt, welche die Namen vieler ſten Inhalts, mit Randzeichnungen, Porträts und Skizzen, vor Allem aber eine Chronik enthält, worin zu leſen ſteht, wie 1841„von München, der guten Stadt, etlich gute und tapfere Geſellen auszogen auf ritterlich Farth und Ebentheuer, und in einem grau⸗ ſamben Sturm ein groß Klippen oder Erdplatten in dem weiten Meer auftrieben, welche von ein abſonder⸗ lich wild Volk bewohnt war, das ſich aber ſehr duld⸗ ſam und zutraulich gezeiget, nachdeme ihm die Seehel⸗ den mehre Stück Geld gezeiget. Was Maſſen es alſo kam, daß es denen Ebentheurern hier baldig gut ge⸗ fallen, und ſie länger hier verweilet ſind, da die Land⸗ ſchaft gar lieblich anzuſehen war.“„Weilen uns nun bewußt,“ ſo heißt es in der Urkunde zu dem in der Wirthsſtube aufgehangenen Malerſchild,„wie gar viel Genoſſen unſers Gewerks hier Orts ſich oft malen und gern verweilet, und in dieſer guten Herberg zum ſcher⸗ nern, einer dere, usge⸗ tauf lang, ögel. um men. et in d u iſcher Er ſenen —— nn Wmnm 7 ☛☛☛ 333— Dumſer' in allen Maßen zufrieden und gar wohl ver⸗ pflegt gehauſet haben, ſo han wir dieſe Wirthſchaft betracht als ein durch Gebrauch und Herkommen ent⸗ ſtanden Handwerkskneipe, und einen ſaubern Herbergs⸗ ſchild, wie ſolche in allen Schenken ob den Tiſchen ehr⸗ ſamer Zünfte zu finden, in der Schenkſtuben ob dem Tiſch, wo die Maler zumeiſt zechen, aufgehängt.“ Auf dieſen Schild ſind um das Wappen der geſamm⸗ ten Malerſchaft drei kleine Schilder gereiht, worauf ein Bockglas, das Münchlein von München und die Seeroſenblätter von Frauenchiemſee zu ſehen, auf der anderen Seite aber links ein auf Dumbſers Gaſthaus zuſchreitender magerer, ſiecher Geſelle mit einer weißen Leinwandtafel, rechts ein aus demſelben heraustreten⸗ der dicker, vollwanſtiger Kumpan mit derſelben, noch immer weißgebliebenen Leinwand. Oben liest man die Inſchrift: Willt wiſſen, wie du lebſt in dieſem Haus? So kommſt herein— ſo gehſt hinaus. C. K. * Reiſebilder aus Heſtreich. J. Der Eintritt in's Oeſtreichiſche. „Ein Vergnügungszug von Stuttgart nach Wien — wer will mit?“ Alſo lauteten die Ankündigungen in den Zeitungen, und nach langem Berathen und vie⸗ lem Ueberlegen entſchloſſen ſich zweihundertfünfzig Schwaben und Schwäbinnen, von der Gelegenheit Ge⸗ brauch zu machen. Am beſtimmten Tag und zur be⸗ ſtimmten Stunde kamen ſie auf den Bahnhof, und am beſtimmten Tag und zur beſtimmten Stunde entführte ſie die Lokomotive auf der Route von Stuttgart nach Salzburg, allwo bekanntlich die öſtreichiſchen Lande beginnen. Da ſaßen ſie nun ſämmtlich wohlgemuth in den Waggons und ſchauten ſich gegenſeitig in's Geſicht, ſein eigenes Schlafkabinet auf der Eiſenbahn bekommt, um zu ergründen, wer dieſer oder jener ſei, denn die Wenigſten kannten einander. Im Gegentheil bildeten ſie eine ganz kunterbunt zuſammengewürfelte Geſell⸗ ſchaft, die ſich aus allen Oberämtern Württembergs geſammelt hatte. Da ſaß Einer, dem der Beamte und„das Amten“ aus dem Geſichte ſah und ein Zwei⸗ ter ihm gegenüber konnte den Pfarrer und Gewiſſens⸗ rath nicht verleugnen. Ein Dritter gehörte dem Kauf⸗ mannsſtande an, ein Vierter der Bäcker⸗ oder Mezger⸗ profeſſion, ein Fünfter der Zunft der Präceptoren und Profeſſoren, und ein Sechster der Klaſſe der Partiku⸗ liers und Zinſeneinnehmer. Ja ſogar ein Bäuerlein in Lederhoſen und mit dem Nebelſpalter auf dem Kopfe hatte ſich eingefunden, und daß die Herren Zeitungs⸗ ſchreiber nebſt ähnlichen Menſchenkindern nicht fehlten, kann man ſich ohnehin denken. Hatte ich alſo nicht recht, wenn ich ſagte, die Geſellſchaft ſei eine recht bunt und buntſcheckig zuſammengewürfelte geweſen? Aber deſſenungeachtet waren die Zweihundertundfünfzig alle voll guten Muthes, denn ſie verband ja ein ge⸗ meinſamer Zweck, und überdem ſprachen ſie Alle ſo gut und vollblut ſchwäbiſch, daß ſich ihre Zuſammen⸗ gehörigkeit nicht verkennen ließ. Vorwärts alſo ging's auf der Route nach Salz⸗ burg! Allein der Weg iſt gar lang gemeſſen, und wenn auch die Lokomotive noch ſo ſchnell dahin ſaust, ſo kann ſie doch ihr Ziel vor zwölf Stunden kaum errei⸗ chen. So ſenkte ſich alſo über unſere Reiſenden all⸗ mählig die Dunkelheit herab und immer ſtiller ward's in den Waggons, denn jeder genirte ſich, ſeinen Nach⸗ bar im Schlafe zu ſtören. Doch— ſchlafen! Ach wie beneide ich den, der es in einem Eiſenbahnwagen ſo weit bringt! Wahrhaftig es gehört eine eigene Kunſt⸗ fertigkeit dazu, welche nur Wenigen gegeben iſt, und ſelbſt dieſe Wenigen erwachen nothgedrungen von Sta⸗ tion zu Station. Die Andern alle aber— ja wohl ſtrecken ſie die Füße aus, ſo weit es geht, und drücken die Augen zu, ſo feſt ſie nur immer können; allein es hilft ſie weder dieſes noch jenes etwas, und den andern Morgen fühlen ſie ſich ſämmtlich wie gerädert. Dazuhin dann noch die zuſammengeknickten Kleider, die in Unordnung gerathenen Haare, und beſonders die des Waſſers ſo überaus bedürftigen Geſichter und Hände, während doch weit und breit kein Waſſer und noch weniger eine Waſchgelegenheit gefunden werden kann! „Beim Himmel,“ dachte nun Mancher der zweihun⸗ dertfünfzig Schwaben,„das Vergnügungsreiſen hat doch auch ſeine Schattenſeiten, und ſo lange man nicht ſollte man wenigſtens nicht bei Nacht fahren.“ Aber was wollten alle dieſe Unannehmlichkeiten ge⸗ gen diejenigen beſagen, welche man erſt zu erwarten hatte? Als nämlich der Morgen zu grauen begann, da fingen die Salzburgiſchen Berge an aufzutauchen, und mit Schrecken ſtand nun vor Jedem in ſeinem Innern die Thatſache, daß man ſich mit Rieſenſchritten der öſtreichiſchen Grenze nahe. Der öſtreichiſchen Grenze! Der Grenze des Landes, das ſich ſo lange Jahre hin⸗ durch gleichſam mit einer chineſiſchen Mauer umgeben hatte und nichts hineinließ, was ſich nicht durch einen unverdächtigen Paß oder durch eine beträchtliche Zoll⸗ abgabe als zulaßbar auswies!„Da werden wir ſchön chikanirt werden,“ dachten da die Meiſten der zwei⸗ hundertfünfzig Schwaben, und nicht Einer von ihnen unterließ es, ſeinen Paß oder ſeine Paßkarte parat zu halten, um ſich gleich legitimiren zu können. Eben ſo wenig vergaßen ſie es, die Schlüſſel zu ihren Koffern und Reiſeſäcken hervorzuſuchen, und die an's Rauchen Gewöhnten zitterten ſchon zum Voraus vor der Con⸗ fiscation ihrer ſüß duftenden Bremer⸗Havannahs, die ſie für Prima⸗Qualität bezahlt hatten. Und herein brauste der Zug in den Bahnhof, und Jeder der Zweihundertundfünfzig nahm ſein Gepäck zu Handen, um es in den Viſitations⸗ und Mauth⸗ ſaal zu tragen. In wenigen Minuten war's geſchehen, aber— welch' ſonderbares Schauſpiel eröffnete ſich nun für die Reiſenden! Oeſtreichiſche Mauthbeamte hatten ſie vor ſich, darüber war kein Zweifel; allein dieſe übertrafen an Höflichkeit Alles, was je in's - 334—— Genus der Zollbedienſteten gehörte und noch gehört. „Haben Sie etwas Zollbares bei ſich?“ fragte man einen der zweihundertundfünzig Schwaben nach dem andern.„So viel ich weiß nicht,“ antwortete Jeder, indem er zugleich den Schlüſſel in's Schloß ſeines Koffers ſtieß.„Bitte, bitte,“ erwiederten ſofort die öſtreichiſchen Beamten mit äußerſter Freundlichkeit; „laſſen Sie nur Alles zu und incommodiren Sie ſich nicht weiter.“ Zu gleicher Zeit drückten ſie ihr Zei⸗ chen auf die Koffer oder die Reiſeſäcke und— die ganze,Viſitation war vorüber.„Aber wo muß ich denn meinen Paß abgeben?“ rief nun der Eine oder der Andere der Zweihundertundfünfzig, der gar nicht begreifen konnte, warum ihn kein Menſch darum befragte.„Bitte, bitte,“ erwiederten drauf die öſtrei⸗ chiſchen Beamten mit noch freundlicher lächelnder Miene, als zuvor,„wir wiſſen ſchon, wen wir vor uns haben,“ und— vom Abfordern des Paſſes oder der Paßkarte war eben ſo wenig die Rede, als von einer Viſitation des Gepäcks. im Himmel, wie ging da den Schwaben das Herz auf! Jetzt wußten ſie auf einmal, daß ſie im„neuen“ Oeſtreich ſeien und nicht mehr im„alten, ſich ſelbſt abſchließenden“. Jetzt ward ihnen mit einem Male die Richtſchnur klar, nach welcher das „jetzige“ öſtreichiſche Regiment verfährt, und mehr als Einer gedachte der herrlichen Worte des Dichters: „Vorwärts, muthiges Oeſtreich, vorwärts! Vorwärts auf der Bahn des Lichts und der Freiheit; vorwärts!“ II. Der Einzug in Wien. Wenn ſonſt Einer eine Reiſe thut, ſo ſetzt er ſich hart an's Wagenfenſter oder geht er auf's Verdeck des Dampfbootes hinauf, nimmt ſeinen Bädecker zur Hand und ſtudirt nun genau die Gegend, welche er durchfliegt. Man muß doch nachher ſagen können, wo man geweſen iſt und wie die Stadt, das Kloſter, das Schloß, der See, der Berg oder das Thal, an denen man vorbeipaſſirte, ausgeſehen hat. Am allernoth⸗ wendigſten iſt aber dies, wenn man durch ſolch' inter⸗ eſſante Gegenden kommt, wie ſie das Salzkammergut, auf der Route von Salzburg nach Linz, und dann insbeſondere das Donauthal von Linz nach Wien, das an Großartigkeit, Schönheit und Pracht dem Rhein⸗ thale von Mainz nach Koblenz in Nichts nachſteht, Da fährt man ja am„Traunſtein“ vor⸗ bei, dieſem gewaltigen Bergrieſen, ſowie an dem Städt⸗ chen„Lambach“, deſſen ſtattliche Benediktinerabtei bietet. eine der reichſten im Lande iſt. Da kommt man nach „Wels“, dem uralten»Ovilabis« der Römer, und drauf nach„Linz“, der wunderſchönen Stadt, deren „Hauptplatz“ den Vergleich mit der Zeil in Frankfurt aushält. Da paſſirt man dann unterhalb„Grein“ mit ſeiner ſtolzen„Greinburg“ den„Strudel“ und den„Wirbel“, welche vor Zeiten der Donauſchiff⸗ fahrt ſo gefährlich waren, und gleich darauf winkt das pittoreske Schloß„Perſenbeug“ herüber, vor Jah⸗ ren das Eigenthum und der Lieblingsaufenthalt des verſtorbenen Kaiſers Franz, weßhalb auch ſeine jetzt noch lebende Wittwe faſt jeden Sommer daſelbſt zu⸗ bringt. Da ſieht man links oben die hochberühmte Kirche„Mariataferl“, zu welcher jährlich wohl hunderttauſend Menſchen wallfahrten, und rechts, ſchräg Herr Gott gegenüber, die prachtvolle Abtei„Mölk“, die eher einem kaiſerlichen Palaſte, als einem Mönchskloſter gleicht. Da zeigt ſich auf ſchroffen Felſen die Ruine des„Aggſtein“, in früheren Zeiten des furchtbarſten Raubſchloſſes an der Donau, deſſen grauſamer Beſitzer, der Ritter Schreckenwald, noch jetzt im Munde des Volkes lebt, und weiter unten das vielbeſungene „Dürrenſtein“ oder„Tyrnſtein“ mit einem neuen, dem Fürſten von Starhemberg gehörigen Schloſſe, und den Ruinen eines alten, auf welchem Herzog Leo⸗ pold VI. von Oeſtreich ſeinen Feind Richard Löwen⸗ herz von England von 1192 bis 1193 fünfzehn Mo⸗ nate lang gefangen hielt. Da weidet ſich das Auge⸗ endlich an dem uralten, ſchon anno 1072 gegründeten, feſtungsartig von hohem Berge herabwinkenden Bene⸗ diktinerſtift„Göttweih“, und auf der andern(lin⸗ ken) Seite dehnt ſich das alte Städtchen„Stein“ hin, das durch eine 637 Schritte lange Brücke mit dem noch älteren»Mutinum» der Römer, dem jetzigen Dorfe„Mautern“ auf der rechten Seite der Donau verbunden iſt. Aber— hatten denn die zweihundert⸗ undfünfzig Schwaben Zeit, dieſe vielen Schönheiten und Merkwürdigkeiten zu bewundern? Es war kaum mög⸗ lich, denn alle ihre Aufmerkſamkeit mußte ſich ja den biedern Oeſtreichern zuwenden, die ihnen von Wels an einen Empfang bereiteten, wie er noch nie einer Ge⸗ ſellſchaft von Reiſenden bereitet worden iſt und auch nie mehr bereitet werden wird! Der Leſer kennt dieſen Empfang aus den öffent⸗ lichen Blättern, welche ganze Spalten damit gefüllt haben und doch ſämmtlich zugeſtanden, daß ihre Be⸗ ſchreibung eine mangelhafte ſei; er weiß, daß der Zug der Zweihundertundfünfzig von Wels bis nach Wien nichts Geringeres war, als ein großartiger Triumph⸗ zug, nur allein vergleichbar den Ehren, mit denen man ein ſiegreich aus dem Felde zurückkehrendes Heer zu empfangen pflegt; er weiß, daß allüberall, wo die Zgweihundertundfünfzig vorbeipaſſirten, in allen Städ⸗ ten und Dörfern, in allen Schlöſſern und Klöſtern, faſt die ganze Bevölkerung ſich zur Begrüßung auf⸗ ſtellte, daß von allüberall her Freudenſchüſſe krachten und die ſtürmiſchen„Hochs“ kein Ende nehmen woll⸗ ten, daß allüberall das deutſche Lied erklang und von allen Höhen herab die ſchwarzrothgoldene Fahne wehte, daß allüberall das Militär— von ſeinen höchſten Spitzen an bis in ſeine unterſten Grade herab— mit den bürgerlichen Behörden und den Staatsbedienſteten, ſowie mit den Turnergeſellſchaften und den Sänger⸗ bünden wetteiferte, um die Schwaben als Brüder zu umarmen; er weiß endlich, daß von Nußdorf an bis zum Landungsplatze in Wien, alſo in der Länge von einer guten Stunde, die Bewohner der Kaiſerſtadt ſich Kopf an Kopf, ihrer zuſammen viel mehr als Hun⸗ derttauſend. darunter die vornehmſten Herren und Da⸗ men, aufgeſtellt hatten, ſo daß man nicht anders den⸗ ken konnte, als das Volk von Wien ſei in Galla aus⸗ gerückt, um einem Triumphator in der Tunica Pal- mata ſeine Huldigungen darzubringen. Er weiß alſo dies Alles der freundliche Leſer; aber weiß er auch, warum dies Alles ſo geſchah, wie es geſchah? Viel⸗ leicht zu Ehren der Zweihundertundfünfzig, die ſich in Stuttgart zu einer Vergnügungsparthie zuſammengefun⸗ den hatten? Du lieber Gott, da gehörte denn doch die bornirteſte Eigenliebe dazu, um ſo etwas zu glauben! Oder vielleicht, weil man die Zweihundertundfünfzig 3—.— eher loſter Ruine arſten ſiter, ee des ngene einem loſſe, Leo⸗ wen⸗ Mo⸗ Auge deten, Bene⸗ lin⸗ ein“ e mit etzigen Donau ndert⸗ mund mög⸗ a den ls an r Ge⸗ auch fffent⸗ gefüllt e Be⸗ r Zug Wien unph⸗ rrmrin ——— als die Vertreter Schwabenlands anſah? Man konnte ſie nicht dafür anſehen, da ſie ja bewieſener Maßen durch den reinſten Zufall aus allen Klaſſen von Men⸗ ſchen zuſammengewürfelt worden waren! Nein, nicht hierin iſt der Grund zu ſuchen, warum die Oeſtreicher und beſonders die Wiener den Schwaben einen Feſt⸗ empfang bereiteten, wie man ihn ſonſt kaum Königen bereitet, ſondern darin, daß die biederen Be⸗ wohner des Kaiſerſtaats beweiſen wollten, ſie ſeien deutſch geſinnt, wie wir. Ihre Zuſammengehörigkeit„mit wollten ſie zeigen, um alle Die für immer und ewig zum Schweigen zu bringen, welche ein Deutſchland anſtreben mit Ausſchluß der öſtreichiſchen Lande! Das war der Grundgedanke, der die Wiener und Oeſtreicher,„ſei's bewußt, ſei's unbewußt,“ beſeelte, und deßwegen ſtrömten ſie zu dem Landungsplatze an der Donau hinaus, um thränenden Auges und lachen⸗ den Angeſichts die„ſtammverwandten Schwaben“ zu begrüßen. Das Alles aber hat der wackere Raveaux in einem herrlichen Gedichte viel ſchöner zuſammen⸗ gefaßt, als ich es zu ſagen vermöchte, und darum übereilen. ſchließe ich mit den letzten Worten jenes herrlichen poe⸗ tiſchen Erguſſes, welche folgendermaßen lauten: „Das, was Ihr geſtern habt geſeh'n, Die Tauſend und Tauſend am Ufer ſteh'n— Das, was Ihr tauſendfach vernommen, Den Jubelruf:„Seid uns willkommen!“ Das war nicht gemacht, nicht einſtudirt, Das war vom Herzen kommandirt. Da war kein Schwaben, kein Oeſterreich— Da waren alle Bruderſtämme gleich. Da ſprach's: Wir wollen treu zuſammengeh'n, Bis wir als Eins die deutſchen Völker ſeh'n. Wir ſtehen feſt in Glück und Noth Bis zum erſehnten lichten Morgenroth, Steht Ihr zu uns, wir ſteh'n zu Euch Zu aller Zeit für's deutſche Reich!“— III. Die Wiener und die Wienerinnen. Stadt kommen, nichts Eiligeres zu thun wiſſen, als ſogleich von einer Sehenswürdigkeit nach der andern, dem Reiche“ — 335—. iſt, als was es in den Reiſehandbüchern geſchildert wird, eine Großſtadt im wahrſten Sinne des Worts. Ja in vielen Dingen, beſonders aber auch in der Bauart der Häuſer, in ihrer Höhe und ihrem Feſt⸗ aneinanderſchließen werde ich unwillkürlich an Newyork, das iſt an den unteren oder älteren Theil deſſelben er⸗ innert, während in anderen Beziehungen die Aehnlich⸗ keit mit den Genfer Bauten nicht zu verkennen iſt. Aber— ſonderbar, ſo ſehr und ſo gewaltſam ich mich auch anſtrenge, ein richtiges Bild des mich umwogen⸗ den Häuſermeeres zu bekommen, ſo wandert mein Auge doch jeden Augenblick, und ohne daß ich es verhindern kann, von den Häuſern hinweg auf die Menſchen hin⸗ über, welche die Straßen bevölkern, und mit unendlichem Wohlgefallen ruht es aus auf den wunderlieblichen Ge— ſtalten, die zu Hunderten, zu Tauſenden an mir vor⸗ Gewiß gibt es keine Stadt und keine Pro⸗ vinz, vielleicht nicht einmal ein Dorf in Deutſchland, an welchem der Genius der Schönheit, ohne ſich we— nigſtens ein bischen niederzuſetzen, vorübergegangen wäre, und insbeſondere hat er in meiner engeren Heimath, im Schwabenlande, mit ſichtbarer Vorliebe längere Zeit verweilt; aber, aber— was that er in Wien? Der Wahrheit muß man die Ehre geben und darum ſei es offen geſtanden, daß über die Bewohnerinnen Wiens das Füllhorn der Anmuth und Lieblichkeit in einem Maßſtabe ausgegoſſen wurde, der faſt überreich⸗ lich genannt werden muß. Dazuhin gab ihnen der Genius einen Sinn für Eleganz, den man nur ſelten bei den Töchtern Eva's trifft, denn wenn ſo Viele mei⸗ nen, dadurch, daß ſie ſich mit Reichthümern und Putz⸗ gegenſtänden übervoll behängen, ein glanzvolles Aus⸗ ſehen zu bekommen, ſo wiſſen ſie, die Wienerinnen, dagegen, daß geſchmackvolle Einfachheit der ſchönſte Schmuck iſt, in den man ſich hüllen kann. Doch, wenn ſchon die rein„äußerliche“ Erſcheinung der Be⸗ wohnerinnen Wiens einen ſolch' wohlthuenden Eindruck macht, wie unendlich ſteigert ſich dieſes Wohlgefallen, wenn wir erſt ihr gemüthliches Weſen kennen lernen! Wenn wir uns überzeugen, daß ſie das vollkommenſte hauptſächlich von einer Kunſtſammlung zur zweiten zu rennen, und ſo Alles gleichſam im Fluge zu beſchauen. Aber was hat man von einer ſolchen Carriére⸗Beſich⸗ tigung? Nicht einmal ein richtiges Bild„des Ganzen“ bekommt man, wie viel weniger eine Einſicht„in's Einzelne“! Kunſtſchätze wollen„mit Muße“ genoſſen werden, denn es darf ſie nicht blos das„äußere“ Auge betrachten, ſondern das„innere“ muß ſie erfaſſen, und dazu gehört Nachdenken oder das, was man„geiſtiges Oder ſind wir nicht nach Wien gekommen, um Wien und die Wiener kennen zu lernen? Alſo— Straße auf, Straße ab durchwandere ich Schauen“ nennt. Laſſen wir alſo vorderhand die Kunſt⸗ ſchätze und wenden wir uns vielmehr der Beſichtigung der Stadt und ihrer Bewohner zu. die alte Vindobona, nach allen Giebeln ſehe ich hin⸗ auf und keinen Durchgang laſſe ich unpaſſirt. Ins⸗ 1 beſondere aber bleibe ich auf allen öffentlichen Plätzen ſtehen und ſehe mich rund um, damit mir ja keines der palaſtähnlichen Gebäude entgehe. Und in der That uu i ſch mir geſtehen, daß Wien wirklich das 3. Gegentheil Es gibt Menſchen, die, ſowie ſie in eine fremde alles thörichten Stolzes und aller Un⸗ natur ſind! „Wer's eben mit ſich ſelbſt gut meint, der nehme ⸗Ja eine Gattin, die gefällig iſt Und ſanften Herzens— oder lieber keine,“ ſagt Schiller, und es ſcheint faſt, daß jede Bewohne⸗ rin Wiens dieſe Worte unſeres großen Dichters genau kennt, denn Sanftmuth des Herzens und liebenswür⸗ dige Gefälligkeit ſpricht aus jedem ihrer Worte, aus jeder ihrer Mienen, aus jeder ihrer Handlungen! Hierin aber geben ihnen die Männer durchaus nichts nach, und ich glaube dreiſt verſichern zu können, daß ich in meinem Leben nie mehr Zuvorkommenheit, mehr Artigkeit und mehr Freundlichkeit getroffen habe, als unter den Wiener Bürgern. Freilich— gegen ſchroffe, gegen eingebildete, gegen ewig rechthaberiſche, mit Al⸗ lem unzufriedene und Alles beſſer wiſſende Naturen, wie es leider unter uns Deutſchen auch gibt, würden ſie ſich ſicher„anders“ zeigen, denn Akkorde ſind nur möglich, wo gleichgeſtimmte Saiten angeſchlagen wer⸗ den; aber gegen uns Schwaben iſt der Wiener in der That die Liebenswürdigkeit ſelbſt, und ich komme faſt zur Ueberzeugung, daß unter allen Volksſtämmen Deutſchlands keine mehr zuſammenpaſſen, als der ſchwäbiſche und der öſtreichiſche. Oder woher käme es denn, daß wir beinahe in allen Dingen und Anſichten ſympathiſiren? Woher käme es denn, daß wir uns ſchon nach wenigen Tagen ſo heimiſch fühlen in der Kaiſerſtadt, als wären wir dort von Jugend an zu Hauſe geweſen? Woher käme es denn, daß uns, wir mögen uns unter Volksſchichten bewegen, unter wel⸗ chen wir wollen, unter Bürgern oder Beamten, unter Offizieren oder Kaufleuten, unter Arbeitern oder Ar⸗ beitgebern,— daß uns allüberall daſſelbe Freundes⸗ geſicht entgegentritt und daſſelbe Bruderherz entgegen⸗ ſchlägt? Gewiß wir gehören zuſammen und darum lie⸗ ben wir uns; Gott aber gebe, daß aus der Liebe ein Ehebündniß werde, ein Ehebündniß mit feſt geſchloſſe⸗ nem und verſiegeltem Contracte und mit dem Heiraths⸗ gute der Freiheit! IV. Das Leben in Wien. Ein bischen leichtſinnig und zwar manchmal ſogar ein bischen viel leichtſinnig geht's in Wien ſchon zu, und der Satz, daß die Bewohner der Kaiſerſtadt das Leben mehr und beſſer zu genießen verſtänden, als ſelbſt die Pariſer, mag ſeine vollkommene Richtigkeit haben. Alles iſt luſtig vom Morgen bis zum Abend, und wenn der Abend nicht zureicht, ſo nimmt man noch die halbe oder auch die ganze Nacht dazu. Doch — woher die Leute das Geld zu der ewigen Luſt be⸗ kommen, will mir faſt räthſelhaft erſcheinen, denn ſo viel iſt richtig, daß in Wien nicht ſo viel und ſo fleißig gearbeitet wird, als bei uns. Ob etwa viel⸗ leicht der Verdienſt ein um ſo größerer iſt? Ich kann es in der That nicht ſagen, aber das weiß ich, daß die Armuth ſich nirgends grell zeigt, ſondern vielmehr überall Wohlſtand und Wohlhabenheit zu Tage tritt. Selbſt die Bettler ſchienen mir nicht aus wirklicher Armuth zu betteln, ſondern weil ſie das Geſchäft als ein Handwerk betrachteten, auf das ſie ſich von Ju⸗ gend auf angewieſen ſahen. Lachen mußte ich auch über den Humor, mit dem ſie dieſes ihr Handwerk betrei⸗ ben, denn wenn der Eine verſprach, für einen Kreu⸗ zer ein Vaterunſer zu beten, ſo bot der Zweite die doppelte, der Dritte die dreifache und der Vierte die vierfache Anzahl von Paternoſtern, gerade wie wenn man ſich in einer Auktion befände; an das Halten ſei⸗ nes Verſprechens dagegen, d. h. an das wirkliche Her⸗ beten der in Ausſicht geſtellten Vaterunſer dachte ganz gewiß kein einziger der Schlingel, denn ſo bald man ihnen den Rücken wandte, ſchnitten ſie Geſichter, als wären ſie Geſchwiſterkinder von Tyll Eulenſpiegel. Am deutlichſten tritt die in Wien herrſchende Wohl⸗ habenheit und zugleich die Leichtigkeit, mit dem man das Geld ausgibt, hervor, wenn man die Gaſthöfe, Café's, Reſtaurationen und Trinkhäuſer beſucht, denn nirgends kann man den gemüthlichen Wiener beſſer kennen lernen, als eben im Wirthshaus. Das letztere iſt ja ſein„einziger“ Zufluchtsort, wenn er unverhei⸗ rathet iſt, und hat er Weib und Kind zu Hauſe, ſo betrachtet er es wenigſtens als ſeine„halbe“ Heimath. Ja nicht ſelten hegt er für die„halbe Heimath“ mehr Anhänglichkeit, als für diejenige, in welcher er wohnt, und da ſeine Gattin nur zu oft dieſe Vorliebe mit ihm theilt, ſo bringen ſie die Abende gemeinſam in einem öffentlichen Lokale zu! Wozu denn auch zu Hauſe Feuer - 336— anmachen und kochen, wenn man Alles ſo gar vorzüg⸗ lich im Wirthshauſe haben kann? Und in der That— darin hat der Wiener recht; nirgends in der Welt trifft man beſſer, ſchöner und bequemer eingerichtete Lokale, als in der Kaiſerſtadt; nirgends iſt das Bier und der Wein vorzüglicher, als hier; nirgends wird ſchmack⸗ hafter gekocht und gebraten, und nirgends gibt's eine größere Auswahl unter den Speiſen;— warum ſollte man alſo ſolch' koſtbare Anſtalten, wie die Wiener Wirthshäuſer ſind, nicht frequentiren? Gewiß, gewiß, ich bin ganz damit einverſtanden und zwar um ſo mehr, als gar nirgends in Wien die Unſitte herrſcht, Hunde in öffentliche Wirthslokale mitzunehmen; aber leider kann ich nicht umhin, den großen Lobeserhebungen einen kleinen hinkenden Boten nachzuſenden, nämlich den, daß die Preiſe doch faſt allzu übermäßig hoch geſchraubt ſind. Freilich gebe ich zu, daß man an ſehr vielen Orten ſehr wohlfeilen und zugleich doch ſehr guten Wein(ſowohl öſtreichiſchen als ungariſchen) bekommen kann, und ebenſo weiß ich auch, daß man in der „Schnecke“ am St. Peter oder beim„Lothringer“ am Kohlmarkt weit billiger ſpeist, als im„Rothen Igel“ unter den Tuchlauben oder beim„Reiſenleithner“ in der Schloſſergaſſe; aber im Allgemeinen ſteht doch der Satz feſt, daß nicht blos ein Gourmand und Fein— ſchmecker, ſondern auch ein ganz gewöhnliches Menſchen⸗ kind, wenn es einen nur halbwegs reſpektablen Appetit hat, ſich in Wien„arm“ eſſen kann. Ueberdem— wie ſchnell bekommt nicht erſt der Geldbeutel die Schwindſucht, wenn Einer aus einer Biergegend ſtammt und gewohnt iſt, täglich ſeine zwölf bis vierzehn Sei⸗ del zu leeren! Die übermäßige Theurung verbittert alſo dem Fremden manchen Biſſen und manchen Schluck; noch unangenehmer aber wird er manchmal durch die Art der Bedienung berührt. Iſt's nämlich voll in einem Wirthshaus— und in den Beſſeren derſelben verhält ſich's faſt immer ſo—, und dringt Einer, weil er Eile hat, auf ſchnelle Servirung, ſo darf er ſicher ſein, ſtatt des Beſtellten die mit unerſchütter⸗ licher Ruhe und Freundlichkeit ausgeſprochenen Worte: „Bitte,'skommt gleich,“ zu hören. Neun, zehn Mal erhält er dieſelbe Antwort, und immer wird ſie mit der gleichen Liebenswürdigkeit gegeben, aber— man wäre doch oft verſucht, ob dem ewigen:„Bitte, 'skommt gleich“ in Verzweiflung zu gerathen. Dat man dann aber endlich genug gegeſſen und getrunken, dann muß man wieder warten, bis der„Zahlkellner“ Zeit hat zu erſcheinen, denn ein anderer Menſch nimmt Einem ja kein Geld ab, und— über dieſe letztere Einrichtung hat man doch gewiß das Recht, den Kopf zu ſchütteln. Anderswo in der Welt. nämlich zahlt man demjenigen Kellner die Zeche, welcher die Speiſen und das Getränk brachte, und dies iſt doch gewiß das Naturgemäßeſte; in Wien aber warten zehn, zwölf oder noch mehr Garçons auf und nur Einer,„der Zahl⸗ kellner,“ nimmt das Geld an! In der That, eine höchſt ſonderbare Einrichtung, doch hat ſie auch wieder etwas für ſich, nämlich das, daß man nicht alle Au⸗ genblicke, wenn man etwas bekommt, den Geldbeutel ziehen muß, ſondern erſt, wenn man geht; für dieſe Borgfriſt jedoch läßt ſich der Zahlkellner reichlich be⸗ lohnen, denn kein Gaſt verläßt das Zimmer, ohne ihm ſein Trinkgeld gegeben zu haben, und ſelbſt der zäheſte Fremde findet ſich ſchnellſtens in dieſe Sitte, dieweil man ſonſt kellneriſcherſeits aufhören würde, als vorzüg⸗ be⸗ (lt trifft Lokale, und der ſchmack⸗ ts eine zſollte Wiener gewiß, dmehr, Hunde Pleider en einen en, daß ſchraubt rvielen ruten kommen in der er“ am Igel“ ner“ in doch der d Fein⸗ tenſchen⸗ Appetit dem— utel die lunmt ihn Sei⸗ erbittert Schluck urch die voll in erſelben Einer, darf er ——— ——— - 337—— „Gentleman“, d. i. als„Eure Gnaden“ zu behandeln V oder überhaupt nur noch zu berückſichtigen. Doch von all' dieſen Unannehmlichkeiten des Wie⸗ ner Wirthshauslebens fühlt der in Wien Anſäſſige nichts oder vielmehr— er iſt an dieſe Mißſtände ſchon ſo gewohnt, daß ſie ihm ſogar zum Bedürfniſſe ge⸗ worden ſind, und darum— tadle ihm Niemand ſeine Reſtaurationen, Café's und Bierhäuſer. Noch weni⸗ ger aber tadle man ihm ſeine herrlichen Vergnügungs⸗ lokale außerhalb der innern Stadt und die Fiacrs, die ihn dahin führen, denn ſchneller und ſicherer fährt Nie⸗ mand, als ein Wiener„Fiacre“— Alles, was nicht Omnibus oder Geſellſchaftswagen iſt, heißt in Wien Fiacre— und großartigere Gärten und Gartenſäle nebſt einer wunderbar herrlicheren Muſik findet man gar nirgends ſonſt in der Welt! Freilich theuer iſt der Fiacre, ſogar ſehr theuer, und an die ihm vorgeſchrie⸗ bene Taxe hält er ſich aus eigener Machtvollkommen⸗ heit nicht im Geringſten gebunden, aber— wer das Geld nicht aufwenden will, der gehe zu Fuße oder be⸗ nütze einen der Hunderte von Omnibuſſen, welche ſich nach allen Richtungen hin fortbewegen und ſpottbillig, dagegen freilich auch etwas langſamer Natur ſind. Ueberdies iſt denn der Ort, wohin man fährt, alſo der„Sperl“, von Schwender“, der„Zeiſig“, der„Thiergarten“, oder wie die Lokalität ſonſt heißen mag,— iſt denn ein ſolcher Ort und das Vergnügen, deſſen man da⸗ ſelbſt gewiß ſein darf, nicht ſo viel werth, um ein paar Gulden ſpringen zu laſſen? Gewiß nur ein Geiz⸗ hals, oder Einer, dem die Luſt am Leben bereits ab⸗ handen gekommen iſt, denkt da, wo ſo viel Freude winkt, an's Sparen; den übrigen Menſchenkindern aber geht das Herz weit auf, ſowie ſie nur daran den⸗ ken, welch' fröhliche, lachende Geſellſchaft ſie finden werden, und wenn dann vollends die erſten rauſchen⸗ den Fanfaren der unübertreffbaren öſtreichiſchen Mili⸗ tärmuſikbanden oder auch die hüpfenden Akkorde eines Strauß, eines Morelly, und wie die Herren Kapell⸗ meiſter ſonſt heißen mögen, in ihre Ohren tönen, ei dann gibt'’s keinen Halt mehr, ſelbſt für die Aelteſten, ſondern Alles hüpft und ſpringt und iſt außer ſich vor Vergnügen. So lebt der Wiener Jahr aus Jahr ein in lauter Herrlichkeit und Freude, aber glaubt man ſich nun wielleicht berechtigt, hieraus den Schluß zu ziehen, daß derſelbe eben wegen ſeines ewigen Frohſinns allen „ernſthafteren Fragen des Lebens“ und abſonderlich „den hochwichtigen Fragen der Zeit“ unzugänglich ſei? Man denke— dies iſt wohl die ſchlagendſte Antwort auf dieſe Frage man denke nur an die drei Abende, an welchen die zweihundertundfünfzig Schwaben zu Dreher, in die neue Welt und zum Sperl ein⸗ geladen waren, und man wird wiſſen, wie man in dieſer Richtung mit dem Wiener ſteht! Wahrhaftig— ſo lebensluſtig derſelbe iſt, ſo offen iſt auch ſein Herz für das, weſſen Deutſchland bedarf, und wenn er auch nicht ſo viele Worte und Phraſen macht, wie manch' anderer deutſcher Volksſtamm, ſo iſt er doch der Erſte auf dem Platze, wenn es gilt, mit der That einzu⸗ ſtehen für die Einheit und Freiheit unſerer geſammten Nation.— Dieſen Eindruck haben die Abende bei Dreher, in der neuen Welt und bei Sperl auf mich Feierſtunden. 1868. gemacht, und dieſen Eindruck laſſe ich mir nicht mehr nehmen. V. Die Kaiſerburg. In Wien kann man ſich, wie überhaupt in den meiſten alten Städten, ziemlich leicht zurechtfinden, denn es gibt der Anhaltspunkte genug, welche den „Orientirungsſinn“ unterſtützen. Ein ſolcher Anhalts⸗ punkt iſt vor Allem die Stephanskirche mit ihrem gewaltigen Thurm— er wird gegenwärtig gründlich renovirt und nach ſeinem urſprünglichen Plane ausge⸗ baut— und deßwegen ſucht auch jeder Fremde inſtinkt⸗ mäßig unter allen Bauten Wiens zuerſt dieſen Dom auf, dieweil man fühlt, daß das ganze Häuſer- und Straßengewirr von dieſem urwüchſigen Recken beherrſcht wird. Doch nein— nicht blos wegen ſeiner Rieſen⸗ haftigkeit ſucht der Fremde den Stephansthurm nebſt der Stephanskirche auf, ſondern überhaupt deßwegen, weil es das herrlichſte und in jeder Hinſicht bedeutendſte Baudenkmal iſt, welches Wien aufzuweiſen hat, und es thut mir in der That weh, daß Zweck und Raum mir verbieten, etwas Detaillirtes über dieſe„Königin 3 ſ dir Fur 174 der„Wurſtelprater“, der„Warhuber“, unter den gothiſchen Kirchen Europas“ zu ſagen. Meine das„Sophienbad“, die„neue Welt“, das„Fünshaus Huldigung dargebracht habe ich ihr übrigens, dieſer Königin, und zwar mehr als ein einziges Mal, wie's Pflicht und Schuldigkeit jedes andächtigen Chriſten und Schönheit liebenden Reiſenden iſt. Wenn nun aber ein Fremder den gothiſchen Rieſen geſehen hat, ſo geht ganz ſicherlich ſeine zweite Frage nach der Kaiſerburg, denn Wien iſt ja die„aus⸗ nahmsweiſe Kaiſerſtadt“, und ſomit ſpielt natürlich die Wohnung des Kaiſers die erſte Rolle unter allen Woh⸗ nungen, Paläſten, Denkmalen und Merkwürdigkeiten. Auch wir Schwaben brachen ſelbſtverſtändlich ſo bald als thunlich dahin auf, doch machten wir unterwegs noch vorher einen kleinen Abſtecher nach der Kaiſer⸗ gruft, um unſere„über die nun in Bälde zu ſchauen⸗ den Herrlichkeiten etwas exaltirten Gemüther bis auf's geziemende Niveau abzukühlen.“ Und in der That, man kann recht kühl werden in den tiefen, ſtillen Gewölben, welche ſich in einer merkwürdigen Ausdehnung unter der Kapuzinerkirche hinziehen und Sarg an Sarg, Grabmal an Grabmal(denn hier ſind die Habsburger alle, von Kaiſer Rudolph dem Erſten an bis auf das jüngſtgeſtorbene Töchterlein des jetzigen Kaiſers, beſtat⸗ tet) enthalten! Ja recht kühl kann man werden ſowohl von außen am Körper, weil eine ſchaurige Luft hier unten weht, als auch von innen am Herzen, weil man da doppelt und dreifach die Nichtigkeit alles Irdiſchen empfindet! Mit beſonderem Intereſſe übrigens betrach⸗ tete ich den Sarg des Königs von Rom, der als ver⸗ meintlicher Erbe einer Weltherrſchaft geboren wurde und als Titular⸗Herzog von Reichsſtadt in der Blüthe ſeiner Jahre verſtarb, und unwillkürlich fielen mir die Worte unſeres Schubart ein: „Da liegen ſie, die ſtolzen Fürſtentrümmer, Die einſt die Götzen dieſer Welt!“ Von der Kaiſergruft bis zur Kaiſerwohnung iſt es nur ein kurzer Weg, faſt ſo kurz als der Weg vom Leben zum Tode, aber wie ſchnell vergißt man nicht während der fünf Minuten, die man zu gehen hat, die düſteren Eindrücke, welche die unterirdiſchen Räume der Kaiſergruft auf den Beſucher machten! Auf dieſer kur⸗ 43 zen Strecke nämlich concentrirt ſich gleichſam die ganze ungeheure Lebendigkeit der guten Stadt Wien, und das bunte Gewühl von Wagen, Pferden und Menſchen iſt Doch endlich, endlich nach vielem Drängen, Stoßen und Ausweichen erreicht man wirklich ein ungeheuerliches. den Kaiſerpalaſt, und ſteht nun, nachdem man einen langen Thorgang paſſirt hat, plötzlich im Schloßhof. „Im Schloßhof“— ſo ſagte ich, aber iſt der Aus⸗ druck wohl der richtige? Ich glaube kaum, denn die Wohnung des Kaiſers iſt kein Schloß nach modernen Begriffen, ſondern vielmehr eher eine Burg im mit⸗ telalterlichen Sinne, eine Burg übrigens, deren Zin⸗ nen, Thürme und Zugbrücken längſt dem Geiſte der Neuzeit gewichen ſind. Den Namen einer Kaiſerburg verdient ſie aber doch im vollſten Maße und zwar ſchon wegen ihres außerordentlichen Umfangs. Es ſcheint nämlich, daß die Uranfänge derſelben ſchon im drei⸗ zehnten Jahrhundert zu ſuchen ſind, während in den ſpäteren Zeiten ein Flügel nach dem andern hinzugefügt wurde, bis ſo nach und nach durch ewiges Anbauen und Umbauen der jetzige Palaſt entſtand, der im Stande iſt, für ſich allein ein paar tauſend Menſchen zu be⸗ herbergen. Doch— ſoll ich mich mit der Beſchrei⸗ bung dieſes maſſenhaften Anweſens noch länger auf⸗ halten? Nicht die„Häuſer“ ſind es ja, die einen beſchaulichen Reiſenden anziehen, ſondern die„Men⸗ ſchen“, von denen ſie bewohnt werden, mit intereſſirte und ſo⸗ mich vor Allem nicht ſowohl die Kaiſerburg, als vielmehr der Kaiſer und die kaiſerliche Familie. „Der Kaiſer!“— Ich habe ihn nicht geſehen, ihn ſo wenig als ſeine hohe Gemahlin, denn er befand ſich gerade auf einem ſeiner nahen Luſtſchlöſſer, in Laxen⸗ burg oder in Schönbronn, und ſeine Gemahlin hielt ſich ihrer Geſundheit wegen im Bad Kiſſingen auf; aber die Gemächer habe ich geſehen, welche ſie bewohnen, und gehört habe ich von ihnen und zwar viel, ſehr viel. „Schauen's, das iſt das Zimmer, in welchem die Majeſtät Audienz gibt,“ ſagte der Führer, der uns geleitete;„nicht Audienz für die hohen Herren und Geſandten, ſondern für das Volk und die gemeinen Leute, denn zweimal in der Woche hört der Kaiſer Jeden an, der ihm Etwas vorzutragen hat.“ Das ſagte der Führer ſo ruhig und gemüthlich, wie wenn gar nichts Beſonderes daran wäre, und doch— gibt's viele mächtige Regenten in der Welt, die ohne Unterſchied für jeden ihrer Unterthanen zu Hauſe ſind? Aber die Oeſtreicher ſind einmal daran gewöhnt, populäre Re⸗ genten zu beſitzen, und nach Allem, was geſprochen wurde, hat der Kaiſer Franz Joſeph, ſeitdem er „conſtitutioneller“ Kaiſer geworden iſt, an Popularität nicht nur nichts verloren, ſondern vielmehr unendlich viel gewonnen. Wie glänzten übrigens erſt die Augen der Wiener, wenn ſie von der Kaiſerin ſprachen!„Sie iſt die ſchönſte und liebreichſte Frau in der ganzen 338— VI. Der Eſterhazykeller. Wien beherbergt viele Schätze und Werthgegenſtände, die man anderswo nicht in derſelben Ausdehnung, nicht in derſelben Schönheit und Großartigkeit treffen kann. Darunter iſt zu rechnen zum erſten die ſehr bedeutende und höchſt werthvolle Gemäldegallerie im oberen Belvedere mit Bildern der bedeutendſten ſpaniſchen, italieniſchen und niederländiſchen Meiſter; zum zweiten die nicht minder anſehnliche Antiken⸗ und Ambra⸗ ſer⸗Sammlung im unteren Belvedere mit einer Menge von alten deutſchen Rüſtungen, Harniſchen und Waffen, ſowie von Büſten, Reliefs und Statuen aus der Römerzeit; zum dritten die Hofbibliothek mit über 16,000 griechiſchen, lateiniſchen, deutſchen und mor⸗ genländiſchen Handſchriften, ſowie mit 300,000 Bän⸗ den Bücher, worunter nur allein gegen 12,000„In⸗ cunabeln“, d. i. ſolche Werke, die vor dem Jahr 1500, „als die Buchdruckerkunſt noch in cunabulis oder zu deutſch in der Wiege lag,“ gedruckt wurden; zum vier⸗ ten die K. K. Schatzkammer mit dem Krönungs⸗ ſchmuck Karls des Großen, mit dem unſchätzbaren Diamant Karls des Kühnen, den er in der Schlacht von Grandſon verlor, mit der ſilbernen Wiege des Herzogs von Reichsſtadt, mit den Kronkleinodien der habsburgiſchen Kaiſer, mit dem Prachtſchmuck der jetzi⸗ gen Kaiſerin und mit einem Vorrath von Diamanten⸗, Smaragden⸗ oder perlenbeſetzten Gegenſtänden von wirk⸗ lich unermeßlichem Werthe; zum fünften das Novara⸗ muſeum mit allen den Merkwürdigkeiten, welche von den Gelehrten der Novaraweltumſeglung geſammelt wurden; zum ſechsten das K. K. Arſenal mit Kano⸗ nen, Gewehren und Säbeln für 800,000 Mann— eine wahre„Welt in Waffen“— und mit einem „Waffenmuſeum“, das in der That einzig in ſeiner Art iſt— ich erinnere nur an die Kette, mit welcher die Türken bei der letzten Belagerung Wiens die Donau ſperrten—; zum ſiebten endlich das bürgerliche Zeughaus mit ſeinen vielen Alterthümlichkeiten und insbeſondere mit der ſeidenen Schnur, mittelſt welcher der Großvezier Kara Muſtapha nach ſeiner vergeblichen Belagerung Wiens erdroſſelt wurde. Gewiß dieſe ſieben, ſo eben genannten Sehenswürdigkeiten ſind anderswo nicht leicht in derſelben Ausdehnung, Großartigkeit und Schönheit zu treffen, obwohl freilich zugegeben Welt,“ erklärte Einer wie der Andere,„und für ſie gingen wir ſämmtlich durch's Feuer.“ nichts als Redensart? Ach man brauchte den Sprechenden War das wohl blos in's Geſicht zu ſehen oder auch nur den Ausdruck ihrer Stimme zu hören, ſo wußte man ſchon, daß es ihnen Ernſt war mit ihrer Erklärung, und zwar wirk⸗ licher, ernſtlichſter Ernſt! Möge das nie ſich ändern! werden muß, daß in allen größeren Städten Europa's wenigſtens„Aehnliches“ zu ſchauen iſt, ja daß ein⸗ zelne dieſer Städte in Beziehung auf Kunſtſammlun⸗ gen u. ſ. w. der Kaiſerſtadt ſogar„Concurrenz“ machen köunen. Aber— Eine Merkwürdigkeit beſitzt Wien, die„kein anderer Ort“ in der ganzen Welt auf⸗ weiſen kann, und dieſe Merkwürdigkeit iſt der Eſter⸗ hazykeller. „Der Eſterhazykeller!“ Ich kann mir's ſchon den⸗ ken, wie gar viele Wiener und Wienerinnen, welche dies leſen, die Naſe rümpfen werden, denn ihnen iſt dieſer Keller etwas Alltägliches oder vielmehr ſie be⸗ trachten ihn als eine Art von altem Rumpelkammer⸗ ſtück, deſſen Geruch ſchon in guter Geſellſchaft anſtößig iſt. Und ſie haben Recht von ihrem Standpunkte aus; aber ein Fremder, der gerne Menſchenſtudien treibt und zugleich ein Liebhaber von Curioſitäten iſt,— wahr⸗ haftig ein Solcher würde eine Sünde gegen ſich ſelbſt enſtände, ig, nicht en kann. deutende moberen aniſchen, zweiten Ambra⸗ nit einer ſchen und naus der mit über nd mor⸗ 00 Bän⸗ 0 In⸗ jr 1500, oder zu im vier⸗ bnungs⸗ hätzbaren Schlacht diege des dien der der jetzi⸗ manten⸗, on wirk⸗ Covara⸗ elche von ſammelt it Kano⸗ dann— t einem in ſeiner t welcher 3 Donau erliche iten und welcher geblichen ſe ſüeben, anderswo ſartiht - 339—— begehen, wenn er verſäumen würde, den beſagten Keller zu beſuchen. Denke man ſich eine enge, von hohen Häuſern eingeſänmte Gaſſe— die Naglergaſſe, welche von der„Freiung“ auf den„Graben“ führt; denke man ſich ferner von dieſer Gaſſe links abzweigend ein noch engeres, ziemlich abſchüſſiges und für Fuhrwerke nicht paſſirbares Gäßchen, das den Eingang zum Haar⸗ hof vermittelt und daher Haarhofgäßchen heißt; denke man ſich endlich in dieſem Gäßchen, da wo es am ab⸗ ſchüſſigſten iſt, links ein hohes, maſſives, alterthüm⸗ liches Haus mit einer ſchweren, eiſernen, feſtverſchloſ⸗ ſenen Kellerthüre, ſo hat man ein klares Bild von der Lage des Curioſums, das wir beſuchen wollen. Vor die beſagte eiſerne Thüre nun poſtirte ich mich eines Morgens einige Minuten vor 11 Uhr, denn ich hatte in Erfahrung gebracht, daß der Keller nur geöffnet werde von 11 bis 1 Uhr Mittags, ſowie von 5 bis 6 Uhr Abends, während er die ganze übrige Zeit einem unlösbaren Räthſel gleich für die ganze Welt verſchloſ⸗ ſen bleibe. Da ſtand ich alſo, aber ich ſtand nicht lange allein, ſondern es ſammelten ſich nach und nach ihrer etliche und zwanzig oder dreißig ſehr anſtändig gekleidete Herren, die jedoch, wie ſich ſogleich heraus— ſtellte, zum größten Theile Fremde(worunter viele Schwaben) waren und nur von einigen wenigen Wie⸗ nern, ihren Freunden, geleitet wurden. Jetzt ſchlugs eilf Uhr und mit dem Schlage ſtellte ſich eine alte Frau ein, die ein größeres verdecktes Blechgeſchirr in der Hand trug.„Es iſt die Würſtlfrau,“ ſagte einer der Wiener Herren,„und nun wird auch gleich auf— geſchloſſen werden; doch,“ ſetzte er dann freundlich hinzu,„da möcht' ich Sie recht ſchön bitten, daß Sie vorher die Röcke ein wenig feſt zuknöpften.“—„Aber warum denn?“ rief ihm einer der Fremden zu.„Iſt's vielleicht ſo kalt da unten?“—„Das gerade nicht,“ meinte nun der gemüthliche Oeſtreicher,„ſondern im Gegentheil wird's uns bald warm genug werden; aber wiſſen's, die Geſellſchaft, die ſich da unten zuſammen⸗ findet, iſt etwas gemiſchter Natur, und es wäre doch unangenehm, ſeine Börſe oder ſeine Uhr bei dem Spaſſe einzubüßen.“ Alſo ſprach der Wiener, und nun kann ſich der Leſer ſchon einen kleinen Begriff von den „Stammgäſten“ des Eſterhazykellers machen! Aufging die eiſerne Pforte und wir eilten zum Ein⸗ gang. Aber— eine tief finſtere Nacht ſtarrte uns ent⸗ gegen, und tappend, ſowie mit den Stöcken ſondirend, ſtiegen wir die etliche und dreißig Stufen hinab. Ein hohes Gewölbe empfing uns, nur äußerſt ſpärlich von ein paar ärmlichen Oellampen beleuchtet, und dieſes Gewölbe war bald dickvoll mit Menſchen gefüllt,— ſo dickvoll, daß„Schulter an Schulter ſich drängte“. Nach und nach gewöhnte ſich das Auge an die Dunkel— heit, und nun merkte ich, daß der brave Wiener mit ſeiner Ermahnung zur Vorſicht nicht ſo ganz Unrecht gehabt haben werde, denn mitten unter den vielen „Herren“ ſpukten einige äußerſt verdächtige Geſtalten und es blinkten Augen, die der verſtorbene Baſſermann zum Mindeſten geſagt unheimlich gefunden haben würde. Auch einige„Rothnaſen“ von der niederſten Sorte der Wiener Einwohnerſchaft waren da, offenbar habituelle Trunkenbolde, und man hörte Aeußerungen, welche nur in„gewiſſen“ Geſellſchaften im Schwunge ſind.„Aber,“ ſo fragte ich mich jetzt,„wo bleiben denn die Tiſche und Stühle und wo ſind die Kellner zum Aufwarten?“ Rund um ſchaute ich mit aufgeriſſenen Augen, doch * “ 52 1 weder Kellner, noch Tiſche und Stühle waren zu ent⸗ decken, ſondern die einzige Bequemlichkeit beſtand aus einer äußerſt ſchmalen Bank, welche rechts an der Wand hinlief. Hier konnte man ſich zur Noth ſetzen, allein woher ſollte man den Wein bekommen? Doch auch darüber kam ich in's Klare. Links vom Eingang nämlich, ziemlich weit hinten im Gewölbe, entdeckte ich ein ſchmales Tiſchchen, von einem Talglichte ſchwach erhellt, und hinter dem Tiſchchen ſaß ein Schreiber, der ein großes Buch vor ſich liegen hatte. Zu dieſem Schreiber nun mußte man ſich hindrängen und ihm ſagen, von welcher Sorte Weins man zu trinken be⸗ gehre. Hatte man ſein Anliegen vorgebracht, ſo no⸗ tirte er's in ſeinem Folianten und gab zugleich einem neben ihm ſtehenden Küferknechte den Auftrag, den Wein zu holen. Dieſer that, wie ihm befohlen, und im Nu ſtand das gefüllte Halbſeidelglas auf dem Tiſch; aber vom Bekommen des Weins war keine Rede, als bis man ihn bezahlt hatte. Ja nicht blos den Wein, ſondern auch„das Glas“ mußte man bezahlen, oder vielmehr man mußte zehn Kreuzer als Kaution dafür hinterlegen, welche man dann wieder zurückerſtattet be⸗ kam, wenn man beim Fortgehen das Glas zurückgab! Alſo geht's im Eſterhazykeller zu, und ich verſtand nun vollſtändig, was jener Wiener mit ſeiner„etwas gemiſchten Geſellſchaft“ gemeint hatte. Wahrhaftig „ſaubere“ Geſellen müſſen da hinab kommen, wenn man den Beſuchern ohne Ausnahme nicht einmal ein Glas im Werth von einem ſüddeutſchen Sechſer an⸗ vertraut! Aber je ſchlimmer die Compagnie, um ſo beſſer der Wein. Ja— dieſer iſt ein wahrer Labe⸗ trunk und dazuhin noch ſpottwohlfeil, denn der Herr Gaſtgeber, der Fürſt Eſterhazy, darf keine Abgaben bezahlen, ſondern hat das Vorrecht, alle ſeine ſelbſt⸗ gezogenen Weine hier koſtenfrei zu verzapfen. Darum verſäume die Zeit nicht, o Beſucher des Eſterhazy⸗ kellers, ſondern laß dir die Gabe Gottes ſchmecken, und verzehre eines der Würſtchen dazu, welche die alte Frau, die ich oben genannt, feilbietet, oder auch einen Rettig mit„Salzſtein“, denn ſonſt gibt's hier nichts zu ſpeiſen, und wenn du dann wieder heraufkommſt an's Tageslicht, dann rufe dir ſtolz zu, daß du„um dein Geld“ bei Einem zu Gaſt geweſen biſt, der über 29 Herrſchaften mit 21 Schlöſſern, 60 Marktflecken und 414 Dörfern zu gebieten hat! VII. Die Heimkehr. O Wien, wie viel wunderbar Schönes bieteſt du denen, die dich beſuchen, und wie viel Liebe boteſt du uns noch außerdem neben dem Schönen! In der That, ich glaube, es war ein großes Glück für die Vergnü⸗ gungszügler aus Schwaben, daß der Termin ihres Aufenthalts in der Kaiſerſtadt nur auf kurze acht Tage feſtgeſetzt wurde, denn ſonſt hätte ſich der Eine oder der Andere ohne Zweifel ſo ernſtlich in dieſelbe ver⸗ liebt, daß er vom Scheiden gar nichts mehr hätte hören wollen. Doch— ich habe unrecht gethan, wenn ich ſagte:„nur die Kaiſerſtadt habe uns Schönes geboten und uns zugleich mit inniger Liebe umfaßt.“ Ich hätte dieſe Worte vielmehr auf das ganze Oeſtreich, wenig⸗ ſtens auf alle die Lande, durch welche wir kamen, aus⸗ dehnen ſollen. Oder war es nicht eine wunderherrliche Fahrt, die Fahrt„über den Sömmering nach 43* * - 340— Mürzzuſchlag?“ Eine Fahrt, auf der wir nicht wußten, was wir mehr bewundern ſollten, die Groß⸗ artigkeit der Gebirgslandſchaft, welche wir durchflogen, oder die Ausdauer und die Kühnheit der Baukünſtler, welche die Eiſenbahn über dieſen Alppaß fertig brach⸗ ten! Wurden wir nicht„von den Steirern in Mürzzuſchlag“ förmlich mit Herzlichkeit überſchüt⸗ tet, und haben ſie nicht ſo gut wie die Wiener bewie⸗ ſen, daß ſie mit Deutſchland leben und ſterben wollen? Ja haben nicht„die Neuſtädter“ daſſelbe gethan und ebenſo die Bewohner aller der Städte und Dör⸗ fer, die wir paſſirten? Doch das Alles hat der Leſer noch von den Zeitungsberichten her im Gedächtniß, und ich lege mir daher hierüber ein Schloß vor den Mund. Ebenſo ſchweige ich von der Großartigkeit des Abſchieds, als wir endlich von Wien ſchieden, und ſelbſt den prächtigen Empfang in der alten Biſchofsſtadt Salz⸗ burg, wo wir auf der Heimreiſe einen Tag lang ver⸗ weilten, deute ich hiemit blos an. Aber auch über Salzburg ſelbſt, das ſo wunderbar herrlich zu beiden Seiten der Salzach zwiſchen himmelhohen Bergen ein⸗ geklemmt liegt, gar nichts zu ſagen, wird mir beinahe allzu ſchwer. Iſt es ja doch mit ſo vielen Paläſten, Kirchen, Klöſtern, Denkmälern und ſonſtigen Prachts⸗ bauten geſchmückt, daß ſich kaum eine andere Stadt von gleicher Ausdehnung mit ihm meſſen kann! Spielte es ja doch ſchon unter den Römern unter dem Titel „Juvavia« eine nicht unbedeutende Rolle, und gehörte dann ſpäter ſeine ſtolze Burg„Hohenſalzburg“, die jetzt noch auf's Vortrefflichſte erhalten iſt, unter die unüberwindlichſten aller Kaſtelle! Hat es ja doch eine Umgebung ſo reich an Schlöſſern, Villen und Parken, daß ſelbſt die großartigſten Reſidenzen oft nichts Aehn⸗ liches aufzuweiſen vermögen! Allein über dieſes Alles iſt ſchon von Vielen vielfach berichtet worden, und ich⸗ verweiſe daher den Leſer auf die eine oder die andere der gedruckten Reiſebeſchreibungen über das Salzkam⸗ mergut. Von einer andern Merkwürdigkeit der berühm⸗ ten Stadt dagegen ſchweigen faſt alle Berichterſtatter gänzlich, oder gehen ſie doch wenigſtens ganz oberflächlich darüber hinweg, ich meine die Wirthſchaft des St. Peterſtiftes, und darum ſeien dieſem Gegen⸗ ſtande zum Schluſſe noch einige wenige Worte ge⸗ widmet. Was würde man bei uns„im Reiche“ dazu ſagen, wenn ein Geiſtlicher eine Wirthſchaft umtriebe? Wahr⸗ haftig— es ginge nicht und wenn's auch der ſolideſte Gaſthof von der Welt wäre; im Kaiſerſtaate aber— ei nun, da nimmt man lediglich keinen Anſtoß daran, wie eben„die Wirthſchaft zum St. Petersſtift“ ganz unwiderleglich beweist. Das St. Petersſtift nämlich iſt ein Benediktinerkloſter von beträchtlichem Umfang, und wird von etlichen und dreißig Mönchen bewohnt deren Hauptgeſchäft darin beſteht, daß ſie den Gottes⸗ dienſt an der großartigen St. Peterskirche, die hart neben ihrem Kloſter liegt, beſorgen. Nun haben aber dieſe Mönche außer vielen anderen Beſitzungen auch bedeutende Gefälle an guten, zum Theil ſogar vortreff⸗ lichen Weinen im Oeſtreichiſchen, und um dieſelben aufzubewahren, bohrten ſie tiefe, gewaltige Keller in den Felſenkoloß hinein, deſſen Spitze die Burg Hohen⸗ ſalzburg krönt. Allein— wie nun den Wein verwer⸗ then, und zwar ſo vortheilhaft als möglich verwerthen? Die Antwort hierauf lag auf der Hand, denn die vor⸗ theilhafteſte Verwerthung bietet immer der„Ausſchank“, und dazu bot das weitläufige Kloſter der Räumlichkei⸗ ten eine Menge. Ja einer der großen Kloſterhöfe konnte mit Leichtigkeit zum Wirthſchaftsgarten umgeſchaffen werden und— warum alſo mit der Ausführung zaudern? So entſtand„die Wein⸗ und Speiſewirthſchaft zum St. Peter“ in der guten und ſchönen Stadt Salzburg, und in der ganzen weiten Umgebung gibt es keine fre⸗ quentere und einträglichere. In Beziehung auf die Speiſen freilich iſt die Auswahl gering, aber um ſo bedeutender iſt ſie in den Weinen, und überdies ſind dieſe letzteren immer überaus friſch und duftig, da ſie unmittelbar aus den großen Stückfäſſern der Felſen⸗ keller, die ſich zunächſt am Wirthſchaftsgarten befinden, genommen werden. Darum verſäumt es auch kein Fremder, wenn er nach Salzburg kommt, alſobald die St. Peters⸗Reſtauration aufzuſuchen, und die Bewohner der Stadt ſind ohnehin ſo hieran gewöhnt, daß die ordentlichen Weinkuſterer gar nicht ſchlafen könnten, wenn ſie nicht noch vorher einen Schluck im St. Peter genommen hätten. Uebrigens— nicht blos Männer finden ſich daſelbſt ein, ſondern auch Frauen, und zwar ohne daß dies den geringſten Anſtoß erregt. Dagegen wäre derjenige ſehr im Irrthum, der da glauben würde, daß die Mönche die Aufwartung„ſelbſt“ beſorgen; nein dazu haben ſie ihre Leute, aber„das Nach⸗ ſehen“, ob Alles in der Ordnung iſt, unterlaſſen ſie nicht, und ihr Auge ruht ſtets forſchend und beobach⸗ tend auf Allem, was vorgeht. Sieht man nun hieraus nicht, daß man„im Kai⸗ ſerſtaate“ in mancher Beziehung toleranter iſt, als bei uns„im Reiche außen“? Ich muß es nämlich wieder⸗ holen, bei uns würde eine„St. Peters⸗Reſtauration“ jedenfalls Anſtoß erregen oder vielmehr ſie könnte gar nicht exiſtiren! Doch genug nun von Oeſtreich und den Oeſtreichern, denn einmal muß ja doch geſchieden ſein; allein wie ich hoffe und wünſche, nicht„für im⸗ mer und ewig“. Theod. Grieſinger. Cripoli, der Sohn des Ruhmes. Dieſer große muntere Greis, den wir auf unſerem Bilde vor uns ſehen, aufrecht und rüſtig wie in den Tagen ſeiner Jugend, den Torniſter auf dem Rücken, das Haupt mit einem Tſchacko der ruſſiſchen Grena⸗ von Paris einherſchreitend, iſt ein alter Freiwilliger diere geſchmückt, den Knebelbart elegant gedreht, die klugen Augen weit geöffnet, fröhlich in den Straßen der erſten Republik, der den Kaiſer noch als einfachen bewohnt Gottes⸗ die hart een aber en auch vortreff ieſelben ller in Hohen⸗ verwer⸗ erthen? die vor⸗ ſchank“, nlichkei⸗ ekonnte ſchaffen führung aft zum alzburg, ine fre⸗ uf die um ſo as ſind „da ſie Felſen⸗ efinden, ch kein bald die ewohner daß die önnten, Peter Nänner d zwar Dagegen würde, ſorgen; Nach⸗ ſſen ſie eobach⸗ im Kai⸗ als bei wieder⸗ ration“ ute gar ih und ſchieden für im⸗ ger⸗ kreuzt und ſei ihrer 341— Offizier im Jahre 1798 kannte. Er hat den Feldzug in Egypten mitgemacht: er war auf dem Berge Thabor und in Abukir, und befand ſich unter der Zahl Jener, zu welchen der große General einſt die Worte ſprach:„Von der Spitze dieſer Pyramiden ſehen vierzig Jahrhunderte auf Euch hernieder und ſind Zeugen Eurer Siege.“ Und als Kleber den zukünftigen Kaiſer mit ſeinen nervigen Armen umſchlang und ihn von der Erde emporhebend ausrief:„Du biſt groß wie die Welt!“ ſtand Tripoli an ihrer Seite. Er war auch mit in Ulm und Auſter⸗ litz, und zwar hat er dieſer Schlacht zur Rechten des Marſchalls Soult kämpfend beigewohnt, und des Abends, als der große Kaiſer zu Fuß die Reihen der Bivouaks durchwanderte, be⸗ fand er ſich mit un⸗ ter Jenen, die ihm zu Ehren Stroh⸗ fackeln anzündeten, um ſeinen Pfad zu erhellen. Tripoli iſt mehr als ein alter Soldat, er iſt eine ganze Legende— eine der großen Seiten im golde⸗ nen Buch unſerer Geſchichte. Glück und Unaii mit ſeinem Kaiſer thei⸗ lend, deſſen trau⸗ riges Schickſal ihm M MI 8 noch heute bittere Tl V Thränen entlockt, U hat er 1815 wohl aus Verzweiflung tollkühn ſeinen De⸗ gen zerbrochen. Als aber die Hundert⸗ Tage anbrachen, als die Kunde er⸗ ſcholl, der Kaiſer ſei in Cannes ge⸗ landet, und die Brigg„l'Incon⸗ ſtant“ habe die engliſche Flotte ge⸗ Wachſamkeit ent⸗ gangen, als Grenoble ſeine Thore öffnete und überall auf ſeinem Zug durch die Monarchie die Soldaten der Armee ihrem alten General entgegenſtrömten mit dem begeiſterten Rufe:„Es lebe der Kaiſer!“ da dämmerte noch einmal die Hoffnung in ſeinem Herzen, und glau⸗ bend, der Glückſtern ſei auf's Neue über Fraukreich und ſeinem Helden aufgegangen, trat er wieder in die Reihen der Garde. Allein bei Waterloo ſtand auch er zum letzten Male im Feld, und hätte Tripoli den Kaiſer an Bord des Bellérophon begleiten dürfen, würde er ſicherlich die zweitauſend Meilen Entfernung von ſeinem Vaterland mit Freuden in den Kauf ge⸗ nommen haben, um nur ſeinen General— ſeinen ge⸗ liebten Kaiſer nicht verlaſſen zu müſſen. Durch die Stürme der Zeit ſind Tripoli's Gedan⸗ ken trübe und verwirrt geworden, und inmitten des Pulverrauchs, der Bombenſplitter und des Kanonen⸗ donners, von denen er beſtändig ſpricht, iſt nur eine Idee in ihm feſtgewurzelt— der Haß gegen die Eng⸗ länder; und die Erinnerung an den Einzug der Alliir⸗ ten in Frankreich iſt ſeinem Gedächtniß treu geblieben, als wäre ſie von geſtern. Auf welche Weiſe unſer Held in Beſitz des ruſſiſchen Tſchacko's kam, der ihm zur Kopfbedeckung dient, iſt uns zu ermitteln nicht ge⸗ lungen. Wahrſcheinlich muß irgend ein Schreckens⸗ drama da zu Grunde liegen, allein trotz der Bemühun⸗ gen, es ihm zu entlocken, iſt das, was wir erfahren haben, ſo ſehr in Dunkel gehüllt, daß es ſich wohl zur Aufnahme in einen Roman eignen dürfte, aber im Bereich der ge⸗ ſchichtlichen Anek⸗ doten keinen Platz finden kann. Tripoli's Er⸗ werb beſteht im Verkauf eines ro⸗ ſenrothen Pulvers zur Reinigung me⸗ tallener, vorzüglich kupferner und meſ⸗ ſingener Gegen⸗ ſtände, und da Tri⸗ poli nach Art der Philoſophen jeden Satz, den er aus⸗ ſpricht, auch zu S W beweiſen ſucht, ſo ſſſſſſſſ bat er ſeine Bruſt M mit einer Menge ddddd Knöpfen, Tſchacko⸗ platten, Schulter⸗ und Degengehän⸗ gen ꝛc. bedeckt, die alle glänzend ſind wie Gold und ihren hellen Glanz ein⸗ zig und allein dem famoſen Pulver verdanken, das er mit ſeinem Namen „Tripoli“ getauft hat. Tripoli hat ſeine Gewohnheiten und iſt kein Freund des Zufälligen. Seine Freiheit liebt er über Alles, und obgleich ihm die Thore der Invaliden offen ſtanden, zog er doch vor, ſeine Penſion zu beziehen, und mit ſeiner Unabhängigkeit ſich das Glück zu erkaufen an den Ufern der Seine, inmitten des franzöſiſchen Vol⸗ kes zu leben, das ſein General ſo ſehr geliebt. Seine Waffenbrüder, welche ſeine Geſchichte kennen und in ihm einen ihrer Veteranen erblicken, verſichern ihn aber einer guten Kundſchaft, die ihm nie fehlen wird, und durch die er in den Stand geſetzt iſt, auf eigene Fauſt in Paris zu- ſein. In der Militärſchule wären die Soldaten gar nicht zu bewegen, ihre Gehänge mit irgend einem andern Pulver zu reinigen oder ihre Sä⸗ bel blank zu machen, als mit dem trefflichen Pulver des Papa Tripoli, und der Sohn des Ruhms iſt im⸗ mer willkommen bei den jungen Leuten, die ihm ihre Abenteuer aus Solferino und Magenta zum Beſten geben, um dagegen eine ſeiner lebhaft geſchilderten Erzählungen von Mondovi und Milleſſimo einzutau⸗ ſchen, denen ſie ſtets mit der geſpannteſten Aufmerk⸗ ſamkeit folgen. Wenn ihr einmal, meine lieben Leſer, nach Paris kommt und einen Spaziergang macht von der Avenue Lamothe⸗Piquet bis an's Gitter der Militärſchule, oder den Quai entlang vom Miniſterium des Auswärtigen bis zur Jena'ſchen Brücke, begegnet euch ſicherlich Tri⸗ poli gerade und ſtramm einhermarſchirend, mit der Pfeife im Mund und immer ein wenig luſtig. Aus gloire und victoire macht er euch mit geringer Mühe einen Reim und, wenn ihr es wünſcht, ſingt er Wei⸗ ſen aus der guten alten Zeit. Ich habe noch ſein Bild in der Erinnerung, wie er voll Kraft und Ju⸗ gend von einem höheren Glanze umgeben war, aber demungeachtet werden Alle, die heutzutage den rüſtigen Greis erblicken, der ſo ſtolz und glücklich iſt, ein Fran⸗ zoſe zu ſein, nicht ahnen, daß er Moreau und Piche⸗ gru gekannt, daß er den Uebergang über die Bereſina mitgemacht und den Brand des Kremlin— dieſes furchtbare Schauſpiel— geſehen hat. Aus großer Ehrfurcht für die Disciplin hat Tripoli ſeinen Mili⸗ tärrock beibehalten, und noch immer trägt er den Tor⸗ niſter und die enganſchließende Weſte als ſeine Alltags⸗ Uniform. Was Ordnung, Pünktlichkeit und Reinlich⸗ keit in ſeinem Anzug anbetrifft, iſt Tripoli ein ächter Militär, und er ſieht aus, als ob er immer bereit - 342— wäre, auf einen Appell zu antworten oder dem Wir⸗ beln der Trommeln zu folgen. Der brave Alte ſpricht oft für ſich hin, da er aber keinen Zuſammenhang mehr in ſeinen Gedanken hat, ſo kann man nicht ſel⸗ ten hören, wie er, ſein Selbſtgeſpräch unterbrechend, plötzlich mit lauter Stimme ein militäriſches Kom⸗ mandowort ausruft. Gegen alle Militärbefehle hat er einen unglaublichen Reſpekt, der bisweilen ſogar an's Fabelhafte grenzt, und er fühlt ſich nur unglücklich, weil er ſeit länger als vierzig Jahren nimmer nöthig hatte, dieſelben zu befolgen, da er doch als Freiwilli⸗ ger ſich nicht einen einzigen Fehler gegen ſie zu Schul⸗ den kommen ließ. Dank ſeiner Penſion, die er vom Staate empfängt, und des kleinen Gewerbes, das er ſeit Jahren betreibt, lebt Tripoli in einem beſcheidenen Wohlſtand, der es ihm erlaubt, von Zeit zu Zeit(vielleicht ein wenig oft) auf das Andenken des großen Mannes zu trinken, und kehren dann die glorreichen Gedächtnißtage der großen Schlachten wieder, ſo hängt Tripoli die Ueberreſte ſei⸗ ner alten, zerfetzten Uniform um, und begibt ſich in die Gruft des Invalidendomes, wo er auf das Grab des großen Generals einen Kranz niederlegt. Er⸗ blickt er dann hier an der Seite der alten Trophäen neue hinzugefügt, da meint wohl der alte Veteran, daß die Franzoſen doch immer Franzoſen geblieben, und daß ſein Vaterland noch nicht aufgehört habe, den Ruhm als das Höchſte zu ſchätzen. P. Die Sklaverei im Aſterthume, beſonders in griechenland. Mit dem heiligen Rechte der Vernunft hat die Natur dem Menſchen ein Eigenthum gegeben, das ihn zum Bürger höherer Welt ſtempelt, das ihn erhaben herabblicken läßt auf das inſtinktgemäße Treiben reiner Sinnlichkeit— ein Eigenthum: unantaſtbar; wer es entehrt, löst die Bande gerechten Naturzuſtandes, wirft es in die Ketten ſklaviſcher Despotie wer das Ver⸗ nunftweſen„Menſch“ herabwürdigt zur Waare, zum willenloſen Laſtthier, zur todten Maſchine, der knickt dämoniſch die Blüthe göttlicher Freiheit, zertritt ſie verläſternd im Staube tyranniſcher Sklaverei. Der Orient ſah zuerſt im Schoße beglückter Ge— filde paradieſiſche Eintracht ſchwinden— er ſah zuerſt das entzweite Menſchengeſchlecht den Zuſtand des Frie⸗ dens vernichten, einen Zuſtand, den unſere arme Phan⸗ taſie nicht mehr im Stande iſt zu begreifen, den wir kaum noch durch die Tradition der heiligen Schrift zu ahnen vermögen. Des Orients Familien mußten ſchon frühe patriar⸗ chaliſcher Macht ihr häusliches Glück opfern, ſeine Völker erſtarrten ſchon frühe in den ehernen Feſſeln despotiſcher Gewalten, ſeine Häuptlinge, ſeine Herrſcher und Prieſter erfanden ſchon frühe die Satzung der Sklavereil! Die Nationen des Occidentes nahmen ſie willig in das Erbtheil der Kultur auf— der Fremde hieß Barbar, der Kriegsgefangene hieß Sklave. Die Sklaverei war in dem herrlichen Attika, der Pflanzſtätte der Bildung, in direktem Widerſpruche mit innere Verwaltung des Staates überließ, welcher frei⸗ der dort herrſchenden Humanität. Wer wird ſich wun⸗ dern, daß die Sklaverei in Lakonien beſtand? Dort gab es nur eine zweifache Beſtimmung des Menſchen: zu tödten oder getödtet zu werden. Wie in den heroi⸗ ſchen Zeiten, ſo führken auch ſpäter die Völker Grie⸗ chenlands mit den Inſelbewohnern des ägäiſchen Mee⸗ res faſt ununterbrochene Kriege auf der See, die theils durch Neid und Habſucht, theils durch innere Zwietracht, vornämlich aber auch zur Erlangung von Kriegsgefan⸗ genen, um dieſe als Sklaven benutzen zu können, er⸗ regt wurden, und beſonders waren es die Spartaner, deren Begierde nach Menſchenraub ſie auf die Benutzung. ſolcher Gelegenheiten aufmerkſam gemacht hatte. Um dies Korſarengewerbe auszuüben, hatten ſie verſchiedene Fahrzeuge, mit denen die Einwohner Lakoniens nicht allein dem Archipel, der Inſel Kreta und allen Küſten des aſiatiſchen Griechenlands, ſondern auch oft genug im tiefſten Frieden allen ſeehandelnden Völkern und beſonders auch den Kauffahrern Sidon's nachtheilig wurden, von welchen letzteren ſie wußten, daß ihre Schiffe am weiteſten nach Weſten ſteuerten und in der Regel eine ſtarke Beſatzung am Bord hatten, die, überwältigt, ihnen eine große Zahl von Sklaven ſchnell in ihre Gewalt gab. Daß alſo das ungebildete Sparta, welches unter lautem Brüllen votirte und demjenigen, der am lauteſten brüllte, das Amt gab, jenes Volk, welches ſeine Zeit auf dem Schlachtfelde oder bei den gemeinſamen Mahlzeiten zubrachte und den Frauen die 343— lich eine ſehr kleinliche Politik verfolgte— daß dieſer rohe Freiſtaat, einmal die Sklaverei als in den Geſetzen begründet anerkennend, auf dergleichen Menſchenräube⸗ reien ausging, kann Einen nicht Wunder nehmen. Daß aber das gebildete und ſchöne Athen, in wel⸗ chem Künſte und Wiſſenſchaften blühten, in welchem der Kosmopolitismus, die Gaſtfreiheit und, was nicht zu vergeſſen iſt, die ſogenannte Demokratie ihren Sitz aufgeſchlagen, daß Athen den verabſcheuungswürdigen Menſchenhandel gekannt und nächſt der Inſel Chios, deren Bewohner als tapfer, mit den Gefahren und den Kenntniſſen des alten griechiſchen Seeweſens ſehr bekannt geſchildert werden, und ſich ſchon um das Jahr 625 v. Chr. ihre Unabhängigkeit und Freiheit zu erkämpfen wußten, am eifrigſten betrieben habe, kann Einen mit Recht aus aller Faſſung bringen. Wie iſt es möglich, daß auf demſelben Boden die höchſte Bildung neben der größten Barbarei beſtehe! In Athen ſah man mitten unter ehrwürdigen, ver⸗ ſchleierten Matronen und in weiße Mäntel gekleideten Bürgern halbnackte Männer, welche nur ein Stückchen Leinwand um die Hüften, ein wenig Leder unter den Füßen und eine Hundehaut auf dem Kopfe hatten; hier und da auch Frauen mit rothen, geglätteten, abge⸗ ſchnittenen oder, nach Art der Medicäiſchen Venus, in einen verſchrobenen Körper und eine verzerrte Geſtalt zu bekommen. Denn der Fehler dieſes Wuchſes mußte die Höhe gebundenen Haaren: dies waren die männ⸗ licheg und weiblichen Sklaven Athens. Sie waren Weſen, welche das Geſetz den Thieren gleichſtellte, ſie waren nicht Perſonen, ſondern Sachen. Sie hatten keinen freien Willen, kein anderes Recht, als das, Nahrung zu ſich zu nehmen, und keine andere Pflicht, als zu arbeiten. Sie waren bis in ihre ſpä⸗ teſten Geſchlechter unbedingtes Eigenthum des Herrn, ſie hatten daher kein Recht über ihre Kinder, ſondern dieſe fielen ihrem Beſitzer zu. Die Sklaven konnten verkauft, abgetreten, verſchenkt werden, gleich den Sachen. Ihr Preis war verſchieden; manche Sklaven hatten einen eingebildeten Werth. Für einen Philoſophen zahlte ein Liebhaber eine Summe, die unſeren Geldverhält⸗ niſſen nach etwa 450 bis 500 Thaler betragen mochte; ſo viel wurde wenigſtens für Plato bei deſſen Loskau⸗ fung gegeben, als er das Unglück hatte, von den See⸗ räubern des mittelländiſchen Meeres gefangen und gleich einem Laſtthiere von dieſen dem Meiſtbietenden als Sklave verkauft zu werden. Eine Tänzerin koſtete mehr; zwei Athener, welche die berühmte Nocera gemeinſchaft⸗ lich kauften, bezahlten für ſie 695 ½ Thaler, und über⸗ ließen ſie, da ſie ſich über ihren Beſitz nicht einigen konnten, mit eigenem Verluſte einem Dritten für 477 Thaler. Eine ſchöne Flötenſpielerin koſtete 400 Thaler und mehr; der Preis für einen Eunuchen und eine Negerin war etwa derſelbe; die Köche waren be⸗ ſonders theuer. Für die Sklaven dagegen, welche zum Ackerbau, in den Minen und für Dienſte im Hauſe gebraucht werden ſollten, zahlte man kaum ſo viel als für ein Pferd. Ihr Preis ſchwankte zwiſchen 60 und 80 Tha⸗ ler, wenn ſie ganz geſund waren, und ſtieg ſelten auf 100 oder 130 Thaler. nicht umſonſt ſei!“ nothwendig dadurch entſtehen, daß die Niederdrückung des Rückgrates zwiſchen den Hüften, als derjenigen Stelle des Körpers, welche beim Rudern am meiſten ange⸗ ſtrengt wird, die verſchrobene Stellung der menſchlichen Geſtalt verurſachte. Mitten auf dem öffentlichen Platz in Athen war ein Circus(Peribole), in welchem Menſchen und Sachen, bunt durch einander gemiſcht, zum Verkaufe ſtanden. Die Verkäufer gaben ſich alle Mühe, ihre Waare her⸗ auszuputzen, bekleideten ſie mit reichen Stoffen und ſtellten ſie ſo auf, daß die Schönheit durch die Häßlich⸗ keit, die Jugend durch das Alter hervorgehoben wurde. Dagegen nahm auch der Käufer ſeine Vorſichts⸗ maßregeln und prüfte ſorgfältig die Waare; er ſuchte ihr auf jede Art beizukommen, ließ ſie gehen, ſchrei⸗ ten, laufen; er befühlte ſie, prüfte Hände, Füße und Zähne, und bedingte vorher, zu ſeiner größeren Sicher⸗ heit, die Rückgabe aus im Falle, daß ſich die Anga⸗ ben des Verkäufers nicht beſtätigen ſollten. Trat der gekaufte Sklave in das Haus ſeines neuen Herrn ein, ſo ließ man ihn am Herde niederſitzen; die Hausfrau ſchüttelte ihm dann trockene Früchte und Leckereien über ſein Haupt, indem ſie folgende Formel ſprach:„Die Götter mögen ſorgen, daß dieſe Ausgabe Durch dieſe feierliche Ceremonie erlangte der Sklave das Recht auf Arbeiten, auf eine Hand voll Feigen, auf ein Maß Mehl, auf eine Zwie⸗ belbrühe und endlich auf die Baſtonade bei dem gering⸗ Sehr ſchlecht wurden auch die Sklaven bezahlt, die als Ruderknechte verwandt wur⸗ den, die, auf den galeerenartigen Kriegsſchiffen zu leben verdammt, dabei mit den ſchlechteſten Speiſen vorlieb nehmen mußten. Nie hatten dieſe Unglücklichen ein beſſeres Loos zu erwarten, als von Jugend an auf den Flotten zu dienen und durch das beſtändige Rudern ſten Verſehen. Er war nun völliger Sklave. Der Sklave wurde übrigens zu den verſchieden⸗ artigſten Geſchäften gebraucht: auf dem Lande beſtellte er das Feld, arbeitete in den Bergwerken, in der Stadt verſah er das Amt eines Handwerkers, in der Haus⸗ haltung das eines Dienſtboten. Er begleitete ſeinen Herrn auf deſſen Spaziergängen, trug ihm Abends die Laterne vor und hielt ihm am Tage den Sonnenſchirm zur Seite u. a. m. Der atheniſche Luxus fügte zu dieſen Beſchäftigun⸗ gen andere verfeinerte hinzu, die uns ganz fremd ſind. So ließ wohl eine alte Matrone bei Tiſche zwei junge, ſchöne Sklavinnen neben ſich ſitzen, um durch dieſe heitere Umgebung in den Augen ihrer Gäſte zu gewinnen. Eines wichtigen Vortheils, den die Sklaverei mit ſich führte, darf man nicht unerwähnt laſſen. Was in der Gegenwart für die Literatur die Preſſe iſt, das war im Alterthum die Sklaverei. Für jede Preſſe, die heut in Thätigkeit iſt, ſtanden freilich dem Mittelalter nur wenige Mönche, den Griechen, beſonders aber den Römern, Hunderte, ja Tauſende von Sklavenhänden zu Gebote. Und dieſe Sklaven, in Rom ſelbſt meiſt griechiſchen Urſprungs, waren im Allgemeinen bei Weitem wiſſenſchaftlich gebildeter, als unſere Setzer, oder doch von Natur mit einer reichen, leicht zu ent⸗ wickelnden Bildungsfähigkeit begabt. Aus ihnen rekru⸗ tirte der römiſche Staat ſeine rieſenhafte Schreiberzunft; aus ihnen erzog ſich der Privatmann ſeine Sekretäre, Bibliothekare, Vorleſer und Kopiſten; aus ihnen ging endlich jene zahlreiche Klaſſe von Freigelaſſenen hervor, welche vorzugsweiſe mit der Vervielfältigung ſchrift⸗ ſtelleriſcher Arbeiten und dem Buchhandel ſich beſchäf⸗ tigte. Dieſe machten dann den Uebergang zu dem eigentlichen Stande der Buchhändler. Unter dieſen iſt beſonders der Freund Cicero's, der berühmte Pomponeus - 344—— Attikus zu erwähnen. In ſeiner Ofſizin wimmelte es, wie Cicero erzählt, von Arbeitern aller Gattungen, welche theils das Papier und die übrigen Materialien in Stand ſetzten, theils die Vervielfältigung der Ab⸗ ſchriften und die Korrekturen betrieben, theils die vol⸗ lendeten Bücher kunſtgemäß aufrollten, mit Einband, Titel und ſonſtigem Schmuck verſahen. Als Beiſpiel von der außerordentlichen Größe der Auflagen, welche Attikus veranſtaltete, mag folgende Anekdote dienen: Cicero hatte in der Rede für den Ligurius einen längſt Verſtorbenen aus Verſehen als lebend eingeführt und trug deßhalb dem Attikus auf, nachdem das Buch ſchon einen trefflichen Abſatz gefunden, den Fehler nachträg⸗ lich in den noch übrigen Exemplaren durch Tilgung V des Namens korrigiren zu laſſen. Wie groß muß nun aber trotz des ſchon erfolgten großen Abſatzes der noch übrige Vorrath geweſen ſein, da nicht weniger als drei der gewandteſten Schreiber zur Korrektur dieſes einen Fehlers beſtimmt wurden. Konnten doch dieſe ſchon innerhalb dreier Tage gewiß mindeſtens tauſend Exemplare berichtigen.— Attikus mit ſeiner großarti⸗ gen Offizin und ſeiner ausgezeichneten literariſchen Bildung iſt den erſten großen Buchdruckern der neue⸗ ren Jahrhunderte zu vergleichen. Griechenland! Außer allen dieſen Sklaven gab es öffentliche, welche hin und wieder, und andere, die, wie ſchon erwähnt, zum Seedienſt dauernd verwendet wurden. Solon be⸗ ſchenkte Athen mit 400 joniſchen Sklavinnen, welche in ihren Myrthenſträußen Produkte des Orients trugen. Bei entſcheidenden Gelegenheiten, wie zur Zeit der Gefahr oder vor einem Wettkampfe in den olympiſchen Spielen, gelobte man der Gottheit eine ſchöne Sklavin. Dieſe ſtanden im Tempel unter dem Schutze der guten Doch zurück nach Göttin und hießen Hierodulen; ſie wurden geachtet und hatten ihre beſondere Feſte; bei großen Feierlichkeiten trugen ſie die Geſchenke der Bürger an die Schutzgöt⸗ tin der Stadt. Die Hierodulen machten den Reich⸗ thum Korinths aus, das bekanntlich den Zunamen„das begüterte“ erhielt, und das, Jahrhunderte lang Schätze aufhäufend und ſeine Macht entfaltend, im 952. Jahre ſeiner Stiftung von dem römiſchen Konſuxl Mummius, 146 Jahre vor unſerer Zeitrechnung, zerſtört wurde, als man ganz Griechenland als eine römiſche Provinz dem ſich bildenden Weltreiche einverleibte. Nur die Sklavin konnte zu dem Glücke, das das Man hielt ihn für einen unempfindlichen Körper und wandte daher die Folter an, ſo oft er Zeugniß ablegen ſollte, um ihm auf dieſe Weiſe die Wahrheit abzuzwingen. Man darf ſich daher nicht wundern, daß in dem Sklaven bei dieſer Behandlung jedes menſch⸗ liche Gefühl für Moral ertödtet wurde und er zum Thiere herabſank. Er war gefräßig, treulos und ver⸗ derbt. Bisweilen ſuchten die Sklaven ihr hartes Joch abzuſchütteln, wie in Chios, wo ſie ihre Herren un⸗ terjochten, dieſen ihre früheren Dienſte auflegten und ihrem Anführer Drimakus einen Altar bauten mit der Inſchrift:„Dem rettenden Wohlthäter!“ Um ſolchen Sklavenaufſtänden vorzubeugen, vertheilte man die Sklaven und vermiſchte die einzelnen Stämme, damit ſie ſo durch die verſchiedenen Sprachen an einer Ver⸗ ſchwörung gehindert wurden. Das unverwiſchbare Brandmal folgte ihm ſelbſt in die Freilaſſung, durch welche er die Knechtſchaft nur mit einer Vormundſchaft vertauſchte, da er nicht das Bürgerrecht erlangte. Er gehörte zu den Schutzver⸗ wandten, und mußte in der Nähe ſeines bisherigen Herrn wohnen, der über ihn noch immer einige Rechte hatte und ihn bei der geringſten Unachtſamkeit wieder in die Sklaverei zurückführen konnte; indeſſen dachte Niemand in dem gebildeten Athen an die himmel⸗ ſchreiende Ungerechtigkeit, welche den Sklaven zugefügt wurde. Ariſtoteles, dieſer große, unparteiiſche Phi⸗ loſoph, erwägt ganz kalt die Gründe, welche für die Sklaverei ſprechen. Die Sklaverei iſt ihm eine Ein⸗ richtung der Natur, der Sklave ſelbſt eine Abart un⸗ ſeres Geſchlechts. Bisweilen regt ſich in ihm ein beſ⸗ ſeres Gefühl, aber bald hält er es nieder und behaup⸗ tet trotz ſeiner hohen Philoſophie die Rechtmäßigkeit der Sklaverei. Der Idealiſt Plato, welcher die reine Tugend und Gerechtigkeit lehrte, welcher niemals ſeine Sklaven ſtra⸗ fen wollte und, wenn ſie etwas begangen hatten, den Stock über ſein Haupt hielt, um ſeinen Zorn, wie er ſich ausdrückte, zu züchtigen, ſelbſt Plato, der, wie erwähnt, als Sklave behandelt worden war, beweist die Nothwendigkeit der Sklaverei. Die Handarbeit, der freien Einwohner Griechenlands unwürdig, war Lohndienſt.„Der Bürger,“ ſagte er,„darf nichts Mechaniſches vornehmen, weil ihm ein Geſchäft ob⸗ liegt, welches große Uebung und Studien erfordert, Leben der Hierodulen mit ſich brachte, gelangen, der Sklave dagegen konnte niemals auf eine ſolche Verän⸗ derung ſeines Looſes rechnen. Er bekam einen Maul⸗ korb, wenn er von den Speiſen des Herrn naſchte, er wurde gegeißelt, wenn er bei der Arbeit nachläſſig war, er wurde in Ketten gelegt, wenn er Getreide auf dem Felde geſtohlen, und auf der Stirne gebrandmarkt, wenn er einen Verſuch zur Flucht machte; nach dem Tode ſchleppte man aber ſeinen Leichnam nach dem Schindanger, oder ließ ihn, wenn er plötzlich ſtarb, auf der Landſtraße liegen. von der Wiege bis in's Grab, vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne. Dies war ſeine Beſtimmung nämlich, mit allen ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln dahin zu ſtreben, die gute Ordnung im Staate feſt⸗ zuſtellen und zu erhalten.“ Die Sklaverei war nach Plato vorhanden, um derjenigen Klaſſe, die ſonſt die Handarbeit hätte verrichten müſſen, Muße zu ver⸗ ſchaffen. So dachten die Philoſophen, ſo die Dichter, ſo das ganze Volk der damaligen Zeit. Es galt damals für eine ſolche Unmöglichkeit, die Sklaverei abzuſchaffen, wie wir es in Hinſicht des Dienſtverhältniſſes glau⸗ ben, und wenn ein Satyriker eine neue Art von Thor⸗ heit geißeln wollte, ſo ſtellte er einen Menſchen dar, welcher die Aufhebung der Sklaverei predigte. A. Berghaus. uuAAe Rörper eugniß zhrheit , daß renſch⸗ r zum d ver⸗ Joch n un⸗ nund it der olchen n die damit Wrr⸗ bſt in t nur ht das utzver⸗ erigen Rechte wieder dachte mmel⸗ gefügt Phi⸗ ür die Ein⸗ rt un⸗ in beſ⸗ ehaup⸗ bigkeit d und ſtra⸗ n/, den wie er , wie weist arbeit, 1 war nichts ft ob⸗ ordert, ſitteln e fiſt⸗ r nach nſt die 1 ver⸗ ſo das ls füt affen, glau⸗ Thot⸗ dat, aus⸗ 345— Das mexikaniſche Pferd. Wenn der gewagte Ausſpruch Buffon's,„das Pferd ſich ſchmeicheln darf, eine Wahrheit zu ſein, ſo iſt dies iſt die beſte Eroberung des Menſchen,“ einigermaßen ſicherlich in Mexiko der Fall. In dieſem Lande der I Caballeros wird dieſes ſtolze, feurige Thier aus⸗ ſchließlich zum Reiten gebraucht, wozu es durch ſeinen auch vorzugsweiſe tauglich iſt, und mit i .) iſt, zweifachem leicht i V Dank als koſtbarſtes Geſchenk der Natur vriucem eichten, anmuthigen Gang und ſeinen ſichern Schritt werden darf, da in einem durch immerwährende Bürger⸗ Feierſtunden. 1863.— 44 Si — 346—— kriege ſo ſehr verwahrlosten Staate das Miniſterium der öffentlichen Arbeiten nur wenig Sorgfalt auf die Landſtraßen und öffentliche Wege verwendet. Die Mäßigkeit des mexikaniſchen Pferdes iſt un⸗ glaublich: mit einigen Maisblättern und etwas Gerſte begnügt es ſich für den ganzen Tag, und iſt dieſe Enthaltſamkeit eine treffliche Eigenſchaft, welche nament⸗ lich von den Reiſenden nicht genugſam geſchätzt zu werden verdient, denn während der längſten Routen iſt es nicht einmal nöthig, anzuhalten, um das erſchöpfte Thier trinken zu laſſen. Sehr wenige der Pferde ſind beſchlagen, und diejenigen, welche es ſind, haben nur an den beiden Vorderfüßen Hufeiſen. Geſchirr und Sattelzeug ſind für den Reiter ſehr bequem, für das Pferd aber ſo ungemein ſchwerfällig, daß das arme Thier ſelten ohne wund geriebenen Rückgrat von einem größeren Spazierritt heimkehrt. Der mexikaniſche Sattel gleicht in der Form zwar ſehr viel dem der Araber, iſt aber um Vieles ſchwe⸗ rer als dieſer. Am vorderen Ende deſſelben ſind lange, dünne Lederriemen befeſtigt, welche bis zu den Knieen des Pferdes herabreichend mit deſſen Mähne umfloch⸗ ten ſind, unter dem Vorwande, es vor den peinigen⸗ den Stichen der Moskitos zu ſchützen. Das Hinter⸗ theil iſt mit einer aus grobem Wollengewebe verfertig⸗ ten Schutzdecke bekleidet, welche ringsum mit einer Franſe aus feinen Eiſenkettchen verziert iſt, deren, durch die Caracolen des Pferdes entſtehendes, Geklirr in den Ohren des Reiters als wunderliebliche Muſik ertönt, und vorzugsweiſe dem mexikaniſchen Stutzer großes Vergnügen gewährt, der mit den waghalſigen Schwenkungen ſeines Thieres prahlend auf dem Paſeo einherſtolzirt. In den Alleen dieſes Boulogner Wäld⸗ chens Mexiko's ſieht man die Paiſanos mit den bunt⸗ farbigſten Gewändern bekleidet und die Stiefel mit V enormen Sporen bewaffnet ihre Reitkünſte zur Schau tragen. Die armen Pferde verſchwinden beinahe gänz⸗ lich unter dem ſchwerfällig überladenen Geſchirr, wel⸗ ches ſie zu Boden zu drücken ſcheint, und unter dem ſehr langen, niemals beſchnittenen Schweife. Dieſe ſo nützlichen, zartgeformten Thiere erfreuen ſich nicht der geringſten Pflege und Sorgfalt; nicht einmal eine Streu dient ihnen zur Lagerſtätte, ſondern ſie müſſen auf dem nackten Steinpflaſter ſchlafen. Geſtriegelt werden ſie niemals; der einzige Luxus, den man ihnen in Betreff der Reinlichkeit gewährt, iſt: daß ſie des Abends, vom Ritt heimkehrend, reichlich mit kaltem Waſſer übergoſſen werden, was von den Mexikanern als Reinigungsmittel für hinreichend und als ſehr ge⸗ ſund befunden wird. Eine große Anzahl Pferde wird in den Haciendas der Provinzen groß gezogen, wo man dieſelben, bis man ihrer bedürftig iſt, in wildem Zuſtande frei um⸗ her laufen läßt. Hat man ſie nöthig, ſo werden ſie vermittelſt des Lazos gefangen. Der Lazo iſt ein lan⸗ ges, ſehr feſt gedrehtes Seil, deſſen Ende ſich mit einem beweglichen Knoten ſchließt. Im Werfen des Lazos ſind die Mexikaner ausgezeichnet geſchickt, und es ge⸗ ſchieht ſehr ſelten, daß ſie ihr Ziel verfehlen. Sobald das ungebändigte Pferd von ſeinem Verfol⸗ ger überwältigt iſt, werden ihm die Augen verbunden und es dann auf der Stelle beſtiegen; zuvor trifft man jedoch die Vorkehr, ihm ein ſehr ſtarkes Gebiß anzu⸗ legen, welches ungemein ſchmerzlich auf die Kinnladen und die Zunge drückt, und jenem von den Mameluken angewandten ſehr viel gleichkommt. Während der erſten Zwanzig Minuten vertheidigt ſich das unterjochte Thier auf Leben und Tod, auf jegliche Weiſe ſeines Gegners ſich zu entledigen ſuchend. Bald aber fühlend, daß all' ſein Kraftaufwand an einer ihm überlegenen Macht ſcheitert, unterwirft es ſich nach und nach und wird bald völlig zahm. P. Das kanadiſche Rennthier. Eine Jagdgeſchichte. Im Januar des Winters 1843, der in den Ver⸗ einigten Staaten einer der kälteſten war, die man ſich denken konnte, ſaß ich eines Abends im großen Speiſe⸗ ſaale eines Farmers in Neu⸗Braunſchweig am Kamin⸗ feuer. Thomas Howard, mein Wirth, einer der un⸗ erſchrockenſten Jäger, hatte mich, Dank der Empfeh⸗ lung meines Freundes William Porter, des Redakteurs V einer New⸗Yorker Zeitung, außerordentlich herzlich auf⸗ genommen. Draußen fiel der Schnee in dichten Flocken und der Sturmwind ſchüttelte die Fenſter des Zim⸗ mers, in dem wir uns befanden. Howard und ich ſaßen an einem Tiſche bei einer Flaſche Xeres. „Glauben Sie nicht, mein Freund,“ ſagte Howard, „daß ich mein Verſprechen vergeſſen habe, mit Ihnen vor Ihrer Abreiſe nach New⸗York noch ein Rennthier zu ſchießen. Wie Sie wiſſen, beſitzt dieſes Thier eine fabelhafte Schnelligkeit, und nur mit Schneeſchuhen gelingt es, ihm nahe zu kommen; an jener Wand ſehen Sie ein Paar derartige Schuhe hängen!“ Howard zeigte mir zugleich zwei koloſſale Schnee⸗ ſchuhe von ovaler Form; die Indianer bedienen ſich derſelben, um nicht in den Schnee einzuſinken. „Anfangs werden ſie Ihnen freilich ziemlich ſchwer vorkommen,“ fuhr er fort;„wenn Sie jedoch einige Schritte damit gemacht haben, wird die Sache beſſer gehen. Mein Freund, der Indianer Monai, hat mir verſprochen, bei günſtiger Witterung zu einer Jagd hier einzutreffen; ohne Zweifel wird er bald hier ſein, vielleicht dieſen Abend noch; der Schnee, der heute fällt, kommt ganz zu rechter Zeit zu unſerer Jagd.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als ſtarkes Hundegebell die Ankunft eines Fremden ankündigte. Gleich darauf hörte man außen ein ſcharfes Pfeifen, wie von einer Lokomotive, und die Hunde, die dieſe Töne erkannten, gaben nun dem neuen Ankömmling ihre Freude zu erkennen. 8 „Das iſt Monai,“ rief Howard,„wenn man den Wolf nennt, Sie kennen ja das Sprichwort..... gänz⸗ „ wel⸗ r dem ſieſe ſo ht der eine nüſſen riegelt ihnen des taltem kanern hr ge⸗ tendas , bis i um⸗ en ſie lan⸗ einem Cazos 8 ge⸗ erfol⸗ unden tman anzu⸗ gladen eluken erſten Thier gners Fall Racht wird 5 -- 347— Meine Hunde kennen die Rothhaut und begrüßen ſie.“ Wirklich öffnete ſich gleich darauf die Thüre, ohne daß daran geklopft wurde, und der Indianer trat in das Speiſezimmer. Es war ein Mann von mittlerer Größe und ſtarkem Körperbau; ſein Geſicht war hübſch und ausdrucksvoll; ſein Blick verrieth übrigens tiefe Me⸗ lancholie; ſeine Augen glänzten wie ein Karfunkel. Nachdem er ſich ſchnell im Zimmer umgeſehen hatte, ging er ſchweigend auf den Kamin zu. Er trug ein Jagdhemd von Büffelfell mit Stickereien, die mit ders zu billigen, doch gab er ſeine Zuſtimmung, und. wir beſprachen uns nun darüber, was wir den andern Morgen mitnehmen wollten. Die Entfernung bis zum Schauplatz unſerer Jagd betrug 22 engliſche Meilen. Stachelſchweinſpitzen geziert und unten mit Franſen beſetzt waren. Seine Beine ſteckten in ledernen Bein⸗ kleidern, die über den Waden in Form von Gamaſchen zugeknöpft waren und ähnliche Franſen hatten, wie ſein Jagdhemd. Kleine Mocaſſins aus Peccarifell be— kleideten die Füße des Indianers, die ſo zierlich waren, wie die einer Spanierin. An einem breiten Riemen trug er eine mit Fiſchotterpelz überzogene Jagdtaſche; dieſe war mit ähnlichen Zeichnungen verziert, wie das ganze Aeußere dieſes Sohnes der Wildniß. Monai ergriff in einem Winkel des Speiſezimmers einen hölzernen Fußſchemel, deſſen ſich in der Regel Howards Töchterchen als Sitz bediente, trug ihn an das Feuer und ſetzte ſich. Dann ſtopfte er ruhig ſeine Pfeife, zündete ſie am Herd an, blies einige Rauch⸗ wolken daraus, und bot ſie ſodann mir an, indem er mich durch ſeinen Blick einlud, mich ihrer ebenfalls zu bedienen. Ich muß geſtehen, ich bin kein beſonderer Liebhaber von Pfeifen, und Tabak aus den Friedens⸗ pfeifen der Indianer verurſacht mir Uebelkeit; aus die⸗ ſem Grunde war ich auch im Begriffe, die Pfeife zu⸗ rückzuweiſen, allein Howard ſagte:„Seien Sie ruhig, dieſer Tabak ſchadet Ihnen nicht, verſuchen Sie ihn und Sie werden finden, daß Sie Monai nicht vergif⸗ ten will.“ Wirklich fand ich den Tabak ſo herrlich, daß ich in Verſuchung kam, die Pfeife noch einmal zu ſtopfen, als ich ſie ausgeraucht hatte. Howard füllte indeſſen ein Glas mit keres und bot es dem Indianer an, mit der Frage: „Wird mein Bruder heute Nacht bei uns bleiben?“ Monai trank das Glas bis auf den letzten Tropfen aus und erwiederte:„Der Indianer geht morgen auf die Jagd, die Witterung iſt günſtig. Der Schnee iſt neun Daumenlängen tief und ziemlich dicht. mein weißer Bruder mitgehen? Ich habe zwei Paar neue Schneeſchuhe mitgebracht, eines für ihn, eines für mich.“ „Nach welcher Richtung werden wir jagen?“ ſagte Howard. „Gegen Norden, in der Gegend, wo wir letztes Jahr waren; es gibt dort viele Rennthiere, denn die Indianer kennen dieſen Wald noch nicht.“ „Gut, Monai, wenn du erlaubſt, daß ich meinen Freund hier mitnehme, werde ich dich begleiten.“ Monai fixirte mich ſchnell, ſchwieg einen Augen⸗ blick und fragte dann:„Verſteht das Bleichgeſicht den Gebrauch der Schneeſchuhe?“ Ich wollte nein antworten, da ich Monai nicht glauben machen wollte, ich könne gut mit dieſer für mich neuen Fußbekleidung umgehen; allein Howard be⸗ merkte mein Zögern und ſagte: „Meinen Bruder nehme ich auf mich; kann er uns nicht folgen, ſo bleibt er im Lager und ſorgt für un⸗ ſere Nahrung.“ Der Indianer ſchien dieſen Vorſchlag nicht beſon⸗ Wird ten wir uns marſchfertig. Howard begann unſere Büchſen in Bereitſchaft zu ſetzen, und ſchaffte Pulver, Kugeln, Kleidungsſtücke und Lebensmittel herbei. Ich unterſtützte ihn bei die⸗ ſem Geſchäfte, und wir mußten zu dieſem Zwecke das Zimmer, in dem wir vor der Ankunft des Indianers waren, verlaſſen. Als wir etwa nach einer halben Stunde wieder eintraten, wurden wir durch ein tiefes Schnarchen unangenehm überraſcht; Monai hatte es nämlich für rathſam erachtet, ſich durch einen tüchtigen Schlaf auf die Strapazen unſerer Jagd vorzubereiten; zu dieſem Zwecke hatte er ſich auf dem Teppich vor dem Feuer niedergelegt.„Monai zieht dieſen Teppich meinem beſten Bette vor,“ ſagte Howard;„wir brau⸗ chen nur für das nöthige Holz zum Unterhalten ſeines Feuers zu ſorgen, dann iſt er zufrieden, wie ein König. Nun wollen wir uns übrigens ebenfalls niederlegen, mein Freund! Wenn Sie morgen früh von einer Rothhaut geweckt werden, erſchrecken Sie nicht! Monai wird Sie nach ſeiner Gewohnheit bei den Füßen packen.“ Um halb 4 Uhr Morgens traf plötzlich der Schein einer Lampe mein noch halbgeſchloſſenes Auge und ich erwachte; Anfangs glaubte ich, Monai vor mir zu ſehen, allein Howards Stimme riß mich aus der Un⸗ gewißheit. „Auf! mein Lieber, auf!“ rief er;„es iſt Alles in Bereitſchaft, der Kaffee wird kalt, und wenn Sie ſich nicht beeilen, läßt uns Monai, der ſchon bei Tiſche ſitzt, keine Rippe und keinen Schinken mehr übrig. Hier haben Sie einen ähnlichen Anzug, wie ich; klei— den Sie ſich ſchnell an und kommen ſie dann her⸗ unter!“ Kaum hatten wir unſer Frühſtück beendigt und uns den Magen mit einem Glas Whisky erwärmt, ſo ſetz⸗ ten wir uns eilends auf ein leichtes Wägelchen, und in ſieben Stunden hatte uns unſer Pferd in ein Dorf gebracht, das noch eine Meile von unſerem Beſtim⸗ mungsort entfernt war. In einer elenden Herberge, „zum unſterblichen Waſhington,“ ließen wir uns Bet⸗ ten anweiſen. Trotzdem dieſelben ſehr hart waren, ſchliefen wir doch herrlich. Am andern Morgen mach⸗ In dem Augenblicke, wo ich meine Mocaſſins anziehen wollte, ſagte Howard: „Geben Sie Achtung, mein Freund, jetzt beginnt Ihre erſte Lektion; ziehen Sie zuerſt dieſe wollenen Strümpfe an; jetzt ſtecken Sie Ihre Füße in dieſe Filzpantoffeln, und nun ziehen Sie Ihre Mocaſſins darüber an; zu⸗ letzt will ich Ihnen dann die furchtbaren Schneeſchuhe anlegen. Sie müſſen Ihre Beine jetzt ausſtrecken, um vorwärts zu kommen; wenn Sie wie gewöhnlich gehen wollten, würden Sie ohne Weiteres zu Boden fallen, denn Ihre neue Fußbekleidung iſt drei Fuß lang.“ Ohne ein Wort weiter zu verlieren, ergriff er ſein Gewehr und folgte Monai, der etwa fünfzig Schritte voraus war. Kaum hatte ich meine Füße einige Mal ausgeſtreckt, ſo verwickelte ich mich in meinen Schnee⸗ ſchuhen und fiel auf die Naſe. Ich erhob mich ſchnell wieder, und nachdem ſich dies zwei⸗ oder dreimal wie⸗ derholt hatte, wußte ich mich meiner Schneeſchuhe ganz ordentlich zu bedienen. Zum Glück war der Schnee ſo tief, daß mir das Hinfallen nicht ſchadete. Nach⸗ dem wir zwei Stunden Wegs durch einen dichten 44* - 348—— Cedern⸗ und Pinienwald zurückgelegt hatten, kamen der Schnee war mit breiten Blutſpuren bedeckt. Vor wir an eine warme Ouelle, wo wir einige Augenblicke ausruhten, dann ging es wieder weiter. Ich bemerkte, daß Monai, der uns als Führer diente, vorſichtig wei⸗ ter ging und die Eindrücke im Schnee und abgeknickten Zweige genau beſichtigte. Endlich blieb er vor einem umgeſtürzten Baumſtamme ſtehen, bückte ſich über den⸗ ſelben und ſteckte ſeinen Arm in den Schnee. „Es ſind Hirſche in der Nähe,“ ſagte Howard zu mir;„ſehen Sie dieſe noch ganz friſche Loſung? Auf ſo dichtem Schnee kommen dieſe Thiere nicht fort, wir werden ſie ganz in der Nähe in ihrem Lagerplatze treffen. Seien Sie jetzt ſo ruhig als möglich; kommt ein Hirſch an Ihnen vorüber, ſo ſchießen Sie ja nicht, ich bitte Sie darum; trotzdem, daß wir noch drei Meilen von dem Lagerplatz der Hirſche entfernt ſind, könnten ſie uns bei ihrem feinen Gehör doch hören, und dann wären ſie vor unſerer Ankunft verſchwun⸗ den. Zurück, Jack!“ fügte Howard hinzu, indem er ſeinen herrlichen Hund rief.„Sehen Sie, er hat die Fährte gefunden!“ Je weiter wir vorgingen, deſto deutlicher wurden die Eindrücke; Jack wurde an die Leine genommen, Monai ging voraus, und wir folgten ſtillſchweigend. Jack ſchäumte und ſeine Augen traten aus ihren Höh⸗ len; allein er gab keinen Laut. Plötzlich warf ſich Monai zu Boden, ebenſo Howard; ich allein blieb ſtehen, bis ich von meinem Freunde mit dem Gewehr⸗ kolben einen leichten Schlag über die Schienbeine er⸗ hielt, der mich zwang, ebenfalls mich hinzulegen. Ich wollte ihn eben fragen, was das bedeuten ſolle, als ich plötzlich beim Erheben des Kopfes 200 Schritte vor mir einen Hirſch und ſechs Hirſchkühe bemerkte, die auf dem Schnee lagen, und wahrſcheinlich ſchliefen. Trotz des Verbots von Howard brachte ich meine Büchſe in Anſchlag und wollte eben abdrücken, als ein zwei⸗ ter Stoß mit dem Kolben mir den Rath, den ich er⸗ halten hatte, in's Gedächtniß zurückrief. Howard er⸗ hob ſich ſodann, glitt von Baum zu Baum, von Buſch zu Buſch, und ſuchte ſich dem Rudel ſo viel als möglich zu nähern, während Monai und ich un⸗ beweglich dieſem aufregenden Schauſpiel zuſahen. Plötzlich erhob ſich das ganze Rudel, die Hälſe ausgeſtreckt, die Augen in geſpannter Erwartung, wo ſie ihren Feind ſuchen ſollten, deſſen Nähe ſie inſtinkt⸗ mäßig fühlten. Der Geruch ſchien die Hirſche zu ver⸗ laſſen oder fühlten ſie nur den Duft des Cedernwaldes; denn das Männchen bewegte ſich plötzlich, gefolgt von den Hindinnen, gegen Howard hin, und nüäherte ſich bis auf zehn Schritte dem Baume, hinter dem er verbor⸗ gen war. Im nämlichen Augenblicke bemerkte es ein von meinem Wirthe entfaltetes rothes Taſchentuch. Anſtatt ſtehen zu bleiben, erhob das edle Thier den Kopf und ging noch weiter vorwärts; beinahe berührte ſeine Schnauze das Taſchentuch, als der Hund ſich auf daſſelbe ſtürzte, es beim Halſe packte und ihm eine breite Wunde beibrachte. Ich brauche nicht zu ſagen, daß der Hirſch und die Hindinnen mit der Schnelligkeit des Blitzes ent⸗ flohen; Jack, Monai und Howard verfolgten ſie und waren mir in kurzer Zeit weit voraus. Bald hatte ich ſie aus den Augen verloren, obgleich ich mein Möglichſtes that, ihnen zu folgen. an eine Stelle, wo der Anblick des zeigte, daß ein Kampf ſtattgefunden haben mußte, denn Endlich kam ich Bodens mir an⸗ mir hörte ich in der Ferne die Stimmen von Howard und Monai im Walde wiedertönen. Ich verfolgte den durch meine Gefährten im Schnee ausgetretenen Pfad und gelangte endlich nach einigen Minuten an einen ſanften Abhang, der in ein Thal hinabführte, in dem ſich ein runder See befand. Nie hatte ich ein wun⸗ derbareres Schauſpiel geſehen. Der Wind hatte den Schnee, der den gefrorenen See bedeckte, weggeweht, und die Sonnenſtrahlen ſpiegelten ſich nun auf dieſer glänzenden Oberfläche. Howard und Monai, die ich am Saume des Gehölzes wiederfand, zeigten mir den verwundeten Hirſch, der, von Jack verfolgt, mit der Geſchwindigkeit eines Pfeils um den See herum floh. „Iſt das nicht ein herrlicher Anblick?“ ſagte Howard, als der Hirſch vierzig Schritte vor uns vorüber kam; „kommt man nicht in Verſuchung, dem Thier eine Kugel in die Seite zu jagen? Kommen Sie, wir müſ⸗ ſen an das Ende des See's eilen, wohin unſer Wild ſeine Richtung nimmt. Es iſt erſchöpft, Jack ſpringt ihm an die Kehle. Sehen Sie, wie ſich der Hirſch erhebt und Jack mit ſich ſchleppt, deſſen Zähne ſchon zu feſt ſich in ſeinem Fleiſch verbiſſen haben!“ Ho— ward ſtürzte ſich jetzt wie der Blitz auf den abgemat⸗ teten Hirſch, der ſich mit ſeinen letzten Kräften wehrte, zog ein ſchweres Jagdmeſſer aus der Scheide und ſtieß es dem Thiere tief in die Bruſt. Als ich ganz athemlos ankam, ſtreichelte Howard Jack, der ſich übrigens um dieſe Liebkoſungen ſeines Herrn nicht kümmerte, ſondern in vollen Zügen das aus der klaffenden Wunde fließende Blut leckte. „Monai,“ ſagte Howard zu dem Indianer, der mit der Unbeweglichkeit einer Bildſäule dieſem Schau⸗ ſpiel zuſah,„zerlege das Thier, ehe es kalt wird, ſchneide die beſten Stücke ab und laſſe den Reſt den Wölfen. Für unſere Jagd haben wir Vorräthe genug. Kommen Sie mit mir, Benedikt, ich will ein Loch in das Eis hauen und einige Forellen zu fangen ſuchen, damit wir zu unſerem Mittagsmahl Fleiſch und Fiſch haben.“ Mit einem Beil ſtellte er ſchnell eine Oeffnung im Eiſe her; Monai brachte an zwei Angelſchnuren Stückchen von der Lunge des Hirſches als Köder an, und während ich ſie feſthielt, zündete Howard ein Feuer an, um unſer Mahl zu bereiten. Ich bekam nach einander vier herrliche Forellen; Monai nahm ſie in Empfang, löste die Schuppen ab, nahm die Eingeweide heraus, durchſchnitt ſie vom Kopf bis zum Schwanze, und ſpießte ſie ſodann an einen Stab, an dem vier andere Stäbe kreuzweiſe befeſtigt waren, ſo daß ſie eine Art Roſt bildeten. So brach⸗ ten wir die Forellen über ein Kohlenfeuer, über dem ſchon mehrere Stücke Wildpret hingen; darunter legten wir einige Brodſchnitten, um ſie zu dieſem ſaftigen Fiſche zu röſten. Unſer Mahl war jetzt fertig, und ich wollte eben den Indianer rufen, es mit uns zu theilen, allein Howard ſagte: „Sie brauchen den Indianer nicht einzuladen, er nimmt nur eine Mahlzeit täglich zu ſich und trinkt auch nur zu dieſer Mahlzeit. Wir Beide, die wir nicht an ſolche Mäßigkeit gewöhnt ſind, wollen uns jetzt daran machen.“ Wir ſetzten uns nun auf einen umgeſtürzten Baumſtamm und begannen unſer Mahl; das Wild⸗ pret ſowohl, als die Forellen hätten dem Tiſche des — — Vor doward gte den Pfad einen n dem wun⸗ e den weht, dieſer di ich ir dn nit der Ifloh. ward, kam; reine müſ⸗ Wild pringt brrſh ſchon Ho⸗ emat⸗ vehrte, dſtieß ward ſeines n das , der chau⸗ wird, den enug. ich in uchen, Fiſch fnung nuren r an, Feuer ellen; ul ab, Kopf eien iſig brach⸗ — dem. ſegtenn ligen - 349— größten Feinſchmeckers Ehre gemacht, und Jack fand kaum einige Brocken, um ſeinen Hunger zu ſtillen; zum Glück verſchmähte er rohes Fleiſch nicht und Monai ſchnitt ihm zwei oder drei Stücke ab, die ſein Bedürfniß vollkommen befriedigten.— Eine Pfeife indianiſcher Tabak ſchloß unſer Mahl und wir legten uns nun auf den Boden nieder. So mochten wir etwa Dreiviertelſtunden uns der Ruhe hingegeben haben, als Monai ſich uns näherte und an einem Riemen eine Art von Schlitten hinter ſich herzog, in den er ſämmtliches Wildpret gepackt hatte. Der Indianer hatte dem Thiere die Haut ab⸗ gezogen und alle Stücke, die er für uns ausgeſucht hatte, hinein gewickelt; dann hatte er den Schlitten verfertigt, der zu ihrem Transport dienen ſollte, und derſelbe war ſo groß, daß er 150 Pfund Fleiſch faſſen konnte. Nun ſetzten wir unſern Weg wieder fort; als wir jedoch an die Stelle kamen, wo Rennthiere ſich aufhalten ſollten, ging eben die Sonne unter. Wir befanden uns mitten im Walde; vor uns er⸗ hob ſich ein hoher Bergrücken; im Thale, das unter uns lag, floß in felſigem Bette ein Gießbach. Ueberall war Loſung von Rennthieren auf dem Schnee bemerkbar, und Howard zeigte mir eine große Fährte auf dem eisbedeckten Raſen. Nachdem wir lange hin und her gegangen oder eigentlich auf dem Schnee hingeglitten waren, kamen wir endlich an eine Hütte, deren ſich Howard und Monai ſchon ſeit mehreren Jahren zu ihren Jagden bedienten. Sie beſtand aus übereinander gelegten Baum⸗ ſtämmen, die durch eingerammte Pfähle in ihrer hori⸗ zontalen Lage feſtgehalten wurden. Das Dach, das ebenfalls von Baumſtämmen gebildet wurde, war wie die Wände der Hütte, mit Baumrinde bekleidet. Die Hütte war in ganz gutem Zuſtande, und die Schnee⸗ decke, die darauf lag, machte dieſes Obdach ſehr be⸗ haglich. Monai machte ſchnell den Eingang frei, ſäuberte das Innere, und zündete dann auf einem unförmlichen Kamin, der aus rohen Steinen beſtand, ein praſſeln⸗ heiten der Rennthiere nicht kannte. Während der Indianer ſich ſo des Feuer an, das unſere erſtarrten und erſchöpften Glieder wieder belebte. zu ſchaffen machte, richteten Howard und ich Brennholz zu, und Cedernzweige, die auf den Boden gelegt wur⸗ den, um unſer Nachtlager zu bilden. Auf dieſe Streu kamen ſodann unſere wollenen Decken zu liegen. Mittlerweile war es finſter geworden; Monai zün⸗ dete eine Fackel an, und ſtellte ſie in eine Ecke der Hütte; unſer Abendeſſen war ſchnell verzehrt, und bald darauf ſchnarchten wir alle drei, mit den Füßen am Feuer und den Kopf in unſere Decken gehüllt, um die Wette. Zwei Stunden vor Tagesanbruch weckte mich Monai, der ſich ſchon mit den Vebec mngun zu un⸗ ſerer Jagd beſchäftigte; die Thürtider Hütte ſtand offen und von meinem Lager aus konnte ich einen wolken⸗ loſen Himmel und den Morgenſtern am Horizonte wahrnehmen. Die Luft war ſehr friſch, da jedoch kein Wind ging, war die Kälte erträglich. Ich erhob mich ſchnell und wuſchzmich in einer naheliegenden Quelle; dies verſetzte mich in ſolches Behagen, daß ich laut zu ſingen anfing. Kaum hatte ich aber eine Strophe ge⸗ ſungen, als Howard aus der Hütte ſtürzte und mir zurief:„Schweigen Sie doch, Unglückſeliger! oder un⸗ ſer Wild flüchtet ſich einige Meilen weit. Die Renn⸗ hiere haben ein ebenſo feines Gehör, als in Ihrer Heimath die Haſen, und ihr Inſtinkt iſt noch ſchär⸗ fer, als der des Fuchſes.“ Unſer Frühſtück war ſehr gut und reichlich, wir waren neu geſtärkt und beeilten uns, unſere Schnee⸗ ſchuhe anzulegen. Die Sonne glänzte ſchon am Hori⸗ zont, mitten in den feuchten Morgennebeln, die ſie nach und nach zerſtreute. In größter Stille verließen wir die Hütte; ich glaube, man hätte nichts als meine Herzſchläge gehört, in ſolcher Aufregung befand ich mich bei dem Gedan⸗ ken, daß ich in kurzer Zeit dieſes merkwürdige Thier, den König der nordamerikaniſchen Wälder, ſehen ſollte. Der Anblick der Landſchaft, in der wir uns bewegten, hatte etwas Erhabenes an ſich; die Unbeweglichkeit der Natur wurde nur durch die Sprünge der Eichhörnchen und den Flug der Elſtern und Krähen unterbrochen. Mit jedem Schritt ſtießen wir auf Spuren von Renn⸗ thieren; Howard und ich folgten dem Indianer, der die Richtung der Jagd angeben ſollte. Bald kamen wir am Fuße eines hohen Bergrückens an; hier drehte ſich Monai um und benachrichtigte uns, daß wir uns einem häufig von Rennthieren beſuchten Orte näherten. Der Indianer empfahl uns wiederholt die größte Stille, dann ſetzten wir unſern Weg wieder fort. Einige Schritte von da fanden wir ganz friſche Spu⸗ ren; MonaC verſicherte uns, das betreffende Thier könne erſt vor zwei Stunden hier geweſen ſein; er nahm jetzt ſeine Richtung unter dem Wind, der ſeit einigen Mi— nuten ſich erhoben hatte, und führte uns an einen Lagerplatz, wo die Rennthiere die Nacht zugebracht haben mußten; rings um einige verkrüppelte Cedern war nämlich der Schnee ebenſo zuſammengetreten, wie an der Stelle, wo wir den Tag zuvor das Rudel Hirſche geſehen hatten. Unſer erſtes Geſchäft beſtand nun darin, auf un⸗ ſere Büchſen friſche Zündhütchen aufzuſetzen; dann nahm Howard Jack, ſeinen Hund, an eine Leine. Die Loſung des Wildes, die wir verfolgten, zerſtreute ſich nach allen Seiten; es war daher ſehr ſchwierig, die richtige Fährte zu finden, wenn man die Gewohn⸗ Monai half uns aus dieſer Verlegenheit. Nach einer ſehr genauen Un⸗ terſuchung gab er uns ein Zeichen, ihm zu folgen; wir bewegten uns mit größter Vorſicht. Bei der Be⸗ ſichtigung der Eindrücke im Schnee fand ich, daß der⸗ ſelbe da, wo er von den Thieren zuſammengetreten war, eine bläuliche Farbe hatte, und leicht zerreibbar war, wie Mehl, ein Beweis, daß wir jetzt ganz in der Nähe der Thiere ſein mußten. Plötzlich blieb Monai ſtehen, kniete ſchnell nieder und band die Schneeſchuhe von ſeinen Füßen los, um ſo wenig Geräuſch als möglich zu machen. Howard wandte ſich gegen mich, gab mir ein Zei⸗ chen, mich ihm zu nähern, und ſagte mir dann leiſe in's Ohr:„Mein Freund, ich will Ihnen zum letzten⸗ male anempfehlen: verlieren Sie mich nicht aus dem Auge, folgen Sie mir auf zwei Schritte Abſtand und machen Sie ja kein Geräuſch. Die Rennthiere ſind ganz in der Nähe.“ Jeder von uns nahm nun gleichzeitig ſeine Schnee⸗ ſchuhe ab und band ſie ſich über den Rücken. Monai ſetzte ſeinen rechten Fuß auf den Schnee und ließ ihn ſachte einſinken, dann machte er es mit dem linken ebenſo. Howard ſetzte ſeine Füße in die nämlichen Löcher, und ich ahmte genau meinen Begleitern nach. — — ——ÿÿ— Wer vor uns geſtanden wäre und uns von vornen angeſehen hätte, hätte nur einen Mann zu ſehen ge⸗ glaubt, ſo gleichmäßig waren alle unſere Bewegungen. Unſere Lage war übrigens nicht beſonders angenehm, Die Jagdluſt ließ uns aber dieſe Kleinigkeiten nicht anſchlagen. Mona’i, der vorausging, ließ ſeine Fal⸗ kenaugen in das tiefſte Waldesdunkel dringen; plötzlich warf er ſich platt auf den Boden, wir folgten ſogleich ſeinem Beiſpiel und blieben ſo lange in dieſer Lage, daß ich endlich mich zu einer kleinen Umſchau berech⸗ tigt glaubte; zu dieſem Zwecke erhob ich den Kopf ein — 350— thaten indeß ihr Möglichſtes, ihre Schneeſchuhe wieder anzulegen; mir, der ich weniger gewandt war, ſchienen die Arme von der Gefahr gelähmt zu ſein. Glück⸗ licherweiſe ließ Jack das Thier nicht los, im Gegen⸗ denn wir ſanken oft bis an den Gürtel in den Schnee. wenig, allein der Indianer, der Alles zu beobachten ſchien, warf mir einen drohenden Blick zu, und Ho⸗ nem Geweih daneben geſtoßen. ward gab mir einen Fußtritt, der mich unangenehm an meinen Fehler erinnerte. Wir befanden uns in der Nähe des Waldſaumes an einer ganz unbewachſenen Strecke; Monai, der ein Rennthier wahrgenommen hatte, ohne von demſelben bemerkt zu werden, ſuchte jetzt Deckung hinter einer ſehr aſtigen Ceder, um von dort aus das Thier auf's Korn nehmen zu können. Wer ihn auf dem Bauche gegen dieſelbe hätte hinkriechen ſehen, hätte ihn für eine Schlange halten können. Wir Beide ahmten ſeine Bewegungen ſo genau als möglich nach. Endlich bemerkte auch ich die Rennthiere. Es waren ihrer etwa 20; einige nagten an den Bäumen, andere machten ihre Morgentoilette, indem ſie ihre Haut mit ihren Zungen glätteten. Sämmtliche Thiere, vielleicht das größte im ganzen Rudel ausgenommen, ſchienen die Nähe ihrer Feinde nicht zu ahnen. Das Männ⸗ chen allein ſchien unruhig zu ſein, es horchte mit er⸗ hobenem Kopf, warf nach allen Seiten argwöhniſche Blicke, öffnete die Nüſtern und ſog gierig die Luft ein. Monai verlor es nicht aus den Augen; als das Renn⸗ thier den Kopf wendete, bewegte er ſich wieder etwas vorwärts. Endlich befanden wir uns Alle hinter dem Baume. Howard forderte mich auf, ich ſollte das vorderſte Thier auf's Korn nehmen, er ſelbſt wollte auf das große Thier zielen, das etwa neunzig Schritte von uns entfernt war; Monai wollte ſeinen Schuß zu unſerer Unterſtützung bereit halten. gaben zu gleicher Zeit Feuer; ohne an etwas zu den⸗ ken, erhob ich mich ſodann, um nach dem Erfolg mei⸗ nes Schuſſes zu ſehen; allein Monai ergriff mich mit eiſerner Fauſt und ſchleuderte mich rauh auf den Schnee hin. Als ich den Kopf wieder erhob, ſah ich das Thier vor mir, auf das Howard gefeuert hatte; es zerſtampfte den Schnee und ſuchte mit wüthenden Blicken ſeine Feinde zu entdecken. Während ich ſein ungeheures Geweih betrachtete und die Größe und Gefahr, die wir liefen. Mona’ legte jetzt ſeine Büchſe auf einen der Zweige des ſchützenden Baumes auf, zielte gemächlich auf das Thier und drückte ab; zum Unglück aber verpuffte nur das Zündhütchen, und das Thier, das jetzt unſern Hinterhalt entdeckt hatte, ſtürzte mit ſchrecklichem Ge⸗ ſchrei auf uns los. Es wäre unmöglich geweſen, ge⸗ gen dieſe gefährliche Beſtie ſich zu vertheidigen oder ihr zu entfliehen, zumal, da wir beinahe bis an den Bauch im Schnee ſteckten. gefaßt, die Schaufeln des Thieres in meiner Seite zu ſpüren, als Howards wackerer Hund ſich auf daſſelbe ſtürzte und es am Maul packte. Monai und Howard thieres hatten ihn an der Schulter verletzt. Howard und ich theil, er packte es immer feſter, trotzdem, daß daſſelbe ihn auf dem Schnee zerſtampfte und gegen die Baum⸗ äſte ſchleuderte. Während des Kampfes dieſer beiden Thiere, der mich an die Fabel vom Löwen und der Mücke erinnerte, ſuchte Monai dem Rennthier die Kniekehlen zu durch⸗ ſchneiden. Allein das Thier bemerkte den Indianer, drehte ſich mit der Schnelligkeit des Blitzes, ſtürzte ſich auf ihn und hätte ihn getödtet, hätte es nicht mit ſei⸗ Mona’T hatte ſich platt auf den Bauch geworfen, und nur die Füße des Renn⸗ Während dieſer Zeit hatte Howard ſeine Büchſe wieder geladen; allein das Pulver war feucht und das Gewehr verſagte. Endlich hatte ſich das Rennthier mit verdoppelter An⸗ ſtrengung von Jack losgemacht und ſtürzte ſich nun auf Monai; allein der Hund ſchlug von Neuem ſeine Zähne in ſeinen Hals, und Monai, ſeinen Angriff er⸗ wartend, ergriff es geſchickt bei ſeinem Geweih und warf es auf den Schnee. Gleichzeitig ſtürzte ſich Ho⸗ ward, das Meſſer in der Hand, auf daſſelbe, und ſtieß es dem koloſſalen Thier bis an das Heft in die Bruſt. Mit ſeinem letzten Kraftaufwand ſchleuderte das edle Thier Monai über ſeinen Kopf hinweg, dann ſank es zuſammen und hauchte ſein Leben aus. Wie ich ſchon bemerkt, hatte der Schrecken meine Hände und Füße vom Anfange des Kampfes an ge⸗ lähmt, und ich hatte nicht einmal ſo viel Beſonnenheit gehabt, meine Schneeſchuhe anzulegen und meine Büchſe wieder zu laden. Endlich war es uns möglich, dem Könige der Wälder zu nahen, der nun zu unſern Füßen lag. Howards Kugel hatte ihn in die Schulter getroffen, und er hätte in keinem Fall dem Tod entrinnen können. „He! Rothhaut!“ rief jetzt Howard dem Indianer zu, der noch auf dem Rücken lag,„biſt du verletzt?“ „Das Rennthier iſt ſtark,“ erwiederte dieſer,„aber der Menſch iſt noch ſtärker; bringe etwas von dieſem Fichtenharz auf meine Wunde und ſie wird heilen.“ Howard ſtrich etwas von dieſem neuen Heilmittel auf ein zuſammengefaltetes Taſchentuch, ſtillte das Blut und klebte dann ein Pflaſter auf die Haut des Indianers.„Was iſt denn aus Ihrem Thier gewor⸗ den?“ ſagte er dann zu mir, während er den India⸗ ner verband,„haben Sie es getroffen?“ „Ganz gewiß! Ich wette meine Büchſe gegen die elendeſte Vogelflinte, daß das Thier verwundet iſt.“ Stärke des Thieres bewunderte, dachte ich nicht an die werden Ihnen den Weg weiſen. „Sehen Sie, Jack hat ſeine Spur gefunden und iſt hinter ihm her. Legen Sie eilends Ihre Schnee⸗ ſchuhe an und ſetzeff Sie ihm nach; die Blutſpuren Wenn Sie dem Thier auf Schußweite nahe ſind, zielen Sie ſicher! Ich ſelbſt Schon machte ich mich darauf werde Ihnen bald nachfolgen, zuerſt muß ich mich aber überzeugen, ob Monai nicht gefährlich verwundet iſt. Auch meine Büchſe muß ich zuvor in Ordnung brin⸗ gen; beruhigen Sie ſich übrigens, ich komme bald nach.“ 5 Schnell folgte ich der blutigen Fährte. Je weiter ich vorwärts kam, deſto deutlicher be⸗ merkte ich auch, daß das Rennthier in ſeiner Schnel⸗ ligkeit nachgelaſſen haben mußte, und daß daſſelbe manch⸗ 1 ieder ſenen jlück⸗ egen⸗ ſſelbe aum⸗ der eerte, ürch⸗ aner, eſich t ſei⸗ platt ſenn⸗ hrend den; ſagte. An⸗ nun ſeine el⸗ und Ho⸗ ſtieß ruſt. edle nt es - 351—— mal zu Boden geſtürzt war. Meine Eigenliebe ſpornte mich an, das Thier noch vorher zu Fall zu bringen, ehe Monai und Howard mich eingeholt hatten; ich flog förmlich über den Schnee hin, als ich plötzlich am Ufer eines Gießbachs ankam, der nicht gefroren war. Hier verlor ich jede Spur von dem Rennthier; allein die Fußſtapfen des Hundes veranlaßten mich zu weite⸗ rer Verfolgung, und bald hörte ich deutlich wiederhol⸗ tes Bellen. Je weiter ich aufwärts ging, deſto reißen⸗ der wurde der Bach, und ſeine zwiſchen hohen Felſen eingeſchloſſenen Wellen verſchwanden plötzlich in einem Abgrunde, der einen hundert Fuß hohen Waſſerfall bil⸗ dete. Oberhalb dieſes maleriſchen Waſſerfalls war der Bach gefroren; am Ufer entlang hatte ſich das an- prallende Waſſer in Eis verwandelt, und an den Spitzen der Zweige der Fichten, die auf den Felſen wuchſen, hingen lange Eiszapfen, die einen dhuhait bildeten die ſchäumenden Waſſergarben einen dichten, tropfbaren Nebel. Die Sonnenſtrahlen durchblitzten das Dunkel, das hier herrſchte, und verliehen dieſem Das Eis, welches den Waſſerfall umgab, war ſo hell, daß das Auge den gelben Sand auf dem Grunde des Baches und die Geſchwindigkeit der Strömung unterſcheiden konnte. Zehn Fuß aufwärts von dem Halbkreis, den der Waſſerfall bildete, hatte das Renn⸗ thier auf einem freiſtehenden Felſen, der ſich mitten im Waſſer erhob, eine Zuflucht geſucht. Um den Felſen herum war der Bach ſo reißend, daß, wenn ſein Fuß ausgeglitten, es fortgeriſſen und den Waſſer⸗ fall hinabgeſchleudert worden wäre. Jack hatte es nicht für rathſam gehalten, das verwundete Thier in ſeinem gefährlichen Zufluchtsort anzugreifen; meine Ankunft und die Aufregung, in der er ſich befand, hätten ihn übrigens vielleicht veranlaßt, der Gefahr zu trotzen; allein ich nahm ihn an die Leine und band ihn an den Fuß eines Baumes. Das Rennthier hatte wirklich einen unzugänglichen Zufluchtsort gewählt, wo kein lebendes Weſen es an⸗ greifen konnte; auf allen Seiten erhoben ſich ſenkrechte Felswände, zwiſchen denen der Gießbach ſich einen Weg bahnte, und vor ihm ſchien der gähnende Abgrund auf ein Opfer zu warten. Nachdem ich dieſes romantiſche Schauſpiel hinläng⸗ lich bewundert hatte, näherte ich mich, ſoweit als das Terrain es erlaubte. Sobald mich das Rennthier be⸗ merkte, erhob es den Kopf, den ein koloſſales Geweih zierte, ſchüttelte ihn wüthend, und ſchien mich zum Kampfe herauszufordern. In dieſer Stellung konnte ich ſeine Bruſt beobach⸗ ten, die der eines Ochſen an Breite gleich kam. Ich fühlte mich ſehr beruhigt, als ich mich von meinem furchtbaren Gegner durch ſo unüberſteigliche Hinderniſſe getrennt ſah; denn wäre das Thier im Stande geweſen, den Zwiſchenraum, der uns trennte, zu überſpringen, ſo hätte es ſich ſicher mit verzweifel⸗ ter Wuth auf mich geſtürzt. Ich lud meine Büchſe, zielte genau und drückte ab. Meine Kugel traf das Thier zwiſchen die Augen; es war todt. Mit einer letzten Anſtrengung ſtürzte es vorwärts, ſprang daneben und verſchwand in dem Bache, der es den Waſſerfall hinabriß. Einen Augenblick ſah ich ſeinen koloſſalen Leich⸗ nam über dem Waſſer erſcheinen und mitten unter den Eisſchollen herumwirbeln, die den Rand des Abgrun— phantaſtiſchen Anblick darboten. Ueber dem Waſſerfall des auimgaben. „Gut getroffen!“ rief Howard, der gerade zu rech⸗ ter Zeit gekommen war, meinen Schuß mit anzuſehen; „beeilen wir uns hinabzuſteigen und unſere Beute in Gemälde einen unbeſchreiblichen Glanz und Schimmer. Siherheit zu briugen, Nach einem ziemlich langen Umwege kamen wir am Fuße des Waſſerfalles im Thale unten an, aber leider war das Thier verſchwunden. „Vorwärts!“ ſchrie jetzt mein Begleiter,„ſehen Sie, der Hund dient uns als Führer, er ſucht am Ufer entlang.“ Einige Minuten nachher bemerkten wir das langſam von der Strömung mit fortgetragene Thier; Jack ſtürzte ſich in's Waſſer und machte ver⸗ gebliche Anſtrengungen, ſeine Beute, die er mit ſeinen Zähnen am Ohre feſthielt, herauszuholen. Howard ſprang eilends ſtromabwärts, hieb mit ſeinem Beile einen Baum ab, der ſich am Ufer erhob, und ließ ihn über den Bach fallen. Mittelſt dieſer Sperre gelang es uns, unſere Beute an uns zu ziehen. unmöglich iſt, unſer Wild heute Abend noch mitzu⸗ nehmen, müſſen wir dafür ſorgen, daß es die Wölfe nicht auffreſſen. An's Werk! Wir wollen es aus⸗ weiden und an, dieſen hohen Aſt hängen, damit es außerhalb des Bereichs dieſer gehäſſigen Beſtien iſt.“ Geſagt, gethan; wir hängten das Thier auf und begaben uns im Scheine des Mondes und der Sterne in unſere Hütte zurück. Monai war vor uns dort angekommen. Mit Hilfe V eines Schlittens, wie der vom Tage vorher, hatte er das von Howard getödtete Thier mitgebracht; ſein Schädel ſammt Geweih ſchmückte den Giebel unſerer Hütte als glorreiche Beute einer herrlichen Jagd. Sigmaringen. Sigmaringen liegt im Hintergrunde eines milden, lieblichen Donauthals, aus welchem ſich auf einem unmittelbar aus der Donau aufſteigenden und nach allen Seiten ſenkrecht abfallenden Felſen majeſtätiſch das fürſtliche Stammſchloß erhebt. Bis zum Jahre 1850 war Sigmaringen die Haupt⸗ und Reſidenzſtadt des aus zwei ſouveränen Fürſtenthümern beſtehenden Hohen⸗ zollernlandes, das jetzt zwei preußiſche Oberämter, Sigmaringen und Hechingen, bildet. Die Stadt zählt 1600 Einwohner und hat eine für ſeine Größe anſehn⸗ liche Anzahl ſtattlicher, meiſt von dem Fürſten Karl Anton(† 1848) aufgeführten Gebäude. Eine ſchöne „Es iſt ſchon ſpät,“ ſagte Howard,„und da es - 352— Brücke führt über die Donau, welche ſich brauſend zwiſchen dem Schloſſe und einem gegenüber am linken Ufer liegenden Felſen dahinwälzt, dem zu Anlagen umgeſchaffenen Mühlberg. Eine geſchmackvolle Häu⸗ ſeranlage, der Karlsplatz und die Karlsſtraße, mit dem Prinzenbau, dem prächtigen Winterpalais des Fürſten Karl Anton, dem Ständehauſe, dem Regierungs⸗ und Oberamtsgebäude, zieht ſich bis zu dem ehemaligen Franziskanerkloſter Hedingen hin. Unter dem Hoch⸗ altar der Kirche des letzteren befindet ſich die fürſtliche Familiengruft, das Kloſter aber wurde in ein Gym⸗ naſium umgewandelt. Das uralte Schloß, ſchon in Urkunden aus dem achten Jahrhundert iſt von demſelben die Rede, wurde im vierzehnten neu hergeſtellt, brannte ſpäter theilweiſe ab und wurde abermals erneuert. Seine Ausſtattung —y ———— — — Fsrrwer Vrfför Stammſchloß Sigmaringen.„ ¹ iſt prächtig und geſchmackvoll. Es enthält eine an Ritterſaale hängen die lebensgroßen Bildniſſe der altdeutſchen Kunſtwerken reiche Gemäldegallerie, ein an⸗ Zollern'ſchen Grafen und Fürſten von Thaſſilo(† 801) tiquariſches Kabinet, ein Archiv, eine Bibliothek und eine reichhaltige Rüſtkammer, in welcher erſt in neue⸗ rer Zeit ein Eingang zu den alten Kerkern entdeckt wurde, wo vom Jahr 1390 bis 1517 das Vehmgericht, zuletzt unter Herzog Ulrich von Württemberg, ſeine Sitzungen gehalten haben ſoll. In dem ſehenswerthen Misceſſe. (Rothwildparks.) Der Rothwildpark des Her⸗ zogs von Athol hat einen Umfang von 100,000 Acr., der Park von Farquharſon of Invercauld hält 130,000 ſchottiſche Acr., iſt jedoch unter Schafe und Rothwild vertheilt; Lord Fife's Park von Mar hält 60,000 Acr. bis zu dem von Lauchert 1854 gemalten Bildniſſe des letzten Fürſten Karl, in preußiſcher Generalsuniform, in der Hand eine Rolle mit der Inſchrift:„Abtre⸗ tung der Souveränität am 6. April 1850.“ C. K. oder Morgen. Es gibt in Schottland noch eine Menge anderer Parks von geringerer Ausdehnung; im Gan⸗ zen aber iſt dennoch der für ſolche Zwecke verwendete Grund und Boden heutzutage viel kleiner, als vor hundert Jahren. B—e. 4 e t Ghm. 8 dem wurde lweiſe ttung 'Mwh u — - 353— Die Bayeye und das Kußpferd. (Taf. 23.) Die Bayeye⸗Neger, welche am Fluß Teoge woh⸗ nun ſchneidet man ab und flicht es kreuzweiſe inein⸗ nen, ſind ein kräftiger, kühner, kriegeriſcher Menſchen- ander, immer neue und neue Schichten darauflegend ſchlag, welche in ihren Sitten viel mit den Buſch⸗ und durchflechtend, bis das Ganze eine dicke und förm⸗ männern gemein haben. Die erſten Spuren der lich undurchdringliche Maſſe geworden iſt. Natürlich Civiliſation ſind bereits bis an die Grenzen ihres kann man eine ſolche Maſſe ſo breit, ſo lang und ſo weiten Landes vorgerückt; die Art jedoch, wie ſie das dick machen, als man will, ohne daß nur ein Nagel Flußpferd jagen, iſt noch ganz dieſelbe, wie ſie ſie von zum Ineinanderhalten geſchlagen werden müßte. Auch ihren Altvordern überkommen haben. darf man ſich auf einem derartigen Floſſe getroſt dem Sie jagen es nämlich merkwürdigerweiſe ganz auf tiefſten Waſſer anvertrauen! Uebrigens nimmt man dieſelbe Art, wie der Europäer den Walfiſch, d. i. ſie zur Vorſicht mehrere kleine Baumſtamm⸗Nachen mit, erlegen es im Waſſer durch Harpuniren; aber ſie die man hinten anhängt, und errichtet in der Mitte haben dies nicht von den Europäern gelernt, ſondern des Floſſes eine Stange, an welche ein langes Seil ſie jagten auf dieſe Weiſe ſchon, ehe man nur in befeſtigt wird. Will man nun ſtillhalten oder an's Europa an den Walfiſchfang dachte! Land ſteigen, ſo macht man eines der Boote flott, und Die Harpune, deren ſie ſich dabei bedienen, iſt von ein paar Männer rudern an's Ufer, ſchlingen ſofort ſtarkem Eiſen, kurz und feſt geſtaltee, und nur mit das eben erwähnte Seil um einen Baum und zwingen Einem, aber einem ſehr ſtarken Widerhaken verſehen. dadurch das Floß zum„vor Anker liegen“. Dieſelbe wird vermittelſt dünner lederner Riemen an Gewöhnlich finden ſich, wenn die Bayeye eine Fluß⸗ einen hölzernen Schaft von recht hartem und zähem pferd⸗Jagd vorhaben, ihrer zwanzig bis dreißig auf Holz befeſtigt, der mehr als armsdick iſt und eine einem Floſſe zuſammen, von denen übrigens nur einige Länge von wohl zwölf Fuß hat. Um das andere Ende Wenige und zwar die Geſchickteſten als„Harpuniere“ des Schaftes iſt ein ſtarkes und ſehr langes Seil ge⸗ fungiren; die Uebrigen führen Alle kurze Speere oder wunden, in deſſen Mitte ein ſogenannter„Buoy“ oder Lanzen, die vorn eine ſtarke eiſerne Spitze haben. „Schwimmkrek“ angebracht wird, damit das Seil oder Sind alle Vorbereitungen getroffen, ſo fährt man ab, Tau im Waſſer nicht unterſinke, und ſchon hieraus er⸗ das Floß getroſt ſich ſelbſt überlaſſend, und die Bayeye ſieht man, daß der Stamm der Bayeye⸗Neger in der ſind in der Hoffnung auf die reiche Beute voller Luſt Verfertigung einer guten Harpune wohl eingeübt iſt! und Leben. Nun leben aber die Flußpferde immer in Nicht minder geſchickt ſind jene Halbwilden in der kleinen Heerden zuſammen, da ſie ſehr geſelliger Na⸗ Herſtellung eines„Floſſes“, auf dem das Hippopota⸗ tur ſind; auch findet man ſie nicht„überall“ im Fluſſe, mus gefangen werden ſoll; denn obwohl das Flußpferd, ſondern nur an gewiſſen Stellen, die ſie der nahen wie bekannt, ein grasfreſſendes Thier iſt ſ alſo noth- fetten Triften wegen oder aus einem andern Grunde wendig an's Land kommen muß, um Nahrung zu ihren Lieblingsplätzen erwählt haben. Somit iſt zu ſuchen, ja obwohl überdies nicht g. t werden es durchaus nöthig, einen ſcharfen Umblick zu halten, kann, daß daſſelbe auf dem Lande weit ungelenker in ob man ſich einem ſolchen„Hippopotamus⸗Geſellſchafts⸗ ſeinen Bewegungen iſt, als im Waſſer, wo es trotz platze“ nahe, denn— ſobald dies der Fall iſt, d. h. ſeines elephantenmäßigen Umfangs ſchwimmt und un⸗ ſobald die Nähe der Flußpferde durch ihr Schnarchen tertaucht wie eine Ente, ſo iſt dennoch eine Jagd deſ⸗ und Grunzen, ſowie durch ihr ſtarkes„Waſſergepatſch, ſelben auf dem Lande kaum thunlich und wäre ſicher⸗ daß dieſes giſchtmäßig aufſpritzt“, ſich kundgibt, ſo lich nur wenig erfolgreich, und zwar einfach deßhalb, tritt auf einmal eine tiefe Stille auf dem Floſſe ein weil das Thier meiſt blos bei dunkler Nacht das Waſ⸗ und lautlos gleitet dieſes weiter. Die Flußpferde ſol⸗ ſer verläßt, und ſich, wenn irgend möglich, nicht allzu len nicht ahnen, daß ihr größter Feind im Anzuge iſt; weit vom Ufer entfernt, um alſobald beim geringſten denn ſonſt wäre es ihnen bei ihrer Schwimmfertigkeit Geräuſch, oder wenn es irgend Gefahr wittert, in ſein leicht, zu entkommen! Aber immer mächtiger erſchallt ureigenthümliches Element, wo es ſich zu Hauſe fühlt, das Grunzen und Schnarchen und Schnauben der ko⸗ zurückzueilen. Man muß alſo das Flußpferd im Waſ⸗ loſſalen Thiere, die„halb Sau halb Ochs“(nur ohne ſer ſelbſt aufſuchen, und um dies thun zu können, iſt Hörner und mit geſtutzten Ohren) in aller Sicherheit ein Floß nöthig, denn die Nachen, welche die Bayeyes ſich erluſtiren! Offenbar iſt das Floß ihnen ſchon ganz aus hohlen Baumſtämmen zu verfertigen im Stande nahe, und nur eine Biegung, die der Fluß macht, ver⸗ ſind, faſſen im höchſten Falle drei Perſonen und wären birgt ſie noch; aber— ſiehe da, jetzt erſcheinen einige alſo viel zu klein, um den„Behemoth“— wie das dunkle ſchwarze Punkte, die ſorglos im Waſſer herum⸗ Buch Hiob das Flußpferd nennt— zu jagen. Die ſchwimmen, jedoch keineswegs wie Fiſche, ſondern eher Herſtellung eines Floſſes jedoch iſt ſehr einfach. Der wie ſchwarze Felſentrümmer ausſehen. Allein die Teoge nämlich, wie auch ſeine Nebenflüſſe, hat viele Bayeye kennen ſie wohl, dieſe„Felſentrümmer“, und ganz ſeichte Stellen, wenn er auch in der Mitte ſehr alſobald ſtellt ſich der im Harpuniren Geſchickteſte un⸗ tief iſt, und in dieſen, ſowie an den allezeit flachen ter ihnen hart am Rande des Floſſes auf, die furcht⸗ Ufern, wächst eine Menge von Schilf, und zwar von bare Waffe in der Hand. Von dieſer jedoch iſt das „afrikaniſchem“ Schilf, von deſſen Höhe und Dicke ſtarke Seil, das um ihren Schaft geſchlungen war, wir in Europa keinen Begriff haben. Dieſes Schilf abgewickelt, und das Ende deſſelben halten ein paar 45 Feierſtunden. 1863. — 354—— kräftige Männer feſt, damit es ihnen ja nicht ent— ſchlüpfe, denn hieran iſt, wie wir gleich ſehen werden, außerordentlich viel gelegen. Noch einige Minuten und das Floß befindet ſich inmitten der Hippopotamusheerde, welche, die Gefahr nicht ahnend, nicht die geringſte Miene zum Entfliehen macht. Nun iſt der kritiſche Moment gekommen. Der Harpunier ſtreckt ſich zur vollſten Höhe empor; er ſchwingt die Harpune, und in der nächſten Sekunde fliegt das todbringende Eiſen mit nie fehlender Genauigkeit dem Flußpferde in die Seite, tief hinein bis in die Mitte des fetten Leibes! Alſobald, wenn das Thier getroffen iſt, ſchlägt es wie raſend um ſich und taucht dann unter bis auf den Grund. Allein alle ſeine Anſtrengungen, die Harpune wieder los zu werden, ſind vergeblich. Die Waffe iſt allzu tief eingedrungen, und der ſtarke Widerhaken macht es, beſonders wegen der zolldicken Haut des Thieres, rein unmöglich, ſie auszuziehen. Inzwiſchen ſind in demſelben Augenblicke, in welchem die Harpune geworfen wurde, die etlichen kräftigen Männer, welche das Ende des am Harpunenſchafte befeſtigten Seils hielten, in ein zu dieſem Zwecke gleich von Anfang an flott gemachtes Boot geſprungen und in wüthendſter Eile an's Ufer gerudert, um das Seil dort um einen Baum oder irgend einen andern feſten Gegenſtand zu ſchlingen. Gelang ihnen dies noch im rechten Moment, ehe das Flußpferd wieder auftaucht und ſich zur Flucht wendet, ſo iſt die Jagd ſo gut als vorüber oder wenigſtens als gelungen zu betrachten, denn die Ge— ſammtkraft der Jäger vereinigt ſich dann, um das Seil zu halten, bis das Ungethüm ſich verblutet hat und an's Ufer geſchafft werden kann. Waren jedoch die Ruderer nicht ſchnell genug und kamen zu ſpät an's Ufer, oder gelang es dem Hippopotamus aus einem andern Grunde, den Männern das Seil durch eine ſchnelle Bewegnng aus den Händen zu ſchnellen, dann muß die Erlegung des harpunirten Thieres auf eine andere Art vollendet werden. In dieſem Falle näm⸗ lich läßt man die ſämmtlichen zur Vorſorge mitgenom⸗ menen kleinen Boote in’s Waſſer, und es ſpringen ſo viele Männer hinein, als darin Platz haben; Alle aber ſind mit Speeren oder Lanzen bewaffnet, von denen überdies eine große Menge in der Reſerve parat liegt. Nun geht's hinter dem fliehenden Ungethüm drein, und ſowie dieſes, nachdem es untergetaucht, wieder an die Oberfläche des Waſſers kommt, um Athem zu ſchö⸗ pfen, ſo wird es mit einem ganzen Hagel von Wurf⸗ ſpießen begrüßt, die faſt ohne Unterſchied ſeine Haut durchdringen und eine blutige Wunde hinterlaſſen. Na— türlich taucht das Flußpferd ſogleich wieder unter, aber in die Länge iſt es ihm unmöglich, unter dem Waſſer zu bleiben, und ſomit muß es abermals auf⸗ tauchen, aber nur um zum zweiten Male von einer Unmaſſe von Wurfſpießen durchbohrt zu werden. Ebenſo wird es auch nach dem dritten und vierten Untertau⸗ chen gehalten, denn die Bayeye laſſen nicht nach, bis das angebohrte Thier, durch Blutverluſt erſchöpft und mit Wunden überdeckt, vollſtändig in ihre Gewalt ge⸗ kommen iſt. Freilich ohne Gefahr iſt eine ſolche Jagd nicht; denn nicht ſelten geht das verwundete Flußpferd in voller Wuth auf ſeine Verfolger los, und wenn es ihm gelingt, ihr Boot mit ſeinen enormen Fangzähnen zu ergreifen oder mit ſeinem furchtbaren Rieſenkopfe einen Schlag nach ihm zu thun, ſo iſt es um das Boot, wie auch nicht ſelten um die darin Sitzenden, wenn ſie ſich nicht noch vorher in's Waſſer werfen und durch Schwimmen retten, geſchehen; denn— ein einziger Biß ſeiner immenſen Kinnbacken und der ſtärkſte Mann iſt in zwei Theile getheilt, ein einziger Schlag ſeines Körpers und der Geſchlagene iſt zu Brei zermalmt! Zum Glück jedoch ſind die Bayeye meiſt allzu geſchickte Ruderer, als daß ſie nicht dem Angriffe des Hippo⸗ potamus faſt immer zu entgehen wüßten, und ſo kom⸗ men verhältnißmäßig nur ſehr wenig Unglücksfälle vor. Allein wenn es auch drei- und viermal ſo gefähr⸗ lich wäre,— die Umwohner des Teogefluſſes würden doch in der Jagd des Flußpferdes nicht nachlaſſen, denn der Körper deſſelben bringt ihnen allzu viel Vor⸗ theile. Nicht blos nämlich iſt ſein Fleiſch— die Zunge wird als Delikateſſe betrachtet— ſehr gut und eßbar, — beſſer und eßbarer als das der meiſten andern jagd⸗ baren Thiere; nicht blos iſt ſein Fett oder vielmehr ſein Speck ſo vortrefflich als der vortrefflichſte Schweine⸗ ſpeck und ähnelt ſogar nicht wenig unſerer Butter; nicht blos iſt ſeine Haut ein ſehr gewinnreicher Han⸗ delsartikel nach dem Cap(der guten Hoffnung), weil man Peitſchen, Leder und dergleichen daraus verfertigt; ſondern erheale noch ſind ſeine Fangzähne, deren es edem Kiefer zwei(und zwar von einer Länge von 1 bis zu 2 Fuß und. verhältnißmäßiger Dicke) beſitzt. Dieſe Zähne nämlich liefern ein Elfen⸗ „bein, das dem vom Elephanten gewonnenen bei weitem vorzuziehen iſt, denn es wird nimmermehr graulich oder gar gelblich, was bei dem letzteren hie und da vor⸗ kommt, ſondern bleibt durchaus ſchneeweiß. Nicht ſel⸗ ten zahlt man daher bei beſonders ſchönen Exemplaren bis zu einer Guinee(11 fl.) für das Pfund, und bei ſolchem Gewinn in Ausſicht ſollte man ein bischen Gefahr ſcheuen? Der ſteyriſche Hidrach. Schon oft iſt mit Recht geklagt worden, daß die Eiſenbahnen die Romantik des Reiſens zerſtören, und dieſe Klage iſt allerdings begründet! Wo ein goldgel— ber Schwager mit ein paar Braunen oder Füchſen uns oft mühſam weiter förderte, und mit der blechernen Harmonie ſeines Hornes die Ungeduldigen zu erheitern ſtrebte, ächzt und heult jetzt ein dämoniſches Ungethüm, welches uns mit unheimlicher Schnelle dahinreißt. Dieſe intereſſante Ruine, jenes merkwürdige Städtchen, ja ein welthiſtoriſches Schlachtfeld, hätten wir ſo gern unſerem Gedächtniſſe ſicher eingeprägt; doch da hallt ſchon das kategoriſche fertig! wild aufheult das Un⸗ ding und— verſchwunden iſt Alles, um ganz Or⸗ dinärem unerbittlich Platz zu machen, oder gar b 1 dem à auf⸗ einer benſo ertau⸗ „ bis t und lt ge⸗ nicht; d in ihm nen zu einen Boot, wenn durch nziger Mann ſeines nalmt! ſchickte Hippo⸗ kom⸗ le vor. gefähr⸗ vürden laſſen, Vor⸗ Zunge eßbar, jagd⸗ lmehr veine⸗ utter; Hoy⸗ „will feriigt; gähne, einer üäßiget Elfen⸗ weitem 9 oder vol⸗ ct ſel⸗ plaren ind bei biscen — 355— uns in die Nacht eines infernalen Tunnels zu ver⸗ ſenken. Dennoch will ich meinen lieben Leſern ein Ergeb⸗ niß vorzutragen verſuchen, welches mir auf der Eiſen⸗ bahn, und zwar in der am mindeſten poetiſchen Ge⸗ gend des ganzen dereinſtigen deutſchen Reichs, der Lüne⸗ burger Haide, begegnet iſt. Sogar die Lokomotive ſcheint beim Durchbrauſen dieſer endloſen, braunen Flächen Langeweile zu ſpüren und dreht ſich mit ver⸗ doppelter Schnelle, und ſo war es ganz erklärlich, wie dem Zuge ein kleiner Unfall zuſtieß, der ihn nöthigte, mittelſt des Telegraphen von der nächſten größeren Station Abhilfe zu verlangen. und ließ über eine Stunde auf ſich warten. Wir be⸗ trachteten in voller Muße die Riſpen der kleinen duf⸗ tigen Roſaglöckchen und die Heerde der braunen Haid⸗ ſchnucken, die ſich gegen den einfachen, mit Haidraſen gedeckten Schuppen drängten, welcher ſie gegen ein her⸗ aufziehendes Spätgewitter ſchützen ſollte, da die Thiere durchaus keinen Regen vertragen. Die Luft war vor der Wetterveränderung äußerſt klar und durchſichtig, ſo daß man in der Entfernung von etwa vierundzwan⸗ zig Stunden deutlich den Brocken mit ſeinem Thurme erkannte. Die Bahnwärterhäuschen ſind nicht auf Gaſtlichkeit berechnet und der Aufenthalt in ihnen nichts weniger als einladend; aber in der Entfernung von etwa einer Viertelſtunde war ein Chauſſeehaus der alten guten Zeit ſtehen geblieben, in dem eine Art Reſtau⸗ ration angeſiedelt war. ges dachten dem heranziehenden Regen im Waggon zu trotzen; eine junge Dame aber und ich zogen es vor, dort Unterkunft zu ſuchen. „Ich bin neugierig,“ begann ſie unterwegs,„ob der ſteinerne Alte vom vorigen Jahre wohl noch dort ſitzt.“ „Wie ſo?“ „Als ich im vorigen Jahre hier mit Pferden durch⸗ fuhr, fand ich dort einen Greis, der ſtarr und unbe⸗ weglich nach dem Brocken hinüber ſah mit einem ſo unheimlichen Weſen, daß er einen unauslöſchlichen Ein⸗ druck bei mir hinterließ.— Sehen Sie, wahrhaftig, dort am Nordfenſter ſitzt er noch wie verzaubert! Wenn wir nur bald weiter kommen!“ Das Dämchen hatte wirklich nicht Unrecht gehabt. An dem gegen den Harz und Braunſchweig gerichteten Fenſter ſaß ein alter Mann, in eine rauhe Bergjuppe mit verſchoſſenem grünem Kragen gewickelt, und ſah mit erſtorbenem Auge unbeweglich vor ſich hin. Es war nicht das theilnahmloſe Hinſtieren, welches von einem Erlöſchen der Hirnthätigkeit zeugte; nein, es war ein Verſunkenſein in ein tiefes, faſt ſchauriges Träu⸗ men, aus dem die Seele ſich nicht zu ermuntern ver— mag. Gegen den Alten über ſitzend, zog er wider⸗ ſtandslos mein Auge auf ſich, doch kein Gegenblick zeigte mir, daß er es bemerke oder im Mindeſten beachte. Das Gewitter brach in dröhnenden Schlägen los; ein Blitz, der die ganze Haide mit blauem Glaſe übergoß und im nächſten Dorfe zündend eingeſchlagen hatte, erſchreckte Alles, was im Hauſe war, bis zu lautem Aufſchrei— der Greis am Fenſter zuckte nicht mit der Wimper! Die ganze Außenwelt war für ihn nicht vor⸗ handen.. Endlich brauste die erlöſende Lokomotive daher, doch, bis zum nächſten Städtchen waren es noch fünf 4 4 Doch, ſo ſchuell ſeine Blitze auch zuckten, die Ausführung ging weniger ſchnell Die andern Inſaſſen des Zu- Stunden Fahrt, und gerne ließ ich den Zug davon eilen, da mir ein Giebelſtübchen mit einladender Rein⸗ lichkeit für die Nacht geboten ward, die rabendunkel ſich herabſenkte, und durch die die Lohe des vom Blitz angezündeten Strohdaches maleriſch flammte. Auch der Alte war in meiner Reſignation auf die Nachtfahrt mit erwogen: ich hoffte von dieſer ſo auffallenden Erſchei⸗ nung irgend etwas Intereſſantes zu erfahren, und konnte nicht glauben, daß eine ſo ungewöhnliche Geſtalt ohne beſondere Urſache hier an das Fenſter unwandel⸗ bar hingeſetzt wäre. Die Funkenſäule der Maſchine verſchwand in der Haidfläche, und lautloſe Stille lag auf dem einſamen Hauſe; die drei Männer, welche es bewohnten, hatten es verlaſſen; der Eine war zu der Feuersbrunſt geeilt, um dort zu helfen, die beiden Andern ſahen bei den zerſtreuten Schafen nach, und nur eine geſchäftige alte Großmutter ſammt der fleißig ſtrickenden Hausfrau, ein Säugling, der räthſelhafte Greis und ich waren zurückgeblieben. Ein kräftiger Kaffee mit duftigem Haidhonig und appetitlicher Butter war das Abendbrod, nach welchem eine gute Cigarre ſehr behagte. Der Alte hatte ein Stückchen trockenes Brod aus der Hand der Großmutter, die es ihm zwi⸗ ſchen die dürren Finger ſteckte, genommen; ich ſah aber nicht, daß er es aß. Auch der eigenſte Trieb, der Hunger, ſchien beinahe bei ihm erloſchen zu ſein; wenigſtens ein Freuen auf ſeine Befriedigung, die auch der Blödſinnigſte kundgibt, war hier nicht vorhanden. Und doch ſah ich klar, dieſer alte Menſch war kein Idiot; ja, zuweilen blitzte ein Strahl von Intelligenz aus den Augen und zuckte über die hohe Stirne. Die alte Frau ſetzte ſich an das ſchnurrende Spinn⸗ rad, und ein langer, mitleidiger Blick fiel auf den Alten hinüber, ehe ſie in den ſilbergrauen Flachs griff. „Kennt Ihr ihn, Grootmöer?“ frug ich ſie. Sie ſah mich lange wehmüthig an, dann antwortete ſie mir in ſchwer verſtändlichem Plattdeutſch:„Ich werde wohl meinen Bruder kennen!“ Ich gebrauchte blos der Frau die Verſicherung zu geben, daß es nicht müſſige Neugier ſei, welches mich bewog, nach dem Alten zu forſchen, als ſie ſich gern bereit zeigte, mir das zu erzählen, was ſie„ihr Un— glück“ nannte. Was ſie jetzt eintönig ſagte, war nicht gut zu verſtehen; es war das weiche, aber dem Süd⸗ deutſchen völlig fremde Plattdeutſche, welches durch Klaus Groth und Bornemann mit all' ſeiner Schön⸗ heit nach und nach dem Bücherdeutſchen näher gebracht wird, in dem man aber nicht im Stande iſt, eine Er⸗ zählung vorzutragen. „Wo der Watzmann herunter ſchaut auf den ſchö⸗ nen See und in die hehren Berge, die ſich um ihn lagern, da ſtand, wie ich noch ein kleines Kind war“ — ſo begann die alte Frau—,„ein zierliches Häus⸗ chen; wohl nicht groß, aber außen und innen reinlich und gar wohnlich, ſo daß Jeder, der vorüber ging, verſucht war, dort einzukehren, und aus den klaren Fenſtern die liebliche Landſchaft raſtend zu betrachten, und die ſilbernen Firnen und drunter die grünſamm⸗ tigen Matten mit dem behäbigen waidenden Vieh. Dort wohnte mein Großvater, der das Gütchen ſchon von ſeinem Ahnherrn herab ererbt hatte. Er war Wald⸗ und Wildhüter rings um den ſchönen Berg und hatte gar genau Acht zu geben, was unten, wo der Wald ſchattet, vorgegangen iſt; aber noch ſchärfer hat er oben, wo die Gemſen einſam graſen, das Monkey. ——————·,— 1 9— . G ¹ 6 ⁴ 1— 356—— ſeine Höhlen gräbt, und auf unzugänglichem Felſen der Adler und Lämmergeyer horſtet, Alles im Auge gehabt. Seine Freude war es, im Herbſt ſeinen Gems⸗ bock zu erlegen, dem er auf ſchwindelndem Felsgrat lange gefolgt war, aber eben ſo genau wie die Gem⸗ ſen der Firn, hütete er auch die Hirſche des Forſtes und die Rehe ſeines Reviers. Die Gemſen waren frei für jeden beherzten und gewandten Schützen, alſo zuerſt auch für den alten Kranzner und ſeinen kecken Sohn, den Franz; das Thalwild gehörte dem hochwürdigen Abt von Bartholomä, der es den beiden Schützen an⸗ vertraut hatte und gewiß war, daß es von keinen treue⸗ ren Augen gehütet werden konnte. Wie der Franz neun⸗ zehn Jahre alt geweſen iſt, bin ich erſt geboren wor⸗ den, und noch im Wochenbett iſt die Mutter geſtorben. Der Vater iſt von da an noch finſterer und einſilbiger geworden; Tage lang ſtrich er in den Bergen umher, und wo ſonſt kein Schütze vor ihm hingeſtiegen, da ſah man ihn ſicheren Schrittes dahin gehen, furchtlos, wie auf ebener Bahn. Zu Haus ward er wenig ge⸗ ſehen, und meine ſechzehnjährige Schweſter Thereſe hatte allein den Haushalt zu beſorgen und mich, das arme Waischen, zu pflegen. So waren ſchon einige Jahre vergangen, und der Vater ward ſeinen Kindern und dem ganzen Haushalt ſtets entfremdeter; ſeine Heimath waren die ſteilſten Felshörner, die ſchwin⸗ delndſten Lahnen, wo er ungeſtört ſeinen finſtern Träu⸗ men nachhangen konnte, und dort in der ‚Scharton“ zwiſchen dem großen und kleinen Watzmann, am „Hocheis', am Hahnenlaub', wo der Fels ſenkrecht in den unergründlich tiefen See wohl tauſend Fuß ab⸗ ſtürzt, da hat man den alten Menſchen hinwandeln ſehen aus der Ferne, daß es ein Graus geweſen iſt, vor dem alle Enziangräber und Waldhäuer ſich entſetzt haben. Nur ſelten einmal hat er einen Bock heimge⸗ bracht, und geſchah's, ſo war's einer, der zu Schaden gekommen war, wie er über die Graten verſprengt worden von einem Adler, dem das ſtarke Thier doch noch entkommen, oder ein Murmelthier, das ſich zu ſorglos vor ſeiner Röhre geſonnt. Und nicht allein die ſchwindelfreie Kühnheit, mit der er über die gefähr⸗ lichſten Stellen ſchritt, erregte die Verwunderung aller Kundigen, ſondern mehr noch, die ausdquernde Kraft, mit der der Siebenzigjährige allen Bergſchützen zuvor eilte und ſie weit zurückließ, wenn es lange Dauer⸗ märſche über Eis⸗ und Schneefelder galt. So war es denn um den ganzen See, bis weit hinaus in's Land allen Bergſchützen bekannt, daß der alte Kranzner es mit den Untersberger Mannilen habe, die ihm zauber⸗ hafte Kräfte gaben, und den Schwindel mit einer ge⸗ heimen Blume von ihn ſcheuchten, daß ſelbſt ſein ein⸗ ziger Sohn, der Franz, nicht mit ihm gehen durfte. Da erfuhr man, daß der Franz zu einer Senne⸗ rin gehe, die unten am Gmundner See auf einem Hof diente, und gegen alle Burſchen weit herum gar ſtolz und hochmüthig that. Auch für den Franz war ſie lange Zeit ſehr ſpröde geweſen, bis er endlich Hand und Wort von ihr erlangt hatte. Nun war ihre Alm hoch am Berg gelegen, über den ſteilſten Felſen, die dort aus dem tiefen See aufſteigen. Wollte man zu der Sennhütte hinauf, ſo mußte man weit umgehen, hinter einem Bergzahn weg, der ſtolzig in den See vor überhing; der Franz aber kannte dort einen Fiſcher, der ihm am Montag und Freitag Abends ſeinen Kahn an einer verborgenen Stelle anlegte, von wo er den vorragenden Fels umſchiffen konnte, und dann gerade unter der Apollonia ihrer Alm ſtand. Ein lauter Juchſchrei hallte hinauf zu der Dirne, die dann ihm bis zu einem gewiſſen Platz entgegen kam, wo das Pärchen ungeſtört koſen durfte. Wenn dann die Spitze —,—— 357— des Watzmann im erſten Morgenſtrahl erglühte, und in den Thälern und auf dem See noch ſtundenlang diente, war ihr aber ein Räthſel, welches die alte Sy⸗ Nebel und Dunkel wogten, dann ſtieg der Burſche wieder zu ſeinem Kahn herab, und kam heim, ohne da 1. Pen iſt kein Glück ja ohne Neid! So war einer Nachbarin des Fiſchers in Gmunden das Geheimniß der beiden Freunde bald nicht mehr verborgen; wohin der Nachbar Abends ruderte, konnte ſie freilich nicht erkunden, da er ſtets bei Zeiten wieder auf der Plän⸗ derbank vor der Thüre ſaß und emſig Löffel ſchnitzte. Im ganzen Städtchen kannte man ſie aber nicht um⸗ ſonſt als eine arge Unholde, die Allen, die ihr zuwider waren, böſe Krankheiten anhing, oder die ärgſten Stürme und Unwetter plötzlich über den See jagte. es entſtehe, wenn Jemand zu unrech⸗ ter Stunde Nachts in den Nebel des See's gerathe. „Schon einundzwanzig Tage lag der Franz krank, als ſein Vater einmal wieder vom Berge herab kam, dies Fieber gut: und zu ſeinen Kindern einkehrte. Mit langem, düſte⸗ rem Schweigen betrachtete er ſeinen Sohn, dann brach er in ein bitteres, höhniſches Lachen aus.„Die Alte glaubt, es ſei Niemand über ihre Bosheit,“ murrte er,„doch ſie irrt!“ So viel wie auf dem Flügel einer Fliege liegen möchte, nahm er von einem weißen Pul⸗ ver, welches er ſorgfältig verſchloſſen aufbewahrte, ſtreute es auf ein Stückchen Speck, welches in ſeinem eigenen Kamin geräuchert worden war, und gab es in ſieben gleichen Portionen ſeinem Sohne zu eſſen. Von der Stunde an verließ ihn das Fieber; nur die Mat⸗ tigkeit war noch nicht gewichen, doch auch dieſe ver⸗ ſprach der Vater zu bezwingen— und er hielt Wort. Jemand wußte, wo er in der Nacht geweſen war. Daß der Martin nicht den Abend über in ſeinem Kahn war, ſah ſie klar; wozu dann das Schiffchen ſonſt bille die ganze Nacht nicht ſchlafen ließ. Da bannte ſie ein böſes Fieber in den Kahn, und als der Franz am Morgen aufſtand, war er krank. In den andern Morgen befiel ihn ein Froſt, daß ihm die Zähne im Munde klapperten, und bald nachher kam eine ebenſo heftige Hitze, daß er fürchtete, erſticken zu müſſen. Am Tage darauf war er todtmatt, und nicht im Stande, eine Treppe zu erſteigen, geſchweige einen Berg, und dann kam wieder ein Morgen mit Froſt und Hitze. Jeder, der ihn ſah, erkannte, daß dies eine von böſen Leuten gemachte Krankheit ſei, gegen die Niemand ein Mittel wüßte; nur die alte Sybille erklärte, ſie kenne — — „A. 1 ,1 1 d HeneNot e Mä Wta e w 71 nes Stückchen Speck zubereitete und verſchluckte; doch hatte ſie nie geahnt, daß es ein mächtiges Zaubermit⸗ tel ſei, wie ſie es jetzt erkannte. Begreiflich theilte ſie dies dem geneſenen Franz mit, der wohl wußte, daß er nie hoffen durfte, es vom Vater ſelbſt zu er⸗ fahren, und deßhalb ſich auch keine Mühe darum gab. „Zu der Zeit war ein beſonders ſtarker Gemsbock, den man bei uns im Gebirge den ‚Gemskönig' nennt, und der nur alle neun Jahre erſcheint, wieder von den Lange ſchon wußte meine Schweſter, daß der Vater, wenn er ſich zu einem weiten Marſch rüſtete, ein klei— ächten Jägern, hoch oben an der Scharten, geſehen worden. Er hatte drei Krikeln aufgeſetzt, wie es bis nach Wallis und Savoyen hinein von den älteſten Männern nie bemerkt worden war. Da mag man leicht denken, welch' ein Lärmen bei den Jägern im ganzen Gebirg entſtand. Jeder dachte, den Gemsbock zu erlegen, von deſſen Daſein alle nur gehört hatten, und den kaum Einer ſelbſt geſehen hatte. Der Apo⸗ atheker zu Salurn hatte aber bei der Theres nach En⸗ zian gefragt, und wir waren hoch oben am Eichenkopf —— in einem Heuſtadel über Nacht geblieben, daß wir mit dem erſten Sonnenlicht ſchon an der Schneegränze ſein konnten, wo die beſten und kräftigſten Wurzeln gefun⸗ den werden. Und wie wir ſo durch die Laatſchen ſchlüpfen, da ſah ich, auf zehn Schritte, plötzlich den Gemskönig vor mir, und drücke mich ſogleich leiſe zu⸗ rück, ſo daß der Bock nichts von mir bemerkt hat. Die Theres war indeß einen Grashang hinab geglit⸗ ten, wo ſie ſchon weit fort war, ehe das Thier von uns Wind gehabt hat. Es ſah freilich aus, als trüg' er drei Stangen auf dem Kopf, ich hatte aber genau geſehen, daß ein Horn, wohl von einem Sturze, ge⸗ ſplittert war, und deßhalb ſo ein ſonderliches Anſehen hatte. „Nun eilte ich, ſo ſehr ich konnte, mit der Schwe⸗ ſter zuſammen zu kommen, die vor Schrecken leichen— blaß ward, als ich ihr erzählte, was ich geſehen. Sie flog bergabp, um dem Bruder die Kunde zu bringen, daß der Gemskönig in ſeinem Revier ſtehe, und wo er ſich gedrückt. Der aber vernahm die Nachricht mit Zorn und Schrecken. Er war noch viel zu matt, um den Marſch auf den Watzmann ausdauern zu können, und der Vater war nur zu Hauſe geblieben, um eine böſe Wunde, die er beim Fall über einen Eisklotz ſich geſchlagen, verharrſchen zu laſſen. Wohl war der Bruder zornig, da der hochwürdige Abt, der eine ganze Sammlung von allerlei beſondern Geweihen hatte, einen Doppeldukaten dem Schützen verſprochen hatte, der ihm dieſe Seltenheit bringe— doch noch weit zor⸗ niger war der Vater; ein Anderer wie er oder ſein Sohn durfte den Gemskönig unter keinen Umſtänden erlegen, das ſtand ihm feſt. Wohl eine Stunde ſchien er ſtumm mit ſich zu kämpfen, dann ſetzte er ſich zum Franzl, der auf der Bank vor der Thür zu den Bergen hinauf ſah.„Du biſt zu matt, um bürſchen zu gehen“— begann er grollend—,„die Trude hat dich zu feſt gefaßt; aber du haſt ſchon geſehen, daß ich von ihren Kunſtſtücken mehr verſtehe, wie ſie ſelbſt.“ — Mit dem gleichen weißen Pulver und Speck berei— tete er wieder einige winzige Portionen, die Franz ver⸗ ſchlucken mußte; dann trieb der Vater, daß er ſofort zum Berge hinauf ſtieg.„Du wirſt weit kräftiger jetzt über die Firn ſteigen,“ verſprach er ſeinem Sohne, „und frei und leicht wird deine Bruſt ſich heben; aber nicht mehr ablaſſen darfſt du von dieſem Zaubermittel; thuſt du es doch, ſo mußt du ſterben!“—„Gib mir auch davon,“ forderte Thereſe;„unmöglich findet er den Wechſel, auf dem der Bock ſteht, wenn ich nicht dabei bin!“— Auch ſie empfing eine Portion, und mich überlief ein kalter Schauer, als ich ſah, wie ſie das unheimliche Mittel verſchluckten. Auch in den Augen meiner beiden Geſchwiſter glaubte ich ein tiefes Graun zu leſen. Doch zu weit waren ſie ſchon ge— gangen; Beide nahmen ihr Geräth, und mit nie ge⸗ ſehener Haſt ſtiegen ſie den Berg hinan. Lange ſah ich ihnen nach; und ein tiefes, unerklärliches Mitleid preßte mein kleines Herz, als ſie meinen Blicken ent⸗ ſchwunden waren.. 7 „Der Vater hatte nicht zu viel verſprochen. Leicht, wie Vögel, hob eine wunderſame Kraft ſie über die ſteilſten Haͤngs; wie von Stahlfedern gehoben ſchienen die Glieder die Laſt des Körpers zu tragen, und ohne jede Anſtrengung trieben die Lungen das Blut durch das Herz.— Wie gewöhnlich hatte der gewaltige Bock ſeinen Stand nicht verlaſſen, und auch hier, vom - 358— ihr verwegenes Thun. ging ſie aus, ſondern Franz ſtand vor, und ſie trieb Glücke begünſtigt, fehlte Franzens Kugel nicht. Am andern Morgen holte er den verheißenen Preis vom Fürſtabt zu Bartholomä.(Siehe Bild S. 356.) „Nun ſchienen ſie den finſtern Mächten unrettbar verfallen. Thereſe mochte nur mit Widerwillen den häuslichen Arbeiten ſich unterziehen, und wie Vater und Bruder war ſie am liebſten im Hochgebirge. Da iſt’s mir halt ‚lüftig', rief ſie; doch nicht von der reinen Bergluft kam ihr Wohlbehagen, ſondern von dem Zauberpulver, welches ſie in ſtets größeren Portionen nahm. Wohl warnte der Vater ſie, doch ſie berief ſich auf ihre junge, ſtarke Natur, und verdoppelte nur Nicht um Enzian zu ſammeln ihm auf den ſchwindelnden Riegeln das Wild zu.“ Die Alte ſchwieg hier plötzlich, und ein tiefes Schauern ſchien den morſchen Leib bis in's Innere zu erſchüttern, wie ſie mit ſcheuem Blicke den verſteinten Bruder lange maß. Ein langſames, ſtummes Kopf⸗ ſchütteln folgte dieſem unheimlichen Blicke, den der Bewegungsloſe gleichfalls ohne Beachtung ließ.— Ich bat ſie jetzt, in ihrer Erzählung fortzufahren, welches ſie mit tiefem Seufzen that. „Mein Bruder hatte trotz der fatalen Krankheit ſeine Beſuche auf der Alm bei ſeiner Apollonia nicht aufgegeben, bis er deutlich erkannte, daß das Mädchen, die ihn oft bis zum See hinab begleitete, von derſel⸗ bigen Zauberkrankheit befallen war. Ihre blühenden Wangen erblaßten zu einem fatalen Bleigrau, ihre elaſtiſche Kraft war dahin, und je den zweiten Tag befiel ſie das unwiderſtehliche, grauſige Frieren. Franz hatte ſeinem Mädchen begreiflich von ſeiner Krankheit öfter erzählt, und wie ſein Vater ihn davon geheilt habe.—„Schau, du weißt es ſelber,“ rief er zuletzt, „wie mein Vater mich das ‚Lüftigmachen' gelehrt hat. Ich bin von Tag zu Tag minder geworden, wie der Schatten zu St. Martins⸗Tag, und lang hätte's wohl nicht gewährt, ſo hätte das Fieber mich gar erwürgt.“ „Das Mädchen hörte nicht ohne Grauen von der unnatürlichen Krankheit, der ſie anheimgefallen, und von der zaubergewaltigen Kur derſelben. Wohl fürch⸗ tete ſie eine ſolche Heilung, doch mehr und mehr trieb das Verfallen ihrer Körperſchöne die Eitle, das Wag⸗ ſtück zu beſtehen. Auch Franz drängte ſie dazu; er konnte nicht mehr mit dem ſchönſten Mädchen rings um den See prangen, da ſeine Geliebte täglich mehr verfiel, und die Neckereien der Burſche immer empfind⸗ licher wurden. Und nicht blos ihre Geſtalt, auch ihre Sittlichkeit erlitt bittere hämiſche Verdächtigungen, bis der Franz auf's Aeußerſte gebracht war, und in einer wilden Rauferei ſeinen Gegner lebensgefährlich verletzte. Er ſtarb zwar nicht, aber das Gericht nahm die Sache zur Hand, und eine längere Kerkerhaft war die begreif⸗ liche Folge. Da war der armen Apollonia ihr Wider⸗ ſtreben gebrochen. Sie ſah, wie die Thereſe ſtets ſchö⸗ ner erblühte und ihre Körperkraft immer gewaltiger ſich hob; da konnte ſie kaum das Ende von Franzens Arreſt erwarten, und wie er entlaſſen war, und wie⸗ der zu ihr auf die Alm kam, ſtürzte ſie ihm zitternd entgegen.„Heile mein böſes Fieber,“ rief ſie zwiſchen Angſt und Zorn,„und mach mich ‚lüftig' wie dein' Schweſter, ich will Alles thun, was du begehrſt!“— Schon am nächſten Abend brachte er ihr das heilloſe Pulver, und mit wahrer Begier nahm ſie das tödtliche Gift. m 2 gen färbten ſich, die erſchlafften - 359— wieder, und nur mit einander ſah man Apollonia und Thereſe zu Berg ſteigen.(Siehe Bild S. 357.) Die Burſche, die die Freundinnen verſpottet hatten, wurden bitter von ihnen täglich verhöhnt, und Alle zogen ſich von den Gefürchteten zurück, deun das Gerücht ging rings um den See, ſie ſeien ſelbſt Unholden, und die Vertrauten der Ettaler Männlein. „So war der Frühling wiedergekehrt, ohne daß etwas Beſonderes bei den Bekannten vorgefallen war. Hatten ver zu nehmen, verbracht, ſo waren die daran Gewöhn⸗ Bald war das Fieber verſchwunden, ihre Wan⸗- Glieder rundeten ſich ſie eine Zeit lang, ohne das weiße Pul⸗ ten freilich müde und ſchlaff, doch nur etwa auf einige Wochen, dann empfanden ſie auch dieſe Unbequemlich⸗ keit nicht mehr, bis ſie eine größere Anſtrengung ihren Gliedern zumutheten, und dann ſich gezwungen fühlten, wieder eine Portion zu nehmen, welche ſie dann wie⸗ der leicht oder, wie ſie ſagten, lüftig: machte. Da hauchte, nur leiſe zuerſt, doch ſtets kräftiger, der Föhn über die Berge, daß jeder erfahrene Senn ſein Vieh. zuſammentrieb und es gegen das nahende Unwetter zu ſchirmen ſuchte. So hatte auch die Apollonia gethan, und, um dem lähmenden Wind widerſtehen zu können, eine tüchtige Portion von ihrem Pulver genommen. Da, hinter einem Fels zuſammen geſunken, fand ſie einen jungen Mann, der vom Föhn gelähmt nicht wei⸗ ter zu gehen vermochte. Sie reichte ihm die kleine Korbflaſche mit belebenden Enzian, und bald vermochte der Fremde ihr bis in die Sennhütte zu folgen, wo ſie ihm einen Schmarrn bot. Der Sturm brach bald los; rieſen unten am Bergeshang ächzten und krachten, die „s ſei gar ein böſes, tückiſches Verkauf in ſeinem Vaterlande deſſen Beſitz im Nordlande dächtig zu machen. Gift,“ ſagte er, deſſen ſchwer verboten ſei, ja, beſtraft werde.“ „Das Alles iſt auch ihm das Mädchen, ‚und bei uns der Fall,“ verſicherte der Beſitz im Hauſe, noch mehr aber der Gebrauch, werden ſtreng geheim gehal⸗ ten. Freilich nicht,“ meinte ſie, ‚wegen des Giftes, welches dabei ſein ſoll, ſondern wegen der Geiſter, die dadurch erzürnt werden. Ich weiß, daß ihr da drau⸗ ßen daran nicht glaubt, das kömmt aber daher, weil ihr nicht den rechten Glauben in eurem Lande habt.’ „Der Fremde ſchwieg, weil er ſah, daß Alles, was er ſagte, in den Wind geredet war. Noch einmal, ehe er am Morgen von ihr ſchied, ermahnte er ſie, den entſetzlichen Gebrauch des Giftes zu laſſen; ſie ward aber nur zornig über ſeine Warnung. Ihr könnt es freilich nicht nehmen,' ſchalt ſie, zweil ihr keinen Schutz von den Heiligen habt, denen ihr euch nicht gläubig nahet, und ſo müßt ihr auch die kräftigſten Mittel, die ſie geben, entbehren.: „Von der Zeit an bemerkten Alle in unſerer Fa⸗ milie, daß in der Bruſt des ſtarken Mädchens ein wil⸗ der Trotz walte, der ſie antrieb, mehr und mehr das unheimliche Mittel anzuwenden, und auch die Thereſe anzutreiben, es ihr nachzuthun. Daß ihr Mittel, wel⸗ ches die Drei anwendeten, wirklich ein ſtarkes und all⸗ bekanntes Gift ſei, glaubten weder die Mädchen noch bereitete und erquickende Milch die alten Wald⸗ Tannen und Eiben ſausten dumpf, die Firnen rollten in ſchmetterndem Lärmen thalab, und die Waſſerſtürze des Gebirges brüllten, Lahnen Sennerin in und ſie heimlich froh war, daß der Nachtlager im Heuſtadel gebeten hatte. Das Feuer auf dem Herd hatte ſie ausgelöſcht, wie es beim Föhn der Brauch iſt, und hatte ſich beim Kreiſter bang zu⸗ ſammengedrückt.— Auch der Fremde, ein Meklen⸗ burger, hatte die Nähe des Herdes geſucht, und ſaß auf dem Melkſchemel. Apollonia betete leiſe alte, all— bekannte Verſe, die ſchon von den Großeltern hier in den Bergen beim Sturm gebetet worden waren, und von denen der Fremde nur einzelne abgeriſſene Worte verſtand, bis doch endlich ein leiſes, banges Geſpräch fallen und im Schnee verloren gegangen.“ Einige Tage in abgebrochenen Worten in Gang kam. „Wer dich heute Nachmittag über die Felſen dort oben ſpringen ſah,“ meinte der Nordländer,„der ſollte es nicht glauben, daß der Wind dich ſo müde und kraftlos machen konnte. „Mag ſein, erwiederte das bange Mädchen, aber zuerſt hatte ich Angſt für mein Vieh, und dann hatte ich mich„lüftig gemacht“, und da wird man nicht müd, dauert wohl mit drei Andern aus.“ „Begreiflich frug dann der Wanderer, was dies ſei, und das erſchrockene Mädchen ſagte ihm Alles, was ſie ſelbſt wußte; daß man ein ganz klein wenig von einem weißen, ſchweren Pulver nehmen müſſe, aber dann auch nicht mehr davon laſſen dürfe; ja, ſie zeigte ihm ihren Vorrath von dem Hexenpulver.— Ihr Gaſt erſchrak, und verſuchte der Dirne das Zaubermittel ver⸗ vom ſchmelzenden Schnee der geſchwellt, daß es ſogar der berggewohnten der ſicheren Hütte zu grauſen begann, Fremde ſie um ein ſeinem Lieblinge, gab mein unglücklicher Bruder dort, und mit dem Haß, den ſie gegen die Verfolger ihres zauberkräftigen Mit⸗ tels nährten, ſtieg ihre abergläubiſche Achtung davor. „Zu dieſer Zeit kam der Vater krank nach Hauſe. Er hatte ſehr kurzen Athem, ſo daß er nur mit ban⸗ ger Mühe ſein Häuschen erreichte; die Füße bis über die Kniee waren dick geſchwollen, er war bleich, wie eine Leiche, und kalt, wie von Stein gehauen. Wo man ihn anrührte, blieben die Vertiefungen wie in Letten eingedrückt ſtehen, indeß die Augen wie glaſig und abgeſtorben ſich kaum in den Höhlen bewegten. Herr, es war ein ſchauriger Anblick, den ich in mei⸗ nem Leben nicht vergeſſen werde.— Wir Kinder fru⸗ gen ihn begreiflich, was mit ihm vorgegangen ſei, daß er in dieſen hilfloſen Zuſtand gerathen ſei, und mir, er endlich Antwort.— ‚Ich war,“ erzählte er, hoch am Semilaun, in einer ein⸗ ſamen, verlaſſenen Sennhütte eingeſchneit. Brod und geräuchertes Fleiſch hatte ich noch auf mehrere Tage, aber mein Hörnchen mit dem Hidrach— ſo nennen die damit Bekannten das weiße Pulver— war mir ent⸗ ertrug er wohl dieſen Mangel; aber ſchon ſeit Jahren war er gewöhnt, alle drei bis vier Tage eine Erbſe groß zu nehmen, und das plötzliche Entbehren dieſes Mittels, an das er ſeine Kraft gebunden glaubte, warf ihn in dieſen Zuſtand von Ohnmacht und Hilf⸗ loſigkeit.— „Bald erkannten wir alle drei Kinder, daß der Zuſtand des Vaters ein rettungsloſer ſei. Die Mäd⸗ chen wurden von der Alm heimgerufen, und zuletzt kam auch noch der Franz, etwa eine Stunde vor dem bewußtloſen Hinſcheiden ſeines Vaters. Er klagte nicht, und ohne jeden Laut ertrug er ſeinen Schmerz um den Vater, der ſein tiefſtes Herz, wie wir wohl wußten, erfüllte. Aber auch die Mädchen, Apollonia wie The⸗ reſe, ertrugen den Tod des Vaters lautlos und ohne ————— ausbrechenden Jamgger, wie es wohl andere Töchter thun. Das Zauberpulver ſtand vor ihren Geſichten und machte den Schmerz ihrer Herzen nur deſto äzen⸗ der. Er, der ihnen als der Gewältiger höherer Mächte ſtets vorgeſchwebt war, hatte jenen Geiſtern nun unter⸗ liegen müſſen, und auch ihnen, die in jugendlicher Kraft um ſeinen Sarg ſtanden, ihnen drohte unaus⸗ weichlich das gleiche Schickſal, der ſchaurige Tod, ſtets nah und näher, und ſie fanden kein Mittel, ihm zu entgehen. Von dem Pulver durften ſie nicht laſſen, und ſein Gebrauch war der Tod. Die kleinen Leute, die im Untersberge und in dem Kloſter Ettal geheim⸗ nißvoll lebten und wirkten, ließen ihre Beute nicht fahren, deß waren ſie gewiß. Von dieſen ſchmerzlichen Gefühlen umhergezerrt, war der menſchliche Kummer um den Verluſt des Vaters nicht zu klarem Bewußt⸗ ſein gekommen und ward zur dumpfen Betäubung. „Die Leiche war beſtattet, das Hausweſen war wie⸗ der geordnet, und Alles ging wieder den gewohnten Weg, als die Mädchen wieder auf ihre Alm zu gehen begehrten. Auch Franz ward von ſeiner Pflicht abge⸗ rufen. Thereſe hing leichenblaß an ſeiner Bruſt, bis er unwirrſch ſie von ſich wegſchob.„Laßt mich aus, ihr Dirnen,“ rief er, es iſt mir, als ſollt' ich all' mein Leben lang kein Mädel mehr ſehen, das glaubt mir.“ Apollonia warf einen nachtdüſtern Blick auf ihren Verlobten, doch es war, als zuckte ein rother Blitz aus einem abziehenden Gewitter durch ihn hin. Mag leicht ſein, wie du es wünſcheſt! grollte es tief aus ihrer Bruſt,— ‚komm Schweſter Theres!!— Der Franz hatte indeß ſein Schießzeug genommen, er hob mich an ſeine Bruſt empor und ging mit weiten Schritten hinweg. Auch die Mädchen hatten noch einige Kleinigkeiten zuſammen gerafft, ſie nahmen kurzen Ab⸗ ſchied von mir, dem harmloſen Kinde, und ſtiegen über den Eichenkopf hinauf. „Unter dem Fenſter, welches über den See ſchaut, blickte ich ihnen nach, und fühlte mich ſo allein, ſo bang, daß ich altes Weib noch mit Grauen an dieſen Kinderſchmerz zurück denke. Der See warf ſchwarze, unheimliche Wellen gegen die Felswände, die drohend aus ihm ſich erhoben. Sie erbarmen ſich der Waſſer und ihrer armen Fiſchlein nicht, klagte ich in der lee— ren, hohl wiederhallenden Stube; und ſo wie ſolchem armen ſilbernen Fiſchlein, ganz allein, ſo iſt's auch wohl mir.— Die Sonne ſank tiefer gegen den See, als eine alte Baſe aus der Nachbarſchaft, die Mitleid mit dem verwaisten Kinde hatte, zu mir eintrat. „Was ſchaffſt, armes Haſcherl!' frug ſie weich, und ich drückte mich zitternd an das einzige Herz, das für mich fühlte. Sie zog ein Backwerk aus der Taſche und bot es mir; ‚du wirſt hungern?“ frug ſie— und ja, es war ſo, denn, wer hätte mir wohl etwas geben ſollen, da die, welche ich hätte mein nennen dürfen, mich verlaſſen hatten, da ſchaurige Sorgen ſie ganz umnachteten. ‚Dacht' ich es doch, fuhr die alte Cres⸗ cenz mit wehmüthigem Lächeln fort,— ‚die Andern ſchmauſen mit den Ettaler Manneln im alten Kloſter, oder im Untersberge, und denken nicht daran, daß du, arme Unſchuld, noch Speiſen brauchſt wie ehrliche Menſchenkinder, und gottlob noch nicht an den zaube⸗ riſchen Hidrach gewohnt biſt.” „Ich kannte all' die Herrſchaften nicht, von denen die Baſe ſprach, und verlangte begreiflich Belehrung von ihr. ‚Schau,“ ſprach ſie mit bedenklichem Kopf⸗ ſchütteln, von den Ettaler Männlein kann ich dir g. rade nicht allzu viel ſagen, denn Alles, was ich vo ihnen weiß, habe ich mir ſelbſt erzählen laſſen. Es ſind Kloſterherren geweſen, die vielleicht nicht allzu fromm gelebt haben. Beſonders aber haben ſie gern gejägdelt, und gern rothen Tyroler Wein getrunken, den ſie über die Gränze gepaſcht haben. Doch ich denk' — meinte die Baſe Crescenz— dies ſei noch wohl nicht das Schlimmſte geweſen, denn im Nonnenkloſter nebenan haben ſie regelmäßig mit den Frauen zu Nacht gegeſſen und gelacht dabei, daß man es bis nach Bar⸗ tholomä hinab gehört hat. Unter ihnen lebte ein jun⸗ ger Mönch, der nicht mit zu ihren Leichtfertigkeiten hielt, ſondern ſtreng nach der Regel ſich richtete, und die gottloſen Brüder oft und eindringlich ermahnte. Er erlangte zwar nichts damit, als den immer bitte⸗ reren Haß der übrigen Brüder, doch ließ er ſich nicht von ſeiner Frömmigkeit abbringen, bis der Heilige des Kloſters ihm mehrere Male in der Nacht erſchien und ihm befahl, das unchriſtliche Weſen ſeiner Brüder dem Biſchofe anzuzeigen, wenn er nächſtens das Kloſter in⸗ ſpiciren werde. In der nächſten Nacht aber fand man den frommen Bruder in ſeiner Zelle erſchlagen. Die⸗ ſer boshafte Mord empörte das Herz des gerechten Biſchofes, und er befahl, eine ſtrenge Unterſuchung gegen die Brüder einzuleiten, als in der nächſten Nacht ein ſchweres Wetter über Kloſter Ettal heraufzog, daß die ganze Gegend vor Graun und Angſt erbebte. Als nun der Morgen kam, war das Kloſter ſammt ſeinen Bewohnern verſunken bis auf das Gemäuer der Kirche und den heiligen Altar, deſſen ſchaurige Ruinen noch heute zu dieſer Stunde aus dem Graus der Verwüſtung aufragen. Naht aber ein hohes Kirchenfeſt und kommt zu mitternächtiger Stunde ein verirrter Menſch in jene Gegend, ſo ſieht er den Zug der ſpukhaften Mönche durch das alte Mauerwerk ſchleichen, und dreimal den einſt von ihnen entweihten Altar umſchweben.“ „Wer ſind aber die andern Herren, von denen die Baſe Crescenz zu Euch ſprach?“ frug ich die Alte, „habt Ihr die genauer gekannt, wie die Ettaler Mönche, von denen Ihr nur habt erzählen hören?“ „Allerdings!“ antwortete ſie,„die habe ich ſelbſt geſehen und mit ihnen geredet.— Mein Vater hatte einen hübſchen Viehſtand in dem Häuschen, von dem ich Euch erzählt habe, und dabei auch ein halb Dutzend feine ſpaniſche Schafe, auf die ſich einmal ein Geyer geworfen hat, daß ſie in wilder Flucht verſprengt ſind, wie es. die Schafe gern thun. Dann habe ich ſie ſuchen müſſen, im Eisbach hinauf bis über die Eiskapell, wo die wildeſten Schroffen ſich heben, über die zuletzt der hohe Watzmann wie ein Geſpenſt hereinſieht, und habe ich dennoch ein Stück durchaus nicht finden können, bis gar die Nacht herabgeſunken iſt. Im Freien und auf der Firn, da ſchien der Mond; aber wie ich durch den Wald herabgegangen bin, da war es ſo dunkel, wie in einem ſchwarzen Sack, ſo daß die hohen Spitzen und Hörner gar weiß und geiſterhaft dagegen herab⸗ geſehen haben, und noch höher hinauf die einzelnen glitzernden Sternlein über der ſchwarzen, dunkeln Erde bis hinab in die unergründeten Schluchten, durch die die zornigen Bäche und Wildwaſſer im Dunkeln herab⸗ toſen. Da iſt mir der Weg gar lang geworden, und ich war froh, wie ich das kleine Kirchlein zu St. Johann und Paul am Wege geſehen habe; da, wo der Steg über den Eisbach geht, da hat der Steg und das gkeiten e, und rahnte. bitte⸗ fnicht ge des mn und er dem ter in⸗ dman Die⸗ rechten uchung ſeinen Kirche n noch üſtung kommt in jene Nönche al den 1 nen die e Alte, hönche, ſelbſt rhhatte n dem HDutzend Geher —᷑ͦ ᷣ—— 361— irchlein gar hell geſchimmert, und die Wellen des „Bachs haben ſo blank und klar geglänzt, ſo daß ich gar nicht neben den Steg treten gekonnt. Und Alles nim Gebüſch war hell und ſchien ſo blau und klar, als wäre jeder Stein ein lichter Leuchtwurm. Vor mir aber ſtand ein halbgroß Männlein, mit einer dunkeln Bergkutten und einer braunen Kaputzen, wie ſie die Bergleute in den Salzwerken tragen, gar bartig und ſtotzig, das hat mich freundlich angeblickt, und rings aus allen Büſcheln haben ſie herausgeſchaut, ſo neu⸗ gierig, als hätten ſie ihr leblang kein ſolch' Diernlein geſehen. Alle Glieder ſind mir wie Blei geworden, und der Athem hat mir gar ſtillſtehen wollen vor pein⸗ licher Angſt. Da grad vor mir hat der Eine ſich auf einen Baumſtamm geſtützt, der nickt mir zu und flüſtert ihre Geſundheit zerſtört hatte. Alle Zeichen einer raſch ſich entwickelnden Schwindſucht waren unabweislich und traten täglich deutlicher hervor, bis die ſcharf umſchrie⸗ benen rothen Flecken auf den Wangen auch jeden Zwei⸗ fel zurückwieſen. Der hohle Huſten ward täglich quä⸗ lender, und durch den eifrigen Gebrauch des gewaltigen Mittels immer martender, bis an einem kalten Herbſt⸗ morgen ſie bleich und ſtarr auf ihrem Lager gefunden Thereſe wollte, ward. die letzte Ehre erzeigen, auf der Alm den See hinunter geſtürzt, entſtellte Leiche an's Ufer ſpülte. liche erklärte ſie für eine wie ſie ſagte, der Freundin und die Leiche im Sarg noch mit herbſtlichen Aſtern ſchmücken. Sie kehrte nicht zurück; vom ſteilen Felshang war ſie in der am dritten Tage die Der ſtrenge Geiſt⸗ Selbſtmörderin, und verſagte ihr ein ehrliches Begräbniß. Von da an iſt mein leis, ‚komm, ſprich ein andächtig„Vaterunſer“ für alle verunglückten Bergleut hier im Berg!'— Das hab ich gern und herzlich gethan, da iſt wir's wieder leicht und friſch geworden; dicht dabei lag auch mein Lamm, und iſt mir freudig und ohne Mühe gefolgt, bis zu Haus, die Mannlein aber waren verſchwunden, ſammt aller Angſt, die mich gedrückt hat.“ „Aber was iſt mit den beiden Sennerinnen gewor⸗ den,“ frug ich weiter,„Eurer Schweſter und der ſtol⸗ zen Apollonia?“ Die Alte ſchwieg plötzlich, und der Ausdruck tie⸗ fen Schmerzes zog durch die Falten ihres runzligen Geſichtes. Endlich ſchien ſie ſich aufzuraffen.„Fran⸗ zens Verlobte,“ flüſterte ſie,„ward eine Zeit lang tief⸗ ſinnig, als ſie ſelbſt bemerken mußte, daß der Hidrach Bruder Franz tiefſinnig geworden, und iſt es bis zu dieſer Stunde geblieben.“ Als ich auf der Rückreiſe wieder durch die Haide reiste, gewann ich ſo viel Zeit, nach dem alten Irren zu ſehen; er war geſtorben. Seine Schweſter empfand die Qual des Alleinſtehens noch weit lebhafter, als zuvor, und noch herber bereute ſie es, ihrem Manne beim Bau der Eiſenbahn in dieſe Oede gefolgt zu ſein. WVie ihr unſeliger Bruder, hatte ſie ſich gleichfalls an das Fenſter geſetzt, durch welches ſie in die fernen Berge ſehen konnte. Wem meiner Leſer die Gewohnheit jener Berge, Jahre lang Arſenik zu nehmen, zweifelhaft erſcheint, der wolle„Bibra, die narkotiſchen Genußmittel und der Menſch“, oder Tſchudi's bekanntes Werk nachleſen. Schmidt. Feierſtunden. 1863. 46 —mn— B 362—— Eine Tabakspffanzung in Virginien. Eine Tabaksplantage nimmt einen Raum von 500 bis 2000 Acres ein. Sie meiſten betragen über 500 und unter 1000 Acres, und die Zahl der darauf gehaltenen Sklaven hält die Mitte zwiſchen fünfzig und V hundert. Die Art und Weiſe, wie eine Tabaksplantage be⸗ trieben wird, iſt überall die gleiche, und eine kurze Schilderung wird den Leſern einen Begriff davon geben. V Zu allererſt muß ein Tabaksbeet für die Sa⸗ menpflanzen hergerichtet werden. Zu dieſem Ende V nimmt man am beſten ein Stück„unkultivirtes“ Feld von vier bis fünf Acres und klärt es. Es gibt näm-⸗ lich im ganzen Süden keine Gegend, wo nicht noch des V unbebauten Landes ein gut Theil zu haben wäre; die⸗ ſes aber hat den beſten und fruchtbarſten Boden, weil V es noch durch keine Pflanzung ausgeſogen iſt. Das V Klären aber beſteht nicht blos darin, daß man die Bäume und das Geſträuch umhaut, wie man es zum Ackerbau thut, ſondern es müſſen auch die Wurzeln ausgegraben und das Land überhaupt ſo hergerichtet werden, als wenn man den feinſten Garten anlegen wollte. Iſt man nun im Februar mit dieſer Klärung fertig geworden, ſo pflügt man das Land, zündet dann das gehauene Holz mitſammt den ausgegrabenen Wur⸗ zeln an und verbrennt Alles total zu Aſche. Dieſe zerſtreut man über das ganze Feld, ſo daß die Ge⸗ ſammtfläche mit einer dicken Lege Aſche bedeckt iſt. Nun pflügt man das Land abermals und entfernt jeden Knollen und jede Unebenheit. Anfangs März ſäet man die vier oder fünf Acres mit Tabakſamen ein, und zwar ziemlich dicht. Ende März oder Anfangs April keimen die Pflänzchen. Dann bedeckt man Alles mit einer dichten Lege von Cedern⸗ oder Fichten⸗Rei⸗ ſach, um die zarten Pflanzen gegen einen etwaigen Froſt zu ſchützen. An warmen Tagen deckt man die Pflanzung auf und jätet alles Gras und Unkraut ſorg⸗ fältig aus; Nachts aber wird die ſchützende Decke wie⸗ der darüber gebreitet, denn die Pflanzen ſind außer⸗ ordentlich empfindlich. Ende April oder Anfangs Mai ſind ſie jedoch bereits ſtark genug, um in's große Tabaksfeld verſetzt oder verpflanzt zu werden. Das Tabaksfeld beträgt von vierhundert bis achthundert Morgen, und befindet ſich an einem un⸗ unterbrochenen Stücke. Gepflügt wird es im März, und dann noch einmal im April, um den Boden ſo locker als möglich zu machen. Ende April theilt man das ganze ungeheure Feld in kleine Vierecke, um welche tiefe Furchen gezogen werden, ſo daß die„viereckigen Würfel“ gleichſam erhöht liegen. Jedes Viereck iſt etwa vier Fuß von dem andern entfernt. Ende April oder Anfangs Mai treten in Virginien(dem Haupt⸗ tabakslande) und Maryland gewöhnlich warme Regen ein, und nun eilt Alles, was Hände hat, d. h. die alten und jungen, die weiblichen und männlichen Skla⸗ ven, um Pflanzen aus dem Tabaksbeete zu holen und in's Tabaksfeld zu verſetzen. Natürlich geſchieht dies in einer angemeſſenen Ordnung. Der Oberaufſeher theilt die Sklaven in Rotten ein, und über jede Rotte wird ein bewährter, älterer Leibeigener als„Vormann“ geſetzt. Jeder Rotte wird auch ein beſtimmtes Quan⸗ daß man immer, auch tum Quadrate zugetheilt und der„Rottenmeiſter“ ver⸗ theilt wieder die Quadrate an die Einzelnen.— Läßt der Regen nach, ſo muß man auch mit dem„Ver⸗ ſetzen“ nachlaſſen, denn bei trockener Witterung wach⸗ ſen die Pflänzchen nicht an, ſondern ſterben ab, ſo bei der größten Sorgfalt, eine Menge Pflanzen nachſetzen muß. Sobald der Himmel ſich wieder umwölkt und abermals Regen in Ausſicht ſteht, geht's ſo ſchnell als möglich wieder an's Ver⸗ ſetzen, denn wenn„friſchgeſetzte“ Pflänzchen beregnet werden, ſo darf man feſt darauf zählen, daß ſie ge⸗ deihen. Am allerſchädlichſten wirkt ein jäher Sonnen⸗ ſchein auf die friſchen Setzlinge ein. Natürlich kann man ſich denken, daß unter dieſen Umſtänden bei Regen⸗ wetter von Morgens in aller Frühe bis ſpät in die Nacht hinein gearbeitet werden muß, denn Gott läßt nicht alle Tage regnen. Auf die Bequemlichkeit der Sklaven kann alſo in dieſer Jahreszeit keine Rückſicht genommen werden. Hier heißt's:„Arbeiten“ und zwar „ununterbrochen fort arbeiten“. Sind ja doch ſo fünf⸗ bis ſechshundert Acres Landes nicht in einem und auch nicht in zwei Tagen mit Pflanzen bedeckt! Dazu braucht's Zeit, Mühe und Sorgfalt. Doch endlich iſt das ganze Feld beſtellt und ſogar die ausgegangenen Pflänzchen ſind alle nachgeſetzt. Friſch und fröhlich gedeiht der Tabak und ſchießt in die Höhe und Breite; allein nun beginnt erſt das Hauptgeſchäft, denn jetzt handelt es ſich darum, die Pflanzung rein von Unkraut zu erhalten. Von Tag zu Tag werden die„Hände alle“ in's Feld geſandt, um die wuchern⸗ den Gräſer und Schlingpflanzen zu entfernen. Mit Hacke und Hand wird gearbeitet, denn jede Unkraut⸗ pflanze entzieht der Tabakspflanze den nöthigen Saft, das nöthige Licht, die nöthige Wärme. Alllein nicht blos das Unkraut iſt zu fürchten, ſondern ein noch viel mächtigerer Feind erwächst dem Tabak und droht, ihn gänzlich zu vernichten, wenn man ihm nicht kühn und mit Aufwendung aller Kräfte entgentritt. Dieſer neue und größte Feind des Tabaks iſt der Tabaks⸗ wurm, ein grundeckelhaftes Geſchöpf. Dieſer Wurm erreicht, wenn ausgewachſen, die Größe und Dicke eines Mannsdaumens. Er ſieht hellgrün aus, hat aber eine ganze Reihe von dunkeln Ringen oder Kreiſen um den Leib, welche ihm ein ſchlangenhaftes Anſehen geben. Der Wurm pflanzt ſich in unendlicher Progreſſion fort und frißt außerordentlich viel, ſo daß er, einmal in einem Tabaksfelde einheimiſch, eine ganze Pflanzung in wenigen Wochen total vernichten würde, wenn nicht alle Mittel zu ſeiner Vertilgung aufgeboten würden. Oft findet man ihn ſchon im Tabaksbeete, meiſt aber tritt er erſt verheerend auf, wenn die Pflanzen in vol⸗ ler Ueppigkeit erſtarkt dem Blühen nahe ſind. Nun werden natürlich, ſobald man die Gewißheit ſeines Vorhandenſeins entdeckt hat, alle Nigger in's Feld ge⸗ ſandt, um ihn zu tödten. Jede einzelne Pflanze wird einzeln unterſucht, und wo nur unter einem Blatte das widrige Geſchöpf ſich eingeniſtet hat, wird es ergriffen und getödtet. Es iſt ein mühſam Geſchäft und ein mehr als widriges dazu, aber— was ſein muß, muß ſein, denn es handelt ſich um den Ertrag eines ſo ene amel ſicht Ver⸗ gnet ge⸗ nen⸗ kann xgen⸗ mdie läßt der — - 363—— ganzen Jahres!— Allein was hülfe aller Fleiß der Neger, was all' ihre Behendigkeit und ihr Unbeküm⸗ mertſein gegen den Eckel, wenn der Feind einmal über⸗ hand genommen hat? Sie könnten unmöglich Herr über ihn werden, wenn ſie nicht„Verbündete“ anhielten, die beſſer im Feld und tapferer in der Vertilgung ſind, als Menſchenhände. Dieſe Verbündeten ſind— Enten und Truthühner. Die Enten ſind von Natur be— ſondere Liebhaber des Tabakwurmes; ſie verzehren ihn als einen Leckerbiſſen; aber leider kann man dieſer „Schwimmvögel“ nur da viele halten, wo Waſſer— ein Fluß oder ein See— in der nächſten Nähe iſt. Ueberdies verzehren ſie nur»con amore« und laſſen ſich nicht zu„weiterem Verſpeiſen“ bringen, als der Appetit verlangt. Somit iſt es nicht möglich, durch ſie allein des Wurmes Herr zu werden, ſondern ſie können nur mithelfen. Etwas ganz Anderes iſt es mit den Turkeys oder Truthühnern, denn von dieſen frißt ein Einziger täglich ſo viel, als fünf Männer mit allem Fleiße vertilgen können. Nur, leider, lieben die Truthühner die Heuſchrecken weit mehr und haben eine Art Horror vor dem eckelhaften Tabakswurm, ſo daß ſie nur„gezwungen“ an die Arbeit gehen. Man weiß aber, wie man ſie zwingen kann. Zu dieſem Behufe ſperrt man ſie bei Nacht in einen großen Hühnerſtall, wo ihrer zweihundert und mehr Platz haben. Im Stall müſſen Stangen errichtet werden, damit die Hühner bequem aufſitzen und ruhen können, denn wenn dies nicht geſchieht, ſo ſind ſie den andern Tag zu aller „Arbeit“ untauglich. Morgens in aller Frühe treibt man dieſelben nüchtern in’s Tabaksfeld, muß aber große Acht haben, daß ſie nicht ausbrechen und dem Walde oder Maisfelde zueilen. Sind ſie aber einmal im Tabaksfeld(wo ſie ebenfalls bewacht und vor dem Ausbrechen gehütet werden müſſen), ſo treibt ſie der Heißhunger zur Jagd auf die Würmer. Würde man ihnen auch nur ein Körnchen Mais vorher zulaſſen, ſo würden ſie nicht anbeißen, aber nunmehr— hat man wahrhaftig gar keinen Begriff davon, welche Ver⸗ wüſtung dieſe Thiere unter den Würmern anrichten! Sie freſſen und freſſen, bis ſie nicht mehr können; ja bis oben hinauf iſt ihr Schlund mit Würmern ange⸗ füllt! Man ſtaunt, welch' Ungeheures eine Heerde von zweihundert Hühnern ausrichten kann! Nun, wenn ſie voll ſind, treibt man ſie in's Hühnerhaus zurück und verſieht ſie zur Genüge mit Waſſer und Mais. Wäre man mit letzterem zu geizig, ſo würden die Turkeys bald matt und elend, ſie würden kränklich und ſchwind⸗ ſüchtig dahin ſiechen, denn die Würmer allein ſind nicht nahrhaft genug; im Gegentheil, ſie führen ab und ſchwächen den Körper; der Mais aber, mit vielem Waſſer verbunden, ſtärkt den Magen wieder, daß die Thiere den andern Tag, wenn ſie die Nacht durch gut geſchlafen haben und der Hunger von Neuem erwacht iſt, mit voller Kraft wieder an die„Arbeit“ gehen können. So fährt man oft vierzehn Tage und länger fort, bis die Würmer alle vertilgt ſind, und man hält deßwegen auf jeder Tabakspflanzung eine große Heerde Truthühner. Die Neger haben dann nichts zu thun, als nachzuhelfen, und die Würmer noch zu vertilgen, welche die zweibeinigen Genoſſen in der Eile übergan⸗ gen haben. Vom Auguſt gejätet zu werden, an braucht kein Unkraut mehr aus⸗ denn die Pflanzen ſind dann ſo weit erſtarkt, daß ſie alle anderen Gewächſe abtreiben und tödten. Alles Gras erſtirbt rings herum, denn der Tabak dehnt ſich ſo aus und die Blätter werden ſo breit, daß ſie keinem anderen Kraute Licht und Wärme zukommen laſſen. Man bricht nun die Spitzen ab, damit ſich keine Samenkapſeln bilden, ſondern alle Kraft ſich den Blättern mittheilt, und gleich darauf geht es an die Tabaksernte. Im Auguſt nämlich fängt der Tabak zu reifen an, aber ganz ungleich. Etliche Blätter ſind ſchon Anfangs Auguſt zu brauchen, die meiſten aber erſt Mitte September. Je nachdem ſie zeitigen, ſchneidet man ſie ab, läßt ſie aber eine Zeit lang am Boden liegen, daß ſie dörren. Dann nimmt man jedes einzelne Blatt und ſchlitzt die Stengel auf, um das Trocknen der Blätter noch mehr zu erleichtern. Zuletzt bringt man ſie in's ſogenannte Trockenhaus und hängt ſie daſelbſt auf, um ihnen Gelegenheit zum förmlichen Austrocknen zu geben. Den Schluß der Arbeit bildet das Zuſammenbinden in Ballen oder Bündel, in welcher Geſtalt ſie zum Verkaufe kommen. Die letzten Blätter werden längſtens Anfangs Novem⸗ ber eingeheimst, denn die Nachtthaue oder gar vollends frühe Fröſte ſchaden ihnen ungemein. Im Dezember, längſtens im Januar wird der Tabak an die Conſu⸗ menten verſandt und dem Verkauf übergeben. Der Tabaksbau mergelt den Boden ungemein aus. Dieſer beſteht in Virginien(wie auch in Maryland und Kentucky) aus einem röthlichen, mit Sand ver⸗ miſchten Lehm und war anfangs ſehr fruchtbar. Allein ſeit mehr als faſt einem Jahrhundert wurden ihm Jahr aus Jahr ein dieſelben Laſten zugemuthet; ſeit mehr als fünfzig Jahren wurde auf dieſem Boden nichts als Tabak gepflanzt, ohne daß je auch nur eine Fuhre Dünger auf ihn geworfen worden wäre, ohne daß man ihm auch nur ein Jahr lang Ruhe gegönnt hätte! So kam es denn ganz natürlich, daß in manchen Gegenden die Ertragsfähigkeit des Landes endlich aufhörte. Die Erde wurde magerer und mage⸗ rer und erzeugte endlich faſt lediglich nichts mehr; ſie wurde ſomit da und dort des Anbaues immer weniger werth, denn alle Kraft war erſchöpft. Natürlich konn⸗ ten am Ende ſolche Gegenden nicht mehr bebaut wer⸗ den, man mußte ſie verlaſſen! Sobald man aber den— Boden ſich ſelbſt überließ(weil das Riedgras, das ſich auf allem erſchöpften Lande in Maſſe einſtellt, nicht mehr zu bewältigen war), ſo bedeckte er ſich in einer unglaublich kurzen Zeit mit einem ungeheuren Dickicht von jungen Rothcedern, welche ihn bald in eine totale Wildniß umwandelten. Oft und viel findet man da⸗ her derlei Cedern⸗Dickichte in Virginien, die ſich auf drei bis vier Meilen weit erſtrecken, und inmitten der⸗ ſelben liegen vielleicht die Ruinen verlaſſener Herren⸗ häuſer, die dem langſamen Verfall und Untergang ge⸗ weiht ſind.„Ohne Fenſter und Thüren“ erinnern ſie nur noch durch ihre Schornſteine an das ehemalige Leben, das darin herrſchte! Wären ihre Eigenthümer Bauern— ſtatt Plantagenbeſitzer— geweſen, die mit einigen Knechten das Land ſelbſt kultivirt hätten, ſtatt eine Horde Sklaven und einen Ovaſur zu halten; hätten ſie das Land in kleine Parzellen eingetheilt ge⸗ habt, und nebenbei Viehzucht getrieben, wodurch eine ordentliche Düngung möglich geworden wäre, der Bo⸗ den wäre ohne Zweifel jetzt noch ſo ertragsfähig, als im Anfang. So ſtraft ſich das Unrecht immer von ſelbſt und noch mehr der Unverſtand!— Allein mit den„bereits eingegangenen“ Tabaksplantagen hat das 8₰ 46* Elend ſeinen Höhepunkt noch nicht erreicht, denn es gibt noch eine Menge von Plantagen, die zwar für jetzt nicht aufgehört haben, zu beſtehen, aber früher oder ſpäter ebenfalls dem Untergange geweiht ſind. Ihre Beſitzer ſind zu unerfahren in der Landwirthſchaft, um auf einmal den althergebrachten Schlendrian mit der Sklavenbewirthſchaftung„als große Plantage“ über den Haufen zu werfen; ſie ſind auch zu ſtolz, um das Leben ihrer Großeltern aufzugeben, und ſo gleichen ſie in ihren zerfallenden Herrenhäuſern und mit ihren nack⸗ ten, ausgehungerten, ſchwarzen Leibeigenen den armen Rittern Deutſchlands, die auf ihren geborſtenen Bur⸗ gen lange forthausten, Nachteulen ähnlich, die in Rui⸗ nen horſten, und einen äußeren Glanz erheuchelnd, der über ein Bettlergewand geworfen war! Die Arbeit auf„ertragsfähigen“ Tabakspflanzun⸗ gen iſt nicht ſehr hart. Allerdings gibt es vom Mai bis Ende September ſehr viel zu thun; allein wenn der Tabak einmal eingeheimst iſt, ſo tritt eine Zeit der verhältnißmäßigen Ruhe ein. Es gibt den Win⸗ ter über nur wenig zu thun, als Holz zu fällen, die Einfriedigungen(Fenzen) zu verbeſſern, Land zu klä⸗ - 364—— ren und das Feld zu pflügen, aber— Alles mit Muße und Bequemlichkeeit. Die Sklaven auf Tabakspflan⸗ zungen ſind daher verhältnißmäßig ſehr gut daran, beſonders wenn die Pflanzung noch in gutem Stande iſt, denn dann wird immer ein guter Theil des Lan⸗ des zum Maisanpflanzen verwandt, und die Neger haben alſo im Vollauf zu eſſen, weil man das Welſchkorn, die Hauptſpeiſe der Schwarzen, ſelbſt erzeugt. Im Allgemeinen kann man ſagen, daß die In⸗ haber der Tabaksplantagen unter diejenigen gehören, welche am meiſten auf Bildung Anſpruch machen kön⸗ nen. Sie behandeln daher ihre„Unterthanen“ auch meiſt gut. Nur verſchwindet ihr Reichthum immer mehr, und das Tabakbauen flüchtet ſich von Jahr zu Jahr weiter nördlich in die Gegenden, wo der Weiße das Feld bebaut und durch ſeine Sorgfalt und ſeinen Fleiß den Abgang des milderen Klima's und der wär⸗ mer glühenden Sonne erſetzt. In einigen Jahrzehn⸗ ten vielleicht wird auch in Virginien das Land von „Weißen“ bebaut und die Strecken, welche jetzt als Wildniß der rothen Ceder überlaſſen ſind, werden von Neuem kultivirt, aber dann auch durch richtige Bewirth⸗ ſchaftung der Kultur erhalten werden. Dr. Gr. Cluſe in Das kleine gewerbfleißige Städtchen Cluſe an der Arve, in einer reizenden Gegend, ziemlich genau in der Mitte zwiſchen Genf und dem Montblanc, zwiſchen Annecy und St. Maurice am Rhonefluß gelegen, bildet eine der angenehmſten Mittelpunkte für Touriſten', zu Ausflügen nach allen Theilen des nördlichen Savoyens, und iſt in dieſer Beziehung allen denen als Stations⸗ oder Ausgangsort anzuempfehlen, die für längere Zeit ihren Aufenthalt in Chablais, Faucigny oder Genevais zu nehmen gedenken und die an maleriſchen Landſchafts⸗ bildern ſo reichen neuen Provinzen Frankreichs kennen lernen wollen.— Obwohl nur klein und nicht ganz 3000 Einwohner zählend, welche größtentheils Uhr⸗ macherei betreiben, die früher durch Errichtung einer königl. Uhrmacherſchule weſentlich unterſtützt wurde, bietet Cluſe für längeren Aufenthalt hinlängliche und billige Unterkunft, und die nächſte Umgebung des, trotz der Nähe des Montblanc, nur in 1512 Fuß Höhe liegenden Städtchens eine Menge ſehenswerther Punkte, die nicht nur für Maler und Zeichner Gele⸗ genheit zu intereſſanten Studien liefern, ſondern auch als Naturmerkwürdigkeiten die Aufmerkſamkeit forſchen⸗ der Mineralogen auf ſich zu ziehen wiſſen. Wir nen⸗ nen unter dieſen die bewundernswürdige Grotte von Balme(Grotta di Balme), unweit des Städtchens, die innen ganz mit Stalaktiten bedeckt und 1600 Fuß lang iſt. Im 15. Jahrhundert war ſie in Ruf wegen der angeblichen Zaubereien, die dort einige Schwindler ausübten, denen ſie längere Zeit zum Aufenthalte diente; dann den reizenden Spaziergang nach dem Städtchen Sallanches, im Thale von Manglan, in deſſen Nähe gegen Norden, unfern der Arve, der ſchöne Waſſerfall Nant d'Arpenay über eine Höhe von Saboyen. * 800 Fuß herabſtürzt, und im Oſten von dieſem, auf der einen Seite, der berühmte Waſſerfall von Chede, deſſen Schönheit übrigens viel zu ſehr übertrieben wurde, und das durch ſeine Eiſenwerkſtätten wichtige Dorf Servoz, auf der andern Seite das Dorf San Ger⸗ vaſio, welches durch ſeine Bäder immer mehr in Aufnahme kommt, und durch ſeine Lage in romanti⸗ ſcher Gegend, durch die Wirkſamkeit ſeiner Mineral⸗ waſſer und die Nachbarſchaft des Chamounythales jähr⸗ lich zahlreiche Geſellſchaften von Heilungſuchenden und Touriſten herbeizieht.— Reizend, wenn auch beſchwer⸗ lich, iſt eine Wanderung von Cluſe die Arve aufwärts nach dem Dorfe Chamouny, das in Mitten des be⸗ rühmten Thales, in 3144 Fuß Höhe gelegen, in ſei⸗ nen ſchönen und großen Gaſthöfen alle Bequemlichkei⸗ ten und erprobte Wegweiſer zur Beſteigung des Mont⸗ blanc und zum Beſuche der merkwürdigſten Lokalitäten des Thales bietet.— Mit Unrecht wird von faſt allen Geographen den Engländern Pocoke und Windham die Ehre zugeſchrieben, das Chamounythal entdeckt zu haben, während die beiden gelehrten Reiſenden in Wahr⸗ heit nur die erſten Touriſten waren, welche in das Thal gelangten, und gleichſam die Straße eröffneten, durch welche ihre Nachfolger von da an aus allen Gegenden der civiliſirten Welt herbeiſtrömten, um einen Winkel des Erdballs zu bewundern, in welchem die Natur in ihrer ganzen Größe die erhabenſten Scenen der Alpenregionen zu zeigen ſich bemühte. Lange vor den beiden Reiſenden war das Chamounythal be⸗ kannt, und um mehr als ein Jahrhundert früher be⸗ reits war es der Schauplatz der philantropiſchen und religiöſen Thätigkeit des nach ſeinem Tode heilig ge⸗ ſprochenen Grafen Franz von Sales, des edelſten, —— — - 365— 8 i f M 36 D 1 aneſ 1g äeee eedltah ee eneghe Knſe Gg G 1gge, G d ENKNAhehe anpaudae W G de gaceg fwann! all Meeen U Ann 6 dg Wadagdtda WNnpan- e age V 11Iln 6 egan w Rü 1 ll N- ejei ſn n Keeeadegg n 6 tecege' dchchanlcanaben —, gſe e deg⸗ Väiell,9, danag wa 11 äade 6 dena ahe ſeſgeägeannſg 1acngee Aeäſfagan 9 igde ILul Waeg 1 Ht ag,,Waggh 9 eR ig Ge eegeedege eaegng 11 aaaſcen a A l ' 6ℳ0 ¹„6 G eia dad. zarteſten und innigſten Myſtikers der katholiſchen Kirche Fülle ſeiner Liebe und die verſöhnliche Milde ſeines nach der Reformation, der 1622 als Biſchof von Genf Wirkens noch heute in ſeinen Stiftungen fortlebt, durch (d. h. in partibus) zu Annecy ſtarb, und durch die welche Tauſende dem Elende entzogen wurden. — 366—— Meräwürdiges Beiſpief von Hunde⸗Anhänglichkeit. Bu Portree auf der Inſel Skye verbreitete ſich dieſer Tage das Gerücht, Hunde hätten das Grab eines vor etlichen Wochen verſtorbenen jungen Man— nes aufgewühlt. Darüber entſtand große Aufregung in der Stadt, aber bei genauerer Unterſuchung durch den Sheriff ergab ſich, daß die Sache keineswegs beunruhigender Natur, vielmehr das tiefſte Intereſſe zu erregen geeignet war. Als der junge Mann begraben wurde, folgte ſein Hund der Leiche bis auf den Kirchhof und konnte nur mit Mühe entfernt werden. Er kehrte wieder und wieder an den Ort zurück und wühlte unbeachtet das Grab auf, bis er zu dem Sarg gelangte. Zu Portree wie in manchen Gegenden der ſchottiſchen Hochlande beerdigt man die Todten auf ſehr oberflächliche Art und macht die Gräber nicht ſo tief wie anderswo. Der Hund hatte bereits den Sarg zernagt, als man der Sache auf die Spur kam, aber der Leichnam ſeines Herrn war unberührt; und ſo fand man das treue Thier, trau⸗ rig in das Grab ſtarrend. Der Fall iſt noch rühren⸗ der, wenn man bedenkt, daß ſeit der Beerdigung vier bis fünf Wochen verfloſſen waren, und der Kirchhof ſechs Meilen von der Behauſung des Verſtorbenen entfernt iſt. Dr. B—e. Remöbörandt. Die beiden größten Meiſter der niederländiſchen Malerſchule, welche zugleich die beiden Zweige derſel⸗ ben, die holländiſche uͤnd die flandriſche, repräſentiren, und gewöhnlich in einem Athem genannt werden, Peter Paul Rubens und Paul Rembrandt, ſind gleichwohl in ihrer künſtleriſchen Richtung und ihrem perſönlichen Charakter ſo gründlich verſchieden, daß ſie in einem wahren Widerſpiele zu einander ſtehen. Auch ihre Lebensumſtände und geſellſchaftliche Stellung bieten nur wenige Vergleichungspunkte. Rubens, der Freund vie⸗ ler ausgezeichneter und hochſtehender Männer, zugleich Dichter, Gelehrter und Staatsmann, war auch als Künſtler geiſtvoll, genial überſprudelnd und ſeine für die Ausſchmückung der Kirchen und Paläſte beſtimmten Gemälde hatten einen vornehmen Charakter; Rembrandt aber, der Sohn eines Müllers, kümmerte ſich wenig um vornehme Geſellſchaft, und fühlte ſich in gemeiner Umgebung gerade am behaglichſten.„In meinen Mußeſtunden,“ pflegte der Sonderling zu ſagen,„ſuche ich nicht Zwang bei den Großen, ſondern Ungebunden⸗ heit und Freiheit, wo ich ſie finde.“ Rembrandt ging deßhalb am liebſten mit dem Pöbel um. Ohne einige Kenntniß der Hiſtorie und Mythologie verſchmähte er trotzig im Gefühle ſeiner eigenen Geſtaltungs⸗ kraft, was ſonſt einem gebildeten Künſtler zur Zierde gereicht, und verhielt ſich zum Studium idealer Schön⸗ heit und ernſter Wiſſenſchaft ironiſch, bisweilen ſogar feindſelig. Er erſchien auch in ſeinen Werken, welche ſelten, wie die ſeines großen Vorgängers, bewegte Handlungen in durchgeführter dramatiſcher Entwicke⸗ lung, ſondern zumeiſt die Stille einer im Verborgenen gährenden Leidenſchaft darſtellen, als ein düſterer, trotzi⸗ ger Republikaner. Dennoch bildete ſich Rembrandt, dem ein Talent verliehen war, wie es keine andere Schule aufzuweiſen hat, aus ſich ſelbſt heraus zu zinem der größten Meiſter aus, der das Außerordentliche lei⸗ ſtete und die Blüthezeit der holländiſchen Malerſchule bezeichnete.„ Rembrandt wurde den 15. Juni 1606 geboren. Sein Vater beſaß eine Mühle im Rheinkanale zwi— ſchen Leydendorp und Koukerk bei Leyden. Die große 2 „Laßt das gut ſein, Vatzr,“ ſagte Rembrandt etwas Kundſchaft, deren er ſich erfreute, verſchaffte ihm ein anſehnliches Vermögen, und die Lage ſeiner Mühle den Beinamen van Ryn, der auch von dem Sohne geführt wurde. Dieſer ſollte Humaniora ſtudiren, weil der Vater eine ganz beſondere Begabung zu den Wiſſen⸗ ſchaften an ihm zu verſpüren glaubte. Die Vokabeln⸗ und Phraſenhefte des Sohnes waren jedoch ſehr ſchlecht beſtellt, deſto ausgezeichneter aber die fe und Kar⸗ rikaturen, mit welchen ſie, zum Aerger der Lehrer, ver⸗ ziert wurden. Der junge Rembrandt hatte nur für das Zeichnen und Malen Sinn, und fand ſo wenig an den Wiſſenſchaften, als an dem Gewerbe des Va⸗ ters Geſchmack. Dieſer gab endlich nach und ſagte: „Wenn man nichts Rechtes aus dem Jungen machen kann, ſo mag er denn ein Maler werden.“ Er brachte ihn zu einem Meiſter, der dem Sohne jedoch nur wenig zuſagte. Er blieb bei keinem lange und arbei⸗ tete in einem Zeitraume von drei Jahren in den Werk⸗ ſtätten Georg van Schootens, F. Pinas, Houbrackens, Jakob van Swanenbourgs, und Peter Laſtmanns. Der letztere, bei dem er ſechs Monate blieb, wirkte vielleicht auf ihn am entſchiedenſten; indeſſen ſagte keiner dieſer Meiſter ſeiner Eigenthümlichkeit zu. Er verließ end⸗ lich die Stadt, ſchlug ſeine Werkſtätte in des Vaters Mühle auf, und malte unverdroſſen darauf los. Die ſchönſten wie die häßlichſten Objekte, die ihm in den Weg kamen, Alles mußte gemalt werdeu. Es ſammelte ſich eine große Anzahl von Malereien in der Mühle an, von deren bedeutendem Werthe der junge Künſtler nicht die leiſeſte Ahnung hatte, und die lediglich ſeinem Drange zum Schaffen ihre Entſtehung verdankten. Auf den Rath eines Freundes bot er eines ſeiner Bilder einem Kenner im Haag zum Kaufe an, und war nicht wenig erſtaunt, als ihm dieſer 100 Gulden dafür be⸗ zahlte. Rembrandt war außer ſich über ſeinen Reich⸗ thum, und eilte, denſelben in der Mühle zu zeigen. Obſchon ihm dieſer Erfolg zu Hanſe einige Anerken⸗ nung verſchaffte, rechnete ihm dennoch lachend der Va⸗ ter vor, welche Summe er bisher als Müller oder auch nur als Knecht mit dem Eſel verdient haben könnte. — em tra Mi ſan zun ſen nun chen die die atte auf var rau⸗ ren⸗ vier hof ennen - 367—— empfindlich,„wenn mir's gelingt, die Farbe ſo aufzu⸗ tragen, wie es mir vorſchwebt, ſo will ich die gemalte Mühle ſo theuer verkaufen, als Ihr für die wirkliche ſammt allen Euren Eſeln erhalten würdet.“ Mit neuem Muthe griff der junge Maler wieder V zum Pinſel, wobei ihm als Modell jedes lebende We⸗ ſen willkommen war; das Verlangen des Vaters, ſich nun auch in einer größeren Stadt Geld und Ruhm zu erwerben, wies er ab: dieſe Zeit werde wohl kom⸗ men, wenn er ſich ſelbſt werde genug gethan haben. Im Jahre 1630, alſo in ſeinem vierundzwanzigſten Jahre, ſchlug er endlich in Amſterdam ſeine Wohn⸗ ſtätte auf, und ſiehe da! ſeine fertigen Bilder fanden ſogleich Liebhaber zu guten Preiſen, und er erhielt ſo viele Beſtellungen, daß er Gehülfen einſtellen mußte. Sein Ruf verbreitete ſich bald, er wurde Mode, wenn dieſer Ausdruck eines wahren Künſtlers würdig wäre, und Jeder glaubte etwas von ihm haben zu müſſen. Im Jahre 1634 heirathete er ein junges, artiges Bauernmädchen aus einer frieſiſchen Familie von Leeuen⸗ warden, Saskia Vilenburg, und begann nun, ſeine Kunſt als einträgliche Erwerbsquelle auszubeuten. Er miethete ein geräumiges Lokal, nahm gegen bedeuten⸗ des Lehrgeld viele Schüler an, richtete jedem derſelben eine abgeſchloſſene Zelle ein, um ihn, wie er ſagte, gegen Zerſtreuung zu ſchützen, und verkaufte die von ihm retouchirten Arbeiten derſelben als Originale ſo theuer als ſeine eigenen. Rembrandt liebte das Abenteuerliche und Seltſame und blieb bei ſeinen Darſtellungen, alle höheren An⸗ forderungen abweiſend, bei dem ſtehen, was ihm ſeine plebejiſche Umgebung bot. Aus dieſer nahm er, nicht ohne bewußte Ironie, ſogar die Modelle zu ſeinen bib⸗ liſchen und hiſtoriſchen Stücken. Für das Coſtume glaubte er ſchon viel gethan zu haben, wenn er einige Geräthe ſeines wie zufällig zuſammen gewürfelten Vor⸗ rathes hiezu verwendete. Die bemerkenswertheſten In⸗ ventarſtücke ſeines Ateliers waren hauptſächlich das ab⸗ geblaßte, oft benützte Habit eines Türken und das eines polniſchen Juden, was Rembrandt ſeine Antiken nannte, ein verroſteter Panzer, die Kleider eines Indianers, und einige indiſche Waffen und Geräthſchaften. Er beſaß indeſſen auch einige Abgüſſe, eine Madonna von Raphael, Kupferſtiche und Coſtumbücher. Seine Frau und die Magd waren faſt ſeine einzigen Modelle. Bei allem dieſem fehlte es Rembrandt keineswegs an wahrer und tiefer Empfindung und feinem Sinn für das Arrangement. Das Helldunkel und das Co⸗ lorit ſeiner Bilder ſind von wunderbarer Wirkung. Ein berufener Kenner nannte ihn in dieſer Hinſicht den holländiſchen Correggio, nur mit dem Unterſchiede, daß wie bei dieſem dus Licht und eine allgemeine Hellig⸗ keit, bei Rembrandt der Schatten und allgemeine Dun⸗ kelheit vorwaltet, aus welcher ſich nur einzelne ſtark beleuchtete Gegenſtände hervorheben. Um die Darſtel⸗ lung edler Charaktere und jener erhabenen Ruhe, welche das Anſchauen vollendeter Schönheit gewährt, war es Rembrandt wenig zu thun. Er führte, beſonders in ſeiner ſpäteren Zeit, einen ſtarken, gewaltſamen Pinſel, weßhalb auch ſeine Bilder aus einer gewiſſen Entfer⸗ nung“ zu betrachten ſind.„Ein Gemälde,“ pflegte Rembrandt zu ſagen,„iſt nicht gemacht, daran zu riechen; zudem iſt die Farbe auch ungeſund.“ Indeſſen ſind viele ſeiner Werke mit dem feinſten, edelſten, oft ächt bibliſchen Gefühle gemalt, und das auf ſo vielen Bildern überraſchend und betäubend hereinbrechende Licht iſt auf andern in ein ſtilles, geheimnißvolles Spielen des Helldunkels gemildert, das die lieblichſten Träume⸗ reien zu erwecken vermag. Die Nachrichten von den ſpäteren Schickſalen Rem⸗ brandts widerſprechen ſich und ſind meiſt unerquicklicher Art. Seine Frau ſtarb 1642 und hinterließ ihm ein einjähriges Söhnlein. Als Wittwer geriethen ſeine ökonomiſchen Verhältniſſe in Unordnung. Wie das bei der ſparſamen Lebensweiſe und den bedeutenden Ein⸗ nahmen des Künſtlers geſchehen konnte, vermögen wir nicht zu ſagen. Als Rembrandt 1656 zu einer zwei⸗ ten Ehe ſchritt, forderte der Vormund ſeines Sohnes das mütterliche Vermögen des letzteren; da nun dieſes die Kräfte Rembrandts überſtieg, wurde er für inſol⸗ vent erklärt, und ſein ganzes Beſitzthum, bis auf die Leibwäſche, unter den Hammer gebracht, der ſchlechten Zeiten wegen aber nur 4960 Gulden, und aus ſeinem Hauſe 11,218 Gulden erlöst, womit nicht alle Gläu⸗ biger befriedigt werden konnten. Die Angabe mehre⸗ rer Schriftſteller, daß ſich Rembrandt von ſeiner Frau bereden laſſen, einen Bankerott zu fingiren, Amſterdam heimlich zu verlaſſen und das Gerücht von ſeinem Tode zu verbreiten, um den Preis ſeiner Bilder in die Höhe zu treiben, iſt unerwieſen, und mag auf Verleumdung beruhen. Rembrandt ſcheint ſeit dieſer unglücklichen Epoche in großer Zurückgezogenheit gelebt zu haben; nicht einmal das Jahr ſeines Todes iſt ſicher. Sein letztes Bild malte er 1664. Die Werke Rembrandts als Maler und Kupfer⸗ ſtecher ſind ſo zahlreich, daß die Verzeichniſſe ganze Bogen füllen. Dieſelben ſind Bildniſſe, unter welchen ſein eigenes, oft gemaltes Bild an dem runden vollen Geſichte, der ziemlich großen, breiten Naſe und dem krauſen, oft ſtruppigen Haare kennbar iſt, bibliſche, mythologiſche und hiſtoriſche Gegenſtände, Genre⸗ oder Converſationsgemälde, und einige Landſchaften und Stillleben. Als eines der bekannteſten Bilder dieſes Meiſters iſt die Anatomie in der Gallerie im Haag anzuführen, welches den berühmten Arzt Nikolaus Tulp mit ſeinen Schülern bei einer Leichenöffnung darſtellt. Dieſes 1632 für das anatomiſche Theater in Amſter⸗ dam gemalte Bild, welches wegen ſeiner vollkommenen und gründlichen Auffaſſung, Modellirung und Porträt⸗ wahrheit hoch geſchätzt wird, wurde 1828 von dem Könige für 32,000 holländ. Gulden erworben. Rem⸗ brandts„Nachtwache“ hat koloſſale Dimenſionen und ſtellt ein luſtiges Gedränge bewaffneter, ladender, trom⸗ melnder Perſonen vor. Dieſes Gemälde iſt aus ſpã⸗ terer Zeit(1642). Der pikante Contraſt des ſchroff gegen einander ſtehenden Lichts und Schattens macht den Effekt einer nächtlichen Beleuchtung, obwohl nir⸗ gends eine Fackel bemerklich iſt. Unter Rembrandts bibliſchen Stücken ſind die Anbetung der Könige, die der Hirten und die das Jeſuskind ſtillende Maria die ausgezeichnetſten. Am vollendetſten ſind diejenigen Werke dieſes Mei⸗ ſters, deren Sujet am meiſten mit ſeiner düſter gewal⸗ tigen Stimmung harmonirt. Nach Kugler gehören hieher beſonders zwei im Berliner Muſeum befindliche Gemälde. Von dem einen derſelben, welches geradezu als Rembrandts Meiſterſtück bezeichnet wird, legen wir dieſen Blättern eine gelungene Nachbildung bei. Daſ⸗ ſelbe zeigt uns die kräftige, männlich ſchöne Geſtalt des grauſamen Prinzen Adolph von Geldern, der um - 368— die Mitte des 15. Jahrhunderts lebte. Der herrſch⸗ ſüchtige Prinz hatte ſeinen Vater, den greiſen Herzog Arnold bei nächtlicher Weile überfallen und in einem feſten Thurme des Schloſſes Baern gefangen geſetzt, um ihn hiedurch zur Abdankung zu zwingen. Der Alte öffnet, auf das Toben des unbändigen Prinzen, den Kerkerladen, vor welchem dieſer in prächtiger Fürſten⸗ kleidung ſteht, deren Schleppe von einigen Mohrenkna⸗ chen vermocht;„es iſt,“ ſagt er,„von einer Gewalt Rembrandt. tafeln zerſchmetternd. ben gehalten wird. Der Prinz ballt mit verderben⸗ ſprühenden Blicken die Fauſt gegen den Vater, wie eine Pferdemähne umwogt das volle Simſonshaar ſein Haupt. Mit Grauen liest der mißhandelte Fürſt in dieſen grimmigen Zügen, daß Adolph vor keinem Mittel zurückſchrecken wird, ſeinen Zweck zu erreichen. Kug⸗ ler bewundert die tragiſche Größe dieſes Bildes, die nur etwa Shakeſpeare in ſeinem Richard III. zu errei⸗ Schmerz und Zorn entſtellen in der Färbung und in den Würfen des Lichtes, die in ähnlicher Art ſchwerlich auf einem anderen Bilde zu finden ſein möchte.“ Das andere oben berührte Bild des Berliner Mu⸗ ſeums ſtellt den zürnenden Moſes dar, die Geſetzes⸗ auf ſchreckliche Weiſe das Antlitz des großen Propheten. Nach der Sage ſoll dieſes mehr als kühne Bild nicht mit dem Pinſel, ſondern mit dem Finger gemalt wor⸗ den ſein, was jedenfalls für Rembrandts ſpätere derbe Manier bezeichnend iſt. C. K. - 369— Die Entdeckung der Eſparſette oder die beiden Botaniker. Ein naturhiſtoriſcher Scherz von C. K. (Taf. 24.) Die meiſten Leute haben noch heutzutage eine ge⸗ mehr, als wenn er im Herbar einer chönen Pflanze 7 heutzutag neh 53 3 flanz einen unſchönen oder, wie er ſagte, gar barbariſchen ringe und ſonderbare Vorſtellung von der Beſchäftigung der Botaniker, die mit der Botaniſirtrommel und dem Spaten hinausziehen, Berg und Thal durchſtreifen, und am Abend müde und hunzgrig mit ihren Kräutern nach Hauſe kommen. Es ſind originelle Leute, Son⸗ derlinge, hört man ſagen, die ihre eigenen Wege gehen, durch Dick und Dünn waten, den lieben Gott einen frommen Mann und fünf gerade ſein laſſen, die den Raptus kriegen, wenn ihnen irgend eine gewiſſe Pflanze in den Weg kommt, und die vor Löſchpapier und Pflanzenpreſſen Monologe halten, von Hexandria und Dodekandria, Gymno⸗ und Angioſpermia, Fungi und Musci und andern gräulichen Dingen reden, daß einem guten Chriſten die Haut ſchaudern möchte. Harmloſe, ſchnurrige, aber für die Welt unnütze Käuze, die beſ⸗ ſer daran thäten, wenn ſie Wolle ſpännen. Wenn man noch gegenwärtig dergleichen über praktiſche Bota⸗ niker äußern hört, ſo iſt nicht zu verwundern, wenn vor ungefähr 100 Jahren Philipp Raphanus, wirk⸗ licher Profeſſor und Doktor der freien Künſte in S. dieſe Mißachtung erfuhr, und für einen Mann gehal⸗ ten wurde, mit dem es wohl nicht ganz richtig unter dem Hute ſein müſſe, oder der ſich überſtudirt habe, denn ein Mann, der ſo ſchöne Kenntniſſe beſitze, wie Dr. Raphanus, könnte wohl was Beſſeres thun, als ſolche Allotria treiben.„Mögen ſie witzeln über mich und meine göttliche Wiſſenſchaft,“ pflegte er zu ſagen, wenn ſich ein Bekannter eine kleine Spöttelei erlaubt hatte,„mögen ſie witzeln und in ihren kohlenſäure⸗ reichen Cafe's und Muſeen ſchwächliche Epigrammatas ſchmieden; ich habe durch die Botanik und den Auf⸗ enthalt in der ſauerſtoffreichen Atmoſphäre der Wäl⸗ der und Auen meine Geſundheit wieder erlangt, nach⸗ dem ich Jahre lang mit einer Reihe von Uebeln und mit Doktores und Apothekern behaftet geweſen. Die Botanik iſt die wahre Makrobiotik, die das menſch⸗ liche Leben verlängert, wie Sprengel, Fries, Hoppe, Linnäus(und Sternberg, Humboldt und Bonpland hätte der Doktor in unſerer Zeit hinzu ſetzen können), die wahre Methuſalems geworden, zeigen, und wie auch ich durch möglichſt ſpäten Hingang zu approbiren gedenke.“ Sobald in der Sanduhr, auf Doktor Raphanus Pulte das letzte Körnlein gefallen, wurde bei ſchönem Wetter das Collegium geſchloſſen und die botaniſche Wanderung angetreten. Er kannte die Standorte der meiſten Pflanzen der Umgegend, das jeweilige Stadium ihrer Entwicklung und ihre Blüthezeit, und welche Freude, wenn er eine neue entdeckte, die erſt mit Hilfe ſeiner botaniſchen Bücher beſtimmt werden mußte; welche Wonne aber, wenn irgend eine Pflanze, und wenn es auch nur ein Moos oder Riedgras war, in keiner Flora aufgeführt und der glückliche Entdecker, der ſofort die Taufe derſelben vollzog, im Geiſte ſei⸗ nen Namen auf ewige Zeiten in den Jahrbüchern der Wiſſenſchaft glänzen ſah! Feierſtunden. 1863. Linne'ſchen Namen beilegen ſollte. Er konnte ſich nie entſchließen, dieſe Namen auch nur auszuſprechen, wäh⸗ rend er andere, wie Parnassia, Euphrasia, Nym- phaea, Daphne und andere ſtets mit einer gewiſſen Weihe ausſprach. Er hielt es für ſeine Pflicht, dem beſſeren Geſchmacke der Wohlanſtändigkeit Rechnung zu tragen und den durch unpaſſende Bezeichnung mißhan⸗ delten Lieblingen neue Namen zu ſchöpfen. So nannte er das Läuſekraut(Pedicularis sylvatica) Waldſchön, die Hundszunge(Cynoglossum officinale) Blauauge, die Krätzblume(Scabiosa arvensis) das Wieſen⸗ körbchen. Am wenigſten war Dr. Raphanus mit dem Linne⸗⸗ ſchen Syſteme zufrieden, und zwar aus einem Grunde, den auch die delikateſte und zartfühlendſte Leſerin nicht errathen wird. Er hatte zwar ganz eigene Anſichten über die naturhiſtoriſchen Syſteme und ergoß ſich bis⸗ weilen in donnernden Philippikas über die armen Na⸗ turforſcher und Syſtematiker.„Warum,“ konnte er ausrufen,„haben die Verfaſſer der Namenregiſter für gut gefunden, die Arten des Gänſefußes, des Ama⸗ ranths, des Erdbeerſpinats, die ſo nahe verwandt ſind, ſo weit zu trennen, auch denen verſchiedenen Grasarten, ſo nach der Einſicht jedes mit geſundem Menſchenver⸗ ſtand begabten Individuums nur eine natürliche Klaſſe ausmachen, in ſo verſchiedene Klaſſen zu vertheilen; hinwiederum aber die Birke an die Seite der Neſſel, das moosähnliche, im Sumpfwaſſer wuchernde Horn⸗ kraut an die Seite der mächtigen Eiche zu ſtellen, den niedrigen Geisklee zum hochſtämmigen Laburnenbaum, die natürlichſten Arten des heilſamen Baldrians in vier verſchiedene Klaſſen zu vertheilen. Eigenmächtige Thoren, die ihr verwegen genug waret, die Natur in eure kleinlichen Geſetze einzuzwängen! Die Natur wird ſie niemal als die ihrigen erkennen!“ Weniger haltbar waren die zoologiſchen Anſichten des Herrn Raphanus, in welcher Wiſſenſchaft er nicht ebenſo zu Hauſe war. Ein Profeſſor aber, und wenn es auch nur ein Titularprofeſſor wäre, muß Alles ver⸗ ſtehen und verſteht es auch, und hat das Recht, end⸗ giltig über Alles abzuſprechen. Die Naturkundigen haben,“ zürnte Raphanus ferner,„an dem Körperbau eine fliegende Maus? Nichts aber ſchmerzte ihn! des Affen ſo große Aehnlichkeit mit dem der Menſchen gefunden, daß ſie ihm in der Reihe der Geſchöpfe den erſten Platz nach dem Menſchen einräumen zu müſſen glaubten; unterdeſſen aber laſſen ſie den klugen Ele⸗ phanten in der Geſellſchaft des Faulthiers, des Amei⸗ ſenbären und des Gürtelthiers einherlaufen, blos weil alle dieſe Thiere an beiden Kinnladen keine Vorder⸗ zähne haben. Mit welchem Rechte folgt die Fleder⸗ maus ſofort auf die Affen? Die Natur hat zwar ihre Zähne anders gebaut und ihr Zitzen an die Bruſt geſetzt, aber iſt ſie wohl deßhalb etwas anderes, als Der Colibri, der Schwärmer (Sphinx) und der Schweber ſtehen einander in der Na⸗ 47 tur viel näher, als dies in den Syſtemen der Fall iſt, wo auf das zierlichſte und kleinſte Vögelchen, das ſich ſchwebend vom Honig der Blumen nährt, die wackelnde Ente folgt.“ Es waren indeſſen keineswegs Fehler und Mängel des Linne'ſchen Syſtems, was den Doktor Raphanus ſo ſehr gegen dieſen großen Naturforſcher aufbrachte, denn er anerkannte die Vorzüge ſeines Syſtems gerne, da es das Auffinden und Beſtimmen der Pflanzen ſo ſehr erleichtert, als dies vielleicht überhaupt möglich iſt, ſondern er eiferte hauptſächlich gegen die Kunſt⸗ ausdrücke, die techniſchen Bezeichnungen des Linne ſchen Pflanzenſyſtems, das er ein unſittliches und verwerf⸗ liches nannte.„Warum,“ ſagte er,„in die reine und heilige Welt der Blumen, die ſo herrlich und ſchön iſt, als ob ſie aus den Händen der lieben Engel her⸗ vorgegangen wäre, unreine, ſündige Gedanken bringen! Warum, es iſt ein unglücklicher Gedanke, bei den Blumen von Geſchlechtstheilen, von Männchen und Weibchen und ſogar von Zwittern zu reden, und da⸗ mit ſchon die Phantaſie der lieben Jugend zu beflecken!“ Doktor Raphanus beſchloß alſo, ein anderes, beſſeres an die Stelle des Linne'ſchen Sexualſyſtems zu ſetzen, das dem äſthetiſchen und ſittlichen Gefühle vollkommen genügen ſollte. Lange war er jedoch unſchlüſſig, nach welchem Eintheilungsgrunde er ſeine neue Claſſifikation bewerkſtelligen ſollte. Die Farbe, der Geſchmack, die chemiſchen Beſtandtheile, die Samen oder Früchte, nichts wollte ihm Stand halten. Da ſich nun aber Rapha⸗ nus die Geſchöpfe als eine Kette dachte, auf welcher Ring auf Ring folgt, oder als eine Stufenleiter, auf welcher oben der vornehmſte Engel, unten aber das letzte Sonnenſtäubchen ſteht, ſo beſchloß er, die Ge⸗ wächſe nach ihrem vollkommeneren oder einfacheren Bau in eine lange Reihe zu ſtellen, und hernach in Serien oder Beete zu ordnen. Daß er ſein Syſtem mit irgend einer kaum mehr durch Gläſer erkennbaren Schimmelpflanze ſchließen werde, war ihm klar, un— ſchlüſſig war er hingegen darüber, mit welcher Pflanze er beginnen wolle, denn die Roſe, die Königin der Blumen, die Orange, der goldene Apfel der Hespe⸗ riden und die Mimosa pudica, die bei einer Berüh⸗ rung Gefühl und Bewegung zeigt und hiedurch an die Thiere erinnert, dieſe drei Pflanzen ſchienen ihm gleich würdig, an der Spitze der Vegetabilien zu ſtehen. Das Alles aber ſollte ſich finden, wenn nur ein⸗ mal eine hinlängliche Menge von Pflanzen vor ihm liegen werde. als je und betheiligte ſich mit Aktien an allen botani⸗ ſchen Reiſevereinen, um auch in den Beſitz der aus⸗ ländiſchen Gewächſe zu kommen. Da nun Raphanus Deßhalb ſammelte der Doktor eifriger - 370— weder Geld noch Mühe ſcheute, lag bald eine enorme Maſſe von Pflanzen vor ihm aufgeſpeichert. Dieſe botaniſchen Schätze ſtanden jedoch nur in der Idee, in der Phantaſie des Beſitzers aufrecht, friſch und blühend vor ſeinen Augen, in Wirklichkeit aber dorrten ſie natürlich gequetſcht und farblos in grauem Löſch⸗ papier. Einſt als unſer Doktor einen Augenblick von dem Vergleichen und Ordnen ruhte, denn die Phantaſie ließ ihn bisweilen im Stiche, und es gab dann ein ermü⸗ dendes Umlegen und Suchen, warf er einen troſtloſen Blick auf die in Papierbündeln ſchmachtende Pflanzen⸗ maſſe und gedachte, daß es nicht alſo ſollte ſein: wie die Thiere und andere Naturalien, alſo ſollten auch 4 die Pflanzen aufrecht in ihrer natürlichen Geſtalt und Farbe in den naturhiſtoriſchen Muſeen prangen. Eine Weile dachte der Gelehrte nach, dann rief er pathetiſch: „Ein großer Augenblick! Raphane, du wirſt eine gr Erfindung machen. Deine Unſterblichkeit iſt geſichert.“ Sofort wandte ſich der Doktor ſchriftlich an den Materialiſten des Städtchens, ihm alle vorräthigen Firniſſe, Gummi, Lacke und Oele zu ſchicken und noch andere zu verſchreiben.„Es muß einen waſſerhellen, auflösbaren Stoff geben,“ dachte er,„der an der Luft erhärtet und eine in denſelben getauchte Pflanze her⸗ metiſch von der äußern Luft abſchließt und dieſelbe zu⸗ gleich in ihrer natürlichen Lage und Farbe erhält. Der Experimentator ſah ſchon im Geiſte weite Säle mit den herrlichſten Pflanzen aller Zonen prangen, denen nichts als das Leben und der Wohlgeruch fehlt. Die Sache hatte jedoch ihre Schwierigkeiten, denn die ſämmt⸗ lichen Stoffe, in welche er die Pflanzen tauchte, wa⸗ ren entweder für die Feuchtigkeit empfänglich oder ſie trübten ſich. Gleichwohl wurden die Verſuche fortge⸗ ſetzt, ſo viel Zeit und Geld ſie auch koſten mochten. Zu gleicher Zeit beſchäftigte ſich Raphanus noch mit andern Problemen und Verſuchen. Er glaubte z. B. an die ſogenannte Urbildung oder Urzeugung, generatio spontanea, d. h., daß ſich aus der Erde, ohne Eier oder Samen, nur durch Gährung, durch die Wirkungen der Luft, Wärme und Feuchtigkeit Pflan⸗ zen und Thiere bilden könnten. Es wurde Erde aus bedeutender Tiefe heraufgeſchafft, ſorgfältig in Glas⸗ käſten abgeſperrt und nun das etwaige Aufkeimen von Pflanzen beobachtet. Raphanus ſtellte ferner Unterſuchungen darüber an, warum gewiſſe Schlingpflanzen, wie Hopfen, Bohnen, Weiden und viele andere ſich ſtets nur von der Linken zur Rechten oder umgekehrt, nie aber in beiden Rich⸗ tungen um ihren Pfahl wickeln. Endlich befaßte ſich der Doktor auch angelegentlich mit der Frage, woher die ſogenannten magiſchen Ringe oder Hexenringe auf Waiden und in Wäldern entſtehen, weitere oder engere, von Pilzen oder Schwämmen gebildete Kreiſe, inner⸗ halb deren gewöhnlich kein Gras wächst, wenn daſſelbe auch außerhalb derſelben in üppiger Fülle gedeiht. So gingen Jahre mit fruchtloſen Verſuchen hin, an die der Doktor Kraft und Geld verſchwendete, und zwar in einem Grade, daß ihm kaum noch der nöthige Reſt von dieſen beiden unentbehrlichen Dingen verblieb. Glücklicherweiſe waren ſeine Vorleſungen ſtark frequen⸗ tirt. Der originelle Mann, deſſen ſchmales, in den Wangen eingefallenes und blutloſes Geſicht in Lava⸗ ters Phyſiognomik eine eigene Schilderung verdient hätte, imponirte der ſtudirenden Jugend durch ſein Wiſſen. Wie den wiſſenſchaftlichen Namen und die Verwandlungsgeſchichte des kleinſten Inſekts, wußte er ſofort Namen und Eigenſchaften jeder ihm vorge⸗ zeigten Pflanze, und wenn es die unbedeutendſte Flechte war, anzugeben, was die Meiſten höher anſchlagen, als die gediegenſten phyſiologiſchen Kenntniſſe. Das Landvolk aber hielt den langen, hageren, ſehr einfach und altmodiſch gekleideten, Pflanzen ſuchenden Mann mit dem weiß gepuderten Perückchen und wackelnden Zopfe für einen Apotheker und Heilkünſtler, und da ſich der Doktor einmal auf einer Excurſion einer er⸗ ſchöpften Bäuerin, ein andermal eines verwundeten Holzhackers angenommen hatte, mußte er ſeit dieſer Zeit im Beſitze eines wunderkräftigen Spiritus und V —D—— D—————„=Se———— —- 371—— eines blutſtillenden Pulvers ſein, und obgleich nicht Mediciner, wurde er von Patienten in ſeinem Studir⸗ zimmer aufgeſucht. War ihm das Uebel klar, ſo half er den Bittenden, indem er ihnen ſtatt eines Rezepts die Miſchung der geeigneten Mittel und, wenn ihm die Leute bedürftig ſchienen, wohl auch eine kleine Un⸗ terſtützung reichte. Bisweilen machte ſich Raphanus einen Spaß mit dieſen Leuten, wozu er vielleicht den Phosphor oder die Elektricität zu Hilfe nahm. Kein Wunder alſo, wenn er für einen Adepten und Thau⸗ maturgen gelten mußte. Das wäre nun Alles gut geweſen, wenn es nur beſſer mit den ökonomiſchen Verhältniſſen des Doktors ausgeſehen hätte, was ſich dieſer ſo ſehr als die geringen Erfolge ſeines wiſſen⸗ ſchaftlichen Strebens, für das er ſo große Opfer ge⸗ bracht hatte, zu Gemüthe zog. Der gute Mann war auf dem Punkte, mit ſich und der Welt zu zerfallen; er vermied den Umgang mit Menſchen und fing be⸗ reits an, vom Spiritus noch einen andern Gebrauch als zur Wiederbelebung halb verhungerter Landleute zu machen. Es war zu dieſer für den Doktor betrübteſten Zeit, als ein Beſuch bei demſelben gemeldet wurde, der von entſcheidendem Einfluß auf ſeine Zukunft werden ſollte. Verdrießlich über die unwillkommene Störung trat der⸗ ſelbe in ſein Beſuchszimmer, wo dem Fremden die ſtets bereit gehaltene Taſſe Chokolade ſervirt wurde, er ſelbſt nahm jedoch ſtets ſeinen Kräuterthee. Dies⸗ mal aber war der Beſuch ein höchſt willkommener. Es war der ſeit Kurzem mit der Leitung des Finanz⸗ departements des Ländchens betraute Commerzienrath Friedrich, der den Jugendfreund und Studiengenoſſen wieder zu ſehen wünſchte.„Es iſt lange her, Phi⸗ lipp,“ ſagte der Herr Miniſter,„daß wir dieſe Ge⸗ gend nach ſeltenen Pflanzen durchſtreiften und Abends am Gaisblatt und Seifenkraute Schwärmer fingen. Die geringen botaniſchen Kenntniſſe, die ich mir da⸗ mals erwarb, kamen mir ſpäter als Landwirth wohl zu ſtatten und waren nicht ohne Einfluß auf die Be⸗ förderungen, deren ich mich zu erfreuen hatte. Wie aber ſteht es mit dir, mein armer Freund? Wie ich mit Betrübniß höre, haben dir die Pflanzen nicht ebenſo reichliche Früchte getragen, denn dein Sinn war nie auf's Praktiſche gerichtet. Alle deine botaniſchen Syſteme taugen nicht, einen Hund aus dem Ofen zu locken. Der Wohlſtand unſeres Landes beruht weſent⸗ lich auf dem Ackerbau. Nun aber iſt der Brabanter⸗ klee dieſes Jahr faſt überall ausgeblieben und den Lucerneſamen müſſen wir aus Frankreich beziehen. Wer jetzt ein neues praktiſches Futterkraut erſter Güte wüßte, das im Großen angebaut werden könnte und mindeſtens 55 Procent nährende Stoffe enthielte, der wäre bei dem dermaligen Nothſtande der rechte Mann. Wenn Einer das könnte, ſo könnteſt es du, alter Kräuterkoſter, von dem die Sage geht, er habe durch Verſuche an ſich ſelber die Kräfte unſerer Arznei⸗ und Giftgewächſe erprobt, und dadurch ſeine Geſundheit gründlich untergraben, was aber wohl nur die Folge unnöthiger Anſtrengungen und Sorgen iſt. Um wie viel beſſer und praktiſcher wäre es, wenn du die Kräuter nicht als Gelehrter, ſondern, nimm mir's nicht übel, als ein Ochſe verkoſteteſt und die wohlſchmeckendſten und nahrhafteſten zu kultiviren verſuchteſt. Vorſchläge von deiner Seite würden bei deinem Rufe vor allen andern berückſichtigt. Wenn ſich der Herr Profeſſor eine Direktorsſtelle. entſchließen könnte, ſtatt der Experimente mit Ur- pflanzen und magiſchen Ringen, Verſuche in der be— zeichneten Richtung zu machen, ſo könnte ich ihm ſofort eine Staatsunterſtützung in Ausſicht ſtellen. Noch eins, mein Freund,“ ſchloß der Miniſter, ſich beur— laubend,„es wird beabſichtigt, eine landwirthſchaftliche Akademie zu errichten, und man ſieht ſich bereits nach einem Manne um, dem die Leitung mit Erfolg über⸗ geben werden könnte.“— Dies hatte gewirkt. Der Doktor war durch die halb zugeſagte Staatsunterſtützung in ſo große Auf— regung geſetzt worden, als durch die Anſpielung auf Er gab die Verſicherung, daß es für ihn nur dieſes Winks bedürfe, ſeine ſchwachen Kräfte dem allgemeinen Wohle mit Freude und Eifer zu widmen, und er glaube ſich ſchmeicheln zu dürfen, daß ſeine Bemühungen nicht ganz ohne ein entſprechen⸗ des Reſultat bleiben würden. Die Ausflüge und Unterſuchungen des Doktors Raphanus gewannen von dieſem Tage an einen andern Charakter. Er ſammelte vorzüglich die in der Um— gegend wildwachſenden Gräſer und Kräuter, denen er einen bedeutenden Gehalt an Eiweiß, Gallerte, Stärk⸗ mehl oder Zucker zutraute und unterſuchte ſie chemiſch auf dieſe Stoffe; andere nur botaniſch intereſſante Pflanzen ſammelte er nur noch aus Gewohnheit und zur Ausſchmückung ſeines Studirzimmers. Ein Jährlein ging ſo vorüber. Die zugeſagten Gelder waren eingetroffen und zur Befriedigung der dringenden Gläubiger verwendet worden, ohne daß jedoch irgend eine neue Kulturpflanze aufgefunden oder irgend eine andere landwirthſchaftliche Entdeckung ge⸗ macht worden wäre. Er fing an, für ſeinen ehrlichen Namen beſorgt zu werden und zu fürchten, als Reſul— tat aller ſeiner Mühen zum Geſpötte der Welt zu werden. An einem Sommertage, deſſen Laſt und Hitze er getragen hatte, ſetzte er ſich auf dem Stumpfe eines abgehauenen Baumes nieder und erging ſich in hoff⸗ nungsloſen Betrachtungen. Er befand ſich auf einer üppigen, faſt ringsum vom Walde umgebenen Aue, der ſchönſten, aber nur dem herrſchaftlichen Wilde zu⸗ gänglichen Weide, die man ſich denken kann, und hier, im Schooße der Natur, machte ſich das gepreßte Herz, das er in den Schooß keines Sterblichen ausſchütten konnte, in folgender Ergießung Luft.„Wie manch⸗ faltig,“ begann er,„iſt hier der grüne würzige Tep⸗ pich, mit den bewundernswürdigen Erfindungen der Natur durchwirkt. Jedes Gewächs hat ſeinen Zweck und ſeine Kräfte, und was ich vergeblich ſuche, ſproßt vielleicht in Menge vor meinen Augen oder es beugt ſich unter meinem Tritte. Ach, daß ich es zu finden wüßte! Da rauſchte es um ihn in den Wipfeln und im Schilfe des nahen Weihers, und es ward ihm ganz eigen zu Muthe. Er nahm den Hut ab und ſteckte ihn auf ſeinen Stab. Die Noth hatte ihn zur An⸗ dacht getrieben, mit welcher bei einem großen Geiſte ſtets einiger Aberglaube verbunden iſt.„Wenn es euch ver⸗ gönnt iſt,“ rief er aus,„ſelige Geiſter, auf dieſe Erde herabzuſchauen, die vollkommen und ſchön aus den Händen des Schöpfers hervorging, durch die Menſchen aber zum Jammerthale wurde, ſo gebt mir, einem bedrängten Sterblichen, den weder eitles Verlangen noch Fürwitz treibt, ein hilfreiches Zeichen. Von dreien Pflanzen, die ich ſammle, ſei eine zur Linderung der 47* — N Noth der Armen und ihres hungernden Viehes be⸗ ſtimmt.“ Nach dieſen Worten erhob ſich der Doktor, auf's Neue Umſchau zu halten. Welche Pflanzen aber ſollte er ſammeln unter den Tauſenden? Da ſchwirr⸗ ten ſammelnde Bienen an ſeinem Ohre vorüber.— „Euch nehm' ich zum guten Zeichen, ihr nützlichſten des zahlloſen kleinen Geflügels, ihr einzigen Hausthiere aus der Klaſſe der Inſekten!“ rief er aus und folgte ihnen, knickte einen Zweig der erſten blühenden Pflanze, an die ſie ſich hingen, und ließ ſich von ihnen zur zweiten und dritten geleiten. Beruhigt kehrte hierauf Raphanus mit den drei auf dieſe Weiſe gefundenen Gewächſen nach ſeinem Lieb⸗ lings⸗ und Ruheplätzchen am Waldzaune zurück, der den Forſt von den Weiden der Gemeinde trennte, wo eine Felswand Schatten und der Weiher Kühlung bot. Hier ließ er ſich nieder, begierig, im Linnäus einige Nachrichten über dieſe Pflanzen zu finden; allein es war juſt nichts Beſonderes oder Ermuthigendes, was er dort verzeichnet fand. Zwiſchen Hoffnung und Zwei⸗ fel ſank er, ſeine Gewächſe in der Hand, das müde Haupt an die Felswand gelehnt, in einen erquickenden Schlaf. Nicht lange hatte jedoch der Gute geſchlum⸗ mert, als tiefe, aber behagliche Töne ihn aufſchreckten, die nicht den Lippen eines Menſchen entquollen ſein konnten. Entſetzt fuhr er auf,— das dumme und ehrliche Auge einer Kuh ſtarrte ihn an. Sie hatte gleichfalls botaniſirt und nach dem Spruche: Prüfet Alles und behaltet das Gute, das eine der drei Kräu⸗ ter des Doktors verſpeist, die beiden andern aber wie⸗ der dem leckeren Munde entfallen laſſen.„Unglück⸗ ſelige!“ ſchrie der Profeſſor auf, und griff nach dem Stocke. Der Ring der Bettlerin. Aus den Erinnerungen eines Londoner Polizeibeamten. Es war ein kalter November-Abend. Ungefähr um halb neun Uhr ſtand ich an dem Laternenpfoſten im Piccadilly⸗Circus, gegenüber vom Schwan und Edgar, gelehnt. Es war ein Abend, wie er für die Taſchendiebe beſonders günſtig iſt, und da mir ſchwante, daß einige thätige Unternehmungen dieſer Art gegen die Taſchen der an dieſer Ecke auf Omnibuſſe wartenden Leute nicht ausbleiben würden, ſo nahm ich meinen Standort als zufälliger Beobachter ein, ohne jedoch meinem Berufseifer dadurch etwas zu vergeben. Der Nebel war ziemlich ſchnell eingetreten. Der Wind hatte unter Tags von Südweſt nach Nordoſt umge⸗ ſchlagen und allen Rauch von den öſtlichen Stadtthei⸗ len nach dem Weſtend hingetrieben. Viele Perſonen, die in dieſem Stadttheile nicht bekannt waren, erſchie⸗ nen ganz verdutzt, und lange Zeit mußte ich Perſonen als Wegweiſer dienen, welche nach dem Strand, Hay⸗ market, Pall⸗Mall u. ſ. w. wollten. Eine der ſo verblüfften Perſonen war eine zartausſehende junge Dame in eleganter Kleidung, mit einem kleinen Reiſe⸗ ſacke an der Hand, die ſich bei mir um den Weg nach der London⸗Brücke erkundigte. Doch plötzlich ging ein Licht auf wie eine - 372— Fackel:„was will ich denn,“ rief er jetzt, und ſein Schrecken verwandelte ſich in Entzücken,„das iſt es ja gerade, was ich will, und erſt erproben wollte. Ich kenne ja gar wohl die von dir, gutes Kühlein, erkie⸗ ſete Pflanze mit der roſenrothen Traube und dem ein⸗ ſamigen Nüßchen. Es iſt Hedysarum sativa in der XVII. Klaſſe Linnäi. Gänſe retteten das Kapitol, warum ſollte eine Kuh nicht einen deutſchen Profeſſor retten können! Und iſt nicht die Kuh das Symbol, die Iuncarnation der Iſis und bedeutet nicht Iſis daſſelbe, 6 was Ceres, die Göttin des Ackerbaues? Konntet ihr deutlicher ſprechen, ihr Unſterblichen, die ich angerufen!“ Eiligſt kehrte er zurück und brachte ſeinem muhenden Götterboten eine ganze Garbe des ihm ſo angenehmen Krautes, das er unter dem Jauchzen des alten gelehr⸗ ten Knaben verzehrte mit Stumpf und Stiel. Raphanus grub eine Menge Exemplare dieſer mehr⸗ jährigen Pflanze aus, ließ überall Samen ſammeln und legte auf den ihm angewieſenen Grundſtücken Plantagen an. Die Pflanze, die jetzt Jedermann un⸗ ter dem Namen Eſparſette oder Süßklee kennt, gedieh auf kalkigem Boden vortrefflich, und wurde nächſt Lucerne⸗ und Wieſenklee das vorzüglichſte Futterkraut. Raphanus erhielt nicht nur eine goldene Verdienſt⸗ medaille und die Direktorsſtelle der landwirthſchaftlichen Akademie, ſondern er wurde auch als Edler von Eſparſette in den Adelsſtand erhoben. Das Volk aber nannte den beliebten und bei guten Tagen bald auch wohlbeleibten Direktor, dem es ſeinen größeren Wohlſtand verdankte, und deſſen Andenken es heute noch ſegnet, bezeichnend und anerkennend den Schmalz⸗ profeſſor. — Dieſe Frage hatte mich etwas überraſcht, um ſo mehr, als die Dame ausnehmend nervös und aufge⸗ regt erſchien. Ich belehrte ſie, die London⸗Brücke ſei ſehr weit entfernt, eigentlich zu weit für eine Dame, um allein, zu ſolcher Stunde und bei dieſem Wetter dorthin zu gehen, und ich rieth ihr daher, ſich einen Platz im Omnibus zu nehmen. Sie ſchien meinen Rath zu billigen, machte ſich denſelben aber doch nicht zu nutze, obſchon mehrere nach jenem Punkte fahrende Omnibuſſe an uns vorüber kamen. Ich wunderte mich darüber und meine Neugierde ward hievon ſehr angeregt. Als ſie einmal den Kopf drehte, ſo daß das I Gaslicht ihr voll in's Geſicht ſchien, ſah ich die helen Thränen über ihr Geſicht herablaufen.. „Warum ſetzen Sie ſich denn nicht in einen Om⸗ nibus, wenn Sie wirklich nach der London⸗Brücke wollen?“ fragte ich ſie. ff „Ach ja,“ verſetzte ſie verlegen;„ich möchte wohl, aber.... aber....“ „Nun, was denn?“ fragte ich, denn ich argwöhnte, ſie habe nicht genug Geld bei ſich, um das Fahrgled — 2 — te, id Schönheit nennen. . 373—— zu bezahlen, und ſchloß daraus, ſie ſei von einem Taſchendieb beſtohlen worden. „Was ſoll ich nun anfangen? Ich gerieth in den falſchen Omnibus. Er hätte mich zu der Bank brin⸗ gen ſollen und hat mich nun hier abgeſetzt. Ich bin von Chelſea gekommen und der Omnibus fuhr nach Islington. Ich bin verheirathet und wohne in Syden⸗ ham; und wenn ich nicht heute Nacht nach Hauſe komme, was wird mein Gatte von mir denken? Ich war auf Beſuch bei meiner Schweſter, die in großer Noth iſt, und ich habe mehr gethan, als ich hätte thun ſollen, denn ich gab ihr all' mein Geld bis auf das wenige, welches ich bedurfte, um die Fahrt bis an die Bank zu bezahlen. len von der London⸗Brücke entfernt,“ fuhr ſie ſchluch— zend fort.„Was ſoll ich nun beginnen? Wenn ich zu Fuß hingehe, ſo verſäume ich den Nachtzug, und mein Mann wartet auf mich am Bahnhofe.“ Nun bin ich gar kein hartherziger Mann, obſchon von der Polizei. der naiven kunſtloſen Weiſe, womit diefe Frau mir ihre Verlegenheit und Noth geklagt hatte; ſie war eines von jenen ſtillen, warmfühlenden, zarten, ſenſitiven Weſen, die gar nicht geſchaffen ſind für die ſteinigen und dornigen Wege des Lebens. Ich griff daher in die Taſche nach einem Sippenceſtück, rief den erſten beſten Omnibus an, der nach der London-⸗Brücke ging, hob ſie hinein, zahlte ihre Fahrt und wünſchte ihr glückliche Reiſe. Sie war noch nicht lange fort, ſo trat eine neue Schauſpielerin auf meine Bühne. Diesmal war es ein Mädchen von ungefähr achtzehn Jahren, mit ſchö⸗ nem dunklem Haare und ſchwarzen Augen, einem hüb⸗ ſchen intelligenteu Geſicht, das einſt glücklich gelächelt haben mochte. Noch war es rund und mit Grübchen in Kinn und Wangen, und bedurfte nur des Sonnen⸗ ſcheins günſtiger Glücksumſtände, um wieder in dem⸗ jenigen Glanze aufzuleuchten, welchen die Menſchen Sie trug eine ſchwere Laſt im Arme, die ſie mit einem dünnen, alten, verblichenen Shawl bedeckte. Ich hielt dieſe Bürde für einen Pack Leinwand oder ſonſtiger„Arbeit“, welche ſie mit nach Hauſe nehme. Sie war dürftig gekleidet und in tie— fer Trauer, wie ſie ärmere Leute tragen. Den ſchwar⸗ zen, halbzerknitterten Hut aber hatte ſie mit einem eigenthümlichen Schick aufgeſetzt, wie ihn gewöhnliche Mädchen nicht tragen. 4 Als ſie dem Orte nahe gekommen war, wo ich lehnte, blieb ſie ſtehen und blickte mir mit ſtummer, ſchüchterner Bitte in's Geſicht. „Nun, mein Fauenzimmerchen, was haben Sie denn da?“ „Ein Kind,“ flüſterte ſie erglühend. „Ein Kind? Und das tragen Sie in einer ſolchen Nacht in's Freie? Wollen Sie es denn umbringen?“ „Ich es umbringen? Gott verzeih' Ihnen! Es iſt zwar eine ſchwere Bürde für mich, aber ich würd' es uicht um die ganze Welt hergeben.“ „Aber warum ſind Sie zu dieſer Stunde noch mit ihm auf der Straße? Dieſer Nebel macht es ſicher krank oder bringt ihm den Tod. Sie thäten beſſer nach Hauſe zu gehen!? „Ja, wenn wir ein Obdach hätten!“ flüſterte ſie weinend. „Kein Obdach? Wo iſt denn des Kindes Vater?“ Sie ſagen, ich ſei noch drei Mei⸗ Ich fühlte mich tief ergriffen von „Wollte Gott, ich wüßte das!“ „Iſt er durchgegangen und hat euch beide im Stich gelaſſen?— Auch nicht? Nun denn, warum läßt er euch denn in einer ſolchen Nacht auf die Straße? Iſt er ein Trunkenbold, ein Schlemmer? ſucht Ihr ihn etwa in den Schenken auf?“ „O nein— ich weiß gar nicht, wer er iſt!“ ſagte ſie.„Ich ſuche ihn auf und kann ihn nicht finden.“ „Unſinn! Wie glaubt Ihr mir eine ſolche Fabel aufbinden zu können?!“. „O Herr, es iſt leider nur allzu wahr! Gott, es wäre anders!“ „Iſt es ein Mädchen oder ein Knabe?“ „Ein herziger Knabe, gottlob!“ „Ein Knabe! Und nicht zu wiſſen, wer ſein Vater iſt! Ihr ſeid doch nicht blödſinnig, Frauenzimmerchen; oder Ihr müßt mich dafür halten!“ „O, gewiß nicht. Aber vielleicht würden Sie mir auch nicht glauben, wenn ich Ihnen Alles wahrheits⸗ getreu erzählte!“ „Doch, doch! ich kann immer der Wahrheit glau— ben, aber mit Unwahrheiten richtet man bei mir nichts aus.“ „Der Junge iſt ſo ſchwer, und ich habe ihn ſeit ſieben Uhr nicht vom Arme gebracht. Würden Sie nicht die Güte haben, ihn auf eine Minute oder zwei zu halten, während ich mein Kleid aufſchürze.“ Ich nahm das Kind auf den Arm und er war ſchwer; ich gebe mein Wort darauf, ich hätte ihn nicht vier oder fünf Stunden lang in Einem Zuge herum⸗ tragen mögen. „Betrachten Sie ihn nur einmal— ſchläft er nicht wie ein Engel?“ ſagte die arme Mutter zu mir. Ich beſchaute mir das Kind beim Licht der Gas— flamme; es war das leibhafte Ebenbild ſeiner Mutter, und ſchlief wirklich wunderſchön. Armes Kind! dachte ich; du ſollſt nie den Urheber deines Daſeins kennen lernen, nie deinen Vater kennen! Aus welchem Stoff ſind doch die Menſchen gemacht! Wäre es der Ab— komme eines Pavians oder einer Hyäne geweſen, ſo würde er ein wenig natürliches Mitgefühl gefunden Wollte haben. „Erzählt mir jetzt die ganze Geſchichte, Frauen⸗ zimmerchen!“ ſagte ich; Ihr gebt vor, Ihr wiſſet nicht, wer der Vater des Kindes ſei, und doch ſeid Ihr die Mutter. Wie ſoll ich dies verſtehen?“ „Jenun, den Vater kenne ich natürlich; aber ich will damit ſagen, ich weiß weder ſeinen Namen, noch ſeinen Stand, noch ſeinen Wohnort. Sie ſehen ſo wohlwollend aus und ſcheinen es gut mit mir zu mei— nen; vielleicht werden Sie mich nicht ſchelten oder tadeln, wenn ich Ihnen meine Thorheit und meine Leiden erzähle.“ „Nur friſch heraus damit; ich will Sie nicht ſchel— ten, nur ſollen Sie mir die Wahrheit ſagen.“ „Meine Eltern ſind beide todt,“ hub ſie an. „Mein Vater iſt ſchon vor Jahren geſtorben; aber meiner armen guten Mutter brach das Herz, als ſie mein.... meine Schande erfuhr. O wie thöricht bin ich geweſen! Aber für ſchlecht müſſen Sie mich darum doch nicht halten!— Ich wohnte mit meiner Mutter zuſammen und wir lebten von unſerer Hände Arbeit. Ich hatte eine Jugendgeſpielin, ein Nachbars⸗ kind; die ging ſpäter vom Hauſe hinweg in einen 1 82] ſtaben W. R. Jahr und Tag kam ſie wieder, ſo wun⸗ und hatte eine goldene Uhr, goldene Ringe und Armbänder. Eines Abends lud ſie mich ein, mit ihr in's Theater zu gehen. Der Mutter durft' ich das nicht ſagen, weil ich wußte, daß ſie es nicht zugegeben hätte. So gingen wir beide dann in eine Loge, wo zwei Herren waren, die ganz artig und freundlich mit uns thaten. Nach dem Theater führten ſie uns in ein Speiſehaus und traktirten uns mit einem Abendbrod. Sie gaben mir viel Wein zu trinken, ſo daß ich bald nicht mehr wußte, wo ich war. Kurzum, als ich am andern Morgen erwachte, war ich ein rui nirtes Geſchöpf....“ „Haben Sie den Herrn ſpäter noch einmal geſehen?“ „O ja,“ erwiederte ſie weinend,„ſehr oft. Ich gab ihm Zuſammenkünfte und er pflegte mir zu ſchrei⸗ ben; nachdem ich ihm aber meinen Zuſtand geſtanden hatte, ſchrieb er mir niemals wieder, und ich habe ihn ſeither bis auf dieſe Stunde mit keinem Auge mehr geſehen.“ „Hat er Ihnen denn nie ſeinen Namen geſagt?“ „O ja, er ſagte mir, er heiße Robert, und auf den Siegeln ſeiner Briefe ſtanden die Anfangsbuch⸗ Er gab ſich für einen Advokaten aus, der im Temple wohne; ich habe ihn auch oft dort auf⸗ geſucht, aber nie zu Geſicht bekommen.“ „Hat er Ihnen Geld gegeben?“ „Sehr wenig.“ „Wie haben Sie es aber angefangen, über Ihre ſchwere Zeit hinüberzukommen?“ „Ach, es ging mir herzlich ſchlecht. Als meine arme Mutter ſtarb, hinterließ ſie mir einige Möbel, aber ich mußte ſie weit unter dem Werthe verkaufen, um den Doktor, die Wartefrau und die Hausmiethe zu bezahlen. Jetzt iſt Alles fort— der Miethsherr hat ſich mit Allem bezahlt gemacht, was ich noch hatte. Hätte ich nur meine kleine Wohnung beibehalten kön⸗ nen, ſo wäre ich ſchon durchgekommen; ich hätte Ar⸗ beit gefunden und fleißig gearbeitet, aber jetzt, wo ich nicht genug Geld habe, um ein eigenes Stübchen be⸗ zahlen zu können, muß ich mein Unterkommen in einer gemeinen Herberge ſuchen, und da ſind die Leute ent⸗ ſetzlich ſchlecht und böſe, fluchen ſo und führen ab⸗ ſcheuliche Reden im Munde.“ „Und was glauben Sie denn, daß aus Ihnen werden wird?“ fragte ich ſie. „Das weiß der liebe Gott. Ich kann arbeiten, aber da iſt mein Kind, das mich davon abhält, und wenn ich den armen Wurm in fremde Koſt und Pflege gebe, ſo wird er mißhandelt werden und mich meinen ganzen Verdienſt koſten.“ „Haben Sie keine Verwandten?“ „Ja, eine alte Muhme, aber ſie hat ſelbſt eine große Familie und kann nichts für mich thun.“ „Und wie bringen Sie ſich denn fort?“ „Die Leute ſchenken mir bisweilen eine Kleinigkeit. Ich brauche ja nicht viel, um mich und meinen lieben Knaben zu ernähren. „Sie ſind alſo vermuthlich eine Bettlerin?“ „Nein; Sie können mich zwar ſo nennen, wenn Sie wollen, aber ich ſpreche nie Jemand um ein Al⸗ moſen an. Gibt man mir etwas aus freien Stücken, ſo nehme ich es mit Dank an; gibt man⸗ mir nichts, ſo bin ich's auch zufrieden. Betteln aber kann und Dienſt. Nach derſchön gekleidet, 1 - 374—— werd' ich nie. Wer mich anſieht, wird mich auch nicht für eine Bettlerin halten.“ ner Abſicht, Ihnen wehe zu thun. „Ruhig, Frauenzimmerchen! Es lag nicht in mei⸗ — 9 Ich wollte nur fragen, ob Sie kein anderes Subſiſtenzmittel haben, als die Mildthätigkeit Anderer.“ „Nein, ſonſt gar nichts.“ „Und haben Sie nie darüber nachgedacht, was Sie weiter beginnen wollen?“ „Zu allernächſt möchte ich den Vater meines Kna⸗ ben auffinden. Ich wandere den ganzen Tag in den Straßen herum in der Hoffnung, ihm zu begegnen, aber ich treffe ihn niemals.“ „Und was wollen Sie thun, wenn Sie ihn finden ſollten?““ „Ihm ſeinen Knaben zeigen und ihn fragen, ob er auf einen ſolchen Jungen nicht ſtolz iſt?“ „Mich dünkt, der Junge braucht auf einen ſolchen Vater nicht ſtolz zu ſein. Haben Sie ſo viel Geld, daß Sie ein Nachtquartier bezahlen können?“ „Ich habe nur zwei Pence, und vielleicht wiſſen Sie, wie weit dies für ein Obdach über Nacht reicht,“ ſagte ſie kleinmüthig. „Ich weiß leider nicht, was ich für Sie thun kann, Frauenzimmerchen. Ich bin ſelber ein armer Mann und kann Ihnen mit dem beſten Willen nicht helfen. Ich fürchte, Sie werden noch in's Armenhaus gehen müſſen. „Niemals! Lieber auf „Aber Ihr Kind?!“ „Ach ja, das arme, liebe Kind! Was ſoll noch aus ihm werden? Wird man ihn im Findelhauſe auf⸗ nehmen, wenn er erſt größer iſt?“ „Nein, wenn ſein Vater nicht reich iſt und Ihnen keine Empfehlung gibt, kann er nicht aufgenommen werden.“. „Gibt es denn keine Schule, wo man ihn aufneh⸗ men und erziehen würde?“ 4 „Ich wüßte keine ſolche, der Straße ſterben.“ wenn Sie nicht gute, dd. h. gewichtige, reſpektable Empfehlungen beibringen können. Das chriſtliche Mitleid hier zu Lande ſorgt nur für die Tugendhaften, nicht für das irrende Kind des Unglücks.“ „O Himmel, was ſoll denn alsdann ein armes Mädchen, wie ich, thun?“ „Auf Gott vertrauen, der den Wind ſänftigt auch für das geſchorene Lamm.“ „O wie ſtrenge beſtraft er mich für meinen Unge⸗ horſam und Leichtſinn! Ach, bin ich nicht ein recht thörichtes Geſchöpf geweſen? Was für ein Unglück hab' ich über mich hereingebracht? O Gott, erbarme dich meiner!“ „Was haben Sie denn da an Ihrem Finger?“ fragte ich ſie plötzlich,„es ſieht ja aus wie ein Ring!“ „Es iſt auch ein ſolcher. Sie wollen ihn ſehen? Hier! Aber ich kann ihn nicht weggeben; der Ring kommt ja von ihm. Ich kann ihn nicht verkaufen. Ich könnte manches Abendbrod und Nachtlager dafür dekommen, wenn ich ihn verkaufen wollte; aber ich konnte es nie über mich gewinnen und werde es auch nie.“. Ich hob ihre Hand mehr in's Licht, um den Ring V zu betrachten. Er war von antiker Form und maſſi⸗ vem Gold, mit Smaragden beſetzt, ßem Werthe, und ſah aus wie ein altes Erbſtück. offenbar von gro⸗ * 4 7 —— ⁰—— — —— 3 „Wie kamen Sie zu dieſem Ring?“ fragte ich ſie. „Er lieh ihn mir, und ich wollte ihm den Ring nicht wieder zurückgeben, obſchon er mit mir darüber ernſtlich böſe war. Ich verſprach ihm denſelben wie⸗ der zurückzugeben, ſobald mein Kind auf der Welt wäre; aber er war damit nicht zufrieden, und ich glaube zuweilen, daß er nur wegen des Rings mir nicht mehr geſchrieben und mich nicht mehr aufgeſucht hat. Mei⸗ nen Sie nicht auch?“ „Wohl möglich. Laſſen Sie mich den Ring näher unterſuchen; ziehen Sie ihn auf eine Minute ab und geben Sie ihn in meine Hand.“ „Aber nicht wahr, Sie laufen mir nicht damit davon?“ „Gewiß nicht. Hier, halten Sie den ich ebenſo hoch halte, wie ſer Stock iſt aus einem Stück Admiralſchiff ‚Victory'.“ „Wirklich, dann muß er werthvoll ſein.“ Ich betrachtete mir den Ring ganz genau. Er war von eigenthümlicher Arbeit, hatte die Geſtalt eines mehrdrähtigen Taues und bildete einen ganzen Kreis von lauter ſchönen, großen Smaragden. Innen ſtand mit alten gothiſchen Buchſtaben:„H. S. ihrem W. R. 1811.“ Dieſe Schrift war ganz deutlich lesbar und — wahrſcheinlich vom beſtändigen Gebrauch— ganz ſchwarz geworden. Wie ich ſo den Ring betrachtete, ſchoß mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf, wie ich dem armen Mädchen einen Dienſt leiſten könnte. „Geſetzt, ich wollte Sie wieder ſprechen, Frauen⸗ zimmerchen, wo kann ich Sie finden?“ fragte ich. „Wo Sie nur wollen.“ „Nun denn, ſo kommen Sie jeden Dienſtag und Freitag Abend um neun Uhr hieher, bis Sie mich treffen. Vielleicht bin ich im Stande, etwas für Sie zu thun. Wie heißen Sie?“ „Maria Morris.“ „Wohlan denn, Maria, ich hoffe Sie in Bälde wieder zu ſehen und Ihnen einige gute Nachrichten bringen zu können. Hier, nehmen Sie dies, es wird Ihnen wenigſtens für einige Tage Nachtquartier und ein Frühſtück verſchaffen.“ „Gott ſegne Sie, Herr! wie gut ſind Sie doch gegen ein armes Mädchen! Alſo Dienſtags und Frei⸗ tags— gut, ich werde pünktlich kommen!“ Wir trennten uns und ich machte mich auf den Heimweg nach meinem einſamen Stübchen, und grübelte unterwegs über den beſten Plan, den ich verfolgen könnte, um die arme bethörte Waiſe wieder in Rap⸗ port mit ihrem Verführer zu bringen. Zwei Tage ſpäter war in der Times folgende An⸗ zeige zu leſen: „Gefunden: Ein altväteriſcher Smaragdring mit An⸗ fangsbuchſtaben und der Jahreszahl 1811 auf der innern Seite. Der Eigenthümer kann ihn wieder erhalten gegen Einſendung einer genauen ſchriftlichen Beſchreibung an J. F., Poſtbureau, 186. Strand.“ Am folgenden Tage lief ein ganzer Schwarm Briefe ein, die der Mehrzahl nach offenbar nur bloße Spe⸗ kulationen waren auf die Möglichkeit, zufällig mit ihrer Beſchreibung das Richtige zu treffen. Doch war unter dieſem Haufen einer, der ſich auf Thatſächliches ſtützte und folgendermaßen lautete: „King'’s Bench Walk, Middle⸗Temple, Mittwoch. Mein Herr! Vor einigen Monaten verlor ich einen Ring, welcher nach der von Ihnen gegebenen Beſchrei⸗ meinen Stock, Sie Ihren Ring. Die⸗ Holz von Lord Nelſon's - 375— gen Eigenthümer. lich mit dem Glockenſchlage vor der Mr. Walter Roß, Barriſter, ein. lich geweſen, Mr. Roß. bung identiſch ſein dürfte mit dem funden haben. Der Ring, den ich verlor, iſt getrieben wie die Stränge eines Taus und rings herum mit zwölf großen Smaragden beſetzt. Innen ſteht in gothiſcher Schrift: ‚II. S. ihrem W. R.“ Sollte dies mit dem Ning übereinſtimmen, den Sie gefunden haben, ſo werde ich es Ihnen ſehr danken, wenn Sie mir denſelben un⸗ ter der oben genannten Adreſſe bringen oder ſchicken, worauf für die Wiederbeiſchaffung eine entſprechende Be⸗ lohnung gereicht werden ſoll. Mit aller Achtung Walter Roß.“ „An J. F., Poſtbureau, 186. Strand.“ Dies war's gerade, was ich haben wollte. Der Fiſch hatte angebiſſen, und ich hoffte ihn ſicher an's Land zu bringen. Ich erwiederte alſo umgehend in einem höflichen Billet, der Ring entſpreche genau der eingeſchickten Beſchreibung, und ich betrachte ihn als den rechtmäßi⸗ Ferner fügte ich noch bei, ich werde ihm am folgenden Tage, um fünf Uhr Nachmittags, meine Aufwartung machen. Am andern Tag verkleidete ich mich als ein Gent— Ringe, den Sie ge leman aus der alten Schule: blauer Frack mit ver⸗ goldeten Knöpfen, graubraune kurze Kaſimir⸗Beinklei⸗ der, Bruſtkrauſe, diamantene Buſennadel, zwei Bril⸗ lantringe an den Fingern, gepudertes Haar, Stock mit goldenem Knopfe, ſilberne Schnallen an den Schuhen. Ich nahm mir einen Miethwagen und fand mich pünkt⸗ Amtsſtube des Ich pochte ziemlich laut mit meinem Stocke, und alsbald ward die Thüre weit geöffnet. Mr. Roß war ganz verblüfft ob meiner Erſcheinung; offenbar erwar⸗ tete er eine ganz andere Perſönlichkeit vor ſich zu ſehen, etwa einen Fleiſcher oder einen Käſekrämer. „Ah! habe vermuthlich die Ehre, Herrn Roß zu ſprechen? Sehr erfreut! Sie ſehen, ich bin pünktlich,“ hub ich an, zog eine goldene Repetiruhr aus der Taſche und ließ ſie fünf ſchlagen.„Bin mein lebenlang pünkt⸗ Es iſt der einzige Weg, um im Leben vorwärts zu kommen, Mr. Roß; aber die eute ſind nicht mehr ſo pünktlich und ordnungsliebend, wie ſie ehedem waren, Mr. Roß. auch, Herr?“— Mr. Roß ſchien es nicht für rathſam zu erachten, in der Abſicht über die Pünktlichkeit der gegenwärtigen Generation von mir weſentlich abzuweichen. Er nickte zuſtimmend, bot mir einen Stuhl und ſagte:„Darf ich bitten, Platz zu nehmen, mein Herr? Ich habe noch nicht das Vergnügen, Ihren Namen zu kennen.“ Ich heiße Forbes, Mr. Roß— John Forbes. Ich darf annehmen, daß Ihnen dieſer Name einiger⸗ maßen bekannt iſt!“ „Ganz gewiß, vollkommen bekannt. Die Forbes...“ „Allerdings— ganz richtig, Mr. Roß. Aber meine Zeit iſt ziemlich koſtbar. Laſſen Sie uns ge⸗ fälligſt auf unſer Geſchäft kommen. Sie wiſſen na⸗ Meinen Sie nicht türlich, welche Veranlaſſung mich zu Ihnen herführt.“ „Haben Sie den Ring mitgebracht, Mr. Forbes?“ „Nein, noch nicht.“ „Noch nicht? Aber....“ „Bitte um Vergebung, der Ring befindet ſich nicht in meiner Verwahrung. Ich habe ihn zwar geſehen und bin überzeugt, daß er Ihnen gehört; allein der Ring ſelber befindet ſich in den Händen einer Dame, in deren Intereſſe und Auftrag ich dieſe Unterredung mit Ihnen angeſtrebt und nachgeſucht habe, um mit Ihnen über die Belohnung zu unterhandeln, welche Sie auf die Wiederbeiſchaffung eines ſo koſtbaren Fa⸗ milien⸗Juwels ſetzen wollen. Die fragliche Dame kann das Geld wohl brauchen, davon kann ich Sie verſichern.“ Schon als ich der Dame gedachte, welche im Be⸗ ſitze des Ringes ſei, entging mir nicht, daß Mr. Roß ein wenig zuſammenbebte und eine flüchtige Röthe ſein blaſſes Geſicht überflog,— meines Bedünkens ein vergeblicher entfernter Verſuch, noch ſchamroth zu werden. „Ich bin geneigt, in dieſem Punkte ſehr freigebig zu ſein, Mr. Forbes,“ erwiederte er etwas betreten. „Der Ring hat meinem Vater gehört, der ihn unter ganz eigenthümlichen Umſtänden erhielt und ſtets den Wunſch hegte, er möchte nicht aus den Händen der Familie kommen.“ „Darf ich fragen, Mr. Roß, auf welche Weiſe und wann Sie dieſen Ring verloren haben?“ „Jenun, eigentlich verloren habe ich ihn nicht; ich lieh ihn vielmehr einem Freunde und bekam ihn nicht wieder.“ „Und Ihr Freund alſo hat ihn vermuthlich ver⸗ loren?“ „Sehr wahrſcheinlich. Aber Sie ſagen: der Ring befinde ſich nun in den Händen einer Dame. Darf ich mich erkühnen, nach dem Namen derſelben zu fragen?“ „Ei gewiß, Mr. Roß; der Name iſt kein Geheim⸗ Sie heißt Maria Morris.“ „Maria Morris? Ich habe nicht die Ehre, ſie zu kennen. Ich kenne Niemand dieſes Namens!“ verſetzte Mr. Roß mit einer Verlegenheit in Blick und Weſen, die ſeine Worte vollkommen Lügen ſtrafte. „Sonderbar, daß Sie die Mutter Ihres Kindes nicht kennen ſollten!“ ſagte ich langſam und mit einem forſchenden Blick. „Die Mutter meines Kindes, mein Herr? Ich verſtehe Sie nicht. In der That, mein Herr, Sie nehmen ſich da eine Freiheit, die wirklich unerhört iſt und aus. 4 „Mr. Roß, ſehen Sie mich gefälligſt einmal recht niß. an!“ fiel ich ihm mit lauter, feſter Stimme in's Wort, ſtand vom Stuhl auf und trat ihm einen Schritt näher, denn die kaltblütige Unverſchämtheit und der niederträchtige Gleichmuth des jungen Mannes mach⸗ ten mir die Galle etwas warm.„Sehe ich aus wie ein Narr oder wie ein Mann, der ſich foppen läßt? Meiner Treu, ich deuke hier nicht die Rolle des über⸗ tölpelten Alten in einer Poſſe zu ſpielen. Ich bin ein - 376—— „In der That, mein Herr,“ ſtammelte er;„ich hatte keine Ahnung davon, 2... Was verlan⸗ gen Sie von mir, was ſoll ich thun?“ 5 „Ihre Pflicht als Menſch und Chriſt ſollen Sie thun. Entreißen Sie dieſes arme Mädchen, das Sie zu einem Leben voll Schmach und Elend veturtheilt haben, ſeiner gegenwärtigen grauſamen Lage. Sorgen Sie ehrenhaft für die Zukunft Ihres Kindes und zwingen Sie es nicht, ein Dieb oder etwas noch ſchlim⸗ meres zu werden, damit es dereinſt in der Stunde ſeiner Verurtheilung Sie verfluche! Sie beſitzen ohne Zweifel Geld, auch wenn Sie kein Gefühl haben; opfern Sie alſo etwas von Ihrem Gelde und retten Sie damit Ihr Gewiſſen. Jetzt, wo Sie das Ergeb⸗ niß jenes niederträchtigen Streiches kennen, ſind Sie auch für die Folgen im vollſten Umfange verantwort⸗ lich, und können nicht länger Unwiſſenheit vorſchützen. Maria Morris iſt Ihrer Hilfe ebenſo würdig als bedürftig.“ „Sie haben vermuthlich ihre Adreſſe, Mr. Forbes?“ „Mit nichten, aber ich weiß, wo ſie zu finden iſt.“ „Kann ich ſie ſehen?“ „Vorerſt nicht, und doch wünſchte ich, Sie wüx⸗ den ſie ſehen. Der Anblick des Zerfalls und der Ver⸗ kommenheit, welche Sie verurſacht, könnte wenigſtens einige Reue und Gewiſſensbiſſe in Ihrem Herzen er⸗ wecken!“ „Genug, mein Herr! Darf ich Sie bemühen, ihr dies zu bringen?“ ſagte Mr. Roß, und reichte mir einen Sovereign. „Dies will ich gern beſorgen, aber Sie werden wohl wiſſen, daß dieſe Kleinigkeit nicht weit reicht, wenn es gilt, auch nur die dringendſten Bedürfniſſe des armen Mädchens zu befriedigen. Sie iſt von Allem entblöst, ihre Heimath iſt die Straße; ſie kann nie auf die nächſte Mahlzeit mit Sicherheit rechnen, und doch muß das arme Würmchen,— Ihr Kind, mein Herr!— ſeine Nahrung aus dieſem nur halb⸗ geſättigten Körper ziehen. Sie braucht Kleider, Herr, und Obdach und Nahrung, und alles Mögliche. Mei⸗ ner Treu, Herr, eine Zehnpfundnote wäre hier mehr am Platze!“ Mann von Welt, mein Herr, und ſchmeichle mir da⸗ bei, ein Mann von Bildung, von Ehre und von Stande zu ſein. Wenn Sie eben für einen ſolchen gelten und angeſehen ſein wollen, ſo laſſen ſie augen⸗ blicklich die Rolle fallen, die Sie angenommen haben, und verhandeln Sie ehrlich und offen mit mir. Sie haben auf eine unverantwortliche, feige und nichtswür⸗ dige Weiſe ein armes unerfahrenes Mädchen in's Un⸗ glück geſtürzt, und wenn Sie kein gefühlloſer Schuft 1 bald darauf kam auch mein Schützling mit ſeiner obſchon ich nicht ſind, ſo werden Sie ſich gewiß einige Mühe geben, dieſes Mädchen und Ihr eigenes Kind dem grauſam⸗ ſten Elend und einer Lage zu entreißen, an welche ein Chriſt und gebildeter Mann nicht ohne Schauder den⸗ ken kann!“ „Jenun, dieſes Goldſtück wird wenigſtens einſtwei⸗ len ihr Obdach und Nahrung verſchaffen. Ich werde ſie ſehen, ſobald Sie es erlauben, und mich bemühen, ihr dann eine behaglichere Lage zu bereiten.“ „Das iſt nur Ihre Pflicht, Mr. Roß!“ rief ich. „Trotz dem abſcheulichen Unrecht, das Sie ihr ange⸗ than haben, trägt ſie Ihnen doch keinen Groll nach; ſie liebt in Ihnen, ich darf es wohl ſagen, den Vater ihres Kindes.“. Es gibt nichts ſo lohnendes, als für eine, gute Sache zu ſtreiten. Recht iſt eine gewaltige Macht in einem ſolchen Falle. Ich vertrat die Rechte des be⸗ trogenen Mädchens und die Gerechtigkeit meiner Sache machte mich kühn. Ich verabſchiedete mich von Mr. Roß mit dem Verſprechen, ihn in wenigen Tagen wie⸗ der zu ſehen. Der folgende Tag war ein Freitag. Ich fand mich um neun Uhr an dem beſtimmten Orte ein, und ſchweren Laſt auf dem Arme. „Sie ſehen, ich bin gekommen, recht glauben konnte, daß ich Sie treffen würde!“ hub ſie an. — „Was macht der Knabe?“ 377 lung zu Gunſten ſeines armen Opfers ſehr erbaut war. „O, er iſt gottlob ganz wohl auf! Er beginnt Ich ordnete jedoch eine Zuſammenkunft frühe am Tage ſchon aufzumerken und will aufrecht ſitzen.“ „Er will es in der Wellt noch zu etwas Rechtem bringen, und er wird es auch— ich bin deſſen gewiß. Nachrichten für Sie!“ „Für mich günſtige Nachrichten? Sie damit meinen?“ „Ich habe den Vater Ihres Knaben ausfindig ge⸗ macht. Iſt das keine gute Neuigkeit?“ Dieſe Nachricht kam ihr ſo unerwartet, daß ſie einige Minuten ganz ſprachlos war und mich ganz ver⸗ blüfft anſtarrte. Die oft getäuſchte Hoffnung hatte ihr Herz ganz krank gemacht. Endlich glänzten ihre Augen durch die Thränen hindurch; ſie verſuchte mehr⸗ mals zu ſprechen, konnte aber kein lautes Wort über die Lippen bringen. „Sie wollen mich zum Beſten haben, nicht wahr?“ ſtammelte ſie endlich. „Nein, wahrlich nicht; ich habe ihn gefunden und er ſchickt Ihnen dies hier!“ Damit drückte ich ihr den Sovereign in die Hand. „Ei, jetzt wird es mir doch wahrſcheinlicher!“ lächelte ſie unter Freudenthränen.„Aber wie ſtellten Sie es nur an, um ihn ſo ſchnell zu ermitteln? Hab' ich ihn doch Wochen und Monate lang umſonſt geſucht.“ „Das iſt ja mein Handwerk, Kind. Jedermann ausfindig zu machen, den ich haben will.“ „Sie haben ihn alſo geſehen und geſprochen? Und was ſagte er?“ „Oh, nichts Beſonderes,— er will Sie recht bald Was können ſehen.“ „Und verlangt er nicht auch ſein Kind zu ſehen— dieſen lieben, bildhübſchen Knaben?“ „O ja, auch ihn will er ſehen, und für euch beide ſorgen.“ — Jenum, Frauenzimmerchen, ich habe einige gute zwiſchen ihm und Maria an, bei welcher ich natürlich anweſend und mit einer in beſter gültigſter Form auf⸗ geſtellten Urkunde verſehen war, wodurch Mr. Roß ſich verpflichtete, Maria wöchentlich eine Guinee ſo lange zu bezahlen, bis der Knabe das ſechszehnte Jahr Ich weiß hatte. „Ich dachte mir immer, er würde das thun, ſo⸗ bald er es nur wüßte.“ „Jenun, theilen Sie jetzt Ihr Geld vernünftig ein, mein Kind; kaufen Sie ſich das Nothwendigſte für ſich und den Knaben, und wenn ihr Beide etwas beſſer ausſtaffirt ſeid und behaglicher und behäbiger ausſeht, werd' ich euch zu Robert führen. Suchen Sie mich alſo morgen Abend wieder hier auf— kommt präcis neun Uhr!“ Als ſie am andern Abend wieder kam, war mit ihrem Ausſehen und ihrer Lage eine ſichtliche Verände⸗ rung zum Beſſern vorgegangen. Ihr Geſicht war rein⸗ lich, ihr Haar ſorgſam gebürſtet und gekämmt und glänzte wie ein Rabenfittich. „Haben Sie eine Wohnung genommen?“ fragte ich ſie. „Ja,“ ſagte ſie;„ein behagliches kleines Stübchen; telligenten Kindes. ach, ich bin ganz glücklich; aber wann werde ich ihn ſehen?“ „Das ſollen Sie morgen erfahren!“ Ich hatte eine zweite Unterredung mit Herrn Roß. Ich kann nicht ſagen, daß ſein Benehmen gegen mich ſonderlich herzlich, oder daß er von meiner Vermitte⸗ Feierſtunden. 1863. zurückgelegt haben würde, und worin er zugleich die Beſtreitung der Erziehungskoſten für den Knaben über⸗ nahm. Die Begegnung des Verführers und der Verführ⸗ ten war ziemlich peinlich. Auf Herrn Roß's Seite war offenhar keine Spur von Liebe vorhanden; aber der armen Maria war das Herz ſo voll, ſo ſchwer. Sie erwartete wenigſtens einige Darlegungen von Zärt⸗ lichkeit von dem Vater ihres Kindes und war bereit, ihm an den Hals zu fliegen, wenn er ſeine Arme nach ihr ausgebreitet hätte; allein ſie ſollte hierüber bitter⸗ lich enttäuſcht werden. Ein kalter förmlicher Hände⸗ druck war Alles, wozu er ſich gegen ſie herabließ. Sie drückte ihren kleinen roſigen Mund an ſeine Wange, aber der kalte herzloſe Tropf drehte den Kopf bei Seite. Er küßte jedoch den Knaben und lobte ihn, und dies machte Maria ſo glücklich oder noch glücklicher, als wenn ſie ſelbſt dieſer Liebkoſungen gewürdigt worden wäre. Den Ring mußte ſie herausgeben, ſie that es gerade nicht mit Widerſtreben, aber ſie blickte ihm ſehn⸗ ſüchtig nach, als Mr. Roß ihn an den Finger geſteckt Er ſchenkte ihr zehn Sovereign's, um ſich da⸗ mit behaglich einzurichten, und hiemit endete die Unter⸗ redung, welche für Beide gleich peinlich und verſtim⸗ mend ſein mußte. So oft ich in Geſchäften oder zu meinem Ver⸗ gnügen nach Millbank komme, begegne ich gewöhnlich Maria Morris, welche ihren kleinen Liebling ſpazieren führt. Sie hält ihn ſehr hübſch und reinlich, und er hat ganz das Ausſehen eines kräftigen, geſunden, in⸗ Auch ſie trägt ſich bei aller Ein⸗ fachheit ſehr reinlich und ſchmuck. Ihre ſchönen Augen glänzen heller als je, und ihr rundes friſches Geſicht blüht und glüht wie eine Roſe. Maria hat ſich auf die Porzellan-Maleret gelegt, wozu ſie wirklich große Anlagen hat, und verdient ſich ſo ziemlich den gan⸗ zen Unterhalt für ſich und den Knaben mit ihren Ar⸗ beiten in dieſem Gewerbe. Vorige Weihnachten be⸗ ſchenkte ſie mich mit einem halben Dutzend Deſſertteller, auf welche ſie allerliebſte Blumenboquets gemalt hat. Ihre Arbeiten ſind natürlich keine hervorragenden Kunſt⸗ werke, aber doch Mittelgut, und werden von den Ladenbeſitzern gern gekauft. Sie iſt fleißig, nüchtern, ſparſam und führt einen tadellos ſittlichen Wandel. Fürwahr, wenn irgend ein rechtſchaffener, nüchterner, fleißiger, gutartiger Handwerker oder Arbeiter ſich nach einer häuslichen, liebreichen, gutmüthigen, rührigen und ſparſamen Hausfrau umſähe, der könnte kaum etwas Klügeres thun, als mit Maria Freud und Leid der Zukunft zu theilen. Otfrid Mylius. Die Inſel Borneo ſteht in demſelben Verhältniß zu Oſtindien, wie der Kontinent von Amerika zu Europa— ſie iſt nämlich ein Land, wohin jene aus— wandern, die Schutz gegen religiöſe Verfolgung ſuchen, oder die durch Uebervölkerung ſich genöthigt ſehen, eine andere Heimath zu wählen. Die Küſten der Inſel ſind demnach von vielen mit einander in durchaus kei— ner Verbindung ſtehenden Nationen bewohnt, die nach ihren eigenen Geſetzen, Sitten und Gebräuchen leben. Die Weſtküſte wird von Malayen und Chineſen, die Nordweſtküſte von den halbblütigen Abkömmlingen der Moslems des weſtlichen Indiens, die nördliche von Cochinchineſen, die nordöſtliche von den Sulus und die öſtliche und ſüdliche Küſte von den Bugis⸗ ſtämmen aus Celebes bewohnt. Außer dieſen gibt es noch drei verſchiedene Stämme, die in Prans (Booten) leben, und die Küſten des Landes umfahren; dieſe ſind: die Lanuas von Magindano, und die Orang⸗Badſcha und die Orang⸗Tidang, deren Urſprung unbekannt iſt. Einige Stellen an der Nord⸗ weſtküſte ausgenommen, wo man die Daiaks in der Nähe des Meeres findet, haben ſich die Urbewohner der Inſel ſämmtlich in das Innere derſelben zurück— gezogen. Wenn man von der Ertragsfähigkeit des weſtlichen Theils dieſer Inſel einen Schluß auf die noch unbe⸗ kannten Gegenden machen darf, ſo könnte ſich in dieſer Die Bewohner von Borneo. nen, wo die gegenſeitige Verbindung ſchwieriger iſt, ihnen zu Sambas und in allen Städten und Dör⸗ fern an der Küſte. 3 Ehe noch die Holländer die weſtliche Küſte von Borneo in Beſitz nahmen, wanderten jährlich unge⸗ fähr 3000 Chineſen ein, um ſich anzuſiedeln, was jedoch ſeitdem faſt ganz aufgehört hat. Eine Zählung iſt auf dem Gebiete der Holländer und Chineſen nicht vorgenommen worden, doch wird die nachſtehende un⸗ gefähre Schätzung ſo ziemlich genau ſein: Chineſen..... 150,000 Malayen 50,000 Bugis........... 10,000 Araber........... 400 Javaneſiſche und Amboineſiſche Soldaten 150 Holländer.. 80 Die Zahl der im Bereich der Anſiedelungen woh⸗ nenden Daiaks wird auf 250,000 angeſchlagen. Die⸗ jenigen von ihnen, welche Orang⸗Benuas oder Urbe⸗ wohner von Borneo ſind, bilden den bei weitem in⸗ tereſſanteſten Theil der Bevölkerung. Sie ſind in kleinen Stämmen über die Inſel zerſtreut, und jene, welche an den Ufern der großen Flüſſe wohnen, ſtehen meiſt unter der Herrſchaft eines der mächtigeren dieſer Stämme. Jene Horden aber, die im Innern der Wälder woh⸗ ſind meiſt bedeutend von einander verſchieden, und dieſe inſicht kein Land in der Welt mit ihr meſſen; denn ſich die von den Holländern und Chineſen bewohnten Diſtrikte haben außer einem Boden, der an Frucht⸗ barkeit den jeder andern Inſel des Archipels überbietet, auch noch unerſchöpfliche Gold⸗ und Diamantgruben, die ſo leicht auszubeuten ſind, daß die Einwohner ſich mit den unvollkommenſten Inſtrumenten bedeutende Quantitäten von dieſen beiden koſtbaren Gegenſtänden verſchaffen können. Der Mineralreichthum reizte wahr⸗ ſcheinlich die Habſucht der Malayen zu der Zeit, wo Kolonien von Menangkabu, in Sumatra, ſich über den weſtlichen Theil des Archipels verbreiteten. Sie müſſen zur Zeit der erſten Emigration der Chineſen bereits feſten Fuß auf der Inſel gefaßt haben, da dieſe letz⸗ teren anerkennen, daß das Land, welches ſie bewohnen, den malayiſchen Häuptlingen von Sambu und Pon⸗ tiana rechtlich angehöre. fahrendes Volk, beſchäftigten ſich nicht viel mit Aus— beuten der Minen, ſondern begnügten ſich, da ſie ſich an den Mündungen der großen Flüſſe Pontiana, Sambas und Succadan angeſiedelt hatten und als Piraten gegen die betriebſamen Bewohner des Archipels kreuzten, mit dem Gold und den Diamanten, die ſie von den Eingeborenen der Inſel eintauſchten. Die Chineſen dagegen ſetzten ſich, als gute Bergleute, da feſt, wo Goldſtaub und Diamanten zu finden waren. Jetzt ſind ſie hauptſächlich in dem Diſtrikt von Mon⸗ tradok verſammelt; doch befinden ſich auch viele von Die Malayen, als ein ſee⸗ Leute würden kaum wiſſen, daß es außer ihnen noch menſchliche Weſen gibt, würden nicht Einzelne zuwei⸗ len von den plündernden Kriegern eines mächtigen Stammes geraubt. Die verſchiedenen Stämme im Innern des Lan⸗ des ſtehen in gar keinem geſelligen Verkehr mit ein⸗ ander, und ſprechen daher auch Mundarten, die oft der zunächſt wohnende Stamm nicht verſteht. Unter ſolchen Umſtänden iſt eine Verbeſſerung der gefelligen Lage dieſer Leute kaum denkbar; ſehr wahrſcheinlich leben ſie ſeit undenklichen Zeiten ſchon in dieſen Ver⸗ hältniſſen, und werden auch, von allen Verbindungen nach außen abgeſchnitten, noch lange, vielleicht für im⸗ mer, in ihrer Abgeſchloſſenheit verharren. Die ver⸗ ſchiedenen Stämme ſollen ſich bedeutend von einander unterſcheiden, was ich nicht beſtreiten will, obſchon ich Daiaks von mehreren Stämmen geſehen habe, die, mit Ausnahme des Unterſchiedes in der Sprache, die ge— meinſame Abſtammuug nicht verleugnen konnten. Die Daiaks ſelbſt ſagen, daß an einigen Stellen tief im Innern ein wollhaariges Volk lebe; da ſie aber auch behaupten, es gebe Menſchen mit Schweifen, gleich den Affen, die auf Bäumen wohnen, ſo dürfte die Rich⸗ tigkeit ihrer Angaben zu bezweifeln ſein. Ich ſelbſt habe keinen geſprochen, der einen wollhaarigen Men⸗ ſchen geſehen hätte; da es indeß im Innern der malayi⸗ ſchen Halbinſel ſolche Leute gibt, ſo ſcheint es nicht unwahrſcheinlich, daß deren auch auf Borneo ſich auf⸗ halten. 4 1 P. — - 379— Das Stachelberger Bad und der Brummbach. Su Im„Glarnerland“, jener wildromantiſchen, 8 bis 9 Stunden langen, in der ſüdlichen Hälfte gegabelten ch Thalſchlucht, die überall, bis auf eine kleine Ecke im Vl Norden, von gewaltigen, meiſt furchtbar ſteil abfallen⸗ Wü den Hochgebirgen eingefaßt wird, die auf der Grenze gegen Uri und Graubündten in der Tödikette kulmini⸗ ren, liegt 4 Stunden von Glarus entfernt, das neu, dem Phönix gleich aus Schutt und Aſche entſtand, nur eine kleine Viertelſtunde vom Pfarrdorfe Linththal, am Fuße des Braunwaldberges, das neue, gut eingerichtete und wohl bediente Stachelberger⸗ oder Seggen⸗ bad, deſſen Waſſer gegen Hautkrankheiten und rheu⸗ matiſche Leiden vielfach und mit Erfolg gebraucht und ſtark verſendet wird, jährlich immer mehr Heilung 0 Suchende an ſich zieht, und durch ſeine freundliche Um⸗ w gebung, die herrlichen Ausſichten, die es gewährt, und die genußreichen Exkurſionen, die es in die nahe gele⸗ gene Alpenwelt geſtattet, als lieblicher, genußreicher nir Aufenthalt allen denen empfohlen werden kann, die in einen ſtiller Einſamkeit, in einer herrlich reichen, wilden Na⸗ veſche un und ganz in der Nähe eiſiger Schneeberge, im Som⸗ holung und Kräftigung von den Mühen des ſuchen. reundliche Stachelberger Badehaus befindet ſich am fer der Linth, da wo aus waldigem Tobel der aldbach in dieſe einmündet, in 2050 Fuß Mee⸗ und ſteht durch eine hölzerne Brücke mit dem des Flüßchens gelegenen Wirthshauſe im Secken in Verbindung. Die Ausſicht vom Altan oder dem Pavillonhügel, namentlich am frühen wo man Gelegenheit hat, das allmählig fort⸗ Phänomen der Dämmerung und des Son⸗ gs an den Spitzen des Tödi und des Selb⸗ veobachten, iſt reizend, ja großartig majeſtä⸗ unvergeßlich wird jedem Beſchauer das Bild ſalen Felspyramide bleiben, an deren Wänden Bifertengletſcher mit dem unvergleichlichen ner Gewölbe herunterſchmiegt, und die blendend Firne der Tödikuppen, die 1837 von drei Wild⸗ und Gemſenjägern zum erſten Male unter vie— len Gefahren erſtiegen, zu einer Höhe von 11,115 Fuß rich aufſtreben.. 1 Die Schwefelquelle, die das Stachelberger Waſſer liefert, eine der ſtärkſten, die man kennt, liegt eine halbe Stunde vom Bade entfernt höher am Berge. Man gelangt zu ihr, indem man in der nordweſtlich gelegenen, engen, romantiſchen Schlucht des ſchäumend in's Thal herabſtürzenden Brummbaches hinaufſteigt. Zuerſt führt der Weg über ſanft ſich hebende, mit Steinblöcken beſäete Weiden; dann tritt man in die mit Tannen und Gebüſch bewachſene Region, links von welcher, wie unſere Abbildung zeigt, der Brumm⸗ bach daher tost. Der Weg iſt nichts weniger als an⸗ genehm, für des Steigens Ungeübte beſchwerlich, ja ſtellenweiſe ſogar gefahrvoll, denn oft führt er quer über ſteile Abhänge hinweg, die hie und da mit herunter geſtürzten, haushohen Felsblöcken beſäet ſind. Endlich gelangt man an eine faſt ſenkrechte, gegen 100 Fuß hohe Felſenwand, von der ſich nach links zu ein koloſ⸗ ſales Stück losgeriſſen zu haben ſcheint, das als Aus⸗ =S —an—-—ͤ— läufer einer Klippenzunge das Bett eines kleinen Wald⸗ ſtromes von dem am Fuße der Klippe dahin rauſchen⸗ den Braunwaldbache trennt, mit welchem ſich der un⸗ benannte Waldſtrom vereinigt. An dieſer Felswand führt eine über den Abgrund ſchwebende, von einigen Blöcken und eiſernen Bändern getragene, ſchmale Treppe mit mehr als 45 Grad Steigung hinauf. Oben an⸗ gelangt biegt man rechts um einen Felſenvorſprung, und folgt nun in ſchwindelnder Höhe dem Braunwaldbache, und hört hier nur noch dumpf das Getöſe des jenſeits des großen Felſens herabſtürzenden Brummbaches. Bei Verfolgung des ſchmalen Weges gelangt man bald an eine zweite kleinere Holzſtiege, nach deren Erklimmung feine Geruchsorgane ſchon im Stande ſind, die Nähe der Quelle zu ahnen. Noch eine ſteile, gefährliche und unangenehme, aus rohen Kalkſteinplatten improviſſirte Treppe, hart am tiefen Abgrunde des Braunwaldbaches hin, hat man zu erklettern, und ſieht hier, wie der Bach in einem ausgebreiteten flachen Strahle über die glatte Fläche eines quer im Bette liegenden Felſens hinunterſchießt, und einen ſtäubenden Waſſerfall bildet. Jetzt noch einige mühſame Stufen und— im Schweiße ſeines Angeſichts und vom Klettern ermüdet, ſteht man vor dem Eingange der Quelle, einer kleinen natürlichen Grotte, die durch einen überhangenden gewaltigen Fel⸗ ſen, den zwei Felswände tragen, gebildet wird, in 3106 Fuß Höhe. Ein Balkenverſchlag mit verſchließbarer Thüre ſichert die Quelle vor Beſchädigungen. Die Felsgrotte, aus ſchwarzgrauem thonigem Kalke beſtehend, hat eine Höhe von 14 Fuß und eine gleiche Breite; die Tiefe derſelben beträgt unten 8, oben 10 Fuß. Im oberen nordöſtlichen Winkel der Grotte, dicht un⸗ ter dem ſchief aufſtrebenden Felſen rieſelt die Quelle ſpärlich hervor; eine ſchmale, mit dem Spitzhammer in den Felſen gehauene Rinne iſt dazu beſtimmt, das Waſſer zu ſammeln und ohne Verluſt in ein Baſſin von der Größe einer hohlen Hand auf einen Felſen⸗ vorſprung im unteren Theile der Grotte zu führen, von wo es durch eine in den Kalkſtein getriebene höl⸗ zerne Röhre in einen kleinen Holztrog geleitet wird, von welchem aus es in den„Sammler“ abfließt, der unter dem ganzen Boden der Grotte angelegt, gegen 3000 Maas Waſſer faſſen ſoll. Von dem„Samm⸗ ler“ aus führt eine hölzerne Röhrenleitung das Schwe⸗ felwaſſer über die ſteilen Abhänge hinunter nach dem Bade, wo es in einem zweiten, noch größeren Reſer⸗ voir ſich anſammelt. Die ungemein ſparſam hervor⸗ ſickernde Quelle geſtattet während der Badeſaiſon täg⸗ lich nur 60 bis 120 Flaſchen zu faſſen. Das Füllen geſchieht dabei ſo, daß man die Flaſche unter die oberſte Röhre ſtellt, was beiläufig 1— 1 ½ Minuten dauert, darauf wird etwas Waſſer oben herausgeſchleudert, dann ein guter Korkpfropf aufgeſetzt, und dieſer mit einem hölzernen Schlegel eingetrieben. Das überſtehende Ende des Pfropfes wird mit einem ſcharfen Meſſer dem Glasrande gleich weggeſchnitten. Kurz nach dem Bou⸗ chiren der Flaſche tritt eine milchige Opaleszenz des Waſſers ein, die aber nach wenig Minuten wieder ver⸗ ſchwindet. Die Flaſchen werden in einer„Hutte“, einem auf dem Rücken zu tragenden becherförmigen 48* Korbe in's Bad geſchafft. Mit einer Laſt von nie zu beſorgen hat, oft täglich drei- bis viermal auf dem weniger als 30— 35 Flaſchen ſteigt der einzige Waſſer⸗ ſchwindeligen Pfade zu Thale. träger des Bades, der zugleich das Faſſen des Waſſers Green vellow Hed Grey 2 nn